Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 5„7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nPchentlich 2 ¼Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 1 Anf Mahat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——— 24 3————— 1 1 Die Mühle am Floß. Von George Eliot. Aus dem Engliſchen N von Dr. C. Kolb. — 1 Erſter Band. 2— ⸗ Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1861. 88 2. 1 7 - N „Sie wurden auch im Tode nicht getrennt.“ —— — Erſtes Buch. Knabe und Müädchen. — — —— — Erſtes Kapitel. Vor der Dorlcotemühle. Es iſt eine weite Ebene, in welcher der breiter werdende Floß zwiſchen grünen Ufern dem Meere zueilt und die Flut, die ihm liebend entgegenkömmt, mit ungeſtümer Umarmung ſeinem Lauf Einhalt thut. Die gewaltige Flut trägt die dunklen Schiffe, welche mit harzig duftenden Fichtenbrettern, runden Reps⸗ ſäcken oder glänzendſchwarzen Kohlen beladen ſind, aufwärts bis zu der Stadt Saint Oggs, deren rothe alte Hohlziegeldächer und breite Werftengiebel zwi⸗ ſchen dem niedrigen buſchigen Berg und dem Fluß⸗ ſaum hervorſchauen, während der flüchtige Blick der Februarſonne das Waſſer mit weichem Purpur färbt. Beiderſeits erſtrecken ſich weithin die reichen Weide⸗ gründe und die Striche ſchwarzer Erde, welche für den Gemüſebau zugerüſtet ſind oder bereits den grü⸗ nen Anflug ſproſſenden Getreides zeigen. Jenſeits der Hecken ſieht man noch Ueberreſte von dem Er⸗ trägniß des vorigen Jahrs in den Gruppen gelber Bienenſtöcke und die Gehäge ſelbſt überall von Bäumen überragt, ſo daß die fernen Schiffe ihre —õõʒöa * 4 7 Weiden ihre Köpfe ſo tief in's Waſſer ſtecken, ohne eine Ahnung zu haben, wie unſchicklich die Haltung iſt, in welcher ſie vor der trockeneren Welt über ihnen erſcheinen. Das Rauſchen des Waſſers und das Geklapper der Mühle bewirkt eine träumeriſche Gehörunempfind⸗ lichkeit, welche den Frieden der Landſchaft zu er⸗ höhen ſcheint. Ich möchte dieſe Geräuſche als einen großen Tonvorhang bezeichnen, welcher die jenſeits gelegene Welt ausſchließt. Und nun miſcht ſich das Geraſſel eines mächtigen gedeckten Frachtwagens darein, der mit Getreideſäcken heimkehrt. Der ehr⸗ liche Fuhrmann denkt wohl an ſein Mittageſſen, das zu ſo ſpäter Stunde in der Ofenkachel wohl kläglich ausgedorrt iſt; aber er wird nichts anrühren, bis er ſeine Pferde, die kräftigen geduldigen Thiere mit ihren ſanften Augen, verſorgt hat, welche ihn mit mildem Vorwurf anzublicken ſcheinen, weil er ſo entſezlich mit ſeiner Peitſche knallt, als ob ſie eines ſolchen Winkes bedürften. Sieh nur, wie ſie die Steigung der Brücke hinan ihre Schultern recken, um ſo eifriger, da ſie der Heimath ſo nahe ſind. Betrachte den mächtigen, zotigen Huf, der den feſten Boden zu packen ſcheint, die geduldige Anſtrengung des vom Kummet beſchwerten Halſes und den kräf⸗ tigen Muskelbau der ſich abmühenden Schenkel. Ich moͤchte ſie wohl wiehern hören über ihrem wohlverdien⸗ ten Haber und mit anſehen, wie ſie den ausgeſchirrten, von Schweiß triefenden Hals niederbeugen, um die lechzenden Nüſtern in den ſchmuzigen Weiher zu tauchen. Jezt ſind ſie mitten auf der Brücke; und nun geht's abwärts mit ſchnellerem Schritt, und der 8 Bogen des Wagendachs verſchwindet am Straßen⸗ bug hinter den Bäumen. Ich wende meine Blicke wieder der Mühle zu und betrachte das raſtloſe Rad, das ſeine Diaman⸗ ten ausſprühen läßt. Auch jenes kleine Mädchen am Rand des Waſſers ſchaut zu und hat, ſeit ich auf der Brücke Halt gemacht, ſich nicht von ihrer Stelle gerührt. Und der poſſirliche weiße Köter mit dem braunen Ohr ſcheint in wirkungsloſer Oppoſi⸗ tion gegen das Rad zu ſpringen und zu bellen; vielleicht iſt er eiferſüchtig, weil ſeine Spielgefährtin in dem Biberhütchen ſich von deſſen Bewegung ſo ganz hinreißen läßt. Es wäre für die Kleine Zeit zum Hineingehen, denke ich; denn drinnen lockt ein gar verführeriſches Feuer, wie man an dem rothen Licht ſieht, das ſo behaglich gegen das düſtere Grau des Himmels abſticht. Auch für mich iſts Zeit, die Arme nicht mehr auf das kalte Gemäuer der Brücke zu ſtützen.. Ha, meine Arme ſind in der That ganz taub. Ich hatte die Ellenbogen auf die Seitenlehnen mei⸗ nes Stuhls geſtemmt und geträumt, ich ſtehe auf der Brücke der Dorlcotemühle, wie es vor vielen Jahren an einem Februarabend wirklich der Fall geweſen. Und kurz vor meinem Erwachen wollte ich dem geneigten Leſer noch ſagen, von was Mr. und Mrs. Tulliver ſprachen, als ſie an dem vorbe⸗ nannten Februarabend neben dem hellen Feuer ihres links vom Eingang gelegenen Stübchens ſaßen. ⸗ Zweites Kapitel. Mr. Tulliver von der Dorleotemühle erklärt, was er mit Tom vorhat. „Du willſt wiſſen, was ich im Sinn habe?“ ſagte Mr. Tulliver.„Der Tom ſoll mir eine gute Erziehung erhalten— eine Erziehung, die ihm ſein Brod ſchaffen kann. Dies hatte ich im Sinn als ich ihn anwies, auf Mariä Verkündigung ſeinen Aus⸗ tritt aus der Schule anzumelden. Ich will im Sommer ihn beſſer unterbringen. Die zwei Jahre, die er dort war, wären ſchon recht geweſen, wenn ich einen Müller oder Farmer aus ihm machen wollte; denn er hat's ſchon weiter gebracht, als ich in meinem ganzen Leben, ſofern mein Vater in Anbetracht meiner Erziehung ſich mit nichts weiter verunköſtete, als mit einem Bündel Birkenzweige für das eine und einem ABC⸗Buch für das andere Ende. Aber den Tom möchte ich recht ſchulen laſſen, daß er mir den Kniffen jener Burſche mit ihren ſchönen Reden und dem flunkernden Geſchreibſel auf die Nähte gehen kann. Er wäre dann eine Hilfe für mich in dieſen Proceſſen, Gutachten und wie man das verwünſchte Zeug ſonſt nennt. Ja, der Junge ſoll mir ein regelrechter Affekat werden, frei⸗ lich keiner von jenen Spitzbuben— das thäte mir leid— ſondern ſo eine Art Inſchinier oder Feld⸗ meſſer, oder ein Auctionirer und Taxator, wie der Riley; kurz, ich möchte ſo ein ordentliches Geſchäft für ihn mit lauter Profit und keinen Auslagen, höchſtens der für eine große Uhrenkette und einen 10 hohen Schreibeſtuhl. Von dieſen Dienſtlein iſt ſo ziemlich eins wie das andere, und wie ich glaube, läuft's bei allen auf ein Affekatengeſchäft hinaus; denn der Riley ſieht dem Affekaten Wakem ſo ſteif in's Geſicht, wie nur eine Katze der andern. Der fürchtet ſich nicht vor ihm.“ So ſprach Mr. Tulliver mit ſeiner Frau, einem blondhaarigen ſauberen Weiblein mit einer Fächer⸗ haube.(Leider weiß ich nicht anzugeben, wie lange es her iſt, daß die Fächerhauben Mode waren— jedenfalls ſchon ſo lang, daß ſie wohl mit Nächſtem wieder auf's Tapet kommen werden. In der Zeit, als Mrs. Tulliver ihrem Vierzigſten nahe ſtund, waren ſie in St. Oggs etwas Neues und galten für eine beſondere Schönheit.) „Na, Mann, das mußt Du wohl am beſten wiſſen, und ſo will ich keine Einſprache dagegen thun. Aber meinſt Du nicht, ich ſolle ein Paar Hühner abthun und nächſte Woche die Onkel und die Tanten einladen, damit Du hören kannſt, was Schweſter Glegg und Schweſter Pullet dazu ſagen? Ich hab' ein Paar Thiere draußen, die ich ohnehin abthun muß.“ „Thu' meinethalben den ganzen Hühnerhof ab, wenn's Dir Spaß macht, Beſſy; aber ich will weder Onkel noch Tante darum befragen, was ich mit meinem Buben anfangen ſoll,“ verſetzte Mr. Tulli⸗ ver trotzig. „Wie magſt Du nur ſo reden, Schatz?“ ſagte Mrs. Tulliver, von dieſer ſanguiniſchen Rhetorik eingeſchüchtert.„Aber es liegt in Deiner Art, gering⸗ ſchätzig von meiner Familie zu ſprechen, und Schwe⸗ — 4 11 ſter Glegg wirft alle Schuld auf mich, obſchon ich ſo wenig dafür kann, als ein neugeborenes Kind. Mich hat gewiß Niemand je ſagen hören, es ſei kein Glück für meine Kinder, daß ſie Onkel und Tanten haben, da ſie unabhängig leben können. Wenn aber Tom auf eine andere Schule ſoll, ſo wär's mir lieb, man thäte ihn auf einen Platz, daß ich ihm waſchen und flicken kann; ſonſt dürfte man ihm ebenſogut Baumwollenzeug ſtatt der Linnen mitgeben, da ein halb Dutzend fremde Wäſchen dieſe eben ſo gelb machen, als jene. Wenn dann die Kiſte ab- und zugeht, kann ich dem Jungen auch Kuchen, ein Stückchen Schweinfleiſch oder einen Apfel ſchicken; denn ſo einen Extrabiſſen wird er ertragen können, ob man ihn beim Eſſen gut hält oder knapp. Meine Kinder haben, Gott ſei Dank, einen ſo guten Appetit, wie nur irgend eines.“ „Schon gut; wir wollen ihn nicht aus dem Be⸗ reich der Botenwägen thun, wenn ſich alles Andere recht anläßt,“ bemerkte Mr. Tulliver;„doch darfſt Du mir wegen des Waſchens keine Speiche in's Rad ſtecken, wenn wir nicht nahe genug eine ordent⸗ liche Schule auftreiben können. Ich habe dieß im⸗ mer an Dir auszuſetzen, Beſſy: wenn Du einen Stecken im Weg liegen ſiehſt, meinſt Du ſtets, Du könneſt nicht über ihn wegkommen. Wenn's nach Dir ginge, ſo dürfte ich einen tüchtigen Fuhrknecht nicht dingen, weil er ein Muttermal im Geſicht hat.“ „Ach, Schatz,“ verſetzte Mrs. Tulliver mit mil⸗ dem Staunen,„wann hab' ich je Einwendungen er⸗ hoben gegen einen Knecht, der ein Muttermal im Geſicht hat? Im Gegentheil, die Muttermale ſind 12 mir ſogar lieb, denn mein Bruder ſelig hatte eines an der Stirne. Ueberhaupt kann ich mich gar nicht erinnern, daß Du je im Sinn gehabt hätteſt, einen Fuhrknecht mit einem Mal einzuthun. Der John Gibbs hatte ſo wenig eines, als Du, und ich bin ganz für ihn geweſen. Du haſt ihn auch angenom⸗ men, und wenn er nicht an der Entzündung geſtor⸗ ben wäre, für deren Behandlung wir den Doctor Turnbull zahlten, ſo würde er wahrſcheinlich noch jetzt unſer Fuhrwerk beſorgen. Er hatte vielleicht anderswo ein Muttermal; aber wie konnte ich dieß wiſſen?“. „Nein, nein, Beſſy, ich habe das Muttermal nicht buchſtäblich, ſondern ſozuſagen bildlich gemeint; doch gleichviel— das iſt unnützes Gerede. Es han⸗ delt ſich jetzt hauptſächlich darum, wie ich für den Tom die rechte Schule ausfindig mache; denn ich möchte mich nicht wieder anführen laſſen, wie mit der letzten, die ſie da eine bkademie genannt haben. Ich will nichts mehr von einer'kademie, und der Tom ſoll mir auf keine vkademie mehr, ſondern an einen Platz, wo die Jungen nicht mehr für die Fa⸗ milie die Stiefel wichſen und die Kartoffeln häckeln müſſen. Aber ein verzwicktes Ding iſt's doch, bis man ſo die rechte Schule aufgefunden hat.“ Mr. Tulliver hielt ein Paar Minuten inne und fuhr mit beiden Händen in die Hoſentaſchen, als hoffe er hier Rath zu finden. Augenſcheinlich hatte ihn dieſe Erwartung nicht getäuſcht; denn er fügte nach Ablauf dieſer Zeit bei: „Ich weiß, was ich thu'; ich will mit Riley — 13 darüber ſprechen, der morgen herauskömmt wegen des Gutachtens über den Damm.“ „Gut, Mann. Ich habe das Weißzeug für das beſte Bett herausgethan, und Kezia kann es an dem Feuer zum Trocknen aufhängen. Die Ueberzüge ſind zwar nicht meine ſchönſten, aber doch gut genug für Jedermann, das darin ſchlafen ſoll, ſei er, wer er will; denn die feinen holländiſchen Tücher gebe ich nicht gern her, da ich ſie für unſere Leichebetten aufſparen möchte. Du kannſt morgen ſterben, Tulli⸗ ver, und wirſt ſie ſchön gemangelt und nach La⸗ vendel duftend finden, ſo daß es eine wahre Freude ſein muß, darin zu liegen. Ich habe ſie in dem großen eichenen Weißzeugkaſten hinten links in der Ecke aufbewahrt und laſſe Niemand darüber; nur ich ſelbſt ſehe von Zeit zu Zeit danach.“ Während dieſer letzten Worte zog Mrs. Tulliver einen blanken Schlüſſelbund aus ihrer Taſche, griff einen Schlüſſel heraus und rieb mit Daumen und Zeigefinger an ihm hin und her, während ſie mit einem ruhigen Lächeln in die klare Flamme des Herdfeuers ſchaute. Wäre Mr. Tulliver ein empfind⸗ licher Ehemann geweſen, ſo hätte er wohl auf den Glauben kommen können, ſie bediene ſich des Schlüſ⸗ ſels, um ihrer Einbildungskraft in das Vorgefühl des Augenblicks hineinzuhelfen, der ſie in die Lage verſezte, ihrer beſten holländiſchen Leinwand Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen. Zum Glück beſaß er dieſe Schwäche nicht für ſeine ehelichen Verhältniſſe, ſondern nur in Beziehung auf ſeine Waſſerkraftbe⸗ rechtigungen; auch hatte er die gute ehemänniſche Gewohnheit, nicht genau auf Alles zu hören, wie 2 14 ihn denn überhaupt, ſeit ihm Riley in den Sinn ekommen war, äußerlich nur eine begreifliche Unter⸗ ſuchung ſeiner wollenen Strümpfe zu beſchäftigen ſchien. „Ich denke, ich hab's getroffen, Beſſy,“ lautete nach einem kurzen Schweigen ſeine erſte Bemerkung. „Riley muß ſo gut als Einer wiſſen, wo eine gute Schule zu finden iſt; denn er iſt ſelber gut geſchult und kommt als Sachverſtändiger, Taxator und der⸗ gleichen überall herum. Iſt er mit dem Geſchäft fertig, ſo werden wir morgen Abend Zeit haben, mit ihm über die Sache zu ſprechen. Der Tom ſollte mir ein Mann werden, wie der Riley iſt; denn der kann ſprechen, als habe er's geſchrieben vor ſich, und weiß ſo viele Worte, die nicht viel bedeuten, daß ihm kein Affekat etwas anhaben kann, abge⸗ ſehen davon, daß er auch eine gute Geſchäftskennt⸗ niß beſitzt.“ 5 „Na,“ ſagte Mrs. Tulliver,„was das ordent⸗ liche Reden, das Alleswiſſen, das komplimentiſche Umherlaufen und das Haarhinaufſtreichen betrifft, ſo hätte ich nichts dagegen, wenn mein Junge auch dazu herangezogen wurde. Aber die Feinredner aus den großen Städten tragen meiſt einen falſchen Bruſtſtreifen und einen Schaboh, bis Alles zerknit⸗ tert iſt, und dann decken ſie's mit einem Geiferläz⸗ chen zu; ich weiß, Riley macht's ſo. Und wenn dann Tom nach Mudport zieht und dort wie Riley leben ſoll, ſo hat er ein Haus mit einer Küche, in der man ſich kaum umkehren kann, kriegt nie ein friſches Ei zum Frühſtück und muß drei oder— was weiß ich— gar vier Stiegen hoch ſchlafen, ſo 15 daß er mit Haut und Haar verbrennen kann, eh zer herunter kömmt.“ „Nein, nein,“ verſetzte Mr. Tulliver,„es fällt mir nicht ein, daß er nach Mudport ſoll; er kann ſich ja ganz in unſerer Nähe in St. Oggs ſetzen und da dun wie daheim. Aber,“ fuhr Mr. Tulli⸗ ver nach einer Pauſe fort,„eines macht mich be⸗ ſorgt; ob wohl Tom auch den rechten Schlag Hirn für einen gewichsten Kerl hat? Ich fürchte, er iſt ein bischen träge; er ſchlägt Deiner Familie nach, Beſſy.“ 3 „Ja, das thut er,“ ſagte Mrs. Tulliver, nur den letztern Satz aufgreifend und ihn nach ihrer Weiſe deutend.„Man kann ihm die Fleiſchbrüh kaum genug ſalzen; und gerade ſo war mein Bru⸗ der und vor ihm mein Vater.“ „Es iſt Schade, daß er und nicht lieber das kleine Mädel der Mutterſeite nachartet,“ entgegnete Mr. Tulliver.„Es iſt die ſchlimmſte Eigenſchaft der Raſſenkreuzung, daß man nie berechnen kann, was herauskommen wird. Die Kleine ſchlägt in meine Art ein; ſie iſt zweimal ſo gewitzt, als Tom— zu geſcheid für ein Weibsbild, fürcht' ich,“ fügte er bei, indem er bedenklich den Kopf zuerſt nach der einen, dann nach der anderen Seite neigte.„So lang ſie noch klein iſt, hat's freilich nicht viel zu ſagen; aber ein übergeſcheides Weib iſt nicht beſſer als ein lang⸗ ſchwänziges Schaf, das um dieſer Eigenſchaft willen keinen höheren Preis einbringt.“ „Ja, wohl iſt's ein Unglück für ſie, ſo lang ſie noch klein iſt, Tulliver, denn es läuft auf lauter Unarten hinaus. Ich weiß mir nicht zu helfen, wenn kehrte. 16 ich ihr nur auf zwei Stunden das Vorſteckſchürz⸗ chen ſauber halten ſoll. Und das bringt mich eben darauf,“ fügte Mrs. Tulliver bei, indem ſie auf⸗ ſtand und an's Fenſter gieng,„ich kann mir nicht denken, wo ſie ſich umtreiben mag, und es iſt doch faſt Theezeit. Ha, ich dachte mir's; da geht das wilde Ding am Waſſer auf und ab. Sicherlich wird ſie noch einmal hineinfallen.“ Mrs. Tulliver klopfte ſcharf an's Fenſter, winkte und ſchüttelte den Kopf— ein Verfahren, das ſie mehrmal wiederholte, eh' ſie zu ihrem Stuhl zurück⸗ „Du ſprichſt vom Geſcheidſein, Tulliver,“ be⸗ merkte ſie, als ſie ſich niederſetzte;„aber wahr⸗ lich, das Kind iſt in manchen Dingen dumm genug. Schick ich ſie die Treppe hinauf, um etwas zu ho⸗ len, ſo vergißt ſie, was man ihr aufgetragen hat, ſitzt vielleicht im Sonnenſchein auf die Dielen nie⸗ der, flicht ſich das Haar und ſingt wie eine Närrin, während ich unten auf ſie warte. So was iſt, Gott ſei Dank, in meiner Familie nie vorgekommen. Und mit ihrer braunen Haut ſieht ſie leibhaftig wie eine Mulattin aus. Ich will zwar der Vorſehung keinen Vorwurf machen; aber es iſt doch hart, daß ich nur ein einziges Mädel habe und dieſes ſo kurios ſein muß.“ „Pah, Unſinn,“ verſetzte Mr. Tulliver.„Sie iſt eine gutgewachſene ſchwarzäugige Dirn', wie man nur eine zu ſehen wünſchen kann. Ich wüßte nicht, in was ſie anderer Leute Kindern nachſtünde; und leſen kann ſie faſt ſo gut wie der Pfarrer ſelber.“ „Aber ihr Haar will ſich nicht locken, was ich 17 auch damit anfangen mag. Wenn ich's ihr wickle, ſo thut ſie wie närriſch, und ich habe die liebe Noth mit ihr, bis ich ſie zum Stehen bringe, daß ich's ihr brennen kann.“ „Schneid' ihr's ab— kurz ab,“ entgegnete der Vater raſch. „Wie magſt Du nur ſo reden, Tulliver? Das Mädel iſt ſchon zu groß, neun vorbei, und für ihr Alter zu aufgeſchoſſen, als daß man ſie mit kurzen Haaren laufen laſſen könnte. Sieh nur ihr Bäs⸗ chen Lucy an; die hat eine Reihe von Locken um den Kopf, und Alles ſo geſchniegelt, daß kein Här⸗ chen am unrechten Platz iſt. Es ſchneidet mir in's Herz, daß Schweſter Deane dieſes hübſche Kind hat, denn wahrhaftig, Lucy ſchlägt mir mehr nach, als mein eigenes Kind. Maggie, Maggie,“ fuhr die Mutter halb ſchmeichelnd, halb ärgerlich fort, als der kleine Naturmißgriff perſönlich in das Zimmer trat,„was hilft mich all mein Reden und Sagen, Du ſolleſt vom Waſſer wegbleiben? Du wirſt noch hineinfallen und verſaufen und es zu ſpät bereuen, daß Du Deiner Mutter nicht gefolgt haſt.“ Als Maggie ihr Hütchen ablegte, fand die An⸗ klage der Mutter eine traurige Beſtätigung, denn ihr Haar, das Mrs. Tulliver ſo gern lockig„wie bei anderer Leute Kindern“ geſehen hätte, war vorn zu kurz, um ſich hinter die Ohren zurück kämmen zu laſſen, und da es gewöhnlich eine Stunde nach Ent⸗ fernung der Wickeln wieder gerade nieder hing, ſo mußte Maggie immer mit dem Kopf ſchütteln, um die Augen von den dunklen Wiſchen zu befreien— Eliot, Die Mühle am Floß. 2 * eine Bewegung, die ihr eine große Aehnlichkeit mit einem kleinen ſhetländiſchen Pony verlieh. „Ach Du mein Himmel, Maggie, was denkſt Du doch, daß Du Deinen Hut daher wirfſt! Trag ihn hinauf. Sei ein gutes Kind und laß Dir das Haar kämmen; ſteck Dein anderes Schürzchen vor und zieh andere Schuhe an. Pfui, ſchäm Dich! Bring Dein Körbchen mit wie ein anſtändiges jun⸗ ges Mädchen.“ „O Mutter,“ verſetzte Maggie in ungeſtümem Tone,„ich kann das Nähkörbchen nicht leiden.“ „Was? Dein hübſches Nähkörbchen, und die Fleck⸗ chen, mit denen Du Tante Glegg eine Decke machen kannſt?“. „Es iſt eine dumme Arbeit,“ ſagte Maggie, ihre Mähne zurückwerfend,„Stücke Zeug in Fetzen zu zerreißen und ſie wieder zuſammen zu nähen. Und für Tante Glegg will ich ſchon gar nichts thun; ich mag ſie nicht.“ Maggie verließ das Zimmer und zog ihr Hüt⸗ chen am Band nach, während Mr. Tulliver hörbar lachte. „Ich muß mich wundern, daß Du darüber lachen magſt, Tulliver,“ ſagte die Mutter in ärgerlichem Tone.„Das heißt, ſie in ihren Unarten ermuthi⸗ gen. Und ihre Tanten behaupten, ich ſei es, die ſie verderbe.“ Mrs. Tulliver war, was man eine gutmüthige Perſon nennt. Schon als Kind weinte ſie nie, es ſei denn, daß ſie Hunger gehabt oder Schmerz empfunden hätte; und von der Wiege an war ſie ſtets ein geſundes, rothbäckiges, wohlgenährtes Ge⸗ u—— ◻⏑⏑—— 19 ſchöpf geweſen, das, obſchon ihr zuviel Verſtand nie Kopfweh machte, um ihrer Schönheit und Freund⸗ lichkeit willen als die Blume der Familie galt. Aber Milch und Sanftmuth ſind nicht eben die haltbar⸗ ſten Dinge, und wenn nur ein bischen Säure in ſie kömmt, ſo können ſie einem jungen Magen merklich zu ſchaffen machen. Ich habe mich oft darüber ge⸗ wundert, ob die früheren Madonnen Raphaels mit ihrem blonden Teint und der etwas einfältigen Miene wohl auch ſo ſüß und ruhig ausgeſehen haben mögen, nachdem ihre ſtarkgliederigen und willenskräftigen Knaben ein bischen zu alt gewor⸗ den waren, um ohne Bekleidung auszukommen. Sie müſſen wohl zu Vorſtellungen gegriffen haben und mehr und mehr keifig geworden ſein, je mehr ſie die Wirkungsloſigkeit derſelben einſahen. Drittes Kapitel. Mr. Riley gibt ſeinen Rath wegen einer Schule für Tom. Der Herr mit der hohen weißen Halsbinde und der Bruſtkrauſe, der ſich mit ſeinem guten Freund Tulliver ſo behaglich den Grog belieben läßt, iſt Mr. Riley, ein Mann mit einem Wachsgeſicht und fetten Händen, der zwar für einen Auctionär und Taxator eine etwas zu hohe Bildung beſitzt, aber doch großherzig genug iſt, ſich gegen einfache Land⸗ bekanntſchaften von gaſtfreiem Character leutſelig zu erweiſen. Mr. Riley pflegte ſolche Perſonen wohl⸗ wollend nur als„Leute von der alten Schule“ zu bezeichnen. 20 Die Unterhaltung war in's Stocken gerathen. Nicht ohne beſonderen Grund hatte Mr. Tulliver ſich enthalten, zum ſiebenten Mal auf die kalte Er⸗ widerung zurückzukommen, mit welcher Riley den Dix abfertigte, und zu bemerken, wie nun dem Wakem einmal in ſeinem Leben der Kamm beſchnit⸗ ten worden ſei, nachdem die Dammgeſchichte eine gutachtliche Erledigung gefunden, wie über die Waſſerhöhe ſich nie ein Streit erhoben haben würde, wenn Jedermann wäre, wie er ſein ſollte, und wie Meiſter Urian ſelbſt die Advocaten geſchaffen haben müſſe. Mr. Tulliver blieb im Ganzen bei den gu⸗ ten herkömmlichen Meinungen; nur über einen oder zwei Punkte verließ er ſich auf ſeinen eigenen ein⸗ fältigen Verſtand, der ihn bei ſolchen Gelegenheiten zu ſehr bedenklichen Schlüſſen veranlaßte; ſo war er unter Anderem der Anſicht, daß Ratten, Korn⸗ würmer und Rechtsgelehrte Geſchöpfe des Teufels ſeien. Leider hatte ihn Niemand darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß eine ſolche Annahme ſchreiender Manichäismus ſei, da er ſonſt wohl ſeinen Irrthum eingeſehen haben würde. Es war indeß klar, daß heute das gute Princip triumphirte. Die Geſchichte mit der Waſſerkraft hatte irgendwo einen Haken, obſchon ſie, in einem gewiſſen Licht betrachtet, eben ſo einfach ſchien, als der Satz, daß Waſſer Waſſer iſt; aber wie ſchwierig ſich auch dieſer verfängliche Punkt erweiſen mochte, Riley war darüber Meiſter geworden. Mr. Tulliver nahm ſeinen Waſſerbrannt⸗ wein etwas ſtärker als gewöhnlich und zeigte ſich für einen Mann, von dem man annahm, er habe einige Hundert müßig bei ſeinem Bankier liegen, 21 ein bischen unvorſichtig offen in Kundgebung ſeiner hohen Achtung vor den geſchäftlichen Talenten ſei⸗ nes Freundes. Der Damm war indeß ein Geſprächsgegenſtand von nachhaltiger Natur, ſo daß man immer auf denſelben Punkt und genau auf den gleichen Um⸗ ſtand zurückgreifen konnte. Auch weiß der Leſer, daß Mr. Tulliver noch etwas Anderes auf dem Herzen lag, wegen deſſen er Mr. Riley's Rath hätte einholen mögen. Dies war hauptſächlich der Grund, warum er nach dem lezten kräftigen Schluck eine Weile ſtumm blieb und nachdenklich ſeine Kniee rieb. Er verſtund ſich nicht darauf, einen plötzlichen Uebergang herbeizuführen. Es iſt eine verzwickte Welt, pflegte er zu ſagen, und wenn man zu raſch fährt, bleibt man leicht an einem Eckſtein hängen. Mr. Riley wurde darüber nicht ungeduldig. Warum auch? Sogar den Heißſporn könnte man ſich nicht anders als geduldig denken, wenn man ſich ihn vergegen⸗ wärtigen wollte, wie er in Pantoffeln am warmen Herdfeuer ſitzt, fleißig Tabak ſchnupft und ein Gratis⸗ grögchen zu ſich nimmt. „Es wurmt mir etwas im Kopfe,“ ſagte Mr. Tulliver endlich in leiſerem Tone als gewöhnlich und wandte dabei ſein Geſicht dem Gaſt zu, den er feſt in's Auge faßte. „So?“ entgegnete Riley im Tone milder Theil⸗ nahme. Er war nämlich ein Mann mit ſchweren wächſernen Augenlidern und hochgewölbten Brauen und blieb unter allen Umſtänden derſelbe. Dieſe Unbeweglichkeit des Geſichtes und die Gewohnheit, vor irgend einer Antwort eine Priſe Schnupftabak 22 zu nehmen, machte den Gaſt für Mr. Tulliver drei⸗ fach orakelhaft. „s iſt was Beſonderes,“ fuhr er fort,„und be⸗ trifft meinen Buben, den Tom.“ 3 Bei dem Klang dieſes Namens ſchüttelte Maggie, die auf einem Schemel neben dem Feuer ſaß und ein großes Buch in ihrem Schoß liegen hatte, ihr ſchwarzes Haar zurück und ſchaute haſtig auf. Es gab nicht viele Laute, die das Mädchen zu wecken vermochten, wenn ſie über ihrem Buch träumte; aber der Name Tom übte in dieſer Beziehung eine ſo gute Wirkung, wie die gellendſte Pfeife. Im Nu war ſie ganz Ohr, und ihre Augen funkelten wie die eines Dachshündchens, das Unheil wittert; man ſah ihr an, daß ſie feſt entſchloſſen war, auf jeden loszu⸗ fahren, der dem Tom etwas anhaben wollte. „Ja, ſehen Sie, ich möcht' ihn auf den Sommer in einer neuen Schule unterbringen,“ ſagte Mr. Tulliver.„Er kommt an Maria Verkündigung von der Cadamie heim, und da will ich ihn ein Viertel⸗ jährchen herumſpringen laſſen; dann aber möcht' ich ihn auf einer tüchtigen, guten Schule unterbringen, wo man etwas aus ihm machen wird.“ „Man kann einem Kinde allerdings nichts Beſſeres mitgeben, als eine gute Erziehung,“ verſetzte Mr. Riley und fügte dann mit höflicher Bedeutſamkeit bei:„obſchon ich damit nicht ſagen will, daß ein Mann nicht auch ohne Beihilfe eines Schulmeiſters ein vortrefflicher Müller und Farmer und ein ge⸗ witzter verſtändiger Burſche obendrein ſein könne.“ „Glaub's wohl,“ entgegnete Mr. Tulliver, mit den Augen zwinkernd und den Kopf bei Seite drehend, 23 „aber gerade da ſitzt der Knoten. Ich habe nicht im Sinn, aus Tom einen Müller und Farmer zu machen. Das wär' mir ein ſchlechter Spaß. Iſt er ein Müller und Bauer, ſo erwartet er, ich ſolle Mühle und Gütchen an ihn abgeben und läßt mich merken, daß es für mich an der Zeit ſei, an mein ſeliges Ende zu denken. Nein, nein, ich habe ſchon gar zu oft geſehen, wie's die Söhne treiben. Fällt mir nicht ein, den Rock auszuziehen, eh' ich zu Bett gehe. Tom ſoll eine Erziehung erhalten und zu einem Geſchäft herangebildet werden, vermittelſt deſ⸗ ſen er ſich ſelbſt ein Neſt bauen kann, ohne daß er nöthig hat, mich aus dem meinigen zu verdrängen. Uebrigs genug, daß er es kriegt, wenn ich todt bin. Ich gebe den Fleiſchtopf nicht ab, eh' ich meine Zähne verloren habe.“ Dies war augenſcheinlich ein Stück Hausrath, auf den Mr. Tulliver große Stücke hielt, und die Anregung, welche ſeiner Rede einen ungewöhnlichen Fluß und Nachdruck verliehen hatte, ſchien auch einige Minuten ſpäter noch nicht erſchöpft zu ſein, wenn man anders aus ſeinen entſchiedenen Kopfbewegun⸗ gen und dem gelegentlichen„Nein, nein,“ das wie ein immer matter werdendes Knurren klang, einen Schluß ziehen durfte. Maggie hatte ein ſcharfes Auge für dieſe Symptome des Unwillens und fühlte ſich davon im Innerſten verletzt. War's möglich, daß man Tom für fähig hielt, er könnte je ſeinen Vater aus dem Hauſe weiſen und durch ſchlechte Geſinnung ihm eine trau⸗ rige Zukunft bereiten? Nein, das war nicht aus⸗ zuhalten. Maggie ſprang von ihrem Schemel auf, 24 ohne auf das ſchwere Buch zu achten, das klatſchend zwiſchen das Herdgitter fiel, ſchmiegte ſich an die Kniee ihres Vaters und rief in halb weinerlichem, halb unwilligem Tone: „Vater, Tom wird nie ſo garſtig gegen Euch ſein; dies weiß ich gewiß.“ Mrs. Tulliver war nicht im Zimmer, da ſie in der Küche zu ſchaffen hatte, und Mr. Tulliver's Herz fühlte ſich gerührt. Maggie wurde daher nicht we⸗ gen des Buches geſcholten, das Mr. Riley ruhig aufhob und durchblätterte, während der Vater mit einer gewiſſen Zärtlichkeit in ſeinen harten Zügen laut auflachte und ſein kleines Mädchen auf den Rücken pätſchelte; dann nahm er ihre beiden Händ⸗ chen und zog ſie zu ſich heran. 3 „Wie, man darf alſo nichts zu Toms Nachtheil laut werden laſſen?“ ſagte Mr. Tulliver, Maggi er ſich an Riley und bemerkte gegen ihn mit leiſer Stimme:„Wenn ſie etwas hört, ſo verſteht ſie ſo gut wie irgend ein Menſch, was man meint. Sie ſollten ſie nur leſen hören; das geht heraus, als ob ſie Alles auswendig wiſſe. Auch ſitzt ſie immer über ihrem Buch.'s iſt mir übrigens nicht lieb— gar nicht lieb,“ fügte Mr. Tulliver, einem tadelns⸗ würdigen Stolz Halt gebietend, in einem Jammer⸗ tone bei.„Eine Weibsperſon hat nicht nöthig, ſo geſcheid zu ſein; denn es kann unmöglich zu etwas Gutem führen. Aber das dürfen Sie mir glauben”“ — der Stolz gewann augenſcheinlich wieder die Ober⸗ hand—„ſie liest ihre Bücher und verſteht ſie beſſer, als die Hälfte der Alten.“ 1 e mit blinzelndem Auge betrachtend. Dann wandte 25⁵ Maggie's Wangen begannen vor triumphirender Aufregung zu glühen. Sie dachte, Mr. Riley werde jetzt eine beſſere Meinung von ihr haben; denn es war augenſcheinlich, daß er bisher nichts auf ſie ge⸗ halten hatte. Mr. Riley blätterte in dem Buch, und die Kleine wußte zuerſt nichts aus ſeinem Geſicht und deſſen hoch⸗ gewölbten Augbrauen zu machen; bald aber blickte er nach ihr hin und ſprach: „Komm' her und ſag' mir etwas von dieſem Buche. Da ſind auch Bilder: ich möchte wiſſen,“ was ſie zu bedeuten haben.“ Hocherröthend, aber ohne zu zaudern trat Maggie an Mr. Riley's Seite und ſah in das Buch; dann faßte ſie es haſtig an einer Ecke, ſchüttelte ihre Mähne zurück und ſagte: „Oh, ich kann Ihnen wohl ſagen, was dies Bild vorſtellt. Nicht wahr, es iſt ein ſchreckliches Bild; aber doch muß ich es immer wieder anſehen. Das alte Weib da im Waſſer iſt eine Hexe— man hat ſie hineingeworfen um ausfindig zu machen, ob ſie eine Hexe iſt oder nicht. Wenn ſie ſchwimmt, ſo iſt ſie eine Hexe, und wenn ſie unterſinkt und natürlich ertrinkt, ſo iſt ſie unſchuldig und keine Hexe, ſon⸗ dern nur ein armes einfältiges altes Weib. Aber was nützt ſie's dann, wenn ſie ertrunken iſt? Blos ſo viel, ſchätz' ich, daß ſie in den Himmel kömmt und Gott ihr's gut machen wird. Und dieſer ſchreck⸗ liche Schmied mit ſeinen in die Seiten geſtemmten Armen und dem lachenden Geſicht— wie der ab⸗ ſcheulich iſt! Was meinen Sie wohl, wer es ſein mag? Das iſt der Teufel leibhaftig“(hier 26 wurde Maggie's Stimme lauter und nachdrücklicher) „und kein rechter Schmied; denn der Teufel nimmt die Geſtalt böſer Menſchen an, geht umher und verhetzt die Leute zu böſen Thaten. Dies thut er öfter in der Geſtalt eines ſchlechten Menſchen, als in irgend einer andern; denn man kann ſich denken, die Leute, wenn ſie ſähen, daß es der Teufel iſt und er ſie anbrüllte, ſo würden ſie davon laufen, und er könnte ſie nicht zu dem verleiten, was er von ihnen haben will.“ Mr. Tulliver hatte dieſer Erklärung ſeines Kindes mit ſtarrer Verwunderung zugehört. „Zum Henker, was für ein Buch hat die Dirn' da erwiſcht?“ platzte er endlich heraus. „Die Geſchichte des Teufelst, von Daniel Defoe; nicht gerade das geeignetſte Buch für ein kleines Mädchen,“ ſagte Mr. Riley.„Wie kam es unter Ihre Bücher, Tulliver?“ Maggie machte ein kleinlautes, gekränktes Ge⸗ ſicht, waßrend der Vater entgegnete: „s iſt von den Büchern, die ich in der Auction des Küſters gekauft habe. Sie waren alle gleich gebunden— ein ſchöner Einband, wie Sie ſehen— und ich dachte, es müſſen lauter ſchöne Bücher ſein. Das ‚heilige Leben und Sterben von Jeremias Taylor iſt auch darunter, und ich leſe oft Sonn⸗ tags darin.“(Mr. Tulliver fühlte ſich zu dieſem beſonders hingezogen, weil er auch Jeremias hieß.) „Ich habe ihrer viele, meiſt Predigten, glaube ich; aber ſie haben alle die nämliche Decke, und ich dachte, ſie müſſen wohl alle einen ähnlichen Inhalt —,—,—D oo— de cS ———4j. 27 haben. Aber es ſcheint, man darf nicht nach der Außenſeite urtheilen. Es iſt eine verzwickte Welt!“ „Schon gut,“ ſagte Mr. Riley in ermahnendem Gönnertone, indem er Maggie auf den Kopf pätſchelte, „ich rathe Dir, die ‚Geſchichte des Teufels’ in den Winkel zu ſtellen und hübſchere Bücher zu leſen. Haſt Du keine hübſchere Bücher?“ „O ja,“ verſetzte Maggie, ein bischen auflebend unter dem Einfluß des Verlangens, die Vielſeitigkeit ihrer Beleſenheit zu zeigen.„Ich weiß, das Leſen in dieſem Buche iſt nicht hübſch— aber die Bilder gefallen mir, und ich mache Geſchichten zu den Bil⸗ dern aus dem Kopf. Aber ich habe ‚Aeſops Fa⸗ belne, und ein Buch über Känguruh's und ſolche Dinge, und des Pilgers Wallfahrt⸗...“ „Ah, ein ſchönes Buch,“ bemerkte Mr. Riley.„Du kannſt kein beſſeres zu leſen kriegen.“ „Ja; aber es ſteht auch viel von dem Teuſel darin,“ ſagte Maggie triumphirend,„und ich kann Ihnen ſein Bild in ſeiner wahren Geſtalt zeigen, wie er den Chriſt angreift.“ Maggie eilte wie der Wind in eine Ecke des Zimmers, ſprang auf einen Stuhl und langte aus einem kleinen Bücherkäſtchen ein abgegriffenes Exem⸗ plar des Bunyan herunter, das ohne viel Suchen ſich ſelbſt bei dem in Frage ſtehenden Bild aufſchlug. „Da iſt er,“ rief ſie, zu Mr. Riley zurückeilend, „und Tom hat ihn, als er in der letzten Vacanz hier war, auf meine Bitte aus ſeiner Farbenſchachtel angemalt— den Leib ganz ſchwarz und die Augen roth wie Feuer; natürlich weil er innen lauter Feuer iſt und dies ihm zu den Augen heraus leuchtet.“ 28 „Geh', geh'!“ ſagte Mr. Tulliver entſchieden, denn w es wurde ihm etwas unbehaglich zu Muth bei dieſen w freien Bemerkungen über das perſönliche Aeußere te eines Weſens, das mächtig genug war, Advokaten 3u zu ſchaffen.„Mach' das Buch zu und laß mich kein ſolches Gerede mehr hören. Es iſt, wie ich mir te dachte— das Mädel lernt mehr Unheil als Gutes P aus den Büchern. Geh' und ſieh' nach deiner Mutter.“ de Maggie ſchlug mit einem Gefühl von Entrüſtung das Buch zu; da ſie aber nicht Luſt hatte, nach der Mutter zu ſehen, ſo verglich ſie die Sache da⸗ hin, daß ſie hinter dem Stuhl ihres Vaters in einen ſe dunkeln Winkel ſich verkroch und ihre Puppe aufnahm. Gegen letztere zeigte ſie in Toms Abweſenheit gele⸗ gentlich Anfälle von Zärtlichkeit, in welchen ſie, ob⸗ ſchon ſie die Toilette derſelben ſchwer vernachläßigte, dem wächſernen Geſicht ſo viele warme Küſſe auf⸗ drückte, daß es zuletzt ein ganz ungeſundes Ausſehen gewonnen hatte. „Hat man je etwas Solches gehört?“ ſagte Mr. Tulliver nach Maggie's Rückzug.„Es iſt Schade, daß ſie nicht der Bub geworden iſt— ſie würde den Affekaten zu ſchaffen gemacht haben. ˙s iſt doch wunderlich,“— hier mäßigte er ſeine Stimme. —„ich nahm die Mutter gerade deshalb, weil ſie nicht übergeſcheid war, wohl aber ein ſauberes Aus⸗ ſehen hatte und aus einer häuslichen Familie her⸗ ſtammte. Ich gab ihr den Vorzug vor ihren Schwe⸗ f ſtern eben weil ſie ein bischen ſchwach war; denn u ich hatte nicht Luſt, mir an meinem eigenen Herd f mein Recht wegdisputiren zu laſſen. Aber Sie ſehen g da, wenn ein Mann Hirn hat, ſo weiß man nicht, ſ — — 2 8S9508 we⸗ enn derd hen icht, 29 wem es zufallen wird, und eine ſtille ſaubere Frau wartet ihm vielleicht mit dummen Buben und gewitz⸗ ten Dirnen auf, ſo daß man in der verkehrten Welt zu leben meint. Das iſt ein ganz verzwicktes Ding.“ Mr. Riley's Ernſt wollte nicht mehr Stand hal⸗ ten und ließ ſich nur durch die Application einer Priſe Schnupftabak wieder in Ordnung bringen; dann ſagte er: „Aber Ihr Junge iſt doch nicht dumm? Ich ſah ihn bei meinem letzten Hierſein ganz emſig in Anfertigung eines Fiſchgeräths beſchäftigt, und er ſchien mir die Sache gut zu verſtehen.“ „Nein, dumm kann ich ihn gerade nicht nennen. „Er kennt ſich überall aus, hat ſo eine Art geſunden Menſchenverſtand und weiß Alles am rechten Fleck anzugreifen. Aber er iſt langſam in der Rede, liest nicht gut, mag nicht bei den Büchern ſitzen, und man ſagt mir, er ſchreibe Alles fehlerhaft. Dazu benimmt er ſich vor Fremden ſo ſcheu, und man hört nie von ihm ſo gewitzte Reden, wie von dem Mädel da. D'rum möchte ich ihn auch in einer Schule unterbringen, wo er beſſer mit der Zunge und der Feder fortkommen lernen ſoll und wo man keinen gewichsten Burſchen aus ihm macht. Mein „Junge ſollte es denen gleichthun können, die mir, weil ſie beſſer geſchult wurden, den Rang abgelau⸗ fen haben. Freilich, wenn die Welt geblieben wäre, n wie Gott ſie gemacht hat, ſo ſollte mich nichts an⸗ fechten und ich wollt's mit dem Erſten aufnehmen; aber jetzt iſt Alles ſo verzwickt und ſo voll unver⸗ ſtändlicher Wortklauberei, daß es mir oft und oft 30 ganz dämiſch wird. Es iſt eine Welt, in der ein ehrlicher Kerl nicht weiß, wo ihm der Kopf ſteht.“ Mr. Tulliver nahm einen Schluck, den er lang⸗ ſam hinuntergleiten ließ, und ſchüttelte melancholiſch den Kopf, als wolle er damit die Wahrheit bekräf⸗ tigen, daß ein vollkommen geſunder Verſtand kaum am Platze ſei in dem großen Irrenhaus des Lebens. „Sie haben da ganz Recht, Tulliver,“ bemerkte Mr. Riley.„Es iſt beſſer, Sie verwenden ein Hun⸗ dert oder zwei auf die Erziehung Ihres Sohnes, als daß ſie ihm dieſes Geld in Ihrem Teſtament hinter⸗ laſſen. Ich weiß, ich würde es mit meinem Sohne auch ſo halten, wenn ich einen hätte, obſchon ich mit dem baaren Geld nicht ſo ſpielen kann, wie Sie, Naren und noch obendrein ein Haus voll Töchter abe.“ „Da können Sie mir wohl Auskunft über eine Schule geben, die für meinen Tom paſſen würde,“ ſagte Mr. Tulliver, ohne ſich durch eine Sympathie mit Mr. Riley's Mangel an Baarmitteln von ſeinem Zweck abbringen zu laſſen. Mr. Riley verſah ſich abermals mit einer Priſe und hielt eine Weile Mr. Tulliver durch ein nach⸗ denkſames Schweigen in Spannung, eh' er die Rede wirder aufnahm. „Ich weiß eine ſehr ſchöne Gelegenheit für einen Mann, der das nöthige Geld aufwenden kann, und dies iſt ja bei Ihnen der Fall, Tulliver. Die Sache iſt nämlich ſo: ich möchte keinem meiner Freunde rathen, einen Sohn an eine regelmäßige Schule zu ſchicken, wenn er etwas Beſſeres erſchwingen kann. Wenn aber Jemand ſeinem Sohn eine ganz ausge⸗ 31 zeichnete Bildung und Erziehung zu Theil werden laſſen will unter Verhältniſſen, wo der Schüler ge⸗ wiſſermaßen der Geſellſchafter eines Lehrers von vor⸗ züglicher Befähigung iſt, ſo weiß ich Rath dafür. Ich möchte den Platz allerdings nicht Jedermann empfehlen, weil ich glaube, das nicht Jedermann Ausſicht hätte, eine willfährige Antwort zu erhalten. Gegen Sie, Tulliver, kann ich aber wohl davon ſpre⸗ chen, obſchon es unter uns bleiben muß.“ Der feſte fragende Blick, den Mr. Tulliver auf das orakelhafte Geſicht ſeines Freundes geheftet hatte, gewann jetzt den Ausdruck der höchſten Neugierde. „Na, ſo laſſen Sie hören,“ ſagte er, mit der Selbſtgefälligkeit einer Perſon, die einer ſo wichtigen Mittheilung würdig erachtet worden iſt, ſich in ſeinem Stuhle breit machend. „Er hat ſeine Studien in Oxford gemacht,“ fuhr Mr. Riley bedeutungsvoll fort, preßte dann den Mund zuſammen und betrachtete Mr. Tulliver, als wolle er ſich überzeugen, welchen Eindruck ſeine be⸗ deutungsvolle Kunde gemacht hatte. „Wie— alſo ein Pfarrer?“ entgegnete Mr. Tulliver mit bedenklicher Miene. „Ja— und ein M. A. Wie ich höre, hält der Biſchof große Stücke auf ihn, und eben der Biſchof iſt's geweſen, dem er ſeine gegenwärtige Pfarre zu danken hat.“ „Ah?“ verſetzte Mr. Tulliver, welchem von die⸗ ſen fremden Dingen eines ſo wunderbar war, wie das andere.„Aber was kann er mit dem Tom machen?“ „Die Sache verhält ſich ſo, daß er eine Freude hat am Unterrichten, und daß er dabei in ſeinen Studien fortzumachen wünſcht, wozu die pfarramt⸗ lichen Verrichtungen ihm nur wenig Gelegenheit bie⸗ ten. Er iſt Willens, einen oder zwei Knaben als Zöglinge in ſein Haus aufzunehmen, um ſeine Zeit nutzbringend auszufüllen. Die Zöglinge bilden einen Theil der Familie— etwas Beſſeres können Sie gar nicht finden— und ſind ſtets unter Stellings Aufſicht.“ „Aber glauben Sie auch, der arme Junge werde zweimal ſeinen Pudding kriegen?“ miſchte ſich Mrs. Tulliver, die ſich jetzt ebenfalls eingefunden hatte, in die Rede.„Der Pudding geht ihm über Alles; auch iſt er im beſten Wachſen, und es wäre ſchreck⸗ lich, wenn er ſchmal gehalten würde.“ „Und was verlangt er wohl?“ ſagte Mr. Tulliver, deſſen Inſtinkt herausfühlte, daß die Dienſte dieſes bewunderungswürdigen M. A. wohl ſehr hoch zu ſtehen kommen dürften. „Je nun, ich kenne einen Geiſtlichen, der ſich von ſeinen jüngſten Zöglingen hundertundfünfzig Pfund zahlen läßt, und dieſer darf dem Stelling, von dem ich geſprochen habe, das Waſſer nicht bieten. Ich weiß aus guter Quelle, daß eine von den erſten Perſonen in Orford ſagte, Stelling könnte die höch⸗ ſten Ehren haben, wenn er wollte. Aber er macht ſich nichts aus Univerſitätsauszeichnungen. Er iſt ein ſtiller Mann, der nicht viel Weſens aus ſich macht.“ „Ah, um ſo beſſer— um ſo beſſer,“ ſagte Mr. Tulliver.„Aber Hundertundfünfzig ſind ein Heiden⸗ geld. So viel zu zahlen habe ich mir nie in Aus⸗ ſicht genommen.“. „Laſſen Sie ſich ſagen, Tulliver— eine gute 33 Erziehung iſt wohlfeil, was ſie auch koſten mag. Doch Stelling iſt mäßig in ſeinen Bedingungen und keineswegs aufs Geld erpicht. Ich zweifle nicht, er wird Ihren Knaben für hundert Pfund aufnehmen, und für dieſe Summe werden Sie ihn kaum bei irgend einem andern Geiſtlichen unterbringen. Wenn es Ihnen recht iſt, will ich ihm darüber ſchreiben.“ Mr. Tulliver rieb ſich die Kniee und betrachtete nachdenkſam den Bodenteppich. „Aber vielleicht hat er keine Frau,“ ergriff Mrs. Tulliver wieder das Wort,„und auf die Haushäl⸗ terinnen halte ich gar nichts. Mein Bruder ſelig hatte einmal eine, und die ſtahl ihm die Hälfte der Federn aus ſeinem Bett und ſchickte ſie heim. Wie viel ſie ihm von ſeinem Weißzeug veruntreut hat — Rott hieß ſie— iſt gar nicht bekannt geworden, und es würde mir das Herz brechen, wenn ich mei⸗ nen Tom an einen Platz ſenden müßte, wo leine Haushälterin die Wirthſchaft führt. Tulliver, muth' mir ſo etwas nicht zu.“ „Sie können ſich über dieſen Punkt vollkommen zufrieden geben, Mrs. Tulliver,“ verſetzte Mr. Riley, „denn Stelling iſt mit einem ſo hübſchen Weibchen verheirathet, als ein Mann ſich nur immer eine Frau wünſchen kann. Es gibt keine freundlichere Seele auf der Welt und ich bin mit ihrer Familie gut be⸗ kannt. Sie hat ſo ziemlich Ihren Teint und helles lockiges Haar. Ihre Familie iſt in Mudport ſehr angeſehen, und nicht jeder Freier hätte da kommen dürfen. Aber Stelling iſt kein gewöhnlicher Mann und hat darauf geſehen, mit achtbaren Leuten in Eliot, Die Mühle am Floß. 3 34 Verbindung zu kommen. Nun, ich denke nicht, daß er gegen Ihren Sohn etwas einzuwenden hat— gewiß nicht, wenn ich ein gutes Fürwort für ihn einlege.“ „Ich wüßte nicht, was er gegen den Jungen haben ſollte,“ bemerkte Mrs. Tulliver, mit einem leichten Anflug mütterlicher Empfindlichkeit.„Er iſt ein ſo netter friſcher Burſch, wie man nur einen ſehen kann.“ „Aber Eines macht mir doch ein Bedenken,“ ſagte Mr. Tulliver, der nach langer Betrachtung des Teppichs den Kopf auf die Seite neigte und Mr. Riley in's Auge faßte.„Iſt ein Pfarrer nicht viel⸗ leicht viel zu hochſtudirt, um einen Jungen zu einem Geſchäftsmann zu bilden? Ich bin der Meinung, die Gelehrſamkeit der Geiſtlichen ſei von der Art, daß der gewöhnliche Mann nicht viel davon merkt, und eine ſolche kann ich für den Tom nicht brauchen. Er ſoll mir mit den Zahlen umſpringen lernen, ſoll ſchreiben können wie gedruckt, ſoll gewitzt ſein in Auffaſſung der Dinge und ſoll wiſſen, was die Leute ſagen wollen und wie man die Worte in einer Weiſe ſetzt, daß man nicht darüber verklagt werden kann. Es iſt etwas gar Schönes,“ ſchloß Mr. Tulliver mit Kopfſchütteln,„wenn man einem ſagen kann, was man von ihm denkt, ohne dafür blechen zu müſſen.“ „O mein lieber Tulliver, Sie haben von den Geiſtlichen eine ganz irrige Meinung,“ erwiderte Mr. Riley.„Die beſten Schulmänner gehören dem geiſtlichen Stand an, und diejenigen Schulmeiſter, die keine Geiſtlichen ſind, ſtehen im Allgemeinen auf einer ſehr niedern Stufe—“ 3⁵ „Ja, da haben wir zum Beiſpiel den Jakobs von der Kadamie,“ fiel Mr. Tulliver ein. „Natürlich— in der Regel ſind’s Leute, die in andern Berufsgattungen nicht ihr Fortkommen ge⸗ funden haben. Nun gehört aber ein Geiſtlicher ſo⸗ wohl vermöge ſeines Standes als ſeiner Erziehung der gebildeten Klaſſe an und beſitzt außerdem jene Kenntniſſe, die bei einem Knaben den Grund legen und ihn darauf vorbereiten, mit Ehren jede beliebige Laufbahn anzutreten. Es mag einzelne Geiſtliche geben, die bloße Büchergelehrte ſind: aber Sie kön⸗ nen ſich darauf verlaſſen, Stelling gehört nicht unter dieſe— er iſt ein Mann für's Leben, kann ich Ihnen ſagen. Sie brauchen ihm nur einen Wink zu geben, ſo weiß er, um was ſich's handelt. Sie ſprechen von Zahlen. Gut. So ſagen Sie zu Stelling, ich wünſche, daß mein Sohn ein tüchtiger Arithmetiker wird, und können dann alles Andere getroſt ihm überlaſſen.“ Mr. Riley hielt einen Augenblick inne, während Mr. Tulliver, etwas beruhigt über das prieſterliche Lehramt, in ſeinem Innern einem eingebildeten Mr. Stelling das Anerbieten vortrug:„Ich möchte daß mein Sohn Rithmetik verſteht.“ „Sie ſehen, mein lieber Tulliver,“ fuhr Mr. Ri⸗ ley fort,„daß man bei einem ſo durchaus gebildeten Mann, wie Stelling iſt, keinen Unterrichtszweig ver⸗ geblich ſucht. Wenn ein Handwerksmann ſeinen Werkzeug gut zu handhaben weiß, ſo kann er eben ſo gut eine Thüre als ein Fenſter machen.“ „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte Mr. Tulliver, der nachgerade ſich überzeugen ließ, daß man die beſten Schulmeiſter unter der Geiſtlichkeit zu ſuchen habe. 3 36 „Wohlan, ſo hören Sie, was ich für Sie thun will und was ich nicht für Jedermann thun würde,“ ſagte Mr. Riley.„Ich will zu Stellings Schwieger⸗ vater gehen oder auf dem Rückweg nach Braſſing in einem Billet ihm mittheilen, daß Sie Luſt hätten, Ihren Jungen bei ſeinem Schwiegerſohn unterzu⸗ bringen. Ich zweifle nicht, daß Stelling dann an Sie ſchreiben und Ihnen ſeine Bedingungen mit⸗ theilen wird.“ „Aber das hat ja keine ſolche Eile,“ bemerkte Mrs. Tulliver,„denn ich hoffe, Mann, Du gibſt den Tom nicht vor der Mitte des Sommers wieder in die Schule. Er hat in der„Kademie um Mariä Verkündigunge angefangen, und Du ſiehſt jetzt, was dabei Gutes herausgekommen iſt.“ „Ja, ja, Beſſy, mit ſchlechtem Malz muß man nicht um Michaelis zu ſieden anfangen, ſonſt gibt es nur elenden Plempel,“ ſagte Mr. Tulliver blin⸗ zelnd und Mr. Riley mit dem natürlichen Stolz eines Mannes zulächelnd, der wohl eine hübſche Frau hat, aber an Geiſt ihr bedeutend überlegen iſt.„Aber Du haſt Recht, Beſſy— die Sache hat keine ſo große Eile.“ „Doch möchte ich rathen, die Angelegenheit nicht zu lange hinauszuſchieben,“ entgegnete Mr. Riley ruhig;„denn Stelling hat vielleicht ſchon andere Anträge erhalten, und ich weiß, daß er nicht mehr als zwei, höchſtens drei Zöglinge annimmt. An Ihrer Statt würde ich mich nicht beſinnen, mich ohne Wei⸗ teres mit Stelling in ein Einvernehmen zu ſetzen. Der Eintritt kann dann immerhin in der Mitte des 37 Sommers geſchehen. So gehen Sie ſicher und ſorgen dafür, daß Ihnen Niemand zuvor kömmt.“ „'s iſt etwas daran,“ ſagte Mr. Tulliver. „Vater,“ fiel jetzt Maggie ein, die ſich unbemerkt wieder an ihres Vaters Seite geſchlichen hatte und mit offenem Munde zuhorchte, während ſie ihre Puppe mit dem Kopf abwärts baumeln ließ und die Naſe derſelben zwiſchen ihrem und dem Stuhlbein ein⸗ klemmte—„iſt der Platz, wohin Tom gehen ſoll, weit weg, und werden wir ihn beſuchen können?“ „Da bin ich überfragt, Mädel,“ antwortete der Vater zärtlich.„Du mußt Dich an Mr. Riley wen⸗ den; der weiß es.“ Maggie wandte ſich raſch an den Gaſt und ſagte: „Wie weit iſt's, Sir?“ „Oh, weit, weit,“ entgegnete Mr. Riley, welcher der Meinung war, man müſſe mit Kindern, wenn ſie nicht gerade unartig ſind, immer ſcherzweiſe reden. „Wenn Du zu ihm willſt, müßteſt Du Dir Sieben⸗ Keilenſtiefel borgen.“ „Das iſt Unſinn,“ verſetzte Maggie, ſtolz ihr Köpfchen zurückwerfend und ſich abwendend, während ihr Thränen in's Auge traten. Sie begann eine Abneigung gegen Mr. Riley zu fühlen; denn es war augenſcheinlich, daß er ſie für ein einfältiges Ding hielt, das keine Beachtung verdiente. „Pfui, Maggie, ſchäm' Dich, wer wird ſo ant⸗ worten?“ ſagte ihre Mutter.„Komm, ſetz Dich auf Dein Schemelchen und halt den Mund. Aber,“ fuhr ſie fort, denn auch ihre Unruhe war geweckt, „iſt es denn ſo gar weit weg, daß ich ihm nicht einmal waſchen und das Weißzeug ausbeſſern kann?“ „Ungefähr fünfzehn Meilen, weiter nicht,“ erwi⸗ derte Mr. Riley.„Ihr könnt bequem in Einem Tag hin⸗ und herfahren— oder auch dort über Nacht bleiben, denn Stelling iſt ein angenehmer und gaſtlicher Mann, der euch gern beherbergen wird.“ „Aber ich fürchte doch, es iſt zu weit abgelegen für das Weißzeug,“ ſagte Mrs. Tulliver traurig. Das Auftragen des Nachteſſens vertagte im gelegenen Moment dieſe Schwierigkeit und enthob Mr. Riley der Mühe einer Löſung oder eines Ver⸗ gleichs, auf die ſich ſonſt ohne Zweifel der Gaſt ein⸗ gelaſſen hätte; denn der Leſer muß ſchon bemerkt. haben, daß er ein Mann von ſehr verbindlichen Manieren war. Hatte er ſich doch angeſtrengt, Mr. Stelling ſeinem Freund Tulliver zu empfehlen ohne irgend eine poſitive Ausſicht auf irgend einen ſoliden Vortheil, der ihm daraus erwuchs, obgleich ein ſchlauer Beobachter irrthümlicher Weiſe recht wohl auf den Verdacht des Gegentheils kommen konnte. Nichts leitet mehr irre, als die Schlauheit, wenn ſie zufällig auf eine falſche Fährte geräth; denn wenn ſie ſich nicht ausreden laſſen will, daß die Menſchen gewöhnlich nach beſtimmten Beweg⸗ gründen ſprechen und handeln und dabei ſtets ein bewußtes Ziel im Auge haben müſſen, ſo darf man ſicher darauf zählen, daß ſie ihre Thatkraft an einen Schatten verſchwenden. Intrikirende Habgier und wohl überlegte Plane, um irgend einen ſelbſtſüchtigen Zweck zu erreichen, fallen im Allgemeinen mehr in das Gebiet des Romans und der Dramatik, indem ſie eine zu angeſtrengte Thätigkeit fordern, als daß der gewöhnliche Menſch ſich ihrer ſchuldig machen 39 ſollte. Es iſt leicht genug, ſeinem Nebenmenſchen ohne ſo viel Mühe das Leben zu verbittern, denn man kann dies erzielen durch träges Anbequemen oder träges Unterlaſſen, durch triviale Nachreden, für die man ſich kaum einen Grund angeben kann, durch kleine Lügen und Uebertreibungen, durch übel⸗ angebrachte Schmeicheleien oder plump erfundene Unterſtellungen. Wir leben mit unſerer kleinen Fa⸗ milie von unmittelbaren Begierden meiſt von der Hand in den Mund und thun kaum viel mehr, als daß wir da und dort einen Biſſen aufſchnappen, um die hungrige Brut zufrieden zu ſtellen; ſelten geſchieht es, daß wir daran denken, eine Saat für die Ernte des nächſten Jahres auszuſtreuen. Mr. Riley war ein Geſchäftsmann und nicht kalt gegen ſein eigenes Intereſſe; doch auch er ſtand mehr unter dem Einfluß kleinlicher Anregungen als unter dem eines weit abſehenden Planes. Er hatte keine beſondere Beziehung zu Seiner Ehrwürden, Walther Stelling, und wußte überhaupt nur blut⸗ wenig von dieſem M. A. und ſeinen Begabungen, jedenfalls nicht genug, um ihn zu der kräſtigen Em⸗ pfehlung zu berechtigen, zu der er ſich ſeinem Freund Tulliver gegenüber angeſtrengt hatte. Aber er hielt Mr. Stelling für einen ausgezeichneten Philologen, weil ihn Gadsby als einen ſolchen bezeichnet hatte, und Gadsby's Vetter war Hofmeiſter in Oxford— ſogar ein beſſerer Grund für ſeinen guten Glauben, als wenn er aus eigener unmittelbarer Wahrneh⸗ mung hervorgegangen wäre; denn obgleich Mr. Ri⸗ ley an der großen Mudporter Freiſchule ſoweit La⸗ tein gelernt hatte, daß er daraus überſetzen konnte, 40 ſo gingen ſeine derartigen Kenntniſſe doch keineswegs tief. Es haftete ihm ohne Zweifel noch ein feiner Duft an von ſeinem jugendlichen Umgang mit Cicero de Senectute und dem vierten Buch der Aeneide; aber er hatte aufgehört, ſich deutlich als elaſſiſch erkennen zu laſſen, und war ſich nur noch in der Kraft und dem Blumenreichthum ſeines Aue⸗ tionatorſtyls wahrnehmenbar. Nun hatte Stelling in Oxford ſtudirt, und die Oxforder gelten ſtets— nein, nein, es waren die Cambridger Studenten, die in dem Ruf tüchtiger Mathematiker ſtanden. Aber ein Mann, der Univerſitätsſtudien gemacht, konnte, wenn er wollte, in Allem Unterricht ertheilen, namentlich ein Mann wie Stelling, der bei einem politiſchen Anlaß zu Mudport bei Tafel eine Rede Mhaden und ſich damit ſo ausgezeichnet hatte, daß impſons Schwiegerſohn allgemein als ein geſcheider Kamerad ausgerufen wurde. Auch ließ ſich von einem Mudporter aus dem Sprengel von St. Ur⸗ ſula erwarten, er werde zufällige Gelegenheiten be⸗ nützen, um einem Schwiegerſohn von Timpſon einen Dienſt zu leiſten; denn Timpſon war einer der tüchtigſten und einflußreichſten Männer in der Ge⸗ meinde und verfügte über allerlei Geſchäfte, die er in die rechten Hände geben konnte. Mr. Riley hatte gern mit ſolchen Perſonen zu thun, abgeſehen von den pecuniären Vortheilen, die für ſeine aller⸗ würdigſte Taſche ſich bei ihnen erheben ließen, und er empfand ein gewiſſes Wohlbehagen in dem Vor⸗ gefühl, bei ſeiner Nachhauſekunft Timpſon ſagen zu⸗ können:„Ich habe Ihrem Schwiegerſohn zu einem gutzahlenden Zögling verholfen.“ Timpſon hatte —— 41 ein Haus voll Töchter und genoß ſomit die volle Sympathie des gleichbeglückten Mr. Riley; außer⸗ dem hatte er vor fünfzehn Jahren an Sonntagen in der Kirche weit lieber nach Luiſe Timpſons blon⸗ dem Lockenkopf hingeſehen, als nach der Kanzel— es war alſo natürlich, daß ihr Mann ein empfeh⸗ lenswerther Lehrer ſein mußte. Dazu kam noch, daß Mr. Riley keinen andern Schulmeiſter kannte, den beſſer zu empfehlen er irgend einen Grund gehabt hätte; warum ſollte er alſo nicht Stelling anpreiſen? Sein Freund Tulliver hatte ihn um ſeine Meinung angegangen, und im freundſchaftlichen Verkehr mag man es unter ſolchen Umſtänden nicht auf ſich kom⸗ men laſſen, daß man keinen Rath weiß. Wenn man nun doch eine Meinung abgibt, ſo wäre es ja einfältig, dieß nicht mit der Miene der Ueberzeugung und eines wohlbegründeten Wiſſens zu thun; dadurch daß man ſie ausſpricht, macht man ſie zu einem Eigenthum und liebt ſie als ſolches. So kam es denn, daß Mr. Riley, der von Stelling nichts Un⸗ rechtes wußte und ihm, ſoweit die wechſelſeitigen Beziehungen gingen, wohlwollte, von der Empfeh⸗ lung des Mannes bald in die höchſte Bewunderung des von einem ſo tüchtigen Gewährsmann Recom⸗ mandirten überging, dabei arbeitete er ſich für den Ge⸗ genſtand in eine ſo warme Theilnahme hinein, daß er ſeinen Freund von der alten Schule für einen wah⸗ ren Schweinehund gehalten haben würde, wenn es derſelbe ſchließlich abgelehnt hätte, ſeinen Tom dem Stelling anzuvertrauen. Man wäre in der That unbillig, wenn man es Mr. Riley ſchwer übel nehmen wollte, daß er durch ſo leichte Gründe ſich zu einer Empfehlung bewegen 42 ließ. Warum will man von einem Auctionator und Taxator vor dreißig Jahren, der ſein Freiſchulen⸗ latein ſo gut wie vergeſſen hatte, eine vorſichtige Bedächtlichkeit verlangen, die wir in unſerem Zeit⸗ alter einer fortgeſchrittenen Moral ſelbſt bei Herren, die den gelehrten Ständen angehören, nicht immer ſinden? Zudem kann ein Menſch von humaner Geſinnung nicht wohl ſich einer humanen Handlung entſchlagen, wenn ſich Gelegenheit dazu gibt, und wer vermöchte auch nach allen Richtungen hin gleich human zu ſein? Die Natur ſelbſt quartirt gelegentlich bei einem Thier, gegen das ſie ſonſt durchaus keinen üblen Willen hat, einen unbequemen Paraſiten ein, und wir bewundern ſie um der Sorgfalt willen, die ſie letzteren zu Theil werden läßt. Wenn Mr. Riley ſich ſeiner nicht auf vollgewichtige Gründe geſtützten Empfehlung enthalten hätte, ſo wäre dadurch Mr. Stelling ein gutzahlender Zögling entgangen— ein ſchlimmer Fall alſo für Seine Ehrwürden. Dabei mochten ihm unter dem Einfluß des warmen Herd⸗ feuers und des behaglichen Waſſerbranntweins aller⸗ lei unbeſtimmte Ideen und angenehme Gefühle vor⸗ ſchweben— er vergegenwärtigte ſich vielleicht, daß er gut mit Timpſon ſtand, daß man ihn um ſeine Gutachten anging, daß er ſeinem Freund Tulliver eine noch höhere Achtung einflößte, wenn er etwas ſagte und es mit Nachdruck ſagte— all dies konnte er doch unmöglich in die Winde gehen laſſen. 43 Viertes Kapitel. Tom wird erwartet. Maggie hatte vergeblich gehofft, ihren Vater be⸗ gleiten zu dürfen, als dieſer in dem Gig nach der Akademie fuhr, um Tom abzuholen; denn Mrs. Tulliver erklärte, der Morgen ſei zu naß, als daß man ein junges Mädchen mit ihrem beſten Hut fort⸗ laſſen könne. Maggie behauptete freilich unbeſchei⸗ den das Gegentheil, und es geſchah in unmittelbarer Folge dieſer Anſichtenverſchiedenheit, daß die Kleine, als die Mutter eben im Begriff war, ihr den wider⸗ ſpenſtiſchen Schopf zu kämmen, plötzlich ihren Händen entwiſchte und ihren Kopf in ein naheſtehendes Waſſerbecken tauchte; denn ſie war feſt entſchloſſen, für dieſen Tag dem Kräuſeleiſen der werthen Frau Mamma jede Gelegenheit zu benehmen. „Maggie, Maggie!“ rief Mrs. Tulliver, die mit der Bürſte im Schoos erſtarrt dem Mädchen nachſah, „was wird noch aus Dir werden, wenn Du ſo un⸗ gezogen biſt? Ich will's Deiner Tante Glegg und Deiner Tante Pullet ſagen, wenn ſie in nächſter Woche kommen, und ſie werden Dich kein Bischen mehr gern haben. Ach Du mein Himmel— ſieh nur Deinen friſchen Vorſtecker an, der von oben bis unten durchnäßt iſt. Die Leute werden denken, es ſei ein Strafgericht, daß ich ein ſolches Kind habe, und meinen wohl, ich müſſe Wunder was verbrochen haben.“ Noch vor Beendigung dieſer Vorſtellung war Maggie ſchon außer Hörweite und auf dem Weg —— 44 nach der großen Dachkammer unter dem hohen alten Giebel, wobei ſie wie ein aus dem Bad kommender Pudel das Waſſer aus ihren ſchwarzen Haaren ſchüttelte. Die Dachkammer war bei nicht zu kaltem Wetter an Regentagen Maggies Lieblingsaufenthalt; denn ſie konnte dort alle ihre üblen Launen an den wurmſtichigen Simſen und Bodenbrettern und an den mit Spinnengeweb behangenen Sparren auslaſſen. Auch hielt ſie ſich da einen Fetiſch, an dem ſie alle Widerwärtigkeiten, die ihr zuſtießen, ſtrafend heimſuchte. Der Fetiſch war der Körper einer großen hölzernen Puppe, die einſt mit dem rundeſten Paar Augen über den rötheſten Backen in die Welt geglotzt hatte, jetzt aber durch eine lange Reihe ſühnender Leiden völlig verunſtaltet war. Drei in den Kopf eingeſchlagene Nägel erinnerten an eben ſo viele Kriſen in Maggie's neunjährigem Erdenkampf— ein Rachehochgenuß, welchen ihr das Bild der Jahel aus der alten Bibel, wie ſie den Siſera ermordet, an die Hand gegeben hatte. Den letzten Nagel hatte ſie mit beſonderem Nach⸗ druck hineingeklopft; denn der Fetiſch mußte bei dieſer Gelegenheit Tante Glegg vorſtellen. Aber unmittelbar darauf erwog Maggie, daß ſie, wenn ſie noch mehr Nägel hineinſchlüge, ſich nicht ſo gut vorſtellen könne, es thue dem Kopf weh, falls ſie ihn gegen die Wand klopfe, und er ſpüre die wohl⸗ thätige Wirkung der Umſchläge, die ſie nach ver⸗ rauſchter Wuth anwandte: denn ſelbſt Tante Glegg dauerte ſie, wenn ſie gar ſo hart mit ihr umge⸗ ſprungen und in einer Weiſe gedemüthigt war, daß ſie ihre Nichte um Verzeihung bat. Seitdem hatte ſie die Züchtigung mit dem Nagel unterlaſſen und ſich damit begnügt, den Holzkopf an der rauhen Ziegelwand der großen Schornſteine, die als vier⸗ eckige Dachträger daſtanden, bald zu reiben, bald zu zerbeulen. Dies that ſie auch an jenem Morgen, als ſie die Kammer erreichte und mit einer Leiden⸗ ſchaftlichkeit fortſchluchzte, welche ſie ſogar die Urſache ihres Grams nicht mehr beachten ließ. Endlich wurde ſie ruhiger und das Reiben weniger ungeſtüm; und als gar ein plötzlicher Sonnenblick durch das Drahtgitter auf den wurmſtichigen Sims niederfiel, warf ſie den Fetiſch weg und eilte ans Fenſter. Die Sonne brach allen Ernſts zwiſchen den Wolken hervor; die Mühle ſchien wieder ſo luſtig zu klap⸗ pern; die Speicherthüren ſtanden offen, und da war auch Yap, der braun und weiß gefleckte Dachs mit ſeinem einen zurückgeſchlagenen Ohr, der umher⸗ ſchnüffelte, als ob er Geſellſchaft ſuche. Maggie ſchüttelte ihr Haar zurück, nahm ihren Hut, ohne ihn aufzuſezen, ſah in die Flur hinunter, ob ſie nicht etwa der Mutter begegnen möchte, und huſchte in den Hof hinaus, wo ſie wie verrückt umher wir⸗ belte und dem Hunde vorſang:„Nap, Yap, Tom kömmt nach Haus;“ während Yap um ſie herſprang und bellte, als wollte er ſagen, wenn ſich's darum handle, Lärm zu machen, ſo ſei er auch dabei. „Heh, heh, Miß, Ihr werdet ſchwindlig werden und in den Koth fallen,“ ſagte Lukas, der Ober⸗ mahlknecht, ein großer, breitſchulteriger Vierziger mit ſchwarzen Augen und ſchwarzem Haar, deſſen dunkle Farbe durch den Mehlanflug gedämpft wurde, 46 ſo baſ der ganze Mann ſich wie eine Aurikel aus⸗ nahm. Maggie hielt inne, taumelte aber ein wenig, obſchon ſie dieß nicht auf ſich kommen laſſen wollte; denn ſie entgegnete: „Oh nein, Lukas, dies macht mich nicht ſchwind⸗ lig. Darf ich mit Euch in die Mühle gehen?“ Das Mädchen hielt ſich gern in den weiten Räu⸗ men der Mühle auf und kam oft mit gepudertem Haar wieder heraus, gegen deſſen weiches Weiß die blitzenden ſchwarzen Augen nur um ſo lebhafter abſtachen. Das ſtete Getöſe und die raſtloſe Be⸗ wegung der großen Steine, welche die ſüßträumeri⸗ ſche Ahnung von dem Vorhandenſein einer unwider⸗ ſtehlichen Gewalt einflößten— das fort und fort niederfallende Mehl— der feine weiße Staub, der alle Oberflächen matt und ſogar die Spinnenge⸗ webe als aus Feenhand kommende Spitzen erſchei⸗ nen ließ— der liebliche, feine Mehlgeruch— Alles wirkte zuſammen, um in Maggie das Gefühl zu wecken, daß die Mühle eine kleine Welt für ſich ſei, welche nichts mit dem Alltagsleben draußen zu ſchaffen habe. Die Spinnen waren ganz beſonders ein Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit. Sie machte ſich Gedanken, ob ſie wohl auch Verwandte außer⸗ halb der Mühle hätten und wie ſchwer in dieſem Fall ihnen der Familienverkehr werden müſſe; eine fette mehlige Spinne, die daran gewöhnt war, ihre Fliege gut mit Mehl präparirt zu verſpeiſen, mochte ſich wohl für ſehr verkürzt halten, wenn ſie an der Ta⸗ fel eines Vetters den Braten au naturel einnehmen ſollte; und mußten nicht die Spinnendamen über ihr 47 wechſelſeitiges Ausſehen ſich entſetzen? Der Theil der Mühle aber, wo es ihr am allerbeſten geſiel, war der oberſte oder der Kornboden mit ſeinen großen Getreidehaufen, auf welche ſie ſich ſetzen und darauf niederrutſchen konnte. Sie pflegte ſich nament⸗ lich in dieſer Unterhaltung zu ergehen, wenn ſie mit Lucas ſprach, gegen den ſie ſehr mittheilſam war; denn ſie wünſchte, er möchte eine ebenſo gute Mei⸗ nung von ihrem Verſtand gewinnen, wie ihr Vater. Vielleicht ſchien es ihr nothwendig, beim gegen⸗ wärtigen Anlaß ſich bei ihm wieder in Reſpect zu ſetzen; denn als ſie auf dem Getreidehaufen, neben welchem er beſchäftigt war, niederrutſchte, ſagte ſie mit jener lauten Stimme, deren man in Mühlen zur Verſtändigung bedarf: „Ihr lest wohl nie ein anderes Buch, als die Bibel, Lucas?“ „Nein, Miß, und nicht einmal in dieſer viel,“ antwortete Lucas mit großer Offenherzigkeit.