Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4..— 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich z ücker: 4 Büeher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 3„ 5. Auswär Zurückſendung der Bücher a elbſt zu ſorgen. „verlorene und pfern ꝛc.) muß der das te, beſchmutzte, ver⸗ Theil eines größeren Werkes, ſo iſt nzen verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird macht, daß das Weiterverleihen „eindem Diejenigen, welche die⸗ afür zu ſtehen haben. Adaum Belle. Von George Eliot. Aus dem Engliſchen von Dr. G. Fink. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1861. Erſtes Capitel. Die Werkſtatt. Mit einem einzigen Dintentropfen als Spiegel verſpricht der ägyptiſche Zauberer dem Nächſten Beſten der herankommt entfernte Bilder aus der Vergangen⸗ heit zu enthüllen. Zu derſelben Leiſtung verpflichte ich mich gegen Dich, Leſer. Mit dieſem Dintentropfen an meiner Federſpize will ich Dir die geräumige Werk⸗ ſtatt des Herrn Jonathan Burge, Zimmermanns⸗ und Baumeiſters im Dorfe Hayſiope, zeigen, ſo wie ſie am 18. Juni im Jahre des Herrn 1799 ausſah. Die Nachmittagsſonne leuchtete warm auf fünf Geſellen herein die emſig an Thüren, Fenſterrahmen und Täfelwerk arbeiteten. Der Harzgeruch um einen zeltartigen Bretterhaufen vor der offenen Thüre miſchte ſich mit dem Duft der Hollunderbüſche die ihren Sommerſchnee bis an das offene Fenſter gegenüber ſtreuten; die Sonnenſtrahlen fielen ſchräg auf die durchſichtigen Späne die vor dem feſten Hobel auf⸗ flogen, und beglänzten die feinen Maſern des eichenen Täfelwerks das an die Wand gelehnt ſtand. Auf einem Haufen dieſer weichen Hobelſpäne hatte ſich ein zottiger grauer Schäferhund ein behagliches Bette 1* 4 gemacht; er ſtreckte ſeine Naſe zwiſchen ſeinen Vor⸗ derpfoten vor und runzelte gelegentlich ſeine Brauen um dem größten unter den fünf Geſellen, der eben in das Mittelſtück einer Vertäfelung einen Schild ein⸗ ſchnitt, einen Blick zuzuwerfen. Dieſem Arbeiter ge⸗ hörte der ſtarke Baß der lauter als Hobel und Ham⸗ mer in folgendem Vers ſich vernehmen ließ: Erwach, mein Herz, thu deine Pflicht, Der Trägheit Feſſeln trage nicht. Hier mußte er ein Maß nehmen das eine ge⸗ nauere Aufmerkſamkeit erforderte, und die vollklin⸗ gende Stimme ſenkte ſich zu einem leiſen Geſumme; bald jedoch brach ſie mit erneuter Kraft hervor: „Laß was du ſprichſt wahrhaftig ſein, Bewahre dein Gewiſſen rein.“ Eine ſolche Stimme konnte nur aus einem brei⸗ ten Bruſtkaſten kommen, und der breite Bruſtkaſten gehörte einem breitknochigen, muskelfeſten Manne von beinahe 6 Fuß, mit einem ſo auf dem Nacken feſt⸗ ſizenden Kopfe, daß er, wenn er ſich aufrichtete und ein wenig zurücktrat um ſeine Arbeit zu überſchauen, wie ein Soldat in bequemer Stellung ausſah. Der bis über den Ellenbogen aufgeſtreifte Aermel zeigte einen Arm der bei allen Kraftübungen auf den Preis rechnen durfte; aber die lange geſchmeidige Hand mit ihren breiten Fingerſpizen deutete mehr auf Ar⸗ beiten der Geſchicklichkeit. Der hohe Wuchs und die derbe Geſtalt verriethen Adam Bede als einen Sacht ſen; aber das kohlſchwarze Haar das durch ſeinen Contraſt mit der weißen Papiermüze noch mehr auf⸗ 5 fiel, und der ſcharfe Blick der dunkeln Augen die unter ſtarkgezeichneten vorſpringenden und beweg⸗ lichen Brauen hervorglänzten, deutete auf eine Bei⸗ miſchung von celtiſchem Blute. Das Geſicht war breit und derb geſchnitten; im Zuſtand der Ruhe hatte es keine andere Schönheit als diejenige die mit einem Ausdruck von Gutmüthigkeit, Chrlichkeit und Verſtändigkeit verbunden iſt. Daß der nächſte Arbeiter Adams Bruder iſt, er⸗ hellt auf den erſten Blick. Er iſt beinahe eben ſo groß, hat denſelben Typus der Geſichtszüge, dieſelbe Haar⸗ und Geſichtsfarbe; aber die ſtarke Familien⸗ ähnlichkeit ſcheint nur den auffallenden Unterſchied des Ausdrucks ſowohl in Geſtalt als in Geſicht noch mehr hervorzuheben. Seths breite Schultern ſind etwas eingedrückt, ſeine Augen ſind grau, ſeine Brauen ſtehen weniger hervor und ſind ruhiger als bei ſei⸗ nem Bruder, ſein Blick iſt nicht ſcharf, ſondern treu⸗ herzig und mild. Seine Papiermüßze hat er wegge⸗ worfen, und ſo ſieht man daß ſein Haar nicht dick und glatt iſt wie bei Adam, ſondern dünn und ge⸗ lockt, ſo daß man genau die Cönturen eines kron⸗ artigen Bogens erkennt der ſehr entſchieden über die Stirne vorherrſcht. Das faule Geſindel konnte immer darauf rechnen von Seth eine Kupfermünze zu bekommen, dagegen wandte es ſich höchſt ſelten an Adam. Das Concert der Handwerksſäge und der Stimme Adams wurde zulezt durch Seth unterbrochen, wel⸗ cher die Thüre woran er emſig gearbeitet von der Hobelbank herabnahm und an die Wand ſtellte mit den Worten: 6 „Sol ich habe meine Thüre jezt doch fertig ge⸗ bracht.“ Die Geſellen blickten alle auf; Jim Salt, ein dicker, rothhaariger Burſche, unter dem Namen Sandy Jim bekannt, ſtellte ſein Hobeln ein wenig ein, und Adam ſagte mit einem ſcharfen Blicke der Ueber⸗ raſchung zu Seth: „Ei wie? Du glaubſt Deine Thüre vollendet zu haben?“ „Allerdings,“ ſagte Seth mit entſprechender Ver⸗ wunderung;„was ſoll denn noch fehlen?“ Die drei andern Geſellen erhoben ein ſchallendes Gelächter, ſo daß Seth ganz verblüfft um ſich ſchaute. Adam lachte nicht mit, doch ſpielte ein lächelnder Zug um ſeinen Mund als er noch ſanfter als vor⸗ hin fortfuhr: „Nun ja, Du haſt weiter nichts als die Füllung vergeſſen.“ Das Gelächter brach von Neuem aus, als Seth nunmehr die Hände über ſeinem Kopf zuſammen⸗ ſchlug und feuerroth wurde. „Hurrah!“ jauchzte ein kleines, luſtiges Männ⸗ chen, der Draht⸗Ben genannt, indem er vorſprang und die Thüre ergriff;„wir wollen die Thüre draußen an der Werkſtatt aufhängen und drauf die Worte ſchreiben: Die Arbeit des Methodiſten Seth Bede. Komm her, Jim, und reich mir den Farbentopf!“. „Unſinn!“ ſagte Adam.„Laß das gut ſein, Ben Cranage. Es kann Dir auch noch einmal ein ſolcher Streich paſſiren, und dann wird es Dir nicht ſo um's Lachen zu thun ſein.“ 7 „Damit hats keine Gefahr, Adam. Mir werden die Methodiſten nicht ſo bald den Kopf verrücken.“ „Wohl wahr, aber Dir wird er oft vom Trinken verrückt und das iſt noch ſchlimmer.“ Ben hatte indeß den Farbentopf in die Hände bekommen und er wollte eben ſeine Ueberſchrift ab⸗ faſſen; als Einleitung zog er bereits ein imaginäres S durch die Luft. „Laß es bleiben, ſage ich,“ rief Adam, indem er ſeinen Arbeitszeug weglegte, auf Ben zuging und ihn bei der rechten Schulter faßte.„Laß es bleiben oder ich ſchüttle Dir die Seele aus dem Leib.“ Ben bebte unter Adams eiſernem Griff, aber er war ein Männchen dem es nicht an Muth fehlte und wollte nicht nachgeben. Mit ſeiner linken Hand nahm er den Pinſel aus der unbrauchbar gewor⸗ denen Rechten und machte eine Bewegung als wolle er ſeine Heldenthat mit der Inſchrift auf dieſe Art ausführen. Aber Adam drehte ihn raſch herum, er⸗ griff ihn bei ſeiner andern Schulter, ſtieß ihn vor ſich her und drückte ihn an die Wand. Jezt aber ergriff Seth das Wort. „Laß es gut ſein, lieber Adam, laß es gut ſein. Ben will bloß einen Scherz machen. Und wahrhaftig, er hat das Recht mich auszulachen. Muß ich bei⸗ nahe doch ſelbſt über mich lachen.“ „Ich laſſe ihn nicht los, bis er verſpricht daß er die Thüre in Ruhe laſſen will,“ erklärte Adam. „Komm, Ben, mein Junge,“ ſagte Seth in über⸗ redendem Tone,„wir wollen deßwegen keinen Streit anfangen. Du weißt daß Adam nicht nachgibt. Ebenſo gut könnteſt Du's verſuchen mit einem Wagen 8 in einem ſchmalen Gäßchen umkehren zu wollen. Sag daß Du die Thüre in Ruhe laſſen willſt, dann hat die Sache ein Ende.“ „Ei, ich fürchte Adam nicht,“ ſagte Ben,„aber Dir zu Liebe, Seth, will ich's ſein kaſſen.“ „Nun das iſt geſcheidt von Dir,“ verſezte Adam lachend, indem er ihn losließ.. Sie kehrten jezt Alle zu ihrer Arbeit zurück, aber Drahtben, der im phyſiſchen Kampf den Kürzern ge⸗ zogen hatte, gedachte ſich jezt durch glückliche Spöt⸗ tereien für dieſe Demüthigung ſchadlos zu halten. „Hör einmal, Seth,“ begann er,„an was dach⸗ teſt Du denn ſo eben als Du die Füllung vergaßeſt, an das Geſicht der hübſchen Pfarrerin oder an ihre Predigt?“ „Komm einmal mit mir und höre ſie, Ben,“ antwortete Seth gutmüthig;„ſie predigt heute Abend auf der Gemeindewieſe; da könnteſt Du etwas An⸗ deres in Deinen Kopf bekommen als dieſe gottloſen Lieder woran Du ſo große Freude haſt. Du könn⸗ teſt da Religion bekommen, und das wäre der beſte Taglohn den Du je verdient hätteſt.“ „Das hat noch gute Weile, Seth; ich will mir's überlegen, wenn ich mich einmal verheirathe; ein Junggeſelle braucht ſich's nicht ſo ſauer werden zu laſſen. Vielleicht fällt mir das Freien und das Frommwerden zuſammen ein, wie Du es auch triebſt, Seth; aber wahrſcheinlich würde es Dir nicht ge⸗ fallen wenn ich Dir in Folge meiner Bekehrung bei der hübſchen Predigerin ins Gehäge käme und mit ihr auf und davon liefe.“ „Damit hat es 1e Ben; ich glaube daß 9 ſie weder für Dich noch für mich zu haben iſt. Komm nur einmal und höre ſie an, dann wirſt Du nicht mehr ſo leichtſinnig von ihr reden.“ „Nun ich bin ſo halb und halb entſchloſſen ſie heute Abend anzuſehen, wenn ich drüben in der Stechpalme keine gute Geſellſchaft finde. Was wird ſie zum Text nehmen? Vielleicht kannſt Du mirs ſagen, Seth, im Falle ich nicht zur rechten Zeit kommen ſollte. Etwa die Worte: Was ſeid ihr her⸗ ausgekommen zu ſehen? Eine Prophetin? Wahrlich, ich ſage euch, da iſt mehr als eine Prophetin— ein außerordentlich hübſches Frauenzimmer.“ „Höre Ben,“ ſagte Adam in etwas ſtrengem Tone,„laß doch die Bibel in Ruhe, du gehſt da viel zu weit.“ „Ei, ei, ſchwindelt es Dir auch, Adam? Ich hatte immer geglaubt Du habeſt mit Weiberpredigten Nichts zu ſchaffen.“ „Nein, mir ſchwindelt es nicht. Ich habe Nichts vom Predigen der Weiber geſagt, ſondern bloß Du ſolleſt die Bibel in Ruhe laſſen; Du haſt ein luſti⸗ ges Anekdotenbuch auf das Du Dir ſo viel einbildeſt; halte Deine ſchmuzigen Finger an das.“ 3 „Ci, ei, Du wirſt ein ſo dicker Heiliger wie Seth. Ohne Zweifel gehſt Du heute Abend in die Predigt und gewiß ſingſt Du recht ſchön dabei vor. Aber was wird wohl der Pfarrer Irwine ſagen, wenn ſein großer Liebling Adam Bede zu den Methodiſten geht?“ „Kümmere Dich gar nicht um mich, Ben. Ich werde ſo wenig Methodiſt wie Du, aber Du wirſt wahrſcheinlich etwas Schlimmenta werden. Meiſter 10 Irwine iſt viel zu geſcheidt als daß er ſich darein miſchen wollte wie die Leute es mit der Religion halten. Das haben ſie mit Gott abzumachen, hat er ſchon oft zu mir geſagt.“ „Ja, ja, aber bei all dem ſieht er doch eure Diſſenters nicht gern.“ „Das mag wohl ſein. Ich kann auch Tods dickes Bier nicht leiden, hindere es aber dennoch nicht daß Du Dich wie ein Narr darin beſäufſt.“ Dieſer Ausfall Adams wurde herzlich belacht, aber Seth ſagte mit großem Ernſt;:“ „Ei, ei, lieber Adam, Du mußt Niemandens Re⸗ ligion mit dickem Bier vergleichen. Du glaubſt im Grunde doch daß die Diſſenters und Methodiſten ebenſo gut auf dem rechten Wege ſind wie die Leute von der Hochkirche.“ „Nein Seth, ich verſpotte Niemand um ſeiner Re⸗ ligion willen. Jeder ſoll ſeinem Gewiſſen folgen, mehr verlange ich nicht. Nur glaube ich es wäre beſſer wenn Jeder den Andern ruhig in der Kirche ſizen ließe, es gibt da viel zu lernen. Und dann kann man ſich in geiſtlichen Dingen gar leicht zu hoch hinaufſchrau⸗ ben; wir müſſen außer dem Evangelium noch etwas Anderes in dieſer Welt haben. Betrachte einmal die Canäle, die Waſſerleitungen, die Maſchinerie in den Kohlengruben und Arkwrigts⸗Fabriken da drüben in Cromford; um ſolche Dinge zu machen muß einer noch mehr gelernt haben als bloß das Evangelium. Aber wenn man dieſe Predigten hört, ſo ſollte man meinen der Menſch habe ſein Leben lang nichts An⸗ deres zu thun, als ſeine Augen zuzumachen und zu beobachten was in ſeinem Innern vorgeht. Aller⸗ — 11 dings muß der Menſch die Liebe Gottes in ſeiner Seele haben und die Bibel iſt Gottes Wort. Aber was ſagt die Bibel? Nun ja, ſie ſagt: Gott habe dem Arbeiter der die Bundeslade baute ſeinen Geiſt eingegeben, ſo daß er all die Schnizerei und andern Dinge die eine feine Hand erfordern machen konnte. Ich ſehe die Sache ſo an: der Geiſt Gottes iſt in allen Dingen und in allen Zeiten, am Werktag und am Sonntag— ferner in den großen Arbeiten und Erfindungen, in Zeichnungen und in den mechaniſchen Künſten. Und Gott hilft uns mit unſern Köpfen und Händen ſoe gut wie mit unſern Seelen, und wenn einer außer den Arbeitsſtunden auch noch etwas thut— wenn er einen Ofen für ſeine Frau baut, ſo daß ſie das Bäckerhaus entbehren kann, oder wenn er ſein Gärtchen ſelbſt bearbeitet und macht daß zwei Kartoffeln wachſen ſtatt einer einzigen, ſo thut er damit mehr Gutes und iſt Gott eben ſo nahe als wenn er einem Prediger nachläuft und betet und ſtöhnt.“ „Ganz recht, Adam!“ ſagte Sandy Jim, der während dieſer Rede ſein Hobeln eingeſtellt hatte um die Bretter zu wechſeln;„das iſt die ſchönſte Predigt die ich meiner Lebtage gehört habe. Aus demſelben Grunde plagt mein Weib mich beſtändig ich ſolle ihr einen Ofen ſezen laſſen.“ „Es iſt Grund in dem was Du da ſagſt, Adam,“ bemerkte Seth ernſthaft.„Aber Du weißt doch auch ſelbſt daß ſchon mancher nichtsnuziger Burſche durch ſolche Predigten, an denen Du ſo viel Arges findeſt, in einen fleißigen Mann umgewandelt worden iſt. Der Prediger iſt es der das Bierhaus leert, und 12 wenn ein Mann Religion hat, ſo verſieht er ſeine Arbeit deßhalb um Nichts ſchlechter.“ „Nur vergißt er zuweilen die Füllungen an den Thüren, nicht wahr, Seth?“ warf Drahtben ein. „Aha, Ben, jezt haſt Du wieder Deinen Spott über mich, woran Du für Dein ganzes Leben genug haben wirſt. Aber die Religion war hier nicht Schuld, ſondern nur Seth Bede, der immer ein Bischen ein Grillenfänger war und den die Religion leider Gottes nicht curirt hat.“ „Du brauchſt Dir nichts daraus zu machen,“ ſagte Drahtben,„Du biſt ein rechiſchegfener Mann und haſt das Herz auf dem rechten Flecke ſizen, ob Du nun Füllungen machſt oder ſie vergiſſeſt; auch brauſeſt Du nicht gleich über jeden Scherz auf, wie Jemand aus Deiner Familie der vielleicht noch mehr Verſtand hat.“ „Seth, mein Junge,“ ſagte Adam, ohne die gegen ihn gerichtete Spötterei zu beachten,„Du darſſt es nicht unfreundlich aufnehmen; was ich ſo eben ſagte, ging gar nicht auf Dich. Der Eine ſieht die Sache auf dieſe Art an, der Andere auf eine andere; Jeder hat ſeine eigene Art die Sachen anzuſehen.“ „Nun, nun, lieber Adam,“ ſagte Seth,„Du haſt es nicht böſe mit mir gemeint, das weiß ich wohl; Du machſt es wie Dein Hund Gyp— Du bellſt mich manchmal an, leckſt mir danach aber immer die Hand.“ Sämmtliche Geſellen arbeiteten einige Minuten ſchweigend weiter, bis es auf der Kirchenuhr ſechs zu ſchlagen anfing. Mit dem lezten Glockenſchlage hatte Sandy Jim bereits den Hobel weggeworfen 13 und nach ſeiner Jacke gegriffen; Drahtben hatte eine halbhineingetriebene Schraube aus der Hand gelaſſen und ſeinen Schraubendreher unter ſein Handwerks⸗ zeug geworfen; Mum Taft, der während der bis⸗ herigen Unterhaltung ſtill geſchwiegen, hatte ſeinen Hammer den er eben in die Höhe gehoben ſinken laſſen; ja ſelbſt Seth hatte ſich geſtreckt und griff nach ſeiner papiernen Müze. Adam allein hatte fortgearbeitet als ob Nichts vorgefallen wäre. Aber als er be⸗ merkte daß Alle aufhörten, ſtand er auf und ſagte im Tone der Entrüſtung: „Da ſchaut mir einmal her! Ich kann es nicht ausſtehen wenn Männer ihr Handwerkszeug auf ſolche Art gleich beim erſten Glockenſchlage auf die Seite⸗ legen, als hätten ſie gar keine Freude an ihrem Geſchäft und fürchteten ſich einen Schlag zuviel zu thun.“ Seth ſah ein wenig ſchuldbewußt aus und be⸗ gann ſeine Vorbereitungen zum Gehen langſamer zu betreiben, aber Mum Taft brach das Schweigen und ſagte: „Ja, ja, mein lieber Adam, Du ſprichſt wie es ſich für Deine Jugend geziemt; wenn Du einmal ſechs und vierzig auf dem Rücken haſt wie ich, ſtatt ſechsundzwanzig, ſo wirſt Du auch nicht ſo flink für Nichts und wider Nichts arbeiten!“ „Unſinn!“ ſagte Adam zornig,„ich möchte doch wiſſen was das Alter damit zu ſchaffen hat. Ich denke Ihr ſeid noch immer nicht ſteif. Ich haſſe es wenn einer ſeine Arme herabſinken läßt als hätte er einen Schuß bekommen, und zwar ehe es noch ausgeſchlagen hat, juſt als hätte er nicht die mindeſte 14 Luſt und den mindeſten Stolz bei ſeinem Handwerk. Dreht ſich doch auch der Schleifſtein noch ein bischen wenn man ihn auch ſchon losgelaſſen hat.“ „Dummes Zeug, Adam!“ rief Drahtben.„Laß mich gefälligſt damit in Ruhe. So eben noch biſt Du gegen die Predigten losgezogen und jezt willſt Du ſelbſt predigen. Du ziehſt die Arbeit dem Ver⸗ gnügen vor, ich aber ziehe das Vergnügen der Ar⸗ beit vor; das kann Dir ganz angenehm ſein, es bleibt dann mehr Arbeit für Dich übrig.“ Mit dieſer Schlußrede, die er für ungemein wirk⸗ ſam hielt; nahm Drahtben ſein Handwerkszeug auf die Schulter und verließ die Werkſtatt, aus welcher ihm Mum Taft und Sandy Iim raſch folgten. Seth zögerte und ſchaute aufmerkſam Adam an, als er⸗ wartete er einige Worte von ihm. „Gehſt Du vor der Predigt noch heim?“ fragte Adam, indem er aufblickte. „Nein, ich habe meinen Hut und meine andern Sachen bei Will Maskery; ich werde wohl nicht vor zehn Uhr heimkommen; vielleicht begleite ich Dina Morris nach Hauſe wenn ſie es wünſcht. Von Poy⸗ ſers geht Niemand mit ihr wie Du weißt.“ „Dann will ich der Mutter ſagen daß ſie nicht auf Dich wartet,“ verſezte Adam. „Gehſt Du nicht vielleicht ſelbſt heute Abend zu Poyſers?“ fragte Seth etwas ſchüchtern, indem er ſich anſchickte die Werkſtatt zu verlaſſen. „Nein, ich gehe in die Schule.“ Bisher hatte Gyp ſein behagliches Bette be⸗ hauptet, indem er nur ſeinen Kopf aufrichtete und Adam etwas genauer beobachtete, als er bemerkte 15 daß die andern Arbeiter weggingen. Aber kaum hatte Adam ſeinen Zollſtab in die Taſche geſteckt und ſein Schurzfell aufzuwinden begonnen, als Gyp herbeiſprang und mit geduldiger Erwartung ſeinem Herrn ins Geſicht zu ſchauen anfing. Hätte Gyp einen Schwanz beſeſſen, ſo würde er ohne Zweifel damit gewedelt haben, aber da ihm dieſes Mittel zur Aeußerung ſeiner Gefühle verſagt war, ſo ging es ihm wie manchen andern rechtſchaffenen Leuten die phlegmatiſcher erſcheinen als die Natur ſie ge⸗ macht hat. „Ei mein Gyp, biſt Du bereit den Korb zu em⸗ pfangen?“ ſagte Adam mit derſelben ſanften Ton⸗ biegung wie wenn er mit Seth ſprach. Gyp ſprang in die Höhe und bellte ein einziges Mal, wie wenn er ſagen wollte: Natürlich! Der arme Kerl, er hatte keine große Auswahl in Aus⸗ drücken. Der Korb enthielt an den Werktagen das Mittag⸗ eſſen Adam's und Seth's, und kein Beamter kann, wenn er in einer öffentlichen Proceſſion einherſchreitet, alle ſeine Bekannten ſo entſchloſſen verläugnen wie Gyp, wenn er mit ſeinem Korb im Maul dicht auf den Ferſen ſeines Herrn einhertrabte. Beim Hinausgehen ſchloß Adam die Werkſttt, zog den Schlüſſel ab und brachte ihn in das Haus auf der andern Seite des Holzhofes. Es war ein niedriges Haus das mit ſeinem platten, grauen Strohdach und ſeinen bräunlichen Mauern friedlich und angenehm im Abendlicht dreinſchaute. Die Blei⸗ fenſter glänzten blank und fleckenlos, die ſteinerne — ——— 16 Schwelle war ſo rein wie ein weißer Kieſel bei der Ebbe. Auf der Schwelle ſtand eine reinliche alte Frau in einem dunkelgeſtreiften, leinenen Rock, einem rothen Halstuch und einer leinenen Müze. Sie ſprach zu einigen geſprenkelten Geflügelſtücken, die ſich offenbar durch eine trügeriſche Ausſicht auf kalte Kartoffeln hatten herziehen laſſen. Das Auge des alten Weibes ſchien etwas getrübt zu ſein, denn ſie erkannte Adam erſt als er zu ihr ſagte: „Hier iſt der Schlüſſel, Dolly; gebt ihn für mich im Hauſe ab, nicht wahr?“ „Ja gewiß, recht gern; aber wollt Ihr nicht hereinkommen, Adam? Jungfer Mary iſt daheim, und Meiſter Burge wird auch bald kommen; es wird ihm gewiß viel Freude machen Euch zum Abendeſſen zu behalten.“ „Nein, Dolly, ich danke; ich muß nach Haus, gute Nacht!“ 4 Adam eilte mit langen Schritten, Gyp dicht hinter ihm, aus dem Holzhof die Straße entlang die vom Dorf ins Thal hinabführte. Am Fuße des Abhangs machte ein ältlicher Reiter mit hinten aufgebundenem Mantelſack Halt, als Adam an ihm vorbeigegangen war, und ſandte noch einen langen Blick dem ſtattlichen Arbeiter mit ſeiner papiernen Mize, ſeinen ledernen Hoſen und ſeinen dunkelblauen wollenen Strümpfen nach. Ohne alle Ahnung von der Bewunderung die er erregte, ging Adam jezt querfeldein und begann mit lauter Stimme die Melodie welche ihm den ganzen Tag im Kopf herumgeſaust hatte — ρ 8 8M—8 08 17 Laß was du ſprichſt wahrhaftig ſein, Bewahre dein Gewiſſen rein, Denn Gott, der Alles ſieht, bewacht Stets was gethan du und gedacht. Zweites Capitel. Die Predigt. Ungefähr ein Viertel vor ſieben Uhr that ſich im Dorfe Hayſlope eine ungewöhnliche Bewegung kund, und in der ganzen Länge ſeiner kleinen Straße, vom Donnithorn⸗Wappen an bis zum Kirchhofsthore, waren die Einwohner augenſcheinlich durch einen wichtigern Grund als durch das bloße Vergnügen in der Abendſonne herumzulungern aus ihren Häuſern geloctt worden. Das Wirthshaus zum Donnithorn⸗ Wappen lag am Eingang des Dorfes, und ein klei⸗ ner danebenſtehender Hof für Heu und Getreide⸗ ſchober ſtellte dem Reiſenden gute Verpflegung für ihn ſelbſt und ſein Pferd in Ausſicht, ſo daß er ſich darüber tröſten konnte wenn der wettergebräunte Schild ihn in Betreff der heraldiſchen Bedeutung der alten Familie Donnithorn in gänzlicher Unkennt⸗ niß ließ. Herr Caſſon, der Wirth, ſtand ſchon ſeit einiger Zeit mit beiden Händen in den Taſchen vor der Thüre, wiegte ſich auf Abſäzen und Zehen hin und her und ſchaute nach einem Stück uneingehäg⸗ ten Wieſengrundes mit einem Ahornbaum in der Mitte, welchen er als den Beſtimmungsort gewiſſer Eliot, Adam Bede. J. 2 18 bedächtiger Männer und Frauen kannte, die von Zeit zu Zeit gruppenweiſe an ihm vorübergingen. Herrn Caſſons Perſönlichkeit gehörte keineswegs zu dem gewöhnlichen Typus den man füglich un⸗ beſchrieben laſſen kann. Von der Front betrachtet, ſchien ſie vorzüglich aus zwei Kreiſen zu beſtehen, die ungefähr in demſelben Verhältniſſe zu einander ſtanden wie Erde und Mond, d. h. man konnte die untere Sphäre nach einer ungefähren Berechnung für dreizehnmal größer nehmen als die obere, welche natürlich bloß die Verrichtung eines tributpflichtigen Trabanten verſah. Aber hier hörte die Aehnlichkeit auf, denn Herr Caſſon war keineswegs ein melan⸗ choliſch dreinſchauender Trabant und ebenſowenig eine efleckte Scheibe, wie Milton ganz reſpectwidrig den ond genannt hat; im Gegentheil, kein Kopf und kein Geſicht konnte glatter und geſunder ausſehen, und ſein Ausdruck, der hauptſächlich in einem Paar runder röthlicher Backen lag, denn die kleinen Knoten und Unterbrechungen worin die Augen und Naſe beſtanden waren kaum der Mühe werth, verkündete fröhliches Behagen, nur gemildert durch jenes Be⸗ wußtſein perſönlicher Würde das ſich gewöhnlich in ſeiner Haltung und ſeinem Benehmen zu fühlen gab. Dieſes Würdebewußtſein konnte kaum übertrieben erſcheinen bei einem Mann der fünfzehn Jahre als Haushofmeiſter bei der Familie gedient hatte und in ſeiner gegenwärtigen hohen Stellung nothwendig ſehr häufig mit geringeren Leuten in Berührung kam. 9 Wie er ſeine Würde mit der Befriedigung ſeiner eugierde durch einen Spaziergang auf die Wieſe in Einklang bringen ſollte, das war das Problem 19 welches Herr Caſſon in den lezten fünf Minuten in ſeinem Haupte umhergewälzt; aber als er es theilweiſe dadurch gelöst hatte daß er ſeine Hände aus den Hoſentaſchen nahm und in die Armhöhlen ſeiner Weſte ſteckte, dabei ſeinen Kopf auf die eine Seite warf und die verachtungsvollſte Gleichgiltigkeit gegen Alles was ihm in den Wurf kam afeectirte, da wurden ſeine Gedanken durch die Annäherung des Reiters abgelenkt den wir vor Kurzem Halt machen ſahen um unſern Freund Adam zu betrachten, und der jezt an dem Donnithorn⸗Wappen anhielt. „Zäume mein Pferd ab und laß es ſaufen, Hausknecht,“ ſagte der Reiſende zu dem Burſchen im Zwilchkittel der beim Getöne von Roſſehufen herausgekommen war. „Ei wie, Herr Wirth, was gibts denn in Ihrem hübſchen Dorfe?“ fuhr er fort, indem er abſtieg. „Es ſcheint eine große Aufregung vorhanden zu ſein.“ „Es gibt eine Methodiſtenpredigt, Herr; man ſagt ein junges Frauenzimmer werde auf der Wieſe predigen,“ antwortete Herr Caſſon mit ſeiner feinen Discantſtimme in möglichſt geziertem Tone;„wollen Sie gefälligſt hereintreten, Herr, und Etwas zu ſich nehmen?“ „Nein, ich muß noch nach Dreſſeter, ich verlange bloß einen Trunk für mein Pferd. Und was ſagt denn Ihr Herr Pfarrer dazu daß ein Frauenzimmer ihm juſt unter der Naſe predigt?“ „Pfarrer Irwine wohnt nicht hier, ſondern in Broxrton, dort hinter dem Hügel. Das Pfarrhaus hier iſt eine wahre Lotterfalle, ſo daß kein anſtän⸗ diger Menſch darin wohnen kann. Er kommt Sonn⸗ 2* 20 tags Mittags zur Predigt hieher und ſtellt ſein Pferd bei mir ein. Es iſt ein grauer Hengſt und er hält große Stücke darauf; er ſtellt ihn immer hier ein, ſeit ich auf dem Donnithorn⸗Wappen ſize. Man hat eine curioſe Sprache hier in der Gegend, und die vornehmen Leute können kaum daraus klug werden; ich bin unter dem vornehmen Volk aufgewachſen, Herr, die Leute nennen dieß ſo ihren eigenen Dia⸗ lect. Squire Donnithorne hat es oft zu mir ge⸗ ſagt; es iſt der Dialect, ſagte er.“ „Ja, ja,“ verſezte der Fremde lachend.„Ich kenne es ſehr gut. Aber wie habt ihr denn ſo viele Methodiſten hier in dieſer ackerbautreibenden Gegend? Ich hätte geglaubt, man würde ein ſolches Ding wie ein Methodiſt iſt kaum auftreiben können; ihr ſeid doch alle Bauern, nicht wahr? Dieſe laſſen ſich die Metho⸗ diſten in der Regel nicht ſo leicht an den Leib kommen.“ „Ei es gibt auch viele Handwerker im Bezirk, z. B. bei Meiſter Burge, der den Zimmerhof da drüben beſizt und viele Neubauten und Reparaturen vornimmt. Auch Steinbrüche ſind in der Nähe. Kurz an Beſchäftigung fehlt es nicht. In dem Marktflecken Treddleſton, ungefähr eine Stunde von hisr, gibt es eine Menge Methodiſten.— Sie ſind gewiß durch dieſen Ort gekommen. Es müſſen ziem⸗ lich Viele von ihnen jezt auf der Gemeindewieſe ſein. Von dieſen haben es unſere Leute hier, doch gibt es in ganz Hayſlope nur zwei Methodiſten, nämlich Will Maskery den Wagner, und einen jungen Zimmergeſellen, Namens Seth Bede.“ „Die Predigerin kommt alſo wohl von Tred⸗ dleſton?“ 21 „Nein, Herr, ſie kommt aus Stonyſhire, unge⸗ fähr drei Stunden von hier. Aber ſie wohnt auf Beſuch beim Pächter Poyſer auf dem Pachthof— links da drüben wo die Scheunen und die großen Wallnußbäume ſtehen. Sie iſt die Nichte der Frau Poyſer, und die Leute werden ſich ſchwer ärgern weil ſie ſo närriſch auftritt. Aber ich habe mir ſagen laſſen daß mit dieſen Methodiſten, wenn ſie einmal die Grille in den Kopf bekommen haben, kein Menſch mehr fertig werden könne. Viele werden förmlich verrückt durch ihre Religion. Dieſes junge Mädchen jedoch ſoll, wie ich erfahre, ganz ſtill und ruhig ſein; ich ſelbſt habe ſie noch nie geſehen.“ „Nur Schade daß ich keine Zeit habe zu warten und ſie zu ſehen, aber ich muß weiter. In bin ohne⸗ hin in den lezten zwanzig Minuten von meinem Weg abgekommen um mir das Schloß da im Thale an⸗ zuſehen. Es gehört vermuthlich Herrn Donnithorne?“ „Ja Herr, es iſt das Schloß Donnithorne. Schöne Eichen, nicht wahr? Ich muß das wiſſen, denn ich war fünfzehn Jahre lang als Haushofmeiſter dort. Der Erbe iſt Capitän Donnithorne, der Enkel des alten Herrn. Er wird auf die Heuernte großjährig, und da werden wir allerlei erleben. Dem alten Herrn Donnithorne gehört alles das Land hier herum.“ „Nun ja, es iſt ein hübſcher Plaz, wer auch der Eigenthümer ſein mag,“ ſagte der Reiſende, indem er wieder aufſtieg;„auch trifft man recht hübſche Burſche. Vor ungefähr einer halben Stunde, als ich den Hügel heranritt, traf ich einen ſo hübſchen jungen Geſellen wie ich nur je in meinem Leben 4 22 einen geſehen habe— es war ein Zimmermann, ein großer breitſchulteriger Burſche mit ſchwarzen Haaren und Augen, und einen Gang hatte er wie ein Sol⸗ dat. Solche Burſche können wir brauchen um die Franzoſen aufzufreſſen.“ „Ja Herr, das iſt ganz ſicher Adam Bede, des Thias Bede Sohn— Jedermann kennt ihn in der Umgebung. Er iſt ein außerordentlich geſchickter und fleißiger Burſche und dabei ungeheuer ſtark. Ich ſage Ihnen, Herr, er kann ſeine zwölf und noch mehr Stunden des Tages gehen und diverſe Centner tragen. Bei den vornehmen Herrſchaften iſt er ſehr wohl angeſchrieben; Capitän Donnithorne und Pfarrer Irwine halten ungeheuer viel auf ihn. Dafür trägt er aber auch ſeine Naſe gewaltig hoch.“ 3 „Nun guten Abend, Herr Wirth; ich muß weiter.“ „Gehorſamer Diener, Herr; guten Abend!“ Der Reiſende ritt im ſtarken Schritt durch das Dorf, aber als er in die Nähe der Gemeindewieſe kam, wurde er durch die Schönheit des Anblicks zu ſeiner Rechten, durch den eigenthümlichen Contraſt zwiſchen den Gruppen der Bauern und dem Metho⸗ diſtenhäuflein in der Nähe des Ahornbaumes, ganz beſonders aber vielleicht durch ſeine Neugierde in Betreff der jungen Predigerin dermaßen in Anſpruch genommen, daß ſein Reiſeeifer gewaltig nachließ und er ſein Pferd anhielt. Die Gemeindewieſe lag am Ende des Dorfes, und von ihr aus verzweigte ſich die Straße in zwei Richtungen, wovon die eine den Hügel hinauf und an der Kirche vorbei, die andere in ſanfter Windung das Thal hinunter führte. Auf der nach der Kirche e 23 zuführenden Seite der Wieſe ſtanden da und dort ſtrohbedeckte Hütten bis nahe an die Kirchhofthüre; aber auf der entgegengeſezten Seite, und weſtlich, wurde der Blick auf das ſanftſchwellende Wieſenland, auf das bewaldete Thal und die dunklen Maſſen ferner Hügel durch Nichts gehemmt. Der reiche, üppige und von Höhen durchzogene Bezirk von Loam⸗ ſhire, zu welchem Hayſlope gehörte, liegt dicht an einem wilden Grenzſtrich von Stonyſhire, von deſſen kahlen Hügeln herab er ſich wie eine hübſche, blühende Schweſter am Arme eines derben, großen, ſonnen⸗ verbrannten Bruders anſieht, und mittelſt eines Rittes von zwei bis drei Stunden konnte der Reiſende eine öde, baumloſe, nur von kaltem, grauem Geſtein durchſchnittene Gegend gegen ein Gefilde vertauſchen, wo ſein Weg ſich unter dem Schuz von Wäldern oder über ſchwellende Hügel hinzog, die mit Hecken, mit langem Wieſengras und dickem Korn beſezt waren; wo er ferner bei jeder Biegung einen ſchönen alten Landſiz vor Augen bekam, der im Thale verſteckt lag oder einen Abhang krönte, einen Edelhof mit ſeinen langen Scheunen, mit ſeinen goldenen Getreideſcho⸗ bern, während aus dem hübſchen Gewirr von Bäu⸗ men, Strohdächern und dunkelrothen Ziegeln eine graue Kirchthurmſpize hervorſchaute. Genau als ſol⸗ ches Gemälde war Hayſlope dem Reiſenden erſchienen, als er den ſanften Abhang nach dem lieblichen Berg⸗ lande hinanzureiten begann, und nun hatte er von ſeinem Standorte neben der Gemeindewieſe aus alle andern typiſchen Züge dieſer anmuthigen Gegend vor ſich. Hoch empor gegen den Horizont ſtanden die ungeheuern coniſchen Hügelmaſſen, gleich Rieſendäm⸗ „ 24 men welche die Beſtimmung hatten dieſe Region des Kornes und des Graſes gegen die ſcharfen und hung⸗ rigen Nordwinde zu ſchüzen; nicht fern genug um in ein purpurnes Geheimniß gekleidet zu ſein, ſon⸗ dern die dunkelgrünen Seiten ſichtlich mit Schafen bedeckt deren Bewegung ſich mehr ahnen als ent⸗ decken ließ, von Tag zu Tag durch die wechſelnden Stunden heimgeſucht, aber ohne einem Wechſel in den Zeiten zu entſprechen, auf immer öde und trüb⸗ ſelig nach der Röthe des Morgens, nach den geflü⸗ gelten Strahlen des Apriltages, nach der ſcheidenden, ochrothen Glorie der reifenden Sommerſonne. Und unmittelbar unter ihnen ruhte das Auge an einer mehr vorgeſchobenen Reihe waldiger Abhänge mit hellen Flecken von Weide⸗ oder gefurchtem Ackerland dazwiſchen, und noch nicht in den Laubvorhang des hohen Sommers eingetaucht, ſondern noch immer die warmen Tinten der jungen Eiche und das zarte Grün der Eſche und Linde zeigend. Dann kam das Thal wo die Waldungen dichter wurden, als wären ſie von den glatten Stellen des Abhanges herabge⸗ rollt und hätten ſich eilig zuſammengethan, um das ſtattliche Haus zu ſchüzen das ſeine Zinnen erhob und ſeinen zarten blauen Sommerrauch unter ihnen aufwirbeln ließ. Ohne Zweifel befand ſich auch eine große Fläche Parkland und ein breiter glänzender Teich vor dieſer Wohnung, aber der ſchwellende Wie⸗ ſenabhang geſtattete unſerm Reiſenden nicht dieß von der Dorfwieſe aus zu ſehen. Statt deſſen erblickte er einen Vordergrund der eben ſo lieblich war— das untergehende Sonnenlicht lag gleich durchſichtigem Gold hinter den ſanftgebogenen Halmen des beſie⸗ —— 8——— 4 it d 8 25⁵ derten Graſes, dem hohen rothen Klee und den weißen Dolden des Schierlings an den buſchigen Hecken. Es war der Augenblick im Sommer wo das Getöne der angenezten Senſe uns veranlaßt länger⸗ verweilende Blicke auf die blumenbeſäeten Locken der Wieſen zu werfen. Er hätte noch andere Schönheiten in der Land⸗ ſchaft ſehen können, wenn er ſich ein wenig in ſeinem Sattel gedreht und oſtwärts über Jonathan Burge's Waideland und Holzhof hin nach den grünen Korn⸗ feldern und den Wallnußbäumen des Pachthofes ge⸗ blickt hätte; aber augenſcheinlich intereſſirte er ſich mehr für die lebendigen Gruppen die dicht vor ihm ſtanden. Alle Generationen im Dorfe waren da, von dem alten Vater Taft in ſeinem braunen wollenen Käppchen an, der beinahe entzwei geknickt war, aber zähe genug ſchien um ſich auf ſeinen kurzen Stock gelehnt noch eine gute Weile auf ſeinen Beinen zu halten, bis hinab zu den kleinen Kindern deren runde Köpfchen aus geſteppten leinenen Häubchen hervor⸗ ſahen. Dann und wann kam ein neuer Zuhörer hinzu; vielleicht ein plumper Ackersmann der ſich, nachdem er ſein Abendeſſen verzehrt, mit ſtumpfem ſtierartigem Blick das ungewöhnliche Schauſpiel an⸗ ſehen wolte, und auch zu hören wünſchte, was ihm irgend Jemand zur Erklärung deſſelben ſagte, aber kei⸗ neswegs angeregt genug war um nur ſelbſt eine Frage zu ſtellen. Aber Alle vermieden es ſich den Metho⸗ diſten auf der Gemeindewieſe anzuſchließen und da⸗ durch mit der erwartungsvollen Zuhörerſchaft ſich zu vermengen, denn nicht ein einziger hätte ſich's nach⸗ ſagen laſſen daß er gekommen ſei um die Predigerin zu hören; ſie waren alle bloß erſchienen um zu ſehen was es gebe. Die Männer waren hauptſächlich in der Nähe der Schmiede verſammelt. Aber man glaube nicht daß ſie auf einem Haufen geſtanden. Die Bauern erſcheinen niemals ſchwarmartig: ein Geflüſter iſt ihnen unbekannt, und ſie ſcheinen bei⸗ nahe eben ſo unfähig einen leiſen Ton hervorzu⸗ bringen wie eine Kuh oder ein Hirſch. Der rechte Bauer dreht demjenigen mit dem er ſpricht den Rücken, wirft ihm über die Schulter hinweg eine Frage zu als wollte er der Antwort davonlaufen, und geht ein paar Sch e weg wenn das Geſpräch am intereſſanteſten wird. So war auch die Gruppe in der Nähe der Schmiede keineswegs dicht und ver⸗ deckte nicht Chad Cranage, den Schmied ſelbſt, der, ſeine ſchwarzen ſehnigen Arme übereinandergeſchlagen, gegen den Thürpfoſten gelehnt ſtand und laut auf⸗ lachte über ſeine eigenen Wize, denen er einen ent⸗ ſchiedenen Vorzug vor den Spöttereien des Drahtben gab; lezterer hatte nämlich den Vergnügungen der Stechpalme entſagt um das Leben auch einmal un⸗ ter einer andern Geſtalt anzuſehen. Aber beide Arten von Wiz wurden mit gleicher Verachtung be⸗ handelt von Herrn Joſua Rann. Meiſter Rann'’'s Schurzfell und verbiſſener Grimm erheben es über allen Zweifel daß er der Dorfſchuſter iſt; die Art wie er ſein Kinn und ſeinen Bauch vorſchiebt und die Daumen unn einander dreht, iſt ein feiner Finger⸗ zeig wodurch unvorſichtige Fremde belehrt werden daß ſie ſich vor dem Angeſicht des Küſters befinden. Der alte Joſua, wie ihn ſeine Nachbarn unehrer⸗ bietig genug ſchlechtweg nennen, befindet ſich in einem 27 Zuſtande gelinde kochender Entrüſtung; aber er hat ſeine Lippen noch nicht geöffnet, außer um in einem tiefen, violoncellartig brummenden Baß vor ſich hin⸗ zuſagen: Sihon, König der Amoriter, denn Seine Gnade währet ewiglich, und Og, König von Baſan, denn Seine Gnade währet ewiglich— ein Citat das für den vorliegenden Fall ganz und gar nicht zu paſſen ſcheint, das ſich aber, wie jede andere Anomalie, bei entſprechender Einſicht als natürliche Conſequenz erweiſen wird. Meiſter Rann vertheidigte in ſeinem Innern die Würde der Kirche gegen dieſen ſcandalöſen Einbruch des Methodismus, und da dieſe Würde mit ſeinem eigenen klangvollen Vortrag des Reſponſoriums genau verbunden war, ſo führte ihn ſeine Beweisführung natürlich zu einem Citat aus dem Pſalm den er am lezten Sonntag Mittag in der Kirche geleſen hatte. Die Weiber hatten ſich durch ihre ſtärkere Neu⸗ gierde bis an den Rand der Gemeindewieſe treiben laſſen, wo ſie das quäkerartige Coſtüm und das ſeltſame Benehmen der Methodiſtinnen genau beob⸗ achten konnten. Unter dem Ahornbaum befand ſich ein kleiner Karren, welchen der Wagner zu einer Kanzel hergegeben hatte, und rings herum waren einige Bänke und Stühle aufgeſtellt. Auf dieſen ſaßen einige Methodiſten mit geſchloſſenen Augen, als wären ſie in Gebet oder Betrachtung verſunken. Andere zogen es vor ſtehen zu bleiben und hatten ihre Geſichter gegen die Dorfbewohner mit einem Blick ſchwermüthigen Mitleids gekehrt, woran Beſſy Cranage, die muntere Tochter des Schmieds, bei ihren Nachbarn als Chad's Beß bekannt, ſich ſehr 28 ergözte, indem ſie voll Verwunderung fragte warum die Leute dort ſolche Geſichter ſchneiden. Chad's Beß war der Gegenſtand ganz beſonderen Mitleids, weil ſie ihre Haare zurückgekämmt und ein Häubchen trug, ſomit einen Schmuck zur Schau ſtellte auf den ſie weit ſtolzer war als auf ihre rothen Wangen, nämlich ein Paar runde große Ohrringe mit falſchen Granaten, Schmuckſachen die nicht bloß bei den Methodiſten in Verachtung ſtanden, ſondern auch bei ihrer eigenen Baſe und Namensſchweſter, Timothy's Beß, die mit viel verwandtſchaftlichem Gefühl dieſe Ohrringe ſchon oft zum Kukuk gewünſcht hatte. Timothy's Beß war, obſchon ſie unter ihren nä⸗ hern Bekannten ihren Mädchennamen beibehalten, ſchon ſeit lange die Frau des Sandy Jim und beſaß eine ſchöne Auswahl er Frauenjuwelen; es genüge das ſchwere Kind zu erwähnen das ſie in ihren Armen ſchaukelte, und den fünfjährigen Burſchen mit den Kniehoſen und den rothen Beinen, der eine roſtige Milchkanne als Trommel um den Hals trug und von Chad's kleinem Dachshund aufs Sorgfäl⸗ tigſte gemieden wurd⸗ ieſer junge Olivenzweig, der unter dem Namen Beß Ben bekannt war, hatte ſich, da er einen Forſchergeiſt beſaß und von keiner falſchen Beſcheidenheit gehemmt wurde, über die Gruppe von Welbern und Kindern hinaus begeben und ging ohne Weiteres unter den Methodiſten um⸗ her, indem er ihnen mit ſeinem weit offenen Munde ins Geſicht ſchaute und zur muſikaliſchen Vergnügung der Geſellſchaft mit einem Stock auf ſeine Milchkanne einſchlug. Aber als eines der ältern Frauenzimmer ſich hinabbeugte und ihn mit einer Miene ernſter m Y gi 30 „Ei, Seth ſchaut ein bischen gar zu hoch, ſollte ich meinen,“ erklärte Herr Caſſon.„Die Verwandten des Mädchens würdens gewiß nicht zugeben wenn perh mit einem gewöhnlichen Zimmergeſellen ein⸗ ließe. „Ah bah!“ ſagte Ben mit einem langen Dis⸗ cantton;„was geht das die Verwandten an? Kei⸗ nen Pfifferling. Poyſers Frau mag ihre Naſe hoch tragen und vergangene Tage vergeſſen, aber dieſe Dina Morris ſoll, ſagt man mir, ſo arm ſein wie ſie immer war— ſie arbeitet in einer Fabrik und iſt froh wenn ſie ihr Leben hinausbringt. Ein tüch⸗ tiger junger Zimmermann, der noch überdieß geneigt iſt unter die Methodiſten zu gehen wie Seth, wäre keine ſchlechte Parthie für ſie. Machen nicht Poyſers ſelbſt mit Adam Bede ein ſolches Weſen wie wenn er ihr eigener Neffe wäre?“. „Einfältiges Geſchwäz!“ fiel Meiſter Joſua Rann ein.„Adam und Seth ſind zweierlei; man darf ſie nicht über Einen Leiſten ſchlagen.“ „Mag ſein,“ bemerkte Drahtben verächtlich;„aber Seth iſt mein Mann, und wenn er auch zehnmal Methodiſt wäre. Ich bin ganz verſchoſſen in Seth, denn ich habe ihn beſtändig geneckt ſo lange wir mit einander arbeiteten, und er trägt mir ſo wenig einen Groll nach wie ein Lamm. Dabei hat er noch Cou⸗ rage im Leib, denn als wir eines Nachts einmal übers Feld kamen und der alte Baum wie ein Feuer leuchtete, ſo daß wir Alle meinten es ſei ein Ge⸗ ſpenſt, da machte Seth nicht die mindeſten Umſtände, ſondern ging ſo kühn wie ein Conſtabler auf ihn zu. Ei wahrhaftig da kommt er ja gerade aus Will ——.. 31 Maskerys Haus, und Will iſt ſelbſt dabei und ſchaut ſo gerührt darein als könnte er keinen Nagel auf den Kopf ſchlagen, ſondern fürchtete ihm weh zu thun. Und da iſt auch die hübſche Predigerin. Wahrhaf⸗ tig, ſie hat ihren Hut abgenommen. Ich muß doch ein wenig näher treten.“ Einige von den Männern folgten der Führung Bens und der Reiſende ritt auf die Gemeindewieſe vor, als Dina etwas raſch vor ihren Begleitern vor⸗ aus auf den Karren unter dem Ahornbaum zuſchritt. So lange ſie ſich neben Seths hoher Geſtalt befand, ſah ſie klein aus, aber als ſie den Karren beſtiegen hatte und jeder Vergleichung entrückt war, ſchien ſie Wahrheit nicht der Fall war; eine Wirkung die ihrer ſchlanken Figur und dem einfachen Umriß ihres ſchwar⸗ zen Zeugkleides zugeſchrieben werden mußte. Der den Karren beſteigen ſah; ſeine Ueberraſchung galt nicht ſowohl der weiblichen Zartheit ihrer Erſcheinung cheln bewußter Heiligkeit ſchweben oder eine ankla⸗ Er kannte bloß zwei Typen von Methodiſten— Schwärmer und Schwarz⸗ gallige. Aber Dina ſchritt ſo einfach daher als ginge ſie auf den Markt, und ſchien ihrer Erſcheinung ſo unbewußt zu ſein wie ein kleiner Knabe: da war keine Röthe, keine Zaghaftigkeit worin etwa zu leſen 32 ſtand:„Ich weiß, ihr haltet mich für ein hübſches Mädchen das zum Predigen noch zu jung ſei;“ da war kein Auf⸗ und Niederſchlagen der Augenlider, keine Einkneifung der Lippen, keine Haltung der Arme die bedeuten ſollte:„Aber Ihr müßt mich für eine Heilige anſehen.“ Sie hielt kein Buch in ihren blo⸗ ßen Händen, ſondern ließ ſie leicht verſchlungen vor ſich herabhängen, während ſie da ſtand und ihre grauen Augen auf das Volk richtete. Es war nichts Scharfes in den Augen; ſie ſchienen eher Liebe aus⸗ zuſtrömen als Beobachtungen zu machen; ſie hatten den feuchten Blick welcher verkündet daß die Seele voll iſt von dem was ſie zu geben hat, und daß ſie ſich nicht unter dem Eindruck äußerer Gegenſtände befindet. Sie ſtand links gegen die untergehende Sonne; laubige Zweige ſchüzten ſie vor ihren Strah⸗ len; aber in dieſer nüchternen Beleuchtung ſchien ihre zarte Geſichtsform eine ſtille Lebendigkeit zu gewinnen wie Blumen am Abend. Ein kleines, ovales Geſicht von gleichförmiger durchſichtiger Weiße, Wangen und Kinn eirund geſchwungen, ein voller aber feſter Mund, eine feine Naſe, die Stirne nieder aber gerade, ein hoher Scheitel mit röthlich blonden, glattanliegenden Haaren. Sie trug dieſelben hinter die Ohren ge⸗ kämmt unter einer anliegenden Quäkerhaube, aus der ſie nur über der Stirn einige Finger breit hervor⸗ ſahen. Die Brauen, von derſelben Farbe wie das Haar, waren vollkommen horizontal und feſtgepinſelt; die Wimpern waren zwar nicht dunkler, aber lang und reich; man ſah nichts Entſtelltes oder Unfer⸗ tiges an ihr. Es war eines jener Geſichter die an weiße Blumen mit einem leichten Anhauch von Farbe ——,—,— 33 auf ihren Blättern gemahnen. Die Augen hatten keine beſondere Schönheit außer im Ausdruck; ſie blickten ſo einfach, ſo treuherzig, ſo ernſt und lieb⸗ reich, daß jeder anklagende Spdtt, jeder leichtfertige Hohn vor ihrem Glanz ſchmelzen mußte. Joſua Rann räuſperte ſich lange, als wollte er ſeine Kehle reinigen um zu einem neuen Verſtändniß über ſich ſelbſt zu gelangen; Chad Cranage lüpfte ſein Leder⸗ käppchen und krazte ſich am Kopfe, und Drahtben wunderte ſich wie Seth nur ſo frech ſein könne um ein ſolches Mädchen zu freien. „Ein liebliches Geſchöpf,“ ſagte der Fremde zu ſich ſelbſt,„aber zu einer Predigerin hat die Natur ſie ſicher nicht beſtimmt.“ Vielleicht gehörte er zu denjenigen welche meinen, die Natur habe ihre theatraliſchen Eigenheiten, und in der wohlüberlegten Abſicht die Kunſt und Pſy⸗ chologie zu erleichtern, ſtelle ſie ihre Charactere ſo her daß ein Mißgriff in Bezug auf ſie nicht ſtatt⸗ finden könne. Aber Dina begann zu ſprechen. „Liebe Freunde,“ ſagte ſie mit klarer aber nicht lauter Stimme,„laßt uns beten um den Segen des Herrn!“ „Sie ſchloß ihre Augen, ließ ihren Kopf ein we⸗ nig ſinken und fuhr in demſelben gedämpften Tone, als ſpräche ſie zu Einem der ihr ganz nahe ſei, alſo fort: „Erlöſer der Sünder! Als ein armes ſünden⸗ beladenes Weib ausging um Waſſer zu ſchöpfen, da fand ſie dich an dem Brunnen ſizend. Sie kannte dich nicht, ſie hatte dich nicht geſucht; ihr Geiſt war dunkel, ihr Leben war unheilig. Aber Eliot, Adam Bede. I. 3 34„. du ſpracheſt zu ihr, du unterrichteteſt, du pelehrteſt ſie; du warſt bereit ihr den Segen zu geben den ſie niemals geſucht hatte. Jeſus! du biſt mitten unter uns und du kenneſt alle Menſchen; ſind ihre Herzen dunkel, iſt ihr Leben ſtrafbar, ſind ſie nicht herausgekommen um dich zu ſuchen oder Belehrung von dir zu empfangen, ſo verfahre mit ihnen nach der freien Gnade welche du dieſem Weib erwieſeſt. Sprich zu ihnen, Herr: öffne ihre Ohren meiner Botſchaft; bringe ihre Sünden ihnen zum Bewußt⸗ ſein und mache ſie durſtig nach der Erlöſung die du zu geben bereit biſt. „Herr! du biſt noch immer mit deinem Volke. Deine Erwählten ſehen dich in ihren Nachtwachen, und ihre Herzen brennen wenn du auf dem Wege mit ihnen redeſt. Und du biſt nahe Denjenigen die dich nicht gekannt haben, öffne ihre Augen da⸗ mit ſie dich ſehen, damit ſie ſehen wie du über ſie weinſt und ſprichſt: ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr möchtet Leben haben:— damit ſie dich ſehen wie du am Kreuze hängſt und ſprichſt: ‚Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht was ſie thun— dich ſehen wie du wiederkehren wirſt in deiner Herr⸗ lichkeit, ſie zu richten am jüngſten Tage. Amen!“ Dina öffnete ihre Augen wieder, und hielt inne; ſie überſchaute die Gruppe der Bauern die ſich jez zu ihrer Rechten immer dichter verſammelten. „Liebe Freunde,“ begann ſie ihre Stimme ein wenig erhebend,„ihr ſeid Alle in der Kirche geweſen, und ich denke ihr müſſet den Geiſtlichen gehört haben als er die Worte las: Der Geiſt. des Herrn i*ſt über mir, weil er mich geſalbet hat um den Armen en 3⁵ das Evangelium zu predigene Jeſus Chriſtus ſprach dieſe Worte— er ſagte er ſei gekommen um den Armen das Evangelium zu predigen. Ich weiß nicht ob ihr je viel über dieſe Worte nachge⸗ dacht habt, aber ich will euch erzählen wann ich ſie, ſoweit meine Erinnerung reicht, zum erſten Mal ge⸗ hört habe. Es war juſt ein ſolcher Abend wie der heutige, als ich noch ein kleines Mädchen war, und nieine Tante, die mich aufzog, mich mitnahm um einen braven Mann im Freien predigen zu hören, juſt wie wir jezt da ſind. Ich entſinne mich ſeines Geſichtes wohl: er war ein ſehr alter Mann und trug ſehr weiße Haare; ſeine Stimme war ſehr ſanft und ſchön wie ich noch keine je gehört hatte..„J vielleicht vom Himmel herabgeſtiegen uns zu predigen, und ich ſagte:„Tante, wird er heute Nacht in den Himmel zurückkehren wie das Bild in der Bibel?⸗ „Dieſer Mann Gottes war Herr Wesley, der ſein Leben lang das that was unſer hochgelobter Herr that, d. h. er predigte den Armen das Evangelium und ging vor acht ren, aber ich war damals ein närriſches gedankenloſes Kind, und ich erinnerte mich nur an eine einzige Sache die er uns in ſeiner Predigt ſagte. Er ſagte uns, Evangelium bedeute frohe Botſchaft. Das Evangelium iſt, wie ihr wißt, ibel uns von Gott erzählt. „Denket jezt Dasjenige was die an das! Jeſus Chriſtus kam wirk⸗ 3* 36 lich vom Himmel herab, wie ich als einfältiges Kind von Herrn Wesley glaubte, und der Grund ſeines Herabkommens war daß er den Armen frohe Kunde bringen wollte. Jenun, liebe Freunde, ihr und ich ſind arm. Wir wurden in armen Hütten auf⸗ gezogen und ſind bei Gerſtenbrod und grober Koſt herangewachſen; wir ſind nicht viel in die Schule gegangen, haben nicht viele Bücher geleſen und wiſſen von Allem nicht viel außer was um uns herum vorgeht. Wir ſind gerade die Art von Leuten denen es ein Bedürfniß iſt frohe Kunde zu verneh⸗ men; aber wenn ein armer Menſch, Mann odet Weib, in der Noth iſt und ſich ſchwer um ſeinen Unterhalt abmühen muß, ſo empfängt er mit Freu⸗ den einen Brief welcher ihm meldet daß er einen Freund beſizt der ihm helfen will. Gewiß, etwas von Gott müſſen wir immer wiſſen, auch wenn wir das Evangelium nicht gehört hätten, die frohe Kunde die uns der Erlöſer gebracht hat. Denn wir wiſſen, Alles kommt von Gott. Sagt ihr nicht beinahe jeden Tag: das und das wird geſchehen ſo Gott will, und wir werden bald zu mähen anfangen, ſo bald es Gott gefällt uns etwas mehr Sonnenſchein zu ſchicken. Wir wiſſen ſehr gut daß wir Alle zu⸗ ſammen in den Händen Gottes ſtehen; wir haben uns nicht ſelbſt in die Welt gebracht, wir können uns nicht am Leben erhalten wenn wir ſchlafen das Tageslicht, der Wind, das Korn und die Kühl die uns Milch geben— Alles was wir haben kommt von Gott, und er gab uns unſere Seelen und ſtiftete Liebe zwiſchen Eltern und Kindern, zwi ſchen Mann und Frau. Aber iſt das Alles was 37 wir von Gott zu wiſſen bedürftig ſind? Wir ſehen, er iſt groß und mächtig und kann thun was er will; wir ſind verloren als kämpften wir in großen Waſſern, wenn wir an ihn zu denken verſuchen. „Aber vielleicht kommen Zweifel in eure Seelen wie folgende: Kann Gott ſich wohl um uns armen Leute annehmen? vielleicht hat er die Welt bloß für die Großen und Reichen gemacht, es koſtet ihn nicht viel uns unſere kleine Hand voll Speiſe und Trank zu geben, aber wie wiſſen wir denn daß er ſich irgend mehr um uns bekümmert als wir uns um die Würmer und andere Dinge im Garten be⸗ kümmern, wenn wir unſere Rüben und Zwiebeln einheimſen? Wird Gott ſich unſer annehmen wenn wir ſterben? Und hat er irgend einen Troſt für uns wenn wir lahm, krank und hilflos ſind? Vielleicht iſt er auch zornig auf uns; woher kämen ſonſt der Mehlthau, die ſchlechten Ernten, das Fieber und alle Arten von Kummer und Sorgen? denn unſer Leben iſt voll von Trübſal, und wenn Gott uns Gutes ſchickt, ſo ſcheint er auch Böſes zu ſchicken. Wie iſt das? Wie iſt das? „Ach liebe Freunde, wir ſind ſchwer in Noth um gute Botſchaften von Gott, und was bedeuten alle andern guten Botſchaften wenn wir dieſe nicht haben? denn alles Andere geht zu Ende, und wenn wir ſterben, laſſen wir Alles zurück. Aber Gott lebt wenn alles Andere dahingegangen iſt. Was ſollen wir thun wenn er nicht unſer Freund iſt?“ Sodann erzählte Dina wie die frohe Botſchaft zu uns herniedergekommen ſei, und wie das Herz Gottes gegen die Armen ſich oft geoffenbaret habe im 38 Leben Jeſu, bei deſſen Niedrigkeit und Thaten der Barmherzigkeit ſie länger verweilte. „Ihr ſehet alſo, geliebte Freunde,“ fuhr ſie fort, „Jeſus verbrachte beinahe ſeine ganze Zeit damit daß er den armen Leuten Gutes that; er predigte ihnen, gewann arme Arbeiter zu Freunden, belehrte ſie und gab ſich viele Mühe mit ihnen. Nicht als ob er nicht auch den Reichen Gutes erwieſen hätte, denn er war voll von Liebe für alle Menſchen, nur ſah er daß die Armen ſeiner Hilfe mehr be⸗ durften. So heilte er die Lahmen, die Kranken und Blinden, weil er ſich, wie er ſagte, um ſie be⸗ trübte; und er war ſehr gütig gegen die kleinen Kinder und tröſtete Diejenigen die ihre Freunde ver⸗ loren hatten, und er ſprach ſehr zärtlich zu allen Sündern die ihre Miſſethat bereuten. „Ach würdet ihr einen ſolchen Mann nicht lieben wenn ihr ihn ſehen könntet,— wenn er hier in dieſem Dorfe wäre? Was für ein gütiges Herz er haben muß, was für eine Freude es ſein muß ſich in der Noth an ihn zu wenden, wie liebreich er ſein muß von ihm unterwieſen zu werden! „Nun, theure Freunde, wer war dieſer Mann? War er bloß ein guter Mann, ein ſehr guter Mann und ſonſt nichts weiter— wie unſer theurer Herr Wesley, der von uns genommen worden iſt? Er war der Sohn Gottes, ein Ebenbild des Vaters wie die Bibel ſagt; d. h. ganz gleich Gott welcher der Anfang und das Ende aller Dinge iſt, der Gott von welchem ihr zu wiſſen verlangt. So iſt denn alle die Liebe welche Jeſus den Armen erwies die⸗ ſelbe Liebe welche Gott für uns hegt. Wir können 39 verſtehen was Jeſus fühlte, weil er in einen Körper gleich dem unſrigen kam und ſolche Worte ſprach wie wir zu einander ſprechen. Früher bebten wir vor dem Gedanken was Gott ſei, der Gott der die Welt und den Himmel, den Donner und den Bliz ge⸗ ſchaffen hat. Wir konnten ihn nie ſehen, wir konn⸗ ten bloß die Dinge ſehen die er gemacht hat, und einige dieſer Dinge waren ſehr furchtbar, ſo daß wir wohl zittern konnten wenn wir an ihn dachten. Aber unſer gebenedeiter Erlöſer hat uns auf eine Art und Weiſe wie wir armen unwiſſenden Leute ſie verſtehen können gezeigt was Gott iſt; er hat uns gezeigt was Gottes Herz iſt, wie ſeine Gefühle gegen uns beſchaffen ſind. ruhige Ueberzeugungsinnigkeit womit ſie ſprach ſchien ſchon an und für ſich ein Beweis für die Wahrheit 40 ihrer Botſchaft zu ſein. Er ſah daß ſie ihre Zu⸗ hörer gänzlich gefeſſelt hatte. Die Bauern hatten ſich näher an ſie gedrängt, und auf allen Geſichtern lag Nichts mehr als ernſte Aufmerkſamkeit. Sie ſprach langſam, obſchon ganz fließend; nach einer Frage oder vor einem Uebergang in den Ideen hielt ſie oft inne. In ihrer Haltung und in ihrem Ge⸗ berdenſpiel trat keine Veränderung ein; der Effect ihrer Rede wurde lediglich durch die Biegung ihrer Stimme hervorgebracht, und als ſie an die Frage kam: Wird Gott ſich unſer annehmen wenn wir ſterben? hatte ihr Ton etwas ſo Klagendes und Eindringendes, daß ſelbſt in die härteſten Augen Thränen traten. Der Fremde bezweifelte nicht mehr, wie er auf den erſten Blick gethan hatte, daß ſie die Aufmerkſamkeit ihrer rohen Zuhörer zu feſſeln vermöge; aber er war begierig zu erfahren ob ſie wohl die Kraft habe die heftigeren Gemüthsbewe⸗ gungen derſelben hervorzubringen, was immer eine nothwendige Beſiegelung ihres Berufs als Metho⸗ diſtenpredigerin blieb. Endlich bei den Worten: „Die Verlornen! die Sünder!