deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 4 Eduard Oftmann in Gießen,* Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 ; 5 5 S.— Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von DM jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müffey. bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet » wird. 4 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und—* eträgt: für thentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 1 Mk.— Pf. 1 Nr. 55 Ff. 2 Mk. Pf. ,— Adum Bell. Von George Eliot. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Dritter Band. Stuttgart. Franckh ſche Verlagshandlung. 1861. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenber Rͤgeſ— SS= g in Stuttgart Einunddreißigſtes Capitel. In Hetty's Schlafzimmer. Es war, ſelbſt in Frau Poyſers Haushaltung, nicht mehr hell genug um ohne Licht zu Bette zu gehen; Hetty nahm alſo eines, als ſie nach Adams Weggang endlich in ihr Schlafzimmer ging, und ver⸗ riegelte ihre Thüre. Jezt wollte ſie ihren Brief leſen; er mußte, ja er mußte gewiß Tröſtliches enthalten. Wie konnte Adam die Wahrheit wiſſen! Sie ſtellte das Licht hin und zog den Brief her⸗ vor. Er hatte einen feinen Roſenduft, bei welchem ihr zu Muthe wurde als ob Arthur bei ihr wäre. Sie hielt das Schreiben an ihre Lippen, und auf einige Augenblicke riß ein Strom von Gefühlen die in der Erinnerung wurzelten alle Befürchtungen hin⸗ weg. Aber ihr Herz begann ſeltſam zu pochen, und ihre Hände zitterten, als ſie das Siegel erbrach. Sie las ihn langſam; es war ihr nicht leicht die Handſchrift eines vornehmen Herrn zu leſen, obſchon Arthur ſich Mühe gegeben hatte deutlich zu ſchreiben. „Theuerſte Hetty! „Ich habe die Wahrheit geſprochen, als ich ſagte daß ich Dich liebe, und ich werde unſere Liebe nie 1 4 vergeſſen. Ich werde mein Lebenlang Dein treuer Freund bleiben, und ich hoffe es Dir auf mancherlei Art beweiſen zu können. Wenn ich in dieſem Brief Etwas ſage was Dich ſchmerzt, ſo glaube ja nicht daß dieß aus Mangel an Liebe und Zärtlichkeit ge⸗ ſchehe, denn es gibt Nichts was ich nicht für Dich thun wollte, wenn ich wüßte daß es wirklich zu Dei⸗ nem Glück geſchehe. Ich kann den Gedanken nicht ertragen daß meine kleine Hetty Thränen vergieße, während ich nicht da bin um ſie wegzuküſſen, und wollte ich bloß meinen Neigungen folgen, ſo würde ich in dieſem Augenblick bei Dir ſein, ſtatt zu ſchrei⸗ ben. Es fällt mir ſehr ſchwer von Dir zu ſcheiden — noch ſchwerer aber wird es mir Worte zu ſchrei⸗ ben die unfreundlich erſcheinen können, obſchon ſie aus der wahrſten Freundlichkeit hervorgehen. „Theure, theure Hetty, ſo ſüß unſere Liebe für mich geweſen iſt, ſo ſüß es mir wäre wenn Du mich ewig liebteſt, ſo fühle ich doch daß es für uns Beide beſſer geweſen wäre wenn wir dieſes Glück nie ge⸗ kannt hätten, und ich muß Dich bitten mich ſo wenig als möglich mehr zu lieben, ſo wenig als möglich mehr an mich zu denken. Die ganze Schuld lag auf meiner Seite, denn obſchon ich dem Verlangen nach Dir nicht zu widerſtehen vermochte, ſo habe ich doch die ganze Zeit über gefühlt daß Deine Neigung Dir Kummer verurſachen mußte. Ich hätte meinen Gefühlen widerſtehen müſſen; ich würde es gethan haben, wenn ich ein beſſerer Menſch wäre als ich bin; aber jezt nachdem die Vergangenheit ſich nicht mehr ändern läßt, bin ich verpflichtet Dich vor jedem Uebel zu bewahren was ich möglicher Weiſe 4 5 verhindern kann. Und ich ſehe ein daß es ein gro⸗ ßes Unglück für Dich wäre, wenn Du ſo feſt an mir hingeſt, daß Du an keinen andern Mann mehr dächteſt, der Dich durch ſeine Liebe glücklicher machen könnte als ich je thun kann, und wenn Du fortführeſt von der Zukunft etwas rein Unmögliches zu hoffen. Denn, liebe Hetty, wenn ich das thäte was Du ein⸗ mal geſagt haſt, wenn ich Dich heirathete, ſo würde ich dadurch nicht für Deine Wohlfahrt ſorgen, ſondern Dich vielmehr ins Unglück ſtürzen. Ich weiß daß Du nie glücklich werden kannſt außer wenn Du einen Mann von Deinem eigenen Stande heiratheſt, und wenn ich Dich jezt heirathete, ſo würde ich nur zu bereits geſchehenem Unrecht noch neues fügen und überdieß in den andern Beziehungen des Lebens gegen meine Pflicht freveln. Du kennſt die Welt nicht worin ich immer leben muß, liebe Hetty, und Du würdeſt bald anfangen mir Deine Liebe zu ent⸗ ziehen, weil Du darin ſo wenig finden würdeſt worin wir gleich wären. „Und da ich Dich nicht heirathen kann, ſo müſſen wir ſcheiden— wir müſſen uns bemühen nicht mehr wie Liebende an einander zu denken. Es macht mich unglücklich dieß zu ſagen, aber ich kann nicht anders. Sei böſe auf mich, mein holdes Kind, ich verdiene es; aber glaube nicht daß ich nicht ſtets für Dich ſorgen, daß ich nicht ſtets dankbar gegen Dich ſein und meiner Hetty mich erinnern werde; und ſollte eine Trübſal kommen die wir jezt nicht vorherſehen, ſo verlaß Dich auf mich daß ich Alles thun werde was in meiner Macht liegt. „Ich habe Dir meine Adreſſe angegeben im Fall Du mir ſchreiben willſt, aber ich ſeze ſie zur Sicher⸗ heit noch einmal hieher. Schreibe mir nicht außer wenn ich wirklich etwas für Dich thun kann, denn, liebe Hetty, wir müſſen uns bemühen ſo wenig als möglich an einander zu denken. Verzeih mir und ſuche Alles von mir zu vergeſſen, außer daß ich mein Lebenlang bleiben werde „Dein liebevoller Freund „Arthur Donnithorne.“ Langſam hatte Hetty dieſen Brief geleſen, und als ſie jezt aufſchaute, da ſah ihr aus dem alten trüben Spiegel ein bleiches Geſicht entgegen, ein marmorweißes Geſicht mit runden Kinderformen, aber mit etwas Traurigerem als Kinderſchmerz darin. Hetty ſah das Geſicht nicht— ſie ſah überhaupt nichts, ſondern fühlte bloß daß ſie kalt und krank war und zitterte. Der Brief wackelte und rauſchte in ihrer Hand. Sie legte ihn weg. Es war ein ſchauerliches Gefühl um dieſe Kälte und dieſes Zit⸗ tern. Es ließ ſie die Gedanken vergeſſen die ſie hervorgerufen hatten, und Hetty ſtand auf, nahm einen warmen Mantel aus dem Schrank, hüllte ſich darein und ſezte ſich, als wenn ſie an nichts Ande⸗ res mehr dächte als warm zu werden. Darauf nahm ſie den Brief mit feſterer Hand und begann ihn abermals zu leſen. Dießmal kamen die Thränen, große rollende Thränen, die ſie blind machten und das Papier benezten; ſie fühlte nichts Anderes als daß es eine Grauſamkeit von Arthur ſei ſo zu ſchrei⸗ ben und ſie nicht zu heirathen. Gründe warum er ſie nicht heirathen könne, gab es für ſie nicht; nie konnte ſie an ein Unglück denken das aus der Er⸗ 3 7 füllung alles deſſen zu entſtehen vermöchte wonach ſie ſich geſehnt und wovon ſie geträumt hatte. Es fehlte ihr an allen Ideen um ſich von dieſem Unglück einen Vegriff zu machen. Als ſie den Brief wieder hinwarf, erblickte ſie ihr Geſicht im Spiegel, es war jezt roth und naß von Thränen; es war ihr beinahe wie ein Freund welchem ſie klagen könnte und der ſie bemitleiden würde. Sie beugte ſich auf ihren Ellenbogen vor⸗ wärts, ſchaute in dieſe dunkeln überfluthenden Augen, auf dieſen zitternden Mund, und ſah wie die Thrä⸗ nen immer dicker kamen, wie der Mund vor Schluchzen krampfhaft zuckte. Die Erſchütterung ihrer ganzen kleinen Traum⸗ welt, der zermalmende Schlag auf ihre neugeborne Leidenſchaft traf ihre vergnügungsſüchtige Natur mit einem überwältigenden Schmerz, der jeden Drang zum Widerſtand vernichtete und ihren Zorn nicht aufkommen ließ. Sie ſaß ſchluchzend da bis das Licht ausging, dann warf ſie ſich erſchöpft, leidend, betäubt von Weinen, ſammt ihren Kleidern auf das Bett und ſchlief ein. Es war ein ſchwaches Zwielicht im Zimmer, als Hetty kurz nach vier Uhr mit einem Gefühl dumpfen Jammers erwachte, deſſen Urſache ihr erſt allmählig klar wurde, als ſie die Gegenſtände um ſich her zu erkennen begann, und dann kam der beängſtigende Gedanke daß ſie in dem traurigen Tageslicht das jezt anbrach ihren Jammer nicht bloß tragen, ſon⸗ gern auch verbergen müſſe. Sie konnte nicht länger liegen bleiben: ſie ſtand daher auf und trat an den Tiſch wo der Brief lag; ſie öffnete ihr Schazkäſtchen: 8 da lagen die Ohrenringe und das Medaillon, die Zeichen ihres ganzen kurzen Glückes, ſo wie der lebenslangen Traurigkeit die jezt folgen ſollte. Als ſie die kleinen Schmuckſachen anſah welche ſie einſt als Bürgen ihres künftigen Paradieſes der Herrlich⸗ keit betrachtet und ſo zärtlich in die Hand genommen, lebte ſie wieder in den Augenblicken wo ſie ihr mit ſo zärtlichen Liebkoſungen, ſo wunderbar hübſchen Worten, ſo glühenden Blicken geſchenkt worden, die ihr eine überaus wonnige Ueberraſchung bereitet hatten— ſie waren ſo unendlich ſüßer als Alles was ſie je für möglich gehalten hatte. Und der Arthur der ſo zu ihr geſprochen und ſie ſo ange⸗ ſchaut hatte, der jezt bei ihr war, von deſſen Arm ſie ſich jezt umfaßt fühlte, deſſen Wange ſie an der ihrigen verſpürte, deſſen Athem ſie anwehte, war der grauſame, ſchrecklich grauſame Arthur der dieſen Brief geſchrieben hatte— dieſen Brief den ſie jezt zer⸗ knitterte und dann wieder öffnete um ihn noch ein⸗ mal zu leſen. In der halben Betäubung worin ſie ſich von dem heftigen Weinen am geſtrigen Abend noch befand, mußte ſie den Brief wiederum anſehen und ſich überzeugen ob ihr Jammer wirklich wahr, wirklich gegründet, ob der Brief wirklich ſo grauſam war. Sie mußte ihn nahe an das Fenſter halten, ſonſt hätte ſie ihn beim ſchwachen Licht nicht ſehen können. Ja er war noch ſchlimmer, er war noch grauſamer. Sie zerdrückte ihn von Neuem voll Zorn. Sie haßte den Schreiber dieſes Briefes, haßte ihn gerade darum weil ſie mit all ihrer Liebe, mit all der mädchenhaften Leidenſchaft und Eitelkeit woraus ihre Liebe beſtand, an ihm hing. 9 Sie hatte dieſen Morgen keine Thränen. Sie hatte dieſelben in der Nacht alle ausgeweint, und jezt empfand ſie jenes Morgenelend wobei das Auge trocken bleibt, das ſchlimmer iſt als die erſte Erſchüt⸗ terung, weil es ſowohl die Zukunft als die Gegen⸗ wart in ſich ſchließt. Jeden Morgen, ſoweit ihre Einbildungskraft reichte, ſollte ſie in Zukunft auf⸗ ſtehen und ſich ſagen daß der Tag keine Freuden für ſie haben werde. Denn es gibt keine ſo vollſtändige Verzweiflung wie diejenige welche mit den erſten Augenblicken unſeres erſten großen Kummers eintritt, wenn wir es noch nicht an uns ſelbſt erfahren haben was es heißt zu leiden und wieder zu geneſen, zu verzweifeln und wieder Hoffnung zu faſſen. Als Hetty langſam und matt ihre Kleider, welche ſie die ganze Nacht anbehalten, auszuziehen anfing um ſich zu waſchen und zu kämmen, da hatte ſie ein krank⸗ haftes Gefühl daß ihr ganzes Leben auf dieſe Art dahin gehen würde; ſie würde immer Dinge thun müſſen die ihr keine Freude machen, immer die alten Arbeiten verrichten, lauter gleichgiltige Leute ſehen, in die Kirche nach Treddleſton gehen, bei Frau Beſt Thee trinken, ohne ſich eines einzigen glücklichen Gedankens zu erfreuen. Denn ihre kurze vergiftete Seligkeit hatte für immer alle die kleinen Freuden verdorben welche ſonſt die Wonne ihres Lebens aus⸗ gemacht: das neue Kleid auf dem Treddleſtoner Markt, die Geſellſchaft bei Herrn Britton auf der Broxtoner Kirchweih, die Liebhaber denen ſie auf lange Zeit Nein ſagen wollte, und die Ausſicht auf die Hochzeit die doch zulezt kommen mußte, mit einem ſeidenen Rock und der großen Menge Kleidungsſtücke 10 auf einmal— alles das erſchien ihr jezt ganz gering⸗ fügig, trübſelig und reizlos; ſie ſollte jezt für immer ein hoffnungsloſes Sehnen und Verlangen in ſich tragen. 9 e hielt mitten in ihrem langſamen Auskleiden inne und lehnte ſich an den dunkeln alten Schrank. Hals und Arme waren bloß, ihre Haare hingen in zarten Locken herab, und ſie war juſt eben ſo ſchön wie in jener Nacht vor zwei Monaten als ſie, glühend vor Eitelkeit und Hoffnung, in ihrem Schlafzimmer auf und ab gegangen war. Iezt dachte ſie nicht an ihren Hals und ihre Arme; ſogar ihre eigne Schön⸗ heit war ihr jezt gleichgiltig. Ihre Augen ſchweiften traurig über die langweilige alte Kammer hin und ſahen dann mit leerem Blick auf den zunehmenden Dämmerſchein hinaus. Ob wohl eine Erinnerung an Dina in ihr auftauchte? an ihre prophetiſchen Worte worüber ſie ſich damals geärgert? an Dina's liebevolle Bitte ſie als Freundin in der Trübſal zu betrachten? Nein, der Eindruck war zu oberflächlich geweſen um wiederzukehren. Aller noch ſo zärtliche Zuſpruch von Dina wäre Hetty an dieſem Morgen ſo gleichgiltig geweſen wie überhaupt alles Andere, mit Ausnahme ihrer zertretenen Leidenſchaft. Sie dachte bloß daran daß ſie nicht dableiben und das alte Leben fortſezen könne, daß ſie eher etwas ganz Neues zu ertragen vermöchte als in den bisherigen Schlendrian des alltäglichen Lebens zurück zu ver⸗ ſinken. Sie wollte noch an dieſem Morgen entlaufen und nie wieder eines von den alten Geſichtern ſehen. Aber Hetty war keine Natur die den Schwierigkeiten ins Auge ſchaute, die es wagte eine gewohnte 11 Stellung zu verlaſſen und ſich blindlings in etwas Unbekanntes zu ſtuͤrzen. Sie war vielmehr eine weichliche und eitle, aber keine leidenſchaftliche Natur, und wenn ſie je eine gewaltſame Maßregel ergreifen ſollte, ſo mußte ſie durch die Verzweiflung der Angſt dazu gedrängt werden. Ihre Gedanken hatten in dem ſchmalen Cirkel ihrer Einbildung nicht viel Raum zu durchlaufen, und bald entſchloß ſie ſich zu dem Einen was ſie thun wollte um aus ihrem alten Leben wegzukommen: ſie wollte ihren Onkel bitten daß er ſie Kammerjungfer werden ließe. Fräulein Lydia'’s Zofe würde ihr ſchon zu einer Stelle ver⸗ helfen, ſobald ſie wüßte daß ihr Onkel ſeine Ein⸗ willigung gegeben hätte. Als ſie ſich dieß ausgedacht hatte, machte ſie ihr Haar und begann ſich zu waſchen: es ſchien ihr jezt eher möglich hinabzugehen und ſich wie gewöhnlich zu benehmen. Sie wollte ihren Onkel noch heute fragen. Bei Hetty's blühender Geſundheit wäre eine ſtärkere Doſis ſolcher geiſtigen Leiden erforderlich ge⸗ weſen um einen tiefern Eindruck zu hinterlaſſen, und als ſie ſo hübſch wie gewöhnlich in der Woche ſich angezogen und ihre Haare unter ihrem Häubchen aufgebunden hatte, da würde ein gleichgiltiger Be⸗ obachter weit mehr die jugendliche Rundung ihrer Wangen und ihres Halſes, ſo wie die Dunkelheit ihrer Augen und Wimpern, als irgend ein Zeichen der Trau⸗ rigkeit auffallend gefunden haben. Aber als ſie den zer⸗ knitterten Brief aufhob und in ihre Schublade legte, um ihn auf immer zu verſchließen und aus ihren Blicken zu verbannen, da drängten ſich ſcharfe ſchmerzliche Thränen, ohne den Troſt welchen die 12 großen Tropfen von geſtern Abend noch hatten, in ihre Augen. Sie wiſchte ſie ſchnell ab: ſie durfte bei Tag nicht weinen: Niemand ſollte erfahren wie unglücklich ſie war, Niemand ſollte wiſſen daß ihr ein Herzeleid zugeſtoßen, und der Gedanke daß Tante und Onkel ſie feſt ins Auge faſſen würden, verlieh ihr die Selbſtbeherrſchung die oft einen großen Schrecken begleitet. Denn Hetty ſah aus ihrem ſtillen Jammer der Möglichkeit daß ihre Verwandten das Geſchehene erfahren könnten mit derſelben Be⸗ ängſtigung entgegen womit der kranke und müde Gefangene an den Pranger denken mag. Sie wür⸗ den ihr Benehmen für ſchändlich erklären, und Schande war Folterqual für ſie. So war es mit dem Gewiſſen der armen kleinen Hetty beſtellt. Sie verſchloß ihre Schublade und begab ſich an ihre Tagesarbeit. Abends, als Herr Poyſer ſeine Pfeife rauchte und ſich daher in ſeiner roſigſten Laune befand, benüzte Hetty eine gelegentliche Abweſenheit ihrer Tante um zu ſagen: „Onkel, ich möchte gar zu gerne eine Kammer⸗ jungfer werden.“ Herr Poyſer nahm ſeine Pfeife aus dem Mund und betrachtete einige Augenblicke Hetty mit ſanfter Verwunderung. Sie war am Nähen und arbeitete eifrig weiter. „Ei wie? Wer hat Dir denn das in den Kopf geſezt, mein Mädchen?“ ſagte er endlich, nachdem er nochmals einen Paff gethan hatte um das Feuer nicht ausgehen zu laſſen.— 2 7 „Ich möchte es gern und ich hätte weit mehr Freude daran als an den Bauernarbeiten.“ „Nein, nein, das denkſt Du bloß ſo, weil Du es nicht verſtehſt, mein Mädchen. Das wäre nicht halb ſo gut für Deine Geſundheit und auch nicht für Dein Lebensglück. Du mußt bei uns bleiben bis Du einen braven Mann haſt. Du biſt meine leib⸗ liche Nichte, und ſo lange ich eine Wohnung für Dich habe, laſſe ich Dich in keinen Dienſt gehen, wäre es auch in einem noch ſo vornehmen Hauſe.“ Herr Poyſer ſchwieg und paffte weiter. „Die Nadelarbeiten gefallen mir,“ ſagte Hetty, und ich würde guten Lohn bekommen.“ „Iſt Deine Tante ein Bischen ſcharf gegen Dich geweſen?“ fuhr Herr Poyſer fort, ohne auf Hetty's lezte Einwendung zu achten.„Du mußt es nicht ſo genau nehmen, mein Mädchen— ſie thut es zu Deinem Beſten. Sie meint es gut mit Dir, und nicht alle Tanten hätten ſo viel für Dich gethan, ohne eigentlich mit Dir verwandt zu ſein.“ „Nein, es iſt nicht um der Tante willen,“ ver⸗ ſeßi Hetty,„aber die Arbeit würde mir beſſer ge⸗ allen.“ „Es iſt ganz gut für Dich daß Du es ein Bis⸗ chen lernteſt, und ich habe ſogleich meine Einwilli⸗ gung dazu gegeben, als Frau Pomfret ſich erbot Dir Unterricht zu geben. Denn, wenn irgend Etwas vorfällt, ſo iſt es immer gut wenn man auch andere Dinge verſteht. Aber daran habe ich nie gedacht, Mädchen, daß Du in einen Dienſt gehen ſolleſt; meine Familie hat ſeit Menſchengedenken immer ihr eigenes Brod und ihren eigenen Käſe gegeſſen; 14 nicht wahr, Vater? Es würde Euch nicht gefallen wenn Eure Enkelin um Lohn arbeitete?“ „Nein,“ ſagte der alte Martin, indem er dieſes Wort, um ſeiner Verneinung noch eine Bitterkeit zu geben, lange hinauszog, während er ſich vorwärts neigte und auf den Boden ſchaute.„Aber das Mädchen artet ihrer Mutter nach; ich hatte viel zu thun um ſie bei mir zu behalten, und ſie heirathete gegen meinen Willen— ſie nahm einen Menſchen der nur zwei Stück Vieh hatte, während er auf ſeinem Hof zehn hätte haben müſſen; kein Wunder daß ſie ſchon vor ihrem dreißigſten Jahre an der Entzündung ſtarb.“ Der alte Mann hatte nur ſelten eine ſo lange Rede gehalten, aber die Frage ſeines Sohnes war wie trockene Feuerung auf die Aſche eines langen noch nicht erloſchenen Aergers gefallen, der den Großvater immer gegen Hetty gleichgiltiger gemacht hatte als gegen die Poyſerſchen Kinder. Das Ver⸗ mögen ihrer Mutter hatte der nichtsnuzige Sorrel verſchwendet, und Hetty hatte Sorrel'ſches Blut in ihren Adern. „Das arme Ding, das arme Ding!“ ſagte der jüngere Martin, dem es jezt Leid that dieſe bittere Erinnerung hervorgerufen zu haben.„Sie hatte kein Glück. Hetty dagegen hat ſo gute Ausſichten auf einen tüchtigen und braven Mann wie nur irgend ein Mädchen in der ganzen Umgegend.“ Nachdem er dieſen bedeutſamen Wink hingewor⸗ fen, begann er wieder ſchweigend zu rauchen und ſchaute nur zuweilen Hetty an, ob ſie nicht durch irgend ein Zeichen verriethe daß ſie ihrem thörichten 15 Wunſch entſagt habe. Aber nein, Hetty begann ganz unwillkürlich zu weinen, halb aus Aerger über die abſchlägige Antwort, halb in Folge ihrer heutigen Betrübniß überhaupt, der ſie keinen Lauf hatte laſſen können. „Ci, ei,“ ſagte Herr Poyſer, der ſie durch einen heitern Ton wieder aufzurichten hoffte,„weine doch nicht. Das Weinen paßt für ſolche die keine Hei⸗ math haben, nicht für diejenigen welche ihre Heimath loswerden wollen. Was meinſt Du dazu?“ fuhr er gegen ſeine Frau fort, die jezt wieder in die Haus⸗ flur kam und mit grimmiger Geſchwindigkeit ſtrickte, als wäre dieſe Bewegung eine nothwendige Function, wie das Gezitter der Fühlhörner einer Krabbe. „Was ich meine? nun ich meine die Hühner werden uns nächſtens einmal geſtohlen werden, wenn das Mädchen Abends den Verſchlag nie zuſchließt. Was iſt's, was gibt's, Hetty? Warum weinſt Du?“ „Denk Dir, ſie möchte gern Kammerjungfer wer⸗ den,“ ſagte Herr Poyſer.„Ich ſage ihr aber daß wir beſſer für ſie ſorgen können.“ „Ich dachte mirs doch, ſie werde wieder Grillen in ihrem Köpfchen haben; denn ſie hat den ganzen Tag das Maul hängen laſſen. Das kommt davon her daß ſie immer bei der Dienerſchaft im Schloſſe ſteckt, und wir waren Narren daß wir das erlaubten. Sie meint, ſie habe dort ein feineres Leben als bei uns, die wir ihre Verwandten ſind und ſie aufge⸗ zogen haben, als ſie noch nicht größer war als Marty. Ich will wetten daß ſie glaubt, zu einer Kammer⸗ jungfer gehöre weiter nichts als daß ſie ſchöne Klei⸗ der trage, zu denen ſie nun einmal nicht geboren 16 iſt. Vom frühen Morgen bis in die Nacht denkt ſie bloß was für Lumpen ſie umhängen will, und ich habe ſie ſchon gefragt ob ſie nicht lieber eine Vogel⸗ ſcheuche auf dem Feld werden möchte, denn dann wäre ſie ganz von Lumpen, inwendig und auswen⸗ dig. Ich gebe nie meine Einwilligung dazu daß ſie eine Kammerjungfer wird, ſo lange ſie gute Freunde hat die für ſie ſorgen können bis ſie ſich verheirathet, aber an keinen ſolchen Bedienten, der weder ein ge⸗ meiner Mann noch ein vornehmer Herr iſt, der nur von dem Fette des Landes zehrt und ſeine Hände in den Schooß legt, während ſein Weib für ihn arbei⸗ ten ſoll.“ „Ja, ja,“ ſagte Herr Poyſer,„wir müſſen einen beſſern Mann für ſie ſuchen, und ein ſolcher iſt auch bei der Hand. Laß jezt Dein Weinen, Mädchen, und geh ins Bett. Ich weiß etwas Beſſeres für Dich als daß Du Kammerjungfer werden ſollſt. Da⸗ von laß uns nicht mehr reden.“ Als Hetty hinaufgegangen war, ſagte er: „Es iſt mir unbegreiflich warum ſie fort will, denn ich glaubte, ſie hätte ein Auge auf Adam Bede; ſie ſah in der lezten Zeit ganz darnach aus.“ „Ach man kann gar nicht wiſſen was ſie im Kopf hat, denn an ihr gleitet Alles ab wie an einer trockenen Erbſe. Ich glaube, das Mädchen die Molly — man hat freilich auch ſeine Plage mit ihr— aber ich glaube, wenn ſie uns und die Kinder verlaſſen müßte, ſo würde es ihr weit mehr zu Herzen gehen als Hetty, obſchon ſie bis Michaelis erſt ein Jahr bei uns iſt. Aber die Kammerjungferngeſchichte hat ſie von ihrem Umgang mit dem Bedientenpack her; S=———ro ͤͤͤ 2 at 17 wir hättens auch wiſſen ſollen wohin das führt, als wir ſie die feinen Arbeiten lernen ließen. Aber ich will da bald einen Riegel vorſchieben.“ „Es würde Dir doch leid thun ſie gehen zu laſſen, wenn es nicht zu ihrem Beſten wäre,“ ſagte Herr Poyſer;„ſie iſt Dir bei der Arbeit recht nüzlich.“ „Leid thun? Ja allerdings; ich habe ſie lieber als ſie es verdient, die hartherzige kleine Hexe, die uns auf ſolche Art verlaſſen will. Ich kann ſie doch nicht ſieben Jahre um mich haben und Alles für ſie thun und ſie in Allem unterrichten, ohne daß ſie mir wirklich liebgeworden wäre, und da laſſe ich jezt Leinwand ſpinnen, und denke die ganze Zeit daran daß das Bett⸗ und Tiſchtücher geben ſoll wenn ſie ſich einmal verheirathet, und ſie wird bei uns in der Gemeinde bleiben und uns nie aus den Augen kom⸗ men; ich bin freilich ein Narr daß ich ſo viel an ſie denke, denn ſie iſt nicht beſſer als eine Kirſche mit einem harten Stein inwendig.“ „Nein, nein, Du mußt eine Kleinigkeit nicht ſo hoch anſchlagen,“ verſezte Herr Poyſer beſchwichtigend. „Ich glaube feſt daß ſie uns lieb hat; aber ſie iſt jung, und da bekommt ſie Dinge in ihr Köpfchen aus denen ſie ſelbſt nicht recht klug wird. So junge Mädchen laufen oft davon ohne zu wiſſen warum.“ Die Erklärung ihres Onkels hatte jedoch Hetty nicht bloß in einer Hoffnung getäuſcht und zum Wei⸗ nen gebracht, ſondern auch noch eine andere Wirkung hervorgerufen. Sie wußte recht gut wen er mit ſei⸗ nen Anſpielungen aufs Heirathen und auf einen nüch⸗ ternen geſezten Mann meinte, und als ſie ſich wieder Eliot, Adam Bede. III. 2 ———— 18 in ihrem Schlafzimmer befand, trat ihr die Möglich⸗ keit einer Verbindung mit Adam in einem neuen Licht vor das Auge. In einem Geiſt wo keine ſtar⸗ ken Sympathien wirken, wo kein entſchiedenes Rechts⸗ gefühl vorherrſcht, an welchem die aufgeregte Natur ſich anklammern und Kraft zu ruhigem Ausharren finden kann, iſt eine der erſten Wirkungen des Kum⸗ mers ein verzweiflungsvolles, unbewußtes Greifen nach irgend einer That wodurch die gegenwärtige Lage verändert werden kann. Bei der armen Hetty. hatte der Ueberblick über die Folgen ihres Beneh⸗ mens nie in etwas Anderem als in einer beſchränk⸗ ten phantaſtiſchen Berechnung ihrer wahrſcheinlichen Leiden und Freuden beſtanden, und jezt war ihr Blick vollends durch eine unbedachte Reizbarkeit wegen ihres gegenwärtigen Leidens getrübt, ſo daß ſie ſich zu einer jener krampfhaften unüberlegten Handlungen geneigt fühlte wodurch unglückliche Menſchenkinder ſich aus einem vorübergehenden Kummer in lebens⸗ langes Elend ſtürzen. Warum ſollte ſie Adam nicht heirathen? Sie fragte nichts darnach was ſie that, wenn ſie nur eine Ver⸗ änderung in ihrem Leben herbeiführte. Sie war überzeugt daß er ſie noch immer gerne heirathen würde, und ein weiterer Gedanke an Adams eigenes Glück bei der Sache hatte ſich noch niemals bei ihr geregt. Seltſam! werdet ihr vielleicht ſagen, dieſer haſtige Drang nach einem Schritte der ihr bei ihrem gegen⸗ wärtigen Zuſtand am meiſten hätte zuwider ſein müſſen, und zwar ſchon in der zweiten Nacht ihrer Betrübniß! 19 Ja, die Regungen in einer kleinen und ober⸗ flächlichen Seele wie Hetty, wenn ſie gegen die ern⸗ ſten traurigen Geſchicke eines menſchlichen Weſens ankämpft, ſind wirklich ſeltſam. Das ſind auch die Bewegungen eines kleinen Schiffes das ohne Ballaſt auf einer ſtürmiſchen See herumgeſtoßen wird. Wie hübſch erſchien es mit ſeiner bunten Flagge im Son⸗ nenglanz, als es in der ruhigen Bucht vor Anker lag! Die Schuld trifft denjenigen der es losgebunden. Ganz recht, aber dadurch wird das Schiff nicht gerettet, dieſes hübſche Ding woran man ſich ſein Leben lang hätte erfreuen können. Zweiunddreißigſtes Capitel. Frau Poyſer läßt ihrer Zunge freien Lauf. Am nächſten Samſtag Abend fand im Donni⸗ thorne⸗Wappen eine äußerſt aufgeregte Erörterung eines Ereigniſſes ſtatt das ſich den Tag über zugetragen hatte. Es handelte ſich um nichts Geringeres als um eine zweite Erſcheinung des eleganten Mannes in Stulpſtiefeln, der tige Pächter des Vorwerks, von Andern als der künf⸗ tige Rentmeiſter bezeichnet wurde, während Herr walter à la Satchell. Obſchon es Niemand einge⸗ fallen war ſeine Erklärung daß er den Fremden ſelbſt geſehen zu beſtreiten, ſo brachte er doch ver⸗ ſchiedene bekräftigende Umſtände vor. 2* 20 3 „Ich habe ihn geſehen,“ ſagte er,„ich ſehe ihn noch jezt, wie er auf einem Pferd mit einer Bläſſe über die Wieſe ritt. Ich hatte juſt meine Pinte ge⸗ trunken— es war halb elf Vormittags, und da trinke ich ſo regelmäßig als die Uhr geht meine Pinte— und ich ſagte zu Knowles, der mit ſeinem Wagen herankam: Ihr bekommt heute eine Maß Bier wenn Ihr ein Bischen um Euch ſchaut; und dann ging ich durch die Scheune auf die Straße nach Treddleſton hinaus, und juſt als ich an die große Eſche komme, ſehe ich den Mann mit den Stulpſtie⸗ feln auf ſeinem Klepper heranreiten; ich will nicht geſund vom Plaze wegkommen, wenn es nicht wahr iſt. Und ich blieb ſtehen bis er bei mir war, und da ſagte ich: Guten Morgen, Herr, denn ich wollte ſeinen Dialect hören, um herauszubringen ob er aus unſerer Gegend wäre. So ſagte ich alſo: Guten Morgen, Herr, es wird heute früh mit dem Gerſten⸗ ſchneiden ſchon gehen, wir bekommen ein gutes Stück heim wenn wir Glück haben. Er ſagte: Ei, Ihr könnt Reacht haben, davon iſt keine Rede; und daran erkannte ich— hier blinzelte Herr Caſſon pfiffig— daß er keine hundert Meilen von hier daheim iſt. Er dachte gewiß, ich rede recht ſonderbar, wie ihr Loamſhirer immer denket wenn einer die rechte Sprache ſpricht.“ 1„Die rechte Sprache!“ verſezte Barthel Maſſey verächtlich.„Ihr ſeid der rechten Sprache ſo nahe wie das Grunzen eines Schweines der Melodie die man auf einem Hüfthorn bläst.“ „Ei nun,“ antwortete Herr Caſſon mit einem ärgerlichen Lächeln,„ich ſollte doch meinen daß ein ̈☛ 8 K — K 5 ͤ———“ Bu³ GO ͤ-AEo 21 Mann der von Kindheit auf unter den vornehmen Leuten gelebt hat, die rechte Sprache ſo gut wiſſen könne als ein Schulmeiſter.“ „Ja wohl, lieber Mann,“ verſezte Barthel in ſpöttiſch tröſtendem Tone,„Ihr ſpr Sprache für Euch. Wenn Mike Holdsworths Da die übrige Geſellſchaft aus Loamſhirern be⸗ ſtand, ſo hatte Herr Caſſon die Lacher ſtark gegen ſich und kam wohlweislich auf die frühere Frage zu⸗ rück, die ſich bei weitem nicht an ei Abend erſchöpfen ließ, ſondern T Gottesdienſt auf dem Kirchhof vo racht wurde, mit dem friſchen J dieſen Cameraden bei Caſſon gen aßen und tranken und mit ihr ſo klug dreinſchauten wie ein Haufen Stockfiſche. s war wahrſcheinlich eine Folge der Unterhal⸗ tung die Frau Poyſer auf dem Heimweg 22 Ahnung der wirklich über ihr eigenes merkwürdiges Begriffsvermögen hinausgehe, daß ſie im erſten Au⸗ genblick wo ſie den Gutsherrn ſah zu ſich ſelbſt ſagte: „Es ſollte mich nicht wundern wenn er wegen des Mannes käme der das Vorwerk pachten ſoll, und wenn er für dieſen jezt von Poyſer Etwas umſonſt verlangte. Aber Poyſer iſt ein Narr wenn ers thut.“ Etwas Ungewohntes mußte offenbar in der Luft liegen, denn der alte Herr machte ſeinen Pächtern nur ſelten Beſuche, und obſchon Frau Poyſer in den lezten zwölf Monaten im Stillen manche Rede ge⸗ halten hatte die noch mehr bedeutete als ſie ſagte, und obſchon ſie feſt entſchloſſen war ihm dieſelbe wirklich zu halten ſobald er ſich wieder auf dem Pacht⸗ hof blicken ließe, ſo waren dieſe Reden doch bisher nur imaginär geblieben. „Guten Tag, Frau Poyſer,“ ſagte der alte Herr, indem er ſie mit ſeinen blöden Augen ſtarr anſah — eine ſehr läſtige Art die Leute anzuſehen, wie Frau Poyſer oft bemerkte, gerade als ob man ein Inſect wäre und er wollte einem ſeinen Nagel ein⸗ drücken. Gleichwohl antwortete ſie:„Ihre Dienerin, Herr 17 und knixte höchſt ehrerbietig, indem ſie auf ihn zu⸗ ſchritt. Wenn man ſie nicht ſtark reizte, ſo war ſie nicht die Frau die ſich gegen Vornehmere unhöflich zeigte und dem Catechismus ins Geſicht ſchlug. „Iſt Ihr Mann zu Hauſe, Frau Poyſer?“ „Ja Herr, er iſt bloß in der Scheuer. Ich will ihn ſogleich holen laſſen, wenn Sie nur die Gnade haben wollen abzuſteigen und hereinzutreten.“. „Ich danke, das will ich thun. Ich habe ihn — ◻⏑ über Etwas zu befragen, aber Sie ſind dabei eben ſo ſtark betheiligt als er, wo nicht noch ſtärker. Ich muß auch Ihre Meinung erfahren.“ „Hetty, lauf ſchnell und ſag' Deinem Onkel er ſolle ſogleich kommen,“ befahl Frau Poyſer, als ſie in das Haus trat, wo der alte Herr den Knix Het⸗ ty's mit einem tiefen Bückling erwiderte, während Totty, im Bewußtſein daß ihre Schürze mit Stachel⸗ beerſaft beſchmuzt war, ihr Geſicht gegen die Uhr zu verſteckte und verſtohlen hervorſah. „Was für eine ſchöne Küche das iſt,“ ſagte Herr Donnithorne, indem er bewundernd um ſich ſchaute. Er ſprach immer in demſelben bedächtigen, wohl⸗ gefeilten und höflichen Ton, ſeine Worte mochten nun Zucker oder Gift enthalten.„Und Sie halten ſie ſo außerordentlich rein, Frau Poyſer. Wiſſen Sie auch daß mir dieſer Hof lieber iſt als alle an⸗ dern auf dem Gute?“ „Je nun, Herr, da es Ihnen ſo wohl gefällt, ſo würde es mich ſehr freuen wenn Sie auch einige Reparaturen vornehmen ließen, denn der Fußboden iſt in einem ſolchen Zuſtande daß uns die Ratten und Mäuſe noch freſſen werden, und was den Keller betrifft, da können Sie bis an die Kniee im Waſſer ſtehen wenn Sie hinabgehen wollen; aber vielleicht werden Sie mir lieber aufs Wort glauben.“ „Noch nicht, ich muß zuvor Ihre Milchkammer ſehen: ich habe ſie ſeit Jahren nicht mehr geſehen, und ich höre von allen Seiten wie ſchön Ihre Käſe und Butter ſind,“ ſagte der alte Herr im höflichſten Tone und ohne alle Ahnung daß es auch Fragen 24 geben könne worüber er mit Frau Poyſer vielleicht nicht einverſtanden ſei.„Wie ich ſehe, iſt die Thüre offen. Sie dürfen ſich nicht wundern wenn ich einen lüſternen Blick auf Ihre Sahne und Butter werfe. Sicherlich halten die Sahne und Butter der Frau Satchell keine Vergleichung mit der Ihrigen aus.“ „Darüber kann ich nichts ſagen, Herr. Ich ſehe ſelten die Butter anderer Leute, obſchon man ſie auch manchmal nicht zu ſehen braucht— man hat ſchon am Geruch genug.“ „Ah, das gefällt mir einmal,“ ſagte Herr Donni⸗ thorne, indem er ſich in dem feuchten Tempel der Reinlichkeit umſah, aber nahe bei der Thüre blieb. „Wahrlich, wenn ich wüßte daß meine Butter und Sahne aus dieſer Milchkammer kämen, ſo würde mir mein Frühſtück beſſer ſchmecken. Ich danke Ihnen, das iſt wirklich ein ſchöner Anblick für mich. Leider habe ich eine kleine Neigung zu Rheumatismen und muß mich daher vor Feuchtigkeit hüten. Ich will mich in Ihrer behaglichen Küche niederlaſſen. Ah Poyſer, wie geht es Ihnen? Immer mitten im Geſchäft, wie gewöhnlich, ſehe ich. Ich habe Ihrer Frau ſchöne Milchkammer angeſehen; ſie iſt wahrlich die beſte Wirthſchafterin in der ganzen Gemeinde.“ Herr Poyſer war ſo eben hemdärmelig und mit offener Weſte hereingekommen; ſein Geſicht war noch röther als gewöhnlich, da er gerade abgeladen hatte. Als er ſo pausbackig und ſtrahlend vor dem kleinen, ſchmächtigen, blutloſen alten Herrn da ſtand, ſah er aus wie ein Preisapfel neben einem eingerunzelten Holzapfel. „Wollen Sie gefälligſt dieſen Stuhl nehmen, Herr,“ ſagte er, ſeines Vaters Lehnſtuhl ein wenig vorſchiebend,„Sie werden ihn bequem finden.“ „Nein, ich danke Ihnen, ich ſeze mich nie auf einen Lehnſtuhl,“ erwiderte der alte Herr, indem er einen kleinen Stuhl neben der Thüre einnahm.„Wiſſen Sie auch, Frau Poyſer— bitte, ſezen Sie ſich doch alle Beide— daß ich ſeit einiger Zeit mit der Milchwirthſchaft der Frau Satchell ganz und gar nicht zufrieden bin? Sie ſcheint mir keine ſo gute Methode zu haben wie Sie.“ „Ei darüber kann ich nichts ſagen, Herr,“ ver⸗ ſezte Frau Poyſer trocken, indem ſie ihr Strickzeug auf⸗ und abwickelte und eiskalt zum Fenſter hinaus ſah, während ſie vor dem alten Herrn ſtehen blieb. Poyſer, dachte ſie, könne ſich ſezen wenn er Luſt habe, ſie aber wolle ſich nicht ſezen, als ob ſie ſich von einem ſo glattzüngigen Schmeichler fangen ließe. Poyſer dagegen, der gerade wie das Gegentheil vom Eis ausſah und ſehr warm hatte, nahm auf ſeinem dreibeinigen Stuhle Plaz. „Und nun Poyſer, da Satchell gerade krank darnieder liegt, gedenke ich das Vorwerk an einen anſtändigen Pächter zu überlaſſen. Das eigene Wirth⸗ ſchaften habe ich ſatt— es gedeiht in ſolchen Fällen nicht, wie Sie ſehen. Ein tüchtiger Verwalter iſt ſchwer zu ſinden, und ich denke daß Sie und ich, oyſer, nebſt Ihrer vortrefflichen Frau in der Folge leicht eine kleine Einrichtung treffen könnten die zu beiderſeitigem Vortheil ausſchlüge.“ „O,“ ſagte Herr Poyſer mit gutmüthiger Ahnungsloſigkeit in Betreff der Art und Weiſe dieſer Einrichtung. 26 „Wenn ich ein Wörtchen darein reden darf, Herr,“ verſezte Frau Poyſer, nachdem ſie ihren Mann mit⸗ leidig wegen ſeiner Schwäche angeſehen,„ſo müſſen Sie's freilich beſſer wiſſen, aber ich ſehe nicht ein was dieſes Vorwerk uns angehen ſoll; wir haben mit unſerm eigenen Pacht Laſt genug. Freilich freut es mich zu hören daß ein verſtändiger Mann ins Dorf kommt: es ſind ſchon andere hereingebracht worden die dieſen Titel gerade nicht verdienten.“ „Sie werden ganz gewiß an Herrn Thurle einen vortrefflichen Nachbar finden, ſo daß Sie es durch⸗ aus nicht zu bereuen haben wenn Sie ihm durch Eingehen auf mein Plänchen gefällig ſind, zumal da ich hoffe daß Sie ſelbſt Ihren guten Vortheil davon haben werden.“ „Nun, wenn es zu unſerm Vortheil iſt, Herr, ſo iſt es das erſte Anerbieten dieſer Art wovon ich gehört habe. Um Vortheil in der Welt zu haben, muß man ſeinen Vortheil ſelbſt wahrnehmen, ſo denke ich; man müßte lange warten bis man Einem den Vortheil ins Haus brächte.“ „Die Sache iſt die, Poyſer,“ ſagte der Gutsherr, indem er von Frau Poyſers Theorie über irdiſche Wohlfahrt gänzlich Umgang nahm:„beim Vorwert iſt zu viel Wieſenland und zu wenig Ackerland für Thurle; er will den Pacht nur unter der Bedingung antreten daß dieß abgeändert wird. Seine Frau, ſcheint es, verſteht ſich nicht ſo gut auf das Milch⸗ weſen wie die Ihrige. Nun meine ich daß man einen kleinen Tauſch vornehmen könnte. Wenn Sie die Weidenpläze übernehmen würden, ſo könnten Sie Ihre Milchwirthſchaft vergrößern, die unter der Lei⸗ —.— G A₰ tung Ihrer Frau ſehr ergiebig werden müßte, und dann würde ich Sie, Frau Poyſer, erſuchen mein Haus um den Marktpreis mit Milch, Butter und Sahne zu verſehen. Auf der andern Seite müßten Sie, Poyſer, dem Thurle die untern und obern Aecker überlaſſen, die Ihnen bei unſerer naſſen Witterung nur zur Laſt ſein müſſen. Beim Wieſenland iſt viel weniger Riſico als beim Ackerland.“ Herr Poyſer ſaß, die Ellenbogen auf ſeine Kniee geſtemmt, den Kopf ſeitwärts geneigt, mit verzoge⸗ nem Munde vorgebeugt da und hatte ſcheinbar keine andere Sorge als ſeine Fingerſpizen ſo aneinander zu halten, daß ſie mit vollendeter Genauigkeit die Rippen eines Schiffes darſtellten. Er war zu pfifſig um nicht den ganzen Handel zu durchſchauen und genau vorherzuſehen was ſeine Frau davon denke; aber er gab nicht gerne unangenehme Ant⸗ worten: wenn es ſich nicht gerade um einen Punkt praktiſcher Landwirthſchaft handelte, wich er am liebſten jedem Streit aus, und überdieß ging die Sache weit mehr ſeine Frau an als ihn ſelbſt. Er ſchaute daher nach einer kurzen Pauſe zu ihr auf und fragte ſanft:„Was ſagſt Du dazu?“ Frau Poyſer hatte ihren Mann während ſeines Stillſchweigens mit kalter Strenge angeſchaut, aber jezt warf ſie ihren Kopf herum, blickte eiskalt auf das Dach des gegenüber liegenden Kuhſtalls, ſteckte ihr Strickzeug zuſammen und hielt es feſt zwiſchen ihren Händen. „Was ich ſage? Nun ich ſage, Du kannſt von Deinem Ackerland abgeben ſo viel Du Luſt haſt, 28 ehe Dein Pacht um iſt, was erſt um Mariä Ver⸗ kündigung über's Jahr geſchieht; aber ich werde mich weder durch Geld noch durch gute Worte be⸗ ſtimmen laſſen noch mehr Wieſenland zu übernehmen, auch iſt da, wie ich ſehe, weder von Geld noch von guten Worten die Rede, ſondern die guten Worte kommen andern Leuten zu Gute, und auch das Geld ſoll in anderer Leute Taſchen wandern; ich weiß, es gibt Leute die geboren ſind das Land zu beſizen, und andere um darauf zu ſchwizen“— hier pauſirte die Rednerin um ein wenig Athem zu ſchöpfen— gund ich weiß, es iſt Chriſtenpflicht den vornehmen Herrſchaften zu gehorchen, ſo weit Fleiſch und Blut es ertragen können, aber ich will mich nicht ſelbſt abquälen bis nichts mehr an mir iſt als Haut und Knochen, ich will mich nicht abhezen bis ich ausſehe wie ein Butterfaß wenn die Butter kommen will; das thue ich für keinen Gutsherrn in England, und wenn es König Georg ſelbſt wäre.“ „Nein, nein, meine liebe Frau Poyſer, ganz gewiß nicht,“ ſagte der Gutsherr, der ſich noch immer auf ſeine Ueberredungskünſte verließ,„Sie ſollen ſich nicht überarbeiten; aber glauben Sie denn nicht daß Sie auf dieſe Art eher weniger als mehr zu thun bekommen? Bei uns im Schloß iſt der Milch⸗ bedarf ſo groß daß Sie nicht mehr viel Käſe und Butter zu machen brauchen, und der Milchverkauf iſt, glaube ich, doch der vortheilhafteſte Theil des Milchgeſchäftes, oder nicht?“ „Ja, das iſt wohl wahr,“ antwortete Herr Poyſer, der ſeine Anſicht über eine landwirthſchaft⸗ liche Frage nicht zurückuhalten vermochte und gam —— 29 vergaß daß es ſich in dieſem Fall nicht um eine rein abſtracte Frage handelte. „Ja wohl,“ ſagte Frau Poyſer bitter, indem ſie ihren Kopf halb gegen ihren Mann wandte und auf Nacht da liegen, mit zwanzig Fäſſern Milch an mei⸗ ner Seite, und Dingall nimmt keine Butter mehr, vom Bezahlen gar nicht zu reden; und wir müſſen Schweine mäſten, bis wir den Mezger auf den Knieen bitten müſſen daß er ſie kauft, und die Hälfte verlieren wir an den Finnen. Und dann das Holen und Bringen, was auch wieder ein halbes Tagwerk iſt für einen Mann und einen Gaul— das geht doch auch vom Nuzen ab, ſollte ich meinen. Aber es gibt Leute, die möchten gern ein Sieb unter den Brunnen halten und ſo das Waſſer davon tragen.“ „Was die Schwierigkeit mit dem Holen und Bringen betrifft, ſo werden Sie dieſe nicht haben, Frau Poyſer,“ ſagte der alte Herr, der in dieſem Eingehen auf Einzelnheiten eine entfernte Neigung zur Abſchließung eines Vergleiches erblickte,„Bethell wird das regelmäßig mit dem Karren beſorgen.“ „O Herr, bitte ſehr um Verzeihung, ich war noch nie gewöhnt die Bedienten vornehmer Leute auf meine Hinterſtube kommen zu laſſen, damit ſier mit beiden Mägden auf einmal herumliebeln, und die dummen Gänſe die Hände in die Hüften ſtem⸗ men und all das einfältige Zeug anhören, ſtatt daß ſie auf den Knieen liegen und den Boden aufwaſchen ſollen. Wenn ich mich ruiniren ſoll, ſo will ich doch mfine Küche nicht in eine Wirthsſtube verwandeln aſſen.“ „Nun Poyſer,“ verſezte der Gutsherr, indem er ſeine Tactik veränderte und that als hätte Frau Poyſer ſich gänzlich zurückgezogen und das Zimmer verlaſſen,„Sie können die Wieſen zu Waideland benüzen. Wegen der Milch für mein Haus kann ich leicht eine andere Einrichtung treffen. Und ich werde es Ihnen nicht vergeſſen, wenn Sie ſich ſo⸗ wohl gegen einen Gutsherrn als einen Nachbar gefällig zeigen; Sie werden Ihren Pacht gewiß gerne wieder auf drei Jahre erneuern wollen wenn der gegenwärtige Termin zu Ende geht; ſonſt würde Thurle, der einiges Capital beſizt, ohne Zweifel k gerne beide Pachtungen übernehmen, da ſie ſich gut mit 1 einander bewirthſchaften laſſen. Aber ich möchte k mich von einem alten Pächter wie Sie ſind nicht ¹ gerne trennen.“ 1 Auf ſolche Art aus der Erörterung hinausge⸗ n worfen zu werden, hätte allein ſchon hingereicht d Frau Poyſers Erbitterung aufs Höchſte zu ſteigern, wenn auch die Drohung am Ende nicht dazu ge⸗ ei kommen wäre. Ihr Mann, der wirklich vor der d Möglichkeit erſchrack den alten Plaz verlaſſen zu ſo müſſen wo er geboren und erzogen worden— denn F 4 * 31 er glaubte den alten Herrn zu Allem fähig— wollte eben eine ſanfte Gegenvorſtellung in Betreff der Unannehmlichkeit noch kaufen mit den Worten beginnen:„Wahrhaftig, Herr, es iſt doch ein Bischen hart,“ als Frau Poyſer mit dem verzweifelten Entſchluß losbrach ein für darin gefällt, den Keller voll Waſſer, ſo daß Fröſche und Kröten zu Duzenden auf den Treppen herum⸗ hüpfen— die Fußböden ſind verfault, die Ratten daß ſie die Kinder nicht ſchon lange mit Haut und Haar gefreſſen haben. Ich möchte doch ſehen ob ein anderer Pächter als Poyſer ſich's gefallen ließe ſammenrumpelt, und auch dann nur mit Bitten und Flehen, und ſo daß man die Hälfte bezahlen muß 32 — dabei treibt man den Pacht ſo in die Höhe daß man noch von Glück ſagen darf, wenn man den Zins aus dem Lande herausſchlägt, und vorher hat er auch noch ſein eigenes Geld in den Grund und Boden geſteckt. Sehen Sie wo Sie einen Fremden bekommen der ſich zu einem ſolchen Leben hergibt: eine Made muß in dem faulen Käſe geboren ſein um ihn gerne zu freſſen, denke ich. Laufen Sie im⸗ merhin vor meinen Worten davon, Herr,“ fuhr Frau Poyſer fort, indem ſie dem Alten zur Thüre hinaus nachging, denn nach den erſten Augenblicken beſtürz⸗ ter Ueberraſchung war er aufgeſtanden und, indem er ihr lächelnd mit der Hand zuwinkte, nach ſeinem Pony hinausgegangen. Aber er konnte nicht ſo ſchnell hinwegkommen, denn John führte den Klepper im Hofe auf und ab, und befand ſich in einiger Ent⸗ fernung als ſein Herr winkte. „Laufen Sie immerhin vor meinen Worten da⸗ von, Herr, und brüten Sie unter der Hand Unheil gegen uns aus, denn den Gottſeibeiuns haben Sie doch zum Freunde, wenn auch ſonſt Niemand, aber ich ſage Ihnen ein für allemal daß wir keine un⸗ vernünftigen Thiere ſind und uns nicht von Jedem der eine Peitſche in der Hand hat mißbrauchen und ausbeuten laſſen, weil wir es nicht verſtehen uns aus dem Geſchirr loszumachen. Und wenn ich die Einzige bin die ihre Herzensmeinung ausſpricht, ſo gibt es doch eine Maſſe Leute in der Gemeinde und Umgegend die eben ſo denken wie ich, denn Ihr Name riecht für alle Naſen gerade ſo gut wie ein Schwefelholz— es ſind höchſtens zwei oder drei alte Leute da denen Sie um Ihres eigenen Seelen⸗ 1. ——— g—— 33 heils willen ein Stück Flanell und eine Schüſſel voll Suppe geben. Und Sie haben wohl Recht an Ihre Seele zu denken, denn bei all Ihrem Zuſammen⸗ ſcharren haben Sie für dieſe noch Nichts erſpart.“ Es gibt Gelegenheiten wo zwei Mägde und ein Fuhrknecht eine furchtbare Zuhörerſchaft ſind, und als der Gutsherr auf ſeinem ſchwarzen Pony davon⸗ ritt, konnte er troz ſeiner Kurzſichtigkeit bemerken daß Molly, Nancy und Tim ſchadenfroh in ſeiner Nähe grinzten. Vielleicht vermuthete er daß auch der ſauertöpfiſche alte John hinter ihm grinze, und es war wirklich ſo. Mittlerweile führten der Bullen⸗ beißer, der ſchwarzbraune Dachshund, Alicks Schäfer⸗ hund und der Gänſerich, der in ſicherer Entfernung von den Hufen des Kleppers ziſchte, die Idee von Frau Poyſers Solo in einem eindrucksvollen Quartett aus. Frau Poyſer hatte jedoch nicht ſobald den Klep⸗ per wegtraben geſehen, als ſie ſich umwandte, die beiden lachluſtigen Dirnen mit einem Blick in die Küche zurücktrieb, ihr Strickzeug loswickelte und mit gewohnter Raſchheit von Neuem zu ſtricken anfing, während ſie ins Haus zurückkehrte. „Das haſt Du jezt davon,“ bemerkte Herr Poy⸗ ſer etwas beſorgt und unbehaglich, aber nicht ohne triumphirende Schadenfreude über den Ausbruch ſei⸗ ner Frau. „Ja, allerdings, das habe ich davon,“ antwor⸗ tete Frau Poyſer,„aber ich habe jezt auch mein Herz ausgeleert, und das wird mir mein ganzes Lebenlang wohlthun. So gibt es kein Vergnügen auf der Welt, wenn man ewig zugepropft ſein ſoll Eliot, Adam Bede. III. 3 und ſeine Meinung nur ſo allmählig herauströpfeln laſſen kann wie ein leckes Faß. Ich werde es nie bereuen daß ich meine Gedanken ausgeſprochen habe, und wenn ich ſo alt werde wie der alte Herr ſelbſt, was aber nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, denn die Leute nach denen man hier nichts fragt, ſcheinen die ein⸗ zigen zu ſein von denen man auch in der andern Welt nichts wiſſen will.“ „Aber,“ ſagte Herr Poyſer,„Du würdeſt doch nicht gern übers Jahr um Michaelis von dem alten Plaz wegziehen und Dich in einer fremden Gemeinde niederlaſſen wo Du Nienand kennſt. Es würde uns beide hart ankommen und den Vater auch.“ „Ach darum brauchen wir uns nicht zu quälen. Bis Michaelis übers Jahr können allerlei Dinge geſchehen. Vielleicht iſt bis dahin der Capitän am Ruder, das kann man nicht wiſſen,“ ſagte Frau Poyſer, die eine durch ihr eigenes Verdienſt, nicht durch fremde Schuld herbeigeführte Verlegenheit mit ungewöhnlicher Heiterkeit hinnahm. „Ich will mich nicht beunruhigen,“ verſezte Herr Poyſer, indem er ſich von ſeinem Dreiſiz erhob und langſam auf die Thüre zuging,„aber es ſollte mir Leid thun wenn ich das alte Haus verlaſſen müßte, 1 d 1 f 1d r 2 n g k 5 n ſe ſe unſer Haus wo ich geboren und erzogen worden bin, und der Vater ebenfalls. Ich glaube wir würden unſere Wurzeln hier zurücklaſſen und nie wieder ge⸗ deihen.“ te n feierlichen Glanz an. Dreiunddreißigſtes Capitel. Noch mehr Feſſeln. Die Gerſte war endlich heimgebracht, und die Erntefeiern wurden gehalten, ohne daß man auf die garſtigen ſchwarzen Bohnen wartete. Die Aepfel und Nüſſe waren heruntergenommen und eingeheimst, der Molkengeruch wich aus den Bauernhäuſern und ſtatt ſeiner kam jezt der Geruch vom Brauen. Das Ge⸗ hölze hinter dem Schloß, die Hecken und Bäume nahmen unter den tiefherabhängenden Wolken einen Michaelis mit ſeinen duften⸗ den Körben voll rother Pflaumen, mit ſeinen blaß⸗ rothen Maßlieben, war erſchienen, die Knechte und Mägde die ihre Dienſte wechſelten, bewegten ſich mit ihren Bündeln unter dem Arm zwiſchen den gelben Hecken entlang. Aber obſchon Michaelis ge⸗ kommen war, ſo ſtellte ſich doch Herr Thurle, der erſehnte Pächter, nicht ein, und der alte Herr hatte wohl oder übel einen neuen Verwalter einſezen müſ⸗ ſen. In beiden Dörfern war bekannt geworden daß ſein Plan an der Weigerung der Poyſerſchen ge⸗ ſcheitert war, und die Herzensergießung von Frau Poyſer wurde in allen Pachthäuſern mit einer Hei⸗ terkeit beſprochen die ſich durch häufige Wiederholung nur noch ſteigerte. Die Nachricht von Bonaparte's Rückkehr aus Aegypten war im Vergleich damit etwas Gleichgiltiges, und die Verjagung der Franzo⸗ ſen aus Italien wollte nichts heißen gegen die Art und Weiſe wie Frau Poyſer den alten Herrn ver⸗ 3*¾ 36 trieben hatte. Herr Irwine hatte in jedem Haus eine andere Darſtellung gehört, nur im Schloß ſelbſt hatte man davon geſchwiegen. Aber nachdem er mit bewundernswürdiger Geſchicklichkeit ſtets jeden Streit mit Herrn Donnithorne vermieden hatte, konnte er ſich das Vergnügen über die Niederlage des alten Herrn zu lachen nur bei ſeiner Mutter erlauben, welche erklärte daß ſie, wenn ſie reich wäre, Frau Poyſer einen Jahresgehalt ausſezen würde; auch hätte ſie dieſelbe gar zu gern ins Pfarrhaus einge laden um aus ihrem eigenen Mund eine Darſtellung der Geſchichte zu vernehmen. „Nein, nein, Mutter,“ erklärte Herr Irwine „es war von Frau Poyſers Seite ein Stück uner laubter Selbſtjuſtiz, und eine Magiſtratsperſon wie ich darf ſolche nicht begünſtigen. Es darf nicht hei ßen ich hätte von dem Streite Notiz bekommen, ſonſ würde ich das Bischen guten Einfluß das ich auf den Alten habe verlieren.“ „Wahrhaftig, dieſe Frau gefällt mir noch beſſt als ihre Rahmkäſe,“ ſagte Frau Irwine.„Sie ha mit ihrem blaſſen Geſichtchen Muth für drei Män ner und weiß ſich ſo ſcharf auszuſprechen.“ 3 „Scharf! Ja ihre Zunge iſt wie ein friſchge ſchliffenes Raſirmeſſer. Dabei hat ſie ſo originell Ausdrücke und einen Mutterwiz der eine ganz Provinz mit Sprüchwörtern verſehen könnte. J habe Dir ja ihre prächtige Aeußerung über Crai erzählt— er gleiche einem Hahn der ſich einbill daß die Sonne aufgegangen ſei um ihn krähen hören. Das iſt wahrhaftig eine ganze äſopiſche Fabe in einem einzigen Saz.“ 37 „Aber es wird eine ſchlimme Geſchichte wenn der Alte auf Michaelis ihnen den Pacht kündigt,“ meinte Frau Irwine. „O das darf nicht geſchehen; auch iſt Poyſer ein ſo guter Pächter daß Donnithorne lieber ſeinen Aerger hinunterſchlucken als ſie hinauswerfen dürfte. Aber ſollte er ihnen an Mariä Verkündigung auf⸗ ſagen, ſo müſſen Arthur und ich Himmel und Erde in Bewegung ſezen um ihn zu beſänftigen. So alte Pfarrkinder dürfen wir nicht ziehen laſſen.“ „Ach man kann nicht wiſſen was bis dahin ge⸗ ſchieht,“ ſagte Frau Irwine.„An Arthurs Geburts⸗ tag fiel es mir auf daß der alte Herr etwas zuſam⸗ mengefallen iſt; er hat drei und achtzig auf dem Rücken wie Du weißt; das iſt ein unverantwortliches Alter. Nur Frauen haben das Recht ſo lange zu leben.“ „Wenn ſie alte Junggeſellen zu Söhnen haben die ohne ſie verloren wären,“ verſezte Herr Irwine, indem er ſeiner Mutter lachend die Hand küßte. Auch Frau Poyſer trat gelegentlich den Ahnun⸗ gen ihres Mannes in Betreff einer Aufkündigung mit der Bemerkung entgegen: man kann nicht wiſſen was bis Mariä Verkündigung geſchieht. Einer jener unläugbaren allgemeinen Säze die gewöhnlich einen beſondern und nichts weniger als unläugbaren Sinn haben ſollen. Aber es iſt wirklich zu hart fuͤr die menſch⸗ liche Natur, wenn es für ein Criminalverbrechen gehalten werden ſoll ſich den Tod ſogar des Königs, nachdem er einmal drei und achtzig paſſirt hat, als möglich zu denken. Man darf wohl glauben daß . 38 nur die ſtumpfſinnigſten Britten unter dieſer harten Bedingung gute Unterthanen ſein würden. Abgeſehen von dieſer trüben Ahnung gingen die Dinge im Haus ſo ziemlich ihren gewohnten Gang. An Hetty glaubte Frau Poyſer eine überraſchende Beſſerung wahrgenommen zu haben. Freilich wurde das Mädchen immer verſchloſſener, und manchmal ſchien es als ob man nicht mit Wagenſeilen auf ihr ein Wort herausbringen könnte, aber ſie dachte weniger an Puzſachen und ging mit großem Eifer der Arbeit nach, ohne daß es einer Erinnerung be⸗ durfte. Und es war merkwürdig wie wenig ſie jezt auszugehen verlangte, ja man konnte ſie kaum dazi überreden, und als ihre Tante dem wöchentlichen Unterricht im Weißnähen im Schloß plözlich ein Ende machte, ſo trug ſie dieß Verbot ohne alles Murren oder Schmollen. Offenbar mußte ſie end lich ihr Herz an Adam gehängt haben, und ihr plözlicher Einfall eine Kammerjungfer werden zu wollen mußte durch irgend ein kleines Mißverſtänd niß oder einen vorübergehenden Aerger hervorge rufen worden ſein. Wenn Adam jezt ins Haus kam ſchien Hetty heiterer zu ſein und wurde geſprächigen als ſonſt, während ſie beinahe verdrießlich wurde wenn Herr Craig oder ein Anderer zufällig einen Beſuch abſtattete. Adam ſelbſt beobachtete ſie Anfangs mit Angſ und Zittern, dann folgte Ueberraſchung und endlich freudiges Hoffen. Fünf Tage nach Ueberreichung des Briefs hatte er ſich wieder ins Haus gewagt aber nicht ohne ſchwere Beſorgniß daß ſein Anblit peinlich auf ſie wirken könnte. Sie war nicht zu 39 gegen als er in die Hausflur trat, und in den erſten Minuten wo er ſich mit Herrn und Frau Poyſer unterhielt, pochte ſein Herz vor Angſt, man möchte ihm jeden Augenblick melden daß Hetty krank ſei. Aber allmählig kamen leichte Tritte die er kannte, und als Frau Poyſer ſagte:„Nun Hetty, wo ſteckſt Du denn?“ da mußte Adam ſich umdrehen, ob⸗ ſchon er eine große Veränderung auf ihrem Geſicht zu finden fürchtete. Er erſchrack beinahe als er ſie lächeln ſah, wie wenn ſie ſich über ſeinen Beſuch freute; ſie ſah auf den erſten Blick ganz aus wie gewöhnlich, nur daß ſie eine Haube trug, während er Abends noch keine bei ihr geſehen hatte. Als er ſie nun immer wieder beobachtete, während ſie umherging oder bei ihrer Arbeit daſaß, fand er eine Veränderung, die Wangen waren ſo roſig wie ſonſt, ſie lächelte ſo freundlich wie ſie in der lezten Zeit immer gethan hatte, aber in ihren Augen, im Aus⸗ druck ihres Geſichtes, in allen ihren Bewegungen hatte ſich ein Unterſchied eingeſtellt; Adam meinte etwas Härteres, Kälteres, weniger Kindliches wahr⸗ zunehmen. „Das arme Ding,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ſo geht es immer. Das kommt davon daß ſie jezt ihr erſtes Herzeleid gehabt hat. Aber ſie hat einen Geiſt um es muthig zu ertragen. Gott ſei Dank dafür geſagt!“ Als er ſie im Verlauf der Woche immer ſo freundlich ſah wenn er erſchien, als ſie ihm jedesmal ihr liebliches Geſicht zukehrte als wolle ſie ihm ihre Freude über ſeinen Beſuch zeigen, und als ſie be⸗ ſtändig in derſelben gleichmäßigen Art arbeitete, 40 ohne eine Spur von Betrübniß zu zeigen, da be⸗ gann er zu glauben, ihr Gefühl für Arthur müſſe weit oberflächlicher geweſen ſein als er ſich in ſeiner erſten Entrüſtung und Beſorgniß eingebildet hatte, und ſie betrachtete jezt ihren kindiſchen Einfall daß Arthur verliebt ſei und ſie heirathen wolle, als eine Narrheit von der ſie zu rechter Zeit geheilt worden. Und vielleicht wandte ſich, wie er zuweilen in ſeinen heitern Augenblicken gehofft hatte, ihr Herz wirklich mit um ſo größerer Wärme zu dem Manne von dem ſie wußte daß er ſie ernſtlich liebte. Vielleicht denket ihr, Adam ſei in ſeinen Deu⸗ tungen nicht beſonders ſcharfſinnig und es ſtehe einem verſtändigen Manne ganz ſchlecht ſich ſo zu benehmen, ſich in ein Mädchen zu verlieben deren einziger Vorzug in ihrer Schönheit beſtand, ihr ein⸗ gebildete Vorzüge zuzuſchreiben und ſogar, nachdem ſie ſich in einen Andern verliebt hatte, ſein Herz gänzlich an ſie zu hängen, auf einen freundlichen Blick von ihr geduldig und zitternd zu harren, wie ein Hund der aufwartet bis das Auge ſeines Herrn ſich ihm zuwendet. Aber bei einem ſo verwickelten Ding wie die menſchliche Natur iſt, müſſen wir wohl bedenken daß ſich kaum eine Regel ohne Aus⸗ nahme finden läßt. Natürlich weiß ich daß in der Regel verſtändige Männer ſich in die verſtändigſten Mädchen ihrer Bekanntſchaft verlieben, daß ſie all die Kniffe und Pfiffe coketter Schönheit durchſchauen, ſich nie einbilden geliebt zu werden wenn es nicht wirklich der Fall iſt, bei jeder paſſenden Gelegenheit zu lieben aufhören und diejenige heirathen die am beſten für ſie paßt, ſo gut daß ſie die Zuſtimmung 41 beinahe aller unverheiratheten Damen in ihrer Nach⸗ barſchaft erzwingen. Aber ſogar für dieſe Regel kommt im Lauf der Jahrhunderte eine Ausnahme vor, und mein Freund Adam war eine ſolche. Ich meinestheils reſpectire ihn darum nicht weniger: ich glaube ſogar daß die innige Liebe die er dieſer holden, in jugendlicher Fülle prangenden, dunkel⸗ äugigen Hetty widmete, über deren inneres Selbſt er ſich in gänzlicher Unwiſſenheit befand, gerade von der Stärke ſeiner Natur und nicht von einer damit unvereinbaren Schwäche herkam. Iſt es denn, ich bitte euch, eine Schwäche, wenn man ſich von einer herrlichen Muſik ergreifen läßt und ihre wunderbaren Harmonien empfindet, wie ſie die feinſten Gänge eurer Seele, die zarteſten Lebensphaſen, wohin keine Erinnerung dringen kann, aufſucht und Euer ganzes Weſen, vergangenes und gegenwärtiges, in einem einzigen unausſprechlichen Leben zuſammenfaßt, ſo daß ihr in einem einzigen Augenblick mit all der Zärtlichkeit und Liebe die über mühevolle Jahre zerſtreut war dahinſchmelzet, all die hartgelernten Lehren hingebungsvoller Sympathie in einem ein⸗ zigen Gefühl von Heldenmuth oder Aufopferung vereinigt, eure gegenwärtige Freude mit vergangenem Kummer und euren gegenwärtigen Kummer mit all eurer vergangenen Freude vermenget? Wo nicht, ſo iſt es auch keine Schwäche wenn man die herrlichen Linien von Armen, Hals und Wangen eines Mäd⸗ chens, die feuchten Tiefen ihrer flehenden Augen, oder das holde kindliche Spiel ihrer Lippen ergrei⸗ fend auf ſich wirken läßt. Denn die Schönheit einer lieblichen Frau iſt wie Muſik: was kann man mehr 42 ſagen? Die Schönheit hat einen Ausdruck der hoch über die Seele der einzelnen damit geſchmückten Frau hinausreicht, wie die Worte des Genius eine um⸗ faſſendere Bedeutung haben als der Gedanke der ſie eingegeben: es iſt mehr als Frauenliebe was uns in den Augen einer Frau bewegt— es ſcheint eine höhere mächtigere Liebe zu ſein die uns darin näher gekommen iſt und ſich ausgeſprochen hat; der rund⸗ liche Hals, der Arm mit Grübchen darin ergreifen uns durch etwas mehr als durch ihre hübſchen For⸗ men, ſie ergreifen uns durch ihre nahe Verwandt⸗ ſchaft mit Allem was wir an Liebe und Frieden gekannt haben. Die edelſte Natur ſieht von dieſem unperſönlichen Ausdruck der Schönheit am mei⸗ ſten(ich brauche nicht zu ſagen daß es Herrn mit gefärbten und mit ungefärbten Backenbärten gibt die gar nichts davon ſehen) und aus dieſem Grund iſt die edelſte Natur oft am blindeſten über den Cha⸗ racter der von ſolcher Schönheit umkleideten Frauen⸗ ſeele. Darum, fürchte ich, wird die Tragödie des menſchlichen Lebens wohl noch lange Zeit ſo fort ſpielen, troz der philoſophiſchen Doctoren die mit den beſten Recepten zur Vermeidung aller Mißgriffe ſtets bei der Hand ſind. Unſer guter Adam hatte keine ſchönen Worte in die er ſein Gefühl für Hetty kleiden konnte; er ver⸗ mochte das Geheinniß nicht auf ſolche Art mit dem Schein von Wiſſen zu umhüllen; er nannte ſeine Liebe ganz offen ein Geheimniß, wie wir bereits aus ſeinem Mund vernommen haben. Er wußte bloß daß ihr Anblick und die Erinnerung ihn tief bewegte, daß die Quelle aller Liebe und Zärtlichkeit, alles 43 Glaubens und Muthes in ſeinem Innern dadurch berührt wurde. Wie konnte er Engherzigkeit, Selbſt⸗ ſucht, Härte bei ihr denken? Er ſchuf die Seele an die er glaubte aus ſeiner eigenen, und dieſe war groß, unſelbſtſüchtig, zart. Seine Hoffnungen auf Hetty ſtimmten ſeine Empfindungen gegen Arthur etwas milder. Gewiß waren deſſen Aufmerkſamkeiten gegen das Mädchen nur leicht und oberflächlich geweſen; ſie waren allerdings unrecht und von der Art daß ein Mann in Arthurs Stellung ſie ſich nicht hätte erlauben ſollen, aber ſie mußten einen Character ſpielender Harmloſig⸗ keit gehabt haben, der vermuthlich ihn ſelbſt über ihre Gefährlichkeit getäuſcht und auch in Hetty's Herzen keinen ſtarken Eindruck hatte aufkommen laſſen. Unter ſolchen neuen Ausſichten auf Glück die ſich für Adam eröffneten begann ſeine Entrüſtung und Eifer⸗ ſucht nachzulaſſen: Hetty war nicht unglücklich ge⸗ worden; er glaubte beinahe ſie liebe ihn am meiſten, und zuweilen fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf daß die Freundſchaft, die ihm einmal für immer 44 keinen Erſazmann für Adam zu finden wußte, ihm einen Antheil am Geſchäft angeboten, unter der ein⸗ zigen Bedingung daß er demſelben fortwährend ſeine Kräfte widmen und jedem Gedanken an ein abgeſon⸗ dertes Geſchäft entſagen müſſe. Schwiegerſohn oder nicht— Adam hatte ſich ihm ganz unentbehrlich gemacht, und ſeine Kopfarbeit war für Burge um ſo viel wichtiger als ſeine geſchickte Hand, daß ſeine Anſtellung als Forſtverwalter den Werth ſeiner Dienſte nur wenig ſchmälerte; bei den Holzkäufen aus den Wäldern des Gutsherrn konnte leicht eine dritte Perſon hinzugezogen werden. Adam ſah hier einen immer breiter werdenden Pfad zu gewinnreicher Arbeit ſich eröffnen, ein Wirkungskreis an welchen er ſchon als Knabe mit Ehrgeiz und Sehnen gedacht hatte. Er konnte einmal eine Brücke, ein Stadthaus oder eine Fabrik zu bauen bekommen. Denn er hatte immer zu ſich ſelbſt geſagt, Jonathan Burge's Geſchäft gleiche einer Eichel aus welcher ein großer Baum erwachſen könne. Er ſchlug alſo ein und ging voll der glücklichſten Träume nach Hauſe. Mein raffinirter Leſer nimmt es vielleicht übel, wenn ich ihm ausdrücklich ſage daß in dieſen Träumen Hetty's Bild lächelnd allerlei Pläne über wohlfeile Trock⸗ nung des Holzes, Berechnungen über billigere Be⸗ ſchaffung der Ziegel auf dem Waſſer und einen Lieblingsentwurf über Befeſtigung von Dächern und Mauern durch eine beſondere Art von eiſernen Tragbalken umgaukelte. Was läßt ſich darüber ſagen? Adams Enthuſiasmus war einmal ſolchen Dingen zugekehrt, und unſere Liebe iſt in unſern Enthuſiasmus hinein verarbeitet, wie die Electricität 45⁵ in die Luft, ſie erhöht ſeine Kraft durch einen feinen Zuſaz. 