N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. VLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ — pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 54 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von * jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 „„„„— 1.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 1 . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Silas Murner. der Weber 12 veloe⸗ Von George Eliot. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Stuttgart. Franckb'ſche Verlagshandlung. 3 1861. ————ͤͤͤͤͤ 3 3 1 2* 6 —. 4 ᷣ 8 2 A/. 8 Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Erſtes Capit. In den Tagen wo die Spinnräder geſchäftig in den Bauernhäuſern ſurrten— wo ſogar vornehme Damen mit ſeidenen Gewanden und feinen Spizen ihre zierlichen Rädchen aus polirtem Eichenholz be⸗ ſaßen, konnte man in entlegenen Gegenden, tief un⸗ ter Hügeln begraben, gewiſſe bleiche verkümmerte Leute ſehen, die neben dem kräftigen Bauernvolk wie Ueberreſte eines enterbten Geſchlechtes ausſahen. Der Schäferhund bellte grimmig wenn einer von dieſen * Pieen ausſehenden Männern im Winter gegen Son⸗ 4 nenuntergang auf dem Hochland ſich blicken ließ; ddenn weicher Hund liebt eine unter einem ſchweren Sack gebeugte Geſtalt? und dieſe blaſſen Männer zogen ſelten ohne eine ſolche geheimnißvolle Laſt aus. Der Schäfer ſelbſt, obſchon er guten Grund hatte zu glauben daß der Sack nichts anderes als flächſenen Faden oder die langen Rollen einer ſtarken daraus geſponnenen Lein and enthiekt, hegte ſeine ſtarken Zweifel, ob dieſes Debergeſchäft, ſo unentbehrlich es war, wohl ganz ohne die Hilfe des Gottſeibeiuns abgehen könne. In dieſer fernen Zeit klammerte ſich der Aberglaube leicht an jede Perſon oder Sache die gänzlich ungewohnt war oder nur von Zeit zu 1* 4 Zeit und gelegentlich zum Vorſchein kam, wie z. B. die Beſuche eines Hauſirers oder Scheerenſchleifers. Niemand wußte wo ſolche Landſtreicher wohnten oder woher ſie ſtammten, und wie man ſich einen Men⸗ ſchen erklären ſollte, wenn man nicht wenigſtens Je⸗ mand zu nennen wußte der ſeinen Vater und ſeine Mutter kannte. Für die Bauern in alten Zeiten war die außer ihren eigenen unmittelbaren Erfah⸗ rungen liegende Welt eine Region dunkler Unklarheit und Unheimlichkeit. Ihrem ungereisten Gedanken war ein Zuſtand beſtändigen Wanderns ein ſo trüber Begriff wie das Winterleben der Schwalben die mit dem Frühjahr wiederkehrten, und ſelbſt ein Anſiedler wurde, wenn er aus fernen Gegenden kam, beinahe lebenslänglich mit einem Reſt von Mißtrauen betrach⸗ tet, ſo daß man ſich keineswegs gewundert haben würde wenn er nach jahrelanger makelloſer Auffüh⸗ rung irgend ein ſchweres Verbrechen begangen hätte, beſonders wenn er im Ruf von Kenntniſſen ſtand oder techniſche Geſchicklichkeit zeigte. Jede beſondere Fertigkeit, ob nun im raſchen Gebrauch des ſchwie⸗ rigen Inſtruments das man Zunge nennt, oder in irgend einer andern den Dorfbewohnern nicht ver⸗ trauten Kunſt, war an und für ſich verdächtig: ehrliche Leute, in einer ſichtbaren Weiſe geboren und er⸗ zogen, waren meiſtens nicht übermäßig geſcheidt oder geſchickt— wenigſtens erſtreckte ſich ihr Wiſſen nicht über die Wetterregeln hinaus, und das Verfahren wodurch Raſchheit und Gewandtheit in irgend einer Sache gewonnen werden konnte, war ihnen ſo gänz⸗ lich verborgen, daß ſie dabei ſchlechterdings an Be⸗ ſchwörungen glaubten. So geſchah es daß dieſe zer⸗ ₰ ſtreuten Leineweber— Auswanderer aus der Stadt nach dem Lande— von ihren bäuerlichen Nachbarn zuletzt als Fremde betrachtet wurden und meiſtens die excentriſchen Gewohnheiten annahmen die ſich bei einem einſamen Leben ſo leicht ergeben. Zu Anfang dieſes Jahrhunderts arbeitete ein ſol⸗ cher Leineweber, Namens Silas Marner, in einem ſteinernen Häuschen unter den nußreichen Hecken in der Nähe des Dorfes Raveloe am Rande eines verlaſſenen Steinbruches ſtand. Das zweifelhafte Ge⸗ töne ſeines Webſtuhles, das gegen die natürlichen heiteren Klänge der Worfelmaſchine oder den ein⸗ facheren Rhytmus der Dreſchflegel gewaltig abſtach, hatte einen halb unheimlichen Zauber für die Jungen von Raveloe, die oft ihre Nußhecken oder Vogelneſter im Stich ließen, um zu dem Fenſter des ſteinernen Häuschens hineinzuſehen, wobei ſie einen gewiſſen Schauer über die geheimnißvolle Thätigkeit des Web⸗ ſtuhles durch ein angenehmes Gefühl verachtungs⸗ voller Ueberlegenheit aufwogen, da das wechſelnde Geräuſche deſſelben und die gebeugte tretmühlartige Haltung des Webers ihren Spott reizten. Aber zu⸗ weilen geſchah es daß Marner, wenn er eine Pauſe machte um einer Unregelmäßigkeit in ſeinem Faden abzuhelfen, die kleinen Schlingel bemerkte, und ſo karg er mit ſeiner Zeit war, ſo mißfiel ihm doch dieſe Zudringlichkeit ſo ſehr, daß er von ſeinem Web⸗ ſtuhl herabſtieg, die Thüre öffnete und die Jungen ſtarr fixirte, ſo daß weiter nichts Anderes nöthig war um ſie in jähe Flucht zu jagen. Denn wie konnte man glauben daß dieſe großen, braunen, weit hervorſtehenden Augen in Silas Marners blaſſem 6 Geſicht in Wahrheit nicht ſehr deutlich ſahen was ſie nicht ganz nahe vor ſich hatten, und daß ihr ſchreck⸗ liches Starren nicht vielmehr über jeden Jungen der in ihren Bereich kam Krämpfe, engliſche Krankheit oder. wenigſtens Krummmäuligkeit bringen konnte? Sie hatten vielleicht von ihren Vätern und Müttern An⸗ deutungen gehört daß Silas Marner Rheumatismen heilen könne wie und wann er wolle, und dann hatte man noch geheimnißvoller hinzugefügt daß man ſich, wenn man nur dem Teufel ſchöne Wot geben verſtehe, die Doctorskoſten erſparen könne. Solche ſeltſame übrig gebliebene Echos von der alten Dämonenverehrung könnte ein fleißiger Beobachter unter dem grauhaarigen Bauernvolk vielleicht noch immer vernehmen, denn der ungebildete Geiſt kann ſich eine Verbindung zwiſchen Macht und Gutherzig⸗ keit nicht leicht denken. Ein dunkler Begriff von Macht, die ſich durch viele Ueberredung beſtimmen laſſen kann keinen Schaden anzurichten, iſt diejenige Geſtalt, welche das Gefühl des Unſichtbaren am leichteſten bei Leuten annimmt die ſtets mit dringen⸗ den Bedürfniſſen zu kämpfen hatten, und denen ein Leben harter Mühſeligkeit niemals durch einen enthu⸗ ſiaſtiſchen religiöſen Glauben erheitert wird. Ihnen bieten Mühe und Ungemach ein weit größeres Feld von Möglichkiten als Heiterkeit und Genuß: ihre Phantaſie iſt beinahe leer von Bildern wodurch Wunſch und Hoffnung erzeugt werden, aber ganz überwachſen von Erinnerungen welche der Furcht eine beſtändige Nahrung bieten.„Könnt Ihr Euch irgend Etwas denken was Ihr gerne eſſen würdet?“ fragte ich einmal einen alten Mann der Arbeit der in ſei⸗ 7 ner lezten Krankheit lag und jede Nahrung von der Hand ſeiner Frau zurückgewieſen hatte.„Nein,“ antwortete er,„ich war nie an etwas Anderes als an grobe Speiſen gewöhnt, und ich kann das nicht eſſen.“ Die Erfahrung hatte in ihm keine appetit⸗ reizenden Phantaſien erzeugt. Und Raveloe war ein Dorf wo noch viele von den alten Echos weilten, die von den neuen Stim⸗ men noch nicht übertäubt wurden. Nicht als ob es in diener dürftigen Gemeinden geweſen wäre die auf den äußerſten Grenzen der Civiliſation leben und nur magere Schafe und dünngeſäete Schäfer zu Be⸗ wohnern haben; im Gegentheil, es lag in der rei⸗ chen Centralebene des Landes das wir ſo gerne das luſtige England nennen, und hatte. Bauernhöfe die, von einem geiſtlichen Geſichtspunkt aus zu reden, ſehr wünſchenswerthe Zehnten bezahlten. Aber es lag in einem ſtillen, wohlbewaldeten Thale, einen ganzen Tagesritt von jedem Schlagbaum entfernt, und weder die Klänge des Poſthorns noch die Stim⸗ men der öffentlichen Meinung kamen ihm nahe. Es war ein Dorf das etwas gleich ſah, mit einer ſchö⸗ nen alten Kirche und einem großen Kirchhof in der Mitte, mit zwei oder drei Häuſern von Ziegeln und Stein, die wohlummauerte Obſtgärten nebſt zierlichen Wetterhähnen beſaßen, dicht an der Straße ſtanden und impoſantere Fronten erhoben als das Pfarr⸗ haus, das unter den Bäumen auf der andern Seite des Kirchhofs hervorſchaute;— ein Dorf das auf den erſten Blick die Gipfel ſeines geſellſchaftlichen Lebens zeigte und dem practiſchen Auge verrieth daß kein großer Park und kein großes Herrenhaus in der 8 Nähe war, ſondern daß in Raveloe mehrere Häupter lebten die ganz nach Belieben ihr Land ſchlecht be⸗ wirthſchaften konnten, da ſie aus ihrer ſchlechten Wirthſchaft in dieſen Kriegszeiten Geld genug zogen um in Herrlichkeit und Freude zu leben und ſich an Weihnachten, Oſtern und Pfingſten fröhliche Tage zu machen. Es war fünfzehn Jahre ſeit Silas Marner nach Raveloe gekommen; er war damals ganz einfach ein blaſſer junger Mann mit vorſtehenden kurzſichtigen braunen Augen, und ſeine Erſcheinung würde für Leute von der gewöhnlichſten Bildung und Erfahrung nichts Befremdendes gehabt haben; allein für die Dorfbewohner in deren Nähe er ſich niederlaſſen wollte, hatte ſie geheimnißvolle Umſtände die der ausnahmsweiſen Natur ſeiner Beſchäftigung, ſowie ſeiner Ankunft aus einer ungekannten Region, ge⸗ nannt der Norden, entſprachen. Nicht minder auffallend war ſeine Lebensweiſe: er lud keinen Gaſt ein ſeine Thürſchwelle zu über⸗ ſchreiten, und er ſchlenderte niemals ins Dorf um im Regenbogen eine Pinte zu irinken oder im Rad zu ſchwazen; er ſuchte keinen Weann und kein Weib auf, außer in Sachen ſeines Handwerks oder um ſich mit Lebensbedürfniſſen zu verſehen, und den Mädchen von Raveloe wurde es bald klar daß er niemals eine um ihre Hand beſtürmen würde, gleich als hätte er ſie erklären hören, ſie würden nie einen todten Mann heirathen der wieder auferſtanden ſei. Dieſe Anſchauung von Marners Perſönlichkeit ſtüzte ſich auch noch auf andere Gründe als ſein blaſſes Geſicht und ſeine beiſpielloſen Augen; denn Jem —— 9 Rodney, der Maulwurffänger, erklärte, er habe eines Abends beim Heimgehen Silas Marner mit einem ſchweren Sack auf dem Rücken an eine Bank ſich anlehnen geſehen, ſtatt den Sack auf die Bank zu legen, wie ein vernünftiger Menſch gethan haben würde, und als er näher gekommen, habe er geſehen daß Marners Augen gleich denen eines Todten vor ſich geſtarrt; dann habe er ihn angeredet und ge⸗ ſchüttelt, und da ſeien ſeine Glieder ſteif geweſen und ſeine Hände haben den Sack feſt gepackt als wären ſie von Eiſen; aber juſt als er die Ueber⸗ zeugung gewonnen daß der Weber todt ſei, ſei er ſo zu ſagen wieder in einem Nu zu ſich gekommen, habe gute Nacht geſagt und ſei weiter gegangen. Jener ſchwur darauf daß er dieß Alles geſehen habe, und zwar um ſo deutlicher, weil er gerade an dieſem Tag auf dem Gute des Herrn Caß drunten bei dem alten Steinbruch Maulwürfe gefangen. Einige mein⸗ ten, Marner müſſe eine Anwandlung gehabt haben, ein Wort das ſonſt unglaubliche Dinge zu erklären ſchien; aber der an Beweismitteln reiche Gemeinde⸗ ſchreiber Macan ſchüttelte den Kopf und fragte, ob man im Leben gehort habe daß Jemand eine Anwandlung bekomme ohne zu Boden zu fallen. Eine Anwand⸗ lung ſei ja doch ein Anfall, und es liege in der Na⸗ tur eines Anfalls daß der Betroffene theilweiſe den Gebrauch ſeiner Glieder verliere und der Gemeinde zur Laſt falle, wenn er keine Kinder habe die für ihn ſorgen. Nein, nein, bei einem Anfall könne ein Mann nicht mehr auf ſeinen Beinen ſtehen bleiben, wie ein Pferd an der Deichſel, und dann wieder da⸗ vongehen ſobald man Hiſt ſage. Aber das ſei wohl 10 möglich daß die Seele eines Menſchen ſich von ihrem Körper losmache und aus⸗ und eingehe wie ein Vogel in ſeinem Neſt, und darum werden die Leute ſo überklug, denn ſie gehen in dieſem ſchalloſen Zuſtande zu ſolchen in die Schule welche ſie mehr lehren kön⸗ nen als ihre Nachbarn mit ihren fünf Sinnen und der Pfarrer zu lernen vermögen. Und woher denn Meiſter Marner die Kenntniß der Kräuter und auch der Zaubermittel, wenn er ſie nur hergeben wolle, beſize? Jem Rodney'’s Geſchichte ſei weiter nichts als was man von einem Menſchen erwarten könne, der geſehen habe wie Marner die Sally Oates geheilt, ſo daß ſie wie eine Puppe eingeſchlafen ſei, nachdem ihr Herz länger als zwei Monate, ſo lange ſie beim Doctor in der Cur geweſen, ſo laut geſchlagen habe, als ob es ihr die Bruſt ſprengen wollte. Er könne noch mehr Leute curiren wenn er wolle, und es ſei wohl der Mühe werth ihm gute Worte zu geben, wäre es auch nur damit er ſich's nicht ein⸗ fallen laſſe Unheil zu ſtiften.“ Dieſer unklaren Furcht verdankte es Marner theil⸗ weiſe daß er vor der Verfolgung geſchüzt blieb die er ſich durch ſeine Eigenthümlichkeiten hätte zuziehen können; noch mächtiger aber wirkte dabei der Um⸗ ſtand daß der alte Leineweber in der Nachbar⸗ gemeinde Tarley geſtorben war und Marner daher vermöge ſeines Handwerks den reicheren Hausfrauen des Bezirks, ja ſogar den vorſorglichen Häuslern, die am Ende des Jahres ihren kleinen Vorrath von Garn aufzuzeigen hatten, ein ſehr willkommener An⸗ ſiedler war; das Gefühl ſeiner Nüzlichkeit würde jeden Widerwillen oder Argwohn, der nicht durch einen Mangel in der Qualität oder Ellenzahl des von ihm gewobenen Tuches bekräftigt wurde, in den Hintergrund gedrängt haben. Und die Jahre waren dahingerollt ohne irgend eine Veränderung in den Eindrücken der Nachbarn über Marner hervorzubrin⸗ gen, außer daß die Neuheit zur Gewohnheit gewor⸗ den war. Nach fünfzehn Jahren ſprachen die Leute von Raveloe noch ganz eben ſo über Silas Mar⸗ ner wie am Anfang: ſie ſagten dieſe Dinge nicht ganz ſo oft, aber ſie glaubten weit ſtärker daran wenn ſie dieſelben ſagten. Bloß einen einzigen wich⸗ tigen Zuſaz hatten die Jahre gebracht: er lautete dahin daß Meiſter Marner ein ſchönes Stück Geld auf die Seite gelegt habe, ſo daß er ſchwerere Män⸗ ner als er ſelbſt ſei auskaufen könnte. Aber während die Anſicht über ihn beinahe ſta⸗ tionär geblieben und in ſeinen täglichen Gewohnhei⸗ ten kaum ein ſichtliche Veränderung vorgegangen war, hatte Marners inneres Leben eine Geſchichte und Umwandlung durchgemacht, wie ſie bei jeder feurigen Natur vorkommt, wenn ſie in die Einſam⸗ keit geflohen oder dazu verdammt worden iſt. Vor ſeiner Ankunft in Raveloe war ſein Leben durch Thätigkeit, geiſtige Regſamkeit und enge Genoſſen⸗ ſchaft ausgefüllt worden, die an jenen Tagen das Daſein eines Handwerkers bezeichneten welcher ſich ſchon früh in eine religiöſe Secte einverleiben ließ, wo ſelbſt der ärmſte Laie ſich durch Gaben der Rede auszeichnen kann und zum allerwenigſten das Ge⸗ wicht eines ſtillen Abſtimmers bei der Regierung ſei⸗ ner Gemeinde hat. Marner war in dieſer kleinen verborgenen Welt, die ſich die Verſammlung vom Laternenhof nannte, ſehr angeſehen; man hielt ihn für einen Mann von muſterhaftem Wandel und feu⸗ rigem Glauben, und ein ganz beſonderes Intereſſe wandte ſich ihm zu, ſeit er in einer Betſtunde in eine myſteriöſe Starrheit und Bewußtloſigkeit ver⸗ fallen war, welche man länger als eine Stunde fälſchlich für den Tod genommen hatte. Hätte er für dieſe Erſcheinung eine mediciniſche Erklärung geſucht, ſo hätten Silas ſelbſt ſowie der Geiſtliche ſeiner Gemeinde und die übrigen Mitglieder dieß ſo ange⸗ ſehen, als wolle er ſich vorſäzlich von der geiſtigen Bedeutung ausſchließen die darin liegen könne. Silas war offenbar ein für eine beſondere Disciplin aus⸗ gewählter Bruder, und obſchon die Bemühungen dieſe Disciplin zu erklären dadurch entmuthigt wur⸗ den daß während ſeiner äußeren Verzückung durch⸗ aus keine geiſtige Viſion zu Tage kam, ſo glaubten doch er ſelbſt und viele Andere, die Wirkung davon ſei in einer Zunahme von Licht und Inbrunſt geſehen worden. Ein weniger wahrheitsliebender Mann hätte in Verſuchung gerathen können nachträglich eine Vi⸗ ſion in der Form wiederkehrender Erinnerung auf⸗ tauchen zu laſſen; ein weniger geſunder Mann hätte an eine ſolche Viſion glauben können; aber Silas war ſowohl geſund als ehrlich, obſchon, wie dieß bei vielen ehrlichen und inbrünſtigen Leuten der Fall iſt, die Bildung keine Canäle für ſein Heimlichkeitsgefühl feſtgeſezt hatte und ſich damit nicht über den eigenen Pfad ſeiner Forſchung und Kenntniſſe verbreitete. Er hatte von ſeiner Mutter einige Bekanntſchaft mit medi⸗ einiſchen Kräutern und ihrer Zubereitung geerbt— einen kleinen Vorrath von Weisheit den ſie ihm als — 13 ein feierliches Vermächtniß übergeben— aber in den lezten Jahren waren ihm Zweifel gekommen ob es auch erlaubt ſei dieſe Kenntniſſe anzuwenden, da er glaubte daß Kräuter ohne Gebet keine Wirkung haben können, und daß das Gebet ohne Kräuter genüge, ſo daß die angeerbte Wonne womit er ſonſt auf den Feldern herumgeſtrichen war um Fingerhut, Löwenzahn und Huflattich zu pflücken, für ihn den Character einer Verſuchung anzunehmen begann. Unter den Mitgliedern ſeiner Kirche befand ſich ein junger Mann, nicht viel älter als er ſelbſt, mit dem er lang in ſo enger Freundſchaft gelebt hatte daß ihre Brüder vom Laternenhof ſie David und Jonathan zu nennen pflegten. Der wahre Name des Freundes war Wilhelm Dane, und er wurde als ein glänzendes Beiſpiel jugendlicher Frömmigkeit be⸗ trachtet, obſchon man ihm vorwarf daß er gegen ſchwächere Brüder allzu ſtreng ſei und ſich durch ſein eigenes Licht dermaßen blenden laſſe, daß er ſich für weiſer halte als ſeine Lehrer. Aber welche Mängel auch Andere an Wilhelm entdecken mochten, für ſei⸗ nen Freund war er gänzlich makellos, denn Marner war eine jener eindrucksfähigen unſelbſtſtändigen Na⸗ turen die in einem unerfahrenen Alter ein gebie⸗ teriſches Auftreten bewundern und ſich an entſchie⸗ denen Widerſpruch anlehnen. Der Ausdruck ver⸗ trauensvoller Einfachheit in Marners Geſicht, erhöht durch den Mangel an beſonderer Beobachtung, dieſer ſchuzloſe, hirſchartige Blick der großen vorſtehenden Augen angehört, fand einen gewaltigen Contraſt in der ſelbſtgefälligen Unterdrückung inneren Triumphes der in den kleinen ſchiefen Augen und eingekniffe⸗ nen Lippen Wilhelms lauerte. Einer der häu⸗ ſigſten Geſprächsgegenſtände zwiſchen den beiden Freunden war die Sicherheit der Erlöſung: Silas geſtand daß er es nie zu etwas Höherem als zu einer mit Furcht gemiſchten Hoffnung bringen könne, und er lauſchte mit ſehnſüchtiger Verwunderung, als Wilhelm erklärte daß er ein unerſchütterliches Ver⸗ trauen beſize, ſeit er zur Zeit ſeiner Bekehrung ge⸗ träumt daß er die Worte Berufung und ſichere Er⸗ wählung ganz von ſelbſt auf einer weißen Seite in der offenen Bibel habe ſtehen ſehen. Solche Ge⸗ ſpräche hatten manches Paar blaßſichtiger Weber be⸗ ſchäftigt, deren ungenährte Seelen jungen beflügelten Geſchöpfen glichen die verlaſſen im Zwielicht herum⸗ flattern. Es hatte dem argloſen Silas geſchienen als ob die Freundſchaft ſelbſt durch eine andere Neigung engerer Art keine Erkältung erlitten hätte. Seit einigen Monaten hatte er ſich mit einer jungen Magd verſprochen, und ſie warteten nur noch auf einen kleinen Zuwachs ihrer beiderſeitigen Erſparniſſe um ſich zu heirathen; dabei war es ihm eine große Freude daß Sara nichts dagegen hatte, wenn Wilhelm ſich von Zeit zu Zeit bei ihren Sonntagszuſammen⸗ künften einfand. In dieſen Zeitpunkt ihrer Geſchichte fiel Marners cataleptiſcher Anfall während der Bet⸗ ſtunde, und unter den verſchiedenen Fragen und Theilnahmsäußerungen von Seiten der übrigen Mit⸗ glieder bildete Wilhelms Aeußerung allein einen Mißklang gegen die allgemeine Sympathie für einen Bruder, der auf ſolche Art zu beſonderer Thätigkeit ausgezeichnet wurde. Er bemerkte nämlich daß er 15 in dieſer Verzückung mehr eine Heimſuchung des Satans als einen Beweis göttlicher Gunſt erblicke, und ermahnte ſeinen Freund zuzuſehen daß er nichts Verfluchtes in ſeiner Seele verberge. Silas, der ſich verpflichtet fühlte Tadel und Ermahnung als einen brüderlichen Dienſt anzunehmen, ärgerte ſich nicht über ſeines Freundes Zweifel an ihm; aber ſie thaten ihm weh, und zu dieſem Schmerz geſellte ſich bald einige Beſorgniß, als er in Sara'’s Benehmen ein ſeltſames Schwanken zu bemerken begann; bald ſchien ſie ihm jede Zärtlichkeit beweiſen zu wollen, bald gab ſie ihm unwillührliche Zeichen von Schau⸗ der und Widerwillen. Er fragte ſie ob ſie ihr Ver⸗ hältniß aufzulöſen wünſche, aber ſie ſagte Nein: ihre Verlobung war in der ganzen Kirche bekannt und in den Betſtunden anerkannt worden; ſie konnte ohne eine ſtrenge Unterſuchung nicht aufgelöst wer⸗ den, und Sara wußte keinen Grund anzugeben wel⸗ cher die Billigung der Gemeinde erhalten hätte. Um dieſe Zeit wurde der ältere Diaconus gefährlich krank, und da er ein kinderloſer Wittwer war, ſo waren Tag und Nacht einige ſeiner jüngeren Brüder oder Schweſtern bei der Hand um ihn zu verpflegen. Silas nahm ſeine Nachtwache häufig mit Wilhelm und ſie lösten einander Morgens um zwei Uhr ab. Der alte Mann ſchien gegen alles Erwarten auf dem Wege der Beſſerung zu ſein, als eines Nachts Silas, der neben ſeinem Bette ſaß, bemerkte daß ſein gewöhnlich lautes Athmen aufgehört hatte. Das Licht war ziemlich tief abgebrannt, und er mußte es hinaufſchieben um das Geſicht des Patienten deutlich zu ſehen. Bei genauer Betrachtung überzeugte er ſich daß der Diaconus todt war— er mußte ſchon ſeit einiger Zeit todt ſein, denn die Glieder waren ſtarr. Silas fragte ſich ob er denn geſchlafen habe und ſah auf die Uhr: es war bereits vier Uhr Mor⸗ gens. Wie kam es daß Wilhelm ſich nicht gezeigt hatte? In großer Angſt ſuchte er Hilfe, und bald waren mehrere Freunde, unter andern der Pfarrer, im Hauſe verſammelt, worauf Silas an ſeine Arbeit ging und nun Wilhelm zu treffen wünſchte, um den Grund ſeines Ausbleibens zu erfahren. Aber um ſechs Uhr, als er eben ſeinen Freund aufzuſuchen gedachte, kam Wilhelm und mit ihm der Pfarrer. Sie forderten ihn auf in den Verſammlungsſaal zu kommen, um daſelbſt die Mitglieder der Kirche zu treffen, und auf ſeine Fragen über die Urſache die⸗ ſer Aufforderung antwortete man ihm bloß: Du wirſt es ſchon hören. Sonſt wurde Nichts geſpro⸗ chen, bis Silas in der Sacriſtei dem Pfarrer gegen⸗ über ſaß und diejenigen die für ihn das Volk Gottes vertraten, feierlich ihre Blicke auf ihn hefteten. Dann zog der Pfarrer ein Taſchenmeſſer heraus, zeigte es Silas und fragte ihn, ob er wiſſe wo er dieſes Meſſer gelaſſen habe. Silas antwortete, er entſinne ſich nicht es irgendwo aus ſeiner Taſche gezogen zu haben, aber er zitterte über dieſes ſeltſame Verhör. Jezt wurde er ermahnt ſeine Sünde nicht zu ver⸗ bergen, ſondern zu bekennen und zu bereuen. Das Meſſer war in dem Schreibpult am Bette des ver⸗ ſtorbenen Diacons gefunden worden, an dem Plaz wo der kleine Beutel mit dem Kirchengeld gelegen, welchen der Pfarrer noch Tags zuvor ſelbſt geſehen hatte. Irgend eine Hand hatte dieſen Beutel ent⸗ fernt, und welche andere Hand konnte dieß ſein als die Hand des Mannes dem das Meſſer gehörte? Einige Zeit war Silas ſtumm vor Erſtaunen; dann ſprach er:„Gott wird mich erleuchten: ich weiß nichts davon daß das Meſſer da war oder daß das Geld verſchwunden iſt. Suchet mich und meine Woh⸗ nung aus: ihr werdet nichts Anderes finden als drei Pfund und fünf Schilling, die ich mir erſpart habe; Wilhelm Dane weiß daß ſie ſchon ſeit ſechs Manaten daliegen.“ Hier ſtöhnte Wilhelm, aber der Pfarrer ſagte:„Der Beweis iſt ſchwer gegen Dich, Bruder Marner. Das Geld wurde in der lezten Nacht entwendet und Niemand war bei unſerem ver⸗ ſtorbenen Bruder als Du, denn Wilhelm Dane er⸗ klärt uns daß er durch plözliche Krankheit verhindert worden ſei ſeinen Plaz wie gewöhnlich einzunehmen, und Du ſelbſt haſt geſagt daß er nicht gekommen ſei; und überdieß haſt Du den todten Körper ver⸗ nachlaßigt.“ „Ich muß geſchlafen haben,“ ſagte Silas. Dann fügte er nach einer Pauſe hinzu:„Oder muß ich wieder eine Heimſuchung gehabt haben, derjenigen ähnlich unter welcher ihr mich Alle geſehen habt, ſo daß der Dieb gekommen und gegangen ſein muß während ich nicht im Leibe, ſondern außer dem Leibe war. Aber ich ſage noch einmal, ſuchet mich und meine Wohnung aus, denn ich war nirgends ſonſt.“ Die Hausſuchung wurde angeſtellt und endete damit daß Wilhelm Dane den wohlbekannten Beutel leer hinter Marners Commode fand. Auf dieſes hin ermahnte Wilhelm ſeinen Freund zu geſtehen und ſeine Sünde nicht länger zu verbergen. Silas rich⸗ Eliot, Silas Marner. 2 18 tete einen ſcharfen Blick des Vorwurfes auf ihn und ſagte:„Wilhelm, haſt Du in den neun Jahren die wir mit einander ein⸗ und ausgegangen ſind, mich je auf einer Lüge betroffen? Aber Gott wird mich erleuchten.“ „Bruder,“ ſprach Wilhelm,„wie kann ich wiſſen was Du in den geheimen Kammern Deines Herzens gethan haben magſt um dem Satan einen Vortheil über Dich zu geben?“ Silas blickte fortwährend ſeinen Freund an. Plözlich kam eine tiefe Röthe über ſein Geſicht, und er war im Begriff ungeſtüm loszubrechen, als er, wie es ſchien, durch irgend eine innere Erſchütterung zurückgehalten wurde, in Folge welcher die Röthe verſchwand und er ſelbſt zu zittern anfing. Aber endlich ſprach er, matt und mit einem Blick auf Wilhelm: „Ich erinnere mich jezt— das Meſſer war nicht in meiner Taſche.“ Wilhelm ſagte:„Ich weiß nicht was Du meinſt.“ Die andern anweſenden Perſonen jedoch begannen Silas zu fragen wo nach ſeiner Meinung das Meſſer wohl geweſen ſein könne, aber er wollte keine wei⸗ tere Erklärung geben. Er ſagte bloß:„Ich bin ſchmerzlich betrübt; ich kann Nichts ſagen— Gott wird mich erleuchten.“ Bei ihrer Rückkehr in die Sacriſtei fand eine weitere Berathung ſtatt. Eine Anrufung gerichtlicher Hilfe um den Schuldigen zu ermitteln war den Grundſäzen der Kirche zuwider; ihnen zufolge war eine ſolche den Chriſten verboten, ſelbſt in einem Falle wo die Gemeinde kein Scandal träfe. Aber * + 19 ſie waren verpflichtet andere Maßregeln zu ergreifen um die Wahrheit herauszubringen, und ſie beſchloßen alſo zu beten und Looſe zu ziehen. Dieſer Beſchluß kann nur ſolche Leute überraſchen die von dem dun⸗ keln religiöſen Leben in den Gäßchen unſerer Städte keinen Begriff haben. Silas kniete mit ſeinen Brü⸗ dern nieder, in der ſichern Hoffnung daß ſeine Un⸗ ſchuld durch unmittelbare göttliche Einmiſchung ans Licht gebracht werden müſſe, aber mit dem Gefühl daß auch alsdann Kummer und Trauer auf ihn warten, daß ſein Vertrauen auf die Menſchen grau⸗ ſam vernichtet ſei. Die Looſe erklärten Silas Marner als ſchuldig. Er wurde feierlich als Mitglied der Kirche ſuspendirt und aufgefordert das geſtohlene Geld zurückzuerſtatten; nur bei reumüthigem Bekenntniß könne er wieder in den Schooß der Kirche aufgenommen werden. Marner hörte ſchwei⸗ gend zu. Endlich, als Alle ſich erhoben um zu gehen, trat er auf Wilhelm Dane zu und ſagte mit einer von Aufregung erſchütterten Stimme: „Das lezte Mal als ich mein Meſſer gebraucht zu haben mich erinnere, zog ich es heraus um einen Riemen für Dich zu ſchneiden. Ich erinnere mich nicht es wieder eingeſteckt zu haben. Du haſt das Geld geſtohlen und ein Complott angezettelt um die Sünde vor meine Thüre zu legen. Aber es mag Dir troz alle dem gelingen: es gibt keinen gerechten Gott der die Erde nach Verdienſt regiert, ſondern nur einen Lügengott der wider den Unſchuldigen „Zeugniß ablegt.“ Ein allgemeiner Schauder entſtand über dieſe Lüäſterung. 20 Wilhelm ſagte demüthig:„Ich überlaſſe es unſern* Brüdern zu beurtheilen ob dieß die Stimme des Satans iſt oder nicht. Ich kann Nichts thun als für Dich beten, Silas.“. . Der arme Marner entfernte ſich mit Verzweiflung in ſeiner Seele, mit erſchüttertem Vertrauen auf Gott und die Menſchen, kurz in einem Gemüthszuſtand der für eine liebende Natur nicht viel weniger als 2 Wahnſinn iſt. In der Bitterkeit ſeines gekränkten* Geiſtes ſagte er zu ſich ſelbſt:„Sie wird mich nicht ver⸗ ſtoßen,“ und er überlegte daß, wenn ſie das Zeug⸗ 1 niß gegen ihn nicht glaube, ihr ganzer Glaube zer⸗ 4 ſtört ſein müſſe wie der ſeinige war. Für Leute die gewöhnt ſind über die Formen nachzudenken 1 worin ihr religiöſes Gefühl ſich verkörpert hat, iſt es ſchwer auf dieſen einfachen, ungelehrten Gemüthes⸗+4 . zuſtand einzugehen, worin Form und Gefühl niemals 4 durch einen Act des Nachdenkens getrennt worden ſind. Wir ſind im Stande es für unvermeidlich zu halten daß ein Menſch in Marners Stellung vor allen Dingen die Giltigkeit einer Berufung auf das göttliche Urtheil durch Loosziehung anfechten mußte; aber für ihn wäre dieß eine Änſtrengung unab⸗ hängigen Denkens geweſen, wie er ſie nie gekannt. hatte. Und er hätte dieſe Anſtrengung in einem Augenblick machen müſſen wo alle ſeine Fähigkeiten in der Angſt enttäuſchten Glaubens aufgingen. Wenn es einen Engel gibt der ſowohl die Bekümmerniſſe der Menſchen als ihre Sünden verzeichnet, ſo weiß er wie mannigfaltig und tief die Bekümmerniſſe ſind die aus falſchen Begriffen entſtehen an denen Niemand 4₰ Schuld iſt. — 4ᷣ 21 Marner ging nach Hauſe und blieb einen ganzen Tag in betäubender Verzweiflung ſizen, ohne daß er einen Drang in ſich verſpürte zu Sara zu gehen, um vielleicht ihren Glauben an ſeine Unſchuld zu gewinnen. Am zweiten Tag flüchtete er ſich vor abſtumpfendem Unglauben, indem er an ſeinen Web⸗ ſtuhl ging und wie gewöhnlich arbeitete; und es waren noch wenige Stunden verfloſſen, als der Pfar⸗ rer und einer der Aelteſten kamen und ihm die Botſchaft von Sara überbrachten daß ſie ſich ihres Verſprechens gegen ihn entbunden glaube. Silas empfing die Nachricht ſtumm und wandte ſich dann von den Boten ab um wieder an ſeinem Webſtuhl zu arbeiten. Nicht viel länger als einen Monat nachher verheirathete ſich Sara mit Wilhelm Dane, und bald darauf wurde es den Brüdern im Later⸗ nenhof bekannt daß Silas Marner die Stadt ver⸗ laſſen habe. Zweites Capitel. Selbſt Leute die viel gelernt und ſich dadurch ein intereſſantes Leben verſchafft haben, finden es zuweilen ſchwer an ihren gewöhnlichen Lebensan⸗ ſchauungen, ihrem Glauben an den Unſichtbaren, ja ſogar an dem Bewußtſein daß ihre entſchwunde⸗ nen Freuden und Bekümmerniſſe eine wirkliche Er⸗ fahrung ſind, feſtzuhalten, wenn ſie plözlich in ein neues Land verſezt werden wo ihre ganze Um⸗ gebung Nichts von ihrer Geſchichte weiß und keinen ihrer Begriffe theilt— wo ihre Mutter Erde einen andern Schooß zeigt und das Menſchenleben andere Formen hat als diejenigen in welchen ihre Seelen großgezogen worden. Geiſter die in ihrem alten Glauben und in ihrer alten Liebe erſchüttert worden ſind, haben vielleicht den letheiſchen Einfluß des Erils geſucht, worin die Vergangenheit traumartig erſcheint, weil ihre Symptome alle verſchwunden ſind, und nicht minder traumartig auch die Gegen wart, weil ſie mit keiner Erinnerung verwachſen iſt Aber ſelbſt ihre Erfahrung kann ſie kaum befähigen ſich genau vorzuſtellen, welchen Eindruck es auf einen ſchlichten Weber wie Silas Marner machen mußte, als er Land und Leute verließ und ſich in Raveloe anſiedelte. Nichts konnte weniger Aehnlich⸗ keit mit ſeiner weithin von Hügeln umſchloſſenen Geburtsſtadt haben, als dieſe niedrige, waldige Gegend, wo er ſich durch die ſchüzenden Bäume und Hecken ſelbſt vor dem Himmel verborgen fühlte. Wenn er am frühen Morgen ſtille auſſtand und auf die thauigen Brombeerſtauden, auf das üppige buſchige Gras hinausſchaute, ſo gab es Nichts was ihm eine Beziehung zu jenem Leben im Laternenhof dar⸗ zubieten ſchien, der für ihn nicht der Altar hoher Gnaden geweſen war. Die weißgetünchten Wände, die wenigen Kirchenſtühle in welche wohlbekannte Geſtalten mit leiſem Geräuſche traten, und wo zu⸗ erſt die eine, dann die andere wohlbekannte Stimme in eigenthümlichem Bitttone Phraſen ausſprach die zugleich verborgen und vertraut waren, wie ein auf dem Herzen getragenes Amulet; die Kanzel, von welcher herab der Geiſtliche unangefochtene Lehren verkündete, während er ſich hin⸗ und herbewegte und — ſein Buch in langgewohnter Manier handhabte; ſo⸗ gar die Pauſen zwiſchen den Verſen des Liedes und das wiederkehrende Anſchwellen der Stimmen im Geſange: alle dieſe Dinge waren für Marner der Canal göttlicher Einflüſſe geweſen— ſie waren die ernährende Heimath ſeiner religiöſen Erregungen— ſie waren das Chriſtenthum und das Reich Gottes auf Erden. Ein Weber der in ſeinem Geſangbuch ſchwere Worte findet, weiß Nichts von abſtracten Begriffen, wie das kleine Kind Nichts von elterlicher Liebe weiß, ſondern bloß ein Geſicht und einen Schooß kennt nach welchem es ſeine Arme um Zuflucht und Nahrung ausſtreckt. Und was konnte dieſer Welt im Laternenhof un⸗ ähnlicher ſein als die Welt in Raveloe?— Schlecht beſorgte Obſtgärten mit vernachläßigter Fülle; die große Kirche in dem weiten Kirchhof, nach welcher die Leute hinſtarrten, wenn ſie zur Zeit des Gottes⸗ dienſtes vor ihren eigenen Thüren herumlungerten; die rothbackigen Pächter die auf den Gäßchen hin⸗ ſchlenderten oder ſich dem Regenbogen zuwandten; Wohnſtätten wo die Männer tüchtig zu Nacht aßen und im Lichte des abendlichen Herdes ſchliefen, und wo die Weiber einen Vorrath von Leinwand für ihr ganzes künftiges Leben auf die Seite legten. Es gab keine Lippen in Raveloe über welche ein Wort kommen konnte das Silas Marners betäubten Glau⸗ ben zu einem Schmerzgefühl aufregte. In den frü⸗ hern Jahrhunderten der Welt glaubte man, ſo viel wir wiſſen, daß jedes Gebiet von ſeinen eigenen Gottheiten bewohnt und beherrſcht werde, ſo daß ein Menſch die angrenzenden Höhen überſchreiten und aus dem Bereich ſeiner heimathlichen Götter hinaus⸗ kommen konnte, deren Anweſenheit ſich auf die Ströme, Haine und Hügel beſchränkte unter denen er von Geburt an gelebt hatte. Und der arme Silas war ſich unbeſtimmt einer Sache bewußt die dem Gefühl der Urmenſchen nicht unähnlich war, wenn ſie auf ſolche Art aus Furcht oder Verdruß aus dem An⸗ geſicht einer ungünſtigen Gottheit entflohen. Es ſchien ihm als ob die Macht auf welche er in den Straßen und unter den Betverſammlungen vergebens vertraute, weit von dieſem Lande entfernt ſei wohin er ſich geflüchtet hatte, wo die Leute in ſorgloſem Ueberfluß lebten und Nichts von dieſem Glnuben wußten und bedurften, der ſich für ihn in Bitterkeit verwandelt hatte. Das kleine Licht das er beſaß, verbreitete ſeine Strahlen ſo dürftig, daß der ge⸗ täuſchte Glaube ein Vorhang war, breit genug um für ihn ſchwarze Nacht zu ſchaffen. Seine erſte Regung nach dem erlittenen Schlag war daß er in ſeinem Webſtuhl arbeitete; und er hielt ſich unabläßig daran, ohne ſich ſelbſt zu fragen warum er jezt, da er nach Raveloe gekommen, bis in die tiefe Nacht hinein arbeitete, um das Tiſchzeug der Frau Osgood ſchneller fertig zu machen als ſie ſelbſt erwartete— ohne zum Voraus das Geld in Betracht zu ziehen das ſie ihm für ſeine Arbeit in die Hand legen würde. Er ſchien, gleich der Spinne, aus purem innerem Drang, ohne Ueberlegung zu weben. Alle Menſchenarbeit wird, wenn man be⸗ harrlich dabei bleibt, auf ſolche Art zulezt ein Selbſt⸗ zweck und dadurch eine Brücke über die liebeleeren Abgründe des Lebens. Marners Hand fand eine — 25⁵ Befriedigung im Hin⸗ und Herwerfen des Webſchiffes, und ſein Auge im Anblick der kleinen Vierecke die ſich unter ſeiner Anſtrengung in dem Tuche vervoll⸗ ſtändigten. Dann machte der Hunger ſeine Anſprüche geltend, und Silas hatte in ſeiner Einſamkeit für ſein eigenes Frühſtück, Mittag⸗ und Abendeſſen zu ſorgen, ſein Waſſer am Brunnen zu holen, ſeinen Keſſel über das Feuer zu ſezen, und all dieſe raſchen Geſchäfte trugen neben der Weberarbeit dazu bei ſein Leben auf die unbedenkliche Thätigkeit eines ſpinnenden Inſectes zurückzuführen. Er haßte den Gedanken an die Vergangenheit: es gab Nichts was ſeine Liebe und ſeine cameradſchaftlichen Ge⸗ fühle gegen die Fremden anſprach unter welche er gekommen war; und die Zukunft war ganz dunkel, denn es gab keine ungeſehene Liebe die ſich ſeiner annahm. Der Gedanke wurde durch äußerſte Ver⸗ wirrung gehemmt, nachdem jezt ſein alter ſchmaler Pfad verſchloſſen war, und die Neigung ſchien er⸗ ſtorben zu ſein unter dem zermalmenden Schlag der ſeine feinſten Nerven getroffen hatte. Aber endlich war das Tiſchzeug der Frau Os⸗ good fertig und Silas wurde in Gold ausbezahlt. In ſeiner Vaterſtadt, wo er für einen Großhändler arbeitete, hatte er weit weniger verdient; er war wöchentlich bezahlt worden, und von ſeinem wöchent⸗ lichen Erwerb war ein bedeutender Antheil für Gegen⸗ ſtände der Frömmigkeit und chriſtlichen Liebe hinaus⸗ gegangen. Jezt zum erſtenmal in ſeinem Leben wur⸗ den ihm fünf blanke Guineen in die Hand gelegt; Niemand erwartete einen Antheil daran, und er liebte keinen Menſchen, ſo daß er ihm hätte einen 26 Antheil bieten ſollen. Aber was waren die Guineen für ihn, dem über die zahlloſen Tage des Webens hinaus ganz und gar keine Ausſicht entgegenſchim⸗ merte? Er brauchte dieß nicht zu fragen, denn es machte ihm Freude ſie in ſeiner Hand zu verſpüren und ihre blanken Geſichter anzuſehen, die alle ſein Eigenthum waren; es war ein neues Lebenselement, wie das Weben und die Befriedigung des Hungers; es beſtand ganz ferne vom Leben des Glaubens und der Liebe von welchem man ihn abgeſchnitten hatte. Die Hand des Webers hatte die Berührung ſchwer erworbenen Goldes ſchon gekannt, ehe ſie ihre volle Breite gewonnen hatte. Schon vor zwanzig Jahren hatte geheimnißvolles Geld als das Symbol irdiſchen Glückes, als das nächſte Ziel ſaurer Mühe ihm vor Augen geſtanden. Er hatte es wenig zu lieben geſchienen in den Jahren wo jeder Pfennig ſeinen Zweck für ihn hatte; denn er liebte damals den Zweck; aber jezt, wo aller Zweck vorüber war, be⸗ reitete dieſe Gewohnheit nach dem Geld zu ſehen und mit dem Bewußtſein vollbrachter Arbeit darnach zu greifen, einen Boden der tief genug war für die Ausſaaten des Verlangens, und als Silas in der Dämmerung über die Felder nach Hauſe ging, zog er das Geld heraus und fand es noch weit glänzen⸗ der in der zunehmenden Dunkelheit. In dieſe Zeit ſiel ein Umſtand welcher die Mög⸗ lichkeit einer Genoſſenſchaft mit ſeinen Nachbarn zu eröffnen ſchien. Eines Tags, als er ein paar Schuhe zum Ausbeſſern forttrug, ſah er die Frau des Schuh⸗ flickers am Feuer ſizen, unter den fürchterlichen Symp⸗ tomen von Herzkrankheit und Waſſerſucht leidend, die er als die Vorläufer vom Tode ſeiner Mutter mit angeſehen hatte. Er empfand eine Anwandlung von Mitleid bei dieſem Anblick, zugleich regte ſich ſein Gedächtniß, er erinnerte ſich welche Erleichterung eine einfache Zubereitung von Fingerhut ſeiner Mutter verſchafft hatte, und ſo verſprach er Sally Oates ihr ein linderndes Mittel zu bringen, da der Doctor doch nicht half. Bei dieſem Geſchäft chriſtlicher Liebe hatte Silas zum erſtenmal ſeit ſeiner Ankunft in Raveloe ein Gefühl des Zuſammenhanges zwiſchen ſeinem vergangenen und ſeinem gegenwärtigen Leben, ein Gefühl das der Anfang ſeiner Erlöſung aus die⸗ ſem inſectartigen Vegetiren hätte werden können, zu welchem ſeine Natur zuſammengeſchrumpft war. Aber Sally Oates war durch ihre Krankheit zu einer ſehr intereſſanten und wichtigen Perſon unter den Nach⸗ barn emporgeſtiegen, und die Thatſache daß ein Trank von Silas Marner ihr geholfen, wurde Gegen⸗ ſtand allgemeiner Beſprechung. Wenn Doctor Kimble ihr eine Arznei gab, ſo war es natürlich daß ſie wirken mußte; aber wenn ein Weber der kein Menſch wußte woher kam, mit einer Flaſche braunen Waſſers Wunder verrichtete, ſo war der geheime Character dieſes Verfahrens ganz handgreiflich. So etwas war ſeit dem Tode der weiſen Frau in Tarley nicht er⸗ hört worden; dieſe hatte ſowohl Zaubermittel als Arzneien gehabt, und Jedermann war zu ihr ge⸗ gangen wenn die Kinder Anfälle bekamen. Silas Marner mußte eine Perſon vom ſelben Schlage ſein, denn wie konnte er wiſſen was dieſer Sally Oates ihren Athem zurückgab, wenn er nicht noch weit mehr wußte als das? Die weiſe Frau hatte Worte welche ſie vor ſich hin murmelte, ſo daß man nicht hören konnte was es war, und wenn ſie dem Kinde in⸗ zwiſchen ein rothes Fädchen um die Zehe band, ſo wurde dadurch das Waſſer im Kopf ferne gehalten. Es gab jezt Weiber in Raveloe welche eines der Säckchen der weiſen Frau um den Hals getragen und in Folge deſſen niemals ein blödſinniges Kind gehabt hatten wie Anna Coulter. Silas Marner konnte wahrſcheinlich eben ſo viel, ja noch mehr leiſten, und jezt war es ganz klar wie er aus unbekannten Gegenden gekommen ſein konnte und ſo comiſch aus⸗ ſah. Aber Sally Oates mußte ſtill ſein und durfte es dem Doctor nicht ſagen, denn er würde ſicherlich feindſelig gegen Marner auftreten; er ärgerte ſich immer über die weiſe Frau, und pflegte ihren Kun⸗ den zu drohen daß ſie von ihm keine Hilfe mehr be⸗ kommen würden. Silas ſah jezt ſich und ſeine Hütte von Müttern belagert welche verlangten er ſolle den Keuchhuſten hinwegzaubern oder die Milch zurückbringen, und von Männern die eine Arznei gegen rheumatiſche Schmer⸗ zen oder Beulen an den Händen forderten; und um ſich gegen eine abſchlägige Antwort ſicher zu ſtellen, brachten die Bittenden Silber in ihren Händen mit. Silas hätte einen einträglichen Handel mit Zauber⸗ mitteln ſowohl als mit ſeinem kleinen Vorrath von Arzneien treiben können, aber das Geld beſaß unter ſolchen Umſtänden nichts Verlockendes für ihn; er hatte nie eine Neigung zur Falſchheit in ſich ver⸗ ſpürt, und er jagte mit ſteigender Erbitterung Einen um den Andern fort, denn die Kunde von ſeiner Weisheit hatte ſich bis nach Tarley verbreitet, und 29 es währte geraume Zeit bis die Leute ihre langen Spaziergänge um bei ihm Hilfe zu ſuchen einſtellten. Aber die Hoffnung auf ſeine Weisheit hatte ſich mit der Zeit in Angſt verwandelt, denn Niemand glaubte ihm, wenn er ſagte daß er weder Zaubermittel kenne noch Curen zu machen vermöge, und alle diejenigen die, nachdem ſie ſich an ihn gewendet, einen neuen Anfall bekamen, ſchrieben ihr Unglück dem üblen Willen und den zornigen Blicken von Meiſter Mar⸗ ner zu. So kam es daß ſeine mitleidige Regung gegen Sally Oates, die ihm ein vorübergehendes Gefühl von Brüderlichkeit eingegeben hatte, die Ab⸗ neigung zwiſchen ihm und ſeinen Nachbarn erhöhte und ſeine Abgeſchloſſenheit noch vervollſtändigte. Allmählig wuchſen die Guineen, Kronen und hal⸗ ben Kronen zu einem Häuflein an, und Marner verausgabte immer weniger für ſeine eigenen Be⸗ dürfniſſe, indem er das Problem zu löſen verſuchte ſich ſtark genug zu erhalten, um bei möglichſt gerin⸗ ger Auslage ſechzehn Stunden täglich zu arbeiten. Haben nicht Männer in einſamer Kerkerhaft ein In⸗ tereſſe daran gefunden die Augenblicke durch gerade Striche von gewiſſer Länge an die Wand zu bezeich⸗ nen, bis der Anwachs der Summe von geraden Strichen, die ſich zu Dreiecken anordneten, ein förm⸗ licher Zweck für ſie wurde? Verkürzen wir nicht Augenblicke der Leere oder müden Wartens dadurch daß wir eine nichtsſagende Bewegung oder ein be⸗ deutungsloſes Getöne wiederholen, bis die Wieder⸗ holung ein Bedürfniß erzeugt hat welches der An⸗ fang einer Gewohnheit iſt? Dieß wird uns zu dem 4 Verſtändniß helfen, wie die Liebe zu dem ſich an⸗ — 30 ſammelnden Geld zu einer Alles verſchlingenden Lei⸗ denſchaft bei Menſchen wird, denen ihre Einbildungs⸗ kraft ſchon beim Anfang ihres Sammelns keinen darüber hinausgehenden Zweck gezeigt hat. Marner verlangte daß die Häuflein von Zehn zu einem Viereck und hernach zu einem größeren Viereck anwuchſen, und jede neu hinzugefügte Guinee erzeugte, während ſie ſelbſt eine Befriedigung war, einen neuen Wunſch. In dieſer ſeltſamen Welt, die für ihn ein hoffnungs⸗ loſes Räthſel geworden, hätte er, wenn er eine we⸗ niger kräftige Natur geweſen wäre, daſizen und in einem fort weben können, ſtets nach dem Ende ſei⸗ nes Gewebes blickend, bis er das Räthſel und alles Andere, nur ſeine unmittelbaren Empfindungen nicht, vergaß; aber das Geld hatte ſeine Webereien perio⸗ diſch bezeichnet, und das Geld wuchs nicht nur, ſon⸗ dern blieb auch bei ihm. Er begann zu denken daß es ihn kenne wie ſein Webſtuhl, und er würde unter keinen Umſtänden dieſe Münzen, die ſeine Vertrauten geworden waren, gegen andere Münzen mit unbe⸗ kannten Geſichtern ausgetauſcht haben. Er behielt ſie in der Hand, er zählte ſie, bis ihre Form und Farbe für ihn der Befriedigung eines Durſtes glichen; aber bloß in der Nacht, wenn ſeine Arbeit fertig war, geſchah es daß er ſie herauszog und ſich an ihrer Geſellſchaft erfreute. Er hatte einige Ziegel auf ſeinem Stubenboden unter dem Webſtuhl auf⸗ gebrochen und hier ein Loch gemacht, worein er den eiſernen Topf ſtellte der ſeine Guineen und Silber⸗ münzen enthielt, und wenn er die Ziegel dann wie⸗ der einſezte, ſo bedeckte er ſie mit Sand. Nicht als ob der Gedanke an eine mögliche Beraubung 31 ſich oft und dringend bei ihm eingeſtellt hätte: das Vorrätheſammeln war in jenen Tagen auf dem Lande etwas Gewöhnliches; es gab in der Gemeinde von Raveloe alte Bauern die dafür bekannt waren daß ſie ihre Erſparniſſe ſtets daheim hatten, wahrſchein⸗ lich in ihren Federbetten; aber ihre ländlichen Nach⸗ barn, obſchon ſie nicht alle ſo ehrlich waren wie ihre Vorfahren in den Tagen des Königs Alfred, beſaßen keine ſo kühnen Phantaſien um einen Raubplan zu entwerfen. Wie hätten ſie das Geld in ihrem eige⸗ nen Dörfchen verbrauchen können ohne ſich ſelbſt zu verrathen? Sie wären genöthigt geweſen davon zu laufen, und dieß erſchien ihnen ſo düſter und zweifel⸗ haft wie eine Luftballonfahrt. So hatte Silas Marner Jahr für Jahr in die⸗ ſer Einſamkeit gelebt, und ſeine Guineen waren im eiſernen Topfe höher geſtiegen, ſein Leben aber hatte ſich immer mehr zu einem bloſen Pulsſchlag von Wunſch und Befriedigung verengt und verhärtet, der auf kein anderes Weſen Bezug hatte. Sein Daſein hatte ſich lediglich auf die Verrichtungen des Webens und Anſammelns beſchränkt; ein Ziel auf welches dieſe Verrichtungen ausgingen, wurde nicht ins Auge gefaßt. Dieſen ſelben Proceß haben viel⸗ leicht weiſere Männer durchgemacht, wenn ſie von Glauben und Liebe abgeſchnitten wurden— nur daß ſie ſtatt eines Webſtuhls und eines Guineen⸗ haufens irgend eine gelehrte Forſchung, einen ſinn⸗ reichen Plan oder eine wohlausgeſponnene Theorie zur Hand hatten. Sonderbarer Weiſe ſchrumpften und bogen ſich Marners Geſicht und Geſtalt zu einer beſtändigen mechaniſchen Bezugnahme auf die Gegenſtände ſeines Lebens zuſammen, ſo daß er etwa denſelben Eindruck hervorbrachte wie ein Hen⸗ kel oder eine krumme Röhre die für ſich allein keinen Sinn hat. Die hervorſtehenden Augen, die ſonſt vertrauensvoll und träumeriſch geſchaut, ſchau⸗ ten jezt als wären ſie geſchaffen um nur ein einziges Ding zu ſehen das ſehr klein war, wie ein winziges Körnchen auf welches ſie überall Jagd machten. Dabei war er ſo verwelkt und gelb daß die Kinder ihn immer den alten Meiſter Marner nannten, ob⸗ ſchon er noch keine vierzig zählte. Aber noch in dieſem Stadium des Welkens er⸗ eignete ſich ein kleiner Vorfall, welcher bewies daß der Saft der Neigung noch nicht ganz vertrocknet war. Es gehörte zu ſeinen täglichen Arbeiten ſein Waſſer einige Feldlängen hinweg zu holen, und zu dieſem Zweck hatte er ſich gleich bei ſeiner Ankunft in Raveloe einen braunen irdenen Krug angeſchafft, welchen er unter den ſehr wenigen Bequemlichkeiten die er ſich gönnte als ſein koſtbarſtes Geräthe be⸗ trachtete. Derſelbe war zwölf Jahre ſein Genoſſe geweſen, hatte ſtets am gleichen Plaze geſtanden, ihm ſtets am frühen Morgen ſeinen Henkel geliehen, ſo daß ſeine Form für ihn einen Ausdruck bereit⸗ williger Dienſtfertigkeit hatte und der Eindruck des Henkels auf ſeine Hand ihm beinahe dieſelbe Be⸗ friedigung gewährte, wie das Bewußtſein friſches und klares Waſſer zu beſizen. Eines Tags, als er vom Brunnen zurückkam, ſtolperte er am Fuße eines Steges, und ſein brauner Krug fiel ſo heftig an die ſteinerne Ueberwölbung des darunter liegenden Grabens, daß er in drei Stücke zerbrach. Silas — 33 las die Stücke auf und trug ſie mit kummervollem Herzen nach Hauſe. Der braune Krug konnte ihm jezt nichts mehr nüzen, aber er legte die Scherben zuſammen und pflanzte die Ruine als Andenken an ihrem alten Plaze auf. Dieß iſt die Geſchichte von Silas Marner bis zum fünfzehnten Jahr ſeines Aufenthaltes in Rave⸗ loe. Einen Tag wie den andern ſaß er in ſei⸗ nem Webſtuhl, ſein Ohr mit deſſen eintönigem Geräuſche erfüllt, ſein Auge feſt auf das langſame Wachſen der Einerleiheit in dem bräunlichen Gewebe geheftet, ſeine Muskeln mit ſo gleicher Wiederholung ſich bewegend, daß ihr Pauſiren beinahe ein eben ſo großer Zwang zu ſein ſchien wie das Anhalten ſeines Athems. Aber bei Nacht begann ſeine Schwelgerei: bei Nacht ſchloß er ſeine Läden, machte ſeine Thüren feſt und zog ſein Gold hervor. Schon lange war der Geldhaufen für den eiſernen Topf zu groß geweſen, und er hatte zwei dicke Lederſäcke dafür gemacht, die in ihrem Ruheort keinen Plaz wegnahmen, ſondern ſich biegſam in jede Ecke fügten. Wie die Guineen funkelten, als ſie ſich aus den dunkeln ledernen Schlünden heraus ergoßen! Das Silber war verhältnißmäßig wenig gegen das Gold, weil die langen Leinwandſtücke, die ſeine Haupt⸗ arbeit bildeten, immer mit Gold bezahlt wurden, und vom Silber beſtritt er ſeine leiblichen Bedürf⸗ niſſe, wozu er ſich immer ganze und halbe Schillinge hielt. Er liebte die Guineen am meiſten, aber er wollte auch das Silber, die Kronen und halben Kronen die er mit ſaurer Mühe verdient. hatte nicht wechſeln: er liebte ſie alle. Er breitete ſie in Hau⸗ Eliot, Silas Marner. 3 fen aus und badete ſeine Hände darin; dann zählte er ſie, errichtete regelmäßige Stöße davon, befühlte ihre runden Umriſſe zwiſchen dem Daumen und den andern Fingern, dachte zärtlich an die Guineen welche er durch die in ſeinem Webſtuhl angefangene Arbeit erſt halb verdient hatte, wie an noch nicht geborne Kinder, dachte der Guineen, die langſam in künftigen Jahren ſein ganzes Leben hindurch, das ſich weit vor ihm ausbreitete und deſſen Ende von zahlloſen Tagen des Webens gänzlich verborgen wurde, ſich einfinden ſollten. Kein Wunder daß ſeine Gedanken ſtets bei ſeinem Webſtuhl und ſeinem Gelde waren, wenn er über Felder und Wege hin⸗ ging, um ſeine Arbeit zu holen und nach Hauſe zu bringen, ſo daß ſeine Tritte ſich niemals nach Hecken und Gebüſchen auf der Seite verirrten, um die einſt vertrauten Kräuter zu ſuchen; auch ſie gehörten zu der Vergangenheit, vor welcher ſein Leben zurück⸗ geſchrumpft war, wie ein Bächlein das einſt breit durch hohes Gras geſchwommen, jezt aber zu einem kleinen ſchauernden Faden zuſammengeſchmolzen iſt, der ſich im dürren Sand eine Rinne gräbt.. Aber um Weihnachten dieſes fünfzehnten Jahres kam eine zweite große Veränderung über Marners Leben, und ſeine Geſchichte vermengte ſich auf eigen⸗ thümliche Weiſe mit dem Leben ſeiner Nachbarn. Drittes Capitel. Der größte Mann in Raveloe war der Squire Caß, der in dem großen rothen Hauſe, mit der hübſchen —,— 35 und ſtarken Treppe in der Front und den hohen Ställen hinten, beinahe gegenüber der Kirche, wohnte. Er war nur einer von den verſchiedenen Grund⸗ beſizern in der Gemeinde, aber er allein wurde mit dem Titel Squire beehrt; denn obſchon auch die Familie des Herrn Osgood für namenlos alt galt — die Phantaſie eines Raveloers hatte ſich niemals hinter die furchtbare Leere zurückgewagt wo es keine Osgoods gegeben— ſo beſaß er doch bloß den Hof den er inne hatte, während Squire Caß über einige Pächter gebot, die ſich bei ihm über das Wild beklagten, wie wenn er ein Lord geweſen wäre. Es war noch immer jene herrliche Kriegszeit die als eine beſondere Vergünſtigung des Himmels gegen die Intereſſen der Landwirthe empfunden wurde, und das Fallen der Preiſe hatte das Ge⸗ ſchlecht kleiner Grundbeſizer und Freiſaßen noch nicht auf den Pfad des Verderbens geführt, wozu aus⸗ ſchweifende Gewohnheiten und ſchlechte Wirthſchaft ihre Räder fleißig einſchmierten. Ich ſpreche jezt in Bezug auf Raveloe und rhnliche Gemeinden, denn unſer altmodiſches Landleben hatte viele verſchiedene Anſichten, wie alles Leben haben muß, wenn es ſich über eine manigfache Oberfläche ausbreitet und manigfach von verſchiedenen Strömungen ange⸗ haucht wird— von den Winden des Himmels bis zu den Gedanken des Menſchen, die ſich ewig be⸗ wegen und mit unberechenbaren Reſultaten einander durchkreuzen. Raveloe lag niedrig unter den buſchi⸗ gen Bäumen, fern von den Strömungen induſtrieller Thätigkeit und puritaniſchen Ernſtes: die Reichen 3* . 36 aßen und tranken in aller Sorgloſigkeit, und accep⸗ tirten Podagra und Schlagſluß als Dinge die ſich in reſpectabeln Familien geheimnißvoll fortziehen; und die Armen dachten daß die Reichen vollkommen recht thun ein luſtiges Leben zu führen; überdieß fiel bei dieſen Schmauſereien für ſie ſelbſt etwas Erkleckliches ab, was das Erbtheil der Armen war. Betty Jay roch es ſchon von weitem wenn bei Squire Caß Schinken geſotten wurden, aber ihr Verlangen wurde durch die ölichte Flüſſigkeit ge⸗ hemmt worin dieß geſchah, und wenn die Zeit der großen Luſtbarkeiten kam, ſo galten dieſe überall als eine ſchöne Sache für die Armen. Denn bei den Raveloer Feſten kamen dampfende Ochſenbraten und tüchtige Bierfäſſer zum Vorſchein; ſie wurden auf großem Fuße gefeiert und währten eine gute Weile, zumal im Winter. Wenn die vornehmen Damen ihre beſten Kleider und Bandſchleifen in Schachteln zuſammengepackt und ſich der Gefahr aus⸗ geſezt hatten mit dieſer koſtbaren Laſt bei Regen oder Schnee über Ströme hinüberzureiten, ohne daß man wiſſen konnte wie hoch das Waſſer ſteigen würde, da konnte man nicht annehmen daß ſie es bloß auf ein kurzes Vergnügen abgeſehen hatten. Aus dieſem Grund richtete man es immer in den betrübten Zeiten, wenn die Arbeit ſchlecht ging und * die Stunden lang waren, ſo ein, daß mehrere Nach⸗ barn, einer nach dem andern, offene Häuſer hielten. Wenn die leckern Schüſſeln des Squire Caß an Fülle und Friſche abnahmen, ſo hatten ſeine Gäſte weiter Nichts zu thun als ein Bischen höher im Dorf hinauf zu Herrn Osgood in den Obſtgärten 37 zu gehen, und da fanden ſie unangeſchnittene Schin⸗ ken und Lendenſtücke, Schweinspaſteten, friſche But⸗ ter, kurz Alles was ein müßiger Appetit ſich nur wünſchen konnte, vielleicht in größerer Vollendung, aber nicht in größerem Ueberfluß als bei Squire Caß. Denn die Frau des Squire war längſt geſtorben und das rothe Haus entbehrte die Gegenwart der Frau und Mutter, welche die Quelle heilſamer Liebe und gebührender Scheu im Zimmer und in der Küche iſt, ein Umſtand welcher nicht bloß die Thatſache er⸗ klären half daß bei den Feſtſchmäuſen mehr Ver⸗ ſchwendung als vollendete Vortrefflichkeit obwaltete, ſondern auch daß der ſtolze Squire ſich ſo häufig herabließ lieber im Saale des Regenbogens als un⸗ ter dem Schatten ſeiner eigenen dunkeln Vertäfelung zu präſidiren, vielleicht ſogar auch daß ſeine Söhne nicht zum Beſten geriethen. Raveloe war kein Plaz ſtrenger Sittenrichterei; aber man hielt es für eine Schwäche am Squire daß er alle ſeine Söhne faul daheim herumliegen kieß, und obſchon man jungen Herrn deren Väter Etwas aufwenden konnten allerlei durch die Finger ſah, ſo ſchüttelten die Leute doch ihre Köpfe über das Treiben des zweiten Sohnes Dunſtan, gewöhnlich Dunſey Caß genannt, deſſen Liebhaberei für Tauſchen und Wetten gefährlichere Ernten als Wildhafer in Ausſicht ſtellte; in der That ſagten die Nachbarn, es liege ganz und gar Nichts daran was aus Dunſey werde, denn er ſei ja doch bloß ein boshafter, höhniſcher Geſelle, dem ſein Trunk um ſo beſſer zu munden ſcheine wenn andere Leute trocken gehen— nur ſolle er durch ſein Benehmen nicht eine Familie wie die Caßſche beun⸗ ruhigen, die ein Denkmal in der Kirche und Trink⸗ kannen, älter als König Georg, beſize. Dagegen wäre es Jammerſchade wenn Herr Gottfried, der älteſte, ein ſchöner, offener, gutherziger junger Mann, der mit der Zeit das Gut bekommen ſollte, denſelben Weg einſchlüge wie ſein Bruder, wozu es ſeit Kur⸗ zem ganz den Anſchein habe. Wenn er ſich auf dieſe Bahn verirrte, ſo würde er Fräulein Nancy Lammeter verlieren, denn es war wohlbekannt daß ſie ihn ſeit Pfingſten vorigen Jahrs, wo man ſo viel von ſeinem tagelangen Wegbleiben vom Hauſe ſprach, ſehr ſcheu angeſehen hatte. Es war etwas Unrechtes, ſehr Unrechtes um den Weg, das lag ganz klar am Tage, denn Herr Gottfried ſah nicht mehr halb ſo friſch und offen aus wie ſonſt. Eine Zeit lang ſagte Jedermann was für ein hübſches Paar er und Fräulein Nancy Lammeter abgeben würden! Und wenn es ſo weit käme daß ſie die Herrin vom rothen Hauſe würde, ſo wäre das eine ſchöne Ver⸗ änderung, denn die Lammeters waren ſo erzogen daß ſie niemals ein Händchen voll Salz vergeuden ließen, aber dennoch bekam Jedermann im Hauſe Alles aufs Beſte, wie es ihm auf ſeinem Plaze zu⸗ kam. Eine ſolche Schwiegertochter wäre ein Gewinn für den alten Herrn, wenn ſie auch keinen Pfennig mitbrächte, denn es war zu fürchten daß er troz ſei⸗ nes Einkommens mehr Löcher in ſeiner Taſche hatte als das einzige worein er ſeine Hand ſteckte. Aber wenn Herr Gottfried nicht ein neues Blatt umſchlug, ſo ſollte er nur Fräulein Nancy Lammeter für immer Adieu ſagen. — — Der einſt hoffnungsvolle Gottfried war es der, mit den Händen in ſeiner Seitentaſche und ſeinen Rücken dem Feuer zugekehrt, an einem ſpäten No⸗ vemberabend im fünfzehnten Jahr von Silas Mar⸗ ners Aufenthalt in Raveloe in dem dunkeln ver⸗ täfelten Wohnzimmer ſtand. Das hinſchwindende graue Licht fiel trübe auf die mit Flinten, Peitſchen und Fuchsſchwänzen behangenen Wände, auf Wämm⸗ ſer und Hüte die auf Stühle geworfen worden, auf Trinkkannen die einen matten Biergeruch von ſich gaben, und auf ein halberloſchenes Feuer mit ge⸗ ſtopften Pfeifen in den Kaminecken: lauter Zeichen eines häuslichen Lebens dem ein heiligender Zauber fehlt, und der Ausdruck düſteren Aergers auf Gott⸗ frieds blaſſem Geſicht ſtand damit in trauriger Ueber⸗ einſtimmung. Er ſchien auf Jemand zu warten und zu horchen, und eben jezt hörte man das Getöne eines ſchweren Trittes nebſt lautem Pfeifen in der großen leeren Eingangshalle. Die Thüre öffnete ſich und ein unterſezter junger Mann mit ſchweren Augen, mit dem rothen Geſicht und der trozig aufgeblähten Haltung welche das erſte Stadium der Trunkenheit bezeichnen, trat ein. Es war Dunſey, und bei ſeinem Anblick nahm Gott⸗ frieds bis jezt bloß düſteres Geſicht einen entſchie⸗ deneren Ausdruck des Haſſes an. Der hübſche braune Wachtelhund der auf dem Herde lag verkroch ſich unter den Stuhl an der Kamineck.. „Nun Meiſter Gottfried, was begehrſt Du von mir?