v“ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.—. „83. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: e eer Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr. Pf. 1 fern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ in Werkes, ſo iſt Adun Vele Von George Eliot. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1861. . 2/4 8 6 9 8* . d 1 — — / 7 e„ 8 8 Aℳ — A —— Oruck der K. Hofbuchdruckerci Zu Guttenberg in Stuttgart. Siebenzehntes Capitel. Die Geſchichte macht eine kleine Pauſe. „Dieſer Pfarrer von Brorton iſt nicht viel beſſer als ein Heide!“ höre ich eine meiner Leſerinnen rufen. „Wie ungleich erbaulicher wäre es geweſen wenn Sie ihm wahrhaft geiſtlichen Rath für Arthur in den Mund gelegt hätten! Sie hätten ihn die ſchönſten Dinge ſagen laſſen können, ſo daß es für den jungen Mann ſo gut geweſen wäre als hätte er eine Pre⸗ digt geleſen.“ Gewiß hätte ich das gekonnt, meine ſchöne Cri⸗ tikerin, wenn ich ein gewandter Romanſchreiber wäre, wenn ich nicht knechtiſch hinter der Natur und That⸗ ſache einher kriechen müßte, ſondern die Fähigkeit beſäße die Dinge ſo darzuſtellen wie ſie nie geweſen ſind und niemals ſein werden. Dann hätte ich natür⸗ lich meine Charactere lediglich ſelbſt ausgewählt; ich hätte den vortrefflichſten Typus von einem Geiſtlichen ausleſen und ihm bei jeder Gelegenheit meine eige⸗ nen bewundernswürdigen Grundſäze in den Mund legen können. Aber Sie müſſen ſchon längſt bemerkt haben daß ich keinen ſo hohen Beruf in mir ver⸗ ſpüre, und daß mein ganzes Streben bloß auf ge⸗ 1* 4 treue Berichterſtattung über Menſchen und Dinge gerichtet iſt, ſo wie ſie ſich in meinem Geiſte ge⸗ ſpiegelt haben. Der Spiegel iſt ohne allen Zweifel mangelhaft, die Umriſſe werden manchmal etwas verwiſcht ſein, der Widerſchein matt oder trübe, aber ich fühle mich eben ſo ſehr verpflichtet möglichſt ge⸗ nau zu ſagen was das Spiegelbild iſt, als wenn ich in der Zeugenloge ſäße und meine Ausſage beſchwö⸗ ren müßte. Vor ſechzig Jahren— es iſt lange her und alſo kein Wunder wenn die Dinge ſich verändert haben — waren nicht alle geiſtlichen Herrn Zeloten; es iſt ſogar Grund vorhanden zu glauben daß die Zahl der glaubenseifrigen Geiſtlichen klein war, und wenn einer aus der geringen Minorität im Jahr 1799 die Pfründen von Broxton und Hayſlope beſeſſen hätte, ſo würden Sie ihn wahrſcheinlich nicht mehr lieben als Herrn Irwine. Zehn gegen eins, Sie hätten ihn für einen abgeſchmackten, indiscreten Methodiſten gehalten. Es iſt ſo überaus ſelten daß die That⸗ ſachen jene zarte Mitte treffen die unſeren eigenen erleuchteten Anſichten und unſerem verfeinerten Ge⸗ ſchmacke entſpricht. Vielleicht werden Sie ſagen: „Dann mache doch die Thatſache ein wenig beſſer, bringe ſie mehr in Einklang mit den geläuterten Anſichten deren wir uns heut zu Tage erfreuen. Die Welt iſt nicht gerade ſo wie wir ſie wünſchen möch⸗ ten; fahre mit einem geſchmackvollen Pinſel darüber her, damit man glauben kann ſie ſei kein ſolcher Wirrwarr und Miſchmaſch. Laß alle Leute von un⸗ tadelhaften Anſichten auch untadelhaft handeltt, laß Deine fehlerhaften Charactere immer auf der un⸗ 5 rechten und Deine tugendhaften auf der rechten Seite ſtehen. Dann werden wir bald ſehen wen wir ver⸗ dammen und wen wir hoch halten müſſen. Dann werden wir ohne die mindeſte Störung in unſrem Vorurtheil bewundern dürfen: wir werden haſſen und verachten mit der wahren unerſchöpflichen Luſt einer über allen Zweifel erhabenen Zuverſicht.“ Aber meine liebe Freundin, was willſt Du denn mit Deinem Nachbar anfangen der Deinem Manne in der Kirchſpielverſammlung opponirt?— Mit Deinem neuernannten Pfarrer deſſen Predigten Du im Vergleich mit denen ſeines betrauerten Vor⸗ gängers herzlich ſchlecht findeſt?— Mit der ehr⸗ lichen Magd die Dich durch ihr einziges Verſehen in Verzweiflung bringt?— Mit Deiner Nachbarin, Frau Green, die in Deiner lezten Krankheit wahr⸗ haft freundlich gegen Dich war, aber ſeit Deiner Geneſung einige ſehr bösartige Aeußerungen über Dich gethan hat?— Und vollends mit Deinem eigenen Ehegemahl, der noch ganz andere ärgerliche Gewohnheiten hat als daß er ſeine Schuhe nicht abpuzt? All dieſe Mitmenſchen müſſen, einer wie der andere, ſo angenommen werden wie ſie ſind: Du kannſt weder ihre Naſen gerade machen, noch ihre Hirnſchädel erleuchten, noch ihre Anlagen recti⸗ ficiren; und dieſe Leute, unter denen Du Dein Leben zubringſt, mußt Du ſchlechterdings ertragen, bemitleiden und lieben: an dieſen mehr oder weniger häßlichen, dummen, albernen Leuten mußt Du ihre guten Regungen zu bewundern fähig bleiben, mußt alle möglichen Hoffnungen auf ſie ſezen, alle mög⸗ liche Geduld mit ihnen haben, und darum möchte 6 ich, ſelbſt wenn es mir frei ſtände, nicht der geſchickte Romanſchreiber ſein der eine ſo unendlich beſſere Welt ſchaffen könnte, als dieſe iſt worin wir Morgens auf⸗ ſtehen um unſere tägliche Arbeit zu beſorgen, ſo daß Du wahrſcheinlich härter und kälter auf die ſtaubigen Straßen und auf die grünen Felder blicken würdeſt, wie auch auf die lebenden Männer und Weiber die durch Deine Gleichgiltigkeit verlezt oder durch Dein Vorurtheil in Schatten gebracht, aber durch Dein Mitgefühl, Deine Nachſicht, Deinen ausgeſprochenen wackern Rechtsſinn erfreut und gefördert werden können. So begnüge ich mich denn meine einfache Ge⸗ ſchichte zu erzählen, ohne daß ich den Dingen einen beſſern Anſtrich zu geben ſuche als ſie in Wirklichkeit beſizen; ohne etwas Anderes zu fürchten als die Falſchheit, wovor man ſich ſelbſt beim beſten Willen fürchten muß. Die Falſchheit iſt ſo leicht, die Wahr⸗ heit ſo ſchwer. Der Pinſel geht ſo köſtlich leicht wenn er einen Greifen malt: je länger die Klauen, je größer die Flügel, um ſo beſſer; aber dieſe wun⸗ derbare Leichtigkeit die wir irrthümlich für Genie hielten kann uns auch im Stich laſſen, wenn wir einen natürlichen Löwen ohne Uebertreibung malen ſollen. Prüfe Deine Worte genau, ſo wirſt Du finden daß es, ſelbſt wenn Du keinen Grund haſt falſch zu ſein, ungemein ſchwer hält die haarſcharfe Wahrheit zu ſagen, ſogar über Deine eigenen un⸗ mittelbaren Gefühle; weit ſchwerer als etwas Schönes inns nicht die haarſcharfe Wahrheit iſt darüber zu agen. Um dieſer ſeltenen köſtlichen Eigenſchaft der Wahr⸗ 7 haftigkeit willen erfreue ich mich an vielen nieder⸗ ländiſchen Gemälden über welche hochfliegende Geiſter verächtlich wegſchauen. Ich finde eine Quelle wonne⸗ voller Sympathie in dieſen treuen Abbildern einer eintönigen häuslichen Exiſtenz, wie ſie unendlich mehr Mitmenſchen beſchieden worden iſt als ein Leben in Pracht oder abſoluter Dürftigkeit, ein Leben voll tragiſcher Leiden oder voll welterſchütternder Thaten. Von wolkengetragenen Engeln, von Propheten, Si⸗ byllen und Kriegshelden wende ich mich ohne Sträu⸗ ben zu einem alten Mütterchen die ſich über ihren Blumentopf neigt oder ihr einſames Mahl verzehrt, während die Mittagsſonne, vielleicht gemildert durch einen Lichtſchirm von grünen Blättern, auf ihre Nacht⸗ haube fällt und juſt den Rand ihres Spinnrades, ihren ſteinernen Krug und all dieſe wohlfeilen all⸗ täglichen Dinge beſcheint welche für ſie die nothwen⸗ digen Koſtbarkeiten des Lebens ſind. Oder ich wende mich zu dieſer Bauernhochzeit die zwiſchen vier braunen Wänden abgehalten wird, wo ein tölpiſcher Bräutigam mit einer hochſchultrigen dickköpfigen Braut den Tanz eröffnet, während ältere Freunde mit ſehr unregel⸗ mäßigen Naſen und Lippen, und wohrſcheinlich mit großen Bierkrügen in der Hand, aber mit einem Ausdruck unverkennbarer Zufriedenheit und Gut⸗ müthigkeit, zuſchauen. Pſui, ſagt mein idealiſtiſcher Freund, welche gemeine Einzelnheiten! Warum mag ſich einer doch ſo viel Mühe geben um ein getreues Conterfei von alten Weibern und dummen Tölpeln zu entwerfen? Welch eine niedrige Phaſe des Lebens! Was für plumpe, häßliche Leute! Aber bei Gott, es kann doch hoffentlich Dinge 8 geben die liebenswürdig ſind ohne ganz hübſch zu ſein? Ich bin nicht ganz mit mir im Reinen ob nicht die Mehrheit des Menſchengeſchlechts häßlich iſt, und ſelbſt unter dieſen Herrn ihrer Mitggeſchöpfe, unter den Britten, ſind unterſezte Figuren, häßliche Naſen und eine ſchmuzige Geſichtsform keineswegs überraſchende Ausnahmen. Dennoch beſteht bei uns viel Familienliebe.é Ich habe einige Freunde zu deren Geſichtszügen die Apollolocke über ihrer Stirne verzweifelt ſchlecht paſſen würde, und dennoch weiß ich ganz beſtimmt daß zärtliche Herzen für ſie ge⸗ ſchlagen haben, und daß ihre Miniaturbilder, die etwas geſchmeichelt, aber immer noch nicht lieblich ſind, insgeheim von mütterlichen Lippen geküßt wer⸗ den. Ich habe manche vortreffliche Matrone geſehen die ſelbſt in ihren beſten Tagen nicht hübſch geweſen ſein konnte, und dennoch hatte ſie in einer geheimen Schublade ein Päckchen vergilbter Liebesbriefe, und holde Kinder bedeckten ihre eingefallenen Wangen mit Küſſen. Und ich glaube daß ſchon manch junger Kriegsheld von mittlerer Statur und flaumigem Bart aufs Entſchiedenſte erklärt hat, er könnte nie etwas Geringeres als eine Diana lieben, und dennoch ſchäzte er ſich im mittleren Leben glücklich an der Seite einer watſchelnden Frau. Ja Gott ſei Dank, das menſchliche Gefühl gleicht den mächtigen Strömen welche der Erde den Segen bringen: es wartet nicht auf Schönheit— es fließt mit unwiderſtehlicher Kraft und bringt die Schönheit mit ſich. Alle Ehre und Achtung der göttlichen Schönheit der Form! Pflegen wir ſie aufs höchſte bei Män⸗ nern, Weibern und Kindern, in unſern Gärten und 9 in unſern Häuſern. Aber lieben wir auch jene andere Schönheit die nicht im Geheimniß der Verhältniſſe liegt, ſondern in dem Geheimniß der tiefen menſch⸗ lichen Sympathie. Malet uns, wenn ihr könnt, einen Engel in herabwallendem veilchenblauem Ge⸗ wand, mit einem Geſicht das vom himmliſchen Lichte gebleicht iſt; malet uns noch öfter eine Madonna die ihr mildes Geſicht aufwärts richtet und ihre Arme öffnet um die göttliche Glorie zu bewillkomm⸗ nen; aber octroyiret uns keine äſthetiſchen Regeln, die jene alten rübenſchabenden Weiber mit ihren ſchwieligen Händen, jene plumpen Bauernlümmel die ſich in einer ſchmuzigen Bierſchenke verluſtiren, jene gebückten Rücken und dummen verwitterten Ge⸗ ſichter die ſich über den Spaten geneigt und die rauhe Arbeit der Welt verrichtet haben, jene Hütten mit ihren zinnernen Pfannen, ihren braunen Krü⸗ gen, ihren zottigen Kötern und ihren Zwiebelbüſcheln aus der Region der Kunſt verweiſen. Es gibt in der Welt ſo Viele von dieſen gemeinen plumpen Leuten die kein pittoreskes, kein ſentimentales Elend haben. Es iſt ſo nöthig daß wir uns ihrer Exiſtenz erinnern, ſonſt könnten wir ſie ja ganz aus unſerer Religion und Philoſophie weglaſſen und uns erhabene Theorien zuſammenzimmern die nur für eine Welt von Extremen taugen. Deßhalb möge die Kunſt uns immer an ſie erinnern; deßhalb wollen wir uns immer Männer wünſchen die mit liebenden Herzen die Mühe eines Lebens daran wenden ſolche alltäg⸗ liche Dinge hervorzuheben, Männer die in dieſen alltäglichen Dingen Schönheit ſehen, denen es Freude macht zu zeigen wie freundlich das Licht des Himmels 10 auf dieſelben fällt. Es gibt wenige Propheten in der Welt, wenige Frauen von erhabener Schönheit, wenige Helden. Es iſt mir nicht gegeben ſolchen Seltenheiten alle meine Liebe und Verehrung zuzu⸗ wenden: ich brauche einen großen Theil dieſer Ge⸗ fühle für meine alltäglichen Mitmenſchen, beſonders für die wenigen die im Vordergrund der großen Menge ſtehen, deren Geſichter ich kenne, deren Hände ich berühre, für die ich mit einer freundlichen Ver⸗ beugung Plaz machen muß. Auch ſind pittoreske Lazzaroni oder romantiſche Verbrecher nicht halb ſo häufig wie der gewöhnliche Arbeiter, der ſich ſein Brod verdient und es auf alltägliche Art, aber in aller Ehrbarkeit mit ſeinem eigenen Sackmeſſer ver⸗ zehrt. Es iſt nöthiger daß ich in einer ſympathiſchen Verbindung mit dem gewöhnlichen Bürgersmann ſtehe der mir in einer ſchlechten Halsbinde und Weſte meinen Zucker zuwiegt, als mit dem hübſcheſten Hallunken in rother Schärpe und grünen Federn; es iſt nöthiger daß mein Herz in liebender Bewunderung über irgend einen Zug ſanfter Güte bei den mangelhaften Leuten aufgehe die mit mir am ſelben Herde ſizen, oder bei dem Geiſtlichen meiner eigenen Gemeinde der vielleicht etwas zu beleibt und auch in andern Be⸗ ziehungen kein ganzer Oberlin oder Tillotſon ſein mag, als über die Thaten von Helden die ich höch⸗ ſtens nur durch Hörenſagen kennen lernen werde, oder über die erhabenſte Quinteſſenz aller pfarrherr⸗ lichen Grazie und Anmuth die jemals ein talentvoller Romanſchreiber ausgedacht hat. Und ſo komme ich auf Herrn Irwine zurück, mit dem ich euch auf den beſten Fuß zu ſezen wünſche, 11 ſo entfernt er auch ſein mag alle eure Anforderungen an den geiſtlichen Character zu befriedigen. Vielleicht glaubet ihr, er ſei nicht, wie er hätte ſollen, ein lebendiger Beweis für die Segnungen einer Natio⸗ nalkirche geweſen. Aber deſſen bin ich nicht ganz ſicher; wenigſtens weiß ich daß die Leute in Broxton und Hayſlope ihren geiſtlichen Hirten nur mit großem Kummer hatten ſcheiden ſehen, und daß die meiſten Geſichter ſich erheiterten wenn er herankam; und bis man beweiſen kann daß Haß für die Seele beſſer iſt als Liebe, muß ich glauben daß Herr Irwine in ſeiner Gemeinde weit wohlthätiger gewirkt hat als der Glaubenseiferer Ryde, der zwanzig Jahre ſpäter dahin kam, als Herr Irwine ſich zu ſeinen Vätern verſammelt hatte. Es iſt wahr daß Herr Ryde ſtreng auf die Glaubensſäze der Reformation hielt, daß er ſeine Pfarrkinder viel in ihren Häuſern beſuchte und die Verirrungen des Fleiſches ſcharf tadelte; ja er ſchaffte ſogar die Umzüge der Kirchenſänger an Weih⸗ nachten ab, weil dadurch der Trunkenheit Vorſchub geleiſtet und heilige Dinge ins Alltägliche herabge⸗ zogen würden. Aber Adam Bede, mit dem ich in ſeinem hohen Alter von dieſen Dingen ſprach, hat mir geſagt daß es nur wenigen Geiſtlichen ſo ſchlecht gelungen ſei die Herzen ihrer Pfarrkinder zu gewinnen wie Herrn Ryde. Sie erhielten zwar durch ihn viele Begriffe über Glaubenslehren, ſo daß beinahe jeder Kirchgänger unter fünfzig zwiſchen dem echten Evan⸗ gelium und den minder wichtigen Lehren ſo genau unterſcheiden lernte, wie wenn er als Diſſenter ge⸗ boren und erzogen worden wäre, und in der erſten Zeit nach ſeiner Ankunft daſelbſt ſchien eine religiöſe 12 Erweckung in dieſem ſtillen ländlichen Bezirk vor ſich zu gehen.„Aber,“ ſagte Adam,„ſchon als junger Menſch habe ich klar eingeſehen daß die Religion etwas Anderes iſt als bloße Begriffe. Nicht die Begriffe führen die Leute auf den rechten Weg, ſon⸗ dern die Gefühle. Mit den Begriffén in der Religion iſt es wie mit der Mathematik, es kann einer friſch⸗ weg Aufgaben löſen, während er am Feuer ſizt und ſeine Pfeife raucht; aber wenn er eine Maſchine oder einen Bau machen ſoll, ſo muß er einen Willen und einen Entſchluß haben und darf ſeine Bequem⸗ lichkeit nicht über Alles lieben. Kurz und gut, die Heerde begann abzunehmen und die Leute begannen leichthin von Herrn Ryde zu ſprechen. Ich glaube daß er es im Grund ehrlich meinte; aber ſehen Sie, er hatte einen mürriſchen Character und marktete mit den Leuten die für ihn arbeiteten, und zu dieſer Sauce wollte ſein Predigen nicht paſſen; dann wäre er auch gerne der Lordrichter in der Gemeinde geweſen, be⸗ ſtrafte die Leute die ein Unrecht begingen, ſchalt ſie wie ein Methodiſt von der Kanzel herab, und doch konnte er die Diſſenters nicht ausſtehen und trat ihnen viel feindſeliger entgegen als Herr Irwine. Und dann reichte er nicht mit ſeinem Einkommen aus, denn er ſchien im Anfang zu glauben daß er mit ſeinen ſechshundert Pfund jährlich ſo dick thun könne als Herr Donnithorne; das iſt ein großes Unglück, und ich habe es oft mitangeſehen bei armen Pfarrern, wenn ſie ganz plözlich eine hübſche Pfründe bekamen. Auswärts wurde Herr Ryde, glaub ich, ſehr geſchäzt, und er ſchrieb auch Bücher; aber in der Mathematik und dergleichen Dingen war er ſo 13 unwiſſend wie ein Frauenzimmer. Auf die Glaubens⸗ lehren verſtand er ſich ſehr gut und er pflegte ſie die Bollwerke der Reformation zu nennen; aber ich habe nie viel auf dieſe Sorte von Gelehrſamkeit gehalten wobei die Leute in Geſchäftsſachen einfältig und unvernünftig bleiben. Herr Irwine war das gerade Gegentheil: ein kluger Mann! Er begriff im Augenblick was man meinte; er verſtand ſich aauch aufs Bauen, und gönnte es jedem wenn er ein gutes Geſchäft machte. Dabei benahm er ſich gegen die Bauern und die alten Weiber und die Arbeitsleute ſo höflich wie gegen die Herrſchaften. Er miſchte ſich nicht in Alles, er ſchimpfte nicht und wollte nicht den Kaiſer ſpielen. Ach er war ein feiner Mann wie man nur einen ſehen kann, und ſo freundlich gegen Mutter und Schweſtern. Die arme kränkliche Fräulein Anna ſchien ihm mehr am Herzen zu liegen als alles Andere in der Welt. Kein Menſch in der ganzen Gemeinde hatte an ihm Etwas auszuſezen, und ſeine Dienſtleute blieben bei ihm bis ſie ſo alt und breſthaft wurden daß er andere dingen mußte um die Arbeit für ſie zu ver⸗ richten.“ „Nun,“ ſagte ich,„das war eine vortreffliche Art zu predigen an den Wochentagen. Aber wenn Euer alter Freund, Herr Irwine, aus dem Grabe aufer⸗ ſtände und nächſten Sonntag die Kanzel beſtiege, ſo würdet Ihr Euch doch ein wenig ſchämen daß er nicht beſſer predigte, nachdem Ihr ſo viel Rühmens von ihm gemacht habt.“ „Nein, nein,“ erwiderte Adam, indem er ſeinen Bruſtkaſten herausdrückte und ſich in ſeinen Stuhl 14 zurücklegte, als wollte er meinen Einwendungen ent⸗ gegentreten,„ich habe Herrn Irwine nie für einen großen Prediger gehalten. Er ging nicht auf tiefe geiſtliche Studien ein, und doch gibt es im innern Leben eines Menſchen viel was man nicht nach Quadratſchuhen meſſen und wovon man nicht ſagen kann: Thue das und das, ſo wird das und das geſchehen. Es gehen Dinge in der Seele vor und es gibt Zeiten wo Gefühle in uns kommen wie ein rauſchender mächtiger Wind, wie die Schrift ſagt, und unſer Leben beinahe in zwei Theile ſpalten, ſo daß wir auf uns ſelbſt zurückblicken wie wenn wir etwas ganz Anderes wären. Das läßt ſich nicht mit einer Regel: Thue das und thue das! abmachen, und ich gehe da mit den entſchiedenſten Methodiſten ſo weit als nur einer. Das zeigt mir daß es tiefe geiſtliche Dinge in der Religion gibt. Mit Reden läßt ſich nicht viel ausrichten, aber man fühlt es. Herr Irwine ging auf dieſe Dinge nicht ein: er hielt kurze moraliſche Predigten und das war Alles. Aber dann handelte er auch nach dem was er ſagte. Er wollte nicht heut unendlich höher ſtehen als Andere und dann morgen ihnen ſo ähnlich ſein wie zwei Erbſen, und die Leute liebten und reſpectirten ihn, und das war beſſer als wenn er durch allzu großen Eifer ihre Galle aufgeregt hätte. Frau Poyſer— Sie wiſſen ja, ſie wollte über Alles ihre Meinung ausſprechen— pflegte zu ſagen, Herr Irwine ſei wie eine gute Mahlzeit die einem gut bekomme, ohne daß man weiter daran denke; Herr Ryde aber gleiche einer Arznei die einen angreife und quäle, und nach⸗ her werde man doch nicht beſſer davon.“ 15 „Aber Adam, predigte Herr Ryde nicht weit mehr über dieſes innere Leben von dem wir ſprechen? hattet Ihr von ſeinen Predigten nicht mehr Nuzen als von denen des Herrn Irwine?“ „Ich weiß nicht. Er predigte viel von Glaubens⸗ lehren. Aber ich habe ſchon in meiner Jugend ganz deutlich geſehen daß die Religion etwas Anderes iſt als Glaubenslehren und Begriffe. Die Glaubens⸗ lehren kommen mir ſo vor, als wenn ſie Namen für unſere Gefühle wären, ſo daß man von ihnen ſprechen kann wenn man ſie auch nie gekannt hat, gerade wie einer von Handwerkszeugen ſprechen kann wenn er ihre Namen weiß, obwohl er ſie ſelbſt nie geſehen und noch weniger gebraucht hat. Ich habe in meinem Leben viel von Glaubenslehren gehört, denn als Burſche von ſiebzehn Jahren ging ich mit Seth zu den Diſſenterpredigern und zerbrach mir den Kopf über Arminianer und Calviniſten. Die Methodiſten ſind heftige Arminianer, wie Sie wiſſen, und Seth, der nie eine Härte vertheidigen konnte und immer das Beſte hoffte, hielt von Anfang an feſt zu den Wesleyanern; aber ich dachte ich könnte ein paar Löcher in ihren Lehren finden, und da disputirte ich einmal mit einem ihrer Wortführer in Treddleſton und trieb ihn ſo in die Enge daß er zulezt ſagte: Junger Mann, der Teufel gebraucht Euern Hochmuth und Eure Einbildung als Kriegswaffe gegen die Ein⸗ falt der Wahrheit. Ich lachte ihm ins Geſicht; aber als ich nach Hauſe ging, dachte ich der Mann habe doch nicht ganz Unrecht. Ich begann einzuſehen daß all dieſes Abwägen und Sichten, was dieſer und jener Spruch bedeute, und ob die Leute alle lediglich 16 durch Gottes Gnade ſelig werden oder ob auch eine nze von ihrem eigenen Willen dazu gehöre, mit der wirklichen Religion gar Nichts zu ſchaffen habe. Man kann ſtundenlang von ſolchen Dingen ſprechen und man wird nur eitler und eingebildeter davon. Ich ging alſo von dieſer Zeit an nur noch in die Kirche und hörte nur noch Herrn Irwine, denn er ſagte nur was gut war und was man ſich mit Nuzen ins Gedächtniß ſchrieb. Und ich fand daß es für meine Seele beſſer war gegenüber den Ge⸗ heimniſſen der Fügungen Gottes demüthig zu ſein, und nicht von Dingen zu ſchwazen die ich doch nie verſtehen kann. Und am Ende ſind es doch armſelige und thörichte Fragen, denn was haben wir inner oder außer uns was nicht von Gott käme? Haben wir den Entſchluß gefaßt das Rechte zu thun, ſo hat, glaube ich, er allein uns denſelben gegeben: aber ich ſehe wohl daß wir es ohne Entſchluß nie thun werden, und das iſt genug für mich.“ Adam war, wie man ſieht, ein warmer Bewun⸗ derer, vielleicht ein parteiiſcher Beurtheiler Irwine's, wie es glücklicher Weiſe auch einige von uns gegen Leute ſind die wir genauer gekannt haben. Ohne Zweifel wird dieß als eine Schwäche verachtet werden von jenen hochſtrebenden Geiſtern die nach dem Idea⸗ len ringen, und die im Allgemeinen das bedrückende Gefühl haben daß ihre Aufregungen von zu ausge⸗ ſuchtem Character ſeien um unter ihren alltäglichen Nebenmenſchen paſſende Gegenſtände zu finden. Ich bin von ſolchen auserwählten Naturen oft mit ihrem Vertrauen beehrt worden, und wie ich fand, ſtimmten ſie in der Erfahrung überein daß große Männer ——,',—.—- — —,n 8 8— 1= 17 überſchäzt werden und kleine unerträglich ſeien; daß, wenn man eine Frau liebe, ohne dieſe Liebe als eine Narrheit zu betrachten, die Frau ſterben müſſe ſo lange man ihr den Hof mache; und wenn man den mindeſten Glauben an menſchlichen Heroismus zu behalten wünſche, ſo dürfe man nie eine Pilgerfahrt machen um den Helden zu ſehen. Ich geſtehe, ich bin oft feige davor zurückgebebt dieſen vollendeten und ſcharfſinnigen Herren meine eigene Erfahrung mitzutheilen. Ich habe oft mit heuchleriſchem Nicken gelächelt und ihnen in Betreff der flüchtigen Natur unſerer Illuſionen ein Wizwort zugeworfen das jedem oberflächlichen Kenner der franzöſiſchen Literatur ge⸗ läufig iſt. Der Verkehr unter den Menſchen iſt, wie, glaube ich, ein weiſer Mann bemerkt hat, nicht ſtreng aufrichtig; aber ich entlaſte hiemit mein Gewiſſen und erkläre daß ich ganz enthuſiaſtiſche Regungen der Be⸗ wunderung für alte Herren gehabt habe die das ſchlech⸗ teſte Engliſch ſprachen, gelegentlich eine ſehr üble Laune zeigten, und ſich nie in einer höhern Sphäre des Einfluſſes als in der eines Gemeindevorſtehers bewegten; ferner daß ich zu dem Schluſſe daß die menſchliche Natur liebenswürdig ſei, ſowie zu meinen beſcheidenen Kennt⸗ niſſen von ihrem tiefen Pathos und ihren erhabenen Myſterien dadurch gekommen bin, daß ich einen großen Theil meines Lebens unter mehr oder weniger all⸗ täglichen und gewöhnlichen Leuten zugebracht habe, von denen man vielleicht nichts ſehr Ueberraſchendes hören würde, wenn man ſich in ihrer Nachbarſchaft nach ihnen erkundigte. Zehn gegen eins, die meiſten kleinen Krämer in ihrer Nähe ſahen gar Nichts an Eliot, Adam Bede. II. 3 2 18 ihnen. Denn ich habe dieſes merkwürdige Zuſam⸗ mentreffen beobachtet, daß die auserwählten Naturen, die nach dem Idealen ſtreben und die beim einen wie beim andern Geſchlecht Nichts groß genug finden um ihre Verehrung und Liebe in Anſpruch zu nehmen, ganz auffallend mit den beſchränkteſten und kleinlichſten Leuten übereinſtimmen. Ich habe zum Beiſpiel Herrn Gedge, den Wirth von der Königseiche, der mit blut⸗ unterlaufenem Auge ſeine Nachbarn im Dorfe Schep⸗ perton anzuſehen pflegte, ſeine Anſicht über die Leute in ſeiner Gemeinde— und dieß waren die einzigen Leute die er kannte— oft in den kräftigen Worten zuſammenfaſſen gehört:„Ach Herr, ich habe es ſchon oft geſagt und ich ſage es immer wieder, es ſind arm⸗ ſelige Creaturen in dieſer Gemeinde— armſelige Creaturen, Herr, groß und klein.“ Ohne Zweifel hatte er eine dunkle Vorſtellung daß er, wenn er in eine entfernte Gemeinde auswanderte, dort ſeiner würdige Nachbarn finden würde, und in der That übernahm er ſpäter den Türkenkopf, ein blühendes Geſchäft in einer Nebenſtraße eines benachbarten Marktfleckens. Aber ſeltſam genug, er fand daß die Leute in dieſer Nebengaſſe ganz von demſelben Caliber waren wie die Einwohner von Schepperton—„arm⸗ ſelige Creaturen, Herr, groß und klein, ob ſie nun den Schnaps maßweiße oder nöſelweiſe um zwei Pfennige holen— armſelige Creaturen.“ 19 Achtzehntes Capitel. Kirche. „Hetty, Hetty, weißt Du nicht daß die Kirche um zwei Uhr anfängt und daß es ſchon halb zwei vorüber iſt? Haſt Du an nichts Beſſeres zu denken an dieſem heiligen Sonntag, wo der alte Thias Bede begraben wird, nachdem er in einer dunkeln Nacht ertrunken iſt, ſo daß es einen kalt überläuft wenn man nur daran denkt? Aber Du puzeſt Dich auf als ginge es zu einer Hochzeit, ſtatt auf einen Kirchhof.“ „Ei Tante,“ ſagte Hetty,„ich kann ſo ſchnell fertig werden als alle Andern, wenn ich nur erſt Totty angezogen habe, aber ich habe Teufelsmühe bis ſie ſtille hält.“ Hetty kam die Treppe herab und Frau Poyſer in ihrem einfachen Hut und Halstuch ſtand unten. Wenn je ein Mädchen ausſah als wäre ſie aus lauter Roſen zuſammengeſezt, ſo war es Hetty in ihrem Sonntagshut und Sonntagskleid. Denn ihr Hut war mit Blaßroth ausgepuzt, ihr weißes Kleid war mit blaßrothen Pünktchen überſäet. Alles an ihr war blaßroth und weiß, mit Ausnahme ihrer ſchwarzen Haare und Augen, ſowie ihrer Schnallen⸗ ſchühchen. Frau Poyſer ärgerte ſich über ſich ſelbſt, denn ſie konnte ſich eines Lächelns kaum enthalten, wie jeder Sterbliche geneigt iſt beim Anblick hüb⸗ ſcher zierlicher Dinge zu lächeln. Ohne ein Wort zu ſprechen, drehte ſie ſich um und trat zu der vor der Hausthuͤr ſtehenden Gruppe; Hetty folgte, aber 2* 20 ihr Herz klopfte ſo unruhig bei dem Gedanken an Jemand den ſie in der Kirche zu ſehen hoffte, daß ſie kaum die Erde ſpürte die ſie betrat. Und nun brach der kleine Zug auf; Herr Poy⸗ ſer prangte in ſeinem Sonntagsſtaat und in ſeiner roth und grünen Weſte; ein grünes Uhrband mit einem großen Carniolpetſchaft hing wie ein Senkblei von dem Vorgebirge herab wo ſeine Uhrtaſche ſich befand; um den Hals trug er ein gelbſeidenes Tuch, und vortrefflich graugerippte Strümpfe, von Frau Poy⸗ ſer's eigenen Händen geſtrickt, hoben die ſtattlichen Formen ſeiner Beine hervor. Herr Poyſer brauchte ſich dieſer nicht zu ſchämen, und er argwöhnte daß der zunehmende Mißbrauch mit Stulpenſtiefeln und andere auf Verdeckung der untern Körpertheile berech⸗ nete Moden ihren Urſprung in einer bedauerlichen Ent⸗ artung der menſchlichen Waden haben müſſen. Noch weniger brauchte er ſich ſeines runden vergnügten Geſichtes zu ſchämen, denn es war die Gutmüthigkeit ſelbſt, als er ſagte: Komm Hetty, kommt ihr kleines Pack, worauf er ſeiner Frau den Arm reichte und mit ihr in den Hofraum ſchritt. Das kleine Pack beſtand aus Marty und Tommy, Jungen von neun und ſieben Jahren, in kleinen Barchentjacken und Kniehoſen, mit roſigen Wangen und ſchwarzen Augen; ſie ſahen ihrem Vater ſo ähnlich wie nur ein kleiner Elephant einem ſehr großen ähnlich ſehen kann. Hetty ging zwiſchen ihnen, und zulezt kam die geduldige Kreuzträgerin Molly, deren Aufgabe darin beſtand Totty über den Hof und über alle feuchten Pläze auf der Straße zu tragen; denn Totty, die ſich raſch von ihrem im Anzug geweſenen Fieber 21 erholt, hatte darauf beſtanden heute in die Kirche zu gehen, ganz beſonders aber ihr roth und ſchwarzes Halsband über dem Kragen zu tragen. Und es fehlte nicht an feuchten Stellen über welche ſie dieſen Nachmittag getragen werden mußte, denn am Morgen waren dichte Regengüſſe gefallen, obſchon jezt die Wolken ſich verzogen hatten und in ſilbernen Maſſen am Horizont aufgeſchichtet hingen. Daß es Sonntag war, hätte man am Viehhof ſehen können. Die Hähne und Hühner ſchienen es zu wiſſen und gaben nur ein dumpfes und unter⸗ drücktes Geräuſch von ſich; ſogar der Bullenbeißer ſah weniger wild aus, als wollte er ſich mit einem kleineren Biſſen als ſonſt begnügen. Das Sonnen⸗ licht ſchien Alles zur Ruhe und nicht zur Arbeit einzuladen: es ſchlief ſelbſt auf dem mit Moos über⸗ wachſenen Kuhſtall, auf der Gruppe weißer Enten die mit den Schnäbeln unter ihren Flügeln ruhig beiſammen lagen, auf der alten ſchwarzen Sau die ſich faul auf das Stroh ausgeſtreckt hatte, während das größte von ihren Jungen auf dem fetten Rücken ihrer Mutter eine vortreffliche Federnmatraze fand; auf dem Schäfer Alick, der in ſeinem neuen Rock, halb ſizend halb ſtehend, auf der Treppe des Korn⸗ ſpeichers eine unbequeme Sieſta hielt. Alick war der Meinung daß ein Aufſeher, der das Wetter und die Mutterſchafe im Auge haben müſſe, mit der Kirche und andern Luxusgegenſtänden ſich nicht viel ab⸗ geben dürfe.„Kirche! ei was? ich habe andere Sachen zu denken,“ war eine Antwort die er oft in einem ſo bittern Tone ausſprach daß alle weitern Fragen dadurch abgeſchnitten wurden. Es lag ganz gewiß 22 keine Unehrerbietigkeit darin, ich weiß beſtimmt daß Alicks Geiſt nicht von ſpeculativer oder negativer Art war, und er hätte ſichs um keinen Preis neh⸗ men laſſen an Weihnachten, Oſtern und Pfingſten in die Kirche zu gehen. Aber er hatte einen allge⸗ meinen Eindruck daß Gottesdienſt und religiöſe Ceremonien gleich andern unergiebigen Beſchäftigun⸗ gen für Leute ſeien die viel übrige Zeit haben. „Dort ſteht der Vater am Hofthor,“ ſagte Martin Poyſer.„Gewiß will er uns über das Feld hin nachſchauen. Es iſt wunderbar was für ein Geſicht er hat, und iſt doch fünfundſiebzig vorbei.“ „Ach,“ erwiderte Frau Poyſer,„es kommt mir oft vor als gehe es mit den alten Leuten wie mit den kleinen Kindern; ſie freuen ſich am Sehen überhaupt, gleichviel was ſie anſehen. Ich denke, es iſt Gottes Wille ſo ſie auf dieſe Art zur Ruhe zu bringen, bevor ſie auf immer einſchlafen.“ Der alte Martin öffnete das Thor als er die Proceſſion herankommen ſah, und hielt es weit offen, indem er ſich auf ſeinen Stock lehnte. Es machte ihm Freude dieſes kleine Geſchäft zu beſorgen, denn, wie alle alten Männer die ihr Leben in Arbeit voll⸗ bracht haben, wollte er ſich das Bewußtſein erhalten noch immer nüzlich zu ſein; er meinte, die Zwiebeln im Garten gerathen beſſer wenn er beim Stecken zugegen ſei, und die Kühe würden beſſer gemolken wenn er Sonntags daheim bleibe und zuſehe. An Abendmahlstagen ging er immer zur Kirche, ſonſt aber nicht ſehr regelmäßig; an naſſen Sonntagen oder wenn er einen Anflug von Rheumatismus hatte, pflegte er die erſten drei Capitel der Geneſis zu leſen. ———— 8— — 3 1. 23 „Sie werden Thias ins Grab geſenkt haben bevor ihr auf den Kirchhof kommt,“ ſagte er als ſein Sohn herankam.„Es wäre beſſer geweſen man hätte ihn am Vormittag während des Regens be⸗ graben; jezt wird wahrſcheinlich kein Tropfen mehr fallen, und ſieh nur, der Mond liegt da wie ein Kahn; das iſt ein ſicheres Zeichen für ſchönes Wetter; es gibt viele Zeichen die falſch ſind, aber auf dieſes da kann man ſichz verlaſſen.“ „Ja, ja,“ ſagte der Sohn,„ich hoffe das Wetter wird ſich jezt halten.“ „Gebt wohl Acht was der Pfarrer ſagt, gebt Acht was der Pfarrer ſagt, ihr Jungen,“ ermahnte der Großvater die ſchwarzäugigen Bürſchlein in den Kniehoſen, die ſich bewußt waren einige Marmeln in ihren Taſchen zu haben mit denen ſie während der Predigt insgeheim ein wenig zu ſpielen gedachten. „Adieu, Großvater,“ ſagte Totty.„Ich will auch in die Kirche gehen. Ich habe mein Halsband an. Gib mir eine Pfeffermünze.“ Großpapa ſchüttelte ſich vor Lachen über das pfiffige kleine Mädchen, nahm langſam ſeinen Stock in die linke Hand womit er das Thor offen hielt, und ſteckte langſam ſeine Finger in die Weſtentaſche, auf welche Totty mit vertrauensvollem Blick ihre Augen geheftet hatte. Und als ſie alle vorbei waren, lehnte ſich der alte Mann wieder an das Thor und ſchaute über den Feldweg entlang nach, bis ſie hinter einer Biegung in der Hecke verſchwanden. Denn damals ſchnitten ſelbſt auf den beſtbewirthſchafteten Höfen allerlei Hecken die Ausſicht ab, und gerade an dieſem Nach⸗ 24 mittag ſchüttelten die Hagebuttenroſen ihre rothen Kränze, der Nachtſchatten prangte in ſeiner gelben purpurrothen Glorie, das blaſſe Gaisblatt wuchs hoch empor und ſchaute weit über die Stechpalme hinaus, und da und dort warf eine Eſche oder Sy⸗ camore ihren Schatten über den Weg hin. Noch an andern Thoren ſtanden Bekannte die ihnen Plaz machen mußten: am Gehäge hatten ſich die Milchkühe, eine hinter der andern, aufgepflanzt und begriffen nur äußerſt ſchwer daß ihre großen Leiber im Wege ſtehen konnten; weiterhin hielt die Stute ihren Kopf über die Umzäunung empor, und neben ihr ſtand das leberfarbige Füllen, den Kopf „gegen die Weiche ſeiner Mutter gerichtet, offenbar noch ſehr unbeholfen in ſeiner ſperrbeinigen Exiſtenz. Der Weg führte ganz über Herrn Poyſers eigene Felder, bis ſie an die Hauptſtraße nach dem Dorf kamen, und als ſie ſo dahin wanderten, hielt er ein ſcharfes Auge auf den Viehſtand und die Saaten, während Frau Poyſer mit einem fortlaufenden Com⸗ mentar über Alles zuſammen ſtets bei der Hand war. Die Frau die einer Milcherei vorſteht trägt viel zur Herbeiſchaffung des Geldes bei, und man darf ihr wohl erlauben ihre Meinung über den Vieh⸗ ſtand und was drum und dran hängt zum Beſten zu geben— eine Uebung die ihren Verſtand der⸗ maßen kräftigt, daß ſie ſich befähigt glaubt ihrem Manne auch in Bezug auf die meiſten andern Gegen⸗ ſtände berathend zur Seite zu ſtehen. .„Da iſt das Kurzhorn, die Sally,“ ſagte ſie beim Eintritt in die Umzäunung, als ſie dieſes ſanft⸗ müthige Thier erblickte, das wiederkäuend dalag und ſie mit ſchläfrigen Augen anſchaute.„Ich mag dieſe Kuh gar nicht mehr anſehen, und ich ſage jezt was ich ſchon vor drei Wochen ſagte, je eher wir ſie los werden, um ſo beſſer iſts, denn die kleine gelbe Kuh da gibt nicht halb ſo viel Milch, aber noch einmal ſo viel Butter.“ „Du biſt ja gar nicht wie andere Weiber,“ ſagte Herr Poyſer,„alle andern haben die Kurzhörner gern die ſo viel Milch geben. Chowne's Weib ver⸗ langt daß er gar keine andern mehr kaufen ſolle.“ „Was frage ich nach Chowne's Weib? Das iſt ein armſeliges zimperliches Ding und hat nicht mehr Grüze im Kopf als ein Spaz. Sie wäre im Stand einen großen Durchſchlag zu nehmen um ihr Schmalz durchzuſieben, und dann würde ſie ſich noch wundern daß die Fettklumpen hindurchfielen. Ich habe von ihr ſchon gar zu viel geſehen als daß ich wieder eine Magd aus ihrem Hauſe nehmen möchte; ſie iſt eine unordentliche Schlampe, und wenn man zu ihr hinein kommt, weiß man nie, iſt es Montag oder Freitag; das Weißzeug ſieht die ganze Woche gleich ſchwarz aus; ihr Käſe iſt im vorigen Jahr aufgegangen wie ein Laib Brod in einer zinnernen Schüſſel. Und dann ſagt ſie, das Wetter ſei Schuld, gerade wie wenn die Leute ſich auf den Kopf ſtellten und dann ſagten ihre Stiefel ſeien Schuld.“ „Nun, Chowne will die Sally kaufen; wir können ſie alſo los werden wenn Du willſt,“ ſagte Poyſer, der insgeheim auf das überlegene Rechnungstalent ſeiner Frau ſtolz war; in der That hatte er auf dem lezten Markt ſchon mehr als einmal mit ihrem geſunden Ur⸗ theil in dieſer Angelegenheit der Kurzhörner geprahlt. 26 „Nun ja, wer eine Närrin zur Frau hat, kann Kurzhörner kaufen, denn wenn Du einmal mit dem Kopf im Sumpfe ſteckſt, ſo kommen die Beine von ſelbſt hinten nach. Nun ſieh einmal dieſe Beine an,“ fuhr Frau Poyſer fort, als Totty, die man jezt auf die trockene Straße geſtellt hatte, vor Vater und Mutter einhertrippelte.„Das ſind Formen wie ſichs gehört, und ſie hat einen langen Fuß, ſie wird ganz wie ihr Vater.“ „Ja ſie wird in zehn Jahren gerade ausſehen wie Hetty; nur hat ſie Deine hellen Augen. In meiner Familie habe ich nie ein blaues Auge geſehen, meine Mutter hatte Augen wie Schlehen, gerade wie Hetty.“ „Es wird dem Kind gar nichts ſchaden wenn es Etwas hat was nicht iſt wie bei Hetty, und wenn ſie auch nicht ſo außerordentlich hübſch wird wie ſie. Uebrigens was das betrifft, ſo gibt es auch Leute mit hellen Haaren und blauen Augen die eben ſo hübſch ſind wie die mit ſchwarzen; hätte Dina ein bischen Farbe im Geſicht und trüge ſie dieſe Methodiſtenhaube nicht auf dem Kopf, womit man die Krähen verſcheuchen könnte, ſo würde Jedermann ſie ſo hübſch finden wie Hetty.“ „Nein, nein,“ erklärte Herr Poyſer mit etwas verächtlicher Betonung;„auf die Schönheit eines Weibes verſtehſt Du Dich nicht. Die Männer wür⸗ den Dina nicht nachlaufen wie Hetty.“ „Was frage ich darnach wem die Männer nach⸗ laufen! Wie die meiſten von ihnen ſich aufs Wäh⸗ len verſtehen, das ſieht man an dieſen abſcheulichen ſchmuzigen Dingern von Weibern, die gerade ſind 27 wie die Florbänder und zu Nichts mehr taugen ſo bald die Farbe fort iſt.“ „Nun, nun, Du kannſt doch nicht läugnen daß ich mich aufs Wählen verſtanden habe als ich Dich heirathete,“ verſezte Herr Poyſer, der kleine eheliche Zwiſtigkeiten gewöhnlich mit einem Compliment dieſer Art beilegte,„und Du warſt vor zehn Jahren noch einmal ſo rüſtig als Dina.“ „Ich habe nie geſagt daß ein Weib häßlich ſein müſſe um eine gute Hausfrau zu werden. Chowne's Frau da iſt freilich ſo häßlich daß ſie die Milch ge⸗ rinnen macht und das Käſelab ſpart, aber ſonſt wird ſie nie Etwas erſparen, und Dina, das arme Kind, wird nie recht rüſtig werden, ſo lange ſie nur von Brod und Waſſer lebt um den Nothleidenden Etwas geben zu können. Sie hat mich ſchon recht geärgert und ungeduldig gemacht. Ich ſagte ihr ſie handle ganz gegen die Schrift, und da heißt es: Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt; aber, ſagte ich, wenn Du Deinen Nächſten nicht mehr liebteſt als Dich ſelbſt, Dina, ſo würdeſt Du wahrlich ſehr wenig für ihn thun, Du würdeſt Dir einbilden, er könne mit einem halb leeren Magen beſtehen. Ich möchte doch wiſſen wo ſie heute an dieſem ſchönen Sonntag iſt; gewiß ſizt ſie bei dieſer kranken Frau. zu welcher ihr Herz ſie ſo plözlich hingetrieben hat.“ „Es iſt doch Schade daß ſie ſich ſolche Grillen in den Kopf ſezt. Wenn ſie auch den ganzen Sommer bei uns geblieben wäre und zweimal ſo viel gegeſſen hätte als ſie brauchte, ſo würde es doch an Nichts gefehlt haben; man ſpürte ſie gar nicht im Hauſe, und ſie ſaß ſo ſtill bei ihrer Nähterei wie ein Vogel 28 im Neſt, und doch war ſie außerordentlich flink, wenn ſie wohin laufen und Etwas holen mußte. Wenn Hetty ſich verheirathet, ſo würdeſt Du gewiß Dina gerne für immer um Dich haben.“ „Daran mag ich gar nicht denken,“ ſagte Frau Poyſer;„Du könnteſt eben ſo gut der vorbeifliegen⸗ den Schwalbe hereinwinken, als daß Du Dina ein⸗ lädſt hieherzukommen und gemächlich zu leben wie andere Leute. Wenn irgend Jemand ſie auf den vernünftigen Weg bringen könnte, ſo wäre ichs, denn ich habe ihr eine ganze Stunde lang ins Gewiſſen geredet und ihr tüchtig den Marſch gemacht; ſie iſt ja meiner eigenen Schweſter Kind, und es iſt für mich eine Pflicht Alles für ſie zu thun was ich kann. Aber ach, das arme Ding, ſobald ſie uns Adieu ge⸗ ſagt hatte, als ſie auf den Karren geſtiegen war und jezt mit ihrem blaſſen Geſicht auf mich herabſchaute als wäre wahrhaftig Tante Judith vom Himmel her⸗ abgekommen, ſo begann ich ſelbſt darüber zu er⸗ ſchrecken daß ich ſie ſo oft ausgeſcholten hatte; denn es kommt einem zuweilen vor als wüßte ſie beſſer was Recht iſt als andere Leute. Aber daß dieß daher kommt weil ſie Methodiſtin iſt, das gebe ich nicht zu, ſo wenig als ein weißes Kalb darum weiß iſt „weil es aus demſelben Eimer ſauft wie ein ſchwarzes.“ „Nein,“ ſagte Herr Poyſer in einem beinahe brummenden Ton, ſoweit ſeine Gutmüthigkeit es ge⸗ ſtattete,„ich will auch Nichts von den Methodiſten wiſſen; es ſind immer nur Handwerker die Metho⸗ diſten werden; man hat nie erfahren daß ein tüchti⸗ ger Pächter ſolche Mücken in den Kopf bekommen hätte. Dann und wann hält ſich ein Geſelle der bei 29 ſeiner Arbeit nicht übermäßig geſchickt iſt an's Pre⸗ digen, wie dieſer Seth Bede. Aber da ſieh einmal, Adam, einer der geſchickteſten Burſche in der ganzen Gegend, der iſt viel geſcheidter; er bleibt unſerer Kirche getreu, ſonſt würde ich es auch gar nicht dul⸗ den daß er Hetty den Hof macht.“ „Ach du meine Güte,“ ſagte Frau Poyſer, die zurückgeſchaut hatte, während ihr Mann ſprach;„ſieh nur wo Molly mit den Jungen geblieben iſt; ſie ſind jezt die ganze Länge des Feldes hinter uns. Wie konnteſt Du das dulden, Hetty? Man könnte eben ſo gut ein Bild an der Wand die Kinder hüten heißen als Dich. Lauf zurück und ſage ihnen ſie ſollen kommen.“ Herr und Frau Poyſer befanden ſich jezt am Ende des zweiten Feldes. Sie ſezten Totty auf einen der großen Steine welche den wahren Loam⸗ ſhirer Styl bildeten, und warteten auf die Nach⸗ zügler, während Totty ſelbſtgefällig von den unarti⸗ gen Buben und ihrer eigenen Artigkeit ſprach. Die Sache war die daß dieſer Sonntagsſpazier⸗ gang durch die Felder für Marty und Tommy reich an Aufregungen war; ſie erblickten in den Hecken ein fortwährendes Drama und konnten ſich ſo wenig enthalten alle Augenblicke ſtehen zu bleiben und hinein zu gucken, als wären ſie ein Paar Bologneſer oder Dachshunde geweſen. Marty verſicherte auf der großen Eſche eine Goldammer geſehen zu haben, und während er ſich umſchaute, entging ihm der Anblick eines weißhalſigen Hermelins, der uͤber den Weg ge⸗ laufen war und nun von dem jüngern Tommy mit vieler Wärme beſchrieben wurde. Dann kam ein 30 kleiner Grünfink der juſt flügge geworden war und am Boden hinflatterte; und es ſchien ſehr möglich ihn zu fangen, bis es ihm gelang ſich in einem Brombeerbuſch zu verkriechen. Hetty konnte nicht dazu gebracht werden auf dieſe Dinge zu achten; deßwegen wurde Molly um ihre Theilnahme ange⸗ ſprochen, und ſie ſchaute mit offenem Mund wohin man es von ihr verlangte, und ſagte jedesmal:„Ei Herr Jeſus!“ ſo oft ſie ſich verwundern ſollte. Molly eilte etwas erſchrocken vorwärts als Hetty zurückkam und ihnen zurief daß die Tante erzürnt ſei; aber Marty ſprang voraus und jubelte:„Wir haben das Neſt der ſcheckigen Truthenne gefunden!“ Er wurde dabei inſtinctmäßig von der Hoffnung geleitet daß der Ueberbringer guter Nachrichten immer gut empfangen wird. „Ah,“ ſagte Frau Poyſer, die wirklich über dieſer angenehmen Ueberraſchung alle Disciplin vergaß,„Du biſt ein braver Junge; wo iſts?“ 3 „Tief unten, in einem Loch unter der Hecke. Ich ſah es zuerſt als ich nach dem Grünfinken haſchen wollte, und ſie ſaß im Neſt.“ „Du haſt ſie doch nicht geſtört?“ ſagte die Mutter, „ſonſt läuft ſie weg.“ „Nein ich ging mäuschenſtill vorbei und ſagte es ganz leiſe zu Molly— nicht wahr, Molly?“ „Schon gut,“ ſagte Frau Poyſer,„aber jezt kommt, gehet vor Vater und Mutter her und nehmet eure kleine Schweſter bei der Hand. Wir müſſen jezt ſchnell voranmachen. Brave Jungen ſehen am Sonntag nicht nach den Vögeln.“ „Aber Mutter,“ ſagte Marty,„Du haſt eine 31 halbe Krone verſprochen wenn man das Neſt der ſcheckigen Truthenne finde. Ich bekomme doch jezt die halbe Krone in meine Sparbüchſe?“ 4 „Das wollen wir nachher ſehen, mein Junge; geh jezt nur recht artig vorwärts.“ Vater und Mutter wechſelten einen bedeutſamen Blick des Hochgefühle über den Scharfſinn ihres Erſtgebornen, aber auf Tommy's Geſicht lagerte ſich eine trübe Wolke. „Mutter,“ ſagte er halbweinend,„Marty bekommt immer weit mehr Geld in ſeine Sparbüchſe als ich.“ „Mama, ich will auch eine halbe Krone in meine Büchſe,“ ſagte Totty. „Still, ſtill, ſtill!“ eiferte Frau Poyſer,„hat man je von ſo unartigen Kindern gehört? Ihr be⸗ kommt eure Sparbüchſen gar nie wieder zu ſehen, wenn ihr euch jezt nicht zuſammennehmt und ſchnell nach der Kirche geht.“ Dieſe ſchreckliche Drohung hatte den gewünſchten Erfolg, und durch die zwei übrigen Felder traten die drei Paar jugendlicher Beinchen ohne ſonderliche Un⸗ terbrechung hinweg, obſchon man an einer kleinen Pfüze voll von Kaulfröſchen, ſonſt auch Froſchqueppen genannt, vorbeikam, in welche die Jungen neu⸗ gierig hineinſchauten. Das naſſe Heu das morgen wieder ausgebreitet und umgekehrt werden mußte, war kein erfreulicher Anblick für Herrn Poyſer, der während der Heu⸗ und Kornernte gar oft innere Kämpfe in Betreff der Zweckmäßigkeit eines Ruhetages hatte. Aber keine Verſuchung hätte ihn verleiten können an einem Sonntag, wenn auch nur in aller Frühe, irgend ein Feldgeſchäft vornehmen zu laſſen; denn war nicht dem Michael Holdsworth ein paar Ochſen geſtürzt als er am Charfreitag pflügte? Das war ein deut⸗ licher Beweis daß das Arbeiten an Sonn⸗ und Feſt⸗ tagen eine Sünde iſt, und mit Sünden irgend einer Art wollte Martin Poyſer, darüber war er ſich ganz klar, Nichts zu thun haben, denn ſo erworbenes Geld konnte unmöglich Segen bringen. „Es juckt einen ordentlich in den Fingern bei ſo ſchönem Wetter zu heuen,“ bemerkte er, als ſie über die große Wieſe gingen.„Aber es iſt ja eitle Narr⸗ heit gegen ſein Gewiſſen Etwas erwerben zu wollen. Da iſt dieſer Jim Wakefield, ſonſt immer Herr Wake⸗ field genannt, der pflegte am Sonntag wie an den Wochentagen zu arbeiten und fragte nicht nach Recht oder Unrecht, als ob es keinen Tod und keinen Teufel gäbe. Aber wie weit hat ers gebracht? Am lezten Markttag ſah ich ihn mit einem Korb voll Orangen herumziehen.“ „Ja wahrhaftig,“ ſagte Frau Poyſer mit Nach⸗ druck,„wer das Glück mit Gottloſigkeit ködern will, der hat eine ſchlechte Art es zu fangen. Das Geld das man auf ſolche Art verdient brennt einem Löcher in die Taſchen; ich will unſern Jungen keinen Sechs⸗ pfenniger hinterlaſſen der nicht auf rechtſchaffene Art verdient iſt. Und was das Wetter betrifft, ſo macht es der da oben, und wir müſſen uns darein ſchicken wie es kommt: es iſt bisweilen keine ſo große Plage wie die jungen Mädchen.