“ trat eine große Veränderung in ihrer Stimme und Haltung ein. Sie hatte vor dem Ausruf eine lange Pauſe ge⸗ macht, und dieſe Pauſe ſchien, wie ihr Mienenſpiel verrieth, durch aufregende Gedanken ausgefüllt wor⸗ den zu ſein. Ihr blaſſes Geſicht wurde noch bläſſer, die Ringe unter ihren Augen wurden noch tiefer, wie wenn Thränen ſich halb anſammeln ohne zu fließen; die ſanften liebreichen Augen erhielten einen Ausdruck angſtvollen Mitleids, als hätte ſie plözlich einen Engel der Zerſtörung erkannt der über den — —9=——— ½——&—4——— 41 ☛ᷣ Häuptern des Volks laure. Ihre Stimme wurde tief und bedeckt, aber noch immer fand kein Geberden⸗ ſpiel ſtatt. Dina hatte nicht die mindeſte Aehnlich⸗ keit mit dem gewöhnlichen Typus methodiſtiſcher Schwärmer. Sie predigte nicht wie ſie es von Andern hörte, ſondern ſprach unmittelbar aus ihrer eigenen Erfindung, unter Eingebung ihres eigenen einfachen Glaubens. Aber jezt war ſie in einen neuen Strom von Gefühlen gerathen. Ihr Benehmen wurde unruhiger, ihr Vortrag raſcher und aufgeregter, als ſie den Leuten ihre Schuld, ihre böswillige Verſtocktheit, ihren Zuſtand des Ungehorſams gegen Gott zum Bewußtſein zu bringen verſuchte; als ſie ſich über die Gehäſſigkeit der Sünde, über die göttliche Heilig⸗ keit und die Leiden des Erlöſers verbreitete, durch welche ein Weg zu ihrer Rettung gebahnt worden ſei. Endlich ſchien es als könne ſie ihr ſchmerz⸗ liches Sehnen das verlorene Schaf zurückzubringen nicht befriedigen, wenn ſie ihre Zuhörer als Maſſe anrede; ſie rief bald den einen, bald den andern auf und beſchwor ſie mit Thränen ſich zu Gott zu wenden ſo lang es noch Zeit ſei; ſie ſchilderte ihnen den Jammer ihrer Seelen die in Sünden verloren ſeien, die von den Hülſen dieſer erbärmlichen Welt leben und ſich von Gott, ihrem Vater, weit entfernt haben; zulezt beſchrieb ſie die Liebe des Erlöſers, der ihrer Rückkehr entgegenharre. Ihre methodiſtiſchen Brüder und Schweſtern hatten chon mit manchem Seufzer und Schluchzen geant⸗ woortet, aber ein Bauerrſchädel fängt nicht ſo leicht Feuer, und eine gewiſe unbeſtimmte, leicht wieder 42 verdampfende Angſt war die höchſte Wirkung welche Dina's Predigt bis jezt hervorzurufen vermocht hatte. Gleichwohl war Niemand weggelaufen mit Aus⸗ nahme der Kinder und des alten Vaters Taft, der in Folge ſeiner Taubheit manche Worte nicht ver⸗ ſtand und ſich ſchon eine gute Weile an ſeinen Herd zurückgezogen hatte. Dem Drahtben war es höchſt unbehaglich zu Muthe, und er wünſchte beinahe er wäre gar nicht zur Predigt herangekommen; er meinte ihre Worte würden ihn nach Geſpenſterart verfolgen. Doch konnte er ſich's nicht verſagen ſie anzuſehen und ihr zuzuhören, obſchon er jeden Augenblick fürchtete ſie möchte ihre Augen auf ihn heften und ihn ganz beſonders aufs Korn nehmen. Sie hette ſich bereits an Sandy Jim gewendet, der jezt ſeine Frau ab⸗ gelöst hatte und ſein Kind im Arme hielt, und der dicke weichherzige Mann hatte ſich mit der Fauſt einige Thränen aus dem Auge gewiſcht, mit einer verworrenen Abſicht ſich zu beſſern, weniger in die Stechpalme zu gehen und ſich am Sonntag reinlicher zu halten. Unmittelbar vor Sandy Jim ſtand Beß, die ſchon ſeit dem Anfang der Predigt eine ungewöhn⸗ liche Ruhe und Aufmerkſamkeit gezeigt hatte. Nicht als ob der Gegenſtand des Vortrags ſie ſo ſehr ge⸗ feſſelt hätte, denn ſie war in bewunderungsvoller Betrachtung darüber verloren, welches Vergnügen wohl das Leben einem jungen Mädchen zu bieten vermöge das eine ſolche Haube trage wie Dina. Bald gab ſie in Verzweiflung dieſe Nachforſchung auf und begann nun Dina's Naſe, Augen, Mund und Haare zu ſtudiren und herauszukluͤgeln, ob es wohl beſſer 43 ſei ein ſo blaſſes Geſicht wie dieſes da, oder rothe volle Wangen und runde ſchwarze Augen wie ihre eigenen zu haben. Aber allmählig ergriff der Ein⸗ fluß der allgemeinen Ernſthaftigkeit auch ſie und ſie wurde ſich der Worte Dina's bewußt. Die ſanften Töne, das liebreiche Zureden rührte ſie nicht; aber als die ſtrengeren Aufrufungen kamen, da wurde es ihr unheimlich ums Herz. Die arme Beß, ſie hatte immer für ein nichtsnuziges Mädchen gegolten und war ſich deſſen bewußt; wenn es nöthig war ſehr brav zu ſein, ſo mußte es ihr offenbar einmal ſchlecht ergehen. In der Kirche konnte ſie niemals ihren Plaz ſinden wie Sally Rann, ſie hatte oft gekichert wenn ſie vor Herrn Irwine ihren Knix machte, und zu dieſen religiöſen Mängeln geſellte ſich eine entſprechende Laxheit in der Moral, denn Beſſy gehörte unſtreitig zu jener ungeſeiften faulen Claſſe weiblicher Charactere mit welcher man höch⸗ ſtens allenfalls ein Ei, einen Apfel oder eine Nuß zu eſſen wagen darf. All dieſer Sünden war ſie ſich im Allgemeinen bewußt und hatte ſich bisher nicht ſonderlich darüber geſchämt. Aber jezt wurde ihr's zu Muthe als wäre der Conſtabler gekommen um ſie zu holen und wegen eines unbeſtimmten Ver⸗ gehens vor das Amt zu führen. Sie hatte ein ängſtliches Gefühl als ob Gott, den ſie ſich immer ſehr entfernt gedacht hatte, ihr ganz nahe ſei, und als ob der liebe Heiland ſie genau anſehe, obſchon ſie ſelbſt ihn nicht ſehen könne, denn Dina hegte den unter den Methodiſten verbreiteten Glauben an ſicht⸗ bare Kundgebungen Chriſti und theilte ihn unwider⸗ ſtehlich ihren Zuhörern mit; ſie erregte in ihnen 44 das Gefühl daß er leibhaftig unter ihnen weile und ſich jeden Augenblick auf irgend eine Weiſe zeigen könne die ihre Herzen mit Reue und Angſt erfüllen üſſe. „Seht!“ rief ſie aus, indem ſie ſich nach links wandte und ihre Augen auf einen Punkt über den Köpfen der Verſammlung richtete,„ſeht wie unſer gebenedeiter Herr daſteht und weint, und wie er ſeine Arme gegen euch ausſtreckt; höret wie er ſagt: wie oft hab' ich euch verſammeln wollen wie eine Henne verſammelt ihre Küchlein, und ür habt nicht 3 ſe Te Augen von Neuem auf das Volk nindan „Sehet die Nägelmale an ſeinen Händen und Füßen. Eure Sünden ſind es die ſie gemacht haben! Ach wie blaß und verkümmert er ausſieht! Er hat dieſen ganzen großen Todeskampf im Garten durchgemacht, wo ſeine Seele über die Maßen betrübt war bis in den Tod und die großen Schweißtropfen wie Blut auf den Boden fielen. Sie haben ihn angeſpuckt und mit Fäuſten geſchlagen, ſie haben ihn gegeißelt und verſpottet, ſie haben ihm das ſchwere Kreuz auf ſeine zermalmte Schulter gelegt. Sodann haben ſie ihn mit Nägeln an daſſelbe geſchlagen. Ach welche Pein! Seine Lippen ſind vor Durſt verdorrt und ſie verſpotteten ihn noch immer in dieſem ſchweren⸗ Todeskampf; aber mit dieſen verdorrten Lippen betet er für ſie:„Vater, vergib ihnen, ſie wiſſen nicht was ſie thun! Dann legte ſich ein Schauer großer Finſter⸗ niß über ihn, und er fühlte was Sünder fühlen wenn ſie für ewig von Gott ausgeſtoßen werden; 45 das war der lezte Tropfen im Kelche der Bitterkeit. Mein Gott! mein Gott!’ ruft er, ‚warum haſt du mich verlaſſen! „Alles das ertrug er für euch! Für euch— und ihr denket niemals an ihn; für euch— und ihr keh⸗ ret ihm euern Rücken; ihr bekümmert euch nicht darum was er für euch durchgemacht hat. Dennoch wird er nicht müde ſich zu euch zu begeben: er iſt von dem Tode auferſtanden, er betet für euch zur Rechten Gottes: Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht was ſie thun.: Und er iſt auch auf dieſer Erde; er weilt unter uns; er iſt jezt ganz nahe bei euch, ich ſehe ſeinen verwundeten Leib und ſeinen Blick voll Liebe.“ Hier wandte ſich Dina an Beſſy, deren heitere Jugend und augenſcheinliche Eitelkeit ihr Mitleid eingeflößt hatte. „Armes Kind! Armes Kind! Er bittet auch Dich und Du hörſt nicht auf ihn; Du denkſt an Ohrringe, an ſchöne Kleider und Hauben, aber Du denkſt niemals an den Erlöſer der geſtorben iſt um Deine theure Seele zu retten. Deine Wangen wer⸗ den dereinſt einſchrumpfen, Dein Haar wird grau, Dein armer Körper wird mager und wackelig wer⸗ den; dann wirſt Du anfangen zu fühlen daß Deine Seele nicht gerettet iſt; dann wirſt Du vor Gott ſtehen müſſen, gekleidet in Deine Sünden, in Deine böſen Launen und eiteln Gedanken. Und Jeſus, der jezt bereit ſteht Dir zu helfen, wird Dir dann nicht helfen: weil Du ihn nicht zu Deinem Erlöſer haben wollteſt, wird er Dein Richter ſein. Jezt blickt er mit Liebe und Barmherzigkeit auf Dich und ſpricht: Komm zu mir auf daß Du leben mögeſt; dann 46 aber wird er ſich von Dir abwenden und ſagen: Weiche von mir ins ewige Feuer!““ Der armen Beſſy weit offene ſchwarze Augen be⸗ gannen ſich mit Thränen zu füllen; ihre vollen rothen Wangen und Lippen wurden ganz blaß und ihr Ge⸗ ſicht verzerrte ſich ein wenig, wie bei einem kleinen Kind bevor es zu weinen anfängt. „Ach armes blindes Kind!“ fuhr Dina fort,„be⸗ denke wenn es Dir erginge wie es einſt einer Die⸗ nerin Gottes in den Tagen ihrer Eitelkeit ergangen iſt. Sie dachte an ihre Spizenhauben und brauchte⸗ all ihr Geld dafür; es fiel ihr gar nicht ein daran zu denken wie ſie ein reines Herz und einen rechten Geiſt bekommen könne, ſondern ſie verlangte bloß beſſere Spizen zu haben als andere Mädchen. Und eines Tags als ſie ihre neue Haube aufſezte und in den Spiegel ſchaute, da ſah ſie ein blutendes Geſicht mit einer Dornenkrone. Dieſes Geſicht ſchaut jezt Dich an“— hier deutete Dina auf einen Plaz dicht vor Beſſy.—„Ach wirf ſie weg dieſe Narrheiten; ſchleudere ſie weit weg von Dir wie ſtechende Nat⸗ tern. Sie ſtechen Dich wirklich— ſie vergiften Deine Seele— ſie ziehen Dich hinab in eine dunkle boden⸗ loſe Grube wo Du ewig, ewig, ewig ſinken wirſt, immer weiter hinweg vom Lichte und von Gott.“ Beſſy konnte es nicht länger ertragen: ein großer Schrecken kam über ſie, ſie riß ſich ihre Ohrringe aus und warf ſie unter lautem Schluchzen zu Bodem Ihr Vater Chad bekam Angſt daß es auch über ihn hergehen könnte, und da er dieſen Eindruck auf die ſtörriſche Beß für nichts Geringeres als ein Wunder hielt, ſo lief er haſtig davon und begann an ſeinem n —-—õ— D— KA —-——— 47 befriedige, ſo daß kein unbehaglicher Wunſch ſie quäle, keine Furcht ſie beunruhige; wie zulezt ſelbſt die Ver⸗ ſuchung zur Sünde ſchwinde und der Himmel ſchon auf Erden beginne, weil keine Wolke zwiſchen die Seele und Gott trete der ihre ewige Sonne ſei. „Liebe Freunde,“ ſo ſchloß ſie,„Brüder und Schweſtern, die ich als ſolche liebe für welche mein ß, ſo möchte ich auch euch deſſelben theilhaftig machen. Ich bin arm wie ihr; ich muß meinen Lebensunter⸗ nehmer Herr, keine vornehme Dame kann ſo glücklich ein wie ich, wenn ſie nicht die Liebe Gottes in ihren Seelen beſizen. Bedenkt was es heißt Nichts zu haſſen als die Sünde, voll Liebe gegen jedes Ge⸗ ſchöpf Gottes zu ſein, vor Nichts zu erſchrecken, die eberzeugung zu haben daß alle Dinge ſich zum Beſten wenden müſſen; kein Leiden zu achten weil es der Wille unſeres Vaters iſt; zu wiſſen daß Nichts — ſelbſt wenn die Erde in Feuer aufginge und die aſſer kämen und uns ertränkten— Nichts uns 48 ſcheiden kann von Gott, der uns liebt, der unſere Seelen mit Frieden und Freude füllt, weil wir die Ueberzeugung haben daß Alles was er will heilig, gerecht und gut iſt. „Liebe Freunde, kommet und empfanget dieſe Seligkeit, ſie wird euch dargeboten; ſie iſt die frohe Botſchaft welche Jeſus den Armen zu predigen kam. Sie iſt nicht wie die Reichthümer dieſer Welt, bei denen, je mehr der eine bekommt, um ſo weniger dem andern zufällt. Gott iſt ohne Ende, ſeine Liebe iſt ohne Ende: Ihr Strom zieht durch das ganze All, Gar reich der Vorrath iſt, Er reichet aus allüberall, Reicht aus zu jeder Friſt.“ Dina hatte wenigſtens eine Stunde geſprochen, und das röthliche Licht des ſcheidenden Tages ſchien ihren Schlußworten einen feierlichen Nachdruck zu verleihen. Der Fremde, der ſich beim Verlauf ihrer Rede wie bei der Entwicklung eines Dramas intereſ⸗ ſirt hatte— denn jede aufrichtige und unſtudirte Be⸗ redſamkeit die uns das innere Gefühl und das Leben des Sprechers aufdect beſizt dieſe Art von Zauber — wandte ſein Pferd und ritt weiter, während Dina ſagte:„Laßt uns Etwas ſingen, lieben Freunde!“ So lange er den Abhang hinabritt, hörte er noch die Stimmen der Methodiſten, die in jenem ſeltſamen Gemiſch von Jubel und Betrübniß das eine geiſtliche Hymne kennzeichnet ſich hoben und ſenkten. ——— 49 „ Drittes Capitel. Nach der Predigt. Etwa eine Stunde nachher ſchritt Seth Bede an Dina's Seite die Hecken entlang welche die Weiden und die grünen Kornfelder zwiſchen dem Dorfe und dem Pachthof einfaßten. Dina hatte ihr Quäker⸗ häubchen wieder abgenommen und trug es in der Hand, um ſich an der kühlen Abenddämmerung recht frei erlaben zu können, ſo daß Seth den Ausdruck ihres Geſichtes ganz deutlich ſehen konnte, als er ſo neben ihr herging und ſchüchtern Etwas überlegte was er ihr zu ſagen wünſchte. Es war ein Aus⸗ druck unbewußten friedlichen Ernſtes; ſie ſchien in Gedanken verſunken zu ſein die mit dem gegenwär⸗ tigen Augenblick oder mit ihrer eigenen Perſönlichkeit gar Nichts zu ſchaffen hatten, und für einen Lieb⸗ haber gibt es nichts Entmuthigenderes. Sogar ihr Gang übte dieſe Wirkung aus: er hatte jene ruhige Elaſticität die keine Unterſtüzung begehrt. Seth fühlte es dunkel; er ſagte zu ſich ſelbſt:„Sie iſt für jeden zu gut und zu heilig, geſchweige denn für mich,“ und die Worte die er aufgeboten hatte ſtrömten wie⸗ der zurück bevor ſie über ſeine Lippen gekommen. Aber ein anderer Gedanke verlieh ihm Muth: kein Mann könne ſie inniger lieben und ihr mehr Freiheit laſſen um dem Werke Gottes nachzukommen. Sie waren jezt mehrere Minuten ſchweigend neben ein⸗ ander hergeſchritten, ſeitdem ſie ſich über Beſſy Cra⸗ nage ausgeſprochen hatten. Dina ſchien die An⸗ Eliot, Adam Bede. I. 4 50 weſenheit Seth's beinahe vergeſſen zu haben und beſchleunigte ihren Schritt dermaßen daß die Ausſicht auf die unmittelbare Nähe des Pachthofs Seth zu⸗ lezt Muth zum Sprechen einflößte. „Ihr ſeid alſo entſchloſſen nächſten Samſtag nach Snowfield zurückzukehren, Dina?“ „Ja,“ antwortete Dina ruhig,„ich fühle mich dorthin berufen; als ich am Sonntag Abend nach⸗ ſann, wurde es mir in den Geiſt gegeben daß Schwe⸗ ſter Allen, die ſchon ſehr hinfällig iſt, meiner bedarf. Ich ſah ſie ſo deutlich wie wir das dünne weiße Wölkchen dort ſehen; ſie hob ihre armſelige magere Hand empor und winkte mir. Und dieſen Morgen, als ich die Bibel um Rath aufſchlug, waren die erſten Worte auf welche meine Augen fielen:„Und als wir das Geſicht geſehen hatten, beſchloßen wir alsbald nach Macedonien zu reiſen.“ Ohne dieſen deutlichen Fingerzeig über den Willen des Herrn würde ich ungern gehen, denn mein Herz jammert um meine Tante und ihre Kinder, und um dieſes arme verirrte Lamm, Hetty Sorrel. Ich habe mich in der lezten Zeit oft gedrungen gefühlt für ſie zu beten, und ich betrachte dieß als ein Zeichen daß Gnade für ſie in Bereitſchaft ſtehen kann.“ „Gott gebe es!“ ſagte Seth.„Denn ich glaube, Adam's Herz hängt ſo feſt an ihr daß es ſich wohl nie einer Andern zuwenden wird, und doch würde es mir ſehr leid thun wenn er ſie heirathete, denn ich kann mir nicht denken daß ſie ihn glücklich machen, würde. Es iſt ein tiefes Geheimniß, wie das Herz eines Mannes ſich einem einzigen Weibe vor allen andern die er in der Welt geſehen hat zuneigt, ſo 4 daß er es leichter empfindet ſieben Jahre für ſie zu arbeiten, wie Jacob für Rahel that, als ein anderes Weib zu nehmen um das er nur anzuhalten brauchte. Ich denke oft an die Worte: Alſo diente Jacob um Rahel ſieben Jahre, und däuchten ihm als wären es einzelne Tage, ſo lieb hatte er ſie. Dieſe Worte würden ſicherlich auch an mir wahr wer⸗ den, Dina, wenn Ihr mir Hoffnung geben wolltet daß ich Euch nach ſieben Jahren gewinnen könnte. Ich weiß, Ihr denket, ein Mann würde Eure Ge⸗ danken zu ſehr in Anſpruch nehmen, weil St. Paulus ſagt:„Die aber freit, die ſorget was der Welt an⸗ gehört, wie ſie dem Manne gefalle;“ auch haltet Ihr mich vielleicht für zu kühn daß ich nach Eurer Er⸗ klärung vom lezten Samſtag jezt wieder davon an⸗ fange. Aber ich hab es Tag und Nacht überlegt, 4* 52 Euch in dem Werk ſtören könnte für welches Gott Euch geſchickt gemacht hat; ich würde mit allen meinen Kräften arbeiten inner und außer dem Hauſe, um Euch mehr Freiheit zu verſchaffen— mehr als Ihr jezt haben könnt, denn jezt müßt Ihr Cuern Lebensunterhalt ſelbſt verdienen, während ich ſtark genug bin um für uns Beide zu arbeiten.“ Als Seth einmal angefangen hatte ſeine Werbung zu betreiben, hielt er ſich ſehr eifrig daran und ſprach beinahe haſtig, damit Dina nicht ein entſcheidendes Wort ſprechen könnte bevor er alle ſeine Beweismittel vorgetragen hätte. Seine Wangen rötheten ſich bei dieſer Gelegenheit, ſeine ſanften grauen Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen, und ſeine Stimme zitterte als er den lezten Saz ſprach. Sie hatten einen ſchmalen Durchgang zwiſchen hohen Steinen erreicht; Dina blieb ſtehen, wandte ſich gegen Seth und ſagte mit ihrer zärtlichen aber ruhigen Discantſtimme: 3 „Seth Bede, ich danke Euch für Eure Liebe zu mir, und wenn ich irgend einen Mann für mehr als einen Bruder in Chriſto betrachten könnte, ſo glaube ich daß Ihr es wäret. Aber es iſt meinem Herzen nicht frei gegeben zu heirathen. Das iſt gut für andere Weiber, und es iſt ein großes und geſegnetes Ding Frau und Mutter zu ſein; aber wie Gott Jedem ſeinen Theil gegeben, wie der Herr Jeden berufen hat, ſo möge er wandeln. Gott hat mich berufen Andern beizuſtehen, nicht für mich ſelbſt Freud oder Leid zu haben, ſondern mich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden. Er hat mich berufen ſein Wort zu verkünden, und er hat meine Arbeit reichlich geſegnet. Es wäre ein ſehr —— ⏑—⏑△—————— ——— 992 A ————= 53 klarer Fingerzeig für mich nöthig um die Brüder und Schweſtern in Snowfield verlaſſen zu können, die nur ſehr wenig von den Gütern dieſer Welt beſizen, wo die Bäume ſo ſpärlich wachſen daß ein Kind ſie zählen könnte, und wo es den Armen ſo ſauer wird ſich im Winter durchzubringen. Es iſt mir vergönnt worden der kleinen Heerde dort zu helfen, ſie zu trö⸗ ſten, zu ſtärken und manche Verirrte heimzurufen, und meine Seele iſt voll von dieſen Dingen, vom Augenblick an wo ich Morgens aufſtehe bis ich mich wieder niederlege. Mein Leben iſt zu kurz und Got⸗ tes Werk iſt zu groß für mich, als daß ich daran denken ſollte für mich ſelbſt eine Heimath in dieſer Welt zu gründen. Ich bin gegen Cure Vorſtellungen nicht taub geblieben, Seth, denn als ich ſah daß Eure Liebe mir zugewandt war, ſo dachte ich es möchte eine Fügung der Vorſehung ſein daß ich meinen Lebens⸗ weg ändere und wir einander gegenſeitig helfen ſoll⸗ ten, und da legte ich die Sache dem Herrn vor. Aber ſo oft ich meinen Sinn auf die Ehe und auf unſer Zuſammenleben zu richten verſuchte, kamen mir immer andere Gedanken; da fielen mir die Zeiten ein wo ich für die Kranken und Sterbenden betete, und die glücklichen Stunden wo ich predigte, wobei mein Herz voll war von Liebe und das Wort Gottes reichlich mir zuſträmte. Und wenn ich die Bibel um Rath aufſchlug, ſo ſtieß ich immer auf ein klares ort das mir ſagte wo meine Arbeit lag. Ich glaube Euren Worten, Seth, daß Ihrs verſuchen würdet mir ein Gehilfe und kein Hinderniß bei meinem Werke zu ſein, aber ich ſehe daß unſere Ehe nicht Gottes Wille iſt— er zieht mein Herz nach einer andern 54 Richtung. Ich wünſche ohne Mann und Kinder zu leben und zu ſterben. Mir ſcheint ich habe in meiner Seele keinen Raum für meine eigenen Bedürfniſſe und Sorgen; es hat Gott gefallen mein Herz gänz⸗ lich mit den Bedürfniſſen und Leiden ſeines armen Volkes anzufüllen.“ Seth war unfähig zu antworten und ſie ſchritten ſtille weiter. Endlich als ſie nahe am Hofthor waren, ſagte er:. „Nun wohl, Dina, ich muß nach Kraft ringen um es zu ertragen und um Ihn zu ſehen welcher un⸗ ſichtbar iſt. Aber ich fühle es wie ſchwach mein Glaube iſt. Es iſt mir als ſollte ich mich über Nichts mehr freuen können wenn Ihr weggegangen ſeid. Ich meine, das was ich für Euch empfinde gehe über die gewöhnliche Weiberliebe hinaus, denn ich könnte zufrieden ſein auch ohne daß Ihr mich heirathet, wenn ich nur nach Snowfield mitgehen und in Eurer Naähe leben dürfte. Ich hoffte, die ſtarke Liebe welche mir Gott zu Euch eingeflößt hat ſollte eine Fügung für uns Beide ſein; aber es ſcheint es war bloß auf eine Prüfung für mich abgeſehen. Vielleicht fühle ich mehr für Euch als ich für ein menſchliches Ge⸗ ſchöpf fühlen ſollte, denn ich kann oft nicht umhin von CEuch zu ſagen was das Lied ſagt: Du haſt mir in der finſtern Nacht Als Morgenſtern den Tag gebracht; Die Morgenſonn, ſo göttlich mild, Sie zeigt mir nur dein Ebenbild. Das mag Unrecht ſein, und ich muß mich eines Beſſeren belehren laſſen. Aber würde es Euch nicht ——————- 8 ht 5⁵ mißfallen wenn die Dinge ſich ſo geſtalten würden daß ich dieſe Gegend verlaſſen und meinen Wohnſiz in Snowfield nehmen könnte?“ „Nein, Seth; aber ich rathe Euch ruhig zu war⸗ ten und Eure Heimath und Eure Verwandten nicht leichtſinnig zu verlaſſen. Thut Nichts ohne das klare Gebot des Herrn; es iſt eine öde und unfruchtbare Gegend dort, nicht wie das Land Goſen an das Ihr gewöhnt ſeid. Wir dürfen nicht in Haſt und Eile unſer Loos feſtſezen und wählen, ſondern wir müſſen noch auf eine Führung warten.“ „Aber Ihr würdet mir erlauben Euch einen Brief zu ſchreiben, Dina, wenn ich Euch Etwas zu ſagen hätte?“ „Ja gewiß; thut mir's zu wiſſen wenn Trübſal über Euch kommt; ich werde Euer ſtets in meinen Gebeten gedenken.“ Sie hatten jezt das Hofthor erreicht und Seth ſagte:„Ich gehe nicht hinein, Dina, alſo lebt wohl!“ Er hielt unſchlüſſig inne nachdem ſie ihm die Hand gereicht hatte, dann fügte er hinzu:„Man kann nicht wiſſen ob Ihr nicht ſpäter die Dinge anders anſehen werdet. Es kann eine neue Führung ſtatt⸗ finden.“ „Laßt das jezt ſein, Seth. Man thut wohl daran nur einen Augenblick auf einmal zu leben, wie ich in einem von Wesley's Büchern geleſen habe. Es ſteht weder Euch noch mir zu Pläne zu entwerfen; wir haben Nichts zu thun als zu gehorchen und zu vertrauen. Lebt wohl!“ Dina drückte ſeine Hand mit einem etwas weh⸗ müthigen Blick aus ihren liebreichen Augen, und dann 56 ging ſie durch das Thor, während Seth ſich zögernd zur Heimkehr umwandte. Aber ſtatt den geraden Weg einzuſchlagen, ging er über die Felder zurück über welche er und Dina ſoeben gekommen waren, und ich glaube, ſein blaues leinenes Taſchentuch war ſchon lange ſehr feucht von Thränen, als es ihm einfiel daß es Zeit ſei ſich ernſtlich auf den Heimweg zu machen. Er war bloß dreiundzwanzig Jahre alt und hatte eben erſt gelernt was lieben heißt— lie⸗ ben mit einer Anbetung welche ein junger Mann einem Mädchen widmet das er als größer und beſſer erkennt als ſich ſelbſt. Eine Liebe dieſer Art iſt kaum von religiöſem Gefühl zu unterſcheiden. Welche innige und rechtſchaffene Liebe, gelte ſie nun einem Weib oder einem Kind, der Kunſt oder der Muſik, könnte davon unterſchieden werden? Unſere Lieb⸗ koſungen, unſere Worte der Zärtlichkeit, unſer ſtilles Entzücken unter dem Einfluß der herbſtlichen Sonnen⸗ untergänge, bei herrlichen Ausſichten, bei ruhigen majeſtätiſchen Bildſäulen oder bei Beethoven'ſchen Sinfonien, alle geben uns das Bewußtſein daß ſie nur das Wellengekräuſel ſind eines unergründlichen Oceans von Liebe und Schönheit: unſere Empfin⸗ dung geht im Augenblick der größten Stärke vom Ausdruck zum Schweigen über; unſere Liebe rauſcht in ihrer höchſten Fluth über ihren Gegenſtand hin⸗ aus und verliert ſich im Gefühle göttlichen Geheim⸗ niſſes. Und dieſe herrliche Gabe verehrungsvoller Liebe iſt ſeit Anbeginn der Welt ſchon zu vielen be⸗ ſcheidenen Handwerksleuten verliehen worden, als daß wir uns im Mindeſten darüber verwundern könnten ſie in der Seele eines methodiſtiſchen Zimmermanns ———.,—,—-——— —- 57 vor einem halben Jahrhundert vorzufinden, als noch ein ſchwacher Abglanz aus der Zeit vorhanden war wo Wesley und ſeine Mitarbeiter, nachdem ſie ihre Gliedmaßen und Lungen durch Ueberbringung einer göttlichen Botſchaft an die Armen erſchöpft hatten, ſich mit den Hagebutten und Heckenbeeren von Corn⸗ wall ernährten. Dieſer Nachglanz iſt ſchon lange verſchwunden, und das Bild das wir uns vom Methodismus zu machen vermögen iſt nicht mehr ein Amphitheater von grünen Hügeln oder der tiefe Schatten breitblätteri⸗ ger Sycamoren, wo Haufen zerlumpter Männer und gramverzehrter Weiber einen Glauben einſogen der ihnen die Anfänge von Bildung beibrachte, ihre Ge⸗ danken mit der Vergangenheit verknüpfte, ihre Ein⸗ bildung über die ſchmuzigen Einzelnheiten ihres eigenen beſchränkten Lebens erhob und ihren Seelen das Ge⸗ fühl eines erbarmenden, liebevollen, unendlichen We⸗ ſens eingoß, ein Gefühl das ſo ſüß iſt wie der Sommer für den obdachloſen Armen. Es iſt nur allzu möglich daß einige meiner Leſer ſich unter Methodismus nichts Anderes vorſtellen als niedrige Giebel auf ſchmuzige Straßen heraus, ſchleichende Gewürzkrämer, ſchmarozende Prediger und heuchleriſches Kauderwelſch — Elemente die in manchen faſhionablen Kreiſen als eine erſchöpfende Analyſe des Methodismus betrachtet werden. Das wäre Schade, denn ich kann nicht behaupten daß Seth und Dina etwas Anderes als Methodiſten waren— freilich nicht von jenem modernen Typus der Vierteljahrsſchriften liest und in ſäulengetragenen Hallen ſeine Andacht verrichtet, ſondern von ſehr alt⸗ 58 modiſchem Schnitt. Sie glaubten an Fortdauer der Wunder, an augenblickliche Bekehrung, an Offen⸗ barung durch Träume und Geſichte; ſie zogen Looſe und ſuchten nach Gottes Führung, indem ſie die Bibel aufs Gerathewohl aufſchlugen; ſie deuteten die hei⸗ ligen Schriften ganz buchſtäblich und auf eine Art die von anerkannten Auslegern keineswegs gebilligt wird; auch kann ich unmöglich ihre Diction als rich⸗ tig oder ihre Bildung als liberal bezeichnen. Wenn ich jedoch die Religionsgeſchichte recht geleſen habe, ſo haben Glaube, Hoffnung und Liebe nicht immer im geraden Verhältniß zu einer beſondern Vorliebe für die Glaubensbücher geſtanden, und es iſt, Gott ſei Dank! möglich ſehr irrige Theorien und höchſt er⸗ habene Gefühle zu haben. Der rohe Speck welchen die tölpiſche Molly aus ihrer ärmlichen Vorraths⸗ kammer aufſpart um ihn ihres Nachbars Kind gegen die Gichter zu bringen, mag ein kläglich unwirkſames Mittel ſein; aber die großmüthige Regung nachbar⸗ licher Freundlichkeit wodurch die That hervorgerufen worden, hat eine wohlthätige Ausſtrahlung die nichte verloren gegangen iſt. Nach ſolchen Betrachtungen können wir Dina und Seth nicht wohl unſeres Mitgefühls unwürdig glau⸗ ben, obſchon wir gewohnt ſein mögen über die er⸗ habeneren Kümmerniſſe von Heldinnen in Halbſtiefel⸗ chen und Crinolinen zu weinen, ſowie von Helden die auf feurigen Roſſen einherreiten, während ſie ſelbſt von noch wilderen Leidenſchaften geritten werden. Der arme Seth! er war in ſeinem Leben auf kein Pferd gekommen, als ein einziges Mal als klei⸗ ner Junge, wo Meiſter Jonathan Burge ihn hinter 59 aufnahm mit der Mahnung ſich feſtzuhalten; ſtatt in Klagen gegen Gott und das Schickſal auszubrechen, beſchließt er, indem er jezt unter dem feierlichen Sternenlicht heimwärts ſchreitet, ſeine Traurigkeit zu unterdrücken, weniger ſeinem eigenen Willen nachzu⸗ hängen und mehr für Andere zu leben, wie Dina thut. Diertes Capitel. Das Haus und ſeine Sorgen. Ein grünes Thal mit einem Bach der hindurch⸗ fließt und von dem lezten Regen beinahe bis zum Ueberſchwemmen angeſchwollen iſt; am Ufer tiefherab⸗ hängende Weiden. Quer über dieſen Bach iſt ein Brett geworfen und über dieſes Brett geht Adam Bede mit ſeinem ſtets ſichern Tritt, dicht hinter ihm Gyp mit dem Korbe; das Ziel ſeiner Wanderung iſt augenſcheinlich das ſtrohbedeckte Häuschen mit einem Haufen Bauholz daneben, ungefähr zwanzig Schritte den gegenüberliegenden Abhang hinauf. Die Thüre des Hauſes ſteht offen und eine ält⸗ liche Frau ſieht heraus; aber ſie betrachtet nicht fried⸗ lich den abendlichen Sonnenſchein, ſondern ſie hat mit trüben Augen den allmählig ſich vergrößernden Punkt beobachtet der ſich im lezten Moment als ihr Lieblingsſohn Adam herausgeſtellt. Lisbeth Bede liebt ihren Sohn mit der Liebe einer Frau der ihr Erſtgeborener ſpät im Leben geſchenkt worden iſt. Sie iſt ein ängſtliches, mageres, aber kräftiges altes Weib, reinlich wie eine Schneeflocke. Ihr graues 60 Haar iſt ſorgfältig unter eine Linnenhaube mit ſchwar⸗ zem Bande zurückgekämmt; ihre breite Bruſt iſt mit einem hellgelben Halstuch bedeckt, und unter dieſer ſeht ihr eine kurze Nachtjacke von blaugeſtreifter Lein⸗ wand um den Leib gebunden und bis an die Hüften herabreichend, wo ſich ein langer halb leinener, halb wollener Unterrock anſchließt. Denn Lisbeth iſt von hoher Statur, und auch in andern Beziehungen iſt eine ſtarke Aehnlichkeit zwiſchen ihr und ihrem Sohn Adam vorhanden. Ihre dunkeln Augen ſind jezt etwas trübe, vielleicht von zu vielem Weinen, aber ihre ſtarkmarkirten Brauen ſind noch immer ſchwarz, ihre Zähne geſund, und wie ſie da vor der Thüre ſteht und mit ihren abgehärteten Händen unbewußt fleißig ſtrickt, zeigt ſie eine ſo feſte und aufrechte Haltung als trüge ſie einen Waſſereimer vom Brun⸗ nen auf dem Kopfe einher. Es iſt derſelbe Typus in der ganzen Bildung und dasſelbe rührige lebhafte Temperament bei Mutter und Sohn; aber ſeine ſchöngewölbte Stirne und ſeinen Ausdruck hochher⸗ ziger Intelligenz hat Adam nicht von ihr bekommen, Familienähnlichkeiten haben oft etwas ſehr Weh⸗ müthiges an ſich; die Natur, dieſe große Tragikerin, verknüpft uns durch Bein und Muskel zuſammen und trennt uns wieder durch die feineren Gewebe des Gehirns; ſie vermengt Anziehung und Abſtoßung und feſſelt uns mit unſern Herzensſaiten an Weſen von denen jede Bewegung uns wehthut. Wir hören eine Stimme mit dem volſſtändigen Tonfall der unſrigen Gedanken ausſprechen die wir verachten; wir ſehen Augen die denen unſerer Mutter ſo ſehr gleichen in kalter Entfremdung von uns ab⸗ 61 gewandt, und unſer leztes Lieblingskind erſchreckt uns durch die Mienen und das Geberdenſpiel der Schwe⸗ ſter von welcher wir vor langen Jahren in Bitterkeit geſchieden ſind. Der Vater, dem wir unſer beſtes Erbtheil— den mechaniſchen Inſtinct, das ſcharfe Gefühl für Harmonie, die unbewußte Geſchicklichkeit der modellirenden Hand verdanken, verbittert uns das Leben und macht uns Schande durch ſeine täg⸗ lichen Verirrungen; die langverlorene Mutter, deren Geſicht wir im Spiegel zu ſehen beginnen, wenn unſere eigenen Runzeln kommen, quälte einſt unſere jungen Seelen mit ihren ängſtlichen Launen und ihrem unvernünftigen Eigenſinn. Eine ſolche zärtliche und ängſtliche Mutterſtimme höret ihr wenn Lisbeth ſagt: „Ci, ei, mein Junge, es iſt ſchon ſieben Uhr vor⸗ über; Du bleibſt doch immer am längſten. Jezt verlangt es Dich gewiß nach Deinem Abendeſſen. Wo iſt Seth? Gewiß iſt er wieder einer Predigt nachgelaufen.“ „Ja ja, Seth iſt bei nichts Böſem, Mutter, das darfſt Du glauben. Aber wo iſt der Vater?“ fragte Adam ſchnell, als er ans Haus trat und einen Blick auf die Stube zur Linken warf, die als Werkſtatt gebraucht wurde.„Hat er den Sarg für Tholer nicht gemacht? Da ſteht ja das Zeug noch gerade wie ich es heute früh verließ.“ „Den Sarg gemacht?“ verſezte Lisbeth, indem ſie unter beſtändigem Stricken ihrem Sohn folgte und ihn ſehr beſorgt anſah;„nein mein Junge, er iſt heute früͤh nach Treddleſton gegangen und noch nicht 62 zurückgekommen. Ganz gewiß ſizt er wieder im um⸗ geworfenen Wagen.“ Eine dunkle Röthe des Zornes flog raſch über Adams Geſicht. Er ſprach kein Wort, aber er warf ſeine Jacke ab und begann ſeine Hemdärmel zurück⸗ zuſchlagen. „Was haſt Du vor, Adam?“ fragte die Mutter mit beſorgtem Ton und Blick.„Du wirſt doch nicht ſchon wieder an die Arbeit wollen, ohne daß Du einen Biſſen zu Dir genommen haſt?“ Adam konnte vor Aerger kein Wort ſprechen und ging in die Werkſtatt. Aber ſeine Mutter warf ihr Strickzeug weg, eilte ihm nach, ergriff ihn beim Arm und machte ihm klagend ihre Vorſtellungen: „Nein, mein lieber Junge, Du darfſt nicht gehen ohne Dein Abendbrod; da ſtehen die Kartoffeln mit der Brühe, gerade wie Du ſie gerne iſſeſt. Jo habe ſie ſo gut für Dich aufgehoben. Komm jeß und iß, thue es mir zu Liebe!“ „Laß mich in Ruhe!“ ſagte Adam ungeſtüm, in dem er die Alte abſchüttelte und eines der Brette ergriff die an der Wand ſtanden.„Da iſt es woh am Plaz von einem Abendeſſen zu reden, wenn au morgen früh um ſieben Uhr ein Sarg nach Broxto verſprochen iſt und ſchon dort ſein ſollte, währen noch kein Nagel eingeſchlagen iſt. Meine Kehle i zu voll als daß ich etwas hinunter brächte.. „Ach was, Du kannſt den Sarg doch nicht ferti machen,“ ſagte Lisbeth;„Du arbeiteſt Dich not 8 Tode. Du hätteſt die ganze Nacht damit 1 thun.“ 3 „Wenn ich auch noch ſo lang arbeiten muß! J — 63 nicht der Sarg verſprochen? Können die Leute ohne Sarg den Mann begraben? Lieber wollte ich mir die rechte Hand wegarbeiten als einen Kunden ſo anlügen; ich werde wüthend wenn ich nur daran denke. Länger ſehe ich auch dieſes Unweſen im Hauſe nicht mehr an. Ich habe ſchon genug ausgeſtanden.“ Die arme Lisbeth hörte dieſe Drohung nicht zum erſtenmal, und wäre ſie geſcheidt geweſen, ſo wäre ſie ruhig weggegangen und hätte in der nächſten Stunde die Antwort geſagt. Aber eine der Lehren die einer Frau am ſeltenſten in den Kopf wollen, iſt der Grundſaz daß ſie mit einem zornigen oder be⸗ trunkenen Mann nie ſprechen ſolle. Lisbeth ſezte ſich auf die Hackbank und begann zu weinen, und als ſie ſo lange geweint hatte daß ihre Stimme recht jämmerlich klang, da brach ſie in Worte aus: „Nein mein lieber Junge, Du wirſt doch nicht fortlaufen wollen und Deiner Mutter das Herz bre⸗ chen und Deinen Vater im Elend laſſen. Du wirſt mich doch nicht auf den Kirchhof tragen laſſen ohne daß Du hinter mir hergehſt. Ich würde in meinem Grab keine Ruhe finden wenn ich Dich nicht im lez⸗ ten Augenblick ſähe, und wie ſoll mans Dich wiſſen laſſen daß ich am Sterben bin, wenn Du weit fort in der Fremde arbeiteſt, und Seth dann auch fort⸗ geht und Dein Vater vor lauter Zittern keine Feder⸗ halten kann und überdieß nicht weiß wo Du biſt? Du mußt Deinem Vater verzeihen— Du darfſt nicht ſo bitter gegen ihn ſein. Er war ein guter Vater gegen Dich bevor er ſich aufs Trinken warf. Er iſt ein geſchickter Arbeiter und hat Dich Deine Arbeit gelehrt, das mußt Du wohl bedenken; auch hat er 64 mir nie einen einzigen Schlag oder auch nur ein böſes Wort gegeben, nicht einmal im Rauſche. Du wirſt ihn doch nicht ins Arbeitshaus kommen laſſen — Deinen eigenen Vater, denn er war ein ſo hüb⸗ ſcher Mann und in allen Dingen ſo geſchickt, beinahe wie Du ſelbſt, vor fünfundzwanzig Jahren als Du an meiner Bruſt trankeſt.“ Lisbeths Stimme wurde immer lauter und er⸗ ſtickte beinahe unter ihrem Geſchluchze: ein Geheul das unter allen Tönen am widerwärtigſten wird, wenn es ſich um einen wirklichen Kummer handelt und wenn im Ernſt eine Arbeit zu verrichten iſt. Adam unterbrach ſie voll Ungeduld. „He Mutter, weine doch nicht ſo und ſprich nicht ſo; habe ich nicht ohnehin ſchon Aerger genug auf dem Halſe? warum brauchſt Du mir von Dingen vorzureden an die ich von ſelbſt nur zu viel denken muß? Wenn ich nicht daran dächte, warum würde ich dann ſo arbeiten um Alles in Ordnung zu er⸗ halten? aber ich haſſe das viele Reden, weil es doch von keinem Nuzen iſt: ich behalte meinen Athem lieber zur Arbeit als zum Schwazen.“ „Ich weiß, mein Junge, daß Du Dinge thußt deren Niemand ſonſt fähig wäre, aber Du biſt immer zu hart gegen Deinen Vater, Adam. Für Seth iſ Dir gar Nichts zu viel, und Du fährſt mich an wenn ich dem Jungen nur ein einziges unfreund⸗ liches Wort ſage. Aber gegen Deinen Vater bißt Du ſo böſe, weit mehr als gegen jeden Andern..“) „Ich dächte doch das ſei beſſer als wenn ich zu. ſanft wäre und Alles auf dem ſchlimmen Weg weiter gehen ließe; wäre ich nicht ſcharf gegen ihn, ſo würde 65 er jedes Stück Holz aus dem Hof verkaufen und ver⸗ ſaufen. Ich weiß recht wohl daß ich Pflichten gegen meinen Vater habe, aber das iſt nicht meine Pflicht daß ich ihn noch darin beſtärke wenn er blindlings ins Verderben läuft. Und was hat denn Seth da⸗ mit zu ſchaffen? Der Junge thut nichts Unrechtes, ſo viel ich weiß. Aber laß mich jezt allein, Mutter, damit ich an meine Arbeit kann.“ Lisbeth wagte kein Wort mehr zu ſagen, ſondern ſtand auf und rief Gyp, um ſich, nachdem Adam ſelbſt das Eſſen verſchmäht, welches ſie in der liebe⸗ vollen Erwartung ihm zuſehen zu dürfen vor ihm aus⸗ gebreitet hatte, einigermaßen dadurch zu tröſten daß ſie ſeinen Hund mit beſonderer Freigebigkeit fütterte. Aber Gyp, der ſich dieſen unerwarteten Verlauf der Dinge nicht zu erklären wußte, beobachtete ſeinen geſpizten Ohren; er ſah zwar Lisbeth an wenn ſie ihn rief und be⸗ wegte unbehaglich ſeine Vorderpfoten, da er wohl ihn zum Eſſen einlud, aber er konnte zu keinem Entſchluß kommen, ſondern blieb auf ſei⸗ nem Plaz ſizen und ſchaute von Neuem ängſtlich nach „Geh Gyp, geh mein Junge!“ ſagte Adam mit befehlendem Zuſpruch, und Gyp folgte, mit ſicht⸗ Eliot, Adam Bede. I, 5 66 licher Befriedigung darüber daß Pflicht und Ver⸗ gnügen dießmal zuſammen fielen, der alten Frau auf die Hausflur. 1 Aber kaum hatte er ſeine Schüſſel aufgeleckt, ſo ging er zu ſeinem Herrn zurück, während Lisbeth wieder allein bei ihrem Strickzeug ſaß und weinte. Frauen die niemals bitter oder rachſüchtig ſind klagen oft am unangenehmſten, und wenn Salomo ſo weiſe war wie ſein Ruf behauptet, ſo bin ich überzeugt daß er bei ſeiner Vergleichung eines zänkiſchen Weibes mit dem beſtändigen Triefen an einem Regentag nicht eine Furie mit langen Nägeln, eine verbiſſene ſelbſtſüchtige Keiferin im Aug hatte. Ganz ſicherlich meinte er vielmehr eine gutmüthige Perſon die ihre einzige Freude im Glück ihrer Lieben fand, denen ſie aber das Leben dadurch verbitterte daß ſie alle Leckerbiſſen für ſie bei Seite ſchob und ſich ſelbſt gar nichts gönnte. Eine ſolche Frau wie Lisbeth z. B.— ſie war geduldig und doch klagte ſie die ganze Zeit, ſie war aufopfernd und doch anſpruchsvoll, ſie brütete den ganzen lieben Tag über das was geſtern geſchehen war und vorausſichtlich morgen geſchah, ſie weinte ſehr leicht ſowohl über Gutes als über Böſes. Aber eine gewiſſe Scheu miſchte ſich in ihre abgöttiſche Liebe zu Adam, und wenn er ſagte: Laß mich in Ruhe! ſo ſchwieg ſie jedesmal⸗ So vergingen die Stunden beim lauten Ticken der alten Wanduhr und beim Geräuſche von Adams Handwerkszeug. Endlich bat er um Licht und einen Schluck Waſſer(Bier durfte nur an Feſttagen ge⸗ trunken werden) und als Lisbeth es hereinbrachte, erlaubte ſie ſich die ſchüchterne Bemerkung:„Dein ————— ᷣ——-——— η—— ———;— g—-———— 67 Abendeſſen ſteht jezt bereit, wenn Du es zu Dir nehmen willſt.“ „Bleib nicht ſo lange auf, Mutter,“ erwiderte Adam in ſanftem Tone. Er hatte ſeinen Aerger jezt weggearbeitet, und wenn er ſich ganz beſonders freundlich gegen ſeine Mutter zeigen wollte, ſo ge⸗ brauchte er ſeinen ſtärkſten Provinzialdialekt, womit ſeine Sprache ſonſt weniger gefärbt war und die wir zu unſerem Bedauern nicht wiedergeben können. „Ich will nach dem Vater ſehen, wenn er nach Hauſe kommt; vielleicht kommt er auch heute Nacht gar nicht; es iſt mir leichter ums Herz wenn Du im Bett biſt.“ „Nein, ich will warten bis Seth kommt. Ich denke er wird jezt nicht mehr lange ausbleiben.“ Es war neun Uhr vorüber, und ehe es zehn Uhr ſchlug, wurde die Klinke aufgedrückt und Seth trat ein. Er hatte das Geräuſch der Handwerks⸗ zeuge ſchon von ferne gehört. „Ci wie Mutter,“ ſagte er,„warum arbeitet der Vater noch ſo ſpät?“ „Dein Vater iſt es nicht der arbeitet, das könn⸗ teſt Du wohl wiſſen wenn Dir der Kopf nicht voll vom Kirchengehen ſteckte, ſondern Dein Bruder muß Alles thun, denn es iſt ſonſt doch Niemand da der etwas arbeitet.“ Lisbeth war im beſten Zug weiter zu reden, denn ſie fuͤrchtete Seth gar nicht und ſchüttete ge⸗ wöhnlich den ganzen Vorrath ihrer Klagen, der durch ihre Scheu vor Adam zurückgedrängt wurde, in ſeine hren aus. Seth hatte nie in ſeinem Leben ein barſches Wort zu ſeiner Mutter geſprochen, und furcht⸗ 5* 68 ſame Leute laſſen ihre widerwärtigen Launen immer die ſanften entgelten. Aber Seth hatte einen ängſt⸗ lichen Blick in die Werkſtatt geworfen und ſagte: „Was iſt denn das, lieber Adam? Sollte der Vater den Sarg vergeſſen haben?“ „Nun ja, mein Junge, die alte Geſchichte; aber ich will ihn ſchon fertig bringen,“ ſagte Adam, indem er aufſchaute und einen ſeiner glänzenden ſcharfen Blicke auf ſeinen Bruder warf.„Aber was iſt denn mit Dir vorgefallen? Haſt Du Kummer ge⸗ habt?“ Seths Augen waren roth, und eine tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit lag auf ſeinem ſanften Geſichte. „Ja lieber Adam, aber ich muß das ertragen und es kann mir Niemand helfen. Du biſt alſo nicht in der Abendſchule geweſen?“ „In der Schule? Nein das hat keine ſolche Eile,“ ſagte Adam, indem er weiter hämmerte. „Laß mich jezt auch meinen Theil arbeiten und geh Du zu Bette,“ ſagte Seth. „Nein, mein Junge, ich will es vollends fertig machen, da ich einmal im Geſchirr bin. Du kannſt mir hernach den Sarg nach Broxton tragen helfen. Ich will Dich gegen Sonnenaufgang wecken. Geh jezt, iß zu Nacht und mach die Thüre zu, damit ich die Mutter nicht reden höre.“ Seth wußte daß Adam immer bei ſeinem Aus⸗ ſpruche blieb und ſich durch nichts abbringen ließ wenn er etwas geſagt hatte. Er kehrte alſo mit ſchwerem Herzen in die Hausflur zurück. „Adam hat keinen Biſſen angerührt als er nach Hauſe kam,“ ſagte Lisbeth;„Du aber haſt ohne 69 Zweifel bei einem Deiner Methodiſten zu Nacht ge⸗ eſſen?“ 3„Nein Mutter,“ ſagte Seth,„ich habe noch Nichts genommen.“ „So komm jezt,“ antwortete Lisbeth,„aber iß die Kartoffeln nicht alle, denn vielleicht würde Adam noch eſſen wenn ich ſie ihm ſtehen laſſe; er liebt Kartoffeln in der Brühe. Aber er war ſo betrübt und zornig daß er ſie nicht eſſen wollte, obſchon ich ſie ihm ganz beſonders auf die Seite geſtellt habe; und er hat auch wieder mit Weglaufen gedroht,“ fuhr ſie flennend fort,„und ich bin feſt überzeugt daß er eines Morgens fortgeht wenn ich noch nicht auf bin, und wenn er einmal fort iſt, ſo kommt er gewiß nicht wieder. Es wäre wahrlich beſſer für mich, ich⸗hätte keinen Sohn gehabt der alle andern an Geſchicklichkeit übertrifft und vor dem die vor⸗ nehmen Leute ſo viel Reſpect haben, und der ſo auf⸗ recht daſteht wie ein Pappelbaum, als daß er mich⸗ jezt verlaſſen will und ich ihn nie mehr zu ſehen be⸗ komme.“ „Komm Mutter, gräme Dich nicht umſonſt,“ ſagte Seth in beſchwichtigendem Tone.„Du haſt nicht halb ſo viel Grund zu glauben daß Adam fortgehen will, als daß er bei Dir bleiben wird. Er kann ſo Etwas leicht im Zorn ſagen— und man muß ihn auch entſchuldigen wenn er ſich bisweilen erzürnt— aber ſein Herz würde es ihm nie geſtatten. Bedenke nur wie er uns Allen in den Zeiten der Bedrängniß beiſtand, wie er ſeine Erſparniſſe hergab um mich vom Militär loszukaufen, und wie er um ſeinen ſauren Lohn- Holz für den Vater anſchaffte. Und doch hätte er ſein Geld für tauſend andere Sachen brauchen können, und mancher junge Mann würde an ſeiner Stelle ſchon längſt geheirathet und ſich ein⸗ gerichtet haben. Er ſchlägt gewiß nicht um und zer⸗ ſtört ſeine eigene Arbeit; er kann diejenigen nicht verlaſſen deren Unterſtüzung er ſich zur Lebensauf⸗ gabe gemacht hat.“ „Sprich nur nicht vom Heirathen,“ ſagte Lisbeth, indem ſie von Neuem weinte.„Er hat ſein Herz an dieſe Hetty Sorrel gehängt, die ihm gewiß nie einen Pfenning erſparen und ſeine alte Mutter nur ſo über die Achſel anſehen wird. Wenn ich bedenke daß er Mary Burge haben, daß er als Aſſocié ins Geſchäft treten und ein reicher Mann werden könnte, der Ar⸗ beiter unter ſich hätte ſo gut wie Meiſter Burge— Dolly hat es mir ſchon mehr als zwanzigmal geſagt — aber nein, da hängt er ſein Herz an dieſe leicht⸗ fertige Dirne da die ihm gewiß keinen Segen ins Haus bringt. Er iſt ſo geſchickt im Rechnen und Schreiben, und daß er das nicht einſehen kann!“ „Aber Mutter, Du weißt doch, wir können nicht ſo lieben wie andere Leute es haben wollen. Nur Gott allein vermag das Herz des Menſchen zu lenken. Ich hätte ſelbſt wünſchen mögen daß Adam eine andere Wahl getroffen hätte, aber ich kann ihm keine Vorwürfe über eine Sache machen die er nicht än⸗ dern kann. Und ich weiß nicht ob er nicht ſeine Liebe zu überwinden ſucht. Aber er hört nicht gerne da⸗ von ſprechen, und ich kann bloß zu Gott beten daß er ihn ſegnen und leiten möge.“ „Ach Du biſt immer mit Deinem Beten bei der Hand, aber ich kann nicht ſehen daß es Dir vielen 4 Nuzen bringt. Deine Cier haben auch nicht zwei Dotter. Die Methodiſten machen nie einen halben Mann aus Dir wie Dein Bruder iſt, ſondern brin⸗ der Dich höchſtens ſo weit daß Du ein Prediger wirſt.“ „Es iſt zum Theil wahr was Du ſagſt, Mutter,“ antwortete Seth voll Milde;„Adam ſteht weit höher als ich und hat mehr für mich gethan als ich je für ihn thun kann. Gott vertheilt die Talente an jeden Einzelnen wie er es für gut findet. Aber Du mußt das Gebet nicht gering anſchlagen. Das Beten bringt vielleicht kein Geld, aber es bringt uns Etwas was ſich mit keinem Geld erkaufen läßt, die Kraft ſich vor der Sünde zu bewahren und mit Gottes Willen zufrieden zu ſein, was er auch ſenden möge. Würdeſt Du zu Gott beten daß er Dir helfe, und beſäßeſt Du Vertrauen auf ſeine Güte, ſo hätteſt Du nicht ſo vielen Kummer.“ „Kummer? Ich habe wahrlich alles Recht dazu. An Dir ſieht mans wohl was es heißt ſich nie Kummer zu machen. Du ſchenkſt Deinen ganzen Lohn weg, und es macht Dir keinen Kummer wenn Du auch nichts für einen Regentag zurückgelegt haſt. Würde Adam die Sache eben ſo leicht nehmen, ſo hätte er nie Etwas für Dich bezahlen können. Sorget nicht für den morgenden Tag— ſorget nicht, ſo predigſt Du immer; aber was folgt daraus? Nun ja daß Adam für Dich ſorgen muß.“ „Dieß ſind die Worte der Bibel,“ ſagte Seth. „Damit iſt jedoch nicht geſagt daß wir müßig gehen ſollen. Sie haben nur die Bedeutung daß wir uns nicht allzu ängſtlich über das was morgen kommen 72 könne quälen, ſondern daß wir unſere Pflicht thun zund das Uebrige dem Willen Gottes anheimſtellen ollen.“ „Ach ja, ſo machſt Du's immer; Du kannſt immer mit einem Bibelſpruch aufwarten. Ich begreife nicht woher Du weißt daß der Spruch, man ſolle nicht für den morgenden Tag ſorgen, Alles das be⸗ deutet. Und wenn die Bibel ſo ein dickes Buch iſt und Du Alles durchleſen und unter den Texten aus⸗ wählen kannſt, ſo begreife ich nicht warum Du nicht beſſere und klarere Worte auswählſt. Adam machts da viel beſſer; ſein Spruch heißt: Hilf dir ſelbſt, ſo wird Gott dir helfen, und einen ſolchen Text kann ich wohl verſtehen.“ „Nein Mutter, das iſt kein Bibelſpruch. Er kommt aus einem Buch das Adam einmal in einer Pde in Treddleſton gekauft hat; es iſt von einem klugen Mann geſchrieben der aber allzu weltlich denkt; inzwiſchen iſt dieſer Spruch theilweiſe wahr, denn die Bibel ſagt: Wir müſſen Arbeiter ſein zu⸗ gleich mit Gott.“ „Ach was weiß ich davon? es klingt wie ein Bibeltert. Aber was iſts denn mit Dir, Junge? Du iſſeſt ja gar nicht. Mit dem Bischen Gerſten⸗ kuchen kannſt Du doch nicht ſchon genug baben⸗ Und dabei ſiehſt Du ſo weiß aus wie ein Stück friſcher Speck; was haſt Du denn?“ „Nichts Mutter; ich bin nur nicht hungrig. Ich will jezt wieder zu Adam hineinſehen, ob er mich nicht an dem Sarg weiter arbeiten läßt.“ „Nimm doch vorher ein Bischen warme Suppe,“ ſagte Lisbeth, deren mütterliches Gefühl über ihre 73 zänkiſchen Gewohnheiten obſiegte,„ich will ſie Dir ſogleich zurecht machen.“ „Nein Mutter, ich danke; Du biſt ſehr gütig,“ ſagte Seth voll Erkenntlichkeit, und da dieſer Zug von Zärtlichkeit ihm neuen Muth machte, fuhr er fort: „Laß mich ein wenig mit Dir beten für den Vater, für Adam und für uns Alle— das wird Dich gewiß mehr ſtärken und erfriſchen als Du ſelbſt laubſt.“ 3„Nun, ich habe Nichts dagegen einzuwenden.“ So beharrlich Lisbeth ihrem zweiten Sohn immer widerſprach, ſo hatte ſie doch ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl daß in ſeiner Frömmigkeit Troſt und Beruhi⸗ gung liege, und daß ſie dadurch ſelbſt aller Mühe mit geiſtlichen Verrichtungen zu ihren eigenen Gunſten überhoben werde. So knieten Mutter und Sohn neben einander nieder, und Seth betete für den draußen herumirren⸗ den Vater und für Diejenigen welche ſich daheim um ſeinetwillen Sorge machten. Und als er an die itte kam daß Adam nie berufen werden möge ſein elt in einem fremden Lande aufzuſchlagen, ſondern daß die Mutter über die ganze Zeit ihrer Pilgrim⸗ ſchaft durch ſeine Gegenwart erfreut und geſtärkt blei⸗ ben möge, da floßen Lisbeths Thränen wieder reich⸗ lich und ſie weinte laut. Als ſie ſich von ihren Knieen erhoben, ging Seth wieder zu Adam und ſagte: „Willſt Du Dich jezt nicht ein paar Stündchen legen und mich einſtweilen arbeiten laſſen?“ „Nein Seth, nein; mach daß die Mutter ins Bett kommt, und geh Du ſelbſt.“ 74 Inzwiſchen hatte Lisbeth ihre Augen getrocknet und folgte Seth. Sie brachte die braungelbe irdene Schüſſel mit den geröſteten Kartoffeln in Sauce, worein ſie noch Stückchen Fleiſch geſchnitten und untermengt hatte. Es waren theure Zeiten, und Waizenbrod und friſches Fleiſch galten als Lecker⸗ biſſen für Handwerksleute. Lisbeth ſtellte die Schüſſel etwas ängſtlich neben Adam auf die Bank und ſagte: „Du kannſt ja während der Arbeit hin und wieder einen Biſſen nehmen. Ich will Dir auch noch einen Schluck Waſſer bringen.“ „Ja Mutter, thu das,“ ſagte Adam freundlich, „ich werde recht durſtig.“ In einer halben Stunde war Alles ſtill; man hörte keinen Ton mehr im Hauſe als das laute Ticken der alten Wanduhr und das Geräuſch von Adams Handwerkszeuge. Die Nacht war ganz ſtill: als Adam um zwölf Uhr die Thüre öffnete um hin⸗ auszuſchauen, ſchien die einzige Bewegung in den glühenden blinkenden Sternen zu liegen; jeder Grashalm ſchlief. Starke körperliche Thätigkeit und Anſtrengung gibt gewöhnlich unſere Gedanken dem Spiel unſerer Gefühle und unſerer Einbildungskraft preis; das er⸗ wies ſich heute Nacht bei Adam. Während ſeine Muskeln wacker arbeiteten, ſchien ſein Geiſt ſo un thätig wie ein Zuſchauer bei einem Diorama: Sce⸗ nen trauriger Vergangenheit und wahrſcheinlich tran⸗ riger Zukunft ſchwebten in raſcher Folge an ihn vorüber. 