“ begann Dunſey in ſpöttiſchem Tone.„Du biſt älter und vornehmer als ich, wie Du weißt; ich mußte kommen, da Du nach mir ſchickteſt.“ „Du ſollſt es ſogleich hören— zuvor aber ſchüttle Dich nüchtern und höre mich an, wenn ich bitten darf,“ ſagte Gottfried grimmig. Er hatte ſelbſt mehr getrunken als für ihn gut war, um ſich aus ſeiner düſtern Stimmung in einen berechnungsloſen Zorn zu verſezen.„Ich will Dir nur ſagen daß ich den Zins von Fowler dem Squire einhändigen oder ihm ſagen muß daß ich ihn Dir gegeben habe. Denn er droht deßwegen mit Arreſt, und die Sache wird bald herauskommen, ob ich es ihm ſage oder nicht; er hat noch ſoeben ehe er ausging erklärt, er werde Cox auffordern den Arreſt vorzunehmen, wenn Fowler nicht noch in dieſer Woche ſeine Rückſtände bezahle. Der Squire iſt ſchlecht bei Caſſe und nicht in der Laune auf Unſinn einzugehen. Auch weißt Du was er gedroht hat, ſobald er erführe daß Du ihm wieder Geld unterſchlägſt. Sieh alſo zu daß Du das Geld anſchaffſt, und zwar ſo ſchnell als möglich.“ „O,“ ſagte Dunſey höhniſch, indem er ſeinem Bruder näher trat und ins Geſicht blickte.„Wenn Du nun ſelbſt das Geld hätteſt und mir die Mühe erſparteſt, he? Da Du ſo freundlich warſt es mir einzuhändigen, ſo wirſt Du mir gewiß den Gefallen nicht verweigern es auch für mich heimzubezahlen: Deine brüderliche Liebe hat Dich dazu getrieben, wie Du wohl weißt.“ Gottfried biß ſich auf die Lippen und ballte ſeine Fauſt.„Komm mir mit dieſem Blick nicht nahe, ſonſt ſchlage ich Dich zu Boden!“ „O nein, das thuſt Du nicht,“ ſagte Dunſey, indem er ſich jedoch auf ſeinem Abſaz umdrehte. 41 „Du weißt, ich bin ein ſo gutmüthiger Bruder; ich könnte machen daß Du von Haus und Hof gejagt und mit einem Schilling täglich hinausgeſtoßen wür⸗ deſt. Ich dürfte nur dem Squire erzählen wie ſein hübſcher Sohn dieſe artige Dirne, Molly Farren, geheirathet hat und ſehr unglücklich war, weil er mit ſeiner prunkliebenden Frau nicht leben konnte; dann würde ich aufs Angenehmſte in Deinen Plaz hinein⸗ ſchlüpfen. Aber Du ſiehſt, ich thue es nicht— ich bin ſo gefällig und gutmüthig. Du mußt jezt ſchon eine Mühe für mich übernehmen. Du mußt die hun⸗ dert Pfund anſchaffen— ich weiß, Du thuſt es.“ „Wie kann ich das Geld ſchaffen?“ ſagte Gott⸗ fried zitternd,„ich habe für mich ſelbſt keinen Schil⸗ ling. Und das iſt erlogen daß Du in meinen Plaz hineinſchlüpfen würdeſt: Du würdeſt nur gleichfalls hinausgeworfen, weiter Nichts. Denn wenn Du an⸗ fängſt Geſchichten zu erzählen, ſo thue ich es auch. Bob iſt des Vaters Liebling— Du weißt das recht gut. Er würde nur darauf ausgehen Dich los zu werden.“ „Thut nichts,“ verſezte Dunſey, indem er ſeit⸗ wärts mit dem Kopfe nickte und zum Fenſter hin⸗ ausſchaute.„Es würde mir ſehr angenehm ſein in Deiner Geſellſchaft zu gehen— Du biſt ein ſo hüb⸗ ſcher Bruder und wir haben uns immer ſo gerne mit einander gezankt, daß ich nicht wüßte was ich ohne Dich anfangen ſollte. Aber es gefällt Dir vielleicht doch beſſer wenn wir beide zu Hauſe blei⸗ ben; gewiß haſt Du dieſe Anſicht. Schaff alſo das Sümmchen an, ſo will ich Dir Adieu ſagen, ſo leid es mir thut Dich zu verlaſſen.“ Dunſtan ſchwenkte ab, aber Gottfried ſtürzte ihm nach, ergriff ihn beim Arm und ſagte mit einem 1 Fluch: „Ich verſichere Dich daß ich kein Geld habe, und ich kann auch keines ſchaffen.“ „Borge vom alten Kimble.“ „Ich ſage Dir, er leiht mir Richts mehr, und ich kann ihn nicht darum anſprechen.“ „Nun ſo verkaufe Wildfeuer.“ „Du haſt gut reden. Ich muß das Geld ſogleich haben.“ „Nun ſo reite ihn morgen auf die Jagd. Ge⸗ wiß kommen Bryce und Keating; Du bekommſt mehr als Einen Liebhaber.“ „Ohne Zweifel, und dann kann ich um acht Uhr bis ans Kinn beſprizt wieder nach Hauſe kommen. Ich gehe zu Frau Osgoods Geburtstagsball.“ t„Oho,“ ſagte Dunſey, indem er ſeinen Kopf ſeit⸗ wärts hielt und in feinem Fiſtelton zu ſprechen ver⸗ ſuchte.„Und dahin kommt auch das holdſelige Fräu⸗ lein Nancy, und wir werden mit ihr tanzen und verſprechen nicht wieder unartig zu ſein, und in Gna⸗ den aufgenommen werden und—“ „Halt Dein Maul von Fräulein Nancy, Du Narr, ſonſt erdroßle ich Dich,“ rief Gottfried feuerroth. „Warum?“ fragte Dunſey fortwährend im Fiſtel⸗ tone, indem er aber eine Peitſche vom Tiſche nahm und damit in ſeine flache Hand klopfte.„Du haſt die ſchönſten Ausſichten von der Welt. Ich rathe Dir, ſchlüpfe ihr wieder den Aermel hinauf; dieß erſpart Dir Zeit wenn Molly einmal zufällig einen 4 Tropfen Laudanum zu viel nehmen und Dich zum ☛ — ☛ — 43 Wittwer machen ſollte. Fräulein Nancy würde ſich .nichts daraus machen die zweite Frau zu werden, wenn ſie es nicht wüßte. Und Du beſizeſt einen gutmüthigen Bruder der Dein Geheimniß wohl ver⸗ wahren wird, weil Du ſo außerordentlich gefällig gegen ihn ſein willſt.“ „Ich will Dir ſagen was es iſt,“ verſezte Gott⸗ fried zitternd und wieder blaß.„Meine Geduld iſt ſo ziemlich zu Ende. Wenn Du ein Bischen mehe Verſtand hätteſt, ſo würdeſt Du wiſſen daß Du einen Menſchen auch zu weit treiben kannſt, ſo daß er einen Sprung ſo leicht macht wie einen andern. Ich weiß jezt ſelbſt nicht wie es iſt, aber ich wäre im Stande dem Sgquire ſelbſt Alles zu ſagen— ich könnte Dich dadurch abſchütteln wenn ich ſonſt nichts wollte. Und am Ende erfährt er es doch mit der Zeit. Sie droht daß ſie ſelbſt kommen und es ihm ſagen wolle. Schmeichle Dir alſo nicht daß Dein Geheimniß jeden Preis werth ſei den Du zu ver⸗ langen beliebeſt. Du ſaugſt mir Geld aus bis ich Nichts mehr habe um ſie zu befriedigen, und dann wird ſie eines Tages ihre Drohung ausführen. Es iſt Alles eins; ich will dem Vater Alles ſelbſt ſagen und Du kannſt zum Teufel gehen.“ Dunſey bemerkte daß er über ſein Ziel hinaus⸗ geſchoſſen hatte, und daß es einen Punkt gab wo auch der bedächtliche Gottfried zur Entſcheidung ge⸗ trieben werden konnte. Aber er ſagte mit ſorgloſer Miene: „Ganz nach Belieben, aber ich will zuerſt einen Schluck Bier nehmen.“ Damit klingelte er, warf ſich auf zwei Stühle und begann mit dem Griff ſei⸗ ner Peitſche auf den Fenſterſims zu klopfen. Gottfried ſtand noch immer mit dem Rücken gegen das Feuer da, ſtöberte unbehaglich in ſeinen Taſchen und ſchaute auf den Boden. Seine kräftige musculöſe Geſtalt beſaß thieriſchen Muth in Fülle, half ihm aber zu keiner Entſcheidung wenn er Ge⸗ fahren trozen ſollte die er weder zu Boden ſchlagen noch erdroſſeln konnte. Seine natürliche Unent⸗ ſchloſſenheit und moraliſche Feigheit wurden durch eine Stellung übertrieben in welcher gefürchtete Fol⸗ gen von allen Seiten gleich zu drängen ſchienen, und kaum hatte er in ſeiner Erbitterung Dunſtan Troz geboten und ſich allen möglichen Verrath vor Augen gehalten, ſo erſchien ihm das Unglück das er durch einen ſolchen Schritt herbeiführen mußte unerträg⸗ licher als das gegenwärtige Uebel. Die Folgen eines Bekenntniſſes waren nicht zufällig, ſondern gewiß, während der Verrath nicht gewiß war. Vor dem nahen Bilde dieſer Gewißheit verſank er mit einem Gefühl der Beruhigung in ſein Schwanken zurück. Der enterbte Sohn eines kleinen Land⸗ edelmanns, gleich abgeneigt zu graben und zu bet⸗ teln, war beinahe ſo hilflos wie ein entwurzelter Baum, der mit Hilfe von Himmel und Erde zu einem hübſchen Stamm auf dem Plaze herangewachſen iſt wo er in die Höhe geſchoſſen. Vielleicht wäre es möglich geweſen mit einiger Heiterkeit an das Gra⸗ ben zu denken, wenn Nancy Lammeter ſich unter dieſen Bedingungen hätte gewinnen laſſen; aber da er unwiderruflich ſowohl ſie als das Erbe verlieren, daher jedes Band zerreißen mußte, bis auf das eine . 45 das ihn herabwürdigte, ſo daß er keinen Verſuch mehr zu machen brauchte ſein beſſeres Selbſt wieder zu gewinnen, ſo konnte er ſich nach einem Bekenntniß keine andere Zukunft mehr denken als daß er ſich zum Militär anwerben ließ— der verzweiflungs⸗ vollſte Schritt, nicht viel beſſer als Selbſtmord, in den Augen ehrenwerther Familien. Nein, er wollte ſich lieber auf Zufälligkeiten als auf ſeinen eigenen . Entſchluß verlaſſen, lieber zu dem Feſte gehen und ſeinen Lieblingswein ſchlürfen, wenn auch das Schwert über ſeinem Haupte hing und Angſt in ſeinem Her⸗ zen ſaß, als in die kalte Finſterniß hinausſtürzen wo es kein Vergnügen mehr gab. Die äußerſte Con⸗ ceſſion gegen Dunſtan in Betreff des Pferdes begann ihm im Vergleich mit der Erfüllung ſeiner eigenen Drohung leicht zu erſcheinen. Aber ſein Stolz ge⸗ ſtattete ihm nicht das Geſpräch anders als durch Fortſezung des Streites wieder zu beginnen. Dun⸗ ſtan erwartete dieß und nahm ſein Bier in kürzeren Schlücken als gewöhnlich. 8 „Ja das ſieht Dir gleich,“ rief Gottfried bitter, „daß Du mich in dieſem kalten Tone aufforderſt Wildfeuer zu verkaufen, das lezte Ding das ich mein eigen nenne, und das beſte Pferdefleiſch welches ich in meinem Leben beſeſſen habe. Und wenn Du einen Funken von Stolz in Dir hätteſt, ſo würdeſt Du Dich ſchämen die Ställe leer und dem allge⸗ meinen Geſpötte preisgegeben zu ſehen. Aber ich glaube, Du würdeſt Dich ſelbſt verkaufen, nur um die Schadenfreude zu haben daß Jemand einen ſchlechten Handel gemacht hätte.“ „Ja, ja,“ ſagte Dunſtan ſehr friedlich;„Du läſſeſt mir Gerechtigkeit widerfahren, wie ich ſehe. Du weißt, ich bin ein wahrer Juwel wenn es ſich darum handelt die Leute zum Kaufen zu verlocken. Eben darum rathe ich Dir, laß mich Deinen Wild⸗ feuer verkaufen. Ich will ihn morgen gerne für Dich auf die Jagd reiten. Ich werde im Sattel nicht ſo hübſch ausſehen wie Du, aber man kauft ja das Pferd und nicht den Reiter.“ „Ei warum nicht gar? Ich ſoll Dir mein Pferd anvertrauen!“ „Ganz nach Belieben,“ ſagte Dunſtan, indem er mit höchſt unbekümmerter Miene wieder an den Fenſterſims klopfte.„Du haſt Fowlers Geld zu bezahlen; mich geht die Sache Nichts an. Du er⸗ hielteſt das Geld von ihm als Du nach Bramcote gingſt, und Du ſagteſt zum Squire daß es nicht be⸗ zahlt ſei. Ich hatte Nichts damit zu ſchaffen; Du warſt ſo gefällig es mir zu geben, das iſt Alles. Wenn Du das Geld nicht bezahlen willſt, ſo laß es bleiben; mir gilt es ganz gleich. Nur zu Deiner Bequemlichkeit machte ich den Vorſchlag das Pferd für Dich zu verkaufen, weil ich ſah daß dieſer Aus⸗ flug Dir morgen nicht ganz genehm iſt.“ Gottfried ſchwieg einige Augenblicke. Er hätte am allerliebſten auf Dunſtan losſpringen, ihm die Peitſche aus der Hand reißen und ihn halb todt prügeln mögen; auch würde keine phyſiſche Furcht ihn abgeſchreckt haben; aber ihn beherrſchte eine an⸗ dere Art von Furcht, die von Gefühlen genährt wurde welche noch ſtärker waren als ſein Unmuth. Als er wieder ſprach, geſchah es in halb verſöhn⸗ lichem Tone. — — „Du haſt alſo keinen Unſinn vor mit dem Pferde? Du villſt es ehrlich verkaufen und mir das Geld abliefern? Wenn Du es nicht thuſt, ſiehſt Du, ſo ſchlage ich Alles zuſammen, denn ich habe dann Nichts mehr auf was ich mich verlaſſen kann. Und es wird Dir auch wenig Vergnügen machen das Haus über meinem Kopfe einzureißen, wenn Dein eigener Schädel dabei zerſchmettert wird.“ „Nun, nun,“ ſagte Dunſtan ſich erhebend,„jezt iſts recht. Ich dachte mirs daß Du nachgeben wür⸗ deſt. Ich bin der Mann um den alten Bryce ins Bockshorn zu ſpannen. Ich will ihm hundert und zwanzig Pfund abquälen, ſo gut wie einen Pfennig.“ „Aber vielleicht regnet es morgen wieder Schmied⸗ knechte wie geſtern, und dann kannſt Du nicht gehen,“ ſagte Gottfried, der kaum wußte ob er dieſes Hinder⸗ niß wünſchen ſollte oder nicht. „Damit hat es keine Gefahr,“ antwortete Dun⸗ ſtan.„Ich habe immer Glück mit dem Wetter; wenn Du ſelbſt gehen wollteſt, da könnte es regnen. Du haſt bekanntlich nie Trümpfe und ich immer; Du haſt die Schönheit bekommen und ich das Glück. Deßhalb mußt Du Dich wegen Deiner Thaler an mich halten, denn ohne mich bringſt Du es nie zu Etwas.“ 5 „Zum Henker, halt doch Dein Maul!“ ſagte Gottfried zornig,„und bleib morgen fein nüchtern, ſaß ſtürzeſt Du Dir auf dem Heimweg den Schä⸗ el ein.“ „Beruhige Dein zärtliches Herz,“ ſagte Dun⸗ ſtan;„Du haſt mich noch nie betrunken geſehen wenn ich einen Handel zu machen hatte; dieß würde den Spaß verderben. Ueberdieß falle ich, wenn es mir je paſſirt, immer auf meine Beine.“ Damit ſchlug Dunſtan die Thüre hinter ſich zu und überließ Gottfried der bittern Betrachtung ſeiner perſönlichen Umſtände, einer Betrachtung die jezt von Tag zu Tag nur durch die Aufregung der Jagd, durch Trinden, Kartenſpiel oder das ſeltenere und weniger mit Vergeſſen geſegnete Vergnügen Fräulein Nancy zu ſehen, unterbrochen wurde. Die feinen und manigfaltigen Leiden einer höhern Em⸗ pfindungsfähigkeit, die mit höherer Bildung Hand in Hand geht, ſind vielleicht weniger zu beklagen als dieſer furchtbare Mangel an unperſönlichem Genuß und Troſt welcher rauhere Gemüther der unabläßigen Genoſſenſchaft ihrer eigenen Kümmerniſſe und Be⸗ ſchwerden preisgibt. Das Leben jener ländlichen Vorväter, die wir als ſehr proſaiſche Figuren zu betrachten geneigt ſind— Leute deren einziges Ge⸗ ſchäft darin beſtand auf ihren Feldern umherzureiten, immer ſchwerer in ihren Sätteln zu werden, und die den Reſt ihrer Tage in halbverdrießlicher Be⸗ friedigung ihrer durch Eintönigkeit abgeſtumpften Sinne zubrachten— hatte gleichwohl ein gewiſſes Pathos in ſich. Auch ſie wurden von Unglücksfällen heimgeſucht und ihre Jugendverirrungen führten harte Folgen mit: vielleicht hatte die Liebe zu einem holden Mädchen, dem Abbilde von Reinheit, Ord⸗ nung und Ruhe, ihre Augen für ein Leben erſchloſſen wo die Tage ſelbſt ohne Schwelgereien nicht zu lang erſcheinen würden; aber das Mädchen war verkoren und die Viſion verſchwand, und was blieb ihnen dann, beſonders wenn ſie zur Jagd oder zur 51 aber das Bedürfniß nach einer zärtlichen, dauernden Neigung, die Sehnſucht nach einem Einfluß der ihn in guten Beſtrebungen beſtärken würde, ließ ihm die Zierlichkeit, Reinheit und liberale Ordentlichkeit des Lammeterſchen Haushaltes, beſtrahlt von Nancy's ſonnigem Lächeln, gleich jenen friſchen herrlichen Morgenſtunden erſcheinen wo Verſuchungen ſich ſchla⸗ fen legen, und das Ohr ſich der Stimme des guten Engels erſchließt welcher zu Fleiß, Nüchternheit und Friedſamkeit einlädt. Und dennoch hatte die Hoff⸗ nung auf dieſes Paradies nicht hingereicht ihn vor einem Benehmen zu bewahren das ihn für immer davon ausſchloß. Statt ſich an der ſtarken ſeidenen Schnur feſt zu halten, an welcher Nancy ihn ſicher zu den grünen Ufern gezogen haben würde wo er leicht feſten Fuß faſſen konnte, hatte er ſich in den Koth und Schlamm zurückziehen laſſen wo aller Kampf vergebens war. Er hatte Bande geknüpft die ihn jedem geſunden Einfluß entzogen und in eine beſtändige Erbitterung verſezten. Immerhin gab es eine noch ſchlimmere Stellung als die gegenwärtige, diejenige nämlich worein er gerathen würde wenn das garſtige Geheimniß zu Tage käme, und ſein vorherrſchender Wunſch war beſtändig auf Abwehr des ſchlimmen Tages gerichtet wo er die Folgen des leidenſchaftlichen Unmuths ſeines Vaters über die ſeinem Familienſtolz geſchla⸗ gene Wunde zu ertragen haben würde— wo er vielleicht dieſem erblichen Behagen und Stolz, worin im Ganzen doch ein Grund zum Leben lag, den Rücken kehren und die Gewißheit mit ſich nehmen müßte daß er aus Nancy's Augen und Achtung 4* für immer verbannt ſei. Je länger es anſtand, um ſo beſſer wurde die Ausſicht ſich wenigſtens von einigen der gehäſſigen Folgen befreien zu können an die er ſich verkauft hatte; um ſo mehr Gelegen⸗ heiten blieben ihm zur Erhaſchung des wunderbaren Genuſſes Nancy zu ſehen und einige ſchwache Zeichen ihrer noch nicht ganz von ihm gewendeten Achtung zu erlauern. Zu dieſer Befriedigung drängte es ihn von Zeit zu Zeit, nachdem er ihren Anblick wochenlang gemieden hatte, als wäre ſie der ferne Preis mit glänzenden Flügeln, der ihn bloß antrieb vorwärts zu ſpringen um ſeine Kette um ſo drücken⸗ der zu empfinden. Einer dieſer Anfälle ſehnenden Verlangens war jezt über ihn gekommen, und dieſer allein wäre ſtark genug geweſen ihn zu veranlaſſen daß er lieber Wildfeuer ſeinem Bruder anvertraute als das Sehnen ſeines Herzens ungeſtillt ließe, wenn er auch keinen andern Grund gegen die morgige Jagd gehabt hätte. Dieſer andere Grund war der Umſtand daß die Geſellſchaft in der Nähe von Batherley zuſammenkommen ſollte, dem Marktflecken wo das unglückſelige Weib lebte deſſen Bild ihm mit jedem Tag verhaßter wurde, und das ihm die ganze Nachbarſchaft unheimlich machte. Das Joch das ſich ein Mann durch eine üble That auf⸗ bürdet, muß in der freundlichſten Natur Haß erzeu⸗ gen, und der gutherzige, gemüthliche Gottfried Caß wurde bald ein verbitterter Geſelle, von grauſamen Wünſchen heimgeſucht, die gleich Dämonen, welche eine wohlzubereitete Wohnung in ihm gefunden, ein⸗ und auszufahren ſchienen. 1 Was ſollte er dieſen Abend thun um ſeine Zeit hinzubringen? Er konnte in den Regenbogen gehen und ſich vom Hahnenkampf erzählen laſſen: Alles war da, und was war ſonſt zu machen? Doch er für ſeinen Theil fragte ganz und gar nichts nach Hahnenkämpfen. Stella, das braune Wachtelhünd⸗ chen, hatte ſich vor ihm aufgeſtellt und ſprang jezt nach längerem vergeblichen Warten ungeduldig an ihm hinauf um die gehoffte Liebkoſung zu empfangen. Aber Gottfried ſtieß ſie weg ohne ſie auch nur an⸗ zuſchauen, und verließ das Zimmer, demüthig gefolgt von Stella, die ihm keinen Groll nachtrug— viel⸗ leicht weil ſie keinen andern Weg für ſich offen er⸗ blickte. Viertes Capitel. Dunſtan Caß, der am rauhen Morgen mit dem verſtändig abgemeſſenen Tempo eines Mannes wel⸗ cher ſein Jagdpferd behutſam reiten muß aufbrach, mußte den Weg nehmen der an ſeinem äußerſten Ende an dem uneingehegten Grundſtück, genannt der Steinbruch, vorbeiführte, wo der ehemalige Steinbrecherſchuppen geſtanden welchen jezt Silas Marner ſeit fünfzehn Jahren bewohnte. Der Ort ſah um dieſe Zeit ſehr trübſelig aus mit dem feuch⸗ ten Lehmboden rings umher und dem rothen kothigen Waſſer, das ſich in der verödeten Steingrube ge⸗ ſammelt hatte. Das war Dunſtans erſter Gedanke als er in die Nähe kam; der zweite war daß der alte Narr von einem Weber, deſſen Webſtuhl er be⸗ reits raſſeln hörte, irgendwo ein ſchön Stück Geld verborgen haben müſſe. Wie kam es daß er, Dunſtan Caß, der oft von Marners Filzigkeit gehört, noch niemals Gottfried auf den Gedanken gebracht hatte daß er den alten Kerl einſchüchtern oder ihm auf ſeine vortrefflichen Ausſichten als Gutsherr hin Geld abborgen ſolle? Dieſes Mittel dünkte ihm jezt, be⸗ ſonders da Marners Schaz vermuthlich groß genug war um Gottfried einen hübſchen Ueberſchuß über ſeine augenblicklichen Bedürfniſſe zu laſſen, ſo daß er in den Stand geſezt wurde auch ſeinem treuen Bruder auszuhelfen, ſo bequem und angenehm, daß er große Luſt hatte wieder umzukehren. Gottfried würde gewiß gerne auf den Wink eingehen und be⸗ gierig nach einem Plane haſchen der ihm eine Tren⸗ nung von Wildfeuer erſparte. Aber als Dunſtans Betrachtungen dieſen Punkt erreicht hatten, bekam die Neigung weiter zu reiten wieder die Oberhand. Er gönnte Gottfried dieſes Vergnügen nicht: es war ihm lieber wenn Herr Gottfried ſich in der Klemme befand. Ueberdieß erlabte ſich Dunſtan an dem bedeutungsvollen Bewußtſein daß er ein Pferd zu verkaufen habe, und freute ſich auf die Gelegenheit einen Handel abzuſchließen, zu renommiren und mög⸗ licherweiſe Jemand übers Ohr zu hauen. Er konnte ſich das Vergnügen leicht verſchaffen das mit dem Verkauf von ſeines Bruders Pferd verbunden war, und ſich nichts deſto weniger die weitere Freude machen Gottfried zu einem Änlehen bei Marner zu veranlaſſen. So ritt er behutſam dahin. Bryce und Keating waren da, wie Dunſtan mit ſo großer Sicherheit vorhergeſagt hatte— er war ein ſo glücklicher Burſche. : — „He da!“ ſagte Bryce, nachdem er lange Wild⸗ feuer ins Auge gefaßt hatte,„Sie reiten heute Ihres Bruders Pferd, wie kommt das?“ „Oh, ich habe mit ihm getauſcht,“ antwortete Dunſtan, deſſen Luſt am Lügen, ganz abgeſehen von allem Nuzen, dadurch um Nichts verringert wurde daß ſein Zuhörer ihm wahrſcheinlich nicht glaubte. „Wildfeuer gehört jezt mir.“ „Was? Hat er ihn gegen Ihre dickknochige Mähre ausgetauſcht?“ fragte Bryce, der wohl wußte daß er eine andere Lüge zur Antwort bekommen würde. „O, wir hatten eine kleine Rechnung abzumachen,“ antwortete Dunſey nachläßig,„und Wildfeuer hat ſie ausgeglichen. Ich that ihm einen Gefallen da⸗ mit daß ich das Thier nahm, obſchon es ungern geſchah, denn es juckt mich gewaltig nach einem Pferd von Jortin, einem ſo prächtigen Racegaul wie Sie noch ſelten einen geritten haben. Aber ich will Wildfeuer behalten, da ich ihn jezt habe, obſchon mir drüben in Flitton ein Händler, der für Lord Cromleck auftauft, ein Kerl mit einem Hieb am Auge und grüner Weſte, bereits hundert und fünfzig geboten hat. Doch ich gedenke bei Wildfeuer zu bleiben: einen beſſern Springer über Gräben und Hecken bekomme ich nie mehr: das andere Pferd hat mehr Blut, iſt aber am Hinterquartier etwas zu weich.“ Bryce errieth natürlich daß Dunſtan das Pferd zu verkaufen wünſchte, und Dunſtan wußte daß er es errieth(der Pferdehandel iſt bloß eines von vie⸗ len menſchlichen Geſchäften die auf dieſe ſinnreiche Art betrieben werden), und ſie betrachteten beide den Handel als im erſten Stadium begriffen, als Bryce ſpöttiſch bemerkte: „Das wundert mich; ich muß mich wahrlich wun⸗ dern daß Sie ihn behalten wollen, denn ich habe noch nie gehört daß einer ſein Pferd hätte behalten wollen, wenn man ihm den doppelten Werth dafür bietet. Sie können von Glück ſagen wenn Sie hundert bekommen.“ Keating ritt jezt heran und die Unterhandlung wurde verwickelter. Sie endete damit daß Bryce das Pferd für hundert zwanzig kaufte, zahlbar ſo⸗ bald Wildfeuer ganz wohlbehalten in den Ställen von Batherley abgeliefert wäre. Dunſey kam auf den Gedanken daß es klug wäre für heute auf die Jagd zu verzichten, ſogleich nach Batherley zu reiten, dort auf Bryce's Rückkehr zu warten und mit dem Geld in der Taſche ein Pferd zur Heimkehr zu mie⸗ then. Aber ſeine Jagdluſt, beſtärkt durch ſein Ver⸗ trauen auf ſein Glück und durch einen Trunk Schnaps, den er ſich beim Abſchluß des Handels aus einer Taſchenflaſche zu Gemüthe geführt, war nicht ſo leicht zu überwinden, beſonders wenn er ein Pferd unter ſich wußte das zur Bewunderung Aller über Gräben und Hecken wegſprang. Dunſtan nahm jedoch eine einzige Hecke zu viel und ruinirte ſein Pferd. Seine eigene ſchlechtbeſtellte Perſon, die ganz und gar kei⸗ nen Marktpreis hatte, kam unbeſchädigt davon, aber der arme Wildfeuer, der ſich ſeines Werthes nicht bewußt war, ſank zuſammen und verendete unter Schmerzen. Kurz zuvor hatte Dunſtan, weil er ab⸗ ſizen mußte, um ſeinen Steigbügel in Ordnung zu —— 57 bringen, wie ein Heide über dieſe Unterbrechung ge⸗ flucht, die ihn im glorioſeſten Augenblick der Jagd ins Hintertreffen zurückwarf, und war in ſeiner Er⸗ bitterung immer blinder darauf losgegangen. Ohne dieſen Unſtern würde er bald die Hunde wieder ein⸗ geholt haben, und nun befand er ſich hinter den vorderſten Reitern, die in ihrer Hize ſich nicht darum bekümmerten was hinter ihnen vorging, und fernhin zerſtreuten Nachzüglern, die ſehr wahrſcheinlich nicht weit von dem Orte wo Wildfeuer gefallen war an ihm vorbeikommen mußten. Dunſtan, in deſſen Na⸗ tur es lag daß er ſich mehr um augenblickliche Wider⸗ wärtigkeiten als um entfernte Folgen bekümmerte, ſtand kaum wieder auf den Beinen, und hatte kaum geſehen daß es mit Wildfeuer aus und vorbei war, ſo empfand er eine Befriedigung darüber daß er keine Zeugen in einer Lage hatte die er durch kein Bramarbaſiren als wünſchenswerth darzuſtellen ver⸗ mochte. Indem er ſich nach ſeiner Erſchütterung mit etwas Schnaps und heftigem Fluchen wieder ſtärkte, ging er ſobald als möglich nach einem Gebüſch zu ſeiner Rechten, von wo er ſich ungeſehen nach Bather⸗ ley begeben konnte, ohne daß er Gefahr lief einem Mitglied der Jagdgeſellſchaft zu begegnen. Seine erſte Abſicht war dort ein Pferd zu miethen und ſo⸗ gleich nach Hauſe zu reiten; denn ohne eine Flinte in der Hand mehrere Stunden lang zu gehen, und zwar auf einem ganz gewöhnlichen Weg, davon konnte bei ihm eben ſo wenig die Rede ſein als bei andern feurigen jungen Leuten ſeines Schlags. Es kümmerte ihn wenig wie er Gottfried die ſchlimme Botſchaft bringen ſollte, denn er konnte ihm ja zu gleicher Zeit Rettung durch Marners Geld bieten, und wenn Gottfried ſich, wie immer, bei dem Ge⸗ danken an eine neue Schuld von welcher er ſelbſt bloß den kleinſten Vortheil hätte empörte, ſo ergab er ſich vorausſichtlich doch bald darein: Dunſtan war überzeugt daß er Gottfried ſo lange quälen könnte bis er ſich zu Allem verſtände. Der Gedanke an Marners Geld gewann an Lebendigkeit, da das Bedürfniß nach demſelben ſo dringend geworden war. Die Ausſicht daß er mit den kothigen Stiefeln eines Fußgängers in Batherley erſcheinen und dort die grinſenden Fragen der Stallknechte anhören müßte, ſtand ſeinem ungeduldigen Verlangen nach Raveloe zurückzukommen und ſeinen glücklichen Plan auszu⸗ führen widerlich im Wege, und eine zufällige Unter⸗ ſuchung ſeiner Weſtentaſche, als er ſo hin und her ſann, erinnerte ihn an die Thatſache daß die zwei oder drei kleinen Münzen denen ſein Zeigefinger be⸗ gegnete, zu blaß waren um die kleine Schuld decken zu können ohne deren Bezahlung Jennings kein Ge⸗ ſchäft mehr mit Dunſey Caß zu machen erklärt hatte. Im Ganzen hatte er, nach der Richtung in welche die Jagd ihn gebracht, von hier aus nicht viel wei⸗ ter nach Hauſe als von Batherley; aber Dunſey, der ſich nicht gerade durch Geiſtesklarheit auszeich⸗ nete, wurde auf dieſe Folgerung nur durch die all⸗ mählige Wahrnehmung geleitet daß auch noch andere Gründe für eine Heimkehr ſprachen die ohne alle Vorgänge war. Es war jezt beinahe vier Uhr und ein Rebel zog ſich zuſammen: je ſchneller er auf die Straße hinauskam, um ſo beſſer wars. Er erinnerte ſich daß er die Straße gekreuzt und kurz vor Wild⸗ 59 feuers Sturz den Wegweiſer geſehen hatte; er knöpfte alſo ſeinen Rock zu, wand die Schlinge ſeiner Jagd⸗ peitſche dicht um den Stiel, klopfte mit dünkelhafter Miene auf die Spize ſeiner Stiefel, als wollte er ſich ſelbſt verſichern daß er durchaus nicht überrumpelt worden ſei, und ſo brach er auf mit dem Gefühl daß er ein merkwürdiges Stück Gymnaſtik unternehme, das er wohl noch einmal mit den gebührenden Aus⸗ ſchmückungen der Bewunderung eines auserwählten Kreiſes im Regenbogen preisgeben könne. Wenn ein junger Edelmann wie Dunſey zu einer ſo excep⸗ tionellen Locomotion wie das Gehen genöthigt iſt, ſo iſt eine Peitſche in ſeiner Hand eine wünſchens⸗ werthe Milderung für ein allzu befremdliches, träu⸗ meriſches Gefühl der Ungewohntheit in ſeiner Lage, und Dunſtan fuchtelte, während er ſo durch den ſich anſammelnden Nebel hinſchritt, fortwährend mit ſei⸗ ner Peitſche herum. Es war Gottfrieds Peitſche, die er ohne deſſen Erlaubniß gewählt hatte, weil ſie einen goldenen Griff beſaß; natürlich konnte, wenn Dunſtan ſie in der Hand hielt, Niemand ſehen daß der Name Gottfried Caß mit tiefen Lettern in den goldenen Griff eingravirt war— man konnte bloß ſehen daß es eine ſehr hübſche Peitſche war. Dunſey fürchtete einigermaßen, er möchte Bekannten begegnen in deren Augen er eine klägliche Figur machen würde; denn der Nebel gewährt keinen Schuz wenn man dicht mit den Leuten zuſammenkommt: aber als er ſich endlich auf dem wohlbekannten Rave⸗ loer Wege befand, ohne einer Seele begegnet zu ſein, da bemerkte er ſchweigend daß ſein gewöhnliches Glück ſich theilweiſe wenigſtens darin beurkundet habe. Aber jezt gewährte ihm der Nebel, dem das Abend⸗ dunkel zu Hilfe kam, mehr Schuz als er wünſchte, denn er verbarg ihm die Geleiſe worein ſeine Füße gerathen mußten; er verbarg überhaupt Alles, ſo daß er, um einen Leitfaden zu bekommen, mit ſeiner Reitpeitſche voraus an den niedrigen Büſchen der Hecke hinſtreifen mußte. Er mußte jezt, dachte er, bald bei der Oeffnung der Steinbrüche ſein, und dieß mußte er durch eine Unterbrechung in der Hecke ausfindig machen. Er erfuhr es jedoch durch andere Umſtände die er nicht erwartet hatte, nämlich durch gewiſſe Lichtſchimmer, die, wie er jezt vermuthete, aus Silas Marners Hütte kamen. Dieſe Hütte und das darin verborgene Geld hatte ihm während ſei⸗ nes Ganges beſtändig im Kopfe geſteckt, und er hatte ſich alle möglichen Schmeicheleien und Liebkoſungen ausgeſonnen, wodurch er den Weber verlocken wollte dem unmittelbaren Beſiz ſeines Geldes zu entſagen und ſich mit angemeſſenen Zinſen zu vertröſten. Dunſtan dachte daß neben den guten Wörtchen auch etwas Einſchüchterung am Plaz ſein dürfte, denn ſeine eigenen arithmetiſchen Ueberzeugungen waren nicht klar genug um ihm einen ſchlagenden Beweis für die Vortheile des Zinſennehmens zu liefern, und was eine Sicherheit betraf, ſo hielt er es mit ſeinen verſchwommenen Ideen zum Voraus für eine Prellerei Jemand weiß machen zu wollen daß man ihn be⸗ zahlen werde. Jedenfalls war die Bearbeitung des Knickers eine Aufgabe welche Gottfried ſicherlich ſei⸗ nem kühneren und ſchlaueren Bruder zuweiſen würde: Dunſtan war darüber ſchon im Reinen, und während er nach dem Lichte ſah das durch die Spalten von 61 Marners Fenſterläden glomm, war der Gedanke an ein Zwiegeſpräch mit dem Weber ihm ſo vertraut geworden, daß er es für das Allernatürlichſte hielt die Bekanntſchaft ſogleich zu machen. Es konnten allerlei Annehmlichkeiten damit verbunden ſein: der Weber beſaß möglicher Weiſe eine Laterne, und Dunſtan hatte das Umhertappen im Finſtern über⸗ ſatt bekommen. Er hatte noch eine ſtarke Viertel⸗ ſtunde nach Hauſe, und der Weg wurde unangenehm glitſchig, denn der Nebel ging in Regen über. Er wandelte alſo weiter, nicht ohne einige Furcht daß er ſich verirren könnte, denn er war nicht ſicher ob das Licht von der Front oder von der Seite des Häuschens kam. Aber er unterſuchte den Boden vor ſich behutſam mit ſeinem Peitſchenknopf und kam zu⸗ lezt glücklich an die Thüre. Er klopfte laut und dachte mit einigem Vergnügen daran daß der alte Kerl über das plözliche Getöſe erſchrecken werde. Nichts regte ſich, es war mäuschenſtill in der ganzen Hütte. War der Weber alſo zu Bett gegangen? Warum hatte er dann ein Licht brennen? Dieß war eine auffallende Vergeßlichkeit bei einem Geizhals. Dun⸗ ſtan klopfte noch lauter, und ohne eine Antwort ab⸗ zuwarten, ſteckte er ſeinen Finger durch das Loch der Klinke um die Thüre zu ſchütteln und an der Schnur zu zerren, denn er zweifelte nicht daran daß die Thüre feſt verſchloſſen ſei. Aber zu ſeiner Ueber⸗ raſchung öffnete ſich die Thüre bei dieſer doppelten Bewegung, und Dunſtan ſtand vor einem hellen Feuer, das alle Winkel des Häuschens, Bett, Webſtuhl, die drei Stühle und den Tiſch beleuchtete und ihm zeigte daß Marner nicht da war. 62 Nichts konnte in dieſem Augenblick für Dunſey verlockender ſein als das Feuer auf dem Ziegelherd: er trat hinein und ſezte ſich ohne Weiteres davor. Auch vor dem Feuer zeigte ſich Etwas das für einen hungrigen Mann einladend geweſen wäre, wenn es ſich in einem andern Stadium des Kochens befunden hätte. Es war ein Stückchen Schweinefleiſch das vom Keſſelhaken herab an einer durch einen großen Thürſchlüſſel gezogenen Schnur hing, wie man dieß bei urweltlichen Hausvätern ſehen kann die keinen Bratenwender beſizen. Aber das Fleiſch war an das fernſte Ende des Hakens gehängt worden, offenbar damit es während der Abweſenheit des Eigenthümers nicht allzu ſchnell braten ſollte. Der glotzäugige alte Einfaltspinſel erlaubt ſich alſo warme Abendkoſt? dachte Dunſtan. Die Leute hatten doch immer ge⸗ ſagt, er genieße bloß ſchimmeliges Brod um ſeinem Appetit Einhalt zu thun. Aber wo konnte er jezt und an einem ſolchen Abend ſein? Warum verließ er ſein Eſſen in dieſem Zuſtand? warum hatte er ſeine Thüre nicht verſchloſſen? Die friſche Erinnerung an ſeinen eigenen mühſamen Marſch brachte Dunſtan auf den Gedanken, der Weber ſei vielleicht ausge⸗ gangen um Feuerung zu holen oder ſonſt ein kleines Geſchäft zu beſorgen, und bei dieſer Gelegenheit könne er in den Steinbruch hinabgeglitten ſein. Das war eine intereſſante Idee für Dunſtan und führte ganz neue Folgerungen mit ſich. Wenn der Weber todt war, wer hatte dann ein Recht auf ſein Geld? Wer wußte wohl wo ſein Geld verborgen war? Wer wußte wohl daß Jemand gekommen war und es geholt hatte? Er ließ ſich nicht weiter 6⁵ Statt eines Ueberrocks hatte er einen Sack um ſeine Schultern geworfen, und in der Hand trug er eine Hornlaterne. Seine Beine waren müde, aber ſein Gemüth war leicht und frei von aller Unglücks⸗ ahnung. Das Gefühl der Sicherheit entſpringt öfter aus Gewohnheit als aus Ueberzeugung, und eben darum beſteht es häufig auch nach einem Wechſel: der Verhältniſſe der beängſtigend erſcheinen ſollte. Die Länge der Zeit während welcher ein gegebenes Ereigniß nicht eingetreten iſt, wird in dieſer Ge⸗ wohnheitslogik beſtändig als ein Grund aufgeführt warum es nie eintreten werde, ſelbſt wenn dieſe lange Friſt gerade ein weiterer Umſtand iſt der das Ereigniß bevorſtehend erſcheinen läßt. Ein Mann wird Dir ſagen er habe vierzig Jahre lang in einem Bergwerk gearbeitet, ohne daß ihm das Mindeſte zu⸗ geſtoßen ſei, und eben darum brauche er keine Ge⸗ fahr zu fuͤrchten, obſchon das Dach zu ſinken an⸗ fängt; auch kann man oft Bemerkungen machen daß ein Menſch, je älter er wird, um ſo ſchwerer dazu kommt an ſeinen Tod zu denken und zu glauben. Ddieſer Einfluß der Gewohnheit war nothwendig ſtark bei einem Manne der ein ſo einförmiges Leben führte wie Marner— der niemals neue Leute ſah und * 66 weil es ihn Nichts koſtete. Denn das Stückchen Schweinefleiſch war ein Geſchenk von der vortreff⸗ lichen Haushälterin, Fräulein Priscilla Lammeter, welcher er heute ein hübſches Stück Leinwand ge⸗ bracht hatte, und nur bei Gelegenheit eines ſolchen Geſchenkes erlaubte ſich Silas einen Braten. Das Abendbrod war ſein Lieblingsmahl, weil es in die Zeit ſeiner Schwelgerei fiel, wo ſein Herz über ſei⸗ nem Gold erwarmte; wenn er je einen Braten hatte, ſo wählte er immer die Nachtzeit dazu. Aber an dieſem Abend hatte er kaum ganz ſinnreich ſeine Schnur feſt um ſein Stück Schweinefleiſch geſchlungen, die Schnur ſodann regelrecht über ſeinen Thürſchlüſſel gewunden, durch den Henkel hindurchgeſteckt und am Haken feſtgemacht, ſo fiel ihm ein daß er ſehr feinen Zwirn bedurfte um früh am Morgen ein neues Stück Arbeit in ſeinem Webſtuhl herzurichten. Er hatte dieß vergeſſen, weil er auf dem Wege von Herrn Lammeter her das Dorf nicht berührt hatte; aber am Morgen mit ſolchen Beſtellungen Zeit zu ver⸗ lieren, davon konnte gar keine Rede ſein. Es war ein garſtiger Nebel in welchen er hinaus mußte; aber es gab Dinge welche Silas mehr liebte als ſein eigenes Behagen; er zog alſo ſein Schweine⸗ fleiſch hoch an dem Haken hinauf, bewaffnete ſich mit ſeiner Laterne und ſeinem alten Sack, und machte ſich auf einen Weg der ihn bei gewöhnlichem Wetter zwanzig Minuten gekoſtet hätte. Er konnte ſeine Thüre nicht ſchließen ohne den guten Knoten an ſeiner Schnur zu öffnen und dadurch ſein Abend⸗ eſſen hinauszuſchieben. Es war nicht der Mühe werth daß er dieſes Opfer brachte. Welcher Dieb würde 8 67 wohl in einer ſolchen Nacht nach den Steinbrüchen kommen? Und warum ſollte er wohl gerade in die⸗ ſer Nacht kommen, während er zwölf Jahre lang nicht gekommen war? Dieſe Fragen ſchwebten Mar⸗ ners Gemüthe nicht gerade klar vor; ſie ſollen nur die unbeſtimmte Grundlage beleuchten worauf ſeine Angſtloſigkeit beruhte. Er erreichte ſeine Thüre mit großer Befriedigung über die Ausführung ſeines Geſchäftes; er öffnete ſie und für ſeine kurzſichtigen Augen blieb Alles wie er es gelaſſen hatte, nur daß das Feuer ihm eine willkommene größere Hize entgegenſandte. Während er ſeine Laterne auf den Boden ſtellte und Hut und Sack auf die Seite warf, trippelte er auf dem Boden umher, ſo daß er Dunſtans Fußſpuren in dem Sand mit den Spuren ſeiner eigenen nägelbeſchlagenen Schuhe vermengte. Dann ſchob er ſein Fleiſch näher ans Feuer und ſezte ſich zu dem angenehmen Geſchäft dem Braten abzuwarten und zu gleicher Zeit ſich ſelbſt zu wärmen. Jeder der ihn bei dem rothen Lichtſchein auf ſei⸗ nem blaſſen Geſichte, mit ſeinen ſeltſamen angeſtreng⸗ ten Augen und ſeiner magern Figur geſehen hätte, würde vielleicht die Miſchung von verächtlichem Mit⸗ leid, Furcht und Argwohn begriffen haben womit ſeine Nachbarn in Raveloe ihn betrachteten. Den⸗ noch konnte es nur wenig harmloſere Menſchen geben als der arme Marner war. In ſeiner ehrlichen ſchlichten Seele konnte nicht einmal die zunehmende Goldgier und Mammonsvereheung einen für andere Leute unmittelbar ſchädlichen Fehler erzeugen. Nach⸗ dem das Licht ſeines Glaubens gänzlich erloſchen und 5 68 ſeine Neigungen verödet waren, hatte er ſich mit der ganzen Stärke ſeiner Natur an ſeine Arbeit und ſein Geld feſtgeklammert, und wie alle Gegenſtände an die ſich ein Menſch hängt, hatten dieſe ihn nach ſich ſelbſt geſtempelt. Sein Webſtuhl hatte, während er unaufhörlich darin arbeitete, ſeinerſeits an ihm ge⸗ arbeitet und das eintönige Verlangen nach ſeiner ein⸗ tönigen Antwort immer mehr beſtärkt. Sein Gold hatte, während er über ihm hing und es anwachſen ſah, ſeine Fähigkeit zu lieben in eine harte Abge⸗ ſchloſſenheit, ebenſo hart wie die des edlen Metalls, zuſammengedrängt. Sobald er warm war, begann er zu denken die Zeit bis zum Eſſen würde ihm zu lang werden, wenn er nicht zuvor ſeine Guineen herauszöge, und es würde ſehr angenehm ſein ſie bei dem ungewohn⸗ ten Feſtmahle ſelbſt auf dem Tiſch vor ſich zu ſehen. Denn die Freude iſt der beſte Wein, und Marners Guineen waren ein goldener Wein von dieſer Sorte. Er erhob ſich, ſtellte ſein Licht arglos auf den Boden neben ſeinem Webſtuhl, fegte den Sand weg ohne eine Veränderung zu bemerken, und nahm die Ziegel heraus. Der Anblick des leeren Loches machte ſein Herz gewaltſam aufſpringen, aber der Glaube daß ſein Gold verſchwunden ſei, konnte nicht ſogleich kom⸗ men— nur Angſt und die eifrige Bemühung ihr ein Ende zu machen. Er ſtrich mit ſeiner zitternden Hand um das ganze Loch herum, indem er es ſich möglich zu denken verſuchte daß ſeine Augen ihn ge⸗ täuſcht hätten; dann hielt er das Licht in das Loch und unterſuchte es unter immer ſtärkerem Zittern aufs Aufmerkſamſte. Endlich ſchüttelte es ihn ſo ge⸗ 69 waltſam, daß er das Licht fallen ließ und ſeine Hände zu ſeinem Kopf erhob, indem er Kraft zum Denken zu gewinnen verſuchte. Hatte er in Folge eines plözlichen Entſchluſſes in der vorigen Nacht ſein Gold irgend anderswohin gelegt und nun den Plaz ver⸗ geſſen? Ein Mann der in ein finſteres Waſſer fällt, ſucht für den Augenblick ſelbſt auf ſchlüpfrigen Stei⸗ nen Fuß zu faſſen, und Silas wollte, indem er ſo handelte als ob er an falſche Hoffnungen glaubte, den Augenblick der Verzweiflung abwehren. Er ſuchte in jedem Winkel, er warf das Bett übereinander, ſchüttelte und knetete es; er ſchaute in ſeinen Ziegel⸗ ofen. Als kein anderer Plaz mehr zu durchſuchen war, kniete er aufs Neue nieder und betaſtete aber⸗ mals die ganze Umgebung des Loches. Es blieb kein Zufluchtsort unverſucht, wo er ſich einen Augen⸗ blick vor der furchtbaren Wahrheit hätte ſchüzen können. Doch es gab eine Art von Zuflucht die immer auftaucht, wenn der Gedanke durch ein überwältigen⸗ des Leiden zu Boden geſchlagen wird; es war die Erwartung von Unmöglichkeiten, der Glaube an un⸗ vereinbare Bilder, eine Geiſtesthätigkeit die ſich noch immer vom Wahnſinn unterſcheidet, weil ſie durch die äußere Thatſache aufgehoben werden kann. Silas erhob ſich von ſeinen zitternden Knieen und ſchaute rings auf dem Tiſche herum: lag das Gold nicht viel⸗ leicht da? Der Tiſch war leer. Dann drehte er ſich um und ſchaute hinter ſich; er ſchaute in ſeiner gan⸗ zen Wohnung umher und ſchien ſeine braunen Augen nach irgend einer möglichen Erſcheinung der Beutel an Orte zu richten wo er ſie ſchon vergebens geſucht hatte. Er konnte jeden Gegenſtand in ſeiner Hütte ſehen— und ſein Gold war nicht da. Wiederum legte er ſeine zitternden Hände an ſei⸗ nen Kopf und ſtieß ein wildes, gellendes Gekreiſche, einen Verzweiflungsſchrei aus. Einige Minuten lang ſtand er regungslos da, aber der Schrei hatte ihn von dem erſten wahnſinnigmachenden Druck der Wahr⸗ heit erlöst. Er wandte ſich um, wandte ſich gegen ſeinen Lehnſtuhl und ſank auf den Siz wo er arbei⸗ tete, indem er inſtinctmäßig dieſen als die ſtärkſte Bürgſchaft der Wirklichkeit ſuchte. Und nun, als alle falſchen Hoffnungen ſich zer⸗ ſchlagen hatten, als die erſte Erſchütterung der Wahr⸗ heit vorüber war, begann der Gedanke an einen Dieb ihm vor Augen zu treten, und er pflegte ihn eifrig, weil ein Dieb eingefangen und zur Zurückgabe des Goldes gezwungen werden konnte. Dieſer Gedanke brachte eine neue Kraft mit ſich, und er ſchoß von ſeinem Webſtuhl auf und der Thüre zu. Als er ſie öffnete, ſchlug ihm der Regen entgegen, der immer ſchwerer ſiel. In einer ſolchen Nacht konnten keine Fußtritte verfolgt werden— Fußtritte? Wann war der Dieb gekommen? Während Marners Abweſen⸗ heit bei Tag war die Thüre verſchloſſen, und als er gegen die Dämmerung zurückkam, waren keine Spu⸗ ren eines Einbruchs zu bemerken. Und auch am Abend, ſagte er zu ſich ſelbſt, war Alles ganz ſo wie er es verlaſſen hatte. Der Sand und die Ziegel ſahen aus als wären ſie nicht berührt worden. War es ein Dieb der die Beutel genommen hatte, oder war es eine grauſame von keiner Hand erreichbare Macht welche ſich das Vergnügen gemacht ihn von —— —— —.,— Neuem in Verzweiflung zu ſtürzen? Er bebte vor dieſer unbeſtimmten Angſt zurück und heftete ſeinen Geiſt mit verzweifelter Anſtrengung auf den Räuber mit Händen der von Händen nicht erreicht werden konnte. Seine Gedanken überflogen alle Nachbarn die irgend Bemerkungen gemacht oder Fragen geſtellt hatten, worin er jezt einen Grund zum Argwohn er⸗ blicken konnte. Da war Jem Rodney, ein bekannter Wilderer und auch ſonſt nicht im beſten Rufe ſtehend. Er war Marner während ſeiner Wanderungen über die Felder öfter begegnet und hatte einige ſcherzende Be⸗ merkungen über das Geld des Webers gemacht; ja er hatte Marner eines Tags erzürnt, weil er beim Feuer ſtehen blieb als dieſer ſeine Pfeife anzünden wollte, ſtatt daß er an ſeine Arbeit ging. Jem Rodney war der Mann— es lag einige Beruhigung in die⸗ ſem Gedanken. Jem konnte ausfindig gemacht und zur Zurückerſtattung angehalten werden. Marner wünſchte keine Strafe gegen ihn, ſondern verlangte bloß ſein Geld zurückzubekommen, das von ihm ge⸗ gangen war und ſeine Seele wie einen verlorenen Reiſenden in einer unbekannten Wüſte zurückgelaſſen hatte. Der Räuber mußte ergriffen werden. Mar⸗ ners Ideen von obrigkeitlichem Anſehen waren ver⸗ worren, aber er ſah ein daß er hingehen und ſeinen Verluſt anzeigen mußte, worauf die vornehmen Leute im Dorf— der Geiſtliche, der Conſtabler und der Gutsherr Caß— Jem Rodney, oder jeden andern zur Zurückerſtattung des geſtohlenen Geldes anhalten würden. Unter dem Stachel dieſer Hoffnung ſtürzte er im Regen hinaus und vergaß ſeine Kopfbedeckung mitzunehmen oder ſeine Thüre zuzumachen, denn es war ihm zu Muthe als hätte er nichts mehr zu ver⸗ lieren. Er rannte ſich athemlos, bis er beim Ein⸗ tritt in das Dorf an der Biegung gegen den Regen⸗ bogen zu ſeine Schritte mäßigen mußte. Der Regenbogen war in Marners Augen ein Plaz üppigen Verkehrs für reiche und ſtattliche Ehe⸗ männer deren Weiber überflüſſige Leinwandvorräthe beſaßen; es war der Plaz wo er wahrſcheinlich die Behörden und Würdenträger von Raveloe fand und wo er ſeinen Verluſt am ſchnellſten bekannt machen konnte. Er erhob die Klinke und begab ſich in die freundliche ſchöne Stube oder Küche rechts, wo die weniger hohen Kunden des Hauſes ſich zu verſam⸗ meln pflegten, während das Zimmer links der aus⸗ erwählteren Geſellſchaft vorbehalten war, in welcher Squire Caß häufig das doppelte Vergnügen der Ge⸗ ſelligkeit und Herablaſſung genoß. Aber dieſes Zim⸗ mer war heute Nacht finſter, denn die Hauptperſonen die ſeinen Cirkel ſchmückten, befanden ſich, wie Gott⸗ fried Caß, ſämmtlich bei Frau Osgoods Geburts⸗ tagsball. Und in Folge deß war die Geſellſchaft auf den hochlehnigen Sizen in der Küche zahlreicher als gewöhnlich; mehrere Perſonen die ſonſt Zutritt ins Zimmer gehabt und die Gelegenheit erweitert hätten nach unten zu renommiren und gegen oben beſcheiden zu thun, begnügten ſich dieſen Abend da⸗ mit daß ſie, zur Abwechslung des Genuſſes, ihren Grog an einem Orte nahmen wo ſie ſelbſt in einer zum Bier verſammelten Geſellſchaft anmaßend oder beſcheiden thun konnten. ———, —, —— Sechstes Capitel. Die Unterhaltung, die einen hohen Grad von Lebhaftigkeit erreicht hatte als Silas ſich der Thüre des Regenbogens näherte, war beim erſten Zuſam⸗ mentritt der Geſellſchaft wie gewöhnlich matt und lückenhaft geweſen. Die Pfeifen begannen mit einer Schweigſamkeit geraucht zu werden die einen Anſtrich von Strenge hatte; die vornehmeren Gäſte, die Spirituoſa tranken und zunächſt am Feuer ſaßen, ſtarrten einander an als hätten ſie darauf gewettet wer zuerſt blinzle; die Biertrinker dagegen, haupt⸗ ſächlich Leute in Barchentjacken und Filzkitteln, hiel⸗ ten ihre Augenlider geſenkt und rieben ſich den Mund, als ob ſie bei einer traurigen Leichenfeier ſäßen und jeder Schluck Bier ſie hart ankäme. End⸗ lich wurde das Stillſchweigen von Herrn Snell, dem Wirthe, gebrochen; er war ein Mann von neutraler Geſinnung, gewöhnt ſich von allen menſchlichen Strei⸗ tigkeiten frei zu halten, da ja Einer wie der Andere eines Trunkes bedürfe, und begann jezt in zweifel⸗ haftem Tone gegen ſeinen Vetter, den Mezger: „Man ſagt, Ihr habt geſtern ein ſchönes Stück Vieh hereingetrieben, Bob.“ Der Mezger, ein heiterer, freundlicher Rothkopf, hatte keine Luſt etwas zu antworten. Er paffte einige Male bevor er ausſpuckte, und dann erwiderte er: „Es dürfte etwas Wahres daran ſein, John.“ Nach dieſem ſchwachen trügeriſchen Thauwetter ſtellte ſich die Stille wieder eben ſo ſtreng ein wie vorher. „War es ein rother Durham?“ fragte der Huf⸗ ſchmid, der nach wenigen Minuten den Faden des Geſprächs aufnahm.— Der Hufſchmid blickte den Wirth an, und der Wirth den Mezger, als diejenige Perſon welche die Verantwortlichkeit einer Erklärung auf ſich nehmen mußte. „Roth war das Thier,“ ſagte der Mezger in ſei⸗ nem gutmüthigen heiſern Discant,„und ein Durham war es auch.“ „Dann braucht Ihr mir nicht zu ſagen von wem Ihr es gekauft habt,“ verſezte der Hufſchmid, indem er mit einigem Triumph um ſich ſchaute;„ich. weiß wer in dieſer Gegend die rothen Durhams hat. Und einen weißen Stern hatte die Kuh auf ihrer Stirne, darauf wollte ich wetten.“ Der Hufſchmid lehnte ſich bei Aufſtellung dieſer Behauptung mit ſeinen Händen auf den Knieen vorwärts, und ſeine Augen blinzelten ſchlau. „Nun ja, das wäre möglich,“ antwortete der Mezger phlegmatiſch und in der Abſicht die Frage entſchieden zu bejahen.„Ich ſage nicht Nein.“ „Ich wußte das ſehr wohl,“ fuhr der Hufſchmid fort, indem er ſich wieder zurückwarf und in heraus⸗ forderndem Tone ſprach:„Wenn ich Herrn Lamme⸗ ters Kühe nicht kennen würde, ſo möchte ich doch wiſſen wer ſie dann kennen ſollte, und was die Kuh betrifft die Ihr gekauft habt, mag nun der Handel richtig ſein oder nicht, ſo war ich dabei als man lhr den Einſchütt gab— widerſpreche mir wer da wolle.“ Der Hufſchmid blickte trozig um ſich und des ſanften Mezgers Redeluſt wurde dadurch ein wenig angeregt. „Ich widerſpreche Niemand,“ ſagte er;„ich bin für Frieden und Ruhe. Es gibt Leute die lange „Rippen verlangen, ich bin dafür daß man ſie kurz ſchneide, aber ich fange deßhalb keine Händel mit ihnen an; ich ſage bloß, es iſt ein herrliches Thier, und jedem vernünftigen Menſchen kommen die Thrä⸗ nen in die Augen wenn man es nur anſieht.“ „Nun ja, es iſt die Kuh der ich den Trank geben half,“ fuhr der Hufſchmid ärgerlich fort,„und es war Herrn Lammeters Kuh, ſonſt würdet Ihr eine Lüge ſagen, wenn Ihr behauptetet daß es ein rother Durham ſei.“ „Ich ſage keine Lügen,“ antwortete der Mezger mit derſelben milden Heiſerkeit wie zuvor;„und ich widerſpreche auch Niemand, nicht einmal wenn einer ſchwört daß er ſchwarz ſei; das geht mich nichts an und es ſind nicht meine Sachen. Ich behaupte bloß daß es ein herrliches Thier iſt. Und was ich ſage, dabei bleib' ich auch; aber ich ſtreite mit Niemand.“ „Nein,“ ſagte der Hufſchmid mit bitterem Spott, indem er die Geſellſchaft im Allgemeinen anſah, „und vielleicht ſeid Ihr auch nicht eigenſinnig; viel⸗ leicht ſagtet Ihr nicht daß die Kuh ein rother Dur⸗ ham ſei, und vielleicht habt Ihr nicht behauptet daß ſie einen Stern auf der Stirne habe— bleibet jezt dabei feſt.“ „Ach was,“ meinte der Wirth,„laßt die Kuh in Ruhe. Die Wahrheit liegt zwiſchen euch in der Mitte: Ihr habt beide Recht und beide Unrecht, wie ich immer ſage. Und daß die Kuh Herrn Lammeter gehöre, dagegen ſage ich Nichts, aber das ſage ich daß der Regenbogen der Regenbogen iſt. Und da jezt gerade von Herrn Lammeters die Rede iſt, ſo müßt Ihr darüber genau unterrichtet ſein, nicht wahr, Herr Macey? Ihr erinnert euch doch wie Herrn Lammeters Vater in die Gegend kam und* Warrens in Beſiz nahm?“. Herr Macey, Schneider und Gemeindeſchreiber, 5 welche leztere Function er wegen rheumatiſcher Lei⸗. den mit einem ſchmächtigen jungen Manne hatte theilen müſſen der ihm gegenüber ſaß, hielt ſeinen. weißen Kopf auf die eine Seite und drehte mit 4 wohlgefälliger Miene, an welcher ein leichter Anſtrich 1 von Critik nicht zu verkennen war, ſeine Daumen um einander. Er lächelte mitleidig als Antwort auf die Aufforderung des Wirthes und ſagte:* „Ja, ja, ich weiß, ich weiß; aber ich laſſe andere. Leute reden. Ich habe mich jezt zur Ruhe begeben und überlaſſe es den Jungen. Fraget diejenigen die in Tarley in der Schule waren: ſie haben das Aus⸗ 6 ſprechen gelernt; das iſt erſt ſeit meiner Zeit auf⸗ 4 gekommen.“ 4 „Wenn Ihr auf mich ſtichelt, Herr Macey,“ ſagte der Unterſchreiber mit einem Ausdruck ängſtlicher Ziemlichkeit,„ſo bin ich durchaus nicht der Mann der reden will, ohne daß es an ſeinem Plaz iſt. Wie es in dem Liede heißt: Ich weiß was recht iſt, und fürwahr Ich üb' es redlich auch ſogar.“ „Nun denn, ſo haltet den Ton ein, wenn er euch angegeben iſt,“ ſagte ein breitſchultriger jovialer „* „* Mann, der ſich die Woche über als vortrefflicher Wagner, am Sonntag aber als Chorführer geltend machte. Dabei winkte er zweien von der Geſellſchaft, die officiell als das Fagott und das Klapphorn be⸗ kannt waren, in der feſten Hoffnung daß er die Ge⸗ ſinnung der ganzen muſicaliſchen Innung von Rave⸗ loe ausſpreche. Herr Tookey, der Unterſchreiber, welcher die ge⸗ wöhnliche Impopularität ſolcher Herren theilte, wurde feuerroth und erwiderte mit ſorgſamer Mäßigung: „Herr Winthrop, wenn Ihr einen Beweis bringen könnt daß ich Unrecht habe, ſo werde ich mich nicht weigern es zu ändern. Aber es gibt Leute, die pflanzen ihre eigenen Ohren als eine Fahne auf und meinen, der ganze Chor müſſe ihnen folgen. Es kann zwei Anſichten geben, hoffe ich.“ „Ja, ja,“ ſagte Herr Macey, den dieſer Angriff auf jugendliche Anmaßung ſehr erfreute,„darin habt. Ihr Recht, Tookey; es gibt immer zwei Meinungen, die Meinung die ein Menſch von ſich ſelbſt hat, und die. Meinung die andere Leute von ihm haben. Es würde zwei Meinungen über eine geſprungene Glocke geben, wenn die Glocke ſich ſelbſt hören könnte.“ „Nun gut, Herr Macey,“ ſagte der arme Tookey, der unter dem allgemeinen Gelächter ernſthaft blieb, zich habe es theilweiſe auf Herrn Crackenthorps Wunſch übernommen die Stelle eines Gemeinde⸗ ſchreibers auszufüllen, wenn Eure Gebrechen Euch außer Stand ſezen, und zu den Befugniſſen dieſes Amtes gehört das Singen auf dem Chor— warum hättet Ihr es denn ſonſt gethan?“ 78 „Ci der alte Herr und Ihr ſeid zweierlei,“ meinte Ben Winthrop,„der alte Herr hat eine Gabe. Der Squire lud ihn gewöhnlich zu einem Glas Wein, nur damit er ihm den rothen Räuber ſang; iſts nicht wahr, Herr Macey? Das iſt eine natürliche Gabe. Da iſt mein kleiner Junge Aaron, der hat auch eine Gabe— er ſingt friſch von der Kehle wie eine Droſſel. Aber was Euch betrifft, 8 Herr Tookey, ſo würdet Ihr beſſer thun Euch an Euer Amen zu halten; Cure Stimme iſt ganz gut 2 wenn Ihr ſie in Eurer Naſe haltet. Bloß Eure inwendige Seite taugt nicht recht zur Muſik, ſie iſt nicht beſſer als ein hohler Stengel.“ Dieſe Art von unbarmherziger Offenheit war für die Geſellſchaft im Regenbogen die pikanteſte 3 b Form von Scherz, und Jedermann fand daß Ben* Winthrop mit ſeiner Grobheit Herrn Macey's Spott überboten habe. „Ich ſehe die Sache ganz deutlich,“ ſagte Herr Tookey, der nicht länger kalt zu bleiben vermochte; nes beſteht eine Verſchwörung um mich aus dem Chor zu verdrängen, damit ich Nichts von den Weih⸗ nachtsgeldern bekommen ſoll— das iſts. Aber ich werde mit Herrn Crackenthorp ſprechen; ich laſſe 5 mich von Niemand auf die Seite ſchieben.“ „Nein, nein, Tookey,“ verſezte Ben Winthrop. „Wir werden Euch Euern Antheil bezahlen, damit Ihr wegbleibt— das wollen wir thun. Es gibt außer dem Ungeziefer noch andere Dinge wofür man bezahlt um ſie los zu werden.“ „Nun, nun,“ beſchwichtigte der Wirth, der einen geſell⸗ ſchaftsgefährlichen Grundſaz darin erblickte, wenn man 779 Leute für ihre Abweſenheit bezahlen wolle;„es iſt ja bloß ein Scherz. Wir ſind ſämmtlich gute Freunde hier, hoffe ich. Man muß geben und einnehmen. Ihr habt beide Recht und beide Unrecht, ſage ich. Ich erkläre mit Herrn Macey daß es zwei Meinun⸗ gen gibt, und wenn man mich um die meinige fragte, ſo würde ich ſagen, ſie ſeien beide richtig. Tookey hat Recht und Winthrop hat Recht; ſie brauchen bloß den Unterſchied zu theilen um die Sache aus⸗ zugleichen.