“ Troz der Unterbrechung ihres Spazierganges ka⸗ men unſere Wanderer, da Frau Poyſer die vortreff⸗ liche Gewohnheit angenommen hatte voranzugehen, 34 was konnten ſie auch in der Kirche thun bevor der Gottesdienſt begann? und ſie begriffen nicht daß irgend eine Macht in der Welt es übel nehmen könne wenn ſie draußen ſtehen blieben und ein Bis⸗ chen vom Geſchäft plauderten. Chad Cranage ſieht heute ganz wie ein neuer Bekannter aus, denn er hat ſein ſauberes Sonn⸗ tagsgeſicht, worüber ſeine kleine Enkelin immer zu ſchreien anfängt, weil ſie ihn dann für einen Frem⸗ den hält. Aber ein erfahrenes Auge würde in ihm ſogleich den Hufſchmied des Dorfes erkannt haben, und zwar an der Demuth und Ehrerbietung womit der kräftige und ſonſt ſo trozige Mann ſeinen Hut vor den Pächtern abzog und ihnen ſeinen Krazfuß machte; denn Chad pflegte zu ſagen, ein Handwerker müſſe gegen Jedermann höflich ſein, ſelbſt gegen Je⸗ mand der für ſo ſchwarz gelte als er ſelbſt an den Wochentagen war; eine gerade nicht fein ausgedrückte Regel womit er indeß etwas ganz Richtiges meinte, nämlich daß man Leute die Pferde zu beſchlagen haben mit Reſpect behandeln müſſe. Chad und die rohen Handwerksleute hielten ſich von dem Grabe unter dem Weißdorn wo die Beerdigung ſtattfand ferne; aber Sandy Jim und mehrere Feldarbeiter bildeten eine Gruppe um daſſelbe und ſtanden mit abgezogenen Hüten als Mittrauernde neben der Mut⸗ ter und den Söhnen. Andere hielten eine mittlere Stellung ein, indem ſie bald die Gruppe am Grab beobachteten, bald auf die Unterhaltung der Pächter hörten, die unweit der Kirchthüre auf einem Haufen zuſammenſtanden und zu denen jezt auch Martin Poyſer trat, während ſeine Familie in die Kirche ß n — — N 8 ☛— ——————— +—-———— ⏑ 3⁵ vorausging. Außerhalb dieſes Haufens ſtand Herr Caſſon, der Wirth vom Donnithornewappen, in ſeiner bedeutſamſten Haltung, d. h. er hatte den Zeigefinger der rechten Hand zwiſchen ſeine Weſten⸗ knöpfe, ſeine linke Hand in die Hoſentaſche geſteckt und ſeinen Kopf ſehr auf die eine Seite geneigt; im Ganzen ſah er aus wie ein Schauſpieler dem bloß eine Rolle von etlichen Sylben anvertraut worden iſt, der aber die feſte Ueberzeugung hegt daß das Publicum ſeine Befähigung zu den Haupt⸗ rollen erkennen wird. Einen ſeltſamen Contraſt bildete der alte Jonathan Burge, der ſeine Hände auf den Rücken hielt und ſich unter aſthmatiſchem Huſten vorwärts neigte, mit innerer Verachtung gegen alles Wiſſen das ſich nicht in baar Geld umwandeln ließ. Die Unterhaltung wurde heute in etwas gedämpf⸗ terem Tone als gewöhnlich geführt und überherrſcht von der Stimme des Herrn Irwine, der das Schluß⸗ gebet am Grabe verlas. Sie hatten alle ein Wort des Mitleids für den armen Thias gehabt, aber jezt waren ſie an einen ſie ſelbſt näher betreffenden Gegenſtand gekommen, nämlich an ihre Beſchwerden gegen Satchell, den Amtmann des Gutsherrn, der die Verwaltungsgeſchäfte beſorgte, ſo weit der alte Herr Donnithorne es nicht ſelbſt that, denn dieſer vornehme Herr hatte die„Niederträchtigkeit“ ſeine Zinſen ſelbſt einzuziehen und mit ſeinem eigenen Bauholz Handel zu treiben. Dieſes Thema war ein weiterer Grund nicht gar zu laut zu ſein, denn Satchell konnte jeden Augenblick ſelbſt auf dem ge⸗ pflaſterten Weg zu der Kirchthüre herankommen. Und bald verſtummten ſie alle plözlich, denn Herrn ** 36 Irwine's Stimme hatte aufgehört, und die Gruppe um den Weißdorn zerſtreute ſich nach der Kirche hin. Alle traten bei Seite und ſtanden mit abgezo⸗ genen Hüten da, als der Pfarrer vorbeiging; ihm zunächſt folgten Adam und Seth mit ihrer Mutter in der Mitte; denn Joſua Rann functionirte ſowohl als erſter Todtengräber wie als Küſter und konnte daher dem Geiſtlichen nicht ſogleich in die Sacriſtei folgen. Aber ehe die drei Leidtragenden herankamen, entſtand eine Pauſe: Lisbeth hatte ſich umgedreht um das Grab noch einmal anzuſehen. Ach! jezt war Nichts mehr vorhanden als der Weißdorn. Dennoch weinte ſie heute weniger als ſie ſeit dem Tode ihres Mannes gethan hatte: in all ihren Kummer miſchte ſich ein ungewöhnliches Gefühl ihrer eigenen Wichtigkeit, denn ſie hatte ein Begräbniß, und Herr Irwine hatte ein beſonderes Gebet für den Seligen geleſen; überdieß ſollte, das wußte ſie, noch ein Leichenlied für ihn geſungen werden. Sie empfand dieſes Gegengewicht gegen ihren Schmerz noch ſtärker als ſie mit ihren Söhnen auf die Kirchthüre zu⸗ ſchritt und das freundliche, theilnehmende Nicken der ganzen Gemeinde ſah. Mutter und Söhne gingen in die Kirche, und die Bauern folgten, einer um den andern, obſchon einige noch immer draußen blieben; der Anblick von Herrn Donnithorne's Kutſche, die langſam den Hügel herankam, beſtärkte ſie wohl in der Ueberzeugung daß keine Eile nöthig ſei. Aber jezt begannen die Poſaunen und Trompeten zu erſchallen; der Abendgeſang womit der Gottes⸗ dienſt immer eröffnet wurde ließ ſich vernehmen, und 37 nun mußte Jeder hereinkommen und ſeinen Plaz beſezen. Ich kann nicht ſagen daß das Innere der Hay⸗ ſloper Kirche durch etwas Anderes merkwürdig ſei als durch das graue Alter ſeiner eichenen Stühle, — meiſtentheils großer viereckiger Kirchſtühle die ſich auf beiden Seiten des ſchmalen Schiffes hin⸗ zogen. Sie war in der That frei von der moder⸗ nen Verunſtaltung durch Gallerien. Der Sängerchor hatte für ſich zwei kleine Bänke mitten in der rechten Reihe, ſo daß Joſua Rann ohne alle Mühe ſeinen Plaz als Hauptbaſſiſt unter ihnen einnehmen und dann nach dem Geſang an ſeinen Leſepult zu⸗ rückkehren konnte. Die Kanzel und der Betpult, grau und alt wie die Kirchenſtühle, ſtanden auf der einen Seite des Bogens der nach dem Chor führte, und auf dieſem ſelbſt hatte die Familie Donnithorne nebſt ihren Dienſtboten ihre grauen viereckigen Stühle. Gleichwohl verſichere ich euch daß dieſe grauen Stühle mit den gelb angeſtrichenen Wänden dieſem ſchmuckloſen Innern einen ſehr angenehmen Ton gaben und vortrefflich zu den rothen Geſichtern und hellen Weſten der Bauern paßten. Auch fehlte es gegen den Chor zu nicht an einem freundlichen rothen Schein, denn die Kanzel und Herrn Donnithorne's eigener Stuhl hatten hübſche hochrothe Tuchpolſter, und zulezt ruhte das Auge auf einer carmoiſinrothen Altardecke mit goldenen Strahlen und geſtickt von Fräulein Lydia's eigener Hand. Aber auch ohne die rothe Altardecke muß es einen warmen und angenehmen Effect hervorgebracht haben, als Herr Irwine im Pulte ſtand und freundlich die 38 einfache Verſammlung überſchaute— die harten alten Männer, deren Knie und Schultern vielleicht gebogen ſein mochten, die aber noch Kraft genug beſaßen um die Hecken zu beſchneiden und die Dächer mit Stroh zu bedecken; die hohen ſtattlichen Geſtalten und die derben ehernen Geſichter der Steinmezen und Zimmerleute; das halbe Duzend wohlhabender Päch⸗ ter mit ihren apfelwangigen Familien, und die rein⸗ lichen alten Frauen, meiſtens Weiber der Feldarbeiter, mit dem ſchneeweißen Haubenſtreif unter den ſchwarzen Hüten, und mit ihren welken, vom Ellenbogen an bloßen Armen, die ſie träge über ihre Bruſt kreuzten. Denn dieſe alten Leute hielten keine Bücher in der Hand; warum ſollten ſie auch? Niemand von Allen konnte leſen. Aber ſie wußten einige gute Sprüche auswendig, und ihre verwelkten Lippen bewegten ſich von Zeit zu Zeit leiſe, indem ſie dem Gottesdienſt allerdings ohne ganz klares Verſtändniß, aber mit dem einfachen Glauben an ſeine Wirkſamkeit um Böſes abzuwenden und Segen zu bringen, folgten. Und nun kamen alle Geſichter zum Vorſchein, denn die ganze Verſammlung erhob ſich, und die kleinen Kinder auf den Sizen ſchauten über den Rand der grauen Kirchenſtühle hinweg, während das Abendlied des guten alten Biſchofs Ken zu einer jener muntern Melodien geſungen wurde die mit der lezten Generation von Pfarrern und Küſtern ausgeſtorben ſind. Melodien ſterben gleich der Pansflöte aus, mit den Ohren welche ſie lieben und ihnen lauſchen. Adam war heute nicht auf ſeinem gewöhnlichen Plaz unter den Sängern, denn er ſaß bei ſeiner Mutter und bei Seth, und mit Verwunderung bemerkte er daß 1 — 39 Barthel Maſſey ebenfalls fehlte, zur nicht geringen Freude für Herrn Joſua Rann, der mit ungewöhn⸗ licher Selbſtgefälligkeit ſeine Baßtöne erſchallen ließ, und in die Blicke die er über ſeine Brille hinweg dem abtrünnigen Will Maskery zuwarf einen Extra⸗ grad von Strenge legte. Denkt euch gefälligſt Herrn Irwine, wie er in ſeinem weißen Chorrock, der ihm ſo gut ſtand, ſein gepudertes Haar zurückgeſchlagen, mit ſeinen friſchen braunen Wangen, ſeiner fein geſchnittenen Naſe und Oberlippe, um ſich ſchaute, denn es lag eine gewiſſe Wirkung in dieſem freundlichen und doch ſcharfen Geſichte, wie in allen menſchlichen Geſichtern von denen eine edle Seele ausſtrahlt, und über Alles ſtrömte die köſtliche Juliſonne herein durch die alten Fenſter mit ihren gelben, rothen und blauen Flecken, welche der gegenüberſtehenden Wand da und dort einen lieblichen Farbenglanz verliehen. Ich denke, als Herr Irwine heute um ſich ſchaute, da weilten ſeine Augen etwas länger als gewöhn⸗ lich auf dem viereckigen Kirchenſtuhl welchen Martin Poyſer mit ſeiner Familie einnahm. Und noch ein anderes dunkles Augenpaar fand es unmöglich nicht dahin zu ſchweifen und auf einem runden Geſichte zu ruhen, das wie Milch und Blut ausſah. Aber Hetty kümmerte ſich jezt um keine Blicke— ſie war ganz in den Gedanken verſunken daß Arthur Donni⸗ thorne bald in die Kirche kommen werde, denn der Wagen mußte bereits vor der Thüre ſein. Sie hatte ihn ſeit dem Abſchied im Wäldchen, ſeit Don⸗ nerſtag Abend nicht mehr geſehen, und o wie lang war ihr die Zeit geworden! Alles war ſeit jenem 40 Abend im alten Geleiſe fortgegangen; die Wunder die ſich damals zugetragen, hatten keine Veränderungen nach ſich geführt; ſie waren bereits wie ein Traum. Als ſie die Kirchthüre gehen hörte, klopfte ihr Herz dermaßen daß ſie nicht aufzuſchauen wagte. Sie merkte daß ihre Tante knixte und ſie knixte auch. Das mußte der alte Herr Donnithorne ſein— er kam immer zuerſt, der runzelige, kleine, alte. Mann, der mit ſeinen blöden Augen die grüßende und knixende Verſammlung anſchaute; dann kam, das wußte ſie, Fräulein Lydia, und ſo gerne Hetty ſonſt das feine modiſche Hütchen des edlen Fräuleins mit dem Kranz von kleinen Roſen betrachtete, ſo war es ihr doch heute nicht wichtig. Aber nun hörten die Ver⸗ beugungen auf— nein, er war nicht erſchienen; ſie war überzeugt daß jezt an ihrem Stuhl Nichts mehr vorbeikam als der ſchwarze Hut der Haushälterin und der ſchöne Strohhut der Kammerjungfer, der einſt Fräulein Lydia gehört hatte, und dann die ge⸗ puderten Köpfe des Haushofmeiſters und Lakaien. Nein, er war nicht da; doch wollte ſie jezt ſehen— ſie konnte ſich getäuſcht haben, denn ſie hatte ja gar nicht aufgeſchaut. Sie ſchlug alſo ihre Wimpern auf und blickte ſchüchtern nach dem gepolſterten Stuhl auf dem Chor hinüber:— da war Niemand als der alte Herr Donnithorne, der ſich mit ſeinem wei⸗ ßen Taſchentuch die Augen ausrieb, und Fräulein Lydia, die ihr großes, goldeckiges Gebetbuch aufſchlug. Dieſe Täuſchung war gar zu abkühlend; Hetty fühlte daß ſie blaß wurde, ihre Lippen zitterten, die Thrä⸗ nen ſtanden ihr im Auge. O was ſollte ſie thun? Jedermann würde den Grund ſogleich einſehen, Jeder⸗ 41 mann würde wiſſen daß ſie darum weinte weil Arthur nicht da war. Und Herr Craig mit der wundervollen Treibhauspflanze in ſeinem Knopfloch ſtarrte ſie an, das wußte ſie. Es währte ſchrecklich lang bis die allgemeine Beichte begann, ſo daß ſie niederknien konnte. Zwei große Thränen drängten ſich jezt aus ihrem Auge, aber Niemand ſah ſie, außer der gutmüthigen Molly, denn Onkel und Tante knieten vor ihr und drehten ihr den Rücken zu. Molly, die ſich unmöglich einen andern Grund zu Thränen in der Kirche denken konnte als Ohn⸗ macht, wovon ſie einen unklaren traditionellen Be⸗ griff hatte, nahm aus ihrer Taſche ein ſeltſames glattes blaues Riechfläſchchen, und nachdem ſie mit großer Mühe den Kork herausgezogen, hielt ſie den engen Hals deſſelben Hetty unter die Naſe. Es riecht nicht, flüſterte ſie, in der Meinung dieß ſei ein großer Vorzug den altes Salz gegen neues voraushabe, daß es Einem wohlthue ohne in die Naſe zu beißen. Hetty ſchob es trozig zurück, aber dieſer kleine Aerger bewirkte was das Salz nicht hätte bewirken können— ſie ermannte ſich die Spu⸗ ren ihrer Thränen abzuwiſchen, und wollte jezt mit aller Macht verſuchen nicht mehr zu weinen. Die kleine Hetty hatte eine gewiſſe Stärke in ihrer eiteln Natur; ſie hätte eher Alles ertragen als ausgelacht oder mit einem andern Gefühl als Bewunderung angeſehen zu werden; ſie hätte ſich eher ihre Nägel in das zarte Fleiſch eingedrückt, als daß die Leute ein Geheimniß erfahren hätten das ſie ihnen verber⸗ gen wollte. Wie es da wogte in ihren geſchäfti gen Gedanken 42 und Gefühlen, während Herr Irwine die feierliche Abſolution und darauf das Vater Unſer vor ihren tauben Ohren ſprach! Der Täuſchung folgte der Aerger auf dem Fuß, und bald ſiegte dieſe Empfindung über die Muthmaßungen womit ihr kleiner Scharfſinn die Abweſenheit Arthurs zu er⸗ klären ſuchte, ſtets in der Vorausſezung, er habe wirklich kommen wollen, er wolle ſie wirklich wieder⸗ ſehen. Und als ſie ſich mechaniſch von ihren Knien erhob, weil alle Andern dasſelbe thaten, da hatte ſich die Farbe mit erhöhter Glut auf ihren Wangen wieder eingeſtellt, denn ſie entwarf jezt kleine zornige Reden an ſich ſelbſt, worin ſie ſagte daß ſie Arthur haſſe weil er ihr dieſen Schmerz bereite, und daß ſie ihn gern auch leiden ſähe. Während jedoch die⸗ ſer ſelbſtſüchtige Tumult in ihrer Seele vorging, waren ihre Augen auf das Gebetbuch geſenkt und ſahen mit ihren dunkeln Wimpern ſo lieblich aus wie nur je. Wenigſtens fand dieß Adam Bede, als er beim Aufſtehen eine Weile zu ihr hinüberſchaute. Aber ſeine Gedanken an Hetty machten ihn nicht taub für den Gottesdienſt; ſie vermiſchten ſich viel⸗ mehr mit all den andern tiefen Gefühlen die in Folge derſelben auf ihn eindrangen, wie ein gewiſſes Bewußtſein unſerer ganzen Vergangenheit und der unſerer Seele vorſchwebenden Zukunft ſich mit allen unſern Augenblicken tiefen Gefühles vermiſcht. Und für Adam war der Gottesdienſt der beſte Canal den er für ſeine aus Trauer, Sehnſucht und Ergebung gemiſchte Stimmung hätte finden können; ſein Wech⸗ ſel von flehentlichen Rufen um Hülfe mit Ausbrüchen von Glaubens⸗ und Dankesergüſſen, ſeine wieder⸗ 43 kehrenden Reſponſorien und der vertraute Rhythmus der Collecten ſprachen ihn weit inniger an als jede andere Form religiöſer Verehrung hätte thun können: gerade wie den erſten Chriſten, die von Kindheit auf ihren Gottesdienſt in Catacomben hielten, das Fackel⸗ licht und die Dunkelheit die Nähe Gottes gewiß deutlicher zu verkündigen ſchien als das heidniſche— Tageslicht auf den Straßen. Das Geheimniß unſe⸗ rer Empfindungen liegt niemals in dem bloßen Gegen⸗ ſtand, ſondern in ſeinen feinen Beziehungen zu unſe⸗ rer Vergangenheit: kein Wunder alſo wenn es dem unbetheiligten Beobachter entgeht, der eben ſo gut ſeine Brille aufſezen könnte um Gerüche zu er⸗ kennen. Aber es war ein Grund vorhanden warum ſelbſt ein bloß zufällig Anweſender den Gottesdienſt in der Kirche von Hayſlope eindrucksvoller gefunden haben würde als in den meiſten andern Dorfkirchen des Königreichs— ein Grund wovon ihr ſicherlich nicht die mindeſte Ahnung habt. Ich meine den Vortrag unſers Freundes Joſua Nann. Woher der gute Schuſter ſeine Vorleſungsbunſt hatte, das iſt ſelbſt ſeinen vertrauteſten Bekannten ein Geheimniß ge⸗ blieben. Ich glaube er hatte ſie hauptſächlich von der Natur, die in dieſe ehrliche, eingebildete Seele Etwas von ihrer Muſik ausgegoſſen hatte, wie ſie bekanntlich ſchon bei andern kleinlichen Seelen vor der ſeinigen gethan hat. Sie hatte ihm wenigſtens eine ſchöne Baßſtimme und ein muſicaliſches Ohr ver⸗ liehen; aber ich kann nicht beſtimmt ſagen ob dieſe allein hingereicht haben würden ihn zu dem klang⸗ vollen Geſang zu begeiſtern womit er die Reſpon⸗ 44 ſorien vortrug. Die Art wie er aus einem vollen tiefen Forte in eine melancholiſche Cadenz überging, die bei dem lezten Wort, gleich den Schwingungen eines ſchönen Violoncells, ſanft verhallte, kann ich bei ihrer eindrucksvollen ruhigen Schwermuth nur mit dem Rauſchen und Fallen des Herbſtwindes in den Baumzweigen vergleichen. Dieß mag eine ſelt⸗ ſame Abhandlung über den Vortrag eines Dorf⸗ küſters ſcheinen, eines Mannes mit verroſteter Brille, ſtruppigem Haar, dickem Hinterkopf und hervorſtehen dem Schädel. Aber das iſt die Art und Weiſe der Natur; einen vornehmen Herrn mit glänzender Phy⸗ ſionomie und poetiſchen Anflügen läßt ſie jämmer⸗ lich unmuſicaliſch ſingen und verleiht ihm nicht die mindeſte Spur von einem geſunden Ton, während ſie dafür ſorgt daß irgend ein Burſche mit niedriger Stirne, der in einer Bierkneipe eine Ballade vor⸗ trägt, ſeine Intervallen ſo richtig einhält wie ein Vogel. 48 Joſua ſelbſt war auf ſein Leſen weniger ſtolz als auf ſein Singen, und es geſchah immer mit einem Gefühl erhöhter Wichtigkeit wenn er vom Leſepult in den Sängerchor trat. Um ſo mehr heute: es war eine beſondere Gelegenheit; denn ein alter Mann den die ganze Gemeinde kannte war eines traurigen Todes geſtorben— nicht in ſeinem Bett, ein Umſtand der für die Bauern immer am ſchmerz⸗ lichſten iſt— und nun ſollte das Leichenlied zum Andenken an ſein plözliches Abſterben geſungen werden. Ueberdieß war Barthel Maſſey nicht in der Kirche, und Joſuas Bedeutſamkeit im Chor konnte durch Nichts verdunkelt werden. Man ſang eine 45 feierliche Mollmelodie. Die alten Kirchenlieder haben manchen ſchmerzlichen Klagelaut, und die Worte: „Du fegſt uns fort mit Waſſersfluth, Wir ſchwinden hin als wie ein Traum,“ ſchienen auf den Tod des armen Thias eine ganz beſondere Anwendung zu finden. Mutter und Soͤhne horchten, jedes mit eigenthümlichen Empfindungen. Lisbeth hatte einen unbeſtimmten Glauben daß das Lied ihrem Manne wohlthue; es gehörte zu dieſem anſtändigen Begräbniß, woran ſie ſo fen Hiett ſo daß ſie es für ein größeres Unrecht gehalten hätte es ihm zu verſagen, als ihm ſo manchen unruhigen Tag bereitet zu haben. Je mehr üher ihren Mann geſagt, je mehr für ihn gethan wurde, um ſo beſſer mußte es ihm jezt ergehen. Es, war für die arme Lisbeth ein blindes Gefühl daß menſchliche Liebe und menſchliches Mitleid die Grundlage des Glau⸗ bens an eine andere Liebe ſelen. Seth, der über⸗ haupt leicht gerührt wurde, vergoß Thränen und ſuchte ſich, wie er ſeit ſeines Vaters Tod beſtändig gethan, Alles ins Gedächtniß zurückzurufen was er von der Möglichkeit gehört hatte daß ein einziger bewußter Augenblick vor dem Ende Vergebung und Verſöhnung bringen könne; denn ſtand nicht gerade in dem Pſalm den ſie ſangen, daß die Wege Gottes nicht von der Zeit gemeſſen und begränzt ſeien? Adam war noch nie unfähig geweſen in einen Pſalm mit einzuſtimmen. Er Zatté ſeit ſeiner Kindheit eine Menge Trübſal und Verdruß durchgemacht, aber dieß war das erſtemal daß der Kummer ſeine Stimme hemmte, und ſeltſam genug war es der Kummer 46 darüber daß der Haupturheber ſeiner Trübſale und Verdrießlichkeiten für immer dahin war. Er hatte ſeinem Vater vor dem Abſchiede nicht die Hand drücken und zu ihm ſagen können:„Vater, Ihr wißt, zwiſchen uns iſt. Alles im Reinen; ich habe nie vergeſſen was ich als Knabe Euch zu verdanken hatte; Ihr verzeiht mir wenn ich dann und wann zu hizig und heſtig war.“ Adam dachte heute nur wenig an die ſchwere Arbeit die er für ſeinen Vater gethan und an die wehahe die er für ihn gebracht; er dachte immer nur was wohl der alte Mann in den Augenblicken der Demüthigung habe empfinden müſſen, wenn er vor den Vorwürfen ſeines Sohnes den Kopf geſenkt. Wenn unſere Entrüſtung in unterwürfigem Schweigen er⸗ tragen wird, können ſpäter leicht ſchmerzliche Zweifel in uns entſtehen ob wir wohl großmüthig oder auch nur gerecht geweſen ſeien: wie weit mehr wenn der Gegenſtand unſeres Zornes ins ewige Schweigen hinübergegangen iſt, und wir ſein Geſicht zum leztenmal in der Sanftheit des Todes ge⸗ ſehen haben!* „Ach, ich war immer zu hart,“ ſagte Adam zu ſich ſelbſt;„das iſt ein ſchlimmer Fehler von mir daß ich immer ſo hizig und gleich ſo ungeduldig bin wenn Jemand Unrecht hut. und daß dann mein Herz ſich gegen die Leute verſchließt, ſo daß ich ihnen nicht verzeihen kann. Ich ſehe wohl daß mehr Stolz als Liebe in meiner Seele iſt, denn ich konnte leichter tauſend Hammerſchläge für meinen Vater thun, als daß man mich dazu gebracht hätte ihm ein freundliches Wort zu ſagzen; und dann war auch 47 noch in dieſen Hammerſchlägen Stolz und Aerger genug, der Teufel will ja ſeinen Finger immer ſo⸗ wohl in unſerer ſogenannten Pflicht als in unſern Sünden haben; vielleicht iſt das Beſte was ich je in meinem Leben that bloß dasjenige was mir am leichteſten war; das Arbeiten iſt mir immer leichter geweſen als das Stillſizen; aber ein wahrhaft ſchweres Stück Arbeit wäre für mich meinen eigenen Willen, mein aufbrauſendes Gemüth zu bemeiſtern und gegen meinen eigenen Stolz anzukämpfen. Wenn ich den Vater heute Abend daheim anträfe, ſo würde ich mich, ſcheint es mir jezt, anders gegen ihn benehmen; aber wiſſen kann mans doch nicht, denn die guten Lehren kommen beinahe immer zu ſpät. Wenn wirs doch einſehen würden daß das Leben ein Rechnungs⸗ exempel iſt das wir nicht zweimal machen können; man kann in der Welt Nichts nirklich wieder gut machen, ſo wenig als man eine falſche Subtraction durch eine richtige Addition gut machen kann.“ Dieß war der Hauptton in welchem ſich Adams Gedanken ſeit dem Tode ſeines Vaters beſtändig bewegten, und die feierliche Klage des Todtenliedes brachte die alten Gedanken wieder um ſo ſtärker hervor. So auch der Text den Herr Irwine zu ſeiner Grabpredigt genommen. Er lautete kurz und einfach:„Mitten im Leben ſind wir im Tode,“ und die Predigt ſezte auseinander daß der gegenwärtige Augenblick Alles ſei was wir unſer eigen nennen können für Werke der Barmherzigkeit, Rechtſchaffen⸗ heit und Familienliebe. Lauter ganz alte Wahr⸗ heiten— aber was wir für die älteſte Wahrheit hielten, das wird für uns ganz überraſchend neu, 48 wenn wir in das todte Antliz eines Menſchen ge⸗ ſehen haben der einen Theil unſeres eigenen Lebens ausmacht; denn wenn man uns die Wirkung eines neuen und wunderbar lebhaften Lichtes zeigen will, läßt man es dann nicht auf die vertrauteſten Gegen⸗ ſtände fallen, damit wir bei der Erinnerung an die frühere Trübheit ſeine Stärke bemeſſen können?“ Dann kam der Augenblick des Schlußſegens, wo die ewig erhabenen Worte:„Der Friede Gottes, welcher höher iſt als alle Vernunft,“ ſich mit dem ruhigen Scheine der Mittagsſonne zu vermiſchen ſchienen, der auf die geſenkten Häupter der Verſamm⸗ lung fiel. Endlich erhoben ſich Alle ſtill, die Mütter banden den kleinen Mädchen, die während der Pre⸗ digt geſchlafen hatten, die Hüte feſt, die Väter ſammelten die Gebetbücher, und nun ſtrömten Alle durch den alten Bogengang auf den grünen Kirchhof hinaus, wo die nachbarliche Unterhaltung, die ſchlichten Höflichkeitien und die Einladungen zum Thee begannen; denn am Sonntag wünſchte Jeder einen Gaſt zu empfangen— dieß war der Tag wo Alle in ihren beſten Kleidern und in ihrer beſten Laune ſein mußten. Herr und Frau Poyſer verweilten ſich einige Minuten an der Kirchthüre: ſie warteten auf Adam, denn ſie wollten nicht gehen ohne der Wittwe und ihren Söhnen ein freundliches Wort zu ſagen. „Nun Frau Bede,“ ſagte Frau Poyſer, als ſie zuſammen weiter gingen,„Ihr müßt Euern Kopf hoch halten: Männer und Weiber müſſen zufrieden ſein wenn ſie lange genug gelebt haben um ihre 49 Kinder aufzuziehen und einander in grauen Haaren zu ſehen.“ „Ja ja,“ ſagte Herr Poyſer,„dann brauchen ſie auch in keinem Fall lang auf einander zu warten. Und Ihr habt zwei der wackerſten Söhne in der ganzen Grafſchaft; das iſt auch kein Wunder, denn ich er⸗ innere mich, der arme Thias war einſt ein ſo hüb⸗ ſcher breitſchulteriger Burſche wie man nur einen finden kann, und Ihr ſelbſt, Frau Bede, Ihr habt noch jezt einen geradern Rücken als die Hälfte der jungen Weiber in unſerer Zeit.“ „Ach,“ ſagte Lisbeth,„was hilft es der Schüſſel daß ſie noch hält wenn ſie doch entzweigebrochen iſt? Je eher man mich unter den Weißdorn legt, um ſo beſſer. Ich bin jezt für Niemand mehr Etwas nüze.“ Adam nahm von den kleinen ungerechten Klagen ſeiner Mutter niemals Notiz; aber Seth ſagte: „Nein Mutter, ſo mußt Du nicht ſprechen. Deine Söhne bekommen nie eine andere Mutter.“ „Das iſt wahr, Junge, das iſt wahr,“ ſagte Herr Poyſer,„und es iſt Unrecht von uns, Frau Bede, wenn wir den Kummer überhand nehmen laſſen; denn es iſt gerade wie wenn die Kinder weinen wenn Vater und Mutter ihnen Etwas weg⸗ nehmen. Der da oben weiß beſſer als wir was uns gut iſt.“ „Ach ja,“ ſagte Frau Poyſer,„und man muß niemals die Todten über die Lebendigen ſezen, denn einmal müſſen wir doch Alle ſterben, denke ich— es wäre beſſer die Leute zeigten ſich vorher recht freundlich gegen uns, als daß ſie erſt anfangen wenn Eliot, Adam BVede. II. 4 50 wir dahingegangen ſind. Es nüzt Nichts die Saat vom vorigen Jahr zu begießen.“ „Nun Adam,“ ſagte jezt Herr Poyſer, welcher fühlte daß die Worte ſeiner Frau wie gewöhnlich eher verlezend als beſänftigend waren, und daß man daher das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand lenken mußte,„Ihr werdet jezt hoffentlich auch wie⸗ der kommen und uns beſuchen. Ich habe ſchon lange kein Geſpräch mehr mit Euch gehabt, und meine Frau wünſcht daß Ihr nach ihrem beſten Spinnrad ſehen ſollet, denn es iſt entzwei gegangen, und Ihr werdet wahrſcheinlich viel Arbeit mit dem Ausbeſſern haben— es wird Etwas zu drechſeln geben. Kommt deßhalb ſobald Ihr könnt, nicht wahr?“ Herr Poyſer blieb ſtehen und ſchaute ſich beim Sprechen um, als wollte er nach Hetty ſehen; denn die Kinder liefen bereits voraus. Hetty war nicht ohne Begleiter, und ſie hatte überdieß mehr Roth und Weiß an ſich als ſonſt, denn ſie hielt in ihrer Hand die wundervolle weiß und rothe Treibhaus⸗ blume mit einem unendlich langen Namen, einem ſchottiſchen Namen, vermuthete ſie, da ja die Leute ſagten daß Herr Craig der Gärtner ein Schotte ſei. Adam benüzte die Gelegenheit um ſich ebenfalls um⸗ zuſchauen, und gewiß wird Niemand von ihm ver⸗ langen daß er ſich über den ſchmollenden Geſichts⸗ ausdruck womit Hetty das Gerede des Gärtners anhörte hätte ärgern ſollen. Gleichwohl freute ſie ſich insgeheim daß ſie ihn bei ſich hatte, denn von ihm konnte ſie vielleicht erfahren warum Arthur nicht in die Kirche gekommen war. Nicht als ob 51 es ihr eingefallen wäre darnach zu fragen, aber ſie hoffte, dieſe Mittheilung würde von ſelbſt gegeben werden, denn Herr Craig als Mann von höherer Stellung ließ ſich gerne auf Mittheilungen ein. Herr Craig bemerkte niemals daß ſeine Unter⸗ haltung und ſeine Aufmerkſamkeiten kalt aufgenom⸗ men wurden, denn es iſt ſelbſt dem liberalſten und mittheilſamſten Geiſte unmöglich ſeinen Geſichtspunkt über gewiſſe Grenzen hinaus zu wechſeln: wir be⸗ merken den Eindruck nicht den wir auf braſilianiſche Affen von ſchwachem Verſtand hervorbringen— möglich daß ſie gar Nichts an uns ſehen. Ueber⸗ dieß war Herr Craig ein Mann von nüchterner Lei⸗ denſchaft und beſchäftigte ſich ſchon ſeit zehn Jahren damit die reſpectiven Vortheile des ehelichen Lebens und des Junggeſellenſtandes gegen einander abzu⸗ wägen. Allerdings hatte man ihn zuweilen, wenn ein Extraglas Grog ihm den Kopf ein wenig warm machte, über Hetty ſagen hören, das Mädchen ſei gar nicht ſo übel, oder auch, es könnte einem Mann auch noch etwas Schlimmeres paſſiren; aber bei Trinkgelagen erlauben ſich die Männer manchmal ſtarke Ausdrücke. Martin Poyſer hielt Herrn Craig in Ehren, als einen Mann der ſein Geſchäft verſtehe und große Einſicht in Betreff des Erdreichs und des Düngers habe; aber bei Frau Poyſer ſtand er nicht in ſo hoher Gunſt, und ſie hatte ſchon mehr als einmal zu ihrem Mann im Vertrauen geſagt:„Du hältſt ja ſchrecklich viel auf dieſen Craig, aber mir für meinen Theil kommt er gerade vor wie ein Hahn welcher meint die Sonne ſei aufgegangen um ihn 4* 52 krähen zu hören.“ Im Uebrigen war Herr Craig ein ſchäzbarer Gärtner und hatte wirklich ſeine Gründe eine hohe Meinung von ſich ſelbſt zu hegen. Dabei hatte er hohe Schultern und hohe Backenknochen, und hing ſeinen Kopf etwas vorwärts wenn er, mit den Händen in ſeinen Hoſentoſchen, einherging. Der Vorzug ſchottiſch zu ſein kam übrigens, glaube ich, nur ſeinem Stammbaum und nicht ſeiner Erziehung zu, denn abgeſehen von einem ſtärkeren Schnarren unterſchied ſich ſeine Sprache nur wenig von der Sprache der Loamſhirer Bevölkerung um ihn her. Aber ein Gärtner iſt immer ein Schotte, wie ein franzöſiſcher Sprachlehrer immer ein Pariſer iſt. „Nun, Herr Poyſer,“ ſagte er, ehe der gute langſame Pächter Zeit hatte zum Wort zu kommen, „ich glaube nicht daß Sie morgen Ihr Heu heim⸗ bringen; das Wetterglas ſteht auf veränderlich, und Sie können ſich auf mein Wort verlaſſen daß es in den nächſten vier und zwanzig Stunden noch tüchtig regnet. Sehen Sie nur dieſe dunkelblaue Wolke dort am Horizont— Sie wiſſen doch was ich unter Horizont meine, wo nämlich Erde und Himmel zu⸗ ſammenzutreffen ſcheinen.“ „Ja, ja, ich ſehe die Wolke,“ ſagte Herr Poyſer, „Horizont oder nicht Horizont. Sie ſteht gerade über Mike Holdsworth's Brachfeld, und das iſt ein ſchlechtes Brachfeld.“ „Nun merken Sie meine Worte: dieſe Wolke wird ſich über den ganzen Himmel hinziehen, und zwar ſo ſchnell als Sie ein Segeltuch über Ihren Heuſchober ſpannen. Es iſt etwas Großes wenn man das Ausſehen der Wolken ſtudirt hat: wahr⸗ 53 haftig die meteorologiſchen Almanache können mich Nichts lehren, aber es gibt gar viele Dinge die ich Ihnen zeigen könnte, wenn Sie zu mir kommen wollten. Und wie geht es Ihnen, Frau Poyſer? Sie wollen gewiß die rothen Johannisbeeren ſchon herabnehmen laſſen? Warten Sie nur nicht bis ſie überreif ſind, beſonders bei einem ſolchen Wetter wie wir es jezt zu erwarten haben. Und was macht Ihr, Frau Bede?“ fuhr Herr Craig ohne eine Pauſe fort, indem er gelegentlich Adam und Seth zunickte. „Hoffentlich haben Euch der Spinat und die Stachel⸗ beeren wohl geſchmeckt die ich Euch neulich durch Cheſter ſchicte. Wenn Ihr in Eurem Kummer um Gemüſe verlegen ſeid, ſo wißt Ihr an wen Ihr Euch zu wenden habt. Es iſt bekannt daß ich Nichts verſchenke was andern Leuten gehört; denn wenn ich das Schloß verſorgt habe, ſo geht der Garten auf meine eigene Rechnung, und zu dieſem Unter⸗ nehmen könnte der alte Herr nicht Jeden brauchen; man frage ihn nur ob er einen Andern haben wolle. Das kann ich Ihnen ſagen, ich muß tüchtig rechnen, um das Geld wieder herauszubekommen das ich dem Herrn bezahle. Es wäre wohl zu wünſchen daß die Calendermacher eben ſo weit über ihre Naſen hin⸗ ausſehen könnten wie ich jedes Jahr thun muß.“ „Sie ſehen aber doch ziemlich weit,“ meinte Herr Poyſer, indem er ſeinen Kopf auf die Seite wandte und in einem etwas gedämpften ehrerbietigen Tone ſprach.„Kann es denn etwas Wahreres geben als das Bild von dem Hahn mit den großen Sporen, dem ein Anker den Kopf einſchlägt, und das Feuern und die Schiffe dahinter? Und dieſes Bild war vor 54 Weihnachten gemacht und jezt iſt Alles ſo wahr ge⸗ worden wie die Bibel; der Hahn iſt Frankreich, und der Anker iſt Nelſon— und das haben dieſe Leute uns vorausgeſagt.“ „Ach was!“ ſagte Herr Craig.„Man braucht nicht weit in die Ferne zu ſehen um zu wiſſen daß die Engländer die Franzoſen ſchlagen werden. Ich weiß aus einer ganz ſicheren Quelle daß ein Fran⸗ zoſe von fünf Fuß ſchon für einen großen Mann gilt, und dann leben ſie meiſtens nur von Löffel⸗ ſpeiſen. Ich weiß einen Mann, deſſen Vater kannte die Franzoſen ganz genau. Ich möͤchte doch wiſſen was dieſe Heuſchrecken da gegen ſo hübſche Leute ausrichten würden wie unſer junger Capitän Arthur iſt. Ein Franzoſe würde ſich verwundern wenn er ihn nur anſähe; er iſt dicker um den Arm als ein Franzoſe um den Leib, denn ſie ſchnüren ſich auch noch feſt zuſammen, und das iſt ganz leicht weil ſie Nichts im Leibe drinnen haben.“ „Wo iſt der Capitän, weil er heute nicht in der Kirche war?“ fragte Adam.„Ich ſprach ihn am Freitag, und da ſagte er Nichts davon daß er ver⸗ reiſen wolle.“ „O er iſt bloß nach Cagledale gegangen um ein Bischen zu angeln; wahrſcheinlich kommt er bald zurück, denn er muß all den Zurüſtungen und Vor⸗ bereitungen zu ſeiner Großjährigwerdung am 30. Juli anwohnen. Aber von Zeit zu Zeit geht er gern ein wenig weg. Er und der alte Herr paſſen zu einander wie Froſt und Blumen.“ Bei dieſer lezten Bemerkung lächelte Herr Craig und blinzelte langſam; aber der Gegenſtand wurde 55 nicht weiter entwickelt, denn ſie hatten jezt die Bie⸗ gung der Straße erreicht wo Adam und die Seini⸗ gen ſich verabſchieden mußten. Auch der Gärtner würde in derſelben Richtung abgegangen ſein, wenn er nicht Herrn Poyſers Einladung zum Thee ange⸗ nommen hätte. Frau Poyſer unterſtüzte dieſe Ein⸗ ladung gebührend, und ſie hätte es für eine große Schande gehalten ihre Nachbarn in ihrem Hauſe nicht willkommen zu heißen: perſönliche Neigung oder Abneigung durften dieſer heiligen Gewohnheit keinen Eintrag thun. Ueberdieß hatte Herr Craig die Familie auf dem Pachthof ſtets mit der größten Aufmerkſamkeit behandelt, und Frau Poyſer war gewiſſenhaft genug zu erklären, ſie habe eigentlich Nichts gegen ihn, nur ſei es Schade daß er nicht noch einmal ausgebrütet werden könne, und zwar anders. So gingen denn Adam und Seth mit ihrer Mutter in der Mitte ihren Weg das Thal hinab und wieder hinauf zu dem alten Hauſe, wo nunmehr eine traurige Erinnerung die Stelle jahrelanger Qual eingenommen hatte, wo Adam bei ſeiner Heim⸗ kehr jezt nicht mehr zu fragen brauchte: Wo iſt der Vater? Und der andere Familienclub, an welchen Herr Craig ſich angeſchloſſen, ging nach der angenehmen freundlichen Hausflur auf dem Pachthof zurück, alle ruhigen Gemüths, mit Ausnahme Hetty's, die jezt zwar wußte wo Arthur ſich befand, aber darum nur um ſo verwirrter und unruhiger war. Denn ſeine Abweſenheit ſchien ihr eine ganz freiwillige zu ſein; er hätte nicht zu gehen gebraucht, und er würde 56 nicht gegangen ſein wenn er ſie hätte ſehen wollen. Sie hatte ein ſchmerzliches Gefühl daß ſie mit keinem Loos zufrieden ſein könnte wenn ihre Viſion vom Donnerſtag Abend nicht in Erfüllung ginge, und in dieſem Augenblick winterkalter Enttäuſchung und troſt⸗ loſen Zweifels ſchaute ſie der Möglichkeit wieder bei Arthur zu ſein, ſeinem liebenden Blick zu begegnen und ſeine ſanften Worte zu hören, mit dem ſehn⸗ ſüchtigen Verlangen entgegen das man den wach⸗ ſenden Schmerz der Leidenſchaft nennen kann. Neunzehntes Capitel. Adam an einem Werktag. Troz der Prophezeiung des Herrn Craig verzog ſich die dunkelblaue Wolke ohne die gedrohten Fol⸗ gen.„Das Wetter,“ bemerkte er am folgenden Mor⸗ gen,„das Wetter iſt ein kizliches Ding, ſehen Sie, und ein Narr trifft's zzuweilen wenn ein geſcheidter Mann irrt; das kommt dem Calendermacher zu gut. Es iſt eins von den zufälligen Dingen woran die Narren profitiren.“ Indeſſen war Herr Craig der einzige Menſch in Hayſlope dem dieſes unvernünftige Benehmen des Wetters mißfallen konnte. Seit dem früheſten Mor⸗ gen war Alles auf den Wieſen beſchäftigt, die Wei⸗ ber und Töchter verrichteten zu Hauſe die doppelte Arbeit, damit die Mägde beim Heuſchütteln helfen konnten, und als Adam mit ſeinem Arbeitszeugkorb auf der Schulter über die Feldwege ging, hörte er luſtiges Schwazen und ſchallendes Gelächter hinter den Hecken hervor. Das fröhliche Geplauder der Heumacher und Heumacherinnen nimmt ſich in der Entfernung am beſten aus; gleich den plumpen Glocken der Kühe klingt es in der Nähe etwas grob und kann ſogar ziemlich in den Ohren krazen; aber aus der Ferne ſtimmt es recht angenehm zu den andern muntern Klängen der Natur. Die Muskeln der Menſchen bewegen ſich beſſer wenn ihre Seelen fröhliche Muſik machen, mag ihre Fröhlichkeit auch noch ſo armſelig und täppiſch ſein, ſo daß ſie mit der Munterkeit der Vögel gar nichts zu thun hat. Und vielleicht gibt es an einem Sommertag keine angenehmere Zeit als die wenn die Wärme der Sonne juſt über die Friſche des Morgens obzuſiegen beginnt, wenn noch ein Anhauch von Morgenkühle zurückgeblieben iſt, ſo daß der köſtliche Einfluß der Wärme nicht ermüdend wirkt. Der Grund warum Adam um dieſe Zeit über die Felder ging, war daß er für den übrigen Tag anderthalb Stunden vdn da auf einem Landhaus zu thun hatte das für den Sohn eines benachbarten Gutsherrn reparirt werden mußte, und er war ſchon ſeit dem frühen Morgen ſehr beſchäftigt geweſen, um Täfelwerk, Thüren und Kaminſtücke auf einen Wagen zu verpacken der ihm jezt vorausgefahren war, während Jonathan Burge ſich in eigener Perſon zu Pferd nach dem Plaz ver⸗ fügt hatte um die Ankunft des nöthigen Materials zu erwarten und die Arbeiter ins Geſchäft einzuleiten. Dieſer kleine Spaziergang war ein Ausruhen für Adam, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, befand er ſich unter dem Zauber des Augenblicks. Es war 58 Sommermorgen in ſeinem Herzen, und er ſah Hetty in dem Sonnenſchein, einem Sonnenſchein ohne blen⸗ denden Glanz, mit ſchiefen Strahlen die zwiſchen den zarten Schatten des Laubs zitterten. Geſtern, als er ihr nach der Kirche die Hand reichte, meinte er in ihrem Geſichte einen Anflug von melancholiſcher Freundlichkeit zu ſehen die er nie zuvor bemerkt hatte, und er nahm dieß als ein Zeichen daß ſie an ſeinem Familienkummer einiger⸗ maßen Theil nehme. Armer Burſche! Jener ſchwer⸗ müthige Zug hatte einen ganz andern Grund, aber wie konnte er das wiſſen? Wir ſehen in das Geſicht eines Mägdleins das wir lieben, wie wir unſerer Mutter Erde ins Geſicht ſchauen, und wir leſen darin alle Arten von Antworten auf unſere eigenen ſehn⸗ lichen Wünſche. Adam konnte ſich des Gefühls nicht erwehren daß das Ereigniß in der lezten Woche die Ausſicht auf eine Heirath ihm näher gerückt habe. Bisher hatte er ſchmerzlich die Gefahr empfunden daß irgend ein Anderer dazwiſchen kommen und Hetty's Herz und Hand in Beſiz nehmen könnte, während er ſelbſt ſich in einer Stellung befand die ihm eine offene Bewerbung noch nicht geſtattete. Selbſt wenn er große Hoffnung auf Gegenliebe ge⸗ habt hätte— ſeine Hoffnung war aber nichts we⸗ niger als ſtark— ſo hatte er noch andere Verpflich⸗ tungen auf ſich liegen, um Hetty an ſeiner Seite eine Häuslichkeit anbieten zu können wie ſie nach einem ſo behaglichen Leben im Pachthof, wo ſie Alles im Vollauf beſaß, erwarten durfte. Wie alle kräftigen Naturen, hegte Adam ſtarkes Vertrauen in ſeine Geſchicklichkeit; er war überzeugt 59 daß er einſt eine Familie erhalten und etwas Schö⸗ nes auf die Seite legen könne, aber er hatte einen zu kühlen Kopf um nicht die Hinderniſſe die über⸗ wunden werden mußten vollkommen richtig anzu⸗ ſchlagen. Wie lange Zeit konnte noch bis dahin vergehen, und während dieſer Zeit hing Hetty wie ein rothbackiger Apfel über die Gartenmauer herüber, ſo daß Jedermann ſie ſehen konnte und Appetit nach ihr bekommen mußte. Freilich wenn ſie ihn ſehr liebte, ſo würde ſie ſich gerne verſtehen auf ihn zu warten: aber liebte ſie ihn denn? Seine Hoff⸗ nungen waren nie ſo hoch geſtiegen daß er es ge⸗ wagt hätte ſie zu fragen; er beſaß Hellblick genug um zu bemerken daß Onkel und Tante gut zu ſeiner Bewerbung ſahen, und in der That würde er ohne dieſe Aufmunterung ſeine Beſuche auf dem Pachthof nicht ſo beharrlich fortgeſezt haben; aber in Beziehung auf Hetty's Gefühle konnte er unmöglich zu andern als höchſt unſichern Schlüſſen gelangen. Sie war wie ein Käzchen und hatte für jeden der in ihre Nähe kam dieſelben verzweifelt hübſchen, aber nichts⸗ ſagenden Blicke. Aber jezt mußte er ſich geſtehen daß der ſchwerſte Theil ſeiner Laſt ihm abgenommen war, und daß er leicht vor Jahresfriſt in Verhältniſſe kommen konnte die ihm erlaubten ans Heirathen zu denken. Es würde immerhin noch einen harten Kampf mit ſeiner Mutter abſezen, das wußte er; ſeea auf jede Frau die er wählte eiferſüchtig ſein, und gegen Hetty war ſie ganz beſonders eingenommen, vielleicht aus keinem andern Grunde, als weil ſie vermuthete daß er ſie ſchon gewählt habe. Er fürchtete es 60 würde nicht angehen daß ſeine Mutter mit ihm zu⸗ ſammenwohne wenn er einmal verheirathet wäre, und doch wie ſchwer würde ſie es aufnehmen wenn er ſie erſuchte ihn zu verlaſſen! Ja, mit ſeiner Mutter war noch viel Schmerzliches auszumachen, aber dieß war ein Fall wo er ihr zeigen mußte daß er einen ſtarken Willen beſaß, und am Ende war es auch für ſie ſelbſt das Beſte. Am liebſten wäre es ihm geweſen wenn ſie hätten beiſammen bleiben können bis Seth ſich verheirathet hätte; ſie hätten an das alte Haus eiwas anbauen können um mehr Raum zu gewinnen. Er trennte ſich nicht gerne von dem Jungen: ſie waren in ihrem ganzen Leben kaum länger als einen Tag von einander entfernt geweſen. Aber Adam hatte ſeine Einbildungskraft kaum auf dieſen Sprüngen in eine ungewiſſe Zukunft hin⸗ ein ertappt, als er ihr bereits auch Halt gebot.„Ein hübſcher Bau den ich da aufführe ohne Backſteine und Zimmerholz. Ich bin bereits bei der Dachſtube und habe noch nicht einmal den Grund gegraben.“ Wenn Adam einmal feſt von Etwas überzeugt war, ſo nahm dieſe Ueberzeugung in ſeinem Geiſte die Form eines Grundſazes an; es wurde ihm ſogleich klar wie er handeln mußte, ſo gut es ihm klar war daß Feuchtigkeit Roſt erzeugt. Vielleicht lag hierin das Geheimniß der Härte die er ſich ſelbſt zum Vorwurf machte: er hatte zu wenig Mitgefühl mit der Schwäche die vorhergeſehenen Folgen zum Troz irre geht. Wie ſollen wir ohne dieſes Mitgefühl Geduld und Menſchenliebe genug erlangen für unſere ſtrauchelnden und fallenden Genoſſen auf der langen 61 und wechſelreichen Lebensreiſe! Es gibt nur eine einzige Art wie ein kräftiger und entſchloſſener Menſch dieß lernen kann— er muß die Saiten ſeines Her⸗ zens um die Schwachen und Irrenden binden, ſo daß er nicht bloß die äußern Folgen ihres Fehl⸗ tritts, ſondern auch ihr inneres Leiden theilt. Das iſt eine lange harte Lection, und Adam hatte bis jezt nur das Abe davon gelernt, in ſeines Vaters plözlichem Tod, der in einem Augenblick Alles was ſeine Entrüſtung hervorgerufen vernichtet, zugleich aber auch ſeine Gedanken und ſeine Erinnerungen plözlich auf Alles zurückgelenkt hatte was ſein Mit⸗ leid und ſeine Zärtlichkeit in Anſpruch nahm. Aber Adams Stärke, nicht die damit verwandte Härte, war es was ſeine Betrachtungen an dieſem Morgen beeinflußte. Er war ſich längſt darüber klar geworden daß es eben ſo unrecht als thöricht ſein würde ein blühendes junges Mädchen zu hei⸗ rathen, ſo lang er keine andere Ausſicht hätte als auf zunehmende Armuth bei jedem Familienzu⸗ wachs. Und ſeine Erſparniſſe waren(außer dem furchtbaren Schlag daß er für Seth einen Erſatz⸗ mann in der Miliz hatte ſtellen müſſen) ſo beſtändig darauf gegangen, daß er nicht einmal Geld enug hatte um auch nur ein kleines Häuschen anzuſchaffen und einen Nothpfennig für böſe Tage bereit zu hal⸗ ten. Er hatte gute Hoffnung mit der Zeit feſter auf ſeinen eigenen Beinen zu ſtehen, aber mit einem unklaren Vertrauen auf ſeinen Arm und ſeinen Kopf konnte er ſich nicht zufrieden geben; er mußte be⸗ ſtimmte Pläne haben und ſie alsbald ins Werk ſezen. An eine Aſſociéſchaft mit Jonathan Burge war vor⸗ 62 derhand nicht zu denken; es hingen Bedingungen daran die er nicht annehmen konnte. Aber Adam dachte daß er und Seth neben ihrer Geſellenarbeit für ſich ſelbſt ein Geſchäftchen führen könnten, indem ſie einen kleinen Vorrath von feinerem Holz kauften und allerlei Haushaltungsartikel machten, wofür Adam Pläne genug im Kopf hatte. Seth konnte durch beſondere Arbeiten unter Adams Leitung mehr verdienen als im Taglohn, und Adam konnte in ſeinen freien Stunden all die feine Arbeit machen die beſondere Geſchicklichkeit erforderte. Das auf ſolche Art erworbene Geld, nebſt dem guten Lohn den er als Werkführer erhielt, mußte ſie bald in Stand ſezen ein wenig voranzukommen, zumal da ſte jezt ungemein ſparſam leben wollten. Kaum hatte dieſes Plänchen in ſeinem Kopf eine feſte Ge⸗ ſtalt gewonnen, ſo begann er genaue Berechnungen über die Koſten des zu kaufenden Holzes anzuſtellen, und überlegte was für ein beſonderes Möbel zuerſt in Angriff genommen werden müßte— ein Küchen⸗ ſchrank von ſeiner eigenen Erfindung, mit einer ſo ſinnreichen Einrichtung von Schubladen und Thüren, ſo paſſenden Ecken zur Aufbewahrung von Mund⸗ vorräthen, dabei ſo ſymmetriſch und augenfällig, daß jede tüchtige Hausfrau in Entzücken gerathen und alle Abſtufungen ſchwermüthigen Verlangens durch⸗ machen mußte, bis ihr Mann ihn zu kaufen ver⸗ ſprach. Adam vergegenwärtigte ſich bereits Frau Poyſer, wie ſie mit ihrem ſcharfen Auge denſelben prüfte und vergebens einen Mangel daran zu finden verſuchte; neben ihr ſtand natürlich Hetty, und Adam wurde von Berechnungen und Plänen hinweg aufs 63 Neue in Träume und Hoffnungen hineingelockt. Ja er wollte heute Abend hingehen und ſie beſuchen— er war ſchon ſo lange nicht mehr auf dem Pachthof geweſen. Er wäre auch gerne in die Abendſchule gegangen, um zu ſehen warum Barthel Maſſey geſtern nicht in der Kirche geweſen, denn er fürchtete ſein alter Freund ſei krank; aber wenn er nicht beide Beſuche noch heute machen konnte, ſo mußte der lezte auf morgen verſchoben werden— der Wunſch bei Hetty zu ſein und wieder einmal mit ihr zu ſprechen war allzu mächtig. Als er ſich dazu entſchloſſen hatte, war er all⸗ mählig ans Ende ſeines Weges gekommen und hörte bereits die Hammerſchläge von dem zu reparirenden alten Hauſe her. Das Getöne der Handwerkszeuge iſt für einen geſchickten Arbeiter der ſein Geſchäft liebt, wie die verführeriſchen Töne des Orcheſters für den Violiniſten der in der Ouvertüre mitzuſpie⸗ len hat. Die ſtarken Fibern beginnen in gewohnter Weiſe zu beben, und was einen Augenblick vorher Freude, Aerger oder Ehrgeiz geweſen, verwandelt ſich auf einmal in Thatkraft. Alle Leidenſchaft wird Kraft, wenn ſie aus den engen Gränzen unſeres perſönlichen Weſens einen Ausgang hat in der Ar⸗ beit unſeres rechten Armes, in der Geſchicklichkeit unſerer rechten Hand oder in der ſtillen ſchöpferiſchen Thätigkeit unſeres Gedankens. Betrachtet Adam den Reſt des Tages hindurch, wie er mit dem zwei Fuß langen Zollſtab in der Hand auf dem Gerüſte ſteht, und leiſe pfeift wenn er über eine Schwierig⸗ keit bei einem Querbalken oder einem Fenſterrahmen nachdenkt, oder wie er, wenn es ſich um Hebung 64 eines ſchweren Balkens handelt, einen jüngern Ar⸗ beiter bei Seite ſchiebt und ſich an ſeinen Plaz ſtellt mit den Worten: Laß das gut ſein, mein Junge, du haſt noch zu viele Knorpeln in Deinen Knochen; oder wie er ſeine ſcharfen ſchwarzen Augen auf die Bewegungen eines Arbeiters auf der andern Seite richtet und ihn erinnert daß ſeine Diſtanzen nicht richtig ſind. Schaut dieſen breitſchultrigen Mann mit den bloßen musculöſen Armen, mit dem dicken ſchwarzen Haare, das, wenn er ſeine Papiermüze ab⸗ nimmt, wie zertretenes Gras herumgeworfen wird, und mit dem ſtarken Baryton der von Zeit zu Zeit in laute und feierliche Pſalmenmelodien ausbricht, als ſuche er einen Ausweg für überflüſſige Kraft, dann aber plözlich innehält, weil offenbar ein Ge⸗ danke aufgetaucht iſt zu welchem das Singen nicht paßt. Wäret Ihr nicht bereits ins Geheimniß ein⸗ geweiht, ſo würdet Ihr vielleicht nicht ahnen, welche wehmüthige Erinnerungen und welche warme Nei⸗ gung, welche zärtliche ſcheue Hoffnungen in dieſem athletiſchen Körper mit den zerarbeiteten Nägeln an den Händen wohnten, in dieſem rauhen Manne der keine beſſere Lyrik kannte als da und dort eine Hymne im alten oder neuen Geſangbuch, der von der weltlichen Geſchichte möglichſt wenig wußte, und welchem die Bewegung und Geſtalt der Erde, der Lauf der Sonne und der Wechſel der Jahreszeiten in der Region des Geheimniſſes lagen die ihm durch fragmentariſches Wiſſen juſt ſichtbar wurde. Es hatte Adam ſchwere Mühe und ſaure Freiſtunden⸗ arbeit gekoſtet das zu lernen was er außer den Ge⸗ heimniſſen ſeines Handwerks wußte. Die Erwerbung 65 ſeiner mechaniſchen und arithmetiſchen Kenntiſſe, ſo wie die Einſicht in die Natur ſeiner Arbeitsmateria⸗ lien, wurde ihm allerdings durch ſeine angebornen Fähigkeiten erleichtert; beſonders anſtrengend aber war ihm das Schreiben, und namentlich das Correct⸗ ſchreiben, ohne andere Fehler als ſolche die man billiger Weiſe weit mehr dem unvernünftigen Charac⸗ ter der Orthographie als einem Verſehen des Schrei⸗ benden ſelbſt in die Schuhe ſchieben ſollte, und end⸗ lich das Erlernen der Noten und das Singen nach denſelben geworden. Neben alle dem hatte er ſeine Bibel mit Einſchluß der apocryphiſchen Bücher ge⸗ leſen, ferner des armen Richard Almanach, Taylors heiliges Leben und Sterben, die Pilgerreiſe, Bu⸗ nyan'’s Leben und den heiligen Krieg, einen großen Theil von Bailey's Wörterbuch, Valentin und Orſon, endlich einiges von einer Geſchichte Babylons welche Barthel Maſſey ihm geliehen hatte. Er hätte noch weit mehr Bücher von dieſem haben können, aber er hatte keine Zeit um den gemeinen Druck, wie Lisbeth es nannte, zu leſen, ſo ſehr wurden alle ſeine freien Augenblicke die er nicht mit Extra⸗ zimmerarbeit ausfüllte vom Rechnen in Anſpruch ge⸗ nommen. Adam war, wie ihr ſeht, keineswegs ein Wunder⸗ mann und eben ſo wenig eigentlich ein Genie; dennoch will ich nicht behaupten daß ſich unter den Arbeitern häufig ſolche Charactere vorfinden; es wäre ſicher⸗ lich ein ſehr gewagter Schluß wenn man annehmen wollte daß der nächſte beſte Arbeiter, den man mit einem Korb Handwerkszeug auf der Schulter und Eliot, Adam Bede. II. 5 66 einer Papiermüze auf dem Kopf herankommen ſieht, das ſtarke Bewußtſein und den ſtarken Sinn, ſowie dieſe Miſchung von Empfänglichkeit und Selbſtbe⸗ herrſchung habe wie unſer Freund Adam. Er ge⸗ hörte nicht zum Mittelſchlag der Menſchen, aber Männer wie er wachſen da und dort in jeder Ge⸗ neration unſerer männlichen Handwerker auf; ſie erſcheinen mit angebornen Neigungen die durch ein einfaches Familienleben voll gewöhnlicher Noth und gewöhnlicher Handarbeit genährt, und mit Fähig⸗ keiten die durch geſchickte muthige Arbeit herange⸗ bildet werden; ſie kommen ſelten als Genies vor⸗ wärts, ſondern meiſtens als ausdauernde rechtſchaf⸗ fene Menſchen die geſchickt und gewiſſenhaft den an ſie geſtellten Aufgaben genügen. Ihr Leben hat kein Echo das ſich über ihre Umgebungen hinaus vernehmen ließe, aber ihr könnt beinahe immer mit Sicherheit darauf rechnen daß irgend ein gutes Stück Wegs, ein Gebäude, ein Mineralproduct, eine landwirthſchaftliche Verbeſſerung, eine Abſchaffung von Mißbräuchen in der Gemeinde, ein paar Gene⸗ rationen hindurch mit ihren Namen verknüpft bleibt. Ihre Dienſtherrn wurden durch ſie bereichert, das Werk ihrer Hände iſt wohl gediehen, und die Ar⸗ beit ihres Hirns hat die Arbeit anderer Menſchen mit Nuzen geleitet. In ihrer Jugend gingen ſie mit ſlanellenen oder papiernen Müzen umher, ihre Röcke waren ſchwarz von Kohlenſtaub oder mit Leim und Röthel beſchmiert; im Alter ſieht man ihre weißen Haare auf einem Ehrenplaz in der Kirche oder auf dem Markt, und an den Winter⸗ abenden erzählen ſie ihren wohlgekleideten Söhnen 67 und Töchtern, die um den freundlichen Herd her⸗ ſizen, wie froh ſie geweſen als ſie zum erſtenmal ihren Zweipfenniger täglich verdienten. Andere ſterben arm und legen an den Wochentagen das Arbeitswamms niemals ab: ſie haben die Kunſt reich zu werden nicht verſtanden, aber ſie ſind zu⸗ verläßige Menſchen, und wenn ſie ſterben ehe ihre Arbeitskraft gänzlich erſchöpft iſt, ſo iſt es als wäre in einer Maſchine eine Hauptſchraube los gewor⸗ den, und ihr Dienſtherr ſagt: wo finde ich ſo einen wieder? Zwanzigſtes Capitel. Adams Beſuch auf dem Pachthof. Adam fuhr auf dem leeren Wagen von ſeiner Arbeit zurück; ſo kam es daß er ſchon um ein Vier⸗ tel auf ſieben Uhr ſeine Kleider gewechſelt hatte und bereit war nach dem Pachthof aufzubrechen. „Warum haſt Du Deine Sonntagskleider ange⸗ zogen?