3 Er ſah wie es am nächſten Morgen ſein würde, wenn er den Sarg nach Brorton getragen hätte 75 und wieder daheim bei ſeinem Frühſtück ſäße: ſein Vater würde vielleicht hereinkommen und ſich ſchä⸗ men ſeinem Sohn ins Auge zu ſehen— er würde ſich ſezen, er würde älter und wackeliger ausſehen als am Morgen zuvor, würde ſeinen Kopf hängen laſſen und die Quaderſteine auf dem Boden an⸗ ſtarren; dann würde Lisbeth ihn fragen wie er wohl glaube daß der Sarg fertig geworden, nachdem er ſelbſt davon geſtrolcht ſei und ihn ungemacht habe ſtehen laſſen; denn Lisbeth war immer zuerſt mit Vorwürfen bei der Hand, obſchon ſie über Adams Strenge gegen ſeinen Vater weinte. So würde es immer ſchlechter und ſchlechter gehen, dachte Adam; es kann Niemand den Hügel hinaufgleiten und eben ſo wenig ſtille halten, wenn er einmal angefangen hat hinabzugleiten. Und dann trat ihm die Zeit vor Augen wo er als kleiner Junge neben ſeinem Vater herzulaufen pflegte, ſtolz darauf zur Arbeit mitgenommen zu werden, und noch ſtolzer wenn er ſeinen Vater gegen ſeine Kameraden prahlen hörte, das Bürſchchen verſtehe ſchon unge⸗ heuer viel vom Zimmerhandwerk. Was für ein wacke⸗ rer thätiger Mann ſein Vater war! Wenn die Leute den kleinen Adam fragten wem er denn gehöre, ſo antwortete er mit einem gewiſſen Hochgefühl: Dem Thias Bede; er war feſt überzeugt, Jedermann kannte den Thias Bede; hatte er nicht einen wundervollen Taubenſchlag für das Pfarrhaus von Broxton ge⸗ macht? Das waren glückliche Tage, beſonders als Seth, der drei Jahre jünger war, auch auf die Ar⸗ beit ging und Adam Lehrer und Schüler zugleich wurde. Aber dann kamen die Tage der Betrübniß, 1 76 als Adam noch nicht zwanzig Jahre alt war und Thias in den Wirthshäuſern herumzulungern, Lisbeth aber daheim zu weinen und vor ihren Söhnen laut zu klagen anfing. Adam erinnerte ſich wohl der Nacht der Schande und Herzensangſt als er ſeinen Vater zum erſtenmal ganz toll und voll unter ſeinen betrunkenen Kameraden im umgeworfenen Wa⸗ gen ſizen ſah. Einmal, er zählte erſt achtzehn Jahre, war er in der Morgendämmerung mit einem blauen Bündelchen auf der Schulter und ſeinem Meßbuch in der Taſche heimlich davon geſchlichen, feſt entſchloſſen die Quälereien daheim nicht länger zu ertragen. Er wollte in die Fremde gehen und ſein Glück verſuchen, indem er ſeinen Wanderſtab auf die Kreuzwege warf und ſeine Schritte dahin lenkte wohin er aufs Gerathewohl fiel. Aber als er nach Stoniton kam, wurde der Gedanke an ſeine Mutter und an Seth, die er verlaſſen habe und die nunmehr ohne ihn Alles aushalten mußten, gar zu mächtig, und ſein Entſchluß hielt nicht Stand. Er kam am folgenden Tag zurück; aber die Noth und Angſt die ſeine Mutter in dieſen zwei Tagen aus⸗ geſtanden, hatten ſie ſeitdem verfolgt wie ein Ge⸗ ſpenſt. „Nein,“ ſagte Adam in dieſer Nacht zu ſich elbſt „das darf nicht wieder geſchehen; es ſtände ſchlecht um mich wenn meine Thaten am Ende gewogen würden und meine arme alte Mutter auf die falſche Seite der Wage käme. Mein Rücken iſt breit und ſtark genug, ich wäre ja ein elender Feigling wenn ich davonliefe und alle die Mühſeligkeiten Andern überließe die nicht halb ſo ſtark ſind wie ich. Die 4 ————õõ4— V ld h nt er 77 und an nichts Anderes denken: aber wer eines Men⸗ ſchen Herz und Seele hat, dem kann es nicht denügen ſich ſelbſt bequem zu betten und ſeinen Nebenmen⸗ ſchen auf den Steinen liegen zu laſſen. Nein, nein, für mich und wird es vermuthlich noch viele Jahre bleiben. Aber was thuts? Ich bin geſund, ich habe 78 die Thüre. Er konnte ſich eines leichten Schauders nicht erwehren, da er ſich erinnerte wie oft ſeine Mutter ihm erzählt hatte daß juſt ein ſolcher Ton den bevorſtehenden Tod eines nahen Angehörigen bedeute. Adam war nicht ſo ſchnell abergläubiſch, aber er hatte nicht bloß Handwerker⸗, ſondern auch Bauernblut in ſeinen Adern, und ein Bauer kann ſich von einem hergebrachten Aberglauben ſo wenig losſagen als ein Pferd das Zittern laſſen kann wenn es ein Kameel erblickt. Ueberdieß beſaß er jene Geiſtesverfaſſung die in der Region des Geheimniſſes eben ſo beſcheiden als in der Region des Wiſſens entſchieden iſt; ſeine Abneigung gegen die doctrinäre Religion beruhte ebenſowohl auf tiefer Frömmigkeit als auf ſeinem derben Menſchenverſtand, und er that der ſpiritualiſtiſchen Beweisführung Seths oft mit dem Bemerken Einhalt:„Nun ja, es iſt ein großes Geheimniß; Du weißt nur wenig davon.“ So geſchah es daß Adam zugleich ſcharfſinnig und leichtgläubig war. Wäre ein neues Gebäude ein⸗ gefallen und man hätte darin ein Gericht Gottes erblicken wollen, ſo würde er geſagt haben:„Mag ſein, aber die Dachſparren und Wände waren nicht in Ordnung, ſonſt wäre es nicht eingeſtürzt;“ dennoch glaubte er an Träume und Vorzeichen; ja er hielt bis zu ſeinem Todesſtündchen den Athem ein wenig an wenn er die Geſchichte mit der Weidengerte er⸗ zählte. Ich gebe ſie, wie er ſie ſelbſt gab, ohne ſie auf ihre natürlichen Elemente zurückführen zu wollen: in unſerer Begierde die Eindrücke zu erklären, ver⸗ lieren wir oft die Sympathie außer Acht welche die ſelben begreift. 79 Aber das beſte Gegengift gegen phantaſtiſche Schrecken beſaß er in der Nothwendigkeit den Sarg fertig zu bekommen, und in den nächſten zehn Minu⸗ ten erklang ſein Hammer ſo ununterbrochen, daß er jedes andere Geräuſche, wenn etwa ein ſolches vor⸗ gekommen väre, übertönt hätte. Inzwiſchen trat eine Pauſe ein als er ſeinen Zollſtab gebrauchen 1 mußte, und nun geſchah von Neuem der ſeltſame* B Schlag, und Gyp heulte wiederum. Adam war im 1 Nu an der Thüre, aber wieder war Alles ſtill, und —das Sternenlicht beglänzte Nichts als das thaube⸗ d ſchwerte Gras vor dem Häuschen. 1 Einen Augenblick überkam unſern Adam ein un⸗ boehaglicher Gedanke an ſeinen Vater; aber in den lezten Jahren war derſelbe niemals bei Nacht von ¹reddleſton zurückgekehrt, und er hatte allen Grund zu glauben daß er eben jezt ſeinen Rauſch im umge⸗ 1 worfenen Wagen ausſchlafe. Ueberdieß war für — Adam ſeine Vorſtellung von der Zukunft ſo unzer⸗ ttrennlich von dem peinlichen Bild ſeines Vaters, daß 3 ddie Furcht vor irgend einem Unfall der demſelben g zuſtoßen könnte durch die tief eingewurzelte Furcht voor ſeiner unaufhörlich zunehmenden ſittlichen Ver⸗ ſunkenheit ausgeſchloſſen wurde. Sein nächſter Ge⸗ danke war die Schuhe auszuziehen und leicht die Treppe hinaufzugehen und an den Schlafzimmern zu lauſchen; aber ſowohl Seth als die Mutter athmeten ganz regelmäßig. : Adam machte ſich von Neuem an die Arbeit, in⸗ dem er zu ſich ſelbſt ſagte:„Ich will die Thüre nicht mehr aufmachen, es hilft zu Nichts daßmanm ie Augen aufreißt, um ein Geräuſche zu ſehen. 80 Möglich daß es eine Welt um uns her gibt die wir nicht ſehen, aber das Ohr iſt raſcher als das Auge und erhaſcht von Zeit zu Zeit ein Getöne von ihr. Gewiſſe Leute glauben auch einen Blick hinein thun zu können, aber das ſind meiſtens ſolche deren Au⸗ gen Nichts oder nicht viel zu andern Dingen taugen. Ich für meinen Theil halte es für beſſer zu ſehen 1 ob das Senkblei richtig hängt als einen Geiſt zu n.“ 1 3 1 Gedanken dieſer Art ſind geeignet immer ſtärker zu werden wenn die Tageshelle die Kerzen erlöſcht und die Vögel ihren Geſang beginnen. Als endlich das rothe Sonnenlicht die meſſingenen Nägel beſchien welche die Anfangsbuchſtaben auf dem Sargdeckel ausmachten, da war alle noch etwa zurückgebliebene Ahnung in Folge des Gertenſchlages über der Be⸗ friedigung vergeſſen daß die Arbeit gethan und das Verſprechen eingelöst worden. Seth brauchte nicht erſt gerufen zu werden: er regte ſich bereits oben und kam bald die Treppe herab. „Nun mein Junge,“ rief ihm Adam entgegen, „der Sarg iſt fertig, wir können ihn nach Broxton hinüber tragen und noch vor halb ſieben Uhr zurück ſein; laß mich nur erſt einen Mundvoll Gerſten⸗ kuchen nehmen, dann wollen wir fort.“ Bald war der Sarg auf die hohen Schultern der beiden Brüder geladen, und nun gingen ſie, dicht gefolgt von Gyp, aus dem kleinen Holzhof hin⸗ aus auf den Feldweg hinter dem Hauſe. Es war bloß eine halbe Stunde über den Hügel hinüber, und der Weg zog ſich ſehr angenehm über Felder hin, wo die blaſſen Winden und die wilden Roſen 8 1³ 81 die Hecken durchdufteten, und die Vögel auf hohen laubigen Eichen⸗ und Ulmenäſten zwitſcherten und trillerten. Es war ein ſeltſam gemiſchtes Bild— die friſche Jugend des Sommermorgens mit ſeiner paradieſiſchen Ruhe und Lieblichkeit, die ſtämmige Kraft der beiden Brüder in ihren groben Arbeits⸗ kleidern und der lange Sarg auf ihren Schultern. An einem kleinen Bauernhaus vor dem Dorfe Brox⸗ ton machten ſie zum leztenmal Halt. Um ſechs Uhr war die Arbeit verrichtet, der Sarg zugenagelt, und Adam und Seth befanden ſich wieder unterwegs. Sie wählten einen kürzern Weg, der ſie über die Felder und den Bach vor das Haus zurückführte. Adam hatte ſeinem Bruder Nichts von den Vorfällen der Nacht erzählt, aber er behielt ſelbſt noch einen ſo ſtarken Eindruck davon daß er ſagte: „Höre, lieber Seth, wenn der Vater nicht zum Frühſtück nach Hauſe kommt, ſo denke ich, Du ſoll⸗ teſt nach Treddleſton hinübergehen und nach ihm ſchauen; Du könnteſt mir dann auch den Meſſing⸗ draht mitbringen den ich brauche. Was thuts wenn Du auch eine halbe Stunde an der Arbeit ver⸗ ſäumſt? wir können ſie ſchon wieder hereinbringen. Was meinſt Du?“ „Ich bins wohl zufrieden,“ ſagte Seth.„Aber ſieh wie die Wolken ſich zuſammengezogen haben ſeit wir uns auf dem Wege befinden. Wir bekommen wahrſcheinlich noch mehr Regen. Das gibt eine ſchlechte Heuernte wenn die Wieſen wieder über⸗ ſchwemmt werden. Der Bach iſt ſtark angeſchwollen; noch ein einziger Regentag und das Bett wird über⸗ Eliot, Adam Bede. I. 6 82 ſchwemmt, ſo daß wir den Umweg über die Straße* nehmen müſſen.“ Sie kamen jezt über das Thal und hatten den Wieſengrund betreten durch welchen der Bach floß. „Ei was ſteckt denn da an der Weide?“ fragte Seth, indem er ſchneller zu gehen anfing. Adams Herz drängte ſich nach ſeinem Mundeo, die unbeſtimmte Angſt um ſeinen Vater verwandelte ſich in einen ge⸗ waltigen Schreck. Er gab Seth keine Antwort, ſon⸗ dern rannte vorwärts, Gyp mit unruhigem Gebelle vor ihm her, und in ein paar Augenblicken war er an der Brücke. Dieß war es alſo was das Zeichen bedeutete! Und der grauhaarige Vater, an welchen er vor eini⸗ gen Stunden mit einer gewiſſen Härte als an einen vorausſichtlich noch lange zu ertragenden Pfahl im Fleiſch gedacht, hatte vielleicht eben damals mit dem Waſſertode gerungen. Dieß war der erſte Gedanke der durch Adams Gewiſſen ſchoß, bevor er Zeit hatte den Stock zu ergreifen und den großen ſchweren Körper herauszuziehen. Seth ſtand ihm bereits thä⸗ tig bei Seite, und als ſie den Leichnam am Ufer hatten, da knieten die beiden Söhne im erſten Au⸗ genblick nieder und ſchauten mit ſtummem Schauder: auf die gläſernen Augen; ſie vergaßen daß es hier zu handeln galt, ſie vergaßen Alles außer daß ihr Vater todt vor ihnen lag. Adam fand zuerſt die Sprache wieder. „Ich will zur Mutter laufen,“ ſagte er in lautem Beſühſtr„In einigen Minuten bin ich wieder bei ir.“ Die arme Lisbeth bereitete emſig das Frühſtüch der Söhne, und ihre Mehlſuppe dampfte bereits über dem Feuer. Ihre Küche ſah immer ganz ſau⸗ ber und blank aus; aber dieſen Morgen hatte ſie ſichs beſonders angelegen ſein laſſen ihrem Herd und Frühſtückstiſch ein recht comfortables und einladendes Anſehen zu geben. „Die Jungen werden einen tüchtigen Hunger mit⸗ bringen,“ ſagte ſie halblaut, indem ſie die Suppe umrührte.„Es iſt ein ſchönes Stück Weg nach Brox⸗ ton, und die Bergluft macht Appetit— vollends mit dieſem ſchweren Sarge da. Ach jezt iſt er noch ſchwerer mit dem armen Bob Tholer darin. In⸗ zwiſchen habe ich heute einen Teller voll Suppe mehr gekocht als gewöhnlich. Der Vater wird wohl auch bald kommen und einen Biſſen eſſen wollen. Er ißt zwar nicht viel Suppe. Er vertrinkt für ſechs Pfen⸗ nige Bier und erſpart einen halben Pfennig an der Suppe, das iſt ſo ſeine Art zu ſparen. Ich habe es ihm ſchon manchmal geſagt und werde es ihm wahrſcheinlich auch heut wieder ſagen müſſen. Ach der arme Mann, er nimmt es ruhig genug auf, das kann ich nicht läugnen.“ Aber jezt hörte Lisbeth das ſchwere Stampfen herankommender Fußtritte auf dem Raſen; ſie wandte ſich ſchnell gegen die Thüre und ſah Adam herein⸗ kommen, aber ſo blaß und verſtört, daß ſie laut auf⸗ ſchrie und auf ihn losſtürzte, bevor er Zeit hatte zu ſprechen. „Still Mutter,“ ſagte Adam ganz heiſer,„und erſchrick nicht. Der Vater iſt ins Waſſer gefallen, vielleicht können wir ihn wieder zum Leben bringen, 6* 84 Seth und ich tragen ihn ſogleich heim. Nimm eine wollene Decke und mache ſie am Feuer heiß.“ Adam hatte in Wahrheit die Ueberzeugung daß ſein Vater todt ſei, aber er wußte daß es kein an⸗ deres Mittel gab den ungeſtümen, wehklagenden Kummer ſeiner Mutter etwas zu dämpfen, als wenn er ſie durch irgend eine Arbeit die noch eine Hoff⸗ nung in ſich ſchloß beſchäftigte. Er lief zu Seth zurück, und die beiden Söhne nahmen die traurige Laſt ſchweigend und mit zerriſſe⸗ nem Herzen wieder auf. Die weit offenen gläſernen Augen waren grau gleich denen Seths, und hatten einſt mit mildem Stolz auf die Knaben geſchaut vor denen Thias am Ende ſeiner Tage beſchämt zur Erde blicken mußte. Seths hauptſächliche Empfindung war Schau⸗ der und Kummer über die plözliche Art wie ſeines Vaters Seele hinweggeriſſen worden; aber Adams Geiſt überflog die Vergangenheit in einer Fluth von Nachſicht und Mitleid. Wenn der große Verſöhner Tod aufgetreten iſt, dann bereuen wir niemals un⸗ ſere Zärtlichkeit, wohl aber unſere allzu große Strenge. Fünftes Capitel. Der Pfarrer. Am Vormittag hatten heftige Wetterregen ſtatt⸗ gefunden und das Waſſer lief in tiefen Rinnen die Kieswege im Pfarrgarten von Broxton entlang; die großen Provencerroſen waren jämmerlich vom Wind zerzaust und vom Regen zerſchlagen; die zartſtenge⸗ 84 8⁵ ligen Blumen in den Beeten waren ſammt und ſon⸗ ders zuſammengedrückt und mit naſſer Erde beſprizt. Ein melancholiſcher Morgen, denn es ſollte demnächſt die Heuernte beginnen, und nun waren die Wieſen vermuthlich unter Waſſer geſezt. Aber Leute die eine angenehme Häuslichkeit be⸗ ſizen finden daheim Genüſſe an welche ſie ohne den Regen gar nicht denken würden. Wäre es nicht ſo naß geweſen, ſo würde Herr Irwine nicht im Speiſe⸗ zimmer geſeſſen und mit ſeiner Mutter Schach ge⸗ ſpielt haben, und er hat ſeine Mutter und ſein Schach lieb genug, um mit ihrer Hilfe ſehr leicht über einige trübe Stunden hinwegzukommen. Er⸗ laubt daß ich euch in dieſes Speiſezimmer führe und euch den hochwürdigen Herrn Adolph Irwine, Pfar⸗ rer von Broxton, Vicar von Hayſlope und Vicar von Blythe vorſtelle, einen mehrfachen Pfründenbeſizer dem jedoch der ſtrengſte Kirchenreformator nicht wohl gram ſein könnte. Wir wollen ganz leiſe eintreten und in der offenen Thüre ſtehen bleiben, ohne den glänzendbraunen Hühnerhund zu wecken der mit ſei⸗ nen beiden Jungen auf dem Herde ausgeſtreckt liegt; und auch den Mops wollen wir ruhen laſſen der ſeine ſchwarze Schnauze in die Höhe ſtreckt und wie ein ſchlaftrunkener Präſident eingenickt iſt. Das Zim⸗ mer iſt groß und hoch, es hat an einem Ende ein großes, vorſpringendes Fenſter, die Wände ſind, wie ihr ſeht, an einigen Orten nicht angeſtrichen; das Ameublement aber iſt, obſchon es urſprünglich ſein gutes Geld gekoſtet haben mag, alt und dürftig, nicht einmal Fenſtervorhänge. Der carmeſinrothe Teppich auf dem großen Speiſetiſch iſt höchſt faden⸗ 86 ſcheinig, obſchon er angenehm genug gegen die todte Farbe der kahlen Wände abſticht; aber auf dieſem Teppich ſteht ein maſſivſilberner Präſentirteller, mit einer Waſſerflaſche von derſelben Art wie zwei grö⸗ ßere Caraffen die auf dem Seitentiſch ſtehen und mit einem in der Mitte eingravirten Wappen prangen. Ihr vermuthet ſogleich daß die Bewohner dieſes Ge⸗ maches mehr gutes Blut als guten Reichthum geerbt haben, und ihr würdet euch nicht wundern bei Herrn Irwine eine feingeſchnittene Naſe und Oberlippe zu finden; aber für den Augenblick können wir bloß ſehen daß er einen breiten flachen Rücken und ein ſehr ſtark gepudertes Haar hat, das ganz zurückge⸗ kämmt iſt und mittelſt eines ſchwarzen Bandes in einen Zopf endigt— ein Stück Conſervatismus im Coſtüm, woraus wir erſehen können daß der Mann nicht mehr jung iſt. Vielleicht dreht er ſich gelegent⸗ lich einmal um, und inzwiſchen können wir die alte ſtattliche Dame, ſeine Mutter, betrachten, eine noch immer ſchöne Brünette, deren friſcher Teint aus dem reinen und weißen Batiſt⸗ und Spizenwerk womit Kopf und Hals dicht umhüllt ſind recht angenehm hervorſieht. Sie iſt troz ihrer behaglichen Leibes⸗ fülle ſo aufrecht und gerade wie eine Statue der Ceres, und ihr dunkles Geſicht mit der feinen Adler⸗ naſe, dem feſten ſtolzen Mund und den kleinen tiefen ſchwarzen Augen hat einen ſo ſcharfen und ſarcaſti⸗ ſchen Ausdruck, daß ihr euch inſtinctmäßig ſtatt der Schachfiguren ein Kartenſpiel denket und eine Wahr⸗ ſagerin vor euch zu haben glaubet. Die kleine braune Hand womit ſie ihre Königin hält iſt mit Perlen, Diamanten und Türkiſen überladen, und ein großes 87 ſchwarzes Spizentuch, ſehr ſorgfältig über ihre Haube gebunden, fällt in ſcharfem Contraſt auf die falten⸗ reiche weiße Halsbedeckung. Es muß eine ſchöne Zeit koſten dieſe alte Dame Morgens anzukleiden. Aber es ſcheint ein Naturgeſez zu ſein daß ſie ſich ſo ſchmückt: ſie iſt offenbar eine jener königlichen Er⸗ ſcheinungen die ſelbſt niemals an ihrem göttlichen Recht gezweifelt und auch niemals einen Menſchen getroffen haben der ſo abgeſchmackt war es in Frage zu ſtellen. „Nun Dauphin, ſage mir einmal was das iſt,“ ſagt die prächtige alte Dame, indem ſie ganz ruhig ihre Königin hinſtellt und ihre Arme kreuzt;„es ſollte mir leid thun ein Wort auszuſprechen das Deine Gefühle verlezen könnte.“ „Ach Du biſt eine Hexe, eine Zauberin. Wie kann ein Chriſtenmenſch Dir ein Spiel abgewinnen? Ich hätte das Brett mit Weihwaſſer beſprengen ſollen ehe wir anfingen. Mit ehrlichen Mitteln haſt Du es einmal nicht gewonnen, das behaupte ich.“ „Ja, ja, das haben die Ueberwundenen immer von großen Eroberern geſagt. Aber ſieh, da ſcheint die Sonne gerade auf das Brett herein, um Dir recht deutlich zu zeigen was für einen einfältigen Zug Du da mit Deinem Bauer machteſt. Sag, willſt Du Revanche haben?“ „Nein Mutter, da es ſich jezt aufklärt, ſo will ich Dich Deinem eigenen Gewiſſen überlaſſen. Wir müſſen ein bischen im Koth herumſtampfen, nicht wahr, Juno?“ Lezteres galt dem braunen Hühner⸗ hund, der beim Getöne der Stimmen aufgeſprungen war und ſeine Naſe einſchmeichelnd auf das Bein 88 ſeines Herrn gelegt hatte.„Aber ich muß zuvor ein wenig zu Anna hinauf. Als ich vorhin zu ihr wollte, wurde ich zu Tholers Leiche abberufen.“ „Das iſt unnöthig, Kind; ſie kann Dich nicht ſprechen; Kate ſagt ſie habe heut wieder ſchrecklich Kopfweh.“ „O ſie freut ſich dennoch wenn ich zu ihr komme, dazu iſt ſie niemals zu krank.“ 3 Wenn ihr wißt wie viel in der menſchlichen Sprache bloß abſichtsloſe Anregung oder Gewohn⸗ heit iſt, ſo werdet ihr euch nicht über meine Bemer⸗ kung wundern, daß, im Verlauf der fünfzehn Jahre —wo Herrn Irwine's Schweſter unwohl geweſen, ganz f dieſelbe Einwendung ſchon viele hundert Male er⸗ hoben und ganz mit derſelben Antwort abgewieſen woͤrden iſt. Stattliche alte Damen die ſich viel Zeit zu ihrer Morgentoilette nehmen haben oft wenig Sympathie für kränkliche Töchter. 3 Aber während Herr Irwine noch immer in ſei⸗ nen Stuhl zurückgelehnt daſaß und den Kopf ſeiner Juno ſtreichelte, kam der Bediente herein und ſagte: „Entſchuldigen Sie, Herr Pfarrer, Joſua Rann wünſcht Sie zu ſprechen, wenn Sie Zeit haben.“ S it ihn herein,“ ſagte Frau Irwine, indem ſie ihr Strickeeug nahm.„Ich höre immer gern was Herr Rann zu ſagen hat. Er wird ſchmuzige Schuhe haben; aber ſorgt daß er ſie abpuzt, Carrol.“ Nach zwei Minuten erſchien Herr Rann mit ſehr ehrerbietigen Bücklingen, die jedoch den Mops keines⸗ wegs verſöhnten, denn er begann ſcharf zu bellen und ſprang durchs Zimmer um die Beine des Fremden zu beſchnüffeln, während die zwei jungen Hühner⸗ r 89 hunde ſich die dicken Waden und die gerippten wollenen Strümpfe des Mannes voll Zärtlichkeit an⸗ ſahen und ſie mit großem Vergnügen beknurrten. Mittlerweile drehte Herr Irwine ſeinen Stuhl und ſagte: „Nun, Joſua, was gibt es in Hayſlope daß Ihr an dieſem naſſen Morgen herüberkommt? Sezt Cuch, ſezt Euch. Kümmert Euch nicht um die Hunde, ſtoßet ſie ſanft weg. Mops, Du Schlingel, willſt Du hergehen?“ Es iſt eine wahre Luſt gewiſſe Leute ſich um⸗ kehren zu ſehen; dieß iſt ſo angenehm wie ein plöz⸗ licher warmer Luftſtrom im Winter oder wie das Caminfeuer in der kalten Dämmerung. Herr Ir⸗ wine gehörte zu dieſen Leuten. Er hatte mit ſeiner Mutter dieſelbe Aehnlichkeit wie unſere liebende Erinnerung an das Geſicht eines Freundes mit dem Freunde ſelbſt hat: die Züge waren alle edler, das Lächeln anmuthsvoller, der Ausdruck herzlicher. Wäre das Geſicht weniger fein geſchnitten geweſen, ſo hätte man es ein luſtiges nennen können; aber für dieſes Gemiſche von Freundlichkeit und Vornehmheit war dieß nicht das rechte Wort. „Dank Euer Ehrwürden,“ antwortete Herr Rann, indem er ſich bemühte keinen Kummer um ſeine Beine zu zeigen, dieſelben aber abwechſelnd ſchüttelte, um die jungen Hunde abzuwehren;„wenn Sie er⸗ lauben, ſo ſtehe ich lieber, und das paßt auch beſſer. Hoffentlich ſind Sie und Frau Irwine recht wohl, eben ſo auch Fräulein Irwine— und Fräulein Anna wird es doch auch gut gehen?“ „Ja Joſua, ich danke Euch. Ihr ſehet wie 90 blühend meine Mutter ausſieht. Wir jüngern Leute können gar nicht gegen ſie auffommen. Aber was gibts?“ „Nun, Herr Pfarrer, ich hatte in Broxton ein Geſchäft, und da dachte ich, ich ſollte doch vorſpre⸗ chen und Ihnen erzählen wie es im Dorfe hergeht. So Etwas habe ich meiner Lebtage nie geſehen, und doch wohne ich jezt ſchon ſechzig Jahre hier und ‚habe den Oſterzins für den Herrn Pfarrer Blick ein⸗ geſammelt, bevor Euer Ehrwürden zu uns kam; auch bin ich bei jedem Glockenläuten geweſen und bei jedem Begräbniß, und habe ſchon lange mitgeſungen ehe noch Bartle Maſſey Gott weiß woher kam, mit ſeinen Wechſelgeſängen und ſeinen ſchönen Lie⸗ dern bei denen ihm Niemand nachkommen kann. Einer fängt nach dem andern an, gerade wie die Schafe blöcken. Ich weiß was ein Küſter zu thun hat, und ich weiß auch daß ich mich gegen den ſchuldigen Reſpect vor Euer Ehrwürden und der Kirche und dem König verfehlen würde, wenn ich ein ſolches Treiben hingehen ließe ohne meinen Mund aufzu⸗ thun. Ich war ganz überraſcht, denn ich hatte keine Ahnung davon, und ſo wüßte ich mir gar nicht zu helfen, gerade als ob ich meinen Handwerkszeug verloren hätte. Ich habe in der ganzen Nacht keine vier Stunden geſchlafen, und dann war mein Schlaf nur ein Alpdrücken das mich noch müder machte als wenn ich wach geblieben wäre.“ „Nun in aller Welt, was iſt es denn, Joſua? Haben die Diebe wieder in der Kirche eingebrochen?“ „Diebe! Nein, das ſind es eigentlich nicht, lieber Herr, und dennoch kann ich ſagen es ſeien Diebe 91 und es ſei ein Diebſtahl an der Kirche. Die Me⸗ thodiſten ſind es die gewiß im Kirchſpiel noch die Oberhand gewinnen, wenn Euer Ehrwürden und Seine Ehren Herr Donnithorne nicht ein Wort dar⸗ einſprechen und es verbieten. Nicht als ob ich Ihnen Etwas vorſchreiben wollte, lieber Herr; ich vergeſſe mich nicht ſo weit daß ich mich für weiſer halte als meine Vorgeſezten. Aber weiſe oder nicht, das thut nichts zur Sache. Was ich zu ſagen habe, das ſage ich— die junge Methodiſtin bei Poyſers hat ge⸗ ſtern auf der Gemeindewieſe gepredigt und gebetet, ſo gewiß ich hier vor Euer Ehrwürden ſtehe.“ „Auf der Gemeindewieſe gepredigt!“ ſagte Herr Irwine ſichtlich überraſcht, aber in aller Ruhe.„Wie, dieſes blaſſe, hübſche, junge Mädchen das ich bei Poyſers geſehen habe? Daß ſie eine Medothiſtin, eine Quäkerin oder ſo Etwas iſt, das ſah ich aus ihrem naſhag: aber daß ſie auch predigt, das wußte ich nicht.“ „Es iſt wie ich ſage, Herr Pfarrer,“ verſezte Herr Rann, indem er ſeinen Mund in eine halb⸗ runde Form drückte und eine Pauſe machte die lang genug war um drei Ausrufungszeichen vorzuſtellen. „Sie predigte geſtern auf der Gemeindewieſe und ſie hat Chads Beß ſo zugeſezt daß das Mädchen ſeitdem in einer Ohnmacht liegt.“ „Nun, Peſſy iſt ein geſundes kräftiges Mädchen und wird ſich ſchon wieder erholen, Joſug. Iſt ſonſt noch Jemand in Ohnmacht gefallen?“ „Nein, Herr Pfarrer, das kann ich nicht ſagen. Aber man kann nicht wiſſen was noch geſchieht wenn jede Woche eine ſolche Predigt vorkommt— dann 92 iſt es nicht mehr auszuhalten im Dorfe; dieſe Me⸗ thodiſten da wollen den Leuten weiß machen, wenn man einmal einen Trunk Bier extra trinke und ſich's ein klein Bischen wohl ſein laſſe, ſo fahre man recta in die Hölle hinab. Ich bin gewiß kein Zechbruder oder Trunkenbold, das kann mir Niemand nachſagen, aber ich trinke auch gern ein Quart extra an Oſtern oder Weihnachten, und das iſt ganz natürlich wenn wir vor den Häuſern herumſingen und man es uns umſonſt anbietet, oder wenn ich die Zinſen einſammle; überdieß trinke ich auch ſonſt dann und wann mein Glas und rauche meine Pfeife dazu und plaudere in nachbarlicher Freundſchaft bei Meiſter Caſſon; und ich bin doch, Gott ſei Dank, in der Kirche aufgewachſen und ſchon zweiunddreißig Jahre lang Küſter: ich muß doch wiſſen was Religion und Kirche iſt.“ „Und was rathet Ihr denn, Joſua, was meint Ihr daß man thun ſoll?“ „Euer Ehrwürden, ich bin nicht für ſtrenge Maß⸗ regeln gegen das Mädchen. Man kann nichts gegen ſie haben, wenn ſie nur das Predigen unterlaſſen wollte; auch höre ich daß ſie nächſtens in ihre Hei⸗ math zurückgehen will. Sie iſt Herrn Poyſers leib⸗ liche Nichte, und ich möchte Nichts ſagen was dem Reſpect gegen die Familie auf dem Pachthof zuwider ginge, denn ich habe ihnen Allen, groß und klein, Schuhe angemeſſen ſo lange ich Schuhmacher bin. Aber da iſt dieſer Will Maskery, Herr Pfarrer, der rebelliſchſte Methodiſt den es geben kann, und dieſer hat ganz gewiß das Mädchen geſtern Nacht zum Predigen aufgehezt, und ſicher bringt er noch anderes Predigervolk von Treddleſton mit, wenn man ihm —— —— 93 nicht bald die Flügel beſchneidet; deßhalb meine ich, man ſollte ihm erklären daß er nichts mehr für die Kirche zu machen und zu flicken bekomme, und daß man ihn auch im Haus und Hof des Herrn Donnithorne nicht mehr wohnen laſſe.“ „Ganz recht, Joſua, aber Ihr ſagt ja ſelbſt daß Eures Wiſſens noch Niemand auf der Gemeinde⸗ wieſe gepredigt habe; warum glaubt Ihr denn jezt daß es wieder geſchehen werde? Die Methodiſten predigen gewöhnlich nicht in ſo kleinen Dörfern wie Hayſlope, wo bloß ein Paar Bauern wohnen die zu müde ſind um ſie anzuhören. Eben ſo gut könn⸗ ten ſie auf die Hügel von Binton gehen und dort predigen. Will Maskery iſt doch wohl ſelbſt kein Prediger?“ „Nein, Herr Pfarrer, er kann ohne ein Buch die Worte nicht zuſammenreihen, er würde ſo feſt ſtecken bleiben wie eine Kuh im naſſen Lehm. Sonſt aber iſt er ſehr ſchnabelfertig und ſpricht unehrerbietig von ſeinen Nachbarn, denn er hat mich einen blinden Phariſäer geſcholten; auf ſolche Art gebraucht er die Bibel um Spiznamen für Leute zu finden die älter ſind und mehr taugen als er! Und was noch ärger iſt, man hat ihn ſogar ſehr unziemlich von Euer Chrwürden ſprechen gehört, denn ich kenne Leute die darauf ſchwören können daß er Sie einen ſtummen Hund und einen faulen Hirten genannt hat. Sie verzeihen doch daß ich ſolche Dinge nachſpreche?“ „Ihr müßt es lieber nicht thun, Joſua. Böſe Worte muß man ſterben laſſen ſobald ſie geſprochen ſind. Will Maskery könnte noch weit ſchlechter ſein als er iſt. Er war früher, wie er mir ſagte, ein — 94 wilder trunkſüchtiger Geſelle der ſeine Arbeit ver⸗ nachläßigte und ſein Weib ſchlug; jezt iſt er fleißig und anſtändig, und er und ſein Weib ſehen aus als ob ſie ganz gemüthlich miteinander lebten. Könnt Ihr mir Beweiſe bringen daß er ſich in die Ange⸗ legenheiten ſeiner Nachbarn einmiſcht und Störungen verurſacht, ſo werde ich mich als Geiſtlicher und Be⸗ amter verpflichtet glauben gegen ihn einzuſchreiten. Aber es würde verſtändigen Leuten, wie wir beide ſind, ſchlecht anſtehen wenn wir um ſolche Kleinig⸗ keiten einen großen Lärm machen wollten, als glaubten wir die Kirche ſei in Gefahr weil Will Maskery ſeiner Zunge ein Bischen den Zügel ſchießen läßt, oder weil ein junges Mädchen einer Handvoll Bauern auf der Gemeindewieſe ins Gewiſſen redet. Wir müſſen leben und leben laſſen, Joſua, das gilt in der Religion ſo gut wie in andern Dingen. Thut als Küſter und Todtengräber auch fernerhin Eure Schuldigkeit, wie Ihr ſie immer gethan habt, und macht immer ſo kapitale dicke Stiefel für Eure Nachbarn, dann wird es in Hayſlope nie ſo ſchlecht gehen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Euer Ehrwürden ſind ſehr gütig ſo zu ſprechen, und da Sie nicht ſelbſt in dem Dorfe wohnen, ſo fühle ich wohl daß um ſo mehr auf meinen Schul⸗ tern liegt.“ „Allerdings, das müßt Ihr auch wohl bedenken und die Kirche ja nicht in den Augen der Leute herabſezen, indem Ihr Euch den Anſchein gebet als ob Ihr über ſolche Kleinigkeiten erſchräcket. Ich ver⸗ laſſe mich auf Euern geſunden Verſtand daß Ihr von Allem was Will Maskery über Euch oder mich 95⁵ ſagt gar keine Notiz nehmt. Ihr und Eure Nach⸗ barn könnt in allen Ehren euern Krug Bier trinken wenn ihr eure Tagesarbeit gethan habt wie gute Chriſten; und wenn dann Will Maskery nicht mit Euch halten will, ſondern lieber in eine Betſtunde nach Treddleſton geht, ſo laßt ihn ziehen; das geht Euch Nichts an ſo lange er Euch in Nichts hindert. Und wenn Leute ein Paar unnüze Worte über uns ſagen, ſo müſſen wir uns darum ſo wenig beküm⸗ mern als der alte Kirchthurm ſich um das Gekrächze der Raben bekümmert. Will Maskery kommt jeden Sonntag Nachmittags in die Kirche und arbeitet die Woche über fleißig auf ſeinem Wagnerhandwerk, und ſo lange er das thut, muß man ihn in Ruhe laſſen.“ „Ja wohl, Herr Pfarrer, aber wenn er in die Kirche kommt, ſizt er da, ſchüttelt den Kopf, und wenn wir ſingen, ſo ſieht er ſo verdrießlich und ſpöttiſch darein daß ich ihm gerne eins ins Geſicht geben möchte— Gott verzeih mirs, und auch Sie, Frau Irwine und Euer Ehrwürden, daß ich vor Ihnen ſo ſpreche. Er hat auch geſagt unſer Geſang um Weihnachten ſei nicht beſſer geweſen als wenn Dornen unter einem Topf kniſterten.“ „Nun, er iſt einmal nicht muſicaliſch, Joſua. Wenn einer einen Holzblock ſtatt eines Kopfes hat, ſo kann man ihm nicht helfen. Auch wird er wohl die andern Leute in Hayſlope gewiß nicht auf ſeine Seite bringen, ſo lange Ihr ſo gut ſinget wie bisher.“ „Ja wohl Herr Pfarrer, aber es dreht einem doch das Herz im Leibe herum, wenn man hören muß was für ein Mißbrauch mit der heiligen Schrift getrieben wird; ich weiß die Bibel ſo gut wie er, . 96 und ich darf wohl ſagen daß ich die Pſalmen im Schlafe herſagen könnte wenn Sie mich dazu auf⸗ fordern würden; aber ich weiß beſſere Dinge zu thun als mein eigenes Gerede hineinzumiſchen. Das iſt gerade als wenn ich den Nachtmahlskelch mit nach Hauſe nehmen und beim Eſſen daraus trinken wollte.“ „Eine ſehr verſtändige Bemerkung, Joſua, aber wie ich vorhin ſagte—“ Während Herr Irwine ſo ſprach, ließen ſich Fuß⸗ tritte und Sporengeklirr auf dem ſteinernen Pflaſter der Hausflur vernehmen, und Joſua Rann entfernte ſich ſchnell um Jemand Plaz zu machen der dort ſtehen blieb und mit heller Tenorſtimme rief: „Pathe Arthur, darf er hereinkommen?“ „Schnell herein, lieber Pathe!“ antwortete Frau Irwine in dem tiefen halbmännlichen Ton der kräf⸗ tigen alten Damen eigen iſt. Und nun erſchien ein junger Herr im Reithabit, mit dem rechten Arm in einer Schlinge. Zunächſt erfolgte jenes luſtige Durch⸗ einander von lachenden Ausrufungen, von Hände⸗ ſchütteln und Wie gehts? vermiſcht mit fröhlichem kurzem Gebell und Schweifgewedel von Seite der hündiſchen Familienmitglieder, was beweist daß der Gaſt auf dem beſten Fuß mit dem Wirthe ſteht. Der junge Herr war Arthur Donnithorne, in Hay⸗ ſlope unter verſchiedenen Namen bekannt, als der Junker, der Erbe und der Capitän. Er war bloß — Capitän in der Loamſhirer Miliz, aber für die Bauern in Hayflope ſtand er weit höher als alle jungen Herrn deſſelben Rangs in der Armee— er überſtrahlte ſie wie Jupiter die Milchſtraße über⸗ ſtrahlt. Wollt Ihr etwas Genaueres über ſein Aus⸗ —,— — 97 ſehen wiſſen, ſo denkt euch irgend einen recht roth⸗ braunbärtigen, braungelockten, hellgeſichtigen jungen Engländer, den ihr in einer fremden Stadt getroffen und mit Stolz als Landsmann erkannt habt, ſauber gewaſchen, wohl erzogen, weißhändig, jedoch darnach ausſehend als ob er nöthigenfalls ſeinen Mann zu Boden ſchlagen könnte; ich bin nicht Schneider ge⸗ nug um eure Einbildungskraft mit den Einzelnheiten des Coſtüms zu behelligen und bei der geſtreiften Weſte, dem langſchoßigen Rock und den niedrigen Stulpenſtiefeln länger zu verweilen. Capitän Donnithorne nahm einen Stuhl und ſagte:„Aber ich will Joſua nicht in ſeinem Geſchäft unterbrechen— er hat noch Etwas zu ſagen.“ „Bitte Euer Ehren unterthänigſt um Verzeihung,“ ſagte Joſua mit einem tiefen Bückling,„ich hatte Seiner Ehrwürden Etwas zu ſagen was ich über andern Dingen vergeſſen habe.“ „Schnell heraus damit, Joſua,“ ſagte Herr Irwine. „Vielleicht, Herr Pfarrer, haben Sie noch nicht gehört daß Thias Bede geſtorben iſt; er iſt heute früh oder wahrſcheinlich heute Nacht ertrunken in dem Weidenbach, bei der Brücke vor ſeinem Haus.“ „Ah!“ riefen beide Herren zugleich aus, als ob dieſe Nachricht ſie ſehr intereſſirte. „Und Seth Bede war dieſen Morgen bei mir und erſuchte mich Euer Ehrwürden zu ſagen, ſein Bruder Adam laſſe Sie ganz beſonders um die Er⸗ laubniß bitten das Grab für ihren Vater bei dem Weißdorn zu graben, weil ihre Mutter ihr Herz daran geſezt habe wegen eines Traums den ſie früher Eliot, Adam Bede. I. 7* 98 hatte; ſie würden ſelbſt gekommen ſein darum zu bitten, aber ſie haben ſo viel mit der Todtenſchau und dergleichen zu thun, und ihre Mutter hat ſichs ſo zu Herzen genommen und drängt ſie ſo ſehr we⸗ gen des Plazes, damit nicht ſonſt Jemand ihn vor⸗ her bekomme. Und wenn Euer Chrwürden gut dazu ſehen, ſo will ich es den Leuten durch meinen Jungen ſagen laſſen, ſobald ich nach Hauſe komme, und das hat mir die Kühnheit gegeben Sie in Ge⸗ genwart Seiner Chren damit zu beläſtigen.“ „Gewiß, Joſua, gewiß, ſie ſollen den Plaz haben. Ich werde ſelbſt zu Adam reiten und ihn beſuchen. Schickt jedoch immerhin Euern Jungen hin und laßt es ihnen ſagen, im Fall ich eine Abhaltung bekom⸗ men ſollte. Und nun guten Morgen, Joſua; geht in die Küche und trinket ein Glas Bier.“ „Der arme alte Thias,“ ſagte Herr Irwine, als Joſua ſich entfernt hatte.„Ich fürchte, der Brannt⸗ wein und der Bach haben zuſammengeholfen. Es würde mich gefreut haben wenn meinem Freund Adam ſeine Laſt auf eine weniger peinliche Weiſe abgenommen worden wäre. Dieſer wackere Burſche hat in den lezten fünf oder ſechs Jahren ſeinen Va⸗ ter vom Elend errettet.“ „Er iſt ein wahres Prachtexemplar, dieſer Adam,“ 3 ſagte Capitän Donnithorne.„Als ich noch ein klei⸗ ner Junge war und Adam bereits ein tüchtiger Burſche von fünfzehn Jahren der mich das Zimmern lehrte, da dachte ich oft, wenn ich ein reicher Sul⸗ tan wäre, ſo würde ich Adam zu meinem Großvezier machen. Und ich glaube, er würde ſeine Erhebung ſo gut tragen wie irgend ein armer weiſer Mann ——— 99 in einem orientaliſchen Mährchen. Wenn ich es je zu einem Grundbeſitz bringe und einmal kein armer Teufel mehr bin der auf ein Bischen Taſchengeld geſezt iſt, ſo will ich Adam zu meiner rechten Hand machen. Er ſoll mir meine Wälder verwalten, denn er ſcheint mir von dieſen Dingen mehr zu verſtehen als irgend ein Anderer den ich noch getroffen habe; er würde ſicherlich zweimal ſo viel herausſchlagen als mein Großvater mit dieſem alten Lump von Satchel, der vom Zimmerholz gerade ſo viel verſteht wie ein Karpfen. Ich habe ſchon mehrere Male mit meinem Großvater darüber geſprochen, aber er hegt, ich weiß nicht warum, eine Abneigung gegen Adam, und ich ſelbſt kann noch Nichts tdun Aber wollen Sie mit mir ausreiten, hochwürdiger Herr? Es iſt jezt prächtig draußen. Wir können mit ein⸗ ander zu Adam gehen, wenn Sie wollen; aber ich muß unterwegs auf dem Pachthof einſprechen um nach meinen jungen Hunden zu ſehen, die Poyſer in der Koſt hat.“ „Du mußt zuvor einen Imbiß einnehmen, Ar⸗ thur,“ ſagte Frau Irwine.„Es iſt demnächſt zwei. Carrol wird ſogleich aufwarten.“ „Ich habe auch etwas auf dem Pachthof zu thun,“ ſagte Herr Irwine;„ich muß mir die kleine Methodiſtin noch einmal anſehen die dort wohnt; Joſua ſagt mir ſie habe geſtern auf der Gemeinde⸗ wieſe gepredigt.“ „Ha, beim Zeus!“ rief Capitän Donnithorne lachend,„dieſes Mädchen ſieht ſo ſtill aus wie ein Mäuschen. Sie hat lün gei etwas ganz Eigen⸗ thümliches. Ich war wahrhaftig ganz beſchämt, als 7* 100 ich ſie das erſte Mal ſah; ſie ſaß im Sonnenſchein vor dem Haus und nähte als ich heranritt und, ohne zu bemerken daß ſie eine Fremde war, rief: Iſt Martin Poyſer daheim? Als ſie nun aufſtand, mich anſchaute und kurz ſagte: Er iſt im Hauſe, glaube ich, ich will hingehen und ihn rufen; da war ich wirklich ganz verblüfft, daß ich ſie ſo barſch gefragt hatte. Sie ſah in ihrem Quäkerornat wie eine hei⸗ lige Catharina aus. Ihr Geſicht iſt von einem Thdu⸗ den man unter unſern gemeinen Leuten ſelten indet.“ „Ich möchte das Mädchen auch gerne einmal ſehen, Dauphin,“ ſagte Frau Irwine.„Veranlaß ſie doch unter irgend einem Vorwand hieher zu kommen.“ „Ich weiß nicht wie ich dieß einrichten ſoll, Mutter; ich kann nicht wohl eine methodiſtiſche Pre⸗ digerin unter meinen Schuz nehmen, ſelbſt wenn ſie ſich von einem faulen Hirten, wie mich Maskery nennt, einen ſolchen Schuz gefallen laſſen wollte. Sie hätten etwas früher kommen ſollen, Arthur, um Joſug's Anklage gegen ſeinen Nachbar Will Mas⸗ kery anzuhören. Der alte Junge würde es gern ſehen, wenn ich den Wagner excommunicirte und der bürgerlichen Gerechtigkeit überlieferte, das heißt Ihrem Großvater, damit er ihn von Haus und Hof jagte. Wollte ich mich in die Sache miſchen, ſo könnte ich eine ſo hübſche Geſchichte von Haß und Verfolgung zu Stande bringen, wie die Methodiſten nur für die nächſte Nummer ihres Magazins wünſchen mögen. Es wird mich wenig Mühe koſten, Chad Cranage und ein halb Duzend anderer Stierköpfe zu bereden ᷣ 12 8== 8 —V8 ² 101 daß ſie ein der Kirche wohlgefälliges Werk thun würden, wenn ſie Will Maskery mit Stricken und Heugabeln aus dem Dorfe jagten; und wenn ich ihnen dann noch eine halbe Guinee gäbe um ſich nach ihrer Heldenthat tüchtig zu beſaufen, ſo wäre dieß die wahre Höhe für eine ſo allerliebſte Poſſe, wie nur je einer meiner geiſtlichen Collegen in den lezten dreißig Jahren in ſeiner Gemeinde aufge⸗ führt hat.“. „Es iſt aber doch ſehr unverſchämt von dem Manne daß er Dich einen faulen Hirten und einen ſtummen Hund nennt,“ meinte Frau Irwine;„ich würde ihm wahrlich einen Riegel vorſchieben. Du biſt gar zu gutmüthig, Dauphin.“ „Ei Mutter, glaubſt Du denn daß es meine Würde ſehr heben würde, wenn ich mich gegen Will Maskery's Verläumdungen vertheidigte? Ueberdieß weiß ich nicht einmal ob es nur Verläumdungen ſind. Ich bin wirklich ein fauler Geſelle und hänge furchtbar ſchwer in meinem Sattel, davon nicht zu ſagen daß ich immer für Ziegel und Mörtel mehr ausgebe als ich vermag, und dann über jeden lah⸗ men Bettler wild werde wenn er mich um einen Sechspfenniger anſpricht. Dieſe armen abgemager⸗ ten Schuhflicker die zur Verjüngung der Menſchheit mitzuwirken glauben, wenn ſie in der Morgendäm⸗ merung, ehe ſie an die Arbeit gehen, eine Predigt halten, mögen immerhin gering von mir denken. Doch da iſt unſer Imbiß. Wird Kate herab⸗ kommen?“ „Fräulein Irwine hat zu Bridget geſagt daß ſie 10⁰2 ihr das Eſſen hinaufbringen ſoll,“ antwortete Car⸗ rol;„ſie kann Fräulein Anna nicht allein laſſen.“ „Sehr gut. Bridget ſoll melden daß ich ſogleich hinaufkommen und Fräulein Anna beſuchen werde. Sie können Ihren rechten Arm wieder ganz gut ge⸗ brauchen, Arthur?“ fuhr Herr Irwine fort, als er bemerkte daß Capitän Donnithorne ſeinen Arm aus der Schlinge gezogen hatte. „Ja, ſo ziemlich; aber Godwin beſteht darauf daß ich ihn noch einige Zeit in der Binde tragen ſolle. Ich hoffe jedoch daß ich zu Anfang Auguſts zum Regiment gehen kann. Es iſt etwas verzweifelt Langweiliges um dieſes Jagdverbot in den Sommer⸗ monaten, wo es gar nichts zum Schießen gibt, ſo daß man es Abends nicht einmal zu einer ange⸗ nehmen Schläfrigkeit bringt. Indeß wollen wir am 30. Juli die Echos in Erſtaunen ſezen. Mein Groß⸗ vater hat mir auf ein einziges Mal carte blanche gegeben, und ich gelobe ihm das Feſt ſoll der Ver⸗ anlaſſung würdig ſein. Die Welt wird die große Epoche meiner Majorennität nicht zweimal ſehen. Ich gedenke einen hohen Thron für Sie errichten zu laſ⸗ ſen, Frau Pathin, oder vielleicht zwei, einen auf dem Raſen draußen und einen im Ballſaal, damit Sie wie eine olympiſche Göttin auf uns herabſchauen können.“ „Ich will dann mein beſtes Brocatkleid hervor⸗ holen, das ich vor zwanzig Jahren bei Deiner Taufe trug,“ ſagte Frau Irwine.„Ach ich kann Deine arme Mutter noch immer in ihrem weißen Kleid herumgehen ſehen; damals erſchien es mir beinahe wie ein Leichenkleid, und drei Monate ſpäter war es —— 103 auch wirklich ſo; Dein Häubchen und Taufkleidchen wurde auch mit ihr begraben. Sie hatte ihr ganzes Herz daran geſezt, die liebe Seele. Du kannſt Gott danken, Arthur, daß Du der Familie Deiner Mutter nachſchlägſt. Wärſt Du ein ſchwächliches, leibarmes, gelbes Kind geweſen, ſo hätte ich Dich nicht aus der Taufe gehoben. Ich wäre überzeugt geweſen daß Du ein Donnithorne würdeſt. Aber Du hatteſt ſo tüchtige Wangen, eine ſo breite Bruſt und ſchrieeſt ſo mörderiſch, daß ich wohl wußte, Du würdeſt jeder Zoll ein Tradgett werden.“ „Aber da hätteſt Du Dich leicht ein wenig über⸗ eilen können,“ bemerkte Herr Irwine lächelnd.„Er⸗ innerſt du dich nicht wie es das leztemal mit Juno's Jungen war? Eines von ihnen war das echte Ebenbild ſeiner Mutter, hatte aber dennoch zwei oder drei Fehler von ſeinem Vater. Die Natur iſt ge⸗ ſcheidt genug daß ſie auch Dir eine Naſe drehen kann, Mutter.“ „Unſinn, Kind! Die Natur gibt niemals einem Wieſel die Geſtalt eines Bullenbeißers. Du wirſt mich nie bereden daß ich die Leute nicht nach ihrer Außenſeite beurtheilen könne. Gefällt mir das Aeu⸗ ßere eines Menſchen nicht, ſo verlaß Dich darauf daß ich ihn ſelbſt nie werde ausſtehen können. Ich will Nichts von Leuten wiſſen die häßlich und unange⸗ nehm ausſehen, ſo wenig als ich von Speiſen eſſe die ſchlecht ausſehen. Wenn ſie mich beim erſten Blick anwidern, ſo ſage ich ein⸗ für allemal: Fort damit! Ein häßliches Schweins⸗ oder Fiſchauge macht mir ganz übel, es iſt mir wie ein ſchlechter Geruch.“ 104 „Da gerade von Augen die Rede iſt,“ ſagte der Capitän,„ſo fällt mir eben ein daß ich ein Buch bekommen habe das ich Ihnen bringen wollte, Frau Pathin. Es kam dieſer Tage in einem Paquet aus London. Ich weiß Sie lieben wunderliche, zauber⸗ hafte Geſchichten. Es iſt ein Band Gedichte,„Lyriſche Balladen.“ Die meiſten ſcheinen mir leeres Phra⸗ ſengeklingel zu ſein; aber das erſte iſt etwas ganz Anderes; es hat den Titel: der alte Matroſe. Ich kann aus der Geſchichte nicht recht klug werden, aber es iſt ein ſeltſames ergreifendes Ding, ich will es Ihnen herüberſchicken; und dann ſind noch einige andere Bücher da welche Sie vielleicht gerne anſehen Irwine— Flugſchriften über Antinomianismus und Evangelismus. Was es nun ſein mag, ich begreife den Kerl nicht daß er mir ſolches Zeug zuſchickt. Ich habe ihm jezt geſchrieben daß er mir von nun an kein Buch oder Pamphlet mehr ſchicken dürfe das auf ismus ausgeht.“ „Ich bin auch kein Verehrer von dieſem Ismus, aber ich will mir die Bücher doch anſchauen; man ſieht wenigſtens was in der Welt vorgeht. Jezt habe ich noch ein kleines Geſchäft, Arthur,“ fuhr Herr Irwine fort, indem er aufſtand um das Zim⸗ mer zu verlaſſen;„dann bin ich bereit mit Ihnen auszureiten.“ Das kleine Geſchäft das Herr Irwine zu beſor⸗ gen hatte führte ihn die alte ſteinerne Treppe hin⸗ auf(ein Theil des Hauſes war ſehr alt) und vor eine Thüre wo er leiſe anklopfte. „Herein!“ rief eine weibliche Stimme, und er trat in ein durch Vorhänge alter Art dermaßen dun⸗ 10⁵ kel gemachtes Zimmer, daß Fräulein Kate, die hagere Dame von mittleren Jahren die neben dem Bette ſtand, für jedes andere Geſchäft als das auf dem Tiſche neben ihr liegende Strickzeug nicht Licht genug gehabt hätte. Aber für den Augenblick bedurfte ſie weiter kein Licht— ſie wuſch nämlich das ſchmer⸗ zende Haupt das auf den Kiſſen lag mit Eſſig. Die arme Dulderin hatte ein kleines Geſicht: viel⸗ leicht war es einmal hübſch geweſen, aber jezt war es abgezehrt und bleich. Kate kam ihrem Bruder entgegen und flüſterte:„Sprich nicht mit ihr, ſie kann heute das Sprechen nicht ertragen.“ Anna's Augen waren geſchloſſen, und ihre Stirne wie von heftigem chmerz zuſammengezogen. Herr Irwine ging an das Bett, nahm eine der zarten Hände und küßte ſie; ein leichter Druck von den kleinen Fingern ſagte ihm daß es wohl der Mühe werth geweſen war heraufzukommen um dieß zu thun. Er verweilte einen Augenblick und ſchaute ſie an, dann wandte er ſich um und verließ mit möglichſt leiſen Tritten das Zimmer; er hatte drunten ſeine Stiefel ausge⸗ zogen und Pantoffel angelegt. Wenn man bedenkt wie Manches er, ſogar für ſich ſelbſt, nicht hätte thun mögen, nur um ſeine Stiefel nicht an⸗ oder ausziehen zu müſſen, ſo wird man dieſes lezte Detail nicht unbedeutſam finden. Und Herrn Irwine's Schweſtern waren, was alle Leute von guter Familie zehn Meilen um Broxton herum bezeugen konnten, ſolche ſtupide unintereſſante Frauenzimmer. Es war wirklich Jammerſchade dieſe ſchöne und geſcheidte Frau Irwine ſo ganz alltägliche Töchter haben zu ſehen. Dieſe ſtattliche alte Dame 106 verdiente daß man ihr zu Liebe zehn Meilen fuhr; ihre Schönheit, ihre wohlconſervirten geiſtigen Fähig⸗ keiten und ihre altmodiſche Würde machten ſie zu einem höchſt anziehenden Unterhaltungsgegenſtand, wenn es ſich um eine Abwechslung handelte mit dem Befinden des Königs, mit den ſchönen neuen Muſtern in Baumwollenſtoffen, mit Nachrichten aus Aegypten und Lord Dacey's Proceß, worüber die arme Lady Dacey ſich zu Tode grämte. Aber Niemand fiel es je ein der Fräulein Irwine zu gedenken, außer etwa den armen Leuten im Dorfe, die tiefe medieciniſche Kenntniſſe bei ihnen vorausſezten und ſie im Allge⸗ meinen nur als die Herrſchaften bezeichneten. Hätte Jemand den alten Hiob Dummilow gefragt wer ihm ſeine Flanelljacke geſchenkt, ſo würde er geantwortet haben: die Herrſchaften im vorigen Winter; und die Wittwe Steene wußte gar viel von den Vorzügen der Arznei zu erzählen welche die Herrſchaften ihr gegen den Huſten gegeben. Unter dieſem Namen brauchte man ſie auch mit großem Effect als Mittel um widerſpenſtige Kinder zu bändigen, und Fräulein Anna'’s gelbes Geſicht erregte bei verſchiedenen klei⸗ nen Schlingeln das beängſtigende Gefühl daß ſie ihre ſchlimmſten Bosheiten kenne und ganz genau wiſſe wie viel Steine ſie ſchon nach Pächter Brittons En⸗ ten geworfen haben. Aber für alle diejenigen welche ſie durch ein weniger mythiſches Medium ſahen, wa⸗ ren die Pfarrfräulein ganz überflüſſige Exiſtenzen, unkünſtleriſche Figuren welche das Gemälde des Le⸗ bens bloß überluden ohne irgend einen Effect her⸗ vorzubringen. An Fräulein Anna hätte ſich aller⸗ dings vielleicht ein romantiſches Intereſſe knüpfen 107 können wenn ihr chroniſches Kopfleiden ſich auf eine pathetiſche Geſchichte von unglücklicher Liebe hätte zurückführen laſſen, aber es war keine ſolche Ge⸗ ſchichte von ihr bekannt oder erfunden worden, und der allgemeine Eindruck ſtimmte vollkommen zu der Thatſache daß beide Schweſtern alte Jungfern waren, aus dem höchſt proſaiſchen Grund weil man ihnen niemals einen annehmbaren Antrag gemacht hatte. Nichts deſtoweniger hat, um auch etwas Para⸗ doxes zu ſagen, die Eriſtenz unbedeutender Leute ſehr wichtige Folgen in der Welt. Es läßt ſich be⸗ weiſen daß ſie auf den Brodpreis und den Arbeits⸗ lohn einwirkt, daß ſie von Seiten ſelbſtſüchtiger Leute manche böſe Launen, von Seiten braver, gefühlvoller Menſchen manche heroiſche That hervorruft und auch in andern Beziehungen keine geringe Rolle in der Tragödie des Lebens ſpielt. Hätte dieſer hübſche, edelgeborene geiſtliche Herr, der hochwürdige Adolph Irwine, nicht dieſe zwei zu hoffnungsloſem Jungfern⸗ thum verurtheilten Schweſtern gehabt, ſo würde ſich ſein Loos ganz anders geſtaltet haben; er hätte höchſt wahrſcheinlich in ſeiner Jugend ein hübſches Weib genommen, und jezt wo ſein Haar unter dem Puder grau wurde, hätte er ſich an ſchlanken Töchtern und blühenden Söhnen zu erfreuen gehabt; kurz er hätte Alles beſeſſen worin die Menſchen gewöhnlich einen Erſaz für die Mühen des Lebens ſehen. So aber war er, da ihm ſeine drei Pfründen zuſammen nicht mehr als ſiebenhundert Pfund jährlich eintrugen, und da er keine Möglichkeit ſah die vornehme Dame ſeine Mutter und ſeine kränkliche Schweſter, abgeſehen von einer zweiten Schweſter, von der man gewöhnlich . 