“ Der Hufſchmid paffte heftig und ſah mit einiger Verachtung auf dieſen trivialen Streit herab. Er hatte ſelbſt kein Ohr für Muſik, und ging nie in die Kirche, da ſein Fach ins mediciniſche Gebiet ein⸗ ſchlug und er leicht für kränkliche Kühe geholt wer⸗ den konnte. Aber der Mezger, der Muſik in ſeiner Seele beſaß, hatte aufmerkſam zugehört, ohne zu wiſſen was er mehr wünſchen ſollte, die Nieder⸗ lage Tookey's oder die Erhaltung des Friedens. „Gewiß,“ ſagte er, die verſöhnende Abſicht des Wirthes aufnehmend;„wir lieben alle unſern alten Schreiber; das iſt ganz natürlich, denn er war früher ein ſolcher Sänger und hat einen Bruder der als der erſte Geiger im ganzen Lande bekannt iſt. Es iſt recht Schade daß Salomo nicht in unſerm Dorf lebt und uns aufſpielen kann ſo oft wir Luſt haben; nicht wahr, Herr Macey? Ich würde mich's gern etwas koſten laſſen.“ „Ja, ja,“ antwortete Herr Macey mit höchſter Selbſtgefälligkeit,„unſere Familie iſt für gute Muſiker bekannt ſo weit des Menſchen Gedanke reicht. Aber ſolche Dinge ſterben aus, wie ich zu Salomo jedes⸗ 80 mal ſage wenn er kommt; es gibt keine Stimmen mehr wie früher, und Niemand erinnert ſich mehr an das woran wir uns erinnern, außer vielleicht die alten Krähen.“ „Ja, Ihr erinnert Euch wie Herrn Lammeters Vater in dieſe Gegend kam, nicht wahr, Herr Macey?“ fragte der Wirth. „Das will ich meinen,“ antwortete der alte Mann, der jezt den ganzen complimentariſchen Pro⸗ ceß durchgemacht hatte, welcher nothwendig war um ihn auf den Hauptpunkt der Erzählung zu bringen. „Und er war ein ſchöner, alter Herr, ſo ſchön, ja noch ſchöner als der jezige Herr Lammeter. Er kam ein Stück aus dem Norden her, ſo weit ichs heraus⸗ bringen konnte; aber hier kennt Niemand dieſe Gegenden recht; doch konnte es nicht tief im Norden ſein und nicht ſehr verſchieden von dieſem Lande, denn er brachte eine ſchöne Race Schafe mit, ſo daß alſo dort ſchöne Waidepläze ſein müſſen und Alles was ſich gebührt. Man erzählte uns, er habe ſein eigenes Land verkauft um hieher zu kom⸗ men und Warrens zu nehmen, und es ſchien ſonder⸗ bar von einem Mann der eigenes Land beſaß, daß er an einen fremden Ort ging und einen Pacht übernahm. Aber die Leute erzählten, es ſei nach dem Tode ſeiner Frau geſchehen, obſchon die Dinge oft Gründe haben die Niemand weiß— das iſt ſo ziemlich Alles was ich herausgebracht habe, wie⸗ wohl es auch Leute gibt die ſo geſcheidt ſind daß ſie fünfzig Gründe auf einmal finden, während der wahre Grund ihnen von einem Winkel aus zublin⸗ zelt und ſie ihn nie ſehen. Indeß zeigte es ſich 2 81 bald daß wir einen neuen Nachbar bekommen hatten, welcher wußte was Recht und Brauch iſt: er hielt ein gutes Haus und wurde von Jedermann gerne geſehen. Und der junge Mann— nümlich der jezige Herr Lammeter, eine Schweſter hatte er nie — begann bald dem Fräulein Osgood, der Schweſter des jezigen Herrn Osgood, den Hof zu machen, und ſie war ein ſchönes huͤbſches Mädchen— ihr könnt's euch gar nicht denken— die Leute behaupten, das junge Mädchen gleiche ihr, aber ſo können nur Leute ſagen die Nichts verſtehen. Ich muß es wiſſen, denn ich aſſiſtirte dem alten Herrn Pfarrer Drumlow als er ſie traute.“ Hier hielt Herr Macey inne; er gab ſeine Er⸗ zählung immer in Raten und ließ ſich eine um die andere abbitten. „Ja, und eine eigenthümliche Sache kam dabei vor, nicht wahr, Herr Macey, ſo daß Ihr dieſe Hochzeit wohl nie vergeſſen werdet?“ ſagte der Wirth in beglückwünſchendem Tone. „Das will ich meinen, eine ſehr eigenthümliche Sache,“ antwortete Herr Macey mit einem kurzen Nicken.„Denn Herr Drumlow— der gute alte Herr, ich hatte ihn recht lieb, obſchon er ein Bischen verwirrt im Kopfe war, was theils vom Alter her⸗ kam, theils davon daß er manchmal einen Tropfen Warmes nahm wenn er an einem kalten Morgen Dienſt thun mußte. Und der junge Herr Lammeter, er wollte durchaus im Januar copulirt ſein, was offenbar eine unvernünftige Zeit zum Heirathen iſt, denn es iſt nicht wie beim Taufen oder Begraben, wo Ren es nicht ändern kann; als nun Herr Drum⸗ 4 Eliot, Silas Marner⸗ 8² low— der gute alte Herr, ich hatte ihn recht lieb — an die Frageſtellung kam, ſo brachte er die Fragen gerade verkehrt heraus und ſagte: Willſt Du dieſen Mann zu Deinem Eheweib haben? Und dann fragte er: Willſt Du dieſes Weib zu Deinem Che⸗ mann haben? Aber das ſonderbarſte von Allem war daß Niemand es bemerkte außer mir, und ſie antworteten friſchweg Ja, gleich als ob ich am rech⸗ ten Plaze Amen geſagt hätte, ohne zu hören was vorherging.“ „Aber Ihr wußtet recht wohl was vorging, nicht wahr, Herr Macey? Ihr waret geſcheidt genug, he!“ fragte der Mezger. „Gott ſteh Euch bei,“ ſagte Herr Macey, indem er eine Pauſe machte und mitleidig über die Phan⸗ taſieloſigkeit ſeiner Hörer lächelte;„ſeht, ich zitterte am ganzen Leib; ich kam mir vor wie ein Rock der an beiden Flügeln gezupft wird; denn ich konnte dem Pfarrer nicht in die Rede fallen, das durfte ich nicht über mich nehmen, und dennoch ſagte ich zu mir ſelbſt: Wenn nun die Heirath Nichts gälte, weil die Worte verkehrt ſind? und in meinem Kopf arbeitete es wie eine Mühle, und ich ſagte zu mir ſelbſt: Iſt es der Sinn oder ſind es die Worte was eine Trauung giltig macht? Denn der Pfarrer meinte es recht und Braut und Bräutigam meinten es ebenfalls recht. Aber wenn ich darüber nachdenke, ſo kommt es in den meiſten Dingen nur ſehr wenig auf die Meinung an, denn ihr meint vielleicht Dinge zuſammenzuſtecken und euer Leim kann ſchlecht ſein, wie geht es dann? Und ſo ſagte ich zu mir ſelbſt: die Meinung iſts nicht, ſondern der Lein. And 46 1 8³ war in Verlegenheit, wie wenn ich drei Glocken auf einmal läuten müßte, als ich in die Sacriſtei kam und ſie ihre Namensunterzeichnungen anfingen. Aber was nüzt all das Gerede? Ihr habt keinen Begriff davon was im Kopfe eines geſcheidten Man⸗ nes vorgeht.“ „Aber Ihr hieltet an Euch, nicht wahr, Herr Macey?“ fragte der Wirth. „Ja, ich hielt feſt an mir, bis ich mit Herrn Drumlow allein war, und dann rückte ich mit Allem heraus, aber ehrerbietig wie immer. Und er machte ſich wenig daraus und ſagte: Bah, bah, Macey, laßt Euch das nicht anfechten, ſagte er; weder die Meinung thuts noch die Worte, ſondern das Regiſter, das iſt der Leim. So nahm er die Sache leicht, wie ihr ſeht; denn Pfarrer und Doctoren wiſſen Alles auswendig und zerbrechen ſich die Köpfe nicht darüber was Recht und was Unrecht an den Dingen iſt. Und wirklich ſchlug die Heirath ganz gut aus, nur daß die arme Frau Lammeter— das damalige Fräulein Osgood— ſtarb ehe die Mädchen heran⸗ gewachſen waren. Aber was Wohlſtand und Hoch⸗ achtbarkeit betrifft, ſo gab es keine angeſehenere Familie.“ Die ganze Geſellſchaft hatte dieſe Geſchichte ſchon manchmal vernommen, aber man hörte ſie an wie eine Lieblingsmelodie; bei gewiſſen Stellen hörte ſogar das Paffen mit den Pfeifen augenblicklich auf, damit die Zuhörer ihre ganze Aufmerkſamkeit den kommenden Worten widmen konnten. Man erwartete noch mehr Aufſchlüſſe, und Herr Snell, der Gaſtwirth, ſtellte pflichtmäßig die leitende Frage. 6 84 „Hieß es nicht, der alte Herr Lammeter habe ein hübſches Vermögen gehabt als er in dieſe Gegend kam?“ „Allerdings,“ antwortete Herr Macey;„aber ich möchte behaupten, der jezige Herr Lammeter habe das Meiſte gethan um es beiſammen zu hal⸗ ten. Denn man ſagte immer, Niemand kann auf Warrens reich werden, obſchon er es wohlfeil hat, weil es ſogenanntes Spitalland iſt.“ „Ja und nur wenige Leute wiſſen o gut wie Ihr auf was Art es Spitalland wurbe, he, Herr Macey?“ fragte der Mezger. „Wie könnten ſie es auch wiſſen?“ erwiderte der alte Schreiber mit einiger Verachtung.„Seht, mein Großvater machte die Reitknech⸗slivreen für dieſen Herrn Cliff, als er kam und die großen Ställe in Warrens baute. Dieſe Ställe ſind vier⸗ mal ſo groß wie die von Squire Caß; denn dieſer Cliff dachte an nichts anderes als an Reiten und Jagen, und doch war er, wie einige Leute behaupten, nur ein Londoner Schneider der ſich durch Betrug bereichert hatte, denn er konnte wahrhaftig nicht reiten. Die Leute ſagten, er könne ſich auf einem Pferde ſo wenig feſthalten, als ob ſeine Beine krumme Stecken wären. Mein Großvater hörte dieß den alten Squire Caß oft und viel ſagen. Aber er wollte reiten, wie wenn der Teufel ſelbſt ihn triebe, und er hatte einen Sohn, einen Jungen von ſechs⸗ zehn. Und ſein Vater wollte ihn gar nichts thun laſſen, ſondern er mußte immer nur reiten und reiten, obſchon der Junge ängſtlich war, wie man ſagt. Und es hieß allgemein, der Vater wolle den — — Schneider aus dem Jungen hinausreiten und einen Herrn aus ihm machen— nicht weil ich ſelbſt ein Schneider bin, ſondern weil Gott mich zu einem ſolchen gemacht hat, bin ich ſtolz darauf, denn Macey Schneider ſtand über unſerer Thüre, ehe noch die Köpfe der Königin auf die Schillinge zu ſtehen kamen. Aber Cliff ſchämte ſich Schneider zu heißen, und es ärgerte ihn ſehr daß man über ſein Reiten lachte, und Niemand von den vornehmen Herrn in der Nachbe gaft konnte ihn ausſtehen. Inzwiſchen w der arme Junge kränklich und ſtarb, und der Valer überlebte ihn nicht lange, denn er wurde jezt wunderlicher als je, uns man ſagte, er pflege in dunkler Nacht mit der Laterne in der Hand nach den Ställen inauszugehen, und dort habe er eine Anzahl Lichter brennen laſſen, weil er nicht ſchlafen konnte; er habe dageſtanden, mit ſeiner Peitſche ge⸗ knallt und ſeine Pferde angeſehen, und die Leute ſagten, es ſei eine Gnade Gottes geweſen daß die Ställe nicht ſammt der armen unvernünftigen Crea⸗ tur darin verbrannt ſeien. Aber endlich ſtarb er im Wahnſinn, und es zeigte ſich daß er all ſein Be⸗ ſizthum, Warrens und Alles, einem Londoner Spital vermacht hatte, und ſo wurde Warrens Spitalland. Was übrigens die Ställe betrifft, ſo gebraucht Herr Lammeter ſie niemals— ſie ſind unter aller Critik — und wenn man eine Thüre darin zuſchlägt, ſo tönt es wie Donner über das halbe Dorf hin.“ „Ja es geht in den Ställen mehr vor als die Leute beim Tageslicht ſehen, nicht wahr, Herr Macey?“ fragte der Wirth. „Allerdings,“ antwortete Herr Macey mit ge⸗ heimnißvollem Winken;„geht nur einmal in dunkler Nacht hin, und dann behauptet, Ihr hättet die Lich⸗ ter in den Ställen nicht brennen geſehen, und das Geſtampfe der Pferde, das Peitſchengeknall und auch das Geheul gegen Tagesanbruch nicht gehört. Cliffs Feiertag nannte man es ſchon zu meiner Knabenzeit, das heißt, die Leute behaupteten, es ſei der Feier⸗ tag an welchem der Teufel ihm das Braten erlaſſe. So ſagte mir mein Vater, und der war ein ver⸗ nünftiger Mann, obwohl es heut zu Tage Leute gibt die von uralten Geſchichten weit mehr verſtehen als von ihren eigenen Geſchäften.“ 2 „Was ſagt Ihr dazu, he, Dowlas?“ ſagte der Wirth zu dem Hufſchmid, der ſich über dieſe An⸗ deutung ſichtlich ärgerte.„Das iſt eine Nuß zum Knacken für Euch.“ Herr Dowlas war der verneinende Geiſt in der Geſellſchaft und ſtolz auf ſeine Stellung. „Ich ſage was Jedermann ſagen muß der ſeine Augen nicht verſchließt, ſondern einen Fingerzeig anſieht; ich bin bereit mit Jedem der in einer trocke⸗ nen Nacht auf das Waideland vor den Ställen von Warrens mit mir hinausſtehen will, zehn Pfund darauf zu wetten daß wir weder Lichter ſehen noch ein Geräuſch hören werden, außer das Blaſen unſe⸗ rer eigenen Naſen. Das ſage ich und das habe ich ſchon oft geſagt. Aber keiner von all dieſen Herrn will eine Zehnpfundnote an die Geiſter wagen deren ſie doch ſo gewiß ſind.“ „Ei da habt Ihr leicht wetten, Dowlas,“ ſagte Ben Winthrop.„Da könnt Ihr eben ſo gut wetten daß ein Mann den Rheumatismus bekomme, wenn er in einer kalten Nacht bis an den Hals in dem Pfuhl ſteht. Leute die an Cliffs Feiertag glauben, haben keine Luſt zehn Pfund daran zu wagen.“ „Wenn Meiſter Dowlas die Wahrheit zu erfah⸗ ren wünſcht,“ ſagte Herr Macey mit einem ſpötti⸗ ſchen Lächeln, indem er ſeine Daumen an einander ilopfte,„ſo bedarf es durchaus keiner Wette— er mag nur ſelbſt hingehen und ſich daſelbſt aufſtellen — Niemand wird ihn daran verhindern, und dann kann er die Leute im Dorf wiſſen laſſen ob ſie Un⸗ recht haben.“ „Schönen Dank, ſehr verbunden,“ ſagte der Huf⸗ ſchmid mit verächtlichem Naſerümpfen.„Wenn Leute Narren ſind, ſo bedarf man mich nicht dazu. Ich brauche die Wahrheit über Geiſter nicht erſt zu er⸗ fahren, ich weiß ſie bereits. Aber ich bin nicht gegen eine Wette— nur ehrlich und offen. Jeder weite zehn Pfund mit mir daß ich Cliffs Feiertag ſehe, dann will ich ſelbſt hingehen und dort ſtehen bleiben. Ich brauche keine Geſellſchaft. Ich thue dieß eben ſo gerne als ich meine Pfeife ſtopfe.“. „Ah, aber wer wird Euch beobachten, Dowlas? Wer wird ſehen daß Ihr es wirklich thut? Das iſt keine ehrliche Wette,“ antwortete der Mezger. „Keine ehrliche Wette!“ erwiderte Herr Dowlas zornig.„Ich will einmal ſehen ob einer aufſteht und behauptet, ich verlange eine unehrliche Wette. Kommt her, Meiſter Lundy, ich möchte dieß gerne von Euch hören.“ „Sehr möglich,“ ſagte der Mezger,„aber die Sache geht mich Nichts an, das ſchlägt nicht in mein Geſchäft ein und ich will Euern Preis nicht herabſezen. Wenn Jemand nach Eurer ligenen Schäzung auf Euch bieten will, ſo habe ich Nichts dagegen, ich bin für Ruhe und Frieden.“ „Ja das iſt jeder kläffende Köter, wenn man ihm einen Stock entgegenhält,“ ſagte der Hufſchmid. „Aber ich fürchte weder einen Menſchen noch einen Geiſt, und ich bin bereit eine Wette einzugehen— ich bin kein Köter der den Schwanz einzieht.“ „Ganz recht, aber die Sache iſt ſo, Dowlas,“ ſagte der Wirth in einem Tone großer Aufrichtigkeit und Duldung.„Es gibt nach meiner Meinung Leute, die können die Geiſter nicht ſehen, ſelbſt wenn ſie ganz deutlich wie ein Pikenſtock vor ihnen ſtän⸗ den. Und es iſt gute Vernunft darin; denn da iſt zum Beiſpiel meine Frau, die riecht Nichts, und wenn man ihr den ſtärkſten Käſe unter die Naſe hielte. Ich habe ſelbſt niemals einen Geiſt geſehen, aber das ſage ich zu mir, ſehr wahrſcheinlich habe ich den Geruch dafür nicht. Und ſo halte ichs mit beiden Seiten, denn wie geſagt, die Wahrheit liegt in der Mitte. Und wenn Dowlas hinginge und ſich dort aufſtellte und er ſagte daß er die ganze Nacht nichts von Cliffs Feiertag geſehen hätte, ſo würde ich ihm Recht geben, und wenn Jemand ſagte, Cliffs Feiertag ſei dennoch eine ganz gewiſſe Sache, ſo würde ich ihm auch Recht geben; denn der Geruch iſts auf was ich gehe.“ Die analogiſche Beweisführung des Wirthes ge⸗ fiel dem Hufſchmid, einem entſchiedenen Gegner von Vergleichen, durchaus nicht. „Pfui, pfui!“ ſagte er, indem er mit erneuter Erbitterung ſein Glas niederſtellte;„was hat der „ —,— Geruch damit zu ſchaffen? Hat jemals ein Geiſt einem Mann ein ſchwarzes Auge gemacht? Das möchte ich wiſſen. Wenn Geiſter wollen daß ich an ſie glauben ſoll, ſo ſollen ſie es aufgeben an dunkeln und einſamen Orten herumzuſchleichen; ſie ſollen dahin kommen wo Geſelſſchaft iſt und Lichter brennen.“ „Als ob Geiſter es wünſchen könnten daß un⸗ wiſſende Leute an ſie glauben,“ ſagte Herr Macey mit gründlichem Eckel über die craſſe Unfähigkeit des Hufſchmids die Bedingungen von Geiſtererſchei⸗ nungen zu begreifen. Siebentes Capitel. Doch der nächſte Augenblick ſchien einen Beweis zu liefern daß Geiſter von nachgiebigerer Art ſeien als Herr Macey ihnen zuſchrieb, denn auf einmal ſtand Silas Marners bleiche, ſchmächtige Figur in dem warmen Lichte, ohne ein Wort auszuſprechen, aber mit ſeinen ſeltſamen unirdiſchen Augen unter der Geſellſchaft umherſchauend. Die langen Pfeifen regten ſich alle zugleich wie die Fühlhörner aufge⸗ ſchreckter Inſecten, und alle Anweſenden, ſelbſt den ſkeptiſchen Hufſchmid nicht ausgenommen, hatten einen Eindruck, als ſähen ſie nicht den leibhaftigen Silas Marner, ſondern eine Erſcheinung, denn die Thüre zu welcher Silas hereingekommen, wurde durch die hochlehnigen Stühle verdeckt, und Niemand hatte ſeine Annäherung bemerkt. Von Herrn Macey, der weit weg von dem Geiſte ſaß, ſollte man glauben er habe einen Triumph der Beweisführung gefeiert, , der ſeinen Antheil an der allgemeinen Beängſtigung neutraliſirt hätte. Hatte er nicht immer geſagt daß, wenn Silas Marner ſich in dieſer ſeltſamen Ver⸗ zückung befinde, ſeine Seele ſich von ſeinem Leib gelöst habe? Hierin lag der Beweis: nichts deſto⸗ weniger würde er ſich im Ganzen auch ohne ihn eben ſo wohl begnügt haben. Einige Minuten lang herrſchte Todesſtille, denn Marner konnte vor Athem⸗ loſigkeit und Aufregung nicht ſprechen. Endlich über⸗ nahm der Wirth, unter dem gewöhnlichen Bewußt⸗ ſein daß er verpflichtet ſei ſein Haus für alle Ge⸗ ſellſchaft offen zu halten, und im Vertrauen auf den chuz ſeiner ungebrochenen Neutralität, die Aufgabe den Geiſt zu beſchwören. „Herr Marner,“ begann er in verſöhnendem Tone,„was fehlt Euch? was wollt Ihr hier?“ „Beſtohlen!“ ſagte Silas mit tiefem Athemzug. „Ich bin beſtohlen worden! Ich verlange nach dem Conſtabler— nach dem Richter, nach dem Squire Caß und nach Herrn Crackenthorp.“ „Haltet ihn, Jem Rodney!“ ſagte der Wirth, als die Idee eines Geiſtes ſich allmählig verlor; „er iſt nicht recht bei Troſte, denke ich; er iſt ganz und gar durchnäßt.“ Jem Rodney ſaß am äußerſten Plaze, zunächſt da wo Marner ſtand, aber er verweigerte ſeine Dienſtleiſtung. „Faßt ihn nur ſelbſt, Herr Snell, wenn Ihr das Herz habt,“ antwortete Jem etwas verdrießlich.„Er iſt beſtohlen worden und, ſo viel ich weiß, auch er⸗ mordet,“ fügte er brummend hinzu. — S „Jem Rodney,“ ſagte Silas, indem er ſeine ſonderbaren Augen auf den verdächtigen Mann heftete. „Nun, Meiſter Marner, was wollt Ihr von mir?“ verſezte Jem, der ein wenig zitterte und ſeine Trink⸗ kanne als Vertheidigungswaffe ergriff. „Wenn Ihr mein Geld geſtohlen habt,“ ſagte Silas, indem er bittend ſeine Hände zuſammenſchlug und ſeine Stimme bis zum Schreien ſteigerte,„ſo gebt es mir zurück und ich will Nichts mit Euch zu thun haben. Ich will die Conſtabler nicht gegen Euch ſchicken. Gebt es mir zurück und ich will Euch eine Guinee laſſen!“ „Ich Euer Geld geſtohlen!“ erwiderte Jem zor⸗ nig.„Ich ſchlage Euch mit dieſer Kanne das Auge aus, wenn Ihr noch einmal ſagt daß ich Euer Geld geſtohlen habe.“ „Kommt, kommt, Meiſter Marner,“ ſagte der Wirth, der ſich jezt entſchloſſen erhob und Marner bei der Schulter faßte.„Wenn Ihr Etwas anzu⸗ geben habt, ſo ſprecht verſtändig, und wenn Ihr verlangt daß Euch Jemand zuhören ſoll, ſo zeiget daß es bei Euch im Kopfe richtig iſt. Ihr ſeid ſo naß wie eine ertrunkene Ratte. Nehmet Plaz, trock⸗ net Euch und dann ſprecht ohne Umſtände.“ „Allerdings Mann,“ ſagte der Hufſchmid, der einzuſehen begann daß er ſich dem Umſtand nicht ganz gewachſen gezeigt hatte;„laßt jezt Euer Glozen und Kreiſchen unterwegs, ſonſt bindet man Euch als einen Wahnſinnigen; deßhalb wollte ich Anfangs nicht ſprechen— ich dachte, der Mann iſt wahnſinnig geworden.“ „Ja, ja, laßt ihn ſizen!“ riefen mehrere zugleich, 8 3. hocherfreut daß das Vorhandenſei der Geiſter noch immer eine offene Frage blieb. ten ſich gegen Silas, als der Wirth, nachdem er ſich niedergeſezt hatte, ſagte: „Nun denn, Meiſter Marner, was habt Ihr in. Bezug auf dieſen Raub anzugeben? Sprecht Euch „Er ſoll ja nicht wieder ſagen daß ich ihn be⸗ ſtohlen habe,“ rief Jem Rodney haſtig.„Was könnte ich mit ſeinem Geld anfangen? Eben ſo gut könnte ich den Kirchenrock des Pfarrers ſtehlen und tragen.“ „Haltet Euer Maul, Jem, und laßt hören was er anzugeben hat,“ gebot der Wirth.„Nun denn, Meiſter Marner?“ Silas erzählte jezt ſeine Geſchichte unter häufigen Kreuz⸗ und Querfragen, als der geheimnißvolle Cha⸗ racter des Diebſtahls ſich herausſtellte. Dieſe eigenthümlich neue Lage, daß er ſeinen Nachbarn in Raveloe ſeinen Kummer klagte, an einem warmen Herde ſaß der nicht ſein eigen war, Geſichter um ſich ſah und Stimmen hörte auf denen 9³ ſeine nächſte Hoffnung auf Hilfe beruhte, übte ohne Zweifel ihren Einfluß auf Marner, ſo ſchmerzlich er auch über ſeinen Kummer betrübt war. Der leichte Argwohn womit die Anweſenden ihn zuerſt angehört hatten, verſchmolz allmählig vor der überzeugenden Einfachheit ſeines Jammers; die Nach⸗ barn konnten unmöglich an der Wahrheit ſeiner Aus⸗ ſage zweifeln, nicht weil ſie aus der Art derſelben ſogleich erſehen konnten daß er durchaus keinen Grund hatte ſie falſch zu berichten, ſondern weil, wie Herr Macey bemerkte, Leute die den Teufel hinter ſich hatten ſich wahrſcheinlich nicht ſo gänzlich nieder⸗ drücken ließen, wie der arme Silas es war. Viel⸗ mehr ſchien aus dem ſeltſamen Umſtande daß der Dieb keine Spuren zurückgelaſſen und zufälliger Weiſe juſt den für Sterbliche gänzlich unberechenbaren Augen⸗ blick gewußt hatte, wo Silas von Haus weggehen würde ohne ſeine Thüre zu verſchließen, der wahr⸗ ſcheinlichere Schluß zu folgen daß ſeine ſchändliche Freundſchaft in dieſer Richtung, wenn ſie je beſtan⸗ den hatte, abgebrochen, und daß ihm folglich dieſer ſchlimme Streich von Jemand geſpielt worden war gegen welchen man den Conſtabler ganz vergeblich requiriren würde. Warum dieſer übernatürliche Ver⸗ brecher warten mußte bis die Thüre offen ſtehen blieb, war eine Frage die Niemand in den Sinn kam. „Jem Rodney hat es nicht gethan, Meiſter Marner,“ ſagte der Wirth;„Ihr müßt den armen Jem nicht ſo ſcharf anſehen; man kann vielleicht ein Aber gegen Jem haben wegen eines Haſen oder dergleichen, aber Jem ſaß ſchon lange ehe Ihr, Meiſter Marner, nach Eurer eigenen Erzählung Euer — 94 Haus verlaſſen habt, wie der anſtändigſte Mann von der ganzen Gemeinde da bei ſeiner Kanne.“ „Ja allerdings,“ ſagte Herr Macey;„klagen wir keinen Unſchuldigen an. So lautet das Geſez nicht. Es müſſen Leute da ſein die gegen einen Mann ſchwören ehe er feſtgenommen werden kann. Klagen wir keinen Unſchuldigen an, Meiſter Marner.“ Das Gedächtniß war in Silas nicht ſo gänzlich erſtarrt um durch dieſe Worte nicht aufgeregt zu wer⸗ den. Mit einer Regung von Zerknirſchung die ihm eben ſo neu und fremd war wie alles Andere ſeit der lezten Stunde, fuhr er von ſeinem Stuhl auf, ging feſt auf Jem zu und ſchaute ihn an, als ob er ſich über den Ausdruck in ſeinem Geſicht verge⸗ wiſſern wollte. „Ich hatte Unrecht,“ ſagte er—„ja, ja— ich hätte es überlegen ſollen. Es iſt Nichts da was gegen Euch ſpricht, Jem, nur waret Ihr öfter in meinem Haus als ſonſt Jemand, und ſo ſeid Ihr mir in den Kopf gekommen. Ich klage Euch nicht an, ich klage Niemand an— nur,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Hände zu ſeinem Kopf erhob und ſich mit rathloſem Jammer abwandte,„nur verſuche ich nachzudenken wo mein Geld ſein mag.“ 8 „Ja ja, es iſt ohne Zweifel dahin gegangen wo es heiß genug iſt um es zu ſchmelzen,“ ſagte Herr Macey. 3 „Pfui,“ machte der Hufſchmid. Dann fragte er mit verhörrichterlicher Miene:„Wie viel Geld mag in den Beuteln geweſen ſein, Meiſter Marner?“ „Zwei hundert zwei und ſiebzig Pfund, zwölf Schilling und ſechs Pfennige, als ich es geſtern — 9⁵ Nacht zählte,“ ſagte Silas, indem er ſich ſtöhnend wieder ſezte. „Bah! Dann war es nicht ſo ſchwer zu tragen; es wird irgend ein Landſtreicher gekommen ſein, und daß keine Fußſpuren vorhanden, daß die Ziegel und der Sand ganz in Ordnung ſind— ſeht, Meiſter Marner, Ihr habt Augen wie ein Inſect, ſie müſſen ſo genau hinſchauen, ſie können nicht viel auf ein⸗ mal ſehen. Meine Meinung iſt, wenn ich an Eurer Stelle geweſen wäre, oder Ihr an der meinen— es kommt auf das Gleiche hinaus— ſo würdet Ihr nicht geglaubt haben daß Ihr alles ſo gefun⸗ den wie Ihr es verlaſſen. Aber ich ſtimme dafür daß zwei der geſcheidteſten Männer aus der Geſell⸗ ſchaft mit Euch zum Conſtabler Kench gehen ſollen; er liegt ſchwer krank im Bette, das weiß ich. Sagt ihm, er ſolle einen von uns als Stellvertreter er⸗ nennen; das iſt das Geſez und ich glaube nicht daß mir Jemand darin widerſprechen wird. Es iſt kein weiter Weg zu Kench; wenn ich dann zum Stellver⸗ treter ernannt bin, werde ich mit Euch gehen und Euer Anweſen unterſuchen, und falls Jemand da⸗ gegen Etwas einzuwenden hat, ſo werde ich ihm dankbar ſein wenn er aufſteht und es offen heraus⸗ — ſagt wie ein Mann.“ Durch dieſe gewichtige Rede hatte der Huſſchmid ſeine Selbſtgefälligkeit wieder ins Gleichgewicht ge⸗ bracht und erwartete vertrauensvoll daß man ihn als einen der überwiegend geſcheidten Männer nen⸗ nen werde. „Laßt doch ſehen wie die Nacht iſt,“ ſagte der Wirth, der ſich bei dem Vorſchlag ebenfalls als per⸗ 96 ſönlich betheiligt anſah.„Es regnet noch immer ſtark,“ bemerkte er, als er von der Thüre zurückkam. „Ei ich bin nicht der Mann der einen Regen fürchtet,“ erklärte der Hufſchmid,„was wird der Richter Malam ſagen, wenn er hört daß reſpectable Männer wie wir Ausſagen in Empfang genommen und keine Schritte gethan haben?“ Der Wirth war mit dieſer Anſicht einverſtanden, und nachdem er die Meinung der Geſellſchaft ein⸗ geholt, wie auch gebührend eine kleine Ceremonie vorgenommen hatte die im hohen geiſtlichen Leben als das nolo episcopari bekannt iſt, verſtand er ſich dazu den kalten Ehrenauftrag eines Ganges zum Richter auf ſich zu nehmen. Aber zum großen Aer⸗ ger des Hufſchmids erhob Herr Macey jezt eine Einwendung gegen ſeine Ernennung zum Vicecon⸗ ſtabler, wozu er ſich erboten hatte, denn dieſer orakel⸗ hafte alte Herr, der das Geſez zu kennen behaup⸗ tete, erklärte als ein Factum das ſein Vater ihm beimacht habe, daß kein Doctor Conſtabler ſein önne. 8 „Und Ihr ſeid ein Doctor, denke ich, obſchon nur ein Kuhdoctor, denn eine Mücke iſt eine Mücke, wenn ſie auch bloß eine Roßmücke ſein mag,“ ſchloß Herr Macey, nicht ohne einige Verwunderung über ſeinen eigenen Scharfſinn. Es entſtand eine hizige Debatte darüber, da der Hufſchmid natürlich keine Luſt hatte auf ſeine Eigen⸗ ſchaft als Doctor zu verzichten, aber behauptete, ein Doctor könne Conſtabler ſein wenn er wolle; das Geſez meine nur daß er es nicht werden müſſe R ‿ 97 wenn er nicht wolle. Herr Macey erklärte dieß für Unſinn, denn das Geſez werde wohl nicht Doctoren vor andern Leuten begünſtigen. Ueberdieß, wenn es in der Art der Dockoren liege daß ſie ungerner als andere Leute Conſtabler ſeien, wie dann Herr Dowlas zu dem eifrigen Verlangen komme in die⸗ ſer Eigenſchaft aufzutreten? „Ich verlange durchaus nicht den Conſtabler zu ſpielen,“ antwortete der Hufſchmid, durch dieſe un⸗ barmherzige Beweisführung in die Enge getrieben, „kein Menſch kann mir das nachſagen, wenn er bei der Wahrheit bleiben will; aber da in Bezug auf dieſen naſſen Gang zu Kench ſo viel Eiferſucht und Neid zu Tage kommt, ſo mag hingehen wer Luſt hat— mich bekommt Ihr nicht dazu, das kann ich Euch ſagen.“ Durch Vermittlung des Wirthes wurde indeß der Streit ausgeglichen. Herr Dowlas verſtand ſich dazu als zweite Perſon und ohne Anſpruch auf einen officiellen Character mitzugehen, und ſo begab ſich der arme Silas, mit einigen alten Decken verſehen, nebſt ſeinen zwei Begleitern wieder in den Regen hinaus; er gedachte der langen Nachtſtunden die er vor ſich hatte, nicht wie Leute die nach Ruhe ver⸗ langen, ſondern wie ſolche die vorherſehen daß ſie wachend den Morgen erwarten müſſen. Achtes Capitel. Als Gottfried Caß um Mitternacht von der Ge⸗ ſellſchaft der Frau Osgood heimkehrte, vernahm er Eliot, Silas Marner. 7 8 1 —— 3 98 zu ſeiner nicht geringen Verwunderung daß Dunſey nicht nach Hauſe gekommen war. Vielleicht hatte er Wildfeuer nicht verkauft und wartete auf eine andere Gelegenheit; vielleicht hatte er an dieſem neblichten Abend vorgezogen im rothen Löwen zu Batherley ſein Nachtquartier zu nehmen, wenn ihn der Verlauf der Jagd in die Nähe gebracht hatte, denn er machte ſich ſicherlich ganz und gar nichts daraus ſeinen Bruder in banger Ungewißheit zu laſſen. Gottfried hatte den Kopf zu voll von Nancy Lammeters Blicken und Benehmen, ihr Anblick er⸗ zeugte in ihm ſtets zu viel Erbitterung über ſich ſelbſt und ſein Schickſal, als daß er über Wildfeuer oder das wahrſcheinliche Verhalten Dunſtans ſich viele Gedanken hätte machen ſollen. Am nächſten Morgen wurde das ganze Dorf durch die Geſchichte von dem Diebſtahl beunruhigt, und Gottfried war, wie alle Andern, beſchäftigt Nachrichten darüber zu ſammeln und zu erörtern, ſo wie den Steinbruch zu beſuchen. Der Regen hatte jede Wahrſcheinlichkeit der Erkennung von Fuß⸗ ſpuren weggewaſchen, aber eine genaue Unterſuchung des Plazes hatte in der entgegengeſezten Richtung vom Dorfe ein halb in den Koth verſunkenes Zun⸗ derbüchschen nebſt Stein und Stahl zu Tage ge⸗ bracht. Dieſes Büchschen gehörte nicht Silas, denn das einzige das er je beſeſſen ſtand noch immer auf ſeinem Sims, und ſo vermuthete man allgemein daß das im Graben gefundene Exemplar auf irgend eine Weiſe mit dem Diebſtahl zuſammenhänge. Eine kleine Minderheit ſchüttelte die Köpfe und meinte, Zunderbüchschen können kein ſtarkes Licht auf einen h h 99 Diebſtahl werfen, Meiſter Marners Erzählung laute etwas verworren, und es ſei auch wohl ſchon vor⸗ gekommen daß Jemand ſelbſt Unfug geübt und dann vom Richter verlangt habe, er ſolle auf den Thäter fahnden. Aber als man der Begründung dieſer An⸗ ſicht näher nachfragte und bemerkte, was wohl Meiſter Marner mit ſolch falſchen Behauptungen gewinnen würde, da ſchüttelten ſie bloß ihre Köpfe wie vor⸗ her und meinten, man könne nicht wiſſen was ge⸗ wiſſe Leute für Gewinn halten; überdieß habe jeder ein Recht auf ſeine eigene Meinung, ob ſie nun ge⸗ gründet ſei oder nicht, und der Weber leide, wie Jedermann wiſſe, an momentanem Wahnſinn. Herr Macey nahm zwar Marner gegen jeden Verdacht eines Betrugs in Schuz, verwarf aber die Zunder⸗ büchſe gleichfalls und wollte beinahe eine Gottloſig⸗ keit in der Annahme erblicken daß Alles von Men⸗ ſchenhänden gethan ſein müſſe, als ob es nicht noch eine andere Macht gäbe welche die Guineen fort⸗ ſchaffen konnte ohne die Ziegel in Bewegung zu ſezen. Nichts deſtoweniger wandte er ſich etwas ſcharf gegen Herrn Tookey, als der eiferſüchtige Deputirte, im Gefühl daß dieſe Anſicht von der Sache einem Gemeindeſchreiber beſonders zuſtehe, ſie noch weiter verfolgte und einen Zweifel äußerte, ob es Recht ſei überhaupt auf Diebſtahl zu in⸗ meiren, wenn die Umſtände ſo geheimnißvoll aus⸗ ehen. „„Als ob,“ ſchloß Herr Tookey,„als ob es gar nichts gäbe, außer was durch Richter und Conſtabler ausgemacht werden könne.“ „Nun ſchießet nur nicht ſelbſt über das ziel hin⸗ 10⁰⁰ aus, Tookey,“ ſagte Herr Macey mit einem warnen⸗ den Kopfnicken.„Das thut Ihr immer; wenn ich einen Stein werfe und treffe, ſo meint Ihr, es gebe noch etwas Beſſeres als das Treffen, und ſuchet noch weiter hinaus zu werfen. Was ich ſagte, war gegen die Zunderbüchſe; ich ſagte Nichts gegen Richter und Conſtabler, denn ſie ſind von König Georg einge⸗ ſezt, und es würde einem Gemeindebeamten ſchlecht anſtehen ſich gegen König Georg auszulaſſen.“ Während dieſe Crörterungen unter der Gruppe draußen vor dem Regenbogen ſtattfanden, wurde drinnen unter dem Vorſiz des Pfarrers Crackenthorp und in Anweſenheit des Squire Caß und anderer an⸗ ſehnlichen Gemeindemitglieder eine höhere Berathung gepflogen. Herr Snell, der Wirth, der nach ſeiner eigenen Bemerkung gewöhnt war zwei und zwei zu⸗ ſammen zu ſezen, war ſoeben auf den Gedanken ge⸗ kommen dieſe Zunderbüchſe, welche er ſelbſt als ſtell⸗ vertretender Conſtabler aufzufinden die ehrenvolle Auszeichnung gehabt hatte, mit gewiſſen Erinnerun⸗ gen an einen Hauſirer in Verbindung zu ſezen, der vor ungefähr einem Monat bei ihm eingekehrt und wirklich geſagt hatte, er führe immer eine Zunder⸗ büchſe bei ſich, um ſeine Pfeife anzuzünden. Das war offenbar ein Leitfaden dem man folgen mußte. Und wie das Gedächtniß, wenn es gebührend mit erwieſenen Thatſachen geſchwängert iſt, ſich zuweilen überraſchend fruchtbar erweist, ſo gewann Herr Snell allmählig wieder einen lebhaften Eindruck von der Wirkung welche die Haltung und das Geſpräch des Hauſirers bei ihm hervorgebracht. Er hatte einen Blick in ſeinem Auge der Herrn Snells gefühlvollen 101 Organismus unangenehm berührte. Er ſagte aller⸗ dings nichts Beſonderes— nein, ausgenommen ſeine Aeußerungen über die Zunderbüchſe; aber es kommt nicht darauf an was ein Mann ſagt, ſondern wie er es ſagt. Ueberdieß hatte er eine fremdartig ſchwärz⸗ liche Geſichtsfarbe die wenig Chrlichkeit verkündete. „Trug er Ohrringe?“ fragte Herr Crackenthorp, der einige Bekanntſchaft mit fremden Coſtümen beſaß. „Warten Sie— laſſen Sie mich ſehen,“ ſagte Herr Snell, wie eine willfährige Hellſeherin die kei⸗ nen Irrthum begehen will, wenn ſie es anders machen kann. Nachdem er allerlei Grimaſſen gemacht, als ob er die Ohrringe zu ſehen verſuchte, ſchien er die Bemühung aufzugeben und ſagte:„Er hatte aller⸗ dings in ſeinem Käſtchen Ohrringe zu verkaufen, und ſo kann man wohl annehmen daß er auch welche trug. Aber er ſprach beinahe in jedem Hauſe im Dorfe ein: vielleicht haben ihm auch noch andere Leute auf die Ohren geſehen; ich ſelbſt kann mich nicht genau darüber ausſprechen.“ Herr Snell hatte Recht mit ſeiner Vermuthung daß irgend Jemand ſich an die Ohrringe des Hau⸗ ſirers erinnern werde. Denn als die Ünterſuchung ſich unter den Leuten verbreitete, wurde mit ſteigen⸗ dem Nachdruck hervorgehoben, der Pfarrer habe zu wiſſen verlangt ob der Hauſirer Ringe in ſeinen Ohren getragen, und nun glaubte man allgemein daß von der Ermittlung dieſer Thatſache viel ab⸗ hänge. Natürlich hatte jeder der die Frage hörte, wenn er kein klares Bild von dem Hauſirer ohne Ohrringe hatte, unmittelbar darauf ein mehr oder weniger deutliches Bild von ihm mit Ohrringen, und 10² das Bild wurde alsbald für eine lebhafte Erinnerung genommen, ſo daß das Weib des Glaſers, eine wohl⸗ meinende Frau, die ſich nicht mit Lügen abgab und deren Haus zu den ſauberſten im Dorfe gehörte, ſich zur Erklärung bereit zeigte, ſo gewiß ſie an nächſten Weihnachten zu Gottes Tiſch zu gehen gedenke, ſo gewiß habe ſie in den Ohren des Hauſirers dicke Ringe in Geſtalt des Neumondes geſehen, während Hannchen Oates, die Tochter des Schuhflickers, eine phantaſiereiche Perſon, nicht bloß behauptete, ſie habe dieſelben ebenfalls geſehen, ſondern auch, es ſei ihr dabei ganz grauſig zu Muthe geworden. So wurde, um ein weiteres Licht auf dieſe als Leitfaden dienende Zunderbüchſe zu werfen, eine Sammlung von allen Artikeln angelegt die man in verſchiedenen Häuſern von dem Hauſirer gekauft hatte, und nach dem Regenbogen gebracht um dort ausge⸗ ſtellt zu werden. In Wahrheit herrſchte im Dorf allgemein das Gefühl daß für die Aufklärung dieſes Diebſtahls ſehr viel im Regenbogen geſchehen müſſe, und daß kein Mann ſeinem Weib eine Entſchuldigung anzugeben brauche um dort hinzugehen, ſo lange er der Schauplaz ſtrenger öffentlicher Verhandlungen ſei. Man fühlte ſich einigermaßen enttäuſcht und ge⸗ rieth wohl auch in einige Entrüſtung, als bekannt wurde daß Silas Marner, bei dem Verhör das Squire und Pfarrer anſtellten, keine andere Erinne⸗ rung an den Hauſirer behalten hatte, als daß er an ſeiner Thüre erſchienen, aber nicht ins Haus einge⸗ treten, ſondern ſogleich weiter gegangen ſei, als Silas mit der halboffenen Thüre in der Hand ihm geſagt habe daß er Nichts brauche. So hatte die — — Ausſage des Webers gelautet, obſchon er ſich ſtark an die Idee angeklammert daß der Hauſirer der Verbrecher ſei, wenn auch nur, weil es ihm ein be⸗ ſtimmtes Bild davon gab wo ſein Gold ſich befinde, nachdem es aus ſeinem Verſteck weggenommen wor⸗ den: er konnte es jezt im Käſtchen des Hauſirers ſehen. Aber mit einiger Erbitterung wurde im Dorfe bemerkt daß Jedermann, außer einem blinden Vieh wie Silas Marner, geſehen haben müßte daß der Mann auf Raub ausging; denn wie kam er dazu ſeine Zunderbüchſe im Graben dicht daneben zu laſſen, wenn er ſich dort nicht länger aufgehalten hatte? Offenbar ſtellte er ſeine Beobachtungen an, als er Marner an der Thüre ſah. Jedermann konnte wiſſen und ihm auch anſehen daß der Weber ein halbver⸗ rückter Geizhals war. Es war ein Wunder daß der Hauſirer ihn nicht umgebracht hatte; Männer von dieſer Sorte, mit Ringen in ihren Ohren, hatten ſich ſchon ſehr häufig als Mörder erwieſen; es war noch nicht ſo lange einer von den Aſſiſen verurtheilt wor⸗ den, die älteren Leute erinnerten ſich ſeiner wohl noch. In der That hatte Gottfried Caß, der nach einer der zahlreichen aus lauter Wiederholungen beſtehen⸗ den Ausſagen des Wirthes in den Regenbogen ge⸗ treten war, die Sache etwas leichthin behandelt, in⸗ dem er erklärte, er ſelbſt habe dem Hauſirer ein Federmeſſer abgekauft, und er halte ihn für einen ganz guten luſtigen Cumpan; was man von den böſen Blicken des Mannes ſage, ſei reiner Unſinn. Aber dieß wurde im Dorf als leichtfertiges Jugend⸗ gerede erklärt,„wie wenn Herr Snell der einzige wäre der an dem Hauſirer etwas Sonderbares ge⸗ funden hätte.“ Es waren im Gegentheil wenigſtens ein halb Duzend Leute bereit vor den Richter Malam zu gehen und noch weit ſchlagendere Zeugniſſe abzu⸗ geben als der Wirth anzubringen wußte. Man wollte nur hoffen daß Herr Gottfried ebenfalls nach Tarley ging und über die Ausſagen des Wirthes kaltes Waſſer goß, ſo daß der Richter verhindert wurde einen Steckbrief zu erlaſſen. Man ſchob ihm dieſe Abſicht unter, als man ihn Nachmittags gegen Tarley reiten ſah. Aber inzwiſchen war Gottfrieds Intereſſe für den Diebſtahl verſchwunden vor ſeiner wachſenden Be⸗ ſorgniß um Dunſtan und Wildfeuer, und er ritt, da die Ungewißheit immer unerträglicher wurde, nicht nach Tarley, ſondern nach Batherley. Die Möglich⸗ keit daß Dunſtan ihm den garſtigen Streich geſpielt habe mit Wildfeuer fortzureiten und nach einem Mo⸗ nat zurückzukommen, wenn er das Geld für das Pferd verſpielt oder ſonſt hinausgebracht hätte, war eine Befürchtung die ſich ihm noch ſtärker aufdrängte als der Gedanke an ein zufälliges Unglück, und jezt, nachdem der Tanz bei Frau Osgood vorüber war, ärgerte er ſich über ſich ſelbſt daß er Dunſtan ſein Pferd anvertraut hatte. Statt ſeine Befürchtungen zu beſchwichtigen, erhöhte er ſie noch durch den aber⸗ gläubiſchen Eindruck der uns Allen anklebt, daß, wenn wir ein Unglück ſehr ſtark erwarten, es um ſo unwahrſcheinlicher eintreffe, und als er ein Pferd im Trab herankommen hörte und einen Hut über einer Hecke jenſeits des Weges ſich erheben ſah, da war ihm zu Muthe als habe ſeine Beſchwörung Erfolg gehabt. Aber kaum war das Pferd näher gekommen, — ſo ſank ihm das Herz wieder. Es war nicht Wild⸗ feuer, und nach wenigen Augenblicken erkannte er daß der herankommende Reiter nicht Dunſtan war, ſon⸗ dern Bryce, deſſen Geſicht etwas Unangenehmes ver⸗ kündete. „Nun Herr Gottfried, Ihr Bruder, Herr Dun⸗ ſey, darf wahrhaftig von Glück ſagen.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Gottfried haſtig. „Iſt er etwa noch nicht nach Hauſe gekommen?“ „Nach Hauſe? Nein! Was iſt geſchehen? Machen Sie's kurz; was hat er mit meinem Pferde ange⸗ fangen?“ t„Oh, ich dachte mir doch daß es Ihnen gehörte, obſchon er behauptete, Sie hätten es ihm abgetreten.“ „Iſt es geſtürzt oder hat es die Füße gebrochen?“ fragte Gottfried roth vor Zorn. „Noch ſchlimmer als das,“ antwortete Bryce. „Sehen Sie, ich kaufte ihm das Pferd für hundert⸗ undzwanzig ab— ein ungeheurer Preis, aber das Thier gefiel mir immer. Und was thut er? Er ſezt über Gräben und Hecken und reitet es zu Schan⸗ den. Das Pferd war ſchon lange todt, ehe wir es fanden. Er iſt alſo inzwiſchen nicht nach Hauſe ge⸗ kommen?“ „Nein,“ antwortete Gottfried,„und er wird beſſer thun wenn er wegbleibt. Hol mich der Teufel daß ich ein ſolcher Narr war; ich hätte es wiſſen können daß die Sache ſo enden würde.“ „Ich will Ihnen die ganze Wahrheit ſagen,“ fuhr Bryce fort.„Als ich das Pferd gekauft hatte, fiel es mir ein, er möchte es vielleicht ohne Ihr Wiſſen reiten und verkaufen, denn ich glaubte nicht daß es ihm gehöre. Ich wußte daß Herr Dunſey manchmal ſeine Streiche machte. Aber wohin mag er gegangen ſein? In Batherley iſt er nicht geſehen worden. Er kann keinen Schaden genommen haben, denn er muß zu Fuß weiter gegangen ſein.“ „Schaden genommen?“ ſagte Gottfried bitter. „Er wird niemals Schaden nehmen— er iſt auf der Welt um andere Leute in Schaden zu bringen.“ „Und Sie hatten ihm alſo erlaubt das Pferd zu verkaufen, he?“ fragte Bryce. „Ja, ich wollte das Pferd weggeben; es war mir immer etwas zu hartmäulig,“ antwortete Gottfried, deſſen Stolz ſich krümmte unter der Idee daß Bryce den wahren Grund, nämlich ſeine augenblickliche Noth, errathen könnte.„Ich wollte eben nach ihm ſehen— ich dachte es ſei ihm irgend ein Unfall zugeſtoßen. Jezt reite ich wieder heim,“ fügte er hinzu, indem er ſein Pferd umdrehte und Bryce loszuwerden wünſchte, denn er fühlte daß die langbefürchtete Criſis in ſeinem Leben mit ſtarken Schritten heran⸗ nahte.„Kommen Sie nach Raveloe?“ „Jezt nicht,“ antwortete Bryce.„Ich war aller⸗ dings im Begriff hinzukommen, denn ich muß nach Flitton und wollte Sie unterwegs abholen, um Ihnen Alles zu erzählen was ich ſelbſt von dem Pferd wußte. Vermuthlich wollte Herr Dunſey ſich nicht zeigen bis die ſchlimme Nachricht ein wenig verraucht war. Vielleicht hat er in den drei Kronen zu Whitebridge einen Beſuch gemacht; ich weiß, er liebt das Haus.“ „Vielleicht,“ ſagte Gottfried etwas zerſtreut; dann raffte er ſich auf und fügte möglichſt gleichgiltig uzn⸗„Wir werden gewiß bald genug von ihm ören.“ „Hier muß ich abbiegen,“ ſagte Bryce, der ſich keineswegs wunderte Gottfried etwas niedergeſchlagen zu ſehen;„ich will Ihnen alſo guten Tag wünſchen und hoffe nur daß ich Ihnen ein andermal beſſere Nachrichten bringen kann.“ Gottfried ritt langſam dahin und dachte jezt an die bevorſtehende Scene mit ſeinem Vater, da er es nicht mehr länger vermeiden konnte ihm eine Beichte abzulegen. Die Enthüllung in Betreff des Geldes mußte ſchon am nächſten Morgen gemacht werden; wenn er dann auch mit dem Uebrigen zurückhielt, ſo kam ganz gewiß Dunſtan bald zurück, und um den väterlichen Zorn nicht allein tragen zu müſſen, er⸗ zählte er ſicherlich die ganze Geſchichte von Gottfrieds trozigem Ungehorſam, wenn er auch Nichts dabei zu gewinnen hatte. Es gab vielleicht nur einen ein⸗ zigen Schritt wodurch er Dunſtans Schweigen er⸗ kaufen und den ſchlimmen Tag hinausſchieben konnte: er konnte ſeinem Vater ſagen, er habe das von Fowler an ihn bezahlte Geld ſelbſt verbraucht, und da er ſich noch nie zuvor eines ſolchen Vergehens ſchuldig gemacht hatte, ſo konnte das Ganze vielleicht mit einem kleinen Sturm abgehen. Aber Gottfried vermochte ſich nicht ſo weit zu demüthigen; er ſah ein daß er ſich durch die Ueberlaſſung des Geldes an Dunſtan bereits eines ſo ſchweren Vertrauens⸗ bruches ſchuldig gemacht, als wenn er es unmittelbar für ſeine eigenen Bedürfniſſe verbraucht hätte, und dennoch war zwiſchen dieſen beiden Handlungen ein ſo gewaltiger Unterſchied: die eine war um ſo viel 108 ſchwärzer als die andere, daß ihm der Gedanke un⸗ erträglich wurde.. „Ich will mich für kein Muſter von Tugend aus⸗ geben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„aber ich bin auch kein Schurke— wenigſtens fehlt noch Einiges dazu. Lieber trage ich die Folgen meiner eigenen That, als daß ich mich um Etwas anſehen laſſe was ich nicht gethan habe. Ich würde das Geld nie zu mei⸗ nem eigenen Vergnügen verbraucht haben— er hat es mir förmlich abgequält.“ Den Reſt des Tages hindurch blieb Gottfried, mit Ausnahme einiger gelegentlicher Schwankungen, feſt entſchloſſen ein voliſtändiges Bekenntniß abzu⸗ legen, und er hielt mit der Geſchichte von Wild⸗ feuers Verluſt bis zum nächſten Morgen zurück, da⸗ mit ſie ihm als Einleitung zu ſchwereren Angelegen⸗ heiten dienen ſollte. Der alte Squire war an die häufige Abweſenheit ſeines Sohnes gewöhnt, und weder Dunſtans noch Wildfeuers Ausbleiben hatte für ihn etwas Bemerkenswerthes. Gottfried wieder⸗ holte ſichs beſtändig, wenn er dieſe eine Gelegenheit zum Beichten hinauslaſſe, ſo werde er vielleicht keine zweite mehr finden; die Enthüllung könne möglicher Weiſe auf eine noch gehäſſigere Art als durch Dun⸗ ſtans Bosheit erfolgen: ſie könne kommen, wie ſie auch wirklich gedroht hatte. Und dann ſuchte er ſich die Scene leichter zu machen, indem er eine Probe abhielt: er vergegenwärtigte ſich wie er vom Einge⸗ ſtändniß ſeiner Schwäche, in Ueberlaſſung des Geldes an Dunſtan, zu der Thatſache übergehen wollte daß Dunſtan eine Gewalt über ihn beſize die er nicht abzuſchütteln vermocht habe, und wie er dann ſeinen 8 109 Vater ſo bearbeiten wollte, daß er etwas ſehr Schlim⸗ mes erwarten mußte, bevor er mit der Thatſache herausrückte. Der alte Squire war ein unperſöhn⸗ licher Mann. Er faßte Entſchlüſſe im leidenſchaft⸗ lichen Zorn, aber er ließ ſich nicht davon abbringen wenn ſein Zorn ſich gelegt hatte, wie vulcaniſche Gegenſtände zu Felſen ſich abkühlen und verhärten. Gleich vielen leidenſchaftlichen und unzäͤhmbaren Män⸗ nern ließ er Uebel unter dem Schuz ſeiner eigenen Fahrläßigkeit anwachſen, bis ſie mit überwältigender Macht auf ihn drückten, und dann wandte er ſich mit grimmiger Strenge um und wurde erbarmungs⸗ los hart. Dieß war ſein Syſtem gegen ſeine Päch⸗ ter: er erlaubte ihnen Rückſtände zu machen, ihre Hecken zu vernachläßigen, ihr Capital zu verringern, ihr Stroh zu verkaufen und ſonſt allerlei unrechtes Zeug zu treiben; aber hernach, wenn ihm in Folge dieſer Nachſicht das Geld ausging, ergriff er die härteſten Maßregeln und hörte auf keine Bitten. Gottfried wußte das Alles und fühlte es um ſo ſchwerer, weil er ſchon ſo oft mit Verdruß die plöz⸗ lichen Anwandlungen von Hartherzigkeit bei ſeinem Vater mitangeſehen, und vermöge ſeiner gewöhnlichen eigenen Unentſchloſſenheit ſie nicht abzuwehren ge⸗ wußt hatte.(In Betreff der fehlerhaften Nachſicht die dieſen Anwandlungen voranging, war er nicht critiſch; dieſe ſchien ihm natürlich genug.) Immer⸗ hin meinte Gottfried noch die Ausſicht zu haben daß ſeines Vaters Stolz dieſe Heirath in einem ſolchen Lichte erblicken könnte, daß er ſie eher vertuſchen als ſeinen Sohn verſtoßen und die Familie auf zehn Meilen in der Runde ins Geſchrei bringen würde. 110 Dieſe Anſchauung von der Sache ſuchte Gott⸗ fried bis gegen Mitternacht feſtzuhalten, und er ent⸗ ſchlief mit dem Gedanken an baldige Befreiung von inneren Kämpfen. Aber als er in der ſtillen Mor⸗ gendämmerung erwachte, fand er es unmöglich ſeine Abendgedanken wieder ins Leben zu rufen; ſie ſchie⸗ nen gänzlich erſchöpft zu ſein und ſich nicht zu wei⸗ terer Arbeit erwecken zu laſſen. Statt Beweismittel für die Beichte zu finden, ſchwebten ihm nur die üblen Folgen einer ſolchen vor: die alte Furcht vor der Ungnade ſtellte ſich wieder ein— das alte Beben vor dem Gedanken eine hoffnungsloſe Schranke zwi⸗ ſchen ſich und Nancy zu errichten— die alte Neigung ſich auf günſtige Zufälligkeiten zu verlaſſen die ihn vor Verrath ſchüzen könnten. Warum ſollte er denn alle Hoffnung auf ſolche durch ſeine eigene That ab⸗ ſchneiden? er hatte die Sache geſtern in einem fal⸗ ſchen Lichte geſehen. Er war wüthend über Dunſtan geweſen und hatte an nichts Anderes als eine gänz⸗ liche Abbrechung ihres gegenſeitigen Einverſtändniſſes gedacht; in Wahrheit aber konnte er nichts Geſcheid⸗ teres thun als daß er ſeines Vaters Zorn gegen Dunſey zu beſchwichtigen und die Dinge ſo viel als möglich in ihrem alten Stand zu erhalten ſuchte. Wenn Dunſey einige Tage nicht zurückkam, und Gott⸗ fried wußte nichts Anderes als daß der Schurke Geld genug im Sack habe um noch länger ausblei⸗ ben zu können, ſo konnte der Sturm vorübergehen. ———4 111 Neuntes Capitel. Gottfried erhob ſich und frühſtückte früher als gewöhnlich, blieb aber in dem vertäfelten Wohn⸗ zimmer, bis ſeine jüngern Brüder ihr Mahl vollendet und ſich entfernt hatten. Er erwartete ſeinen Vater, der jeden Morgen vor dem Frühſtück mit ſeinem Verwalter einen Gang machte. Jedermann früh⸗ ſtückte zu einer beſondern Stunde im rothen Hauſe, und der Squire immer zulezt, da er einem etwas ſchwachen Morgenappetit einen weiten Spielraum laſſen wollte bevor er es damit verſuchte. Die Tafel war beinahe zwei Stunden mit nahrhaften Speiſen bedeckt geweſen ehe er erſchien. Er war ein hoher, derber Sechziger, mit einem Geſicht in welchem der ſchlaffe und ſchwache Mund nicht recht zu den gerunzelten Brauen und dem etwas harten Blicke zu paſſen ſchien. Sein Aeußeres zeigte Spu⸗ ren von gewöhnlicher Vernachläßigung, ſein Anzug war ſchlumpig, und dennoch lag in der Erſcheinung des alten Edelmanns Etwas was ihn von den ordi⸗ nären Bauern in der Gemeinde unterſchied, die ihm vielleicht in keiner Hinſicht nachſtanden, aber gleich⸗ wohl, da ſie ihr ganzes Leben lang das Bewußt⸗ ſein mit ſich herumgeſchleppt unter ihrem Nachbar zu ſtehen, jenes dünkelhaften Selbſtgefühls und ge⸗ bieteriſchen Weſens in Stimme und Haltung er⸗ mangelten, das einem Mann angehörte der an vor⸗ nehmere Leute nur als an entfernte Exiſtenzen dachte, mit denen er perſönlich nicht viel mehr zu thun hatte als mit America oder den Sternen. Der 1 6 112 Squire war ſein ganzes Leben lang an die Huldi⸗ gung der Gemeinde gewöhnt geweſen und ſtets von der Vorausſezung ausgegangen daß ſeine Familie, ſeine Trinkkannen und Alles was ihm gehörte, die älteſten und beſten ſeien; da er niemals mit höherem Landadel in Geſellſchaft kam, ſo wurde ſeine Mei⸗ nung auch nicht durch Vergleichungen geſtört. Beim Eintritt ins Zimmer blickte er ſeinen Sohn an und ſagte:„Ei wie, Burſche, haſt Du noch nicht gefrühſtückt?“ Aber es fand kein freundlicher Morgen⸗ gruß zwiſchen ihnen ſtatt; nicht als ob das Verhältniß zwiſchen ihnen geſtört geweſen wäre, ſondern weil die liebliche Blume der Höflichkeit in Wohnſizen wie das rothe Haus nicht wächst und gedeiht. „Doch,“ antwortete Gottfried,„ich habe gefrüh⸗ ſtückt, aber ich wartete, weil ich Dich zu ſprechen wünſchte.“ „Ah ſo,“ ſagte der Squire, indem er ſich gleich⸗ giltig in ſeinen Stuhl warf und in einer gewichtigen huſtenden Manier ſprach, die in Raveloe als eine Art von Vorrecht ſeines Ranges galt, während er ein Stück Ochſenfleiſch abſchnitt und dem Schweiß⸗ hund vorhielt der mit ihm hereingekommen war. „Klingle doch daß man mein Bier bringt. Ihr jungen Burſche denkt an Nichts als an Euer Ver⸗ gnügen und ſorget für Niemand als für Euch ſelbſt.“ Der Squire führte ein eben ſo vollſtändiges Faullenzerleben wie ſeine Söhne, aber es war eine Fiction woran er ſelbſt und ſeine Altersgenoſſen in Raveloe feſthielten, daß die Jugend ausſchließlich die Periode der Narrheit und Tollheit ſei, und daß ihre eigene bejahrte Weisheit ſich beſtändig in einem 113 Zuſtand von Märtyrerthum befinde, den ſie durch ein ſpöttiſches Weſen lindern müſſen. Gottfried wartete bevor er wieder ſprach, bis das Bier hereingebracht und die Thüre wieder zugemacht war, eine Pauſe während welcher Fleet, der Schweißhund, ſo viel Stücke Fleiſch verſchlungen hatte daß ein armer Mann einen Feſttagsſchmaus damit hätte feiern können. „Ich habe mit Wildfeuer verdammt Pech gehabt,“ begann er;„ſchon vor drei Tagen.“ „Was? Hat er vielleicht die Beine gebrochen?“ fragte der Squire, nachdem er einen Schluck Bier getrunken.„Ich hätte doch geglaubt daß Du beſſer reiten könnteſt. Ich habe nie in meinem Leben ein Pferd ſtürzen laſſen. Wenn ich es gethan hätte, ſo wäre es auf Koſten eines Andern geſchehen, denn mein Vater war nicht ſo ſchnell bei der Hand in den Beutel zu ſtechen wie gewiſſe andere Väter die ich kenne; aber es muß jezt aus einem andern Ton gehen. Mit lauter Verpfändungen und rückſtändigen Zinſen bin ich im Augenblick ſo arm wie ein Stra⸗ ßenbettler. Und dieſer Narr von Kimble ſagt, die Zeitungen ſprechen von Frieden. Wie ſoll es da zugehen? Die Preiſe würden dann noch mehr fallen, und ich käme nie zu meinen rückſtändigen Geldern, wenn ich auch den Burſchen all ihr Hab und Gut verkaufen ließe. Und da iſt dieſer verdammte Fow⸗ ler, mit dem halte ichs nicht länger aus; ich habe Winthrop bereits geſagt, er müſſe heute noch zu Cox gehen. Der lügneriſche Schurke hat mir auf den lezten Monat mit aller Beſtimmtheit hundert Pfund zugeſichert. Er will davon profitiren daß Eliot, Silas Marner. 8 114 ſein Hof ein wenig abſeits liegt, und er meint ich werde ihn vergeſſen.“ Dieſer Vortrag des Squire wurde durch häufiges Huſten unterbrochen, aber keine Pauſe war lang genug daß Gottfried einen Vorwand hätte nehmen können um das Wort wieder zu ergreifen. Er ſah wohl ein daß ſein Vater jedes Geldgeſuch auf Grund des Unglückes mit Wildfeuer zurückweiſen, und daß der Nachdruck welchen er auf den ſchlechten Beſtand ſeiner Caſſe und ſeine Rückſtände zu legen ſich ver⸗ anlaßt ſah, höchſt wahrſcheinlich eine Gemüthsſtim⸗ mung herbeiführen mußte die für ſeine eigenen Enthüllungen durchaus ungünſtig war. Aber er mußte daran, nachdem er einmal begonnen hatte. „Der Gaul hat ſich nicht bloß die Füße aufge⸗ fallen, ſondern er hat das Kreuz gebrochen und iſt crepirt,“ ſagte er, ſobald ſein Vater verſtummt war und angefangen hatte ſein Fleiſch zu zerſchneiden; „aber ich wollte Dich nicht bitten mir ein anderes Pferd zu kaufen, ſondern es war mir nur darum zu thun daß ich Dich mit dem Kaufpreis für Wildfeuer nicht bezahlen kann, wie ich beabſichtigte. Dunſey nahm ihn vor ein paar Tagen auf die Jagd mit um ihn für mich zu verkaufen, und nachdem er mit Bryce für Hundert und zwanzig abgeſchloſſen, rannte er den Hunden nach und machte einige Narren⸗ ſprünge, ſo daß das Pferd zu Schanden ging. Sonſt würde ich Dir dieſen Morgen noch hundert Pfund bezahlt haben.“ Der Squire hatte Meſſer und Gabel weggelegt und ſtarrte ſeinen Sohn gänzlich verblüfft an, da er ſich in ſeinem blöden Kopfe nicht denken konnte, 4 * 115 was wohl eine ſo ſeltſame Verkehrung der väterlichen und ſöhnlichen Verhältniſſe herbeigeführt haben mochte, wie ſie ſich in dieſem Vorſchlag ihm hundert Pfund zu bezahlen kundgab. „Die Wahrheit iſt— es thut mir ſehr leid— ich war ſehr zu tadeln,“ ſagte Gottfried;„Fowler bezahlte die hundert Pfund. Er bezahlte ſie an mich, als ich im vorigen Monat einmal drüben war. Aber Dunſey quälte mich um das Geld und ich ließ es ihm, weil ich hoffte ich würde es Dir bald bezahlen können.“ Der Squire wurde roth vor Zorn ehe ſein Sohn ausgeſprochen hatte, und wußte ſich kaum auszu⸗ drücken.„Du haſt es Dunſey gelaſſen? Und ſeit wann ſtehſt Du denn ſo dick mit Dunſey, daß Du Dich von ihm beſchwazen läſſeſt mein Geld zu unter⸗ ſchlagen? Was für liederliche Streiche treibt Ihr miteinander? Ich ſage daß ich ſo Etwas nicht dulde. Ich jage Euch Lumpenpack alle zuſammen aus dem Hauſe und heirathe wieder. Bedenke wohl, Herr, daß auf meinem Gute kein Fideicommiß laſtet; ſeit meines Großvaters Zeit können die Caß mit ihrem Land ſchalten und walten wie ſie wollen. Bedenke das wohl. Dunſey das Geld zu laſſen! Warum haſt Du Dunſey das Geld gelaſſen? Es ſteckt irgend eine Lüge dahinter.“ „Nein, es iſt keine Lüge,“ verſicherte Gottfried. „Ich ſelbſt würde das Geld nicht gebraucht haben, aber Dunſey quälte mich, und ich war ein Narr und ließ es ihm. Aber ich beabſichtigte es zu be⸗ zahlen, ob er es nun that oder nicht. Das iſt die ganze Geſchichte. Ich wollte das Geld nicht unter⸗ 3 8* 116 ſchlagen, und ich bin nicht der Mann dazu. Du haſt noch nie einen unehrlichen Streich von mir gehört.“ „Wo iſt Dunſey denn? Was ſtehſt Du da hin und ſchwazeſt? Geh und hole Dunſey, wie ich Dir ſage; er ſoll mir Rede ſtehen wozu er das Geld brauchte und was er damit gethan hat. Er ſoll es bereuen. Ich jage ihn aus dem Hauſe. Ich habe es ſchon öfter geſagt und ich thue es auch. Er ſoll mir nicht Troz bieten. Geh und hole ihn.“ „Dunſey iſt nicht zurückgekommen.“ „Was? Hat er auch den Hals gebrochen?