“ fragte Lisbeth in klagendem Tone, als er die Treppe herabkam.„Du wirſt doch nicht in Deinem beſten Rock in die Schule gehen?“ „Nein, Mutter,“ antwortete Adam ruhig;„ich gehe nach dem Pachthof, aber vielleicht nachher auch noch in die Schule; Du mußt Dich darum nicht wun⸗ dern wenn ich etwas ſpät heimkomme. Seth wird in einer halben Stunde wieder da ſein; er iſt bloß in's Dorf gegangen, Du brauchſt Dich alſo nicht zu beunruhigen.“— 5*¾ 68 „Ja, aber warum ziehſt Du denn Deine beſten Kleider für den Pachthof an? Poyſers haben Dich ja geſtern darin geſehen, ſollte ich meinen; was ſoll das heißen daß Du den Werktag in den Sonntag verwandelſt? Wer Dich nicht gern in Deiner Ar⸗ Baibeſdle ſieht, der iſt auch keine Geſellſchaft für . ich.“ „Adieu, Mutter, ich kann mich nicht aufhalten,“ ſagte Adam, ſezte ſeinen Hut auf und ging. Aber kaum war er ein paar Schritte vor der Thüre, als Lisbeth von dem Gedanken beunruhigt wurde daß ſie ihn erzürnt habe. Natürlich lag dem Geheimniß ihrer Einwendung gegen die beſten Klei⸗ der der Verdacht zu Grunde daß ſie um Hetty's willen angezogen worden ſeien, aber tiefer als ihr Verdruß ſaß bei ihr das Bedürfniß nach der Liebe ihres Sohnes. Sie eilte ihm nach, ergriff ſeinen Arm und ſagte:„Nein, mein Junge, Du darſſt nicht im Zorn von Deiner Mutter gehen, denn ſie hat nichts Anderes zu thun als da zu ſizen und an Dich zu denken.“ „Nein, nein, Mutter,“ antwortete Adam ernſt, indem er ſtehen blieb und ſeinen Arm auf ihre Schulter legte,„ich bin nicht zornig. Aber um Dei⸗ ner ſelbſt willen wünſche ich daß Du Dich darein ſchickſt mich thun zu laſſen was ich mir vorgenom⸗ men habe; ich werde ſtets ein guter Sohn gegen Dich ſein ſo lange wir leben. Aber ein Mann hat noch andere Gefühle als ſeine Pflichten gegen Vater und Mutter, und Du mußt mir nicht Leib und Seele beherrſchen wollen. Du mußt Dich darein finden daß ich Dir nicht nachgeben werde, wo ich 69 ein Recht habe nach meinem eigenen Willen zu han⸗ deln. Laß uns alſo nicht mehr darüber ſprechen.“ „Ei,“ ſagte Lisbeth, die nicht zeigen wollte daß ſie den wahren Sinn von Adams Worten vollkom⸗ men verſtand,„wer ſieht Dich denn lieber in Deinen beſten Kleidern als Deine Mutter? und wenn Du Dein Geſicht ſo ſauber gewaſchen haſt wie weiße glatte Kieſelſteine, und Deine Haare ſo hübſch ge⸗ kämmt ſind und Deine Augen funkeln, was könnte dann Deine Mutter nur halb ſo gern ſehen als Dich? Und Deine Sonntagskleider kannſt Du mei⸗ netwegen anziehen wann Du willſt, ich werde Dich nie mehr darüber quälen.“ „Schon gut, ſchon gut! Adieu, Mutter!“ ſagte Adam, küßte ſie und eilte weg. Er ſah keine andere Möglichkeit dem Geſpräch ein Ende zu machen. Lis⸗ beth blieb auf dem Plaz ſtehen, hielt ſich die Hand kübers Auge und ſchaute ihm nach bis er gänzlich verſchwunden war. Sie verſtand vollkommen was in Adams Worten lag, und als ſie ihn nun aus dem Auge verloren hatte und langſam ins Haus aurückkehrte, ſagte ſie laut zu ſich ſelbſt— denn es „ war ihre Art ihre Gedanken laut auszuſprechen in 4 den langen Tagen wo ihr Mann und ihre Söhne bei der Arbeit waren—:„Ach er wird mir jezt demnächſt ſagen daß er ſie ins Haus bringen will, und dann wird ſie die Herrin ſein über mich, und ich werde vielleicht zuſehen müſſen, wie ſie die blauran⸗ digen Schüſſeln nimmt und ſie wohl gar zerbricht, obwohl noch keine zerbrochen iſt, ſeit mein Alter und ich ſie auf dem Jahrmarkt kauften, an Pfingſten iſts zwanzig Jahre. Ach!“ fuhr ſie lauter fort, indem 70 ſie ihr Strickzeug vom Tiſche nahm,„aber die Strümpfe darf ſie dem Jungen nicht ſtricken ſo lange ich lebe, und wenn ich einmal fort bin, ſo wird er ſchon denken daß Niemand für ſeinen Fuß und ſein Bein ſo gut ſorgen kann wie ſeine alte Mutter. Sie wird gewiß nicht verſtehen wie man abnimmt und die Ferſen einſtrickt, und ſie wird ihm die Zehen ſo lang machen daß er den Stiefel nicht darüber an⸗ ziehen kann. Das kommt davon wenn man ſo junge Dirnen heirathet. Ich war dreißig vorüber und der Vater auch bevor wir heiratheten, und wir waren beide noch jung genug. Die wird in ihrem dreißigſten Jahre ſchon eine alte Schachtel ſein; was Frauuch ſie auch zu heirathen ehe ſie noch alle Zähne hat?“ Adam ging ſo ſchnell daß er ſchon vor ſieben Uhr am Hofthor ſtand. Martin Poyſer und der Großvater waren noch nicht von der Wieſe zurück⸗ gekommen. Alles war auf der Wieſe, ſelbſt der ſchwarzbraune Dachshund— Niemand hielt Wache auf dem Hof als der Bullenbeißer, und als Adam an die weit offene Thüre kam, ſah er in der ſchönen freundlichen Hausflur keine Seele. Aber er konnte ſichs denken wo Frau Poyſer und ſonſt Jemand ſein würden; ganz in der Nähe. Er klopfte alſo an die Thüre und rief mit ſeiner ſtarken Stimme:„Iſt Frau Poyſer zu Haus?“ „Nur herein, Herr Bede, nur herein!“ rief Frau Poyſer aus der Milchkammer. Sie gab Adam im⸗ mer dieſen Titel wenn ſie ihn in ihrem eigenen Hauſe empfing.„Sie müſſen gefälligſt in die Milchkammer kommen, denn ich kann juſt nicht vom Käſe weg.“ 71 Adam ging in die Milchkammer, wo Frau Poyſer und Nancy den erſten Abendkäſe preßten. „Das Haus wird Ihnen wie ausgeſtorben vor⸗ kommen,“ begann Frau Poyſer, als er unter der offenen Thüre ſtand;„ſie ſind alle auf der Wieſe; aber Martin wird bald heimkommen, denn ſie wollen das Heu heute Nacht in Haufen laſſen und es erſt morgen in aller Früh hereinholen; ich habe Nancy dabehalten müſſen, weil Hetty heute Abend die Jo⸗ hannisbeeren pflücken muß: das Obſt wird immer zu einer ſo conträren Zeit reif, juſt wenn man alle Hände voll zu thun hat. Und den Kindern kann man das Pflücken nicht anvertrauen, denn ſie ſchieben mehr ins Maul als in den Korb; eben ſo gut könnte man es den Weſpen überlaſſen.“ Adam hätte für ſein Leben gern geſagt, er wolle in den Garten gehen bis Herr Poyſer zurückkomme, aber er hatte doch nicht den vollen Muth dazu; deßhalb ſagte er:„Dann könnte ich ja Ihr Spinn⸗ rad unterſuchen und ſehen was zu thun iſt. Viel⸗ leicht ſteht es im Hauſe; wo kann ich es finden?“ „Nein, ich habe es ins Wohnzimmer rechts geſtellt, aber laſſen Sie's gut ſein bis ich es holen und Ihnen zeigen kann. Jezt wäre mirs lieber wenn Sie in den Garten gingen und zu Hetty ſagten, ſie ſolle Totty heraufſchicken; das Kind wird ſogleich her⸗ laufen wenn man's ihm ſagt, und ich weiß, Hetty läßt ſie zu viel Johannisbeeren eſſen. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Herr Bede, wenn Sie hingehen und ſie hereinſchicken. Und dann ſind die Yorker und Lancaſter Roſen jezt ſo ſchön im Garten— Sie werden Ihre Luſt daran ſehen. Aber vorher 72 trinken Sie vielleicht ein Glas Molken: ich weiß Sie lieben die Molken; das thun die meiſten Leute die ſie nicht ſelbſt auspreſſen müſſen.“ „Das nehme ich mit Dank an, Frau Poyſer,“ verſezte Adam;„ein Trunk Molken iſt mir immer eine Erquickung. Ich trinke ſie lieber als Bier.“ „Ja ja,“ ſagte Frau Poyſer, indem ſie eine“ kleine weiße Schale vom Brett herabnahm und da⸗ mit ins Molkenfaß tauchte.„Das Brod riecht jeder gern, nur der Bäcker nicht. Die Fräulein Irwines ſagen immer: O Frau Poyſer, wie beneide ich Sie um Ihre Milchkammer, wie beneide ich Sie um Ihren Hühnerhof! Und was für ein ſchönes Ding iſt doch ein Bauernhaus! Und dann ſage ich: Jawohl, ein Bauernhaus iſt etwas Schönes für Leute die es blos anſehen und von dem Heben, dem Herum⸗ ſtehen und Abrackern das dazu gehört Nichts wiſſen.“ „Nun Frau Poyſer, Sie würden doch ſonſt nir⸗ gends leben wollen als in einem Bauernhaus, ſo ſchön haben Sie das Ihrige im Stande,“ ſagte Adam, indem er die Schale nahm;„man kann ja gar nichts Hübſcheres ſehen als eine ſchöne Milch⸗ kuh die bis an die Kniee im Graſe ſteht und weidet, und die neue Milch die im Eimer ſchäumt, und die friſche Butter die für den Markt bereit ſteht, und die Kälber und den Hühnerhof. Dieß trinke ich auf Ihre Geſundheit, und mögen Sie immer Kraft genug haben ſelbſt nach Ihrer Milchkammer zu ſehen und allen Pächterinnen der Grafſchaft als Vorbild zu dienen!“ Frau Poyſer ließ ſich nicht auf der Schwäche ertappen über ein Compliment zu lächeln, aber ein 4 73 behagliches Selbſtgefühl breitete ſich wie ein gleiten⸗ der Sonnenſtrahl über ihr Geſicht und verlieh ihren blaugrauen Augen einen ungewöhnlich milden Glanz, als ſie zuſah wie Adam die Molken trank. Ach dieſe Molken meine ich noch jezt zu koſten; ſie haben einen ſo zarten, duftigen Wohlgeſchmack und gleiten ſo ſanft und lieblich hinab, daß die Phantaſie ſich in einer ſtillen glückſeligen Träumerei ergeht. Und die leichte Muſik der hinabtropfenden Molken tönt mir noch jezt in den Ohren, vermiſcht mit dem Gezwitſcher eines Vogels vor dem Gitterfenſter draußen, das nach dem Garten ſchaut und von hohen Geldner Roſen überſchattet iſt. „Noch ein wenig, Herr Bede?“ fragte Frau Poyſer, als Adam die Schale wegſtellte. „Nein, ich danke; ich will jezt in den Garten gehen und Ihnen die Kleine ſchicken.“ „Ja thun Sie das und ſagen Sie ihr, ſie ſolle zu ihrer Mutter in die Milchkammer kommen.“ Adam ging nach dem hölzernen Pförtchen das in den Garten führte. Einſt der wohlgepflegte Kü⸗ chengarten eines Edelhofs, war er jezt, abgeſehen von der hübſchen backſteinernen Mauer mit ſteiner⸗ nem Giebel die ſich auf der einen Seite hinzog, ein ächter Bauerngarten mit tüchtigen Winterblumen, unbeſchnittenen Obſtbäumen und allerlei Gemüſen die im Ueberfluß wuchſen, ohne daß man ſich viel Mühe und Sorge damit machte. In dieſer laubigen, blumigen, buſchigen Jahreszeit Jemand in dieſem Garten zu ſuchen, war wie ein Verſteckſpiel. Die hohen Roſenpappeln begannen zu blühen und mit ihrem rothweißen Gelb das Auge zu blenden; die 74 Syringen und die gelben Roſen wuchſen groß und unordentlich aus Mangel an Pflege; hochrothe Boh⸗ nen und ſpäte Erbſen bildeten Laubwände; in einer Richtung ſtand eine Reihe von buſchigen Lamberts⸗ nüſſen, in einer andern ein ungeheurer Apfelbaum, der unter ſeinen niederhängenden Zweigen alle Ve⸗ getation ringsumher unmöglich machte. Aber was wollten ein paar unfruchtbare Flecke bedeuten? Der 7 Garten war ſo groß, es war noch immer ein Ueber⸗ fluß von großen Bohnen vorhanden; Adam mußte neun oder zehn Schritte machen um an das Ende des ungemähten Grasweges zu gelangen der neben ihm hinlief, und für andere Gemüſe war ſo viel überflüſſiger Plaz vorhanden, daß bei dem Wechſel der Saaten jedes Jahr bald da bald dort ein gro⸗- ßes blühendes Beet von Kreuzkraut zum Vorſchein kam. Sogar die Roſenſtöcke, bei denen Adam ſtehen blieb um eine Roſe zu pflücken, ſahen aus als ob ſie wild wüchſen; ſie ſtanden alle unordentlich in buſchigen Maſſen beiſammen und prangten eben jezt mit weit offenen Blüthenkronen, beinahe ſämmt⸗ lich von der geſtreiften weiß und rothen Art die unzweifelhaft von der Vereinigung der Häuſer York und Lancaſter herkam. Adam war verſtändig genug eine feſte Provencer Roſe zu wählen die halb erſtickt unter ihren prunkenden geruchloſen Nachbarinnen hervorſchaute, und er hielt ſie in ſeiner Hand— er glaubte unbefangener zu erſcheinen wenn er Etwas in der Hand hätte, als er auf das Ende des Gar⸗ tens zuſchritt, wo, wie er ſich erinnerte, die größte Reihe von Johannisbeerbüſchen ſtand, nicht weit von der großen Taxuslaube. Aber er war kaum einige Schritte über die Roſen hinausgekommen, als er einen Zweig ſchütteln und eine Knabenſtimme rufen hörte: „Komm Totty, heb jezt Deine Schürze auf— ſo iſts recht!“ Die Stimme kam aus den Zweigen eines hohen Kirſchbaumes, wo Adam ohne Mühe eine kleine Ge⸗ ſtalt in blauem Kittel erblickte, die ganz bequem daſaß wo der Baum am vollſten ſtand. Ohne Zweiſel ſtand Totty unten, hinter dem Erbſenſpalier. Ja — der Hut hing ihr auf den Nacken hinab, ihr dickes Geſicht, ſchrecklich mit rothem Saft beſchmiert, war gegen den Kirſchbaum hinauf gerichtet, ihr rundes Mäulchen ſperrt ſie weit auf und ihr rothbeflecktes Schürzchen hebt ſie hoch empor um das verſprochene Geſchenk von oben herab zu empfangen. Leider muß ich bemerken daß mehr als die Hälfte der Kirſchen weder ſaftig noch roth, ſondern hart und gelb war, aber Totty verlor keine Zeit mit nuzloſem Bedauern, ſondern ſog bereits die dritte ſaftigſte aus, als Adam ſagte:„Jezt, Totty, haſt Du genug Kirſchen, lauf ſchnell damit ins Haus zur Mutter— ſie will Dich ſehen— ſie iſt in der Milchkammer. Lauf ſogleich hin— ſei ein gutes kleines Mädchen.“ So ſprechend hob er ſie mit ſeinem ſtarken Arm empor und küßte ſie, eine Ceremonie welche Totty als langweilige Unterbrechung des Kirſcheneſſens be⸗ trachtete; als er ſie dann wieder herabgeſtellt hatte, trollte ſie ganz leiſe und beſtändig weiter eſſend nach dem Hauſe. 3 „Tommy, mein Junge, nimm Dich in Acht daß man Dich nicht als einen Vogel der Kirſchen ſtiehlt 76 todt ſchießt,“ ſagte Adam, als er nach den Johan⸗ nisbeerſträuchen weiter ging. Am Ende der Hecke ſah er einen großen Korb: Hetty konnte nicht weit ſein, und es war Adam be⸗ reits zu Muthe als ob ſie ihn anſchaute. Als er jedoch um die Ecke bog, ſtand ſie mit dem Rücken gegen ihn und beugte ſich zu den tiefhängenden Beeren hinab. Sonderbar daß ſie ihn nicht kommen gehört hatte; vielleicht rührte es daher weil ſie ſelbſt zu viel Geräuſch in den Blättern machte. Als ſie bemerkte daß Jemand in ihrer Nähe war, fuhr ſie zuſammen, und zwar ſo heftig daß ſie den Korb mit den Beeren fallen ließ; als ſie aber ſah daß es Adam war, verwandelte ſich ihre Bläſſe in flam⸗ mende Röthe. Bei dieſem Erröthen pochte ſein Herz von ungekannter Seligkeit. Hetty war nie zuvor roth geworden wenn ſie ihn geſehen hatte. „Ich habe Sie erſchreckt,“ ſagte er, mit einem wonnevollen Gefühl daß es ganz einerlei ſei was er ſage, da Hetty ebenſo zu empfinden ſchien wie er ſelbſt;„laſſen Sie mich die Johannisbeeren auf⸗ leſen.“ Das war bald geſchehen, denn ſie waren bloß in einem Klumpen auf das Gras gefallen, und als Adam ſich erhob und ihr das Körbchen zurückgab, ſchaute er ihr mit der gedämpften Zärtlichkeit die den erſten Augenblicken hoffnungsvoller Liebe ange⸗ hört geradezu in die Augen. Hetty wandte ihre Augen nicht ab; ihre Röthe war verflogen, und ſie begegnete ſeinem Blick mit einer ſtillen Wehmuth, worüber Adam ſich freute, -— 77 weil er noch nie etwas Aehnliches an ihr bemerkt hatte. „Es ſind nicht viel Johannisbeeren mehr zu pflücken,“ ſagte ſie;„ich werde jezt bald fertig ſein.“ „Ich will Ihnen helfen,“ verſezte Adam, holte den großen bereits angefüllten Korb und ſtellte ihn näher. Kein Wort wurde während des Beerenpflückens geſprochen; Adams Herz war zu voll dazu, und er dachte, Hetty wiſſe Alles was darin vorgehe. Sie war alſo nicht gleichgiltig gegen ſeine Nähe; ſie war erröthet als ſie ihn erblickte, und dieſer wehmüthige Zug mußte ſicherlich Liebe bedeuten, da er das Gegen⸗ theil von ihrer gewöhnlichen Art und Weiſe war, die ihm oft als Gleichgiltigkeit vorgekommen. Und als ſie ſich ſo über die Beeren hinabbückte, konnte er beſtändig nach ihr ſchauen und ſich überzeugen wie die Strahlen der Abendſonne ſich durch die dichten Zweige des Apfelbaums ſtahlen und auf ihrem vollen Nacken ruhten, als ob auch ſie in das Mäd⸗ chen verliebt wären. Es war für Adam die Zeit welche ein Mann im ſpätern Leben am wenigſten vergeſſen kann,— die Zeit wo er glaubt daß das erſte Mädchen das er je geliebt durch ein unbedeu⸗ tendes Etwas, ein Wort, einen Ton, einen Zlick, ein Zittern der Lippe oder ein Zucken des Augen⸗ lides verrathe daß ſie wenigſtens anfange ihn wie⸗ der zu lieben. Das Zeichen iſt ſo unbedeutend, kaum wahrnehmbar für Ohr oder Auge— er konnte es Niemand beſchreiben— es iſt wie ein Federchen ſich bewegt, und dennoch ſcheint es das ganze Sein des Mannes verändert, ein unruhiges Sehnen in ein wonnevolles Vergeſſen aller Dinge, nur des gegenwärtigen Augenblicks nicht, getaucht zu haben. So manches von unſerer früheſten Freude verſchwindet gänzlich aus unſerem Gedächtniß: wir können uns die Luſt nicht zurückrufen womit wir den Kopf an den Buſen unſerer Mutter ſchmiegten oder auf dem Rücken unſeres Vaters ritten; ohne Zweifel iſt dieſe Freude in unſere Natur verwoben, wie das Sonnen⸗ licht längſt vergangener Morgenſtunden in die ſanfte Weichheit der Apricoſe verwoben iſt; aber es iſt für immer aus unſerer Einbildungskraft verſchwunden, und wir können an die Freude der Kindheit nur glauben. Aber der erſte freudige Augenblick in unſerer erſten Liebe iſt eine Viſion die uns immer und immer wieder zurückkehrt und einen Schauer von tiefer und eigenthümlicher Empfindung mit ſich bringt, wie der wiederkehrende Eindruck eines ſüßen Duftes den wir in einer längſt entſchwundenen Stunde des Glückes eingeſogen haben. Es iſt eine Erinnerung welche der Zärtlichkeit einen feineren Anhauch gibt, die Raſerei der Eiferſucht nährt und dem Todeskampf der Verzweiflung ſeine lezte Schärfe beifügt. Die über die rothen Beerenbüſcheln hingeneigte Hetty, die Sonnenſtrahlen die durch die Zweige des Apfelbaumes drangen, die Länge des buſchreichen Gartens dahinter, ſeine eigene Bewegung als er das Mädchen anſchaute und glaubte daß ſie an ihn denke, daß es folglich des Redens bei ihnen gar nicht be⸗ dürfe— dieß Alles blieb Adam bis zum lezten Augenblick ſeines Erdenwallens in lebhafter Erin⸗ nerung. 79 Und Hetty? Ihr wißt recht wohl daß Adam ſich in ihr täuſchte. Wie ſo mancher andere Mann, be⸗ zog er die Zeichen der Liebe für einen Andern auf ſich ſelbſt. Als Adam ſich ungeſehen ihr näherte, war ſie wie gewöhnlich in Gedanken und Betrach⸗ tungen über Arthur's mögliche Rückkehr verſunken; der Fußtritt jedes andern Mannes würde ſie ganz auf dieſelbe Weiſe angeregt haben; ſie würde, bevor ſie Zeit hatte zu ſehen, dabei an Arthur gedacht haben, und das Blut, das in der Aufregung dieſes augenblicklichen Gefühls ihre Wangen verließ, würde bei dem Anblick jedes andern Mannes eben ſo ſicher zurückgeſtrömt ſein wie beim Anblick Adams. Nicht mit Unrecht glaubte er daß eine Veränderung über Hetty gekommen ſei; die Bangigkeiten und Beſorg⸗ niſſe einer erſten Leidenſchaft unter welcher ſie zitterte, waren ſtärker geworden als die Eitelkeit, hatten ihr zum erſtenmal jenes Gefühl hilfloſer Abhängigkeit von den Empfindungen eines Andern gegeben, wel⸗ ches ſelbſt bei dem leichtfertigſten Mädchen jene an⸗ hängliche flehende Weiblichkeit wach ruft, und es für Freundlichkeit empfänglich macht gegen die es früher ganz hart geweſen. Zum erſtenmal fühlte Hetty daß in Adams ſchüchterner, aber mannhafter Zärtlichkeit etwas Beruhigendes für ſie lag; es war ihr Bedürf⸗ niß liebevoll behandelt zu werden. O es war ſehr hart dieſe Leerheit der Trennung, des Schweigens, der ſcheinbaren Gleichgiltigkeit zu ertragen, nach dieſen Augenblicken glühender Liebe. Sie fürchiete nicht daß Adam ſie mit Liebesreden und Schmeichel⸗ worten beläſtigen würde, wie ihre andern Bewun⸗ derer: er war immer ſo zurückhaltend gegen ſie ge⸗ 80 weſen: ſie konnte ſich ohne alle Befürchtung an dem Bewußtſein erfreuen daß dieſer ſtarke brave Mann ſie liebe und ihr nahe ſei. Es kam ihr nie in den Sinn daß Adam auch Mitleid verdiene, daß auch Adam einſt leiden müſſe. Hetty war, wie wir wiſſen, nicht das erſte Mäd⸗ chen das gegen den Mann der ſie vergebens liebte freundlicher wurde, weil ſie ſelbſt einen Andern zu lieben angefangen hatte. Das war eine ſehr alte Geſchichte, aber Adam wußte Nichts davon, und ſo trank er die ſüße Täuſchung hinein. „Jezt iſts genug,“ ſagte Hetty nach einer kleinen Weile:„die Tante will, ich ſoll Einiges an den Büſchen ſtehen laſſen. Ich wills jezt hineinbringen.“ „Es iſt doch gut daß ich da bin um den Korb zu tragen,“ ſagte Adam,„denn für Ihre kleinen Arme wäre er zu ſchwer.“ „Nein, mit beiden Händen hätte ich ihn tragen können.“ „Ja wohl,“ verſezte Adam lächelnd,„Sie wür⸗ den ihn ins Haus gebracht haben, wie eine kleine Ameiſe die eine Raupe trägt. Haben Sie ſchon geſehen wie dieſe ſchwächlichen Thierchen Dinge fort⸗ ſchleppen die viermal größer ſind als ſie ſelbſt?“ „Nein,“ antwortete Hetty gleichgiltig und ohne alles Verlangen ſich mit den Schwierigkeiten des Ameiſenlebens bekannt zu machen. „O ich habe ſie oft beobachtet als ich noch ein Junge war. Aber ſehen Sie, jezt kann ich den Korb mit einem Arm tragen, wie wenn er eine leere Nußſchale wäre, und den andern Arm kann ich Ihnen geben, damit ſie ſich darauf ſtüzen. Wollen Sie 81 nicht? So ſtarke Arme wie die meinigen ſind dazu geſchaffen daß kleine wie die Ihrigen ſich daran lehnen.“ Hetty lächelte matt und ſchob ihren Arm in den ſeinigen. Adam ſchaute auf ſie hinab, aber ihre Augen waren träumeriſch nach einer andern Ecke des Gartens gerichtet. „Sind Sie ſchon in Eagledale geweſen?“ fragte Hetty, als ſie langſam dahingingen. „Ja,“ antwortete Adam hocherfreut daß er um etwas Perſönliches gefragt wurde.„Vor zehn Jahren, als ich noch ein Junge war, kam ich mit meinem Vater um eines Geſchäftes willen hin. Es iſt eine wundervolle Gegend, Felſen und Thäler wie Sie es in Ihrem Leben noch nicht geſehen haben. Ich hatte nie einen rechten Begriff von Felſen bis ich dahin kam.“ „Wie lange brauchten Sie dazu?“ „Nun wir hatten immerhin gegen zwei Tage zu marſchiren. Aber mit einem tüchtigen Pferde bringt mans an einem Tage fertig. Der Capitän, als ein vortrefflicher Reiter, braucht gewiß nicht mehr als neun oder zehn Stunden. Im Uebrigen ſollte michs nicht wundern wenn er ſchon morgen zurück⸗ käme; er iſt zu thätig um an dieſem abgelegenen Orte ganz allein lange bleiben zu können, denn in der Gegend wo er fiſchen will gibt es nur ein arm⸗ ſeliges kleines Wirthshaus. Ich wollte er hätte das Gut ſchon unter ſich; das wäre ſo recht für ihn, denn es würde ihm vollauf zu thun geben, und er würde troz ſeiner jungen Jahre Alles recht machen; er verſteht die Sache beſſer als mancher der noch Eliot, Adam Bede. II. 6 82 einmal ſo alt iſt. Neulich ſprach er recht hübſch davon, er wolle mir Geld leihen damit ich ſelbſt ein Geſchäft anfangen könne, und wenn es ſich ſo machen ſollte, ſo würde ich lieber ihm zu Dank verpflichtet ſein als irgend einem andern Menſchen in der Welt.“ Den armen Adam drängte es von Arthur zu ſprechen, weil er dachte Hetty würde mit Vergnügen vernehmen daß der junge Herr geneigt ſei ihn zu unterſtüzen; die Sache hing ja mit ſeinen Ausſichten für die Zukunft zuſammen und dieſe wollte er ihr gerne als verheißungsvoll darſtellen. Und wirklich hörte ihn Hetty mit einer Theilnahme die ihren Augen neuen Glanz verlieh und ein halbes Lächeln auf ihre Lippen rief. „Wie hübſch die Roſen jezt ſind!“ fuhr Adam fort, indem er ſtehen blieb um ſie anzuſchauen. „Sehen Sie, ich habe die hübſcheſte geſtohlen, aber ich wollte ſie nicht für mich ſelbſt behalten. Ich denke, die ganz rothen mit den zarten grünen Blät⸗ tern ſind hübſcher als die geſtreiften, nicht wahr?“ Er ſtellte den Korb hin und nahm die Roſe 6 aus dem Knopfloch. „Sie riecht gar zu lieblich,“ ſagte er,„und dieſe geſtreiften da riechen gar nicht. Stecken Sie die Roſe an Ihr Kleid und ſtellen Sie ſie nachher ins Waſſer. Es wäre Schade wenn man ſie verwelken ließe.“ Hetty nahm die Roſe, lächelnd bei dem erfreu⸗ lichen Gedanken daß Arthur ſo bald zurück ſein könne wenn er wolle. Ein Strahl von Hoffnung und Glück leuchtete in ihre Seele, und mit einem 5 plözlichen Anflug von Heiterkeit that ſie was ſie 8³ ſchon ſehr oft gethan hatte, d. h. ſie ſteckte die Roſe in ihr Haar, etwas über dem linken Ohr. Die zärt⸗ liche Bewunderung auf Adams Geſicht wurde leicht verdunkelt durch widerſtrebende Mißbilligung. Hetty's Puzſucht war juſt dasjenige was ſeine Mutter am meiſten ärgern würde, und ihm ſelbſt mißfiel ſie ſo ſehr als ihm nur irgend Etwas an ihr mißfallen konnte. „Ah,“ ſagte er,„das iſt wie die vornehmen Damen auf den Bildern im Schloſſe; ſie haben meiſtens Blumen oder Federn oder goldene Dinge im Haar; aber ich weiß nicht, mir will es nicht ge⸗ fallen, ſie erinnern mich an die gemalten Weiber vor den Buden auf dem Treddleſtoner Markt. Was kann ein Mädchen Schöneres haben als ihre eige⸗ nen Haare, beſonders wenn ſie ſich ſo kräuſeln wie die Ihrigen? Iſt ſie jung und hübſch, ſo tritt dieß bei einfacher Kleidung nur um ſo ſtärker hervor. Dina Morris z. B. ſieht troz ihrer ſchlichten Haube und ihres einfachen Kleides ganz hübſch aus. Mir ſcheint, ein Mädchengeſicht bedürfe keine Blumen, es iſt ja beinahe ſelbſt eine Blume. Das Ihrige jedenfalls.“ „Nun meinetwegen,“ ſagte Hetty mit einem ſcherzhaften Schmollen, indem ſie die Roſe wieder aus ihren Haaren zog.„Ich will eine von Dina's Hauben aufſezen wenn wir ins Haus kommen, da können Sie ſagen ob ich darin beſſer ausſehe. Sie hat mir eine da gelaſſen, ich kann mir alſo das Muſter nehmen.“ „Nein, nein, ich möchte Sie nicht mit einer Me⸗ thodiſtenhaube ſehen wie Dina; dieſe Haube iſt ſehr garſtig, und als ich Dina hier ſah, dachte ich, es ſei doch ein Unſinn daß ſie ſich anders trage als die 6 84 gewöhnlichen Leute; aber recht genau habe ich ſie erſt in der vorigen Woche ins Auge gefaßt, als ſie G meine Mutter beſuchte, und da ſchien mir die Haube zu ihrem Geſicht ſo gut zu paſſen wie das Näpfchen einer Eichel zu der Eichel paßt, und ich möchte ſie gar nicht mehr ohne Haube ſehen. Aber Sie haben. ein ganz anderes Geſicht; Sie ſehe ich am liebſten ſo wie Sie jezt ſind, ohne allen fremdartigen Schmuck. Es iſt gerade wie wenn einer eine ſchöne Melodie ſingt, dann wollen Sie auch nicht die Glocken da⸗ zwiſchenhinein klingen hören.“ Er nahm ihren Arm, legte ihn wieder in den ſeinigen und ſchaute zärtlich auf ſie hinab. Er fürch⸗ tete ſie möchte in ſeinen Worten eine Zurechtweiſung finden und meinte, wie wir dieß ſo gerne thun, ſie habe alle Gedanken durchſchaut die er bloß halb ausgedrückt hatte. Nichts fürchtete er mehr als daß . irgend eine Wolke das Glück dieſes Abends trüben könne. Um alle Welt hätte er mit Hetty jezt nicht von ſeiner Liebe ſprechen moͤgen, bis dieſe beginnende Freundlichkeit gegen ihn zu unverkennbarer Liebe herangewachſen war. In ſeiner Einbildung ſah er lange Jahre vor ſich liegen, geſegnet durch das Recht Hetty ſein eigen zu nennen: er konnte ſich alſo für jezt mit ſehr wenig begnügen. Er nahm daher den Korb mit den Johannisbeeren wieder auf und ſie gingen nach dem Haus. Die Scene hatte ſich in der halben Stunde wo Adam im Garten geweſen gänzlich verändert. Der Hof war jezt voll von Leben: Marty ließ die krei⸗ 6 ſchenden Gänſe durch das Thor und reizte boshaft den Gänſerich indem er ihn anziſchte; die Speicher⸗ 4 thüre knarrte in ihren Angeln als Alick nach Aus⸗ theilung des Kornes ſie ſchloß; die Pferde wurden in die Schwemme getrieben, unter heftigem Gebell ſämmtlicher drei Hunde und manchem Mahnruf des Stallknechtes Tim, gleich als ob dieſe ſchweren Thiere, die ihre ſanften verſtändigen Köpfe ſenkten und ihre zottigen Füße ſo vorſichtig lüpften, im Begriff ſtän⸗ den nach allen Richtungen wild aus einander zu laufen. Alles war von der Wieſe zurückgekehrt, und als Hetty und Adam in die Hausflur traten, ſaß Herr Poyſer auf dem dreieckigen Stuhl und der Großvater in dem großen Lehnſtuhl gegenüber, und ſchauten beide in angenehmer Erwartung zu wie das Abendbrod auf dem Eſchentiſch aufgetragen wurde. Frau Poyſer hatte das Tiſchtuch ſelbſt gelegt, ein Tiſchtuch von ſelbſtgeſponnenem Leinen, mit einem glänzenden carrirten Muſter, und von angenehmem bräunlich weißem Schimmer, ſo wie alle verſtändige Hausfrauen es gerne ſehen— kein ſo gebleichtes Lumpenzeug aus dem Laden, wo im Augenblich Löcher hineinbrechen, ſondern ſolide, ſelbſtgeſponnene Waare die für zwei Generationen ausdauert. Der kalte Kalbsbraten, der friſche Lattich und das gefüllte Lendenſtück mochte verführeriſch ausſehen für hung⸗ rige Leute die ſchon um halb ein Uhr zu Mittag gegeſſen hatten. Auf dem großen tannenen Tiſch an der Wand ſchimmerten Zinnteller, Löffel und Kannen ſür Alick und ſeine Cameraden, denn der Herr und die Knechte aßen nicht weit von einander, was um ſo angenehmer war, weil Alick jede Bemerkung hören konnte die Herr Poyſer über die Arbeit des morgen⸗ den Tages fallen ließ. ———— 86 — „Nun Adam, freut mich Sie zu ſehen,“ ſagte Herr Poyſer.„Sie haben Hetty bei den Johannis⸗ beeren geholfen, he? Kommen Sie jezt und ſezen Sie ſich. Es iſt ſchon beinahe mehr als drei Wochen daß Sie nicht mehr mit uns zu Nacht gegeſſen haben, und meine Frau hat wieder ein ſo prächtiges gefüll⸗ tes Lendenſtück. Ich freue mich recht daß Sie da* ſind.“ „Hetty,“ ſagte Frau Poyſer, während ſie im Korbe nachſah ob die Beeren ſchön waren,„geh ſchnell hinauf und ſchicke Molly herab. Sie bringt Totty zu Bett und ſie ſoll jezt Bier holen, denn Nancy hat noch in der Milchkammer zu thun. Du G kannſt nach dem Kind ſehen. Aber warum ließeſt Du ſie auch mit Tommy herumlaufen und ſich ganz an dem Obſte volleſſen, ſo daß ſie jezt nichts Ver⸗ nünftiges mehr zu ſich nehmen will?“ Dieß wurde in ungewöhnlich leiſem Tone geſagt, ſo lange der Hausherr mit Adam ſprach; denn Frau Poyſer hielt ſtrenge auf ihre eigenen Anſtandsregeln, und war der Meinung daß man ein junges Mäd⸗ chen in Gegenwart eines rechtſchaffenen Mannes der ihr den Hof mache nicht ſcharf anlaſſen dürfe. Das wäre kein ehrliches Spiel: jedes Weib war einmal 6 jung und hatte ihre Ausſichten zum Heirathen, und für andere Frauen war es eine Chrenſache ihr die⸗ ſelben nicht zu verderben, gerade wie ein Marktweib das ſeine eigenen Cier verkauft hat ein anderes nicht um einen Kunden bringen darf. Hetty eilte die Treppe hinauf, da ſie auf die Frage ihrer Tante nicht ſo leicht eine Antwort fand, f 87 — und Frau Poyſer ging hinaus um nach Marty und Tommy zu ſehen und ſie zum Eſſen hereinzuholen. Bald ſaßen Alle am Tiſche, die zwei rothwangigen Jungen auf beiden Seiten der blaſſen Mutter; für Hetty war zwiſchen Adam und ihrem Onkel Plaz gelaſſen. Auch Alick war hereingekommen und aß in einer fernen Ecke mit ſeinem Taſchenmeſſer aus einer 14 großen Schüſſel kalte breite Bohnen, die er ſo duftig fand daß er ſie nicht gegen die ſchönſte Ananas ver⸗ tauſcht hätte. „Wie lang das Mädchen braucht um das Bier abzuzapfen!“ ſagte Frau Poyſer als ſie das nun⸗ mehr tranchirte Lendenſtück vorlegte.„Vermuthlich ſtellt ſie den Krug unters Faß und vergißt den Hah⸗ nen aufzudrehen. Dieſe Mädchen ſind zu Allem fähig; ſie ſtellen den leeren Keſſel über das Feuer, und nach einer Stunde kommen ſie und ſehen ob das Waſſer ſiedet.“ „Sie holt auch für die Leute,“ ſagte Herr Poyſer; „Du hätteſt es ihr ſagen müſſen daß ſie unſern Krug zuerſt heraufbringen ſoll.“ .„Ihr ſagen?“ eiferte Frau Poyſer.„Ja wahr⸗ 7 haftig, ich könnte allen Wind in meiner Lunge ver⸗ brauchen und noch den Blasbalg dazu nehmen, wenn ich den Mädchen Alles ſagen wollte was ihnen ihr eigener Verſtand nicht ſagt. Herr Bede, wollen Sie nicht etwas Eſſig zu Ihrem Lattich? Nun Sie haben Recht daß Sie keinen nehmen. Ich glaube auch daß es dem Fleiſch ſeinen guten Geſchmack nimmt. Es ſieht ſchlecht mit meinem Braten aus wenn der Eſſig das Beſte daran iſt. Da gibt es Leute, die machen 88 ſchlechte Butter, und hoffen das Salz ſolle es ver⸗ decken.“. Frau Poyſers Aufmerkſamkeit wurde hier durch die Ankunft Molly's abgelenkt, die einen großen Krug, zwei kleine Humpen⸗und vier Trinkkannen, Alles voll von Ale oder Dünnbier, trug, ein in⸗ tereſſantes Beiſpiel für die Faſſungsgabe die der menſchlichen Hand innewohnt. Die arme Molly hatte ihren Mund noch weiter offen als gewöhnlich, als ſie, unverwandt auf das viele Geſchirr in ihren Händen blickend und ohne alle Ahnung vom Aus⸗ druck im Auge ihrer Gebieterin, einherſchritt. „Molly, ſo ein Mädchen wie Du iſt mir noch nie vorgekommen— denk doch daß Deine Mutter eine arme Wittwe iſt und daß Du eigentlich gar kein Zeugniß brachteſt, und wie viel hundertmal habe ich Dir ſchon geſagt...“. Molly hatte den Bliz nicht geſehen; deßhalb er⸗ ſchütterte der Donner der ſo gänzlich unvorbereitet kam ihre Nerven um ſo mehr; mit einem unbeſtimm⸗ ten bangen Gefühl daß ſie irgend Etwas anders machen müſſe, beſchleunigte ſie ihre Schritte nach dem ſernen tannenen Tiſch um ihre Kannen hinzuſtellen; leider aber verfing ſich ihr Fuß in ihrer Schürze die losgeworden war, und ſo fiel ſie mit einem lauten Gekrach in einen wahren Pfuhl von Bier; Marty und Tommy begannen zu kichern, Herr Poyſer aber, der ſeinen Schluck Bier in eine unangenehme Ferne gerückt ſah, ſtieß ein ernſthaftes Ho! Ho! aus. „Da haſt Du's jezt,“ fuhr Frau Poyſer in ſchnei⸗ dendem Tone fort, indem ſie aufſtand und nach dem Schranke ging, während Molly höchſt betrübt die — r 89 Scherben zuſammenzuleſen anfing;„ich habe Dir ſchon hundertmal geſagt daß es ſo kommen würde; da iſt jezt Dein ganzer Monatslohn dahin und noch mehr, nur für dieſen Krug den ich ſchon ſeit zehn Jahren im Hauſe habe, und es iſt noch nie etwas damit paſſirt; aber wie viel Du ſchon Geſchirr im Hauſe zerbrochen haſt, das könnte einen Pfarrer zum Fluchen bringen, Gott verzeih mir meine Sünde, und wenn Du Kraut gekocht hätteſt in einem kupfer⸗ nen Geſchirr, dann wäre Dirs eben ſo ergangen, und Du wäreſt gebrüht worden und vielleicht lahm Dein Lebenlang; ich weiß überhaupt nicht was noch aus Dir wird wenn Du ſo fort machſt, und Jeder⸗ mann wird glauben Du habeſt den Veitstanz, wenn man ſieht was Du ſchon Alles zuſammengeworfen haſt. Nur Schade daß man die Stücke nicht auf⸗ gehoben hat damit Du ſie ſehen könnteſt, obſchon es ganz gleichgiltig iſt was Du ſiehſt oder hörſt; man ſollte meinen, Du ſeieſt wie Eiſen gehärtet.“ „Die arme Molly vergoß heiße Thränen, und in ihrer Verzweiflung über die Lebhaftigkeit womit der Bierſtrom ſich gegen Alich's Füße hin bewegte, ver⸗ wandelte ſie ihre Schürze in einen Abwiſchlumpen, als Frau Poyſer, die eben den Schrank öffnete, ihr abermals einen vernichtenden Blick zuwarf. „Ach,“ fuhr ſie fort,„mit dem Heulen wird es nicht beſſer, und Du machſt nur noch mehr Näſſe die Du aufwiſchen mußt. Ich ſage Dir, das iſt Alles nur Dein eigener Leichtſinn, denn Niemand braucht Etwas zu zerbrechen, wenn man es nur recht anfaßt. Aber einem Holzblock muß man nur hölzerne Dinge in die Hände geben, und da muß ich jezt den brau⸗ 90 nen und weißen Krug nehmen, den man noch nicht dreimal im Jahre gebraucht hat, und ſelbſt in den Keller hinabgehen, wo ich mir vielleicht den Tod hole und eine Entzündung an den Hals bekomme.“ Frau Poyſer hatte ſich mit dem braunen und weißen Krug in der Hand von dem Schrank weg⸗ gewandt, als am andern Ende der Küche ihr Etwas in die Augen fiel; vielleicht machte die Erſcheinung einen ſo ſtarken Eindruck auf ſie, weil ſie bereits zitterte und nervös aufgeregt war; vielleicht hatte das Krügezerbrechen wie andere Verbrechen einen an⸗ ſteckenden Einfluß; kurz und gut, ſie fuhr erſchrocken zuſammen als hätte ſie einen Geiſt geſehen, und der koſtbare braune und weiße Krug ſiel zu Boden, Schnauze und Henkel waren für immer dahin. „Hat man je ſo Etwas erlebt!“ ſagte ſie mit plözlich herabgeſtimmtem Tone, nachdem ſie ſich eine Weile entſezt umgeſchaut hatte.„Die Krüge ſind behext, glaube ich. Das hat man von dieſen gar⸗ ſtigen glaſirten Henkeln, ſie gleiten einem aus den Fingern wie ein Aal.“ „Nun da haſt Du Dir ſelbſt eine Ohrfeige ge⸗ geben,“ ſagte ihr Mann, der dießmal in das Ge⸗ lächter der Jungen mit eingeſtimmt hatte. „Du haſt gut zuſehen und lachen,“ verſezte Frau Poyſer,„aber es gibt Augenblicke wo das Geſchirr lebendig zu werden ſcheint und einem wie ein Vogel aus der Hand fliegt. Es iſt manchmal wie ein Glas, das auch zerſpringt wenn es ruhig daſteht. Was einmal zerbrechen ſoll, das zerbricht, denn ich habe nie in meinem Leben Etwas fallen laſſen weil ich es nicht feſt gehalten; ſonſt wäre das Geſchirr 3 „— .—— ——— 91 das ich zu meiner Hochzeit gekauft habe nicht noch immer vorhanden. Und Hetty, biſt Du verrückt? Was fällt Dir ein ſo herunterzukom⸗ men, daß man meint, es gehe ein Geiſt im Hauſe herum?“ Jezt brach ein neues Gelächter aus, weniger über Frau Poyſers plözliche Bekehrung zu einer fataliſtiſchen Anſicht vom Krügezerbrechen als wegen der ſeltſamen Erſcheinung Hetty's, woran ihre Tante erſchrocken war. Die kleine Hexe hatte ein ſchwar⸗ zes Kleid von ihrer Tante angezogen und dicht um den Hals herum feſtgemacht um wie Dina auszu⸗ ſehen; dann hatte ſie ihr Haar ſo glatt als möglich gekämmt und eine von Dina's hohen randloſen Nez⸗ hauben aufgeſezt. Der Gedanke an Dina's blaſſes und ernſtes Geſicht und ihre milden grauen Augen, woran der Rock und die Haube erinnerten, erhielt durch den Gegenſaz von Hetty's runden roſigen Wan⸗ gen und ihren koketten ſchwarzen Augen, die jezt darunter hervorblizten, etwas unwiderſtehlich Comi⸗ ſches. Die Jungen ſprangen von ihren Stühlen auf, hüpften um ſie her, klatſchten in die Hände, und ſelbſt Alick lachte leiſe aus ſeinem tiefen Bauch, als er von ſeinen Bohnen aufſchaute. Unter dem Schuz dieſes Lärms begab ſich Frau Poyſer in die hintere Küche um Nancy mit dem großen zinnernen Maßkrug, der einige Ausſicht hatte von Beherung frei zu ſein, in den Keller zu ſchicken. „Ei wie Hetty, biſt Du Methodiſtin geworden, Mädchen?“ ſagte Herr Poyſer mit dem behaglichen langſamen Lachen das man nur bei dieſen Leuten findet.„Du mußt Dein Geſicht noch um ein Gu⸗ tes länger ziehen, ehe Du dafür gelten wirſt; nicht wahr, Adam? Wie biſt Du auf den Einfall ge⸗ kommen dieſe Dinge da anzuziehen?“ „Adam ſagte, Din a's Haube und Rock gefalle ihm beſſer als meine Kleider,“ antwortete Hetty, indem ſie ſich höchſt ehrbar niederſezte;„er ſagte, die Leute ſehen in häßlichen Kleidern beſſer aus.“ „Nein, nein,“ erklärte Adam, der ſie bewunde⸗ rungsvoll anſchaute,„ich ſagte bloß daß ſie Dina gut ſtehen. Aber wenn ich geſagt hätte daß Sie gut darin ausſehen, ſo würde ich bloß die Wahrheit geſagt haben.“ „Ei wie, Du haſt alſo Hetty für einen Geiſt gehalten?“ ſagte Herr Poyſer zu ſeiner Frau, die jezt zurückkam und ihren Siz wieder einnahm;„Du haſt ja furchtbar erſchrocken ausgeſehen!“ „Das iſt ganz gleichgültig wie ich ausſah,“ er⸗ widerte Frau Poyſer,„das Ausſehen flickt die Krüge nicht und hilft auch Nichts gegen das Lachen, wie ich ſehe. Herr Bede, es thut mir ſehr leid daß Sie ſo lange auf Ihr Ale warten müſſen, aber es kommt im Augenblick. Greifen Sie herzhaft zu bei den Kartoffeln; ich weiß, Sie eſſen ſie gerne. Tommy, ich ſchicke Dich augenblicklich ins Bett wenn Du mit Deinem Lachen nicht aufhörſt. Ich möchte doch wiſſen was da zu lachen iſt. Mir ſteht das Weinen näher als das Lachen, wenn ich die Haube der armen Dina anſehe, und gewiſſen Leuten wäre es ganz gut wenn ſie ihr auch noch in andern Dingen ähn⸗ lich werden könnten als daß ſie ihre Haube aufſezen. Es ſteht Niemand in dieſem Hauſe zu über meiner Schweſter Kind Wize zu machen; ſie hat uns kaum —— * f 93 erſt verlaſſen, und der Abſchied von ihr iſt mir recht zu Herzen gegangen; auch weiß ich Eines ge⸗ wiß, wenn Trübſal einträte, und wenn ich in meinem Bett liegen müßte und es mit den Kindern zum Sterben käme— man kann gar nicht wiſſen wann das ge⸗ ſchieht— und wenn wieder eine Viehſeuche ausbräche, ſo daß Alles zu Schanden ginge— ich ſage nur, dann würden wir froh ſein wenn wir Dina's Haube wieder zu ſehen bekämen, mit ihrem eigenen Geſicht darunter, mit Strich oder ohne Strich. Denn ſie gehört zu denjenigen die an einem Regentage am freundlichſten ausſehen und uns am meiſten lieben wenn wir ſie am meiſten bedürfen.“ Frau Poyſer wußte, wie ihr ſeht, daß Nichts ſe ſchnell comiſche Eindrücke verſcheucht als das Furcht⸗ „bare. Tommy, der ein weiches Gemüth beſaß und ſeine Mutter zärtlich liebte, überdieß ſo viele Kirſchen ge⸗ geſſen hatte daß er ſeine Gefühle weniger beherr⸗ ſchen konnte als gewöhnlich, wurde von dem ſchreck⸗ lichen Gemälde einer möglichen Zukunft dermaßen ergriffen, daß er zu weinen anfing, und der gut⸗ müthige Vater, der gegen alle Schwächen nachſichtig war und nur nachläßigen Bauern nicht verzieh, ſagte zu Hetty: „Zieh die Sachen lieber wieder aus, Mädchen; der Anblick thut Deiner Tante weh.“ Hetty ging wieder die Treppe hinauf, und die Ankunft des Ale machte eine angenehme Diverſion, denn Adam mußte über das neue Faß ſeine Meinung abgeben, die nicht anders als ſchmeichelhaft für Frau Poyſer ausfallen konnte, und dann folgte eine Er⸗ 94 örterung über die Geheimniſſe guten Brauens, über die Narrheit mit dem Hopfen zu geizen und über die zweifelhafte Erſparniß wenn ein Pächter ſein Malz ſelbſt mache. Frau Poyſer hatte ſo viele Ge⸗ legenheiten ſich mit Nachdruck über dieſe Gegenſtände auszuſprechen, daß ſie, als das Eſſen zu Ende, der Bierkrug von Neuem gefüllt war und Herr Poyſer ſeine Pfeife angezündet hatte, ſich wieder in heiter⸗ ſter Laune befand und auf Adams Wunſch das zer⸗ brochene Spinnrad bereitwillig zur Unterſuchung her⸗ beiholte. „Ah,“ ſagte Adam, indem er es ſorgfältig be⸗ trachtete,„da muß ein gutes Stück gedrechſelt wer⸗ den; es iſt ein hübſches Rad. Ich muß es an die Drechſelbank hier im Dorfe nehmen und dort machen, denn ich habe daheim keine Einrichtung zum Drech⸗ ſeln. Wenn Sie es morgen früh zu Herrn Burge in die Werkſtatt ſchicken wollen, ſo will ich es bis Mittwoch fertig machen. Ich habe mir's,“ fuhr er mit einem Blick auf Herrn Poyſer fort,„ſchon oft überlegt, ob ich mich nicht daheim zu feineren Tiſch⸗ lerarbeiten einrichten ſollte; in müßigen Stunden habe ich mich immer mit ſolchen kleinen Dingen ab⸗ gegeben, und ſie bringen Geld ein, denn es iſt mehr Arbeit als Material dabei. Ich möchte gerne für mich und Seth ein kleines Geſchäft dieſer Art grün⸗ den, denn ich kenne einen Mann in Roſſeter der uns ſo viel abnehmen würde als wir nur machen könnten; auch würden wir gewiß in der Umgegend Beſtellungen bekommen.“ Herr Poyſer ging mit Theilnahme auf einen Plan ein der als ein Schritt zu Adams Meiſter⸗ — 9⁵ werdung erſchien, und Frau Poyſer billigte den Plan in Betreff des beweglichen Küchenſchrankes, welcher Specereien, Eingemachtes aller Art, Küchengeſchirr und Hausleinwand möglichſt nahe beiſammen und doch ohne allen Wirrwarr enthalten ſollte. Hetty, die wieder ihre eigenen Kleider angezogen und bei dem warmen Abend ihr Halstuch ein wenig zurück⸗ geſchoben hatte, ſaß mit Ausleſung der Johan⸗ nisbeeren beſchäftigt in der Nähe des Fenſters, wo Adam ſie ganz gut ſehen konnte. Und ſo verſtrich die Zeit angenehm bis Adam ſich zum Gehen an⸗ ſchicte. Man lud ihn dringend ein bald wieder zu kommen, ſprach ihm aber nicht zu länger zu bleiben, denn in dieſer arbeitsvollen Zeit wollten ſich ver⸗ ſtändige Leute nicht der Gefahr ausſezen Morgens um fünf Uhr noch ſchläfrig zu ſein. „Ich gehe um ein Haus weiter,“ ſagte Adam, „und will noch Meiſter Maſſey beſuchen, denn er war geſtern nicht in der Kirche, und ich habe ihn die ganze vorige Woche nicht geſehen. Er iſt ſonſt immer ſo regelmäßig in der Kirche.“ „Ja,“ ſagte Herr Poyſer,„wir haben auch Nichts von ihm gehört, die Jungen haben jezt Ferien und ſo können wir Nichts ſagen.“ „Aber Sie werden doch ſo ſpät nicht mehr da⸗ hin gehen wollen?“ meinte Frau Poyſer, indem ſie ihr Strickzeug zuſammenlegte. „O, Meiſter Maſſey bleibt lange auf,“ ſagte Adam,„auch iſt die Nachtſchule noch nicht aus. CEinige von den Leuten kommen erſt ſpät, denn ſie haben weit zu gehen. Und Barthel ſelbſt legt ſich nie vor eilf Uhr.“ 4 96 „Dann möchte ich ihn nicht bei mir haben,“ ſagte Frau Poyſer,„denn dieſe Talglichter tropfen ſo daß man Morgens beinahe darin ausglitſcht.“ „Ja, eilf Uhr iſt ſpät, ſehr ſpät,“ bemerkte der alte Martin.„Ich bin nie in meinem Leben ſo lange aufgeblieben, außer bei einer Hochzeit, einer Taufe, einer Kirchweih oder dem Erntemahl. Eilf Uhr iſt ſpät.“ „O, ich bleibe oft bis nach zwölf Uhr auf,“ ſagte Adam lachend,„aber nicht um extra zu eſſen und zu trinken, ſondern um extra zu arbeiten. Gute Nacht, Frau Poyſer; gute Nacht, Hetty!“ Hetty konnte bloß lächeln, aber ihre Hand nicht geben, denn ſie war vom Johannisbeerenſaft geröthet und feucht; aber alle andern ſchüttelten herzlich die breite Hand die ihnen entgegengeſtreckt wurde, und ſagten: Kommen Sie bald wieder. „Denkt Euch einmal,“ ſagte Herr Poyſer als Adam fort war,„er bleibt bis nach zwölf Uhr auf um Extraarbeiten zu machen. Ihr findet nicht viele junge Männer von ſechsundzwanzig Jahren die mit ihm wechſeln könnten. Wenn Du Adam zum Mann bekommen kannſt, Hetty, ſo fährſt Du mit der Zeit noch in Deinem eigenen Korbwagen; dafür ſtehe ich.