108 ohne weitere Bezeichnung ſprach, auf einem ihrer Ge⸗ burt und ihren Gewohnheiten entſprechenden Fuß zu erhalten und zugleich für eine eigene Familie zu ſor⸗ gen, mit achtundvierzig Jahren noch ein Junggeſelle. Uebrigens machte er ſich aus dieſer Entſagung kein Verdienſt, ſondern pflegte, wenn Jemand darauf an⸗ ſpielte, mit lachendem Munde zu ſagen, er erlaube ſich dafür manche andere Dinge die eine Frau ihm nicht geſtattet haben würde. Und vielleicht war er der einzige Menſch in der Welt der ſeine Schweſtern nicht für unintereſſant oder überflüſſig hielt, denn er war eine jener weitherzigen warmblütigen Naturen in denen kein kleinlicher oder mißgünſtiger Gedanke aufkommen kann; Epicuräer wenn ihr wollt, ohne Begeiſterung, ohne ſelbſtquäleriſches Pflichtgefühl, aber doch, wie ihr geſehen habt, von einer ſo feinen ſittlichen Empfindung, daß er dunkeln und einförmigen Leuten ſeine unermüdliche Zärtlichkeit widmete. Seine weitherzige Nachſicht ließ ihn auch die Härte ſeiner Mutter gegen ihre Töchter, eine Härte die durch den Gegenſaz ihrer übertriebenen Zärtlichkeit gegen ihn ſelbſt noch auffallender wurde, ganz überſehen: er hielt es für keine Tugend über unverbeſſerliche Fehler zu grollen. Seht einmal den Unterſchied zwiſchen dem Ein⸗ druck welchen ein Mann auf euch macht, wenn ihr in vertraulichem Geplauder neben ihm einhergeht oder ihn in ſeiner Häuslichkeit ſehet, und der Figur die er macht wenn ihr ihn von einem erhabenen ge⸗ ſchichtlichen Geſichtspunkt aus oder auch mit den Augen eines critiſchen Nachbars betrachtet, der mehr ein verkörpertes Syſtem, eine fleiſchgewordene Mei⸗ — —————— ——2—2— —=— 1⁰9 nung als einen Menſchen in ihm erblickt. Herr Roe, der in Treddleſton wohnende Reiſeprediger, hatte Herrn Irwine in einer allgemeinen Schilderung der hochkirchlichen Geiſtlichkeit des umliegenden Bezirks inbegriffen; er hatte erklärt dieſe Herren ſeien ſammt und ſonders den Lüſten des Fleiſches und den Freu⸗ den des Lebens ergeben; ſie jagen und ſchießen, ſchmücken ihre eigenen Häuſer, fragen beſtändig: was werden wir eſſen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? aber es falle ihnen nicht ein ihren Heerden das Brod des Lebens zu ſpenden, ſie predigen im beſten Fall bloß eine fleiſch⸗ liche und ſeelenbetäubende Moral, ſie treiben Scha⸗ cher mit den Seelen der Menſchen, indem ſie Geld nehmen für die Erfüllung ihrer geiſtlichen Pflicht in Gemeinden deren Einwohner ſie höchſtens einmal im Jahr zu Geſicht bekommen. Auch der Kirchenhiſto⸗ riker findet, wenn er einen Blick in die parlamen⸗ tariſchen Berichte dieſer Zeit wirft, ehrenwerthe Kam⸗ mermitglieder die für die Hochkirche eifern und von aller Sympathie für das Geſchlecht heuchleriſch winſeln⸗ der Methodiſten unbefleckt ſind, aber dennoch Schil⸗ derungen entwerfen die kaum weniger trüb klingen als die Behauptungen des Herrn Roe, und ich ſelbſt kann unmöglich verſichern daß man Herrn Irwine ein ſchreiendes Unrecht angethan habe indem man ihn in dieſe allgemeine Claſſe hineingeworfen. Er hatte in Wirklichkeit keine ſehr erhabenen Ziele, keine theologiſche Begeiſterung: würde man mich aufs Gewiſſen fragen, ſo müßte ich geſtehen daß er keine ernſtlichen Bekümmerniſſe um die Seelen ſeiner Pfarr⸗ kinder hegte und es für einen großen Zeitverluſt ge⸗ 110 halten hätte mit dem alten Vater Taft oder auch mit dem Schmid Chad Cranage belehrende und erweckende Geſpräche zu führen. Wäre es ſeine Art geweſen theoretiſch zu ſprechen, ſo würde er gleich geſagt haben, die einzige geſunde Form welche die Religion in ſolchen Gemüthern annehmen könne, ſei die Form gewiſſer dunkler, aber ſtarker Empfindungen die ſich mit heiligendem Einfluß über die Familienneigungen und die nachbarlichen Pflichten ergießen. Er hielt den Brauch der Taufe für wichtiger als die Lehre von derſelben, und der religiöſe Gewinn welchen der Bauer aus der Kirche wo ſeine Väter anbeteten und aus dem geheiligten Raſenplaz wo ſie begraben lagen mitbrachte, hing ſeines Erachtens nur wenig von einem klaren Verſtändniß der Liturgie oder Predigt ab. Augenſcheinlich war der Pfarrer nicht das was man heutzutage einen Mann vom rechten Geiſte nennt: er trieb lieber Kirchengeſchichte als Dogmatik und hatte weit mehr Einſicht in die Charactere der Menſchen als Intereſſe für ihre Meinungen; er war weder arbeitſam noch von auffallender Selbſtverläug⸗ nung erfüllt, noch allzu freigebig im Almoſenſpenden, und ſeine Theologie war, wie ihr ſehet, von laxer Art. Sein geiſtiger Gaumen war in der That eher heidniſcher Natur, und ein Citat aus Sophocles oder Theocrit war für ihn ein Leckerbiſſen wie niemals ein Spruch aus Jeſaias oder Amos. Aber wenn ihr euren jungen Hühnerhund mit rohem Fleiſch füt⸗ tert, wie könnt ihr euch wundern wenn er in ſpätern Jahren eine Liebhaberei für ungebratene Feldhühner verräth? Und Herrn Irwine'’s Erinnerungen an jugendlichen Enthuſiasmus und Ehrgeiz knüpften ſich 111 alle an eine Poeſie und Moral die der Bibel ganz fern waren. Auf der andern Seite muß ich, denn ich hege eine liebevolle Parteilichkeit für das Andenken des Pfarrers, anführen daß er nicht rachſüchtig war— und es hat Philanthropen gegeben die dieß waren; daß er nicht unduldſam war— und es geht das Gerücht einige eifrige Theologen ſeien von dieſem Fehler nicht ganz frei geweſen; daß er es zwar wahr⸗ ſcheinlich abgelehnt haben würde ſich für eine öffent⸗ liche Sache verbrennen zu laſſen, und daß er weit entfernt war alle ſeine Güter den Armen zu ſchenken, daß er aber jene mildthätige Menſchenliebe beſaß die zuweilen bei ſehr ſtrahlender Tugend gefehlt hat; daß er Nachſicht für die Mängel Anderer hegte und Niemand etwas Uebles nachſagte. Er war einer von den Männern die man gewiß nicht alle Tage trifft, die man von ihrer beſten Seite kennen lernt wenn man ſie vom Markt, von der Rednerbühne und Kanzel heimbegleitet, mit ihnen in ihre eigene Wohnung tritt, hört mit welcher Stimme ſie zu Jung und Alt an ihrem Herde ſprechen, und ihre umſichtige Sorgfalt für die alltäglichen Bedürfniſſe ihrer alltäglichen Genoſſen beobachtet, während ſie all dieſe Freundlichkeit als etwas Selbſtverſtändliches betrachten was gar kein beſonderes Lob verdiene. Solche Männer haben glücklicher Weiſe in Zeiten gelebt wo große Mißbräuche an der Tagesordnung waren, ja ſie ſind ſogar zuweilen die lebendigen Ver⸗ treter ſolcher Mißbräuche geweſen. Dieſer Gedanke kann uns ein wenig über die entgegengeſezte That⸗ ſache tröſten daß es zuweilen beſſer iſt großen Re⸗ 112 formatoren von Mißbräuchen gar nicht über die Schwelle ihrer Häuſer zu folgen. Aber was ihr auch jezt von Herrn Irwine den⸗ ken möget, hättet ihr ihn an jenem Juninachmittag begegnet, wie er auf ſeinem grauen Hengſte, mit ſeinen Hunden um ſich her, ſtattlich, aufrecht, mann⸗ haft, mit einem gutmüthigen Lächeln auf ſeinen fein⸗ geſchnittenen Lippen, in freundlichem Geſpräche mit ſeinem eleganten jungen Begleiter auf der braunen Stute dahinritt, ſo hättet ihr euch des Gefühls nicht erwehren können daß er, wenn er auch mit geſunden Theorien vom geiſtlichen Beruf ſchlecht harmonirte, doch mit dieſer friedlichen Landſchaft ungemein gut zuſammenſtimmte. Seht wie ſie, in dem glänzenden Sonnenſchein der hin und wieder von rollenden Wolkenmaſſen unterbrochen wird, den Hügel von Broxton her hin⸗ anreiten, wo die hohen Giebel und die Ulmen der Pfarrei über das weißangeſtrichene Kirchlein empor⸗ ragen. Sie werden bald in der Gemeinde Hayſlope ſein; der graue Kirchthurm und die Häuſer des Dorfes liegen links vor ihnen, und weiterhin rechts können ſie juſt die Schornſteine des Pachthofes erblicken. Sechstes Capitel. Der Pachthof. Offenbar wird dieſes Thor hier nie geöffnet; denn das lange Gras und der große Schierling wächst dicht daran her, und wollte man es öffnen, ſo iſt es ſo roſtig daß der nöthige Kraftaufwand um es in ſeinen Angeln zu drehen wahrſcheinlich die piereckigen ſteinernen Pfeiler herausreißen würde, zum Verderben der droben prangenden zwei ſteiner⸗ nen Löwinnen, die mit einer zweifelhaften menſchen⸗ freſſeriſchen Leutſeligkeit über ein Wappen hingrinſen. Mit Hilfe der Einſchnitte in dem ſteinernen Pfeiler könnte man zwar ohne Mühe über die backſteinerne Mauer mit ihrer glatten Bedachung hinklettern, aber wir brauchen nur unſere Augen an die roſtigen Riegel des Thores zu halten, ſo können wir das Haus und Alles bis an die Ecken des davorliegen⸗ den Raſens gut genug ſehen. Es iſt ein ſehr ſchönes altes Gebäude aus rothen Ziegelſteinen, gemildert durch blaſſe ſtaubfarbige Flechten die ſich in glücklicher Unregelmäßigkeit dar⸗ über hingebreitet haben, ſo daß der rothe Ziegel freundliche Cameradſchaft hält mit den kalkſteinernen Verzierungen an den drei Giebeln, den Fenſtern und der Hausthüre. Aber die Fenſter ſind mit hölzernen Läden verdeckt, und die Thüre ſcheint mir Aehnlich⸗ keit mit dem Thor zu haben das nie geöffnet wird; wie würde ſie ächzen und krachen auf der ſteinernen Hausflur wenn man es einmal verſuchen wollte? Denn es iſt eine ſolide ſchwere hübſche Thüre und muß ſich einſt mit lautem Schall geſchloſſen haben hinter einem betreßten Lakaien der eben ſeinen Herrn und ſeine Herrin in einem prächtigen Zweigeſpann dahinfahren geſehen. Aber jezt könnte man denken das Haus ſei im erſten Stadium eines Gantverfahrens, und die Eliot, Adam Bede. I. 8 114 Früchte dieſer großen doppelten Reihe von Wallnuß⸗ bäumen würden im Gras verfaulen, wenn wir nicht aus den großen Hintergebäuden dumpfes Hunde⸗ gebell vernähmen. Und nun kommen die halbent⸗ wöhnten Kälber die in einem von Stechginſter um⸗ gebenen Schuppen längs an der Mauer Schuz ge⸗ funden und blöcken dumme Antwort auf dieſes furcht⸗ bare Gebell, indem ſie ohne Zweifel meinen daß es ſich auf Milcheimer beziehe. Ja, das Haus muß bewohnt ſein, und wir wollen ſehen von wem; denn die Einbildungskraft darf alle Schwellen übertreten: ſie fürchtet ſich nicht vor Hunden, ſondern klettert über die Mauern hin⸗ weg und guckt ungeſtraft zu den Fenſtern hinein. Haltet Euer Geſicht an eines der Fenſter rechter Hand, was ſehet ihr? Einen großen offenen Herd mit verroſteten Feuerböcken und einen kahlen Bretter⸗ boden; am fernen Ende iſt Schurwolle aufgehäuft, in der Mitte liegen einige leere Kornſäcke. So iſt jezt der Speiſeſaal ausgeſtattet. Und was ſehet ihr durch das Fenſter linker Hand? Einige Pferde⸗ decken, ein Sattelkiſſen, ein Spinnrad und eine alte weitgeöffnete Kiſte voll von bunten Lumpen. Am Rand dieſer Kiſte liegt eine große hölzerne Puppe die in Bezug auf Verſtümmlung große Aehnlichkeit mit den ſchönſten griechiſchen Sculpturen darbietet, zumal da die Naſe gänzlich fehlt. In der Nähe ſteht ein kleiner Stuhl worauf der Stiel einer langen ledernen Peitſche liegt. Die Geſchichte des Hauſes iſt jezt klar. Es war einſt die Wohnung eines Landedelmanns, deſſen Fa⸗ milie wahrſcheinlich zu bloßem Altjungfernthum her⸗ —— 115 abſchmolz und zulezt in dem gutsherrlichen Namen Don⸗ nithorne aufging. Einſt war es der Hof, jezt iſt es der Pachthof. Wie in einer Seeſtadt die einſt ein Badeort geweſen, jezt aber ein Hafenplaz geworden iſt, die vornehmen Straßen ſtille ſind und Gras darauf wächst, während in den Docken und Magazinen ein geräuſchvolles Geſellſchaftsleben vorherrſcht, ſo hat auch hier das Leben ſeinen Mittelpunkt gewechſelt und ſtrahlt nicht mehr vom Salon aus, ſondern von der Küche und dem Viehhof. 3 Hier iſt Leben in Hülle und Fülle vorhanden; und doch iſt es die langweiligſte Zeit im Jahr, juſt vor der Heuernte; und überdieß iſt es die langwei⸗ ligſte Stunde des Tags, denn es iſt beinahe drei nach der Sonne und halb vier nach der hübſchen achttägigen Wanduhr der Frau Poyſer. Aber das Gefühl des Lebens iſt immer ſtärker wenn die Sonne nach dem Regen erglänzt; und nun ſchießt ſie ihre Strahlen herab, es glizert auf dem naſſen Stroh, jedes Fleckchen des hellgrünen Mooſes auf den rothen Ziegeln des Kuhſtalls wird lebendig, und ſelbſt das ſchmuzige Waſſer das durch den Abzugscanal rollt verwandelt ſich in einen Spiegel für die gelbſchnäbe⸗ ligen Enten, welche die Gelegenheit ergreifen wieder einmal ſo tief als möglich ins Waſſer zu kommen. Das iſt ein wahres Concert von lärmenden Stim⸗ men: der große am Stall angebundene Bullenbeißer wird durch die Unvorſichtigkeit eines Hahnes der ſich zu nahe an ſeine Reſidenz gewagt hat in wüthende Erbitterung verſezt und ſtößt ein donnerndes Gebell aus, das zwei Dachshunde im entgegengeſezten Kuh⸗ ſtall alsbald beantworten; die alten Schopfhennen 8* ehedem Sattlers, der ſie nebenbei mit den lezten 116 die mit ihren Küchlein unter dem Stroh krazen er⸗ heben ein mitfühlendes Glucken als der erſchreckte Hahn zu ihnen kommt; eine Sau mit ihrer krausge⸗ ſchwänzten Brut, alle zuſammen bis an die Beine mit Koth bedeckt, wirft einige tiefe Staccatotöne hin⸗ ein; unſere Freunde, die Kälber, blöcken aus ihrer heimiſchen Umzäunung dazwiſchen, und aus all die⸗ ſem Geräuſch erkennt ein feines Ohr das beſtändige Geſumme von Menſchenſtimmen heraus. Denn die großen Scheunenthüren ſtehen weit offen, und Männer ſind beſchäftigt das Geſchirr aus⸗ zubeſſern unter der Oberaufſicht des Meiſters Goby, Neuigkeiten von Treddleſton unterhält. Es iſt in der That ein unglücklicher Tag welchen der Schäfer Alick zur Beſtellung der Sattler gewählt hat, denn am Morgen hat es an einem fort geregnet, und über den Koth welchen die ungewöhnlich vielen Män⸗ nerſchuhe zum Eſſen ins Haus gebracht, hat Frau Poyſer derb genug ihre Herzensmeinung ausgeſpro⸗ chen. Sie hat wirklich ihren Gleichmuth noch nicht ganz gewonnen, obſchon drei Stunden ſeit dem Eſſen verſtrichen ſind und die Hausflur wieder voll⸗ kommen ſauber iſt; ſo ſauber wie alles Andere in dieſem wundervollen Hausplaz, wo man, um ein Stäubchen zu finden, auf die Salzkiſte hinaufklettern und mit der Hand über das hohe Brett fahren müßte, auf welchem die glizernden Meſſingleuchter ſich ihrer Sommerſinecur erfreuen; denn um dieſe Jahreszeit geht natürlich Jeder zu Bett ſo lange es noch hell iſt oder wenigſtens hell genug um den Umriß der Gegenſtände zu erkennen, nachdem man ſich zuvor —y— — 117 die Schienbeine daran zerſtoßen hat. Gewiß hätte nirgendwo anders ein eichenes Uhrgehäus und ein eichener Tiſch eine ſolche Politur bekommen, eine wahre Ellenbogenpolitur, wie Frau Poyſer es nannte, denn von eurem ſchlechten gefirnißten Zeug hatte ſie Gott ſei Dank Nichts im Hauſe. Hetty Sorrel nahm, wenn die Tante ihr den Rücken kehrte, oft die Gelegenheit wahr ihr hübſches Bild in dieſen blankpolirten Flächen zu begaffen, denn der eichene Tiſch war mehr eine Zierrath als zum Gebrauch be⸗ ſtimmt; auch konnte ſie ſich zuweilen in den großen runden Zinnſchüſſeln betrachten die auf dem Geſtell über dem langen Eßtiſch in Reih und Glied ſtanden, oder in den Einfaſſungen des Feuerroſtes die immer ſo blank glänzten wie Jaſpis. Alles blinkte in dieſem Augenblick aufs Schönſte, denn die Sonne leuchtete gerade auf die Zinnſchüſſeln, und von ihnen zurück ſtrahlten hübſche Lichtſtreifen auf das matte Eichenholz und den glänzenden Meſ⸗ ſing. Sie beleuchtete aber auch etwas noch Lieb⸗ licheres, denn einige ihrer Strahlen fielen auf Dina's feingeformte Wangen und gaben ihrem blaßrothen Haar einen caſtanienbraunen Schein, während ſie ſich über das grobe Weißzeug hinabbückte das ſie für ihre Tante flickte. Man hätte ſich keine friedlichere Scene denken können, wenn nicht Frau Poyſer, die noch von der Montagswäſche her einige Stücke zu bügeln hatte, häufig mit ihrem Eiſen geklappert hätte und ab⸗ und zugegangen wäre um es abzu⸗ kühlen. Dabei ließ ſie den ſcharfen Blick ihrer grau⸗ blauen Augen von der Küche nach der Milchkammer ſchweifen, wo Hetty Butter machte, und von der 118 Milchkammer nach der Backſtube, wo Nancy die Pa⸗ ſteten aus dem Ofen nahm. Glaubet indeß nicht, Frau Poyſer habe wie eine alte Zänkerin ausge⸗ ſehen; ſie war im Gegentheil eine recht angenehme Erſcheinung, erſt achtunddreißig Jahre alt, roth⸗ wangig, blond, gut gewachſen und leichtfüßig: der augenfälligſte Artikel an ihrem Aufzug war eine weite carrirte, leinene Schürze die beinahe ihren gan⸗ zen Rock verdeckte. Nichts Einfacheres oder Prunk⸗ loſeres als ihre Haube oder ihr Kleid, denn weib⸗ liche Eitelkeit war ihr ein Gräuel und ſie ſah haupt⸗ ſächlich nur auf den Nuzen. Die Familienähnlichkeit zwiſchen ihr und ihrer Nichte Dina Morris, und da⸗ neben der Contraſt zwiſchen dem ſcharfen Ausdruck in ihrem und der ſeraphiſchen Milde in Dina's Ge⸗ ſicht hätte einem Maler ein vortreffliches Motiv zu einer Martha und Maria abgegeben. Die Augen der beiden Frauenzimmer hatten ganz dieſelbe Farbe, aber einen ſchlagenden Beweis von der Verſchieden⸗ heit ihrer Wirkung konnte man in dem Verhalten Trip's, des ſchwarzbraunen Dachshundes, ſehen, wenn dieſer vielverdächtigte Köter ſich unvorſichtig dem nord⸗ polartig kalten Strahl ihrer Blicke ausſezte. Nicht minder ſcharf als ihr Auge war ihre Zunge, und wenn je ein Dienſtmädchen in Gehörweite kam, ſchien dieſelbe ſogleich eine unvollendete Strafpredigt wie⸗ der aufzunehmen, gerade wie eine Drehorgel mit einer Melodie juſt an dem Punkt wieder fortfährt wo ſie aufgehört hat. Die Thatſache daß es Buttertag war, lieferte einen weiteren Grund warum die Sattler ihr unbe⸗ quem kamen, und warum Frau Poyſer conſequenter⸗ V 119 maßen das Dienſtmädchen Molly mit ganz unge⸗ wöhnlicher Strenge ausſchalt. Allem Anſchein nach hatte Molly ihre Nachmittagsarbeit muſterhaft ver⸗ richtet, ſie hatte ſich ſehr raſch gepuzt und fragte jezt unterwürfig ob ſie nicht bis zum Melken ſpinnen ſolle. Aber dieſe tadelloſe Aufführung verdeckte in Frau Poyſers Augen unziemliche geheime Wünſche welche ſie jezt mit ſchneidender Beredſamkeit dem armen Mädchen vorhielt. „Spinnen, ja wohl! Es wird Dir ſchön ums Spinnen zu thun ſein, Du willſt bloß Deinen Ge⸗ danken nachhängen können; ein ſo leichtfertiges Ding wie Du iſt mir noch gar nicht vorgekommen. Ein Mädchen von Deinem Alter das ſich mit einem halb Duzend Männer zuſammenſezen will! Du ſohteſt Dich ſchämen ſo Etwas nur über die Lippen zu bringen; Du biſt jezt ſeit Michaelis da und ich habe Dich ohne alles Zeugniß in Treddleſton gedungen— wahrlich Du ſollteſt Gott danken daß Du auf dieſe rt in ein reſpectables Haus gekommen biſt, und vom Geſchäfte haſt Du gerade ſo viel verſtanden als ein Strohmann auf dem Felde. So ein arm⸗ ſeliges Ding mit zwei Fäuſten wie Du iſt mir noch gar nicht vorgekommen. Wer Dich nur das Stuben⸗ puzen gelehrt hat, das möchte ich wiſſen; wahrlich Du ließeſt den Koth haufenweiſe in allen Ecken lie⸗ gen— kein Menſch ſollte glauben daß Du unter Chriſten aufgewachſen wäreſt. Und vollends Deine Spinnerei! Du haſt mit Deinem Spinnenlernen ſo viel Flachs verderbt als Dein Lohn ausmacht; das ſollteſt Du aber auch fühlen und nicht ſo gedanken⸗ los herumſtehen und gaffen als ob Alles in der Welt 120 Dich Nichts anginge. Die Wolle für die Sattler kämmen, ja wohl! Das möchteſt Du gerne thun? Das wäre Dir anſtändig; ſo machet ihr es Alle zu⸗ ſammen und ſtürzt euch köpflings ins Verderben! Ihr habt keine Ruhe bis ihr einen Schaz habt der ein eben ſo großer Narr iſt wie ihr ſelbſt: ihr mei⸗ net das wäre etwas Herrliches wenn ihr verheirathet — wäret, mit einem dreibeinigen Stuhl zum Sizen, einer Decke über dem Bett, und zum Mittageſſen einen Waizenkuchen wonach drei kleine Bälge ſchnappen.“ „Ich will ja nicht zu den Sattlern gehen,“ ſagte Molly weinerlich und ganz überwältigt von dieſem Danteſchen Bild ihrer Zukunft,„aber bei Ottley's mußten wir immer die Wolle kämmen, und deßhalb habe ich angefragt. Ich will die Sattler gar nicht mehr anſehen; ich will nicht geſund vom Plaze kom⸗ men wenn ichs thue.“ „Bei Ottley's! So, ſo! Da liegt mir viel dran was Du bei Ottleys gethan haſt. Deine Madame dort hat gewiß eine Freude gehabt wenn die Satt⸗ ler ihr den Boden beſchmuzten. Es gibt Leute die ihre beſondern Liebhabereien haben. Ich habe noch nie ein Mädchen ins Haus bekommen das ſich aufs Puzen verſtand. Es gibt Menſchen die gerade wie die Schweine leben. Dieſe Betty da, die bei Trent's Milchmagd war ehe ſie zu mir kam, ließ die Käſe mir nichts Dir nichts daliegen ohne ſie auch nur ein einziges Mal in der Woche umzudrehen, und die Bretter in der Milchkammer, auf die hätte ich mei⸗ nen Namen ſchreiben können, als ich nach meiner Krankheit wieder herabkam; der Doctor ſagte es ſeit eine Entzündung— es war eine rechte Gnade von „ —,— 121 Gott daß ich wieder auffam. Und daß Du es auch nicht beſſer verſtehſt, Molly, und biſt ſchon neun Monate da, und an guten Worten hats auch nicht gefehlt— und was ſtehſt Du jezt da wie ein Mann ohne Kopf, ſtatt daß Du Dein Spinnrad heraus⸗ holſt? Ja Du biſt mir eine Geſchickte; Du ſezeſt Dich zur Arbeit wenn es gerade Zeit iſt wieder auf⸗ zuſtehen.“ „Mama, mein Eiſen iſt ganz kalt, mach mirs wieder warm!“ So rief ein ſonnenhaariges kleines Mädchen zwi⸗ ſchen drei und vier Jahren, das auf einem hohen Stuhl am Ende des Bügelbrettes ſaß und mit ſei⸗ nen kleinen dicken Fäuſten den Griff eines Miniatur⸗ eiſens feſt umklammert hielt, allerlei Lappen mit ſol⸗ chem Eifer bügelnd daß ſie darüber ihr rothes Züng⸗ chen ſo weit herausſtreckte als es anatomiſch möglich iſt. „Iſt es kalt geworden, mein lieber Engel, mein Herzenskind!“ ſagte Frau Poyſer, die eine merkwür⸗ dige Leichtigkeit darin beſaß aus einer amtlichen Strafpredigt unmittelbar zu einer freundlichen und zärtlichen Sprache überzugehen.„Es hat nichts zu ſagen! Mama iſt jezt mit dem Bügeln fertig. Sie will die Sachen wieder aufräumen.“ „Mama, ich möchte gern zu Tommy in die Scheune gehen und den Sattlern zuſehen.“ „Nein, nein, nein; Totty würde naſſe Füße be⸗ kommen,“ ſagte Frau Poyſer, indem ſie aufräumte. „Geh in die Milchkammer und ſieh wie Bäschen Hetty die Butter macht.“ „Ich möchte gern ein Stück Pflaumenkuchen,“ erwiderte Totty, die verſchiedene Wünſche im Vorrath 12² zu haben ſchien. Zugleich benüßte ſie die augenblick⸗ liche Muße dazu daß ſie mit den Fingern in eine Schaale voll Stärke fuhr und ſie umſtieß, ſo daß der Inhalt ſich mit ziemlicher Vollſtändigkeit über das Bügeleiſen ergoß. „Hat man je ſo etwas geſehen?“ kreiſchte Frau Poyſer und ſtürzte auf den Tiſch zu als ihre Augen auf den blauen Strom fielen.„Das Kind richtet doch immer Unheil an ſobald man ihm nur eine Minute den Rücken kehrt. Was ſoll ich nur mit Dir anfangen, Du böſes, garſtiges Mädchen!“ Totty war indeß mit großer Geſchwindigkeit von ihrem Stuhl herabgerutſcht und hatte bereits ihren Rückzug in die Milchkammer angetreten; ſie lief oder watſchelte vielmehr ſo ſchnell ſie konnte und entwickelte dabei einen weißen, fetten Nacken, ſo daß ſie ſtark an ein weißes Milchſchweinchen erinnerte. Nachdem die Stärke mit Molly's Hilfe gerettet und der Bügelapparat weggeſchafft war, nahm Frau Poyſer ihr Strickzeug, das immer in der Nähe lag und ihre liebſte Arbeit war, weil ſie dieſelbe ganz automatiſch betreiben und dazu auf⸗ und abgehen konnte. Jezt aber ſezte ſie ſich mit ihrem grauen Wollſtrumpf Dina gegenüber und ſchaute das Mäd⸗ chen nachdenklich an.. „Du ſiehſt ganz Deiner Tante Judith gleich, Dina, wenn Du ſo daſtzeſt und nähſt; es iſt mir als wäre es vor dreißig Jahren, wo ich als kleines Mädchen daheim war und Judith zuſah wie ſie bei ihrer Handarbeit ſaß, nachdem ſie die Geſchäfte im Hauſe verrichtet; nur wohnte mein Vater in einer kleinen Hütte und hatte kein ſo großes weitläufiges — — genommen bin, ſo wirſt Du in Deiner Tante Rahel 123 Haus das in der einen Ecke ſchmuzig wird wenn man es in der andern gepuzt hat; ſonſt könnte ich geradezu glauben Du ſeieſt Deine Tante Judith; doch hatte ſie etwas dunkleres Haar als Du und war an den Schultern ſtärker und breiter. Judith und ich ſteckten immer beiſammen, obſchon ſie ganz abſonder⸗ liches Zeug im Kopf hatte, aber Deine Mutter und ſie konnten ſich nie recht vertragen. Ach, Deine Mutter ahnte nicht daß ſie eine Tochter bekommen würde die Judith aus dem Geſicht geſchnitten wäre, und daß ſie dieſelbe als Waiſe hinterlaſſen, Judith aber ſich ihrer annehmen und ſie äzen ſollte, wäh⸗ rend ſie ſelbſt auf dem Kirchhof in Stoniton läge. Ich habe von Judith immer geſagt daß ſie gern ein Pfund Gewicht tragen würde, nur damit ein Ande⸗ rer nicht ein Loth tragen müßte. Und ſo war ſie immer ſo lange ich mich ihrer erinnern kann; ſo viel ich ſehen konnte, machte es keinen Unterſchied bei ihr als ſie zu den Methodiſten ging; nur ſprach ſie ein bischen anders und trug eine andere Haube; aber ſie gab nie in ihrem Leben für ſich ſelbſt einen Pfen⸗ nig mehr aus als zu einem anſtändigen Aufzug noth⸗ wendig war.“ „Sie war eine gottgeſegnete Frau,“ ſagte Dina; „der Himmel hatte ihr eine liebende, ſich ſelbſt ver⸗ geſſende Natur gegeben und ſie durch ſeine Gnade vollkommener gemacht. Und Euch hatte ſie recht lieb, Tante Rahel. Ich habe ſie oft von Euch reden ge⸗ hört und immer mit derſelben Freundlichkeit. Als ſie ihre böſe Krankheit bekam und ich erſt eilf Jahre alt war, pflegte ſie zu ſagen: Wenn ich von Dir 124 eine Freundin auf Erden haben, denn ſie hat ein gütiges Herz; und ſo iſt es auch in der That ge⸗ worden.“ „Ich weiß nicht wie es zugeht, Kind: ich glaube Jedermann würde Dir gerne Alles zu Gefallen thun; Du biſt wie die Vögel in der Luft und lebſt kein Menſch weiß wie. Ich würde Dir gewiß eine gute Tante ſein wenn Du nur zu mir kommen und in dieſer Gegend leben wollteſt, wo es doch Obdach und Nahrung für Menſchen und Vieh gibt, und wo die Leute nicht auf den kahlen Hügeln leben wie Hühner die im Sande ſcharren; und dann könnteſt Du irgend einen anſtändigen Mann heirathen, es gäbe Leute genug die Dich gerne nehmen würden, wenn Du nur Dein Predigen unterließeſt, denn dieß iſt zehnmal ſchlimmer als Alles was Deine Tante Judith je gethan hat. Wenn Du auch nur Seth Bede nähmeſt, der freilich ein armer conſuſer Metho⸗ diſt iſt und wahrſcheinlich nie einen Pfennig erübri⸗ gen wird, ſo bin ich doch überzeugt Dein Onkel würde Dir mit einem Schwein, ja ſogar mit einer Kuh aushelfen, denn er war immer ſehr freundlich gegen meine Verwandten, obſchon ſie alle arm ſind, und hat ſie ſtets im Hauſe willkommen geheißen; ich bin überzeugt er würde für Dich ſo viel thun wie nur für Hetty, obſchon ſie ſeine leibliche Nichte iſt. Und Leinwand hätte ich genug im Hauſe für Dich übrig, denn ich habe ganze Stücke Bett⸗ und Tiſchzeug und Handtücher die nur noch nicht fertig gemacht ſind. Ich könnte Dir ein Stück Bettzeug geben das dieſe ſchieläugige Kitty geſponnen hat; ſie war troz ihres Schielens eine prächtige Spinnerin, aber die Kinder — — 12⁵ konnten ſie nicht ausſtehen. Du weißt, das Spinnen im Hauſe geht beſtändig fort und die neue Leinwand wird zweimal ſo raſch gewoben als die alte ſich ab⸗ nüzt. Aber was hilft mich all mein Reden wenn Du Dich nicht überzeugen läſſeſt und es machſt wie andere vernünftige Mädchen? Statt deſſen quälſt Du Dich mit Herumlaufen und Predigen ab und ſchenkſt jeden Pfennig her den Du bekommſt, ſo daß Du ſelbſt Nichts haſt wenn Du einmal krank wirſt; ich glaube wahrhaftig Deine ganze Habe ginge in ein Bündel hinein das nicht größer wäre als ein doppelter Käſe. Und das Alles weil Du Dir über Religion weit mehr Dinge in den Kopf geſezt haſt als im Catechismus und im Gebetbuch ſtehen.“ „Aber nicht mehr als in der Bibel ſteht, Tante,“ ſagte Dina. „Was thuts wenn es auch in der Bibel ſteht?“ verſezte Frau Poyſer etwas ſcharf.„Warum han⸗ deln denn diejenigen welche die Bibel am Beſten kennen, die Pfarrer und ſolche Leute die Nichts zu thun haben als darin zu leſen, nicht eben ſo wie Du? Sieh, wenn Jedermann es ſo machen wollte wie Du, ſo müßte die Welt bald zu einem Still⸗ ſtand kommen, denn wenn Jeder es ohne Haus und Heimath verſuchen, ſchlecht eſſen und trinken und immer davon ſprechen wollte daß wir die Dinge dieſer Welt verachten müſſen wie Du ſagſt, ſo möchte ich doch wiſſen was aus unſerem Viehſtand, aus un⸗ ſerem Korn und aus dieſen ſchönen neuen Milchkäſen werden ſollte. Kein Menſch würde da Brod backen, Jeder würde dem Andern nachlaufen und vorpredigen wollen, ſtatt ſeine Familie zu ernähren und für ein 126 ſchlechtes Jahr etwas zu erſparen. So viel muß doch der dummſte Menſch einſehen daß dieß nicht die rechte Religion iſt.“ „Ei liebe Tante, Ihr habt mich nie ſagen hören daß Alle berufen ſeien ihre Arbeiten und ihre Fa⸗ milien zu verlaſſen. Es iſt ganz recht daß das Land gepflügt und eingeſäet, daß das köſtliche Korn geſam⸗ melt wird und daß man für die Dinge dieſes Lebens ſorgt. Es iſt auch recht daß die Leute ſich an ihren Familien erfreuen und für ſie ſorgen, wenn es in der Furcht des Herrn geſchieht und man nur über der Sorge um den Leib die Bedürfniſſe der Seele nicht vergißt. Wir können alle Gottes Diener ſein wie auch unſer Loos fällt, aber er gibt uns verſchie⸗ dene Arbeiten, je nachdem er uns dazu fähig macht und beruft. Ich kann es eben ſo wenig unterlaſſen mein Leben damit zuzubringen daß ich für die See⸗ len Anderer zu thun verſuche was ich kann, als Ihr es unterlaſſen könntet ſogleich fortzurennen wenn Ihr die kleine Totty am andern Ende des Hauſes ſchreien — hörtet; die Stimme würde Euch ins Herz dringen, Ihr würdet denken das liebe Kind ſei in Noth oder Gefahr, und Ihr würdet keine Ruhe finden, ſondern müßtet forteilen um zu helfen und zu tröſten.“ „Ach,“ ſagte Frau Poyſer, indem ſie aufſtand und auf die Thüre zuging,„ich weiß wohl, es iſt immer daſſelbe wenn ich auch Stundenlang an Dich hin ſpreche. Am Ende bekomme ich immer wieder die gleiche Antwort. Ich könnte eben ſo gut zu dem fließenden Bach ſchwazen und ihn auffordern ſtille zu ſtehen.“ Der Weg draußen vor der Küchenthüre war 127 trocken genug geworden, daß Frau Poyſer ganz be⸗ haglich daſtehen und zuſehen konnte was im Hof vorging, während der graue Strumpf in ihren Hän⸗ den bedeutende Fortſchritte machte. Aber ſie hatte noch nicht länger als fünf Minuten dageſtanden, als ſie auf einmal wieder hereinkam und in haſtigem, ſogar erſchrockenem Tone zu Dina ſagte: „Wahrhaftig, da kommen Capitän Donnithorne und Herr Irwine in den Hof geritten; ich will dar⸗ auf ſchwören daß ſie wegen Deiner Predigt auf der Gemeindewieſe ſprechen wollen, Dina; Du mußt ihnen antworten, ich bleibe ganz ſtumm. Ich habe ſchon genug darüber geſagt daß Du ſolche Schande über die Familie Deines Onkels bringſt. Ich würde Nichts geſagt haben wenn Du Herrn Poyſers eigene Nichte wäreſt— mit ſeinen Verwandten muß man es halten wie mit ſeiner eigenen Naſe, denn ſie ſind unſer eigen Fleiſch und Blut. Aber wenn ich daran denke daß mein Mann wegen einer Nichte von mir ſeinen Pacht verlieren ſoll, während ich ihm gar kein Vermögen, ſondern nur meine wenige Erſparniß zugebracht habe—“ „Nein, liebe Tante Rahel,“ verſezte Dina ſanft, „Ihr braucht ſolche Dinge nicht zu fürchten. Ich bin feſt überzeugt daß Euch, meinem Onkel und den Kindern um meinetwillen kein Leid angethan wird. Ich habe nicht ohne höhere Weiſung gepredigt.“ „Höhere Weiſung! Ich weiß recht gut was Du unter höherer Weiſung verſtehſt,“ ſagte Frau Poyſer, indem ſie raſch und aufgeregt weiter ſtrickte.„Wenn Du einmal ganz beſonders große Mücken in Deinem Kopf haſt, ſo nennſt Du das höhere Weiſung; dann 128 bekümmerſt Du Dich um Nichts mehr. Du ſiehſt aus wie das ſteinerne Bild vor der Kirche von Treddleſton das immer darein ſchaut und lächelt, ob das Wetter ſchön oder ſchlecht iſt. Aber jezt geht mir demnächſt die Geduld aus.“ Mittlerweile waren die beiden Herrn abgeſtiegen und gedachten offenbar ins Haus zu kommen. Frau Poyſer ging ihnen bis an die Thüre entgegen, machte einen tiefen Knix und zitterte vor Aerger über Dina und vor ſehnlichem Verlangen ſich ganz ſo zu benehmen wie es ſich bei einer ſolchen Gelegen⸗ heit ziemte. Denn in jenen Tagen empfanden auch die kühnſten unter den bukoliſchen Gemüthern eine ſtille Scheu beim Anblick der vornehmen Leute, wie die Menſchen in allen Zeiten auf die Zehen ſtanden um die Gotter zu beobachten, wenn ſie in hoher menſch⸗ licher Geſtalt vorübergingen. „Nun Frau Poyſer, wie gehts nach dieſem ſtür⸗ miſchen Morgen?“ begann Herr Irwine mit ſeiner würdevollen Herzlichkeit.„Unſere Füße ſind ganz trocken; wir werden die ſchöne Hausflur nicht be⸗ ſchmuzen.“. „O Herr Pfarrer, das hätte ja gar Nichts zu ſagen,“ antwortete Frau Poyſer.„Wollen Sie und der Herr Capitän gefälligſt ins Zimmer treten?“ „Nein, Frau Poyſer, ich danke beſtens,“ ſagte der Capitän, indem er ſich begierig in der Küche umſchaute, als ſuche ſein Auge Etwas und könne es nicht finden.„Ich habe meine Freude an Ihrer Küche. Sie gefällt mir ſo gut wie das ſchönſte Zimmer. Ich wollte jede Pächtersfrau käme hieher und nähme ſich ein Muſter daran.“ 129 „O, Sie ſind gar zu gütig, Herr Capitän. Nehmen Sie gefälligſt Plaz!“ ſagte Frau Poyſer, der dieſes Compliment und die augenſcheinliche gute Laune des Capitäns eine Centnerlaſt vom Halſe nahm, obſchon ſie noch immer ängſtlich nach Herrn Irwine blickte, welcher Dina anſchaute und auf ſie zuging. „Poyſer iſt wohl nicht zu Hauſe?“ fragte der Capitän, indem er ſich ſo ſezte daß er den kurzen Gang bis an die offene Milchkammer überſchauen konnte. „Nein, Herr Capitän, er iſt nicht zu Hauſe; er iſt nach Roſſeter gegangen um mit dem Agenten Weſt wegen der Wolle zu ſprechen. Aber der Vater iſt in der Scheune, wenn er Ihnen etwas die⸗ nen kann.“ „Nein, ich danke; ich will nur nach den jungen Hunden ſehen und Ihrem Schäfer darüber etwas bemerken. Ich muß ein andermal kommen und Ihren Mann beſuchen; ich wünſche ihn über Pferde zu befragen. Wiſſen Sie wann er wohl zu treffen iſt?“ „Sie treffen ihn immer, ausgenommen wenn der Markt in Treddleſton iſt, Sie wiſſen, am Freitag. Wenn er ſonſt irgendwo auf dem Gute iſt, ſo können wir ihn in einer Minute holen laſſen. Wären wir nur das Brachfeld los, ſo hätten wir alle unſere Güter recht hübſch beiſammen, und das würde uns freuen, denn ſo oft etwas vorkommt, ſo iſt es gewiß auf dem Brachfeld. Es geht oft ſo conträr, und es iſt etwas Unnatürliches ein Stück Ackerland in der einen Grafſchaft zu haben und alles Andere in einer andern.“ 3 Eliot, Adam Bede. J. 9 „Ich glaube dennoch daß Sie die hübſcheſte Pacht auf dem ganzen Gut haben; und wiſſen Sie was, Frau Poyſer, wenn ich einmal heirathe und mich häuslich niederlaſſe, ſo könnte ich leicht in Ver⸗ ſuchung gerathen Ihnen den Abſchied zu geben, das alte Haus da reſtauriren zu laſſen und ſelbſt Land⸗ wirth zu werden.“ „Aber lieber Herr,“ verſezte Frau Poyſer etwas erſchrocken,„das wird Ihnen gar nicht gefallen. Land⸗ wirthſchaft treiben heißt das Geld mit der rechten Hand in die Taſche ſtecken und mit der Linken wieder herausholen; ſoweit ich davon verſtehe, ar⸗ beitet ein Landwirth nur für andere Leute und er⸗ übrigt hiebei höchſtens einen Mundvoll für ſich ſelbſt und ſeine Kinder. Sie würden es freilich nicht haben wie ein armer Mann der ſich Brod erwerben muß: Sie könnten auf einem ſolchen Gut ſo viel Geld verlieren als Sie nur wollten; aber ich halte es für einen ſchlechten Spaß ſchon ich höre daß die vornehmen Leute in London Geld zu verlieren, ob: ihre größte Freude daran haben. Mein Mann hat ſich auf dem Markt ſagen laſſen Lord Daceys älte⸗ ſter Sohn habe an den Prinzen von Wales Tauſende und Tauſende verloren, und ſeine Gemahlin wolle ihre Juwelen verpfänden um für ihn zu bezahlen. Doch Sie wiſſen ſolche Dinger beſſer als ich, Herr Capitän. Aber um auf die Landwirthſchaft zurück⸗ zukommen, ſo kann ich mir nicht denken daß Sie eine große Freude daran haben würden; überdieß iſt ein ſchrecklicher Zug im Hauſe, und die Fußböden oben ſcheinen mir gänzlich verfault zu ſein, und vor den Ratten im Keller kann man es kaum aushalten.“ 131 „Ei das iſt ja ein ſchreckliches Gemälde, Frau Poyſer. Dann würde ich Ihnen wohl einen Dienſt erweiſen wenn ich Sie aus einem ſolchen Hauſe wegbrächte. Aber es ſieht nicht darnach aus. Ich werde mich wohl in den nächſten zwanzig Jahren noch nicht niederlaſſen, bis ich einmal ein geſtande⸗ ner Vierziger bin, und mein Großvater würde ſich von ſo guten Pächtersleuten wie Sie ſind nie tren⸗ nen können.“ „Nun, Herr Capitän, wenn er auf meinen Mann ſo große Stücke hält, ſo möchte ich Sie bitten ein gutes Wort einzulegen damit wir einen neuen Zaun bekämen; Poyſer ſelbſt hat ſchon ſo oft darum ge⸗ beten bis er es zulezt überdrüſſig geworden iſt; be⸗ denken Sie nur wie viel er für das Gut gethan hat ohne daß es ihm je einen Pfennig eintrug, die Zeiten mochten gut ſein oder ſchlecht. Ich habe daher ſchon oft und viel zu meinem Manne geſagt, wenn der Herr Capitän etwas zu befehlen hätte, ſo würde es beſſer gehen. Ich will gewiß nicht unehr⸗ erbietig von Denjenigen ſprechen welche die Gewalt in Händen haben, aber es iſt manchmal mehr als Fleiſch und Blut ertragen können, wenn man ſich quält und plagt, früh aufſteht und ſpät zu Bette geht und kaum einſchlafen kann, weil man immer daran denken muß ob der Käſe auch gut aufgeht, ob die Kühe glücklich kalben oder ob der Waizen in den Garben wieder auswächst, und am Ende des Jahrs iſt es gerade als hätte man ein gutes Feſt⸗ mahl bereitet und bekäme für ſeine Mühe weiter Nichts als den Geruch.“ Hatte ſich Frau Poyſer einmal warm geſpro⸗ 9 132 chen, ſo machte ſie munter fort, und ihre ſonſtige Scheu vor den vornehmen Leuten verlor ſich ganz und gar. Ihr Vertrauen auf ihr Darſtellungstalent war eine treibende Kraft die allen Widerſtand be⸗ ſiegte. „Ich fürchte daß ich mehr ſchaden als nüzen könnte wenn ich von dem Zaun ſpräche, Frau Poy⸗ ſer,“ ſagte der Capitän,„obſchon ich Sie verſichere daß ich für Niemand auf dem Gute ſo gerne den Fürſprecher mache wie für Ihren Mann. Ich weiß, ſein Gut iſt beſſer in der Ordnung als irgend ein anderes auf zehn Meilen in der Runde; und was die Kühe betrifft,“ fügte er lächelnd hinzu,„ſo glaube ich daß ſie von keinen im ganzen Königreich übertroffen werden. Aber da fällt mir eben ein, ich habe Ihre Milchkammer noch nie geſehen: ich muß Ihre Milchkammer ſehen, Frau Poyſer.“ „Wahrhaftig, Herr Capitän, ſie iſt jezt nicht im Stande daß Sie hineingehen könnten, denn Hetty iſt mitten im Buttern und hat heute ſpäter damit angefangen, ſo daß ich mich ganz ſchämen muß.“ Bei dieſen Worten erröthete Frau Poyſer wirk⸗ lich, denn ſie glaubte der Capitän intereſſire ſich ernſt⸗ lich um ihre Milchtöpfe, und ſeine Meinung von ihr ſelbſt könnte ſich nach dem Beſtand ihrer Milchkam⸗ mer richten. „O ich zweifle nicht daß Alles ſich in beſter Ordnung befindet. Führen Sie mich nur hin,“ ſagte der Capitän, indem er ſich auf den Weg machte. —,— 133 Siebentes Capitel. Die Milchkammer. Die Milchkammer war allerdings wohl werth in Augenſchein genommen zu werden: es war ein An⸗ blick nach welchem man in heißen und ſtaubigen Straßen lechzen mochte, ſo kühl, ſo ſauber war Alles, ſo friſch dufteten die ungepreßten Käſe, die feſte Butter, die hölzernen Gefäße die beſtändig im reinen Waſſer gebadet wurden; ſo lieblich ſpielten die Far⸗ ben der rothen irdenen Teller und Rahmtöpfe von braunem Holz und blankem Zinn, von dem grauen Sandſtein und dem orangenrothen Roſt an den eiſer⸗ nen Gewichten, Haken und Thürangeln. Aber von all dieſen Einzelnheiten bekommt man nur einen verworrenen Begriff, wenn ſie ein verzweifelt hüb⸗ ſches ſiebenzehnjähriges Mädchen umgeben, das in kleinen Holzſchuhen mitten dazwiſchen ſteht und einen runden mit Grübchen verſehenen Arm biegt um ein Pfund Butter aus der Wagſchale zu nehmen. Hetty wurde von einer Roſenröthe übergoſſen als Capitän Donnithorne hereintrat und ſie anredete; aber es war nicht die Röthe purer Verlegenheit, denn es kamen dabei lächelnde Mienen und Grüb⸗ chen zum Vorſchein, und unter den langen dunkeln Augenwimpern blizten Funken hervor. Während die Tante von dem beſchränkten Milchvorrath ſprach der ihr für Butter und Käſe übrig bleibe ſo lange die Kälber noch nicht entwöhnt ſeien, und von der großen Quantität, aber geringen Qualität der Milch 134 welche die nur zur Probe gekauften Kurzhörner liefern, ſo wie von vielen andern Gegenſtänden die für einen jungen künftigen Gutsbeſizer ungemein intereſſant ſein mußten, ballte und klopfte Hetty ihr Pfund Butter mit ſo viel Selbſtgefühl und Coketterie, als wäre es ihr recht wohl bewußt daß keine Be⸗ wegung ihres Köpfchens verloren gehe.. Es gibt verſchiedene Arten von Schönheit welche die Männer in verſchiedene Grade von Narrheit verſezen, vom Verzweifeln bis zum Verſimpeln; aber eine gewiſſe Art von Schönheit ſcheint geſchaffen nicht blos den Männern, ſondern allen mit Verſtand begabten Säugethieren, ſogar den Frauen, die Köpfe zu verdrehen. Es iſt eine Schönheit wie bei den Käzchen oder bei ganz kleinen zartflaumigen Enten die unter leiſem Geſchnatter mit ihren Schnäbelchen kleine Wellen ſchlagen, oder von Kindern die eben herumzuwatſcheln und bewußte Bosheiten zu begehen anfangen— eine Schönheit welcher man nie böſe werden kann, der gegenüber aber man ſich geradezu unfähig fühlt den Geiſteszuſtand zu begreifen worein ſie uns verſezt. Hetty Sorrel war eine ſolche Schön⸗ heit. Ihre Tante, Frau Poyſer, gab ſich zwar die! Miene als verachte ſie alle perſönlichen Reize und wolle den ſtrengſten Mentor ſpielen, aber deſſenun⸗ geachtet ſah ſie das liebliche Mädchen immer ver⸗ ſtohlen an und fühlte ſich wider ihren Willen be⸗ zaubert. Manche Strafpredigt quoll mit natürlichem Fluß aus ihrer Sorge um das Beſte für die Nichte ihres Mannes— das arme Ding hatte ja keine eigene Mutter um ſie auszuſchelten— aber unter vierſäfugen geſtand ſie ihm oft genug, je niͤchis 135 naziger die kleine Hexe ſei, um ſo hübſcher komme ſie ihr vor. Es würde mich Nichts helfen wenn ich euch aus⸗ einanderſezen wollte daß Hetty Wangen hatte wie Roſenblätter, daß Grübchen um ihre vollen Lippen ſpielten, daß ihre großen ſchwarzen Augen unter den langen Wimpern eine liebliche Schalkhaftigkeit bargen, und daß ihr lockiges Haar, obſchon während der Arbeit unter ihre runde Haube zurückgeſchoben, ſich in dunkeln zarten Ringeln wieder auf die Stirne und um ihre weißen muſchelartigen Ohren herum⸗ ſtahl; es würde mich Nichts helfen wenn ich ſagen wollte, wie allerliebſt ihr das roſarothe und weiße Halstuch ließ deſſen Zipfel ſie in ihre niedrige pflaumfarbige gewirkte Schnürbruſt ſteckte; oder wie die leinene Butterſchürze mit ihrem Läzchen in ſo allerliebſten Linien ſiel daß Herzoginnen ſie in Seide tragen dürften, oder wie ihre braunen Strümpfe und dickſohligen Schnallenſchuhe all die Plumpheit verloren welche ſie ohne ihren Fuß und Knöchel gewiß haben mußten; Alles das würde Nichts helfen wenn ihr nicht ſelbſt ein Mädchen geſehen habt das auf euch denſelben Eindruck machte wie Hetty auf Jeden der ſie ſah; denn ſonſt könntet ihr euch zwar das Bild eines lieblichen Mädchens vor die Augen beſchwören, aber es würde doch nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dieſem ſinnverwirrenden käzchenarti⸗ gen Mädchen haben. Ich könnte all die göttlichen Reize eines herrlichen Frühlingstages anführen, und wenn ihr euch nie in eurem Leben gänzlich in Be⸗ trachtung einer aufſteigenden Lerche vergeſſen oder in ſtillen Hainen verloren hättet, während die friſchgeöff⸗ 136 neten Blumen ſie mit heiliger ſchweigſamer Schönheit erfüllen wie in hehren Chorgängen, was würde euch dann all mein Beſchreiben und Aufzählen helfen? Ich könnte euch niemals klar machen was ich unter einem herrlichen Frühlingsmorgen verſtand. Hetty's Schön⸗ heit hatte etwas Frühlingsartiges, es war die Schön⸗ heit munterer rundgliederiger junger Thierchen die um euch her hüpfen, Luftſprünge machen und euch durch einen falſchen Schein von Unſchuld beſtechen, einer Unſchuld wie z. B. von einem jungen Kälbchen mit einem Stern auf der Stirne, das, wenn es einmal zu einer längern Promenade aufgelegt iſt, euch ein ſcharfes Kirchthurmrennen über Hecken und Gräben anſtellen läßt und erſt mitten in einem Moraſt ſtehen bleibt. Und dann ſind es die allerzierlichſten Stellungen und Bewegungen wozu ein hübſches Mädchen beim Buttermachen veranlaßt wird— ſtoßende und ſchüt⸗ telnde Bewegungen welche dem Arm eine allerliebſte Biegung geben und wobei der runde weiße Hals ſich ſeitwärts neigt; klopfende und rollende Bewegun⸗ gen mit der flachen Hand, und vollends die verſchie⸗ denen Feinheiten im Kneten und Formen die ſich ohne eine ſtarke Betheiligung der ſchwellenden Lippen und der dunkeln Augen gar nicht ausführen laſſen. Ueberdieß ſcheint die Butter ſelbſt ihr einen neuen Zauber zu verleihen; ſie iſt ſo rein, ſie duftet ſo ſüß, ſie kommt ſo ſchön und feſt aus der Form, ſo daß ſie wie Marmor in einer blaßgelben Beleuchtung ausſieht. Dazu kommt noch daß Hetty im Butter⸗ machen ganz beſonders geſchickt war; dieß war ihr einziges Geſchäft das die Tante ohne ſtrenge Critik 88=—O— ——————— ᷣ 137 paſſiren ließ, und ſie behandelte es mit der ganzen Grazie der Meiſterſchaft. „Hoffentlich halten Sie ſich auf den 13. Juli zu einem großen Feſt bereit, Frau Poyſer,“ ſagte Capi⸗ tän Donnithorne, nachdem er die Milchkammer ge⸗ nügend bewundert und mehrere Anſichten über ſchwe⸗ diſche Rüben und Kurzhörner aus dem Stegreif preisgegeben hatte.„Sie wiſſen doch was da ge⸗ ſchieht, und ich erwarte daß Sie zu denjenigen Gä⸗ ſten gehören die am früheſten kommen und am ſpä⸗ teſten gehen. Wollen Sie mir zwei Tänze zuſagen, Jungfer Hetty? Wenn ich Ihr Verſprechen nicht ſchon jezt bekomme, ſo wird es mir wohl übel er⸗ gehen, denn alle die hübſchen jungen Pächter werden ſich Ihrer Hand verſichern wollen.“ Hetty lächelte und erröthete; aber ehe ſie ant⸗ worten konnte, miſchte ſich Frau Poyſer hinein, ganz empört über die Idee daß der junge Edelmann von geringeren Tänzern verdrängt werden könnte. „In der That, Herr Capitän, Sie ſind gar zu gütig daß Sie ihr ſo viele Aufmerkſamkeit ſchenken. Sie wird gewiß jedesmal ſo oft Sie mit ihr zu tan⸗ zen belieben ſtolz und dankbar ſein, wenn ſie auch den ganzen übrigen Abend ſizen bleiben müßte.“ „O nein, nein, das wäre gar zu gkauſam gegen all die andern jungen Burſche die tanzen können. Aber Sie verſprechen mir doch zwei Tänze, nicht wahr?“ fuhr der Capitän fort, der ſeinen Kopf dar⸗ auf geſezt hatte daß Hetty ihn anſehen und mit ihm ſprechen müſſe. Hetty machte den zierlichſten kleinen Knix und ant⸗ wortete mit einem halb ſcheuen, halb coketten Blick: 138 „Ja, Herr Capitän, recht gerne.“ „Und Sie müſſen alle Ihre Kinder mitbringen, Frau Poyſer, die kleine Totty ſowohl als die Jun⸗ gen. Ich will daß die jüngſten Kinder auf dem Gut dazu kommen, die nachher hübſche Männer und Wei⸗, ber ſind wenn ich einmal ein kahlköpfiger alter Kerl bin.“ „O lieber Herr Capitän, das hat noch gute Zeit,“ ſagte Frau Poyſer, ganz überwältigt durch die Selbſt⸗ verhöhnung des jungen Herrn, und dachte bereits daran mit welchem Intereſſe ihr Mann zuhören werde wenn ſie ihm dieſe denkwürdige Probe hochgebornen Humors erzähle. Der Capitän galt für einen gro⸗ ßen Spaßmacher und war auf dem ganzen Gut we⸗ gen ſeiner freien Manieren beliebt. Alle Pächter waren feſt überzeugt daß es viel beſſer gehen würde wenn er einmal die Zügel in die Hand bekäme—. dann würde es Vergünſtigungen aller Art, neue Zäune, freie Bauſteine und zehn Procent Nachlaß. am Pachtzins geben. „Aber wo ſteckt denn Totty heute?“ fragte der Capitän;„ich möchte ſie doch ſehen.“ „Wo iſt die Kleine, Hetty?“ fragte Frau Poyſer; „ſie kam noch nicht lange zu Dir herüber.“. „Ich weiß nicht. Sie ging, glaube ich, in die Brauerei zu Nancy.“ Die ſtolze Mutter, die der Verſuchung nicht zu widerſtehen vermochte ihre Totty zu zeigen, begab ſi ſogleich in die hintere Küche um ſie zu ſuchen, nicht jedoch ohne bange Ahnungen daß Etwas geſchehen ſein möchte was ihre Perſon und ihre Kleidung zu einer Vorſtellung unfähig machen könnte. — 1 139 „Und bringen Sie die Butter ſelbſt zu Markte wenn Sie damit fertig ſind?“ ſagte der Capitän in⸗ zwiſchen zu Hetty. „O nein, Herr Capitän; wenn es recht viel iſt, ſo bin ich nicht ſtark genug dazu. Alick ſchafft ſie dann zu Pferde fort.“ „Ich bin überzeugt daß Ihre hübſchen Arme nicht zu ſo ſchweren Laſten geſchaffen ſind. Aber machen Sie nicht manchmal einen Spaziergang an dieſen hübſchen Abenden? Warum kommen Sie nicht zu⸗ weilen in den Park, wo es jezt ſo hübſch grün iſt? Ich bekomme Sie ja faſt nie zu ſehen, außer daheim und in der Kirche.“ „Die Tante läßt mich nicht gerne ausgehen, außer wenn ich eine Commiſſion habe,“ ſagte Hetty.„Aber durch den Park komme ich zuweilen.“ „Und beſuchen Sie niemals Frau Beſt, die Haus⸗ hälterin? Wenn ich mich recht erinnere, ſo habe ich Sie bei ihr einmal geſehen.“ „Nein, zu Frau Beſt komme ich nicht, wohl aber zu Frau Pomfret, der Kammerfrau. Sie unterrichtet mich im Weißnähen und Sticken. Morgen Mittag komme ich zum Thee zu ihr.“ Wie zu dieſem Tôte-a-tête Zeit blieb, erfährt ſch einen Blick in das Hinterzimmer, wo en zufällig daliegenden Beutel mit Bläue kaſe abgerieben und bei dieſer Gelegenheit h einige dicke Indigotropfen auf ihr Kleidchen hatte fallen laſſen. Aber jezt erſchien ſie an der Hand der Mutter mit ihrem runden Näschen, das noch ganz glänzte von einer haſtigen Bearbeitung mit Seife und Waſſer. 140 „Ei da iſt ſie ja,“ ſagte der Capitän, indem er ſie aufhob und auf die niedere Steinbank ſezte;„da iſt ſie ja, meine Totty! Aber wie heißt ſie denn ſonſt noch? Sie wurde doch nicht Totty getauft?“ „Ach Herr Capitän, das iſt freilich nicht ihr rech⸗ ter Name, ſie heißt eigentlich Charlotte; das iſt ein Name in der Familie meines Mannes: ſeine Groß⸗ mutter hieß Charlotte, aber wir nannten ſie Anfangs Lotty, und nun iſt Totty daraus geworden. Dieß iſt allerdings ein Name mehr für einen Hund als für ein chriſtliches Kind.“ „Totty iſt ein ganz prächtiger Name. Aber ſag einmal, Kleine, haſt Du denn auch eine Taſche?“ ſagte der Capitän, indem er ſeine eigene Weſtentaſche befühlte. Totty hob ſogleich mit großem Ernſt ihr Röckchen in die Höhe und zeigte ein kleines roſenfarbiges Täſchchen das für den Augenblick ganz zuſammen⸗ gefallen war. „Es iſt Nichts darin,“ ſagte ſie mit einem ſehr ernſthaften Blick auf daſſelbe. „Ach wie Schade! Eine ſo hübſche Taſche! Nun vielleicht habe ich in der meinigen ein Paar Dinge die recht hübſch klingen ſollen. Ja! da finde ich wahrhaftig fünf kleine runde ſilberne Dinge; hör nur melch hübſchen Klang ſie in Tottys rothem Täſchchen geben.“ Hier ſchüttelte er die Taſche mit den fünf Sechs⸗ pfennigen darin, und Totty zeigte mit großem Ver⸗ gnügen ihre Zähne; da ſie aber einſehen mochte daß ſie bei längerem Bleiben Nichts mehr gewann, ſo ſprang ſie von der Bank herab und lief weg um 141 ihre Taſche bei Nancy klingeln zu laſſen. Die Mutter aber rief ihr nach:„Ei ſo ſchäme Dich doch, Du garſtiges Mädchen, dem Herrn Capitän gar nicht zu danken für das was er Dir gegeben hat. Sie ſind ſehr freundlich, Herr Capitän, aber das Kind iſt ſchändlich verdorben, ihr Vater kann ihr gar Nichts abſchlagen, und ſo kann man kaum mit ihr fertig werden. Aber ſie iſt ja auch das jüngſte Kind und das einzige Mädchen.“ „D es iſt ein ganz drolliges dickes Geſchöpſchen; ich möchte ſie gar nicht anders wünſchen. Aber ich muß jezt gehen, denn vermuthlich wartet der Pfarrer auf mich.“ Mit einem guten Abend, einem ſtrahlenden Blick und einer Verbeugung gegen Hetty verließ Arthur die Milchkammer. Aber er täuſchte ſich wenn er ſich einbildete daß man auf ihn warte. Der Pfarrer hatte ſich von ſeinem Geſpräch mit Dina dermaßen angezogen gefunden daß er es nicht früher hätte abbrechen mögen. Man vernehme jezt was ſie zu einander geſagt hatten. Achtes Capitel. Ein innerer Ruf. Dina, die ſich beim Eintritt der beiden Herrn erhoben, aber das Leinen woran ſie nähte in der Hand behalten hatte, verneigte ſich ehrerbietig, als ſie ſah daß Herr Irwine ſie anſchaute und auf ſie zukam. Er hatte noch nie mit ihr geſprochen, ihr 142 noch nie gegenüber geſtanden, und ihr erſter Gedanke als ihr Auge dem ſeinigen begegnete war:„Welch ein einnehmendes Geſicht! O daß der gute Same auf dieſen Boden fiele! Da würde er ſicherlich auf⸗ gehen.“ Der angenehme Eindruck muß gegenſeitig geweſen ſein, denn Herr Irwine verbeugte ſich gegen ſie mit einer freundlichen Höflichkeit die eben ſo am 1 Plaz geweſen wäre wenn er die vornehmſte Dame* ſeiner Bekanntſchaft vor ſich gehabt hätte. „Sie ſind, ſo viel ich weiß, blos auf Beſuch in dieſer Gegend?“ waren ſeine erſten Worte als er ihr gegenüber Plaz nahm. „Nein, Herr Pfarrer, ich komme von Snowfield, in Stonyſhire. Ich war krank, und damit ich mich erholen könnte, war meine Tante ſo gütig mich auf einige Zeit zu ſich einzuladen.“ „O ich kenne Snowfield recht gut; ich hatte ein⸗ mal ein Geſchäft dort. Es iſt ein öder trübſeliger Ort. Man baute damals eine Baumwollenſpinnerei; es ſind ſchon viele Jahre her; vermuthlich hat ſich der Ort jezt ſehr verändert, dieſe Fabrik muß Be⸗ ſchäftigung gebracht haben.“ „Der Ort hat ſich in ſofern verändert als die Fabrik Leute herbeizog die von ihrer Arbeit darin leben und mehr Verkehr hineingebracht haben. Ich arbeite ſelbſt in der Fabrik und ich kann recht wohl zufrieden ſein, denn ich habe genug und kann noch Etwas erſparen. Aber es iſt immerhin ein trüb⸗ ſeliger Ort, wie Sie ſagen, Herr Pfarrer— hier iſt es ganz anders.“ „Sie haben vermuthlich Verwandte dort und be⸗ trachten den Ort als Ihre eigentliche Heimath?? 143 „Ich hatte früher eine Tante dort die mich auf⸗ zog, denn ich war eine Waiſe. Aber ſie wurde vor ſieben Jahren von mir genommen, und jezt habe ich meines Wiſſens keine andern Verwandten mehr als Tante Poyſer, die ſehr gut gegen mich iſt und mich gerne hier behalten möchte, weil dieß ein gutes Land iſt wo ſich Jedermann ohne Noth fortbringen kann. Aber es ſteht mir nicht frei Snowfield zu verlaſſen, denn in dieſem Boden wurde ich zuerſt gepflanzt und bin tief eingewachſen, wie das kleine Gras auf dem Hügel.“ „Vermuthlich haben Sie viele religiöſe Freunde und Genoſſen dort; Sie ſind wohl Methodiſtin, Wes⸗ leyanerin?“ „Ja, meine liebe Tante in Snowfield gehörte zu der Geſellſchaft, und ich habe Urſache für die Vortheile dankbar zu ſein die ich von meiner frühe⸗ ſten Kindheit an dadurch hatte.“ „Und predigen Sie ſchon lange? So viel ich höre, haben Sie geſtern Abend in Hayſlope ge⸗ predigt.“ „Ich habe es vor vier Jahren zum erſten Mal verſucht, als ich einundzwanzig Jahre alt war.“ „Ihre Geſellſchaft billigt es alſo daß Frauen predigen?“ „Sie verbietet es ihnen nicht, Herr Pfarrer, wenn ſie einen offenkundigen Beruf zu dieſer Arbeit haben und denſelben durch die Bekehrung von Sün⸗ dern und die Beſtärkung rechtſchaffener Leute im Glauben bewähren. Wie Sie wohl gehört haben, war Frau Fletcher die Erſte die in der Geſell⸗ ſchaft predigte, und zwar ſchon vor ihrer Verhei⸗ 144 rathung, als ſie noch Fräulein Boſanquet war, und Herr Wesley billigte ihr Unternehmen. Sie beſaß eine große Gabe, und jezt ſind noch viele andere Frauen da die mit großem Segen am Werke des Herrn mitarbeiten. So viel ich höre, haben ſich neuerdings in der Geſellſchaft Stimmen dagegen er⸗ hoben, aber ich kann mir nicht anders denken als daß ihr Rath zunichte werden wird. Es iſt den Menſchen nicht gegeben dem Geiſt Gottes Canäle zu graben wie den Flüſſen und Bächen, und zu ſa⸗ gen: Fließet hier, aber nicht dort.“ „Aber finden Sie dabei keine Gefahr unter Ihren Leuten— ich will nicht ſagen für ſich ſelbſt, das ſei ferne von mir— aber finden Sie nicht zu⸗ weilen daß ſowohl Männer als Weiber ſich einbilden Canäle für den Geiſt Gottes zu ſein, und daß ſie ſich darin gänzlich täuſchen, ſo daß ſie ein Werk unternehmen wozu ſie gar nicht taugen und die hei⸗ ligen Dinge in Verachtung bringen?“ „Allerdings iſt es manchmal ſo, denn es hat Uebelthäter unter uns gegeben welche die Brüder zu täuſchen ſuchten, und es gibt auch ſolche die ſich ſelbſt täuſchen. Aber wir ſind nicht ohne Zucht und Zurechtweiſung um ſolchen Dingen Einhalt zu thun. Es wird ſehr ſtrenge Ordnung unter uns gehalten, und die Brüder und Schweſtern wachen gegenſeitig über ihr Seelenheil, als ſolche die Rechenſchaft davon geben müſſen. Da geht nicht Jeder ſeinen eigenen Weg und ſagt: Soll ich meines Bruders Hüter ſein?“ „Aber erzählen Sie mir doch, wenn ich fragen darf, denn es intereſſirt mich wirklich ſehr, wie kamen Sie zum erſten Mal auf den Gedanken zu predigen?“ —,— „Wahrhaftig, Herr Pfarrer, ich dachte gar nicht daran. Von meinem ſechszehnten Jahre an ſprach ich oft zu den kleinen Kindern und unterrichtete ſie; zuweilen war mir auch das Herz ſo voll daß ich vor der ganzen Schule ſprach, und ſehr oft betete ich auch mit den Kranken. Aber ich hatte noch keinen Beruf zum Predigen verſpürt, denn wenn es mich nicht gewaltig antreibt, ſo bleibe ich am lieb⸗ ſten ſtille ſizen und bin ganz für mich allein. Ich glaube ich könnte den ganzen Tag lang daſizen, wenn der Gedanke an Gott meine Seele überfluthet wie die Kieſelſteine über welche der Weidenbach hin⸗ fließt; denn Gedanken ſind ſo groß— nicht wahr, Herr Pfarrer? Sie ſcheinen auf uns zu liegen wie eine tiefe Fluth, und dann fühle ich mich ſo in An⸗ ſpruch genommen daß ich vergeſſe wo ich bin und was um mich her iſt, und daß ich mich in Gedanken verliere über die ich keine Rechenſchaft abzulegen vermöchte, denn ich könnte weder den Anfang noch das Ende davon in Worten ausdrücken. So war es mir ſo lange ich mich erinnern kann; aber zu⸗ weilen ſchien es mir als käme mir die Sprache ganz ohne meinen eigenen Willen, und als würden mir Worte gegeben, die herauskämen wie die Thrä⸗ nen kommen, weil unſere Herzen voll ſind und wir nicht anders können. Und das waren immer Zeiten großen Segens, obſchon ich nie gedacht hatte daß es mir vor einer Verſammlung auch ſo ergehen würde; aber, Herr Pfarrer, wir werden wie kleine Kinder auf einen Weg geleitet den wir nicht kennen. Ich wurde plözlich zum Predigen berufen und ſeitdem war Eliot, Adam Bede. 1.. 10 146 ich nie mehr im Zweifel über die Arbeit die mir auf⸗ erlegt worden.“ „Aber erzählen Sie mir die nähern Umſtände; ſagen Sie mir genau wie es zuging als Sie zum Erſtenmal predigten.