“ fragte der Squire, mit einigem Aerger bei der Idee daß er in dieſem Fall ſeine Drohung nicht ausfüh⸗ ren könnte. „Nein, er hat ſich nicht beſchädigt, glaube ich, denn das Pferd wurde todt gefunden, und Dunſey muß zu Fuße weiter gegangen ſein. Ich glaube feſt, wir werden ihn mit der Zeit ſchon wieder ſehen. Ich weiß nicht wo er iſt.“ „Und warum mußteſt Du ihm mein Geld laſſen? Beantworte mir das,“ ſagte der Squire, indem er Gottfried von Neuem zu Leibe ging, da Dunſey nicht in ſeinem Bereiche war. „Ach ich weiß es eigentlich ſelbſt nicht,“ antwor⸗ tete Gottfried zögernd. Dieß war eine ſchwache Ausflucht, aber Gottfried log nicht gern, und da er ſich nicht klar bewußt war daß keine Falſchheit ohne Hilfe mündlicher Lügen lange beſtehen kann, ſo war er mit erfundenen Gründen durchaus nicht vorbereitet. „Du weißt es nicht? Ich will Dir ſagen was es iſt. Du haſt irgend einen Streich ausgeführt 117 und ihn beſtochen, damit er ſchweigen ſoll,“ ſagte der Squire mit einem plözlichen Scharfſinn worüber Gottfried erſchrack, dem jezt ſein Herz gewaltig klopfte als ſein Vater der Wahrheit ſo nahe kam. Der plözliche Schreck trieb ihn den nächſten Schritt zu thun— ein ſehr geringer Anſtoß genügt wenn man ſich einmal auf abſchüſſiger Bahn befindet. „Sieh,“ ſagte er, indem er ſorglos und gleich⸗ giltig zu ſprechen verſuchte,„es war ein kleiner Handel zwiſchen mir und Dunſey, es iſt ſonſt Nie⸗ mand bei der Sache betheiligt. Wahrhaftig, es iſt gar nicht der Mühe werth ſolchen Jugendſtreichen nachzuforſchen; ohne das Unglück mit Wildfeuer hätte die Sache Dir gar nichts ausgemacht. Ich würde Dir das Geld bezahlt haben.“ „Jugendſtreiche? Bah! Es iſt Zeit daß die Jugendſtreiche ein Ende nehmen. Merke Dirs wohl, Herr, ſie müſſen jezt ein Ende nehmen,“ ſagte der Squire, indem er die Stirne runzelte und ſeinem „Sohn einen zornigen Blick zuwarf.„Ich kann für euer Weſen kein Geld mehr auftreiben. Mein Großvater hatte ſeine Ställe voll von Pferden und hielt auch ein gutes Haus, und zwar in ſchlimmeren Zeiten, ſo viel ich ermitteln kann, und das könnte ich auch thun, wenn ich nicht vier nichtsnuzige Schlin⸗ gel hätte die wie Blutigel an mir ſaugen. Ich bin gegen euch alle ein zu guter Vater geweſen— das iſt die Sache. Aber ich werde andere Saiten auf⸗ ziehen, Herr.“ Gottfried ſchwieg. Er war allerdings nicht ſehr ſcharfſinnig in ſeinen Urtheilen, aber er hatte immer ein Gefühl gehabt daß ſeines Vaters Nach⸗ 118 hätte. Der Squire verzehrte ſein Mahl haſtig, nahm einen tiefen Schluck Bier, rückte dann ſeinen Stuhl vom Tiſche weg und begann von Neuem zu ſprechen: „Es muß jezt anders gehen— Du mußt es jezt„ verſuchen und mir die Dinge zuſammenhalten helfen.“ „Ci ich habe mich ſchon oft erboten die Leitung der Geſchäfte zu übernehmen, aber Du haſt es nie gerne geſehen und ſchienſt immer zu glauben, ich wolle Dich aus Deinem Plaze verdrängen.“ „Ich weiß nichts davon daß Du Dich angeboten hätteſt oder daß ich es ungern geſehen haben ſoll,. verſezte der Squire, deſſen Gedächtniß in gewiſſen ſtar⸗ legen, wie es manchmal Väter thun. Ich würde deſt Du, wenn ich Nein geſagt hätte, darauf beſtan⸗ 4 den haben; aber weil Du keinen Widerſpruch fandeſt, 7 haſt Du Deine Abſicht geändert. Du biſt ein ſchwachköpfiger, unſchlüſſiger Burſche; Du arteſt Dei⸗ ner armen Mutter nach. Sie hatte nie einen eigenen Willen; eine Frau braucht dieß aber auch nicht, wenn ſie einen tüchtigen Mann hat. Aber Deine Frau hätte dieß nöthig, denn Du kennſt Dich ſelbſt 4 kaum ſo genau, daß Deine beiden Beine den gleichen Weg gehen. Das Mädchen hat Dir doch keinen förmlichen Korb gegeben, oder?“ „Nein,“ antwortete Gottfried, dem es ſehr warm und unbehaglich wurde;„aber ich glaube nicht daß ſie mich haben will.“ „Ich glaube nicht! Warum haſt Du nicht den Muth ſie zu fragen? Mach Dich einmal daran— Du möchteſt ſie doch gerne haben, nicht wahr?“ „Ich möchte kein anderes Mädchen heirathen,“ ſagte Gottfried ausweichend. „Nun denn, ſo will ich für Dich anhalten, wenn Du ſelbſt nicht den Muth dazu haſt. Lammeter wird wohl nichts dagegen haben daß er eine Tochter in meine Familie verheirathet, ſollte ich denken. Und was das hübſche Mädchen betrifft, ſo will ſie ihren Vetter nicht, und ſonſt ſteht Dir, ſo viel ich weiß, Niemand im Wege.“ „ Ich will es lieber noch unterwegs laſſen, wenn Du's erlaubſt,“ ſagte Gottfried beunruhigt.„Ich glaube, ſie iſt eben jetzt ein wenig böſe auf mich, und ich würde am liebſten ſelbſt für mich ſprechen. Ein rechter Mann muß ſolche Dinge ſelbſt ausmachen.“ „Nun gut, ſo ſprich und mach es ſelbſt aus; ſorge aber daß Du ein neues Blatt in Deinem Lebensbuche umſchlägſt. Das muß ein Mann thun wenn er ans Heirathen denkt.“ „Ich ſehe nicht ein wie ich jezt daran denken kann. Du willſt mir doch vermuthlich keines der Güter abtre⸗ ten, und ich glaube nicht daß ſie hier mit allen meinen Brüdern zuſammenleben möchte. Sie iſt an ein ganz anderes Leben gewöhnt.“ „Nicht in dieſem Hauſe leben? Sag mir das 120 nicht. Du hältſt um ſie an und damit Baſta!“ ſagte der Squire mit einem kurzen, höhniſchen Lachen. „Ich will es lieber jetzt noch unterlaſſen,“ meinte Gottfried.„Hoffentlich übereilſt Du die Sache nicht, indem Du Etwas ſagſt?“ „Ich werde thun was ich für gut halte,“ erklärte der Squire,„und ich werde Dir zeigen daß ich der Herr im Hauſe bin; ſonſt mußt Du Dich packen und Dir irgendwo ſonſt ein Pläzchen ſuchen. Gehe jetzt und ſage Winthrop, er ſolle nicht zu Cox gehen, ſondern auf mich warten. Dann ſorge daß mein Pferd geſattelt wird. Sieh auch zu ob Du Dun⸗ ſey's Pferd nicht verkaufen kannſt, und dann gib mir das Geld, hörſt Du? Er ſoll keine Pferde mehr auf meine Koſten halten, und wenn Du weißt wo er herumſchweift— ich glaube faſt daß Du es weißt— ſo ſage ihm, er könne ſich den Heimweg erſparen. Er ſoll ein Hausknecht werden. Mir darf er nicht länger zur Laſt fallen.“ „Ich weiß nicht wo er iſt, und wenn ichs auch wüßte, ſo wäre es doch nicht meine Sache ihm zu ſagen daß er wegbleiben ſolle,“ ſagte Gottfried, in⸗ dem er nach der Thüre ging. „Zum Henker, Burſche, raiſonnir mir nicht, ſon⸗ dern geh und beſtelle mein Pferd,“ ſagte der Squire, nach einer Pfeife greifend. Gottfried verließ das Zimmer, ohne recht zu wiſſen, ſollte er ſich darüber freuen daß das Geſpräch geendet ohne eine Veränderung in ſeiner Stellung herbeizuführen, oder ſollte er ſich darüber ärgern daß er ſich noch tiefer in Pflichtvergeſſenheit und Betrug verrannt hatte. Die Aeußerungen die in Be⸗ —⏑O⏑2ʒ³·— treff ſeiner Bewerbung um Nancy gefallen waren, hatten eine neue Beſorgniß in ihm erregt. Sein Vater konnte einmal nach Tiſch gegen Herrn Lam⸗ meter einige Worte fallen laſſen welche ihn in die Verlegenheit ſetzten ihre Hand entſchieden ablehnen zu müſſen, während ſie ihm noch erreichbar ſchien. Er hielt ſich an ſeine gewöhnliche Zuflucht, nämlich die Hoffnung auf einen unvorhergeſehenen Glücks⸗ wechſel, eine günſtige Möglichkeit die ihm unange⸗ nehme Folgen erſparen, vielleicht ſogar ſeine Unauſ⸗ richtigkeit rechtfertigen könnte, indem ſie ihre Klug⸗ heit offenbarte. Und in dieſer Art ſich auf irgend einen Fall des Glückswürfels zu verlaſſen, kann man nicht ſagen daß Gottfried ſich beſonders altväteriſch gezeigt habe. Ein günſtiger Zufall iſt, denke ich, der Gott aller Leute die ihren eigenen Einfällen folgen, ſtatt einem Geſez zu gehorchen an das ſie glauben. Laß einen gebildeten Mann unſerer Tage in eine Stellung gerathen deren er ſich ſchämt, ſo wird er auf alle möglichen Ausgänge ſinnen die ihn von den berechenbaren Folgen dieſer Stellung befreien können. Laß ihn ſeine Einkünfte vergeuden oder die entſchloſſene ehrliche Arbeit welche Lohn bringt meiden, ſo wird er ſogleich von einem mög⸗ lichen Wohlthäter, einem möglichen Einfaltspinſel, deſſen Verwendung ſich durch ſchöne Worte erſchleichen laſſe, von einem möglichen Gemüthszuſtand bei einer möglichen, noch nicht zur Erſcheinung gekommenen Perſon zu träumen anfangen. Laß ihn die Verantwort⸗ lichkeiten ſeines Amtes vernachläßigen, ſo wird er ſich unvermeidlich in der Möglichkeit feſtankern daß das ungeſchehen gelaſſene Ding ſich am Ende we⸗ 122 niger wichtig erweiſe als man vermuthet habe. Laß ihn das Vertrauen ſeines Freundes verrathen, ſo wird er dieſe ſelbe ſchlaue Verwicklung von Um⸗ ſtänden, genannt Zufall, anbeten, welche ihm die Hoffnung gibt daß ſein Freund es nie erfahren werde. Laß ihn ein anſtändiges Gewerbe aufgeben, um einem feineren, hübſcheren Beruf nachzugehen, wozu die Natur ihn nicht geſchaffen hat, ſo wird ſeine Religion unfehlbar der Cultus des geprieſenen Zufalls ſein, an welchen er als an den mächtigen Schöpfer des Erfolges glauben wird. Das böſe Princip um deſſen Abwendung man in dieſer Reli⸗ gion fleht, iſt die ordnungsmäßige Folge durch welche die Saat eine entſprechende Ernte hervorbringt. Zehntes Capitel. Richter Malam wurde in Tarley und Raveloe natürlich als ein Mann von umfaſſendem Geiſte be⸗ trachtet, da man ſah daß er ohne Beweiſe viel weitere Schlüſſe zu ziehen vermochte, als man von ſeinen Nachbarn erwarten konnte die nicht im Frie⸗ densgericht ſaßen. Von einem ſolchen Mann war vorherzuſehen daß er den in der Zunderbüchſe liegen⸗ den Leitfaden nicht vernachläßigen würde, und es wurde eine Unterſuchung eingeleitet gegen einen Hauſirer von unbekanntem Namen, trauſem ſchwarzem Haar und fremdartiger Geſichtsfarbe, der einen Ka⸗ ſten mit Meſſerſchmieds⸗ und Juwelierwaaren auf ſeinem Rücken und in ſeinen Ohren große Ringe trug. Aber ob nun die Unterſuchung zu langſam vorwärts ſchritt um ihn zu erreichen, oder ob die Beſchreibung auf ſo viele Hauſirer paßte, daß die Unterſuchung nicht wußte welchen ſie wählen ſollte, es vergingen Wochen ohne daß in Betreff des Diebſtahls ein anderes Reſultat zu Tage kam, als daß die in Raveloe dadurch verurſachte Aufregung aufzuhören anfing. Die Abweſenheit des Junkers Dunſey fiel kaum auf; er hatte ſchon früher einmal mit ſeinem Vater Streit gehabt und war davonge⸗ laufen, kein Menſch wußte wohin, nach ſechs Wochen aber zurückgekommen, um ungehindert ſein altes Quartier wieder einzunehmen und nach wie vor den Windbeutel zu machen. Seine eigene Familie, die wieder denſelben Ausgang erwartete, nur mit dem Unterſchied daß der Squire dießmal entſchloſſen war ihm das alte Quartier zu verbieten, erwähnte ſeine Abweſenheit niemals, und wenn ſein Onkel Kimble oder Herr Osgood davon Notiz nahm, ſo genügte die Geſchichte daß er Wildfeuer ums Leben gebracht und ſich gegen ſeinen Vater vergangen habe, um keine Verwunderung aufkommen zu laſſen. Dunſey's Verſchwinden mit dem am ſelben Tag ſtattgehabten Diebſtahl in Verbindung zu bringen, fiel keinem Menſchen ein, ſelbſt Gottfried nicht, der doch am allerbeſten wiſſen konnte wozu ſein Bruder fähig war. Er erinnerte ſich nicht daß ſie je miteinander von dem Weber geſprochen hätten, ſeit der Zeit wo es etwa vor zwölf Jahren zu ihren knabenhaften Vergnügungen gehört hatte ihn zu verſpotten, und überdieß hatte ſeine Einbildungskraft ſtets ein Alibi für Dunſtan bereit; er ſah ihn ſtets in irgend einer entſprechenden Höhle in welche er nach Wildfeuers Tod gegangen— er ſah ihn mit zufälligen Bekann⸗ ten poculiren und auf eine Rückkehr nach Hauſe ſin⸗ nen, um ſich wieder den gewöhnlichen Spaß zu machen daß er ſeinen ältern Bruder quälte. Selbſt wenn irgend Jemand in Raveloe die genannten zwei Thatſachen zuſammengeſtellt hätte, ſo zweifle ich ſehr ob eine für die verjährte Achtbarkeit einer Fa⸗ milie mit Mauermonumenten und ehrwürdigen Trink⸗ kannen ſo beleidigende Combination nicht als höchſt unzuläſſig zurückgewieſen worden wäre. Aber Weih⸗ nachtspuddinge, Wildſchweinsbraten und Spirituoſa in Menge, wirken wie Alpdrücken auf den ſonſt unbefangenen Geiſt und ſind kräftige Schuzmittel gegen eine gefährliche Thätigkeit wachſamer Gedanken. Wenn der Diebſtahl im Regenbogen und ſonſt⸗ wo in guter Geſellſchaft beſprochen wurde, ſo ſchwankte die Wage beſtändig zwiſchen der vernünf⸗ tigen Erklärung die ſich auf die Zunderbüchſe grün⸗ dete, und der Theorie eines undurchdringlichen Ge⸗ heimniſſes das aller Nachforſchung ſpottete. Die Redner für Zunderbüchſe und Hauſirer betrachteten die andere Partei als eine confuſe und leichtgläubige Rotte, die, weil ſie ſelbſt glasäugig ſei, auch bei Andern den gleichen leeren Blick vorausſetze; und die Anhänger des Unerklärlichen gaben durchaus nicht undeutlich zu verſtehen, ihre Gegner ſeien Thiere welche krähen wollen bevor ſie ein Korn gefunden — bloße Rahmlöffel in Bezug auf Tiefe— ihr ganzer Hellblick beſtehe in der Vorausſetzung daß hinter einer Scheunenthüre nichts ſei, weil ſie nicht hindurchſehen können, ſo daß ihr Streit, wenn er auch nicht zur Aufklärung des Geſchichtlichen beitrug was 12⁵ mit dem Diebſtahl zuſammenhing, doch einige wahre Anſichten von verwandter Wichtigkeit zu Tage förderte. Aber während der Verluſt des armen Silas auf ſolche Art dazu diente den langſamen Gang der Raveloer Unterhaltung aufzurütteln, fühlte Silas ſelbſt den herzbrechenden Jammer dieſer Beraubung, an welcher ſeine Nachbarn beharrlich ihren Wiz und Scharfſinn übten. Wer ihn beobachtet hätte bevor er ſein Geld verloren, der würde gedacht haben daß ein ſo verwelktes, zuſammengeſchrumpftes Leben wie das ſeinige kaum mehr einen Stoß oder Schlag ertragen könne, daß der mindeſte Abzug welchen man davon mache Allem zuſammen ein Ende machen müſſe; aber in Wahrheit war es ein eifriges, von unmittelbaren Vorſäzen ausgefülltes Leben geweſen, was ihn von der weiten, freudloſen Welt des Un⸗ bekannten abſperrte und auf ſich ſelbſt eingrenzte. Es war ein Leben voll Anklammerung geweſen, und obſchon der Gegenſtand um welchen ſein Leben ſich angeklammert, ein todtes abgeriſſenes Ding war, ſo befriedigte er doch das Bedürfniß nach Anklamme⸗ rung; aber jezt war die Umzäunung niedergeriſſen, die Stüze plözlich hinweggezogen. Marners Gedanken konnten ſich nicht mehr in ihrem alten Rundgang bewegen. Sie wurden durch eine Leere gehöhnt, wie ſie einer ſich abquälenden Ameiſe entgegen⸗ tritt, wenn die Erde auf ihrem Heimweg abgebro⸗ chen iſt. Der Webſtuhl war da und das Gewebe und das wachſende Muſter in dem Zeug; aber der ſchimmernde Schaz in dem Loch unter ſeinen Füßen war dahin, die Ausſicht ihn in die Hand zu nehmen und zu zählen, war vorüber; der Abend hatte kein 126 wonnevolles Phantaſiegebilde mehr, um das Sehnen der armen Seele zu ſtillen. Der Gedanke an das Geld das er durch ſeine dermalige Arbeit erwerben würde, konnte ihm keine Freude bringen, denn ſein mageres Bild war nur eine friſche Erinnerung an ſeinen Verluſt, und die Hoffnung war durch den plözlichen Schlag zu ſchwer niedergeſchmettert worden, als daß ſeine Einbildung beim Herauswachſen eines neuen Schazes aus dieſen kleinen Anfängen ver⸗ weilen konnte. Er füllte die Leere mit Kummer aus. Während eer webend daſaß, ſtöhnte er einmal ums andere, als ob er Schmerzen litte: es war ein Zeichen daß ſeine Gedanken zu der plözlichen Kluft, zu der leeren Abendzeit zurückgekehrt waren. Und den ganzen Abend, wenn er in ſeiner Einſamkeit bei ſeinem trüben Feuer daſaß, lehnte er ſeine Ellenbogen auf ſeine Kniee, drückte den Kopf zwiſchen ſeine Hände und ſtöhnte ganz leiſe— nicht wie Jemand der ge⸗ hört zu werden ſucht. Und doch war er nicht gänzlich verlaſſen in ſei⸗ ner Trübſal. Der Widerwille welchen Marner ſtets bei ſeiner Nachbarſchaft hervorgerufen, war theil⸗ weiſe verſchwunden durch das neue Licht worin dieſes Unglück ihn gezeigt hatte. Statt daß er mehr Schlauheit beſaß als ehrlichen Leuten zukam, und, was noch ſchlimmer war, keine Luſt zeigte dieſe Schlauheit in freundnachbarlicher Weiſe aus⸗ zubeuten, lag es jezt klar am Tage daß Silas nicht Schlauheit genug beſaß ſeine eigene Habe zu ſchüzen. Man ſprach von ihm allgemein als von einem armen unglückſeligen Tropf, und die Art wie er ſeinen 127 Nachbarn aus dem Wege ging, was man Anfangs als böſen Willen ausgelegt und aus einem wahr⸗ ſcheinlichen Zuſammenhang mit ſchlimmerer Geſell⸗ ſchaft erklärt hatte, wurde jezt als bloße Verrücktheit betrachtet. Dieſe mildere Stimmung zeigte ſich auf verſchie⸗ dene Arten. Die Düfte der Weihnachtskochereien ſchwebten in der Luft, es war die Zeit wo über⸗ flüſſiges Schweinefleiſch und Blutwürſte in wohl⸗ habenden Familien an die Pflichten der Chriſtenliebe erinnerten, und Silas war durch ſein Unglück dem Andenken von Hausfrauen, wie z. B. Frau Osgood, ganz beſonders nahe gerückt worden. Ebenſo ging es mit Herrn Crackenthorp. Er ermahnte zwar Silas daß ſein Geld ihm wahrſcheinlich genommen worden ſei weil er zu viel daran gedacht habe und nie in die Kirche komme, aber er beſtärkte ſeine Lehre auch durch ein Geſchenk von Ferkelfüßen, das wohlberech⸗ net war grundloſen Vorurtheilen gegen den Character der Geiſtlichkeit entgegenzuarbeiten. Nachbarn die bloß mit Worten zu tröſten wußten, zeigten eine Neigung nicht bloß Silas zu grüßen und länger mit ihm über ſein Unglück zu ſprechen, wenn ſie ihm im Dorfe begegneten, ſondern nahmen ſich auch die Mühe ihn in ſeinem Häuschen ſelbſt zu beſuchen und ſich alle nähern Umſtände über das Unglücks⸗ pläzchen auseinanderſezen zu laſſen; und dann ſuch⸗ ten ſie ihn mit den Worten zu tröſten:„Nun Mei⸗ ſter Marner, Ihr ſeid im Ganzen nicht ſchlimmer daran als andere arme Leute, und wenn Ihr lahm geworden wäret, ſo würde die Gemeinde Euch ein Gratial geben.“ 128 Ein Grund warum wir unſere Nachbarn nur ſelten mit Worten tröſten können, liegt meines Er⸗ achtens darin daß unſer guter Wille wider unſere Abſicht verfälſcht wird ehe er über unſere Lippen kommt. Wir können Blutwürſte und Ferkelfüße ſchicken, ohne ihnen den Beigeſchmack von unſerem eigenen Egoismus zu geben; aber die Sprache iſt ein Strom der beinahe ſicher nach einem gemiſchten Boden ſchmeckt. Es war ein ſchöner Vorrath von Freundlichkeit in Raveloe, aber ſie war oft etwas plumper und ungeſchickter Art, ſo daß ſie ganz und gar nicht wie ein heuchleriſches Compliment herauskam. Herr Macey zum Beiſpiel kam eines Abends ausdrücklich, um Silas wiſſen zu laſſen daß neuere Ereigniſſe ihm den Vortheil verſchafft haben günſtiger in der Meinung eines Mannes zu ſtehen der ſein Urtheil nicht leichtweg bilde. Als er nun Plaz ge⸗ nommen und ſeine Daumen an einander gelegt hatte, eröffnete er die Unterhaltung mit folgenden Worten: „Seht, Meiſter Marner, Ihr ſeid nicht zum Stöh⸗ nen geſchaffen. Ihr ſeid weit beſſer daran daß Ihr Euer Geld verloren habt, als wenn Ihr es mit ſchlechten Mitteln behalten hättet. Als Ihr in un⸗ ſere Gegend kamet, dachte ich oft, Ihr ſeiet gerade nicht der Beſte. Ihr waret weit jünger als jezt, aber Ihr waret immer ein glozäugiger bleicher Burſche, ich möchte beinahe ſagen, Ihr ſahet aus wie ein geſchorenes Kalb; doch man kanns nicht wiſſen: nicht über alle ſchieläugigen Geſchöpfe hat der Teufel Macht— ich meine Kröten und der⸗ gleichen; denn ſie ſind oft harmlos und nüzlich gegen 129 das Ungeziefer. So iſt es gerade mit Euch, ſo viel ich ſehen kann. Was die Kräuter und an⸗ deres Zeug um den böſen Athem zu heilen betrifft, ſo hättet Ihr, wenn Ihr die Viſſenſchaft aus fer⸗ nen Gegenden gebracht habt, nicht ſo damit zurück⸗ zuhalten gebraucht, und wenn Ihr die Wiſſenſchaft auch nicht auf die rechtſchaffenſte Weiſe erworben habt, nun ja, ſo hättet Ihr dieß durch regelmäßigen Kirchenbeſuch wieder gut machen können, denn ich bin oft und viel dabei geweſen wie verhexte Kinder getauft wurden, und ſie haben das Waſſer gerade ſo gut angenommen wie die andern. Es hat gewiß kein Menſch Etwas gegen Euch, Meiſter Marner, und ich rathe Euch daher guten Muth zu behalten, denn daß Ihr ein Hexenmeiſter ſeiet und drinnen in Eurem Kopf Dinge beherberget die das Tageslicht nicht ertragen können, das glaube ich nicht und ſo ſage ich auch zu den Nachbarn. Denn, ſage ich, ihr ſagt davon daß Meiſter Marner uns ein Mährchen aufbinden wolle; aber das iſt baarer Unſinn; es würde ſehr viel Verſtand dazu gehören ein ſolches Mährchen zu erfinden, und, ſage ich, er ſah ſo ein⸗ fältig und verſcheucht aus wie ein Kaninchen.“ Während dieſes Redeſtroms hatte Silas fort⸗ während in ſeiner früheren Stellung dageſtanden, die Ellnbogen an ſeine Kniee lehnend und die Hände gegen ſeinen Kopf gedrückt. Herr Macey, welcher nicht daran zweifelte daß er gehört worden ſei, pau⸗ ſirte in Erwartung einer anerkennenden Antwort, aber Marner blieb ſtill. Er hatte ein Gefühl daß der alte Mann es gutmüthig und nachbarlich meine, aber die Güte fiel auf ihn wie Sonnenſchein auf Eliot, Silas Marner. 9 4 130 den Unglücklichen fällt— er hatte kein Herz ſie zu koſten und ſie ließ ihn ganz unbewegt. „Ei wie, Meiſter Marner, habt Ihr nichts dar⸗ auf zu ſagen?“ fragte Herr Macey endlich mit einem leichten Anflug von Ungeduld. „O,“ ſagte Marner langſam, indem er den Kopf zwiſchen ſeinen Händen ſchüttelte,„ich danke Euch— ich danke Euch freundlich.“ „Das dachte ich mir doch,“ ſagte Herr Macey. „Nun a0 mein Rath— habt Ihr einen Sonntags⸗ anzug?“ „Nein,“ antwortete Marner. „Das bildete ich mir wohl ein,“ fuhr Herr Macey fort.„Nun, laßt mich Euch den Rath geben daß Ihr einen Sonntagsanzug anſchafft: da iſt Too⸗ key; er iſt allerdings nicht weit her, aber er hat mein Schneidergeſchäft übernommen und es ſteckt auch Eini⸗ ges von meinem Geld darin; er wird Euch einen billigen Anzug machen und auf Credit geben, ſo daß Ihr in die Kirche gehen und auch manchmal zu den Nachbarn kommen könnt. Seht Ihr, Ihr habt mich noch nie Amen ſagen hören ſeit Ihr in dieſer Ge⸗ gend ſeid, und ich empfehle Euch keine Zeit zu ver⸗ lieren, denn es wird ſchlecht damit beſtellt ſein, wenn Tookey das ganze Geſchäft übernimmt, und ich werde es wohl den nächſten Winter nicht mehr beſorgen können.“ Hier pauſirte Herr Macey, indem er viel⸗ leicht ein Zeichen von Rührung bei ſeinem Zuhörer erwartete; als er aber keines bemerkte, ſo fuhr er fort: „Und was das Geld für den Anzug betrifft, ſo. verdient Ihr ja ein Pfund wöchentlich mit Eurem 131 Weben, Meiſter Marner, und Ihr ſeid noch ein junger Mann, ſo verwittert Ihr auch ausſeht. Ihr waret gewiß noch nicht fünfundzwanzig als Ihr in dieſe Gegend kamet, he?“ Silas erſchrack ein wenig bei dieſem Uebergang in einen Verhörton und antwortete mild:„Ich weiß nicht; ich kann es nicht recht ſagen— es iſt ſchon lange her.“ Nach einer ſolchen Antwort darf man ſich nicht wundern wenn Herr Macey ſpät am Abend im Regenbogen behauptete, in Marners Kopf müſſe es trübe und wüſt ausſehen; es ſei zweifelhaft ob er je gewußt habe wann der Sonntag komme, und darin liege der Beweis daß er ein ärgerer Heide ſei als mancher Hund. Außer Herrn Macey beſuchte ihn auch eine Trö⸗ ſterin, deren Herz voll von demſelben Gegenſtand war. Dieß war Frau Winthrop, die Frau des Wagners. Die Bewohner von Raveloe waren in ihren Kirchgängen nicht ſtreng regelmäßig, und viel⸗ leicht gab es in der ganzen Gemeinde keine Perſon die nicht der Anſicht war, das Kirchgehen an jedem Sonntag im Calender würde ein allzu heftiges Ver⸗ langen verrathen mit dem Himmel gut zu ſtehen und einen ungebührlichen Vortheil vor den Nachbarn zu bekommen; einen Wunſch beſſer zu ſein als die gewöhnlichen Leute, während dieſe doch auch Pathen und Pathinnen gehabt ſo gut wie ſie, und ihnen ein gleiches Recht auf eine Leichenpredigt zuſtehe. Zu gleicher Zeit wurde von allen die keine Dienſtboten oder junge Burſche waren, verlangt daß ſie an einem der großen Feſte zum Nachtmahl gehen ſollten: 9 Squire Caß ſelbſt nahm es am Chriſttag, die gute Geſellſchaft überhaupt ging häufig in die Kirche, ohne dabei jedoch ins Uebermaß zu verfallen. Frau Winthrop gehörte dazu: ſie war in allen Beziehungen eine Frau von bedenklichem Gewiſſen, ſo pflichteifrig daß ſie nicht auszureichen glaubte wenn ſie nicht täglich um halb fünf Uhr aufſtände, wodurch aber auf die ſpäteren Stunden des Morgens weniger Arbeit fiel, ſo daß es ihr eine beſtändige Aufgabe war mit denſelben fertig zu werden. Doch hatte ſie nicht das zänkiſche Temperament das man zuweilen für eine nothwendige Bedingung ſolcher Gewohnheiten hält: ſie war eine ſehr ſanfte, gedul⸗ dige Frau, mit einem natürlichen Drang alle betrüb⸗ teren und ernſteren Elemente des Lebens aufzuſuchen und ihre Seele daran zu weiden. Sie war diejenige Perſon an die man in Raveloe immer zuerſt dachte, wenn Krankheit oder Tod in einer Familie einkehrte, wenn Blutigel geſezt werden ſollten oder mit einer — Amme eine plözliche Widerwärtigkeit eintrat. Sie war ein angenehmes Weib, geſund, friſchwangig, und hatte ihre Lippen immer ein wenig verzogen, als glaubte ſie ſich in einem Krankenzimmer, mit dem Doctor oder dem Geiſtlichen. Aber ſie hatte nichts Weinerliches, Niemand hatte je eine Thräne an ihr bemerkt; ſie war bloß ernſthaft und geneigt ihren Kopf zu ſchütteln und beinahe unmerkbar zu ſeufzen, wie ein Leidtragender der nicht zur Ver⸗ wandtſchaft gehört. Es ſchien überraſchend daß Ben Winthrop, der ſein Maß Bier liebte und gerne ſei⸗ nen Spaß machte, ſo gut mit Dolly auskam, aber — ſie nahm die Späſſe und die Heiterkeit ihres Mannes 1 b 8 ſ 1 8 3 133 ſo geduldig auf wie alles Andere, ſie hielt dafür daß die Männer nun einmal ſo ſeien, und betrachtete das ſtärkere Geſchlecht als Thiere welchen der Him⸗ mel ein beſchwerliches Naturell zu geben beliebt habe, wie den Bullen und den calecutiſchen Hähnen. Dieſe gute, gefällige Frau konnte nicht umhin ſich ſtark zu Silas hingezogen zu fühlen, als er jezt im Lichte eines Dulders erſchien, und eines Sonn⸗ tags Nachmittags nahm ſie ihren kleinen Jungen Aaron mit und ging zu Silas, in ihrer Hand einige kleine Speckkuchen tragend die in Raveloe ſehr ge⸗ ſchäzt waren. Aaron, ein apfelwangiger Junge von ſieben, mit einer ſaubern geſtärkten Halskrauſe die wie ein Aepfelteller ausſah, bedurfte ſeiner ganzen abenteuerluſtigen Neugier, um Muth gegen die Mög⸗ lichkeit zu gewinnen daß der glozäugige Weber ihm einen körperlichen Schaden anthun könnte, und ſeine bangen Zweifel verdoppelten. ſich, als ſie bei der Ankunft im Steinbruch das geheimnißvolle Getöne des Webſtuhls vernahmen. „Ah, es iſt wie ich mir dachte,“ ſagte Frau Winthrop traurig. Sie mußten laut klopfen ehe Silas ſie hörte; aber als er an die Thüre kam, zeigte er keine Un⸗ geduld wie er wohl ſonſt bei einem unerbetenen und unerwarteten Beſuch gethan haben würde. Früher war ſein Herz ein verſchloſſenes Schmuckkäſtchen ge⸗ weſen, mit dem Schaze inwendig; aber jezt war das Käſtchen leer und das Schloß erbrochen. Einſam und ohne alle Stüze im Dunkeln tappend, hatte Silas unvermeidlich ein, wenn auch nur trübes und halbverzweifeltes, Gefühl daß, wenn ihm eine Hilfe ———— 134 komme, dieſe von außen kommen müſſe, und beim Anblick ſeiner Mitmenſchen erwachte in ihm eine kleine Regung von Erwartung, ein ſchwaches Be⸗ wußtſein der Abhängigkeit von ihrem guten Willen. Er öffnete die Thüre weit um Dolly hereinzulaſſen, ohne jedoch ihren Gruß anders zu erwidern als daß er ſeinen Lehnſtuhl ein wenig verrückte, zum Zeichen daß ſie darin Plaz nehmen möchte. Sobald Dolly ſaß, zog ſie das weiße Tuch von ihren Speckluchen weg und ſagte in ihrem ernſteſten Tone: „Ich hatte geſtern eine Backerei, Meiſter Mar⸗ ner, und die Speckkuchen fielen beſſer aus als ge⸗ wöhnlich; deßhalb wollte ich Euch bitten einige an⸗ zunehmen, wenn Ihr es für gut fändet. Ich ſelbſt eſſe ſolche Dinge nicht, ſondern begnüge mich Jahr * aus Jahr ein mit einem Stückchen Brod, aber die Magen der Männer ſind ſo comiſch, ſie verlangen ns Veränderung, ich weiß das— Gott ſteh ihnen ei!“ 3 Dolly ſeufzte leiſe als ſie Silas die Kuchen ent⸗ gegenhielt. Er dankte ihr freundlich und ſah das Gebäck ſehr genau, wiewohl zerſtreut an, da er ge⸗ wohnt war Alles ſo anzuſehen was er in ſeine Hand nahm. Dabei wurde er die ganze Zeit von den glänzenden Augäpfeln des kleinen Aaron bewundert, der ſeiner Mutter Lehnſtuhl zu einem Außenwerk machte und hinter demſelben hervor rings um ſich guckte. „Es ſind Buchſtaben darauf geſezt,“ ſagte Dolly, „ich kann ſie ſelbſt nicht leſen, und auch ſonſt weiß Niemand, ſelbſt nicht einmal Herr Macey, was ſie bedeuten; aber es iſt eine gute Bedeutung, denn 13⁵ daſſelbe ſteht auch auf der Kanzeldecke in der Kirche. Was heißt es, Aaron, mein lieber Sohn?“ Mauon zog ſich vollſtändig hinter ſein Außenwerk urück. 1„O geh, wie unartig,“ ſagte ſeine Mutter ſanft. „Nun die Buchſtaben mögen heißen wie ſie wollen, ſo haben ſie jedenfalls einen guten Sinn; und dieß iſt ein Stempel der ſich, wie Ben ſagt, ſchon in ſei⸗ nem Hauſe befand als er noch ein kleiner Junge war, und ſeine Mutter pflegte ihn auf die Kuchen zu drücken und das thu ich auch; denn wenn etwas Gutes vorhanden iſt, ſo müſſen wir es benüzen in dieſer Welt.“ „Es iſt ein I. H. S.,“ ſagte Silas, ein Beweis von Gelehrſamkeit bei welchem Aaron wieder um den Stuhl herumſchaute. „Ei wahrhaftig, Ihr könnt es leſen,“ verſezte Dolly;„Ben las es mir oft und viel vor, aber es entgeht meinem Geiſte immer wieder; es iſt um ſo mehr Schade als es gute Buchſtaben ſind, ſonſt wären ſie nicht in der Kirche, und ſo drücke ich ſie auf alle Laibe und alle Kugeln, obſchon ſie manch⸗ mal, wenn der Teig aufgeht, nicht halten wollen, denn, wie geſagt, wenn man etwas Gutes bekommen kann, ſo können wir es in dieſer Welt auch brauchen, und ich hoffe, ſie werden Euch Gutes bringen, Mei⸗ ſter Marner, denn ich habe Euch die Kuchen bringen wollen, und Ihr ſeht, die Buchſtaben haben beſſer gehalten als gewöhnlich.“ Silas war eben ſo wenig im Stand die Buch⸗ ſtaben auszulegen als Dolly, aber es war unmöglich das Verlangen nach Tröſtung zu verkennen das ſich 136 in ihrem ruhigen Ton äußerte: Er ſagte mit mehr Gefühl als zuvor:„Danke Euch— danke Euch freundlich.“ Aber er legte die Kuchen weg und ſezte ſich zerſtreut, in ſchrecklicher Unbewußtheit irgend einer beſtimmten Wohlthat auf welche die Kuchen und die Buchſtaben oder ſelbſt Dolly's Freundlichkeit abzielen ſollten. „Ah, wenn irgendwo etwas Gutes iſt, ſo brauchen wir es,“ wiederholte Dolly, die eine nüzliche Phraſe nicht ſo leicht vergaß. Sie ſchaute dabei Silas mit⸗ leidsvoll an, während ſie fortfuhr:„Aber Ihr habt heute früh die Kirchenglocken nicht gehört, Meiſter Marner, vielleicht wußtet Ihr nicht einmal daß es Sonntag iſt. In Eurer einſamen Abgeſchloſſenheit verliert Ihr ohne Zweifel Eure Rechnung, und wenn Euer Webſtuhl ein Getöſe macht, ſo könnt Ihr die Glocke nicht hören, ganz beſonders jezt wo die Töne einfrieren. „Ja ſo iſts; ich hörte ſie nicht,“ ſagte Silas, für welchen die Sonntagsglocken ein bloßer Neben⸗ umſtand des Tages und nicht ein Theil ſeiner Hei⸗ ligkeit waren. Im Laternenhof waren keine Glocken geweſen.. „Ach mein Gott,“ rief Dolly, indem ſie eine Pauſe machte ehe ſie weiter ſprach.„Aber wie Schade iſts doch daß Ihr am Sonntag arbeitetet und Euch nicht puztet, wenn Ihr auch nicht in die Kirche ginget; denn wenn Ihr einen Braten am Feuer hattet, ſo konntet Ihr, da Ihr ganz allein ſeid, nicht davon weggehen. Aber da iſt die Backſtube, wenn Ihr Euch entſchließen könntet dann und wann ein paar Pfennige an den Ofen zu verwenden— natür⸗ 137 lich nicht jede Woche, ich möchte das ſelbſt nicht— Ihr könntet Euer Mittageſſen dahin bringen, denn es iſt nicht mehr als billig daß Ihr am Sonntag etwas Warmes bekommt und da nicht die Reſte vom Samſtag eſſet. Aber am Chriſttag, wenn Ihr da Euer Eſſen in den Backofen bringt, und in die Kirche geht, und die Stechpalmen und den Eiben⸗ baum ſehet, und den Chorgeſang hört und dann das Nachtmahl einnehmet, ſo werdet Ihr weit beſſer daran ſein, Ihr werdet wiſſen wie es ſich mit Euch verhält, und Ihr könnt Denjenigen vertrauen welche mehr wiſſen als wir, ſobald Ihr gethan habt was Ihr und wir Alle zu thun verpflichtet ſind.“ Dolly's Ermahnung, eine ungewöhnliche Anſtren⸗ gung ihrer Sprachorgane, wurde in dem beſchwich⸗ tigenden überzeugenden Ton ausgeſprochen, womit ſie einen Kranken zur Einnahme ſeiner Arznei oder zum Genuſſe eines Tellers Haberſchleim wozu er keinen Appetit zeigte zu beſtimmen verſucht hätte. Silas war wegen ſeines Wegbleibens von der Kirche, das man nur für einen Theil ſeiner allgemeinen Verſchrobenheit gehalten hatte, noch nie in die Enge getrieben worden, und er war zu gerade und einfach um Dolly's Aufforderung ausweichen zu können. 1 „Nein, nein,“ ſagte er,„ich weiß Nichts von einer Kirche; ich bin nie in einer Kirche geweſen.“ „Nicht?“ verſezte Dolly mit tiefer Verwunderung. Als ſie nun bedachte daß Silas aus einer unbekann⸗ ten Gegend gekommen, ſagte ſie:„Sollten vielleicht die Leute in dem Land wo Ihr geboren ſeid keine Kirchen haben?“ 138 „O doch,“ antwortete Silas nachdenkend, indem er in ſeiner gewöhnlichen Stellung, d. h. die Elln⸗ bogen auf ſeinen Knieen und den Kopf in ſeinen Händen, daſaß.„Es waren Kirchen da— viele Kirchen— es war eine große Stadt, aber ich wußte Nichts von ihnen, ich ging in eine Capelle.“ Dolly war ſehr verblüfft über dieß neue Wort, aber ſie ſcheute ſich weiter zu fragen, denn Capelle konnte möglicher Weiſe eine Höhle der Gottloſigkeit bedeuten. Nach kurzem Nachdenken ſagte ſie: „Nun, Meiſter Marner, es iſt niemals zu ſpät ein neues Blatt umzuſchlagen, und wenn Ihr nie eine Kirche hattet, ſo kann man gar nicht ſagen wie viel Nuzen ſie Euch bringen wird, denn ich fühle mich ſo munter und vergnügt wie gar nie, wenn ich dort war und die Gebete hörte und die Lobge⸗ ſänge auf Gott, wie Herr Macey ſie vorträgt, und wenn Herr Crackenthorp gute Worte ſagt und ganz beſonders am Nachtmahlstag; und wenn ein Nischen Trübſal kommt, ſo fühle ich daß ich damit fertig werden kann, denn ich habe mich in der rechten Gegend nach Hilfe umgeſehen und habe mich den⸗ jenigen gegeben denen wir uns zulezt olle geben müſſen, und wenn wir unſern Theil gethan haben, ſo können wir getroſt und ruhig in die Höhe ſchauen.“ Die Art und Weiſe wie die gute Dolly ihre einfache Raveloer Theologie auseinanderſezte, konnte bei Silas nicht ſehr verfangen, denn nicht ein ein⸗ ziges Wort darin konnte eine Erinnerung an Etwas wecken das er als Religion gekannt hatte, und ſein Begriffsvermögen wurde gänzlich durch die Plural⸗ ⁸ 139 pronomina verwirrt, die bei Dolly keine Kezerei waren, ſondern bloß ein Mittel um allzu vermeſſene Vertraulichkeit zu vermeiden. Er blieb ſtill, da er keine Luſt verſpürte demjenigen Theil von Dolly's Rede beizuſtimmen den er vollkommen verſtand, näm⸗ lich ihrer Aufforderung in die Kirche zu gehen. In der That war Silas ſo wenig daran gewöhnt etwas weiteres zu ſprechen, als die kurzen Fragen und Antworten die zur Abmachung ſeines Geſchäftes nöthig waren, daß Worte ihm nicht leicht ka⸗ men, wenn nicht eine beſtimmte Abſicht ihn dazu drängte. Aber jezt hatte ſich der kleine Aaron, der in⸗ zwiſchen mit der ſchrecklichen Erſcheinung des Webers vertraut geworden, bis an die Seite ſeiner Mutter vorangeſchlichen, und Silas, der ihn zum Erſtenmal zu bemerken ſchien, ſuchte Dolly's guten Willen da⸗ durch zu erwidern daß er dem Jungen ein Stück Speckachen anbot. Aaron ſchrack ein wenig zurück und rieb ſeinen Kopf an der Schulter ſeiner Mutter, dachte aber doch, das Stück Kuchen ſei wohl der Mühe werth daß er es wagen könne ſeine Hand darnach auszuſtrecken. „Pfui, ſchäme Dich, Aaron!“ ſagte ſeine Mutter, indem ſie ihn raſch auf ihren Schooß nahm;„Du brauchſt nicht ſchon wieder Kuchen. Er iſt ungeheuer lebhaft,“ fuhr ſie mit einem kleinen Seufzer fort. „Ja, das iſt er, Gott weiß es; er iſt mein jüngſtes Kind und wir verderben ihn ſchrecklich; entweder ich oder der Vater müſſen ihn beſtändig im Auge halten.“ Sie ſtrich Aarons braunen Kopf und dachte es müſſe Marner ungemein wohl thun ein ſolches„Bild von einem Kinde“ zu ſehen. Aber Marner, der auf der andern Seite des Herdes ſaß, ſah das niedliche roſige Geſicht bloß wie einen trüben Umriß mit zwei dunkeln Flecken darin. „Eine Stimme hat er wie ein Vogel, Ihr glaubt's gar nicht,“ fuhr Dolly fort;„er kann ein Weih⸗ nachtslied ſingen was ſein Vater ihn gelehrt hat, und ich halte es für ein Zeichen daß er einmal recht brav wird, daß er die ſchönen Melodien ſo ſchnell lernen kann. Komm her, Aaron, ſteh auf und ſing Meiſter Marner den Lobgeſang.“ Aarons Antwort beſtand darin daß er ſeine Stirne an der Schulter ſeiner Mutter abrieb. „O wie unartig,“ ſagte Dolly zornig.„Steh auf wenn die Mutter Dirs ſagt, und laß mich den Kuchen halten bis Du fertig biſt.“ Aaron war nicht abgeneigt ſeine Talente unter ſchüzenden Umſtänden ſelbſt einem Wehrwolf gegen⸗ über zu entwickeln, und nach einigen weitern Zeichen von Sprödigkeit, hauptſächlich darin beſtehend daß er mit den verkehrten Händen über ſeine Augen rieb und dann zwiſchen ihnen durch Meiſter Marner anguckte, ob es ihm wohl ſo ſehr um den Lobgeſang zu thun ſei, geſtattete er endlich daß man ſeinen Kopf gebührend zurechtſezte, und ſtellte ſich hinter den Tiſch, über den er bloß mit ſeiner breiten Halskrauſe hervorragte, ſo daß er wie ein körper⸗ loſer Cherubskopf erſchien. So begann er mit einem hellen Gezirpe und in einer Melodie welche de Rhytmus eines Arbeitshammers hatte, wie olgt: 141 Gott ſchenk euch Troſt und Freude, Wend Trübſal von euch ab, Denn an dem Chriſttag heute Kam Chriſt vom Himmel'rab. Dolly lauſchte mit frommem Blick und betrach⸗ tete Marner mit einer gewiſſen Hoffnung, daß dieß Lied dazu beitragen würde ihn zur Kirche zu verlocken. „Das iſt Weihnachtsmuſik,“ ſagte ſie, als Aaron geendet und ſich ſeines Kuchens wieder verſichert hatte.„Es pet keine Muſik die der Weihnachts⸗ muſik gleich kömmt— man hört die Engel im Himmel ſingen. Und jezt könnt Ihr Euch denken wie es in der Kirche iſt, Meiſter Marner, mit den Poſaunen und den Stimmen, ſo daß es Euch ums Herz wird als ob Ihr ſchon an einem beſſern Ort wäret— ich will zwar nicht böſe von dieſer Welt reden, da ich ſehe daß ſie die es am beſten wiſſen uns hineingeſezt haben, aber denke ich an das Trin⸗ ken und die böſen Händel, und die ſchlimmen Krank⸗ heiten und das harte Sterben, wie ich es ſchon zu⸗ weilen geſehen habe, ſo höre ich doch gern von einer beſſeren reden. Der Junge ſingt hübſch, nicht wahr, Meiſter Marner?“ „Ja,“ antwortete Silas zerſtreut,„ſehr hübſch.“ Der Weihnachtsgeſang mit ſeinem hammerartigen Rhytmus hatte wie eine ſeltſame Muſik, gar nicht hymnenartig, an ſeine Ohren geſchlagen und konnte die von Dolly gehoffte Wirkung durchaus nicht haben. Aber er wollte ihr ſeine Dankbarkeit zeigen, und das einzige Mittel das ihm einfiel war daß er Aaron noch ein Stück Kuchen anbot. 4 142 „O nein, ich danke, Meiſter Marner,“ ſagte Dolly, indem ſie Aarons bereitwillige Hände nieder⸗ hielt.„Und jezt will ich Euch Lebewohl ſagen, Meiſter Marner. Wenn Ihr jemals in Euerm In⸗ nern etwas Böſes empfindet das Ihr nicht ſelbſt überwinden könnt, ſo will ich kommen und für Euch darin ausfegen und Euch auch Etwas zum Eſſen mitbringen— aber bitte, unterlaßt in Zukunft das Weben am Sonntag, denn es iſt für Leib und Seele ſchädlich, und das Geld das auf dieſe Art hereinkommt gibt ein ſchlechtes Bett, für die lezten Stunden, wenn es nicht gar hinausfliegt, Niemand weiß wohin, wie der kalte Reif. Und Ihr müßt mich entſchuldigen daß ich ſo frei mit Euch rede, Meiſter Marner, denn ich meine es gewiß gut mit Euch. Mach Deinen Bückling, Aaron!“ Silas ſagte:„Adieu, danke freundlich,“ als er Dolly die Thüre öffnete; aber es wurde ihm unwill⸗ kührlich leichter ums Herz als ſie fort war, denn er konnte jezt wieder ungeſtört weben und ſtöhnen. Ihre einfache Lebensanſchauung und ihre Tröſtungen, womit ſie ihn aufzurichten geſucht, waren für ihn bloß eine Erzählung von unbekannten Gegenſtänden aus denen ſeine Einbildungskraft Nichts zu geſtalten wußte. Die Quellen menſchlicher Liebe und gött⸗ lichen Glaubens waren noch nicht erſchloſſen, und ſeine Seele war noch immer das eingeſchrumpfte Bächlein, nur mit dem Unterſchied daß ihre kleine Sandgrube verſtopft war und ſie verworren dunkler Verſperrung entgegenging. Und ſo verbrachte Silas, troz der ehrlichen Ueberredungsverſuche des Herrn Macey und der 143 Frau Dolly, ſeinen Chriſttag in Einſamkeit und ver⸗ zehrte ſein Mahl in Traurigkeit des Herzens, obſchon es ihm als ein nachbarliches Geſchenk zugekommen war. Am Morgen ſchaute er auf den Froſt hinaus der grauſam auf jeden Grashalm zu drücken ſchien, während der halbgefrorne rothe Sumpf unter dem herben Wind ſchauerte; aber gegen Abend begann Schnee zu fallen der ihm auch dieſe trübſelige Aus⸗ ſicht abſchnitt und ihn mit ſeinem engherzigen Kum⸗ mer allein einſchloß. Und er ſaß den langen Abend in ſeinem beſtohlenen Häuschen, ohne daß es ihm einfiel die Läden zuzumachen oder die Thüre zu ſchließen, den Kopf zwiſchen ſeine Hände preſſend und ſtöhnend, bis die Kälte ihn erfaßte und daran erinnerte daß ſein Feuer abgegangen war. Niemand in dieſer Welt als er ſelbſt wußte daß er derſelbe Silas Marner war der einſt ſeinen Cameraden mit zärtlicher Liebe umfaßt und an eine ungeſehene Gottheit geglaubt hatte. Auch für ihn ſelbſt war dieſe vergangene Erfahrung dunkel geworden. Aber im Dorfe Raveloe klangen die Glocken luſtig und die Kirche war voller als das ganze übrige Jahr hindurch; unter den üppigen dunkelgrünen Zweigen ſchimmerten rothe Geſichter, auf einen un⸗ gewöhnlich langen Gottesdienſt vorbereitet durch ein ſchmackhaftes Frühſtück mit Butterbroden und Bier. Dieſe grünen Zweige, der Hymnus und Lobgeſang die bloß am Chriſttag gehört wurden, ſelbſt das athanaſiſche Glaubensbekenntniß, das ſich von den andern nur dadurch unterſchied daß es länger war 144 und kräftiger wirkte, weil es nur ein einziges Mal bei ſeltenen Gelegenheiten vorgeleſen wurde, brach⸗ ten ein unbeſtimmtes Wonnegefühl hervor, für welches die erwachſenen Männer ſo wenig Worte finden konnten als die Kinder, ein Gefühl daß etwas Großes und Geheimnißvolles im Himmel oben und auf der Erde unten für ſie gethan worden ſei, und daß ſie durch ihre Anweſenheit es ſich zu eigen machen. Und dann gingen die rothen Geſichter in der grimmigen Kälte nach ihren Wohnungen zurück, mit dem Bewußtſein daß es ihnen den ganzen Tag freiſtehe zu eſſen, zu trinken, ſich zu freuen und dieſe chriſtliche Freiheit ohne alle Kleinmüthigkeit zu benüzen. In der Familiengeſellſchaft welche Squire Caß an dieſem Tag zum Beſten gab, gedachte Niemand des Junkers Dunſtan— Niemand bedauerte ſeine Abweſenheit oder äußerte eine Befürchtung daß ſie zu lange währen möchte. Der Doctor und ſeine Frau, Onkel und Tante Kimble, waren da, und das alljährliche Weihnachtsgerede wurde ohne alle Auslaſſungen durchgemacht; ſeinen Glanzpunkt bilde⸗ ten Herrn Kimble's Erfahrungen, als er vor dreißig Jahren die Spitäler Londons beſuchte, worüber er manche ſchlagende Anecdote aus dem Handwerk auf⸗ zutiſchen wußte. Sodann folgte Kartenſpiel mit Tante Kimble's alljährlich ſich wiederholender Ver⸗ ſäumniß die Farbe zu bekennen, und Onkel Kimble's heftigem Zorn über den ſonderbaren Trick, den man ihm, wenn er nicht auf ſeiner Seite war, ſelten er⸗ klären konnte ohne eine allgemeine Abhandlung über Tricks und den genauen Nachweis daß ſie auf ge⸗ ſunden Principien beruhten: das Ganze begleitet von einem ſtarken dampfenden Groggeruch. Da jedoch die Weihnachtsparthie ein ſtreng ge⸗ haltenes Familienfeſt war, ſo war ſie nicht die her⸗ vorragend glänzende Feier der Saiſon im rothen Hauſe. Die Glorie der Gaſtlichkeit des Squire Caß bildete der große Neujahrsball, wie ſchon ſeit unvordenklichen Zeiten in den Hallen ſeiner Väter Brauch geweſen. Dieß war die Gelegenheit wo die ganze Geſellſchaft von Raveloe und Tarley, durch lange Diſtanzen getrennte oder durch Mißver⸗ ſtändniſſe in Betreff davongelaufener Kälber und nicht geleiſteter Gefälligkeiten abgekühlte Bekannte, darauf rechnen konnten einander zu treffen und ſich mit gegenſeitiger Ziemlichkeit zu benehmen. Dieß war die Gelegenheit wo ſchöne Damen die auf Frauenſätteln herangeritten kamen ihre Bandſchach⸗ teln vorausſchickten, worin mehr als ein Abendcoſtüm eingepackt war, denn das Feſt ſollte nicht mit einem einzigen Abend enden, wie eine armſelige ſtädtiſche Soirée, wo der ganze Vorrath von Victualien auf einmal auf den Tiſch geſtellt wird und es mit dem Bettzeug gar dürftig ausſieht. Das rothe Haus war wie für eine Belagerung verſorgt, und die wenigen Federbetten die man auf die Stubenböden legen mußte, waren ſo voll wie man natürlich von einer Familie erwarten konnte die ſeit vielen Ge⸗ ſchlechtern ihre eigenen Gänſe getödtet hatte. Gottfried Caß ſchaute dieſem Neujahrsball mit einem tollen ſorgloſen Verlangen entgegen das ihn gegen ſeine zudringliche Begleiterin Angſt halb taub machte. Eliot, Silas Marner, 10 „Dunſey kommt ſicherlich bald nach Hauſe: das wird einen großen Spectakel geben, und wie willſt Du ſeine Bosheit zum Schweigen bringen?“ ſagte die Angſt. „O er wird wohl vor dem Neujahrsabend nicht kommen,“ ſprach Gottfried,„und dann werde ich bei Nancy ſizen und mit ihr tanzen und gegen ihren eigenen Willen einen freundlichen Blick von ihr er⸗ halten.“ „Aber in einer andern Gegend fehlt es an Geld,“ mahnte die Angſt mit lauter Stimme,„und wie willſt Du welches bekommen ohne die Diamant⸗ nadel Deiner Mutter zu verkaufen? Und wenn Du keines bekommſt...“ „Nun ja, es kann doch auch Etwas geſchehen was die Sache ebnet. Unter allen Umſtänden darf ich auf Ein Vergnügen rechnen: Nancy kommt.“ „Ja, und wenn nun Dein Vater eine Criſis herbeiführt, ſo daß Du nothwendig ihre Hand ab⸗ lehnen und Deine Gründe angeben mußt?“ „Halts Maul jezt und beläſtige mich nicht. Ich kann ſchon jezt Nancy's Augen ſehen, juſt wie ſie mich aſchen werden, und ich fühle ihre Hand be⸗ reits in der meinigen.“ Aber die Angſt fuhr fort, obſchon in lärmender Weihnachtsgeſellſchaft; ſie ließ ſich ſelbſt durch vieles Trinken nicht ganz beſchwichtigen. 147 Eilftes Capitel. Gewiſſe Frauenzimmer würden ſich, ich gebe es zu, in einem grauen Reitkleid und grauen Caſtorhut, deſſen Boden einer kleinen Schmorpfanne gleicht, auf einem Sattelkiſſen nicht vortheilhaft ausnehmen, denn ein Anzug der an eine Kutſcherskutte erinnert, aus ſpärlichem Zeug ausgeſchnitten das bloß Minia⸗ turhauben geſtatten würde, iſt nicht ſehr geeignet Mängel der Umriſſe zu verdecken, und Grau iſt nicht die Farbe die in bleiche Wangen ein contraſtirendes Leben bringt. Um ſo größer war der Triumph für Fräulein Nancy Lammeters Schönheit, daß ſie wahr⸗ haft bezaubernd in dieſem Coſtüm ausſah, als ſie, hinter ihrem großen, hoch emporgerichteten Vater auf dem Sattelkiſſen ſitzend, den einen Arm um ihn geſchlun⸗ gen hielt und mit offenäugiger Angſt auf die verräthe⸗ riſchen ſchneebedeckten Sümpfe und Pfüzen herabſah, die unter dem Geſtampfe von Dobbins Füßen furcht⸗ bare Kothſprizer emporſchickten. Ein Maler würde ſie vielleicht im Augenblicke vorgezogen haben wo ſie von Selbſtbewußtſein frei war; aber ſicherlich ſtand die Blume auf ihren Wangen in ihrem höch⸗ ſten Contraſt mit der grauwollenen Umhüllung, als ſie vor der Thüre des rothen Hauſes ankam und Herrn Gottfried Caß bereit ſah ſie vom Kiſſen her⸗ abzuheben. Sie wünſchte, ihre Schweſter Priscilla wäre zu gleicher Zeit mit der Dienerin angekommen, dann würde ſie es ſo eingerichtet haben daß Gott⸗ fried zuerſt Priscilla hätte herabheben müſſen, und zu gleicher Zeit hätte ſie ihren Vater herzer bis 148 zum Aufſteigeblock vorzureiten, ſtatt an der Thür⸗ treppe abzuſteigen. Es war ſehr peinlich, nachdem man einem jungen Mann ganz klar dargethan hatte daß man entſchloſſen war ihn nicht zu heirathen, ſo ſehr er es auch wünſchen mochte, es war ſehr peinlich daß er dennoch fortfuhr entſchieden Aufmerk⸗ ſamkeiten zu ſchenken; überdieß warum hatte er dieſe Aufmerkſamkeiten nicht immer gezeigt, wenn er es aufrichtig damit meinte, ſtatt ſich ſo ſonderbar zu benehmen wie Herr Gottfried Caß, der manchmal that als ob er nicht das mindeſte Verlangen hätte ſie zu ſprechen, und ganze Wochen lang gar keine Notiz von ihr nahm, dann aber auf einmal wieder beinahe den feurigen Liebhaber ſpielte? Ferner war es ganz klar daß er keine wirkliche Liebe für ſie empfand, ſonſt würde er nicht zugeben daß die Leute ſo von ihm ſprachen. Meinte er denn, Fräulein Nancy Lammeter laſſe ſich von einem Manne, Junker oder nicht, gewinnen der ein ſchlechtes Leben führte? Das war es nicht was ſie an ihrem eigenen Vater eſehen hatte, welcher der nüchternſte und brävſte ann in der ganzen Gegend war, nur dann und wann ein wenig hizig und heftig, wenn nicht Alles genau nasj dem Schnürchen ging. Alle dieſe Gedanken rauſchten in ihrer üblichen Reihenfolge durch Fräulein Nancy's Kopf, als ſie Herrn Gottfried Caß an der Thüre ſtehen ſah und ſelbſt hinanritt. Glücklicher Weiſe kam auch der Squire heraus und begrüßte ihren Vater mit ſchallen⸗ dem Ruf, ſo daß ſie unter dem Schuz dieſes Geräu⸗ ſches ihre Verwirrung und ihre Vernachläſſigung aller üblichen Förmlichkeiten verbergen zu können 149 ſchien, während ſie aus dem Sattel von ſtarken Armen gehoben wurde, denen ſie offenbar lächerlich klein und leicht vorkam. Und das war der beſte Grund ins Haus hinein zu eilen, da der Schnee jezt wieder zu fallen anfing und eine unangenehme Reiſe für ſolche Gäſte drohte die ſich noch auf der Straße befanden. Dieſe waren eine kleine Minder⸗ heit, denn der Nachmittag begann ſich bereits zu neigen, und es war vorausſichtlich für die aus der Ferne kommenden Damen nicht ſo viel Zeit übrig, um ſich zu dem frühen Thee aufzupuzen der ſie zum Tanze begeiſtern ſollte. Als Fräulein Nancy eintrat, ging ein Geſumme von Stimmen durch das Haus, vermiſcht mit dem Gekraze einer Fidel die in der Küche präludirte; aber die Lammeters waren Gäſte an deren Ankunft man augenſcheinlich ſo viel gedacht hatte, daß ſie vom Fenſter aus beobachtet worden waren, denn Frau Kimble, die bei dieſen großen Gelegenheiten die Honneurs im rothen Hauſe machte, kam Fräulein Nancy bis in die Halle entgegen um ſie die Treppe hinaufzuführen. Frau Kimble war ſowohl die Schwe⸗ ſter des Squire als die Frau des Doctors— eine doppelte Würde zu welcher ihr Umfang im richtigen Verhältniß ſtand, ſo daß ſie, da eine Reiſe die Treppe hinauf ſie ermüdet haben würde, nichts da⸗ gegen einzuwenden hatte, als Fräulein Nancy um Erlaubniß bat ihren Weg nach dem blauen Zimmer, wohin ihre Bandſchachteln gleich nach ihrer Ankunft am Morgen gebracht worden waren, allein zu ſuchen. Es gab kaum ein Schlafzimmer im Hauſe wo nicht weibliche Complimente und weibliche Toiletten 15⁰ in verſchiedenen Stadien im Gange waren und der Raum durch Extrabetten geſchmälert wurde die man auf dem Boden ausbreitete; Fräulein Nancy mußte daher, als ſie ins blaue Zimmer trat, einer Gruppe von ſechs Perſonen ihren kleinen förmlichen Knix machen. Auf der einen Seite waren Damen von nicht geringerer Wichtigkeit als die beiden Fräulein Gunn, Töchter des Weinhändlers von Lytherly, aufs Modiſchſte ausſtaffirt, mit den knappſten Rockſchößen und den kürzeſten Taillen, und von Fräulein Lad⸗ brook(von der alten Weide) mit einer Scheu an⸗ 6 geſehen die ſich nicht auf innere Critik ſtüßzte. Theil⸗ weiſe fühlte Lady Ladbrook daß ihr eigener Schoß von den Fräulein Gunn als unziemlich weit be⸗ trachtet werden mußte, und theilweiſe daß es Schade war, daß die Fräulein Gunn nicht das Urtheil be⸗ urkundeten welches ſie ſelbſt an ihrer Stelle zeigen würde, indem ſie ein wenig dieſſeits der Mode blieben. Auf der andern Seite ſtand Frau Ladbrook in der Nachthaube da, mit ihrem Turban in der Hand, knixte und lächelte freundlich und ſagte zu einer andern Dame in ähnlichen Umſtänden, welche ihr höflich den Vortritt am Spiegel angeboten hatte: „Nach Ihnen, Madame.“ Aber Fräulein Nancy hatte kaum ihren Knix gemacht, als eine ältere Dame herankam, deren volles weißes Mouſſelintuch nebſt der Nachthaube um ihre glatten grauen Locken in grellem Contraſt gegen die gepufften gelbatlaſſenen und gebänderten Müzen ihrer Nachbarinnen ſtand. Sie trat mit großer Ziererei gegen Fräulein Nancy vor und ſagte langſam in angenehmem Discantton: 15⁵1 „Du biſt doch hoffentlich recht wohl, Nichte?“ Fräulein Nancy küßte pflichtgemäß ihre Tante auf die Wange und antwortete mit derſelben liebens⸗ würdigen Ziererei:„Ganz wohl, Tante, ich danke Ihnen, und Sie hoffentlich auch 2“ Dieſe pflichtmäßigen Fragen und Antworten wurden fortgeſezt, bis man im Detail erfuhr daß Lammeters wie gewöhnlich wohl waren und Osgoods gleichfalls, ferner daß Nichte Priscilla ſicherlich in Bälde ankommen mußte, und daß das Reiſen auf einem Sattelkiſſen in Schnee und Wetter ſehr un⸗ angenehm war, obwohl ein wollenes Reitkleid großen Schutz gewährte. Dann wurde Nancy förmlich den Gäſten ihrer Tante, den Fräulein Gunn, als den Töchtern einer Mutter vorgeſtellt die ihrer Mutter bekannt war, obſchon ſie jezt zum Erſtenmale Ge⸗ legenheit fanden in dieſe Gegend zu reiſen. Und dieſe Damen waren dermaßen überraſcht ein ſo lieb⸗ liches Geſicht und eine ſo hübſche Figur in einem abgelegenen Landorte zu finden, daß ſie einige Neu⸗ gierde in Betreff des Kleides zu empfinden began⸗ nen welches ſie nach Ablegung des Reitanzuges wählen würde. Fräulein Nancy, deren Gedanken immer von der Ziemlichkeit und Mäßigung beherrſcht wurden die aus ihrem ganzen Benehmen hervorleuchtete, bemerkte bei ſich ſelbſt daß die Fräulein Gunn ſehr grobe Züge hatten, und daß ſo ausgeſchnittene Kleider wie die ihrigen auf Rechnung der Citelkeit hätten geſchrieben werden können, wenn ihre Schul⸗ tern hübſch geweſen wären, daß man aber bei ſo bewandten Umſtänden vernünftiger Weiſe nicht an⸗ nehmen dürfe daß ſie ihre Nacken aus Luſt zum 1⁵² Glänzen zeigen, ſondern vielmehr in Folge irgend eines Dranges der ſich mit Verſtand und Sittſamkeit wohl vertrug. Sie kam bei Oeffnung ihrer Schachtel zur Ueberzeugung daß dieß die Anſicht ihrer Tante Osgood ſein müſſe, denn Fräulein Nancy hatte eine um ſo überraſchendere geiſtige Aehnlichkeit mit ihrer Tante, als die Verwandtſchaft von Seiten des Herrn Osgood kam, und obſchon man aus der Förmlichkeit ihrer Begrüßungen nicht ſchließen konnte, ſo beſtand doch eine gegenſeitige innige Bewunderung und An⸗ hänglichkeit zwiſchen Tante und Nichte. Selbſt die Thatſache daß Fräulein Nancy ihrem Vetter Gilbert Osgood(lediglich weil er ihr Vetter war) einen Korb gegeben, hatte ihre Tante zwar ſehr betrübt, aber nicht im Mindeſten die Vorliebe abgekühlt, ver⸗ möge welcher ſie beſchloſſen hatte Nancy mehrere ihrer ererbten Schmuckſachen zu hinterlaſſen, Gilberts künftige Frau mochte ſein wer ſie wollte. Drei von den Damen entfernten ſich ſchnell, aber die Fräulein Gunn waren wohl damit zufrieden daß Frau Osgoods Wunſch bei ihrer Nichte zu bleiben, auch ihnen einen Grund gab ſich da zu ver⸗ weilen und die Toilette der ländlichen Schönheit anzuſehen. Und es war wirklich ein Vergnügen — von der erſten Oeffnung der Bandſchachtel an, wo Alles nach Lavendel und Roſenblättern roch, bis zur Schließung des kleinen Corallenhalsbandes das ſich feſt um ihren niedlichen weißen Nacken an⸗ ſchmiegte. Alles was Fräulein Nancy gehörte war von der zarteſten Reinheit und Nettigkeit, keine Falte wo ſie nicht ſein mußte; ihr Weißzeug war aufs Aller⸗ feinſte, ſelbſt die Nadeln in ihren Klufenkiſſen ſteckten nach einem Muſter feſt von welcher ſie keine Ab⸗ irrung geſtattete, und was ihre eigene Perſon betraf, ſo gab ſie dieſelbe Idee von vollkommener unver⸗ änderlicher Zierlichkeit, wie der Leib eines kleinen hinten knabenartig geſtuzt und hatte vorn eine An⸗ zahl flacher Locken die eigentlich nicht zu ihrem Ge⸗ paßten; aber es gab keine Friſur welche machen konnte daß Nancy's Wangen und Nacken an⸗ ders als hübſch ausſahen. Und als ſie endlich vollendet in ihrem ſilberdurchwirkten Seidenkleid, ihrem Spizenſtreif, ihrem Corallenhalsband und Corallenohrringen daſtand, da konnten die Fräulein Gunn Nichts zu tadeln finden als ihre Hände, welche Spuren von Butter⸗ und Käſebereitung, ja ſo⸗ ar von noch gröberer Arbeit trugen. Aber Fräulein Nancy ſchämte ſich deſſen nicht, denn ſogar während der Toilette erzählte ſie ihrer Tante, wie ſie und Priscilla ſchon geſtern ihre Schachteln gepackt, weil ſie dieſen Morgen backen mußten, und weil es, da ſen wollten, wünſchenswerth war einen guten Vorrath von Fleiſchpaſteten in die Küche zu bekom⸗ men. Während ſie dieſe verſtändige Bemerkung ſchloß, wandte ſie ſich gegen die Fräulein Gunn, damit man ihr nicht nachſagen konnte, ſie habe dieſelben nicht in die Unterhaltung hineingezogen. Die beiden Fräulein lächelten ſteif und dachten, es ſei doch Schade daß dieſe reichen Leute vom Lande, die ſo ſchöne Kleider kaufen können(in der That waren Fräulein Nancy's Spizen und Seidenkleid höchſt koſtſpielig) in ſo gänzlicher Unwiſſenheit und Gemein⸗ 1⁵3³ Allerdings war ihr hellbraunes Haar 1⁵4 heit auferzogen würden. Fräulein Nancy ſprach allerdings ein wenig im Dialect, und da kamen Worte zu Tag die für die Damen der guten Geſellſchaft von Lytherly etwas Empörendes hatten. Fräulein Nancy war nie in eine höhere Schule gekommen als zu Frau Tedmann; ihre Bekanntſchaft mit der profanen Literatur erſtreckte ſich kaum über die Reime hinaus welche ſie in ihr großes Stickmuſter unter das Lamm und die Hirten eingenäht hatte, und um eine Rechnung ins Reine zu bringen, mußte ſie ihre Subtraction da⸗ durch bewerkſtelligen daß ſie ſichtliche metalliſche Schillinge und Sechspfennige von einem ſichtbaren metalliſchen Ganzen wegnahm. Es gibt heut zu Tage kaum eine Dienſtmagd die nicht beſſer geſchult wäre als Fräulein Nancy; doch hatte ſie die weſent: lichen Erforderniſſe einer vornehmen Dame— hohe Wahrheitsliebe, zartſinnige Chrenhaftigkeit, Gefällig⸗ keit gegen Andere und feine perſönliche Gewohnheiten; ſollte dieß Alles nicht genügen, um grammatiſche Schönen zu überzeugen daß Nancy's Gefühle in jeder Beziehung ihren eigenen gleichen können, ſo will ich hinzufügen daß ſie ein wenig ſtolz und an⸗ maßend war, wie auch eben ſo beharrlich in ihrer Anhänglichkeit an eine grundloſe Meinung wie an einen irregeführten Liebhaber. Die Angſt um Schweſter Priscilla, die etwas überhand genommen hatte als das Corallenhals⸗ band geſchloſſen wurde, endete glücklicher Weiſe mit dem Eintritt dieſer heitern Dame, die mit einem von Kälte und Dunſt hochrothen Geſichte erſchien. Nach den erſten Fragen und Begrüßungen wandte ſie ſich gegen Nancy, muſterte ſie von Kopf zu Fuß und drehte ſie dann herum, um ſich zu verſichern daß das hintere Bild gleich fehlerlos ſei. „Was denken Sie von dieſen Kleidern, Tante Osgood?