“ Hetty ging gerade mit den Johannisbeeren durch die Küche, und ſo konnte ihr Onkel das etwas trozige Kopfaufwerfen nicht ſehen worin ſie ihre Antwort beſtehen ließ. In einem Korbwagen zu fahren ſchien ihr wahrlich jezt ein erbärmliches Loos zu ſein. 5 1 Eliot, Adam Bede. II. 97 Einundzwanzigſtes Capitel. Die Abendſchule und der Schulmeiſter. Barthel Maſſey bewohnte eines der wenigen zer⸗ ſtreuten Häuſer auf einer Allmand die durch den Weg nach Treddleſton entzwei getheilt wurde. Adam brauchte vom Pachthof aus eine Viertelſtunde dahin, und als er ſeine Hand auf der Thürklinke hatte, konnte er durch das vorhangsloſe Fenſter etwa acht oder neun Köpfe ſehen die ſich bei dünnen Lichtchen über die Pulte hinbeugten. Als er eintrat, war gerade Leſeſtunde; Barthel Maſſey nickte ihm bloß zu und ließ ihn ſeinen Plaz nach Belieben wählen. Adam war dießmal nicht zum Lernen gekommen; ſein Geiſt war zu ſehr von perſönlichen Angelegenheiten beſchäftigt, zu voll von den lezten zwei Stunden die er in Hetty's Gegen⸗ wart verlebt hatte, als daß er ſich bis zum Ende der Schulzeit mit einem Buch hätte unterhalten können. Er ſezte ſich daher in eine Ecke und ließ ſeine Augen zerſtreut umherſchweifen. Es war dieß eine Scene die er ſeit Jahren jede Woche geſehen; er kannte jeden arabeskenartigen Schnörkel in der eingerahmten, von Barthel Maſſey's eigener Hand ſtammenden Vorſchrift die über dem Kopf des Schul⸗ meiſters prangte, damit ſeinen Schülern ſtets ein er⸗ habenes Ideal vorſchwebte; er kannte die Rücken aller Bücher auf dem Brett das an der weiß ange⸗ ſtrichenen Wand über den Flecken für die Schiefer⸗ 7 tafeln hinging; er wußte genau wie viele Körner bereits aus dem Welſchkornkolben gefallen waren der von einem der Dachſparren herabhing; er hatte längſt alle Mittel ſeiner Einbildungskraft in dem Verſuche erſchöpft ſich vorzuſtellen, wie das Bündel vertrockneten Seetangs in ſeinem urſprünglichen Ele⸗ mente ausgeſehen haben und gewachſen ſein mochte, und von ſeinem Size aus konnte er nicht viel auf der alten Karte von England ſehen die an der ent⸗ gegengeſezten Wand hing und früher ſchon gelbbraun geweſen war, jezt aber vor Alter die Farbe eines gutangerauchten Meerſchaumkopfs bekommen hatte. Das Drama das man aufführte war ihm beinahe eben ſo bekannt wie der Schauplaz, und dennoch hatte ihn die Gewohnheit nicht gleichgiltig dagegen gemacht, und ſogar in ſeiner augenblicklichen Ver⸗ ſunkenheit in ſich ſelbſt konnte er ſich eines alten Mitgefühls nicht erwehren, wenn er dieſe rauhen Männer anſah die mühſam Feder oder Griffel in ihren ſteifen Händen hielten, oder ſich beſcheiden mit Leſenlernen abquälten. Die Leſeclaſſe die eben jezt auf der Bank vor dem Pult des Schulmeiſters ſaß, beſtand aus den drei am meiſten zurückgebliebenen Schülern. Um ſich davon zu überzeugen, brauchte Adam bloß in Barthel Maſſey's Geſicht zu ſchauen, wie er über ſeine Brille wegblickte, die er bis an den Rand ſei⸗ ner Naſe herabgeſchoben hatte, da er ihrer im Augen⸗ blick nicht bedurfte. Das Geſicht hatte ſeinen ſanf⸗ teſten Ausdruck. Unter den grauen buſchigen Brauen that ſich Mitleid und Freundlichkeit kund, und der Mund der gewöhnlich mit trozigem Vorſtehen der 99 Unterlippe zuſammengepreßt war, ſtand halb offen um augenblicklich irgend ein hilfreiches Wort darein⸗ ſprechen zu können. Dieſer ſanfte Ausdruck war um ſo intereſſanter, weil die Naſe des Schulmeiſters, die unregelmäßig war und etwas auf die Seite ſtand, einen beinahe furchtbaren Character, und weil überdieß ſeine Stirne jene. eigenthümliche Straffheit hatte, die immer als Zeichen einer ſcharfen, unge⸗ duldigen Gemüthsart gilt: die blauen Adern ſtanden wie Schnüre unter der durchſichtigen gelben Haut hervor, und dieſe ſchreckenerregende Stirne wurde durch keinen Hang zur Kahlheit gemildert, denn das graue, borſtige, bis auf eine Zolllänge geſchnittene Haar ſtand in ſo dichten Reihen wie nur je rings umher. „Nein, Bill, nein,“ ſagte Barthel freundlich, indem er Adam zuwinkte,„fangt noch einmal an, dann bringt Ihr vielleicht heraus was g, u, t heißt; Ihr habt dieß ſchon in der vorigen Woche geleſen.“ Bill war ein ſtämmiger Burſche von vierund⸗ zwanzig Jahren, ein ausgezeichneter Steinſäger, der ſo viel verdiente wie nur irgend einer in ſeinen Jahren; aber eine Leſeſtunde mit lauter einſylbigen Worten war ihm eine ſchwerere Arbeit als der härteſte Stein den er je hatte durchſägen müſſen. Er klagte, die Buchſtaben ſehen einander ſo ſchreck⸗ lich gleich, man könne ſie gar nicht unterſcheiden, denn beim Steinſägergeſchäft kommen keine ſolche kleinliche Unterſchiede vor wie bei einem Buchſtaben wo der Schwanz aufwärts, und einem andern wo er abwärts geht. Aber Bill war feſt entſchloſſen 7* 100 leſen zu lernen, und zwar hauptſächlich aus zwei Gründen: erſtens weil ſein Vetter Tom Hazelow Alles, Gedrucktes wie Geſchriebenes, vom Blatt weg leſen konnte, und weil er ihm von zehn Stunden her geſchrieben hatte daß es ihm wohl gehe und daß er eine Aufſehersſtelle bekomme; zweitens weil Sam Philipps, der neben ihm ſägte, leſen gelernt hatte als er ſchon zwanzig Jahre vorüber war; und was ein ſo kleiner Burſche wie Sam Philipps thun konnte, das mußte doch Bill auch können, denn er war im Stand dieſen Sam nöthigenfalls ungeſpizt in den Boden zu ſchlagen. So war er denn hier, zeigte mit ſeinem dicken Finger auf drei Worte zugleich und hielt ſeinen Kopf auf die Seite, um mit ſeinem Auge deſto beſſer das eine Wort feſtzuhalten das er aus der Gruppe herausnahm. Die höhere Gelehr⸗ ſamkeit die Barthel Maſſey beſizen mußte, war für Bill etwas ſo Unklares und Ungeheures daß ſeine Einbildungskraft davor zurückbebte: er hätte es kaum zu beſtreiten gewagt daß der Schulmeiſter bei der regelmäßigen Wiederkehr des Tageslichtes und den Witterungswechſeln ein Wort mitzuſprechen habe. Zunächſt bei Bill ſaß ein ganz anderer Typus: ein methodiſtiſcher Ziegelbrenner, der, nachdem er dreißig Jahre ſeines Lebens in vollkommener Zu⸗ friedenheit mit ſeiner Ignoranz zugebracht, in der lezten Zeit Religion bekommen hatte und vom Wunſch ergriffen wurde die Bibel zu leſen. Aber auch bei ihm war das Lernen eine ſchwere Arbeit, und heute Abend hatte er unterwegs wie gewöhnlich ein be⸗ ſonderes Gebet um Hilfe geſprochen, da er ja dieſes harte Geſchäft einzig und allein um ſeines Seelen⸗ 101 heils willen unternommen habe, damit er mehr Sprüche und Lieder lernen könne um damit böſe Erinnerungen und die Verſuchungen alter Gewohn⸗ heit, oder mit einem Wort, den Teufel zu bannen. Denn der Ziegelbrenner war ein berüchtigter Wild⸗ dieb geweſen und ſtand, obgleich kein Beweis gegen ihn vorlag, im Verdacht einen benachbarten Förſter ins Bein geſchoſſen zu haben. Wie dem nun ſein mochte, ſo viel iſt gewiß daß kurz nach dieſem Ereigniß, das mit der Ankunft eines erbaulich wirkenden Me⸗ thodiſtenpredigers in Treddleſton zuſammenfiel, eine große Veränderung an dem Ziegelbrenner beobachtet worden war, und obſchon man ihm in der ganzen Gegend noch immer ſeinen alten Spiznamen Schwefel gab, ſo verabſcheute er doch Nichts ſo ſehr als allen weiteren Verkehr mit dieſem übelriechenden Mineral. Er war ein breitſchultriger Burſche mit feurigem Temperament, das ihm bei Einſaugung religiöſer Ideen mehr half als bei dem trocknen Proceß die bloß menſchliche Kenntniß des Alphabets zu erwerben. In der That war er in ſeinem Entſchluß bereits durch einen Methodiſtenbruder wankend gemacht wor⸗ den, der ihn verſicherte daß der Buchſtabe ein bloßes Hinderniß für den Geiſt ſei, und die Befürchtung ausſprach, Schwefel verlange nach Kenntniſſen die den Menſchen aufblähen. Der dritte Anfänger war ein weit hoffnungs⸗ vollerer Schüler. Er war ein großer, aber magerer und ſchmächtiger Mann, beinahe ſo alt wie Schwefel, mit einem ſehr blaſſen Geſicht und blaugefärbten änden. Er war ein Färber, den beim Färben grober Wolle und alter Weiberunterröcke der Ehrgeiz 102 erfaßt hatte über die ſeltſamen Geheimniſſe der Farbe noch gar Vieles zu lernen. Er beſaß im Bezirk bereits einen hohen Ruf als Färber, und wünſchte durchaus irgend eine Methode zu entdecken um Car⸗ moiſin und Scharlach billiger herzuſtellen. Der Materialienhändler in Treddleſton hatte ihn auf die Idee gebracht daß er ſich viel Arbeit und Koſten erſparen könne wenn er leſen lerne, und ſo hatte er angefangen ſeine freien Stunden der Abendſchule zu widmen, und war feſt entſchloſſen daß ſein kleiner Junge Herrn Maſſey's Tagſchule beſuchen müſſe, ſo bald er alt genug ſei. Es war rührend anzuſehen wie dieſe drei großen Männer, die allenthalben Spuren ihrer harten Ar⸗ beit an ſich hatten, ſich ängſtlich über die abgegriffenen Bücher beugten und mühſam herausſtotterten:„Das Gras iſt grün, das Holz iſt dürr, das Korn iſt reif,“ eine ſehr ſchwere Arbeit nach ganzen Columnen von einzelnen Worten, die ſich alle gleichen bis auf den erſten Buchſtaben. Es war beinahe als ob drei wilde Thiere voller Demuth lernen wollten wie ſie menſchlich werden könnten. Und es rührte die zar⸗ teſte Fiber in Barthel Maſſey's Natur, denn ſolche ausgewachſene Kinder wie dieſe waren die einzigen Schüler für welche er keine ſcharfen Beiworte und keine Töne der Ungeduld hatte. Er war nicht mit dem allerruhigſten Temperament begabt, und bei nächtlichen Singſtunden zeigte es ſich daß Geduld nie eine leichte Tugend für ihn wurde; aber heute Abend, wo er über ſeine Brille hinweg den Steinſäger Bill Downes anſieht, der mit einem verzweifelten Gefühl der Unmacht von den Buchſtaben d— a— 3 ſei⸗ 1 103³ nen Kopf abwendet, ſtrahlten ſeine Augen ihr mil⸗ deſtes und aufmunterndſtes Licht aus. Nach der Leſeclaſſe kamen zwei junge Burſche von 16 und 19 Jahren mit ihren Rechenexempeln die ſie auf ihre Schiefertafeln geſchrieben hatten. Sie ſollten jezt im Kopf rechnen, beſtanden aber darin ſo unvollkommen daß Barthel Maſſey, nachdem er ſie einige Minuten lang ominös durch ſeine Brille hindurch angeſchaut, endlich in einem bittern ſcharfen Tone losfuhr, wobei er zwiſchen jedem Saz pauſirte und mit einem Knotenſtock den er zwiſchen den Bei⸗ nen hielt auf den Boden klopfte. „Da ſeht ihr jezt, ihr machts heute um kein Haar beſſer als vor vierzehn Tagen, und ich will euch ſagen warum. Ihr möchtet gerne rechnen ler⸗ nen; das iſt ganz ſchön und gut. Aber ihr meint, zum Rechnenlernen gehöre weiter Nichts als daß ihr zwei⸗ oder dreimal zu mir kommt und ein paar Stun⸗ den rechnet; ſo bald ihr jedoch eure Müzen aufge⸗ ſezt und die Thüre hinter euch habt, ſo fegt ihr euch das ganze Ding wieder rein aus dem Kopfe. Ihr gehet fort und pfeifet ein Liedchen; aber was ihr denket, das iſt euch ſo gleichgültig als wären eure Köpfe Rinnſteine für jeden Unrath der euch im Wege liegt, und wenn ihr einmal einen guten Begriff darin habt, ſo wird er ſehr bald wieder hinausgeſpült; ihr meinet, Kenntniſſe ſeien wohlfeil zu holen, ihr brauchet bloß herzugehen und dem Barthel Maſſey ſechs Pfennige in der Woche zu bezahlen, dann wird er euch Rechenkenntniſſe beibringen ohne daß ihr euch die Köpfe zerbrechet. Aber ich will euch nur ſagen, mit dem Bezahlen von ſechs Pfennigen iſt 104 das nicht gethan; wenn ihr Rechnen lernen wollt, ſo müßt ihr die Zahlen in euern eigenen Köpfen herumdrehen und eure Gedanken darauf feſthalten. Es gibt Nichts was ſich nicht in eine Summe oder eine Zahl verwandeln ließe— ſogar ein Narr. Ihr könnt zu euch ſelbſt ſagen, ich bin ein Narr und Jack iſt auch einer; wenn nun mein Narrenkopf vier Pfund wiegt und Jacks Kopf drei Pfund und drei und dreiviertel Unzen, um wie viel Pfund Gewicht iſt mein Kopf ſchwerer als der Kopf Jacks? Wem es mit dem Rechnenlernen Ernſt iſt, der kann ſich im⸗ mer Exempel aufgeben und ſie in ſeinem Kopf aus⸗ rechnen: wenn er bei ſeiner Schuſterarbeit ſizt, ſo kann er ſeine Stiche nach fünfen zählen und einen Preis auf ſeine Stiche ſezen, z. B. einen halben Pfennig, und dann ſehen wie viel Geld er in einer Stunde verdienen kann; hernach fragt er ſich wie viel Geld er bei dieſem Preis an einem Tag ver⸗ dient, und dann wie viel zehn Arbeiter in drei oder in zwanzig oder in hundert Jahren verdienen, und bei alledem kann ſein Pfriemen eben ſo ſchnell gehen als wenn er ſeinen Kopf leer gelaſſen hätte, damit der Teufel darin tanzen kann. Aber das Lange und Kurze an der Sache iſt das: ich will in meiner Abendſchule keinen haben der ſich mit dem was er lernen ſoll nicht eben ſo viel Mühe gibt als müßte er ſich aus einem dunkeln Loch an das helle Tages⸗ licht hervorarbeiten. Ich ſchicke Niemand weg weil er dumm iſt: wenn Billy Taft, der Blödſinnige, Etwas lernen wollte, ſo würde ich mich nicht wei⸗ gern ihn zu unterrichten. Aber ich will gute Kennt⸗ niſſe nicht an Leute wegwerfen welche meinen, man 10⁵ könne es um ſechs Pfennige haben und wie ein Loth Schnupftabak nach Hauſe tragen. Kommt mir alſo nicht wieder, wenn ihr nicht beweiſen könnt daß ihr mit euern eigenen Köpfen gearbeitet habt, ſtatt zu glauben, ihr könnet den meinigen bezahlen um für euch zu arbeiten. Dieß iſt das lezte Wort das ich euch zu ſagen habe.“ Bei dieſem Schlußſaz ſtieß Barthel Maſſey ſeinen Knotenſtock noch ſtärker auf den Boden, und die Burſche gingen beſchämt und mit verdrießlichen Blicken hinweg; die andern Schüler hatten glücklicher Weiſe nur ihre Schreibhefte zu zeigen, die ſich in verſchie⸗ denen Stadien des Fortſchrittes von den Krähen⸗ füßen an bis zu rundem Text befanden: und bloße Federzüge, wenn ſie auch verkehrt waren, erbitterten Barthel nicht ſo ſehr wie falſche Rechenexempel. Un⸗ gewöhnlich ſtreng war er gegen den armen Jacob, der eine ganze Seite voll großer Z geſchrieben, ſie aber alle auf den Kopf geſtellt hatte, und nun von einem unklaren Gefühl gequält wurde daß Etwas nicht ganz richtig ſei. Aber er bemerkte zu ſeiner Entſchuldigung, dieſen Buchſtaben gebrauche man beinahe gar nicht, offenbar ſei er bloß da um dem ABC ein Ende zu machen, und man könnte dafür eben ſo gut das Undzeichen ſezen. Endlich hatten die Schüler alle ihre Müzen ge⸗ nommen und gute Nacht geſagt. Adam, der die Gewohnheiten ſeines alten Lehrers kannte, ſtand auf und ſagte:„Soll ich die Lichter auslöſchen, Herr Maſſey?“ „Ja, mein Junge, nur dieſes da will ich mit nach Hauſe nehmen, und da Du gerade in der Nähe 106 biſt, ſo kannſt Du auch gleich die Hausthüre ſchließen,“ ſagte Barthel, indem er ſeinen Stock in den geeig⸗ neten Winkel ſtellte um mit deſſen Hilfe von dem Catheder herabzuſteigen. Als er auf ebener Erde ſtand, zeigte es ſich deutlich warum der Stock nöthig war— das linke Bein war viel kürzer als das rechte. Aber troz dieſer Art von Lahmheit war der Schul⸗ meiſter ſo rüſtig, daß man ſie kaum für ein Unglück halten konnte, und hättet ihr ihn durch das Schul⸗ zimmer gehen und den Tritt nach ſeiner Küche hin⸗ aufſteigen geſehen, ſo würdet ihr vielleicht begriffen haben, warum die unartigen Jungen es manchmal klar empfanden daß er ſeine Schritte unendlich be⸗ ſchleunigen und ſie mit ſeinem Stock ſogar im ſchnell⸗ ſten Laufe einholen konnte. Im Augenblick wo er mit dem Licht in der Hand an der Küchenthüre erſchien, begann ein leiſes Ge⸗ winſel an der Kaminecke, und eine ſchwarzbraune Hündin, von jener verſtändigen Race mit kurzen Beinen und langem Leib die man in unmechaniſchen Zeiten zum Drehen des Bratſpießes gebrauchte, kroch ihm ſchweifwedelnd entgegen und blieb bei jedem zweiten Tritt ſtehen, als wären ihre Neigungen ſchmerzlich getheilt zwiſchen dem Korb in der Kamin⸗ ecke und ihrem Herrn, den ſie doch nicht ohne Be⸗ grüßung laſſen konnte. „Nun Füchschen, was machen die Jungen?“ ſagte der Schulmeiſter, indem er raſch auf die Ecke zuging und ſein Licht über den niedrigen Korb hielt, wo zwei noch ganz blinde junge Hunde aus einem Neſt von Flanell und Wolle ihre Köpfe dem Licht zukehrten. Füchschen konnte es nicht einmal ohne 107 peinliche Aufregung ſehen daß ihr Herr die Jungen anſchaute: ſie ging in den Korb, ſprang dann ſchnell wieder heraus und gebahrte ſich mit echt weiblicher Thorheit, obſchon ſie die ganze Zeit über ſo weiſe dreinſchaute wie ein Zwerg mit großem altmodiſchem Kopf und Körper auf höchſt abgekürzten Beinen. „Ei wie, Sie haben Familie bekommen wie ich ſehe, Herr Maſſey,“ ſagte Adam lächelnd, als er in die Küche kam;„wie iſt das zugegangen? ich dachte es wäre gegen das Geſez.“ „Geſez? Was hilft ein Geſez wenn ein Mann ſo verrückt iſt ein Weib in ſein Haus zu laſſen?“ ſagte Barthel, indem er ſich mit einiger Bitterkeit von dem Korb wegwandte. Er nannte Füchschen im⸗ mer ein Weib und ſchien alles Bewußtſein dafür verloren zu haben daß er bloß bildlich ſprach. „Hätte ich gewußt daß Füchschen ein Weib iſt, ſo hätte ich ſie und die Jungen erſäufen laſſen; aber da ich ſie in meine Hände bekam, ſo mußte ich ſie auch behalten. Und nun ſieh was ſie mir gebracht hat, die heuchleriſche heimtückiſche Dirne— Barthel⸗ ſprach dieſe Worte im Tone ſcharfen Vorwurfs und ſchaute dabei das Thier an, das den Kopf ſinken ließ und mit tiefer Beſchämung ſeine Augen auf ihn richtete— und dann mußte ſie noch an einem Sonn⸗ tag während der Kirche niederkommen. Ich habe mir ſchon gewünſcht ein blutdürſtiger Wütherich zu ſein, ich hätte dann die Mutter ſammt der Brut mit einem einzigen Strick erdroſſelt.“ „Es freut mich daß Sie aus keiner ſchlimmern Urſache von der Kirche weggeblieben ſind,“ ſagte Adam.„Ich fürchtete Sie möchten zum erſten Mal 108 in Ihrem Leben krank geworden ſein. Es machte mir großen Kummer daß ich Sie geſtern nicht in der Kirche hatte.“ „Ach mein Junge, ich weiß wohl, ich weiß wohl,“ ſagte Barthel freundlich, indem er auf Adam zutrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, an welche er juſt mit ſeinem Kopf reichte.„Du haſt viel durch⸗ zumachen gehabt. Aber ich hoffe es werden jezt beſſere Zeiten für Dich kommen. Ich habe Dir etwas Neues zu ſagen. Zuvor aber muß ich mein Abendbrod verzehren, denn ich bin ſehr hungrig.“ Barthel ging in ſeine kleine Speiſekammer und brachte einen Laib vortrefflichen ſelbſtgebackenen Brodes; es war nämlich ſein einziger Luxus in die⸗ ſen theuern Zeiten daß er einmal des Tags Brod ſtatt Gerſtenkuchen aß, und er rechtfertigte dieß mit der Bemerkung, ein Schulmeiſter brauche Hirn, der Gerſtenkuchen aber gehe in die Knochen und nicht ins Hirn. Dann kam ein Stück Käſe und ein Krug Bier mit einer Krone von Schaum darauf. Dieß Alles ſtellte er auf den runden tannenen Tiſch der vor ſeinem großen Lehnſtuhl in der Kaminecke, mit dem Hunde⸗ korb auf der einen und einem Fenſterbrett mit etlichen Büchern auf der andern Seite, ſtand. Der Tiſch war ſo reinlich als wäre Füchschen eine vortreffliche Hausfrau mit gewürfelter Schürze geweſen; eben ſo auch der Fußboden, und die alten geſchnizten Eichen⸗ möbel, Tiſche und Stühle, die heut zu Tag in ari⸗ ſtocratiſchen Häuſern theuer bezahlt würden, obſchon ſie in jener Zeit der Spinnenbeine und der einge⸗ legten Liebesgötter unſern Barthel nur ein altes Lied gekoſtet hatten, waren ſo frei von Staub, wie 109 nur immer Etwas an einem Sommerabend ſein kann. —„Nun denn, mein Junge, rück näher und greif zu. Von Geſchäften wollen wir erſt ſprechen wenn wir mit unſerem Abendbrod zu Ende ſind. Mit leerem Magen hat kein Menſch Verſtand. Aber,“ fuhr Barthel fort, indem er von ſeinem Stuhl wieder aufſtand, „Füchschen muß bei Gott auch ihr Abendbrod haben, obſchon ſie freilich weiter Nichts thut als daß ſie dieſe unnöthigen Jungen ernährt. So iſts mit dieſen Weibern, ſie haben keine Kopfſtücke zu ernähren, und ſo geht ihre Nahrung ganz ins Fett oder in die Brut.“ Er holte aus der Vorrathskammer eine Schüſſel mit alten Reſten; Füchschen heftete ſogleich ihre Augen darauf, ſprang aus ihrem Korb heraus und fraß Alles mit der größten Geſchwindigkeit auf. „Ich habe bereits gegeſſen, Herr Maſſey,“ ſagte Adam,„und ich will Ihnen bloß zuſehen. Ich war auf dem Pachthof; dort ißt man, wie Sie wiſſen, immer bei Zeiten und bleibt nicht gerne lang auf.“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Barthel trocken, in⸗ dem er ſein Brod ſchnitt und die Kruſte nicht ver⸗ ſchmähte.„Ich gehe ſelten in das Haus, obſchon ich die Jungen lieb habe und auch Martin Poyſer ein guter Kerl iſt. Es ſind mir zu viele Weiber da; ich haſſe das Geräuſch der Weiberſtimmen; das iſt ein beſtändiges Geſumme und Gequieke. Frau Poy⸗ ſer gibt wie eine Pfeife immer den Ton an, und die jungen Mädchen, da ſehe ich eben ſo gerne Waſſer⸗ würmer an— ich weiß was aus ihnen wird, ſtechende Mücken, ſtechende Mücken. Da trink ein Bischen Bier, mein Junge, ich habe es expreß für Dich abgezogen.“ 110 „Nein, Herr Maſſey,“ ſagte Adam, der die närriſchen Einfälle ſeines alten Freundes heute Abend anders als gewöhnlich aufnahm,„ſeien Sie nicht ſo hart gegen die Geſchöpfe die der liebe Gott zu un⸗ ſern Gefährtinnen beſtimmt hat. Ein Arbeiter wäre übel daran ohne eine Frau die für Haus und Küche ſorgt und Alles ſauber und angenehm hält.“ „Unſinn! Das iſt die einfältigſte Lüge die ein verſtändiger Mann noch je geglaubt hat, daß eine Frau das Haus angenehm halte. Man hat dieſe Geſchichte nur erfunden, weil die Weiber einmal da ſind und man doch ein Geſchäft ſür ſie haben muß. Ich ſage Dir, es gibt nichts Nothwendiges auf der Welt was ein Mann nicht beſſer machen kann als das Weib, außer etwa das Kindergebären, und auch das machen ſie lumpig genug; es wäre beſſer die ganze Sache würde den Männern überlaſſen. Ich ſage Dir, ein Weib kann ihr ganzes Leben lang jede Woche eine Paſtete backen und ſieht doch nicht ein daß, je heißer der Ofen, je kürzer die Zeit iſt. Ich ſage Dir, eine Frau kann Dir zwanzig Jahre lang jeden Tag Deine Suppen kochen, und es fällt ihr niemals ein das Verhältniß zwiſchen dem Mehl und der Milch abzuwägen; ein Bischen mehr oder we⸗ niger, meint ſie, thue Nichts zur Sache: die Suppe fällt dann und wann verdammt ſchofel aus, und nun liegt es entweder am Mehl oder an der Milch oder am Waſſer. Da ſieh einmal mich an. Ich backe mein Brod ſelbſt, und Jahr aus Jahr ein iſt es immer daſſelbe Gebäcke; aber hätte ich außer Füchschen noch ein anderes Weib im Hauſe, ſo müßte ich bei jedem Gebäcke Gott um Geduld anflehen, —-—-————— 8ſ 111 wenn das Brod nicht aufginge. Und was die Rein⸗ lichkeit betrifft, ſo iſt mein Haus ſauberer als jedes andere im Dorf, obſchon es wahrlich in den meiſten an Weibern nicht fehlt. Will Bakers Junge kommt Morgens und hilft mir, und dann machen wir in aller Ruhe in einer einzigen Stunde ſo viel ſauber als eine Frau in drei Stunden nicht zuwege bringt; ſie ſchüttet Dir das Waſſer eimerweiſe über die Knöchel und läßt das Kamingitter und die Feuer⸗ zange den halben Tag mitten im Zimmer liegen, ſo daß Du die Schienbeine daran zerſtößeſt. Sag mir nicht davon daß Gott ſolche Creaturen zu Ge⸗ fährtinnen für uns geſchaffen habe. Ich habe nichts dagegen daß er Eva dem Adam im Paradies zur Gefährtin gab— damals gab es keine Kocherei zu verderben, und es war kein anderes Weib da um mit ihr zu ſchnattern und Unheil anzuſtiften, obwohl Du ſehen kannſt wie viel Schaden ſie bei der erſten beſten Gelegenheit anrichtete. Aber es iſt eine gott⸗ loſe Behauptung und ganz gegen die Bibel, daß eine Frau jezt ein Segen für den Mann ſei; eben ſo gut könnteſt Du ſagen Nattern und Wespen, Schweine und wilde Beſtien ſeien ein Segen, wäh⸗ rend ſie doch nur Uebel ſind die zu dieſem Prüfungs⸗ ſtande gehören, und die ein vernünftiger Menſch ſich in dieſem Leben ſo weit als möglich fern hält, in der Hoffnung daß er ſie in einem andern für immer los wird.“ Barthel war im Verlauf ſeiner Invective ſo aufgeregt und ärgerlich geworden, daß er ſein Abend⸗ eſſen ganz vergaß und das Meſſer bloß brauchte um mit dem Heft auf den Tiſch zu ſchlagen. Aber 112 gegen das Ende wurden dieſe Schläge ſo ſcharf und⸗ häufig und ſeine Stimme ſo keuchend, daß Füchschen ſich verpflichtet fühlte aus dem Korb zu ſpringen und aufs Gerathewohl ein Gebelle aufzuſchlagen. „Ruhig Füchschen!“ brummte Barthel, indem er ſich raſch gegen den Hund wandte.„Du biſt wie alle übrigen Weiber, willſt auch drein ſchwazen ehe du weißt warum.“ Füchschen kehrte demüthig nach dem Korb zurück und der Schulmeiſter fuhr ſchweigend mit ſeinem Abendeſſen fort. Adam wollte ihn nicht darin unter⸗ brechen, denn er wußte daß der alte Mann in beſſere Laune kommen würde, wenn er ſein Mahl vollendet und ſeine Pfeife angezündet hätte. Er hatte ihn ſchon oft ſo ſprechen gehört, aber von Barthels frühe⸗ rem Leben nie ſo viel erfahren um wiſſen zu können ob ſeine Anſichten von den Annehmlichkeiten des Ehe⸗ ſtandes auf eigener Erfahrung beruhten. In dieſer Beziehung war Barthel ſtumm, und es war ſogar ein Geheimniß wo er vor den zwanzig Jahren ge⸗ lebt die er zum Glück für die Bauern und Hand⸗ werker dieſer Gegend unter ihnen als ihr einziger Schulmeiſter zugebracht hatte. Wagte man eine Frage darüber, ſo antwortete Barthel immer:„O ich habe manche Pläze geſehen— ich bin viel im Süden geweſen,“ und die Leute von Loamſhire hätten ſichs eben ſo bald einfallen laſſen nach irgend einem Dorf oder einer Stadt in Africa zu fragen als nach dem Süden. „Nun denn, mein Junge,“ ſagte Barthel endlich, als er ſeinen zweiten Krug eingeſchenkt und ſeine Pfeife angezündet hatte,„nun denn, jezt laß uns ——————— 113 ein wenig plaudern. Aber ſag mir zuerſt, haſt Du gar nichts Beſonderes erfahren?“ „Nein, antwortete Adam,„nichts das ich wüßte.“ „ Ah dann halten ſie's geheim, ſage ich. Aber ich habe es zufällig herausgebracht, und die Nach⸗ richt betrifft auch Dich, Adam, oder ich müßte keinen Quadratfuß von einem Cubikfuß unterſcheiden können.“ Dabei dampfte Barthel in raſchen heftigen Zügen und ſah Adam ernſt an. So ein ungeduldiger und geſprächiger Mann hat keinen Begriff davon wie man durch leiſe gleichförmige Züge ſeine Pfeife brennend erhält; er läßt ſie immer beinahe ausgehen und beſtraft ſie dann für dieſe Nachläßigkeit. Endlich ſagte er: „Satchell hat einen Schlag bekommen. Ich habe es von dem Jungen herausgebracht, den ſie zum Doctor nach Treddleſton ſchickten, und zwar ſchon vor ſieben Uhr heute früh. Du weißt, er iſt ſchon ſtark in den Sechszig, und es muß gut gehen wenn ers überleben ſoll.“ „Nun,“ ſagte Adam,„da wird es wohl mehr Freude als Kummer in der Gemeinde ſein wenn er abfährt. Er war immer ein ſelbſtſüchtiger Geſelle der auf Klatſchereien ausging und überall Unheil zu ſtiften ſuchte. Aber im Ganzen hat er Niemand mehr geſchadet als dem alten Herrn ſelbſt. Dieſer iſt am meiſten zu tadeln— warum braucht er einem ſo dummen Kerl die ganze Gewalt in die Hand zu geben, nur um einen tüchtigen Rentmeiſter zu er⸗ ſparen? Er hat ganz ſicher jezt durch ſchlechte Ver⸗ waltung der Wälder mehr verloren als zwei Rent⸗ beamte gekoſtet hätten. Wenn Satchell jezt ab⸗ Eliot, Adam Bede. II. 8 114 fahren muß, ſo iſt zu hoffen daß ein beſſerer Mann an ſeine Stelle kommt; aber in wiefern das mich angehen ſoll, ſehe ich doch nicht ein.“ „Aber ich ſehe es ein, aber ich ſehe es ein,“ ſagte Barthel,„und andere Leute ſehen es auch ein. Der Capitän wird jezt volljährig— Du weißt es ſo gut wie ich— und dann iſt zu erwarten daß er etwas mehr gilt als bisher. Auch weiß ich, und Du weißt es ebenfalls, was er für Abſichten in Betreff der Wälder hat, ſobald es eine gute Gelegen⸗ heitzu einer Veränderung gibt. Er hat ja ſchon zu vielen Leuten geſagt daß er Dich gleich morgen zu ſeinem Forſtverwalter machen würde, wenn er die Macht hätte. Carrol, der Bediente des Herrn Irwine, hat es ſelbſt gehört wie er es noch nicht ſo lange zu dem Pfarrer ſagte. Er kam am Samſtag Abend, als wir bei Caſſon unſere Pfeifen rauchten, und erzählte es uns, und wenn irgend Jemand ein gutes Wort von Dir ſpricht, ſo ſtimmt der Pfarrer ſogleich ein, dafür kannſt Du ſtehen. Es wurde bei Caſſon ein Langes und Breites darüber geſprochen, und der Eine oder der Andere hätte Dir gerne etwas am Zeuge geflickt, denn wenn die Eſel einmal zu ſingen anfangen, dann kann man ſchon wiſſen was für eine Melodie herauskommt.“ „Ei wie, hat man vor Herrn Burge davon ge⸗ ſprochen?“ fragte Adam,„oder war er am Samſtag nicht da?“ 4 „O er ging weg ehe Carrol kam, und Caſſon— Du weißt ja, er will immer Alles am Beſten wiſſen — behauptete, Burge wäre ganz der rechte Mann für die Forſtverwaltung; ein tüchtiger Mann, ſagte 115 er, der beinahe eine ſechzigjährige Erfahrung im Bauholz hat. Es wäre ganz ſchön, wenn Adam Bede unter ihm ſtände; aber das läßt ſich nicht an⸗ nehmen daß der Herr einen jungen Burſchen wie Adam anſtellt, wenn ältere und beſſere Leute bei der Hand ſind. Darauf ſagte ich: Ihr habt curioſe Begriffe, Caſſon. Burge iſt der Mann der Bauholz kaufen muß: wollt Ihr alſo die Wälder in ſeine Hände geben, damit er mit ſich ſelbſt Geſchäfte machen kann? Wahrſcheinlich laßt Ihr Eure Kunden auch nicht ihre eigne Zeche aufſchreiben, und was das Alter werth iſt, ſo hängt das von der Qualität des Getränkes ab. Man weiß ſo ziemlich in der ganzen Gegend wer in. Jonathan Burge's Geſchäft die Hauptperſon iſt.“ „Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte, Herr Maſſey,“ ſagte Adam.„Aber dießmal hatte Caſſon doch beinahe Recht. Es iſt nicht ſehr wahr⸗ ſcheinlich daß der alte Herr mich jemals anſtellen wird: ich habe ihn vor zwei Jahren beleidigt, und das hat er mir nie vergeſſen.“. 3 „Ei wie war denn das? Du haſt es mir noch nie erzählt,“ ſagte Barthel. „Es war eigentlich eine Bagatelle. Ich hatte einen Rahmen zu einem Wandſchirm für Fräulein Liddy gemacht— Sie wiſſen ja, ſie beſchäftigt ſich immer mit Stickereien— und ſie hatte mir in Be⸗ zug auf dieſen Wandſchirm ganz beſondere Befehle ertheilt; wir hatten dabei ſo viel geſprochen und gemeſſen als gälte es einen Plan zu einem ganzen Hauſe. Uebrigens war es ein zierliches Stück Ar⸗ beit und ich machte es gerne für das Fräulein. — 8* 116 Aber Sie wiſſen ja, ſolche kleine kizliche Dinge koſten viel Zeit. Ich arbeitete bloß in den Freiſtunden, oft ſpät in die Nacht hinein, und ich mußte einmal ums andere nach Treddleſton gehen um kleine meſ⸗ ſingene Nägel und dergleichen Zeug zu holen. Ich drechſelte die kleinen Verzierungen und ſchnizelte die durchbrochenen Arbeiten nach einem allerliebſten Muſter. Als es fertig war, hatte ich ſelbſt meine Freude daran. Und als ich es ablieferte, ließ Fräu⸗ lein Liddy mich ins Beſuchzimmer kommen um mir noch allerlei Anleitungen wegen Befeſtigung der Arbeit zu geben— eine ſehr ſchöne Stickerei, Jacob und Rachel wie ſie einander unter den Schafen küſſen, ein wahres Gemälde— und’der alte Herr ſaß dabei, denn er ſizt meiſtens bei ihr. Nun ſie — hatte eine mächtige Freude über den Rahmen und fragte mich was ſie mir ſchulde. Ich verlangte nicht ins Blaue hinein, Sie wiſſen, das iſt nicht meine Art, ſondern berechnete ganz genau, obgleich ich nicht Alles aufgeſchrieben hatte, und ſagte:„Ein Pfund dreizehn Schilling.“ Dieß war für das Material und zugleich meine Arbeit, und es war nicht über⸗ fordert. Der alte Herr machte große Augen, be⸗ ſchaute ſich den Rahmen nach ſeiner Art und ſagte: „Ein Pfund dreizehn Schilling für eine ſolche Spiele⸗ rei! Liebe Lydia, wenn Dufür dergleichen Sachen Geld ausgeben willſt, warum kaufſt Du ſie nicht lieber in Roſſeter, ſtatt daß Du für ſolche plumpe Arbeit den doppelten Preis bezahlſt? Das iſt keine Arbeit für einen Zimmermann wie Adam. Gib ihm eine Guinee und mehr nicht.“ Nun, Fräulein Liddy glaubte ohne Zweifel was er ſagte, und ſie bezahlt 117 auch nicht übermäßig gerne, ſonſt iſt ſie im Grunde ſo übel nicht, aber er hält ſie gar zu ſehr unter ſeinem Daumen; ſie begann jezt verlegen an ihrer Börſe herumzuzerren und wurde ſo roth wie ihr Band. Aber ich machte eine Verbeugung und ſagte: Nein, gnädiges Fräulein, ich danke Ihnen; ich will Ihnen den Rahmen. zum Geſchenke machen wenn Sie's erlauben. Ich habe für meine Arbeit den ordentlichen Preis verlangt, und ich weiß, ſie iſt gut gemacht. Seine Ehren mögen es mir nicht übel nehmen, aber in Roſſeter bekommen Sie einen ſol⸗ chen Rahmen nicht unter zwei Guineen. Ich will Ihnen meine Arbeit gerne ſchenken; ich habe ſie in meinen Freiſtunden gemacht, und Niemand hat Etwas dareinzuſagen als ich; aber wenn ich bezahlt werde, ſo kann ich nicht weniger nehmen als ich gefordert habe, ſonſt könnten Sie ſagen, ich habe mehr gefor⸗ dert als Recht ſei. Halten Sie mir's zu Gute, mein Fräulein, ich wünſche Ihnen einen guten Mor⸗ gen.“ Ich verbeugte mich und ging hinaus bevor ſie ein Wort erwidern konnte; ſie ſtand mit ihrer Börſe in der Hand da und ſah recht einfältig aus. Ich wollte mich nicht gegen den Reſpect verfehlen und ſprach ſo höflich als ich konnte; aber wenn Jemand behauptet daß ich ihn zu überfordern ſuche, ſo kann ich mir das nicht geſallen laſſen. Am Abend brachte mir dann der Bediente ein Pfund dreizehn Schilling in ein Papier gewickelt, aber ich habe ſeit⸗ dem ganz deutlich geſehen daß der alte Herr mich nicht ausſtehen kann.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich, das iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich,“ ſagte Barthel nachdenklich.„Man kann 118 ihn nur dadurch herumbringen daß man ihm deutlich nachweist was zu ſeinem eigenen Intereſſe dient, und das mag der Capitän thun— das mag der Capitän thun.“ „Nein, ich weiß nicht,“ ſagte Adam;„der alte Herr iſt ſchlau genug, aber es gehört noch etwas Anderes als Schlauheit dazu, wenn die Leute ſehen ſollen worin ihr wahres Intereſſe beſteht. Es muß auch Gewiſſen da ſein und der Glaube an Recht und Unrecht, das ſehe ich ganz klar. Sie werden den alten Herrn nicht ſo leicht auf den Glauben bringen daß er auf ge⸗ radem Weg ſo viel verdienen könne als durch Kniffe und Pfiffe. Und überdieß habe ich keine ſonderliche Luſt unter ihm zu arbeiten. Ich mag mich nicht mit vornehmen Leuten herumzanken, und am aller⸗ wenigſten mit einem alten Herrn der ſchon achtzig auf dem Rücken hat; ich weiß, wir würden uns nicht lange mit einander vertragen. Wäre der Ca⸗ pitän Herr vom Gute, ſo wäre dieß etwas ganz Anderes; er hat ein Gewiſſen und den Willen das Rechte zu thun; für ihn würde ich lieber arbeiten als für jeden Andern.“ „Nun, nun, mein Junge, wenn das Glück an Deine Thüre klopft, ſo mußt Du nicht den Kopf zum Fenſter hinausſtrecken und es gehen heißen. Du mußt auch im Leben mit dem Geraden und Unge⸗ raden umgehen lernen ſo gut wie beim Rechnen. Ich ſage Dir jezt was ich Dir vor zehn Jahren ſchon ſagte, als Du den jungen Mike Holdsworth, der dir einen falſchen Schilling aufſchwazte, ſo durchbläuteſt, ohne zu wiſſen ob es Spaß oder Ernſt war;— ich ſage Dir, Du biſt allzu vorſchnell und ſtolz und zeigſt 1 1 t 119 Deine Zähne gar zu gern gegen Leute die nicht in Dein Horn ſtoßen. Mir ſchadet es nicht wenn ich ein Bischen trozig und ſteifnäckig bin, ich bin ein alter Schulmeiſter und verlange nicht mehr höher hinauf. Aber was nüzt es daß ich all die Zeit verwendet habe um Dich ſchreiben, zeichnen und meſſen zu lehren, wenn Du nicht vorwärts in der Welt kommſt und ihr zeigſt daß es doch zu Etwas gut iſt, wenn man einen Kopf auf der Schulter ſizen hat und keine Rübe? Willſt Du vielleicht bei jeder Gelegenheit die Naſe hochhalten, weil das Ding ein Geſchmäckchen hat das Niemand aufſtößt als nur Dir? Das iſt eben ſo närriſch als Deine Meinung daß eine Frau dem Handwerksmann das Leben an⸗ genehm mache. Dummes Zeug und Unſinn, nichts als Unſinn. Ueberlaß das Narren die nicht über das einfache Addiren hinauskommen. Ja wahrlich, eine einfache Addition. Addire einen Narren mit einem andern Narren, und in ſechs Jahren ſind es ſechs Narren mehr— das iſt immer derſelbe Nenner, ob groß oder klein, thut nichts zur Sache.“ Während dieſer etwas hizigen Ermahnung zur Kälte und Beſcheidenheit war die Pfeife ausgegangen, und Barthel gab ſeiner Rede dadurch die Climax daß er wüthend ein Schwefelholz am Feuer anzündete, worauf er mit grimmiger Entſchloſſenheit weiter paffte und ſeine Augen beſtändig auf Adam heftete, der ſich Mühe gab nicht zu lachen. „Das iſt ſehr verſtändig was Sie ſagen, Herr Maſſey,“ begann Adam, als er ſeiner Ernſthaftigkeit wieder ſicher war,„ſv verſtändig wie Alles was Sie ſagen. Aber Sie werden zugeben daß ich nicht auf 4 126 Vorausſezungen bauen darf die vielleicht niemals eintreffen. Ich kann weiter nichts thun als ſo gut wie möglich mit meinem Handwerkszeug und meinen Materialien arbeiten. Kommt mir gute Gelegenheit, ſo will ich an Ihre Worte denken, aber bis dahin 4 mich auf meine eigenen Hände und meinen eigenen Kopf verlaſſen. Ich habe gegenwärtig einen kleinen Plan für Seth und mich, um auf eigene Fauſt Tiſchler⸗ arbeit zu machen und damit extra ein paar Guineen zu verdienen. Aber es wird ſpät; ich werde kaum vor eilf Uhr heimkommen, und meine Mutter liegt vielleicht wachend im Bette. Alſo gute Nacht!“ „Nun gut, ich begleite Dich bis ans Thor, es iſt ein ſchöner Abend,“ ſagte Barthel, indem er ſeinen Stock nahm. Füchschen war ſogleich auf den Beinen und ohne daß ein weiteres Wort geſprochen wurde, gingen alle drei zuſammen in die Sternen⸗ nacht hinaus, an Barthels Kartoffelfeldern vorbei bis an das Pförtchen. „Komm am Freitag Abend in die Singſtunde, mein Junge, wenn Du kannſt,“ ſagte der Alte, indem er die Thüre hinter Adam ſchloß und ſich daran lehnte. „Ja, ja,“ verſprach Adam und ſchritt auf dem blaß ſchimmernden Wege dahin. Er war der einzige Gegenſtand der ſich auf der weiten Fläche bewegte. Die zwei grauen Eſel die juſt vor den Ginſterbüſchen ſich befanden, ſtanden ſo ſtill da als wären ſie aus Sandſtein gemacht— eben ſo ſtill wie das graue Strohdach der nahen Lehmhütte. Barthel ſchaute der wandernden Geſtalt nach bis ſie im Dunkel ver⸗ ſchwand; Füchschen aber, die ihre Neigungen getheilt 121 hatte, war ſchon zweimal nach dem Haus zurückge⸗ ſprungen, um dazwiſchen hinein ihre Jungen zu be⸗ lecken. „Ja, ja,“ brummte der Schulmeiſter als Adam verſchwand,„da ſchreiteſt Du jezt fürbaß. Du ſchrei⸗ teſt dahin, aber Du wäreſt nicht wer Du biſt, wenn Du nicht ein Stück von dem alten lahmen Barthel in dem Kopfe hätteſt. Das ſtärkſte Kalb muß Etwas zum Saugen haben; da ſchlingeln eine Menge großer Burſche herum die ihr Abe niemals gelernt hätten, wenn Barthel Maſſey nicht geweſen wäre. Nun nun, Füchschen, du närriſches Ding, was gibts, was gibts? Ich ſoll hineingehen, hem? Ja ja, ich darf nicht mehr meinen eigenen Willen haben. Und dieſe Jungen, was meinſt du wohl daß ich damit anfangen ſoll, wenn ſie noch einmal ſo groß ſind als du? Ganz gewiß iſt dieſer große Dachs des Will Baker der Vater davon— nicht wahr, du ſchlaue Dirne?“ (Hier klemmte Füchschen den Schwanz hinter die Beine und ſprang ins Haus. Es werden manchmal Dinge aufs Tapet gebracht von denen ein wohler⸗ zogenes Frauenzimmer Nichts wiſſen will.) „Aber was hilft es mit einer Frau zu ſprechen die kleine Kinder hat?“ fuhr Barthel fort,„ſie hat kein Gewiſſen, kein Gewiſſen— es iſt Alles in die Milch gegangen.“ 122 Zweiundzwanzigſtes Capitel. Der Gang zum Geburtstagsſchmauſe. Der dreißigſte Juli war angebrochen, und es war einer von dem Duzend warmer Tage die zu⸗ weilen in der Mitte eines engliſchen Regenſommers vorkommen. In den lezten drei oder vier Tagen hatte es nicht geregnet, und das Wetter war voll⸗ kommen wie man es um dieſe Jahreszeit wünſcht: auf den dunkelgrünen Hecken und den wilden Ca⸗ millen die den Weg ſchmückten war weniger Staub als gewöhnlich, doch war das Gras trocken genug daß die kleinen Kinder ſich darauf wälzen konnten, und es war keine Wolke zu ſehen als ein langer Zug von hellen flaumigen Schäſchen hoch oben am fernen Himmel. Herrliches Wetter für einen Juli⸗ feſttag im Freien, aber ganz gewiß nicht die beſte Zeit im Jahr zu einem Geburtstag. Die Natur ſcheint gerade da Hizvacanz zu machen— die lieb⸗ lichſten Blumen ſind alle dahin, die holde Zeit des erſten Wachsthums und der unbeſtimmten Hoffnung iſt vorüber, und doch iſt die Erntezeit noch nicht ge⸗ kommen, und wir ängſtigen uns über mögliche Ge⸗ witter welche die koſtbare Frucht im Augenblick ihrer Reife zerſtören können. Die Wälder bieten alle ein eintöniges dunkles Grün, die ſchwerbeladenen Heu⸗ wagen wackeln nicht mehr über die Feldwege hin und verſtreuen da und dort liebliche Büſchel auf die Brombeerſträuche hinab; die Wieſen ſind oft etwas gelb, aber das Korn hat noch nicht ſeinen lezten in 123 Roth und Gold ſchimmernden Glanz. Die Lämmer und Kälber haben alle Spuren ihrer muntern un⸗ ſchuldigen Zierlichkeit verloren und ſind dumme junge Schafe und Kühe geworden. Aber es iſt eine Zeit der Muße eingetreten, eine Pauſe zwiſchen der Heu⸗ ernte und Kornernte, und ſo dachten die Pächter und Bauern in Hayſlope und Broxton, es ſei wohlge⸗ than von dem Capitän daß er gerade jezt volljährig werde, weil ſie nun ihre Aufmerkſamkeit ungetheilt dem großen Faß duftigen Bieres widmen könnten, das am Herbſt nach der Geburt des Erben gebraut worden war und an ſeinem einundzwanzigſten Ge⸗ burtstag angezapft werden ſollte. Schon am frühen Morgen hatten die Glocken luſtig geläutet, und Jeder⸗ mann hatte ſich beeilt die nöthige Arbeit vor zwölf Uhr zu vollenden, weil man ſich zum Beſuch auf dem Schloſſe fertig machen mußte. Die Mittagsſonne ſtrömte in Hetty's Schlaf⸗ kammer herein, und kein Vorhang milderte die Hize welche ihr auf den Kopf fiel, während ſie ſich in dem alten fleckigen Spiegel betrachtete. Inzwiſchen war dieß der einzige Spiegel worin ſie Hals und Arme beſehen konnte, denn der kleine Wandſpiegel den ſie aus dem anliegenden ſonſt von Dina be⸗ wohnten Zimmer geholt hatte, zeigte ihr Nichts unter ihrem kleinen Kinn, und jene hübſche Stelle des Halſes wo die Rundung ihrer Wangen in eine an⸗ dere Rundung verſchmolz, wurde von dunkeln zarten Locken überſchattet. Und heute gerade dachte ſie mehr als ſonſt an Hals und Arme; denn beim Tanz auf dem Abend wollte ſie kein Halstuch tragen, und ſie war geſtern mit ihrem weißen Kleid mit den rothen Punkten beſchäftigt geweſen, ſo daß ſie die Aermel nach Belieben kurz oder lang tragen konnte. Sie war jezt gerade ſo gekleidet wie ſie am Abend ſein wollte, mit einem Halsſtreif von wirklichen Spizen, welche ihr die Tante für dieſe unvergleich⸗ liche Gelegenheit geliehen hatte, aber ohne andern Schmuck; ſie hatte ſogar ihre kleinen Ohrringe ab⸗ gelegt welche ſie täglich trug. Aber offenbar mußte noch etwas gethan werden bevor ſie ihr Halstuch und die langen Aermel anlegte die ſie den Tag über tragen wollte, denn ſie öffnete jezt die Schublade die ihre Privatſchäze verſchloß. Es iſt länger als ein Monat daß wir ſie dieſe Schublade öffnen ſahen, und jezt enthält ſie neue Schäze, welche die alten ſo ſehr an Koſtbarkeit übertreffen, daß dieſe in die Ecke geworfen ſind. Es fiel Hetty gar nicht mehr ein die großen Ohrringe von farbigem Glas in die Ohren zu ſtecken, denn ſiehe da, ſie hatte jezt ſchöne goldene Ohrringe mit Perlen und Granaten bekom⸗ men, und ſie lagen zierlich in einem hübſchen mit weißem Atlas ausgeſchlagenen Etui. O welche Wonne dieſes Käſtchen herauszunehmen und die Ohr⸗ ringe zu betrachten! Vernünftle nicht darüber, mein philoſophiſcher Leſer, und ſage nicht, ein ſo hübſches Mädchen wie Hetty müſſe recht wohl gewußt haben daß es gar nichts ausmache ob ſie irgend Schmuck⸗ ſachen trage oder nicht, und die Betrachtung von Ohrringen die ſie nur in ihrem Schlafzimmer tragen durfte könne ihr kaum eine große Befriedigung ge⸗ währt haben, denn das Weſen der Citelkeit beſtehe in der Bezugnahme auf die Eindrücke die man bei Andern hervorbringe. So lange ihr ſo über die 7NH- Maßen vernuü pprrecht, werdet ihr die Natur der Frauen i aals verſtehen. Suchet euch vielmehr aller eurer unvernünftigen Vorurtheile zu entledigen, als ſtudirtet ihr die Pſychologie eines Canarien⸗ vogels, und beobachtet bloß die Bewegung dieſes zierlichen runden Geſchöpfes, wie es mit einem un⸗ bewußten Lächeln auf die im Käſtchen ruhenden Ohr⸗ ringe den Kopf auf die Seite neigt. Ach ihr denket, dieſes Lächeln gelte der Perſon welche ſie geſchenkt, unnd ihre Gedanken ſeien jezt zu dem Augenblick zu⸗ rückgekehrt wo das Geſchmeide in ihre Hände gelegt wurde. Nein, warum wären ihr ſonſt die Ohrringe wichtiger geweſen als alles Andere? und ich weiß daß ſie nach den Ohrringen Lehnli⸗ nerlangte als nach jedem andern erdenklichen Schmuck. „Die kleinen, kleinen Ohren!“ hatte Arthur eines Abends, als Hetty neben ihm ohne ihren Hut im Graſe ſaß, geſagt und ſich dabei erlaubt hineinzu⸗ hneifen.„Ich wollte ich hätte hübſche Ohrringe,“ fuhr ſie ſchnell heraus, bevor ſie wußte was ſie ſagte. Der Wunſch lag ſo nahe bei ihren Lippen daß er beim leichteſten Athemzug herausplazen mußte. Und am folgenden Tag— es war erſt in der lezten Woche— war Arthur ausdrücklich nach Roſſeter hinübergeritten um ſie zu kaufen; der ſo naiv ge⸗ äußerte Wunſch ſchien ihm die reizendſte Kindlichkeit zu verrathen— er hatte nie ſo etwas gehört, und nun hatte er das Etui vielfach mit Papier umwickelt, um zuzuſehen wie Hetty mit ſteigender Neugierde es loswickelte, bis endlich ihre Augen ihr neues Ent⸗ zücken in die ſeinigen zurückſtrahlten. Nein, ſie dachte nicht zunächſt an den Geber 126 wenn ſie die Ohrringe anlächelte, denn jezt nimmt ſie dieſelben aus dem Käſtchen, nicht um ſie an ihre Lippen zu drücken, ſondern ſie in den Ohren zu be⸗ feſtigen— nur auf einen einzigen Augenblick, um zu ſehen wie hübſch ſie funkeln, während ſie in den 4 Wandſpiegel hineinſchaut und ihr Köpfchen wie ein lauſchender Vogel bald ſo bald anders wendet. Wenn man Hetty anſieht, ſo iſt es unmöglich in Bezug auf Ohrringe verſtändig zu bleiben; wozu ſollten dieſe zarten Perlen und Criſtalle geſchaffen ſein, wenn nicht für ſolche Ohren? Man kann ſo⸗ gar an dem kleinen runden Loch das ſie beim Her⸗ ausnehmen zurücklaſſen keinen Tadel finden; vielleicht haben Waſſernixen und ſolche liebliche ſeelenloſe Ge⸗ ſchöpfe dieſe runden Löchlein von Natur in den Ohren um Juwelen hineinzuhängen. Und Hetty muß ſo. ein Weſen ſein: es iſt allzu ſchmerzlich zu denken daß ſie ein Weib iſt und daß das Schickſal eines Weibes ihr bevorſteht; daß ſie ein Weib iſt das in jugendlicher Unwiſſenheit ein leichtes Gewebe von Thorheiten und eiteln Hoffnungen webt, wovon ſie eines Tages umgarnt und erdrückt werden kann, ein tückiſches vergiftetes Gewand das auf einmal alle ihre flatternden gedankenloſen Schmetterlings⸗ empfindungen in ein Leben voll tiefen menſchlichen Jammers umwandelt. Aber ſie kann die Ohrringe nicht lange anbe⸗ halten, denn ſie darf Onkel und Tante nicht warten laſſen. Sie legt ſie ſchnell wieder in das Etui und ſchließt dasſelbe ein. Einſt wird ſie alle Ohrringe tragen dürfen die ſie nur will, und ſie lebt bereits in einer unſichtbaren Welt von glänzenden Coſtümen, 127 ſchimmernder Gaze, reichem Atlas und Sammt, ſo wie die Kammerjungfer im Schloß es ihr in Fräu⸗ lein Lydias Garderobe gezeigt hatte; ſie fühlt die Braceletten an ihren Armen und tritt auf weichem Teppich vor einen hohen Spiegel. Aber etwas hat ſie in der Schublade was ſie heute zu tragen wagen darf, denn ſie kann es an die Kette von dunkelbrau⸗ nen Beeren hängen die ſie immer bei großen Feſten trägt, und dieſe braunen Beeren muß ſie umlegen — ihr Hals würde ſonſt gar zu kahl ausſehen. Hetty liebte das Medaillon nicht ſo ſehr wie die Ohrringe, obſchon es ein hübſches großes Medaillon war, mit Emailblumen auf der Rückſeite und einem ſchönen goldenen Rahmen um das Glas, das eine hellbraune leichtgekräuſelte Locke zeigte die einen Hintergrund für zwei kleine dunkle Ringe bildete. Sie muß es unter ihren Kleidern tragen, ſo konnte Niemand es ſehen. Aber Hetty hatte noch eine an⸗ dere Leidenſchaft die nicht viel ſchwächer war als ihre Puzſucht, und um ihretwillen trug ſie das Me⸗ daillon gerne, wenn auch nur in ihrem Buſen ver⸗ ſteckt. Sie würde es immer getragen haben, wenn ſie es gewagt hätte den Fragen ihrer Tante, warum ſie ein Band um ihren Hals trage, die Spize zu bieten. Jezt hing ſie es an ihre Kette von dunkel⸗ braunen Beeren und legte dieſe um. Sie war nicht ſehr lang, ſo daß das Medaillon nicht tief unter das Kleid hinabhing. Und nun hatte ſie nichts mehr zu thun als ihre langen Aermel, ihr neues weißes Gazehalstuch anzulegen und ihren Strohhut aufzu⸗ ſezen, der heute weiß beſezt war, nicht mit Roth, denn das Roth war unter der Juliſonne etwas ab⸗ 128 geſchoſſen. Dieſer Hut bildete heute den Tropfen der Bitterkeit in Hetty's Freudenkelch, denn er war nicht mehr ganz neu; gegen das weiße Band ge⸗ halten ſah er etwas braun aus, und ganz gewiß hatte Marie Burge einen neuen Hut auf. Um ſich zu tröſten, ſah ſie ihre ſchönen weißen baumwollenen Strümpfe an; dieſe waren in der That ſehr zierlich, und ſie hatte beinahe ihre ganze Sparcaſſe dafür ausgegeben. Ihr Zukunftstraum konnte ſie gegen einen Triumph in der Gegenwart nicht gleichgiltig machen: gewiß liebte Capitän Donnithorne ſie ſo ſehr daß er ſich mit andern Leuten nicht abgab, aber dieſe andern Leute konnten nicht wiſſen daß er ſie liebte, und ſie wollte in den Augen derſelben nicht einmal für eine kurze Zeit ſchäbig und unbedeutend erſcheinen. Die ganze Geſellſchaft war, als Hetty hinabkam, bereits auf der Hausflur verſammelt und prunkte natürlich im Sonntagsſtaat; die Glocken hatten den ganzen Morgen zu Chren des einundzwanzigſten Ge⸗ burtstages des Capitäns ſo beſtändig geläutet, und alle Arbeit war ſo früh abgemacht worden, daß Marty und Tommy etwas unruhig wurden, bis ihre Mutter ſie verſicherte daß das Kirchgehen nicht zu den heutigen Feſtlichkeiten gehöre. Herr Poyſer hatte einmal gemeint, man brauche das Haus nur zu ſchließen und ohne weitere Bewachung zu laſſen, „denn,“ ſagte er,„es iſt keine Gefahr vorhanden daß Jemand einbrechen würde; alle Welt wird auf dem Schloſſe ſein, Diebe und Alles. Wenn wir das Haus ſchließen, können die Leute alle gehen. Dieß iſt ein Tag den ſie nicht zweimal erleben wer⸗ 129 den! Aber Frau Poyſer antwortete mit großer Be⸗ ſtimmtheit:„Ich habe das Haus noch nie allein ge⸗ laſſen ſeit ich verheirathet bin, und ich werde es auch nie thun; es iſt in der lezten Woche verdäch⸗ iiges Geſindel genug herumgeſtrichen, man könnte uns jeden Schinken und jeden Löffel wegtragen, und dieſes Lumpenpack ſteckt immer beiſammen; es iſt ein wahres Glück daß ſie nicht bereits gekommen find, die Hunde vergiftet und uns Alle zuſammen in unſern Betten umgebracht haben ehe wirs nur merkten; zum Beiſpiel am Freitag Abend, wenn wir das Geld zur Bezahlung der Leute im Hauſe haben. Und ganz gewiß wiſſen die Landſtreicher ſo gut wo wir hingehen als wir ſelbſt; denn wenn der Goitſeibeiuns einen Streich vorhat, ſo findet er auch ganz ſicher die Mittel dazu.