“ „Es war Sonntag und ich ging mit dem alten Bruder Marlow, einem der Localprediger, den gan⸗ zen Weg nach Hetton⸗Deeps; das iſt ein Dorf wo die Bleigrubenarbeiter ſich ernähren; es iſt weder eine Kirche noch ein Prediger da, ſondern ſie leben wie eine hirtenloſe Schafheerde. Es iſt etwa eine Stunde von Snowfield und wir machten uns früh am Morgen auf den Weg, denn es war Sommer; ich hatte ein wunderbares Gefühl von der göttlichen Liebe, als wir über die Hügel hingingen, wo, wie Sie wiſſen, keine Bäume ſind wie hier, ſo daß der Himmel kleiner ausſieht; ſondern er iſt dort ausge⸗ breitet wie ein Zelt und man fühlt ſich von den ewigen Armen umfangen. Aber bevor wir nach Hetton kamen, wurde Bruder Marlow von einem Schwindel ergriffen, ſo daß er beinahe umfiel, denn er hatte ſich für ſeine Jahre bös überarbeitet mit n — Wachen und Beten und mit dem vielen Umherwan⸗ dern um das Wort zu predigen, und nebenher hatte er noch ſein Handwerk als Leinweber getrieben. Als wir nun ans Dorf kamen, ſo erwarteten ihn die Leute bereits, denn er hatte das leztemal Zeit und Ort zum Voraus beſtimmt, und diejenigen ſo nach dem Wort des Lebens verlangten waren an einem Ort verſammelt wo die Hütten am dichteſten ſtehen, ſo daß Andere leicht herbeigezogen werden konnten. Aber es war ihm als könnte er das Predigen nicht N — —————,.—,— — — ————₰— aushalten, und ſo mußte er in der erſten Hütte an die wir kamen ſich niederlegen. Ich ging alſo um es den Leuten zu ſagen, und ich dachte wir würden in eines der Häuſer hineingehen; da würde ich ihnen vorleſen und mit ihnen beten. Aber als ich an den Hütten vorüberwandelte und die alten zitternden „Weiber vor den Thüren und die harten Blicke der Maänner ſah, die ſich wahrlich um den Sabbathmor⸗ gen ſo wenig bekümmerten als dumme Ochſen die niemals zum Himmel aufgeſchaut, da fühlte ich eine ggroße Bewegung in meiner Seele, und ich zitterte 1 als würde ich von einem ſtarken Geiſt geſchüttelt der in meinen ſchwachen Körper einführe. Und ich ging hin wo das kleine Häuflein verſammelt ſtand; ich trat auf die niedrige Mauer am grünen Hügel und ſprach die Worte die mir reichlich gegeben wurden. Und die Leute kamen aus allen Hütten rings um⸗ her, und viele weinten über ihre Sünden und ſind ſeitdem für den Herrn gewonnen worden. Das war der Anfang meines Predigtamtes, Herr Pfarrer, und ſeitdem habe ich immer gepredigt.“ Dina hatte während dieſer Erzählung ihre Arbeit fallen laſſen; ſie ſprach in ihrer gewöhnlichen ein⸗ achen Weiſe, aber mit der aufrichtigen, feſten und zum Herzen dringenden hellen Stimme womit ſie ihre Zuhörerſchaft ſtets beherrſchte. Sie bückte ſich jezt, ¹ hob ihre Arbeit auf und nähte dann weiter wie vor⸗ her. Herr Irwine fühlte ſich im höchſten Grad an⸗ geſprochen. Er ſagte zu ſich ſelbſt: das müßte ein elender Geſelle ſein der hier den Pädagogen ſpielen wollte: eben ſo gut könnte Einer die Bäume darum ſchelten daß ſie nach ihrer eigenen Art wachſen. G 5 10 148 „Und bringt das Bewußtſein Ihrer Jugend, der Gedanke daß Sie ein hübſches Mädchen und daß alle dieſe Männerblicke auf Sie gerichtet ſind, Sie niemals in Verlegenheit?“ „Nein, ich habe keinen Raum für ſolche Gefühle und ich glaube daß die Leute davon keine Notiz neh⸗ men. Ich denke, Herr Pfarrer, wenn Gott ſeine Gegenwart durch uns fühlbar macht, ſo ſind wir wie der feurige Buſch. Moſes achtete nicht darauf was für ein Buſch es war, er ſah nur den Glanz des Herrn. Ich habe ſo rohen und unwiſſenden Leuten gepredigt wie man ſie nur in den Dörfern um Snow⸗ field her finden kann— die Männer ſehen ſehr hart und wild aus; aber ſie haben mir nie ein unhöf⸗ liches Wort geſagt, ſondern mir oft freundlich ge⸗ dankt, wenn ſie mir Plaz machten um zwiſchen ihnen durchgehen zu können.“ „Das will ich gerne glauben,“ verſezte Herr Ir⸗ wine mit Nachdruck,„und wie gefielen Ihnen Ihre Zuhörer geſtern Abend? fanden Sie dieſelben ruhig und aufmerkſam?“ „Ganz ruhig, Herr Pfarrer, aber ich bemerkte keine Zeichen von großer Wirkung, außer bei einem. jungen Mädchen, Namens Beſſy Cranage, nach wel⸗ chem mein Herz ſehnlich verlangte, als meine Augen zum erſtenmal auf ihre blühende Jugend fielen welche der Thorheit und Eitelkeit dahingegeben iſt. ſprach ſie nachher noch allein und betete mit ih, und ich glaube ihr Herz iſt gerührt. Aber das hake ich bemerkt daß in den Dörfern, wo man Ackerbau und Viehzucht treibt und die Leute ein ruhiges Leben unter den grünen Weiden und an den ſtillen Baa 1 6 ie le ⸗ ie 8 8 149 * fühhren, eine ſchreckliche Gleichgiltigkeit gegen das er Wort vorherrſcht; ganz anders als in den großen ie Städten wie Leeds, wo ich einmal eine fromme Frau beſuchte die dort predigt. Es iſt merkwürdig wie reich die Seelenernte iſt in dieſen Straßen mit hohen Mauern, wo man in ein Gefängniß zu gehen glaubt und das Ohr betäubt wird von dem Geräuſche welt⸗ licher Mühen. Vermuthlich kommt dieß daher weil die Verheißung ſüßer klingt wenn das Leben ſo düſter und trübſelig iſt, und die Seele wird hungriger wenn es dem Leibe ſchlecht geht.“ „Allerdings ſind unſere Bauern nicht leicht auf⸗ zurütteln; ſie leben beinahe ſo träge dahin wie die Schafe und Kühe. Aber wir haben einige verſtän⸗ dige Arbeiter in der Gegend. Sie kennen gewiß die Gebrüder Bede; Seth Bede iſt ja auch Methodiſt.“ „Ja, ich kenne Seth gut und ſeinen Bruder Adam ein wenig. Seth iſt ein angenehmer junger. Mann, aufrichtig und ohne alles Falſch; und Adam gleicht dem Patriarchen Joſeph wegen ſeiner großen Geſchicklichkeit und ſeiner Kenntniſſe; auch iſt er ſo ungemein freundlich gegen ſeinen Bruder und ſeine Eltern.“ „Vielleicht wiſſen Sie noch Nichts von der Trüb⸗ ſal worein die Leute verſezt worden ſind? Ihr Va⸗ ter, Mathias Bede, iſt heute Nacht nicht weit von ſeinem eigenen Hauſe im Weidenbach ertrunken; ich will gerade hingehen und Adam beſuchen.“ „Ach die arme, alte Mutter!“ ſagte Dina, indem ſie ihre Hände ſinken ließ und mitleidig vor ſich hin ſchaute, als ob ſie den Gegenſtand ihres Mitgefühls vor ſich ſähe.„Sie wird ſich ſchwer bekümmern, 150 denn Seth hat mir geſagt ſie habe ein ängſtliches unruhiges Herz. Ich muß hingehen und ſehen ob ich irgendwie helfen kann.“ Als ſie aufſtand und ihre Arbeit zuſammenzu⸗ legen anfing, kam Capitän Donnithorne, nachdem er alle plauſibeln Vorwände noch länger unter den Milchtöpfen zu bleiben erſchöpft hatte, gefolgt von Frau Poyſer. Herr Irwine erhob ſich jezt ebenfalls, ⁵ ging auf Dina zu, reichte ihr die Hand und ſagte: „Leben Sie wohl! Wie ich höre, gehen Sie bald wieder, aber dieß wird wohl nicht Ihr lezter Beſuch bei Ihrer Tante ſein, und ſo werden wir uns hoffentlich ſchon wieder treffen.“ Seine Herzlichkeit gegen Dina beſchwichtigte alle Beängſtigungen der Frau Poyſer, die mit ungewöhn⸗ lich heiterem Geſicht jezt ſagte: „Ich habe noch gar nicht nach der Frau Mutter und den Fräulein Schweſtern gefragt; ſie ſind doch wohl?“ „Ja, Frau Poyſer, ich danke, nur iſt Anna heute wieder von ihrem ſchlimmen Kopfweh heimgeſucht. Apropos, der ſchöne Rahmkäſe den Sie uns ſchickten hat uns ganz vortrefflich gemundet, beſonders mei⸗ ner Mutter.“ „Das freut mich ungemein, Herr Pfarrer. Ich mache nur ſelten einen, aber da fiel mir ein daß Frau Irwine Liebhaberin davon iſt. Bitte, empfeh⸗ len Sie mich beſtens, eben ſo auch Fräulein Kate und Fräulein Anna. Die Fräulein haben ſich ſchon lange meinen Hühnerhof nicht mehr angeſehen, und ich habe jezt einige ſchöne gefleckte Hühnlein, ſchwarz und weiß; vielleicht würde Fräulein Kate ſie gerne nehmen.“ 151 „Schön, das will ich ihr ſagen, ſie muß ſelbſt kommen und ſie anſehen. Doch jezt Adieu,“ ſagte der Pfarrer, indem er ſein Pferd beſtieg. „Reiten Sie langſam voraus, Irwine,“ ſagte Capitän Donnithorne, indem er ebenfalls aufſaß. „In drei Minuten hole ich Sie ein. Ich will bloß mit dem Schäfer wegen der Hunde ſprechen. Adieu, Frau Poyſer; ſagen Sie Ihrem Mann ich werde bald wieder kommen und habe ihm Vieles zu ſagen.“ Frau Poyſer machte ihre gebührenden Knixe und ſchaute den beiden Pferden nach, bis ſie aus dem Hof verſchwunden waren, unter großer Aufregung von Seiten der Schweine und des Geflügels, ſo wie unter wüthender Entrüſtung des Bullenbeißers, der einen pyrrhiſchen Tanz aufführte und alle Augen⸗ blicke ſeine Kette zu zerreißen drohte. Frau Poyſer freute ſich über dieſen geräuſchvollen Abzug; er war ihr ein neuer Beweis daß ihr Hof gut bewacht ſei und daß kein müßiges Volk ſich unbeachtet herein⸗ ſchleichen könne. Erſt nachdem das Thor ſich hinter dem Capitän geſchloſſen hatte, kehrte ſie nach der Küche zurück, wo Dina bereits mit dem Hut in der Hand ſtand und ihre Tante noch zu ſprechen wünſchte bevor ſie zu Lisbeth Bede ging. 3 Frau Poyſer bemerkte zwar den Hut, ſagte aber Nichts, ſondern mußte zuvor ihrer Verwunderung über die Freundlichkeit des Pfarrers Worte leihen. „Ei wie, Herr Irwine war alſo nicht böſe? Was ſagte er denn zu Dir, Dina? Hat er Dich wegen Deines Predigens nicht ausgeſcholten?“ „Nein er war ganz und gar nicht böſe, ſondern im Gegentheil ſehr freundlich. Ich fühlte einen gewaltigen Drang mit ihm zu ſprechen; ich weiß ſelbſt nicht wie dieß kam; denn ich hatte ihn immer für einen weltlichen Saducäer gehalten. Aber ſein Geſicht iſt angenehm wie der Sonnenſchein am Morgen.“ „Angenehm! Und was könnte er wohl anders ſein als angenehm?“ ſagte Frau Poyſer ungeduldig, indem ſie ihr Strickzeug wieder vornahm.„Ich ſollte doch meinen daß ſein Geſicht angenehm ſei; er iſt ja von Geburt ein vornehmer Herr, und ſeine Mutter ſieht aus wie ein Gemälde. Du kannſt weit herumgehen bis Du eine ſolche Frau von ſechs und ſechzig Jahren wieder findeſt. Es iſt eine wahre Freude einen ſolchen Mann Sonntags auf der Kanzel zu ſehen. Ich habe ſchon oft zu Poyſer geſagt, es iſt gerade als ob man ein volles Weizenfeld oder eine Wieſe mit einem ſchönen Haufen Kühe darauf ſähe; man bekommt ein ganz angenehmes Bild von der Welt. Aber ſolche Leute denen ihr Metho⸗ diſten nachlaufet, die kommen mir gerade vor wie ein Trupp recht abgemagerter Kühe auf einer All⸗ mand. Und die wollen Einen lehren was der Brauch iſt. Das ſind mir die Rechten; ſie ſehen aus als hätten ſie ihrer Lebtage nichts Beſſeres be⸗ kommen als Speckſchwarten und ſaures Brod. Aber was ſagte er denn über Dein närriſches Predigen auf der Wieſe zu Dir?“ „Er ſagte bloß er habe davon gehört, allein er äußerte nicht das mindeſte Mißfallen darüber. Aber, liebe Tante, denkt jezt nicht mehr daran; der Pfar⸗. rer erzählte mir Etwas was Euch gewiß eben ſo⸗ viel Kummer machen wird als mir. Thias Bede iſt heute Nacht im Weidenbach ertrunken, und ich denke die alte Mutter werde ſehr des Troſtes be⸗ dürfen. Vielleicht kann ich ihr nüzlich ſein, deßhalb habe ich meinen Hut genommen und will gerade zu ihr gehen.“ „Ach Du lieber Himmel! Aber Du mußt vorher eine Taſſe Thee trinken, Kind,“ ſagte Frau Poyſer, indem ſie auf einmal in eine freundliche und ge⸗ müthliche Tonart überging.„Das Waſſer ſiedet ſchon, es iſt in einer Minute fertig, und das junge Volk wird auch gleich kommen und Etwas verlangen. Ich habe gar Nichts dagegen daß Du die alte Frau beſuchſt, denn Methodiſtin oder nicht, ſo biſt Du in der Trübſal immer willkommen; aber das kommt vom Fleiſch und Blut her, darin liegt der Unter⸗ ſchied. Den einen Käſe macht man von abgerahm⸗ ter Milch, den andern von friſcher, und wie man ihn nun nennen mag, ſo kommt es auf das Anſehen und den Geruch an welcher der beſte iſt. Aber was dieſen Thias Bede betrifft, ſo iſt es am Ende gut daß er fort iſt— Gott verzeih mir meine Sünde — denn er hat in den lezten zehn Jahren ſeinen Leuten Nichts als Kummer und Verdruß gemacht. Ich denke Du ſollteſt ein Fläſchchen Rhum für die Alte mitnehmen, denn ſie hat gewiß keinen Tropfen zur Herzſtärkung. Sez Dich, Kind, und ſei ganz ruhig, denn Du darfſt nicht fort bis Du eine Taſſe Thee getrunken haſt, das ſage ich Dir.“ 3 Während des lezten Theils dieſer Rede hatte Frau Poyſer das Theegeſchirr von dem Geſtell herab⸗ genommen und wollte eben, begleitet von Totty, die beim Geklapper der Taſſen herbeigelaufen war, in der 154 Speiſekammer Brod holen, als Hetty aus der Milch⸗ kammer kam, ihre müden Arme zur Erholung in die Höhe ſtreckte und ihre Hände hinten auf dem Kopf zuſammenlegte. „Molly,“ ſagte ſie etwas ſchläfrig,„geh ſchnell hinab und hol mir einige Kohlblätter, die Butter i*ſt jezt zum Einpacken fertig.“ „Haſt Du ſchon gehört was vorgefallen iſt?“ fragte die Tante. „Nein, wie ſollte ich denn etwas hören?“ lautete die etwas ſchnippiſche Antwort. „Du kümmerſt Dich auch um Nichts wenn Du Etwas hörſt; denn Du biſt zu ſchwindelköpfig, als daß Du Dir Etwas daraus machen würdeſt wenn Alles ſtärbe, wenn Du nur zwei volle Stun⸗ den vor dem Spiegel ſtehen und Dich anziehen kannſt. Aber jedes andere Menſchenkind fragt dar⸗ nach was Leuten begegnet die Dich weit lieber ha⸗ ben als Du verdienſt. Adam Bede und ſeine ganze Familie könnte ertrunken ſein ohne daß Du es Dich anfechten ließeſt— Du würdeſt doch in der nächſten Minute Dich wieder im Spiegel begaffen.“ „Adam Bede ertrunken?“ rief Hetty, indem ſie ihre Arme ſinken ließ und etwas beſtürzt ausſah, aber dennoch vermuthete ihre Tante übertreibe wie gewöhnlich in einer didactiſchen Abſicht.. „Nein, liebes Kind, das nicht,“ ſagte Dina freundlich, denn Frau Poyſer war, ohne ſich auf genauere Auſſchlüſſe einzulaſſen, in die Speiſekammer gegangen.„Adam iſt nicht ertrunken, wohl aber ſein alter Vater. Er iſt geſtern Nacht in den Wei⸗ denbach gefallen.“ — —— 8 155 „O wie ſchrecklich!“ ſagte Hetty, indem ſie ernſt⸗ haft aber nicht ſehr ergriffen ausſah, und als jezt Molly mit den Kohlblättern zurückkam, nahm ſie dieſelben ſchweigend und ging ohne weiteres Fragen nach der Milchkammer zurück. Neuntes Capitel. Hetty's Welt. Während Hetty die breiten Blätter zurechtlegte, aus denen die blaſſe duftige Butter ſich abhob wie eine Primel von ihrer grünen Unterlage, dachte ſie, fürchte ich, weit mehr an die Blicke die Capitän Donnithorne ihr zugeworfen als an Adam und ſeine Kümmerniſſe. Leuchtende, bewundernde Blicke von einem hübſchen jungen Herrn mit weißen Händen, goldener Kette, gelegentlicher Regimentsuniform, großem Reichthum und unendlicher Vornehmheit, dieß waren die warmen Strahlen die Hetty's armes Herz in Aufregung brachten, ſo daß es ſeine thörichten Melodien einmal ums andere wieder ſpielte. Wir haben nicht gehört daß die Memnonsſäule unter dem Geräuſche des mächtigſten Windes, oder als Antwort auf irgend einen andern göttlichen oder menſchlichen Einfluß als gewiſſe kurzlebige Morgenſonnenſtrahlen, geklungen habe, und wir müſſen uns in die Ent⸗ deckung fügen lernen daß einige dieſer ſchlaugear⸗ beiteten Inſtrumente die man Menſchenſeelen nennt ein ſehr beſchränktes Gebiet von Muſik umfaſſen, ſo daß ſie bei einem Anſchlag der Andere in beben⸗ des Entzücken oder in ſchauernde Verzweiflung ver⸗ ſezt nicht im Mindeſten anklingen. Hetty war vollkommen an den Gedanken ge⸗ wöhnt daß Jedermann ſie gerne ſehe. Sie war nicht blind gegen die Thatſache daß der junge Luke „Britton von Broxton an einem Sonntag Nachmittag in die Hayſloper Kirche gekommen war um ſie zu ſehen, und daß er ſich weit entſchiedener genähert haben würde wenn nicht Onkel Poyſer, der ſehr ge⸗ ring von einem jungen Mann dachte deſſen Vater ſein Land ſo ſchlecht bewirthſchaftete wie der alte Luke Britton, ihrer Tante verboten hätte ihn durch irgend eine Höklichkeit aufzumuntern. Sie wußte ferner daß Herr Craig, der Parkgärtner, bis über die Ohren in ſie verliebt war und unlängſt die un⸗ verkennbarſten Geſtändniſſe in prachtvollen Erdbeeren und rieſigen Erbſen geſchickt hatte. Noch beſſer wußte ſie daß Adam Bede, der hochgewachſene, ſtattliche, geſcheidte, brave Adam Bede, der bei der ganzen Nachbarſchaft umher ſo unendlich viel galt und den ihr Onkel immer ſo gern Abends bei ſich ſah, weil Adam von der Natur der Dinge mehr wiſſe als mancher der ſich weit vornehmer dünke— ſie wußte daß dieſer Adam, der oft gegen andere Leute recht unfreundlich war, durch ein Wort oder einen Blick von ihr zum Erblaſſen oder zum Erröthen gebracht werden konnte. Hetty hatte keine große Sphäre um Vergleichungen anzuſtellen, aber ſie konnte nicht umhin zu bemerken daß Adam ein tüchtiger Mann war, daß er immer Etwas zu ſprechen hatte, daß er ihrem Onkel ſagen konnte wie man einen Schup⸗ pen ſtüzen mußte, daß er das Butterfaß in kürzeſter 2 157 Zeit geflickt hatte, daß er den Werth eines umge⸗ fallenen Wallnußbaums mit einem einzigen Blick ſchäzen, daß er erklären konnte warum die Feuchtig⸗ keit in die Wände kam, und daß er die Mittel gegen die Ratten hatte, daß er eine ſchöne, leicht leſerliche Handſchrift beſaß und im Kopfrechnen Bedeutendes leiſtete, ein Grad. von Bildung der unter den reich⸗ ſten Pächtersſöhnen dieſes Landes gänzlich unbekannt war. Das war etwas ganz Anderes als dieſer ſchlotterige Luke Britton, der, als ſie einmal von Broxton bis Hayſlope mit ihm ging, das Schweigen blos mit der Bemerkung unterbrochen hatte daß die grauen Gänſe bereits Eier legen. So war er zwar ein verſtändiger Mann, hatte aber Schlotterkniee und ein ganz curioſes Geleier wenn er ſprach; über⸗ dieß mußte er bei der allergelindeſten Berechnung nahe an die Vierzig ſein. Hetty war feſt überzeugt daß ihr Onkel wünſchte ſie ſolle Adam Muth machen, und daß er eine Verbindung mit ihm gern ſehen würde, denn damals herrſchte keine ſtrenge Rangabgränzung zwiſchen Päch⸗ tern und den anſtändigen Handwerkern, und ſowohl am eignen Herd als im Wirthshaus ſah man ſie bei einem Krug Bier zuſammenſizen, wobei der Päch⸗ ter im ſtillen Bewußtſein ſeines größern Capitals und größern Anſehens in Gemeindeſachen ſich dafür tröſtete, daß er in Bezug auf Unterhaltung offenbar den Kürzern zog. Martin Poyſer ging nicht gerne ins Wirthshaus, liebte aber ein freundliches Ge⸗ plauder bei ſeinem eigenen ſelbſtgebrauten Bier, und ſo angenehm es für ihn war einem dummen Nach⸗ bar der keinen Begriff von Bewirthſchaftung hatte 158 ſeine Geſeze vorzuſchreiben, ſo war es ihm doch auch eine vergnügliche Abwechslung von einem geſcheidten Burſchen wie Adam Bede Etwas zu lernen. Deß⸗ halb war Adam in den drei lezten Jahren— ſeit er den Bau der neuen Scheune geleitet hatte— ſtets ein willkommener Gaſt auf dem Pachthof ge⸗ weſen, beſonders an den Abenden wenn die ganze Familie, Herr und Frau, Kinder und Geſinde, nach patriarchaliſcher Weiſe in der ſtattlichen Küche in wohlabgemeſſenen Abſtänden um das lodernde Feuer verſammelt ſaß. Und in den zwei lezten Jahren wenigſtens hatte Hetty ihren Onkel oft ſagen hören: Adam Bede arbeitet allerdings noch als Geſelle, aber er wird mit der Zeit ſein eigener Herr, ſo ge⸗ wiß ich auf dieſem Stuhl ſize. Meiſter Burge hat vollkommen Recht daß er ihn zum Aſſocié nehmen und ihm ſeine Tochter geben will, wenn es wahr iſt was die Leute ſagen; das Mädchen das ihn heirathet macht ein gutes Geſchäft, ſei es an Mariä Verkündigung oder an Michaelis— eine Bemerkung 3 in welche Frau Poyſer immer von Herzen einſtimmte. Ach, pflegte ſie zu ſagen, es iſt ganz ſchön Einen zu heirathen der ſchon ein gemachter reicher Mann iſt, aber vielleicht kann er auch ein gemachter Narr ſein, und es hilft Nichts ſeine Taſchen voll von Geld zu ſtecken wenn man ein Loch in der Ecke hat. Was nüzt es Dich in Deiner eigenen Chaiſe zu ſizen wenn Du einen Dummkopf zum Kutſcher haſt? Er wird Dich bald in den Graben werfen. Ich habe immer geſagt ich würde keinen Mann heirathen der nicht auch Hirn und Kopf hätte; denn was hat eine Frau von ihrem eigenen Verſtand wenn ſie an einen 1⁵9 Narren gebunden iſt den Jedermann auslacht? Es iſt gerade als ob ſie ſich recht ſchön anzöge und dann verkehrt auf einem Eſel herumritte.“. So bilderreich dieſe Ausdrücke waren, ſo zeigten ſie doch deutlich genug wie gut Frau Poyſer gegen Adam geſtimmt war, und obgleich ſowohl ſie ſelbſt als ihr Mann die Sache anders angeſchaut haben dürften wenn Hetty ihre eigene Tochter geweſen wäre, ſo lag es doch klar auf der Hand daß ſie eine Verbin⸗ dung Adams mit einer armen Nichte ſehr gern ge⸗ ſehen hätten, denn was hätte Hetty anders werden können als eine Magd, wenn ihr Onkel ſie nicht zu ſich genommen hätte um ihrer Tante auszuhelfen, die ſeit der Geburt Totty's keine anſtrengende Ar⸗ beit mehr ertragen, ſondern nur noch die Aufſicht über das Geſinde und die Kinder führen konnte? Aber Hetty hatte Adam niemals eine zuverläſſige Aufmunterung gegeben. Selbſt in den Augenblicken wo ſie ſich ſeiner Ueberlegenheit über die andern Bewunderer vollkommen bewußt war, hatte ſie ſich nie mit dem Gedanken befreunden können ihn anzuneh⸗ men. Sie freute ſich dieſen ſtarken, geſchickten und geſcheidten Mann in ihrer Gewalt zu wiſſen, und ſie würde ſich empört haben wenn er nur die mindeſte Luſt verrathen hätte das Joch ihrer coketten Tyran⸗ nei abzuſchütteln und ſich der ſanftherzigen Marie Burge zuzuwenden. Marie Burge, ja wohl, ein ſol⸗ ches Milchgeſicht! Wenn ſie ein rothes Bändchen trüge, ſo würde ſie ſo gelb ausſehen wie wilder Meerrettig, und ihr Haar iſt ſo ſchlicht wie ein Baumwollenknäuel. Blieb Adam einmal mehrere Wochen vom Pachthofe weg oder verrieth er auf 160 irgend eine andere Art daß er ſeine Leidenſchaft als thöricht zu bekämpfen verſuche, ſo lockte ihn Hetty durch ein ſanftes ſchüchternes Weſen, gleich als be⸗ trübte ſie ſich über ſeine Vernachläßigung, immer wieder in ihr Nez zurück. Aber Adam zu heirathen, das war etwas ganz Anderes; Nichts in der Welt konnte ſie dazu bringen. Ihre Wangen rötheten ſich um keinen Schatten tiefer wenn ſein Name genannt wurde; ſie empfand keinen Freudenſchauer wenn ſie ihn vom Fenſter aus vorübergehen oder auf dem Fußweg über die Wieſe unerwartet auf ſich zukommen ſah; wenn ſeine Augen auf ihr weilten, fühlte ſie nichts Anderes als die kalte Freude zu wiſſen daß er ſie liebe und ſich um Marie Burge Nichts beküm⸗ mere: die Aufregungen die den ſüßen Rauſch der jungen Liebe bilden, konnte er in ihr ſo wenig her⸗ vorrufen als eine gemalte Sonne den Frühlingsſaft in den zarten Faſern der Pflanzen emportreiben kann. Sie erblickte in ihm weiter Nichts als einen armen Mann der betagte Eltern zu ernähren hatte und ihr vorausſichtlich noch lange nicht die Annehmlichkeiten bieten konnte deren ſie ſich in ihres Onkels Haus erfreute. Und Hetty träumte von Nichts als von Annehmlichkeiten des Lebens: in einem ſchönen Zim⸗ mer mit elegantem Bodenteppich zu ſizen und immer weiße Strümpfe zu tragen, große ſchöne Ohrringe nach der neueſten Mode zu haben, oben an ihrem Kleid Nottinghamer Spizen zu tragen, und Etwas zu haben wovon ihr Taſchentuch einen ſo angeneh⸗ men Wohlgeruch bekomme wie das von Fräulein Ly⸗ dia Donnithorne wenn ſie in die Kirche fuhr, endlich nicht früh aufſtehen und ſich auszanken laſſen zu 161 müſſen. Wäre Adam reich geweſen und hätte ihr alles das bieten können, dann, dachte ſie, würde ſie ihn ſchon lieb genug haben um ihn zu heirathen. Aber ſeit den lezten Wochen hatte ein neuer Ein⸗ fluß ſich bei ihr geltend gemacht— er war zwar nooch unbeſtimmt, atmoſphäriſch, noch nicht bis zur Geſtalt eingeſtandener Hoffnungen oder Ausſichten gediehen, aber er brachte eine liebliche narcotiſche Wirkung hervor, ſo daß ſie umhertrippelte und ihre Arbeit wie im Traum verrichtete, ohne alles Gefühl von Laſt oder Anſtrengung, und daß ſie alle Dinge wie durch einen zarten fließenden Schleier ſah, als lebte ſie nicht in dieſer ſoliden Welt von Ziegel⸗ und andern Steinen, ſondern in einer verklärten Welt, ſo wie die Sonne ſie uns in den Waſſern beſtrahlt. Hetty hatte bemerkt daß Herr Arthur Donnithorne ſich viel Mühe gab um ſie nur zu ſehen, daß er ſich in der Kirche immer ſo ſtellte daß er ſie ſowohl beim Sizen als beim Stehen wohl im Auge hatte, daß er beſtändig Gründe auffand in den Pachthof zu kommen, und daß er immer etwas zu ſagen wußte was ſie nöthigte mit ihm zu ſprechen und ihn anzu⸗ ſehen. Das arme Kind dachte vorläufig noch ſo wenig daran daß der junge Gutsherr ihr Liebhaber werden könne, als eine hübſche Bäckerstochter die ein junger Kaiſer mitten im Gedränge durch ein fürſt⸗ liches aber bewunderndes Lächeln auszeichnet an die Möglichkeit denkt Kaiſerin zu werden. Aber die Bäckerstochter geht heim und träumt von dem jun⸗ gen Kaiſer, und vielleicht wägt ſie das Mehl ſchlecht, während ſie daran denkt welch ein himmliſches Loos es ſein müſſe ihn zum Gemahl zu haben; und ſo Eliot, Adam Bede. I. 11 162 wurde auch die arme Hetty jezt in ihren wachenden und ſchlafenden Träumen von einem Geſicht und einer Erſcheinung heimgeſucht; leuchtende, ſanfte Blicke waren ihr in die Seele gedrungen und hatten ihr Leben mit einem wunderſam ſeligen Sehnen erfüllt. Die Augen aus denen dieſe Blicke ſich ergoßen waren in Wirklichkeit nicht halb ſo ſchön wie die Augen Adams, die zuweilen mit einer wehmüthigen, flehen⸗ den Zärtlichkeit auf ihr hafteten; aber ſie hatten eine bereitwillige Fürſprecherin in Hetty's thörich⸗ ter Einbildung gefunden, während Adams Blicke durch dieſe Atmoſphäre keinen Eingang gewinnen F konnten. Wenigſtens drei Wochen lang hatte ihr ganzes inneres Leben beinahe nur darin beſtanden daß ſie in der Erinnerung die Blicke und Worte wie⸗ der durchlebte welche Arthur an ſie gerichtet— darin daß ſie ſich die Empfindungen zurückrief womit ſie ſeine Stimme außer dem Hauſe gehört, womit ſie ihn hereinkommen geſehen hatte und ſich bewußt ge⸗ worden war daß ſeine Augen auf ihr hafteten, daß eine ſchlanke Geſtalt mit Augen welche ſie zu berüh⸗ ren ſchienen auf ſie herabſchaute und in prächtigen Kleidern, ſo ſüß duftend wie ein Blumengarten im Abendwind, immer näher auf ſie zukam. Thörichte Gedanken, wie ihr ſeht; ſie haben nicht das Mindeſte mit der Liebe zu ſchaffen, wie holde Mädchen von achtzehn Jahren in unſern Tagen ſie empfinden; aber das Alles geſchah ja, müßt ihr bedenken, vor beinahe ſechzig Jahren, und Hetty hatte nicht die mindeſte Erziehung genoſſen, ſie war nur ein ein⸗ faches Bauernmädchen für welches ein vornehmer Herr mit weißen Händen eine ſo blendende Erſchei⸗ 163 nung war wie ein Gott des Olymp. Bis auf den — heutigen Tag hatte ſie nicht weiter in die Zukunft geblickt als wann Capitän Donnithorne das nächſte Mal ins Haus kommen, oder bis zum nächſten Sonn⸗ tag, wo er ſie in der Kirche ſehen würde; aber jezt, dachte ſie, würde er ihr morgen, wenn ſie durch den Park ginge, zu begegnen ſuchen— und wenn er ſie dann anredete, wenn er ein Stückchen mit ihr ginge ohne daß Jemand dabei wäre! Das war noch nie geſchehen, und nun war ihre Einbildungskraft, ſtatt die Vergangenheit wieder vorzuführen, emſig beſchäf⸗ tigt die möglichen Ereigniſſe des morgigen Tages auszumalen, wie ſie ihn im Park auf ſich zukommen ſehen, wie ſie ihr neues Roſaband das er noch gar nicht kenne anheften, und was er wohl ſagen würde damit ſie ſeinen Blick erwidern müſſe, einen Blick den ſie ſich dann den ganzen übrigen Tag immer und immer wieder vergegenwärtigen würde. Wie konnte Hetty in dieſem Seelenzuſtand Mit⸗ gefühl für Adams Bekümmerniſſe hegen, oder ſich viel daraus machen daß der arme alte Thias er⸗ trunken war? Junge Seelen in dieſem Stadium lieblichen Wahnwizes fragen nach Andern ſo wenig als Schmetterlinge wenn ſie Nectar ſchlürfen; ſie ſind durch eine Schranke von Träumen, durch unſicht⸗ bare Blicke, ungreifbare Arme von jeder Berufung an ihr Mitgefühl abgeſchnitten. Während Hetty's Hände emſig die Butter knete⸗ ten und ihr Köpfchen ſich mit dieſen Bildern des mor⸗ genden Tages füllte, hatte Arthur Donnithorne, als er neben Herrn Irwine nach dem Thal des Weiden⸗ baches hinritt, gleichfalls gewiſſe unbeſinnle Vor⸗ 1 164 gefühle die ſich in der Tiefe ſeines Herzens regten, indeß der Pfarrer ihm von Dina erzählte; ſie waren unbeſtimmt, aber doch ſtark genug um eine Art von Schuldbewußtſein in ihm hervorzurufen, als dieſer plözlich zu ihm ſagte: „Was hat Sie denn in Frau Poyſer's Milch⸗ kammer ſo bezaubert, Arthur? Seit wann ſind Sie ein ſo großer Liebhaber von feuchten Wänden und Rahmtöpfen geworden?“ Arthur kannte den Pfarrer zu gut um annehmen zu können daß die nächſte beſte Ausrede ihm etwas helfen würde; er ſagte alſo mit ſeiner gewohnten Offenheit: „Nein, ich wollte mir die hübſche Buttermacherin, die Hetty Sorrel ein wenig anſehen. Sie iſt eine wahre Hebe, und wenn ich ein Künſtler wäre, ſo würde ich ſie malen. Es iſt merkwürdig was für hübſche Mädchen man unter den Pächterstöchtern findet, während die jungen Burſche ſo grobe Klöze ſind. Dieſes gewöhnliche, runde, rothe Geſicht das man zuweilen bei den Männern findet,— Nichts als Backen und keine Züge— wird bei den Mäd⸗ chen das reizendſte Lärvchen das man ſich denken kann.“ „Nun ich habe Nichts dagegen wenn Sie Hetty. vom künſtleriſchen Standpunkt aus betrachten; aber ich ſage Ihnen, ſchmeicheln Sie ja ihrer Gitelkeit nicht, damit ſie ſich nicht in ihr Köpfchen ſezt ſie ſei eine große Schönheit der zu Liebe vornehme Herrn ſich herbemühen; ſonſt verderben Sie das Mädchen zur Frau eines armen Mannes, wie zum Beiſpiel des ehrlichen Craig, der, wie ich ſchon bemerkt habe, F 7 1 f 165 gar ſanfte Blicke nach ihr wirft. Die kleine Kaze ſcheint bereits Sachen genug im Kopf zu haben um einen Mann ſo unglücklich zu machen, wie es das Naturgeſez jedem ruhigen und ſtillen Menſchen be⸗ ſtimmt der eine Schönheit heirathet. Aber da wir vom Heirathen ſprechen, ſo denke ich, unſer Freund Adam wird wohl jezt, da der arme alte Mann todt iſt, auch ſeinen eigenen Herd gründen wollen. Er hat in Zukunft nur noch für ſeine Mutter zu ſorgen, und nach einer Andeutung zu ſchließen welche der alte Jonathan neulich gegen mich fallen ließ, ſcheint mir ein gewiſſes zartes Verhältniß zwiſchen ihm und der hübſchen, beſcheidenen Marie Burge ſtattzufinden. Aber als ich die Sache gegen Adam erwähnte, machte er ein verdrießliches Geſicht und gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Vermuthlich geht das Hof⸗ machen nicht ſo glatt ab, oder vielleicht hält Adam auch hinter dem Berge bis ſeine Lage ſich gebeſſert hat. Er beſizt einen Unabhängigkeitsſinn der für zwei Leute ausreichen würde— ich möchte ſogar ſagen einen übertriebenen Stolz.“ „Das wäre eine prächtige Parthie für Adam; er würde in des alten Burge Schuhe hineinſchlüpfen und dieſes Baugeſchäft emporbringen, dafür ſtehe ich. Ich würde es ſehr gerne ſehen wenn er ſich in un⸗ ſerer Gemeinde gut etabliren könnte; ich hätte ihn dann gleich als Großvezier bei der Hand wenn ich einen brauchte. Wir könnten mit einander hunder⸗ terlei Pläne zu Reparaturen und Verbeſſerungen ent⸗ werfen. Ich habe übrigens meines Wiſſens das Mädchen nie geſehen, wenigſtens nie angeſehen.“ „Dann können Sie es nächſten Sonntag in der 166 Kirche thun— ſie ſizt bei ihrem Vater, links von der Kanzel. Sie brauchen dann auch Hetty Sorrel nicht ſo oft anzuſehen. Wenn ich einmal im Klaren darüber bin daß ich einen ſchönen Hund nicht kaufen kann, ſehe ich mich auch nicht mehr nach ihm um; denn wenn er eine Neigung zu mir faſſen und mich freundlich anſchauen würde, ſo könnte dadurch der Kampf zwiſchen Arithmetik und Neigung auf eine höchſt unliebſame Weiſe erſchwert werden. Ich thue mir auf meine Weisheit in dieſer Beziehung etwas zu gut, Arthur, und als ein alter Kerl dem die Weisheit wohlfeil geworden iſt trete ich ſie Ihnen ab.“ „Danke ſchönſtens. Vielleicht kann ich ſpäter ein⸗ mal davon Gebrauch machen, aber vor der Hand wüßte ich nicht was ich damit anfangen ſollte. Da ſehen Sie einmal wie der Bach ausgetreten iſt. Wir ſind jezt am Fuße des Hügels; wollen wir nicht einen kurzen Galopp anſchlagen?“ Zu Pferd hat man einen großen Vortheil beim Geſpräche; man kann es jeden Augenblick durch einen Trab oder Galopp unterbrechen, und im Sattel kann man ſelbſt einem Socrates entfliehen. Die beiden Freunde waren jeder Nothwendigkeit eines weitern Geſprächs überhoben, bis ſie an der Hinterthüre von Adams Hütte Halt machten. — 8 gS- P=g=V 167 Zehntes Capitel. Dina beſucht Lisbeth. Um fünf Uhr kam Lisbeth die Treppe herab. In der Hand hatte ſie einen großen Schlüſſel, näm⸗ lich zu der Kammer wo ihr todter Mann lag. Den Tag über war ſie, mit Ausnahme gelegentlicher Aus⸗ brüche wehklagenden Kummers, in unaufhörlicher Be⸗ wegung geweſen und hatte die Vorbereitungen zum Begräbniß mit der frommen Scheu und Genauigkeit getroffen die ſich für religiöſe Gebräuche ziemt. Sie hatte ihren kleinen Vorrath von gebleichter Leinwand, den ſie ſchon lange Jahre für dieſen äußerſten Fall bereit hielt, hervorgeholt. Es ſchien ihr wie geſtern, während doch ſchon ſo viele Sommer darüber ver⸗ ſtrichen waren, daß ſie ihrem Thias geſagt hatte wo dieſe Leinwand lag, damit er ſie finden und für ſie holen könnte wenn ſie todt wäre, denn ſie war älter als er. Dann hatte ſie alle Gegenſtände in der ge⸗ weihten Kammer mit der größten Sauberkeit gerei⸗ nigt und jede Spur einer alltäglichen Beſchäftigung daraus entfernt. Das kleine Fenſter das bisher dem kalten Mondſchein und der warmen Sommermorgen⸗ ſonne auf gleiche Weiſe geſtattet hatte den Schlum⸗ mer des Arbeiters zu beglänzen, mußte jezt durch ein ſchönes weißes Leintuch verdunkelt werden, denn dieß war der Schlaf der unter dem kahlen Sparren⸗ werk ſo heilig iſt wie in glänzenden Paläſten. Lis⸗ beth hatte ſogar einen lang vernachläßigten und kaum bemerkbaren Riß in dem bunten Bettvorhang aus⸗ 168 gebeſſert. Denn die Augenblicke waren jezt gezählt und koſtbar wo ſie dem ſtillen Leichnam, dem ſie in allen ihren Gedanken noch einiges Bewußtſein zu⸗ ſchrieb, Zeichen von Hochachtung oder Liebe geben konnte. Unſere Todten ſind nie todt für uns bis wir ſie vergeſſen haben. Sie können von uns be⸗ leidigt und verlezt werden; ſie kennen alle unſere Reue, unſer bitteres Bedauern darüber daß ihr Plaz jezt leer iſt; ſie wiſſen von allen Küſſen die wir ſelbſt der geringſten Reliquie ihrer Anweſenheit geben. Und die alten Bauernweiber glauben am allermeiſten daß ihre Todten Bewußtſein haben. An ein anſtändiges Begräbniß für ſich ſelbſt hatte Lisbeth ſchon Jahre lang bei beſter Geſundheit gedacht, mit einer untlaren Erwartung daß ſie es erfahren würde wenn man ſie auf den Kirchhof hinaus trüge, und ihr Mann und ihre Söhne hinter dem Sarg einhergingen; und nun ſchien es ihr das größte Geſchäft ihres Lebens da⸗ Aber nun hatte ſie Alles gethan was heute in der Todtenkammer gethan werden konnte, und zwar hatte ſie Alles ſelbſt gethan, nur ihre Söhne hat⸗ ten ihr ein wenig geholfen, denn ſie wollte vom Dorf Niemand holen laſſen, da ſie überhaupt mit den Nachbarinnen nicht gerne zu thun hatte; und ihr Liebling Dolly, die alte Haushälterin bei Burge, die ſchon am Morgen, ſobald ſie von dem Todesfall 169 gehört hatte, herübergekommen war um ihr Beileid zu bezeugen, hatte zu blöde Augen als daß ſie viel helfen konnte. Lisbeth hatte die Thüre verſchloſſen und hielt noch den Schlüſſel in der Hand, als ſie ſich müde auf einen Stuhl warf, der ausnahmsweiſe mitten in der Hausflur ſtand wo ſie ſich in gewöhn⸗ lichen Zeiten niemals geſezt haben würde. Der Küche hatte ſie an dieſem Tag ganz und gar keine Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt; ſie trug Spuren ſchmuziger Schuhe und Kleider, und andere Gegenſtände lagen in Unordnung darin herum. Aber was zu jeder an⸗ dern Zeit ihrer Ordnungsliebe und ihrem Reinlich⸗ keitsſinn unerträglich geweſen wäre, das ſchien ihr jezt gerade am Plaze zu ſein; es war ganz recht daß es ſonderbar und unordentlich und unglücklich ausſah, nachdem der alte Mann dieſes traurige Ende genommen: die Küche durfte jezt nicht ausſehen als ob gar Nichts vorgefallen wäre. Adam war, über⸗ wältigt von den Aufregungen und Anſtrengungen des Tages der auf eine Nacht harter Arbeit gefolgt, auf einer Bank in der Werkſtatt eingeſchlafen, und Seth machte im Hinterſtübchen ein Reiſachfeuer unter den Keſſel, um hernach ſeiner Mutter eine Taſſe Thee zu bereiten, ein Genuß den ſie ſich nur ſelten erlaubte. Niemand war in der Küche als Lisbeth eintrat und ſich auf den Stuhl warf; ſie blickte mit ſtarren Augen auf den Schmuz und die Verwirrung zu welcher die Mittagsſonne traurig hereinſchien; dieß Alles paßte zu der traurigen Verwirrung ihres Ge⸗ müthes, einer Verwirrung die den erſten Stunden einer plözlichen Bekümmerniß angehört, wenn es dem 170 armen Menſchen zu Muthe iſt als wäre er ſchlafend unter den Trümmern einer großen Stadt niederge⸗ legt worden und erwachte in trübſeligem Staunen, ohne zu wiſſen ob es Morgen oder Abend ſei; ohne zu wiſſen warum oder woher dieſe unendliche Ver⸗ ödung, oder warum er ſich ſelbſt mitten in derſelben ſo verlaſſen finde. Zu einer andern Zeit würde Lisbeth's erſter Gedanke geweſen ſein: Wo iſt Adam? Aber jezt hatte der plözliche Tod ihres Mannes dieſem Lezteren wieder den erſten Plaz in ihrer Neigung verſchafft, den er vor ſechs und zwanzig Jahren eingenommen; ſie hatte ſeine Fehler vergeſſen, wie wir die Be⸗ kümmerniſſe unſerer entſchwundenen Kindheit ver⸗ geſſen, und dachte jezt nur noch an die Freundlich⸗ keit die er in ſeiner Jugend, und die Geduld die er im Alter gezeigt hatte. Ihre Augen ſchweiften fort⸗ während unſtet umher bis Seth herein kam, aufzu⸗ räumen begann und den kleinen runden tannenen Tiſch ſäuberte, um den Thee ſeiner Mutter darauf zu ſtellen. „Was machſt Du da?“ fragte ſie etwas ver⸗ drießlich. 3 „Ich will Dir eine Taſſe Thee einſchenken, Mutter,“ antwortete Seth zärtlich.„Das wird Dir gut thun; auch will ich ein wenig aufräumen, damit es ein bischen freundlicher ausſieht im Hauſe.“ „Freundlich! Wie kannſt Du davon ſprechen daß es freundlich ausſehen ſoll! Laß es ſein, laß es ſein. Für mich gibt es nichts Freundliches mehr,“ fuhr ſie unter Thränen fort,„nachdem jezt Dein Vater dahin iſt, für welchen ich ſeit dreißig Jahren 171 gewaſchen, geflickt und gekocht habe, und er war immer ſo zufrieden mit Allem was ich für ihn that, und er war ſo geſchickt und that die Arbeit für mich wenn ich krank war, und brachte mir Alles ſo hübſch hinauf und trug den Jungen, der ſo ſchwer war wie zwei Kinder, mehrere Stunden weit, ohne zu murren, den ganzen Weg bis nach Warſon Wake, weil ich meine Schweſter beſuchen wollte die an lezten Weih⸗ nachten geſtorben iſt. Und daß er mir jezt ertrinken mußte im Bach wo wir an unſerm Hochzeittage hinübergegangen ſind, und er hatte mir hübſche Geſtelle gemacht um meine Schüſſeln und Teller darauf zu ſtellen, und zeigte mir Alles mit großem Stolz, weil er wußte daß es mir Vergnügen machen würde. Und er ſtarb ohne daß ich ein Wort davon wußte; ich ſchlief in meinem Bette wie wenn ich mich gar Nichts darum bekümmerte. Ach daß ich das erleben muß! Wir waren damals junge Leute und ſo Etwas wäre uns nicht eingefallen. Laß es gut ſein, Junge, laß es gut ſein. Ich wih keinen Thee haben: ich frage überhaupt Nichts mehr nach dem Eſſen oder Trinken. Wenn das eine Ende der Brücke einge⸗ rumpelt iſt, warum ſoll dann das andere noch ſtehen bleiben? Es iſt am beſten, ich ſterbe und folge mei⸗ nem Alten. Man kann nicht wiſſen ob er meiner nicht bedarf.“ Hier brach Lisbeth in einige Thränen aus und wiegte ſich auf ihrem Stuhl hin und her. Seth, der ſeiner Mutter gegenüber immer ſchon darum ſchüchtern war, weil er wußte daß er keinen Einfluß auf ſie beſaß, ſah daß es vergebens ſein würde ſie bereden oder beruhigen zu wollen bis dieſer Anfall 8 vorüber wäre: er begnügte ſich daher das Feuer im Hinterſtübchen zu unterhalten und die Kleider ſeines Vaters zuſammenzulegen, die ſchon ſeit dem Morgen zum Trocknen da hingen; dabei ſcheute er ſich vor jeder Bewegung in dem Zimmer wo ſeine Mutter war, um ſie nicht noch mehr zu reizen. Aber nachdem Lisbeth einige Minuten ſich ge⸗ ſchaukelt und geſtöhnt hatte, hielt ſie plözlich inne und ſagte laut zu ſich ſelbſt: „Ich muß doch nach Adam ſehen, denn ich kann mir gar nicht denken wo er hingekommen iſt; er muß mit mir hinaufgehen bevor es dunlel wird, denn die Minuten wo wir den Leichnam noch an⸗ ſehen können vergehen wie der ſchmelzende Schnee.“ Seth hörte dieß; er kam in die Küche zurück als ſeine Mutter vom Stuhle aufſtand, und ſagte: „Adam ſchläft in der Werkſtatt, Mutter. Du mußt ihn lieber nicht wecken, er iſt ſchrecklich müde von der Arbeit und der Trübſal.“ „Wecken? Wer will ihn denn wecken? Wenn ich ihn anſehe, ſo wacht er davon nicht auf; ich habe den Jungen ſeit zwei Stunden nicht geſehen— ich weiß nicht mehr ob er noch gewachſen iſt, ſeitdem ſein Vater ihn als kleines Kind auf den Armen getragen hat.“ Adam ſaß auf einer rauhen Bank, den Kopf auf ſeinen Arm geſtüzt, welcher von der Schulter an bis zum Ellenbogen auf der langen Hobelbank mitten in der Werkſtatt ruhte. Es ſchien als hätte er ſich geſezt um einige Minuten auszuruhen, und dann war er ohne Zweifel eingeſchlafen, ohne ſeine erſte Stellung trübſeligen abgeſpannten Nachdenkens 2 aufzugeben. Sein Geſicht, das ſeit geſtern nicht gewaſchen worden, ſah bleich und ſchmuzig aus; ſein Haar hing zerzaust um ſeine Stirne, und ſeine geſchloſſenen Augen hatten das eingeſunkene Ausſehen das auf Nachtwachen und Kummer folgt. Seine Brauen waren gerunzelt und ſein ganzes Geſicht hatte den Ausdruck von Ermattung und Schmerz. Gyp war offenbar ängſtlich, denn er ſaß auf ſeinen Hinterbeinen, hatte ſeine Schnauze auf den ausge⸗ ſtreckten Fuß ſeines Herrn gelegt und theilte ſeine Zeit darein daß er bald die ſchlaff herabhängende Hand leckte, bald horchend nach der Thüre ſchaute. Der arme Hund war hungrig und unruhig, aber er wollte ſeinen Herrn nicht verlaſſen und wartete un⸗ geduldig auf irgend einen Wechſel der Scene. Dieſes Gefühl von Gyp's Seite hatte zur Folge daß, als Lisbeth in die Werkſtatt trat und ſo leiſe als mög⸗ lich auf Adam zuging, ihre Abſicht ihn nicht zu wecken augenblicklich vereitelt wurde, denn Gyp war zu aufgeregt um ſich ein lautes Gebell verſagen zu können, und nun ſchlug Adam ſogleich ſeine Augen auf und ſah ſeine Mutter vor ſich ſtehen. Es war ihm noch wie ein Traum, denn ſein Schlaf war nicht viel anderes geweſen als daß er in einer Art von Fieberwahnſinn Alles noch einmal durchlebte was den ganzen Tag über vorgefallen war, und er hatte ſeine Mutter mit ihrem ärgerlichen Weſen und ihrem Jammer beſtändig vor ſich geſehen. Der Hauptunterſchied zwiſchen der Wirklichkeit und dem Phantaſiegebilde beſtand darin daß ihm in ſeinem Traum Hetty beſtändig leibhaftig vor die Augen trat und ſich auf ſeltſame Weiſe als mithandelnde —— Perſon in Scenen miſchte in denen ſie nichts zu thun hatte. Auch beim Weidenbach war ſie; ſie brachte durch ihr Erſcheinen im Hauſe ſeine Mutter in Harniſch, und als er im Regen nach Treddleſton zur Todtenſchau ging, begegnete ſie ihm gepuzt, aber in ganz naſſem Kleide. Aber wo er auch Hetty erblickte, ſo kam bald auch ſeine Mutter dazu, und als er jezt ſeine Augen öffnete, ſo überraſchte es ihn ganz und gar nicht daß er die alte Frau neben ſich ſtehen ſah. „Ach mein Junge, mein Junge!“ begann Lisbeth unter neuem Wehklagen zu ſchluchzen, denn der friſche Kummer empfindet das Bedürfniß ſeinen Ver⸗ luſt und ſeine Klage an jeden Wechſel der Scene und an jedes neue Ereigniß anzuknüpfen,„Du haſt jezt Niemand als Deine alte Mutter mehr um Dich zu quälen und Dir zur Laſt zu fallen: über Deinen armen Vater brauchſt Du Dich nimmer zu ärgern, und Deine Mutter kann nichts Beſſeres thun als daß ſie ihm bald nachfolgt— je eher je lieber— denn ich bin jezt zu Nichts mehr zu brauchen. Ein alter Rock taugt wohl noch um einen andern zu flicken, aber ſonſt iſt er zu Nichts gut. Du würdeſt jezt gern ein Weib haben die Deine Kleider flicken und für Dich kochen würde, beſſer als Deine alte Mutter es thut. Und ich bin dann nur noch eine Laſt und ſize an der Kaminecke(Adam drehte und wand ſich unbehaglich hin und her; was er vor allen Dingen am meiſten fürchtete, war daß ſeine Mutter von Hetty ſprechen könnte); aber wäre Dein Vater am Leben geblieben, ſo hätte er nie verlangt daß ich einer Andern Plaz machen ſolle, V 175 denn er konnte ſo wenig ohne mich fertig werden als eine Hälfte der Scheere ohne die andere. Ach wir hätten zuſammen von der Welt abfahren ſollen, dann hätte ich dieſen Tag nicht erlebt, und Ein Begräbniß wäre für uns beide genug geweſen.“ Hier hielt Lisbeth inne, aber Adam blieb in ſchmerzlichem Schweigen ſizen. Er konnte heute nicht anders als zärtlich zu ſeiner Mutter reden, aber dieſes beſtändige Gewinſel mußte ihn doch verdrießen. Die arme Lisbeth konnte unmöglich wiſſen wie ſchmerz⸗ lich es Adam berührte, ſo wenig als ein verwun⸗ deter Hund wiſſen kann wie ſein Geſtöhne ſeinem Herrn auf die Nerven ſizt. Wie alle jammernden Frauen jammerte ſie in der Vorausſicht daß man ſie beſchwichtigen werde, und als Adam Nichts ſagte, fühlte ſie ſich gedrungen nur noch bitterer zu weinen. „Ich weiß Du thäteſt beſſer ohne mich, dann könnteſt Du hinziehen wohin Du wollteſt, und hei⸗ rathen wen Du wollteſt. Aber ich will Dir nicht widerſprechen, Du kannſt ins Haus bringen wen Du willſt; ich werde meinen Mund nicht aufthun zu einem Tadel, denn wenn man einmal alt und zu Nichts mehr brauchbar iſt, ſo kann man von Glück ſagen wenn man Etwas zu nagen und zu beißen hat, ob man auch manches böſe Wort dazwiſchenhinein verſchlucen muß. Und wenn Du Dein Herz an ein Mädchen hängſt das Dir gar Nichts zubringen, ſondern Alles verpuzen wird, während Du andere haben könnteſt die einen Mann aus Dir machen würden, ſo will ich doch Nichts ſagen, jezt da Dein Vater todt und ertrunken iſt: denn ich bin jezt ſo wenig mehr nüze als ein altes Heft an welchem die Klinge verloren gegangen iſt.“ Adam konnte dieß Gerede nicht länger anhören, ſtand daher ſchweigend von der Bank auf, verließ die Werkſtatt und ging in die Küche. Aber Lisbeth folgte ihm. „Du willſt alſo nicht hinauf gehen und den Vater noch einmal ſehen? Ich habe jezt Alles ge⸗ than, und es wird ihn gewiß freuen wenn Du ihn noch einmal anſiehſt, denn es that ihm immer ſo wohl wenn Du freundlich gegen ihn warſt.“ Adam wandte ſich um und ſagte: „Ja, Mutter, laß uns hinaufgehen. Komm, Seth, wir wollen mit einander gehen.“ Sie gingen hinauf und fünf Minuten lang war Alles ſtill. Dann wurde der Schlüſſel wieder ge⸗ dreht und man hörte Fußtritte auf der Treppe. Aber Adam kam nicht wieder herab; er war zu müde und abgeſpannt um ſich aufs Neue dem thränenſeligen Jammer ſeiner Mutter auszuſezen, und er ging daher ins Bette. Lisbeth war kaum wieder in der Küche als ſie ſich niederſezte, ihre Schürze über den Kopf warf und wieder zu weinen, zu ſtöhnen und ſich zu ſchaukeln anfing wie früher. Seth dachte:„Sie wird allmählig ſchon wieder ruhiger werden, nachdem wir oben geweſen ſind;“ er ging alſo wieder in die Hinterküche um nach dem kleinen Feuer zu ſehen, denn er hoffte er würde ſie jezt bald bewegen können eine Taſſe Thee zu trinken. Lisbeth hatte ſich mehr als fünf Minuten ſo eeſchaukelt und bei jeder Dors⸗dung nach vornen eiſe geſtöhnt, da fühlte ſie plözlich wie eine Hand 177 ſich ſanft auf die ihrige legte, und hörte eine lieb⸗ liche helle Stimme die zu ihr ſagte: „Liebe Schweſter, der Herr hat mich geſandt, um zu ſehen ob ich Euch Troſt bringen kann.“ Lisbeth wurde ruhig und horchte, ohne die Schürze von ihrem Geſicht wegzunehmen. Die Stimme war ihr fremd; war es vielleicht ihrer Schweſter Geiſt der nach ſo langen Jahren von den Todten zu ihr zurückkam? ſie zitterte und wagte nicht aufzuſchauen. Dina, welche glaubte daß dieſe Pauſe der Ver⸗ wunderung allein ſchon eine Erleichterung für die bekümmerte Frau ſei, ſagte für den Augenblick kein Wort mehr, ſondern legte ruhig ihren Hut ab, winkte Seth, der beim Klange ihrer Stimme mit klopfendem Herzen hereingekommen war, daß er ſchweigen ſolle, legte eine Hand auf die Lehne von Lisbeths Stuhl und beugte ſich über ſie, damit ſie ſich dder Nähe eines befreundeten Weſens bewußt würde. Langſam zog Lisbeth ihre Schürze herab und ſchlug ſchüchtern ihre trüben dunkeln Augen auf. Zuerſt ſah ſie nichts als ein Geſicht, ein reines, blaſſes Geſicht mit liebevollen grauen Augen, und ihr gänzlich unbekannt. Ihre Verwunderung ſtieg; vielleicht war es ein Engel. Aber in demſelben Augenblick hatte Dina ihre Hand wieder auf die Hand Lisbeths gelegt und die alte Frau ſchaute darauf hinab. Dieſe Hand war viel kleiner als ihre eigene; aber ſie war nicht weiß und zart, denn Dina dande ihrer Lebetage nie Handſchuhe getragen, und ihre Hand trug die Spuren der Arbeit von Eliot, Adam Bede, I. 123 178 Kindheit auf. Lisbeth ſah die Hand einen Augen⸗ blick ernſt an, dann blickte ſie wieder Dina ins Ge⸗ ſicht und ſagte mit etwas mehr Muth, aber noch immer im Tone der Ueberraſchung: „Ei wie, Ihr ſeid alſo eine Arbeiterin?“ „Ja, ich bin Dina Morris und arbeite in der Baumwollenſpinnerei wenn ich zu Hauſe bin.“ „Ah,“ ſagte Lisbeth langſam und noch immer verwundert;„Ihr kamet ſo leiſe herein wie der Schatten an der Wand, und Ihr ſprachet mir ins Ohr, ſo daß ich glaubte Ihr möchtet ein Geiſt ſein. Ihr ſeht beinahe aus wie der Engel in Adams neuer Bibel, der am Grabe ſizt.“ „Ich komme jezt vom Pachthof her. Ihr kennet Frau Poyſer— ſie iſt meine Tante und ſie hat von Eurem großen Jammer gehört und iſt ſehr be⸗ trübt; deßhalb bin ich gekommen um zu ſehen ob ich Euch in Eurer großen Trübſal irgendwie behilf⸗ lich ſein kann; denn ich kenne Eure Söhne, Adam und Seth, und ich weiß daß Ihr keine Tochter habt, und als der Herr Pfarrer mir ſagte daß die Hand Gottes ſchwer auf Euch laſte, da ſtrömte mein Herz für Euch über, und ich fühlte einen Drang zu kommen und bei Euch die Tochterſtelle zu vertreten in dieſem Kummer, wenn Ihr mirs erlauben wollt.“ „O, jezt weiß ich wer Ihr ſeid, Ihr ſeid eine Methodiſtin wie Seth; er hat mir von Euch erzählt,“ ſagte Lisbeth ärgerlich; denn jezt, nachdem die Ver⸗ wunderung vorüber war, machte ſich das überwäl⸗ tigende Gefühl des Schmerzes wieder bei ihr geltend. „Ihr werdet wohl herausklügeln daß die Trübſal etwas Gutes ſei, wie er immer ſagt. Aber was 179 nüzt es mir wenn Ihr ſo zu mir redet? Ihr könnt meinen Schmerz doch nicht lindern. Auch werdet Ihr mir nie weiß machen, es ſei beſſer für mich daß mein Alter nicht in ſeinem Bette ſtarb, wenn er doch ſterben mußte, und den Pfarrer nicht bei ſich hatte um mit ihm zu beten, und mich daß ich beten und zu ihm ſagen konnte, er ſolle der böſen Worte nicht ge⸗ denken die ich ihm zuweilen im Zorne gab, und daß ich ihm nicht Speiſe und Trank reichen durfte ſo lange er noch Etwas ſchlucken konnte. Aber ach! im kalten Waſſer zu ſterben, während wir ſo nahe bei ihm waren und doch Nichts wußten; und ich ſchlief, als ob ich gar nicht zu ihm gehörte und er ein herum⸗ ſtreichender Handwerksburſche Gott weiß woher wäre.“ Hier begann Lisbeth wieder zu weinen und ſich zu ſchaukeln; dann ſagte Dina: „Ja, liebe Freundin, Eure Betrübniß iſt groß. Es wäre Hartherzigkeit zu ſagen daß Euer Kummer nicht ſchwer zu tragen ſei. Gott ſchickte mich nicht um Eure Trübſal leicht zu machen, ſondern um mit Euch zu trauern, wenn Ihr mirs erlauben wollt. Hättet Ihr den Tiſch zu einem Mahle gedeckt und wolltet Euch mit Euren Freunden luſtig machen, ſo würdet Ihr denken es ſei freundlich wenn Ihr mich herankommen und Plaz nehmen und mit Euch freuen ließet, weil Ihr glauben könntet ich möchte gern daran Theil nehmen; aber ich möchte lieber an Eu⸗ ren Trübſalen und Mühen Theil nehmen, und es wäre mir härter wenn Ihr mir dieß abſchlagen wür⸗ det. Ihr ſchickt mich doch nicht fort? Ihr ſeid doch nicht zornig daß ich gekommen bin?“ „Nein, nein, zornig! Wer hat geſagt daß ich 180 zornig ſei? Es war freundlich von Euch daß Ihr kamet, und Du, Seth, warum bringſt Du ihr nicht eine Taſſe? Du warſt in großer Haſt um für mich Thee zu machen, während ich keinen brauchte; aber jezt denkſt Du nicht daran Thee für ſolche zu machen die ſeiner bedürftig ſind. Sezt Euch, ſezt Euch. Ich danke Euch recht freundlich für Euren Beſuch, denn Ihr habt wenig Gewinn davon daß Ihr durch die naſſen Felder herkommt, um ſo ein altes Weib zu ſehen wie ich bin.... Nein, ich hatte nie eine eigene Tochter und ich habe dieß nie bedauert, denn es ſind arme, ſchwache Geſchöpfe die Mädchen; ich wünſchte mir immer Söhne die für ſich ſelbſt ſorgen können. Und die Jungen werden einmal heirathen, dann be⸗ komme ich Töchter genug; vielleicht nur zu viel. Aber jezt macht Euch den Thee wie Ihr ihn gerne habt, denn ich habe heute keinen Geſchmack im Munde; mir iſt es ganz gleich was ich verſchlucke— Alles hat den Geſchmack des Kummers an ſich.“ Dina hütete ſich wohl zu geſtehen daß ſie ſchon Thee getrunken habe, ſondern nahm Lisbeths Ein⸗ ladung ſehr bereitwillig an um die alte Frau eben⸗ falls zum Eſſen und Trinken zu veranlaſſen, was ſie nach einem Tag ſo harter Arbeit und beſtändigen Faſtens wohl bedurfte. Seth fühlte ſich durch Dina's Beſuch ſo beglückt, daß er ſich des Gedankens nicht erwehren konnte ihre Gegenwart verdiente mit einem Leben unauf⸗ hörlichen Kummers erkauft zu werden; aber ſchon im nächſten Augenblick machte er ſich Vorwürfe, gleich als hätte er ſich über den traurigen Tod ſeines Va⸗ ters gefreut. Gleichwohl behielt die Wonne wegen 181 ihrer Nähe die Oberhand: ſie war gleich dem Ein⸗ fluß des Clima's, welchen kein Widerſtand überwin⸗ den kann. Dieſes Gefühl ergoß ſich ſogar ſo deut⸗ lich über ſein Geſicht, daß ſeine Mutter es bemerkte als ſie ihren Thee trank. „Du magſt wohl ſagen daß die Trübſal eine gute Sache ſei, Seth, denn Du gedeihſt wohl dabei. Du ſiehſt aus als hätteſt du ſo wenig Sorgen und Kummer wie zur Zeit als Du noch als kleines Kind wachend in der Wiege lageſt; ja da lageſt Du immer ſtill da mit Deinen offenen Augen, während Adam keine Minute ruhig lag wenn er einmal wachte. Aber ihr habt ja beide recht denſelben Blick(hier wandte ſich Lisbeth an Dina); dieß kommt vermuth⸗ lich daher daß ihr beide Methodiſten ſeid. Nicht als ob ich euch darum tadeln wollte, denn ihr habt keinen Beruf mißmuthig zu ſein, und doch ſehet ihr auch betrübt aus. Nun wohl, wenn die Methodiſten gerne der Trübſal nachhängen, ſo kann ihnen dieß ſchon zu Theil werden: es iſt nur Schade daß ſie nicht alle haben und ſie den Andern abnehmen können die nichts damit ſchaffen wollen. Ich hätte ihnen die Hülle und Fülle geben können, denn ſo lange ich meinen Alten hatte, mußte ich mich vom Morgen bis zum Abend abquälen, und jezt da er dahinge⸗ gangen iſt, würde ich gerne das Schlimmſte wieder auf mich nehmen.