“ fragte Priscilla, als Nancy ſie ausklei⸗ den half. „In der That recht hübſch, Nichte,“ antwortete Osgood mit einem leichten Zuwachs von Steifheit. „Ich muß daſſelbe haben wie Nancy, das wer⸗ den Sie wohl begreifen, obſchon ich fünf Jahre älter bin, was mir ein gelbes Ausſehen gibt; denn ſie will nie Etwas haben, ohne daß ich ganz das Gleiche nehme, weil ſie verlangt daß wir wie Schweſtern ausſehen ſollen. Und ich ſage ihr, die Leute wer⸗ den mirs als Schwäche auslegen, wenn ich mir ein⸗ bilde daß ich in demſelben Zeug hübſch ausſehe worin ſie hübſch ausſieht, denn ich bin häßlich— das läßt ſich nicht läugnen: ich ſchlage in die Fa⸗ milie meines Vaters. Aber was liegt daran? Ich frage Nichts darnach und Sie wahrſcheinlich auch nicht.“ Hier wandte ſich Priscilla gegen die beiden Fräulein Gunn, und gab ſich der Wonne des Plap⸗ perns mit ſo ausſchließlicher Luſt hin, daß ſie nicht bemerken konnte wie wenig ihre Aufrichtigkeit nach Gebühr geſchäzt wurde.„Die hübſchen Mädchen vertreten die Stelle von Fliegenfängern— ſie hal⸗ ten die Männer von uns fern. Ich frage Nichts nach den Männern, Fräulein Gunn; ich weiß nicht was Sie von ihnen denken. Und daß man ſich darüber ärgern und grämen ſollte was ſie vom Morgen bis in die Nacht von uns denken; daß man ſich darüber betrüben ſollte was ſie thun, wenn ſie einem aus 15⁵6 den Augen entſchwunden ſind— das iſt, wie ich Nancy immer ſage, eine Narrheit deren ſich ein Mädchen nie ſchuldig machen darf, wenn ſie einen guten Vater und ein gutes Familienleben beſizt: das kann ſie ſolchen überlaſſen die kein Vermögen haben und ſich nicht anders helfen können. Wie geſagt, Herr Thuwasdumagſt iſt der beſte Mann und der einzige dem ich allenfalls Gehorſam verſpre⸗ chen könnte. Ich weiß, es i*ſt nicht angenehm, wenn man gewohnt war flott zu leben, über ganze Or⸗ hofte und dergleichen zu gebieten, zulezt hingehen und ſeine Naſe bei einem Fremden hineinſtecken und allein daſizen zu müſſen, bis man krumm und hucke⸗ lig wird; aber Gott ſei Dank, mein Vater iſt ein nüchterner Mann und kann noch lange leben.“ Der delicate Proceß ihren engen Rock über ihren Kopf hinauszubringen, ohne daß ihre glatten Locken Schaden litten, nöthigte Fräulein Priscilla in ihrer flüchtigen Lebensſkizze einzuhalten, und Frau Osgood ergriff die Gelegenheit aufzuſtehen und zu ſagen: „Nun Nichte, Du wirſt nachkommen. Die Fräu⸗ lein Gunn werden hinabgehen wollen.“ „Schweſter,“ ſagte Nancy, als ſie allein waren, „ich bin überzeugt daß Du die Fräulein Gunn be⸗ leidigt haſt.“ „Was hab' ich gethan, Kind?“ fragte Priscilla mit einiger Unruhe. „Ei Du haſt ſie gefragt ob ſie ſich aus ihrer Häßlichkeit viel machen— Du biſt ſo plump.“ „That ich das? Nun dann iſt es mir nur ſo herausgeplazt: es iſt noch gut daß ich nicht mehr ſagte, denn ich vertrage mich ſchlecht mit Leuten 157 welche die Wahrheit nicht hören wollen. Aber was die Häßlichkeit betrifft, ſo ſchaue mich einmal an, Kind, in dieſem ſilberfarbigen Seidenkleid— ich ſagte Dir ja wie es ſein würde— ich ſehe ſo gelb aus wie eine Narciſſe; Jedermann wird ſagen, Du habeſt mich als Vogelſcheuche gebrauchen wollen.“ „Nein, Priscy, ſprich nicht ſo. Ich bat Dich ja dringend dieſe Seide nicht zu nehmen, wenn eine andere Dir beſſer gefiele. Ich wollte Dir die Wahl laſſen, das weißt Du wohl,“ verſezte Nancy in ängſtlicher Selbſtvertheidigung. „Unſinn, Kind, Du weißt daß Du Dein Herz an dieſen Zeug geſezt hatteſt, und aus gutem Grund, denn Du biſt ſelbſt rahmweiß. Es würde Dir ſchön angeſtanden haben wenn Du Dich nach meiner Haut gekleidet hätteſt. Was ich fehlerhaft finde, das iſt Deine Anſicht daß ich mich gerade ſo kleiden ſolle wie Du. Aber Du kannſt mit mir machen was Du nur willſt— das konnteſt Du ſchon als Du erſt gehen lernteſt. Wenn Du eine Feldlänge gehen wollteſt, ſo gingeſt Du ſie auch; und Du bekamſt niemals Prügel, denn Du ſahſt immer ſo jierlich und unſchuldig aus wie ein Gänſeblümchen.“ „Priscy,“ ſagte Nancy freundlich, indem ſie ein Corallenhalsband das genau dem ihrigen glich um Priscilla's Hals befeſtigte, der entfernt keine Aehn⸗ lichkeit mit dem ihrigen hatte,„ich gebe Dir gewiß in Allem nach, ſo weit es recht iſt; aber wer ſollte ſich gleich kleiden wenn Schweſtern es nicht thun? Sollen wir uns denn ſo tragen als ob wir einander mit Haut und Haar Nichts angingen, während wir doch keine Mutter und keine andere Schweſter in der 158 Welt haben? Ich thäte ganz Recht, wenn ich ein orleansfarbiges Kleid trüge, und es wäre mir lieber, Du wählteſt und ließeſt mich tragen was Dir gefällt.“ „Da hat mans wieder! Du kommſt immer aufs Gleiche zurück und wenn man Dir vom Samſtag Nachts bis zum andern Samſtag in der Frühe vor⸗ ſchwazt. Es wäre ein ſchöner Spaß Dir zuzuſehen wie Du Deinen Mann meiſterſt, ohne Deine Stimme höher als bis zum Geziſche eines Keſſels zu erheben. Ich ſehe es ſo gerne wenn man die Männer meiſtert.“ „Sprich nicht ſo, Priscy,“ bat Nancy erröthend, „Du weißt ja daß ich gar nicht heirathen will.“ „Larifari,“ ſagte Priscilla, indem ſie ihr abge⸗ legtes Kleid ordnete und ihre Schachtel wieder zu⸗ machte.„Für wen ſoll ich denn nach dem Tode des Vaters arbeiten, wenn Du hingehſt und Dir Ideen 4 in den Kopf ſezeſt und eine alte Jungfer wirſt, weil es allerdings Leute gibt die ſich anders benehmen könnten? Ich mag gar nicht daran denken daß Du für immer auf ein faules Ei ſizen ſollſt, als ob es gar kein friſches mehr auf der Welt gäbe. Eine alte Jungfer iſt genug von zwei Schweſtern, und ich will ledig bleiben, denn Gott der Allmächtige hat mich dazu beſtimmt. Komm, wir können jezt hinab⸗ gehen. Ich bin ſo bereit wie eine Vogelſcheuche nur ſein kann— es fehlt Nichts mehr um die Krähen zu ängſtigen, nachdem ich jezt auch noch meine Ohr⸗ gehänge angelegt habe.“ Als die beiden Fräulein Lammeter mit einander in den großen Salon traten, da würde Jeder der ihren Character nicht kannte gewiß vermuthet haben, der Grund warum die breitſchultrige, plumpe, hoch⸗ 159 ſtirnige Priscilla ganz das gleiche Kleid trug wie ihre hübſche Schweſter, ſei entweder mißverſtandene Eitelkeit der einen oder ein boshafter Anſchlag der andern, um ihre eigene ſeltene Schönheit hervorzu⸗ heben. Aber die gutmüthige ſelbſtvergeſſene Heiter⸗ keit und der geſunde Verſtand Priscilla’s würde bald die gänzliche Grundloſigkeit des erſteren Verdachtes dargethan haben, und die beſcheidene Ruhe in Nan⸗ cy's Sprache und Benehmen zeugte klar und deut⸗ lich von einer Seele die von aller Argliſt frei war. Ehrenpläze waren für die beiden Fräulein nahe am oberen Ende des Haupttheetiſches in dem ver⸗ täfelten Salon freigehalten worden, der jezt friſch und freundlich ausſah, mit hübſchen Stechpalmen, Eiben⸗ und Lorbeerzweigen aus der üppigen Vege⸗ tation des alten Gartens, und Nancy konnte ſich, troz aller Feſtigkeit ihres Vorſazes, einer inneren Unruhe nicht erwehren, als ſie Herrn Gottfried Caß herankommen ſah, um ſie an einen Stuhl zwiſchen ſich ſelbſt und Herrn Crackenthorp zu führen, wäh⸗ rend Priscilla auf die entgegengeſezte Seite zwiſchen ihren Vater und den Squire gerufen wurde. Es machte allerdings für Nancy einigen Unterſchied, daß der Liebhaber den ſie aufgegeben hatte, weitaus der anſehnlichſte junge Mann in der ganzen Gemeinde war, daß er ſich in einem impoſanten Salon, für ihre Erfahrungen dem Gipfelpunkt aller Großartig⸗ keit, heimiſch befand, in einem Salon wo ſie eines Tags die Gebieterin hätte ſein können, mit dem Bewußtſein daß man von ihr als von Madame Caß, der Frau des Squire, ſpreche. Dieſe Umſtände erhöhten ihr inneres Drama in ihren eigenen Augen 160 und verſtärkten den Nachdruck, womit ſie ſich ſelbſt— erklärte daß auch der blendendſte Rang ſie nicht ver⸗ leiten ſolle einen Mann von ſo angengcheennch leicht⸗ fertigem Character zu heirathen, ſondern daß eine einzige, aber ewige Liebe der Wahlſpruch einer echten und reinen Mädchenſeele ſei, und kein Mann je ein Recht auf ſie haben ſolle, wodurch ſie aufgefordert werden könnte die verwelkten Blumen zu zerſtören die ſie um Gottfrieds willen noch immer wie einen Schaz bewahrte und ſtets bewahren wollte. Und Nancy war im Stande ſich ſelbſt unter ſehr peinlichen Umſtänden ihr Wort zu halten. Nur eine ſittſame Röthe verrieth die aufregenden Gedanken die ſich ihr aufdrängten, als ſie ihren Stuhl zunächſt bei Herrn Crackenthorp einnahm; denn ſie war ſo inſtinctmäßig entſchieden und gewandt in allen ihren Handlungen, und ihre hübſchen Lippen ſaßen mit ſolch ruhiger Feſtig⸗ keit auf einander, daß es ihr ſchwer geweſen wäre aufgeregt zu erſcheinen. Es war nicht Brauch beim Pfarrer ein reizendes Erröthen ohne ein angemeſſenes Compliment vorüber⸗ gehen zu laſſen. Er war nicht im Mindeſten hoch⸗ müthig oder ariſtocratiſch, ſondern einfach ein ſchalk⸗ äugiger Graukopf mit gewöhnlichen Zügen; ſein Kinn ſaß in einem weiten vielfaltigen weißen Hals⸗ tuch das über jeden andern Punkt in ſeiner Perſon vorzuherrſchen und ſeinen Bemerkungen gewiſſermaßen ihren eigenthümlichen Character aufzuprägen ſchien, ſo daß es ein wahres Unrecht gegen ihn geweſen wäre bei Betrachtung ſeiner Reize von ſeiner Hals⸗ binde abzuſehen.. „Ha, Fräͤulein Nancy,“ ſagte er, indem er 2 nen Kopf in ſeiner Halsbinde drehte und ſie ver⸗ gnügt anlächelte,„wenn Jemand behauptet, dieß ſei ein ſtrenger Winter geweſen, ſo werde ich ihm ſagen, ich habe in der Neujahrsnacht die Roſen blühen ge⸗ ſehen— he Gottfried, was ſagen Sie dazu?“ Gottfried gab keine Antwort und vermied es Nancy genau anzuſehen; denn wenn ſolche Compli⸗ mente auch für die altmodiſche Geſellſchaft von Rave⸗ loe einen vortrefflichen Geſchmack verriethen, ſo hat doch ehrerbietige Liebe ihre eigene Höflichkeit worin ſie Leute von ſonſt geringerer Schulbildung inſtinctmäßig unterweist. Aber der Squire ärgerte ſich daß Gott⸗ fried auf ſolche Art einen traurigen Galan vorſtellte. In dieſer vorgerückten Stunde des Tages befand ſich der Squire immer bei höheren Lebensgeiſtern als wir ihn beim Frühſtück ſahen, und fand es ſehr ange⸗ nehm ſeiner Erbpflicht in Bezug auf geräuſchvolle Jovialität und patroniſirende Gaſtfreundſchaft nach⸗ zukommen. Die große ſilberne Tabaksdoſe wurde fleißig in Umlauf geſezt und unfehlbar allen Nach⸗ barn von Zeit zu Zeit angeboten, ſo oft ſie auch die Gunſt ablehnen mochten. Bis jezt hatte der Squire nur den Familienhäuptern bei ihrer Ankunft einen ausdrücklichen Willkomm gebracht, aber im Verlauf des Abends warf ſeine Gaſtlichkeit ihre Strahlen weiter aus, bis er den jüngſten Gäſten auf den Rücken geklopft und ſeine beſondere Freude über ihre Anweſenheit dargethan hatte, im vollen Glauben daß ſie ſich glücklich fühlen müſſen einer Gemeinde anzugehören wo ein ſo gemüthlicher Mann wie Squire Caß ſie einlud und es wohl mit ihnen zzpte. Schon in dieſem frühen Stadium ſeiner Eliot, Silas Marner. 11 16⁵ jovialen Stimmung mußte er natürlich die Mängel ſeines Sohnes dadurch zu ergänzen wünſchen daß er ſelbſt für ihn ſah und ſprach. „Ja, ja,“ begann er, indem er ſeine Doſe Herrn Lammeter hinhielt, der zum zweiten Mal in ſteifer Abwehr ſeinen Kopf neigte und ſeine Hand bewegte; „wir alten Burſche möchten uns heute Nacht wieder jung wünſchen, wenn wir den Miſtelzweig im weißen Salon ſehen. Es iſt wahr, die meiſten Dinge ſind in dieſen lezten dreißig Jahren rückwärts gegangen — es neigt ſich abwärts mit dem Lande, ſeit der alte König krank iſt. Aber wenn ich Fräulein Nancy anſehe, da beginne ich zu denken daß die Mädchen ihre Qualität beibehalten. Ich erinnere mich wahr⸗ lich keines einzigen Beiſpiels das ich ihr an die Seite ſtellen könnte, aus der Zeit wo ich ſelbſt ein hüb⸗ ſcher junger Burſche war und meinen Zopf ſehr ſorgfältig pflegte. Nichts für ungut, Madame,“ fügte er mit einer Verbeugung gegen Frau Cracken⸗ thorp hinzu, die neben ihm ſaß;„ich kannte Sie nicht als Sie ſo jung waren wie Fräulein Nancy.“ Frau Crackenthorp, ein kleines blinzelndes Weib⸗ chen das ſich mit ihren Spizen, Bändern und goldener Kette unaufhörlich auf dem Stuhl herum bewegte, den Kopf hin und her drehte, ein leiſes Geräuſche machte, ungefähr wie ein Meerſchweinchen das ſich in die Naſe kneipt und in jeder Geſellſchaft ſeine Selbſtgeſpräche hält, blinzelte jezt und bewegte ſich gegen den Squire zu mit den Worten:„O nein, ganz und gar nicht.“ Dieſes nachdrucksvolle Compliment des Squire gegen Nancy wurde auch von Andern als Gottfried als — — 163 eine Sache von diplomatiſcher Bedeutſamkeit erkannt, und ihr Vater ſezte ſich noch gerader, während er ſie mit wohlgefälligem Ernſte über den Tiſch hinüber anſah. Dieſer ernſte und regelrechte alte Herr wollte ſeiner Würde kein Jota vergeben, indem er den An⸗ ſchein nahm als wollte er ſich beim Gedanken an eine Familienverbindung mit dem Squire überheben: er freute ſich über jede Chre die ſeiner Tochter er⸗ wieſen wurde, aber er mußte allerlei Dinge anders werden ſehen bevor er ſeine Einwilligung gab. Seine magere, aber geſunde Geſtalt, ſein feſtes hoch⸗ ſtirniges Geſicht, das ausſah als wäre es nie durch einen Exceß geröthet worden, contraſtirte ſtark nicht bloß mit dem Squire, ſondern auch mit dem Aus⸗ ſehen der Raveloer Pächter im Allgemeinen, im Ein⸗ verſtändniß mit ſeinem Lieblingsdictum daß die Zucht mehr ausmache als die Weide. „Fräulein Nancy gleicht doch ihrer Mutter auf ein Haar, nicht wahr, Kimble?“ ſagte die ſtattliche Dame dieſes Namens, indem ſie ihren Mann anſah. Aber Doctor Kimble(in alten Zeiten genoßen die Landapotheker dieſen Titel ohne Ermächtigung kraft Diploms), ein ſchmächtiger und beweglicher Mann, trieb ſich mit ſeinen Händen in den Taſchen im Zimmer herum, ſpielte mit ärztlicher Unpartei⸗ lichkeit den Angenehmen bei ſeinen Patientinnen und wurde als Doctor kraft erblichen Rechtes überall willkommen geheißen— er war keiner von dieſen erbärmlichen Apothekern die ſich weit und breit in der Umgegend um Kundſchaft herumtreiben und ihr ganzes Einkommen verbrauchen, während ſie ihr einziges Rößlein verhungern laſſen, ſondern ein re⸗ 11* 164 ſpectabler Mann der ſo gut wie der beſte ſeiner Patienten an einer üppigen Tafel ſchwelgen durfte. Seit unvordenklichen Zeiten war der Doctor von Rave⸗ loe ein Kimble geweſen: Kimble war ſelbſtverſtänd⸗ lich ein Doctorsname, und es hielt ſchwer mit feſtem Auge die wehmüthige Thatſache anzuſchauen daß der gegenwärtige Kimble keinen Sohn beſaß, ſo daß ſeine Praxis dereinſt auf einen Nachfolger mit dem abgeſchmackten Namen Taylor oder Johnſon über⸗ gehen konnte. Aber in dieſem Fall wollten die klü⸗ geren Leute von Raveloe Doctor Blick von Flitton gebrauchen, weil dieß weniger unnatürlich erſchien. „Haſt Du Etwas zu mir geſagt, meine Liebe?“ † ſagte der echte Doctor, indem er ſchnell an die Seite ſeiner Frau kam; aber als ob er vorherſähe daß ſie zu ſehr außer Athem kommen würde, wenn ſie ihre Bemerkung wiederholen müßte, fuhr er augenblicklich fort:„Ha Fräulein Priscilla, Ihr Anblick erhöht den Geſchmack dieſer ſuperexcellenten Schweinspaſtete. Hoffentlich iſt das Gebäck noch nicht ſo bald zu Ende.“ „Allerdings iſt es ſo, Doctor,“ antwortete Pris⸗ cilla;„aber ich ſtehe dafür daß das nächſte eben ſo gut wird. Meinen Schweinspaſteten läßt man im⸗ 5 mer Ehre widerfahren.“ „Man wirft ſie nicht hinaus, wie Deine Arzneien, Kimble, die Niemand nehmen will,“ ſagte der Squire, der Arzneien ungefähr ſo anſah wie mancher loyale Hochkirchenmann die Kirche und die Geiſtlichkeit an⸗ ſieht; wenn er ſich wohl befand, ſo riß er gern einen Wiz über ſie; aber wenn ihm das Mindeſte fehlte, 8 rief er voll Ungeduld nach ihrer Hilfe. Er klopfte 165 auf ſeine Doſe und ſchaute mit triumphirendem Lächeln um ſich. „O ſie iſt ſehr wizig, meine Freundin Priscilla,“ ſagte der Doctor, der die Stichelei lieber der Dame gutſchreiben, als ſeinem Schwager dieſen Vortheil über ſich geſtatten wollte.„Sie ſpart immer etwas Pfeffer auf, um ihn über ihre Worte zu ſtreuen— deßwegen wirft ſie ſo wenig in ihre Paſteten. Da iſt es ganz anders mit meiner Frau; ſie hat nie eine Antwort auf ihrer Zungenſpize, aber wenn ich ſie beleidige, ſo ſchröpft ſie mir ganz ſicher den an⸗ dern Tag meine Kehle mit ſchwarzem Pfeffer oder verurſacht mir Colik durch wäſſerige Gemüſe. Das iſt eine ſchreckliche Wiedervergeltung.“ Hier machte der lebhafte Doctor eine pathetiſche Grimaſſe. „Haben Sie je ſo Etwas gehört?“ ſagte Frau Kimble, indem ſie mit großer Gutmüthigkeit über ihr Doppelkinn hinweg lachte, bei Seite zu Frau Crackenthorp, welche blinzelte, nickte und ein Lächeln zu beabſichtigen ſchien, das in Folge der gegen⸗ ſeitigen Beziehung der Kräfte in kleine Verzerrungen und ein kurzes leiſes Getöſe ausging. „Dieſe Vergeltung iſt vermuthlich bei Ihrem Berufe üblich, Kimble, wenn Sie einen Zahn auf einen Patienten haben,“ ſagte der Pfarrer. „Wir haben nie einen Zahn auf unſere Patien⸗ ten,“ antwortete Herr Kimble,„außer wenn ſie von uns weglaufen, und dann können wir, wie Sie ſehen, ihnen Nichts mehr verordnen. Ha Fräulein Nancy,“ fuhr er fort, indem er ſich plözlich gegen dieſe wandte,„Sie werden doch Ihr Verſprechen nicht vergeſſen? Sie haben mir einen Tanz zugeſagt.“ 166 „Ei, ei, Kimble, nur nicht ſo hizig,“ ſagte der Squire,„Du mußt den jungen Leuten die Vorhand laſſen. Mein Sohn Gottfried würde Dich fordern wenn Du mit Fräulein Nancy davon liefeſt; er hat ſie ganz ſicherlich um den erſten Tanz angeſprochen. He Burſche, was ſagſt Du dazu?“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſich zurückwarf und ſeinen Sohn anſah. „Haſt Du Fräulein Nancy nicht erſucht den Tanz fühlte und mit Schrecken daran dachte wie es zulezt enden würde, wenn ſein Vater nach ſeinem garſtigen Gebrauche mit den Trinkſprüchen begänne, ſah jezt keine andere Hilfe mehr, ſondern mußte ſich an Nancy wenden und mit möglichſter Unbefangenheit ſagen: „Nein, ich habe ſie noch nicht erſucht; aber ich hoffe, ſie wird mir zuſagen— wenn ſich nicht ſchon ein Anderer vor mir gemeldet hat.“ „Nein ich bin noch nicht verſagt,“ verſezte Nancy ruhig, aber erröthend.(Wenn Herr Gottfried auf ihre Einwilligung zum Tanzen etwa Hoffnungen gründete, ſo ſollte er bald enttäuſcht werden, aber ſie brauchte da keine Unhöflichkeit zu begehen.) „Dann hoffe ich daß Sie mir einen Tanz nicht verſagen werden,“ ſagte Gottfried, der das Gefühl zu verlieren anfing daß dieſe Anordnung etwas höchſt Unbehagliches in ſich ſchloß. 2„Durchaus nicht,“ antwortete Nancy in kaltem one. „Ei Du biſt ein glücklicher Junge, Gottfried,“ ſagte Onkel Kimble,„aber Du biſt mein Pathe und — 167 ſo will ich Dir nicht im Wege ſtehen; ſonſt bin ich noch nicht ſo gar alt, nicht wahr, meine Liebe?“ fuhr er fort, indem er ſich wieder gegen ſeine Frau wandte.„Es würde Dich doch nicht freuen wenn ich nach Deinem Tod eine Zweite nähme— nicht einmal wenn ich vorher recht tüchtig um Dich ge⸗ weint hätte.“ „Da komm jezt her und trink eine Taſſe Thee, um Dir den Mund zu ſtopfen,“ verſezte gutmüthig Frau Kimble, die einen gewiſſen Stolz in einen Mann ſezte der in jeder Geſellſchaft für ſo geſcheidt und unterhaltend gelten mußte. Wäre er nur beim Kartenſpiel nicht ſo aufbrauſend geweſen! Während heitere Bemerkungen ſolcher Art Leben in den Thee brachten, hörte man Geigentöne aus einer Entfernung herannahen und immer vernehm⸗ barer werden, ſo daß die jungen Leutchen mit ſym⸗ pathiſchem Verlangen nach dem Ende des Mahles einander anſahen. „Da iſt Salomo in der Halle,“ ſagte der Squire, „und ſpielt, glaub' ich, mein Lieblingslied, ‚Flachs⸗ köpfiger Bauernknabe“’; er will uns einen Wink geben daß wir uns nicht genug beeilen ihn ſpielen zu hören. Bob,“ rief er ſeinem dritten langbeinigen Sohne zu, der am andern Ende des Saales war, „mach die Thüre auf und heiße Salomo hereinkom⸗ men. Er ſoll uns hier etwas aufſpielen.“ Bob gehorchte und Salomo kam herein; er geigte unterwegs, denn er wollte um keinen Preis mitten in einer Melodie abbrechen. „Hieher Salomo,“ ſagte der Squire in lautem Beſchüzerstone.„Komm hieher, mein Mann. Ach 168 ich wußte doch daß es der flachsköpfige Bauernknabe war; eine ſchönere Melodie kann es nicht geben.“ Salomo Macey, ein alter kleiner Kerl mit friſchen Backen und üppigen weißen Haaren, die ihm beinahe bis auf die Schulter fielen, trat unter ehrerbietigen Bücklingen an die bezeichnete Stelle vor und geigte beſtändig dazu, als wollte er damit ſagen daß er zwar die Geſellſchaft ſehr reſpectire, die Muſik aber doch noch höher achte. Sobald er die Melodie wiederholt und ſeine Geige geſenkt hatte, verbeugte er ſich von Neuem vor dem Squire und dem Pfar⸗ rer und ſagte:„Ich hoffe daß ich Euer Ehren und Euer Ehrwürden wohl ſehe und wünſche Ihnen Ge⸗ ſundheit und langes Leben und ein glückliches neues Jahr. Und daſſelbe wünſche ich Ihnen, Herr Lam⸗ meter und den andern Herren, und den Damen und den jungen Fräulein.“ Bei den lezten Worten verbeugte ſich Salomo angelegentlich nach allen Richtungen, um es nicht am ſchuldigen Reſpect fehlen zu laſſen. Aber un⸗ mittelbar darauf begann er zu präludiren und ver⸗ fiel dann in eine Melodie womit er, wie er wußte, Herrn Lammeter eine beſondere Ehre erweiſen konnte. „Dank Salomo, Dank,“ ſagte Herr Lammeter. „Das iſt: ‚Ueber die Hügel und fern hinweg.: Wie oft ſagte mein Vater, wenn wir dieſe Melodie hör⸗ ten, zu mir: ‚Auf Junge, ich komme über die Hügel und fern hinweg. Es gibt manche Melodien aus denen ich mir nicht das Mindeſte mache, aber dieſe ſpricht mich an wie das Pfeifen der Schwarzdroſſel.“ Aber Salomo begann bereits wieder zu prälu⸗ diren und ſchlug jezt mit großer Munterkeit ‚Sir — — 169 Roger de Coverleye an, wobei man Stühle zurück⸗ ſchieben und lachende Stimmen hörte. „Ja ja, Salomo, wir wiſſen was dieß bedeutet,“ ſagte der Squire indem er ſich erhob;„es iſt Zeit mit dem Tanz zu beginnen, nicht wahr? Zieh vor⸗ aus, wir folgen Dir Alle!“ 3 Salomo ſtellte ſich, ſeinen weißen Kopf auf die Seite neigend und kräftig ſpielend, an die Spize der heitern Proceſſion nach dem weißen Salon, wo die Miſtelzweige hingen und vielfache Talgkerzen einen glänzenden Effect machten, der unter den Stechpalmenzweigen hervorſchimmerte und in den altmodiſchen ovalen Spiegeln zurückſtrahlte, die in den Fächern der weißen Vertäfelung befeſtigt waren. Ein heiterer Zug! Der alte Salomo in ſeinen ſchä⸗ bigen Kleidern und langen weißen Locken ſchien dieſe anſtandsvolle Geſellſchaft durch das magiſche Gekreiſche ſeiner Fidel anzulocken— ſittſame Matro⸗ nen in turbanartigen Hauben, ja ſogar Frau Cracken⸗ thorp ſelbſt, deren ſenkrechte Feder mit ihrer Spize die Schulter des Squire berührte; ſchöne Mädchen die ſich wohlgefällig ihrer ſehr kurzen Mieder und ihrer faltenloſen Chemiſetten bewußt waren— gries⸗ grämige Väter in weiten buntfarbigen Camiſolen, und rothbackige Söhne, die größtentheils ſcheu und einfältig dreinſahen, in kurzen Beinkleidern und ſehr langen Fräcken. Bereits hatten ſich Herr Macey und andere be⸗ vorrechtete Dorfbewohner, die bei ſolchen großen Gelegenheiten als Zuſchauer zugelaſſen wurden, auf Bänke geſezt die man in der Nähe der Thüre für ſie aufgeſtellt hatte, und groß war die Bewunderung 170 und Befriedigung in dieſer Gegend, nachdem die Paare ſich zum Tanze gebildet hatten, als der Squire Frau Crackenthorp hinwegführte und der Pfarrer mit Frau Osgood ihnen nachfolgte. So gebührte es ſich, ſo war man es früher gewöhnt geweſen, und das Pri⸗ vilegium von Raveloe ſchien ſich durch dieſe Cere⸗ monie erneuert zu haben. Man hielt es für keine unziemliche Leichtfertigkeit wenn Leute von höherem und mittlerem Alter ein Bischen tanzten, ehe ſie ſich zu den Karten ſezten, ſondern' dieß galt vielmehr für einen Theil ihrer geſellſchaftlichen Pflichten. In was anderm beſtanden denn dieſe, als daß man ſich zu angemeſſenen Zeiten luſtig machte, daß man ein⸗ ander, ſo oft es ſich ſchicken wollte, beſuchte und mit Geflügel beſchenkte, daß man ſich gegenſeitig althergebrachte Complimente in geſunden traditionellen Phraſen ſagte, probate perſönliche Wize machte, ſeine Beſuche aus lauter Gaſtfreundſchaft zum Eſſen und Trinken nöthigte und in des Nachbars Haus gleich⸗ falls ſo viel aß und trank, um ihm zu zeigen daß man ſeine Küche und ſeinen Keller nicht verachtete. Und der Pfarrer gab natürlich in dieſen Geſellſchafts⸗ pflichten ein gutes Beiſpiel. Denn das Raveloer Gemüth hätte ohne eine beſondere Offenbarung nicht wiſſen können daß ein Geiſtlicher ein bleicher Mahner an Feierlichkeiten ſein müſſe, ſtatt eines vernünftiger Weiſe fehlerbehafteten Mannes deſſen ausſchließliches Vorrecht Gebete zu verleſen, zu predigen, euch zu taufen, zu trauen und zu begraben, nothwendig mit dem Rechte verbunden ſei den Begräbnißplaz an euch zu verkaufen und den Zehnten in Natura zu nehmen — über welchen leztern Punkt natürlich ein kleines 8 1 e Gemurre zuläſſig war, das ſich aber nicht bis auf Irreligioſität erſtrecken und, wie das Murren über den Regen, keineswegs mehr von einem Geiſt gott⸗ loſen Mißtrauens begleitet ſein durfte, ſondern nur von dem Wunſche daß das Gebet um ſchönes Wetter alsbald verleſen werden möchte. Es war alſo kein Grund vorhanden warum das Tanzen des Pfarrers nicht eben ſo gut wie das des Squire als eine Sache der Convenienz aufgenommen werden, oder warum auf der andern Seite Herr Macey aus officiellem Reſpect ſich abhalten laſſen ſollte die Leiſtung des Geiſtlichen jener critiſchen Prüfung zu unterwerfen, womit Geiſter von außer⸗ ordentlicher Schärfe nothwendig das Thun und Laſſen ihrer fehlbaren Mitmenſchen betrachten. „Der Squire ſpringt hübſch für ſein Gewicht,“ ſagte Herr Macey,„und er ſtampft außerordentlich gut. Aber Herr Lammeter übertrifft Alle zuſammen in den Figuren: ihr ſeht, er hält ſeinen Kopf wie ein Soldat und er iſt nicht ſo ſteif wie die meiſten ältlichen Herrn; auch hat er ein ſchönes Bein. Der Pfarrer iſt flüchtig genug, aber er beſizt nicht viel Bein: er iſt unten etwas zu dick und ſeine Kniee dürften ohne Schaden etwas näher beiſammen ſein; aber er iſt gleichwohl gar nicht übel. Doch hat er nicht die vornehme Art ſeine Hand zu ſchwingen wie der Squire.“ „Da von Flüchtigkeit die Rede iſt, ſo ſehen Sie einmal Frau Osgood an,“ ſagte Ben Winthrop, der ſeinen Sohn Aaron zwiſchen ſeinen Knieen hielt;„ſie trippelt mit ihren kurzen Schrittchen dahin, ſo daß Niemand ſehen kann wohin ſie geht— es iſt als 172 ob ſie Rädchen an ihren Füßen hätte. Sie ſieht um keinen Tag älter aus als im vorigen Jahr und hat die ſchönſten Formen von allen Frauen die ich kenne.“ „Ich frage Nichts nach den Formen der Frauen,“ verſezte Herr Macey mit einiger Verachtung;„ſie tragen weder Wamms noch Hoſen: man kann nicht daraus klug werden.“ „Vater,“ ſagte Aaron, der eifrig zur Muſik ſtampfte,„wie iſt dieſe große Hahnenfeder in Frau Crackenthorp's Kopf hineingekommen? Hat ſie ein kleines Loch darin wie mein Federball?“ „Still Junge, ſtill, ſo kleiden ſich die vornehmen Damen einmal,“ antwortete der Vater, fügte jedoch leiſe gegen Herrn Macey hinzu:„Es gibt ihr doch ein comiſches Anſehen— ſie ſieht theilweiſe aus wie eine kurzhalſige Flaſche mit einer langen Feder⸗ ſpule darin; ei wahrhaftig, da führt eben der junge Squire Fräulein Nancy zum Tanze. Das iſt ein⸗ mal ein Mädchen— wie Milch und Blut— man begreift kaum wie man nur ſo hübſch ſein kann. Es ſollte mich nicht wundern wenn ſie eines Tags die gnädige Frau Caß würde— und dabei iſt ſie ſo rechtſchaffen; das gäbe ein herrliches Paar. An Herrn Gottfrieds Figuren werden Sie wohl nichts auszu⸗ ſezen haben, Herr Macey, darauf wollte ich wetten.“ Herr Macey verzog ſeinen Mund, lehnte ſeinen Kopf auf der einen Seite vorwärts und drehte ſei⸗ nen Daumen mit einer Preſtobewegung, während ſeine Augen Gottfried beim Tanze folgten. Endlich faßte er ſeine Anſicht zuſammen. „Sehr gut unten, aber ein Bischen zu rund in n 4 173 den Schulterblättern. Und was dieſe Röcke betrifft die er von dem Schneider in Flitton bekommt, ſo iſt dieß ein armſeliger Schnitt, wofür er noch das doppelte Geld bezahlen muß.“ „Ah Herr Macey, Sie und ich ſind zwei Leute,“ ſagte Ben mit einer leichten Entrüſtung über dieſe Stichelei.„Wenn ich einen Topf gutes Bier habe, ſo ſchluck ich es gern hinab und thue meinem Innern Gutes, ſtatt daß ich lange daran rieche und es an⸗ gaffe, ob ich nicht einen Fehler am Brauen finden kann. Zeigen Sie mir doch einmal einen jungen Mann mit ſchöneren Beinen als Herr Gottfried, einen Mann der Sie leichter zu Boden ſchlägt, oder luſtiger dreinſchaut, wenn er bei guter Laune iſt?“ „Bah!“ ſagte Herr Macey, der ſich zu erhöhter Strenge aufgefordert fühlte,„er hat ſeine rechte Farbe noch nicht; er ſieht theilweiſe aus wie eine lockergebackene Paſtete. Und ich möchte doch wiſſen ob er nicht eine weiche Stelle in ſeinem Kopf hat; denn warum ließ er ſich ſonſt von dieſem liederlichen Dunſey, den man in der lezten Zeit nicht mehr zu Geſicht bekommen hat, um den Finger herumwickeln, und warum erlaubte er ihm dieſes ſchöne Jagdpferd zu Schanden zu reiten, von dem man in der ganzen Umgegend ſprach? Und eine Zeitlang ging er immer Fräulein Nancy nach, denn es iſt auf einmal aus⸗ gegangen wie der Dampf einer heißen Suppe, möchte ich ſagen. So machte ichs nicht als ich auf Freiersfüßen ging.“ .„Vielleicht hat Fräulein Nancy die Spröde ge⸗ ſpielt und Ihr Mädchen nicht,“ meinte Ben. „Allerdings nicht,“ erwiderte Herr Macey be⸗ deutſam:„ehe ich A ſagte, erkundigte ich mich ge⸗ nau ob ſie wohl B ſagen würde, und zwar ohne viele Umſtände. Ich wollte nicht wie ein Hund nach einer Fliege ſchnappen, ohne Etwas zum Schlucken zu bekommen.“ „Nun ich denke, Fräulein Nancy wird ſich wohl anders beſinnen,“ ſagte Ben,„denn Herr Gottfried ſieht heute nicht ſo niedergeſchlagen aus. Und ich ſehe, er führt ſie jezt, nachdem der Tanz aus iſt, zu einem Size. Das ſieht ganz wie eine ernſte Pouſſage aus.“. Der Grund warum Gottfried und Nancy den Tanzplaz verlaſſen hatten, war kein ſo zärtlicher als Ben ſich einbildete. Im dichten Gedränge war Nancy ein Unfall mit ihrem Kleide zugeſtoßen, das zwar von vorn kurz genug war um ihren zierlichen Knöchel zu zeigen, von hinten aber lang genug um von dem ſtattlich ſtampfenden Fuße des Squire er⸗ faßt zu werden, ſo daß einige Maſchen an der Taille zerrißen und viel ſchweſterliche Aufregung in Pris⸗ cilla's Gemüth, wie auch ernſtliche Bekümmerniß in Nancy's Seele hervorriefen. Die Gedanken eines Mädchens können ſehr von Liebeskämpfen in An⸗ ſpruch genommen ſein, ſo wird ſie doch gegen eine Unordnung in der allgemeinen Maſchinerie der Dinge nicht unempfindlich bleiben. Nancy hatte nicht ſo⸗ bald ihre Pflicht bei der Figur welche ſie tanzten erfüllt, ſo ſagte ſie mit tiefem Erröthen zu Gottfried, ſie müſſe weggehen und ſich ſezen, bis Priscilla zu ihr kommen könne; denn die Schweſtern hatten be⸗ reits ein kurzes Geflüſter und einen großen ſehr bedeutſamen Blick mit einander gewechſelt. Kein 175 weniger dringender Grund als dieſer würde Nancy vermocht haben Gottfried dieſe Gelegenheit zu einer Beſprechung unter vier Augen zu verſchaffen. Gott⸗ fried ſeinerſeits fühlte ſich ſo glücklich und hatte über dem langen Zauber eines Contretanzes mit Nancy all ſeinen Kummer ſo vollſtändig vergeſſen, daß er, kühn gemacht durch ihre Verwirrung, im Stande war ſie ſogleich und ohne Bitte um Erlaubniß in den anſtoßenden kleinen Salon zu führen wo die Spieltiſche ſtanden. „O nein, ich danke Ihnen,“ ſagte Nancy kalt, ſobald ſie bemerkte wohin er gehen wollte;„nicht da hinein. Ich will hier warten bis Priscilla zu mir kommen kann. Ich bedaure ſehr daß ich Sie um den Tanz bringe und Ihnen läſtig werde.“ „Sie werden aber hier ganz allein weit behag⸗ licher ſein,“ verſezte der ſchlaue Gottfried;„ich werde Sie hier laſſen bis Ihre Schweſter kommen kann.“ Er ſprach in einem gleichgiltigen Tone. Das war ein angenehmer Vorſchlag und juſt was Nancy wünſchte; warum war ſie aber dennoch ein wenig beleidigt daß Herr Gottfried ihn gemacht hatte? Sie traten hinein und Nancy ſezte ſich an einen der Spieltiſche, als die ſteiſſte und unnahbarſte Haltung die ſie wählen konnte. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie ſogleich.„I brauche Sie nicht mehr zu bemühen. dneich tenden daß Sie eine ſo unglückliche Tänzerin hatten.“ „Das iſt ſehr boshaft von Ihnen,“ verſezte Gottfried, der neben ihr ſtehen blieb und durchaus keine Miene machte als ob er gehen wollte;„es 176 iſt ſehr boshaft daß Sie bedauern mit mir getanzt zu haben.“ 1 „O nein, ich wollte durchaus nichts Boshaftes ſagen,“ erwiderte Nancy, die verzweifelt niedlich und hübſch ausſah;„wenn die Herren ſo viele Ver⸗ gnügungen haben, ſo kann ihnen ein einziger Tanz nur ſehr wenig ausmachen.“ „Sie wiſſen ſelbſt daß das nicht wahr iſt. Sie wiſſen daß ein einziger Tanz mit Ihnen mir mehr gilt als alle andern Vergnügungen in der Welt.“ Es war ſchon ſehr lange her daß Gottfried nichts ſo Directes mehr geſagt hatte, und Nancy er⸗ ſchrack. Aber ihre inſtinctmäßige Würde und ihr feſter Vorſaz keine Aufregung zu zeigen, machte daß ſie ganz ruhig ſizen blieb und nur etwas mehr Entſchiedenheit in ihre Stimme legte, als ſie ſagte: „Nein wahrhaftig, Herr Gottfried, das iſt mir nicht bekannt, und ich habe ſehr gute Gründe anders zu denken. Aber wenn es wahr iſt, ſo wünſche ich es nicht zu hören.“ „Würden Sie mir alſo nie verzeihen, Nancy— würden Sie nie gut von mir denken, was auch ge⸗ ſchehen möchte? Würden Sie nie denken daß die Gegenwart für die Vergangenheit Buße thue? Auch nicht wenn ich ein braver Burſche würde und Alles aufgäbe was Ihnen nicht gefällt?“ Gottfried war ſich halb bewußt daß dieſe plöz⸗ liche Gelegenheit Nancy allein zu ſprechen ihn über ſein Ziel hinausgetrieben; aber blindes Gefühl hatte die Herrſchaft über ſeine Zunge gewonnen. Nancy fühlte ſich in der That ſebr aufgeregt durch die Möglichkeit die in Gottfrieds Worten angedeutet 177 wurde, aber gerade dieſer Druck der Gemüths⸗ bewegung, den ſie zu ſtark zu finden in Gefahr ſtand, rüttelte ihre ganze Kraft der Selbſtbeherrſchung auf. „Ich würde gerne bei Jedermann eine tüchtige Veränderung ſehen, Herr Gottfried,“ antwortete ſie in möglichſt unverändertem Tone,„aber es wäre beſſer wenn keine Veränderung nöthig wäre.“ „Sie ſind ſehr hartherzig, Nancy,“ ſagte Gott⸗ fried empfindlich;„Sie könnten mich zur Beſſerung ermuthigen. Ich bin ſehr unglücklich— aber Sie haben kein Gefühl.“ „Ich denke, diejenigen haben am wenigſten Ge⸗ fühl die mit unrechten Handlungen beginnen,“ er⸗ widerte Nancy, indem ſie unwillkührlich einen Bliz entſandte. Gottfried war froh über dieſen kleinen Bliz, er würde gerne fortgefahren und Streit mit ihr angefangen haben; Nancy war ſo zum Verzwei⸗ feln ruhig und feſt. Sie war alſo doch nicht gleich⸗ giltig gegen ihn. Der Eintritt Priscilla's, die geſchäftig heraneilte und ſagte:„Um Gottes Barmherzigkeit, mein Kind, laß uns nach dieſem Kleide ſehen,“ ſchnitt Gottfrieds Hoffnung auf einen Streit ab. „Vermuthlich muß ich jezt gehen,“ ſagte er zu Priscilla. „Es iſt mir ganz gleichgiltig ob Sie gehen oder bleiben,“ antwortete dieſe offenherzige Dame, indem ſie mit ſorgenvoller Stirne nach Etwas in ihrer Taſche ſuchte. „Wünſchen Sie daß ich gehen ſoll?“ ſagte Gottfried mit einem Blick auf Nancy, die jezt auf Priscilla's Befehl aufſtand. Eliot, Silas Marner. 12 178 „Wie Sie wollen,“ antwortete Nancy, indem ſie ihre ganze frühere Kälte wieder zu gewinnen verſuchte und ſorgfältig auf den Saum ihres Kleides hinabſah. „Dann will ich bleiben,“ ſagte Gottfried mit einer leichtfertigen Entſchloſſenheit die Freuden dieſes Abends ſo gut als möglich zu genießen und anf den morgenden Tag nicht zu denken. 3 Zwölftes Capitel. Während Gottfried Caß aus Nancy's holder Gegenwart einen Trank der Vergeſſenheit um den andern ſchlürfte, während er bereitwillig jedes Ge⸗ fühl für das geheime Band verlor das ihm ſonſt jeden Augenblick vergällte und den hellſten Sonnen⸗ ſchein trübte, ging Gottfrieds Weib mit langſamen, unſichern Schritten durch die ſchneebedeckten Gaſſen von Raveloe, ihr Kind in den Armen tragend. 2 Dieſe Reiſe am Neujahrsabend war ein vorbe⸗ dachter Act der Rache, den ſie ſich vorgenommen ſeit Gottfried in einem Anfall heftigen Zornes ihr erklärt hatte daß er eher ſterben als ſie anerkennen würde. Im rothen Hauſe war in der Neujahrs⸗ nacht große Geſellſchaft, das wußte ſie: ihr Mann mußte da lächeln und lauter lächelnden Geſichtern begegnen, während er ihr Daſein in dem dunkelſten Winkel ſeines Herzens verbarg. Aber ſie wollte ihm ſeine Luſt verderben: ſie wollte in ihren ſchmu⸗ zigen Lumpen, mit ihrem abgewelkten Geſichte, das einſt den ſchönſten nichts nachgegeben, mit ihrem kleinen Kind, das ſeines Vaters Haare und Augen hatte, hingehen und —cedͤ—— 89— 8——— N 2 8 3 179 ſich dem Squire als die Frau ſeines älteſten Sohnes entdecken. Es iſt ſelten daß ein Unglücklicher ſich's verſagen kann ſein Elend als ein Unrecht von Sei⸗ ten derjenigen zu betrachten die weniger elend ſind. Molly wußte daß die Urſache ihrer ſchmuzigen Lum⸗ pen nicht die Vernachläßigung ihres Mannes war, ſondern der Dämon Opium, in deſſen Sclaverei ſie mit Leib und Seele verfallen, nur daß noch Mut⸗ terzärtlichkeit in ihr wohnte und ſich weigerte ihm ihr hungriges Kind zu überliefern. Sie wußte dieß wohl, und dennoch verwandelte ſich in den Augen⸗ blicken jammervollen, unbetäubten Bewußtſeins das Gefühl ihres Mangels und ihrer Herabwürdigung beſtändig in Bitterkeit gegen Gottfried. Er war wohl daran; und wenn ſie ihre Rechte hätte, ſo wäre auch ſie wohl daran. Der Glaube daß er ſeine Heirath bereue und darunter leide, ſteigerte ihre Rachſucht noch mehr. Gedanken gerechter Selbſt⸗ vorwürfe kommen uns, ſelbſt in der reinſten Luft und bei den beſten Lehren von Himmel und Erde, nicht allzu häufig; wie ſollten dieſe weißbeſchwingten zarten Boten ihren Weg in Mollys vergiftete Kam⸗ mer finden, wo keine höhern Erinnerungen wohnten als die von einem Schenkmädchenparadies mit Roſa⸗ bändern und Scherzen vornehmer Herrn? Sie war früh aufgebrochen, hatte ſich aber un⸗ terwegs verweilt, weil ihre Indolenz ſie glauben ließ, wenn ſie unter einem warmen Schuppen warte, ſo werde das Schneien aufhören. Sie hatte länger gewartet als ſie wußte, und jezt, da ſie ſich in den ſchneebedeckten langen Gaſſen verſpätet ſah, konnte ſelbſt die Aufregung eines Racheplanes ihnzn Geit . 2 180 nicht von gänzlicher Ermattung frei halten. Es war ſieben Uhr, und um dieſe Zeit befand ſie ſich nicht ſehr fern von Raveloe; aber ſie war mit die⸗ ſen eintönigen Gaſſen nicht vertraut genug, um zu wiſſen wie nahe ſie dem Ziel ihrer Reiſe war. Sie bedurfte Troſt, und ſie kannte nur einen einzigen Tröſter, den spiritus familiaris in ihrem Buſen; aber nachdem ſie den ſchwarzen Reſt herausgezogen,„ zögerte ſie einen Augenblick bevor ſie ihn zu ihren Lippen erhob. In dieſem Augenblick ſprach die Mutterliebe mehr für peinliches Bewußtſein als für Vergeſſenheit; ſie ſprach dafür eher in ſchmerzlicher Erſchöpfung zu verbleiben, als die umſchließenden Arme ſo betäuben zu laſſen, daß ſie die theure Laſt nicht fühlen konnten. Im nächſten Augen⸗ blick hatte Molly Etwas weggeſchleudert, aber es war nicht der ſchwarze Reſt, es war ein leeres Fläſchchen. Und ſie ſchritt wieder dahin unter der zerreißenden Wolke aus welcher von Zeit zu Zeit das Licht eines ſchnell verſchleierten Sternes her⸗ vorkam; denn ein eiskalter Wind hatte ſich erhoben ſeit es nicht mehr ſchneite. Aber ſie ging immer verdroſſener und preßte immer automatenartiger das ſchlafende Kind an ihre Bruſt. Langſam ſezte der Dämon ſeinen Willen durch, und Kälte und Erſchöpfung waren ſeine Helfer. Bald fühlte ſie Nichts mehr als ein unwiderſtehliches Verlangen das über die ganze Zukunft einen Vor⸗ hang zog, das Verlangen ſich niederzulegen und zu ſchlafen. Sie war an einer Stelle angelangt wo ihre Tritte nicht länger durch eine Hecke gehemmt wurden, und ſie war ins Unbeſtimmte hinein fort⸗ 181 gewandert, ohne troz der weiten weißen Fläche um ſie her und des zunehmenden Sternenlichtes einen Gegenſtand unterſcheiden zu können. Sie ſank an einem einſamen Ginſterbuſche nieder, einem Kiſſen das bequem genug war, und auch das Bett von Schnee war weich. Sie fühlte nicht daß das Bett kalt war, und ſie fragte nichts darnach ob das Kind erwachen und nach ihr ſchreien würde; aber ihre Arme ließen in ihrer inſtinctmäßigen Anklammerung noch nicht los, und die Kleine ſchlummerte ſo ſanft fort als würde ſie in einer mit Spizen aufgepuzten Wiege geſchaukelt. Aber zulezt kam die vollſtändige Erſtarrung: die Finger verloren ihre Spannkraft, die Arme er⸗ ſchlafften; dann ſiel der kleine Kopf von der Bruſt herab und die blauen Augen öffneten ſich weit in dem kalten Sternenlicht. Zuerſt war es ein ver⸗ drießliches Schreien nach Mama und eine Anſtren⸗ gung um die Arme und die Bruſt wieder zu gewin⸗ nen welche als Kiſſen gedient hatten; aber Mama's Ohr war taub und das Kiſſen ſchien rückwärts hin⸗ wegzugleiten. Plözlich, als das Kind auf den Schooß ſeiner Mutter hinabrollte, der ganz naß von Schnee war, wurden ſeine Augen von einem hellen glänzen⸗ den Licht auf dem weißen Grunde getroffen, und mit dem raſchen Uebergang der Kindheit verſank es augenblicklich in die Beobachtung des glänzenden lebendigen Dinges das in ſeiner Richtung heranlief, aber nie ankam. Dieſes glänzende lebendige Ding mußte gefangen werden, und im Nu war das Kind auf allen Vieren davongekrochen und ſtreckte ein Händchen aus um den Schimmer zu erhaſchen. Aber ——BB—õõ der Schimmer wollte ſich nicht auf dieſe Art fangen laſſen, und jezt wurde der Kopf emporgehalten, um zu ſehen woher dieſer ſchlaue Schimmer kam. Er kam von einem ſehr glänzenden Plaze, und die Kleine, die ſich jezt auf ihre Beine erhob, watſchelte durch den Schnee, den alten ſchmuzigen Shawl worein ſie gehüllt war nachſchleppend, während das ſchief⸗ ſizende Häubchen auf den Rücken hinabbaumelte. Sie wackelte bis an Silas Marners offene Haus⸗ thüre und gerade auf den Herd zu, wo ein helles Feuer von Klözen und Reiſach brannte, das den alten Sack(des Webers Ueberrock), der zum Trock⸗ nen über die Ziegel hingebreitet war, vollſtändig durchwärmt hatte. Die Kleine, die gewöhnt war lange Stunden ſich ſelbſt überlaſſen zu werden, ohne daß ihre Mutter die mindeſte Notiz von ihr nahm, kauerte ſich auf den Sack nieder, breitete ganz ver⸗ gnügt ihre ſchmächtigen Hände gegen das Feuer aus, gluckte und machte der luſtigen Flamme gar manche unarticulirte Mittheilungen, wie ein friſch ausgekrochenes Gänschen das ſich behaglich zu fühlen anfängt. Aber auf einmal hatte die Wärme eine einlullende Wirkung und das goldene Köpfchen ſank auf den alten Sack hinab, und die blauen Augen wurden verſchleiert von ihren zarten halbdurchſichtigen Wimpern. Aber wo weilte Silas Marner, während dieſer ſeltſame Gaſt an ſeinen Herd gekommen war? Er war in der Hütte, aber er ſah das Kind nicht. In den lezten paar Wochen ſeit dem Verluſt ſeines Gel⸗ des hatte er die Gewohnheit angenommen ſeine Thüre zu öffnen und von Zeit zu Zeit hinauszuſchauen, 4. 2 4 8 ———— — V 183 als dächte er, ſein Geld könnte auf die eine oder andere Weiſe zu ihm zurückkommen, oder irgend eine Spur, eine Kunde davon könnte geheimnißvoll auf die Straße gelangen und von dem lauſchenden Ohr oder dem angeſtrengten Auge erhaſcht werden. Be⸗ ſonders bei Nacht, wenn er nicht in ſeinem Web⸗ ſtuhl beſchäftigt war, verfiel er in dieſe Wiederholung eines Actes für welchen er keinen beſtimmten Zweck hätte angeben können, und der nur ſolchen begreif⸗ lich erſcheinen wird die ſelbſt eine zum Wahnſinn treibende Trennung von einem namenlos geliebten Gegenſtand durchgemacht haben. Im abendlichen Zwielicht und ſpäter wenn die Nacht nicht dunkel war, ſah Silas in dieſe eng begränzte Umgebung der Steinbrüche hinaus, lauſchend und ſtarrend, nicht mit Hoffnung, ſondern mit banger Sehnſucht und Ruheloſigkeit. Dieſen Morgen hatten einige Nachbarn ihm ge⸗ ſagt daß es Neujahrsabend ſei, und daß er aufblei⸗ ben und das alte Jahr aus⸗ und das neue einläu⸗ ten hören müſſe, weil dieß Glück bringe und ihm wieder zu ſeinem Geld verhelfen könne. Es war dieß bloß ein freundlicher Raveloer Scherz mit den halb närriſchen Sonderbarkeiten eines Knickers, aber es hatte vielleicht dazu beigetragen Silas in einen ungewöhnlich aufgeregten Zuſtand zu verſezen. Seit dem Eintritt der Dämmerung hatte er ſeine Thüre einmal ums andere geöffnet, jedoch nur um ſie augenblicklich wieder zuzumachen, als er die ganze Gegend von dem fallenden Schnee eingehüllt ſah. Aber das lezte Mal wo er ſie öffnete, hatte der Schnee aufgehört und die Wolken vertheilten ſich da .. 184 und dort. Er blieb ſtehen und lauſchte und ſtarrte eine lange Weile— es war wirklich Etwas auf der Straße was da auf ihn zukam, aber er erhaſchte kein Zeichen davon, und die Stille ſowie der weite ſpurloſe Schnee ſchienen ſeine Einſamkeit noch enger zu umgrenzen und ergriffen ſein ſehnendes Herz mit der Kälte der Verzweiflung. Er ging wieder hinein und legte ſeine rechte Hand auf die Thürklinke um zuzumachen— aber er machte nicht zu: er wurde, wie es ihm ſeit ſeinem Verluſt bereits geſchehen, von dem unſicht⸗ baren Zauberſtab der Starrſucht aufgehalten und ſtand wie ein gravirtes Bild da mit weiten, aber blickloſen Augen, ſeine Thüre offen haltend, unfähig dem Guten oder Böſen zu widerſtehen was etwa hereinkommen mochte. Als Marner wieder zum Bewußtſein kam, ſezte er die unterbrochene Thätigkeit fort und machte die Thüre zu, ohne die Lücke in ſeinem Bewußtſein oder eine inzwiſchen eingetretene Veränderung zu bemer⸗ ken, ausgenommen daß das Licht trübe geworden und daß er kalt und ſchwach war. Er dachte, er habe zu lange an der Thüre geſtanden und hinaus⸗ geſchaut. Er wandte ſich gegen den Herd wo die zwei Scheite auseinandergefallen waren und nur noch einen rothen unſicheren Schimmer entſandten, ſezte ſich auf ſeinen Stuhl an der Feuerſeite und bückte ſich um die Scheite zuſammenzuſtoßen. Da ſchien es auf einmal ſeinem blöden Blicke als ob auf dem Boden vor dem Herde Gold blinkte. Gold! — ſein eigenes Gold— ihm eben ſo geheimniß⸗ voll zurückgebracht wie es ihm entwendet worden. Er fühlte daß ſein Herz heftig zu klopfen begann, —--— — — 18⁵ und einige Augenblicke war er unfähig die Hand auszuſtrecken und den zurückgegebenen Schaz zu er⸗ greifen. Der Goldhaufe ſchien zu glühen und ſich zu vergrößern unter ſeinem aufgeregten Blicke. End⸗ lich bog er ſich vorwärts und ſtreckte ſeine Hand aus. AÄber ſtatt der harten Münze mit dem ver⸗ trauten widerſtehenden Umriß kamen weiche warme Locken zwiſchen ſeine Hände. Gänzlich verblüfft fiel Silas auf ſeine Kniee und beugte ſeinen Kopf hinab um das Wunder zu unterſuchen: es war ein ſchla⸗ fendes Kind— ein rundes hübſches Kind mit wei⸗ chen gelben Ringeln auf dem ganzen Kopfe. Konnte dieß ſein Schweſterchen ſein das in einem Traum zu ihm zurückgekommen, das er ein Jahr bevor es ſtarb in ſeinen Armen herumgetragen, als er ein kleiner Junge ohne Schuhe und Strümpfe war? Dieß war der erſte Gedanke der durch ſein leeres verwundertes Gehirn ſchoß. War es ein Traum? Er erhob ſich wieder auf ſeine Füße, ſchob ſeine Scheite zuſammen, warf einiges dürres Laub und Reiſach hinein und fachte eine Flamme an; aber die Flamme verſcheuchte die Viſion nicht, ſondern beglänzte nur um ſo deut⸗ licher die kleine runde Form des Kindes und ſeine ſchäbige Kleidung. Es hatte ſehr große Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter. Silas ſank rathlos in ſeinen Stuhl unter dem doppelten Einfluß einer unerklär⸗ lichen Ueberraſchung und eines haſtigen Eindringens von Erinnerungen. Wie und wann war das Kind ohne ſein Vorwiſſen hereingekommen? Er war nie vor der Thüre draußen geweſen. Aber zugleich mit dieſer Frage und ſie beinahe verdrängend, kam eine Viſion von der alten Heimath und den alten Straßen 7 186 die zum Laternenhof führten— und innerhalb dieſer Viſion eine andere von den Gedanken die ihn in jenen entlegenen Orten umſchwebt hatten. Die Ge⸗ danken waren ihm jezt fremd, wie alte Freundſchaf⸗ ten die ſich nimmer ins Leben zurückrufen laſſen, und doch hatte er ein träumeriſches Gefühl daß dieſes Kind irgendwie eine Botſchaft ſei die ihm aus die⸗ ſem längſt entſchwundenen Leben zugekommen. Es erregte Fibern die in Raveloe niemals in Bewegung geſezt worden, altes Gezitter der Zärtlichkeit— alte Eindrücke heiliger Scheu bei der Ahnung einer Macht die ſein Leben beherrſche, denn ſeine Einbildungs⸗ kraft hatte ſich noch nicht von dem Gefühl einer myſteriöſen Einwirkung bei dem plözlichen Erſcheinen des Kindes losgemacht und noch keine Muthmaßung über gewöhnliche, natürliche Mittel entworfen wo⸗ durch das Ereigniß herbeigeführt worden ſein konnte. Aber nun erhob ſich ein Geſchrei am Herde. Das Kind war erwacht, und Marner bückte ſich um es auf ſeinen Schooß zu nehmen. Es klammerte ſich an ſeinen Hals und brach immer lauter in jenes Gemiſche von unarticulirtem Geſchrei und Mama⸗ rufen aus, wodurch kleine Kinder die Beſtürzung des Erwachens ausdrücken. Silas preßte es an ſich und äußerte beinahe unbewußt Töne beſchwichtigender Zärtlichkeit, während er dachte, ein Bischen Suppe, die bei dem erſterbenden Feuer kalt geworden war, könnte dem Kinde wohl thun, wenn er ſie nur ein wenig aufgewärmt hätte. Er hatte in der nächſten Stunde vollauf zu thun. Die Suppe, ſüß gemacht durch etwas brau⸗ nen Zucker den er ſchon lange aufgehoben hatte, 187 brachte die Kleine zum Schweigen, und nun ſchlug ſie ihre blauen Augen mit einem weiten ruhigen Blick gegen Silas auf. Dann glitt ſie von ſeinem Schooße herab und begann herumzuwatſcheln, aber mit einem hübſchen Getaumel, ſo daß Silas auf⸗ ſprang und ihr nachlief, damit ſie nicht über Etwas fallen und ſich weh thun ſollte. Aber ſie fiel bloß in eine ſizende Poſitur auf den Boden und begann an ihren Schuhen zu zerren, indem ſie weinend zu ihm aufſah, als ob die Schuhe ſie drückten. Er nahm ſie wieder auf ſeinen Schooß, aber es koſtete einige Zeit bis es ſeinem blöden Hageſtolzkopf ein⸗ fiel daß die naſſen Schuhe der beſchwerliche Gegen⸗ ſtand waren der auf ihre warmen Kvöchel drückte. Er zog ſie mit Mühe ab und das Kind beſchäftigte ſich ſogleich voll Vergnügen mit dem urſprünglichen Myſterium ſeiner eigenen Zehen, indem es Silas unter lautem Lachen einlud das Myſterium ebenfalls zu betrachten. Aber die naſſen Stiefelchen hatten Silas endlich auf den Gedanken gebracht daß das Kind im Schnee gegangen ſei, und dieß rüttelte ihn auf aus ſeiner Vergeßlichkeit in Bezug auf alle ge⸗ wöhnlichen Mittel wodurch es ins Haus gekommen oder gebracht worden ſein konnte. Unter dem An⸗ trieb dieſer neuen Idee und ohne ſich lange mit Muthmaßungen abzugeben, hob er das Kind auf ſeine Arme und ging an die Thüre. Sobald er ſie geöffnet hatte, begann das Mamggeſchrei wieder, das Silas ſeit dem erſten hungrigen Erwachen des Kindes nicht gehört hatte. Indem er ſich vorbeugte, konnte er juſt die Spuren entdecken welche die klei⸗ nen Füße auf dem jungfräulichen Schnee gemacht 188 hatten, und er folgte ihnen bis an die Ginſterbüſche. Mamal rief die Kleine einmal ums andere wieder, in⸗ dem ſie ſich ſo vorwärts ſtreckte daß ſie beinahe von ſeinen Armen herabwiſchte, bevor Silas ſelbſt gewahr wurde daß noch etwas Anderes als der Buſch vor ihm lag— daß da ein menſchlicher Körper war mit dem Kopf tief in den Ginſter eingeſunken und halb⸗ bedeckt von dem lockeren Schnee. Dreizehntes Capitel. Es war nach dem frühen Abendſchmaus im rothen Hauſe, und die Unterhaltung befand ſich in dem Stadium wo ſelbſt die Blödigkeit in zwangloſe Jo⸗ vialität überging, wo die Herren, ungewöhnlicher Talente ſich bewußt, vermocht werden konnten einen Hornpipe zu tanzen, und wo der Squire lieber laut ſprach, Tabak verſchüttete und ſeine Gäſte auf den Rücken klopfte, als noch länger am Whiſttiſche ſaß, eine Wahl welche Onkel Kimble erbitterte, denn ſtets lebhaft in nüchternen Geſchäftsſtunden, wurde er bei Karten und Grog grimmig und verſeſſen, miſchte mit argwöhniſchem Blick die Karten vor ſeinem Gegner und ſchlug einen niedern Trumpf mit unausſprechlichem Aerger um, als ob in einer Welt wo ſolche Dinge begegnen könnten, auch das allerliederlichſte Leben möglich wäre. Als der Abend bis zu dieſem Gipfelpunkt der Freiheit und des Ge⸗ nuſſes vorgerückt war, durften die Dienſtboten, nach⸗ dem ſie die ſchweren Pflichten über das Mahl gut erfüllt, ſich amüſiren und dem Tanze zuſehen, ſo — — 189 daß die hintern Regionen des Hauſes ganz verödet waren. Es gab zwei Thüren durch welche man von der Halle her in den großen Salon gelangte, und ſie ſtanden beide der Luft wegen offen, aber die un⸗ tere war von den Dienſtboten und Dorfbewohnern verſperrt, und nur der obere Thorweg war frei gelaſſen. Bob Caß figurirte eben in einem Horn⸗ pipe, und ſein Vater, der auf dieſen geſchmeidigen Sohn ſehr ſtolz war und zu wiederholten Malen er⸗ klärt hatte, derſelbe ſei juſt ſein eigenes Abbild aus ſeiner Jugend, was, nach dem Tone zu ſchließen, den höchſten Stempel jugendlicher Auszeichnung be⸗ deuten ſollte, war der Mittelpunkt einer Gruppe die ſich nicht weit von der obern Thüre dem Künſtler gegenüber aufgeſtellt hatte. Gottfried ſtand ein wenig abſeits, nicht um des Bruders Tanz zu bewundern, ſondern um Nancy im Auge zu behalten, die neben ihrem Vater in der Gruppe ſaß. Er ſtand abſeits, weil er ſich nicht den väterlichen Scherzen des Squire in Bezug auf Heirath und Fräulein Nancy's Schön⸗ heit bloßſtellen wollte, zumal da dieſelben voraus⸗ ſichtlich immer handgreiflicher wurden. Aber er hatte die Ausſicht nach Beendigung des Hornpipe noch einmal mit ihr zu tanzen, und inzwiſchen war es ſehr angenehm ganz unbemerkt lange Blicke auf ſie zu werfen. Aber als Gottfried nach einem dieſer langen Blicke ſeine Augen aufſchlug, begegneten ſie einem Gegenſtand der ihn wie eine Geiſtererſcheinung ſchreckte. Es war auch eine Erſcheinung aus dieſem verbor⸗ genen Leben, das wie eine dunkle Nebenſtraße hinter 191 die Beſorgniß daß das Weib nicht wirklich todt ſein möchte. Das war eine böſe Angſt, ein garſtiger Inſaſſe der ſich in Gottfrieds freundlichem Gemüth eingeniſtet hatte; aber keine Gemüthsart gibt einem Manne deſſen Glück von Doppelzüngigkeit abhängt Sicherheit vor böſen Wünſchen. „Still, ſtill,“ ſagte Herr Crackenthorp.