“ „Uns in unſern Betten umbringen, was iſt das für ein Unſinn?“ ſagte Herr Poyſer.„Ich habe bei Gott eine Flinte im Zimmer, und Deine Ohren finden es ſogleich heraus wenn eine Maus am Specke nagt. Wenn es übrigens zu Deiner Beruhigung dient, ſo kann ja Alick im Anfang zu Hauſe bleiben und Jim gegen fünf Uhr wieder nach Hauſe gehen, damit Alick auch ſeinen Theil bekommt, und dann kann man ja auch den Brummer loslaſſen wenn irgend Jemand Unheil ſtiften wollte; endlich iſt noch Alicks Hund da, der jeden Vagabunden an der Gurgel packt ſobald man ihm einen Wink gibt.“ Frau Poyſer nahm dieſen Vergleich an, hielt es aber dennoch für rathſam Alles aufs Beſte zu ver⸗ ſchließen und zu verriegeln; und nun, im lezten Augen⸗ blick vor dem Aufbruch, verſchloß Nancy, die Mil⸗ Eliot, Adam Bede. II. 9 131 Mal bevor die Läutenden den Hügel herabkamen, um ſich an dem Feſte zu betheiligen; und bevor die Glocken ausgeklungen hatten, hörte man eine andere Muſik herankommen, ſo daß ſogar der alte Braune, das nüchterne Pferd das Herrn Poyſers Karren zog, ſeine Ohren zu ſpizen anfing. Es war die Muſik des Wohlthätigkeitsclubs, der in ſeiner ganzen Glorie heranzog, in hellblauen Schärpen mit blauen Band⸗ ſchleifen und einem Banner auf welchem ein Stein⸗ bruch prangte, eingefaßt mit dem Motto: Möge Bruderliebe ſtets feſthalten! Die Karren durften natürlich nicht in den Park hinein. Jedermann mußte am Thor abſteigen und die Fuhrwerke wurden dort zurückgeſchickt. „Wahrhaftig, der Park ſieht bereits wie ein Jahr⸗ markt aus,“ ſagte Frau Poyſer, als ſie vom Wagen abgeſtiegen war und die unter den großen Eichen jerſtreuten Gruppen ſah, während die Jungen mei⸗ ſtens im Sonnenſchein umherliefen, um die hohen Kletterſtangen zu betrachten woran Kleidungsſtücke als Siegespreiſe flatterten.„Ich hätte nicht ge⸗ glaubt daß in den beiden Dörfern ſo viel Leute wären. Großer Gott, wie heiß iſt's in der Sonne! Komm her, Totty, ſonſt verbrennſt Du Dir Dein Geſichtchen ganz und gar. Sie hätten das Eſſen auf dem offenen Feld kochen und das Feuer erſparen können. Ich will zu Frau Beſt hinaufgehen und ein weernig ausruhen.“ „Halt ein Bischen,“ ſagte Herr Poyſer.„Da kommt der Wagen mit den alten Leuten; ſo etwas bekommſt Du nie wieder zu ſehen, wenn ſie herab⸗ ſteigen und alle zuſammen einherkommen. Ihr kennt 94 * 130 cherin, die Läden der Hausflur, obſchon gerade von dieſem Fenſter, das unter der unmittelbaren Obhut Alicks und der Hunde ſtand, am wenigſten zu fürch⸗ ten war daß es zu einem Raubverſuch gewählt wer⸗ den könnte. Der bedeckte Karren ohne Federn begann die ganze Familie mit Ausnahme der Knechte fortzu⸗ führen. Herr Poyſer und der Großvater ſaßen auf dem vorderſten Siz, und drinnen war Plaz für ſämmtliche Frauenzimmer und Kinder; je voller der Karren um ſo beſſer, weil man das Stoßen um ſo weniger ſpürte, und Nancy's breite Perſon und dicke Arme waren ein vortreffliches Kiſſen um darauf ge⸗ worfen zu werden. Aber Herr Poyſer fuhr bloß im Schritt, damit der Wagen ſo wenig als möglich ſtoßen ſollte, und man hatte alſo Zeit Grüße und Bemerkungen mit den Nachbarn auszutauſchen die denſelben Weg gingen und den Fußpfaden zwiſchen den grünen Wieſen und den goldenen Kornfeldern das Ausſehen beweglicher Farbenflecken gaben— dort eine ſcharlachrothe Weſte ſo hell wie die Mohn⸗ roſen die etwas zu dick unter dem Korn nickten, hier ein dunkelblaues Halstuch deſſen Zipfel über einen nagelneuen weißen Kittel hinflatterten. Ganz Broxton und Hayſlope mußte auf dem Schloſſe erſcheinen und ſich zu Chren des Erben luſtig machen, und die alten Männer und Weiber, die in den lezten zwanzig Jahren auf dieſer Seite des Hügels nie mehr ſo weit gekommen waren, ſollten nach Herrn Irwine's Vorſchlag auf einem großen Pächterwagen von Brox⸗ ton und Hayſlope hergeführt werden. Die Kirchen⸗ glocken waren jezt wieder geläutet worden, zum lezten t b 1 13³² wohl noch einige von ihnen aus ihren jungen Jahren, Vater?“ „Ja ja,“ antwortete der alte Martin, indem er langſam unter den Schatten in der Portierloge trat, von wo aus er die alten Leute abſteigen ſah. Ich erinnere mich noch an Jacob Taft, wie er zwanzig Stunden hinter den ſchottiſchen Rebellen einhermar⸗ ſchirte, als ſie von Stoniton zurückkehrten.“ Er kam ſich vor wie ein junger Menſch der ein langes Leben vor ſich hat, als er den Patriarchen von Hayſlope, den alten Vater Taft, vom Wagen ſteigen und in jeiner braunen Nachtmüze, auf ſeine zwei Stöcke ge⸗ ſtüzt, auf ſich zukommen ſah. „Nun, Meiſter Taft,“ rief der alte Martin mit äußerſter Anſtrengung ſeiner Stimme; denn obſchon er wußte daß der alte Mann ſtocktaub war, ſo konnte ers doch Höflichkeits halber nicht unterlaſſen ihn zu grüßen;„Ihr ſeid noch recht munter, Ihr könnt Euch heute luſtig machen mit Euern Neunzig und drüber.“ „Ihr Diener, meine Herrn, Ihr Diener,“ ant⸗ wortete Vater Taft mit ſchetternder Stimme, als er bemerkte daß er in Geſellſchaft war. Die Gruppe der Alten zog, geleitet von Söhne oder Töchtern die zum Theil ſelbſt ſchon grau und lebensmüde waren, auf dem geradeſten Fahrweg nach dem Hauſe, wo ein beſonderer Tiſch für ſie be⸗ reit ſtand; Poyſers dagegen nahmen ihren Weg ver⸗ ſtändiger Weiſe über das Gras und ließen ſich im Schatten der großen Bäume nieder, aber ſo daß ſie die Front des Hauſes mit ſeinem geneigten Raſen⸗ plaz und ſeinen Blumenbeeten, wie auch das hübſch 133 geſtreifte Zelt am Rande des Raſenplazes, im Auge behielten, das im rechten Winkel zu zwei größeren Zelten auf beiden Seiten des offenen zur Abhaltung der Spiele beſtimmten grünen Plazes ſtand. Das Haus wäre weiter Nichts als ein einfaches Viereck aus der Zeit der Königin Anna geweſen, wäre es nicht am einen Ende mit den Ueberbleibſeln einer alten Abtei zuſammengebaut worden, gerade wie man zuweilen ein neues Bauernhaus hoch und zierlich neben älteren und niedrigeren Wirthſchaftsgebäuden emporragen ſieht. Der ſchöne alte Bau ſtand etwas zurück im Schatten hoher Buchen, aber die Sonne beglänzte jezt die höhere und hervorſpringende Front, die Vor⸗ hänge waren alle niedergelaſſen, und das Haus ſchien in der Mittagshize zu ſchlafen. Hetty wurde ganz traurig als ſie es anſah: Arthur mußte irgendwo in den Hinterzimmern ſein, bei der vornehmen Ge⸗ ſellſchaft, wo er möglicher Weiſe gar nicht erfuhr daß ſie da war, und vielleicht bekam ſie ihn lange lange nicht zu ſehen— es konnte bis nach Tiſch anſtehen, wo er, wie die Leute ſagten, ſich zeigen und eine Rede halten ſollte. Aber Hetty hatte mit einem Theil ihrer Ver⸗ muthungen Unrecht. Es war keine vornehme Geſell⸗ ſchaft gekommen, außer Irwines, die man ſchon früh im Wagen abgeholt hatte, und Arthur befand ſich in dieſem Augenblick in keinem Hinterzimmer, ſondern ging mit dem Pfarrer in den beiden ſteiner⸗ nen Kreuzgängen der alten Abtei auf und ab, wo für die kleinen Leute vom Gut und für die Dienſt⸗ boten der Bauern lange Tiſche gedeckt ſtanden. Er ſah heute wie ein ſehr junger hübſcher Britte aus, 134 hochgemuthet und im hellblauen Frack nach der vor⸗ nehmſten Mode— ſeinen Arm nicht mehr in der Schlinge. Er erſchien ſo offenherzig und aufrichtig; aber aufrichtige Leute haben ihre Geheimniſſe, und Geheimniſſe hinterlaſſen keine Spur auf jungen Geſichtern. „Auf Ehre,“ ſagte er, als ſie in den kühlen Kreuzgang traten,„die geringen Leute ſcheinen mirs am beſten zu haben: dieſe Kreuzgänge ſind ein herrlicher Speiſeſaal an einem heißen Tag. Das war ein vortrefflicher Rath von Ihnen, Irwine, in Bezug auf die Mahlzeiten, daß man ſie ſo ordentlich und behaglich als möglich machen ſoll, und zwar bloß für die Gutsleute; am Ende war ich ja doch in meinen Mitteln beſchränkt, denn wenn mein Groß⸗ vater auch von einer unbedingten Vollmacht ſprach, — als es zum Treffen kam, konnte er ſich doch nicht dazu entſchließen.“) „Das thut nichts,“ antwortete Herr Irwine, „Sie werden mit dieſer einfachen Art den Leuten nur noch mehr Vergnügen machen. Man verwechſelt bei ſolchen Fällen gewöhnlich Gaſtfreundſchaft mit Lärm und Unordnung; es klingt ſehr großartig, ſo viel und ſo viel Schafe und Ochſen ſeien ganz ge⸗ braten worden, und Jeder habe eſſen können wer nur kommen wollte; aber am Ende trifft es ſich meiſtens daß gar Niemand ein genießbares Mahl bekommen hat. Haben die Leute am Mittag ein gutes Eſſen und ein mäßiges Quantum Bier, ſo ſind ſie auch im Stand ſich an den Spielen zu erfreuen wenn es kühl wird. Daß dabei einige über die Schnur hauen, läßt ſich nicht verhindern, aber —,——--——— —— ð— n lt i o e⸗ er hl 28 ie en ie er 13⁵ Trunkenheit und Dunkelheit paſſen beſſer zuſammen als Trunkenheit und heller Tag.“ „Nun ich hoffe es wird nicht ſo gefährlich wer⸗ den. Die Treddleſtoner habe ich bei Seite gelaſſen, ſie bekommen ihr Feſtmahl in der Stadt; dann ſind noch Caſſon, Adam Bede und ſonſt einige tüchtige Burſche da, die beim Bierausſchenken in den Buden Acht geben und dafür ſorgen daß Alles in Ordnung zugeht. Kommen Sie, laſſen Sie uns jezt hinauf⸗ gehen und die Tiſche für die Pächter anſehen.“ Sie gingen über die ſteinerne Treppe nach der langen über dem Kreuzgang liegenden Gallerie hin⸗ auf, wohin ſeit den lezten drei Jahrhunderten alle ſtaubigen und werthloſen alten Gemälde verbannt worden waren: modrige Porträts der Königin Cli⸗ ſabeth und ihrer Damen, General Monk mit ſeinem ausgeſchlagenen Auge, Daniel ſehr im Dunkeln unter den Löwen, und Julius Cäſar zu Pferde, mit hoher Naſe und Lorbeerkranz, in der Hand ſeine Commen⸗ tare haltend. „Wie herrlich daß man dieſes Stück von der alten Abtei gerettet hat!“ ſagte Arthur.„Wenn ich je Herr hier werde, ſo laſſe ich die Gallerie prächtig reſtauriren: wir haben im ganzen Haus kein Zimmer das nur ein Drittel ſo groß wäre als dieſes; der zweite Tiſch da iſt für die Weiber und Kinder der Pächter; Frau Beſt meinte, es würde für die Mütter und Kinder am angenehmſten ſein wenn man ſie zuſammenſezte. ch beſtand darauf daß die Kinder kommen mußten, denn es ſollte eine Art von Fami⸗ lienfeſt werden. Für dieſe kleinen Jungen und Mädchen werde ich einſt der alte Herr ſein, und ſie 136 werden ihren Kindern erzählen, wie viel hübſcher ich in meiner Jugend geweſen als mein eigener Sohn. Unten iſt auch ein Tiſch für die Frauen und Kinder. Aber Sie müſſen alle ſehen. Sie werden doch nach dem Eſſen mit mir heraufkommen?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Herr Irwine,„ich möchte Ihre Rede an die Pächter durchaus nicht verſäumen.“ „Es gibt auch noch etwas Anderes was Sie gerne hören werden,“ ſagte Arthur.„Kommen Sie mit in die Bibliothek, dann will ich Ihnen Alles erzählen, ſo lange mein Großvater noch bei den Damen iſt. Es wird Sie überraſchen,“ fuhr er ſort, als ſie ſich ſezten.„Mein Großvater hat endlich nachgegeben.“. „Was, in Bezug auf Adam?“ „Ja; ich wäre ſchon zu Ihnen hinübergeritten um Ihnen Alles zu erzählen, aber ich war zu be⸗ ſchäftigt. Sie wiſſen, ich hatte es bereits aufgegeben ihm darüber Vorſtellungen zu machen, weil ich die ganze Sache für hoffnungslos hielt; aber geſtern früh ließ er mich zu ſich bieten bevor ich ausging und eröffnete mir zu meinem großen Erſtaunen, 4 habe ſich in Betreff der neuen Einrichtung die durch Satchells Arbeitsunfähigkeit nöthig geworden ent⸗ ſchieden und gedenke Adam mit einer Guinee wachend⸗ lich als Forſtaufſeher anzuſtellen. Ich glaube indeß das Geheimniß von der Sache zu durchſchauen: er ſah von Anfang an daß der Plan vortheilhaft war⸗ aber er hatte eine beſondere Abneigung gegen Adam zu überwinden; und überdieß brauche ich nur Etwas vorzuſchlagen, ſo verwirft er es ganz gewiß. Mein Großvater iſt voll der ſeltſamſten Widerſprüche. 137 Ich weiß, er denkt mir alles Geld zu hinterlaſſen was er erſpart, und es iſt ſehr wahrſcheinlich daß er die arme Tante Lydia, die ihr ganzes Leben lang ſeine Sclavin geweſen, mit fünfhundert Pfund jähr⸗ lich abſpeist, nur um mir deſto mehr geben zu kön⸗ nen; und dennoch kommt es mir manchmal vor als ob er mich förmlich haſſe weil ich ſein Erbe bin. Ich glaube, wenn ich den Hals bräche, ſo würde er dieß für das größte Unglück halten das ihn treffen könnte, und dennoch ſcheint es ihm ein Vergnügen zu ſein mein Leben zu einer Reihenfolge von kleinlichen Widerwärtigkeiten zu machen.“ „Ach mein Junge, nicht bloß die Frauenliebe iſt *1εμοꝗο0o 2ε9 8%, wie der alte Aeſchylos es nennt. Auch von männlicher Seite gibt es viele liebloſe Liebe in der Welt. Aber erzählen Sie mir von Adam. Hat er den Poſten angenommen? Ich kann nicht abſehen daß er viel einträglicher ſein wird als ſein gegenwärtiges Geſchäft, obſchon es ihm ſicher freie Zeit genug übrig laſſen wird.“ „Nun gut, ich war ſelbſt darüber zweifelhaft, als ich mit ihm darüber ſprach, und er ſchien im Anfang nicht recht anbeißen zu wollen. Er meinte er würde meinen Großvater nicht befriedigen können; aber ich erbat mirs von ihm als perſönliche Ge⸗ fälligkeit daß er ſich durch keinen Grund abhalten laſſe die Stelle anzunehmen, wenn er nämlich das Geſchäft wirklich liebe und nichts Vortheilhafteres darüber aufgeben müſſe. Da verſicherte er mich daß es ihm die liebſte Beſchäſtigung ſein würde; es würde ihn bedeutend vorwärts bringen und ihn in den Stand ſezen einen längſt gehegten Wunſch 138 zu erfüllen, nämlich von Burge auszutreten. Er ſagt, er werde Zeit genug haben um einem eigenen kleinen Geſchäft vorzuſtehen das er mit Seth betreiben wolle und allmählig vielleicht ausdehnen könne. Er hat alſo endlich eingewilligt, und ich habe es ſo eingerichtet daß er heute mit den großen Pächtern eſſen ſoll. Ich gedenke ihnen ſeine Anſtellung zu ver⸗ kündigen und werde ſie auffordern Adams Geſund⸗ heit zu trinken. Dieß iſt ein kleines Drama das ich meinem Freund Adam zu Chren ausgedacht habe. Er iſt ein wackerer Burſche, und ich will bei dieſer Gelegenheit den Leuten zu wiſſen thun daß ich ihn dafür halte.“ „Ein Drama bei welchem Freund Arthur ſich ſelbſt eine ſchöne Rolle vorbehält,“ verſezte Herr Irwine lächelnd; aber als er Arthur erröthen ſah, fuhr er milder fort:„Ich ſelbſt habe, wie Sie wiſſen, immer den alten Brummbären zu ſpielen der an den jungen Leuten Nichts zu bewundern findet; ich gebe nicht gerne zu daß ich auf meinen Zögling ſtolz bin wenn er ſich in ſeinem feinſten Kichte zeigt. Aber heute muß ich einmal den liebens⸗ würdigen alten Herrn machen und Ihren Toaſt zu Ehren Adams unterſtüzen. Hat Ihr Großvater auch im andern Punkt nachgegeben und ſich dazu ver⸗ ſtanden einen anſtändigen Rentbeamten zu ernennen?“ „O nein,“ ſagte Arthur, indem er ungeduldig aufſtand und mit den Händen im Sack auf⸗ und abſchritt.„Er hatte irgend einen Plan im Kopfe das Gut zu verpachten und ſich die Milch und Butter vor das Haus liefern zu laſſen. Aber ich frage ihn gar nicht darüber, ich muß mich zu ſehr 139 ärgern. Ich glaube beinahe, er will alle Geſchäfte noch ſelbſt beſorgen und gar keinen Rentbeamten mehr nehmen. Es iſt doch erſtaunlich wie viel Energie er noch hat.“ „Sehr wahr, aber laſſen Sie uns jezt zu den Damen gehen,“ ſagte Herr Irwine, indem er ebenfalls aufſtand.„Ich will meiner Mutter ſagen welch einen prächtigen Thron Sie ihr unter dem Zelt er⸗ richtet haben.“ „Ja, und wir müſſen auch etwas zu uns neh⸗ men,“ ſagte Arthur;„es muß zwei ſein, denn die Tiſchglocke beginnt bereits für die Pächter zu läuten.“ Dreiundzwanzigſtes Capitel. Das Feſtmahl. Als Adam hörte daß er bei den großen Pächtern ſpeiſen ſollte, wurde es ihm etwas unbehaglich bei dem Gedanken daß er auf ſolche Art über ſeine Mutter und Seth, die unten im Kreuzgang ſpeisten, erhöht werden ſolle. Aber Herr Mills, der Haushof⸗ meiſter, verſicherte, Capitän Donnithorne habe es ausdrücklich ſo befohlen und würde ſehr böſe wer⸗ den wenn Adam nicht hinaufkäme. Adam nickte und ging zu Seth, der einige Schritte von ihm ſtand.„Seth, mein Junge,“ ſagte er,„der Capitän hat mir ſagen laſſen, ich ſolle oben eſſen— er wünſcht es ausdrücklich, wie Herr Mills ſagt, und ich glaube alſo daß es unſchicklich wäre wenn ich nicht hinginge. Aber ich ſeze mich nicht 140 gerne über Dich und die Mutter hinauf, wie wenn ich beſſer wäre als mein eigen Fleiſch und Blut; Du nimmſt es doch nicht übel, hoffe ich.“ „Nein nein, lieber Bruder,“ antwortete Seth; „Deine Chre iſt unſere Ehre, und wenn man Dir Achtung erweist, ſo haſt Du ſie durch Deine eigenen Verdienſte erworben. Je höher ich Dich über mir ſehe, um ſo mehr freut es mich, ſo lange Du brüder⸗ lich gegen mich geſinnt bleibſt. Dieß geſchieht wegen Deiner Anſtellung als Förſter und iſt nicht mehr als billig. Das iſt ein Vertrauenspoſten und Du biſt jezt mehr als ein gewöhnlicher Handwerker.“ „Ja,“ ſagte Adam,„aber noch weiß Niemand ein Wort davon. Ich habe Herrn Burge noch nicht gekündigt, und ich will mit Niemand davon ſprechen bevor er es weiß, denn er wird ſich wahrſcheinlich beleidigt fühlen. Die Leute werden ſich wundern wenn ſie mich da ſehen, und ſie werden den Grund leicht errathen und allerlei Fragen ſtellen, denn man hat ja in den lezten drei Wochen ſo viel hin und her geredet daß ich den Plaz bekommen ſoll.“ „Ei Du kannſt ja auch ſagen, man habe Dich dahin beordert ohne Dir den Grund anzugeben. Das iſt die Wahrheit. Und die Mutter wird ſich auch darüber freuen. Wir wollen ſogleich hingehen und es ihr ſagen.“ Adam war nicht der einzige Gaſt der aus andern Gründen als wegen hohen Pachtzinſes zur obern Tafel geladen worden. Es gab in den beiden Ge⸗ meinden noch andere Leute die ihr Anſehen mehr ihren Functionen als ihrer Taſche verdankten, und zu dieſen gehörte Barthel Maſſey. Sein lahmer 141 Gang war an dem warmen Tag noch langſamer als gewöhnlich, und Adam blieb daher, als die Eßglocke erſcholl, ein wenig zurück um mit ſeinem alten Freund hinaufzugehen; denn um ſich bei dieſer öffentlichen Veranlaſſung der Familie Poyſer anzuſchließen, dazu war er ein wenig zu ſchüchtern. An Gelegenheiten um an Hetty's Seite zu kommen fehlte es ſicherlich im Verlauf des Tages nicht, und Adam begnügte ſich damit, denn er hätte ſich nicht gerne mit dem Mädchen aufziehen laſſen; der kräftige, entſchiedene, furchtloſe Mann war ſehr ſchüchtern und kleinmüthig wenn es ſich ums Freien handelte. „Nun Meiſter Maſſey,“ ſagte Adam, als Barthel herankam,„ich eſſe heute mit Ihnen da oben: der Capitän hat es ausdrücklich ſo befohlen.“ „Ah,“ antwortete Barthel, indem er ſtehen blieb und die eine Hand auf ſeinen Rücken legte;„dann iſt Etwas im Anzug, es ſteckt Etwas in der Luft. Haſt Du über die Abſichten des alten Herrn Etwas vernommen?“ „Nun ja,“ verſezte Adam;„ich will Ihnen ſagen was ich weiß, denn ich glaube daß Sie ſchweigen können wenn Sie wollen, und ich hoffe Sie werden kein Wort davon fahren laſſen bis man allgemein davon ſpricht, denn ich habe meine beſondern Gründe daß es noch nicht bekannt werden ſoll.“ „Verlaß Dich auf mich, mein Junge, verlaß Dich auf mich. Ich habe keine Frau die mirs herauslockt und dann herumlauft und in der ganzen Stadt da⸗ von gackert. Wenn Du einem Menſchen trauſt, ſo darf es nur ein Junggeſelle ſein.“ „Nun denn, es war geſtern ſchon abgemacht daß 142 ich die Forſtverwaltung übernehme. Der Capitän ließ mich zu ſich holen und bot mir die Stelle an, als ich nach der Kletterſtange und ſonſtigen Geſchichten ſah, und ich habe zugeſagt. Aber wenn droben Je⸗ mand fragt, ſo achten Sie gar nicht darauf, ſondern lenken Sie das Geſpräch auf etwas Anderes; Sie thun mir einen Gefallen damit. Doch laſſen Sie uns jezt gehen, wir werden ſo ziemlich die lezten ſein.“ „Sei unbeſorgt, ich weiß was ich zu thun habe,“ verſezte Barthel, indem er ſich wieder in Bewegung ſezte.„Dieſe Nachricht wird mir das Mahl würzen. Ja ja, mein Junge, Du wirſt Deinen Weg machen. Du haſt ein Auge zum Meſſen und einen Kopf zum Rechnen wie kein Anderer in der Grafſchaft; Du haſt guten Unterricht genoſſen.“ Als ſie hinaufgingen, wurde die von Arthur un⸗ erledigt gelaſſene Frage, wer Präſident und wer Vicepräſident ſein ſolle, noch immer berathen, ſo daß Adams Eintritt unbemerkt vorüberging. „Es verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte Herr Caſſon, „daß der alte Herr Poyſer als der älteſte Mann im Saale oben am Tiſch ſizen muß. Ich bin nicht fünfzehn Jahre lang Haushofmeiſter geweſen ohne gelernt zu haben was bei einem Feſtmahl Rechtens iſt.“ „Nein, nein,“ erwiderte der alte Martin,„ich habe Alles meinem Sohn abgetreten und bin jezt kein Pächter mehr: mein Sohn mag meinen Plaz einnehmen. Die alten Leute haben ihre Zeit ge⸗ habt: ſie mögen jezt den jungen Plaz machen.“ „Ich ſollte meinen der größte Pächter habe am meiſten Recht, mehr als der älteſte,“ verſezte Luke Britton, der den critiſchen Herrn Poyſer nicht liebte; 143 „da iſt Meiſter Holdsworth, der beſizt mehr Land als irgend einer auf dem ganzen Gut.“ „Nun,“ ſagte Herr Poyſer,„wir können ja auch denjenigen obenan ſizen laſſen der das ſchlechteſte Land hat; wem dann auch die Ehre zufällt, ſo wird ihn Niemand darum beneiden.“. „Ach da kommt Herr Maſſey,“ rief Herr Craig, der beim Streite neutral und nur auf einen güt⸗ lichen Ausgang bedacht war;„der Schulmeiſter muß uns ſagen können was Recht iſt. Wer ſoll oben am Tiſch ſizen, Herr Maſſey?“ „Nun natürlich, der breitſchultrigſte,“ antwortete Barthel,„da nimmt er andern Leuten keinen Plaz weg, und der breitſchultrigſte nach ihm muß unten ſizen.“ Dieſer glückliche Ausweg erregte großes Geläch⸗ ter; ein minder guter Wiz würde hiezu auch genügt haben. Herr Caſſon fand es jedoch mit ſeiner Würde und ſeiner überlegenen Weisheit nicht vereinbar in das Lachen einzuſtimmen, bis es ſich herausgeſtellt hatte daß er der zweite in der Breite war. Martin Poyſer der jüngere wurde als der Breiteſte zum Präſidenten ernannt und Herr Caſſon als der Brei⸗ teſte nach ihm zum Vicepräſidenten. Dieſer Einrichtung zu Folge kam Adam, der na⸗ türlich am untern Ende der Tafel ſaß, in die un⸗ mittelbare Nähe des Herrn Caſſon, der bisher mit der Präſidentſchaftsfrage zu ſehr beſchäftigt war und ſeinen Eintritt noch nicht bemerkt hatte. Herr Caſſon hielt, wie wir geſehen haben, Adam für etwas hoch⸗ näſig und vorwizig; er dachte die vornehmen Herr⸗ ſchaften machen mit dieſem jungen Zimmermann viel 144 zu viel Aufhebens; aus Herrn Caſſon dagegen mach⸗ ten ſie ſich gar nichts, obſchon er fünfzehn Jahre lang ein vortrefflicher Haushofmeiſter geweſen. „Nun Herr Bede, Sie gehören zu denjenigen die allmählig emporſteigen,“ ſagte er, als Adam ſich ſezte;„Sie haben meines Wiſſens noch nie da ge⸗ geſſen.“ „Nein, Herr Caſſon,“ antwortete Adam mit ſeiner ſtarken Stimme, die man über den ganzen Tiſch hin vernahm;„ich habe noch nie zuvor hier gegeſſen, aber ich komme auf den Wunſch des Herrn Capi⸗ täns Donnithorne, und ich hoffe es wird Niemand hier unangenehm ſein.“ „Nein, nein,“ riefen mehrere Stimmen zugleich, „wir freuen uns daß Sie da ſind; wer hat etwas dagegen zu ſagen?“ „Und Sie müſſen uns nach Tiſch das ſchöne Lied ſingen: Ueber die Hügel fern hinweg,“ ſagte Herr Chowne,„in dieſes Lied bin ich ganz ver⸗ narrt.“ „Ah bah,“ ſagte Herr Craig,„gegen die ſchot⸗ tiſchen Melodien will es gar Nichts heißen; ich habe mich nie mit Singen abgegeben, ich hatte etwas Beſſeres zu thun. Wenn man alle Namen und Gattungen von Pflanzen im Kopfe hat, ſo bekommt man nicht leicht eine leere Stelle um Melodien darin aufzubewahren. Aber ein Geſchwiſterkind von mir, ein Viehtreiber, der hatte die ſchottiſchen Lieder prächtig im Kopfe; er brauchte an nichts Anderes zu denken.“ „Die ſchottiſchen Lieder!“ verſezte Barthel Maſſey verächtlich;„ich habe ſchottiſche Lieder genug gehört, 3 d t n 1 6 — 145 daß ſie mir noch mein ganzes Leben lang in den Ohren ſummen; ſie taugen zu gar Nichts als um die Vögel zu verſcheuchen, das heißt die engliſchen Vögel; denn die ſchottiſchen Vögel ſingen, ſo viel ich weiß, ſchottiſch. Gebt den Jungen Sackpfeifen ſtatt Klappern, und ich ſtehe dafür, das Korn wird Nuhe haben.“ „Ja es gibt Leute die ſich ein Vergnügen dar⸗ aus machen Alles zu unterſchäzen wovon ſie nur wenig verſtehen,“ bemerkte Herr Craig. „Ja die ſchottiſchen Lieder ſind wie ein zänkiſches keifendes Weib,“ fuhr Barthel fort, ohne Craigs Bemerkung einer Beachtung zu würdigen.„Es iſt immer dasſelbe Geleier, und ſo kommen wir zu keinem vernünftigen Ende. Man könnte meinen, die ſchot⸗ tiſchen Lieder enthielten immer eine Frage an Je⸗ mand der ſo taub wäre wie der alte Taft, und be⸗ kämen nie eine Antwort.“ Adam kümmerte ſich um ſo weniger darum in der Nähe des Herrn Caſſon zu ſizen, weil er da⸗ durch in den Stand geſezt wurde Hetty zu ſehen, e die ſich nicht weit davon am nächſten Tiſche befand. Hetty hatte jedoch ſeine Anweſenheit noch gar nicht bemerkt, denn ſie mußte ſich zu ihrem Aerger mit Totty beſchäftigen, die beſtändig ihre Füße in an⸗ tiker Art auf die Bank hinaufzog und dadurch Hetty's roth und weißes Kleid ſtaubig zu machen drohte. aum waren die fetten Füßchen hinuntergeſchoben, ſo kamen ſie auch wieder herauf, denn Totty's Augen ſtarrten zu beſtändig nach den großen Schüſſeln und waren zu ſehr auf den Plumpudding begierig, als daß ſie noch an ihre Beine hätte denken können. Eliot, Adam Bede. II. 10 146 Hetty wurde ganz ungeduldig und ſagte endlich voll Aerger, indem ihr beinahe die Thränen kamen: „Bitte, liebe Tante, ſprecht doch mit Totty, ſie zeht immer ſo ihre Beine hinauf und beſchmuzt mein Kleid.“ „Was iſt's mit dem Kinde? Du haſt immer Etwas an der Kleinen auszuſezen,“ erwiderte die Mutter;„ſeze ſie nur neben mich, ich will ſchon mit ihr fertig werden.“ Adam ſchaute gerade auf Hetty; er ſah wie ihre Stirne ſich runzelte, wie ihre untere Lippe hervor⸗ ſtand, die dunkeln Augen ſich durch Thränen des Aergers zu vergrößern ſchienen. Die ruhige Marie Burge, die nahe genug ſaß, um zu ſehen daß Hett ſich ärgerte, und daß Adams Augen auf ſie geheftet waren, dachte, ein ſo verſtändiger Mann wie Adam ſollte ſichs doch überlegen wie wenig Werth die Schönheit bei einem Mädchen von ſo böſer Gemüths⸗ art habe. Marie war ein gutes Mädchen, nicht ge⸗ neigt ſchlimmen Gefühlen nachzuhängen, aber ſer ſagte zu ſich ſelbſt, da Hetty nun einmal ſo böſe Launen habe, ſo ſei es am beſten wenn Adam es erfahre. Und ganz gewiß, hätte Hetty ſich in ihrem wahren Lichte gezeigt, ſo würde ſie in dieſem Augen⸗ blick wahrhaft häßlich und unliebenswürdig ausge⸗ ſehen haben, und Niemand wäre in ſeinem ſittlichen Urtheil über ſie getäuſcht worden. Aber in Wirk lichkeit lag in ihrem Aerger etwas Allerliebſtes: er ſah weit mehr nach unſchuldiger Betrübniß als nach böſer Laune aus, und der ſtrenge Adam fühlte keine Regung der Mißbilligung, ſondern bloß ein gewiſſes vergnügtes Mitleid, als hätte er ein Käzchen vor 147 ſich gehabt das ſeinen Rücken wölbte, oder ein Vögel⸗ chen das ſeine Federn ſträubte. Er konnte nicht her⸗ ausbringen worüber ſie ſich ärgerte, aber er konnte unmöglich zu einem andern Gefühl kommen als daß ſie das hübſcheſte Geſchöpf von der Welt ſei, und daß ſie ſich, wenn es nach ſeinem Kopf ginge, nie mehr über Etwas ſollte ärgern müſſen. Und eben jezt als Totty weggegangen war, traf ihr Auge auf das ſeinige, und über ihr Geſicht ergoß ſich ein ungemein holdes Lächeln, als ſie ihm zunickte. Es war ein Stück Coketterie; ſie wußte daß Marie Burge ſie beide anſah. Aber für Adam war das Lächeln wie der lieblichſte Wein. Vierundzwanzi gſtes Capitel. Die Toaſte. Als das Mahl vorüber und die erſten Krüge aus dem großen Faß Geburtstagsbier heraufgebracht waren, machte man für den breiten Herrn Poyſer an der Seite des Tiſches Plaz und an das obere Ende wurden zwei Stühle geſtellt. Es war ſehr beſtimmt ausgemacht worden was Herr Poyſer zu thun hätte wenn der junge Herr erſchiene, und in den lezten fünf Minuten hatte er wie geiſtesabweſend dageſeſſen, ſeine Augen auf das dunkle Gemälde gegenüber geheftet, während ſeine Hände mit dem offenen Geld und andern Artikeln in ſeinen Hoſen⸗ taſchen ſpielten. „Als der junge Gutsbeſizer mit Herrn Irwine an ſeiner Seite eintrat, erhoben ſich alle insgeſammt, 10 148 und dieſer Augenblick der Huldigung war Arthur ſehr angenehm. Er fühlte gerne ſeine eigene Wich⸗ tigkeit, und überdieß war ihm an der freundlichen Geſinnung dieſer Leute viel gelegen; er glaubte ſo gerne daß ſie eine herzliche, beſondere Neigung zu ihm hegen. Sein Geſicht ſtrahlte daher vor Freude als er ſagte: „Mein Großvater und ich hoffen daß alle unſere Freunde ſichs haben wohl ſchmecken laſſen und daß ſie mein Geburtstagsbier gut finden. Herr Irwine und ich kommen um es mit euch zu koſten, und ge⸗ wiß wird es uns Allen um ſo beſſer munden wenn der Herr Pfarrer mit uns trinkt.“ Aller Augen waren jezt auf Herrn Poyſer ge⸗ heftet, der mit ſeinen Händen noch immer in den Taſchen klimperte und endlich mit der Bedächtigkeit einer langſam ſchlagenden Uhr alſo begann:„Herr Capitän, meine Nachbarn haben mirs aufgegeben heute für ſie zu ſprechen, denn wo die Leute ſo ziem⸗ 4 lich gleich denken, da iſt ein einziger Redner ſo gut wie zwanzig. Und obſchon wir vielleicht über man⸗ cherlei Dinge verſchiedene Anſichten haben— der Eine beſtellt ſein Land ſo, der Andere ſo, und ich — will mirs nicht erlauben über die Wirthſchaft eines Andern zu ſprechen— ſo will ich doch ſagen daß wir in Bezug auf unſern jungen Herrn alle gleichen Sinnes ſind. Wir haben Sie beinahe alle ſchon gekannt als Sie noch klein waren, und wir haben nie etwas Anderes als Gutes und Chrenhaftes von Ihnen erfahren. Sie reden ſchön und Sie handeln ſchön, und wir blicken voll Freude in die Zukunft, wenn Sie einmal unſer Herr ſein werden, denn wir ω——— d — 149 glauben daß Sie Jedermann ſein Recht zu thun ge⸗ denken, und daß Sie Niemand ſein Brod verbittern werden wenn Sie es anders machen können. So maeeine ich und ſo meinen wir alle, und wenn ein Mann ſeine Meinung geſagt hat, ſo hört er am beſten auf, denn das Bier wird vom Stehen nicht beſſer. Und ich kann nicht ſagen wie uns das Bier mundet, denn wir wollten es nicht koſten bevor wir Ihre Geſundheit darin trinken könnten; aber das Eſſen war gut, und wenn es Jemand nicht geſchmeckt hat, ſo muß der Fehler an ſeiner eigenen inneren Seite liegen. Und was die Geſellſchaft des Herrn Pfarrers betrifft, ſo iſt wohl bekannt daß er in der ganzen Gemeinde willkommen iſt wo er ſich auch zeigen mag; und ich hoffe und wir alle hoffen daß er es erleben wird uns als alte Leute zu ſehen, wenn unſere Kinder zu Männern und Weibern her⸗ angewachſen und Eure Chren ein Familienvater ge⸗ worden ſind. Für jezt habe ich nichts mehr zu ſagen und wir wollen die Geſundheit unſers jungen Herrn trinken— er lebe hoch, dreimal dreimal e † Und nun entſtand ein glorioſes Gejubel, Ge⸗ llopf, Geklingel und Geklapper, und noch einmal Hoch ertönte es einmal ums andere, ein Ruf der in den Ohren desjenigen dem eine ſolche Huldigung um erſten Mal zu Theil wird lieblicher klingt als die erhabenſte Muſik. Bei Arthur hatte ſich wäh⸗ rend der Rede des Herrn Poyſer etwas wie ein Gewiſſensbiß geregt, derſelbe war aber zu ſchwach um dem Vergnügen über das geſpendete Lob Stand zu halten. Verdiente der junge Mann nicht im 150 Ganzen Alles was man von ihm ſagte? Wenn in ſeinem Benehmen irgend Etwas lag was Poyſers Mißfallen erregen konnte, ei nun, ſo erträgt ja keines Menſchen Wandel eine allzu genaue Prüfung; übri⸗ gens erfuhr es Poyſer wahrſcheinlich nicht, und was hatte er denn am Ende gethan? Er war vielleicht in ſeiner Liebelei etwas zu weit gegangen, aber ein anderer Mann in ſeiner Stellung würde weit ſchlechter gehandelt haben, und ſchlimme Folgen konnten und durften nicht kommen, denn ſobald er mit Hetty allein war, wollte er ihr auseinanderſezen daß ſie an ihn und an das Geſchehene nie ernſtlich denken dürfe. Es war, wie man ſieht, ein Bedürfniß für Arthur mit ſich ſelbſt zufrieden zu ſein: unbehagliche Gedanken mußten durch gute Vorſäze für die Zu⸗ kunft verdrängt werden, und dieſe laſſen ſich leicht ſo raſch faſſen, daß er Zeit hatte unruhig und wieder ruhig zu werden ehe Herr Poyſer mit ſeiner langſamen Rede zu Ende kam. Als er nun ſprechen ſollte, war es ihm wieder ganz leicht ums erz. n. Meine lieben Freunde und Nachbarn,“ began Arthur,„ich danke euch Allen für die gute Meinung die ihr von mir habt und für eure freundlichen Ge⸗ fühle gegen mich, welche Herr Poyſer in eurem und ſeinem eigenen Namen ausgeſprochen hat, und es wird ſtets mein herzlichſter Wunſch ſein dieſe zu ver⸗ dienen. Im Verlauf der Zeit können wir erwarten daß ich, wenn ich am Leben bleibe, einmal eue Gutsherr werde; in dieſer Vorausſezung hat mein Großvater gewünſcht daß ich den heutigen Tag feien und jezt unter euch erſcheinen ſolle; auch betrachte id dieſe Stellung nicht bloß als ein Mittel der Macht und des Vergnügens für mich, ſondern auch als ein Mittel meinen Nachbarn Gutes zu thun. Einem jungen Mann von meinem Alter ſteht es kaum zu viel von der Landwirthſchaft zu euch zu ſprechen, die ihr um ſo vieles älter und erfahrener ſeid; inzwiſchen habe ich mich ſehr dafür intereſſirt und ſo viel ge⸗ lernt als meine Umſtände mir erlaubten; und wenn im Verlauf der Ereigniſſe das Gut in meine Hände kommt, ſo wird es mein erſter Wunſch ſein meinen Pächtern alle nur möglichen Aufmunterungen zu ge⸗ währen die ein Gutsherr geben kann, indem er ihr Land verbeſſert und eine beſſere Bewirthſchaftung einzuführen ſucht. Es wird mein Wunſch ſein von allen tüchtigen Pächtern als ihr Freund betrachtet zu werden, und Nichts würde mich ſo glücklich machen als wenn ich Jedermann auf dem Gute achten könnte und wiederum von Jedermann geachtet würde. Es iſt hier nicht der Ort auf Einzelnheiten einzutreten; ich komme bloß euern guten Hoffnungen von mir entgegen, wenn ich euch ſage daß meine eigenen Hoffnungen denſelben entſprechen, und daß ich das was ihr von mir erwartet zu erfüllen wünſche; und ich neige mich ganz zu Herrn Poyſers Anſicht daß einer, wenn er ſeine Meinung geſagt hat, am beſten aufhört zu ſprechen. Aber meine Freude darüber daß ihr meine Geſundheit getrunken habt würde nicht vollkommen ſein, wenn ihr nicht auch die Ge⸗ ſundheit meines Großvaters tränket, der die Stelle beider Eltern an mir vertreten hat. Ich werde nicht weiter ſprechen bis ihr mit mir ſeine Geſundheit ge⸗ trunken habt, an dem Tage wo er mich erſuchte als der künftige Vertreter ſeines Namens und ſeiner Fa⸗ milie unter euch zu erſcheinen.“ Vielleicht war mit Ausnahme des Herrn Irwine nicht ein einziger unter den Gäſten der die feine Art wie Arthur die Geſundheit ſeines Großvaters ausbrachte vollkommen zu würdigen verſtanden hätte. Die Pächter dachten, der junge Herr wiſſe recht gut daß ſie alle zuſammen den alten Herrn haßten, und Frau Poyſer ſagte, er hätte beſſer gethan die ſaure Brühe gar nicht aufzurühren. Der Bauernverſtand begreift die Feinheiten des guten Geſchmacks nicht ſo leicht. Aber der Toaſt konnte nicht abgewieſen werden, und als er getrunken war, ſagte Arthur: „Ich danke euch ſowohl für meinen Großvater als für mich ſelbſt, und nun wünſche ich euch nur noch Eines zu ſagen, damit ihr mein Vergnügen darüber theilen ſollet, wie ich von euch hoffe und glaube. Gewiß iſt keiner unter euch der vor meinem Freund Adam Bede nicht Reſpect hätte, und bei einigen ſteht er ſogar in hohem Anſehen. Es iſt in der ganzen Gegend bekannt daß es Niemand gibt auf deſſen Wort man ſich ſicherer verlaſſen könnte als auf das ſeinige; daß er Alles was er unter⸗ nimmt recht macht, und daß er auf den Nuzen der⸗ jenigen die ihn beſchäftigen ebenſowohl bedacht iſt wie auf ſeinen eigenen. Mit Stolz ſage ich euch daß ich ſchon als kleiner Junge Adam ſehr liebte, und meine alte Neigung zu ihm hat ſich nie verloren— ein Beweis daß ich einen tüchtigen Mann zu ſchäzen weiß wo ich ihn finde. Es war ſchon lange mein Wunſch daß er die Verwaltung der Forſten bekom⸗ men ſolle die ſehr werthvoll ſind; ich wünſchte dieß * B 153 nicht bloß weil ich eine ſo hohe Meinung von ſeinem Character hege, ſondern weil er all die Kenntniſſe und die Einſicht beſizt die ihn für die Stelle geeignet machen. Und mit Freude verkündige ich euch daß es auch meines Großvaters Wunſch iſt, und daß Adams Anſtellung als Forſtaufſeher jezt eine aus⸗ gemachte Sache iſt. Dieſe Veränderung wird gewiß ſehr zum Vortheil des Gutes gereichen, und ich hoffe ihr werdet gelegentlich mit mir ſeine Geſundheit trinken und ihm alles Glück im Leben wünſchen was er verdient. Aber es iſt noch ein älterer Freund von mir zugegen als Adam Bede, und ich brauche euch nicht zu ſagen daß dieß Herr Irwine iſt. Ge⸗ wiß ſtimmt ihr mit mir überein daß wir keine an⸗ dere Geſundheit trinken dürfen bevor wir die ſeinige getrunken haben. Ich weiß ihr habt Alle Grund ihn zu lieben, aber keines von ſeinen Pfarrkindern hat mehr Grund dazu als ich, und alſo füllet eure Gläſer und laßt uns auf unſern vortrefflichen Pfarrer trinken. Er lebe dreimal dreimal hoch!“ Dieſer Toaſt wurde mit all der Begeiſterung getrunken die bei dem vorigen gefehlt hatte, und ge⸗ wiß war es der pittoreskeſte Augenblick bei der gan⸗ zen Scene, als Herr Irwine ſich zum Sprechen er⸗ hob und alle Augen im Saal ſich auf ihn hefteten. Der Adel und die Feinheit ſeines Geſichtes ſtach gegen die ländlichen Geſichter rings umher bei ihm noch mehr ab als bei Arthur. Arthur war ein viel gewöhnlicheres brittiſches Geſicht und die Tracht ſeiner neumodiſchen Kleider hatte mehr Aehnlichkeit mit der Tracht der jungen Pächter, als Herrn Ir⸗ wine’s Puder und das wohlgebürſtete, aber auch ½ 154 wohl abgetragene Schwarz das er bei großen Ge⸗ legenheiten zu tragen pflegte; denn er beſaß das tiefe Geheimniß nie einen neuausſehenden Rock zu tragen.— 1 „Schon oft,“ begann er,„habe ich meinen Pfarr⸗ kindern für Beweiſe ihrer Zuneigung zu danken ge⸗ habt, aber nachbarliche Freundlichkeit gehört zu den⸗ jenigen Dingen die um ſo koſtbarer ſind je älter ſie werden. In der That iſt unſer angenehmes Bei⸗ ſammenſein ein Beweis daß man, wenn etwas Gu⸗ tes alt wird und noch lange zu leben verſpricht, allen Grund hat ſich zu freuen, und unſer Verhält⸗ niß als Pfarrer und Pfarrkinder iſt vor zwei Jahren majorenn geworden, denn es ſind jezt dreiundzwanzig Jahre daß ich hieher gekommen bin, und ich ſehe da manchen großen hübſchen jungen Mann und manches blühende junge Mädchen, die zur Zeit als ich ſie taufte bei weitem nicht ſo lieblich ausſahen als ſie zu meiner großen Freude jezt ausſehen. Aber ſicherlich werdet ihr euch nicht darüber wundern, wenn ich euch ſage daß unter all dieſen jungen Männern derjenige für welchen ich das ſtärkſte Inter⸗ eſſe hege, mein Freund Herr Arthur Donnithorne iſt, dem ihr ſo eben eure Hochachtung bezeugt habt. Ich habe das Vergnügen gehabt mehrere Jahre lang ſein Lehrer zu ſein, und ſo hatte ich natürlich mehr Gelegenheit ihn genau kennen zu lernen als irgend einen unter euch, und mit freudigem Stolz verſichere ich daß ich eure hohen Hoffnungen auf ihn theile, und mit euch das Vertrauen hege daß er alle Eigen⸗ ſchaften beſize die ihn zu einem vortrefflichen Guts⸗ herrn machen werden, wenn einmal die Zeit kommt A Als Herr Irwine aufhörte, ſprang Arthur auf, füllte ſein Glas und ſagte:„Einen Humpen auf Adam Bede! und möge er Söhne bekommen die eben ſo treu und wacker ſind wie er ſelbſt!“ Keiner von allen Zuhörern, ſelbſt Barthel Maſſey nicht, war über dieſen Toaſt ſo erfreut wie Herr Poyſer: ſo ſchwer ſeine erſte Rede ihm geworden war, ſo würde er doch aufgeſprungen ſein und eine zweite gehalten haben, wenn er nicht die äußerſte Unziemlichkeit eines ſolchen Benehmens gewußt hätte. So aber wußte er für ſeine Gefühle keinen andern Ausweg als daß er ſein Ale ungewöhnlich ſchnell trank und hernach ſein Glas mit einem kühnen Schwung ſeines Arms und einem entſchiedenen Klopfen auf den Tiſch ſtellte. Wenn Jonathan Burge und einige andere weniger entzückt waren, ſo ver⸗ ſuchten ſie doch ihr Beſtes um zufrieden auszuſehen, und ſo wurde der Toaſt mit ſcheinbar einſtimmiger Herzlichkeit getrunken. Adam war etwas bläſſer als gewöhnlich, als er ſich erhob um ſeinen Freunden zu danken. Dieſe öffentliche Huldigung hatte ihn ganz natürlich ſehr bewegt, denn ſeine ganze kleine Welt war hier bei⸗ ſammen und hatte ſich verſammelt um ihm Chre zu er⸗ weiſen. Aber er war nicht zu ſchüchtern zum Sprechen, da keine kleinliche Eitelkeit ihn ſtörte und es ihm auch nicht an Worten fehlte; er ſah weder linkiſch noch verlegen aus, ſondern ſtand in ſeiner gewöhn⸗ lichen feſten aufrechten Haltung da, den Kopf etwas zurückgeworfen und die Hände vollkommen ruhig, mit jener rauhen Würde welche intelligenten, ehrlichen 157 und ſchöngewachſenen Arbeitern eignet, die wohl wiſſen was ihr Geſchäft in der Welt iſt. „Ich bin ganz überraſcht,“ ſprach er,„ich habe Nichts von dieſer Art erwartet, denn es geht weit über meinen Arbeitslohn hinaus, aber um ſo mehr Grund habe ich zur Dankbarkeit gegen Sie, Herr Capitän, und gegen Sie, Herr Irwine, und gegen alle meine Freunde hier die meine Geſundheit ge⸗ trunken und mir Gutes gewünſcht haben. Es wäre unziemlich, wenn ich ſagen wollte daß ich die Meinung die Sie von mir haben durchaus nicht verdiene; das hieße Ihnen ſchlecht danken, wenn ich ſagte daß Sie mich ſchon ſo viele Jahre kennen und doch nicht Verſtand genug beſizen die Wahrheit über mich heraus⸗ zufinden. Sie denken, wenn ich ein Stück Arbeit übernehme, ſo werde ich es gut machen, ob ich nun viel oder wenig dafür bekomme, und das iſt wahr. Ich würde mich ſchämen vor Ihnen hier zu ſtehen wenn es nicht wahr wäre. Aber es ſcheint mir daß dieß Nichts als die einfache Pflicht jedes Mannes iſt, daß man ſich gar Nichts darauf einzubilden braucht; und es iſt mir ganz klar daß ich nie mehr gethan habe als meine Pflicht; denn wir mögen thun was wir wollen, ſo machen wir doch bloß Ge⸗ brauch von dem Verſtand und den Fähigkeiten die uns verliehen worden ſind. Und ſo iſt Ihre Freund⸗ lichkeit gegen mich durchaus Nichts was Sie mir ſchuldig wären, ſondern ein freies Geſchenk, und als ſolches nehme ich es an und bin dankbar. Und was meine neue Anſtellung betrifft, ſo will ich bloß ſagen daß ich ſie auf den Wunſch des Herrn Capitäns Donnithorne übernommen habe, und daß ich bemüht 158 ſein werde ſeinen Erwartungen nachzukommen. Ich wünſche mir kein beſſeres Loos als unter ihm zu arbeiten, und zu wiſſen daß ich, während ich mein eigenes Brod verdiene, auch für ſeinen Nuzen ſorge. Denn ich glaube, er gehört zu denjenigen Herrn welche das Rechte zu thun und die Welt ein Bischen beſſer zu hinterlaſſen wünſchen als ſie dieſelbe ange⸗ treten haben; und ich glaube daß Jedermann das thun ſoll, ſei er nun vornehm oder niedrig, arbeite er mit großem Geld um noch mehr zu gewinnen, oder verrichte er Alles mit ſeinen eigenen Händen. Hier iſt nicht der Ort um meine Gefühle gegen Sie noch weiter auszuſprechen; ich hoffe dieſelben mein ganzes Leben lang durch meine Thaten zu be⸗ weiſen.“ Es gab verſchiedene Anſichten über Adams Rede: einige von den Frauen flüſterten, er habe ſich nicht dankbar genug gezeigt und ſcheine ungemein ſtolz zu ſprechen; aber die meiſten Männer waren der Anſicht, Niemand könne ſo friſch von der Bruſt weg ſprechen wie Adam, und er ſei ein ganz prächtiger Burſche. Während ſolche Bemerkungen hin und her geſummt wurden und dazwiſchen hinein da und dort einer fragte, was wohl der alte Herr mit einem Amtmann im Sinn habe, und ob er einen Rentmeiſter anſtellen würde, waren die beiden Herren aufgeſtanden und gingen an dem Tiſche umher wo die Weiber und Kinder ſaßen. Hier gab es natürlich kein ſtarkes Ale, ſondern Wein und Deſſert— perlenden Stachel⸗ beerwein für die Kleinen und guten Sherry für die Mütter. Frau Poyſer präſidirte an dieſer Tafel, und Totty ſaß jezt auf ihrem Schooß, ihr Näschen 159 tief in ein Weinglas hineinſteckend und nach den Nußkernen ſuchend die darin umherſchwammen. „Wie geht's, Frau Poyſer?“ ſagte Arthur,„Sie haben ſich gewiß recht gefreut daß Ihr Mann eine ſo ſchöne Rede hielt?“ „Ach, Herr Capitän, die Männer haben meiſtens eine ſo ſchwere Zunge, man muß faſt immer errathen was ſie wollen, gerade wie bei den ſprachloſen Thieren.“ „Ei wie, Sie meinen alſo daß Sie es beſſer gemacht hätten?“ fragte Herr Irwine lachend. „Nun ja, Herr Pfarrer, wenn ich Etwas ſagen will, ſo kann ich, Gott ſei Dank, die Worte meiſtens ſchon finden. Nicht als ob ich meinen Mann herab⸗ ſezen wollte, denn wenn er nicht viel Worte macht, ſo kann man ſich doch auf das was er ſagt ver⸗ laſſen.“ „Wahrlich eine hübſchere Geſellſchaft habe ich noch nie geſehen,“ ſagte Arthur, indem er über die Apfelwangen der Kinder hinſchaute.„Meine Tante und die Fräulein Irwine werden jezt auch zu Ihnen kommen. Sie fürchteten den Lärm bei den Toaſten, aber es wäre ewig Schade, wenn ſie die Geſellſchaft nicht bei Tiſch ſehen würden!“ Er ging weiter, ſprach mit den Müttern und ſtrei⸗ chelte die Kinder, während Herr Irwine ſtehen blieb und nur aus der Ferne nickte, damit die allgemeine Aufmerkſamkeit nicht von dem jungen Gutsherrn, dem Helden des Tags, abgelenkt werden ſollte. Bei Hetty wagte dieſer nicht ſtehen zu bleiben, ſondern er verbeugte ſich bloß gegen ſie, als er auf der ent⸗ gegengeſezten Seite weiter ging. Dem närriſchen 160 Kind ſchwoll das Herz vor Verdruß, denn welches Mädchen hat ſich je eine ſcheinbare Vernachläſſigung gefallen laſſen, ſelbſt wenn ſie wußte daß dieß nur die Maske der Liebe war? Hetty dachte, dieß würde der unglückſeligſte Tag werden den ſie ſeit langer Zeit gehabt: ein Augenblick kalter Klarheit und Wirklichkeit zuckte durch ihren Traum; Arthur, der ihr noch vor wenigen Stunden ſo nahe geſchienen, war von ihr getrennt, wie der Held einer großen Proceſſion von einem unbedeutenden Zuſchauer der neben draußen unter der Menge ſteht. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Die Spiele. Der große Tanz ſollte erſt um acht Uhr beginnen; aber für einige junge Burſche und Mädchen die ſchon vorher auf dem ſchattigen Grasplaz tanzen wollten, war immer Muſik bei der Hand, denn ver⸗ ſtand nicht die Bande des Wohlthätigkeitsclubs die ausgezeichnetſten und luſtigſten Tänze aller Art auf⸗ zuſpielen? Und überdieß war eine große Bande aus Roſſeter beſtellt worden, die ſchon mit ihren wunder⸗ vollen Blasinſtrumenten und ihren aufgetriebenen Backen eine wahre Augenweide für die kleinen Buben und Mädchen bildeten. Von Joſua Rann will ich gar Nichts ſagen, der in Folge einer edelmüthigen Vorausſicht ſeine Fiedel mitgebracht hatte, im Falle Jemand reinen Geſchmack genug beſizen ſollte einen Solotanz zu dieſem Inſtrument vorzuziehen. „ 161 Inzwiſchen begannen die Spiele, ſobald die Sonne den großen offenen Plaz vor dem Haus verlaſſen hatte. Natürlich gab es wohlgeſeifte Kletterſtangen für die Knaben und Jünglinge, Wettläufe für die alten Weiber, Sackläufe, ſchwere Gewichte zum Em⸗ porhalten für die ſtarken Männer, und eine lange Liſte von Herausforderungen zu ehrgeizigen Unter⸗ nehmungen aller Art, wie zum Beiſpiel möglichſt weit auf einem Bein zu gehen, Heldenſtücke bei wel⸗ chen allgemein bemerkt wurde daß der Drahtben als der gewandteſte und flinkſte Burſche in der Gegend ſicherlich ſich auszeichnen würde. Die Krone des Gan⸗ zen war ein Eſelsrennen, dieſes erhabenſte von allen Wettrennen, das nach der großen ſocialiſtiſchen Idee betrieben wird daß jeder den Eſel des andern an⸗ treibt und daß der jämmerlichſte Eſel gewinnt. Bald nach vier Uhr erſchien die ſtattliche alte Frau Irwine in ihrem Damaſtkleid, mit ihren Juwelen und ſchwarzen Spizen, am Arme Arthurs, der ſie, gefolgt von den übrigen Mitgliedern der Familie, auf ihren erhöhten Siz unter dem geſtreiften Zelt führte, wo ſie die Preiſe an die Sieger vertheilen ſollte. Das proſaiſche ſteife Fräulein Lydia hatte dieſes fürſtliche Amt an die königliche alte Dame ab⸗ zutreten verlangt, und Arthur freute ſich daß er bei dieſer Gelegenheit der Vorliebe ſeiner Pathin für prächtiges öffentliches Auftreten Genüge leiſten konnte. Der alte Herr Donnithorne, der fein herausgepuzte, von koſtbaren Parfümen duftende welke Greis, führte mit überfeiner abgemeſſenſter Höflichkeit Fräulein Irwine; Herr Gawaine war der Cavalier von Fräu⸗ Eliot, Adam Bede. II. lein Lydia, die in einem eleganten pfirſichblüthenfar⸗ benen Seidenkleid gleichgiltig und ſteif dareinſchaute, und zulezt kam Herr Irwine mit ſeiner blaſſen Schweſter Anna. Außer Herrn Gawaine war für heute kein Hausfreund eingeladen worden; für die benachbarten Herrſchaften ſollte morgen ein großes Mahl ſtattfinden, aber heute wurden alle Kräfte für die Unterhaltung der Pächter in Anſpruch genommen. Vor dem Zelt befand ſich ein Graben der die Lichtung von dem Park trennte, für dießmal aber zu Gunſten der Sieger überbrückt war. Die herum⸗ ſtehenden oder da und dort auf Bänken ſizenden Gruppen erſtreckten ſich auf beiden Seiten von den weißen Zelten bis hinauf zu dem Graben. „Auf Ehre ein hübſcher Anblick,“ ſagte die alte Dame, als ſie ſich geſezt hatte und die glänzende Scene mit ihrem dunkelgrünen Hintergrund über⸗ ſchaute.„Wahrſcheinlich iſt es das lezte Feſt das ich hier erlebe, wenn Du jezt nicht ſchnell heiratheſt, Arthur. Aber ſchaff eine reizende Braut ins Haus, ſonſt will ich lieber ſterben ohne ſie zu ſehen.“ „Sie ſind ſo furchtbar heikel, Pathin, ich fürchte daß ich Sie mik meiner Wahl nicht befriedigen werde.“ „Nein, wenn ſie nicht hübſch iſt, ſo verzeihe ich Dirs nie. Mit Liebenswürdigkeit laſſe ich mich nicht abſpeiſen, denn damit entſchuldigt man immer die Exiſtenz häßlicher Leute. Und dumm darf ſie auch nicht ſein, dieß endet niemals gut, denn Du bedarſſt einer Leitung, und ein einfältiges Weib kann Dich nicht leiten. Wer iſt der große junge Menſch dort mit dem ſanften Geſichte, Dauphin? Er ſteht dort 163 mit dem Hut in der Hand und iſt ſo aufmerkſam gegen die große alte Frau an ſeiner Seite— na⸗ türlich ſeine Mutter; ich ſehe das gerne.“ „Ei wie, kennſt Du ihn nicht, Mutter?“ ſagte Herr Irwine;„das iſt Seth Bede, der Bruder Adams, ein Methodiſt, aber ein ſehr guter Kerl. Der arme Seth ſah in der lezten Zeit etwas nieder⸗ geſchlagen aus; ich glaubte wegen des traurigen Todes ſeines Vaters, aber Joſua Rann ſagte mir, er habe die kleine Methodiſtenpredigerin heirathen wollen die vor einem Monat hier war, und ver⸗ muthlich hat ſie ihm einen Korb gegeben.“ „Ja, ich erinnere mich von ihr gehört zu haben; aber da ſind ja eine Menge Leute die ich nicht kenne, ſo groß ſind ſie geworden und ſo ſehr haben ſie ſich verändert ſeit ich nicht mehr ausgehe.“ „Was für ein vortreffliches Geſicht Sie haben,“ ſagte der alte Herr Donnithorne, der ein doppeltes Glas vor ſeine Augen hielt,„daß Sie in ſo weiter Ferne die Züge dieſes jungen Mannes kennen! Für mich iſt ſein Geſicht bloß ein blaſſer unklarer Fleck. Aber in der Nähe werde ich wohl beſſer ſehen als Sie; ich kann kleinen Druck ohne Brille leſen.“ „Ja mein lieber Herr, Sie waren von jeher ſehr kurzſichtig, und dieſe kurzſichtigen Augen währen immer am längſten. Ich brauche eine ſehr ſtarke Brille zum Leſen, aber in die Ferne ſcheinen mir meine Augen immer beſſer zu werden. Wenn ich noch fünfzig Jahre lebte, ſo würde ich für Alles was andere Leute ſehen blind werden, wie einer der am Brunnen ſteht und nichts als die Sterne ſieht.“ „Sehen Sie,“ ſagte Arthur,„die alten Weiber 11* . 164 rüſten ſich jezt zu ihrem Wettlauf. Auf welche wet⸗ ten Sie, Gawaine?“ „Auf die langbeinige, wenn ſie nicht etwa meh⸗ rere Male laufen müſſen; denn ſonſt dürfte vielleicht die kleine magere gewinnen.“ „Da ſind Poyſers, Mutter, ganz in der Nähe rechts,“ ſagte Fräulein Irwine;„Frau Poyſer ſieht Dich gerade an, Du ſollteſt ſie grüßen.“ „Ganz gewiß,“ ſagte die alte Dame mit einer gnädigen Verbeugung gegen Frau Poyſer;„eine Frau die mir ſo vortreffliche Rahgkäſe ſchickt darf man nicht vernachläſſigen. Um Gottes willen, was für ein dickes Kind hat ſie da auf ihrem Schooß! Aber wer iſt das hübſche Mädchen mit den dunkeln Augen?“ „Das iſt Hetty Sorrel,“ antwortete Fräulein Lydia,„die Nichte Martin Poyſers, ein ſehr ein⸗ nehmendes, ſehr hübſches Mädchen. Meine Kammer⸗ frau hat ihr Unterricht im Sticken gegeben, und ſie hat mir einige Spizen wirklich recht anſtändig aus⸗ gebeſſert— recht anſtändig.“ „Ei Mutter, ſie iſt ja ſchon ſechs oder ſieben Jahre bei Poyſers, Du mußt ſie ſchon geſehen haben,“ ſagte Fräulein Irwine. „Nein ich habe ſie nie geſehen, wenigſtens nicht ſo wie ſie jezt iſt,“ erklärte Frau Ir indem ſie fortwährend Hetty anſchaute.„Hühſch ſie iſt eine vollendete Schönheit. Ich häbe meinen jungen Jahren nie etwas ſo Hübſches ge⸗ ſehen. Wie Schade daß eine ſolche Schönheit unter die Bauern geworfen ſein muß, während es unter den guten Familien ohne Vermögen ſo ſchrecklich * — ———— daran fehlt! Gewiß heirathet ſie einen Mann der ſie eben ſo hübſch gefunden haben würde wenn ſie runde Augen und rothes Haar hätte.“ Arthur wagte es nicht Hetty anzuſchauen ſo lange Frau Irwine von ihr ſprach; er that als ob er ſie nicht hörte und mit irgend Etwas auf der entgegen⸗ geſezten Seite beſchäftigt wäre. Aber er ſah ſie, auch ohne hinzublicken, deutlich genug; er ſah ſie in erhöhter Schönheit, weil er ihre Schönheit preiſen hörte. Denn bekanntlich war die Meinung anderer Leute das Lebenselement für Arthurs Gefühle, die Luft worin ſie am beſten gediehen und erſtarkten. Ja Hetty war wohl im Stande einem Mann den Kopf zu verdrehen; jeder andere an ſeiner Stelle würde das Gleiche gethan und gefühlt haben. Und ſie am Ende aufzugeben, wie er zu thun entſchloſſen war, das war eine That auf die er wahrlich immer mit Stolz zurückblicken konnte. „Nein Mutter,“ ſagte Herr Irwine mit Bezug auf ihre lezten Worte,„ich kann mit Dir hierin nicht übereinſtimmen. Die gewöhnlichen Leute ſind nicht ganz ſo dumm wie Du meinſt. Der gemeinſte Mann der nur eine Unze von Verſtand und Gefühl beſizt, iſt ſich des Unterſchiedes zwiſchen einem lieb⸗ lich zarten und einem plumpen Mädchen ſehr wohl bewußt. Sogar ein Hund fühlt den Unterſchied. Der gemeine Mann kann ſich den Einfluß welchen die feinere Schönheit auf ihn ausübt vielleicht nicht beſſer erklären als der Hund, aber er fühlt ihn doch.“ „Ci was verſteht denn ein alter Junggeſelle wie Du davon?“ „O das iſt einer der Punkte in welchen alte 5 166 Junggeſellen verſtändiger ſind als verheirathete Män⸗ ner, weil ſie Zeit zu umfaſſenderen Betrachtungen haben. Ein feiner Frauencritiker darf ſein Urtheil niemals dadurch feſſeln daß er eine einzige Frau ſein eigen nennt. Aber um meine Behauptung durch ein Beiſpiel zu erhärten, dieſe hübſche Methodiſten⸗ predigerin von der ich ſoeben ſprach, ſagte mir ſie habe vor den roheſten Arbeitern gepredigt und ſei von ihnen ſtets mit der größten Achtung und Freundlichkeit behandelt worden. Der Grund, den ſie freilich nicht weiß, iſt daß ſie etwas ſo Zartes, Fei⸗ nes und Reines an ſich hat. Ein ſolches Mädchen wird von Himmelslüften umſchwebt, gegen welche ſelbſt der gröbſte Geſelle nicht umempfindlich iſt.“ „Da kommt ſo ein zartes Stück von einem Weib oder Mädchen, um vielleicht einen Preis zu empfan⸗ gen,“ ſagte Herr Gawaine.„Sie muß eine der Sackläuferinnen ſein, die ſchon vor unſerer Ankunft angefangen hatten.“ Das Stück Weiblichkeit war unſere alte Bekannte, Beſſy Cranage, ſonſt Chad's Beß genannt, deren breite rothe Backen und dicke Perſon eine übertrie⸗ bene Farbe bekommen haben, die ihr, wenn ſie zu⸗ fällig ein Himmelskörper geweſen wäre, etwas Er⸗ habenes gegeben hätte. Beſſy hatte, ich bedaure es ſagen zu müſſen, ſeit Dina's Abreiſe wieder zu ihren Ohrringen gegriffen und war auch ſonſt mit ſo viel Puzſachen als ſie nur auftreiben konnte über⸗ laden. Wer der armen Beſſy ins Herz hätte ſehen können, der würde zwiſchen ihr und Hetty in Be⸗ zug auf ihre kleinen Hoffnungen und Gelüſte eine überraſchende Aehnlichkeit wahrgenommen haben. Im 167 Punkte des Gefühls wäre der Vortheil vielleicht auf Beſſy's Seite geweſen. Aber äußerlich waren ſie im höchſten Grad verſchieden. Du konnteſt Luſt bekommen Beſſy an die Ohren zu ſchlagen, und Hetty hätteſt Du gar zu gerne küſſen mögen. Beſſy hatte ſich theils aus ungeſchliffener Heiter⸗ keit, theils um des Preiſes willen zu dem ſchwierigen Rennen verleiten laſſen. Jemand hatte ihr geſagt, es ſeien Mäntel und andere hübſche Kleidungsſtücke als Preiſe da, und als ſie jezt gegen das Zelt herkam, fächelte ſie ſich mit ihrem Taſchentuch Luft zu, während ſich in ihren triumphirenden Augen Wonne kundgab. „Hier iſt der erſte Preis für das Sacklaufen,“ ſagte Fräulein Lydia, indem ſie einen großen Pack von dem Preistiſche nahm und ihn Frau Irwine überreichte, ehe Beſſy noch da war:„ein ſehr guter Grogramrock und ein Stück Flanell.“ „Du dachteſt vermuthlich nicht daß ein ſo junges Mädchen den Preis gewinnen würde, Tante,“ ſagte Arthur;„könnteſt Du nicht ſonſt Etwas für ſie fin⸗ den und dieſen ſchwerfälligen Rock für eine arme Frau hergeben?“ „Ich habe nur nüzliche und ſolide Sachen ge⸗ kauft,“ antwortete Fräulein Lydia, indem ſie ihr Spizentuch zurechtzupfte;„es wird mir nie einfallen Mädchen von dieſem Stande in ihrer Puzſucht zu beſtärken. Ich habe noch einen rothen Mantel, aber dieſer iſt für die alte Frau die ihn gewonnen hat.“ Bei dieſer Sprache von Seiten des Fräuleins ſchaute Frau Irwine etwas ſpöttiſch Arthur an, während Beſſy herbeikam und einen Knix um den andern machte. 168 „Dieß iſt Beſſy Cranage, Mutter,“ ſagte Herr Irwine freundlich;„Chad Cranage's Tochter; Du erinnerſt Dich an Cranage den Schmied?“ „Ja gewiß,“ antwortete Frau Irwine;„da, Beſſy, hat ſie ihren Preis, vortreffliche Waare für den Winter; gewiß iſt es ihr an dem warmen Tag ſauer geworden ihn zu gewinnen.“ Beſſy ließ das Maul hängen, als ſie den häß⸗ lichen ſchweren Rock ſah, der ſich noch überdieß an dieſem Julitag ſo heiß und unangenehm anfühlte und einen ſo großen und garſtigen Pack bildete, Ohne aufzuſchauen und mit immer ſtärkerem Zucken ihrer Mundwinkel knixte ſie von Neuem und dann wandte ſie ſich ab. „Das arme Mädchen,“ ſagte Arthur;„ſie iſt übel angekommen; ich wollte ſie hätte Etwas das ihr beſſer gefiele.“ „Die junge Perſon ſieht ſehr frech aus,“ be⸗ merkte Fräulein Lydia;„ich möchte ihr durchaus keinen Vorſchub leiſten.“ Arthur beſchloß im Stillen Beſſy noch vor Abend ein Geldgeſchenk zu machen, damit ſie ſich Etwas kaufen könne was mehr nach ihrem Sinn wären Beſſy aber, die von der in Ausſicht ſtehenden Tröſtung nichts wußte, verließ den Raſenplaz, wo man ſee vom Zelt aus ſehen konnte, warf das verhaßte Bün⸗ del unter einen Baum und begann zu weinen, ſo daß die kleinen Jungen ſie herzlich auslachten. In dieſer Lage wurde ſie von ihrer verſtändigen alten Baſe aufgefunden, die, nachdem ſie das Kind ihrem Manne übergeben, ſogleich herbeigekoemmen war. „Was iſt mit Dir?“ ſagte die alte Beß inden 169 ſie den Pack nahm und unterſuchte.„Du biſt wahr⸗ ſcheinlich bei dieſem verrückten Laufen faſt erſtickt. Und da haſt Du jezt guten Grogram und Flanell bekommen, was man von Rechtswegen denjenigen hätte geben ſollen die geſcheidt genug waren von dieſer Narrheit wegzubleiben. Du könnteſt mit wohl ein Stück von dieſem Grogram zu einem Röckchen für meinen Jungen geben. Biſt ja immer gut⸗ müthig geweſen, Beß, ich habe das immer von Dir geſagt.“ „Ihr könnt Alles zuſammen nehmen,“ ſagte die junge Beß in einer Anwandlung von troziger Laune, indem ſie ihre Thränen abzuwiſchen und ſich zu er⸗ heben anfing. „Nun, ich könnte es wohl brauchen, wenn Du es gerne los biſt,“ verſezte die uneigennüzige Baſe und lief ſchleunig mit dem Bündel davon, damit dem Mädchen kein anderer Kopf wachſen könnte. Aber dieſe rothbackige Dirne war mit einer Ela⸗ ſticität des Geiſtes geſegnet welche ſie gegen jeden nagenden Kummer ſicher ſtellte, und als endlich der Hauptjubel, nämlich das Eſelsrennen begann, da hatte ſich ihr Verdruß gänzlich verloren in der wonne⸗ vollen Aufregung des Verſuches den lezten Eſel durch Ziſchen anzutreiben, während die Jungen das Beweismittel ihrer Stöcke anwandten. Aber bei einem Eſel liegt die Geiſtesſtärke darin daß er gerade das Gegentheil von demjenigen thut was die Beweismittel anſtreben, wozu, genau betrachtet, eben ſo viel Seelenkraft erforderlich iſt als zum ein⸗ fachen Nachgeben, und der gegenwärtige Eſel bewies die überaus hohe Stufe ſeiner Intelligenz dadurch 170 daß er, juſt als die Schläge am dichteſten fielen, ganz unbeweglich ſtehen blieb. Groß war der Jubel der Menge, ſtrahlend das Grinzen des Steinſägers Bill Downes, des glücklichen Reiters dieſer vortreff⸗ lichen Beſtie, die mitten in ihrem Triumph ruhig und ſteifbeinig daſtand. Die Preiſe für die Männer hatte Arthur ſelbſt angeſchafft, und Bill wurde jezt mit einem prächtigen Taſchenmeſſer beglückt, das ſo viel Klingen und Bohrer hatte daß man ſich auf einer wüſten Inſel damit hätte häuslich einrichten können. Kaum war er mit dem Preis in ſeiner Hand aus dem Zelte zurückgekehrt, als man davon munkelte daß Drahtben die hohen Herrſchaften, bevor ſie zu Tiſche gingen, mit einer Extravorſtellung aus dem Stegreif zu er⸗ freuen gedenke, nämlich einem ſogenannten Horn⸗ pipe, deſſen Hauptidee ohne Zweifel entlehnt war, dem aber der Tänzer ſo eigenthümliche und mannig⸗ faltige Entwicklungen geben wollte, daß Niemand ihm das Lob der Originalität verſagen konnte. Drahtbens Stolz auf ſeine Tanzkunſt, ein Vorzug womit er jedesmal auf der Kirchweih großen Effect machte, hatte bloß einer geringen Aufmunterung durch ein Extraquantum guten Biers bedurſt, um ihn zu überzeugen daß die hohen Herrſchaften von ſeiner Ausführung des Hornpipe im höchſten Grad erbaut ſein würden, und in dieſer Idee wurde er ganz beſonders durch Joſua Rann beſtärkt, welcher bemerkte, es ſei nicht mehr als billig daß man dem jungen Herrn zum Dank für ſeine viele Güte auch einen Spaß mache. Ueber dieſe Anſicht von Seiten eines ſo ernſten Mannes wird man ſich weniger — 171 wundern, wenn man erfährt daß Ben den Meiſter Rann erſucht hatte ihn auf der Fiedel zu begleiten; auch war Joſua feſt überzeugt daß am Tanzen zwar nicht viel ſein, die Muſik aber Alles herausbeißen würde. Adam Bede, der ſich in einem der großen Zelte befand als der Plan berathen wurde, ſagte zu Ben, er ſolle ſich nicht als Narr hinſtellen, und dieſe Bemerkung machte Bens Entſchluß vollends unerſchütterlich; er durfte doch einen Plan nicht darum aufgeben weil Adam Bede ſeine Naſe darüber rümpfte. „Was iſt's, was iſt's?“ fragte der alte Herr Donnithorne;„haſt Du das angeordnet, Arthur? Da kommt ja der Küſter mit ſeiner Fiedel und ein 3 hruche Burſche mit einem Blumenſtrauß im Knopf⸗ 0.ℳ „Nein,“ antwortete Arthur,„ich weiß Nichts davon; bei Gott, er will uns Etwas vortanzen; es iſt einer der Zimmerleute— ſein Name fällt mir im Augenblick nicht ein.“ „Es iſt Ben Cranage, der ſogenannte Drahtben,“ ſagte Herr Irwine,„ein etwas loſer Vogel, glaube ich. Liebe Anna, ich ſehe, das Fiedelgekraze greift Dich an, Du wirſt müde; ich will Dich jezt hinein⸗ führen, damit Du vor Tiſch noch ausruhen kannſt.“ Fräulein Anna erhob ſich zuſtimmend, und der 38 Bruder führte ſie weg, während Joſua nach angem Einleitungsgeſcharre die weiße Cocarde anſtimmte und von da, mittelſt verſchiedener Ueber⸗ gänge die er bei ſeinem guten Ohr wirklich nicht ungeſchickt ausführte, in allerlei andere Melodien einzulenten gedachte. Es hätte ihn zur Verzweiflung 172 gebracht, wenn er gewußt hätte daß die allgemeine Aufmerkſamkeit gänzlich von Bens Aufführung in Anſpruch genommen war und kein Menſch auf die Muſik achtete. Habt ihr je einen echten engliſchen Bauern einen Solotanz aufführen geſehen? Vielleicht habt ihr bloß ein ländliches Ballet geſehen, wo der Tänzer wie ein luſtiger Bauer aus Steingut lächelte, mit zierlichen Drehungen ſeiner Hüften und einſchmeicheln⸗ den Bewegungen mit dem Kopfe. Das verhält ſich zum wahren Tanz wie der Vogelwalzer zum wirk⸗ lichen Vogelſang. Drahtben lächelte niemals: er ſchaute ſo ernſthaft drein wie ein Tanzaffe, ſo ernſt⸗ haft als wäre er ein Experimentalphiloſoph geweſen, der ſich an ſeiner eigenen Perſon überzeugen wollte wie viel Geſchüttel und wie mancherlei Biegungen die menſchlichen Glieder ertragen können. Um das ſchallende Gelächter in dem geſtreiften Zelt wieder gut zu machen, klatſchte Arthur in die Hände und rief einmal ums andere Bravo. Aber Ben hatte noch einen andern Bewunderer, deſſen Auge mit eben ſo glühendem Ernſt ſeinen Bewegun⸗ . gen folgte als er ſelbſt ſie ausführte. Dieß war Martin Poyſer, der auf einer Bank ſaß und Tommyj zwiſchen ſeinen Beinen hatte. „Was hältſt Du davon?“ ſagte er zu ſeiner Frau.„Der geht ſo genau nach der Muſik, wie wenn er ein Uhrwerk wäre. Als ich noch leichter war, tanzte ich auch nicht ganz übel, aber ſo haar⸗ ſcharf wie der habe ichs doch nicht gekonnt.“ „Meines Erachtens kommt es wenig darauf an wie es mit ſeinen Gliedern ausſieht,“ antwortet = ,——O— D,.,————.,——— 173 „Frau Poyſer.„Jedenfalls iſt es in ſeinem Ober⸗ 1 häuschen leer, denn ſonſt würde er nicht wie ein tollgewordener Heuſchreck da herumſpringen und ſtampfen. Die Herrſchaften lachen ſich ja krank darüber.“ „Nun um ſo beſſer wenn es ihnen Spaß macht,“ ſagte Herr Poyſer, der ſich nicht ſo leicht über Etwas ärgerte.„Aber jezt brechen ſie auf und gehen wahr⸗ ſcheinlich zu Tiſche. Wollen wir nicht ein Bischen herumſpazieren und nach Adam Bede ſehen? Er muß nach dem Trinken und ſolchen Geſchichten ſchauen: ich glaube kaum daß er viel Vergnügen gehabt hat.“ Sechsundzwanzigſtes Capitel. Der Tanz. Arthur hatte die Hausflur zum Ballſaal gewählt, und das war ſehr klug, denn kein anderes Zimmer war ſo luftig, und hatte ſo große Thüren um in den Garten und in die andern Zimmer zu kommen. Ein ſteinernes Pflaſter war allerdings nicht der ange— nehmſte Tanzboden, aber die meiſten Tänzer wußten aus Erfahrung was ein Weihnachtstanz in einer ge⸗ pflaſterten Küche beſagen will. Dieß hier war eine 6 der Hallen neben welchen die anſtoßenden Zimmer wie kleine Cabinete erſchienen; an der hohen Decke prangten in Stuccaturarbeit Engel, Trompeten und Blumengewinde; an den Wänden wechſelten große kedaillone verſchiedener Helden mit Statuen in Niſchen. Es war juſt ſo ein Plaz der ſich mit grü⸗ 174 nen Geſträuchen ausſchmücken ließ, und Herr Craig war ſtolz geweſen bei dieſer Gelegenheit ſeinen Ge⸗ ſchmack und ſeine Treibhauspflanzen zu zeigen. Die breiten Stufen der ſteinernen Treppe waren mit Kiſſen belegt, damit die Kinder, die mit den Mägden bis nach halb zehn Uhr bleiben durften, ſizend den Tanz mit anſehen konnten, und da der Ball bloß den größten Pächtern galt, ſo war für alle überflüſ⸗ ſig Raum vorhanden. Die Lichter waren hoch oben unter den grünen Zweigen allerliebſt in farbigen Papierlampen vertheilt, und die Pächtersweiber und Töchter glaubten, als ſie hineinſchauten, es könne kein prächtigeres Schauſpiel geben: ſie wußten jezt ſehr wohl in was für Gemächern der König und die Königin lebten, und ſie dachten mit einigem Mitleid an Vetter und Bekannte die dieſe ſchöne Gelegenheit nicht hatten zu erfahren wie es in der großen Welt zuging. Die Lampen waren bereits angezündet, obſchon die Sonne noch niche lange untergegangen war, und draußen herrſchte eine ſanfte Beleuchtung, in welcher wir alle Gegenſtände deutlicher zu ſehen meinen als am hellen Tag. Vor dem Haus war ein hübſches Schauſpiel: die Pächter und ihre Familien ſchlenderten unter den Blumen und Geſträuchen auf dem freien Plaz um⸗ her, oder gingen ſie auf der breiten Fahrſtraße die von der Oſtſeite wegführte, wo auf beiden Seiten ein Teppich von mooſigem Gras ſich dehnte, da und dort mit einer dunkeln niedrig bezweigten Ceder oder mit einer großen pyramidalen Fichte beſezt, die mit ihren von einem bläſſeren Grün umfranzten Zweigen den Boden fegte. Die Gruppen der Bauern im ——PS———,——--“ — Park lichteten ſich allmählig, die jüngeren wurden — von den Lichtern angezogen, die aus den Fenſtern der Gallerie in der Äbtei, welche den Tanzplaz vor⸗ ſtellen ſollte, herüberzuleuchten begannen, und von den ältern dachte der geſeztere Theil daß es Zeit ſei ruhig nach Hauſe zu gehen. Zu dieſen leztern ge⸗ hörte Lisbeth Bede, und Seth ging mit ihr, aber nicht bloß aus kindlicher Aufmerkſamkeit, ſondern weil ſein Gewiſſen ihm nicht erlaubte einem Tanz anzuwohnen. Es war für Seth ein etwas trübſeli⸗ ger Tag geweſen: nie hatte Dina ihm ſo beſtändig vor Augen geſchwebt als bei dieſer Scene wo Alles ihr ſo unähnlich war. Er ſah ſie um ſo lebhafter als er die gedankenloſen Geſichter und bunten Klei⸗ der der jungen Mädchen angeſchaut hatte, juſt wie man die Schönheit und Größe einer gemalten Ma⸗ donna um ſo ſtärker fühlt, wenn ſie uns einen Augen⸗ blick durch einen gewöhnlichen Kopf in einem Hute verdeckt war. Aber dieſe geiſtige Nähe Dina's half ihm auch die Laune ſeiner Mutter beſſer ertragen, die in der lezten Stunde immer mürriſcher geworden war. Die arme Lisbeth litt unter einem ſeltſamen Widerſtreit von Empfindungen. Die Freude und der Stolz über die Ehre die ihrem Lieblingsſohn Adam widerfahren, machte allmählig einer ärgerlichen Eiſerſucht Plaz, als Adam ihr meldete daß er ſich auf den Wunſch des Capitäns unter die Tänzer in der Halle miſchen müſſe. Adam kam immer mehr aus ihrem Bereich; ſie wünſchte ſich all die alten Trubſale zurück, denn damals fragte Adam mehr darnach was ſeine Mutter ſagte und that. „Ja es ſteht Dir wohl an zu tanzen,“ ſagte ſie, 176 „wenn Dein Vater noch nicht fünf Wochen im Grabe liegt, und ich wollte ich wäre auch dort, ſtatt daß ich hier oben luſtigen Leuten im Wege ſtehe.“ „Nein, Du mußt es nicht ſo anſehen, Mutter,“ ſagte Adam, der entſchloſſen war heute recht ſanft gegen ſie zu bleiben.„Ich will nicht tanzen, ſondern bloß zuſehen. Und da der Capitän wünſcht daß ich dabei ſein ſolle, ſo würde es ausſehen als wolle ichs beſſer verſtehen als er, wenn ich ihm ſagen wollte Rich bleibe nicht. Und Du weißt ja wie er ſich heute gegen mich benommen hat.“ „So thu was Du willſt, denn Deine alte Mutter hat kein Recht Dich daran zu hindern. Sie iſt jezt nur noch die alte Schale, und Du biſt herausge⸗ ſchlüpft wie eine reife Nuß.“ „Nein Mutter,“ ſagte Adam,„ich will hingehen und dem Capitän ſagen daß es Deine Gefühle ver⸗ leze wenn ich bleibe, und daß ich deßhalb lieber nach Hauſe gehen wolle. Er nimmt es dann gewiß nicht übel und ich thue es gerne.“ Er ſagte dieß mit einiger Anſtrengung, denn er ſehnte ſich wirklicht darnach dieſen Abend in der Nähe Hetty's zuzu⸗ bringen. „Nein nein, ich will das nicht haben, der junge Herr würde ſich ärgern. Geh und thu was Dir befohlen iſt, und ich und Seth wollen nach Hauſe: gehen. Ich weiß, es iſt eine große Chre für Dich daß man ſo viel aus Dir macht, und wer kann darauf ſtolzer ſein als Deine Mutter? Hat ſie nicht j die Mühe gehabt Dich aufzuziehen und dieſe langen n Jahre für Dich zu arbeiten?“ „Nun denn, gute Nacht, Mutter— gute Nacht, 177 2 Junge— vergeſſet Gyp nicht wenn ihr heimkommt,“ 3 ſagte Adam, indem er ſich nach demjenigen Theil &8 de———— des Parkes wandte wo er Poyſers zu treffen hoffte, denn er war den ganzen Nachmittag ſo ſehr beſchäf⸗ tigt geweſen daß er keine Zeit gefunden hatte mit Hetty zu ſprechen. Bald entdeckte ſein Auge eine entfernte Gruppe die er ſogleich als die rechte er⸗ kannte; ſie ging auf dem breiten Kiesweg nach dem Hauſe zurück und er eilte auf ſie zu. „Ei ſieh da, Adam, freut mich Sie wieder zu ſehen,“ ſagte Herr Poyſer, der Totty auf dem Arme trug.„Sie werden ſich hoffentlich jezt ein Bischen luſtig machen, nachdem Ihre Arbeit vorüber iſt. Hetty hat ſchon einer ganzen Menge von Tänzern zugeſagt, und ich habe ſie eben gefragt ob ſie auch mit Ihnen tanzen werde, aber da ſagte ſie Nein.“ „Nun ich hatte nicht im Sinn heute Abend zu tanzen,“ ſagte Adam, der ſich bereits zu einer Sinnesänderung verſucht fühlte als er Hetty anſah. „Unſinn!“ ſagte Herr Poyſer.„Heut Nacht tanzt Alles bis auf den alten Herrn und Frau Ir⸗ wine. Frau Beſt hat mir geſagt daß Fräulein Liddy und Fräulein Irwine auch tanzen wollen, und der junge Herr will mit meiner Frau den Ball eröffnen; ſie muß alſo tanzen, obſchon ſie es ſeit den Weih⸗ nachten unſere Kleine auf die Welt kam nicht mehr gethan hat. Sie können Ehren halber auch nicht ruhig ſtehen bleiben, Adam, ein ſo hübſcher junger Burſche der es im Tanzen mit Jedem auf⸗ nimmt.“ „Nein, nein,“ ſagte Frau Poyſer,„das würde Eliot, Adam Bede. II. 12 178 ſich nicht ſchicen. Ich weiß, das Tanzen iſt ein Unſinn; aber wenn man ſich an Allem ſtoßen wollte was Unſinn iſt, ſo würde man es im Leben nicht weit bringen. Wenn die Suppe fertig iſt, ſo muß man das Dicke hinunterſchlucken oder ſie ganz ſtehen laſſen.“ „Nun denn, wenn Hetty mit mir tanzen will,“ ſagte Adam, der entweder den Gründen der Frau Poyſer oder etwas Anderem nachgab,„ſo will ich denjenigen Tanz mit ihr thun den ſie noch nicht verſagt hat.“ „Für den vierten Tanz bin ich noch frei,“ ant⸗ wortete Hetty;„ich tanze ihn mit Ihnen wenn Sie wollen.“ „Ja,“ ſagte Herr Poyſer,„aber Sie müſſen auch den erſten Tanz mitmachen, Adam, ſonſt ſieht es curios aus; es ſind eine Menge hübſcher Tänzerin⸗ nen da unter denen man die Auswahl hai, und es iſt hart für die Mädchen wenn die Männer daneben ſtehen und ſie nicht auffordern.“ Adam fühlte die Richtigkeit dieſer Bemerkung: es hätte ſich für ihn nicht geſchickt bloß mit Hett allein zu tanzen, und da er jezt bedachte daß Jona⸗ than Burge einigen Grund habe ſich heute beleidigt zu fühlen, ſo beſchloß er deſſen Tochter Marie zum erſten Tanz zu engagiren, wenn ſie noch nicht ver⸗ ſagt wäre. „Da ſchlägt es acht auf der großen Uhr,“ ſagte Herr Poyſer;„wir müſſen jezt ſchnell hinein, ſonf kommen die Herrſchaften vor uns, und das würde nicht gut ausſehen.“ Als ſie in die Halle getreten waren und die dre Kinder unter Molly's Aufſicht auf die Treppe ge⸗ ſezt hatten, flogen die Thüren des Geſellſchaftszim⸗ mers auf, und Arthur erſchien in ſeiner Uniform; er führte Frau Irwine zu einer mit Teppichen be⸗ legten und mit Treibhauspflanzen geſchmückten Eſtrade, wo ſie und Fräulein Anna ſich mit dem alten Herrn Donnithorne ſezten, um dem Tanz zuzuſehen, wie die Könige und Königinnen in den Luſtſpielen. Arthur hatte ſeine Uniform den Pächtern zu lieb angezogen wie er ſagte, weil dieſe von ſeiner Würde in der Miliz ſo hoch dachten als wäre er zum Premier erhoben wor⸗ den. Er ſperrte ſich nicht im mindeſten ihnen dieſen Ge⸗ fallen zu thun: ſeine Uniform ließ ihm ſehr vortheilhaft. Der alte Herr ging, bevor er ſich ſezte, in der Halle umher, um die Pächter zu grüßen und höflich mit den Frauen zu ſprechen; er war immer höflich, aber die Pächter hatten nach langem Kopfzerbrechen herausgefunden daß dieſe Glätte ein Zeichen von Härte ſei. Es wurde bemerkt daß er heute Abend ganz beſonders freundlich gegen Frau Poyſer war; er fragte angelegentlich nach ihrer Geſundheit und empfahl ihr ſich mit kaltem Waſſer zu ſtärken, wie er ſelbſt es thue, und alle Arzneien zu vermeiden. Frau Poyſer dankte und knixte mit großer Selbſt⸗ beherrſchung; aber als er weiter ging, flüſterte ſie ihrem Manne zu:„Ich ſeze meinen Kopf daran daß er irgend einen garſtigen Streich gegen uns aus⸗ brütet; der Teufel wedelt nicht umſonſt ſo mit dem Schwanze.“ Herr Poyſer hatte keine Zeit zu ant⸗ worten, denn jezt kam Arthur heran und ſagte: „Frau Poyſer, ich erbitte mir Ihre Hand zum erſten Tanze; und Sie, Herr Poyſer, müſſen ſich von mir 12 zu meiner Tante führen laſſen, denn ſie verlangt Sie zum Tänzer.“ Die blaſſen Wangen der Pächterin erglühten V vor Freude über die ungewohnte Ehre, als Arthur ſich mit ihr oben anſtellte; aber Herr Poyſer, dem ein Ertraglas ſein jugendliches Vertrauen auf ſein Ausſehen und ſein gutes Tanzen wieder geſchenkt hatte, ſchritt ganz ſtolz neben ihnen her, und ſchmeichelte ſich im Geheimen daß Fräulein Lydia in ihrem Leben noch keinen Tänzer gehabt habe der ſie ſo flott empor ſchwingen könne wie er. Um die Ehren zwiſchen beiden Gemeinden auszugleichen, tanzte Fräulein Irwine mit Luke Britton, dem reichſten Päch⸗ ter von Broxton, und Herr Gawaine mit Frau Britton. Herr Irwine war, nachdem er ſeine Schweſter Anna nach ihrem Siz geführt, in die Gallerie der Abtei gegangen, um, wie er mit Arthur ausgemacht hatte, nachzuſehen wie die kleineren Leute ſich luſtig machten. Inzwiſchen hatten auch alle weniger ausgezeichneten Paare ihre Pläze eingenommen: Hetty mit dem un⸗ vermeidlichen Herrn Craig und Marie Burge mit Adam, und nun erſcholl die Muſik, und der glorioſe Contretanz, der beſte aller Tänze, nahm ſeinen Anfang. Nur Schade daß es kein hölzerner Fußboden war! Das tactmäßige Stampfen mit den dicken Schuhen hätte dann ſtärker gedröhnt als alles Trom⸗ melgewirbel. Dieſes fröhliche Stampfen, dieſes gra⸗ ciöſe Kopfnicken, dieſes wogenförmige Reichen der 6 Hand, wo finden wir es jezt noch? Dieſes einfache Tanzen wohleingehüllter Matronen, welche, die Sor⸗ gen des Hauſes und der Milchkammer auf ein Stündchen vergeſſend, ſich ihrer Jugend erinnern, gͤ—————— 181 aber nicht jung thun wollen, auf die jungen Mäd⸗ chen an ihrer Seite nicht eiferſüchtig, ſondern ſtolz ſind— dieſe Feſttagsluſt ſtattlicher Ehemänner, die ihren Weibern kleine Complimente machen, als wären die Tage ihrer Freiwerbung zurückgekehrt, dieſe Burſche und Mädchen, die etwas verwirrt und lin⸗ kiſch beiſammenſtehen, weil ſie einander Nichts zu ſagen haben— es wäre eine angenehme Abwechs⸗ lung Alles das bisweilen zu ſehen, ſtatt der ausge⸗ ſchnittenen Kleider und weiten Röcke, der ſpöttiſchen Muſterung fremder Toiletten und der abgelebten Herrn mit lakirten Stiefeln und zweideutigem Lächeln. Nur Eines ſtörte das Vergnügen Martin Poy⸗ ſers bei dieſem Tanze, daß er nämlich mit Luke Britton, dieſem nachläſſigen Pächter, in beſtändige Berührung kam. Er dachte bereits daran einige eiſige Kälte in ſein Auge zu legen wenn es zur Händereichung käme; aber dann konnte er, da Fräu⸗ lein Irwine ſtatt des widerwärtigen Luke ihm gegen⸗ über zu ſtehen kam, die unrechte Perſon durch ſeine Kälte beleidigen. Er überließ daher ſein Geſicht ungemiſchter Heiterkeit, die ſich durch keine moraliſche Bedenken trüben ließ. Wie Hetty's Herz ſchlug als Arthur ihr nahe kam! Er hatte ſie den Tag über kaum angeſehen: jezt mußte er ihre Hand ergreifen. Ob er ſie wohl drückte? ob er ihr wohl ins Geſicht ſah? Sie glaubte, ſie müßte weinen wenn er nicht durch irgend ein Zeichen Gefühl verriethe. Jezt war er da, er hatte ihre Hand ergriffen— ja er drückte ſie. Hetty wurde blaß als ſie eine Weile zu ihm aufſchaute und ſeinen Augen begegnete, bevor der Tanz ihn 182 entführte. Dieſe Bläſſe erregte in Arthur den An⸗ fang eines dumpfen Schmerzes der ſich an ihn feſt⸗ klammerte, obſchon er weiter tanzen, ſcherzen und lächeln mußte. So würde Hetty ausſehen, wenn er ihr ſagte was er ihr zu ſagen hätte; und er würde i nicht im Stande ſein es zu ertragen, er würde ein Narr werden und ſich ſelbſt wieder nachgeben. Het⸗ ty's Blick bedeutete in Wahrheit nicht ſo viel als Arthur dachte: er war bloß das Zeichen eines Kampfes zwiſchen dem Wunſch von ihm beachtet zu werden und der Furcht daß ſie es den Andern ver⸗ rathen möchte. Aber Hetty's Geſicht hatte eine Sprache die üͤber ihre Gefühle hinausging. Es gibt Geſichter in welche die Natur eine Bedeutung und ein Pathos legt, die der ſpeciellen Menſchenſeele welche unter ihnen flattert nicht angehören, ſondern die Freuden und Kümmerniſſe entſchwundener Ge⸗ ſchlechter ausſprechen— Augen aus denen eine tiefe Liebe ſpricht, die unzweifelhaft irgendwo geweſen iſt und noch iſt, aber nicht in dieſe Augen hinein⸗ gehört, ſondern vielleicht in blaſſe Augen ohne allen Ausdruck, juſt wie eine nationale Sprache mit Poeſie belebt ſein kann, von welcher die Lippen die ſie reden keine Empfindung haben. Dieſer Blick Hetty's bedrückte Arthur mit einer Angſt, in welche ſich je⸗ doch ein furchtbares, aber unbewußtes Entzücken darüber miſchte daß ſie ihn überſchwänglich liebe. Er hatte eine harte Aufgabe vor ſich, denn in die⸗ ſem Augenblick war ihm zu Muthe als könnte er drei Jahre ſeiner Jugend für das Glück opfern ſich ohne Gewiſſensbiſſe ſeiner Leidenſchaft für Hetty hingeben zu dürfen. ——— 8&- —2=— Unter ſolchen widerſtreitenden Gedanken und Empfindungen führte er Frau Poyſer, die vor Er⸗ müdung keuchte und ſich im Stillen gelobte daß kein Richter und keine Jury ſie zu einem zweiten Tanz zwingen ſolle, an ein ſtilles Pläzchen im Speiſe⸗ zimmer, wo das Abendbrod für die Gäſte zu belie⸗ biger Auswahl in beliebiger Zeit bereit ſtand. „Ich habe Hetty daran erinnert daß ſie mit Ihnen zu tanzen hat, Herr Capitän,“ ſagte die gute unſchuldige Frau;„das Mädchen iſt ſo gedankenlos daß ſie ſich leicht für alle Tänze verſagen könnte. Ich habe ihr alſo geſagt daß ſie nicht zu viele ver⸗ ſprechen ſolle.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Frau Poyſer,“ antwortete Arthur, nicht ohne eine Gewiſſensregung. „Sezen Sie ſich jezt in dieſen bequemen Stuhl; da iſt Mills, der ſoll Ihnen Alles geben was Sie wollen.“. Er eilte hinweg um mit einer andern Frau zu tanzen, denn den verheiratheten Weibern mußte die Ehre erwieſen werden, bevor er an die Mädchen kam, und die Contretänze, das Stampfen, das graciöſe Nicken und ſchwunghafte Händereichen, Alles das ging luſtig von Statten. Endlich kam der vierte Tanz, nach welchem ſich der ſtarke ernſte Adam ſo ſchmerzlich geſehnt hatte wie nur ein zarthändiger Laffe von achtzehn Jahren thun kann; denn in unſerer erſten Liebe ſind wir einander alle ſehr gleich, und Adam hatte Hetty's Hand noch nie anders als zu einem flüchtigen Gruße berührt; er hatte nur ein einziges Mal mit ihr ge⸗ tanzt. Seine Augen waren ihr dieſen Abend un⸗ 184 willkührlich voll Begierde gefolgt und hatten immer tiefere Liebe eingeſogen. Er fand ihr Benehmen ſo hübſch, ſo geſezt, ſie ſchien ihm ganz und gar nicht zu cokettiren, ſie lächelte weniger als gewöhn⸗ lich; es war beinahe eine holde Wehmuth an ihr wahrzunehmen.„Gott ſegne ſie,“ ſagte er in ſeinem Innern;„ich wollte ihr ein glückliches Leben bereiten, wenn ein ſtarker Arm um für ſie zu arbeiten und ein Herz um ſie zu lieben dazu genügten.“ Und dann beſchlichen ihn wonnevolle Gedanken wie er von der Arbeit nach Hauſe käme, Hetty an ſeine Seite zöge und den ſanften Druck ihrer Wange auf der ſeinigen fühlte, bis er gänzlich vergaß wo er war, ſo daß die Muſik und das Stampfen der Füße eben ſo gut das Fallen des Regens und das Rauſchen des Windes hätte ſein können, denn er hatte kein klares Bewußtſein mehr. Aber jezt war der dritte Tanz zu Ende, er konnte alſo zu ihr gehen und um ihre Hand bitten. Sie ſtand am Ende des Saales in der Nähe der Treppe und flüſterte mit Molly, welche ihr ſo eben die ſchla⸗ fende Totty auf den Arm geſezt hatte, um ſodann die Halstücher und Hüte zu holen. Die beiden Jungen hatte Frau Poyſer ins Eßzimmer abgeholt, um ihnen noch etwas Kuchen zu geben bevor ſie mit dem Groß⸗ vater nach Hauſe gingen, wohin Molly ſo bald als möglich folgen ſollte. „Laſſen Sie mich die Kleine halten,“ ſagte Adam, als Molly die Treppe hinaufging;„die Kinder ſind im Schlafe ſo ſchwer.“ Hetty war froh über dieſe Erleichterung, denn dazuſtehen und Totty auf dem Arm zu halten, war 185⁵ durchaus keine angenehme Abwechslung für ſie. Aber dieſe zweite Uebertragung hatte die unglückliche Folge daß Totty erwachte, und ſie war ſo widerwärtig wie jedes andere Kind wenn man es zur Unzeit weckt. Während Hetty ſie auf Adams Arm gab und ihren eigenen noch nicht zurückgezogen hatte, öffnete Totty ihre Augen, ſchlug ſogleich mit ihrer linken Fauſt Adam auf den Arm und griff mit der rechten Hand in die braune Perlenſchnur die Hetty um den Hals hatte. Das Medaillon ſprang ihr aus dem Mieder, im nächſten Augenblick war die Schnur zerriſſen, und verzweiflungsvoll ſah Hetty ihr Medaillon auf dem Boden dahinrollen. „Mein Medaillon! mein Medaillon!“ flüſterte ſie voll Schrecken Adam zu,„an den Perlen iſt nichts gelegen.“ Adam hatte bereits geſehen wohin das Medaillon gefallen war, denn es hatte ſchon beim Heraus⸗ ſpringen aus dem Kleid ſeine Aufmerkſamkeit erregt. Es war auf die hölzerne Eſtrade wo die Muſik ſaß, nicht auf den ſteinernen Fußboden gefallen, und als Adam es aufhob, ſah er in das Glas mit dunkeln und hellen Haarlocken darunter. Dieſe Seite war beim Fallen obenauf gerathen und ſo war das Glas nicht zerbrochen. Er drehte es in der Hand um und ſah die emaillirte goldne Rückſeite. „Es iſt nicht beſchädigt,“ ſagte er, indem er es Hetty entgegenhielt, die es nicht nehmen konnte, weil ihre beiden Hände mit Totty beſchäftigt waren. „O es macht nichts, es iſt ganz gleich,“ ſagte Hetty, die jezt auf einmal wieder roth geworden war. „Es macht nichts?“ entgegnete Adam ernſthaft; „Sie ſchienen doch ſo ſehr zu erſchrecken. Ich will es Ihnen halten bis Sie es nehmen können,“ fügte. er hinzu, indem er ruhig ſeine Hand darüber ſchloß, damit ſie nicht glauben ſollte er wolle es noch ein⸗ mal anſehen. Inzwiſchen war Molly mit Hüten und Tüchern gekommen, und ſobald ſie Totty genommen hatte, legte Adam das Medaillon in Hetty's Hand. Sie nahm es mit gleichgiltiger Miene und ſteckte es ein. Im Stillen ärgerte ſie ſich über Adam weil er es geſehen hatte, war aber jezt entſchloſſen durchaus keine Aufregung mehr zu verrathen. 3 „Man ſtellt ſich bereits zum Tanze auf,“ ſagte ſie;„laſſen Sie uns auch gehen.“ Adam ſtimmte ſchweigend zu Eine unbeſtimmte Bangigkeit hatte ſich ſeiner bemächtigt. Hatte Hetty einen Liebhaber von welchem er nichts wußte?— Von ihren Verwandten hatte ihr ſicherlich keiner ein ſolches Medaillon geſchenkt, und von ihren Bewun⸗ derern die er kannte war keiner ein acceptirter Lieb⸗ haber, was der Geber dieſes Medaillons offenbar ſein mußte. Es war ihm ſchlechterdings unmöglich Jemand zu finden auf den ſeine Befürchtung paßte: er hatte nur das furchtbar ſchmerzliche Gefühl daß in Hetty's Leben etwas ihm Unbekanntes ſei; daß ſie, während er ſich mit der Hoffnung wiegte mit der Zeit ihre Liebe zu gewinnen, bereits einen Andern liebe. Das Vergnügen mit Hetty zu tanzen war dahin. Seine Augen hatten, wenn ſie auf ihr ruhten, einen unbehaglich forſchenden Ausdruck; er wußte nicht was er zu ihr ſagen ſollte; das Mädchen war ebenfalls ſchlecht gelaunt und hatte keine Luſt zu —— 187 ſprechen. Sie waren beide froh, als der Tanz zu Ende war. Adam war entſchloſſen nicht länger zu bleiben; Niemand bedurfte ſeiner und kein Menſch würde es beachten, wenn er ſich davon ſchlich. Sobald er im Freien war, ſchlug er ſeinen gewohnten raſchen Schritt an und eilte, ohne zu wiſſen warum, fort, mit dem peinlichen Gedanken beſchäftigt daß die Erinnerung an dieſen Tag, der ſo ehren⸗ und verheißungsreich geweſen, auf immer vergiftet ſein würde. Plözlich, als er ſchon weit im Parke war, blieb er ſtehen, denn ein Strahl wiedererwachender Hoffnung hatte ihn getroffen. War er denn nicht ein Narr daß er eine ſolche Kleinigkeit ſo ſchwer nahm? Hetty war nun einmal ein puzſüchtiges Mädchen und konnte ja das Ding ſelbſt gekauft haben. Dazu ſchien es frei⸗ lich zu koſtſpielig zu ſein— es ſah gerade aus wie die auf weißem Atlas ausgeſtellten Sachen in dem großen Juweliersladen von Roſſeter. Aber Adam hatte von dem Werth ſolcher Dinge höchſt unvoll⸗ kommene Begriffe, und er dachte, es würde höchſtens eine Guinee koſten. Vielleicht hatte Hetty ſoviel an Weihnachtsgeſchenken bekommen, und es mochte wohl ſein daß ſie kindiſch genug war Alles auf dieſe Art zu verpuzen; ſie war ſo ein junges Ding und konnte nicht umhin ſchöne Sachen zu lieben. Aber warum war ſie denn im Anfang ſo gewaltig erſchrocken? warum war ſie ſo roth geworden und hatte doch nachher geſagt es ſei ihr ganz gleichgiltig? Dieß kam daher weil ſie ſich ſchämte daß er eine ſolche Puzſache an ihr geſehen hatte— ſie war ſichs be⸗ wußt daß es unrecht von ihr war ihr Geld dafür 188 zu verſchwenden, und ſie wußte daß Adam den Puz nicht liebte. Es war ein Beweis daß ſie viel dar⸗ nach fragte ob ihm Etwas gefiel oder nicht. Sie mußte aus ſeinem Schweigen und ſeinem ernſten Benehmen nachher geſchloſſen haben daß er ſehr un⸗ zufrieden mit ihr ſei, daß er gegen ihre Schwächen hart und ernſt ſein werde. Und als er, an dieſer neuen Hoffnung kauend, ruhiger weiter ging, hatte er nur noch die einzige Beſorgniß, er möchte ſich auf eine Art benommen haben welche Hetty's Gefühle gegen ihn abkälten könnte. Denn ſeine lezte Anſicht von der Sache mußte doch die richtige ſein; wie konnte Hetty einen acceptirten Liebhaber haben, der ihm gänzlich unbekannt war? Sie war nie länger als einen Tag aus ihres Onkels Haus weggeweſen, ſie konnte keine Bekanntſchaften haben die nicht dorthin kamen, und keinen vertrauten Umgang von welchem Onkel und Tante nichts gewußt hätten. Es wäre Narrheit zu glauben daß ſie das Medaillon von einem Liebhaber bekommen habe. Das dunkle Löckchen war gewiß von ihrem eigenen Haar; über das helle Haar darunter konnte er keine Vermuthung auſſtellen, denn er hatte es nicht ganz deutlich geſehen. Viel⸗ leicht war es von ihrem Vater oder ihrer Mutter, die geſtorben waren als ſie noch ein Kind war, und dann hatte ſie natürlich etwas von ihrem eigenen dazugelegt. Und ſo ging Adam getröſtet zu Bette, nachdem er ſich ein ſinniges Gewebe von Wahrſcheinlichkeiten gewoben— der ſicherſte Schirm den ein kluger Mann zwiſchen ſich ſelbſt und die Wahrheit ſtellen kann. Seine lezten wachen Gedanken verſchmolzen in einen ——C—.——— ⏑——— 189 Traum worin er wieder bei Hetty auf dem Pacht⸗ hof war und ſie für ſeine Kälte und Einſilbigkeit um Verzeihung bat. Und während Adam ſo träumte, führte Arthur das Mädchen zum Tanze und flüſterte ihr haſtig zu: „Uebermorgen um ſieben Uhr bin ich im Walde; komm ſo bald Du kannſt.“ Und Hetty's thörichte Freuden und Hoffnungen, die von einem bloßen Nichts verſcheucht eine kurze Strecke zurückgeflohen waren, kamen jezt alle ohne Ahnung der wirklichen Gefahr zurückgeflattert. Sie war zum erſten Mal an dieſem langen Tage glücklich und wünſchte der Tanz hätte Stunden gewährt. Arthur wünſchte es auch; es war die lezte Schwäche der er nachzuhän⸗ gen gedachte, und ein Mann erliegt niemals mit wonnigerem Schmachten unter dem Einfluß ſeiner Leidenſchaft, als wenn er ſich eingeredet hat daß er ſie morgen überwältigen werde. Aber Frau Poyſer's Wünſche hatten eine ganz entgegengeſezte Richtung, denn ihr Gemüth war von düſtern Ahnungen erfüllt daß das Käſemachen am morgenden Tag in Folge dieſes langen Aufbleibens ſich ſehr verſpäten dürfte. Nachdem Hetty jezt ihre Pflicht gethan und mit dem jungen Herrn einen Tanz gemacht hatte, mußte Herr Poyſer hinausgehen und nachſehen, ob der Wagen zurückgekommen ſei um ſie abzuholen; und troz einer ſanften Erinnerung von ſeiner Seite daß es unſchicklich wäre wenn ſie zuerſt gingen, blieb Frau Poyſer, ſchicklich oder un⸗ ſchicklich, bei ihrem Entſchluß. „Was, ſchon gehen, Frau Poyſer?“ ſagte der alte Herr Donnithorne, als ſie kamen um ihre Ab⸗ 190 ſchiedsknixe zu machen.„Ich dachte wir würden vor eilf Uhr keinen von unſern Gäſten verlieren. Frau Irwine und ich, die wir doch alte Leute ſind, ge⸗ denken bis dahin dem Tanze zuzuſehen.“ „O Euer Ehren, für vornehme Herrſchaften iſt es ganz recht und ziemlich lange bei Licht aufzublei⸗ ben— ſie haben keine Käſe auf ihrem Gewiſſen— wir ſind ſchon ſpät genug daran, und den Kühen kann man nicht ſagen, ſie müſſen morgen frühe mit dem Melken ein Bischen warten. Wenn Sie uns alſo gnädigſt entſchuldigen wollen, ſo gehen wir jezt.“ 8 „Nun,“ ſagte ſie beim Wegfahren zu ihrem Mann, „ich möchte lieber das Brauen und Waſchen an einem Tag zuſammen haben als noch ſo einen luſtigen Tag. Wie ermüdend das iſt immer ſo um die Leute herum⸗ zulaufen und ſie anzugaffen, und nicht recht zu wiſ⸗ ſen was jezt an die Reihe kommt! Und dann muß man immer ein Lächeln im Geſichte haben wie die Krämer am Markttag, damit die Leute einen nicht für unhöflich halten, und wenn die Sache vorüber iſt, ſo hat man Nichts aufzuweiſen als höchſtens ein gelbes Geſicht, weil man Dinge gegeſſen hat die einem nicht zuſagen.“ „Nein, nein,“ antwortete Herr Poyſer, der ſich in ſeiner fröhlichſten Laune befand und fühlte daß er einen großen Tag hinter ſich hatte,„ein Bischen Vergnügen iſt für Dich auch gut zuweilen; Du tan⸗ zeſt ſo gut wie irgend eine andere, und was leichte Füße betrifft, ſo brauchſt Du keiner von allen Frauen im Kirchſpiel aus dem Weg zu gehen. Auch war es eine große Ehre daß der junge Herr mit Dir zuerſt — 1- ‧— ——-—J——————— —;—ÿ—==⁊VöR— 2=— —,——— 191 tanzte; vermuthlich that er es weil ich am Tiſch prä⸗ ſidirte und die Rede hielt. Und auch Du, Hetty, haſt noch nie einen ſolchen Tänzer gehabt, einen ſchö⸗ nen jungen Offizier in Uniform. Wenn Du einmal ein altes Weib biſt, kannſt Du noch davon erzählen wie Du mit dem jungen Gutsherrn getanzt haſt am Tag wo er ſeine Volljährigkeit feierte.“ Siebenundzwanzigſtes Capitel. Eine Criſis. Es war in der zweiten Hälfte Auguſts, beinahe drei Wochen nach der Geburtstagsfeier. Das Weizen⸗ ſchneiden hatte in unſerer nördlichen mitten im Lande gelegenen Grafſchaft Loamſhire bereits begonnen, aber die Ernte drohte durch ſchwere Regengüſſe geſtört zu werden, die allenthalben Ueberſchwemmung herbei⸗ führten und großen Schaden anrichteten. Von dieſer lezten Noth hatten die Pächter von Broxton und Hayſlope in ihren Hochlanden und mit ihren von Bächen durchzogenen Thälern nicht gelitten, und da ich nicht behaupten kann daß ſie als die Krone aller Bauern das allgemeine Wohl höher geſtellt haben als ihren eigenen Vortheil, ſo könnt ihr euch denken daß das raſche Steigen der Kornpreiſe ſie nicht ſehr betrübte, ſo lange ſie Hoffnung hatten ihr eigenes Korn unbeſchädigt heimzubringen, eine Hoffnung die hin und wieder durch ſonnige Tage und trockene Winde neu belebt wurde. Der achtzehnte Auguſt war einer dieſer Tage, 192 wo der Sonnenſchein um ſo erfreulicher wirkte je trüber es vorher ausgeſehen. Große Wolkenmaſſen jagten über den Himmel hin, und die großen runden Hügel hinter dem Park ſchienen durch ihre fliegenden Schatten belebt zu werden; die Sonne verbarg ſich einen Augenblick, und dann ſchien ſie wieder warm hervor wie eine neu gewonnene Freude; der Wind ſchüttelte die noch grünen Blätter von den Hecken und Bäumen, in den Bauernhäuſern flogen die Thü⸗ ren auf und zu, in den Obſtgärten fielen Aepfel herab, und den Pferden, die an den grünen Feld⸗ wegen und auf der Allmand weideten, wurden ihre Mähnen über die Köpfe hingeblaſen. Und doch ſchien der Wind bloß an der allgemeinen Heiterkeit darüber Theil zu nehmen daß die Sonne ſchien. Ein luſtiger Tag für die Kinder, die herumſprangen und jubelten als ob ſie den Wind überſchreien woll⸗ ten, und auch die erwachſenen Leute waren bei gu⸗ ter Laune, da ſie auf noch ſchönere Tage hofften wenn der Wind ſich gelegt hätte. Wenn nur das Korn nicht ſchon ſo reif war daß es aus den Aehren herausgeblaſen und als unzeitiger Samen verſtreut wurde! Und dennoch ein Tag an welchem bitteres Herze⸗ leid einen Menſchen befallen konnte; denn wenn es wahr iſt daß die Natur in gewiſſen Augenblicken ſich das Schickſal eines Einzelnen beſonders zu Herzen zu nehmen ſcheint, muß es da nicht auch wahr ſein daß ſie einen andern gänzlich zu vernachläßigen, an ihn gar nicht zu denken ſcheint? Denn es gibt keine Stunde die nicht Freudigkeit und Verzweiflung mit ſich brächte, keinen Morgenglanz der nicht dem Elend⸗ —6—————— B neuen Kummer, eben ſo aber auch dem Genie und der Liebe neue Kräfte zuführte. Wir ſind unſer ſo viele und unſer Loos iſt ſo verſchieden; was Wun⸗ der wenn die Stimmung der Natur oft im herben Gegenſaz zu der großen Criſis in unſerm Leben ſteht? Wir ſind Kinder einer großen Familie, und wir dürfen als ſolche nicht erwarten daß man gro⸗ ßes Aufheben davon macht wenn das eine oder das andere ſich ein wenig verlezt; wir müſſen uns mit geringer Pflege und Zärtlichkeit begnügen, aber ein⸗ ander mit um ſo größerem Eifer beiſtehen. Es war ein Tag großer Arbeit für Adam, der in der lezten Zeit beinahe die doppelte Mühe gehabt hatte, denn er war noch immer Werkführer bei Jo⸗ nathan Burge, bis ein paſſender Nachfolger für ihn gefunden wurde, was Jonathan nicht ſo bald ge⸗ lingen wollte. Aber er hatte die doppelte Arbeit mit freudigem Herzen verrichtet, denn ſeine Hoff⸗ nungen auf Hetty erglänzten von Neuem. So oft er ſie ſeit dem großen Feſte geſehen, ſchien ſie ſich im⸗ mer freundlicher gegen ihn zu benehmen und ihm verſtehen geben zu wollen daß ſie ihm ſeine Schweig⸗ ſamkeit und Kälte während des Tanzes verziehen habe. Auf das Medaillon hatte er niemals ange⸗ pielt; er ſchäzte ſich allzu glücklich daß ſie ihn an⸗ lächelte, um ſo mehr weil er eine gewiſſe Schüchtern⸗ heit an ihr bemerkte, worin er den Keim weiblicher Zärtlichkeit und Geſeztheit zu finden glaubte. Ach, dachte er immer wieder, ſie iſt erſt ſiebzehn; nach einiger Zeit wird ſie ſchon etwas ernſthafter werden, und ihre Tante ſagt ja immer wie geſchickt ſie bei Eliot, Adam Bede. II. 13 194 der Arbeit iſt; ſie wird ein Weib werden das mei⸗ ner Mutter keine Gelegenheit zum Brummen gibt. Er hatte ſie freilich ſeit dem Feſte nur zweimal ge⸗ ſehen, denn eines Sonntags, als er von der Kirche nach dem Pachthof gehen wollte, war Hetty mit einigen von der Dienerſchaft nach dem Schloſſe ge⸗ gangen, beinahe als wollte ſie Herrn Craig Muth machen.