„Bei mir kömmt's nicht oft zum Leſen.“ „Aber wenn ich Euch eines von meinen Büchern borgte, Lucas? Ich habe ſehr ſchöne Bücher, die Ihr leicht leſen könntet. Da iſt zum Beiſpiel Pugs Reiſe durch Europa— Ihr erfahrt daraus Alles von den verſchiedenen Menſchen, die es in der Welt ibt, und wenn Ihr das Geleſene nicht verſteht, ſo helſen die Bilder zur Erklärung, indem ſie zeigen, wie die Leute ausſehen und was ſie treiben. Da ſind die Holländer— Ihr wißt, ſie ſind ſehr fett, rauchen, und einer ſitzt auf einem Faß.“ „Nein, Miß, ich weiß nichts von Holländern. 48 Und was nützte es mich, wenn ich auch etwas von ihnen wüßte?“ „Aber ſie ſind unſere Nebenmenſchen, Lucas— wir ſollten uns doch um unſere Nebenmenſchen kümmern.“ „Ich halte nicht viel auf ſolche Nebenmenſchen, Miß. Nur ſo viel— mein alter Herr, der ein geſcheider Mann war, pflegte zu ſagen, ſagt' er: Wenn ich je meinen Waizen ſäe, ohne ihn mit Seewaſſer anzufeuchten, ſo will ich ein Holländer ſein, ſagte er, und das hieß ſo viek, als wollte er ſagen, der Holländer iſt ein Narr oder doch nicht viel weiter. Nein, nein, ich will mich nicht mit Holländern plagen. Es gibt ohnehin Narren genug — und Spitzbuben genug— ohne daß man ſich in Büchern danach umſieht.“ „Je nun,“ verſetzte Maggie kleinlaut bei der entſchieden ungünſtigen Meinung des Mahlknechts von den Holländern,„vielleicht wird Euch die ‚Be⸗ lebte Natur“ beſſer gefallen. In dieſer ſteht nichts von Holländern, wohl aber von Elephanten und von Känguruhs, von der Zibetkatze, vom Sonnen⸗ fiſch und von einem Vogel, der auf ſeinem Schwanz ſitzt— ich habe ſeinen Namen vergeſſen. Ihr wißt, es gibt Länder, wo es ſtatt der Pferde und der Kühe wimmelt von ſolchen Geſchöpfen. Möchtet Ihr nicht gerne etwas von ihnen erfahren, Lucas?“ „Nein, Miß, ich habe Rechenſchaft abzulegen über das Mehl und das Korn und kann mich mit keinen anderen Dingen abgeben, als mit meiner Arbeit. Wenn man Alles weiß, nur das nicht, was Einem das liebe Brod einbringt, ſo iſt man 49 auf dem ſchnurgeraden Weg zum Galgen. Und es iſt, glaub' ich, doch das meiſte erlogen, was man in den Büchern liest. Ich dent mir, die gedruckten Bogen ſind gerade ſo, wie die Leute, welche ſie in den Straßen ausſchreien.“ „Ei, Lucas, Ihr ſeid gerade wie mein Bruder Tom, der auch nicht viel vom Leſen hält,“ ſagte Maggie, die der Unterhaltung eine angenehmere Wendung zu geben wünſchte.„Und doch iſt mir Tom ſo lieb, Lucas— lieber als irgend ein ande⸗ rer Menſch auf der Welt. Wenn er einmal groß iſt, will ich ihm haushalten, und wir werden immer bei einander leben. Ich kann ihm Alles ſagen, was er nicht weiß. Aber Tom iſt doch geſcheid, obſchon er die Bücher nicht liebt; er macht ſchöne Peitſchen⸗ ſchnüre und Kaninchenſtälle.“ „Ja,“ verſetzte Lucas;„aber er wird ſich ſchön ärgern, wenn er findet, daß die Kaninchen alle todt ſind.“ „Todt?“ rief Maggie, hurtig von ihrer Korn⸗ rutſche aufſpringend.„Ach du lieber Himmel, Lucas — was, das ſchlappohrige auch und das damge⸗ fleckte, für deren Ankauf Tom all ſein Geld aus⸗ gab?“. „So todt wie Maulwürfe,“ antwortete Lucas, die Vergleichung den unverkennbaren Leichnamen ent⸗ nehmend, welche an die Stallmauer angenagelt waren. „Ach, Himmel, Lucas,“ ſagte Maggie in kläg⸗ lichem Ton, während ihr große Thränen über die Wangen niederrollten,„Tom hat mir aufgegeben, Eliot, Die Mühle am Floß. 4 50 ich ſolle ſie pflegen, und ich habe es vergeſſen. Was ſoll ich anfangen?“ „Das konnte nicht anders gehen, Miß; ſie waren in dem großen Geräthhaus, und Niemand hatte den Auftrag, danach zu ſehen. Schätz' wohl, Maſter Tom hat Harry geſagt, er ſolle ſie füttern; aber man kann ſich auf Harry nicht verlaſſen; er iſt ein ſo arger Faulpelz, wie ſich nur je einer auf dem Gut umgetrieben hat, und denkt an nichts als an ſeinen Bauch— möge er das Grimmen dafür kriegen.“ „O Lucas, Tom ſagte mir, ich ſolle ja gewiß alle Tage nach den Kaninchen ſehen; aber wie konnte ich dies, wenn ſie mir nicht einſielen? Oh, ich weiß wohl, er wird recht böſe auf mich ſein und ſeine Kaninchen bedauern. Ach, ſie dauern mich auch— aber was ſoll ich anfangen?“ „Laßt's Euch nicht Leid ſein, Miß,“ verſetzte Lucas beſchwichtigend.„Die ſchlappohrigen Kanin⸗ chen ſind heikle Dinger und wären vielleicht auch hin geworden, wenn man ſie gefüttert hätte. Was nicht natürlich iſt, gedeiht nicht; der liebe Gott hat keine Freude daran. Er hat die Kaninchen geſchaf⸗ fen, daß ſie die Ohren zurücklegen, und es iſt die helle Unnatur, wenn man ſie dahin bringt, daß ſie ſie hängen laſſen wie ein Wachtelhund. Maſter Tom wird ſo geſcheid ſein, in Zukunft keine ſolche Thiere mehr zu kaufen. Drum grämt Euch nicht darüber, Miß. Wollt Ihr mit mir gehen und nach meinem Weib ſehen? Ich breche jetzt auf.“ Dieſe Einladung bot für Maggie's Gram eine Zerſtreuung, und ihre Thränen verſiegten allmählich, während ſie Lucas nach ſeiner netten kleinen Hütte — 51 begleitete, welche mit ihren Aepfel⸗ und Birnbäu⸗ men und der zugäblichen Würde eines anlehnenden Schweinſtalls in unmittelbarer Nähe des Ripple⸗ ufers ſtand. Mrs. Moggs, das Weib des Lucas, war entſchieden eine angenehme Bekanntſchaft. Sie entfaltete ihre Gaſtlichkeit in Darreichung eines Syrupbrods und beſaß unterſchiedliche Kunſtgegen⸗ ſtände. Maggie vergaß auch in der That, daß ſie am Morgen einen beſonderen Anlaß zur Trauer gehabt hatte, während ſie von einem Stuhl aus eine merkwürdige Reihenfolge von Bildern betrach⸗ tete, welche die Geſchichte des verlorenen Sohnes in dem Koſtüme des Sir Charles Grandiſon dar⸗ ſtellten, nur mit dem Unterſchied, daß der verſchwen⸗ deriſche Jüngling, wie ſich von ſeinem mangelhaften moraliſchen Charakter erwarten ließ, nicht den Ge⸗ ſchmack und die Geiſtesgröße dieſes vollkommenen Helden beſaß, ſich über den Gebrauch der Perüke hinwegzuſetzen. Gleichwohl laſtete das unſägliche Gewicht der todten Kaninchen noch immer auf ihrer Seele und bewog ſie zu einem mehr als gewöhn⸗ lichen Mitleid mit der Laufbahn des ſchwachen jun⸗ gen Mannes, namentlich wenn ſie das Bild betrach⸗ tete, auf welchem er mit völlig verkommenem Aeußern, aufgeknöpften Kniehoſen und ſchräg auf⸗ ſitzender Perüke an einem Baum lehnte, waͤhrend die Schweine, augenſcheinlich von irgend einer frem⸗ den Zucht, ihn durch die frohe Gier, mit welcher ſie über ihre Träbern herfielen, zu verhöhnen ſchienen. „Ich bin froh, daß ihn ſein Vater wieder ange⸗ nommen hat— Ihr nicht auch, Lucas? Denn Ihr 4 52 wißt ja, es that ihm ſehr leid, und er wollte nicht wieder Böſes thun.“. „Ci, Miß,“ verſetzte Lucas,„ich denke, er wird nicht viel anders geworden ſein, mochte auch ſein Vater für ihn thun, was er wollte.“ Dies war für Maggie ein peinlicher Gedanke, und ſie hätte wohl gewünſcht, daß die Bibel über die ſpätere Geſchichte des jungen Menſchen nicht mit Stillſchweigen hinweggegangen wäre. Fünftes Kapitel. Tom kömmt nach Haus. Tom ſollte früh am Vormittag eintreffen, und außer Maggie's klopfte noch ein anderes Herz, als es ſpät genug war, daß man das Raſſeln der Gig⸗ räder erwarten durfte; denn wenn man Mrs. Tulli⸗ ver irgend ein kräftiges Gefühl zutrauen durfte, ſo war es das der Liebe zu ihrem Sohn. Endlich ließ ſich der erſehnte Schall vernehmen, und trotz des Windes, der die Wolken umherjagte und voraus⸗ ſichtlich die Locken und Haubenbänder der Müllerin nicht ſchonte, kam die Mutter herausgeeilt; ja ſie legte ſogar ihre Hand auf Maggie's ſtörriſchen Kopf, und all der Jammer des vorigen Tages war ver⸗ geſſen. „Da iſt er, mein goldener Junge! Aber barm⸗ herziger Gott, er hat nicht einmal einen Kragen an. Ich ſteh dafür, er hat ihn unterwegs verloren, und das ganze Dutzend iſt verderbt.“ —— 53 Mrs. Tulliver ſtand mit offenen Armen da. Maggie hüpfte zuerſt auf dem einen, dann auf dem andern Bein, während Tom aus dem Gig ſtieg und mit männlicher Zurückhaltung aller zarteren Regun⸗ gen in die Worte ausbrach: „Hollah, Nap— wie, Du biſt auch da?“ Gleichwohl unterwarf er ſich willig genug dem Proceß des Geküßtwerdens, obſchon Maggie ſich in etwas droſſelnder Weiſe ihm an den Hals hing, ließ aber dabei ſein blaugraues Auge über den Garten, die Lämmer und nach dem Fluß hin ſchwei⸗ fen, wo er ſich ſchon am nächſten Morgen einen guten Fiſchfang verſprach. Er war einer von den Jungen, die in England überall aufſchießen und in einem Alter von zwölf oder dreizehn Jahren wie junge Gänſe ausſehen— ein Burſch mit hellbrau⸗ nem Haar, einem Geſicht wie Milch und Blut, vollen Lippen, unbeſtimmter Naſe und dergleichen Augbrau⸗ nen, kurz, eine Phyſiognomie, in der man unmöglich etwas Anderes, als den allgemeinen Charakter des Bubenthums zu unterſcheiden vermag, alſo möglichſt verſchieden von dem Aeußeren der armen Maggie, welcher die Natur mit der beſtimmteſten Abſicht Form und Farbe verliehen zu haben ſchien. Aber dieſelbe Natur beſitzt eine tiefe Schlauheit, welche ſich unter der Maske der Offenheit verbirgt, ſo daß einfache Leute ihr auf den Grund ſchauen zu können meinen, während ſie doch im Geheim eine Widerlegung ihrer zuverſichtlichſten Prophezeihungen vorbereitet. Unter dem Durchſchnitt knabenhafter Phyſiognomien, welche ſie dem Hundert nach in die Welt zu werfen ſcheint, verſteckt ſie gelegentlich ihre ſtarrſten und unbeug⸗ 54 ſamſten Plane in der Eigenſchaft der unlenkbarſten Charaktere, und das ſchwarzäugige, gegen Alles Widerſpruch erhebende Mädchen wird am Ende ein ganz paſſives Weſen dem weiß⸗ und rothen Stück⸗ lhen Männlichkeit mit den unbeſtimmten Zügen gegen⸗ über. „Maggie,“ ſagte Tom vertraulich, ſobald er nach der langen Fahrt im behaglichen Stübchen ein bis⸗ chen warm geworden und die Mutter hinausgegan⸗ gen war, um nach ſeinem Koffer zu ſehen.„Maggie,“ ſagte er, ſie an eine Ecke nehmend und geheimniß⸗ voll mit dem Kopf nickend,„Du weißt wohl nicht, was ich in meiner Taſche habe?“ „Nein,“ verſetzte Maggie.„Wie ſie hinausbau⸗ ſchen, Tom! Es ſind wohl Marbeln oder Zeller⸗ nüſſe?“ Maggie ſank dabei das Herz ein wenig, denn Tom pflegte zu ſagen, man könne mit lh keine ſolche Spiele treiben, weil ſie ſo ſchlecht piele: „Marbeln? nein; die hab' ich alle den kleinen Jungen geſchenkt, und Zellernüſſe, Du dummes Ding, machen keinen Spaß, wenn ſie nicht friſch ſind. Aber ſieh her!“ Er zog etwas halb aus ſeiner rechten Taſche. „Was iſt es?“ fragte Maggie mit einem Flüſtern. „Ich ſehe nichts als ein bischen Gelbes.“ „Ei, es iſt— eine— eine— rathe, Maggie.“ „Oh, ich kann's nicht errathen, Tom,“ entgeg⸗ nete Maggie ungeduldig⸗ „Thu nicht ſo ſpritzig, oder ich ſag' es Dir gar nicht,“ entgegnete Tom, indem er die Hand wieder r- 55⁵ 8 in die Taſche zurückſchob und eine ſehr entſchloſſene Miene annahm. „Nein, Tom,“ ſagte Maggie bittend, indem ſie den Arm packte, der ſteif in der Taſche ſtack.„Ich bin nicht böſe; es war nur, weil ich das Rathen nicht leiden kann. Oh, ſei gut gegen mich, Tom.“ Toms Arm erſchlaffte langſam, und er ſagte: „Wohlan denn, es iſt eine neue Fiſchleine— zwei neue— eine für Dich, Maggie, ganz allein für Dich. Ich machte nicht mit im Halbpartſpiel, um das Geld zu ſparen, und Gibſon und Spouncer haben ſich mit mir gebalgt, weil ich nicht mit ihnen thun wollte. Sieh her, da ſind die Angeln. Was meinſt Du, wollen wir nicht morgen nach dem run⸗ den Teich hinunter gehen und dort fiſchen? Du ſollſt ſelbſt Deinen Fiſch fangen und die Würmer anſtecken und Alles— iſt dieß nicht ein Spaß?“ Maggie's Antwort beſtand darin, daß ſie ihre Arme um Tom's Nacken ſchlang und, ohne zu ſprechen, ihre Wange an die ſeinige drückte. Er da⸗ gegen wickelte langſam einige Zoll von ſeiner Leine ab und ſagte nach einer Pauſe: „Bin ich nicht ein guter Bruder geweſen, daß ich eine Leine kaufte, die Du ganz allein benützen ſollſt? Du weißt, ich hätte ſie nicht kaufen müſſen, wenn ich nicht gewollt hätte.“ „Ja, ſehr— ſehr gut. Wie liebe ich Dich darum, Tom.“ Tom hatte die Leine wieder in die Taſche ge⸗ ſteckt und muſterte die Angeln nach der Reiche; dann ſagte er: 56 „Und die Kerls haben mich angegriffen, weil ich nicht mit ihnen Halbpart ſpielen wollte.“ „Ach Himmel, wenn es auf der Schule nur keine Balgereien gäbe, Tom. Haben ſie Dir weh' gethan?“ „Mir wehgethan? Nein,“ verſetzte Tom, indem er ſeine Angeln wieder einpackte. Dann zog er ein Draßes Schnappmeſſer heraus und öffnete langſam eſſen Hauptklinge, die er gedankenvoll betrachtete, während er mit ſeinen Fingern über ſie hinfuhr. „Den Spouncer hab⸗ ich mit einem blauen Aug abſchweben laſſen,“ fuhr er fort.„Dies hatte er da⸗ von, daß er mich über's Ohr hauen wollte. Ich mochte das Halbpartſpiel nie leiden, weil Jedermann mich betrog.“ „O, was Du für ein tapferer Junge biſt, Tom. Du kömmſt mir vor, wie Samſon. Wenn ein brül⸗ lender Löwe auf mich zukäme, ſo würdeſt Du wohl auch für mich kämpfen— nicht wahr, Tom?“ „Wie kann ein brüllender Löwe auf Dich zu⸗ kommen, du einfältiges Ding. Löwen gibt es nur in den Menaggerieen.“ „Nein; aber wenn wir im Löwenland wären— ich meine in Afrika, wo es ſo heiß iſt— dort freſ⸗ ſen Löwen die Menſchen. Ich kann Dir das Buch zeigen, in dem ich es geleſen habe.“ „Nun, ich nähme ein Gewehr und ſchöße ihn todt.“ „Aber wenn Du kein Gewehr hätteſt? Du weißt, wir könnten ausgegangen ſein, ohne an etwas zu denken— juſt wie wir zum Fiſchen gehen; und da könnte ein großer Löwe brüllend auf uns zuſtürzen, 57 ohne daß wir ihm auszuweichen im Stande wären. Was würdeſt Du thun, Tom?“ Tom beſann ſich eine Weile, wandte ſich aber dann verächtlich um und erwiderte: „Der Löwe kömmt nicht; wozu alſo dieſes Ge⸗ wätz?“ „Aber ich ſtelle mir gerne vor, es könnte ſo ſein,“ ſagte Maggie, ihm folgend.„Denk Dir ein⸗ mal, was Du thun würdeſt, Tom.“ „Laß mich im Frieden mit Deinen Dummheiten, Maggie. Ich will jetzt fort und nach meinen Ka⸗ ninchen ſehen.“ Maggie's Herz begann vor Angſt laut zu klo⸗ pfen. Sie wagte es nicht, auf einmal mit der Wahrheit herauszurücken, ſondern folgte Tom mit zitterndem Schweigen. Wie ſollte ſie ihm die Nach⸗ richt auf eine Weiſe beibringen, daß ſie ihn nicht allzu ſchmerzlich und aufregend traf? denn ſie fürch⸗ tete Toms Zorn über Alles. Es war ein ganz an⸗ derer Zorn, als der ihrige. „Tom,“ ſagte ſie ſchüchtern, ſobald ſie im Freien waren,„was haſt Du für Deine Kaninchen bezahlt?“ „Zwei halbe Kronen und ein Sechspenceſtück,“ lautete Toms Antwort. „Ich glaube, ich habe weit mehr Geld als dies in meinem Stahlbeutelchen droben. Die Mutter wird mir erlauben, es Dir zu geben.“ „Weßhalb?“ fragte Tom.„Ich brauche Dein Geld nicht, du einfältiges Ding. Ich habe weit mehr Geld, als Du, weil ich ein Knabe bin. Mir, als einem künftigen Mann, ſteckt man um Weih⸗ nachten immer halbe und ganze Souveräns zu, 58 während man Dich, die Du nur ein Mädchen biſt, mit Fünſſchillingsſtücken abſpeist.“ „Aber Tom, wenn mir die Mutter erlaubt, zwei halbe Kronen und ein Sechspenceſtück aus meinem Beutel zu nehmen und in den Deinigen zu thun, ſo könnteſt Du ja mehr Kaninchen kaufen.“ „Mehr Kaninchen? Ich brauche keine weitern.“ „Ach, Tom, es ſind ja alle todt.“ Tom hielt plötzlich inne und wandte ſich raſch gegen Maggie um. „So haſt Du vergeſſen, ſie zu füttern, und Harry hat es auch verabſäumt,“ ſagte er, und ein hohes Roth, das aber bald wieder verſchwand, überflog ſein Geſicht.„Harry ſoll mir's büßen— er muß fortgejagt werden. Und Dich kann ich auch nicht mehr leiden, Maggie. Du darfſt morgen nicht mit mir zum Fiſchen. Ich ſagte Dir, Du ſolleſt jeden Tag nach den Kaninchen ſehen.“ Und er ging weiter. „Ja, aber ich vergaß es— und kann wahrhaf⸗ tig nicht dafür, Tom. Es thut mir ſehr leid,“ fügte Maggie bei, und ein Strom von Thränen floß über ihre Wangen nieder. „Du biſt ein nichtsnutziges Mädchen,“ entgegnete Tom mit Strenge,„und es reut mich, daß ich für Dich die Fiſchleine gekauft habe. Ich mag Dich gar nicht mehr.“ „O Tom, das iſt ſehr grauſam von Dir,“ ſchluchzte Maggie.„Ich würde Dir gewiß vergeben, wenn Du etwas vergäßeſt— ich würde mir gar nichts daraus machen, was Du thäteſt, ſondern Alles ver⸗ zeihen und Dich lieben.“ —.— 59 „Ja, weil Du ein einfältiges Ding biſt. Aber ich vergeſſe nie etwas— ich gewiß nicht.“ „Tom, ich bitte, verzeih' mir: ſonſt bricht mir das Herz,“ ſagte Maggie mit krampfhaftem Schluch⸗ zen, während ſie Toms Arm feſthielt und ihre naſſe Wange an ſeine Schultern ſchmiegte. Tom ſchüttelte ſie ab, blieb wieder ſtehen und ſprach in entſchiedenem Tone: „Wohlan, ſo höre, Maggie. Bin ich nicht ein guter Bruder gegen Dich?“ „J— i— ja,“ ſchluchzte Maggie und ihr Kinn klappte convulſiviſch ab und zu. „Hab' ich nicht immer an eine Fiſchleine für Dich gedacht, und kaufte ich ſie nicht mit dem Geld, das ich ausdrücklich deßhalb vom Halbpartſpiel erſparte, und hat nicht Spouncer ſich mit mir gebalgt, weil ich nicht mit ihm halten wollte 29 „I=ija... und ich... lie— ie— iebe Dich ſo, Tom.“ „Aber Du biſt ein garſtiges Mädchen. In der letzten Vacanz leckteſt Du mir die Farbe weg von meinem Huſtenzuckerſchächtelchen, und in der vorletzten ließeſt Du mir das Boot meine Fiſchleine fortneh⸗ men, obſchon ich Dir aufgetragen hatte, Acht zu geben, und außerdem ſtießeſt Du für nichts und wieder nichts mit deinem Kopf in meinen Drachen.“ „Aber ich hab's ja nicht mit Abſicht gethan,“ verſetzte Maggie.„Ich konnte ja nicht dafür.“ „Ja, Du konnteſt,“ ſagte Tom,„wenn Du Acht gegeben hätteſt auf das, was Du thuſt. Du biſt ein nichtsnutziges Ding, und Du ſollſt morgen nicht mit mir zum Fiſchen gehen.“ 60 Mit dieſem ſchrecklichen Schluß riß ſich Tom von Maggie los und eilte der Mühle zu, wo er Lucas begrüßen und bei ihm über Harry Klage führen wollte. Maggie ſtand, ihr Schluchzen abgerechnet, einige Minuten bewegungslos da; dann wandte ſie ſich gegen das Haus und eilte nach ihrer Dachkammer hinauf, wo ſie im Gefühl des tiefſten Elends ſich auf den Boden niederſetzte und ihren Kopf gegen den wurmſtichigen Fenſterſims lehnte. Tom war nach Haus gekommen; ſie hatte gehofft, ſo glückliche Tage mit ihm zu verleben; und nun benahm er ſich ſo grauſam gegen ſie. Welchen Werth hatte die ganze Welt für ſie, wenn Tom ſie nicht liebte? O, er war ſehr grauſam! Hatte ſie ihm nicht das Geld geben wollen und ihm geſagt, wie leid es ihr thue? Sie wußte, daß ſie unartig gegen ihre Mutter war; aber gegen Tom war ſie es nie geweſen— we⸗ nigſtens nie ſein wollen. „O er iſt grauſam!“ ſchluchzte Maggie laut und fand ein ſchmerzliches Vergnügen in dem hohlen Mit⸗ klang, welcher den langen leeren Raum der Kammer durchtönte. Es fiel ihr nicht ein, den Fetiſch zu klopfen; denn ſie fühlte ſich viel zu elend, um zornig zu ſein. O bitterer Schmerz der Kindheit, wenn das Leid noch neu und fremd iſt, die Schwingen der Hoffnung noch nicht über Tage und Wochen hinwegtragen können und der Raum von Sommer zu Sommer unermeßlich ſcheint. Maggie meinte bald, ſie ſei ſchon Stunden in der Kammer geweſen; es mußte Zeit zum Thee⸗ 61 trinken ſein; Alles ſei um den Tiſch verſammelt und Niemand gedenke ihrer. Gut: ſo wollte ſie oben bleiben und ſich aushungern— ſich hinter dem Faß verſtecken und die ganze Nacht dableiben; dann würden wohl Alle in Sorgen gerathen und Tom werde es leid ſein. So dachte Maggie im Stolz ihres Herzens, während ſie hinter das Faß kroch, fing aber gleich wieder bei dem Gedanken zu weinen an, daß Niemand ſich um ihr Hierſein kümmere. Wenn ſie jetzt wieder zu Tom hinabging— viel⸗ leicht verzieh er ihr— vielleicht war der Vater da und nahm ſich ihrer an. Dann aber wollte ſie, daß Tom ihr aus Liebe vergebe, nicht auf das Ge⸗ heiß des Vaters. Nein, ſie wollte nie mehr hinunter⸗ gehen, wenn Tom nicht heraufkam, um ſie zu holen. Dieſer Entſchluß hielt mit großer Entſchiedenheit fünf dunkle Minuten hinter dem Faß an; dann aber begann das Verlangen nach Liebe, das dringlichſte Bedürfniß in dem Leben der armen Maggie, mit dem Stolz in Kampf zu treten, um bald den Sieg davon zu tragen. Sie kroch wieder hinter ihrem Faß in das Dämmerlicht der langen Kammer her⸗ vor, und in demſelben Moment vernahm ſie einen raſchen Fußtritt auf der Treppe. Tom hatte ſich mit Lucas beſprechen, auf dem Gütchen umherlaufen, überall ein⸗ und ausgehen und Stöcke ſchnitzeln müſſen, ſo daß er keine Zeit hatte, an Maggie und die Wirkung zu denken, die ſein Zorn bei ihr hervorgebracht hatte. Sie war ſeiner Anſicht nach ſtrafbar, und nachdem er ſie dem⸗ gemäß behandelt, beſchäftigte er ſich als praktiſche Perſon mit andern Dingen. Als er eben zum Thee 62 gerufen wurde, fragte ſein Vater nach dem kleinen Mädel, während Mrs. Tulliver faſt im gleichen Au⸗ genblick ſagte:„Wo iſt Deine Schweſter?“ denn Beide waren der Meinung geweſen, Tom habe ſich den ganzen Nachmittag mit Maggie herumgetrieben. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Tom. Er wollte Maggie's Vergehen nicht verrathen, obſchon er ihr zürnte; denn Tom Tulliver war ein Burſch von Chre. „Wie, habt ihr nicht den ganzen Tag miteinan⸗ der geſpielt?“ ſagte der Vater.„Hat ſie doch in der letzten Zeit von nichts anderm geſprochen, als von Deinem Nachhauſekommen.“ „Ich habe ſie ſchon ſeit Stunden nicht mehr geſehen,“ entgegnete Tom, den Pflaumenkuchen in Angriff nehmend. „O barmherziger Himmel, ſie iſt ertrunken,“ rief Mrs. Tulliver, die von ihrem Sitz nach dem Fenſter eilte.„Wie habt ihr dies auch zugeben können?“ fügte ſie nach Art der furchtſamen Frauen bei, welche Klage erheben, ohne zu wiſſen, gegen wen oder we⸗ gen welchen Grundes. „Nein, nein, ſie iſt nicht ertrunken,“ ſagte Mr. Tulliver.„Aber Du wirſt garſtig gegen ſie geweſen ſein, Tom.“ „Ich, Vater? nein, gewiß nicht,“ verſetzte Tom entrüſtet.„Ich denke, ſie iſt im Hauſe.“ „Vielleicht in der Kammer droben,“ ſagte Mrs. Tulliver,„und ſingt und ſchwatzt mit ſich ſelber und vergißt darüber Eſſen und Trinken.“ „Geh' und hole ſie herunter,“ befahl der Vater etwas ſtreng, denn ſein Verſtand oder ſeine Liebe — 1 63 für das Mädchen ließ ihn alsbald ahnen, der Burſch müſſe hart gegen die„Kleine“ geweſen ſein, da ſie ihm ſonſt wohl nicht von der Seite gewichen wäre. „Und ſei gut gegen ſie, hörſt Du? ſonſt ſprech' ich noch ein anderes Wörtchen mit Dir.“ Tom hatte nie ſeinem Vater den Gehorſam ver⸗ weigert, denn Mr. Tulliver war ein entſchiedener Mann, der ſeinen Worten Nachdruck zu geben wußte; doch entſprach er dem Befehl nur mit verdrießlicher Miene und nahm dabei ſeinen Pflaumenkuchen mit; denn ſeiner Schweſter ſollte die wohlverdiente Strafe nicht geſchenkt ſein. Tom war erſt dreizehn und hatte noch keine beſonders klare Begriffe von Grammatik und Arithmetik, die er meiſt als offene Fragen be⸗ handelte; aber in einem Punkt waren ſeine Anſichten ſehr entſchieden— daß nämlich Jedermann, der es verdiente, geſtraft werden müſſe. In einem ſolchen Falle hatte er auch gegen die ſelbſteigene Züchtigung nichts einzuwenden; aber freilich, er verdiente es nie. Maggie hatte alſo Toms Tritt auf der Treppe gehört, als ihr Liebesbedürfniß über ihren Stolz den Sieg davon getragen und ſie eben mit geſchwollenen Augen und zerzaustem Haar hinuntergehen wollte, um ihn abermals um Verzeihung zu bitten. We⸗ nigſtens ſtreichelte dann doch der Vater ihr den Kopf und ſagte:„Laß Dich’s nicht anfechten, mein Mädel.“ Dieſes Liebebedürfniß, dieſer Hunger des Herzens iſt ein wunderbares Zähmungsmittel— eben ſo ge⸗ bieteriſch, wie jener andere Hunger, durch welchen die Natur den Menſchen nöthigt, das Joch auf ſich zu nehmen und der Welt eine andere Geſtalt zu geben. Aber ſie kannte Toms Tritt, und ihr Herz be⸗ 64 gann unter dem plötzlichen Einfluß der Hoffnung un⸗ geſtüm zu pochen. Er blieb jedoch nur auf der oberſten Stufe ſtehen und ſagte:„Maggie, Du ſollſt herunter kommen.“ Sie dagegen eilte auf ihn zu, umſchlang ihn ſchluchzend und rief: „O Tom, ich bitte, verzeihe mir— ich kann dies nicht ertragen— ich will immer gut ſein— nichts mehr vergeſſen— hab' mich nur wieder gern— o . thu' es, lieber Tom.“ Wir lernen mit den Jahren uns bezähmen, hal⸗ ten an uns, wenn wir Streit gehabt haben, drücken uns in gebildeten Phraſen aus und gewinnen auf dieſe Weiſe einen würdevollen Abſtand, indem wir auf der einen Seite viel Feſtigkeit zeigen und auf der andern viel Aerger hinunterſchlucken. Unſer Be⸗ nehmen nähert ſich nicht mehr dem bloſen innern Trieb der unvernünftigen Thierwelt, ſondern wir be⸗ nehmen uns in jeder Beziehung wie Mitglieder einer hochciviliſirten Geſellſchaft. Maggie und Tom hatten noch eine ſehr große Aehnlichkeit mit jungen Thieren, und ſo konnte ſie ungeachtet ihres Schluchzens ihre Wange an die ſeinige drücken und auf Gerathewohl ſein Ohr küſſen. Auch in dem Knaben waren zarte Saiten, die auf Maggie' Liebkoſungen anzuſprechen pflegten, ſo daß er ſich mit einer Schwäche benahm, die ganz und gar nicht im Einklang ſtand mit ſeinem Entſchluß, ſie zu ſtrafen, wie ſie es verdiente. Er begann wirk⸗ lich ihre Küſſe zu erwidern und ſagte: „Hör' jetzt auf mit Deinem Weinen, Maggie. Da nimm einen Biß von meinem Kuchen.“ Maggie hörte auf zu ſchluchzen und ſchob ihren Mund vor, um ein Stückchen aus dem Kuchen —,—Q—Q—Q—O—ꝛOQKQK—˖˖.— —— 65 herauszubeißen; dann that Geſellſchafts halber Tom auch einen Biß, und ſo aßen ſie und rieben während des Eſſens wechſelſeitig ihre Wangen, Stirnen und Naſen aneinander in demüthigender Aehnlichkeit mit einem Paar freundſchaftlicher Fohlen. „Komm jetzt mit zum Thee,“ ſagte Tom endlich, als der Kuchen oben verſorgt und Ausſicht auf mehr nur unten zu erholen war. So endete der Schmerz dieſes Tages, und am andern Morgen trabte Maggie mit einer eigenen Fiſchruthe in der einen und dem einen Handgriff des Korbs in der andern Hand dem Teich zu. Sie zeigte dabei ein ganz beſonderes Geſchick, die allerſchmutzig⸗ ſten Lachen auszutreten, und ihr dunkles Geſicht ſtrahlte vor Luſt unter dem Biberhütchen, weil Tom ſo gut gegen ſie war. Sie hatte jedoch zu Tom geſagt, es wäre ihr lieb, wenn er die Würmer an ihre Angel ſtecke, obſchon ſie ſeiner Verſicherung, daß Würmer nichts fühlten— dies war nämlich ſeine Privatanſicht, und es lag auch nichts daran, wenn das Gegentheil der Fall war— vollen Glauben ſchenkte. Er wußte Alles von Würmern und Fiſchen und dergleichen, und welche Vögel bösartig ſeien, und wie man Maderſchlöſſer aufmachte, und wie man die Klinken der Thore anfaſſen mußte. Maggie hielt dieſe Art von Wiſſen eigentlich für wunderbar und für viel ſchwerer, als das Behalten deſſen, was man in Büchern geleſen hatte. Auch erkannte ſie in Tom ehrfurchtsvoll eine ihr weit überlegene Per⸗ ſönlichkeit; denn er war der einzige Menſch, der ihr Wiſſen„dummes Zeug“ nannte und ihre Geſcheidheit nicht bewunderte. Tom war ſogar der Meinung, Eliot, Die Mühle am Floß. 5 66 Maggie ſei ein einfältiges kleines Ding; alle Mäd⸗ chen ſeien einfältig— ſie können mit einem Stein⸗ wurf nie etwas treffen, wiſſen nichts mit einem Ta⸗ ſchenmeſſer anzufangen, und fürchten ſich vor Frö⸗ ſchen. Gleichwohl liebte er ſeine Schweſter ſehr und wollte für ſie ſorgen, ſie zu ſeiner Haushälterin ma⸗ chen und ſie ſtrafen, wenn ſie etwas Unrechtes that. Sie waren auf dem Weg nach dem runden Teich, einem wundervollen Teich, den die Fluth vor langen langen Jahren zurückgelaſſen hatte. Niemand wußte, wie tief er war, und ſeine faſt vollkommene Kreis⸗ form mit dem Saum von Weiden und Rohr am Ufer, ſo daß man das Waſſer nur ſehen konnte, wenn man ganz nahe ſtand, verlieh ihm einen ge⸗ heimnißvollen Charakter. Der Anblick des alten Lieblingsplatzes erhöhte ſtets Toms gute Laune, und er ſprach mit Maggie im allerfreundlichſten Flüſtern, als er den koſtbaren Korb aufmachte und das Fiſch⸗ geräth zurichtete. Er warf die Leine für ſie aus und gab ihr die Ruthe in hie Hand. Maggie hielt es für wahrſcheinlich, daß die kleinen Fiſche bei ihr und die großen bei Tom anbeißen würden. Aber ſie hatte der Fiſche ganz und gar vergeſſen und ſchaute träumeriſch in das klare Waſſer, als Tom ihr zuflüſterte:„Gib Acht, gib Acht, Maggie!“ und herzugeeilt kam, um zu hindern, daß die Leine ihr nicht entriſſen wurde. Maggie hatte Angſt, ſie möge wieder etwas Un⸗ rechtes gethan haben:; aber Tom zog jezt hurtig an ihrer Leine, und unmittelbar darauf lag eine große Schleie zappelnd im Gras. Tom war aufgeregt. 67 „Oh Magſie, du herziges Entchen! Leere den Korb.“ Maggie war ſich keines beſonderen Verdienſtes bewußt; aber es genügte ihr, daß Tom ſie Magſie nannte und mit ihr zufrieden war. Ihr Vergnügen fand keinen ſtörenden Anlaß in dem Geflüſter und der träumeriſchen Stille, wenn ſie auf die leichten klatſchenden Laute der auſſpringenden Fiſche und auf das ſanfte Rauſchen hörte, als wollten Weiden, Schilf und Waſſer gleichfalls eine trauliche, flüſternde Unterhaltung pflegen. Maggie dachte ſich's als einen kleinen Himmel, wenn ſie ſo an dem Weiher ſitzen durfte, ohne geſchmält zu werden. Allerdings wußte ſie nie, wenn ein Fiſch an ihre Angel kam, bis Tom es ihr ſagte; aber gleichwohl gefiel ihr das Fiſchen ungemein. Es war für die Kinder einer ihrer glücklichen Morgen. Sie gingen am Ufer hin und her und ſetzten ſich wieder nieder, ohne ſich einen Gedanken darüber zu machen, daß ſich für ſie das Leben je viel ändern könne. Sie wollten nur größer werden und nicht mehr in die Schule gehen; dann gab es lauter Vacanz, und ſie wollten immer um einander ſein und ſich lieb haben... Und die Mühle mit ihrem Geklapper— der Kaſtanienbaum, unter wel⸗ chem ſie Haushaltung ſpielten— ihr Flüßchen, der Ripple, an deſſen Ufern ſie ſo heimiſch waren und wo Tom immer die Waſſerratten ſah, während Maggie die purpurnen Blütenriſpen der Binſen ſammelte, um ſie hintendrein zu vergeſſen und zu verlieren— vor Allem der große Floß, an dem ſie mit dem Gefühl einer Reiſe hunanderten⸗ um 68 die rauſchende Springfluth, die gleich einem hung⸗ rigen Ungeheuer angeſchwellt kam, oder den Großaſh zu ſehen, von dem man ſich erzählte, er winsle und ſtöhne bisweilen wie ein Menſch— dieſe Dinge mußten für ſie wohl immer die gleichen bleiben. Tom bedauerte die Leute, die an einem andern Fleck des Erdballs leben mußten, und wenn Maggie beim Leſen von Chriſtiania zu dem Fluß kam, über den keine Brücke führt, ſo glaubte ſie den Floß zwiſchen den ſchönen Wieſengründen an dem Großaſh vor ſich zu haben. Das Leben änderte ſich wohl für die Geſchwiſter; aber doch hatten ſie nicht Unrecht in ihrem Glauben, daß die Gedanken und die wechſelſeitigen Gefühle dieſer erſten Jahre ſtets innig mit ihrem Leben ver⸗ woben ſein würden. Wir könnten die Erde kaum ſo lieben, wenn ſie uns nicht an unſere Kindheit erin⸗ nerte— wenn ſie nicht die Erde wäre, welche mit jedem Lenz dieſelben Blumen hervortreibt, die wir mit winzigen Fingern pflückten, während wir in uns ſelbſt vergnügt im Gras ſaßen— welche dieſelben Hagenbutten und Mehlbeere im Herbſt reifen läßt, und dieſelben Rothbrüſtchen wieder bringt, die wir „Gottesvögelchen“ zu nennen pflegten, weil ſie der Ernte keinen Schaden thun. Welches Neue vermag die ſüße Eintönigkeit aufzuwiegen, wo Alles bekannt und eben darum lieb iſt? Der Wald, an dem ich an dieſem ſtillen Maitag mich ergehe, mit dem jungen gelbbraunen Eichenlaub zwiſchen mir und dem blauen Himmel und den Anemonen, dem blauäugigen Ehrenpreis und dem Erdepheu zu meinen Füßen— welcher tropiſche —xV 69 Palmenhain, welche ausländiſche Farnen oder präch⸗ tige Magnolien könnten je die zarteſten Saiten mei⸗ ner Seele ſo tief erregen, wie die heimathliche Land⸗ ſchaft? Die vertrauten Blumen, die wohlbekannten Vogelweiſen, der Himmel mit ſeiner Wetterwendigkeit, die furchigen Aecker und grünen Wieſen, die durch launenhafte Heckenreihen je eine Art von Perſönlich⸗ keit gewinnen— ſolche Dinge ſind die Mutterſprache unſerer Phantaſie, eine Sprache voll der feinen, un⸗ entwirrbaren Ideenverknüpfungen, welche die flüch⸗ tigen Stunden unſerer Kindheit zurückgelaſſen haben. Das Vergnügen, welches uns heute die ſchwanken grünen Halmen des ſonnigen Feldes bereiten, wäre vielleicht nur die matte Wahrnehmung eines müden Geiſtes, wenn nicht der Sonnenſchein und die Halmen lang entſchwundener Jahre in uns fortlebten und in unſer Beſchauen den Charakter der Liebe legten. Sechstes Kagitel. Die Tanten und Onkel kommen. Es war die Oſterwoche und Mrs. Tullivers Backwerk ausgezeichnet gerathen,„ſo leicht, daß man es wie eine Feder wegblaſen konnte,“ ſagte Kezia, die Hausmagd, in ihrem Stolz auf eine Gebieterin, die ſolches Backwerk fertigen konnte. Zeit und Umſtände hätten ſich alſo für eine Familienpartie nicht günſtiger geſtal⸗ ten können, ſelbſt wenn es auch als nicht räthlich erſchienen wäre, Schweſter Glegg und Schweſter Pullet wegen Toms Unterbringen in einer Schule um Rath zu befragen. 70 „Ich könnte diesmal eben ſo gut auch Schweſter Deane einladen,“ ſagte Mrs. Tulliver,„denn ſie iſt ſo ehr⸗ und eiferſüchtig, als man nur ſein kann, und verſucht immer, meine armen Kinder bei ihren Tan⸗ ten und Onkeln herabzuſetzen.“ „Ja, ja,“ ſagte Mr. Tulliver,„heiß ſie nur kommen. ˙s iſt ja gar ſelten, daß man jetzt mit Deane ein Wörtchen ſprechen kann; wir haben ſie ſeit einem halben Jahre nicht im Haus gehabt. Und was liegt daran, was die Schwägerin ſagt; meine Kinder brauchen Niemands Gunſt.“ „So ſagſt Du immer, Tulliper; aber in Deiner ganzen Familie iſt keine Seele, weder Tante noch Onkel, welche die armen Waiſen auch nur mit einem Legätchen von fünf Pfunden bedenken könnte. Und da iſt Schweſter Glegg, und auch Schweſter Pullet — die wiſſen ſelbſt nicht, wie viel ſie Geld haben; denn ſie ſtecken alle ihre Zinſen auf und haben das Buttergeld obendrein, da ihre Männer ihnen Alles anſchaffen.“ Mrs. Tulliver war eine ſanfte Frau; aber ſelbſt ein Schaf wehrt ſich ein wenig, wenn es Lämmer hat. „Pah!“ ſagte Mr. Tulliver.„Es iſt ein großer Laib nöthig, wenn viele zum Frühſtück kommen. Was bedeutet das bischen Geld Deiner Schweſtern, wenn ein halbes Dutzend Neffen und Nichten ſich darein theilen ſollen? Und Deine Schweſter Deane wird's, ſchätz' ich, doch nicht dahin bringen, daß ſie Alles einem Einzigen vermachen und der ganzen Gegend Anlaß geben wird, Pfui über ſie zu rufen, wenn ſie todt iſt.“ „Ich weiß nicht, in wie weit es ihr gelingen 71 wird,“ ſagte Mrs. Tulliver,„denn meine Kinder benehmen ſich gar nicht ordentlich gegen ihre Tanten und Onkel. Wenn ſie kommen, iſt Maggie zehnmal unartiger als an andern Tagen, und Tom mag ſie auch nicht, obſchon ich dies an einem Knaben viel natürlicher finde als an einem Mädchen. Und dann iſt Lucy Deane ein ſo gutes Kind; man kann ſie auf einen Stuhl ſetzen, und ſie bleibt eine Stunde ruhig, ohne herunter zu wollen. Ich kann mir nicht helfen— ich muß das Kind lieben, als ob es mein eigenes wäre; und in der That, ſie iſt mehr wie mein Kind, als wie Schweſter Deane's Kind, denn Schweſter Deane hat eigentlich gar nie die Familien⸗ farbe gehabt.“ „Je nun, wenn Du ſo auf das Kind verſeſſen biſt, ſo bitte die Eltern, es mitzubringen. Willſt Du nicht auch noch Tante und Onkel Moß und einige von ihren Kindern einladen?“ „Ach Gott, Tulliver, dann hätten wir ja acht Perſonen außer den Kindern; ich müßte zwei Blatt weiter in den Tiſch einlegen und noch mehr von dem Service heruntergeben. Auch weißt Du ſo gut wie ich, daß meine Schweſtern und Deine Schwe⸗ ſtern nicht gut zuſammenpaſſen.“ „Meinetwegen; thu was Du willſt, Beſſy,“ ſagte Mr. Tulliver, indem er nach ſeinem Hut griff, um in die Mühle zu gehen. Wenige Weiber zeigten ſich, ſo fern nicht Fami⸗ lienbeziehungen in Frage kamen, ſchmiegſamer, als Mrs. Tulliver; aber ſie war eine Miß Dodſon geweſen, gehörte alſo nach dem Urtheil der Orts⸗ gemeinde ſowohl, als der Nachbarn einer ſehr acht⸗ 72 baren Familie an. Die Miß Dodſons hatten immer im Ruf geſtanden, daß ſie den Kopf recht hoch trügen, und Niemand wunderte ſich, daß die beiden älteſten ſo gute Partieen getroffen— allerdings nicht in einem allzu frühen Alter, da die Frühheirathen in der Dodſonfamilie nicht üblich waren. Die Dodſon⸗ familie hatte in Allem, was ſie that, eine beſondere Art, zum Beiſpiel im Leinwandbleichen, im Anfer⸗ tigen von Schlüſſelblumenwein, im Einſalzen von Schinken und im Aufbewahren gepfropften Stachel⸗ beerweins, ſo daß keine Tochter dieſes Hauſes ſich gleichgiltig gegen das Vorrecht verhalten konnte, als eine Dodſon und nicht als eine Gibſon oder Wat⸗ ſon geboren worden zu ſein. Leichenbegängniſſe wurden in der Dodſonfamilie ſtets mit beſonderem Anſtand abgehalten. Die Hutbänder durften nie einen blauen Schatten haben; die Handſchuhe waren nicht am Daumen aufgeſchlitzt; zur Klage wurde ſtets Jeder geladen der hergehörte, und es fehlte nie an Schärpen für die Träger. Wenn ein Fami⸗ lienglied in Noth kam oder krank wurde, ſo beſuch⸗ ten es alle übrigen gewöhnlich zu derſelben Zeit und nahmen keinen Anſtand, dem Unglücklichen alle un⸗ angenehmen Wahrheiten, welche ein richtiges Fami⸗ liengefühl eingab, in's Geſicht zu ſagen; denn es gehörte nicht zur Art der Dodſonfamilie, an ſich zu halten, wenn die Krankheit oder der Nothſtand des Heimgeſuchten eine Frucht eigener Verſchuldung war. Kurz, es beſtand in dieſer Familie, ſo weit ſolide Haushaltungsführung und das Verhalten in der Geſellſchaft in Frage kam, eine Art langhergebrachter Tradition, welcher übrigens der leidige Uebelſtand — —;—˖— —— 73 anhaftete, daß ſie in ihrem Ueberlegenheitsgefühl weder die Brühen noch das Verhalten der Familien billigen mochte, welche ſich nicht durch den Einfluß der Dodſoner Ueberlieferungen leiten ließen. In„frem⸗ den Häuſern“ aß eine weibliche Dodſon immer trocken Brod zum Thee und dankte für alle Arten von Zugaben, da ſie der Butter nicht traute und im Eingemachten eine Gährung wegen Mangel an hin⸗ reichendem Zucker und gehörigem Einkochen argwöhnte. Es gab allerdings Dodſons, die weniger in die Familie einſchlugen, als die anderen; aber ſo weit ſie zur Verwandtſchaft gehörten, waren ſie doch nothwendig beſſer, als Alles, was nicht in die Verwandtſchaft fiel. Und es iſt merkwürdig, daß, wenn auch kein individuelles Familienglied mit dem anderen recht zufrieden war, doch jedes mächtige Stücke auf die Geſammtheit hielt. Der ſchwächſte Sproſſe einer Familie, der vielleicht dem Charakter am wenigſten Geltung zu verſchaffen weiß, iſt oft der reinſte Inbegriff der Familiengewohnheiten und Traditionen. So kam es denn auch, daß Mrs. Tulliver eine eingefleiſchte Dodſon war, obſchon nur eine zahme, wie denn auch das Dünnbier, ſo lange es überhaupt noch Bier iſt, ſich nur als ein ſehr ſchwaches Ale definiren läßt; und obgleich ſie in ihrer Jugend unter dem Joch ihrer älteren Schwe⸗ ſtern geſeufzt hatte und noch immer gelegentlich Thränen über die ſchweſterlichen Vorſtellungen ver⸗ goß, ſo lag es doch nicht in ihrem Charakter, in den Familienideen eine Neuerung einzuführen. Sie dankte Gott, daß ſie eine Dodſon geweſen und daß ſie noch Ein Kind hatte, welches ihrer eigenen Fa⸗ 74 milie nachſchlug, wenigſtens ſo weit der Geſichtsſchnitt und der Teint, die Vorliebe für Salz und das Eſſen von Bohnen in Frage kam; denn für leztere hatte ein Tulliver nie eine Liebhaberei gehabt. In andern Beziehungen lag der ächte Dodſon in Tom noch theilweiſe verborgen; denn er wußte die Verwandtſchaft von mütterlicher Seite ebenſo wenig in ihrem wahren Werth zu würdigen, als Maggie. Er pflegte nämlich, wenn er in guter Zeit von der Ankunft der Tanten und Onkel Kunde er⸗ hielt, für denſelben Tag mit einem großen Vorrath der am leichteſten transportirbaren Lebensmittel unſichtbar zu werden, und Tante Glegg folgerte daraus die ſchlimmſten Ausſichten für ſeine Zukunft. Maggie empfand es freilich ſchmerzlich, daß Tom ſich ſtets aus dem Staube machte, ohne ſie in ſein Geheimniß einzuweihen; aber das ſchwächere Ge⸗ ſchlecht gilt allgemein als ein ſchlimmes Hinderniß des Verborgenſeins. Am Mittwoch, dem Vorabend des Tags, an welchem die Tanten und Onkel erwartet wurden, gab es im Haus ſo verſchiedene und einladende Ge⸗ rüche, zum Beiſpiel von Pflaumenkuchen im Back⸗ ofen und von kochenden Dickſäften, verbunden mit dem würzigen Duft der Fleiſchbrühe, daß es unmög⸗ lich war, einem reinen Gefühl von Verdruß Raum zu geben; die Luft ging mit Hoffnung ſchwanger. Tom und Maggie machten unterſchiedliche Einbrüche in die Küche und ließen ſich wie andere Freibeuter nur auf ſo lange fern halten, als Zeit erforderlich war, um eine gehörige Ladung in Sicherheit zu bringen. — e —,— — e „Tom,“ ſagte Maggie, als ſie unter den Zweigen des Fliederbaums ſaßen und da ihre gefüllten Kräpf⸗ lein verſorgten,„wirſt Du morgen Reißaus nehmen?“ „Nein,“ verſetzte Tom, nachdem er mit ſeinem Krapfen fertig geworden war, einen ſehnſüchtigen Blick nach dem dritten werfend, der zwiſchen ihnen getheilt werden ſollte.„Nein.“ „Warum nicht, Tom? Weil Lucy kömmt?“ „Nein,“ verſetzte Tom, indem er ſein Taſchen⸗ meſſer öffnete und es mit bedenklich ſeitwärts ge⸗ neigtem Kopf über den Krapfen hinhielt(es war nämlich ſchwierig, das ſehr unregelmäßige Vieleck in zwei gleiche Stücke zu theilen).„Was kümmere ich mich um Lucy? ſie iſt nur ein Mädchen und verſteht ſich nicht auf's Ball ſchlagen.“ „So iſt's wohl wegen der Punſchtorte?“ ſagte Maggie, ihr Rathvermögen anſtrengend, während ſie zugleich, die Augen auf das ſchwebende Meſſer ge⸗ heſtet, ſich gegen Tom vorbeugte. „Nein, Du dummes Ding; ſie wird am andern Tag auch noch gut ſein. Äber es iſt wegen des Puddings. Ich weiß wie der Pudding ſein muß— durchgetriebene Apricots. O ja!“ Er hatte mit dieſem Ausruf das Meſſer nieder⸗ fallen laſſen und den Krapfen getheilt; doch war das Reſultat für Tom nicht befriedigend, denn er fuhr fort, die beiden Hälften zweifelnd zu betrachten. Endlich ſagte er: „Mach' Deine Augen zu, Maggie.“ „Warum?“ „ Das brauchſt Du nicht zu fragen. Thu', wie ich Dir ſage.“ 76 Maggie gehorchte. „Nun, welches Stück willſt Du, Maggie— Ruck oder Schneid?“. „Ich will das, aus welchem das Eingemachte herausgelaufen iſt,“ verſetzte Maggie, Tom zu lieb die Augen noch immer geſchloſſen haltend. „Nein, das magſt Du nicht, Du dummes Ding; aber Du wirſt es kriegen, wenn es Dir rechtmäßig zufällt, ſonſt nicht. Ruck oder Schneid— wähle jetzt. Ha!“ rief Tom aufgebracht, als er bemerkte, daß Maggie blinzelte;„Du mußt die Augen zulaſſen, oder Du kriegſt gar nichts.“ So weit erſtreckte ſich nun Maggie's Opferwillig⸗ keit nicht, denn ich fürchte, es war ihr nicht ſo faſt darum, daß Tom die größere Portion des Krapfen erhielt, ſondern vielmehr darum zu thun, daß ſie ihm durch Ueberlaſſung derſelben eine Freude machen konnte. Sie drückte daher die Augen feſt zu, bis Tom wieder ſeine Frage ſtellte und ſagte dann: „Schneid.“ „Du haſt es,“ ſagte Tom in etwas bitterm Ton. „Was, das Stückchen mit dem ausgelaufenen Eingemachten?“ „Nein; da, nimm es,“ entgegnete Tom mit Fe⸗ ſtigkeit, indem er Maggie das entſchieden beſte Stück einhändigte. „O Tom, ich bitte, nimm Du es. Ich mache mir nichts daraus; das andere iſt mir ganz recht. Thu mir den Gefallen und nimm es.“ „Nein, ich will nicht,“ ſagte Tom faſt zornig, indem er ſein geringeres Stück zu bearbeiten anfing. Maggie, welche es für unnütz hielt, weiter zu 2— 7 7 ſtreiten, begann nun auch mit ihrer Krapfenhälfte, die ſie mit gutem Appetit in aller Schnelle vertilgte. Tom war mit der ſeinigen zuerſt fertig und hatte, im Gefühl, ſelbſt noch mehr brauchen zu können, das Zuſehen, wie Maggie ihre letzten paar Biſſen ver⸗ zehrte. Letztere wußte nicht, daß Tom ſie beobach⸗ tete; ſie ſchaukelte ſich auf ihrem Fliederaſt und hatte jetzt für nichts Sinn, als für ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl von Krapfen und Müßiggang. „O du gieriges Ding,“ ſagte Tom, nachdem ſie den letzten Biſſen verſchlungen hatte. Er war ſich bewußt, daß er ſich ſehr ſchön be⸗ nommen habe, und meinte, ſie hätte dies anerkennen und ihm eine Schadloshaltung zugehen laſſen ſollen. Früher würde er allerdings um keine Welt einen Biſſen von ihr angenommen haben; aber man be⸗ trachtet natürlich eine ſolche Frage in ſehr verſchie⸗ denem Licht, je nachdem man ſeinen halben Krapfen noch hat oder mit ihm fertig iſt. Maggie wurde ganz blaß. „O Tom, warum ſagteſt Du mir nicht, daß Du noch mehr möchteſt?“ „Ich werde Dich wohl um ein ſolches Bißchen anſprechen, du Freſſerin. Du hätteſt ohne dies daran denken können, denn Du weißt wohl, daß ich Dir das beſte Stückchen gegeben habe.“ „Aber ich verlangte es ja nicht— Du wollteſt es nicht anders haben,“ verſetzte Maggie in gekränk⸗ tem Ton. „Ja, aber ich hätte nicht thun mögen, was nicht ehrlich iſt, wie Spouncer. Er nimmt immer das beſte Stück, wenn man ihm nicht dafür einen Puff gibt, — 783 und wenn man mit geſchloſſenem Aug' das beſte wählt, ſo dreht er das Meſſer. Wenn ich Halbpart thue, ſo muß es ehrlich geſchehen— nur möchte ich nicht ſo gierig ſein.“ Mit dieſem ſchneidenden Vorwurf ſprang Tom von ſeinem Aſt herunter und warf mit einem lauten „Hoi!“ einen Stein als freundliche Aufmertſamkeit gegen Nap, welcher, während die Eßwaaren ver⸗ ſchwanden, mit einer Aufregung in ſeinen Ohren und ſeinen Gefühlen zugeſehen hatte, die ſchwerlich frei von Bitterkeit war. Gleichwohl nahm der treff⸗ liche Hund Toms Einladung mit einer Lebhaftigkeit auf, als ſei er auf das Edelmüthigſte behandelt worden. Doch Maggie, die mit jener überlegenen Em⸗ pfindlichkeit für das Leid begabt war, welche den Menſchen auszeichnet und einen ſtolzen Abſtand legt zwiſchen ihn und den melancholiſchſten Orangutang, blieb auf ihrem Aſt ſitzen und gab ſich einem ſchmerz⸗ lichen Brüten über den ſo unverdienten Vorwurf hin. Sie hätte eine Welt darum geben mögen, wenn ſie ihr Kräpfchen nicht ganz aufgezehrt und ein Stück⸗ chen davon für Tom übrig gelaſſen hätte. Der Krapfen war zwar trefflich und Maggie's Gaumen nichts weniger als ſtumpf; aber ſie würde lieber hundertmal darauf verzichtet als ſich dem Leid aus⸗ geſetzt haben, daß Tom ſie eine Freſſerin nannte und ihr böſe war. Und er hatte ja geſagt, er wolle dieſes Stück nicht— und ſie aß es, ohne etwas Arges zu denken— welche Schuld traf ſie da? Ihre Thränen floßen ſo reichlich, daß ſich während der nächſten zehn Minuten die ganze Umgegend für ſie in einen Nebel verlor: dann aber begann die — — 79. Empfindlichkeik dem Wunſch nach Verſöhnung zu wei⸗ chen, und ſie ſprang von ihrem Aſt herunter, um nach Tom zu ſehen. Er war nicht mehr in dem Wildgarten hinter dem Mietenhof— wohin mochte er wohl mit Nap gegangen ſein? Maggie eilte in der Richtung des großen Stechpalmenbaumes nach der Ufererhöhung, von wo aus ſie weit gegen den Fluß hin ſehen konnte. Dort war Tom; aber ſie wurde wieder zaghaft, als ſie ihn ſo weit ab auf dem Weg nach dem großen Fluß bemerkte, und zwar außer Nap mit noch einem andern Begleiter, dem garſtigen Bob Jalin, deſſen dienſtliche und wohl auch natürliche Function, die des Vögelverſcheuchens näm⸗ lich, in der frühen Jahreszeit noch ruhte. Maggie fühlte ſich überzeugt, Bob ſei ein bösartiger Junge, ohne dafür einen beſtimmten Grund angeben zu kön⸗ können, wenn er nicht etwa in dem Umſtand lag, daß Bobs Mutter eine ſchrecklich große fette Frau war, die am Fluß drunten in einem wunderlichen runden Haus wohnte; und als einmal Maggie und Tom dahin kamen, ſchoß ein ſcheckiger Hund heraus, der gar nicht aufhören wollte, zu bellen; und als darauf Bobs Mutter hintendrein kam und das Bel⸗ len des Hundes noch überſchrie, um ihnen zu ſagen, daß ſie ſich nicht fürchten ſollten, glaubte Maggie, die Frau zanke ſchrecklich mit ihnen, ſo daß ſie ſich. völlig darüber entſetzte. Auch hielt es Maggie für ſehr wahrſcheinlich, daß in der Flur des runden Hauſes Schlangen und im Schlafzimmer Fledermäuſe ſeien; denn ſie hatte einmal geſehen, wie Bob ſeine Mütze abnahm, um Tom darin eine kleine Schlange zu zeigen, und ein ander Mal brachte er eine Hand 80 voll junger Fledermäuſe. Kurz, er war ein unregel⸗ mäßiger, vielleicht ſogar ein etwas diaboliſcher Cha⸗ rakter, wenn man aus ſeinem vertrauten Umgang mit Schlangen und Fledermäuſen einen Schluß ziehen durfte; und um dem Ganzen die Krone aufzuſetzen: wenn Tom Bob zum Geſelſſchafter hatte, ſo kümmerte er ſich nicht um Maggie und wollte ſie nie mitgehen laſſen.. Wir müſſen einräumen, daß Tom Bobs Geſell⸗ ſchaft liebte. Wie konnte dies auch anders ſein? Bob erkannte gleich an dem Vogelei, ob es das einer Schwalbe, einer Meiſe oder eines Emmerlings ſei, fand alle Weſpenneſter und konnte alle erdenk⸗ liche Arten von Fallen legen. Auf Bäume kletterte er wie ein Eichhörnchen; auch beſaß er ein wunder⸗ bares Geſchick, Igel und Wieſel aufzufinden, und endlich hatte er den Muth, Dinge zu thun, die aller⸗ dings nichts weniger als löblich waren— zum Bei⸗ ſpiel, Löcher in die Hecken zu reißen, nach den Schafen mit Steinen zu werfen oder eine incognito wandernde Katze zu tödten. Solche Eigenſchaften eines Unter⸗ geordneten, der trotz ſeiner überlegenen Schlauheit immer mit Autorität behandelt werden konnte, übten nothwendig auf Tom einen bedenklichen Zauber, und in jeder Vacanz hatte Maggie ihre bittern Tage, weil er mit Bob ausgezogen war. Nun, vorderhand ließ ſich nichts machen. Er war jetzt fort und Maggie wußte keinen andern Troſt, als daß ſie ſich unter der Stechpalme nieder⸗ ſetzte, oder an den Hecken hinwanderte und ſich vor⸗ ſtellte, es ſei Alles ganz anders und ihre kleine Welt gerade ſo, wie ſie dieſelbe haben wollte. Das arme 81 Mädchen hatte ein unruhiges Leben, und dies war die Art, wie ſie ihr Opium einnahm. Inzwiſchen hatte Tom ſeine Schweſter und den Stachel, den er durch ſeinen Vorwurf in ihre Seele geriec hatte, vergeſſen und eilte mit Bob, den er zufällig getroffen, dem Schauplatz einer großen Ratten⸗ jagd in einer benachbarten Scheune zu. Bob ver⸗ ſtand ſich vollkommen auf dieſe beſondere Aadelenen⸗ heit und ſprach von dem Spaß mit einer Begeiſte⸗ rung, welche Jeder mitfühlen mußte, der nicht alles männlichen Gefühls baar oder traurig unwiſſend im Rattenfangen war. Für eine Perſon, die in dem Geruch einer ſo übernatürlichen Bösartigkeit ſtand, ſah Bob nicht ſo gar ſchuftig aus; denn es lag ſo⸗ gar etwas Angenehmes in ſeinem ſtumpfnaſigen, von krauſen rothen Haaren umſäumten Geſicht. Aber ſeine Hoſen waren immer bis an die Kniee aufge⸗ rollt, um das im Waſſer Waten bequemer zu ma⸗ chen, und ſeine Tugend, wenn anders von einer ſolchen die Rede ſein könnte, war ohne Frage eine „Tugend in Lumpen,“ welche ſelbſt nach der Au⸗ torität gallſüchtiger Philoſophen, die jedes gutge⸗ kleidete Verdienſt für über die Gebühr bezahlt an⸗ ſehen, bekanntermaßen ohne Anerkennung bleibt, viel⸗ leicht weil man ſie ſo ſelten zu ſehen kriegt. „Ich kenne den Mann, dem die Frettchen ge⸗ hören,“ ſagte Bob in einem heiſern Sopran, wäh⸗ rend er neben Tom dahin ſchuſſelte, ohne ſeine blauen Augen von dem Fluß zu verwenden, nach Art eines amphibiſchen Thiers, das ſeine Gelegenheit erſieht, hineinzuſtürzen.„Er wohnt in dem Kennel⸗Yard Eliot, Die Mühle am Floß. 6 82 von Sant Oggs und iſt der berühmteſte Ratten⸗ fänger weit und breit. Ich möchte auch am liebſten Rattenfänger ſein; denn die Maulwürfe ſind nichts gegen die Ratten. Aber, Hercules, da muß man Frettlein haben; Hunde ſind nichts dazu. Was könnte dieſes Vieh da ausrichten?“ fuhr Bob fort, mit der Miene der Verachtung auf Yap deutend. „Für den Ratten wär' er ſo gut wie gar nichts; ich hab' dies ſelbſt geſehen, als man in Eures Va⸗ ters Scheune ihn auf einen Ratten hetzte.“ Nap, der den vernichtenden Einfluß dieſer Ge⸗ ringſchätzung fühlen mochte, zog ſeinen Schwanz ein und ſchmiegte ſich an Tom an, der ſich wegen ſeines Thiers ein wenig gekränkt fühlte, aber nicht den übermenſchlichen Muth hatte, ſich's anmerken zu laſ⸗ ſen, er bleibe in Verachtung eines Thiers, das eine ſo ärmliche Figur machte, hinter Bob zurück. „Nein, nein,“ ſagte er;„NYap taugt auf keine Jagd. Ich will mir Hunde halten, die auf Ratten und Alles dreſſirt ſind, wenn ich einmal mit der Schule fertig bin.“ „Dann müßt Ihr Euch Frettlein anſchaffen, Ma⸗ ſter Tom,“ entgegnete Bob haſtig;„weiße Frettlein mit rothen Augen. Hercules, dann könnt Ihr ſelbſt Eure Ratten fangen, und könnt einen Ratten zu einem Frett in einen Käfig ſetzen und ſie mit ein⸗ ander kämpfen ſehen. Wahrhaftig, das thät' ich, und das wäre faſt ein beſſerer Spaß, als wenn man ein Paar boxen ſieht; es wäre denn, daß auf den Meſſen die Kuchen⸗ und Orangenhändler hinter einander kämen, ſo daß ihnen die Waare aus den Körben fliegt und die Kuchen zuſammengetreten werden. 83 Sie ſchmecken dann auch noch gut,“ fügte Bob nach einer Pauſe als Note oder Randgloſſe bei. „Aber Bob, die Frettchen ſind garſtige, biſſige Dinger,“ ſagte Tom im Tone der Ueberlegung.„Man muß ſich wohl in Acht nehmen, wenn man ſie an⸗ rührt.“ „Hercules, das iſt ja gerade die Schönheit an ihnen. Wenn Euch Einer Euer Frettlein nehmen will, ſo werdet Ihr's bald genug an ſeinem Schreien merken.“ In dieſem Augenblick ereignete ſich ein kleiner Zufall, der die Knaben bewog, plötzlich Halt zu machen. Aus den benachbarten Binſen war nämlich ein kleiner Körper in's Waſſer geklatſcht, und Bob erbot ſich, alle Strafen der Hölle ausſtehen zu wol⸗ len, wenn es nicht eine Waſſerratte geweſen ſei. „Hei! Yap— Heil da iſt's“ rief Tom, die Hände zuſammen ſchlagend, während das kleine ſchwarze Thierchen pfeilſchnell dem entgegengeſetzten Ufer zu⸗ ſchoß.„Faſſ es, Nap— faſſ es!“ Yap bewegte ſeine Ohren und runzelte die Stirn⸗ haut, wollte aber nichts vom Inswaſſergehen wiſſen, ſondern verſuchte, ob das, was man von ihm wünſchte, ſich nicht eben ſo gut durch Bellen erreichen ließ. „Pfui, du Memme!“ ſagte Tom und ſtieß den Hund mit dem Fuß zurück, daß er überkugelte; denn als Jagdfreund fühlte er ſich gedemüthigt, daß er ein ſo muthloſes Thier beſaß. Bob enthielt ſich einer Bemerkung und ging weiter, ſuchte ſich aber zur Abwechslung die Stellen aus, wo der übervolle Fluß das Ufer auf eine ſchmale Strecke hin mit ſeichtem Waſſer überdeckt hatte. „Das iſt noch gar nicht hoch,“ agte Bob in 84 dem angenehmen Gefühl, auch etwas mit Fußtritten bearbeiten zu können, das Waſſer vor ſich her ſtoßend. „Letztes Jahr war's anders; alle die Wieſen hier herum bildeten nur eine einzige Waſſerfläche.“ „Ja,“ verſetzte Tom, der es liebte, Gegenſätze zwiſchen Angaben zu finden, die in Wirklichkeit ganz auf daſſelbe hinausliefen,„aber es gab einmal eine Hochfluth, welche den runden Teich zurückließ. Ich weiß dies, denn mein Vater hat es mir geſagt. Damals ertranken alle Schafe und Kühe und man konnte über alle Felder weg in Booten fahren.“ „Mir wär's gleichgiltig, wenn auch eine ſolche Fluth käme,“ ſagte Bob;„denn ich bin im Waſſer wie auf dem Lande daheim. Ich würde eben ſchwimmen.“ „Wie dann aber, wenn Du ſo und ſo lang nichts zu eſſen haſt?“ ſagte Tom, deſſen Einbildungskraft unter der Anregung eines ſolchen Bildes der Zer⸗ ſtörung ganz lebhaft wurde.„Wenn ich einmal ein Mann bin, ſo bau' ich mir ein Boot mit einem hölzernen Haus darauf, wie Noë's Arche, und ſchaffe Lebensmittel dahin— und meine Kaninchen und Alles. Wenn dann die Ueberſchwemmung kommt, Bob, ſo brauch' ich mir auch nichts daraus zu ma⸗ chen. Und ich würde Dich einnehmen, wenn ich Dich ſchwimmen ſähe,“ fügte er im Tone wohlwollender Gönnerſchaft bei. „Davor iſt mir nicht bange,“ ſagte Bob, dem der Hunger nichts ſo Schreckliches zu ſein ſchien. „Aber ich könnte einſteigen und die Kaninchen auf den Kopf ſchlagen, wenn Ihr ſie zu eſſen wünſcht.“ „Und ich hätte dann Halbpence, und wir könn⸗ 8⁵ ten Kopf oder Wappen ſpielen,“ entgegnete Tom, dem die Möglichkeit nicht zu Sinne kam, daß dieſe Unterhaltung ſeinem reifern Alter weniger Reiz bie⸗ ten dürfte.„Ich würde zum Anfang gleich mit Dir theilen, und wir könnten dann ſehen, wer gewinnt.“ „Ich habe ſelbſt einen Halbpenny,“ ſagte Bob ſtolz, indem er aus dem Waſſer kam und das Geld⸗ ſtück in die Luft warf.„Kopf oder Wappen?“ —„Wappen,“ rief Tom, im Nu durch den Wunſch des Gewinnens angefeuert. „s iſt Kopf,“ ſagte Bob haſtig, den Halbpenny im Fallen auffangend. „Iſt nicht wahr,“ ſagte Tom laut und entſchie⸗ den.„Du gibſt mir den Halbpenny— ich habe ihn ehrlich gewonnen.“ „Ich mag nicht,“ verſetzte Bob, das Geldſtück in ſeiner Taſche feſthaltend. „Dann will ich Dich zwingen— gib Acht, ob ich's nicht thue,“ ſagte Tom. „Ihr könnt mich zu nichts zwingen— Ihr ge⸗ wiß nicht,“ erwiderte Bob. „ Ja, ich kann.“ „Nein, Ihr könnt nicht.“ „Ich gehöre dem Müller.“ „Ich kümmere mich nicht um Euch.“ „Wart, ich will machen, daß Du Dich kümmerſt, du Betrüger!“ rief Tom, indem er Bob am Kragen packte und ihn ſchüttelte. „Bleib' mir vom Leibe, Du,“ ſagte Bob und ſtieß nach Tom mit dem Fuß. Toms Blut war in höchſter Wallung. Er holte gegen Bob aus und ſchlug ihn nieder; dieſer aber klammerte ſich wie eine Katze an ihn an und riß ihn mit zu Boden. So wälzten ſie ſich kämpfend eine kurze Weile auf der Erde, bis Tom, welcher Bob bei beiden Schultern niederhielt, die Oberhand ge⸗ wonnen zu haben glaubte. „Ich frage Dich, ob Du mir jetzt den Halbpenny geben willſt,“ ſagte er athemlos, während er noch immer bemüht war, Bob den Gebrauch ſeiner Arme unmöglich zu machen. Aber in dieſem Augenblick kam Nap, der voraus⸗ gelaufen war, bellend nach dem Wahlplatz zurück und benützte die günſtige Gelegenheit, nicht nur unge⸗ ſtraft, ſondern ſogar mit Ehren Bob in das nackte Bein zu beißen. Der Schmerz, den Naps Zähne veranlaßten, hatte nicht die Wirkung, Bob zu bewe⸗ gen, daß er ſeinen Halt aufgab, ſondern ſpornte den Knaben zu einer noch wildern Zähigkeit, ſo daß es ihm durch eine erneuerte Kraftanſtrengung gelang, Tom zurückzuſtoßen und obenhin zu kommen. Doch jetzt ſetzte Nap, der früher nicht bequem hatte an⸗ greifen können, ſeine Zähne an einer neuen Stelle an und bedrängte Bob dermaßen, daß dieſer Tom losließ und Nap, den er halb erdroſſelte, in den Fluß warf. Tom war aber jetzt wieder auf den Beinen, und noch eh' Bob nach ſeiner Heldenthat an dem Hund wieder ſein Gleichgewicht gewonnen, lag er auf's Neue am Boden und mußte die Kniee ſeines Gegners auf der Bruſt fühlen. „Gibſt Du mir jetzt den Halbpenny?“ ſagte Tom. „Nehmt ihn ſelber,“ entgegnete Bob ſtöckiſch. 87 ble, das thu' ich nicht; Du mußt mir ihn geben.“ Bob nahm den Halbpenny aus ſeiner Taſche und warf ihn von ſich weg auf den Boden. Tom ließ jetzt den Beſiegten los und geſtattete ihm aufzuſtehen. „Dort liegt der Halbpenny,“ ſagte er.„Ich brauche Dein Geld nicht und würde es nicht behalten haben; aber Du wollteſt mich betrügen, und das laß' ich mir nicht gefallen. Mit unſerer Kamerad⸗ ſchaft iſt's aus,“ fügte er bei und wandte ſich der Mühle, zu, freilich nicht ohne einen Blick des Be⸗ dauerns auf die Rattenjagd und die ſonſtigen Be⸗ luſtigungen zu werfen, auf die er mit Bobs Geſell⸗ ſchaft verzichten mußte. „Haltet das, wie Ihr wollt,“ rief ihm Bob nach.„Ich betrüge, wenn ich mag, denn ſonſt iſt kein Spaß im Spiel. Und ich weiß irgendwo ein Diſtelfinkenneſt, werde mich aber wohl hüten, daß Ihr's erfahrt... Und Du biſt ein garſtiger, hän⸗ delſüchtiger Truthahn— ja, das biſt Du...“ Tom ging ſeines Weges, ohne ſich umzuſehen, und Yap folgte ſeinem Beiſpiel, da das kalte Bad ſeine leidenſchaftliche Hitze abgekühlt hatte. „Geh' nur mit Deinem verreckten Hund— ich möchte keinen ſolchen Hund haben um keinen Preis,“ rief Bob mit verſtärkter Stimme, um noch in einer letzten Anſtrengung ſeinen Trotz auszulaſſen. Aber Tom ließ ſich nicht bewegen, ſich umzu⸗ wenden, und Bobs Stimme begann ein bischen un⸗ ſicher zu werden, als er fortfuhr: „Und ich hab' Euch Alles gegeben und Alles 89 können. Der arme Bob! er nahm es nicht genau im Punkt der Ehre— war kein ritterlicher Charakter. Doch welche Anerkennung würde dieſes edle mora⸗ liſche Aroma in der öffentlichen Meinung des Kennel⸗ Yard, dieſes Brennpunkts oder Herzens von Bobs Welt gefunden haben, wenn es ſich auch daſelbſt hätte bemerklich machen können? Gleichwohl war der Knabe nicht ſo ganz der gemeine Kerl und Spitzbube, als der er dem vorſchnellen Urtheil un⸗ ſeres Freundes Tom erſchien. Der Leſer hat⸗ indeß bemerkt, daß Tom eine Art Rhadamantiſche Natur war und mehr als den gewöhnlichen Antheil von knabenhaftem Gerechtig⸗ keitsſinn in ſich trug, indem er den Schuldigen nach dem Maß ſeiner Verſchuldung geſtraft wünſchte, ohne daß er ſich dabei durch die guten Eigenſchaften, welche der Sünder beſitzen mochte, beirren ließ. Maggie bemerkte, als er nach Hauſe kam, eine Wolke auf ſeiner Stirne und zügelte deßhalb ihre Freude über ſeine unerwartet frühe Rückkehr; auch wagte ſie es kaum ihn anzureden, während er ſchweigend die kleinen Kiesſteine nach dem Mühlwehr warf. Es iſt nicht angenehm auf eine Rattenjagd zu ver⸗ zichten, wenn man ſein Herz daran geſetzt hat; aber wenn Tom ſich in jenem Augenblick über die Ge⸗ fühle, die in ihm am übermächtigſten waren, geprüft hätte, ſo würde er geſagt haben:„Ich müßte im gleichen Falle wieder eben ſo handeln.“ Dies war die gewöhnliche Art wie er ſein Thun hintendrein zu beurtheilen pflegte, während Maggie ſtets wünſchte, daß ſie anders gehandelt hätte. gezeigt und nie etwas von Euch verlangt. Und da habt Ihr auch Euer Meſſer mit dem hornenen Griff wieder, das Ihr mir ſchenktet.