1 Adam konnte jezt ein beſonderes Haus beziehen und ſeiner Mutter das alte überlaſſen; ſeine Aus⸗ ſichten rechtfertigten eine baldige Heirath, und wenn Dina ſich entſchloß Seth zu nehmen, ſo fügte ſich ſeine Mutter vielleicht um ſo lieber in eine Tren⸗ nung von ihm ſelbſt. Aber er beſchloß ſich nicht zu übereilen— er wollte Hetty's Gefühle nicht auf die Probe ſtellen, bis ſie Zeit gehabt hätten ſtark und feſt zu werden. Indeſſen wollte er morgen nach der Kirche auf den Pachthof gehen und dort die Neuig⸗ keit erzählen. Er wußte zum Voraus daß Herr Poyſer ſich darüber mehr freuen würde als wenn man ihm eine Fünfpfundnote ſchenkte, und er konnte ſehen ob Hetty's Auge dabei leuchtete. Bei all den Dingen die ihm im Kopf herum gingen, mußten einige Monate bald vorübergehen, und der thörichte Eifer der in der lezten Zeit über ihn gekommen war, durfte ihn nicht zu vorſchnellen Worten ver⸗ leiten. Als er jedoch nach Hauſe kam und die fröh⸗ liche Nachricht beim Abendeſſen ſeiner Mutter ver⸗ kündete, die vor Freude beinahe weinte und verlangte, er ſolle dieſem Glück zu Ehren doppelt ſo viel eſſen als ſonſt, da konnte er nicht umhin ſie allmählig auf dieſe Veränderung vorzubereiten und anzudeuten daß das alte Haus wohl bald zu klein für ſie Alle werden dürfte. 46 Vierunddreißigſtes Capitel. Die Verlobung. Es war ein trockener Sonntag und wirklich ein angenehmer Tag für den zweiten November. Zwar ſchien die Sonne nicht, aber die Wolken ſtanden hoch und der Wind war ſo ſtill, daß die gelben Blätter die von den Ulmen herabflatterten aus purer Vergänglichkeit abgefallen ſein mußten. Gleich⸗ wohl ging Frau Poyſer nicht in die Kirche, denn ſie hatte einen ſchlimmen Catarrh der nicht vernachläßigt werden durfte; ſie hatte ſchon vor zwei Jahren wochenlang wegen Erkältung das Bett hüten müſſen, und da ſeine Frau nicht in die Kirche ging, ſo dachte Herr Poyſer, er würde wohl am beſten thun ebenfalls wegzubleiben und ihr Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Seine Gründe hiefür hätte er vielleicht nicht genau anzugeben gewußt; aber alle Leute von Erfahrung wiſſen recht gut daß unſere feſteſten Ueberzeugungen oft von feinen Eindrücken abhängen, wofür Worte ein allzu plumpes Medium ſind. Dem ſei nun wie ihm wolle, von der Fa⸗ milie Poyſer ging dieſen Nachmittag außer Hetty und den Knaben Niemand in die Kirche; doch war Adam kühn genug nach dem Gottesdienſt ſich ihnen anzuſchließen und ihnen ſeine Begleitung nach Hauſe anzubieten, obſchon er auf dem ganzen Weg durch das Dorf ſich hauptſächlich mit Marty und Tommy zu beſchäftigen ſchien und ihnen von den Eichhörnchen im Bintoner Wald erzählte, mit dem Verſprechen ſie 47 „ einmal dorthin mitzunehmen. Aber als ſie aufs Feld kamen, ſagte er zu den Jungen:„ZJezt laßt einmal ſehen wer am ſchnellſten laufen kann; wer zuerſt ans Hofthor kommt, der darf zuerſt auf dem Eſel mit mir in den Bintoner Wald. Aber Tommy muß einen Vorſprung bis zum nächſten Steg haben, weil er der kleinſte iſt.“ Adam hatte ſich noch nie ſo förmlich als ein ent⸗ ſchloſſener Liebhaber benommen. Sobald die Jungen enteilt waren, ſchaute er zu Hetty hinab und fragte: „Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen, Hetty?“ Er ſagte dieß in einem bittenden Ton, wie wenn er ſie bereits darum erſucht und Hetty es ihm abge⸗ ſchlagen hätte. Hetty blickte freundlich zu ihm auf und legte ſogleich ihren Arm in den ſeinigen. Sie edrücktheit wie früher; aber Adam war es zu Muthe als ob er gar nicht ginge; er dachte, Hetty müſſe dem Gedanken an die Zukunft begnügt, hatte ihn ſeit dem furchtbaren Schlage vor ungefähr drei Mo⸗ naten verlaſſen. Die Qualen der Eiferſucht hatten ſeine Leidenſchaft aufs Neue aufgeregt, ſo daß Furcht 48 und Ungewißheit beinahe unerträglich für ihn wur⸗ den. Aber wenn er auch nicht von ſeiner Liebe ſprechen wollte, ſo wollte er Hetty doch von ſeinen neuen Ausſichten erzählen und ſehen ob ſie ſich dar⸗ über freute. Sobald er daher die nöthige Selbſt⸗ beherrſchung gewonnen hatte, ſagte er: „Ich will heute Ihrem Onkel eine Neuigkeit er⸗ zählen, Hetty, die ihn überraſchen und vielleicht auch freuen wird.“ 3 „Was iſt's?“ fragte Hetty gleichgiltig. „Herr Burge hat mir einen Antheil an ſeinem Geſchäft angeboten, und ich bin entſchloſſen es an⸗ zunehmen.“ Auf Hetty's Geſicht ging eine Veränderung vor, die aber offenbar nicht von einem angenehmen Ein⸗ druck dieſer Nachricht herkam. Ihr erſter Eindruck war wirklich Verdruß und Beſorgniß, denn ſie hatte ihren Onkel ſo oft andeuten gehört, Adam könne Marie Burge und einen Antheil am Geſchäft haben ſobald er nur wolle, daß ihr dieſe beiden Dinge jezt als unzertrennlich erſchienen und ſie augenblicklich auf den Gedanken kam, Adam habe ſie ſelbſt viel⸗ leicht wegen der lezten Vorfälle aufgegeben und ſich um Marie Burge beworben. Mit dieſen Gedanken, und ehe ſie Zeit hatte ſich der Gründe zu erinnern die dagegen ſprachen, kam ein neues Gefühl der Ver⸗ laſſenheit und Täuſchung über ſie: das einzige Ding, die einzige Perſon, worauf ihr Geiſt in ſeiner dum⸗ pfen Ermattung noch gehofft hatte, war ihr alſo ent⸗ ſchlüpft, und Jammer und Elend trieben ihr die Thränen in die Augen. Sie blickte zu Boden, abet Adam ſchaute ihr ins Geſicht, ſah ihre Thränen, und —— 9☛ 8*x8△8S 2—— B B⁸ == g 49 ehe er noch die Worte vollendet hatte:„Hetty, liebe Hetty, warum weinen Sie?“ hatte ſein raſcher Ge⸗ danke voll Eifer alle erdenklichen Gründe überflogen und war zulezt halb und halb bei dem rechten ver⸗ weilt. Hetty dachte, er werde Marie Burge hei⸗ rathen— ſie ſah das ungern; wünſchte ſie vielleicht daß er keine andere heirathe als ſie ſelbſt? Alle Vorſicht war weggeblaſen, aller Grund dazu war verſchwunden, und Adam fühlte ſich von einem Freude⸗ ſchauer erfaßt. Er beugte ſich zu ihr hinab, ergriff ihre Hand und ſagte: „Ich könnte jezt heirathen, Hetty— ich könnte einer Frau ein angenehmes Leben bereiten, aber ich werde nicht heirathen wenn Sie mich nicht nehmen wollen.“ Hetty ſchaute zu ihm auf und lächelte durch ihre Thränen, wie ſie einſt gegen Arthur an jenem erſten Abend im Walde gelächelt, als ſie geglaubt hatte er komme nicht, und er dennoch kam. Es war ein das Glück dieſes Augenblicks kaum glauben. Seine rechte Hand hielt ihre linke und er preßte ihren Arm feſt an ſein Herz, als er ſich gegen ſie hinabbeugte. „ Lieben Sie mich wirklich, Hetty? Wollen Sie mein Weib werden? Wollen Sie mich lieben und Hetty ſprach nicht, aber Adams Geſicht war ſehr nahe bei dem ihren, und ſie legte ihre runde Wange Eliot, Adam Bede. III. 4 an die ſeine wie ein Käzchen. Es war ihr Bedürf⸗ niß geliebkost zu werden, die Empfindung zu ge⸗ nießen als ob Arthur wieder bei ihr wäre. Adam rang jezt nimmer nach Worten und ſie ſprachen beinahe nichts mehr auf dem übrigen Heim⸗ weg. Er ſagte bloß:„Darf ich mit Ihrem Onkel und Ihrer Tante ſprechen, Hetty?“ Und ſie ant⸗ wortete:„Ja.“ Im Pachthof beglänzte das rothe Kaminfeuer an dieſem Abend fröhliche Geſichter, als Hetty auf ihr Zimmer gegangen war, und Adam die Gelegenheit wahrnahm Herrn und Frau Poyſer ſowie dem Groß⸗ vater zu ſagen daß er jezt ein Weib erhalten könne, und daß Hetty ihm zugeſagt habe. „Ich hoffe Sie werden gegen dieſe Verbindung nichts einzuwenden haben,“ fügte Adam hinzu;„ich bin zwar noch arm, aber es ſoll ihr an Nichts fehlen was ich durch Arbeit verdienen kann.“ „ Einzuwenden?“ erwiderte Herr Poyſer, während der Großvater ſich vorwärts beugte und ſein langes Nein, Nein vorbrachte;„was könnten wir gegen. Sie einzuwenden haben, mein Junge? Wenn Sie auch jezt noch kein Geld haben, ſo ſteckt doch in Ihrem Kopfe Geld wie in einem Saatfelde, aber es muß ſeine Zeit haben. Sie beſizen ſchon genug um anfangen zu können, und für die nöthige Ausſteuer wollen wir ſchon ſorgen. Du haſt doch Federn und Weißzeug in Menge übrig, nicht wahr?“ Dieſe Frage war natürlich an Frau Poyſer ge⸗ richtet, die in ein warmes Tuch eingehüllt daſaß und zu heiſer war um mit ihrer gewohnten Leichtigkeit ſprechen zu können. Im Anfang nickte ſie bloß be⸗ ———, æ———PYõ₰.— 5 51 deutungsvoll, bald aber konnte ſie der Verſuchung nicht mehr widerſtehen ſich deutlicher auszuſprechen. „Das wäre ſauber wenn ich nicht Federn und Weißzeug hätte,“ ſagte ſie heiſer;„ich verkaufe ja nie ein Huhn ohne es vorher gerupft zu haben, und das Spinnrad geht die ganze Woche hindurch.“ „Komm her, mein Mädchen,“ ſagte Herr Poyſer, als Hetty herabkam,„komm her, küſſe uns und em⸗ pfange unſere Glückwünſche.“ Hetty ging ganz ruhig auf den dicken gutmüthi⸗ gen Mann zu und küßte ihn. „So,“ ſagte er, indem er ſie auf den Rücken tätſchelte,„küſſe jezt auch Deine Tante und Deinen Großvater. Es freut mich ſo ſehr Dich gut verhei⸗ rathet zu ſehen, wie wenn Du meine eigene Tochter wäreſt, und ſo geht es gewiß auch Deiner Tante, denn ſie hat in dieſen lezten ſieben Jahren ſo viel für Dich gethan als ob Du ihr eigenes Kind wäreſt, Hetty. Aber höre,“ fuhr er in heiterem Tone fort, als Hetty ihre Tante und den Alten geküßt hatte, „Adam will gewiß auch einen Kuß haben und er beſizt jezt ein Recht darauf.“ gt Fet wandte ſich lächelnd gegen ihren leeren uhl. „Ei Adam, jezt müſſen Sie Ihren Kuß ſelbſt nehmen,“ drängte Herr Poyſer,„ſonſt ſind Sie kein rechter Mann.“ Adam ſtand auf; der große kräftige Burſche er⸗ röthete wie ein junges Mädchen, legte ſeinen Arm um Hetty, beugte ſich hinab und drückte einen ſanf⸗ ten Kuß auf ihre Lippen. Es war eine hübſche Scene im rothen Feuer⸗ 4* 52 ſchein, denn man hatte keine Lichter, und warum denn 4 auch, da die Flamme ſo hell loderte und von all dem Zinngeſchirr und dem polirten Eichenholz wider⸗ ſtrahlte? Am Sonntag Abend wollte natürlich Nie⸗ mand arbeiten. Selbſt Hetty empfand inmitten all dieſer Liebe etwas wie Befriedigung. Adams zärt⸗ liche Neigung und ſeine Liebkoſungen erregten keine Leidenſchaft bei ihr und konnten ihrer Eitelkeit nicht mehr genügen, waren aber doch das Beſte was das Leben ihr jezt bot, denn ſie verhießen ihr eine Ver⸗ änderung. Ehe Adam nach Hauſe ging, ſprach er noch lange darüber ob ſich wohl ein Haus für ihn werde finden laſſen. Außer demjenigen zunächſt bei Will Mas⸗ kery war keines frei im Dorfe, und dieſes war jezt für Adam zu klein. Herr Poyſer beſtand darauf, das Beſte wäre wenn Seth und die Mutter aus⸗ zögen und Adam allein im alten Hauſe bleiben ließen, das man nach einiger Zeit vergrößern könnte, da ja im Holzhof und Garten Plaz genug vorhanden ſei; aber Adam wollte von einer Austreibung ſeiner Mutter Nichts wiſſen. „Nun, nun,“ ſagte Herr Poyſer endlich;„wir brauchen ja heute Abend noch nicht Alles fix und fertig zu machen. Wir müſſen uns Zeit zum Ueber⸗ legen nehmen. Vor Oſtern könnt Ihr ja doch nicht heirathen. Ich bin zwar nicht für eine lange Braut⸗ ſchaft, aber ein Bischen Zeit muß man immer haben um Alles recht bequem einzurichten.“ „Ja gewiß,“ ſtimmte Frau Poyſer mit heiſerem Geflüſter ein,„Chriſtenleute können doch nicht hei⸗ rathen wie die Kukuke.“ 53 „Es iſt mir doch nicht ganz wohl ums Herz,“ bemerkte Herr Poyſer,„wenn ich bedenke daß man uns vielleicht kündigt und wir möglicher Weiſe zehn Stunden fortziehen müſſen, um wieder einen Hof zu finden.“ „Ja,“ ſagte der alte Mann, indem er auf den Fußboden ſtarrte und mit ſeinen Händen auf⸗ und abfuhr, während ſeine Arme auf der Stuhllehne ruhten,„es wäre ſchlimm wenn ich den alten Plaz verlaſſen müßte und in einer fremden Gemeinde be⸗ graben werden ſollte. Und Du müßteſt dann viel⸗ leicht den doppelten Zins bezahlen,“ fügte er mit einem Blick auf ſeinen Sohn hinzu. „Du mußt Dich nicht zum Voraus ängſtigen, Vater,“ verſezte der jüngere Martin;„vielleicht kommt der Capitän zurück und ſöhnt uns mit dem alten Herrn aus. Darauf baue ich, denn der Capi⸗ tän verlangt daß Jedem ſein Recht geſchehe wenn er es machen kann.“ Fünfunddreißigſtes Capitel. Die geheime Angſt. Es war eine arbeitsvolle Zeit für Adam zwiſchen dem Anfang Novembers und dem Anfang Februars, und außer den Sonntagen konnte er Hetty nur wenig ſehen. Aber es war dennoch eine glückliche Zeit, denn immer raſcher kam der März heran, wo die Hochzeit ſtattfinden ſollte, und all die kleinen orbereitungen zu dem neuen Hausſtand bezeichneten 54 das Näherrücken des erſehnten Tages. Man hatte zwei neue Zimmer an das alte Haus gebaut, denn die Mutter und Seth ſollten dableiben. Lisbeth hatte bei dem Gedanken einer Trennung von Adam ſo jämmerlich geweint, daß er zu Hetty gegangen war und ſie erſucht hatte, ſie möchte ihm zu Liebe mit ſeiner Mutter Nachſicht haben und ſichs gefallen laſſen mit ihr zuſammenzuleben. Zu ſeiner großen Freude ſagte Hetty:„Ja; ich habe gar nichts da⸗ gegen.“ Hetty's Gemüth war in dieſem Augenblick durch eine weit ſchlimmere Schwierigkeit als durch das Benehmen der armen Lisbeth bedrückt; die Wunderlichkeiten der Alten fochten ſie nicht an. Dieß tröſtete Adam in ſeinem Kummer darüber daß Seth von Snowfield mit der Erklärung zurückgekommen war, es ſei Alles vergebens, Dina's Herz ſei nicht aufs Heirathen gerichtet. Denn als er ſeiner Mut⸗ ter ſagte daß Hetty mit dem Zuſammenwohnen ein⸗ verſtanden ſei und man daher von einer Trennung nicht mehr zu ſprechen brauche, antwortete ſie in einem zufriedeneren Tone als er ſeit der Verlobung von ihr vernommen hatte:„Sieh, mein Junge, ich will ganz mäuschenſtill ſein und nur die grobe Ar⸗ beit thun welche ſie nicht thun mag, und dann brauchen wir auch die Schüſſeln und Teller nicht zu theilen, die auf dem Brett zuſammen ſtanden ehe Du noch auf der Welt warſt.“ Nur eine einzige Wolke zog von Zeit zu Zeit über Adams Sonnenſchein: Hetty ſchien zuweilen unglücklich zu ſein. Aber auf all ſeine ängſtlichen und zärtlichen Fragen antwortete ſie mit der Ver⸗ ſicherung daß ſie vollkommen zufrieden ſei und ſich 5⁵ gar nichts Anderes wünſche, und dann war ſie wie⸗ der lebhafter als gewöhnlich. Vielleicht daß ſie jezt etwas zu viel zu thun und zu ſorgen hatte, denn bald nach Weihnachten hatte Frau Poyſer ſich von Neuem erkältet; daraus war eine Entzündung ent⸗ ſtanden, und dieſe Krankheit hatte ſie den ganzen Januar hindurch ins Zimmer gefeſſelt. Die ganze Haushaltung lag alſo auf Hetty, die noch überdieß die Stelle Molly's halb verſehen mußte, wenn das gute Mädchen die Hausfrau verpflegte, und Hetty ſchien ſich ſo gänzlich in ihre neuen Geſchäfte hinein⸗ zuwerfen und arbeitete mit einer ſo ernſten Beharr⸗ lichkeit die man bisher nicht an ihr gewohnt war, daß Herr Poyſer oft zu Adam ſagte, ſie wolle ihm zeigen was für eine gute Hausfrau er an ihr be⸗ komme; aber er fürchte beinahe daß das Mädchen ſich überarbeite, und ſobald die Tante wieder herab⸗ kommen könne, müſſe man ihr einige Ruhe gönnen. Dieſes wünſchenswerthe Ereigniß daß Frau Poy⸗ ſer wieder herabkam trat am Anfang Februars ein, wo einige milde Tage die lezten Schneeflocken von den Hügeln Binton's hinwegthauten. An einem dieſer Tage, bald nach dem Wiederauftreten der Tante, ging Hetty nach Treddleſton um einige für die Hoch⸗ zeit noch fehlende Dinge zu kaufen, wegen deren Vernachläßigung Frau Poyſer ſie ausgeſcholten hatte, mit dem Bemerken, ſie habe dieß wahrſcheinlich bloß vergeſſen, weil dieſe Dinge nicht fürs Aeußere ſeien, yt würde ſie dieſelben wohl ſchnell genug gekauft haben. Es war ungefähr zehn Uhr als Hetty aufbrach, und der leichte Reif der am frühen Morgen auf 56 den Hecken geglänzt, war verſchwunden, als die onne an dem wolkenloſen Himmel hinanſtieg. Schöne Februartage haben einen ſtärkeren Zauber von Hoffnung an ſich als alle andern Tage im Jahr. Man macht gerne Halt in den milden Strahlen der Sonne, man überſieht gerne das Ende der Furche wo die geduldigen Pflugpferde ſich wenden, und man denkt daß das ſchöne Jahr noch ganz vor uns liegt. Die Vögel ſcheinen ganz dasſelbe Ge⸗ fühl zu haben, ihre Töne ſind ſo klar wie die klare Luft. Noch ſind Bäume und Hecken nicht mit Blät⸗ tern geſchmückt, aber grün ſind die Wieſen! Und das dunkle Rothbraun der gepflügten Erde und der kahlen Zweige iſt ebenfalls ſchön. Wie fröhlich ſieht die Welt aus, wenn man ſo durch Thäler oder über Hügel hin fährt und reitet! Ich habe das oft ge— dacht wenn ich in fremden Ländern, wo die Felder und Wälder mich an unſer Loamſhire erinnerten, wo das fruchtbare Land eben ſo ſorgfältig bebaut wurde und die Wälder ſich an den ſanften Abhängen hinab bis an die grünen Wieſen hinzogen— wenn ich da auf der Straße an Etwas ſtieß was mich erinnerte daß ich nicht in Loamſhire war, an ein Bild ſchweren Todeskampfes, des Todeskampfes am Kreuze. Das Crueifix ſtand vielleicht unter Büſcheln von Apfelblüthen oder im hellen Sonnenſchein am Kornfeld, oder an einer Wendung des Waldes wo ein klarer Bach hinabmurmelte, und gewiß, wenn ein Fremder auf dieſe Welt käme und von der Ge⸗ ſchichte des menſchlichen Lebens auf derſelben nichts wüßte, ſo würde ihm dieſes Bild des Todeskampfes inmitten der heitern Natur ſonderbar und unpaſſend 57 erſcheinen. Er würde nicht wiſſen daß hinter den Apfelblüthen verborgen, oder im goldenen Korn, oder unter den ſchüzenden Zweigen des Waldes vielleicht ein Menſchenherz in ſchwerem Kummer ſchlägt, vielleicht eine blühende junge Dirne die nicht weiß wo ſie Schuz ſuchen ſoll vor ſchnell heranziehen⸗ der Schande, die von dieſem unſerm Leben nicht mehr verſteht als ein einfältiges verlornes Lamm das ſich beim Anbruch der Nacht immer weiter auf der einſamen Heide verirrt, und die dennoch das Bitterſte von des Lebens Bitterkeit koſten muß. Solche Dinge verbergen ſich zuweilen in den ſonnigen Feldern und hinter den blühenden Obſt⸗ gärten, und wenn ihr an eine Stelle hinter einem ſchmalen Gebüſch kämet, dann würde ſich das Ge⸗ töne des murmelnden Baches für euer Ohr mit einem verzweiflungsvollen menſchlichen Geſchluchze vermi⸗ ſchen. Kein Wunder wenn die menſchliche Religion ſo viel Kummer in ſich ſchließt, kein Wunder wenn der Menſch eines leidenden Gottes bedarf. In ihrem rothen Mantel und ihrer warmen Haube, ihren Korb in der Hand, wendet ſich Hetty auf einen Fußweg der ſeitwärts von der Treddleſto⸗ ner Straße abführt, aber nicht um ſich noch länger an dem Sonnenſchein zu erfreuen und voll Hoffnung an das lange Jahr zu denken deſſen Knospen ſich zu entwickeln anfangen. Sie weiß kaum daß die Sonne ſcheint, und ſeit Wochen ſchon hat ſie, wenn ſie überhaupt eine Hoffnung hegte, nur Etwas ge⸗ hofft wovor ſie ſelbſt zittert und ſchaudert. Sie verlangt von der Hauptſtraßé bloß hinweg um lang⸗ ſam gehen zu können und ſich nicht darum beküm⸗ 58 wern zu müſſen wie ihr Geſicht bei dem Gedanken an den n amenloſen Jammer ausſchaut, und ſie kann hier auf einen Feldweg hinter den weiten dichten Hecken gelangen. Ihre großen dunkeln Augen ſchwei⸗ fen leer über die Felder hin, wie die Augen einer Verlaſſenen, Heimathloſen, Ungeliebten, nicht der Verlobten eines braven zärtlichen Mannes. Aber es glänzen keine Thränen darin: ihre Thränen ſind alle weggeweint in der traurigen Nacht, bevor der Schlaf ſich ihrer erbarmte. Am nächſten Steg theilt ſich der Fußweg. Sie hat zwei Pfade vor ſich, der eine führt an der Hecke entlang allmählig auf die Hauptſtraße zurück, der andere führt über die Felder auf niedriges ſumpfiges Weideland, wo Niemand ſie ſehen wird. Sie wählt dieſen Weg und beginnt etwas ſchneller zu gehen, als hätte ſie plözlich an einen Gegenſtand gedacht auf welchen zuzueilen der Mühe werth ſei. Sie kommt bald auf das Wieſen⸗ land das ſich allmählig ſenkt, und ſie verläßt den ebenen Boden um der Senkung zu folgen. Weiter hinweg ſteht eine Baumgruppe in der Niederung und ſie geht darauf zu. Nein, es iſt keine Baum⸗ gruppe, ſondern ein dunkler verborgener Teich, von den Winterregen ſo angeſchwellt daß die untern Zweige der Hollunderbüſche tief im Waſſer liegen. Sie ſezt ſich auf das graſige Ufer gegen den krum⸗ men Stamm der großen Eiche, die über den dunkeln Teich hinüberhängt. An dieſen Teich hat ſie in den Nächten des leztverfloſſenen Monats oft gedacht, und jezt ſteht ſie endlich davor. Sie ſchlingt ihre Hände um ihre Knie, beugt ſich vor und blickt ernſt hinein, als ſuche ſie zu errathen was für ein 59 Bett er ihren jugendlichen runden Gliedern gewäh⸗ ren würde. Nein, ſie hat nicht den Muth in dieſes kalte Waſſerbett zu ſpringen, und wenn ſie es auch thäte, ſo würde man ſie finden, man würde erfahren warum ſie ſich ertränkt hätte. Es bleibt ihr nur Eines übrig: ſie muß fortgehen, weit fort, wo man ſie nicht finden kann. Als einige Wochen nach ihrer Verlobung mit Adam zum erſten Mal ihre große Angſt über ſie gekommen war, hatte ſie, in der blinden unbeſtimm⸗ ten Hoffnung daß irgend Etwas ſich ereignen werde was ſie von ihrem Schrecken befreien könne, von einem Tag auf den andern gewartet; aber jezt konnte ſie nicht länger warten. Alle Kraft ihrer Natur hatte ſich auf die einzige Anſtrengung des Verheh⸗ lens concentrirt, und ſie war mit unwiderſtehlichem Grauen vor jedem Schritte zurückgebebt der zu einer Aufdeckung ihres jammervollen Geheimniſſes führen konnte. Wohl war ihr der Gedanke gekommen an Arthur zu ſchreiben, aber ſie hatte ihn verworfen, er konnte Nichts thun um ſie vor Entdeckung und Verachtung unter Verwandten und Nachbarn zu ſchüzen, welche jezt, nachdem ihr luftiger Traum verflogen war, wieder ihre ganze Welt ausmachten. Ihre Phantaſie erblickte hinfort kein Glück mehr bei Arthur, denn er konnte nichts thun um ihren Stolz zu befriedigen oder zu beſchwichtigen. Nein, gewiß geſchah irgend etwas ſonſt, irgend Etwas mußte geſchehen um ſie von dieſer Angſt zu erlöſen. Bei jugendlichen kindlich unwiſſenden Seelen findet ſich immer dieſes blinde Vertrauen an irgend eine ge⸗ ————— 60 ſtaltloſe Möglichkeit; einem Knaben oder Mädchen wird es eben ſo ſchwer an das wirkliche Bevor⸗ ſtehen eines großen Jammers zu glauben als an den Tod. Aber jezt drängte harte Nothwendigkeit; die Hoch⸗ zeit ſtand nahe bevor, ſie konnte nicht länger bei dieſem blinden Vertrauen beharren. Sie mußte davonlaufen, ſie mußte ſich verbergen an einem Ort wo kein vertrautes Auge ſie entdecken konnte, und gegen die Angſt in die fremde, unbekannte Welt hinauswandern zu müſſen, erſchien ihr die Möglich⸗ keit zu Arthur zu gehen beinahe wie ein tröſtender Gedanke. Sie fühlte ſich jezt ſo hilflos, ſo unfähig ihre Zukunft ſelbſt zu geſtalten, daß ſie in der Aus⸗ ſicht ſich ihm gänzlich in die Arme zu werfen eine Erleichterung fand vor welcher ihr Stolz ſich beugte. Als ſie jezt ſo an dem Teiche ſaß und ſchaudernd in das dunkle kalte Waſſer hineinſchaute, da gewährte ihr die Hoffnung daß er ſie zärtlich aufnehmen, daß er für ſie ſorgen und denken werde, gleichſam ein Gefühl behaglicher Wärme, ſo daß ſie für den Augen⸗ blick gegen alles Andere gleichgiltig wurde, und ſie begann jezt nur noch auf eine Liſt zu ſinnen mittelſt welcher ſie von Hauſe wegkommen könnte. Sie hatte kürzlich von Dina einen ſehr liebevol⸗ len Brief in Betreff ihrer bevorſtehenden Hochzeit erhalten, die ihr durch Seth angezeigt worden war, und als Hetty ihn ihrem Onkel vorgeleſen, hatte dieſer geſagt:„Ich wollte Dina käme jezt wieder, denn ſie wäre ein Troſt für Deine Tante wenn Du fort biſt. Was meinſt Du, mein Mädchen, möchteſt Du nicht, ſobald Du hier abkommen kannſt, ſie be⸗ 61 ſuchen und ihr dann zureden Dich hieher zu begleiten? Du kannſt ihr ja auseinander ſezen daß die Tante ihrer bedürfe, wenn ſie auch zehnmal ſchreibt daß ſie nicht kommen könne.“ Hetty hatte, weil ſie über⸗ haupt kein Verlangen nach Dina verſpürte, den „Vorſchlag nach Snowfield zu gehen abgelehnt, unter dem Vorwand daß es ſo weit dahin ſei. Aber jezt dachte ſie, dieſer Beſuch könnte ihr als ein Vorwand zum Entfliehen dienen. Sie wollte, ſobald ſie heim kam, ihrer Tante ſagen daß ſie gerne einmal zur Abwechslung auf acht oder zehn Tage nach Snow⸗ field gehen würde. In Stoniton, wo Niemand ſie kannte, wollte ſie den Wagen nach Windſor erfra⸗ gen Arthur war in Windſor und ſie wollte zu ihm gehen. Sobald Hetty ſich für dieſen Plan entſchieden hatte, erhob ſie ſich von dem graſigen Ufer des Tei⸗ ches, nahm ihren Korb und ging weiter nach Treddle⸗ ſton, denn ſie mußte die Sachen zur Hochzeit wegen deren ſie gekommen war einkaufen, obſchon ſie ihrer vorausſichtlich nie bedurfte. Sie durfte durch⸗ Ans keinen Verdacht erregen daß ſie ans Entlaufen enke. Frau Poyſer war ganz angenehm überraſcht daß Hetty zu Dina gehen und einen Verſuch machen wollte ſie zu der Hochzeit mitzubringen. Je eher ſie den Plan ausführte, um ſo beſſer war es bei dem ſchönen Wetter das jezt eingetreten, und als Adam am Abend kam, ſagte er, wenn Hetty morgen ab⸗ reiſen wollte, ſo könnte er es ſo einrichten daß er ſie nach Treddleſton und bis an die Kutſche nach Stoniton begleiten würde. 62 „Ich wollte, ich könnte mit Dir gehen und Dich beſchüzen, Hetty,“ ſagte er am nächſten Morgen, indem er ſich zum Kutſchenſchlag hineinbeugte,„aber Du mußt nicht länger als acht Tage ausbleiben; die Zeit wird mir lang werden.“ Er ſchaute ſie zärtlich an und ſeine ſtarke Hand hielt die ihrige feſt. Hetty fühlte ſich ſo ſicher und geſchüzt in ſeiner Nähe— ſie war jezt daran ge⸗ wöhnt. Ach hätte ſie das Geſchehene ungeſchehen machen können, hätte ſie nie eine andere Liebe ge⸗ kannt als dieſe ruhige Neigung zu Adam! Die Thränen traten ihr in die Augen als ſie ihren lez⸗ ten Blick auf ihn heftete. „Gott ſegne ſie für ihre Liebe,“ ſagte Adam, als er, begleitet von Gyp, ſeinen Rückweg antrat. Aber Hetty's Thränen galten nicht Adam, ſie galten nicht der Seelenangſt die über ihn kommen würde, wenn er entdeckte daß ſie auf immer von ihm gegangen. Sie weinte um ihr eigenes jammer⸗ volles Schickſal, das ſie von dieſem braven zärtlichen Manne, welcher ihr ſo gerne ſein ganzes Leben ge⸗ widmet hätte, wegriß und als eine arme hilfloſe Flehende einem Andern zuwarf, der es vielleicht für ein Unglück hielt daß ſie genöthigt war ſich an ihn feſtzuklammern. Als Hetty Mittags drei Uhr in dem Wagen ſaß, der ſie, wie man ihr⸗ſagte, auf dem weiten Weg nach Windſor bis nach Leiceſter bringen ſollte, da kam ihr eine trübe Ahnung daß dieſe ganze müh⸗ ſelige Reiſe ihr Nichts als neues Ungluͤck bringen würde. Doch Arthur war in Windſor, und gewiß zürnte 63 er ihr nicht. Liebte er ſie auch nicht mehr ſo zärt⸗ lich wie ſonſt, ſo hatte er doch verſprochen gut gegen ſie zu ſein. Sechsunddreißigſtes Capitel. Die Reiſe in Hoffnung. Eine lange einſame Reiſe, mit Traurigkeit im Herzen, aus dem trauten Kreiſe der Verwandten und Freunde hinweg in die Fremde, das iſt etwas Hartes und Niederſchlagendes, ſelbſt für den Reichen, den Starken und Gebildeten, etwas Hartes ſelbſt wenn die Pflicht uns abruft und nicht die Angſt uns drängt. Was mußte es alſo für Hetty ſein? Ihre arm⸗ ſeligen beſchränkten Gedanken verſchmolzen jezt nicht mehr in unbeſtimmten Hoffnungen, ſondern eine ganz beſtimmte Furcht drang jezt eiskalt in ſie ein; ſie drehte ſich beſtändig in demſelben kleinen Kreiſe von Erinnerungen, ſie ſchuf ſich immer und immer wieder dieſelben kindiſchen zweifelhaften Bilder von der Zukunft— ſie ſah in dieſer weiten Welt nichts als die kleine Geſchichte ihrer eigenen Leiden und Freuden; und dann hatte ſie ſo wenig Geld in ihrer Taſche, und der Weg war ſo lang und ſo ſchwierig. Wenn ſie nicht immer in der Landkutſche fahren konnte— und ſie war überzeugt daß ihr das nicht gelang, denn die Reiſe nach Stoniton hatte ſchon weit mehr gekoſtet als ſie erwartet hatte— ſo mußte ſie ſich offenbar auf Karren oder andere Gelegen⸗ 64 heitsfuhrwerke verlaſſen, und wie viel Zeit nahm ihr das hinweg bis ſie ans Ziel ihrer Reiſe gelangte! Der dicke alte Kutſcher aus Oakbourne hatte, als er unter den außen fahrenden Paſſagieren ein hübſches junges Frauenzimmer erblickte, ſie eingeladen an ſeiner Seite Plaz zu nehmen, und da er es als Menſch und Kutſcher für ſeine Pflicht hielt das Ge⸗ ſpräch mit einem Scherz zu eröffnen, ſo bemühte er ſich, ſobald er das Straßenpflaſter hinter ſich hatte, einen in jeder Beziehung paſſenden Wiz zu Tage zu bringen. Nachdem er zu wiederholten Malen mit ſeiner Peitſche geknallt und Hetty ſchlau angeblinzelt, erhob er ſeine Lippen über den Rand ſeines weiten Mantels und ſagte: „Er hat ganz ſicher nahezu an ſechs Fuß.“ „Wer?“ fragte Hetty etwas verblüfft.. „Nun der Liebſte den Ihr zu Haus gelaſſen habt oder derjenige dem Ihr jezt nachreiſet— welcher iſt's?“ Hetty wurde bald roth bald blaß; ſie dachte, dieſer Kutſcher müſſe etwas von ihr wiſſen, er müſſe Adam kennen und werde ihm vielleicht ſagen wohin ſie gegangen ſei, denn Bauersleute können nicht wohl glauben daß diejenigen die in ihrer eigenen Gemeinde eine Rolle ſpielen nicht überall bekannt ſein ſollen, und eben ſo wenig konnte Hetty begreifen daß zufällig hingeworfene Worte genau auf ihre eigenen Umſtände paßten. Sie war zu erſchrocken um ſprechen zu können. „Nun, nun,“ fuhr der Kutſcher fort, als er ſah daß ſein Scherz nicht ſo viel Freude machte als er erwartet hatte.„Ihr müßt es nicht ſo ernſt auf⸗ nehmen; hat er ſich ſchlecht gegen Euch bewieſen, ſo ¼ — nehmt einen andern; ein hübſches Mädel wie Ihr kann jeden Tag einen Geliebten haben.“ Hetty's Furcht legte ſich allmählig, als ſie merkte daß der Kutſcher keine weitere Anſpielung auf ihre perſönlichen Verhältniſſe machte, aber ſie hielt es doch nicht für räthlich ihn nach den verſchiedenen Stationen auf dem Wege nach Windſor zu fragen. Sie ſagte ihm ſie gehe bloß in die Nähe von Stoniton, und ſobald der Wagen am Wirthshaus anhielt, eilte ſie mit ihrem Korb in einen andern Theil der Stadt hinweg. Als ſie den Plan zu ihrer Windſorreiſe entwarf, hatte ſie bloß die Schwierig⸗ keiten des erſten Wegkommens ins Auge gefaßt, und nachdem ſie dieſe durch einen angeblichen Beſuch bei Dina überwunden, flogen ihre Gedanken, ohne bei weiteren wahrſcheinlichen Wechſelfällen der Reiſe zu verweilen, zu ihrem Zuſammentreffen mit Arthur und zu der Frage wie er ſie wohl empfangen würde. Sie war ſo ganz ohne allen Begriff von Reiſen, daß ſie durchaus an keine Einzelnheiten dachte, und mit ihren drei Guineen in der Börſe glaubte ſie ſich reichlich verſehen. Erſt als ſie fand wie hoch die Fahrt nach Stoniton zu ſtehen kam, begann ſie ſich über die Weiterreiſe zu ängſtigen, und jezt zum erſten Mal fiel es ihr ſchwer aufs Herz daß ſie nicht einmal wußte durch welche Orte der Weg ſie führte. Von dieſer neuen Unruhe bedrückt, ging ſie in den unfreundlichen Straßen von Stoniton umher, und kehrte zulezt in einem armſeligen Wirthshäuschen ein, wo ſie ein wohlfeiles Nachtquartier zu finden hoffte. Hier fragte ſie den Wirth ob er ihr ſagen könne Eliot, Adam Bede. II. 5 66 welche Orte man auf dem Weg nach Windſor paſſiren müſſe. „Das kann ich ſo genau nicht ſagen. Windſor muß in der Nähe von London liegen, weil der Kö⸗ nig da wohnt,“ lautete die Antwort.„Jedenfalls wird es am Beſten ſein, wenn Ihr nach Aſhby gehet, das liegt ſüdlich von hier. Aber zwiſchen hier und London liegen ſo viele Orte als in Sto⸗ niton Häuſer ſind, wie man mir ſchon geſagt hat. Ich ſelbſt bin nie auf Reiſen geweſen. Doch wie kommt Ihr als junges Frauenzimmer dazu ganz allein eine ſolche Reiſe zu unternehmen?“ „Ich will meinen Bruder beſuchen, der in Wind⸗ ſor Soldat iſt,“ antwortete Hetty, die über den fra⸗ genden Blick des Wirthes erſchrack.„Ich kann es nicht auftreiben mit der Kutſche zu fahren; glaubt Ihr nicht daß morgen ein Karren nach Aſhby abgeht?“ „Ja, Karren mag es wohl geben, wenn man nur wüßte von wo ſie wegfahren; aber Ihr könnet in der ganzen Stadt herumlaufen bis Ihr das her⸗ ausbringt. Das Beſte iſt Ihr nehmet den Weg unter die Füße und verlaßt Euch darauf daß ein Karren Euch einholt.“ Der armen Hetty ſiel jedes Wort wie Blei auf die Seele; ſie ſah wie die Reiſe ſich Stück für 4 Stück vor ihr ausdehnte; ſchon nach Aſhby zu kom⸗ men ſchien ſehr ſchwer; es konnte, ſo viel ſie wußte, den ganzen Tag wegnehmen, und das war noch Nichts gegen den Reſt der Reiſe. Aber es mußte geſchehen, ſie mußte zu Arthur kommen. O wie ſehnte ſie ſich wieder bei Jemand zu ſein der für ſie ſorgte! Sie die Morgens noch nie aufgeſtanden ) 67 war ohne die Gewißheit vertraute Geſichter zu ſehen, Leute auf welche ſie ein anerkanntes Recht beſaß; ſie deren weiteſte Reiſe in einem Ritt nach Roſſeter beſtanden hatte, wobei ſie hinter ihrem Onkel auf dem Sattelkiſſen geſeſſen; ſie deren Gedanken immer in Träumen von Vergnügungen geſchwelgt, weil alle eigentliche Arbeit ihres Lebens von Andern verrichtet wurde: dieſe muntere kleine Kaze, die noch vor we⸗ nigen Monaten keinen andern Schmerz gekannt hatte als Marie Burge um ein neues Band zu be⸗ neiden oder wegen einer Nachläßigkeit gegen Totty von ihrer Tante ausgeſcholten zu werden— jezt mußte ſie einſam ihren mühſeligen Weg zurücklegen, ſie hatte ihre friedliche Heimath für immer hinter ſich gelaſſen und ſah vor ſich nichts als eine ſchwankende Hoffnung auf eine ferne Zufluchtsſtätte. Jezt zum erſten Mal, als ſie ſich in das fremde harte Bett niederlegte, fühlte ſie daß ihre Heimath eine glück⸗ liche, daß ihr Onkel ſehr gut gegen ſie geweſen, und daß ihr ruhiges Loos in Hayſlope unter lauter bekannten Dingen und Leuten, wo ſie ihren ganzen Stolz auf ihr beſtes Kleid und Häubchen geſezt, wo ſie vor Niemand etwas zu verbergen gehabt, das⸗ jenige wäre wozu ſie am liebſten erwachen möchte, —wenn ſie nur hoffen dürfte daß das ganze fieberhafte Leben das ſie außer dieſem Kreiſe überſtanden wei⸗ ter nichts als ein kurzes Alpdrücken geweſen ſei. Aber nur ihr ſelbſt galt das ſehnſüchtige Bedauern womit ſie an Alles dachte was ſie verlaſſen hatte; nur ihr eigenes Elend füllte ihr Herz; für den Kum⸗ mer anderer Leute war kein Plaz darin. Und doch war Arthur vor dem grauſamen Brief ſo Zrtlich 5 68 und liebreich geweſen: die Erinnerung daran hatte noch immer einen Zauber für ſie, der jedoch weiter nichts als ein beruhigender Trank war welcher das Leiden nur eben erträglich machte. Denn Hetty konnte in Zukunft keine andere als eine verborgene Exiſtenz für ſich begreifen, und ein verborgenes Leben hätte, ſelbſt wenn die Liebe es verſchönte, keine Wonne für ſie gehabt; wie viel weniger noch ein Leben das von Schande befleckt wurde! Sie wußte nichts von Romanen und hatte keine Ahnung von den Gefühlen welche die Quelle der Romantik ſind, ſo daß wohlbeleſene Damen ihren Gemüths⸗ zuſtand nie begreifen werden. Sie war in Allem was über die einfachen Begriffe und Gewohnheiten hinausging worin ſie erzogen worden zu unwiſſend, um von ihrer wahrſcheinlichen Zukunft eine andere Idee zu haben als daß Arthur auf irgend eine Weiſe für ſie ſorgen und ſie vor Zorn und Ver⸗ achtung ſchüzen würde. Natürlich konnte er ſie nicht heirathen und zu einer gnädigen Dame machen; alles Andere aber was er für ſie thun konnte, blieb weit unter dem Ziele ihrer Sehnſucht und ihres Ehrgeizes.. Am Morgen ſtand ſie früh auf, begehrte bloß etwas Milch und Brod zum Frühſtück und machte ſich auf die Straße nach Aſhby. Der Himmel hing bleifarbig über ihr, und nur ein ſchmaler gelber Streif ſchimmerte gleich einer entſchwindenden Hoff⸗ nung am Rande des Horizonts. In ihrer Herzens⸗ angſt über die Länge und Schwierigkeit der Reiſe fürchtete ſie jezt am allermeiſten daß ihr das Geld ausgehen und ſie ſo arm werden könnte um das V — V 69 Mitleid der Leute anflehen zu müſſen, denn Hetty hatte den Stolz nicht bloß ihrer eigenen ſtolzen Natur, ſondern einer ganzen ſtolzen Menſchenclaſſe, derjenigen nämlich welche am meiſten Armenſteuer bezahlt und am meiſten vor der Idee zurückſchaudert eine ſolche anſprechen zu müſſen. Daß ſie für ihr Medaillon und ihre Ohrringe, die ſie bei ſich hatte, Geld bekommen könnte, war ihr noch nicht eingefallen, und ſie verwandte ihre ganze Arithmetik und Preis⸗ kenntniß auf eine ins Einzelne gehende Berechnung, zu wie vielen Mahlzeiten und Fahrten wohl ihre zwei Guineen und die ungeraden Schillinge aus⸗ reichen würden, die ſo trübſelig ausſahen als wären ſie die blaſſe Aſche der andern hell funkelnden Münze. Ein paar Stunden lang ſchritt ſie rüſtig dahin, indem ſie fortwährend einen Baum, einen Weg oder ein hervorragendes Gebüſch auf dem entfernteſten ſichtbaren Punkt der Straße als Ziel ins Auge faßte und eine ſchwache Freude empfand wenn ſie es er⸗ reicht hatte. Aber als ſie an den vierten Meilenſtein kam, den erſten den ſie unter dem langen Gras an der Straße bemerkt hatte, und las daß ſie erſt eine ſo kleine Strecke zurückgelegt, da entſank ihr der Muth. Sie hatte erſt dieſen kurzen Weg gemacht, und doch fühlte ſie ſich ſchon müde und beinahe wieder hungrig in der friſchen Morgenluft; obſchon ſie an beſtändige Thätigkeit und Bewegung im Hauſe gewöhnt war, ſo war ihr doch das lange Gehen etwas ganz Neues, denn dieſe Bewegung ermüdet auf eine ganz andere Art als häusliche Arbeiten. Während ſie noch den Meilenſtein anſchaute, ſpürte ſie einige Tropfen in ihrem Geſicht: es be⸗ 70 gann zu regnen. Dieß war ein neuer Kummer an welchen ſie in ihrer Betrübniß nie gedacht hatte; ganz niedergedrückt durch dieſe plözliche Vermehrung ihrer Laſt, ſezte ſie ſich auf einen Stein und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Der Anfang von Ungemach gleicht dem erſten Biſſen einer bittern Nahrung; er ſcheint im erſten Augenblick unerträg⸗ lich, aber wenn wir ſonſt nichts zur Befriedigung unſeres Hungers beſizen, ſo nehmen wir einen zweiten Biſſen und finden es möglich weiter zu eſſen. Als Hetty ihrem erſten Drang zum Weinen Genüge ge⸗ than hatte, ſammelte ſie ihren ſchwindenden Muth: es regnete und ſie mußte ein Dorf zu erreichen ſuchen wo ſie Ruhe und ein Obdach finden konnte. Während ſie nun mühſelig weiter ging, hörte ſie hinter ſich das Getöne ſchwerer Räder; ein bedeckter Karren kam langſam ſchleichend heran und der Fuhr⸗ mann ſchlotterte knallend neben den Pferden her. Sie wartete und dachte den Mann, wenn er nicht gar zu griesgrämig darein blicke, um einen Plaz auf ſeinem Wagen zu bitten. Als das Fuhrwerk herankam, war der Mann ein wenig zurückgeblieben, aber vorn in dem großen Wagen ſaß Etwas das ihr Muth machte. Früher würde ſie nie die mindeſte Notiz davon genommen haben, jezt aber hatte das Leiden ſie ſo gefühlvoll gemacht, daß dieſer Gegen⸗ ſtand einen ſtarken Eindruck auf ſie hervorbrachte. Es war bloß ein weiß⸗ und leberfarbiges Wachtel⸗ hündchen das vorn auf dem Wagen ſaß, mit ſeinen großen Augen ſchüchtern umherſchaute und unauf⸗ hörlich am ganzen Leibe zitterte, wie man es bei ſolchen Geſchöpfchen häufig findet. Hetty liebte, wie 71 ihr wißt, die Thiere nicht, aber in dieſem Augenblick war ihr zu Muthe als ob das hilfloſe ſchüchterne Geſchöpfchen eine gewiſſe Gemeinſchaft mit ihr hätte, und ohne ſich genaue Rechenſchaft darüber zu geben, trug ſie weniger Bedenken den Fuhrmann anzureden, der jezt vorwärts kam. Er war ein großer kräftiger Mann der ſtatt eines Mantels einen Sack über ſeine Schultern trug. „Könnt Ihr mich in Eurem Wagen mitnehmen, wenn Ihr nach Aſhby fahrt?“ fragte Hetty.„Ich will Euch dafür bezahlen.“ „Ja wohl,“ antwortete der dicke Burſche mit jenem langſam hervortretenden Lächeln das plumpen Geſichtern eigen iſt,„ich kann Euch auch ohne Be⸗ zahlung mitnehmen, wenn Ihr Euch nichts daraus machet etwas unbequem auf den Wollſäcken zu liegen. Woher kommt Ihr denn und was wollt Ihr in Aſhby machen?“ 3 „Ich komme von Stoniton und will weit hin⸗ weg, nach Windſor.“ „Wollt Ihr einen Dienſt ſuchen oder ſo Etwas?“ „Ich will zu meinem Bruder, er iſt Soldat dort.“ „Nun gut, ich fahre nicht weiter als bis nach Leiceſter, aber ich will Euch mitnehmen wenn Euch das lange Fahren nicht verdrießt. Die Pferde wer⸗ den Euch ſo wenig ſpüren als das Hündchen da, das ich vor vierzehn Tagen auf der Straße auf⸗ geleſen habe. Gebt Euern Korb und ſtellt Euch hieher, damit ich Euch hinaufheben kann.“ Auf Wollſäcken zu liegen, während ein Riß in der Decke friſche Luft hereinließ, war für Hetty jezt ein Hochgenuß, und ſie verſchlief die Hälfte des Wegs, bis der Fuhrmann ſie fragte ob ſie nicht abſteigen und Etwas genießen wolle; er ſelbſt gedenke ſeine Mahlzeit in dieſem Wirthshaus einzunehmen. Spät in der Nacht kamen ſie nach Leiceſter und ſo war auch dieſer zweite Reiſetag für Hetty vorüber. Sie hatte kein Geld gebraucht außer für ihr Eſſen, aber ſie ſah ein daß dieſes langſame Reiſen in die Länge unerträglich wurde, und ging alſo am Morgen auf ein Poſtbureau um ſich über den Weg nach Windſor zu erkundigen, ob wohl die Fahrt in der Landkutſche ſie nicht zu hoch käme. Ach freilich! Die Entfernung war zu groß, die Landkutſchen zu theuer, ſie mußte dieſen Plan aufgeben. Aber ein ältlicher Poſtbe⸗ amter, den ihr ängſtliches hübſches Geſicht rührte, ſchrieb ihr die Hauptorte auf durch welche ſie kom⸗ men mußte. Dieß war der einzige Troſt der ihr in Leiceſter zu Theil wurde, denn ſonſt gafften die Leute ſie an als ſie auf der Straße hinging, und zum er⸗ ſten Mal in ihrem Leben wünſchte Hetty daß Nie⸗ mand ſie anſehen möchte. Sie machte ſich von Neuem auf den Weg, aber dieſer Tag brachte ihr mehr Glück, denn ſie wurde bald von einem Kärrner ein⸗ geholt der ſie nach Hinkley brachte, und mit Hilfe einer Poſtchaiſe, geführt von einem betrunkenen Po⸗ ſtillon, der ſie dadurch ängſtete daß er gleich Jehu, dem Sohne Nimſchi, dahinjagte und ſich auf ſeinem Sattel zurückgebeugt allerlei luſtige Bemerkungen über ſie erlaubte, kam ſie noch vor Nacht in das waldige Warwickſhire, aber immer noch fünfzig Stun⸗ den von Windſor, wie ihr die Leute ſagten. O was für eine weite Welt war das und welch eine müh⸗ ſelige Arbeit ſich darin zurechtzufinden! Sie kam aus Verſehen nach Stratford am Avon, weil ſie Stratford auf ihrer Liſte gefunden hatte, und dann ſagte man ihr daß ſie weit von der rechten Straße abgekommen ſei. Erſt am fünften Tage erreichte ſie Stony Stratford; dieß ſcheint bloß eine kleine Tag⸗ reiſe zu ſein, wenn ihr auf die Karte ſeht oder eurer eigenen heitern Ausflüge nach den wieſenreichen Ufern des Avon gedenket. Aber entſezlich lang war es für Hetty; es war ihr als ob dieſe flachen Felder, dieſe Hecken, die da und dort verſtreut liegenden Häuſer, Dörfer und Marktflecken, an denen allen ihr gleich⸗ giltiges Auge nichts Beſonderes erblickte, kein Ende nehmen wollten, und als ob ſie für immer darin im Kreiſe herumwandern müßte. Erſchöpft wartete ſie vor Zollhäuſern, bis irgend ein Karren kam, und dieſer fuhr oft nur eine ſehr kleine Strecke Wegs, viel⸗ leicht bloß bis in die nächſte Mühle; aber ſie wollte in kein Wirthshaus gehen um Etwas zu ſich zu neh⸗ men und Erkundigungen einzuziehen, weil dort immer Leute herumlungerten welche ſie angafften und ſich rohe Scherze über ſie erlaubten. Sie hatte ſich in dieſen Tagen ungewohnter Mühſeligkeit und Angſt ſehr abgehezt; ſie ſah viel bläſſer und erſchöpfter aus als während der ganzen Zeit geheimer Seelen⸗ qual welche ſie zu Hauſe überſtanden. Als ſie end⸗ lich Stony Stratford erreichte, hatten ihre Ungeduld und ihre Erſchöpfung einen ſolchen Grad erreicht, daß ihre ökonomiſche Vorſicht nicht mehr dagegen aufkommen konnte; ſie beſchloß für den Reſt des Weges die Landkutſche zu nehmen und ſollte all ihr Geld vollends draufgehen. In Windſor bedurfte ſie ja nichts mehr, ſondern brauchte bloß Arthur aufzu⸗ 74 finden. Nach Bezahlung des lezten Fahrgeldes blieb ihr noch ein Schilling übrig, und als ſie am ſieben⸗ ten Tag Mittags um zwölf Uhr hungrig und ſchwach vor dem grünen Mann in Windſor abſtieg, kam der Kutſcher her und mahnte an ein Trinkgeld. Sie griff in ihre Taſche und nahm den Schilling heraus; aber die Thränen kamen ihr beim Gefühl ihrer Er⸗ ſchöpfung und bei dem Gedanken ihr leztes Geld hergeben zu müſſen, während ſie doch ſo dringend einer Stärkung bedurfte, bevor ſie fortgehen und Arthur aufſuchen konnte. Indem ſie den Schilling hinhielt, ſchaute ſie mit ihren dunkeln thränengefüll⸗ ten Augen dem Kutſcher ins Geſicht und ſagte; „Könnt Ihr mir ſechs Pfennige zurückgeben?“„Nein, nein,“ antwortete er mit rauher Stimme,„es iſt ſchon gut, ſteckt nur Euern Schilling wieder ein.“ Der Wirth zum grünen Mann hatte nahe genug geſtanden um dieſen Vorgang mit anzuſehen, und er war ein Mann den ein üppiger Nahrungsſtand ſo⸗ wohl körperlich als gemüthlich in guter Verfaſſung erhielt. Dieſes liebliche thränenfeuchte Geſicht Hetty's würde aber auch bei den meiſten Männern die Ge⸗ fühlsſaite angeſchlagen haben. „Kommt herein, junges Frauenzimmer, kommt herein,“ ſagte er,„und genießet Etwas, Ihr ſeid ſchrecklich erſchöpft, man ſiehts Euch wohl an.“ Er führte ſie in das Schenkzimmer und ſagte zu ſeinem Weib:„Da Frau, nimm dieſes Mädchen in die Wohnſtube, ſie iſt etwas angegriffen;“ denn Hetty's Thränen floßen reichlich. Es waren bloß krampfhafte Thränen der Erſchöpfung, denn ſie glaubte jezt keinen Grund zum Weinen mehr zu haben, und 75⁵ ärgerte ſich darüber daß ſie zu ſchwach und müde war um ſich ihrer Thränen erwehren zu können. Befand ſie ſich doch endlich in Windſor, in der Nähe Arthurs! Mit gierigen hungrigen Augen ſchaute ſie auf das Brod, Fleiſch und Bier was die Wirthin ihr brachte, und einige Minuten lang vergaß ſie alles Andere über dem köſtlichen Gefühl ihren Hunger zu befriedigen und ſich von ihrer Erſchöpfung zu er⸗ holen. Die Wirthin ſaß ihr gegenüber und ſchaute ſie ernſthaft an als ſie aß. Kein Wunder: Hetty hatte ihren Hut abgelegt und ihre Locken wallten hinab, ihr Geſicht war in ſeiner jugendlichen Schön⸗ heit noch rührender weil es ſo erſchöpft ausſah, und die Augen der guten Frau ſchweiften jezt auf ihre Geſtalt, welche ſie beim eiligen Ankleiden auf der Reiſe nicht ſorgfältig genug verborgen hatte; ohne⸗ hin entdeckt ein fremdes Auge gar Manches was dem vertrauten argloſen Blicke entgeht. „Nun Ihr ſcheint mir nicht gerade zum Reiſen zu taugen,“ ſagte ſie, indem ſie auf Hetty's ringloſe Hand blickte.„Kommt Ihr weit her?“ „Ja,“ antwortete Hetty, die ſich durch dieſe Frage zu größerer Selbſtbeherrſchung aufgefordert fühlte und durch Speiſe und Trank ſehr geſtärkt war. „Ich habe einen langen, langen Weg gemacht und bin ſehr müde geworden. Aber jezt bin ich beſſer. Könnt Ihr mir ſagen wohin ich nach dieſem Hauſe da zu gehen habe?“ Hier zog Hetty ein Stück Pa⸗ pier aus ihrer Taſche. Es war das Ende von Ar⸗ thurs Brief und enthielt ſeine Adreſſe. Während ſie ſprach, war der Wirth hereingekommen und hatte ſie 76 eben ſo ernſthaft zu muſtern begonnen wie ſeine Frau. Er nahm den Papierſtreif den Hetty über den Tiſch hinhielt und las die Adreſſe. „Nun was wollt Ihr denn in dieſem Hauſe?“ fragte er. Es liegt in der Natur der Wirthe und aller Leute die ſelbſt nichts Eiliges zu thun haben, daß ſie möglichſt viel Fragen machen ehe ſie einen Aufſchluß ertheilen. „Ich will einen Herrn beſuchen der dort wohnt,“ antwortete Hetty. „Es wohnt aber kein Herr dort,“ erwiderte der Wirth.„Das Haus ſteht ſchon ſeit vierzehn Tagen leer. Wie heißt denn der Herr zu welchem Ihr wollt? Vielleicht kann ich Euch ſagen wo er zu finden iſt.“. „Capitän Donnithorne,“ ſagte Hetty mit zittern⸗ der Stimme, und ihr Herz begann ſchmerzlich zu ſchlagen als ſie ſich in der Hoffnung Arthur ſogleich zu finden getäuſcht ſah. „Capitän Donnithorne?“ ſagte der Wirth lang⸗ ſam.„War er in der Loamſhirer Miliz? Ein junger großer Offizier, hübſch und mit röthlichem Backenbart— hat er nicht einen Bedienten Namens Pym?“ „Ja, ja,“ ſagte Hetty,„Ihr kennt ihn— wo iſt er?“ „Viele Meilen fort von hier: die Loamſhirer Miliz iſt nach Irland aufgebrochen, ſchon vor vier⸗ zehn Tagen.“ „Da ſieh, ſie wird ohnmächtig,“ ſagte die Wirthin, indem ſie aufſprang um Hetty zu ſtüzen, die ihr jammervolles Bewußtſein verloren hatte und V wie eine ſchöne Leiche ausſah. Sie trugen ſie auf den Sopha und machten ihr das Kleid auf. „Das ſcheint mir eine böſe Geſchichte zu ſein,“ ſagte der Wirth, indem er einiges Waſſer herein⸗ brachte. „Nun was es für eine Geſchichte iſt, das iſt klar genug,“ antwortete die Frau.„Sie iſt keine ge⸗ wöhnliche Landſtreicherin, das ſieht man ihr wohl an; ſie ſieht wie ein anſtändiges Landmädchen aus und kommt, nach ihrer Sprache zu ſchließen, aus weiter Ferne. Sie ſpricht ungefähr wie der Haustnecht den wir einmal aus dem Norden hatten: er war ein ſo ehrlicher Burſche wie wir nur je einen im Hauſe hatten— die Leute im Norden ſind alle ehrlich.“ „Ein hübſcheres Mädchen habe ich in meinem Leben nicht geſehen,“ ſagte der Mann.„Sie ſieht aus wie ein Bild im Kunſtladen. Es geht einem zu Herzen wenn man ſie nur anſieht.“ „Es wäre für ſie weit beſſer wenn ſie häßlicher geweſen wäre und ſich beſſer aufgeführt hätte,“ ver⸗ ſezte die Wirthin, über welche man ſich den menſchen⸗ freundlichen Schluß erlauben kann daß ſie ihrerſeits mehr gute Aufführung als Schönheit beſaß.„Aber ſie kommt wieder zu ſich, hol noch ein wenig Waſſer.“ 78 Siebenunddreißigſtes Capitel. Die Reiſe in Verzweiflung. Hetty war den ganzen Tag ſo unwohl daß man keine Fragen an ſie richten, und daß ſie ſich ſelbſt kein klares Bild von dem Ungemach entwerfen konnte das jezt über ſie hereinbrechen ſollte. Sie fühlte bloß daß alle ihre Hoffnungen zertrümmert waren, und daß ſie, ſtatt eine Zufluchtsſtätte zu finden, nur in eine neue Wüſte gerathen war von wo ihr kein Ziel entgegenwinkte. Die Empfindungen körperlicher Krankheit in einem bequemen Bette und bei der Pflege der gutmüthigen Wirthin gewährten ihr einige Friſt, eine ähnliche Friſt wie wenn ſich ein Menſch aus Mattigkeit und Erſchöpfung in den Sand wirft, ſtatt ſich noch länger in der verſengenden Sonne abzuquälen. Aber als Schlaf und Ruhe ihr die nothwendige Kraft wieder gegeben hatten um geiſtiges Leiden in ſeiner ganzen Herbheit ertragen zu können— als ſie am andern Morgen da lag und in das auf⸗ ſteigende Tageslicht ſah, das wie ein grauſamer Zuchtmeiſter ſie zu neuer verhaßter und hoffnungs⸗ loſer Arbeit aufzufordern ſchien, da begann ſie zu überlegen was ſie zu thun habe, ſich zu erinnern daß ſie all ihr Geld verausgabt, und ſie betrachtete nun⸗ mehr die Ausſicht auf eine neue Wanderſchaft unter fremden Leuten in dem neuen Licht der Erfahrung welche ſie auf dem Herweg nach Windſor geſammelt hatte. Aber wohin konnte ſie ſich wenden? Einen 79 Dienſt anzunehmen war unmöglich, ſelbſt wenn ſie einen hätte bekommen können: ſie ſah nichts als den Jammer des Bettelns vor Augen. Sie dachte jezt an ein junges Weib das an einem Sonntagmor⸗ gen halb todt vor Kälte uͤnd Hunger mit einem ſchwächlichen Kinde in den Armen an der Kirchthüre von Hayſlope gefunden wurde: man hatte es ge⸗ rettet und ins Armenhaus aufgenommen. Ins Armenhaus! Ihr könnt vielleicht kaum begreifen wie dieſes Wort auf Hetty laſtete, welche unter Leuten aufgewachſen war die ſelbſt gegen die Ar⸗ muth etwas hart waren, für Mangel und Lumpen wenig Mitleid hatten, weil ſie darin nicht ein hartes unvermeidliches Schickſal, wie es in Städten zuweilen auftreten mag, ſondern nur Zeichen von Trägheit und Laſter erblickten, und Trägheit und Laſter waren es die ſchwer auf der Gemeinde laſteten. Für Hetty war das Gemeindealmoſen bei⸗ nahe ſo ſchmählich wie das Gefängniß, und Etwas von Fremden zu begehren, zu betteln, das lag für ſie in einer fernen ſchrecklichen Region unerträglicher Schmach, in deren Nähe zu kommen ſie ihr ganzes Leben lang für unmöglich gehalten hatte. Aber jezt drängte ſich die Erinnerung an jenes unglück⸗ liche Weib, das ſie, als ſie aus der Kirche kam, in Joſua Ranms Haus hatte bringen ſehen, mit dem neuen furchtbaren Gefühl auf daß ſie ſelbſt nur noch ſehr wenig von dem gleichen Schickſal entfernt ſei. Und in die Furcht vor der Schande miſchte ſich noch Bangigkeit vor körperlichen Leiden, denn Hetty war ſo weichlich wie ein rundes, zartes, verhätſcheltes Schooßhündchen, 80 Wie ſehnte ſie ſich jezt in ihre ſichere Heimath zurück, wo man ſie ſtets ſo geliebt und gepflegt hatte! Ihrer Tante Schelten wegen jeder Kleinigkeit wäre jezt Muſik für ihre Ohren geweſen: ſie ſehnte ſich darnach; ſie hatte es zu einer Zeit gehört wo ſie nur Kleinigkeiten zu verbergen hatte. War dieß wohl dieſelbe Hetty die in der Milchkammer Butter zu machen pflegte, wo die Holderroſen zum Fenſter herein guckten? War ſie wirklich ihren Verwandten und Freunden entlaufen, die ihr ſicherlich nicht wie⸗ der die Thüre öffneten? Lag ſie in dieſem fremden Bett mit dem Bewußtſein daß ſie kein Geld hatte um ihre Pflege zu bezahlen, und daß ſie dieſen fremden Leuten einige von den Kleidungsſtücken in ihrem Korb anbieten mußte? Jezt fielen ihr das Medaillon und die Ohrringe wieder ein, und da ſie ihre Taſche in der Nähe liegen ſah, griff ſie darnach und breitete den Inhalt auf dem Bette vor ſich aus. Da waren das Medalllon und die Ohrringe in dem kleinen Sammtetui, und daneben befand ſich ein ſchöner ſilberner Fingerhut welchen Adam ihr gekauft hatte, am Rande mit der Um⸗ ſchrift:„Gedenke mein!“ geſchmückt. Ferner eine ſtählerne Börſe mit ihrem lezten Schilling drin und ein rothledernes Brieftäſchchen, mit einem Schnür⸗ chen umwunden. Dieſe ſchönen kleinen Ohrringe mit ihren zarten Perlen und Granaten, wie ſehn⸗ ſüchtig hatte ſie dieſelben an dem ſchönen Sonnen⸗ ſchein des 30. Juli anprobirt! Jezt trug ſie kein Verlangen ſie in ihre Ohren zu ſtecken; ihr Kopf mit ſeinen dunkeln Locken lag matt auf den Kiſſen, und die Traurigkeit die über ihrer Stirne und ihren „ Augen lag, war ſchmerzlich anzuſchauen. Gleichwohl griff ſie an ihre Ohren; ſie hatte ja noch dünne goldene Ringe darin die ſicher auch einigen Werth beſaßen. Ja, ſie konnte gewiß für ihre Schmuck⸗ ſachen einiges Geld bekommen, die von Arthur ge⸗ ſchenkten hatten ſicherlich viel gekoſtet; die Wirths⸗ leute waren freundlich gegen ſie geweſen, vielleicht halfen ſie ihr auch dieſe Dinge verſilbern. Aber dieß Geld konnte nicht lange ausreichen: wmas ſollte ſie thun wenn es zu Ende ging? Wohin ſiich wenden? Der ſchauerliche Gedanke an Mangel .. und Bettelei brachte ſie von Neuem darauf ob ſie nicht zu Onkel und Tante zurückkehren und ſie um Verzeihung und Mitleid anflehen ſollte. Aber ſie ſchauderte vor dieſer Idee wieder zurück wie vor glühendem Metall: ſie konnte dieſe Schande nicht ertragen, vor ihrem Onkel und ihrer Tante, vor Marie Burge und den Dienſtboten im Schloß, vor den Leuten in Broxton und allen ihren ſonſtigen Bekannten: dieſe durften nie erfahren was mit ihr vorgegangen war. Was konnte ſie alſo thun? Sie wollte von Windſor weg auf die flachen grünen Felder mit den hohen Hecken, wo Niemand ſie ſehen konnte oder kannte, und dort konnte ſie vielleicht, wenn ſich nichts Anderes darbot, den Muth faſſen ſich in irgend einem Teich zu ertränken. Ja, ſie wollte ſo bald als möglich Windſor verlaſſen; es war ihr unangenehm daß die Wirthsleute etwas von ihr wußten, daß ſie ihnen ggeſagt hatte ſie ſei des Capitäns Donnithorne wegen gekommen: ſie mußte ſich irgend einen Vorwand ausdenken warum ſie nach ihm gefragt habe. Unter ſolchen Betrachtungen begann ſie die Dinge 12 Eliot, Adam Bede. III. 6 82 wieder in ihre Taſche zu ſtecken und beſchloß aufzu⸗ ſtehen und ſich anzukleiden bevor die Wirthin käme. Sie hatte ihre Hand auf der rothledernen Brieftaſche liegen, als es ihr einfiel daß darin auch noch Etwas ſein könne was ſie vergeſſen habe und was ſich ver⸗ kaufen laſſe, denn ohne zu wiſſen was ſie mit ihrem Leben beginnen ſollte, ſehnte ſie ſich doch nach den Mitteln ſo lang als möglich zu leben, und wenn wir recht eifrig etwas zu finden wünſchen, ſind wir im Stande es auch an Pläzen zu ſuchen wo gar keine Hoffnung vorhanden iſt. Nein, da war nichts als gewöhnliche Nähnadeln und Klufen, wie auch getrock⸗ nete Tulpenblätter zwiſchen dem Papier auf das ſie ihre kleinen Rechnungen geſchrieben hatte. Aber auf einem dieſer Blätter ſtand ein Name, der, ſo oft ſie ihn ſchon vorher geſehen hatte, iezt wie eine ganz neue Botſchaft durch ihre Seele flammte. Er lautete: Dina Morris von Snowfield. Darüber ſtand ein Bibelvers welchen Dina, wie auch den Namen, eigen⸗ händig eines Abends mit dem kleinen Bleiſtift hin⸗ eingeſchrieben, als ſie beiſammenſaßen und Hetty zufällig die rothe Brieftaſche offen vor ſich hatte liegen laſſen. Hetty las den Vers jezt nicht: ſie wurde nur von dem Namen angezogen. Jezt zum erſten Mal gedachte ſie ohne Gleichgiltigkeit der herzlichen Liebe welche Dina ihr bewieſen hatte, und jener Worte in der Schlafkammer, daß Hetty ſie ſtets als eine Freundin in der Noth betrachten ſolle. Wie, wenn ſie jezt zu Dina ginge und ſie um Hilfe anſpräche? Dina ſchaute die Dinge anders an als ſonſt die Leute: Hetty konnte aus ihr nicht recht klug werden, aber ſie wußte daß Dina immer freundlich —— 83 war. Sie konnte ſich nicht denken daß Dina mit bittern Vorwürfen oder Verachtung ihr Geſicht von ihr abwenden, daß ſie vorſäzlich übel von ihr reden oder über ihr Unglück als eine verdiente Strafe ſich freuen würde. Dina ſchien ihr nicht zu dieſer Welt zu gehören, deren Blicke ſie wie ein verſengendes Feuer fürchtete. Aber auch ihr gegenüber ſchauderte Hetty vor einer flehenden Bitte und vor reumüthi⸗ gem Bekenntniß zurück; ſie konnte es nicht über ſich gewinnen zu ſagen:„Ich will zu Dina gehen;“ ſie dachte daran bloß als an eine entfernte Möglichkeit, im Fall ſie nicht den Muth hätte zu ſterben. Die gute Wirthin war ſehr erſtaunt als ſie Hetty bald nach ihr ſelbſt nett gekleidet und mit entſchloſſener Miene die Treppe herabkommen ſah. Hetty ſagte, ſie ſei dieſen Morgen ganz wohl; ſie ſei bloß geſtern ſehr erſchöpft und von ihrer Reiſe angegriffen geweſen, denn ſie habe einen langen Weg gemacht, um nach ihrem Bruder zu fragen, der davon gelaufen ſei; man glaube er ſei Soldat ge⸗ worden und Capitän Donnithorne könne vielleicht Aufſchluß geben, denn er ſei früher ſehr freundlich gegen ihren Bruder geweſen. Die Geſchichte hinkte ein wenig, und die Wirthin ſah die Erzählerin zweifelhaft an; aber Hetty hatte dieſen Morgen ein ſo entſchloſſenes entſchiedenes Weſen, ſtatt ihrer hilf⸗ loſen Niedergeſchlagenheit von geſtern, daß die Wirthin kaum Etwas zu erwidern wußte, wenn ſie den An⸗ ſchein zu vermeiden wünſchte als ſuche ſie in fremde Angelegenheiten hineinzuſehen. Sie lud das Mäd⸗ chen zum Familienfrühſtück ein, und im Verlaufe deſſelben holte Hetty ihre Ohrringe und dn Me⸗ 84 daillon hervor und fragte den Wirth ob er ihr zum Verkauf derſelben behilflich ſein könne; ihre Reiſe habe weit mehr gekoſtet als ſie vorhergeſehen, und nun beſize ſie kein Geld mehr um zu ihren Ver⸗ wandten zurückzukehren, was ſie ſogleich thun wolle. Die Wirthin hatte die Schmuckſachen nicht zum erſten Mal geſehen, denn ſie hatte ſchon geſtern Hetty's Taſche durchſucht und mit ihrem Manne darüber geſprochen wie wohl ein Landmädchen zu dieſen ſchönen Dingen kommen könne, wobei ſie ſich immer mehr in der Ueberzeugung beſtärkte daß Hetty von dem hübſchen jungen Offizier elend betrogen worden ſei. „Nun,“ ſagte der Wirth, als Hetty ihre Schäze vor ihm ausgebreitet hatte,„wir können das Ding zum Goldſchmied bringen, denn es wohnt einer ganz in der Nähe; aber du lieber Himmel, dieſe Leute geben Euch nicht den vierten Theil des wah⸗ ren Werthes. Und Ihr würdet Euch doch nicht gerne ganz davon trennen?“ fügte er mit einem forſchenden Blick hinzu. 4 „O es liegt mir Nichts daran,“ antwortete Hetty haſtig;„wenn ich nur Geld zur Heimreiſe bekomme!“ 1 „Und die Leute könnten vielleicht glauben die Sachen ſeien geſtohlen, weil Ihr ſie zu verkaufen wünſchet,“ fuhr er fort;„denn es iſt nichts Gewöhn⸗ liches daß ein ſo junges Mädchen wie Ihr ſo ſchöne Juwelen beſizt.“. Hetty wurde feuerroth vor Zorn.„Ich bin ben ehrlichen Leuten da,“ ſagte ſie,„und keine iebin.“ „Nein, das ſeid Ihr ganz gewiß nicht,“ verſezte die Wirthin,„und Du hätteſt ſo Etwas gar nicht ſagen ſollen,“ fuhr ſie unwillig gegen ihren Mann fort.„Sie hat die Sachen geſchenkt bekommen, das ſieht man doch ganz deutlich.“ „Ich meinte auch nicht daß ich es glaube,“ ſagte der Wirth in entſchuldigendem Tone,„ſondern ich wollte bloß ſagen was der Goldſchmied vielleicht denkt und warum er wohl nicht viel Geld dafür geben würde.“ „Nun,“ ſagte die Frau,„wie wäre es denn wenn Du ſelbſt einiges Geld darauf vorſchößeſt? Sie kann die Sachen dann von ihrer Heimath aus wieder einlöſen, wenn ſie Luſt hat. Wenn wir aber in zwei Monaten keine Nachricht von ihr bekommen, ſo können wir damit anfangen was wir wollen.“ Ich will nicht ſagen daß die Wirthin bei dieſem Vergleichsvorſchlag nicht einigermaßen an die Mög⸗ lichteit gedacht habe durch den ſchließlichen Beſiz des Medaillons und der Ohrringe für ihre Gutmüthig⸗ keit belohnt zu werden: in der That hatte ſich der Effect welchen ſie in dieſem Fall auf die Krämerin hervorbringen könnte, ihrer raſchen Einbildungskraft bereits mit merkwürdiger Lebendigkeit dargeſtellt. Der Wirth nahm die Schmuchſachen und drückte nach⸗ denklich ſeine Lippen hinaus. Er meinte es unſtrei⸗ tig gut mit Hetty, aber bitte, wie viele von denen die es gut mit euch meinen, würden es wohl ver⸗ ſchmähen ein Profitchen von euch zu nehmen? Eure Hausfrau iſt aufrichtig gerührt daß ihr ausziehet, ſie achtet euch unendlich, es wird ſie ungemein freuen wenn Jemand ſich edelmüthig gegen euch erweist; 86 aber zu gleicher Zeit überreicht ſie euch eine Rech⸗ nung worin ſie Alles ſo hoch als möglich anſchlägt. „Wie viel Geld braucht Ihr um heimzukommen?“ fragte der Wohlmeinende endlich. „Drei Guineen,“ antwortete Hetty, die in Er⸗ manglung jedes andern Maßſtabes die Summe feſt⸗ ſezte mit welcher ſie die Reiſe angetreten hatte und nicht gerne zu viel fordern wollte. „Nun,“ antwortete der Wirth,„ich habe nichts dagegen Euch drei Guineen vorzuſchießen; wollt Ihr mir dann das Geld zurückſchicken und Euren Schmuck wieder einlöſen, ſo könnt Ihrs thun: der grüne Mann läuft Euch nicht davon.“ „Ach ja, ich wäre ſehr froh wenn Ihr mir das geben wolltet,“ ſagte Hetty, hocherfreut daß ſie nicht zum Goldſchmied gehen und ſich dort angaffen und ausfragen laſſen mußte. „Aber wenn Ihr die Sachen wieder wollt, ſo müßt Ihr bald ſchreiben,“ bemerkte die Wirthin, „denn nach zwei Monaten nehmen wir an daß Ihr ſie nicht mehr wollt.