„Sie hat ſich bei der Haushälterin zu ſehr mit dieſen Leuten vertraut gemacht,“ bemerkte Frau Poyſer.„Ich für meinen Theil habe auf die Diener⸗ ſchaft vornehmer Leute nie viel gehalten— ſie ſind meiſtens wie Schooßhündchen großer Damen, taugen weder zum Bellen noch zum Schlachten, ſondern ſind bloß zum Anſehen da.“ Und an einem andern Abend war ſie nach Treddleſton gegangen um einige Sachen einzukaufen, obſchon er ſie beim Heimgehen zu ſeiner großen Ueberraſchung ganz abſeits vom Wege nach Treddleſton antraf. Aber als er auf ſie zueilte, war ſie ungemein freundlich; nachdem er ſie bis ans Hofthor begleitet hatte, bat ſie ihn nochmal hereinzukommen. Sie ſei, erzählte ſie, von Tredd⸗ leſton her ein wenig weiter in die Felder hineinge⸗ gangen, weil ſie noch nicht habe heimgehen wollen; es ſei ſo hübſch da außen, und ihre Tante mache immer ſo viel Umſtände, bis ſie ihr endlich einmal einen Ausgang erlaube.„Bitte, kommen Sie mit herein,“ ſagte ſie, als er ihr am Thor die Hand reichen wollte, und dieſer Bitte konnte er nicht wi⸗ derſtehen. Er ging alſo hinein, und Frau Poyſer begnügte ſich mit einer flüchtigen Bemerkung daß Hetty ſpäter komme als ſie erwartet habe; Hetty aber, die bei der Begegnung niedergeſchlagen aus⸗ —..———-————— ,—.— — 19⁵ geſehen hatte, plauderte jezt ganz vergnügt und be⸗ diente die Geſellſchaft mit ungewöhnlicher Munterkeit. Dieß war das lezte Mal daß er ſie geſehen hatte, aber morgen dachte er ſich die Zeit zu einem Beſuch zu nehmen. Heute hatte ſie, das wußte er, ihre Nähſtunde bei der Kammerfrau auf dem Schloß; er wollte alſo am Abend ſoviel als möglich wegarbei⸗ ten um morgen frei zu ſein. Zu den Arbeiten die Adam zu beaufſichtigen hatte, heldei eine kleine Reparatur an dem Hauſe das bis⸗ eer der Amtmann Satchell bewohnt hatte, das aber der alte Herr jezt, wie es hieß, an einen hübſchen Mann in Stulpſtiefeln verpachten wollte, den man vor einigen Tagen über das Feld hatte hinreiten ſehen. Nur der Wunſch einen Pächter zu bekommen konnte es erklären daß der alte Herr eine Reparatur vornehmen ließ, obſchon die Samſtagsgeſellſchaft des Herrn Caſſon bei ihrer Pfeife Tabak darin überein⸗ gekommen war daß kein Menſch von fünf Sinnen das Haus nehmen könne, wenn er nicht etwas mehr Ackerland dazu bekomme. Wie dem ſein mochte, es . wurde ſchleunige Reparatur befohlen, und Adam be⸗ trieb ſie für Herrn Burge mit ſeiner gewöhnlichen Energie. Heute aber hatte er in Folge anderer Ge⸗ ſchäfte erſt ſpät Nachmittags kommen können, und nun entdeckte er daß ein altes Dachwerk das er ret⸗ ten zu können geglaubt hatte einzuſtürzen drohte. Aus dieſem Theil des Hauſes war offenbar nichts mehr zu machen, wenn man nicht das Ganze nieder⸗ riß, und Adam entwarf augenblicklich in ſeinem Kopfe einen Plan zum Wiederaufbau, wobei er die ſchön⸗ ſten Ställe für Kühe und Kälber nebſt nem Schu. 3 196 pen für das Ackergeräthe herſtellen wollte, und zwar ohne große Auslagen für Materialien. Als die Ar⸗ beiter ſich entfernt hatten, ſezte er ſich hin, zog ſeine Brieftaſche heraus, ſkizzirte einen Plan und machte einen Koſtenüberſchlag, den er am nächſten Morgen Burge zeigen wollte, damit er ihn dem alten Herrn vorlege. Alles, wenn es auch noch ſo gering war, recht zu machen war Adams größtes Vergnügen. Und ſo ſaß er denn auf einem Kloz, ſein Buch auf einem Zeichenbrett vor ſich, pfiff dann und wann leiſe da⸗ zwiſchen hinein und neigte ſeinen Kopf ſeitwärts mit einem juſt wahrnehmbaren Lächeln der Befriedigung, wo nicht des Stolzes, denn wenn Adam gerne gute Arbeit lieferte, ſo dachte er auch gerne: Ich habe es gemacht. Und ich glaube, die einzigen Leute die ſich von dieſer Schwäche frei wiſſen, ſind diejenigen die gar keine Werke ihr eigen nennen können. Es war beinahe ſieben Uhr bis er fertig wurde und ſeine Jacke wieder anzog; als er nun einen lezten Blick umherwarf, bemerkte er daß Seth, der heute hier ge⸗ arbeitet, ſeinen Korb mit dem Handwerkszeug hatteſ ſtehen laſſen. Hat der Junge ſein Handwerkszeug vergeſſen, dachte Adam, und ſoll doch morgen in der Werkſtatt arbeiten; ein ſo zerſtreuter Kerl iſt mir doch nie vorgekommen; er würde ſeinen Kopf vergeſſen wenn er nicht angewachſen wäre. Es iſt noch ein Glück daß ich's geſehen habe; ich wills mit heim⸗ nehmen. Die betreffenden Gebäude lagen an einem Ende des Parks, ungefähr zehn Minuten von der Abtei entfernt. Adam war auf ſeinem Klepper hergeritten und wollte denſelben auf dem Heimweg in den Stal 197 bringen. Dort traf er Herrn Craig, der hieher ge⸗ kommen war um das neue Pferd zu ſehen auf wel⸗ chem der Capitän übermorgen wegreiten wollte, und dieſer hielt ihn mit einer weitläufigen Schilderung auf, wie die ganze Dienerſchaft ſich am Hoſthor auf⸗ ſtellen wolle, um dem jungen Gutsherrn Glück auf den Weg zu wünſchen. Als daher Adam in den Park kam und mit dem Korb auf ſeiner Schulter dahin⸗ ſchritt, war die Sonne im Untergehen begriffen; ſie ſandte ihre hochrothen Strahlen am Boden hin zwi⸗ ſchen den großen alten Eichenſtämmen entlang, und übergoß jeden kahlen Fleck Erde mit einer flüchtigen Glorie, ſo daß er ausſah wie ein im Graſe funkeln⸗ der Juwel. Der Wind hatte ſich jezt gelegt, und es ging nur noch ein Lufthauch der die Blätter auf ihren zarten Stengeln bewegte. Wer den ganzen Tag da⸗ heim geſeſſen hatte, würde jezt gerne ſpazieren ge⸗ gangen ſein; aber Adam war lang genug in der freien Luft geweſen um ſeinen Heimweg abkürzen zu wollen, und dieſen Zweck glaubte er dadurch erreichen zu können daß er quer durch den Park und das Wäldchen ging, wo er ſchon ſeit Jahren nicht mehr geweſen war. Er eilte alſo mit großen Schritten auf den ſchmalen Pfaden zwiſchen dem Farnkraut dahin, und Gyp folgte ihm auf den Ferſen; er ver⸗ lor keine Zeit mit Betrachtung der prächtig wech⸗ ſelnden Beleuchtung, er dachte kaum daran, fühlte jedoch ihr Daſein in einer gewiſſen ruhigen glücklichen Scheu die ſich in ſeine Gedanken an die Tagesar⸗ beit miſchte. Wie konnte er ſich dieſer Empfindung erwehren? Selbſt die Thiere des Waldes hatten ſie und waren ſchüchtern. 198 Jezt kehrten ſeine Gedanken zu Herrn Craigs Bemerkungen über Arthur Donnithorne zurück; er malte ſich das Weggehen des jungen Herrn aus und die Aenderungen die bis zu ſeiner Rückkehr eintre⸗ ten würden; dann ſchweifte ſein Geiſt liebevoll über die alten Scenen kindlicher Cameradſchaft hin, und verweilte bei Arthurs guten Eigenſchaften, auf welche Adam ſtolz war, wie wir Alle auf die Tugenden eines Höhergeſtellten der uns Chre erweist ſtolz ſind. Eine ſo liebesbedürftige und ehrerbietige Natur wie Adam hängt mit einem großen Theil ihres Glücks von dem⸗ jenigen ab was ſie von andern glauben und fühlen kann, und Adam hatte keine ideale Welt von todten Helden; er wußte zu wenig vom Leben der Men⸗ ſchen und von der Vergangenheit; er mußte die Weſen an die er ſich mit liebender Bewunderung anklam⸗ mern konnte unter denjenigen finden mit denen er perſönlich ſprechen durfte. Dieſe angenehmen Ge⸗ danken an Arthur gaben ſeinem ſcharfen rauhen Ge⸗ ſicht einen ungewöhnlich milden Ausdruck; vielleicht waren ſie der Grund warum er, als er das alte grüne Gitterthor ins Wäldchen öffnete, ſtehen blieb um Gyp zu ſtreicheln und ihm ein freundliches Wort zu ſagen. Nach dieſer Pauſe ſchritt er von neuem rüſtig auf dem breiten gewundenen Pfad durch das Wäld⸗ chen weiter. Welch herrliche Buchen! Adams größte Freude war ein ſchöner Baum: wie das Auge des Fiſchers zur See am ſchärfſten ſieht, ſo waren Adams Wahrnehmungen bei Bäumen feiner als bei andern Dingen. Wie ein Maler behielt er ſie mit allen Flecken und Knorren in ihrer Rinde, allen Biegungen 199 und Winkeln in ihren Zweigen feſt im Gedächtniß: er hatte oft die Höhe und den Cubikinhalt eines Stammes auf das Genaueſte berechnet wenn er da⸗ bei ſtand und ihn anſah. Kein Wunder daß er bei all ſeiner Eile ſichs nicht verſagen konnte ſtehen zu bleiben und eine intereſſante große Buche zu betrach⸗ ten die er an einer Biegung des Weges erblickte; er wollte ſich überzeugen ob es nicht zwei zuſammen⸗ gewachſene Bäume ſeien, ſondern bloß einer. Sein Leben lang erinnerte er ſich an den Augenblick wo er ruhig dieſe Buche betrachtete, wie einer ſich an den lezten Blick auf die Heimath ſeiner Jugend er⸗ innert, ehe der Weg ſich wandte und er ſie nicht mehr ſah. Die Buche ſtand an der lezten Biegung bevor das Wäldchen nach Oſten in einen Laubgang endete, und als Adam von dem Baume zurücktrat um ſeinen Weg fortzuſetzen, fielen ſeine Augen auf zwei Geſtalten die ſich ungefähr zwanzig Schritte vor ihm befanden. Regungslos wie eine Bildſäule und beinahe eben ſo blaß blieb er ſtehen. Die zwei Geſtalten ſtanden ſich gegenüber und hatten zum Abſchied einander die Hände gereicht; ſie neigten ſich eben zum Kuſſe einander, als Gyp aus dem Gebüſche hervorrauſchte und bei ihrem Anblick ein lautes Gebell aufſchlug. Sie fuhren erſchrocken auseinander, die eine huſchte zum Pförtchen hinaus, die andere wandte ſich um und ſchritt langſam, beinahe ſchlendernd, auf Adam zu, der noch immer blaß und wie angewurzelt da⸗ ſtand, den Stock woran er ſeinen Korb trug feſter packte und die herannahende Geſtalt mit Augen be⸗ 200 trachtete worin die Beſtürzung ſich raſch in grimmi⸗ gen Troz verwandelte. Arthur Donnithorne ſah erhitzt und aufgeregt aus; er hatte unangenehme Gefühle dadurch zu ver⸗ ſcheuchen geſucht daß er heute über Tiſch etwas mehr Wein getrunken als gewöhnlich, und er befand ſich noch ſo ſehr unter dem ſchmeichelnden Einfluß des Getränkes, daß er dieſes unerwünſchte Zuſammen⸗ treffen mit Adam leichter nahm als er ſonſt gethan haben würde. Im Ganzen, meinte er, war es noch gut daß gerade Adam und ſonſt Niemand ihn mit Hetty zuſammen geſehen hatte: Adam war ein ver⸗ nünftiger Burſche der es gewiß nicht ausſchwazte. Arthur hoffte mit Beſtimmtheit die Sache hinweg⸗ lachen und ihm allen Verdacht ausſchwazen zu kön⸗ nen, und ſo ſchlenderte er mit ſtudirter Sorgloſigkeit heran— ſein rothes Geſicht, ſein feines weißes Sommerröckchen, ſeine weißen mit Ringen beſezten Hände, die halb in ſeinen Weſtentaſchen ſteckten, Alles trat jezt deutlicher hervor in dieſer wunder⸗ baren Abendbeleuchtung, welche die hellen Wolken hoch am Himmel vergoldete und ſich zwiſchen den Spizen der Bäume über ihn herab ergoß. Adam ſtand noch immer bewegungslos da und ſchaute dem Kommenden entgegen. Jezt begriff er Alles— das Medaillon und was ihm ſonſt noch zweifelhaft geweſen; ein furchtbares verſengendes Licht zeigte ihm die verborgene Schrift die der Ver⸗ gangenheit eine andere Bedeutung gab. Hätte er eine Muskel bewegt, ſo wäre er unſehlbar wie ein Tiger auf Arthur losgeſprungen, aber in dem Wider⸗ 201 ſtreit der Gefühle der dieſe langen Augenblicke aus⸗ füllte, hatte er ſich gelobt ſeine Leidenſchaft zu be⸗ herrſchen und nur das Nöthigſte zu ſagen. Er ſtand wie von einer unſichtbaren Kraft verſteinert da; aber die Kraft war ſein eigener ſtarker Wille. „Nun Adam,“ ſagte Arthur,„haben Sie ſich die ſchönen alten Buchen angeſehen? Ihnen darf die Axt nicht nahe kommen; dieß iſt ein heiliger Hain. Ich habe die hübſche kleine Sorrel eingeholt, als ich in meine Höhle, dieſe Einſiedelei da, gehen wollte. Sie ſollte dieſen Weg da nicht ſo ſpät nach Hauſe gehen. Ich begleitete ſie daher bis ans Pförtchen und erbat mir für meine Mühe einen Kuß. Aber ich muß jezt zurück, denn dieſer Weg iſt verdammt feucht. Gute Nacht, Adam: ich werde Sie morgen ſehen,— ich muß Ihnen doch Adieu ſagen.“ Arthur war zu ſehr mit ſeiner eigenen Rolle be⸗ ſchäftigt, als daß er den Ausdruck auf Adams Ge⸗ ſicht genau wahrgenommen hätte. Er ſah ihm nicht in die Augen, ſondern ließ ſeine Blicke nachläßig über die Bäume hinſchweifen, und dann hob er einen Fuß auf um ſeine Stiefelſohle zu betrachten. Er wollte nicht mehr ſagen; er hatte dem ehrlichen Adam vollkommen genug Staub in die Augen geworfen, und er ging weiter während er die lezten Worte ſprach. „Halt Herr!“ ſagte Adam hart und entſchieden, ohne ſich umzuwenden;„ich habe ein Wort mit Ihnen zu ſprechen.“ Arthur blieb überraſcht ſtehen. Empfängliche Leute werden durch einen Wechſel des Tones ſtärker ergriffen als durch unerwartete Worte, und Arthur 202 hatte die Empfänglichkeit einer zugleich liebevollen und eiteln Natur. Noch mehr überraſchte es ihn daß Adam ſich gar nicht bewegte, ſondern ihm den Rücken zugekehrt hielt, als forderte er ihn auf zurückzukom⸗ men. Was konnte er damit meinen? Am Ende wollte er die Sache ernſthaft nehmen, der verdammte Schlingel! Arthur fühlte daß ihm die Galle ſtieg. Die Neigung den Protector zu ſpielen hat ihre ſchlimme Seite, und in dem Gewirr von Aerger und Unruhe überkam ihn das Gefühl daß ein Menſch dem er ſo viele Gunſt erwieſen habe wie dieſem Adam, durchaus nicht in der Lage ſei ſein Benehmen criti⸗ ſiren zu können. Und doch fühlte er ſich von ihm beherrſcht, wie einer der ſich ſeines Unrechts bewußt iſt, ſich immer von dem Manne beherrſcht fühlt an deſſen guter Meinung ihm viel liegt. Troz ſeines Stolzes und Aergers lag eben ſo viel Abbitte als Zorn in ſeiner Stimme, als er ſagte: „Was ſoll das heißen, Adam?“ „Das ſoll heißen, Herr,“ antwortete Adam in demſelben barſchen Tone und noch immer ohne ſich umzuwenden,„das ſoll heißen, Herr, daß Sie mich mit Ihren glatten Worten nicht täuſchen. Dieß iſt nicht das erſte Mal daß Sie Hetty Sorrel in die⸗ ſem Walde getroffen, und auch nicht das erſte Mal daß Sie das Mädchen geküßt haben.“ Arthur befand ſich in einer bangen Ungewißheit in wie weit Adam aus wirklicher Kenntniß oder auf bloße Vermuthung hin ſpreche. Dieſe Ungewißheit ließ ihn keine kluge Antwort finden, ſondern ſteigerte ſeinen Aerger. Er nahm einen hohen, ſcharfen Ton an und ſagte: 203 „Nun und was dann?“ „Was dann? Statt wie der rechtſchaffene ehren⸗ hafte Mann zu handeln wofür wir Alle Sie hielten, haben Sie wie ein ſelbſtſüchtiger leichtſinniger Schuft gehandelt. Sie wiſſen ſo gut wie ich, wohin es führt wenn ein vornehmer Herr wie Sie ein junges Mädchen wie Hetty küßt, mit ihr liebelt und ihr Geſchenke gibt die ſie vor den Leuten nicht zu zeigen wagt. Und ich ſage es noch einmal, Sie handeln wie ein ſelbſtſüchtiger, leichtſinniger Schuft, obſchon es mir ins Herz ſchneidet ſo zu ſprechen und ich lieber meine rechte Hand verloren haben möchte.“ „Ich muß Ihnen ſagen, Adam,“ verſezte Arthur, indem er ſeinen ſteigenden Aerger zügelte und in ſeinen nachläſſigen Ton zurückzukommen ſuchte,„Sie ſind nicht bloß verteufelt unverſchämt, ſondern Sie ſchwazen auch Unſinn. Nicht jedes hübſche Mädchen iſt ſo ein Narr wie Sie, um zu glauben daß ein vornehmer Herr, wenn er ihre Schönheit bewundere und ihr einige Aufmerkſamkeit ſchenke, ſich etwas Beſonderes dabei denken müſſe. Jeder Mann macht einem hübſchen Mädchen gerne den Hof, und jedes hübſche Mädchen läßt ſich das gerne gefallen. Je größer der Abſtand zwiſchen ihnen iſt, um ſo weniger ſchadet die Sache, um ſo weniger wird ſie ſich täu⸗ ſchen laſſen.“ „Ich weiß nicht was Sie unter Hofmachen ver⸗ ſtehen,“ entgegnete Adam;„aber wenn es ſo viel heißen will daß man ſich gegen ein Mädchen ſtellt als ob man ſie liebe, während man ſie doch nicht liebt, ſo ſage ich daß ein ehrlicher Mann nicht ſo handelt, und was nicht ehrlich iſt, das bringt Un⸗ — — —— — 204 heil. Ich bin kein Narr und Sie auch nicht; Sie wiſſen die Sachen beſſer als Sie ſagen. Sie wiſſen es recht gut daß Ihr Benehmen gegen Hetty nicht unter die Leute kommen dürfte, ohne daß das Mäd⸗ chen ihren Ruf verlieren, ohne daß über ſie ſelbſt und ihre Verwandten Schande und Kummer gebracht würde. Haben Sie ſich wirklich bei Ihren Küſſen und Geſchenken nichts Anders gedacht? Das glaubt Ihnen kein Menſch, und ſagen Sie mir nur nicht daß Hetty ſich nicht ſelbſt angelogen habe. Ich ſage Ihnen, Sie haben ihren Kopf ſo mit den Gedanken an Sie erfüllt, daß leicht ihr ganzes Leben dadurch vergiftet werden kann, und ſie wird nie einen Andern lieben der ein guter Mann für ſie geworden wäre.“ Es fiel Arthur wie ein Centnerſtein vom Herzen als Adam ſo redete. Er erſah daraus daß Adam nichts Beſtimmtes wußte, und daß die unglückſelige Begegnung von heute Abend noch kein unwiderbring⸗ liches Unheil geſtiſtet hatte. Adam ließ ſich vielleicht noch täuſchen. Der aufrichtige Arthur hatte ſich in eine Stellung gebracht worin ſeine einzige Hoffnung auf einer erfolgreichen Lüge beruhte. Dieſe Hoffnung beſänftigte ihn ein wenig. „Nun Adam,“ ſagte er im Tone freundlichen Zugeſtändniſſes,„Sie haben vielleicht Recht. Viel⸗ leicht bin ich ein wenig zu weit gegangen, daß ich dem hübſchen kleinen Ding zu viel Aufmerkſamkeit ſchenkte und ihr von Zeit zu Zeit einen Kuß raubte; Sie ſind ein ſo ernſthafter geſezter Mann und be⸗ greifen die Verſuchung zu einer ſolchen Kleinigkeit nicht. Ich möchte um Alles in der Welt Hetty oder ihren Verwandten keinen Verdruß und Kummer 20⁵ machen. Aber ich glaube daß Sie die Sache ein wenig zu ernſthaft nehmen. Sie wiſſen, ich reiſe jezt fort und kann alſo keine ſolche Mißgriffe mehr begehen. Aber laſſen Sie uns jezt gute Nacht neh⸗ men“— hier wandte ſich Arthur um zu gehen— „und nicht mehr von der Sache reden. Die ganze Geſchichte wird bald vergeſſen ſein.“ „Nein bei Gott,“ ſchrie Adam mit einer Wuth die er nicht mehr beherrſchen konnte, indem er den Korb wegwarf und voranſchritt bis er Arthur gegen⸗ über ſtand. Seine ganze Eiferſucht und das Be⸗ wußtſein erlittener Beleidigung, die er bisher nieder⸗ zuhalten geſucht hatte, war jezt in die Höhe geſchnellt und hatte ihn überwältigt. Wer von uns Allen hätte je in den erſten Augenblicken eines brennenden Schmerzes auf den Gedanken kommen können, daß der Mitmenſch der uns die Wunde geſchlagen nicht die Abſicht gehabt habe uns zu verlezen? In unſerer inſtinctmäßigen Rebellion gegen den Schmerz werden wir wieder zu Kindern und verlangen einen thätigen Willen an dem wir unſere Rache üben können. Adam konnte in dieſem Augenblick nichts Anderes fühlen als daß Hetty ihm geraubt worden ſei, verrätheriſch geraubt von dem Manne dem er ſein ganzes Ver⸗ trauen geſchenkt, und er ſtand jezt Arthur mit grim⸗ mig funkelnden Augen, mit bleichen Lippen und ge⸗ ballten Fäuſten gegenüber; die harten Töne in welchen er bisher nur eine gerechte Entrüſtung aus⸗ zudrücken ſich bemüht hatte, wichen einer tiefen erregten Stimme die ihn zu ſchütteln ſchien während er alſo ſprach: Mein, es wird nicht bald vergeſſen ſein daß Sie 206 zwiſchen mich und Hetty getreten ſind, während ſie mich vielleicht geliebt hätte— es wird nicht bald vergeſſen ſein daß Sie mir mein Glück geraubt haben, während ich Sie für meinen beſten Freund hielt und für einen edelherzigen Mann, für den ich mit Stolz arbeitete. Und Sie haben ſie geküßt und ſich weiter Nichts dabei gedacht, nicht wahr? Ich habe ſie nie in meinem Leben geküßt, aber ich würde Jahre lang hart gearbeitet haben um ſie küſſen zu dürfen. Und Sie nehmen das ſo leicht! Sie halten es für Nichts Dinge zu thun die andern Leuten ſchaden können, wenn Sie nur einen Spaß haben bei dem Sie ſich nichts denken. Ich trete Ihre Gunſtbezeugungen in den Staub, denn Sie ſind nicht der Mann für den ich Sie hielt. Ich werde Sie nie mehr als meinen Freund betrachten. Ich wollte lieber, Sie ſtänden mir als Feind gegenüber und ſchlügen ſich hier auf der Stelle mit mir— dieß iſt die einzige Genug⸗ thuung die Sie mir geben können.“ Der arme Adam! Von einer Wuth beſeſſen die ſich nicht anders Luft zu ſchaffen wußte, begann er ſein Wamms und ſeine Müze auf den Boden zu wer⸗ fen, und hatte in ſeiner leidenſchaftlichen Verblendung die Veränderung nicht bemerkt die bei ſeinen Worten mit Arthur vorgegangen war. Die Lippen des Edelmanns waren jezt ſo blaß wie die ſeines Geg⸗ ners; ſein Herz ſchlug gewaltſam. Die Bemerkung daß Adam Hetty liebte erſchütterte ihn dermaßen, daß er ſich in demſelben Licht erblickte wie Adam in ſeiner Entrüſtung, und daß er deſſen Leiden nicht bloß als eine Folge, ſondern als ein Element ſeiner Schuld betrachtete. Die Worte Haß und Verachtung, 207 die er zum erſten Mal in ſeinem Leben gehört hatte, ſchmerzten ihn wie brennende Pfeile deren Narben ſich nie würden verwiſchen laſſen. Die Stüze der Selbſtentſchuldigung, die ſelten ganz aufhört ſo lange Andere uns achten, verließ ihn auf eine Weile, und er ſtand jezt Auge um Auge dem erſten großen und unwiderruflichen Uebel gegenüber das er je verſchuldet hatte. Er war erſt einundzwanzig Jahre alt, und noch vor drei Monaten, ja noch vor viel kürzerer Zeit hatte er ſich mit dem ſtolzen Gedanken getragen, es ſolle ihm nie Jemand einen gerechten Vorwurf machen können. Wäre ihm Zeit dazu geblieben, ſo würde er vielleicht jezt gerne Worte der Verſöhnung geſprochen haben; aber Adam hatte kaum Rock und Müze abgeworfen, ſo bemerkte er daß Arthur blaß und regungslos daſtand, und daß ſeine Hände noch immer in ſeinen Weſtentaſchen ſteckten. „Was!“ ſagte er,„Sie wollen nicht wie ein Mann mit mir kämpfen? Sie wiſſen wohl daß ich Sie nicht ſchlage ſo lange Sie ſo daſtehen.“ „Gehen Sie weg, Adam,“ ſagte Arthur,„ich werde mich nicht mit Ihnen ſchlagen.“ „Nicht?“ rief Adam erbittert;„Sie wollen ſich nicht mit mir ſchlagen? Sie halten mich für einen gemeinen Mann den Sie beleidigen können ohne ihm dafür Rede zu ſtehen?“ „Ich habe Sie nie beleidigen wollen,“ ſagte Arthur, deſſen Galle ſich wieder regte.„Ich wußte nicht daß Sie das Mädchen liebten.“ „Aber Sie haben ſie in ſich verliebt gemacht,“ ſagte Adam.„Sie ſind ein Mann ohne Treu und Glauben — ich werde Ihnen nie wieder ein Wort glauben.“ „Gehen Sie, ſage ich Ihnen,“ entgegnete Arthur zornig,„oder wir werden es Beide zu bereuen haben.“ „Nein,“ erklärte Adam mit krampfhafter Stimme, „ich erkläre Ihnen daß ich nicht gehe ohne mich mit Ihnen geſchlagen zu haben. Brauchen Sie noch mehr um gereizt zu werden? Ich ſage Ihnen, Sie ſind ein Feigling und ein Schuft, und ich verachte Sie.“ Arthur war feuerroth geworden: im Nu ballte ſich ſeine weiße Rechte und führte blizſchnell einen ſolchen Schlag gegen Adam, daß er zurücktaumelte. Sein Blut kochte jezt eben ſo ſehr wie in Adams Adern. Die beiden Männer vergaßen alle ihre frühern Empfindungen gegen einander und bekämpften ſich mit der inſtinetmäßigen Wuth von Panthern, während das Zwielicht unter den Bäumen immer dunkler wurde. Der zarthändige Gentleman war dem Handwerker in Allem gewachſen, nur nicht in der Kraft, und vermöge ſeiner Geſchicklichkeit im Pariren war Arthur im Stande den Kampf um einige lange Augenblicke hinauszuziehen. Aber unter Un⸗ bewaffneten gehört das Schlachtfeld immer dem Starken, wenn er nicht allzu täppiſch iſt, und Arthur mußte unter einem wohlgeführten Schlag Adams er⸗ liegen, wie ein ſtählerner Stab von einer eiſernen Stange zerbrochen wird. Der Schlag kam bald, und Arthur ſiel mit dem Kopf in einen Farnkrautbuſch, ſo daß Adam nur noch ſeinen dunkel gekleideten Leib zu erkennen vermochte. Da ſtand er jezt in dem trüben Zwielicht und wartete bis Arthur ſich erheben würde. Den Schlag zu welchem er alle Kraft ſeiner Nerven und Mus⸗ 209 keln zuſammengenommen, hatte er jezt verſezt, und was half es ihm? Was hatte er mit dieſem Zwei⸗ kampf gewonnen? Er hatte bloß ſeine eigene Leiden⸗ ſchaft befriedigt, bloß ſeiner eigenen Rache Genüge geleiſtet. Er hatte Hetty nicht gerettet, die Ver⸗ gangenheit nicht verändert, ſie war noch ganz da wie ſie geweſen, und nun eckelte ihn vor der Ver⸗ geblichkeit ſeiner eigenen Wuth. Aber warum ſtand Athur nicht auf? Er lag gänzlich regungslos da, und die Zeit ſchien Adam ſehr lang. Barmherziger Gott! Wenn der Schlag zu ſtark geweſen wäre! Adam ſchauderte bei dem Gedanken an ſeine eigene Kraft, und überwältigt von dieſer Angſt kniete er neben Arthur nieder und richtete ſeinen Kopf unter dem Farnkraut empor. Da war kein Lebenszeichen: Augen und Zähne ge⸗ ſchloſſen. Adam wurde jezt von einem Schauder erfaßt der ihn gänzlich überwältigte, ſo daß er das Schlimmſte glaubte. Sein einziges Gefühl war daß der Tod auf Arthurs Geſicht liege, und daß er ſelbſt nicht zu rathen und zu helfen wiſſe. Er machte keine Bewegung, ſondern blieb auf ſeinen Knieen liegen, wie ein Bild der Verzweiflung das über ein Bild des Todes hinſtarrt. Achtundzwanzigſtes Capitel. Entweder— oder. Es waren nur wenige Minuten verſtrichen, die aber Adam unendlich lange ſchienen, als er einen Eliot, Avam Bede. II. 14 210 Schimmer von Bewußtſein auf Arthurs Geſicht und ein leiſes Beben an ſeinem Körper bemerkte. Die unendliche Freude die ſeine Seele überfluthete brachte auch Etwas von der alten Zuneigung zurück. „Haben Sie Schmerzen, Herr?“ fragte er zärt⸗ lich, indem er Arthurs Halsbinde löste. Arthur ſtarrte ihn mit einem leeren Blick an, fuhr aber dann etwas erſchrocken zuſammen, als kehrte plözlich ſeine Erinnerung zurück. Aber er bebte nur von Neuem und ſagte Nichts. „Fühlen Sie eine Verlezung, Herr Arthur?“ fragte Adam wieder mit zitternder Stimme. Arthur legte die Hand auf ſeine Weſtenknöpfe, und als Adam ſie geöffnet hatte, holte er länger Athem.„Legen Sie meinen Kopf nieder,“ ſagte er ſchwach,„und holen Sie mir Waſſer wenn Sieß können.“ Adam legte den Kopf wieder ſanft auf das Farn⸗ kraut, leerte den Flieſenkorb worin er ſein Arbeits⸗ zeug hatte, und eilte zwiſchen den Bäumen hindurch dac dem Bache der am Rande des Wäldchens hin⸗ floß. Als er mit ſeinem lecken, aber noch immer halb⸗ vollen Korbe zurückkam, ſchaute Arthur ihn bereits) mit vollſtändig wieder erwachtem Bewußtſein an. „Können Sie aus Ihrer Hand trinken, Herr?“ fragte Adam, indem er von Neuem niederkniete um Arthurs Kopf aufzurichten. „Nein,“ ſagte Arthur,„tauchen Sie mein Hals⸗ tuch hinein und laſſen Sie mir's auf den Kopf träufeln.“ Das Waſſer ſchien ihm wohlzuthun, denn er rich⸗ 211 tete ſich jezt auf Adams Arm geſtüzt etwas höher empor. „Fühlen Sie eine innere Verlezung, Herr?“ fragte Adam wieder. „Nein, keine Verlezung,“ antwortete Arthur noch immer matt,„aber ich fühle mich äußerſt ſchwach.“ Nach einer Weile ſagte er:„Ich glaube, ich bin ohnmächtig geworden als Sie mich zu Boden ſchlugen.“ „Ja, Herr, Gott ſei Dank,“ antwortete Adam. „Ich dachte es wäre etwas Schlimmeres.“ „Wie! Sie dachten, Sie hätten mir den Gar⸗ aus gemacht, he? Helfen Sie mir jezt auf meine Beine.“ „Ich fühle mich ſchrecklich unſicher und ſchwinde⸗ lig,“ fuhr Arthur fort, als er auf Adams Arm ge⸗ lehnt daſtand;„Ihr Schlag muß wie ein Sturm⸗ bock über mich hergefahren ſein; ich glaube nicht daß ich allein gehen kann.“ „Stüzen Sie ſich auf mich, Herr; ich will Sie führen,“ ſagte Adam.„Oder wollen Sie ſich nicht noch ein wenig ſezen, hier auf meinen Rock? Ich will Sie ſtüzen. Vielleicht werden Sie in ein Paar Minuten beſſer.“ „Nein,“ ſagte Arthur.„Ich will in die Einſie⸗ delei gehen— ich glaube daß ich ein wenig Cognac dort habe. Nur einige Schritte vorwärts, nahe beim Pförtchen, iſt ein kleiner Weg dahin. Helfen Sie mir nur ein wenig weiter.“ Sie gingen langſam, mit häufigen Unterbrechun⸗ gen, ohne zu ſprechen. Bei Beiden hatte die Ver⸗ ſunkenheit in die Gegenwart, welche die erſten Augen⸗ 14* 212 blicke von Arthurs Erholung begleitete, jezt einer lebhaften Erinnerung an vorhergegangene Scenen Plaz gemacht. Es war beinahe dunkel auf dem ſchmalen Pfad unter den Bäumen, aber zwiſchen den Fichten um die Einſiedelei hindurch konnte der auf⸗ ſteigende Mond die Fenſter beſcheinen. Auf dem dicken Teppich der Tannennadeln verhallten ihre Schritte geräuſchlos, und die äußere Stille ſchien ihr inneres Bewußtſein zu erhöhen, als Arthur den Schlüſſel aus ſeiner Taſche zog und Adam erſuchte die Thüre zu öffnen. Adam wußte Nichts davon daß Arthur die alte Einſiedelei möblirt und für ſich eingerichtet hatte, und mit Ueberraſchung ſah er jezt ein hübſches Zimmer das augenſcheinlich viel bewohnt wurde. Arthur ließ Adams Arm los und warf ſich auf die Ottomane.„Sie werden irgendwo meine Jagd⸗ flaſche finden,“ ſagte er.„Ein ledernes Futteral mit Flaſche und Glas darin.“ Adam brauchte nicht lange zu ſuchen.„Es iſt nur noch ein wenig Cognac darin, Herr,“ ſagte er, indem er die Flaſche an das Fenſter hielt und dann einſchenkte;„kaum dieſes Gläschen voll.“ „Schon gut, geben Sie's her,“ erwiderte Arthur mit dem Eigenſinn körperlicher Herabſtimmung. Er ſchlürfte einigemal, und dann ſagte Adam:„Soll ich nicht nach dem Schloß gehen, Herr, und noch etwas Cognac holen? ich kann ſehr bald wieder da ſein. Sie werden einen mühſamen Heimweg haben, wenn Sie ſich nicht vorher erquicken.“ „Ja, gehen Sie, aber ſagen Sie nicht daß ich unwohl bin. Fragen Sie nach meinem Lakaien Pym; — 213 er ſolle ſich von Mills Cognac geben laſſen und Niemand ſagen daß ich in der Einſiedelei bin. Brin⸗ gen Sie auch Waſſer mit.“. Adam war froh daß er Etwas zu thun hatte, und für Beide war es eine große Erleichterung daß ſie auf kurze Zeit von einander loskamen. Aber Adams raſcher Gang vermochte die Qual ſeiner Ge⸗ danken nicht zu lindern: mit verdoppeltem Schmerz verlebte er die lezte unglückſelige Stunde zum zwei⸗ ten Mal und ſchaute auf die neue traurige Zukunft hinaus. Als Adam weg war, blieb Arthur noch einige Minuten ruhig liegen; nun aber erhob er ſich ſchwach von der Ottomane und ſchaute langſam ſuchend in dem gebrochenen Mondlicht umher. Endlich fand er ein Stümpchen Wachslicht das unter einem Haufen von Schreib⸗ und Zeichenmaterialien lag; noch län⸗ ger mußte er nach den Mitteln zum Anzünden ſuchen, und als dieß endlich gelungen war, ging er vorſichtig im Zimmer umher, als wollte er ſich verſichern ob Etwas da ſei oder nicht. Endlich hatte er ein kleines Ding gefunden das er zuerſt in ſeine Taſche ſteckte, nach weiterer Ueberlegung aber wieder herausnahm und tief in einen Papierkorb ſtieß. Es war ein rothſeidenes Frauentüchlein. Er ſtellte das Licht auf den Tiſch und warf ſich erſchöpft von der Anſtren⸗ gung wieder auf die Ottomane. Als Adam mit ſeinen Vorräthen zurückkam, er⸗ wachte Arthur aus ſeinem Schlummer. „Das iſt gut,“ ſagte er;„ein ſtärkender Trank thut mir verdammt Noth.“ „Es freut mich daß Sie ein Licht haben, Herr,“ 214 ſagte Adam.„Ich habe mir ſchon gedacht, ich hätte um eine Laterne bitten ſollen.“ „Nein, nein: das Licht wird lang genug brennen; ich werde bald ſo weit ſein, daß ich nach Hauſe ge⸗ hen kann.“. „Ich kann nicht gehen bevor ich Sie ſicher zu Hauſe weiß,“ ſagte Adam nach einigem Zögern. „Nein, es iſt beſſer, Sie bleiben noch— ſezen Sie ſich.“ Adam nahm Plaz, und nun ſaßen ſie in unbe⸗ haglichem Schweigen einander gegenüber, während Arthur langſam einen Grog trank der ihn ſichtlich erfriſchte. Er begann jezt bequemer zu liegen, und ſah aus als hätte er körperlich weit weniger zu lei⸗ den. Adam beobachtete dieſe Symptome aufs Ge⸗ naueſte, und da ſeine Angſt um Arthurs Zuſtand ſich zu legen begann, ſo regte ſich um ſo ſtärker wie⸗ der jene Ungeduld die Jedermann kennt, deſſen gerechte Entrüſtung durch die körperlichen Umſtände des Schul⸗ digen gehemmt worden iſt. Dennoch hatte er Etwas auf dem Herzen was er thun mußte bevor er ſeine Vorwürfe wieder beginnen konnte: er mußte geſtehen daß er in ſeinen Aeußerungen zu weit gegangen war. Vielleicht ſehnte er ſich um ſo mehr nach Ge⸗ legenheit zu dieſem Geſtändniß, weil er dann ſeiner Entrüſtung wieder freien Lauf laſſen konnte, und als er an verſchiedenen Zeichen ſah daß Arthur ſich er⸗ holte, ſo kamen ihm die Worte immer und immer wieder auf die Lippen, wurden aber ſtets wieder durch die Betrachtung zurückgedrängt daß es wohl am Beſten ſein würde Alles bis morgen ruhen zu laſſen. So lange ſie ſchwiegen, ſahen ſie einander 215 nicht an, und eine Ahnung ſagte Adam daß, ſobald ſie wieder mit voller Erinnerung an das Geſchehene mit anander ſprächen, mit vollem Bewußtſein ein⸗ ander ins Geſicht ſchauten, der Sturm von Neuem losbrechen müſſe. Sie ſaßen alſo ſchweigend da bis das Wachsſtümpchen tief in den Leuchter hinunter⸗ gebrannt war, und inzwiſchen wurde die Stille im⸗ mer qualvoller für Adam. Arthur hatte ſich ſo eben wieder einigen Grog zurecht gemacht, einen Arm unter ſeinen Kopf gelegt und behaglich ein Bein heraufgezogen, und nun fühlte Adam eine unwider⸗ ſtehliche Verſuchung ſeine Herzensmeinung auszu⸗ ſprechen. „Sie fühlen ſich doch wieder viel beſſer, Herr?“ begann er, als das Licht ausging und ſie nun im ſchwachen Mondſchein halbverborgen einander gegen⸗ über ſaßen. „Ja: ich bin zwar noch lange nicht wieder wohl, ich fühle mich noch ſehr träge und matt, aber ich will doch heimgehen, wenn ich dieſes Glas vollends getrunken habe.“ Es entſtand eine kleine Pauſe, dann begann Adam von Neuem: „Der Zorn hat mich überwältigt, und ich habe Dinge geſagt die nicht wahr ſind. Ich hatte kein Recht ſo zu ſprechen, als ob Sie mich abſichtlich be⸗ leidigt hätten: Sie konnten das nicht wiſſen; ich habe meine Liebe zu Hetty immer möglichſt geheim gehalten.“ Er pauſirte von Neuem bevor er fortfuhr: 3„Und vielleicht habe ich Sie zu hart beurtheilt— ich verfalle leicht in dieſen Fehler; Sie haben wohl 216 mehr aus Gedankenloſigkeit gehandelt, als ich bei einem Mann von Herz und Gewiſſen für möglich gehalten hätte. Wir ſind nicht alle gleich geſchaffen und verkennen einander leicht. Gott weiß daß es meine größte Freude wäre wenn ich das Beſte von Ihnen denken könnte.“ Arthur wäre am liebſten nach Hauſe gegangen ohne überhaupt noch etwas zu ſprechen; er war gei⸗ ſtig zu ſchmerzlich angegriffen und körperlich zu ſchwach um dieſen Abend noch eine weitere Erklärung zu wünſchen. Und doch war es ihm eine Erleichterung daß Adam die Sache wieder in einer Art aufs Ta⸗ pet brachte die ihm das Antworten am wenigſten erſchwerte. Arthur befand ſich in der unglücklichen Lage eines ehrlichen edlen Mannes der einen Fehler begangen hat, in deſſen Folge er eine Täuſchung für nothwendig hält. Den natürlichen Drang Wahr⸗ heit mit Wahrheit zu erwidern, einem offenen Be⸗ kenntniß mit Vertrauen entgegen zu kommen, mußte er unterdrücken, und die Pflicht war für ihn eine Frage der Tactik geworden. Seine That fiel auf ihn ſelbſt zurück, ſie beherrſchte ihn bereits tyranniſch und zwang ihn zu einem Benehmen gegen welches ſein natür⸗ liches Gefühl ſich ſträubte. Das Einzige was noch zuläſſig ſchien war, daß er Adam ſo ſehr als mög⸗ lich täuſchte und ihm eine beſſere Meinung von ſich beibrachte als er wirklich verdiente, und als er Adams ehrlichen Widerruf, als er die wehmüthige Klage hörte womit er ſchloß, da mußte er ſich freuen über den Reſt von unwiſſendem Vertrauen der ſich darin kundgab. Er antwortete nicht ſogleich, denn er mußte ſich jezt klug zeigen, nicht wahrheitsliebend. 3 „Sprechen Sie nicht mehr über unſern Zorn, Adam,“ ſagte er endlich ſehr matt, denn das Reden kam ihm ſauer an;„ich verzeihe Ihnen Ihre augen⸗ blickliche Ungerechtigkeit; ſie war bei den übertriebe⸗ nen Begriffen die Sie im Kopf haben vollkommen natürlich. Wir werden noch troz unſeres Streites wieder Freunde werden. Sie haben mich überwältigt, und das war ganz recht, denn ich glaube daß ich am meiſten Unrecht hatte. Kommen Sie, geben Sie mir die Hand.“ Arthur ſtreckte ſeine Hand aus, aber Adam blieb ruhig ſizen. „Ich will dazu nicht Nein ſagen, Herr,“ ſagte er, „aber die Hand kann ich Ihnen nicht geben, bis ich weiß was Sie darunter verſtehen. Ich hatte Unrecht in meiner Behauptung daß Sie mich wiſſentlich be⸗ leidigt hätten, aber ich hatte Recht in dem was ich von Ihrem Benehmen gegen Hetty ſagte, und bevor Sie dieſes beſſer aufgeklärt haben, kann ich Ihnen nicht die Hand geben, wie wenn Sie noch mein Freund wären wie früher.“ Arthur ſchluckte ſeinen Stolz und Aerger hinab, indem er ſeine Hand zurückzog. Er ſchwieg einige Augenblicke, dann ſagte er ſo gleichgiltig als möglich: „Ich weiß nicht was Sie unter Aufklärung ver⸗ ſtehen, Adam. Ich habe Ihnen bereits geſagt daß Sie eine kleine Liebelei viel zu ernſthaft nehmen. Aber wenn Sie auch mit Recht glauben daß die Sache eine Gefahr haben könnte, ſo gehe ich ja am Sam⸗ ſtag weg und dann hat Alles ein Ende. Daß es Ihnen Schmerz gemacht hat, bedaure ich herzlich. Mehr kann ich nicht ſagen.“ — 1 218 Adam ſagte nichts, ſondern erhob ſich von ſeinem Stuhl und ſtellte ſich an ein Fenſter, als ſchaute er auf die dunkeln mondbeglänzten Fichten hinaus; in Wahrheit aber hatte er keinen andern Gedanken als den Streit in ſeinem Innern. Sein Entſchluß erſt morgen zu ſprechen half jezt nichts mehr: er mußte jezt und ſogleich ſprechen; aber es währte meh⸗ rere Minuten bevor er ſich umwandte und näher zu Arthur trat; er blieb dann ſtehen und ſchaute auf den Daliegenden hinab. „Es wird für mich am beſten ſein offen zu ſprechen,“ ſagte er mit augenſcheinlicher Anſtrengung,„obſchon es mich hart ankommt. Sie ſehen, Herr, das iſt für mich keine Kleinigkeit, was es auch für Sie ſein mag. Ich gehöre nicht zu den Männern die zuerſt um die eine und dann um die andere freien, und es iſt mir durchaus nicht gleichgiltig welche ich zulezt nehme. Was ich für Hetty fühle, iſt eine andere Liebe, die, glaube ich, Niemand wiſſen kann als der ſie wirklich fühlt, und Gott, der ſie eingegeben hat. Sie iſt mir mehr als alles Andere auf der Welt, alles außer meinem Gewiſſen und meinem guten Namen. Und wenn es wahr wäre was Sie mehr⸗ mals geſagt haben, wenn es bloß Scherz und Lie⸗ belei geweſen wäre, wie Sie es nennen, und wenn alles das mit Ihrem Weggehen ein Ende nähme, — nun dann könnte ich ſchon warten und hoffen daß ſie mir am Ende doch ihr Herz zuwenden würde. Der Gedanke iſt mir zuwider daß Sie falſch gegen mich ſein könnten, und ich will an Ihr Wort glau⸗ ben, ſo ſchlimm auch die Sache ausſehen mag.“ „Sie würden gegen Hetty ein größeres Unrecht 219 begehen als gegen mich, wenn Sie nicht daran glaub⸗ ten,“ ſagte Arthur beinahe heftig, indem er von der Ottomane auffuhr und zu gehen verſuchte. Aber er warf ſich ſogleich wieder in einen Stuhl und ſezte mit ſchwächerer Stimme hinzu:„Sie ſcheinen zu vergeſſen daß Sie mit Ihrer Verdächtigung gegen mich einen böſen Schein auf Hetty werfen.“ „Nein, Herr,“ erwiderte Adam in ruhigerem Tone und als fühle er ſich halb erleichtert, denn er war zu gerade um zwiſchen einer directen und indirecten Lüge einen Unterſchied zu machen;„nein, Herr, die Dinge liegen zwiſchen Ihnen und Hetty nicht gleich; Sie handeln mit offenen Augen, was Sie auch thun mögen; aber wiſſen Sie denn wie es im Kopfe des Mädchens ausſieht? Sie iſt beinahe noch ein Kind, und jeder Mann der ein Gewiſſen hat, ſollte ſich verpflichtet fühlen es zu hüten. Und was Sie auch darüber denken mögen, ich weiß daß Sie ihre Ruhe geſtört haben. Ich weiß daß Hetty ihr Herz an Sie gehängt hat. Jezt ſind mir viele Dinge klar geworden die ich früher nicht verſtand. Aber aus den Gefühlen des Mädchens ſcheinen Sie ſich nichts zu machen— daran denken Sie nicht.“ „Um Gottes willen, Adam, laſſen Sie mich in Ruhe,“ rief Arthur heftig;„ich fühle es ſchwer genug ohne daß Sie mich damit quälen.“ Kaum waren ihm dieſe Worte entfahren, ſo be⸗ merkte er ſeine Unvorſichtigkeit. „Wohlan denn,“ fuhr Adam eifrig fort,„wenn Sie es fühlen, wenn Sie fühlen daß Sie ihr falſche Begriffe in den Kopf geſezt und Sie zu dem Glau⸗ ben gebracht haben daß Sie in ſie verliebt ſeien, 220 während Sie ſich doch nichts dabei dachten, ſo habe ich folgende Forderung an Sie zu ſtellen. Ich ſpreche nicht für mich, ſondern für Hetty. Ich ver⸗ lange daß Sie ihr vor Ihrer Abreiſe die Augen öffnen. Sie gehen nicht für immer weg, und wenn Hetty auf dem Glauben bleibt daß Sie ihre Liebe erwidern, ſo wird ſie ſich beſtändig nach Ihnen ſeh⸗ nen, und dann kann das Uebel noch ärger werden. Jezt mag es ein Schmerz für ſie ſein, aber am Ende wird es ihr ſchweren Kummer erſparen. Ich verlange daß Sie ihr einen Brief ſchreiben— ich will dafür ſorgen daß ſie ihn ſicher bekommt: ſagen Sie ihr die Wahrheit und nehmen Sie den Tadel auf ſich, daß Sie ſich gegen ſie ſo benommen haben wie Sie ſich gegen ein junges Ihnen nicht eben⸗ bürtiges Mädchen nicht hätten benehmen ſollen. Ich ſpreche offen, Herr, aber ich kann nicht anders ſprechen. In dieſer Sache kann Niemand ſich Hetty's annehmen als nur ich.“ „Ich kann thun was ich für nöthig halte,“ ſagte Arthur, den ein Gemiſch von Kummer und Verlegen⸗ heit immer mehr reizte.„Ich brauche Ihnen keine Verſprechungen zu geben. Ich werde die Maßregeln ergreifen die mir geeignet ſcheinen.“ „Nein,“ erwiderte Adam ſcharf und entſchieden, „ſo geht es nicht. Ich muß wiſſen auf welchem Boden ich ſtehe. Ich muß Sicherheit haben daß Sie einer Sache ein Ende machen welche Sie nie hätten anfangen ſollen; ich vergeſſe nicht was ich Ihnen als einem vornehmen Herrn ſchulde; aber in dieſer Sache ſind wir Mann gegen Mann und ich kann nicht nachgeben.“ ——————— 221 Einige Augenblicke erfolgte keine Antwort, dann ſagte Arthur:„Ich will Sie morgen ſehen, ich kann jezt nicht mehr ertragen, ich bin unwohl.“ So ſprechend erhob er ſich und nahm ſeine Müze, als wollte er gehen. „Sie dürfen ſich nicht mehr ſehen!“ rief Adam mit wiederkehrendem Zorn und Argwohn, indem er auf die Thüre zuging und ſich mit dem Rücken da⸗ gegen ſtellte.„Entweder ſagen Sie mir daß ſie nicht mein Weib werden kann— ſagen Sie mir daß Sie gelogen haben, oder verſprechen Sie mir was ich verlange.“ Als Adam dieſe Alternative ausſprach, ſtand er wie ein furchtbares Schickſal vor Arthur, der ein Paar Schritte gegangen war, nun aber ſchwach, er⸗ ſchüttert, krank an Seele und Leib ſtehen blieb. Dieſer innere Kampf Arthurs erſchien ihnen beiden lang; endlich ſagte er mit ſchwacher Stimme:„Ich verſpreche es: laſſen Sie mich gehen.“ Adam trat von der Thüre weg und öffnete ſie; aber als Arthur auf die Schwelle kam, blieb er von Neuem ſtehen und lehnte ſich gegen den Thürpfoſten. „Sie ſind noch nicht kräftig genug um allein zu gehen, Herr,“ ſagte Adam,„nehmen Sie meinen Arm wieder.“— Arthur gab keine Antwort, ſondern ging weiter und Adam folgte. Aber nach einigen Schritten blieb er wieder ſtehen und ſagte kalt:„Ich glaube, ich muß Sie bemühen: es wird ſchon ſpät und man könnte ſich zu Hauſe meinetwegen beunruhigen.“ Adam reichte ihm ſeinen Arm, und nun gingen ſie ohne ein Wort zu ſprechen weiter, bis ſie an 222 bie Stelle kamen wo der Korb und das Arbeitszeug agen. „Ich muß das Arbeitszeug mitnehmen, Herr,“ ſagte Adam,„es gehört meinem Bruder. Vermuth⸗ lich iſt es ein wenig geroſtet. Wollen Sie gefälligſt eine Minute warten.“ Arthur blieb ſchweigend ſtehen, und nun wurde kein Wort mehr gewechſelt, bis ſie an die Seiten⸗ pforte kamen durch welche er ungeſehen hineinzukom⸗ men vermochte. Dann ſagte er:„Meinen Dank; ich brauche Sie nicht weiter zu bemühen.“ „Um welche Zeit kann ich morgen zu Ihnen kommen?“ fragte Adam. „Laſſen Sie mir um fünf Uhr ſagen daß Sie hier ſind,“ antwortete Arthur,„früher nicht.“ „Gute Nacht, Herr!“ ſagte Adam. Aber er vernahm keine Antwort; Arthur war ſchon ins Haus gegangen. Neunundzwanzigſtes Capitel. Der nächſte Morgen. Arthur verbrachte keine ſchlafloſe Nacht, ſondern ſchlief im Gegentheil lang und gut, denn der Schlaf kommt den Betrübten, wenn ſie nur müde genug ſind. Aber um ſieben Uhr klingelte er und ſezte Pym durch die Erklärung in Staunen daß er aufſtehen und um acht Uhr frühſtücken wolle. „Dann muß um halb neun mein Pferd geſattelt ſein, und wenn mein Großvater herunterkommt, ſo 223 ſagſt Du ihm es gehe mir heute früh beſſer und ich ſei ausgeritten.“ Er wachte ſeit einer Stunde und konnte es nicht länger im Bette aushalten. Im Bett drückt das Geſtern ſo ſchwer auf den Menſchen: wenn er aber aufſteht und weiter Nichts thut als Etwas vor ſich hin pfeift oder raucht, ſo hat er eine Gegenwart welche der Vergangenheit einigen Widerſtand leiſtet— Em⸗ pfindungen die ſich gegen tyranniſche Erinnerungen vertheidigen. Und waͤre es möglich bei den Gefühlen einen Durchſchnitt zu ziehen, ſo würde es ſich gewiß herausſtellen daß in der Jagdzeit Bedauern, Selbſt⸗ vorwürfe und gekränkter Stolz die Herren vom Lande weit weniger drücken als ſpäter im Frühling und Sommer. Arthur fühlte daß er zu Pferde mehr Mann ſein würde. Schon die Anweſenheit Pyms, der ihn mit der gewohnten Ehrerbietung bediente, war ihm eine Beruhigung nach den Vorfällen von geſtern. Denn da er ſo unendlich viel auf die gute Meinung der Leute hielt, ſo verſezte der Verluſt von Adams Achtung ſeiner Selbſtzufriedenheit einen ſol⸗ chen Stoß, daß er bereits in den Augen Aller ge⸗ ſunken zu ſein meinte, wie etwa eine nervöſe Frau nach einem plözlichen Schrecken vor einer wirklichen Gefahr keinen Schritt mehr zu thun wagt, weil ein Gefühl von Gefahr ſich durch alle ihre Wahrneh⸗ mungen zieht. Arthur war, wie wir wiſſen, eine liebreiche Natur. Kundgebungen ſeiner Güte wurden ihm ſo leicht wie eine böſe Gewohnheit: ſie waren die gewöhnlichen Folgen ſeiner Schwächen und ſeiner guten Eigen⸗ ſchaften, ſeiner Selbſtſucht und ſeines Mitgefühls. 