„Geht in die Halle hier hinaus. Ich will Euch den Doctor holen. Er fand eine Frau im Schnee und glaubt daß ſie todt ſei,“ fügte er leiſe gegen den Squire hinzu.„Man muß ſo wenig als möglich davon ſpre⸗ chen. Die Damen werden ſich entſezen. Man darf ihnen bloß ſagen, eine arme Frau ſei krank gewor⸗ den durch Kälte und Hunger. Ich will hingehen und Kimble holen.“ Mittlerweile hatten ſich die Damen vorange⸗ drängt, um zu erfahren was wohl den einſamen Leinenweber unter ſolch ſonderbaren Umſtänden hie⸗ hergebracht haben möge; auch intereſſirten ſie ſich für das hübſche Kind, das halb geängſtet, halb angezo⸗ gen durch den Glanz und die zahlreiche Geſellſchaft, bald die Stirne runzelte und ſein Geſicht verbarg, bald wieder den Kopf aufrichtete und freundlich um ſich ſah, bis eine Berührung oder ein liebkoſendes Wort das Stirnerunzeln zurückführte und die Kleine mit neuer Entſchloſſenheit ihr Geſicht verbarg. „Was iſt das für ein Kind?“ fragten mehrere Damen, und unter andern Nancy Lammeter, indem ſie ſich an Gottfried wandten. „Ich weiß nicht, vermuthlich gehört es dem armen Weib das im Schnee gefunden worden iſt,“ war die Antwort die Gottfried mit einer furchtbaren An⸗ ſtrengung ſich ſelbſt entrang.„Im Uebrigen kann ich Richts beſtimmt wiſſen,“ fügte er leiſe hinzu, in⸗ dem er ſeinem eigenen Gewiſſen vorgriff. „Dann ſolltet Ihr das Kind hier laſſen, Meiſter Marner,“ meinte die gutmüthige Frau Kimble, ob⸗ ſchon ſie Anſtand nahm dieſe ſchmuzigen Kleider mit ihrem eigenen zierlichen Atlasleibchen in Berührung zu bringen.„Ich will zu einem der Mädchen ſagen daß ſie es holen ſoll.“ „Nein— nein— nein, ich kann mich nicht von ihm trennen, ich kann nicht von ihm laſſen,“ ſagte Silas kurz.„Ich habe es vor wenigen Augenblicken gefunden, ich habe ein Recht es zu behalten.“ Der Vorſchlag ihm das Kind abzunehmen war Silas ganz unerwartet gekommen, und was er unter einem ſtarken plözlichen Antrieb ſagte, war für ihn ſelbſt beinahe wie eine Offenbarung; eine Minute vorher hatte er keine beſtimmte Abſicht in Betreff des Kindes. „Haben Sie je ſo was gehört?“ ſagte Frau Kimble in gelinder Ueberraſchung zu ihrem Nachbar. „Nun, meine Damen, ich muß Sie erſuchen auf die Seite zu treten,“ ſagte Herr Kimble, als er aus dem Spielzimmer trat, zwar etwas erbittert durch die Störung, aber doch durch die lange Gewohnheit ſeines Berufs zum Gehorſam ſelbſt bei unangeneh⸗ men Aufträgen abgerichtet, auch wenn er kaum nüch⸗ tern war. „Es iſt eine garſtige Geſchichte jezt hinaus zu müſſen, nicht wahr, Kimble?“ ſagte der Squire. „Es könnte Etwas für den jungen Burſchen, den Lehrling ſein— wie heißt er doch?“ 193 „Da hilft jezt kein Gerede,“ brummte Onkel Kimble, indem er mit Marner hinauseilte, während Crackenthorp und Gottfried ihm folgten.„Sei ſo gut und gib mir dicke Stiefel, Gottfried, und halt, es ſoll Jemand zu Winthrops laufen und Dolly holen. Sie iſt die beſte Frau die man bekommen kann. Ben war vor dem Eſſen ſelbſt da. Iſt er gegangen?“ „Ja, Herr, ich bin ihm begegnet,“ antwortete arner,„aber ich konnte mich nicht lange mit ihm aufhalten, ſondern ſagte ihm bloß daß ich den Doc⸗ tor haben wolle, und er ſagte mir daß der Doctor beim Squire ſei. Und nun rannte ich ſo ſchnell als möglich weiter, und da im hinteren Theil des Hau⸗ ſes Niemand zu ſehen war, ſo ging ich hieher wo die Geſellſchaft ſich aufhielt.“ Das Kind, das nicht länger durch das glänzende Licht und die freundlichen Frauengeſichter zerſtreut wurde, begann zu ſchreien und Mama zu rufen, ob⸗ ſchon es ſich fortwährend an Marner feſtklammerte, der augenſcheinlich ſein vollſtändiges Vertrauen ge⸗ wonnen hatte. Gottfried war mit den Stiefeln zu⸗ rückgekommen, und jeder Schrei des Kindes machte ihm eine Empfindung als würde eine Fiber in ſei⸗ nem Innern ſtraff angezogen. „Ich will gehen,“ ſagte er haſtig, da er ſich nach einer Bewegung ſehnte.„Ich will ſelbſt hingehen und Frau Winthrop holen.“ „Ah bah, ſchick ſonſt Jemand,“ ſagte Onkel Kimble, indem er mit Marner wegeilte. „Laſſen Sie michs wiſſen wenn ich irgendwie Eliot, Silas Marner. 13 194 nüzlich ſein kann, Kimble,“ ſagte Herr Crackenthorp. Aber der Doctor war bereits außer Gehörweite. Auch Gottfried war verſchwunden: er war ge⸗ gangen um ſeinen Hut und Stock zu holen, da er juſt Beſinnung genug hatte um ſich zu erinnern daß er nicht wie ein Narr ausſehen durfte; aber er ſtürzte aus dem Hauſe in den Schnee hinaus ohne auf ſeine dünnen Schuhe zu achten. In wenigen Minuten war Gottfried auf dem Gange nach den Steinbrüchen mit Dolly, die, ob⸗ ſchon ſie wohl einſah daß es ihr ſelbſt vollkommen anſtand in einem Drange von Barmherzigkeit der Kälte und dem Schnee Troz zu bieten, doch noch ſehr darüber bekümmert war daß ein junger Herr in Folge gleichen Dranges naſſe Füße bekommen könnte. „Sie ſollten zurückgehen, Herr,“ ſagte Dolly mit reſpectsvollem Mitleid,„Sie haben keinen Grund ſich zu erkälten, und ich möchte Sie bitten auf Ihrem Rückweg meinen Mann herzuſchicken— er iſt ohne Zweifel im Regenbogen— wenn Sie ihn etwa nüchtern enug finden daß man ihn zu etwas brauchen kann. Aber ſonſt könnte Frau Snell den Jungen herſchicken um Gange zu machen, wenn man vielleicht Etwas vom Doctor braucht.“ „Nein ich bleibe, jezt bin ich ſchon hier— ich will hier bleiben,“ ſagte Gottfried, als ſie an Mar⸗ ners Hütte kamen.„Ihr könnt kommen und mirs ſagen wenn ich Etwas thun kann.“ „Sie ſind wirklich ſehr gütig, Herr, Sie haben ein zärtliches Herz,“ ſagte Dolly, indem ſie an die Thüre ging. 195 Gottfried hatte ſeinen Kopf zu voll von ſchmerzlichen Gedanken, als daß ihn bei dieſem unverdienten Lob ein Selbſtvorwurf gequält hätte. Er ging auf und nieder, ohne zu bemerten daß er bis an die Knöchel im Schnee ſtampfte, ohne ſich einer andern Empfindung als banger Angſt in Bezug auf die etwaigen Vor⸗ gänge in der Hütte und die CEinwirkungen jedes neuen Umſtandes auf ſein künftiges Schickſal bewußt zu ſein. Nein, ſeine Bewußtloſigkeit erſtreckte ſich nicht ganz ſo weit. Tiefer unten und halb erſtickt durch leidenſchaftliches Verlangen und quälende Furcht, ſaß das Gefühl daß er dieſe Umſtände gar nicht ab⸗ warten, ſondern die Folgen ſeiner Thaten auf ſich nehmen, das unglückliche Weib anerkennen und die Anſprüche des hilfloſen Kindes erfüllen ſollte. Aber er beſaß nicht genug ſittlichen Muth um dieſe ent⸗ ſchiedene Verzichtleiſtung auf Nancy für möglich zu halten: ſein Gewiſſen und Gemüth reichte nur ſo weit, daß die Schwäche wodurch er ſich dieſe Ver⸗ zichtleiſtung verbieten ließ ihn höchſt unbehaglich machte. Und in dieſem Augenblick hüpfte ſein Geiſt von allem Zwang hinweg zu der plözlichen Ausſicht auf Befreiung von ſeiner langen Knechtſchaft. „Iſt ſie todt?“ ſagte die Stimme die über jede andere in ſeinem Innern vorherrſchte;„wenn ſie es iſt, ſo kann ich Nancy heirathen, und dann werde ich in Zukunft ein braver Burſche ſein und keine Geheimniſſe haben, und das Kind— das ſoll auf ie eine oder andere Weiſe verſorgt werden.“ Aber durch dieſe Viſion hindurch kam die andere Möglich⸗ keit:„Sie kann auch noch leben und dann iſt es ganz aus mit mir.“ 13* Gottfried wußte nicht wie lange es währte bis die Hütte ſich öffnete und Herr Kimble herauskam. Er ging ſeinem Onkel entgegen und hielt ſich darauf gefaßt die Aufregung zu unterdrücken die ihn über⸗ kommen mußte, wie auch die Botſchaft lauten mochte. „Ich wollte Dich erwarten, da ich einmal ſo weit war,“ ſagte er, zuerſt ſprechend. „Bah, es war Unſinn von Dir daß Du ſo weit kamſt. Warum ſchickteſt Du nicht einen von der Dienerſchaft? Es iſt da Nichts zu machen. Sie iſt todt— ſchon ſeit Stunden, glaube ich.“ „Was für ein Weib iſt es?“ fragte Gottfried, dem das Blut ins Geſicht ſtrömte. „Ein junges Weib, aber abgemagert, mit langen ſchwarzen Haaren, eine Landſtreicherin— ganz zer⸗ lumpt. Doch hat ſie einen Ehering. Man muß ſie morgen ins Armenhaus bringen. Komm jezt mit.“ „Ich will ſie doch ſehen,“ ſagte Gottfried.„Ich meine geſtern ein ſolches Weib bemerkt zu haben. Ich hole Dich in ein paar Minuten ein.“ Herr Kimble ging und Gottfried kehrte nach der Hütte zurück. Er warf nur einen einzigen Blick auf das todte Geſicht auf dem Kiſſen welches Dolly mit geziemender Sorgfalt glatt geſtrichen hatte; aber er erinnerte ſich dieſes lezten Blickes auf ſein unglückliches, gehaßtes Weib ſo gut, daß nach ſech⸗ zehn Jahren, als er die ganze Geſchichte dieſer Nacht erzählte, jeder Zug in dem abgehärmten Geſichte ihm noch gegenwärtig war. Darauf wandte er ſich ſogleich gegen den Herd wo Silas Marner ſaß und das Kind einlullte. Die Kleine war jezt vollkommen ruhig, jedoch ohne zu ſchlafen— ſie hatte ſich nur durch ſüße Suppe und Wärme zu jener großblickenden Ruhe beſchwichtigen laſſen, welche macht daß uns ältere Menſchenkinder mit unſern innern Stürmen in Gegenwart eines kleinen Kindes eine gewiſſe heilige Scheu überkommt wie wir ſie vor irgend einer ruhigen Majeſtät oder Schönheit auf der Erde oder am Himmel empfinden — vor einem in ſteter Pracht glühenden Planeten, einem in voller Blüthe prangenden wilden Roſenſtock oder den über einen ſteilen Fußpfad ſich hinüber⸗ neigenden Bäumen. Die weitoffenen blauen Augen ſchauten ohne alle Unruhe oder ein Zeichen der Er⸗ kennung zu Gottfried auf: das Kind konnte keinen ſichtbaren oder hörbaren Anſpruch auf ſeinen Vater machen, und in dem Vater wogte ein ſeltſames Ge⸗ miſch von Gefühlen, ein Widerſtreit von Reue und Freude daß der Puls dieſes kleinen Herzens für das halb eiferſüchtige Sehnen in ſeinem eigenen kein Echo hatte, als die blauen Augen ſich langſam von ihm abwandten und auf das ſonderbare Geſicht des Webers hefteten, das ſich über ſie hinabbeugte, wäh⸗ rend die kleine Hand liebend an Marners verwitterter ange zu zerren und ſie zu entſtellen begann. „Ihr werdet das Kind morgen dem Gemeinde⸗ amt bringen?“ fragte Gottfried in möglichſt gleich⸗ giltigem Tone. „Wer ſagt das?“ antwortete Marner ſcharf. „Werden die Herren es mir abſprechen?“ „Nun, Ihr werdet es als alter Junggeſelle doch nicht behalten wollen?“ „Allerdings, ſo lange bis Jemand ein Recht nach⸗ weist es mir zu nehmen,“ erklärte Marner.„Die Mutter iſt todt und einen Vater hat es vermuthlich nicht. Es iſt ein einſames Ding— und ich bin ein einſames Ding. Mein Geld iſt fortgegangen, ich weiß nicht wohin, und dieß iſt gekommen, ich weiß nicht woher. Ich weiß Nichts— ich bin theil⸗ weiſe ganz verwirrt.“ „Armes Geſchöpfchen!“ ſagte Gottfried.„Ich will Euch Etwas geben damit Ihr ihm Kleider an⸗ ſchaffen könnt.“ Er hatte die Hand in ſeine Taſche geſteckt und fand eine halbe Guinee; dieſe drückte er Silas in die Hand und eilte hinaus um Kimble einzuholen. „Ich ſehe daß es nicht dieſelbe iſt die ich meinte,“ ſagte er, als er zu ihm kam.„Es iſt ein hübſches kleines Kind; der alte Kerl ſcheint es behalten zu wollen; dies iſt ſonderbar von einem ſolchen Geiz⸗ hals. Ich gab ihm eine Kleinigkeit zur Unterſtüzung. Die Gemeinde wird ihm wohl ſein Recht auf das Kind nicht ſtreitig machen.“ „Nein; aber ich habe eine Zeit erlebt wo ich ſelbſt es ihm ſtreitig gemacht hätte. Jezt iſt es zu ſpät. Wenn das Kind ins Feuer liefe, ſo wäre Deine Tante zu fett um es einzuholen: ſie könnte bloß daſizen und grunzen wie eine geängſtigte Sau. Aber Du biſt doch ein rechter Narr, Gottfried, daß Du ſo in Deinen Tanzſchuhen und Strümpfen her⸗ umliefeſt, während Du doch der Haupthahn des Abends und in Deinem eigenen Hauſe biſt. Was ſollen dieſe Grillen bedeuten, junger Geſelle? Iſt Fräulein Nancy grauſam geweſen und willſt Du jezt ihr zum Troz Deine Tanzſchuhe verderben?“ „O Alles iſt heute Abend ganz conträr gegan⸗ habt hatte, iſt das nicht ein Beweis daß ſeine Auf⸗ 199 gen. Das Giguetanzen, das Pouſſiren und beſon⸗ ders das Getümmel mit dem Hornpipe iſt mir ganz zum Ekel geworden, und dann hätte ich auch noch mit der zweiten Miß Gunn tanzen müſſen,“ ſagte Gottfried, froh über die Ausflucht wozu ihm ſein Onkel verholfen hatte. Verdrehungen und Nothlügen, bei denen ſich ein wahrhaft reiner Geiſt ſo unbehaglich befindet wie ein großer Künſtler bei falſchen Strichen die nur ſein eigenes Auge entdeckt, werden ganz leicht hingenom⸗ men, ſobald die Handlungen zur Lüge geworden ſind. Gottfried erſchien mit trockenen Füßen und, um die ganze Wahrheit zu ſagen, mit einem Gefühl der Erleichterung und Heiterkeit das zu ſtark war als daß peinliche Gedanken damit ſtreiten konnten, wie⸗ der im weißen Salon. Denn konnte er nicht jezt, wenn die Gelegenheit ſich bot, Nancy Lammeter die zärtlichſten Dinge ſagen— konnte er nicht ihr und ſich ſelbſt verſprechen daß er ſich ſtets ſo benehmen würde wie ſie ihn zu ſehen wünſchte? Es war keine Gefahr vorhanden daß ſeine todte Frau erkannt würde; dieß war keine Zeit thätiger Nachforſchungen und weitverzweigter Erkundigungen, und was die Einregiſtrirung ihrer Ehe betraf, ſo war dieß ſchon lange vorüber; ſie war in Blättern begraben die Niemand umſchlug, und intereſſirte keinen Menſchen als ihn ſelbſt. Dunſey konnte ihn verrathen wenn er zurückkam; aber Dunſey konnte auch ſein Schwei⸗ gen erkaufen laſſen. Und wenn Ereigniſſe ſich um ſoviel beſſer für einen Mann geſtalten als er zu fürchten Grund ge⸗ 200 führung weniger toll und tadelnswerth geweſen als es ſonſt hätte ſcheinen können? Wenn wir gut be⸗ handelt werden, ſo beginnen wir natürlich zu denken daß wir nicht ganz ohne Verdienſte ſeien, und daß nur gerade wir ſelbſt uns gut behandeln und nicht unſer eigenes Glück verderben ſollen. Was konnte es im Ganzen nüzen wenn Gottfried jezt Fräulein Nancy die Vergangenheit beichtete und ſomit ſein Glück wegwarf? War es nicht ſogar ihr eigenes Glück? denn er hegte einiges Vertrauen daß ſie ihn liebe. Was das Kind betraf, ſo wollte er ſehen daß es verſorgt würde: er wollte es nie verlaſſen; er wollte Alles thun, nur nicht es anerkennen. Vielleicht daß es ohne väterliche Anerkennung eben ſo glücklich im Leben wurde, denn Niemand konnte ſagen wie die Dinge ſich noch geſtalteten, und— bedarf es noch eines andern Grundes— jedenfalls war der Vater vorausſichtlich weit glücklicher wenn er das Kind nicht anerkannte. Vierzehntes Capitel. Es fand dieſe Woche ein Armenbegräbniß in Raveloe ſtatt, und im Kenchhof zu Batherley wurde bekannt daß das ſchwarzhaarige Frauenzimmer mit dem ſchönen Kinde, das ſich in der lezten Zeit dort einquartirt hatte, wieder gegangen ſei. Sonſt wurde weiter keine Notiz davon genommen daß Molly aus den Augen der Menſchen verſchwunden war. Aber der unbeweinte Tod, der für das allgemeine Loos ſo gleichgiltig erſchien wie ein verwelktes Blatt, 201 wirkte ſchickſalskräftig auf gewiſſe menſchliche Leben die wir kennen, gab ihren Freuden und Kümmer⸗ niſſen ihre bleibende Geſtaltung. Silas Marners Entſchluß das Kind der Vaga⸗ bundin zu behalten war kaum weniger überraſchend als die Entwendung ſeines Geldes, und wurde eben ſo lebhaft im Dorfe beſprochen. Die mildere Stim⸗ mung gegen ihn, die von ſeinem Unglück her datirte, der Uebergang von Argwohn in Neigung, in ein ſetwas verächtliches Mitleid weil er allein und halb verrückt war, wurde jezt von einem thätigeren Mit⸗ gefühl begleitet, beſonders unter den Frauen. Häus⸗ liche Mütter, welche wußten was es hieß die Kinder geiſtig und leiblich geſund zu erhalten, faule Mütter, welche wußten was es hieß durch die böſen Neigun⸗ gen von Kindern die juſt auf den Beinen ſtehen können, geſtört zu werden, wenn man die Arme im Schooße liegen hat und ſich am Ellenbogen krazt, intereſſirten ſich auf gleiche Weiſe bei den Vermu⸗ thungen wie ein einſamer Mann mit einem zwei⸗ jährigen Kinde auf dem Hals wirthſchaften könne, und waren gleich bereit mit ihren Anſichten hervor⸗ zurücken, wobei beſonders die häuslichen ihm ſagten was er thun ſolle, und die faulen mit großem Nachdruck auseinanderſezten was er nicht würde leiſten können. Unter den häuslichen Müttern war Dolly Win⸗ throp diejenige deren nachbarliche Hilfe Marner am annehmbarſten erſchien, denn ſie war frei von aller Schautragung geſchäftiger Beſſerwiſſerei. Silas hatte ihr die von Gottfried erhaltene halbe Guinee gezeigt und ſie gefragt, wie er es anfangen ſolle um einige Kleider für das Kind zu bekommen. 202 „Nun, Meiſter Marner,“ ſagte Dolly,„Ihr braucht keine zu kaufen, und ebenſo wenig Schuhe: denn ich habe die Röckchen noch die Aaron vor fünf Jahren trug, und man muß nicht viel Geld an Kinderkleider rücken, denn die Kleine wird wachſen wie das Gras im Mai.“* Und noch am ſelben Tag brachte Dolly ihr Bündel und legte die Kleidchen in ihrer gebühren⸗ den Reihenfolge, größtentheils gefleckt und geſtopft, aber reinlich und zierlich wie friſchaufgeſproßtes Gras, vor Marner aus. Dieß war die Einleitung zu einer großen Ceremonie mit Seife und Waſſer, aus welcher die Kleine mit neuer Schönheit hervorkam. Sie ſaß jezt auf Dolly's Schooß, ſpielte mit ihren Zehen, gluckte und ſchlug in ihre Händchen mit einer Miene als hätte ſie verſchiedene Entdeckungen an ſich ſelbſt gemacht; aber die Hauptrufe mit denen ſie wechſelte waren Guguck und Mama. Mama war jezt kein Schrei der Noth oder des Unbehagens mehr; die Kleine hatte ſich gewöhnt ſo zu rufen ohne als Antwort einen zärtlichen Ton oder eine freundliche Berührung zu erwarten. „Wahrhaftig, die Engel im Himmel können nicht hübſcher ſein,“ ſagte Dolly, indem ſie die goldenen Locken ſtrich und küßte,„und wenn man bedenkt daß ſie mit dieſen ſchmuzigen Lumpen bedeckt war, und daß die arme Mutter erfrieren mußte— aber die da droben hatten für die Kleine geſorgt und ſie vor Eure Thüre gebracht, Meiſter Marner. Die Thüre war offen, und ſie ſchritt über den Schnee hinein wie ein ausgehungerter kleiner Hauskobold. Sagtet Ihr nicht daß die Thüre offen war?“ 203 „Ja,“ antwortete Silas bedächtig.„Ja— die Thüre war offen, das Geld iſt gegangen, ich weiß nicht wohin, und dieſe iſt gekommen, ich weiß nicht woher.“ Er hatte noch Niemand geſagt daß er vom Her⸗ einkommen des Kindes Nichts wußte, denn er bebte vor Fragen zurück welche zu dem Umſtand führen konnten den er ſelbſt vermuthete, nämlich daß er in einer ſeiner Verzückungen geweſen ſei. „Ah,“ ſagte Dolly mit beſchwichtigendem Ernſt, „es iſt wie die Nacht und der Morgen, wie das Schlafen und das Erwachen, wie der Regen und der Herbſt— der eine geht und der andere kommt, und wir wiſſen nicht wohin oder woher. Wir mögen uns abmühen, krazen und ſpalten, es nüzt doch Alles nichts— die großen Dinge kommen und gehen ohne unſer Zuthun, und ich glaube daß Ihr Recht daran thut die Kleine zu behalten, Meiſter Marner, denn ſie iſt Euch geſchickt worden, obſchon es Leute gibt die anders darüber denken. Ihr wer⸗ det ein Bischen Mühe mit dem Kinde haben ſo lange es ſo klein iſt; aber ich will oft kommen und für Euch darnach ſehen: ich habe an den meiſten Tagen ein Bischen Zeit übrig, denn wenn man Morgens bald genug aufſteht, ſo kann man ſchon Etwas fertig bringen. Alſo wie geſagt, ich werde fleißig kommen und das Kind für Cuch beſorgen.“ „Danke freundlich,“ ſagte Silas mit einigem Zögern.„Es wird mich freuen wenn Ihr mich unterweiſen wollt. Aber,“ fügte er unruhig hinzu, indem er ſich vorwärts beugte und mit einiger Eiferſucht die Kleine anſah, die mit ihrem Kopf noch auf Dolly's Arm ruhte und ihn vergnügt aus eini⸗ ger Entfernung anſchaute—„aber ich will Alles allein thun, denn ſonſt könnte das Kind eine andere Perſon liebgewinnen und nicht mich. Ich bin ge⸗ wöhnt im Hauſe Alles ſelbſt zu beſorgen— ich kann lernen, ich kann lernen.“ „Nun ja freilich,“ ſagte Dolly ſanft,„ich habe Männer geſehen die außerordentlich geſchickt mit Kindern ſind. Aber im Allgemeinen ſind die Män⸗ ner zum Erbarmen linkiſch und conträr; doch wenn ſie das Trinken aus dem Leib haben, ſind ſie nicht ohne Verſtand, obſchon ihnen das Blutigelſezen und Verbinden nicht in den Kopf will, denn ſie ſind ſo ſchrecklich ungeduldig. Ihr ſeht, dieß kommt zuerſt, gleich auf die Haut,“ fuhr Dolly fort, indem ſie das Hemdchen in die Höhe hielt und es dem Kinde anzog. „Ja,“ ſagte Marner gelehrig, indem er ſehr nahe hinſah um ſeine Augen in dieſe Geheimniſſe einzuweihen, worauf die Kleine mit ihren beiden Aermchen ſeinen Kopf ergriff und mit lautem Schnur⸗ ren ihre Lippen an ſein Geſicht drückte. „Da ſeht,“ ſagte Dolly mit zartem Frauentact, „ſie hat Euch am liebſten. Ganz ſicher will ſie auf Euern Schooß. Alſo nehmt ſie nur, Meiſter Marner, Ihr könnt die Sachen ſchon zu Ende brin⸗ gen, und dann könnt Ihr ſagen was Ihr vom Anfang an für ſie gethan habt.“ Marner nahm ſie auf ſeinen Schooß: er zitterte vor einer ihm ſelbſt räthſelhaften Gemüthsbewegung, da etwas Unbekanntes jezt in ſein Leben hereinragte. Gedanke und Gefühl waren bei ihm ſo verworren, daß er, wenn er ihnen einen Ausdruck zu geben 205⁵ verſucht hätte, nur hätte ſagen können, das Kind ſei ſtatt des Goldes gekommen— das Gold habe ſich in das Kind verwandelt. Er nahm die Kleider von Dolly und legte ſie unter Anleitung der guten Frau der Kleinen an, natürlich unter häufigen Störungen durch ihre gymnaſtiſchen Bewegungen. „Ei Meiſter Marner, Ihr nehmt ja die Sachen ganz leicht,“ ſagte Dolly;„aber was werdet Ihr thun, wenn Ihr in Euerm Webſtuhl ſizen müßt? denn ſie wird jeden Tag unruhiger und unartiger werden, ganz gewiß. Es iſt ein Glück daß Ihr dieſen hohen Herd habt ſtatt eines Roſtes, denn ſo kann ſie weniger an das Feuer kommen. Aber wenn Ihr irgend Etwas habt was verſchüttet oder zerbrochen werden kann, oder woran ſie ſich die Fin⸗ ger zerſchneiden könnte, ſo geht ſie ganz gewiß daran, und das müßt Ihr Euch merken.“ Silas befand ſich eine Weile in einer gewiſſen Verlegenheit.„Ich will ſie mit dem Fuß an den Webſtuhl binden,“ ſagte er endlich—„ich will ſie mit einem guten langen Riemen oder Strick an⸗ binden.“ „Nun ja, das kann vielleicht gehen, weil es ein kleines Mädchen iſt, denn dieſe laſſen ſich eher dazu bringen ruhig ſizen zu bleiben als die Jungen. weiß was die Jungen ſind; ich habe vier gehabt— Gott weiß, vier, und wenn man ſie hätte nehmen und anbinden wollen, ſo würden ſie ein Zetergeſchrei aufgeſchlagen haben wie junge Schweine. Aber ich will Euch mein Stühlchen bringen und auch etliche rothe Lumpen und ſonſt Dinge um damit zu ſpielen, dann wird ſie ſizen bleiben und mit ihnen plappern, wie wenn ſie lebendig wären. Ach wenns nicht eine Sünde gegen die Jungen wäre ſie anders zu wün⸗ ſchen, ich wäre wahrlich froh geweſen wenn einer von ihnen ein kleines Mädchen geworden wäre; wie wollte ich es im Puzen, im Flicken und Stricken und in Allem unterrichtet haben! Aber das kann ich jezt dieſe Kleine da lehren, Meiſter Marner, wenn ſie ins Alter kommt.“ „Aber ſie muß meine Kleine ſein,“ ſagte Mar⸗ ner etwas hart;„ſie darf Niemand ſonſt gehören.“ „Nein, gewiß nicht; Ihr habt ein Recht auf ſie, wenn Ihr ein Vater gegen ſie ſeid und ſie gebüh⸗ rend aufziehet. Aber,“ fügte Dolly hinzu, indem ſie auf einen Punkt kam den zu berühren ſie ſich feſt vorgenommen hatte,„Ihr müßt ſie wie ein Chriſten⸗ kind aufziehen und in die Kirche bringen und im Catechismus lernen laſſen, wie ihn mein kleiner Aaron bereits herſagen kann. Er ſagt Euch das Ganze her, wie wenn er der Pfarrer ſelbſt wäre. Das müßt Ihr thun, Meiſter Marner, wenn Ihr an dem verwaisten Kind recht handeln wollt.“ Marners bleiches Geſicht erröthete plözlich unter einer neuen Angſt. Er war zu eifrig bemüht einen beſtimmten Sinn in Dolly's Worte zu bringen, als daß er daran denken konnte ihr zu antworten. „Und,“ fuhr ſie fort,„es iſt mein Glaube daß die arme kleine Creatur nicht getauft worden iſt, und daß man darum mit dem Pfarrer reden muß; wenn Ihr alſo nichts dagegen habt, ſo werde ich noch heute mit Herrn Macey ſprechen; denn wenn es ſchief mit dem Kinde ginge und Ihr hättet das Eurige nicht an ihm gethan, Meiſter Marner— 207 Impfung und was ſonſt dazu gehört um es vor Schaden zu bewahren, ſo wäre dieß ein Pfahl in Euer Fleiſch, ſo lange Ihr lebtet, und ich kann mir nicht denken daß Jemand ruhig in die andere Welt entſchlummern könnte, wenn man nicht das Nöthige an den hilfloſen Kindern gethan hat, die ohne ihr eigenes Verlangen gekommen ſind.“ Dolly ſelbſt war geneigt jezt eine Weile zu ſchweigen, denn ſie hatte aus den Tiefen ihres ein⸗ fachen Glaubens geſprochen und war äußerſt begie⸗ rig ob ihre Worte den gewünſchten Eindruck auf Silas gemacht hatten. Er war verblüfft und ängſt⸗ lich, denn der von Dolly gebrauchte Ausdruck ge⸗ tauft hatte für ihn keinen beſtimmten Sinn. Er hatte bloß von Taufen erwachſener Männer und Weiber gehört und ſolche geſehen. „Was verſteht Ihr unter Taufen?“ fragte er zulezt ängſtlich;„werden die Leute nicht auch ſo gut gegen ſie ſein?“ „Um Gottes willen, Meiſter Marner,“ ſagte Dolly mit freundlichem Kummer und Mitleid,„habt Ihr nie Vater oder Mutter gehabt die Euch lehrten Eure Gebete zu ſprechen, und daß gute Worte und gute Dinge uns vor Schaden bewahren?“ „Ja,“ antwortete Silas leiſe,„ich weiß Etwas davon— ich war daran gewöhnt.— Aber euere Arten ſind verſchieden. Mein Land iſt weit von hier.“ Er hielt einige Augenblicke inne und fügte dann entſchloſſener hinzu:„Aber ich will Alles thun was für das Kind geſchehen kann und was in euerem Lande Recht iſt, und was ich ihm nach euerer Meinung Gutes thun kann, darnach will ich handeln, wenn Ihr es mir ſagen wollt.“ „Recht ſo, Meiſter Marner,“ ſagte Dolly mit inniger Freude;„ich will alſo Herrn Macey er⸗ ſuchen daß er mit dem Pfarrer darüber ſpricht, und Ihr müßt einen Namen beſtimmen, denn das Kind muß einen Namen bekommen.“ „Meine Mutter hieß Hephzibah,“ ſagte Silas, „und meine kleine Schweſter wurde nach ihr genannt.“ „Ach das iſt ein harter Name,“ bemerkte Dolly. „Ich glaube kaum daß es ein Chriſtenname iſt.“ „Es iſt ein Bibelname,“ erklärte Silas, welchem alte Ideen zurückkehrten. „Dann darf ich nicht dagegen ſprechen,“ ſagte Dolly, etwas verwundert über Marners Kenntniſſe in dieſer Beziehung;„aber Ihr ſeht, ich bin keine Gelehrte und faſſe die Worte nur langſam auf. Mein Mann ſagt ich komme mit Allem hintendrein, denn er iſt ſelber ſehr raſch und ſcharf. Aber un⸗ geſchickt war es doch Eurer kleinen Schweſter einen ſo harten Namen zu geben. Iſts nicht wahr, Meiſter Marner?“ „Wir nannten ſie Eppie,“ ſagte Silas. „Nun wenn es keine Sünde war den Namen abzukürzen, ſo lautet das viel hübſcher. Und ſo, Meiſter Marner, will ich jezt hingehen und noch vor Nacht von der Taufe reden; und ich wünſche Euch das beſte Glück, und es iſt mein Glaube daß es Euch ins Haus kommen wird, wenn Ihr an dem verwaisten Kinde thut was Recht iſt;— und da muß man auch nach dem Impfen ſehen. Auch müſ⸗ ſen ſeine Lumpen gewaſchen werden und deßhalb 209 braucht Ihr Euch nach Niemand umzuſchauen als aaach mir, denn ich kann dieß ganz leicht thun wenn ich mein Saifenwaſſer habe. O der holde Engel! Ihr müßt mir erlauben dieſer Tage einmal meinen Aaron zu bringen— er wird ihr ſein Wägelchen zeigen das ſein Vater ihm gemacht hat, und das ſchwarz und weiße Hündchen das er aufzieht.“ Das Kind wurde getauft, denn der Pfarrer ent⸗ ſchied daß mit einer doppelten Taufe die geringere Gefahr verbunden ſei, und bei dieſer Gelegenheit erſchien Silas, der ſich ſo ſauber und zierlich als nur möglich machte, zum erſten Mal in der Kirche und betheiligte ſich bei den Gebräuchen die ſeine Nachbarn heilig fanden. Es war ihm rein unmög⸗ lich, mittelſt irgend einer Sache die er gehört oder geſehen hatte, die Raveloer Religion mit ſeinem alten Glauben in Einklang zu bringen; hätte er zu irgend einer Zeit in ſeinem frühern Leben dieß thun können, ſo hätte es mehr mit Hilfe eines ſtar⸗ ken Gefühls der Sympathie geſchehen müſſen, als durch eine Vergleichung von Phraſen und Ideen; und nun hatte dieſes Gefühl lange Jahre geſchlafen. Er hatte keine beſtimmte Idee von Taufe und Kirch⸗ gang, außer daß Dolly ihm geſagt hatte, dieß würde dem Kind Nuzen bringen, und auf dieſe Art ſchuf das Kind, als die Wochen zu Monaten anwuchſen, 3 immer neue Verbindungsglieder zwiſchen ſeinem Leben und dem Leben ſeiner Mitmenſchen, von denen es. ſich bisher immer ſchroff abgeſondert hatte. Ganz anders als das Gold, das keine Bedürfniſſe hatte und in feſt abgeſchloſſener Einſamkeit verehrt werden mußte— das dem Tageslicht entrückt wurde, gegen Eliot, Silas Marner. 14 —————— 210 den Geſang der Vögel taub war und ſich von kei⸗ ner menſchlichen Stimme aufregen ließ— war Eppie ein Geſchöpf von endloſen Anſprüchen und immer zunehmenden Wünſchen, ſuchte und liebte Sonnen⸗ ſchein, lebendige Töne und lebendige Bewegungen; ſie probirte Alles, fand an Allem eine neue Freude und rief in allen Augen welche ſie anſahen menſch⸗ liche Güte wach. Das Gold hatte ſeine Gedanken in einem ſtets ſich wiederholenden Cirkel gehalten und zu Nichts über ſich ſelbſt hinausgeführt; aber Eppie war ein feſter Gegenſtand von Veränderungen und Hoffnungen der ſeine Gedanken vorwärts drängte und von ihrem alten gierigen Losſchreiten nach dem⸗ ſelben blanken Ziele weit abführte, ſie zu den neuen Dingen führte die in den ſpätern Jahren kommen würden, wenn Eppie einſehen gelernt hätte wie Va⸗ ter Silas für ſie geſorgt; und nach Bildern dieſer Zeit ſchaute er jezt in den Banden der Liebe welche die Familien ſeiner Nachbarn unter ſich verknüpften. Das Gold hatte verlangt daß er immer länger da⸗ b ſizen und weben ſolle, immer tauber und blinder gegen Alles, außer der Eintönigkeit ſeines Webſtuh⸗ jes und der Wiederholung ſeines Gewebes; aber Eppie rief ihn von ſeiner Arbeit hinweg und ließ ihm alle Pauſen als einen Feiertag erſcheinen; ſie erregte mit ihrem friſchen Leben ſeine Sinne wieder, ſein Gefühl ſogar für die alten Winterfliegen die im Frühlingsſonnenſcheine hervorwimmelten; ſie ſtimmte ihn zu warmer Freude, weil ſie ſelbſt Freude hatte. Und als der Sonnenſchein ſtark und dauernd wurde, ſo daß die Butterblumen dicht auf den Wie⸗ ſen ſtanden, da konnte man Silas im ſonnigen 4 . 1 211 Mittag oder am ſpäten Abend, wenn die Schatten ſich unter den Hecken verlängerten, barhäuptig herum⸗ ſchlendern und Eppie über die Steinbrüche hinaus an die Orte tragen ſehen wo die Blumen wuchſen, bis ſie irgend einen Lieblingsplaz fanden wo er ſich ſezen konnte, während Eppie herumwatſchelte um die Blumen zu pflücken und Bemerkungen an die geflügelten Geſchöpfchen zu machen welche glücklich um die glänzenden Blätter hinſummten, wobei ſie Dada's Aufmerkſamkeit beſtändig dadurch rege er⸗ hielt daß ſie ihm die Blumen brachte. Dann wandte ſie ihr Ohr einem plözlichen Vogeltone zu, und Silas lernte ſie durch Zeichen des Stillegebietens beluſtigen, damit ſie den wiederkommenden Tönen lauſchen könnte; wenn ſie dann wiederkehrten, wölbte Eppie ihren kleinen Rücken ein wenig und lachte mit unendlichem Frohlocken. So auf dem Raſen ſizend begann Silas wieder nach den einſt vertrau⸗ ten Kräutern zu ſehen, und wenn die Blätter mit ihren unveränderten Umriſſen und Zeichen auf ſei⸗ ner flachen Hand lagen, ſo ſtellte ſich ein Gefühl von heranſtürmenden Erinnerungen ein, von denen er ſich ſchüchtern abwandte und in Eppie's kleine Welt flüchtete, die ganz hell vor ſeinem geſchwächten Geiſte lag.— Wie der Geiſt des Kindes an Kenntniſſen zu⸗ nahm, ſo wuchs ſein eigener Geiſt an Erinnerungen; wie ihr Leben ſich entfaltete, ſo entfaltete ſich auch ſeine Seele, nachdem ſie lange verblüfft in einem kalten engen Gefängniß gelegen, und zitterte allmählig in volles Bewußtſein hinein. Es war ein Einfluß der mit jedem onen Jahre 4 ſich verſtärken mußte: die Töne welche Marners Herz erregt hatten, wurden articulirt und verlangten beſtimmte Antworten; Geſtalten und Töne wurden klarer vor Eppie's Augen und Ohren, und Dada wurde immer gebieteriſcher in Requiſition geſezt, um von Etwas Notiz zu nehmen oder über Etwas Er⸗ klärung zu geben. Als Eppie drei Jahre alt war, entwickelte ſie ein hübſches Talent zu Unarten und luſtigem Unfug aller Art, ſo daß nicht nur die Ge⸗ duld, ſondern auch die Wachſamkeit und der Scharf⸗ ſinn des Webers ſtark auf die Probe geſezt wurde. Bei ſolchen Gelegenheiten brachten die unverträg⸗ lichen Forderungen der Liebe den armen Silas in ſchwere Verlegenheit. Dolly Winthrop ſagte ihm, Strafe ſei für Eppie gut, und ein Kind aufzuziehen ohne von Zeit zu Zeit auf ein weiches und ſicheres Pläzchen zu klatſchen, ſei rein unmöglich. „Wahrhaftig, es muß Etwas geſchehen, Meiſter Marner,“ fügte Dolly nachdenklich hinzu;„Ihr könntet ſie einmal ins Kohlenloch ſperren. Das that ich auch mit Aaron, denn ich war mit meinem jüngſten Jungen ſo einfältig daß ich ihn nicht ſchla⸗ gen konnte. Nicht als ob ich es übers Herz gebracht hätte ihn länger als eine Minute im Kohlenloch zu laſſen, aber dieß war genug um ihn ganz ſchwarz zu machen, ſo daß ich ihn neu waſchen und an⸗ ziehen mußte, und das war für ihn ſo gut wie eine Ruthe. Aber ich gebe es Euch aufs Gewiſſen, Meiſter Marner, daß Ihr das Eine oder Andere wählen müßt: entweder Schläge oder das Kohlen⸗ loch— ſonſt wird ſie ſo eigenſinnig daß man ſie gar nicht mehr halten kann.“ 213 Silas ſah die betrübende Wahrheit dieſer lezten Bemerkung wohl ein, aber ſeine Geiſteskraft verſagte ihm gegenüber den zwei einzigen Strafmethoden die offen ſtanden, nicht bloß weil es ihm ſchmerz⸗ lich war Eppie weh zu thun, ſondern weil er bei dem geringſten Streit mit ihr zitterte, ſie möchte ihn darum weniger lieben. Laßt ſelbſt einen zärt⸗ lichen Goliath an ein kleines ſchwächliches Ding ſich binden, ſo daß er ihm durch eine zerrende Be⸗ wegung weh zu thun oder gar die Saite abzureißen fürchtet, welches von Beiden, ich bitte euch, wird die Oberhand behalten? Es war klar daß Eppie mit ihren kurzen watſchelnden Schritten es bald da⸗ hin bringen mußte daß Vater Silas an einem ſchö⸗ nen Morgen, wenn die Umſtände eine Bosheit be⸗ günſtigten, hübſch zu ihrer Geige tanzte. Zum Beiſpiel. Er hatte weislich einen breiten linnenen Streif gewählt, um ſie an ſeinen Webſtuhl feſtzubinden wenn er arbeitete; ſie hatte alſo um ihren Leib einen breiten Gürtel, lang genug daß ſie das Rollbett erreichen und ſich daraufſezen, aber nicht lange genug daß ſie irgend ein gefährliches Kletterkunſtſtück verſuchen konnte. An einem ſchönen Sommermorgen war Silas mehr als gewöhnlich mit der Anlage einer neuen Arbeit beſchäftigt, eine Gelegenheit wobei er ſeine Scheere brauchte. Dieſe Scheere war in Folge einer ausdrücklichen Warnung Dolly's ſorgfältig außer Eppie's Bereich gehalten worden; aber ihr Ticken hatte eine beſondere An⸗ ziehung für das Ohr der Kleinen, und durch Beob⸗ achtung der Wirkungen dieſes Tickens hatte ſie ſich die philoſophiſche Lehre abgeleitet daß dieſelbe Ur⸗ 214 ſache dieſelbe Wirkung hervorbringen würde. Silas hatte ſich in ſeinen Webſtuhl geſezt und das Getöſe des Webens hatte begonnen; aber ſeine Scheere hatte er auf einem vorſtehenden Rande gelaſſen, welchen Eppie's Arm gerade noch erreichen konnte, und nun nahm ſie die Gelegenheit wahr, ſchlich mäuschenſtill aus ihrer Ecke, verſicherte ſich der Scheere und watſchelte an das Bett zurück, wobei ſie ihren Rücken krümmte um die That zu verbergen. Sie hatte in Bezug auf den Gebrauch der Scheere eine beſtimmte Abſicht, und nachdem ſie den leinenen Streif, zwar mit allerlei Auszackungen, aber doch wirkſam, durchſchnitten, war ſie ſchnell nach der offe⸗ nen Thüre gelaufen wohin der Sonnenſchein ſie verlockte, während der arme Silas glaubte, ſie ſei heute weit bräver als ſonſt. Erſt als er zufällig ſeiner Scheere bedurfte, brach die furchtbare That⸗ ſache über ihn herein; Eppie war auf eigene Fauſt hinausgelaufen und vielleicht in den Stein⸗ bruch gefallen. Silas, welchen die ſchlimmſte Furcht erſchütterte die ihn noch je befallen hatte, ſtürzte hinaus, lief unter fortwährendem Geſchrei: Eppie! Eppie! auf dem uneingehegten Plaze herum, unter⸗ ſuchte die trockenen Höhlungen wo ſie hineingefallen ſein konnte, und ſchaute dann mit fragender Angſt die glatte rothe Oberfläche des Waſſers an. Die kalten Tropfen ſtanden ihm auf der Stirne. Wie lange war ſie draußen geweſen? Es war nur noch eine einzige Hoffnung vorhanden, daß ſie über den Steg gekrochen und auf das Feld gekommen ſein konnte wohin er ſie gewöhnlich ſpazieren führte. Aber das Gras war hoch auf der Wieſe und er 215 konnte ſie, wenn ſie dort war, nicht anders erſpähen als wenn er eine genaue Nachforſchung anſtellte, wozu ein unerlaubter Beſuch auf Herrn Osgoods Aehrenfeld nöthig war. Inzwiſchen mußte dieſe Miſſethat begangen werden, und der arme Silas, nachdem er die Hecken ängſtlich durchgeſtöbert, ging durch das Gras, indem er mit trüben und wirren Blicken hinter jeder Gruppe rothen Sauerampfers Eppie zu ſehen anfing, die ihm immer weiter weg⸗ zulaufen ſchien je näher er kam. Die Wieſe wurde vergebens durchſucht, und er ging über den Steg in das nächſte Feld, mit erſterbender Hoffnung nach einem kleinen Teich ſchauend, der jezt auf ſeine Sommerſeichtigkeit zurückgeführt war, ſo daß er einen breiten Rand anklebenden Schlammes zurück⸗ ließ. Hier jedoch ſaß Eppie, heiter mit ihrem eige⸗ nen Stiefelchen plaudernd, das ſie als einen Schöpf⸗ eimer benüzte um das Waſſer in eine tiefe Hufen⸗ ſpur herüberzubringen, während ihr nacktes Füßchen behaglich auf ein Kiſſen von olivengrünem Schlamm geſtellt war. Ein rothköpfiges Kalb beobachtete ſie mit unruhigem Zweifel von der entgegengeſezten Hecke her. Dieß war augenſcheinlich von Seiten eines ge⸗ tauften Kindes ein Verirrungsfall der ſtrenge Strafe erheiſchte, aber Silas konnte, überwältigt von krampf⸗ hafter Freude über die Wiederauffindung ſeines Scha⸗ zes, nichts anders thun als ſie emporreißen und mit halbſchluchzenden Küſſen bedecken. Erſt als er ſie nach Hauſe gebracht und an die nothwendige Ab⸗ waſchung zu denken begonnen hatte, beſann er ſich daß er Eppie beſtrafen und ihr ein Denkzeichen geben müſſe. Der Gedanke daß ſie wieder davonlaufen und zu Schaden kommen könne, gab ihm eine un⸗ gewöhnliche Entſchloſſenheit, und zum erſten Mal gedachte er es jezt mit dem Kohlenloch zu ver⸗ ſuchen, einem kleinen Verſchlag in der Nähe des Herdes. „Garſtige, garſtige Eppie,“ begann er plözlich, indem er ſie auf ſeinem Schooße hielt und auf ihre ſchmuzigen Füße und Kleider deutete—„wie gar⸗ ſtig das iſt mit der Scheere zu ſchneiden und da⸗ vonzulaufen! Eppie muß in das Kohlenloch, weil ſien garſtig war. Dada muß ſie ins Kohlenloch tellen.“ Er erwartete halb, dieß werde Einſchüchterung genug ſein, und Eppie werde zu weinen anfangen. Aber ſtatt deſſen begann ſie ſich auf ſeinem Schooße zu rütteln, als ob der Vorſchlag etwas angenehmes Neues in Ausſicht ſtellte. Da er ſah daß er zu den äußerſten Maßregeln ſchreiten mußte, ſtellte er ſie in das Kohlenloch und hielt die Thüre zu, mit einem bangen Gefühl daß er eine höchſt kräftige Maßregel ausführe. Einen Augenblick war Alles ſtille, aber dann kam ein kurzer Schrei: Auf! Auf! und Silas ließ ſie wieder heraus mit den Worten: „Jezt darf Eppie nicht mehr unartig ſein, ſonſt muß ſie in das Kohlenloch gehen— ein ſchwarzer gar⸗ ſtiger Ort.“ Das Weben wurde an dieſem Morgen eine lange Weile unterbrochen, denn jezt mußte Eppie gewaſchen und ſauber angezogen werden, aber es ſtand zu hoffen daß dieſe Strafe eine dauernde Wirkung her⸗ vorbringen und für die Zukunft Zeit erſparen würde, 217 obſchon es vielleicht beſſer geweſen wäre wenn Eppie ärger geſchrieen hätte. In einer halben Stunde war ſie wieder ſauber, und als Silas ſich umgewandt hatte um zu ſehen was noch aus dem leinenen Band zu machen ſeie, warf er es wieder weg bei der Betrachtung daß Eppie für den Reſt des Morgens brav ſein würde, ohne daß er ſie wieder anbinde. Er wandte ſich wieder um und wollte ſie eben auf ihr Stühlchen neben dem Webſtuhl ſezen, als ſie abermals mit ſchwarzem Geſicht und ſchwarzen Händen zu ihm ſagte:„Eppie im Kohlenloch.“ Dieſes gänzliche Fehlſchlagen der Kohlenlochdis⸗ ciplin erſchütterte Marners Glauben an die Wirk⸗ ſamkeit der Strafe.„Sie würde Alles für Spaß anſehen,“ bemerkte er gegen Dolly,„wenn ich ihr nicht wehe thäte, und das kann ich nicht, Frau Winthrop. Wenn ſie mir ein Bischen Unruh macht, ſo kann ich das ſchon ertragen; ſie wird aus ihren Bosheiten wohl einmal hinauswachſen.“ „Nun ja, das iſt theilweiſe wahr, Meiſter Mar⸗ ner,“ ſagte Dolly mitfühlend,„und wenn Ihr Euch nicht entſchließen könnt ſie durch Abſchreckung ſo weit zu bringen daß ſie die Dinge nicht mehr anrührt, ſo müßt Ihr Euer Möglichſtes thun um die Dinge ihr aus dem Weg zu halten. So mache ich's mit den jungen Hunden die meine Buben noch immer aufziehen. Sie wollen beißen und nagen, wenn einer einmal ſeine Sonntagskappe ſo aufgehängt hat, daß ſie daran zerren können. Sie wiſſen natürlich von kei⸗ nem Unterſchied. Es kommt vom Zahnen her, ſonſt iſt es Nichts.“ 218 So wurde Eppie ohne Strafe aufgezogen, und die Laſt ihrer Miſſethaten trug an ihrer Stelle Vater Silas ſelbſt. Die ſteinerne Hütte wurde für ſie zu einem weichen Neſte gemacht und mit flaumiger Geduld ausgelegt; aber auch in der Welt jenſeits der ſteinernen Hütte erfuhr ſie Nichts von gerunzel⸗ ten Stirnen oder abſchlägigen Antworten. So ſchwierig es war die Kleine und ſein Garn oder ſeine Leinwand zugleich zu tragen, ſo nahm Silas ſie doch bei ſeinen meiſten Gängen in die Bauernhäuſer mit, da er ſie nicht bei Dolly Win⸗ throp laſſen wollte, die ſtets bereit war für ſie zu ſorgen; und die kleine krausköpfige Eppie, das Kind des Webers, wurde ein Gegenſtand der Theilnahme, ſowohl in verſchiedenen Häuſern der Umgegend als im Dorfe ſelbſt. Bisher war er nicht viel beſſer als wie ein dienſtthuender Gnom oder Kobold be⸗ handelt worden, ein ſonderbares unerklärliches Ge⸗ ſchöpf das man nothwendig mit verwunderter Neu⸗ gierde und Abneigung anſehen, mit dem man alle Begrüßungen und Käufe ſo ſchnell als möglich ab⸗ machen, und dem man von Zeit zu Zeit ein Stück Schweinefleiſch oder einige Gartengewächſe mit nach Hauſe geben mußte, weil man ohne ſein Zuthun kein gewobenes Garn bekommen konnte. Aber jezt wurde Silas mit offenen freundlichen Geſichtern und heiteren Fragen empfangen, wie ein Menſch deſſen Annehmlichkeiten und Schwierigkeiten man begreifen konnte. Ueberall mußte er ſich ein wenig ſezen und von dem Kinde reden, für welches immer Worte der Theilnahme auf den Zungen waren.„Ah Meiſter Marner, Ihr dürft von Glück ſagen wenn ſie bald und ——— 219 leicht die Maſern bekommt!“ oder:„Wahrhaftig, es gibt nicht viele Hageſtolze die ein ſolches Kind gerne zu ſich genommen hätten; aber ich denke, das Weben macht Euch geſchickter als andere Männer die im Feld arbeiten— Ihr ſeid theilweiſe ſo geſchickt wie ein Weib, denn das Weben kommt zunächſt nach dem Spinnen.“ Aeltere Herren und Frauen, die beob⸗ achtend in ihren großen Küchenlehnſtühlen ſaßen, ſchüt⸗ telten ihre Köpfe über die Schwierigkeiten die mit der Aufziehung von Kindern verbunden ſeien, befühlten Eppie's runde Arme und Beine, erklärten ſie für merkwürdig feſt und ſagten zu Silas, wenn die Kleine recht gedeihe, was man jedoch nicht wiſſen könne, ſo werde es eine ſchöne Sache für ihn ſein ein tüchtiges Mädchen zum Arbeiten zu haben, wenn er einmal hilflos werde. Mägde trugen ſie gerne hinaus um nach den Hennen und Küchlein zu ſchauen, oder um zu ſehen ob nicht bald Kirſchen im Garten geſchütttelt werden könnten; und die kleinen Jungen und Mädchen näherten ſich ihr langſam mit vorſich⸗ tigen Bewegungen und feſtem Blick, wie kleine Hunde, wenn ſie mit einem Angehörigen ihres eige⸗ nen Geſchlechts zuſammentreffen, bis die Anziehungs⸗ kraft den Punkt erreicht hatte, wo die ſanften Lippen ſich zu einem Kuſſe ſchwellten. Kein Kind ſcheute ſich zu Silas zu kommen wenn Eppie bei ihm war; jezt hatte er für Jung und Alt nichts Abſtoßendes mehr, denn das kleine Kind hatte ihn aufs Neue mit der ganzen Welt in Verbindung gebracht. Es be⸗ ſtand zwiſchen ihm und dem Kind Liebe, welche ſie zu einer Perſon verſchmolz, und es beſtand Liebe zwiſchen dem Kind und der Welt— von Frauen 220 und Männern, mit elterlichen Blicken und Tönen, bis zu den rothen Sonnenkäfern und den runden Kieſeln. Silas begann jezt das Raveloer Leben ſich gänz⸗ lich in Beziehung zu Eppie zu denken; ſie mußte Alles haben was in Raveloe Gutes war, und er horchte gelehrig, um beſſer verſtehen zu können was dieſes Leben war, welchem er fünfzehn Jahre lang als einem fremden Dinge, womit er keine Gemein⸗ ſchaft haben könne, ferne geſtanden: wie ein Mann der eine köſtliche Pflanze hat, welcher er eine ernäh⸗ rende Heimath in einem neuen Boden geben möchte, Regen, Sonnenſchein und alle Einflüſſe ſich in ſteter Bezugnahme auf ſeinen Pflegling denkt und emſig alle Wiſſenſchaft befragt, die ihm dazu helfen kann die Bedürfniſſe der Wurzeln zu befriedigen oder Laub und Knoſpen vor Schaden zu bewahren. Die Neigung zur Schäzeanhäufung war gleich Anfangs durch den Verluſt ſeines langbewahrten Goldes gänz⸗ lich vertilgt worden. Das Geld das er ſpäter er⸗ warb ſchien ihm ſo gleichgiltig wie Steine die man zur Vollendung eines plözlich durch ein Erdbeben begrabenen Hauſes herbeibringt; das Gefühl der Beraubung laſtete zu ſchwer auf ihm, als daß der alte Wonneſchauer bei der Berührung des neuerwor⸗ benen Geldes ſich wieder geregt hätte. Und nun hatte er einen neuen Grund bekommen ſeinen Schaz wieder anzulegen; ſein Erwerb hatte eine wachſende Bedeutung erhalten, denn ſeine Hoffnungen und Freuden erſtreckten ſich beſtändig über das Geld hinaus. 3 In alten Zeiten waren Engel welche kamen, die 221 Menſchen bei der Hand nahmen und ſie von der Stadt der Zerſtörung hinwegführten. Jezt ſehen wir keine weißbeſchwingten Engel, aber dennoch wer⸗ den Menſchen von drohender Zerſtörung hinweg⸗ geleitet. Eure Hand wird in die ihrige gelegt, welche ſie ſanft zu einem ruhigen und freundlichen Lande leitet, ſo daß ſie nicht mehr rückwärts blicken; und dieß mag die Hand eines kleinen Kindes ſein. Fünfzehntes Capitel. Es gab, wie ihr gerne glauben werdet, Jemand der das gedeihliche Heranwachſen Eppie's unter der Obhut des Webers mit inniger, obſchon verbor⸗ gener Theilnahme beobachtete. Er wagte Nichts zu thun was ein ſtärkeres Intereſſe an dem Adoptiv⸗ kind des armen Mannes beurkundet hätte, als man von der Freundlichkeit des jungen Squire erwarten konnte, wenn eine zufällige Begegnung ein kleines Geſchenk an einen einfachen alten Burſchen den Jeder⸗ mann gerne ſah an die Hand gab; aber er ſagte zu ſich ſelbſt daß die Zeit kommen würde wo er, ohne argwöhniſche Beobachtung fürchten zu müſſen, Etwas thun könnte um die Wohlfahrt ſeiner Tochter zu fördern. War es ihm inzwiſchen ſehr unangenehm daß er nicht im Stande war ſeiner Tochter ihr Ge⸗ burtsrecht zu ſchenken? Ich kann das nicht ſagen. Das Kind war verſorgt und wurde ſehr wahrſchein⸗ lich glücklich, wie Leute in niedrigen Lebensſtellungen es ſchon oft wurden— glücklicher vielleicht als die⸗ jenigen die im Luxus aufgewachſen waren. 222 1 Der famoſe Ring, der ſeinen Eigenthümer drückte als er die Pflicht vergaß und der Begierde folgte— ich möchte wiſſen ob er ſehr hart drückte als er auf die Jagd zog, oder ob er ihn damals nur leicht drückte und erſt dann ins Fleiſch einſchnitt als die Jagd ſchon lange zu Ende war, als die Hoffnun mit eingezogenen Flügeln rückwärts blickte und ſich in Reue verwandelte. Gottfried Caß' Auge und Wange waren jezt ſtrahlender als je. Er war mit ſich über ſeine Zwecke ſo einig, daß er wie ein gefeſteter Mann ausſah. Kein Dunſey war zurückgekommen: man glaubte all⸗ gemein, er ſei Soldat geworden oder ins Ausland gegangen, und Niemand ließ ſichs einfallen detaillirte Nachforſchungen über einen Gegenſtand anzuſtellen der für eine angeſehene Familie delicat war. Gott⸗ fried hatte aufgehört den Schatten Dunſey's über ſeinem Pfade zu ſehen, und dieſer Pfad führte jezt geradeaus zur Erfüllung ſeiner beſten, längſten und ſehnlichſten Wünſche. Jedermann ſagte, Herr Gott⸗ fried ſei ſolid geworden, und es war ziemlich klar wie das Alles enden würde, denn es gab nicht viele Tage in der Woche wo man ihn nicht nach Warrens reiten ſah. Gottfried ſelbſt, wenn man ihn im Scherz fragte ob der Tag feſtgeſezt ſei, lächelte mit dem angeneh men Bewußtſein eines Liebhabers der ja ſagen konnte wenn er wollte. Er fühlte ſich gebeſſert, befreit von der Verſuchung, und das Gebilde ſeines künftigen Lebens erſchien ihm als ein gelobtes Land um wel⸗ ches er ſich nicht zu quälen brauchte. Er ſah ſich mit all ſeinem Gluͤck um ſeinen eigenen Herd ge⸗ 223 lagert, wo Nancy ihm zulächeln würde wenn er mit den Kindern ſpielte. Und dieſes andere Kind— nicht am Herde— er wollte es nicht vergeſſen; er wollte zuſehen daß es gut verſorgt wurde. Das war Vaterpflicht. Sechzehntes Capitel. Es war ein ſchöner Herbſtſonntag, ſechzehn Jahre nachdem Silas Marner ſeinen neuen Schaz am Herde gefunden hatte. Die Glocken der alten Rave⸗ loer Kirche ließen das fröhliche Geläute erſchallen welches verkündete daß der Morgengottesdienſt zu Ende war, und aus dem gewölbten Thorweg in den Thurm kamen langſam, aufgehalten durch freundliche Grüße und Fragen, die reicheren Gemeindeglieder welche dieſen ſchönen Sonntagmorgen zum Kirchen⸗ beſuch gewählt hatten. Es war ländlicher Brauch damals daß die angeſeheneren Bürger zuerſt gingen, während ihre beſcheideneren Nachbarn warteten und zuſahen, vor jedem großen Steuerbezahler der ihnen einige Beachtung ſchenkte mit den Köpfen nickten und tiefe Knixe machten. Zuvörderſt unter dieſen voranſchreitenden Gruppen wohlgekleideter Leute befinden ſich einige die wir troz der Zeit wieder erkennen werden. Der ſchlanke blonde Vierziger iſt in ſeinen Zügen nicht viel anders ge⸗ worden als der Gottfried Caß von ſechsundzwanzig; er iſt bloß voller an Fleiſch und hat bloß das un⸗ definirbare Jugendanſehen verloren, ein Verluſt der ſich deutlich herausſtellt, wenn das Auge auch nicht getrübt iſt und die Runzeln noch nicht gekommen ſind. Vielleicht hat die hübſche Frau, nicht viel jünger als er, die an ſeinem Arm heranſchreitet, ſich mehr verändert als ihr Gatte: die liebliche Blüthe die ſonſt ſtets auf ihrer Wange geprangt, kommt jezt bloß von Zeit zu Zeit mit der friſchen Morgen⸗ luft oder mit einer ſtarken Ueberraſchung; aber für alle diejenigen die menſchliche Geſichter am meiſten um das lieben was ſie von menſchlicher Erfahrung verkünden, hat Nancy's Schönheit ein erhöhtes In⸗ tereſſe. Oft iſt die Seele zu vollerer Güte heran⸗ gereift während das Alter ein garſtiges Häutchen ausgebreitet hat, ſo daß flüchtige Blicke die Koſtbarkeit der Frucht nicht zu ahnen vermögen. Aber das Alter iſt gegen Nancy nicht ſo grauſam geweſen. Der feſte, aber friedliche Mund, der klare wahrhaftige Blick der braunen Augen zeugen jezt von einer Na⸗ tur die geprüft worden iſt und ihre höchſten Eigen⸗ ſchaften ſeſtgehalten hat; und ſelbſt das Coſtüm mit ſeiner zierlichen Nettheit und Reinheit hat jezt, wo Coketterien der Jugend nichts damit zu thun haben können, mehr Bedeutung. Herr und Frau Gottfried Caß(jeder höhere Titel iſt von den Raveloer Lippen erſtorben ſeit der alte Squire ſich zu ſeinen Vätern verſammelte und ſein Erbe getheilt wurde) haben ſich umgewandt um nach dem großen alten Mann und der einfach gekleideten Frau zu ſehen die ein wenig hinter ihnen kommen — Nancy hatte bemerkt daß man auf den Vater und Priscilla warten müſſe— und jezt biegen ſie alle zuſammen in einen ſchmaleren Pfad ein, der über den Kirchhof hin nach einem kleinen Thore 225 gegenüber dem rothen Hauſe führt. Wir wollen ihnen jezt nicht folgen; denn können ſich in dieſer heimziehenden Gemeinde nicht vielleicht einige Andere finden die wir gerne wieder ſehen würden, einige von denen die vielleicht nicht hübſch gekeidet ſind, und die wir nicht ſo leicht wieder erkennen dürften wie den Herrn und die Dame vom rothen Hauſe? Aber es iſt unmöglich Silas Marner zu verken⸗ nen. Seine großen braunen Augen ſcheinen mehr Sehkraft gewonnen zu haben, wie es mit Augen geht die in früher Jugend kurzſichtig waren, und ſie haben einen weniger unbeſtimmten, entſchiedene⸗ ren Blick; aber in allem Andern ſieht man Spuren einer Geſtalt die durch den Verlauf der ſechzehn Jahre ſehr geſchwächt worden iſt. Die gebeugten Schultern und das weiße Haar geben dem Weber beinahe das Anſehen vorgerückten Alters, obſchon er nicht mehr als fünfundfünfzig zählt; aber dicht an ſeiner Seite befindet ſich die friſcheſte Blüthe der Jugend, eine grübchenwangige achtzehnjährige Blon⸗ dine, die ſich vergebens bemüht hat ihr krauſes roth⸗ braunes Haar glatt unter die braune Haube zu zwingen: das Haar kräuſelt ſich hartnäckig wie ein Bächlein beim Märzwinde, die kleinen Löckchen brechen unter dem hinten zurückhaltenden Kamme hervor und zeigen ſich unter der Haubenkrone. Eppie kann nicht umhin ſich ein wenig über ihr Haar zu ärgern, denn es iſt kein anderes Mädchen in Rave⸗ loe das ſolche Haare hat, und ſie glaubt das Haar müſſe glatt ſein. Sie will auch in Kleinigkeiten nicht tadelswürdig erſcheinen: ihr ſeht wie zierlich Eliot, Silas Marner. 15 226 ſie ihr Gebetbuch in ihr geflecktes Taſchentuch ein⸗ gewickelt hat. Der hübſche junge Burſche in neuem Barchent⸗ anzug der hinter ihr geht, iſt in Bezug auf die Haarfrage, wenn Eppie ſie ihm vorlegt, nicht ganz ſicher und glaubt daß das ſchlichte Haar im All⸗ gemeinen vielleicht das beſte ſei, möchte ſich aber doch Eppie's Haar nicht anders wünſchen. Sie ahnt ſicherlich daß Jemand hinter ihr kommt der ganz eigenthümlich von ihr denkt, und all ſeinen Muth aufbietet um an ihre Seite zu gelangen, ſobald ſie aus dem Gäßchen ſind. Warum würde ſie ſonſt ſo ſcheu ausſehen und abſichtlich ihren Kopf nicht von Vater Silas abwenden, dem ſie beſtändig zuflüſtert wer in der Kirche war und wer nicht, und wie hübſch die rothe Bergeſche über der Pfarrmauer iſt? „Ich wollte wir hätten ein Gärtchen, Vater, mit doppelten Maßlieben darin, wie Frau Winthrop,“ ſagte Eppie, als ſie aus dem Gäßchen kamen;„nur ſagen die Leute, man hätte da viel zu graben und friſchen Boden aufzuführen, und das könnteſt Du nicht thun, nicht wahr, Vater? Jedenfalls möchte ich es Dich nicht thun laſſen, denn es wäre eine zu harte Arbeit für Dich.“ „Doch, Kind, ich könnte es thun, wenn Du ein Gärt⸗ chen wünſcheſt. Ich könnte an dieſen langen Abenden arbeiten wenn ich ein Stückchen unbebautes Land kaufte, juſt genug zu ein paar Geſträuchen oder Blumen für Dich, und dann könnte ich am Morgen wieder mit dem Spaten kommen, bevor ich mich an den Webſtuhl ſezte. Warum haſt Du mirs nicht früher geſagt daß Du ein Gärtchen wünſcheſt?“ ——-— „Ich kann ihn für Euch graben, Meiſter Mar⸗ ner,“ ſagte der junge Mann im Barchentkittel, der jezt an Eppie's Seite war und ſich ohne viele Förm⸗ lichkeiten in das Geſpräch mengte.„Es iſt ein Kinderſpiel für mich wenn ich meine Tagesarbeit gethan habe; auch habe ich immer hin und wieder ein bischen Zeit wenn das Geſchäft etwas träge geht. Und ich will für Euch aus Herrn Caß Gar⸗ ten einigen Boden bringen— er wird mir das gern erlauben.“ „He Aaron, mein Junge, biſt Du da?“ fragte Silas;„ich hatte Dich nicht bemerkt, denn wenn Eppie Etwas ſagt, ſo höre und ſehe ich nichts Anderes. Nun wenn Du mir bei dem Graben helfen könnteſt, ſo könnten wir ihr um ſo eher ein Gärt⸗ chen verſchaffen.