“. „Ja,“ ſagte Hetty gleichgiltig. Mann und Frau waren mit dieſer Verabredung gleich zufrieden. Der Mann dachte, wenn die Schmuck⸗ ſachen nicht wieder eingelöst werden, ſo könne er ſie in London verkaufen und ein gutes Geſchäft damit machen, und die Frau hoffte den guten Mann durch Schmeichelworte ſo zu berücken daß er das Ganze ihr überließe. Und dann thaten ſie ja vor Allem Hetty einen Gefallen damit! Es war ein ſo hüb⸗ ſches anſtändiges Mädchen und befand ſich offenbar in einer böſen Klemme. Für Koſt und Bett nahmen 6 3 3 V V 53 87 ſie nichts; ſie ſei ihnen ganz willkommen geweſen. Und um eilf Uhr verabſchiedete ſich Hetty von ihnen mit derſelben ruhigen und entſchloſſenen Miene welche ſie den ganzen Morgen gezeigt hatte. Sie beſtieg die Landkutſche, mit der ſie mehrere Stunden weit fahren konnte. Es gibt eine Kraft der Selbſtbeherrſchung welche verräth daß die lezte Hoffnung entſchwunden iſt. Verzweiflung lehnt ſich eben ſo wenig an Andere als vollkommene Zufriedenheit, und in der Verzweiflung findet der Stolz kein Gegengewicht mehr am Gefühl der Abhängigkeit. Hetty fühlte daß jezt Niemand mehr ſie von den Uebeln befreien konnte die ihr das Leben verhaßt machen mußten, und ſie gelobte ſich daß Niemand ihr Elend und ihre Demüthigung erfahren ſollte. Nein; ſie wollte ſelbſt Dina nicht beichten: ſie wollte ſich allen Blicken entziehen und an einem Orte er⸗ tränken wo ihr Leichnam nicht gefunden werden könnte; Niemand ſollte erfahren was aus ihr ge⸗ worden ſei. Als ſie aus dieſer Kutſche ausſtieg, begann ſie von Neuem zu gehen, fuhr auch wohl gelegentlich um einen billigen Preis auf einem Karren, ver⸗ köſtigte ſich ſo wohlfeil als möglich und wanderte ohne beſtimmten Vorſaz weiter; aber ſeltſam, wie durch Zauber blieb ſie auf dem Weg den ſie gekom⸗ men war, obſchon ſie ſich feſt vorgenommen hatte nicht in ihre Gegend zurückzukehren. Vielleicht ge⸗ ſchah dieß weil ſie ihren Sinn auf die Grasfelder von Warwickſhire mit den buſch⸗ und baumreichen Hecken gerichtet hatte, die ſogar in dieſer laubloſen 88 Zeit Verſtecke darboten. Sie ging langſamer als ſie gekommen war, ſchritt über manchen Steg, ſaß ſtun⸗ denlang unter den Hecken und ſchaute aus den lee⸗ ren ſchönen Augen ſtarr vor ſich hin; ſie dachte ſich an den Rand eines verborgenen tiefliegenden Tei⸗ ches, wie der in jenem Sumpfland, und überlegte ob das Ertrinken wohl ſehr ſchmerzlich ſei, und ob nach dem Tod etwas Schlimmeres kommen könne als was ſie im Leben fürchtete. Religiöſe Lehren hatten in Hetty's Gemüth nicht gehaftet: ſie gehörte zu den vielen Leuten die Pathen und Pathinnen gehabt, ihren Ca⸗ techismus gelernt, die Confirmation überſtanden ha⸗ ben, jeden Sonntag in die Kirche gegangen ſind und dennoch, wenn man nach einem practiſchen Reſultate, Stärke im Leben oder Zuverſicht im Tode fragt, nicht eine einzige chriſtliche Idee, nicht ein einziges chriſtliches Gefühl ſich zu eigen gemacht haben. Ihr würdet Hetty's Gedanken während dieſer Tage des Jammers gänzlich verkennen, wenn ihr annehmen wolltet daß ſie von religiöſen Befürchtungen oder Hoffnungen beeinflußt worden ſeien. Sie beſchloß nach Stratford am Avon zurückzu⸗ gehen, wohin ſie ſich auf dem Herweg verirrt hatte; ſie erinnerte ſich an grasreiche Felder daſelbſt und dachte, ſie könnte dort vielleicht einen ſolchen Teich finden wie er ihren Gedanken vorſchwebte. Gleich⸗ wohl ging ſie haushälteriſch mit ihrem Geld um und trug ihren Korb bei ſich: der Tod ſchien noch in weiter Ferne zu ſein, und das Leben war ſo ſtark in ihr. Sie ſehnte ſich nach Nahrung und Ruhe, ſie eilte dieſen Genüſſen in demſelben Augenblick entgegen wo ſie ſich das Ufer ausmalte von welchem aus ſie in mit Buſchwerk und kleinen Bäumen zu ſehen waren. Sie durchſtreifte ſie auf und ab und hoffte in jeder Senkung einen Teich zu finden, bis ſie endlich müde wurde und ſich ſezte um auszuruhen. Es war ſpät am Nachmittag, und der bleifarbige Himmel ver⸗ düſterte ſich, die Sonne war hinter den Wolken ver⸗ borgen. Nach einer kurzen Weile fuhr Hetty wieder auf, weil ſie ſah daß die Dunkelheit bald hereinbrach; ſie mußte es auf morgen verſchieben den Teich auf⸗ zufinden, und für die Nacht mußte ſie nochmal eine Unterkunft ſuchen; ſie hatte beim Herumſtreifen ihren Weg auf den Feldern gänzlich verloren, und es konnte ihr gleichgiltig ſein welche Richtung ſie nahm. Sie ging von Feld zu Feld, kein Dorf, kein Haus ließ ſich blicken, aber dort, an der Ecke dieſes Weideplazes, war eine Oeffnung in den Hecken, das Land ſchien ſich ein wenig zu ſenken, und zwei Bäume neigten ſich über die Oeffnung quer gegen einander. Hetty's Herz pochte laut bei dem Gedanken daß da ein Teich ſein müſſe; ſie ging mit ſchweren Schritten über das buſchige Gras darauf zu, ihre Lippen ent⸗ färbten ſich und ſie zitterte am ganzen Leibe; es war als ob das Ding gegen ihren Willen käme, ſtatt ſich lange von ihr ſuchen zu laſſen. Da war es ſchwarz unter dem dunkelnden Him⸗ mel: keine Bewegung, kein Laut in der Nähe. Sie ſtellte ihren Korb weg und ſank dann zitternd auf das Gras. Der Teich hatte jezt ſeine Wintertiefe; bis er wieder ſeicht wurde, wie ſie ſich deſſen von dem eigenen Hayſloper erinnerte, war es Sommer, und dann konnte Niemand mehr herausfinden daß es ihr Körper war. Aber da war noch ihr Korb 12 3 & 4 91 — ſie mußte auch ihn verbergen, ſie mußte ihn ins Waſſer werfen, zuvor aber mit Steinen beſchweren. Sie ging umher um nach Steinen zu ſuchen und brachte bald fünf oder ſechs; ſie legte ſie neben ihren Korb und dann ſezte ſie ſich wieder. Sie brauchte ſich jezt nicht mehr zu beeilen— ſie hatte die ganze Nacht um ſich zu ertränken. Sie lehnte ſich mit dem Ellenbogen an ihren Korb. Sie war müde und hungrig. In ihrem Korb hatte ſie einige But⸗ terbemmen, drei Stücke die ſie bei ihrem lezten Mittageſſen aufgeſpart. Sie nahm ſie jezt heraus und verzehrte ſie gierig; dann ſezte ſie ſich wieder und ſchaute in den Teich. Die Beruhigung die nach der Befriedigung des Hungers über ſie kam, ſo wie dieſe unbewegliche träumeriſche Haltung machten ſie ſchläfrig, und bald ſank ihr Kopf auf ihren Schooß. Sie ſchlief feſt ein. Als ſie erwachte, war es tiefe Nacht und ſie fror. Sie ängſtigte ſich über dieſe Dunkelheit und über die lange Nacht die vor ihr lag. Wenn es ihr doch gelänge ſich ins Waſſer zu ſtürzen! Nein noch nicht. Sie begann umherzugehen, um wieder warm zu werden, als ob ihr das mehr Entſchloſſenheit geben ſollte. O wie lang wurde ihr die Zeit in dieſer Dunkelheit! Der freundliche Herd, die Wärme und die Stimmen der Heimath— das ſorgloſe Auf⸗ ſtehen und Schlafengehen— die vertrauten Gefilde, die vertrauten Menſchen, die Sonn⸗ und Feiertage mit ihren einfachen Freuden über ſchönere Kleider und beſſeres Eſſen, all die Herrlichkeiten ihres jungen Lebens drängten ſich ihr jezt vor die Augen und ſchienen ihr über einen großen Abgrund hinweg die 92 Arme entgegenzuſtrecken. Wenn ſie an Arthur dachte, biß ſie ihre Zähne über einander. Sie fluchte ihm, ohne zu wiſſen was ihr Fluchen wirken ſollte; ſie wünſchte daß auch er einmal erfahren ſollte was Verlaſſenheit und Kälte ſei, und ein Leben voll Schande⸗ ohne den Muth es durch den Tod zu enden.— Dieſe Kälte, Dunkelheit und Einſamkeit, ſo fern von aller menſchlichen Hilfe, wurde ihr mit jeder langen Minute grauenhafter; es war beinahe als ſei ſie bereits todt, als wiſſe ſie daß ſie todt ſei, und ſehne ſich nach dem Leben zurück. Aber nein, ſie lebte noch immer; ſie hatte den furchtbaren Sprung noch nicht gethan. In ſeltſamem Widerſtreit fühlte ſie ſich bald namenlos elend, bald wieder glücklich: elend, weil ſie es nicht wagte dem Tod ins Auge zu ſchauen; glücklich, weil ſie noch immer lebte, weil es ihr immer noch möglich war wieder Licht und Wärme zu genießen. Sie gieng auf und ab um ſich zu erwärmen, und ſo gewöhnten ihre Augen ſich allmählig an die Nacht: ſie begann die Gegenſtände um ſich her ein wenig zu erkennen: die dunklere Linie der Hecke, die raſche Bewegung irgend eines lebendigen Geſchöpfes, vielleicht einer Fledermaus die durch das Gras huſchte. Es war ihr nicht mehr zu Muth als ob die Dunkelheit ſie umſchloſſen hielte; ſie dachte ſie könnte über das Feld zurückkommen und wieder über den Steg gelangen; und dann er⸗ innerte ſie ſich daß gleich auf dem nächſten Feld eine Ginſterhütte in der Nähe eines Schaſpferches war. Wenn ſie dieſe Hütte erreichen konnte, ſo mußte ſie wieder warm werden; ſie konnte die Nacht dort zu⸗ 9³ bringen, denn das that ja Alick in Hayſlope auch wenn die Schafe lammten. Der Gedanke an dieſe Hütte beſeelte ſie mit der Kraft einer neuen Hoff⸗ nung; ſie nahm ihren Korb und ging über das Feld, aber es währte einige Zeit bis ſie den Weg nach dem Stege fand. Die Bewegung und das mühſame Suchen machten ſie jedoch wieder munter und mil⸗ derten das Grauen der Dunkelheit und Einſamkeit. Auf dem nächſten Feld lagen Schafe, und ſie ſcheuchte einen Trupp auf, als ſie ihren Korb wegſtellte und über den Steg ging; das Geräuſch der Thiere gab ihr die beruhigende Verſicherung daß ſie ſich nicht getäuſcht habe; dieß war wirklich das Feld wo ſie die Hütte geſehen, denn es war das Feld wo die Schafe ſich befanden. Nur geradezu weiter und ſie mußte dahin gelangen. Sie erreichte das Gitter gegenüber und ſuchte taſtend ihren Weg am Geländer hin, bis ſie an die Hürde gelangte und das Strohginſter der Hütte ſie in die Hand ſtach. Eine wonnige Empfindung! Sie hatte jezt ein Obdach gefunden: ſie taſtete mit der Hand weiter an dem ſtechenden Pfriemkraut hin, bis ſie die Thüre fand, und ſtieß dieſe auf. Es war ein übel⸗ riechender Plaz, aber warm, und auf dem Boden lag Stroh. Hetty ſank mit einem Gefühl der Ret⸗ tung auf demſelben nieder. Thränen kamen— ſie hatte ſeit Windſor keine mehr vergoſſen— Thränen und dann Geſchluchze krampfhafter Freude daß ſie ſich noch am Leben, daß ſie ſich noch auf der trauten Erde befand, mit den Schafen in ihrer Nähe. So⸗ gar das Gefühl ihrer eigenen Glieder bereitete ihr Wonne; ſie ſchlug ihre Aermel zurück und küßte ihre Arme aus Liebe zum Leben. Bald lullten Müdig⸗ keit und Wärme ſie mitten in ihrem Schluchzen ein, ſie verſank in einen Schlummer, träumte ſich wieder am Rande des Teiches, träumte ſie ſei ins Waſſer geſprungen, und dann fuhr ſie plözlich auf und ſann hin und her wo ſie ſei. Zulezt aber kam ein tiefer traumloſer Schlaf; ihr Kopf, auf welchem ſie noch ihren Hut hatte, fand ein Kiſſen an der Ginſterwand, und der armen zwiſchen zwei gleichen Schreckniſſen hin⸗ und hergeworfenen Seele wurde die einzige Er⸗ leichterung zu Theil die hier möglich war, die Er⸗ leichterung der Bewußtloſigkeit. Ach dieſer Troſt ſcheint in dem Augenblick zu enden wo er begonnen hat. Es war Hetty als ſeien dieſe wirren Träume nur in einen andern Traum übergegangen; als befinde ſie ſich in dieſer Hütte und ihre Tante ſtehe mit einem Licht in der Hand vor ihr. Sie zitterte un⸗ ter ihren Blicken und ſchlug ihre Augen auf. Es war kein Licht da, aber es war hell in der Hütte; der frühe Morgen ſchien durch die offene Thüre herein. Und ein Geſicht ſchaute auf ſie herab; aber es war ein unbekanntes Geſicht, einem ältlichen Manne in grobem Kittel angehörend. „Ei was macht denn Ihr hier, junges Frauen⸗ zimmer?“ fragte der Mann in einem etwas rauhen Ton. Hetty zitterte noch ſtärker unter dieſer wirklichen Furcht und Beſchämung, als ſo eben im Traum unter den Blicken ihrer Tante. Es war ihr als ſei ſie bereits eine Bettlerin, da ſie an dieſem Ort ſchlafend gefunden worden. Aber troz ihres Zitterns lag ihr ſo viel daran dem Manne ihre Anweſenheit zu erklären, daß ſie ſogleich Worte fand. „Ich habe meinen Weg verloren,“ ſagte ſie. 9⁵ „Ich reiſe nach dem Norden, und da habe ich mich auf die Felder verirrt und bin von der Dunkelheit überraſcht worden. Wollt Ihr mir den Weg nach dem nächſten Dorfe ſagen?“ So ſprechend ſtand ſie auf, rückte ſich ihren Hut zurecht und riff dann nach ihrem Korbe. Der Mann ſah ſie mit ſtierartig ſtumpfen Blicken an und antwortete nicht ſogleich. Dann drehte er ſich um und ging auf die Thüre der Hütte zu; aber erſt als er dort angekommen war, blieb er ſtehen, drehte ſich halb gegen ſie und ſagte: „Ja den Weg nach Norton kann ich Euch ſchon zeigen, wenn Ihr wollt; aber was habt Ihr denn getrieben daß Ihr von der Hauptſtraße verirrt ſeid?“ fügte er im Tone großen Vorwurfes hinzu.„Ihr müßt Euch beſſer in Acht nehmen, ſonſt kommt Ihr in Ungelegenheiten.“ „Ja,“ ſagte Hetty,„ich will es nicht wieder thun. Ich will auf der Straße bleiben; aber ſeid nur ſo gut und ſaget mir den Weg.“ „Warum bleibet Ihr nicht da wo es Wegzeiger und Leute gibt?“ fuhr der Mann noch unfreundlicher fort.„Jedermann wird Euch für ein verrücktes Frauenzimmer halten, wenn er Euch anſieht.“ Hetty bekam Angſt vor dem groben Alten, und ganz beſonders ängſtigte ſie dieſe Andeutung daß ſie wie verrückt ausſehe. Als ſie ihm aus der Hütte folgte, beſchloß ſie ihm für ſeine Mühe ſechs Pfennige zu geben, dann würde er ſie gewiß nicht mehr für verrückt halten. Als er ſtehen blieb um ihr aus der Ferne den Weg zu zeigen, griff ſie in ihre Taſche um das Geldſtuͤck bereit zu halten, und als er ſich abwandte ohne guten Morgen zu ſagen, hielt ſie es ihm hin und ſagte: „Ich danke Euch; ſeid jezt ſo gut und nehmt Etwas für Eure Bemühung.“ Er ſah das Geld ſtumpfſinnig an und antwor⸗ tete dann:„Ich brauche Euer Geld nicht. Haltet es nur zuſammen damit es Euch nicht geſtohlen wird, wenn Ihr ſo wie ein verrücktes Weibsbild kreuz und quer über die Felder laufet.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Mann und Hetty ging ihres Wegs. Ein neuer Tag war an⸗ gebrochen und ſie mußte ihre Wanderung fortſezen. An's Ertränken dachte ſie nicht mehr— ſie konnte es nicht thun ſo lange ſie Geld beſaß um ſich das Nöthigſte zu kaufen, und Kraft genug um zu gehen. Aber ihr neueſtes Erlebniß erhöhte ihre Angſt vor der Zeit wo ihr das Geld ausgehen würde; ſie würde dann ihren Korb und ihre Kleider verkaufen müſſen, und dann würde ſie in Wahrheit wie eine Bettlerin oder, wie der Mann geſagt hatte, wie eine Närrin ausſehen. Die leidenſchaftliche Luſt zum Leben welche ſie in der Nacht empfunden, nachdem ſie vom Rande des kalten ſchwarzen Todes im Teiche entflohen, war nun verſchwunden. Jezt beim Mor⸗ genlicht, unter dem Eindruck des harten verwunder⸗ ten Blickes welchen der Alte ihr zugeworfen, war ihr das Leben ſo grauenvoll wie der Tod, ja noch ärger; es war ein Schrecken von welchem ſie ſich gefeſſelt fühlte, vor welchem ſie zurückſchauderte, wie vor dem ſchwarzen Teich, und doch keine Rettung finden konnte. Sie zog ihre Börſe heraus und zählte ihr Geld, 97 es waren noch zwei und zwanzig Schillinge; damit konnte ſie noch manchen Tag ausreichen oder doch raſcher nach Stonyſhire in die Nähe Dina's kommen. Der Gedanke an Dina drängte ſich ihr jezt, nachdem die Erfahrung dieſer Nacht ihre ſchaudernde Phan⸗ taſie von dem Teiche hinweggetrieben hatte, immer ſtärker auf. Wäre es weiter nichts geweſen als zu Dina zu gehen, hätte außer Dina es Niemand er⸗ fahren, ſo hätte ſich Hetty wohl entſchließen können zu ihr zu reiſen. Die ſanfte Stimme und die mit⸗ leidsvollen Augen des Mädchens würden ſie ange⸗ zogen haben. Aber nachher mußten die andern Leute es erfahren, und in dieſe Schande konnte ſie ſich eben ſo wenig ſtürzen als in den Tod. Sie mußte immer weiter wandern und noch einen tiefern Grad von Verzweiflung abwarten um Muth zu gewinnen. Vielleicht kam auch der Tod von ſelbſt, denn ſie wurde immer weniger fähig die Mühſelig⸗ keiten des Tages zu ertragen. Und doch— ſo ſelt⸗ ſam iſt das Treiben in unſerer Seele, ſo mächtig fühlen wir uns mit lauerndem Verlangen gerade nach dem Ziele hingezogen das wir fürchten— und doch erkundigte ſich Hetty, als ſie von Norton wie⸗ der aufbrach, um den nächſten Weg nach Stonyſhire und hielt ſich den ganzen Tag darauf. Die arme umherirrende Hetty mit dem kindlich runden Geſichte und der harten, liebloſen, verzwei⸗ felnden Seele die daraus hervorſieht, mit dem ſchma⸗ len Herzen und dem ſchmalen Gedanken worin kein Raum für einen andern als für ihren eigenen Kum⸗ mer iſt, weßhalb ſie auch dieſen Kdummer um ſo Eliot, Adam Bede. III. bitterer empfinden muß! Mein Herz blutet um ſie, wenn ich ſie ſo mühſam auf ihren müden Füßen ſich dahinſchleppen oder auf einem Karren ſizen ſehe, die Augen leer auf die Straße geheftet, ohne zu bedenken oder ſich darum zu bekümmern wohin ſie führt, bis der Hunger ſich einſtellt und den Wunſch in ihr rege macht daß bald ein Dorf kom⸗ men möge. Was wird das Ende ſein? Das Ende dieſer zielloſen Wanderung, wo ſie von aller Liebe abge⸗ ſchieden iſt, wo ſie nur aus Stolz ſich um menſch⸗ liche Weſen bekümmert, nur noch wie das gehezte verwundete Wild ſich an das Leben anklammert? Gott bewahre euch und mich davor ein ſolches Elend verſchuldet zu haben! Achtunddreißigſtes Capitel. Die Nachforſchung. Die erſten zehn Tage nach Hetty's Abreiſe ver⸗ ſtrichen der Familie auf dem Pachthof und Adam bei ſeiner täglichen Arbeit ſo ruhig wie immer. Sie hatten erwartet daß Hetty wenigſtens acht oder zehn Tage ausbleiben würde, vielleicht auch noch ein Bis⸗ chen länger wenn Dina mit ihr zurückkam, weil ſie dann durch irgend Etwas in Snowſield aufgehalten werden konnte. Aber als ſie ſich nach vierzehn Ta⸗ gen noch nicht blicken ließ, da begannen ſie ſich ein wenig zu verwundern. Offenbar mußte ſie den Auf⸗ enthalt bei Dina angenehmer gefunden haben als —————— 99 man hatte vorherſehen können. Adam ſeinerſeits wurde ſehr ungeduldig und beſchloß, im Fall ſie am morgenden Samſtag nicht zurückkäme, am Sonntag in der Frühe aufzubrechen und ſie zu holen. Am Sonntag ging keine Landkutſche; wenn er ſich aber in aller Frühe auf den Weg machte und vielleicht zufällig eine Gelegenheit zum Fahren traf, ſo konnte er bald genug in Snopfield eintreffen und am fol⸗ genden Tag Hetty, wie auch Dina wenn ſie Luſt hatte, mitbringen. Es war die höchſte Zeit daß Hetty nach Hauſe kam, und Adam wollte gerne ſeinen Montag daran ſezen ſie zu holen. Sein Plan wurde auf dem Pachthof, wohin er noch am Samſtag Abend ging, vollkommen gebilligt. Frau Poyſer erſuchte ihn aufs Entſchiedenſte nicht ohne Hetty zurückzukehren, denn ſie ſei jezt lange ge⸗ nug ausgeweſen, wenn man bedenke wie viel ſie bis Mitte März noch zuzurichten habe, und eine Woche genüge wahrlich für Jedermann zur Erholung. Auf Dina machte ſich Frau Poyſer wenig Hoffnung, außer wenn man ihr den Glauben beibringen könnte daß es den Leuten in Hayſlope noch weit ſchlechter ergehe als denen in Snowfield.„Freilich,“ meinte ſie zum Schluß,„könnten Sie ihr wohl ſagen daß ſie nur noch eine einzige Tante habe, und daß dieſe nächſtens bis zu einem Schatten zuſammengeſchmol⸗ zen ſei, und bis Michaelis ſind wir vielleicht manche Stunde weiter gezogen und müſſen mit gebrochenen Herzen unter fremden Leuten ſterben und die Kinder vater⸗ und mutterlos hinterlaſſen.“ 1 „Nein, nein,“ ſagte Herr Poyſer, der wahrlich wie ein Mann ausſah dem es ganz wohl ums Herz 7 war,„ſo ſchlimm ſteht es doch nicht. Du ſiehſt ganz vortrefflich aus und legſt mit jedem Tag zu. Aber es würde mich freuen wenn Dina käme, denn ſie könnte Dir bei den Kindern helfen: ſie haben ſich ſo prächtig an das Mädchen gewöhnt.“ Alſo am Sonntag machte ſich Adam in aller Frühe auf den Weg. Seth begleitete ihn eine Stunde weit, denn der Gedanke an Snowfield und an eine mögliche Rückkehr Dina's hatte ihn ſehr aufgeregt, und erſt als die Brüder in ihren beſten Kleidern einige Zeit dahingeſchritten waren, kam wieder einige Sonntagsruhe über ihn. Es war der lezte Februar⸗ tag, der Himmel hing grau hernieder, und auf dem grünen Rande der Straße ſowie auf den dunkeln Hecken lag ein leichter Froſt. Sie hörten das Ge⸗ murmel des vollen Baches der den Hügel hinabrollte, und das leiſe Gezwitſcher der frühen Vögel, denn ſie gingen ſchweigend dahin und gaben dem angenehmen Gefühl einander Geſellſchaft zu leiſten keine Worte. „Jezt Adieu, Junge,“ ſagte Adam, indem er ſeine Hand auf Seths Schultern legte und ihn liebe⸗ voll anſah als es an den Abſchied ging:„ich wollte, Du bliebeſt auf dem ganzen Weg bei mir und wäreſt ſo glücklich wie ich.“ „Ich bin zufrieden, lieber Adam, ich bin zufrie⸗ den,“ antwortete Seth in heiterem Tone.„Ich werde wohl ein alter Junggeſelle werden und mit Deinen Kindern ſpielen.“ Sie trennten ſich und Seth ging gemächlich nach Hauſe, indem er im Geiſt eines ſeiner Lieblingslieder wiederholte; er war nämlich ein großer Freund von geiſtlichen Liedern. 101 Wirſt du, o Herr, ihn nicht begleiten, So gibt der Morgen keine Freuden; Wo deiner Gnade Strahl gebricht, Beingt ſelbſt die Sonne uns kein Licht. Jedoch erwärmt von deiner Sonne, Jauchzt auf das Herz in Luſt und Wonne. In meiner Seele kehre ein, Durchleucht in mir die Nacht der Sünden, Daß ich in deinem Gnadenſchein Den wahren Glauben möge finden. Sei in der Nacht, o Gott, mein Licht, Bis einſt der große Tag anbricht. Adam ging weit ſchneller, und wer an dieſem Morgen um Sonnenaufgang auf der Straße von Oakbourne einherkam, der mußte mit Vergnügen dieſen großen breitſchultrigen Mann betrachten, der mit ſoldatiſch aufrechter und feſter Haltung einher⸗ ſchritt und ſeine lebhaften Augen freudig über die dunkelblauen Hügel hinſchweifen ließ, als ſie hervor⸗ zutreten anfingen. Selten in ſeinem Leben war Adams Geſicht ſo frei von jeder Wolke der Beküm⸗ merniß geweſen wie an dieſem Morgen, und dieſe Sorgenfreiheit ließ ihn, wie dieß bei practiſchen Leuten der Fall zu ſein pflegt, die Gegenſtände um⸗ her nur um ſo ſchärfer beobachten, und machte ihn um ſo empfänglicher für jede Anregung welche er daraus für ſeine Lieblingspläne und ſeine ſinnigen Erfindungen ſchöpfen konnte. Seine glückliche Liebe, das Bewußtſein daß jeder Schritt ihn näher zu Hetty führte, die ſo bald die Seinige werden ſollte, wirkte auf ſeine Gedanken eben ſo angenehm wie die köſtliche Morgenluft auf ſeine Gefühle; es gab 10² ihm ein Gefühl innigen Behagens, das ihm die Thätigkeit der Bewegung zur Freude machte. Die⸗ ſes Gefühl überkam ihn zuweilen mit ſolcher Macht daß es alle andern Bilder als Hetty verjagte, und in ſeinem Gefolge kam eine dankbare Verwunderung daß all dieſes Glück ihm beſchieden worden ſei, daß dieſes Erdenleben ſolche Wonnen bergen könne. Denn unſer Freund Adam war ein frommes Gemüth, wenn er auch fromme Reden nicht gerade liebte, und ſeine Zärtlichkeit lag nahe bei ſeiner Gottesfurcht, ſo daß die eine kaum ohne die andere angeregt werden konnte. Aber wenn ſein Gefühl in dieſer Weiſe auf⸗- und abgewogt und ſich ergoſſen hatte, dann kehrten die geſchäftigen Gedanken mit um ſo größe⸗ rer Stärke zurück, und an dieſem Morgen waren ſie auf Pläne gerichtet wie die im ganzen Lande ſo unvollkommenen Straßen ausgebeſſert werden könn⸗ ten, und wie viel Gutes ein einziger Grundbeſizer zu ſchaffen vermöchte, wenn er ſich damit abgeben wollte in ſeinem eigenen Bezirk tüchtige Straßen her⸗ zuſtellen. 1 Wie ein ganz kurzer Spaziergang erſchienen ihm die drei Stunden nach Oakbourne, einem hübſchen, von blauen Hügeln eingefaßten Städtchen, wo er frühſtückte. Von da an wurde die Gegend immer kahler: keine Wälder mehr an Abhängen, keine weit verzweigten Bäume in der Nähe zahlreicher Wohn⸗ ſize, keine buſchigen Hecken, ſondern graue Stein⸗ mauern zwiſchen magerem Weideland und trübſelige weit zerſtreute graue ſteinerne Häuſer auf zerklüfteten Feldern, wo einſt Gruben geweſen die jezt nicht mehr im Gang waren.„Ein hungriges Land,“ ſagte 103 Adam zu ſich ſelbſt;„ehe ich hier wohnte, möchte ich noch lieber ſüdwärts ziehen, wo das Land ſo flach ſein ſoll wie ein Tiſch; freilich wenn Dina vorzugs⸗ weiſe in einer Gegend leben will wo man den Leu⸗ ten am meiſten Troſt bringen kann, ſo hat ſie vollkommen Recht dieſen Aufenthalt zu wählen, denn ſie muß ausſehen als wäre ſie gerade vom Himmel gekommen, wie der Engel in der Wüſte, um den Hungrigen Stärkung zu bringen. Und als er end⸗ lich vor Snowfield kam, dachte er, dieſes Städtchen ſei gerade ſo gut wie die Gegend, obſchon der Bach der bei der großen Fabrik durch das Thal floß den weiter unten liegenden Feldern einen heitern grünen Anſtrich gab. Finſter, ſteinig und ungeſchüzt lag das Städtchen an einem ſteilen Hügel, und Adam ging jezt nicht weiter hinein, denn Seth hatte ihm geſagt wo er Dina finden konnte. Sie wohnte in einer Strohhütte außerhalb der Stadt, unweit der Fabrik; es war eine alte Hütte, etwas ſeitwärts von der Straße, mit einem kleinen Stück Kartoffel⸗ feld davor. Hier befand ſich Dina bei einem ält⸗ lichen Paare, und wenn ſie und Hetty zufällig nicht daheim waren, ſo konnte Adam doch erfahren wohin ſie gegangen oder wann ſie wieder kamen. Vielleicht war Dina auch in ihrem Predigerberuf ausgegangen und hatte Hetty allein zu Hauſe gelaſſen. Adam konnte ſich wenigſtens dieſe Hoffnung nicht verſagen, und als er die Hütte am Wege vor ſich erkannte, da glänzte auf ſeinem Geſicht jenes unwillkürliche Lächeln das ſich bei der Ausſicht auf eine nahe Freude einſtellt. Er eilte den ſchmalen Gang entlang und klopfte an die Thüre. Sie wurde von einer ſehr reinlichen alten Frau mit gichtbrüchig wackelndem Kopfe geöffnet. „Iſt Dina Morris zu Hauſe?“ fragte Adam. „Nein,“ antwortete die Alte, indem ſie den großen Fremdling verwundert anſah und noch lang⸗ ſamer ſprach als gewöhnlich.„Wollt Ihr nicht ſo gut ſein und hereintreten?“ fügte ſie hinzu, indem ſie von der Thüre zurücktrat, als ob ſie ſich erſt beſänne.„Ihr ſeid gewiß der Bruder des jungen Mannes der neulich hier war?“ „Ja,“ antwortete Adam indem er eintrat;„das war Seth Bede; ich bin ſein Bruder Adam. Er hat mir viele Grüße an Euch und Euern guten Mann aufgegeben.“ „So ſo, grüßt ihn wieder von mir: er war ein freundlicher junger Mann. Und Ihr gleichet ihm ſehr, nur daß Ihr etwas dunkler ſeid. Sezt Euch in den Lehnſtuhl. Mein Mann iſt noch nicht aus der Verſammlung zurück.“ Adam ſezte ſich geduldig. Er wollte das ge⸗ brechliche alte Weib nicht mit Fragen beſtürmen, aber er ſah gierig nach der ſchmalen Wendeltreppe in einer Ecke; denn er dachte, Hetty könnte möglicher Weiſe ſeine Stimme gehört haben und würde dann herabkommen. 1 „Ihr wollt alſo Dina Morris beſuchen?“ fragte die Alte, indem ſie vor ihm ſtehen blieb;„und Ihr wußtet alſo nicht daß ſie fort iſt?“ „Nein,“ ſagte Adam,„aber ich dachte mir, ſie ſei vielleicht fortgegangen, weil es Sonntag iſt. 105 Aber das andere Mädchen— iſt ſie zu Hauſe oder iſt ſie mit Dina ausgegangen?“ Die Alte ſah Adam äußerſt verwundert an. „Mit ihr ausgegangen?“ ſagte ſie;„ei, Dina iſt nach Leeds, einer großen Stadt von der Ihr gewiß ſchon gehört habt und wo viele vom Volke des Herrn wohnen. Sie iſt ſchon am Freitag vor vierzehn Tagen abgereist; das Reiſegeld haben ſie ihr geſchickt. Ihr könnt da ihr Zimmer ſehen,“ fuhr ſie fort, indem ſie eine Thüre öffnete und die Wirkung ihrer Worte nicht beobachtete. Adam ſtand auf, folgte ihr und warf einen gierigen Blick in das Stübchen mit dem ſchmalen Bette, dem an der Wand hängenden Bilde Wesley's und den wenigen Büchern die auf der großen Bibel lagen. Er hatte die unvernünftige Hoffnung gehegt Hetty hier zu finden. Als er das Zimmer leer fand, konnte er im erſten Augenblick nicht ſprechen; eine unbeſtimmte Furcht hatte ihn erfaßt— es mußte Hetty unter⸗ wegs etwas zugeſtoßen ſein. Indeß die alte Frau ſprach und begriff ſo langſam. Hetty war vielleicht dennoch in Snowfield. „Es iſt recht Schade daß Ihr es nicht wußtet,“ ſagte ſie:„ſeid Ihr ausdrücklich von Hauſe abgereist um ſie zu beſuchen?“ „Aber Hetty— Hetty Sorrel,“ fuhr Adam raſch dazwiſchen,„wo iſt ſie?“ „Ich kenne Niemand dieſes Namens,“ ſagte die alte Frau verwundert.„Iſt es eine Perſon von welcher Ihr in Snowfield gehört habt?“ „Iſt nicht ein junges Mädchen— ſehr jung und hübſch— am Freitag vor vierzehn Tagen hier an⸗ gekommen um Dina Morris zu beſuchen?“ „Nein, ich habe kein junges Mädchen geſehen.“ „Denkt einmal nach; wißt Ihr's ganz beſtimmt? Ein Mädchen von achtzehn Jahren, mit dunkeln Augen und dunkelm Lockenhaar; ſie trug einen rothen Mantel und einen Korb am Arme. Ihr könnt ſie nicht vergeſſen haben, wenn Ihr ſie geſehen habt.“ „Nein; Freitag vor vierzehn Tagen, das war gerade der Tag wo Dina wegging— da iſt Nie⸗ mand gekommen; es hat Niemand nach ihr gefragt außer Euch, denn die Leute in der Gegend wiſſen alle daß ſie fort iſt. Aber um Gottes willen, was habt Ihr denn? Was iſt Euch?“ Die Alte hatte endlich die geiſterhafte Angſt in Adams Geſicht bemerkt. Aber er war weder betäubt noch beſtürzt; er dachte eifrig nach wo er ſich nach Hetty erkundigen könne. „Ja, ein junges Mädchen iſt aus unſerer Gegend abgereist um Dina zu beſuchen; am Freitag waren es vierzehn Tage. Ich wollte ſie abholen; ich fürchte, es iſt ihr etwas zugeſtoßen. Ich kann mich nicht aufhalten, lebt wohl!“ Er eilte zur Hütte hinaus, und die Alte folgte ihm bis ans Pförtchen und ſchaute ihm mit ihrem wackeligen Kopfe traurig nach, als er haſtig nach der Stadt lief. Er wollte ſich nach dem Wirthshaus erkundigen wo die Kutſche von Oakbourne anhielt. Nein, ein Mädchen wie Hetty war nicht da ge⸗ ſehen worden. War der Kutſche vor vierzehn Tagen ein Unglück zugeſtoßen? Nein. Und heute war keine Kutſche da um ihn nach Oakbourne mitzunehmen. 107 Doch er wollte gehen, hier konnte er in dieſer ſchrecklichen Unthätigkeit nicht bleiben. Aber der Wirth, der Adams große Angſt ſah, ging auf dieſen neuen Vorfall mit der Begierde eines Mannes ein der einen großen Theil ſeiner Zeit weiter nichts thut als daß er mit den Händen im Sack in eine Straße voll hartnäckiger Langweiligkeit hinausſchaut, und machte den Vorſchlag ihn noch an dieſem Abend auf ſeinem eigenen Wägelchen nach Oakbourne zu bringen. Es war noch nicht fünf Uhr; Adam hatte alſo Zeit genug ein Mahl einzunehmen und konnte immer noch vor zehn Uhr nach Oakbourne kommen. Der Wirth erklärte er müſſe wirklich ſelbſt nach Oakbourne gehen, und es ſei das Beſte wenn er dieß noch heute thue; dann habe er den ganzen Montag vor ſich. Adam machte einen vergeblichen Verſuch zu eſſen, ſteckte dann etwas ein, trank einen Schluck Bier und erklärte dann daß er zur Abfahrt bereit ſei. Als ſie an die Hütte kamen, fiel es ihm ein daß er ſich doch bei der alten Frau erkundigen ſollte wo Dina in Leeds zu finden ſei: wenn es auf dem Pachthof Trübſal gab— eine Ahnung die er nur halb aufkommen laſſen wollte— ſo wuͤrden Poyſers gewiß nach Dina ſchicken. Aber Dina hatte keine Adreſſe hinterlaſſen, und die Alte mit ihrem ſchlechten Namensgedächtniß konnte ſich nicht auf die gottesfürchtige Frau beſinnen die Dina's Hauptfreundin von der Geſellſchaft in Leeds war. Während dieſer langen, langen Fahrt war den Muthmaßungen drängender Angſt und ringender Hoffnung der weiteſte Spielraum gelaſſen. In der erſten Erſchütterung über die Kunde daß Hetty nicht nach Snowfield gekommen ſei, hatte der Gedanke an Ar⸗ thur wie ein ſtechender Schmerz Adams Bruſt durch⸗ zuckt; aber er bemühte ſich ihn einige Zeit dadurch abzuwehren, daß er alle möglichen mit dieſer uner⸗ träglichen Idee unvereinbaren Erklärungen für die beunruhigende Thatſache ſuchte. Es mußte irgend ein Unglück geſchehen ſein. Hetty war vielleicht in Folge eines ſeltſamen Zufalls von Oakbourne aus in einen falſchen Wagen gekommen: ſie war vielleicht unwohl geworden und wollte ihre Angehörigen durch eine ſolche Nachricht nicht ängſtigen. Aber dieſe ſchwache Schuzmauer von vagen Unwahrſcheinlichkeiten wurde bald durch einen Sturm von beſtimmten qualvollen Befürchtungen umgeſtoßen. Hetty hatte ſich ſelbſt durch den Glauben getäuſcht daß ſie ihn lieben und heirathen könne: ſie hatte die ganze Zeit über nur Arthur geliebt und jezt war ſie in ihrer Verzweif⸗ lung über die Nähe der Hochzeit davongelaufen. Und ſie war zu ihm gegangen. Die alte Entrüſtung und Eiferſucht regte ſich wieder und gab ihm den Verdacht ein daß Arthur ein falſches Spiel getrieben habe— gewiß hatte er an Hetty geſchrieben und ſie verleitet zu ihm zu kommen, weil er ſie am Ende doch keinem andern gönnte. Vielleicht hatte er das Ganze ausgedacht und ihr die Mittel angegeben wie ſie ihm nach Irland nachreiſen konnte, denn Adam wußte daß Arthur vor drei Wochen dahin abgegangen war; er hatte es kürzlich auf dem Schloſſe gehört. Jeder traurige Blick Hetty's ſeit ihrer Verlobung trat ihm jezt mit der ganzen Ueber⸗ treibung peinlicher Rückſchau wieder vor die Seele. Wie thöricht war ſein ſanguiniſches Hoffen und u——— 1⁰9 Vertrauen geweſen! Das arme Ding hatte vielleicht lange Zeit ihr eigenes Herz nicht gekannt. Sie hatte Arthur vergeſſen zu können geglaubt, hatte ſich einen Augenblick zu dem Mann hingezogen gefühlt der ihr eine ſchüzende treue Liebe geboten. Er konnte es nicht über's Herz bringen ſie zu tadeln: ſie hatte gewiß nicht die Abſicht gehabt ihm dieſe furchtbare Qual zu bereiten. Alle Schuld fiel auf den Mann der ſelbſtſüchtig mit ihrem Herzen geſpielt, der ſie vieͤuuih ſogar mit voller Ueberkegung hinweggelockt hatte. In Oakbourne erinnerte ſich der Hausknecht in der Königseiche daß ein junges Mädchen, auf welches Adams Beſchreibung paßte, vor mehr als vierzehn Tagen mit der Treddleſtoner Kutſche da angekommen ſei— er würde ein ſo hübſches Mädchen ſo bald nicht vergeſſen— er wiſſe beſtimmt daß ſie mit der Buxtoner Kutſche die von Snowfield komme nicht weiter gefahren ſei, aber er habe ſie, als er die Pferde weggeführt, aus dem Auge verloren und ſeitdem nicht mehr geſehen. Adam ging ſogleich nach dem Hauſe wo die Stonitoner Kutſche abfuhr. Stoniton war als die erſte Station der gelegenſte Plaz für Hetty, wohin ſie auch weiter reiſen mochte, denn gewiß wagte ſie es nicht von der Hauptſtraße abzugehen. Auch hier war ſie bemerkt worden, und man erinnerte ſich daß ſie bei dem Kutſcher auf dem Bocke geſeſſen, aber den Kutſcher konnte man nicht finden, denn in den lezten drei oder vier Tagen war ein anderer Mann an ſeiner Statt auf dieſer Straße gefahren. Wahrſcheinlich war er in Stoni⸗ ton zu finden, wenn man in dem Wirthshaus nachfragte wo die Kutſche anhielt. So mußte alſo Adam mit ſeinem ſchwerbekümmerten Herzen warten und bis morgen zu ruhen verſuchen; erſt um eilf Uhr fuhr die Kutſche ab. In Stoniton gab es einen neuen Aufenthalt, denn der alte Kutſcher der Hetty geführt hatte kam vor Mitternacht nicht in die Stadt zurück. Als er endlich kam, erinnerte er ſich Hetty's wohl und er⸗ zählte Adam zu wiederholten Malen was für einen Scherz er zu ihr geſagt, bemerkte auch jedesmal von Neuem es ſei ihm etwas verdächtig vorgekommen daß Hetty gar nicht darüber gelacht habe. Aber er erklärte, gleich den Leuten im Wirthshaus, daß er ſie unmittelbar nach ihrem Abſteigen aus den Augen ver⸗ loren habe. Ein Theil des nächſten Morgens ver⸗ ging mit Anfragen in jedem Hauſe der Stadt wo eine Kutſche anhielt(Alles vergebens, denn bekannt⸗ lich fuhr Hetty von Stoniton nicht mit dem Wagen ab, ſondern ging beim Morgengrauen zu Fuß weiter). Sodann erkundigte ſich Adam bei den erſten Zoll⸗ häuſern auf den verſchiedenen Straßenlinien, mit der immer ſchwächer werdenden Hoffnung irgend eine Spur von ihr zu finden. Nein es war nichts weiter zu entdecken, und nun hatte Adam zunächſt die harte Aufgabe nach Hauſe zu gehen und die Unglücksbotſchaft auf den Pachthof zu bringen. In Bezug auf ſein weiteres Verhalten war er mitten im Aufruhr der Gedanken und Empfindungen der während dieſer Gänge in ihm tobte zu zwei beſtimm⸗ ten Entſchlüſſen gelangt. Er wollte von Arthurs Beziehungen zu Hetty, ſo weit er ſie kannte, nichts ſagen bis die Nothwendigkeit klar vorlag: es war 111 noch immer möglich daß Hetty zurückkam, und dann konnten ſeine Aufſchlüſſe darüber ihr ſchaden und ſie kränken. Sobald er zu Hauſe geweſen war und die nothwendigen Vorbereitungen zu einem längeren Ausbleiben getroffen hatte, wollte er dann nach Irland aufbrechen: wenn er unterwegs keine Spur von Hetty fand, wollte er ſchnurſtracks zu Arthur gehen und ſich überzeugen was dieſer von den Schritten des Mädchens wiſſe. Mehrere Male kam ihm auch der Gedanke Herrn Irwine zu befragen: aber er hielt dieß für nuzlos, wenn er ihm nicht alles ſagen und ſomit das Geheimniß Arthurs ver⸗ rathen wollte. Es ſcheint ſonderbar daß Adam bei ſeinem unaufhörlichen Nachdenken über Hetty nicht auf die Möglichkeit gerieth daß ſie nach Windſor gegangen ſein könne, weil ſie Arthurs Abreiſe von da nicht wußte. Dieß kam vielleicht daher, weil er ſich nicht denken konnte daß Hetty ſich ohne beſon⸗ dere Aufforderung Arthur in die Arme geworfen habe; er konnte keinen Grund ausſinnen der ſie nach dem im Auguſt geſchriebenen Brief zu einem ſolchen Schritt getrieben hätte. Er erblickte nur zweierlei Möglichkeiten: entweder hatte Arthur von Neuem an ſie geſchrieben und ſie zu ſich gelockt, oder ſie war einfach vor ihrer herannahenden Hoch⸗ zeit mit ihm entflohen, weil ſie zulezt doch gefunden hatte daß ſie ihn nicht genug lieben konnte, und weil ſie den Zorn ihrer Verwandten fürchtete wenn ſie ihr Wort zurücknähme. Nachdem er dieſen lezten Entſchluß geradewegs zu Arthur zu gehen feſt gefaßt hatte, quälte er ſich mit dem Gedanken daß er zwei Tage beinahe ganz nuzlos mit Nachforſchungen verbracht habe; und doch mußte er, da er Poyſers ſeine Ueberzeugung in Bezug auf Hetty's Aufenthalt oder ſeine Abſicht ihr dahin zu folgen noch vorenthalten wollte, ihnen wenigſtens ſagen können daß er ihre Spur ſo weit als möglich verfolgt habe. Erſt am Dienſtag, und zwar nach Mitternacht, kam Adam nach Treddleſton. Da er nun Mutter und Bruder nicht ſtören und ſich ihren Fragen in dieſer Stunde nicht ausſezen wollte, ſo warf er ſich im Wirthshaus zum umgeworfenen Wagen angekleidet auf ein Bett und ſchlief aus purer Müdigkeit feſt ein. Sein Schlummer währte jedoch nicht mehr als vier Stunden, denn ſchon vor fünf Uhr machte er ſich mit dem ſchwachen Morgen⸗ grauen auf den Heimweg. Den Werkſattſſchlüſſel hatte er immer in ſeiner Taſche, und er hoffte hin⸗ einzukommen ohne ſeine Mutter zu wecken; auch wünſchte er ihr die neue Trauerkunde nicht ſelbſt über⸗ bringen zu müſſen, ſondern wollte zuvor mit Seth ſprechen und ihn erſuchen ihr die Sache zu erzählen wenn es einmal durchaus nöthig wäre. Er ging leiſe über den Hof und drehte ſachte den Schlüſſel in der Thüre um; aber wie er erwartet hatte, ſchlug Gyp, der in der Werkſtatt lag, ein lautes Gebell auf. Er ſchwieg jedoch als er Adam erblickte, der ſeine Finger erhob um ihm Stillſchweigen zu gebieten, und nun mußte er ſich in ſeiner ſtummen ſchwanz⸗ loſen Freude damit begnügen ſeinen Leib an den Beinen ſeines Herrn zu reiben. Adam war zu herzenskrank um von Gyp's Lieb⸗ koſungen Notiz zu nehmen. Er warf ſich auf die Bank und ſtarrte dumpf das Holz und die Merkmale 113 um ihn her an, indem er ſich fragte ob er je wieder Vergnügen daran finden würde, während Gyp, in trüber Ahnung daß ſeinem Herrn ein Unglück zuge⸗ ſtoßen ſei, ſeinen grauen zottigen Kopf auf Adams Schooß legte und mit verzogenen Augenbrauen zu ihm aufſchaute. Seit Sonntag war Adam beſtändig unter fremden Leuten geweſen, wo Nichts ihn an die Einzelnheiten ſeines täglichen Lebens erinnerte, und jezt, als er beim Schein dieſes neuen Morgens in ſeine Heimath zurückgekommen war und ſich von den vertrauten Gegenſtänden umgeben ſah die auf immer ihres Reizes beraubt ſchienen, da fiel ihm die Wirklichkeit, die harte unausweichbare Wirklichkeit ſeiner Trübſale mit neuer Schwere aufs Herz. Gerade vor ihm ſtand eine unvollendete Commode die er in ſeinen müßigen Augenblicken für Hetty gemacht hatte, wenn einmal ſein Haus auch das ihrige wäre. Seth hatte ihn nicht kommen gehört, aber er war am Gebelle des Hundes aufgewacht, und Adam hörte daß er oben im Zimmer umherging und ſich ankleidete. Seths erſter Gedanke galt ſeinem Bru⸗ der; gewiß kam er heute wieder heim, denn morgen bedurfte man ſeiner dringend im Geſchäfte; aber er freute ſich auch daß Adam länger Ferien gehabt als er erwartet hatte. Und ob wohl Dina mitkam? Dieß war das größte Glück das er für ſich ſelbſt denken konnte, obwohl er die Hoffnung aufgegeben hatte daß ſie ihn je innig genug lieben würde um ihn zu heirathen. Aber er hatte oft zu ſich ſelbſt geſagt, Dina's Freund und Bruder zu heißen ſei mehr werth als eine andere zur Frau zu haben. Eliot, Adam Bede. III. 8 114 Wenn er nur immer in ihrer Nähe weilen könnte, ſtatt ſo weit von ihr weg zu leben! Er kam die Treppe herab und öffnete die innere Thüre die von der Hausflur in die Werkſtatt führte, um Gyp herauszulaſſen; aber wie vom Schlage ge⸗ troffen, blieb er auf der Schwelle ſtehen, als er Adam unbeweglich, bleich, ungewaſchen, mit einge⸗ ſunkenen ſtieren Augen, beinahe wie ein Trunkenbold am Morgen, auf der Bank ſizen ſah. Aber Seth wußte im Augenblick was dieſe Zeichen bedeuteten: keine Trunkenheit, ſondern irgend ein großes Unglück. Adam ſchaute ſprachlos zu ihm hinauf, und Seth ging auf die Bank zu, zitterte aber ſelbſt dermaßen daß er nicht ſogleich ſprechen konnte. „Gott ſteh' uns bei, Adam!“ ſagte er leiſe, in⸗ dem er ſich zu ihm auf die Bank ſezte,„was haſt Du denn?“ Adam konnte nicht reden: der ſtarke Mann der gewohnt war ſeinen Kummer vollkommen zu beherr⸗ ſchen, wurde bei dieſem erſten Zeichen von Theil⸗ nahme ſo weich wie ein Kind. Er fiel Seth um den Hals und ſchluchzte. Seth machte ſich jezt auf das Schlimmſte gefaßt, denn ſo weit ſeine früheſten Erinnerungen reichten, hatte Adam nie geſchluchzt. „Iſt ſie todt? Iſt ſie todt?“ fragte er leiſe, als Adam ſeinen Kopf emporrichtete und ſich wieder ſammelte. „Nein, Junge; aber ſie iſt davon gegangen,— ſie iſt von uns gegangen; ſie war gar nicht in Snowfield. Dina iſt am Freitag vor vierzehn Tagen, am ſelben Tag wo Hetty wegging, nach Leeds ge⸗ 115 reist. Von Stoniton aus weiß ich nicht mehr wo⸗ hin Hetty gekommen iſt.“ Seth verſtummte vor äußerſtem Erſtaunen: er konnte ſich durchaus keinen Grund denken warum Hetty weggegangen ſein ſollte. „Haſt Du irgend eine Idee warum ſie das ge⸗ than hat?“ fragte er endlich. „Sie muß mich nicht geliebt haben: unſere Hei⸗ rath war ihr, als ſie jezt ſo nahe bevorſtand, zuwider — das muß es ſein,“ ſagte Adam; er hatte be⸗ ſchloſſen keinen weitern Grund anzugeben. „Ich höre die Mutter oben,“ ſagte Seth.„Wollen wir es ihr ſagen?“ „Nein, noch nicht,“ erklärte Adam, indem er aufſtand und ſich das Haar aus dem Geſichte ſtrich um ſich wieder aufzumuntern.„Ich kann es ja noch nicht ſagen, und ich muß, ſobald ich im Dorf und auf dem Pachthof war, von Neuem auf die Reiſe gehen. Ich kann Dir nicht ſagen wohin ich gehe, und Du mußt ihr beibringen, ich ſei wegen eines Geſchäftes fortgegangen von welchem Niemand etwas erfahren dürfe. Ich will mich jezt waſchen.“ Adam ging auf die Thüre der Werkſtatt zu, kehrte aber nach einigen Schritten wieder um, ſchaute mit ſtiller Wehmuth Seth in die Augen und ſagte:„Ich muß alles Geld aus der Sparbüchſe nehmen, Junge; aber wenn mir etwas zuſtoßen ſollte, ſo gehört alles Uebrige. Dir, damit Du die Mutter verpflegen kannſt!“ Seth war blaß und zitterte; er ahnte unter allem dem ein furchtbares Geheimniß.„Bruder,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme— er gebrauchte „ den Ausdruck Bruder nur in feierlichen Augenblicken 8* 116 — ich will nicht glauben daß Du etwas vorhaſt wobei Du Gott nicht um ſeinen Segen bitten kannſt.“ „Nein Junge,“ antwortete Adam,„ſei unbeſorgt; ich werde Nichts thun als was Mannespflicht iſt.“ Der Gedanke daß ſeine Mutter, wenn er ihr ſeinen Kummer erzählte, ihn nur mit Ausdrücken ungeſchickter Zärtlichkeit quälen würde und ſogar ihre Freude darüber nicht ganz verbergen könnte daß Hetty ſich, wie ſie immer prophezeit, als unpaſſend für Adam erwieſen habe, gab ihm einen Theil ſeiner gewohnten Feſtigkeit und Selbſtbeherrſchung wieder. Als ſie herabkam, ſagte er ihr daß er auf dem Heimweg unwohl geworden und deßhalb in Treddleſton über Nacht geblieben ſei; ein ſchlimmes Kopfweh das er noch dieſen Morgen nicht los geworden, mußte ſeine Bläſſe und ſeine matten Augen erklären. Er beſchloß vor allen Dingen ins Dorf zu gehen, eine Stunde nach ſeinem Geſchäft zu ſehen und Burge anzuzeigen daß er eine Reiſe machen, ihn aber bitten müſſe Niemand etwas davon zu ſagen; auf den Pachthof wollte er nämlich nicht zur Frühſtücks⸗ zeit kommen, wo die Kinder und Dienſtboten in der Hausflur verſammelt waren und natürlich Alles in Ausrufe der Verwunderung ausbrechen mußte, weil er ohne Hetty zurückkam. Er blieb bis neun Uhr in der Werkſtatt im Dorfe und ging dann über die Felder hin nach dem Pachthof. Es fiel ihm ein Stein vom Herzen als er in der Nähe deſſelben Herrn Poyſer auf ſich zukommen ſah, und dieſes überhob ihn der Qual eines Beſuches im Hauſe. Herr Poyſer ſchritt an dieſem Märzmorgen munter dahin und hatte ein Frühlingsgeſchäft vor. 117 Er wollte mit ſeinen Meiſteraugen der Beſchlagung eines Pferdes zuſchauen und führte ſeinen Schaufel⸗ ſtock als einen nüzlichen Begleiter bei ſich. Groß war ſeine Ueberraſchung als er Adam erblickte, aber er war nicht der Mann der ſich ſo leicht ſchlimmen Ahnungen hingab. „Ei wie, Adam, mein Junge, ſind Sie's? Sie ſind ſo lange ausgeweſen und haben die Mädchen doch nicht mitgebracht; wo ſtecken ſie denn?“ „Nein, ich habe ſie nicht mitgebracht,“ antwortete Adam, indem er ſich umdrehte, zum Zeichen daß er mit Herrn Poyſer zurückzugehen wünſche. „Ei was ſeh ich da?“ ſagte Martin, indem er Adam aufmerkſam betrachtete:„Sie ſehen ja ganz übel aus, iſt etwas vorgefallen?“ „Ja,“ antwortete Adam mit ſchwerer Stimme, es iſt etwas Trauriges vorgefallen, ich habe Hetty nicht in Snowſield gefunden.“ Herrn Poyſers gutmüthiges Geſicht verrieth Beſtürzung und Erſtaunen.„Nicht gefunden? Was iſt ihr denn zugeſtoßen?“ fragte er, indem er zunächſt an ein körperliches Leiden dachte. „Ob ihr etwas zugeſtoßen iſt, kann ich nicht ſagen. Sie iſt gar nicht nach Snowfield gekommen, ſondern in der Kutſche nach Stoniton gefahren; von da an aber habe ich nichts mehr herausbringen können.“ „Sie wollen doch nicht ſagen daß ſie davonge⸗ laufen ſei?“ ſagte Martin ſo beſtürzt und betreten, daß er die ganze Tragweite der Nachricht noch nicht begriff. „„Das muß der Fall ſein,“ verſezte Adam,„unſere Heirath war ihr zuwider, als ſie jezt ſo nahe rückte 118 — ſo muß es ſein. Sie hatte ſich über ihre Ge⸗ fühle getäuſcht.“ 3 Martin ſchwieg einige Augenblicke, ſchaute auf den Boden und ſtieß mit ſeinem Schaufelſtock im Graſe umher, ohne zu wiſſen was er that. Seine gewöhnliche Langſamkeit ſteigerte ſich immer bedeu⸗ tend, wenn der Gegenſtand des Geſprächs ein pein⸗ licher war. Endlich ſchaute er auf, blickte Adam gerade ins Geſicht und ſagte: „Dann war ſie Ihrer nicht würdig, mein Junge. Und ich habe ſelbſt eine Schuld dabei, denn ſie war meine Nichte und ich habe dieſe Heirath immer gewünſcht. Leider kann ich Ihnen gar nichts zum Erſaz bieten; ich fürchte es iſt ein bitterer Kelch für Sie.“ Adam konnte nichts ſagen, und Herr Poyſer fuhr, als ſie eine Weile weiter gegangen, alſo fort: „Ich bin überzeugt daß ſie fortgelaufen iſt um eine Stelle als Kammerjungfer zu ſuchen, denn das hat ihr ſchon ſeit einem halben Jahr im Kopfe geſteckt, und ſie hat mich um meine Einwilligung dazu ge⸗ beten. Aber ich habe beſſer von ihr gedacht,“ fügte er hinzu, indem er langſam und traurig den Kopf ſchüttelte,„ich habe beſſer von ihr gedacht und ſo Etwas nicht erwartet, nachdem ſie Ihnen zugeſagt hatte und Alles ſchon vorbereitet war.“ Adam hatte die ſtärkſten Gründe Herrn Poyſer in dieſer Annahme zu beſtärken, und er hätte gerne ſich ſelbſt eingeredet daß dieß möglicher Weiſe wahr ſein könne. Die Gewißheit daß ſie zu Arthur gegangen ſei, lag noch nicht vor. „Es iſt am Ende beſſer ſo,“ ſagte er ſo gelaſſen als möglich,„wenn ſie mich einmal als Mann nicht — — 119 lieben konnte. Beſſer vorher weglaufen als nachher bereuen. Ich hoffe, Sie werden ihr nicht unfreund⸗ lich begegnen wenn ſie zurückkommt, was ſie doch vielleicht thut, wenn ſie ſich in der Fremde nicht gut fortbringen kann.“ „Ich kann ſie nicht mehr ſo freundlich anſehen wie bisher,“ ſagte Martin mit Entſchiedenheit. „Sie hat ſchlecht an Ihnen und an uns allen ge⸗ handelt. Aber ich will mich doch nicht ganz von ihr abwenden: ſie iſt noch ſo jung und es iſt das erſte Herzeleid das ſie mir angethan hat. Es wird mir ſehr ſchwer werden ihrer Tante Alles zu ſagen. Warum iſt Dina nicht mitgekommen? Sie hätte viel dazu beitragen können die Tante ein Bischen zu beruhigen.“ „Dina war nicht in Snowfield. Sie war vor vierzehn Tagen nach Leeds gegangen, und ich konnte von ihrer Hausfrau ihre dortige Adreſſe nicht er⸗ fahren, ſonſt würde ich ſie Ihnen gebracht haben.“ „Es wäre geſcheiter,“ ſagte Herr Poyſer entrüſtet, „wenn ſie bei ihren eigenen Verwandten bliebe als daß ſie ſo unter fremden Leuten herumgeht und predigt.“ „Ich muß Sie jezt verlaſſen,“ verſezte Adam, „denn ich habe viel zu beſorgen.“ „Ja, gehen Sie Ihrem Geſchäfte nach, und ich muß es meiner Frau erzählen wenn ich heimkomme; es wird mir ſehr ſauer werden.“ 3 „Aber,“ ſagte Adam,„ich bitte Sie dringend daß Sie die ganze Geſchichte noch ein paar Wochen lang ſtill für ſich behalten. Ich habe meiner Mutter noch Nichts davon geſagt, und man kann nicht wiſſen wie die Sachen ſich noch geſtalten.“— 120 „Ja, ja; je weniger man ſpricht, um ſo beſſer iſt's. Wir brauchen ja Niemand zu ſagen warum aus der Heirath nichts geworden iſt, und vielleicht erfahren wir bald etwas von ihr. Gib mir die Hand, Junge: ich wollte ich könnte es an Dir gut machen.“ Es war als ob dem guten Martin in dieſem Augenblick etwas in der Kehle ſteckte, ſo daß er dieſe wenigen Worte nur gebrochen heraus brachte. Aber Adam wußte um ſo beſſer wie ſie gemeint waren, und die beiden ehrlichen Männer drückten einander in gegenſeitigem Verſtändniß die harten Hände. Jezt ſtand der Abreiſe Adams nichts mehr im Wege. Er hatte Seth aufgetragen ins Schloß zu gehen und dem alten Herrn zu melden daß er eine plözliche Reiſe habe antreten müſſen; daſſelbe und mehr nicht ſollte er auch allen Andern ſagen die nach ihm fragen würden. Wenn Poyſers erfuhren daß er wieder fortgegangen war, ſo konnten ſie ſich's ja wohl denken daß er bloß Hetty auſſuchte. Er hatte ſich vorgenommen gleich vom Pachthof aus fortzureiſen, aber jezt machte ſich ein Wunſch der ihm ſchon früher gekommen war, nämlich zu Herrn Irwine zu gehen und ihn ins Vertrauen zu ziehen, mit der neuen Kraft geltend die ſich bei einer lezten Gelegenheit einſtellt. Er wollte eine lange, ſchwierige Reiſe antreten, er wollte über See gehen und keine Seele wußte wo er war. Wenn ihm etwas zuſtieß? Oder wenn er ſchlechter⸗ dings auf irgend eine Weiſe für Hetty der Hilfe bedurfte? Herr Irwine war ein Mann der alles Vertrauen verdiente, und Adams Abneigung ein — —— — 121 Geheimniß zu verrathen das ihr gehörte, mußte der Rückſicht weichen daß ſie außer ihm ſelbſt ſonſt Nie⸗ mand hatte der ſie in der äußerſten Noth verthei⸗ digen konnte. Gegen Arthur, ſelbſt wenn er keine neue Schuld auf ſich geladen hatte, fühlte ſich Adam nicht zum Schweigen verpflichtet, wenn Hetty's In⸗ tereſſe ihn zum Sprechen aufforderte. „Ich muß es thun,“ ſagte Adam, als dieſe Ge⸗ danken, die ihn ſchon auf ſeiner traurigen Wande⸗ rung beſchäftigt hatten, jezt auf einmal gleich einer langſam angeſammelten Woge auf ihn einſtürmten; „das iſt das Rechte. Ich kann nicht länger ſo allein daſtehen.“ Neununddreißigſtes Cagitel. Die Nachricht. Adam ſchlug ſeinen ſchnellſten Schritt nach Broxton ein und ſah auf ſeine Uhr, weil er fürchtete, Herr Irwine möchte bereits ausgegangen und vielleicht auf die Jagd geritten ſein. Furcht und Haſt ver⸗ ſezten ihn in einen Zuſtand heftiger Aufregung, als er an das Pfarrthor kam, und vor der Thüre ſah er tiefe friſche Pferdeſpuren im Sande. Aber die Hufe waren gegen die Hausthüre hin gerichtet und nicht gegen außen, und vor dem Stalle ſtand zwar ein Pferd, aber es gehörte nicht Herrn Irwine; es war augenſcheinlich heute ſchon geritten worden, und zwar von einem Manne der ein Geſchäft hier hatte. Herr Irwine war alſo zu Hauſe, aber Adam konnte kaum Athem und Ruhe finden um Carrol zu ſagen daß er den Pfarrer zu ſprechen wünſche. Das doppelte Leiden gewiſſen und ungewiſſen Kummers hatte den ſtarken Mann zu erſchüttern angefangen. Der Bediente ſah ihn verwundert an, als er ſich auf eine Bank im Gange warf und mit leeren Blicken die gegenüber hängende Uhr anſtarrte: ſein Herr habe Beſuch, ſagte er, aber er höre die Thüre des Studirzimmers gehen, der Fremde ſcheine heraus⸗ zukommen, und da Adam Eile habe, ſo wolle er ihn ſogleich anmelden. Adam ſaß da und ſchaute auf die Uhr: der Minutenzeiger eilte mit lautem, hartem, gleichgültigem Ticken über die lezten fünf Minuten vor Zehn hin, und Adam beobachtete die Bewegung und lauſchte dem Getöne wie wenn er einen Grund dazu hätte. In Zeiten bitterer Leiden ſtellen ſich beinahe immer ſolche Pauſen ein, wo unſer Bewußt⸗ ſein gegen Alles abgeſtumpft iſt, außer gegen eine ganz alltägliche Wahrnehmung oder Empfindung. Es iſt als ob ein halber Blödſinn über uns käme, um uns Ruhe vor den Erinnerungen und Beäng⸗ ſtigungen zu verſchaffen die uns ſelbſt im Schlaf nicht verlaſſen wollen. Der zurückkehrende Carrol machte in Adam das Bewußtſein ſeiner Qual wieder lebendig. Er möchte ſogleich ins Studirzimmer kommen, ſagte er:„Ich begreife nicht was dieſer Fremde will,“ fügte der Bediente, nur um zu ſchwazen, hinzu, indem er ihm bis an die Thüre voranging.„Er iſt in den Speiſe⸗ ſaal gegangen. Und mein Herr ſieht ganz ſonderbar aus, wie wenn er einen Schrecken gehabt hätte.“ Adam achtete nicht auf dieſe Worte: er konnte ſich 6 etwas zitternder Stimme fort: 4 123 jezt um die Geſchäfte anderer Leute nicht bekümmern. Aber als er ins Studirzimmer trat und Herrn Ir⸗ wine ins Geſicht ſchaute, da nahm er augenblicklich einen neuen Ausdruck darin wahr, der gegen die ſonſtige warme Freundlichkeit des Pfarrers ſeltſam abſtach. Auf dem Tiſch lag ein offener Brief und Herr Irwine deckte ſeine Hand darauf. Aber der veränderte Blick den er auf Adam warf, konnte nicht bloß von einem Verdruß oder einem unangenehmen Geſchäfte herrühren, denn er ſah eifrig nach der Thüre, wie wenn Adams Gegenwart ihm peinlich und beängſtigend wäre.. „Sie wünſchen mich zu ſprechen, Adam,“ ſagte er in dem leiſen gezwungenen Tone eines Mannes der entſchloſſen iſt ſeine Aufregung zu unterdrücken. „Sezen Sie ſich.“ Er deutete auf einen Stuhl dem Tiſch gegenüber, in ſeiner unmittelbaren Nähe, und Adam ſezte ſich mit dem Gefühl daß dieſer kalte Empfang ihm ſeine Mittheilung auf eine unerwartete Weiſe noch erſchwere. Aber wenn Adam einmal zu einer Maßregel entſchloſſen war, ſo war er nicht der Mann der ohne gebietende Gründe darauf verzichtete. „Herr Pfarrer,“ begann er,„ich komme zu Ihnen als zu demjenigen Manne der für mich am Höchſten ſteht. Ich habe Ihnen etwas ſehr Peinliches mit⸗ zutheilen, eine Nachricht die Ihnen eben ſo ſchmerzlich ſein wird, wie es mir ſchmerzlich iſt ſie zu erzählen. Aber wenn ich von dem Unrecht anderer Leute ſpreche, ſo werden Sie ſehen daß ich es erſt that als ich guten Grund dazu hatte.“ Herr Irwine nickte langſam, und Adam fuhr mit b 124 „Sie wiſſen, Herr Pfarrer, daß Sie am 15. die⸗ ſes Monats mich und Hetty Sorrel mit einander trauen ſollten. Ich glaubte ſie liebe mich, und ich war der glücklichſte Mann im Kirchſpiel. Aber ein furchtbarer Schlag hat mich getroffen.“ Herr Irwine fuhr unwillkürlich von ſeinem Stuhle auf, ging dann aber, entſchloſſen ſich zu beherrſchen, an das Fenſter und ſchaute hinaus. „Sie iſt fortgegangen, Herr Pfarrer, und wir wiſſen nicht wohin. Freitag vor vierzehn Tagen ſagte ſie, ſie wolle nach Snowfield, und lezten Sonn⸗ tag wollte ich ſie abholen; aber ſie war gar nicht dort, ſondern hat die Kutſche nach Stoniton genom⸗ men, und weiter kann ich keine Spur von ihr fin⸗ den. Aber jezt unternehme ich eine lange Reiſe um nach ihr zu ſehen, und nur Ihnen kann ich anver⸗ trauen wohin ich gehe.“ Herr Irwine kam vom Fenſter zurück und ſezte ſich. „Können Sie ſich den Grund nicht denken warum ſie fortgegangen iſt?“ „Der Grund iſt ganz klar, ſie wollte mich nicht heirathen,“ antwortete Adam;„ſie konnte ſich nicht entſchließen als das Ziel ſo nahe rückte. Aber ich fürchte, das iſt noch nicht Alles. Ich muß Ihnen 5 noch Etwas ſagen, Herr Pfarrer. Es iſt außer mir noch eine andere Perſon bei der Sache bethei⸗ ligt.“ 4 Ein Strahl von— man konnte es beinahe Herzens⸗ erleichterung oder Freude nennen— flog in dieſem Augenblick über das von unruhiger Angſt erfüllte Geſicht des Pfarrers. Adam ſchaute auf den Boden und machte eine kleine Pauſe: die nächſten Worte 125⁵ fielen ihm ſehr herb. Aber als er fortfuhr, richtete er ſeinen Kopf empor und ſchaute Herrn Irwine gerade ins Geſicht. Er wollte ohne Jurcht und Beben ausführen was er beſchloſſen hatte. „Sie wiſſen wen ich für meinen größten Freund angeſehen habe,“ fuhr er fort;„der Gedanke mein Leben in ſeinem Dienſte zuzubringen war mein Stolz, und ſchon ſeit unſerer Knabenzeit hatte ich immer ſo gedacht...“ Herrn Irwine ſchien alle Selbſtbeherrſchung zu verlaſſen: er ergriff Adams Arm, der auf dem Tiſche lag, packte ihn wie in ſchmerzlichem Krampfe feſt und ſagte mit bleichen Lippen, leiſe und haſtig: „Nein, nein, Adam, ſagen Sie um Gotteswillen das nicht.“ Adam wurde durch dieſen heftigen Gefühlsaus⸗ bruch höchlich überraſcht; er bereute bereits die Worte die über ſeine Lippen gekommen waren und ſchwieg bekümmert ſtill. Herr Irwine ließ ſeinen Arm allmählig wieder los, warf ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſagte:„Weiter— ich muß es erfahren.“ „Dieſer Mann hat mit Hetty's Gefühlen ſein Spiel getrieben und ſich gegen ſie benommen wie er gegen ein Mädchen von ihrer Lebensſtellung nicht berechtigt war. Er hat ihr Geſchenke gemacht, iſt mit ihr ſpazieren gegangen und mit ihr zuſammen gekommen. Ich erfuhr es erſt zwei Tage nach ſei⸗ ner Abreiſe. Ich kam ſelbſt dazu wie er ſie beim Abſchied im Wäldchen küßte. Damals war zwiſchen mir und Hetty noch kein Wort gefallen, obgleich ich ſſie ſchon ſeit langer Zeit liebte und ſie es wußte. 126 Aber ich machte ihm Vorwürfe über ſein Unrecht und es kam zwiſchen uns zu Worten und ſogar Schlägen; hernach verſicherte er mich feierlich, es ſei alles nur Unſinn und weiter nichts als ein Bis⸗ chen Liebelei geweſen. Aber er mußte mir einen Brief an Hetty ſchreiben daß er keine Abſichten da⸗ bei gehabt habe, denn aus verſchiedenen Zeichen die ich früher nicht verſtanden, erſah ich deutlich ge⸗ nug daß er ihr Herz gefangen genommen hatte, und da dachte ich, ſie würde auch ſpäter noch immer nur an ihn denken und nie dazu kommen einen andern Mann zu lieben der ſie heirathen würde. Und ich gab ihr den Brief und ſie ſchien eine Weile Alles beſſer zu ertragen als ich ſelbſt erwartet hatte.. und ſie wurde immer freundlicher gegen mich... Ganz gewiß kannte ſie ihre eigenen Gefühle nicht, das arme Ding, und dieſe überwältigten ſie erſt als es zu ſpät war.. ich will ſie nicht tadeln, ich kann nicht glauben daß ſie mich abſichtlich getäuſcht habe. Aber man beſtärkte mich in der Meinung daß ſie mich liebe und— das Uebrige wiſſen Sie, Herr Pfarrer. Aber jezt glaube ich beſtimmt daß er falſch gegen mich war, daß er ſie fortgelockt hat und daß ſie zu ihm gegangen iſt— und ich will mich jezt ſelbſt davon überzeugen; denn an die Arbeit kann ich nicht mehr gehen, bis ich weiß was aus ihr geworden iſt.“ Während der Erzählung Adams hatte Herr Ir⸗ wine Zeit gehabt ſeine Selbſtbeherrſchung wieder zu gewinnen, ſo qualvoll auch die Gedanken waren die auf ihn einſtürmten. Jener Morgen wo Arthur bei ihm frühſtückte und auf dem Punkte ſchien ein Be⸗ kenntniß abzulegen, war ihm jezt eine bittere Er⸗ 127 innerung. Jezt war es ihm klar daß er hatte beich⸗ ten wollen. Und hätte ihr Geſpräch eine andere Wendung genommen, hüätte er ſich in ſeiner Ueber⸗ zartheit nicht geſcheut in ein fremdes Geheimniß ein⸗ zudringen: wie ſchmerzlich war jezt der Gedanke was für ein dünnes Häutchen die Rettung von all dieſer Schuld und dieſem Jammer verhindert hatte. Er ſah jezt die ganze Geſchichte in der furchtbaren Beleuchtung welche die Gegenwart über die Vergan⸗ genheit wirft. Aber jedes andere Gefühl das auf ihn einſtürmte, wurde von Mitleid verdrängt, von tiefem ehrerbietigem Mitleid für den Mann der vor ihm ſaß, der bereits ſo zermalmt war und ſich mit blinder Traurigkeit in einen eingebildeten Kummer ergab, während ihm ein wirklicher Schmerz bevor⸗ ſtand, der zu weit über den Bereich gewöhnlicher Heimſuchungen hinausging als daß er ihn je hätte fürchten können. Seine eigene Aufregung wurde durch einen gewiſſen Schauder gedämpft, der in Gegenwart eines großen Schmerzes über uns kommt; denn der Schmerz den er Adam bereiten mußte, war für ihn bereits vorhanden. Wieder legte er ſeine Hand an den Arm der auf dem Tiſche lag, aber dießmal ſehr ſanft, und ſagte feierlich: 4 „Adam, mein lieber Freund, Sie haben ſchon harte Prüfungen überſtanden. Sie können den Kum⸗ mer mannhaft ertragen, ſo gut als mannhaft handeln; Gott fordert Beides von uns. Und jezt kommt ein ſchwererer Kummer über Sie als Sie je erlebt „ Hhaben. Aber Sie ſind nicht ſchuldig— dieſes aller⸗ ſchwerſte Herzeleid iſt Ihnen erſpart. Gott helfe demjenigen der die Schuld trägt!“ Die zwei blaſſen Geſichter ſchauten einander an: Adam mit zitternder Erwartung, Herr Irwine mit zögerndem, ſchauderndem Mitleid. Aber Lezterer fuhr, fort: „Ich habe dieſen Morgen Nachrichten von Hetty erhalten. Sie iſt nicht zu ihm gegangen. Sie befindet ſich in Stonyſhire— in Stoniton.“ Adam fuhr von ſeinem Stuhle auf, als glaubte er mit einem einzigen Sprung zu ihr kommen zu können. Aber Herr Irwine ergriff ſeinen Arm von Neuem und ſagte in überredendem Tone:„Warten Sie, Adam, warten Sie.“ So ſezte er ſich wieder. „Sie befindet ſich in einer ſehr unglücklichen Lage, ſo daß es für Sie, mein armer Freund, ſchlim⸗ mer iſt ſie wieder zu finden als ſie für immer ver⸗ loren zu haben.“ Adams Lippen bewegten ſich zitternd, aber kein Laut kam über ſie. Sie bewegten ſich von Neuem, und er flüſterte:„Erzählen Sie.“ „Sie iſt verhaftet... ſie ſizt im Gefängniß.“ Es war als hätte ein ſchimpflicher Schlag den Geiſt des Widerſtandes wieder in Adam geweckt. Das Blut ſtrömte ihm nach dem Geſicht, und er ſagte laut und ſcharf: „Warum?“ „Wegen eines ſchweren Verbrechens... ſie hat ihr Kind ermordet.“ „Das kann nicht ſein!“ ſchrie Adam, indem er von ſeinem Stuhl aufſprang und einen Schritt gegen die Thüre that; aber er drehte ſich wieder um, lehnte ſich mit dem Rücken gegen den Bücher⸗ ſtänder und ſah Herrn Irwine grimmig an.„Es 129 iſt nicht möglich. Sie hat kein Kind gehabt. Sie kann nicht ſchuldig ſein. Wer ſagt es?“ „Gott gebe daß ſie unſchuldig ſei, Adam! Wir können es noch immer hoffen.“. „Aber wer ſagt daß ſie ſchuldig ſei?“ fragte Adam heftig.„Erzählen Sie mir Alles.“ „Hier iſt ein Schreiben von dem Beamten vor welchen ſie gebracht wurde, und der Conſtabler der ſie verhaftete befindet ſich im Speiſezimmer. Sie will ihren Namen und Wohnort nicht geſtehen; aber ich fürchte ſehr, man kann nicht mehr daran zweifeln daß es Hetty iſt. Das Signalement trifft zu; nur heißt es darin ſie ſehe ſehr blaß und krank aus. Sie hatte ein rothledernes Brieftäſchchen bei ſich, mit zwei Namen darin, und vorn ſteht: Hetty Sorrel, Hayſlope, und weiter hinten: Dina Morris, Snow⸗ field. Sie will ihren eigenen Namen nicht ſagen — ſie leugnet Alles und verweigert jede Antwort; man hat ſich daher an mich als obrigkeitliche Per⸗ ſon gewandt daß ich zur Herſtellung ihrer Identität mithelfen ſolle, denn man hält es für wahrſcheinlich daß der vornſtehende Name der ihrige ſei.