“ Und Bob warf das Meſſer ſo weit er konnte dem ſich entfernenden Tom nach; doch hatte dies keine andere Wirkung, als für Bob das Gefühl einer un⸗ endlichen Leere in ſeinem Schickſal, nun das Meſſer fort war.. Er blieb ſtehen, bis Tom durch das Grabenthor eingetreten und hinter der Hecke verſchwunden war. Was ſollte das Meſſer auf dem Boden dort? Tom ärgerte ſich doch nicht darüber, und Stolz oder Empfindlichkeit ſpielte bei Bob der Liebe zu einem Taſchenmeſſer gegenüber nur eine untergeordnete Rolle. Sogar ſeine Finger mahnten ihn durch ein bittendes Zucken, hinzugehen und den vertrauten Hirſchhorngriff wieder aufzunehmen, den ſie ſo oft aus reiner Zuneigung gefaßt hatten, wenn er müßig in Bobs Taſche ſtack. Es waren zwei Klingen darin, die erſt vor Kurzem geſchliffen worden! Was iſt das Leben ohne ein Taſchenmeſſer für den, der einmal ein höheres Daſein gekoſtet hat? Nein, wenn man den Griff der Axt nachwirft, ſo iſt dies ein begreiflicher Act der Verzweiflung; aber ſein Taſchen⸗ meſſer einem unverſöhnlichen Feind nachwerfen iſt augenſcheinlich in jedem Betracht eine Hyperbel oder ein Ueberſchießen des Ziels. Bob verfügte ſich alſo nach der Stelle, wo das geliebte Meſſer im Koth lag, und fühlte eine wahre innere Luſt, es nach der zeitweiligen Trennung wieder umfaſſen, von den Klingen eine um die andere aufmachen und ihre Schärfe mit ſeinem hornigen Daumen prüfen zu Siebentes Kapitel. Führt die Tanten und Onkel ein. Die Dodſons waren ohne Frage eine Familie von ſchönen Leuten und Mrs. Glegg nicht die un⸗ ſchönſte unter den Schweſtern. Wie ſie ſo in Mrs. Tullivers Armſtuhl ſaß, hätte kein unparteiiſcher Beobachter in Abrede ziehen können, daß ihr Geſicht und ihre Figur ſich für eine fünfzigjährige Frau recht artig anließ, obſchon Tom und Maggie in der Tante Glegg das Urbild der Häßlichkeit erkannten. Es iſt wahr, ſie verſchmähte den Vortheil des Coſtüms; denn wenn auch, wie ſie oft bemerkte, keine Frau beſſere Kleider hatte, ſo lag es doch nicht in ihrer Art, ihre neuen Sachen vor ihren alten abzutragen. Andere mochten, wenn ſie wollten, ihre beſten Fadenſpitzen in jede Wäſche bringen; wenn aber Mrs. Glegg ſtarb, ſo konnte man in dem gefleckten Zimmer und in der rechten Schublade ihres Garde⸗ robeſchreines beſſere Spitzen finden, als Mrs. Wooll von St. Oggs in ihrem Leben je gekauft hatte, trotzdem daß dieſe Dame ihre Spitzen trug, ehe ſie bezahlt waren. Eben ſo verhielt ſich's mit ihren Locken. Mrs. Glegg hatte ohne Zweifel in ihrer Kommode die glänzendſten und krauſeſten braunen Locken, zu denen noch andere in verſchiedenen Abſtu⸗ fungen loſer Wickelung kamen; aber unter einem krau⸗ ſen glänzenden Lockenſchmuck in die Werktagwelt hin⸗ auszuſehen, wäre eine höchſt profane Vermiſchung des Heiligen mit dem Weltlichen geweſen. Mrs. Glegg pflegte an Wochentagviſiten ihre drittbeſten Locken X/ 4 zu tragen, aber nicht wenn ſie bei einer von ihren Schweſtern und namentlich nicht wenn ſie bei Mrs. Tulliver zu Beſuch war, da dieſe ſeit ihrer Ver⸗ heirathung die Gefühle der Schweſtern ſchwer durch ihre Gewohnheit verletzt hatte, ihr eigenes Haar zu tragen, obſchon man, wie Mrs. Glegg gegen Mrs. Deane bemerkte, von einer Familienmutter, wie Beſſy, deren Mann ſich immer vor den Gerichten herum⸗ ſchlug, hätte erwarten ſollen, daß ſie ſich beſſer zu benehmen wiſſe. Aber Beſſy war immer ſchwach. Wenn alſo an dieſem Tag Mrs. Gleggs Stirn⸗ locken loſer und zerfaſerter als gewöhnlich waren, ſo lag eine Abſicht darunter; ſie führte nämlich eine ſpitzige und ſchneidende Anſpielung im Schild auf die Büſchel von blonden Locken, die beiderſeits, von dem Scheitel durch eine Brücke glattanliegender Haare getrennt, über Mrs. Tullivers Wangen nieder⸗ fielen. Die gute Müllerin hatte ſchon mehrmal Thränen über Schweſter Gleggs harte Beurtheilung ihres unmatronenhaften Kopfſchmucks vergoſſen; doch ließ ſie ſich in ihrer Gewohnheit nicht beirren, weil ſie wußte, daß ihr die natürlichen Locken gut ſtanden. Mrs. Glegg hatte ſich vorgenommen, heute ihren Hut, den ſie natürlich nicht knüpfte und etwas ſchief trug, nicht abzulegen; ſie pflegte dies bei Viſiten häufig ſo zu halten, namentlich wenn ſie in ihrer ſtrengen Laune war, denn man konnte ja nicht wiſſen, welcher Zugluft man ſich in fremden Häuſern aus⸗ ſetzte. Aus demſelben Grund trug ſie einen kleinen ſchwarzen Kragen, der ihr juſt bis zur Schulter reichte und vorn lange nicht auf ihrer wohlgeformten Bruſt zuſammenlief, während ihr langer Hals durch 92 ein Schanzenwerk von unterſchiedlichen Krauſen ge⸗ ſchützt wurde. Man müßte über die Moden jener Zeiten ſehr genau unterrichtet ſein, um beurtheilen zu können, wie weit Mrs. Gleggs ſchiefergraues ſeidenes Kleid hinter der des Tages zurück war; aber aus gewiſſen Conſtellationen von kleinen gelben Flecken darauf und dem moderigen Geruch, der auf einen ſeuchten Kleiderkaſten ſchließen ließ, konnte man mit Wahrſcheinlichkeit die Folgerung ziehen, es gehöre zu einer Schichte von Gewandungen, die gerade alt genug war, um mit nächſtem wieder in Brauch zu kommen. Mrs. Glegg, die ihre große goldene Uhr in der Hand und die Kette mehrfach um ihre Finger ge⸗ ſchlungen hielt, bemerkte gegen ihre eben von einem Beſuch in der Küche zurückkommende Schweſter, daß es, was auch die Haus⸗ und Taſchenuhren anderer Leute weiſen möchten, auf der ihrigen halb ein Uhr vorüber ſei. „Ich weiß nicht, was der Schweſter Pullet fehlt,“ fuhr ſie fort.„Sie hielt's doch ſonſt mit dem Fa⸗ milienbrauch, daß man ſich gleichzeitig einfand— ſo iſt's wenigſtens in des ſeligen Vaters Zeit immer gehalten worden— und nicht eine Schweſter eine halbe Stunde lang allein ſitzen ließ. Aber wenn ſich in der Familie ſo Vieles ändert, ſo ſoll die Schuld wenigſtens nicht an mir liegen— ich werde nie erſt in ein Haus kommen, wenn die Anderen bereits weggehen. Und über Schweſter Deane muß ich mich gar wundern— ſie hat's doch ſonſt immer ganz wie ich gehalten. Aber wenn ich Dir gut zu Rath bin, Beſſy, ſo ſollteſt Du die Mittagseſſenszeit 2 23 93³ lieber früher als ſpäter anberaumen, damit ſich Leute, die ſich gerne verſpäten, doch noch recht kommen.“ „Oh, ſei unbeſorgt, Schweſter, ſie werden alle in gehöriger Zeit hier ſein,“ entgegnete Mrs. Tulli⸗ ver etwas ärgerlich.„Das Mittageſſen iſt vor halb zwei Uhr nicht fertig. Wenn Dir aber das Warten zu lang dauert, ſo will ich Dir Käſekuchen und ein Glas Wein bringen.“ „Ei, Beſſy, ich hätte geglaubt, daß Du Deine Schweſter beſſer kenneſt,“ verſetzte Mrs. Glegg mit einem bittern Lächeln und einem kaum merklichen Zurückwerfen des Kopfes.„Ich habe nie zwiſchen den Mahlzeiten etwas zu mir genommen und werde nicht erſt jetzt den Anfang damit machen. Aber wie kömmſt Du zu dem Unſinn, um halb Zwei Mittag zu machen, während Du es doch eben ſo gut um ein Uhr könnteſt? Das haſt Du doch zu Hauſe nicht gelernt, Beſſy.“ „Was kann ich machen, Jane? Tulliver will nicht vor zwei Uhr eſſen, und wegen eurer habe ich die Zeit um eine halbe Stunde vorgerückt.“ „Ja, ja, ich weiß, wie es mit den Männern iſt — ſie ſind immer für's Verſchieben und würden das Mittageſſen hinter den Thee verlegen, wenn ſie Weiber haben, die ſchwach genug ſind, ihnen in ſolchen Stücken nachzugeben. s iſt Schade, Beſſy, daß Du nicht mehr Geiſtesſtärke haſt, und es wird ein Glück ſein, wenn Deine Kinder nicht darunter leiden müſſen. Ich hoffe, Du haſt doch keine große Tafel angerichtet und Dich nicht in Unkoſten verſetzt; denn Deine Schweſtern würden lieber nur ein Stück⸗ chen trockenes Brod eſſen, als dazu behilflich ſein, Dich durch einen übermäßigen Aufwand zu Grund zu richten. Es wundert mich, daß Du nicht Schweſter Deane zum Vorbild nimmſt— ſie iſt weit verſtän⸗ diger. Und Du haſt ſogar zwei Kinder zu verſorgen, und Dein Mann vergeudet Dein Vermögen mit Proceſſiren und wird wahrſcheinlich auch das ſeinige durchbringen. Ein geſottener Kalbſchlegel, von dem man noch Brühe für die Küche gewinnt,“ fügte Mrs. Glegg im Tone ausdrücklicher Verwahrung bei,„und ein einfacher Pudding mit einem Löffel voll Zucker und ohne Gewürz wird vollkommen aus⸗ reichen.“ Wenn Schweſter Glegg ſo anfing, ſo ſtand ein heiterer Tag in Ausſicht! Mrs. Tulliver ließ ſich jedoch nie auf einen langen Streit mit ihr ein; man müßte es denn einen Streit nennen, wenn ein Waſ⸗ ſervogel, nach dem ein Knabe mit Steinen wirft, abwehrend ſein Bein ausſtreckt. Doch der Punkt wegen des Mittageſſens war von gar zarter Natur und auch nichts weniger als neu, ſo daß Mrs. Tulliver eine ſchon öfter gegebene Antwort wieder⸗ holen konnte. „Mein Mann ſagt, ich müſſe immer ein gutes Mittageſſen herrichten für ſeine Freunde, ſo lange er's bezahlen könne,“ ſagte ſie,„und er hat das Recht, Schweſter, in ſeinem Hauſe zu thun, wie er will.“ „Nun, Beſſy, ich kann von meinen Erſparniſſen Deinen Kindern nicht genug hinterlaſſen, um ſie vor dem Ruin zu bewahren. Und was meines Mannes Geld betrifft, ſo dürft ihr auf dieſes nicht rechnen, da ich wahrſcheinlich vor ihm heimgehen muß; denn er ſtammt aus einer lebenszähen Familie. Aber 95⁵ wenn er auch vor mir ſtürbe und mir ſein Vermögen zu lebenslänglicher Nutznießung hinterließe, ſo würde er doch dafür ſorgen, daß zuletzt Alles wieder an ſeine eigene Verwandtſchaft käme.“ Während Mrs. Glegg noch ſprach, ließ ſich ein Geraſſel von Rädern vernehmen, zum großen Troſt der armen Müllerin, die jetzt hinauseilen konnte, um Schweſter Pullet zu empfangen— es mußte Schweſter Pullet ſein, weil der Ton von einem vier⸗ rädrigen Fuhrwerk herrührte. Mrs. Glegg warf den Kopf auf und machte bei dem Gedanken an„das vierrädrige“ eine ziemlich ſaure Miene. Sie hatte über dieſen Gegenſtand ihre eigene Meinung. Schweſter Pullet war in Thränen, als die ein⸗ ſpännige Chaiſe vor Mrs. Tullivers Thüre hielt, und es war augenſcheinlich für ſie ein dringendes Bedürfniß, vor dem Ausſteigen noch einige weitere zu vergießen; denn obgleich ihr Mann und Mrs. Tulliver bereit ſtanden, ſie zu unterſtützen, blieb ſie doch auf ihrem Platz, ſchüttelte traurig den Kopf B ſchaute durch ihre Thränen in eine unbeſtimmte erne. „Ei, was fehlt Dir denn, Schweſter?“ fragte Mrs. Tulliver. Sie war keine einbildungsreiche Frau; aber ſie konnte ſich als nächſtliegenden Moments des Ge⸗ dankens nicht erwehren, daß wohl der große Toilette⸗ ſpiegel in Schweſter Pullets beſtem Schlafzimmer wieder verwettert worden ſei. Die einzige Antwort darauf war ein abermaliges Kopfſchütteln; dann ſtand Mrs. Pullet langſam auf 96 und ſtieg aus ihrer Chaiſe, aber nicht ohne einen Blick nach Mr. Pullet zu werfen, ob dieſer auch auf ihr ſchönes Seidenkleid Acht habe. Mr. Pullet war ein kleiner Mann mit einer großen Naſe, kleinen zwinkernden Augen und dünnen Lippen; er ſtack in einem friſch ausſehenden ſchwarzen Anzug und in einer weißen Halsbinde, die nach einem höheren Grundſatz, als nach dem einer bloßen perſönlichen Bequemlichkeit umgelegt zu ſein ſchien. Im Gegen⸗ ſatz zu ſeiner Frau mit ihren Ballonärmeln, dem weiten Mantel und dem weißbefiederten und gebän⸗ derten Hut nahm er ſich wie eine kleine Fiſcher⸗ ſchmacke neben einer Brigg mit ausgeſpanntem Segel⸗ werk aus. Der Anblick eines faſhionabel gekleideten Frauen⸗ zimmers im Schmerz iſt ein pathetiſches Schauſpiel und ein treffender Beleg für die Zuſammengeſetztheit der Empfindungen bei einem hohen Stand der Ci⸗ viliſation. Welche lange Stufenreihe von dem Leid einer Hottentottin bis zu dem einer Frau mit wei⸗ ten Steifärmeln, mehreren Spangen an jedem Arm und einem bebänderten Thurm auf dem Kopf! Bei den aufgeklärten Trachten der Civiliſation wird der charakteriſtiſchen Hingebung an den Schmerz in den feinſten Schattirungen Einhalt gethan und Abwechs⸗ lung verliehen, ſo daß ein analytiſcher Geiſt ihn zu einer intereſſanten Studie machen kann. Wenn die Civiliſirte mit ſchwerem Herzen und mit vom Ne⸗ bel der Thränen geblendetem Auge unſteten Schritts über eine Schwelle zu gehen hat, ſo könnten die Steifärmel zerdrückt werden, und das tiefe Bewußt⸗ ſein von dieſer Möglichkeit erzeugt eine Verbindung 4. 97 von Kräften, durch welche die Linie beſtimmt wird, welche ſie einzuſchlagen hat, um nicht den Thür⸗ pfoſten zu ſtreifen. Wenn die Thränen reichlich ſtrömen, ſo macht ſie die Bänder los und läßt ſie zurückflattern— eine rührende Geberde, die auch im tiefſten Gram die Hoffnung auf künftige trocke⸗ nere Momente durchblicken läßt, in welchen die Hut⸗ bänder einen neuen Reiz haben werden. Legen ſich die Thränen ein wenig und neigt ſich der Kopf in einem Winkel, welcher dem Hut keinen Eintrag thut, rückwärts, ſo iſt der ſchreckliche Moment über ſie gekommen, in welchem der Schmerz, der ſie für alles Andere abſtumpfte, ſelbſt ſtumpf geworden iſt; ſie blickt gedankenvoll auf ihre Armbänder und macht ſich an den Schließen derſelben mit jenem zierlichen Selbſtvergeſſen zu ſchaffen, das für ihren Geiſt ſo erquicklich wäre, wenn ſie ſich wieder in ruhigem und geſundem Zuſtand befände. In der Höhe der Schulter— denn in der Zeit unſerer Geſchichte wäre dem unterrichteten Auge ein Frauenzimmer wahrhaftig lächerlich erſchienen, wenn ſie an dieſem Theil nicht ihre andert⸗ halb Ellen Breite hätte zeigen können— bürſtete ſie mit großer Zierlichkeit beiderſeits die Thürpfo⸗ ſten, und nachdem dieß geſchehen war, ſetzte ſie auf dem Weg nach dem Beſuchzimmer, in welchem Mrs. Glegg ſaß, ihre Geſichtsmuskeln in Thätigkeit, um neue Thränen zu ſuchen. „Ei, Schweſter, Du kömmſt ſpät; was iſt Dir?“ begann Mrs. Glegg in ſcharfem Tone, als ſie ſich die Hände reichten. Mrs. Pullet hob ſorgfältig die Falten ihres Eliot, Die Mühle am Floß⸗ 7 98 Mantels auf, ſetzte ſich nieder und entgegnete in unwillkührlicher Anwendung einer rhetoriſchen Figur: „Sie iſt hin.“ „Gott Lob, diesmal iſt's nicht der Spiegel,“ dachte Mrs. Tulliver. „Vorgeſtern geſtorben,“ fuhr Mrs. Pullet fort, „und ihre Beine waren ſo dick, als ich um den Leib herum,“ fügte ſie nach einer Pauſe mit tiefer Weh⸗ muth bei.„Man hat ſie unzählige Mal angezäpft und ihr, wie ich höre, ſo viel Waſſer abgekaſſen, daß ein Menſch hätte darin ſchwimmen können.“ „Es iſt wohl Schade, daß ſie dahin iſt, wer ſie auch ſein mag, Sophie,“ ſagte Mrs. Glegg mit der Geſalbtheit und dem Nachdruck eines von Na⸗ tur klaren und entſchiedenen Geiſtes;„aber ich für meinen Theil kann mir nicht denken, von wem Du ſprichſt.“ „Nicht?“ verſetzte Mrs. Pullet ſeufzend und den Kopf ſchüttelnd.„Ach, und es gibt keine andere ſolche Waſſerſüchtige im ganzen Kirchſpiel. Ich meine die alte Mrs. Sutton von dem Zehntland.“ „Nun, ſie gehört nicht zu Deiner Verwandtſchaft und, ſo viel ich weiß, nicht einmal zu Deiner nähe⸗ ren Bekanntſchaft,“ ſagte Mrs. Glegg, die einen Todesfall in ihrer Familie zwar nach Gebühr zu beweinen pflegte, bei fremden Perſonen aber ſich nicht damit anſtrengen mochte. „Sie gehörte in ſo weit zu meiner Bekannt⸗ ſchaft, als ich ihre Füße ſah, die wie Blaſen auf⸗ eetrieben waren.... auch als eine alte Frau, die ihr Vermögen mehr als einmal verdoppelt hat, es bis auf den letzten Augenblick ſelbſt verwaltete und 4* 1 — 99 die Schlüſſel ſtets unter ihrem Kiſſen aufbewahrte. Ich zweifle, ob es in der Gemeinde viele ſolche alte Angehörige gibt.“ „Und dem Vernehmen nach hat ſie ſo viel Arz⸗ nei geſchluckt, daß man einen Frachtwagen damit füllen könnte,“ bemerkte Mrs. Glegg. „Ach,“ ſeufzte Mrs. Pullet,„ſie hatte viele Jahre lang, eh' ſie waſſerſüchtig wurde, noch ein anderes Leiden, ohne daß die Docter dahinter kom⸗ men konnten, was es war. Und ſie ſagte mir, als ich ſie letzte Weihnachten beſuchte, ſagte ſie: ‚Mrs. Pullet, wenn Sie je die Waſſerſucht kriegen, ſo werden Sie an mich denken. So hat ſie geſagt,“ fügte Mrs. Pullet bei und begann aufs Neue bit⸗ terlich zu weinen;„dies waren ihre eigenen Worte. Und ſie wurde letzten Samſtag begraben, und Pullet iſt ihr zur Leiche gegangen.“ „Sophie,“ ſagte Mrs. Glegg, die ihren Hang zu Anbringung vernünftiger Vorſtellungen nicht län⸗ ger zügeln konnte,„ich muß mich wundern über Dich, daß Du Dich ſo abhärmſt und Deiner Ge⸗ ſundheit ſchadeſt wegen Leuten, die Dich nichts an⸗ gehen. Dein Vater ſelig hat dies nie gethan, auch die Tante Fanny nicht und, ſo viel ich weiß, nie irgend Jemand aus der Familie. Du könnteſt Dich ja wahrhaftig nicht mehr grämen, wenn wir gehört hätten, daß unſer Vetter Abbott plötzlich geſtorben ſei, ohne ein Teſtament zu machen.“ Mrs. Pullet gab keine Antwort und ließ ihre Thränen verſiegen; denn es war ihr eher ſchmeichel⸗ haft, als unangenehm, daß man ſie wegen zu vielen Weinens tadelte. Es war nicht Jedermanns Sache, N 100 ſo viel Leid für einen Nachbar aufzuwenden, von dem man nichts zu erben kriegte; aber Mrs. Pullet hatte nicht einen dem bäuerlichen, ſondern einen dem Herrenſtand angehörigen Landwirth geheirathet und beſaß ſonach Geld und Muße genug, um die Trauer ſowie alles Andere auf die höchſte Spitze der Achtbarkeit zu treiben. „Mrs. Sutton iſt übrigens nicht ohne Teſta⸗ ment geſtorben,“ bemerkte Mr. Pullet in dem wir⸗ ren Gefühl, daß er etwas ſagen müſſe, um die Thränen ſeiner Frau zu rechtfertigen.„Wir haben eine reiche Gemeinde, aber wie ich höre, in der ganzen Gemeinde Niemand, der ſo viele Tauſende hinterlaſſen könnte, wie Mrs. Sutton. Und ſie hat keine Legate gemacht, die der Rede werth wären — Alles geht in Einem Haufen an den Neffen ihres Mannes.“ „Was hatte ſie dann von ihrem Reichthum,“ ſagte Mrs. Glegg,„wenn ſie ihn nur der Verwandt⸗ ſchaft ihres Mannes hinterlaſſen konnte? Traurig, wenn man ſich nur um deswillen jeden guten Biſſen am Mund abdarben ſoll. Nicht daß ich zu denen gehörte, die nicht nach ihrem Tod mehr Kapitalbriefe zurücklaſſen möchten, als man ihnen zugetraut hat; aber es iſt eine armſelige Geſchichte, wenn es nicht an die eigene Familie kömmt.“ „Es iſt ein ganz beſonderer Menſch, dem Mrs. Sutton ihr Vermögen vermacht hat, Schweſter,“ ſagte Mrs. Pullet;„er leidet nämlich an dem Aſthma und geht jeden Abend um ſechs Uhr zu Bett. Er erzählte mir dies ſelbſt ohne Rückhalt, als er eines Sonntags in unſere Kirche kam. Er trägt einen 101 Haſenbalg auf der Bruſt und hat eine zitterige Stimme— ganz wie ein Gentleman. Und ich ſagte ihm, es gebe nicht viele Monate im Jahr, in denen ich nicht den Doctor brauche, und ich ſei eben jetzt unter ſeinen Händen. Und er ſagte: ‚Mrs. Pullet, ich kann für Sie fühlen.: So ſagte er— es ſind ſeine eigenen Worte. Ach!“ ſeufzte Mrs. Pullet und ſchüttelte den Kopf bei dem Gedanken, daß es ſo wenige gebe, die voll in ihre Erfahrungen über rothe und weiße Mixturen, ſtarke Arzneien in kleinen Fläſch⸗ chen, ſchwache Arzneien in großen Gläſern, feuchte Boluſe für einen Schilling und Tränke für achtzehn Pence eingehen konnten.„Schweſter, ich werde jetzt wohl meinen Hut abnehmen können. Haſt Du da⸗ für geſorgt, daß die Haubenſchachtel nachkommt?“ fügte ſie gegen ihren Mann bei. In einer unerklärlichen Vergeßlichkeit hatte Mr. Pullet dies verabſäumt; er eilte daher, von ſeinem Gewiſſen gerührt, hinaus, um den Fehler wieder gut zu machen. „Man wird ſie heraufbringen, Schweſter,“ ſagte Mrs. Tulliver, die gern fortgeweſen wäre, damit nicht Mrs. Glegg ihre Gefühle auskrame über So⸗ phie als die erſte Dodſon, die ihre Conſtitution durch Doctern ruinirt habe... Sie mußte mit ihrer Schwe⸗ ſter Pullet in ein oberes Zimmer gehen, um die Haube, bevor ſie aufgeſetzt wurde, gehörig zu muſtern, überhaupt mit ihr einige Putzangelegenheiten zu be⸗ ſprechen. Die Schwäche von Seiten der armen Beſſy weckte Mrs. Gleggs ſchweſterliches Mitleid. Beſſy trug ſich weit über ihre Verhältniſſe und war zu 10² ſtolz, ihr Kind in die guten Anzüge zu kleiden, die ihr Schweſter Glegg aus der Urſchichte ihrer Gar⸗ derobe zufließen ließ; es war eine Sünde und eine Schande, für das Kind etwas anderes, als vielleicht ein Paar Schuhe zu kaufen. In dieſer Beziehung that allerdings Mrs. Glegg ihrer Schweſter Beſſy Unrecht, da ſich dieſe alle Mühe gegeben hatte, Mag⸗ gie zu bewegen, den Livorner Hut und das gefärbte ſeidene Kleid, das man aus dem der Tante heraus⸗ geſchneidert, zu tragen; aber die Reſultate waren von der Art geweſen, daß Mrs. Tulliver es für räthlich hielt, ſie in ihrem mütterlichen Buſen zu be⸗ wahren. Maggie, welche behauptete, das Kleid rieche nach der garſtigen Farbe, hatte am erſten Sonntag, an welchem ſie es benützte, die Gelegen⸗ heit erſehen, es reichlich mit Bratenbrühe zu beträu⸗ feln, und da ſie ſah, daß dieſes Manöver die ge⸗ wünſchte Wirkung that, ſo brachte ſie ſpäter den Hut mit den grünen Bändern unter das Brunnen⸗ rohr, wodurch der anſtößige Kopfſchmuck eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit mit einem in welkem Lattich lie⸗ genden Laib Kräuterkäſe erhielt. Ich muß indeß zu Maggies Entſchuldigung beifügen, daß Tom ſie in ihrem Hut ausgelacht und zu ihr geſagt hatte, ſie ſehe aus wie eine alte Urſchel. Auch Tante Pullet machte Geſchenke mit abgelegten Kleidern; aber dieſe waren immer hübſch genug, um ſowohl Maggie, als ihrer Mutter zu gefallen. Dieſe Schweſter war Mrs. Tulliver unter allen die liebſte und zog ihrer⸗ ſeits auch Beſſy den andern vor; aber es that Mrs. Pullet ſehr leid, daß die Schweſter von der Mühle ſo garſtige unartige Kinder hatte. Sie wollte wohl ———— un 103 für dieſelben thun, was ſie konnte, aber es war Schade, daß ſie nicht ſo gut und ſo hübſch waren, wie Schweſter Deane's Kind. Maggie und Tom ihrerſeits hielten Tante Pullet für erträglich, haupt⸗ ſächlich weil ſie nicht der Tante Glegg glich. Tom wollte in ſeinen Vacanzen keine der Tanten öfter als einmal beſuchen und erhielt bei ſolchen Gelegen⸗ heiten natürlich von ſeinen Onkeln ein Geſchenk; aber bei Tante Pullet gab es in den Souterrains ſo viele Kröten, die er mit Steinen verfolgen konnte, daß er zu ihr noch am allerliebſten ging. Maggie ſchauderte vor den Kröten und hatte hintendrein ſchreckliche Träume von ihnen; dagegen gefſiel ihr Onkel Pullets Spieldoſe ganz beſonders. Gleichwohl waren alle Schweſtern in Mrs. Tullivers Abweſenheit darin einverſtanden, daß das Blut der Tulliver ſich nur ſchlecht mit dem der Dodſone miſche; in Wirklichkeit ſeien die Kinder der armen Beſſy wahre Tullivers und Tom werde ungeachtet ſeines Dodſonteints gerade ſo widerwärtig, wie ſein Vater. Was Mag⸗ gie betreffe, ſo ſei ſie das leibhaftige Ebenbild ihrer Tante Moß, Mr. Tullivers Schweſter, einer grob⸗ knochigen Frau, die ſich ſo ſchlecht als nur immer möglich verheirathet habe; man finde bei ihr kein Porcellän, und ihrem Manne falle es ſchwer, ſeinen Pacht zu erſchwingen. Als aber Mrs. Pullet im Stühchen oben mit Mrs. Tulliver allein war, ging es natürlich über Mrs. Glegg her, und die beiden Schweſtern kamen im tiefſten Vertrauen miteinander dahin überein, daß man nicht wiſſen könne, in wel⸗ cher Vogelſcheuchentracht Schweſter Jane dieſer Tage ſich zeigen werde. Ihr Téte à tête wurde jedoch 104 durch die Ankunft vom Mrs. Deane mit der kleinen Lucy geſtört, und Mrs. Tulliver mußte es mit ſtil⸗ lem Herzweh mit anſehen, wie man der Kleinen ihre blonden Locken ordnete. Es war unbegreiflich, wie Mrs. Deane, die magerſte und blaſſeſte von allen Miß Dodſons, zu dieſem Kinde kam, das man zu jeder Stunde für ein Kind der Mrs. Tulliver hätte halten können. Und Maggie ſah faſt noch einmal ſo ſchwarz aus, wenn ſie neben Lucy ſtand. So erwies es ſich auch diesmal, als ſie und Tom mit dem Vater und Onkel Glegg aus dem Garten hereinkamen. Maggie hatte ihr Hütchen nachläſſig auf der Schulter hängen und ſtürzte mit wildem, ſtrobeligem Haar auf Lucy zu, die an der Seite ihrer Mutter ſtand. Der Gegenſatz zwiſchen den beiden Bäschen war ſicherlich auffallend genug und bei oberflächlicher Beobachtung für Maggie nicht günſtig, obgleich ein Kenner an ihr Züge entdeckt haben dürfte, welche für ein reiferes Alter mehr ver⸗ ſprachen, als Lucy's geleckte Zartheit. Man konnte die eine einem raſch aufgeſchoſſenen, rauharigen ſchwarzen jungen Hund, die andere einem weißen Kätzchen vergleichen. Lucy ſpitzte ihr Mündchen auf's Zierlichſte zum Kuß; Alles an ihr war nett— ihr kleiner runder Hals mit der Korallenſchnur, ihr gerades, ganz und gar nicht aufgeſtülptes Näschen und ihre klaren feinen Augbrauen, die nur um einen Schatten dunkler waren als ihre Locken und daher trefflich zu den nußbraunen Augen paßten, welche mit einer Art ſcheuen Vergnügens zu der um einen vollen Kopf größeren, aber kaum um ein Jahr älteren Maggie aufſchauten. Letztere hatte 105 immer eine Freude an ihrem kleinen Bäschen. Sie liebte es, ſich in eine Welt hinein zu träumen, in welcher die Leute nie größer würden, als wie die Kinder von ihrem Alter, und dachte ſich darin die Königin gerade wie Lucy mit einem Krönlein auf dem Kopf und einem kleinen Scepter in der Hand.. nur war die Königin Maggie ſelbſt in Lucy's Geſtalt. „Oh, Lucy,“ rief ſie, nachdem ſie die Kleine ge⸗ küßt hatte,„nicht wahr, Du bleibſt bei Tom und bei mir? Komm, Tom, gib ihr einen Kuß.“ Auch Tom hatte ſich Lucy genähert, aber nicht in der Abſicht, ſie zu küſſen— dies fiel ihm nicht ein. Er war eben mit Maggie heraufgekommen, weil im Ganzen ihm dies leichter ſchien, als wenn er zu allen den Onkeln und Tanten hätte„Grüß Gott“ ſagen müſſen. Da ſtand er nun, roth bis über die Ohren, unbeſtimmt vor ſich hinſtarrend, linkiſch und mit jenem halben Lächeln auf dem Ge⸗ ſicht, das man gewöhnlich in Geſellſchaft an ſchüch⸗ ternen Knaben bemerkt und durch das ſie das Aus⸗ ſehen gewinnen, als ſeien ſie durch einen Irrthum in die Welt gekommen und finden jetzt dieſelbe in einem ſo verwirrenden Negligé, daß ſie nicht wiſſen, wohin ſie blicken ſollen. „Ei der Tauſend, was iſt dies?“ begann Tante Glegg mit Nachdruck.„Treten kleine Knaben und Mädchen auch in ein Zimmer, ohne von ihren On⸗ keln und Tanten Notiz zu nehmen? Man machte es anders, als ich noch ein kleines Mädchen war.“ „Geht und redet mit euren Tanten und Onkeln, meine Kinder,“ ſagte Mrs. Tulliver mit ängſtlicher und kummervoller Miene; ſie hätte gar gern Mag⸗ 106 ie den Befehl zugeflüſtert, ſie ſolle hinausgehen und 1 kämmen laſſen. „So, und was treibt ihr? Ich hoffe, ihr ſeid gute Kinder, nicht wahr?“ fuhr Tante Glegg in dem⸗ ſelben nachdrücklichen Tone fort, indem ſie die Kin⸗ der ſehr gegen ihren Willen auf die Wangen küßte und ihnen die Hände preßte, ſo daß ſie unter dem Druck der großen Ringe hätten ſchreien mögen. „Schau auf, Tom; ſchau auf. Knaben, die in Koſt⸗ ſchulen gehen, müſſen den Kopf hoch tragen. Sieh mich jetzt an.“ Tom hatte augenſcheinlich nicht Luſt, ſich dieſes Vergnügen zu machen; denn er ſuchte ſeine Hand wegzuziehen.„Streich Dir das Haar hinter die Ohren, Maggie, und zieh Dein Kleidchen gegen die Schulter hinauf.“ Tante Glegg ſprach mit ihnen ſtets in dieſer lauten nachdrucksvollen Weiſe, als halte ſie die Kin⸗ der für ſchwerhörig oder wohl gar für blödſinnig; ſie meinte, ihnen damit an's Herz zu legen, daß ſie verantwortliche Geſchöpfe ſeien, und hoffte ſo ihren böſen Gelüſten einen heilſamen Zügel anzulegen. Beſſy's Kinder waren ſo verzogen und brauchten wohl Jemand, der ſie auf ihre Pflicht aufmerkſam machte. „Ei, meine Lieben, ihr wachst ja wunderbar heran,“ bemerkte Tante Pullet im Ton der Theil⸗ nahme.„Das zehrt an ihren Kräften,“ fügte ſie mit einem melancholiſchen Ausdruck bei, während ſie über ihren Köpfen weg nach der Mutter hinſah. „Ich denke, das Mädel hat zu viel Haar. An Dei⸗ ner Stelle, Schweſter, würde ich es dünner und kürzer ſchneiden; es ſchadet ihrer Geſundheit, und 107 ich möchte faſt glauben, daß ihre ſchwarze Haut da⸗ von herrührt. Biſt Du nicht auch dieſer Meinung, Schweſter Deane?“ „Wer kann dies wiſſen, Schweſter?“ verſetzte die Angeredete, ohne ſich auf weitere Ergießungen ein⸗ zulaſſen, indem ſie ſich darauf beſchränkte, Maggie mit kritiſchem Auge zu muſtern. „Nein, nein,“ ſagte Mr. Tulliver,„das Kind iſt geſund genug— ihr fehlt nichts. Es gibt eben ſo gut rothen Waizen als weißen, was dies betrifft, und es gibt Leute, welchen das dunkle Getreide das liebſte iſt. Aber ich glaube auch, Beſſy würde gut thun, dem Kind das Haar kürzer zu ſchneiden, daß es beſſer anliegt.“ Ein ſchrecklicher Entſchluß dämmerte in Maggie auf, wurde aber vorläufig noch durch den Wunſch zurückgehalten, zu erfahren, ob Tante Deane Lucy wohl da ließ, denn es war kaum zu erwarten, daß ſie ſonſt ihr Kind auf Beſuch nach der Mühle ſchicken würde. Nach verſchiedenen Weigerungsgründen be⸗ rief ſich Mrs. Deane endlich an Lucy ſelbſt. „Du wirſt nicht ohne Deine Mutter hier bleiben wollen— nicht wahr, Lucy?“ „O ja, Mutter, wenn Sie es erlauben wollen,“ verſetzte Lucy ſchüchtern und über und über erröthend. „Recht ſo, Lucy! Laß ſie da, Frau, laß ſie da,“ ſagte Mr. Deane, ein großer, lebhaft ausſehender Mann von jenem Typus, den man in allen Klaſſen der engliſchen Geſellſchaft findet— kahler Scheitel, rother Backenbart, breite Stirne und allgemeine Solidität ohne Schwerfälligkeit. Aehnliche Männer ſieht man unter dem hohen Adel, unter den Würz⸗ 108 krämern und unter den Tagwerkern; aber die Schärfe ſeiner braunen Augen war weniger gewöhnlich, als ſeine Umriſſe im Ganzen. Er hielt eine ſilberne Tabaksdoſe ſehr feſt in ſeiner Hand und tauſchte hin und wieder eine Priſe aus mit Mr. Tulliver, deſſen Doſe nur mit Silber eingelegt war, ſo daß es ein ſtehender Spaß des Letztern war, ſeine Tabatidre mit der ſeines Schwagers wechſeln zu wollen. Die ſilberne Doſe war Mr. Deane von den ältern Aſ⸗ ſocié's der Firma, zu der er gehörte, zu derſelben Zeit, als ſie ihn zum Geſchäftstheilhaber machten, in Anerkennung ſeiner Verdienſte als Geſchäftsführer verehrt worden. Kein Mann ſtand zu St. Oggs höher in Achtung, als Mr. Deane, und manche Leute waren der Meinung, Miß Suſanna Dodſon, die von ſämmtlichen Schweſtern Dodſon die allergeringſte Par⸗ tie gemacht habe, werde eines Tages in einem beſſern Wagen fahren und in einem beſſern Hauſe wohnen, als ſogar ihre Schweſter Pullet. Wer konnte wiſſen, wie weit es ein Mann noch bringen werde, der An⸗ theil an einem Fabriketabliſſement, einer Rhederei und einem Bankgeſchäft hatte, wie das der Herren Gueſt u. Comp? Und Mrs. Deane war, wie ihre vertrauten Freundinnen bemerkten, ſtolz und ſtreb⸗ ſam genug, daß ſie es ſicherlich an einem Sporn nicht fehlen ließ, wenn ihr Mann etwa flau werden wollte in ſeinen Bemühungen, vorwärts zu kommen. „Maggie,“ ſagte Mrs. Tulliver, ihr, ſobald die Frage über Lucy's Dableiben erledigt war, heran⸗ winkend und ihr in's Ohr flüſternd:„geh' und laß Dir Dein Haar kämmen— thu' es und ſchäme Dich. Ich habe Dir ja geſagt, Du ſolleſt vorher ₰ — 10⁰9 zu Martha gehen, eh' Du herein kämeſt. Hatteſt Du dies ganz vergeſſen?“ „Tom, komm' mit mir,“ raunte Maggie ihrem Bruder zu, indem ſie im Vorübergehen ihn am Aermel zupfte. Und Tom folgte bereitwillig ihrer Aufforderung. „Begleite mich die Treppe hinauf, Tom,“ ſagte ſie, ſobald ſich die Thüre hinter ihnen geſchloſſen hatte.„Ich will dort etwas thun, eh' man zum Mittageſſen geht.“ „Man kann vor dem Eſſen kein Spiel mehr an⸗ fangen,“ verſetzte Tom, deſſen Einbildungskraft durch die Ausſicht auf die Leckerbiſſen des Mahls ſehr ge⸗ ſteigert wurde. „Dafür iſt ſchon noch Zeit— komm nur mit, Tom.“ Tom folgte Maggie nach der Mutter Zimmer hinauf und ſah, wie ſie dort eine Komodenſchublade öffnete und eine große Scheere herausholte. „Was willſt Du damit, Maggie?“ fragte Tom, deſſen Neugierde erwachte. Maggie antwwortete einfach damit, daß ſie ihre Stirnhaare faßte und ohne Weiteres kurz abſchnitt. „O du meine Güte, Maggie, Du wirſt's abfan⸗ gen,“ rief Tom.„Laß das Weiterſchneiden nur bleiben.“ Schnipp, ſchnipp, ging die große Scheere wieder, während Tom ſeine Einwendung vorbrachte; und er konnte endlich nicht umhin, den Spaß prächtig zu finden, da Maggie jetzt ſo poſſierlich ausſah. „So, Tom; jetzt ſchneide mir das Haar hinten ab,“ ſagte Maggie in der Aufregung über ihre Großthat, die ſie raſch beendigt zu ſehen wünſchte. „Gib Acht, Du wirſt's abfangen,“ verſetzte Tom, in abmahnender Weiſe den Kopf ſchüttelnd, als er zögernd die Scheere aufnahm. „Kümmere Dich nicht darum— und tummle Dich,“ ſagte Maggie, mit ihrem Fuß auf den Bo⸗ den ſtampfend. Ihre Wangen glühten. Die ſchwarzen Haare waren ſo dick— und nichts konnte verlockender ſein für einen Knaben, der be⸗ reits das verbotene Vergnügen gekoſtet hatte, dem Pony die Mähne zu ſtutzen. Ich ſage dies zu De⸗ nen, welche wiſſen, was für eine Luſt es iſt, eine Scheere in einer gebührend widerſtehenden Maſſe von Haaren arbeiten zu laſſen. Ein köſtliches Schnipp, wieder eines und wieder eines— die hintern Locken fielen ſchwer zu Boden, und Maggie ſtand tiefſtaffelig geſchoren da, gleichwohl aber mit einem Gefühl von Klarheit und Freiheit, als ſei ſie aus dem Geſtrüpp eines Waldes in freies Land hinaus⸗ gekommen. „O Maggie,“ rief Tom, lachend um ſie her hü⸗ pfend und mit den Händen auf die Kniee klopfend, „o du meine Güte, wie ſpaſſig Du ausſiehſt! Schau nur in den Spiegel— gerade ſo, wie der Tackel, dem wir von dem Schulfenſter aus unſere Nuß⸗ ſchalen zuwarfen.“ Dies gab Maggie einen Stich in's Herz. Sie hatte bisher nichts im Auge gehabt, als das Ver⸗ langen, ſich ihres läſtigen Haars zu entledigen und die widerwärtigen Bemerkungen darüber zum Schweigen zu bringen, während ſie zugleich über 111 ihre Mutter und ihre Tante durch ihr entſchiedenes Handeln einen Sieg davon tragen wollte. Ob ſie in ihrem Haar hübſch ausſah oder nicht, war ihr völlig gleichgültig; ſie dachte nur, die Leute wür⸗ den in ihr ein geſcheides Mädchen erkennen und ſie loben. Als aber Tom ſie auszulachen begann und ſie mit einem Blödſinnigen verglich, gewann die Sache ein ganz anderes Ausſehen. Sie ſah in den Spiegel. Tom lachte noch immer fort und ſchlug die Hände zuſammen. Maggie' glühende Wandß wurden jetzt blaß und ihre Lippen bebten. „O Maggie, Du wirſt jetzt gleich zum Eſſen hinun⸗ ter müſſen,“ ſagte Tom.„O Jemine!“ „Lach' mich nicht aus, Tom,“ entgegnete Maggie in leidenſchaftlichem Tone, während ſie zugleich mit dem Fuß ſtampfte, ihm einen Stoß verſetzte und in einen Strom zorniger Thränen ausbrach. „Ei, du tolles Geſchöpf, warum haſt Dus ab⸗ geſchnitten?“ ſagte Tom.„Ich gehe jetzt hinunter, denn ich rieche, daß man das Eſſen aufträgt.“ Er eilte die Treppe hinab und ließ die arme Maggie in jenem bittern Gefühl der Unwiederbring⸗ lichkeit zurück, das die Erfahrung faſt eines jeden Tages ihrer Seele eindrückte. Sie ſah, nun es ge⸗ ſchehen war, recht wohl ein, wie thöricht ſie gehan⸗ delt hatte und wie ſie fortan wegen ihres Haares mehr als je werde zu leiden haben. Maggie pflegte nämlich mit ihrem leidenſchaftlichen Weſen ſtets raſch an ein Werk zu gehen, erkannte aber hintendrein nicht nur die Folgen, ſondern malte ſich auch mit der ganzen Fülle und Uebertreibung einer lebhaften Einbildungskraft aus, wie es gekommen wäre, wenn ſie nicht ſo unbeſonnen gehandelt hätte. Tom that nie ſo thörichtes Zeug, wie Maggie, denn er beſaß einen wunderbaren Inſtinct in Unterſcheidung deſſen, was zu ſeinem Vortheil oder Nachtheil ausfallen konnte; und ſo kam es denn, daß ihn ſeine Mutter, obſchon er viel eigenſinniger und unlenkſamer war, als Maggie, kaum je garſtig nannte. Wenn aber Tom je einen Mißgriff beging, ſo beharrte er dabei, wollte Recht haben und kümmerte ſich nicht um die Folgen. Riß er die Schnur an der Kutſchenpeitſche ſeines Vaters durch Losſchlagen auf die Thüre ab, ſo konnte er nichts dafür; ſie hätte ſich eben nicht in der Angel verfangen ſollen. Wenn Tom Tulliver ein Thor peitſchte, ſo war er überzeugt, nicht daß das Peitſchen von Thoren ein für alle Knaben rechtfer⸗ tigbarer Act ſei, ſondern daß er, Tom Tulliver, das Recht hatte, gerade dieſes beſondere Thor zu peitſchen, und ließ ſich davon nicht abbringen. Doch Maggie fühlte, als ſie weinend vor dem Spiegel ſtand, daß ſie unmöglich zum Eſſen hinunter gehen und ſich den ſtrengen Blicken und den ſtrengen Worten ihrer Tanten, oder dem Gelächter Toms, Lucy's und der aufwartenden Martha, vielleicht auch dem ihrer Onkel und ſogar ihres Vaters ausſetzen könne; denn nachdem Tom ſie verlacht hatte, mußte vorausſichtlich Alles lachen. Und hätte ſie ihr Haar gelaſſen, wie es war, ſo könnte ſie jetzt mit Tom und Lucy am Tiſch ſitzen und ſich an dem Aprikoſenpudding und den Paſtetchen erlaben. Ihr Schluchzen war daher ſehr natürlich. Hilflos und verzweifelnd ſaß ſie zwi⸗ ſchen den abgeſchnittenen ſchwarzen Haarwiſchen, wie Ajax unter den erſchlagenen Schafen. Dieſes Leid 113 erſcheint vielleicht den wetterfeſten Sterblichen, die an heimgegangene Lieben und gebrochene Freund⸗ ſchaften zu denken haben, als ſehr geringfügig; aber es war für Maggie nicht weniger bitter, vielleicht noch bitterer als das, was wir im Gegenſatz dazu die wirklichen Sorgen des reifern Lebens nennen. „Ach, mein Kind, du wirſt erſt mit der Zeit erfah⸗ ren, was wahres Leid iſt,“ lautet der Spruch, mit dem man uns in der Kindheit zu tröſten pflegte, und den wir, ſeit wir erwachſen ſind, oft und oft gegen das kleine Volk wiederholten. Wir Alle ha⸗ en wohl zum Erbarmen geſchluchzt, wenn wir an irgend einem fremden Platz die Mutter oder die Wärterin verloren; aber wir können uns nicht mehr den tiefgehenden Schmerz dieſes Moments vergegen⸗ wärtigen und darüber weinen, wie etwa über die kummervollen Erlebniſſe aus den letzten fünf oder zehn Jahren. Und doch hat jeder dieſer herben Mo⸗ mente ſeine Spur zurückgelaſſen und lebt in uns fort, obſchon ſich die Schärfe ſeiner Umriſſe in der Rinde unſerer Jugend und Mannheit verloren hat, ſo daß wir auf die Nöthen unſerer Kinder mit einem un⸗ gläubigen Lächeln über die Wirklichkeit ihres Schmer⸗ zes niederſchauen. Gibt es wohl Jemand, der ſich die Erfahrungen ſeiner Kindheit nicht mit der bloſen Erinnerung an das, was er gethan und was ihm zugeſtoßen, oder was ihm lieb oder unangenehm ge⸗ weſen, ſondern mit einem tiefen Eingehen in die Gefühle der Zeit vergegenwärtigen kann, als es ſo lang war von einem Sommer zum andern?— wie es ihm war, wenn ſeine Schulkameraden ihn von ihren Spielen ausſchloſſen, weil er aus purem Starr⸗ Eliot, Die Mühle am Floß. 114 ſinn den Ball unrecht zu ſchlagen pflegte? wie er an regneriſchen Tagen in der Vacanz nichts mit ſich an⸗ zufangen wußte und aus dem Müßiggang in Un⸗ ſug und aus dem Unfug in Trotz und aus dem Trotz in Verſtocktheit gerieth? oder wie troſtlos es ihn machte, wenn die Mutter ihm die Klappenjacke ver⸗ weigerte, während doch alle andern Knaben von glei⸗ chem Alter die Klappen ſchon hatten? Wahrlich, wenn wir uns voll in jene Schmerzen, in die nebel⸗ haften Vermuthungen und in die eigenthümlich aus⸗ ſichtsloſe Auffaſſung des Lebens, welche gerade den Schmerz ſo bitter machte, hinein zu denten vermöch⸗ ten, ſo würden wir nicht unſern Spott treiben mit den kleinen Leiden unſerer Kinder. „Miß Maggie, Ihr ſollt augenblicklich hinunter kommen,“ ſagte Kezia, haſtig in's Zimmer tretend. „Herr Je! was habt Ihr gemacht? In meinem Leben nie hab' ich eine ſo ſchreckliche Geſtalt geſehen.“ „Schweig, Kezia,“ entgegnete Maggie aufge⸗ bracht.„Geh' fort!“ „Habt Ihr nicht gehört, daß Ihr auf der Stelle hinunterkommen ſollt? Die Mutter hat's befohlen,“ ſagte Kezia, auf Maggie zugehend und ſie bei der Hand nehmend, um ſie vom Boden aufzuziehen. „Geh' nur wieder, Kezia; ich will nichts eſſen,“ verſetzte Maggie, dem Arm des Dienſtmädchens Wider⸗ ſtand leiſtend.„Ich werde nicht kommen.“ „Meinetwegen; ich kann mich nicht lange aufhal⸗ ten, denn ich muß bei Tiſch aufwarten,“ erwiderte Kezia und entfernte ſich. „Maggie, Du einfältiges Ding,“ ſagte Tom, der zehn Minuten ſpäter zur Thüre hereinſchaute,„warum kommſt Du nicht zum Eſſen? Es iſt eine Menge guter Sachen da, und die Mutter ſagt, Du ſolleſt kommen. Warum weinſt Du denn, Du dumme Perſon?“ Oh, es war ſchrecklich! Tom benahm ſich ſo hart und unbekümmert. Wenn er weinend auf dem Boden geſeſſen, ſo hätte Maggie auch mit geweint. Und da war das prächtige Mittageſſen— und ſie ſo hungrig. Schrecklich! Aber Tom war nicht ſo ganz verhärtet. Wenn er auch keine Luſt zum Weinen hatte und durch Maggie's Schmerz den Vorgenuß der Delicateſſen des Tags ſich nicht verderben ließ, ſo ſetzte er ſich doch zu ihr nieder, legte ſeinen Kopf an den ihrigen und ſagte mit gedämpfter, tröſtender Stimme: „Du willſt alſo nicht mitkommen, Maggie? Soll ich Dir ein bischen Pudding bringen, wenn ich mit dem meinigen fertig bin— und Rahmtörtchen und ſolche Sachen?“ „J— i— i— a,“ antwortete Maggie, welcher das Leben ein bischen erträglicher zu erſcheinen anfing. „Gut,“ ſagte Tom, indem er ſich entfernte. An der Thüre wandte er ſich noch einmal um und fügte bei:„Aber es wäre ſchon am beſten, wenn Du mit⸗ kämeſt. Es gibt einen Nachtiſch— Du weißſt, Nüſſe— und Schlüſſelblumenwein.“ Maggie's Thränen hatten nachgelaſſen, und ſie gewann in Toms Abweſenheit Zeit zum Nachdenken. Seine Gutmüthigkeit hatte ihrem Schmerz die größte Bitterkeit benommen, und die Nüſſe mit dem Schlüſſelblumenwein begannen ihren natürlichen Ein⸗ fluß zu üben. 8* 116 Sie erhob ſich langſam von dem mit Haarwiſchen beſtreuten Boden und ſchlich die Treppe hinunter; dann lehnte ſie ſich an den Pfoſten der Speiſezim⸗ merthüre und benützte, als ſie aufging, die Gelegen⸗ heit, hineinzugucken. Da ſaßen Tom und Lucy mit einem leeren Stuhl zwiſchen ſich; dazu die Rahm⸗ törtchen auf dem Seitentiſch— nein, es war zu viel. Sie ſchlüpfte hinein und ging auf den leeren Stuhl zu. Aber kaum hatte ſie Platz genommen, als ſie dieſen Schritt ſchon bereute und gerne wieder draußen geweſen wäre. Mrs. Tulliver ſtieß, als ſie ihrer anſichtig wurde, einen leichten Schrei aus und ließ in ihrem Entſetzen den großen Fleiſchbrühlöffel mit den ernſtlichſten Folgen für das Tiſchtuch in die Schüſſel fallen. Denn Kezia hatte den Grund, warum Maggie nicht zum Eſſen kommen wollte, nicht verrathen, weil ſie ihre Gebieterin nicht in dem Acte des Fleiſchzerlegens erſchrecken wollte, und Mrs. Tulliver ſah in der Weigerung nichts Schlimmeres, als einen Anfall von Eigenſinn, der ſich am beſten dadurch ſtrafte, daß Maggie um die Hälfte ihres Mittageſſens kam. Der Schrei der Mutter lenkte Aller Augen in die gleiche Richtung, und Maggie's Wangen und Ohren begannen zu glühen, während Onkel Glegg, ein freundlich ausſehender weißhaariger alter Herr, die Bemerkung hinwarf:. „Der Tauſend, was iſt dies für ein junges Mädel— die kenne ich ja gar nicht. Kezia, habt Ihr ſie vielleicht auf der Straße aufgeleſen?“ „Ha, ha, ſie iſt hingegangen und hat ſich die Haare ſelbſt abgeſchnitten,“ ſagte Mr. Tulliver 4 117 halblaut zu Mr. Deane und hielt ſich dabei den Bauch vor Lachen.„Hat man je eine ſolche kleine Hexe geſehen?“ „Das Jüngferchen hat ſich ein ganz curioſes Aus⸗ ſehen gegeben,“ ſagte Onkel Pullet, welcher ſich viel⸗ leicht in ſeinem ganzen Leben nie einer Aeußerung ſchuldig gemacht hatte, die ſo ſchmerzlich empfunden worden wäre. „Pfui, pfui, Schande!“ ließ ſich Tante Glegg in ihrem lauteſten und ſtrengſten Vorwurfston verneh⸗ men.„Kleine Mädchen, welche ſich ſelbſt das Haar abſchneiden, ſollten mit der Ruthe geſtraft und bei Waſſer und Brod eingeſperrt werden, nicht aber herkommen und mit Onkel und Tanten zu Tiſch ſitzen wollen.“ „Ja, ja,“ ſagte Onkel Glegg, welcher der Sache eine ſpaßhafte Wendung geben wollte;„man muß ſie in's Gemeindegefängniß ſchicken, wo man ihr der Gleichförmigkeit wegen auch das übrige Haar noch abſchneiden wird.“ „Sie ſieht mehr als je wie eine Zigeunerin aus,“ ſagte Tante Pullet im Ton des Mitleids.„Es iſt ein Unglück, Schweſter, daß das Mädchen ſo ſchwarz iſt, während man ſich den Knaben ſchon gefallen laſſen kann. Ich fürchte, ob nicht einmal ihre ſchwarze Haut ihrem Fortkommen im Wege ſteht.. „Sie iſt ein garſtiges Kind und wird ihrer Mutter noch das Herz brechen,“ ſagte Mrs. Tulliver mit Thränen in den Augen. Alles dies ſtürmte wie ein Chor von Hohn und Vorwurf auf die arme Maggie herein. Ihre erſte Glut war die des Zorns, welcher ihr für den Mo⸗ 118 ment die Macht des Trotzes verlieh, und Tom meinte, ſie werde im Hinblick auf den eben aufgetragenen Pudding und die Rahmtörtchen ſich wacker durch⸗ ſchlagen. Unter dieſem Eindruck flüſterte er ihr zu: „Hab' ich Dir's nicht geſagt, Maggie, Du werdeſt es abfangen?“ Seine Abſicht war wohlwollend; aber Maggie glaubte, auch Tom freue ſich ihrer Schmach. Ihr Trotz war daher ſchnell verraucht und die Bruſt hätte ihr berſten mögen. Sie ſtieg von ihrem Stuhl herunter, eilte auf ihren Vater zu, verbarg ihr Geſicht an ſeiner Schulter und brach in ein lautes Schluchzen aus. „Gib Dich zufrieden, Mädel, und laß Dich's nicht anfechten,“ ſagte ihr Vater beſchwichtigend, indem er den Arm um ſie ſchlang.„Du haſt Recht gethan, daß Du Dein Haar abſchnitteſt, wenn es Dir läſtig war. Gib Dein Weinen auf; der Vater nimmt ſich Deiner an.“ O welche köſtlichen Worte aus dem Mund der Liebe! Maggie vergaß keinen der Augenblicke, in welchen„der Vater ſich ihrer annahm,“ bewahrte ſie in ihrem Herzen und gedachte ihrer noch nach langen Jahren, als Jedermann ſonſt ſagte, ihr Vater habe ſehr ſchlecht an ſeinen Kindern gehandelt. „Wie Dein Mann das Kind verzieht, Beſſy!“ ſagte Mrs. Glegg in einem lauten Beiſeits zu Mrs. Tulliver.„Wenn Du Dich nicht wohl in Acht nimmſt, wird er ſie in den Erdboden hinein verder⸗ ben. Mein Vater hat ſeinen Kindern keine ſolche Ermunterungen zu Theil werden laſſen; ſonſt wären wir nicht die Familie, die wir ſind.“ Mrs. Tullivers häusliches Leid ſchien in dieſem 119 Moment den Punkt erreicht zu haben, wo die Un⸗ empfindlichkeit beginnt. Sie nahm keine Notiz von der Bemerkung ihrer Schweſter, ſondern warf ihre Haubenbänder zurück und vertheilte den Pudding in ſtummer Reſignation. Mit dem Nachtiſch ſollte auch für Maggie die Stunde der Erleichterung eintreten; denn die Kinder erhielten, weil der Tag ſo mild war, die Weiſung, ihre Nüſſe und den Schlüſſelblumenwein im Garten⸗ haus einzunehmen; ſie eilten alſo durch das knos⸗ pende Gebüſch mit der Behendigkeit von kleinen Thierchen dahin, welche dem Focus eines Brenn⸗ glaſes entwiſcht ſind. Mrs. Tulliver hatte für dieſe Erlaubniß ihren beſonderen Grund. Nachdem nämlich das Mittag⸗ eſſen verſorgt und jedes Gemüth behaglich geſtimmt war, ſchien ihr der rechte Zeitpunkt gekommen zu ſein, die Abſichten ihres Mannes mit Tom zur Sprache zu bringen, und da paßte es nicht, daß Tom zugegen war. Die Kinder waren es zwar gewöhnt, von ſich ſo unverholen ſprechen zu hören, als ob ſie Vögel wären und nichts verſtehen könnten; aber ſie ſtreckten doch vielleicht ihre Hälſe und hörten zu. Bei dem gegenwärtigen Anlaß bekundete übri⸗ gens Mrs. Tulliver eine mehr als gewöhnliche Vor⸗ ſicht, weil ſie in jüngſter Zeit die Wahrnehmung gemacht hatte, daß Tom die Ausſicht, zu einem Geiſt⸗ lichen in die Schule zu kommen, nicht ſehr ermuthi⸗ gend fand und ſie faſt in dem Licht betrachtete, als wolle man ihn zu einem Conſtabler thun. Wohl preßte Mrs. Tulliver der Gedanke, ihr Gatte werde ſich in ſeinem Vornehmen weder durch die Einreden 12²⁰ einer Schweſter Glegg, noch durch die der Schweſter Pullet beirren laſſen, einen innerlichen Seufzer ab; aber ſie wollte ſich wenigſtens, wenn die Sache übel ausfiel, nicht nachſagen laſſen, ſie habe in die Thor⸗ heiten ihres Mannes gewilligt, ohne ihren nächſten Verwandten auch nur eine Sylbe davon zu ver⸗ trauen. „Mann,“ ſagte ſie, ihren Gatten in einem Ge⸗ ſpräch mit Mr. Deane unterbrechend,„es iſt jetzt Zeit, den Tanten und Onkeln der Kinder mitzutheilen, was Du mit Tom im Sinne haſt— meinſt Du nicht?“ „O freilich,“ verſetzte Mr. Tulliver etwas ſcharf, „ich mache mir nichts daraus, es aller Welt zu ſagen, was ich mit dem Jungen beabſichtige. Ich habe beſchloſſen,“ fügte er mit einem Blick auf Mr. Glegg und Mr. Deane bei—„ich habe beſchloſſen, ihn hinab nach King's Lorton zu einem Pfarrer Namens Stelling zu ſchicken, der mir als ein un⸗ gemein geſcheider Burſch gerühmt worden iſt; da ſoll er mir nun alles Mögliche lernen.“ Die Geſellſchaft gab ihr Erſtaunen durch jenes Raſcheln zu erkennen, das man in Landkirchengemein⸗ den wahrnehmen kann, wenn ſie von der Kanzel aus eine Anſpielung auf ihre Werktagsangelegenheiten zu hören kriegen. Für die Tanten und Onkel war es eben ſo überraſchend, daß ein Pfarrer mit Mr. Tulliver's Familie zu ſchaffen haben ſollte. Was Onkel Pullet betraf, ſo hätte er kaum weniger wirr ſein können, wenn ihm Mr. Tulliver eröffnet hätte, daß er ſeinen Tom zu dem Lord Kanzler thun wolle; denn Onkel Pullet gehörte zu jener erloſchenen Claſſe brittiſcher Freiſaßen, die, in guten Wollenſtoff ge⸗ — N 121 kleidet, hohe Steuern und Taxen zahlten, in die Kirche gingen und Sonntags eine extra gute Mit⸗ tagstafel führten, ohne ſich träumen zu laſſen, daß die brittiſche Kirchen⸗ und Staatsverfaſſung einen nachweisbareren Urſprung habe, als das Sonnen⸗ oder Fixſternſyſtem. Es iſt traurig, aber wahr, daß Mr. Pullet eine höchſt unklare Vorſtellung von einem Biſchof als von einer Art Baronet hatte, der eben ſo gut Geiſtlicher ſein konnte, als nicht; und da der Rector ſeines eigenen Kirchſpiels ein Mann von hoher Abkunft und großem Vermögen war, ſo wußte Mr. Pullet den Begriff eines Pfarrers, der ſich zum Schulmeiſter hergab, naürlich nicht mit ſeinen Er⸗ fahrungen in Verbindung zu bringen. In unſeren erleuchteten Zeiten wird man zwar eine ſolche Un⸗ wiſſenheit kaum für möglich halten können; aber man darf die merkwürdigen Reſultate nicht aus dem Geſicht laſſen, zu denen unter günſtigen Umſtänden eine bedeutende Naturanlage führt, und eine ſolche Anlage für die Unwiſſenheit war bei Onkel Pullet in hohem Grade entwickelt. So kam es denn, daß er zuerſt ſeinem Staunen Ausdruck lieh. „Aber warum wollen Sie ihn zu einem Pfarrer ſchicken?“ fragte er mit einem erſtaunten Augenzwinkern und ließ ſeine Blicke zwiſchen Mr. Glegg und Mr. Deane hin⸗ und hergleiten, um zu ſehen, ob ihnen vielleicht ein beſſeres Verſtändniß aufgegangen ſei. „Weil, ſo viel ich von der Sache verſtehe, die Pfarrer die beſten Schulmeiſter ſind,“ ſagte der arme Mr. Tulliver, der in dem Irrgarten dieſer curioſen Welt mit Haſt und Beharrlichkeit nach jedem Leit⸗ faden griff.„Jacobs von der'kademie iſt kein 122 Pfarrer, und der Knabe iſt ganz ſchlimm bei ihm gefahren; darum hab' ich mir vorgenommen, wenn ich ihn wieder in eine Schule gebe, ſo müſſe es bei einer ganz andern Perſon ſein, als dieſer Jacobs. Und ſo viel ich in Erfahrung gebracht habe, iſt Mr. Stelling ganz der Mann, wie ich ihn brauche. Ich gedenke meinen Jungen in der Mitte des Sommers zu ihm zu thun,“ ſchloß er im Tone der Entſchieden⸗ heit, indem er auf ſeine Tabaksdoſe klopfte und eine Priſe nahm., „Da werden Sie alle Halbjahr ein ſchönes Schul⸗ und Koſtgeld zahlen müſſen, Tulliver? Die Geiſt⸗ lichen wollen gemeiniglich gar hoch hinaus,“ ſagte Mr. Deane, ſeine Naſe gleichfalls mit einer kräfti⸗ gen Priſe verſorgend, wie er ſtets zu thun pflegte, wenn er eine neutrale Stellung einzunehmen wünſchte. „Und Sie glauben, der Pfarrer werde ihn leh⸗ ren können, auf den erſten Blick ein gutes Waizen⸗ muſter von dem ſchlechten zu unterſcheiden, Nachbar Tulliver?“ bemerkte Mr. Glegg, ein gnädiges Späß⸗ lein beliebend; denn da er ſich vom Geſchäft zurück⸗ gezogen, ſo glaubte er, es ſtehe ihm nicht nur zu, ſondern zieme ihm ſogar, Alles von einer ſcherzhaf⸗ ten Seite aufzufaſſen. „Ja, ſehen Sie, ich habe mit dem Tom einen Plan im Kopf,“ ſagte Mr. Tulliver, der nach die⸗ ſer Andeutung inne hielt und nach ſeinem Glaſe griff. „Wohlan, wenn es mir erlaubt iſt, zu ſprechen, und es iſt ſelten, daß es wir ſo gut wird,“ begann Mrs. Glegg im Tone ſchneidender Ironie,„ſo möchte ich doch wiſſen, was Gutes dabei herauskommen 123 ſoll, wenn man den Knaben über ſein Vermögen erzieht.“ „Ihr ſeht,“ fuhr Mr. Tulliver fort, indem er ſich nur an den männlichen Theil ſeiner Zuhörer⸗ ſchaft hielt und Mrs. Glegg keines Blickes würdigte, „ich habe nicht im Sinn, Tom zu meinem eigenen Geſchäft heranzubilden. Ueber dieſen Punkt bin ich ſchon lange mit mir im Reinen, und was ich von Garnett und ſeinem Sohn ſah, hat mich darin be⸗ ſtätigt. Er ſoll mir ein Geſchäft lernen, das er ohne Kapital beginnen kann, und ich will ihm eine ſolche Erziehung geben laſſen, daß er mit dem Affekaten⸗ volk fertig werden und mir auch da und dort einen guten Rath ertheilen kann.“ Mrs. Glegg ſtieß bei geſchloſſenen Lippen einen lang gedehnten Kehlton aus, während ſie zugleich mit der Miene des Mitleids und der Verachtung lächelte. „Es wäre für manche Leute viel beſſer,“ ſagte ſie dann,„wenn ſie ſich nichts mit den Advokaten zu ſchaffen machten.“ „Iſt dieſer Geiſtliche vielleicht der Vorſtand einer Grammatikſchule, wie etwa der von Market Bew⸗ lay?“ fragte Mr. Deane. „Nein, nichts der Art,“ antwortete Mr. Tulli⸗ ver.„Er nimmt nicht mehr als zwei oder drei Schüler auf und hat daher um ſo beſſer Zeit, auf ſie Acht zu geben.“. „Dann geht's auch mit der Erziehung ſchneller,“ ſagte Onkel Pullet, dem allgemach ein Licht in dieſer ſchwierigen Angelegenheit aufging.„Man kann nicht viel lernen, wenn es ihrer ſo viele ſind.“ 124 „Ohne Zweifel muß er aber dafür um ſo mehr zahlen,“ meinte Mr. Glegg. „Ja wohl, eine trockene Zeche— hundert Pfund jährlich,“ ſagte Mr. Tulliver mit einigem Stolz auf ſeinen geiſtvollen Plan.„Aber dann iſt es ſeine Ausſteuer— die Erziehung iſt das Kapital, das ich Tom mitgebe.“ „Daran iſt etwas,“ entgegnete Mr. Glegg.„Sie mögen Recht haben, Nachbar Tulliver; Sie mögen Recht haben. „Iſt's Güt'chen hin und's Geld verthan, Macht, was wir wiſſen, uns zum Mann.“ Ich erinnere mich, dieſen Vers zu Buxton in einer Fenſterſcheibe geleſen zu haben. Aber wir, die wir nichts von dem gelehrten Weſen wollen, thun beſſer, unſer Geld zu behalten— was meinen Sie, Nach⸗ bar Pullet?“ Mr. Glegg rieb ſich die Kniee und machte ein ſehr ſpaßhaftes Geſicht. „Glegg, ich muß mich über Dich wundern,“ ſagte ſeine Gattin.„Dies iſt ſehr unziemlich für einen Mann von Deinem Alter und Deinen Eigenſchaften.“ „Was ſoll unziemlich ſein, Frau Gemahlin?“ entgegnete Mr. Glegg mit einem ſchalkhaften Blin⸗ zeln gegen die Geſellſchaft.„Der neue blaue Rock, den ich anhabe?“ „Ich habe Mitleid mit Deiner Schwäche, Glegg; aber ich behaupte noch einmal, es iſt unziemlich, Witze zu reißen, wenn man ſieht, daß ſeine Ver⸗ wandtſchaft köpflings in's Verderben rennt.“ „Wenn Sie mich damit meinen,“ ſagte Mr. Tulliver, der jetzt warm wurde,„ſo iſt's nicht der 1 125 Mühe werth, ſich deßhalb graue Haare wachſen zu laſſen. Ich kann meine Angelegenheiten ſelbſt ver⸗ walten, ohne andere Leute damit zu bemühen.“ „Du meine Güte,“ bemerkte Mr. Deane, der gern um des lieben Friedens willen ein anderes Thema zur Sprache gebracht hätte,„da fällt mir eben ein, daß mir Jemand geſagt hat, Wakem wolle ſeinen Sohn, den mißgeſtalteten Jungen, gleichfalls zu einem Geiſtlichen thun. Iſt's nicht ſo, Suſanne?“(ſich an ſeine Frau wendend.) „Ich kann darüber in der That keine Auskunft geben,“ verſetzte Mrs. Deane, worauf ſie wieder das Schloß für ihren Mund vornahm. Sie war nicht die Frau, die ſich an einer Scene betheiligen wollte, wo bereits die Wurfgeſchoſſe flogen. „Gut,“ ſagte Mr. Tulliver mit heiterer Miene, um Mrs. Glegg merken zu laſſen, daß er ſich nichts um ſie kümmere,„wenn Wakem ſeinen Sohn zu einem Geiſtlichen thut, ſo begehe ich gewiß keinen Mißgriff, wenn ich meinen Tom gleichfalls bei einem Geiſtlichen unterbringe. Wakem iſt wohl ein ſo arger Spitzbube, als Meiſter Urian nur je einen gemacht hat; aber er verſteht ſich auf die Leute, mit denen er ſich einläßt. Wenn mir Einer ſagt, wer Wakems Metzger iſt, ſo kann ich ihm ſagen, wo er ſein Fleiſch holen muß.“ „Aber Advokat Wakems Sohn hat einen Buckel,“ bemerkte Mrs. Pullet, welcher das Ganze den Cha⸗ rakter einer Leichenbeſtattung zu haben ſchien;„da iſt es wohl natürlich, daß man ihn zu einem Geiſt⸗ lichen ſchickt.“ „Ja,“ ſagte Mr. Glegg, der Mrs. Pullets Be⸗ 126 merkung wahrſcheinlich irrthümlich deutete,„Sie müſſen dies bedenken. Wakems Sohn iſt vorausſicht⸗ lich für kein Geſchäft tauglich, und ſo will der Va⸗ ter aus dem armen Schelm einen Gentleman machen.“ „Glegg,“ ſagte Mrs. Glegg in einem Tone, welcher andeutete, daß ihre Entrüſtung bereits pru⸗ delte, obſchon ſie entſchloſſen war, dieſelbe noch ver⸗ korkt zu halten,„Du thuſt weit beſſer, wenn Du den Mund hältſt. Mr. Tulliver will weder Deine noch meine Meinung hören. Es gibt Leute in der Welt, die Alles beſſer wiſſen, als andere.“ „Und darunter gehören vornämlich Sie ſelbſt, wenn wir anders aus Ihren Worten einen Schluß ziehen dürfen,“ entgegnete Mr. Tulliver, der gleich⸗ falls wieder aufzuwallen begann. „Oh, ich ſage ja gar nichts,“ verſetzte Mrs. Glegg ſarcaſtiſch.„Ich bin nie um Rath gefragt worden und will auch keinen geben.“ „Das wäre das erſtemal,“ ſagte Mr. Tulliver; „denn Rath iſt das einzige, was Sie ſtets zu geben bereit ſind.“ „Ich bin wenigſtens allzu bereit zum Borgen ge⸗ weſen,“ erwiderte Mrs. Glegg,„wenn ich auch mit dem Geben nicht immer gleich bei der Hand bin. Es gibt Leute, denen ich Geld geborgt habe, und vielleicht muß ich's noch bereuen, daß ich's bei Ver⸗ wandten gethan habe.“ „Laßt das gut ſein,“ bemerkte Mr. Glegg be⸗ ſchwichtigend. Aber Mr. Tulliver wollte die Antwort nicht ſchuldig bleiben. „Schätz wohl, Sie haben eine Verſchreibung da⸗ 8 127 für,“ ſagte er,„und ich zahle meine fünf Procent, ſei es Verwandtſchaft oder nicht.“ „Schweſter,“ fiel Mrs. Tulliver bittend ein, „laß Dir Dein Gläschen Wein belieben und nimm einige Mandeln und Roſinen.“ „Beſſy, Du dauerſt mich,“ verſetzte Mrs. Glegg, ganz in der Stimmung eines böſen Hundes, der die Gelegenheit ergreift, ſein Gekläff gegen eine Perſon loszulaſſen, die keinen Stock führt.„Es iſt eine ärmliche Abſchweifung, jetzt von Mandeln und Roſinen zu ſprechen.“ „Lieber Himmel, Schweſter Glegg, ſei doch nicht ſo ſtreitſüchtig,“ ſagte Mrs. Pullet und begann ein wenig zu weinen.„Du biſt nach dem Eſſen ſo roth im Geſicht geworden, daß Du einen Schlag krie⸗ gen könnteſt, und wir Alle ſind eben erſt aus einer Trauer gekommen— haben Krepp und Flor kaum erſt abgelegt. Es iſt ſehr ſchlimm unter Schweſtern.“ „Ja, ich mein's auch, daß es ſchlimm iſt,“ er⸗ widerte Mrs. Glegg.„Es iſt wahrhaftig weit ge⸗ kommen, wenn eine Schweſter die andere zu ſich in's Haus einlädt nur in der Abſicht, mit ihr Händel anzufangen und ſie zu beſchimpfen.“ „Sachte, ſachte, Jane— ſei vernünftig— ſei vernünftig,“ ſagte Mr. Glegg. Nach dieſen Worten brach Mr. Tulliver, der noch keineswegs genug geſprochen hatte, um ſeinen Aerger zu befriedigen, auf's Neue los. „Wer will denn mit Ihnen Händel anfangen?“ ſagte er.„Sie ſind es, die Niemand ungeſchoren laſſen kann und an andern Leuten immer etwas zu bemäkeln hat. Mir fällr's nicht ein, mich mit einem ——— Xꝛ —yy—— 128 Frauenzimmer herumſtreiten zu wollen, wenn ſie an ihrem Platz bleibt.“ „An meinem Platz? Ja, wohl da!“ ſchrillte nun Mrs Glegg hinaus.„Beſſere Leute, als Sie, Mr. Tulliver, die jetzt todt und in ihren Gräbern ſind, haben mich mit einer ganz anderen Achtung behandelt, als Sie— obgleich ich einen Mann habe, der dabei ſitzt und zuſieht, wie man mich beſchimpft. Und das wäre nie möglich geweſen, wenn nicht einige aus unſerer Familie ſich ſchlechter verheirathet hätten, als ſie hätten thun ſollen.“ „Wenn's auf dies hinausläuft,“ ſagte Mr. Tulli⸗ ver,„ſo iſt meine Familie ſo gut, wie die Ihrige— und beſſer ſogar, denn ſie hat kein gottverfluchtes boshaftes Weibsbild aufzuweiſen.“ „Gut!“ entgegnete Mrs. Glegg, ſich von ihrem Stuhl erhebend.„Ich weiß nicht, Glegg, ob Du es für in der Ordnung hältſt, herzuſitzen und mit an⸗ zuhören, wie man mich verflucht. Aber ich bleibe keine Minute länger in dieſem Haus. Du kannſt meinetwegen dableiben und mit dem Gig nachkom⸗ men— ich gehe zu Fuß.“ „Mein lieber Schatz, mein lieber Schatz,“ ſagte Mr. Glegg in melancholiſchem Tone, während er ſeiner Frau, die bereits das Zimmer verlaſſen hatte, nachfolgte. „Oh, Mann, wie konnteſt Du nur ſo reden?“ rief Mrs. Tulliver mit Thränen in den Augen. „Laß ſie gehen,“ verſetzte Mr. Tulliver, der jetzt zu erhitzt war, um der Abkühlung durch was immer für ein Thränenmeer zugänglich zu ſein.„Laß ſie gehen— je bälder ſie aus dem Hauſe kömmt, deſto * 129 beſſer iſt's. Sie wird ſo bald nicht wieder ver⸗ ſuchen, mich in meinem Eigenthum meiſtern zu wollen.“ „Schweſter Pullet,“ ſagte Mrs. Tulliver hilf⸗ los,„meinſt Du nicht, es würde etwas nützen, wenn Du ihr nachgingſt und ſie zu beſchwichtigen ſuchteſt?“ „Laßt's lieber jetzt gehen,“ meinte Mr. Deane. „Das kann man ſich an einem andern Tag aus⸗ machen.