“ „Dann,“ ſagte Aaron,„will ich, wenn Ihr Nichts dagegen habt, heute Mittag nach den Stein⸗ brüchen kommen, damit wir beſprechen können was für ein Land zu nehmen iſt, und ich werde morgen eine Stunde früher aufſtehen und damit beginnen.“ „Aber Du mußt mir ausdrücklich verſprechen, Vater, daß Du bei dem harten Graben nicht mit⸗ arbeiten willſt,“ ſagte Eppie.„Denn ich würde gar Nichts geſagt haben,“ fügte ſie halb verſchämt, halb ſchalkhaft hinzu;„aber Frau Winthrop ſagte, Aaron würde ſo gut ſein und...“ „Und das hätteſt Du auch wiſſen können ohne daß meine Mutter es Dir geſagt hätte,“ fiel Aaron ein,„und Meiſter Marner weiß hoffentlich auch daß ich ſtark genug und herzlich gerne bereit bin Etwas für ihn zu arbeiten; er wird deßhalb auch nicht ſo 15* unfreundlich ſein mir dieſe Arbeit aus den Händen nehmen zu wollen.“ „Alſo Vater, darfſt Du nicht darin arbeiten, bis Alles gehörig hergerichtet iſt,“ ſagte Eppie,„und Du und ich können die Beete auszeichnen und die Löcher machen und die Wurzeln pflanzen. Es wird viel lebendiger in den Steinbrüchen ausſehen wenn wir einige Blumen haben; denn ich meine immer, die Blumen können uns ſehen und wiſſen was wir ſprechen. Und ich möchte etwas Rosmarin und Bergamotten und Thymian haben, weil ſie ſo herr⸗ lich riechen; aber Lavendel werden wir wohl nicht bekommen: der paßt, glaube ich, bloß in die Gärten der vornehmen Leute.“ „Das iſt kein Grund warum Ihr nicht auch haben ſollt,“ ſagte Aaron,„denn ich kann Euch von Allem Etwas bringen; ich muß immer ſehr vier davon ausſchneiden wenn ich gärtle, und werfe es meiſtens weg. Im rothen Haus iſt ein großes Lavendelbeet; die Frau liebt dieſe Pflanze ſehr.“ „Nun,“ ſagte Silas ernſthaft,„Du darfſt im rothen Hauſe ja nicht zu viel für uns heraus⸗ nehmen oder um Sachen von großem Werthe bitten, denn Herr Caß war ſo gütig gegen uns: er hat uns das neue Häuschen gebaut und Betten und andere Dinge geſchenkt, ſo daß ich ihn nicht auch noch um Gartenzeug und dergleichen beläſtigen möchte.“ „Nein, nein, da iſt von keinem Beläſtigen die Rede,“ verſicherte Aaron;„es gibt in der ganzen Gemeinde keinen Garten wo nicht eine Menge Land brach läge, weil Niemand da iſt der die Sachen benüzen wollte. Ich denke zuweilen bei mir ſelbſt, 229 es würde nie Jemand Mangel an Lebensmitteln leiden, wenn das Land gehörig ausgebeutet würde, und dann würde jeder Biſſen ſeinen Weg in einen Mund finden. Das Gärteln bringt einen auf ſolche Gedanken. Aber ich muß jezt heimgehen, ſonſt würde die Mutter ſich beunruhigen wenn ich nicht komme.“ „Bring ſie heute Mittag mit, Aaron,“ ſagte Eppie;„ich möchte nicht gern Etwas über den Gar⸗ ten feſtſezen, ohne daß ſie es zuvor wüßte— und Du gewiß auch nicht, Vater?“ „Ja bring ſie mit wenn Du kannſt,“ ſagte Silas, „ſie wird gewiß ein geſcheidtes Wort zu ſagen wiſſen, damit wir das Ding beim rechten Zipfel anfaſſen.“ Aaron ging wieder das Dorf hinauf, während Silas und Eppie ihren einſamen Weg weiter wan⸗ derten. „d lieber Dada,“ begann ſie, als ſie allein wa⸗ ren, indem ſie ſeinen Arm feſt drückte und preßte und ſich um ihn her ſchwang, um ihm einen tüchtigen Kuß zu verſezen,„mein lieber alter Dadal ich bin ſo vergnügt; ich glaube, es wird mir gar Nichts mehr fehlen wenn wir ein Gärtchen haben, und ich wußte wohl daß Aaron es für uns graben würde,“ fügte ſie mit ſchalkhaftem Frohlocken hinzu,„ich wußte es ſehr wohl.“ „Du biſt eine verſteckte kleine Hexe, Du,“ ſagte Silas mit dem milden, paſſiven Blick liebegekrönten Alters in ſeinem Geſichte,„aber Du mußt Dich recht ſchön machen und freundlich gegen Aaron ſein.“ „O nein, das werde ich nicht thun,“ ſagte Eppie lachend und hüpfend,„obſchon er es ſehr wünſcht.“ „Komm, komm, laß mich Dein Gebetbuch tragen, ſpringſt.“ 1 Eppie bemerkte jezt daß ihr Benehmen beobachtet wurde, aber nur von einem freundlichen Eſel der Du läſſeſt es ſonſt noch fallen, wenn Du ſo herum⸗ mit einem Scheit Holz an ſeinem Fuß weidete, einem ſanften Eſel der nicht mit höhniſcher Critik menſch⸗ liche Trivialitäten beſpöttelte, ſondern ſich gerne wo möglich dabei betheiligte, wenn ihm auch ſeine Naſe zerkrazt wurde, und Eppie ermangelte nicht ihn mit ihrer gewöhnlichen Berückſichtigung zu erfreuen, obſchon dieß Alles von der Unannehmlichkeit begleitet war daß er ihnen mühſam bis an die Hausthüre nachlief. Aber ein ſcharfes Gebell von innen, als Eppie den Schlüſſel in die Thüre ſteckte, veränderte die Abſichten des Eſels, und er hinkte ohne Befehl wie⸗ der weg. Das ſcharfe Gebelle war das Zeichen eines aufgeregten Willkomms der ſie von einem klugen braunen Dachshund erwartete, welcher, nachdem er hyſteriſch an ihnen hinaufgeſprungen, mit läſtigem Geräuſche auf eine ſchildkrötfarbige junge Kaze unter dem Webſtuhl losſtürzte und dann abermals mit ſcharfem Gebelle wieder hervorkam, als wollte er ſagen, ich habe an dieſem ſchwachen Geſchöpf meine Pflicht gethan, wie ihr ſeht, während die Frau Mut⸗ ter des Käzchens ihren weißen Buſen am Fenſter ſonnte und ſchläfrig um ſich ſchaute, als ob ſie Lieb⸗ koſungen erwartete, ſich aber nicht die mindeſte Mühe darum geben wollte. Die Anweſenheit dieſes glücklichen Thierlebens war nicht die einzige Veränderung die im Innern 231 der ſteinernen Hütte vorgegangen war. Es ſtand jezt kein Bett im Wohnzimmer, und der kleine Raum war gut mit anſtändigem Geräthe ausgefüllt, alles blank und ſauber genug um Dolly Winthrops Auge zu befriedigen. Der eichene Tiſch und der dreieckige eichene Stuhl waren nicht das Einzige was man in einer ſo armen Hütte zu ſehen bekam; ſie waren ſammt den Betten und andern Dingen aus dem rothen Hauſe gekommen; denn Herr Gottfried Caß erwies ſich, wie Jedermann im Dorfe ſagte, ſehr freundlich gegen den Weber, und es war nicht mehr als billig daß bemittelte Leute einen Mann berück⸗ ſichtigten und unterſtüzten der ein Waiſenkind auf⸗ gezogen, Vater⸗ und Mutterſtelle an ihm vertreten und überdies ſein Geld verloren hatte, ſo daß er nur auf ſeinen Wochenlohn angewieſen war, wäh⸗ rend es überdieß mit dem Weber bergab ging, denn es wurde immer weniger Flachs geſponnen, auch war Meiſter Marner kein Jüngling mehr. Niemand war eiferſüchtig auf den Weber, denn er wurde als eine exceptionelle Perſon betrachtet deren Anſprüche auf nachbarliche Unterſtüzung in Raveloe ihres Glei⸗ chen nicht hatten. Aller Aberglaube der in Bezug auf ihn noch übrig blieb, hatte eine ganz neue Farbe angenommen, und Herr Macey, jezt ein ſehr ſchwacher Greis von ſechsundachtzig, den man nur noch in ſeiner Kaminecke oder im Sonnenſchein auf ſeiner Thürſchwelle ſizen ſah, war der Meinung, wenn ein Mann für ein Waiſenkind ſo viel gethan habe wie Silas, ſo ſei dieß ein Zeichen daß ſein Geld wieder ans Licht kommen, oder wenigſtens daß der Dieb dafür Rechenſchaft ablegen müſſe, denn, wie Herr Macey von ſich ſelbſt bemerkte, ſeine gei⸗ ſtigen Fähigkeiten waren ſo wohl beſtellt wie je. Silas ſezte ſich jezt und beobachtete Eppie mit zufriedenem Blick, als ſie das reinliche Tuch über den Tiſch breitete und die Kartoffelpaſtete darauf ſtellte, welche nach altem Sonntagsgebrauch langſam ge⸗ wärmt worden, indem man ſie in einen trockenen Topf über einem langſam erſterbenden Feuer, als dem beſten Erſaz für dinen Ofen, geſtellt hatte. Denn Silas wollte nicht zugeben daß Roſt und Ofen zu ſeinen Bequemlichkeiten gefügt wurden: er liebte den alten Ziegelherd wie er ſeine braune Kuh geliebt hatte— und hatte er nicht da ſeine Eppie gefunden? Die Götter des Herdes ſind noch immer für uns vorhanden, und möge aller neue Glaube ſich duld⸗ ſam gegen dieſen Fetiſchismus erweiſen, damit er ſeine eigenen Wurzeln nicht zerſtöre! Silas verzehrte ſein Mahl ſtiller als gewöhnlich, legte bald Meſſer und Gabel weg und beobachtete halb zerſtreut wie Eppie mit Schnapper und der Kaze ſpielte, was ihr eigenes Mahl ein wenig in die Länge zog. Aber es war ein Anblick, wohl geeignet irrende Gedanken feſtzuhalten: Eppie mit dem geriffelten Glanz ihrer Haare und der durch einen dunkelblauen Baumwollenrock hervorgehobenen Weiße ihres runden Kinns und Halſes, luſtig lachend wenn das Käzchen ſich mit ſeinen vier Pfoten an ihre Schultern klammerte, wie eine Zeichnung zu einem Krughenkel, während Schnapper auf der rech⸗ ten Seite und Buß auf der andern ihre Pfoten nach einem Stück erhoben das ſie ihnen außer ihrem Bereiche vorhielt, wobei Schnapper gelegentlich ab⸗ 233 ſtand um der Kaze durch ein zorniges Knurren Vor⸗ ſtellungen über ihre Gefräßigkeit und Leichtfertigkeit zu machen, bis Eppie ſich erweichen ließ, alle Beide ſtreichelte und den Biſſen unter ſie vertheilte. Aber endlich gab Eppie mit einem Blick auf die Uhr das Spielen auf und ſagte:„O lieber Dada, Du mußt jezt in den Sonnenſchein hinaus und Deine feife rauchen. Aber ich muß zuvor aufräumen, da⸗ mit Alles ſauber und niedlich iſt wenn die Pathin kommt; ich will mich ſputen und werde bald fer⸗ tig ſein.“. Silas hatte ſich in den lezten zwei Jahren angewöhnt täglich ſeine Pfeife zu rauchen, da ihm die Weiſen von Raveloe dieß dringend als ein Mittel gegen Anfälle anriethen: auch wurde dieſer Rath von Doctor Kimble gutgeheißen, welcher meinte man dürfe immerhin Etwas probiren was keinen Schaden bringen könne, ein Grundſaz worauf ein großer Theil der practiſchen Medicin dieſes Ehren⸗ mannes beruhte. Silas fand keinen beſondern Ge⸗ nuß am Rauchen und wunderte ſich oft wie ſeine Nachbarn ſo große Freude daran haben konnten; aber eine demüthige Fügſamkeit in Alles was man für gut hielt, war eine ſtarke Gewohnheit dieſes neuen Menſchen geworden, der ſich in ihm entwickelt hatte ſeit er Eppie an ſeinem Herde gefunden. Der einzige Leitfaden woran ſein wirres Gemüth feſt⸗ halten konnte, hatte in der Liebe zu dieſem jungen Leben beſtanden, das ihm aus der Dunkelheit zu⸗ geſandt worden in welche ſein Geld hinabgefahren war. Dadurch daß er das Nothwendige für Eppie ſuchte, daß er die Wirkung theilte die alle Dinge ſ— 234 auf ſie hervorbrachten, hatte er ſich ſelbſt die Ge⸗ bräuche und Glaubensformeln angeeignet worin das Leben von Raveloe ſich abprägte, und als mit dem Wiedererwachen ſeiner Gefühlsfähigkeiten auch ſein Gedächtniß wieder erwachte, hatte er angefangen über die Elemente ſeines alten Glaubens nachzuſin⸗ nen und ſie mit ſeinen neuen Eindrücken zu ver⸗ mengen, bis er wieder ein Bewußtſein der engſten Verbindung zwiſchen ſeiner Vergangenheit und Gegen⸗ wart gewann. Das Gefühl vorherrſchender Güte und das Menſchenvertrauen das ſich mit aller reinen Friedſamkeit und Freude einſtellt, hatten ihm einen unklaren Eindruck gegeben daß ein Irrthum, ein Mißgriff ſtattgefunden der dieſen dunkeln Schatten über ſeine beſten Jahre geworfen, und als es ihm immer leichter wurde ſein Gemüth gegen Dolly Winthrop zu erſchließen, theilte er ihr allmählig Alles mit was er aus ſeinem frühern Leben be⸗ ſchreiben konnte. Die Mittheilung war nothwendig ein langſames und ſchwieriges Verfahren, denn ſei⸗ nem geringen Erklärungstalent kam keine raſche Auslegungsgabe von Seiten Dolly's zu Hilfe, der ihre geringe Erfahrung nach außen keinen Schlüſſel zu fremden Gebräuchen gab, ſo daß ſie bei jeder Neuigkeit in eine Verwunderung gerieth wodurch Beide auf jedem Schritt und Tritt der Erzählung aufge⸗ halten wurden. Nur bruchſtückweiſe und in Zwiſchen⸗ zeiten welche es Dolly möglich machten das Gehörte ſo lange zu überlegen bis es ihr einigermaßen vertraut klang, gelangte Silas endlich zum Gipfelpunkt dieſer traurigen Geſchichte— zum Loosziehen und dem falſchen Zeugniß das über ihn ausgeſagt wurde, und dieß hatte in mehreren Beſprechungen wiederholt werden müſſen, unter neuen Fragen von ihrer Seite über die Natur dieſes Planes um den Schuldigen zu entdecken und den Unſchuldigen zu reinigen. „Und gewiß habt Ihr noch dieſelbe Bibel, Mei⸗ ſter Marner, die Bibel die Ihr aus dieſem Lande mitbrachtet? Iſt es dieſelbe die dieſe Leute in der Kirche hatten und aus welcher Eppie leſen lernte?“ „Ja,“ ſagte Silas,„ganz dieſelbe, und bedenket daß man in der Bibel Looſe zog,“ fügte er etwas leiſer hinzu. „Um Gottes willen,“ ſagte Dolly in betrübtem Tone, wie wenn ſie einen ungünſtigen Krankheits⸗ bericht vernähme. Sie ſchwieg einige Minuten; dann begann ſie endlich: „Es gibt vielleicht weiſe Leute welche wiſſen wie es damit ſteht; der Pfarrer weiß es ganz ſicher, aber man braucht dazu hohe Worte aus denen arme Leute nicht klar werden können. Ich verſtehe nie recht den Sinn deſſen was ich in der Kirche höre; nur hier und da einen Brocken; aber ich weiß, es ſind gute Worte. Aber was Euch auf dem Her⸗ zen liegt, iſt das, Meiſter Marner: wenn die da droben recht für Euch geſorgt hätten, ſo hätten ſie nicht zugegeben daß man Euch als einen gott⸗ loſen Dieb verſtieß, während Ihr doch unſchuldig waret.“ 4 „Ach,“ ſagte Silas, der Dolly's Phraſeologie jezt verſtehen gelernt hatte,„das fiel allerdings auf mich wie glühendes Eiſen, denn ſeht, es war Nie⸗ mand da der ſich meiner annahm oder mich nach oben oder unten vertheidigte. Und derjenige mit 236 dem ich länger als zehn Jahre beſtändig umging, denn ſchon als Jungen waren wir immer beiſam⸗ men, mein theuerſter Freund, auf den ich Vertrauen ſezte, hatte ſeine Ferſe gegen mich erhoben und ſuchte mich ins Verderben zu ſtürzen.“ „Ach ja, das war aber ein böſer Burſche— ich kann mir nicht denken daß es einen zweiten von ſolcher Art gibt,“ verſezte Dolly;„aber ich bin über⸗ wältigt, Meiſter Marner; es iſt mir als wäre ich ſo eben erwacht und wüßte nicht ob es Nacht oder Morgen iſt. Es iſt mir wie wenn ich Etwas ver⸗ legt hätte und es nicht ergreifen könnte. Ich bin überzeugt, es iſt nicht ſo ganz Unrecht was Euch widerfahren iſt, wenn man es nur herausbringen könnte; und Ihr ſolltet darüber nicht kleinmüthig werden wie Ihr es wurdet; aber wir wollen ein andermal davon reden, denn manchmal kommen mir, wenn ich am Curiren oder Umſchlägemachen bin, ſolche Dinge in den Kopf an die ich gar nicht denke wenn ich ruhig daſize.“ Dolly war ein zu brauchbares Weib als daß ſie nicht viele Gelegenheiten gehabt hätte Beiſpiele der erwähnten Art zu ſammeln, und es währte nicht lange, ſo kam ſie auf den Gegenſtand zurück. „Meiſter Marner,“ ſagte ſie eines Tages als ſie Eppie's Wäſche brachte,„ich habe mir über Eure Trübſal und das Loosziehen ſehr den Kopf zerbro⸗ chen und die Sache vielfach hin⸗ und hergedreht, da ich nicht wußte an welchem Zipfel ich ſie faſſen ſollte, aber jezt iſt mir Alles klar geworden, in der Nacht wo ich bei der armen Beſſy Fawkes wachte, die jezt von ihren Kindern, Gott ſegne ſie, hinweg⸗ I ———4——— — —4 237 geſtorben iſt— da iſt es mir ſo klar geworden wie das Tageslicht; aber ob ich es jezt noch in der Gewalt habe oder über meine Zunge bringen kann, das weiß ich nicht; denn ich habe oft Etwas in mir was nie herauskommen will, und was Ihr da von Euren Leuten in Eurem alten Lande erzählt, daß ſie niemals ein Gebet auswendig geſprochen oder aus einem Buche geleſen haben, das beweist mir daß ſie außerordentlich geſcheidt ſein müſſen, denn wenn ich mein Vaterunſer nicht wüßte und noch ein Paar ſchöne Worte die ich aus der Kirche mitnehmen kann, ſo könnte ich jede Nacht auf den Knieen liegen, wüßte aber dennoch Nichts zu agen.“ 3„Aber Ihr könnt meiſtens Etwas ſagen in das ich einen Sinn bringen kann, Frau Winthrop,“ ſagte Silas. „Nun denn, Meiſter Marner, die Sache kommt mir ungefähr ſo vor: ich kann das Loosziehen und die unrechte Antwort nicht verſtehen; vielleicht wäre der Pfarrer nöthig um das zu ſagen, und er könnte es bloß in hochtönenden Worten thun. Aber was mir ſo klar iſt wie das Tageslicht, das war als ich mich um die arme Beſſy Fawkes betrübte, und es kommt mir immer in den Sinn, wenn ich mich um Leute betrübe und ſehe daß ich ihnen doch nicht helfen kann, ſelbſt wenn ich auch mitten in der Nacht auf⸗ ſtehe, da kommt es mir in den Sinn daß Die da droben ein weit beſſeres Herz haben als ich— denn ich kann nicht beſſer ſein als diejenigen die mich Feichaſien haben, und wenn mir Etwas hart ſcheint, o kommt es daher weil es Dinge gibt die ich nicht 238 weiß, und in dieſer Sache kann es gar viele Dinge geben die ich nicht weiß, denn im Ganzen weiß ich nur wenig. Und während ich ſo dachte, kamet Ihr mir in den Sinn, Meiſter Marner, und Alles fiel mir auf einmal ein: wenn ich inwendig fühlte was Recht und Gerechtigkeit gegen Euch war, und wenn diejenigen welche beteten und die Looſe zogen, alle bis auf den einzigen Gottloſen, ſo recht gegen Euch gehandelt haben wie ſie es verſtanden, ſind dann nicht noch Die da droben da die uns gemacht haben und Alles beſſer wiſſen und einen beſſern Willen haben? Und das iſt Alles was ich ſicher glauben kann, und alles Andere bringt mich ſchwer in Ver⸗ legenheit, wenn ich daran denke. Denn da kam das Fieber und raffte die Erwachſenen weg und ließ die hilfloſen Kinder übrig, und da bricht Eines den Fuß, und Andere die rechtſchaffen handeln und nüch⸗ tern ſind, müſſen von ſolchen leiden die das Gegen⸗ theil ſind— ja wahrhaftig, es gibt Trübſal genug in dieſer Welt und da ſind Dinge aus denen wir gar nicht klug werden können. Und Alles was wir thun können, iſt daß wir vertrauen, Meiſter Marner — daß wir das Rechte thun, ſo weit wir es ver⸗ ſtehen, und vertrauen. Denn wenn wir, die wir ſo wenig wiſſen, dennoch viel Gutes und Rechtes ſehen, ſo dürfen wir feſt glauben daß es noch weit mehr Gutes und Rechtes gibt als wir wiſſen kön⸗ nen— ich fühle in meiner eigenen inneren Seite daß es ſo ſein muß. Und wenn Ihr nur hüättet vertrauen und glauben können, Meiſter Marner, ſo würdet Ihr nicht von Euren Mitmenſchen davon gelaufen und ſo einſam geworden ſein.“ —. -——-=——,———... 239 „Ach, das wäre ſchwer geweſen,“ ſagte Silas leiſe und demüthig;„es wäre damals ſchwer ge⸗ weſen zu glauben und zu vertrauen.“ „Glaub's wohl,“ verſezte Dolly beinahe mit Zerknirſchung;„die Dinge ſind leichter geſprochen als gethan, und ich ſchäme mich beinahe ſo viel zu reden.“ „Nein, nein,“ ſagte Silas;„Ihr habt ganz Recht, Frau Winthrop— Ihr habt ganz Recht. Es gibt etwas Gutes auf dieſer Welt— ich fühle es jezt; und man hat, troz aller Trübſal und Bos⸗ heit, das Gefühl daß es mehr Gutes gibt als man ſehen kann. Dieſes Loosziehen iſt dunkel; aber das Kind wurde mir zugeſandt: es gibt Schickungen mit uns— es gibt Schickungen.“ Dieſes Zwiegeſpräch fand in Eppie'’s früheren Jahren ſtatt, wo Silas täglich zwei Stunden ſich von ihr trennen und ſie in die Mädchenſchule ſchicken mußte um leſen zu lernen, nachdem er ſich vergebens bemüht hatte ihr die erſte Anleitung zum Lernen ſelbſt zu geben. Jezt wo ſie herangewachſen war, hatte ſich Silas in jenen Augenblicken ſtiller Her⸗ zensergießung, die ſich für Leute einſtellen welche in vollkommener Liebe zuſammenleben, oft veranlaßt gefühlt auch mit ihr von der Vergangenheit zu reden, und wie und warum er ſo einſam gelebt habe bis ſie ihm geſandt worden. Denn es wäre ihm un⸗ mpöglich geweſen Eppie zu verſchweigen daß ſie nicht ſein eigenes Kind war: ſelbſt wenn man von Rave⸗ loer Klatſchbaſen in ihrer Gegenwart die zarteſte Rückhaltung hätte erwarten können, konnten doch ihre eigenen Fragen über ihre Mutter, als ſie her⸗ 240 anwuchs, nicht mehr abgewehrt werden, ohne jene vollſtändige Verhüllung der Vergangenheit die eine peinliche Schranke zwiſchen ihren Gemüthern aufge⸗ führt hätte. So hatte Eppie ſchon lange erfahren wie ihre Mutter auf dem ſchneeigen Boden geſtorben und auf was Art ſie ſelbſt am Herde von Vater Silas gefunden worden war, der ihre goldenen Locken für ſeine verlorenen Guineen gehalten hatte die ihm zurückgebracht worden ſeien. Die zärtliche und eigenthümliche Liebe womit Silas ſie in beinahe unzertrennlicher Genoſſenſchaft mit ſich ſelbſt aufer⸗ zogen, unterſtüzt von der Abgeſchloſſenheit ihrer Wohnung, hatte ſie vor den herabwürdigenden Ein⸗ flüſſen der Dorfklatſchereien und Dorfgewohnheiten ge⸗ ſchüzt, und ihren Geiſt bei der Friſche bewahrt welche man zuweilen ganz fälſchlich für eine unveränderliche Eigenſchaft des Landlebens hält. Vollkommene Liebe hat einen Hauch von Poeſie der die Beziehungen zwiſchen den ungebildetſten menſchlichen Weſen heben kann, und dieſer Hauch von Poeſie hatte Eppie von der Zeit an umgeben wo ſie dem glänzenden Schim⸗ mer gefolgt war der ihr an den Herd des Webers gewinkt hatte, ſo daß man ſich nicht wundern kann wenn ſie, auch abgeſehen von ihrer zarten Schönheit, kein ganz gewöhnliches Dorfmädchen war, ſondern einen Anſtrich von Feinheit und Gluth hatte, der aus keinem andern Unterricht als aus zärtlich ge⸗ pflegtem, unverfälſchtem Gefühl hervorging. Sie war zu kindlich und hatte eine zu ſchlichte Einbildungs⸗ kraft um in Fragen über ihren unbekannten Vater umherzuſchweifen, denn lange fiel es ihr gar nicht ein daß ſie einen Vater gehabt haben mußte, und —½ ᷣ 241 . der Gedanke daß ihre Mutter einen Mann gehabt habe, drängte ſich ihr zum erſten Mal auf, als Silas ihr den Chering zeigte der von ihrem verwelk⸗ ten Finger genommen worden und den er ſorgfältig in einer kleinen lackirten ſchuhförmigen Büchſe auf⸗ bewahrt hatte. Dieſe Büchſe übergab er Eppie's Obhut als ſie herangewachſen war, und ſie öffnete dieſelbe oft um den Ring anzuſehen; aber dennoch dachte ſie kaum je an den Vater deſſen Symbol derſelbe war. Hatte ſie nicht einen Vater der ihr ſehr nahe ſtand und ſie inniger liebte als alle wirk⸗ lichen Väter im Dorſ ihre Töchter zu lieben ſchienen? er dagegen ihre Mutter war und wie es gekom⸗ men daß ſie in dieſer Verlaſſenheit ſterben mußte, das waren Fragen die ſich ihr häufig aufdrängten. Ihre Bekanntſchaft mit Frau Winthrop, die nächſt Silas am innigſten mit ihr befreundet war, ließ ſie fühlen daß eine Mutter etwas ſehr Koſtbares ſein müſſe, und ſie hatte hin und wieder Silas gefragt wie ihre Mutter ausgeſehen, wem ſie geglichen, und wie er ſie an dem Ginſterbuſche gefunden habe zu welchem er durch ihre kleinen Fußtritte und ihre ausgeſtreckten Arme geleitet worden. Der Ginſter⸗ buſch ſtand noch immer da, und dieſen Mittag, als Eppie mit Silas an den Sonnenſchein hinaus kam, war er der erſte Gegenſtand der ihre Augen und Gedanken feſſelte. „Vater,“ ſagte ſie in einem freundlich ernſten Tone, der ſich zuweilen wie eine traurigere, lang⸗ ſamere Cadenz in ihre heitere Art und Weiſe mengte, „wir müſſen den Ginſterbuſch in den Garten nehmen; er wird in eine Ecke kommen, und juſt daneben will WEliot, Silas Marner. 16 242 ich Schneeglöckchen und Safran ſtecken, weil Aaron ſagt daß ſie nicht ausſterben, ſondern immer dichter werden.“ V „Ja Kind,“ ſagte Silas, der ſtets zum Sprechen bereit war wenn er ſeine Pfeife in der Hand hatte, und ſich offenbar mehr an den Pauſen erfreute als an dem Schmauchen;„den Ginſterbuſch duͤrfen wir nicht draußen laſſen; es gibt nach meiner Meinung gar nichts Hübſcheres als wenn er in ſeiner gelben Blüthe ſteht. Aber da fällt mir eben ein was wir wegen einer Hecke thun müſſen. Vielleicht kann uns Aaron zu einem Gedanken helfen; aber eine Hecke müſſen wir haben, denn ſonſt kommen die Eſel und andere Thiere und treten uns Alles zuſammen. Und eine Hecke iſt, ſoviel ich mir vorſtellen kann, ſchwer zu bekommen.“ „O lieber Dada,“ ſagte Eppie, indem ſie nach einer kurzen Pauſe plözlich in die Hände klatſchte, „ich will Dir Etwas ſagen. Es liegen viele loſt Steine da herum, die zum Theil nicht groß ſind; die wollen wir aufeinander legen und eine Mauer machen, Du und ich, wir wollen die kleinſten nehmen, und Aaron wird die größeren tragen— ich weiß er thut es gerne.“ „Ach meine Liebſte,“ ſagte Silas,„es ſind nicht Steine genug da um ſie rings herum aufzuführen und eine vollſtändige Ringmauer herzuſtellen, und was das Tragen betrifft, ſo kannſt Du mit Deinen dünnen Aermchen keinen Stein tragen der größer als eine Rübe iſt. Du biſt zu ſchwächlich, liebe⸗ Kind,“ fügte er mit einer zärtlichen Betonung hirg —„das ſagt auch Frau Winthrop.“ 4 b ———,.———— ãαᷣ— 243 „O ich bin ſtärker als Du glaubſt, lieber Dada,“ erwiderte Eppie,„und wenn nicht genug Steine für die ganze Ringmauer da ſind, ſo kann ich ſie doch von der Straße wegholen, und dann bekommt man um ſo leichter Zaunſtecken und dergleichen. Da ſieh wie viele Steine um die große Grube her liegen.“ Sie ging darauf zu um einen der Steine auf⸗ zuheben und ihre Kraft zu zeigen, aber ſie fuhr über⸗ raſcht zurück. „O Vater, komm her und ſieh,“ rief ſie,„komm und ſieh wie das Waſſer ſeit geſtern gefallen iſt; geſtern war die Grube noch ſo voll.“ „Allerdings,“ ſagte Silas, indem er an ihre Seite kam.„Das kommt vermuthlich von dem Ab⸗ wäſſern womit ſie ſeit dem Herbſt auf Herrn Os⸗ goods Feldern angefangen haben. Der Verwalter ſagte neulich, als ich an ihm vorbeikam, zu mir: ‚Mei⸗ ſter Marner, es ſollte mich nicht wundern wenn wir Eure Wüſte ganz trocken legten. Herr Gottfried Caß, ſagte er, iſt auf das Abwäſſern eingegangen: er hat dieſe Felder von Herrn Osgood übernommen.“ „Wie ſonderbar wird es ausſehen wenn die alte Grube ausgetrocknet iſt!“ ſagte Eppie, indem ſie ſich abwandte und bückte um einen großen Stein auf⸗ zuheben.„Sieh lieber Dada, ich kann dieſen da ganz gut tragen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie mit großer Energie einige Schritte weit ging; dann aber ließ ſie ihn auf einmal fallen. „Ja wohl, Du biſt ſchön und ſtark,“ bemerkte Silas, während Eppie ihre ſchmerzenden Arme ſchüt⸗ telte und lachte.„„Komm, laß uns jezt an dem Steg dort Plaz nehmen und keine Steine mehr 16* 244 lüpfen. Du könnteſt Dir weh thun, Kind; Du brauchſt Jemand um für Dich zu arbeiten— und mein Arm iſt nicht übermäßig ſtark.“ Silas ſprach den lezten Saz langſam, wie wenn er mehr bedeuten ſollte als was das Ohr auffing, und Eppie ſchmiegte ſich dicht an ſeine Seite, nahm koſend den nicht übermäßig ſtarken Arm und hielt ihn auf ihrem Schooß, während Silas pflichtgemäß! wieder aus der Pfeife paffte, die ſeinen andern Arm in Anſpruch nahm. Eine Eſche in der Ecke hinten bildete einen neckiſchen Sonnenſchirm und warf hei⸗ ter ſpielende Schatten um ſie her. „Vater,“ ſagte Eppie ſehr leiſe, nachdem ſie eine kleine Weile ſchweigend dageſeſſen,„wenn ich mich verheirathete, würde ich dann mit meiner Mutter Ring getraut werden?“ Silas fuhr beinahe unmerklich zuſammen, obſchon die Frage in die Gegenſtrömung ſeiner eigenen Ge⸗ danken fiel, und dann ſagte er leiſe:„Ei wie, Ep⸗ pie, haſt Du ſchon an das gedacht?“ „Erſt in dieſer lezten Woche, Vater,“ ſagte Eppie aufrichtig,„ſeit Aaron mit mir darüber geſprochen hat.“ „Und was ſagte er?“ fragte Silas, noch immer in demſelben leiſen Tone als fürchtete er Etwas zu berühren was für Eppie nicht gut wäre. „Er ſagte, er würde ſich gerne verheirathen, weil er in ſein vierundzwanzigſtes Jahr gehe und als Gärtner viel zu thun habe, nachdem Herr Mott ent⸗ laſſen worden; er geht regelmäßig zweimal in der Woche zu Herrn Caß und einmal zu Herrn Osgood’ auch will man ihn jezt im Pfarrhaus nehmen.“ — — „ 245 „Und wen will er heirathen?“ fragte Silas mit etwas betrübtem Lächeln. „Nun natürlich mich, lieber Dada,“ antwortete Eppie mit heiterem Lachen, indem ſie ihn auf die Wange küßte;„wen könnte er ſonſt heirathen wollen?“ „Und Du willſt ihn haben?“ fragte Silas. „Ja,“ ſagte Eppie,„in einiger Zeit, ich weiß nicht wann. Jedermann heirathet einmal, ſagte Aaron; aber ich antwortete ihm, dieß ſei nicht wahr; denn, ſagte ich, ſieh den Vater an, er war nie verheirathet.“ „Nein Kind,“ ſprach Silas,„Dein Vater war ein einſamer Mann bis Du ihm zugeſandt wurdeſt.“ „Aber Du wirſt nie wieder einſam ſein, Vater,“ ſagte Eppie zärtlich,„das war es was Aaron ſagte — ich könnte nie daran denken Dich von Meiſter arner wegzunehmen, Eppie. Und ich ſagte, es würde Dich auch Nichts helfen wenn Du das woll⸗ teſt, Aaron. Und er verlangt daß wir Alle zuſam⸗ men leben ſollen, ſo daß Du gar Nichts mehr zu arbeiten brauchſt, Vater, außer was Du zu Deinem eigenen Vergnügen thuſt, und er würde ſo gut wie n Sohn gegen Dich ſein— das war es was er agte.“ „Und würde Dir das gefallen, Eppie?“ fragte ilas, indem er ſie anſchaute. „Ich würde mir Nichts daraus machen, Vater,“ ſagte Eppie ganz einfach.„Ich würde es gerne ſehen wenn Du Nichts mehr arbeiten müßteſt. Aber wenn es nicht um das wäre, ſo wünſchte ich noch lieber daß die Dinge ſich nicht verändern. Ich bin ſehr glücklich: es freut mich daß Aaron uns lieb hat und uns häufig beſucht und ſich artig gegen Dich 246 beträgt— er beträgt ſich doch immer artig gegen Dich, nicht wahr, Vater?“ „Ja Kind, Niemand könnte ſich beſſer betragen,“ antwortete Silas mit Nachdruck.„Er iſt ſeiner Mut⸗ ter Sohn.“ „Aber ich wünſche keine Veränderung,“ ſagte Eppie;„ich möchte gerne noch lange, lange ſo dahin⸗ leben wie wir jezt leben. Nur Aaron wünſcht eine Veränderung, und er hat mich ſogar ein Bischen zum Weinen gebracht— nur ein klein Bischen— weil er ſagte, ich frage Nichts nach ihm, denn wenn ich Etwas nach ihm fragte, ſo würde ich unſere Ver⸗ heirathung eben ſo ſehnlich wünſchen wie er.“ „Nun mein vielgeliebtes Kind,“ ſagte Silas, in⸗ dem er ſeine Pfeife weglegte, als wäre es nuzlos noch länger rauchen zu wollen:„Du biſt noch zu jung um zu heirathen. Wir wollen Frau Winthrop fragen— wir wollen Aarons Mutter fragen was ſie davon hält; wenn etwas Rechtes daran iſt, ſo wird ſie darauf kommen. Aber man muß es über⸗ legen, Eppie. Die Dinge werden ſich verändern, oh wir es wünſchen oder nicht; die Dinge gehen nicht lange ganz gleich und ohne Unterſchied ſo fort. Ich werde älter und hilfloſer werden und werde Dir viel⸗ leicht eine Laſt ſein, wenn ich nicht ganz von Dir gehe. Nicht als ob ich glaubte daß Du mich als eine Laſt anſehen würdeſt— ich weiß, Du thuſt es nicht— aber es würde hart für Dich ſein; und wenn ich dem entgegenſehe, ſo macht es mir Freude zu denken daß Du einen Andern neben mir haben wirſt, einen jungen und kräftigen Mann der Dein ganzes Leben ausharren und bis an Dein Ende für dicj b B— — — d — △== ihren Vater einen 247 ſorgen wird.“ Silas hielt inne, und indem er ſeine Handgelenke auf ſeinen Knieen ruhen ließ, bewegte er ſeine Hände nachdenklich auf und nieder, während er auf den Boden ſchaute. „Dann würdeſt Du alſo wünſchen daß ich mich verheirathe?“ fragte Eppie mit einigem Zittern in ihrer Stimme. „Ich werde nicht der Mann ſein Nein zu ſagen, Eppie,“ ſprach Silas pathetiſch,„aber wir wollen unſere Pathin fragen. Sie wünſcht das Rechte für Dich und auch für ihren Sohn.“ „Da kommen ſie,“ ſagte Eppie.„Laß uns ihnen entgegengehen. O die Pfeife! Willſt Du ſie nicht wieder anzünden, Vater?“ ſagte Eppie, indem ſie dieſes mediciniſche Hilfsinſtrument vom Boden aufhob. „Nein Kind,“ antwortete Silas,„ich habe für heute genug. Vielleicht iſt ein klein Wenig beſſer für mich als ſo viel auf einmal.“ Siebenzehntes Capitel. Während Silas und Eppie auf der Bank ſaßen und in dem gefleckten Schatten der Eſche mit ein⸗ ander plauderten, widerſtand Fräulein Priscilla Lam⸗ meter allen Beweiſen ihrer Schweſter daß es geſcheid⸗ ter von ihr wäre im rothen Hauſe zu bleiben und langen Schlaf thun zu laſſen, als ſo bald nach dem Mittageſſen nach Warrens zurück⸗ zufahren. Die von bloß vier Köpfen gebildete Fa⸗ miliengeſellſchaft ſaß in dem dunkeln vertäfelten Sa⸗ lon beim Sonntagsdeſſert, beſtehend aus friſchen * 248 Lambertsnüſſen, Aepfeln und Birnen, und Nancy hatte mit eigener Hand den Tiſch mit Blättern geſchmückt bevor die Glocken zur Kirche geläutet. Eine große Veränderung war über den dunkeln vertäfelten Salon gekommen, ſeit wir ihn in Gott⸗ frieds Junggeſellentagen und unter der weiberloſen Regierung des alten Squire geſehen. Jezt iſt Alles blank und polirt, kein geſtriger Staub darf ſich von den gewaltigen Eichentiſchen her die auf dem Teppich herumſtanden, an die Flinten, Peitſchen und Pfeifen⸗ köpfe des alten Squire anſezen, die an dem Hirſch⸗ geweih über dem Kaminſims prangen. Alle andern Zeichen von Jagdluſt und ſonſtiger Beſchäftigung außer dem Hauſe hat Nancy in ein anderes Zimmer geſchafft; aber ſie hat die Gewohnheit kindlicher Ver⸗ ehrung in das rothe Haus mitgebracht und bewahrt dieſe Reliquien vom verſtorbenen Vater ihres Man⸗ nes heilig an einem Chrenort. Die Trinkkannen ſtehen noch immer auf dem Seitentiſch, aber das ge⸗ buckelte Silber iſt nicht vom Gebrauche getrübt und keine Bodenſäze führen zu unlieblichen Voraus⸗ ſezungen: der allein vorherrſchende Geruch kommt von dem Lavendel und den Roſenblättern welche die Vaſen von Derbyſhirer Spath füllen. Alles iſt Reinlichkeit und Ordnung in dieſem einſt ſo trüb⸗ ſeligen Zimmer, denn vor fünfzehn Jahren war ein neuer herrſchender Geiſt eingezogen. „Ach Vater,“ ſagte Nancy,„iſt irgend ein Grund vorhanden daß Du zum Thee nach Hauſe gehen ſollſt? Kannſt Du nicht eben ſo gut bei uns blei⸗ ben? Der Abend verſpricht ſo ſchön zu werden.“ Der alte Herr hatte mit Gottfried über die zu⸗ ———◻-—— 249 nehmende Armenſteuer, über die ruinirenden Zeiten geſprochen und den Dialog ſeiner Töchter nicht gehört. „Da mußt Du Priscilla fragen, meine Liebe,“ ſagte er mit der einſt feſten, jezt aber ſo ziemlich gebrochenen Stimme.„Sie beherrſcht mich und das ganze Haus.“ „Ich habe auch allen Grund Dich zu beherrſchen, Vater,“ ſagte Priscilla,„ſonſt würdeſt Du Dich durch Rheumatismen tödten. Und was das Haus betrifft, wenn da irgend etwas ſchlecht geht, wie es in dieſen Zeiten nicht anders ſein kann, ſo tödtet Nichts einen Mann ſchneller als wenn er über Niemand ſchimpfen kann als über ſich ſelbſt. So kann man leicht den Herrn ſpielen, wenn man irgend einer andern Per⸗ ſon das Anordnen überläßt und das Tadeln ſelbſt in der Hand behält. Schon Mancher hätte ſich da⸗ durch einen dummen Streich erſparen können.“ „Ei, ei, meine Liebe,“ ſagte ihr Vater mit ruhi⸗ gem Lachen,„ich habe ja nicht behauptet daß Du nicht zum allgemeinen Beſten regiereſt.“ „Dann regiere ſo daß Du zum Thee bleiben kannſt, Priscilla,“ ſagte Nancy, indem ſie ihre Hand an den Arm der Schweſter legte.„Komm jezt, wir wollen im Garten ſpazieren gehen ſo lang der Vater ſein Schläfchen macht.“ „Mein liebes Kind, er kann ganz ſchön im Gig ſchlafen, denn ich werde kutſchiren. Vom Dableiben zum Thee kann nicht die Rede ſein, denn ſeit dieſe Milchmagd weiß daß ſie bis Michaelis heirathet, würde ſie die neue Milch eben ſo gerne in den Sau⸗ trog ſchütten als in die Pfanne. So machen ſie's alle: ſie ſcheinen zu glauben, die ganze Welt müſſe *+£ neu umgeorgelt werden weil ſie heirathen wollen. Laß mich alſo nur meinen Hut aufſezen; zum Spa⸗ ziergang im Garten haben wir noch immer Zeit ſo lange angeſpannt wird.“ Als die Schweſtern auf den zierlich gepflegten Gartenpfaden zwiſchen den freundlichen Raſen um⸗ herwandelten, die mit den dunkeln bogen⸗ und mauerartigen Eibenhecken freundlich contraſtirten, ſagte Priscilla: „Es freut mich ungemein daß Dein Mann mit Vetter Osgood dieſen Tauſch gemacht hat und die Milchwirthſchaft beginnt. Es iſt Jammerſchade daß ihr es nicht ſchon vorher thatet, denn dieß gibt auch eine Beſchäftigung für den Geiſt. Es geht Nichts über eine Milchwirthſchaft, wenn man Langeweile hat und nicht weiß wie man ſeinen Tag zubringen ſoll. Es iſt ſchon recht daß man ſeine Möbel blank puzt, aber wenn Du einmal Dein Geſicht in einem Tiſche ſiehſt, ſo gibt es Nichts mehr zu ſehen; die Milchwirthſchaft dagegen bringt immer etwas Friſches mit ſich, denn ſelbſt mitten im Winter iſt es ſtets ein Vergnügen Butter zu machen und ſie kommen zu ſehen. Mein liebes Kind,“ fügte Priscilla hinzu, indem ſie zärtlich ihrer Schweſter Hand drückte, während ſie neben einander herſchritten,„Du wirſt nie herabgeſtimmt werden wenn Du einmal eine Milchwirthſchaft haſt.“ „Ach ja, Priscilla,“ antwortete Nancy, die mit einem dankbaren Blick aus ihren klaren Augen den Druck erwiderte:„aber auf Gottfried wird es nicht ſo auf⸗ heiternd wirken; eine Milchwirthſchaft taugt Nichts für einen Mann. Und wenn mich Etwas herab⸗ 251 ſtimmt, ſo iſt es einzig und allein ſein Kummer. Ich bin wohl zufrieden mit den Gottesgaben die wir beſizen, wenn nur auch er zufrieden wäre!“ „Wie muß ich mich doch über dieſe Männer är⸗ gern!“ ſagte Priscilla.„Sie wünſchen und wünſchen immer Etwas und können ſich nie mit dem begnügen was ſie haben: ſie können nie behaglich in ihren Stühlen ſizen, obſchon ſie weder Kopfweh noch einen andern Schmerz haben, ſondern müſſen entweder eine Pfeife ins Maul ſtecken, damit es ihnen noch wohler wird, oder irgend etwas Starkes hinunter⸗ ſchlucken, obſchon ſie ſich beeilen müſſen bevor die nächſte Mahlzeit heranrückt. Aber wir müſſens mit Freude geſtehen, unſer Vater war nicht von der Art, und wenn es Gott gefallen hätte Dich häßlich zu machen wie mich, ſo daß die Männer Dir nicht nachgelaufen wären, ſo hätten wir unſere eigene Familie forthalten können und nicht mit Leuten zu thun bekommen die ſo unruhig Blut in ihren Adern haben.“ „O ſprich nicht ſo, Priscilla,“ ſagte Nancy, die jezt bereute daß ſie dieſen Ausbruch hervorgerufen hatte;„kein Menſch kann an Gottfried etwas aus⸗ ſezen. Natürlich iſt er unmuthig daß er keine Kin⸗ der hat: Jedermann wünſcht ſich Jemand für den er arbeiten und Etwas zurücklegen kann, und er freute ſich immer darauf was für einen Lärm er mit den Kindern machen wollte ſo lange ſie klein wären. Mancher Andere würde noch weit verdrieß⸗ licher ſein als er. Er iſt der beſte aller Ehe⸗ männer.“ „O ich weiß,“ ſagte Priscilla mit ſarcaſtiſchem . 252 Lächeln,„ich weiß wie die Frauen es machen; ſie hezen die Leute gegen ihre Männer auf, und dann ſtreicht man ſie wieder heraus wie wenn man ſie verkaufen wollte. Aber der Vater wird auf mich warten; wir müſſen jezt wieder umkehren.“ Der geräumige Gig mit dem alten ſtattlichen Schimmel ſtand vor der Hausthür, und Herr Lam⸗ meter befand ſich bereits auf der ſteinernen Treppe, wo er Gottfried daran erinnerte was für ſchöne Tüpfelchen das Thier gehabt als ſein Herr es noch zu reiten pflegte. „Du weißt, es war immer ein gutes Pferd,“ ſagte der alte Herr, der dieſe luſtige Zeit nicht ganz aus dem Gedächtniß der jüngern Generation ſchwin⸗ den laſſen wollte. „Du bringſt doch Nancy noch vor Ende der Woche nach Warrens, Caß,“ lautete Priscilla's Ab⸗ ſchiedsmahnung, als ſie die Zügel ergriff und ſie zur freundlichen Aufmunterung für den Schimmel ſanft ſchüttelte. „Ich will jezt auf die Felder bei den Steinbrü⸗ chen hinaus, Nancy, und nach der Entwäſſerung ſehen,“ ſagte Gottfried. „Du kommſt aber doch zum Thee nach Hauſe?“ „O ja, ich bin in einer Stunde wieder da.“ Es war Gottfrieds Gewohnheit an einem Sonn⸗ tag Mittag einen gemächlich⸗beſchaulichen Spaziergang auf ſeinem Gute umher zu machen. Nancy begleitete ihn ſelten, denn die Frauen ihrer Generation— wenn ſie nicht gerade, wie Priscilla, die Geſchafte außer dem Haus beſorgten— waren nicht dazu angethan weit über Haus und Garten hinauszugehen, da ſie in der Haushaltung Beſchäftigung genug fanden. Wenn aſſo Priscilla nicht bei ihr war, ſo ſaß ſie gewöhnlich mit ihrer Bibel vor ſich da, verfolgte eine kleine Weile den Text mit ihren Augen, dann erlaubte ſie ihnen allmählich herumzuſchweifen, wie ihre Gedanken bereits angefangen hatten. Aber Nancy's Sonntagsgedanken blieben ſelten ganz unvermiſcht von der frommen und ehrfurchtsvollen Abſicht auf welche das vor ihr aufgeſchlagene Buch ſchließen ließ. Sie beſaß nicht genug theologiſche Bildung um die Beziehungen zwiſchen den heiligen Urkunden der Vergangenheit, welche ſie ohne Methode aufſchlug, und ihrem eigenen dunkeln und einfachen Leben ſehr genau zu erkennen; aber Gerechtigkeits⸗ ſinn und das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Wirkung ihres Benehmens auf Andere, zwei ſtarke Elemente in Nancy's Character, hatten es bei ihr zur Gewohnheit werden laſſen daß ſie ihre früheren Gefühle und Handlungen mit ſorgfältiger Selbſtbe⸗ fragung unterſuchte. Wenn ihr Geiſt nicht durch große Mannigfaltigkeit von Gegenſtänden angeregt wurde, ſo füllte ſie die leeren Augenblicke damit aus, daß ſie immer wieder innerlich alle ihre unvergeſſenen Erfahrungen durchlebte, beſonders während ihres fünfzehnjährigen Cheſtandes, in welchem ihr Leben und ſeine Bedeutung ſich verdoppelt hatten. Sie erinnerte ſich an die kleinen Details, die Worte, Töne und Blicke bei den critiſchen Scenen die eine neue Epoche für ſie eröffnet hatten, indem ſie ihr einen tieferen Einblick in die Verhältniſſe und Heimſuchun⸗ en des Lebens verliehen, oder die ſie zu einer kleinen Anſtrengung der Geduld oder ſchmerzlichen — 254 Fügſamkeit in eine eingebildete oder vielleicht wirk⸗ liche Pflicht aufgefordert hatten, wobei ſie ſich be⸗ ſtändig fragte ob ſie in irgend einer Beziehung Tadel verdient habe. Dieſes übermäßige Nachſinnen und Selbſtforſchen iſt vielleicht eine krankhafte Gewohn⸗ heit die ſich bei einem Geiſt von großer ſittlicher Empfindſamkeit nicht vermeiden läßt, wenn er von ſeinem gebührenden Antheil an äußerer Thätigkeit und practiſchen Anſprüchen an ſeine Neigungen aus⸗ geſchloſſen iſt— ſie iſt unvermeidlich bei einer edelherzigen kinderloſen Frau, wenn ihr Loos be⸗ ſchränkt iſt. Ich kann ſo wenig thun; habe ich auch Alles wohlgethan? iſt der beſtändig wieder⸗ kehrende Gedanke, und da gibt es keine Stimmen welche ſie von dieſem Selbſtgeſpräch hinwegrufen, keine beſtimmte Forderungen welche ihre Thätigkeit von vergeblichem Bedauern oder überflüſſigem Be⸗ denken abziehen. Es gab einen hauptſächlichen Faden ſchmerzlicher Erfahrung in Nancy's ehelichem Leben, und daran hingen gewiſſe tiefgefühlte Scenen die am öfteſten ins Leben zurückgerufen wurden. Das kurze Ge⸗ ſpräch mit Priscilla im Garten hatte beſonders die⸗ ſen Sonntag Mittag den Gang der rückblickenden Gedanken entſchieden in dieſe häufige Richtung ge⸗ lenkt. Die erſte Abſchweifung vom Text, welchem ſie noch immer mit ihren Augen und ſtillen Lippen zu folgen verſuchte, führte ihre Phantaſie zu einer noch wärmeren Vertheidigung ihres Mannes gegen Priscilla's angedeuteten Tadel. Die Rechtfertigung des geliebten Gegenſtandes iſt der beſte Balſam welche die Liebe für ihre Wunden finden kann: einem 2⁵⁵ Mann geht ſo viel durch den Kopf, ſo lautet der Glaube mittelſt deſſen ein Weib oft bei rohen und gefühlloſen Reden ein heiteres Geſicht zu behaupten weiß. Und Nancy's tiefſte Wunden waren alle von der Wahrnehmung gekommen daß das Ausbleiben von Kindern an ihrem Herde ihren Mann als eine Entbehrung drückte mit welcher er ſich nicht verſöh⸗ nen konnte. Doch hätte man erwarten können daß die holde Nancy noch weit herber die Verweigerung eines Segens empfunden hätte welchem ſie mit all den man⸗ nigfachen, bald feierlichen, bald ziemlich trivialen Er⸗ wartungen und Vorbereitungen entgegengeſchaut die den Geiſt einer liebenden Frau ausfüllen, wenn ſie Mutter zu werden hofft. War nicht eine Commode ganz voll von der zierlichen Arbeit ihrer Hände, gänzlich ungetragen und unberührt, ſo wie ſie die⸗ ſelbe vor vierzehn Jahren hineingelegt? Alles bis auf ein einziges Kleidchen, aus welchem man das Grabkleid gemacht hatte. Aber während dieſer un⸗ mittelbaren perſönlichen Heimſuchung enthielt ſich Nancy ſo feſt alles Murrens und Klagens, daß ſie ſchon vor Jahren plözlich der Gewohnheit entſagt hatte dieſe Commode zu beſuchen, um nicht dadurch die Sehnſucht nach einem Schaze zu unterhalten der nicht gewährt wurde. Vielleicht war es gerade dieſe Strenge gegen ein, wie ſie glaubte, ſündhaftes Sehnen, was ſie abhielt ihren eigenen Maßſtab an ihren Mann an⸗ zulegen. Für einen Mann war es ganz anders und noch viel ſchlimmer auf ſolche Art ſeinen liebſten Wunſch unerfüllt zu ſehen: eine Frau konnte immer * — 256 ihre Befriedigung darin finden ſich ihrem Manne zu opfern, aber ein Mann mußte Etwas haben, und das einſame Daſizen am Feuer war für ihn viel trübſeliger als für eine Frau. Und immer wenn Nancy den Gipfelpunkt ihrer Betrachtungen erreichte, wenn ſie mit vorberechnetem Mitgefühl Alles ſo an⸗ zuſehen verſuchte wie Gottfried that— ſo begann das Selbſtbefragen von Neuem. Hatte ſie Alles ge⸗ than was in ihrer Macht ſtand um Gottfrieds Ent⸗ behrung zu erleichtern? Hatte ſie wirklich Recht ge⸗ habt mit dem Widerſtand der ihr vor ſechs und wieder vor vier Jahren ſo ſauer geworden— dem Widerſtand gegen den Wunſch ihres Mannes ein Kind zu adoptiren? Adoption lag den Ideen und Gewohnheiten jener Zeit ferner als der unſrigen; Nancy hatte noch immer ihre eigene Meinung darüber. Es war für ihren Geiſt ebenſo nothwendig eine Meinung über alle nicht ausſchließlich Männer betreffende Gegenſtände zu haben die ihr vorgekommen waren, als einen genau bezeichneten Plaz für jeden Artikel ihres perſönlichen Eigenthums zu halten, und ihre Meinungen waren immer Grundſäze die ohne Wanken eingehalten wurden. Sie waren feſt, nicht wegen ihrer Grundlage, ſondern weil ſie mit einer Zähigkeit daran hielt die von ihrer geiſtigen Thätig⸗ keit unzertrennlich war. Bei allen Pflichten und Vorkommniſſen des Lebens, von dem töchterlichen Benehmen an bis zu dem Anordnen der Abend⸗ toilette, hatte die hübſche Nancy Lammeter mit drei⸗ undzwanzig Jahren ihren unperänderlichen kleinen Codex, und ſie hatte jede ihrer Gewohnheiten in ſtrengen Einklang mit dieſem Geſezbuch gebracht. 257 Sie führte dieſe entſchiedenen Urtheile ganz im Stillen bei ſich, ohne ſie Jemand aufdrängen zu wollen: die⸗ ſelben wurzelten in ihrer Seele und wuchſen darin ſo ruhig wie Gras. Vor Jahren beſtand ſie, wie wir wiſſen, darauf daß Priscilla ſich eben ſo kleiden ſollte wie ſie ſelbſt, weil es ſich gebühre daß Schweſtern ſich gleich kleiden, und weil ſie nur etwas Gebührliches thue wenn ſie ein orleansfarbiges Kleid trage. Dieß war ein trivialer, aber characteriſtiſcher Beleg für die Art und Weiſe wie Nancy ihr ganzes Leben regelte. Einer dieſer ſtrengen Grundſäze und nicht klein⸗ liches, egoiſtiſches Gefühl war der Grund zu Nancy's ſchwierigem Widerſtand gegen den Wunſch ihres Gat⸗ ten geweſen. Ein Kind zu adoptiren, weil eigene Kinder verſagt ſind, hieß der Vorſehung zum Troz ſein Glück verſuchen und ſelbſt wählen; das adoptirte Kind würde, das war ſie überzeugt, niemals wohl gerathen, ſondern ein Fluch für Diejenigen werden die ſtarrköpfiſch und rebelliſch Etwas verlangten was ſie augenſcheinlich aus irgend einem hohen Grunde entbehren ſollten.„Wenn Du ſiehſt daß Etwas ein⸗ mal nicht ſein ſoll,“ ſagte Nancy,„ſo iſt es offen⸗ bar Pflicht vom Wunſche darnach abzuſtehen.“ Und in ſo fern konnten vielleicht die weiſeſten Männer kaum mehr als eine wörtliche Verbeſſerung in ihrem Grundſaz anbringen. Aber die Bedingungen unter denen ſie es für augenſcheinlich hielt daß Etwas nicht ſein ſolle, hingen von einer eigenthümlicheren Art und Weiſe des Denkens ab. Sie würde einen Einkauf an einem beſondern Plaze unterlaſſen haben, wenn dreimal hintereinander Regen oder eine andere vom Himmel geſchickte Urſache ein Hinderniß gebil⸗ Eliot, Silas Marner. 17 die wir ihr geben können. Wo liegt denn die Wahr⸗ 258 det hätte, und ſie hätte Jedem der troz deſſen dar⸗ auf beharren wollte einen Beinbruch oder irgend ein anderes ſchweres Mißgeſchick prophezeit. „Aber warum mußt Du denn glauben daß das Kind nicht gerathen würde?“ ſagte Gottfried in ſei⸗ nen Gegenvorſtellungen.„Das Mädchen iſt bei dem Weber ſo gut gediehen wie nur ein Kind ge⸗ deihen kann, und er hat ſie adoptirt. Es gibt in der ganzen Gemeinde kein ſo hübſches kleines Mäd⸗ chen, keines würde ſo gut für die Stellung taugen ſcheinlichkeit daß ſie für irgend Jemand ein Fluch werden könnte?“ „Ja mein lieber Gottfried,“ ſagte Nancy, die mit feſtgeſchloſſenen Händen und mit ſehnſüchtig verlangender Liebe in ihren Augen daſaß.„Das Kind mag bei dem Weber nicht übel gedeihen. Aber er hat ſie auch nicht geſucht, wie wir thun würden. Dieß wäre Unrecht: mein Gefühl ſagt mirs ganz deut⸗ lich daß es Unrecht wäre. Erinnerſt Du Dich nicht mehr was die Dame die wir in Royſton trafen uns von dem Adoptivkind ihrer Schweſter erzählte! Das war die einzige Adoption von der ich je gehört hatte, und das Kind wurde mit dreiundzwanzig Jahren deportirt. Lieber Gottfried, bitte mich nicht um Etwas was ich als Unrecht erkenne: ich würde nie wieder glücklich ſein. Ich weiß, es iſt ſehr hart für Dich— ich nehme es leichter— aber es iſ der Wille der Vorſehung.“ Es könnte ſonderbar erſcheinen daß Nancy— mit ihrer aus beſchränkten ſocialen Ueberlieferungen, Bruchſtücken einer halbverſtandenen Kirchenlehre, und 259 mädchenhaften Betrachtungen über ihre geringe Er⸗ fahrung zuſammengeſtückelten religiöſen Theorie— von ſelbſt bei einer Denkweiſe anlangen mußte die ſo nahe mit den Anſchauungen vieler Frömmler ver⸗ wandt war, deren Glaubensſäze in der Form eines ihr ganz unbekannten Syſtems gehalten werden— es könnte ſonderbar erſcheinen, wenn wir nicht wüßten daß der menſchliche Glaube, wie alle andern Natur⸗ gewächſe, der Schranken eines Syſtems ſpottet. Gottfried hatte gleich Anfangs Eppie, die damals ungefähr zwölf Jahre alt war, als ein zur Adoption geeignetes Kind bezeichnet. Es war ihm nie ein⸗ gefallen daß Silas eher ſterben als ſich von Eppie trennen würde. Sicherlich würde der Weber dem Kinde mit dem er ſich ſo viel Mühe gegeben das Beſte wünſchen und froh ſein daß ihm ein ſo glän⸗ zendes Glück zufiel. Eppie würde ihm ſtets ſehr dank⸗ bar bleiben und er würde für ſeine ausgezeichneten Verdienſte um das Kind wohl verſorgt werden. War es nicht vollkommen paſſend für Leute in höherer Lebensſtellung daß ſie einem geringeren Mann eine ſolche Laſt abnahmen? Herrn Gottfried ſchien es, aus Gründen die nur ihm ſelbſt bekannt waren, ungemein paſſend zu ſein, und mit einer ge⸗ wöhnlichen Täuſchung bildete er ſich ein, die Maß⸗ regel würde ſich ganz leicht ergeben, weil er Privat⸗ gründe hatte ſie zu wünſchen. Dieß war eine etwas plumpe Art und Weiſe des Webers Verhältniß zu Eppie zu beurtheilen; aber wir müſſen bedenken daß viele von den Eindrücken welche Gottfried ſehr wahr⸗ ſcheinlich von dem arbeitenden Volke um ihn her er⸗ hielt, die Idee begünſtigten daß tiefe Neigungen 2 17 260 kaum mit ſchwieligen Händen und dürftigen Mitteln verträglich ſeien, und er hatte, wenn es auch in ſei⸗ ner Macht geſtanden hätte, nicht Gelegenheit gehabt genau in alles Außerordentliche einzudringen was in der Erfahrung des Webers lag. Nur der Mangel an entſprechender Belehrung hatte es Gottfried mög⸗ lich machen können mit gutem Vorbedacht einen ge⸗ fühlloſen Plan auszuhecken. Seine natürliche Güte hatte jene traurige Zeit grauſamer Wünſche überlebt, und das Lob das Nancy ihm als Gattin ſpendete, gründete ſich nicht ganz auf eine abſichtliche Täuſchung. „Ich hatte Recht,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, als ſie ſich alle Scenen der Erörterung vergegenwärtigte, „mein Gefühl ſagt mir daß ich Recht hatte Nein zu ſagen, obſchon es mir weher that als irgend Etwas. Aber wie gut hat ſich Gottfried bei der ganzen Sache gezeigt! Mancher Mann würde ſehr böſe geworden ſein wenn ich ſeinen Wünſchen entgegen⸗ getreten wäre; er hätte mir zu verſtehen gegeben daß er mit mir Unglück gehabt habe; aber Gottfried hat mir nicht ein einziges unfreundliches Wort ge⸗ ſagt. Es iſt bloß was er nicht verbergen kann. Alles erſcheint ihm ſo leer und öde, das weiß ich, und das Gut— wie ganz anders würde er den Dingen nachſehen wenn er das Alles für Kinder thäte die ihm emporwüchſen! Aber ich will nicht murren. Wenn er eine Andere geheirathet hätte die ihm Kinder ſchenkte, ſo würde ſie ihn vielleicht auf andere Arten gequält haben.“ Dieſe Möglichkeit war Nancy's Haupttroſt, und um ihm größere Kraft zu geben, ſuchte ſie ſichs als ganz unmöglich vorzuſpiegeln daß irgend eine andere 261 Frau eine vollkommenere Zärtlichkeit gezeigt hätte. Sie war gezwungen worden ihn durch dieſe einzige Weigerung zu quälen. Gottfried war nicht unem⸗ pfänglich für ihre liebende Anſtrengung und ließ Nancy in Betreff der Gründe ihrer Hartnäckigkeit kein Unrecht widerfahren. Er hatte unmöglich fünf⸗ zehn Jahre mit ihr leben können, ohne zu bemerken daß ein uneigennüziges Feſthalten am Rechten und eine Aufrichtigkeit, ſo klar wie der Morgenthau in den Blumen, ihre hauptſächlichſten Characterzüge waren. Gottfried fühlte dieß in der That ſo ſtark, daß ſeine eigene mehr ſchwankende Natur, die zu wenig Luſt hatte einer Schwierigkeit offen entgegen⸗ zutreten, um ſtets einfach und wahr zu bleiben, in einer gewiſſen Scheu von dieſem ſanften Weibe er⸗ halten wurde, das ſeine Blicke mit einer Sehnſucht ihnen zu gehorchen beobachtete. Es ſchien ihm un⸗ möglich daß er je die Wahrheit über Eppie geſtehen könnte; Nancy würde ſich nie von dem Abſcheu er⸗ holen welchen die Geſchichte ſeiner früheren Ehe ihr erregen mußte, wenn er ſie jezt nach ſo langer Ver⸗ hehlung erzählte. Und auch das Kind, dachte er, müßte ein Gegenſtand des Abſcheus werden, ſchon ſein Anblick würde peinlich ſein. Ja ſogar Nancy's Stolz und ihre Unkenntniß der böſen Dinge der Welt könnte einen für ihre zarte Conſtitution allzu harten Schlag dadurch erleiden. Nachdem er ſie einmal mit dieſem Geheimniß auf ſeinem Herzen ge⸗ heirathet, mußte er es bis ans Ende daſelbſt ver⸗ wahren. Mit allem was er ſonſt thun mochte, konnte er keine unheilbare Kluſt zwiſchen ſich und dieſem langgeliebten Weibe herbeiführen. 4 262 Warum konnte er ſich inzwiſchen nicht darein finden daß an einem von einer ſolchen Frau erheiter⸗ ten Herde die Kinder fehlten? Warum floh ſein Geiſt unruhig in dieſe Leere, als ob dieß der einzige Grund wäre daß das Leben ihm nicht eitel Freu⸗ den böte? Ich vermuthe daß es allen Männern und Frauen ſo geht welche das mittlere Alter ohne die klare Wahrnehmung erreichen daß das Leben nicht eitel Freuden bieten kann. Unter dem unbe⸗ ſtimmten Trübſinn düſterer Stunden ſucht die Unbe⸗ friedigung einen beſtimmten Gegenſtand und findet ihn in der Entbehrung eines unverſuchten Gutes. Der Mißmuth der ſinnend an einem klinderloſen Herde ſizt, denkt mit Neid an den Vater deſſen Rück⸗ kehr von jungen Stimmen begrüßt wird— an dem Mahle ſizend wo die kleinen Köpfe ſich wie Treib⸗ hauspflanzen über einander erheben, ſieht er um jeden derſelben eine ſchwarze Sorge ſchweben und denkt, die Triebe in Folge deren ein Mann ſeine Freiheit aufgebe und nach Banden ſuche, ſeien wahr⸗ lich nichts anderes als ein kurzer Wahnſinn. In Gottfrieds Fall waren noch weitere Gründe vorhan⸗ den warum ſeine Gedanken beſtändig von dieſem einzigen Punkt in ſeinem Looſe beſchäftigt wurden: ſein Gewiſſen, das ſich über Eppie nie ganz beruhigt hatte, dab ſeinem kinderloſen Hauſe jezt das Anſehen einer Vergeltung, und als die Zeit unter Nancy's Proteſtationen gegen ihre Adoption verſtrich, wurde jede Gutmachung ſeiner Verirrung immer ſchwie⸗ riger. An dieſem Sonntagmittag waren es bereits vier Jahre daß nicht die mindeſte Anſpielung auf die Sache mehr zwiſchen ihnen gefallen war, und Nancy glaubte dieſelbe für immer begraben. „Ich möchte doch wiſſen ob er mit zunehmendem Alter weniger oder mehr daran denken wird,“ dachte ſie;„ich fürchte, mehr. Alte Leute fühlen den Man⸗ gel an Kindern: was würde der Vater ohne Pris⸗ cilla machen? Und wenn ich ſterbe, ſo wird Gott⸗ fried ſehr einſam ſein. Mit ſeinen Brüdern hält er nicht ſehr zuſammen. Aber ich will nicht überängſt⸗ lich ſein und nicht für die Zukunft ſorgen: ich muß mein Beſtes für die Gegenwart thun.“ Mit dieſem lezten Gedanken rüttelte ſich Nancy aus ihrer Träumerei auf und kehrte ihre Augen wieder auf das vergeſſene Buch. Es war länger vergeſſen worden als ſie ſich einbildete, denn ſie wurde jezt durch die Erſcheinung einer Dienerin mit⸗ dem Theezeug überraſcht. Es war allerdings ein wenig vor der gewöhnlichen Theezeit; aber Jane hatte ihre Gründe. „Iſt der Herr gekommen, Jane?“ „Nein, er iſt nicht gekommen,“ antwortete Jane mit einem gewiſſen Nachdruck, welchen ihre Gebieterin jedoch nicht beachtete. „Ich weiß nicht ob Sie's geſehen haben,“ fuhr Jane nach einer Paufe fort,„aber drunten vor dem Haus ſieht man Leute in aller Haſt vorübergehen. Ich glaube daß Etwas vorgefallen iſt. Im Hofe iſt Niemand von der Dienerſchaft zu ſehen, ſonſt würde ich hinſchicken und Erkundigungen einziehen laſſen. Ich war in der Manſarde droben, aber da ſieht man Nichts vor den Bäumen. Ich will hoffen daß Nie⸗ mand Schaden genommen hat.