224 Er konnte Niemand leiden ſehen, und er liebte es wenn dankbare Augen ihm als dem Spender der Freude entgegenſtrahlten. In ſeinem ſiebten Jahre warf er einmal die Suppenſchüſſel eines alten Gärt⸗ ners um, bloß weil es ihm gerade in den Händen juckte Etwas umzuwerfen, und ohne zu bedenken daß es das Mittageſſen des Alten war; als er aber dieſe traurige Thatſache erfuhr, nahm er ſeinen beſten Bleiſtift und ein Meſſer mit ſilbernem Heft aus der Taſche und bot es als Erſaz. Derſelbe Arthur war er immer geweſen und hatte ſich ſtets bemüht Be⸗ leidigungen durch Wohlthaten in Vergeſſenholt zu bringen. Wenn etwas von Bitterkeit in ſeiner Natur war, ſo kam es nur dann zum Vorſchein, wenn Je⸗ mand alle Verſöhnung ausſchlug. Und vielleicht war jezt die Zeit gekommen wo dieſe Bitterkeit ſich zum Theil in ihm regen durfte. Im erſten Augenblick hatte er ſich tief betrübt und ſich ſchwere Vorwürfe gemacht, als er entdeckte daß Adams Glück auf ſei⸗ nen Beziehungen zu Hetty beruhte: hätte es irgend eine Möglichkeit gegeben Adam zehnfach zu entſchä⸗ digen, hätte er durch Geſchenke oder auf irgend eine andere Art Adams Zufriedenheit und Achtung als ſein Wohlthäter erkaufen können, Arthur würde es nicht nur ohne alles Zögern gethan, ſondern ſich da⸗ durch um ſo mehr zu Adam hingezogen gefühlt haben, und wäre zu immer neuen Entſchädigungen bereit geweſen. Aber Adam konnte keinen Erſaz empfan⸗ gen; ſein Leiden ließ ſich nicht wegſtreichen, ſeine Achtung und Liebe konnte nicht durch raſche Thaten der Sühne wieder erlangt werden. Er ſtand da wie ein unbewegliches Hinderniß gegen welches kein Druck 22⁵ etwas vermochte, eine Verkörperung deſſen was Ar⸗ thur am allerunliebſten glaubte, der Unwiderruflich⸗ keit ſeines eigenen Unrechts. Die Worte der Ver⸗ achtung, die Verſchmähung ſeiner Hand, die Herr⸗ ſchaft welche Adam bei der lezten Unterredung in der Einſiedelei über ihn behauptet, ganz beſonders aber auch das Bewußtſein daß er zu Boden geſchla⸗ gen worden, ein Gefühl mit welchem ein Mann ſich nicht ſo leicht ausſöhnt, ſelbſt wenn er ſeine Nieder⸗ lage unter den heroiſchſten Umſtänden erlitten hat, Alles das laſtete auf ihm mit einem bittern Schmerz, der noch ſtärker war als ſeine Zerknirſchung. Arthur hätte ſich ſo gerne einreden mögen daß er nichts Böſes gethan habe. Und hätte ihm Niemand das Gegentheil geſagt, ſo hätte er es ſich um ſo leichter einreden können. Die Nemeſis kann ſich ſelten ein Schwert aus unſerm Gewiſſen, aus unſerm Schmerz über das von uns verurſachte Leiden ſchmieden: zu einer tüchtigen Waffe iſt ſelten Metall genug vor⸗ handen. Unſer ſittliches Gefühl lernt die Manieren der guten Geſellſchaft und lächelt wenn Andere lä⸗ cheln; aber wenn irgend eine derbe Perſon unſere Handlungen bei ihrem groben Namen benennt, dann iſt es im Stande Partei gegen uns zu ergreifen. Und ſo geſchah es mit Arthur: Adams Urtheil und ſeine einſchneidenden Worte ſtörten die Betrachtungen womit er ſich ſelbſt zu beſchwichtigen ſuchte. Nicht als ob es ihm ſchon vor Adams Entdeckung ganz wohl zu Muthe geweſen wäre. Kämpfe und Entſchließungen hatten ſich in Zerknirſchung und Angſt verwandelt. Arthur hatte Kummer um Hetty und Eliot, Adam Bede, II. 15 226 Kummer un ſich ſelbſt, weil er ſie verlaſſen mußte. Er hatte ſtets, ſowohl wenn er ſeine Entſchließungen faßte als wenn er ſie brach, über ſeine Leidenſchaft hinausgeſchaut und eingeſehen daß man ihr durch Trennung ein ſchleuniges Ende machen mußte; aber er war eine zu feurige und zärtliche Natur um die⸗ ſen Abſchied nicht ſchmerzlich zu empfinden, und er war um Hetty's willen ſehr beſorgt. Er hatte her⸗ ausgefunden in welchen Träumen ſie lebte, daß ſie ſich bereits als vornehme Dame in Seide und Atlas erblickte, und als er das erſte Mal von ſeiner Weg⸗ reiſe ſprach, da hatte ſie ihn zitternd gebeten er möchte ſie doch mitnehmen und heirathen. Dieſes peinliche Bewußtſein hatte den Vorwürfen Adams den ſchärf⸗ ſten Stachel gegeben. Arthur hatte kein Wort ge⸗ ſagt um das Mädchen zu täuſchen, ihre Viſion war ganz von ihrer eigenen kindiſchen Phantaſie ausge⸗ ſponnen worden, aber er mußte ſich geſtehen daß er durch ſein eigenes Benehmen dazu beigetragen hatte. Und um das Unglück noch ärger zu machen, hatte er an dieſem lezten Abend nicht gewagt Hetty die Wahr⸗ heit anzudeuten: er hatte ſie mit zärtlichen Worten der Hoffnung beſchwichtigen müſſen, damit ſie nicht in leidenſchaftlichen Kummer verfiel. Er empfand die Lage ſehr ſcharf, er fühlte den gegenwärtigen Kum⸗ mer des lieben Geſchöpfes und dachte mit noch dü⸗ ſtererer Angſt an die Zähigkeit womit ihre Gefühle in der Zukunft auf ſie einſtürmen würden. Dieß war die ſcharfe Spize die ihm ins Herz drang; jeder anderen konnte er ſich durch hoffnungsvolles Selbſt⸗ einreden entziehen. Das ganze Verhältniß war ge⸗ heim geblieben, Poyſers hatten nicht den Schatten 227 eines Argwohns. Außer Adam wußte Niemand von dem Vorgefallenen, und vermuthlich erfuhr auch Nie⸗ mand etwas, denn Arthur hatte Hetty vorgeſtellt daß es zu den ſchlimmſten Folgen führen könnte, wenn ſie durch Wort oder Blick auch nur die min⸗ deſte Vertraulichkeit verriethe, und Adam, der das Geheimniß halb wußte, half es gewiß eher bewahren als daß er es verrieth. Es war eine unglückliche Geſchichte, aber es konnte nichts helfen wenn man ſie durch eingebildete Uebertreibungen und Unglücks⸗ ahnungen, die vielleicht niemals eintrafen, noch ſchlim⸗ mer machte. Die ſchlimmſte Folge war die Traurig⸗ keit in welche Hetty für die nächſte Zeit verfallen mußte: von jeder andern ſchlimmen Folge die ſich nicht als unvermeidlich nachweiſen ließ wandte er ſeine Augen entſchloſſen ab. Aber— aber Hetty hätte dieſen Kummer ja auch auf eine andere Weiſe erleben können. Und vielleicht war er ſpäter im Stande viel für ſie zu thun, ſie für all die Thränen zu entſchädigen die ſie jezt um ihn vergoß. Den⸗ Vortheil daß er ſich in ſpätern Jahren ihrer annahm, hatte ſie dann dem Kummer zu verdanken der jezt über ſie hereinbrach. So erwächst Gutes aus Bö⸗ ſem. So ſchön laſſen ſich die Dinge in der Welt eeinrichten. Wollt ihr etwa fragen ob dieß derſelbe Arthur ſei der noch vor zwei Monaten ein ſo friſches Gefühl, einen ſo zarten Sinn für Ehre hatte, daß er ſchon vor der Möglichkeit zurückbebte irgend ein Gefühl zu verlezen, und ein wirkliches Aergerniß für wahrhaft unmöglich hielt? Dieſer Arthur für welchen ſeine Selbſtachtung ein höheres Tribunal inur 3l5 jede 5 228 Meinung der Welt? Derſelbe, verſichere ich euch, nur unter verſchiedenen Umſtänden. Unſere Thaten beſtimmen uns eben ſo gewiß wie wir ſie beſtimmen, und bis wir genau wiſſen welche eigenthümliche Com⸗ bination äußerer und innerer Thatſachen die ent⸗ ſcheidenden Handlungen eines Menſchen beſtimmt, wollen wir uns lieber nicht einbilden ſeinen Charak⸗ ter genau zu kennen. Es liegt in unſern Thaten ein furchtbarer Zwang, der zuerſt den ehrlichen Mann in einen Betrüger verwandeln und ihn hernach mit dieſem Wechſel verſöhnen kann, aus dem einfachen Grunde weil das zweite Unrecht ihm unter der Maske des einzig ausführbaren Rechten entgegentritt. Die That die man vor der Vollbringung mit jenem Ge⸗ miſch von geſundem Verſtand und friſcher ungetrüb⸗ ter Empfindung betrachtet hat welches das geſunde Auge der Seele iſt, wird nachher mit der Brille ſinnreicher Beſchönigung angeſehen, die uns zeigt daß Alles was die Menſchen ſchön oder häßlich nennen aus höchſt ähnlichen Zuſammenſezungen be⸗ ſteht. Europa fügt ſich in ein fait accompli, und das thut auch der Einzelne, bis der friedliche Ver⸗ gleich durch eine krampfhafte Vergeltung geſtört wird. Dieſen verſchlechternden Wirkungen eines Ver⸗ gehens gegen ſein eigenes Rechtsgefühl kann ſich Niemand entziehen, und bei Arthur waren ſie um ſo ſtärker, weil er im höchſten Grad der Selbſtach⸗ tung bedurfte, die, ſo lange ſein Gewiſſen ruhig blieb, zu ſeinen beſten Schuzwaffen gehörte. Selbſt⸗ anklagen waren ihm zu peinlich, er konnte ſie nicht ertragen. Er mußte ſich bereden daß er keinen gar 229 zu großen Tadel verdiene; er begann ſich ſelbſt zu bemitleiden, weil er ſich in der Nothwendigkeit be⸗ fand Adam zu täuſchen; ſeine eigene ehrliche Natur ſträubte ſich zwar gewaltſam dagegen, aber es war das einzige Rechte was er thun konnte. Was nun aber auch ſein Vergehen geweſen ſein mochte, die Folge war daß es ihn unglücklich machte: unglücklich wegen Hetty's, unglücklich wegen des Briefs den er zu ſchreiben verſprochen hatte, und der ihm in einem Augenblick als eine barbariſche Rohheit, im andern vielleicht als die größte Freundſchaft er⸗ ſchien die er ihr erweiſen könne. Und durch all dieſes Ueberlegen ſchoß hin und wieder ein plözlicher Drang zu wildem Troz gegen alle Folgen; er wollte Hetty entführen, und alle andern Erwägungen moch⸗ ten zum Teufel gehen. In dieſem Gemüthszuſtand waren ihm die vier Wände ſeines Zimmers ein unerträgliches Gefängniß; ſie ſchienen ihm dieſes ganze Gewirr von widerſpre⸗ chenden Gedanken und widerſtreitenden Gefühlen ein⸗ zuſchließen und über ihn hereinzuwerfen, während dieſelben in der friſchen Luft gewiß wenigſtens theil⸗ weiſe von ihm abließen. Er hatte nur einige Stun⸗ den um ſeinen Entſchluß zu faſſen, und er mußte klar und ruhig werden. Saß er einmal auf Meg's Rücken in der friſchen Luft dieſes ſchönen Morgens, ſo wurde er gewiß Herr der Lage. Das hübſche Thier bog ſeinen braunen Nacken im Sonnenſchein, ſcharrte im Kies und zitterte vor Vergnügen, als ſein Herr es an der Naſe ſtreichelte, auf den Hals tätſchelte und noch koſender als ge⸗ wöhnlich zu ihm ſprach. Er liebte es um ſo mehr 230 weil es nichts von ſeinen Geheimniſſen wußte. Aber Meg kannte den Seelenzuſtand ihres Herrn ſo genau wie viele andere ihres Geſchlechtes den Seelenzuſtand von hübſchen jungen Herren kennen denen ihre Her⸗ zen in ſeliger Erwartung entgegenpochen. Arthur galoppirte weit über den Park hinaus, bis er an den Fuß eines Hügels kam wo keine Hecken und Bäume mehr den Weg einfaßten. Dann warf er den Zügel Meg über den Hals und machte ſich bereit ſeine Betrachtungen anzuſtellen. Hetty wußte daß ihr geſtriges Zuſammentreffen das lezte vor Arthurs Abreiſe ſein mußte; es gab keine Möglichkeit ein neues herbeizuführen ohne daß Verdacht erregt wurde, und ſie war wie ein geäng⸗ ſtetes Kind, ſie konnte an Nichts denken, ſondern bloß weinen wenn vom Scheiden die Rede war, und ſich ihr Geſicht emporrichten und die Thränen wegküſſen laſſen. Er konnte nichts Anderes thun als ſie trö⸗ ſten und in einen Traum einlullen. Ein Brief mußte ſie plözlich und ſchrecklich erwecken. Und doch war es wahr was Adam geſagt hatte: ſie wurde dadurch vor einer verlängerten Täuſchung bewahrt, die ſchlim⸗ mer werden konnte als ein augenblicklicher herber Schmerz. Hätte er ſie nur noch einmal ſehen können! Aber das war unmöglich; es ſtand eine ſolche Dorn⸗ hecke von Hinderniſſen zwiſchen ihnen, und eine Un⸗ vorſichtigkeit konnte die ſchlimmſten Folgen haben. Und wenn er ſie auch wieder ſehen könnte, was hätte er davon? Der Anblick ihres Jammers und die Erinnerung daran würde ihm nur um ſo mehr Schmerz machen. Von ihm entfernt, hatte ſie lauter Gründe ſich ſelbſt zu beherrſchen. Hier überkam ihn ———— —= 231 eine plözliche Furcht die wie ein Schatten durch ſeine Einbildungskraft ſchlich, die Furcht ſie möchte ſich in ihrem Kummer ein Leid anthun, und unmittelbar darauf kam eine andere Furcht die ein noch dunk⸗ lerer Schatten war. Aber er ſchüttelte ſie mit der Kraft der Jugend und Hoffnung ab. Warum brauchte er ſich die Zukunft ſo düſter auszumalen? Es konnte ja eben ſo leicht das Gegentheil eintreten. Arthur ſagte ſich ſelbſt daß er eine ſo ſchlimme Wendung der Dinge nicht verdient habe, er habe ja Nichts beabſichtigt wogegen ſein Gewiſſen ſich empören könne, er habe ſich bloß von den Umſtänden verleiten laſ⸗ ſen.— Er hegte im Stillen ein gewiſſes Vertrauen wirklich ein ſo grundguter Burſche zu ſein, daß die Vorſehung ihn gewiß nicht allzu hart dehandeln werde. Unter allen Umſtänden konnte er Nichts ändern was etwa kommen mochte: es blieb ihm nichts übrig als daß er dasjenige that was ihm für den Augen⸗ blick das Beſte ſchien. Und er beredete ſich, das Beſte ſei wenn er den Weg zwiſchen Adam und Hetty offen mache. Ihr Herz konnte ſich ja nach einiger Zeit Adam zuwenden, wie dieſer ſelbſt ſagte, und dann war der Schaden nicht groß, da Adam noch immer den heißen Wunſch hegte ſie zu heirathen. Freilich war Adam betrogen, in einer Art betrogen welche Arthur als ſchweres Unrecht geahndet haben würde wenn man ihm ſelbſt ſo mitgeſpielt hätte. Dieſe Betrachtung verderbte die tröſtende Ausſicht; Arthurs Wangen brannten vor Scham und Zorn als er daran dachte. Aber was konnte er in einer ſolchen Verlegenheit thun? Es war eine Chrenpflicht 232 kein Wort zu ſagen womit er Hetty ſchaden konnte; ſeine erſte Pflicht war ſie zu ſchüzen. Für ſich ſelbſt würde er niemals eine Lüge geſagt oder gethan haben. Guter Gott! Was für ein erbärmlicher Narr war er doch daß er ſich in eine ſolche peinliche Lage gebracht hatte! Und doch, wenn je ein Mann Entſchuldigungen hatte, ſo war er es.(Nur Schade daß die Folgen nicht durch Entſchuldigungen, ſondern durch Hand⸗ lungen beſtimmt werden!) Nun, der Brief mußte geſchrieben werden; er war das einzige Mittel das eine Löſung der Schwie⸗ rigkeit verhieß. Thränen traten ihm in die Augen als er ſich Hetty beim Leſen dachte; aber ihm ſelbſt wurde das Schreiben eben ſo hart: er that Nichts was ihm Vergnügen machte, und dieſer lezte Ge⸗ danke half ihm endlich zum Entſchluß. Er hatte nie abſichtlich und mit leichtem Herzen Andern einen Kummer bereitet. Eine Regung von Eiferſucht, bei dem Gedanken daß er Hetty jezt Adam überlaſſe, überzeugte ihn vollends daß er ein Opfer brachte. Nachdem er einmal zu dieſem Entſchluß gekom⸗ men war, drehte er Meg und galoppirte nach Hauſe zurück. Vor allen Dingen mußte der Brief geſchrieben werden, der Reſt des Tages wurde dann von andern Geſchäften ausgefüllt, ſo daß er keine Zeit hatte viel hinter ſich zu blicken. Glücklicher Weiſe kamen Ir⸗ wine und Gawaine zu Tiſche, und morgen um zwölf hatte er das Schloß meilenweit hinter ſich. In dieſer beſtändigen Beſchäftigung lag eine gewiſſe Sicherheit, wenn ihn etwa ein unbezwingbarer Drang erfaſſen ſollte zu Hetty hinzuſtürzen und ihr irgend einen tollen Vorſchlag zu machen der Alles verderben —— 141————* 233 würde. Immer ſchneller und ſchneller ging die fein fühlende Meg bei jedem noch ſo geringen Zeichen ihres Herrn, bis der kurze Galopp in einen geſtreckten übergegangen war. „Ich meinte, der junge Herr ſei geſtern unwohl geweſen,“ ſagte der ſauertöpfiſche alte John, der Stalltnecht, Mittags in der Bedientenſtube.„Heute früh iſt er ſo geritten daß das Pferd beinahe zu Schanden ging.“ „Das iſt vielleicht eines von den Symptomen, John,“ verſezte der wizige Kutſcher. „Dann wollte ich man ließe ihm zur Ader,“ entgegnete John grimmig. Adam war früh im Schloß geweſen um ſich nach Arthur zu erkundigen, und die Nachricht daß er aus⸗ geritten ſei hatte ihn von aller Angſt vor den Nach⸗ wirkungen ſeines Schlages befreit. Um fünf Uhr ſtellte er ſich pünktlich wieder ein und ließ ſich melden. Nach wenigen Minuten kam Pym mit einem Brief und überreichte ihn Adam mit der Erklärung, der Capitän ſei zu beſchäftigt um ihn zu empfangen, aber Alles was er zu ſagen habe, ſtehe in dem Brief. Der Brief war an Adam gerichtet, der ihn aber erſt draußen öffnete. Ein verſiegeltes Billet an Hetty war eingeſchloſſen. Die Zuſchrift an Adam lautete wie folgt: „Im inliegenden Brief habe ich Alles geſchrieben was Sie wünſchen. Ich überlaſſe Ihnen zu ent⸗ ſcheiden ob Sie ihn Hetty überliefern oder mir zurück⸗ geben wollen. Fragen Sie ſich ſelbſt noch einmal ob Sie nicht eine Maßregel ergreifen die ihr mehr Schmerz bereiten wird als bloßes Schweigen. 234 „Es iſt nicht nöthig daß wir uns jezt wiederſehen. Nach einigen Monaten werden wir uns mit freund⸗ licheren Gefühlen wiedertreffen. 9 A. D.“ „Vielleicht hat er Recht daß er mich heute nicht mehr ſehen will,“ dachte Adam.„Es hilft nichts wenn wir einander noch mehr harte Worte ſagen, und eben ſo hilft es nichts wenn wir einander die Hand geben und ſagen daß wir wieder Freunde ſein wollen. Wir ſind keine Freunde, und darum iſt es beſſer wenn wir auch nicht dergleichen thun. Ver⸗ zeihen iſt zwar Menſchenpflicht, aber wie ich die Sache anſehe, ſo kann es bloß bedeuten daß man alle Gedanken an Rache aufgeben, aber nicht daß man die alten Gefühle wieder hegen muß, denn das iſt nicht möglich. Er iſt nicht mehr derſelbe Mann für mich und ich kann nicht mehr ſo gegen ihn fühlen. Gott ſteh mir bei, ich weiß nicht ob ich noch über⸗ haupt gegen einen Menſchen ſo fühlen kann; es iſt mir zu Muthe als hätte ich meine Arbeit von einer falſchen Linie aus gemeſſen und müßte jezt das Ganze noch einmal meſſen.“ Bald jedoch nahm die Frage wegen Einhändigung des Briefes an Hetty alle Gedanken Adams in An⸗ ſpruch. Arthur hatte ſein Herz dadurch ein wenig erleichtert daß er die Entſcheidung Adam mit einer Warnung zuſchob, und Adam, der ſonſt nicht ſehr bedenklich war, hatte hier ſein Bedenken. Er be⸗ ſchloß behutſam zu Werke zu gehen und ſich ſo gut wie möglich über Hetty's Seelenzuſtand zu verge⸗ wiſſern, bevor er ihr den Brief übergebe. Dreißigſtes Capitel. Die Uebergabe des Briefes. Am nächſten Sonntag ſchloß ſich Adam nach dem Gottesdienſt an Poyſers an, in der Hoffnung daß ſie ihn zu ſich einladen würden. Er hatte den Brief in der Taſche und ſehnte ſich nach einer Gelegenheit Hetty allein zu ſprechen. In der Kirche konnte er ihr Geſicht nicht ſehen, denn ſie hatte ihren Plaz verändert, und als er jezt zu ihr kam um ihr die Hand zu reichen, war ihr Benehmen unſicher und gezwungen. Er erwartete dieß, denn es war ſeit der großen Ueberraſchung im Wäldchen das erſte Mal daß er ſie wiederſah. „Sie müſſen mit uns nach Hauſe gehen, Adam,“ ſagte Herr Poyſer, als ſie an den Scheideweg kamen, und ſobald ſie auf dem Feld waren, nahm Adam ſeinen Muth zuſammen und bot Hetty den Arm. Bald gaben ihm die Kinder Gelegenheit ein wenig zurückzubleiben, und dann ſagte Adam: „Wollen Sie es heute Abend ſo einrichten daß ich mit Ihnen ein wenig in den Garten gehen kann, wenn es gut bleibt? Ich habe Ihnen etwas Beſon⸗ deres zu ſagen.“ „Ganz recht,“ antwortete Hetty. Sie ſehnte ſich in Wahrheit eben ſo ſehr nach einem Geſpräch unter vier Augen wie Adam. Sie war begierig zu erfah⸗ ren was er von ihr und Arthur denke. Das Küſſen mußte er geſehen haben, das wußte ſie wohl; aber von der ſpätern Scene zwiſchen Arthur und Adam 236 hatte ſie keine Ahnung. Ihr erſtes Gefühl war ge⸗ weſen daß Adam ſehr böſe auf ſie ſein und vielleicht ihren Verwandten Alles erzählen würde; aber daß er es wagen könnte zu Capitän Donnithorne ein Wort zu ſagen, das fiel ihr gar nicht ein. Es wurde ihr leichter ums Herz als er ſich jezt ſo freundlich gegen ſie benahm und ſie allein zu ſprechen wünſchte; denn als ſie ſah daß er mit ihnen nach Hauſe wollte, war ſie in großer Angſt geweſen daß er vielleicht plaudern möchte. Aber da er jezt nur mit ihr ſelbſt zu ſprechen verlangte, ſo mußte ſie nunmehr ſeine Anſchauung von der Sache und ſeine Abſichten erfahren. Sie hegte eine gewiſſe Zuverſicht ihn von Allem abbringen zu können was ihr unangenehm war; ſie konnte ihn vielleicht ſogar glauben machen daß ſie nichts nach Arthur frage, und ſie wußte wohl daß Adam, ſo lange er Hoffnung auf ihren Beſiz hatte, Alles thun würde was ſie nur wünſchte. Ueberdieß mußte ſie ſich fortwährend den Anſchein geben Adam Muth zu machen, damit der Onkel und die Tante nicht böſe wurden und wohl gar an einen geheimen Liebhaber dachten. Mit dieſer Combination war Hetty's Köpfchen beſchäftigt, während ſie an Adams Arm hing und ſeine bald da bald dort hingeworfenen Bemerkungen über die vielen Hagebutten die es dieſen Winter für die Vögel geben würde, und über die tief her⸗ abhängenden Wolken die wohl kaum bis morgen halten dürften, einſilbig mit Ja oder Nein beant⸗ wortete. Und als ſie Tante und Onkel wieder ein⸗ geholt hatten, da konnte Hetty ihren Gedanken ungeſtört nachhängen, denn Herr Poyſer war der 237 Anſicht daß ein junger Mann ſeine Liebſte immerhin gern am Arme führen, daneben aber auch ein ver⸗ nünftiges Geſpräch über Geſchäfte nicht verachten würde, und er für ſeinen Theil war ſehr begierig das Neueſte über die Reparaturen zu erfahren. Er nahm daher auf den Reſt des Weges Adams Unter⸗ haltung für ſich ſelbſt in Anſpruch, und als Hetty am Arme des ehrlichen Adam an den Hecken vor⸗ beiging, ſchmiedete ſie jezt ihre Plänchen und dachte ſich klſeine Scenen liſtiger Schmeichelei aus, ſo gut wie irgend eine elegante Cokette die allein in ihrem Boudoir ſizt. Denn wenn eine ländliche Schönheit in plumpen Schuhen nur herzlos genug iſt, ſo iſt es zum Erſtaunen wie genau ihre geiſtigen Vorgänge denen einer vornehmen Dame in der Crinoline glei⸗ chen, die ihren verfeinerten Verſtand auf die Auf⸗ gabe verwendet Indiscretionen zu begehen ohne ſich bloßzuſtellen. Vielleicht war die Aehnlichkeit darum nicht geringer weil Hetty ſich die ganze Zeit über ſehr unglücklich fühlte. Der Abſchied von Arthur war ihr doppelt ſchmerzlich, denn in den Tumult von Leidenſchaft und Eitelkeit miſchte ſich eine trübe un⸗ beſtimmte Furcht daß die Zukunft ſich möglicher Weiſe doch ganz anders geſtalten könnte als in ihren Träumen. Sie klammerte ſich an die tröſtenden hoffnungsreichen Worte feſt die Arthur bei ihrem lezten Zuſammentreffen geſagt hatte:„An Weihnachten komme ich wieder, und dann wollen wir ſehen was zu thun iſt.“ Sie klammerte ſich an den Glauben feſt daß er zu verliebt ſei um ohne ſie je glücklich werden zu können. Und ſie hegte ihr Geheimniß daß ein großer Herr ſie liebe noch immer mit ſtolzer 238 Befriedigung, als einen Vorzug den ſie vor allen Mädchen ihrer Bekanntſchaft voraus habe. Aber die Ungewißheit der Zukunft, die Möglichkeiten denen ſie keine Geſtalt zu geben wußte, begannen gleich der unſichtbaren Schwere der Luft auf ihr zu laſten; ſie war allein auf ihrer kleinen Trauminſel, und rings um ſie her befand ſich das dunkle unbekannte Waſſer über welches Arthur gegangen war. Jezt gewährte es ihr kein Hochgefühl mehr wenn ſie vor ſich ſchaute, ſondern nur wenn ſie zurückblickte, um auf die ent⸗ ſchwundenen Worte der Liebkoſungen ihre Zuverſicht zu ſezen. Aber ſeit Donnerſtag Abend hatten ſich ihre dunklen Beſorgniſſe gelegentlich beinahe verloren hinter der beſtimmten Furcht daß Adam ihren Ver⸗ wandten Alles verrathen möchte was er wiſſe, und ſein plözlicher Vorſchlag mit ihm allein zu ſprechen hatte ihre Gedanken in eine neue Richtung geleitet. Sie wollte dieſe Gelegenheit durchaus nicht unbe⸗ nüzt laſſen, und als nach dem Thee die Jungen in den Garten gingen und Totty mitzugehen verlangte, da ſagte Hetty mit einer Munterkeit die Frau Poyſer überraſchte: „Ich will mit ihr gehen, Tante.“ 3 Es hatte durchaus nichts Ueberraſchendes daß Adam erklärte er wolle auch mitgehen, und bald befand er ſich mit Hetty allein auf dem Gang bei den Nußbäumen, während die Jungen irgendwo die großen unreifen Nüſſe auflaſen um damit zu ſpielen, und Totty mit der Andacht eines jungen Hündchens ihnen zuſchaute. Es war noch nicht lange her, kaum zwei Monate, daß Adam voll von wonnigen Hoff⸗ nungen neben Hetty in dem Garten geſtanden hatte. 239. Die Erinnerung an dieſe Scene war ſeit Donnerſtag Abend oft bei ihm wiedergekehrt: das Sonnenlicht das durch die Zweige des Apfelbaumes ſchien, die rothen Johannisbeeren, Hetty's holdes Erröthen. Jezt, an dieſem Abend wo die Wolken ſo tief her⸗ abhingen, kam die Erinnerung ungeſchickt, aber er ſuchte ſie los zu werden, um nicht im Drang ſeiner Empfindungen mehr zu ſagen als um Hetty's willen durchaus nothwendig war. „Nach dem was ich am Donnerſtag Abend ge⸗ ſehen habe, Hetty,“ begann er,„werden Sie wohl nicht denken daß ich mir zu viel Freiheit heraus⸗ nehme, wenn ich jezt mit Ihnen ſpreche. Wenn irgend ein Mann der Sie heirathen wollte Ihnen den Hof machte, und wenn ich wüßte daß Sie in ihn verliebt wären und ihn gerne nehmen würden, ſo hätte ich kein Recht mit Ihnen ein Wort darüber zu ſprechen; da ich aber ſehe daß ein vornehmer Herr Ihnen ſchön thut, der Sie nie heirathen kann und gar nicht daran denkt Sie zu heirathen, ſo fühle ich mich ver⸗ pflichtet dazwiſchen zu treten. Ich kann mit Ihren Pflegeeltern nicht davon reden, denn dieß würde mehr Unruhe ſtiften als nöthig iſt.“ Adams Worte befreiten Hetty theilweiſe von ihren Beſorgniſſen, gaben ihr aber zugleich Grund zu böſen Ahnungen. Sie war blaß, ſie zitterte und ſie würde ihm zornig widerſprochen haben, wenn ſie es gewagt hätte ihre Gefühle zu verrathen. So aber ſchwieg ſie. „Sie ſind zu jung, Hetty,“ fuhr er beinahe zärt⸗ lich fort,„und Sie wiſſen nicht wie es in der Welt zugeht. Mir kommt es zu mein Möglichſtes zu 240 thun um Sie vor Ungelegenheiten zu bewahren, in welche Sie durch Ihre Unkenntniß gerathen könnten. Wenn irgend ein Anderer als ich wüßte was ich von Ihren Zuſammenkünften mit einem vornehmen Herrn weiß der Ihnen ſchöne Geſchenke macht, ſo würde man nachtheilig von Ihnen reden und Sie würden Ihren guten Namen verlieren. Und über⸗ dieß muß es Ihren eigenen Gefühlen widerſtreiten Ihre Liebe einem Manne zu ſchenken der Sie nie heirathen und nicht ſein ganzes Leben lang für Sie ſorgen kann.“ Adam ſchwieg und ſchaute Hetty an, die Blätter von den Nußbäumen pflückte und ſie in ihrer Hand zerriß. Ihr Plänchen, ihre ausſtudirten Reden waren ihr gleich einer ſchlecht gelernten Lection in der furcht⸗ baren Aufregung die Adams Worte hervorriefen gänzlich entfallen. In der ruhigen Sicherheit ſeiner Sprache lag eine grauſame Gewalt die ihre windigen Hoffnungen und Einbildungen förmlich zu ergreifen und zu zermalmen drohte. Wie gerne hätte ſie ſich widerſezen und ſie zornig über den Haufen werfen mögen! aber der Entſchluß ihre Gefühle zu verbergen beherrſchte ſie noch immer. Inzwiſchen war dieſer Entſchluß bereits nur noch eine blinde Eingebung, denn ſie vermochte die Wirkung Ihrer Worte nicht mehr zu berechnen. „Sie haben kein Recht zu behaupten daß ich ihn liebe,“ ſagte ſie leiſe, aber heftig, indem ſie aber⸗ mals ein Blatt abpflückte und zerriß. Sie war wunderſchön in ihrer Bläſſe und Aufregung, mit ihren dunkeln kindlichen Augen, die ſich zu vergrößern ſchienen und weit offen ſtanden, während ihr Athem 241 kürzer war als ſonſt. Adams Herz erbarmte ſich ihrer als er ſie anſah. Ach wenn er ſie nur tröſten, wenn er ſie beſchwichtigen und von dieſer Qual befreien könnte! Wenn er nur irgend eine Kraft in ſich hätte um ihre arme beunruhigte Seele zu retten, wie er ihren Leib aus jeder Gefahr gerettet haben würde! „Ich glaube es muß ſo ſein, Hetty,“ ſagte er zärtlich.„Ich kann nicht annehmen daß Sie ſich von einem Manne küſſen, daß Sie ſich ein goldenes Me⸗ daillon mit ſeinem Haar ſchenken laſſen und im Wäldchen Zuſammenkünſte mit ihm haben würden, wenn Sie ihn nicht liebten. Ich tadle Sie nicht, denn ich weiß daß die Sache ganz klein angefangen hat, bis Sie ſich nicht mehr los machen konnten. Aber ihn tadle ich weil er auf ſolche Art Ihre Liebe geſtohlen hat, während er doch wußte daß er es nie wieder gut machen konnte. Er hat mit Ihnen weiter nichts als ſeinen Spaß und Scherz getrieben; er will ſonſt nichts von Ihnen wie es einem Manne zuſtände.“ „Doch er will etwas von mir, das weiß ich beſſer als Sie,“ rief Hetty. Der Schmerz und Verdruß über Adams Worte ließ ſie Alles vergeſſen. „Nein Hetty,“ erklärte Adam,„wenn ihm wirk⸗ lich etwas an Ihnen läge, ſo würde er ſich nicht ſo benommen haben. Er hat es mir ſelbſt geſagt daß er ſich bei ſeinen Küſſen und Geſchenken weiter nichts gedacht habe, und er wollte mir aufbinden daß auch Sie ſich nichts daraus gemacht haben. Aber ich weiß die Sache beſſer. Sie haben ſich, ich muß Eliot, Adam Bede. II. 16 242 das glauben, darauf verlaſſen, er ſei ſo in Sie ver⸗ liebt daß er Sie heirathen wolle, obſchon er ein. vornehmer Herr iſt. Und darum muß ich mit Ihnen ſprechen, Hetty, damit Sie ſich nicht ſelbſt täuſchen. Es iſt ihm gar nie eingefallen Sie heirathen zu wollen.“ „Woher wiſſen Sie das? Wie können Sie ſich unterſtehen ſo zu ſprechen?“ ſagte Hetty, indem ſie bebend ſtehen blieb. Die furchtbare Beſtimmtheit in Adams Ton erfüllte ſie mit Furcht und Zittern; ſie hatte nicht mehr Geiſtesgegenwart genug um zu überlegen, daß Arthur ſeine Gründe gehabt haben werde um Adam nicht die Wahrheit zu ſagen. Ihre Worte und Blicke genügten um ihn zu beſtimmen: er mußte ihr den Brief geben. „Sie können's vielleicht nicht glauben, Hetty, weil Sie zu gut von ihm denken, weil Sie glauben daß er Sie mehr liebe als wirklich der Fall iſt. Aber ich habe einen Brief in der Taſche den er mir für Sie gegeben hat. Ich habe den Brief nicht geleſen, aber er verſichert daß er Ihnen darin die ahrheit geſagt habe. Aber bevor ich Ihnen den Brief gebe, Hetty, überlegen Sie die Sache und nehmen Sie das Ding nicht ſo ſchwer. Es wäret nicht gut für Sie geweſen wenn er die Tollheit be⸗ gangen hätte Sie zu heirathen: dieß hätte nie glücke lich enden können.“ 8 Hetty ſagte nichts: als ſie von einem Brief hörte den Adam nicht geleſen hatte, belebten ſich ihre Hoffnungen aufs Neue. Vielleicht lautete derſelbe ganz anders als er dachte. Adam zog den Brief heraus, hielt ihn aber licher Güte ſagte: 243 während er im Tone zärt⸗ „Nehmen Sie mirs nicht übel, Hetty, daß ich dieſen Kummer über Sie bringe. Gott weiß, ich würde viel Schlimmes ertragen haben um es Ihnen zu erſparen. Und bedenken Sie wohl, es weiß außer mir Niemand von der Sache, und ich werde für Sie ſorgen wie wenn ich Ihr Bruder wäre. Sie ſind für mich noch immer dieſelbe wie früher, denn ich glaube nicht daß Sie wiſſentlich etwas Unrechtes gethan haben.“ Hetty hatte ihre Hand an den Brief gelegt, aber Adam ließ ihn nicht los bis er ausgeredet hatte. Sie achtete nicht auf ſeine Worte— ſie hatte nicht auf ihn gehört; aber als er den Brief losließ, ſteckte ſie ihn ein ohne ihn zu öffnen, und begann dann ſchneller zu gehen, als ob ſie ins Haus zurück wollte. „Sie haben Recht ihn nicht ſogleich zu leſen,“ ſagte Adam.„Leſen Sie ihn erſt wenn Sie allein ſind. Aber bleiben Sie noch eine Weile außen und laſſen Sie uns die Kinder rufen: Sie ſehen ſo blaß und unwohl aus; Ihre Tante möchte es bemerken.“ Hetty hörte die Warnung; ſie erinnerte ſich an die Norhwendigkeit ihre ganze Verſtellungskraft zu⸗ ſammen zu nehmen, die ihr unter den erſchütternden Worten Adams beinahe abhanden gekommen war. Und ſie hatte den Brief in ihrer Taſche: ſie war überzeugt daß dieſer Brief etwas Tröſtliches enthielt, was Adam auch ſagen mochte. Sie eilte fort um Totty zu ſuchen und erſchien bald mit erhöhter Ge⸗ ſichtsfarbe wieder, während Totty an ihrer Hand ein ſaures Geſicht machte, weil ſie einen unreifen Apfel .16* immer noch in der Hand, 244 wegwerfen mußte worein ſie ihre kleinen Zähne be⸗ reits eingebiſſen hatte. „Komm her, Totty,“ ſagte Adam,„ich laſſe Dich⸗ auf meinen Schultern reiten— ſo hoch— bis oben an die Bäume hinauf.“ Welches kleine Kind hat ſich nicht durch den Hochgenuß tröſten laſſen kräftig in die Höhe gehoben und hinaufgeſchwungen zu werden! Ich glaube nicht daß Ganymedes ſchrie als der Adler ihn entführte und am Ende vielleicht auf Jupiters Schulter ab⸗ ſezte. Totty lächelte voll Behagen von ihrer ſichern Höhe herab, und es war ein freudiger Anblick für die Mutter, die unter der Hausthüre ſtand und Adam mit ſeiner kleinen Laſt herankommen ſah. „Gott ſegne Dein Engelsgeſichtchen, mein Kind,“ ſagte ſie, und die innige Mutterliebe erfüllte ihre ſonſt ſo ſcharfen Augen mit Milde, als Totty ihr die Aermchen entgegenſtreckte und ſich zu ihr hinab⸗ beugte. Für Hetty hatte ſie jezt kein Auge und ſagte, ohne ſie anzuſehen, bloß:„Geh hinab, Hetty, und hol Bier, die Mädchen ſind beide beim Käſe.“ Als das Bier abgezogen und die Pfeife des Onkels angezündet war, mußte Totty ins Bett ge⸗ ſchafft, ſpäter aber, weil ſie nicht ſchlafen wollte und beſtändig ſchrie, in ihrem Nachtkleidchen wieder her⸗ untergebracht werden. Sodann ging es ans Nacht⸗ eſſen, und Hetty mußte beſtändig bei der Hand ſein und helfen. Adam blieb ſo lange er merkte daß er Frau Poyſer angenehm war, und er zog ſie und ihren Mann beſtändig ins Geſpräch, damit Hetty mehr für ſich ſein konnte; er hielt ſich ſo lange auf, weil er ihr über dieſen Abend hinwegzuhelfen wuͤnſchte, 245 und er freute ſich daß ſie ſo viel Selbſtbeherrſchung zeigte. Er wußte daß ſie noch nicht Zeit gehabt hatte den Brief zu leſen, aber das wußte er nicht daß ſie durch die geheime Hoffnung aufrecht erhalten wurde, daß der Brief das gerade Gegentheil von ſeinen Erklärungen enthalten würde. Es wurde ihm hart ſie zu verlaſſen und zu bedenken daß er Tage lang nicht erfahren ſollte wie ſie ihre Trübſal ertrug. Aber zulezt mußte er gehen, und Alles was er thun konnte war, daß er ihr beim Abſchied ſanft die Hand drückte, in der Hoffnung ſie würde dieß als ein Zei⸗ chen annehmen daß ſeine Liebe für ſie ſtets gleich bleiben werde, im Fall ſie bei ihm Schuz ſuchen ſollte. Wie geſchäftig ſeine Gedanken beim Heim⸗ gehen waren, wie eifrig er mitleidige Entſchuldigun⸗ gen für ihre Thorheit ſuchte, indem er ihre ganze Schwäche auf die holde Liebesbedürftigkeit ihres Weſens zurückführte und Arthur tadelte, da er immer weniger Luſt empfand auch für ſein Benehmen eine Beſchönigung zu finden! Seine Erbitterung über Hetty's Leiden, wie auch das Bewußtſein daß ſie ihm möglicher Weiſe auf immer entriſſen worden, machte ihn taub gegen jede Vertheidigung des fal⸗ ſchen Freundes der all dieſen Jammer geſtiftet hatte. Adam war ein Menſch von hellem Blick und ehr⸗ lichem Gemüthe, in der That ſowohl moraliſch als phyſiſch ein prächtiger Burſche. Aber wenn der ge⸗ rechte Ariſtides jemals verliebt und eiferſüchtig war, ſo war er gewiß in ſolchen Augenblicken nicht die Großherzigkeit ſelbſt. Und ich kann nicht behaupten daß Adam in dieſen Schmerzenstagen nichts Anderes 4 als ſittliche Entrüſtung und liebevolles Erbarmen 246 empfunden habe. Er wurde von bitterer Eiferſucht gequält, und ſo nachſichtig ihn ſeine Liebe gegen Hetty ſtimmte, ſo herb geſtalteten ſich ſeine Gefühle gegen Arthur. „Natürlich war einem ſolchen Mädchen leicht der Kopf verdreht,“ dachte er,„wenn einmal ein vor⸗ nehmer Herr mit ſeinen feinen Manieren und ſchö⸗ nen Kleidern, ſeinen weißen Händen und den geleck⸗ ten Reden dieſer Leute ſich auf eine dreiſte Art an ſie machte, wie ein Anderer der bloß Ihresgleichen iſt nicht thun kann, und es fragt ſich noch ſehr ob ſie je wieder einen gemeinen Mann lieben wird.“ Er konnte nicht umhin ſeine eigenen Hände aus der Taſche zu ziehen und ſie anzuſehen mit den harten Schwielen und den zerbrochenen Nägeln.„Ich bin freilich ein derber Geſelle: wenn ichs recht bedenke, ſo weiß ich eigentlich nicht was ein Mädchen viel an mir lieben kann, und doch hätte ich ganz leicht ein anderes Weib bekommen, wenn ich mein Herz nicht gerade an ſie gehängt hätte. Aber es iſt mir ganz gleichgiltig was andere Mädchen von mir denken, wenn ſie mich nicht lieben kann. Sie würde mich vielleicht geliebt haben, ſo gut wie irgend einen An⸗ dern; es iſt Niemand in der ganzen Gegend den ich zu fürchten hätte, wenn er nicht dazwiſchen getreten wäre; aber jezt werde ich ihr vielleicht verhaßt, weil ich ſo ganz anders bin als er. Und doch kann man immer noch nichts ſagen— ſie kann ja umkehren, wenn ſie ſieht daß er die ganze Zeit über nur ſeinen Spaß mit ihr getrieben hat. Sie kann vielleicht den Werth eines Mannes ſchäzen lernen der ihr mit Freuden ſein ganzes Leben bieten wird. Aber ich — 1 2— — 247 muß mirs gefallen laſſen wie es auch geht— ich muß froh ſein daß es nicht noch ſchlimmer geworden iſt: ich bin nicht der einzige Mann der in dieſem Leben kein Glück macht. Manches ſchöne Stück Ar⸗ beit wird mit einem traurigen Herzen verrichtet. Es iſt Gottes Wille ſo, und das muß uns genügen; wir würden es, denke ich, doch nicht beſſer einzurich⸗ ten wiſſen als er, und wenn wir uns unſer Leben lang die Köpfe darüber zerbrächen. Aber es würde mir alle Freude auf immer verderbt haben, wenn i ſie in Jammer und Schande geſehen hätte, und zwar durch den Mann an welchen ich nie ohne Stolz den⸗ ten konnte. Da mir dieß erſpart iſt, ſo habe ich kein Recht zu klagen. So lange einer ſeine Glieder noch ganz hat, kann er wohl ein paar ſcharfe Hiebe Als Adam unter ſolchen Betrachtungen über einen Steg ging, bemerkte er einen Mann der auf dem Felde vor ihm herſchritt. Er erkannte ihn als ſeinen Bruder Seth, der von einer Abendpredigt nach Hauſe wandelte, und er hatte ihn bald eingeholt. „Ich dachte Du würdeſt vor mir heimkommen,“ ſagte er als Seth ſich umwandte und auf ihn war⸗ tete,„denn ich bin heute ungewöhnlich ſpät daran.“ „Es iſt mir auch ſo gegangen, denn nach der Predigt bin ich ins Geſpräch mit John Barnes ge⸗ kommen, der neuerdings ſehr im Stand der Gnade zu ſein behauptet, und ich hatte ihn allerlei über ſeine Erfahrungen zu fragen. Es gehört dieß zu den Dingen die einen weiter führen als man glaubt— ſie liegen nicht ſo auf dem geraden Weg.“ Ein paar Minuten gingen ſie ſchweigend neben 248 einander her. Adam war nicht geneigt auf die Sub⸗ tilitäten religiöſer Erfahrung einzugehen, aber er hatte Luſt einige Worte brüderlicher vertrauensvoller Liebe mit Seth zu wechſeln. Dieſer Drang kam ihn ſelten an, ſo ſehr auch die Brüder einander liebten. Sie ſprachen faſt nie von perſönlichen Angelegenheiten, und auf ihre Familienwiderwärtigkeiten machten ſie höchſtens dann und wann eine flüchtige Anſpielung. Adam war von Natur in allen Gefühlsſachen zurück⸗ haltend, und Seth empfand ſeinem practiſchen Bru⸗ der gegenüber eine gewiſſe Schüchternheit. „Seth, mein Junge,“ ſagte Adam, indem er ſei⸗ nen Arm über die Schulter des Bruders legte,„haſt Du von Dina Morris Etwas gehört ſeit ſie weg⸗ ging?“ 3 Ja, antwortete Seth.„Sie ſagte mir, ich möchte ihr nach einiger Zeit ſchreiben wie es uns gehe und wie die Mutter ihre Trübſal ertrage. Ich ſchrieb ihr alſo vor vierzehn Tagen daß Du eine neue Anſtellung habeſt und daß die Mutter zufrieden ſei. Und als ich lezten Mittwoch auf der Poſt in Treddleſton anfragte, traf ich einen Brief von ihr. Vielleicht macht es Dir Vergnügen ihn zu leſen; aber ich ſagte Dir nichts darüber, weil es mir ſchien als hätteſt Du andere Dinge im Kopf. Der Brief iſt ganz leicht zu leſen, ſie ſchreibt wundervoll für ein Mädchen.“ Seth hatte den Brief aus der Taſche gezogen und hielt ihn Adam hin. Dieſer nahm ihn und ſagte: gi ze mein Junge, ich habe jezt gerade eine ſchwere Laſt auf mir; Du mußt es mir nicht übel —+— — — 249 nehmen wenn ich etwas ſtiller und barſcher bin als ſonſt; troz meines Kummers bin ich Dir nicht weni⸗ ger zugethan: wir halten an einander feſt bis an unſer Ende.“ 4 „Ich nehme Dir Nichts übel, Adam: ich weiß recht wohl was es heißen will wenn Du dann und wann ein Bischen kurz angebunden gegen mich biſt.“ „Da macht die Mutter die Thüre auf um nach uns zu ſehen,“ ſagte Adam, als ſie den Abhang hinabgingen.„Sie hat wie gewöhnlich wieder im Finſtern dageſeſſen. Schön, Gyp, ſchön, freut es Dich daß ich komme?“ Lisbeth ging ſchnell wieder hinein und zündete ein Licht an, denn ſie hatte das willkommene Ge⸗ räuſche von Fußtritten auf dem Graſe gehört, ehe Gyp ſein fröhliches Gebelle aufgeſchlagen. „Ach ihr Jungen, meiner Lebtage iſt mir die Zeit nicht ſo lange geworden wie am heutigen Sonn⸗ tag Abend. Was kann euch beide ſo lange aufge⸗ halten haben?“ „Du ſollteſt nicht ſo im Dunkeln daſizen, Mut⸗ ter,“ ſagte Adam;„dadurch wird Dir die Zeit viel länger.“ „Ei warum ſoll ich am Sonntag ein Licht an⸗ ſtecken, wenn nur ich allein da bin und es eine Sünde iſt ein Bischen zu ſtricken? Das Tageslicht iſt lang genug für mich um ins Buch hineinzuſehen, denn leſen kann ich ja doch nicht. Das wäre mir etwas Schönes wenn man ſich die Zeit damit ab⸗ kürzte daß man das gute Licht verſchwendete. Aber wer von euch will etwas zu Nacht eſſen? Ihr müßt entweder verhungert oder ſatt ſein, ſollt' ich meinen, ſo ſpät iſt es ſchon in der Nacht.“ „Ich habe Hunger, Mutter,“ ſagte Seth, indem er ſich an das Tiſchchen ſezte welches ſie ſchon bei Tage gedeckt hatte. „Ich habe ſchon gegeſſen,“ ſagte Adam.„Da Gyp,“ fügte er hinzu, indem er eine kalte Kartoffel . vom Tiſch nahm und den zottigen grauen Kopf ſtreichelte der zu ihm emporſchaute. „Du brauchſt dem Hund nichts mehr zu geben,“ bemerkte Lisbeth;„ich habe ihn tüchtig gefüttert. Ich vergeſſe ihn wahrlich nicht ſo leicht, wenn er das Einzige iſt was ich von Dir zu ſehen bekomme.“ „So komm jezt, Gyp,“ ſagte Adam,„wir wollen zu Bette. Gute Nacht, Mutter, ich bin ſehr müde.“ „Was fehlt ihm denn, weißt Du's nicht?“ fragte Lisbeth den jüngern Sohn, als Adam die Treppe hinaufgegangen war;„er iſt ſeit ein paar Tagen ſo niedergeſchlagen als hätte ihn der Schlag gerührt. Heute Vormittag, als Du ſort warſt, traf ich ihn in der Werkſtatt, wie er daſaß und gar Nichts that— nicht einmal ein Buch hatte er vor ſich.“ „Er hat gerade jezt ſehr viel zu thun, Mutter,“ antwortete Seth,„und ich glaube daß er auch aller⸗ lei auf dem Herzen hat. Thu alſo als ob Du gar nichts bemerkteſt, denn ſonſt kränkt es ihn. Sei gegen ihn ſo freundlich als Du nur kannſt, Mutter, und ſage nichts was ihn ärgern könnte.“ 3 „Was ſchwazeſt Du da von Aergern? Wie kann ich wohl anders als freundlich gegen ihn ſein? Ich werde ihm morgen zum Frühſtück einen Pfannen⸗ kuchen machen.“ 251 Adam hatte Rock und Weſte ausgezogen und las Dina's Brief bei einem dünnen Lichtſtümpchen. „Lieber Bruder Seth! „Euer Brief blieb drei Tage auf der Poſt liegen, denn ich hatte nicht Geld genug um den Boten zu bezahlen, weil es eine Zeit großer Noth und Krank⸗ heit iſt; auch iſt ſo viel Regen gefallen als ob die Schleußen des Himmels ſich von Neuem geöffnet hätten; und zu einer ſolchen Zeit Tag für Tag Geld zurückzulegen, während es ſo Vielen am Allernoth⸗ wendigſten fehlt, das wäre ein Mangel an Gott⸗ vertrauen, wie das Sammeln des Manna. Ich ſpreche davon weil ich nicht nachläßig im Antworten ſcheinen möchte, und damit Ihr nicht glauben ſollt, ich freue mich nicht herzlich mit Euch über das welt⸗ liche Glück das Eurem Bruder Adam widerfahren iſt. Die Ehre und Liebe die Ihr ihm erweiſet iſt nicht mehr als billig, denn Gott hat ihm große Gaben verliehen, und er gebraucht ſie wie der Patriarch Joſeph, der, als er zu hoher Macht und Würde ge⸗ langt war, dennoch zärtlich nach ſeinem Vater und jüngeren Bruder ſich ſehnte. „Mein Herz hängt ſehr an Eurer alten Mutter, ſeit es mir vergönnt war ihr am Tage der Trübſal nahe zu ſein. Grüßet ſie von mir und ſagt ihr daß ich ſie oft in meinen Gedanken trage, wenn ich Abends im Zwielicht daſize, wie damals als wir einander bei der Hand hielten und ich die Worte des Troſtes ſprach die mir eingegeben wurden. Ach das iſt eine geſegnete Zeit, nicht wahr, Seth? wenn das äußere Licht hinſchwindet und der Leib etwas müde iſt von Mühe und Arbeit, dann ſcheint das innere Licht um 252 ſo heller, und wir haben ein tieferes Vertrauen auf die göttliche Kraft. Ich ſize im dunkeln Zimmer auf meinem Stuhl und ſchließe meine Augen, dann iſt es mir als könnte ich nie wieder einen Mangel fühlen. Denn alle Noth, Sorge, Blindheit und Sünde, die ich ſchon geſehen habe und worüber ich hätte weinen mögen,— ja alle Angſt der Menſchen⸗ kinder, die mich zuweilen wie plözliche Dunkelheit umſchließt, kann ich bereitwillig ertragen, als hälfe ich am Kreuze des Erlöſers tragen. Denn ich fühle es, ich fühle es, auch die unendliche Liebe leidet— ja in der Fülle des Wiſſens leidet ſie, jammert und trauert, und nur blinde Selbſtſucht verlangt von dem Kummer befreit zu ſein unter welchem die ganze Schöpfung ächzet und ſtöhnet. Ganz gewiß iſt es nicht das wahre Glück vom Kummer frei zu ſein, ſo lange Kummer und Sünde in der Welt vorhan⸗ den ſind, denn der Kummer iſt ja ein Theil der Liebe und die Liebe ſucht ihn nicht abzuwerfen. Das ſagt mir nicht bloß der Geiſt, ſondern ich ſehe es im ganzen Werk und Wort des Evangeliums. Gibt es nicht eine Fürbitte im Himmel? Iſt nicht der Mann des Leidens da in dieſem gekreuzigten Leibe mit welchem er aufgefahren iſt? Und iſt er nicht eins mit der unendlichen Liebe ſelbſt, wie unſere Liebe eins iſt mit unſern Leiden? „Dieſe Gedanken haben mich in der lezten Zeit viel beſchäftigt und ich habe mit neuer Klarheit die Bedeutung der Worte erkannt: Wer mich lieb hat der nehme mein Kreuz auf ſich. Ich habe dieß ſo erklären gehört, als bedeute es die Trübſale und Verfolgungen die wir uns als Bekenner Jeſu zu⸗ 253 ziehen. Aber gewiß iſt das eine kurzſichtige Auffaſ⸗ ſung. Das wahre Kreuz des Erlöſers war die Sünde und Noth dieſer Welt— das war es was ihm ſchwer auf dem Herzen lag— und das iſt das Kreuz das wir mit ihm tragen, das iſt der Kelch woraus wir mit ihm trinken müſſen, wenn wir Antheil haben wollen an der göttlichen Liebe, welche eins iſt mit ſeinen Leiden. „Was mein äußeres Loos betrifft worüber Ihr mich befraget, ſo habe ich Alles im Ueberfluß. In der Fabrik habe ich immer Arbeit gehabt, obſchon mehrere andere auf einige Zeit entlaſſen worden ſind, und körperlich bin ich ſehr kräftig, ſo daß langes Gehen und Sprechen mich nicht ſehr ermüdet. Was Ihr davon ſagt daß Ihr in Eurem eigenen Lande bei Mutter und Bruder bleiben wollt, beweist mir daß Ihr unter einer richtigen Leitung ſteht; Euer Loos iſt Euch dort klar und deutlich angewieſen, und anderswo einen größern Segen zu ſuchen, das hieße ein falſches Opfer auf den Altar legen und auf Feuer vom Himmel warten um es anzuzünden. Ich habe meine Arbeit und meine Freude hier unter den Hügeln, und zuweilen meine ich daß ich mich allzu ſehr an mein Leben unter den Leuten hier feſtklammere, und daß ich widerſpenſtig ſein würde wenn man mich von da hinwegriefe. „Ich danke für Eure Nachrichten über die lieben Freunde auf dem Pachthof, denn obſchon ich ihnen auf den Wunſch meiner Tante nach meinem Aufent⸗ halt in ihrer Mitte einen Brief geſchrieben, ſo habe ich doch noch keine Antwort erhalten. Meine Tante iſt nicht ſtark im Schreiben, und die täglichen Ar⸗ 254 beiten im Hauſe ſind vollkommen genug für ſie, denn ſie iſt ſchwächlich von Körper. Mein Herz hängt an ihr und ihren Kindern als denjenigen die mir im Fleiſch am nächſten ſind, ja überhaupt an Allen die in dieſem Hauſe wohnen. Im Traum werde ich beſtändig unter ſie verſezt, und oft erfaßt mich mit⸗ ten unter der Arbeit, ja ſogar im Sprechen der Gedanke an ſie als ob ſie in Noth und Trübſal wären, was mir jedoch dunkel iſt. Vielleicht werde ich ſpäter ſicherer geleitet, aber ich warte auf Be⸗ lehrung von oben. Ihr ſagt ja ſie ſeien Alle wohl. „Gewiß werden wir einander leiblich wieder ſehen, obſchon vielleicht nicht auf lange, denn die Brüder und Schweſtern in Leeds wünſchen mich auf kurze Zeit unter ſich zu haben, ſobald ich wieder Gelegenheit bekomme Snowfield zu verlaſſen. „Lebt wohl, lieber Bruder— und dennoch kein Lebewohl. Denn die Kinder Gottes, denen es ver⸗ gönnt iſt einander von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen und Gemeinſchaft miteinander zu halten und denſelben Geiſt wirkſam in ſich zu fühlen, können nie mehr getrennt werden, wenn auch Hügel zwiſchen ihnen liegen. Denn ihre Seelen werden durch dieſe Vereinigung für immer erweitert und ſie tragen ein⸗ ander beſtändig wie eine neue Kraft in ihren Ge⸗ danken. „Eure getreue Schweſter und Mitarbeiterin in Chriſto, „Dina Morris.“ „Ich bin nicht ſo geſchickt die Worte klein ſchrei⸗ ben zu können wie Ihr, und meine Feder bewegt ſich nur langſam. Und darum bin ich beengt und — — — 2⁵⁵ ſage nur wenig von dem was ich auf dem Herzen habe. Grüßet Eure Mutter mit einem Kuſſe von mir. Ich durfte ſie beim Abſchied zweimal küſſen.“ Adam hatte den Brief wieder zuſammengelegt und ſaß nachdenklich, den Kopf auf ſeinen Arm ge⸗ ſtüzt, oben auf ſeinem Bett, als Seth die Treppe heraufkam. „Haſt Du den Brief geleſen?“ „Ja,“ antwortete Adam.„Ich weiß nicht was ich von ihr und ihrem Brief gedacht haben würde wenn ich ſie nicht geſehen hätte, gewiß würde ich ein predigendes Weib für abſcheulich gehalten haben. Aber bei ihr erſcheint Alles recht was ſie ſagt und thut, und als ich ihren Brief durchlas, war es mir als ob ich ſie vor mir ſähe und reden hörte. Es iſt merkwürdig wie genau ich mich ihrer Blicke und ihrer Stimme erinnere. Sie würde Dich ungemein glücklich machen; ſie wäre juſt das rechte Weib für Dich.“ „Daran iſt leider nicht zu denken,“ antwortete Seth verzagt.„Sie hat ſo entſchieden geſprochen, und ſie iſt nicht diejenige die Etwas ſagt und etwas Anderes thut.“ „Nein, aber ihre Gefühle können ſich ja auch verändern. Ein Mädchen kann allmählig zur Liebe kommen. Das Beſte bei ihr iſt nicht dasjenige was am ſchnellſten aufflackert. Du ſollteſt gelegentlich hingehen und ſie beſuchen: ich will es ſchon einrich⸗ ten daß Du drei oder vier Tage weg kannſt, und für Dich iſt es ja kein weiter Weg, bloß zehn oder zwölf Stunden.“ „Ich möchte ſie allerdings gerne beſuchen, wie 256 2 es nun gehen mag, wenn ſie nur nicht darüber böſe wird,“ antwortete Seth. „Sie wird nicht böſe werden,“ erklärte Adam mit Nachdruck, indem er aufſtand und ſeinen Rock weg⸗ legte.„Es wäre für uns alle ein großes Glück wenn ſie Dich nähme, denn die Mutter hat ſie un⸗ gemein lieb gewonnen und ſchien ſehr mit ihr zu⸗ frieden zu ſein.“ „Ja,“ ſagte Seth etwas ſchüchtern,„und Dina hat auch Hetty ſo lieb: ſie denkt viel an ſie.“ Adam gab darauf keine Antwort und die Brü⸗ der ſagten ſich jezt nur noch gute Nacht. Ende des zweiten Bandes. *