“ „Dann könnten wir ja nach den Kindern ſehen, Schweſtern,“ ſchlug Mrs. Tulliver vor, indem ſie ihre Thränen trocknete. Keine Aufforderung hätte beſſer am Platz ſein können, und nachdem die Frauen das Zimmer ver⸗ laſſen hatten, war es Mr. Tulliver, als ſei er von einem Schwarm läſtiger Fliegen befreit. Nichts war ihm angenehmer, als eine trauliche Unterhaltung mit Mr. Deane; aber dieſer Gentleman ſah ſich von ſeinem Geſchäft ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ihm dieſes Vergnügen nur ſelten zu Theil wurde. Mr. Deane war ſeiner Anſicht nach der geſcheideſte Mann unter ſeiner Bekanntſchaft, und es ſtand ihm eine gewiſſe kauſtiſche Würze zu Gebot, welche die gleiche, obſchon nur in einem embryonen Zuſtand vorhandene Eigenſchaft des Müllers in einer angenehmen Weiſe ergänzte. Nun die Frauen fort waren, konnten ſie ihr ernſtes Geſpräch ohne kleinliche Störungen fortführen, und ſie unterhielten ſich jetzt über den Herzog von Wellington, deſſen Benehmen in der katholiſchen Frage ein ſo ganz neues Licht auf ſeinen Charakter geworfen hatte, und von ſeinem Verhalten in der Schlacht bei Wa⸗ Eliot, Die Mühle am Floß. 9 13⁰ terloo, das ſie ziemlich gering anſchlugen, indem ſie meinten, er würde dieſelbe nie gewonnen haben, wenn nicht eine ſo große Menge Engländer hinter ihm geſtanden, Blüchers und der Preußen gar nicht zu gedenken, die, wie Mr. Tulliver von einer be⸗ ſonders gut unterrichteten Perſon gehört haben wollte, gerade im rechten Augenblick eingetroffen waren. In letzterer Beziehung gab es übrigens eine kleine Meinungsverſchiedenheit, weil Mr. Deane nicht geneigt war, viel auf Preußen zu halten; der Bau ihrer Schiffe und eine unbefriedigende Specu⸗ lation in Danziger Bier bewogen ihn, ſich eine ſehr geringe Meinung vom preußiſchen Muth zu bilden. Da Mr. Tulliver ſich auf dieſem Feld geſchlagen ſah, ſo fuhr er fort, ſeine Beſorgniß auszuſprechen, das Land werde nie wieder werden, was es gewe⸗ ſen; Mr. Deane aber, als Angehöriger einer Firma, deren Rimeſſen ſich im Zunehmen befanden, faßte natür⸗ lich die Gegenwart von einem ſchwunghafteren Geſichts⸗ punkt auf und wußte einige Details über den Stand der Einfuhr, namentlich in Häuten und Zink, anzufüh⸗ ren, ſo daß Mr. Tullivers Einbildungskraft beruhigt wurde und dieſer Ehrenmann die Ausſicht auf die Periode, in welcher England die Beute der Papi⸗ ſten und Radicalen und dem ehrlichen Mann ſein Auskommen unmöglich gemacht werden würde, in größere Ferne rückte. Onkel Pullet ſaß dabei und hörte mit blinzelnden Augen dieſen hohen Dingen zu. Er verſtand ſich nicht auf Politik, da er dafür eine Naturgabe für nothwendig hielt; aber ſo viel er ſich daraus klar machen konnte, war dieſer Herzog von Wellington 131 eben auch ein Menſch wie andere und hätte wohl können beſſer ſein. Achtes Kapitel. Mr. Tulliver zeigt ſeine ſchwache Seite. „Wenn Schweſter Glegg ihr Geld zurückfordert, ſo wird es Dir doch Verlegenheit bereiten, jetzt fünf⸗ hundert Pfund aufzutreiben,“ ſagte Mrs. Tulliver noch am nämlichen Abend zu ihrem Gatten, als ſie mit betrübtem Herzen über die Ereigniſſe des Tages Muſterung hielt. Mrs. Tulliver war ſchon dreizehn Jahre verheirathet, hatte aber gleichwohl die Eigenſchaft ihres jungen Ehe⸗ ſtandes, Dinge herauszuſagen, welche ihren Mann gerade zu dem Gegentheil von dem trieben, was ſie wünſchte, in aller Friſche beibehalten. Manche Gemüther con⸗ ſerviren ſich in dieſer Beziehung wunderbar gut, wie auch ein patriarchaliſcher Goldfiſch augenſcheinlich bis auſ's Letzte an der jugendlichen Illuſion feſthält, daß er in ſchnurgerader Linie über die Schranke des Glasbehälters hinausſchwimmen könne. Mrs. Tulli⸗ ver war ein ſolcher liebenswürdiger Fiſch und zer⸗ beulte ſich heute wieder mit gleicher Lebhaftigkeit, wie vor dreizehn Jahren, an demſelben harten Ge⸗ genſtand den Kopf. „Ihre Bemerkung hatte nur die Folge, Mr. Tul⸗ liver auf der Stelle zu überzeugen, daß es ihm keine Verlegenheit bereite, die fünfhundert Pfund beizu⸗ ſchaffen, und als Mrs. Tulliver dringlich zu wiſſen verlangte, wie er dies in einer Zeit, in welcher kein 9* 3 Menſch Geld ausborge ohne Sicherheit, angreifen wolle, ohne die Mühle und das Haus zu verpfän⸗ den(was nie zu thun er ihr verſprochen habe), er⸗ klärte der warm werdende Tulliver, Mrs. Glegg möge es mit dem Geld halten, wie ſie wolle; wenn ſie es zurückverlange, ſo werde es bezahlt werden. Er wolle nicht von der Gnade einer Schwägerin abhängen. Wenn ein Mann in eine Familie hei⸗ rathe, in der es ſo viele Weibsbilder gebe, könne man ihm alles Mögliche bieten, wofern er ſich's ge⸗ fallen laſſe; aber das Gefallenlaſſen ſei nicht ſeine Sache. Mrs. Tulliver weinte ein wenig in einer ruhigen träufelnden Weiſe, aber nur ſo lange, bis ſie ihre Nachthaube aufgeſetzt hatte; denn ſie verſank unmittel⸗ bar darauf in einen behaglichen Schlaf, eingelullt von dem Gedanken, daß ſie morgen ihre Kinder nach Garum Firs zum Thee nehmen und Alles mit ihrer Schweſter Pullet beſprechen wolle. Nicht daß ſie davon einen beſtimmten Erfolg in Ausſicht nahm; aber es ſchien ihr unmöglich, daß vergangene Er⸗ eigniſſe ſo ſtarrſinnig ſein ſollten, ſich nicht modiſici⸗ ren zu laſſen, wenn man ſich über ſie beklagte. Ihr Mann lag etwas länger wach, denn er dachte gleichfalls an einen Beſuch, den er am andern Tag machen wollte; ſeine Vorſtellungen über dieſen Ge⸗ genſtand waren jedoch nicht ſo unbeſtimmt und be⸗ ruhigend, wie die ſeiner liebenswürdigen Ehegenoſſin. Wenn Mr. Tulliver unter dem Einfluß eines lebhaf⸗ ten Gefühls ſtand, zeigte er eine Raſchheit im Handeln, die vielleicht nicht ganz im Einklange ſtand mit ſeiner Anſicht von der verzwickten Beſchaffenheit der menſch⸗ 1 lichen Dinge, unter welchen ſeine leidenſchaftloſeren Maßregeln von ſtatten gingen; aber ich finde es in der That nicht unwahrſcheinlich, daß zwiſchen dieſen ſcheinbar ſich widerſprechenden Erſcheinungen eine un⸗ mittelbare Beziehung ſtattfand, ſeit ich die Wahr⸗ nehmung gemacht habe, daß es, um zu erfahren, wie verwirrt ein Strang Garn iſt, kein beſſeres Mittel gibt, als haſtig an einem einzelnen Faden zu reißen. In Folge dieſer Entſchiedenheit ſah man Mr. Tulli⸗ ver am andern Tag bald nach dem Mittageſſen(er hatte nämlich keine ſchlechte Verdauung) zu Pferd auf dem Weg nach Baſſet, um ſeine Schweſter Moß und ihren Mann zu beſuchen. Es ſtand nämlich bei ihm unumſtößlich feſt, daß ſeiner Schwägerin das Anlehen von fünfhundert Pfund zurückbezahlt werden ſollte, und da fiel ihm natürlich ein, daß er einen Schuldſchein für dreihundert Pfund von ſeinem Schwa⸗ ger Moß beſaß. Wenn nun beſagter Schwager das Geld in einer gegebenen Zeit aufzubringen vermochte, ſo reichte dies ſchon weit, den trügeriſchen Anſchein von Verlegenheit zu ſchwächen, den vielleicht Mr. Tullivers muthvoller Schritt in den Augen ſchwacher Leute zeigte, welche immer genau zu wiſſen verlan⸗ gen, wie Jemand eine Sache angreife, eh' ſie ein beſonderes Vertrauen zu deren leichter Ausſührbarkeit gewinnen können. Mr. Tulliver befand ſich weder in einer neuen, noch in einer beſonders auffallenden Lage; aber auch andere alltägliche Dinge üben in ihrem Zu⸗ ſammentreffen eine Wirkung, die ſich im Laufe fühl⸗ bar macht, und man hielt den Müller für einen bemittelteren Mann, als er wirklich war. Wir ſind 134 nur zu ſehr geneigt, daſſelbe zu glauben, was die Welt von uns glaubt, und Mr. Tulliver war ge⸗ wöhnt, an einen möglichen Vermögenszerfall mit der⸗ ſelben Art fernſtehenden Mitleids zu denken, womit ein magerer langhalſiger Mann die Kunde aufnimmt, daß ſein vollſäftiger kurzhalſiger Nachbar vom Schlag gerührt worden ſei. Er hatte ſo viele Scherze über die Vortheile eines Grund⸗ und Mühlenbeſitzers ge⸗ hört und war dadurch natürlich zu dem Gefühl, daß er ein ſchönes Vermögen beſitze, hinaufgeſchraubt worden. In dieſem Selbſtgefühl ſchmeckte ihm an Mearkttagen ſein Glas Wein noch einmal ſo gut, und ohne die halbjährlich wiederkehrenden Zinstermine würde er ſogar vergeſſen haben, daß auf ſeinem ſehr beträchtlichen Freigut eine Hypothek von zweitauſend Pfunden haftete. Dieſe Verpfändung war allerdings nicht ganz ſeine eigene Schuld, ſondern rührte hälftig von der Abfindungsſumme her, welche er ſeiner Schweſter bei ihrer Verheirathung hatte ausfolgen müſſen, und ein Mann, der proceßluſtige Nachbarn hat, kömmt nicht leicht dazu, ſeine Pfandſchulden ab⸗ zutragen, namentlich wenn er dazu noch viel von dem Vertrauen von Bekannten beehrt wird, welche hundert Pfund auf eine Sicherheit borgen wollen, die zu hoch ſteht, um ſich auf Pergament darſtellen zu laſſen. Unſer Freund Mr. Tuliver hatte eine gutmüthige Ader in ſich und mochte mit einer ab⸗ ſchlägigen Antwort nicht einmal eine Schweſter krän⸗ ken, welche ſo ganz und gar unnöthiger Weiſe in die Welt gekommen war, daß ſich die Aufnahme einer Pfandſchuld nicht umgehen ließ; auch hatte ſie ſich beim Heirathen weggeworfen und ihren Miß⸗ 135⁵ griffen dadurch die Krone aufgeſetzt, daß ſie eben jetzt ihr achtes Kind ſäugte. Mr. Tulliver wußte, daß er in dieſem Punkte etwas ſchwach war; aber er entſchuldigte dieſe Schwäche damit, daß die arme Gritty vor ihrer Verehelichung mit Moß eine ganz ſaubere Dirne geweſen— eine Reminiscenz, auf die er nie ohne eine gewiſſe innere Bewegung zu ſpre⸗ chen kam. Dieſen Morgen befand er ſich jedoch in einer Stimmung, welche beſſer für einen Geſchäfts⸗ mann paßte, und während ſeines Ritts über die Baſſeter Wege mit ihren tiefen Radleiſen— der Ort lag nämlich ſo weit von einer Marktſtadt ab, daß der Aufwand für das Verführen und Düngen des ärmlichen Bodens den größten Theil des Produkten⸗ ertrags verſchlang— ſpornte er ſich in den gebüh⸗ renden Grad von Hitze gegen den kapitalloſen Moß hinein, der, wenn es eine Viehſeuche oder Mißwachs gab, ſicher ſeinen Theil davon abfing und ſich immer tiefer in den Koth hineinarbeitete, je mehr man ſich Mühe gab, ihm herauszuhelfen. Es geſchah daher ganz zum Beſten ſeines Schwagers, wenn er ihm die dreihundert Pfund kündigte; Moß mußte dann beſſer aufſchauen und ſchlug nicht mehr ſo thöricht mit ſeiner Wolle los, wie im vorigen Jahr. Mr. Tulliver war zu nachſichtig geweſen, und der zwei⸗ jährige Zinsrückſtand, den er hatte aufwachſen laſſen, brachte Moß wohrſcheinlich auf den Glauben, er werde nie wegen des Kapitals behelligt werden. Solche unreelle Leute wollte der Müller nicht länger ermuthigen, und ein Ritt auf den Baſſeter Wegen war nicht geeignet, durch ihren gemüthberuhigenden Einfluß den Entſchluß eines Mannes zu ſchwächen. 136 Die tiefen, von den ſchmutzigſten Wintertagen her⸗ rührenden Huflöcher veranlaßten gelegentlich einen ſo kräftigen Stoß, daß er den Weg zu dem Vater aller Advocaten wünſchte, welcher, ſei es in Folge ſeines Pferdefußes oder anderweitig, ohne Zweifel mit dieſem Zuſtand der Straßen zu ſchaffen hatte; und die Strecken verwahrlosten Landes und ver⸗ nachläßigter Zäune ſteigerten ſeinen Mißmuth gegen Moß, obſchon ſie nicht zu der Farm dieſes unglück⸗ lichen Landwirths gehörten. Wenn dieſes Brachfeld auch nicht ein Eigenthum ſeines Schwagers war, ſo hätte es doch der Fall ſein können. Baſſet war ſich überall gleich, und nach Mr. Tullivers ſicherlich nicht ungegründeter Meinung eine bettelhafte Markung. Das Kirchſpiel hatte einen ſchlechten Boden, ſchlechte Wege, einen ortsabweſenden Grundherrn, einen orts⸗ abweſenden Pfarrer und einen armen Vicar. Wenn Jemand unter der Ueberzeugung, die Kraft des menſch⸗ lichen Geiſtes vermöge über die Umſtände zu trium⸗ phiren, behaupten will, die Baſſeter Gemeindeange⸗ hörigen hätten demungeachtet ein ausgezeichneter Leuteſchlag ſein können, ſo weiß ich gegen einen ſol⸗ chen abſtracten Satz nichts einzuwenden, ſondern kann nur die Thatſache dagegen halten, daß der Geiſt von Baſſet ganz im Einklange mit den äußern Verhält⸗ niſſen ſtand. Die ſchmutzigen grünen oder lettigen Wege, die einem ungewohnten Auge nirgendshin als zu einer Verſtrickung unter ſich zu führen ſchienen, endigten zuletzt, wenn man ſich die Geduld nicht aus⸗ gehen ließ, doch an einer entlegenen Landſtraße; weit häufiger aber liefen ſie nach einem gewiſſen Mittelpunkt der Ausſchweifung, welcher den vornehmen Namen 137 „Marki von Granby“ trug, unter den Ortsbewohnern aber als„Dickiſon's Schenke“ bekannt war. Eine große, niedere, mit Sand beſtreute Stube, ein kalter, durch unſichtbare Bierhefe modificirter Tabakgeruch, und am Thürpfoſten lehnend Mr. Dickiſon mit ſeinem melancholiſchen finnigen Geſicht, welcher ſo bedeutungs⸗ los wie die niedergebrannte Kerze, der letzten Nacht im's Tageslicht hineinſah— all dies mag nicht an⸗ ziehend genug erſcheinen, um als beſondere Ver⸗ lockung zu dienen; aber die Mehrzahl der Baſſeter fanden es verhängnißvoll verführeriſch, wenn ſie an Winterabenden gegen vier Uhr daran vorbeikamen; und wollte eine Baſſeter Frau andeuten, daß ihr Mann nicht vergnügungsſüchtig ſei, ſo konnte ſie dies in keiner nachdrücklicheren Weiſe thun, als durch die Verſicherung, daß Dickiſon von einer Pfingſtzeit bis zur andern keinen Schilling von ihm zu löſen kriege. Mrs. Moß hatte mehr als einmal ihrem Manne dieſes Lob ertheilt, wenn ihr Bruder wie etwa heute in der Stimmung war, nichts Gutes an ihm zu laſſen. Freilich konnte nichts weniger befriedigend auf dieſe Stimmung wirken, als das Benehmen des Hofthors, das, ſobald Mr. Tulliver verſuchte, es mit ſeiner Reitpeitſche zurückzuſchieben, ſich ganz ſo auf⸗ führte, wie Thore, denen die obere Angel fehlt, auf Koſten von Schienbeinen zu thun pflegen, mögen dieſe nun Menſchen oder Pferden angehören. Er war im Begriff, abzuſteigen und ſein Roß durch die von den halb hölzernen Außengebäuden traurig beſchattete Schlammpfütze, welche den Hofweg darſtellte, zu dem auf einer Wegerhöhung ſtehenden langen baufälligen Wohnhaus zu führen; aber ein zu gelegener Zeit er⸗ 138 ſcheinender Kuhhirtenjunge, der das Thier am Zügel nehmen konnte, vereitelte dieſen Verſuch und weckte in ihm das Vornehmen, dieſe Viſite zu Pferd abzu⸗ machen. Ueberhaupt thut ein Mann, der im Sinne hat, hart zu ſein, gut, wenn er vom Sattel aus ſpricht, hoch erhaben über bittende Augen und mit freier Ausſicht nach dem fernen Horizont. Mrs. Moß hörte den Hufſchlag, und als ihr Bruder angeritten kam, ſtand ſie mit mattlächelndem Geſicht und einem ſchwarzäugigen Säugling auf den Armen bereits vor der Küchenthüre. Das Antlitz der Frau hatte eine verblichene Aehnlichkeit mit dem ihres Bruders, und die fette Hand des Bübchens, welche die Wangen⸗ haut umfaßt hielt, ließ dieſes Verblichenſein nur um ſo auffallender hervortreten. „Es freut mich, Dich zu ſehen, Bruder,“ ſagte ſie in liebevollem Tone.„Ich habe Dich heute nicht erwartet. Wie geht es Dir?“ „Oh... ſo ziemlich, Mrs. Moß.. ſo ziem⸗ lich,“ antwortete der Bruder mit kalter Bedächtigkeit, als ſei es vorlaut von ihr, eine ſolche Frage zu ſtellen. Sie erkannte daraus, daß ihr Bruder ſich nicht in der beſten Stimmung befand; denn er pflegte ſie nur in Geſellſchaft, oder wenn er zornig war, Mrs. Moß zu nennen. Aber ſie dachte, es liege in der Ordnung der Natur, daß arme Leute ange⸗ ſchnauzt werden. Eine gleiche Stellung aller Men⸗ ſchen in der Geſellſchaft gehörte nicht zu ihren Grund⸗ ſätzen; ſie war nur ein geduldiges, fruchtbares, liebe⸗ volles Weib. „Dein Mann iſt vermuthlich nicht zu Hauſe?“ fuhr Mr. Tulliver nach einer Pauſe fort, während 139 welcher vier Kinder gleich Küchelchen, deren Mutter plötzlich im Schatten des Hühnerſtalls verſchwunden iſt, herausgekommen waren. „Nein; aber er iſt nicht weit, nur auf dem Kar⸗ toffelacker dort,“ ſagte Mrs. Moß.„Georg, lauf hurtig nach dem Far Cloſe und ſag dem Vater, daß der Onkel gekommen ſei. Willſt Du nicht ab⸗ ſteigen, Bruder, und etwas zu Dir nehmen?“ „Nein, nein; ich kann nicht abſteigen, ſondern muß machen, daß ich wieder nach Haus komme,“ verſetzte Mr. Tulliver, in's Weite ſchauend. „Und wie geht’s Deiner Frau und den Kindern?“ entgegnete Mrs. Moß, die es in ihrer Demuth nicht wagte, ihre Einladung zu wiederholen. „Oh... ziemlich gut. Tom ſoll dieſen Som⸗ mer in eine neue Schule— koſtet mich ſchwer Geld. Es wird mir ſauer, mein Geld ausſtehen zu laſſen.“ „Wenn Du nur ſo gut wäreſt, die Kinder einmal ihre Vetterchen und Bäschen beſuchen zu laſſen. Meine Kleinen plagen mich ſtets mit Bäschen Maggie. Und ich, ihre Pathe, die ſie ſo gerne hat, würde mich auch ungemein freuen. Das gäbe ein Leben in's Haus. Und ich weiß, ſie käme gerne, denn ſie iſt ein liebevolles Kind— und dabei ſo aufgeweckt und geſcheid.“ Mrs. Moß war gewiß eine der einfachſten Frauen, die man nur ſinden konnte; aber ſelbſt wenn ſie die verſchlagenſte geweſen wäre, ſo hätte ſie unmöglich einen beſſern Weg erſinnen können, um ihren Bruder günſtig zu ſtimmen, als dieſes Lob ſeines Kindes. Es erbot ſich ſo gar ſelten Jemand freiwillig, an der nkleinen Dirn“ gute Seiten her⸗ 140 vorzuheben, und die Würdigung ihrer Verdienſte beſchränkte ſich gemeiniglich ganz auf ſeine eigene Perſon. Aber Maggie erſchien ihrer Tante ſtets im lieblichſten Lichte; hier hatte ſie freie Pürſch, ohne von einem Geſetz erreicht zu werden— wenn ſie etwas umwarf, ihre Schuhe beſchmutzte oder ihr Kleid zerriß, ſo waren dies Dinge, die nur bei ihrer Tante Moß ungehindert vorkommen durften. Mr. Tullivers Blick wurde unwillkührlich milder und wandte ſich nicht mehr von der Schweſter ab, als er ſagte: „Ja, ſie hat Dich lieber, als alle anderen Tanten, denk' ich. Sie ſchlägt in unſere Familie und hat nicht das Mindeſte von ihrer Mutter an ſich.“ „Moß ſagt, ſie ſehe gerade ſo aus wie ich in meinen jüngeren Tagen,“ verſetzte Mrs. Moß,„ob⸗ ſchon ich nie ſo aufgeweckt und ſo auf die Bücher verſeſſen war. Darin gleicht ihr die Lieſe da— die iſt ſcharf. Komm her, Lieschen und laß Dich vor Deinem Onkel ſehen; er wird Dich kaum kennen. Sie wächst ſo ſtark.“ Lieschen, ein ſchwarzäugiges Kind von ſieben Jahren, ſah gar ſcheu aus, als ihre Mutter ſie hervorzog; denn die kleinen Moße hatten gewaltigen Reſpect vor ihrem Onkel von der Dorlcotemühle. Ihr Feuer und die Kraft des Ausdrucks ſtand jedoch denſelben Eigenſchaften in Maggie ſo weit nach, daß die Vergleichung nicht ſehr ſchmeichelhaft war für Mrs. Tullivers väterliche Liebe. „Ja, ſie haben einige Aehnlichkeit,“ ſagte er, freundlich auf das kleine Geſchöpf mit dem ſchmutzi⸗ gen Vorſtecker niederſchauend.„Beide arten unſerer 141 Mutter nach. Du haſt genug Dirnen,“ fügte er in halb mitleiderregendem, halb vorwurfsvollem Tone bei. „Vier— möge ſie der Himmel behüten,“ ant⸗ wortete Mrs. Moß mit einem Seufzer, während ſie zugleich Lieschen das Haar aus der Stirne ſtrich. „Gerade ſo viel als Buben da ſind. So kömmt auf jede ein Bruder.“ „Ja, aber ſie müſſen hinaus und ſich ſelbſt durch's Leben helfen,“ ſagte Mr. Tulliver, welcher fühlte, daß ſeine Strenge nachlaſſen wollte, und deßhalb eine kräftige Feder einzulegen ſuchte, indem er einen heilſamen Wink hinwarf.„Sie dürfen nicht ihren Brüdern zur Laſt werden.“ „Nein; aber ich hoffe, ihre Brüder werden die armen Dinger lieben und eingedenk ſein, daß ſie von Einem Vater und Einer Mutter herkommen. Die Jungen werden darum nicht arm werden,“ ſagte Mrs. Moß, in deren ſchüchternem Sinn es plötzlich aufzuckte wie ein halberſticktes Feuer. Mr. Tulliver verſetzte ſeinem Pferd einen leich⸗ ten Schlag in die Seite, zügelte es dann und rief: „Willſt Du ruhig bleiben?“ zum großen Erſtaunen des unſchuldigen Thiers. „ und je mehr ihrer ſind, deſto mehr müſſen ſie einander lieben,“ fuhr Mrs. Moß fort, indem ſie mit lehrhafter Würde auf ihre Kinder niederſchaute. Dann wandte ſie ſich wieder zu ihrem Bruder und ſagte:„Nicht als ob ich meinte, Tom könnte je anders als gut gegen ſeine Schweſter ſein, obſchon es ihrer nur zwei ſind, wie Du und ich, Bruder.“ Der Pfeil traf ſchnurgerade in Tullivers Herz. Er beſaß keine lebhafte Einbildungskraft, aber der Gedanke an Maggie kam ihm unwillkührlich, und er konnte nicht umhin, zwiſchen ihr und Tom einer⸗ und ſich ſelbſt und ſeiner Schweſter andererſeits eine Pa⸗ rallele zu ziehen. Konnte Tom wohl hart gegen die kleine Dirn ſein, wenn ſie je in dürftige Verhältniſſe gerieth? „Ja, ja, Gritty,“ ſagte der Müller, abermals mit weicherer Stimme;„aber ich hab' an Dir immer gethan, was ich konnte,“ fügte er bei, als habe er ſich gegen einen Vorwurf zu vertheidigen. „Ich ziehe dies nicht in Abrede, Bruder, und bin gewiß nicht undankbar,“ verſetzte die arme Mrs. Moß, welche durch Arbeit und die vielen Kinder zu abgeſchwächt war, um Kraft genug für Stolz zu bewahren.„Aber da iſt der Vater. Wo bleibſt Du doch ſo lange, Moß?“ „Nennſt Du dies lange?“ entgegnete der athem⸗ loſe Mann gekränkt.„Ich bin den ganzen Weg gelaufen, was ich konnte. Wollen Sie nicht abſteigen, Schwager?“ „Ja, ich kann's thun; ich möchte im Garten ein bischen mit Ihnen ſprechen,“ ſagte Mr. Tulliver, welcher fühlte, daß er eher in der Lage ſich befand, den gebührenden Ernſt zu zeigen, wenn ſeine Schwe⸗ ſter nicht zugegen war. Er ſtieg ab und begab ſich mit Mr. Moß in den Garten nach einer alten Eibenlaube, während ſeine Schweſter, die ihren Säugling auf den Rücken pät⸗ ſchelte, zurückblieb und ihnen ängſtlich nachſah. Ihr Eintritt überraſchte einige Hühner, die da⸗ ſelbſt zu ihrer Unterhaltung tiefe Löcher in den ſtau⸗ bigen Boden ſcharrten und nun mit vielem Lärm und Gegacker die Flucht ergriffen. Mr. Tulliver ſetzte 14³3 ſich auf die Bank nieder und ſtieß da und dort mit ſeinem Stock in die Erde, als fürchte er, ſie könnte unterhöhlt ſein; dann begann er das Geſpräch in einem etwas ſchnarrenden Tone: „Ich ſehe, Sie haben wieder Waizen in dem Corner Cloſe; aber wie ſchlecht beſtellt! Sie werden dies Jahr nicht viel erzielen.“ Mr. Moß, welcher zur Zeit ſeiner Verehelichung mit Miß Tulliver als der Hahn von Baſſet galt, trug jetzt einen faſt acht Tag alten Bart und hatte die gedrückte, hoffnungsloſe Miene eines Karrengauls. Er antwortete in geduldigem, brummendem Tone: „Arme Farmer wie ich behelfen ſich wie es eben gehen will; ſie müſſen es denen, die mit ihrem Geld ſpielen können, überlaſſen, halb ſo viel in den Boden hinein zu ſtecken, als ſie aus ihm zu erzielen hoffen.“) „Ich weiß nicht, wer mit ſeinem Geld ſpielen kann; es müßten's denn Diejenigen ſein, welche bor⸗ gen, ohne die Intereſſen zu bezahlen,“ entgegnete Mr. Tulliver, der einen kleinen Streit als die na⸗ türlichſte und leichteſte Einleitung zum Geldzurück⸗ fordern herbeizuführen wünſchte. „Ich weiß, ich bin mit dem Zins im Rückſtand,“ ſagte Mr. Moß;„aber ich habe fernd mit der Wolle kein Glück gehabt, und die lange Krankheit der Frau iſt dem Haushalt auch nicht zu ſtatten gekommen.“ „Ja,“ knurrte Mr. Tulliver,„es gibt Leute, denen gar nichts zu ſtatten kommt. Ein leerer Sack wird nie aufrecht ſtehen.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, was Sie an mir auszuſetzen haben, Mr. Tulliver,“ verſetzte Mr. —— 144 Moß im Tone bittender Vorſtellung.„Kein Tag⸗ löhner läßt ſich's bei der Arbeit ſo ſauer werden, wie ich.“ „Was kann dies Alles nützen,“ ſagte Mr. Tulli⸗ ver ſcharf,„wenn ein Mann heirathet und für die Beſchickung ſeines Gutes nichts hat, als das bischen Vermögen ſeiner Frau? Ich bin von Anfang da⸗ gegen geweſen, aber keines von euch hat auf mich hören wollen. Und ich kann mein Geld nicht länger ausſtehen laſſen. Ich habe fünfhundert Pfund an Mrs. Glegg zu bezahlen, und Tom macht mir auch Koſten; ich muß daher alle meine Ausſtände ein⸗ fordern. Sehen Sie ſich um und tragen Sie Sorge, daß ich meine dreihundert Pfund erhalte.“ „Wenn das Ihre Meinung iſt,“ verſetzte Mr. Moß, leer vor ſich hinſtierend,„ſo wird's am beſten ſein, ich laſſe verkaufen, und dann hats ein Ende. Um Sie und noch dazu den Grundherrn zu befrie⸗ digen, muß ich mit dem letzten Stückchen Vieh los⸗ ſchlagen.“ AÄrme Verwandte ſind unläugbar eine ärgerliche Familienzugabe; ihr Daſein iſt von unſerer Seite ſo ganz unverlangt, und ſie haben natürlich ihre Verhältniſſe faſt immer ſelbſt verſchuldet. Es war Mr. Tulliver gelungen, ſich gegen Mr. Moß ganz ſo in den Harniſch zu jagen, wie er wünſchte, und er befand ſich jetzt in der Lage, zornig vom Sitz aufzuſtehen und zu ſagen: „Machen Sie das, wie Sie können. Ich kann nicht bei anderen Leuten mein Geld ſtehen laſſen, wenn ich es ſelbſt brauche. Das Hemd liegt einem näher als der Rock, und ich habe für meine eigene 145 Familie zu ſorgen. Treffen Sie Anſtalt, mich in aller Bälde zu bezahlen.“ Nach dieſen Worten verließ Mr. Tulliver haſtig die Laube, ohne ſich noch weiter nach Mr. Moß umzuſehen, und kehrte nach der Hausthüre zurück, wo der älteſte Knabe ſein Pferd hielt und ſeine Schweſter in einem Zuſtand neugieriger Unruhe wartete, ob⸗ ſchon ſie dabei nicht ganz ohne Troſt war, denn das kleine Kind unterhielt ſich mit luſtigen, gurgelnden Tönen und vieler Fingerübung an dem verblichenen Geſicht. Mrs. Moß hatte acht Kinder, konnte aber gleichwohl die Zwillinge nicht vergeſſen, die ihr der Tod entriſſen, wenn ſchon Mr. Moß meinte, dieſe Heimſuchung habe auch ihr Gutes gehabt. „Willſt Du nicht hereinkommen, Bruder?“ ſagte ſie, ängſtlich nach ihrem Mann hinſehend, der lang⸗ ſam nachkam, als Mr. Tulliver ſchon ſeinen Fuß in den Bügel geſetzt hatte. „Nein, nein; lebe wohl!“ lautete die Antwort. Er wandte ſein Pferd und ritt von hinnen. Kein Meuſch konnte mehr Entſchloſſenheit fühlen, als Mr. Tulliver, während er aus dem Hof und eine Strecke weit auf dem ſchlechten Wege dahin ritt; aber ehe er die nächſte Wendung erreichte, welche ihm den Anblick der baufälligen Farmhauſer entziehen ſollte, kam ihm augenſcheinlich plotzlich ein anderer Gedanke. Er hielt ſein Thier an und ließ es einige Minuten auf demſelben Platz. Dabei drehte er in melancholiſcher Weiſe den Kopf bald rechts bald links, als wolle er einen leidigen Gegen⸗ ſtand von mehr als einer Seite betrachten. Man ſah ihm an, er war aus ſeinem Anfalle von Strenge Eliot, Die Mühle am Floß. 10 in das Gefühl zurückverſunken, daß es eine verzwickte Welt ſei. Dann wandte er ſein Pferd, ritt zurück und lieh, ſeinem Pferd einen Peitſchenhieb verſetzend, dem Höhepunkt ſeiner Empfindungen durch die Worte einen Ausdruck:„Die arme kleine Dirn, ſie wird wahrſcheinlich Niemand haben, als Tom, wenn ich dahin bin!“ Mr. Tullivers Rückkehr in den Hof wurde als⸗ bald von mehreren jungen Moßen erſpäht, die mit der aufregenden Neuigkeit ihrer Mutter zueilten, ſo daß dieſe bei der Ankunft ihres Bruders ſchon wieder auf der Schwelle ſtand. Sie hatte geweint, wiegte aber jetzt auf ihren Armen den Säugling in Schlaf. Ihr Bruder ſchaute auf ſie nieder; ſie aber redete ihn ohne eine weitere Kundgebung von Schmerz bloß mit den Worten an: „Der Vater iſt wieder auf das Feld hinaus. Willſt Du noch etwas von ihm, Bruder?“ „Nein, Gritty, nein,“ verſetzte Mr. Tulliver in ſanftem Tone.„Laß Dir's nicht zu Herzen gehen. Ich will mich ohne das Geld zu behelfen ſuchen. Sorge nur, daß ihr in eurem Haushalt vorwärts kommt.“ Die Thränen der armen Frau floſſen auf's Neue bei dieſer unerwarteten Güte, und ſie vermochte kein Wort hervorzubringen. 4 „Laß das Weinen— die kleine Dirn ſoll kom⸗ men und Dich beſuchen. Ich will ſie und Tom ſelbſt herbringen, ein Paar Tage vor er auf die Schule geht. Du mußt Dich nicht abhärmen... ich werde immer ein guter Bruder gegen Dich ſein.“ „Gott ſegne Dich für dieſes Wort, Bruder,“ 147 ſagte Mrs. Moß, ihre Thränen trocknend. Dann fuhr ſie gegen Lieschen fort:„Geh hurtig und hol das farbige Ei für Bäschen Maggie.“ Die Kleine entſprach der Aufforderung und kehrte alsbald mit einem kleinen Papierpäckchen wieder zurück. „Es iſt hart geſotten und recht hübſch mit auf⸗ gebundenem Laub gefärbt— ausdrücklich für Mag⸗ gie. Willſt Du ſo gut ſein, es mitzunehmen?“ „Ja, ja,“ verſetzte Mr. Tulliver, es ſorgfältig in ſeiner Seitentaſche verwahrend.„Leb' wohl!“ Und der achtbare Müller ritt auf den ſchlechten Baſſeter Wegen wieder der Heimath zu, allerdings etwas verlegener als vorher über die Art, wie er ſich helfen ſollte, aber doch mit dem Gefühl, als ſei er einer Gefahr entronnen. Er hatte ſich nämlich ſeinem Geiſt vergegenwärtigt, wenn er hart gegen ſeine Schweſter ſei, ſo könnte dies irgendwie in einer ſpätern Zeit, wenn der Vater nicht mehr da war, um ſich ſeines Kindes anzunehmen, durch Tom an Maggie heimgeſucht werden; denn einfache Leute wie unſer Freund Tulliver umgeben gerne tadelloſe Gefühle mit irrigen Vorſtellungen, und ſo kam es denn, daß er in ſeiner wirren Weiſe die Nachſicht, welche er ſeiner Schweſter zu Theil werden ließ, ſich aus ſeiner Liebe und Sorgfalt für die„kleine Dirn“ erklärte. Neuntes Kapitel. In Garum Firs. Während die Sorgen um Maggie's mögliche Zukunft den Geiſt des Vaters beſchäftigten, koſtete . 10 148 das Mädchen ſelbſt nur die Bitterkeit der Gegen⸗ wart. Die Kindheit weiß nichts von trüben Vor⸗ ahnungen, findet aber auch keine Beſchwichtigung in der Erinnerung an durchgemachtes Leid. Der Tag hatte nämlich für Maggie einen üblen Anfang genommen. Die Freude, Lucy anzuſehen und die Ausſicht auf den Nachmittagsbeſuch in Ga⸗ rum Firs, wo ſie Onkel Pullets Spieldoſe hören ſollte, war ihr ſchon um eilf Uhr durch die Ankunft des Haarkräuslers von St. Oggs vergällt worden; derſelbe hatte in den ſtrengſten Ausdrücken ſich über den Zuſtand geäußert, in welchem er ihr Haar gefunden, indem er einen ſtafflichen Haarwiſch um den andern in die Höhe hielt und dazu ſagte: „Sehen Sie da— pfui— fort damit!“ dies noch obendrein in einem von Mitleid und Abſcheu ge⸗ miſchten Tone, den Maggie's Einbildungskraft für gleichbedeutend mit der kräftigſten Kundgebung der öffentlichen Meinung hielt. Mr. Rappit, der Fri⸗ ſeur, mit ſeinen von Pomade glänzenden, wellenſör⸗ mig in die Höhe ſtehenden Scheitellocken, die ſich wie die Flammenpyramide auf einer monumentalen Urne ausnahmen, erſchien ihr in jenem Augenblick als der fürchterlichſte ihrer Zeitgenoſſen, und ſie wollte in ihrem ganzen Leben nie mehr die Straße von St. Oggs betreten, in welcher er wohnte. Außerdem war die Vorbereitung auf einen Beſuch in der Dodſonfamilie ſtets eine ernſtliche Angelegen⸗ heit, und Martha mußte Mrs. Tullivers Zimmer um eine Stunde früher als gewöhnlich kehren, da⸗ mit das Auslegen der beſten Kleider nicht bis auf den letzten Augenblick verſchoben wurde, wie dies 149 zuweilen in Familien von weniger ſtrengen Grund⸗ ſätzen geſchieht, in denen man die Bänder nie auf⸗ rollt, ſelten oder nie Silberpapierwickeln braucht und unter dem Gefühl, daß ſich Sonntagskleider ganz leicht anziehen laſſen, keine Todesangſt aufkom⸗ men kann. Schon um zwölf Uhr hatte Mrs. Tul⸗ liver ihren Viſitenputz an und darüber einen ſchützen⸗ den Apparat von braunem Kanevas, als ſei ſie ein Stück Atlasmöbel, das vor den Fliegen bewahrt werden müſſe. Maggie machte ein finſteres Geſicht und machte mit den Schultern alle möglichen Wen⸗ dungen, um den ſtachlichſten aller geſteiften Hals⸗ kragen loszukriegen, während die Mutter ihr Vor⸗ ſtellungen machte und ihr die häßlichen Geberdungen verwies. Toms Wangen nahmen ſich zu ſeinem beſten blauen Anzug, den er mit geziemender Ruhe trug, beſonders ſtrahlend aus; auch hatte er, nach⸗ dem durch ein bischen Gewaltthätigkeit das erzielt war, was ihm bei ſeiner Toilette ſtets als Haupt⸗ punkt erſchien, den geſammten Inhalt ſeiner Werk⸗ taghoſen in die, welche er heute trug, übergepflanzt. Was Lucy betraf, ſo war ſie eben ſo hübſch und nett, wie ſie geſtern geweſen. Ihren Kleidern be⸗ gegnete nie ein Unglück, und ſie fühlte ſich nie un⸗ behaglich darin, ſo daß ſie ſich über das Schmollen und die Geberdungen Maggie's unter dem wider⸗ wärtigen Halskragen nicht genug wundern konnte. Maggie würde ihn zuverläſſig abgeriſſen haben, wenn ihr nicht die Demüthigung durch das abgeſchnittene Haar noch friſch im Gedächtniß geweſen wäre; ſo aber beſchränkte ſie ſich darauf, zu zupfen, ſich zu drehen und über die Kartenhäuſer zu murren, die 150 man ihnen als paſſende Unterhaltung für Knaben und Mädchen in ihren beſten Kleidern vor dem Mittag⸗ eſſen zu bauen erlaubt hatte. Tom ſtellte wahre Haus⸗ pyramiden her; Maggie aber konnte nicht einmal das Dach aufſetzen— es ging mit Allem ſo, was ſie that, und Tom hatte daraus den Schluß gezogen, daß Mädchen zu Allem ungeſchickt ſeien. Nun fügte ſich's übrigens, daß ſich Lucy als eine wundervolle Baukünſtlerin erwies; ſie behandelte die Karten ſo leicht und ging ſo zart damit um, daß Tom ſich herabließ, ihre Häuſer ſo gut wie die ſeinigen zu loben, und zwar um ſo bereitwilliger, da ſie ihn gebeten hatte, ſie die Kunſt zu lehren. Auch Mag⸗ gie würde Lucy's Bauten bewundert und ihr eigenes erfolgloſes Bauen aufgegeben haben, um zuzuſehen, hätte nicht der Kragen ſo verſtimmend auf ſie gewirkt und Tom unter rückſichtsloſem Ge⸗ lächter über das Einfallen ihrer Häuſer ſie ein„dum⸗ mes Ding“ geheißen. „Lach mich nicht aus, Tom!“ brach ſie zornig los.„Ich bin kein dummes Ding. Ich weiß Vie⸗ les, was du nicht weißt.“ „Ja wohl da, Jungfer Spritzig! Ich möchte nie ein ſo widerwärtiges Geſchöpf ſein und ſolche Geſichter ſchneiden. Lucy da iſt ganz anders. Lucy iſt mir lieber als Du, und ich wünſchte, daß ſie meine Schweſter wäre.“ „Es iſt ſehr ſchlecht und grauſam von Dir, daß Du dies wünſchen kannſt,“ ſagte Maggie, haſtig von ihrem Platz auf dem Boden auffahrend und Toms wunderſchöne Pagode umwerfend. Sie hatte dies allerdings nicht mit Abſicht ge⸗ 1⁵¹ than; aber der Thatbeſtand ſprach gegen ſie, und Tom wurde ganz weiß vor Zorn, obſchon er nichts ſagte. Er würde ſie geſchlagen haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß es gemein iſt, ſich an einem Mäd⸗ chen thätlich zu vergreifen, und Tom Tulliver hatte ſich feſt vorgenommen, nie etwas Gemeines zu thun. Maggie ſtand entſetzt da, während Tom ſich gleichfalls vom Boden erhob und blaß den umher⸗ geſtreuten Trümmern ſeiner Pagode den Rücken zu⸗ kehrte. Lucy ſah ſtumm zu wie ein Kätzchen, das von ſeiner Milchſchüſſel aufſchaut. „O Tom,“ ſagte Maggie endlich, indem ſie auf ihn zuging,„ich hab' es gewiß nicht mit Fleiß ge⸗ than.“ Tom achtete nicht auf ſie, ſondern nahm zwei oder drei harte Erbſen aus ſeiner Taſche und ſchoß ſie mit dem Daumennagel gegen das Fenſter, zuerſt nur iws Blaue, bald aber mit der beſtimmten Abſicht, eine überſtändige Schmeißfliege zu treffen, welche ihre altersſchwachen Glieder im Strahl der Frühlings⸗ ſonne wärmte, augenſcheinlich gegen die Plane der Natur, die ſchon für einen Tom und Erbſen geſorgt hatte, um ihr elendes individuelles Leben ſchleunigſt zu vernichten. So hatte Maggie einen ſchweren Morgen, und Toms ſtarrſinnige Kälte gegen ſie auf dem ganzen Spaziergang verbitterte ihr friſche Luft und Sonnen⸗ ſchein. Er zeigte Lucy das halbgebaute Vogelneſt, ohne ſich um Maggie zu kümmern, und ſchälte für ſich und für ſeine neue Freundin eine Weidengerte, ohne der Schweſter die gleiche Aufmerkſamkeit zu wid⸗ —— ——— men. Lucy hatte geſagt:„Maggie, möchteſt Du nicht auch eine?“ Aber Tom war taub. Gleichwohl reichte der Anblick des Pfauen, der bei ihrer Ankunft in Garum Firs auf der Hofmauer eben ſeinen Schwanz ausbreitete, vorläufig hin, um den Geiſt von perſönlichem Aerger abzuziehen. Und dies war erſt der Anfang der Schönheiten, die man in Garum Firs zu ſehen bekam. Der ganze Farm⸗ hof zeigte eine wunderbare Lebendigkeit— geſpren⸗ kelte Bantamhühner mit dem Häubchen auf dem Kopf, frieſiſche Strupphühner, Perlhühner, die ſchreiend umherflogen und ihre ſchöngefleckten Federn fallen ließen, Pfautauben und eine zahme Elſter, dazu noch eine Ziege und ein. merkwürdiger ſcheckiger Hund, halb Dogge, halb Bullenbeißer, ſo groß wie ein Löwe. Ueberall waren weiße und ſchwarze Gatter⸗ thore, glänzende Wetterhähne von der verſchiedenſten Form und moſaikartig mit Kies gepflaſterte Garten⸗ wege— kurz, nichts ganz gewöhnlich in Garum Firs; und Tom meinte, die ungewöhnliche Größe der dortigen Kröten rühre einfach von der allge⸗ meinen Ungewöhnlichkeit her, welche Onkel Pullets Beſitzungen als die eines Herrenlandwirths charak⸗ teriſirte. Kröten, die Pacht bezahlten, waren na⸗ türlich magerer. Auch das Haus hatte ein nicht weniger merkwürdiges Ausſehen; der mittlere Theil wich zurück, die Seitenflügel hatten Thürmchen, und das Ganze war mit glänzend weißem Stuck über⸗ kleidet. Onkel Pullet hatte vom Fenſter aus die erwar⸗ tete Geſellſchaft kommen ſehen und beeilte ſich, das Vorderthor ſeiner Riegel und Kette zu entheben; er ,— ——— 1⁵³ hielt nämlich den Eingang ſtets in dieſem befeſtigten Zuſtand aus Furcht vor Landſtreichern, die vielleicht von ſeinem Glasſchrank mit den ausgeſtopften Vö⸗ geln in der Halle gehört hatten und hereingeſtürzt kommen konnten, um ihn auf den Köpfen weg zu tragen. Auch Tante Pullet erſchien auf der Schwelle und rief ihrer Schweſter, ſobald ſie in Hörweite war, zu: „Um Gotteswillen, halt' die Kinder zurück, Beſſy — laß ſie nicht die Thürtreppe heraufkommen. Sally, bring' die alten Strohmatten und den Beſen, daß ſie ſich die Schuhe abreiben können.“ Die Matten vor Mrs. Pullets Hauptthüre hatten keineswegs den Zweck, zum Schuhabreiben zu dienen, und ſogar das Kratzeiſen hatte einen Stellvertreter für ſeine ſchmutzige Arbeit. Tom rebellirte nament⸗ lich gegen dieſes Schuhabwiſchen, das er immer im Licht eines Schimpfes für ſein Geſchlecht betrachtete. Er ſah darin den Anfang der Unannehmlichkeiten, die ein Beſuch bei Tante Pullet nach ſich zog; denn er hatte da⸗ ſelbſt einmal die Schuhe ſich mit Handtüchern umwickeln laſſen müſſen. Dieſer Vorgang mag dazu dienen, den voreiligen Schluß zu berichtigen, daß ein Beſuch in Garum Firs eine große Anziehung gehabt haben mußte für einen jungen Gentleman, der ein Liebhaber von Thieren war— das heißt, in ſo weit er mit Steinen danach werfen konnte. Die weitere Unannehmlichkeit beſchränkte ſich auf ſeine weibliche Begleitung; ſie betraf das Hinan⸗ ſteigen auf der polirten Eichentreppe, deren ſehr ſchöne Teppiche in einer ledigen Schlafkammer auf⸗ gerollt lagen, ſo daß die Bewegung auf den ſpiegel⸗ —— —— 154 glatten Stufen in barbariſchen Zeiten als eine Or⸗ dalie hätte betrachtet werden können, welche nur die fleckenloſeſte Tugend zu beſtehen vermochte, ohne ein Glied zu brechen. Sophie's Schwäche in dieſem Punkt hatte Mrs. Glegg ſtets Anlaß zu ſcharfen Vorſtellungen gegeben; aber Mrs. Tulliver wagte es nicht, eine Anſicht darüber zu äußern, und wünſchte ſich einfach Glück, wenn ſie und die Kinder wohl⸗ behalten oben angelangt waren. „Mrs. Gray hat mir meinen neuen Hut geſchickt, Beſſy,“ ſagte Mrs. Pullet in pathetiſchem Ton, als Mrs. Tulliver ihre Haube zurechtrückte. „So? Und wie gefällt er Dir, Schweſter?“ ver⸗ ſetzte Mrs. Tulliver mit der Miene großen Inter⸗ eſſes. „Es geht dabei wie mit den Kleidern— ein ewiges Herausnehmen und Wiederaufheben,“ antwor⸗ tete Mrs. Pullet, indem ſie einen Schlüſſelbund aus der Taſche zog und die Schlüſſel muſterte;„aber es wäre Schade, wenn Du weggingeſt, ohne ihn zu ſehen. Man weiß nicht, was Einem zuſtoßen mag.“ Mes. Pullet ſchüttelte langſam den Kopf bei die⸗ ſem letzten ernſten Berückſichtigungspunkt, der ſie bewog, einen beſonderen Schlüſſel auszuleſen. „Ich fürchte, es beſchwert Dich, ihn herauszu⸗ langen, Schweſter,“ ſagte Mrs. Tulliver,„aber ich möchte wohl ſehen, welche Form die Krone hat.“ Mrs. Pullet erhob ſich mit melancholiſcher Miene und ſchloß die eine Flügelthür eines ſehr blanken Kleiderſchranks auf. Der Leſer glaubt vielleicht, daß hier der Hut aufbewahrt war? Mit nichten. Eine ſolche Vermuthung kann blos aus einer ganz ober⸗ * flächlichen Bekanntſchaft mit den Gewohnheiten der Dodſonfamilie erwachſen. In dieſem Kleiderſchrank ſuchte Mrs. Pullet nur einen Gegenſtand, der klein genug war, um ſich zwiſchen den Leinwandſchichten verbergen zu laſſen— nämlich einen Thürſchlüſſel. „Du mußſt mit mir in das beſte Zimmer kom⸗ men,“ ſagte Mrs. Pullet. „Dürfen die Kinder auch mit, Schweſter?“ fragte Mré. Tulliver, welche Maggie's und Lucy's begie⸗ rige Blicke ſah. „Meinetwegen,“ ſagte Tante Pullet nach einigem Beſinnen;„es iſt vielleicht beſſer, wenn wir ſie unter den Augen behalten. Sie könnten etwas anrühren, wenn wir ſie zurücklaſſen.“ So ging es in Proceſſion die lange ſchlüpferige Flur dahin, welche ſich in dem matten Licht, das über dem geſchloſſenen Laden durch den freien Fenſter⸗ halbmond einfiel, eigentlich feierlich ausnahm. Tante Pullet hielt inne und ſchloß eine Thüre auf, hinter der ſich noch etwas Feieklicheres befand, als die Flur, nämlich ein dunkles Zimmer, in welchem bei der ſchwachen, von außen eindringenden Beleuchtung die Möbel wie in weiße Tücher eingehüllte Leichen umherſtanden; und was dieſer Hülle entbehrte, kehrte die Beine nach oben. Lucy hielt Maggie, deren Herz ungeſtüm pochte, am Kleidchen zurück. Tante Pullet öffnete halb den Laden und ſchloß dann mit einer melancholiſchen Bedächtigkeit, welche im Einklang mit der leichenhaften Feierlichkeit der Scene ſtand, den Kleiderkaſten. Der köſtliche Ge⸗ ruch von Roſenblättern, der daraus hervordrang, machte die Beihilfe beim Herausnehmen eines Bogens 156 von Silberpapier um den anderen zu einem recht angenehmen Geſchäft, obſchon der ſchließliche Anblick des Huts auf Maggie, die auf etwas Uebernatür⸗ licheres gerechnet hatte, wie ein kalter Streich wirkte. Auf Mrs. Tulliver dagegen hätten wenige Dinge einen größeren Eindruck machen können. Sie be⸗ trachtete ihn einige Augenblicke ſtumm von allen Seiten und brach dann in die nachdrucksvollen Worte aus: „Nein, Schweſter, ich will nie mehr etwas gegen weite Kronen ſagen.“ Dies war ein großes Zugeſtändniß, und Mrs. Pullet fühlte es, war ſich aber auch bewußt, daß der Hut es verdiente. „Du möchteſt ihn wohl auf dem Kopf ſehen, Schweſter?“ ſagte ſie in mattem Ton.„Ich will den Laden ein wenig weiter aufmachen.“ „Ja, wenn Du Dir nichts daraus machſt, die Haube abzunehmen, Schweſter,“ entgegnete Mrs. Tulliver. Mrs. Pullet nahm die Haube ab, entblößte den braunen ſeidenen Scheitel mit ſeiner Fülle von Schläfenlocken, der in jener Zeit unter den reiferen verſtändigen Frauen üblich war, und ſetzte den Hut auf; dann drehte ſie den Kopf langſam wie eine Wachsfigur im Schaukaſten, damit Mrs. Tulliver das Meiſterwerk in allen ſeinen Theilen bewundern konnte. „Ich habe ſchon gemeint, es ſei auf der linken Seite eine Bandſchleife zu viel, Schweſter— was meinſt Du?“ ſagte Mrs. Pullet. 157 Mrs. Tulliver betrachtete die angedeutete Stelle ſorgfältig und drehte den Kopf ſeitwärts. „Ich bin der Anſicht, man läßt's am beſten wie es iſt. Wenn man daran ändert, ſo könnte man es bereuen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Tante Pullet, den Hut abnehmend und ihn nachdenklich beſichtigend. „Was rechnet man Dir für dieſen Hut, Schwe⸗ ſter?“ fragte Mrs. Tulliver, in Gedanken die Mög⸗ lichkeit erwägend, ob ſich nicht aus einem Stück Seidenzeug, das ſie zu Haus liegen hatte, eine be⸗ ſcheident Nachbildung dieſes chef-d'œuvre herſtellen aſſe.. Mrs. Pullet warf den Mund auf, ſchüttelte den Kopf und flüſterte: „Pullet bezahlt's. Er ſagte, ich müſſe den ſchön⸗ ſten Hut in der Garumkirche haben, gleichviel, wer dann auch den zweitſchönſten beſitzen möge.“ Sie begann langſam die Bänder wieder zu ord⸗ nen, eine Vorbereitung auf die abermalige Verſorgung des Huts im Kleiderſchrank; ihre Gedanken ſchienen aber auf's Neue eine melancholiſche Wendung einzu⸗ ſchlagen, denn ſie ſchüttelte wieder den Kopf. „Ach,“ ſagte ſie endlich,„wer weiß, Schweſter, ob ich ihn je zum zweitenmal aufſetzen werde.“ „Rede doch nicht ſo, Schweſter,“ verſetzte Mrs. Tulliver.„Ich hoffe, Deine Geſundheit wird ſich dieſen Sommer wieder ganz herſtellen.“ „Ja; aber es kann wieder ein Todesfall in der Familie eintreten, wie damals, als ich meinen grünen Atlashut kaufte. Vielleicht ſtirbt Vetter Abbott, und wir müſſen dann wenigſtens ein halbes Jahr für ihn Trauer anlegen.“ „Das wäre ein Unglück,“ verſetzte Mrs. Tulli⸗ ver, welcher die Möglichkeit eines ungelegenen Sterbe⸗ falls gar wohl einleuchtete.„Man hat keine Freude mehr an einem Hut, wenn man ihn das zweite Jahr tragen ſoll, namentlich bei dem ſteten Wechſel der Kronen. Da iſt kein Sommer wie der andere.“ „Das iſt der Weltlauf,“ ſagte Mrs, Pullet, in⸗ dem ſie den Hut wieder in dem Kaſten verſorgte und letztern abſchloß. Dann beobachtete ſie ein durch Kopfſchütteln charakteriſirtes Stillſchweigen, bis ſie insgeſammt das feierliche Gemach verlaſſen hatten und wieder in dem Zimmer der Hausfrau ſich be⸗ fanden. Nun erſt fing ſie an zu weinen und ſagte: „Schweſter, wenn Du den Hut nie wieder ſehen ſollteſt, bis ich todt und dahin bin, ſo wirſt Du Dich erinnern, daß ich ihn Dir heute gezeigt habe.“ Mrs. Tulliver fühlte, daß man von ihr eine Rührung erwartete; aber ſie war eine geſunde, kräf⸗ tige Frau von keinem weinerlichen Temperament, und ſie konnte nicht ſo über Thränen gebieten, wie Schwe⸗ ſter Pullet— ein Mangel, deſſen ſie oft bei Leichen⸗ begängniſſen zu ihrem großen Leidweſen ſich bewußt wurde. Ihre Anſtrengung, eine Zähre hervorzu⸗ preſſen, hatte eine wunderliche Zuſammenziehung ihrer Geſichtsmuskeln zur Folge. Maggie, die aufmerkſam zuſah, meinte, mit dem Hut der Tante müſſe irgend ein ſchmerzliches Geheimniß zuſammenhängen, das zu verſtehen ſie zu jung ſei, obſchon ſie das entrüſtete Bewußtſein in ſich trug, daß ſie es ſo gut als irgend 159 etwas Anderes begreifen würde, wenn man ſie in's Vertrauen zöge. Als ſie herunter kamen, erging ſich Mr. Pullet in der witzigen Bemerkung, er rechne, die Madame habe ihren Hut ſehen laſſen, und deßhalb ſei man ſo lang oben geblieben. Tom war die Zeit noch viel länger geworden; denn er hatte ſich auf dem Sopha ruhig verhalten und von ſeinem ihm gegen⸗ über ſitzenden Onkel betrachten laſſen müſſen, der ſeine blinzelnden Augen kaum von ihm verwandte und ihn gelegentlich mit„junger Herr“ anredete. „Nun, junger Herr, was lernt man auf der Schule?“ lautete die ſtehende Frage des Onkels Pullet, und Tom pflegte mit einem Schafsgeſicht, während er mit der Hand die Backe rieb, darauf zu antworten:„Ich weiß es nicht.“ Ein ſolches Ge⸗ genüber mit Onkel Pullet war ein peinlicher Zuſtand; denn Tom konnte nicht einmal die Kupferſtiche an der Wand, die Leimruthen für die Fliegen, oder die ſchönen Blumentöpfe, ſondern nur ſeines Onkels Kamaſchen ſehen. Nicht daß er an der geiſtigen Ueberlegenheit des letztern ehrerbietig hinaufgeſchaut hätte; darüber war er mit ſich ſchon im Reinen, daß er kein Herrenlandwirth werden wollte, um nicht einem ſo dünnbeinigen einfältigen Menſchen, als ſein Onkel Pullet war, gleich ſehen zu müſſen. Das alberne Geſicht eines Knaben iſt noch lange kein Beweis ehrfurchtsvoller Anerkennung, und es iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß er uns für einen Querkopf hält, wenn wir ihm unter dem Eindruck, daß er die Weisheit des Alters zu ſchätzen wiſſe, er⸗ muthigenden Vorſchub leiſten. Der einzige Troſt, den wir dabei haben, liegt in dem Umſtand, daß die griechiſchen Knaben wahrſcheinlich von Ariſtoteles eben ſo dachten. Nur wenn wir ein ſtätiſches Pferd gemeiſtert, einen Kutſcher geprügelt oder ein Gewehr in der Hand haben, gewinnen wir in den Augen unſerer ſcheuen Jugend einen wahrhaft bewundernswürdigen und zu beneidenden Charakter. Wenigſtens bin ich über⸗ zeugt, daß Tom Tulliver dieſer Anſchauung huldigte. Als er noch das Spitzenhäubchen unter ſeiner Ueberkappe trug, pflegte er durch das Gatterthor mit ſeinen klei⸗ nen Fingern mimiſche Geberden zu machen und den Schafen ein unarticulirtes Burr zuzurufen, damit jenes Verlangen nach der Oberherrſchaft über die niedere wilde und häusliche Thierwelt, einſchließlich der Maikäfer, Nachbarhunde und kleine Schweſtern kundgebend, das in allen Zeitaltern ein ſo hoffnungs⸗ volles Attribut für die Schickſale unſers Geſchlechts geweſen iſt. Nun ritt Mr. Pullet nie etwas Grö⸗ ßeres, als einen kleinen Pony, und wollte nichts mit den gefährlichen Feuerwaffen zu ſchaffen haben, die in dem übeln Geruch ſtanden, oft auf keines Menſchen beſonderes Verlangen von ſelbſt loszugehen. Tom hatte daher ſeine guten Gründe, wenn er im ver⸗ traulichen Geſpräch mit einem Kameraden ſeinen Onkel Pullet als einen Einfaltspinſel prädicirte, ob⸗ gleich er nie beizufügen verſäumte, daß er ein ſehr „reicher Kerl“ ſei. Der einzige mildernde Umſtand in einem téte-h- téte mit Onkel Pullet lag darin, daß derſelbe ſtets einige Schächtelchen mit Bruſt⸗ und Pfeffermünzzelt⸗ chen bei ſich führte, und bei ſtockender Unterhaltung 161 die Leere durch Anbieten und Selbſtgebrauch dieſer Tröſtung ausfüllte. „Belieben keine Pfeffermünzzeltchen, junger Herr?“ Dieſe Frage ließ ſich natürlich ſtumm beantwor⸗ ten, wenn ſie von dem Darbieten des fraglichen Ar⸗ tikels begleitet war. Das Erſcheinen der Mädchen erinnerte Onkel Pullet an eine weitere Labung in der Form kleiner Zuckerkuchen, von denen er gleichfalls zu eigener Be⸗ nützung an naſſen Tagen einen Vorrath unter Schloß und Riegel hielt. Aber die drei Kinder hatten kaum den verführeriſchen Leckerbiſſen zwiſchen den Fingern, als Tante Pullet ihnen ſchon das Eſſen verbot, bis das Brett und die Teller kämen, damit die röſchen Kuchen den Boden nicht voll Krumen machten. Lucy machte ſich nicht viel daraus, denn da der Kuchen ſo hübſch war, ſo meinte ſie, es ſei Schade, ihn zu eſſen. Tom dagegen erſah die Gelegenheit, während die ältern Perſonen ſich mit einander unterhielten, mit zwei haſtigen Biſſen das Gebäcke zu verſorgen und verſtohlen hinunter zu ſchlucen. Maggie war wie gewöhnlich von einem den Ulyſſes und die Nau⸗ ſikae darſtellenden Kupferſtich bezaubert, den Onkel Pullet als ein„hübſches bibliſches Bild“ gekauft hatte, und ließ darüber ihren Kuchen fallen, der bei einer unglücklichen Bewegung ihr gerade unter die Füße kam. Tante Pullet gerieth darüber in große Aufregung, und Maggie fühlte ſich ſo beſchämt, daß ſie bereits zu verzweifeln begann, heute noch die Spieldoſe hören zu dürfen, bis ihr nach einigem Nachdenken einfiel, Lucy ſtehe hoch genug in Gna⸗ den, um es wagen zu dürfen, den Onkel um ein Eliot, Die Mühle am Floß⸗ 11 Stückchen zu bitten. Sie flüſterte Lucy ihren Wunſch zu, und dieſe, die immer that, was man von ihr verlangte, begab ſich ruhig an Mr. Pullets Seite, um unter hohem Erröthen und verlegenem Fingern an ihrem Halstuch die Bitte vorzubringen: „Wollen Sie nicht ſo gut ſein, Onkel, uns ein Stückchen zu ſpielen?“ Lucy meinte nämlich, es liege in einem beſondern Talent des Onkels Pullet, daß die Doſe ſo ſchöne Weiſen ſpielte, und in der That betrachtete die Mehr⸗ zahl der Nachbarn in Garum die Sache in demſelben Lichte. Denn erſtlich hatte Mr. Pullet die Spieldoſe gekauft, zweitens verſtand er ſie aufzuziehen, und drittens wußte er, welches Stück kommen würde; der Beſitz dieſes unvergleichlichen muſikaliſchen In⸗ ſtruments galt alſo im Ganzen als ein Beweis, daß Mr. Pullets Charakter nicht ſo ganz nullenhaft ſei, wie man ihn ſonſt ſo gerne ausgeſchrieen hätte. Wenn aber Mr. Pullet gebeten wurde, ſeine Kunſt zu zeigen, ſo pflegte er ſie nicht durch ein allzu be⸗ reitwilliges Gewähren herabzuwürdigen.„Wir wollen ſehen,“ lautete ſeine gewöhnliche Antwort, wobei er ſich ſorgfaltig enthielt, irgend ein Zeichen der Willfahrung kund zu thun, bis eine gehörige Anzahl von Minuten abgelaufen war. Er ſchrieb ſich für— alle wichtigen geſellſchaftlichen Anläſſe ein Programm vor und erſparte ſich auf dieſe Weiſe viel Verlegen⸗ zeit wenn man ſeinem guten Willen allzu dringlich zuſetzte. Vielleicht erhöhte die Spannung Maggie's Freude, als endlich die ſchöne Weiſe begann. Sie vergaß zum erſtenmal, daß eine Laſt auf ihrer Seele ag, — 163 und daß Tom ihr zürnte. Als die Arie:„Wenn ich auf die Alme geh', juhe,“ ausgeſpielt war und ſie unbeweglich mit verſchlungenen Händen daſaß, trug ihr Geſicht jenen klaren Ausdruck des Glücks, der ihre Mutter bisweilen mit dem Bewußtſein trö⸗ ſtete, Maggie könne trotz ihrer dunkeln Haut bisweilen doch recht hübſch ausſehen. Aber nach Beendigung der zauberiſchen Muſik ſprang ſie auf, eilte auf Tom zu, ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und ſagte: „O Tom, iſt das nicht hübſch?“ Damit der geneigte Leſer nicht glaube, Tom habe eine empörende Unempfindlichkeit bewieſen, als er gegen Maggie in neuen Zorn wegen dieſer unberufenen und ihm ganz unerklärlichen Liebkoſung ausbrach, müſſen wir ihm ſagen, daß er eben ſein Glas Schlüſſelblumenwein in der Hand hatte und in Folge des Stoßes mehr als die Hälfte verſchüttet wurde. Er müßte die helle Milchſuppe geweſen ſein, wenn er nicht aufgebracht darauf erwidert hätte:„So, da haſt Du's jetzt!“ namentlich, wenn ſein Unwille, wie es hier der Fall war, durch die allgemeine Mißbilli⸗ gung von Maggie's Benehmen eine Weihe erhielt. „Kannſt Du denn nicht ruhig ſitzen bleiben, Maggie?“ ſagte ihre Mutter ärgerlich. „Kleine Mädchen müſſen nicht zu mir auf Beſuch kommen, wenn ſie ſich ſo benehmen wollen,“ ſagte Tante Pullet. „Ei, man iſt gar zu unbändig, kleine Jun er,“ ſagte Onkel Pullel 1. 3 Pungſ Die arme Maggie nahm wieder Platz. Alle Muſik war jetzt aus ihrer Seele verſcheucht, und die ſieben kleinen böſen Geiſter gewannen mieder Raum. 164 Mrs. Tulliver, die nichts als Unfug vorausſah, ſo lang die Kinder im Zimmer blieben, benützte die nächſte thunliche Gelegenheit zu der Bemerkung, nun die Kleinen nach ihrem Spaziergang ausgeruht hät⸗ ten, könnten ſie wohl draußen ein Spiel machen; und Tante Pullet gab ihre Einwilligung unter der Verwarnung, die gepflaſterten Gartenwege nicht zu verlaſſen und in dem Abſtand des Aufſteigeblockes zu bleiben, wenn ſie zuſehen wollten, wie die Hühner gefüttert würden. Letztere Beſchränkung war für nothwendig erachtet worden, ſeit man Tom über dem Vergehen ertappt hatte, dem Pfauen in der illuſori⸗ ſchen Vorſtellung nachzujagen, er werde im Schrecken eine von ſeinen Federn fallen laſſen. Mrs. Tulliver war zeitweilig durch Putzangele⸗ genheiten und mütterliche Sorgen von dem Streit mit Mrs. Glegg abgelenkt worden; nun aber das wichtige Thema des Huts in die Perſpective rückte und die Kinder aus dem Weg waren, traten die Befürchtungen von geſtern in den Vordergrund. „Nie hat etwas ſchwerer auf mir gelegen,“ ſagte ſie, den Gegenſtand eröffnend,„als daß Schweſter Glegg in dieſer Weiſe mein Haus verließ. Es kömmt mir gewiß nie in den Sinn, eine Schweſter zu be⸗ leidigen.“ „Ach, man weiß nie, was man von Jane zu er⸗ warten hat,“ verſetzte Tante Pullet.„Außer der Fa⸗ milie möchte ich mich gegen Niemand, als etwa gegen Doctor Turnbull, darüber auslaſſen; aber ich bin des feſten Glaubens, Jane lebt zu gering. Ich habe dies oft und oft zu Pullet geſagt, und er wird mir dies bezeugen müſſen.“ 165 „Ja, Du ſagteſt dies letzten Montag vor acht Tagen auf dem Heimweg, als wir bei ihnen Thee getrunken hatten,“ pflichtete Mr. Pullet bei, der jetzt ſein Knie zu reiben und mit ſeinem Taſchentuch zu ſchwingen begann, wie er zu thun pflegte, wenn die Unterhaltung intereſſant zu werden verſprach.. „Wohl möglich,“ ſagte Mrs. Pullet,„denn wenn ich etwas ſage, erinnerſt Du Dich deſſen beſſer, als es mir je möglich iſt. Mein Mann hat ein wunder⸗ volles Gedächtniß,“ fügte ſie mit einem pathetiſchen Blick auf ihre Schweſter bei.„Ich wäre übel daran, wenn er von einem Schlag betroffen würde; denn er erinnert ſich immer, wann ich meine Arzneien nehmen muß— und ich habe jetzt drei zumal.“ „Da ſind die Pillen wie früher', und die neuen Tropfen um eilf und um vier Uhr und die Brauſe⸗ mixtur„nach Belieben“, ſagte Mr. Pullet her, die Unterſcheidungszeichen durch ein Pfeffermünzzeltchen auf der Zunge markirend. „Vielleicht wäre es für Schweſter Glegg beſſer, wenn ſie auch bisweilen zum Doctor ginge, ſtatt daß ſie, wenn ihr etwas fehlt, türkiſche Rhabarber kaut,“ bemerkte Mrs. Tulliver, welche natürlich das weite Gebiet der Medicin nur in ſeiner Beziehung zu Mrs. Glegg erfaßte. „Es iſt ein ſchrecklicher Gedanke,“ ſagte Tante Pullet, die Hände erhebend und ſie wieder fallen laſſend,„daß Leute in ſolcher Weiſe mit ihrem In⸗ nern ſpielen mögen! Das heißt der Vorſehung in's Geſicht ſchlagen, denn für was ſind die Docter, wenn man ſie nicht braucht? Und wenn Leute das Geld haben, um einen Doctor zu bezahlen, ſo iſt es 166 nicht achtbar, wie ich Jane oftmals geſagt habe. Ich ſchäme mich vor meinen Bekannten, die darum wiſſen.“ „In dieſer Beziehung haben wir uns nichts vor⸗ zuwerfen,“ entgegnete Mr. Pullet;„denn ſeit die alte Mrs. Sutton hingegangen iſt, hat Doctor Turn⸗ bull in der ganzen Gemeinde keinen ſolchen Patienten mehr, wie Dich.“ „Pullet bewahrt alle meine Arzneiflaſchen auf— haſt Du dies gewußt, Beſſy?“ ſagte Mrs. Pullet. „Er will keine einzige verkaufen. Er meint, es ſei nicht mehr wie billig, als daß die Leute ſie ſehen, wenn ich nicht mehr bin. Sie füllen bereits zwei Simſe in der langen Vorrathskammer— aber,“ fügte ſie bei und fing zu weinen an—„es iſt wohl möglich, daß der dritte nicht mehr voll wird. Viel⸗ leicht reicht's nicht einmal, um das Dutzend von der letzten Größe voll zu machen. Die Pillenſchachteln ſind in dem Schrank meines Zimmers— merk Dir das, Schweſter— nur von den Boluſen kann ich nichts aufweiſen, als die Signaturen.“ „Sprich nicht vom Sterben, Schweſter,“ erwi⸗ derte Mrs. Tulliver,„denn wenn Du dahin biſt, ſo habe ich gar Niemand mehr, der zwiſchen mir und Schweſter Glegg vermittelt. Niemand als Du kann ſie bewegen, die Sache mit meinem Mann gut ſein zu laſſen; denn Schweſter Deane iſt nie auf meiner Seite, und wenn ſie's auch wäre, ſo läßt ſich doch nicht von ihr erwarten, daß ſie wie Jemand ſpricht, der ein unabhängiges Vermögen hat.“ „Nun, Beſſy, Du weißt, Dein Mann iſt derb,“ ſagte Mrs. Pullet, die ſich gutmüthig bereit zeigte, d 167 die tiefe Demüthigung ſowohl im Intereſſe der Schweſter als in dem eigenen zu benützen.„Er hat ſich nie ſo ordentlich gegen unſere Familie benom⸗ men, wie er hätte ſollen, und die Kinder arten ihm nach. Der Knabe ſteckt voll Bosheit und läuft vor Onkeln und Tanten davon, und das Mädchen iſt roh und ſchwarz. Es thut mir leid um Dich, daß Du hierin ſo wenig Glück gehabt haſt, Beſſy, denn Du warſt immer meine Lieblingsſchweſter, und wir haben ſtets die gleichen Kleider getragen.“ „Ich weiß, Tulliver iſt vorſchnell und redet un⸗ überlegt heraus,“ verſetzte Mrs. Tulliver, eine kleine Thräne aus dem innern Augenwinkel wiſchend; „aber ſeit ich mit ihm verheirathet bin, hat er nie etwas dagegen gehabt, daß ich meine Familienan⸗ gehörigen einlud und bewirthete.“ „Ich will Dir nicht wehe thun, Beſſy,“ entgeg⸗ nete Mrs. Pullet mitleidig,„denn ich zweifle nicht, daß Du ohne dies Sorge genug haſt. Aber wie ich höre, hat Dein Mann einen Anhang an ſeiner armen Schweſter und ihren Kindern, und außerdem iſt er ein Freund von Proceſſiren. Wenn er ſtirbt, wird Deine Lage ſchlimm genug ſein— nicht als ob ich davon außer der Familie eine Sylbe verlau⸗ ten laſſen möchte.“ Dieſe Andeutung war natürlich nichts weniger als ermuthigend für Mrs. Tulliver. Man konnte zwar ihrer Einbildungskraft nicht leicht beikommen; aber nun andere Leute ihre Lage für hart hielten, mußte ſie ihr nicht in demſelben Lichte erſcheinen? „Ich kann da leider nichts ändern,“ ſagte ſie unter dem Einfluß der Beſorgniß, man könnte ihre 168 vermeintlichen künftigen Bedrängniſſe für ein Straf⸗ gericht halten— eine Annahme, gegen die ſie ſich durch eine Hinweiſung auf ihre Vergangenheit ver⸗ wahren zu müſſen glaubte.„Es hat ſich gewiß nie eine Frau für ihre Kinder mehr Mühe gegeben, und als ich um Mariä Verkündigung das Haus ſcheuern ließ, hab' ich gearbeitet wie zwei Mägde und alle Bettbehänge ſelbſt abgenommen. Auch den Holder⸗ wein, der ſo gut ausgefallen iſt, hab' ich ſelbſt ge⸗ macht. Ich reiche ihn ſtets mit dem Sect, obgleich Schweſter Glegg dies für eine Verſchwendung er⸗ klärt; und wenn ich auch meine Kleider ſauber halte und nicht wie eine Vogelſcheuche im Haus herum⸗ gehen mag, ſo wird mir doch in der ganzen Ge⸗ meinde Niemand nachſagen können, daß ich gegen meinen Nächſten üble Nachreden führe und Händel ſtifte; denn ich wünſche Niemand nichts Leides. Auch verliert Niemand dabei, der mir eine Schweinfleiſch⸗ paſtete ſchickt, denn meine Paſteten können ſich neben den beſten von meinen Nachbarn ſehen laſſen; und das Weißzeug iſt in ſo guter Ordnung, daß ich, wenn ich morgen ſterbe, mich nicht zu ſchämen brauche. Eine Frau kann nicht weiter thun, als in ihren Kräften liegt.“) „Aber Du weißt, Beſſy, daß alles dies nichts helfen kann,“ erwiderte Mrs. Pullet,„wenn Dein Mann ſo übel mit ſeinem Geld umgeht. Nicht als ob nicht ein gewiſſer Troſt in dem Gedanken läge, daß die Möbel, wenn ſie unter den Hammer kom⸗ men und von andern Leuten gekauft werden, blank erhalten worden ſind; und Dein Weißzeug, mit Deinem Jungfernnamen darin, würde im ganzen 169 Land Liebhaber finden. Aber es wäre ein Jammer und ein Elend für unſere ganze Familie.“ Und Mrs. Pullet ſchüttelte langſam den Kopf. „Was kann ich machen, Schweſter?“ ſagte Mrs. Tulliver.„Tulliver iſt nicht der Mann, der ſich et⸗ was befehlen läßt, ſelbſt nicht, wenn ich zum Pfarrer ginge und mir einlernen ließe, was ich ihm zu ſagen habe. Auch maße ich mir nicht an zu behaupten, daß ich etwas von Geldanlegen verſtehe. Ich habe mich nie ſo in die Geſchäfte der Männer hineinarbeiten können, wie Schweſter Glegg.“ 3 „In dieſem Stück gleichſt Du mir, Beſſy,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Pullet,„und ich bin der Meinung, es würde Jane weit beſſer anſtehen, wenn ſie ihren Pfeilerſpiegel, der vorige Woche ſo voll Flecken war, öfter putzte, als daß ſie Leute, die mehr Einkommen haben, als ſie je beſaß, commandiren und ihnen ſagen will, was ſie mit ihrem Geld an⸗ fangen ſollen. Aber Jane und ich, wir ſind immer das Gegentheil geweſen. Sie wollte durchaus nur geſtreifte Dinge haben, und ich ziehe die getüpfelten vor. Auch Du liebſt das Getüpfelte, Beſſy,— wir ſind ſtets gleichen Sinnes geweſen.“ Von dieſer letzteren Erinnerung gerührt, ſah Mrs. Pullet ihre Schweſter pathetiſch an. „Ja, Sophie,“ ſagte Mrs. Tulliver, vich ent⸗ ſinne mich, daß wir Beide einen gleichen blauen Grund mit weißen Tupfen hatten— ein Stück da⸗ von dient mir noch als Bettzieche. Und wenn Du zu Schweſter Glegg gehen und ihr zuſprechen woll⸗ teſt, es meinem Mann nicht nachzutragen, ſo würde 170 ich es als einen großen Liebesdienſt anſehen. Du biſt immer eine gute Schweſter gegen mich geweſen.“ „Aber das Rechte wäre, wenn Tulliver ſelbſt hinginge und ſie dadurch begütigte, daß er ihr ſeine übereilten Reden abbäte. Wenn er Geld von ihr eborgt hat, ſo darf ihm dafür der Kopf nicht zu Sach ſtehen,“ ſagte Mrs. Pullet, deſſen Zuneigung zu der Schweſter ſie nicht blind gegen Grundſätze machte; ſie vergaß nie, was man Leuten von un⸗ abhängigem Vermögen ſchuldig war. „Es hilft nichts, davon zu ſprechen,“ verſetzte die arme Miß Lulliver faſt ärgerlich.„So weit demüthigt ſich mein Mann nicht, und wenn ich auf die Kniee vor ihm niederfalle.“ „Aber Du kannſt doch nicht verlangen, daß ich Jane zuſpreche, ſie ſolle Deinen Mann um Ver⸗ zeihung bitten?“ entgegnete Mrs. Pullet.„Sie trägt ſich gar hoch— vielleicht hoch zum Ueber⸗ ſchnappen, obſchon noch nie Jemand aus unſerer Familie in's Irrenhaus gekommen iſt.“ „Ich denke nicht daran, etwas Derartiges von ihm zu verlangen,“ ſagte Mrs. Tulliver.„Aber ſie könnte es ja nicht ſo ſtreng aufnehmen und ihr Geld ſtehen laſſen; dies darf doch eine Schweſter von der andern erwarten. Es kommen andere Zei⸗ ten; Tulliver vergißt die Sache, und man wird wieder gut Freund.“ Man wird bemerken, daß Mrs. Tulliver von dem unabänderlichen Entſchluß ihres Mannes, die fünfhundert Pfund zurückzubezahlen, entweder nichts wußte, oder wenigſtens nicht an denſelben glauben konnte. „Wohlan, Beſſy,“ ſagte Mrs. Pullet in weh⸗ müthigem Tone,„ich will nicht zu Deinem Ruin mit⸗ helfen und Dir gern einen Dienſt leiſten, wenn ich kann. Auch iſt mir nichts mehr zuwider, als wenn es unter unſern Bekannten ruchbar wird, daß es Streitigkeiten in der Familie gebe. Ich mache mir nichts daraus, morgen zu Jane zu fahren und ihr meine Meinung zu ſagen, wenn mein Mann nichts dagegen hat. Was meinſt Du, Pullet?“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden,“ verſetzte Mr. Pullet, dem es vollkommen gleichgiltig war, wie man den Streit beilegte, vorausgeſetzt, daß Mr. Tulliver nicht ihn um Geld anging. Der Herrenfarmer war nämlich in Beziehung auf das Geldanlegen ſehr ängſtlich und glaubte ein Kapital nur in Grund und Boden ſicher angelegt. Nachdem noch eine Weile länger darüber ver⸗ handelt worden, ob es zweckmäßig ſei, daß Mres. Tulliver ſich an dem Beſuch bei Mrs. Glegg be⸗ theilige, wandte ſich Mrs. Pullet, welche bemerkte, daß es Theezeit ſei, ſich ein wenig bei Seite, um aus einer Commode eine feine Damaſtſerviette her⸗ auszulangen, welche ſie nach Art eines Vorſteckers an ſich befeſtigte. Die Thüre that ſich auch in der That bald auf, aber ſtatt des Theezeugs brachte Sally einen ſo nervenergreifenden Gegenſtand her⸗ ein, daß Mrs. Pullet und Mrs. Tulliver in einen lauten Schrei ausbrachen, worüber Onkel Pullet ſo erſchrack, daß er— wie er ſpäter ſich notirte, zum fünftenmal in ſeinem Leben— ein Bruſtzeltchen ganz hinunterſchluckte. 172 Zehntes Kapitel. Maggie führt ſich über alle Erwartung ſchlecht auf. Der nervenergreifende Gegenſtand, welcher für Onkel Pullet eine ſo denkwürdige Epoche herbei⸗ führte, war nichts anderes, als die kleine Lucy, deren eine Hälfte von der Hutkrone an bis zu dem kleinen Füßchen in ſchmutziges Waſſer getaucht er⸗ ſchien, während ſie ſelbſt ein gar klägliches Geſicht machte und ein Paar geſchwärzte Händchen aus⸗ ſtreckte. Um dieſe unerwartete Erſcheinung in Tante Pullets Sprechzimmer zu erklären, müſſen wir zu dem Moment zurückkehren, in welchem die Kinder ſich entfernten, um im Freien zu ſpielen, und die kleinen böſen Geiſter, die am Morgen von Maggie's Seele Beſitz genommen hatten, nach zeitweiliger Entfernung mit erneuter Kraft in dieſelbe eingedrun⸗ gen waren. Alle die unangenehmen Erinnerungen des Morgens drangen mit Macht auf ſie ein, als Tom, deſſen Unwille gegen ſie durch die thörichte Umarmung, die ihn den Schlüſſelblumenwein ver⸗ ſchütten machte, ſehr geſteigert worden war, Lucy aufforderte, mit ihm zu gehen, und ſich dann dem Kellerraum zuwandte, wo die Kröten waren, als ob es auf der ganzen Welt keine Maggie gebe. Als Maggie dies bemerkte, blieb ſie in der Ferne ſtehen und nahm ſich dabei wie eine kleine Meduſa aus, der man die Schlangen abgeſchnitten hatte. Lucy war natürlich ſehr erfreut darüber, daß Vetter Tom ſich ſo freundlich gegen ſie benahm, und es bot einen gar heiteren Anblick, wenn er eine fette Kröte x —9y 173 durch das Gitter des Kellerlochs hindurch mit einem Stückchen Schnur litzelte. Dennoch wünſchte ſie, Maggie möchte das Schauſpiel auch mit genießen, namentlich da ſie ohne Zweifel der Kröte einen Namen zu geben und ihre vergangene Geſchichte zu erzählen wußte; denn Lucy pflegte entzückt und halb gläubig den Geſchichten zuzuhören, welche Maggie an die ihr begegnenden lebenden Dinge anzuknüpfen pflegte— wie zum Beiſpiel Frau Ohrenkriebler zu Haus eine Wäſche hatte und eines ihrer Kinder in den heißen Keſſel gefallen war, weßhalb ſie jetzt ſo eilig lief, um den Doctor zu holen. Tom hegte eine tiefe Verachtung gegen ſolchen Unſinn und zerdrückte den Ohrenkriebler, um auf dieſe leichte, wenn ſchon überflüſſige Weiſe die gänzliche Unrealität eines ſol⸗ chen Mährchens darzuthun; Lucy aber konnte ſich uns Leben nicht der Vorſtellung entſchlagen, daß etwas daran ſei oder daß man ſich ſolche hübſche Sachen wohl könne weis machen laſſen. So bewog ſie denn der Wunſch, etwas von der Geſchichte einer ſehr ſtattlichen Kröte zu erfahren, und ihre liebevolle Remüieart, zu Maggie zurückzueilen und ihr zu agen: „O, da iſt eine ſo große, ſpaſſige Kröte, Maggie. Komm und ſieh.