“ * 264 „O nein, es wird wohl Nichts von Bedeutung ſein,“ verſezte Nancy.„Vielleicht hat Herrn Snells Bulle wieder einmal losgeriſſen.“ „Er wird doch Niemand ſtoßen,“ ſagte Jane, die eine Annahme nicht ganz verwarf welche der Phantaſie allerlei Unglücksfälle vorſchweben ließ. „Dieſes Mädchen ängſtigt mich doch immer,“ dachte Nancy;„ich wollte, Gottfried käme.“ Sie ging ans Vorderfenſter und ſchaute ſo weit ſie ſehen konnte der Straße entlang, mit einer Un⸗ ruhe die ihr ſelbſt als kindiſch erſchien; denn ſie er⸗ blickte keine ſolche Zeichen von Aufregung von denen Jane geſprochen hatte, und Gottfried kam wahrſchein⸗ lich nicht durch das Dorf, ſondern über das Feld her. Sie blieb jedoch ſtehen und ſchaute auf den friedſamen Kirchhof mit den langen Schatten der Grabſteine über den hellgrünen Hügelchen, und auf die blühenden Herbſtfarben der Bäume des Pfarr⸗ gartens jenſeits derſelben hinaus. Einer ſolchen ruhi⸗ gen äußeren Schönheit gegenüber gibt ſich eine un⸗ beſtimmte Furcht deutlicher zu empfinden— wie wenn ein Rabe mit ſeinem langſamen Flügel durch die ſonnige Luft flattert. Nancy wünſchte immer ſehnlicher daß Gottfried kommen möchte. Achtzehntes Capitel. Jemand öffnete die Thüre am andern Ende des Zimmers, und Nancy fühlte daß es ihr Gatte war. Sie wandte ſich mit heitern Blicken vom Fenſter ab, denn die Hauptangſt der Frau war beſchwichtigt. 265 „O Gott, wie froh bin ich daß Du kommſt!“ ſagte ſie, indem ſie auf ihn zuging.„Ich glaubte ſchon.. Sie hielt plözlich inne, denn Gottfried legte ſei⸗ nen Hut mit zitternden Händen weg und zeigte ihr dann ein bleiches Geſicht mit einem ſonderbaren Nnichtsſagenden Blick, als ob er ſie wirklich ſähe, aber nur als einen Theil einer für ſie ſelbſt unſichtbaren Scene. Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und wagte es nicht weiter zu ſprechen; aber er nahm keine Notiz von ihrer Berührung und warf ſich auf ſeinen Stuhl. Jane ſtand bereits mit dem ziſchenden Theekeſſel vor der Thüre.„Sei ſo gut und ſchick ſie weg,“ ſagte Gottfried. Und als die Thüre wieder zu war, bemühte er ſich deutlicher zu ſprechen. „Sez Dich, Nancy, hieher,“ ſagte er auf einen Stuhl gegenüber deutend.„Ich kam ſo ſchnell als möglich zurück, damit Niemand außer mir ſelbſt Dir das Vorgefallene erzählen ſollte. Ich habe einen großen Schreck erlebt— aber ich ängſtige mich weit mehr um den Schreck den es Dir verurſachen wird.“ „Es betrifft. doch nicht den Vater und Pris⸗ cilla?“ ſagte Nancy mit zitternder Stimme, in⸗ dem ſie ihre Hände feſt auf dem Schooß zuſammen⸗ drückte. „Nein, es betrifft keinen lebendigen Menſchen,“ antwortete Gottfried, uneingedenk der Bedachtſam⸗ keit und Geſchicklichkeit womit er ſeine Enthüllung gerne gemacht hätte.„Es iſt Dunſtan— mein Bruder Dunſtan, den wir vor ſechszehn Jahren aus 4* 266 den Augen verloren. Wir haben ihn gefunden, haben ſeinen Leichnam, ſein Skelett gefunden.“ Nach dem tiefen Schreck welchen Gottfrieds Aus⸗ ſehen bei Nancy hervorgerufen, wurde es ihr bei dieſen Worten wieder leichter ums Herz. Sie ſaß verhältnißmäßig ruhig da, um ſeine weitern Auf⸗ ſchlüſſe entgegenzunehmen. Er fuhr fort: „Der Steinbruch iſt plözlich ausgetrocknet— in Folge der Entwäſſerung, vermuthe ich, und da liegt er, da hat er ſechszehn Jahre zwiſchen zwei große Steine eingekeilt gelegen. Da iſt ſeine Uhr und ſein Petſchaft, und da iſt meine Jagdpeitſche mit goldnem Griff und meinem Namen darin. Er nahm ſie ohne mein Wiſſen mit, als er mit Wildfeuer auf die Jagd ging, das leztemal wo er geſehen wurde.“ Gottfried hielt inne: was er jezt zu ſagen haͤtte, wurde ihm nicht ſo leicht. 128 „Glaubſt Du daß er ſich ertränkt hat?“ fragte Nancy, beinahe verwundert darüber daß ihr Mann ſo tief von einem Unglück erſchüttert werden ſollte das ſchon ſo viele Jahre her einem ungeliebten Bruder zugeſtoßen, von dem man Schlimmeres pro⸗ phezeit hatte. „Nein, er fiel hinein,“ ſagte Gottfried mit leiſer, aber deutlicher Stimme, als fühlte er daß eine tiefe Bedeutung in der Thatſache liege. Dann fügte er ſchnell hinzu:„Dunſtan war der Mann der den Weber beſtahl.“ Das Blut ſtrömte Nancy in Geſicht und Hals vor Ueberraſchung und Scham, denn ihre ganze Er⸗ ziehung hatte ſie darauf hingeleitet ſelbſt eine ferne 267 Freundſchaft mit dem Verbrechen als eine Schande zu betrachten. „O Gottfried!“ ſagte ſie mit Mitleid in ihrem Tone, denn ſie hatte augenblicklich überlegt daß ihr Mann die Schande noch weit peinlicher empfinden mußte. „Da lag das Gold in der Grube,“ fuhr er fort, „das ganze Gold des Webers. Alles iſt aufgehoben worden und man bringt das Skelett in den Regen⸗ bogen. Aber ich kam zurück um es Dir zu ſa⸗ gen: es ließ ſich nicht verhindern, Du mußteſt es erfahren.“ Er ſchwieg und ſchaute zwei lange Minuten auf den Boden. Nancy hätte ihm bei dieſem Unglück gerne einige Worte des Mitgefühls geſagt, aber ſie ſagte ſich aus inſtinctmäßigem Gefühl daß noch Etwas dahinter ſei und Gottfried ihr irgend Etwas zu ſoaan habe. Jezt ſchlug er ſeine Augen zu ihrem Geſichte auf, fixirte ſie feſt und ſagte:„Alles kommt früher oder ſpäter ans Licht, Nancy. Wenn Gott der Allmächtige es will, werden unſere Geheimniſſe herausgefunden. Ich hatte bisher ein Geheimniß auf meiner Seele laſten, aber ich will es Dir nicht länger vorenthalten. Ich möchte nicht daß Du es von einer andern Perſon als von mir erfahren ſollſt; ich möchte nicht daß Du es erſt nach meinem Tode ausfindig machen ſollſt. Ich will es Dir jezt ſagen. Ich ſchwebte mein ganzes Leben lang unſchlüſſig hin und her— jezt will ich mich Dir ganz klar und offen geben.“ Nancy's äußerſter Schreck war zurückgekehrt. Die Augen der beiden Gatten begegneten ſich mit 4 268 angſtvoller Scheu, wie bei einer Criſis welche die Liebe bedrohte. „Nancy,“ ſagte Gottfried langſam,„als ich Dich heirathete, verheimlichte ich Dir Etwas— Etwas was ich Dir hätte ſagen müſſen. Das Frauenzim⸗ mer das Marner todt im Schnee fand— Eppies Mutter— dieſes unglückliche Frauenzimmer— war mein Weib: Eppie iſt mein Kind.“ Er hielt inne, weil er die Wirkung ſeines Be⸗ kenntniſſes fürchtete. Aber Nancy ſaß ganz ruhig da, nur daß ihre Augen tropften und den ſeinigen nicht mehr begegneten. Sie war blaß und ſttlll wie eine Statue des Nachdenkens und hielt ihre Hände über dem Schooß zuſammengedrückt. „Du wirſt nie wieder gut von mir denken,“ ſagte Gottfried nach einer kurzen Weile mit einigem Beben in ſeiner Stimme. Sie ſchwieg. „Ich hätte das Kind anerkennen müſſen: ich hätte es nicht vor Dir verborgen halten ſollen, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen Dich zu verlie⸗ ren, Nancy. Ich ließ mich verleiten ſie zu heirathen — ich habe ſchwer dafür gebüßt.“ Noch immer ſchwieg Nancy und ſchaute auf den Boden. Gottfried erwartete beinahe, ſie würde plöz⸗ lich aufſtehen und erklären daß ſie zu ihrem Vater gehe. Wie konnte ſie Erbarmen mit Fehlern haben die ihr mit ihren einfachen ſtrengen Begriffen ſo ſchwarz erſcheinen mußten? Aber endlich ſchlug ſie ihre Augen wieder zu den ſeinigen auf und ſprach. Es lag keine Entrüſtung in ihrer Stimme, nur tiefe Klage. 269 „Gottfried, wenn Du mir das nur vor ſechs Jahren geſagt hätteſt, ſo hätten wir einen Theil un⸗ ſerer Pflicht an dem Kinde thun können. Glaubſt Du, ich würde mich geweigert haben ſie anzunehmen, wenn ich gewußt hätte daß ſie Dir gehörte?“ In dieſem Augenblick empfand Gottfried die volle Bitterkeit eines Irrthums der nicht bloß ganz grund⸗ los war, ſondern auch ſeinen eigenen Zweck vereitelt hatte. Er hatte dieſes Weib nicht ermeſſen mit wel⸗ chem er ſo lange gelebt; aber ſie ſprach wieder und mit mehr Aufregung: „Und, o Gottfried, wenn wir ſie vom Anfang an gehabt hätten, wenn Du Dich ihrer angenommen hätteſt, wie es Deine Pflicht und Schuldigkeit war, ſo würde ſie mich als ihre Mutter geliebt haben, und Du wäreſt glücklicher mit mir geweſen. Ich hätte den Tod meines Kindes leichter ertragen können, und unſer Leben hätte unſeren früheren Erwartungen mehr entſprochen.“ Die Thränen floßen und Nancy hörte auf zu ſprechen. „Aber Du hätteſt mich dann nicht geheirathet, Nancy, wenn ich Dirs geſtanden hätte,“ ſagte Gott⸗ fried, der in der Bitterkeit ſeiner Reue ſich ſelbſt zu beweiſen ſuchte daß ſein Benehmen nicht gänzlicher Wahnſinn geweſen ſei.„Du glaubſt vielleicht jezt daß Du es gethan hätteſt, aber Du hätteſt es da⸗ mals nicht gethan. Bei Deinem und Deines Vaters Stolz hättet ihr, wenn die Sache ruchbar geworden wäre, allen weiteren Verkehr mit mir abgebrochen.“ „Ich kann nicht ſagen was ich gethan hätte, Gottfried. Ich würde nie einen Andern geheirathet 270 haben. Aber ich war nicht werth daß man meinet⸗ wegen Unrecht that— Nichts in der Welt iſt dieß werth. Nichts iſt ſo gut wie es vorher ſcheint— auch unſere Ehe war es nicht, wie Du jezt ſiehſt.“ Ein ſchwaches trauriges Lächeln ſchwebte auf Nan⸗ ey's Geſicht als ſie die lezten Worte ſprach. „Ich bin ſchlimmer als Du glaubteſt, Nancy,“ ſagte Gottfried beinahe zitternd;„kannſt Du mir je verzeihen?“ „Das Unrecht gegen mich iſt nur gering, Gott⸗ fried: Du haſt es an mir gut gemacht— Du warſt fünfzehn Jahre lang gut gegen mich. Dein Unrecht betrifft eine andere Perſon, und ich zweifle ob es je gut gemacht werden kann.“ „Aber wir können Eppie jezt nehmen,“ ſagte Gottfried.„Es liegt mir Nichts mehr daran ob die Welt es endlich erfährt. Ich will für den Reſt mei⸗ nes Lebens aufrichtig und offen ſein.“ „Es iſt etwas ganz Anderes wenn ſie jezt, ſchon herangewachſen, zu uns kommt,“ ſagte Nancy mit traurigem Kopfſchütteln.„Aber es iſt Deine Pflicht ſie anzuerkennen und für ſie zu ſorgen. Und ich will auch das Meinige an ihr thun und zu Gott⸗ dem Allmächtigen flehen daß er mir ihre Liebe zu⸗ wende.“ „Dann wollen wir noch heute Abend mit ein⸗ ander zu Silas Marner gehen, ſobald es in den Steinbrüchen wieder ruhig iſt.“ 271 Neunzehntes Capitel. Zwiſchen acht und neun Uhr dieſen Abend ſaßen Eppie und Silas allein in der Hütte. Nach der großen Aufregung welche der Weber in Folge der Ereigniſſe des Nachmittags überſtanden, hatte er eine Sehnſucht nach dieſer Ruhe empfunden und ſogar Frau Winthrop und Aaron, die natürlich nach allen Andern noch geblieben waren, erſucht ihn mit ſeinem Kinde allein zu laſſen. Die Aufregung war nicht vergangen: ſie hatte nur das Stadium erreicht wo die Schärfe der Empfindſamkeit einen äußeren An⸗ reiz unerträglich macht— wo kein Gefühl von Müdig⸗ keit vorhanden iſt, ſondern vielmehr eine ſolche Kraft inneren Lebens daß der Schlaf zur Unmöglichkeit wird. Wer je ſolche Momente bei andern Menſchen beobachtet hat, erinnert ſich des Glanzes der dann in den Augen leuchtet, und der ſeltſamen Beſtimmt⸗ heit die in Folge dieſes vorübergehenden Einfluſſes über plumpe Züge kommt. Es iſt als ob ein neues Feingefühl des Ohres für alle geiſtige Stimmen wunderthätige Vibrationen durch das ſchwere ſterb⸗ liche Gehäuſe geſchickt hätte, als ob die aus murmeln⸗ den Tönen geborene Schönheit in das Geſicht des Hörers übergetreten wäre. Marners Geſicht zeigte dieſe Art von Verklärung, als er in ſeinem Lehnſtuhl ſaß und Eppie anſchaute. Sie hatte ihren eigenen Stuhl an ſeine Kniee ge⸗ zogen und beugte ſich, ſeine beiden Hände haltend, vorwärts, während ſie zu ihm aufblickte. Auf dem Tiſch neben ihnen brannte ein Licht und lag das wiedergewonnene Gold— das alte langgeliebte Gold, * 272 in ordentliche Haufen abgetheilt, wie Silas es in den Tagen abzutheilen pflegte wo es ſeine einzige Freude war. Er hatte ihr erzählt wie er es jeden Abend zählte, und wie ſeine Seele im höchſten Grade verlaſſen war, bis ſie ihm geſandt wurde. „Zuerſt,“ ſagte er in gedämpftem Tone,„hatte ich eine Art von Gefühl das mich noch jezt dann und wann überkommt, als könnteſt Du wieder in das Gold verwandelt werden, denn zuweilen meinte ich, ich mochte den Kopf drehen wie ich wollte, das Gold zu ſehen, und ich dachte, welche Wonne das ſein müßte wenn ich es fühlen könnte, und wenn ich fände daß es zurückgekehrt wäre. Aber dieß währte nicht lange. Nach einiger Zeit würde ich es als einen Fluch betrachtet haben, wenn es Dich von mir getrieben hätte, denn Deine Blicke, Deine Stimme und die Berührung Deiner kleinen Finger war mir zum Bedürfniß geworden. Du wußteſt es damals nicht, Eppie, da Du noch ſo klein warſt— Du wußteſt nicht was Dein alter Vater Silas für Dich empfand.“ „Aber jezt weiß ich es, Vater,“ ſagte Eppie. „Wäreſt Du nicht geweſen, ſo hätte man mich ins Arbeitshaus gebracht und dort hätte Niemand mich geliebt.“ „Ach mein Herzenskind, Du warſt ein Segen des Himmels für mich. Wäreſt Du nicht geſandt worden um mich zu retten, ſo wäre ich in meinem Jammer zu Grabe geſunken. Das Gold wurde mir zur Zeit entwendet, und jezt ſiehſt Du, es iſt auf⸗ bewahrt worden— aufbewahrt bis man es für Dich brauchte. Unſer Leben iſt wunderbar.“ 273 Silas ſaß einige Minuten ſchweigend da und ſchaute auf das Gold.„Jezt hat das Gold keine Gewalt mehr über mich,“ ſagte er nachdenklich;„ich möchte wiſſen ob es je wieder Macht über mich be⸗ kommen könnte; ja vielleicht wenn ich Dich verlöre, Eppie. Dann würde ich mich wieder ganz verlaſſen glauben und das Gefühl verlieren daß Gott gut gegen mich war.“ In dieſem Augenblick klopfte es an die Thüre, und Eppie mußte aufſtehen ohne Silas zu antwor⸗ ten. Sie ſah ſchön aus: zärtliche Thränen ſammel⸗ ten ſich in ihren Augen, und eine flüchtige Röthe lag auf ihren Wangen, als ſie auf die Thüre zu⸗ ſchritt um ſie zu öffnen. Die Röthe wurde dunkler als ſie Herrn und Frau Gottfried Caß erblickte. Sie machte ihren kurzen bäuriſchen Knix und hielt die Thüre weit für ſie offen. „Wir ſtören Euch ſehr ſpät, liebes Kind,“ ſagte Frau Caß, indem ſie Eppie's Hand ergriff und mit einem Ausdruck ängſtlicher Theilnahme und Bewun⸗ derung in ihr Geſicht ſchaute. Nancy ſelbſt war blaß und zitterte. Eppie ſtellte ſich, nachdem ſie den Herrſchaften Stühle vorgerückt, neben Silas, ihnen gegenüber. „Nun Marner,“ ſagte Gottfried, indem er mit vollkommener Feſtigkeit zu ſprechen verſuchte,„es iſt ein großer Troſt für mich daß ich Euch wieder bei Eurem Golde ſehe deſſen Ihr ſo viele Jahre beraubt waret. Jemand aus meiner Familie hat Euch das Unrecht zugefügt— um ſo größer iſt der Kummer für mich— und ich fühle mich verpflichtet es auf Eliot, Silas Marner. 18 * 274 alle mögliche Weiſe an Euch gut zu machen. Was ich für Euch thun kann, iſt weiter Nichts als die Zahlung einer Schuld, ſelbſt wenn ich nur den Dieb⸗ ſtahl im Auge hätte. Aber es gibt noch andere Dinge wozu ich verpflichtet bin, Euch verpflichtet, Marner.“ Gottfried hielt inne. Es war zwiſchen ihm und ſeiner Frau beſchloſſen worden daß die Vaterſchafts⸗ ſache ſehr behutſam angeregt und die Entdeckung wo möglich der Zukunft vorbehalten bleiben ſolle, ſo daß man ſie Eppie allmählig beibringen könne. Nancy hatte darauf beſtanden, weil ſie ſtark fühlte in welchem peinlichen Licht Eppie unvermeidlich das Verhältniß zwiſchen ihrem Vater und ihrer Mutter ſehen mußte. Silas, der ſich ſtets unbehaglich fühlte wenn „beſſere“ Leute, wie z. B. Herr Caß— ſchlanke, kräftige, blühende Männer die man hauptſächlich zu Pferde ſah— mit ihm ſprachen, antwortete mit einigem Zwang: „Herr, ich habe Ihnen bereits viel zu verdanken. Den Diebſtahl nehme ich nicht mehr als Verluſt, und wenn ichs auch thäte, ſo könnten Sie nicht da⸗ für, Sie ſind nicht verantwortlich.“ „Ihr möget die Sache ſo betrachten, Marner, aber ich kann es nicht; und ich hoffe, Ihr werdet mich ſo handeln laſſen wie es mein eigenes Rechts⸗ gefühl mir eingibt. Ich weiß, Ihr ſeid leicht be⸗ friedigt, Ihr habt Euer ganzes Leben lang ſchwer gearbeitet.“ „Ja Herr, ja,“ ſagte Marner nachdenklich.„Ich wäre ohne meine Arbeit übel daran geweſen; ſie war das Einzige was mir blieb, als alles Andere von mir gegangen war.“ „Ah,“ ſagte Gottfried, der Marners Worte ein⸗ fach auf ſeine leiblichen Bedürfniſſe bezog,„Ihr hattet ein gutes Geſchäft in dieſem Lande, weil es immer viel Leineweberarbeit gibt. Aber Ihr ſeid jezt über ſo ſtrenge Arbeiten hinaus, Marner; es wäre Zeit daß Ihr Euch zurückzöget und Eurer Ruhe pfleg⸗ tet. Ihr ſeht ſehr herabgekommen aus, obſchon Ihr noch nicht alt ſeid, oder?“ „Fünfundfünfzig, wenn ich es recht weiß, Herr,“ antwortete Silas. „O da könnt Ihr noch dreißig Jahre leben— ſeht nur den alten Macey an, und dieſes Geld auf dem Tiſch iſt im Ganzen nur wenig. Es wird übri⸗ gens nicht weit reichen, ob Ihr es nun auf Zinſen anlegt oder ob Ihr davon herunterlebt, ſo weit es geht. Es würde nicht weit reichen, wenn Ihr bloß Euch ſelbſt zu verſorgen hättet, und Ihr hattet man⸗ ches liebe Jahr für zwei zu ſorgen.“ „O Herr,“ antwortete Silas, ungerührt von Allem was Gottfried ſagte.„Ich fürchte keinen Mangel. Wir kommen ſehr gut aus— Eppie und ich haben vollkommen genug; es gibt wenig Leute unter der Arbeiterclaſſe die ſo viel zurückgelegt haben. 1 Ich weiß nicht was es für vornehme Herrſchaften iſt, aber ich betrachte es als viel— beinahe allzu viel. Es iſt ſehr wenig was wir brauchen.“ 1„Nur der Garten, Vater,“ ſagte Eppie, die gleich darauf bis an die Ohren erröthete. „Ihr liebt einen Garten, nicht wahr, meine Liebe?“ ſagte Nancy, in der Hoffnung durch dieſe 18* *† 276 Wendung ihren Gatten zu unterſtüzen.„Wir wür⸗ den darin übereinſtimmen: ich verwende viel Zeit auf den Garten.“ „Und es gibt viel Gartengeſchäfte im rothen Hauſe,“ ſagte Gottfried, überraſcht daß es ihm ſo ſchwer wurde mit einem Vorſchlag herauszurücken der ihm in der Ferne ſo leicht geſchienen hatte. „Ihr habt ſechzehn Jahre lang etwas Schönes für Eppie gethan, Marner. Würde es Euch jezt nicht eine große Beruhigung gewähren ſie gut verſorgt zu ſehen? Sie ſieht bluͤhend und geſund aus, taugt aber nicht für harte Arbeit. Sie ſieht nicht aus wie ein kräftiges Mädchen von arbeitenden Eltern. Ihr würdet es gewiß gerne ſehen wenn Leute ſich ihrer annähmen die ihr etwas Schönes hinterlaſſen und eine vornehme Dame aus ihr machen könnten; ſie taugt dazu beſſer als zu einem rauhen Leben, wie ſie es in wenigen Jahren bekommen würde.“ Eine leichte Röthe flog über Marners Geſicht und verſchwand wie ein vorübergehender Schimmer. Eppie war einfach verwundert, warum Herr Caß von Dingen ſpreche die nach ihrer Anſicht nichts mit der Wirklichkeit zu thun hatten; aber Silas war ver⸗ lezt und unruhig. „Ich verſtehe Sie nicht, Herr,“ antwortete er, da ihm keine Worte zu Gebot ſtanden, um die ge⸗ miſchten Gefühle auszudrücken womit er ſeinen Vor⸗ trag angehört hatte. „Nun, meine Meinung iſt die, Marner,“ ſagte Gottfried, entſchloſſen zum eigentlichen Punkte zu kommen.„Frau Caß und ich haben, wie Ihr wißt, keine Kinder— wir haben Niemand den wir durch 277 unſer gutes Haus und unſer ſchönes veriſomn be⸗ glücken können— wir beſizen mehr als genug für uns ſelbſt. Und wir möchten gerne eine Tochter um uns haben— wir möͤchten gerne Eppie haben und wür⸗ den ſie in jeder Beziehung als unſer eigenes Kind behandeln. Es wird in Eurem hohen Alter hoffent⸗ lich ein großer Troſt für Euch ſein ihr Glück auf ddieſe Art gemacht zu ſehen, nachdem Ihrs Euch ſo ſauer werden ließet ſie ſo gut heranzuziehen. Und Ihr verdient dafür jede mögliche Belohnung. Eppie würde, ich bin es feſt überzeugt, Euch immer lieben und Euch dankbar ſein; ſie würde ſehr oft kommen und nach Euch ſehen, und wir Alle würden es uns angelegen ſein laſſen alles Mögliche zu thun um es Euch angenehm zu machen.“ Ein ſchlichter Mann wie Gottfried Caß, der in einiger Verlegenheit ſpricht, geräth nothwendig auf Worte die plumper ſind als ſeine Abſichten und empfängliche Gefühle leicht verlezen können. Wäh⸗ rend er ſprach, hatte Eppie gemächlich ihren Arm hinter des Webers Kopf geſchoben und ließ ihre Hand liebkoſend darauf ruhen: ſie fühlte daß er hef⸗ tig zitterte. Er ſchwieg einige Augenblicke als Herr Caß geendet hatte; er wußte ſich unter dem Wider⸗ ſtreit von Gemüthsbewegungen die alle gleich ſchmerz⸗ lich waren nicht zu rathen. Eppie's Herz ſchwoll bei dem Gefühl daß ihr Vater in Noth ſei, und ſie wollte ſich eben zu ihm hinabbeugen und ſprechen, als bei Silas zulezt eine ſchreckliche Angſt die Ober⸗ 1 herrſchaft über jedes andere Gefühl gewann und er mit ſchwacher Stimme ſagte: „Eppie, mein Kind, ſprich Du. Ich möchte 4 b 278 Deinem Glück nicht im Wege ſtehen. Danke Herrn und Frau Caß!“ Eppie nahm ihre Hand von ihres Vaters Kopfe weg und trat einen Schritt vorwärts; ihre Wangen waren geröthet, aber dießmal nicht vor Scheu: das Gefühl daß ihr Vater ſich in bangen Zweifelsqualen befinde, ließ dieſe Art von Selbſtbewußtſein nicht aufkommen. Sie machte einen tiefen Knix, zuerſt gegen Herrn und dann gegen Frau Caß, und ſagte: „Danke Ihnen, Madame, danke Ihnen, Herr. Aber ich kann meinen Vater nicht verlaſſen und kann Niemand als einen nähern Verwandten anerkennen als ihn. Und ich wünſche keine vornehme Dame zu ſein— danke Ihnen jedoch herzlich dafür.“(Hier machte Eppie einen neuen Knix.)„Ich könnte die Leute nicht verlaſſen an die ich gewöhnt bin.“ Bei den lezten Worten begann Eppie's Lippe ein wenig zu zittern. Sie trat an ihres Vaters Stuhl zurück und hielt ihn um den Hals, während Silas mit gedämpftem Schluchzen ſeine Hand emporhielt um die ihrige zu ergreifen. Thränen ſtanden in Nancy's Augen, aber ihr Mitgefühl für Eppie wurde natürlich durch den Kum⸗ mer um ihren Gatten gedämpft. Sie wagte nicht zu ſprechen und hätte nur gern erfahren mögen was in ſeinem Innern vorging. Gottfried empfand eine Erbitterung, wie beinahe alle Menſchen die auf ein unerwartetes Hinderniß ſtoßen. Er war voll von ſeiner eigenen Reue und mit dem feſten Entſchluß ſein Vergehen wieder gut zu machen, ſoweit ihm die Zeit dazu übrig blieb, —-——— 8 279 hieher gekommen. Seine innerſten Gefühle hatten ihn zu einer wohlvorbedachten Handlungsweiſe ge⸗ drängt, die er als die allein richtige erkannt, und er war nicht darauf vorbereitet mit genauer Schäzung auf die Gefühle anderer Leute einzugehen, die ſeinen tugendhaften Entſchlüſſen entgegentraten. Die Auf⸗ regung mit welcher er wieder das Wort ergriff, war nicht ohne alle Beimiſchung von Zorn. „Aber ich habe ein Recht an Dich, Eppie— das ſtärkſte aller Rechte. Es iſt meine Pflicht, Marner, Eppie als mein Kind anzuerkennen und für ſie zu ſorgen. Sie iſt mein leibliches Kind, ihre Mutter war meine Frau. Ich habe ein natürliches Recht an ſie und dieß muß allen andern vorgehen.“ Eppie war heftig aufgefahren und ganz blaß geworden. Silas dagegen, welchen die Antwort Eppie's von der Furcht erlöst hatte daß er ſich im Widerſpruch mit ihr befinden möchte, fühlte den Geiſt des Widerſtandes in ſich frei geworden und empfand zugleich eine Regung von väterlichem Troz.„Dann Herr,“ antwortete er mit einem Tone von Bitterkeit der ſeit dem merkwürdigen Tag der Vernichtung ſeiner Jugendhoffnung in ihm geſchwiegen hatte— „dann Herr, warum haben Sie das nicht vor ſech⸗ zehn Jahren geſagt? Warum haben Sie Ihre An⸗ ſprüche nicht geltend gemacht ehe ich das Mädchen lieben lernte, ſtatt daß Sie jezt kommen und es mir nehmen wollen, während Sie mir eben ſo gut das Herz aus dem Leibe nehmen könnten? Gott hat ſie mir gegeben weil Sie ihr den Rücken kehrten, und Er betrachtet ſie als mein Kind. Sie haben kein Recht auf ſie. Wenn ein Menſch etwas Gutes von 4 280 ſeiner Thüre ſtößt, ſo fällt es Denjenigen zu die es aufnehmen.“ „Ich weiß das, Marner. Ich hatte Unrecht. Ich habe mein Benehmen in dieſer Sache bereut,“ ſagte Gottfried, der nicht umhin konnte die Schneide in den Worten des Webers tief zu empfinden. „Das freut mich,“ ſagte Marner, deſſen Aufre⸗ gung ſich ſteigerte;„aber Reue ändert eine Sache nicht die vor ſechzehn Jahren geſchehen iſt. Dadurch daß Sie jezt kommen und ſagen: Ich bin ihr Vater, werden die Gefühle in unſerm Innern nicht geän⸗ dert. Mich hat ſie ihren Vater genannt ſeit ſie das Wort ausſprechen konnte.“ „Aber ich denke, Ihr könntet die Sache vernünf⸗ tiger anſehen, Marner,“ ſagte Gottfried, dem dieſe unumwundene Wahrhaftigkeit des Webers auf ein⸗ mal bange machte.„Es iſt nicht als ob ſie ganz von Euch genommen werden ſollte, ſo daß Ihr ſie nie wieder ſehen könntet. Sie wird in Eurer Nähe bleiben und ſehr oft nach Euch ſehen. Sie wird ganz daſſelbe für Euch fühlen.“ „Ganz daſſelbe?“ entgegnete Marner bitterer als je.„Wie wird ſie ganz daſſelbe für mich fühlen wie jezt, wo wir den gleichen Biſſen eſſen, aus der gleichen Schale trinken und vom Morgen bis zum Abend an die gleichen Dinge denken? Ganz daſſelbe? Das iſt leeres Gerede. Ihr würdet uns entzwei⸗ ſchneiden.“ Gottfried, den keine Erfahrung befähigte die ganze Bedeutung dieſer einfachen und doch ſo inhaltsvollen Worte zu würdigen, wurde wieder etwas zornig. Er fand es ſehr eigennüzig von dem Weber(ein 281 Urtheil das leicht von Leuten gefällt wird die ihre eigene Opferfähigkeit niemals erprobt haben) daß er ſich der unzweifelhaften Wohlfahrt Eppie's widerſezen wollte, und er fühlte ſich um ihretwillen berufen ſeine Autorität geltend zu machen. „Ich hätte doch gedacht, Marner,“ ſagte er ſtreng, „ich hätte doch gedacht, Eure Liebe zu Eppie wäre von der Art daß Ihr Euch über ihr Beſtes freuen würdet, wenn Ihr auch ſelbſt Etwas dabei aufgeben müßtet. Ihr ſolltet bedenken daß Euer eigenes Leben unſicher iſt, und daß ſie jezt in einem Alter ſteht wo ihr Schickſal bald auf eine ganz andere Art als in ihres Vaters Hauſe feſtgeſezt werden muß. Sie heirathet vielleicht einen gemeinen Arbeiter, und dann könnte ich, was ich auch für ſie thun möchte, nicht für ihr Wohl ſorgen. Ihr ſtellt Euch ihrer Wohlfahrt in den Weg, und obſchon ich Euch, nach Allem was Ihr gethan habt und was ich ungeſche⸗ hen ließ, nicht gerne beleidigen möchte, ſo glaube ich mich doch verpflichtet darauf zu beſtehen daß ich für meine eigene Tochter ſorgen muß. Ich will meine Pflicht thun.“ Es wäre ſchwer zu ſagen wer von dieſer lezten Erklärung Gottfrieds tiefer ergriffen wurde, Silas oder Eppie. Das Mädchen hatte ſich allerlei Ge⸗ danken gemacht, als ſie den Streit zwiſchen ihrem alten langgeliebten Vater und dieſem neuen unver⸗ trauten Vater anhörte, der plözlich gekommen war um den Plaz dieſes ſchwarzen formloſen Schattens auszufüllen, welcher den Ring gehalten und an den Finger ihrer Mutter geſteckt hatte. Ihre Einbil⸗ dungskraft hatte ſich rückwärts in Vermuthungen 4 282 und vorwärks in Ahnungen geſtürzt, was dieſe ent⸗ hüllte Vaterſchaft bedeuten möge, und Gottfrieds lezte Erklärung enthielt Worte welche den Ahnungen eine ganz beſondere Beſtimmtheit gaben. Nicht als ob dieſe Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft ihren Entſchluß beſtimmt hätten— dieſer wurde von den Gefühlen entſchieden die in jedem Worte des Webers durchklangen: aber auch abge⸗ ſehen von dieſen Gefühlen regte ſich in ihr ein Widerwille gegen das angebotene Loos und den neu⸗ geoffenbarten Vater. Silas dagegen fühlte ſich in ſeinem Gewiſſen betroffen und begann zu fürchten, Gottfrieds Be⸗ ſchuldigung möchte wahr ſein, und er ſelbſt möchte durch ſeinen Eigenwillen der Wohlfahrt Eppie's ent⸗ gegentreten. Er blieb lang ſtumm und rang nach der nothwendigen Selbſtüberwindung um die ſchwie⸗ rigen Worte auszuſprechen. Sie kamen unter Zit⸗ tern hervor. „Ich will nichts mehr ſagen. Es geſchehe wie Sie wollen. Sprechen Sie mit dem Kinde. Ich will nichts hindern.“ Selbſt Nancy theilte bei allem Feingefühl ihres eigenen liebenden Herzens die Anſicht ihres Mannes, daß es von Marner unverzeihlich ſei Eppie behalten zu wollen, nachdem ihr wirklicher Vater ſich bekannt hatte. Sie fühlte daß es eine harte Heimſuchung für den armen Weber war, aber ihr Geſezbuch ge⸗ ſtattete keinen Zweifel darüber daß die Anſprüche eines natürlichen Vaters denen eines Pflegevaters unbedingt voranſtehen müſſen. Ueberdieß konnte Nancy, die ihr ganzes Leben lang an Hülle und — — 283 Fülle ſo wie an ſämmtliche Vorrechte der Reſpec⸗ tabilität gewöhnt geweſen, ſich keinen Begriff von den Freuden machen die in Folge früherer Pflege und langjähriger Gewohnheit mit all den kleinen Zwecken und Bemühungen der armgebornen Armen verbunden ſind; nach ihrer Anſicht trat Eppie, indem ſie in ihr Geburtsrecht wieder eingeſezt wurde, in ein allzu lange vorenthaltenes, aber unzweifelhaftes Glück ein. Deßhalb hörte ſie die lezten Worte des Webers mit inniger Herzenserleichterung und glaubte, wie auch Gottfried, an die ſichere Erfüllung ihres beiderſeitigen Wunſches. „Eppie, mein liebes Kind,“ ſagte Gottfried, in⸗ dem er ſeine Tochter nicht ohne einige Verlegenheit anſah, da er ſich ſelbſt ſagen mußte daß ſie alt ge⸗ nug ſei um ihn zu beurtheilen;„es wird ſtets unſer Wunſch ſein daß Du Deine Liebe und Dankbarkeit einem Manne beweiſeſt der ſo viele Jahre lang ein Vater für Dich war, und wir wollen Dir die Hand dazu bieten ihm alle möglichen Annehmlichkeiten zu verſchaffen. Aber wir hoffen, Du wirſt auch uns eben ſo lieben, und obſchon ich dieſe vielen Jahre hindurch nicht für Dich war was ein Vater hätte ſein müſſen, ſo werde ich doch mein übriges Leben lang Alles für Dich thun was in meiner Kraft ſteht und für Dich als mein einziges Kind ſorgen. Und in meiner Frau wirſt Du die beſte aller Mütter finden— das wird eine Wonne ſein die Du noch nicht gekannt haſt, ſeit Du alt genug biſt um ſie kennen zu lernen.“ „Meine Liebe, Du wirſt mein einziger Schaz ſein,“ ſagte Nancy mit ihrer ſanften Stimme.„Wir . 284 werden keinen Wunſch mehr haben wenn wir unſere Tochter beſizen.“ 3 Eppie trat nicht vorwärts um einen Knix zu machen, wie ſie vorher gethan hatte. Sie hielt Marners Hand in der ihrigen und druckte ſie feſt — es war eines Webers Hand mit einer Fläche und Fingerſpizen die einen ſolchen Druck wohl ver⸗ ſtanden— während ſie mit kälterer Entſchiedenheit als zuvor alſo ſprach: „Danke Ihnen, Madame— danke Ihnen, Herr, für Ihre Anerbietungen— ſie ſind ſehr groß und gehen weit über meinen Wunſch; denn ich würde keine Freude mehr im Leben haben, wenn ich ge⸗ zwungen würde von meinem Vater wegzugehen, und wüßte daß er an mich dächte und allein ſäße. Wir lebten immer glücklich zuſammen und ich kann mir ohne ihn kein Glück denken. Und er ſagt daß er Niemand in der Welt hatte bis ich ihm geſchickt wurde, und er würde nichts haben, wenn ich ge⸗ gangen wäre. Und er hat von Anfang an für mich geſorgt und mich geliebt, deßhalb will ich ihm auch anhängen ſo lang er lebt, und Niemand ſoll je zwiſchen mich und ihn treten.“ „Aber Eppie,“ ſagte Silas leiſe,„Du mußt auch ſicher ſein daß Du Dich nie betrüben wirſt, weil Du es vorziehſt unter armen Leuten zu leben, mit armſeligen Kleidern und in Armuth, während Du das allerbeſte Leben hätteſt haben können.“ Sein Feingefühl in Bezug auf dieſen Punkt hatte ſich durch Eppie's Erklärung treuer Anhänglich⸗ keit noch geſteigert. „Ich kann mich nie darüber betrüben, Vater,“ 285 ſagte Eppie.„Ich wüßte nicht was ich von den ſchönen Dingen um mich her, an die ich nie gewöhnt geweſen wäre, denken oder warum ich ſie wünſchen ſollte, und es würde ſich ſchlecht für mich paſſen ſolche koſtbare Dinge anzulegen und in einem Gig zu fahren und auf einem eigenen Plaz in der Kirche zu ſizen, wohin ich, nach der Ueberzeugung aller Derjenigen die mich lieben, nicht paſſe. Warum ſollte ich mir alſo Kummer machen?“ Nancy ſah Gottfried mit einem ſchmerzlich fragen⸗ den Blick an. Aber ſeine Augen hafteten auf dem Boden, wo er mit ſeinem Stock ſpielte, als ob er in Geiſtesabweſenheit über etwas nachſänne. Sie dachte, es gebe vielleicht ein Wort das über ihre eigenen Lippen beſſer komme als über die ſeinigen. „Was Du ſagſt, iſt natürlich, mein liebes Kind — es iſt natürlich daß Du Dich an Diejenigen feſtklammerſt die Dich auferzogen haben,“ ſagte ſie ſanft.„Aber Du haſt auch gegen Deinen rechten Vater Pflichten. Man muß vielleicht auf beiden Seiten nachgeben. Wenn Dein Vater Dir ſein Haus öffnet, ſo glaube ich daß Du ihm nicht den Rücken kehren darfſt.“ „Ich kann nie denken daß ich einen andern Vater habe als dieſen hier,“ ſagte Eppie ungeſtüm, während Thränen ſich in ihren Augen ſammelten. „Ich habe immer an ein kleines Hausweſen gedacht wo ich ſorgen und Alles für ihn thun würde: ich kann mir kein anderes Hausweſen denken. Ich bin nicht zu einer vornehmen Frau erzogen worden, und ich kann mich nicht entſchließen eine ſolche zu wer⸗ den. Ich liebe die arbeitenden Leute und ihre 286 Häuſer und ihre Lebensweiſe. Und,“ ſchloß ſie leidenſchaftlich, während ihre Thränen floßen,„ich habe mich mit einem Arbeiter verſprochen, der mit meinem Vater zuſammenleben und mir helfen wird für ihn zu ſorgen.“ Gottfried ſchaute mit rothem Geſichte und einer ſchmerzenden Erweiterung ſeiner Augen zu Nancy auf. Dieſe Vereitlung eines Vorſazes, an welchen er mit dem geſteigerten Bewußtſein gegangen war daß er dadurch das größte Unrecht ſeines Lebens einigermaßen gut mache, ließ ihn die Luft im Zim⸗ mer erſtickend finden. „Laß uns gehen,“ ſagte er leiſe. „Wir wollen jezt nicht mehr davon reden,“ ſagte Nancy ſich erhebend.„Wir wünſchen Dir alles mögliche Glück, liebes Kind, und auch Euch, Marner. Wir werden ein andermal wieder kommen. Es wird jezt ſpät.“ So deckte ſie den plözlichen Aufbruch ihres Mannes; denn Gottfried war geraden Wegs auf die Thüre zugegangen, da er kein Wort mehr zu ſprechen wußte. Zwanzigſtes Capitel. Nancy und Gottfried gingen ſchweigend im Sternenſchein nach Hauſe. Als ſie in das eichen⸗ vertäfelte Wohnzimmer traten, warf Gottfried ſich in ſeinen Stuhl, während Nancy Hut und Shawl ah⸗ legte und ſich neben ihren Gatten an den Herd ſtellte. Sie wollte ihn nicht einmal auf ein paar 287 Minuten verlaſſen, und doch fürchtete ſie mit jedem Wort ſein Gefühl zu verlezen. Endlich wandte Gottfried ſein Haupt gegen ſie und ihre Augen begegneten ſich. Sie verweilten in dieſer Begeg⸗ nung ohne eine Bewegung von beiden Seiten. Dieſes ſtille gegenſeitige Anſchauen eines vertrauen⸗ den Gatten und Weibes gleicht dem erſten Augen⸗ blick der Ruhe oder Sicherheit nach großer Müdig⸗ keit oder Gefahr— man darf da nicht durch Reden oder Handlungen einſchreiten welche die Gefühle von dem friſchen Genuß der Ruhe ablenken würden. Aber auf einmal ſtreckte er ſeine Hand aus, und als Nancy die ihrige hineinlegte, zog er ſie an ſich und ſagte: „Es iſt aus damit.“ Sie beugte ſich hinab ihn zu küſſen, und als ſie nun an ſeiner Seite ſtand, ſagte ſie:„Ja ich fürchte, wir müſſen die Hoffnung ſie als Tochter zu beſizen aufgeben. Es wäre nicht recht ſie gegen ihren Willen zwingen zu wollen daß ſie zu uns komme. Wir können ihre Erziehung und die Folgen derſelben nicht mehr ändern.“ „Nein,“ ſagte Gottfried mit einer ſcharfen Ent⸗ ſchiedenheit im Tone die mit ſeiner gewöhnlich ſo ſorgloſen und unpathetiſchen Sprache contraſtirte— „es gibt Schulden die man nicht wie Geldſchulden bezahlen kann, indem man für die entſchwundenen Jahre extra nachbezahlt. Während ich beſtändig zögerte und zögerte, ſind die Bäume herangewachſen; jezt iſts zu ſpät. Marner hatte Recht wenn er ſagte, es ſolle Niemand einen Segen aus der Thüre werſen, er falle ſonſt andern Leuten zu. Ich ich gegen meinen Willen dafür gelten.“ Nancy antwortete nicht ſogleich, aber nach einer kleinen Weile fragte ſie:„Du willſt es alſo nicht bekannt werden laſſen daß Eppie Deine Tochter iſt?“ „Nein— wem könnte das nüzen? es würde nur Schaden bringen. Ich muß in der Lebensſtel⸗ lung welche ſie wählt Alles für ſie thun was ich kann. Ich muß ſehen wen ſie heirathen will.“ „Wenn die Bekanntmachung der Sache nichts nüzen kann,“ ſagte Nancy, welche ſich jezt ein Ge⸗ fühl erlauben zu dürfen glaubte das ſie vorher zum Schweigen zu bringen verſucht hatte,„ſo würde es mich ſehr freuen wenn der Vater und Priscilla mit dieſen vergangenen Geſchichten wie auch mit der Sache Dunſey's nie beunruhigt würden; es läßt ſich ja doch Nichts abändern, wenn man ihnen auch Alles erzählt.“ „Ich will's in mein Teſtament ſezen— denke wollte einſt für kinderlos gelten, Nancy— jezt muß ich; ich möchte nicht daß Etwas wie dieſe Geſchichte mit Dunſey ſpäter noch herauskäme,“ ſagte Gottfried nachdenklich.„Aber ich kann nur Schwierigkeiten darin ſehen wenn man jezt davon ſpricht. Ich muß mein Möglichſtes thun um Eppie in ihrer eigenen Art und Weiſe glücklich zu machen. Apropos,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu,„ihr Bräu⸗ tigam wird wohl Aaron Winthrop ſein. Ich erin⸗ nere mich daß ich ihn mit ihr und Marner aus der Kirche gehen ſah.“. „Nun, er iſt ein ſehr geſezter und fleißiger Burſche,“ ſagte Nancy, welche die Sache ſo heiter als möglich zu nehmen verſuchte. 289 Gottfried verſank wieder in Gedanken. Dann ſchaute er betrübt zu Nancy auf und ſagte: „Sie iſt ein ſehr hübſches artiges Mödchen, nicht wahr, Nancy?“ „Ja gewiß, und ſie hat ganz Dein Haar und Deine Augen; ich wunderte mich daß es mir nicht ſchon früher aufgefallen war.“ „Ich meine, ſie faßte eine Abneigung gegen mich bei dem Gedanken daß ich ihr Vater ſei: ich konnte nach dieſer Mittheilung eine Veränderung in ihrem Benehmen ſehen.“ „Sie konnte den Gedanken nicht ertragen Marner nicht als ihren Vater zu betrachten,“ ſagte Nancy, welche den peinlichen Eindruck ihres Gatten nicht zu verſtärken wünſchte. „Sie denkt, ich habe an ihrer Mutter ſowohl als an ihr ſelbſt unrecht gehandelt. Sie hält mich für ſchlechter als ich bin. Aber ſie muß das glauben; ſie kann nicht Alles erfahren. Es iſt ein Theil meiner Strafe, Nancy, daß meine Tochter mich nicht lieben kann. Ich wäre nie in dieſes Herzeleid ge⸗ kommen, wenn ich aufrichtig gegen Dich— wenn ich nicht ein Narr geweſen wäre. Ich hatte kein Recht etwas anderes als ſchlimme Folgen von dieſer Heirath zu erwarten, zumal da ich mich ſcheute meine Vatersrolle zu übernehmen.“ Nancy ſchwieg. Ihr Rechtsſinn ließ ſie keinen Verſuch machen einer, wie ſie fühlte, wohlverdienten Zerknirſchung die Spize abzubrechen. Er ſprach nach einer kurzen Weile wieder, aber der Ton war Eliot, Silas Marner. 19 290 etwas verändert: Zärtlichkeit hatte ſich in die frühern Selbſtvorwürfe gemiſcht.. „Und troz alledem habe ich Dich bekommen, Nancy; und dennoch war ich mürriſch und unmuthig weil ich ſonſt nichts bekam— als ob ich es ver⸗ dient hätte!“ „Du haſt Dich niemals gegen mich vergangen,“ ſagte Nancy mit ruhiger Aufrichtigkeit.„Mein einziger Kummer würde vergangen ſein, wenn Du Dich geduldig in das Loos gefügt hätteſt das uns beſchieden war.“ „Nun vielleicht iſt es jezt noch nicht zu ſpät Einiges gut zu machen. Aber gewiſſe Dinge laſſen ſich nicht mehr gut machen, man mag ſagen was man will.“ Einundzwanzigſtes Capitel. Am nächſten Morgen, als Silas und Eppie bei ihrem Frühſtück ſaßen, ſagte er zu ihr: „Eppie, ich habe mir ſchon ſeit zwei Jahren Etwas vorgenommen, und jezt da das Geld uns zurückgebracht worden iſt, können wir es ausführen. Ich habe es die ganze Nacht überlegt und ich denke, wir wollen es morgen ausführen, ſo lange das Wet⸗ ter ſchön bleibt. Wir wollen das Haus und Alles in die Obhut Deiner Pathin geben, einen kleinen Reiſebündel machen und dann aufbrechen.“ „Wohin, lieber Dada?“ fragte Eppie in großer Ueberraſchung. „In mein altes Land— in die Stadt wo ich 291 geboren bin, nach dem Laternenhof. Ich möchte gerne Herrn Paſton, den Prediger, ſehen: er kann auf irgend eine Weiſe erfahren haben daß ich an dem Diebſtahl unſchuldig war. Und Herr Paſton war ein aufgeklärter Mann— ich möchte gerne über das Loosziehen mit ihm ſprechen, eben ſo auch über die Religion in dieſem Lande hier, denn ich glaube daß er ſie theilweiſe nicht kennt.“ Eppie war ſehr erfreut, denn jezt winkten ihr nicht bloß Wunder und Wonnen beim Anblick eines fremden Landes, ſondern ſie durfte auch bei ihrer Rückkehr Aaron Alles erzählen. Aaron war in den meiſten Dingen um ſo viel verſtändiger als ſie— es würde ſehr angenehm ſein dieſen kleinen Vortheil über ihn zu bekommen. Frau Winthrop äußerte zwar eine trübe Furcht vor den Gefahren die mit einer ſo langen Reiſe verbunden ſeien, und ließ ſich einmal ums andere verſichern daß man nicht aus der Region der langſamen Fuhrmannswagen hinaus⸗ gehen wolle, war aber dennoch ſehr erfreut daß Silas ſein altes Land wieder beſuchen und ſich er⸗ kundigen wolle, ob er von der falſchen Anklage ge⸗ reinigt worden ſei. „Ihr werdet Euer ganzes Leben lang ruhiger in Eurem Gemüthe ſein, Meiſter Marner,“ ſagte Dolly,„und wenn man, wie Ihr ſagt, irgend ein Licht über den Hof bekommen kann von welchem Ihr ſprechet, ſo bedürfen wir deſſen in dieſer Welt, und es wird mich ſelbſt freuen wenn Ihr es zurück⸗ brächtet.“ So kam es daß vier Tage ſpäter Silas und Eppie in ihren Sonntagskleidern, mit einem kleinen . 19* in ein blaues leinenes Taſchentuch gebundenen Pack,* durch die Straßen einer großen Fabrikſtadt wandel⸗ ten. Silas hatte, erſtaunt über die Veränderungen welche dreißig Jahre über ſeinen Geburtsort gebracht, mehrere Perſonen hinter einander angeredet und um den Namen dieſer Stadt gefragt, um Gewißheit zu bekommen daß er ſich darin nicht täuſche. „Frag nach dem Laternenhof, Vater— frag dieſen Herrn mit den Quaſten auf den Schultern der an der Ladenthüre ſteht; er iſt nicht ſo preſſirt wie die andern,“ ſagte Eppie in einiger Angſt wegen der unbehaglichen Verblüfftheit ihres Vaters, und überdieß wollte es ihr unter dem Getöſe, der Be⸗ wegung und den vielen fremden gleichgiltigen Geſich⸗ tern gar nicht ſehr behagen. „Ach mein Kind, er wird wohl Nichts davon wiſſen,“ ſagte Silas;„vornehme Leute kamen nie in den Laternenhof. Aber vielleicht kann Jemand mir ſagen wohin es in die Gefängnißſtraße geht. Ich weiß den Weg als hätte ich ihn erſt geſtern geſehen.“. Mit einiger Schwierigkeit erreichten ſie nach vielen Biegungen und neuen Fragen die Gefängnißſtraße, 3 und die düſtern Mauern des Kerkers, der erſte Ge⸗ genſtand der einem Bilde in Marners Gedächtniß entſprach, erfreuten ihn mit der Gewißheit die er durch keine Zuſicherung über den Namen der Stadt bekommen, daß er ſich in ſeiner Vaterſtadt befand. „Ach,“ ſagte er mit einem langen Athemzug,„da iſt das Gefängniß, Eppie; es iſt ganz das gleiche, 2 ich fürchte es jezt nicht mehr. Es iſt die dritte Bie⸗— 293 gung links von den Gefängnißthüren, den Weg müſſen wir gehen.“ „O welch ein trübſeliger garſtiger Ort!“ ſagte Eppie.„Wie da der Himmel verborgen iſt! Das iſt noch ärger als das Arbeitshaus. Ich bin froh daß Du nicht mehr in dieſer Stadt wohnſt, Vater. Iſt der Laternenhof wie dieſe Straße da?“ „Mein liebes Kind,“ antwortete Silas lächelnd, „es iſt keine große Straße wie dieſe da. Mir war es in dieſer Straße nie wohl zu Muth, aber den Laternenhof liebte ich. Die Kaufläden ſind jezt alle verändert, glaube ich— ich kann ſie nicht mehr aus⸗ findig machen: aber die Biegung werde ich kennen, denn es iſt die dritte.“ „Da iſt ſie,“ ſagte er in einem Tone der Be⸗ friedigung, als ſie an einen ſchmalen Gang kamen. „Und dann müſſen wir wieder links gehen und dann wieder ein Stück weit gerade aus, die Schuhgaſſe hinauf; dann kommen wir an den Eingang, wo das Fenſter überhängt und wo die Waſſerrinne in der Straße iſt. Ach ich kann es Alles ſehen.“ „O Vater, mir iſt als müſſe ich erſticken,“ ſagte Eppie—„ich kann mirs gar nicht denken wie die Leute ſo wohnen konnten, ſo dicht auf einander. Wie hübſch werden uns die Steinbrüche vorkommen wenn wir wieder daheim ſind! „Jezt kommt es mir comiſch vor, Kind, und es riecht ſchlecht. Ich kann mir nicht denken daß es früher ſo roch.“ Da und dort ſah ein blaſſes ſchmuziges Geſicht aus einem düſtern Thorweg auf die Fremden heraus und erhöhte die Unbehaglichkeit Eppie's, ſo daß es *+ ihr ganz leicht ums Herz wurde als ſie aus den finſtern Gängen in die Schuhgaſſe herauskamen, wo ein breiterer Streif Himmel zu ſehen war. „Mein Gott,“ ſagte Silas,„da kommen ja Leute aus dem Hof heraus, als ob ſie um dieſe Tageszeit in der Capelle geweſen wären— es iſt doch ein Wochentag.“ Plözlich fuhr er zuſammen und blieb mit einem Blick banger Verblüfftheit, der Eppie beunruhigte, ſtehen. Sie befanden ſich vor einer großen Fabrik zum Mittageſſen zu gehen. „Vater,“ ſagte Eppie, indem ſie ſeinen Arm feſt⸗ hielt,„was bedeutet das?“ Aber ſie mußte ihre Frage mehrere Male wieder⸗ holen, bevor Silas ihr antworten konnte. „Es iſt vorüber, Kind,“ ſagte er endlich in großer Aufregung—„es iſt vorüber mit dem Laternenhof, er muß hier geweſen ſein, denn hier ſteht das Haus mit den überhängenden Fenſtern— ich kenne es— es iſt ganz dasſelbe. Aber man hat dieſe neue Oeffnung gemacht, und ſieh da die große Fabrik! Es iſt Alles vorbei, Capelle und Alles.“ „Komm in dieſen kleinen Bürſtenladen herein und ſeze Dich, Vater— ſie werden Dich ſchon ſizen laſſen,“ ſagte Eppie, die ſtets auf der Hut war und einen der ſonderbaren Anfälle ihres Vaters fürchtete.„Viel⸗ leicht können die Leute da innen Dir Alles ſagen.“ Aber weder vom Bürſtenbinder, der erſt vor zehn Jahren in die Schuhgaſſe gekommen, als die Fabrik ſchon gebaut war, noch von einer anderen für ihn erreichbaren Quelle konnte Silas das Min⸗ von welcher Männer und Weiber herausſtrömten um 5 + — 7 — deſte über ſeine alten Freunde vom Laternenhof oder über den Pfarrer Paſton erfahren. „Der alte Plaz iſt ganz weggefegt,“ ſagte er am Abend ſeiner Rückkehr zu Dolly Winthrop— der kleine Kirchhof und Alles. Das alte Haus iſt fort, ich habe jezt kein Haus als dieſes da, ich werde nie ermitteln ob ſie die Wahrheit über den Diebſtahl erfahren haben, oder ob Herr Paſton mir Aufklärung über das Loosziehen hätte geben können. Die Sache iſt für mich dunkel, Frau Winthrop, und wird es wohl bleiben bis ans Ende.“ „Nun ja, Meiſter Marner,“ ſagte Dolly, die mit einem friedlichen jezt von grauen Haaren eingefaßten Geſichte daſaß,„ſo wird es wohl ſein. Es iſt der Wille von denen droben daß viele Dinge für uns dunkel ſein ſollen; aber es gibt auch Dinge über welche keine Dunkelheit herrſcht. Ihr wurdet einmal ſchwer mitgenommen, Meiſter Marner, und es ſcheint daß Ihr die Gerechtigkeit dieſes Schickſals nie be⸗ greifen werdet; aber das hindert doch nicht daß eine Gerechtigkeit da iſt, Meiſter Marner, denn Alles iſt dunkel für Euch und für mich.“ „Nein,“ ſagte Silas,„nein, das hindert es nicht. Seit das Kind mir geſchickt wurde und ich dazu kam es ſo zu lieben wie mich ſelbſt, habe ich Licht genug gehabt um Vertrauen zu gewinnen, und jezt, da ſie ſagt daß ſie mich nie verlaſſen werde, gedenke ich zu vertrauen bis ich ſterbe.“ Schluß. Es gab eine Zeit im Jahr die man in Raveloe als beſonders günſtig fürs Heirathen betrachtete. Dieß war wenn der große ſpaniſche Flieder und der Geißklee in den altmodiſchen Gärten ihren goldenen und purpurnen Reichthum an den flechtenüberzogenen Wänden zeigten, und wenn die Kälber noch jung genug waren um Eimer voll duftender Milch zu be⸗ dürfen. Die Leute waren da nicht ſo beſchäftigt wie ſpäter wenn das Käſemachen und Mähen begonnen hatte, und überdieß war es eine Zeit wo ein helles Brautkleid mit Vergnügen getragen werden konnte und ſich vortheilhaft ausnahm. Glücklicher Weiſe fiel der Sonnenſchein an Eppie's Hochzeitsmorgen wärmer als gewöhnlich auf die Flie⸗ derbüſche, denn ihr Kleid war ein ſehr leichtes. Sie hatte oft, wiewohl mit einem Gefühl der Entſagung, gedacht, die Krone aller Hochzeitskleider wäre ein weißer Baumwollenzeug mit ganz dünnen Roſaſproſſen in weiten Zwiſchenräumen. Als daher Gottfried Caß um Erlaubniß bat dafür ſorgen zu dürfen und Eppie erſuchte ihre Wahl zu treffen, hatte ſie die Sache ſchon längſt überlegt und konnte ſogleich eine ent⸗ ſcheidende Antwort geben. Wenn man ſie in einer kleinen Entfernung über den Kirchhof und das Dorf hinab gehen ſah, ſo ſchien ihr Aufzug das reinſte Weiß zu ſein, und ihr Haar glich dem Abglanz von Gold auf einer Lilie. Die eine Hand hatte ſie im Arme ihres Gatten und mit der andern hielt ſie die Hand ihres Vaters Silas feſt. ——————— F — õ——y— rüher.“ „Du gibſt mich nicht weg, Vater,“ hatte ſie vor dem Kirchgange geſagt,„Du nimmſt bloß Aaron noch als Sohn zu Dir.“ Dolly Winthrop ging mit ihrem Manne hinten drein, und damit endete der kleine Hochzeitszug. Es waren viele Augen da die ihn beobachteten, und Fräulein Priscilla Lammeter freute ſich daß ſie mit ihrem Vater zufällig noch rechtzeitig vor dem rothen Haus angefahren kam und den ſchönen An⸗ blick genießen konnte. Sie waren gekommen um Nancy heute Geſellſchaft zu leiſten, weil Herr Caß erklärt hatte daß er aus beſonderen Gründen nach Lytherly gehe. Dieß ſchien Schade zu ſein, denn ſonſt hätte er, wie gewiß auch Herr Crackenthorp und Herr Osgood thaten, das Hochzeitsmahl mit angeſehen das er im Regenbogen beſtellt hatte, da er ſich natürlich ungemein für den Weber intereſſirte, der durch ein Mitglied ſeiner eigenen Familie in Schaden gebracht worden war. „Ich hätte nur wünſchen mögen, Nancy hätte ein Kind wie dieſes hier finden und aufziehen können,“ ſagte Priscilla zu ihrem Vater, als ſie noch in dem Gig ſaßen,„ich hätte dann außer den Lämmern und Kälbern noch ein junges Geſchöpf gehabt an das ich denken könnte.“ „Ja meine Liebe, ja,“ erwiderte Herr Lammeter, „man fühlt das wenn man älter wird; für alte Leute ſieht Alles ſo trübe aus: ſie müſſen junge Augen um ſich her haben, die ihnen das Bewußtſein geben daß die Welt noch immer dieſelbe iſt wie 298 Nancy kam jezt heraus um Vater und Schweſter zu bewillkommnen, und die Hochzeitsgruppe war jezt am rothen Hauſe vorbei nach dem beſcheideneren Theile des Dorfes gezogen. Dolly Winthrop errieth zuerſt daß der alte Herr Macey, der vor ſeinem eigenen Hauſe in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl ſaß, eine beſondere Aufmerkſamkeit erwartete als ſie vorbeizogen, da er zu alt war um dem Hoch⸗ zeitsmahle anzuwohnen. „Herr Macey erwartet ein Paar Worte von uns,“ ſagte Dolly;„er wird ſich beleidigt fühlen wenn wir vorbeiziehen ohne Ewas zu ihm zu ſagen— und er iſt ſo ſehr von ſeinem Rheumatismus gequält.“ Sie ſchlugen ſich alſo ſeitwärts um dem alten Mann die Hände zu ſchütteln. Er hatte dieſer Ge⸗ legenheit entgegengeſehen und ſeine Rede ausſtudirt. „Nun Meiſter Marner,“ ſagte er mit ſehr zittern⸗ der Stimme;„ich habe es erlebt daß meine Worte in Erfüllung gingen. Ich war der Erſte hier wel⸗ cher erklärte daß keine Bosheit an Euch ſei, obſchon Euer Ausſehen gegen Euch ſprach, und ich war der Erſte der vorausſagte daß Ihr Euer Geld wieder bekommen würdet. Und ich habe gar manchmal bei der heiligen Ehe das Amen geſprochen; aber Tookey thut es jezt ſchon ſeit langer Zeit, und ich hoffe Ihr werdet darum nicht weniger Glück haben.“ In dem offenen Hof vor dem Regenbogen waren die Gäſte bereits verſammelt, obſchon man noch bei⸗ nahe eine Stunde bis zur beſtimmten Eſſenszeit hatte. Aber auf dieſe Art konnten ſie ſich nicht bloß an dem langſamen Herannahen ihres Vergnügens er⸗ 4 299 freuen, ſondern ſie hatten auch reichliche Muße um von Silas Marners ſeltſamer Geſchichte zu ſprechen und in gebührenden Abſtufungen zu dem Schluſſe zu gelangen daß er ſich einen Himmelsſegen verſchafft hal indem er an einem einſamen mutterloſen Kinde als Vater gehandelt. Selbſt der Hufſchmid hatte gegen dieſe Anſicht nichts einzuwenden; im Gegen⸗ theil, er machte ſie ganz beſonders als ſeinen eigenen Gedanken geltend und forderte alle Anweſenden auf ihm zu widerſprechen wenn ſie den Muth dazu hätten. Aber er ſtieß auf keinen Widerſpruch, und alle Dif⸗ ferenzen unter der Geſellſchaft gingen in einem all⸗ gemeinen Zurufe auf, als Herr Snell erklärte, wenn ein Mann ſein Glück verdient habe, ſo ſei es Sache der Nachbarn ſich mit ihm darüber zu freuen. Als die Hochzeitsgruppe herannahte, erhob ſich im Hofe des Regenbogens ein ſchallendes Lebehoch, und Ben Winthrop, deſſen Scherze ihren angenehmen Wohlgeſchmack behalten hatten, fand es für paſſend hereinzukommen und Glückwünſche in Empfang zu nehmen; auf den Vorſchlag zuvor in den Stein⸗ brüchen ein wenig auszuruhen ehe man zur Geſell⸗ ſchaft gehe, wollte er ſich nicht einlaſſen. Eppie hatte jezt einen größern Garten als ſie je erwartet, und auch ſonſt hatte ſich der Gutsherr Caß keine Koſten verdrießen laſſen um Marners ver⸗ größerte Familie tüchtig auszuſtatten. Denn er und Eppie hatten erklärt daß ſie lieber in den Stein⸗ brüchen bleiben als in ein neues Haus ziehen woll⸗ ten. Der Garten wurde auf zwei Seiten mit Stei⸗ nen eingefaßt, aber in der Front war eine offene Einfaſſung, durch welche die Blumen freundlich und * 300 heiter einander entgegen glänzten, wenn die vier ver⸗ einigten Leute ſie zu Geſicht bekamen. „O Vater,“ ſagte Eppie,„was für ein hübſches Leben haben wir doch! Ich glaube, es kann keine glücklicheren Menſchen geben als wir ſind.“ Ende. Buchhandlungen zu beziehen: J. F. Smith, 5 Bände. Thlr. 2.— fl. 3. — Das Erbe oder die Lehren des Lebens. .4 Bände. Thlr. 2. 4 Sgr.— fl. 3. 12 kr. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Licht⸗- und Schattenſeiten des Lebens. Der junge Prätendent oder vor hundert Jahren. 3 Bände. Thlr. I. 2 Sgr.— fl. 1. 36 kr. Die Abtei Carrow. 4 Bände. Thlr. 1. 10 Sgr.— fl. 2. Der Glücksſoldat. V 2 Bände. 28 Sgr.— fl. 1. 24 kr. Sein und Schein. 3 Bände. Thlr. 1. 14 Sgr.— fl. 2. 12 kr. Milly Moyne. 5 Bände. Thlr. 2.— fl. 3. 3 J. F. Smith gehört zu den beliebteſten Novelliſten * der Neuzeit. Seine Werke haben in England, Amerika, Frankreich und Spanien die glaͤnzendſten Erfolge er⸗ rungen; ſeine Erzaͤhlungen geben eine meiſterhafte Be⸗ ſchreibung des häuslichen Lebens, ſkizziren auf das wie es nur wahrhaft großen Autoren möglich iſt. 4 1 nbare . menſchliche Herz, eine ſolche Kenntniß der menſchlichen Genaueſte die verſchiedenen Phaſen des menſchlichen Charakters und offenbaren einen ſolchen Einblick in das Natur, wie dies ſelten einem Schriftſteller gelungen und Die Charaktere, welche Smith zeichnet, ſind Wirk⸗ lichkeiten, die Scenen, die er beſchreibt, ſind keine bloßen Phantaſiebilder, die Geſchichten, die er zu Tage bringt, haben eine innere Wahrheit. Der hohe moraliſche Ton ſeiner Compoſitionen iſt ein ſtark ausgeprägter, ſehr ehrenvoller Zug. Während er ſtets als unbeugſamer Vertheidiger der Armen, Unglücklichen und Unwiſſenden auftritt, ſcheut er ſich nie, das Laſter, ſei es in Lumpen oder Purpur gehüllt, laut zu verklagen. Wir glauben voll Zuverſicht, daß Smith auch ein entſchiedener Günſt⸗ ling des deutſchen Publikums wird, wozu wir durch gediegene Ueberſetzung und äußerſt billigen Preis das Unſrige beitragen. 2 — —— Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Neuzeit. Erſter Band: Georg Stephenſon,. 2. Auflage. 8⁰. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Goldſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als in beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiderſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz, welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman vaneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schranken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Chaxakter des Jünglings wird geſtählt durch ſo edle afen und endlich ſind über das innere und äußere Feben der beiden großen Männer ſo viele und intereſſänte Aufſchlüſſe gegeben, daß dieſe Biographien als endgultige angeſehen werden önnen. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebſame Jugend unſeres deutſchen Vater⸗ landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. Erzählungen Hermann Kurz, Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgen!l ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. — Das Schattengericht.— Das Arkanum.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederfinden.— Ein Herzensſtreich.— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Jugenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſtſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. Stuttgart.. uunuxyſi Verlagshandlung. llluuaaaauxuauaaumumrkaraanummmlrunwumlrunnwaummrnmmnnmnrnannmmrnnnmnmn 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18