“ „Aber welche Beweiſe hat man gegen ſie, wenn es wirklich Hetty iſt?“ ſagte Adam, noch immer haſtig und mit einer Anſtrengung die ſeine ganze Geſtalt zu erſchüttern ſchien.„Ich will's nicht glau⸗ ben. Es kann nicht der Fall geweſen ſein, ohne daß Jemand von uns Etwas wußte.“ „Ein furchtbarer Beweis daß ſie in die Verſuchung kam das Verbrechen zu begehen; aber wir können Eliot, Adam Bede. III. 9 130 noch hoffen daß ſie es nicht wirklich begangen habe. Leſen Sie das Schreiben ſelbſt, Adam.“ Adam nahm es in ſeine zitternden Hände und ſuchte ſeine Augen feſt darauf zu richten. Herr Irwine ging mittlerweile hinaus um Einiges anzu⸗ ordnen. Als er zurückkam, weilten Adams Augen noch auf der erſten Seite— er konnte nicht leſen — er konnte die Worte nicht an einander reihen und verſtand ihren Sinn nicht. Endlich warf er das Schreiben weg und ballte ſeine Fauſt. „Das iſt ſein Werk,“ ſagte er;„wenn ein Ver⸗ brechen begangen worden iſt, ſo liegt die Schuld auf ihm, nicht auf ihr. Er lehrte ſie betrügen— er hat mich zuerſt betrogen. Ihm muß man den Prozeß machen— ihn muß man vor Gericht neben ſie ſtellen, dann will ich den Leuten erzählen wie er ihr Herz gefangen, wie er ſie zum Böſen verlockt und hernach mich angelogen hat. Soll er frei aus⸗ gehen und alle Strafe auf ſie allein fallen... das ſchwache, junge Mädchen?“ Das Bild welches dieſe lezten Worte dem armen Adam vor die Seele riefen, gab ſeinen raſenden Gefühlen eine neue Richtung. Er ſah ſchweigend in die Ecke des Zimmers als erblickte er dort Et⸗ was. Da brach er in einem Ton flehender Angſt wieder heraus: „Ich kann es nicht ertragen... O Gott, es liegt allzu ſchwer auf mir— es iſt allzu hart an ihre Schlechtigkeit zu glauben.“ Herr Irwine hatte ſich ſchweigend wieder geſezt: er war zu klug um es ſchon jezt mit beſchwichtigen⸗ den Worten zu verſuchen, und in der That der An⸗ — 131 blick Adams, der plözlich um viele Jahre gealtert ſchien, wie dieß zuweilen in Augenblicken furchtbarer Aufregung über ein junges Geſicht kommt— die Haut ſah hart und blutlos aus, um den bebenden Mund waren tiefe Linien, auf der Stirne waren Furchen zu ſehen— der Anblick dieſes kräftigen, feſten, aber jezt durch den unſichtbaren Schlag des Kummers erſchütterten Mannes, ergriff ihn ſo tief daß das Reden ihm ſchwer wurde. Adam ſtand regungslos da und ſtarrte einige Minuten lang ins Leere: in dieſem kurzen Zeitraum lebte er ſeine ganze Liebe wieder durch. „Sie kann es nicht gethan haben,“ ſagte er, noch immer ohne ſeine Augen zu bewegen, wie wenn er bloß zu ſich ſelbſt ſpräche;„ſie hat es aus Furcht verheimlicht... ich verzeihe ihr daß ſie mich be⸗ trogen hat... ich verzeihe Dir, Hetty... Du biſt ſelbſt betrogen worden... man hat Dir arg mit⸗ geſpielt, meine arme Hetty... aber ſie werden es mich nie glauben machen.“ Wieder ſchwieg er einige Augenblicke, und dann fuhr er wild heraus: „Ich will zu ihm gehen— ich will ihn zurück⸗ bringen— ich will ihn zwingen daß er ſie in ihrem Jammer anſieht— er ſoll ſie ſo lange anſehen daß er es nicht mehr vergeſſen kann— es ſoll ihm Tag und Nacht nachgehen— es ſoll ihm folgen ſo lange er lebt— er ſoll ſich dießmal nicht hinauslügen — ich will ihn holen, ich will ihn herſchleppen.“ „Adam ging auf die Thüre zu, blieb aber mecha⸗ niſch ſtehen und ſchaute nach ſeinem Hut; er wußte durchaus nicht mehr wo oder bei wem er iare Herr 4 13²3 Irwine war ihm gefolgt und nahm ihn jezt beim lunne, indem er ruhig, aber entſchieden zu ihm agte: „Nein, Adam, nein; Sie werden gewiß da blei⸗ en und ſehen wollen was man für ſie Gutes thun kann, ſtatt auf nuzloſe Rache auszugehen. Die Strafe wird ihn auch ohne Ihr Zuthun ſicher treffen. Ueberdieß iſt er nicht mehr in Irland: er muß ſich bereits auf dem Heimweg befinden, oder hätte er die Reiſe jedenfalls lange angetreten ehe Sie an⸗ kämen; denn ich weiß daß ſein Großvater ihm ſchon vor wenigſtens vierzehn Tagen geſchrieben hat er ſolle kommen. Ich erſuche Sie jezt mit mir nach Stoniton zu gehen. Ich habe bereits ein Pferd beſtellt, damit Sie mit uns reiten ſo bald Sie ſich ge⸗ faßt haben.“ Während Herr Irwine ſprach, kam Adam wieder zum vollen Bewußtſein der Sachlage: er ſtrich ſich das Haar aus der Stirne und hörte zu: „Bedenken Sie, Adam,“ fuhr Herr Irwine fort, „daß noch andere Leute da ſind an die wir denken und für die wir handeln müſſen; Hetty's Verwandte, die guten Poyſerſchen, werden von dieſem Schlag ſo ſchwer betroffen werden daß ich gar nicht daran denken mag. Aber Ihnen, Adam, traue ich ſo viel Geiſtesſtärke und ſo viel Pflichtgefühl gegen Gott und Menſchen zu, daß Sie ſo lange⸗handeln werden als das Handeln überhaupt nüzlich ſein kann.“ Wirklich ſchlug Herr Irwine dieſen Ritt nach Stoniton um Adams ſelbſt willen vor. Dewefun mit einem beſtimmten Ziel war das beſte Mittel 133 um der Heſtigkeit des Schmerzes in dieſen erſten Stunden entgegenzuwirken. „Sie werden mit mir nach Stoniton gehen, Adam?“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe wieder. „Wir müſſen ſehen ob es wirklich Hetty iſt.“ „Ja Herr Pfarrer,“ antwortete Adam,„ich will Alles thun was Sie für recht halten. Aber die Leute auf dem Pachthof?“ „Ich wünſche daß ſie noch Nichts erfahren, bis ich zurückkomme und es ihnen ſelbſt ſagen kann. Ich werde mich dann über einige Sachen vergewiſſert haben die mir jezt noch unklar ſind, und ich will ſo bald als möglich zurückkommen. Kommen Sie jezt, die Pferde ſtehen bereit.“ Vierzigſtes Capitel. Kummer und Herzeleid an allen Enden und Ecken. Herr Irwine fuhr noch am ſelben Abend in einer Poſtchaiſe aus Stoniton zurück, und Carrol empfing ihn mit der Nachricht daß der alte Herr Donnithorne geſtorben ſei, man habe ihn heute früh um zehn Uhr todt in ſeinem Bette gefunden; Frau Irwine aber laſſe ihn bitten ſie jedenfalls noch zu beſuchen ehe er ſchlafen gehe. „Nun, Dauphin,“ ſagte ſie, als er in ihr Zim⸗ mer trat,„kommſt Du doch endlich zurück! Das un⸗ ruhige Weſen und die Niedergeſchlagenheit des alten Herrn, als er ſo plözlich nach Arthur ſchickte, hatten 134 alſo doch Etwas zu bedeuten. Vermuthlich hat Car⸗ rol Dir ſchon geſagt daß er heute früh todt in ſei⸗ nem Bette gefunden worden iſt. Ein ander Mal wirſt Du an meine Prophezeiungen glauben, obſchon ich weiter Nichts mehr als meinen eigenen Tod zu prophezeien haben werde.“ „Was hat man wegen Arthurs gethan?“ fragte Herr Irwine.„Hat man ihm einen Boten nach Liver⸗ pool entgegengeſchickt?“ „Ja; Ralph war ſchon abgereist ehe man es uns anſagen ließ. Der liebe Arthur! Jezt erlebe ichs noch ihn als Gutsherrn zu ſehen. Gewiß wird er mit ſeinem edlen Herzen glückliche Zeiten für das ganze Gut herbeiführen. Er wird ſich königlich freuen.“ Herr Irwine konnte nicht umhin leiſe zu ſtöhnen; er war erſchöpft vor Angſt und Anſtrengung, und die leichtfertigen Worte ſeiner Mutter waren ihm bei⸗ nahe unerträglich. „Warum ſiehſt Du ſo verdrießlich aus, Dauphin? Iſt ein Unglück vorgefallen? Oder denkſt Du daran daß Arthur gerade jezt über dieſen ſchrecklichen iriſchen Canal fahren muß?“ „Nein, Mutter, ich denke nicht daran, aber ich bin ganz und gar nicht zur Freude geſtimmt.“ „Du biſt angegriffen wegen des Prozeſſes um deſſen willen Du nach Stoniton mußteſt. Was in aller Welt iſt es nur daß Du zes mir nicht ſagen kannſt?“ „Du wirſt es mit der Zeit ſchon erfahren, Mut⸗ ter. Es wäre unrecht von mir wenn ich es Dir ſchon jezt erzählte. Gute Nacht! Du wirſt gewiß 13⁵ jezt einſchlafen wenn Du Niemand mehr anzuhören brauchſt.“ Herr Irwine entſagte ſeiner Abſicht Arthur einen Brief entgegenzuſchicken, weil dadurch ſeine Rückkehr doch nicht mehr beſchleunigt wurde: die Nachricht vom Tode ſeines Großvaters mußte ihn ja ohnehin ſo bald als möglich zurückführen. Er konnte jezt zu Bette gehen und ſich eine höchſt nothwendige Ruhe gönnen, denn morgen früh erwartete ihn die ſchwere Pflicht auf dem Pachthof und bei Adams das Herzeleid zu verkündigen. Adam ſelbſt war nicht von Stoniton zurückge⸗ kommen; denn obſchon er vor einem Beſuch bei Hetty zurückbebte, ſo konnte er es doch nicht ertragen ſich aufs Neue von ihr zu entfernen. „Es hilft doch Nichts,“ hatte er zu dem Pfarrer geſagt,„es hilft Nichts wenn ich zurückgehe. Arbei⸗ ten kann ich in keinem Fall ſo lange ſie hier iſt, und ich könnte die Leute und Dinge daheim nicht anſehen. Ich will mir ein Stübchen nehmen von wo ich die Gefängnißmauern ſehen kann, und viel⸗ leicht kann ich es mit der Zeit über mich bringen ſie zu beſuchen.“ Adam war in ſeinem Glauben an Hetty's Un⸗ ſchuld nicht erſchüttert worden, denn Herr Irwine, der ihn durch die Beweiſe ihrer Schuld nicht voll⸗ ends ganz niederſchmettern wollte, hatte ihm die Thatſachen verſchwiegen die ihm ſelbſt keine Hoffnung mehr geſtatteten. Es war kein Grund vorhanden die ganze Laſt mit einem Mal auf Adam zu wer⸗ fen, und Herr Irwine ſagte beim Abſchied bloß: „Wenn die Beweiſe gegen ſie zu ſtark werden ſollten, 1 136 Adam, ſo können wir immer noch auf Gnade hof⸗ fen. Ihre Jugend und andere Umſtände werden für ſie reden.“ „Ja, aber die Leute ſollen auch erfahren wie ſie auf den unrechten Weg verleitet worden iſt,“ erklärte Adam mit bitterem Ernſt.„Sie ſollen er⸗ fahren daß ein feiner Herr ihr den Hof gemacht und den Kopf verdreht hat. Und Sie werden ſich erinnern, Herr Pfarrer, daß Sie mir verſprochen haben meiner Mutter und Seth und den Leuten auf dem Pachthof zu ſagen wer ſie verführt hat, ſonſt würden ſie noch härter über ſie urtheilen als ſie verdient. Es wäre ein Unrecht gegen Hetty wenn Sie ihn verſchonten, und nach meiner Anſicht iſt er vor Gott der ſchuldigſte Theil, mag ſie auch gethan haben was ſie will. Wenn Sie ihn ſchonen, ſo werde ich ihn bloßſtellen.“ „Ihr Verlangen iſt gerecht, Adam,“ antwortete Herr Irwine;„aber wenn Sie ruhiger ſind, ſo werden Sie nachſichtiger über Arthur urtheilen. Ich ſage jezt nur daß ſeine Strafe in andern Händen liegt als in den unſrigen.“ Herrn Irwine fiel es ſehr ſchwer daß er Arthurs traurigen Antheil an der Geſchichte von Sünde und Herzeleid erzählen ſollte, denn er hatte ihm ſtets mit väterlicher Liebe und väterlichem Stolz ange⸗ hangen. Aber er ſah wohl daß das Geheimniß, auch abgeſehen von Adams Entſchluß, bald bekannt werden mußte, denn es ließ ſich kaum annehmen daß Hetty bis ans Ende bei ihrem hartnäckigen Schwei⸗ gen beharren würde. Er beſchloß alſo Poyſers Nichts zu verſchweigen, ſondern ihnen das Schlimmſte. 137 auf einmal zu ſagen, denn man hatte keine Zeit mehr um ſie allmählig vorzubereiten. Hetty ſollte vor die bevorſtehenden Aſſiſen geſtellt werden, die in der nächſten Woche in Stoniton eröffnet wurden. Es war kaum zu hoffen daß Martin Poyſer der Qual entgehen konnte als Zeuge gerufen zu werden, und es war am beſten wenn er Alles ſo lang als mög⸗ lich vorher erfuhr. Am Donnerſtag Morgen vor zehn Uhr war der Pachthof ein Haus der Trauer über ein Unglück das man ſchwerer empfand als einen Tod. Das Gefühl der Familienſchande war ſelbſt bei dem gutmüthigen jüngern Martin zu ſcharf um das min⸗ deſte Mitleid mit Hetty aufkommen zu laſſen. Er und ſein Vater waren einfache Pächter, ſtolz auf ihre unbe⸗ fleckte Ehre, ſtolz auf ihre Abſtammung von einer Familie die ihren Kopf ſtets hoch gehalten und ihre Steuern pflichtlich bezahlt hatte ſo lange ihr Name im Kirchenbuch ſtand; und Hetty hatte Schande, unaus⸗ löſchliche Schande über ſie Alle gebracht. Das war das überwältigende Gefühl bei Vater und Sohn; das brennende Bewußtſein der Schande unterdrückte jede zartere Regung, und mit Verwunderung bemerkte Herr Irwine daß Frau Poyſer weniger ſtreng war als ihr Mann. Wir erſchrecken oft über die Strenge die ſanfte Leute bei außerordentlichen Gelegenheiten entwickeln, während ſie ſonſt am meiſten unter dem Joch über⸗ lieferter Eindrücke ſtehen. „Ich will alles Geld bezahlen um ſie hinauszu⸗ bringen,“ ſagte der jüngere Martin, als Herr Ir⸗ wine gegangen war, indeß der alte Großvater in ſeinem Lehnſtuhl weinte;„aber ich will mich ihr nie 138 mehr nähern, ich will ſie nie mehr ſehen ſo weit es auf mich ankommt. Sie hat uns unſere ganze Zukunft verbittert, und wir können nie mehr unſere Köpfe hoch tragen, weder in dieſer Gemeinde noch in einer andern. Der Pfarrer ſpricht zwar davon daß die Leute Mitleid mit uns haben werden; aber was hilft uns das Mitleid?“ „Mitleid?“ verſezte der Großvater ſcharf.„Ich habe nie in meinem Leben Mitleid nöthig gehabt zund jezt ſoll ich auf mich herabſehen laſſen, nachdem ich am Thomastag zweiundſiebzig geweſen bin und alle meine Leichenträger bereits aus unſerer und der nächſten Gemeinde ausgewählt habe.. Jezt iſt Alles umſonſt... ich muß mich von frem⸗ den Leuten zu Grabe tragen laſſen.“ „Grämt Euch nicht ſo, Vater,“ ſagte Frau Poyſer, die bis jezt ſehr wenig geſprochen, weil die unge⸗ wöhnliche Härte und Entſchiedenheit ihres Mannes ſie beinahe geängſtigt hatte.„Ihr werdet immer Eure Kinder um Euch haben, und die Jungen und das kleine Mädchen werden in einer neuen Gemeinde ſo gut gedeihen wie in der alten.“ „Ja, wir können in dieſer Grafſchaft nicht blei⸗ ben,“ ſagte Herr Poyſer, dem dicke Thränen langſam über die runden Wangen liefen.„Wir hielten es für ein Unglück wenn der alte Herr uns kündigen würde, und jezt muß ich ſelbſt kündigen und zuſehen ob ich Jemand bekomme der nach der Ernte ſieht, welche ich ausgeſäet habe, denn auf dem Grund und Boden dieſes Menſchen bleibe ich keinen Tag länger als ich muß. Und ich hatte ihn immer für ſo einen braven aufrichtigen jungen Mann gehalten, 139 ich hatte mich immer darauf gefreut wenn er einmal unſer Gutsherr würde. Nie werde ich mehr den Hut vor ihm abziehen und will auch nimmer in derſelben Kirche ſizen wie er... er hat Schande über anſtändige Leute gebracht... und er that als ob er es mit Allen ſo wohl meinte... Der arme Adam... ja gegen ihn hat er ſich als ein ſauberer Freund gezeigt... hat ihm immer ſo ſchön vorgeſchwazt und vergiftet mittlerweile dem Jungen ſein Leben : er kann auch nimmer im Lande bleiben, ſo wenig als wir.“ „Und Du mußt noch vor Gericht gehen und Dich als ihr Onkel bekennen,“ fügte der Greis hin⸗ zu.„Wahrlich, die Leute werden es einmal Eurer Jüngſten, die noch nicht vier Jahre alt iſt, vorwerfen — ſie werden ihrs vorwerfen daß ihre Baſe wegen Mords vor den Aſſiſen geſtanden habe.“ „Das wäre ſehr ſchlecht von den Leuten,“ ver⸗ ſezte Frau Poyſer ſchluchzend.„Aber es iſt Einer über uns, der wird ſich des unſchuldigen Kindes annehmen, ſonſt dürfte man ja nimmer glauben was der Pfarrer auf der Kanzel ſagt. Lieber von den Kindern wegſterben, ſo daß ſie keine Mutter mehr haben.“ „Wir ſollten an Dina ſchreiben, wenn wir nur wüßten wo ſie iſt,“ meinte Herr Poyſer,„aber Adam ſagte ja ſie habe nicht hinterlaſſen wo man ſie in Leeds finden kann.“ „Ei, ſie iſt wahrſcheinlich bei der alten Freundin ihrer Tante Marie,“ ſagte Frau Poyſer, welcher dieſer Einfall ihres Mannes einigen Troſt gewährte. „Dina hat mir oft von ihr erzählt, aber ich kann 140 mich auf ihren Namen nicht mehr beſinnen. Doch iſt ja Seth Bede da; der weiß es ſicher, denn ſie iſt eine Predigerin auf welche die Methodiſten große Stücke halten.“ „Ich will zu Seth ſchicken,“ ſagte Herr Poyſer. „Alick ſoll ihn einladen hierher zu kommen oder uns wenigſtens den Namen dieſer Frau mitzutheilen, und dann kannſt Du einen Brief ſchreiben den man ſo⸗ gleich nach Treddleſton ſchickt, ſobald wir die Adreſſe haben.“ „Das Schreiben hilft nicht viel wenn man in der Trübſal ein Verlangen nach Freunden hat,“ ſagte Frau Poyſer.„Vielleicht bleibt der Brief Wochen lang unterwegs liegen, und am Ende be⸗ kommt ſie ihn gar nicht.“ CEhe Alick mit ſeiner Botſchaft eintraf, waren auch Lisbeths Gedanken bereits zu Dina geflogen, und ſie hatte zu Seth geſagt: „Es gibt für uns keinen Troſt mehr in der Welt, wenn Du nicht machſt daß Dina Morris zu uns kommt, wie damals als mein Alter ſtarb. Ich wollte ſie käme jezt herein und nähme mich wieder bei der Hand und ſpräche zu mir; ſie würde mir gewiß Alles recht auslegen; ſie wüßte vielleicht etwas Gutes von all dieſer herzbrechenden Trübſal die über den armen Jungen gekommen iſt, welcher in ſeinem ganzen Leben keinem Menſchen ein Unrecht gethan hat, ſondern beſſer war als alle zuſammen in der ganzen Grafſchaft umher. Ach, mein Junge... Adam, mein armer Junge!“ „Würdeſt Du nicht erlauben daß ich Dich ver⸗ 8 — 141 ließe und ſelbſt hinginge um Dina zu holen?“ ſagte Seth, als ſeine Mutter ſchluchzend ſich hin und her wiegte. „Sie holen?“ ſagte Lisbeth, indem ſie aufſchaute und ſich beruhigte, wie ein weinendes Kind dem man etwas Tröſtliches verſpricht.„Wo iſt ſie denn eigentlich jezt?“ „Weit von hier, Mutter— in Leeds, einer großen Stadt. Aber ich könnte in drei Tagen zurück ſein, wenn Du mich entbehren könnteſt.“ „Nein, nein, ich kann Dich nicht entbehren. Du mußt nach Deinem Bruder ſehen und mir melden was er macht. Herr Irwine ſagte zwar er wolle ſelbſt kommen und mir erzählen, aber ich verſtehe ihn nicht ſo recht. Du mußt alſo ſelbſt gehen, da Adam mich nicht kommen laſſen will. Aber kannſt Du denn nicht an Dina ſchreiben? Du ſchreibſt ja ſonſt ſo gerne, wenn Niemand etwas von Dir wiſſen will.“ „Ich weiß nicht wo ſie ſich in dieſer großen Stadt aufhält,“ ſagte Seth.„Wenn ich ſelbſt hin ginge, ſo könnte ich ſie vielleicht bei den Mitgliedern der Geſellſchaft erfragen; aber vielleicht, wenn ich Sara Williamsſon, Methodiſtenpredigerin in Leeds, darauf ſchreibe, ſo bekommt ſie den Brief; denn höchſt wahrſcheinlich wohnt ſie bei Sara Williamsſon.“ Alick kam jezt mit ſeiner Botſchaft, und da Seth alſo wußte daß Frau Poyſer an Dina ſchrieb, ſo gab er ſeine Abſicht ſelbſt zu ſchreiben auf, ging aber nach dem Pachthof um ſeine Vermuthungen über Dina's Wohnung mitzutheilen und darauf aufmerk⸗ ſam zu machen daß der Brief ihr wohl nicht ſo bald zukommen werde, da man ihre Adreſſe nicht ſo genau kenne. Von Lisbeth aus war Herr Irwine zu Herrn Burge gegangen, der wohl erwarten konnte über den Grund benachrichtigt zu werden warum Adam vor⸗ ausſichtlich längere Zeit vom Geſchäft wegblieb, und Abends ſechs Uhr gab es nur noch wenige Leute in Broxton und Hayſlope welche die traurige Nachricht nicht gewußt hätten. Herr Irwine hatte zu Burge nichts von Arthur geſagt, und doch war die Geſchichte ſeines Verhältniſſes mit Hetty, ſammt all den dun⸗ keln Schatten welche durch ihre furchtbaren Folgen darauf geworfen wurden, ſchon ſo gut bekannt als daß ſein Großvater geſtorben und er ſelbſt jezt Guts⸗ herr geworden war. Denn Martin Poyſer fühlte ſich nicht verpflichtet gegen die wenigen Nachbarn die ihn ſchon am erſten Abend zu beſuchen und kummervoll ſeine Hand zu ſchütteln wagten nur dieſen Umſtand zu verſchweigen, und Carrol, der ſeine Ohren für Alles offen hielt was im Pfarrhaus vorging, hatte ſich aus lauter Schlußfolgerungen eine Ge⸗ ſchichte zurecht gemacht die zu erzählen er bald genug Gelegenheiten fand.. Einer von dieſen Nachbarn die zu Martin Poyſer kamen und ihm ſprachlos einige Minuten die Hand drückten, war Barthel Maſſey. Er hatte ſeine Schule geſchloſſen und befand ſich auf dem Weg nach dem Pfarrhaus, wo er Abends um halb acht Uhr ankam und Herrn Irwine, unter vielen Entſchuldigungen daß er ihn zu ſo ſpäter Abendſtunde noch beläſtige, ſagen ließ, er habe etwas Beſonderes auf ſeinem 143 Herzen. Er wurde ins Studirzimmer gewieſen, wo Herr Irwine bald zu ihm kam. „Nun Barthel?“ ſagte Herr Irwine, indem er ihm die Hand entgegenſtreckte; dieß war nicht ſeine gewöhnliche Art den Schulmeiſter zu begrüßen, aber in der Trübſal behandeln wir Alle die mit uns füh⸗ len ſo ziemlich als Unſersgleichen,„ſezen Sie ſich.“ „Sie wiſſen ſicherlich ſo gut wie ich ſelbſt warum ich zu Ihnen komme,“ begann Barthel. „Sie wollen wiſſen was an den traurigen Nach⸗ richten über Hetty Sorrel Wahres iſt.“ „Nein, Herr Pfarrer, ich möchte mich gerne über Adam Bede erkundigen. So viel ich höre, haben Sie ihn in Stoniton gelaſſen, und jezt möchte ich Sie um Aufſchluß bitten wie es mit dem armen Jungen ausſieht und was er zu thun gedenkt. Denn nach dem Bischen Milch und Blut was man ſich die Mühe genommen hat ins Gefängniß zu ſtecken, frage ich ſo wenig als nach einer wurmigen Nuß — ſie intereſſirt mich bloß in ſo fern als ſie über einen ehrlichen Burſchen Freude oder Leid bringen kann, denn auf dieſen Jungen habe ich ſo große Stücke gehalten. Ich hoffte durch ihn meine wenigen Kenntniſſe für die Welt nuzbar zu machen... ſehen Sie, Herr Pfarrer, er iſt mein einziger Schüler in dieſer dummen Gegend der Luſt und Sinn für Mathematik hatte. Hätte der arme Junge nicht ſo ſchwer arbeiten müſſen, dann hätte er es bis zu den höheren Wiſſenſchaften gebracht und dann wäre dieß Alles nicht vorgekommen.“ Barthel war von ſeinem raſchen Gehen in großer Gemüthsaufregung erhizt und konnte ſich bei dieſer 144 erſten Gelegenheit ſeinen Gefühlen Luft zu ſchaffen nicht Einhalt thun. Aber jezt hielt er inne um ſeine feuchte Stirne und wahrſcheinlich auch ſeine feuchten Augen abzureiben. „Sie müſſen mich entſchuldigen, Herr Pfarrer,“ ſagte er, als dieſe Pauſe ihm Zeit zum Nachdenken gelaſſen hatte,„daß ich auf ſolche Weiſe mit meinen Gefühlen herausplaze, ohne daß mich Jemand zu hören verlangt, gerade wie ein närriſcher Hund der beim Gewitter heult. Ich kam um Sie ſprechen zu hören, nicht um ſelbſt zu ſprechen; wenn Sie mir gefälligſt ſagen wollten was der arme Junge macht!“ „Geniren Sie ſich durchaus nicht, Barthel,“ verſezte Herr Irwine.„Ich ſelbſt befinde mich ſo ziemlich in derſelben Lage wie Sie; ich habe gar Manches was mir ſchwer auf der Seele liegt, und es kommt mich hart an von meinen eigenen Gefühlen ganz zu ſchweigen und bloß auf Fremde zu achten. Ich theile Ihren Kummer um Adam, obſchon er nicht der Einzige iſt deſſen Leiden in dieſer Sache mir nahe geht. Er gedenkt über den Proceß in Stoniton zu bleiben, und dieſer wird wahrſcheinlich morgen über acht Tage beginnen. Adam hat ein Zimmer dort genommen, und ich habe ihm dabei zugeredet, weil ich es für beſſer halte daß er jezt vom Hauſe wegbleibt; der arme Burſche glaubt immer noch an Hetty's Unſchuld, er möchte gerne den Muth gewinnen ſie zu ſehen wenn er kann; er will den Ort nicht verlaſſen wo ſie iſt.“ „Sie halten alſo die Creatur für ſchuldig?“ fragte Barthel.„Glauben Sie daß man ſie hän⸗ gen wird?“ & ⏑C——————— 145 „Ich fürchte es wird ihr ſchlecht ergehen, es liegen ſehr ſtarke Beweiſe vor. Und ein ſchlimmes Zeichen iſt daß ſie Alles wegläugnet. Sie läugnet, troz der beſtimmteſten Beweiſe, daß ſie überhaupt ein Kind gehabt habe. Ich habe ſie ſelbſt beſucht und ſie ſchwieg hartnäckig gegen mich; ſie fuhr wie ein geängſtigtes Thierchen zuſammen als ſie mich erblickte. Nie in meinem Leben hat mich Etwas ſo erſchüttert wie die Veränderung die mit ihr vorge⸗ gangen iſt. Aber ich glaube daß wir im ſchlimmſten Fall eine Begnadigung auswirken können, wegen der unſchuldigen Leute die darein verwickelt ſind.“ „Dummes Zeug! Unſinn!“ ſagte Barthel, der in ſeiner Erbitterung vergaß mit wem er ſprach.„Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Pfarrer; ich meine bloß es ſei dummes Zeug und Unſinn wenn die Unſchuldigen ſich darum bekümmern ob ſie gehängt wird. Ich für meinen Theil denke, je eher man ſolche Weibsbilder aus der Welt ſchaffe, um ſo beſſer ſei es, und die Männer die ihnen zu dem Unſug verhelfen, ſollten nur auch gleich mit ihnen gehen. Was kann es nüzen wenn man ſolches Ungeziefer am Leben läßt? ſie eſſen ja nur andern vernünftigen Geſchöpfen das Brod weg. Aber wenn Adam Narr genug iſt ſich darum zu bekümmern, ſo will ich daß er wenigſtens nicht mehr leiden ſoll als nöthig iſt ... Iſt er ſehr angegriffen, der arme Junge?“ fügte Barthel hinzu, indem er ſeine Brille heraus⸗ nahm und auſſezte, als ſollte ſie ſeiner Einbildungs⸗ kraft zu Hilfe kommen. „Ja, ich fürchte, der Kummer ſchneidet ſehr tief Eliot, Adam Bede. III. 10 ein,“ antwortete Herr Irwine.„Er ſieht furchtbar erſchüttert aus, und geſtern kam zuweilen eine ge⸗ wiſſe Heftigkeit über ihn, ſo daß ich gewünſcht hätte in ſeiner Nahe bleiben zu können; aber ich gehe morgen wieder noch Stoniton, und ich traue Adam ſo feſte Grundſäze zu, daß er fähig ſein wird das Schlimmſte zu ertragen ohne ſich zu einem unüber⸗ legten Schritt hinreißen zu laſſen.“ err Irwine, der dieſe lezten Worte unwillkür⸗ lich mehr zu ſich ſelbſt ſprach als an Barthel Maſſey richtete, dachte an die Möglichkeit, Adam könnte in ſeiner Rachſucht gegen Arthur, denn dieß war die Form welche ſein Schmerz beſtändig annahm, auf eine Begegnung ausgehen die vielleicht ſchlimmer würde als jene im Wäldchen. Dieſe Möglichkeit ſteigerte die Angſt womit er der Ankunft Arthurs entgegen ſah. Aber Barthel meinte, Herr Irwine denke an Selbſtmord, und auf ſeinem Geſicht malte ſich eine neue Unruhe. „Ich will Ihnen ſagen was ich im Sinn habe, Herr Pfarrer,“ ſagte er,„und ich hoffe Sie werden es gut heißen. Ich will meine Schule ſchließen; wenn die Schüler kommen, müſſen Sie wieder ab⸗ ziehen, das iſt Alles; ich will nach Stoniton gehen und nach Adam ſehen bis dieſer Handel vorüber iſt. Ich ſage ihm ich ſei gekommen um den Aſſiſen an⸗ zuwohnen; dagegen kann er nichts einreden. Was ſagen Sie dazu, Herr Pfarrer?“ „Nun ja,“ antwortete Herr Irwine mit einigem Zögern,„das hat wirklich Einiges für ſich und ich ehre Sie um Ihre Freundſchaft für Adam. Aber Barthel, Sie müſſen ſich mit Ihren Reden ein wenig 147 in Acht nehmen. Ich fürchte Sie haben gar zu wenig Mitgefühl in Bezug auf das was Sie ſeine Schwäche gegen Hetty nennen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Herr Pfarrer, ver⸗ laſſen Sie ſich auf mich, ich weiß ſchon was Sie meinen. Ich bin ſelbſt einmal ein Narr geweſen, aber das muß unter uns bleiben. Ich werde mich ihm nicht aufdrängen— ich will ihn bloß im Auge behalten, ich will bloß zuſehen daß er etwas Gutes zum Eſſen bekommt und dann und wann ein Wörtchen dreinreden.“ „Dann,“ ſagte Herr Irwine, in Bezug auf Bar⸗ thels Mäßigung ein wenig beruhigt,„dann glaube ich daß Sie ein gutes Werk thun; auch könnte es nicht ſchaden wenn Sie Adams Mutter und Bruder wiſſen ließen daß Sie zu ihm gehen.“ „Ja, Herr Pfarrer, ja,“ ſagte Barthel, indem er aufſtand und ſeine Brille abnahm,„das will ich thun, das will ich thun. Die Mutter iſt zwar ein winſelndes Ding und ich komme nicht gerne in ihre Gehörweite, aber ſie ſteht aufrecht da und iſt reinlich, keine ſolche Schlampe. Gute Nacht, Herr Pfarrer, und meinen Dank daß Sie mir ſo viel Zeit gewid⸗ met haben. Sie ſind Jedermanns Freund in dieſer Angelegenheit— Jedermanns Freund. Sie haben eine ſchwere Laſt auf Ihre Schulter bekommen.“ „Adieu, Barthel! Ohne Zweifel ſehen wir uns in Stoniton wieder.“ Barthel eilte aus dem Hauſe, indem er der ge⸗ ſchwäzigen Zudringlichkeit Carrol's auswich und zu Füchschen, die mit ihren kurzen Beinen im Kies neben ihm her trippelte, in erbittertem Toner ſagte: 148 „Nun, ich werde ſie wohl mitnehmen müſſen, ſie nichtsnuziges Weibsbild. Sie würde ſich zu Tode grämen wenn ich ſie allein ließe, und vielleicht würde ſie ſich gar von einem Landſtreicher auffangen laſſen, und jezt wird ſie wohl, denke ich, ſchlechterer Geſell⸗ ſchaft nachlaufen und ihre Naſe in jedes Loch und in jede Ecke ſtecken wo ſie nichts zu ſchaffen hat; aber wenn ſie etwas Unehrbares thut, ſo verläugne ich ſie— merke ſie ſich das, Madame, merke ſie ſich das.“ Einundvierzigſtes Capitel. Vorabend des Proeceſſes. Ein Zimmer im obern Stock in einer öden Straße von Stoniton; in dem Zimmer zwei Betten, wovon eines auf dem Boden. Es iſt Donnerſtag Abend um zehn Uhr, und die dunkle Mauer gegen⸗ über dem Fenſter verdeckt das Mondlicht, das mit dem Schein eines Talgſtümpchens hätte ringen müſſen, bei welchem Barthel Maſſey ſcheinbar liest, während er in Wirklichkeit über ſeine Brille hinweg Adam Bede anſieht, der in der Nähe des dunkeln Fenſters ſizt. Ihr würdet Adam kaum kennen wenn man's euch nicht ſagte. Sein Geſicht iſt in dieſer lezten Woche magerer geworden, ſeine Augen ſind eingeſunken, ſein Bart verwahrlost; er ſieht aus als wäre er erſt von einem Krankenlager erſtanden. Sein ſchwarzes Haar hängt ſchwer über ſeine Stirne herein, und er ver⸗ 149 ſpürt keinen Drang es wegzuſtreichen, um genauer beobachten zu können was um ihn her vorgeht. Der eine Arm liegt auf einer Stuhllehne, und er ſcheint auf ſeine zuſammengepreßten Hände hinabzuſchauen. Ein Klopfen an der Thüre wird gehört. „Da iſt er,“ ſagte Barthel Maſſey, indem er haſtig aufſtand und die Thüre öffnete. Es war Herr Irwine.— Adam erhob ſich mit inſtinctmäßiger Ehrerbietung, als Herr Irwine auf ihn zutrat und ſeine Hand ergriff. „Ich komme ſpät, Adam,“ ſagte der Pfarrer, indem er ſich auf den Stuhl ſezte den Barthel ihm vorrückte;„aber ich konnte nicht ſo früh als ich gewünſcht hätte von Broxton wegkommen und war ſeit meiner Ankunft hier beſtändig in Anſpruch ge⸗ nommen. Iezt jedoch habe ich Alles gethan, wenig⸗ ſtens Alles was heute Nacht gethan werden konnte. Wir wollen uns jezt zuſammenſezen.“ Adam nahm mechaniſch ſeinen Stuhl wieder ein, und Barthel, für welchen kein Stuhl übrig blieb, ſezte ſich im Hintergrunde auf das Bett. „Haben Sie ſie geſehen, Herr Pfarrer?“ fragte Adam zitternd. „Ja, Adam, ich und der Caplan waren heute Abend Beide bei ihr.“ „Haben Sie ſie gefragt... haben Sie ihr etwas von mir geſagt?“ „Ja,“ antwortete Irwine mit einigem Zögern; nich habe von Ihnen geſprochen. Ich ſagte ihr, Sie wünſchten ſie vor dem Proceſſe noch zu ſehen, weenn ſie darein willige.“ 150 Als Herr Irwine inne hielt, ſah ihn Adam mit eifrigem fragendem Blicke an.“ „Sie wiſſen, Adam, daß ſie keinen Menſchen ſehen will, daß ſie davor zurückbebt irgend Jemand zu ſehen. Sie ſind es nicht allein— irgend ein fataler Einfluß ſcheint ihr Herz gegen ihre Mitge⸗ ſchöpfe verſchloſſen zu haben. Sie hat ſowohl mir als dem Caplan kaum etwas Anderes geantwortet als Nein. Als ich ſie vor drei oder vier Tagen, ohne noch von Ihnen zu ſprechen, fragte ob ſie ir⸗ gend Jemand von ihrer Familie zu ſehen wünſche dem ſie ihr Herz öffnen könne, antwortete ſie mit einem heftigen Schauder:„Sagen Sie ihnen daß ſie mir nicht nahe kommen, ich will keines von ihnen ſehen.“ Adam ließ ſeinen Kopf wieder hängen und ſprach kein Wort. Einige Minuten lang herrſchte allgemeine Stille, dann begann Herr Irwine wieder: „Ich möchte Ihnen nichts rathen was gegen Ihre eigenen Gefühle ginge, Adam, wenn Sie jezt einen ſtarken Drang in ſich verſpüren morgen früh zu ihr zu gehen, ſelbſt ohne daß ſie eingewilligt hat. Troz allen Anſcheins vom Gegentheil wäre es doch mög⸗ lich daß eine ſolche Beſprechung günſtig auf ſie wirken würde. Aber ich muß Ihnen mit Bedauern ſagen daß ich dieß kaum hoffe. Sie ſchien nicht im Min⸗ deſten bewegt als ich Ihren Namen nannte; ſie ſagte bloß Nein, und zwar in dem kalten, hartnäckigen Tone wie gewöhnlich. Und wenn die Zuſammen⸗ kunft keine gute Wirkung auf ſie hervorbrächte, ſo wäre ſie, fürchte ich, bloß ein nuzloſes, ſchweres Leiden für Sie, Adam. Hetty iſt ſehr verändert...“ 4 „ * 151 Adam ſprang von ſeinem Stuhle auf und ergriff ſeinen Hut, der auf dem Tiſche ſtand. Aber er blieb dann ſtehen und ſchaute Herrn Irwine an, als hätte er ihn Etwas zu fragen was nicht ſo leicht über ſeine Lippen wolle. Barthel Maſſey ſtand ruhig auf, drehte den Schlüſſel in der Thüre um und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „Iſt er zurückgekommen?“ fragte Adam endlich. „Nein, noch nicht,“ antwortete Herr Irwine ruhig.„Stellen Sie Ihren Hut wieder hin, Adam, wenn Sie nicht lieber einen kleinen Spaziergang mit mir machen wollen. Ich fürchte, Sie ſind heute noch nicht in der friſchen Luft geweſen.“ „Sie müſſen mich nicht täuſchen, Herr Pfarrer,“ ſagte Adam im Tone zornigen Argwohns und mit einem ſcharfen Blick auf Herrn Irwine;„Sie brauchen mich nicht zu fürchten. Ich verlange weiter nichts als Gerechtigkeit. Es ſoll ihm eben ſo zu Muthe werden wie ihr... es iſt ſein Werk... ſie war ein Kind bei deſſen Anblick Jedermann das Herz aufgehen mußte. Ich frage nichts darnach was ſie gethan hat... er war es der ſie dazu gebracht hat, und er ſoll es erfahren... er ſoll es fühlen... wenn es eine Gerechtigkeit im Himmel gibt, ſo ſoll er fühlen was es heißt ein Kind wie ſie in Sünde und Elend gebracht zu haben.“ „Ich täuſche Sie nicht, Adam,“ ſagte Herr Ir⸗ wine.„Arthur Donnithorne iſt nicht zurückgekehrt — wenigſtens war er noch nicht da als ich abreiste. Ich habe einen Brief an ihn hinterlaſſen: er wird gleich bei ſeiner Ankunft Alles erfahren.“ „Aber Sie fragen nichts darnach,“ ſagte Adam erbittert.„Es iſt Ihnen gleichgiltig daß ſie in Schande und Elend daliegt, und er erfährt nichts davon, er leidet nicht darunter.“ „Adam, er wird es erfahren, er wird leiden und zwar lang und bitter. Er hat ein Herz und ein Gewiſſen; ich kann mich nicht gänzlich in ſeinem Charakter täuſchen; ich bin feſt überzeugt daß er der Verſuchung nicht ohne Kampf erlegen iſt. Er mag ſchwach ſein, aber er iſt nicht gefühllos, iſt kein kalter Egoiſt. Ich bin überzeugt, es wird ein Schlag für ihn ſein deſſen Wirkungen ihm ſein ganzes Leben hindurch nachgehen werden. Warum dürſten Sie ſo nach Rache? Keine Folterqual die Sie ihm zufügen könnten, würde ihr zu Gute kommen.“— „Nein, o Gott, nein,“ ächzte Adam, indem er von Neuem in ſeinen Stuhl ſank,„das iſt gerade der ſchwerſte Fluch in der Sache... darum iſt ſie ſo ſchwarz ... ſie läßt ſich nicht ungeſchehen machen. Meine arme Hetty... ſie kann nie wieder meine holde Hetty ſein... das hübſcheſte Kind das Gott erſchaffen hat... wenn ſie mich ſo anlächelte... ich glaubte ſie liebe mich... und ſie ſei brav...“ Adams Stimme war allmählig in einen heiſern Flüſterton übergegangen; aber jezt ſagte er plözlich, indem er Herrn Irwine anſchaute: „Aber ſie iſt nicht ſo ſchuldig wie die Leute ſagen? Sie glauben es nicht von ihr, Herr Pfarrer? Sie kann es nicht gethan haben.“ „Das läßt ſich vielleicht nie mit Gewißheit er⸗ mitteln,“ antwortete Herr Irwine ſanft.„In ſolchen Fällen bilden wir uns zuweilen ein Urtheil nach dem was uns ein ſtarker Beweis zu ſein ſcheint, und wir „ 153 können uns irren wenn wir bloß eine einzige kleine Thatſache nicht wiſſen. Aber ſelbſt das Schlimmſte angenommen, ſo haben Sie kein Recht zu behaupten daß die Schuld von ihrem Verbrechen auf ihn falle und daß er die Strafe erleiden ſolle. Es ſteht uns Menſchen nicht zu die Grade der ſittlichen Schuld und der Vergeltung abzuwägen. Sogar bei der Entſcheidung darüber wer ein einzelnes Verbrechen begangen hat, iſt es uns unmöglich Irrthümer zu vermeiden, und die Frage, wie weit ein Menſch für die unvorhergeſehenen Folgen ſeiner eigenen That verantwortlich gemacht werden kann, gehört zu denjenigen an die wir uns nicht ohne Zittern wagen dürfen. Wie viele üble Folgen im Keime einer ein⸗ zigen Handlung ſelbſtfüchtigen Leichtſinns liegen können, das iſt ein ſo ſchrecklicher Gedanke, daß er wahrlich beſcheidenere Gefühle in uns wecken ſollte als vorſchnelle Rachegedanken. Sie beſizen Verſtand genug um dieß Alles einzuſehen, Adam, wenn Sie ruhig ſind. Glauben Sie nicht daß ich den Schmerz nicht zu würdigen wiſſe der Sie in dieſe Rache und in dieſen Haß hineintreibt, aber bedenken Sie wohl: wenn Sie Ihrer Leidenſchaft gehorchen würden, denn Leidenſchaft iſt es und Sie täuſchen ſich ſelbſt wenn Sie von Gerechtigkeit ſprechen, ſo könnte es Ihnen gerade ſo gehen wie Arthur, und ſogar noch ſchlim⸗ mer, Ihre Leidenſchaft könnte Sie zu einem ſchreck⸗ lichen Verbrechen verleiten.“ „Nein, nicht ſchlimmer,“ erwiderte Adam bitter; nich glaube nicht daß es ſchlimmer iſt; ich wollte es eher thun, ich wollte eher eine Schlechtigkeit be⸗ gehen für die ich ſelbſt leiden könnte, als daß ich 15⁵4 ſie zu einer Schlechtigkeit gebracht hätte und dann dabei ſtände und zuſähe wie man ſie beſtraft, wäh⸗ rend man mich in Ruhe ließe. Und dieß Alles um eines flüchtigen Vergnügens willen; wahrlich wenn er ein menſchliches Herz hätte, er hätte ſich eher die Hand abgehauen als ſich dieſes erlaubt. Mußte er nicht vorherſehen was daraus erfolgen würde? Er ſah es recht wohl; er konnte nichts Anderes als Jammer und Schande für ſie davon erwarten. Und dann wollte er Alles mit glatten Lügen ins Reine bringen. Nein— es werden Leute wegen mancher Dinge gehängt die nicht halb ſo abſcheulich ſind wie dieß; es mag einer thun was er will, wenn er weiß daß er ſelbſt die Strafe zu tragen hat, ſo iſt er nicht halb ſo ſchlecht wie ein gemeiner ſelbſtſüch⸗ tiger Feigling der nur ſeine Luſt büßen will, wäh⸗ rend er wohl weiß daß die Strafe auf Jemand anders fällt.“ „Auch hierin täuſchen Sie ſich zum Theil, Adam. Es gibt kein Unrecht wofür ein Menſch die Strafe allein auf ſich nehmen kann. Sie können ſich nicht abſchließen und ſagen, das Böſe was in Ihnen ſei, werde ſich nicht verbreiten. Die Menſchen vermengen ſich in ihrem Leben ſo vollſtändig mit einander wie die Luft die ſie athmen; das Böſe verbreitet ſich ſo nothwendig wie eine Krankheit. Ich kenne und fühle die furchtbare Ausdehnung des Jammers welchen Arthur durch dieſe Sünde über Andere ge⸗ bracht hat, aber jede Sünde bringt auch andern Leuten Schmerz, nicht bloß denjenigen die ſie begehen. Ein Racheact von Ihrer Seite gegen Arthur würde nur noch ein neues Uebel zu demjenigen fügen unter wel⸗ 15⁵ chem wir bereits leiden: Sie könnten die Strafe nicht allein tragen, ſondern würden den bitterſten Jammer über alle Diejenigen bringen die Ihnen mit Liebe zugethan ſind. Sie würden einen Act blinder Wuth begehen, der alle bereits vorhandenen Uebel juſt ſo ließe wie ſie ſind und nur noch neue hinzufügen würde. Sie können mir ſagen daß Sie auf keinen tödtlichen Act der Rache ſinnen: aber das Gefühl in Ihrem Herzen führt zu ſolchen Handlungen, und ſo lange Sie ihm nachhängen, ſo lange Sie nicht einſehen daß es Rache und nicht Gerechtigkeit iſt auf Arthurs Beſtrafung zu ſinnen, ſo lange ſtehen Sie in Gefahr ſich zu irgend einem großen Unrecht verleiten zu laſſen. Erinnern Sie ſich was Sie mir von Ihren Gefühlen erzählten, als Sie Arthur im Wäldchen jenen Schlag verſezt hatten.“ Adam ſchwieg; die lezten Worte hatten ihm lebhaft die Vergangenheit vor Augen geführt, und Herr Irwine überließ ihn ſeinen Gedanken, während er mit Barthel Maſſey über das Begräbniß des alten Herrn Don⸗ nithorne und andere gleichgültige Dinge ſprach. Aber endlich drehte ſich Adam und ſagte in ge⸗ dämpfterem Tone: „Ich habe noch nicht nach den Leuten auf dem Pachthof gefragt, Herr Pfarrer. Kommt Herr Poyſer?“ „Er iſt ſchon hier; er iſt heute Abend in Stoni⸗ ton. Aber ich konnte ihm nicht rathen Sie aufzu⸗ ſuchen, Adam. Er iſt gemüthlich ſehr geſtört, und ich halte es fürs Beſte wenn er nicht zu Ihnen kommt bevor Sie ruhiger ſind.“ 156 „Iſt Dina Morris zu Ihnen gekommen, Herr Pfarrer? Seth ſagte Sie hätten nach ihr geſchickt.“ „Nein. Herr Poyſer ſagte mir, ſie ſei bei ſeiner Abreiſe noch nicht dageweſen. Sie fürchten daß ihr der Brief noch nicht zugekommen ſei; es ſcheint, ſie hatten keine genaue Adreſſe.“ Adam ſaß eine Weile nachdenklich da und ſagte dann: „Ich möchte doch wiſſen ob Dina zu ihr gegan⸗ gen wäre. Aber vielleicht würden ſich Poyſers da⸗ wider geſezt haben, da ſie ſelbſt ihr nicht nahe kom⸗ men wollen. Aber ich glaube doch daß ſie es thun würde, denn die Methodiſten ſind ganz die rechten Leute um Gefangene zu beſuchen, und Seth iſt auch der Meinung daß ſie es thäte. Dina war immer ſehr zärtlich gegen ſie. Wer weiß ob ſie nicht etwas Gutes hätte ſtiften können? Sie haben Dina nie geſehen, Herr Pfarrer, oder?“ „Doch: ich hatte ein Geſpräch mit ihr— ſie gefiel mir ſehr wohl, und da Sie jezt davon ſprechen, ich würde ſehr wünſchen daß ſie käme; denn es iſt möglich daß eine milde, ſanfte Perſon wie ſie Hetty dazu brächte ihr Herz zu öffnen. Der Gefängniß⸗ caplan iſt etwas barſch in ſeinem Benehmen.“ „Aber es nüßt doch nichts wenn ſie auch kommt,“ ſagte Adam betrübt. „Wenn ich früher daran gedacht hätte, ſo würde ich Maßregeln ergriffen haben um ſie aufzufinden,“ ſagte Herr Irwine,„aber jezt, fürchte ich, iſt es zu ſpaͤt. Nun, Adam, ich muß jezt gehen. Verſuchen Sie heute Nacht ein wenig zu ſchlafen. Gott ſegne Sie! Morgen früh wieder.“ ͤ—ß——9 v nu n 157 Zweiundvierzigſtes Capitel. Der Morgen des Gerichtstags. Am folgenden Tag um neun Uhr ſaß Adam allein in ſeinem trüben obern Stübchen; ſeine Uhr lag vor ihm auf dem Tiſch, als wollte er die lan⸗ gen Minuten zählen. Er wußte nichts davon was die Zeugen wohl ausſagen würden, denn vor all den nähern Umſtänden die mit Hetty's Verhaftung und Anklage zuſammenhingen, war es ihm Angſt und Wehe geworden. Dieſer wackere, thatkräftige Mann, der ſich in jede Gefahr oder Mühſal geſtürzt haben würde um Hetty vor drohendem Unrecht oder Unglück zu erretten, fühlte ſich rein unfähig ein Uebel und Leiden anzuſchauen wofür es keine Hilfe mehr gab. Die Reizbarkeit die bei einer Möglichkeit des Handelns eine treibende Kraft geweſen wäre, wurde hilfloſer Jammer, als er ſich zur Unthätigkeit ge⸗ zwungen ſah, oder ſuchte ſie im Gedanken an Rache gegen Arthur einen Ausweg. Energiſche Naturen die zu allen kräftigen Thaten ſtark genug ſind, eilen oft aus der Nähe eines hoffnungsloſen Duldens davon, wie wenn ſie hartherzig wären. Aber nur das überwältigende Gefühl des Schmerzes iſt es was ſie wegtreibt. Sie beben in Folge eines un⸗ beherrſchbaren Inſtinctes zurück, wie wenn man ſie zerreißen wollte. Adam hatte es über ſich gewon⸗ nen an einen Beſuch bei Hetty zu denken, im Fall ſie ihn vorlaſſen wollte, weil er dachte, ein ſolches Zuſammentreffen könnte möglicher Weiſe gut auf ſie 158 einwirken; es könnte dazu beitragen die furchtbare Härte zu ſchmelzen wovon man ihm erzählte. Wenn ſie ſähe daß er ihr keinen Groll nachtrug, ſo würde ſie ihm vielleicht ihr Herz öffnen. Aber dieſer Ent⸗ ſchluß hatte eine ungeheure Anſtrengung gekoſtet; Adam zitterte bei dem Gedanken ihr verändertes Geſicht zu ſehen, wie eine ängſtliche Frau bei dem Gedanken an das Meſſer des Chirurgen zittert, und er wollte jezt lieber die langen Stunden banger Erwartung ertragen als ſich der noch unerträgliche⸗ ren Qual ausſezen ihrem Proceß anzuwohnen. Tiefes unausſprechliches Leiden kann man wohl eine Taufe, eine Wiedergeburt, die Einweihung in einen neuen Zuſtand nennen. Die ſehnſüchtigen Er⸗ innerungen, das bittere Bedauern, das ſchmerzvolle Mitgefühl, die qualvollen Berufungen auf den un⸗ ſichtbaren Gerechten— all die tiefen Aufregungen welche die Tage und Nächte der vergangenen Woche ausgefüllt, und ſich jezt wie eine gierige Menſchen⸗ maſſe in die Stunde dieſes einzigen Morgens zu⸗ ſammengedrängt, ließen Adam auf ſeine frühere Lebenszeit wie auf eine trübe Schlafexiſtenz zurück⸗ blicken, aus welcher er erſt jezt zu vollem Bewußt⸗ ſein erwachte. Es ſchien ihm als hätte er das Leiden der Menſchen immer als etwas Leichtes ge⸗ nommen, als wäre das was er ſelbſt bisher erdul⸗. det und Schmerz genannt, bloß ein augenblicklicher Schlag der nicht einmal eine Schramme hinterlaſſen hatte. Gewiß kann ein großer Schmerz die Arbeit von Jahren verrichten, und wir können mit einer Seele von neuer heiliger Scheu und neuem Mitleid aus dieſer Feuertaufe hervorgehen. ͤ 15⁵9 „O Gott,“ ſtöhnte Adam, indem er ſich über den Tiſch hinlehnte und mit leeren Blicken auf die Uhr ſah,„und ſo haben ſchon manche Menſchen gelitten... und arme hilfloſe Geſchöpfe haben ge⸗ litten wie ſie... vor einer kleinen Weile ſah ſie noch ſo glücklich und ſo hübſch aus... ſie küßte ſie alle, ihren Großvater und alle zuſammen, und ſie wünſchten ihr Glück... o meine arme, arme Hetty!.. denkſt Du jezt daran?“ Adam fuhr zuſammen und ſah ſich nach der Thüre um. Füchschen hatte zu winſeln begonnen, und man hörte das Geräuſch von einem Stock und einem hinkenden Gang auf der Treppe. Es war Barthel Maſſey der zurückkam. Konnte ſchon Alles vorüber ſein? Barthel trat ruhig herein, ging auͤf Adam zu, ergriff ſeine Hand und ſagte:„Ich wollte bloß ein wenig nach Dir ſehen, mein Junge, denn im Ge⸗ richt hat man eine kleine Pauſe gemacht.“ Adams Herz pochte ſo heftig daß er nicht zu ſprechen vermochte— er konnte bloß den Hände⸗ druck ſeines Freundes erwidern. Barthel holte den andern Stuhl und ſezte ſich ihm gegenüber, indem er Hut und Brille abnahm. „Das iſt mir noch nie vorgekommen,“ bemerkte er,„daß ich mit meiner Brille auf der Naſe aus dem Haus gegangen bin. Ich habe rein vergeſſen ſie abzunehmen.“ Der alte Mann machte dieſe gleichgiltige Be⸗ merkung, weil er es für beſſer hielt auf Adams Aufregung gar nicht einzugehen: dieſer ſollte auf 160 indirectem Wege herausbringen daß man ihm noch nichts Entſcheidendes mitzutheilen habe. „Und nun,“ ſagte er, indem er ſich wieder er⸗ hob,„muß ich dafür ſorgen daß Du ein Stück Brod iſſeſt und einen Schluck von dem Wein trinkeſt den Herr Irwine geſchickt hat. Er wird böſe mit mir wenn Du es nicht thuſt. Komm jezt,“ fuhr er fort, indem er die Flaſche und den Laib herbeibrachte und ein Glas Wein einſchenkte;„ich muß ſelbſt auch ein Bischen eſſen und trinken. Trink einen Tropfen mit mir, mein Junge— trink mit mir.“ Adam ſchob das Glas ſachte zurück und ſagte bittend:„Erzählen Sir mir den Hergang, Herr Maſſey, erzählen Sie mir Alles. War ſie da? Hat es ſchon angefangen?“ „Ja, mein Junge, ja— es dauert ſchon die ganze Zeit ſo lange ich fort war, aber es geht ver⸗ dammt langſam. Der Advocat den ſie genommen haben, ſchiebt immer ſeinen Stock ins Rad ſo oft er kann, macht ſich mit dem Kreuzverhör der Zeugen viel zu ſchaffen und zankt ſich mit den andern Ad⸗ vocaten herum. Dieß iſt Alles was er für das Geld thun kann das ſie ihm geben; es iſt eine ſchwere, ſchwere Summe. Aber er iſt ein ſcharfſinniger Burſche, und ein Auge hat er daß er Nadeln aus dem Heu aufleſen könnte. Wenn einer nur kein Gefühl hätte, ſo wäre eine ſolche Gerichtsverhand⸗ lung ſo gut wie ein mathematiſcher Beweis; aber ein zärtliches Herz macht den Menſchen dumm. Ich wollte die Zahlen gerne für immer aufgeben, wenn ich Dir nur gute Nachricht bringen könnte, mein armer Junge.“ d. 161 „Aber ſcheint es ſchlimm für ſie auszufallen? Erzählen Sie mir was die Leute geſagt haben. Ich muß es jezt wiſſen was man gegen ſie vorzu⸗ bringen hat.“ „Nun die Hauptzeugen waren bis jezt die Doc⸗ toren; und dann noch Martin Poyſer— der arme Martin. Jedermann im Saal hatte Mitleid mit ihm; es war nur ein Geſchluchze als er fertig war. Das Schlimmſte war als man ihn aufforderte die Gefangene vor den Schranken anzuſehen. Es wurde ihm ſauer, dem armen Mann— ſehr ſauer. Adam, mein Junge, dieſer Schlag trifft ihn ſo ſchwer wie Dich; Du mußt dem armen Martin beiſtehen: Du mußt Muth zeigen. Trink jezt ein Glas Wein und zeige mir daß Du es wie ein Mann tragen willſt.“ Barthel hatte ihn bei der rechten Seite gepackt. Adam hob mit einer Miene ruhigen Gehorſams das Glas in die Höhe und trank ein wenig. „Und wie ſah denn ſie aus?“ fragte er dann. „Erſchrocken, ſehr erſchrocken, als man ſie zuerſt hereinbrachte; es war das erſtemal daß das arme Geſchöpf die vielen Leute und die Richter ſah. Und dann ſind eine Maſſe närriſcher Weibsbilder in ſchönen Kleidern da, mit allerlei Krimskrams an. ihren Armen und Federn auf den Köpfen; die ſizen ganz nahe bei dem Richter, und haben ſich, ſollte man meinen, ſo herausgepuzt um Vogelſcheuchen und Warnungszeichen vorzuſtellen, daß kein Mann ſich mehr mit einem Weibe einlaſſen ſolle; ſie hielten Gläſer in die Höhe und gafften und flüſterten. Aber nachher ſtand ſie wie eine weiße Bildſäule da, Eliot, Adam Bede. III. 11 162 ſchaute auf ihre Hände hinab und ſchien Nichts mehr zu hören und zu ſehen. Und ſie iſt ſo weiß wie ein Leintuch. Sie ſprach nichts als man ſie fragte: Schuldig oder Unſchuldig? und dann plaidirte man unſchuldig für ſie; aber als ſie den Namen ihres Onkels hörte, da ſchien ihr ein Schauer durch den ganzen Leib zu fahren, und als man ihn aufforderte ſie anzuſehen, da ließ ſie ihren Kopf hängen, kauerte ſich zuſammen und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Das Sprechen wurde dem armen Manne ſehr ſchwer, ſeine Stimme zitterte ſo. Und die Ad⸗ vocaten, die ſonſt immer ſo hart ausſehen wie eiſerne Nägel— ich merkte wohl daß ſie ihn ſo viel wie möglich ſchonten. Herr Irwine ſtellte ſich neben ihn und begleitete ihn aus dem Saale. O es iſt etwas Großes im Leben eines Menſchen, wenn es ihm gegeben iſt einem Nachbar beizuſtehen und ihn in einer ſolchen Trübſal aufrecht zu erhalten.“ „Gott ſegne ihn und auch Sie, Herr Maſſey,“ ſagte Adam leiſe, indem er ſeine Hand auf Barthels Arm legte. „Ja, ja, er iſt von gutem Metall, unſer Pfarrer, und gibt einen rechten Klang wenn man ihn probirt. Und ein verſtändiger Mann— ſagt nicht mehr als nöthig iſt; er iſt keiner von denen die glauben daß ſie einen durch vieles Schwazen tröſten können, als ob die Leute die daneben ſtehen und zuſehen beſſer wüßten was Trübſal iſt, als diejenigen die es zu ertragen haben. Ich habe in meiner Zeit mit ſolchen Leuten zu thun gehabt— im Süden, als ich ſelbſt in der Trübſal war. Herr Irwine wird ſpäter auch noch als Entlaſtungszeuge auftreten; Du weißt, er — 3 4 „ 163 muß über ihren Character und ihre Erziehung ſprechen.“ „Aber die andern Zeugen... haben ſie ſtark gegen ſie ausgeſagt?“ fragte Adam.„Was meinen Sie, Herr Maſſey? Sagen Sie mir die Wahrheit.“ „Ja, mein Junge, ja, es iſt immer das Beſte, man ſagt die Wahrheit, ſie muß am Ende doch heraus. Die Ausſage der Aerzte geht ſtark gegen ſie, ſehr ſtark. Aber ſie hat vom Anfang bis zum Ende geläugnet daß ſie ein Kind gehabt habe. Dieſe armen, einfältigen Weibsleute— ſie haben nicht Verſtand genug um einzuſehen daß das Läug⸗ nen nichts hilft wenn Etwas bewieſen iſt. Ihre Hartnäckigkeit wird, fürchte ich, die Geſchwornen gegen ſie einnehmen: ſie werden ſich nicht ſo leicht dazu verſtehen ſie zur Begnadigung zu empfehlen, wenn der Spruch gegen ſie ausfällt. Aber Herr Irwine wird bei dem Richter Himmel und Erde in Bewegung ſezen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Adam.“ „Iſt Niemand im Saale der ihr zur Seite ſteht und ſich ihrer anzunehmen ſcheint?“ fragte Adam. „Der Seispendeenlan ſizt neben ihr, aber der hat ein Geſicht ſo ſcharf wie ein Frettwieſel, ganz anderes Fleiſch und Blut als Herr Irwine. an ſagt die Gefängnißpfarrer ſeien meiſtens der Aus⸗ wurf von der Geiſtlichkeit.“ „Es gibt einen Mann der dort ſein ſollte,“ ſagte Adam bitter. Dabei richtete er ſich auf, blickte feſt zum Fenſter hinaus und überlegte augenſcheinlich irgend eine neue Idee. „Herr Maſſey,“ ſagte er endlich, inden er ſich 1 164 das Haar aus der Stirne ſtrich;„ich gehe mit Ihnen. Ich gehe in den Gerichtsſaal. Es iſt feige von mir daß ich weg bleibe. Ich will zu ihr ſtehen— will mich zu ihr bekennen, ſo ſehr ſie mich auch be⸗ trogen hat. Poyſers ſollten ſie nicht ſo von ſich ſtoßen, denn ſie iſt ja doch ihr eigen Fleiſch und Blut. Wir empfehlen die Leute der Gnade Gottes und zeigen ſelbſt keine Barmherzigkeit. Ich war zu⸗ weilen hart, aber ich will es nie wieder ſein. Ich will gehen, Herr Maſſey— ich will mit Ihnen gehen.“ In Adams Benehmen lag eine Entſchiedenheit die Barthel verhindert haben würde einen Einſpruch zu thun, wenn er auch Luſt dazu gehabt hätte. Er ſagte bloß: „So trink und iß noch ein wenig, Adam; thu es mir zu lieb. Sieh, ich muß ſelbſt noch ein Bis⸗ chen eſſen. Da greif zu.“ Geſtärkt durch einen kräftigen Entſchluß, aß Adam ein Stückchen Brod und trank etwas Wein. Er war noch verſtört und unraſirt wie geſtern, aber er ſtand wieder aufrecht und ſah wieder wie der alte Adam Bede aus. Dreiundvierzigſtes Capitel. Der Wahrſpruch. Der Plaz den man zum Gerichtshofe hergerichtet hatte, war eine große jezt vom Feuer zerſtörte Halle. Das Mittagslicht das auf das dichte Pflaſter von Menſchenköpfen hereinfiel, ergoß ſich durch eine Reihe 165⁵ ſpizbögiger Fenſter, denen die weichen Tinten alter Glasmalereien einen bunten Wechſel verliehen. Düſtere, beſtäubte Waffenrüſtungen hingen hoch oben vor der dunkeln eichenen Gallerie am untern Ende, und unter den breiten Bogen des großen Erkerfenſters gegenüber war ein alter Tapetenvorhang ausgebreitet, mit trübſeligen melancholiſchen Geſtalten bedeckt die euch wie ein unbeſtimmter Traum aus der Vergangen⸗ heit gemahnten. Das ganze übrige Jahrhundert war dieſe Halle von den Schatten alter Könige und Kö⸗ niginnen heimgeſucht, die unglücklich, entthront und eingekerkert geweſen; aber heute waren alle dieſe Schatten entflohen, und nicht eine einzige Seele in dem großen Saal dachte an einen andern als an den gegenwärtigen lebendigen Kummer der in war⸗ men Herzen zitterte. Aber dieſer Kummer ſchien ſich erſt jezt recht fühlbar zu machen, als auf einmal Adam Bede's hohe Geſtalt ſich blicken ließ und auf die Bank der Gefangenen gewieſen wurde. Im hellen Sonnenlicht der großen Halle, unter den glatten raſirten Ge⸗ ſichtern anderer Männer erſchreckten die Spuren des Leidens auf ſeinem Geſicht ſogar Herrn Irwine, der ihn zum lezten Male nur in der trüben Beleuchtung ſeines Stübchens geſehen hatte, und die Nachbarn aus Hayſlope, die zugegen waren und noch in ihrem hohen Alter beim Kaminfeuer die Geſchichte Hetty Sorrels erzählten, vergaßen niemals ausdrücklich zu bemerken, wie es ſie ergriffen habe als Adam Bede, der arme Burſche, der die meiſten Leute um einen Kopf überragte, in den Saal getreten ſei und ſich an ihre Seite geſezt habe.* 166 Aber Hetty ſah ihn nicht. Sie ſtand in derſelben Stellung welche Barthel Maſſey beſchrieben, da, hatte ihre Hände gekreuzt und ſchaute ſtarren Blicks auf ſie hinab. Adam hatte es anfangs nicht gewagt ſie anzuſehen; endlich aber, als die Aufmerkſamkeit der Verſammlung durch die Verhandlungen abgelenkt wurde, kehrte er ihr ſein Geſicht zu, mit dem feſten Entſchluß nicht zurückzubeben. Warum ſagten die Leute daß ſie ſo verändert ſei? In dem Leichnam einer geliebten Perſon ſehen wir die Aehnlichkeit, und dieſe Aehnlichkeit macht ſich um ſo ſtärker fühlbar, weil etwas Anderes da war was jezt nicht mehr iſt. Da waren ſie— das holdſelige Geſicht und der prächtige Hals mit den dun⸗ keln Locken, die langen dunkeln Wimpern, die rund⸗ lichen Wangen und die ſchwellenden Lippen: blaß und mager— ja— aber wie Hetty, und nur wie Hetty. Andere meinten ſie ſehe aus als hätte ein Dämon einen zerſtörenden Blick auf ſie geworfen, die weibliche Seele in ihr ausgeſogen und nur noch harten verzweifelten Troz übrig gelaſſen. Aber der Mutterſchmerz, dieſer vollendetſte Typus des Lebens in einem andern Leben, welches das wahre Weſen wirklicher menſchlicher Liebe iſt, fühlt die Nähe des geliebten Kindes ſelbſt in dem geſunkenen herabge⸗ würdigten Manne, und für Adam war dieſe blaſſe verſtockte Verbrecherin dieſelbe Hetty die ihm im Garten unter dem Apfelbaum zugelächelt; ſie war der Leichnam dieſer Hetty, und nachdem er ihn An⸗ fangs nur mit Zittern angeſehen, wollte er hernach ſeine Augen nicht mehr davon abwenden. Aber jezt hörte er Etwas was ihn zwang auf⸗ . 1 0 8= 8 ——2 O K K =——Bů— 167 zuhorchen und nicht mehr ſeine ganze Seele in ſein Auge zu legen. In der Zeugenloge befand ſich eine Frau von mittleren Jahren, die mit feſter deutlicher Stimme alſo ſprach:. „Mein Name iſt Sara Stone. Ich bin Wittwe und halte einen kleinen Laden worin ich Schnupf⸗ tabak, Rauchtabak und Thee verkaufe, in der Kirch⸗ gaſſe zu Stoniton. Die Gefangene vor der Schranke iſt daſſelbe junge Frauenzimmer das Samſtag Abend den 27. Februar blaß und erſchöpft, mit einem Korb am Arm, in mein Haus kam und um ein Nacht⸗ quartier bat. Sie hatte es für ein Wirthshaus gehalten, weil ein Schild vor der Thüre iſt. Und als ich ſagte daß ich Niemand beherberge, begann die Gefangene zu weinen und ſagte, ſie ſei zu müde um anderswohin zu gehen, und ſie wünſche bloß für eine einzige Nacht ein Bett. Und ihr hübſches Aus⸗ ſehen und ihr Zuſtand und etwas Anſtändiges das ſie in ihren Kleidern und in ihrer ganzen Art hatte, und die Noth in der ſie zu ſein ſchien, alles das machte daß ichs nicht übers Herz bringen konnte ſie ſogleich fortzuſchicken. Ich hieß ſie Plaz nehmen, gab ihr eine Taſſe Thee und fragte ſie wohin ſie gehe und woher ſie komme. Sie ſagte ſie ſei auf dem Heimweg zu ihren Verwandten begriffen; dieſe ſeien Pächtersleute weit von hier; ſie habe eine lange Reiſe gemacht, die mehr gekoſtet habe als ſie erwartet, und ſo habe ſie beinahe kein Geld mehr in ihrer Taſche und fürchte ſich in ein Haus zu gehen wo es viel koſten könne. Das Meiſte aus ihrem Korbe habe ſie bereits verkaufen müſſen, aber ſie würde dankbar einen Schilling für ein Bett be⸗ 169 Gäßchen führt. Ich bewohne bloß das Parterre des Hauſes, und die Küche und das Schlafzimmer ſchauen beide auf das Gäßchen hinaus. Als ich wegging, ſaß die Gefangene neben dem Feuer in der Küche und hatte das Kind auf ihrem Schooß. Sie hatte nicht geweint und ſah überhaupt nicht ſo niedergeſchlagen aus wie in der vorhergehenden Nacht. In den Augen ſchien ſie mir etwas Selt⸗ ſames zu haben, und gegen Abend bekam ſie eine Röthe ins Geſicht. Ich furchtete es ſei das Fieber, und beſchloß auf dem Heimweg eine Bekannte von mir, eine erfahrene Frau, mitzunehmen. Die Nacht war ſehr dunkel. Ich verſchloß die Thüre nicht; ſie hat kein Schloß, ſondern nur eine Schnalle mit einem Riegel von innen, und wenn Niemand im Hauſe iſt, gehe ich immer zur Ladenthüre hinaus. Aber ich fürchtete keine Gefahr dabei, wenn ich ſie dieſe kurze Weile unverſchloſſen ließe. Ich blieb länger aus als ich gedacht hatte, denn ich mußte auf die Frau warten die mit mir heimging. Es währte anderthalb Stunden bis wir nach Hauſe kamen, und als wir eintraten, brannte das Licht noch gerade wie bei meinem Weggehen, aber die Gefangene und das Kind waren fort. Sie hatte ihren Mantel und ihren Hut mitgenommen, aber den Korb und die Dinge darin dagelaſſen. Ich erſchrack furchtbar und war recht böſe über ſie daß ſie fortgegangen war. Aber Anzeige machte ich nicht, weil ich mir nicht dachte daß ſie etwas Schlim⸗ mes vorhabe, und weil ich wußte daß ſie noch Geld in der Taſche hatte um Koſt und Wohnung zu be⸗ zahlen. Ich wollte ihr den Conſtabler nicht auf den 170 Hals ſchicken, denn ſie hatte das Recht von mir wegzugehen ſobald ſie wollte.“ Dieſe Ausſage wirkte electriſch auf Adam und gab ihm neue Kraft. Hetty mußte an dem Ver⸗ brechen unſchuldig ſein, ihr Herz mußte an ihrem Kind gehangen haben— warum hüätte ſie es ſonſt mitnehmen ſollen? Sie hätte es ja zurücklaſſen kön⸗ nen. Das kleine Geſchöpf war eines natürlichen Todes geſtorben, und dann hatte ſie es verborgen. Um kleine Kinder iſt es ſo leicht geſchehen— und bei dem ſtärkſten Verdacht fehlt manchmal jeder Be⸗ weis von Schuld. Adam beſchäftigte ſich dermaßen mit Gegenbeweiſen gegen ſolche Verdachtsgründe, daß er das Kreuzverhör von Hetty's Advocaten nicht anhörte, der, freilich vergebens, einen Beweis herauszulocken ſuchte daß die Gefangene Regungen mütterlicher Liebe gegen das Kind gezeigt habe. So lange dieſe Zeugin verhört wurde, hatte Hetty ſo regungslos wie vorher dageſtanden: kein Wort ſchien ihr Ohr in Anſpruch zu nehmen. Aber der Ton des nächſten Zeugen berührte eine Saite die noch anklang; ſie fuhr zuſammen und ſah erſchrocken nach ihm hin, wandte aber ſogleich ihren Kopf wieder ab und ſchaute auf ihre Hände nieder. Dieſer Zeuge war ein derber Bauer; er ſprach wie folgt: „Ich heiße John Olding, bin ein Arbeiter und wohne eine halbe Stunde von Stoniton. Lezten Montag vor acht Tagen, gegen ein Uhr Mittags, ging ich nach dem Hettoner Wald, und da ſah ich wie die Gefangene in einem rothen Mantel unter einer Art von Heuſchober nicht weit vom Stege ſaß. Als ſie mich ſah, ſtand ſie auf und ſchien auf den andern 171 Weg gehen zu wollen. Es war ein gewöhnlicher Feldweg, ich fand nichts Beſonderes daran, und es fiel mir nicht auf daß ich ein junges Frauenzimmer da ſah; aber es kam mir doch vor als ob ſie ſehr blaß und angegriffen ausſähe. Wäre ſie nicht ſo gut gekleidet geweſen, ſo hätte ich ſie für eine Bettlerin gehalten. Etwas verrückt ſchien ſie mir, aber die Sache ging mich ja nichts an. Ich blieb ſtehen und ſah ihr nach, aber ſie ging gerade aus ſo lange ich ſie ſah. Ich hatte auf der andern Seite des Ge⸗ büſches zu thun und dort Stangen zu holen. Es führt ein Weg gerade hindurch, und da und dort iſt eine Lichtung wo die Bäume umgehauen, aber noch nicht alle weggeführt ſind. Ich machte den Weg nicht ganz, ſondern bog ungefähr in der Mitte ab und nahm einen kürzern Weg nach dem Plaz wohin ich gehen wollte. Ich war noch nicht weit von der Straße ab auf einen dieſer offenen Pläze gekommen, als ich ein ſonderbares Geſchrei hörte; es ſchien mir von keinem Thiere zu kommen das ich kannte, aber ich wollte auch nicht viel Zeit verlieren und mich darnach umſehen. Es währte jedoch immerfort und kam mir ſo ſonderbar vor an dieſem Orte, daß ich nicht unterlaſſen konnte ſtehen zu bleiben um zu ſehen. Ich fing an zu denken ich könnte ein Stück Geld damit verdienen, wenn es etwas Neues wäre. Aber ich konnte nicht ſagen woher es kam, und eine gute Weile ſchaute ich zu den Zweigen hinauf. Und dann dachte ich es komme vom Boden her; es lagen Holzſpäne da und losgeriſſene Raſen und ein paar Baumſtümpfe. Ich ſuchte unter ihnen herum, konnte aber nichts finden, 172 und endlich hörte das Geſchrei auf. Ich ließ alſo die Sache ſein und ging meinem Geſchäfte nach; aber als ich etwa nach einer Stunde wieder des Weges kam, konnte ich nicht unterlaſſen meine Stangen hinzulegen und noch einmal nachzuſehen, und als ich mich gerade bückte und die Stangen hinlegen wollte, ſah ich etwas Sonderbares, Rundes und Weißliches unter einem Nußbuſch neben mir liegen. Ich bückte mich auf Hände und Knie um es aufzu⸗ heben. Und da ſah ich daß es die Hand eines kleinen Kindes war.