“ 4 wanis g Maggie entgegnete nichts, ſondern wandte ſich mit noch finſtererer Stirne von ihr ab. So lang Tom Lucy ihr vorzuziehen ſchien, hatte ſie Theil an ſeiner Liebloſigkeit. Noch vor Kurzem würde es Maggie für unmöglich gehalten haben, je der hübſchen kleinen Lucy böſe zu ſein, ebenſo wenig, als ſie einem weißen Mäuschen hätte etwas zu Leid thun können; aber damals war auch Tom ganz anders gegen Lucy geweſen, und Maggie hatte ihre Gönnerin und Be⸗ wundrerin machen müſſen. Und eben jetzt trug ſie ſich mit dem Gedanken, ob ſie Tom nicht dadurch ärgern könne, daß ſie Lucy durch Klapſen oder Kneipen zum Weinen bringe; denn aus einem perſönlichen Klaps von ihrer Hand, ſelbſt wenn ſie ſich ſoweit erdreiſtete, würde ſich Tom doch nichts gemacht haben. Das Kitzeln einer fetten Kröte, die keine ſehr empfindſamen Nerven hat, entleidet auf die Dauer, und Tom begann nachgerade ſich nach einem anderen Zeitvertreib umzuſehen. Aber in einem ſo ſauber angelegten Garten, in welchem man die gepflaſterten Wege nicht verlaſſen ſollte, war die Wahl nicht groß, wenn man ſich nicht etwa das Vergnügen machte, das Verbot zu übertreten; und ſo begann Tom über einem aufſtändiſchen Beſuch bei einem Teich nachzu⸗ denken, der ungefähr eine Ackerlänge jenſeits des Gartens lag. „Höre, Lucy,“ ſagte er mit bedeutungsvollem mehrmaligen Kopfnicken, während er ſeine Schnur wieder aufwickelte,„was meinſt Du wohl, was ich zu thun gedenke?“ „Was, Tom?“ fragte Lucy neugierig. „Ich will nach dem Teich gehen und nach dem Hecht ſehen. Wenn Du willſt, kannſt Du mit,“ ſagte der junge Sultan. „O, darf man dies, Tom?“ verſetzte Lucy. „Die Tante ſagte, wir ſollen den Garten nicht ver⸗ laſſen.“ „Ich gehe an dem andern Ende hinaus, ſo daß 175 uns Niemand ſehen ſoll,“ ſagte Tom.„Und wenn ſie's auch ſehen, ſo laufe ich heim.“ „Aber das kann ich nicht,“ entgegnete Lucy, die ſich nie zuvor einer ſo ſchweren Verſuchung ausge⸗ ſetzt geſehen hatte. „Oh, kümmere Dich nicht darum— Dir wird man nicht böſe,“ erwiderte Tom.„Du ſagſt, ich habe Dich mitgenommen.“ Tom machte ſich auf den Weg, und Lucy trabte in dem ſchüchternen Vorgefühl des ſeltenen Hochge⸗ nuſſes, einmal etwas Unartiges zu thun, neben ihm her; dabei ließ ſie ſich von dem wunderbaren Hecht erzählen, von dem ſie nicht gewiß wußte, ob es ein Fiſch oder ein Vogel war. Maggie ſah, wie ſie den Garten verließen, und konnte dem Drang, ihnen zu folgen, nicht widerſtehen. Zorn und Eifrſucht mögen ihre Zielpunkte ebenſo wenig aus dem Auge laſſen, als die Liebe, und es war für Maggie ein unerträglicher Gedanke, daß Tom und Lucy etwas thun oder ſehen ſollten, von dem ſie nichts wußte. Sie ging um einige Schritte hinter ihnen drein, ohne daß Tom es wahrnahm, da dieſer alsbald nach dem hochintereſſanten Ungeheuer, dem Hecht, ſich umſah; das Thier galt nämlich für ſo gar alt, und war ſo groß und hatte einen ſo merkwürdigen Ap⸗ petit. Der Hecht folgte dem Beiſpiel anderer Be⸗ rühmtheiten und ließ ſich nicht ſehen, wenn man auf ihn wartete. Dagegen wurde Toms Blick durch einen im Waſſer raſch ſich bewegenden Gegenſtand gefeſſelt, und der Knabe folgte demſelben nach einer anderen Stelle am Ufer des Teiches. „Komm' hieher, Lucy!“ ſagte er in lautem 176 Flüſtern—„hieher! und ſieh Dich vor! Bleib' im Gras und tritt nicht dahin, wo die Kühe geweſen ſind,“ fügte er bei, indem er auf eine Halbinſel von dürrem Gras mit zu beiden Seiten eingetretenem Koth deutete; denn Toms geringſchätzige Vorſtellung von einem Mädchen ſchloß die Eigenſchaft ein, daß ſie unfähig ſei, an ſchmutzigen Stellen zu gehen. Lucy that ſorgfältig, wie ihr geheißen, und beugte ſich nieder, um zu ſehen, was ihr wie eine durch's Waſſer ſchießende goldene Pfeilſpitze vorkam. Es ſei eine Waſſerſchlange, ſagte ihr Tom, und Luc) konnte endlich die wellenförmige Schlängelung ihres Leibes unterſcheiden, wobei ſie ſich ſehr über das Schwimmvermögen der Schlange wunderte. Maggie war näher und näher gekommen— ſie mußte es auch ſehen, obſchon ſie das bittere Gefühl nicht zu verwinden vermochte, daß es Tom gleichgiltig war, ob ſie es ſah oder nicht. Endlich war ſie ganz nahe bei Lucy. Tom hatte ihre Annäherung wohl wahrgenommen, aber ſie nicht beachtet, bis er mußte; er wandte ſich jetzt gegen ſie um und ſagte: „Geh’ weg, Maggie. Es iſt kein Platz für Dich hier auf dem Graſe. Man hat Dich nicht verlangt.“ In einem Augenblick fühlte Maggie ſich von Leidenſchaften durchwühlt, die eine Tragödie hätten abgeben können, wenn Tragödien bloß auf Leiden⸗ ſchaften beruhten; aber das weſentliche 0 6„½ 9os, das in der Leidenſchaft vorhanden war, fehlte der Handlung, und das Aeußerſte, was Maggie mit ihrem kleinen ſchwarzen Arm ausrichten konnte, be⸗ ſtand darin, daß ſie die arme kleine weiß⸗ und rothe 177 Lucy in den von den Kühen zuſammengetretenen Koth ſtieß. Jetzt konnte ſich Tom nicht mehr halten; er ver⸗ ſetzte Maggie zwei kräftige Streiche auf den Arm und beeilte ſich ſodann, die hilflos daliegende, ſchreiende Lucy aufzuheben. Maggie zog ſich nach einem einige Schritte entfernten Baum zurück und ſah ſtöckiſch zu. Gewöhnlich kam bei ihr die Reue raſch nach einer unüberlegten That; aber jetzt hat⸗ ten Tom und Lucy ſie ſo elend gemacht, daß ſie eine Luſt darin fand, das Glück derſelben zu ver⸗ derben und ihnen weh zu thun. Warum hätte ſie bereuen ſollen? Tom erwies ſich gegen ſie gar langſam im Verzeihen, wie Leid ihr auch etwas thun mochte. „Daß Du's nur weißſt, ich werde es der Mutter ſagen, Jungfer Mag,“ erklärte Tom laut und mit Nachdruck, ſo bald Lucy wieder auf und zu gehen im Stand war. Es lag ſonſt nicht in Toms Na⸗ tur, den Angeber zu machen; aber hier forderte es augenſcheinlich die Gerechtigkeit, daß Maggie mit der ſchwerſten Strafe heimgeſucht wurde. Nicht daß Tom gelernt hätte, ſeine Anſichten in dieſe abſtracte Form zuſammen zu faſſen; er führte das Wort „Gerechtigkeit“ nicht im Mund und hatte keine Vor⸗ ſtellung, daß ſein Verlangen nach Beſtrafung mit dieſem ſchönen Namen belegt werden könne. Lucy war von dem ſchlimmen Streich, der ihr geſpielt worden, dem Beſudeln ihrer ſchönſten Kleider und dem unbehaglichen naſſen Koth zu ſehr in Anſpruch genommen, als daß ſie an die Urſache denken konnte, Eliot, Die Mühle am Floß⸗ 12 die ihr als ein völliges Geheimniß erſchien. Sie vermochte nicht zu errathen, was ſie Maggie gethan hatte, daß dieſe ſo böſe auf ſie war. Sie fühlte die Unart des garſtigen Mädchens zu tief, um groß⸗ müthig bei Tom eine Fürbitte einlegen zu können, daß er ſie nicht angeben möge, und lief unter kläg⸗ lichem Weinen neben ihm her, während Maggie unter dem Baume ſaß und den beiden mit ihrem kleinen Meduſengeſicht nachſchaute. „Sally,“ ſagte Tom, als ſie die Küchenthüre er⸗ reichten und die Angeredete, welche ein Stück But⸗ terbrod im Mund und eine Röſtgabel in der Hand hatte, ſie mit ſprachloſem Staunen betrachtete— „Sally, ſagt der Mutter, Maggie habe Lucy in den Koth geſtoßen.“ „Aber barmherziger Himmel, wie ſeid ihr in die Nähe eines ſolchen Kothes gekommen?“ verſetzte Sally und verzog das Geſicht, während ſie ſich nie⸗ derbeugte und das Corpus delicti unterſuchte. Tom war nicht imaginativ genug geweſen, um dieſe Frage in die vorausgeſehenen Folgen einzu⸗ ſchließen; aber ihre Stellung ließ ihn alsbald er⸗ kennen, auf was ſie hinauslief, und daß Maggie nicht als die einzige Schuldige in dieſem Fall be⸗ trachtet werden dürfte. Er ging deßhalb ruhig von der Küchenthüre fort und überließ Sally das Ver⸗ gnügen des Rathens, das bekanntlich lebhafte Ge⸗ müther einer offenen Mittheilung vorziehen. Der Leſer weiß, daß Sally nicht ſäumte, Lucy an die Thüre des Sprechzimmers zu ſchieben; denn einen ſo ſchmutzigen Gegenſtand in das Haus von Garum Firs einzuführen, war für einen einfachen 179 Sinn eine zu ſchwere Aufgabe, als daß man ſich derſelben nicht gern eheſtens entledigt hätte. „Gütiger Gott!“ rief Tante Pullet nach dem Vor⸗ ſpiel eines unarticulirten Schreis,„behaltet ſie an der Thüre, Sally. Laßt ſie um keinen Preis über den Wachstuchbeleg hinaustreten.“ „Sie muß irgendwo in garſtigen Koth gefallen ſein,“ ſagte Mrs. Tulliver und begann den Umfang der Beſchädigungen an den Kleidern zu unterſuchen, da ſie ſich für dieſelben gegen ihre Schweſter Deane verantwortlich hielt. „Mit Verlaub, Madame, es war Miß Maggie, die ſie hineingeſtoßen hat,“ verſetzte Sally.„So hat Maſter Tom geſagt, und ſie müſſen an dem Teich geweſen ſein; denn nur dort konnten ſie ſich in dieſer Weiſe beſchmutzen.“ „Da haben wir's, Beſſy; es iſt ſo, wie ich Dir geſagt habe,“ bemerkte Mrs. Pullet in einem Ton prophetiſcher Wehmuth.„Es ſind Deine Kinder, und Gott weiß, wohin es noch mit ihnen kommen mag.“ Mrs. Tulliver verſtummte in dem Gefühl, daß ſie in Wahrheit eine unglückliche Mutter ſei. Wie gewöhnlich drängte ſich ihr der Gedanke auf, die Leute würden glauben, ſie hätte wunder welch ein Ver⸗ brechen begangen, um ein ſolches Mutterleid zu ver⸗ dienen, während Mrs. Pullet ausführliche Weiſun⸗ gen an Sally zu ertheilen begann, wie ſie bei Beſeitigung des Schmutzes die Zimmer vor ernſt⸗ licher Verunreinigung zu bewahren habe. Inzwi⸗ ſchen brachte die Köchin den Thee herein, und die beiden garſtigen Kinder ſollten zur Straf⸗ ihren 180 Antheil daran in der Küche erhalten. Mrs. Tulli⸗ ver ging hinaus, um mit dieſen garſtigen Kindern zu ſprechen, in der Meinung, daß ſie ganz in der Nähe ſeien; doch gelang es ihr erſt nach einigem Suchen, Tom aufzufinden, der mit ſtörriſcher unbe⸗ kümmerter Miene an dem weißen Geländer des Hühnerhofs lehnte und über dasſelbe ſein Stückchen Schnur niederhängen ließ, um den Truthahn zu ärgern. „Tom, Du böſer Bub, wo iſt Deine Schwe⸗ ſter?“ rief Mrs. Tulliver in großer Aufregung. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Tom, deſſen Verlangen nach Gerechtigkeit an Maggie ſich ſehr vermindert hatte, ſeit ihm klar geworden, daß ſie kaum erzielt werden konnte, ohne daß gerechter Weiſe auch auf ſein eigenes Benehmen Tadel fiel. „Wo haſt Du ſie verlaſſen?“ fragte die Mutter, ſich umdrehend. „Unter dem Baum am Teich,“ ſagte Tom, augen⸗ ſcheinlich ganz gleichgiltig gegen Alles, die Schnur und den Truthahn ausgenommen. „Dann geh' und hol' ſie augenblicklich, Du unarti⸗ ger Burſche. Und wie konnteſt Du Dich unterſtehen, nach dem Teich zu gehen und Deine Schweſter an einen Platz zu nehmen, wo es ſo ſchmutzig iſt? Du weißt, daß ſie überall Unfug ſtiftet, wo ſie Gelegen⸗ heit dazu findet.“ Es war ſo Mrs. Tullivers Art, daß ſie, wenn ſie Tom tadeln mußte, ſein Mißverhalten irgend⸗ wie ſtets mit Maggie in Verbindung brachte. Der Gedanke, daß Maggie allein am Teich ſaß, weckte in der Mutter die gewöhnliche Furcht, und + 3 181 ſie ſtieg auf den Aufſteigeblock, um ſich ſelbſt nach dem unſeligen Kind umzuſehen, während Tom nicht ſehr hurtig der ihm ertheilten Weiſung gehorchte. Meine Kinder haben immer eine ſo große Vor⸗ liebe für's Waſſer,“ ſagte ſie laut, ohne zu beden⸗ ken, daß Niemand in der Nähe war, um ſie zu hören,„daß man ſie mir gewiß eines Tages todt und ertrunken heimbringt. Wollte Gott, man hätte den Fluß nicht ſo in der Nähe.“. Aber als ſie nicht nur Maggie's nicht anſichtig wurde, ſondern bald darauf auch Tom allein vom Teich zurückkehrte, wurde ihre Angſt in einem Grade übermächtig, daß ſie ihm entgegeneilte. „Maggie iſt nirgends an dem Teich zu finden, Mutter,“ ſagte Tom.„Sie iſt fort.“ Man kann ſich denken, welches angſtvolle Suchen noch folgte und wie ſchwer es hielt, Mrs. Tulliver zu überzeugen, daß Maggie nicht in dem Teiche liege. Mrs. Pullet meinte, man könne nicht wiſſen, welch ein viel ſchlimmeres Ende dem Kinde vorbe⸗ halten bleibe, wenn es noch am Leben ſei; und Mr. Pullet, welchen das revolutionäre Ausſehen der Dinge ganz aus der Faſſung brachte, als kein Thee kommen wollte und das ungewöhnliche Ab⸗ und Zulau⸗ fen den ganzen Hühnerhof in Aufruhr ſetzte, nahm ſein Gartenmeſſer als Unterſuchungsinſtrument auf und reichte zu Aufſchließung des Gänſeſtalls einen Schlüſſel hinunter, wie wenn dies der wahrſchein⸗ lichſte Platz zu einem Verſteck für Maggie wäre. Nach einer Weile kam Tom auf den Gedanken, Maggie werde nach Hauſe gegangen ſein, ohne daß er es übrigens für nöthig hielt, anzugeben, wie er 182 unter ſolchen Umſtänden daſſelbe gethan haben würde. Dieſe Andeutung wurde von der Mutter als großer Troſt aufgegriffen. „Schweſter, um Gottes willen, laß das Pferd einſpannen und mich nach Haus bringen; wir tref⸗ fen ſie vielleicht noch unterwegs. Lucy kann ohne⸗ hin in ihren ſchmutzigen Kleidern nicht gehen,“ ſagte ſie, auf das unſchuldige Opfer niederſchauend, das, 3 in einen Shawl gehüllt, mit nackten Füßen auf dem Sopha ſaß. Tante Pullet ließ ſich bereit finden zu Beſchaf⸗ fung des einfachſten Mittels, ihr Hausweſen ſo bald wie möglich wieder in Ruhe und Ordnung zu brin⸗ gen, und nach kurzem Verzug ſaß Mrs. Tulliver in der Chaiſe, von der aus ſie ängſtlich die fernſten Punkte der vor ihr liegenden Straße beobachtete. Was wohl der Vater ſagen würde, wenn Maggie verloren war— dieſe Frage verdrängte in ihrer 1 Seele alle anderen Gedanken. Eilftes Kapitel. Maggie verſucht, ihrem Schatten zu entlaufen. Maggie's Vornehmen war wie gewöhnlich in— einem großartigeren Maßſtab angelegt, als Tom ſich einbildete. Der Entſchluß, der nach der Ent⸗ fernung Lucy's und ihres Bruders in ihrer Seele zur Reife kam, betraf kein einfaches Nachhauslaufen. Nein! ſie wollte davon und unter die Zigeuner gehen, und Tom ſollte nie mehr eiwas von ihr ſehen. Dies war bei Maggie keineswegs eine neue 183 Idee. Man hatte ihr ſo oft geſagt, ſie ſehe wie eine „Zigeunerin,“ wie eine„Halbwilde“ aus, daß ſie, wenn ſie ſich ſo recht elend fühlte, den einzigen Ausweg, ſolchen Beſchimpfungen zu entgehen und ſich in Har⸗ monie mit den Umſtänden zu ſetzen, darin ſah, daß ſie in einem kleinen braunen Zelt auf der Haide lebte; die Zigeuner, meinte ſie, würden ſie mit Freu⸗ den aufnehmen und um ihrer überlegenen Kenntniſſe willen mit großer Achtung behandeln. Sie hatte einmal ihre Anſichten über dieſen Punkt Tom ver⸗ traut und ihm das Anſinnen geſtellt, er ſolle ſein Geſicht braun färben und mit ihr entlaufen; aber Tom verwarf dieſen Entwurf mit Geringſchätzung, indem er erklärte, die Zigeuner ſeien Diebe, die nichts zu eſſen und kaum etwas anderes zu treiben hätten, als einen Eſel. Heute aber meinte Maggie, ihr Jammer habe einen ſolchen Höhepunkt erreicht, daß nur noch das Zigeunerleben ihr eine Zuflucht biete, und ſie erhob ſich von ihrem Sitz unter dem Baum mit dem Gefühl, daß die große Kriſis ihres Lebens gekommen ſei. Sie wollte geradaus laufen, bis ſie die Dunlower Haide erreicht hatte, wo es ſicherlich Zigeuner geben mußte, und der grauſame Tom und die übrigen Verwandten, welche ihre Schuld an ihr ahnden mochten, ſollten ſie nie wie⸗ der ſehen. Sie dachte auf dem Wege wohl an ihren Vater, verſöhnte ſich aber mit dem Gedanken der Trennung von ihm, indem ſie ſich vornahm, ihm einen Brief durch eine kleine Zigeunerin zu ſenden, die, ohne von ihrem Aufenthalt Kunde zu geben, wieder weglaufen und ihn nur wiſſen laſſen ſollte, 184 daß ſie wohl und glücklich ſei und ſeiner ſtets in Liebe gedenke. Maggie hatte ſich bald außer Athem gelaufen; aber als Tom wieder zu dem Teich kam, lagen ſchon drei lange Ackerſtücke zwiſchen ihm und ihr, und ſie befand ſich am Eingang in den Heckenweg, welcher nach der Landſtraße hinführte. Sie machte Halt, um ſich ein wenig zu verſchnaufen, und erwog bei ſich, wie das Davonlaufen, bis man die Zigeuner⸗ haide erreicht habe, doch nichts ſehr Angenehmes ſei; aber ihr Entſchluß ſtand feſt, und ſie trat in den Heckenweg ein, ohne zu wiſſen, wohin er führte. Er war indeß nicht derjenige, den ſie von der Dorl⸗ cotemühle her zurückgelegt hatte, und fühlte ſich daher ſicher, daß man ſie nicht einholen wurde. Bald machte ſie jedoch nicht ohne Zittern die Wahrneh⸗ mung, daß zwei Männer vor ihr hergingen; denn an ein Zuſammentreffen mit Fremden hatte ſie im Sturm der Beſorgniß, daß ihre Freunde ihr nach⸗ kommen könnten, nicht gedacht. Die ſchrecklichen Fremden waren zwei ſchäbig ausſehende Männer mit rothen Geſichtern, von denen der eine an einem Stock über der Schulter ein Bündel trug; zu ihrer Ueberraſchung aber machte der letztere piötzlich Halt und ſtellte, ſtatt der Vorwürfe wegen ihres Entlau⸗ fens, die ſie erwartet hatte, in weinerlichem Ton die Bitte an ſie, einem armen Mann ein Almoſen zu ſchenken. Maggie hatte ein Sechspenceſtück, ein Ge⸗ ſchenk von ihrem Onkel Glegg, in der Taſche, zog es unverweilt heraus und gab es dem armen Manne mit einem höflichen Lächeln, in der Hoffnung, er werde gegen ſie als eine ſo freigebige Perſon ſehr 18⁵ dankbar ſein.„Dies iſt alles Geld, das ich bei mir habe,“ ſagte ſie entſchuldigend.„Danke, kleine Miß,“ verſetzte der Mann in weniger achtungsvollem und dankbarem Tone, als ſie erwartet hatte, und ſie be⸗ merkte ſogar, daß er lächelte und ſeinem Kameraden zublinzelte. Sie ging haſtig weiter; die beiden Männer aber blieben ſtehen, wahrſcheinlich um ihr nachzuſehen, und ſie hörte, daß ſie laut lachten. Plötzlich fiel ihr ein, ſie möchten glauben, daß ſie eine Blödſinnige ſei; denn Tom hatte geſagt, ſie ſehe in ihrem geſtutzten Haar einem Tackel gleich, und dieſer Gedanke war zu ſchmerzlich, um ſich ſo leicht vergeſſen zu laſſen. Außerdem hatte ſie keine Aermel an— nur eine Haube und ein Hütchen. Es war klar, daß ſie keinen günſtigen Eindruck auf Fremde machen konnte, und ſie dachte daran, ſich wieder den Feldern zu⸗ zuwenden, aber auf einer andern Seite, um Onkel Pul⸗ lets Grundſtücke zu vermeiden. So ging ſie denn durch das erſte Thürchen, das ſie nicht verſchloſſen fand, und ſchlich ſich nach der eben erſt erſtandenen Demüthigung mit dem entzückten Gefühl der Verborgenheit an der Innenſeite des Gehäges hin. Sie war daran ge⸗ wöhnt, allein im Feld herumzulaufen, und daher jetzt weniger ſchüchtern, als auf der Landſtraße. Bis⸗ weilen mußte ſie wohl über hohe Thürchen wegklet⸗ ſern; aber dies war ein geringes Uebel. Sie kam auf dieſe Weiſe bald aus dem Bereich ihrer Freunde und wahrſcheinlich auch bald auf die Dunlower oder doch eine andere Haide; denn ſie hatte ihren Va⸗ ter ſagen hören, daß man nie weit zu gehen brauche, um auf ein ſolches unbebautes Stück Land zu ge⸗ langen. Sie hoffte dies um ſo ſehnlicher, da ſie 186 nachgerade müde und hungrig wurde, und ſie vor dem Eintreffen bei den Zigeunern keine beſtimmte Ausſicht auf ein Stück Butterbrod hatte. Es war noch heller Tag; denn Tante Pullet, welche an den alten Gewohnheiten der Dodſon⸗Familie feſthielt, ließ den Thee um halb fünf Uhr nach der Sonne und um fünf Uhr nach der Küchenuhr auftragen. Ob⸗ ſchon alſo Maggie ſich ſchon faſt eine Stunde auf dem Wege befand, ſo war doch noch keine Dämme⸗ rung zu bemerken, welche ſie an das Eintreten der Nacht erinnerte. Gleichwohl meinte ſie, eine ſehr große Strecke zurückgelegt zu haben, und ſie konnte ſich nicht genug wundern, daß die Haide ſo lang nicht kommen wollte. Bisher hatte ſie ſich auf der gutangebauten Markung von Garum und ihrem rei⸗ chen Waideland befunden und auf ihrem ganzen Weg aus der Ferne nur einen einzigen Arbeiter geſehen. Welch ein Glück in vielfacher Beziehung, denn Tag⸗ löhner waren vielleicht zu unwiſſend, um das Paſſende ihres Gangs nach der Dunlower Haide einzuſehen; und doch wäre es ihr lieb geweſen, wenn ſie Je⸗ mand über den Weg dahin hätte fragen können, vor⸗ ausgeſetzt, daß er nichts von ihren Privatangelegen⸗ heiten zu wiſſen verlangte. Endlich nahmen jedoch die grünen Felder ein Ende, und Maggie ſtand vor dem Stacketenthor eines zu beiden Seiten mit Gras bewachſenen Heckenwegs. Sie hatte nie zuvor einen ſo breiten Feldweg geſehen und glaubte— ohne zu wiſſen, warum— daß jetzt die Haide nicht mehr fern ſein könne; vielleicht lag der Grund zu dieſer Annahme in dem Umſtand, daß ſie an dem graſigen Rain einen Eſel mit einem Block an den Füßen 187 wahrnahm; denn ſie hatte einmal ein ſolches Thier mit der gleichen kläglichen Beläſtigung geſehen, als ſie in dem Gig mit ihrem Vater über die Dunlower Haide fuhr. Sie drängte ſich durch die Stacketen des Thors und wanderte mit nenem Muth weiter, obſchon nicht frei von ſpuckenden Geſtalten, zum Bei⸗ ſpiel Apollyons, eines Straßenräubers mit einer Piſtole, eines blinzelnden Zwerges in Gelb mit einem Mund von einem Ohr zum andern, und ähnlicher gefährlicher Perſönlichkeiten. Denn die arme kleine Maggie beſaß zu gleicher Zeit die Furchtſamkeit einer lebhaften Phantaſite und den Muth, der aus einem überwältigenden Antrieb hervorgeht. Sie hatte ſich in das Abenteuer geſtürzt, ihre unbekannte Verwandt⸗ ſchaft, die Zigeuner aufzuſuchen, und nun ſie ſich in dieſem ſeltſamen Heckenwege befand, wagte ſie kaum ſeitwärts zu ſchauen, um nicht etwa des teufliſchen Schmieds mit der ledernen Schürze anſichtig zu wer⸗ den, der vielleicht mit in die Seite geſtemmten Ar⸗ men daſtand und ſie angrinste. Wie klopfte ihr das Herz, als ſie an der Seite eines Hügels ein paar nackte Beine, den Fuß nach Oben gerichtet, wahr⸗ nahm; ſie ſchienen etwas abſcheulich Widernatürliches, eine Art diaboliſchen Pilzes zu ſein, denn ihre Auf⸗ regung geſtattete ihr nicht, auf den erſten Blick auch die zerlumpten Kleider und den ſchwarzen Wirbel⸗ kopf zu ſehen, der mit ihnen zuſammenhing. Es war ein ſchlafender Knabe, und Maggie ſchritt ſchnel⸗ ler und leichter weiter, um ihn nicht zu wecken. Es fiel ihr nicht ein, daß er zu ihren Freunden, den Zigeunern, gehören könnte, die aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach ſehr angenehme Manieren beſaßen. Und 188 doch war es ſo; denn an der nächſten Wegwendung ſah Maggie wirklich das kleine halbkreisförmige ſchwarze Zelt vor ſich aufſteigen, das ſie fortan ſchirmen ſollte gegen den Schimpf, welcher ſie im civiliſirten Leben verfolgt hatte. Sie bemerkte ſogar eine lange weib⸗ liche Geſtalt neben der Rauchſäule— ohne Zweifel die Zigeunermutter, welche für den Thee und andere würzige Nahrungsmittel ſorgte, und Maggie konnte ſich ſelbſt nicht begreifen, daß ſie bei dem Anblick nicht entzückter war. Freilich erſchien es auch ſo be⸗ fremdlich, daß die Zigeuner ſich am Weg und nicht auf einer Haide niedergelaſſen hatten. Dieſer Um⸗ ſtand wirkte ſehr ſtörend, denn in Maggie's Bild vom Zigeunerleben hatte eine unabſehbare geheim⸗ nißvolle Haide mit Sandgruben, in denen man ſich unauffindbar verſtecken konnte, nicht fehlen dürfen. Sie ging jedoch weiter, indem ſie ſich mit dem Ge⸗ danken tröſtete, daß Zigeuner wahrſcheinlich nichts von Blödſinnigen wiſſen und ſie daher nicht zu fürch⸗ ten brauchte, auf den erſten Blick für einen Tackel angeſehen zu werden. Es war klar, merkſamkeit erregt, denn die lange ſich als ein junges Weib mit einem Kind auf dem Arm auswies, kam ihr befiel ein leichtes Zittern, als das neue Geſicht auf ſie zukam; ſie beruhigte ſich aber ſchnell m Gedanken, daß die Tante Pullet und die andern Recht hätten, wenn ſie ſie eine Zigeunerin nannten; denn die⸗ 189 „Meine kleine Lady, wohin geht der Weg?“ ſagte die Zigeunerin im Tone einſchmeichelnder Ehr⸗ erbietung. So war es recht und wie Maggie es erwartet hatte. Die Zigeuner ſahen auf den erſten Blick, daß ſie eine kleine Lady war, und ſie hatte eine dem entſprechende Behandlung zu gewärtigen. „Nicht weiter,“ antwortete Maggie, der es vor⸗ kam, als ſpreche ſie, auf was ſie ſich früher ſchon in einem Traum eingeübt hatte.„Ich bin gekommen, um bei euch zu bleiben, wenn es erlaubt iſt.“ „Das iſt ja prächtig— nun, ſo kommen Sie nur. Der Tauſend, was Sie für eine hübſche kleine Lady ſind,“ ſagte die Zigeunerin, ſie bei der Hand neh⸗ mend. Maggie fand die Frau recht angenehm, hätte aber doch gewünſcht, daß ſie weniger ſchmutzig wäre. Sie begaben ſich nach dem Feuer, das von einer Gruppe umgeben war. Eine alte Zigeunerin ſaß auf dem Boden, ſtrich ſich die Kniee und ſtach von Zeit zu Zeit mit einer großen Gabel in den runden Keſſel, aus dem ein appetitreizender Dampf aufſtieg. Zwei kleine wackelköpfige Kinder lagen auf dem Bo⸗ den ausgeſtreckt und ſtützten ſich dabei auf die Ellen⸗ bogen, ſo daß ſie wie kleine Sphinxe ausſahen, und ein gutmüthiger Eſel beugte ſeinen Kopf zu einem großen Mädchen nieder, das auf dem Rücken lag, dem Thier die Naſe kratzte und es gelegentlich mit einem Maulvoll geſtohlenen trefflichen Heu's regalirte. Das ſchräge Licht der Sonne fiel ſanft auf ſie nie⸗ der, und die Scene kam Maggie recht hübſch und behaglich vor; nur hoffte ſie, daß bald das Theege⸗ räth beigeſchafft würde. Alles mußte herrlich gehen, —— 190 wenn ſie einmal die Zigeuner über den Nutzen eines Waſchbeckens belehrt und ihnen Intereſſe für Bücher beigebracht hatte. Gleichwohl brachte es ſie ein wenig in Verwirrung, als die junge Frau mit der Alten in einer Sprache zu reden anfing, die Maggie nicht verſtand, während das große Mädchen, das den Eſel gefüttert hatte, ſich zum Sitzen aufrichtete und, ohne ſich mit einem Gruß zu bemühen, glotzäugig nach ihr hinſtarrte. Endlich ſagte die Alte: „Wie, meine hübſche Lady, Sie ſind alſo gekom⸗ men, um bei uns zu bleiben? Setzen Sie ſich und erzählen Sie uns, woher Sie kommen.“ Es war ganz wie in einem Mährchen. Maggie fühlte ſich glücklich, daß ſie kleine Lady genannt und in ſo achtungsvoller Weiſe behandelt wurde. Sie ſetzte ſich nieder und ſagte: „Ich komme von Haus, weil ich unglücklich bin, und wünſche eine Zigeunerin zu werden, Ich will, wenn es mir erlaubt wird, unter euch leben und kann euch ſehr viele Dinge lehren.“ „Eine ſo geſcheide kleine Lady,“ ſagte die Frau mit dem Kind, indem ſie ihre Bürde auf den Boden ſetzte und neben Maggie Platz nahm,„und ein ſo ſchönes Hütchen und Kleidchen,“ fügte ſie bei, indem ſie Maggie den Hut abnahm und ihn betrachtete, ann aber an das alte Weib in der unbekannten Sprache eine Bemerkung richtete. Das große Mäd⸗ chen riß den Hut weg und ſetzte ihn ſich mit grin⸗ ſendem Geſicht verkehrt auf den Kopf; Maggie aber war entſchloſſen, in dieſem Punkt keine Schwäche zu zeigen, und that, als mache ſie ſich durchaus nichts aus ihrem Hütchen. † ͤ— ⏑‿ — 191 „Ich verlange keinen Hut zu tragen,“ ſagte ſie, „und möchte mir lieber ein rothes Tuch umbinden, wie Sie es haben“(ſie blickte dabei auf die an ihrer Seite ſitzende Freundin).„Mein Haar war, bis ich es geſtern abſchnitt, ſehr lang; aber ich denke wohl, daß es bald wieder wachſen wird,“ fügte ſie ent⸗ ſchuldigend bei, da ihr eine Vorliebe der Zigeuner für langes Haar als wahrſcheinlich vorkam. Sie hatte in dem Wunſch, die gute Meinung der Zigeuner zu ge⸗ winnen, für den Augenblickſogar ihren Hunger vergeſſen. „O welch' eine nette kleine Lady!— und ohne Zweifel auch reich,“ ſagte das alte Weib.„Haben Sie daheim in einem ſchönen Hauſe gewohnt?“ „Ja, es iſt hübſch bei mir zu Haus, und ich habe eine große Freude an dem Fluß, wo wir ſiſchen; aber ich bin oft ſehr unglücklich. Wie gerne würde ich meine Bücher mitgenommen haben; aber ich bin ſo in der Eile fortgelaufen. Doch kann ich euch faſt Alles erzählen, was in meinen Büchern ſteht, die ich ſo oft geleſen habe— und das wird euch unterhalten. Ich kann auch Vieles aus der Geographie, das heißt, von der Welt, in der wir leben, erzählen, was ſehr nützlich und intereſſant iſt. Habt ihr ſchon etwas von Columbus gehört?“ Maggie' Augen begannen zu funkeln und ihre Wangen glühten; ſie war ja im Begriff, die Zigeu⸗ ner zu unterrichten und ſo einen großen Einfluß über ſie zu gewinnen. Die Zigeuner ſelbſt waren nicht wenig erſtaunt über ihre Worte, obſchon ſie zugleich auch ihre Aufmerkſamkeit auf Maggie's Taſche lenk⸗ ten, welche die Freundin zu ihrer Rechten inzwiſchen unbemerkt geleert hatte. ——* — 192 „Heißt ſo der Ort, wo Sie wohnen, meine kleine Lady?“ fragte die Alte bei Nennung des Namens Columbus. „O nein,“ verſetzte Maggie mit einigem Mit⸗ leid.„Columbus war ein wunderbarer Mann, der die halbe Welt entdeckte, und man legte ihm Ketten an und behandelte ihn ſehr ſchlecht, wie in meinem Katechismus der Geographie ſteht. Aber es iſt viel⸗ A leicht etwas zu lang, um es vor dem Thee erzählen zu können... ich will jetzt meinen Thee haben.“ Die letzten Worte entfuhren Maggie unwillkühr⸗ lich— allerdings kein ſehr harmoniſches Ueberſchnap⸗ pen aus dem Tone lehrbegieriger Gönnerſchaft zu dem kindiſchen Eigenſinns. „Die arme kleine Lady iſt hungrig,“ ſagte die jüngere Frau.„Gebt ihr ein wenig kalte Küche. Ich kann mir denken, daß Sie einen ſehr weiten Weg gegangen ſind, meine Liebe. Wo ſind Sie zu Hauſe?“ „In der Dorlcote⸗Mühle— das iſt weit weg,“ antwortete Maggie.„Mein Vater iſt Mr. Tulliver; aber man darf ihn nicht wiſſen laſſen, wo ich bin, ſonſt holt er mich wieder heim. Wo hält ſich die Zigeunerkönigin auf?“ „Wie, wollen Sie zu ihr gehen, meine kleine Lady?“ entgegnete die jüngere Frau. Das große Mädchen hatte inzwiſchen Maggie beharrlich angeglotzt und angegrinst; ſie beſaß in der That recht unangenehme Manieren. „Nein,“ ſagte Maggie;„ich denke nur, im Falle ſie nicht eine ſehr gute Königin iſt, ſo ſeid ihr viel⸗ leicht froh, wenn ſie ſtirbt, und ihr könnt dann eine andere wählen. Wenn ich eine Königin wäre, ſo 193 würde ich eine ſehr gute Königin und freundlich gegen Jedermann ſein.“ „Da iſt etwas zu eſſen,“ ſagte die Alte, indem ſie Maggie eine dürre Krume, die ſie einem Sack mit erbettelten Brodſtücken entnommen, und eine Schnitte Speck hinbot. „Ich danke Ihnen,“ verſetzte Maggie, nach dem Angebotenen hinſehend, ohne es anzunehmen,„aber wollen Sie mir nicht lieber ein Butterbrod und Thee geben? Ich mag den Speck nicht.“ „Wir haben weder Thee, noch Butter,“ entgeg⸗ nete die Alte mit einer finſteren Miene, als ob ſie des Schmeichelns nachgerade ſatt ſei. „Oh, ein Stückchen Brod mit Honig iſt auch recht,“ meinte Maggie. „Wir haben auch keinen Honig,“ erwiderte die Alte in barſchem Ton. Darauf folgte ein ſcharfer Dialog zwiſchen den beiden Weibern in der unbekannten Sprache, und eine von den kleinen Sphinxen ſchnappte das Speck⸗ brod weg und begann es zu verzehren. In dieſem Augenblick kehrte das große Mädchen, das ſich auf eine kleine Strecke entfernt hatte, wieder zurück und ſagte etwas, was eine große Wirkung hervorbrachte. Die Alte, die Maggie's Hunger vergeſſen zu haben ſchien, ſtieß mit erneutem Eifer ihre Gabel in den Keſſel, und die jüngere ſchlüpfte in das Zelt, um Teller und Löffel herauszuholen. Maggie zitterte ein wenig und konnte nur mit Mühe die Thränen zurückhalten. Das große Mädchen that jetzt einen lauten Schrei, und alsbald kam der Knabe herzu⸗ gelaufen, den Maggie ſchlafend gefunden, ein rau⸗ Eliot, Die Mühle am Floß, 13 194 borſtiger Knirps ungefähr von Toms Alter. Er ſtarrte Maggie mit großen Augen an, und es wurde nun viel in der unverſtändlichen Sprache geplaudert. Maggie fühlte ſich ſehr einſam; ſie war ſo ſchwach, und die Thränen ließen ſich, das ſpürte ſie wohl, unmöglich auf die Dauer zurückhalten. Gleichwohl wurde das Losbrechen durch einen neuen Schrecken gehindert, als zwei Männer erſchienen, deren An⸗ näherung die Urſache der plötzlichen Aufregung ge⸗ weſen war. Der ältere von den beiden trug einen Sack, den er zu Boden warf; dann redete er die Weiber in lautem ſcheltenden Tone an, worauf dieſe mit einem Regen von kreiſchenden biſſigen Gegen⸗ reden antworteten. Inzwiſchen fuhr ein ſchwarzer Köter bellend auf Maggie los und verſetzte ſie in einen Schrecken, der noch ärger wurde durch die Flüche, mit welchen der jüngere Mann den Hund zurückrief, um ihm mit einem großen Stock, den er in der Hand hielt, einen tüchtigen Streich zu ver⸗ etzen. Maggie fühlte, wie ſie nie die Königin eines ſolchen Volkes ſein könnte, und begriff die Unmög⸗ lichkeit, demſelben je unterhaltende und nützliche Kenntniſſe beizubringen. Die beiden Männer ſchienen nun wegen Maggie Fragen zu ſtellen, denn ſie ſahen nach ihr hin, und der Ton des Geſprächs nahm jenen friedlichen Cha⸗ rakter an, welcher auf der einen Seite Neugierde und auf der anderen das Vermögen, ſie zu befrie⸗ digen, andeutet. Endlich ſagte das jüngere Weib in der früheren achtungsvoll ſchmeichelnden Weiſe: ———. 195 „Dieſe hübſche kleine Lady iſt gekommen, um unter uns zu leben. Freut euch dies nicht?“ „Ah, ſehr,“ verſetzte der jüngere Mann, welcher Maggie' ſilbernen Fingerhut und andere kleine Gegenſtände, die aus ihrer Taſche geholt worden, betrachtete. Er gab Alles, bis auf den Fingerhut, mit einer Bemerkung an die jüngere Frau zurück, und dieſe ſteckte die Siebenſachen wieder in Mag⸗ gie's Taſche. Dann ſetzten ſich die Männer und be⸗ gannen den Inhalt des Keſſels, gedämpftes Fleiſch mit Kartoffeln, das in eine gelbe Platte geleert wor⸗ den war, in Angriff zu nehmen. Maggie machte ſich Gedanken, Tom möge wohl Recht gehabt haben, indem er die Zigeuner für Diebe erklärte, es ſei denn, daß der Mann gelegentlich ihr den Fingerhut wieder zurückzugeben gedachte. Sie würde ihm denſelben bereitwillig gegeben haben, denn ſie hing nicht beſonders an dieſem Tand; aber der Gedanke, ſich unter Dieben zu befinden, ließ keinen Troſt mehr aufkommen, wie ehrerbietig und aufmerkſam man ſie auch behandeln mochte. Alle Diebe, mit alleiniger Ausnahme des Robin Hood, waren ſchlechte Leute. Die Leute bemerkten die Ver⸗ ſchüchterung ihres Gaſtes. „Wir haben nichts Feines, was für eine Lady paßt,“ ſagte die Alte in ihrem Schmeicheltone.„Und die ſüße kleine Lady iſt ſo hungrig.“ „Da, mein Kind, verſuchen Sie, ob Sie von die⸗ ſem eſſen können,“ nahm die jüngere Frau das Wort, indem ſie von dem gedämpften Gericht mit einem eiſernen Löffel etwas in einen braunen Napf für Maggie ſchöpfte. Letztere, welche ſich noch ,t gut 1 ſ —jj— 196 der zürnenden Miene der Alten erinnerte, als ſie nicht Brod und Speck eſſen wollte, wagte nicht, das Angebotene abzulehnen, obſchon die Furcht all ihren Appetit verſcheucht hatte. Oh, wenn doch ihr Vater mit dem Gig käme und ſie heim nähme! Oder wenn Jack, den Rieſentödter, den gehörnten Siegfried, oder Sankt Georg, der auf den Halbpencen den Drachen erſchlug, zufällig ihr Weg hier vorbeiführte! Freilich mußte ſich Maggie mit bitterem Leidweſen geſtehen, daß dieſe Helden nie in der Nähe von St. Oggs geſehen worden waren; denn da kam nie etwas Wunderbares vor. Man ſieht wohl, Maggie Tulliver war keines⸗ wegs die wohlerzogene und gut unterrichtete Perſon, wie die acht⸗ oder neunjährigen kleinen Frauenzim⸗ mer in unſeren Tagen. Sie hatte eben ein Jahr lang die Schule von St. Oggs beſucht und beſaß ſo wenig Bücher, daß ſie bisweilen ſogar das Wörter⸗ buch las. Wenn man alſo ihren kleinen Geiſt prüfte, ſo konnte man die erſtaunlichſte Unwiſſenheit neben völlig unerwarteten Kenntniſſen finden. So wußte ſie zum Beiſpiel, daß es ein Wort wie„Polygamie“ gibt, und da ſie auch von einer„Polyglottenbibel“ gehört hatte, ſo war ſie durch Schlußfolgerung darauf gekommen, daß„poly“„viel“ bedeute; dagegen hatte ſie nicht entfernt eine Vorſtellung davon, daß Zigeuner nur ſchlecht mit Specereien verſehen ſeien, und ſo waren ihre Gedanken in der Regel ein ſelt⸗ ſames Gemiſch von klar ſehendem Verſtand und blin⸗ dem Träumen. In ihren Ideen über Zigeuner war während der letzten fünf Minuten eine mächtige Veränderung vor⸗ — 197 gegangen. Anfangs hatte ſie in ihnen ehrerbietige, der Unterweiſung zugängliche Gefährten geſehen; jetzt aber kam ſie auf den Gedanken, man warte vielleicht nur auf die Dunkelheit, um ſie abzuſchlach⸗ ten und ihren Leib für die Zigeunerküche in Stücke zu zerlegen. Auch verfiel ſie auf den Argwohn, der alte Mann mit dem blitzenden Auge ſei in Wirklichkeit der Teufel, der jeden Augenblick ſeine durchſichtige Maske fallen laſſen könne, um entweder als der grinſende Schmied oder als ein feueräugiges Unge⸗ heuer mit Drachenflügeln dazuſtehen. Vergeblich verſuchte ſie ihr Gedämpftes zu eſſen, und doch fürch⸗ tete ſie ſich über die Maßen, die Zigeuner durch irgend eine Kundgebung der üblen Meinung, die ſie von ihnen hatte, zu beleidigen; auch intereſſirte ſie ſich mit einer Lebhaftigkeit, in der kein Theologe ſie hätte übertreffen können, für die Frage, ob der Teufel, wenn er wirklich anweſend ſei, von ihren Gedanken Kunde habe. „Wie, ſchmeckt Ihnen dies nicht, meine Liebe?“ ſagte das junge Weib, als ſie bemerkte, daß Maggie keinen Löffel voll von ihrer Speiſe hinunter brachte. „Kommen Sie her— wir wollen's mit einander verſuchen.“ „Nein, ich danke,“ verſetzte Maggie, zu einer verzweifelten Anſtrengung aller ihrer Kraft aufbie⸗ tend und ein freundliches Lächeln verſuchend;„ich glaube, ich habe keine Zeit— es wird dunkel. Ich denke, ich muß jetzt heimgehen und kann an einem andern Tag wieder kommen. Ich bringe dann auch ein Körbchen voll Rahmtörtchen und Sachen mit.“ Maggie erhob ſich, als ſie dieſe trügeriſche Aus⸗ 198 ſicht hinwarf, in dem demüthigen Glauben, daß ſich Apollyon übertölpeln laſſen werde, von ihrem Sitz; aber ihre Hoffnung wurde zu Schanden, denn die alte Zigeunerin ſagte:. „Halten Sie ein wenig, halten Sie ein wenig, kleine Lady,— wir können Sie um ſo ſicherer nach Haus bringen, wenn das Nachteſſen vorüber iſt. Sie ſollen heimreiten wie ein vornehmes Fräulein.“ Maggie nahm wieder Platz, allerdings mit ge⸗ ringem Vertrauen zu dieſem Verſprechen, obſchon ſie ſah, daß das große Mädchen dem Eſel den Zaum anlegte und ihm ein Paar Säcke über den Rücken warf. „Nun denn, kleine Miſſis,“ ſagte der jüngere Mann, indem er aufſtand und den Eſel heranführte, gſagen Sie uns, wo Sie wohnen— wie heißt Ihr Heimathort?“ „Ich bin auf der Dorlcotemühle zu Haus,“ ſagte Maggie haſtig.„Mein Vater iſt Mr. Tulliver, der Müller.“ „Wie, die große Mühle, welche ein wenig ab⸗ ſeits von St. Oggs liegt?“. „Ja,“ antwortete Maggie.„Iſt es weit dahin? Ich denke, ich könnte zu Fuß hinkommen, wenn Sie's erlauben.“ „Nein, nein; es wird dunkel, und wir müſſen uns beeilen. Sie werden ſehen, der Eſel bringt Sie ganz fein weiter.“ Er lüpfte bei dieſen Worten Maggie vom Bo⸗ den auf und ſetzte ſie auf den Eſel. Sie fühlte ſich erleichtert, daß allem Anſchein nach nicht der alte Mann ſie zu begleiten beabſichtige; aber gleichwohl war ihre Hoffnung, je die Heimath wieder zu ſehen, gering. — 199 „Da iſt Ihr hübſches Hütchen,“ ſagte die jüngere Frau, den kürzlich ſo verachteten, aber jetzt hochwill⸗ kommenen Anzugsartikel auf Maggie's Kopf ſetzend,. „und nicht wahr, Sie werden ſagen, wie gut wir gegen Sie geweſen ſind— wie wir immer ſagten, Sie ſeien eine hübſche kleine Lady.“ „Oh ja, dank Ihnen,“ ſagte Maggie;„ich bin Ihnen ſehr verbunden. Aber es wäre mir lieb, wenn Sie auch mit gingen.“ Sie dachte, Alles ſei beſſer als das Alleinſein mit einem von dieſen ſchrecklichen Männern. Es lag ein Troſt darin, von einer größeren Partie er⸗ mordet zu werden. „Ah, Sie haben mich lieb— nicht wahr?“ ent⸗ gegnete das Weib.„Aber ich kann nicht mit— Sie gehen zu ſchnell für mich.“ Der Mann ſetzte ſich nun gleichfalls auf den Eſel und hielt Maggie vor ſich. Letztere war ebenſo außer Stand, gegen dieſe Maßregel Vorſtellungen zu erheben, als der Eſel ſelbſt, obgleich ihr der ſchwerſte Alp nicht ſchrecklicher geweſen wäre. Nach⸗ dem die Frau ſie noch auf den Rücken gepätſchelt und ihr Lebewohl geſagt hatte, ſchlug der Eſel auf einen kräftigen Wink, welchen ihm der Stock des Mannes ertheilte, einen raſchen Trab durch die Gaſſe in der Richtung an, aus welcher Maggie vor einer Stunde gekommen war. Das große Mädchen und der rauborſtige Knirps, die gleichfalls ſich mit Stöcken verſehen hatten, gaben ihnen auf eine Strecke von ein Paar hundert Schritten das Geleite und voll⸗ brachten dieſen Dienſt mit vielem Schreien und Puffen des Thiers. Lenore konnte bei ihrem übernatürlichen Mitter⸗ nachtsausflug mit dem geſpenſtiſchen Liebhaber nicht ſchwerer in Aengſten ſein, als Maggie bei dieſem ganz natürlichen Ritt auf einem kurztrabenden Eſel mit einem Zigeuner hinter ihr, der ihre Per⸗ ſon wenigſtens zu einem Preis von einer halben Krone anſchlug. Das rothe Licht der untergehenden Sonne ſchien eine wichtige Bedeutung in ſich zu faſſen, mit der das beunruhigende Geſchrei des Eſels mit dem Block am Fuß ohne Zweifel in Verbindung ſtand. Die zwei Hütten mit den niederen Stroh⸗ dächern, die einzigen Häuſer, an denen ſie auf die⸗ ſem Wege vorbeikamen, erhöhten noch das Schauer⸗ liche der Scene; ſie hatten keine der Rede werthen Fenſter, und die Thüren waren geſchloſſen. Wahr⸗ ſcheinlich trieben ſich hier Hexen um, und es gereichte Maggie zum Troſt, daß der Eſel nicht vor ihnen Halt machte. Endlich— o freudiger Anblick— ging dieſe Gaſſe, die längſte von der Welt, in eine breite Land⸗ ſtraße über, auf der ſie eine leibhaftige Kutſche da⸗ hinfahren ſah. Und an der Ecke ſtand ein Weg⸗ weiſer— ſie wußte gewiß, daß ſie ihn ſchon früher geſehen hatte—„Nach St. Oggs, zwei Meilen.“ So hatte alſo der Zigeuner wirklich die Abſicl ſie nach Haus zu bringen. Er war am Ende doch ein guter Mann und hätte ſich wohl ſehr gekränkt gefühlt, wenn ihm eine Ahnung gekommen wäre, wie ſehr ſie der Gedanke entſetzte, allein mit ihm zu reiſen. Dieſe Anſicht beſtätigte ſich in ihr immer mehr, je mehr ſie ſich auf dem Weg auskannte, und ſie ging eben mit ſich zu Rath, wie ſie mit dem gekränkten Zig euner 4. v— — 2g=Z— SV= ℳ=—— — 201 ein Geſpräch eröffnen konnte, um nicht nur ihn freundlich zu ſtimmen, ſondern auch ſich des drücken⸗ den Gefühls ihrer eigenen Feigheit zu erwehren, als ſie an einem Kreuzweg plötzlich eines Reiters auf einem weißköpfigen Roß anſichtig wurde. „Oh, halt, halt!“ rief ſie aus.„Da iſt mein Vater! O Vater, Vater!“ Die plöͤtzliche Freude war faſt ſchmerzlich, und als der Vater herankam, ſchluchzte Maggie, als ob ihr das Herz brechen wollte. Mr. Tulliver ſtaunte höchlich, denn er hatte von Baſſet aus einen Um⸗ weg gemacht und war noch nicht zu Hauſe geweſen. „Was ſoll dies heißen?“ ſagte er, ſein Pferd anhaltend, während Maggie von dem Eſel herunter⸗ rutſchte und auf ihres Vaters Steigbügel zueilte. „Die kleine Miß iſt verirrt, ſchätz' ich,“ verſetzte der Zigeuner.„Sie iſt zu unſerem Zelt am Ende der Dunlower Haide gekommen, und ich wollte ſie nach ihrer Heimath bringen. Es iſt eine ſchöne Strecke, nachdem man den ganzen Tag auf dem Marſch geweſen iſt.“ „O ja, Vater, er iſt ſo freundlich geweſen, mich nach Hauſe bringen zu wollen,“ beſtätigte Maggie. „Ein ſehr gefälliger, guter Mann.“ „Wohlan denn, ſo nehmt dies, mein Freund,“ ſagte Mr. Tulliver, ein Fünf⸗Schillingſtück heraus⸗ langend.„Es iſt vielleicht das Beſte, was Ihr je in Eurem Leben gethan habt. Ich hätte den Ver⸗ luſt der kleinen Dirn nicht verſchmerzen können. Gebt ſie mir auf's Roß herauf.“ „Ei, Maggie, wie iſt dies gekommen?“ fragte er, nachdem ſie eine Strecke weit geritten waren(ſie 202 hatte dabei unter fortwährendem Schluchzen den Kopf gegen die Bruſt des Vaters gelehnt).„Wie moch⸗ teſt Du ſo weit umherſchweifen, daß Du verirren konnteſt?“ „O, Vater,“ ſchluchzte Maggie,„ich lief fort, weil ich mich ſo unglücklich fühlte. Tom war böſe auf mich und ich konnte es nicht ertragen.“ „Pah, pah,“ ſagte Mr. Tulliver beſchwichtigend, „Du mußt nicht daran denken, von Deinem Vater fort zu laufen. Was ſollte er anfangen ohne ſeine kleine Dirn?“ „O, nein, Vater, ich will es nicht wieder thun — nie!“ Mr. Tulliver gab, als er nach Hauſe kam, ſeine Meinung mit gehöriger Schärfe zu erkennen, und die Wirkung zeigte ſich in der merkwürdigen That⸗ ſache, daß Maggie wegen ihrer thörichten Flucht zu den Zigeunern nie mehr weder von ihrer Mutter einen Vorwurf, noch von Tom eine Hohnrede zu hören bekam. Dieſe ungewöhnliche Behandlung machte einen beſonders tiefen Eindruck auf das Mädchen, ſo daß ſie bisweilen auf die Meinung kam, ihr Benehmen ſei ſo ſchlecht geweſen, daß man nicht einmal davon zu reden wage. Zwölftes Kapitel. Mr. und Mrs. Glegg in ihrem Hausweſen. Um Mr. und Mrs. Glegg in ihrem Hausweſen zu ſehen, müſſen wir uns nach St. Oggs, dieſer ehrwürdigen Stadt mit den rothen Hohlziegeldächern und den breiten Magazingiebeln begeben, wo die ſchwarzen Schiffe ſich ihrer aus dem fernen Norden kommenden Laſten entledigen und dafür die koſtbaren inländiſchen Producte, den wohlgepreßten Käs und die weichen Fließe auszuführen, mit denen unſere gebildeten Leſer durch das Medium unſerer letzten claſſiſchen Hirtengedichte ohne Zweifel bereits be⸗ kannt ſind. Es iſt eine von jenen alten, alten Städten, welche auf uns ebenſo den Eindruck einer ſich fortſetzen⸗ den und auswachſenden Natur macht, wie die Neſter der Vögel an den Häuſern oder die gewundenen Gallerien der weißen Ameiſen— eine Stadt, welche die Spuren langen Wachsthums und einer alten Geſchichte an ſich trägt wie ein tauſendjähriger Baum, indem ſie an derſelben Stelle, zwiſchen dem Fluß und dem niedrigen Hügel, entſtand und ſich entwickelte von der Zeit an, als die römiſchen Legionen ihrem Lager am Hügelabhang den Rücken kehrten und die langhaarigen Seekönige den Fluß heraufkamen, um ihre wilden gierigen Blicke auf das Fett des Landes zu werfen. Es iſt eine Stadt„vertraut mit vergeſſenen Jahren.“ Der Schatten des ſäch⸗ ſiſchen Heldenkönigs geht dort noch ſpuckhaft um und betrachtet ſich die Schauplätze ſeiner Jugend und ſeiner Liebe; doch tritt ihm der noch düſtrere Schatten des furchtbaren heidniſchen Dänen entgegen, der in der Mitte ſeiner Krieger durch das Schwert eines unſichtbaren Rächers gefällt wurde und nun an Herbſtabenden wie ein weißer Nebel auf ſeinem Grabhügel auf dem Berg emporſteigt und den Hof der alten Halle am Fluß umſchwebt— die Stelle, 204 wo er ſo wunderbar erſchlagen ward in den Tagen, ehe noch die alte Halle ſtand. Die Normannen waren es, welche die letztere zu bauen begannen, und die Halle weiß wie die Stadt von den Gedanken und Thaten weit getrennter Generationen zu erzählen; aber es iſt Alles ſo alt, daß wir mit liebevoller Nachſicht auf ihre Widerſprüche niederſchauen, und wir geben uns vollkommen zufrieden, weil wir ſehen, daß Diejenigen, welche die ſteinernen Nebengelaſſe, oder die gothiſche Fagade, die Thürme aus feinſter Backſteinarbeit mit den Kleeblattornamenten und die ſteinernen Fenſter und Zimmer herſtellten, we⸗ nigſtens nicht ſacrilegiſch den alten halbhölzernen Körper mit ſeiner von Eichenholz überdeckten Bankett⸗ halle niederrißen. Doch älter noch als dieſe alte Halle iſt vielleicht das Stückchen Mauer, das man jetzt in den Glocken⸗ thurm der Pfarrkirche eingebaut ſieht und das ein Ueberreſt der urſprünglichen, dem heiligen Ogg geweih⸗ ten Kapelle ſein ſoll. Von der Geſchichte des Schutz⸗ patrons dieſer alten Stadt beſitzen wir mehrere ver⸗ ſchieden lautende ſchriftliche Darſtellungen, und wir berufen uns am liebſten auf die kürzeſte, die, wenn ſie auch nicht vollkommen der Wahrheit gemäß ſein ſollte, vielleicht eben deßhalb am wenigſten Falſches enthält.„Ogg, der Sohn von Beorl,“ berichtet mein Privathagiograph,„war ein Bootsmann, der ſich ſeinen ſpärlichen Unterhalt dadurch erwarb, daß er die Leute in einer Fährte über den Fluß führte. Und es geſchah eines Abends, daß bei ſehr unge⸗ ſtümem Wind am Rande des Waſſers ein ſtöhnendes Weib ſaß mit einem Kinde in ihren Armen; ſie war X 4 — 205 in Lumpen gekleidet, hatte ein welkes abgehärmtes Ausſehen und verlangte dringlich über den Fluß geſetzt zu werden. Die Umſtehenden fragten ſie nach dem Grund ihres Begehrens und riethen ihr, zu bleiben und bis zum andern Morgen ein Obdach zu ſuchen; jetzt überfahren zu wollen wäre ein thörichtes Unterfangen. Gleichwohl fuhr das Weib fort zu jammern und zu bitten. Da kam Ogg, der Sohn von Beorl, heran und ſagte:„Ich will Dich hinüber⸗ führen; es iſt genug, daß Dich Dein Herz nach dem andern Ufer zieht. Geſagt, gethan. Als ſie aber an's Land ſtieg, verwandelten ſich ihre Lumpen in ein wallendes weißes Gewand; ihr Geſicht ſtrahlte von einer übernatürlichen Schönheit, und es breitete ſich ein Schein um ſie her, ſo daß das Waſſer da⸗ von wie von den Strahlen des Mondes er länzte. Und ſie ſagte— ‚Ogg, Sohn von Beorl, Du biſt geſegnet, weil Du nicht fragteſt und mäkelteſt mit des Herzens Noth, ſondern von Mitleid getrieben ſeinem Drange wilfahrteſt. Von nun an ſoll Nie⸗ mand, der ſeinen Fuß in Dein Boot ſetzt, vom Sturm gefährdet werden, und wann immer Dein Fahrzeug zur Rettung auszieht, ſoll es Menſchen und Vieh ſtets ſichere Hilfe bringen. Und als die Fluten kamen, wurden viele gerettet durch den Se⸗ gen, der auf dem Boot ruhte. Und als Ogg, der Sohn von Beorl, ſtarb, ſiehe, da löste ſich mit dem Scheiden ſeiner Seele auch das Boot von ſeinem Pfahl ab, ſchwamm mit der Ebbe pfeilſchnell in's Meer hinaus und wurde nicht wieder geſehen. Gleichwohl hat man ſpäter bei Ueberſchwemmungen wahrgenommen, wie Ogg, der Sohn von Beorl, mit ſeinem Boot über die weite Waſſerfläche dahin fuhr, und die heilige Jungfrau ſaß im Stern und ver⸗ breitete ein Licht um ſich her wie der Mond in ſei⸗ ner vollſten Klarheit, ſo daß die Ruderer in der einbrechenden Finſterniß ein Herz faßten und mit erneuter Kraft ihre Ruder arbeiten ließen.“ Man ſieht, dieſe Legende ſpiegelt uns aus einer fernen Zeit die Heimſuchung durch Ueberſchwemmung wieder, die, ſelbſt wenn ſie kein Menſchenleben als Opfer fordert, doch weithin dem hilfloſen Vieh ver⸗ derblich wird und tauſendfältigen Tod über kleinere lebende Weſen bringt. Aber die Stadt wußte auch von ſchlimmeren Nothſtänden zu ſagen, als die Wellen ſind— von den Schreckniſſen des Bürger⸗ kriegs, deren ſtetiger Wahlplatz ſie war in einer Zeit, als die erſten Puritaner für das Blut der Loyaliſten und dann die Loyaliſten für das Blut der Puritaner ihre Dankgebete gen Himmel ſchickten. Viele ehrſame Bürger verloren damals um des Ge⸗ wiſſens willen ihre Habe und verließen als Bettler die Stätte ihrer Geburt. Ohne Zweifel ſtehen noch viele von den Häuſern, welche das Eigenthum dieſer Vertriebenen waren— wir finden ſie vielleicht in den Wohnungen mit den wunderlichen Giebeln, die gegen den Fluß hin ſchauen; da ſtehen ſie, zwiſchen neuern Magazinen eingeklemmt und von überraſchen⸗ den Durchgängen durchbrochen, die unter ſcharfen Winkeln plötzlich umbiegen, bis man hinauskömmt auf den ſchmutzigen, ſtets von der rauſchenden Flut beſpülten Strand. Die Backſteinhäuſer haben überall ein mürbes Ausſehen, und in Mrs. Gleggs Tagen wußte man noch nichts von der unharmoniſchen —.4.— —,——V 207 neumodiſchen Geziertheit, nichts von den großen Glasplatten in den Ladenfenſtern, den Stuckfronten und anderen trüglichen Kunſtgriffen, um dem ſchönen alten rothen St. Oggs das Ausſehen einer Stadt von geſtern zu geben. Die Ladenfenſter waren klein und anſpruchslos, denn die Weiber und Töchter der Farmer, welche an Markttagen ihre Einkäufe machten, blieben ihren gewohnten, wohlbekannten Läden ge⸗ treu, und die Handelsleute führten keine Waaren, die nur auf Kunden berechnet ſind, welche ihres Weges gehen und ſich nicht wieder blicken laſſen. Ach, ſelbſt die Tage der Mrs. Glegg ſcheinen weit zurückzutreten in die Vergangenheit und die Jahre, die uns davon trennen, durch die eintretende Verän⸗ derung ſtetig in größere Zeiträume ſich auszudehnen. Krieg und Kriegsgerüchte waren in der Menſchen Gedanken erſtorben, und wenn je noch ein zwilch⸗ kittelicher Bauer, der damals ſeine muſtermäßigen Kornſäcke ausleerte und auf dem vollen Markt dar⸗ über lärmte, noch etwas davon wußte, ſo erinnerte er ſich jener Zeit als einer goldenen Periode der Vergangenheit, in welcher die Preiſe hoch ſtanden. Sicherlich war man darüber weg, daß wieder un⸗ willkommene Schiffe den breiten Fluß herauffahren konnten. Rußland war der einzige Platz, von dem der Leinſamen kam— je mehr, deſto beſſer, denn er beſchäftigte die großen ſenkrechten Mühlſteine mit ihren ſenſenartigen Armen, die bei allem Lärm und Gemahl ſo ſorgfältig umſchwungen, als folgten ſie dem Gebot einer inwohnenden Seele. Die Katho⸗ liken, Mißernten und die geheimnißvollen Schwan⸗ kungen des Handels waren die drei einzigen Uebel, die man zu fürchten hatte, da ſelbſt die Ueberſchwem⸗ mungen in den letzten Jahren nur geringen Schaden gethan hatten. Der Geiſt von St. Oggs beſchränkte ſich ſowohl nach vor⸗ als nach rückwärts auf ein wenig ausgedehntes Geſichtsfeld, indem das Erbe einer langen Vergangenheit ihm keine Gedanken machte und die Geiſter, die durch die Straßen wan⸗ delten, für ihn ſo gut wie nicht vorhanden waren. Seit den Jahrhunderten, als man noch Sanct Ogg mit ſeinem Boot und der jungfräulichen Mutter im Stern auf dem weiten Waſſer geſehen, waren ſo viele Erinnerungen zurückgeblieben und allmälig ver⸗ ſchwunden, wie die Bergſpitzen vor dem mehr und mehr ſich entfernenden Auge. Und die gegenwärtige Zeit glich der Ebene, in welcher die Menſchen den Glauben an Vulkane und Erdbeben verloren in dem Wahne, das Morgen werde ſein wie Geſtern und die Rieſenkräfte, welche ſonſt die Erde erſchüt⸗ terten, ſeien für immer in Schlaf gewiegt. Nur in den vergangenen Zeiten hatten die Leute durch den Glauben gehetzt oder zur Veränderung deſſelben ver⸗ anlaßt werden können. Die Katholiken erſchienen nur furchtbar, weil man ihnen zutraute, ſie werden ſich der Regierung und des Eigenthums bemächtigen und die Menſchen lebendig verbrennen, nicht aber weil man annahm, daß irgend ein vernünftiges und ehr⸗ bares Gemeindemitglied von St. Oggs ſich verfüh⸗ ren laſſen könne, an den Pabſt zu glauben. Ein alter Mann erinnerte ſich noch, welchen Einfluß John Wesley durch die Predigten, die er auf dem Viehmarkt gehalten, auf die rohe Menge geübt; aber ſchon lange dachte kein Menſch mehr daran, 209 von den Predigern zu verlangen, daß ſie die Seelen der Menſchen erſchüttern ſollten. Ein gelegentlicher Ausbruch von Hitze auf den Diſſenterkanzeln über die Kindertaufe war das einzige Symptom eines Eifers, welcher ſo wenig für die nüchterne Zeit und die über den Wandel erhabenen Menſchen paßte. Der Proteſtantismus machte ſich's bequem, ohne an Spaltungen zu denken oder ſich um Proſelytenmacherei zu kümmern; der Diſſenterismus erbte ſich ſort mit dem beſſeren Kirchenſtuhl und den geſchäſtlichen Be⸗ ziehungen, und das Hochkirchenthum ſchaute mit verwunderter Geringſchätzung auf das Diſſentiren als auf eine thörichte Gewohnheit herab, welche nur in den Familien der Würzkrämer und Höcker noch Leben habe, in keinem Fall aber ſich mit einem ge⸗ deihlichen Großhandel vertrage. Mit der tatholiſchen Frage war allerdings ein leichter Luftzug in die allgemeine Windſtille gekommen. Der älieſte Rector berief ſich gelegentlich auf die Geſchichte und ließ ſich auf Beweisführungen ein, und Mr. Spray, der Independentengeiſtliche, hatte angefangen, pouuſche Predigten zu halten, in welchen er mit vieler Fein⸗ heit zwiſchen ſeinem warmen Glauben an das Recht der Katholiken auf freie Religionsübung und ſeinem glühenden Glauben an ihre ewige Verdammniß unterſchied. Freilich waren die meiſten Zuhörer dieſes Herrn nicht in der Lage, dieſen Feinheiten zu folgen; und mancher altmodiſche Diſſenter fühlte ſich ſchmerzlich berührt durch dieſe„Hinneigung zu den Katholiken,“ während andere meinten, er thäte beſſer, wenn er die Politik ganz von der Kanzel wegließe. Der Sinn für das öffentliche Weſen deand zu St. 4 Eliot, Die Mühle am Floß. 210 Oggs nicht ſonderlich in Achtung, und Männer, die ſich mit politiſchen Fragen abgaben, wurden als ge⸗ fährliche Charaktere beargwöhnt; ſie waren gewöhnlich Perſonen, die kein oder nur ein unbedeutendes eigenes Geſchäft zu verwalten hatten, und wo ſich dies nicht von ihnen behaupten ließ, ſo konnte man auf ihren Bankrutt warten. Dies war der Allgemein⸗Charakter der Dinge zu St. Oggs in Mrs. Gleggs Tagen um die Zeit, als der Streit zwiſchen dieſer Dame und Mr. Tulliver vorfiel. Die Unwiſſenheit hatte es damals noch viel bequemer, als gegenwärtig, und wurde in der beſten Geſellſchaft mit allen Ehren aufgenommen, ohne daß ſie ſich auch nur mit der Maske von Kenntniſſen zu bemühen brauchte. Es war eine Zeit, in welcher es noch keine wohlfeilen Zeitſchriften gab und kein Landarzt daran dachte, ſeine weiblichen Patienten zu fragen, ob ſie keine Freundinnen vom Leſen ſeien, ſondern einfach für ausgemacht annahmen, daß ſie es lieber mit dem Klatſch hielten; eine Zeit, als Damen in reichen Seidengewändern große Taſchen und darin einen Schöpſenknochen trugen, um ſich gegen den Krampf zu ſichern. Mrs. Glegg hatte auch ein ſolches Knöchlein, und zwar als Erbſtück von ihrer Großmutter, nebſt einem brokatenen Ge⸗ wand, das gleich einer Rüſtung aufrecht ſtehen konnte, und einen Spazierſtock mit ſilbernem Knopf: denn die Dodſon⸗Familie war ſeit Generationen eine ſehr achtbare geweſen. Mrs. Glegg hatte in ihrem ſchönen Haus zu St. Oggs ein vorderes und ein hinteres Wohnzim⸗ mer, ſomit zwei Warten, von denen aus ſie die 211 Schwächen ihrer Nebenmenſchen beobachten und ihren ſtets erneuten Dank für die eigene, eine Ausnahme machende Geiſteskraft gen Himmel ſenden konnte. Von den vordern Fenſtern aus ſah ſie hinab auf die St. Oggs durchziehende Toftoner Straße und konnte ſich überzeugen von der ſtetigen Zunahme des Hangs unter den Frauen nicht vom Geſchäft abgetretener Männer, klatſchend umherzulaufen, wie auch von dem Umſichgreifen der Gewohnheit, gewobene Baum⸗ wollenſtrümpfe zu tragen, ſo daß dadurch der künf⸗ tigen Generation die traurigſten Ausſichten bevor⸗ ſtanden; und von ihren hinteren Fenſtern aus hatte ſie den ſchönen Garten und das Baumgut im Auge, das ſich bis an den Fluß hin erſtreckte und ihr Ge⸗ legenheit gab, die Thorheit ihres Gemahls, der ſeine Zeit gern unter Blumen und Pflanzen ver⸗ brachte, zu beobachten. Denn Mr. Glegg hatte, nach⸗ dem er ſich aus der bewegten Thätigkeit eines Baum⸗ wollenſpeditionsgeſchäfts zurückgezogen, um ſich's für den Reſt ſeines Lebens wohl ſein zu laſſen, die letztere Aufgabe viel ſchwieriger gefunden, als ſeine früheren Anſtrengungen, und ſich auf die Gartenlieb⸗ haberei geworfen, in welcher er zur Zerſtreuung die Arbeit von zwei Taglöhnern verſah. Die Lohn⸗ erſparniß dürfte vielleicht der haushälteriſchen Dame Anlaß gegeben haben, zu dieſer Schwäche des Ge⸗ mahls ein Auge zuzudrücken, wenn es einem geſun⸗ den Frauenſinn überhaupt möglich wäre, aus Ver⸗ ſtellung dem Steckenpferd eines Mannes Nachſicht zu Theil werden zu laſſen; aber bekanntermaßen findet man eine ſolche eheliche Gefälligkeit nur bei dem ſchwächeren Theil des ſchönen Gäſchlecs, der 6 212 kaum einen Begriff von der Verantwortlichkeit hat, welche einem Weib als dem geſetzlichen Zügel für die Vergnügungen des Cheherrn obliegt, da dieſe kaum je vernünftig oder löblicher Art ſein können. Auch Mr. Glegg ſeinerſeits hatte eine doppelte Quelle geiſtiger Beſchäftigung, und es ſtand ſofern kein Verſiegen zu befürchten. Das einemal wurde er durch naturgeſchichtliche Entdeckungen überraſcht, indem er fand, daß ſein Grundſtück wunderbare Raupen, Schnecken und Inſecten beherbergte, die, ſo viel er gehört, nie zuvor die menſchliche Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich gezogen hatten; und er machte höchſt merkwürdige Wahrnehmungen über das Zuſammen⸗ treffen dieſer zoologiſchen Phänomene mit den großen Ereigniſſen der Zeit— wie er zum Beiſpiel vor dem Abbrennen des Yorker Münſters geheimnißvolle ſchlangenartige Zeichnungen auf dem Roſenlaub und eine ungewöhnliche Menge von nackten Schnecken beobachtet hatte, ohne ſich die Bedeutung dieſer Er⸗ ſcheinungen erklären zu können, bis die traurige Kunde von dem Brand den Schlüſſel an die Hand gab.