“ „Ja,“ ſagte Dina, die den Gefühlen Lisbeths nicht widerſprechen wollte, denn ihr Vertrauen auf eine göttliche Leitung, das ſich in ihren geringſten Worten und Handlungen beurkundete, verlieh ihr ſtets jenen feinen weiblichen Tact der aus einem zar⸗ . 182 ten und leicht erregbaren Mitgefühl hervorgeht.„Ja, ich erinnere mich wohl; als meine liebe Tante ſtarbp, da ſehnte ich mich nach dem Ton ihres böſen Huſtens in der Nacht, ſtatt der Stille die jezt eingetreten war. Aber, liebe Freundin, trinkt doch noch eine Taſſe Thee und eßt ein Bischen mehr.“ „Ei wie?“ ſagte Lisbeth, indem ſie die Taſſe nahm und einen mildern Ton anſchlug,„hattet Ihr denn nicht Eure Eltern daß Ihr Euch um Eure Tante ſo ſehr grämtet?“. „Nein, ich kannte weder Vater noch Mutter; meine Tante erzog mich von früheſter Kindheit auf; ſie hatte keine Kinder, denn ſie war niemals verhei⸗ rathet, und ſie erzog mich ſo zärtlich als wäre ich ihr eigenes Kind geweſen.“ „Nun da hatte ſie gewiß eine ſchöne Mühe mit Euch, wenn ſie Euch von Kindheit bei ſich hatte, während ſie ſelbſt ganz allein in der Welt ſtand— es iſt ja ſchon ſchwer nur ein zahmes Lamm auf⸗ zuziehen— aber gewiß waret Ihr nicht ſehr wild, denn Ihr ſehet aus als ob Ihr Euch in Eurem Leben nicht geärgert hättet. Aber was thatet Ihr als Eure Tante ſtarb, und warum ſeid Ihr nicht zu Frau Poyſer herübergekommen, da ſie doch auch eine Tante von Euch iſt?“ Als Dina ſah daß Lisbeths Aufmerkſamkeit rege gemacht war, erzählte ſie ihr die Geſchichte ihres früheren Lebens, wie ſie zu ſchwerer Arbeit heran⸗ gezogen worden, und was für ein Plaz Snowfield ſei, und wie viel Leute ſich dort durch harte Arbeit fortbringen, kurz Alles wovon ſie glaubte daß es Lisbeth intereſſiren könne. Die alte Frau horchte, 183 und der beſchwichtigende Einfluß von Dina's Geſicht und Stimme gewann allmählig ſo viel Plaz daß ſie ihr verdrießliches Weſen ablegte. Nach einer Weile ließ ſie ſich überreden daß ſie die Küche in Ordnung bringen ließ, denn Dina beſtand darauf, weil ſie glaubte daß das Gefühl der Ruhe und der Ordnung um ſie her Lisbeth zu einem Gebete geneigt machen würde das ſie mit ihr zu erheben ſich ſehnte. Seth ging inzwiſchen in die Werkſtatt hinaus, denn er ver⸗ muthete Dina wünſche mit ſeiner Mutter allein ge⸗ laſſen zu werden. Lisbeth ſah zu wie Dina ruhig, aber raſch Alles aufarbeitete, und ſagte zulezt: „Ihr verſteht das Aufräumen. Ich würde Euch gerne zur Tochter haben, denn Ihr würdet den Lohn meines Jungen nicht für ſchöne Kleider ver⸗ ſchwenden. Ihr ſeid nicht wie die Mädchen bei uns. In Snowfield ſcheinen die Leute ganz anders zu ſein als hier.“ „Viele von ihnen haben eine andere Lebens⸗ weiſe,“ antwortete Dina:„ſie beſchäftigen ſich mit verſchiedenen Dingen, die einen in der Spinnerei, die andern in den Gruben und in den Dörfern rings umher. Aber das Menſchenherz iſt überall daſſelbe, und dort wie ſonſt gibt es Kinder dieſer Welt und des Lichts. Doch haben wir dort viel mehr Metho⸗ diſten als hier.“ „Nun ich wußte nicht daß die Methodiſtenfrauen ſo wären wie Ihr, denn Will Maskery's Frau, die eine Methodiſtin ſein ſoll, iſt gar nicht lieblich an⸗ zuſchauen. Ich würde eben ſo gerne eine Kröte ſehen. Es wäre mir recht lieb wenn Ihr heute da⸗ 184 bleiben und bei uns übernachten wolltet, denn ich möchte Euch morgen gern im Hauſe ſehen. Aber vielleicht erwarten Herr Poyſers Euch zurück?“ „Nein,“ ſagte Dina,„ſie erwarten mich nicht, V und ich will gerne bleiben, wenn Ihr's erlaubet.“ „Gut, an Plaz fehlt es nicht; ich habe mein Bett oben hinauf in die kleine Hinterkammer ge⸗ macht, und Ihr könnt bei mir ſchlafen. Ich möchte gerne in der Nacht mit Euch ſprechen können, denn Ihr habt eine hübſche Art zu reden. Es erinnert mich an die Schwalben die im lezten Jahr unter dem Strohdach niſteten, wenn ſie am Morgen ſo leiſe zuſammen zu ſingen anfingen. Ach wie mein Alter die Vögel ſo lieb hatte! Und Adam auch. Aber ſie ſind heuer nicht wiedergekommen; vielleicht ſind ſie auch todt.“ „Seht,“ ſagte Dina,„jezt ſieht die Küche wieder hübſch aus, und nun, liebe Mutter— Ihr wißt, ich bin heute Nacht Eure Tochter— ſolltet Ihr Euer Geſicht waſchen und eine reine Haube aufſezen. Er⸗ innert Ihr Euch was David that als Gott ſein Kind von ihm genommen hatte? So lange es noch lebte, faſtete und betete er daß Gott es ihm erhalten möchte, und er wollte weder eſſen noch trinken, ſon⸗ dern er lag die ganze Nacht auf dem Boden und betete zu Gott um das Kind. Aber als er hörte daß es geſtorben war, ſtand er auf, wuſch und ſalbte ſich, wechſelte ſeine Kleider und aß und trank; und als man ihn fragte wie es komme daß er ſich jezt nach dem Tode des Kindes nicht mehr zu grämen ſcheine, da antwortete er: So lang das Kind lebte, faſtete und weinte ich, denn ich ſagte: Wer kann wiſſen ob Gott mir gnädig ſein wird daß das Kind am Leben bleibe? Aber jezt da es todt iſt, warum ſollte ich faſten? Kann ich es zurückholen? Ich werde zu ihm gehen, aber es wird nicht zu mir zu⸗ rückkommen.“ „Ach ja, das iſt ein wahres Wort!“ ſagte Lis⸗ beth.„Ja, mein Alter wird nicht zu mir zurück⸗ kommen, aber ich werde zu ihm gehen— je eher je lieber. Nun Ihr könnt mit mir machen was Ihr wollt; in dieſer Schublade iſt eine reine Haube und ich will in die Hinterſtube gehen und mein Geſicht waſchen. Und Du, Seth, hole Adams neue Bibel mit den Bildern herab, dann ſollſt Du uns ein Ca⸗ pitel vorleſen. Ach mir gefallen dieſe Worte: ich werde zu ihm gehen, aber er wird nicht zu mir zu⸗ rückkommen.“ Dina und Seth dankten im Stillen Gott für die große Gemüthsruhe die über Lisbeth gekommen war. Dieß hatte Dina dadurch zu Stande zu brin⸗ gen geſucht daß ſie bei all ihrem innigen Mitgefühl ſich doch des tröſtenden Zuredens enthielt. Von Kindheit auf hatte ſie unter Kranken und Traurigen, unter verhärteten und durch Armuth und Unwiſſen⸗ heit niedergedrückten Gemüthern viel Erfahrungen gemacht, und hatte die feinſte Anſchauung über die Art und Weiſe gewonnen wie man ſie am beſten rühren, ſänftigen und dazu beſtimmen könne Worte geiſtiger Tröſtung oder Warnung anzuhören. Dina war, wie ſie ſich ſelbſt ausdrückte, niemals ſich ſelbſt überlaſſen, ſondern es wurde ihr immer eingegeben wann ſie ſchweigen und wann ſie ſprechen ſolle. Und ſind wir nicht Alle damit einverſtanden daß wir raſche ———— 186 Gedanken und edle Impulſe Eingebungen nennen? Nach unſerer feinſten Analyſe vom geiſtigen Proceß müſſen wir immer mit Dina ſagen daß unſere höch⸗ ſten Gedanken und unſere beſten Thaten alle uns eingegeben ſeien. Und ſo wurde inſtändig gebetet— und Glaube, Liebe und Hoffnung ergoßen ſich an dieſem Abend in der kleinen Küche. Und die arme alte verdrieß⸗ liche Lisbeth hatte, ohne eine beſtimmte Idee feſtzu⸗ halten, ohne eine Reihenfolge von religiöſen Em⸗ pfindungen durchzumachen, ein unbeſtimmtes Gefühl von Güte und Liebe, ſowie von einer gewiſſen Ge⸗ rechtigkeit die unter dieſem ganzen kummervollen Leben und jenſeits deſſelben liege. Sie konnte ihren Kum⸗ mer nicht verſtehen; aber in dieſen Augenblicken und unter dem bewältigenden Einfluß von Dina'’s Geiſt fühlte ſie daß ſie geduldig und ſtill ſein mußte. Eilftes Capitel. In der Hütte. Es war erſt halb fünf Uhr als Dina, nachdem ſie lange genug wach dagelegen, den Vögeln ge⸗ lauſcht und durch das Fenſter des Dachkämmerchens das zunehmende Licht beobachtet hatte, aufſtand und ſich ganz leiſe ankleidete um Lisbeth nicht zu ſtören. Aber bereits regte ſich ſonſt Jemand im Hauſe und war die Treppe hinabgegangen, wohin Gyp ihm vorausſprang. Des Hundes täppiſcher Tritt war. ein ſicheres Zeichen daß Adam es war, aber Dina 187 wußte das nicht und glaubte um ſo mehr daß Seth es ſei, weil dieſer ihr geſagt hatte wie Adam die ganze vorhergehende Nacht durchgearbeitet. Seth war jedoch eben erſt beim Geräuſch der aufgehenden Thüre erwacht. Die Aufregungen des vorhergehen⸗ den Tages, zulezt noch erhöht durch Dina's uner⸗ warteten Beſuch, hatten bei ihm kein Gegengewicht durch körperliche Ermüdung gefunden, denn er hatte nicht ſein gewöhnliches Maß ſchwerer Arbeit durch⸗ gemacht; als er daher zu Bette ging, konnte er nicht ſo bald einſchlafen, ſondern mußte ſich zuvor Stun⸗ den lang herumwälzen, bis er endlich in einen außer⸗ ordentlich ſchweren Schlaf fiel. Adam dagegen war durch ſeine lange Ruhe er⸗ friſcht worden, und bei ſeinem gewohnten Thätigkeits⸗ drang ſehnte er ſich den neuen Tag zu beginnen und die Traurigkeit durch die Kraft ſeines Willens und Armes zu überwältigen. Der weiße Nebel lag im Thale; man ſah einem ſchönen warmen Tage ent⸗ gegen, und Adam wollte gleich nach dem Frühſtück wieder an die Arbeit gehen. So lang der Menſch arbeiten kann, ſagte er zu ſich ſelbſt, ſo lang kann er Alles ertragen; die Na⸗ tur der Dinge ändert ſich nicht, obſchon das ganze Menſchenleben ein beſtändiger Wechſel zu ſein ſcheint. Das Quadrat von Vier iſt ſechszehn, und Du mußt einen Hebel im Verhältniß zu Deinem Gewicht ver⸗ langen, dieß iſt im Unglück des Menſchen eben ſo wahr als in ſeinem Glück; und das Beſte bei der Arbeit iſt daß ſie uns Dinge in die Hand gibt die außerhalb unſeres Schickſals liegen. Als er ſich das kalte Waſſer über Kopf und Ge⸗ 188 ſicht ſtürzte, fühlte er ſich wieder ganz wie ſonſt; ſeine ſchwarzen Augen waren wieder ſo klar wie frü⸗ her, ſein volles ſchwarzes Haar glänzte von der fri⸗ ſchen Feuchtigkeit, und ſo ging er in die Werkſtatt um Holz für ſeines Vaters Sarg auszuſuchen; er wollte es dann in Gemeinſchaft mit Seth zu Jona⸗ than Burge bringen und den Sarg von einem der Arbeiter dort machen laſſen, damit ſeine Mutter die⸗ ſes trübſelige Geſchäft nicht daheim anſehen und an⸗ hören müſſe. Er war juſt in die Werkſtatt getreten, als ſein ſcharfes Ohr leichte Fußtritte auf der Treppe hörte — es war ſicher nicht ſeine Mutter— er hatte ſchon geſchlafen als Dina am vorigen Abend gekom⸗ men war, und nun war er begierig weſſen Tritte es wohl ſein könnten. Ein närriſcher Gedanke regte ihn ſeltſam auf. Als ob es Hetty ſein könnte! Sie war gewiß die lezte die auf Beſuch kam. Und den⸗ noch ſträubte er ſich hinzugehen und ſich durch den eigenen Augenſchein den klaren Beweis zu verſchaffen daß es irgend eine andere Perſon ſei. Er lehnte ſich an ein Brett das er zur Hand genommen hatte, und lauſchte auf Töne die ſeine Einbildungskraft ſo lieblich deutete, daß das ſcharfe, markige Geſicht von einer zärtlichen Schüchternheit übergoſſen wurde. Der leichte Schritt bewegte ſich in der Küche umher, gefolgt vom Getöne des Kehrbeſens, der kaum ſo viel Geräuſch machte wie der leiſeſte Abendwind. welcher die Herbſtblätter über den ſtaubigen Pfad hinjagt; und Adams Einbildungskraft erblickte ein Geſicht mit Grübchen, mit ſchwarzen hellen Augen, mit ſchalkhaftem Lächeln, wie es nach dem Beſen „ b — 189 zurückſchaute, und eine rundliche Geſtalt die ſich eben ein wenig neigte um den Stiel feſt zu faſſen. Ein ſehr närriſcher Gedanke— Hetty konnte es nicht ſein; aber um ſich den Unſinn ganz aus dem Kopfe zu bringen, gab es kein anderes Mittel als hinzu⸗ gehen und zu ſehen wer es war, denn ſo lange er daſtand und lauſchte, begann ſeine Phantaſie immer gläubiger zu werden. Er ſtellte das Brett weg und ging in die Küche. „Wie gehts Euch, Adam Bede?“ redete ihn Dina mit ihrer ruhigen ſanften Stimme an, indem ſie mit dem Auskehren einhielt und ihre milden ern⸗ ſten Augen auf ihn heftete. Ich hoffe daß Ihr tüchtig ausgeruht habt und wieder kräftig genug ſeid um die Laſt und Hize des Tages zu tragen.“ Das hieß vom Sonnenſchein träumen und im Mondſchein erwachen. Adam hatte Dina mehrere Male geſehen, aber immer nur auf dem Pachthof, wo er ſich der Exiſtenz anderer Frauenzimmer als Hetty's nie ſehr lebhaft bewußt war, und Seths Verliebt⸗ heit in die Predigerin hatte er erſt in den lezten Paar Tagen zu vermuthen angefangen, ſo daß ſeine Aufmerkſamkeit auch nicht durch ſeines Bruders Liebe auf ſie gerichtet war. Aber jezt wirkte ihre ſchlanke Geſtalt, ihr einfaches ſchwarzes Kleid und ihr blaſſes freundliches Geſicht in all der Kraft auf ihn die einer Wirklichkeit inne wohnt, wenn man ſie einer vorgefaßten Einbildung gegenüberſtellt. In den erſten Augenblicken gab er keine Antwort, ſondern betrach⸗ tete ſie nur mit dem feſten, prüfenden Blick eines Mannes der ſich plözlich für einen Gegenſtand zu intereſſiren angefangen hat. Bei Dina regte ſich 190 zum erſten Mal in ihrem Leben ein peinliches Selbſt⸗ bewußtſein; in dem dunkeln durchdringenden Blick dieſes ſtarken Mannes lag Etwas das gegen die Sanftheit und Schüchternheit ſeines Bruders Seth ungemein abſtach. Eine ſchwache Röthe überzog ihr Geſicht und wurde noch dunkler als ſie ſich darüber verwunderte. Dieſes Erröthen rief Adam wieder aus ſeiner Selbſtvergeſſenheit. „Ich war ganz überraſcht; es war ſehr freund⸗ lich von Euch daß Ihr meine Mutter in ihrer Trüb⸗ ſal beſucht habt,“ begann er in ſanftem, dankbarem Tone, denn ſein raſcher Verſtand ſagte ihm ſogleich warum ſie da war.„Hoffentlich hat ſich meine Mutter recht dankbar gegen Euch gezeigt?“ fügte er hinzu, da er in Betreff des ihr gewordenen Empfangs nicht ganz ohne Sorgen war. „Ja,“ ſagte Dina, indem ſie ihre Arbeit wieder aufnahm;„ſie ſchien nach einer Weile ſehr getröſtet und heute Nacht hat ſie gut geſchlafen. Sie ſchlum⸗ merte noch feſt als ich ſie verließ.“ „Wer hat die Nachricht auf den Pachthof ge⸗ bracht?“ fragte Adam, deſſen Gedanken beſtändig zu einer dort weilenden Perſon zurückkehrten; er hätte gar zu gern erfahren ob ſie etwas dabei empfun⸗ den habe. „Der Herr Pfarrer Irwine hat es mir geſagt, und meine Tante bekümmerte ſich ſehr um Eure Mutter als ſie es hörte, und erſuchte mich herzu⸗ gehen; auch mein Onkel wird es ſich ſehr zu Herzen nehmen wenn er es jezt gehört hat, aber geſtern war er den ganzen Tag in Roſſeter. Man erwartet Euch auf dem Pachthof ſobald Ihr Zeit habt, denn 191 dort iſt Niemand im ganzen Haus der Euch nicht gerne ſehen würde.“ Dina wußte vermöge ihrer liebereichen Ahnung recht gut, daß Adam ſich ſehnte zu erfahren ob Hetty etwas über ſein Familienunglück geſagt habe; ſie war eine zu ſtrenge Wahrheitsfreundin um ſich eine wohlwollende Erdichtung zu erlauben, aber ſie hatte jezt doch eine Erklärung über ſich genommen bei welcher Hetty ſchweigend einbegriffen war. Die Liebe hat eine Art ſich ſelbſt mit Bewußtſein zu täuſchen wie ein Kind das für ſich allein Verſteckens ſpielt; ſie freut ſich über Verſicherungen an welche ſie die ganze Zeit über nicht glaubt. Adam war über Dina's Erklä⸗ rung ſo erfreut, daß er an Nichts mehr als an den nächſten Beſuch auf dem Pachthof dachte, wo Hetty ſich freundlicher gegen ihn benehmen würde als je zuvor. „Aber Ihr ſelbſt bleibt nicht mehr länger da?“ fragte er Dina. „Nein, ich gehe am Samſtag nach Snopfield zurück, und ich muß in der Frühe nach Treddleſton aufbrechen, damit ich das Oakbourner Fuhrwerk nicht verfehle. Deßhalb muß ich auch heute Abend auf den Pachthof zurücktehren, damit ich den lezten Tag bei meiner Tante und ihren Kindern zubringen kann; aber ich kann den ganzen Tag über hier bleiben, wenn Eure Mutter mich gerne um ſich ſieht; geſtern Abend ſchien ſich ihr Herz mir zuzuneigen.“ „O dann wird ſie Euch auch heute ganz gewiß gerne ſehen; wenn meine Mutter gleich im Anfang Jemand liebgewinnt, ſo bleibt ſie ihm auch ſonſt freundlich zugethan; aber es iſt ſonderbar von ihr 192 daß ſie junge Frauenzimmer nicht leiben kann. In⸗ deß,“ fuhr Adam lächelnd fort,„wenn ſie auch an⸗ dere junge Mädchen nicht leiden kann, ſo iſt dieß kein Grund daß ſie Euch nicht lieben ſollte.“ Bisher hatte Gyp dieſer Unterhaltung regungs⸗ los und ſchweigend angewohnt; auf ſeinen Hinter⸗ beinen ſizend, hatte er bald ſeinem Herrn ins Geſicht geſchaut um deſſen Ausdruck zu beobachten, bald Dina's Thun und Treiben in der Küche umher ins Auge gefaßt. Das freundliche Lächeln womit Adam die lezten Worte ſprach war augenſcheinlich bei Gyp entſcheidend über die Art und Weiſe wie er die Fremde aufzufaſſen habe, und als ſie nach Wegſtel⸗ lung des Kehrbeſens ſich umdrehte, trat er auf ſie zu und richtete ſeine Schnauze freundlich gegen ihre Hand. „Ihr ſeht, Gyp heißt Euch willkommen,“ ſagte Adam,„und das thut er nicht ſo ſchnell bei Fremden.“ „Guter Hund,“ ſagte Dina indem ſie ſein rauhes graues Fell ſtreichelte;„ich habe in Betreff dieſer ſtummen Geſchöpfe ein ſeltſames Gefühl, als ob ſie gerne ſprechen möchten und ſich darüber betrübten daß ſie es nicht können. Beſonders bei den Hunden macht es mir immer Kummer, obſchon es vielleicht gar nicht nöthig iſt. Sie haben gewiß mehr in ſich als ſie uns zu verſtehen geben können, denn auch wir ſelbſt können mit all unſern Worten nicht die Hälfte unſerer Empfindungen ausdrücken.“ Jezt kam Seth herab und freute ſich Adam im Geſpräch mit Dina zu finden; er wünſchte daß Adam ſehen ſollte wie weit ſie alle andern Mädchen über⸗ rage. Aber nach einer kurzen Begrüßung zog Adam 8—,———— 89—— 8☛⏑ 8—,————+2 u — 193 ihn in die Werkſtatt um wegen der Bahre zu ſpre⸗ chen, und Dina fuhr in ihrer Arbeit fort.. Um ſechs Uhr waren ſie Alle bei Lisbeth zum Frühſtück, und die Küche wo ſie ſaßen war ſo rein wie nur die Alte ſie ſelbſt hätte machen können. Das Fenſter und die Thüren ſtanden offen, und die Morgenluft brachte aus dem Gärtchen neben der Hütte die Düfte von Stabwurz, Thymian und Wein⸗ roſen herein. Dina ſezte ſich im Anfang nicht, ſon⸗ dern ging hin und her und bediente die Andern mit der warmen Suppe und dem geröſteten Gerſten⸗ kuchen; ſie hatte das Frühſtück ganz auf die gewöhn⸗ liche Weiſe bereitet und Seth vorher gefragt wie ſeine Mutter es zu geben pflege. Lisbeth war un⸗ gewöhnlich ſtill geweſen ſeit ſie die Treppe herab⸗ gekommen: es koſtete augenſcheinlich einige Zeit bis ſie ihre Ideen an einen Zuſtand der Dinge gewöhnt hatte wo ſie, wie eine vornehme Dame, beim Her⸗ abkommen alle Arbeit ſchon gethan vorfand und ſich auch noch bedienen ließ. Ihre neuen Gefühle ſchie⸗ nen die Erinnerung an ihren Verluſt auszuſchließen. Endlich nachdem ſie die Suppe gekoſtet hatte, brach ſie das Schweigen. „Ihr habt die Suppe ganz gut gemacht,“ ſagte ſie zu Dina,„ich kann ſie eſſen ohne daß ſie mir den Magen umdreht. Es könnte Nichts ſchaden wenn ſie um eine Kleinigkeit dicker wäre; auch nehme ich immer ein bischen Pfeffermünz dazu; aber woher ſollt Ihr das wiſſen? Die Jungen wer⸗ den nicht ſo leicht Leute bekommen die ihre Suppen ſo machen wie ich ſie mache; es wird überhaupt ſchon ein Glüd ſein wenn ſie Jemand finden der Eliot, Adam Bede. I. 13 194 ihnen Suppe macht. Aber Ihr könntet es thun wenn man es Euch noch ein wenig zeigt; denn Ihr ſeid am Morgen früh auf, Ihr habt leichte Füße und habt das Haus zur Noth recht ſchön geſäubert.“ „Wie, Mutter, zur Noth?“ fragte Adam.„E, ich meine das Haus ſehe ganz ſchön aus. Ich weiß nicht wie es noch beſſer ausſehen könnte.“ „Du weißt das nicht. Freilich, warum ſollteſt Du es auch wiſſen? Die Männer wiſſen nie ob ein Stubenboden gründlich gepuzt iſt oder ob man es nur ſo obenhin genommen hat. Aber Du wirſt es ſchon einmal lernen wenn Du einmal die Suppe verbrannt 1 ( ———— bekommſt, was ſchon bald genug geſchehen wird, wenn ich ſie Dir nicht mehr mache. Dann wirſt Du denken Deine Mutter ſei doch auch zu etwas gut geweſen.“ b „Dina,“ ſagte Seth,„kommt doch her und ſezet Euch zum Frühſtück. Wir haben jezt Alles.“ „Ja, ja, kommt und ſezet Euch,“ ſagte Lisbeth; „Ihr müßt etwas eſſen, Ihr habt es nöthig, da Ihr ſchon anderthalb Stunden auf den Beinen ſeid Seht,“ fügte ſie in einem Tone freundlichen Be⸗ dauerns hinzu, als Dina ſich an ihre Seite ſezte⸗/ „es thut mir Leid daß Ihr geht, aber ich glaube Ihr könnt Euch nicht mehr länger aufhalten. Mit Euch würde ich mich beſſer im Hauſe vertragen als mit den meiſten andern Leuten.“ „Ich will bis auf den Abend bleiben, wemn Ihrs gerne ſehet,“ ſagte Dina.„Ich würde mich noch länger aufhalten, aber ich gehe Samſta nach Snowfield zurück und muß morgen bei meine; Tante ſein.“ 195 „An Eurer Stelle ginge ich nicht in dieſe Ge⸗ gend zurück; mein Alter ſtammte aus Stonyſſire, zog aber ſchon als junger Burſche fort, und er hatte Recht, denn er ſagte es gebe dort kein Holz, und das iſt eine ſchlechte Gegend für einen Zim⸗ mermann.“ „Ja,“ ſagte Adam,„ich erinnere mich daß ich als kleiner Junge den Vater ſagen hörte, wenn er je weiter zöge, ſo wäre es nach dem Süden. Aber ich weiß doch nicht recht; Barthel Maſſey, der im Süden gut bekannt iſt, ſagt, die Leute vom Norden ſeien von einem hübſchern Menſchenſchlag als die vom Süden, ſtärker von Kopf, kräftiger an Leib und um ein Bedeutendes größer. Auch ſagte er, in eini⸗ gen Gegenden ſei es ſo eben wie meine flache Hand, und in der Ferne könne man gar Nichts ſehen ohne auf die höchſten Bäume hinauf zu klettern. Das könnte ich nicht aushalten: ich gehe an meine Arbeit gern auf einem Weg wo ich von Zeit zu Zeit einen Hügel hinanzugehen habe und die Felder meilenweit um mich her ſehe; auch ſehe ich gern eine Brücke, ein Städtchen und da und dort einen Kirchthurm. Man fühlt dann daß die Welt ein großer Plaz iſt, und daß noch andere Menſchen mit ihren Köpfen und Händen drin arbeiten.“ „Ich liebe die Hügel am meiſten,“ ſagte Seth, „wenn die Wolken einem über den Kopf hinziehen und man die Sonne weithin ſcheinen ſieht, wie ich es in der lezten Zeit an den Regentagen oft geſehen habe; ich meine dann das ſei der Himmel wo immer Freude und Sonnenſchein iſt, wenn auch dieſes Leben dunkel und bewölkt ſein mag.“ 13* nicht verlaſſen wo die armen Leute ein ſo hartes 196 „O ich liebe Stonyſhire,“ ſagte Dina;„ich möchte mein Geſicht nicht den Gegenden zuwenden die reich an Korn und Vieh ſind, und wo der Boden ſo eben und bequem zum Gehen iſt; ich möchte die Hügel Leben führen, und die Männer fern vom Sonnen⸗ licht in den Gruben ihre Tage zubringen. Es iſt etwas Geſegnetes, an einem trüben kalten Tag, wenn der Himmel finſter über dem Hügel hängt, die Liebe Gottes in ſeiner Seele zu empfinden und ſie in die einſamen kahlen ſteinernen Häuſer zu tragen, wo es ſonſt keine Freude gibt.“ „Ei,“ ſagte Lisbeth,„Ihr habt gut reden, denn Ihr ſehet aus wie ein Schneeglöckchen das Tag für Tag von einem Tropfen Waſſer und einem Bischen Sonnenſchein leben kann; aber die hungrigen Leute würden doch beſſer thun wenn ſie die hungrigen Gegenden verließen; es gabe dann weniger Mäuler für das armſelige Stück Brod. Aber,“ fuhr ſie mit einem Blick auf Adam fort,„ſprich mir nicht davon daß Du nach dem Süden oder Norden ziehen, daß Du Deinen Vater und Deine Mutter auf dem Kirch⸗ hof laſſen und in eine Gegend gehen wolleſt die wir nicht kennen. Ich finde keine Ruhe in meinem Grab wenn ich Dich nicht am Sonntag auf dem Kirchhof ſehe.“ „Sei unbeſorgt, Mutter,“ ſagte Adam.„Wäre ich nicht feſt entſchloſſen dazubleiben, ſo würde ich ſchon längſt gegangen ſein.“ Er hatte ſein Frühſtück jezt beendet und erhob ſich bei dieſen Worten. 197 „Wo willſt Du jezt hin?“ fragte Lisbeth,„willſt Du Deines Vaters Sarg machen?“ „Nein Mutter,“ ſagte Adam,„wir wollen das Sols ins Dorf bringen und den Sarg dort machen aſſen.“ „Nein, mein Junge,“ rief Lisbeth eifrig und in klagendem Tone,„Du wirſt doch den Sarg Deines Vaters von keinem Andern machen laſſen? Wer könnte ihn ſo gut zu Stande bringen? Der Selige verſtand ſich auf gute Arbeit und hat einen Sohn welcher der geſchickteſte im ganzen Dorfe iſt, und noch in ganz Treddleſton dazu.“. „Ganz gut, Mutter, wenn es Dein Wunſch iſt, ſo will ich den Sarg zu Hauſe machen; aber ich dachte, Du würdeſt die Arbeit nicht gerne hören.“ „Ei warum denn nicht? Man muß thun was Recht iſt, und ob man es gerne hört oder nicht, was iſt daran gelegen? es gibt in der Welt Man⸗ ches was Einem nicht gefällt. Ein Biſſen iſt ſo gut als ein anderer wenn man keinen Geſchmack im Munde hat; Du mußt gleich dieſen Morgen an die Arbeit gehen. Kein Anderer ſoll den Sarg anrühren als Du.“ Adams Augen begegneten den Blicken Seths, welcher bedeutſam von Dina hinweg zu ihm hinüber⸗ ſchaute. „Nein Mutter,“ ſagte er,„ich verlange daß Seth auch mitarbeiten muß, wenn der Sarg zu Haus gemacht werden ſoll. Ich will heute früh ins Dorf gehen, weil Herr Burge mich zu ſprechen wünſcht, und Seth ſoll daheim bleiben und den Sarg an⸗ um ſo beſſer gegen ihn ſein. Dafür daß Seth ſei⸗ 198 fangen. Ich kann bis Mittag wieder da ſein, und dann kann Seth gehen.“ „Nein, nein,“ beharrte Lisbeth,„ich habe mein Herz daran geſezt daß Du Deines Vaters Sar machen ſollſt; Du biſt ſo ſtörriſch und rechthaberiſch, Du willſt nie thun was Deine Mutter haben will. Du warſt oft ärgerlich gegen Deinen Vater ſo lang er lebte; deßhalb mußt Du jezt, nachdem er fort iſt, nen Sarg macht, hätte er Nichts gegeben.“ „Sag nichts mehr, Adam, ſage nichts mehr,“ bat Seth in ſanſtem Ton, obſchon man ihm wohl anhörte daß ihm das Sprechen ſchwer wurde;„die Mutter hat Recht, ich will ans Geſchäft gehen; bleib Du zu Hauſe.“. Damit ging er in die Werkſtatt und Adam folgte ihm; Lisbeth aber, die automatiſch den alten Ge⸗ wohnheiten folgte, begann aufzuräumen, als wollte ſie nicht dulden daß Dina noch länger ihre Stelle einnehme. Dina ſagte Nichts, ſondern benüzte ſo⸗ gleich die Gelegenheit in aller Stille zu den Brü⸗ dern in die Werkſtatt hinauszugehen. Sie hatten bereits ihre Schürzen angezogen und ihre Papier⸗ müzen aufgeſezt; Adam hatte ſeine linke Hand auf Seths Schulter gelegt, während er mit dem Hammer in ſeiner Rechten auf einige Bretter deutete die ſie mit einander anſahen. Ihren Rücken hatten ſie gegen die Thüre gekehrt zu welcher Dina eintrat. Sie kam ſo leiſe, daß die Brüder ihre Anweſenheit erſt be⸗ merkten als ſie:„Seth Bede!“ ſagen hörten. Seth fuhr zuſammen und beide drehten ſich um. Dina that als ob ſie Adam nicht erblickt hätte, und ———— N 199 heftete ihre Augen auf Seths Geſicht, indem ſie mit ruhiger Freundlichkeit ſagte: „Ich ſage nicht Adieu. Ich werde Euch wieder ſehen wenn Ihr von der Arbeit zurückkehret. Wenn ich vor dem Abend auf dem Pachthof bin, ſo iſt es bald genug.“ „Ich danke Euch, Dina; ich möchte Euch gerne noch einmal nach Hauſe begleiten, vielleicht iſt es das lezte Mal.“ In Seths Stimme verrieth ſich einiges Zittern; Dina ſtreckte ihre Hand aus und ſagte: „Ihr werdet heute holden Frieden in Eurer Seele haben, Seth, wegen Eurer Zärtlichkeit und Eurer Langmuth gegen Eure alte Mutter.“ Sie wandte ſich um und verließ die Werkſtatt ſo raſch und ſtill wie ſie gekommen war. Adam hatte ſie die ganze Zeit über genau beobachtet, aber ſie hatte ihn nicht angeſchaut. Sobald ſie fort war, ſagte er: „Ich wundere mich nicht daß Du ſie liebſt, Seth, ſie hat ein Geſicht wie eine Lilie.“ Seths Seele rauſchte in ſeine Augen und Lip⸗ pen: er hatte Adam von ſeiner Liebe nie etwas an⸗ vertraut, aber jezt empfand er eine wundervolle Er⸗ leichterung, als er antwortete: „Ja Addy, ich liebe ſie— ich glaube nur allzu ſehr. Aber ſie liebt mich nicht, mein Junge, ſondern nur ſo wie die Kinder Gottes einander lieben. Sie wird niemals einen Mann als Chegatten lieben, das glaub' ich.“ „Nein, mein Junge, das kann man nicht ſagen, Du mußt den Muth nicht verlieren. Sie iſt aus 200 feinerem Stoffe gewoben als die meiſten andern Mädchen; das ſe Allem beſſer iſt als die andern, ſo kann ich nicht Nauben daß ſie bloß in der Liebe ihnen nachſtehen wird.“ Weiter wurde nicht geſprochen. Seth ging ins Dorf und Adam begann am Sarge zu arbeiten. „Gott helfe dem Jungen und mir auch!“ dachte er, als er ſein erſtes Brett vornahm.„Wir werden noch manches herbe Stück Arbeit bekommen— Müh⸗ ſal genug im Hauſe und außer dem Hauſe. Es iſt doch ſeltſam, wenn man bedenkt wie ein Mann der mit ſeinen Zähnen einen Stuhl aufhebt und fünfzehn Stunden hinter einander geht, zu zittern und bald kalt bald heiß zu werden anfängt, wenn ein einziges Mädchen in der Welt ihm einen Blick zuwirft. Dieß iſt ein Geheimniß das wir nicht zu erklären ver⸗ mögen, aber wir können ja auch nicht ſagen wie ein Samenkorn ſproßt.“ Zwölftes Capitel. Im Walde. An demſelben Donnerſtag Morgen befand ſich Arthur Donnithorne in ſeinem Ankleidezimmer; er betrachtete ſeine wohlgeſtalte brittiſche Perſon in den altmodiſchen Spiegeln, ließ ſich von einer dunkeln grü⸗ nen Tapete her von Pharao's Tochter und ihren Frauen anſtaunen, die ſo eben den kleinen Moſes bemerkt haben mußten, und hielt mit ſich ſelbſt eine Zwie⸗ e ich deutlich. Aber wenn ſie in 201 ſprach die zu einem beſtimmten practiſchen Entſchluß gediehen war, als ſein Bedienter ihm die ſchwarze ſeidene Binde über die Schulter ſchlang. „Ich will auf ungefähr acht Tage nach Eagle⸗ dale gehen und fiſchen,“ ſagte er laut.„Ihr müßt mitkommen, Pym, und zwar brechen wir ſchon die⸗ ſen Morgen auf; um halb zwölf muß Alles fertig ſein.“ Das leiſe Pfeifen das ihm zu dieſem Entſchluß verholfen, verwandelte ſich jezt in ſeinen lauteſten Tenor, und als er über den Corridor hineilte, wieder⸗ hallte dieſer von ſeiner Lieblingsarie aus der Bettler⸗ oper:„Wenn das Herz in der Bruſt iſt von Sor⸗ gen bedrückt.“ Kein Heldenlied, aber dennoch war es Arthur ſehr heroiſch zu Muthe, als er nach den Ställen ging um wegen der Pferde die nöthigen Be⸗ fehle zu ertheilen. Seine eigene Zufriedenheit war ihm Bedürfniß und dieſen Genuß konnte er ſich nicht ſo umſonſt verſchaffen; er mußte durch große Ver⸗ dienſte errungen werden. Er hatte dieſe Selbſtzufrie⸗ denheit noch nicht verwirkt, und er ſezte ein bedeu⸗ tendes Vertrauen in ſeine eigenen Tugenden. Kein junger Mann konnte ſeine Fehler aufrichtiger geſte⸗ hen, Aufrichtigkeit war eine ſeiner Lieblingstugenden, und wie kann ein Menſch ſeine Aufrichtigkeit in ihrem vollen Glanz zeigen, wenn ihm nicht einige Fehler⸗ chen ankleben von denen er ſprechen kann? Aber er hatte ein angenehmes Vertrauen daß ſeine Fehler alle von edler Art ſeien— Fehler einer ungeſtümen heißblütigen Löwennatur; nichts Kriechendes und Schleichendes. Es war für Arthur Donnithorne nicht möglich einen gemeinen, feigen oder grauſamen 202 Streich zu begehen.„Nein, ich bin zwar ein Teu⸗ felskerl und bringe mich oft genug in eine Verlegen⸗ heit, aber ich richte es immer ſo ein daß die Laſt auf meine eigenen Schultern fällt.“ Unglücklicher Weiſe liegt in ſolchen Verlegenheiten keine innere poetiſche Gerechtigkeit, und die ſchlimmſten Folgen wollen oft durchaus nicht auf den Hauptübelthäter fallen, wenn er es auch noch ſo laut gewünſcht hat. Wenn Arthur alſo jemals noch einen Andern außer ſich ſelbſt in eine Patſche gebracht hatte, ſo traf die Schuld lediglich dieſe mangelhafte Einrichtung der Dinge. Er war die Gutmüthigkeit ſelbſt und auf allen ſeinen Bildern von der Zukunft, wenn er ein⸗ mal die Gutsherrſchaft angetreten hätte, ſah man Nichts als wohlhabende, zufriedene Pächtersleute die ihren Gutsherrn anbeteten, welcher das Muſter eines engliſchen Landedelmanns war— das Wohnhaus in beſter Ordnung, Alles aufs Eleganteſte und Geſchmack⸗ vollſte— luſtige Geſellſchaft, den ſchönſten Marſtall in Loamſhire, eine offene Börſe für alle öffentlichen Zwecke, kurz und gut, Alles möglichſt verſchieden von den Begriffen die man jezt mit dem Namen Donni⸗ thorne verband. Und eine der erſten guten Hand⸗ lungen die er in dieſer Zukunft verrichten wollte, war daß er Irwine's Einkommen für die Pfarrei Hayſlope erhöhte, damit er für ſeine Mutter und Schweſtern einen Wagen halten konnte. Seine herz⸗ liche Zuneigung zu dem Pfarrer ſtammte ſchon aus der Zeit der Kinderröcke und Pumphoſen. Dieſe Zuneigung war theils kindlich, theils brüderlich;— brüderlich genug daß er ſich in Irwine's Geſellſchaft wohler fühlte als bei den meiſten jüngeren Leuten, ———*——— 1 — b 2 t / 203 und kindlich genug um vor einem Tadel des Pfar⸗ rers gewaltige Scheu zu hegen. Ihr ſeht, Arthur Donnithorne war ein guter Kerl— alle ſeine Studiengenoſſen ſagten das: er konnte Niemand traurig ſehen; er würde ſich über ein Leid das ſeinem Großvater zugeſtoßen wäre aufs ſchmerzlichſte betrübt haben, und ſelbſt ſeiner Tante Lydia kam die Weichherzigkeit zu Gute die er gegen ihr ganzes Geſchlecht beurkundete. Ob er Selbſtbeherrſchung genug beſizen würde um ſtets ſo harmlos und rein wohlthätig zu bleiben wie ſeine gute Natur ihn wünſchen ließ, das war eine Frage die noch Niemand gegen ihn entſchieden hatte. Er war erſt ein und zwanzig Jahre alt, und bei einem hübſchen edelherzigen jungen Geſellen, der einmal reich genug wird um allerlei kleine Sünden wieder gut zu machen, braucht man es nicht ſo genau zu nehmen: überfährt er einmal unglücklicher Weiſe einen Men⸗ ſchen, ſo daß er das Bein bricht, ſo kann er ihm eine hübſche Penſion ausſezen; ruinirt er die Exi⸗ ſtenz eines Frauenzimmers, ſo entſchädigt er ſie mit koſtbaren Bonbons die er mit eigener Hand zuſam⸗ menpackt und adreſſirt. Es wäre lächerlich in ſol⸗ chen Fällen ſo genau und analytiſch zu Werke zu gehen als wollte man über den Character eines ge⸗ heimen Secretärs Nachfragen anſtellen. Bei einem jungen Mann von Geburt und Vermögen gebrauchen wir runde, allgemeine gentlemänniſche Prädicate, und die Damen ſehen mit jenem feinen Blick der die auszeichnende Eigenſchaft ihres Geſchlechtes bildet ſogleich daß er ein netter junger Mann iſt. Alle Wahrſcheinlichkeiten gehen dahin daß er durchs Leben 204 wandern wird ohne jemals große Aergerniſſe zu be⸗ reiten; ein ſeetüchtiges Schiff deſſen Verſicherung jede Compagnie gerne annehmen wird. Schiffe ſind aller⸗ dings Zufälligkeiten unterworfen, die einen kleinen Fehler im Bau welcher im glatten Waſſer nicht ent⸗ deckt worden wäre zur ſchrecklichen Klarheit bringen, und auf gleiche Art iſt ſchon mancher gute Kerl durch eine unglückliche Verwicklung von Umſtänden ver⸗ rathen worden. Aber wir haben keinen vernünftigen Grund uns ungünſtigen Ahnungen in Bezug auf Arthur Donni⸗ thorne hinzugeben, der ſich dieſen Morgen als fähig erweist einen klugen, von ſeinem Gewiſſen dictirten Entſchluß zu faſſen. Eines iſt gewiß: die Natur hat dafür geſorgt daß er ſich niemals mit vollkommener Seelenruhe und Selbſtzufriedenheit weit verirren wird; er wird niemals über die Gränze der Sünde hinüberkommen ohne von der andern Seite her be⸗ ſtändig durch Angriffe beunruhigt zu werden. Er wird nie ein Höfling des Laſters werden, nie deſſen Ordensbändchen in ſeinem Knopfloch tragen. Es war ungefähr zehn Uhr und die Sonne ſchien hell: Alles ſah üppiger aus in Folge des lezten Regens. Es iſt eine angenehme Sache an einem ſolchen Morgen über den wohlgewalzten Kies⸗ weg und mit Gedanken an einen Ausflug nach den Ställen zu gehen; aber der Stallgeruch, der beim natürlichen Zuſtand der Dinge zu den beſchwichtigen⸗ den Einflüſſen im Leben eines Mannes gehören ſollte, brachte für Arthur immer einigen Aerger mit ſich. Im Stalle ging Nichts nach ſeinem Willen und Alles wurde aufs Filzigſte betrieben. Sein Groß⸗ 205 vater behielt hartnäckig als erſten Stallknecht einen alten Tölpel den Nichts von ſeinen alten Gewohn⸗ heiten abbringen konnte, und der die Erlaubniß hatte einige rohe Burſche von Loamſhire als Unter⸗ knechte anzuſtellen, von denen einer erſt vor etlichen Tagen, bloß um eine neue Schere zu probiren, Arthurs brauner Stute einen langen Fleck ausge⸗ ſchnitten hatte. Dieſer Zuſtand der Dinge muß Jeden erbittern; man kann ſich Verdrießlichkeiten im Hauſe noch gefallen laſſen, aber den Stall in einen Schauplaz von Widerwärtigkeiten und Aergerniſſen verwandelt zu ſehen, das kann man menſchlichem Fleiſch und Blut nicht lange zumuthen, ohne daß Miſanthropie einzureißen droht. Des alten John hölzernes von tiefen Runzeln durchfurchtes Geſicht war das Erſte was Arthur bei ſeinem Eintritt in den Stall in die Augen fiel, und es vergiftete ihm ſeine Freude an dem Gebelle der beiden Schweiß⸗ hunde die dort Wache ſtanden. Er konnte mit dem alten Dummkopf nie recht geduldig ſprechen. „Um halb Zwölf muß Meg für mich und Rattler für Pym geſattelt vor der Thüre ſtehen, hört Ihr?“ „Ja ich höre, ich höre, Herr Capitän,“ antwortete der alte John ſehr bedächtig indem er dem jungen Herrn in den Stall folgte. John betrachtete einen jungen Herrn als den natürlichen Feind eines alten Dieners und junge Leute im Allgemeinen als ſehr wenig geeignet die Welt zu regieren. Arthur ging hinein um Meg zu ſtreicheln und wollte ſich ſonſt ſo wenig als möglich im Stalle umſehen, um ſich nicht ſchon vor dem Frühſtück ärgern zu müſſen. Das hübſche Thier ſtand in einem der 206 innern Ställe und drehte ſeinen zarten Kopf um als ſein Herr ihm näher kam; der kleine Trot, ein hübſches Wachtelhündchen und ſein unzertrennlicher Gefährte im Stall, ſaß behaglich auf ſeinem Rücken zuſammengekauert. „Nun, meine hübſche Meg,“ ſagte Arthur, indem er der Stute den Hals ſtreichelte,„wir werden die⸗ ſen Morgen einen prächtigen Galopp miteinander machen.“ „Nein, Euer Ehren, das kann nicht ſein,“ be⸗ merkte John. „Nicht ſein? Warum nicht?“ „Weil ſie lahm iſt.“ 3 „Lahm? Hol Euch der Teufel, was meint Ihr damit?“ „Nun, der Burſche kam ihr mit Daltons Pfer⸗ den zu nahe, eines davon hat nach ihr geſchlagen, und nun iſt ſie am Vorderbein gequetſcht.“ Der umſichtige Geſchichtſchreiber enthält ſich einer näheren Darſtellung der Scene die jezt erfolgte. Man begreift daß ſtarke Worte gebraucht wurden, und daß Arthur bei der Unterſuchung des Beins es an beſchwichtigenden Zuſprüchen nicht fehlen ließ; daß ferner John ſo ungerührt daneben ſtand als wäre der kranke Fuß ein hübſchgeſchnizter Spazier⸗ ſtock von Apfelholz, und daß Arthur Donnithorne durch das eiſerne Gitterthor des Gärtchens zurück⸗ ging ohne zu ſingen. Er war im höchſten Grad ärgerlich und erbost. Außer Meg und Rattler waren keine andern Pferde für ihn und ſeinen Bedienten im Stalle. Es war zum Raſendwerden; er hatte jezt nur auf ein Paar ———, 207 Wochen fortgewollt. Wie konnte doch die Vorſehung eine ſolche Verwicklung der Umſtände geſtatten? Mit einem gebrochenen Arm auf dem Gut eingeſchloſſen zu bleiben, während ſeine Regimentskameraden ſich in Windſor amüſirten— mit ſeinem Großvater ein⸗ geſchloſſen zu bleiben, der für ihn ungefähr eben ſo viel fühlte wie für eine pergamentene Urkunde— und auf jedem Schritt und Tritt ſich über die Ein⸗ richtung des Gutes und Hauſes ärgern zu müſſen! Unter ſolchen Umſtänden wird ein Mann nothwen⸗ dig in üble Laune verſezt und ſucht durch irgend einen Exceß ſeinen Aerger los zu werden.„Sal⸗ keld hätte jeden Tag ſeine Flaſche Portwein getrun⸗ ken,“ brummte Arthur in ſich hinein,„aber ich bin dazu nicht ausgepicht genug. Nun da ich nicht nach Cagledale kann, ſo will ich mit Rattler nach Nor⸗ bourne und bei Gawaine meinen Imbis nehmen.“ Dieſem beſtimmten Beſchluß lag noch ein anderer zu Grunde. Wenn er bei Gawaine den Imbis nahm und einige Zeit verplauderte, ſo kam er erſt gegen fünf Uhr nach dem Gut zurück, und dann war Hetty bei der Haushälterin und ſeinen Augen ent⸗ rückt; wenn ſie dann wieder nach Hauſe ging, ſo machte er ſeinen Mittagsſchlaf und kam ihr alſo gänzlich aus dem Weg. Inzwiſchen war doch wahr⸗ ſcheinlich nichts Böſes dabei wenn er ſich gegen das kleine Ding freundlich zeigte, und Hetty eine halbe Stunde nur anzuſehen war ihm mehr werth als mit einem halben Duzend Ballſchönheiten zu tanzen. Aber vielleicht würde er beſſer thun gar keine Notiz mehr von ihr zu nehmen; dieß könnte ihr, wie Irwine bereits angedeutet hatte, allerlei Mücken in den Kopf 208 ſezen, obſchon Arthur ſeinerſeits die Mädchen durch⸗ aus nicht für ſo ſanftmüthig und einfältig hielt, denn er hatte ſie im Allgemeinen doppelt ſo kalt und ſchlau gefunden als er ſelbſt war. Daß Hetty ein wirk⸗ liches Leid widerfahren könnte, davon war gar keine Rede; Arthur Donnithorne nahm ſeine eigene Bürg⸗ ſchaft für ſich ſelbſt mit vollkommenem Vertrauen an. So ſah ihn denn die Mittagsſonne nach Nor⸗ bourne galoppiren, und zum guten Glück lag noch die Allmand von Halſell auf dem Wege, ſo daß Rattler Gelegenheit zu einigen tüchtigen Sprüngen bekam. Ueber etliche Büſche und Gräben wegzuſezen iſt das beſte Mittel um einen Teufel auszutreiben, und man muß ſich wahrhaft wundern daß die Cen⸗ tauren, die in dieſer Beziehung ſo ungeheuer bevor⸗ zugt waren, einen ſo ſchlechten Ruf in der Geſchichte hinterlaſſen haben. Nach dieſer Einleitung werdet ihr vielleicht mit Verwunderung vernehmen daß, obgleich Gawaine zu Hauſe war, die große Hofuhr kaum Drei geſchlagen hatte als Arthur wieder zum Thore hereinſprengte, von dem keuchenden Rattler herabſprang und ins Haus ging um ſchnell einen neuen Imbis einzuneh⸗ men. Aber ich glaube daß es ſeit ſeinen Tagen noch mehr Männer gegeben hat die einen langen Weg geritten ſind um einem Stelldichein auszuweichen, und dann haſtig wieder zurückgaloppirten um es nicht zu verſäumen. Dieß iſt der Lieblingskniff un⸗ ſerer Leidenſchaften: einen Rückzug zu fingiren und dann plözlich Rechtsumkehrt zu machen, wenn wir überzeugt ſind daß der Tag uns gehört. „Der Capitän iſt geritten wie der Teufel,“ ſagte 209 Dalton, der Kutſcher, der behaglich vor dem Thor ſeine Pfeife rauchte, als John das Pferd in den Stall führte. „Und ich wollte er hätte den Teufel zum Stall⸗ knecht,“ brummte John.. „Dann hätte er jedenfalls einen liebenswürdige⸗ ren Stallknecht als jezt,“ bemerkte Dalton, und ſein Wiz erſchien ihm ſo gut, daß er, als er allein auf dem Schauplaz gelaſſen wurde, noch immer von Zeit zu Zeit ſeine Pfeife aus dem Munde behielt, gleich als nickte er einer eingebildeten Zuhörerſchaft zu und müßte beſtändig in der Stille vor ſich hinlachen; im Geiſte wiederholte er den Dialog von Anfang an und ſuchte es vollſtändig zu memoriren um es im Geſindezimmer mit Erfolg vortragen zu können. Als Arthur nach dem Imbis wieder auf ſein Zimmer kam, war es unvermeidlich daß der Kampf den er einige Srunden vorher daſelbſt in ſeinem Innern durchgemacht ihm wiederum durch den Kopf ging; aber es war ihm unmöglich jezt bei der Erin⸗ nerung zu verweilen, unmöglich ſich die Gefühle und Betrachtungen zurückzurufen die damals für ihn ent⸗ ſcheidend geweſen waren; er konnte dieß ebenſowenig als er den eigenthümlichen Geruch in der Luft zu⸗ rückrufen konnte, die ihn erfriſcht hatte als er ſein Fenſter öffnete. Der Wunſch Hetty zu ſehen war wie ein ſchlechtgedämmter Strom zurückgerauſcht; er wun⸗ derte ſich über die Stärke womit dieſe alltägliche Liebhaberei ihn zu faſſen ſchien: er zitterte ſogar als er ſein Haar bürſtete— bah, dieß kommt von ſeinem halsbrechenden Ritt her. Vielleicht kam es auch da⸗ Eliot, Adam Bede. I. 14 210 her weil er eine höchſt unbedeutende Sache ernſt ge⸗ nommen, weil er an ſie gedacht hatte als ob ſie wirklich eine Folge haben könnte. Er wollte ſich die Freude machen Hetty heute zu ſehen, und dann wollte er ſich das ganze Ding aus dem Kopfe ſchlagen. „Irwine war allein Schuld an der Sache. Hätte Irwine Nichts geſagt, ſo würde er nicht halb ſo viel an Hetty gedacht haben als an Megs lahmes Bein. Inzwiſchen war es juſt ſo ein Tag um in der Ein⸗ ſiedelei herumzulungern: er wollte alſo hingehen und noch vor Tiſch Doctor Moore's Zeluco zu Ende leſen. Die Einſiedelei befand ſich im Fichtenhain; Hetty mußte, wenn ſie vom Pachthof kam, dort vor⸗ bei. Es konnte alſo nichts Einfacheres und Natür⸗ licheres geben: eine Begegnung mit Hetty war ein bloßer Nebenumſtand, nicht aber der Zweck ſeines Spaziergangs. Arthurs Schatten flatterte unter den ſtämmigen Eichen des Parkes etwas ſchneller dahin als man von dem Schatten eines müden Mannes an einem warmen Nachmittag erwarten konnte, und es war kaum vier Uhr als er bereits vor dem hohen ſchma⸗ len Thore nach dem reizenden labyrinthartigen Thäl⸗ chen ſtand, das die eine Seite des Parkes begränzte und unter dem Namen Fichtenhain bekannt war, aber nicht wegen ſeiner vielen, ſondern wegen ſeiner weni⸗ gen Fichten. Es war ein kleiner Wald von Buchen und Linden, da und dort mit einer ſilberſtämmigen Birke dazwiſchen, juſt die Art von Gehölz wie die Nymphen ſie am liebſten beſuchen: ihr ſeht ihre weißen ſonnenbeglänzten Glieder durch die Büſche hindurchleuchten oder hinter dem mooſigen Stamme 211 einer hohen Linde hervorſchauen: ihr höret ihr helles klares Lachen, aber wenn ihr mit allzu neugierigen ſrevleriſchen Blicken hinſchaut, dann verſchwinden ſie hinter den ſilbernen Buchen, ſo daß ihr glauben kön⸗ net die gehörten Stimmen ſeien bloß ein murmeln⸗ der Bach, oder vielleicht verwandeln ſie ſich in ein rothbraunes Eichhörnchen das davonhüpfe und vom oberſten Aſt herunter euch verhöhne. Kein Hain mit abgemeſſenem Grasplaz oder gewalztem Kiesweg, ſondern mit engen hohlen Fußpfaden, mit ſpärlichen ; Flecken zarten Mooſes eingefaßt, Fußpfaden welche ausſehen als wären ſie von den Bäumen und Ge⸗ büſchen nach eigenem Gutdünken gemacht, und als wären dieſe Bäume und Gebüſche ehrerbietig auf die Seite getreten um die ſchlanke Königin der weiß⸗ füßigen Nymphen anzuſchauen. Auf dem breiteſten dieſer Fußwege wandelte Ar⸗ thur Donnithorne unter einer Allee von Linden und Buchen. Es war ein ſtiller Mittag— das goldene Licht weilte ſchläfrig in den obern Zweigen, es. blickte nur da und dort auf den purpurnen Fußpfad und ſeine Einfaſſung von zartgeſprenkeltem Mooſe herab: ein Nachmittag an welchem das Schickſal ſein kaltes ſchreckliches Geſicht hinter einem Schleier von Strahlendunſt verbirgt, uns mit warmen weichen Schwingen umſchließt und mit einem Hauch von Veilchendüften vergiftet. Arthur ſchlenderte ſorglos mit einem Buch unter dem Arme dahin, ſchaute aber nicht auf den Boden wie Nachdenkende immer gerne thun, ſondern ſeine Augen hafteten auf der ſernen Biegung der Straße, wo ſich demnächſt ganz ſicher eine kleine Geſtalt zeigen mußte. Ach dort 14* 212 kommt ſie: zuerſt ein glänzender farbiger Fleck, wie ein Tropenvogel der zwiſchen den Zweigen hinhüpft, dann eine trippelnde Geſtalt mit einem runden Hut auf dem Kopf und einem Körbchen am Arm; endlich ein tieferröthendes, beinahe erſchrockenes, aber lieb⸗ lich lächelndes Mädchen, das mit einem ſcheuen aber ſeligen Blick einen Knix macht als Arthur auf ſie zugeht. Hätte Arthur Zeit gehabt überhaupt Etwas zu denken, ſo würde er es ſeltſam gefunden haben daß auch er ſich verlegen fühlte und eines Erröthens ſich bewußt wurde, kurz daß er ſo närriſch ausſah und ſich ſelbſt ſo närriſch vorkam als wäre er über⸗ rumpelt worden, während er doch eine mit vollkomme⸗ ner Klarheit erwartete Begegnung hatte. Die armen Geſchöpfe! Es war Schade daß ſie nicht mehr in jenem goldenen Alter der Kindheit ſtanden wo ſie einander gegenüber treten, mit ſchüchterner Neigung ſich anſchauen, flüchtig wie Schmetterlinge ſich küſſen und dann davonflattern konnten um mit einander zu ſpielen. Arthur wäre nach Haus gegangen, in ſein Bettchen mit den ſeidenen Vorhängen, und Hetty hätte ſich auf ihr Kiſſen mit dem groben Ueberzuge gelegt; beide hätten ohne Träume geſchlafen, und am morgenden Tag hätte ein Leben begonnen das von dem geſtrigen kaum mehr Etwas gewußt hätte, Arthur wandte ſich um und ging neben Hetty. her ohne einen Grund anzugeben. Sie waren zum erſtenmal allein; wie überwältigend wird nicht ein ſolches erſtes vertrauliches Zuſammenſein! Ein paar Minuten lang wagte Arthur wirklich nicht die kleine Buttermacherin anzuſchauen. Und Hetty! Ihre Füße ſchwebten auf einer Wolke und ſie wurde von lauen „———— ſie 213 Zephyrn dahingetragen; ſie hatte ihre Roſabänder vergeſſen, ſie war ſich ihrer Glieder ſo wenig be⸗ wußt, als wäre ihre kindliche Seele in eine Waſſer⸗ lilie übergegangen die auf einem feuchten Beete ruht und von den Sonnenſtrahlen des Hochſommers er⸗ wärmt wird. Es klingt vielleicht wie ein Wider⸗ ſpruch, aber Arthur gewann aus ſeiner Schüchtern⸗ heit eine gewiſſe Sorgloſigkeit und Zuverſicht. Es war ein ganz anderer Seelenzuſtand als er bei einer ſolchen Begegnung mit Hetty erwartet hatte, und troz der unbeſtimmten Gefühle die ihn erfüllten, ſchaffte ſich in dieſen Augenblicken des Schweigens doch der Gedanke Raum daß ſeine frühern Zweifel und Bedenken nuzlos geweſen ſeien. „Sie haben ganz Recht daß Sie dieſen Weg nach dem Schloß wählen,“ begann er endlich, indem er auf Hetty herabſchaute;„er iſt weit hübſcher und auch kürzer als die andern.“ „Ja Herr,“ antwortete Hetty mit zitternder, bei⸗ nahe flüſternder Stimme. Sie wußte durchaus nicht wie man mit einem ſolchen Herrn ſprechen müſſe, und ſchon ihre Eitelkeit machte ſie im Reden noch zurück⸗ haltender. „Beſuchen Sie Frau Pomfret jede Woche?“ „Ja Herr, jeden Donnerſtag, außer wenn ſie mit Fräulein Donnithorne ausgehen muß.“ „Und ſie ertheilt Ihnen Unterricht, nicht wahr?“ „Ja Herr, ſie lehrt mich das Spizenklöppeln wie ſie es ſelbſt in der Fremde gelernt hat, und das Strumpfſtopfen— das ſieht gerade aus wie das Geſtrickte, man kann gar nicht ſagen daß es geflickt iſt — und dann lehrt ſie mich auch noch das Zuſchneiden.“ 214 „Ei wie, wünſchen Sie denn Kammerfrau zu werden?“ „Das möchte ich allerdings ſehr gerne.“ Hetty ſprach jezt hörbar, aber noch immer mit einigem Zittern; ſie dachte, vielleicht komme ſie dem Capitän Pannühume ſo dumm vor wie Luke Britton ihr elbſt. „Frau Pomfret erwartet Sie immer um dieſe Zeit?“ „Ja um vier Uhr. Heute bin ich etwas ſpät daran, weil meine Tante mich nicht früher entbehren konnte; aber die gewöhnliche Stunde iſt vier Uhr, und dann haben wir eine ſchöne Zeit für uns bis Fräulein Donnithorne klingelt.“. „O dann darf ich Sie alſo jezt nicht aufhalten, ſonſt würde ich Ihnen gerne die Einſiedelei zeigen. Haben Sie dieſe ſchon geſehen?“ „Nein, Herr.“ „Wir kommen auf dieſem Wege hin. Aber jezt können wir nicht gehen. Ich zeige Ihnen das Güt⸗ chen ein andermal, wenn es Ihnen Freude macht.“ „Ja Herr, wenn Sie die Güte haben wollen.“ „Kommen Sie immer Abends auf dieſem Wege zurück oder fürchten Sie ſich vor einer ſo einſamen Straße?“ „O nein, Herr, es iſt nie ſpät; ich gehe immer um acht Uhr fort und die Abende ſind jezt ſo hell. Meine Tante würde böſe werden wenn ich nicht vor neun Uhr heimkäme.“ „Vielleicht kommt der Gärtner Craig Ihnen ent⸗ gegen?“ 4 Eine tiefe Röthe ergoß ſich über Hetty's Geſicht und Nacken.„Nein gewiß nicht; er hat es nie ge⸗ than; ich würde es ihm nicht erlauben; ich kann ihn gar nicht ausſtehen,“ ſagte ſie haſtig, und die Thrä⸗ nen des Aergers waren ihr ſo ſchnell gekommen, daß ſchon ehe ſie ausgeredet hatte helle Tropfen über ihre heißen Wangen hinabliefen. Dann ſchämte ſie ſich ſchrecklich über ihr Weinen und eine gute Weile war all ihr Glück entſchwunden. Aber im nächſten Augenblick fühlte ſie einen Arm der ſich um ihren Leib ſchloß, und eine freundliche Stimme ſagte: „Nun Hetty, warum weinen Sie denn? Ich wollte Sie wahrlich nicht beleidigen. Ich möchte das um die ganze Welt nicht thun, mein holdes Blüm⸗ chen. Nein, Sie dürfen jezt nicht mehr weinen; ſehen Sie mich an, ſonſt muß ich glauben daß Sie mir nie verzeihen werden.“ Arthur hatte ſeine Hand um den weichen Arm gelegt der ihm am nächſten war und beugte ſich mit ſchmeichleriſch flehendem Blick zu Hetty hinab. Hetty ſchlug ihre langen thauigen Wimpern auf und ſchaute in die Augen die in einem ſüßen, ſchüchternen, bit⸗ tenden Ausdruck auf ſie geheftet waren. Was für ein Zeitraum waren dieſe drei Momente wo ihre Augen einander trafen und ſeine Arme ſie berühr⸗ ten! Die Liebe iſt ein einfältig Ding, wenn wir bloß einundzwanzig Sommer zählen und ein holdes Mäd⸗ chen von ſiebzehn unter unſerem Blicke zittert, als wäre ſie eine Knoſpe die ihr Herz zum erſtenmal mit ſtaunendem Entzücken dem Morgen erſchließt. Solche junge noch undurchfurchte Seelen rollen einander t entgegen wie zwei ſammtweiche Pfirſiche die ſich ſanft berühren und ruhig bleiben; ſie vermiſchen ſich ſo 1 216 leicht wie zwei Bäche die kein anderes Verlangen haben als ſich zu vereinigen und in ewig ver⸗ ſchwimmendem Gekräuſel an den laubigſten Verſtecken dahinzurieſeln. Während Arthur in Hetty's dunkle bittende Augen ſchaute, machte es ihm keinen Unter⸗ ſchied was für ein Engliſch ſie ſprach, und ſelbſt wenn Reifröcke und Puder in der Mode geweſen wären, ſo würde er damals höchſt wahrſcheinlich gar nicht bemerkt haben daß Hetty dieſe Zeichen hoher Geburt entbehrte. Aber mit klopfendem Herzen fuhren ſie ausein⸗ ander: es war etwas mit lautem Geräuſch auf den Boden gefallen, nämlich Hetty's Körbchen; all ihr kleines Nähzeug hatte ſich auf dem Weg verſtreut und mehrere Nadeln waren ziemlich weit hinweg ge⸗ rollt. Es war eine große Arbeit Alles wieder zu⸗ ſammenzuleſen und nicht ein Wort wurde geſprochen; aber als Arthur ihr den Korb wieder an den Arm hing, da nahm das arme Kind eine ſeltſame Ver⸗ änderung in ſeinem Blick und Weſen wahr. Er drückte ihr nur flüchtig die Hand und ſagte mit einem Blick und Ton wobei ſie es beinahe kalt überlief: „Ich habe Sie aufgehalten; ich darf Ihnen jezt nicht länger im Wege ſtehen. Man erwartet Sie im Schloſſe. Adieu!