“ Bei dieſen Worten drang ein Schrei des Ent⸗ ſezens durch den Saal. Hetty zitterte ſichtlich: jezt zum erſten Male ſchien ſie die Ausſagen eines Zeugen zu hören. „In einer Vertiefung unter dem Buſch lag ein Haufen Zimmerſpäne und zwiſchen dieſen kam die Hand hervor. Aber an einer Stelle war ein Loch gelaſſen, und ich konnte hinabſchauen und den Kopf des Kindes ſehen; ſchnell riß ich den Raſen und die Späne weg und nahm das Kind heraus. Es hatte warme Kleider an, aber ſein Körperchen war kalt, und ich dachte es müſſe todt ſein. Ich trug es ſchnell zum Walde hinaus und brachte es meinem Weib heim. Sie ſagte es ſei todt, ich ſolle nur aufs Amt gehen und es dem Conſtabler anzeigen. Da ſagte ich: Ich ſeze meinen Kopf zum Pfand daß das Kind dieſem jungen Frauenzimmer gehört das mir im Walde begegnet iſt. Aber ſie ſchien bereits über Berg und Thal zu ſein. Ich trug das Kind auf die Polizei, machte dem Conſtabler meine Anzeige und dann gingen wir zum Richter Hardy. 173 Hierauf ſtreiften wir bis ſpät in die Nacht nach dem Mädchen, gingen nach Stoniton und zeigten die Sache an, damit man ſie verhaften könne. Und am andern Morgen kam ein anderer Conſtabler zu mir und ſagte, ich ſolle ihn an den Ort führen wo ich das Kind gefunden habe. Und als wir hinkamen, ſaß die Gefangene an dem Buſch wo ich das Kind gefunden habe, und als ſie uns ſah, that ſie einen lauten Schrei, machte aber keine Bewegung um davon zu laufen. Sie hatte ein großes Stück Brod auf ihrem Schooße liegen.“— Während dieſer ganzen Erzählung hatte Adam in Verzweiflung leiſe vor ſich hin geſtöhnt. Er hatte ſein Geſicht mit dem Arme bedeckt der auf der Brü⸗ ſtung ruhte. Es war der Augenblick des tiefſten Jammers: Hetty war ſchuldig und er flehte leiſe zu Gott um Hilfe, er hörte nichts mehr, und als die Belaſtungszeugen zu Ende waren, bemerkte er nicht einmal daß Herr Irwine in der Zeugenloge ſtand und von Hetty's fleckenloſem Rufe in ihrem Kirch⸗ ſpiel ſo wie von ihrer tugendhaften Erziehung ſprach. Dieſes Zeugniß konnte keinen Einfluß auf den Wahrſpruch haben, aber es ſollte die Begnadigung befürworten, um welche ihr Vertheidiger nachgeſucht haben würde, wenn er hätte für ſie ſprechen dürfen — eine Vergünſtigung die in dieſen finſtern Zeiten den Verbrechern nicht gewährt wurde. Endlich hob Adam ſeinen Kopf in die Höhe, denn es fand eine allgemeine Bewegung um ihn her ſtatt. Der Richter hatte ſeine Rede an die Geſchwornen gehalten und dieſe traten ab. Der entſcheidende Augenblick nahte. Adam fühlte ſich von einem 174 Schauder ergriffen, ſo daß er Hetty nicht mehr an⸗ ſehen konnte, aber dieſe war bereits in ihre ſtumpfe, harte Gleichgiltigkeit zurücverſunken. Aller Augen waren auf ſie geheftet, aber ſie ſtand wie eine Bild⸗ ſäule dumpfer Verzweiflung da. Während dieſer Zwiſchenzeit ging ein leiſes Ge⸗ räuſche, Geflüſter und Geſumme durch den Saal. Die Luſt zu hören war in den Hintergrund getreten, und Jeder hatte leiſe ein Gefühl oder eine Anſicht auszuſprechen. Adam ſaß da und ſchaute ſtarr vor ſich hin, ſah aber nicht was unmittelbar vor ſeinen Augen vorging; wie der Anwalt und die Ad⸗ vocaten mit kalter Geſchäftsmiene ſich unterhielten; wie Herr Irwine leiſe aber eindringlich mit dem Richter ſprach, ſodann in großer Aufregung ſich wie⸗ der ſezte und ſehr traurig den Kopf ſchüttelte wenn Jemand ihm Etwas zuflüſterte. Bei Adam war die innere Thätigkeit zu ſtark als daß er auf äußere Gegenſtände geachtet hätte, bis irgend eine ſtarke Empfindung ihn aufrüttelte. Es wäßrte nicht ſehr lang, kaum mehr als eine Viertelſtunde, als das Klopfen welches verkündete daß die Geſchwornen zu einem Entſchluß gekommen waren das Zeichen zum allgemeinen Stillſchweigen gab. Es iſt etwas Erhabenes um dieſes plözliche Verſtummen einer großen Menge, welches anzeigt daß ein und derſelbe Gedanke im Stillen thätig iſt. Das Schweigen ſchien gleich der ſinkenden Nacht immer tiefer zu werden, während man die Namen der Geſchwornen aufrief und ſie, indeß die Gefangene ihre Hand emporhalten mußte, um ihr Urtheil befragte. „Schuldig!“ 175 Jedermann erwartete dieß Urtheil, aber dennoch entſtieg einigen Herzen ein Seufzer der Enttäuſchung, weil der Zuſaz fehlte daß man die Angeklagte zur Begnadigung empfehlen werde. Aber der Gerichtshof hatte kein Mitleid mit Hetty: die Unnatürlichkeit ihres Verbrechens wurde durch ihr gefühlloſes Be⸗ nehmen und ihr hartnäckiges Sweigen noch greller hervorgehoben. Selbſt das Urtheil hatte ſie, ſo konnte man wenigſtens aus der Ferne glauben, nicht ſehr angeregt; aber die Näherſtehenden ſahen daß ſie zitterte. Die Stille hatte etwas nachgelaſſen, bis der Richter ſeine ſchwarze Müze aufſezte und hinter ihm der Caplan in ſeinem vollen Ornat bemerkt wurde. Da trat von Neuem tiefes Schweigen ein, ehe noch der Gerichtsſchreiber Zeit gehabt hatte es zu gebieten. Wenn man irgend einen Ton hörte, ſo kam er von klopfenden Herzen. Der Richter ſprach: „Eſther Sorrel...“. Das Blut ſtrömte in Hetty's Geſicht und ent⸗ wich dann ſogleich wieder, als ſie zu dem Richter empor ſchaute und ihre weitaufgeriſſenen Augen feſt auf ihn geheftet hielt, als wäre ſie vor Angſt ver⸗ zaubert. Adam hatte ſich nicht gegen ſie umgewandt: ein tiefer Schauder lag, wie ein grauenhafter Ab⸗ grund, zwiſchen ihnen. Aber bei den Worten—„und dort aufgehangen zu werden am Halſe bis Ihr todt ſeid,“ drang ein greller Schrei durch den Saal. Er kam von Hetty. Adam fuhr auf und ſtreckte ſeine Arme nach ihr aus, konnte ſie aber nicht mehr auf⸗ fangen: ſie war ohnmächtig zu Boden gefallen und wurde aus dem Saale getragen. 176 Vierundvierzigſtes Capitel. Arthurs Rückkehr. Als Arthur Donnithorne in Liverpool landete und den Brief ſeiner Tante Lydia las, die ihm mit kurzen Worten den Tod ſeines Großvaters meldete, da war ſein erſtes Gefühl:„Armer Großvater! Ich wollte ich hätte bei ihm ſein können als er ſtarb. Vielleicht hatte er noch Etwas auf dem Herzen was ich jezt nie erfahren werde. So einſam ſterben zu müſſen!“ Ich kann unmöglich ſagen daß ſein Kummer tiefer ging. Mitleid und freundliche Erinnerungen traten jezt an die Stelle der alten Unverträglichkeit, und in ſeinen geſchäftigen Gedanken über die Zukunft, als der Wagen ihn raſch der Heimath zuführte, wo er jezt als Herr auftreten konnte, da dachte er immer wieder daran ob er nicht irgendwie eine Rückſicht auf die Wünſche ſeines Großvaters zeigen könne, ohne ſeinen eigenen Lieblingsplänen für das Beſte der Pächter und des Gutes entgegenzu⸗ treten. Aber es liegt nicht in der menſchlichen Na⸗ tur, und es wäre ein übertriebenes Verlangen daß ein junger Mann wie Arthur, der körperlich und geiſtig aufs Schönſte ausgerüſtet iſt, dabei eine gute Meinung von ſich ſelbſt beſizt und die redlichſte Ab⸗ ſicht hegt dieſe gute Meinung, die er bei Andern bereits vorausſezt, immer mehr zu beſtärken,— es iſt, ſage ich, ſogar unmöglich daß ein ſolcher junger Mann, wenn er durch den Tod eines alten Wider⸗ 177 warts den er nicht ſonderlich liebte in den Beſiz einer glänzenden Herrſchaft kommt, etwas Anderes empfinden konnte als Freude und Jubel. Jezt be⸗ gann das wahre Leben erſt für ihn; jezt erhielt er einen ſchönen Wirkungskreis, und er wollte ihn ſich zu Nuzen machen. Er wollte ſich den Leuten von Loamſhire als tüchtiger Gutsbeſizer zeigen; er hätte dieſe Laufbahn mit keiner andern unter der Sonne vertauſcht. Er malte ſichs aus wie er an friſchen Herbſttagen über die Hügel hinritt und längſt beab⸗ ſichtigte Entwäſſerungen und Verzäunungen ausſühren ließ; wie man ihn an nebeligen Morgen auf der Jagd als den beſten Reiter auf dem beſten Pferde bewunderte; wie er an Markttagen als ausgezeich⸗ nachläßigen Landwirthen tüchtig den Text verlas und bei all dem ein luſtiger Cumpan war den Jedermann lieben mußte; überall auf ſeinem Gute begrüßten ihn vergnügte Geſichter, und mit den be⸗ nachbarten Familien ſtand er auf dem allerbeſten Fuß. Irwines mußten jede Woche einmal zu Tiſche kommen und ihren eigenen Wagen haben, denn er wollte ſchon auf irgend eine zarke Weiſe den Zehnt⸗ pächter von Hayſlope dahin bringen daß er die Be⸗ ſoldung des Pfarrers um ein paar hundert Pfund aufbeſſerte; und ſeine Tante ſollte das angenehmſte Leben haben und troz ihrer altjungferlichen Gewohn⸗ heiten auf dem Schloß bleiben wenn ſie wollte— Eliot, Adam Bede. III. 12 178 wenigſtens bis er ſich verheirathete; dieſes Ereigniß aber lag noch in nebelgrauer Ferne, denn die paſſende Lebensgefährtin für den Spiegel aller Gutsherrn hatte er noch nicht geſehen. Dieß waren Arthurs Hauptgedanken, ſo weit ſich die Gedanken eines Menſchen bei einer achtſtündigen Fahrt in einige Säze zuſammendrängen laſſen, die bloß gleich einem Namensverzeichniß die Scenen eines ſhr langen, farbenreichen Panoramas voll Detail und eeben andeuten. Die glücklichen Geſichter von denen er ſich gegrüßt ſah waren keine blaſſen Schattenbilder, ſondern hatten volle runde Backen und waren ihm ſchon lange vertraut; Martin Poyſer war darunter, die ganze Familie Poyſer! Auch Hetty? Ja; denn Arthur war über ſie beruhigt: zwar nicht ganz über ihre Vergangenheit, denn die Ohren brannten ihn ein wenig wenn er an die Auftritte mit Adam im Auguſt dachte, aber doch über ihr gegen⸗ wärtiges Schickſal. Herr Irwine hatte ihm als regel⸗ mäßiger Correſpondent alle Nachrichten aus der Gegend mitgetheilt, und unter Anderem vor etwa drei Monaten geſchrieben daß Adam Bede nicht Marie Burge, wie er geglaubt hatte, ſondern die hübſche Hetty Sorrel heirathen würde. Martin Poyſer und Adam ſelbſt hatten Herrn Irwine es ge⸗ ſagt; Adam war ſchon ſeit zwei Jahren bis über die Ohren verliebt, und die Hochzeit war auf den Monat März feſtgeſezt. Dieſer hagenbuchene Schlingel von Adam, ſchrieb der Pfarrer, beſize ein zärtlicheres Herz als er ihm zugetraut hätte, und betreibe ſeine 179 heimniß eröffnet habe. Sicherlich werde Arthur mit ergnügen vernehmen daß ſeinem Freund Adam dieſes Glück in Ausſicht ſtehe. Ja, in der That! Als Arthur dieſe Stelle ge⸗ leſen hatte, fühlte er ſich wie neugeboren, und es wurde ihm zu eng im Zimmer. Er riß die Fenſter auf, ſtürzte ſich zur Thüre in die Decemberluft hin⸗ aus, und grüßte Jeden der ihn anredete ſo freund⸗ lich und vergnügt als wäre eine neue Siegesbot⸗ ſchaft von Nelſon eingetroffen. Zum erſten Mal ſeit ſeiner Abreiſe nach Windſor war es ihm wieder ſo recht jugendlich zu Muthe: die Laſt die ihn ſo ſchwer bedrückt hatte war von ihm genommen, die Furcht die ihn geſpenſtiſch verfolgt hatte war verſchwunden. Er dachte er könnte jezt ſeinen Unmuth gegen Adam überwinden, er könnte ihm ſeine Hand reichen und ihn bitten wieder ſein Freund zu ſein, troz der pein⸗ hinterlaſſen immer eine Narbe, wir mögen thun was wir wollen. Aber wenn Adam wieder war wie früher, ſo wollte auch Arthur wieder ſo ſein und ihn bei ſeinen Geſchäften wie überhaupt bei ſeiner ganzen Zukunft betheiligen, wie er dieß vor dem vermaledeiten Rencontre im Auguſt immer gewünſcht hatte. Er wollte ſogar, wenn er einmal 12 180 Beſiz von ſeinen Gütern nahm, noch weit mehr für Adam thun als er ſonſt gethan hätte; Hetty's Mann hatte ganz beſondere Anſprüche an ihn; Hetty ſelbſt ſollte ſehen daß jeder Kummer den ſie um Arthurs willen ausgeſtanden ihr hundertfach vergolten wurde. Denn in der That konnte ſie nicht beſonders tief gefühlt haben, da ſie ſich ſo ſchnell entſchloſſen hatte Adam zu heirathen. Man ſieht deutlich welches Bild Adam und Hetty auf Arthurs Gedankenpanorama während ſeiner Heim⸗ reiſe machten. Es war jezt März: die Hochzeit ſollte bald ſtattfinden, vielleicht war ſie ſchon vorüber. Und jezt ſtand es wirklich in ſeiner Gewalt viel für die Leutchen zu thun. Die holde, liebe Hetty! Das Blizmädel hatte ihm nicht halb ſo viel nachgefragt wie er ihr; denn er war ja noch immer halb in ſie vernarrt, es bangte ihm beinahe vor dem Wieder⸗ ſehen, er hatte ſeit ſeiner Trennung von ihr kaum ein Mädchen angeſehen. Dieſe zierliche Figur wie ſie im Wäldchen gegen ihn her kam, dieſe dunkel⸗ befranzten kindlichen Augen, die lieblichen Lippen wie ſie ſich ihm zum Kuß darboten— dieſes Bild hatte ſich im Verlauf der Monate noch nicht verfärbt. Und vermuthlich ſah ſie jezt noch ganz ſo aus. Er konnte ſichs gar nicht denken wie er ihr entgegen⸗ treten würde: gewiß würde er zittern. Seltſam wie lange ein ſolcher Einfluß nachhält; denn er war gewiß jezt nicht mehr in Hetty verliebt: er hatte ſeit Monaten ſehnlich gewünſcht daß ſie Adam heirathen möchte, und der Gedanke an dieſe Verbindung trug auch jezt weſentlich zu ſeinem Glücke bei. Sicher war es nur eine Uebertreibung ſeiner Einbildungs⸗ 181 kraft wenn ſein Herz noch immer beim Gedanken an ſie etwas ſchneller ſchlug. Wenn er das kleine Ding wieder ſah, ſo wie ſie wirklich war, als Adams Weib, ganz proſaiſch bei der Arbeit in ihrem neuen Haushalt, ſo mußte er ſich vielleicht wundern wie er je hatte ſo für ſie ſchwärmen können. Gott ſei Dank, die Sache hatte ſich ſo gut gewendet. Ihn erwarteten jezt Geſchäfte und Intereſſen genug an die er denken mußte, ſo daß er nicht mehr Gefahr lief aufs Neue den Narren zu machen. Wie luſtig wenn der Poſtillon mit ſeiner Peitſche knallt! Wie angenehm das Gefühl ſchnell und be⸗ haglich über ſchöne Landſchaften hin zu ſurren, die der eigenen Heimath ſo ähnlich, nur nicht ganz ſo bezaubernd ſind! Da war ein Marktflecken, beinahe ganz wie Treddleſton, wo das Wappen des benach⸗ barten Gutsherrn auf dem Schilde des vornehmſten Wirthshauſes prangte; dann kamen bloſe Felder und Hecken die vermöge ihrer Nähe bei einem Markt⸗ ort angenehme Gedanken an hohen Pachtzins er⸗ weckten, bis das Land ein ſchmuckeres Ausſehen zu gewinnen anfing, die Gehölze häufiger wurden, bis endlich ein weißes oder rothes Herrenhaus von einer mäßigen Anhöhe herabſchaute oder ſeine Zinnen und Kamine unter den dichten Maſſen von Eichen und Ulmen emporſtreckte, die ſich jezt von frühen Knos⸗ pen rötheten. Und gleich darauf kam das Dorf: das Kirchlein, das mit ſeinem rothen Ziegeldach ſo⸗ gar unter den verblaßten, halbverfallenen Häuſern noch beſcheiden ausſah; die alten moosüberwachſenen und von Neſſeln umwucherten Grabſteine; Nichts friſch und munter als die Kinder, die ihre runden 182 Augen weit aufriſſen als die Poſtchaiſe vorüber⸗ ſauste; Nichts laut und rührig als die kläffenden Köter von zweifelhafter Abſtammung. Wie unend⸗ lich ſchöner war doch Hayſlope! Und es ſollte nicht verwahrlost werden wie dieſer Ort hier; überall, an Pachthöfen und Hütten, mußten tüchtige Reparatu⸗ ren vorgenommen werden, ſo daß die Poſtreiſenden die auf der Straße von Roſſeter einherkamen nur zu bewundern hatten. Und Adam Bede ſollte all dieſe Bauten leiten, denn er hatte jezt einen Antheil an Burge's Geſchäft, und wenn er es wünſchte, ſo wollte Arthur einiges Geld hineinſtecken und in ein paar Jahren den Alten auskaufen. Freilich die Geſchichte im vergangenen Sommer war ein fauler Fleck in Arthurs Leben; aber die Zeit mußte Alles wieder gut machen. Mancher hätte ein Gefühl der Rache gegen Adam nicht unterdrücken können, aber er wollte keine Rache nehmen, er wollte jede kleinliche Abſicht dieſer Art entſchloſſen überwinden, denn er war allerdings ſehr im Unrecht geweſen, und wenn Adam ſich auch barſch und heftig gezeigt und ihn in eine peinliche Verlegenheit geſtürzt hatte, ſo war der arme Burſche ja verliebt geweſen und ſchwer gereizt worden. Nein, Arthur hegte gegen kein menſchliches Geſchöpf ein unfreundliches Gefühl: er war glücklich und wollte daß Jedermann der mit ihm in Berührung kam es ebenfalls ſein ſollte. Und da war nun endlich das liebe alte Hayſlope und ſchlief ruhig im ſpäten Nachmittagsſonnenlicht, und gegenüber lagen die mächtigen Hügel von Bin⸗ ton mit den dunkelrothen Wäldern an ihren Abhän⸗ gen, und zulezt ſchaute die blaſſe Front der Abtei 183 aus den Wäldern des Parkes hervor, als harrte ſie ſehnlich der Rückkehr des Erben entgegen.„Der arme Großvater! Da liegt er jezt todt. Auch er war einmal ein junger Burſche als er das Gut an⸗ trat, und machte ſeine Pläne. Das iſt der Lauf der Welt. Tante Lydia muß ſich ſehr verlaſſen fühlen, das arme Ding; aber ich will ſie eben ſo ver⸗ hätſcheln, wie ſie ſelbſt ihren fetten Fido verhätſchelt.“ Man hatte im Schloſſe angſtvoll auf Arthurs Rückkehr gewartet, denn heute war Freitag und die Beerdigung war bereits um zwei Tage verſchoben worden. Ehe ſein Wagen über den kiesbeſtreuten Hof fuhr, hatte die ganze Dienerſchaft ſich zu einem ernſten angemeſſenen Willkomm verſammelt, wie er ſich für ein Haus des Todes ziemte. Vor einem Monat vielleicht wäre es den Leuten ſchwer gewor⸗ den die gebührende Traurigkeit in ihre Geſichter zu legen, wenn Arthur gekommen wäre um Beſiz zu ergreifen; aber heute betrübten ſie ſich noch um etwas anderes als um den Tod des alten Herrn, und mehr als einer von der Dienerſchaft hätte viel darum gegeben einige Stunden entfernt zu ſein wie Herr Craig, um zu wiſſen was aus Hetty Sor⸗ rel werden ſollte, aus der hübſchen Hetty Sorrel, die man ſonſt jede Woche einmal hier geſehen hatte. Sie hatten die Parteilichkeit alter Diener die an ihren Pläzen hängen, und theilten die ſtrenge Ent⸗ rüſtung der Pächter nicht ganz, ſondern neigten ſich eher zum Entſchuldigen; gleichwohl konnten ſich die höchſten unter der Dienerſchaft, die ſeit vielen Jah⸗ ren mit Poyſers auf freundnachbarlichem Fuße ge⸗ ſtanden, des Gefühles nicht erwehren daß dem lang⸗ 184 erſehnten Tage wo der junge Herr das Gut antrat alle Freude genommen ſei. Für Arthur hatte es nichts Ueberraſchendes daß die Dienerſchaft ſo ernſt und traurig ausſah; er war ſelbſt ſehr gerührt ſie alle wieder zu ſehen, mit dem Bewußtſein daß er jezt in einem neuen Ver⸗ hältniß zu ihnen ſtand. Es war jene Art von pathetiſcher Aufregung die mehr Freude als Schmerz mit ſich führt, vielleicht die angenehmſte Stimmung für einen gutmüthigen Menſchen der ſich der Macht bewußt iſt ſeiner Gutmüthigkeit Genüge zu leiſten. Sein Herz ſchwoll angenehm als er ſagte: „Nun Mills, wie gehts meiner Tante?“ Aber nun kam Herr Bygate, der Advocat, der ſeit dem Tode des alten Herrn im Hauſe geblieben, mit ehrerbietiger Begrüßung heran um alle Fragen zu beantworten, und Arthur ging mit ihm in die Bibliothek, wo ſeine Tante Lydia ihn erwartete. Tante Lydia war die einzige Perſon im Hauſe die nichts von Hetty wußte; in ihren Kummer als un⸗ verheirathete Tochter miſchten ſich keine andere Sor⸗ gen als um das Begräbniß und ihr eignes künftiges Schickſal, und nach Frauenart trauerte ſie um den Vater, der ihr ein ziemlich angenehmes Leben ver⸗ ſchafft hatte, um ſo mehr, weil ſie im Stillen wohl fühlte daß in andern Herzen die Trauer um ihn nicht ſehr groß war. Aber Arthur küßte ihr thränenfeuchtes Geſicht zärtlicher als er je gethan hatte. „Liebe Tante,“ ſagte er herzlich, indem er ſie bei der Hand hielt,„Du haſt am meiſten verloren, aber Du mußt mir ſagen was ich thun kann um 18⁵ es Dir Dein ganzes übriges Leben hindurch zu erſezen.“ „Es war ſo plözlich und ſo ſchrecklich, Arthur,“ begann das arme Fräulein, indem ſie ſich in ihren kleinen Klagen ergoß, und Arthur ſezte ſich um ihr mit ungeduldiger Geduld zuzuhören. Als eine Pauſe eintrat, ſagte er: „Jezt, Tante, muß ich Dich auf eine Viertel⸗ ſtunde verlaſſen, um auf mein eigenes Zimmer zu gehen; dann will ich wieder kommen und Alles genau überlegen. Mein Zimmer iſt hoffentlich in Ordnung, Mills?“ ſagte er zu dem Bedienten, der unruhig im Vorzimmer zu warten ſchien. „Ja, Herr Capitän, und es ſind auch Briefe für Sie da; ſie liegen alle auf dem Schreibtiſch in Ihrem Ankleidezimmer.“ Als er in das kleine Vorzimmer trat welches das Ankleidezimmer hieß, wo aber Arthur gewöhn⸗ lich bloß faullenzte und ſchrieb, warf er einen flüch⸗ tigen Blick auf den Schreibtiſch und ſah verſchiedene Briefe und Pakete daliegen; aber er befand ſich im Staub ſeiner eiligen Reiſe zu unbehaglich, und es war ihm ein Bedürfniß ſich einigermaßen durch Klei⸗ derwechſel zu erfriſchen bevor er ſeine Briefe las. Pym war da und ſorgte für Alles; bald fühlte er ſich köſtlich erfriſcht, wie wenn er einen neuen Tag beginnen ſollte, und ging in ſein Ankleidezimmer zurück um die Briefe zu leſen. Die Strahlen der tiefen Mittagsſonne fielen unmittelbar auf das Fenſter, und als Arthur ſich in ihrem angenehmen warmen Schein in ſeinen ſammtnen Lehnſtuhl ſezte, empfand er jenes ruhige Wohlbehagen das ihr und ich viel⸗ 186 leicht auch ſchon an einem ſonnigen Mittag empfun⸗ den haben, wenn das Leben in der ſchönſten Fülle unſerer Jugend und Geſundheit eine neue Ausſicht uns erſchloß, und wenn eine lange Zukunft voll er⸗ wünſchter Thätigkeit ſich wie eine liebliche Ebene vor uns dehnte, die wir nicht ſo ſchnell anzuſehen brauchten, weil ſie uns ganz ſicher gehörte. Der oberſte Brief war ſo gelegt daß die Adreſſe oben lag: ſie war von Herrn Irwine's Hand, das ſah Arthur ſogleich, und unter der Adreſſe ſtand: Gleich bei ſeiner Ankunft abzugeben. Nichts konnte ihn weniger überraſchen als ein Brief von Irwine in dieſem Augenblick: natürlich wünſchte er ihm irgend eine Mittheilung zu machen ehe ſie einander ſehen konnten. In einer ſolchen Zeit ließ ſich wohl denken daß Irwine ihm etwas Dringendes mitzu⸗ theilen hatte. Arthur erbrach das Siegel und ieuis ſich ſchon zum Voraus den Schreiber ſelbſt bald zu ſehen. „„Ich ſchicke Ihnen dieſen Brief gleich bei „Ihrer Ankunft, Arthur, weil ich bis dahin „wohl in Stoniton bin, wohin mich die ſchmerz⸗ „lichſte Pflicht ruft die ich je zu erfüllen hatte, „und weil Sie ſogleich erfahren müſſen was ich „Ihnen zu ſagen habe. „„Ich will es nicht verſuchen durch ein Wort „die Vergeltung zu erſchweren die jezt auf Sie „fällt. Alles was ich Ihnen in dieſem Augen⸗ „blick ſchreiben könnte, wäre ſchwach und nichts⸗ „ſagend gegen die einfache Thatſache die ich Ihnen „melden muß: „„Hetty Sorrel ſizt im Gefängniß und wird 187 „nächſten Freitag wegen Kindsmordes vor Gericht „geſtellt.““ Arthur las nicht weiter. Er fuhr von ſeinem Stuhl auf und zitterte eine Minute lang ſo krampf⸗ haft am ganzen Leibe, als ob das Leben unter furchtbaren Herzſtößen von ihm weichen wollte; dann aber ſtürzte er, noch immer den Brief zuſammen⸗ drückend, aus dem Zimmer, raste durch den Gang und die Treppe hinab in die Halle. Mills war noch immer da, aber Arthur ſah ihn nicht, als er wie ein Gehezter an ihm vorbei und auf den Hof hinaus jagte. Der Alte trippelte ihm nach ſo ſchnell ſeine morſchen Glieder es geſtatteten; er ahnte, er wußte wohin der junge Herr wollte. Als Mills in den Stall kam, wurde bereits ein Pferd geſattelt, und Arthur zwang ſich den übrigen Inhalt des Briefes zu leſen. Als das Pferd vor⸗ geführt wurde, ſtieß er den Brief in ſeine Taſche und in dieſem Moment ſah er das ängſtliche Geſicht des Dieners vor ſich. „Sag' ich ſei fort— nach Stoniton,“ ſagte er mit erſtickter Aufregung, ſprang in den Sattel und galoppirte davon. Fünfundvierzigſtes Capitel. Im Gefängniß. Am ſelben Tag gegen Sonnenuntergang ſtand ein ältlicher Herr mit dem Rücken an die kleinere Thüre des Gefängniſſes in Stoniton angelehnt und 188 ſagte einige lezte Worte zu dem weggehenden Caplan. Dieſer entfernte ſich, aber der ältere Herr blieb ſtehen; er ſchaute auf das Pflaſter hinab und rieb ſich nachdenklich am Kinn, als er von einer lieb⸗ lichen hellen Mädchenſtimme geweckt wurde mit den Worten: „Kann ich in's Gefängniß kommen, wenn Sie es gütigſt erlauben?“ Er drehte ſich um und ſchaute die Sprecherin einige Augenblicke feſt an ohne zu antworten. „Ich habe Sie ſchon geſehen,“ ſagte er endlich. „Erinnern Sie ſich daß Sie einmal auf der Ge⸗ meindewieſe zu Hayſlope in Loamſhire gepredigt haben?“ „Ja gewiß. Sind Sie der Herr der zu Pferde anhielt und zuhörte?“ „Ja. Warum wiünſchen Sie in's Gefängniß zu gehen?“ „Ich möchte gern Hetty Sorrel beſuchen, das junge Mädchen das zum Tod verurtheilt worden iſt, und bei ihr bleiben wenn ich Erlaubniß bekäme. Haben Sie einige Gewalt im Gefängniß, mein Herr?“ „Ja, ich bin ein Beamter und kann Ihnen Zu⸗ tritt verſchaffen. Aber kennen Sie dieſe Verbrecherin, dieſe Hetty Sorrel?“ „Ja, wir ſind mit einander verwandt. Eine Tante von mir iſt mit ihrem Onkel, Martin Poyſer, verheirathet. Aber ich war in Leeds und erfuhr dieſe große Trübſal zu ſpät um ſchon früher kommen V zu können. Bei der Liebe unſers himmliſchen Vaters 189 bitte ich Sie, mein Herr, laſſen Sie mich hinein und bei ihr bleiben.“ „Woher haben Sie erfahren daß ſie zum Tod verurtheilt iſt, wenn Sie erſt jezt von Leeds kom⸗ men?“ „Ich habe nach dem Proceß meinen Onkel ge⸗ ſehen. Er iſt jezt wieder zu Hauſe und die arme Sünderin iſt von aller Welt verlaſſen. Ich bitte Sie um Alles, verſchaffen Sie mir Erlaubniß bei ihr zu ſein.“ „Wie? Hätten Sie den Muth die ganze Nacht im Gefängniß zu bleiben? Sie iſt ſehr verſtockt und antwortet kaum wenn man ſie anredet.“ „Ach lieber Herr, es kann Gott noch immer ge⸗ fallen ihr Herz zu öffnen; laſſen Sie uns keine Zeit verlieren.“ „Nun ſo kommen Sie,“ ſagte der ältere Herr, indem er klingelte und ihr Eintritt verſchaffte,„ich weiſ⸗ Sie beſizen einen Schlüſſel zu verſchloſſenen erzen.“ Sobald ſie im Gefängnißhof waren, nahm Dina mechaniſch Hut und Shawl ab, weil ſie gewohnt war dieſelben abzulegen wenn ſie predigte oder betete oder die Kranken beſuchte, und als ſie ins Zimmer des Schließers kam, legte ſie unbewußt beides auf einen Stuhl. Es war keine Aufregung an ihr ſichtbar, ſondern eine tiefe geſammelte Ruhe, wie wenn ſelbſt beim Sprechen ihre Seele im Ge⸗ bet an eine unſichtbare Stüze ſich anlehnte. Nachdem der Beamte mit dem Gefangenwärter geſprochen, wandte er ſich gegen ſie und ſagte: „Der Schließer wird Sie in die Zelle der Gefange⸗ 190 nen führen und über Nacht da laſſen, wenn Sie es wünſchen, aber ein Licht bekommen Sie nicht, das iſt gegen die Hausordnung. Mein Name iſt Oberſt Townley; wenn ich Ihnen etwas helfen kann, ſo fragen Sie den Gefangenwärter nach meiner Adreſſe und kommen Sie zu mir. Ich intereſſire mich ein wenig für dieſe Hetty Sorrel, wegen dieſes hübſchen Burſchen, des Adam Bede: ich ſah ihn zufällig in Hayſlope am ſelbigen Abend wo ich Sie predigen hörte, und ich erkannte ihn heute im Saal, ſo ſchlecht er auch ausſah.“ „Ach lieber Herr, können Sie mir etwas von ihm ſagen? Können Sie mir ſagen wo er wohnt? Denn mein armer Onkel war von ſeinem Kummer ſo ſchwer niedergedrückt daß er nicht daran dachte.“ „Dicht nebenan. Ich habe mich bei Herrn Irwine nach ihm erkundigt. Er wohnt bei einem Zinngießer in der Straße rechts vom Gefängniß. Ein alter Schulmeiſter iſt bei ihm. Jezt Gott be⸗ fohlen! Ich wünſche Ihnen guten Erfolg.“ „Leben Sie wohl, lieber Herr, ich bin Ihnen ſehr verbunden.“ Als Dina mit dem Schließer über den Gefäng⸗ nißhof ging, erſchienen die Mauern in der feierlichen Abendbeleuchtung höher als bei Tag, und auf dieſem düſtern Hintergrund glich das holdſelige blaſſe Ge⸗ ſicht unter dem Häubchen mehr als je einer weißen Blume. Der Schließer ſah ſie die ganze Zeit über von der Seite an, ſprach aber kein Wort. Gewiß fühlte er daß der Ton ſeiner eigenen rauhen Stimme gerade jezt unangenehm ſein müßte. Als ſie in den dunkeln Gang traten der zur Zelle der Verurtheil⸗ 191 ten führte, machte er Licht und ſagte ſo höflich als es ihm möglich war:„Es wird in der Zelle be⸗ reits ziemlich dunkel ſein, aber ich kann mit mei⸗ nem Licht ein wenig da bleiben, wenn Sie es wünſchen.“ „Nein guter Freund, ich danke,“ antwortete Dina, nich wünſche allein hineinzugehen.“ „Wie Sie wollen,“ verſezte der Schließer, indem er den ſchweren Schlüſſel im Schloß umdrehte und die Thüre weit öffnete um Dina hereinzulaſſen. Ein Lichtſchein von ſeiner Laterne ſiel auf die entgegen⸗ geſezte Ecke, wo Hetty auf ihrer Strohpritſche ſaß, das Geſicht tief in ihren Schooß begraben. Sie ſchien zu ſchlafen, und doch mußte das Knarren des Schloſſes ſie beinahe geweckt haben. Die Thüre ſchloß ſich wieder, und das einzige Licht in der Zelle war jezt dasjenige das durch das kleine hohe Gitter vom Abendhimmel herabkam— gerade noch hell genug um menſchliche Geſichter da⸗ bei zu erkennen. Dina blieb eine Minute ſtill ſtehen und wollte noch nicht ſprechen, weil Hetty) ſchlafen konnte; ſie ſah mit ſehnſuchtsvollem Herzen naef bewegungsloſe Geſtalt an. Dann ſagte ſie anft: „Hetty!“ An Hetty's Körper war eine gewiſſe Bewegung zu bemerken, ein Zuſammenzucken wie in Folge eines ihwachen electriſchen Schlages, aber ſie ſchaute nicht auf. Dina ſprach wieder; in einem Tone welchen die übermächtige Aufregung ſtärker machte, ſagte ſie: „Hetty... ich bin's, Dina.“ 192 Wiederum bebte es ſchaudernd durch Hetty's Körper, und ohne die Hände von ihrem Geſichte wegzunehmen, erhob ſie ihren Kopf ein wenig als ob ſie lauſchte. „Hetty... Dina iſt zu Dir gekommen.“ Nach einer kurzen Pauſe erhob Hetty langſam und ſchüchtern den Kopf von ihrem Schooße und ſchlug ihre Augen auf. Die zwei blaſſen Geſichter ſchauten einander an: das eine mit wilder, harter Verzweiflung, das andere voll von wehmüthiger, ſehnſuchtsvoller Liebe. Dina öffnete unwillkührlich ihre Arme und ſtreckte ſie aus. 3 „Kennſt Du mich nicht, Hetty? Erinnerſt Du Dich der Dina nicht? Haſt Du Dir nicht gedacht daß ich in Deiner Trübſal zu Dir kommen würde?“ Hetty hielt ihre Augen feſt auf Dina's Geſicht geheftet— zuerſt wie ein Thier das fortwährend ängſt⸗ lich ſchaut und ſich ferne hält. „Ich bin zu Dir gekommen, Hetty— um Dich nicht mehr zu verlaſſen— um bei Dir zu bleiben *— um Deine Schweſter zu ſein bis zum lezten Augenblicke.“ Während Dina ſprach, ſtand Hetty langſam auf, trat einen Schritt vorwärts und wurde von Dina's Armen umklammert. So ſtanden ſie lang, denn keine von beiden fühlte eine Regung ſich von der andern wieder zu trennen. Hetty hing ſich ohne einen klaren Gedan⸗ ken an dieſes Etwas von den ſie ſich jezt umſchloſſen fühlte, während ſie hilflos in einen dunkeln Ab⸗ grund verſank, und Dina war hoch erfreut über dieſes erſte Zeichen daß ihre Liebe der unglücklichen 193 Verlorenen willkommen war. Der Lichtſchimmer wurde immer matter während ſie beiſammen ſtanden; und als ſie ſich zulezt mit einander auf die Pritſche ſez⸗ ten, waren ihre Geſichter nicht mehr zu erkennen. Kein Wort wurde geſprochen; Dina wartete in der Hoffnung daß Hetty von ſelbſt ſprechen würde, aber dieſe ſaß in derſelben dumpfen Verzweiflung da, ſie hielt bloß die Hand welche die ihrige er⸗ griffen hatte, und lehnte ihre Wange an Dina's Geſicht. An dieſe Berührung mit einem menſchlichen Weſen klammerte ſie ſich feſt, aber ſie ſank nichts deſtoweniger in den dunkeln Abgrund hinab. Dina begann zu zweifeln, ob Hetty es ſich be⸗ wußt ſei daß ſie neben ihr ſize. Sie dachte, Kum⸗ mer und Angſt möchte die arme Sünderin um den Verſtand gebracht haben. Aber es wurde ihr, wie ſie ſpäter erzählte, eingegeben daß ſie Gottes Werk nicht übereilen dürfe. Wir ſind allzu vorſchnell im Sprechen, als ob Gott ſich nicht ſelbſt durch unſer ſtilles Gefühl offenbarte und ſeine Liebe durch die unſrige fühlbar machte. Sie wußte nicht wie lange ſie ſo daſaßen, aber es wurde immer dunkler, bis nur noch ein blaſſer Lichtfleck auf der Wand gegen⸗ über ſchimmerte; alles Uebrige war in Finſterniß gehüllt. Sie fühlte jedoch die göttliche Nähe mehr und mehr, ja es war ihr als ſei ſie ſelbſt ein Theil derſelben, und das göttliche Erbarmen war es was in ihrem Herzen ſchlug und dieſes hilfloſe Geſchoͤpf retten wollte. Endlich fühlte ſie ſich gedrungen zu ſprechen, um zu erforſchen wie weit Hetty ſich der Gegenwart bewußt war. Eliot, Adam Bede. III. 13 194 „Hetty,“ ſagte ſie ſanft,„weißt Du wer neben Dir ſizt?“ „Ja,“ antwortete Hetty langſam,„Du Dina.“ „Und erinnerſt Du Dich der Zeit wo wir mit einander auf dem Pachthof waren, und jener Nacht wo ich Dir ſagte Du ſolleſt an mich als eine Freun⸗ din in der Trübſal denken?“ „Ja,“ ſagte Hetty. Dann fügte ſie nach einer Pauſe hinzu:„Aber Du kannſt Nichts für mich thun; Du kannſt bei dieſen Leuten Nichts aus⸗ richten. Am Montag werde ich gehängt— heute iſts Freitag.“ Bei dieſen lezten Worten klammerte ſie ſich ſchau⸗ dernd noch feſter an Dina. „Nein, Hetty, ich kann Dich von dieſem Tode nicht retten. Aber iſt Dein Leiden nicht weniger hart wenn Du Jemand bei Dir haſt der mit Dir fühlt, mit dem Du ſprechen, dem Du ſagen kannſt was Dir auf dem Herzen liegt?... Ja Hetty, Du lehnſt Dich an mich; es freut Dich daß Du mich bei Dir haſt.“ „Und Du wirſt mich nicht verlaſſen, Dina? Du willſt bei mir bleiben?“ „Nein Hetty, ich werde Dich nicht verlaſſen, ich werde bis zum lezten Augenblick bei Dir bleiben . aber Hetty, jezt iſt noch ein anderer außer mir in dieſer Zelle, ganz nahe bei Dir.“ „Wer?“ flüſterte Hetty erſchrocken. „Einer der in der ganzen Zeit Deiner Sünde und Trübſal bei Dir war— der alle Deine Ge⸗ danken wußte, der Dich ſah wo Du gingeſt, wo Du Dich legteſt und wieder aufſtandeſt, der alle Deine Thaten ſah die Du in der Dunkelheit zu verbergen ſuchteſt. Und am Montag, wenn ich Dir nicht mehr folgen kann— wenn meine Arme Dich nicht mehr erreichen können— wenn der Tod uns getrennt hat, da wird er der jezt bei uns iſt und Alles weiß, immer noch bei uns ſein. Es macht keinen Unter⸗ ſchied— ob wir leben oder ſterben, wir ſind immer unter dem Auge Gottes.“ „O Dina, wird Niemand Etwas für mich thun? Wird man mich denn wirklich hängen?... Ich würde mir Alles gefallen laſſen wenn man mich nur am Leben ließe.“ „Meine arme Hetty, der Tod iſt Dir ſehr ſchreck⸗ lich. Ich weiß, er iſt ſchrecklich. Aber wenn Du einen Freund hätteſt der nach dem Tod— in einer andern Welt— für Dich ſorgte, einen Freund deſſen Liebe größer iſt als die meinige— der Alles thun kann... wenn Gott unſer Vater Dein Freund wäre und Dich retten wollte von Sünden un Leiden, ſo daß Du nie wieder Etwas von böſen Gefühlen und Schmerzen wüßteſt? wenn Du glauben könnteſt daß er Dich lieben und Dir helfen wolle, wie Du glaubſt daß ich Dich liebe und Dir helfen möchte, dann würde es gewiß nicht ſo hart ſein am Montag zu ſterben.“ „Aber ich kann ja davon Nichts wiſſen,“ ſagte Hetty halb verdrießlich und halb traurig. „Weil Du Deine Seele gegen ihn verſchließeſt, Hetty, indem Du die Wahrheit zu verbergen ſuchſt. Gottes Liebe und Barmherzigkeit kann Alles über⸗ winden— unſere Unwiſſenheit und Schwachheit und all die Laſt unſerer früheren Bosheit— Alles, nur 13* 196 nicht unſern Sündentroz, die Sünde an welcher wir feſthalten und die wir nicht aufgeben wollen. Du glaubſt an meine Liebe und an mein Mitleid, Hetty; aber hätteſt Du mich nicht zu Dir kommen laſſen, hätteſt Du mich nicht angeſehen oder nicht mit mir geſprochen, ſo würdeſt Du es mir unmöglich gemacht haben Dir zu helfen: ich hätte Dir meine Liebe nicht zeigen, ich hätte Dir nicht ſagen können was ich für Dich fühle. Stoße nicht Gottes Liebe von Dir indem Du an der Sünde feſthältſt... er kann Dich nicht ſegnen ſo lange Du eine Lüge auf der Seele haſt; und ſeine verzeihende Erbarmung kann Dich nicht erreichen bis Du ihm Dein Herz öffneſt und ſprichſt: Ich habe dieſe große Miſſethat began⸗ gen, o Gott, rette mich und mache mich rein von Sünde! So lange Du an einer einzigen Sünde feſthältſt und Dich nicht von ihr trennen willſt, muß ſie Dich auch nach dem Tode ins Elend hinabziehen, wie ſie Dich in dieſer Welt hinabgezogen hat, meine arme, arme Hetty! Die Sünde iſt es die Schrecken, Finſterniß und Verzweiflung bringt; ſobald wir ſie weggeworfen, kommt Licht und Segen für uns, dann zieht Gott in unſere Seelen ein und lehrt uns und bringt uns Kraft und Frieden. Wirf ſie jezt weg, Hetty— jezt: bekenne die Miſſethat die Du begangen — die Sünde deren Du Dich gegen Gott, unſern himmliſchen Vater, ſchuldig gemacht haſt. Laß uns zuſammen niederknieen, denn wir befinden uns unter dem Auge Gottes.“ Hetty machte diefelbe Bewegung wie Dina und ſank auf ihre Kniee. Sie hielten einander bei der Hand und blieben lange ſtumm. Dann ſagte Dina: 3 197 „Hetty, wir ſind vor Gott: er erwartet daß Du die Wahrheit ſagſt.“ Noch immer blieb Hetty ſtumm; endlich ſagte ſie in flehendem Tone: „Dina... hilf mir... ich kann nicht fühlen wie Du... mein Herz iſt hart.“ Dina hielt die Hand von welcher die ihrige umklammert wurde, und ihre ganze Seele ergoß ſich folgendermaßen in ihre Stimme: „Jeſu, allgegenwärtiger Erlöſer! Du haſt die Tiefen aller Leiden ergründet: Du haſt die ſchwarze Dunkelheit betreten wo Gott nicht iſt, und haſt aus⸗ geſtoßen den Schrei der Verlaſſenen. Komm, Herr, und ſammle die Früchte Deiner Arbeit und Deiner Fürbitte. Strecke Deine Hand aus, der Du mäch⸗ tig biſt in der äußerſten Noth zu retten, und erlöſe dieſe Verlorene. Sie iſt von dichter Finſterniß um⸗ fangen: die Feſſeln ihrer Sünde drücken ſie, und ſie kann ſich nicht rühren um zu Dir zu kommen; ſie kann blos fühlen daß ihr Herz hart iſt, und ſie iſt hilflos. Sie ruft zu mir, Deinem ſchwachen Ge⸗ ſchöpfe... Erlöſer! es iſt ein blindes Rufen zu Dir. Höre es! Durchdringe das Dunkel! Schau auf ſie mit Deinem Angeſicht voll Liebe und Kum⸗ mer, wie Du es dem Jünger zuwandteſt der Dich verleugnete, und ſchmelze ihr hartes Herz „Sieh, Herr, ich bringe ſie, wie man einſt die Kranken und Hilfloſen brachte daß Du ſie heileſt: ich trage ſie auf meinen Armen und bringe ſie vor Dich. Furcht und Zittern hat ſie erfaßt; aber ſie zittert blos vor körperlichem Schmerz und Tod; hauche . ihr deinen belebenden Geiſt ein und lege eine neue 198 Furcht in ſie— die Furcht vor ihrer Sünde. Laß ſie davor zurückbeben die verfluchte That in ihrer Seele zu behalten; laß ſie die Gegenwart des leben⸗ digen Gottes fühlen, welcher alles Vergangene ſieht, für welchen die Finſterniß wie Mittag iſt: welcher jezt, in der eilften Stunde, auf ſie wartet, daß ſie ſich zu ihm wende und die Sünde bekenne und um Gnade ſchreie— jezt ehe die Nacht des Todes kommt, und der Augenblick der Verzeihung für immer vorüber iſt, wie der geſtrige Tag der nicht wiederkehrt. „Erlöſer! es iſt noch Zeit— Zeit dieſe arme Seele dem ewigen Dunkel zu entreißen. Ich glaube feſt an Deine unendliche Liebe. Was iſt meine Liebe oder Fürbitte? Sie erliſcht in der Deinigen. Ich kann dieſe Sünderin nur in meine ſchwache Arme ſchließen und mit meinem ſchwachen Erbarmen auf ſie einwirken. Du, Du wirſt die todte Seele anhauchen, und ſie wird auferſtehen aus dem ſtum⸗ men Schlafe des Todes. „Ja, Herr, ich ſehe Dich, wie Du durch das Dunkel kommſt, wie Du gleich dem Morgen kommſt und Heilung bringſt auf Deinen Fittichen. Die Spuren Deines Todeskampfes ſind an Dir ſichtbar — ich ſehe, ich ſehe, Du kannſt und willſt ſie retten — Du willſt ſie nicht auf ewig verderben laſſen. „Komm, mächtiger Erlöſer! Laß die Todte Deine Stimme hören; laß die Augen der Blinden aufgehen;, laß ſie ſehen daß Gott ſie umfängt. Laß ſie über nichts Anderes zittern als über die Sünde wodurch ſie von ihm getrennt wird. Schmelze das harte Heerz, entſiegle die verſchloſſenen Lippen, laß ſie von ganzer Seele rufen: Vater, ich habe geſündigt...“ 199 „Dina,“ ſchluchzte Hetty, indem ſie ihr um den Hals fiel;„ich will ſprechen... ich will es nicht mehr verheimlichen.“ Aber ſie weinte und ſchluchzte allzu heftig. Dina richtete ſie ſanft von ihren Knieen auf, ſezte ſie wie⸗ der auf die Pritſche und nahm ſelbſt an ihrer Seite Plaz. Es währte lange bevor die krampfhaft zuckende Kehle ruhig wurde, und auch dann ſaßen ſie noch einige Zeit in ſtiller Dunkelheit da, indem ſie einander bei der Hand hielten. Endlich flüſterte Hetty: „Ich habe es gethan, Dina.. ich hab' es im Walde begraben... das kleine Kind... und es ſchrie... ich hörte es ſchreien... ich hörte es noch in weiter Ferne... die ganze Nacht... und ich ging zurück weil es ſchrie.“ Sie hielt inne und dann ſprach ſie haſtig, im Tone der Selbſtvertheidigung: „Aber ich dachte, es würde vielleicht nicht ſterben — irgend Jemand würde es finden. Ich tödtete es nicht ſelbſt. Ich legte es nur hin und deckte es zu, und als ich zurückkam, war es verſchwunden.. es geſchah bloß weil ich ſo ſchrecklich unglücklich war, Dina..ich wußte nicht wo ich hin ſollte... und ich verſuchte zuerſt mich ſelbſt zu tödten, aber ich konnte nicht. Ich verſuchte es mich im Teich zu ertränken, aber ich konnte nicht. Ich ging nach Windſor— ich lief davon— wußteſt Du das? Ich wollte ihn aufſuchen damit er ſich meiner annehmen ſollte, aber er war fort; und da wußte ich nicht was ich thun ſollte. Ich wagte es nicht nach Hauſe zurückzugehen— ich konnte es nicht ertragen, ich hätte es nicht ertragen können Jemand anzuſehen, denn ſie würden mich 200 verachtet haben. Manchmal dachte ich an Dich und beſchloß zu Dir zu gehen, denn ich dachte, Du wür⸗ deſt nicht hart gegen mich ſein und mir meine Schande nicht vorhalten: es war mir als ob ich Dir Alles erzählen könnte. Aber dann hätten die Andern es zulezt doch erfahren, und das konnte ich nicht ertragen. Der Gedanke an Dich veranlaßte mich theilweiſe nach Stoniton zu gehen, und überdieß hatte ich große Angſt daß ich ſo lange herumwandern müßte, bis ich eine Bettlerin wäre und nichts mehr hätte, und manchmal dachte ich, ich könnte noch eher auf den Pachthof zurückkehren als dieß thun— o es war ſo ſchrecklich... ich war ſo elend... ich wünſchte ich wäre nie geboren worden. In die grünen Felder hinaus möchte ich nie mehr gehen, ich haßte ſie ſo ſehr in meinem Elend.“ Hetty hielt von Neuem inne, als wirkte das Bewußtſein der Vergangenheit zu ſtark auf ſie um weiter ſprechen zu können. „Und dann ging ich nach Stoniton, und da wurde es mir ſo bange in der Nacht, weil ich ſo nahe bei Hauſe war. Und dann wurde das kleine Kind geboren als ich es nicht erwartete, und der Gedanke ſtieg in mir auf daß ich es vielleicht los⸗ werden und wieder nach Hauſe gehen könnte. Dieſer Gedanke kam ganz plözlich als ich im Bette lag, und wurde immer ſtärker und ſtärker... ich ſehnte mich ſo ſehr nach Hauſe zurück... ich konnte es nicht ertragen allein zu ſein und demnächſt betteln zu müſſen. Und dieß gab mir Kraft und Entſchluß, ſo daß ich aufſtand und mich anzog. Ich fühlte daß ich es thun mußte... ich wußte ſelbſt nicht wie 201 .. ich dachte ich würde vielleicht einen Teich finden wie jenen andern tief im Feld drin, in der Dunkel⸗ heit. Und als die Frau ausging, fühlte ich mich ſtark genug um Alles zu thun... ich dachte ich könnte all mein Elend loswerden, nach Hauſe zurück⸗ gehen, und ſie würden es nie erfahren warum ich weggelaufen ſei. Ich ſezte meinen Hut auf, legte meinen Shawl um und ging mit dem Kinde unter meinem Mantel auf die finſtere Straße hinaus. Und ich ging ſchnell bis ich eine Strecke hinweg auf eine Straße kam, und da war ein Wirthshaus, wo ich mir ein warmes Getränke und etwas Brod geben ließ. Und ich lief immer weiter, und ich fühlte den Boden kaum den ich betrat, und es wurde heller, denn der Mond kam— ach wie erſchrack ich, Dina, als er mich zum erſten Male aus den Wolken an⸗ ſah! So hatte er mich noch nie angeſehen, und ich ging von der Straße ab in die Felder hinein, denn ich fürchtete im hellen Mondſchein Jemand zu begegnen. Und ich kam an einen Heuſchober, und ich dachte da könnte ich mich hinlegen und mich die ganze Nacht hindurch warm halten. Ich fand einen leeren Plaz darin wo ich mir ein Bett machen konnte; und ich lag ganz gut da und hielt das Kind warm an mich; und da muß ich lange Zeit geſchlafen haben, denn als ich erwachte, war es Morgen, aber es war nicht ſehr hell und das Kind ſchrie. Und ich ſah in der Rähe einen Wald... ich dachte, da würde vielleicht ein Graben oder ein Teich ſein . und es war ſo früh daß ich dachte, ich könnte das Kind darin verbergen und weit weg ſein bevor die Leute auſſtehen. Ich hoffte hie und da ein Stück 202 Wegs fahren zu können und ſo nach Hauſe zu kom⸗ men; dort wollte ich ſagen ich habe mich nach einer Stelle umgeſehen und keine bekommen. Ach, Ding, wie ſehnte ich mich wieder ruhig zu Hauſe zu ſein! Wie ich gegen das Kind dachte, weiß ich ſelbſt nicht. Ich glaube faſt daß ich es haßte— es war mir wie ein ſchweres Gewicht an meinem Halſe; und doch ging ſein Schreien mir durch Mark und Bein, und ſeine Händchen und ſein Geſicht wagte ich gar nicht anzuſehen, aber ich ging auf das Gehölz zu und ſtreifte darin herum, fand jedoch kein Waſſer.“ Hetty ſchauderte. Sie ſchwieg einige Augenblicke und dann begann ſie flüſternd wieder: „Ich kam an einen Plaz wo Holzſpäne und Raſenſtücke waren, und ich ſezte mich auf einen Baumſtamm um zu überlegen was ich thun ſollte. Und auf einmal ſah ich unter der Nußſtaude ein Loch wie ein kleines Grab. Da durchzuckte es mich wie ein Bliz. Ich beſchloß das Kind hier abzulegen und es mit dem Gras und den Spänen zuzudecken. Anders konnte ich es nicht tödten. In einer Minute war es geſchehen; ach es ſchrie ſo— ich konnte es nicht ganz zudecken; ich dachte, vielleicht würde Je⸗ mand kommen und ſich ſeiner annehmen, und dann würde es nicht ſterben. Und ich eilte zum Walde hinaus, aber ich hörte es die ganze Zeit über ſchreien: und als ich auf die Felder kam, da war es mir als würde ich feſtgehalten,— ich konnte nicht weiter gehen, obſchon ich wollte. Und ich ſezte mich an den Heuſchober um zu ſehen ob Jemand käme. Ich war ſehr hungrig und ich hatte nur noch ein Stückchen Brod; aber ich konnte nicht weggehen. 203 Und nach langer Zeit, nach vielen Stunden kam der Mann, der Mann im Kittel, und ſchaute mich ſo an daß ich Angſt bekam und mich ſchnell weiter machte. Ich dachte er würde nach dem Gehölze gehen und vielleicht das Kind finden. Und ich ging immer weiter, bis ich an ein Dorf kam das weit von dem Gehölz entfernt war; ich war ſehr krank und ſchwach und hungrig. Ich ließ mir etwas zu eſſen geben und kaufte mir einen Laib Brod. Aber ich fürchtete mich dazubleiben. Ich hörte das Kind ſchreien, ich dachte die andern Leute müßten es auch hören, und ſo ging ich weiter. Aber ich war ſo müde und es wurde dunkel. Endlich ſah ich eine Scheune am Weg, und ich dachte, da könnte ich hineingehen und mich unter Heu und Stroh ver⸗ ſtecken, ſo daß mich wohl Niemand finden würde. Ich ging alſo hinein, und die Scheune war halb voll von Strohbündeln, auch lag einiges Heu da. Ich machte mir alſo ein Bett wo Niemand mich finden konnte, und ich war ſo müde und ſchwach daß ich bald einſchlief. Aber ach, das Geſchrei des Kin⸗ des weckte mich immer wieder, und es war mir als ob der Mann der mich ſo angeſehen hatte jezt käme und mich packte. Aber ich muß doch zulezt lange geſchlafen haben ohne es ſelbſt zu wiſſen, denn als ich aufſtand und zur Scheuer hinausging, wußte ich nicht ob es Nacht oder Morgen war. Aber es war Morgen, denn es wurde immer heller, und ich ging den Weg zurück den ich gekommen war. Ich konnte nicht anders, Dina, das Schreien des Kindes trieb mich und doch war ich in Todesangſt; ich dachte, der Mann im Kittel würde mich ſehen und er wiſſe 204 daß ich das Kind hierher gelegt habe. Aber ich ging troz alledem weiter; ich wollte jezt nicht mehr nach Hauſe gehen— dieſer Gedanke war mir ganz aus dem Sinn gekommen. Ich ſah nichts als den Plaz im Gehölze wo ich das Kind begraben hatte .... ich ſehe ihn noch jezt. Ach Dina, werde ich ihn immer ſehen müſſen?“ Hetty klammerte ſich feſt an Dina und ſchauderte von Neuem; erſt nach einer langen Pauſe beendete ſie ihre Erzählung. „Ich begegnete Niemand, denn es war ſehr früh, und ich ging in das Gehölz... ich wußte den Weg nach dem Plaze... dort an dem Nuß⸗ baum... und bei jedem Schritt meinte ich das Schreien des Kindes zu hören, ich dachte es lebe noch... ich weiß nicht ob ich darüber erſchrack oder mich freute... ich weiß nicht was ich fühlte. Nur ſo viel weiß ich daß ich in dem Gehölze war und das Geſchrei hörte, Ich weiß nicht wie mir zu Muthe wurde, als ich ſah daß das Kind weg war. Als ich es hinlegte, da dachte ich, vielleicht würde Jemand es finden und vom Tode erretten; aber als ich ſah daß es fort war, da wurde ich vor ans Fortgehen, ich war ſo ſchwach. Ich fühlte daß ich nicht weit gehen konnte, und es war mir als müßte Jedermann der mich anſähe von dem Kinde wiſſen. Mein Herz verwandelte ſich in einen Stein: ich konnte nichts wünſchen und auch nichts zu thun ver⸗ ſuchen; es war mir als müßte ich immer dableiben, und es würde ſich nichts mehr verändern. Aber da kamen die Leute und nahmen mich fort.“ Furcht ſo ſtarr wie ein Stein. Ich dachte nicht 205 Hetty ſchwieg, aber ſie ſchauderte von Neuem, als ob ſie noch immer etwas im Hintergrunde hätte, und Dina wartete, denn ihr Herz war ſo voll daß Thränen ihr näher ſtanden als Worte. Endlich rief Hetty unter lautem Schluchzen: „Dina, glaubſt Du daß Gott dieſes Geſchrei und dieſen Plaz im Gehölze jezt wegnehmen wird, nachdem ich Dir Alles geſagt habe?“ „Laß uns beten, arme Sünderin, laß uns wieder auf unſere Kniee fallen und zum Gott der Barm⸗ herzigkeit flehen.“ Sechsundvierzigſtes Capitel. Die Stunden banger Erwartung. Am Sonntag Morgen, als in Stoniton die Kirchenglocken zum Gottesdienſt läuteten, trat Bar⸗ thel Maſſey nach kurzer Abweſenheit wieder in Adams Zimmer und ſagte: „Adam, draußen iſt eine Perſon die Dich zu ſehen wünſcht.“ Adam ſaß mit dem Rücken gegen die Thüre, fuhr aber ſogleich auf und wandte ſich mit geröthe⸗ tem Geſicht und gierigem Blicke raſch um. Sein Geſicht war noch magerer und abgezehrter als das lezte Mal, aber doch war er an dieſem Sonntag Morgen gewaſchen und raſirt. „Gibt es etwas Neues?“ fragte er. „Nur ruhig, mein Junge,“ antwortete Barthel, nnur ruhig. Du kannſt Dir nicht denken wer es 206 iſt. Die junge Methodiſtin iſts aus dem Gefäng⸗ niſſe. Sie ſteht unten und wünſcht zu wiſſen ob Du ſie ſehen wolleſt, denn ſie hat Dir von dieſer armen Verſtoßenen etwas zu melden; aber ſie ſagt, ſie möchte nicht gerne ohne Deine Erlaubniß herein⸗ kommen. Sie dachte, Du kämeſt vielleicht lieber heraus und ſprächeſt mit ihr. Dieſe Predigerinnen ſind ſonſt nicht ſo zurückhaltend,“ brummte Barthel vor ſich hin. „Sagen Sie, ſie möge ſogleich kommen,“ ant⸗ wortete Adam. Er ſtand mit dem Geſicht gegen die Thüre, und als Dina eintrat und ihre ſanſten grauen Augen zu ihm aufſchlug, da bemerkte ſie ſogleich die große Veränderung die mit dem ſtattlichen Manne vorge⸗ gangen war, ſeit ſie in ſeiner Hütte zu ihm aufge⸗ ſchaut hatte. Ihre klare Stimme zitterte als ſie ihre Hand in die ſeinige legte und ſagte: „Seid getroſt, Adam Bede, der Herr hat ſie nicht verlaſſen.“ „Gott ſegne Euch daß Ihr zu ihr gekommen ſeid,“ antwortete Adam.„Herr Maſſey hat mir geſtern Eure Ankunft gemeldet.“ Mehr konnte für den Augenblick keines von bei⸗ den ſagen, ſondern ſie blieben ſchweigend einander gegenüber ſtehen, und auch Barthel Maſſey, der ſeine Brille aufgeſezt hatte, ſchien ganz zu erſtarren, als er Dina's Geſicht prüfte. Aber er erholte ſich zu⸗ erſt wieder und ſagte:„Sezt Euch, junges Frauen⸗ zimmer, ſezt Euch.“ Damit ſchob er ihr einen Stuhl hin und nahm dann ſeinen alten Plaz auf dem Bette wieder ein. 207 „Ich danke Euch, Freund,“ antwortete Dina, „aber ich will mich nicht ſezen, ſondern ich muß ſo⸗ gleich zurück; ſie hat mich erſucht nicht lange auszu⸗ bleiben. Ich wollte Euch nur bitten, Adam Bede, daß Ihr zur armen Sünderin kommen und ihr Lebe⸗ wohl ſagen möchtet. Sie wünſcht Euch um Ver⸗ zeihung zu bitten, und es iſt beſſer wenn Ihr ſie heute beſucht als morgen früh, wo die Zeit kurz ſein wird.“ Adam ſtand zitternd da, aber zulezt ſank er wie⸗ der auf einen Stuhl. „Es kann nicht ſein,“ ſagte er;„man muß es verſchieben— vielleicht kommt eine Begnadigung. Herr Irwine ſagte es ſei Hoffnung vorhanden; wir brauchen ſie noch nicht ganz aufzugeben.“ „Das iſt ein tröſtlicher Gedanke für mich,“ ſagte Dina, deren Augen ſich mit Thränen füllten;„es wäre ſchrecklich wenn ihre Seele ſo raſch von dan⸗ nen müßte. Aber gehe es wie es wolle,“ fügte ſie ſchnell hinzu,„ſo müßt Ihr jedenfalls kommen, da⸗ mit ſie Euch ſagen kann was ſie auf dem Herzen hat. Obſchon es ſehr dunkel iſt in ihrer armen Zelle und ſie außer den Dingen des Fleiſches nicht viel erkennt, ſo iſt ſie doch nicht mehr verſtockt: ſie iſt zerknirſcht und hat mir Alles geſtanden. Der Stolz ihres Herzens iſt gewichen, ſie lehnt ſich an mich um Hilfe und bittet um Belehrung. Dieß er⸗ füllt mich mit Hoffnung, denn ich muß glauben daß die Brüder zuweilen ſich irren, wenn ſie die göttliche Liebe nach der Einſicht der Sünder ermeſſen. Sie will jezt einen Brief an ihre Verwandten auf dem Pachthof ſchreiben, und ich ſoll ihn nach ihrem Da⸗ 208 hinſcheiden übergeben; und als ich ihr ſagte daß Ihr hier ſeid, ſo antwortete ſie: Ich möchte gerne von Adam Abſchied nehmen und ihn um Verzeihung bitten. Ihr kommt doch, Adam? Wollt Ihr nicht vielleicht gleich jezt mit mir kommen?“ „Ich kann nicht,“ ſagte Adam,„ich kann nicht Abſchied nehmen, ſo lange Hoffnung vorhanden iſt. Ich horche und horche beſtändig; ich kann an nichts anderes denken. Es iſt unmöglich daß ſie dieſen ſchändlichen Tod ſtirbt— ich kann es gar nicht in meinen Kopf bringen.“ Er erhob ſich wieder und ſchaute zum Fenſter hinaus, während Dina mit erbarmungsvoller Ge⸗ duld daſtand. Nach einigen Minuten wandte er ſich um und ſagte: „Ich will kommen, Dina... morgen früh... wenn es ſein muß. Ich habe vielleicht mehr Kraft es zu tragen, wenn ich weiß daß es ſein muß. Sagt ihr daß ich ihr verzeihe, ſagt ihr daß ich kommen werde— noch im lezten Augenblick.“ 1 „Ich will Euch nicht gegen die Stimme Eures eigenen Herzens drängen,“ ſagte Dina.„Ich muß zu ihr zurückeilen, denn es iſt wunderbar wie ſie jezt an mir hängt und mich gar nicht mehr von ſich laſſen will. Fruͤher erwiderte ſie meine Zärtlichkeit nicht, aber jezt hat die Trübſal ihr Herz erſchloſſen. Lebt wohl, Adam! Unſer himmliſcher Vater tröſte Euch und ſtärke Euch Alles zu ertragen!“ Damit ſtreckte ihm Dina ihre Hand entgegen, und Adam drückte ſie ſchweigend. Barthel Maſſey erhob ſich um ihr die ſchwere Thürklinke zu öffnen, aber bevor er ſo weit kam, * 209 hatte ſie mit ihrer ſanften Stimme geſagt:„Lebt wohl, Freund!“ und war mit ihrem leichten Tritte die Treppe hinabgeeilt. „Nun,“ ſagte Barthel, indem er ſeine Brille ab⸗ nahm und wieder in ſeine Taſche ſchob,„wenn es Weibsleute geben muß um Störung in der Welt zu machen, ſo iſt es nicht mehr als billig daß es auch ſolche gibt die einen tröſten können, und ſie iſt ſo eine— ſie iſt ſo eine. Nur Schade daß ſie Metho⸗ diſtin iſt, aber wo gibt es denn ein Frauenzimmer das nicht die eine oder die andere Narrheit an ſich hätte?“ Adam ging dieſe Nacht nicht zu Bette; die Auf⸗ regung des bangen Erwartens, die mit jeder Stunde ſtieg welche ihn dem fatalen Augenblick näher brachte, war allzu groß, und troz ſeiner Bitten, troz ſeiner Verſprechungen daß er ſich vollkommen ruhig halten wolle, blieb der Schulmeiſter ebenfalls ſo. „Was macht es mir aus, Junge, ob ich eine Nacht mehr oder weniger ſchlafe?“ ſagte Barthel, pich werde bald lange genug ſchlafen unter dem Boden. Laß mich Dir in der Noth Geſelſſchaft leiſten, ſo lange ich kann.“ Es war eine lange trübſelige Nacht in dem Stübchen: Adam ſtand zuweilen auf und ging den kurzen Raum von einer Wand zur andern hin und her; dann ſezte er ſich wieder, verbarg ſein Geſicht in beiden Händen, und nun hörte man keinen Laut außer dem Ticken der auf dem Tiſch liegenden Uhr, oder wenn eine Kohle aus dem Feuer fiel welches der Schulmeiſter ſorgfältig unterhielt. Manchmal brach er auch in heftige Klagen aus: Eliot, Adam Beve. III. 14 210 „Hätte ich nur etwas thun können um ſie zu retten— hätte mein Leiden wenigſtens etwas Gutes ſtiften können... aber ſo daſizen zu müſſen und nichts zu thun... das iſt hart für einen Mann, und wenn ich bedenke wie es jezt ſtehen könnte wenn er nicht dazwiſchen gekommen wäre... o Gott, heute iſt der Tag wo wir Hochzeit machen ſollten.“ „Ja wohl, mein Junge,“ ſagte Barthel zärtlich, „es iſt hart, ſehr hart; aber bedenke nur dieß: als Du ſie heirathen wollteſt, da meinteſt Du ſie habe ein ganz anderes Gemüth; Du dachteſt nicht daran daß ſie ſo verhärtet ſein könnte um das zu thun was ſie gethan hat.“ „Ich weiß wohl, ich glaubte ſie ſei voll Liebe und Zärtlichkeit, und es wäre ihr unmöglich eine Lüge zu ſagen oder mich durch eine Handlung zu hintergehen. Wie konnte ich anders denken? Und wenn er ihr niemals nahe gekommen wäre und ich ſie geheirathet und recht liebevoll behandelt hätte, ſo hätte ſie vielleicht nie etwas Böſes gethan. Was wäre es auch geweſen, wenn ich manchmal meine Noth mit ihr gehabt hätte? Gegen jezt wäre das gar Nichts geweſen.“ „Man kann nicht wiſſen, mein Junge— man kann nicht wiſſen was geſchehen wäre. Jezt wird es Dir ſchwer den Schmerz zu ertragen: Du mußt Zeit dazu haben. Aber ich hege die Meinung von Dir daß Du Dich über das Alles erheben und wie⸗ der ein Mann werden wirſt, und dann kann viel⸗ leicht noch etwas Gutes daraus erwachſen was wir nicht ſehen.“ „Etwas Gutes!“ rief Adam heftig.„Das än⸗ 211 dert an dem Uebel nichts. Ihr Verderben läßt ſich nicht ungeſchehen machen; ich haſſe das Gerede als ob man Alles wieder gut machen könne. Es wäre beſſer man zeigte den Leuten daß das Böſe was ſie thun ſich gar nicht mehr ändern läßt. Wenn einer einmal das Leben ſeines Mitmenſchen zu Grunde gerichtet hat, ſo hat er kein Recht ſich mit dem Ge⸗ danken zu tröſten daß möglicher Weiſe etwas Gutes daraus entſtehen könne; was für irgend einen An⸗ dern gut iſt, das ändert nichts an ihrer Schande und ihrem Elend.“ „Nun mein Junge, nun,“ verſezte Barthel in einem ſanften Tone der gegen ſeine gewöhnliche Barſchheit und ſeinen ſcharfen Widerſpruchsgeiſt ſelt⸗ ſam abſtach,„es iſt wohl möglich daß ich Unſinn ſchwaze: ich bin ein alter Kerl, und es ſind ſchon viele Jahre ſeit ich ſelbſt in der Trübſal war. Man kann leicht Gründe finden warum andere Leute ſich gedulden ſollen.“ „Herr Maſſey,“ antwortete Adam bußfertig,„ich bin ſehr raſch und heftig. Ich ſollte mich gegen Sie ganz anders betragen, aber Sie müſſen mirs nicht übel nehmen.“ „Nein Junge, ganz gewiß nicht.“ So verging die Nacht in der Aufregung, bis die kalte Dämmerung und das aufſteigende Tages⸗ licht die zitternde Ruhe brachte die am Rande der Verzweiflung eintritt. Bald ſollte dieſe qualvolle Spannung ein Ende haben. „Laſſen Sie uns jezt ins Gefängniß gehen, Herr Maſſey,“ ſagte Adam, als er auf ſeiner Uhr ſah daß 14* 212 es demnächſt ſechs war;„wenn es etwas Neues gibt, ſo werden wirs dort hören.“ Es war ſchon lebendig auf den Straßen und die Leute bewegten ſich raſch in einer und derſelben Richtung. Adam wollte nicht daran denken wohin ſie gingen, als ſie den kurzen Raum zwiſchen ſeiner Wohnung und dem Gefängniß an ihm vorübereil⸗ ten. Er war froh als die Kerkerthüre ihm den An⸗ blick dieſer neugierigen Leute entzog. Nein, es war nichts Neues eingetroffen— keine Gnade— keine Friſt. Adam blieb eine halbe Stunde im Hof, bevor er es über ſich bringen konnte Dina ſagen zu laſſen daß er da ſei. Aber eine Stimme traf ſein Ohr; er konnte die Worte nicht überhören: „Um halb acht muß der Wagen abfahren.“ Das lezte Lebewohl mußte alſo geſagt werden, da war nicht mehr zu helfen. Nach zehn Minuten ſtand Adam vor der Zelle. Dina hatte ihm ſagen laſſen ſie könne nicht zu ihm kommen, denn ſie könne Hetty keinen Augenblick ver⸗ laſſen; dieſe aber ſei auf das Zuſammentreffen vor⸗ bereitet. Als er eintrat, konnte er ſie nicht ſehen, denn die Aufregung ſtumpfte ſeine Sinne ab, und die düſtere Zelle war für ihn beinahe ganz dunkel. Zit⸗ ternd und betäubt blieb er, als die Thüre ſich hin⸗ ter ihm geſchloſſen hatte, einen Augenblick ſtehen. Aber er begann durch den trüben Schein zu ſehen— die dunklen Augen zu ſehen die ſich noch einmal zu ihm erhoben, aber ohne ein Lächeln darin. O Gott, wie traurig ſie jezt blickte! Das leztemal als ſie in die ſeinigen geſchaut hatten, war er mit einem Herzen voll freudiger und hoffnungsreicher Liebe von ihr geſchieden, und da hatten ſie ihn aus einem roſigen, vollen kindlichen Geſichte unter Thrä⸗ nen angelächelt. Jezt war das Geſicht wie Marmor, die holdſeligen Lippen waren bleich, ſtanden halb offen und zuckten; die Grübchen in den Wangen waren alle dahin— alle bis auf ein einziges das nie verging, und die Augen— o das Schlimmſte war noch die Aehnlichkeit die ſie mit Hetty's Augen hatten. Hetty's Augen waren es die ihn mit die⸗ ſem trauervollen Blick anſchauten, als wäre ſie von den Todten zurückgekehrt um ihm ihr Elend zu klagen. Sie hielt Dina feſt umklammert; die beiden Mädchen ſtanden Wange an Wange an einander gelehnt. Die lezte ſchwache Kraft und Hoffnung des armen Mädchens ſchien in dieſer Berührung zu liegen, und die erbarmungsvolle Liebe die von Dina's Geſicht ſchimmerte, ſchien ein ſichtbares Pfand für das unſichtbare Erbarmen zu ſein. Als die traurigen Augen einander begegneten— als Hetty und Adam einander anſchauten, da fühlte ſie die Veränderung die auch mit ihm vorgegangen war, und dieß ſchien ſie mit neuer Angſt zu erfüllen. Zum erſten Mal hatte ſie ein Weſen geſehen deſſen Geſicht ihren eigenen Jammer wiederzuſpiegeln ſchien: Adam war ein neues Bild der ſchrecklichen Vergan⸗ genheit und der furchtbaren Gegenwart. Sie zitterte heftig als ſie ihn anſah. „Sprich mit ihm, Hetty,“ ſagte Dina,„ſag ihm was Du auf dem Herzen haſt.“ 214 Hetty gehorchte ihr wie ein kleines Kind. „Adam... es thut mir ſchrecklich leid... ich habe mich ſehr ſchlecht gegen Dich benommen ... willſt Du mir verzeihen... ehe ich ſterbe?“ Adam antwortete mit einem halben Schluchzen: „Ja ich verzeihe Dir, Hetty, ich habe Dir ſchon lange verziehen.“ In den erſten Augenblicken hatte Adam gemeint, das Hirn müſſe ihm zerſpringen vor der Qual wie⸗ der in Hetty's Augen zu ſehen; aber der Ton wo⸗ mit ſie dieſe reuevollen Worte ſprach, berührte eine Saite die nicht ſo ſtraff angeſpannt war: er fühlte ſich erleichtert von einer Pein die unerträglich wurde, und die ſeltenen Thränen kamen— ſie waren nicht mehr gefloſſen ſeit er im Anfang ſeines Kummers an Seths Halſe gehangen. Hetty machte eine unwillkührliche Bewegung gegen ihn; etwas von der Liebe in deren Mitte ſie einſt gelebt hatte, war ihr wieder nahe gekommen. Sie hielt Dina's Hand beſtändig feſt, ging aber auf Adam zu und ſagte ſchüchtern: „Willſt Du mir noch einen Kuß geben, Adam, obſchon ich ſo ſchlecht gegen Dich gehandelt habe?“ Adam ergriff die bleiche abgezehrte Hand die ſie gegen ihn ausſtreckte, und ſie tauſchten den feierlichen unausſprechlichen Kuß eines Abſchiedes auf ewig. „Und ſag ihm,“ fuhr Hetty mit etwas ſtärkerer Stimme fort,„ſag ihm... denn es iſt ſonſt Nie⸗ mand da der es ihm ſagen kann... daß ich ihn aufſuchte, aber nicht finden konnte... und daß ich ihn einmal haßte und verfluchte, aber Dina ſagte — 4,— — 2 ich müſſe ihm verzeihen... 215 und ich verſuche es .. denn ſonſt würde Gott mir nicht verzeihen.