(Mr. Glegg beſaß einen ungemein lebhaften Geiſt, der ſich natürlich, nachdem er vom Wollenge⸗ ſchäft nicht mehr belaſtet war, in anderen Richtungen Bahn brach.) Das zweite Object ſeines Nachdenkens war die„Conträrheit“ des weiblichen Sinnes, wie ſie ſich typiſch in Mrs. Glegg kund gab; daß nämlich ein Geſchöpf, welches im genealogiſchen Sinn aus des Mannes Rippe hervorgegangen war und in dem vorliegenden Fall ohne lhßgeigene Bemühung den achtbarſten Unterhalt genoß, von Natur aus in be⸗ harrlichem Widerſpruch gegen die geſchmeidigſten — — 213 Vorſchläge und ſelbſt die angemeſſenſten Zugeſtänd⸗ niſſe ſein konnte, war ihm ein Räthſel in der Ord⸗ nung der Dinge, zu dem er oft in den erſten Büchern der Geneſis vergeblich den Schlüſſel geſucht hatte. Die älteſte Miß Dodſon war von ihm gewählt worden als eine ſchöne Verkörperung weiblicher Klug⸗ heit und Sparſamkeit, und da er ſelbſt ein großes Vergnügen an dem Gelderwerb und deſſen Erhaltung fand, ſo hatte er auf eine gute eheliche Harmonie gezählt. Aber in dem ſeltſamen Gemiſch, das man weiblichen Charakter nennt, findet ſich's ſo oft, daß der Geſchmack trotz trefflicher Beſtandtheile ver⸗ dirbt, und eine ſchöne ſyſtematiſche Kargheit kann von einer Würze begleitet ſein, durch welche ſie recht unangenehm wird. Nun war der gute Mr. Glegg ſelbſt karg in der liebenswürdigſten Weiſe, und ſeine Nachbarn nannten ihn„genau,“ ein Aus⸗ druck, mit welchem man einen umgänglichen Kümmel⸗ ſpalter zu bezeichnen pflegt. Wenn er von Jemand wußte, daß er ein Liebhaber von Käſerinden war, ſo pflegte er ſie mit dem gutmüthigen Hochgenuß, dem Gaumen eines Anderen Freude zu machen, für denſelben aufzubewahren, wie er denn auch ein gro⸗ ßer Freund von allen Thieren war, deren Unterhalt nichts Nennenswerthes koſtete. Es lag kein Trug, keine Heuchelei in Mr. Glegg; ſeine Augen konnten in wahrem Gefühl ſich feuchten bei dem Verkauf des Hausraths einer Wittwe, der durch eine Fünf⸗ pfundnote aus ſeiner Taſche zu beſeitigen geweſen wäre; aber eine Schenkung von fünf Pfunden an eine Perſon„geringen Standes“ däuchte ihm eher eine wahnſinnige Verſchwendung, als eine„Wohl⸗ — — —— 214 that,“ die ſich ihm ſtets in dem Licht kleiner Hilfleiſtun⸗ gen, nicht aber als Beſeitigung des Unglücks vergegen⸗ wärtigte. Ferner liebte es Mr. Glegg, nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch Anderen Geld zu erſparen. Er konnte zu Erſparung eines Weggelds einen wei⸗ ten Umweg machen, ob der Aufwand ihm bezahlt wurde oder aus ſeiner eigenen Taſche kam, und ver⸗ ſuchte ſelbſt die gleichgiltigſten Bekannten zu ver⸗ mögen, ſich ein wohlfeileres Surrogat für die Stie⸗ felwichſe anzuſchaffen. Dieſe unveräußerliche Ge⸗ wohnheit des Sparens als Selbſtzweck war eine Eigenthümlichkeit der betriebſamen Geſchäftsleute einer früheren Generation, welche langſam zu ihrem Ver⸗ mögen kamen, und gehörte ſo innig zu ihrem Weſen, wie die Luſt an der Fuchshetze zu dem des Wind⸗ hunds, bildet ſomit das ſtändige Abzeichen einer Raſſe, die freilich in unſeren Tagen des raſchen Gelderwerbs und des ihn begleitenden Hangs zur Verſchwendung im ſchnellen Ausſterben begriffen iſt. In der guten alten Zeit wurde eine„unabhängige Stellung“ kaum anders, als durch ein bischen Filzig⸗ keit gewonnen, und man konnte dieſe Eigenſchaft in jedem Provincialdiſtrikt mit ſo verſchiedenen Charak⸗ teren verbunden wahrnehmen, als es verſchiedene Früchte gibt, aus denen ſich Säuren ausziehen laſſen. Die eigentlichen Geizhälſe waren immer nur einzeln⸗ ſtehende und als ſolche anerkannte Perſönlichkeiten. Anders verhielt es ſich mit den würdigen Steuerzahlern, die, nachdem ſie einmal die wirkliche Noth des Lebens kennen gelernt hatten, auch in ihrer wohlhäbigen Zu⸗ rückgezogenheit hinter ihren Kammerzen und Spalier⸗ bäumen die Gewohnheit beibehielten, das Leben als 215 einen ſinnreichen Proceß zu betrachten, wie man den Verbrauch mit möglichſt wenigem Deficit auseckt, und ſich mit einem reinen Jahreseinkommen von fünfhundert Pfunden eben ſo bereit finden ließen, auf einen neubeſteuerten Luxusartikel zu verzichten, wie zur Zeit, als ſie nur über fünfhundert Pfund Kapital geboten. Mr. Glegg war einer von dieſen für den Staatsſchatz ſo unpractiſchen Männern, und nachdem die Leſer dies wiſſen, werden ſie um ſo beſſer begreifen, warum er die Ueberzeugung nicht fahren ließ, er habe bei Eingehung ſeines Ehebunds eine ſehr gute Wahl getroffen trotz der allzu ſcharfen Beigaben, mit welchen die Natur die Tugenden der älteſten Miß Dodſon gewürzt hatte. Ein Mann von liebevollem Charakter, welcher ein Weib findet, das in der Grundidee ſeines Lebens mit ihm har⸗ monirt, überredet ſich leicht, daß er keine paſſendere Frau hätte finden können, und nimmt das Bischen tägliches Keifen hin, ohne ſich ihr dadurch entfremden zu laſſen. Da Mr. Glegg ein denkender Kopf und nicht länger von dem Wollengeſchäft in Anſpruch genommen war, ſo begreift ſich's wohl, daß er ſich in allerlei verwunderten Betrachtungen erging über die eigenthümliche Beſchaffenheit des weiblichen Geiſtes, wie er ſich in ſeinem häuslichen Leben entfaltete; und doch hielt er Mrs. Gleggs Haushaltungsmanie⸗ ren für muſterhaft. Es erſchien ihm als eine be⸗ dauerliche Unregelmäßigkeit, wenn andere Frauen ihr Tiſchzeug nicht eben ſo feſt und nachdrücklich auf⸗ rollten, wie Mrs. Glegg, wenn ihr Badkwerk eine weniger lederartige Konſiſtenz oder ihre Handkäſe eine weniger ehrwürdige Härte zeigten. Ja ſogar 216 das eigenthümliche Gemiſch von würzigen und arznei⸗ artigen Gerüchen in Mrs. Gleggs Privatſchrank machte den Eindruck auf ihn, als dürfe kein in Ord⸗ nung gehaltener Schrank anders riechen. Und ich bin nicht überzeugt, ob er ſich nicht wieder nach einem Zank geſehnt hätte, wenn er einmal eine Woche damit verſchont geblieben, wie denn auch zuverſicht⸗ lich angenommen werden kann, daß eine ſchmieg⸗ ſamere, mildere Frau ſeinem Gedankengang eine gewiſſe Nüchternheit und Leere verliehen haben würde. Mr. Gleggs unverkennbare Gutherzigkeit zeigte ſſich namentlich in dem Umſtand, daß es ihm weher hat, wenn ſeine Frau im Hader mit anderen oder ſelbſt nur mit ihrer Magd Dolly lag, als wenn ſie ihn ſelbſt zur Zielſcheibe ihres Keifens machte. Da⸗ her war ihm auch ihr Streit mit Mr. Tulliver ſo ärgerlich, daß ihm, als er ſich am andern Morgen vor dem Frühſtück in dem Garten erging, ſogar die Freude an ſeinen Kohlſetzlingen vergällt wurde. Gleichwohl kam er zum Frühſtück mit der ſchwa⸗ chen Hoffnung, nun Mrs. Glegg„darüber geſchla⸗ fen,“ werde ihr Groll ſich ſo weit gelegt haben, daß ihr gewohnter Eifer für den Familienanſtand wieder Platz greifen könne. Pflegte ſie ſich doch ſonſt zu rühmen, es habe unter den Dodſonen nie ſolche tödtliche Feindſchaften gegeben, mit denen andere Familien ſich beſchimpften; kein Dodſon habe je einen nächſten Verwandten enterbt oder einen Vetter nicht anerkannt. Warum ſollten ſie auch? Es gab in der Familie keine Vettern, die nicht Gelb am h oder doch wenigſtens ein Paar eigene Häuſer atten. — 217 Wenn Mrs. Glegg am Frühſtücktiſch ſaß, ſah man ſtets eine gewiſſe Abendwolke verſchwunden, die wirren Stirnlocken nämlich; denn da ſie am Morgen von den Haushaltungsgeſchäften in Anſpruch genommen wurde, ſo wäre es helle Verſchwendung geweſen, zur Anfertigung des ledernen Backwerks einen ſo überflüſſigen Zierrath anzulegen. Um halb eilf Uhr forderte der Anſtand die Lockentour; bis dahin konnte Mrs. Glegg öconomiſiren, ohne daß die Welt etwas davon erfuhr. Aber die Abweſen⸗ heit dieſer Wolke ließ nur um ſo deutlicher wahr⸗ nehmen, daß die Wolke der Strenge geblieben war, und Mr. Glegg bemerkte dies wohl, als er ſich zu der Milchſuppe niederſetzte, mit der er nach alter frugaler Gewohnheit ſeinen Morgenhunger zu ſtillen pflegte. Er beſchloß daher klüglich, die erſte Rede ſeiner Frau zu überlaſſen, damit nicht einem ſo ver⸗ fänglichen Artikel gegenüber, als die Laune eines Weibes war, der leiſeſte Hauch eine Entladung her⸗ beiführe. Leute, die ſchlechten Humors ſind, lieben es, denſelben dadurch in gutem Zug zu erhalten, daß ſie ſich ſelbſt Entbehrungen auflegen. Auch Mrs. Glegg hatte dieſe Gewohnheit; ſie hatte an jenem Morgen ihren Thee ſchwächer gemacht und ſich keine Butter aufgeſtrichen. Es war ein harter Fall, daß eine ſo lebhafte Luſt zum Hadern, die ſo geneigt war, jede Gelegenheit aufzugreifen, nicht einer einzigen Bemerkung aus dem Munde des Mr. Glegg begegnen ſollte, an der ſie ſich feſtbeißen konnte. Doch zeigte ſich bald, daß auch dieſes Schwei⸗ gen ſachgemäß war; denn er hörte ſich endlich in 218 dem Tone, welcher dem Weibe ſeines Herzens ſo eigenthümlich war, folgendermaßen angeſprochen: „So, Glegg, iſt das der Dank dafür, daß ich Dir die lange Reihe von Jahren ein ſolches Weib geweſen bin? Wenn man mich ſo behandelt, ſo hätte ich dies wiſſen ſollen, eh' mein armer Vater ſtarb. Wenn's mir dann um eine Heimath zu thun gewe⸗ ſen wäre, hätte ich anderswo hingehen können— es ſtand mir die Wahl frei.“ Mr. Glegg ließ den Löffel in ſeiner Suppe und ſah auf— nicht etwa ſtaunend, ſondern einfach mit jener ruhigen Verwunderung, mit der wir ein ſtets wiederkehrendes Geheimniß „Ei, Frau, was habe ich denn wieder gethan?“ „Wieder gethan, Glegg? wieder gethan?.... Es thut mir Leid um Dich.“ Da ſich Mr. Glegg keine paſſende Entgegnung darbot, ſo kehrte er wieder zu ſeiner Suppe zurück. „Es gibt Männer in der Welt,“ fuhr Mrs. Glegg nach einer Pauſe fort,„die etwas Anderes zu thun wiſſen, als mit Jedermann ſonſt gegen ihre Frauen Partei zu nehmen. Vielleicht habe ich Un⸗ recht, und Du kannſt mich eines Beſſeren belehren — aber ich habe immer gehört, es ſei Sache des Mannes, ſeinem Weib beizuſtehen, nicht aber ſich zu freuen und zu triumphiren, wenn ſie von den Leuten beſchimpft wird.“ „Wie kannſt Du ſo ſprechen?“ entgegnete Mr. Glegg etwas warm, denn obſchon ein wohlwollen⸗ der Mann, war er doch keineswegs ſo gelaſſen, wie Moſes.„Wann habe ich mich gefreut oder über Dich triumphirt?“ V 219 „Es gibt eine Art, Dinge zu thun, die weit ſchlimmer iſt, als wenn man ſich offen ausſpricht, Glegg. Lieber ſagſt Du mir’s in's Geſicht, wie wenig Dir an mir liegt, als daß du Jedermann Recht gibſt, nur mir nicht, und am Morgen nach einer Nacht, in der ich kaum eine Stunde geſchlafen, zum Frühſtück kömmſt, um mich ſo geringſchätzig zu be⸗ handeln, als ob ich der Koth unter Deinen Füßen ſei.“ „Dich geringſchätzig behandeln?“ verſetzte Mr. Glegg im Tone ſcherzender Gereiztheit.„Du kömmſt mir vor wie ein Betrunkener, der meint, Jedermann habe zuviel, nur er nicht.“ „Würdige mich nicht herab durch eine ſo rohe Sprache, Glegg. Es macht Dich ſo gar klein, ob⸗ ſchon Du das nicht einſiehſt,“ ſagte Mes. Glegg im Ton energiſchen Mitleids.„Ein Mann in Deiner Stellung ſollte ein Beiſpiel geben und vernünftiger ſprechen.“ „Ja; aber wirſt Du der Vernunft Gehör geben?“ erwiderte Mr. Glegg ſcharf.„Das Vernünftigſte, was ſich Dir ſagen läßt, iſt das, was ich Dir geſtern Abend geſagt habe— es iſt unrecht von Dir, an das Einſordern des Geldes zu denken wegen eines kleinen Haders, da es ſicher genug ſteht, und ich hoffte, Du werdeſt dieſen Morgen Deinen Sinn ge⸗ ändert haben. Aber wenn Du es durchaus kündigen willſt, ſo thu es nicht jetzt in der Haſt und ſäe nicht noch mehr Zwietracht in der Familie, ſondern warte ab, bis ſich eine geſchickte Gelegenheit zu Erwerbung eines Pfandſcheins gibt. Man muß ſich zum Behuf einer guten Unterbringung an die Advokaten wen⸗ den, und das macht eine Laſt Unkoſten.“ 220 Mrs. Glegg fühlte, daß ſich dieſer Grund hören ließ, warf aber nur den Kopf in die Höhe und ſtieß einen Kehllaut aus, um damit anzudeuten, daß ihr die Schweigen nur ein Waffenſtillſtand, kein Friede war. H. In der That brachen auch die Feindſeligkeiten bald V 0f wieder los. „Ich werde es Dir Dank wiſſen, wenn Du mir meine Taſſe Thee reichſt, Frau!“ ſagte Mr. Glegg, als er bemerkte, daß ſie dieſen Dienſt nicht unauf⸗ gefordert erfüllte, wie ſie ſonſt zu thun pflegte, wenn er mit ſeiner Suppe fertig war. Sie erhob den Theetopf mit einem leichten Zu⸗ rückwerfen des Kopfs und ſagte: I „Es freut mich, zu hören, daß Du mir für etwas Dank weißſt, Glegg. Es iſt ohnehin blutwenig Dank, was ich ernte für Alles, was ich in dieſer Welt an den Leuten thue. In Deiner ganzen Familie, Glegg, iſt keine Frau, die ſich mir an die Seite ſtellen könnte, und ich müßte dies ſagen, wenn ich auf dem Todtbett läge. Nicht daß ich mich nicht immer höflich gegen Deine Verwandtſchaft benom⸗ men hätte;— Niemand aus ihr wird mir das Ge⸗ gentheil nachſagen können— obſchon ſie nicht mei⸗ nes Gleichen ſind und kein Menſch mich bewegen ſoll, ſie als meines Gleichen anzuerkennen.“ † „Du thäteſt beſſer, das Mäkeln an meiner Ver⸗ wandtſchaft bleiben zu laſſen, bis Du aufgehört haſt, mit der deinigen zu hadern,“ verſetzte Mr. Glegg mit unwilliger Bitterkeit.„Darf ich Dich um die Milchkanne bemühen?“ „Das iſt das unwahrſte Wort, das Du je ge⸗ ſprochen haſt, Glegg,“ ſagte die Dame, welche ihm 221 jetzt die Milch in einer rachſüchtigen Fülle eingoß, „und Du weißt, daß es unwahr iſt. Ich bin nicht die Frau, die mit ihrer eigenen Verwandtſchaft in Händeln lebt. Dies kömmt nur bei Dir vor, wie ich oftmals erfahren habe.“ „Was iſt denn der Auftritt von geſtern gewe⸗ ſen, als Du Deiner Schweſter Haus in einem ſolchen Sturm verließeſt?“ „Ich habe nicht mit meiner Schweſter Streit ge⸗ habt; wer dies ſagt, iſt ein Lügner. Mr. Tulliver iſt nicht von meinem Blut, und er hat mit mir Händel angefangen und mich aus dem Haus getrie⸗ ben. Aber vielleicht hätteſt Du gerne geſehen, daß ich blieb und über mich fluchen ließ, Glegg. Viel⸗ leicht ärgerte es Dich, nicht noch mehr Schimpf und ſchnöde Reden über Deine Frau ausgießen zu hören. Aber ich wil Dir'was ſagen— es iſt Deine eigene Schande.“ „Hat je irgend ein Menſch in der ganzen Ge⸗ meinde ſo etwas gehört?“ verſetzte Mr. Glegg, hitzig werdend.„Eine Frau, die hat, was ſie nur will, die die Zinſen Ihres Vermögens' ſelber verbrau⸗ chen darf, für die ich das Gig mit einer Laſt von Koſten neu polſtern und ausſchlagen ließ, und für die ich auf den Fall meines Ablebens weit beſſer geſorgt habe, als ſie je erwarten konnte.... die macht's mir ſo und beißt und ſchnappt nach mir wie ein wüthender Hund! Cs überbietet Alles, daß Gott der Allmächtige die Weiber ſo ſchaffen konnte!“ Die letzteren Worte wurden im Ton bekümmerter Aufregung geſprochen. Mr. Glegg ſchob ſeinen Thee 222 Tiſch „Wenn dies Deine Gefühle ſind, Glegg, ſo iſt es am beſten, daß Du ihnen Luft machſt,“ entgegnete Mrs. Glegg, ihr Tellertuch an ſich nehmend und ungeſtüm es zuſammenfaltend.„Aber wenn Du von einer Verſorgung weit über mein Erwarten ſprichſt, ſo erlaube ich mir, Dir zu bemerken, daß ich das Recht hatte, viele Dinge zu erwarten, die ich nicht finde. Und was den wüthenden Hund betrifft, dem ich gleichen ſoll, ſo iſt's gut, wenn nicht die ganze Gegend Pfui über Dich ſchreit, daß Du mir eine Behandlung angedeihen läſſeſt, die ich weder ertra⸗ gen kann, noch will...“ Mrs. Gleggs Stimme ſtellte jetzt ein Weinen in Ausſicht; dann aber brach ſie plötzlich ab und riß ungeſtüm an der Klingel. „Sally,“ ſagte ſie, ſich von ihrem Stuhl erhe⸗ bend und in einem etwas erſtickten Tone ſprechend, nzünd' droben ein Feuer an und laß die Blenden nieder. Mr. Glegg, Sie mögen befehlen, was Sie zum Mittageſſen wollen. Ich verlange nichts als Haberſchleim.“ Mrs. Glegg ſchritt durch das Zimmer nach dem kleinen Bücherbrett, langte Baxters„ewige Ruhe der Heiligen“ herunter und nahm es mit in ihr eigenes Gemach hinauf. Dieſes Buch pflegte ſie bei beſonderen Anläſſen offen vor ſich hinzulegen, zum Beiſpiel an regneriſchen Sonntagsmorgen, oder wenn ſie von einem Todesfall in der Familie hörte, aber auch wenn der Zank mit Mr. Glegg, wie heute, von ſich und trommelte mit beiden Händen auf dem —— ——— 223 um eine Octave höher als gewöhnlich geführt wor⸗ den war. Mit der„ewigen Ruhe der Heiligen“ und dem Haberſchleim nahm jedoch Mrs. Glegg etwas nach ihrem Zimmer hinauf, was vielleicht einigen Ein⸗ fluß auf die allmählige Abkühlung ihrer Gefühle hatte und es ihr möglich machte, kurz vor der Thee⸗ zeit das Daſein im Erdgeſchoß auszuhalten. Dies war theilweiſe Mr. Gleggs Andeutung, daß ſie gut thun würde, ihre fünfhundert Pfund ſtehen zu laſſen, bis ſich eine gute Hypothek fand, und ferner ſein in Parentheſe angebrachter Wink auf ihre ſchöne Ver⸗ ſorgung für den Fall ſeines Ablebens. Mr. Glegg war, wie alle Männer ſeines Schlages, ungemein zurückhaltend in Betreff ſeines Teſtaments, und Mrs. Glegg hatte in ihren düſteren Augenblicken ihre Ahnungen, er könnte gleich anderen Männern, von denen ſie gehört, ſich mit dem niedrigen Plan tra⸗ gen, ihren Schmerz über ſeinen Tod dadurch erhö⸗ hen zu wollen, daß er ſie nur dürftig bedachte, in welchem Fall ſie feſt entſchloſſen war, ſich mit Trauer⸗ binden für ihren Hut nicht ſonderlich in Koſten zu ſetzen und ihn nur in einer Ausdehnung zu bewei⸗ nen, als ſei er ihr zweiter Mann geweſen. Wenn er ihr aber wirkliche teſtamentariſche Zärtlichkeit er⸗ wieſen hatte, ſo war es ſo rührend, an den armen Hingeſchiedenen zu denken, und ſogar ſein thörichtes Gethu mit Blumen⸗ und Gartengeſchichten und das ewige Geleier über die Schnecken mußte ihr ergrei⸗ fend vorkommen, wenn es einmal unwiederbringlich zu Ende war. Mr. Glegg zu überleben und lobend von ihm zu ſprechen als von einem Mann, der wohl ſeine Schwächen haben mochte, aber doch rechtſchaffen an ihr gehandelt hatte trotz ſeiner zahlreichen armen Verwandten— die Zinſen reichlicher eingehen zu ſehen und die eingelaufenen Beträge zu Vereitelung ſelbſt der ſchlaueſten Diebsgelüſte in verſchiedenen Winkeln zu verbergen(denn nach Mrs. Gleggs Anſchauung konnte bei Banken und Geldkaſſen keine Freude am Beſitz aufkommen; ebenſo gut hätte ſie ihr Eſſen aus Scherben einnehmen mögen) — und ſchließlich von ihrer Familie und den Nach⸗ barn geehrt zu werden, wie keine Frau geehrt zu werden hoffen durfte, welche nicht die Würde der Vergangenheit und Gegenwart unter dem Prädicat einer„wohlbedachten Wittwe“ in ſich vereinigte— alles Dies ließ ihr die Zukunft in einem wohlthuen⸗ den verſöhnlichen Lichte erſcheinen. Nachdem der gute Mr. Glegg durch vieles Häkeln ſie wieder in eine heiterere Stimmung hineingearbeitet hatte, fühlte er ſich durch den Anblick von ſeines Weibes leerem Stuhl und ihrem in der Ecke liegenden zuſammen⸗ gerollten Strickzeug ſo bewegt, daß er ſie oben auf⸗ ſuchte; und als er gegen ſie bemerkte, daß man eben für den armen Mr. Morton das Scheideglöck⸗ chen geläutet habe, antwortete Mrs. Glegg hochher⸗ zig, als ſei ſie eine ſchwer gekränkte Frau geweſen: „Nun, dann gibt es wieder ein gutes Geſchäft für einen Anderen.“ Baxter hatte inzwiſchen wenigſtens acht Stunden offen dagelegen, denn es war faſt fünf Uhr; und wenn Leute oft miteinander hadern, ſo folgt daraus als Zuſatz, daß ihre Streitigkeiten ſich nicht über gewiſſe Grenzen hinaus erſtrecken können. 4 Mr. und Mrs. Glegg beſprachen ſich ſelbigen Abend ganz freundſchaftlich über die Tullivers. Mr. Glegg verbreitete ſich ausführlich über das Thema, Tulliver ſei ein ausnehmend geſchickter Mann, ſich in Patſchen zu bringen, und werde mit ſeinem Ver⸗ mögen bald auf der Hefe ſein; und Mrs. Glegg, welche dieſem Zugeſtändniß auf ſelbem Weg ent⸗ gegenkam, erklärte es für unter ihrer Würde, von dem Betragen eines ſolchen Mannes Notiz zu neh⸗ men; um ihrer Schweſter willen wolle ſie ihm da⸗ her die fünfhundert Pfund noch eine Weile laſſen, um ſo mehr, da ſie bei der Anlage des Gelds auf Hypothek nur vier Procent zu erwarten hatte. Dreizehntes Kapitel. Mr. Tulliver verwirrt den Strang ſeines Lebensfadens noch mehr. Nachdem Mrs. Glegg in ſolcher Weiſe ihre Ge⸗ danken geordnet hatte, fand Mrs. Pullet am ande⸗ ren Tag das Geſchäft der Vermittlung überraſchend leicht; die ältere Schweſter nahm es ſogar etwas empfindlich, daß die jüngere es für nöthig hielt, ihr zu ſagen, wie ſie ſich in Familienangelegenheiten zu benehmen habe. Mrs. Pullets Vorſtellung, daß es in der Nachbarſchaft einen ſchlimmen Leumund bringe, wenn Leute mit Recht ſagen könnten, daß es in der Familie Zwieſpalt gebe, war ihr beſonders anſtößig. Wenn der Familienname nie anders als durch Mrs. Glegg Noth litt, ſo durfte Mrs. Pullet ihr Haupt vollkommen ruhig niederlegen. „Man wird vermuthlich nicht von mir erwarten,“ Eliot, Die Mühle am Floß. I. 15 bemerkte Mrs. Glegg, die Frage zum Abſchluß brin⸗ gend,„daß ich wieder in die Mühle gehen ſoll, eh' Beſſy zu mir gekommen iſt, oder daß ich hingehe und Mr. Tulliver kniefällig um Verzeihung bitte, weil ich ihm Gefälligkeiten erwieſen habe. Äber ich trage keinen Groll im Herzen, und wenn Mr. Tul⸗ liver höflich mit mir ſpricht, ſo werde ich ihm höf⸗ lich antworten. Niemand braucht mir zu ſagen, was der Anſtand fordert.“ Da Tante Pullet es nicht nöthig fand, für die Tulliver das Wort zu nehmen, ſo ließ natürlich auch ihre Beſorgniß für ſie ein wenig nach, und ſie ging nun auf das Aergerniß über, zu dem geſtern der Sprößling dieſes augenſcheinlich zum Unglück be⸗ ſtimmten Hauſes Anlaß gegeben hatte. Mrs. Glegg kriegte eine umſtändliche Erzählung zu hören, zu welcher Mr. Pullets merkwürdiges Gedächtniß einige Beigaben lieferte; Tante Pullet bemitleidete die arme Beſſy wegen des Unglücks, das ſie mit ihren Kin⸗ dern hatte, und meinte, ſie wolle gern die Hälfte der Koſten bezahlen, wenn man Maggie nach einer fer⸗ nen Koſtſchule ſchicke, die ihr zwar ihre braune Farbe nicht benehmen, aber doch dazu dienen konnte, einige andere Fehler in ihr zu erſticken; und Tante Glegg tadelte Beſſy wegen ihrer Schwäche und rief alle, die noch leben würden, wenn die Tulliverſchen Kin⸗ der übel ausfielen, zu Zeugen auf, daß ſie, Mrs. Glegg, von Anfang vorausgeſagt habe, wie es kom⸗ men müßte, wobei ſie bemerkte, ſie hoffe ſelbſt noch die Erfüllung ihrer Prophezeiungen zu erleben. „So darf ich alſo Beſſy ſagen, daß Du ihr nichts nachtrageſt und Alles wieder ſtehe, wie vor⸗ 227 her?“ ſagte Mrs. Pullet unmittelbar vor der Ver⸗ abſchiedung. „Ja, das darſſt Du, Sophie,“ verſetzte Mrs. Glegg.„Du kannſt Mr. Tulliver und auch Beſſy ſagen, daß ich an Leuten, die ſich ſchlecht gegen mich benehmen, nicht Gleiches mit Gleichem erwidern wolle. Ich weiß, daß es mir als der Aelteſten ge⸗ bührt, in jeder Beziehung mit gutem Beiſpiel vor⸗ anzugehen, und das thu ich. Niemand ſoll mir in Wahrheit etwas Anderes nachſagen können.“ Wenn der Leſer Mrs. Glegg alſo im Selbſt⸗ gefühl ihrer hohen und großen Seele ſich wiegen ſieht, ſo mag er ſich ſelbſt ein Urtheil über die Wir⸗ kung eines kurzen Briefes bilden, in welchem Mr. Tulliver noch am nämlichen Abend, bald nach Mrs. Pullets Abgang, ihr mittheilte, daß ſie ſich wegen der fünfhundert Pfunde nicht zu beunruhigen brauche, ſofern ſie ſpäteſtens im Lauf des nächſten Monats ſammt den bis zum Zahltag fälligen Intereſſen zu⸗ rückbezahlt werden würden. Mr. Tulliver hatte bei⸗ gefügt, daß er ſich nicht unhöflich gegen Mrs. Glegg zu benehmen wünſche und ſie in ſeinem Hauſe ſtets willkommen ſei; nur bitte er, ihn oder ſeine Kinder mit etwaigen Gefälligkeiten zu verſchonen. Die ganze Schuld an dieſer plötzlichen Kata⸗ ſtrophe trug die arme Mrs. Tulliver in Folge jener ununterdrückbaren Hoffnungsfülle, die ſie zu der Er⸗ wartung verleitete, ähnliche Urſachen müſſen ſtets verſchiedene Wirkungen hervorbringen. Im Lauf ihrer Erfahrung war es ſehr oft vorgekommen, daß Mr. Tulliver etwas gethan hatte, weil andere Leute mein⸗ ten, er ſei nicht im Stande, es zu thun, wellich 228 ſeine vermeintliche Unfähigkeit bemitleideten, oder ſonſt ſeinen Stolz verletzten. Gleichwohl gedachte ſie heute ihm das Mahl mit der beruhigenden Kunde zu würzen, er brauche ſich wegen des Geldes keine Sorge zu machen, denn ſie ſei bei Schweſter Pullet geweſen, welche ihr verſprochen, zu Schweſter Glegg zu gehen und dort zu verſuchen, die Sache wieder in ein ebenes Geleiſe zu bringen. Mr. Kulliver hatte ſich feſt vorgenommen, das Geld anderswo aufzunehmen; jetzt aber beſchloß er, auf der Stelle an Mrs. Glegg einen Brief zu ſchreiben, der alle Möglichkeit eines Irrthums abſchneiden ſollte. Ja wohl da— Mrs. Pullet hingehen und für ihn betteln! Mr. Tulliver war kein Freund vom Brief⸗ ſchreiben und fand in dem Verhältniß des Geſpro⸗ chenen zu dem Geſchriebenen, ſoweit das Buchſtabiren dabei in Frage kömmt, eines von den verzwickte⸗ ſten Dingen in dieſer verzwickten Welt. Gleichwohl ging, wie bei allen hitzigen Schreiben, die Aufgabe in einer ungewöhnlich kurzen Zeit von Statten, und wenn auch ſeine Orthographie anders war, als die der Mrs. Glegg— was that's? Sie gehörte, wie er ſelbſt, einer Generation an, bei welcher das Buch⸗ ſtabiren eine Sache des Privaturtheils war. Mrs. Glegg änderte in Folge dieſes Briefs ihr Teſtament nicht und wollte die Tulliverſchen Kinder nicht ihres ſechsten oder ſiebenten Theils an ihren tauſend Pfunden berauben; denn ſie war eine Frau von Grundſätzen. Niemand ſollte ihr, wenn ſie ein⸗ mal todt war, nachſagen, ſie habe nicht ihr Geld mit vollkommener Unparteilichkeit unter ihre eigene Verwandtſchaft getheilt. In Teſtamentsangelegenhei⸗ 229 ten galten ihre perſönlichen Eigenſchaften als unter⸗ geordnete Momente der großen Fundamentalthatſache des Bluts gegenüber; und wer ſich in Verfügung über ſein Eigenthum durch Laune leiten ließ und die Legate nicht im genauen Verhältniß der Verwandt⸗ ſchaftsgrade abmaß, lud in ihrem Auge eine Schmach auf ſich, die ſie für ihren Theil nicht zu ertragen vermocht hätte. Der gleiche Grundſatz hatte ſtets in der Dodſon⸗Familie Geltung gehabt; er war einer der Einzelnzüge in dem Ehr⸗ und Rechtlichkeitsgefühl, das ſich in ſolchen Familien ſtolz fortvererbte— eine Tradition, welche das Salz unſerer Provinzialgeſell⸗ ſchaft geweſen iſt. Aber obgleich der Brief Mrs. Glegg in ihren Grundſätzen nicht zu beirren vermochte, trug er doch dazu bei, den Familienbruch unheilbarer zu machen; er übte auf die ehrenwerthe Dame die Wirkung, daß ſie ſich's von Stund an verbat, um eine Meinung über Mr. Tulliver angegangen zu werden, da ſein geiſtiger Zuſtand augenſcheinlich zu verſunken war, um auch nur für einen Augenblick ihr Nachdenken zu verdienen. Erſt am Abend vor dem Abgang Toms nach ſeiner Schule, das heißt zu Anfang Auguſts, ließ ſich Mrs. Glegg wieder herab, ihre Schweſter Tulliver zu beſuchen, ſtieg aber dabei nicht aus ihrem Gig und gab ihr Mißvergnügen einfach da⸗ durch zu erkennen, daß ſie ſich allen Rathes und jeder Kritik enthielt; denn, wie ſie gegen ihre Schwe⸗ ſter Deane bemerkte,„Beſſy muß die Folgen tragen, daß ſie einen ſolchen Mann genommen hat, obſchon ſie mich dauert.“ Und Mrs. Deane ſtimmte darin überein, daß Beſſy zu bedauern ſei. 230 Selbigen Abend ſagte Tom zu Maggie: „O Jerum, Maggie, Tante Glegg fängt wieder an zu kommen. Ich bin froh, daß es bei mir fort auf die Schule geht. Du wirſt jetzt Alles allein ausbaden müſſen.“ Maggie war ſchon zum Voraus über Toms Ab⸗ gang ſo bekümmert, daß ſein höhniſcher Jubel ihr ſehr lieblos vorkam, und ſie weinte ſelbige Nacht ſich in Schlaf. Mr. Tulliver ſah ſich durch ſein raſches Verfah⸗ ren in die Nothwendigkeit verſetzt, nun auch raſch eine Perſon aufzuſuchen, die ihm auf eine Hand⸗ ſchrift hin fünfhundert Pfund zu borgen geneigt war. „Aber es darf kein Klient von Wakem ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Und doch traf nach Ablauf von vierzehn Tagen das Gegentheil ein— nicht weil Tullivers Wille ſchwach war, ſondern weil die Um⸗ ſtände es forderten. Wakems Klient war die einzige Perſon, die das Geld hergeben wollte. Mr. Tulliver hatte ſo gut eine Beſtimmung wie Oedipus, und in dieſem Falle konnte er ſich mit Oedipus entſchuldigen, daß die That ihm eher aufgezwungen, als von ihm begangen worden war. —,-—— Zweites Buch. Die Schulzeit. Erſtes Kapitel. Toms erſtes Halbjahr. Tom Tulliver hatte im erſten Vierteljahr ſeines Aufenthalts zu Kings Lorton und unter der ausge⸗ zeichneten Sorgfalt des ehrwürdigen Walter Stelling viel durchzumachen. Auf Mr. Jacobs' Academie war ihm das Leben nicht in dem Lichte eines ſchwie⸗ rigen Problems erſchienen. Es gab da viele Kame⸗ raden, mit denen er ſpielen konnte, und da Tom bei allen thätigen Spielen, namentlich beim Raufen, ſich gut anließ, ſo behauptete er unter ihnen einen Vor⸗ rang, der ihm von Tom Tullivers Perſönlichkeit un⸗ zertrennlich zu ſein ſchien. Mr. Jacobs ſelbſt, von den Knaben wegen ſeiner Gewohnheit, eine Brille zu tragen, die„alte Brille“ genannt, flößte ihm keine peinliche Chrfurcht ein; und wenn auch ſchnupf⸗ naſige alte Heuchler, wie er, die Eigenſchaft beſaßen, wie in Kupfer geſtochen zu ſchreiben, zu leſen ohne ſich zu beſinnen und„Mein Name iſt Norval“ feh⸗ lerfrei zu declamiren, ſo pries Tom ſeinerſeits ſich glücklich, daß er ſolche verächtliche Vorzüge nicht be⸗ ſaß. Er wollte ja kein ſchnüffelnder Schulmeiſter ——— 234 werden, ſondern ein ſubſtantieller Mann, wie ſein Vater, der in ſeinen jungen Tagen auf die Jagd ging und ein capitales ſchwarzes Roß ritt, ein ſo hübſches Stück Pferdefleiſch, wie man nur je eines ſehen konnte; Tom hatte dies hundertmal aus ſeines Vaters eigenem Munde gehört. Auch er hatte im Sinn auf die Jagd zu gehen und ſich allgemein in Reſpekt zu ſetzen. Wenn die Leute einmal groß ſeien, meinte er, ſo frage ſie kein Menſch mehr um ihr Schreiben und Buchſtabiren, und wenn er erſt ein Mann war, ſo gehörte Alles ihm und er konnte thun, was er wollte. Er hatte ſich nur ſchwer mit dem Gedanken ver⸗ ſöhnen können, daß er noch länger in die Schule gehen und nicht zu dem Geſchäft ſeines Vaters er⸗ zogen werden ſollte, welches ihm ſo angenehm vor⸗ kam, weil man nichts zu thun brauchte, als umher⸗ zureiten, Befehle zu geben und auf den Markt zu fah⸗ ren; auch fürchtete er, ein Geiſtlicher werde ihn ſtets mit der Bibel plagen und ihn dazu anhalten, für den Sonntag das Cvangelium, die Epiſtel und die Collecten auswendig zu lernen. In Ermanglung einer jeglichen anderweitigen Belehrung über den fraglichen Punkt konnte er ſich natürlich eine Schule und einen Schulmeiſter nur im Licht von Mr. Ja⸗ cobs Academie denken. Um es daher für den Fall, daß er gleichgeſinnte Kameraden fand, an nichts feh⸗ len zu laſſen, hatte er ſich mit einem Schächtelchen voll Zündhütchen verſehen— nicht als ob er etwas Beſonderes damit hätte anfangen können; aber ſie dienten dazu, fremde Knaben auf den Glauben zu bringen, daß er mit Gewehren umgehen könne. ——-——— ᷣ— 235 Wenn alſo der arme Tom recht gut Maggie’s Selbſt⸗ täuſchungen auf den Grund ſah, ſo trug er ſich doch ſelbſt auch mit träumeriſchen Hoffnungen, welche der Lauf ſeiner Erfahrungen in King’s Lorton grauſam zu Schanden machen ſollte. Er war noch nicht vierzehn Tage bei Mr. Stel⸗ ling, als ihm ſchon klar wurde, wie das Leben in Verbindung nicht nur mit der lateiniſchen Grammatik, ſondern auch mit neuen Vorſchriften für die Aus⸗ ſprache des Engliſchen eine ſehr ſchwierige Aufgabe ſei, deren Vollbringung ſich in dem dicken Nebel von knabenhafter Blödigkeit noch ſchwieriger anließ. Man hat bemerkt, daß ſich Tom vor anderen Knaben nicht durch eine beſondere Redefertigkeit auszeichnete, und er ſtand Mr. und Mrs. Stelling gegenüber ſo ſehr im Reſpekt, daß er ſich ſogar vor der Frage fürch⸗ tete, ob er noch mehr Pudding wolle, um nur nicht zu einem einfachen Ja ſich anſtrengen zu müſſen. Was ſeine Zündhütchen betraf, ſo war er in der Bitterkeit ſeines Herzens ſchon halb entſchloſſen, ſie in den nächſten Teich zu werfen; denn er war nicht nur der einzige Zögling, ſondern begann nachgerade in eine Zweifelſucht über Gewehre überhaupt zu gerathen und dem Argwohn Raum zu geben, daß ſeine Theorie vom Leben eine hohle ſei. Mr. Stel⸗ ling hielt nämlich augenſcheinlich ebenſo wenig von Gewehren als von Pferden; und doch war es Tom unmöglich, ihn gleich der„alten Brille“ zu verachten. Wenn in dem Geiſtlichen etwas lag, was nicht durch⸗ aus ächt war, ſo vermochte wenigſtens Tom nicht es zu entdecken; denn auch der verſtändigſte Erwachſene muß eine gewiſſe Summe von Thatſachen vergleichen, . 4 236 um einen guten Trommelwirbel von einem über⸗ natürlicheren Donnern zu unterſcheiden. Mr. Stelling war ein breitſchulteriger Mann von anſehnlicher Größe, noch nicht Dreißig, mit aufrecht ſtehendem flachsgelbem Haar und großen lichtgrauen Augen, die er ſtets weit offen hatte; ſeine Stimme klang baßartig tief, und ſein ganzes Weſen bekun⸗ dete eine herausfordernde Zuverſichtlichkeit, die an Frechheit grenzte. Er hatte ſeine Laufbahn mit vieler Energie angetreten und war feſt entſchloſſen, auf ſeine Nebenmenſchen einen bedeutenden Eindruck zu machen. Der ehrwürdige Walter Stelling gehörte nicht zu denen, welche ſich beſcheiden, ihr Leben in der untergeordneten Stellung der„niederen Geiſt⸗ lichkeit“ zu verbringen. Er trug den ächt britiſchen Geiſt in ſich, es in der Welt vorwärts bringen zu wollen— erſtlich in dem Lehrſtand; denn an den Gymnaſien gab es einige ſehr gute Profeſſorenpoſten, und Stelling wünſchte einen davon zu tragen. Aber auch als Prediger hub er es darauf ab, ſeine Vor⸗ träge in einer Weiſe zu halten, daß ſie auch Be⸗ wunderer aus den Nachbargemeinden anzogen und namentlich dann Aufſehen machten, wenn er gelegent⸗ lich für einen minder begabten Amtsbruder functio⸗ nirte. Der von ihm beliebte Styl war die Predigt aus dem Stegreif, und er ward darum von ſolchen ländlichen Gemeinden, wie King's Lorton, als ein wahres Wunder angeſehen. Einige auswendig ge⸗ lernte Stellen aus Maſſillon und Bourdaloue ver⸗ fehlten allerdings nie ihren Eindruck, wenn Mr. Stelling ſie in ſeinen tiefſten Tönen einherdonnern ließ; aber da auch ſeine eigenen, verhältnißmäßig 237 ſchwachen Ergüſſe in derſelben lauten, nachdrücklichen Weiſe an den Mann gebracht wurden, ſo wirkten ſie auf viele ſeiner Zuhörer nicht minder ergreifend. In Beziehung auf die Lehre hielt ſich Mr. Stellin an keine beſondere Schule; höchſtens bediente er ſic der Färbung des Evangelicismus, weil dieſer in dem Sprengel, zu welcher King's Lorton gehörte, „zog.“ Kurz, Mr. Stelling war ein Mann, der es in ſeinem Beruf vorwärts zu bringen und augen⸗ ſcheinlich durch Verdienſt zu ſteigen gedachte, ſofern ihm keinerlei Einfluß zu Gebot ſtand, als etwa der einer problematiſchen Verwandtſchaft mit einem be⸗ deutenden Rechtsgelehrten, der aber noch nicht Lord Kanzler war. Ein Geiſtlicher, der ſich mit ſo ſchwung⸗ haften Entwürfen trägt, muß ſich natürlich anfangs in Schulden ſtecken; denn man kann von ihm nicht erwarten, daß er in dem mageren Styl eines Man⸗ nes leben ſoll, der es ſein ganzes Leben über nicht über den armen Pfarrer hinausbringen will. Die Paar Hunderte, die Mr. Timpſon von dem Ver⸗ mögen ſeiner Tochter ausgefolgt hatte, reichten natür⸗ lich nicht zu einer ſchönen Einrichtung, zur Aus⸗ ſtattung des Kellers mit guten Weinen, zu einem prächtigen Piano und zu Anlegung eines bewunder⸗ ten Blumengartens; eine nothwendige Folge davon war alſo, daß man all dies durch andere Mittel beſtreiten, oder darauf verzichten mußte; die Wahl des letzteren Auswegs wäre aber nur ein thörichtes Hinausſchieben der Früchte eines Erfolgs geweſen, an deſſen nothwendigem Eintreten kein ench zwei⸗ feln konnte. Mr. Stelling war ſo breitſchulterig und willenskräftig, daß er ſich Allem gewachſen fühlte: 238 er wollte ſich Ruhm erwerben durch die Erſchütte⸗ rung der Gewiſſen ſeiner Zuhörer, nebenbei aber auch ein griechiſches Trauerſpiel herausgeben und mehrere neue Leſearten erfinden. Ueber die Wahl des Trauerſpiels war er allerdings noch nicht mit ſich einig, da er vor nicht viel mehr als zwei Jah⸗ ren erſt geheirathet hatte und deßhalb ſeine Muße⸗ ſtunden von der Aufmerkſamkeit gegen Mrs. Stelling in Anſpruch genommen wurden; aber ſeine Erklärung, daß er dies oder jenes zu thun gedenke, genügte dieſer ſchönen Dame, welche in ihren Gatten das Vertrauen ſetzte, daß er ſich auf dergleichen Dinge vollkommen verſtehe. Doch der nächſte Schritt zum künftigen Erfolg lag darin, daß Tom ſchon in ſeinem erſten halben Jahr tüchtig vorwärts gebracht wurde. Es hatten nämlich in Betreff eines anderen Zöglings aus der⸗ ſelben Gegend bereits Nachfragen ſtattgefunden, und die Entſcheidung des Vaters mußte wohl zu Mr. Stellings Gunſten ausfallen, wenn ruchbar wurde, daß der junge Tulliver, welcher, wie der Geiſtliche ſeinem Ehegeſpan im Vertrauen mittheilte, ein völlig ungeleckter Bär war, in kurzer Zeit merkwürdige Fortſchritte machte. Aus dieſem Grund betrieb er Toms Lectionen mit großer Strenge, da ſich deutlich herausſtellte, daß ohne ein ſolches Verfahren die Entwicklung des Knaben vermittelſt der lateiniſchen Grammatik nicht vorwärts gehen werde. Nicht daß Mr. Stelling ein harter, unfreundlicher Mann geweſen wäre— im Gegentheil; er ſcherzte gern mit Tom über Tiſch und wußte ſeine Provincialismen und ſein Benehmen in der humoriſtiſchſten Weiſe zu 1 rügen. Aber der arme Tom wurde durch dieſe Zwiefältigkeit in dem Verhalten ſeines Lehrers nur noch mehr verwirrt und eingeſchüchtert, da er an dergleichen Späße nie gewöhnt geweſen, und er wußte deshalb nie, wie er daran war. Wenn Mr. Stelling nach dem Auftragen des Roſtbratens fragte: „Nun, Tulliver, was declinirt Ihr lieber, Roaſtbeef oder den lateiniſchen Ausdruck dafür?“*) ſo lautete natürlich die Antwort Toms, dem ſelbſt in ſeinen beſonnenſten Momenten ein Wortſpiel eine harte Nuß geweſen wäre und der in ſeiner Verlegenheit für kein anderes Gefühl als für das Sinn hatte, daß er lieber mit dem Lateiniſchen gar nichts zu ſchaffen haben möchte:„Roaſtbeef;“ und er machte dann in der That ein ſehr einfältiges Geſicht, als er aus dem darauf folgenden Gelächter und einigen practi⸗ ſchen Scherzen mit den Tellern entnehmen mußte, daß er in irgend einer geheimnißvollen Weiſe ſeine Portion Ochſenfleiſch abgelehnt habe. Hätte er einen Kameraden dieſelben peinlichen Operationen aushalten und guten Muths hinnehmen ſehen, ſo würde er ſich bald als in eine von ſelbſt verſtändliche Sache darein gefunden haben. Aber wenn ein Vater für ſeinen Sohn dadurch ſorgen will, daß er ihn als einzigen Zögling zu einem Geiſtlichen ſchickt, ſo gibt es zwei koſtſpielige Erziehungsmethoden: in der einen erfreut ſich der Schüler der ungetheilten Vernachläßigung des ehrwürdigen Gentleman, in der anderen muß er deſſen ungetheilte Aufmerkſamkeit über ſich ergehen *) Hier ein unüberſetzliches Wortſpiel, da decline auch ablehnen heißt. 240 laſſen. Das letztere Vorrecht nun hatte Mr. Tullivet ſeinem Knaben theuer genug durch die Erſtlings⸗ monate ſeines Aufenthalts in King's Lorton erkauft. Der achtbare Müller und Mälzer war nach Toms Ablieferung in einem Zuſtand großer geiſtiger Be⸗ friedigung wieder heimgekehrt. Er pries den Augen⸗ blick, welcher ihm den Gedanken eingegeben, wegen einer Schule für ſeinen Knaben Mr. Riley um Rath zu fragen. Mr. Stellings Augen waren ſo weit offen, und er ſprach ſo friſch weg und ſachgemäß, als er auf jede langſame und ſchwer von der Zunge kommende Bemerkung des Vaters antwortete:„Ich ſehe, mein guter Sir, ich ſehe;“„Natürlich, natür⸗ lich!“„Sie wollen aus Ihrem Sohn einen Mann haben, der ſich in der Welt empor bringt,“ daß Mr. Tulliver ganz entzückt war, in dem Geiſtlichen einen Mann zu finden, der ſein Wiſſen ſo gut auf die alltäglichen Angelegenheiten des Lebens anzu⸗ wenden verſtand. In Mr. Tullivers Augen war, mit Ausnahme des Conſulenten Wylde, den er bei den letzten Sitzungen gehört hatte, der ehrwürdige Mr. Stelling der ſchlauſte Kopf, welcher ihm je vor⸗ gekommen— ja ſogar dem Wylde nicht unähnlich, denn er pflegte ganz wie dieſer die Daumen in die Armlöcher ſeiner Weſte zu ſtecken. Der gute Müller ſtand freilich darin, daß Dreiſtigkeit auf ihn den Eindruck der Schlauheit machte, nicht vereinzelt; denn die meiſten Laien legten ihm die letztere Eigen⸗ ſchaft bei und hielten ihn für einen Mann von merk⸗ würdiger Begabung, indem nur ſeine Amtsbrüder in ihm einen ziemlich beſchränkten Kopf erkennen woll⸗ ten. Aber er erzählte ihm einige Geſchichten von ——B y— — 4———— u—— 8— —ͤ— ð½—— 241 Geiſtesaufſchwung und Brandſtiftung, und als er ihn über die Schweinemaſt um Rath fragte, that er dies in ſo verſtändiger weltlicher Weiſe und mit ſo glatter Redefertigkeit, daß der Müller ſich's nicht mehr nehmen ließ, er habe hier gefunden, was er für ſeinen Tom brauchte. Er zweifelte nicht daran, daß dieſer Ausbundmann mit allen Zweigen des Unterrichts vollkommen vertraut ſei und genau wiſſe, was Tom lernen müſſe, um ſich mit den Advocaten meſſen zu können— um ſo mehr, da der arme Tulliver dies ſelbſt nicht wußte und ſich daher noth⸗ wendig, um zu ſeinem Reſultat zu kommen, auf eine lange Kette von Schlüſſen angewieſen ſah. Es wäre übrigens unbillig, wenn man ihn um deß⸗ willen auslachen wollte; denn ich habe viele weit unterrichtetere Perſonen gekannt, die ihre Gründe ebenſo weit herholten und um kein Haar vernünfti⸗ ger dabei verfuhren. Mrs. Tulliver hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß die Anſichten über das Lüften der Waſche und den guten Appetit eines im Wachſen begriffenen Knaben ganz mit den ihrigen übereinſtimmten, und als ſie noch ferner fand, daß die Frau Pfarrerin trotz ihrer Jugend und obſchon ſie erſt ihrer zweiten Entbindung entgegen ſah, in Beziehung auf das Verhalten und den Grundcharakter der Wochenwär⸗ terin faſt dieſelben Erfahrungen gemacht hatte, wie ſie, ſo gab ſie auf dem Heimweg dem Müller ihre große Zufriedenheit darüber zu erkennen, daß ſie Tom unter der Pflege einer Frau wußte, die un⸗ geachtet ihrer Jugend ganz verſtändig und mütter⸗ Eliot, Die Mühle am Fioß. I. 16 242 lich zu ſein ſchien und namentlich ſo gerne Rath annahm. „Sie müſſen ſehr vermöglich ſein,“ ſagte Mrs. Tulliver,„denn im ganzen Haus iſt Alles ſo hübſch, und ihr Moirékleid muß auch ein ſchönes Stück Geld gekoſtet haben. Schweſter Pullet hat das gleiche.“ „Ich denke wohl,“ verſetzte Mr. Tulliver,„daß er außer ſeiner Pfarrpfründe noch einige Zubuße hat. Vielleicht iſt der Frau etwas von ihrem Vater ausgeworfen. Dann bringt ihm der Tom ein Hun⸗ dert zu, ohne daß er durch ihn beſonders beläſtigt würde; denn er ſagt, das Unterrichten ſei eine Na⸗ turgabe von ihm. Das iſt doch wunderbar,“ fügte Mr. Tulliver bei, indem er den Kopf ſeitwärts wandte und gedankenvoll die Flanke ſeines Pferdes mit dem Sporn kitzelte. Vielleicht war gerade die Naturgabe Schuld, daß Mr. Stelling bei ſeinem Unterricht mit der gleich⸗ förmigen, durch keine Umſtände ſich beirren laſſenden Methodik zu Werke ging, welche man in den Hand⸗ lungen der unter dem Einfluß ihres Inſtincts thäti⸗ gen Thiere bemerkt. Mr. Broderip's liebenswürdi⸗ ger Biber mühte ſich, wie uns dieſer bezaubernde Naturhiſtoriker berichtet, in einem drei Treppen hohen Londoner Zimmer eben ſo angelegentlich mit Er⸗⸗ bauung eines Dammes ab, als hauſe er an einem Strom oder See von Obercanada. Das Thier ſtund einmal unter dem Einfluß des Bautriebs; war es verantwortlich für die Abweſenheit des Waſſers oder die Unmöglichkeit der Nachkommenſchafterzeugung? Und mit demſelben ſichern Inſtinct ging Mr. Stelling daran, Tom Tullivers Geiſt die Etoner Grammatik 243 und den Euclid beizubringen. Dieſe beide waren ſeiner Anſicht nach die einzige Grundlage einer ge⸗ diegenen Erziehung und alle andern Unterrichtsme⸗ thoden nichts als eitel Charlatanerie, durch welche nur ein oberflächliches Wiſſen erzielt würde. Von dieſer feſten Baſis aus konnte er wohl auf die ver⸗ ſchiedenen oder ſpeciellen Kenntniſſe, welche von den unregelmäßig erzogenen Menſchen an den Tag gelegt wurden, mit einem mitleidigen Lächeln niederſchauen; dergleichen Dinge waren ſchon recht, aber geſunde Anſichten durfte man von ſolchen Leuten nicht er⸗ warten. In Feſthaltung dieſer Ueberzeugung hatte Mr. Stelling nicht, wie es wohl bei andern Lehrern vorkommen mag, eine beſondere Sicherheit oder Aus⸗ dehnung der eigenen Gelehrſamkeit zur Stütze; denn was ſeine Anſichten über den Euclid betraf, ſo hätten ſie kaum freier ſein können von perſönlicher Vorliebe. Mr. Stelling war nicht der Mann, der ſich durch Begeiſterung, ſei es religiöſe oder wiſſenſchaftliche, irre leiten ließ, während er andererſeits wieder den geheimen Glauben von ſich fernhielt, daß Alles Auf⸗ ſchneiderei ſei. Die Religion erſchien ihm als eine vortreffliche Sache, und Ariſtoteles als eine große Autorität; Decanate und Pfründen waren nützliche Einrichtungen, Großbritaunien das von der Vorſehung berufene Bollwerk des Proteſtantismus und der Glaube an den Unſichtbaren ein großer Troſt für bekümmerte Seelen. An Alles dies glaubte er, wie der Schweizer Gaſtwirth an die Schönheit ſeiner Gegend und an die Wonne, welche ſie ſeinen kunſtſinnigen Gäſten bereiten muß. Und in derſelben Weiſe glaubte auch Mr. Stelling an ſeine Srgehungs⸗ 244 methode, mit welcher er Mr. Tullivers Knaben am allerbeſten zu bedienen ſich bewußt war. Und wie der Müller in unbeſtimmter und ſchüchterner Weiſe von„Riſſen“ und„Aufnahmen“ ſprach, ſo wußte ihn Mr. Stelling durch die Verſicherung zu beruhi⸗ gen, daß er ſchon wiſſe, was er meine; denn wie war es möglich, daß der gute Mann ſich eine ver⸗ nünftige Vorſtellung von ſolchen Dingen bilden konnte? Stelling übernahm die Verpflichtung, den Unterricht des Knaben in der einzig richtigen Weiſe zu leiten — in der That konnte er auch keine andere; und er hatte ſeine Zeit nicht mit Erlernung von unſach⸗ gemäßen Gegenſtanden vergeudet. Tom erſchien in ſeinen Augen bald als ein durch und durch dummer Junge; denn obſchon mit vieler Noth und Mühe einige Declinationen in ſeinem Ge⸗ hirn Platz griffen, ſo hatte es doch keinen Raum für ſo abſtracte Dinge, als die Beziehung zwiſchen Caſus und Endigung, und die Unterſcheidung eines Genitivs vom Dativ erſchien ihm als ein unlösliches Räthſel. Dies überſtieg nach Mr. Stellings Anſicht die Grenzen natürlicher Dummheit, und er vermu⸗ thete Starrſinn oder jedenfalls Gleichgültigkeit, weß⸗ halb er denn auch Tom wegen ſeines Mangels an Achtſamkeit oft ſcharf in die Mache nahm.„Ihr! habt kein Intereſſe für das, was Ihr thut,“ konnte Mr. Stelling ſagen, und der Vorwurf war in der That nur zu wohl begründet. Tom hatte es, nach⸗ dem er einmal über die betreffenden Eigenſchaften belehrt war, nie ſchwer gefunden, einen Vorſtehhund von einem gewöhnlichen Hühnerhund zu unterſchei⸗ den, wie denn auch ſeine Auffaſſungsgabe durchaus am bie nicht mangelhaft und wahrſcheinlich eben ſo ſcharf, wie die des ehrwürdigen Mr. Stelling war; er konnte nämlich auf's Haar hin ſagen, wie viele Pferde hinter ihm hertrabten, einen Stein gerade in die Mitte eines Fluſſes oder Baches werfen, auf einen Bruchtheil hin errathen, wie viele Längen ſei⸗ nes Stockes der Spielplatz in dieſer oder jener Rich⸗ tung maß, und auf ſeiner Schiefertafel ohne Lineal faſt vollkommene Quadrate zeichnen. Von ſolchen Fertigkeiten aber nahm Mr. Stelling keine Notiz: er bemerkte nur, daß Tom das Verſtändniß für die Nutzanwendung der abſcheulichen Regeln fehlte, die ihm auf den Seiten der Etoner Grammatik entgegen⸗ ſtarrten, und daß er ſich bei der Demonſtration von der Gleichheit zweier gegebener Dreiecke faſt wie blödſinnig benahm, obſchon er mit großer Sicherheit und Gewandtheit unterſcheiden konnte, ob ſie wirk⸗ lich gleich waren. Daraus folgerte Mr. Stelling, das Gehirn Toms, das ſo ausnehmend unzugänglich war für Etymologie und Demonſtrationen, habe den Pflug und die Egge dieſer Muſterwerkzeuge ganz beſonders von nöthen; es war ſeine Lieblingsmetapher, daß Geo⸗ meirie und die Klaſſiker die Erſtlingscultur ſein müſſe, die den Boden des Geiſtes für jede künftige Ernte vorbereite. Ich habe gegen Mr. Stellings Theorie nichts einzuwenden; denn wenn man einmal alle Geiſter gleich behandeln will, ſo mag ſie ſo gut ſein, wie jede andere. So viel aber weiß ich, daß ſie für Tom Tulliver ſo unbehaglich wurde, als hätte man ihn einer Behandlung mit Käſe unterworfen, um ihn von einer Magenſchwäche zu heilen, welche ihn ge⸗ rade den Käs nicht verdauen ließ. Es iſt erſtaun⸗ 246 lich, welch ein ganz anderes Reſultat man erzielt, wenn man eine Metapher wechſelt. Nenne man zum Beiſpiel das Gehirn einen geiſtigen Magen, und man weiß mit der ſcharſſinnigen Vergleichung der Klaſſiker und Geometrie mit Pflug und Egge nichts mehr anzufangen. Man kann ferner mit andern großen Autoritäten den Geiſt als ein unbeſchriebenes Blatt Papier oder einen Spiegel bezeichnen, und dann wird der Verdauungsprozeß völlig unerheblich. Es war ohne Zweifel ein ſinnreicher Einfall, das Kameel das Schiff der Wüſte zu nennen, aber es wird es in der Erziehung dieſes nützlichen Thiers Nie⸗ mand weit bringen. O Ariſtoteles! hätteſt du den Vortheil gehabt, ſtatt der Größte der Alten der Neueſte der Neuen zu ſein, würdeſt du nicht in dein Lob der bildlichen Redeweiſe, die dir als das Wahr⸗ zeichen eines hohen Verſtandes erſchien, die Klage eingemengt haben, daß der Verſtand ſich in der Rede ſo ſelten zeige ohne Bild, und daß wir kaum je ein Ding als das, was es iſt, bezeichnen können, ohne es mit dem, was es nicht iſt, zuſammenzuſtellen. Tom Tulliver, der es in keiner Redeform weit gebracht hatte, bediente ſich keiner Metaphern, um ſeine Anſicht über die Natur des Lateiniſchen kund zu geben; er nannte es nie ein Folterinſtrument, und erſt als er das erſte Halbjahr hinter ſich, und während des zweiten ſich einigermaßen in den De⸗ lectus hineingearbeitet hatte, fühlte er ſich fortge⸗ ſchritten genug, um es als eine„Langweilerei“ oder als„viehiſches Zeug“ zu bezeichnen. Da ſollte er lateiniſche Declinationen und Conjugationen lernen und konnte ſich doch über die Urſache oder den Zweck, t, in n, ĩg ge n 8 d b. 8 ——— ☛ u 247 warum man ihm dieſe Leiden auferlegte, eben ſo wenig eine Vorſtellung machen, als die harmloſe Spitzmaus, die man in den geſchlitzten Stamm einer Eſche einklemmt, um die Lähme des Viehs zu heilen. Den erleuchteten Geiſtern der Gegenwart mag es freilich faſt unglaublich erſcheinen, daß ein Knabe von zwölf Jahren, der doch nicht ganz der zu gei⸗ ſtiger Verdunklung bevorrechteten„Maſſe“ angehörte, keinen klaren Begriff davon hatte, wie ſolch ein Ding, als das Lateiniſche war, auf die Welt gekom⸗ men ſei, und doch müſſen wir leider Tom dieſes ſchlechte Zeugniß geben. Es würde lange gebraucht haben, um ihm begreiflch zu machen, daß es vor Zeiten ein Volk gab, welches Schafe und Ochſen kaufte und verkaufte und dieſe Alltagsverrichtungen vermittelſt des Lateiniſchen beſorgte; und noch ſchwe⸗ rer hätte er aufgefaßt, warum er dieſe Sprache lernen ſollte, nachdem doch ihre Beziehung zu ſolchen Geſchäften ſich im Nebel der Vergangenheit verloren hatte. So weit Tom von Mr. Jacobs' Academie von den Römern etwas erfahren, waren ſeine Kennt⸗ niſſe vollkommen richtig; nur erſtreckten ſie ſich nicht weiter als auf die Thatſache, daß ſie im neuen Teſtament vorkamen; und Mr. Stelling war nicht der Mann dazu, den Geiſt ſeines Zöglings durch Vereinfachung und Erklärungen abzuſchwächen oder die kräftigende Wirkung der Etymologie dadurch zu be⸗ einträchtigen, daß er ſie mit oberflächlichem, nicht zur Sache gehörigem und höchſtens für Mädchen paſſen⸗ dem Belehrungsmaterial miſchte. Und doch wurde, wie ſeltſam dies auch klingen mag, Tom unter dieſer kräftigen Behandlung mäd⸗ f 1 248 chenhafter, als er es je in ſeinem Leben geweſen. Er beſaß eine gute Portion Stolz, den man bisher in der Welt vollkommen hatte gewähren laſſen, in⸗ dem er die alte Brille verachten und ſich in dem Bewußtſein unantaſtbarer Rechte wiegen durfte; jetzt aber erlitt derſelbe Stolz nichts als Beulen und Quetſchungen. Tom hatte einen zu klaren Blick, um nicht zu bemerken, daß Mr. Stellings Auffaſſung höher ſtand, als die der Leute, unter welchen er bis⸗ her gelebt hatte, und daß ihr gegenüber er, Tom Tulliver, ſich ſehr roh und einfältig ausnahm. Dies war ihm keineswegs gleichgiltig, und ſein Stolz ge⸗ rieth in eine gewiſſe unbequeme Lage, welche alle ſeine knabenhafte Selbſtzufriedenheit vernichtete und ihm etwas von der Empfänglichkeit eines Mädchens verlieh. Er beſaß einen ſehr feſten, um nicht zu ſagen ſtörriſchen Charakter, obſchon roher Empörungsgeiſt und Sorgloſigkeit ſeinem Weſen fremd war. Das edlere menſchlichere Begehrungsvermögen waltete bei ihm vor, und wenn er ſich eine größere Gelehrigkeit für ſeine Lectionen und in Folge davon den Beifall Mr. Stellings dadurch hätte verſchaffen können, daß er eine unbequem lange Zeit auf Einem Bein ſtand, ſeinen Kopf nicht mit allzu wehthuender Gewalt gegen die Wand ſtieß oder ein ähnliches freiwilliges Opfer 5 brachte, ſo würde er nicht davor zurückgeſcheut ſein. Allerdings hatte Tom nie gehört, daß durch ſolche Maßregeln der Verſtand ausgeputzt oder das Ge⸗ dächtniß für Komma und Verba geſtärkt werde, und mit Hypotheſen und Erxperimenten mochte er ſich nicht plagen. Allerdings ſiel ihm ein, das Beten könne ihm vielleicht vorwärts helfen: aber die Gebete, die ————————— ⏑ 8 8————— —, 249 er jeden Abend ſprach, waren auswendig gelernte Formeln, und er konnte ſich nicht in die Neuheit und Unregelmäßigkeit hineinfinden, aus dem Stegreif eine Stelle über einen Gebetsgegenſtand einzuflechten, für den er nicht bereits einen Vorgang hatte. Nur eines Tages machte er hievon eine Ausnahme; er war ganz niedergedrückt, denn ſchon zum fünftenmal wollten die Supina der dritten Conjugation nicht gehen. Mr. Stelling war feſt überzeugt, daß dies Faulheit ſein müſſe, da es die Grenzen menſchen⸗ möglicher Dummheit überſchritt, und hatte ihn ſehr ernſtlich abgekanzelt, indem er ihm vorhielt, wie ſehr er es einſtens als Mann bereuen werde, wenn er es verſäume, die gegenwärtige goldene Gelegenheit, Supina zu lernen, zu benützen. Tom fühlte ſich bei dieſer Gelegenheit unglücklicher als gewöhnlich und beſchloß zu dieſem einzigen Rettungsweg ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen, und als er ſelbigen Abend nach der gewöhnlichen Gebetsformel für ſeine Eltern und das„Schweſterlein“(er hatte für Maggie zu beten angefangen, als ſie noch ein Säugling war) an die Bitte kam, Gott möge ihn ſtets befähigen, ſeine heiligen Gebote zu halten, fügte er flüſternd bei,„und ihn ſein Latein nicht vergeſſen laſſen.“ Er hielt ein wenig inne, um zu erwägen, wie er wegen des Euclids beten ſolle— ob um Verſtändniß ſeiner Geheimniſſe oder um eine andere für die Sachlage paſſende Ge⸗ müthsverfaſſung; endlich ſchloß er mit den Worten: „und gib dem Mr. Stelling in's Herz, daß er mich künftig mit dem Euelid verſchone. Amen.“ Richtig konnte er auch am anderen Tag ſeine Supina ohne Fehler herſagen. Dies ermuthigte ihn, 25⁵0 den Anhang zu ſeinem Gebet beizubehalten, und neutraliſirte jeden Skepticismus, zu welchem der Um⸗ ſtand Anlaß geben konnte, daß Mr. Stelling eben doch auf ſeinem Euclid beharrte. Doch litt ſein Glaube endlich Schiffbruch, als er zu den unregel⸗ mäßigen Zeitwörtern kam und nirgends ſich Hilfe blicken ließ. Augenſcheinlich bildete Toms Verzweiflung über die Launen des Präſens keinen einer höheren Einmen⸗ gung würdigen Nodus, und da dies der Höhenpunkt ſeiner Nöthen war, ſo ſah er nicht ein, warum er weiter um Beiſtand beten ſollte. Er kam daher an einem der langweiligen, einſamen Abende, die er in dem Studirzimmer verbrachte, zu dem Entſchluß, ſich auf ſeine Lectionen für den andern Tag vorzubereiten. Seine Augen wurden wohl zuweilen trübe über den Blättern, obſchon er Thränen haßte und ſich ihrer ſchämte; aber er konnte nicht umhin, mit einiger Sehnſucht ſelbſt Spouncers zu gedenken, mit dem er ſich zu zanken und zu raufen pflegte; er würde ſich jetzt in deſſen Geſellſchaft wie ein neuer Menſch ge⸗ fühlt haben. Und dann traten wie in einer Art Delirium die Mühle vor ihn hin und der Fluß und Nap, der mit geſpitzten Ohren aufpaßte, um auf das geringſte Zeichen ſeines jungen Herrn Folge zu leiſten. Dabei ſpielten ſeine Finger zerſtreut in ſei⸗ ner Taſche mit dem großen Meſſer, dem Bindfaden⸗ knäuel oder anderen Reliquien aus der Vergangen⸗ heit. Wie geſagt, Tom war früher nie ſo mädchenhaft geweſen, und in der Periode der unregelmäßigen Verba traf ſeinen Geiſt ein weiterer Druck in der Form eines neuen Hebels für ſeine geiſtige Ent⸗ wicklung, den man zu Ausfüllung ſeiner freien . 251 Stunden erſonnen hatte. Mrs. Stelling war näm⸗ lich kürzlich von ihrem zweiten Kind entbunden wor⸗ den, und da es für einen Knaben nichts heilſameres geben konnte, als das Bewußtſein, ſich nüzlich zu machen, ſo glaubte ſie Tom einen großen Dienſt zu leiſten, wenn ſie ihm, während die Wärterin mit dem kränklichen Säugling ſich beſchäftigte, die Obhut über den kleinen Engel Laura vertraute. Es war gewiß eine allerliebſte Beſchäftigung für Tom, wenn er in der ſonnigſten Stunde des Herbſttages Laura in's Freie nehmen durfte, um ſo mehr, da dies ihn ſich ſelbſt als Familienglied und das Lortoner Pfarrhaus als eine Heimath betrachten lehrte. Der lleine Engel Laura, der zur Zeit noch nicht recht feſt auf den Beinen ſtand, hatte um den Leib ein Band geſchlun⸗ gen, an welchem Tom während der kurzen Friſten, in welchen ſie Luſt zum Gehen zeigte, ſie wie einen jungen Hund führte; dies geſchah übrigens nicht häufig, da er laut erhaltener Weiſung das ſchöne Kind meiſt in der Sehweite von Mrs. Stellings Fenſter im Garten hin und her zu tragen hatte. Wenn Jemand dies für unbillige und drückende Zu⸗ muthungen an den jungen Zögling halten ſollte, ſo bitte ich ihn zu bedenken, daß es weibliche Tugenden gibt, die ſich nur ſchwer mit einander vereinigen jaſſen, wenn ſie einander auch nicht widerſtreben. Die Frau eines armen Landpfarrers weiß es vielleicht trotz der Knappheit ihrer Lage einzurichten, daß ſie ſich ungemein gut kleiden kann, und trägt wohl auch eine Friſur, welche ſie nöthigt, das Kindermädchen gelegentlich als Kammerjungſer zu benützen. Wenn nun noch obendrein ihr Beſuchzimmer und ihre — —— — in ihrem ehelichen Leben je Mißhelligkeiten ausbrächen, † 252 Dinergeſellſchaften eine Eleganz und Vollſtändigkeit zeigen, wie ſie ſich nach dem Wahn gewöhnlicher Frauen nur bei einem großen Einkommen erſchwin⸗ gen laſſen, ſo wäre es unvernünftig, von ihr zu er⸗ warten, daß ſie ein zweites Dienſtmädchen anſtelle oder wohl gar die Kinderpflege ſelbſt übernehme. Mr. Stelling wußte dieß beſſer; er ſah, daß ſeine Frau bereits Wunder that, und war ſtolz auf ſie. Dem Gang des jungen Tullivers kam es allerdings vielleicht nicht zu ſtatten, wenn man ihn ein ſchweres Kind tragen ließ; aber er hatte ja Leibesübung genug in den langen Spaziergängen, und für's nächſte Halbjahr wollte ſich Mr. Stelling nach einem Exercirlehrer umſehen. Ob der vielen Mittel durch welche der Pfarrer ſich über das gewöhnliche Glück der Maſſe ſeiner Nebenmenſchen zu erheben gedachte, hatte er eines ganz außer Acht gelaſſen— das nämlich, daß er in ſeinem Hauſe nach ſeinem eigenen Belieben ſchalten konnte. Wozu auch dieß? Er hatte eine„ſo liebe kleine Seele, wie nur je eine geathmet,“ ge⸗ heirathet— Zeuge dafür war Mr. Riley, der mit Mrs. Stellings blonden Locken und ihrer lächelnden Miene von ihren Jungfrauenjahren her bekannt und kraft dieſer Bekanntſchaft jeden Tag zu erklären bereit war, wenn ſo müſſe die Schuld ganz an Mr. Stelling liegen. Wäre Tom kein tückiſcher Charakter geweſen, ſo würde er ſicherlich den kleinen Engel Laura gehaßt haben; dafür beſaß er aber zu viel Gutmüthigkeit, wie er denn auch jene Ader in ſich trug, die mit der Zeit zur ächten Männlichkeit wird, ich meine das hilfbereite Mitleid mit den Schwachen. Ich muß ihm 253 vielleicht zu ſeiner Schande nachſagen, daß er Mrs. Stelling haßte und von ihrer Perſönlichkeit ein nachhaltiger Widerwille gegen halbblonde Locken und breite Zöpfe auf ihn überging, da er ſie unmittelbar mit einem hochmüthigen Weſen und einem ſteten Hinweiſen von anderen Leuten auf ihre„Pflicht“ in Verbindung bringen mußte. Aber er konnte ſich's nicht verſagen, mit der kleinen Laure zu ſpielen, und unterhielt ſich gern mit ihr; ja, in der Verzweiflung, je einen paſſenderen Gebrauch davon machen zu können, opferte er ihr ſogar ſeine Zündhütchen, weil er durch den kleinen Blitz und Knall ihr ein Ver⸗ gnügen zu machen hoffte, obſchon er ſich den Ver⸗ weis der Mutter zuzog, daß er ihr Kind mit Feuer ſpielen lehrte. Laura war eine Art Spielgeſährte — und oh, wie ſehnte ſich Tom nach Kameraden! Wie gerne hätte er Maggie um ſich gehabt und ſich ſogar aus ihrer ärgerlichen Vergeßlichkeit nichts ge⸗ macht; und doch that er, wenn er zu Hauſe war, dergleichen, als erweiſe er ſeiner Schweſter Wun⸗ der welche Gunſt, daß er ſie auf ſeinen Lieblingsaus⸗ ſlügen neben ſich her traben ließ. Und noch vor Ablauf dieſes traurigen Schulhalb⸗ jahrs traf Maggie wirklich ein. Mrs. Steuing hatte an die Kleine eine allgemeine Einladung erlaſſen, auf Beſuch zu kommen und eine Weile bei ihrem Bruder zu bleiben. Als daher Mr. Tulliver ſpät im Oktober nach King's Lorton hinüber fuhr, begleitete ihn Maggie unter dem Eindruck, daß ſie eine große Reiſe mache und nun die Welt zu ſehen anfange. Es war der erſte Beſuch, den Mr. Tulliver bei ſei⸗ 254 nem Sohne machte, denn Tom mußte lernen, nicht allzu viel an die Heimath zu denken. „Ei, mein Junge,“ ſagte er zu Tom, als Mr. Stelling das Zimmer verlaſſen, um die Ankunft der Gäſte ſeiner Frau zu melden, und Maggie ihren Bruder herzhaft abzuküſſen begann,„Du ſiehſt ganz prächtig aus. Die Schule ſchlägt Dir gut zu.“ Tom wünſchte ſich innerlich ein weniger gutes Ausſehen. „Ich glaube nicht, daß ich ſo ganz wohl bin, Vater,“ verſetzte Tom.„Es wäre mir lieb, Ihr ſagtet Mr. Stelling, er ſolle mich mit dem Euclid verſchonen— es macht mir Zahnweh, glaube ich.“ (Zahnweh war die einzige Krankheit, über die Tom je ſich beklagt hatte.) „Euclid, Burſche— der Tauſend, was iſt dies?“ fragte Mr. Tulliver. „O, ich weiß es nicht. Es ſind Definitionen, Grundſätze, Dreiecke und ſolche Dinge. Ein Buch, aus dem ich lernen ſoll— aber es iſt kein Sinn darin.“ „Geh, geh!“ entgegnete Mr. Tulliver vorwurfs⸗ voll,„Du mußt nicht ſo reden. Lerne immerhin, was Dir Dein Lehrer aufgibt. Er weiß am beſten, was für Dich paßt.“ „Ich will Dir helfen, Tom,“ ſagte Maggie mit der Miene tröſtender Gönnerſchaft.„Ich bin ge⸗ kommen, um ſo lang bei Dir zu bleiben, als es Mrs. Stelling erlaubt. Ich habe auch mein Näh⸗ kiſtchen und meine Vorſtecker mitgebracht— nicht wahr, Vater?“. „Du mir helfen, Du einfältiges kleines Ding!“ 4 erwiderte Tom in hohem Tone und eigentlich erfreut bei dem Gedanken, Maggie dadurch in Verlegenheit ſetzen zu können, daß er ihr eine Seite des Euclid zeigte.„Ich möchte doch ſehen, was Du mit einer von meinen Lectionen anfangen wollteſt. Ich lerne auch lateiniſch. Mädchen lernen nie ſolche Dinge. Sie ſind zu dumm dazu.“ „Ich weiß recht gut, was Lateiniſch iſt,“ ſagte Maggie zuverſichtlich.„Lateiniſch iſt eine Sprache. Es gibt lateiniſche Wörter im Wörterbuch. Zum Beiſpiel Passiva, Schulden.“ „Da ſieht man's— ganz unrichtig, Jungfer Maggie,“ verſetzte Tom mit geheimem Staunen. „Du hältſt Dich für gewaltig weiſe. Aber Passiva bedeutet die leidende Form der Zeitwörter— amor, amaris, amari.“ „Ei, dies iſt kein Grund, warum es nicht auch Schulden ſoll bedeuten können,“ entgegnete Maggie. „Es gibt viele Worte, die je nach Umſtänden einen verſchiedenen Sinn haben. So der Reif— gefro⸗ rener Thau— oder der Reif, mit welchem man die Fäſſer einbindet.“ „Recht ſo, Kleine,“ ſagte Mr. Tulliver lachend, während Tom ſich etwas unangenehm berührt fühlte von Maggie's wohlweiſem Gebahren, obſchon ihm die Kunde, daß ſie eine Zeit lang bei ihm bleiben ſollte, ſehr erfreulich kam. Der Dünkel mußte ihr wohl bald vergehen, wenn er ihr ſeine Bücher zur Einſichtnahme vorlegte. Mrs. Stelling hatte in ihrer dringenden Ein⸗ ladung für Maggie's Aufenthalt keine längere Friſt, als eine Woche, namhaft gemacht; aber Mr. Stel⸗ ling, der ſie zu ſich heranzog und ſie fragte, wo ſie ihre ſchwarzen Augen geſtohlen habe, beſtand darauf, daß ſie vierzehn Tage bleiben müſſe. Der Kleinen kam der Pfarrer als ein prächtiger Mann vor, und Mr. Tulliver war eigentlich ſtolz darauf, ſeine Dirne an einem Platz zu laſſen, wo ſie Gelegenheit hatte, ihren Verſtand vor Fremden, die ſolche Dinge zu würdigen wußten, in's gehörige Licht zu bringen. Man kam daher überein, daß ſie erſt nach Verfluß von zwei Wochen abgeholt werden ſollte. „So komm jetzt mit mir in mein Studirzimmer, Maggie,“ ſagte Tom, nachdem ihr Vater abgefahren war.„Warum ſchüttelſt Du Deinen Kopf ſo, ein⸗ fältiges Ding?“ fuhr er fort; denn obgleich ihr Haar jetzt beſſer geordnet und ihr glatt hinter die Ohren gekämmt war, ſchien ſie doch immer noch in der Vorſtellung zu leben, als hänge es ihr über die Augen nieder.„Man meint ja, Du ſeieſt närriſch.“ „Oh, ich kann mir nicht helfen,“ verſetzte Maggie ungeduldig.„Plag mich nicht, Tom. Ei, welche Bücher!“ rief ſie, als ſie im Studirzimmer der Bücherkäſten anſichtig wurde.„Wenn ich nur auch ſo viele hätte!“ „Du könnteſt doch keines davon leſen,“ entgeg⸗ nete Tom triumphirend.