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er ſich von ihr ab und eilte auf dem Weg zu der Einſie⸗ delei zurück, während Hetty den ihrigen wie in einem ſeltſamen Traume fortſezte, der mit einem Wonne⸗ rauſch begonnen zu haben ſchien, jezt aber in Wider⸗ wärtigkeiten und Betrübniß überging. Ob er ihr wohl wieder entgegenkam wenn ſie nach Hauſe ging? 217 Warum hatte er beinahe geſprochen als ob er mit ihr unzufrieden wäre? Und dann ſo plözlich hinweg⸗ zuſtürzen! Sie weinte und wußte ſelbſt nicht warum. Auch Arthur fühlte ſich ſehr unbehaglich, hatte jedoch ein klares Bewußtſein von ſeinen Empfindun⸗ gen. Er eilte nach der Einſiedelei die mitten im Walde ſtand, drückte mit einem haſtigen Ruck die Thüre auf, ſchlug ſie wieder zu, warf Zeluco in die hinterſte Ecke, ſtieß ſeine rechte Hand in die Taſche und ging vier⸗ oder fünfmal das ſchmale Stübchen auf und ab; dann ſezte er ſich unbequem und ſteif auf eine Ottomane, wie wir oft thun wenn wir uns unſerem Gefühl nicht überlaſſen wollen. Er begann ſich in Hetty zu verlieben, das war ganz klar. Er hätte alles Andere in die Hölle wün⸗ ſchen mögen, nur um dieſem wonnigen Gefühl nach⸗ hängen zu können das ſich ihm ſo eben geoffenbart hatte. Es half jezt Nichts mehr ſich gegen die That⸗ ſache zu ſperren— ſie würden einander gar zu lieb werden wenn er ihr noch ferner einige Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte, und was konnte daraus entſtehen? In etlichen Wochen mußte er wegreiſen, und dann wurde das arme kleine Ding unglücklich. Er durfte ſie nicht wieder allein ſehen; er mußte ihr aus dem Wege gehen. Welche Narrheit daß er nicht bei Gawaine geblieben war! Er erhob ſich und warf die Fenſter auf, um die weiche Mittagsluft hereinzulaſſen und den geſunden Duft der Fichten die einen Gürtel um die Einſiedelei her bildeten. Die weiche Luft förderte ſeine Ent⸗ ſchlüſſe nicht, als er ſich hinauslehnte und durch das Laub in die Ferne ſchaute. Aber er glaubte mit ſich —— 3 218 vollkommen im Reinen zu ſein und keiner längeren Ueberlegung zu bedürfen. Es ſtand feſt daß er Hetty nicht wieder treffen wollte, und nun konnte er ſich wohl dem Gedanken hingeben wie unendlich ange⸗ nehm es wäre wenn das Alles ſich anders verhielte — wie hübſch es geweſen wäre ſie heute Abend auf ihrem Heimweg wieder zu treffen, ſeinen Arm wieder um ihren Leib zu ſchlingen und ihr in das holde Geſicht zu ſchauen. Er hätte gar zu gern wiſſen mögen ob das liebe kleine Ding auch an ihn dachte. Zwanzig gegen eins, ſie that es. Wie ſchön ihre Augen waren mit den Thränen in ihren Wimpern! Er möchte nur ſeiner Seele den Hochgenuß bereiten einen ganzen Tag lang in dieſe Augen hineinzuſchauen, und er mußte das Mädchen wieder ſehen: er mußte ſie ſehen, wenn auch nur um ihr jeden falſchen Ein⸗ druck in Betreff ſeines Verhaltens von vorhin zu benehmen. Er wollte ganz ruhig und freundlich gegen ſie ſein, aber das durfte er nicht geſchehen laſſen daß ſie ſich auf dem Heimweg allerlei närriſches Zeug in ihr Köpfchen ſezte. Ja, beim Lichte betrachtet, war dieß das Beſte was er thun konnte. Es währte eine gute Weile— länger als eine Stunde— bis Arthur mit ſeinen Ueberlegungen ſo weit gediehen war; aber als er einmal bei dieſem Punkt angelangt war, konnte er es in der Einſiedelei nicht mehr aushalten. Er mußte die Zeit bis er Hetty wieder ſehen ſollte mit einer tüchtigen Be⸗ wegung ausfüllen. Und es war berets ſpät genug um heimzugehen und ſich zum Diner anzukleiden, denn die Eſſensſtunde ſeines Großvaters war ſechs Uhr. 219 Dreizehntes Capitel. Abend im Walde. Zufälliger Weiſe hatte Frau Pomfret mit Frau Beſt, der Haushälterin, an dieſem Donnerſtag Mor⸗ gen einen kleinen Streit gehabt, und dieſe Thatſache hatte zwei Folgen die unſerer Hetty ſehr wohl zu Statten kamen. Frau Ponfret ließ ſich den Thee auf ihr Zimmer ſchicken, und bei der muſterhaften Kammerfrau regte ſich eine ſo lebhafte Erinnerung an frühere Auftritte mit Frau Beſt und an Zwie⸗ geſpräche wobei leztere entſchieden den Kürzern ge⸗ zogen hatte, daß Hetty ſo zu ſagen ihren Geiſt ruhen laſſen konnte, ſeine Thätigkeit bloß auf eine Nadel⸗ arbeit zu beſchränken und nur gelegentlich ein Ja oder Nein dazwiſchen zu werfen brauchte. Gerne würde ſie ihren Hut früher als gewöhnlich aufgeſezt haben, allein ſie hatte dem Capitän Donnithorne ge⸗ ſagt daß ſie gewöhnlich um acht Uhr aufbreche, und wenn er nun wieder ins Wäldchen käme und ſie dort erwartete, und ſie wäre ſchon fort, was dann? Ob er wohl kam? Ihre kleine Schmetterlingsſeele flat⸗ terte unaufhörlich zwiſchen Erinnerung und zweifeln⸗ der Erwartung. Endlich befand ſich der Minuten⸗ zeiger der altmodiſchen großen Uhr im lezten Viertel auf Acht, und nun fehlte es ihr nicht mehr an Grün⸗ den um ſich zum Aufbruch zu rüſten; ſelbſt Frau Pomfret konnte, troz der vielen Gedanken die ihr im Kopf herumgingen, nicht umhin einen neuen Anhauch von Schönheit an dem kleinen Ding zu bemerken, als ſie ihren Hut vor dem Spiegel feſtband. 220 „Das Kind wird, glaub ich, mit jedem Tag hüb⸗ ſcher,“ lautete ihr innerer Commentar.„Schade wenn es ſo iſt, ſie bekommt dadurch um keine Mi— nute früher eine Stelle oder einen Mann. Ver⸗ nünftige, wohlhabende Männer lieben ſo hübſche Wei⸗ ber nicht. Als ich noch ein Mädchen war, bewun⸗ derte man mich mehr als wenn ich ſo überaus hübſch geweſen wäre. Jedenfalls darf ſie mir dankbar da⸗ für ſein daß ich ihr Etwas beibringe womit ſie ihr Brod leichter verdienen kann als mit Bauernarbeiten. Man hat mich immer für gutmüthig gehalten und das iſt auch wahr, leider nur zu wahr, ſonſt würde man im Zimmer der Haushälterin nicht ſo vornehm gegen mich thun wollen.“ Hetty ging raſch über den kleinen Garten vor dem Hauſe, denn ſie fürchtete eine Begegnung mit Herrn Craig, dem ſie kaum ein freundliches Wort hätte geben können. Wie wohl war es ihr als ſie ſich glücklich unter den Eichen und dem Farnkraut des Parkes befand! Aber auch da fuhr ſie jeden Augen⸗ blick zuſammen, wie die Rehe die bei ihrer Annähe⸗ rung davonſprangen. Sie fragte Nichts nach dem Abendlicht, das in den grasbewachſenen Gängen mild zwiſchen dem Farnkraute lag und das ſchöne lebhafte Grün deutlicher hervorhob als die über⸗ wältigende Lichtfluth der Mittagsſonne: ſie dachte an nichts Gegenwärtiges. Sie ſah bloß etwas Mög⸗ liches: Arthur Donnithorne, der ihr im Fichten⸗ wäldchen wieder entgegenkommen würde. Dieß war der Vordergrund von Hetty's Gemälde; dahinter lag eine Art von Licht und Nebel, Tage die ganz anders ausſehen würden als diejenigen die ſie bisher ver⸗ 221 lebt hatte; es war ihr zu Muthe als freie ein Fluß⸗ gott um ſie, der ſie jeden Augenblick in ſeine wun⸗ derbaren Hallen unter einem Waſſerhimmel abführen könne. Wer konnte wiſſen was noch geſchah, nach⸗ dem dieſe ſeltſame wonnevolle Verzückung über ſie gekommen war? Wäre ihr von unbekannter Hand eine Kiſte voll von Spizen, Atlas und Juwelen zu⸗ geſchickt worden, was hätte ſie anders glauben können als daß ihr ganzes Schickſal ſich verändern und daß morgen eine noch wunderbarere Freude ihr zufallen würde? Hetty hatte nie einen Roman geleſen: hätte ſie einen zu Geſicht bekommen, ſie würde, glaub ich, die Worte kaum zuſammengebracht haben: wie konnte ſie alſo eine Geſtalt für ihre Erwartungen finden? Sie waren ſo formlos wie die ſüßen matten Düfte des Gartens, die an ihr vorbeigeſchwommen als ſie an dem Parkthore hinging. Sie befindet ſich jezt an einer andern Pforte, derjenigen nämlich die in den Fichtenhain führt. Sie tritt in das Wäldchen, wo bereits Dämmerung vor⸗ waltet, und bei jedem Schritt wird ihr Herz von einer kälteren Furcht erfaßt. Wenn er nicht käme! O wie grauenhaft war der Gedanke durch den gan⸗ zen Wald und auf die unbeſchüzte Straße hinaus gehen zu müſſen ohne ihn geſehen zu haben! Lang⸗ ſamen Schrittes geht ſie zur erſten Biegung gegen die Einſiedelei zu— er iſt nicht da. Sie haßt das Häslein das ihr über den Weg ſpringt: ſie haßt Alles was nicht der Heißerſehnte iſt; ſie geht weiter und freut ſich ſo oft ſie an eine Biegung der Straße kommt, denn vielleicht iſt er dahinter. Nein. Sie beginnt zu weinen: ihr Herz iſt ſo voll geworden, 222 die Thränen ſtehen ihr in den Augen; ſie ſtößt einen lauten Seufzer aus, während ihre Mundwinkel zit⸗ tern, und die Thränen rollen herab. Sie weiß nicht daß es noch einen andern Weg nach der Einſiedelei gibt, daß ſie ſich ganz nahe bei derſelben befindet, und daß Arthur Donnithorne nur wenige Schritte von ihr ſteht, voll von einem ein⸗ zigen Gedanken und zwar einem Gedanken deſſen Gegenſtand nur ſie allein iſt. Er will Hetty wieder⸗ ſehen— dieß iſt das Verlangen das in den lezten drei Stunden zu einem fieberiſchen Sehnen ange⸗ wachſen iſt. Natürlich nicht um in der liebkoſenden Art zu ſprechen in welche er vor Tiſch unbewach⸗ ter Weiſe verfallen war, ſondern um ihr verbindlich, freundlich und höflich Alles zurecht zu legen, damit ſie nicht mit falſchen We ſennae über ihr gegen⸗ ſeitiges Verhältniß nach Hauſe laufe. Hätte Hetty gewußt daß er da war, ſo würde ſie nicht geweint haben, und das wäre beſſer ge⸗ weſen, denn dann würde Arthur ſich vielleicht ſo ver⸗ ſtändig benommen haben wie er beabſichtigt hatte. Aber ſo fuhr ſie, als er am Ende des Nebenweges zum Vorſchein kam, zuſammen, und zwei große Tropfen rollten über ihre Wangen hinab als ſie zu ihm aufſchaute. Wie konnte er da anders als in einem ſanften und beſchwichtigenden Tone mit ihr reden, wie etwa mit einem helläugigen Wachtelhünd⸗ chen das ſich einen Dorn in den Fuß getreten hätte. „Hat Etwas Sie erſchreckt, Hetty? Haben Sie im Walde Etwas geſehen? Aengſtigen Sie ſich jezt nicht mehr, ich werde Sie in meinen Schuz nehmen.“ Hetty wurde feuerroth; ſie wußte nicht war ſie 223 ſelig oder elend. Sie weinte ſchon wieder— was mußten wohl die Herrn von Mädchen denken die ſo weinten? Sie fühlte ſich unfähig auch nur ein Nein zu antworten; ſie vermochte nichts Anderes zu thun als von ihm wegzuſehen und ſich die Thränen von den Wangen zu wiſchen. Zuvor aber war noch ein großer Tropfen auf ihre Roſaſchleife gefallen: ſie wußte das recht wohl. „Seien Sie doch wieder heiter; machen Sie mir ein freundliches Geſicht und ſagen Sie mir was es gibt. Nun ſo ſprechen Sie doch.“ Hetty wandte ihren Kopf gegen ihn, flüſterte: „Ich dachte Sie kämen nicht,“ und gewann lang⸗ ſam Muth die Augen zu ihm aufzuſchlagen. Dieſer Blick war zu viel: Arthur hätte Augen von ägyp⸗ tiſchem Granit haben müſſen um ſie nicht liebevoll wiederum anzuſehen. „Mein geängſtigtes Vögelchen, mein thränen⸗ bethautes Röschen! Mein einfältiges Täubchen! Sie werden doch jezt, da ich bei Ihnen bin, nicht wieder weinen wollen?“ Ach er weiß durchaus nicht was er ſagt. Das iſt es nicht was er ſagen wollte. Sein Arm ſtiehlt ſich wiederum um ihren Leib, drückt ſie ſtärker und ſtärker, er neigt ſein Geſicht näher und näher an die runde Wange, ſeine Lippen begegnen dieſen ſchwellen⸗ den Kinderlippen, und eine lange Weile iſt alle Zeit verſchwunden. Er weiß nicht iſt er ein arcadiſcher Schäfer, iſt er der erſte Jüngling der das erſte Mäd⸗ chen küßt, iſt er Eros ſelbſt, der an Pſyches Lippen hängt— es iſt Alles eins. Mehrere Minuten lang ſprachen ſie kein Wort. 224 Mit klopfendem Herzen gingen ſie weiter bis ſie das Pförtchen am Ende des Waldes zu Geſicht bekamen. Dann ſchauten ſie einander an, aber nicht ganz wie vorher, denn in ihren Augen lag die Erinnerung an einen Kuß. Aber bereits hatte das Bittere ſich in die Quelle der Süßigkeit zu miſchen begonnen, bereits fühlte Arthur ſich unbehaglich; er ließ Hetty aus ſeinem Arme los und ſagte: „Da ſind wir beinahe am Ende des Wäldchens. Wie ſpät es wohl ſein mag!“ fügte er hinzu indem er ſeine Uhr herauszog,„zwanzig Minuten über acht — aber meine Uhr geht vor; dennoch kann ich jezt nicht weiter mitgehen; nehmen Sie munter den⸗Weg unter Ihre kleinen Füßchen und kommen Sie gut nach Hauſe. Adieu!“ Er ergriff ihre Hand und ſchaute ihr halb trau⸗ rig, halb mit einem erzwungenen Lächeln ins Geſicht; Hetty's Augen ſchienen ihn anzuflehen daß er noch nicht gehen möchte, aber er klopfte ſie auf die Wangen und ſagte noch einmal: Adieu! Sie mußte ſich weg⸗ wenden und gehen. Arthur ſeinerſeits ſtürzte ſich wieder in den Wald, als wünſchte er einen weiten Raum zwiſchen ſich und Hetty zu bringen. In die Einſiedelei wollte er nicht zurückgehen; er erinnerte ſich wie er dort vor Tiſch mit ſich ſelbſt gekämpft und wie dieß Alles zu Nichts geführt hatte, ja zu Schlimmerem als Nichts. Er ging geraden Wegs in den Park zurück und freute ſich aus dem Wäldchen hinauszukommen, wo ſicher⸗ lich ſein böſer Genius hauste. Dieſe Buchen und glatten Linden— ſchon ihr Anblick hatte etwas 225 Entnervendes; aber die ſtarken knorrigen alten Eichen hatten nichts Mattes und Schwächliches an ſich, ihr Anblick mußte einem Mann eine gewiſſe Energie geben. Arthur verlor ſich in den ſchmalen Lichtun⸗ gen des Farnkrautes und wand ſich, ohne einen Ausgang zu ſuchen, hindurch, bis die Dämmerung unter den dichten Baumäſten beinahe zur Nacht wurde, und die über ſeinen Weg ſpringenden Haſen ſchwarz ausſahen. Sein Gefühl war weit aufgeregter als am Mor⸗ gen: es war ihm als hätte ſein Pferd vor einem Sprung ſich umgedreht und ſich unterſtanden ſeine Herrſchaft ihm ſtreitig zu machen. Er war unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt, ärgerlich, verſtimmt. Sobald er nur ein wenig an die wohrſcheinlichen Folgen dachte, wenn er ſich den Gefühlen hingäbe die ihn heute beſchlichen, wenn er ſeine Aufmerkſamkeiten gegen Hetty fortſezte und jede Gelegenheit zu ſolch kleinen Liebkoſungen benüzte wozu er ſich heute be⸗ reits wider Willen hatte hinreißen laſſen, ſo ſah er auch ein daß eine ſolche Zukunft für ihn ſchlechter⸗ dings unmöglich war. Eine Liebelei mit Hetty war etwas ganz Anderes als mit einem hübſchen Mäd⸗ chen von ſeinem eigenen Stand; im lezten Fall konn⸗ ten beide Theile ſich zu omüſiren hoffen, oder wenn die Sache ernſthaft wurde, ſo ſtand einer Heirath Nichts im Wege. Aber dieſes kleine Ding kam ſo⸗ gleich um Ehre und guten Namen wenn man ſie nur einmal mit ihm gehen ſah, und dann dieſe vortreff⸗ lichen Leute, die Poyſerſchen, denen ihr guter Name ſo theuer war als hätten ſie das beſte Blut vom Eliot, Adam Bede. J. 15 226 Lande in ihren Adern rollen— nein, er mußte ſich ſelbſt haſſen wenn er ein ſolches Aergerniß gab, und zwar auf einem Gute das er einſt ſein eigen nennen ſollte, und unter Bauern von denen er vor allen Dingen geachtet zu werden wünſchte. Er konnte eben ſo wenig glauben daß er ſo tief in ſeiner eigenen Achtung zu ſinken vermöchte, als daß er ſeine beiden Beine brechen könnte und ſeiner Lebtag am Krücken⸗ ſtab herumhumpeln müßte. Er konnte ſich nicht in dieſe Lage hineindenken; die Sache war zu abſcheu⸗ lich und ſah ihm ſo gar nicht gleich. Und ſelbſt wenn Niemand Etwas erführe, ſo wür⸗ den ſie einander zu lieb gewinnen, und im Ganzen könnte doch nichts Anderes als ein Trennungsjammer herauskommen. Daß ein Edelmann eine Pächters⸗ nichte heirathe, ſchien ihm höchſtens in einer Ballade möglich zu ſein. Er mußte der ganzen Geſchichte ſo⸗ gleich ein Ende machen, die Sache war ja gar zu närriſch. Und dennoch war er am Morgen, bevor er zu Gawaine ritt, ſo entſchloſſen geweſen, und während er dort war, hatte ihn Etwas feſt gepackt und an⸗ getrieben zurückzugaloppiren. Es ſchien als konnte er ſich auf ſeinen eigenen Entſchluß nicht ſo feſt ver⸗ laſſen wie er bisher gemeint: er wünſchte beinahe ſein Arm würde wieder ſchlimmer, damit er doch an nichts Anderes als an das Vergnügen der baldigen Geneſung dächte. Wer konnte wiſſen was für eine Grille ihn morgen ankam, auf dieſem verdammten Gute wo er den lieben langen Tag gar kein wich⸗ tiges Geſchäft hatte? Was konnte er thun um ſich gegen einen weitern dummen Streich ſicher zu ſtellen? S8NSSSESS8AR AR S— 8 A +B— 0Oᷣ—— ◻ℳ 227 Es gab nur ein einziges Mittel. Er wollte zu Irwine gehen und ihm Alles ſagen. Schon der bloße Act des Erzählens würde die Sache in ein triviales Gewand kleiden: die Verſuchung würde ſchwinden, wie der Zauber von Liebesworten verſchwindet wenn man ſie gegen gleichgiltige Leute gebraucht. Jedenfalls würde es gut thun mit Irwine davon zu reden. Er wollte morgen gleich nach dem Frühſtück ins Pfarrhaus zu Broxton hinüberreiten. Kaum war Arthur zu dieſem Entſchluß gelangt, ſo begann er darüber nachzudenken welcher Weg ihn nach Hauſe führe, und ging ſo ſchnell als möglich heim. Er war überzeugt daß er jezt tüchtig ſchlafen würde— er hatte ſich genug abgemattet und brauchte nun Nichts mehr zu überlegen. Vierzehntes Capitel. Die Heimkehr. Während der Abſchiedsſcene im Wäldchen gab es auch einen Abſchied in der Hütte, und Lisbeth hatte mit Adam vor der Thüre geſtanden und ihre alten Augen angeſtrengt um noch etwas von Seth und Dina zu erhaſchen, die den gegenüber liegenden Abhang hinaufgingen. „Ach, es thut mir leid daß ſie fortgeht,“ ſagte ſee zu Adam, als beide wieder ins Haus zurücktraten; „ich hätte ſie gerne um mich gehabt bis ich geſtor⸗ ben wäre und mich zu meinem Alten gelegt hätte; ſie würde mir das Sterben leichter machen— ſie 15⁵ 228 ſpricht ſo ſanft und geht ſo ſtille. Ich könnte bei⸗ nahe glauben, das Bild in Deiner neuen Bibel, der Engel der auf dem großen ſteinernen Grabe ſizt, ſolle ſie vorſtellen. Gegen eine Tochter wie ſie wollte ich Nichts einwenden; aber Mädchen die etwas taugen, will ja keiner heirathen.“ 3 „Nun Mutter, ich hoffe Du wirſt ſie noch zur Tochter bekommen; denn Seth hat ein Auge auf ſie, und ich hoffe ſie wird mit der Zeit ihn auch lieb⸗ gewinnen.“ „Was ſchwazeſt Du da heraus? ſie fragt gar Nichts nach Seth. Sie geht viele Stunden weit fort; wie ſoll ſie da eine Neigung zu ihm faſſen? So wenig als der Kuchen ohne Sauerteig aufgehen kann; Du hätteſt, ſcheint mir, aus Deinen Rechnungs⸗ büchern mehr lernen ſollen; ſonſt könnteſt Du eben 3 gut gewöhnliche Bücher leſen, wie Seth immer thut.“ „Nein, Mutter,“ antwortete Adam lachend,„die Zahlen belehren uns über Vieles, und wir könnten ohne ſie nicht weit kommen; aber von den Gefühlen der Leute ſagen ſie uns Nichts. Dieſe zu berechnen iſt ein ſchweres Stück Arbeit. Aber Seth iſt ein ſch gutherziger Junge wie nur je einer ein Werkzeug in die Hand genommen hat, dabei hat er viel erſun und ein ganz gutes Aeußeres; auch gehört er zu ſelben Glauben wie Dina. Er verdient ſie zu be kommen, obſchon man nicht läugnen kann daß ſie ein ſeltenes Stück Arbeit iſt. Solche Mädchen ſiehſt Du nicht alle Tage aus der Werkſtatt kommen.“ „Ja, ja, Du ſprichſt immer für Deinen Bruder So haſt Du es von jeher gemacht, als ihr noch i kleine Jungen waret; Du haſt ihm immer die Hälfte 229 von Allem gegeben. Aber was braucht denn Seth ſchon ans Heirathen zu denken, da er erſt dreiund⸗ zwanzig Jahre alt iſt? er ſollte vorher noch etwas lernen und ein Paar Pfennige auf die Seite legen. Und was das betrifft daß er ſie verdiene, ſo iſt ſie zwei Jahre älter als Seth: beinahe ſo alt wie Du. Aber ſo gehts: die Leute wählen immer das Con⸗ träre, als ob ſie ſortirt werden müßten wie das Schweinefleiſch— zu jedem Stück gutes Fleiſch ein Stück Abfall.“ Es gibt im Frauenleben Stimmungen wo Alles was ſein könnte einen augenblicklichen Zauber ge⸗ winnt im Vergleich zu demjenigen was wirklich iſt, und da Adam nicht ſelbſt Dina heirathen wollte, ſo war Lisbeth darüber etwas ärgerlich— ebenſo ärger⸗ lich als ſie geweſen wäre wenn er ſie hätte heirathen und ſich dadurch, ebenſo ſicher als durch eine Heirath mit Hetty, um Marie Burge und die Aſſocjéſchaft mit ihrem Vater bringen wollen. Es war halb neun vorbei als Adam und ſeine Mutter ſo ſprachen, und als Hetty, ungefähr zehn Minuten ſpäter, in die Einfahrt zum Pachthof ein⸗ bog, ſah ſie Dina und Seth von der entgegengeſez⸗ ten Seite herkommen und wartete auf ſie. Auch ſie hatten ſich wie Hetty auf ihrem Weg ein wenig ver⸗ weilt, weil Dina im Augenblick des Scheidens Worte des Troſtes und der Stärkung zu Seth zu ſprechen. verſuchte. Aber als ſie Hetty ſahen, blieben ſie ſtehen und ſchüttelten einander die Hände: Seth bnnchte ſich auf den Heimweg und Dina kam allein eran. 230 „Seth Bede würde mitgekommen ſein und Dich angeredet haben, liebe Hetty,“ ſagte ſie;„aber er iſt heute Abend ſehr betrübt.“ Hetty antwortete mit einem anmuthigen Lächeln, als wüßte ſie nicht recht was geſagt wurde, und es lag ein eigenthümlicher Contraſt in dieſer ſtrahlenden ſelbſtbewußten Lieblichkeit gegenüber von Ding's ruhi⸗ gem, erbarmungsvollem Geſichte, mit dem offenen Blick welcher ſagte daß ihr Herz in keinem theuern und nur ihm ſelbſt angehörigen Geheimniſſe lebte, ſondern nur in Gefühlen die ſie der ganzen Welt mitzutheilen ſich ſehnte. Hetty liebte Dina wie ſie überhaupt je ein Mäd⸗ chen geliebt hatte: wie wäre es auch anders mög⸗ lich geweſen, da Dina immer ein freundliches Wort für ſie einlegte wenn die Tante ſchalt, und da ſie ſtets bereit war ihr die kleine Totty abzunehmen, dieſen Plagegeiſt den Alle im Haus verhätſchelten und verzogen, während Hetty doch auch gar nichts Beſonders an ihm ſehen konnte? Dina hatte wäh⸗ rend ihres ganzen Beſuchs im Pachthof kein Wort der Mißbilligung oder des Vorwurfs zu Hetty ge⸗ ſagt; ſie hatte zwar viel ernſthafte Dinge zu ihr ge⸗ ſprochen, aber Hetty hatte ſich nicht darum beküm⸗ mert und gar nicht darauf gehört: was Dina auch ſagen mochte, gleich darauf ſtreichelte ſie ihr beinahe jedesmal die Wangen und flickte etwas für ſie. Dina war ein Räthſel für ſie: Hetty ſchaute zu ihr auf wie etwa ein kleines Neſtvögelchen das bloß von Aſt zu Aſt flackern kann, den Stoß der Swalbe oder das Aufſteigen der Lerche betrachten mag; aber es fiel ihr ſo wenig ein ſolche Räthſel löſen zu wollen, 231 als daß ſie nach der Bedeutung der Bilder in der Pilgerfahrt oder in der alten Foliobibel fragte womit Marty und Tommy ſie immer am Sonntag quälten. Dina ergriff jezt Hetty's Hand und zog ſie unter ihren eigenen Arm. „Du ſiehſt heute Abend ſehr vergnügt aus, lie⸗ bes Kind,“ ſagte ſie.„Ich werde oft an Dich den⸗ ken wenn ich wieder in Snowfield bin, und Dein Geſicht wird mir dann ſo gegenwärtig ſein wie jezt. Es iſt eine ſonderbare Sache— zuweilen wenn ich ganz allein bin, wenn ich mit geſchloſſenen Augen in meinem Zimmer ſize oder über die Hügel gehe, tre⸗ ten die Leute die ich, wenn auch nur wenige Tage, geſehen und gekannt habe, wieder vor mich, und ich höre ihre Stimme und ſehe ihre Blicke und Be⸗ wegungen beinahe deutlicher als zur Zeit wo ſie wirklich bei mir waren und ich ſie mit Händen grei⸗ fen konnte. Und dann wird mein Herz zu ihnen hingezogen, und ich fühle ihr Schickſal, wie wenn es mein eigenes wäre, und ſchöpfe einen Troſt darin wenn ich es vor dem Herrn darlege und ſowohl ihr als mein eigenes Wohl ſeiner Liebe anvertraue. Und ſo bin ich überzeugt daß auch Du vor die Augen meines Geiſtes treten wirſt.“ Sie pauſirte einen Augenblick, aber Hetty ſagte Nichts. „Es iſt eine ſehr köſtliche Zeit für mich geweſen,“ fuhr Dina fort,„geſtern Abend und heute zwei ſo brave Söhne zu ſehen wie Adam und Seth Bede ſind. Sie ſind ſo zärtlich beſorgt um ihre alte Mutter. Und ſie hat mir erzählt was Adam ſchon 232 ſeit ſo vielen Jahren für ſeinen Vater und Bruder gethan hat: es iſt wunderbar was für ein Geiſt der Weisheit und Einſicht in ihm wohnt, und wie gerne er bereit iſt denſelben zum Nuzen der Schwachen anzuwenden. Und ich bin überzeugt daß er auch den Geiſt der Liebe hat. Ich habe es oft unter meinen eigenen Leuten in Snowfield bemerkt daß die ſtarken und geſchickten Männer meiſtens am freund⸗ lichſten ſind gegen die Weiber und Kinder; und es iſt hübſch anzuſehen wie ſie die kleinen Kinder tra⸗ gen, als ob ſie nicht ſchwerer wären denn Vögelein. Und die Kinder ſcheinen immer den ſtarken Arm am meiſten zu lieben. Ich bin überzeugt es würde mit Adam Bede ſo ſein. Glaubſt Du nicht auch, Hetty?“ „Ja,“ ſagte Hetty zerſtreut, denn ihr Geiſt hatte die ganze Zeit über im Walde geweilt, und es wäre ihr ſchwer geworden zu ſagen was ſie bejahte. Dina ſah daß ſie nicht zum Sprechen aufgelegt war, und ohnehin blieb nicht mehr viel Zeit zum Reden übrig, denn ſie befanden ſich jezt am Hofthor. Das ſtille Zwielicht mit ſeiner erſterbenden Röthe im Weſten und den wenigen ſchwach flimmernden Sternen ruhte auf dem Pachthof, wo ſich kein Ton vernehmen ließ, außer dem Scharren und Stampfen der Ackerpferde im Stalle. Es war ungefähr zwanzig Minuten nach Sonnenuntergang, das Geflügel war ſammt und ſonders aufgeſeſſen, und der Bullenbeißer lag auf ſeinem Stroh vor dem Häuschen ausgeſtreckt, den ſchwarzbraunen Dachshund an ſeiner Seite, als das Zuſchlagen des Thores ſie aufſtörte, worauf ſie als getreue Diener zu bellen anfingen, ohne genau zu wiſſen warum. Das Bellen hatte ſeine Wirkung im 233 Hauſe; denn als Dina und Hetty herankamen, wurde die Thüre durch eine ſteattliche, rothbackige und ſchwarzäugige Figur ausgefüllt, welcher man wohl anſah daß ſie an Markttagen ungemein ſcharf und gelegentlich auch verächtlich dreinſchauen konnte, wäh⸗ rend jezt der Ausdruck herzlicher Gutmüthigkeit wie nach einem tüchtigen Abendeſſen vorwog. Bekannt⸗ lich haben ſich große Gelehrte die in ihren Critiken mit der unbarmherzigſten Härte gegen die Gelehr⸗ ſamkeit anderer Leute zu Felde zogen, im Privatleben oft ſanft und nachſichtig gezeigt; ja ich habe mir von einem Gelehrten erzählen laſſen der mit ſeiner linken Hand liebevoll Zwillinge wiegte, während ſeine Rechte die vernichtendſten Spöttereien über einen Gegner ausgoß der eine rohe Unkenntniß des Hebräiſchen verrathen hatte. Schwächen und Irrthümer muß man verzeihen— ach ſie ſind uns ſelbſt nicht fremd — aber wer ſich bei dem hochwichtigen Gegenſtand der hebräiſchen Accente täuſcht, der muß als Feind des Menſchengeſchlechts behandelt werden. Eine ähn⸗ liche Miſchung von Gegenſäzen fand ſich bei Martin Poyſer vor; er hatte einen ſo vortrefflichen Character, daß er gegen ſeinen alten Vater noch freundlicher und ehrerbietiger geworden war, ſeit dieſer ihm eine Schen⸗ kungsurkunde über ſein ganzes Vermögen eingehändigt, und in allen perſönlichen Fragen urtheilte Niemand über ſeine Nachbarn ſo mild als er; aber gegen einen Pächter wie Luke Britton zum Beiſpiel, deſſen Brachfelder nicht gehörig geſäubert waren, der von Heckenanpflanzen und Grabenziehen nicht das Ge⸗ ringſte verſtand und beim Einkauf der Wintervor⸗ räthe ſehr wenig Einſicht zeigte, gegen einen ſolchen 234 Mann war Mariin Poyſer ſchneidend und unerbitt⸗ lich wie der Nordoſtwind. Luke Britton konnte ſich keine einzige Bemerkung, nicht einmal über das Wetter, erlauben, ohne daß Martin Poyſer darin deutliche Spuren jener Kopfloſigkeit und durchgängigen Unwiſſenheit entdeckte die aus allen ſeinen landwirth⸗ ſchaftlichen Operationen hervorſchaute. Er haßte es dieſen Burſchen an Markttagen im Brauhaus den Bierkrug an ſeinen Mund führen zu ſehen, und ſchon ſein bloßer Anblick auf der andern Seite der Straße brachte in ſeine ſchwarzen Augen einen ſtrengen cri⸗ tiſchen Ausdruck, möglichſt verſchieden von dem väter⸗ lichen Blick den er ſeinen beiden herankommenden Nichten zugehen ließ. Herr Poyſer hatte ſeine Abend⸗ pfeife geraucht und hielt jezt die Hände in ſeinen Taſchen, der einzige Zeitvertreib für einen Mann der nach vollendeter Tagesarbeit ſich noch nicht zur Ruhe begeben hat. „Ei, ei, Mädchen, ihr bleibt heute lang aus,“ ſagte er, als ſie das kleine Thor erreichten das in den Hauptweg führte.„Die Mutter iſt ſchon ein Bischen unruhig geworden und die Kleine iſt ein Bischen unwohl. Und wie haſt Du die alte Frau Bede verlaſſen, Dina? iſt ſie ſehr betrübt um den alten Mann? Er iſt ihr doch in den lezten fünf Jahren eine ſchwere Laſt geweſen.“ „Sein Tod iſt ihr ſehr nahe gegangen,“ antwor⸗ tete Dina;„aber heute ſchien ſie etwas getröſtet zu ſein. Ihr Sohn Adam iſt den ganzen Tag zu Hauſe und arbeitet am Sarge ſeines Vaters. Es iſt eine große Freude für ſie wenn ſie ihn daheim hat. Sie hat mir beinahe den ganzen Tag von ihm vorge⸗ BN — K 0Oᷣ——— ——————— ͤ— u 23⁵ redet. Sie hat ein liebevolles Herz, iſt aber leicht geneigt ſich zu ärgern und zu ängſtigen. Ich möchte ihr eine feſtere Stüze wünſchen, woran ſie ſich in ihrem hohen Alter aufrecht halten könnte.“ „Adam iſt feſt genug,“ ſagte Herr Poyſer, der Dina's Wunſch mißdeutete.„Er wird ſich beim Dre⸗ ſchen bewähren. Er gehört nicht zu denjenigen in denen nur Stroh iſt und kein Korn. Ich bürge da⸗ für daß er ſein Leben lang ein guter Sohn bleibt. Hat er geſagt daß er uns bald beſuchen will? Aber kommt doch herein,“ fügte er hinzu indem er Plaz machte;„ich will euch nicht noch länger aufhalten.“ Die hohen Gebäude um den Hof her verdeckten zwar ein gutes Stück vom Himmel, aber das breite Fenſter ließ doch Licht genug herein um jeden Winkel in der Hausflur ſehen zu können. Frau Poyſer ſaß im Wiegenſtuhl, welchen man aus dem vordern Zimmer geholt hatte, und bemühte ſich Totty in den Schlaf zu lullen. Aber Totty war nicht ſchläfrig, und als ihre Baſen hereinkamen, richtete ſie ſich auf und zeigte ein paar hochrothe Backen, die unter der reinen Nachthaube noch feiſter ausſahen als je. In dem großen aus Weidenzweigen geflochtenen Armſtuhl an der linken Kaminecke ſaß der alte Mar⸗ tin Poyſer, ein geſundes, aber zuſammengeſchrumpf⸗ tes und gebleichtes Abbild ſeines ſtattlichen ſchwarz⸗ haarigen Sohnes; ſein Kopf fiel ein wenig vorwärts und ſeine Ellenbogen waren zurückgeſchoben, ſo daß ſein ganzer Vorderarm auf der Stuhllehne ruhen konnte. Sein blaues Taſchentuch war über ſeine Kniee gebreitet, wie er es im Zimmer zu halten — 236 pflegte wenn er es nicht über ſeinen Kopf hing, und ſo ſaß er, Alles was um ihn vorging mit dem ruhi⸗ gen nach Außen gerichteten Blick geſunden Alters beobachtend, das ſich bei einem innern Drama nicht mehr betheiligt, aber Nadeln auf dem Boden er⸗ ſpäht, den geringſten Bewegungen mit einer abſichts⸗ loſen Zähigkeit folgt, dem Flackern der Flamme oder den Sonnenſtrahlen an der Wand zuſieht, die Qua⸗ derſteine auf dem Boden zählt, ſogar den Uhrzeiger im Auge behält und eine Freude daran findet wenn es im Tiktak einen Rythmus entdeckt. „Was ſoll das heißen daß Du ſo ſpät heim— kommſt, Hetty?“ begann Frau Poyſer.„Da ſchau einmal auf die Uhr. Es iſt ſchon halb zehn Uhr vorüber, und die Mädchen habe ich ſchon vor einer halben Stunde ins Bett geſchickt, was ſchon ſpät genug iſt, da ſie um halb fünf wieder aufſtehen, den Männern ihre Flaſchen füllen und backen müſſen; und dann hat das liebe Kind da das Fieber und iſt noch ſo wach wia am Mittag, und Niemand konnte mir helfen ihr die Arznei einzugeben als Dein Onkel, und da iſt es ſchön hergegangen; man hat die Hälfte über das Nachtkleid ausgeſchüttet, ſie hat faſt gar Nichts bekommen, und es iſt ein Glück wenn ſie da⸗ von nicht ſchlimmer wird ſtatt beſſer. Aber Leute die einmal an nichts Nüzliches denken, haben immer das Glück daß ſie aus dem Wege ſind wenn es Etwas zu thun gibt.“ „Ich bin vor acht Uhr weggegangen, Tante,“ antwortete Hetty etwas ſchnippiſch, indem ſie ihr Köpfchen ein wenig in die Höhe warf.„Aber un⸗ ſere Uhr geht der Schloßuhr um Vieles vor, ſo daß 237 ich nie ſagen kann um welche Zeit ich daheim ſein werde.“ „Ei wie, Du möchteſt wohl gar daß man die Uhr nach der herrſchaftlichen richte? Du möchteſt gerne aufbleiben und Lichter verbrennen, am Morgen aber im Bett liegen und Dich von der Sonne braten laſſen wie eine Gurke im Glaskaſten? Die Uhr iſt doch wohl heut nicht zum erſtenmal vorgegangen?“ Thatſache iſt daß Hetty wirklich den Unterſchied der Uhren vergeſſen hatte, als ſie dem Capitän ſagte daß ſie um acht Uhr aufbreche, und da ſie noch außer⸗ dem dießmal langſamer gegangen, ſo war ſie beinahe eine halbe Stunde ſpäter als gewöhnlich heimgekom⸗ men; aber hier wurde die Aufmerkſamkeit von dieſem zarten Gegenſtand durch Totty abgelenkt, die, als ſie endlich eingeſehen daß ſie ſich von der Rückkehr ihrer Baſen kein beſonderes Vergnügen verſprechen durfte, auf einmal wieder laut zu ſchreien anfing und Mama, Mama kreiſchte. „Da, da, mein Herzchen, die Mutter hat Dich genommen, Mama bleibt bei Dir, Totty iſt ein gutes Kind und wird jezt einſchlafen,“ ſagte Frau Poyſer, indem ſie ſich zurücklehnte und mit dem Stuhl hin⸗ und herſchaukelte, während ſie das Kind zärtlich und feſt an ſich drückte. Aber Totty ſchrie nur noch lau⸗ ter und rief: Nicht ſchaukeln! Die Mutter ſtand alſo, mit der wunderbaren Geduld welche die Liebe ſelbſt dem raſcheſten Temperament gibt, wieder auf, preßte ihre Wangen an das leinene Nachthäubchen, küßte es und vergaß darüber Hetty noch mehr aus⸗ zuſchelten. „Komm, Hetty,“ ſagte Martin Poyſer in ver⸗ 238 ſöhnendem Tone,„hol Dein Nachteſſen in der Speiſe⸗ kammer, denn man hat ſchon Alles weggeſtellt, und dann kannſt Du die Kleine ein wenig nehmen wäh⸗ rend Deine Tante ſich auszieht, denn Totty will ohne ihre Mutter nicht ins Bett. Und auch Du, Dina, könnteſt, denk' ich, ein wenig eſſen, denn die da drun⸗ ten werden nicht viel im Hauſe haben.“ „Nein, Ontkel, ich danke,“ ſagte Dina,„ich habe tüchtig gegeſſen bevor ich wegging; Frau Bede hat mir einen Pfannenkuchen gemacht.“ „Ich brauche kein Nachteſſen,“ ſagte Hetty, indem ſie ihren Hut abnahm.„Ich kann Totty jezt neh⸗ men wenn die Tante es wünſcht.“ „Was ſchwazeſt Du da für einen Unſinn?“ er⸗ widerte Frau Poyſer.„Meinſt Du, Du könneſt ohne Eſſen leben und Deinen Magen mit den rothen Bändern füllen die Du Dir an den Kopf ſteckſt? Hole augenblicklich Dein Nachteſſen, Kind; ich habe ein ſchönes Stück kalten Pudding zurückgeſtellt, juſt wie Du es liebſt.“ Hetty fügte ſich ſchweigend, indem ſie nach der Speiſekammer ging. Frau Poyſer wandte ſich jezt an Dina. „Sez Dich, liebe Dina, und mach Dirs bequem. Die alte Frau hat ſich gewiß recht über Deinen Be⸗ ſuch gefreut, da Du ſo lange geblieben biſt?“ „Sie ſchien mich zulezt gerne um ſich zu haben, aber ihre Söhne ſagen daß ſie gewöhnlich junge Frauenzimmer nicht in ihrer Nähe liebe; auch meinte ich im Anfang wirklich ſie ärgere ſich über meinen Beſuch.“ „Ei da ſieht es traurig aus wenn die alten ——, 239 Leute die jungen nicht lieben,“ ſagte der greiſe Mar⸗ tin, indem er ſeinen Kopf tiefer ſenkte und das Muſter der Quaderſteine auf dem Fußboden ins Auge zu faſſen ſchien. „Ja wer die Flöhe nicht leiden kann, kommt in einem Hühnerſtall ſchlecht weg,“ meinte Frau Poyſer; „wir ſind Alle einmal jung geweſen, glaube ich, wohl oder übel.“ „Aber ſie muß ſich an junge Weiber gewöhnen lernen,“ verſezte Herr Poyſer,„denn man kann doch nicht annehmen daß Adam und Seth ihrer Mutter zu Liebe noch zehn Jahre lang ledig bleiben. Das wäre unvernünftig. Es iſt weder von der Alten noch von den Jungen Recht wenn ſie Alles nach ihrem eigenen Wunſch einrichten wollen; was dem Einen Recht, iſt dem Andern billig. Ich ſehe es auch nicht gern wenn die jungen Leute heirathen ehe ſie einen Holzapfel von einem andern Apfel unter⸗ ſcheiden können; aber man kann auch gar zu lange warten.“ „Allerdings,“ verſezte Frau Poyſer,„wenn man die Eſſenszeit verpaßt, ſo vergeht der Appetit; man dreht es mit der Gabel hin und her und ißt es zu⸗ lezt doch nicht. Dann ſchiebt man die Schuld auf das Eſſen und doch liegt ſie nur am Magen.“ Hetty kam aus der Vorrathskammer zurück und ſagte:„Jezt kann ich Totty nehmen, Tante, wenn Ihr wollt.“ „Ei wie, Rahel,“ ſagte Poyſer, als ſeine Frau zu zögern ſchien, weil Totty ſich endlich ruhig an ſie ſchmiegte,„laß das Kind jezt von Hetty hinauf⸗ tragen, während Du Dich ausziehſt; Du biſt müde. 240 Es iſt Zeit daß Du zu Bette kommſt. Du holſt Dir gewiß wieder Dein Seitenſtechen.“ „Nun ja, ſie kann das Kind nehmen wenn es zu ihr gehen will,“ ſagte Frau Poyſer. Hetty trat an den Schautelſtuhl und blieb ohne ihr gewöhnliches Lächeln, ohne einen Verſuch Totty an ſich zu locken, ſtehen. Sie wartete bloß bis die Tante ihr das Kind auf den Arm geben würde. „Willſt Du zu Baſe Hetty gehen, mein Herzchen, ſo lange Mama ſich zum Bette fertig macht? Dann wird Totty in Mama's Bett gehen und die ganze Nacht dort ſchlafen.“ Bevor die Mutter ausgeſprochen, hatte Totty ihre Antwort auf unzweideutige Art gegeben, indem ſie ihre Stirne runzelte, mit den Zähnchen fletſchte und ſich vorbog um Hetty aus Leibeskräften auf den Arm zu ſchlagen. Dann ſchmiegte ſie ſich, ohne zu ſprechen, wieder an ihre Mutter. „Ei, ei,“ ſagte Herr Poyſer, während Hetty ganz regungslos daſtand,„nicht zu Baſe Hetty gehen? Du machſt es ja wie ein kleines Kind: Totty iſt jezt ein kleines Mädchen und kein Kind mehr.“ „Alles Zureden hilft da nichts,“ verſezte die Mutter.„Wenn ſie unwohl iſt, hat ſie immer einen Zahn auf Hetty. Vielleicht geht ſie zu Dina!“ Dina hatte Hut und Shawl abgelegt und bis⸗ her ruhig im Hintergrund geſeſſen, weil ſie in Hetty's eigentlichen Geſchäftskreis nicht eingreifen wollte; aber jezt trat ſie vor, ſtreckte ihre Arme aus und ſagte:„Komm, Totty, Dina will Dich mit Mama die Treppe hinauftragen; die arme, arme Mama, ſie iſt ſo müde— ſie muß ins Bett.“ -„-. —.—ͤ—, ne ͤ— S —Be 241 Totty wandte ihr Geſicht gegen Dina und ſchaute ſie einen Augenblick an; dann richtete ſie ſich auf, ſtreckte ihre Aermchen aus und duldete daß Dina ſie vom Schooße ihrer Mutter herabnahm. Hetty wandte ſich ohne das mindeſte Zeichen von Verdrießlichkeit ab, nahm ihren Hut vom Tiſch und blieb mit gleich⸗ giltiger Miene ſtehen, ob man ihr vielleicht noch einen Auftrag ertheile. „Du kannſt jezt die Thüre ſchließen, Poyſer; Alick iſt ſchon lange daheim,“ ſagte die Frau, indem ſie ſich mit ſichtlicher Erleichterung von ihrem nie⸗ deren Stuhl erhob.„Gib mir das Feuerzeug, Hetty, ich muß ein Nachtlicht in meinem Zimmer haben. Kommt, Vater.“ Die ſchweren hölzernen Riegel wurden an den Hausthüren vorgeſchoben, und der alte Martin rüſtete ſich zum Aufbruch, indem er ſein blaues Taſchentuch zuſammenlegte und ſeinen glänzenden Knotenſtock von Wallnußholz aus der Ecke holte. Frau Poyſer zog jezt zur Küche hinaus, hinter ihr der Großvater und dann Dina mit Totty auf dem Arme,— Alle gingen im Zwielicht zu Bette wie die Vögel. Frau Poyſer ſchaute unterwegs noch in die Kammer hinein wo ihre beiden Jungen lagen, nur um ihre rothen run⸗ den Backen auf dem Kiſſen zu ſehen und einen Au⸗ genblick ihr leichtes regelmäßiges Athmen zu hören. „Nun, Hetty, geh jezt auch ins Bett,“ ſagte Herr Poyſer in beſchwichtigendem Tone, indem er ſich gegen die Treppe wandte.„Du haſt ſicher nicht gewußt daß es ſchon ſo ſpät war, aber Deine Tante hat ſich heute viel plagen müſſen. Gute Nacht, mein Mädchen, gute Nacht!“ Eliot, Adam Bede. I. 16 242 Fünßzehntes Capitel. Die beiden Schlafzimmer. Hetty und Dina ſchliefen beide im zweiten Stock, in Zimmern die aneinander ſtießen und dürftig möb⸗ lirt waren, ohne Vorhänge um das Licht fern zu halten das jezt im aufgehenden Mond neue Kraft zu ſammeln begann, ſo daß Hetty ganz leicht ihren Weg finden und vollkommen bequem ſich entkleiden konnte. Sie ſah ganz deutlich die Pflöcke in dem alten angeſtrichenen Weißzeugſchrank woran ſie Hut und Kleid hing; ſie konnte jeden Klufenknopf auf ihrem rothen tuchenen Nadelkiſſen ſehen; ſie konnte ihr eigenes Bild von dem altmodiſchen Spiegel zu⸗ rückgeſtraht ſehen, und zwar vollkommen ſo deutlich als nöthig war, denn ſie brauchte nur ihr Haar zu bürſten und ihre Nachthaube aufzuſezen. Ein ſonder⸗ barer alter Spiegel! Hetty ärgerte ſich faſt jedes⸗ mal darüber wenn ſie ſich ankleidete. Er hatte ſei⸗ ner Zeit für hübſch gegolten und war vermuthlich vor einem Vierteljahrhundert bei irgend einer vor⸗ nehmen Auction in die Poyſerſche Familie gekauft worden. Auch jezt noch konnte ein Auctionator eini⸗ ges von ihm ſagen: er hatte noch eine ziemlich ſtarke, wiewohl matte Vergoldung, dabei eine feſte Maha⸗ goniunterlage, gut mit Schubladen verſehen, die mit⸗ telſt eines entſchiedenen Ruckes aufgingen und ihren Inhalt aus den fernſten Ecken hervorwarfen, ſo daß man nicht darnach zu greifen brauchte; vor allen Dingen aber hatte er auf beiden Seiten meſſingene 243 Leuchter die ihm für ewig ein ariſtocratiſches Aus⸗ ſehen verliehen. Aber Hetty konnte den Spiegel nicht ausſtehen, weil er eine Menge trübe Flecken auf ſeinem Glas hatte die ſich nicht wegreiben ließen, und weil er, ſtatt ſich vor⸗ und rückwärts zu be⸗ wegen, in gerader Stellung feſtgemacht war, ſo daß ſie nur einen einzigen guten Blick auf Kopf und Nacken bekam, und auch dieſen erhielt ſie nur wenn ſie ſich auf einen niedrigen Stuhl vor ihrem Toiletten⸗ tiſch ſezte. Und der Toilettentiſch war gar kein Toi⸗ lettentiſch, ſondern ein kleiner alter Kaſten mit Schub⸗ laden, das ungeſchickteſte Ding in der Welt um da⸗ vor zu ſizen, denn an den dicken metallenen Griffen zerſtieß ſie ſich ihre Knie, und ſo wurde ihr die Be⸗ nüzung des Spiegels recht ſauer gemacht. Aber fromme Gläubige laſſen ſich durch Unbequemlichkeiten von der Verrichtung ihrer religiöſen Gebräuche nicht abhalten, und Hetty war dieſen Abend mehr als ge⸗ wöhnlich auf ihre eigenthümliche Form von Gottes⸗ verehrung erpicht. Nachdem ſie ihr Kleid und ihr weißes Halstuch abgelegt, zog ſie aus der großen Taſche die außen an ihrem Unterrock hing einen Schlüſſel hervor, öff⸗ nete eine der untern Schubladen an der Commode, nahm zwei kurze Wachslichtſtümpchen, die ſie heimlich in Treddleſton gekauft hatte, heraus und ſteckte ſie in die beiden meſſingenen Leuchter. Dann zog ſie ein Kiſtchen Zündhölzchen hervor, zündete die Lichter an, und endlich brachte ſie einen kleinen, rotheingerahm⸗ ten Handſpiegel ohne alle Flecke zum Vorſchein. Das Erſte was ſie that nachdem ſie ſich geſezt hatte, war daß ſie in dieſes Spiegelchen blickte. Siee hante 6 244 lächelnd hinein und neigte den Kopf eine Minute lang auf eine Seite; dann legte ſie das Spiegelchen hin und nahm aus einer obern Schublade Bürſte und Kamm. Sie wollte ihr Haar herniederfallen laſſen und gerade ſo ausſehen wie die Dame auf dem Gemälde in Fräulein Lydia Donnithorne's Toi⸗ lettenzimmer. Dieß war bald geſchehen, die dunkeln hiacinthenen Locken wallten über ihren Nacken. Ihr Haar war nicht ſchwer, dick und bloß gekräuſelt, ſon⸗ dern weich und ſeiden, ſo daß es in zarten Ringeln auslief. Aber um dem Gemälde ähnlich zu werden, ſchob ſie es gänzlich zurück, damit es einen dunkeln Vorhang bildete der ihren runden weißen Nacken um ſo ſtärker hervorhob. Dann legte ſie Bürſte und Kamm weg und betrachtete ſich, indem ſie ihre Arme übereinander legte, gerade wie auf dem Gemälde. Selbſt der alte fleckige Spiegel konnte nicht umhin ihr ein liebliches Bild zurückzugeben, ein Bild das dadurch Nichts von ſeiner Lieblichkeit verlor daß Hetty's Schnürbruſt nicht von weißem Atlas— wie allerdings Heldinnen ſie gewöhnlich tragen müſſen — ſondern von einem dunkelgrünen Baumwollen⸗ zeug war. O ja! Sie war ſehr hübſch: Capitän Donni⸗ thorne fand das. Hübſcher als irgend Jemand in der ganzen Umgegend von Hayſlope,— hübſcher als irgend eine der Damen welche ſie je auf Beſuch im Schloſſe geſehen hatte— es ſchien ihr in der That als ob vornehme Damen etwas albern und häßlich ausſähen— und hübſcher als Jungfer Bacon, die Müllerstochter die überall als das ſchönſte Mäd⸗ chen von Treddleſton bekannt war. Und Hetty be⸗ trachtete ſich heute Abend mit ganz anderem Ver⸗ gnügen als ſonſt; es war ein unſichtbarer Zuſchauer da, deſſen Auge auf ihr ruhte wie der Morgen auf den Blumen. Seine ſanfte Stimme wiederholte ihr einmal ums andere all die hübſchen Dinge die ſie im Walde gehört hatte, ſein Arm hielt ſie umſchlungen, und der zarte Roſenduft ſeines Haares umgab ſie noch immer. Die eitelſte Frau wird ſich ihrer Schön⸗ heit nur dann vollkommen bewußt wenn ſie von dem Manne geliebt wird der ihre eigene Leidenſchaft in Flammen zu ſezen weiß. Aber Hetty ſchien ſich in den Kopf geſezt zu haben daß noch Etwas fehle; denn ſie ſtand auf, nahm aus dem Weißzeugkaſten ein altes ſchwarzes Spizentuch und holte aus der geweihten Schublade worin die Wachskerzen gelegen große Ohrringe her⸗ vor. Es war ein uraltes Spizentuch, voll von Riſſen, aber es ſaß vortrefflich um ihre Schultern und hob ihren weißen Vorderarm aufs beſte hervor. Und nun zog ſie die kleinen Ohrringe heraus die ſie gewöhnlich trug— wie hatte ihre Tante geſcholten als ſie ihre Ohren ſtechen ließ!— und ſezte dieſe großen hinein; ſie waren bloß von farbigem Glas und vergoldet; aber wenn man das nicht wußte, ſo ſahen ſie juſt ſo ſchön aus wie die von vornehmen Damen. Und ſo ſezte ſie ſich wieder mit den großen Ringen in den Ohren, und das ſchwarze Spizentuch rund um ihre Schultern gelegt. Sie ſchaute auf ihre Arme hinab; bis auf ein kleines Stück unter dem Ellenbogen waren ſie ſo hübſch wie man ſich nur Arme denken kann, weiß und rund, und mit Grübchen darin wie in den Wangen; aber gegen das 246 Handgelenke hin ſchienen ſie ihr zu ihrem großen Verdruß plump geworden durch das Buttermachen und andere Arbeiten mit denen ſich vornehme Damen nicht befaßten. Capitän Donnithorne konnte es nicht zugeben daß ſie ſo arbeitete: er würde ſie gewiß gerne in hübſchen Kleidern mit dünnen Schuhen, weißen Strümpfen und vielleicht ſeidenen Zwickeln daran ſehen, denn er mußte ſie ſehr lieben— noch kein anderer hatte ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen und ſie auf dieſe Art geküßt. Gewiß wollte er ſie heirathen und eine vornehme Dame aus ihr machen — ſie wagte es kaum ſich dieſen Gedanken vorzu⸗ ſtellen, aber wie konnte es anders ſein? Sicher hei⸗ rathete er ſie ganz insgeheim, wie Herr James, der Aſſiſtent des Doctors, die Nichte des Doctors hei⸗ rathete, und kein Menſch erfuhr es lange Zeit, und als es bekannt wurde, da war es vergeblich ſich darüber zu ärgern. Der Doctor hatte ihrer Tante die ganze Geſchichte erzählt, und ſie war dabei ge⸗ weſen. Sie wußte nicht wie es ſich machen würde, aber ſo viel war ganz klar daß der alte Gutsherr nichts davon erfahren durfte, denn wenn Hetty ihm nur im Park über den Weg kam, ſo fiel ſie vor Angſt und Schrecken beinahe in Ohnmacht. Er mochte allerdings ein erdgeborener Menſch ſein; aber daß er jemals jung geweſen ſei wie andere Menſchen, das konnte ſie ſich nicht vorſtellen— er war immer der alte Herr geweſen den alle Welt fürchtete. O ſie konnte ſich unmöglich denken wie es kommen würde. Aber Capitän Donnithorne mußte es ſchon wiſſen; er war ein großer Herr und konnte überall ſeinen Willen durchſezen und Alles kaufen was er nur wollte. Und Nichts durfte ſo bleiben wie es bisher geweſen; vielleicht wurde ſie eines Tags eine vornehme Dame, fuhr in ihrem eigenen Wagen, kam zur Tafel in einem ſeidenen Brocat⸗ kleid, mit Federn in den Haaren und einer langen Schleppe wie Fräulein Lydia und Lady Dacey, die ſie eines Abends nach dem Speiſeſaal gehen ſah, als ſie durch das runde Fenſterchen im Corridor ſchaute. Nur wollte ſie nicht ſo alt und häßlich ſein wie Fräulein Lydia, und nicht ſo dick wie Lady Dacey, ſondern ſehr hübſch; ſie wollte ihr Haar bald ſo bald anders tragen, bald in einem roſarothen, bald in einem weißen Kleid auftreten; ſie wußte noch nicht was ihr am beſten gefiel; und Marie Burge und alle Andern würden ſie vielleicht ſehen wenn ſie in ihrem Wagen dahinführe, oder vielmehr ſie würden von ihr hören, denn ſie konnte ſich un⸗ möglich vorſtellen daß dieſe Dinge in Hayſlope unter den Augen ihrer Tante vorgingen. Beim Gedanken an all dieſen Glanz erhob ſich Hetty von ihrem Stuhl, ihr Spizentuch verfing ſich an dem rothein⸗ gerahmten Spiegelchen, ſo daß es klingend auf den Boden fiel; aber ſie war zu ſehr mit ihren Phan⸗ taſiegebilden beſchäftigt um es aufzuheben, und nach einem augenblicklichen Schreck begann ſie, wie eine Taube ſich brüſtend, in ihrem Zimmer auf⸗ und ab: zuſchreiten, in ihrer farbigen Schnürbruſt und dem farbigen Rock, das alte ſchwarze Spizentuch um ihre Schultern und mit den großen Glasringen in den Ohren. Wie hübſch die kleine Kaze ausſieht in dieſem — 248 ſeltſamen Aufpuz! Es wäre die allerleichteſte Narr⸗ heit in der Welt ſich in ſie zu verlieben: an ihrem Geſicht und ihrer Figur iſt Alles ſo lieblich, ſo kin⸗ derartig rund; die zarten dunkeln Locken liegen ſo reizend um Ohren und Hals; ihre großen ſchwarzen Augen mit den langen Wimpern gemahnen Dich ſo wunderlich als ſchaute ein gefangener luſtiger Kobold daraus hervor. Ach welch einen Preis gewinnt der Mann der eine holde Braut wie Hetty erringt! Wie die Män⸗ ner ihn beneiden, wenn ſie zum Hochzeitsfrühſtück kommen und ſie in ihrem weißen Spizenſchleier, mit Orangeblüthen in den Haaren, an ſeinem Arme hän⸗ gen ſehen! O das liebe, junge, rundliche, ſanfte, geſchmeidige Ding! Ihr Herz muß gerade eben. ſo ſanft ſein, ihr Gemüth gerade ſo frei von Ecken, ihr Character eben ſo ſchmiegſam. Wenn es je einmal ſchief geht, ſo liegt die Schuld an dem Manne: er kann aus ihr machen was er will, das iſt klar. Und der Bräutigam denkt auch ſo: das holde Geſchöpf iſt ſo verliebt in ihn, ihre kleinen Eitelkeiten ſind ſo bezaubernd, er würde es gar nicht dulden wenn ſie ein Bischen geſezter ſein wollte; dieſe käzchenartigen Blicke und Bewegungen ſind gerade das was ihm ſeinen häuslichen Herd zum Paradieſe umſchaffen wird. Jeder Mann hält ſich unter ſolchen Umſtän⸗ den für einen vortre flichen Phyſiognomiker. Die Natur hat, das weiß er, ihre eigene Sprache die ſie mit ſtrenger Wahrhaftigkeit ſpricht, und er glaubt ins Innerſte dieſer Sprache eingeweiht zu ſein. Die Natur hat ihm den Character ſeiner Braut in dieſen ausgeſuchten Lilien um Wangen, Lippen und Kinn ——,— 249 vorgezeichnet; in dieſen Augenlidern ſo zart wie Blumenblätter, und dieſen langen Wimpern die ſich wie Staubfäden kräuſeln, in den dunkeln feuchten Tiefen dieſer wundervollen Augen. Wie wird ſie ihre Kinder vergöttern! Sie iſt beinahe ſelbſt noch ein Kind, und die kleinen roſigen Dinger werden um ſie herumhängen wie die Blümchen um die Hauptblume; und der Eheherr wird mit freundlichem Lächeln zuſchauen, und wenn es ihm beliebt, wird er ſich ins Heiligthum ſeiner Weisheit zurückziehen, nach welchem ſein holdes Weib ehrerbie⸗ tig blicken wird, aber ohne jemals den Vorhang zu heben. Es iſt eine Ehe wie einſt im goldenen Zeit⸗ alter, wo die Männer alle weiſe und majeſtätiſch, die Frauen insgeſammt lieblich und liebevoll waren. So ungefähr dachte unſer Freund Adam Bede von Hetty; nur ſezte er ſeine Gedanken in andere Worte. Wenn ſie ſich kalt und hochmüthig gegen ihn benahm, ſo ſagte er zu ſich:„Dieß geſchieht bloß weil ſie mich nicht lieb genug hat,“ und er war über⸗ zeugt daß ihre Liebe, wenn ſie dieſelbe jemals ver⸗ ſchenke, das koſtbarſte Ding ſein würde das ein Mann auf Erden beſizen könne. Ehe ihr Adam wegen dieſes Mangels an Scharfſinn verachtet, fragt euch ſelbſt ob ihr jemals geneigt waret von einem hübſchen Weibe Böſes zu glauben, ob ihr je, ohne die allerhandgreiflichſten Beweiſe, von der einen überſchwänglich hübſchen Frau die euch behext hatte Böſes glauben konntet. Nein: wer flaumige Pfir⸗ ſiche liebt iſt nicht im Stand an den Stein zu denken und zerbeißt ſich zuweilen ſchrecklich ſeine Zähne daran. Auch Arthur Donnithorne hatte dieſelbe Anſicht 250 von Hetty, ſo weit er überhaupt über ihr Weſen nachgedacht hatte. Er hielt ſie für ein gutgeartetes und liebreiches Geſchöpſchen. Der Mann der die ſtaunende zitternde Leidenſchaft eines jungen Mäd⸗ chens ins Leben ruft hält ſie immer für liebreich, und wenn er zufällig in die künftigen Jahre blickt, ſo meint er vermuthlich tugendhaft zärtlich gegen ſie zu ſein, weil das arme Ding ſich ſo liebevoll an ihn feſtklammert. Gott hat dieſe theuern Weiber ſo ge⸗ ſchaffen, und in Krankheitsfällen iſt das eine ange⸗ nehme Einrichtung. Am Ende glaube ich daß auch die Weiſeſten von uns zuweilen auf dieſe Art getäuſcht werden müſſen, ſo daß ſie von den Leuten beſſer und ſchlechter denken als ſie verdienen. Die Natur hat ihre Sprache und ſie weiß nichts von Unwahrheit, aber wir kennen juſt alle Verwick⸗ lungen und Feinheiten ihrer Syntax noch nicht, und beim haſtigen Ueberleſen kann es begegnen daß wir gerade das Gegentheil ihres eigentlichen Sinnes her⸗ ausbringen. Lange dunkle Augenwimpern zum Bei⸗ ſpiel, was kann es Schöneres geben? mir iſt es un⸗ möglich nicht etwas Seelenvolles und Inniges in dunkeln grauen Augen mit langen dunkeln Wimpern zu ſuchen, obſchon Erfahrung mich gelehrt hat daß ſie ſich auch mit Falſchheit, Betrug und Dummheit vertragen. Aber wenn ich mich dann in der Reac⸗ tion des Widerwillens an Fiſchaugen hielt, ſo iſt ein überraſchend ähnliches Ergebniß zu Tage gekom⸗ men. Man beginnt endlich zu argwöhnen daß zwi⸗ ſchen Augenwimpern und Sittlichkeit keine unmittel⸗ bare Wechſelbeziehung vorhanden ſei, oder auch daß ————— 251 die Augenwimpern der Schönen die Gemüthsart ihrer Großmutter ausdrücken, die im Ganzen nicht ſehr wichtig für uns iſt. Schönere Wimpern als Hetty konnte keine haben, und jetzt, wo ſie gleich einer Taube ſich brüſtend im Zimmer auf⸗ und abſchreitet und auf ihre Schultern mit dem alten ſchwarzen Spizenſchleier herabſchaut, hebt ſich die dunkle Franſe vortrefflich gegen ihre roſige Wange ab. Es ſind nur matte unklare Bilder die ihr Bischen Einbildungskraft von der Zukunft zu Stande bringt; aber auf jedem Bilde iſt ſie ſelbſt die Hauptfigur in prächtigem Aufpuz; Capitän Don⸗ nithorne ſteht ſehr nahe bei ihr, ſchlingt ſeinen Arm um ihren Leib, küßt ſie vielleicht, und Jedermann bewundert und beneidet ſie, beſonders Marie Burge, deren neues Kattunkleid ſich ſehr verächtlich gegen Hetty's glänzende Toilette ausnimmt. Miſcht ſich irgend eine freundliche oder traurige Erinnerung in dieſen Zukunftstraum— ein liebender Gedanke an ihre zweiten Eltern, an die Kinder die ſie aufziehen half, an einen Jugendgenoſſen, an ein Lieblings⸗ thierchen oder auch nur irgend eine Reliquie aus ihrer eigenen Kindheit? Nicht im Mindeſten. Es gibt Pflanzen die ſo gut wie gar keine Wurzeln haben: ihr könnt ſie von dem Felſen oder der Mauer wo ſie gewachſen ſind ausreißen und ſogleich in euern Blumentopf ſtecken, ſo blühen ſie gerade wie vorher. Hetty hätte ihr ganzes vergangenes Leben hinter ſich werfen können, und würde ſich gar nichts darum bekümmert haben wenn man ſie nicht mehr daran erinnert hätte. Ich glaube, ſie hatte durchaus kein Gefühl für das alte Haus, und die Jacobsleiter und —— 252 die lange Reihe von Roſenpappeln im Garten waren ihr nicht lieber als andere Blumen, vielleicht nicht einmal ſo lieb. Es war zum Erſtaunen wie wenig ihr daran zuü liegen ſchien ihrem Onkel, der ihr ein guter Vater geweſen, irgend eine Aufmerkſamkeit zu erweiſen: es fiel ihr beinahe niemals ein ihm zur rechten Zeit ungeheißen ſeine Pfeife zu reichen, außer wenn zufällig ein Beſuch da war der ſie beſſer ins Auge faſſen konnte, wenn ſie durch die Küche ging. Wie Jemand Leute von gewiſſen Jahren zärtlich lieben könne, das konnte ſie gar nicht begreifen. Und vollends dieſe langweiligen Kinder, Marty, Tommy und Totty, dieſe waren die wahre Qual ihres Lebens geweſen; ſie hatte ſich über ſie geärgert, wie über ſummende Inſecten die euch an einem heißen Tage quälen, wenn ihr Ruhe wünſchet. Marty, der älteſte, war ein Säugling geweſen als ſie zum erſtenmal auf den Pachthof kam; die vor ihm ge⸗ bornen Kinder waren geſtorben, und ſo hatte Hetty alle drei, eines ums andere, unter ihrer Obhut ge⸗ habt; ſie waren mit ihr auf die Wieſe hinausge⸗ watſchelt oder hatten an den Regentagen in den halbleeren Zimmern des großen alten Hauſes um ſie herum geſpielt. Die Jungen waren jezt ein wenig herangewachſen, aber Totty blieb noch immer die tägliche und ſtündliche Plage, ſchlimmer als alle andern, weil man viel mehr Umſtände mit ihr machen mußte. Das Kleidermachen und Flicken wollte kein Ende nehmen. Hetty würde es gerne gehört haben wenn man zu ihr geſagt hätte daß ſie nie wieder ein Kind ſehen ſolle; ſie waren ja ärger als die garſtigen kleinen Lämmer welche der Schäfer in der —,-—,„,,-,ͤ————o-—--r-——. O—j j+ S A . 