“ Jezt entſtand ein Geräuſch vor der Zelle. Der Schlüſſel wurde im Schloſſe umgedreht, und als die Thüre aufging, ſah Adam undeutlich verſchiedene Geſichter: er war jedoch zu aufgeregt um mehr zu ſehen und Herrn Irwine zu erkennen. Er fühlte daß die lezten Vorbereitungen begannen, und er konnte nicht länger bleiben. Man machte ihm ſchwei⸗ gend Plaz, und er ging einſam auf ſein Zimmer, denn Barthel Maſſey blieb draußen, um das Schau⸗ ſpiel bis zum lezten Augenblick zu beobachten. Siebenundvierzigſtes Capitel. Der lezte Augenblick. Es war ein Anblick an welchen gewiſſe Leute ſich beſſer erinnerten als an ihre eigenen Kümmer⸗ niſſe, als an dem grauen Morgen der verhängniß⸗ volle Karren mit den beiden Mädchen zwiſchen der harrenden Menge nach dem ſcheußlichen Symbol eines mit Ueberlegung zugefügten plözlichen Todes hinfuhr. Ganz Donnithorne hatte von Dina Morris ge⸗ hört, der jungen Methodiſtin welche die hartnäckige Sünderin zum Geſtändniß gebracht hatte, und man ven auf ſie eben ſo begierig wie auf die unglückliche etty. Aber Dina hatte kaum ein Bewußtſein von der Menſchenmenge. Hetty dagegen hatte ſich, als ſie 216 dieſe dichte Maſſe in der Ferne erblickte, krampf⸗ haft an Dina angeklammert. „Schließ Deine Augen, Hetty,“ ſagte Dina,„und laß uns unaufhörlich zu Gott beten!“ Und während der Karren langſam durch die gaffende Menge hinfuhr, ergoß ſie leiſe ihre Seele, mit der überwältigenden Innigkeit eines lezten Ge⸗ betes für das zitternde Geſchöpf, das ſich an ſie als das einzige ſichtbare Zeichen von Liebe und Erbarmen anklammerte. Dina wußte nicht daß die Maſſe ſie ſelbſt mit einer Art heiliger Scheu anſchaute; ſie wußte auch nicht wie nahe ſie ſchon an der verhängnißvollen Stätte waren, als auf einmal der Karren anhielt und ſie durch einen gellenden Schrei erſchreckt wurde, der für ihr Ohr ſo grauenhaft klang wie ein Ge⸗ heul der Hölle. Hetty's Angſtruf vermiſchte ſich mit dieſem Getöne und ſchaudernd hielten die beiden Mädchen einander umfaßt. Aber es war kein Schrei der Verwünſchung, kein Geheul ſchadenfroher Grauſamkeit. Es war ein Ausbruch plözlicher Aufregung bei der Erſcheinung eines Reiters der in vollem Galopp die Menge theilte. Das Pferd iſt heiß und abge⸗ hezt, gehorcht aber den, verzweifelten Sporenſtichen; der Reiter ſchaut mit ſtierem Wahnſinn drein, als hätte er ſeine Augen nur für Etwas was Andere nicht ſehen. Schaut, er hat Etwas in ſeiner Hand — er hält es in die Höhe als wäre es ein Signal. Der Sherif kennt ihn: es iſt Arthur Donnithorne, der die mühſam erworbene Begnadigung vom Tode ringt.— —2 217 Achtundvierzigſtes Capitel. Eine neue Begegnung im Wäldchen. Am folgenden Abend ſchritten zwei Männer von verſchiedenen und entgegengeſezten Richtungen nach einem und demſelben Plaze zu, wohin eine gemein⸗ ſame Erinnerung ſie zog. Es war das Wäldchen beim Park von Donnithorne: wer die Männer waren, wißt ihr. Die Beerdigung des alten Herrn hatte am Mor⸗ gen ſtattgefunden; das Teſtament war eröffnet, und jezt, im erſten freien Augenblick, wollte Arthur Donnithorne einen einſamen Spaziergang machen, um der neuen Zukunft die ſeiner harrte feſt ins Auge zu ſchauen und ſich in einem traurigen Entſchluß zu beſtärken. Er dachte er könnte dieß im Wäldchen am beſten thun. Auch Adam war am Montag Abend von Stoni⸗ ton zurückgekommen und heute zu Hauſe geblieben, mit Ausnahme eines Beſuches auf dem Pachthof, wo er Alles erzählte was Herr Irwine vielleicht noch nicht geſagt hatte. Er war mit Poyſers über⸗ eingekommen daß er ihnen in ihre neue Heimath folgen wolle, wo es auch ſein möchte; denn er wollte die Aufſicht über die Wälder aufgeben und ſich ſo bald wie immer thunlich mit Jonathan Burge aus⸗ einander ſezen, dann aber mit ſeiner Mutter und Seth einen neuen Herd in der Nähe der Freunde gründen an die er ſich durch gegenſeitigen Kummer gebunden fühlte. 218 „Seth und ich finden ganz ſicher Arbeit,“ ſagte er.„Wenn man ſein Geſchäft recht verſteht, iſt man überall zu Hauſe; wir müſſen nun einmal wieder von vorn anfangen. Meine Mutter ſteht mir nicht im Weg, denn ſie hat mir gleich bei meiner Rückkehr geſagt, ſie wolle ſich auch in einer andern Gemeinde begraben laſſen, wenn ich es wünſche und wenn es mir anderswo beſſer gefalle. Sie iſt merkwürdig ruhig ſeit ich wieder da bin; es ſcheint als ob die Größe der Trübſal ſie beſchwichtigt hätte. Wir wer⸗ den alle in einer neuen Heimath glücklicher ſein, ob⸗ gleich es mir hart ankommt hier von dem einen oder andern zu ſcheiden. Aber von Ihnen und den Ihrigen, Herr Poyſer, möchte ich mich nicht trennen, wenn es irgend möglich iſt. Die Trübſal hat uns zu Verwandten gemacht.“ „Ach ja, Junge,“ antwortete Wartin.„Wir wollen an einen Ort gehen wo mun den Namen dieſes Menſchen gar nicht kennt. Aber ich glaube, ſo weit wir auch gehen könnten, ſo werden die Leute es doch herausfinden daß Jemand aus unſerer Fa⸗ milie übers Meer transportirt worden iſt und bei⸗ nahe an den Galgen gekommen wäre. Man wird uns das ins Geſicht werfen und unſern Kindern auch noch.“ Es war ein langer Beſuch auf dem Pachthof, und er hatte Adams Kräfte zu ſehr in Anſpruch genommen, als daß er daran denken konnte noch zu Andern zu gehen oder heute ſchon zu ſeinen alten Beſchäftigungen zurückzukehren.„Aber morgen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„morgen gehe ich wieder an die Arbeit. Vielleicht daß ich ſie mit der Zeit wie⸗ 219 der liebgewinne, und ich muß jedenfalls daran, ob ichs gerne thue oder nicht.“ Dieſer Abend war der lezte den er noch ſeinem Kummer widmen wollte: die Spannung war jezt vorüber und er mußte das Unabänderliche tragen. Er war entſchloſſen Arthur Donnithorne nicht wieder zu ſehen, wenn es möglich wäre auszuweichen. Von SKetty hatte er jezt nichts mehr zu beſtellen, denn ſie hatte Arthur geſehen, und Adam mißtraute ſich ſelbſt; er hatte die Heftigkeit ſeines Temperaments fürchten gelernt. Die Mahnung des Herrn Irwine, er ſolle ſich erinnern wie ihm zu Muthe geweſen nachdem er Arthur im Wäldchen den lezten Streich verſezt habe, war ihm unvergeßlich geblieben. Wie alle Gedanken die mit ſtarken Gefühlen verbunden ſind, kehrten auch dieſe Gedanken an Arthur beſtändig zurück und riefen ihm fortwährend das Wäldchen vor die Seele, das Pläzchen unter den überhängenden Zweigen, wo er die zwei Ge⸗ ſtalten gegen einander geneigt geſehen hatte und von plözlicher Wuth befallen worden war. „Ich will hingehen und es heute zum leztenmal „ anſehen,“ ſagte er,„es wird gut für mich ſein; es wird mir wieder vergegenwärtigen was ich damals empfand als ich ihn zu Boden geſchlagen hatte. Sobald ichs gethan hatte, kam mir die Sache ſo erbärmlich vor, ehe ich noch daran dachte daß er vielleicht todt ſein könne.“ So kam es daß Arthur und Adam zu gleicher Zeit nach derſelben Stelle gingen. Adam hatte ſeine Werktagskleider wieder ange⸗ zogen, denn die andern hatte er gleich bei ſeiner 220 Heimkehr mit einem Gefühl der Erleichterung haſtig abgelegt, und hätte er den Korb mit dem Hand⸗ werkszeug auf ſeiner Schulter gehabt, ſo hätte man ihn mit ſeinem bleichen, abgehärmten Geſicht für das Geſpenſt jenes Adam Bede halten können der vor acht Monaten an einem Auguſtabend das Wäldchen betreten hatte. Aber er trug keinen Korb, er ſchritt nicht ſo aufrecht und gerade wie damals einher, er ſchaute nicht ſo ſcharf um ſich; ſeine Hände ſteckten in ſeinen Hoſentaſchen und ſeine Augen waren meiſt auf die Erde gerichtet. Er war noch nicht lange im Wäldchen und hielt jezt vor einer Buche ſtill. Dieſen Baum kannte er gut; er bildete die Grenz⸗ marke ſeiner Jugend, das Wahrzeichen der Zeit wo eines ſeiner früheſten und ſtärkſten Gefühle ihn ver⸗ laſſen hatte. Er war überzeugt daß ſie nie wieder⸗ kehren würden. Und doch, in dieſem Augenblick regte ſich bei ihm ein Gefühl der Liebe wieder bei der Erinnerung an jenen Arthur an welchen er ge⸗ glaubt hatte, bevor er vor acht Monaten an dieſe Buche gekommen war. Es war Liebe für den Todten: jener Arthur war nicht mehr vorhanden. Er wurde durch das Geräuſch herannahender Tritte geſtört, aber die Buche ſtand an einer Bie⸗ gung des Weges, und er konnte nicht ſehen wer kam, bis die hohe ſchlanke Geſtalt in tiefer Trauer plözlich nur einige Schritte vor ihm ſtand. Sie fuhren beide zuſammen und ſahen einander ſchweig⸗ ſam an. Adam hatte ſich in den lezten vierzehn Tagen oft ſo nahe bei Arthur gedacht, er hatte ihn dann mit Worten angegriffen die ihn martern ſollten wie die Stimme der Reue; er hatte ihm den gerechten ——— 221 Antheil an dem Jammer den er verſchuldet aufge⸗ zwungen, aber oft hatte er ſich auch geſagt daß eine ſolche Begegnung beſſer unterbleiben würde. In ſeiner Erinnerung war ihm Arthur immer vorgeſchwebt ſo wie er ihn an jenem Abend im Wäldchen geſehen hatte, blühend, ſorglos, leichtfertig, und die Geſtalt die jezt vor ihm ſtand rührte ihn durch tiefe Spuren des Leidens. Adam wußte was Leiden war— er konnte an einen zermalmten Mann nicht grauſam die Hand legen. Er fühlte keine Regung welcher er widerſtehen mußte, das Schweigen war gerechter als Vorwürfe. Arthur ſprach zuerſt. „Adam,“ ſagte er ruhig,„es iſt vielleicht gut— daß wir uns hier treffen, denn ich wünſche Sie zu ſprechen. Morgen würde ich Sie um eine Unter⸗ redung erſucht haben.“ Er hielt inne, aber Adam ſagte nichts. „Ich weiß, dieſe Begegnung mit mir iſt Ihnen ſchmerzlich,“ fuhr Arthur fort;„aber es iſt wahr⸗ ſcheinlich daß wir uns auf Jahre nicht mehr treffen.“ „Ja, Herr Capitän,“ ſagte Adam kalt,„ich wollte Ihnen morgen ſchreiben daß es am beſten ſein würde wenn alle Beziehungen zwiſchen uns aufhörten und irgend ein Anderer an meine Stelle träte.“ Arthur empfand dieſe Worte ſchmerzlich, und es koſtete ihn einige Anſtrengung weiter zu ſprechen. „Auch über dieſen Gegenſtand wünſchte ich mit Ihnen zu reden. Ich will Ihre Entrüſtung gegen mich nicht verringern und Sie nicht erſuchen mir Etwas zu Liebe zu thun. Ich wünſche Sie bloß zu fragen ob Sie mir nicht helfen wollen die übeln Folgen der Vergangenheit zu mildern die nicht mehr 222 zu ändern iſt. Ich meine keine Folgen für mich ſelbſt, ſondern für Andere. Ich weiß daß ich nur wenig thun kann, ich weiß daß die ſchlimmſten Folgen bleiben werden; aber Etwas könnte geſchehen und Sie könnten mir helfen.“ „Ja Herr,“ antwortete Adam nach einigem Zö⸗ gern:„ich will hören was es iſt. Wenn ich dazu helfen kann Etwas beſſer zu machen, ſo will ichs gerne thun. Der Zorn macht nichts beſſer, das weiß ich. Wir haben deſſen genug gehabt.“ „Ich wollte in die Einſiedelei gehen,“ ſagte Arthur.„Wollen Sie mitkommen? Wir können dort beſſer reden.“ Die Einſiedelei war nicht mehr betreten worden ſeit ſie dieſelbe gemeinſchaftlich verlaſſen, denn Arthur hatte den Schlüͤſſel in ſeinen Pult gelegt. Und als er jezt die Thüre öffnete, ſo war da das tief in den Leuchter hinabgebrannte Licht; der Stuhl ſtand an derſelben Stelle wo Adam geſeſſen zu haben ſich er⸗ innerte; der Papierkorb war da mit Schnizeln an⸗ gefüllt, und tief unten darin lag, wie Arthur ſich im Augenblick erinnerte, das rothſeidene Halstüchlein. Der Eintritt in dieſes Zimmer hätte peinlich ſein müſſen, wenn ihre Gedanken es nicht zum voraus in hohem Grade geweſen wären. Sie ſezten ſich einander wie damals gegenüber und Arthur begann: „Ich verreiſe, Adam; ich trete in die Armee.“ Der arme Arthur glaubte, Adam müßte durch dieſe Erklärung tief gerührt werden, er müßte eine Regung von Mitgefühl gegen ihn empfinden; aber 223 Adams Lippen blieben feſt verſchloſſen und der Aus⸗ druck in ſeinem Geſichte blieb unverändert. „Was ich Ihnen ſagen wollte,“ fuhr Arthur fort, „iſt das: ich gehe unter Anderm darum fort, damit ſonſt Niemand Hayſlope verläßt und um meinetwillen ſeine Heimath aufgibt. Ich würde Alles thun und jedes Opfer bringen, damit Andere nicht in Folge des Vorgefallenen noch weiteres Leid erfahren.“ Arthurs Worte bewirkten gerade das Gegentheil von dem was er beabſichtigte. Adam meinte darin jene Anſicht zu erkennen daß unverbeſſerliches Unrecht ſich durch Erſaz wieder gut machen laſſe, einen zur Selbſtbeſchwichtigung dienenden Verſuch das Böſe dieſelben Früchte tragen zu laſſen wie das Gute, und eine ſolche Anſchauung empörte ihn am aller⸗ meiſten. Er fühlte ſich eben ſo ſtark getrieben pein⸗ lichen Thatſachen geradezu ins Auge zu ſchauen, wie Arthur geneigt ſchien ſeine Blicke davon abzuwenden. Ueberdieß hatte er den argwöhniſchen wachſamen Stolz des armen Mannes gegenüber dem reichen; ſeine alte Strenge regte ſich wieder als er ſagte: „Dazu iſt keine Zeit mehr, Herr. Ein Mann ſollte Opfer bringen um ſich vor böſer That zu be⸗ wahren; Geſchehenes läßt ſich durch Opfer nicht ungeſchehen machen. Wenn die Gefühle eines Men⸗ ſchen eine tödtliche Wunde erlitten haben, ſo laſſen ſie ſich durch Gunſtbezeugungen nicht heilen.“ „Gunſtbezeugungen!“ rief Arthur leidenſchaftlich; „nein; wie können Sie glauben daß ich ſo Etwas gemeint habe? Aber Poyſers— Herr Irwine ſagt mir daß Poyſers die Gegend verlaſſen wollen wo ſie ſo viele Jahre, ja ſogar ganze Generationen 224 hindurch gelebt haben. Sehen Sie nicht wie Herr Irwine ein daß, wenn man ſie überreden könnte das Gefühl zu überwinden welches ſie von hier weg⸗ treibt, es vielleicht weit beſſer für ſie wäre an dem alten Plaz unter den alten Freunden und Bekannten zu bleiben?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Adam kalt;„aber Herr, die Gefühle des Menſchen laſſen ſich nicht ſo leicht überwinden; es mag für Martin Poyſer hart ſein an einen fremden Plaz und unter fremde Geſichter zu ziehen, während er im Pachthof auferzogen iſt und ſchon ſein Vater vor ihm; aber für einen Mann von ſeinen Gefühlen würde es noch härter ſein blei⸗ ben zu müſſen. Ich ſehe nicht ein wie es anders gehen ſollte als hart. Es gibt Schäden, Herr, die ſich nicht wieder gut machen laſſen.“ Arthur ſchwieg einige Augenblicke. Troz anderer Gefühle die an dieſem Abend bei ihm vorherrſchten, empörte ſich ſein Stolz gegen die Art und Weiſe wie Adam ihn behandelte. Hatte er nicht ſelbſt zu leiden? War er nicht ebenfalls genöthigt ſeinen theuerſten Hoffnungen zu entſagen? Es war jezt wieder wie es vor acht Monaten geweſen— Adam zwang ihm das qualvolle Bewußtſein auf daß es für ſeine böſe That keine Sühnung und keine Ver⸗ gütung gebe; er ſezte ihm jene Art von Widerſtand entgegen die Arthurs heftige, glühende Natur am meiſten reizen mußte. Aber ſein Zorn wurde durch denſelben Einfluß gemildert welcher auch Adam im erſten Augenblick ihrer Begegnung milder geſtimmt hatte, nämlich durch die Spur des Leidens auf dem altvertrauten Geſichte. Der augenblickliche Kampf 225 endete mit dem Gefühl daß er von Adam viel er⸗ tragen könne, nachdem er ihm ſo ſchwere Leiden auferlegt hatte. Aber im Ton ſeiner Vertheidigung lag doch eine knabenhafte Gereiztheit, als er ſagte: „Aber man kann auch durch unvernünftiges Benehmen Unrecht noch ſchlimmer machen, wenn man ſeinem Aerger nachgibt und nur eine augen⸗ blickliche Befriedigung deſſelben ſucht, ſtatt an die zukünftigen Folgen zu denken. „Wenn ich,“ fuhr er mit immer größerem Eifer fort,„hier bleiben und den Gutsherrn ſpielen wollte — wenn ich nichts darnach fragte was ich gethan und verurſacht habe, dann hätten Sie eine Entſchul⸗ digung, Adam, wenn Sie ſelbſt fortgehen und Andere dazu bereden wollten. Sie hätten dann eine Ent⸗ ſchuldigung wenn Sie das Uebel noch ſchlimmer zu machen ſuchten. Aber wenn ich Ihnen ſage daß ich auf Jahre ſortgehe— wenn Sie wiſſen wie ſchwer mir das fällt, wie es alle meine Pläne auf zukünf⸗ tiges Lebensglück durchſchneidet, ſo können Sie wahr⸗ lich als vernünftiger Menſch nicht glauben daß für Poyſers ein wirklicher Grund vorliege nicht mehr hier bleiben zu wollen. Ich weiß wie empfindlich dieſe Leute für das Gefühl der Schande ſind— Herr Irwine hat mir das Alles geſagt; aber er meint auch, man könnte ihnen die Idee daß ſie in den Augen ihrer Nachbarn entehrt ſeien und deßhalb nicht auf mei⸗ nem Gut bleiben können, ausreden, wenn Sie, Adam, ihn in ſeinen Bemühungen unterſtüzen würden, wenn Sie ſelbſt dablieben und die Aufſicht über die alten Wälder beibehielten.“ Eliot, Adam Bede. III. 15 226 7 Arthur hielt einen Augenblick inne und fügte dann in einem bittenden Tone hinzu:„Sie wiſſen daß Sie ein gutes Werk thun können, und zwar für andere Leute, nicht bloß für den Eigenthümer. Und Sie können nicht wiſſen ob nicht bald ein beſſerer Gutsherr kommt für welchen Sie gerne arbeiten wer⸗ den. Wenn ich ſterbe, erbt mein Vetter Tradgett das Gut und nimmt meinen Namen an; er iſt ein braver Burſche.“ Adam konnte nicht länger ungerührt bleiben; er mußte nothwendig fühlen daß dieß die Stimme des ehrlichen, warmherzigen Arthur war, den er einſt ſo innig geliebt, auf welchen er mit ſolchem Stolz ge⸗ ſchaut hatte; aber näher liegende Erinnerungen ließen ſich nicht ſo ſchnell beſchwichtigen. Er ſchwieg; den⸗ noch ſah Arthur auf ſeinem Geſicht ein Anzeichen das ihn beſtimmte mit ſteigendem Ernſt alſo fort⸗ zufahren: „Und dann wenn Sie mit Poyſers ſprächen— wenn Sie mit Herrn Irwine die Sache überlegten; er will Sie morgen beſuchen— wenn Sie ſich mit ihm vereinigten um ihnen das Fortziehen auszureden .. ich weiß natürlich daß Sie keine Begünſtigung von mir annehmen würden, und ich will Ihnen nud keine ſolche anbieten; aber ganz gewiß würden Sie zulezt weniger leiden. Irwine denkt auch ſo, und er wird die höchſte Auctorität auf dem Gut haben — er hat mir verſprochen ſich dieſer Mühe zu unter⸗ ziehen. Poyſers werden alſo nur unter einem Mann ſtehen den ſie reſpectiren und lieben. Mit Ihnen, Adam, iſt es ganz derſelbe Fall, und Sie müßten nur die beſtimmte Abſicht haben mein Leiden noch 5 227 bitterer zu machen, wenn Sie darauf beharren wollten dennoch fortzuziehen.“ Arthur ſchwieg wieder eine kleine Weile, dann fuhr er mit einer etwas erregten Stimme fort: „Ich würde ganz gewiß nicht ſo gegen Sie han⸗ deln, Adam. Wenn Sie an meinem Plaz wären und ich an dem Ihrigen, ſo würde ich mich bemühen Ihnen bei einer guten That zu helfen.“ Adam rückte haſtig auf ſeinem Stuhle und ſchaute auf den Boden. Arthur fuhr fort: „Vielleicht haben Sie nie Etwas gethan was Sie bitter zu bereuen haben, ſonſt würden Sie großmüthiger ſein. Sie würden dann wiſſen daß ich ſchlimmer daran bin als Sie.“ Bei den lezten Worten erhob ſich Arthur von ſeinem Siz, trat an eines der Fenſter, ſchaute hin⸗ aus und fuhr, während er Adam den Rücken kehrte, leidenſchaftlich alſo fort: „Habe ich ſie denn nicht auch geliebt? Habe ich ſie nicht geſtern geſehen? Werde ich nicht den Ge⸗ danken an ſie eben ſo herumtragen müſſen wie Sie? Und glauben Sie nicht daß Sie mehr leiden würden wenn Sie der Schuldige wären?“ Einige Minuten ſchwiegen Beide, denn der Kampf in Adams Seele war nicht ſo leicht entſchieden. Oberflächliche Naturen deren Empfindungen nicht tief gehen, können kaum begreifen wie vielen inneren Widerſtand er zu überwinden hatte, bevor er auf⸗ ſtand und ſich gegen Arthur wandte. Arthur hörte die Bewegung, und als er ſich umwandte, begegneté er dem traurigen, aber beſänftigten Blicke womit Adam zu ihm ſagte: 15* 228 „Sie haben Recht, Herr, ich bin hart— es liegt in meiner Natur; ich war zu hart gegen meinen Vater wenn er ſich verfehlte; ich war gegen Jeder⸗ mann etwas hart, nur nicht gegen ſie; es war mir als hätte Niemand genug Mitleiden mit ihr— ihr Leiden ſchnitt mir ſo tief ins Herz, und als ich denken mußte daß man auf dem Pachthof zu hart gegen ſie ſei, da beſchloß ich gegen Niemand mehr hart zu ſein. Aber mein übertriebenes Gefühl gegen Hetty hat mich vielleicht gegen Sie, Herr Capitän, unbillig gemacht. Ich habe erfahren was Reue heißt neben dem Bewußtſein daß ſie zu ſpät kommt: als mein Vater geſtorben war, da fühlte ich erſt daß ich zu hart gegen ihn geweſen— ich fühle es noch jezt wenn ich an ihn denke; ich habe kein Recht zur Härte wenn Jemand ſein Unrecht bereut.“ Adam ſprach dieſe Worte mit der feſten Beſtimmt⸗ heit eines Mannes der entſchloſſen iſt nichts unge⸗ ſagt zu laſſen was er ſagen zu müſſen glaubt; dann aber fuhr er mit einigem Zögern fort: „Ich wollte Ihnen einmal die Hand nicht reichen, als Sie mich darum baten, Herr, aber wenn Sie es jezt thun wollten, obſchon ich es Ihnen damals verweigerte...“ Arthurs weiße Hand befand ſich augenblicklich in Adams breitem Griff, und mit dieſer That kehrte auf beiden Seiten die alte Jugendliebe wieder zurück. — „Adam,“ ſagte Arthur, der ſich jezt zu einer vollſtändigen Beichte gedrungen fühlte,„wenn ich gewußt hätte daß Sie das Mädchen liebten, ſo wäre die Sache nicht vorgefallen; dieß hätte mich davor gerettet. Und ich kämpfte wirklich: ich wollte ihr 229 nichts Böſes zufügen. Später täuſchte ich Sie und dieß verſchlimmerte die Sache; aber ich glaubte da⸗ zu gezwungen zu ſein; ich meinte es ſei das Beſte was ich thun könnte. Und in jenem Brief erſuchte ich ſie mir zu ſchreiben, wenn ſie in irgend einer Noth wäre: glauben Sie feſt daß ich alles Mögliche für ſie gethan hätte. Aber ich hatte Unrecht vom Anfang bis zum Ende. Gott weiß es, ich wollte mein Leben darum geben wenn ich es ungeſchehen machen könnte.“ Wieder ſaßen ſie einander gegenüber und Adam fragte mit zitternder Stimme: „Wie war ſie denn beim Abſchied?“ „Fragen Sie mich nicht darnach, Adam,“ ant⸗ wortete Arthur;„es iſt mir zuweilen als müſſe ich verrückt werden, wenn ich an ihre Blicke und an ihre Worte denke. Und dann daß ich ihr nicht volle Begnadigung auswirken, daß ich ſie vor dem trau⸗ rigen Schickſal der Deportation nicht bewahren konnte, und daß ich alle dieſe Jahre nichts für ſie thun kann, und daß ſie vielleicht darunter zu Grunde geht, ohne je wieder einen Augenblick der Freude genoſſen zu haben!“ „Ach, Herr Capitän,“ ſagte Adam, deſſen eigener Kummer zum erſtenmal in Mitgefühl gegen Arthur aufging;„wir Beide werden oft an daſſelbe denken wenn wir weit von einander entfernt ſind. Ich will zu Gott beten daß er Ihnen helfe, wie ich zu ihm bete daß er mir helfen möge.“ „Aber da iſt noch dieſes prächtige Mädchen, dieſe Dina Morris,“ ſagte Arthur, indem er ſeinen eige⸗ nen Gedanken nachhing, ſo daß er die lezten Worte 230 Adams kaum verſtanden hatte; ſie ſagt, ſie wolle bis zum lezten Augenblick bei ihr bleiben bis ſie geht; und das arme Ding klammert ſich an ſie feſt, wie wenn ſie Troſt bei ihr fände. Ich könnte dieſes Mädchen anbeten; ich weiß nicht was ich thäte wenn ſie nicht da wäre; Adam, Sie müſſen ſie beſuchen wenn ſie zurückkommt: ich konnte geſtern nichts zu ihr ſagen, ich konnte ihr meine Gefühle nicht kund thun. Sagen Sie ihr,“ fuhr Arthur haſtig fort, als wünſchte er ſeine Aufregung zu ver⸗ bergen, während er ſeine Kette und ſeine Uhr ab: nahm,„ſagen Sie ihr, ich ſchicke ihr dieß als An⸗ denken an mich, an den Mann für welchen ſie die einzige Quelle des Troſtes iſt, wenn er daran denkt ... Ich weiß, ſie fragt nichts nach ſolchen Dingen, wie überhaupt nach nichts was ich ihr noch ſonſt geben könnte, aber ſie wird die Uhr gebrauchen— es wird mir Freude machen denken zu können daß ſie die Uhr gebraucht.“ „Ich werde ſie ihr geben, Herr,“ ſagte Adam, „und Ihre Worte hinterbringen. Sie ſagte mir daß ſie nachher auf den Pachthof kommen werde.“ „Und Sie müſſen Poyſers zum Dableiben über⸗ reden, Adam,“ ſagte Arthur, indem er ſich der Haupt⸗ ſache wieder erinnerte, welche ſie beide beim Aus⸗ tauſch neubelebter Freundſchaft vergeſſen hatten;„und Sie müſſen auch ſelbſt dableiben und Herrn Irwine bei den Reparaturen und Verbeſſerungen auf dem Gute behilflich ſein.“ „Es iſt nur eine Sache die Sie vielleicht über⸗ ſehen,“ ſagte Adam mit freundlichem Bedenken,„und deßhalb habe ich mich länger geſperrt. Sie ſehen, 231 Poyſers und ich befinden uns ganz in demſelben Fall; wenn wir bleiben, ſo geſchieht es um unſerer zeitlichen Intereſſen willen, und dieß ſieht aus als db wir darum alles Andere auf die Seite geſchoben hätten. Ich weiß daß Poyſers ſo denken werden, und ich ſelbſt kann mich eines ſolchen Gefühls nicht ganz erwehren. Leute von ehrenhaftem und unab⸗ hängigem Geiſt laden nicht gerne den Schein einer niedrigen Denkungsart auf ſich.“ „Aber wer Sie kennt wird nie ſo etwas von Ihnen glauben, Adam: dieſer Grund iſt nicht ſtark genug gegen einen Beſchluß der wirklich edelmüthiger und unſelbſtſüchtiger iſt als der andere. Und alle Welt ſoll es erfahren, es ſoll bekannt gemacht wer⸗ den daß ſowohl Sie als Poyſers auf meine aus⸗ drückliche Bitte geblieben ſind. Adam, erſchweren Sie mir meine Lage nicht noch mehr, ich bin wahr⸗ lich hart genug geſtraft.“ „Nein, Herr, nein,“ ſagte Adam, indem er Arthur traurig, aber liebevoll anſchaute,„Gott behüte mich daß ich Ihnen Ihre Lage noch erſchweren ſollte. In meinem blinden Zorn wünſchte ich es thun zu kön⸗ nen. Aber damals dachte ich, Sie hätten kein Ge⸗ fühl. Ich werde bleiben, Herr, und mein Möglich⸗ ſtes thun. Ich habe jezt an nichts Anderes mehr zu denken als meine Arbeit zu verrichten und die Welt ein Bischen angenehmer für diejenigen zu machen die ſich an ihr erfreuen können.“ „Dann wollen wir jezt Abſchied nehmen, Adam. Gehen Sie morgen zu Herrn Irwine und überlegen Sie Alles mit ihm.“ „Verreiſen Sie ſchon bald, Herr?“ 232 „So bald wie möglich, wenn ich die nöthig ſten Anordnungen getroffen habe. Leben Sie wohl, Adam. Ich werde an Sie denken wie Sie es auf dem alten Gute umtreiben.“ „Leben Sie wohl, Herr, Gott ſegne Sie!“ Noch ein feſter Händedruck, und Adam verließ die Einſiedelei mit dem Gefühl daß er ſeinen Kum⸗ mer jezt, nachdem der Haß verſchwunden war, leich⸗ ter ertragen könne. Sobald die Thüre ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, ging Arthur an den Papierkorb und nahm das rothſeidene Halstüchlein hervor. Neunundvierzigſtes Capitel. Auf dem Pachthof. V Mehr als achtzehn Monate nach dieſem Abſchied zwiſchen Adam und Arthur geſchah es daß die erſten Sonnenſtrahlen eines Herbſtabends im Jahr 1801 auf den Pachthof hereinfielen und der Bullenbeißer ſich in einem ſeiner aufgeregteſten Augenblicke be⸗ fand; denn es war die Stunde des Tags wo die Kühe zu dem Nachmittagsmelken in den Hof getrie⸗ ben wurden. Kein Wunder wenn die geduldigen Thiere wirr und verkehrt umherſprangen, denn in das beunruhigende Gebell des Bullenbeißers miſch⸗ ten ſich aus der Ferne Töne welche die ängſtlichen weiblichen Geſchöpfe mit verzeihlichem Aberglauben einigermaßen auf ihre eigenen Bewegungen bezogen: das furchtbare Geknalle des Fuhrknechts, ſein lautes Rufen und das dumpfe Gedonner des Wagens, als er von ſeiner goldenen Laſt befreit hinwegfuhr. Das Melken der Kühe war ein Anblick den Frau Poyſer liebte, und bei milder Witterung pflegte ſie zu dieſer Stunde an die Hausthüre zu ſtehen; ſie hatte dann ihr Strickzeug in der Hand und war in ruhige Betrachtungen verſunken, welche ſich nur dann zu einem lebhafteren Intereſſe ſteigerten, wenn die böſe gelbe Kuh, die einmal einen Eimer voll köſt⸗ licher Milch umgeſtoßen hatte, zur Verminderung weiterer ſolcher Unannehmlichkeiten die Strafe erleiden mußte daß man ihr die Hinterbeine zuſammenband. Heute jedoch ſchenkte Frau Poyſer der Ankunft der Thiere eine getheilte Aufmerkſamkeit, denn ſie war in eifrigem Geſpräch mit Dina, welche die Hemd⸗ krägen ihres Onkels flickte, und ſich ſchon dreimal geduldig hatte gefallen laſſen daß Totty ihr die Fä⸗ den abriß; die Kleine zupfte ſie nämlich einmal ums andere plözlich beim Arm, damit ſie das Kind an⸗ ſehen ſolle, d. h. eine große hölzerne Puppe ohne Beine und in langem Rock, deren kahlen Kopf Totty, die neben Dina auf ihrem Stühlchen ſaß, mit Lieb⸗ koſungen bedeckte und mit großer Inbrunſt an ihre volle Wange drückte. Totty iſt, ſeit wir ſie zum erſtenmal geſehen, um zwei Jahre größer geworden und trägt ein ſchwarzes Kleid unter ihrer Schürze: auch Frau Poyſer trägt ſich ſchwarz, was die Fami⸗ lienähnlichkeit zwiſchen ihr und Dina noch zu erhöhen ſcheint. In andern Beziehungen iſt bei unſern alten Freunden keine große äußerliche Veränderung wahrzu⸗ nehmen, und die freundliche Hausflur ſchimmert wie früher von polirtem Eichenholz und blankem Zinn. 234 „So ein Mädchen wie Du iſt mir noch nicht vorgekommen, Dina,“ ſagte Frau Poyſer;„wenn Du Dir einmal etwas in den Kopf geſezt haſt, ſo biſt Du ſo unbeweglich wie ein feſtgewurzelter Baum. Sag was Du willſt, ich glaube doch nicht daß dieß Religion iſt; denn ſagt nicht die Bergpredigt, die Du den Jungen ſo gerne vorlieſeſt, daß man den andern Leuten ihren Willen thun müſſe? Aber wenn man etwas recht Unvernünftiges von Dir verlangen würde, z. B. daß Du Deinen Mantel ausziehen und verſchenken oder daß Du Dich ins Geſicht ſchlagen laſſen ſollteſt, dann wäreſt Du ſogleich bei der Hand: wenn man jedoch etwas haben will was geſunden Menſchenverſtand hat und zu Deinem eigenen Beſten dient, dann biſt Du hartnäckig.“ „Nein, liebe Tante,“ verſezte Dina mit ſanftem Lächeln, indem ſie weiter arbeitete,„Dein Wunſch wäre für mich gewiß ein Grund Alles zu thun was ich nicht für Unrecht halten könnte.“ „Unrecht! Jezt reißt mir die Geduld; ich möchte doch wiſſen was Unrechtes daran iſt, wenn Du bei Deinen eigenen Verwandten bleibſt, die Dich herzlich gerne bei ſich haben und für Dich ſorgen wollen, ſelbſt wenn Du das Bischen Spazenfutter was Du iſſeſt und die paar Lumpen die Du trägſt nicht viel⸗ fach durch Deine Arbeit bezahlteſt. Und dann möchte ich doch wiſſen, gegen wen in der Welt haſt Du mehr Pflichten, wenn Du Hilfe und Troſt bringen kannſt, als gegen Dein eigen Fleiſch und Blut? Und ich bin die einzige Tante die Du noch haſt, und ich komme jeden Winter den Gott gibt an den Rand des Grabes, und dem Kinde das neben uns ſizt würde ſein Herzchen brechen, wenn Du von uns gingeſt, und der Großvater iſt kaum ein Jahr todt, und Dein Onkel würde Dich ſchmerzlich vermiſſen, wenn Du ihm nicht mehr die Pfeife anzündeſt und Alles beſorgſt, und jezt kann ich mich mit der Butter auf Dich verlaſſen, und ſoll ich all die Mühe Dich darin zu unterweiſen umſonſt gehabt haben? auch iſt ſo viel zum Nähen da, und da ſoll ich ein fremdes Mädchen aus Treddleſtone dazu kommen laſſen— und dieß Alles bloß weil Du zu dieſen kahlen Stein⸗ haufen zurückkehren mußt, wo ſogar die Krähen dar⸗ über wegfliegen und ſich nicht darauf ſezen mögen.“ „Liebe Tante Rahel,“ ſagte Dina, indem ſie ihr ins Geſicht ſchaute,„es iſt bloß Deine Freundlich⸗ keit wenn Du ſagſt daß ich Dir nüzlich ſei. Du be⸗ darfſt meiner in Wahrheit jezt nicht; denn Nancy und Molly arbeiten ganz tüchtig, Du erfreuſt Dich mit Gottes Hilfe einer guten Geſundheit und der Onkel iſt jezt wieder heiter; auch habt ihr eine Menge Nachbarn und Freunde die ihn beinahe täg⸗ lich beſuchen. Du wirſt mich wahrlich nicht ver⸗ miſſen; in Snowfield aber ſind Brüder und Schwe⸗ ſtern in großer Noth; ſie haben alle nichts von die⸗ ſen Annehmlichkeiten womit ihr umgeben ſeid. Ich fühle mich zurückberufen zu den Leuten unter denen ich aufgewachſen bin; ich fühle mich wieder hinge⸗ zogen zu den Hügeln wo ich Gottes Segen empfing, wenn ich den Sündern und Verlaſſenen das Wort des Lebens brachte.“ „Ja, ja, Du fühlſt Dich hingezogen,“ ſagte Frau Poyſer, nachdem ſie inzwiſchen einen Blick auf die Kühe geworfen;„mit dieſem Grund ſoll ich mich 236 immer abſpeiſen laſſen wenn Du die Widerſpenſtige ſpielſt. Warum brauchſt Du noch mehr zu predigen als Du ſchon jezt thuſt? Gehſt Du nicht ſchon jezt jeden Sonntag Gott weiß wohin um zu predigen und immer zu predigen; und haſt Du nicht in Treddleſtone Methodiſten genug zu denen Du gehen und die Du anſehen kannſt, wenn die Geſichter der Leute von unſerer Kirche für Dich zu hübſch ſind? Und ſind nicht auch in unſerem Kirchſpiel Leute ge⸗ nug die ſicher wieder mit dem Satan Freundſchaft machen ſobald Du ihnen den Rücken zukehrſt? Da iſt dieſe Beſſy Cranage; die wird gewiß wieder in neuem Flitterſtaat prangen wollen, wenn Du noch keine drei Wochen fort biſt; ſie wird ohne Dich nicht mehr auf ihrem neuen Wege fortwandeln, ſo wenig als ein Hund auf ſeinen Hinterbeinen ſtehen bleibt wenn Niemand ihm zuſieht. Aber aus den Seelen der Leute in dieſer Gegend ſcheinſt Du Dir gar nichts zu machen, ſonſt würdeſt Du bei Deiner eige⸗ nen Tante bleiben, denn ſie iſt auch nicht ſo gut, daß Du ihr nicht helfen könnteſt noch beſſer zu werden.“ 1 Eben jezt lag in Frau Poyſers Stimme ein ge⸗ wiſſes Etwas was ſie nicht gern merken ließ; ſie drehte ſich daher haſtig nach der Uhr um und ſagte: „Ei ſieh da! Schon Theezeit; und wenn Martin in der Scheune iſt, ſo wird er gerne eine Taſſe neh⸗ men wollen. Komm her, Totty, mein Herzchen, laß Dir von der Mutter den Hut aufſezen, dann geh in die Scheune hinaus und ſieh ob der Vater da iſt, und ſag ihm er dürfe nicht wieder weggehen ohne daß er vorher eine Taſſe Thee zu ſich genommen habe. Sag auch Deinen Brüdern ſie ſollen herein⸗ kommen.“ Totty trabte mit ihrem Schlapphut davon, wäh⸗ rend Frau Poyſer den blanken Eichentiſch hervorzog und die Theetaſſen herabholte. „Du ſagſt von Nancy und Molly daß ſie tüchtige Arbeiterinnen ſeien,“ begann ſie wieder; „das iſt mir ein ſchönes Gerede. Die Mädchen ſind ſich alle gleich, geſcheidt oder dumm— man kann ſie keine Minute aus dem Auge laſſen. Sie müſſen immer unter Aufſicht ſtehen wenn ſie an der Arbeit bleiben ſollen. Und wenn ich nun dieſen Winter wieder krank werde wie im lezten Jahr, wer ſoll dann nach ihnen ſehen wenn Du fort biſt? Und dann dieſes liebe gute Kind— es paſſirt ihr ganz gewiß etwas— ſie laſſen ſie ins Feuer fallen oder an den Keſſel kommen wenn der Speck darin kocht, oder gibt es ſonſt ein Unglück, ſo daß ſie für ihr ganzes Leben zum Krüppel wird, und an allem dem biſt Du Schuld, Dina.“ „Tante,“ ſagte Dina,„ich verſpreche Dir daß ich im Winter zurückkommen will, wenn Du krank wirſt. Glaube nicht daß ich von euch wegbleiben werde wenn ihr meiner wirklich bedürfet. Aber es iſt in Wahrheit für mein eigenes Seelenheil nöthig daß ich aus dieſem bequemen und üppigen Leben weg⸗ gehe wo ich alle Dinge ſo reichlich zu genießen habe; wenigſtens muß ich auf kurze Zeit gehen. Nur ich ſelbſt kann wiſſen was meine innern Bedürfniſſe ſind und vor welchen Anfechtungen ich mich am meiſten zu hüten habe. Dein Wunſch daß ich bleiben ſolle, iſt nicht ein Gebot der Pflicht gegen das ich mich 238 ſträube, weil es meinen Neigungen zuwiderlauft, ſondern eine Verſuchung der ich widerſtehen muß, damit nicht die Liebe zur Creatur meine Seele wie ein Nebel umhülle und das himmliſche Licht aus⸗ ſchließe.“ „Es geht über meinen Verſtand was Du unter einem bequemen und üppigen Leben meinſt,“ ent⸗ gegnete Frau Poyſer, indem ſie Butterbrode ſtrich. „Du haſt allerdings hier gut zu eſſen, und es ſoll mir Niemand nachſagen daß ich nicht reichlich ſorge; aber wenn irgendwo ein Reſtchen iſt das ſonſt Nie⸗ mand eſſen will, ſo nimmſt Du es gewiß für Dich heraus... aber ſiehe da! Adam Bede kommt und trägt die Kleine herein. Was mag er ſo früh wollen?“ Frau Poyſer eilte mit Liebe in ihren Augen, aber Vorwürfen auf der Zunge nach der Thüre, um ſich am Anblick ihres Lieblings in ſeiner neuen Stellung zu erlaben.. „Pfui ſchäme Dich, Totty! Mädchen von fünf Jahren dürfen ſich nicht mehr tragen laſſen. Adam, Sie werden noch den Arm brechen, ſo dick iſt das Kind; ſtellen Sie es hin; pfui, pfui!“ „Nein, nein,“ ſagte Adam,„ich kann's mit der Hand halten und brauche meinen Arm nicht dazu.“ Totty, die ſich in ihrer Unbefangenheit um dieſe Bemerkungen ſo wenig bekümmert hatte als eine dicke weiße Puppe, wurde an der Thüre abgeſtellt, und die Mutter überhäufte ſie unter einem Regen von Küſſen mit Vorwürfen. „Sie wundern ſich mich ſchon um dieſe Stunde zu ſehen,“ ſagte Adam. „Ja, aber kommen Sie doch herein,“ antwortete 88—— 239 Frau Poyſer, indem ſie ihm Plaz machte;„Sie bringen doch hoffentlich keine ſchlimmen Nachrichten?“ „Nein, nichts Schlimmes,“ ſagte Adam, indem er zu Dina ging und ihr die Hand reichte; ſie hatte ihre Arbeit weggelegt und ſtand inſtinctmäßig auf als er ihr näher trat. Eine ſchwache Röthe erſtarb auf ihrer blaſſen Wange als ſie ihre Hand in die ſeinige legte und ſchüchtern zu ihm aufſchaute. „Ich habe einen Auftrag an Euch, Dina,“ ſagte dam, der augenſcheinlich vergeſſen hatte daß er noch immer ihre Hand hielt;„meine Mutter krän⸗ kelt ein wenig und ſie hat ihr Herz daran geſezt daß Ihr die Nacht bei ihr zubringen möchtet, wenn Ihr ſo gut ſein wolltet. Ich ſagte ihr, ich wolle her⸗ gehen und Euch darum bitten wenn ich aus dem Dorf käme. Sie überarbeitet ſich, und ich kann ſie nicht dazu bringen daß ſie ein kleines Mädchen zur Aushilfe annimmt. Ich weiß nicht was da zu thun iſt.“ Damit ließ Adam Dina's Hand los und war⸗ tete auf Antwort; aber bevor das Mädchen den Mund aufthat, ſagte Frau Poyſer: „Da ſiehſt Du jezt! Ich habe Dir ja geſagt daß es in unſerer Gemeinde Leute genug gibt denen Du helfen kannſt, ohne daß Du weiter zu gehen brauchſt. Frau Bede wird ſo alt und gebrechlich wie nur Etwas, und ſie kann Niemand als Dich in ihrer Nähe dulden. Die Leute in Snowſield haben ſich ſchon angewöhnt auch ohne Dich fertig zu wer⸗ den, aber Frau Bede kann das nicht.“ „Ich will ſogleich meinen Hut aufſezen und fort⸗ gehen, wenn Du nichts mehr für mich zu thun haſt, 240 Tante,“ ſagte Dina, indem ſie ihre Arbeit zuſam⸗ menlegte. „Doch, ich habe noch etwas für Dich zu thun; Du mußt zuvor Deinen Thee trinken, Kind— er iſt ganz fertig; und auch Sie müſſen eine Taſſe neh⸗ men, Adam, wenn Sie nicht gar zu preſſirt ſind.“ „Mit Vergnügen, und dann will ich mit Dina fortgehen. Ich gehe geradewegs nach Hauſe, denn ich habe eine Menge Holzrechnungen herauszuſchreiben.“ „Adam, mein Junge, Sie hier?“ rief Herr Poy⸗ ſer, indem er warm und hemdärmelig hereinkam, mit den beiden ſchwarzäugigen Jungen hintendrein, die ihm noch immer ſo ähnlich ſahen wie zwei kleine Elephanten einem großen.„Wie kommt es daß man Sie ſo lang vor der Futterzeit zu ſehen bekommt?“ „Ich komme in einem Auftrag von der Mutter. Sie hat einen Anfall von ihrem alten Leiden be⸗ kommen, und ſie wünſcht daß Dina ſie beſuchen und einige Zeit bei ihr bleiben möchte.“ „Nun, Ihrer Mutter wollen wir ſie ſchon auf eine Weile ablaſſen,“ meinte Herr Poyſer,„aber andern Leuten geben wir ſie nicht, ſondern höchſtens einem Manne.“ „Einem Manne!“ ſagte Marty, der ſich in der proſaiſchſten Periode ſeiner kindlichen Entwicklung be⸗ fand wo man alles buchſtäblich nimmt.„Dina hat ja keinen Mann.“ „Sie überlaſſen?“ fragte Frau Poyſer, indem ſie einen Kuchen auf den Tiſch ſtellte und ſich dann ſezte um den Thee einzuſchenken.„Aber wir müſſen ſie, wie es ſcheint, doch verlieren, und zwar nicht um eines Mannes willen, ſondern weil ſie allerlei Grillen 241 im Kopfe hat. Tommy, was machſt Du da mit der Puppe Deiner kleinen Schweſter? Du wirſt das Kind ärgern, und ſie iſt ſo artig wenn Du ſie in Ruhe läſſeſt. Du bekommſt keinen Kuchen wenn Du ſo fort machſt.“ Tommy beluſtigte ſich mit wahrhaft brüderlicher Sympathie damit daß er der Puppe das Kleid über ihren kahlen Kopf zog und ihren verſtümmelten Leib der allgemeinen Verachtung preisgab, eine Schänd⸗ lichkeir die der guten Totty tief ins Herz ſchnitt. „Was meinſt Du wohl daß Dina mir heute Nittag geſagt habe?“ fuhr Frau Poyſer fort, indem ſie ihren Mann anſchaute. „Sag' mir's lieber gleich, ich kann nicht rathen,“ antwortete dieſer. 4 „Nun ſie will nach Snowfield zurückgehen, wie⸗ der in der Fabrik arbeiten und ſich wieder aushun⸗ gern wie früher, als ob ſie in der ganzen Welt keine befreundete Seele hätte.“ Herr Poyſer fand keine Worte um ſein unange⸗ nehmes Erſtaunen auszudrücken; er blickte bloß von ſeiner Frau auf Dina, die ſich jezt neben Totty ge⸗ ſezt hatte um ſie gegen brüderliche Neckereien zu ſchüzen, und den Kindern ihren Thee vorſezte. Wäre Ppoyſer ein Mann geweſen der ſich zu allgemeinen Betrachtungen hinneigte, ſo hätte es ihm auffallen müſſen daß mit Dina eine Veränderung vorgegangen ſei, denn ſie wechſelte ſonſt nie die Farbe; ſo aber bemerkte er bloß daß ſie in dieſem Augenblick roth wurde. Er fand ſie darum nur um ſo hübſcher: es war ein Erröthen, nicht ſtärker als beim Blüthenkelch Eliot, Avam Bede. III, 16 242 einer Monatsroſe. Vielleicht kam es daher weil ihr Onkel ſie ſo feſt anſchaute; aber man kann es nicht wiſſen, denn eben jezt ſagte Adam mit ruhiger Ver⸗ wunderung: „Ei wie? Ich hoffte Dina würde ihr ganzes Leben lang bei uns bleiben; ich dachte ſie hätte den Gedanken an eine Rückkehr in ihre alte Heimath ganz aufgegeben.“ „Ja wohl aufgegeben!“ fiel Frau Poyſer ein, „ſo hätte Jedermann gedacht der keinen Sparren im Kopf hätte; aber es ſcheint, man muß ſelbſt Metho⸗ diſt ſein um zu wiſſen was ein Methodiſt thut. Man erräth nicht ſo leicht wohin die Fledermäuſe fliegen.“ „Ei wie? Was haben wir Dir denn gethan, Dina, daß Du von uns gehen willſt?“ ſagte Herr Poyſer, der noch immer mit ſeiner Taſſe pauſirte. „Dieß iſt beinahe ſo ſchlimm wie eine Wortbrüchig⸗ keit; denn Deine Tante dachte nie anders als daß Du unſer Haus jezt als Deine Heimath anſeheſt.“ „Nein, Onkel,“ verſezte Dina, indem ſie ganz ruhig zu bleiben verſuchte.„Gleich als ich kam, ſagte ich daß ich nur einige Zeit bleiben wolle, ſo lange ich meine Tante einigermaßen unterſtüzen könne.“ „Und wer ſagt Dir denn daß Du mich jezt nicht mehr unterſtüzen könneſt?“ ſagte Frau Poyſer;„wenn Du künftig nicht ganz bei uns bleiben wollteſt, ſo wäreſt Du lieber gar nicht gekommen. Wer nie ein Kopfkiſſen gehabt hat, der entbehrt auch keines.“ „Nein, nein,“ ſagte Herr Poyſer, der alle Ueber⸗ treibung haßte,„dieß mußt Du nicht ſagen. Wir 2 244 0₰ wären voriges Jahr um Mariä Verkündigung ohne ſie übel daran geweſen: dafür müſſen wir ihr dank⸗ bar ſein, ob ſie nun bleibt oder nicht. Aber ich kann mir nicht denken warum ſie eine gute Heimath verlaſſen will, um in eine Gegend zurückzukehren wo der Morgen Land mit Allem und Allem keine zehn Schillinge einträgt.“ „Eben darum will ſie ja gehen, ſoweit ſie einen Grund angeben kann,“ ſagte Frau Poyſer.„Sie meint, hier habe ſie es zu gut, ſie bekomme zu viel zu eſſen, und die Leute ſind ihr nicht unglücklich ge⸗ nug. Und ſie will in der nächſten Woche fort. Ich kann ſie nicht davon abbringen, ich mag ſagen was ich will. So machens dieſe ſanften Geſichtchen im⸗ mer; man kann eben ſo gut auf einen Sack Federn dreinſchlagen als auf ſie einreden. Ich habe be⸗ hauptet daß eine ſolche Widerſpenſtigkeit keine Reli⸗ gion ſei— was meinen Sie, Adam?“ Adam ſah daß Dina unruhiger war als er ſie je in einer perſönlichen Angelegenheit geſehen hatte, und da er ihr wo möglich zu Hilfe kommen wollte, ſagte er mit einem freundlichen Blick auf ſie: „Nein, ich kann in Allem was Dina thut keinen Tadel finden. Ich glaube, ihre Gedanken ſind beſſer als wir vermuthen, ſie mögen ſein wie ſie wollen. Es würde mich ſehr gefreut haben wenn ſie bei uns geblieben wäre; aber wenn ſie es für Recht hält zu gehen, ſo möchte ich ihr nicht in die Quere kommen und es ihr nicht durch Einreden erſchweren. Wir ſind ihr etwas ganz Anderes ſchuldig.“ Wie es oft geſchieht, ſo fielen dieſe Worte wo⸗ mit Adam ſie aufzurichten gedachte, Dina in dieſem 6* 244 Augenblick nur um ſo ſchwerer auf ihr empfindliches Herz. Die Thränen drangen zu ſchnell um ſich ver⸗ bergen zu laſſen in die grauen Augen, und ſie er⸗ hob ſich haſtig, damit man glauben ſollte, ſie wolle bloß ihren Hut holen. „Mutter, warum weint denn Dina?“ fragte Totty.„Sie iſt doch kein unartiges Mädchen.“ „Du biſt auch ein wenig zu weit gegangen,“ ſagte Herr Poyſer.„Wir haben kein Recht ihren Wünſchen etwas in den Weg zu legen. Und Du würdeſt ſehr böſe über mich werden, wenn ich ein Wort über irgend Etwas ſagte was ſie thut.“ „Weil Du ſie wahrſcheinlich ohne Grund tadeln würdeſt,“ verſezte Frau Poyſer.„Aber das was ich ſage hat Grund, ſonſt würde ich es nicht ſagen. Andere Leute haben gut reden; die können ſie nicht ſo lieb haben, wie ihre leibliche Tante. Und ich habe mich ſo ſehr an ſie gewöhnt. Ich werde mich ſo unbehaglich fühlen wie ein neugeſchorenes Schaf, wenn ſie fort iſt. Und daß ſie ein Kirchſpiel ver⸗ laſſen will wo ſie ſo geſchäzt iſt! Herr Irwine be⸗ handelt ſie wie eine vornehme Dame, trozdem daß ſie Methodiſtin iſt und dieſen Predigerſchwindel im Kopfe hat— Gott verzeih mir wenn ich Unrecht habe es ſo zu nennen.“ „Ja,“ ſagte Herr Poyſer mit vergnügtem Aus⸗ druck,„Du haſt aber Adam noch nicht geſagt, was er einmal gegen Dich darüber äußerte. Meine Frau ſagte mir nämlich einmal ſie wiſſe an Dina keinen einzigen Fehler als ihr Predigen, und da bemerkte Herr Irwine: Ei Sie dürfen ihr das nicht ſo übel auslegen, Frau Poyſer; bedenken Sie doch 8ᷣ☛— u ———— 245 daß Dina keinen Mann hat dem ſie vorpredigen kann. Ich ſtehe dafür, Sie haben Herrn Poyſer ſchon manche ſchöne Predigt gehalten. Da hat ihr der Pfarrer eins hingerieben,“ fügte Poyſer mit ge⸗ müthlichem Lachen hinzu.„Ich erzählte es Barthel Maſſey und der lachte auch darüber.“ „Ja, es braucht weiter nicht viel Wiz um die Männer zum Lachen zu bringen, wenn ſie mit der Pfeife im Maul daſizen und einander angaffen,“ ver⸗ ſezte Frau Poyſer.„Wenn es auf Barthel Maſſey ankäme, ſo hätte er allen Wiz allein gefreſſen. Hätte der Häckerlingſchneider etwas zu ſagen, ſo wären wir alle zuſammen von Stroh. Totty, mein Herzchen, geh zur Baſe Dina, ſieh was ſie macht und gib ihr einen hübſchen Kuß.“ Dieſer Auftrag wurde für Totty erſonnen, um gewiſſe drohende Symptome in ihrem Mundwinkel abzulenken, denn Tommy, der jezt keinen Kuchen mehr erwartete, ſchob mit dem Zeigefinger ſeine Augenlider in die Höhe und kehrte ſeine Augäpfel auf eine beleidigende Art gegen Totty. „Sie haben jezt viel zu thun, Adam, nicht wahr?“ fragte Herr Poyſer.„Burge wird mit ſeinen Be⸗ klemmungen auf der Bruſt wohl nicht viel mehr leiſten können.“ „Ja, wir haben viel zu bauen,“ antwortete Adam,„alte Reparaturen auf dem Gute und dann die neuen Häuſer in Treddleſton.“ „Ich wette daß das neue Haus das Burge jezt auf ſeinem eigenen Grundſtück baut, für ihn ſelbſt und ſeine Marie beſtimmt iſt,“ ſagte Herr Poyſer; „gewiß gibt er das Geſchäft bald ganz auf und 246 überläßt es dann Ihnen gegen einen jährlichen Ab⸗ trag. Wir erlebens noch vor Jahresfriſt daß Sie hier oben bei uns wohnen.“ „Nun ja,“ antwortete Adam,„ich würde ſehr gern das Geſchäft allein in die Hand nehmen. Es wäre mir dabei weniger um den größern Verdienſt zu thun: wir beſizen für uns zwei Brüder und die Mutter mehr als genug; aber ich wäre unabhängig und könnte allerlei Verſuche anſtellen die ich jezt nicht machen kann.“ „Mit dem neuen Rentamtmann kommen Sie wahrſcheinlich gut aus?“ fragte Herr Poyſer. „Ja, ja, er iſt ein recht vernünftiger Mann: er verſteht ſich auf die Landwirthſchaft und leitet die Entwäſſerung und alles das vortrefflich. Sie müſſen einmal nach Stonyſhire hinübergehen, was da für Veränderungen gemacht werden. Aber vom Bauen hat er keinen Begriff: man findet ſelten einen Men⸗ ſchen der ſich auf mehr als eine einzige Sache ver⸗ ſteht. Es iſt gerade als trügen die Leute Scheuleder wie die Pferde, ſo daß ſie auf der einen Seite nichts ſehen können. Herr Irwine dagegen verſteht ſich beſſer auf das Bauen als die meiſten Architecten; dieſe wollen die vornehmen Herrn ſpielen, wiſſen aber größtentheils nicht wie ſie ein Kamin ſezen ſollen, ſo daß es der Thüre nicht im Wege iſt. Meines Erachtens iſt ein practiſcher Baumeiſter mit. etwas Geſchmack der beſte Architect für gewöhnliche Dinge, und es macht mir zehnmal mehr Freude nach der Arbeit zu ſehen, wenn ich den Plan dazu ſelbſt gezeichnet habe.“ Herr Poyſer hörte mit bewundernder Theilnahme 247 Adams Abhandlung über das Bauen an, aber viel⸗ leicht fiel ihm dabei ein daß der Bau ſeiner Korn⸗ ſcheune ſchon gar zu lange das Auge des Herrn vermiſſe; denn als Adam zu Ende war, ſtand er auf und ſagte:„Nun, mein Junge, jezt muß ich Adieu ſagen, denn ich muß zu meiner Scheune zurück.“ Adam erhob ſich ebenfalls, denn er ſah Dina mit einem Hut auf dem Kopf und einem Körbchen in der Hand hereinkommen; vor ihr her trippelte Totty. „Ihr ſeid fertig wie ich ſehe, Dina,“ ſagte er; „wir wollen alſo aufbrechen; je eher wir heim kom⸗ men, um ſo beſſer iſts.“ „Mutter,“ ſagte Totty mit ihrem feinen Dis⸗ cantſtimmchen,„Dina hat gebetet und ſo ſchrecklich geweint.“ „Still, ſtill,“ verſezte die Mutter;„kleine Mäd⸗ chen ſollen nicht ſchwazen.“. Der Vater aber, der ſtill in ſich hineinlachte, ſtellte Totty auf den blanken tannenen Tiſch und verlangte einen Kuß von ihr. Herr und Frau Poy⸗ ſer waren ſich, wie man bemerkt, über Erziehungs⸗ grundſäze nicht ganz klar. „Komm morgen zurück, Dina, wenn Frau Bede Dich nicht mehr bedarf,“ ſagte Frau Poyſer;„aber wenn ſie krank iſt, ſo kannſt Du natürlich bleiben.“ Damit verabſchiedeten ſich Adam und Dina und verließen zuſammen den Pachthof. 248 Fünßigſtes Capitel. In Adams Häuschen. Adam bot Dina ſeinen Arm nicht, als ſie aufs Feld kamen. Er hatte es noch nie gethan, ſo oft ſie auch mit einander gegangen waren, denn er hatte bemerkt daß ſie auch mit Seth nicht Arm in Arm ging, und daher dachte er, dieſe Art von Unter⸗ ſtüzung ſei ihr vielleicht nicht angenehm. Sie ſchrit⸗ ten alſo getrennt, obſchon neben einander, dahin, und das enganſchließende ſchwarze Hütchen verbarg ihm Dina's Geſicht. „Ihr könnt Euch alſo auf dem Pachthof nicht heimiſch fühlen, Dina?“ fragte Adam mit der ruhi⸗ gen Theilnahme eines Bruders der für ſich ſelbſt Nichts dabei ſucht.„Das iſt recht Schade, denn Poyſers haben Euch ſehr lieb.“ „Ihr wißt, Adam, was die Liebe zu ihnen und die Sorge für ihre Wohlfahrt betrifft, ſo iſt mein Herz wie das ihrige; aber ſie bedürfen meiner jezt nicht, ihre Kümmerniſſe ſind beſchwichtigt, und ich fühle mich zu meiner alten Thätigkeit zurückberufen; denn in dieſer habe ich einen Segen gefunden wel⸗ chen ich in der lezten Zeit unter all dieſem Ueber⸗ fluß und Wohlleben vermißte. Ich weiß, es iſt ein eitler Gedanke dem Werke entfliehen zu wollen wozu Gott uns beſtimmt, um einen noch größeren Segen für uns zu erlangen, als ob wir ſelbſt wählen könn⸗ ten wo wir die Fülle des göttlichen Segens finden ſollen, ſtatt ſie da zu ſuchen wo ſie allein zu finden ——Dü— ıi5 249 iſt, nämlich im liebenden Gehorſam. Aber jezt, Nanbe ich, wird mir deutlich gezeigt daß meine Ar⸗ eit anderswo liegt— wenigſtens für einige Zeit. Im Verlauf der Jahre werde ich ſchon wieder kom⸗ men, wenn meine Tante kränklich werden oder ſonſt meiner bedürfen ſollte.“ „Ihr müßts am beſten wiſſen, Dina,“ ſagte Adam.„Ich glaube nicht daß Ihr den Wünſchen Eurer Verwandten die Euch ſo lieb haben zuwider handeln würdet, wenn Ihr nicht einen guten und genügenden Grund in Eurem Gewiſſen hättet. Ich habe kein Recht von meinem eigenen Bedauern dar⸗ über zu ſprechen: Ihr wißt wohl was für Gründe ich habe Euch über jeden andern Freund zu ſtellen, und wenn es ſich ſo gefügt hätte daß Ihr meine Schweſter geworden wäret und Euer ganzes Leben bei uns zubrächtet, ſo hätte ich das als den größten Segen angeſehen der uns jezt zu Theil werden könnte; aber Seth ſagte mir daß hiezu keine Hoff⸗ nung vorhanden iſt: Eure Gefühle ſind anderer Art, und vielleicht nehme ich mir ſchon zu viel heraus, indem ich nur davon rede.“ Dina gab keine Antwort, und ſie ſchritten ſchwei⸗ gend weiter bis ſie an einen Steg kamen. Hier ging Adam zuerſt hinüber, und als er ſich dann um⸗ wandte um ihr über die ungewöhnlich hohe Stufe hinaufzuhelfen, da konnte ſie es nicht verhindern daß er ihr ins Geſicht ſchaute. Dieſer Anblick überraſchte ihn, denn die ſonſt ſo milden und ernſten grauen Augen hatten jezt den glänzenden unruhigen Blick der unterdrückte Aufregung begleitet, und die flüch⸗ tige Röthe die vorhin, als ſie die Treppe herabkam, ——— 250 auf ihren Wangen gelegen, ſteigerte ſich ins Hoch⸗ roſenrothe. Sie ſah aus als wäre ſie bloß eine Schweſter Dina's. Adam ſchwieg vor Verwunderung und machte ſich einige Minuten lang allerlei Ge⸗ danken; dann ſagte er: „Hoffentlich habe ich Euch durch meine Worte nicht beleidigt oder unangenehm berührt, Dina: vielleicht nahm ich mir zu viel Freiheit heraus. Ich wünſche durchaus nichts Anderes als was Ihr ſelbſt für das Beſte haltet, und wenn es Euch recht dünkt eine Tagreiſe von uns weg zu leben, ſo bin ichs auch zufrieden. Ich werde immer eben ſo groß von Euch denken wie jezt, denn Ihr ſeid mit einer Er⸗ innerung verbunden die ich ſo wenig los werden kann als die Schläge meines Herzens.“ Armer Adam! So können die Männer falſch ſein. Dina antwortete nicht, ſagte aber ſchnell: „Habt Ihr Nachrichten von dem armen jungen Mann, ſeit wir ihn das leztemal ſprachen?“ Dina nannte Arthur immer ſo. Sie hatte ihn beſtändig ſo vor Augen wie ſie ihn im Gefängniß geſehen. „Ja,“ antwortete Adam.„Herr Irwine hat mir geſtern Etwas aus einem Briefe von ihm vor⸗ geleſen; man hält es für ziemlich gewiß daß bald Frieden geſchloſſen werde, obſchon Niemand an eine lange Dauer deſſelben glaubt; aber er ſchreibt er wolle noch nicht nach Hauſe kommen. Er hat noch nicht das Herz dazu, und es iſt auch für Andere beſſer wenn er noch wegbleibt. Herr Irwine meint auch, er ſolle noch nicht kommen. Es iſt ein recht betrübter Brief. Er fragt wie immer nach Euch und 251 Poyſers. Eine Stelle in dem Brief iſt mir recht nahe gegangen:— Sie können ſich denken wie alt ich mich fühle, ſchreibt er; ich mache jezt keine Pläne mehr, am wohlſten iſt mirs wenn ich einen tüchtigen Tagmarſch oder ein Gefecht vor mir habe.“ „Er iſt eine raſche, warmherzige Natur wie Eſau, mit dem ich immer großes Mitleid empfunden habe,“ ſagte Dina.„Dieſe Begegnung zwiſchen den Brü⸗ dern, wo Eſau ſich ſo liebreich und großmüthig, Jacob aber, trozdem daß er ſich der göttlichen Gnade bewußt iſt, ſo ängſtlich und mißtrauiſch zeigt, hat mich immer ſehr gerührt. Wahrlich ich habe mich manchmal verſucht gefühlt Jacob für einen recht niedrig denkenden Menſchen zu erklären. Aber das iſt unſer Prüfungsſtand: wir müſſen unter vielem Unlieblichen das Gute ſehen lernen.“ „ Ich leſe am liebſten von Moſes im alten Te⸗ ſtament,“ ſagte Adam,„er hat ein ſchweres Geſchäft wohl durchgeführt und ſtarb, als andere Leute ſich anſchickten die Früchte zu ernten: ein Menſch muß viel Muth haben um das Leben ſo anzuſehen, und auch an das zu denken was nach ſeinem Tode kom⸗ men wird. Ein gutes tüchtiges Stück Arbeit währt lange: wenn es auch nur ein Fußboden iſt den man legt, ſo kommt er doch, wenn er gut und ſolid ge⸗ macht iſt, auch noch immer einem Andern zu gut, als bloß demjenigen der ihn gemacht hat.“ Sie waren beide froh von Dingen reden zu kön⸗ nen die ſie nicht perſönlich betrafen, und ſo gingen ſie weiter bis ſie über die Brücke am Weidenbach kamen; da drehte ſich Adam um und ſagte: „Ah, da kommt ja Seth. Ich dachte mirs daß 2⁵²2 er bald heimkehren würde. Weiß er daß Ihr weg⸗ reiſen wollt, Dina?“ „Ja, ich habe es ihm lezten Sabbath geſagt.“ Adam erinnerte ſich jezt daß Seth am Sonntag Abend ſehr niedergeſchlagen nach Hauſe gekommen war, was um ſo auffallender erſcheinen mußte, weil bei ihm in der lezten Zeit das Glück Dina jede Woche einmal zu ſehen das ſchmerzliche Bewußtſein daß ſie ihn nie heirathen werde, weitaus überwogen zu haben ſchien. Heute Abend hatte er ſeinen ge⸗ wöhnlichen Ausdruck träumeriſcher, liebreicher Zu⸗ friedenheit, bis er ganz nahe zu Dina kam und an ihren zarten Augen und Wimpern Spuren von Thrä⸗ nen bemerkte. Er warf einen raſchen Blick auf ſei⸗ nen Bruder, aber Adam war augenſcheinlich ganz unbetheiligt bei der Aufregung die über Dina ge⸗ kommen; er ſah ſo ruhig und gelaſſen aus wie alle Tage. Seth bemühte ſich Dina nicht ſehen zu laſſen daß er ihr Geſicht bemerkt hatte, und ſagte bloß: „Es freut mich daß Ihr kommt, Dina, denn die utter hungert den ganzen Tag nach Eurem An⸗ blick. Das Erſte was ſie heute früh ſprach, war Euer Name.“ Als ſie in das Häuschen traten, ſaß Lisbeth in ihrem Armſtuhl; ſie hatte das Abendeſſen bereitet, was ſie immer lange that bevor es nöthig war, und fühlte ſich jezt zu müde um den Ankommenden bis an die Thüre entgegenzugehen, wie es ihr Brauch war wenn ſie Fußtritte hörte. „Komm her, Kind, kommſt Du doch endlich?“ ſagte ſie, als Dina auf ſie zuging.„Was fällt Dir 253 ein daß Du mich eine ganze Woche allein läſſeſt und gar nicht beſuchſt?“ „Liebe Freundin,“ antwortete Dina, indem ſie ihre Hand ergriff,„Ihr ſeid nicht wohl; hätte ich das eher gewußt, wäre ich ſchon gekommen.“ „Und wie kannſt Du'’s erfahren wenn Du nicht kommſt? Die Jungen wiſſen bloß was ich ihnen ſage: ſo lange Du Hand und Fuß rühren kannſt, glauben die Männer, Du ſeieſt kerngeſund. Aber es ſteht auch nicht ſo ſchlimm mit mir, und ich habe mich bloß ein wenig erkältet. Und die Jungen quä⸗ len mich ſo daß ich Jemand zur Aushilfe nehmen ſoll; ſie machen mich mit ihrem Gerede noch kränker. Wenn Du kämeſt und bei mir bliebeſt, ſo würden ſie mich in Ruhe laſſen. Poyſers können Dich nicht ſo nöthig haben wie ich. Aber leg doch Deinen Hut ab, damit ich Dich anſehen kann.“ Dina wollte weggehen, aber Lisbeth hielt ſie feſt, während ſie ihren Hut abnahm, und ſchaute ihr ins Geſicht, wie man in ein friſchgepflücktes Schnee⸗ glöckchen hineinſchaut, um die alten Eindrücke von Reinheit und Zartheit wieder zu bekommen. .„Was iſts mit Dir?“ fragte Lisbeth mit Erſtau⸗ nen,„Du haſt geweint!“ „Es iſt bloß ein Kummer der ſchnell vorübergehen wird,“ antwortete Dina, die mit ihrer Abſicht Hay⸗ ſlope zu verlaſſen noch nicht herausrücken wollte, um mit Lisbeths Vorſtellungen vor der Hand noch verſchont zu bleiben.„Ihr ſollt es bald erfahren— wir wollen heute Nacht davon reden. Ich bleibe über Nacht bei Euch.“ Bei dieſer Ausſicht beruhigte ſich Lisbeth. Sie 254 konnte den ganzen Abend allein mit Dina reden, denn, wie man ſich erinnert, vor etwa zwei Jahren, als man einen neuen Hausgenoſſen erwartete, war ein neues Zimmer angebaut worden, und hier ſaß Adam immer, entweder um zu ſchreiben oder Pläne zu zeichnen. Auch Seth ſaß heute Abend da, denn er wußte daß ſeine Mutter ihren Gaſt gerne allein hatte. Es waren zwei hübſche Bilder auf den beiden Seiten der Hauswand. In einem Zimmer die breit⸗ ſchultrige, derbe, alte Frau mit den groben Geſichts⸗ zügen, mit ihrer blauen Jacke und ihrem braunen Halstuch, die trüben Blicke fortwährend auf das liebe Angeſicht des Mädchens und die ſchwarzge⸗ kleidete zarte Geſtalt gerichtet, die ſich bald, hilfreich und thätig, leicht um ſie her bewegte, bald dicht neben dem Lehnſtuhl der Alten ſaß, ſie bei der welken Hand faßte und ihre Augen zu ihr aufſchlug, deren Sprache Lisbeth weit beſſer verſtand als Bibel oder Geſangbuch. Sie wollte heute Nacht überhaupt nichts vom Leſen hören.„Nein, nein, mach das Buch zu,“ ſagte ſie.„Wir müſſen reden. Ich will wiſſen warum Du geweint haſt. Haſt Du auch Trüb⸗ ſal wie andere Leute?“ Auf der andern Seite der Wand befanden ſich die beiden Brüder die einander ſo ähnlich und doch ſo unähnlich waren. Adam mit den zuſammenge⸗ zogenen Augenbrauen, dem buſchigen Haar und zder dunkeln kräftigen Geſichtsfarbe war in ſein Zeich⸗ nen vertieft; Seth mit den derben, rauhen Zügen, das echte Abbild ſeines Bruders, aber mit dünnen, lockigen, braunen Haaren und blauen träumeriſchen — 255 Augen, die eben ſo oft als nicht leer zum Fenſter hinausſchauten ſtatt in ſein Buch, obſchon es ganz neu gekauft war— Wesley's Abriß der Lebensge⸗ ſchichte der Frau Guyon, ein Werk das ihm höchſt anziehend und intereſſant war. Seth hatte zu Adam geſagt:„Kann ich Dir heute Abend zu Etwas helfen? Ich will keinen Lärm in der Werkſtatt machen.“ „Nein, Junge,“ antwortete Adam,„ich muß Aeshallän beſorgen; lies Du nur in Deinem neuen uche.