„Sie ſind alle lateiniſch.“ „Nein, das iſt nicht wahr,“ ſagte Maggie.„Ich ſehe es ja an dem Titel. Da ſteht—„Heſchichte von der Abnahme und dem Verfall des römiſchen Reichs.““ „Nun ja, und was hat dies zu bedeuten? Du weißſt's doch nicht,“ entgegnete Tom, den Kopf ſchüttelnd.. —.— SO——,—— 0 —„— —2 A— —.— ——,—,——„ ———*+— ⏑ ſteht. 257 „Aber ich würde bald dahinter kommen,“ ſagte Maggie geringſchätzig. „Du— und wie?“ „Wenn ich hineinſchaue und leſe, was drinnen 74 „Laß dies lieber bleiben, Jungfer Maggie,“ ſagte Tom, als ſie den Band herunter nehmen wollte. „Mr. Stelling läßt Niemand ohne Erlaubniß ſeine Bücher anrühren, und wenn Du eines herausnimmſt, ſo wird es mir eingetränkt werden.“ 3 „Oh, auch gut. So laß mich Deine eigenen Bücher ſehen,“ verſetzte Maggie, indem ſie ihren Arm um Toms Hals ſchlang und ihre kleine Stumpf⸗ naſe gegen ſeine Wange rieb. Tom faßte in der Freude ſeines Herzens, ſich mit der alten Maggie wieder ſtreiten zu können, ſeine Schweſter um den Leib und begann mit ihr um den großen Tiſch herum zu tanzen. Dies ging immer lebhafter und lebhafter, bis das Haar des Mädchens ſich ablöste und ſie ſelbſt wie ein leben⸗ diger Fegewiſch umher wirbelte. Die Touren um den Tiſch wurden jedoch immer unregelmäßiger und dehnten ſich zuletzt, bis auf Mr. Stellings Leſepult aus, das mit einemmal ſammt den darauf liegenden ſchweren Wörterbüchern donnernd zu Boden ſtürzte. Zum Glück befand ſich das Studirzimmer in einem einſtockigen Anbau des Hauſes, ſo daß der Sturz des Pultes keinen beunruhigenden Wiederhall zur Folge hatte. Gleichwohl blieb Tom eine Weile ſchwin⸗ delig und entſetzt ſtehen in ſeiner Furcht, daß Mr. oder Mrs. Stelling eintreten könnte.. „Wir müſſen uns hier ruhig verhalten, Maggie,“ Eliot, Die Mühle am Floß. I. 17 258 ſagte Tom, während er das Pult wieder aufrichtete. „Wenn wir etwas zerbrechen, ſo wird Mrs. Stel⸗ ling uns das peccari ſingen laſſen.“ „Was iſt das?“ fragte Maggie. „Das iſt das Latein für ein tüchtiges Ausſchel⸗ ten,“ antwortete Tom nicht ohne einigen Stolz auf ſeine Gelehrſamkeit. „Iſt ſie eine wunderliche Frau?“ fragte Maggie. „Will' meinen,“ verſetzte Tom mit einem nach⸗ drücklichen Kopfnicken. „Ich denke, alle Frauen ſind wunderlicher, als die Männer,“ ſagte Maggie.„Tante Glegg iſt viel wunderlicher, als Onkel Glegg, und die Mutter weiß immer mehr an mir zu ſchelten, als der Vater.“ „Ei, aber Du wirſt ja auch einmal eine Frau werden,“ entgegnete Tom.„Du ſollteſt alſo nicht ſo reden.“ „Aber ich werde eine geſcheide Frau ſein,“ erwi⸗ derte Maggie und warf den Kopf in die Höhe. „Ja, ich kann mir's denken— ein garſtiges, ein⸗ gebildetes Ding, das Niemand leiden kann.“ „Aber Du wirſt mich leiden können, Tom; es marg⸗ ſehr ſchlecht von Dir, da ich Deine Schweſter in.“ „Wohl wahr; doch wenn Du ein garſtiges, un⸗ angenehmes Ding biſt, werde ich Dich haſſen.“ „Nein, das wirſt Du nicht, Tom. Ich werde nicht unangenehm ſein. Und gegen Dich will ich immer ſehr gut ſein— überhaupt gut gegen Jeder⸗ mann. Nicht wahr, Tom, Du wirſt mich nicht haſſen?“ „Ah, haſſen— genug davon. Es iſt jetzt Zeit, daß ich meine Aufgaben lerne. Sieh her, was ich zu thun habe,“ ſagte Tom, indem er Maggie an ſich zog und ihr einen ſeiner Lehrſätze zeigte, während ſie ſich die Haare hinter die Ohren ſtrich und ſich vor⸗ bereitete, ihr Geſchick, ihm bei dem Euclid Hilfe zu leiſten, zu zeigen. Sie begann mit aller Zuverſicht in ihre Befähigung zu leſen, machte aber bald eine ſehr verwirrte Miene, und ihr Geſicht glühte vor Aufregung. Es ging nicht anders— ſie mußte ihr Unvermögen eingeſtehen, wie ſehr ihr auch dieſe De⸗ müthigung zu Herzen ging. „Es iſt Unſinn,“ ſagte ſie,„und garſtiges Zeug, aus dem kein Menſch kommen kann.“ „Ah, ſprichſt Du jetzt ſo, Junfer Maggie?“ verſetzte Tom, indem er das Buch wegnahm und gegen ſie mit dem Kopf nickte.„Du ſiehſt, daß Du doch nicht ſo geſcheid biſt, als Du Dir eingebildet haſt.“ „Oh, ich würde es wohl herauskriegen,“ entgeg⸗ nete Maggie ſchmollend,„wenn ich wie Du das Vorausgehende gelernt hätte.“ „Aber das hätteſt Du eben nicht können, Jungfer Weisheit,“ ſagte Tom.„Es iſt nur um ſo ſchwerer, wenn man weiß, was voran geht; denn dann müß⸗ teſt Du ſagen können, was Definition 3 iſt und was in dem Lehrſatz 5 ſteht. Doch genug davon; ich muß jetzt mit dieſem fortmachen. Hier iſt die ueinſch Grammatik; ſieh zu, ob Du daraus klug wirſt.“ Maggie fand nach der mathematiſchen Folter an der lateiniſchen Grammatik ein wahres Beruhigungs⸗ mittel. Die neuen Worte machten ihr Prende⸗ und 7* 260 ſie fand bald das hinten befindliche Wörterverzeich⸗ niß, von dem ſie ſich eine ſchnelle tiefere Einſicht in den Gegenſtand verſprach. Sie war ſchnell ent⸗ ſchloſſen, die Regeln der Syntax zu überſpringen, da die Beiſpiele ſie weit mehr anſprachen. Die ge⸗ heimnißvollen, in einem fremden Text abgefaßten Sätze gewährten, wie etwa die aus fernen Ländern mitgebrachten Hörner von Thieren oder die Blätter unbekannter Pflanzen, ihrer Einbildungskraft einen endloſen Spielraum und übten auf ſie einen um ſo größeren Zauber, weil ſie nicht ihrer eigenen Sprache angehörten, ſondern überſetzt werden mußten. Die lateiniſche Grammatik, die nach Toms Meinung Mädchen nicht lernen konnten, kam ihr hoch intereſſant vor, und ſie bildete ſich etwas darauf ein, daß ſie das Buch intereſſant fand. Die abgeriſſenſten Beiſpiele waren ihr am liebſten. Mors omnibus est communis wäre in ihrer Mutterſprache ein ſehr nüchterner Gedanke geweſen. Vor Allem aber ſprach ſie der glückliche Mann an, dem zu ſeinem begabten Sohn Jedermann Glück wünſchte; denn ſie konnte ſich dabei in angenehmen Muthmaßungen ergehen und hatte ſich bereits in den dichten, keinem Sternen⸗ licht zugänglichen Hain vertieft, als Tom ausrief: „Nun, Maggie, was hältſt Du von der Gram⸗ matik?“. „O Tom, das iſt ein prächtiges Buch!“ verſetzte ſie, von dem großen Armſtuhl aufſpringend und ihm das Buch hinreichend—„viel ſchöner als das Lexicon. Ich wollte ſehr bald lateiniſch gelernt haben; es ſcheint mir gar nicht ſchwer zu ſein.“ „Oh, ich weiß ſchon, wie Du'’s gemacht haſt,“ verſetzte Tom;„Du haſt das hintenſtehende Engliſche geleſen— Jeder Eſel kann das.“ Tom nahm das Buch und ſchlug es mit einer entſchloſſenen, geſchäftsmäßigen Miene auf, als wollte er ſagen, daß er eine Aufgabe zu lernen habe, wel⸗ cher keine Eſel gewachſen ſeien. Maggie wandte ſich etwas gekränkt den Büchergeſtellen zu und begann ſich mit Entzifferung der Rückentitel zu unterhalten. Nach einer Weile rief Tom ihr zu: „Komm' her, Maggie, und höre mich ab, ob ich dies kann. Stelle Dich an's Ende des Tiſches, wo Mr. Stelling zu ſitzen pflegt, wenn er mich auf⸗ ſagen läßt.“ Maggie gehorchte und nahm das offene Buch. „Wo willſt Du anfangen, Tom?“ „Bei den Appellativa arborum; denn ich muß Aue wiederholen, was ich in dieſer Woche gelernt abe.“ Tom ſchiffte recht ordentlich durch drei Zeilen; da aber begann Maggie ihren Dienſt als Abhörerin zu vergeſſen und erging ſich in Speculationen, was wohl das zweimal vorkommende Wort mas zu be⸗ deuten habe, als Tom plötzlich bei dem Sunt etiam volucrum ſtecken blieb. „Du mußt mir's noch nicht ſagen, Maggie. Sunt etiam volucrum... ut ostrea, cetus...“ „Nein,“ ſagte Maggie, den Kopf ſchüttelnd. „ Sunt etiam volucrum,“ fuhr Tom ſehr langſam fort, als hoffe er, die nächſten Worte kommen um ſo ſchneller, je mehr er ihnen durch dieſen kräftigen Wink zu verſtehen gab, daß man auf ſie warte. 262 „C, e, u,“ ſagte Maggie, die nachgerade unge⸗ duldig wurde. „Oh, ich weiß es; halt nur den Mund,“ ent⸗ gegnete Tom.„Ceu passer, hirundo; Ferarum.... ferarum...“ Tom nahm ſein Bleiſtift und machte mehrere dicke Striche auf ſeine Buchdecke....„fera- rum...“ „Oh du mein Himmel, Tom, wie lange brauchſt Du doch,“ rief Maggie,„Ut....“ „lIb ostrea.... „Nein, nein,“ ſagte Maggie,„Ut tigris.... „Richtig, jetzt weiß ich's,“ verſetzte Tom.„Es war tigris, vulpes. Das hatte ich vergeſſen. Ut tigris, vulpes; et piscium.“ Unter vielem Stottern und Wiederholen arbei⸗ tete ſich Tom durch die nächſten Paar Zeilen. „Jetzt kommen wir an das, was ich auf morgen gelernt habe,“ ſagte er.„Gib mir auf eine Minute das Buch her.“ Nach einigem halblauten Vorſichhinplappern, das er mit einem Getrommel auf den Tiſch zu unter⸗ ſtützen ſuchte, gab er das Buch wieder zurück. „Mascula nomina in a,“ begann er. „Nein, Tom,“ ſagte Maggie,„dies kömmt nicht zuerſt. Es heißt Nomen non creskens genittivo....“ „Creskens genittivo,“ rief Tom hellauf lachend, denn dieſe ausgelaſſene Stelle gehörte zu ſeiner geſtrigen Lection, und ein junger Gentleman braucht noch keine ſehr genaue oder ausgedehnte Belannt⸗ ſchaft mit dem Lateiniſchen zu beſitzen, um die kläg⸗ liche Abgeſchmacktheit einer falſchen Betonung zu „ 263 fühlen.„Creskens genittivo! Wie einfältig Du biſt, Maggie.“ „Ei, Du brauchſt nichſt zu lachen, Tom, denn Du haſes ja gar nicht gewußt. So iſts einmal gedruckt— was kann ich weiter wiſſen?“ „Fi— i—i—h! Ich hab's ja geſagt, daß Mädchen nicht Lateiniſch lernen können. Es heißt Nomen non crescens genitivo.“ „Nun, meinetwegen,“ verſetzte Maggie ſchmollend. „Ich kann dies eben ſo gut ſagen wie Du. Und Du gibſt nicht auf die Unterſcheidungszeichen Acht. Man muß beim Halbpunkt zweimal ſo lang halten, als beim Comma, und Du machſt die längſten Pauſen eben da, wo gar kein Unterſcheidungszei⸗ chen iſt.“ „Mit dieſem Geſchwätz da! Laß mich fortmachen!“ Bald darauf wurden ſie abgeholt, um den Reſt des Abends im Beſuchzimmer zu verbringen, und Maggie wurde gegen Mr. Stelling, von dem ſie überzeugt war, daß er ihren Verſtand bewundere, ſo lebhaft, daß Tom über ihre Kühnheit nicht genug ſtaunen konnte. Es war aber kalt Waſſer auf ihre Glut, als Mr. Stelling plötzlich auf ein kleines Mädchen anſpielte, das, wie er gehört habe, einmal zu den Zigeunern entlaufen ſei. „Das muß ein ſonderbares Mädchen geweſen ſein,“ bemerkte Mrs. Stelling in einem ſcherzhaft ſein ſollenden Ton; aber dieſer Scherz auf die ver⸗ meintliche Sonderbarkeit war durchaus nicht nach Maggie's Geſchmack. Sie fürchtete, Mr. Stelling halte am Ende doch nicht viel von ihr, und ging deßhalb jenen Abend ſehr niedergeſchlagen zu Bett. 264 Als Mrs. Stelling ihr nachſah, fühlte ſie, die Dame denke, daß ihr Haar ſehr häßlich ſei, weil es ſo gerade niederhing. 1 Gleichwohl war der vierzehntägige Beſuch bei Tom eine glückliche Zeit für Maggie. Sie durfte bei ſeinen Unterrichtsſtunden zugegen ſein und ver⸗ ſenkte ſich bei ihren Leſeübungen tief in die Beiſpiele der lateiniſchen Grammatik. Namentlich machte ihr der Aſtronom, der die Weiber haßte, ſo viel zu ſchaffen, daß ſie eines Tages Mr. Stelling fragte, ob dieſer Weiberhaß eine Eigenſchaft aller oder nur dieſes beſonderen Aſtronomen ſei. Seiner Antwort vorgreifend fügte ſie bei: „Ich denke mir, es muß wohl bei allen Aſtro⸗ nomen ſo ſein, weil ſie auf hohen Thürmen leben; und wenn Weiber dahin kämen, ſo könnten ſie ſchwatzen und die Aſtronomen hindern, nach den Sternen zu ſehen.“ Mr. Stelling hatte ſeine Freude an dem Ge⸗ plauder der Kleinen, und ſie ſtanden zu einander auf dem beſten Fuße. Sie ſagte zu Tom, ſie möchte wohl auch zu Mr. Stelling in die Schule gehen und dieſelben Dinge lernen, wie er. Mit dem Euclid, meinte ſie, wolle ſie wohl fertig werden, denn ſie habe nach weiterer Einſichtnahme gefunden, daß unter A B C Linien zu verſtehen ſeien. „Ich weiß gewiß, daß Du dies nicht kannſt,“ verſetzte Tom;„aber ich will doch Mr. Stelling darüber fragen.“ „Meinetwegen, ich will es ſogar ſelbſt thun,“ entgegnete die dünkelvolle Hexe. „Mr. Stelling,“ ſagte ſie am nämlichen Abend, 26⁵ als man ſich im Beſuchzimmer zuſammengefunden hatte,„könnte ich nicht auch den Euclid und alle die Aufgaben Toms lernen, wenn Sie mich ſtatt ſeiner zu unterrichten hätten?“ „Nein, das könnteſt Du nicht,“ rief Tom ent⸗ rüſtet.„Mädchen lernen nichts vom Euclid ver⸗ ſtehen, nicht wahr Mr. Stelling?“ 3„Sie können wohl von Allem ein Bischen auf⸗ fangen,“ meinte Mr. Stelling,„denn es fehlt ihnen nicht an einer gewiſſen oberflächlichen Auffaſſungs⸗ gabe; doch weit bringen ſie es nirgends. Es iſt da nur ein Gehudel ohne Tiefe.“ Tom telegraphirte in der Freude über dieſen Wahrſpruch ſeinen Triumph dadurch, daß er hinter Mr. Stellings Stuhl nach Maggie hin mit dem Kopf nickte. Was Maggie betraf, ſo hatte ſie ſich kaum je ſo gekränkt gefühlt. Sie war ſtets ſtolz auf ihre raſche Auffaſſung geweſen, und nun mußte ſie wahrnehmen, daß man ſie ein Gehudel nannte und ihr das Brandmal der Seichtigkeit aufdrückte. Sollte Toms ſchweres Begreifen das Merkzeichen eines tieferen Geiſtes ſein? „Ha, ha, Jungfer Maggie,“ ſagte Tom, als ſie wieder allein waren,„Du ſiehſt, es iſt nichts ſo Großes darum um das ſchnelle Auffaſſen. Du haſt jetzt ſelbſt gehört, daß es Dich doch nie weit brin⸗ gen wird.“ Und Maggie fühlte ſich von dieſer ſchrecklichen Vorherbeſtimmung ſo niedergedrückt, daß ſie nicht einmal den Muth zu einer Entgegnung fand. Aber als der kleine Apparat zu ſeichter Auf⸗ faſſung von Lucas in dem Gig abgeholt wurde und 266 Tom ſeine Studien wieder einſam fortſetzen mußte, vermißte er doch die Gefährtin ſehr. Während ihrer Anweſenheit war ſein Kopf immer viel klarer ge⸗ weſen und er mit ſeiner Aufgabe viel beſſer zu Stande gekommen. Sie hatte an Mr. Stelling ſo viele Fragen über das römiſche Reich geſtellt und ſich ſo gründlich überzeugen wollen, ob es je einen Menſchen gegeben, welcher auf lateiniſch geſagt habe: „es iſt keinen Heller oder keine taube Nuß werth,“ oder ob dieſe Phraſe erſt in's Lateiniſche überſetzt worden ſei, daß in Tom wirklich ein undeutliches Verſtändniß über die Thatſache aufging, es habe einmal auf Erden Menſchen gegeben, weiche ſo glück⸗ lich waren, ohne Beihilfe der Etoner Grammatik Lateiniſch zu verſtehen. Dieſe, lichtvolle Idee war ein großer Zuwachs zu ſeinen hiſtoriſchen Erwerbun⸗ gen, die ſich ſonſt nur auf einen Auszug aus der jüdiſchen Geſchichte beſchränkten. Doch das traurige Halbjahr nahm zuletzt ein Ende. Mit welcher Wonne erfüllte es Tom, als er den kalten Wind die gelben Blätter von den Bäumen fegen ſah. Die trüben Nachmittage und die erſten Schneeflocken des December ſchienen ihm weit lieblicher zu ſein, als die Auguſtſonne. Und um ſich von der Flucht der Tage, nach deren Ab⸗ lauf er die Heimath wieder ſehen ſollte, um ſo ſiche⸗ rer zu überzeugen, ſteckte er drei Wochen vor der Bacanz in einer Ecke des Gartens einundzwanzig Pflöcke tief in den Boden; von dieſen riß er jeden Tag einen mit Wuth wieder aus und ſchleuderte ihn mit einer Macht fort, die ihn bis an der Welt ——— ———V—— 267 Ende getrieben haben würde, wenn es in der Na⸗ tur von Pflöcken läge, eine ſo weite Reiſe zu machen. Aber ſelbſt um den ſchweren Preis der lateini⸗ ſchen Grammatik glaubte Tom, als das Gig laut⸗ los über die ſchneebedeckte Brücke hinfuhr, das Glück, wieder das helle Licht in dem Wohnzimmer der Heimath zu ſehen, nicht zu theuer erkauft zu haben. Wohl ein Glück, aus der kalten Nachtluft in die be⸗ hagliche Wärme und zu den Küſſen, zu dem frohen Lächeln am traulichen Herd überzugehen, wo die Zeichnung des Frieſes, das Gitter und die Feuer⸗ böcke die„erſten Ideen“ einflößten und der Kritik eben ſo wenig Raum geſeatieten, als die Dichtigkeit und Ausdehnung der Materie. Man fühlt ſich nir⸗ gends behaglicher als an dem Ort, wo man gebo⸗ ren wurde, wo die Gegenſtände für uns einen Reiz gewannen, noch eh' wir zu wählen verſtunden, und wo die Außenwelt uns nur eine Erweiterung der eigenen Perſon zu ſein ſchien; wir nahmen Alles hin und liebten es wie Glieder unſeres Leibes oder Theilſtücke unſeres Daſeins.— Die Ausſtattung iſt vielleicht gewöhnlich, und man würde ſie ſogar für häßlich halten, wenn wir ſie in einem Auctionszim⸗ mer ſehen würden; einem veredelten Geſchmack er⸗ ſcheint wohl gar das Möbelwerk als abſcheulich; denn iſt nicht das Beſtreben, ſeine Umgebung mehr und mehr zu verſchönern, der Hauptcharakterzug, welcher den Menſchen von dem Thier, oder doch den edleren Menſchen von den gemeineren Naturen unter⸗ ſcheidet? Aber der Himmel weiß, wohin uns dieſes Beſtreben führen könnte, wenn uns nicht ein ge⸗ wiſſer Drang inwohnte, auch für untergeordnete alte —— 268 Dinge eine gewiſſe Anhänglichkeit zu bewahren, da Alles, was wir liebten und heilig hielten, mit tiefen unzerſtörlichen Wurzeln in unſerer Erinnerung haf⸗ tet. Das Vergnügen an einem die Hecke mit ſei⸗ nem dichten Blätterwerk überwölbenden Fliederbuſch, der uns weit ſchöner vorkömmt, als die ſchönſten Cyſten und Fuchſien, die ſich über einem ſanften wellenförmigen Raſen ausbreiten, mag einem Land⸗ ſchaftsgärtner und Jedem, der über die Schwäche erhaben iſt, ſeine Gefühle durch andere, als durch die nachweisbarſten höheren Eigenſchaften beeinfluſſen zu laſſen, als eine ungerechtfertigte Bevorzugung er⸗ ſcheinen. Freilich hat ſie auch keinen anderen Grund, als daß der Buſch frühere Erinnerungen weckt; er iſt keine Neuheit in unſerem Leben, die durch Form 1 und Farbe zu unſeren äußern Sinnen ſpricht, ſon⸗ dern ein langjähriger Gefährte, deſſen Bild ſich mit unſern Freuden verwob in einer Zeit, wo dieſe Freuden ſo recht lebhaft waren. Zweites Kapitel. Die Weinachtsvakanz. Das ſchöne alte Chriſtfeſt mit dem ſchneeigen Haar und dem röthlichen Geſicht hatte ſelbiges Jahr ſeine Schuldigkeit auf die nobelſte Weiſe gethan und ſeine reichen Gaben an Wärme und Farbe in den abſtechendſten Gegenſatz zu Froſt und Schnee gebracht. Der Schnee bildete in dem Garten und an dem —-————.— Flußufer eine ſanftere wellenförmige Fläche, als die 269 Glieder der Kindheit; er lag mit der zierlichſten Spitzenbordure am Rand auf jedem Dach, gegen das die rothen Giebel nur um ſo röther abſtachen; er wuchtete auf den Föhren und Lorbeerbäumen, bis er mit ſchauderndem Kniſtern herunterfiel, und bekleidete das rauhe Rübenfeld mit ſo reinem Weiß, daß die Schafe ſich dagegen wie braune Stollen ausnahmen. Die Thore waren durch ſich abdachende Schneewehen verrammelt, und da und dort ſtand ein unbeachteter Vierfüßler, als ſei er verſteinert „in ſtützeloſer Trauer.“ Nirgends lichte Streifen, nirgends ein Schatten; denn auch der Himmel war eine einzige ſtille blaſſe Wolke— kein Laut, keine ZBewegung in irgend etwas, als in dem dunklen Fluß, der dahin ſtrömte und ſtöhnte dem Leid gleich, das keine Ruhe finden kann. Aber das alte Chriſt⸗ feſt lächelte, als es dieſen grauſamen Bann der äußeren Welt auflegte; denn es gedachte dafür die Heimath mit neuem Glanz auszuſtatten, den Reich⸗ thum des Colorits innen zu erhöhen und die Luſt am duftigen warmen Mahle zu ſteigern; es wollte eine angenehme Gefangenſchaft herbeiführen, welche die urſprünglichen Bande des Familienlebens kräfti⸗ gen und den Sonnenſchein trauter Menſchengeſichter ſo willkommen machen ſollte, wie den des verborge⸗ nen Tagesgeſtirns. Seine Freundlichkeit fiel nur ſchwer auf die Heimathloſen— auf die Wohnſtätten ohne warmen Herd und ohne würziges Mahl, wo die Menſchengeſichter keinen Sonnenſchein zeigten, wohl aber dafür den hohläugigen bleiernen Blick des hoff⸗ nungsloſen Mangels. Dennoch meinte es die ſchöne alte Jahreszeit gut, und wenn ſie das Geheimniß, 270 alle Menſchen unparteiiſch zu ſegnen, nicht gelernt hatte, ſo lag der Grund wohl in dem Umſtand, daß ihre Mutter, die Zeit, es noch immer in ihrem mächtigen, langſam ſchlagenden Herzen verborgen hält. Und doch fand Tom dieſes Chriſtfeſt, trotz der Wonne, wieder in der Heimath zu ſein, obſchon er ſich das Warum nicht zu erklären vermochte, nicht ganz ſo glücklich, wie es ſonſt geweſen. Wohl prunkte die Stechpalme in demſelben reichen Schmuck von rothen Beeren, und er und Maggie hatten am Chriſt⸗ abend alle Fenſter, Simſe und Bilderrahmen ſo ge⸗ ſchmackvoll, wie je, verziert, indem ſie die ſcharlachnen Zweige mit dem ſchwarzbeerigen Epheu zuſammen⸗ flochten. Nach Mitternacht war unter den Fenſtern geſungen worden— nach Maggie's Vorſtellung ein übernatürlicher Geſang, obſchon Tom ihr verächtlich darauf entgegenhielt, daß die Sänger der alte Küſter Patch und die Choriſten des Kirchſpiels ſeien; ſie zitterte in heiliger Scheu, wenn die melodiſchen Klänge ihre Träume unterbrachen, und das Bild von Männern in Zwilchkitteln mußte ſtets dem Ge⸗ ſicht von Engeln weichen, die auf den auseinander⸗ weichenden Wolken ſchwebten. Aber der mitternächt⸗ liche Geſang hatte wie gewöhnlich dazu beigetragen, den Morgen über das Niveau eines gewöhnlichen Tages zu erheben. Dazu kam noch um Frühſtückzeit der Geruch von heißen Röſtſchnitten und Ale aus der Küche; der Lieblingspſalm, die grünen Zweige und die kurze Altarrede verliehen dem Kirchgang den geeigneten feſtlichen Charakter; und Tante und Onkel Moß mit all ihren ſieben Kindern nahmen ſich wie eben ſo viele Reflectoren des hellen Stuben⸗ V V f d 1 1 L — 271 feuers aus, als die Kirchengänger zurückkamen und den Schnee von ihren Füßen ſtampften. Der Pflau⸗ menpudding hatte dieſelbe ſchöne Rundung, wie immer, und kam herein von ſymboliſchen blauen Farben umgeben, als ſei er heroiſch dem Feuer der Tiefe entriſſen worden, nach welchem ihn magenſchwache Puritaner verwieſen. Nicht minder prächtig war der Nachtiſch mit ſeinen goldenen Orangen, den braunen Nüſſen, der kryſtallhellen und der dunklen Apfelgelce und dem Zwetſchgenkäſe. In allen dieſen Dingen war das Chriſtfeſt, wie es geweſen, ſo weit Tom zurück denken konnte, und wenn es ſich je in einem Punkt unterſchied, ſo beſtand dieſer in der guten Schlittenbahn und in der trefflichen Gelegen⸗ heit zum Schneeballenwerfen. 3 Weihnachten war fröhlich; aber nicht das gleiche ließ ſich von Mr. Tulliver ſagen. Er war reizbar und trotzig, und obgleich Tom die Händel und Krän⸗ kungen ſeines Vaters als eigene betrachtete, konnte er ſich doch nicht des peinlichen Gefühls erwehren, das auch Maggie bedrückte, als Mr. Tulliver in der freieren Zeit des Nachtiſches in ſeinen Erzählun⸗ gen und Behauptungen immer lauter und heftiger wurde. Die Aufmerkſamkeit, die Tom ſo gerne aus⸗ ſchließlich ſeinen Nüſſen und dem Wein zugewendet hätte, wurde durch die Belehrung zerſtreut, daß es ſchurkiſche Feinde in der Welt gebe, und daß ein erwachſener Mann kaum durch's Leben kommen könne ohne eine gute Portion Händel. Nun war Tom gerade kein Freund von Händeln, wenn ſie ſich nicht ſtehenden Fußes mit einem Gegner abmachen ließen, den er tüchtig durchzudreſchen Ausſicht hatte, und er 272 fühlte ſich ſehr unbehaglich bei ſeines Vaters ge⸗ reizten Reden, obſchon er ſich ſelbſt dieſes Gefühl nicht zu erklären vermochte; denn der Gedanke, daß ſein Vater Unrecht haben konnte, kam ihm nicht von Ferne in den Sinn. Die beſondere Verkörperung des böſen Princips, welches Mr. Tulliver zu entſchloſſenem Widerſtand anregte, war ein Mr. Pivart, welcher Grundſtücke weiter oben am Ripple beſaß und nun Vorkehrungen zu ihrer Bewäſſerung traf— ein Eingriff in Mr. Tullivers vermeintlich wohl begründetes Recht auf die Waſſerkraft nach dem einfachen Grundſatz, daß Waſſer Waſſer ſei. Dix, der eine Mühle an dem Fluß hatte, war in Vergleichung mit Pivart nur ein ſchwacher Bundesgenoſſe des Meiſters Urian. Ein Gutachten hatte dieſen Widerſacher zur Beſin⸗ nung gebracht und Mr. Wakems Rath ihm nicht weit geholfen; denn Mr. Tulliver erklärte, Dix habe ſo gut wie auf gar keinem Rechtsboden geſtanden, und in dem Uebermaß ſeiner Entrüſtung gegen Pivart begann ſeine Verachtung gegen einen beſiegten Gegner wie Dix faſt den Charakter einer freundſchaftlichen Zuneigung zu gewinnen. Er hatte heute keinen männlichen Zuhörer, als Mr. Moß, der, wie er ſagte, nichts von der„Natur der Mühlen“ verſtand und Mr. Tullivers Gründen aus verwandtſchaftlichen und pecuniär verpflichtenden Rückſichten natürlich nur zuſtimmen konnte; aber Mr. Tulliver ſprach nicht in der eitlen Abſicht, ſein Publicum zu über⸗ zeugen, ſondern um ſich ſelbſt Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen, während der gute Mr. Moß ſich alle Mühe gab, trotz der Schläfrigkeit, die nach jeder guten V mächtigen pflegte, ſeine Augen weit offen zu halten. — Mahlzeit ſich ſeines abgeſchafften Körpers zu be⸗ Mrs. Moß griff den Gegenſtand mit größerer Leb⸗ haftigkeit auf, da ſie an Allem Theil nahm, was ihren Bruder betraf, und ſprach gelegentlich, wenn die Mutterſorge ihr Zeit ließ, auch ein Wort da⸗ zwiſchen. „Ei, Bruder, Pivart iſt ein neuer Name in der Gegend,“ ſagte ſie.„Zu unſeres Vaters Zeit gab es hier herum keinen Pivart, und auch ſpäter nicht, als ich noch ledig war.“ „Neuer Name? Ja, ich mein'’ auch, daß es ein neuer Name iſt,“ verſetzte Mr. Tulliver mit zor⸗ nigem Nachdruck.„Die Dorlcotemühle iſt ſchon mehr als hundert Jahre in unſerer Familie, und Niemand hat je gehört, daß ein Pivart etwas von dem Fluß wollte, bis dieſer Kerl herkam und unter der Hand Bincome's Farm ankaufte, ehe nur irgend ein Menſch pap ſagen konnte. Aber ich will ihn pivarten!“ fügte Mr. Tulliver bei und erhob ſein Glas in dem Bewußtſein, gegen dieſen Gegner ſich einen unumſtößlichen Entſchluß gebildet zu haben. 1 „Du wirſt doch hoffentlich nicht mit ihm pro⸗ ceſſiren müſſen, Bruder?“ entgegnete Mrs. Moß voll Beſorgniß. „Ich weiß nicht, zu was man mich treiben wird; aber das weiß ich, zu was ich ihn zu zwingen ge⸗ denke mit ſeinen Zufuhr⸗ und Abfuhrgräben, wenn es anders noch Recht und Gerechtigkeit im Lande gibt. Ich merke ſchon, wer hinter der ganzen Geſchichte ſteckt— Niemand anders, als der Wakem, der ihm die Stange hält und ihn vorwärtsſchiebt. Ich zneie Walem Eliot, Die Mühle am Floß. I. 274 ſagt ihm, das Geſetz könne ihm nicht beikommen; aber es gibt auch außer Wakem noch Leute, die ſich auf Geſetz und Recht verſtehen. Es bedarf freilich eines tüchtigen Spitzbuben, um ihn aus dem Sattel zu heben, aber es laſſen ſich noch größere auffinden, als er iſt, die noch mehr von den Winkelzügen des Rechts verſtehen; denn wie wäre ſonſt Wakem dazu gekommen, den Proceß Brumley's zu verlieren?“ Mr. Tulliver war ein Mann von ſtrenger Ehrenhaftigkeit; aber wo die Gerichtshöfe in Frage kamen, war er der Anſicht, daß die Zwecke der Ge⸗ rechtigkeit ſich nur dadurch erreichen ließen, wenn man einem Schurken einen noch größeren gegenüber ſtellte. Ein Proceß erſchien ihm als eine Art Hahnenkampf, in welchem das getränkte Recht ſich nicht anders helfen konnte, als wenn es ſich einen recht muthigen Kämpfer auslas und ihn mit den ſtärkſten Spornen verſah. „Gore iſt kein Dummkopf— das laß ich ihm nicht nachſagen,“ fügte er in ſtreitſüchtigem Tone bei, als ob die arme Gritty die Fähigkeiten dieſes Rechtsgelehrten bemäkelt hätte;„aber was die Ge⸗ ſetzeskunde betrifft— ſiehſt Du, da iſt er dem Wakem nicht gewachſen. Und mit dem Waſſer hat's auch ſein beſonderes Verhalten— man kann's nicht mit der Miſtgabel wegnehmen; darum iſt auch Meiſter Urian mit ſeinen Advocaten ſtets dahinter. Man braucht übrigens nur gerade vor ſich hinzuſehen, wenn man ſich klar machen will, was beim Waſſer Recht iſt und Unrecht; denn ein Fluß iſt ein Fluß, und wenn einer eine Mühle hat, ſo braucht er Waſſer, um ſie zu treiben. Man braucht mir nicht zu ſagen, ———O—————- —— 1 t 1 1 r 1 „ —————— 8⁸ 8⏑◻⏑⏑— Pivarts Bewäſſerungsunſinn werde mein Rad nicht zum Stillſtand bringen. Ich muß am beſten ver⸗ ſtehen, was zum Waſſer gehört. Mag man mir da hundertmal mit den Ausſagen der Inſcheniere komme. Ich ſage, es liegt auf flacher Hand, daß Pivarts Gräben mir Nachtheil bringen müſſen. Wenn's aber beim Inſchenieren auf das heraus kommt, ſo ſoll Tom es auch lernen, und er wird dann ſehen, ob er in dem Inſcheniergeſchäft nicht ein bischen mehr Verſtand findet, als dieſe.“ Tom, der ſich bei der Hinweiſung auf dieſe Ausſichten etwas ängſtlich umſah, zog gedankenlos eine Klapper zurück, mit welcher er der jüngſten Miß Moß die Zeit vertrieben; dieſe aber, die ein Wickel⸗ kind von merkwürdig entſchiedenem Willen war, gab ihren Gefühlen alsbald durch ein gellendes Geſchrei Ausdruck und ließ ſich auch durch die Zurückerſtat⸗ tung der Klapper nicht beſchwichtigen, da das ur⸗ ſprüngliche Unrecht der Wegnahme in voller Kraft nachwirkte. Mrs. Moß eilte mit ihr in ein anderes Zimmer und drückte gegen die ſie begleitende Mrs. Tulliver die Ueberzeugung aus, daß das liebe Kind gute Gründe zum Schreien habe, womit ſie andeu⸗ ten wollte, daß man ihr Neſthöckerchen ganz falſch verſtehe, wenn man meine, es habe um der Klapper willen ſolchen Lärm gemacht. Nachdem das völlig berechtigte Geſchrei zum Schweigen gebracht war, ſah Mrs. Moß ihre Schwägerin an und ſagte: „Es thut mir leid, ſehen zu müſſen, daß mein veer aus dieſer Waſſergeſchichte ſo viel Weſens macht.“ „Das iſt die Art Ihres Bruders, Mish Moß; 276 eh' ich ihn heirathete, iſt mir nie etwas dergleichen vorgekommen,“ verſetzte Mrs. Tulliver mit halb⸗ verhülltem Vorwurf. Sie ſprach von ihrem Mann Mrs. Moß gegenüber nur als von„Ihrem Bruder,“ ſo oft ſein Benehmen nicht ein Gegenſtand reiner Bewunderung ſein konnte. Die gute Mrs. Tulliver, an der man in ihrem ganzen Leben nie ein zorniges Aederchen gefunden, hatte doch einen kleinen Antheil von jenem Geiſt in ſich, ohne den ſie kaum ein Frauenzimmer und eine Dodſon hätte ſein können. Da ſie gegen ihre eigene Schweſter ſtets den Ver⸗ theidigungspoſten einhalten mußte, ſo war es natür⸗ lich, daß ſie, ſelbſt als die ſchwächſte Dodſon, ihre hohe Ueberlegenheit fühlte gegen eine Schwägerin, welche, abgeſehen von ihrer Armuth und ihrer Anhäng⸗ lichkeit an den Bruder, die gutmüthige Unterwürfig⸗ keit einer unſchönen, großen, ſehr fruchtbaren Frau voon gelaſſenem Gemüth und dabei Liebe genug nicht nur für ihren Mann und ihren Haufen Kinder, ſon⸗ dern auch noch für die Unzahl von Seitenverwand⸗ ten beſaß. „Ich hoffe zu Gott, daß er keinen Proceß an⸗ fangen wird,“ ſagte Mrs. Moß,„denn man kann nie wiſſen, was es damit für ein Ende nimmt. Das Recht iſt nicht immer der gewinnende Theil. Dieſer Pivart iſt, wie ich merke, ein reicher Mann, und reiche Leute ſetzen meiſt durch, was ſie wollen.“ „Was dies betrifft,“ verſetzte Mrs. Tulliver, ihren Anzug niederſtreichend,„ſo hab' ich in meiner eigenen Familie geſehen, was es um den Reichthum iſt, denn meine Schweſtern haben Männer, die ſo ziemlich Alles erſchwingen können, was ſie wünſchen. 7 Aber vor dieſem ewigen Geſchwätz von Recht und Bewäſſerung weiß ich oft nicht, wo mir der Kopf ſteht; und meine Schweſtern legen Alles mir zur Laſt, denn wie ſollten ſie wiſſen können, was es heißt, einen Mann wie Ihren Bruder zu heirathen? Schweſter Pullet kann vom Morgen bis in die Nacht thun und treiben, was ſie will.“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete Mrs. Moß,„daß „ ich meinen Mann gern haben könnte, wenn er nicht einen eigenen Willen hätte und ich mit meinem Hirn für ihn einſtehen müßte. Es iſt viel leichter, zu thun, was dem Mann gefällt, als ſich den Kopf zu zerbrechen mit dem, was man ſonſt thun könnte.“ „Wenn man mir damit kommt und mir von dem Manne zu Gefallen leben ſpricht,“ ſagte Mrs. Tul⸗ ſiver in ſchwacher Nachahmung ihrer Schweſter Glegg, „ſo bin ich überzeugt, daß Ihr Bruder lang hätte warten dürfen, bis er eine Frau gefunden hätte, die ihn ſo in Allem gewähren läßt, wie ich. Man hört jetzt kein anderes Sterbenswörtchen vom frühen Aufſtehen an, bis man Nachts ſpät ſich zu Bette legt, als von Recht und Bewäſſerung, und ich wider⸗ ſpreche ihm nie. Ich ſage ihm nur—„Thu was Du willſt, Tulliver; aber was Du auch thun magſt, 4 laß das Proceſſiren bleiben.“ Mrs. Tulliver war, wie wir geſehen haben, nicht ohne Einfluß auf ihren Mann. Keine Frau entbehrt deſſelben; ſie kann ihn immer beſtimmen, entweder ihren Wünſchen nachzukommen, oder das Gegentheil zu thun, und unter der Menge von Spornen, welche MNr. Tulliver in einen Proceß zu ſtürzen drohten, 1 hatte ſicherlich die ewige eintönige Vorſtellung ſeiner 278 Frau auch ihren Antheil. Sie ließ ſich vielleicht mit dem ſprichwörtlichen Strohhalm vergleichen, unter dem das Kameel zuſammenbrechen ſoll, obgleich bei einer ſtreng unparteiiſchen Würdigung des Falls der Vorwurf eigentlich die frühere Laſt von Strohhalmen treffen ſollte, mit welcher man den Rücken des Thiers in einer ſo gefährdenden Weiſe überbürdete, daß ſo⸗ gar ein ſonſt völlig harmloſer Strohhalm nur Unfug ſtiften kann. Nicht daß Mrs. Tullivers ſchwache Bitte das Gewicht dieſes Strohhalms durch ihre einzelne Perſönlichkeit vertreten hätte; aber wenn immer ſie den Meinungen ihres Mannes nicht zu⸗ ſtimmte, erſchien ſie ihm nur in dem Licht einer Ver⸗ treterin der Dodſon⸗Familie, und es war bei Mr. Tulli⸗ ver Grundſatz, die Dodſone ſtets wiſſen zu laſſen, daß ſie über ihn nicht dominiren ſollten, oder mit anderen Worten— daß ein männlicher Tulliver es mit vier weiblichen Dodſonen aufnehme, ſelbſt wenn darunter eine Mrs. Glegg ſei. Aber nicht einmal ein unmittelbares Losziehen gegen das Proceſſiren aus dem Mund dieſes Urtypus Dodſon'ſcher Weiblichkeit hätte ſeine Luſt, gerade in dieſes Laſter zu verfallen, in einem höheren Grad ſteigern können, als der bloße Gedanke an Wakem, welcher an jedem Markttag durch den Anblick dieſes nur allzu geſchickten Advocaten in ſeinem Geiſte auf⸗ gefriſcht wurde. Er wußte zuverläſſig, daß Wakem — metaphoriſch geſprochen— dieſer ganzen Pivart⸗ ſchen Bewäſſerungsgeſchichte zu Grunde lag; Wakem hatte den Dixr zum Proceß wegen des Damms gegen ihn aufgehetzt, und ohne Zweifel war derſelbe ſchlimme Menſch daran Schuld geweſen, daß Mr. Tulliver 1 —y„— 279 mit ſeiner Klage abgewieſen wurde, als er das Recht des Wegs über die Brücke und nach ſeinen Gütern für ſich anſprach und denſelben nicht jedem Land⸗ ſtreicher freigeben wollte, der lieber Privateigenthum beſchädigte, als nach der Art ehrlicher Leute ſich an die Landſtraße halten wollte. Alle Advocaten waren mehr oder weniger Schurken; aber Wakems Schur⸗ kerei gehörte zu jener eigenthümlich ſchlimmen Art, welche der Rechtsform entgegentrat, die ſich in Mr. Tullivers Intereſſen und Anſichten verkörpert hatte. Dazu kam eine weitere bittere Pille: der gekränkte Müller hatte in letzter Zeit wegen Aufnahme der fünfhundert Pfund perſönlich auf Wakems Bureau ein Geſchäftchen abmachen müſſen. Ein krumm⸗ naſiger, aalglatter Kerl— ſo kalt wie eine Kukumer — und ſeinen Mann keinen Moment aus dem Auge laſſend! Wie ärgerlich, daß der Advocat Gore ihm ſo wenig glich, ſondern ein kahlköpfiger, rundgeſichti⸗ ger Mann mit geſchmeidigen Manieren und fetten Händen war; auf dieſen Kampfhahn hätte kein Menſch gegen Wakem gewettet. Gore war wohl ein ſchlauer Burſche und Gewiſſenhaftigkeit nicht eben ſeine ſchwache Seite; aber auch der größte Aufwand von ſelbſt noch ſo bedeutungsvollem Blinzeln ließ ſich doch mit dem Sehen durch eine ſteinerne Mauer nicht eßfteiden Und wie ſehr auch Mr. Tulliver auf ſeinen Grundſatz baute, daß Waſſer Waſſer ſei, und wie feſt er ſich überzeugt fühlen mochte, daß Pivart in dieſer Bewäſſerungsangelegenheit auf ſchwachen Füßen ſtehe, ſo konnte er ſich doch des peinlichen Argwohns nicht entſchlagen, Wakem vermöge in die⸗ ſer vernünftigerweiſe ganz unanfechtbaren Geſchichte 280 mehr Rechtskniffe aufzubieten, als Gore. Wenn es freilich einmal zum Proceß kam, ſo war es in Mr. Tullivers Hand gegeben, auch den Conſulenten Wylde für ſeine Sache zu gewinnen, da er dieſen bewun⸗ dernswürdigen Klopffechter nicht dem Gegenpart laſſen konnte, und die Ausſicht, einen Zeugen Wakems ſchwitzen und in Verwirrung gebracht zu ſehen, wie es einmal einem Zeugen von Mr. Tulli⸗ ver ergangen, war ein zugäblicher Reiz für ſeine vergeltende Gerechtigkeitsliebe. Wie viel hatte Mr. Tulliver während ſeiner Ritte auf dem grauen Roß über dieſe verzwickten Dinge zu brüten— wie oft drehte er den Kopf nach der einen oder der anderen Seite, je nachdem die Wag⸗ ſchalen auf⸗ und niederſtiegen. Doch der wahrſchein⸗ liche Ausgang lag noch ferne und war nur durch viel hitziges Disputiren und ſtetige Wiederholungen im häuslichen und geſellſchaftlichen Kreiſe zu erzielen. Bis Mr. Tulliver ſeine Anſichten gegen alle ſeine Bekannten ausgekramt hatte, verging nothwendig viele Zeit, und als mit dem Beginn des Februars Tom wieder in ſeine Schule zurück ſollte, war kaum mehr ein neuer Punkt für die Begründung des Falls gegen Pivart oder eine beſtimmtere Anzeige für die Maßregel aufzufinden, die ſein Vater gegen den vor⸗ lauten Verletzer des Grundſatzes, daß Waſſer Waſſer ſei, einzuſchlagen gedachte. Wiederholungen haben gemeiniglich, wie die Reibung, keinen Fortgang, ſon⸗ dern nur Hitze zur Folge, und dieſe Wirkung trat an Mr. Tulliver immer deutlicher hervor. Und wenn auch kein anderer Punkt ſich klarer heraus⸗ ſtellte, ſo hatte er doch ſchließlich den vollen Beweis —— 281 bei Handen, daß Wakem mit Pivart„durch Dick und Dünn ging.“ „Vater,“ bemerke Tom eines Abends, als die Vacanz ihrem Ende nahe war,„Onkel Glegg ſagt, der Advocat Wakem ſchicke ſeinen Sohn auch zu Stelling. Es iſt kein wahres Wort an dem Gerücht, daß er ihn habe nach Frankreich thun wollen. Ich denke, es iſt Euch nicht lieb, daß ich den jungen Wakem zum Schulkameraden kriegen ſoll— oder?“ „Ich mache mir nichts daraus, Tom, wenn Du nur nichts Schlimmes von ihm lernſt,“ verſetzte Mr. Tulliver.„Der Junge iſt ein armer Krüppel und hat das Geſicht ſeiner Mutter; ich glaube nicht, daß viel von ſeinem Vater in ihm ſteckt. Wakem muß eine ſehr gute Meinung von Stelling haben, da er ihm ſonſt nicht ſeinen Sohn übergeben würde. Der Schlaukopf weiß Mehl von Kleie recht gut zu unter⸗ ſcheiden.“ In ſeinem Innern war Mr. Tulliver ſogar ſtolz auf die Thatſache, daß ſein Tom dieſelben Vortheile der Erziehung genießen ſollte, wie der Sohn Wakems; Tom aber fühlte ſich über dieſen Punkt lange nicht ſo ruhig. Die Sache hätte ihm weit mehr ein⸗ geleuchtet, wenn der Sohn des Advocaten kein Krüp⸗ pel geweſen wäre, ſofern er daraus die Ausſicht ab⸗ leiten konnte, ihn mit all der Freiheit zu behandeln, die man auf eine hohe moraliſche Berechtigung zu gründen in der Lage iſt. 282 Drittes Kapitel. Der neue Schulkamerad. Tom kehrte an einem naßkalten Januartag wie⸗ der nach der Schule zurück. Der Tag ſtand ganz im Einklang mit dieſer ernſten Phaſe ſeines Schick⸗ ſals. Hätte er nicht eine Tüte Kandiszucker und eine kleine Nürnberger Puppe für die kleine Laura in der Taſche gehabt, ſo wäre auch nicht der min⸗ deſte Strahl eines in Ausſicht ſtehenden Vergnügens in das allgemeine Düſter gefallen. Er gefiel ſich übrigens in dem Gedanken, wie Laura nach den Zuckerſtückchen die Lippen ſpitzen und die Händchen ausſtrecken würde. Um ſeiner Einbildungskraft nach⸗ drücklicher aufzuhelfen, holte er die Tüte heraus, machte ein kleines Loch in das Papier und biß einen oder zwei Kryſtalle ab— ein Verfahren, das unter der Einzwängung und den feuchten Dünſten des Gigdaches einen ſo troſtbringenden Einfluß auf ihn bte daß er es unter Wegs mehr als einmal wieder⸗ olte. „Ach, Tulliver, es freut uns, Euch wieder zu ſehen,“ ſagte Mr. Stelling.„Schält Euch heraus aus Eurem Teppich und kommt bis zum Mittageſſen nach der Studirſtube. Ihr findet dort ein helles Feuer und einen neuen Kameraden.“ Tom fühlte eine unbehagliche Verwirrung, als er ſeinen wollenen Tröſter und die übrigen Reiſehüllen abnahm. Er hatte Philipp Wakem ſchon in St. Oggs geſehen, aber immer ſo ſchnell als möglich die Augen wieder von ihm abgewendet. Die Ka⸗ 283 meradſchaft eines mißgeſtalteten Knaben wollte ihm nicht behagen, ſelbſt wenn Philipp nicht der Sohn eines ſchlimmen Mannes geweſen wäre. Auch ſah er nicht ein, was man wohl Gutes an eines böſen Mannes Sohn möge finden können. Sein eigener Vater war die Rechtſchaffenheit ſelbſt, und er würde Jeden, der das Gegentheil behauptete, mit der Fauſt davon überzeugt haben. So folgte er denn in einer Stimmung, in welcher ſich Trotz mit Verlegenheit mengte, Mr. Stelling nach dem Studirzimmer. „Da, Tulliver— Ihr könnt dem neuen Kamera⸗ den die Hand geben,“ ſagte Mr. Stelling, nachdem ſie in dem Studirzimmer angelangt waren.„Maſter Philipp Wakem. Ich will es euch überlaſſen, ſelbſt näher miteinander bekannt zu werden. Ganz fremd werdet ihr euch nicht ſein, denk ich, da ihr nicht weit von einander zu Hauſe ſeid.“ Tom machte eine verwirrte linkiſche Miene, während Philipp aufſtand und ſchüchtern nach ihm hinblickte. Es war dem erſteren ganz und gar nicht darum zu thun, nur ſo ohne Weiteres die Hand auszuſtrecken und„Grüß Gott“ zu ſagen. Mr. Stelling entfernte ſich weislich und machte die Thüre hinter ſich zu. Das ſcheue Weſen der Knaben verliert ſich nur in der Abweſenheit älterer Perſonen. Philipp war ebenſowohl zu ſtolz, als zu ſchüch⸗ tern, um auf Tom zuzugehen. Er dachte oder fühlte es vielmehr, daß Tom eine Abneigung habe, ihn anzuſehen; es erging ja faſt Jedermann ſo, und ſeine Mißgeſtalt fiel beim Gehen nur um ſo mehr in die Augen. So kam es denn weder zu einem 284 Händedruck, noch zu Worten. Tom trat an das Feuer, um ſich zu wärmen, warf aber hin und wie⸗ der verſtohlene Blicke nach Philipp, welcher zerſtreut zuerſt einen, dann einen anderen Gegenſtand auf ein vor ihm liegendes Blatt Papier zu zeichnen ſchien. Er hatte wieder Platz genommen und erwog während des Zeichnens bei ſich, was er zu Tom ſagen konnte, und ob er wirklich zu Einleitung der Bekanntſchaft den Anfang machen ſollte. Tom begann Philipps Geſicht öfter und länger in's Auge zu faſſen, denn er konnte dies thun, ohne dem Buckel Beachtung zu ſchenken; und es war in der That kein unangenehmes Geſicht, nur ziemlich alt ausſehend, wie Tom meinte. Er machte ſich Ge⸗ danken, um wie viel Philipp wohl älter ſein mochte, als er. Ein Anatom, oder auch nur ein Phyſiogno⸗ miker würde alsbald erkannt haben, daß die Ver⸗ krümmung von Philipps Wirbelſäule kein angebore⸗ ner Höcker, ſondern die Folge eines ihm in der Kindheit zugeſtoßenen Unfalls war. Eine ſolche Un⸗ terſcheidung ließ ſich übrigens von Tom nicht erwar⸗ ten: für ihn war Philipp einfach ein Buckliger. Er hatte eine unbeſtimmte Ahnung, die Mißgeſtalt von Wakems Sohn möge im Zuſammenhang ſtehen mit dem ſpitzbübiſchen Charakter des Advocaten, von dem er ſeinen Vater ſo heiß und heftig hatte ſpre⸗ chen hören; dazu kam noch die Beſorgniß, er dürfte wohl ein heimtückiſcher Burſche ſein, der, weil er nicht in der Lage war, ſich zu balgen, einem Ande⸗ ren wahrſcheinlich durch ſeine Schlauheit Leides genug zufügen mochte. In der Nachbarſchaft von Mr. Ja⸗ cobs' Academie hatte ein buckliger Schneider gewohnt, —— —— 285 der als ein ſehr unliebenswürdiger Charakter galt und natürlich bloß wegen ſeiner unbefriedigenden moraliſchen Eigenſchaften von dem Gemeingeiſt der Knaben viel Hohn und Spott erdulden mußte, ſo daß für den gegenwärtigen Fall Tom bereits durch einen thatſächlichen Vorgang vorbereitet war. Gleich⸗ wohl konnte man nicht leicht unähnlichere Geſichter finden, als das häßliche des Schneiders und das ſchwermüthige des Knaben, um welches wie bei einem Mädchen braune Locken ſpielten, ſo daß ſich Tom faſt zum Mitleid bewogen fühlte. Dieſer Wakem war ein blaſſer, kleiner Burſche und augenſcheinlich beim Spielen ſo gut wie für nichts anzuſchlagen; aber er handhabte ſein Bleiſtift in einer beneidens⸗ werthen Weiſe, und man ſah, daß die Figuren, die er nacheinander entwarf, ihm durchaus keine Mühe machten. Was zeichnete er wohl? Tom hatte ſich nun zur Genüge gewärmt und ſehnte ſich nach etwas Neuem. Es war ſicherlich angenehmer, einen bos⸗ haften Buckligen zum Kameraden zu haben, als bei Regenwetter einſam in dem Studirſtubenfenſter zu liegen und mit den Fußſpitzen gegen die Lambrien zu trommeln; es gab doch wenigſtens jeden Tag etwas— p„einen Hader oder Aehnliches,“ und Tom gedachte Philipp gleich am Anfang zu zeigen, daß er ſich wohl in Acht nehmen dürfe, ſeine tückiſchen Kniffe an ihm auszulaſſen. Er trat plötzlich vom Kamin weg und blickte über Philipps Schulter auf das Papier. „Ei, das iſt ja ein Eſel mit Körben— und ein Wachtelhund mit Rebhühnern im Korn!“ rief er, denn das Staunen und die Bewunderung hatte ſeine 286 Zunge plötzlich gelöst.„Der Tauſend, wenn ich nur auch ſo zeichnen könnte. Ich ſoll wohl in die⸗ ſem Halbjahr zeichnen lernen, aber ich bin begierig, ob ich's zu Hunden und Eſeln bringe.“ „Oh, ſoweit können Sie ohne Unterricht kom⸗ men,“ ſagte Philipp.„Ich habe nie zeichnen gelernt.“ „Nie gelernt!“ verſetzte Tom mit ſteigendem Staunen.„Wenn ich Hunde und Pferde und ſolche Dinge mache, ſo wollen die Köpfe und die Beine nicht recht kommen, obſchon ich wohl ſehe, wie ſie ſein ſollten. Ich kann Häuſer und Schornſteine aller Art machen, aber die Schornſteine gehen mir bis auf die Mauer nieder und die Fenſter in’s Dach hinein. Hunde und Pferde könnte ich freilich'raus⸗ kriegen, wenn ich's öfter verſuchte,“ fügte er bei; denn es fiel ihm ein, Philipp dürfte auf die irrige⸗ Meinung gerathen, er wolle ſich„unter ihn geben,“ wenn er allzu offen ſich über die Unvollkommenheit ſeiner Gaben ausließ. „O ja,“ entgegnete Philipp:„dies hält gar nicht ſchwer. Man muß nur ſeinen Gegenſtand genau betrachten und ihn wieder und wieder auf's Papier bringen. Was man das einemal unrecht gemacht hat, kann man das nächſtemal verbeſſern.“ „Aber Sie haben doch etwas gelernt?“ ſagte Tom, in welchem der verwirrende Argwohn auſſtieg, daß in Philipps Buckel merkwürdige Fähigkeiten ſtecken könnten.„Ich denke, Sie ſind ſchon lange auf einer Schule geweſen.“ „Ja,“ verſetzte Philipp lächelnd,„ich habe Unter⸗ — 287 richt erhalten im Lateiniſchen, im Griechiſchen, in der Mathematik, im Schreiben, und in ähnlichen Dingen.“ „Ah, da kann ich mir denken, daß Sie auch keine ſonderliche Freude am Lateiniſchen haben,“ ſagte Tom, zutraulich ſeine Stimme dämpfend. „Das nicht gerade; es macht mir nicht viel aus,“ erwiderte Philipp. „Aber vielleicht ſind Sie noch nicht zu den Pro- priae quae maribus gekommen,“ entgegnete Tom und nickte ſeitwärts mit dem Kopf, als wolle er ſagen:„Das iſt der Probierſtein; man hat leicht reden, wenn man ſich nicht an dieſem verſucht hat.“ Philipp fühlte eine bittere Selbſtgefälligkeit im Hinblick auf die hoffnungsvolle Dummheit dieſes gut gebauten, rührig ausſehenden Knaben; die eigene Empfindlichkeit aber hatte ihn an Höflichkeit gewöhnt, und der Wunſch, ſich Freunde zu machen, legte ſei⸗ ner Luſt, hell hinaus zu lachen, einen Zaum an. Er ſagte daher ruhig: „Mit der Grammatik bin ich fertig— die brauche ich nicht mehr zu lernen.“ „Dann werden Sie nicht mit mir den gleichen Unterricht erhalten?“ ſagte Tom im Gefühle ge⸗ täuſchter Erwartung. „Nein; aber ich denke, ich kann Ihnen helfen. Ich mache mir eine Freude daraus, wenn ich Ihnen an die Hand gehen kann.“ Tom entgegnete nicht:„Ich danke,“ denn er hatte im Moment für nichts Sinn, als für die Vor⸗ ſtellung, daß Wakems Sohn doch nicht der heim⸗ tückiſche. Kerl zu ſein ſcheine, den er in ihm erwar⸗ tet hatte. ——y— 288 „Hören Sie— lieben Sie Ihren Vater?“ platzte er plötzlich fragend heraus. „Ja,“ antwortete Philipp tief erröthend.„Sie den Ihrigen nicht?“ „O ja... ich wollte es nur wiſſen,“ ſagte Tom, der ſich faſt vor ſich ſelbſt ſchämte, als er ſah, daß Philipp erröthete und ein ſo verlegenes Geſicht machte. Es wurde ihm ſchwer, ſich gegen den Sohn des Advocaten Wakem in eine erträgliche Stimmung hineinzufinden, und die Anbahnung wäre wohl viel leichter gegangen, wenn er hätte hören dürfen, daß auch Philipp ſeinen Vater nicht ſehr in Ehren hielt. „Werden Sie jetzt Zeichnungsſtunden nehmen?“ fragte Tom in der Abſicht, einen anderen Gegenſtand einzuführen. „Nein,“ verſetzte Philipp.„Mein Vater wünſcht, daß ich alle meine Zeit anderen Dingen zuwende.“ „Welchen— dem Lateiniſchen und dem Euclid?“ fragte Tom. „Ja,“ antwortete Philipp, der ſein Bleiſtift jetzt ruhen ließ und den Kopf mit der einen Hand unter⸗ ſtützt hielt, während Tom auf ſeinen beiden Ellen⸗ bogen lag und ſich mit zunehmender Bewunderung gegen den Hund und den Eſel vorbeugte. „Und das nehmen Sie ſo ganz leicht?“ fuhr Tom mit der Spannung der Neugierde fort. „Warum nicht? Ich möchte einmal lernen, was Jedermann ſonſt kann; es bleibt mir ja unbenommen, nebenher auch ein Lieblingsſtudium zu betreiben.“ „Ich kann mir nicht denken, warum irgend Je⸗ mand Latein lernen mag,“ ſagte Tom.„Man kann's doch zu nichts brauchen.“ — ——— 289 „Es gehört zu der Erziehung eines gebildeten Mannes,“ entgegnete Philipp.„Alle Männer von Bildung müſſen dieſelbe Schule durchmachen.“ „Wie, Sie meinen doch nicht, daß der Wildmei⸗ ſter Sir John Crake Latein verſteht?“ ſagte Tom, der oft im Geheimen den Wunſch geäußert hatte, daß er dem Sir John Crake gleichen möchte. „Natürlich hat er es gelernt, als er noch ein Knabe war,“ verſetzte Philipp;„aber es mag wohl ſein, daß er es wieder vergeſſen hat.“ „Ah, gut, das kann ich dann auch,“ erwiderte Tom, nicht etwa in irgend einer epigrammatiſchen Abſicht, ſondern mit ernſtlich gemeintem Wohlgefallen an dem Gedanken, daß durch das Lateiniſche wenig⸗ ſtens ſeinem Beſtreben, dem Sir John Crake ähn⸗ lich zu werden, kein Hinderniß in den Weg trete. „Aber ſo lang man an der Schule iſt, muß mans freilich zu behalten bemüht ſein, wenn man nicht zur Buße ſo und ſo viel Zeilen aus den Sprech⸗ übungen auswendig lernen ſoll. Mr. Stelling iſt in dieſem Stück ſehr eigen und ſchenkt einem nicht einen einzigen falſchen Buchſtaben, kann ich Ihnen verſichern. Wenn Sie nur ein einzigesmal ‚nam“ ſtatt jam' ſagen, müſſen Sie das rechte Wort wenig⸗ ſtens zehnmal aufſchreiben.“ „Oh, daraus mache ich mir nichts,“ ſagte Phi⸗ lipp, der ſein Lachen nicht mehr zu unterdrücken ver⸗ mochte;„ſolche Dinge merke ich mir gut. Auch gibt es Unterrichtsgegenſtände, an denen ich eine große Freude habe— zum Beiſpiel die griechiſche Geſchichte und Alles, was die Griechen betrifft. Ich hätte wohl ein Grieche ſein und gegen die Perſer ſtreiten Eliot, Die Mühle am Floß. I. 19 290 mögen; und wenn ich heimgekehrt wäre, hätte ich Trauerſpiele geſchrieben oder wäre wie Socrates wegen meiner Weisheit von Jedermann bewundert worden und zuletzt eines großen Todes geſtorben.“ (Man ſieht hier auch auf Philipps Seite den Wunſch hervorblicken, dem gut gebauten Barbaren einen Begriff von ſeiner eigenen geiſtigen Ueber⸗ legenheit beizubringen.) „Wie, ſo ſind alſo die Griechen große Krieger geweſen?“ ſagte Tom, welchem ſich in dieſer Rich⸗ tung eine Ausſicht aufthat.„Gibt es in der griechiſchen Geſchichte auch Erzählungen wie die vom David und Goliath und vom Samſon? Das ſind die einzigen Stücke, die mir in der Geſchichte der Juden gefallen.“ „Oh, die Griechen haben ſehr ſchöne derartige Geſchichten— zum Beiſpiel von den Helden der Urzeit, welche, wie Samſon, die wilden Thiere er⸗ ſchlugen. Und in der Odyſſee— das iſt ein ſchönes Gedicht— kömmt ein noch wunderbarerer Rieſe als Goliath vor— Polyphem, der nur ein einziges Auge mitten auf der Stirne hatte. Und Ulyſſes, ein kleiner, aber ſehr weiſer und ſchlauer Mann, machte einen Fichtenſtamm glühend und ſtieß ihm mit demſelben ſein einziges Auge aus, ſo daß er brüllte wie tauſend Stiere.“ „Ha, das iſt ein. Spaß!“ rief Tom, der vom Tiſch wegeilte und zuerſt mit dem einen, dann mit dem anderen Fuß ſtampfte.„Sie können mir wohl alle dieſe Geſchichten erzählen? denn Sie wiſſen, ich lerne nicht Griechiſch... oder muß ich?“ fügte er bei, indem er plötzlich ſein Stampfen einſtellte, da — iͤ———— 291 ihm die Angſt befiel, daß auch dieſes von ihm ge⸗ fordert werden könnte.„Lernen alle gebildeten Leute Griechiſch... und glauben Sie, daß Mr. Stelling auch mit mir anfangen wird?“ „Nein, ich glaube nicht— wenigſtens iſt's nicht ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte Philipp.„Aber Sie können dieſe Geſchichten leſen, ohne Griechiſch zu verſtehen. Ich habe ſie im Engliſchen.“ „Aber ich bin kein Freund vom Leſen. Es iſt mir lieber, wenn Sie erzählen— aber begreiflich nur die Kampfgeſchichten. Meine Schweſter Maggie will mir auch immer erzählen— aber es ſind ſo dumme Sachen, wie es Mädchengeſchichten immer ſind. Wiſſen Sie recht viel von Kampf und Streit?“ „O ja,“ antwortete Philipp,„die Hülle und Fülle, auch außer den griechiſchen Geſchichten. Ich kann Ihnen erzählen von Richard Löwenherz und Saladin, von William Wallace und Robert Bruce, von James Douglas und noch vielen Anderen.“ 7„Sie ſind älter, als ich, nicht wahr?“ bemerkte Tom. „Nun, wie alt ſind Sie? Ich bin fünfzehn.“ „Ich gehe erſt in's vierzehnte,“ verſetzte Tom. „Aber ich bin über alle die Jungen bei Jacobs Meiſter geworden— das war in der erſten Schule, ehe ich hieher kam. Und im Ballſpiel und im Klet⸗ tern hat mir's keiner gleich gethan. Ich wünſchte nur, daß Mr. Stelling uns erlaubte, zum Fiſchen zu gehen. Ich könnte Ihnen zeigen, wie man fiſchen muß. Sie können's doch auch? Sie wiſſen, man braucht bloß hinzuſtehen oder ſtillzuſitzen.“ Tom wünſchte ſeinerſeits die Wagſchale zu ſeinen 9 8 4 6 — 1 292 Gunſten zum Anziehen zu bringen. Dieſer Bucklige ſollte nicht glauben, daß ihn ſeine Bekanntſchaft mit Kampfgeſchichten auf eine gleiche Höhe ſtelle mit einem wirklich kampfgerechten Helden, wie Tom Tul⸗ liver. Philipp verzog das Geſicht bei dieſer Anſpie⸗ lung auf ſeine Unfähigkeit für thätige Leibesübungen und entgegnete faſt ſchnippiſch: „Ich kann das Fiſchen nicht leiden. Die Leute kommen mir wie Narren vor, wenn ſie Stunde um Stunde mit ihrer Leine daſitzen— und auswerfen und wieder auswerfen, um am Ende doch nichts zu fangen.“ „Sie würden nicht von Narren ſprechen, kann ich Ihnen ſagen, wenn Sie mit anſähen, wie ein großer Hecht an's Land gezogen wird,“ erwiderte Tom, deſſen Einbildung in entrüſtetem Eifer für das edle Waidwerk aufloderte, obſchon er in ſeinem Leben nie etwas gefangen hatte, was den Namen „groß“ verdiente. Es war augenfällig, Wakems Sohn hatte ſeine unangenehmen Seiten und mußte gebührend im Schach gehalten werden. Zum Glück für die Harmonie dieſer erſten Begegnung erſcholl jetzt der Ruf zum Mittageſſen, und Philipp hatte keine Gelegenheit, ſeine kranken Anſichten über das Thema des Fiſchens weiter auszulaſſen. Tom aber ſagte zu ſich ſelbſt, daß er von einem Buckelomini nichts Beſſeres habe erwarten können. Viertes Kapitel. „Die junge Idee.“ Der Wechſel der Gefühle, welcher das erſte Zwie⸗ geſpräch zwiſchen Tom und Philipp charakteriſirte, 293 ſpann ſich in dem Verkehr der Knaben noch viele. Wochen fort. Tom konnte ſich's nie ganz aus dem Sinn ſchlagen, daß Philipp, dieſer Sohn eines Schurken, ſein natürlicher Feind ſei, und auch den Widerwillen gegen Philipps Mißgeſtalt nicht völlig überwinden. Er war ein Junge, der ſtarr an den einmal aufgenommenen Eindrücken feſthielt, und folgte darin dem Beiſpiel aller Geiſter, in welchen die bloße äußere Wahrnehmung mehr wiegt, als Verſtand und Herz. Gleichwohl war es unmöglich, die Geſellſchaft Philipps, wenn er ſich in guter Stimmung befand, nicht lieb zu gewinnen; er konnte einem ſo gut in den lateiniſchen Exercitien forthelfen, in welchen Tom ſtets Räthſel fand, zu deren Löſung nur ein glück⸗ licher Zufall führen konnte; auch wußte er ſo wunder⸗ bare Kampfgeſchichten zu erzählen, zum Beiſpiel die des Heinz vom Wynd und anderer Helden, die Toms beſondere Lieblinge waren, weil ſie ſo tüchtige Streiche austheilten. Er hatte eine geringe Mei⸗ nung von Saladin, deſſen Scimetar im Nu ein Kiſſen entzwei theilte,— wer führte auch Krieg mit Kiſſen? Das war eine dumme Geſchichte, und er wollte nicht weiter davon hören. Aber wenn Robert Bruce auf ſeinem Rappen ſich in den Steig⸗ bügeln aufrichtete, ſeine gute Streitaxt erhob und mik einem Streich bei Bonockburn nicht nur den Helm, ſondern auch den Schädel des vorſchnellen Ritters ſpaltete— da fühlte Tom die volle Glut der Sympathie, und wenn er eine Cocusnuß zur Hand gehabt hätte, ſo würde er ihr mit dem Schür⸗ eiſen das gleiche Schickſal bereitet haben. In ſeinen günſtigeren Launen pflegte Philipp dem Ideenflug 294 ſeines Gefährten nachſichtig zu folgen und das Ge⸗ töſe und die Wuth eines jeden Kampfes mit der ganzen ihm zu Gebot ſtehenden Artillerie von Bei⸗ worten und Gleichniſſen zu erhöhen. Aber er war nicht immer in dieſer guten oder glücklichen Stim⸗ mung. Der leichte Ausbruch grämlicher Empfind⸗ lichkeit, der ihm ſchon bei der erſten Begegnung entſchlüpfte, war ein Symptom eines ſtetig wieder⸗ kehrenden geiſtigen Leidens— halb einer nervöſen Reizbarkeit, halb der Herzensbitterkeit, mit welcher ihn das Bewußtſein von ſeiner Leibesmißgeſtaltung erfüllte. In ſolchen Anfällen von Empfindlichkeit meinte er in jedem Blick den Ausdruck eines kränken⸗ den Mitleids oder eines übel verhehlten Wider⸗ willens zu ſehen— zum mindeſten las er Gleich⸗ giltigkeit darin, und Gleichgiltigkeit war für Philipp, was für das Kind des Südens die rauhe Luft eines nordiſchen Frühlings iſt. Wenn ſie mit einander im Freien waren, konnte den ſonſt ſo gutmüthigen Knaben Toms täppiſche Gönnerſchaft oft ganz außer ſich bringen, und ſeine gewöhnlich ruhigen und traurigen Augen funkelten von einer Glut, die nichts weniger als im Scherze gemeint war. Kein Wunder, daß Tom ſich ſeines Argwohns gegen den Buckligen nicht entſchlagen konnte. Aber die Geſchicklichkeit im Zeichnen, die Philipp ohne Unterricht angeflogen, war ein weiteres Binde⸗ glied zwiſchen den beiden; denn Tom fand zu ſeinem großen Verdruß, daß der neue Zeichnungslehrer ihm als Vorlegblätter keine Hunde und Gee, ſondern Bäche, ländliche Brücken und Ruinen gab, deren reiche Bleifarbe die Natur, welche ſie nachbildete, 295 ziemlich ſatinirt erſcheinen ließ. Da nun Toms Sinn für das Maleriſche einer Landſchaft zur Zeit noch nicht aufgeſchloſſen war, ſo darf es nicht überraſchen, wenn ihm Nr. Goodrichs Leiſtungen in dem Licht einer ſehr unintereſſanten Kunſtform erſchienen. Mr. Tulliver, welchem unbeſtimmt vorſchwebte, daß Tom ein Geſchäft ergreifen möge, mit welchem auch das Zeichnen von Planen und Charten in Verbindung ſtand, hatte ſich gegen Mr. Riley, mit welchem er in Mudport zuſammentraf, beſchwert, daß ſein Junge nichts der Art zu lernen ſcheine, und der gefällige Rathgeber darauf mit der Andeutung geantwortet, man müſſe ihn eben Zeichnungsſtunden nehmen laſſen; wenn Mr. Tulliver eine Extrabelohnung dafür aus⸗ legen müſſe, ſo brauche ihn dies nicht anzufechten, denn ſobald Tom ein fertiger Zeichner ſei, ſo könne ihm ſein Bleiſtift hundertfältige Vortheile bringen. Es wurde daher angeordnet, daß Tom Zeichnungs⸗ unterricht erhalten ſollte, und wen anders hätte Mr. Stelling zum Lehrer wählen können, als Mr. Goodrich, der auf zwölf Meilen um King's Lorton als der erſte in ſeinem Beruf galt? So lernte denn Tom ſeinen Bleiſtift ungemein fein ſpitzen und Land⸗ ſchaften mit einer„breiten Allgemeinheit“ darſtellen, die ihm bei ſeiner beſchränkten, auf's Einzelne erpich⸗ ten Geiſtesrichtung ſehr langweilig vorkam. Wohlgemerkt, Alles dies trug ſich in jenen dunk⸗ len Zeiten zu, als es noch keine Zeichnungsſchulen gab und weder die Schulmeiſter ohne Ausnahme Männer von der gewiſſenhafteſten Rechtlichkeit, noch die Geiſtlichen lauter hoch erleuchtete und vielſeitig gebildete Geiſter waren. Man darf es nicht für eine 296 Fabel halten, wenn wir ſagen, daß es in jenen weni⸗ ger begünſtigten Tagen außer Mr. Stelling noch andere Geiſtliche mit beſchränktem Verſtand und gro⸗ ßen Bedürfniſſen gab, deren Einkommen in Folge einer logiſchen Verwirrung, welcher Fortuna als ein mit einer Augenbinde verſehenes Frauenzimmer be⸗ ſonders leicht ausgeſetzt iſt, nicht im Verhältniß zu ihrem Bedarf, ſondern nur zu ihrem Verſtand ſtand, während doch männiglich einſehen muß, daß letzterer zum Einkommen durchaus keine innere Beziehung hat. Die Aufgabe, deren Löſung dieſen Herren zufiel, be⸗ ſtand in Herſtellung des richtigen Verhältniſſes zwi⸗ ſchen Bedürfniß und Einkommen, und da man den erſteren Factor nicht leicht zu Tod hungern konnte, ſo war augenſcheinlich der einfachſte Weg, wenn man den anderen vergrößerte. Dies konnte indeß nur in einer einzigen Richtung geſchehen; denn da Geiſt⸗ liche ſich nicht mit jenen gemeinen Berufsarten be⸗ faſſen durften, in welchen man gute Arbeit für nied⸗ rigen Preis liefert, ſo war es nicht ihre Schuld, wenn ſie ihre Zuflucht zu dem entgegengeſetzten Grundſatz:„geringe Arbeit zu hohem Preis,“ nehmen mußten. Wie hätte man außerdem von Mr. Stelling erwarten dürfen, daß er wiſſe, welche zarte und ſchwierige Aufgabe das Geſchäft der Erziehung iſt? Ebenſo gut könnte man einem Thier, welches das Vermögen beſitzt, ein Loch in einen Felſen zu boh⸗ ren, zumuthen, es ſolle wiſſenſchaftliche Anſichten über ſeine Bohrarbeit beſitzen. Mr. Stellings Ta⸗ lente waren früh darauf hingewieſen worden, in gerader Linie zu bohren, und er hatte ſie alle nö⸗ thig für dieſen Zweck. Doch gab es unter Toms 297 Zeitgenoſſen, deren Väter ihre Söhne einem cleri⸗ caliſchen Unterricht zuwieſen, aus welchem die Jungen nichts lernten, viele, die weit weniger glücklich waren, als Tom Tulliver. In jener fernen Zeit war die Erziehung faſt ganz eine— in der Regel ſchlecht ausfallende— Glücksſache. Der geiſtige Zuſtand, in welchem man einen Billiardſtock oder einen Würfel⸗ becher in die Hand nimmt, iſt eine nüchterne Gewiß⸗ heit in Vergleichung mit dem der altmodiſchen Väter wie Mr. Tulliver, wenn ſie für ihre Söhne eine Schule oder einen Lehrer wählten. Vortreffliche Männer, welche nicht ſchreiben konnten, ohne ſich jedes Wort vorzulautiren, aber ungeachtet dieſes Mangels im Geſchäft vorwärts gekommen waren, mußten, nachdem ſie Geld genug errungen, um ihren Söhnen einen beſſeren Anlauf im Leben zu ſichern, als ſie ſelbſt gehabt hatten, ſich auf die Gewiſſen⸗ haftigkeit und Fähigkeit des Schulmeiſters verlaſſen, deſſen Circular ihnen eben in die Hände fiel und ihnen ſogar mehr verſprach, als ſie je zu fordern gewagt haben würden, die Rückerſtattung der Lein⸗ wand und des Beſteckes mit eingerechnet. Es war ein Glück für ſie, wenn nicht irgend ein ehrgeiziger Krämer aus ihrer Bekanntſchaft ſeinen Sohn für die Kirche erzogen und dieſer nicht ſeine Univerſitäts⸗ ausſchweifungen in einem Alter von Vierundzwanzig durch eine unkluge Heirath zum Abſchluß gebracht hatte; ſonſt konnten dieſe unſchuldigen Väter, die für ihren Nachwuchs das Beſte zu thun wünſchten, dem Krämerſohn nur dann entgehen, wenn zufällig eine von Commiſſären noch nicht unterſuchte neue lateiniſche Schule gegründet worden war, an welcher 298 zwei oder drei Knaben die Vortheile eines großen, luftigen Gebäudes ganz für ſich und dazu noch einen zahnloſen, blödſichtigen und ſchwerhörigen Haupt⸗ lehrer haben konnten, deſſen gelehrte Unklarheit und Zerſtreutheit durch ſie um den Preis von dreihundert Pfunden auf den Kopf noch vergrößert wurde— er war ohne Zweifel bei ſeiner erſten Ernennung ein reifer Gelehrter geweſen; aber alle Reife unter der Sonne hat ein weiteres Stadium, das auf dem Markt nicht ſonderlich geſchätzt wird. In Vergleichung mit vielen anderen britiſchen Knaben jener Zeit, welche ſeitdem ſich mit einigen Bruchſtücken mehr oder weniger erheblichen Wiſſens und recht viel ſehr erheblicher Unwiſſenheit durch die Welt haben ſchlagen müſſen, war Tom Tulliver nicht ſo gar übel daran; denn der breitſchulterige Mr. Stelling, mit ſeiner gentlemaniſchen Haltung trug die Ueberzeugung in ſich, daß wachſende Jungen einer zureichenden Menge Ochſenfleiſch bedurften, und es machte ihm Freude, wenn er ſah, daß Tom äußerlich ſo hübſch gedieh und einen ſo guten Appe⸗ tit hatte. Er war allerdings kein Mann von zarter Gewiſſenhaftigkeit und nicht tief durchdrungen von der ſchweren Verantwortlichkeit ſeiner Tagespflichten, ſolglich ſeinem hohen Amt nicht ganz gewachſen; aber auch ungewachſene Gentlemen müſſen leben, und man ſieht nicht ein, wie ſie ohne Privatver⸗ mögen gentil leben könnten, wenn ſie nicht die Er⸗ ziehung zu einem Nebenerwerb machten. Außerdem lag die Schuld an Toms geiſtiger Conſtitution, wenn ſeine Fähigkeiten ſich nicht mit jener Art von Kenntniſſen ſpeiſen laſſen wollten, die Mr. Stelling — V V 299 zu reichen vermochte. Ein Knabe, der mit einem mangelhaften Auffaſſungsvermögen für Zeichen und Abſtractionen geboren wird, muß eben die Nachtheile dieſes Mangels tragen, ebenſo gut wie derjenige, der mit einem zu kurzen Fuß in die Welt kömmt. Eine Erziehungsmethode, welche durch die lange Praxis unſerer ehrwürdigen Vorfahren geheiligt war, durfte nicht aufgegeben werden wegen des blos aus⸗ nahmsweiſe vorkommenden Stumpfſinns eines Kna⸗ ben, der nur für den gegenwärtigen Augenblick lebte. Mr. Stelling war überzeugt, daß ein Junge, der für Zeichen und Abſtractionen ſich ſo unzugänglich erwies, auch alles Andere ſchlecht begreifen würde, ſelbſt wenn Mr. Stelling ſich in der Lage befunden hätte, es ihn zu lehren. Unſere ehrwürdigen Vor⸗ fahren pflegten das ſinnreiche Inſtrument der Daumen⸗ ſchraube in Anwendung zu bringen und es immer feſter und feſter zuzudrehen, um nicht vorhandene Thatſachen herauszulocken; ſie gingen von dem un⸗ umſtößlichen Grundſatz aus, daß die Thatſachen vor⸗ handen ſeien, und was brauchten ſie da anders zu thun, als feſter zu drehen? Ebenſo war in Mr. Stelling die Anſicht feſtgewurzelt, daß alle Knaben von nur einiger Fähigkeit im Stande ſeien, zu lernen, was zu lehren das allein Richtige war; ging es langſam, ſo mußte die Daumenſchraube angezogen werden; er beſtand mit erhöhter Strenge auf den Exercitien, und eine Seite aus dem Virgil diente als Buße, um die allzu träge Neigung für lateiniſche Verſe zu ſpornen und zu ermuthigen. Gleichwohl wurde in dieſem Halbjahr die Daumen⸗ ſchraube mit mehr Maß gehandhabt. Philipp war 300 in ſeinen Studien ſo weit vorgerückt und ſo anſtellig, daß der Lehrer durch ſeine keiner großen Nachhilfe bedürfenden Fortſchritte viel mehr Ehre erheben konnte, als durch den mühſamen Proceß, Toms Hartköpfigkeit zu überwinden. Gentlemen mit breiter Bruſt und ehrgeizigen Planen täuſchen bisweilen die Erwartungen ihrer Freunde, indem es ihnen nicht gelingt, die Welt abzubrechen. Vielleicht gehört zu einem hohen Aufſchwung noch eine andere unge⸗ wöhnliche Eigenſchaft, als ein ungewöhnlicher Hunger nach hohen Koſtgeldern, und vielleicht rührt die Indo⸗ lenz dieſer ehrenwerthen Herren eben davon her, daß ihr divinae particulum aurae wegen allzu kräftigen Appetits nicht zum Hochflug kommen kann. Dies oder etwas Anderes muß wohl der Grund geweſen ſein, daß Mr. Stelling die Ausführung vieler geiſt⸗ vollen Entwürfe auf die lange Bank ſchob— daß er zum Beiſpiel in ſeinen Mußeſtunden nicht an die Herausgabe ſeines griechiſchen Trauerſpiels oder eines anderen gelehrten Meiſterwerks kam, ſondern, nach⸗ dem er mit vieler Entſchloſſenheit den Schlüſſel zu ſeinem Privatſtudirzimmer umgedreht hatte, ſich zu einem von Theodor Hooks Romanen niederſetzte. Tom erfuhr allmählich mehr Nachſicht bei ſeiner Läßigkeit, und da ihm Philipp an die Hand ging, ſo kam er in die Lage, einigermaßen zu zeigen, daß er in wirrer, tölpiſcher Weiſe ſeinen Geiſt angeſtrengt habe, ohne daß ein tiefer gehendes Examen den That⸗ beſtand ermittelte, wie ſich beſagter Geiſt doch ganz neutral bei der Sache verhalten hatte. Die Schule kam ihm unter ſolchergeſtalt veränderten Umſtänden viel erträglicher vor, und er ging zufrieden genug 301 ſeines Wegs, auf welchem er allerlei Erziehung, hauptſächlich aus Dingen zuſammenlas, die eigentlich gar nicht auf Erziehung berechnet waren. Er verſtand unter dieſem Ausdruck einfach die Uebung im Leſen, Schreiben und Rechtſchreiben, vorwärtsgeſchoben durch eine ausgeſuchte Anwendung von unverſtändlichen Ideen und durch viele mißlungene. Verſuche im Aus⸗ wendiglernen.