253 Lammzeit immer zu beſonderer Verpflegung herein⸗ brachte; denn die Lämmer bekam man doch früher oder ſpäter wieder vom Halſe. Was die jungen Hühner und Puter betraf, ſo würde Hetty ſchon das Wort Brüten gehaßt haben, hätte ihre Tante nicht ihre Aufmerkſamkeit für das junge Geflügel dadurch erkauft daß ſie ihr den Ertrag eines Stückes von jeder Brut zuſicherte. Die runden flaumigen Küch⸗ lein die unter den Flügeln ihrer Mutter hervorpiepten machten Hetty nie die geringſte Freude; das war nicht die Art von Schönheit die ihr zuſagte; um ſo mehr aber gefielen ihr die hübſchen neuen Dinge die ſie mit dem erlösten Geld auf dem Treddleſtoner Markt kaufte. Und doch ſchaute ſie ſo freundlich, ſo allerliebſt darein wenn ſie ſich bückte um das einge⸗ weichte Brod in den Hühnerkorb zu legen, daß es großen Scharfſinn erfordert hätte um eine ſolche Herzenshärtigkeit bei ihr zu vermuthen. Molly, die Magd mit einer Stulpnaſe und hervorſtehenden Backenknochen, war in Wirklichkeit ein weichherziges Mädchen und, wie Frau Poyſer ſagte, ein wahrer Juwel für das Geflügel; aber ihr dummes Geſicht verrieth Nichts von dieſer mütterlichen Wonne, ſo wenig als man durch einen braunen irdenen Krug das Licht der Lampe ſehen kann die darin brennt. Gewöhnlich iſt es ein Weiberauge das zuerſt die moraliſchen Mängel entdeckt die ſich unter der glatten trügeriſchen Hülle der Schönheit verbergen: kein Wunder alſo wenn Frau Poyſer, mit ihrem ſcharfen Blick und ihren reichlichen Gelegenheiten zum Beob⸗ achten, ein ziemlich richtiges Urtheil darüber ge⸗ wonnen hatte was in Bezug auf das Gefühl von 254 Hetty zu erwarten ſei; auch hatte ſie ſich in Augen⸗ blicken der Entrüſtung zuweilen ſehr offen gegen ihren Mann ausgeſprochen. „Sie iſt nicht beſſer als ein Pfau der auf der Mauer umherſtolziren und in der Sonne ſein Rad ſchlagen würde, wenn auch alle Leute in der Ge⸗ meinde auf den Tod lägen: ſie nimmt ſich auch nicht das Geringſte zu Herzen; ſie blieb ganz kalt als wir meinten Totty ſei in den Teich gefallen. Bedenke doch, der holde Engel! Und wir fanden ſie mit ihren kleinen Schuhen im Schlamm ſtecken, und ſie ſchrie ſich beinahe das Herz ab, aber Hetty machte ſich gar nichts daraus, das konnte ich wohl ſehen, obſchon ſie das Kind von ſeiner Geburt an zu be⸗ ſorgen hatte. Ich glaube ihr Herz iſt ſo hart wie ein Kieſel.“ „Nein, nein,“ verſezte Herr Poyſer,„Du mußt Hetty nicht zu hart beurtheilen. Die jungen Mädchen ſind wie unreifes Korn; allmählig geben ſie gutes Mehl, aber im Anfang ſind ſie noch weich und grün. Du wirſt ſehen, Hetty macht ſich noch ganz gut wenn ſie einmal einen braven Mann und eigene Kinder hat.“ „Ich möchte nicht gerne hart ſein gegen das Mädchen. Sie hat geſchickte Finger und kann ſich, wenn ſie will, recht nüzlich machen; namentlich beim Buttern würde ich ſie ſehr vermiſſen, denn darauf verſteht ſie ſich wie keine andere. Und geh es wie es wolle, ich werde gegen eine Nichte von Dir immer handeln wie es recht iſt, und das habe ich auch ſchon gethan, denn ich habe ſie Alles gelehrt was in eine Haushaltung gehört und habe ſie oft genug an ihre Pflicht erinnert, obſchon ich, weiß Gott, keinen ———,-——,————-.„„. α⏑——- — ————— Athem übrig habe und manchmal dieſes ſchreckliche Seitenſtechen bekomme. Mit dieſen drei Mädchen ſollte ich eigentlich die doppelte Kraft haben um ſie bei der Arbeit zu halten. Das iſt gerade wie wenn man drei Braten zugleich an drei Feuern hat; ſo lange Du den einen begießeſt, brennt der andere an.“ Hetty hatte vor ihrer Tante Reſpect genug um ſo viel von ihrer Eitelkeit als ſich ohne ein allzu großes Opfer verheimlichen ließ ängſtlich vor ihren Blicken zu verbergen. Sie konnte der Verſuchung nicht widerſtehen ihr Geld auf Puzſachen zu ver⸗ wenden welche der Tante ein Dorn im Auge waren, aber ſie wäre vor Scham, Aerger und Angſt in die Erde geſunken, wenn die Tante in dieſem Augenblick die Thüre geöffnet und ſie bei den brennenden Licht⸗ ſtümpchen, mit ihrem Spizentuch und ihren Ohrringen umherſtolzirend, überraſcht hätte. Um einem ſolchen Unglück vorzubeugen, verriegelte ſie immer ihre Thüre und hatte es auch heute Nacht nicht vergeſſen. Das war wohlgethan, denn auf einmal ließ ſich ein leiſes Klopfen vernehmen, und Hetty ſtürzte mit pochendem Herzen auf die Lichter zu um ſie auszulöſchen und in die Commode zu werfen. Sie wagte nicht zu warten bis ſie ihre Ohrringe herausgenommen hatte, aber ſie warf ihr Spizentuch weg und ließ es auf den Boden fallen bevor das leiſe Klopfen ſich wieder⸗ holte. Woher dasſelbe kam, werden wir bald er⸗ fahren, wenn wir Hetty auf eine Weile verlaſſen und zu Dina in dem Augenblick zurückkehren wo ſie die kleine Totty ihrer Mutter übergeben hatte und die Treppe herauf in ihr Schlafzimmer gekommen war, das unmittelbar an Hetty's Stübchen ſtieß. — 256 Dina ſchaute ihre Luſt von ihrem Fenſter aus; ihr Zimmer lag im zweiten Stock des großen Hauſes, und ſo hatte ſie eine große Ausſicht über die Felder. Zwei Fuß unter dem Fenſter befand ſich in der dicken Mauer ein breiter Tritt wo Dina ihren Stuhl hin⸗ ſtellen konnte. Und nun war das Erſte was ſie beim Eintritt in ihr Zimmer that, daß ſie ſich in dieſen Stuhl ſezte und auf die friedlichen Gefilde hinausſchaute hinter welchen der Mond, juſt über den Ulmenreihen, groß emporſtieg. Am beſten gefiel ihr das Weideland wo die Milchkühe lagen, und dann die Wieſe wo das Gras halb abgemäht war und in ſilberglänzenden Halbkreiſen herumlag. Ihr Herz war ſo voll, denn ſie hatte jezt auf lange Zeit nur noch eine einzige Nacht wo ſie auf dieſe Gefilde hinausſchauen durfte, aber der Abſchied von dieſer bloßen Landſchaft allein wurde ihr nicht ſchwer, denn für ſie hatte das öde Snowfield eben ſo viel Reize: ſie dachte an die lieben Leute die ihrem Herzen in dieſer Gegend nahe gekommen waren und jezt für immer einen Plaz in ihrer liebenden Erinnerung ein⸗ nehmen ſollten. Sie dachte an all die Kämpfe und Mühen die ihnen auf ihrem weitern Lebenswege be⸗ vorſtänden, wenn ſie fern von ihnen wohnen und nicht wiſſen würde wie es ihnen ergehe, und der Druck dieſes Gedankens wurde bald ſo mächtig, daß ſie ſich an der nächtlichen Stille der mondbeglänzten Felder nicht mehr erfreuen konnte; ſie ſchloß ihre Augen um deſto ſtärker die Gegenwart einer tieferen und zärtlicheren Liebe und Sympathie zu empfinden als Erde und Himmel ihr entgegenathmeten. Das war häufig Dina's Art und Weiſe in der Einſamkeit — „ eoeeeeͤ———,———————— ͤxe —.— 8 ⏑—— oæ 8⏑— o nN N — 9—— O—4—&R, zu beten. Sie ſchloß einfach ihre Augen und fühlte ſich von der Nähe Gottes umfangen; dann ſchmolzen ihre Befürchtungen, ihre langen Sorgen um Andere allmählig hinweg wie Eiscriſtalle in einem warmen Ocean. So hatte ſie, die Hände in den Schooß ge⸗ legt, das blaſſe Licht über ihr ruhiges Geſicht aus⸗ gegoſſen, wenigſtens zehn Minuten vollkommen ſtill dageſeſſen, als ſie durch ein lautes Geräuſch, offen⸗ bar von einem herabfallenden Gegenſtande in Hetty's Zimmer, aufgeſchreckt wurde. Aber wie jedes Ge⸗ räuſch das in einem Augenblick der Zerſtreuung un⸗ ſer Ohr trifft, hatte es keinen beſtimmten Character, ſondern war einfach laut und überraſchend, ſo daß ſie nicht genau wußte ob ſie es recht gedeutet hatte. Sie ſtand auf und horchte, aber Alles war wieder ſtill, und ſie dachte Hetty habe bloß etwas auf den Boden geworfen als ſie zu Bette gegangen. Sie begann ſich langſam zu entkleiden, aber jezt concen⸗ trirten ſich ihre Gedanken in Folge des vernommenen Geräuſches auf Hetty: auf dieſes holde junge Ge⸗ ſchöpf vor welchem das Leben mit allen ſeinen Prü⸗ fungen lagh die ernſten täglichen Pflichten des Weibes und der Mutter, während ihr Gemüth noch keines⸗ wegs darauf vorbereitet, ſondern lediglich auf kleine, thörichte und ſelbſtſüchtige Freuden erpicht war, wie ein Kind das am Anfang einer langen mühſamen Reiſe, auf welcher es Hunger, Kälte und obdachloſe Finſterniß zu ertragen haben wird, an ſeinem Spiel⸗ zeug ſich ergözt. Dina hegte eine doppelte Sorge um Hetty, da ſie Seths ängſtliches Intereſſe für das Schickſal ſeines Bruders theilte, und ſie war noch nicht zu der Ueberzeugung gekommen daß Hetty bloß Eliot, Adam Bede 1 17 258 Adam noch nicht genug liebe um ihn zu heirathen. z Sie ſah zu deutlich daß es in Hetty's Natur an n aller warmen hingebenden Liebe fehlte, um in ihrer 8 Kälte gegen Adam einen Beweis dafür zu erblicken 6 daß gerade er nicht derjenige ſei den ſie zum Manne e wünſche. Und dieſe Lücke in Hetty's Natur erregte 5 bei Dina keine Abneigung, ſondern rief nur ein noch 2 innigeres Mitgefühl wach: ihr liebliches Geſicht und r ihre zierliche Geſtalt ſprach ſie an, wie die Schönheit immer eine reine und zarte Seele anſpricht die von n ſelbſtiſcher Eiferſucht frei iſt; es war eine ausgezeich⸗ 6 nete Gottesgabe, welche der Noth, der Sünde und d Sorge die ſich dareinmiſchten ein tieferes Pathos ver⸗2 lieh, wie die Raupe in einer lilienweißen Knoſpe be⸗ d trübender anzuſchauen iſt als in einem gemeinen 1 Küchenkraut. d Während Dina ſich entkleidete und ihren Nacht⸗ 1 rock anzog, hatte dieß Gefühl für Hetty eine heim⸗ 2 liche Stärke erlangt; ihre Einbildungskraft hatte ein 6 dorniges Dickicht von Sünde und Sorge geſchaffen, u und ſie ſah darin das arme Ding zerriſſen und blutend u ringen; ſie ſah es mit Thränen nach Rettung ſuchen, h aber keine finden. Auf dieſe Art wirkten Dinga's Einbildungskraft und Mitgefühl gewöhnlich herüber 4 und hinüber und ſteigerten ſich gegenſeitig. Sie e fühlte einen mächtigen Drang jezt hinzugehen und n in Hetty's Ohr all die Worte zärtlicher Mahnung. und Warnung zu ergießen die auf ihre Seele her⸗ b einwogten. Aber vielleicht ſchlief Hetty bereits. Dina ſ hielt ihr Ohr an die Zwiſchenwand und hörte noch z immer ein leiſes Geräuſch, das ihr die Ueberzeugung f gab daß Hetty noch nicht im Bette ſei. Gleichwohl g 259 en. zögerte ſie noch; ſie war eines göttlichen Gebotes an er noch nicht ganz ſicher; die Stimme welche ſie zu Hetty gehen hieß, ſchien nicht ſtärker als die andere Stimme welche ſagte daß Hetty müde ſei, und daß ein Beſuch in einem ſo ungelegenen Augenblick ihr Herz nur um ſo hartnäckiger verſchließen würde. Dina war nicht zufrieden wenn ſie nicht eine un⸗ verkennbarere Aufforderung erhielt als dieſe innern Stimmen. Wenn ſie ihre Bibel öffnete, ſo war es noch hell genug um aus ihr Belehrung zu ſchöpfen. Sie kannte die Phyſiognomie jeder Seite und konnte, ohne die Ueberſchrift oder die Zahl zu ſehen, das Buch, manchmal ſogar das Capitel angeben das ſie aufgeſchlagen hatte. Es war eine kleine dicke Bibel mit ganz abgegriffenen Ecken. Dina legte ſie auf den Fenſterſims, wo das Licht am ſtärkſten war, ² und öffnete ſie dann mit dem Zeigefinger. Die erſten Worte welche ſie anſah ſtanden oben links auf der Seite und lauteten:„Es war aber viel Weinens unter ihnen allen und fielen Paulus um den Hals und küßten ihn.“ Das war für Dina genug; ſie hatte die denkwürdige Abſchiedsſcene in Epheſus auf⸗ geſchlagen, als Paulus ſich verpflichtet fühlte ſein Herz in einer lezten Ermahnung und Warnung zu ergießen. Nun zögerte ſie nicht länger, ſondern öff⸗ nete leiſe ihre Thüre, ging hinaus und klopfte bei Hetty an. Wir wiſſen daß ſie zweimal zu klopfen hatte, weil Hetty ihre Lichter auslöſchen und ihr ſchwarzes Spizentuch abwerfen mußte; aber auf das zweite Klopfen öffnete ſich die Thüre ſogleich. Dina gg fragte: Darf ich hereinkommen, Hetty? Hetty aber hl gab in ihrer Verwirrung und in ihrem Aerger keine 17* 260 Antwort, ſondern öffnete die Thüre noch weiter und ließ ſie herein. Welch einen ſeltſamen Contraſt bildeten dieſe beiden Geſtalten! Er trat in dieſer Miſchung von Dämmerung und Mondſchein deutlich genug hervor. Hetty's Wangen brannten und ihre Augen leuchteten vom Spiel ihrer aufgeregten Einbildungskraft; der ſchöne Hals und die Arme waren bloß, ihre Haare hingen in krauſer Verwirrung über den Nacken hinab, in ihren Ohren ſchimmerte der Flitterſchmuck. Dina ſtand in ihrem langen weißen Kleide da, auf ihrem blaſſen Geſicht ſpielte eine unterdrückte Aufregung, und ſo glich ſie beinahe einem ſchönen Leichnam in welchen die Seele mit erhabeneren Geheimniſſen und einer erhabeneren Liebe zurückgekehrt iſt. Sie waren ſo ziemlich von gleicher Größe, aber Dina ſchien ein wenig höher als ſie ihren Arm um Hetty ſchlang und ſie auf die Stirne küßte. „Ich wußte daß Du noch nicht im Bette warſt, liebe Hetty,“ ſagte ſie mit ihrer holden hellen Stimme, die in Hetty's Aerger und Verdruß wie Muſik in Kettengeraſſel hineindrang,„denn ich hörte daß Du noch umhergingeſt; da verlangte es mich heute Nacht noch einmal mit Dir zu ſprechen, denn es iſt die vor⸗ lezte Nacht daß ich hier bin, und morgen könnte leicht etwas dazwiſchen kommen, ſo daß wir nicht allein mit einander ſprechen könnten. Darf ich mich zu Dir ſezen, ſo lange Du Dein Haar machſt?“ „O freilich,“ ſagte Hetty, indem ſie ſich ſchnell um⸗ wandte und den zweiten Stuhl im Zimmer herholte, pon froh daß Dina ihre Ohrringe nicht zu bemerken ien. „———ͤ— 261 Dina ſezte ſich und Hetty begann ihr Haar zu bürſten bevor ſie es aufband, und zwar that ſie das Alles mit jenem Anſchein übertriebener Gleichgültig⸗ keit welcher Betretenheit und böſes Gewiſſen ver⸗ räth. Aber der Ausdruck in Dina's Augen be⸗ ruhigte ſie allmählig; ſie nahm offenbar keine Notiz von den Details. „Liebe Hetty,“ ſagte ſie,„es hat heute Nacht meinem Geiſte vorgeſchwebt daß dereinſt Trübſal über Dich kommen könne— Trübſal iſt uns Allen hienieden beſtimmt, und es kommt eine Zeit wo wir mehr Troſt und Hilfe bedürfen als die Dinge die⸗ ſes Lebens uns geben können. Es drängt mich Dir zu ſagen daß, wenn Du je in Trübſal kommſt und einen Freund bedarfſt der ſtets für Dich fühlen und Dich lieben wird, daß Du dieſen Freund in Dina Morris in Snowfield ſindeſt; und wenn Du zu ihr kommſt und nach ihr ſchickſt, ſo wird ſie dieſe Nacht und dieſe Worte die ſie jetzt zu Dir ſpricht niemals vergeſſen. Willſt Du daran denken, Hetty?“ „Ja,“ ſagte Hetty etwas erſchrocken.„Aber warum glaubſt Du denn daß ich in Trübſal kommen werde? Weißt Du Etwas?“ Hetty hatte ſich, als ſie ihre Haube knüpfte, ge⸗ ſezt, und nun beugte Dina ſich vorwärts, ergriff ihre Hände und antwortete:. „Darum, mein liebes Kind, weil Trübſal über uns Alle kommt in dieſem Leben. Wir hängen unſer Herz an Dinge die wir nach Gottes Willen nicht behalten ſollen, und dann betrüben wir uns; unſere Lieben werden von uns genommen, und wir können uns über Nichts mehr freuen, weil ſie nicht mehr 262 bei uns ſind; Krankheit kommt und wir erliegen unter der Laſt unſers ſchwachen Leibes; wir gerathen auf Irrwege, wir thun Unrecht und ſo kommen wir in Unfrieden mit unſern Nebenmenſchen. Es iſt in dieſer Welt kein Mann und kein Weib dem nicht einige von dieſen Prüfungen zuſtießen, und ſo bin ich überzeugt daß auch Du von ſolchen nicht ver⸗ ſchont bleiben wirſt; ich bitte Dich alſo daß Du, ſo lang Du noch jung biſt, Deinen himmliſchen Vater um Stärke anfleheſt, damit Du eine Stüze habeſt die Dich am böſen Tage nicht verlaſſe.“ Dina ſchwieg und ließ Hetty's Hände los um ſie nicht zu ſtören. Hetty ſaß ganz ſtill da; ſie fand in ihrem Herzen keine Antwort auf Dina's freund⸗ liche Sorge; aber bei dem feierlichen Pathos womit dieſe ſprach fühlte ſie ſich von kalter Angſt erfaßt. Ihre Röthe hatte ſich beinahe in Bläſſe verwandelt; ſie hatte die Aengſtlichkeit einer üppigen vergnügungs⸗ ſüchtigen Natur die ſchon vor einer fernen Spur von Schmerz zurückbebt. Dina ſah die Wirkung, und ihre zärtliche ängſtliche Mahnung wurde immer ernſter, bis Hetty, voll von einer unbeſtimmten Furcht daß ihr irgend einmal etwas Uebles zuſtoßen könnte, zu weinen anfing. Man hört täglich ſagen die niedrige Natur könne die höhere nie verſtehen, die höhere dagegen über⸗ ſchaue die niedrigere vollkommen. Ich jedoch glaube daß die höhere Natur dieſes Verſtändniß erſt lernen muß, wie wir die Kunſt des Sehens durch eine Menge harter Erfahrungen lernen, oft unter Quetſchun⸗ gen und Wunden, wenn wir die Dinge am falſchen Ende anfaſſen und unſern Raum für weiter halten „=e— OSSͤSe SS 263 als er iſt. Dina hatte bei Hetty nie eine ſolche Rührung wahrgenommen, und mit ihrem freundlichen hoffnungsvollen Herzen glaubte ſie dabei an eine göttliche Anregung. Sie küßte das ſchluchzende Mädchen und weinte mit ihr voll Dankbarkeit und Freude. Aber Hetty befand ſich ganz einfach in der reizbaren Stimmung, wo es ſich nicht berechnen läßt welche Wendung die Gefühle von einem Augenblick zum andern nehmen können, und zum erſtenmal är⸗ gerte ſie ſich über Dina's Liebkoſung. Sie ſchob ſie von ſich und ſagte mit kindiſchem Schluchzen: „Sprich nicht ſo mit mir, Dina. Warum kommſt Du mich zu ängſtigen? Ich habe Dir Nichts gethan. Warum kannſt Du mich nicht in Ruhe laſſen?“ Der armen Dina ging ein Stich durch's Herz. Sie war zu verſtändig um weiter zu predigen, und ſagte bloß in mildem Ton: „Ja liebes Kind, Du biſt müde, ich will Dich nicht länger hindern. Geh ſchnell zu Bette. Gute Nacht!“ Sie entfernte ſich beinahe ſo ruhig und ſo ſchnell als wäre ſie ein Geiſt geweſen; aber als ſie ſich wieder vor ihrem eigenen Bette befand, warf ſie ſich auf ihre Knie und ergoß in tiefem Schweigen all das leidenſchaftliche Erbarmen das ihre Seele füllte. Hetty ihrerſeits war bald wieder im Wäldchen; ihre wachen Träume verſanken in ein Schlafleben das kaum bruchſtückartiger und verworrener war als jene. — 264 Sechszehntes Capitel. Feſſeln. Arthur Donnithorne hat, wie ihr euch erinnert, ſich ſelbſt ſein Wort darauf gegeben daß er dieſen Freitag Morgen Herrn Irwine beſuchen wolle; nun iſt er ſo früh erwacht und mit ſeiner Toilette fertig geworden, daß er ſich entſchließt ſchon vor dem Früh⸗ ſtück hinzugehen ſtatt nachher. Der Pfarrer frühſtückt, das weiß er, allein, denn die Damen der Familie haben eine andere Stunde; Arthur will alſo einen Morgenritt über den Hügel machen und ſich bei ihm zu Gaſt laden. Ueber Tiſch kann er Alles am beſten ſagen. Frühſtück oder Mittageſſen der angenehme und hei⸗ Durch den Fortſchritt der Civiliſation iſt ein tere Erſaz für läſtigere und widerwärtigere Cere⸗ monien geworden. Wir faſſen unſere Verirrungen weniger düſter auf wenn unſer Beichtvater uns bei Eiern und Caffee anhört. Wir wiſſen aufs Genaueſte daß ſchwere Bußen für Herren von Stand in einem erleuchteten Zeitalter gar nicht mehr zur Sprache kommen, und daß eine Todſünde mit einem Appetit für Butterſemmeln keineswegs unverträglich iſt; ein Angriff auf unſere Taſchen der in barbariſchen Zeiten in der barſchen Form eines Piſtolenſchuſſes gemacht worden wäre, iſt ein ganz geſitteter und freundlicher Vorgang, nachdem er ſich jezt in ein Anlehensgeſuch verwandelt hat das man zwiſchen dem zweiten und dritten Glas Rothwein als leichte Parentheſe hinwirft. 265 Gleichwohl hatten die alten ſtarren Formen den Vortheil daß ſie durch eine äußere That zur Erfüllung irgend eines Entſchluſſes drängten: wenn ihr euren Mund vor ein Loch in einer ſteinernen Wand haltet und dabei wißt daß am andern Ende ein Ohr war⸗ tet, ſo iſt es weit wahrſcheinlicher daß ihr ſaget was zu ſagen ihr gekommen ſeid, als wenn ihr ganz be⸗ quem eure Beine unter einem Mahagonitiſch ſtehen habt und bei einem Freunde ſizet, der ſich ganz und gar nicht darüber zu verwundern braucht daß ihr ihm nichts Beſonderes zu ſagen habt. Arthur Donnithorne inzwiſchen iſt, während er in der Morgenſonne über die hübſchen Wieſen hin⸗ reitet, aufrichtig entſchloſſen ſein Herz dem Pfarrer zu öffnen, und die Senſen der Mähder klingen in ſein Ohr um ſo lieblicher weil er von dieſem ehr⸗ lichen Vorſaze beſeelt iſt. Er freut ſich über die Ausſicht auf beſtändiges Wetter zur Heuernte die den Bauern ſo viel Sorge gemacht hat, und im Mitgenuß einer Freude die allgemein und nicht bloß perſönlich iſt liegt etwas ſo Geſundes, daß dieſer Gedanke an die Heuernte auf ſeinen Gemüthszuſtand zurückwirkt und ihm ſeinen Entſchluß leichter erſcheinen läßt. Ein Städter mag vielleicht glauben dergleichen Einflüſſe kommen bloß in Kindergeſchichten vor, aber wenn man auf dem Lande unter Feldern und Hecken lebt, dann weiß man erſt was ſolche Naturgenüſſe ſind. Arthur war über das Dorf Hayſlope hinausge⸗ kommen und ritt den Hügel gegen Broxton hinan, als er bei einer Biegung des Wegs, ein paar hun⸗ dert Schritte vor ſich, eine Geſtalt erblickte in wel⸗ 266 cher er ſogleich Adam Bede erkennen mußte, ſelbſt wenn kein grauer ſchwanzloſer Schäferhund hinter ihm drein gegangen wäre. Er ging in ſeinem ge⸗ wöhnlichen raſchen Schritt, und Arthur trieb ſein Pferd an um ihn einzuholen, denn er hatte für Adam noch ganz das Gefühl aus ſeiner Knabenzeit und verſäumte nicht gern eine Gelegenheit mit ihm zu plaudern. Ich will damit nicht ſagen daß ſeine Neigung zu dieſem braven Burſchen nicht einiger⸗ maßen mit der Luſt den Herrn zu ſpielen verwachſen geweſen ſei: unſer Freund Arthur that Alles was hübſch war, wünſchte aber ſeine hübſchen Thaten auch anerkannt zu ſehen. Als Adam das raſche Pferdgetrappel hörte, ſchaute er ſich um und wartete auf den Reiter, in⸗ dem er mit einem freundlichen Lächeln des Erken⸗ nens ſeine papierene Müze abnahm. Nächſt ſeinem Bruder Seth war Arthur Donnithorne ihm der liebſte unter allen jungen Männern die er auf der Welt kannte. Um keinen Preis hätte er den Zoll⸗ ſtab verlieren mögen den er immer bei ſich führte, denn es war ein Geſchenk das Arthur ihm von ſei⸗ nem Taſchengeld gekauft hatte, als er ein blonder Junge von eilf Jahren war und im Zimmern und Drechſeln bei Adam ſo viel profitirt hatte, daß er alle Damen des Hauſes mit überflüſſigen Gam⸗ winden und Nadelbüchschen beläſtigte. In b frühern Jahren hatte Adam einen förmlichen Stolz auf ſeinen kleinen Herrn gehabt, und dieſes Gefühl hatte ſich nur wenig verändert als der blonde Knabe ein junger Mann mit Backenbart geworden war. Adam war, das geſtehe ich, ſehr empfänglich für den 267 Einfluß von Rang und Stand, und ließ ſich ſtets bereit finden jedem Höherſtehenden eine Extradoſis von Reſpect zu zollen; denn er war kein Philoſoph, kein Proletarier mit democratiſchen Ideen, ſondern ganz einfach ein ſtämmiger, geſchickter Zimmermann, mit vieler Ehrerbietung in ſeinem Weſen, ſo daß er alle beſtehenden Rechte gerne anerkannte, wenn er nicht ganz klare Gründe ſah ſie in Zweifel zu ziehen. Er hatte keine Theorien wie man die Welt zurecht ſezen könnte, aber er ſah daß man großes Unheil anrichten konnte wenn man mit ſchlechtem Zimmerholz baute, wenn unwiſſende Leute in ſchönen Kleidern Werkſtätten, ALrpbeitsſtuben und dergleichen anlegten, ohne die Be⸗ deutung jedes Dinges zu wiſſen; wenn Schreiner nach⸗ läßig arbeiteten, und wenn man übereilte Contragte abſchloß die nicht ausgeführt werden konnten ohne daß Jemand dabei ruinirt wurde, und gegen ſolche Uebelſtände beſchloß er ſich auf ſeiner Hut zu halten. In dieſen Punkten würde er ſeine Anſicht gegen den größten Gutsbeſizer in Loamſhire oder Stonyſhire verfochten haben, aber er ſah wohl ein daß er dar⸗ über hinaus beſſer that andere Leute ſorgen zu laſſen die mehr wußten als er. Er ſah aufs deutlichſte wie ſchlecht die Wälder auf dem Gut verwaltet wur⸗ den und in welch ſchmählichem Zuſtand die Gebäu⸗ lichkeiten ſich befanden, und hätte der alte Herr Donnithorne ihn um die Wirkung dieſer ſchlechten Wirthſchaft gefragt, ſo würde er ſeine Anſicht ohne alle Menſchenfurcht ausgeſprochen haben, ohne jedoch die Gebote der Ehrfurcht gegen einen Gutsherrn im mindeſten aus dem Auge zu laſſen. Das Wort Herr hatte einen Zauber für Adam, und er ſagte 268 oft daß er einen Kerl nicht ausſtehen könne der ſich durch Frechheit gegen Höherſtehende ein Anſehen geben wolle. Ich muß euch hier wieder erinnern daß Adam Bauernblut in ſeinen Adern hatte, daß ſeine Blüthezeit in die erſte Hälfte dieſes Jahrhun⸗ derts fiel, und daß ihr euch folglich nicht wundern dürfet wenn einige ſeiner Characterzüge etwas ver⸗ altet ſind. Dem jungen Gutsherrn gegenüber kamen zu die⸗ ſer inſtinctmäßigen Verehrung bei Adam noch Er⸗ innerungen aus der Kindheit und perſönliche Ach⸗ tung; ihr könnt euch alſo denken daß er von Arthurs guten Eigenſchaften höher dachte und ſelbſt ſehr ge⸗ ringen Handlungen von ihm weit mehr Werth bei⸗ legte, als wenn dieſe Eigenſchaften und Handlungen einen gewöhnlichen Handwerksmann von ſeinem eige⸗ nen Schlag betroffen hätten. Er war überzeugt es würde ein ſchöner Tag für ganz Hayſlope werden, wenn der junge Herr das Gut übernähme, denn er hatte ein ſo edles aufrichtiges Gemüth und einen ſo ungemeinen Drang nach Verbeſſerungen und An⸗ lagen, und war dabei noch ſo jung. So kam es daß Verehrung und Liebe ſich in dem Lächeln ver⸗ einigten womit er ſeine papierene Müze lüpfte, als Arthur Donnithorne heranritt. „Nun, Adam, wie gehts Euch?“ ſagte Arthur, indem er ſeine Hand hinhielt. Er gab nie einem der Pächter die Hand und Adam empfand die Ehre tief.„Ich hätte ſchon von ferne auf Euren Rücken ſchwören können. Es iſt noch immer derſelbe Rücken, nur noch breiter als zur Zeit wo Ihr mich herum⸗ zutragen pflegtet; erinnert Ihr Euch noch?“ 269 „Ja gewiß, Herr. Es wäre ſchlimm wenn man ſich nicht mehr erinnerte was man als Junge ge⸗ than und geſagt hat. Wir hätten dann an alte Freunde keine größere Anhänglichkeit als an neue.“ „Ihr geht vermuthlich nach Broxton?“ ſagte Arthur, indem er ſein Pferd im Schritt gehen ließ ſo lange Adam neben ihm her ging.„Ohne Zweifel zum Pfarrer?“ „Nein Herr, ich muß einmal Bradwells Scheune anſehen. Man fürchtet das Dach drücke die Mauern hinaus, und ich will ſehen was zu thun iſt bevor wir das Zeug und die Handwerksleute hinſchicken.“ „Nun, Burge überläßt Euch wohl jezt Alles, Adam? Er nimmt Euch gewiß bald ganz in ſein Geſchäft auf? Wenn er geſcheidt iſt, ſo thut er's.“ „Nein Herr, ich ſehe nicht ein was er dabei viel gewänne. Ein Werkmeiſter, wenn er ein Gewiſſen und Freude an der Arbeit hat, thut ſeine Pflicht ſo gut als wenn er ſelbſt Theil am Geſchäft hätte, und ich gebe keinen Pfennig für einen Mann der einen Nagel langſamer einſchlägt weil er nicht beſonders dafür bezahlt wird.“ „Ich weiß es, Adam: ich weiß daß Ihr für ihn ſo gut arbeitet wie wenn es für Euch ſelbſt wäre. Aber Ihr hättet dann mehr Gewalt als jezt und könntet das Geſchäft vielleicht höher hinauftreiben; der Alte muß es einmal aufgeben und er hat keinen Sohn; vermuthlich wird er gern einen Schwieger⸗ ſohn hineinnehmen. Aber er iſt wohl ein Bischen zähe, und ohne Zweifel verlangt er einen Mann der einiges Geld hineinwerfen könnte. Wäre ich ſelbſt nicht ſo arm wie eine Kirchenmaus, ſo würde ich mit 270 Vergnügen eine Summe dafür aufwenden daß Ihr Euch etabliren könntet. Gewiß käme es am Ende mir ſelbſt zu Gute. Nun vielleicht wird es in ein paar Jährchen beſſer mit mir ſtehen. Wenn ich voll⸗ jährig bin, bekomme ich ein größeres Jahrgeld, und hab' ich erſt ein paar Schulden abbezahlt, ſo kann ich mich ſchon freier regen.“ „Sie ſind ſehr gütig ſo zu ſprechen, Herr, und ich bin nicht undankbar. Aber,“ fuhr Adam in ent⸗ ſchiedenem Tone fort,„ich möchte Herrn Burge nicht gern ein Anerbieten machen und auch durch Andere keines machen laſſen. Ich ſehe nicht recht wie es mit einer Compagnonſchaft gehen ſoll. Sollte er einmal das Geſchäft abtreten wollen, ſo wäre dieß etwas Anderes, dann würde ich gerne einiges Geld gegen billige Zinſen aufnehmen, denn ich bin über⸗ zeugt daß ich es bald abbezahlen könnte.“ „Sehr gut, Adam,“ ſagte Arthur, der ſich an die Andeutungen des Pfarrers erinnerte daß es in der Liebesſache zwiſchen Adam und Marie Burge einen Haken haben könnte;„wir wollen für den Augenblick nicht weiter davon reden. Wann wird Euer Vater begraben?“— „Am Sonntag; Herr Irwine kommt zu dieſem Behuf etwas früher heraus. Ich will froh ſein wenn es vorüber iſt, denn ich denke meine Mutter wird dann vielleicht etwas ruhiger. Es geht einem durch Mark und Bein wenn man den Kummer alter Leute anſehen muß; ſie können ihn nicht wegarbeiten, und der neue Frühling treibt keine neuen Schößlinge aus dem verwelkten Stamm hervor.“— „Ach, Ihr habt wohl viel Kummer und Verdruß 271 in Eurem Leben gehabt, Adam? Ich glaube, Ihr ſeid nie ein Wildfang oder ein Leichtfuß geweſen wie andere junge Leute. Ihr habt wohl immer Kummer auf dem Herzen gehabt?“ „Nun ja freilich, Herr, aber das iſt kaum der Rede werth. Wenn wir Menſchen ſind und Gefühle haben wie Menſchen, ſo müſſen wir auch menſchlichen Kummer haben. Wir können es nicht machen wie die Vögel, die von ihrem Neſt ausfliegen ſobald ſie flügge ſind, ihre Verwandten nimmer kennen wenn ſie ihnen in den Weg kommen, und jedes Jahr ein neues Neſt ſuchen. Ich habe viel gehabt wofür ich Gott danken muß; ich war immer geſund und kräf⸗ tig; ich beſize den nöthigen Verſtand um Freude an meiner Arbeit zu haben; auch halte ichs für etwas Großes daß ich Bartle Maſſey's Abendſchule beſuchen konnte. Dort habe ich allerlei gelernt auf was ich ſelbſt nicht gekommen wäre.“ „Was für ein Capitalburſche Ihr ſeid, Adam!“ ſagte Arthur nach einer Pauſe wo er den kräftigen Mann an ſeiner Seite nachdenklich betrachtet hatte. „Ich wurde mit meinen meiſten Kameraden in Ox⸗ ford fertig, und doch glaube ich daß Ihr mich in den Boden hineinſchlagen würdet wenn ich mit Euch zu kämpfen hätte.“ „Gott bewahre mich davor,“ ſagte Adam, indem er lächelnd zu Arthur aufſchaute.„Ich ſchlug mich hie und da zum Spaß, aber ſeit einmal der arme Gil Tranter vierzehn Tage das Bett hüten mußte, habe ichs nicht mehr gethan. Ich werde mich auch nie mehr mit einem Menſchen ſchlagen der ſich nicht wie ein Schuft benimmt. Wenn man mit einem 272 Kerl zuſammengeräth der weder Schamgefühl noch Gewiſſen hat, ſo muß man's freilich verſuchen ob es nichts nüzt wenn man ihm die Augen ein wenig zerbläut.“ Arthur lachte nicht, denn er wurde von einem Gedanken in Anſpruch genommen der ihn zu der Er⸗ widerung veranlaßte: „Ihr habt gewiß nie innere Kämpfe zu beſtehen gehabt, Adam. Ich denke, Ihr würdet einen Wunſch den Ihr nicht als ganz recht erkannt hättet eben ſo leicht bemeiſtern wie Ihr einen Betrunkenen zu Boden ſchlüget der mit Euch Händel anfangen wollte. Ihr beſizet gewiß einen feſten Character, und wenn Ihr einmal entſchloſſen ſeid Etwas nicht zu thun, ſo thut Ihr es auch nicht.“ „Ja das wohl,“ ſagte Adam langſam und nach kurzem Zögern.„Ich erinnere mich nicht daß ich jemals ſo wankelmüthig geweſen wäre, wenn ich ein⸗ mal, wie Sie ſagen, eingeſehen hatte daß Etwas un⸗ recht war. Mir vergeht alle Luſt zu einer Sache wenn ich weiß daß ſie mir nachher ſchwer auf dem Gewiſſen liegen würde. Schon in der Schule habe ich ziemlich klar eingeſehen daß man nie ein Unrecht thun kann ohne daß dadurch unabſehbar viel Sünde und Herzeleid entſtände. Es iſt wie mit einem Stück ſchlechter Arbeit— man ſieht nicht ab wie viel Schaden dadurch geſtiftet wird, und dann iſt es doch eine traurige Geſchichte wenn man in die Welt kommt und ſeine Mitgeſchöpfe unglücklicher macht, ſtatt glück⸗ licher. Aber es kommt auch ganz darauf an was die Leute für Unrecht ausgeben. Ich bin nicht dafür daß man jeden luſtigen oder närriſchen Streich wozu b 273 ein Menſch ſich verleiten läßt für Sünde erklärt, wie Viele von den Diſſenters thun. Auch kann man darüber verſchieden denken ob es nicht der Mühe werth iſt ſich für einen heitern Spaß ein paar Beulen zu holen; aber es iſt nicht meine Sache wankel⸗ müthig zu ſein: ich glaube daß ich eher an dem entgegengeſezten Fehler leide. Wenn ich einmal etwas geſagt habe, wär's auch nur zu mir ſelbſt, ſo kommt es mich hart an davon abzugehen.“ „Ja, das habe ich von Euch erwartet,“ ſagte Arthur,„Ihr habt einen eiſernen Willen, wie Ihr einen eiſernen Arm habt. Aber ſo ſtark auch ein Entſchluß ſein mag, ſo wird doch die Ausführung manchmal ſehr ſchwer. Wir können uns vornehmen keine Kirſchen zu eſſen, und wir halten unſere Hände feſt in den Taſchen, aber wir können's nicht verhin⸗ dern daß uns der Mund darnach wäſſert.“ „Das iſt wahr, Herr, aber es iſt doch etwas Schönes mit ſich ſelbſt fertig zu werden, denn es gibt ſo mancherlei was wir uns verſagen müſſen; man darf das Leben nicht anſehen als ob es der Markt von Treddleſton wäre, wo die Leute bloß hingehen um Merkwürdigkeiten zu beſehen und dann einzukaufen. Wer die Sache ſo anſieht, wird ſich wohl getäuſcht finden. Aber warum brauche ic Fünen das zu ſagen, Herr? Sie wiſſen's beſſer als ich.“ „Das iſt nicht ſo gewiß, Adam. Ihr habt vier oder fünf Jahre Erfahrung mehr als ich, und ich denke Euer Leben war für Euch eine beſſere Schule als die Univerſität für mich.“ Eliot, Adam Bede. 1. 18 274 „Da ſcheinen Sie von der Univerſität ungefähr eben ſo zu denken wie Bartle Maſſey. Er ſagt, die Leute werden dort meiſtens wie Blaſen und taugen zu nichts Anderm als das Zeug aufzunehmen das man in ſie hineingieße. Aber dieſer Bartle hat eine Zunge ſo ſcharf wie Schwert; was ſie berührt, das haut ſie durch. Hier ſcheiden ſich unſere Wege, Herr, da Sie ins Pfarrhaus wollen; ich muß Ihnen alſo guten Morgen ſagen.“ „Adieu, Adam, Adieu.“ Arthur übergab ſein Pferd dem Stallknecht des Pfarrers und ging den Kiesgang hinauf nach dem Garten; er wußte daß der Pfarrer immer in ſeinem Studirzimmer frühſtückte, und dasſelbe lag links von der Gartenthüre, dem Eßzimmer gegenüber. Es war ein kleines, niedliches Gemach, dem alten Theil des Hauſes angehörig, etwas finſter von den dunkeln Einbänden der Bücher die an den Wänden ſtanden, doch ſah es dieſen Morgen ſehr heiter aus als Ar⸗ thur an's offene Fenſter kam. Denn die Morgen⸗ ſonne ſiel ſchief auf die große Glaskugel mit Gold⸗ fiſchen die auf einem Scagliolapfeiler vor dem reich⸗ beſezten Frühſtückstiſche ſtand, und neben dieſem Junggeſellentiſch befand ſich eine Gruppe die jedem Zimmer Reiz verliehen hätte. In dem carmoiſin⸗ rothen Damaſtlehnſtuhl ſaß Herr Irwine, mit der ſtrahlenden Friſche die er immer hatte wenn er von ſeiner Morgentoilette kam; ſeine feine, fleiſchige, weiße Hand ſpielte auf Juno's braunem gekräuſeltem Rücken, und neben ihrem Schwanz, womit ſie in ſtiller ma⸗ tronenhafter Wonne wedelte, wälzten ſich ihre zwei braunen Jungen in einem begeiſterten Duett von 275 abſcheulichem Lärm übereinander. Auf einem etwas abſeits liegenden Kiſſen ſaß Pug, mit der Miene einer alten Jungfer die ſolche Vertraulichkeiten als thieriſche Schwächen betrachtete, und ſich den An⸗ ſchein gab als ob ſie ihnen möglichſt wenig Beach⸗ tung ſchenkte. Auf dem Tiſch neben Herrn Irwine's Ellenbogen lag der erſte Band des Foulis'ſchen Ae⸗ ſchylus, welchen Arthur vom Sehen wohl kannte, und die ſilberne Cafekanne, die Carroll eben herein⸗ brachte, entſandte einen duftigen Dampf der die Freuden eines Junggeſellenfrühſtücks vollendete. „Halloh, Arthur, das iſt ſchön von Ihnen! Sie kommen eben recht,“ rief Herr Irwine, als der junge Mann ſtehen blieb und über die niedrige Fenſterbank hereinſchritt.„Carroll, wir brauchen noch mehr Cafe und Eier, und gibt es nicht auch ein kaltes Huhn zu dieſem Schinken? Ei das iſt ja wie in den alten Tagen, Arthur; Sie haben ja ſeit fünf Jahren nicht mehr mit mir gefrühſtückt.“ „Es war ein gar zu verlockender Morgen zu einem Spazierritt,“ ſagte Arthur, und ich frühſtückte früher ſo gern bei Ihnen als Sie mir Lectionen gaben. Mein Großvater iſt beim Frühſtück immer um ein paar Grad kälter als in andern Stunden des Tags. Ich denke, ſein Morgenbad bekommt ihm nicht gut.“ Arthur wollte ſich's vor allen Dingen nicht an⸗ ſehen laſſen daß er in einer beſondern Abſicht ge⸗ kommen war. Kaum ſah er ſich Herrn Irwine gegen⸗ über, als das Geſtändniß das er ſich vorher ganz leicht gedacht hatte ihm plözlich als die ſchwierigſte Sache von der Welt erſchien, und im Augenblick wo ſie 18 276 einander die Hand reichten ſah er ſein Vorhaben in einem ganz neuen Lichte. Wie konnte er Irwine ſeine Stellung begreiflich machen wenn er ihm nicht dieſe kleine Scene im Wald erzählte, und wie konnte er dieſe erzählen ohne wie ein Narr dazuſtehen? Und dann ſeine Schwäche von Gawaine zurückzu⸗ kommen und gerade das Gegentheil von dem zu thun was er beabſichtigte! Irwine mußte ihn ja für ein ſchwankes Rohr halten das vom Wind hin und her geweht wird. Inzwiſchen mußte er ganz unerwartet damit herausrücken, das Geſpräch konnte ſchon darauf kommen. „Die Frühſtücksſtunde iſt mir die liebſte vom ganzen Tag,“ ſagte Herr Irwine.„Da hat ſich noch kein Staub auf die Seele gelegt, und ſie iſt ein klarer Spiegel worin ſich Alles zurückſtrahlt. Ich habe beim Frühſtück immer ein Lieblingsbuch neben mir liegen und freue mich über die Biſſen die ich daraus aufgable ſo ſehr, daß es mir regel⸗ mäßig jeden Morgen vorkommt als müſſe ich mich ſicher wieder ins Studiren hineinmachen. Aber nun bringt Dent einen armen Burſchen her der einen Haſen umgebracht hat, und wenn die Rechtsſache, wie Carroll es nennt, abgemacht iſt, ſo bekomme ich Luſt zu einem Spazierritt, und auf dem Rückweg treffe ich mit dem Vorſteher des Armenhauſes zu⸗ ſammen, der mir eine lange Geſchichte von einem ſtörriſchen Koſtgänger erzählt, und ſo geht der Tag hin, und ich bleibe immer derſelbe faule Geſelle bis es Abend wird. Ueberdieß gehört auch eine freund⸗ lliche Anregung dazu, und dieſe hat mir immer ge⸗ fehlt ſeit der arme D' Oyley Treddleſton verlaſſen — — 277 hat. Hätten Sie, nichtsnuziger Menſch, feſter an Ihre Bücher gehalten, ſo hätte ich's weit angenehmer gehabt. Aber Gelehrſamkeit ſteckt nicht in Ihrem Familienblut.“ „Nein, wahrhaftig nicht. Es muß gut gehen wenn ich in ſechs oder ſieben Jahren noch ein Bis⸗ chen unbrauchbares Latein ins Feld ſtellen kann, um meine Jungfernrede im Parlament damit aufzupuzen. Oras ingens iterabimus aequor und ein paar ähn⸗ liche Brocken werden mir vielleicht bleiben, und ich will dann meinen Ideengang ſo einrichten daß ich ſie anbringen kann. Aber ich glaube nicht daß claſ⸗ ſiſche Bildung für einen Landjunker beſonders nöthig iſt; ſo viel ich ſehe, wäre es für ihn weit beſſer wenn er Manieren lernte. Ich habe in der lezten Zeit die Bücher Ihres Freundes Arthur Young geleſen, und Nichts wäre mir lieber als wenn ich einige ſeiner Ideen darüber ausführen könnte, wie man die Bauern zu einer beſſern Bewirthſchaftung ihrer Felder bringen ſoll, ſo daß ſie eine wilde ganz einförmige Gegend verſchönern und durch Korn und Vieh ein mannig⸗ faltiges Leben hineinbringen würden. Mein Groß⸗ vater wird mich nie etwas gelten laſſen ſo lang er lebt; aber das wäre mir die größte Freude wenn ich den auf's traurigſte verwahrlosten Stonyſhire⸗ ſchen Theil des Gutes üͤbernehmen und da und dort die nöthigen Verbeſſerungen einführen könnte; ich würde dann von einem Plaz zum andern herum⸗ galoppiren und die Oberaufſicht für mich behalten. Ich möchte gern die Bauern alle mit Namen kennen, und das wäre meine Freude wenn ſie mit freund⸗ lichen Geſichtern ihre Hüte vor mir abzögen.“ 278 „Bravo Arthur, ein Menſch der keinen Sinn für Claſſiker hat, kann ſeine eigene Exiſtenz nur dadurch entſchuldigen daß er die Nahrungsmittel vermehren hilft, womit man die Gelehrten unterhält und Pfarrer die den Gelehrten hold ſind. Und wenn Sie einmal Ihre Laufbahn als Muſterlandwirth antreten, ſo will ich auch dabei ſein. Sie brauchen zur Vollendung des Bildes einen ſtattlichen Pfarrer der ſeinen Zehn⸗ ten von all dem Reſpect nimmt den Sie ſich durch Ihre ſaure Arbeit verdienen. Nur rechnen Sie nicht gar zu ſicher auf den freundlichen Dank den Sie ſich da⸗ durch erwerben werden. Ich glaube kaum daß die Leute diejenigen am meiſten lieben die ihnen nüzlich zu werden ſuchen. Sie wiſſen Gawaine hat ſich durch ſeine Umzäunung die Flüche der ganzen Nachbarſchaft zugezogen. Sie müſſen ſich ganz klar darüber zu werden ſuchen, was Ihnen am meiſten am Herzen liegt, Popularität oder Gemeinnüszlichkeit; ſonſt können Sie leicht zwiſchen zwei Stühlen niederſizen.“ „O Gawaine iſt rauh und barſch in ſeinen Un⸗ ternehmungen; er weiß ſich bei ſeinen Bauern nicht perſönlich angenehm zu machen. Ich glaube daß man mit Freundlichkeit Alles durchſezen kann. Ich für meinen Theil möchte nicht unter Leuten leben die mich nicht achteten und liebten, und unter den Bauern hier bin ich ſehr gern, ſie ſcheinen mir alle ſehr wohlgeneigt zu ſein; ſie können ſich's noch ganz gut denken wie ich als kleiner Junge auf einem Pony herumritt der nicht größer war als ein Schaf. Und wenn man ihnen hie und da etwas ſchenkte und nachließe, wenn man ihre Häuſer in gutem Stand hielte, ſo könnte man ſie troz all ihrer Dummheit 279 gewiß dazu bringen nach einem beſſern Plane zu wirthſchaften.“ „Da nehmen Sie ſich nur beim Verlieben in Acht und heirathen Sie kein Weib das Ihnen Ihre Börſe ausſaugt, ſo daß Sie beim beſten Willen ein Knicker werden müſſen. Meine Mutter und ich ſtrei⸗ ten uns manchmal um Ihretwillen; ſie ſagt:„Ueber Arthur will ich mir keine Prophezeiung erlauben, bis ich das Weib ſehe in das er ſich verliebt.“ Sie meint Ihre Herzenskönigin werde über Sie herrſchen wie der Mond über Ebbe und Fluth herrſche. Aber ich fühle mich verpflichtet für Sie, als meinen alten Schüler, in die Schranken zu treten, und ich be⸗ haupte dann daß Sie nicht von dieſer wäſſerigen Art ſeien. Daß Sie alſo ja meinem Urtheil keine Schande machen!“ Arthur krümmte ſich unter dieſer Sprache, denn der Ausſpruch der ſcharfſinnigen Frau Irwine hatte für ihn die unangenehme Wirkung eines böſen Omens. Dieß war allerdings ein weiterer Grund für ihn in ſeiner Abſicht zu beharren und eine neue Sicherheit gegen ſich ſelbſt zu ſuchen. Auf der andern Seite aber verging ihm gerade bei dieſem Punkt des Ge⸗ ſprächs alle Luſt ſeine Geſchichte mit Hetty zu er⸗ zählen. Er war äußerſt eindrucksfähig, es lag ihm ſehr viel daran was die Leute von ihm dachten, und ſchon der bloße Umſtand daß er ſich bei einem vertrauten Freunde befand, welcher nicht die ent⸗ fernteſte Ahnung von einem ſolch ernſten innern Kampf hatte den er ihm anvertrauen wollte, er⸗ ſchütterte ſeinen eigenen Glauben an die Ernſthaf⸗ tigkeit dieſes Kampfes. Es war im Ganzen doch 280 nächſten Minute, als er die Taſſe an ſeine hielt, fiel ihm ein wie feſt er geſtern Na ſchloſſen geweſen ſei Irwine Alles zu ſagen. wollte nicht wieder wanken, ſondern dießmal ſ ſicht wirklich durchführen. Er that alſo am beſt liche Pauſe veranlaßt, als er antwortete: piht feſt ſein und ſich doch von einer Frau tome kommt, und dann gibt es auch gew kamen, ſo wurde die Sache ſchwieriger. Dieſes Hin⸗ und Herwogen des Gefühls hatte noch keine merk⸗ „Aber ich glaube daß man es kaum als einen eweis gegen die Characterſtärke eines Mannes im llgemeinen nehmen kann wenn er ſich von der Liebe beherrſchen läßt; eine tüchtige Conſtitution gibt keine Garantie gegen die Blattern oder eine andere un⸗ vermeidliche Krankheit. Man kann in anderen Dingen behexen „Ja, aber zwiſchen der Liebe und den Pocken oder einer Behexung iſt der Unterſchied daß, wenn deckt und eine Luftveränderung vornimmt, alle Aus⸗ ſicht auf eine vollſtändige Geneſung vorhanden iſt, ohne daß es zu einer weitern Entwicklung der Symp⸗ iſſe mil⸗ 82 281 dernde Arzneien die man nehmen kann, indem man ſich nämlich die unangenehmen Folgen vergegenwär⸗ tigt. Dieß iſt dann wie ein angelaufenes Glas durch welches man die ſtrahlende Schöne anſieht und ihre wahren Umriſſe erkennt; nur fürchte ich, beiläufig geſagt, daß dieſes angelaufene Glas gerade in dem Augenblick fehlt wo es am nöthigſten wäre; ich möchte ſogar behaupten daß ein durch das Stu⸗ dium der Claſſiker geſtählter Mann, troz der drin⸗ genden Warnungen des Chors im Prometheus, ſich zu einer unklugen Heirath verleiten laſſen könnte.“ Nur ein ſchwaches Lächeln flog über Arthurs Geſicht, und ſtatt auf Herrn Irwine's heitern Ton einzugehen, ſagte er ganz ernſthaft: „Ja das iſt das Schlimmſte. Es iſt zum Ver⸗ zweifeln ärgerlich daß wir uns nach allen Ueber⸗ legungen und ruhigen Entſchlüſſen von Stimmungen beherrſchen laſſen die man nicht vorher berechnen kann. Ich glaube daß ein Mann keinen Tadel ver⸗ dient wenn er ſich auf ſolche Art troz ſeiner Ent⸗ ſchließungen hinreißen läßt.“ „Ei die Stimmungen liegen in ſeiner Natur, mein Junge, eben ſo gut wie ſeine Betrachtungen und noch mehr. Ein Menſch kann nie etwas thun was mit ſeiner eigenen Natur in Widerſpruch ſteht. Er trägt den Keim der ſonderbarſten Handlungen in ſich ſelbſt, und wenn wir weiſen Leute uns bei einer beſonderen Gelegenheit als Narren zeigen, ſo müſſen wir uns den wohlberechtigten Schluß gefallen laſſen daß wir neben unſerer Weisheit einige Gran Narrheit bei uns führen.“ „Ja, aber man kann ſich durch eine Verwicklung 282 der Umſtände zu Dingen verleiten laſſen die man ſonſt nie begangen hätte.“ „Natürlich; es kann einer nicht leicht eine Bank⸗ note ſtehlen wenn dieſe ihm nicht bequem in den Wurf kommt, aber wir werden ihn nicht für einen ehrlichen Mann halten, weil er die Banknote an⸗ heult daß ſie ihm ſo in den Wurf gekommen ſei.“ „Gewiß aber halten Sie einen Menſchen der gegen eine Verſuchung kämpft, aber doch zulezt un⸗ terliegt, nicht für ſo ſchlecht wie einen andern der gar nicht kämpft?“ „Nein, mein Junge, ich bemitleide ihn im Ver⸗ hältniß zu ſeinen Kämpfen, denn dieſe deuten auf die inneren Leiden welche die ſchlimmſte Form der Nemeſis ſind. Die Folgen ſind unerbittlich. Unſere Thaten führen ihre furchtbaren Folgen nach ſich, ganz abgeſehen von allen Schwankungen die ihnen vorhergegangen ſind, und zwar beſchränken ſich dieſe Folgen nicht leicht auf uns ſelbſt. Es iſt daher das Beſte dieſe Gewißheit feſt im Auge zu behalten, ſtatt. ſich nach etwaigen Entſchuldigungen umzuſchauen. Aber ich habe nie eine ſolche Neigung zu moraliſchen Erörterungen bei Ihnen bemerkt, Arthur: iſt es eine perſönliche Gefahr die Sie auf dieſe philoſophiſche und allgemeine Art betrachten?“ Bei dieſer Frage ſchob Herr Irwine ſeinen Teller weg, warf ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſchaute Arthur feſt an. Er vermuthete wirklich Arthur wolle ihm etwas ſagen, und er dachte durch dieſe beſtimmte Frage den Weg zu ebnen. Aber er täuſchte ſich. Plözlich und unwillkürlich an den Rand des Bekennt⸗ niſſes gebracht, bebte Arthur zurück und fühlte ſich — —, — 283 weniger als je geneigt dazu. Das Geſpräch hatte einen ernſtern Ton angenommen als er beabſichtigt hatte— es mußte Irwine gänzlich irre leiten— er konnte ſich einbilden daß eine tiefe Leidenſchaft für Hetty vorhanden ſei, während doch Nichts der Art im Wege war. Er war überzeugt daß er roth wurde, und er ärgerte ſich über dieſen kindiſchen Zug. „O nein, keine Gefahr,“ ſagte er ſo gleichgültig als möglich.„Ich glaube kaum daß ich mehr zur Unſchlüſſigkeit geneigt bin als andere Leute; nur gibt es dann und wann kleine Zwiſchenfälle die einen auf den Gedanken bringen wie es wohl in der Zu— kunft gehen könne.“ Welchen Grund mochte wohl Arthur bei dieſem ſeltſamen Sträuben haben? Durch was für eine Hintertreppe machten ſich wohl Einflüſſe geltend die man nicht eingeſtehen wollte? Unſere geiſtige Thä⸗ tigkeit wird großentheils auf dieſelbe Art betrieben wie die Staatsgeſchäfte; manches ſchwere Geſchäft wird von Agenten beſorgt die keine Anerkennung finden. In einer Art von Maſchinerie gibt es, glaub ich, oft ein kleines kaum bemerkbares Rad das mit der Bewegung der großen und augenfälligen gar viel zu ſchaffen hat. Möglich daß in dieſem Augenblick ein ſolcher nicht anerkannter Agent ins⸗ geheim in Arthur's Seele beſchäftigt war,— mög⸗ lich daß es die Furcht war, eine wirklich abgelegte Beichte bei dem Pfarrer dürfte ihm ſpäter ſehr unan⸗ genehm werden, im Falle er ſeine guten Entſchlüſſe doch nicht durchführen könnte. Ich wage nicht zu be⸗ haupten daß es nicht ſo war; die menſchliche Seele iſt ein gar verwickelt Ding. 284 Der Gedanke an Hetty war dem Pfarrer juſt in dem Augenblicke gekommen wo er Arthur forſchend anſah, aber ſeine gleichgültig abweiſende Antwort beſtärkte ihn in dem ſchnell darauf entſtandenen Ge⸗ danken daß in dieſer Beziehung nichts Ernſthaftes um den Weg ſein könne. Es war nicht wahrſchein⸗ lich daß Arthur ſie jemals anders als in der Kirche und in ihrem eigenen Haus unter der Aufſicht von Frau Poyſer ſah, und die Andeutung die Irwine ihm neulich gegeben hatte war bloß ſo gemeint, daß er nicht durch allzu große Aufmerkſamkeiten die Eitelkeit der kleinen Kaze erregen und dadurch das ländliche Drama ihres Lebens ſtören ſolle. Arthur ſollte bald zu ſeinem Regiment abgehen und weit weg aus der Gegend ziehen: nein, in dieſer Beziehung konnte alſo an keine Gefahr zu denken ſein, wenn auch nicht Arthurs Character ſchon eine ſtarke Bürg⸗ ſchaft dagegen geboten hätte. Sein ehrlicher Guts⸗ herrnſtolz auf die Liebe und Achtung der ganzen Gegend war ſogar eine Schuzwehr gegen thörichte Romantik, um wie viel mehr gegen eine niedrige Art von Thorheit! Hatte Arthur bei der vorhergehenden Unterhaltung vielleicht etwas Beſonderes auf dem Herzen gehabt, ſo hatte er offenbar jezt keine Luſt auf Details einzugehen, und Herr Irwine war zu zartfühlend um auch nur eine freundliche Neugierde zu verrathen. Er bemerkte daß eine Aenderung des Geſprächs willkommen ſein würde, und ſagte: „Apropos, Arthur, am Geburtstag Ihres Oberſten machten einige Transparentbilder große Wirkung; ſie feierten Britannia, Pitt, die Loamſhirer Miliz und vor allen Dingen den hochherzigen Jüngling 2 4— 285 welcher der Held des Tages war. Werden Sie nicht auch einmal unſern ſchwachen Gemüthern ſo etwas Erſtaunliches zum Beſten geben?“ Die Gelegenheit war vorüber. Während Arthur ſchwankte, war das Seil woran er ſich hätte feſt⸗ klammern können weggetrieben worden— er mußte ſich jezt auf ſeine eigene Schwimmkunſt verlaſſen. Zehn Minuten nachher wurde Herr Irwine durch ein Geſchäft abgerufen. Arthur verabſchiedete ſich von ihm und beſtieg ſein Pferd wieder, mit einem Gefühl der Nichtbefriedigung das er durch den Ent⸗ ſchluß noch in dieſer Stunde nach Eagledale abzu⸗ reiſen zu überwältigen ſuchte. Ende des erſten Bandes.