“ Und oft, wenn Seth es ſich nicht verſah, blickte Adam, nachdem er eine Linie gezogen hatte, mit freundlichem Lächeln den Bruder an. Er wußte, der Junge ſaß gerne in Gedanken da über die er ſich keine Rechenſchaft geben konnte: ſie führten vor⸗ ausſichtlich nie zu etwas Geſcheidtem, aber ſie mach⸗ ten ihn glücklich; und im lezten Jahr war Adam immer nachſichtiger gegen Seth geworden. Dieſe zuneh⸗ mende Zärtlichkeit war eine Folge des Kummers der in ihm arbeitete. Denn Adam hatte, obſchon wir ihn wieder bei vollkommener Selbſtbeherrſchung erblicken und mit Luſt und Eifer fortarbeiten ſehen, wie ſeine ange⸗ borne unveräußerliche Natur es mit ſich brachte, dennoch ſeinen Kummer nicht ausgelebt; er hatte ihn noch nicht wie eine vorübergehende Laſt abſchüt⸗ teln können und war noch nicht wieder derſelbe Mann ſeworden. Könnte dieß einer von uns? Gott be⸗ büten Es wäre ein trauriges Reſultat all unſeres Kämpfens und Ringens, wenn wir am Ende nichts als nur unſer altes Selbſt gewännen— wenn wir zu der alten blinden Liebe, dem alten hochmüthigen Tadel, den alten leichtfertigen Gedanken über menſch⸗ liches Leiden, dem alten verworrenen Geſchwaze über geknickte Menſchenleben, dem alten ſchwachen Gefühl für das Unbekannte, zu welchem wir in un⸗ ſerer Verlaſſenheit ſo manchen nicht zu unterdrücken⸗ den Seufzer emporgeſandt, zurückkehren könnten. Laßt uns vielmehr Gott danken daß unſer Kummer wie eine unzerſtörbare Kraft in uns lebt, welche, wie irgend eine andere Kraft, bloß ihre Geſtalt ver⸗ ändert und von Schmerz in Mitgefühl übergeht, dieſes arme Wörtchen das unſere beſte Einſicht und unſere beſte Liebe in ſich ſchließt. Nicht als ob dieſe Verwandlung des Schmerzes in Mitgefühl bei Adam ſchon vollſtändig ſtattgefunden hätte: es war noch ein großer Reſt von Schmerz übrig, und er fühlte daß dieſer ſo lange fortdauern würde als ihr Schmerz noch keine Erinnerung war, ſondern etwas Vorhandenes das mit jedem neuen Morgen ſich er⸗ neuen mußte. Aber wir gewöhnen uns ſowohl an geiſtigen wie an phyſiſchen Schmerz, ohne darum unſer Gefühl dafür zu verlieren: er wird zu einer Lebensgewohnheit für uns, und wir können uns einen Zuſtand vollkommenen Behagens nicht mehr als möglich denken. Das Verlangen ſenkt ſich zu unterwürfiger Ergebung, und wir ſind mit unſerm Tage zufrieden, wenn es uns nur möglich geworden unſern Schmerz zu ertragen und ſo zu handeln als ob wir nicht litten. Denn in ſolchen Perioden wächst das Gefühl daß unſer Leben ſichtbare und unſicht⸗ bare Beziehungen hat, welche über alle diejenigen hinausgehen deren Mittelpunkt unſer gegenwärtiges 25⁵7 oder zukünftiges Selbſt iſt, wie ein Muskel auf welchen wir uns ſtüzen und den wir üben müſſen. Dieß war Adams Gemüthszuſtand in dieſem zweiten Herbſte ſeines Kummers. Seine Arbeit war, wie ihr wißt, ſtets ein Theil ſeiner Religion geweſen, und ſchon in früher Jugend hatte er klar eingeſehen daß gute Zimmerarbeit Gottes Wille ſei, diejenige Form von Gottes Willen die ihn ſelbſt am unmit⸗ telbarſten betreffe. Aber jezt zog ſich für ihn keine Traumwelt mehr randartig um dieſe taghelle Wirk⸗ lichkeit; es gab für ihn keine Feſtzeit mehr in dieſer Werktagswelt; es gab für ihn in der Ferne keinen Augenblick mehr wo die Pflicht ihren Ciſenhandſchuh und Bruſtharniſch ablegen, ihn ſanft an ſich drücken und ihm Ruhe gönnen würde. Er konnte ſich keine andere Zukunft denken als Tage harter Arbeit, ſo wie er ſie jezt durchlebte, mit zunehmender Zufrie⸗ denheit und ſtets ſich ſteigerndem Intereſſe; die Liebe, dachte er, könne für ihn nur noch eine lebendige Erinnerung ſein, ein abgeſchnittenes, aber noch nicht aus ſeinem Bewußtſein entſchwundenes Glied. Er wußte nicht daß die Fähigkeit zu lieben ſich dieſe ganze Zeit über neu in ihm kräftigte, daß die neuen durch eine tiefe Erfahrung erkauften Empfindungen eben ſo viele neue Lebensfaſern waren, wodurch ſeine Natur mit einer andern verwachſen konnte, ja ſogar verwachſen mußte. Dennoch bemerkte er daß gegen⸗ ſeitige Neigungen und Freundſchaft für ihn mehr Reiz bekamen als früher, daß er ſich feſter an ſeine Mutter und an Seth anklammerte, und daß er eine unausſprechliche Befriedigung verſpürte wenn er ir⸗ gend einen kleinen Zuwachs ihres Glückes ſah oder Eliot, Adam Bede. III. 17 ſich auch nur dachte. So auch mit Poyſers. Es vergingen kaum drei oder vier Tage, ohne daß er ſich gedrungen fühlte ſie zu beſuchen und Worte und Blicke der Freundſchaft mit ihnen zu tauſchen; er würde dieſes Gefühl wahrſcheinlich auch gehabt haben wenn Dina nicht bei ihnen geweſen wäre; aber er hatte bloß die einfachſte Wahrheit ausgeſprochen, als er zu ihr ſagte daß er ſie über alle andern Freunde in der ganzen Welt ſtelle. Konnte es auch etwas Natürlicheres geben? Denn in den dunkelſten Augenblicken ſeiner Erinnerung ſtellte ſich der Ge⸗ danke an ſie immer wie der 33 Strahl wiederkeh⸗ renden Troſtes ein: die erſten düſtern Tage auf dem Pachthof waren durch ihre Gegenwart in ſanften Mondſchein verwandelt worden, und auch in ſeinem eigenen Hauſe war ſie in jedem freien Augenblick erſchienen, um die arme Lisbeth zu beſchwichtigen und aufzuheitern, die beim Anblick des gramdurch⸗ furchten Geſichtes ihres Lieblings Abam von einer Furcht ergriffen worden war welcher ſogar ihre zank⸗ ſüchtige Laune weichen mußte. Er hatte ſich gewöhnt ihre leichten ruhigen Bewegungen, ihre hübſche, lieb⸗ reiche Art mit den Kindern auf dem Pachthof zu beobachten, ihrer Stimme wie lieblicher Muſik zu lauſchen, Alles was ſie ſagte und that als das Rechte anzuſehen das gar nicht beſſer ſein könnte. Troz ſeiner Weisheit konnte er ſelbſt ihre übertrie⸗ bene Nachſicht gegen die Kinder nicht tadeln, denen es gelungen war die Predigerin Dina, vor welcher ſchon oft ein Kreis rauher Männer gezittert hatte, in eine ganz ſchmiegſame Sklavin zu verwandeln, obwohl Dina ſelbſt ſich dieſer Schwäche ein wenig ————————— 22 D—————— — ſchämte und innere Anfechtungen hatte, weil ſie hierin von den Lehren Salomo's abwich. Nur etwas hätte beſſer ſein können: ſie hätte Seth lieben und zum Mann nehmen ſollen. Um ſeines Bruders willen war er ein wenig ärgerlich, und nicht ohne inniges Bedauern konnte er daran denken wie Dina als Seths Frau ihnen allen die glücklichſte Häus⸗ lichkeit bereitet haben würde, wie ſie das einzige Weſen ſei das die lezten Tage ſeiner Mutter zu einem friedlichen und ruhigen Ende hätte führen können. Es iſt doch ſonderbar daß ſie den Jungen nicht liebt, hatte Adam manchmal zu ſich ſelbſt ge⸗ ſagt; man ſollte doch glauben, er wäre juſt für ſie zugeſchnitten. Aber ihr Herz hängt an andern Din⸗ gen. Sie iſt eines von den Mädchen für welche der Beſiz eines Mannes und eigener Kinder nichts Ver⸗ lockendes hat. Sie meint ihr eignes Leben würde ſie dann gänzlich in Anſpruch nehmen, und ſie iſt ſo ſehr daran gewöhnt in den Sorgen Anderer zu leben, daß ſie den Gedanken nicht ertragen kann ihnen ihr Herz verſchließen zu müſſen. Ich ſehe recht gut wie es iſt: ſie iſt von ganz anderem Zeug als die meiſten Weiber, das habe ich ſchon lange bemerkt. Es iſt ihr nur wohl wenn ſie Jemand helfen kann, und durch die Ehe würde ſie in ihren Gewohnheiten geſtört werden, das iſt wahr. Ich habe kein Recht darüber zu grübeln und nachzuſin⸗ nen daß es beſſer wäre wenn ſie Seth nähme, als ob ich weiſer wäre als ſie oder gar als der liebe Gott ſelbſt, denn der hat ſie gemacht wie ſie iſt, und ſie iſt eine der größten Segnungen die ich je 17 260 aus ſeinen Händen empfangen habe, und Andere mit mir. Dieſer Selbſtvorwurf hatte ſich in Adam wieder ſtark geregt, als er Dina anſah daß er ſie durch Anſpielungen auf ſeinen Wunſch für Seth verlezt hatte, und ſo hatte er ſich bemüht ſeinem Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Entſcheidung den ſtärkſten Ausdruck zu leihen; ja er hatte ſich vollkommen darein ergeben daß ſie von ihnen gehen und künftig nur noch im Geiſt mit ihnen verkehren ſolle, wenn ſie einmal wirklich dieſe Trennung wünſchte. Er war überzeugt daß ſie recht gut wußte wie unendlich er ihre Nähe ſchäzte, wie gerne er im ſtillen Bewußt⸗ ſein einer gegenwärtigen großen Erinnerung mit ihr ſprach. Sie konnte in ſeiner Verſicherung daß er gegen ihre Wegreiſe nichts einzuwenden habe un⸗ möglich etwas anderes als uneigennüzige Neigung und Verehrung erblicken, und dennoch blieb ihm das unbehagliche Gefühl als ob er nicht ganz das Rechte geſagt und als ob Dina ihn nicht ganz richtig ver⸗ ſtanden hätte. Am folgenden Morgen muß Dina ſchon vor der Sonne aufgeſtanden ſein, denn ſie befand ſich ſchon um fünf Uhr unten. Eben ſo Seth; denn da Lis⸗ beth hartnäckig ſich weigerte ein Mädchen zur Aus⸗ hilfe anzunehmen, ſo hatte er ſich, wie Adam ſagte, zu den häuslichen Arbeiten tüchtig gemacht, damit ſeine Mutter ſich nicht allzu ſehr abzumühen brauchte, und ich hoffe, der geneigte Leſer werde ihn darum nicht für unmännlich erklären, ſo wenig als den tapfern Oberſten Bath, wenn er für ſeine kranke Schweſter den Haferſchleim kochte. Adam, der bis 261 in die ſpäte Nacht geſchrieben hatte, ſchlief noch und kam, wie Seth ſagte, vorausſichtlich nicht vor dem Frühſtück herab. So oft Dina in den lezten acht⸗ zehn Monaten Lisbeth beſucht hatte, ſo hatte ſie doch ſeit der Nacht nach dem Tode des alten Thias, wo Lisbeth, wie man ſich erinnern wird, ihre ge⸗ räuſchloſen Bewegungen pries und ſogar ihrer Suppe ein bedingtes Lob ſpendete, nie in dem Häuschen geſchlafen. Aber in dieſer langen Zwiſchenzeit hatte ſich Dina in den Haushaltungsgeſchäften große Fer⸗ tigkeit erworben, und an dieſem Morgen gedachte ſie mit Seths Hilfe alles ſo außerordentlich ſauber und ordentlich herzuſtellen, daß ſogar ihre Tante Poyſer hätte zufrieden ſein müſſen. Für den Augen⸗ blick war dieſer Artikel nicht aufs beſte beſorgt, denn Lisbeth war durch ihren Rheumatismus ge⸗ zwungen worden ihre alten Gewohnheiten dilettan⸗ tiſchen Puzens und Scheuerns aufzugeben. Als Dina mit der Hausflur fertig war, ging ſie in das neue Zimmer wo Adam in der Nacht geſchrieben hatte, um auch dort das Nöthige auszukehren und abzuſtäuben. Sie öffnete das Fenſter und ließ die friſche Morgenluft herein, und den Duft der Roſen und die glänzenden ſchief hereindringenden Strahlen der Morgenſonne, die um ihr blaſſes Geſicht und ihr hellbraunes Haar eine Glorie bildeten, während ſie den langen Beſen führte und auskehrte; dabei ſang ſie ganz leiſe, wie ein liebliches Sommerge⸗ räuſche, auf das man ſehr aufmerkſam horchen muß, eine von Charles Wesley's Hymnen: 262 Du, des göttlichen Lichtes Strahl, Unerſchöpfte Liebesquelle, Hier, wie dort am Himmelsſaal, Glänzſt du, wie die Sonn ſo helle. Jeſus, du Ruhe des Wanderers, des müden, Dein Joch iſt ſanft, leicht deine Laſt, Waffne mein Herz mit Geduld und Frieden, Lehr lieben mich, wie du geliebet haſt. O du, der alle Dinge ſchafft, Du biſt auch meine Burg und Kraft, Und deine Ruh, dein Gottesfriede Durchdring mein Herz und mein Gemüthe. Sie legte den Beſen weg und nahm den Ab⸗ ſtäuber, und wenn ihr je in Frau Poyſers Hauſe gelebt hättet, ſo würdet ihr wiſſen wie dieſer in Dinas Hand herumflog, wie er in jedes Eckchen hin⸗ einfuhr, auf jedem Rande ſich umherbewegte, jeden Stuhlfuß in Angriff nahm, und alles was auf dem Tiſch lag von unten und oben behandelte, bis ſie an Adams Papiere und Lineal ſo wie an den offe⸗ nen Schreibpult kam. Dina ſtäubte auch da jedes Eckchen ab; dann aber hielt ſie inne und ſchaute mit verlangendem, aber ſchüchternem Auge auf die Papiere und Inſtrumente hin. Es war ein Gräuel wie viel Staub dazwiſchen lag. Als ſie ſo hinſchaute, glaubte ſie vor der offenen Thüre, der ſie gerade den Rücken zukehrte, Seths Schritte zu hören und fagie indem ſie ihre helle Discantſtimme ein wenig erhob:. „Seth, wird Euer Bruder böſe, wenn man in ſeinen Papieren herumſtöbert?“ 263 „Ja, ſehr böſe, wenn man ſie nicht wieder an den rechten Ort legt,“ antwortete eine tiefe ſtarke Stimme die nicht Seth gehörte. Es war Dina zu Muthe als hätte ſie unver⸗ ſehens eine ſchwingende Saite berührt; ſie begann am ganzen Leibe zu zittern und hatte für den Au⸗ genblick keine andere Empfindung; dann fühlte ſie daß ihre Wangen glühten, und ſie wagte nicht um ſich zu ſchauen, ſondern blieb ſtill und verlegen ſtehen, weil ſie nicht freundlich Guten Morgen ſagen konnte. Als Adam ſah daß ſie auf dieſe Art das Lächeln auf ſeinem Geſichte nicht bemerken konnte, fürchtete er ſie habe die Aeußerung über ſeine Zorn⸗ ſucht ernſtlich genommen, und trat zu ihr hin, ſo daß ſie ihn anſehen mußte.. „Ihr haltet mich wohl für einen rechten Brumm⸗ bären, Dina?“ ſagte er lächelnd. „Nein,“ antwortete Dina, indem ſie ſchüchtern zu ihm aufſchaute,„das nicht, aber es könnte Euch ver⸗ drießen wenn man Eure Sachen untereinander brächte, und ſelbſt Moſes, der ſanfteſte aller Menſchen, er⸗ zürnte ſich manchmal.“ „Nun, ſo kommt,“ ſagte Adam mit einem freund⸗ lichen Blick;„ich will Euch die Sachen hinwegräu⸗ men und wieder hinlegen helfen, damit keine Unord⸗ nung entſtehen kann. Ihr werdet übrigens, wie ich ſehe, was Pünktlichkeit betrifft, die wahre Nichte Eu⸗ rer Tante.“ Sie begannen ihre kleine Arbeit zuſammen, aber Dina hatte ſich noch nicht genug erholt um an irgend eine Bemerkung zu denken, und Adam ſchaute ſie un⸗ ruhig an. Es wollte ihn bedünken als ob ſie in der 264 lezten Zeit nicht ganz zufrieden mit ihm wäre; ſie war nicht ſo freundlich und offen mit ihm geweſen wie ſonſt. Er wünſchte daß ſie ihn anſehen und bei dieſer ſpielenden Arbeit eben ſo heiter ſein ſollte wie er ſelbſt; aber Dina ſah ihn nicht an; ſie konnte dieß bei ſeiner Größe leicht vermeiden, und als es endlich nichts mehr zum Abſtäuben gab, Adam alſo keinen Vorwand mehr hatte bei ihr zu bleiben, da konnte er es nicht mehr ertragen, ſondern ſagte in bittendem Tone: „Dina, Ihr ſeid mir doch nicht böſe? Sollte ich etwas geſagt oder gethan haben was Euch eine üble Meinung von mir beigebracht hätte?“ Die Frage überraſchte ſie und gewährte ihr zu⸗ gleich eine Erleichterung, indem ſie ihrem Gefühle einen neuen Weg öffnete. Sie ſchaute jezt ganz ernſthaft zu ihm auf und ſagte beinahe unter Thränen: „Ach nein, Adam, wie könnt Ihr das glauben?“ „Es wäre mir unerträglich wenn Ihr nicht eben ſo viel Freundſchaft für mich empfändet wie ich für Euch,“ ſagte Adam.„Und Ihr wißt nicht wie theuer mir ſchon der bloße Gedanke an Euch iſt, Dina. Das war es was ich geſtern meinte, als ich ſagte daß ich mit Eurem Weggehen zufrieden ſei, wenn Ihr es für recht hieltet. Ich meinte, der Gedanke an Euch ſei mir ſo theuer daß ich ſchon damit zu⸗ frieden ſein müſſe und nicht murren dürfe, wenn es Euch recht erſchiene fortzugehen. Ihr wißt doch, wie⸗ daß mir der Abſchied von Euch ſehr nahe geht.“ „Ja, lieber Freund,“ antwortete Dina zitternd, aber bemüht ruhig zu ſprechen,„ich weiß, Ihr habt 26⁵ eines Bruders Herz gegen mich und wir werden im Geiſt oft bei einander ſein; aber gerade jezt bin ich durch mancherlei Anfechtungen ſchwer bedrängt; Ihr dürft es nicht ſo genau mit mir nehmen. Ich fühle mich berufen meine Verwandten auf einige Zeit zu verlaſſen; aber es iſt eine Prüfung: das Fleiſch iſt ſchwach.“ Adam ſah daß es ihr peinlich war antworten zu müſſen. „Es thut Euch weh, Dina, wenn ich davon ſpreche,“ ſagte er;„ich will nichts mehr fagen; laßt uns nachſehen ob Seth mit dem Frühſtück fertig iſt.“ Das iſt eine einfache Scene, Leſer. Aber es iſt beinahe gewiß daß auch Du verliebt geweſen biſt, vielleicht ſogar mehr als einmal, obgleich Du es nicht gerne allen Damen aus Deiner Bekanntſchaft ſagſt. Iſt es ſo, ſo wirſt Du die flüchtigen Worte, die ſchüchternen Blicke, die zitternden Berührungen, mittelſt welcher zwei Menſchenſeelen ſich einander allmählig nähern, wie zwei kleine zitternde Regen⸗ ſtröme bevor ſie in einander fließen— all dieſe Dinge wirſt Du ebenſowenig für nichtsſagend halten als die erſten Zeichen die den kommenden Frühling verrathen, beſtänden ſie auch bloß in einem ſchwa⸗ chen unbeſchreiblichen Etwas in der Luft, in dem Ge⸗ ſange der Vögel, oder dem kleinſten Knöſpchen das aus einer Hecke hervorkommt. Dieſe flüchtigen Worte, Blicke und Berührungen gehören der Seelenſprache an, und die ſchönſte Sprache beſteht, glaube ich, meiſt aus Worten ohne imponirenden Klang, wie z. B. Licht, Ton, Sterne, Muſik, Worte die in der That an und für ſich nicht werth ſind mehr ange⸗ 266 eehen oder gehört zu werden als Hobelſpäne oder ägmehl; nur daß ſie zufällig die Zeichen für etwas unausſprechlich Großes und Schönes ſind. Ich bin der Meinung daß die Liebe auch ein großes und ſchönes Ding iſt, und wenn Du eben ſo denkſt wie ich, ſo werden ſchon die kleinſten Zeichen von ihr keine Hobelſpäne und kein Sägmehl für Dich ſein, ſondern vielmehr den kleinen Wörtchen Licht und Muſik gleichen; ſie werden die langverſchlungenen Fibern Deines Gedächtniſſes anregen und Deine Gegenwart mit Deiner koſtbarſten Vergangenheit bereichern. Einundfünfzigſtes Capitel. Sonntag Morgen. Lisbeths rheumatiſches Leiden konnte nicht ernſt⸗ haft genug dargeſtellt werden, um Dina noch eine Nacht vom Pachthof entfernt zu halten, da ſie jezt feſt entſchloſſen war ihre Tante ſo bald zu verlaſſen, und am Abend mußten die Freunde Abſchied neh⸗ men. Auf lange, hatte Dina geſagt, als ſie Lisbeth ihr Vorhaben ankündigte. „Dann wird es bei mir für das ganze Leben ſein und ich werde Dich nie mehr ſehen,“ erwiderte Lisbeth.„Auf lange! Ich habe nicht mehr lange zu leben und ich werde krank werden und ſterben, und Du kannſt nicht zu mir kommen, und noch im Tode werde ich nach Dir verlangen.“ Dieß war der Grundton ihres Jammers den 267 ganzen Tag hindurch geweſen; denn Adam war nicht zu Hauſe, und ſie hatte ſich daher bei ihren Klagen keinen Zwang anthun müſſen. Sie hatte die arme Dina ſehr gequält, indem ſie immer wieder auf die Frage zurückkam warum ſie denn fortmüſſe, und durch⸗ aus keinen Grund annehmen wollte, ſondern nur Laune und widerwärtiges Weſen darin erblickte, wo⸗ bei ſie öfter auch ihr Bedauern äußerte daß Dina keinen von den Jungen haben und ihre Tochter wer⸗ den wollte. „Zu Seth konnteſt Du Dich nicht entſchließen,“ ſagte ſie,„er iſt Dir vielleicht nicht geſcheidt genug, aber er würde ſehr gut gegen Dich ſein, auch iſt er in allen Dingen ſo anſtellig wenn ich krank bin, und überdieß liebt er die Bibel und das Predigen eben ſo ſehr wie Du ſelbſt. Aber vielleicht wäre Dir ein Mann lieber der nicht ſo ganz Dein eigenes Abbild iſt: der fließende Bach dürſtet nicht nach dem Regen. Adam würde ganz gewiß für Dich paſſen und viel⸗ leicht würde er Dir auch wohlgefallen, wenn Du länger bliebeſt. Aber er iſt ſo hart wie eine Eiſen⸗ ſtange und thut immer nur nach ſeinem eigenen Sinn. Doch gäbe er einen guten Mann für jedes Mädchen, wer ſie auch ſein mag, ſo angeſehen und ſo geſchickt iſt er. Und er würde recht zärtlich ſein; es thut mir wohl wenn der Junge mich nur anſieht und recht freundlich gegen mich iſt.“ Dina ſuchte ſich durch kleine häusliche Arbeiten die Bewegung erforderten den forſchenden Blicken und Fragen Lisbeths zu entziehen, und ſobald Seth Abends nach Hauſe kam, ſezte ſie ihren Hut auf um zu gehen. Der lezte Abſchied fiel ihr ſchwer aufs 268 Herz, und beſonders rührte es ſie, als ſie ſich auf dem Felde wieder umſchaute und noch immer die alte Frau vor ihrer Thüre ſtehen ſah, wie ſie ihr nachſchaute, bis ſie für die trüben, ſtumpfen Augen nur noch ein kleines Pünktchen ſein mußte.„Der Gott der Liebe und des Friedens ſei mit ihnen,“ be⸗ tete Dina, als ſie bei der lezten Biegung ſich noch einmal umſah.„Mache ſie froh im Verhältniß der Tage da du ſie betrübt haſt und der Jahre da ſie Böſes erdulden mußten! Es iſt dein Wille daß ich von ihnen gehe: laß mich keinen andern Willen haben als den deinen!“ Endlich ging Lisbeth ins Haus zurück und ſezte ſich in die Werkſtatt neben Seth, der aus feinem, vom Dorfe mitgebrachtem Holz ein Arbeitskäſtchen zuſammenſezte das er Dina vor ihrer Abreiſe zu geben gedachte. „Du ſiehſt ſie am Sonntag noch ehe ſie geht,“ waren ihre erſten Worte.„Wenn Du zu Etwas nuz wäreſt, ſo würdeſt Du ſie veranlaſſen daß ſie am Abend wieder mit Dir käme und mich auch noch einmal beſuchte.“ „Nein, Mutter,“ antwortete Seth,„Dina würde gewiß von ſelbſt kommen, wenn ſie es für Recht hielte. Ich hätte dann nicht nöthig ihr zuzureden. Sie glaubt, das wäre bloß eine nuzloſe Qual für Dich, wenn ſie nur käme um noch einmal Adieu zu ſagen.“ „Sie ginge ganz gewiß nicht, wenn Adam in ſie verliebt wäre und ſie heirathete,“ ſagte Lisbeth ärgerlich. Seth hielt einen Augenblick inne und ſchaute mit 269 einem leichten Erröthen ſeiner Mutter ins Geſicht. „Ei wie, hat ſie ſo etwas zu Dir geſagt?“ fragte er leiſe. „Geſagt? Nein, ſie wird gewiß nie etwas ſagen. Ihr Männer wartet immer bis man euch die Sachen ſagt, und findet nichts ſelbſt heraus.“ „Aber was bringt Dich denn auf dieſe Meinung, Mut ers was hat Dir die Sache in den Kopf ge⸗ ezt?“ „Das iſt ganz einerlei was mir die Sache in den Kopf geſezt hat: mein Kopf iſt nicht ſo hohl daß man mir etwas hineinſezen muß. Ich weiß ſie iſt in ihn verliebt, ſo gut ich weiß daß der Wind zur Thüre hereinbläst, und das iſt genug. Und Adam würde ſie vielleicht gerne heirathen, wenn er nur wüßte daß ſie in ihn verliebt iſt; aber von ſelbſt denkt er nicht daran, wenn mans ihm nicht eingibt.“ Dieſe Andeutung in Bezug auf Dina's Neigung war für Seth nichts ganz Neues, aber die lezten Worte ſeiner Mutter beunruhigten ihn, denn er fürchtete, ſie möchte es ſelbſt über ſich nehmen Adam die Augen zu öffnen. Ueber Dina's Geſinnung war er ſeiner Sache nicht gewiß, aber Adams Abſichten glaubte er zu kennen. „Nein, Mutter, nein,“ ſagte er mit tiefem Ernſt, „Du darfſt nicht daran denken von ſolchen Dingen mit Adam zu ſprechen. Du haſt kein Recht zu ſagen vwie Dina geſinnt iſt, wenn ſie es nicht ſelbſt Dir mitgetheilt hat, und es würde bloß Unheil ſtiften wenn Du ſolche Dinge zu Adam ſagteſt: er iſt ſehr freundlich und dankbar gegen Dina, aber es fällt ihm nicht ein ſie heirathen zu wollen, und ich glaube 270 auch nicht daß Dina ihn nehmen würde: Sie will überhaupt nicht heirathen.“ „Ach was,“ verſezte Lisbeth ungeduldig;„Du meinſt es bloß weil ſie Dir einen Korb gegeben hat; Dich heirathet ſie doch nie, und da könnteſt Du ſie wohl Deinem Bruder laſſen.“ Seth fühlte ſich beleidigt.„Mutter,“ ſagte er in zurechtweiſendem Tone,„denke nicht ſo von mir. Ich würde ſie eben ſo gerne zur Schweſter haben wie Du zur Tochter. Ich denke in dieſer Sache gar nicht mehr an mich ſelbſt, und Du thuſt mir ſehr weh wenn Du das je wieder ſagſt.“ „Ganz gut, dann mußt Du mir aber nicht in die Quere kommen und behaupten es ſei nicht ſo wie ich ſage.“ „Aber Mutter,“ verſezte Seth,„es wäre ein Unrecht gegen Dina, wenn Du Adam ſagteſt was Du von ihr denkſt. Dieß könnte bloß ſchaden; denn es würde Adam beunruhigen wenn er ihre Gefühle nicht erwidern könnte. Und ich glaube beſtimmt zu wiſſen daß er durchaus keine ſolche Abſichten hat.“ „Ei ſo ſchweig mir doch von Deinem beſtimmten Wiſſen; Du weißt gar Richts. Warum geht er denn immer zu Poyſers, außer weil er ſie ſehen will? er geht jezt weit öfter hin als früher. Viel⸗ leicht weiß er ſelbſt nicht daß nur das Verlangen nach ihr ihn treibt; er weiß dieß ſo wenig als daß ich ihm Salz in die Suppe werfe, aber er würde es ſehr bald vermiſſen wenn es nicht darin wäre. Er wird gar nie ans Heirathen denken wenn man ihn nicht darauf hinleitet, und wenn Du eine Liebe zu Deiner Mutter hätteſt, ſo würdeſt Du ihn darauf 271 bringen und nicht dulden daß das Mädchen fortgeht, während ſie mich noch ein Bischen tröſten und auf⸗ heitern könnte, bevor ich mich zu meinem Alten un⸗ ter dem Weißdorn ſchlafen lege.“ „Nein Mutter,“ ſagte Seth,„Du darfſt mich nicht für unfreundlich halten; aber es wäre gegen mein Gewiſſen wenn ich mir herausnähme von Dina'’s Geſinnungen zu ſprechen. Und überdieß würde ich Adam zu beleidigen fürchten, wenn ich überhaupt vom Heirathen mit ihm reden wollte, und ich rathe Dir es gleichfalls zu unterlaſſen. Ich fürchte daß Du Dich über Dina gänzlich täuſcheſt; nach Allem was ſie am lezten Sabbath zu mir ſagte, bin ich feſt überzeugt daß ſie nicht heirathen wird.“ „Ei Du biſt auch ſo conträr wie die andern. enn es etwas wäre was ich nicht wünſchte, ſo wäre es ſicherlich bereits geſchehen.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Lisbeth und ver⸗ ließ die Werkſtatt. Seth war jezt in großer Sorge daß ſie Adam mit Vorſtellungen über Dina beun⸗ ruhigen möchte. Nach einer Weile tröſtete er ſich jedoch mit dem Gedanken daß Lisbeth ſeit Adams großem Herzeleid ſich immer wohl gehütet habe von Sachen des Gefühls mit ihm zu ſprechen, und daß ſie es auch jezt kaum wagen würde dieſen zarteſten aller Gegenſtände zu berühren. Wenn ſie es auch thäte, ſo hoffte er daß Adam wenig Notiz davon nehmen würde. Seth hatte Recht, wenn er glaubte Lisbeth würde ſich durch ihre Aengſtlichkeit zurückhalten laſſen, und in den nächſten drei Tagen kam die Gelegenheit mit 272 Adam zu ſprechen ſo ſelten, daß ſie ſich kaum dazu verſucht fühlen konnte. Aber in ihren langen Stun⸗ den der Einſamkeit erging ſie ſich wieder in dieſen Betrachtungen über Dina, bis ſie den Grad von Stärke erreicht hatten wo die Gedanken im Stande ſind mit lautem Geräuſch aus ihrem ſtillen Neſte ſich aufzuſchwingen. Und am Sonntag Morgen, als Seth nach Treddleſton in die Kirche ging, kam die gefährliche Gelegenheit. Der Sonntag Morgen war für Lisbeth die glück⸗ lichſte Zeit in der ganzen Woche; denn da in Hay⸗ ſlope erſt Nachmittags gepredigt wurde, ſo blieb Adam immer daheim und las, eine Beſchäftigung bei welcher ſie ſchon wagen durfte ihn zu unter⸗ brechen. Ueberdieß bereitete ſie da gewöhnlich ein beſſeres Eſſen für ihre Söhne, ſehr häufig auch für Adam und ſich ſelbſt allein, da Seth oft den ganzen Tag wegblieb; und wenn dann der Braten unter dem hellen Feuer in der reinlichen Küche ſo lieblich duftete, wenn die Wanduhr ſo ſonntäglich friedlich tickte, wenn ihr Herzensadam in ſeinen beſten Kleidern neben ihr ſaß und gerade nichts ſehr Wich⸗ tiges that, ſo daß ſie ſichs herausnehmen konnte ſein Haar zu ſtreicheln ſo oft es ihr einfiel; wenn er ſie dann mit freundlichem Lächeln anſchaute, während Gyp etwas eiferſüchtig ſeine Schnauze zwiſchen beide ſteckte, dann hatte die arme Lisbeth das Paradies ſchon auf Erden. Das Buch das Adam am Sonntag Morgen am häuſigſten las, war ſeine große Bilderbibel, und auch jezt lag ſie auf dem runden weißen tannenen Tiſch in der Küche aufgeſchlagen vor ihm, denn dort 273 ſaß er troz des Feuers, weil er wußte daß ſeine Mutter ihn gern in ihrer Nähe hatte, und weil dieß der einzige Tag in der Woche war wo er ihr dieſen Gefallen thun konnte. Es war eine wahre Luſt Adam in ſeiner Bibel leſen zu ſehen: an einem Wochentag ſchlug er ſie niemals auf und ſo nahte er ſich ihr als einem Feſtbuche das ihn über Ge⸗ ſchichte, Geographie und Poeſie zugleich belehrte. Die eine Hand hielt er zwiſchen ſeine Weſtenknöpfe geſchoben, die andere blieb frei um die Blätter um⸗ zuſchlagen, und im Lauf des Morgens merkte man manchen Wechſel auf ſeinem Geſichte. Zuweilen be⸗ wegten ſich ſeine Lippen in leiſem Geflüſter— dieß geſchah wenn er an eine Rede kam wie er ſie etwa ſelbſt hätte halten können, z. B. Samuels lezte Rede an das Volk; dann wieder zogen ſeine Augen⸗ brauen ſich hinauf und ſeine Mundwinkel zitterten ein wenig in wehmüthigem Mitgefühl— irgend etwas wie des alten Iſaak Begegnung mit ſeinem Sohne rührte ihn ſehr; ein andermal, wenn er im neuen Teſtament las, konnte ſein Geſicht einen ſehr feurigen Ausdruck annehmen, und er nickte jeden Augenblick in ernſter Beiſtimmung mit dem Kopfe, doder hob er ſeine Hand empor und ließ ſie wieder fallen; wenn er an die apocryphiſchen Bücher ge⸗ rieth, die er ſehr liebte, ſo konnten die ſcharf zuge⸗ ſpizten Worte des Sohnes Sirach ein vergnügtes Lächeln auf ſeine Lippen rufen, obwohl er ſich auch zuweilen die Freiheit nahm gelegentlich von einem apocryphiſchen Schriftſteller abzuweichen. Denn Adam kannte die Artikel ganz genau, wie es ſich für einen guten Anhänger der Hochkirche geziemte. Eliot, Adam Bede. III. — —x:;ü— —-— ———— 274 Lisbeth ſezte ſich in den freien Augenblicken welche die Küchengeſchäfte ihr ließen, immer ihm gegenüber und beobachtete ihn, bis ſie es nicht länger aushalten konnte, ſondern zu ihm gehen und ihn liebkoſen mußte um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Dieſen Morgen las er im Cvangelium Matthäi, und Lisbeth hatte einige Minuten neben ihm geſtanden, ſein Haar geſtrichen, das heute unge⸗ wöhnlich glatt war, und mit ſtiller Bewunderung die geheimnißvollen Buchſtaben auf dem großen Blatte angeſchaut. Sie fühlte ſich in ihren Lieb⸗ koſungen ermuthigt, weil er ſich bei ihrer Annäherung in ſeinen Stuhl zurückgeworfen und ſie liebevoll an⸗ geſchaut hatte mit den Worten:„Ei Mutter, Du ſiehſt ja heute ſo friſch aus wie die Geſundheit ſelbſt. Sieh, Gyp verlangt auch einen Blick von mir: er kann den Gedanken nicht ertragen daß ich Dich am meiſten liebe.“ Lisbeth antwortete Nichts, weil ſie gar zu viel auf dem Herzen hatte. Eben jezt ſchlug Adam wie⸗ der ein Blatt um, und es kam ein Bild zum Vor⸗ ſchein: der Engel der auf dem großen Steine ſaß welcher vom Grabe weggewälzt war. Dieſes Bild regte Lisbeth ſtark an, denn es war ihr eingefallen als ſie Dina zum erſtenmal ſah; Adam hatte kaum das Blatt umgeſchlagen und das Buch ſeitwärts ge⸗ halten um den Engel gemeinſchaftlich anſehen zu können, ſo ſagte Lisbeth: „Das iſt ſie— das iſt Dina.“ Adam lächelte, ſah das Geſicht des Engels noch genauer an und ſagte: 275 „Es hat allerdings einige Aehnlichkeit mit ihr, aber Dina iſt hübſcher, finde ich.“ „Ei nun, wenn Du ſie ſo hübſch findeſt, warum liebſt Du ſie denn nicht?“ Adam ſchaute überraſcht auf.„Wie Mutter, glaubſt Du denn daß ich nicht große Stücke auf Dina halte?“ „Nein,“ antwortete Lisbeth, die zwar über ihren eigenen Muth erſchrack, aber doch einſah daß ſie das Eis gebrochen hatte und daß die Waſſer jezt fließen mußten, mochte daraus entſtehen was da wollte. „Was nüzt es große Stücke auf Jemand zu halten der viele Meilen entfernt iſt? Wenn Du ſie lieb genug hätteſt, ſo ließeſt Du ſie nicht weggehen.“ „Ich habe aber kein Recht ſie daran zu verhin⸗ dern wenn ſie einmal will,“ ſagte Adam, indem er auf ſein Buch ſchaute, wie wenn er weiter zu leſen wünſchte; er ſah lange Klagen voraus die zu Nichts führen würden. Lisbeth ſezte ſich wieder in den Stuhl gegenüber und ſagte: „Sie würde aber nicht daran denken wenn Du nicht ſo conträr wäreſt.“ Ueber dieſe unbeſtimmte Phraſe wagte ſie ſich nicht hinaus. „Conträr, Mutter?“ fragte Adam, indem er etwas beſorgt wieder aufſchaute.„Was habe ich gethan? Was meinſt Du?“ „Ei Du ſiehſt und hörſt Nichts als Dein Rech⸗ nen und Deine Arbeit,“ antwortete Lisbeth halb weinend,„und meinſt Du denn, Du könneſt es Dein ganzes Leben lang ſo forttreiben, wie wenn Du aus Zimmerholz gehauen wäreſt? und was willſt Du dann thun wenn Deine Mutter einmal fort iſt und 18 276 wenn Du keine Seele haſt die für Dich ſorgt und Dir am Morgen etwas Gutes kocht?“ „Was haſt Du im Sinn, Mutter?“ fragte Adam, den dieſer weinerliche Ton bereits ärgerte,„ich ſehe nicht ab wo Du hinauswillſt. Kann ich irgend etwas für Dich thun?“ „Allerdings kannſt Du das. Du könnteſt es ſo einrichten, daß ich eine Perſon bei mir hätte die mir das Leben angenehmer machte und mich pflegte wenn ich krank bin, und gut gegen mich wäre.“ „Ei Mutter, wer iſt denn Schuld daß wir nicht bereits eine paſſende Perſon im Hauſe haben um Dir zu helfen? Ich wünſche durchaus nicht daß Du noch arbeiten ſolleſt. Wir vermögen es— das habe i Dir ſchon oft geſagt. Es wäre für uns Alle eſſer.“ „Ach was habe ich von einer paſſenden Perſon, wenn Du darunter ſo ein Mädchen aus dem Dorfe oder aus Treddleſton meinſt, die ich meiner Lebtag noch nicht geſehen habe? Lieber lege ich mich ſelbſt in meinen Sarg ehe ich todt bin, als daß ich mich von ſolchen fremden Leuten hineinlegen laſſe.“ Adam ſchwieg und verſuchte weiter zu leſen. Dieß war die höchſte Strenge die er an einem Sonntag Morgen gegen ſeine Mutter zeigen konnte. Aber Lisbeth war bereits zu weit gegangen um ſich Ein⸗ halt thun zu können, und begann nach einer kurzen Pauſe von Neuem: „Du könnteſt recht gut wiſſen wen ich bei mir haben möchte. Es gibt, glaube ich, nicht viele Leute nach denen ich ſchicke daß ſie mich beſuchen ſollen. Du haſt ſie ja ſelbſt oft genug geholt.“ 277 „Du meinſt Dina, Mutter, das ſeh ich ſchon,“ ſagte Adam,„aber Du mußt nicht an Dinge denken die einmal nicht ſein können. Wenn Dina auch in Hayſlope bleiben wollte, ſo könnte ſie doch ihre Tante nicht verlaſſen, denn ſie iſt dort wie eine Tochter gehalten und hat gegen dieſe Leute mehr Verpflichtungen als gegen uns. Hätte es ſich ſo ge⸗ fügt daß ſie Seth geheirathet hätte, ſo wäre dieß ein großer Segen für uns geweſen, aber wir können in dieſem Leben nicht Alles haben wie wir es wollen. Du mußt Dich an den Gedanken zu gewöhnen ſuchen auch ohne ſie fertig zu werden.“ „Nein, mit dieſem Gedanken kann ich mich nicht befreunden, denn ſie iſt ganz wie für Dich geſchaffen, und das laſſe ich mir nicht ausreden daß Gott ſie ganz ausdrücklich für Dich in die Welt geſchickt hat; wenn ſie auch Methodiſtin iſt, was macht denn das? In der Ehe wird es ihr ſchon vergehen.“ Adam warf ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſchaute ſeine Mutter an. Jezt begriff er auf was ſie gleich im Anfang abgezielt hatte. Der Wunſch ſchien ihm ſo unvernünftig und unausführbar wie ſie ſich nur je einen in den Kopf geſezt, aber er konnte nicht umhin von einer ſo ganz neuen Idee ergriffen zu werden. Die Hauptſache war jedoch dieſen Gedanken ſeiner Mutter ſo ſchnell als möglich auszureden. „Mutter,“ ſagte er ernſt,„Du ſchwazeſt ins Blaue hinein. Laß mich ſo Etwas nicht wieder hören. Es iſt unvernünftig von Dingen zu reden die doch nicht ſein können. Dina will gar nicht hei⸗ rathen; ſie hat ſich ein ganz anderes Lebensziel geſezt.“ 278 „Ja natürlich,“ ſagte Lisbeth ungeduldig,„ja natürlich will ſie nicht heirathen, wenn derjenige den ſie gerne nähme ſie nicht darum fragt. Ich hätte Deinen Vater auch nicht geheirathet wenn er mich nicht darum gefragt hätte, und ſie hat Dich ſo lieb wie ich je meinen armen Thias gehabt habe.“ Das Blut ſchoß Adam ins Geſicht, und einige Augenblicke verlor er beinahe die Beſinnung: ſeine Mutter und die Küche waren für ihn verſchwunden und er ſah nur noch Dina, die ihm ihr Geſicht zu⸗ wandte. Es war ihm als erſtände ſeine Lebens⸗ freude wieder vom Tode. Aber er erwachte ſehr ſchnell aus dieſem Traum und ſein Erwachen war kalt und traurig; er hielt es für höchſt thöricht an die Behauptung ſeiner Mutter zu glauben, denn ſie konnte keinen Grund dazu haben. Er fühlte ſich ge⸗ drungen ſeinem Unglauben einen möglich ſtarken Ausdruck zu geben— vielleicht daß er dadurch Be⸗ weiſe entlockte, wenn je ſolche geliefert werden konnten. „Warum ſagſt Du ſolche Dinge, Mutter, wenn Du gar keinen Grund dazu haſt? Du haſt gar kein Recht ſo zu ſprechen.“ „Dann habe ich auch kein Recht zu ſagen daß die Jahre umgehen, obſchon ich es alle Morgen deut⸗ lich fühle wenn ich aufſtehe. Den Seth liebt ſie doch nicht, das ſollte ich meinen, ihn heirathet ſie gewiß nicht. Aber ich ſehe deutlich daß ſie ſich gegen Dich ganz anders benimmt als gegen Seth. Ob Seth ihr nahe kommt, das iſt ihr ſo gleichgiltig als ob es Gyp wäre; aber wenn Du Dich beim Frühſtück neben ſie ſezeſt und ſie anſiehſt, dann zit⸗ tert ſie am ganzen Leibe. Meinſt Du denn Deine 279 Mutter wiſſe gar nichts? und ſie iſt doch viel älter als Du.“ „Aber Du kannſt doch nicht wiſſen daß dieſes Zittern Liebe bedeutet,“ ſagte Adam ängſtlich. „Nun was ſoll es denn ſonſt bedeuten? Doch wohl keinen Haß? Und warum ſollte ſie Dich denn nicht lieben? Man muß Dich ja lieben, denn wo gibt es einen hübſcheren und geſchickteren Mann als Du biſt? Und ihre Methodiſtengeſchichte hat gar nichts zu ſagen, das iſt bloß ein Bischen Gewürz auf die Suppe. Adam hatte ſeine Hände in die Taſchen geſteckt und ſchaute auf das Buch hinab ohne die Lettern zu erkennen; er zitterte wie ein Goldſucher der die ſchön⸗ ſten Ausſichten vor ſich erblickt, aber ſich auf einmal wieder enttäuſcht findet. Er konnte an die Bemer⸗ kungen ſeiner Mutter nicht glauben; ſie hatte ge⸗ ſehen was ſie zu ſehen wünſchte. Und doch, und doch, nachdem die Sache einmal angeregt war, er⸗ innerte er ſich jezt an mancherlei Dinge die freilich ſo unbedeutend waren wie das Wellengekräuſel bei einem unbemerkbaren Luftzug, aber ihm doch die Verſicherung ſeiner Mutter einigermaßen zu beſtätigen ſchienen. Lisbeth bemerkte daß er ergriffen war und fuhr alſo munter fort: „Und Du wirſt bald finden wie leer es in Dei⸗ nem Herzen iſt, wenn ſie uns verlaſſen hat; Du liebſt ſie inniger als Du ſelbſt weißt. Du ſchauſt ihr immer nach wie Gyp Dir nachſchaut.“ Adam konnte nicht mehr ſizen bleiben; er erhob ſich, nahm ſeinen Hut und ging zum Hauſe hinaus. 280 Auf den Feldern lag der Sonnenſchein: der Früh⸗ herbſtſonnenſchein der uns erinnern würde daß es nicht mehr Sommer iſt, wenn auch das Laub der Linden und Kaſtanienbäume nicht bereits zu vergilben anfinge; der Sonntagsſonnenſchein der für den Ar⸗ beiter eine mehr als herbſtliche Ruhe hat; der Mor⸗ genſonnenſchein der noch immer Thaukryſtalle an den feinen Sommerfäden im Schatten der buſchigen Hecken zurückläßt. Adam bedurfte der Ruhe; er war erſtaunt über die Art wie dieſer neue Gedanke an Dina's Liebe ſich ſeiner mit ſo überwältigender Gewalt bemächtigt hatte, daß alle andern Gefühle vor dem heftigen Verlangen zurücktraten die Wahrheit oder Unwahr⸗ heit dieſes Gedankens zu erfahren. Seltſam daß ihm bis zu dieſem Augenblick die Möglichkeit eines ſolchen Liebesverhältniſſes nie in den Sinn gekom⸗ men war, und doch war jezt plözlich all ſein Ver⸗ langen auf dieſe Möglichkeit gerichtet: er hatte in Bezug auf ſeine eigenen Wünſche ſo wenig Zweifel oder Bedenken mehr, als der Vogel welcher auf die Oeffnung zufliegt wodurch das Tageslicht herein⸗ ſchimmert und die Himmelsluft eindringt. Der herbſtliche Sonntagsſonnenſchein beſchwich⸗ tigte ihn, aber nicht als ob er ſich vorbereitet hätte mit Ergebung ſich dareinzufinden, im Fall ſeine Mut⸗ ter und er ſelbſt ſich über Dina täuſchen ſollte: er beſchwichtigte ihn dadurch daß er ſeinen Hoffnungen eine freundliche Aufmunterung gab. Dina's Liebe glich dieſem ruhigen Sonnenſchein ſo vollſtändig, daß er beide als ein und dasſelbe betrachtete und an beide auf gleiche Weiſe glaubte. Und Dina war — AðA 281 ſo feſt mit den traurigen Erinnerungen an ſeine erſte Leidenſchaft verwachſen, daß er denſelben nicht un⸗ treu wurde, ſondern vielmehr eine neue Weihe ver⸗ lieh wenn er ſie liebte. Ja ſeine Liebe zu ihr war aus dieſer vergangenen Liebe herausgewachſen; ſie war der Mittag dieſes Morgens. Aber Seth? Ob der Junge ſich nicht beleidigt fühlte? Schwerlich; er hatte in der lezten Zeit ganz zufrieden geſchienen und eigennüzige Eiferſucht war ihm fremd; er war auf die Vorliebe ſeiner Mutter für Adam nie eiferſüchtig geweſen. Aber hatte er wohl Aehnliches bemerkt wie die Mutter? Adam ſehnte ſich dieſes zu erfahren, denn er glaubte auf Seths Beobachtungsgabe ſich beſſer verlaſſen zu kön⸗ nen als auf die ſeiner Mutter. Er mußte Seth ſpre⸗ chen ehe er Dina aufſuchte, und in dieſer Abſicht ging er nach dem Häuschen zurück und ſagte zu ſei⸗ ner Mutter: „Hat Seth Dir geſagt wann er heimkommen wird? Kommt er vielleicht zum Eſſen?“ „Ja Junge, ganz ſicher, er iſt nicht in Treddle⸗ ſton; er iſt anderswo hingegangen um zu predigen und zu beten.“ „Haſt Du vielleicht eine Ahnung wo er ſein mag?“ fragte Adam. „Nein, aber er geht oft auf die Gemeindewieſe. Du kennſt ſein Thun und Laſſen beſſer als ich.“ Adam wäre ihm gern entgegen gegangen, aber er mußte ſich begnügen auf den nahen Feldern um⸗ herzuſchweifen, um ſeinen Anblick ſo bald als mög⸗ lich zu erhaſchen. Er mußte vielleicht noch eine Stunde warten, denn Seth kam ſchwerlich lange 282 vor dem Mittageſſen, d. h. vor zwölf Uhr, nach Hauſe. Aber Adam konnte ſich nicht wieder zu ſei⸗ ner Lectüre ſezen, und ſo ſchlenderte er am Bache hin und lehnte ſich dann und wann an einen Baum, indem er mit ſcharfen, gierigen Augen vor ſich hin⸗ ſchaute, wie wenn er ſehr lebhaft nach Etwas blickte; aber er ſah weder den Bach noch die Weiden, weder die Felder noch den Himmel. Einmal ums andere wurde ſein Schauen unterbrochen durch die Ver⸗ wunderung über die Kraft ſeines eigenen Gefühls, über die Stärke und Süßigkeit dieſer neuen Liebe, ungefähr wie ein Mann ſich über ſeine erhöhte Fähigkeit zu einer Kunſt verwundert die er auf eine Zeitlang bei Seite gelegt hatte. Woher kommt es daß die Poeten uns ſo viel Schönes über die erſte Liebe geſagt haben und ſo wenig über die ſpätere? Sind ihre erſten Gedichte die beſten, oder ſind nicht diejenigen die beſten die aus einer größe⸗ ren Gedankenfülle, aus breiterer Erfahrung, aus tieferwurzelnden Neigungen hervorgehen? Die flö⸗ tende Stimme des Jungen hat ihren eigenen früh⸗ lingshaften Reiz; aber vom Manne verlangt man einen volleren, tieferen Klang. Endlich zeigte ſich Seth am fernſten Ende des Wegs und Adam eilte ihm entgegen. Seth war überraſcht und dachte es ſei etwas Ungewöhnliches vorgekommen; aber als Adam herankam, ſagte ſein Geſicht deutlich genug daß es jedenfalls nichts Be⸗ unruhigendes war. „Wo biſt Du geweſen?“ fragte Adam, als ſie neben einander hergingen. „Auf der Gemeindewieſe,“ antwortete Seth. 283 „Dina hat vor einem kleinen Hörerkreiſe bei den ſogenannten Schwefel das Wort verkündet. Die Leute auf der Gemeindewieſe gehen ſonſt nicht ſo leicht in die Kirche, kommen aber doch um Dina anzuhören. Sie hat dieſen Morgen mächtig geſpro⸗ chen über den Text:„Ich bin nicht gekommen die Gerechten zu rufen, ſondern die Sünder zur Buße zu mahnen,“ und dabei kam etwas recht Hübſches vor. Die Weiber bringen meiſtens ihre Kinder mit, aber heute war ein ſtämmiger krausköpfiger Junge von drei oder vier Jahren da, den ich noch nie geſehen hatte. Im Anfang, ſo lang ich betete und während wir ſangen, war er im höchſten Grad un⸗ artig, aber als wir uns alle ſezten und Dina zu reden anfing, da ſtand der Junge auf einmal mäus⸗ chenſtill da und begann ſie mit offenem Mund an⸗ zuſchauen; dann ſprang er auf einmal von ſeiner Mutter weg zu Dina hin und zupfte ſie wie ein Hündchen an ihrem Kleid, damit ſie ſich mit ihm abgeben ſolle. Dina hob alſo den Jungen auf und ſezte ihn auf ihren Schooß, während ſie weiter ſprach, und nun war er ganz artig bis er zulezt einſchlief; ſeine Mutter weinte über dieſen Anblick. „Es iſt recht Schade daß Dina nicht ſelbſt Mut⸗ ter iſt,“ ſagte Adam;„die Kinder haben ſie ja alle ſo lieb. Glaubſt Du daß ſie ganz entſchieden gegen das Heirathen iſt, Seth? Glaubſt Du daß Nichts ihren Sinn zu ändern vermöchte?“ Es lag etwas ganz Eigenthümliches in Adams Ton, ſo daß Seth ihn verſtohlen anſah, bevor er antwortete. „Es wäre Unrecht wenn ich ſagte daß Nichts 284 ihren Sinn ändern könnte,“ erwiderte er.„Was aber mich betrifft, ſo habe ich alee Gedanken aufgegeben ſie je zur Fraul zu bekommen. Sie nennt mich ihren Bruder und das iſt genug.“ „Glaubſt Du aber daß ſie je einen Andern ſtark genug lieben könnte um ihn zu heirathen?“ fragte Adam etwas ſcheu. „Nun ja,“ ſagte Seth nach einigem Zögern. „Es iſt mir in der lezten Zeit manchmal durch den Kopf gegangen daß ſie das könnte; aber Dina wird ſich niemals durch die Liebe zur Creatur von dem Pfade abbringen laſſen welchen ſie von Gott ſelbſt vorgezeichnet glaubt. Wenn ſie dächte, es ſei nicht Seine Führung, ſo würde ſie ſich nicht unter die Macht der Liebe bringen laſſen. Und ſie ſchien ſich immer darüber klar zu ſein daß es ihre Beſtim⸗ mung ſei Andern zu dienen und für ſich ſelbſt keine Heimath zu haben in der Welt.“ „Aber,“ ſagte Adam ernſthaft,„denk Dir einmal, es käme ein Mann der ihr erlaubte noch immer daſſelbe zu thun und ihr Nichts in den Weg legte, ſo könnte ſie ja als verheirathete Frau eben ſo han⸗ deln wie jezt als ledig. Andere Mädchen von ihrer Art haben auch geheirathet— ich meine nicht ge⸗ rade Mädchen wie ſie, ſondern ſolche die ebenfalls predigten und die Kranken und Armen verpflegten, wie z. B. dieſe Frau Fletcher, von welcher ſie ſchon erzählt hat.“ Dem guten Seth ging ein neues Licht auf. Er wandte ſich um, legte ſeine Hand auf Adams Schul⸗ ter und ſagte:„Ei wie, würdeſt Du wünſchen daß ſie Dich heirathen ſollte, Bruder?“ ——————— 285 Adam ſah zweifelhaft in Seths forſchende Augen und antwortete:„Würde es Dich kränken, wenn ſie mich lieber hätte als Dich?“ „Nein,“ verſicherte Seth mit Wärme;„wie kannſt Du das glauben? Habe ich Deinen Kummer ſo wenig empfunden daß ich an Deiner Freude keinen Theil nehmen ſollte?“ Sie gingen einige Augenblicke ſchweigend weiter und dann ſagte Seth: „Ich hatte keine Ahnung davon daß Du je daran dächteſt ſie zu heirathen.“ „Aber was nüzt es mich denn daß ich daran denke?“ ſagte Adam.„Was meinſt Du? Die Mut⸗ ter hat mir dieſen Morgen ſo viel vorgeredet, daß ich nicht mehr weiß wo mir der Kopf ſteht. Sie behauptet, ſie ſei überzeugt daß Dina mir ſehr ge⸗ wogen ſei und mich gerne nehmen würde. Aber ich fürchte, ſie ſagt das nur aus ihrem eigenen Kopf. Ich möchte wiſſen ob Du Etwas geſehen haſt.“ „Das iſt ein kizlicher Punkt,“ ſagte Seth,„und ich möchte nicht gern etwas Unrechtes ſagen; über⸗ dieß haben wir kein Recht uns in die Gefühle der Leute zu miſchen, wenn ſie nicht ſelbſt damit heraus⸗ rücken wollen.“ Seth machte eine Pauſe. „Aber Du kannſt ſie ja ſelbſt fragen,“ fuhr er dann fort.„Sie hat es mir nicht übel genommen als ich fragte, und Du haſt mehr Recht dazu als ich, nur daß Du nicht zur Geſellſchaft gehörſt. Aber Dina hält's nicht mit denen welche meinen daß die Geſellſchaft ſo ſtrenge unter ſich bleiben ſolle. Sie iſt nicht darauf erpicht Leute in die Geſellſchaft her⸗ 286 einzuziehen, damit ſie fähig werden in das Reich Gottes zu treten. Einige von den Brüdern in Treddle⸗ ſton nehmen ihr das ſehr übel.“. „Wo wird ſie heute Mittag ſein?“ fragte Adam. „Sie ſagte, ſie wolle heute auf dem Pachthof bleiben,“ antwortete Seth,„weil es ihr lezter Sab⸗ bath dort iſt, und ſie will den Kindern aus der großen Bibel vorleſen.“ „Dann gehe ich heute Mittag hin,“ dachte Adam, aber ohne es zu ſagen;„denn wenn ich auch in die Kirche gehe, ſo würden meine Gedanken doch immer bei ihr weilen. Sie müſſen den Chorgeſang heute ohne mich ſingen.“ Zweiundfünßzigſtes Capitel. Adam und Dina. Es war ungefähr drei Uhr als Adam auf den Pachthof kam, wo er Alick und die Hunde aus dem Sonntagsſchlaf aufſtörte. Alick ſagte, es ſei Alles in die Kirche gegangen bis auf das junge Fräulein; ſo nannte er Dina; aber Adam ließ ſich dadurch nicht irre machen, obſchon der Ausdruck Alles auch die Milcherin Nancy in ſich begriff, die häufig wegen nalßwendigen Geſchäfte aus der Kirche wegbleiben mußte. Es war ganz ſtill rings um das Haus: die Thüren waren alle geſchloſſen und ſogar die Steine und die Tannen ſchienen ruhiger als gewöhnlich. Adam hörte das Waſſer leiſe aus dem Brunnen 287 tröpfeln, dieß war das einzige Getöne; und ſachte, wie es ſich in dieſer Stille ziemte, klopfte er an die Hausthüre. Sie ging auf und Dina ſtand vor ihm, tief erröthend vor großer Ueberraſchung ihn zu einer Stunde zu ſehen wo ſie ihn ſonſt regelmäßig in der Kirche wußte. Geſtern hätte er ohne alle Schwie⸗ rigkeit zu ihr ſagen können: Ich wollte Euch beſu⸗ chen, Dina: ich wußte daß die Uebrigen nicht da⸗ heim ſind; aber heute verhinderte ihn Etwas ſo zu ſprechen, und ſchweigend reichte er ihr die Hand. Keines von Beiden ſprach und doch wünſchten beide ſprechen zu können, als Adam jezt eintrat und ſie ſich ſezten. Dina nahm ihren bisherigen Plaz wie⸗ der ein, an der Ecke des Tiſches beim Fenſter; vor ihr lag ein Buch, aber nicht aufgeſchlagen: ſie hatte ganz ſtill dageſeſſen, und nur ins kleine, helle Feuer im blanken Kamin hineingeſchaut. Adam ſezte ſich ihr gegenüber auf Herrn Poyſers dreibeinigen Stuhl. „Eure Mutter iſt doch hoffentlich nicht wieder krank?“ begann Dina, die ſich zuerſt faßte.„Seth ſagte mir dieſen Morgen daß ſie wohl ſei.“ „Ja ſie iſt heute recht munter,“ ſagte Adam, hochvergnügt über die Zeichen von Dina's Gefühl bei ſeinem Anblick, aber dennoch ſchüchtern. „Es iſt Niemand zu Hauſe, wie Ihr ſeht,“ ver⸗ ſezte Dina,„aber Ihr müßt warten. Gewiß hat Euch irgend ein Hinderniß vom Kirchgehen abge⸗ halten?“ „Ja,“ antwortete Adam und pauſirte dann be⸗ 288 vor er hinzufügte:„Ich dachte an Euch: dieß war der Grund.“ Dieſes Bekenntniß war ſehr linkiſch und unvor⸗ geſehen, das fühlte Adam wohl. Er meinte, Dina müſſe ſeinen ganzen Gedanken verſtehen; ſie aber deutete die offenen Worte Adams als eine Erneue⸗ rung ſeines brüderlichen Bedauerns über ihre Ab⸗ reiſe und antwortete: „Sorgt und bekümmert Euch nicht um mich, Adam. Ich habe in Snowfield Alles im Ueberfluß. Und mein Gemüth iſt ruhig, denn ich ſuche nicht meinen eigenen Willen indem ich gehe.“ „Aber wenn es anders wäre, Dina,“ ſagte Adam zögernd;„wenn Ihr Dinge erführet die Ihr viel⸗ leicht noch nicht wißt...“ 3 Dina ſah ihn forſchend an, aber ſtatt fortzufah⸗ ren, nahm er einen Stuhl und ſtellte ihn in die Nähe ihres Plazes an der Tiſchecke. Sie wunderte ſich und erſchrack— ihre Gedanken flogen jezt in die Vergangenheit zurück: wollte er vielleicht von der Unglücklichen in der Ferne Etwas ſagen was ſie nicht wußte? Adam ſchaute ſie an: es war ſo lieblich ihr in die Augen zu ſehen die jezt ſo ſelbſtvergeſſen und fragend ausſahen. Einen Augenblick vergaß er daß er ihr Etwas zu ſagen hatte oder daß es nothwen⸗ dig war ihr ſeine Meinung auseinanderzuſezen. „Dina,“ ſagte er plözlich, indem er ihre beiden Hände zwiſchen die ſeinigen nahm;„ich liebe Euch von ganzem Herzen und von ganzer Seele, ich liebe Euch nächſt Gott, der mich erſchaffen hat, am meiſten.“ 4 289 Dina’s Lippen wurden blaß wie ihre Wangen, und ſie zitterte heftig unter dem Anſtürmen ſchmerz⸗ licher Freude. Ihre Hände lagen kalt wie der Tod zwiſchen denen Adams. Sie konnte ſie nicht her⸗ ausziehen, weil er ſie feſthielt. „Sagt mir nicht daß Ihr mich nicht lieben kön⸗ net, Dina, ſagt mir nicht daß wir ſcheiden und unſer Leben fern von einander verbringen müſſen.“ Thränen zitterten in Dina's Augen und entfloſſen ihnen bevor ſie antworten konnte; aber ſie ſprach ruhig und leiſe: „Doch, lieber Adam, wir müſſen uns einem andern Willen unterwerfen. Wir müſſen ſcheiden.“ „Nicht wenn Ihr mich liebet, Dina— nicht wenn Ihr mich liebet,“ ſagte Adam leidenſchaftlich. „Sagt mir— ſagt mir ob Ihr mich mehr lieben könnt als einen Bruder?“ Dina vertraute zu feſt auf den Willen Gottes, als daß ſie durch Täuſchung und Hehlerei Etwas hätte erreichen wollen. Sie erholte ſich jezt von der erſten Gemüthsbewegung, blickte Adam mit ihren treuherzigen aufrichtigen Augen an und ſagte: „Ja, Adam, mein Herz fühlt ſich mächtig zu Euch hingezogen, und dürfte ich meinem eigenen Willen folgen, würde ich nicht deutlich auf das Ge⸗ gentheil hingewieſen, ſo könnte ich mein Glück darin finden in Eurer Nähe zu leben und Euch beſtändig zu bedienen. Ich fürchte ich würde es vergeſſen mich mit Andern zu freuen und mit Andern zu weinen; ja ich fürchte ich könnte die Nähe Gottes ſelbſt vergeſſen und würde keine andere Liebe mehr ſuchen als die Eurige.“ Eliot, Adam Bede. III. 19 290 Adam ſprach nicht ſogleich. Sie ſahen einander in wonnevollem Schweigen an, denn das erſte Ge⸗ fühl gegenſeitiger Liebe ſchließt andere Gefühle aus; es verlangt die Seele für ſich allein. „Nun denn, Dina,“ ſagte Adam endlich,„was kann denn Unrechtes darin liegen wenn wir einander angehören und unſer Leben zuſammen verbringen? Wer hat dieſe große Liebe in unſere Herzen gelegt? Kann Etwas heiliger ſein als ſie? Denn wir kön⸗ nen Gott bitten beſtändig bei uns zu weilen, und wir wollen einander in allem Guten helfen. Es wird mir nie einfallen zwiſchen Euch und Gott zu treten und zu Euch zu ſagen, Ihr ſollt das und das nicht thun. Ihr könnt Eurem Gewiſſen eben ſo gut folgen wie Ihr es jezt thut.“ „Ja Adam,“ ſagte Dina,„ich weiß, die Ehe iſt ein heiliger Stand für diejenigen die wahrhaft dazu berufen ſind und keinen andern Zug des Herzens haben, aber ich bin von Kindheit an auf einen an⸗ dern Pfad geleitet worden; all mein Friede und alle meine Freude kam daher daß ich nicht für mich ſelbſt lebte, daß ich für mich ſelbſt Nichts verlangte und wünſchte, ſondern nur in Gott und denjenigen ſeiner Geſchöpfe lebte deren Kümmerniſſe und Freuden er mir zu wiſſen gethan hat. Das waren ſehr geſeg⸗ nete Jahre für mich, und mein Gefühl ſagt mir daß ich, wenn ich auf eine andere Stimme hörte die mich von dieſem Pfad abziehen wollte, dem Lichte das mir geleuchtet den Rücken kehren und daß dann Fin⸗ ſterniß und Zweifel mich ergreifen würden. Wir würden einander keinen Segen bringen, Adam, wenn in meiner Seele Zweifel wären, und wenn ich mich R— VBU R GFEB— FE AR ͤDOE Bo— —— 291 zu ſpät nach dem beſſern Theil zurückſehnte, das mir einſt gegeben worden, und das ich dann von mir geſtoßen hätte.“ „Aber wenn ein neues Gefühl in Euer Gemüth gekommen iſt, Dina, und wenn Ihr mich ſo liebt daß Ihr geneigt ſeid mir näher zu ſtehen als andern Leuten, iſt das nicht ein Zeichen daß Ihr Cuer Leben verändern ſollt? Gibt nicht die Liebe, wenn auch nichts Anderes, Euch ein Recht dazu?“ „Adam, mein Geiſt iſt voll von Zweifeln dar⸗ über, denn jezt, nachdem Ihr mir von Eurer ſtarken Liebe geſagt habt, iſt wieder dunkel geworden was mir vorher klar geweſen. Ich fühlte vorher daß mein Herz mächtig zu Euch hingezogen wurde, und daß das Eurige nicht war wie das meine, und der Gedanke an Euch hatte mich feſtgefaßt, ſo daß meine Seele ihre Freiheit verloren hatte und im Begriff ſtand Sclavin einer irdiſchen Neigung zu werden, und ich lange zu ſorgen begann was mich befallen würde. Denn bei jeder andern Neigung hatte ich mich mit einer kleinen oder auch gar keiner Erwi⸗ derung begnügt, aber mein Herz begann nach einer gleichen Liebe von Euch zu hungern. Und ich hatte keinen Zweifel darüber daß ich dagegen als eine große Verſuchung ankämpfen muß, und das Gebot war klar daß ich von hier weggehen müſſe.“ „Aber jezt, meine liebe, liebe Dina, jezt da Ihr wißt daß ich Euch mehr liebe als Ihr mich, verhält ſich Alles ganz anders. Ihr dürft jezt nicht mehr ans Weggehen denken, Ihr müßt bleiben und mein theures Weib werden, und ich werde Gott danken wie ich ihm noch nie gedankt habe.“ Ios 292 „Adam, es fällt mir ſchwer gegen Eure Worte taub zu bleiben; Ihr wißt daß es mir ſchwer fällt, aber es laſtet eine große Furcht auf mir. Es iſt mir als ſtrecktet Ihr Eure Arme gegen mich aus und winktet mir zu kommen, ganz nach Luſt dahin zu leben, und nur noch für mein eigenes Vergnügen dazubleiben, und Jeſus, der Mann der Schmerzen, ſtände da und ſähe mich an und deutete nach den Sündern und den Betrübten. Ich habe das immer wieder von Neuem geſehen, wenn ich in der Stille und Dunkelheit daſaß, und eine große Angſt iſt über mich gekommen, ich könnte hart und ſelbſtſüchtig wer⸗ den und das Kreuz des Erlöſers nicht mehr tragen wollen.“ Dina hatte ihre Augen geſchloſſen und ein leiſes Beben durchſchauerte ſie.„Adam,“ fuhr ſie fort,„Ihr könnt nicht wünſchen daß wir durch Untreue gegen das Licht in uns etwas Gutes ſuchen ſollen; Ihr würdet nicht glauben daß es etwas Gutes ſein könne. Darin ſind wir mit einander einig.“ „Ja Dina,“ antwortete Adam betrübt,„ich bin nicht der Mann der Euch gegen Euer Gewiſſen drängen wollte, aber ich kann die Hoffnung nicht aufgeben daß Ihr die Sache noch anders an⸗ ſehen werdet. Ich glaube nicht daß Eure Liebe zu mir Euer Herz verſchließen wird, ſie fügt ja nur noch Etwas zu dem was Ihr bereits waret und nimmt Nichts davon weg; denn mit der Liebe und dem Glück verhält es ſich, ſcheint mirs, wie mit de Kummer— je mehr wir davon wiſſen, um ſo beſſen können wir fühlen, was anderer Leute Leben iſt oder ſein kann, und dann werden wir nur um ſo zurtlicher — 866—- l — —* — 293 gegen ſie ſein, um ſo bereitwilliger ihnen zu helfen. Je mehr Einſicht ein Mann hat, um ſo beſſer wird er ſein Werk vollbringen, und das Gefühl iſt auch eine Art von Einſicht.“ Dina ſchwieg; ihre Augen ſtarrten vor ſich hin, als betrachteten ſie Etwas was nur für ſie allein ſichtbar wäre. Adam fuhr in ſeinen Vorſtellungen alſo fort: „Und Ihr könnt beinahe ganz daſſelbe thun was Ihr jezt thut. Ich werde Euch nicht bitten mit mir am Sonntag in die Kirche zu gehen; Ihr könnt un⸗ ter die Leute gehen wohin Ihr wollt und ſie beleh⸗ ren. Denn obſchon ich meine Kirche am meiſten liebe, ſo ſtelle ich doch meine Seele nicht über die Eurige, wie wenn meine Worte ein beſſerer Leitſtern für Euch wären als Euer eigenes Gewiſſen. Und Ihr könnt eben ſo gut den Kranken beiſtehen wie jezt, und Ihr werdet mehr Mittel haben ihnen etwas Angenehmes zu thun, und Ihr werdet unter Euren eigenen Freunden ſein und ſie lieben, und könnt ihnen helfen und ein Segen für ſie ſein bis zur Todesſtunde. Wahrhaftig, Dina, Ihr würdet Gott eben ſo nahe ſein als wenn Ihr allein und fern von mir dahin lebtet.“ Dina gab eine Zeit lang keine Antwort. Adam hielt ihre Hände noch immer und ſchaute ſie mit beinahe zitternder Angſt an, als ſie ihre ernſten, liebreichen Augen zu den ſeinigen erhob und in weh⸗ müthigem Tone ſagte: „Adam, in Euren Worten iſt Wahrheit, und es gibt viele Mägde Gottes die mehr Kraft beſizen als ich, und deren Herzen durch die Sorgen um einen Mann und Verwandte noch erweitert werden. Aber 294 ich glaube nicht daß es mir ſo ergehen würde, denn ſeit meine Neigungen ſo maßlos Euch zugekehrt wa⸗ ren, habe ich weniger Frieden und Freude in Gott gehabt; es war mir als wäre mein Herz getheilt. Und bedenket wie es mit mir iſt, Adam! mein bis⸗ heriges Leben iſt wie ein Land in welchem ich ſeit meiner Kindheit im Segen gewandelt habe, und wenn ich mich einen Augenblick darnach ſehne der Stimme zu folgen die mich in ein anderes noch unbekanntes Land ruft, ſo kann ich mich der Furcht nicht erweh⸗ ren daß meine Seele ſpäter nach dem früheren Segen zurückverlangen würde den ich jezt aufgegeben hätte; wo aber Zweifel eintritt, da iſt keine vollkommene Liebe. Ich muß auf klarere Führung warten; ich muß von Euch gehen und wir müſſen uns gänzlich dem göttlichen Willen unterwerfen. Es wird manch⸗ mal von uns gefordert daß wir unſere natürlichen wohlerlaubten Neigungen auf dem Altar niederlegen.“ Adam wagte es nicht weiter zu drängen, denn aus Dina ſprach weder Laune noch Verſtellung. Aber es traf ihn ſehr hart; ſeine Augen wurden trüber als er das Mädchen anſchaute. „Aber Ihr könnt Euch doch vielleicht noch mit dem Gedanken befreunden daß Ihr wieder zu mir kommen könnt, um Euch nie mehr von mir zu tren⸗ nen, Dina?“ „Wir müſſen uns unterwerfen, Adam; mit der Zeit wird uns unſere Pflicht klar werden. Vielleicht daß ich, wenn ich mein früheres Leben wieder be⸗ gonnen habe, bald dieſe neuen Gedanken und Wünſche verſchwinden ſehe, und daß ſie für mich werden als wären ſie gar nicht dageweſen. Dann werde ich 29⁵ wiſſen daß ich nicht zum Heirathen beſtimmt bin. Aber wir müſſen warten.“ „Dina,“ ſagte Adam betrübt,„Ihr könnt mich nicht ſo innig lieben wie ich Euch liebe, ſonſt hättet Ihr keine Zweifel. Aber es iſt natürlich daß Ihr mich nicht ſo liebet, denn ich bin nicht ſo gut wie Ihr. Ich kann jedoch nicht zweifeln daß ich ein Recht habe das Beſte zu lieben was Gott mir je vor die Augen geführt hat.“ „Nein Adam, es ſcheint mir daß meine Liebe zu Euch nicht ſchwach iſt, denn mein Herz wartet auf Eure Worte und Blicke, beinahe wie ein kleines Kind auf die Hilfe und Zärtlichkeit des Starken wartet von welchem es abhängt. Wenn der Gedanke an Euch nicht mächtig auf mich einwirkte, ſo würde ich nicht fürchten daß er ein Gözenbild in dem Tempel werden könnte. Aber Ihr werdet mich ſtärken— Ihr werdet mich nicht verhindern daß ich ſo lang als möglich zu gehorchen ſuche.“ „Laßt uns in den Sonnenſchein hinausgehen, Dina, und ein wenig ſpazieren. Ich werde kein Wort mehr ſagen das Euch beunruhigen könnte.“ Sie traten hinaus und gingen über die Felder, wo ſie der aus der Kirche heimkehrenden Familie begegnen mußten. Adam bot Dina ſeinen Arm an und ſie nahm ihn. Dieß war die einzige Verän⸗ derung in ihrem gegenſeitigen Benehmen ſeit ihrem lezten Spaziergang. Aber ſo ſehr ſich Adam über die Ausſicht auf die baldige Wegreiſe des Mädchens und die Ungewißheit des Erfolgs betrübte, ſo ließ er ſich doch dadurch das ſüße Gefühl nicht rauben daß Dina ihn liebe. Er beſchloß den ganzen Abend 296 auf dem Pachthof zu bleiben. Er wollte ihr ſo lang als möglich nahe ſein.— „Ei ſieh nur, da kommt ja Adam mit Dina,“ ſagte Herr Poyſer, als er das Thor öffnete das in den Pachthof führt.„Ich konnte mir gar nicht den⸗ ken warum er heute nicht in die Kirche kam. Aber was glaubſt Du wohl,“ fügte der gute Martin nach einer kurzen Pauſe hinzu,„was glaubſt Du wohl daß mir eben jezt durch den Kopf gekommen iſt?“ „Etwas das nicht weit zu ſpringen hatte, denn es liegt gerade vor unſerer Naſe. Du meinſt Adam ſei in Dina verliebt.“ „Nun ja, haſt Du auch ſchon daran gedacht?“ „Allerdings,“ antwortete Frau Poyſer, die ſich wo möglich niemals überraſchen ließ.„Ich gehöre nicht zu denjenigen welche die Kaze in der Milch⸗ kammer ſehen und ſich wundern was ſie wohl ſuche.“ „Aber Du haſt mir nie ein Wort davon ge⸗ agt!“ 1„Ganz natürlich, weil ich keine Mühlklapper bin die Lärm machen muß ſobald der Wind bläst. Ich kann meinen Rath für mich behalten wenn das Spre⸗ chen doch Nichts hilft.“ „Aber Dina wird ihn nicht wollen; meinſt Du, ſie nehme ihn?“ „Nein,“ ſagte Frau Poyſer, die dießmal nicht genügend gegen eine mögliche Ueberraſchung auf der Hut war,„die nimmt gewiß keinen, wenn er nicht Methodiſt und Krüppel iſt.“ „Es wäre doch etwas Schönes, wenn ſie ein⸗ ander heiratheten,“ ſagte Martin, indem er den Kopf etwas auf die Seite hielt, als ob er in der Betrach⸗ 297 tung ſeiner neuen Idee ſchwelgte.„Du ſäheſt es gewiß auch gerne?“ „Ja wahrhaftig; dann wäre ich doch ſicher daß ſie mir nicht mehr nach Snowfield davonliefe, zehn Meilen weit, ſo daß ich keinen Menſchen zu ſehen bekomme, außer Nachbarsleute die nicht mit mir verwandt ſind, und dieſe Weiber da, denen ich mein Geſicht nicht zu zeigen wagen würde, wenn es in meiner Milchkammer eben ſo ausſähe wie in den ihrigen; da würde es ſchöne Butter auf den Markt geben. Und ich würde mich freuen wenn das arme Ding einmal gut aufgehoben wäre, wie es einem Chriſtenmädchen zukommt, ſo daß ſie ein eigenes Haus über ihrem Kopf hätte, und wir wollten ſie mit Weißzeug und Federn tüchtig verſehen, denn ich liebe ſie beinahe wie meine eigenen Kinder. Es wird einem ordentlich wohl ums Herz ſein wenn ſie nur im Hauſe iſt, denn ſie iſt wie der friſch gefallene Schnee. Wer ſie um ſich hat, der kann für zwei ſündigen.“ „Dina,“ ſagte Tommy, der ihr entgegengeſprun⸗ gen kam,„die Mutter ſagt, Du würdeſt bloß einen methodiſtiſchen Krüppel heirathen; Du mußt doch ein recht einfältiges Ding ſein.“ Dieſen Commentar be⸗ gleitete Töommy damit daß er Dina bei beiden Ar⸗ men ergriff und mit unbequemer Zärtlichkeit neben ihr hertanzte. „Ei Adam, wir haben Sie heute beim Singen ſehr vermißt,“ ſagte Herr Poyſer.„Wie ging das zu?“ „Ich wollte Dina beſuchen: ſie verreist ja ſo bald,“ antwortete Adam. 298 „He Junge, können Sie es ihr nicht in den Kopf bringen daß ſie bleibt? Suchen Sie ihr doch einen guten Mann in der Gemeinde. Wenn Sie das thun, ſo wollen wir Ihnen verzeihen daß Sie die Kirche geſchwänzt haben. Aber vor dem Erntemahl am Mittwoch darf ſie auf keinen Fall gehen und Sie müſſen auch kommen. Barthel Maſſey kommt und vielleicht auch Craig. Alſo Sie kommen doch ganz deiß um ſieben Uhr; meine Frau verlangt es ſo früh.“ „Ja,“ ſagte Adam,„ich komme wenn es mir möglich iſt. Aber ich kann oft nicht über meine Zeit beſtimmen, denn die Arbeit hält mich oft länger auf als ich vorhergeſehen. Ihr bleibet alſo bis zu Ende der Woche, Dina?“ „Ja, ja,“ ſagte Herr Poyſer;„Du darfſt mir nicht Nein ſagen.“ „Es hat keine ſo große Cile mit ihr,“ bemerkte Frau Poyſer.„Der Mangel an Lebensmitteln hält dort an; man braucht ſich nicht ſo ſehr zu ſputen und der Mangel iſt doch der Hauptvorrath in der Gegend dort.