— Gleichwohl kam Tom unter dieſer Behandlung ſichtlich vorwärts, vielleicht weil er kein Knabe in abtsracto und als ſolcher ein bloßer Beleg für die üblen Folgen einer falſchen Erziehung, ſondern ein Junge mit Fleiſch und Blut und Neigungen war, die nicht ganz von der Gnade der Umſtände abhingen. So hatte ſich zum Beiſpiel ſeine Haltung⸗ſehr verbeſſert, und einiger Kredit dafür gebührt Mr. Poulter, dem Dorfſchulmeiſter, der, als ein alter Soldat aus dem Halbinſelkrieg, gewählt worden war, Tom im Ererciren zu unterrichten— ein Dienſt, der für Beide zur Quelle des Vergnügens wurde. Mr. Poulter, von welchem ſich die Geſell⸗ ſchaft im Schwan zu erzählen wußte, daß er einmal der Schrecken der Franzoſen geweſen, war jetzt keine fürchterliche Perſon mehr; er hatte ein ziemlich ver⸗ ſchrumpftes Ausſehen und zitterte morgens, nicht vor Alter, ſondern wegen der ungemeinen Verdorbenheit der King's Lortoner Knaben, welcher mit Feſtigkeit entgegenzutreten nichts anderes als ein Gläschen Branntwein ihn zu befähigen im Stande war. Er ging noch immer mit militäriſcher Geradheit einher, trug ſorgfältig ausgebürſtete Kleider, und an den Hofen durfte der Steg nicht fehlen. Wenn er am 3⁰² Mittwoch und Samſtag Nachmittag zu Tom kam, war er ſtets von Branntwein und alten Erinnerun⸗ gen begeiſtert, die ihm eine ausnahmsweiſe feurige Miene verliehen, wie etwa das Gewirbel der Trom⸗ mel einem altersſchwachen Schlachtroß. Der Exer⸗ cirunterricht wurde ſtets durch Epiſoden aus der Kriegsgeſchichte verlängert, die für Tom viel inter⸗ eſſanter waren, als Philipps Erzählungen aus der Iliade, in der keine Kanonen vorkommen und gegen die Tom einen gewiſſen Widerwillen eingeſogen, ſeit er erfahren, daß es vielleicht nie einen Hector und Achilles gegeben hatte. Der Herzog von Wellington aber war noch eine lebende Perſon und Bony noch gar nicht lange todt; Poulters Erinnerungen aus dem Halbinſelkrieg ſtanden daher über den Verdacht des Mythus erhaben. Mr. Poulter mußte allem Anſchein nach bei Talavera eine Rolle geſpielt und nicht wenig zu dem merkwürdigen Reſpect beige⸗ tragen haben, mit welchem ſein Infanterieregiment vom Feinde betrachtet wurde. An den Nachmittagen, an welchen ſein Geiſt mehr als gewöhnlich ſtimulirt war, erinnerte er ſich, daß der Herzog von Welling⸗ ton einmal(natürlich unter vier Augen, um zu kei⸗ nen Eiferſüchteleien Anlaß zu geben) den wackern Poulter ſeiner perſönlichen Achtung verſichert hatte. Sogar der Chirurg, welcher ihn nach ſeiner Schuß⸗ wunde im Spital verband, hatte ſich nicht genug wundern können über die Vorzüge von Mr. Poul⸗ ters Fleiſch, da kein anderes Fleiſch in derſelben kurzen Zeit wieder heil geworden wäre. Ueber weniger perſönliche Angelegenheiten, die mit jenem wichtigen Krieg in Verbindung ſtanden, benahm ſich 303 Mr. Poulter zurückhaltender, indem er bloß Sorge dafür trug, keinerlei loſen Anſichten über die mili⸗ täriſche Geſchichte durch ſeine Autorität Gewicht zu verleihen. Wer etwa behauptete, von den Vorfällen bei der Belagerung von Badajos Kunde zu haben, war für Mr. Poulter vorzugsweiſe ein Gegenſtand ſtummen Mitleids; er wünſchte, ein ſolcher Schwätzer möchte doch auch, wie er, beim erſten Anlauf nieder⸗ gerannt und ihm der Athem aus dem Leib getreten worden ſein— dann möge er über die Belagerung von Badajos ſprechen. Hin und wieder konnte Tom ſeinen Exercirlehrer ſehr aufbringen, wenn er ihn um militäriſche Angelegenheiten befragte, die außer dem Bereich ſeiner perſönlichen Erfahrung lagen. „Und General Wolfe, Mr. Poulter— war er nicht ein ausgezeichneter Held?“ ſagte Tom, welcher in dem Wahn lebte, alle großen Krieger, welche durch Wirthsſchilde verewigt werden, ſeien bei dem Krieg mit Bony(Boneparte) betheiligt geweſen. „Warum nicht gar!“ verſetzte Mr. Poulter ver⸗ ächtlich.„Nichts da... Köpfe in die Höhe!“ fügte er im Ton ſtrengen Kommando's bei, welches auf Tom den erhebenden Eindruck des Gefühls machte, als ſei er in ſeiner einzigen Perſon ein ganzes Regiment. „Nein, nein,“ konnte Mr. Poulter fortfahren, wenn in ſeiner Mannszucht eine Pauſe eintrat. „Man ſoll mir nur ſchweigen von dem General Wolfe. Er hat nichts gethan, als daß er an ſeiner Wunde ſtarb, und das iſt eine armſelige Auszeich⸗ nung, meine ich. Jeder andere Mann wäre an den Wunden geſtorben, die ich hatte... Ein einziger 304 Hieb mit meinem Säbel hätte einem Kerl wie dem General Wolfe die Seele aus dem Leibe geblaſen.“ „Mr. Poulter,“ lautete dann Toms Erwiderung auf die Erwähnung des Säbels,„ich wollte, Sie brächten einmal ihren Säbel mit und machten das Waffenexercitium.“ Auf dieſes oftmals wiederholte Erſuchen ſchüttelte Mr. Poulter lange Zeit den Kopf und lächelte gnä⸗ dig, wie vielleicht Jupiter, als Semele ihre allzu ehrgeizige Bitte vorbrachte. Nachdem aber eines Nachmittags ein plötzlicher ſchwerer Regenſchauer Mr. Poulter zwanzig Minuten länger als gewöhnlich im ſchwarzen Schwan zurückgehalten hatte, brachte er den Säbel mit— nur daß Tom ihn ſehen konnte. „Und dies iſt alſo der nämliche Säbel, mit welchem Sie in allen den Schlachten fochten, Mr. Poulter?“ ſagte Tom, den Griff befühlend.„Hat er je einem Franzoſen den Kopf abgehauen?“ „Kopf ab? will's meinen— und wenn er drei gehabt hätte.“ „Aber Sie hatten ja noch außerdem eine Mus⸗ kete und ein Bajonet?“ fuhr Tom fort.„Das Ge⸗ wehr mit dem Bajonet wäre mir doch lieber, weil man den Feind zuerſt ſchießen und dann ſpießen kann.„Puff! Ps— 8— 8— 8!“ Tom gab durch die geeignete Pantomime dem doppelten Vergnügen des Gewehrabfeuerns und des Bajonetſtoßes Ausdruck. „Ja, aber im Handgemeng iſt der Säbel die Hauptwaffe,“ entgegnete Poulter, unwillkührlich in Toms Begeiſterung einſtimmend, indem er den Säbel ſo plötzlich zog, daß Tom mit großer Behendigkeit zurückſprang. 30⁵ „Oh, Mr. Poulter, wenn Sie das Erxercitium machen, ſo laſſen Sie mich Philipp herbeirufen,“ ſagte Tom, der ſich bewußt war, ſein Feld nicht behauptet zu haben, wie es einem Engländer ziemte. „Sie wiſſen, er möchte es auch mit anſehen.“ „Was, der buckelige Junge?“ erwiderte Mr. Poulter verächtlich.„Was kann den das Zuſehen nützen?“ „Er verſteht viel vom Fechten,“ ſagte Tom, „und weiß, wie man mit den Bogen, den Pfeilen und den Streitäxpten umzugehen pflegte.“ „So mag er kommen. Ich will ihm etwas ganz Anderes zeigen, als die Kinderei mit Bogen und Pfeilen,“ ſagte Mr. Poulter huſtend und ſich auf⸗ pflanzend, während er als Einleitung ſeine Hand im Gelenk ſpielen ließ. Tom eilte zu Philipp, welcher ſich ſeiner Nach⸗ mittagvacanz in dem Beſuchzimmer an dem Piano erfreute, indem er ſein Spiel auf dem Inſtrument mit Geſang begleitete. Er fühlte ſich über die Maßen glücklich, als er wie ein formloſer Bündel auf ſeinem hohen Stuhle daſaß und mit zurückge⸗ worfenem Kopf die Augen auf dem entgegengeſetzten Karnies haften ließ; dabei entſandte er aus weit geöffnetem Mund und vollem Halſe ſelbſt erfundene Sylben, welche den ihm unbekannten Text zu einer Arie von Arne zu vertreten hatten. „Komm, Philipp,“ rief Tom, zur Thüre herein⸗ ſtürzend.„Halt' Dich nicht mit Deinem La⸗la⸗ge⸗ brüll auf— komm' und ſieh mit an, wie in der Kutſchenremiſe der alte Poulter das Säbelexerci⸗ tium macht.“ Eliot, Die Mühle am Floß. I. 20 306 Die garſtige Störung, der Mißklang von Toms Stimme mit den Tönen, die aus Philipps innerſter Seele hervorzitterten, hätte vollkommen ausgereicht, die Stimmung des jungen Muſikers zu vergällen, wenn ſich's auch nicht um den Exercirmeiſter Poulter gehandelt hätte. Tom hatte nämlich in ſeiner Haſt, einen Vorwand aufzutreiben, um wegen ſeines Zu⸗ rückſpringens vor Poulter nicht als ein Menſch zu erſcheinen, der ſich vor einem gezogenen Säbel fürchtete, zunächſt nur an das Herbeiholen von Phi⸗ lipp gedacht, obſchon er recht wohl wußte, daß die⸗ ſem die Exercirſtunden auf den Tod zuwider waren. Nur der ſcharfe Sporn des perſönlichen Stolzes hatte Tom zu einem ſo unüberlegten Schritt bewegen können. Philipp ſchauderte ſichtlich zuſammen, als er in ſeinem Muſiciren inne hielt. Dann überflog ſein Geſicht von einer hohen Glut, und er ſprach im Tone leidenſchaftlicher Heftigkeit: „Hinweg mit Dir, Du trauriger Dummkopf! Was brauchſt Du herzukommen und mich ſo anzu⸗ ſchreien, Du, deſſen Stimme höchſtens zu einem Karrengaul paßt!“ Es war nicht das erſtemal, daß Tom ſeinen Kameraden in Zorn verſetzt hatte; wohl aber hatte ihn derſelbe nie vorher mit ſo klar verſtändlichen Worten abgefertigt. „Meine Stimme iſt gut genug für etwas Beſſe⸗ res ſogar, als Du biſt, Du haſenherziger Kobold!“ entgegnete Tom, Philipps Salve im Nu erwidernd. „Du weißt wohl, daß ich Dir nichts thue, weil Du eben eine ſo geringe Perſon biſt, wie ein Mädchen. 4 — -—— — — 307 Aber ich bin eines ehrlichen Mannes Sohn, und Dein Vater iſt ein Schurke, wie alle Welt weiß!“ Damit ſtürzte Tom aus dem Zimmer und ſchlug in zorniger Unbeſonnenheit die Thüre hinter ſich zu. Das Zuſchlagen von Thüren nämlich in der Hör⸗ weite der Frau Pfarrerin, die ſich wahrſcheinlich in unmittelbarer Nähe befand, war ein Vergehen, das nur durch zwanzig Verſe aus dem Virgil wieder gut gemacht werden konnte. Und in der That kam auch dieſe Dame alsbald aus ihrem Zimmer herunter, doppelt erſtaunt, einmal über den Lärm, und dann über das Aufhören von Philipps Muſiciren. Als ſie eintrat, ſah ſie, wie dieſer auf der Matte nieder⸗ gekauert ſaß und bitterlich weinte. „Was gibt es, Wakem? Was ſollte der Lärm? Wer hat die Thüre zugeſchlagen?“ Philipp blickte auf und trocknete haſtig ſeine Thränen. „Tulliver that es; er kam herein... und ver⸗ langte von mir, daß ich mit ihm ausgehen ſolle.“ „Und weßhalb ſeid Ihr in ſolcher Aufregung?“ fragte Mrs. Stelling. Pphilipp war unter den beiden Zöglingen nicht ihr Liebling; er erwies ſich weit ungefälliger als Tom, der ſich zu allerlei Dingen brauchen ließ. Allerdings zahlte der alte Wakem ein höheres Koſt⸗ geld, als Mr. Tulliver, und Madame hätte es ihm gerne aus dem Grund begreiflich gemacht, wie wohl⸗ wollend ſie gegen ihn geſinnt ſei. Aber Philipp benahm ſich bei ihren Verſuchen, ein gutes Einver⸗ nehmen herbeizuführen, ſo ziemlich wie die Schnecke bei den Liebkoſungen, durch welche man ſie bewegen 20* 308 will, ihre Hörner zu zeigen. Mrs. Stelling war keine liebevolle, zartherzige Frau, ſondern einfach eine Perſon von ſchlanker Taille, die ſich gedanken⸗ voll mit ihren Kleidfalten oder Locken zu ſchaffen machte, wenn ſich Jemand nach ihrem Befinden be⸗ fragte. Solche Dinge machen ohne Zweifel in der Geſellſchaft Eindruck, aber in keinem Fall den Ein⸗ druck der Liebe, und kein anderer vermochte Philipp aus ſeiner Zurückhaltung herauszulocken. Er entgegnete auf ihre Frage:„Mein Zahnweh iſt wieder gekommen, und das hat auf mein Gemüth gewirkt.“ Dies war früher einmal der Fall geweſen, und Philipp freute ſich, daß er ſich deſſen erinnerte— es war wie eine Eingebung von oben, die ihn be⸗ fähigte, ſein Weinen zu entſchuldigen. Er durfte ſo das Kreoſot zurückweiſen, mußte aber dafür kölniſch Waſſer annehmen, das er ſich ſchon eher gefallen laſſen konnte. Mittlerweile war Tom, der zum erſtenmal einen vergifteten Pfeil in Philipps Herz geſchoſſen hatte, nach dem Kutſchenſchuppen zurückgekehrt, wo er Mr. Poulter fand, wie er ernſten, ſtarren Blicks die Vor⸗ züge ſeines Säbelexercitiums wahrſcheinlich vor zu⸗ ſchauenden aber urtheilsunfähigen Ratten nutzloſer Weiſe entfaltete. Aber Mr. Poulter war an ſich ſelbſt ein Heer; daß heißt, er bewunderte ſich ſelbſt mehr, als es eine ganze Armee von Zuſchauern hätte thun können. Die Hiebe und Stöße mit dem feierlichen Eins, Zwei, Drei, Vier, nahmen ihn der⸗ maßen in Anſpruch, daß er Toms Rückkehr nicht bemerkte, und dieſer, der nicht ohne ein gewiſſes — —; 4 309 Gefühl von Unruhe Poulters ſtarren Blick und den hungrig ausſehenden Säbel betrachtete, welcher et⸗ was anderes als bloße Luft zu zerhauen begierig zu ſein ſchien, ſchaute der Leiſtung aus einer möglichſt großen Entfernung zu. Erſt als Poulter inne hielt und ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte, konnte Tom zur vollen Würdigung des Säbelexercitiums kommen und drückte den Wunſch aus, daß es wieder⸗ holt werden möchte. „Mr. Poulter,“ ſagte Tom, als der Säbel end⸗ lich wieder in ſeine Scheide kam,„möchten Sie nicht ſo gut ſein, mir den Säbel auf eine kleine Weile zu borgen?“ „Nein, nein, junges Herrlein,“ verſetzte Poulter mit entſchiedenem Kopfſchütteln;„Ihr könntet damit Euch ſelbſt einen Schaden zufügen.“ „Nein, gewiß nicht; ich werde mich wohl in Acht nehmen, mich ſelbſt zu verletzen. Er ſoll mir nicht einmal viel aus der Scheide kommen; aber ich könnte damit Exercitien machen und dergleichen.“ „Nein, nein, das geht nicht, ſag' ich Euch; es geht nicht,“ erwiderte Mr. Poulter, als er ſich zum Abgang anſchickte.„Was würde Mr. Stelling von mir denken?“ „Oh, ich bitte, borgen Sie mir ihn, Mr. Poulter. Ich gebe Ihnen mein Fünſſchillingſtück, wenn Sie mir ihn auf eine Woche laſſen. Sehen Sie her,“ ſagte Tom, ihm die verlockend große Silbermünze hinhaltend. Der junge Schelm wußte die Wirkung ſo gut zu berechnen, als hätte er Phyſik und Meta⸗ phyſik ſtudirt. „Wohlan,“ ſagte Mr. Poulter mit noch größerer 310 Gravität,„aber Ihr wißt, es darf ihn Niemand zu ſehen kriegen.“ „Ja, ich will ihn unter dem Bett aufbewahren,“ verſetzte Tom haſtig,„oder zu unterſt in meiner großen Truhe.“ „Und laßt mich vorher ſehen, ob Ihr ihn aus der Scheide ziehen könnt, ohne Euch zu beſchädigen.“ Nachdem dieſer Proceß mehr als einmal durch⸗ gemacht worden war, fühlte Mr. Poulter die Be⸗ ruhigung, mit größter Gewiſſenhaftigkeit gehandelt zu haben, und ſagte: „Nun, Maſter Tulliver, wenn ich das Kronenſtück annehme, ſo geſchieht es, um mich zu verſichern, daß Ihr mit dem Säbel keinen Unfug anrichtet.“ „Dies geſchieht gewiß nicht, Mr. Poulter,“ ent⸗ gegnete Tom, ſeelenvergnügt ihm die Krone aus⸗ folgend und nach dem Säbel greifend, dem es, wie er meinte, nichts geſchadet haben würde, wenn er leichter geweſen wäre. „Aber wenn Euch Mr. Stelling beim Hinein⸗ tragen erwiſcht?“ meinte Mr. Poulter, bei Erhebung dieſes neuen Zweifels das Kronenſtück vorſorglich in ſeiner Taſche verwahrend. „Oh, er bleibt Samſtag Nachmittags ſtets in ſeinem Studirzimmer droben,“ verſetzte Tom, der wohl jede Lüge verſchmähte, aber doch nicht ab⸗ geneigt war, in einer guten Sache zu einer kleinen Kriegsliſt ſeine Zuflucht zu nehmen. So entführte er denn den Säbel triumphirend, freilich aber auch nicht ohne Furcht, er möchte Mr. oder Mrs. Stelling begegnen, nach ſeinem Schlaf⸗ gemach, wo er ihn nach einiger Erwägung in dem 311- Kleiderſchrank hinter den hängenden Kleidern verbarg. Selbige Nacht ſchlief er mit dem Gedanken ein, wie er Maggie, wenn ſie kam, mit der Waffe überraſchen wolle; er gedachte, ſich dieſelbe mit dem rothen Tröſter umzubinden und ſie auf den Glauben zu bringen, der Säbel gehöre ihm, und er ſei im Be⸗ griff, Soldat zu werden. Außer Maggie gab es Niemand, der ſo einfältig war, ihm Glauben zu ſchenken, oder den er in das Geheimniß einzuweihen wagte, daß er im Beſitz eines Säbels ſei. Maggie ſollte in der nächſten Woche auf Beſuch kommen, eh“ ſie mit Lucy in eine Koſtſchule eintrat. Wenn der Leſer der Anſicht iſt, dies ſei ein allzu kindiſches Benehmen für einen dreizehnjährigen Jungen, ſo muß er ein beſonders weiſer Mann ſein, welcher in Anbetracht ſeines bürgerlichen Berufs, der von ihm eher ein geſchmeidiges, als ein furchtbares Aus⸗ ſehen verlangt, vom Sproſſen ſeines Bartes an ſich nie in eine martialiſche Haltung warf oder vor dem Spiegel ein finſteres Geſicht ſchnitt. Es iſt zweifel⸗ haft, ob wir Soldaten halten könnten, wenn es nicht im Privatleben friedliche Leute gäbe, die gerne ſelbſt als Soldaten angeſehen ſein möchten. Der Krieg könnte dann wie andere dramatiſche Schauſtücke aus⸗ ſterben aus Mangel an„Publicum.“ Fünftes Kapitel. Maggie's zweiter Beſuch. Der letzte Bruch zwiſchen den beiden Knaben war nicht ſo ſchnell wieder ausgeglichen, und es 312 ſtund einige Zeit an, eh' ſie mehr mit einander ſprachen, als eben durchaus nöthig wurde. Bei dem Gegenſatz der Charaktere, war der Uebergang von Empfindlichkeit zum Haß nicht groß, und bei Phi⸗ lipp ſchien er bereits begonnen zu haben; denn ob⸗ ſchon in ſeinem Gemüth kein Zug von Bosheit lag, faßte doch ſein reizbares Weſen eine erlittene Krän⸗ kung viel tiefer auf. Es gehört nicht zu der Natur des Ochſen— wir ſtellen dieſen Satz auf die Au⸗ torität eines großen klaſſiſchen Schriftſtellers hin— ſich ſeiner Zähne als eines Angriffswerkzeuges zu bedienen, und Tom war ein Muſter von einem ſtier⸗ köpfigen Jungen, der in ächter Stierart auf zweifel⸗ hafte Gegenſtände losrannte; aber in ſeinem täppi⸗ ſchen Weſen hatte er Philipp an dem empfindlichſten Punkte angegriffen und ihm in einer Weiſe weh⸗ gethan, als hätte er ſich mit der größten Raffinirt⸗ heit und der giftigſten Tücke darauf eingeübt. Tom ſah keinen Grund ein, warum ſie dieſen Streit nicht eben ſo abmachen ſollten, wie viele andere, indem ſie ſich benähmen, als ob nichts vorgefallen ſei; denn obſchon er nie zuvor Philipps Vater einen Schurken genannt hatte, war dieſe Vorſtellung doch ſo tief mit ſeinen Gefühlen verwachſen und ſpielte eine ſo weſentliche Rolle in dem Verhältniß zwiſchen ihm und ſeinem zweifelhaften Schulkameraden, welchen er weder lieben noch haſſen konnte, daß das bloße Ausſprechen ſeiner Gedanken ihm nicht die Bedeu⸗ tung zu haben ſchien, welche Philipp darin fand. Und er hatte ja ein Recht, ſo zu ſprechen, wenn Philipp ihn unverſchämt behandelte und mit Schimpf⸗ namen belegte. Als er aber bemerkte, daß ſeine 313 erſten Annäherungsverſuche ohne Erwiederung blieben, ſo begann auch er ernſtlicher zu grollen und beſchloß, weder beim Zeichnen noch bei den Crxercitien je wieder Philipps Beiſtand nachzuſuchen. Sie benah⸗ men ſich nur in ſo weit höflich gegen einander, als ſie ihren Span vor Mr. Stelling nicht wollten mer⸗ ken laſſen, da dieſer dem„Unſinn“ durch ſein Macht⸗ gebot Einhalt gethan haben würde. Als jedoch Maggie kam, konnte ſie nicht umhin, den neuen Schulkameraden mit zunehmendem Inter⸗ eſſe zu betrachten, obſchon er der Sohn des heil⸗ loſen Advocaten Wakem war, von dem ihr Vater nie ohne Zorn zu ſprechen pflegte. Sie war in der Mitte der Schulſtunden angekommen und hatte im Studirzimmer Platz genommen, als Mr. Stelling eben mit Philipp ſeine Lectionen durchging. Tom hatte ihr einige Wochen vorher zu wiſſen gethan, daß Philipp eine Menge von Geſchichten erzählen könne— keine ſo dummen, wie die ihrigen, und ſie überzeugte ſich nun aus eigener Wahrnehmung, daß er ſehr geſcheid ſei; auch hoffte ſie, er werde an ihr die gleiche Eigenſchaft entdecken, wenn ſie einmal mit einander zu ſprechen kämen. Außerdem hatte ſie eher eine Zuneigung für mißgeſtaltete Dinge. Die krummhalſigen Lämmer hatte ſie am liebſten, weil ſie ſich vorſtellte, die gut und kräftig gebauten würden ſich weniger um ihre Liebkoſungen kümmern, denn es war ihr namentlich darum zu thun, daß ihre Zuneigung auch Anerkennung fand. Sie liebte Tom ſehr, hätte aber oft gewünſcht, daß er nicht ſo gleichgiltig gegen ihre Zärtlichkeit wäre. „Philipp Wakem ſcheint mir ein recht artiger 314 Knabe zu ſein, Tom,“ ſagte ſie, als ſie mit einan- der aus dem Studirzimmer in den Garten gingen, um ſich dort die Zeit bis zum Mittageſſen zu ver⸗ treiben.„Du weißſt, er kann nicht dafür, daß er einen ſolchen Vater hat, und ich habe von ſehr ſchlim⸗ men Männern geleſen, die gute Söhne hatten, wie es auch brave Eltern mit ſchlimmen Kindern gibt. Und wenn Philipp gut iſt, ſo ſollten wir ihn eher wegen ſeines böſen Vaters bedauern. Du ſtehſt doch gut mit ihm?“ „Oh, er iſt ein wunderlicher Kauz,“ verſetzte Tom kurz angebunden,„und er benimmt ſich gegen mich ſo widerwärtig als möglich, weil ich ihm ſagte, daß ſein Vater ein Spitzbube ſei. Und das durfte ich ihm ſagen, denn es iſt wahr— und er hat an⸗ geſangen, indem er mich ſchimpfte. Aber willſt Du nicht eine Weile allein hier bleiben, Maggie? Ich habe droben etwas zu thun.“ „Kann ich nicht mitgehen?“ entgegnete Maggie, welche ſich am erſten Tage des Wiederſehens nicht einmal von Toms Schatten trennen wollte. „Nein, es iſt etwas, was ich Dir jetzt noch nicht ſagen kann, obſchon Du es gelegentlich erfahren ſollſt,“ antwortete Tom, indem er von hinnen eilte. Nachmittags ſaßen die Knaben im Studirzimmer bei ihren Büchern und bereiteten ſich für die Lection des anderen Morgens vor, um Maggie's Ankunft zu Ehren am Abend Vacanz machen zu können. Tom war über ſeine lateiniſche Grammatik hingebeugt und bewegte lautlos ſeine Lippen wie ein eifriger Katho⸗ lik, der für ſich die Aves ſeines Roſenkranzes ab⸗ betet; und am anderen Ende des Zimmers hatte Philipp zwei Bände vor ſich liegen und ſtudirte da⸗ rin mit der Miene zufriedener Emſigkeit, ſo daß Maggie's Neugierde geweckt wurde, weil er gar nicht ausſah, als ob er eine Lection lerne. Sie ſaß, faſt in einem rechten Winkel von den beiden Knaben, auf einem Schemel und betrachtete bald den einen, bald den anderen; und als Philipp einmal von dem Buch auf und nach dem Herde hinſah, bemerkte er, wie ein Paar dunkle Augen fragend auf ihm haf⸗ teten. Tullivers Schweſter kam ihm als ein recht artiges kleines Weſen vor, das keine Aehnlichkeit mit ihrem Bruder hatte, und der Wunſch regte ſich in ſeinem Innern, ein ſolches Schweſterchen zu beſitzen. Wie kam es wohl, daß Maggie's ſchwarze Augen ihn an die Mährchen von Prinzeſſinnen erinnerten, die in Thiere verwandelt worden waren?.... Ich denke, der Grund lag in dem Umſtand, daß aus dieſen Augen unbefriedigte Wißbegierde und un⸗ befriedigte, flehende Liebe ſprach. „So, Maggie,“ rief Tom endlich, indem er ſein Buch ſchloß und es mit der Energie und Entſchieden⸗ heit einer Perſon auf die Seite ſchob, die in der Kunſt des Aufhörens Meiſter iſt,„jetzt bin ich mit meiner Lection fertig. Komm mit mir die Treppe hinauf.“ „Was haſt Du?“ ſagte Maggie, als ſie vor der Thüre draußen waren, denn bei der Erinnerung an Toms früheren Beſuch des oberen Zimmers ſtieg ihr ein leichter Argwohn auf.„Du willſt mir doch nicht einen Poſſen ſpielen?“ „Nein, nein, Maggie,“ verſetzte Tom in ſeinem 316 ſchmeichelndſten Tone;„es iſt etwas, was Dir ge⸗ fallen wird.“ Er ſchlug den Arm um ihren Hals und ſie den ihrigen um ſeinen Leib; alſo verſchlungen gingen ſie die Treppe hinauf. „Aber Maggie, Du darfſt Niemand etwas davon ſagen,“ bemerkte Tom;„ſonſt kriege ich fünfzig Verſe zur Buße.“ 3 „Iſt's etwas Lebendiges?“ fragte Maggie, deren Einbildungskraft ſich für einen Augenblick der Idee benacheig hatte, Tom dürfte heimlich ein Frettchen alten. „Oh, ich ſag's Dir nicht,“ verſetzte Tom.„Stell' Dich dort in die Ecke und verhülle Dein Geſicht, während ich es heraus lange,“ fügte er bei, nachdem er die Schlafzimmerthüre hinter ſich abgeriegelt hatte.„Du kannſt's dann ſehen, wenn Du Dich umwendeſt. Aber wohlgemerkt, Du darſſt nicht ſchreien.“ „Ja, aber wenn Du nichh erſchreckſt, ſo thu ichen. ſagte Maggie, der die Sache ernſt zu werden ien. „Wer wird Dich erſchrecken wollen, Du einfäl⸗ tiges Ding?“ entgegnete Tom.„Geh' und verhülle Dein Geſicht— aber ſieh nicht darunter hervor.“ „Sei unbeſorgt,“ verſetzte Maggie geringſchätzig und ſteckte das Geſicht in das Kiſſen wie eine Per⸗ ſon von ſtrengſtem Chrgefühl. Tom blickte vorſichtig umher, als er ſich nach dem Kleiderſchrank begab; dann ſtieg er in den engen Raum hinein und ſchloß faſt die Thüre. Maggie hielt ihr Geſicht verhüllt, ohne daß ihre 317 Grundſätze eine Anfechtung erlitten, denn in der dem Träumen ſo günſtigen Stellung, in der ſie ſich be⸗ fand, hatte ſie bald vergeſſen, wo ſie war, und ihre Gedanken beſchäftigten ſich eben mit dem armen mißgeſtalteten Knaben, der ſo geſcheid war, als Tom ihr zurief: „Jetzt, Magſie!“ Nur eine lange Erwägung und eine berechnende Vorbereitung der Wirkung hatte Tom in den Stand ſetzen können, eine ſo auffallende Figur zu machen, wie die war, welche Maggie jetzt vor ſich ſah. Nicht zufrieden mit dem friedfertigen Ausdruck eines Geſichts, in dem ſich nur ein leichter Anflug von flachſigen Augbrauen mit ein Paar lieblichen blau⸗ grauen Augen und runden rothen Backen wahrneh⸗ men ließ, welche durchaus nicht furchtbar ausſehen wollten, wie ſehr er auch vor dem Spiegel ſeine Mienen verziehen mochte—(Philipp hatte ihm ein⸗ mal von einem Mann erzählt, deſſen Stirnfurchen ein Hufeiſen bildeten, und Tom in Folge davon all ſeinem Furchungsvermögen aufgeboten, um auf ſei⸗ ner Stirne ebenfalls ein Hufeiſen hervorzubringen) — hatte er ſeine Zuflucht zu jener nie verſiegenden Quelle des Schrecklichen, dem angebrannten Kork genommen und ſich ein Paar ſchwarze Augbrauen gemacht, welche in der ausdrucksvollſten Weiſe über ſeiner Naſe zuſammenliefen und in ſchönſter Harmo⸗ nie zu der nicht minder ſorgfältig angebrachten Schwärzung des Kinns ſtanden. Das um ſeine Tuchmütze gewundene rothe Tuch verlieh derſelben das Ausſehen eines Turbans, und der über die Bruſt geſchlungene rothe Tröſter ſtellte die Schärpe 318 dar— ein Aufwand von Roth, der mit der ſchreck⸗ lichen Stirnfurche und der Entſchiedenheit, mit wel⸗ cher unſer junger Held den feſtumfaßten Säbel gegen den Boden ſtemmte, ausreichen mochte, um der Zu⸗ ſchauerin einen annähernden Begriff von ſeinem wilden, blutdürſtigen Charakter beizubringen. Maggie machte einen Augenblick eine verdutzte Miene, auf die Tom mit großer Würde niederſchaute; aber im nächſten lachte ſie, ſchlug die Hände zuſam⸗ men und rief: „O Tom, was haſt Du aus Dir gemacht? Du ſiehſt ja aus wie der Blaubart im Puppenſpiel.“ Augenſcheinlich war ihr die Anweſenheit des Säbels nicht aufgefallen, da er noch in der Scheide ſtack. Ihr leichtfertiger Geiſt forderte eine unmittel⸗ barere Berufung an ihren Sinn für's Schreckliche, und Tom bereitete ſich vor für ſeinen Meiſterſtreich. Die Stirne in der Abſicht wenigſtens, wenn auch nicht in der Wirklichkeit, noch fürchterlicher furchend, zog er(mit Behutſamkeit) den Säbel und richtete die Spitze gegen Maggie. „O Tom, ich bitte, hör' auf!“ rief Maggie im Tone der halberſtickten Furcht, während ſie ſich zugleich in eine Ecke flüchtete—„gewiß, ich werde ſchreien! Laß dies— oh, wäre ich doch nicht mit Dir her⸗ aufgegangen!“ Toms Mundyinkel wollten ſich zu einem ſelbſt⸗ gefälligen Lächeln verziehen; doch wurde dieſer Be⸗ wegung, welche ſich ſo wenig mit dem ſtrengen Ernſt eines großen Kriegers vertrug, alsbald Einhalt ge⸗ than. Er ließ, um nicht zu viel Lärm zu machen, — 2 319 langſam die Scheide zu Boden ſinken und ſagte dann finſter: „Ich bin der Herzog von Wellington! Marſch!“ Dabei ſtampfte er mit dem ein wenig gebeugten rechten Bein vorwärts und hielt den Säbel noch immer gegen Maggie gezückt, welche zitternd und weinend auf das Bett ſtieg, da dies das einzige Mittel war, weiter von dem fürchterlichen Tom weg zu kommen. 3 Ueberglücklich, in ſeinen militäriſchen Leiſtungen einen Zuſchauer zu haben, wenn dieſer Zuſchauer auch nur Maggie war, ſchickte ſich Tom mit äußer⸗ ſtem Kräfteaufgebot an, ſolche Hiebe und Stöße zu führen, wie ſie von dem Herzog von Wellington ſich erwarten ließen. „Tom, ich halt's nicht mehr aus— ich ſchreie!“ rief Maggie bei der erſten Schwenkung des Säbels. „Du wirſt Dich beſchädigen— wirſt Dir den Kopf abhauen!“. 5 „Eins— Zwei,“ machte Tom entſchloſſen fort, obſchon bei dem„Zwei“ ſeine Hand bereits ein wenig zitterte.„Drei“ kam langſamer und zugleich ſchwang der Säbel abwärts. Maggie ſtieß einen lauten Schrei aus. Die Spitze des Säbels hatte Tom in den Fuß getroffen, ſo daß dieſer alsbald zu Boden ſank. Maggie ſprang, noch immer ſchreiend, vom Bett herunter, und unmittelbar dar⸗ auf hörte man raſche Fußtritte ſich dem Zimmer nähern. Mr. Stelling, der von ſeinem oberen Studirzimmer herkam, war der erſte, der eintrat. Er fand beide Kinder auf dem Boden. Tom war ohnmächtig geworden, und Maggie ſchüttelte außer 320 ſich und in einem fort ſchreiend den Kragen ſeines Wammſes. Das arme Kind hielt ihn für todt; und doch ſchüttelte ſie ihn, als könne ihn dies in's Leben zurückrufen. In der nächſten Minute ſchluchzte ſie vor Freude, weil Tom die Augen wieder aufgeſchla⸗ gen hatte. Sie hatte keine Zeit, an ſeine Fußwunde zu denken— war es ja ihr höchſtes Glück, daß er nur lebte. Sechstes Kapitel. Eine Liebesſcene. Der arme Tom trug ſeinen Schmerz wie ein Held und war feſt entſchloſſen, über Mr. Poulter nicht mehr auszuſagen, als eben unumgänglich nöthig war. Das Fünſſchillingſtück blieb ſelbſt für Maggie ein Geheimniß. Aber eine ſchreckliche Angſt laſtete auf ſeiner Seele— ſo ſchrecklich, daß er ihr nicht einmal einen Ausdruck zu leihen wagte, weil auf ſeine Frage an Mr. Stelling oder den Wundarzt ein fürchterliches„Ja“ erfolgen konnte— auf die Frage nämlich:„Werde ich wohl lahm bleiben, Sir?“ Er nahm ſich zuſammen, um nicht vor Schmerz zu ſchreien; als er aber nach angelegtem Verband mit Maggie, die an ſeinem Bette ſaß, allein war, legten die Kinder die Köpfe auf das Kiſſen und ſchluchzten zuſammen. Tom ſah ſich im Geiſte ſchon an Krücken einhergehen, wie den Wagnerſohn, und Maggie, welche keine Ahnung von dem hatte, was ihm auf dem Herzen lag, ſchluchzte zur Geſellſchaft mit. Es war weder dem Wundarzt noch Mr. Stelling ein⸗ 321 gefallen, daß es zweckmäßig ſein könnte, einer ſolchen Beſorgniß vorzubauen und den Patienten durch ermuthigende Worte zu tröſten. Philipp aber paßte, nachdem der Chirurg ſich entfernt hatte, Mr. Stel⸗ ling ab, um dieſelbe Frage an ihn zu richten, welche Tom nicht über die Lippen wollte. „Ich bitte um Verzeihung, Sir— aber meint Mr. Askern, Tulliver werde lahm bleiben?“ „O nein— nein,“ antwortete Mr. Stelling; „nicht für immer, nur für eine kleine Weile.“ „Glauben Sie, daß er dies Tulliver geſagt hat?“ „Nein, es wurde nichts über dieſen Gegenſtand geſprochen.“ „Dann darf ich wohl hingehen und es ihm ſa⸗ gen, Sir?“ „Verſteht ſich. Nun Ihr es erwähnt, vermuthe ich auch, daß ihn dies beunruhigen könnte. Geht nach ſeinem Schlafzimmer; aber es muß vorderhand dort Alles ruhig bleiben.“ Als Philipp von dem Unfall hörte, war ſein erſter Gedanke geweſen—„Wird Tulliver lahm bleiben? Dies wäre doch ſehr hart für ihn,“— und die Beleidigung, die er Tom bisher nicht verziehen, wurde von dem Mitleid weggewaſchen. Er fühlte, daß die ſtete Abſtoßung ein unnatürlicher Zuſtand war, und daß ſie in einem gemeinſamen Strom von Leiden und Entbehrungen mit einander fortgetrieben würden. Seine Phantaſie hielt ſich nicht bei dem äußeren Unglück und ſeinem möglichen Einfluß auf Toms künftiges Leben auf, ſondern vergegenwärtigte ſich nur den wahrſcheinlichen Zuſtand von deſſen Gefühlen. Er war zwar erſt vierzehn Jahre alt, Eliot, Die Mühle am Floß. I. 21 322 aber für ihn der größte Theil dieſer Jahre im Ge⸗ fühl eines unheilbar bitteren Loſes entſchwunden. „Mr. Askern ſagt, Du werdeſt bald wieder recht werden, Tulliver— haſt Du dies gewußt?“ begann er mit einiger Schüchternheit, nachdem er leiſe an Toms Bett getreten war.„Ich habe eben Mr. Stelling darüber befragt, und er ſagt mir, Du würdeſt bald wieder ſo gut gehen können, wie vorher.“ Tom dlickte mit jener augenblicklichen Verhaltung des Athems auf, die uns bei einer plötzlichen Freu⸗ denpoſt befällt; dann ſtieß er einen langen Seufzer aus und heſtete ſeine blaugrauen Augen ſo feſt auf Philipps Geſicht, wie er es ſeit vierzehn Tagen oder drei Wochen nicht mehr gethan hatte. Was Maggie betraf, ſo bereitete ihr die Hinweiſung auf eine Mög⸗ lichkeit, an die ſie nie zuvor gedacht, einen neuen Jammer. Schon die bloße Vorſtellung, ihr Bruder hätte bleibend lahm werden können, überwältigte alle Verſicherungen vom Gegentheil ſo ſehr, daß ſie ſich derſelben nicht zu entſchlagen vermochte und auf's Neue zu ſchluchzen und zu weinen begann. „Sei doch nicht ſo gar einfältig, Magſie,“ lau⸗ tete Toms zärtlicher Verweis; denn ſeine Gefühle waren eben jetzt ganz wacker.„Ich werde ja bald wieder wohl ſein.“ „Gott behüt', Tulliver,“ ſagte Philipp, indem er ſeine zarte kleine Hand ausſtreckte, welche ſogleich von Toms ſubſtanzielleren Fingern gefaßt wurde. „Bitte doch Mr. Stelling,“ ſagte Tom,„er möge Dir erlauben, mir bisweilen Geſellſchaft zu⸗ leiſten, bis ich wieder auf ſein kann. Du erzählſt mir dann von Robert Bruce— nicht wahr, Wakem?“ — — 323 Von nun an verbrachte Philipp alle ſeine freie Zeit bei Tom und Maggie. Tom hörte ſo gern wie nur je den Kampfgeſchichten zu, legte aber doch ein großes Gewicht auf die Thatſache, daß die ſtrei⸗ tenden Helden, welche ſo viele wundervolle Thaten verrichteten und doch ſtets mit heiler Haut davon kamen, vom Kopf bis zu den Zehen in treffliche Rüſtungen gehüllt waren, wodurch ſeiner Anſicht nach das Fechten gar leicht wurde. Sein Fuß wäre nicht zu Schaden gekommen, wenn er einen eiſernen Schuh angehabt hätte. Er ſchenkte einer neuen Ge⸗ ſchichte von Philipp große Aufmerkſamkeit; dieſer er⸗ zählte ihm nämlich von einem Mann, welcher eine ſehr ſchlimme Fußwunde hatte und vor Schmerz ſo fürchterlich ſchrie, daß es ſeine Freunde nicht mehr mit ihm aushalten konnten, ſondern ihn auf einer unbewohnten Inſel ausſetzten und ihm nur einige wunderbare giftige Pfeile zum Erlegen von Wild⸗ pret ließen. 4 3 „Du weißt, ich hab' kein Bischen geſchrieen,“ ſagte Tom,„und ich wette, mein Fuß war ſo ſchlimm, als der ſeinige. Es iſt memmenhaft zu ſchreien.“ Maggie aber behauptete, wenn Einem etwas recht weh thue, ſo ſei es ganz in der Ordnung, daß man ſchreie, und es ſei ſehr grauſam, wenn man mit einem ſolchen Leidenden nicht Geduld habe. Sie wünſchte zu wiſſen, ob Philoclet eine Schweſter hatte und warum ſie nicht mit ihm auf die wüſte Inſel ging, um ihn zu pflegen. Eines Tages, bald nach Erzählung dieſer Ge⸗ ſchichte, befanden ſich Philipp und Maggie, während an Tom der Fußverband vorgenommen wurde, 3 21* 324 allein mit einander in dem Studirzimmer. Philipp war über ſeinen Büchern, und Maggie ſchlenderte müſſig umher, ohne etwas Beſonderes anfangen zu wollen, da ſie ja bald wieder zu Tom konnte. Bei dieſer Gelegenheit lehnte ſie ſich an den Tiſch, an welchem Philipp beſchäftigt war, um zu ſehen, was er trieb; denn ſie waren ſchon ganz gute Freunde und recht heimiſch mit einander. „Was liesſt Du da im Griechiſchen?“ fragte ſie. „Es iſt Poeſie— ich kann das ſehen, weil die Zei⸗ len ſo kurz ſind.“ „Es handelt von Philocletes, dem lahmen Mann, von dem ich euch geſtern erzählte,“ antwortete er, den Kopf auf die Hand ſtützend und ſie anſehend, als ſei es ihm nicht leid, unterbrochen zu werden. Maggie beugte ſich in ihrer zerſtreuten Weiſe immer weiter vorwärts, ſtützte ſich auf ihre Arme, und ließ ihre Füße baumeln, während ihre ſchwar⸗ zen Augen immer ſtarrer und ausdrucksloſer wurden, als habe ſie Philipp und ſein Buch ganz vergeſſen. „Maggie,“ ſagte Philipp nach einer Pauſe von einer oder zwei Minuten, während er ſich noch immer auf den Ellenbogen ſtemmte und ſie anſah,„wenn Du einen Bruder hätteſt, wie ich bin, glaubſt Du, daß Du ihn eben ſo ſehr hätteſt lieben können, wie den Tom?“ Maggie fuhr etwas zuſammen, als ſie durch dieſe Anſprache aus ihrer Träumerei geweckt wurde, und entgegnete:„Was?“ Philipp wiederholte ſeine Frage. „O ja, noch mehr,“ antwortete ſie ſogleich.„Nein, nein— nicht mehr; denn ich glaube nicht, daß ich — 2 325 Dich mehr lieben könnte. Aber Du würdeſt mich ſo dauern.“ Philipp erröthete; er hatte mit ſeiner Frage darauf abgezielt, ob ſie ihn lieben könnte, trotz ſei⸗ ner Mißgeſtalt, und doch ſchnitt ihn, als er ſie ſo deutlich auf dieſelbe anſpielen hörte, ihr Mitleid in die Seele. Maggie fühlte ungeachtet ihrer Jugend dieſes Verſehen. Bisher hatte ſie ſich inſtinctartig benommen, als merke ſie gar nichts von Philipps Entſtellung; ihre eigene Empfindlichkeit und herbe Erfahrungen, welche ihr die Tadelſucht der Familie bereitet, reichten zu, ſie dies in einer Ausdehnung zu lehren, als wäre ihr Benehmen ein Ausfluß der feinſten Bildung geweſen. „Aber Du biſt ſo geſcheid, Philipp, und Du kannſt Klavier ſpielen und ſingen,“ fügte ſie haſtig bei.„Ich wollte, daß Du mein Bruder wäreſt. Ich habe Dich ſehr gern. Und Du würdeſt bei mir zu Hauſe bleiben, wenn Tom ausgeht, und würdeſt mich Alles lehren, nicht wahr— Griechiſch und Alles?“ „Doch Du reiſeſt bald wieder ab und gehſt in eine Schule, Maggie,“ verſetzte Philipp;„dann wirſt Du mich vergeſſen und Dich nicht mehr um mich kümmern. Und wenn Du einmal groß geworden biſt und ich Dir wieder begegne, ſo wirſt Du kaum noch Notiz von mir nehmen.“ „Oh nein, ich vergeſſe Dich gewiß nicht,“ ſagte Maggie, ſehr ernſt den Kopf ſchüttelnd.„Ich ver⸗ geſſe nie etwas und denke an Jedermann, von dem ich weit entfernt bin. Ich denke auch an den armen Nap— er hat ein Gewächs im Hals, und Lucas ſagt, er werde ſterben. Das mußt Du übri⸗ 326 gens Tom nicht ſagen, weil es ihn bekümmern würde. Du haſt Yap nie geſehen? er iſt ein curioſer kleiner Hund, und Niemand kümmert ſich um ihn, als Tom und ich.“ G „Kümmerſt Du Dich ſo viel um mich, wie um Yap, Maggie?“ fragte Philipp mit einem weh⸗ müthigen Lächeln. „O ja, ich denke wohl“ verſetzte Maggie lachend. „Ich habe Dich ſehr gerne, Maggie, und werde Dich nie vergeſſen,“ ſagte Philipp.„Und wenn ich mich recht unglücklich fühle, werde ich immer an Dich denken und wünſchen, wenn ich nur eine Schweſter hätte mit ſolchen Augen wie die Deinigen.“ „So gefallen Dir meine Augen?“ entgegnete Maggie, ob dieſer Anerkennung erfreut, da ſie eine ähnliche nie von Jemand anders als von ihrem Vater hatte erfahren dürfen. „Ich weiß es nicht,“ ſagte Philipp.„Sie ſind nicht wie andere Augen. Es iſt als ob ſie zu ſpre⸗ chen verſuchten— und zwar wohlwollend zu ſprechen. Ich mag es nicht haben, wenn andere Leute mich viel anſehen; aber von Dir habe ich's gerne, Maggie.“ „Da haſt Du mich wohl lieber als Tom?“ er⸗ widerte Maggie etwas bekümmert. Dann machte ſie ſich Gedanken, wie ſich Philipp wohl überzeugen laſſen dürfte, daß ſie ihn trotz ſeiner Verkrümmung eben ſo lieben könne, und fuhr fort: „Hätteſt Du's wohl gern, wenn ich Dich küßte, wie ich Tom küſſe? Du darſſt's nur ſagen, und ich thu' es. „Oh, gewiß. Mich küßt Niemand.“ 327 Maggie legte ihren Arm um ſeinen Hals und küßte ihn herzhaft. „So,“ ſagte ſie.„Ich werde ſtets Deiner ge⸗ denken und Dich küſſen, wenn ich Dich wieder ſehe — und ſollte dies noch ſo lange anſtehen. Doch jetzt muß ich ſort; denn ich denke, daß Mr. Askern mit Toms Fuß fertig iſt.“ Als Mr. Tulliver zum zweitenmal kam, ſagte Maggie zu ihm: „O Vater, Philipp Wakem iſt ſo gut gegen Tom — er iſt ſo geſcheid und ich liebe ihn. Und Du liebſt ihn auch, Tom, nicht wahr? Sage, Du liebeſt ihn,“ fügte ſie bittend bei. Tom erröthete ein wenig, als er ſeinen Vater anſah, und ſprach: „Die Freundſchaft wird ein Ende haben, Vater, wenn ich die Schule verlaſſe; aber ſeit meinem böſen Fuß haben wir uns verſöhnt. Ich lernte von ihm das Damenſpiel, und ich kann ihn jetzt ſchlagen.“ „Na, ſchon gut,“ ſagte Mr. Tulliver;„wenn er freundlich gegen Dich iſt, ſo mußt Du's ihm er⸗ wiedern und auch freundlich gegen ihn ſein. Er iſt ein armes verkrüppeltes Geſchöpf und ſchlägt ſeiner ſeligen Mutter nach. Doch hüte Dich, daß Du nicht allzu dick mit ihm wirſt; denn er hat doch auch von dem Blut ſeines Vaters in ſich. Ja, ja, das graue Fohlen ſchlägt vielleicht eben ſo hinaus, wie der ſchwarze Hengſt.“ Die unharmoniſchen Charaktere der beiden Kna⸗ ben bewirkten, was Mr. Tullivers Ermahnung allein nicht zu Stande gebracht haben würde, denn unge⸗ achtet der Güte, mit welcher Philipp in neuerer Zeit 328 Tom behandelte, und der dankbaren Anerkennung, welche ihm letzterer in der Zeit ſeines Schmerzens⸗ lagers zu Theil werden ließ, wurden ſie doch nie innige Freunde. Als Maggie fort war und Tom nachgerade wieder wie gewöhnlich umherzugehen be⸗ gann, ſtarb die freundſchaftliche Wärme, welche aus dem Mitleid und der Dankbarkeit hervorgegangen, allmählich aus, und das frühere Verhältniß griff wieder Platz. Philipp war oft launiſch und hoch⸗ müthig, und die Eindrücke freundlicherer Stimmung verſchmolzen bei Tom allmählich mit dem alten Hintergrund des Argwohns und der Abneigung gegen den wunderlichen buckeligen Knirps, welcher der Sohn eines ſchlechten Kerls war. Wenn Knaben oder Männer in der Glut eines vorübergehenden Gefühls eins werden ſollen, ſo müſſen ſie aus Me⸗ tallen beſtehen, die miſchungsfähig ſind; ſonſt ſchei⸗ den ſie ſich wieder von einander, ſobald die Hitze aufgehört hat. Siebentes Kapitel. Die goldenen Thore geſchloſſen. So machte Tom in King's Lorton fort bis zu ſeinem fünften Semeſter und ſeinem ſechszehnten Lebensjahr, während Maggie, welche ſich mit ihrem Bäschen Lucy in der Koſtſchule der Miß Firniß in der alten Stadt Laceham am Floß befand, mit einer Schnelligkeit her⸗ anwuchs, die ihre Tanten nicht genug zu tadeln ver⸗ mochten. Sie hatte in ihren früheren Briefen an Tom immer Philipp grüßen laſſen und viele Fragen über ihn 329 geſtellt, welche mit Aphorismen über Toms Zahn⸗ weh, über ein Torfhaus, das er im Garten ihm bauen half, und andere derartige Gegenſtände be⸗ antwortet wurden. Es that ihr weh, in der Vacanz ihren Bruder ſagen zu hören, Philipp ſei ſo wunder⸗ lich, als nur je, und oft recht widerwärtig, denn ſie erkannte daraus, daß die Beiden nicht länger gut Freund waren. Und wenn ſie Tom daran erinnerte, daß er Philipp immer lieben ſollte, da derſelbe zur Zeit des böſen Fußes ſo gut gegen ihn geweſen ſei, ſo pflegte er zu antworten:„An mir liegt die Schuld nicht; ich thue ihm nichts.“ Sie wurde Philipps während des Reſtes ihrer Schulzeit kaum je anſichtig; denn die Sommervacanz brachte er ſtets an einem Küſtenorte zu, und um Weihnachten konnten ſie ſich nur zuweilen in den Straßen von St. Oggs begegnen. In ſolchen Fällen erinnerte ſie ſich wohl ihres Verſprechens, ihn zu küſſen; aber als eine junge Dame, die ſich in einer Koſtſchule befand, wußte ſie jetzt, daß von einer ſolchen Be⸗ grüßung keine Rede ſein und Philipp ſie auch nicht erwarten konnte. Das Verſprechen war null und nichtig, wie ſo viele andere ſüße trügliche Zuſagen unſerer Kindheit— nichtig, wie die Verſprechungen in Eden vor der Scheidung der Jahreszeiten, als ſternähnlich die Blüthe Seite an Seite neben dem reifenden Pfirſich prangten, weil ſie nach dem Ver⸗ ſchluß der goldenen Thore unmöglich mehr erfüllt werden konnten. Als ſich aber ihr Vater auf den langgedrohten Rechtsſtreit einließ und Wakem in der Eigenſchaft eines Sachwalters von Pivart ſowohl als von —— — 330 Meiſter Urian gegen ihn auftrat, fühlte ſelbſt Maggie mit einiger Wehmuth, daß es vorausſichtlich mit jeder Vertraulichkeit gegen Philipp ein Ende habe; denn ſchon der Name Wakem brachte ihren Vater in Zorn, und ſie hatte ihn einmal ſagen hören, wenn ſein buckliger Sohn es erlebe, das Erbe des übel⸗ erworbenen Vermögens ſeines Vaters anzutreten, ſo werde es ihm zum Fluch gereichen.„Habe auf der Schule ſo wenig als möglich mit ihm zu thun, mein Junge,“ ſagte er zu Tom, und der Befehl fand um ſo bereitwilligeren Gehorſam, da Mr. Stelling inzwiſchen zwei weitere Zöglinge angenom⸗ men hatte; denn obgleich dieſer Gentleman nicht ſo meteorartig in der Welt emporſtieg, als die Bewun⸗ derer ſeiner Stegreifberedſamkeit von einem Prediger erwartete, deſſen Stimme einen ſo weiten Bereich beherrſchte, ſo hatte ſich doch ſeine Lage in einer Weiſe geſtaltet, daß er ſeinen Aufwand in fortgeſetz⸗ tem Mißverhältniß zu ſeinem Einkommen ſteigern konnte. Toms Schulcurſus verlief mit mühlenartiger Ein⸗ tönigkeit und ſein Geiſt fuhr fort, in einem Medium unintereſſanter oder unverſtändlicher Ideen mit lang⸗ ſamem, halberſticktem Pulſe ſich zu bewegen. Doch brachte er in jede Vacanz größere und größere Blätter von ſatinirten Landſchaften, oder Waſſer⸗ farbenbilder in lebhaftem Grün und Manunſcripte voll Exercitien und Problemen mit, in welchen, da er ſich dies hauptſächlich angelegen ſein ließ, die mehr und mehr ſich verbeſſernde Handſchrift auffiel. Eine weitere halbjährige Zugabe waren ein oder zwei neue Bücher, welche ſeinen Fortſchritt in den ver⸗ 331 ſchiedenen Stadien der Geſchichte, der chriſtlichen Lehre und der lateiniſchen Literatur bekundeten, ob⸗ ſchon der Beſitz dieſer Bücher nicht das einzige Re⸗ ſultat ſeiner Studien war. Toms Ohr hatte ſich an viele Worte und Phraſen gewöhnt, die man als Abzeichen einer gelehrten Erziehung betrachten konnte, und obgleich er keiner von ſeinen Lectionen mit dem Geiſte zu folgen pflegte, war von denſelben doch ein gewiſſer Niederſchlag von unbeſtimmten fragmentari⸗ ſchen Vorſtellungen zurückgeblieben. Mr. Tulliver, welcher die erworbenen Kenntniſſe ſeines Sohnes nicht zu beurtheilen verſtand, glaubte, daß es mit Toms Erziehung ganz richtig beſtellt ſei, und ob⸗ ſchon er die Charten und das„Summiren“ nicht in der erwarteten Ausdehnung vertreten ſah, ſo mochte er ſich darüber doch nicht gegen Mr. Stelling förm⸗ lich beſchweren. Eine ſolche Schule war ein ver⸗ zwicktes Ding, und wo ſollte er ſeinen Sohn beſſer unterbringen, wenn er ihn wegnahm? Mittlerweile war Toms letztes Quartal zu King's Lorton herangekommen, und die Jahre hatten ſeit ſeiner Rückkehr von Mr. Jacobs Academie an ihm eine auffallende Veränderung hervorgebracht. Er war ein hoch aufgeſchoſſener Jüngling, der ſich nicht mehr linkiſch benahm und in ſeinen Reden nur jenen Grad von Befangenheit an den Tag legte, welcher ſich mit dem gemiſchten Gefühl der Schüchternheit und des Stolzes vertrug. Er trug ſeinen Frack und ſtehenden Halskragen und bewachte mit Ungeduld den Flaum auf ſeiner Lippe, wobei er jeden Tag das jungfräuliche Raſirmeſſer muſterte, mit dem er ſich ſchon in der letzten Vacanz verſehen hatte. Phi⸗ lipp war ſchon im Herbſtquartal ausgetreten, um ſich für den Winter wegen ſeiner Geſundheit nach dem Süden zu begeben; und dieſer Wechſel trug dazu bei, Tom mit dem unſteten jubelnden Gefühl zu erfüllen, welches gewöhnlich die letzten Monate vor dem Abgang von der Schule begleitet. Auch war Hoffnung vorhanden, daß in dieſem Vierteljahr der Proceß ſeines Vaters zu Ende gehen und da⸗ durch der Aufenthalt in der Heimath um ſo angeneh⸗ mer werde. Denn Tom, welcher ſeine Anſichten von dem Fall aus ſeines Vaters Reden geſchöpft hatte, zweifelte nicht an Pivarts Unterliegen. Tom hatte ſchon einige Wochen keine Nachrichten von Haus erhalten— ein Umſtand, der ihn nicht befremdete, ſofern ſein Vater und ſeine Mutter nie ſehr ſchnell bei der Hand geweſen waren, ihre Liebe durch unnöthige Briefe zu bethätigen. Da wurde er zu Ende Novembers an dem Morgen eines äußerſt kalten Tages, als er um neun Uhr in die Studir⸗ ſtube trat, durch die Kunde überraſcht, daß ſich ſeine Schweſter in dem Beſuchzimmer befinde. Mrs. Stel⸗ ling war ſelbſt herunter gekommen, um ihm dieſe Mittheilung zu machen, und ließ ihn allein zu Mag⸗ gie hinaufgehen. Dieſe war jetzt hübſch herangewachſen und trug geflochtenes und aufgeſtecktes Haar; an Größe ſtand ſie Tom nicht viel nach, obſchon ſie erſt dreizehn zählte, und ſah auch in jenem Augenblick wirklich viel älter aus. Sie hatte ihren Hut abgelegt und die ſchweren Flechten aus ihrer Stirne zurückgeſchoben, als könne dieſe eine ſolche Extralaſt nicht brauchen; auch zeigte, als ſie den Blick ängſtlich auf der Thüre — 333 haften ließ, ihr junges Geſicht einen eigenthüm⸗ lich traurigen Ausdruck. Als Tom eintrat, be⸗ grüßte ſie ihn nicht mit Worten, ſondern ging nur auf ihn zu, ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und küßte ihn mit Innigkeit. Da er an ihre verſchiedenen Stimmungen gewöhnt war, ſo fand er in dem un⸗ gewöhnlichen Ernſt ihrer Begrüßung nichts Beun⸗ ruhigendes. „Was treibt Dich an dem frühen kalten Morgen hieher, Maggie? Biſt Du in dem Gig gekommen?“ fragte Tom, als ſie auf dem Sopha Platz nahm und ihn an ihre Seite zog. „Nein; ich kam mit der Poſtkutfche und bin vom Schlagbaum bis hieher zu Fuß gegangen.“ „Aber wie kommt's, daß Du nicht auf Deiner Schule biſt? Die Vacanz hat noch nicht begonnen.“ „Der Vater brauchte mich daheim,“ ſagte Mag⸗ gie mit einem leichten Beben der Lippe.„Ich bin vor drei oder vier Tagen nach Haus gekommen.“ „Iſt etwa dem Vater nicht wohl?“ fragte Tom ängſtlich. „Nicht ganz,“ verſetzte Maggie.„Er iſt ſehr unglücklich, Tom. Der Proceß iſt ausgegangen, und ich bin gekommen, um es Dir zu ſagen, weil ich dachte, es ſei beſſer, du erfahreſt es, eh' du nach Hauſe kämeſt; denn in einem bloßen Brief habe ich es Dir nicht mittheilen wollen.“ „Der Vater hat ihn doch nicht verloren?“ rief Tom, haſtig von dem Sopha aufſpringend und mit plötzlich in die Taſchen geſteckten Händen vor Mag⸗ gie hintretend. 334 „Ja, lieber Tom,“ verſetzte Maggie, zitternd den Bruder anſehend. Tom blieb eine Weile ſtumm und hielt die Augen auf den Boden geheftet. Dann ſagte er: „So wird der Vater wohl ein hübſches Stück Geld zu bezahlen haben?“ „Ja,“ antwortete Maggie mit tonloſer Stimme. „Nun, ſo muß man ſich darein ſchicken,“ ſagte Tom wacker, ohne übrigens den Verluſt eines ſchö⸗ nen Stück Geldes ſich in klarer Vorſtellung zu ver⸗ gegenwärtigen.„Aber ich kann mir denken, daß es den Vater ſehr ärgern wird,“ fügte er mit einem Blick auf Maggie bei, deren bekümmerte Miene ihm nur in dem Licht einer mödchenhaften Auffaſſung des Sachverhalts erſchien. „Ja,“ entgegnete Maggie abermals tonlos; dann aber fuhr ſie, durch Toms Freiheit von aller ernſten Beſorgniß gedrängt, laut und raſch fort, als hätten die Worte unwillkührlich ſich aus der beengten Bruſt Bahn gebrochen:„O Tom, er wird die Mühle verlieren und das Gut und Alles, ſo daß ihm gar nichts bleiben wird.“ Toms Auge ließ einen Blick des Staunens nach ihr ſchießen; dann wurde er blaß und zitterte ſicht⸗ lich. Eine Erwiederung kam nicht über ſeine Lippen, ſondern er ſetzte ſich wieder auf das Sopha und ſchaute leer durch die Scheiben des entgegengeſetzten Fenſters. Sorge für die Zukunft war Tom nie zu Sinne gekommen. Sein Vater hatte immer ein ſchönes Pferd geritten, ein gutes Haus gehalten und die heitere zuverläßige Miene eines Mannes gezeigt, „ 335 der genug beſaß, um etwas zuſetzen zu können. Es war daher Tom nie im Schlaf eingefallen, daß ſein Vater ein„Gantmann“ werden könnte; denn von dieſer Form des Unglücks hatte er ſtets als von einer ſchweren Schande reden hören, und Schande war eine Vorſtellung, die er mit keinem von ſeinen Verwandten, geſchweige mit ſeinem Vater in Ver⸗ bindung zu bringen vermochte. Ein ſtolzes Gefühl für Familienachtbarkeit lag ſogar in der Luft, in welcher Tom geboren und erzogen worden. Er wußte, daß es in St. Oggs Leute gab, die Staat machten, ohne entſprechende Mittel dafür zu beſitzen, und hatte ſeine Verwandte immer nur mit Tadel und Verachtung von ſolchen Leuten ſprechen hören. Er hatte ſein ganzes Leben über geglaubt, ohne da⸗ für irgend eines beſtimmten Beweiſes zu bedürfen, daß ſein Vater viel Geld ausgeben könne, wenn er nur wolle, und da ihm durch ſeine Erziehung bei Mr. Stelling für die Anſchauung des Lebens ein koſtſpieligerer Standpunkt gegeben worden, ſo war ihm oft der Gedanke gekommen, wenn er älter ſei, wolle er in der Welt Figur machen mit ſeinem Pferd, ſeinen Hunden, Sätteln und anderem Zugehör eines freien jungen Manns, ſo daß er in St. Oggs hinter keinem von ſeinen Zeitgenoſſen zurückbleibe, die viel⸗ leicht um einen Grad höher in der Geſellſchaft zu ſtehen meinten, weil ihre Väter ein Handwerk trieben, oder große Oelmühlen beſaßen. Was die kopfſchüt⸗ telnden Prophezeiungen ſeiner Tanten und Onkel betraf, ſo hatten dieſe auf ihn nie eine andere Wir⸗ kung gemacht, als daß ſie in ihm die Ueberzeugung hervorriefen, Tanten und Onkel ſeien eine ſehr un⸗ angenehme Geſellſchaft; denn ſo weit er zurückdenken konnte, hatten ſie immer an dem Hausweſen etwas zu tadeln gewußt, das doch ſein Vater beſſer ver⸗ ſtehen mußte, als ſie. Der Flaum zeigte ſich auf Toms Lippen; aber doch waren ſeine Gedanken und Erwartungen in veränderter Form nur ein Fortſpinnen der knaben⸗ haften Träume geweſen, in welchen er vor drei Jahren gelebt hatte. Jetzt wurde er durch den hef⸗ tigen Stoß zum Erwachen gebracht. Die Bläſſe und das zitternde Schweigen Toms erſchreckte Maggie. Sie hatte ihm noch etwas An⸗ deres zu ſagen— etwas viel Schlimmeres. Sie ſchlang endlich die Arme um ihn und ſprach mit einem halben Schluchzen: „O Tom— lieber Tom, nimm Dir's nicht allzu tief zu Herzen— raffe Dich auf und ſuch' es zu tragen.“ Tom ließ ſich geduldig ihre Küſſe gefallen, und in ſeinen Augenwinkeln ſammelte ſich eine Feuchtig⸗ keit, die er hurtig mit der Hand wegwiſchte. Dieſe Handlung ſchien ihn zu wecken, denn er ſchüttelte ſich und ſagte: „Ich werde mit Dir heimgehen, Maggie. Hat nicht der Vater geſagt, daß ich kommen ſolle?“ „Nein, Tom, der Vater hat dieſen Wunſch nicht geäußert,“ verſetzte Maggie, in ihrer Sorge wegen ſeiner Gefühle die eigene Aufregung unterdrückend. „Aber die Mutter verlangt nach Dir— die arme Mutter— ſie weint ſo viel. O Tom, es iſt jetzt ſchrecklich zu Haus.“ Ihre Lippen wurden blaſſer, und ſie begann faſt — 337 eben ſo zu zittern, wie Tom. Die beiden armen Ge⸗ ſchöpfe hielten einander feſt umſchlungen— beide zit⸗ ternd— der eine in unbeſtimmter Furcht, die andere vor dem Bild einer ſchrecklichen Gewißheit. Als Maggie wieder ſprach, that ſie es nur in flüſternden Lauten. „Und.... und.... der arme Vater....“ Maggie konnte nicht weiter. Aber die Un⸗ gewißheit war für Tom unerträglich. Seine Be⸗ ſorgniſſe begannen ſich zu einer unbeſtimmten Vor⸗ ſtellung von Haft wegen nicht zahlbarer Schulden zu geſtalten. „Wo iſt der Vater?“ rief er ungeduldig.„Sprich ohne Rückhalt, Maggie.“ „Er iſt zu Hauſe,“ verſetzte Maggie, welche auf dieſe Frage leichter zu antworten vermochte;— „aber,“ fügte ſie nach einer Pauſe bei...„nicht in einem Zuſtand wie ſonſt... Er ſtürzte vom Pferd... und hat ſeitdem Niemand erkannt, als mich... er ſcheint alles Bewußtſein verloren zu haben Oh, Vater, Vater.“ Mit dieſen letzten Worten brach Maggie in ein um ſo heftigeres Schluchzen aus, je mehr Zwang ſie ſich vorher hatte anthun müſſen, um es niederzukämpfen. Tom fühlte jene Beklemmung des Herzens, welche keine Thränen aufkommen läßt. Er konnte ſich nicht wie Maggie, die zu Haus geweſen, den Jammer in der Heimath aus der Anſchauung vergegenwär⸗ tigen, fühlte aber doch die erdrückende Wucht eines Unglücks, für das es keine Abhilfe zu geben ſchien. Er ſchlang ſeinen Arm faſt krampfhaft um die ſchluch⸗ zende Maggie, obſchon ſein Geſicht ſtarr und thränen⸗ los blieb und ſeine Augen einen verſtörten Ausdruck Eliot, Die Mühle am Floß. I. 22 338 zeigten, als habe ſich plötzlich in der Geſtalt eines ſchwarzen Vorhangs eine Wolke in ſeinen Weg gelegt. Doch Maggie that ihrem Schmerzerguß bald wieder Einhalt; ein einziger Gedanke hatte auf ſie wie ein aufſchreckender Ton gewirkt. „Wir müſſen uns auf den Weg machen, Tom— wir dürfen nicht bleiben— der Vater wird mich vermiſſen— die Kutſche kömmt um zehn Uhr an dem Schlagbaum vorbei.“— Sie ſprach dies mit haſtiger Entſchiedenheit, indem ſie ſich die Augen rieb und dann aufſtand, um ihren Hut aufzunehmen. Tom erhob ſich unter dem Einfluß deſſelben Ge⸗ dankens. „Wart noch eine Minute, Maggie,“ ſagte er. „Ich muß noch vorher mit Mr. Stelling ſprechen; dann wollen wir gehen.“ Er glaubte nach dem Studirzimmer der Zöglinge gehen zu müſſen, begegnete aber Mr. Stelling ſchon unterwegs. Dieſer hatte von ſeiner Frau gehört, Maggie ſei augenſcheinlich im Jammer geweſen, als ſie nach ihrem Bruder fragte, und kam jetzt, nach⸗. dem ſeiner Meinung nach die Geſchwiſter lange genug allein bei einander geweſen, um nach ihnen zu ſehen und ihnen ſeine Theilnahme zu bezeugen. „Entſchuldigen Sie, Sir, ich muß nach Haus,“ ſagte Tom abgebrochen, als er Mr. Stelling in der Flur begegnete.„Ich muß ſogleich mit meiner Schweſter in die Heimath zurück. Mein Vater hat ſeinen Proceß verloren— ſein ganzes Vermögen iſt dahin— und er iſt ſehr krank.“ Mr. Stelling fühlte wie ein wohlwollender Mann. Er ſah zwar einem wahrſcheinlichen Geld⸗ ⸗ * „ ¹ 8 339 verluſt entgegen; aber dies that ſeiner Theilnahme kei⸗ nen merklichen Abbruch, als er voll Mitleid auf die bei⸗ den Geſchwiſter niederſchaute, die in ſo früher Jugend ſchon den Jammer kennen lernen ſollten. Als er erfuhr, in welcher Abſicht Maggie gekommen und wie ſehr ſie die Abreiſe beeilte, that er ſelbſt auch allen Vorſchub, flüſterte aber dabei Mrs. Stelling, welche ihm gefolgt war, etwas zu, worauf dieſe als⸗ bald das Zimmer verließ. Tom und Maggie ſtanden auf der Hausflur⸗ ſchwelle und waren eben im Begriff, ſich zu ent⸗ fernen, als Mrs. Stelling mit einem Körbchen nach⸗ kam, das ſie Maggie mit den Worten an den Arm hing:„Vergeßt nicht, unterwegs etwas zu eſſen, meine Lieben.“ Bei dieſer Anſprache ging Maggie das Herz auf gegen die Frau, welche ihr vorher zu⸗ wider geweſen, und ſie küßte ſie ſchweigend. Dies war von Seiten des armen Kindes die erſte Kund⸗ gebung des neuen Gefühls, das aus dem Leid ent⸗ ſpringt, ich meine jene gerührte Empfönglichkeit, welche ſelbſt in den einfachſten humanen Handrei⸗ chungen wahre Liebesdienſte erkennt, wie bei den hageren Männern unter den Eisbergen ſchon die bloße Anweſenheit eines gewöhnlichen Kameraden die tiefen Quellen der Liebe aufſchließt. Mr. Stelling legte ſeine Hand auf Toms Schul⸗ ter und ſagte:„Gott behüte Euch, mein Sohn; laßt mich hören, wie es Euch geht.“ Dann drückte er Maggie's Hand, aber ohne ein hörbares„Gott behüt.“ Tom hatte ſich oft vorgeſtellt, wie glücklich er ſich an dem Tag fühlen werde, an welchem er die Schule„als fertig“ verlaſſe. Und nun kamen 340 ihm ſeine Schuljahre wie Ferien vor, die zu Ende gegangen waren. Die beiden ſchmächtigen Geſtalten wurden im größeren Abſtand vom Hauſe undeutlich und ver⸗ ſchwanden bald hinter den Heckenreihen. Sie hatten gemeinſchaftlich die Bahn des Kum⸗ mers betreten und ſollten keinen Sonnenſchein mehr erleben, welcher nicht durch die Erinnerung an Sor⸗ gen getrübt worden wäre. Die dornige Wildniß lag vor ihnen, und die goldenen Thore ihrer Kindheit waren hinter ihnen abgeſchloſſen für immer. Ende des erſten Bandes. —