“ Dina lächelte, gab aber kein beſtimmtes Ver⸗ ſprechen, und den Reſt des Weges verplauderte man mit andern Dingen, blieb im Sonnenſchein ſtehen, um die große Gänſeheerde im Graſe, die neuen Kornſchober und den überraſchenden Reichthum des alten Birnbaums zu betrachten. Nancy und Molly waren bereits mit einander vorausgeeilt; ihre Ge⸗ ſangbücher, worin ſie weiter nichts als die Anfangs⸗ buchſtaben und die Amen leſen konnten, hatten ſie ſorgfältig in ihre Schnupftücher eingewickelt. Wahrhaftig, alles andere müßige Behagen iſt Haſtigkeit im Vergleich mit einem ſonnigen Spazier⸗ gang durch die Felder nach einer Mittagskirche— wie nämlich ſolche Spaziergänge in jenen alten ruhi⸗ gen Zeiten zu ſein pflegten, als das ſchläfrig über den Canal hingleitende Boot das neueſte Wunder von Locomotion war; als Sonntagsbücher meiſtens alte braune Ledereinbände hatten und mit merkwür⸗ diger Genauigkeit immer an einer und derſelben Stelle aufklappten. Das müßige Behagen iſt dahin — es iſt verſchwunden wie die Spinnräder, wie die Packpferde, wie die langſamen Wagen und die Hau⸗ ſirer, die an ſonnigen Nachmittagen mit ihrer Waare von Thüre zu Thüre zogen. Sinnreiche Philoſophen ſagen euch vielleicht, das große Werk der Dampf⸗ maſchine ſchaffe dem Menſchengeſchlecht Muße. Glaubt ihnen nicht, es bringt bloß eine Leere hervor in welche der raſche Gedanke ſich hineinſtürzt. Selbſt die Trägheit iſt jezt voll Eifer. Sie iſt auf Ver⸗ gnügungen erpicht, auf Luſtfahrten, Kunſtſammlungen, periodiſche Literatur und aufregende Romane; ſie gibt ſich ſogar mit wiſſenſchaftlichen Theorien ab und wirft dann und wann einen Blick durch ein Micro⸗ ſcop. In alten Zeiten war die Muße etwas ganz anderes: da las man nur eine einzige Zeitung, die in ihrer Unſchuld nichts von Leitartikeln wußte, und von der periodiſchen Aufregung des ſogenannten Poſtabſchluſſes war nichts bekannt. Der Vertreter der alten Muße war ein beſchaulicher kräftiger Herr von vortrefflicher Verdauung und ruhigen, durch kei⸗ nerlei Hypotheſen geſtörten Anſchauungen; er war glücklich in ſeiner Unfähigkeit die Urſachen der Dinge 300 wahrzunehmen, und zog die Dinge ſelbſt vor. Er lebte hauptſächlich auf dem Lande unter angenehmen Luſtſizen und Wohnſtätten, ſchlenderte gerne an den Obſtbäumen hin, erlabte ſich am Dufte der Apri⸗ koſen, wenn ſie ſich von der Morgenſonne wärmen ließen, oder legte ſich Mittags unter die Obſtbäume, wenn die Sommerbirnen fielen. Er wußte nichts von einem wöchentlichen Gottesdienſt und dachte von der Sonntagspredigt um nichts ſchlechter, wenn ſie ihm geſtattete von der Verleſung des Textes an bis zum Schlußgebet zu ſchlafen; die Nachmittagskirche war ihm die liebſte weil die Gebete am kürzeſten waren, und er ſchämte ſich nicht es zu ſagen, denn er hatte ein ruhiges heiteres Gewiſſen, breitrückig wie er ſelbſt, und konnte ein ſchönes Quantum Bier oder Kornbranntwein ertragen; Zweifel, Scrupel und er⸗ habene Gedankenſchwünge machten ihn nicht eckel. Das Leben war für ihn keine Aufgabe, ſondern eine Sinecure: er klimperte mit den Guineen⸗ in ſeiner Taſche, verzehrte ſeine Mahlzeiten und ſchlief den Schlaf des Unverantwortlichen; denn hatte er nicht ſeiner Pflicht vollkommen genügt, indem er an den Sonntagsnachmittagen in die Kirche ging? Der ſchöne alte Vertreker behaglicher Muße! Seid nicht ſtreng gegen ihn und richtet ihn nicht nach modernem Maßſtabe: er beſuchte keine Pietiſten⸗ ſtunden, lief keinen populären Predigten nach und las weder Tractätchen noch den Sartor resartus. 301 Dreiundfünßigſtes Capitel. Das Erntemahl. Als Adam am Mittwochabend im Sonnenſchein der ſechsten Stunde heimwärts ging, ſah er in der Ferne die lezte Ladung Gerſte langſam gegen das Thor des Pachthofes hin ſich bewegen und hörte die Klänge des Ernteliedes gleich Wellen ſich erheben und ſenken. Immer ſchwächer und durch die wach⸗ ſende Entfernung noch melodiſcher ſchlugen die er⸗ ſterbenden Töne an ſein Ohr als er ſich dem Weidenbach näherte. Die im Weſten untergehende Sonne beglänzte voll die Alpenhügel von Binton, verwandelte die unbewußten Schafe in glänzende Lichtflecke und beſchien auch die Fenſter ſeines Häus⸗ chens, ſo daß ſie in einer Glorie flammten, heller als Ambra und Amethyſt. Es wurde Adam zu Muthe als befände er ſich in einem großen Tempel und der ferne Geſang wäre ein heiliges Lied. Es iſt wunderbar, dachte er, wie dieſe Klänge einem gleich Grabgeläute zu Herzen gehen, und doch verkündigen ſie einen der fröhlichſten Abſchnitte im Jahr, die Zeit wo die Menſchen am dankbarſten ſind. Ich finde den Gedanken etwas hart daß Etwas im Leben gänzlich vorüber iſt, und mit allen unſern Freuden iſt auch ein Scheiden verbunden. So geht es mir mit Dina: ich würde nie zur Erkenntniß ge⸗ kommen ſein daß ihre Liebe für mich der größte Segen wäre, wenn mir nicht das was ich für einen Segen hielt entriſſen würde und das größte Bedürf⸗ 302 niß bei mir hinterließe, ſo daß ich mich voll Ver⸗ langen nach einem beſſern Troſte ſehne. Er hoffte Dina am Abend wieder zu ſehen und wollte ſie um Erlaubniß bitten ſie nach Oakbourne zu begleiten; dann wollte er ſie erſuchen eine Zeit feſtzuſezen wo er nach Snowfield gehen und von ihr erfahren könnte ob er auch auf ſeine lezte beſte Hoff⸗ nung verzichten müſſe, wie auf alle übrigen. Zu Hauſe fand er noch Einiges zu thun, und überdieß mußte er ſeine beſten Kleider anziehen, ſo daß es ſchon ſieben Uhr war ehe er ſich wieder auf den Weg nach dem Pachthof begab, und es handelte ſich noch ſehr ob er mit ſeinen längſten und ſchnellſten Schrit⸗ ten noch rechtzeitig zum Roſtbeef ankam, das nach dem Plumpudding aufgetragen wurde, denn bei Frau Poyſers Mahlzeiten war große Pünktlichkeit ein⸗ geführt. Ein munteres Geklapper von Meſſern, zinnernen Tellern und Kannen ſcholl Adam auf der Hausflur entgegen, aber kein Geſumme von Stimmen beglei⸗ tete dieſe Muſik: der ganz koſtenfreie Genuß eines vortrefflichen Roſtbeef war ein zu wichtiges Geſchäft für dieſe guten Arbeiter, als daß ſie es mit getheil⸗ ter Aufmerkſamkeit hätten verrichten können, ſelbſt wenn ſie einander Etwas zu ſagen gehabt hätten, was jedoch nicht der Fall war, und Herr Poyſer, der oben an der Tafel ſaß, hatte mit ſeinem Ver⸗ ſchneiden zu viel zu thun, um auf Barthel Maſſey's oder Herrn Craigs munteres Gerede zu achten. „Hieher Adam,“ ſagte Frau Poyſer, die neben dem Tiſche ſtand und Acht gab ob Molly und Nancy ihre Pflicht als Aufwärterinnen thaten,„hier iſt ein 303 Plaz für Sie zwiſchen Maſſey und den Jungen offen gehalten. Es iſt recht Schade daß Sie nicht früher kommen konnten und den Pudding noch ganz ſahen.“ Adam ſah ſich ängſtlich nach einem vierten weib⸗ lichen Geſichte um, aber Dina war nicht da. Er ſcheute ſich beinahe nach ihr zu fragen; überdieß wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch Begrüßungen in Anſpruch genommen, und er konnte immerhin hoffen daß Dina noch im Hauſe ſei, wenn ſie ſich auch viel⸗ leicht am Vorabend ihrer Abreiſe bei einer ſolchen Luſtbarkeit nicht betheiligen wollte. Es war ein heiterer Anblick um dieſe Tafel. Oben ſaß Martin Poyſer mit ſeinem runden gut⸗ müthigen Geſicht und ſeiner breiten Geſtalt; er legte ſeinem Geſinde den duftigen Braten vor und freute ſich jedesmal wenn die leeren Teller wieder kamen. Obſchon gewöhnlich ſelbſt mit einem guten Appetit geſegnet, vergaß er heute Abend wirklich ſeinen eigenen Braten gänzlich, ſo viel Freude machte es ihm während des Vorlegens zuzuſehen wie die An⸗ dern es ſich ſchmecken ließen; denn waren es nicht Leute die das ganze Jahr hindurch, mit Ausnahme von Weihnachten und den Sonntagen, nur ſo neben⸗ her unter den Hecken ihr kaltes Mahl verzehrten und ihr Bier aus hölzernen Flaſchen tranken, zwar ohne Zweifel mit großem Vergnügen, aber ſo daß ſie, mehr nach Art der Enten als menſchlicher Zwei⸗ füßler, den Mund hoch emporhielten? Martin Poy⸗ ſer hatte eine leiſe Ahnung von dem Hochgenuß den ein heißer Braten und ein friſch abgezogenes Bier ſolchen Leuten bereiten mußten. Er hielt ſeinen Kopf etwas ſeitwärts und verzog den Mund, wäh⸗ 304 rend er Barthel Maſſey zuwinkte und den blödſin⸗ nigen Tom Tholer betrachtete, der ſeinen zweiten Teller voll Braten bekam. Ein Grinzen der Freude zog über Toms Geſicht, als der Teller ihm zwiſchen Meſſer und Gabel geſtellt wurde die er wie ge⸗ weihte Kerzen in die Höhe hielt; aber die Freude wurde zu groß um es länger bei dem Grinzen be⸗ wenden zu laſſen und machte ſich im nächſten Augen⸗ blick in einem langgezogenen Ha Ha Luft; bald darauf aber verwandelte ſie ſich in den höchſten Ernſt, als Gabel und Meſſer auf die Beute herabſchoßen. Martin Poyſers breite Geſtalt ſchüttelte ſich bei ſei⸗ nem ſtillen, herzlichen Lachen: er drehte ſich gegen ſeine Frau, ob ſie wohl auch Tom bemerkt habe, und die Augen der Gatten begegneten ſich in einem Blick gutmüthigen Vergnügens. Tom war ein großer Liebling auf dem Pacht⸗ hof, wo er den alten Spaßmacher ſpielte und ſeinen Mangel an practiſchen Vorzügen durch Geſchicklich⸗ keit in trefflichen Antworten gut machte. Er traf, denke ich, wie der Dreſchflegel, der ganz aufs Ge⸗ rathewohl herabfällt, aber doch von Zeit zu Zeit ein Inſect zerſchmettert. Seine Einfälle wurden in den Zeiten der Schafſchur und der Heuernte viel beſprochen, aber ich enthalte mich ſie hier wieder zu erzählen, weil es ſich herausſtellen könnte daß es ihm mit ſeinen Wizen gerade ſo ging, wie vielen andern zu ihrer Zeit ausgezeichneten Spaßmachern; ſie waren höchſt vorübergehender Art und hatten nin ſLaferen und dauernderen Beziehungen Nichts zu affen. Mit Ausnahme Toms blickte Martin Poyſer —,———’—,——.—————.—— 305⁵ nicht ohne einigen Stolz auf ſein Geſinde und ſeine Arbeiter; ja er erfreute ſich an dem Gedanken daß ſie die beſten im ganzen Bezirk ſeien und ihr Geld wohl verdienen. Da war z. B. Keſter Bale, der alte Mann mit der dicht anliegenden Lederkappe und dem Nezwerk von Runzeln in ſeinem ſonnenverbrann⸗ ten Geſichte. Gab es wohl in ganz Loamſhire einen Mann welcher die Natur aller landwirthſchaftlichen Geſchäfte beſſer gekannt hatte als er? Er war einer von jenen unſchäzbaren Arbeitern die nicht bloß Alles in die Hand nehmen können, ſondern auch Alles was ſie in die Hand nehmen ganz vor⸗ trefflich beſorgen. Aller ings waren ſeine Kniee jezt ſehr nach außen geneigt, und beim Gehen knixte er beſtändig, als wäre er der ehrerbietigſte aller Men⸗ ſchen, und das war er auch. Aber ich muß hinzu⸗ fügen daß der Gegenſtand ſeines Knixens bloß ſeine eigene Geſchicklichkeit war, der er manchmal wahrhaft rührende Huldigungen darbrachte. Er machte immer das Strohdach über die Schober, denn wenn er in irgend etwas ſtärker war als in andern Punkten, ſo war es in der Anfertigung von Strohdächern, und wenn er die lezte Hand an den lezten Bienen⸗ korbſchober gelegt hatte, dann unternahm Keſter, deſſen Haus in einiger Entfernung vom Pachthof lag, am Sonntag Morgen in ſeinen beſten Kleidern einen Spaziergang nach dem Hinterhof und ſtellte ſich in gebührender Entfernung auf dem Wege auf um ſeine eigene Bedachung zu betrachten; er ging herum, um für jeden Schober den paſſendſten Ge⸗ ſichtspunkt zu gewinnen. Wenn er ſo berum knixte, ſeine Augen nach den Strohknöpfen emporgerichtet Eliot, Adam Beve. III. 20 306 V die auf den Gipfeln der Bienenkorbſchober wie gol⸗ dene Kugeln ausſahen— denn dieſe Schober waren auch wirklich Gold von der beſten Sorte— ſo hätte man ſich einbilden können, er ſei in irgend einem heidniſchen Acte der Anbetung begriffen. Keſter war ein alter Junggeſelle und galt dafür daß er ganze Strümpfe voll Geld habe, worüber ſein Herr jeden Zahltag ſeinen Wiz machte: keinen neuen und un⸗ paſſenden Scherz, ſondern einen guten alten, der ſich ſchon manchmal bewährt und ſeine Zeit ausge⸗ halten hatte. Der junge Herr iſt ſehr heiter, bemerkte Keſter häufig, denn da er unter dem lezten Martin Poyſer ſeine Laufbahn mit Wegſcheuchung der Krähen begonnen hatte, ſo konnte er ſich's nicht, verſagen den regierenden Martin ſeinen jungen Herrn zu nennen. Ich ſchäme mich nicht dem alten Keſter eine Erinnerung zu weihen; wir beide verdanken wahrhaftig gar viel den harten ſchwieligen Händen ſolcher Männer, Händen die ſeit langer Zeit ſo getreulich den Boden beſtellt, ſo haushälteriſch als möglich die Früchte der Erde zu Rathe gehalten und zum Lohne dafür den geringſten Antheil bekom⸗ men haben. Dem Herrn gegenüber, am andern Ende des Tiſches, ſaß der Schäfer und Hauptknecht Alick mit rothem Geſicht und breiten Schultern. Er ſtand nicht auf dem beſten Fuß mit dem alten Keſter, und ihr ganzer gegenſeitiger Verkehr beſchränkte ſich auf ein gelegentliches Gebrumme, denn obſchon ſie wahrſcheinlich über Hecken und Gräben, ſowie die Behandlung von Mutterſchafen ziemlich gleich dach⸗ ten, ſo beſtand doch in Bezug auf ihre eigenen ge 307 genſeitigen Verdienſte eine große Meinungsverſchie⸗ denheit unter ihnen. Wenn Tityrus und Meliböus zufällig in demſelben Hofe arbeiten, ſo ſind ſie nicht ſentimental höflich gegen einander. In der That war Alick nichts weniger als ein honigſüßer Mann; ſeine Rede beſtand meiſtens in einem Gebrumme, und ſeine breitſchulterige Geſtalt gab ihm etwas Bulenbeißerartiges, das zu ſagen ſchien: Menge Dich nicht in meine Sachen, ich menge mich ja auch nicht in die Deinigen; aber er war grundehrlich und hätte eher ein Weizenkörnchen vertheilt, als etwas über ſeinen rechtmäßigen Antheil hinaus genommen; dabei kargte er auch mit dem Eigenthum ſeines Herrn, wie wenn es ihm ſelbſt gehört hätte; er warf z. B. den Hühnern nur ſehr kleine Hände voll verdorbener Gerſte zu, weil eine große Hand voll den peinlichen Eindruck der Verſchwendung auf ihn machte. Der gutmüthige Tim, der Fuhrknecht der ſeine Pferde liebte, hegte wegen des Habers einen roll gegen Alick; ſie ſprachen nur ſelten mit ein⸗ ander und ſahen einander niemals an, nicht einmal bei ihrer Schüſſel voll kalter Kartoffeln; aber da ſie ſich gegen alle Menſchen ſo benahmen, ſo kann man nicht mit Sicherheit daraus ſchließen daß ihre Unfreundlichkeit mehr als vorübergehend geweſen ſei. Der buccliſche Character von Hayſlope war, wie ihr ſeht, nicht von jener heitern und freundlichen rt, welche man ganz deutlich in den meiſten Be⸗ zirken beobachtet wo die Künſtler ihre Beſuche ab⸗ ſtatten. Der milde Strahl eines Lächelns war et⸗ was Seltenes auf dem Geſicht eines Feldarbeiters, und zwiſchen thieriſcher Blödigkeit und einem Lachen 20* 308 war kaum eine Abſtufung vorhanden. Auch war nicht jeder Bauer ſo ehrlich wie unſer Freund Alick. An dieſem ſelben Tiſch mitten unter Herrn Poyſers Leuten befindet ſich der dicke Ben Tholoway, ein ſehr ſtarker Dreſcher, der aber ſchon zu wiederholten Malen ertappt wurde wie er das Korn ſeines Herrn in ſeinen Taſchen forttrug, eine Handlung die man, da Ben kein Philoſoph war, nicht wohl auf Rech⸗ nung von Geiſtesabweſenheit ſezen konnte. Dennoch hatte ſein Herr ihm verziehen und beſchäftigte ihn fortwährend, denn die Tholoways hatten ſeit un⸗ denklichen Zeiten auf der Gemeindewieſe gewohnt und immer für die Poyſers gearbeitet. Und im Ganzen, darf ich wohl ſagen, kam die Geſellſchaft nicht übel dabei weg daß Ben keine ſechs Monate in der Tretmühle zubringen mußte, denn ſeine An⸗ ſichten vom Stehlen waren ſehr beſchränkt und hät⸗ ten ſich im Zuchthaus leicht erweitern können. So wie die Sachen jezt ſtanden, verzehrte Ben ſeinen Braten an dieſem Abend mit dem heitern Bewußt⸗ ſein daß er ſeit dem lezten Erntemahl weiter nichts als ein Paar Erbſen oder Bohnen geſtohlen habe, um ſie in ſeinem Garten zu ſtecken, und er war feſt überzeugt daß Alicks argwöhniſches Auge, das be⸗ ſtändig auf ihm haftete, ſeiner Unſchuld eine ſchwere Kränkung zufüge. Aber jezt war der Braten verzehrt, das Tiſchtuch abgenommen, und nun ſchaffte man großen Plaz für die blanken Trinkkannen, für die ſchäumenden braunen Krüge und die blinkenden Meſſingleuchter, die lieblich anzuſchauen waren. Jezt ſollte die große Ceremonie für den Abend beginnen, das Erntelied 4 —9—=88Sᷣǵ̃ͤ 309 bei welchem Jedermann mitſingen mußte: wenn einer ſich ein Anſehen geben wollte, ſo mußte er mithal⸗ ten; aber mit verſchloſſenen Lippen durfte keiner daſizen. Vorgeſchrieben war weiter nichts als Drei⸗ tact; alles Andere ging nach freiem Belieben. Ueber den Urſprung dieſes Liedes— ob es nämlich in ſeinem gegenwärtigen Zuſtand aus dem Gehirn eines einzigen Rhapſoden kam, oder ob es allmählig durch eine Schule oder Reihenfolge von Rhapſoden vervollkommnet wurde— vermag ich Nichts zu ſagen. Es trägt den Stempel der Einheit und Individualität, was mir für die erſtere Annahme zu ſprechen ſcheint, obwohl ich auch nicht gegen die Be⸗ trachtung blind bin daß dieſe Einheit aus der Ueber⸗ einſtimmung vieler Geiſter entſtanden ſein kann, die einer einfachen Denkweiſe angehört, unſerem moder⸗ nen Bewußtſein aber ferne ſteht. Vielleicht glauben einige im erſten Vers die Andeutung auf eine ver⸗ lorne Zeile zu entdecken, welche ſpätere Rhapſoden in Ermanglung von ſchöpferiſcher Kraft mit dem ſchwachen Auskunftsmittel der Wiederholung ergänz⸗ ten; Andere dagegen dürften behaupten, gerade dieſe Wiederholung ſei eine glückliche Originalität, und nur höchſt proſaiſche Seelen können dafür un⸗ empfänglich ſein. Die mit dem Geſang verbundene Ceremonie be⸗ zog ſich auf das Trinken— es iſt vielleicht ſchmerz⸗ lich dieß ſagen zu müſſen, aber wir können unſere Vorfahren nicht mehr beſſern. Während der erſten und zweiten Strophe, die im entſchiedenen Forte Rhengen wurden, füllte man die Kannen noch nicht. 310 Ein dreifach Hoch auf unſern Herrn, Der uns dieß Feſt gegeben, Doch laſſen wir von Herzen gern Auch unſre Wirthin leben. Und mögen ſeine Thaten Ihm alle wohl gerathen! Treu ſtehn wir ihm zur Seite, Sein Gllck iſt unſre Freude. Aber jezt, unmittelbar bevor die dritte Strophe mit begeiſterten Schlägen auf den Tiſch, die den Effect von Cymbeln und Trommeln zugleich machten, fortissimo geſungen wurde, füllte man Alicks Kanne, und er mußte ſie nun leeren ehe der Chor zu Ende war. Der Meiſter läßt euch bitten Vom Bier Nichts zu verſchütten! Wollt ihr's Gebot nicht ehren, Müßt ihr zwei Kannen leeren. Trinkt, Jungen, trinkt! Nachdem Alick mit vollkommenem Erfolg dieſe Probe handfeſter Mannhaftigkeit beſtanden, kam die Reihe an den alten Keſter zu ſeiner Rechten und ſo fort, bis jeder von der Chorbegleitung ſeine Ein⸗ weihungskanne getrunken hatte. Tom, der Spizbube, ließ ſich beigehen wie durch Zufall einige Tropfen zu verſchütten, aber Frau Poyſer verhinderte die Vollſtreckung der Strafe, ein Freundſchaftsdienſt den ſie ſich nach Toms Dafürhalten hätte erſparen können. Wer draußen vor der Thüre gehorcht hätte, dem ——,—.„—,— ... 311 würde es nicht recht klar geworden ſein, warum der Aufruf: Trinkt, Jungen, trinkt, ſich ſo ſchnell und ſo oft wiederholte; aber wäre er eingetreten, ſo würde er gefunden haben daß auf allen Geſichtern ſich noch Nüchternheit und auf den meiſten ſogar Ernſt verrieth: dieß war nun einmal ein reſpectabler und regelmäßiger Brauch bei dieſen vortrefflichen Landleuten, ſo gut wie es bei eleganten Damen und Herren der Brauch iſt ſich lächelnd über ihre Weingläſer hinzubeugen. Barthel Maſſey, der etwas empfindliche Ohren hatte, war ſchon in einem frühen Stadium des Feſtes hinausgegangen, um zu ſehen was für ein Abend es ſei, und er hatte ſeine Be⸗ trachtungen erſt vollendet, als ein fünf Minuten langes Stillſchweigen ihm zu beweiſen ſchien daß das Trinkt, Jungen, trinkt! vor den nächſten zwölf Monaten nicht wieder beginnen dürfte. Die beiden Jungen und Totty bedauerten dieß ſehr; ihnen kam die Stille etwas langweilig vor nach dieſem glor⸗ reichen Gehämmer auf den Tiſch, wozu Totty, die ihrem Vater auf dem Schooße ſaß, mit der ganzen Kraft ihrer Fäuſtchen mitgeholfen hatte. Als jedoch Barthel wieder eintrat, ſchien ſich ein allgemeines Verlangen nach einem Sologeſang ein⸗ zuſtellen. Nancy erklärte, der Fuhrknecht Tim wiſſe ein Lied und ſinge im Stall immer wie eine Lerche, worauf Herr Poyſer aufmunternd ſagte:„Nun, Tim, mein Junge, gib es uns preis.“ Tim machte ein Schafs⸗ geſicht, ließ den Kopf hängen und ſagte, er könne nicht ſingen; aber die Aufforderung des Herrn wurde am ganzen Tiſch wiederholt, Jedermann ſagte:„Nun, Limgſng doch!“ nur Alick nicht, der niemals leicht⸗ 312 fertig ein unnöthiges Wort redete. Endlich begann Tims nächſter Nachbar, Ben Tholoway, ſeinen Zu⸗ ſprüchen durch Rippenſtöße Kraft zu geben, aber nun wurde Tim wild und brummte ihm zu:„Willſt Du mich in Ruhe laſſen? Sonſt ſinge ich Dir ein Lied das Dir wahrſcheinlich nicht gefallen wird.“ Auch die Geduld eines gutmüthigen Fuhrknechts hat ihre Grenzen und nun konnte man natürlich nicht länger in Tim dringen. „He, David, Du wäreſt der Mann Etwas zu ſingen,“ ſagte Ben, der ſeinen Aerger über den Nichterfolg verhehlen wollte,„ſing uns einmal: Meine Lieb' iſt eine Roſ' ohne Dorn.“ Der verliebte David war ein junger Burſche von unbewußtem zerſtreutem Ausſehen, was jedoch ver⸗ muthlich mehr von einem ſchrecklichen Schielen als von einer geiſtigen Anlage herkam; denn er war nicht gleichgiltig gegen Bens Aufforderung, ſondern wurde roth, lachte und fuhr mit ſeinem Aermel über den Mund, auf eine Art die man als ein Zeichen von Bereitwilligkeit halten konnte. Auch ſchien die Geſellſchaft eine Zeit lang in allem Ernſt ein Lied von David zu wünſchen. Aber vergebens. Die ly⸗ riſchen Elemente für den Abend befanden ſich vor⸗ läufig im Keller und waren noch nicht aus ihrem Gewahrſam erlöst. Mittlerweile hatte das Geſpräch oben am Tiſche eine politiſche Wendung genommen. Herr Craig war ſtets geneigt gelegentlich über Politik zu ſpre⸗ chen, obſchon er ſich mehr auf eine weiſe Einſicht in die Dinge als auf eine genaue Kenntniß derſelben zu Gute that. Er ſchaute ſo weit über die bloßen 313 Facta eines Falles hinaus, daß es wirklich über⸗ flüſſig war dieſelben zu kennen. „Ich leſe ſelbſt die Zeitung nicht,“ bemerkte er an dieſem Abend, während er ſeine Pfeife ſtopfte, „obſchon ich ſie immer leſen könnte wenn ich wollte, denn Fräulein Liddy hält ſie und iſt bald damit fertig; aber da iſt Mills, der ſizt vom frühen Mor⸗ gen bis zum ſpäten Abend in der Kaminecke und liest die Zeitung, und wenn er am Ende angekom⸗ men iſt, ſo iſt er noch ſchwindelköpfiger als im An⸗ fang. Jezt träumt er von Nichts als dem Frieden wovon man ſpricht, er hat immerfort geleſen und meint, jezt hab' er es ergründet. Aber mein Gott, Mills, ſage ich zu ihm, Ihr ſeht in das Ding ſo wenig hinein, als Ihr mitten in eine Kartoffel ſehen könnt; ich will Euch ſagen was es iſt: Ihr meint, es wäre eine ſchöne Sache für das Land und ich bin nicht dagegen— verſteht mich wohl— ich bin nicht dagegen. Aber meine Meinung iſt daß die Herren die an der Spize des Landes ſtehen, ſchlim⸗ mere Feinde für uns ſind als Bony und all die Herrlein die er hinter ſich hat; denn was dieſe Herr⸗ lein betrifft, ſo kann man ein halb Duzend von ihnen auf einmal aufſpießen, wie wenn es Fröſche wären.“ „Ja, ja,“ verſezte Martin Poyſer, der mit klu⸗ ger Miene und vieler Erbauung zuhörte;„drum be⸗ kommen ſie in ihrem Leben kein Stück Ochſenfleiſch zu eſſen; meiſtens bloß Salat, glaube ich.“ „Und, ſage ich zu Mills,“ fuhr Herr Craig fort, „wollt Ihr mir denn weiß machen daß uns ein ſo fremdes Pack auch nur halb ſo viel ſchaden könnte wie dieſe Miniſter da mit ihrer ſchlechten Regierung? 314 Wenn König Georg ſie alle zum Teufel jagte und ſelbſt regierte, dann könnte noch Alles recht werden; den Willy Pitt könnte er wieder nehmen, wenn er wollte; ſonſt aber ſehe ich nicht ein warum wir außer dem König und dem Parlament noch andere Leute brauchen ſollen. Dieſe Miniſterbrut ſtiftet alles Un⸗ heil, ſag ich Euch.“ „Ei, das iſt leicht geſagt,“ bemerkte Frau Poy⸗ ſer, die jezt neben ihrem Manne ſaß und Totty auf dem Schooß hatte,„das iſt leicht geſagt. Wenn Jedermann Stiefel anhat, ſo bringt man nicht ſo ſchnell heraus wer der Schwarze iſt.“ „Was dieſen Frieden betrifft,“ meinte Herr Poy⸗ ſer, indem er mit zweifleriſcher Miene ſeinen Kopf ſeitwärts neigte und vorſichtig zwiſchen jeden Saz hineinpaffte,„ſo weiß ich nicht. Dieſer Krieg iſt eine ſchöne Sache für das Land; wie wolltet ihr denn ſonſt die Preiſe hoch halten? und dieſe Fran⸗ zoſen ſind, nach Allem was ich gehört habe, ein gottloſes Pack; was kann man Beſſeres thun als ſie ekämpfen?“ „Sie haben theilweiſe Recht, Poyſer,“ ſagte Herr Craig,„aber ich bin nicht gegen den Frieden— man muß auch einmal Feiertage machen. Wir können den Frieden brechen wann wir wollen, und für ſo geſcheidt man auch den Bony ausſchreit, ſo fürchte ich ihn doch nicht, das habe ich heute früh zu Mills geſagt. Bei Gott, er ſieht gar nicht über dieſen Bony hinaus, doch ich habe ihm in drei Minuten mehr Ideen in den Kopf geſezt als er von der Zei⸗ tung das ganze Jahr über gewonnen hat. Sage ich, bin ich ein Gärtner der ſein Geſchäf verſteht, — 315 oder bin ich es nicht, Mills? Allerdings ſeid Ihr das, Craig, ſagt er— für einen Haushofmeiſter iſt er kein ſo übler Burſche, dieſer Mills, nur etwas ſchwach im Kopf. Nun ja, ſage ich, Ihr ſprecht von Bony's Verſtand. Was würde es mir nüzen, wenn ich ein Gärtner erſten Rangs wäre und weiter Nichts als Sumpfland zu bearbeiten hätte? Das wäre frei⸗ lich Nichts, ſagt er. Nun ja, ſage ich, ſo iſt es ge⸗ rade mit Bony; ich will nicht läugnen daß er ſeinen ſchönen Verſtand hat, aber er iſt doch kein geborner Franzoſe wie ich höre, und die Leute die er hinter ſich hat, ſind nicht viel Schaz werth.“ Herr Craig pauſirte einen Augenblick und ſchaute nach dieſer ſiegreichen Probe ſocratiſcher Beweisfüh⸗ rung bedeutſam um ſich; dann fügte er mit einem grimmigen Schlag auf den Tiſch hinzu:„Es iſt ganz gewiß wahr— ich weiß Leute die es bezeugen können— als einmal bei einem Regiment ein Mann fehlte, ſteckte man einen großen Affen in Uni⸗ form, und ſie paßte für ihn ſo gut wie die Schale für die Wallnuß paßt, ſo daß man den Affen gar nicht von dieſen Bürſchchen unterſcheiden konnte.“ „Ei was iſt das!“ rief Herr Poyſer, auf welchen ſowohl die politiſche Tragweite dieſer Thatſache als auch das naturgeſchichtliche Intereſſe derſelben einen großen Eindruck machte. „Hören Sie, Craig,“ ſagte Adam,„das iſt doch ein Bischen zu ſtark. Sie glauben es ſelbſt nicht. Das iſt lauter Unſinn daß die Franzoſen ſo leibarme Bürſchchen ſein ſollen. Herr Irwine hat ſie in ihrem eigenen Lande geſehen, und er ſagt daß viele recht ſtattliche Burſche unter ihnen ſeien. Und was Kennt⸗ 316 niſſe und Erſindung und Manufacturen betrifft, ſo könnten wir ihnen noch manches Gute abſehen. Es iſt einfältig ſeine Feinde herabzuſezen; wenn ſie ſo ein ſchofles Pack wären, wie die Leute ſagen, ſo wäre es für Nelſon und die Seinigen weiter kein Ver⸗ dienſt ſie geſchlagen zu haben.“ Herr Poyſer ſah zweifelhaft Herrn Craig an, welchen dieſe Entgegenſtellung von Autoritäten in große Verlegenheit brachte. Herrn Irwine's Zeug⸗ niß ließ ſich nicht anfechten, aber auf der andern Seite war Craig wirklich ein ſchlauer Geſelle und ſeine Behauptungen erſchienen nicht ſo ſehr auffallend. Martin hatte nie ſagen hören daß die Franzoſen viel taugen. Gleichwohl ließ Craig ſeine ganze Ant⸗ wort darin beſtehen daß er einen langen Schluck nahm und die Proportionen ſeines Fußes betrachtete, den er zu dieſem Behuf auswärts drehte. Jezt kam Barthel Maſſey von dem Feuerherd zurück, wo er ſeine erſte Pfeife in Ruhe geraucht hatte, und brach das Stillſchweigen mit den Worten: „Ei Adam, wie kam's doch daß Du am Sonn⸗ tag nicht in der Kirche warſt, Du Spizbube? ant⸗ worte mir einmal darauf. Der Lobgeſang ging ganz lahm ohne Dich. Du wirſt doch Deinem Schulmeiſter nicht noch in ſeinen alten Tagen Schande machen wollen?“ „Nein, Herr Maſſey,“ ſagte Adam.„Herr und Frau Poyſer können ſagen wo ich war.“ „Sie iſt fort, Adam, fort nach Snowfield,“ ſagte Herr Poyſer, der zum erſtenmal an dieſem Abend wieder an Dina dachte.„Ich meinte, Sie hätten das Mädchen auf beſſere Gedanken gebracht. Sie 317 ließ ſich gar nicht mehr aufhalten, ſondern verlangte durchaus geſtern früh fortzureiſen. Meine Frau hat es noch kaum überwunden. Ich dachte, ſie würde gar keinen Sinn für das Erntemahl haben.“ Frau Poyſer hatte ſchon mehrmal ſeit Adams Ankunft an Dina gedacht, aber ſie konnte es nicht übers Herz bringen ihm die ſchlimme Botſchaft zu verkünden. „Ei wie?“ ſagte Barthel mit einem gewiſſen Aerger;„war ein Weibsbild dabei betheiligt? dann geb' ich Dich auf, Adam.“ „Ei, es iſt ein Weibsbild von welchem Sie ein⸗ mal gut geſprochen haben, Barthel,“ ſagte Herr Poyſer;„jezt können Sie nicht mehr zurück; Sie haben einmal geſagt, die Weiber wären keine ſchlechte Erfindung, wenn alle ſo wären wie Dina.“ „Ich meinte bloß ihre Stimme, lieber Mann, bloß ihre Stimme, ſonſt Nichts; ich kann ſie reden hören ohne daß ich mir Wolle in die Ohren zu ſtopfen brauche; ſonſt iſt ſie gewiß wie alle andern Weiber und glaubt, zweimal zwei mache fünf, wenn ſie nur recht ſchreie und lärme.“ „Ja, ja,“ ſagte Frau Poyſer,„wenn man ge⸗ wiſſe Leute reden hört, ſo ſollte man meinen, die Männer ſeien ſo ſchlau, daß ſie die Körner in einem Weizenſack zählen können wenn ſie nur daran riechen. Sie können durch eine Scheunethüre hindurchſehen, ja wohl. Vielleicht iſt dieß der Grund warum ſie draußen vor der Scheune ſo wenig ſehen.“ Martin Poyſer ſchüttelte ſich vor herzlichem Ge⸗ lächter und winkte Adam zu, als wollte er ſagen der Schulmeiſter könne zufrieden ſein. ‿— 318 „Ah,“ verſezte Barthel höhniſch,„die Frauen ſind geſcheidt, ja ſehr geſcheidt. Sie kennen eine Ge⸗ ſchichte ohne ſie nur gehört zu haben, und wiſſen einem Manne ſeine Gedanken zu ſagen bevor er ſie ſelbſt weiß.“ „Ganz natürlich,“ antwortete Frau Poyſer,„denn die Männer ſind meiſtens ſo langſam, daß ihre Ge⸗ danken ihnen vorauslaufen und ſie dieſelben nur noch beim Schwanz packen können. Ich kann einen Strumpf abzählen bis ein Mann ſeine Zunge in Bereitſchaft ſezt; und wenn er endlich mit ſeiner Sprache heraus⸗ rückt, dann iſt wenig Fleiſchbrühe daran zu finden. Die todten Küchlein kriechen am langſamſten heraus. Inzwiſchen kann ich nicht läugnen daß die Weiber auch närriſch ſind; Gott der Allmächtige hat ſie ja geſchaffen daß ſie zu den Männern paſſen ſollen.“ „Paſſen,“ rief Barthel;„ja wohl wie Eſſig zu den Zähnen paßt. Wenn ein Mann ein Wort ſagt, ſo iſt ſeine Frau gleich mit der Gegenrede bei der Hand; wenn er warmes Fleiſch verlangt, ſo gibt ſie ihm kalten Speck; wenn er lacht, ſo findet ſie es paſſend zu winſeln. Sie paßt wie die Pferdefliege zu dem Pferde paßt, ſie hat das rechte Gift um ihn zu ſtechen.“ „Ja,“ erwiderte Frau Poyſer,„ich weiß was den Männern gefällt— ſo eine rechte Gans welche ſie einfältig anlächelt wie ein Sonnenbild, ob ſie nun Recht oder Unrecht haben, die für einen Puff noch groß Dank ſagt und nicht zu wiſſen ſcheint ob ſie auf dem Kopf oder den Füßen ſteht, bis ihr Mann es ihr ſagt. Das verlangt ein Mann meiſtens von einem Weib: er will eine Närrin um ſich haben, die 319 ihm ſagen ſoll daß er weiſe ſei; aber es gibt auch Männer die das nicht verlangen; ſie denken ſchon von ſich ſelbſt zu hoch und das ſind die alten Jung⸗ geſellen.“ „He, Craig,“ ſagte Herr Poyſer ſcherzhaft,„Sie müſſen jezt ſchnell heirathen, ſonſt wirft man Sie auch unter die alten Junggeſellen, und Sie ſehen was die Weiber dann von Ihnen denken würden.“ „Ei,“ ſagte Herr Craig, der Frau Poyſer zu verſöhnen wünſchte und auf ſeine eigenen Compli⸗ mente einen hohen Werth legte;„ich habe allen Re⸗ ſpect vor einer geſcheidten Frau, vor einer entſchloſſe⸗ nen Frau, vor einer Frau welche die Haushaltung verſteht.“ „Fehlgeſchoſſen, Craig,“ verſezte Barthel trocken, „ganz fehlgeſchoſſen! Ihre Gartengeſchichten betrei⸗ ben Sie nach einem beſſeren Plan: Sie ſezen jede Pflanze in den Boden wo ſie ſich gerade auszeichnen kann. Sie ſchäzen die Erbſen nicht nach den Wur⸗ zeln und die Rüben nicht nach den Blüthen. Auf dieſe Art muß man auch die Weiber wählen: ihr Verſtand will nicht viel heißen, gar nicht viel, aber ſie können ganz vortreffliche und angenehme einfäl⸗ tige Tröpfe ſein.“ „Was ſagſt Du dazu?“ ſagte Herr Poyſer, in⸗ dem er ſich zurückwarf und ſeine Frau luſtig an⸗ ſchaute. „Was ich ſage?“ antwortete Frau Poyſer, in deren Augen ein gefährliches Feuer loderte;„nun ich ſage daß gewiſſe Leute Zungen haben die wie die Uhren beſtändig ſchlagen, aber nicht um die Zeit an⸗ zugeben, ſondern weil am inneren Werke Etwas fehlt.“ 320 Frau Poyſer würde wahrſcheinlich ihre Entgeg⸗ nung noch mehr geſteigert haben wenn nicht die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit jezt dem untern Ende des Tiſches ſich zugewendet hätte, wo der lyriſche Drang, der ſich Anfangs nur in Davids leiſe vorgetragenem Liede: Meine Lieb' iſt eine Roſe ohne Dorn, kund⸗ gegeben, allmählig einen etwas betäubenden und der⸗ ben Character angenommen hatte. Tim, der von Dovids Stimmmitteln ſehr gering dachte, fühlte ſich gedrungen dieſes ſchwache Geſumme durch einen mun⸗ teren Vortrag der drei luſtigen Schnitter zu über⸗ bieten, aber David ließ ſich nicht ſo leicht aus dem Felde ſchlagen, ſondern zeigte ſich zu einem tüchtigen Crescendo fähig, ſo daß es zweifelhaft wurde ob die Roſe nicht den Vorrang über die Schnitter gewinnen würde, während auf einmal der alte Keſter, ganz unbewegt und unbeweglich, in einen ſchmetternden Discant ausbrach der wie ein Löwenruf erſcholl. Die Geſellſchaft die neben Alick unten am Tiſche ſaß, nahm dieſe Art von Vortrag freundlich genug auf, da ſie ſich von allen muſicaliſchen Vorurtheilen frei fühlte, aber Barthel Maſſey legte ſeine Pfeife weg und ſteckte die Finger in ſeine Ohren, und Adam ſeinerſeits, der ſchon längſt hatte gehen wollen, ſeit er erfahren daß Dina nicht mehr im Hauſe war, ſtand auf und ſagte, er müſſe jezt gute Nacht wünſchen. „Ich gehe mit Dir, Junge,“ ſagte Barthel;„ich gehe mit Dir ſo lange mir mein Trommelfell noch nicht geſprungen iſt.“ „So will ich über die Gemeindewieſe gehen und Sie nach Hauſe bringen, Herr Maſſey,“ ſagte Adam. 321 „Ja, ja,“ verſezte Barthel,„dann können wir noch ein Bischen plaudern. Ich bekomme Dich jezt ſo wenig zu ſehen.“. „Es iſt recht Schade daß Sie ſchon aufbrechen wollen,“ ſagte Martin Poyſer;„die Leute gehen jezt nächſtens alle, denn meine Frau läßt ſie nie länger als bis zehn Uhr beiſammen bleiben.“ Aber Adam war entſchloſſen und verabſchiedete ſich alſo, und die beiden Freunde begannen ihre Wanderung im Sternenlicht. „Das arme närriſche Ding, das Füchschen, winſelt daheim um mich; ich kann ſie nie mit hieher bringen, denn ich fürchte, Frau Poyſer könnte dem armen Thier einmal einen Blick zuwerfen, wovon es ſein Leben lang lahm würde.“ „Meinen Gyp brauche ich nie heimzujagen,“ ver⸗ ſezte Adam lachend.„Er dreht immer auf eigene Fauſt um, ſobald er merkt daß ich hieher will.“ „Ja, ja,“ ſagte Barthel,„es iſt ein furchtbares Weib! Sie beſteht aus lauter Nadeln— aus lau⸗ ter Nadeln. Aber Martin iſt ein rechter Kerl, auf den halte ich Etwas. Und er liebt die Nadeln, Gott ſteh ihm bei, er ſcheint zu einem wahren Nadelkiſſen eingerichtet zu ſein.“ „Bei all dem iſt ſie aber doch eine ganz auf⸗ richtige und ſehr gutmüthige Natur, wahr wie das Sonnenlicht; ſie iſt etwas unfreundlich gegen die Hunde wenn ſie in das Haus kommen wollen; aber wenn ſie von ihr abhingen, ſo würde ſie es ihnen an Nichts fehlen laſſen. Ihre Zunge mag ſcharf ſein, aber ihr Herz iſt ſanft, das habe ich in den Eliot, Adam Bede. III. 21 322 Zeiten der Trübſal geſehen. Sie gehört zu den Frauen die beſſer ſind als ſie ſich ſelbſt geben.“ „Nun meinetwegen,“ ſagte Barthel,„der Apfel mag allerdings kerngeſund ſein; aber die Zähne wer⸗ den mir ſtumpf davon.“ Vierundfünßzigſtes Capitel. Das Zuſammentreffen auf dem Hügel. Adam verſtand die Eilfertigkeit womit Dina die Abreiſe betrieb, und erblickte darin weit mehr Grund zur Hoffnung als zur Entmuthigung. Sie fürchtete, ihre mächtige Neigung zu ihm möchte ſie verhindern der lezten leitenden Stimme von innen die gebüh⸗ rende Aufmerkſamkeit zu ſchenken und treuen Gehor⸗ ſam zu leiſten. 4 „Hätt' ich ſie wenigſtens gebeten mir zu ſchrei⸗ ben,“ dachte er.„Und doch würde vielleicht auch das ſie ein wenig beunruhigen. Sie wünſcht jezt eine Weile ganz in ihrer alten Weiſe dahinzuleben. Und ich habe kein Recht den Ungeduldigen zu ſpielen und mit meinen Wünſchen dazwiſchen zu fahren. Sie hat mir ihre Herzensmeinung geſagt; ſie iſt nicht diejenige die anders ſpricht als ſie denkt: ich will geduldig warten.“ Das war Adams weiſer Entſchluß, und derſelbe gedieh in den erſten zwei oder drei Wochen vortreff⸗ lich bei der Nahrung die er aus der Erinnerung an Dina's Bekenntniß an dieſem Sonntag Mittag ſchöpfte. In den erſten paar Liebesworten liegt eine erſtaunliche Kraft der Aufrichtung. Aber gegen die —— 323 Mitte Octobers begann die Entſchloſſenheit allmählig abzunehmen und zeigte gefährliche Symptome von Erſchöpfung. Die Wochen wurden ſchrecklich lang: Dina hatte wahrlich mehr als die nöthige Zeit ge⸗ habt um ihren Entſchluß zu faſſen. Wenn ein Mäd⸗ chen einmal einem Manne ihre Liebe geſtanden hat, dann mag ſie nachher ſagen was ſie will, er iſt durch den erſten Trank den ſie ihm bietet zu ſehr erhizt und geſteigert, um viel darnach zu fragen wie der zweite munden wird. Er betritt die Erde mit ſehr elaſtiſchen Schritten wenn er von ihr geht und küm⸗ mert ſich wenig um alle Schwierigkeiten. Aber dieſe Art von Glut erliſcht: die Erinnerung wird mit der Zeit ſchmählich verwäſſert und iſt nicht mehr ſtark genug um uns wieder aufzufriſchen. Adam war nicht mehr ſo zuverſichtlich wie bisher: er begann zu fürchten, Dina möchte vielleicht ihrer alten Lebens⸗ weiſe zu viel Gewalt eingeräumt haben als daß ihr neues Gefühl obſiegen könnte. Hätte ſie das nicht ſelbſt empfunden, ſo würde ſie ihm gewiß einige Worte des Troſtes geſchrieben haben; aber es ſchien daß ſie ihm gänzlich alle Hoffnung rauben wollte. Je mehr Adams Vertrauen ſchwand, um ſo mehr verſchwand auch ſeine Geduld, und er dachte er müſſe jezt ſelbſt an das Mädchen ſchreiben, er müſſe ſie erſuchen ihn nicht länger als es nöthig ſei dieſen Zwei⸗ felsqualen preiszugeben. Eines Nachts blieb er lange auf um an ſie zu ſchreiben, aber am Morgen ver⸗ brannte er den Brief, da er ſeine Wirkungen fürch⸗ tete. Eine entmuthigende ſchriftliche Antwort drückte ihn weit ſchlimmer als eine mündliche, denn ihre Rähe verſöhnte ihn mit ihrem Willen. 1 2* 324 Ihr ſeht wie die Sache ſtand: Adam hungerte nach dem Anblick Dina's, und wenn ein ſolcher Hunger einen gewiſſen Grad erreicht, ſo wird ein Verliebter ihn ganz gewiß zu befriedigen ſuchen, ſollte er auch ſeine ganze Zukunft daran ſezen müſſen. Aber was konnte es ſchaden wenn er nach Snow⸗ field ging? Dina konnte es ihm nicht übel nehmen: ſie hatte ihm nicht verboten zu kommen; ſie mußte ſich wahrlich darauf gefaßt halten daß er über kurz oder lang anrückte. Am zweiten Sonntag im October war ihm dieſe Anſicht von der Sache ſo klar gewor⸗ den daß er ſich bereits auf dem Weg nach Snow⸗ field befand; dießmal reiste er zu Pferd, denn ſeine Stunden waren jezt koſtbar und er hatte Jonathan Burge's guten Klepper dazu geborgt. Welche lebhafte Erinnerungen begleiteten ihn auf dem Wege! Er war ſeit ſeiner erſten Reiſe nach Snowfield ſchon oft in Oakbourne geweſen, aber jenſeits dieſes Städtchens ſchienen ihm die grauen Steinhaufen, die verödete Landſchaft und die ver⸗ kümmerten Bäume die Geſchichte jener ſchmerzlichen Vergangenheit die er ſo gut auswendig wußte wie⸗ der aufzufriſchen. Indeß keine Geſchichte bleibt ſich nach Verlauf einiger Zeit gleich für uns, oder viel⸗. mehr wir geben ihr nicht mehr dieſelbe Auslegung, und Adam brachte an dieſem Morgen neue Gedan⸗ ken in dieſe Landſchaft mit— Gedanken welche der Geſchichte der Vergangenheit eine veränderte Bedeu⸗ tung gaben. Es verräth eine niederträchtig ſelbſtſüchtige, ja ſogar gottesläſterliche Geſinnung, über ein vergange⸗ nes Uebel das einen Mitmenſchen zu Grunde gerich⸗ —, +2—ͤ 325 tet oder zermalmt hat ſich zu freuen, weil es für uns ſelbſt eine Quelle unerwarteten Glückes gewor⸗ den iſt. Adam konnte nie aufhören jenes Geheim⸗ niß menſchlichen Leides zu beklagen das ihm ſo nahe gekommen war: er konnte für das Unglück eines Mitmenſchen Gott nicht danken. Und wenn ich ſelbſt einer ſo engherzigen Freude zu Adams Gunſten fähig wäre, ſo wüßte ich dennoch daß er nicht der Mann war ſie zu empfinden: er würde über ein ſolches Gefühl ſeinen Kopf geſchüttelt und geſagt haben: „Uebel iſt Uebel und Kummer iſt Kummer, und ihr könnt ſeine Natur nicht ändern wenn ihr es in an⸗ dere Worte kleidet. Meine Mitmenſchen ſind nicht um meinetwillen geſchaffen, ſo daß ich Alles ganz gut und ſchön finden ſollte, wenn es nach meinen Wünſchen ausſchlägt.“ Wohl erlaubt aber iſt das Gefühl daß das vollere Leben das uns durch eine traurige Erfahrung zu Theil geworden unſeres perſönlichen Antheils von Leiden werth iſt; ſicherlich kann man unmöglich an⸗ ders denken, ſo wenig wie ein mit dem Staare be⸗ hafteter Mann die ſchmerzhafte Entwicklung bedauern kann wodurch ſeine trübe verworrene Anſchauung, welche ihm die Menſchen wie wandelnde Bäume er⸗ ſccheinen ließ, in klare Umriſſe und funkelnde Tages⸗ helle ſich verwandelt hat. Das Wachsthum höheren Gefühls in uns gleicht einer Zunahme der Fähigkeit und bringt ein Bewußtſein erhöhter Kraft mit ſich. Wir können eben ſo wenig zu einer beſchränkteren Sympathie zurückzukehren wünſchen, als ein Maler oder Muſiker zu einer gröberen Manier oder ein Philoſoph zu ſeiner unvollſtändigeren Formel. 326 Ein ähnliches Gefühl erweiterten Seins machte ſich auch in Adam geltend, als er an dieſem Sonntag Morgen in lebhafter Erinnerung an die Vergangen⸗ heit ſeines Wegs ritt. Seine Neigung zu Dina, die Hoffnung ſein Leben mit ihr zu verbringen war der ferne, ungeſehene Zielpunkt geweſen zu welchem jene qualvolle Reiſe nach Snowfield vor achtzehn Mona⸗ ten ihn geleitet hatte. So zärtlich und tief ſeine Liebe zu Hetty geweſen, ſo gewiß ihre Wurzeln ſich nie ganz ausreißen ließen, ſo war doch ſeine Liebe zu Dina beſſer und koſtbarer für ihn, denn ſie war das Erzeugniß des volleren Lebens zu welchem er durch ſeine Bekanntſchaft mit tiefem Kummer gelangt war.„Mir iſt als fühlte ich eine neue Kraft in mir,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſeit ich meiner Liebe und ihrer Gegenliebe gewiß bin. Ich hoffe, ſie wird mir alle Dinge richtig auffaſſen helfen. Denn ſie iſt beſſer als ich— ſie hat weniger Selbſtſucht und weniger Stolz. Und man fühlt ſich gewiſſermaßen freier, man glaubt furchtloſer einherſchreiten zu kön⸗ nen, wenn man auf einen Andern mehr vertraut als auf ſich ſelbſt. Ich habe immer geglaubt, ich wiſſe Alles beſſer als meine Angehörigen, und das iſt doch ein armſeliges Leben wenn man von ſeiner nächſten Umgebung niemals einen beſſeren Gedanken erwarten darf als man bereits ſelbſt im Schädel hat.“ Es war zwei Uhr Nachmittags vorüber, als Adam die graue Stadt am Abhang anſichtig wurde und forſchend in das grüne Thal hinab nach dem alten Strohdach in der Nähe der garſtigen, rothen Fabrik ſchaute. In der milden Octoberſonne erſchien die Landſchaft weniger rauh als in der herben Früh⸗ 327 lingszeit, und der einzige große Reiz welchen ſie mit allen weit offenen waldloſen Gegenden gemein hatte, nämlich daß man ſich des hohen Himmelsgewölbes ſtärker bewußt wurde, hatte an dieſem beinahe wol⸗ kenloſen Tage einen milderen beſchwichtigenderen Ein⸗ fluß als gewöhnlich. Adams Zweifel und Befürch⸗ tungen ſchmolzen unter dieſem Einfluß, wie die zar⸗ ten Wolkengewebe in das helle Blau über ihm all⸗ mählig verſchmolzen waren. Ihm war als ſähe er Dina's mildes Geſicht, wie es ihm ſchon mit ſeinen bloßen Blicken über Alles was er zu wiſſen ver⸗ langte Gewißheit ertheilte. Er dachte ſich daß er Dina um dieſe Zeit nicht zu Haus treffen würde, aber er ſtieg dennoch ab und band ſein Pferd an das Thürchen, um zu fra⸗ gen wohin ſie heute gegangen ſei. Er war ent⸗ ſchloſſen ihr nachzuziehen und ſie heimzubringen. Sie war, erzählte ihm die alte Frau, nach Slomansend, einem Weiler ungefähr eine Stunde von da, gegan⸗ gen; und zwar war ſie gleich nach dem Morgen⸗ gottesdienſt aufgebrochen, um nach ihrer Gewohnheit in einem Hauſe daſelbſt zu predigen. Den Weg nach dem Weiler könne ihm jedes Kind ſagen. Adam ſezte ſich wieder auf ſein Pferd und ritt in die Stadt vor ſein altes Wirthshaus, nahm ſchnell eine Mahl⸗ zeit ein in Geſellſchaft des allzu geſchwäzigen Gaſt⸗ gebers, deſſen freundlichen Fragen und Erinnerungen er ſich ſobald als möglich entzog, und eilte nach Slomansend. Bei all ſeiner Haſtigkeit war es bei⸗ nahe vier Uhr bevor er aufbrechen konnte, und er dachte, Dina würde, da ſie ſchon ſo früh hingegan⸗ gen, vielleicht bereits im Begriffe ſtehen heimzukeh⸗ ren. Der graue verödete Weiler, dem kein Baum 328 einigen Schuz gewährte, ſah ihm ſchon von Weitem entgegen, und als er in die Nähe kam, konnte er einen Lobgeſang vernehmen. Vielleicht iſt dieß das lezte Lied bevor ſie aufbrechen, dachte Adam; ich will ein wenig zurückgehen und dann wieder umkeh⸗ ren, um ihr draußen vor dem Dorf zu begegnen. Er ging bis auf die Höhe des Hügels zuruͤck und ſezte ſich auf einen loſen Stein an der niedrigen Mauer, um zu warten bis er die kleine ſchwarze Figur aus dem Dorfe kommen und den Hügel her⸗ aufgehen ſähe. Er wählte dieſen Plaz beinahe oben auf dem Hügel wegen ſeiner gänzlichen Einſamkeit; kein Haus, kein Vieh, nicht einmal ein nagendes Schaf in der Nähe; rings umher Nichts als die ſchweigenden Lichter und Schatten und der große allumfaſſende Himmel. Sie kam weit ſpäter als er gehofft hatte; er war⸗ tete wenigſtens eine Stunde, ſchaute beſtändig nach ihr und dachte an ſie, während die Schatten des Nachmittags ſich verlängerten und das Licht milder wurde. Endlich ſah er die kleine ſchwarze Geſtalt zwiſchen den grauen Häuſern hervor und allmählig dem Fuß des Hügels näher kommen.„Wie lang⸗ ſam,“ dachte Adam, und doch ging Dina ihren ge⸗ wöhnlichen Schritt, leicht und ruhig. Jezt kam ſie allmählig den Hügel heran: er wollte ihr nicht zu bald entgegentreten, er hatte ſein Herz darauf geſezt ſie in dieſer vollſtändigen Einſamkeit zu treffen. Und nun begann er zu fürchten, ſie möchte zu ſehr über ihn erſchrecken. Doch nein, dachte er, ſie wird nicht gar zu ſehr erſchrecken; ſie iſt immer ſo ſtill und ruhig als wäre ſie auf Alles vorbereitet. Was ſie wohl dachte als ſie den Hügel heran⸗ 329 kam? Vielleicht hatte ſie ohne ihn vollſtändige Ruhe gefunden und fühlte das Bedürfniß ſeiner Liebe nicht mehr. Am Rande einer Entſcheidung zittern wir alle: die Hoffnung pauſirt mit flatternden Flügeln. Aber jezt war ſie endlich ſehr nahe und Adam erhob ſich hinter der ſteinernen Mauer. Zufällig war Dina, juſt als er vorwärts ſchritt, ſtehen ge⸗ blieben und hatte ſich gedreht, um nach dem Dorfe zurückzublicken: wer bleibt nicht ſtehen und blickt zu⸗ rück wenn er einen Hügel hinanſteigt? Adam war froh; denn mit dem feinen Inſtinct eines Liebenden fühlte er daß es für ſie am beſten ſein würde ſeine Stimme zu hören bevor er ſie ſähe. Er näherte ſich ihr bis auf drei Schritte und ſagte: Dina! Sie fuhr zuſammen, aber ohne ſich umzuſchauen, gleich als ob ſie den Ton mit keinem Plaze in Verbindung ſezte. Dina! ſagte Adam aufs neue. Er wußte recht gut was in ihr vorging. Sie war ſo ſehr ge⸗ wöhnt an reine geiſtige Mahnungen und Eindrücke zu denken, daß ſie nach keiner handgreiflichen und ſichtlichen Begleitung der Stimme ſuchte. Aber bei dieſem zweiten Mal ſchaute ſie ſich um. Welch ein ſehnſüchtiger Liebesblick ſchoß nicht aus den ſanften grauen Augen auf den ſtarken ſchwarz⸗ äugigen Mann! Sie fuhr bei ſeinem Anblick nicht wieder zuſammen, ſie ſagte Nichts, ſondern trat auf ihn zu, ſo daß ſein Arm ihren Leib umfaſſen konnte. Und ſo gingen ſie ſchweigend weiter, indeß heiße Thränen floßen. Adam war glücklich und ſagte Nichts. Dina ergriff das Wort zuerſt. „Adam,“ ſagte ſie,„es iſt Gottes Wille. Meine 330 Seele iſt dermaßen mit der Deinigen verwebt daß ich ohne Dich nur ein halbes Leben führe. Und in dieſem Augenblick, jezt da Du bei mir biſt und ich fühle daß unſere Seelen von derſelben Liebe überfließen, habe ich eine Fülle von Kraft zu tragen und den Willen unſeres himmliſchen Vaters zu thun, die ich vorher verloren hatte.“ Adam blieb ſtehen und ſchaute in ihre aufrich⸗ tigen liebreichen Augen. „Dann wollen wir uns nie mehr trennen, Dina, bis der Tod uns ſcheidet.“ Und ſie küßten ſich mit inniger Freude. Was kann es für zwei Menſchenſeelen Größeres geben als das Bewußtſein daß ſie für das ganze Leben verbunden ſind, einander zu ſtärken bei jeder Arbeit, zu ſtüzen bei jedem Kummer, ſich gegenſeitig beizuſtehen in jedem Schmerz und im Augenblick des lezten Scheidens aufs innigſte verbunden zu blei⸗ ben in ſtillen, unausſprechlichen Erinnerungen? Fünfundfünßigſtes Capitel. Hochzeitsglocken. Etwa einen Monat nach dieſem Zuſammentreffen auf dem Hügel, an einem kalten und nebligen Mor⸗ gen zu Ende Novembers, führte Adam ſeine Braut zur Kirche. Es war ein Ereigniß das im Dorf viel zu den⸗ ken gab. Sämmtliche Leute des Herrn Burge und des Herrn Poyſer hatten einen Feiertag, und die 331 meiſten von ihnen erſchienen in ihren beſten Kleidern bei der Hochzeit. Ich glaube, unter allen in dieſer Geſchichte namentlich aufgeführten und an dieſem Novembermorgen noch in der Gemeinde weilenden Einwohnern von Hayſlope war nicht ein einziger der nicht in die Kirche gegangen wäre, um Adam und Dina trauen zu ſehen, oder ſich vor der Kirche aufgeſtellt hätte, um ſie bei ihrem Herauskommen zu begrüßen. Frau Irwine und ihre Töchter war⸗ teten auf dem Kirchhof in ihrem Wagen(denn ſie beſaßen jezt eine Equipage) um den Brautleuten die Hand zu reichen und Glück zu wünſchen; und da Miß Lydia Donnithorne ſich zufällig in Bath befand, ſo hatten Frau Beſt, Herr Mills und Herr Craig es für ihre Pflicht gehalten die Schloßherrſchaft bei dieſer Gelegenheit zu vertreten. Der Kirchhof war gänzlich überſät mit vertrauten Geſichtern, die gro⸗ ßentheils Dina zum erſtenmal geſehen hatten als ſie auf der Wieſe predigte, und kein Wunder daß ſie ihr an ihrem Hochzeitsmorgen ein ſo lebhaftes Intereſſe bezeugten, denn ſo etwas wie Dina und die Geſchichte welche ſie und Adam zuſammengeführt hatte, war ſeit Menſchengedenken in Hayſlope nicht erlebt worden. Beſſy Cranage, mit ihrer zierlichſten Haube und in ihren beſten Kleidern, weinte, obſchon ſie eigent⸗ lich nicht wußte warum; denn wie ihr Vetter Draht⸗ ben, der neben ihr ſaß, ihr ſehr verſtändig zuflüſterte, Dina ging ja nicht fort, und wenn Beſſy einmal betrübt war, ſo konnte ſie nichts Beſſeres thun als Dina's Beiſpiel zu befolgen und einen ehrlichen Burſchen zu heirathen, der ſogleich bei der Hand 332² war. Zunächſt bei Beſſy an der Kirchthüre ſtanden die Poyſerſchen Kinder und ſchauten an den Kirch⸗ ſtühlen herum um die geheimnißvolle Ceremonie an⸗ zuſehen; auf Totty's Geſicht lag eine ungewöhnliche Aengſtlichkeit, denn ſie dachte, Bäschen Dina werde recht alt ausſehen, da nach ihrer Erfahrung verhei⸗, rathete Leute niemals jung waren. Ich beneide ſie alle um den Anblick welchen ſie genoßen, als die Trauung glücklich vorüber war und Adam mit Dina am Arm aus der Kirche trat. Sie trug ſich dieſen Morgen nicht ſchwarz, denn Tante Poyſer hatte eine ſolche Mahnung an mög⸗ liches Unglück durchaus nicht geſtatten wollen und ihr das Hochzeitskleid verehrt, das ganz grau war, aber den gewöhnlichen Quäkerſchnitt hatte; in dieſem Punkt konnte Dina nicht nachgeben. So ſah das Liliengeſicht mit holdem Ernſt unter einer grauen Quäkerhaube hervor, ohne zu lächeln oder zu er⸗ röthen, aber die Lippen zitterten ein wenig unter dem Gewicht feierlicher Gefühle. Adam, der ihren Arm feſt an ſich drückte, ſchritt mit ſeiner alten Ge⸗ radheit einher und hatte ſeinen Kopf ſogar noch etwas mehr zurückgeworfen, als wollte er der Welt noch ſtolzer entgegen treten, aber nicht weil er nach Bräutigamsmanier an dieſem Morgen beſonders ſtolz war, denn ſein Glück gehörte zu denjenigen Arten bei denen man der Meinung der Leute wenig nach⸗ fragt. Dieſe innige Freude hatte eine wehmüthige Beimiſchung: Dina wußte es und fühlte ſich dadurch nicht gekränkt. Drei andere Paare folgten den Brautleuten: zuerſt Martin Poyſer, der an dieſem kalten Morgen — — 333 ſo luſtig ausſah wie ein loderndes Feuer, mit der ſtillen Marie Burge als Brautjungfer; ſodann Seth, auf deſſen Geſicht ein heiteres Glück ſtrahlte, mit Frau Poyſer am Arm; zulezt Barthel Maſſey mit Lisbeth, die ein neues Kleid und eine neue Haube trug und mit ihrem Stolz auf ihren Sohn ſo wie ihrer Wonne über den Beſiz der einzigen erſehnten Tochter zu ſehr beſchäftigt war um den mindeſten Vorwand zu einer Klage zu finden. Barthel Maſſey hatte ſich auf Adams dringen⸗ des Bitten dazu verſtanden der Hochzeit anzuwoh⸗ nen, jedoch unter Proteſtationen gegen das Heirathen im Allgemeinen und die Heirath eines vernünftigen Menſchen im Beſondern. Nichts deſtoweniger er⸗ laubte ſich Herr Poyſer nach dem Hochzeitsmahle ihn damit zu necken daß er in der Sacriſtei der Braut einen Kuß mehr gegeben habe als juſt nöthig geweſen wäre. Hinter dieſem lezten Paar kam Herr Irwine, hochvergnügt über die gute Arbeit die er an dieſem Morgen verrichtet, indem er Adam und Dina zu⸗ ſammengegeben. Denn er hatte Adam in den ſchlimmſten Augenblicken ſeines Kummers geſehen, und welche beſſere Ernte hätte aus dieſer ſchmerz⸗ lichen Ausſaat erwachſen können als gerade dieſe? Die Liebe die in der Stunde der Verzweiflung Hoff⸗ nung und Troſt gebracht, die Liebe die ihren Weg in die dunkle Gefängnißzelle und die noch dunklere Seele der armen Hetty gefunden— dieſe ſtarke, ſanfte Liebe ſollte Adams Gefährtin und Gehülfin ſein bis zum Tode. Mancher Händedruck, manch herzliches Gott ſegne 334 euch und andere gute Wünſche wurden den vier Paaren auf dem Kirchhof zu Theil, und Herr Poy⸗ ſer erwiderte ſie mit ungewohnter Zungenfertigkeit für alle, denn ihm ſtanden jezt alle paſſenden Hoch⸗ zeitsſcherze zu Gebot. Die Frauen, bemerkte er, wiſſen bei einer Hochzeit nichts Geſcheidteres zu thun als ſich die Augen auszureiben. Selbſt Frau Poyſer getraute ſich nicht zu ſprechen, als der Nach⸗ bar ihr die Hände ſchüttelte, und Lisbeth begann dem erſten Beſten welcher ihr ſagte daß ſie wieder jung werde, ins Geſicht zu weinen. Herr Joſua Rann, der an einem kleinen Anfall von Rheumatismus litt, half beim Glockengeläute an dieſem Morgen nicht mit, und da er dieſe form⸗ loſen Begrüßungen, die keine offizielle Mitwirkung von Seiten der Kirche erforderten, mit einiger Ver⸗ achtung anſah, ſo begann er mit ſeiner melodiſchen Stimme vor ſich hinzuſingen:„Welche Wonne, welche Freude!“ als ein Vorſpiel zu dem Effect welchen er durch das Hochzeitslied am nächſten Sonntag hervorzubringen gedachte. „Das iſt eine frohe Kunde für unſern guten Arthur,“ ſagte Herr Irwine beim Wegfahren zu ſeiner Mutter.„Ich will ihm ſchreiben ſobald wir nach Hauſe kommen.“ Epilog. Es iſt gegen Ende Juni 1807. Schon ſeit län⸗ ger als einer halben Stunde hat man Feierabend gemacht in Adam Bede's Zimmerhof, der einſt Jo⸗ nathan Burge gehört hatte, und das ſanfte Abend⸗ —— — 33⁵ licht fällt auf das freundliche Haus mit den bräun⸗ lichen Mauern und dem mattgrauen Strohdach, ſo ziemlich ebenſo wie an dem Juniabend vor neun Jahren, als wir Adam die Schlüſſel hineintragen ſahen. Eine uns wohlbekannte Geſtalt kommt eben aus dem Hauſe und hält die Hände über ihre Augen, indem ſie in die Ferne blickt, denn die Sonnen⸗ ſtrahlen die auf ihre weiße randloſe Haube und das hellbraune Haar fallen, ſind noch ſehr blendend. Aber jezt wendet ſie ſich vom Sonnenlicht ab und ſchaut nach der Thüre. Wir können das holde blaſſe Geſicht jezt ſehr gut ſehen, es hat ſich beinahe gar nicht verändert und iſt nur ein wenig voller gewor⸗ den, wie es der frauenhafteren Geſtalt entſpricht die in dem ſchlichten ſchwarzen Kleid noch immer einfach genug ausſieht. „Ich ſehe ihn, Seth,“ ſagte Dina in's Haus hin⸗ ein;„wir wollen ihm entgegengehen. Komm, Lis⸗ beth, komm mit der Mutter.“ Der lezten Aufforderung entſprach ſogleich ein hübſches Geſchöpfchen mit hellblondem Haar und grauen Augen, nicht viel über vier Jahre alt; ſie kam ſchweigend herausgeſprungen und ergriff ihrer Mutter Hand. „Komm, Onkel Seth,“ ſagte Dina. „Ja, ja, wir kommen ſchon,“ antwortete Seth von innen und erſchien ſogleich, indem er an der Thüre ſich bückte, da er um den ſchwarzen Kopf eines ſtämmigen zweijährigen Neffen, deſſen Beför⸗ derung auf die Schultern des Onkels einigen Auf⸗ ſchub veranlaßt hatte, größer war als ſonſt. 336 „Nimm ihn doch lieber auf den Arm, Seth,“ ſagte Dina mit einem zärtlichen Blick auf den derben ſchwarzäugigen Jungen;„auf dieſe Art wird er Dir läſtig.“ „Nein, nein, Addy reitet gern auf meinen Schul⸗ tern; ich kann ihn ſchon ein Stück weit ſo tragen.“ Zum Dank für dieſe Freundlichkeit ließ der junge Addy mit viel verſprechender Kraft ſeine Ferſen auf Onkel Seths Bruſtkaſten herumtrommeln. Aber an Dina's Seite einherzugehen und ſich von Dina's und Adams Kindern tyranniſiren zu laſſen, das war für Onkel Seth das höchſte Erdenglück. „Wo ſahſt Du ihn denn?“ fragte Seth, als ſie auf das nächſte Feld kamen;„ich kann ihn nirgends finden.“ 8 „Zwiſchen den Hecken am Wege,“ ſagte Dina; „ich ſah ſeinen Hut und ſeine Schultern. Da kommt er wieder hervor.“ „Ich glaube, Du würdeſt ihn überall heraus⸗ finden, wenn er nur irgendwo zu ſehen wäre,“ be⸗ merkte Seth lächelnd;„ſo ging es auch unſerer armen Mutter; ſie blickte immer nach Adam und ſah ihn, troz ihrer trüben Augen, immer früher als andere Leute.“ „Er bleibt länger aus als er erwartete,“ ſagte Dina, indem ſie Arthurs Uhr aus einem Seiten⸗ täſchchen zog und darauf ſah;„es iſt demnächſt ſieben.“ „Ja, ſie werden einander viel zu ſagen gehabt haben,“ verſezte Seth,„und das Wiederſehen iſt gewiß beiden ſehr nahe gegangen. Es ſind ja bei⸗ nahe acht Jahre ſeit ihrer Trennung vergangen.“ 337 „Ja,“ ſagte Dina,„Adam war heute früh ſehr bewegt bei dem Gedanken, wie ſehr wohl der arme junge Mann, in Folge ſeiner Krankheit und auch der vielen Jahre die an uns allen Spuren zurück⸗ gelaſſen, ſich verändert haben müſſe. Und dann der Tod der armen Verirrten, als ſie zu uns zurück⸗ kehrte— das war Kummer über Kummer.“ „Sieh, Addy,“ ſagte Seth, indem er den Klei⸗ nen jezt auf ſeinen Arm herabnahm und mit dem Finger deutete,„dort kommt der Vater— an dem Steg dort.“ Dina beſchleunigte ihre Schritte und die kleine Lisbeth lief aus Leibeskräften voraus, bis ſie ihres Vaters Beine umklammerte. Adam tätſchelte ſie auf den Kopf, hob ſie in die Höhe und gab ihr einen Kuß; aber Dina konnte, als er näher kam und ſchweigend ihren Arm in den ſeinigen legte, d ſeinem Geſicht deutliche Spuren von Aufregung ſehen. „So Bürſchchen, ſoll ich Dich jezt nehmen?“ ſagte er mit einem ſchwachen Lächeln, als Addy ſeine Aermchen ihm entgegenſtreckte; denn mit der ge⸗ wöhnlichen Niederträchtigkeit der Kinder war der Junge ſogleich bereit ſeinen Onkel Seth fahren zu laſſen, als er ſich jezt unter einen noch höheren Schuz geſtellt ſah. „Es hat mir ſehr wehe gethan, Dina,“ ſagte Adam endlich, als ſie weiter gingen. „Fandeſt Du ihn ſehr verändert?“ fragte Dina. „Ja und Nein. Ich hätte ihn überall wieder erkannt. Aber ſeine Farbe iſt verändert und er ſieht ſo betrübt aus. Inzwiſchen ſagen die Aerzte, Eliot, Adam Bede. III. 22 338 in ſeiner Heimathluft werde er ſich ſchon wieder zu⸗ recht finden. Innerlich iſt er kerngeſund, nur das Fieber hat ihn ſo erſchüttert. Aber er ſpricht ganz wie früher und lächelte mich gerade ſo an wie in ſeiner Kindheit. Es iſt merkwürdig wie er immer ganz denſelben Ausdruck hatte wenn er lächelte.“ „Ich habe ihn nie lächeln geſehen, den armen jungen Mann,“ bemerkte Dina. „Aber Du wirſt ihn morgen lächeln ſehen,“ antwortete Adam.„Seine erſte Frage war nach Dir, als er ſich einigermaßen erholt hatte, und wir mit einander ſprechen konnten. Hoffentlich hat ſie ſich nicht verändert, ſagte er; ich erinnere mich ihres Geſichtes ſo wohl. Ich ſagte Nein,“ fuhr Adam fort, indem er zärtlich in die Augen blickte die zu den ſeinigen aufſchauten;„Du ſeieſt nur ein Bischen ſtärker geworden, wozu Du nach ſieben Jahren wohl das Recht habeſt. Ich darf doch morgen kommen und ſie beſuchen? fragte er; ich ſehne mich ihr zu ſugen wie oft ich dieſe ganze Zeit an ſie gedacht abe.“ „Haſt Du ihm geſagt daß ich die Uhr immer getragen habe?“ fragte Dina. „Ja, und wir haben viel von Dir geſprochen. Ich werde noch Methodiſt werden, ſagte er, wenn ſie im Freien predigt, und in ihre Verſammlungen gehen. Nein Herr, antwortete ich, das können Sie nicht, denn die Synode hat den Frauenzimmern das Predigen verboten und Dina hat es aufgegeben; ſie ſpricht zu den Leuten nur noch manchmal in ihren Häuſern.“ „Ach ja,“ bemerkte Seth, der ſich nicht enthal⸗ —— 339 ten konnte über dieſen Punkt mitzuſprechen,„es iſt doch Jammerſchade daß die Synode dieß gethan hat, und wäre Dina meiner Anſicht geweſen, ſo wären wir von den Wesleyanern ausgetreten und hätten uns einer Geſellſchaft angeſchloſſen, welche der chriſtlichen Freiheit keine ſo engen Grenzen ſtellt.“ „Nein, Junge, nein,“ erklärte Adam;„ſie hatte Recht und Du hatteſt Unrecht. Es gibt keine noch ſo weiſe Regel wodurch nicht der Eine oder Andere benachtheiligt würde. Die meiſten Frauenzimmer ſtiften mit ihrem Predigen mehr Schaden als Nuzen, ſie haben nicht Dina's Gabe und Geiſt, und weil Dina das einſah, ſo hat ſie es auch für Recht ge⸗ funden mit dem Beiſpiel der Unterwerfung voran⸗ zugehen, denn es hindert ſie ja Niemand da und dort auf andere Arten zu unterrichten. Und ich bin mit ihr einverſtanden und billige ihr Benehmen vollſtändig.“ Seth ſchwieg. Dieß war ein ſtehender Streit⸗ punkt auf welchen man nur ſelten anſpielte, und da Dina ihn ſchnell zu beſeitigen wünſchte, ſo ſagte ſie: „Haſt Du dem Oberſten Donnithorne den Auf⸗ trag von Onkel und Tante ausgerichtet, Adam?“ „Ja, und er wird übermorgen mit Herrn Irwine auf dem Pachthof erſcheinen. Herr Irwine kam her⸗ ein während wir gerade davon ſprachen, und ver⸗ langte, der Oberſt ſolle morgen gar Niemand be⸗ ſuchen als Dich. Er meinte, und darin hat er auch ganz Recht, es würde ihm nicht gut thun wenn ſeine Gefühle durch vieles Beſuchemachen aufgeregt wür⸗ den. Wir müſſen Dich zuerſt wieder kräftig und 340 munter ſehen, Arthur, ſagte er, und dann kannſt Du's halten wie Du willſt; aber bis dahin werde ich Dich als Dein alter Lehrer wieder unter meinem Daumen halten. Herr Irwine iſt ſeelenvergnügt daß er ihn wieder daheim hat.“ Adam ſchwieg eine Weile, dann ſagte er: „Es ging uns Beiden ſehr zu Herzen als wir einander zum erſtenmal wieder ſahen. Er hatte von der armen Hetty Nichts gehört, bis Herr Irwine ihn in London traf, denn die Briefe verfehlten ihn unterwegs. Seine erſten Worte als wir einander die Hand gegeben, waren: Ich konnte Nichts für ſie thun, Adam. Sie hat lange genug gelitten— ich dachte ſo oft an die Zeit wo ich Etwas für ſie thun könnte. Aber Sie hatten vollkommen Recht, als Sie einmal zu mir ſagten, es gebe ein Unrecht das ſich nie wieder gut machen laſſe.“ 4 „Ei ſieh da, da kommen Poyſers zum Hofthor herein,“ ſagte Seth. „Ja wahrhaftig,“ verſezte Dina.„Lauf, Lisbeth, lauf ſchnell Tante Poyſer entgegen. Komm herein, Adam, und ruhe aus, Du haſt einen harten Tag gehabt.“ 1 Ende. — ——C—Z—ℳ—ℳ⸗—Y— OO— ————— 44. 7—— 7.