Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von—. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für acPehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1———— auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Ff. „„„—„„=„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — Amſterdams Geheimniſſe. Von f. van Eikenhorſt. Aus dem Holländiſchen von Eugen Zoller. Neunter bis zwölfter Theil. Stuttgart. Verlag der Franckh' ſchen Buchhandlung. 1845. — J. In dem Hotel des Pays⸗Bas. „Er geht in die Falle, wahrhaftig, er kommt hinein,“ ſagte Gijs der Dichter, während er ſich be⸗ haglich auf ein weiches Sofa in einem der Zimmer des Hôtel des Pays⸗Bas niederſetzte. Vor demſelben war ein kleiner Tiſch, auf welchem eine Flaſche Rhein⸗ wein und ein paar Kelche ſtunden. Albert Droſt ſaß vor dem geöffneten Fenſter, das auf die Doelenſtraat hinausging, nach Herzensluſt eine feine Manila⸗Zigarre rauchend. Beide waren hübſch gekleidet und wußten ſich in den Kleidern, die Bram ihnen verſchafft hatte, wohl zu bewegen, ſo daß man die beiden Herren, die ihr Abſteigequartier in dem Hôtel genommen hatten, unmöglich als die Gäſte des Mooriaantie wieder er⸗ kannt haben würde. Beſonders ſah Albert Droſt ſehr gut aus, denn die Liebe zu Nancy Horſt hatte ihn vor Ausſchweifung, ausgenommen dem Trinken, zurückgehalten und ſo un⸗ terſchied er ſich vortheilhaft von ſeinem Kameraden, auf deſſen Geſicht die Zeichen des unzüchtigen Lebens nur allzudeutlich zu ſehen waren, obwohl man Gijs ein anſtändiges Benehmen nicht abſprechen konnte. „Wahrhaſtig Freund,“ fuhr Giſs fort, ſeine Blicke mit Wohlgefallen an dem prachtvollen Zimmer weidend, nes gefällt mir hier beſſer, als in dem Mooriantje; Schade, daß dies Leben ſo kurz dauern ſoll, und der Wein ſchmeckt unendlich feiner, als Davids jim und jajim.“ in dem heeren logement in Hoorn verſchafften oder 6 „In der That,“ antwortete Albert,„übermorgen iſt es vorbei.“ „Dann wird er in einem andern Hotel logiren.“ „Und wir auch, denn um Euch die Wahrheit zu ſagen, habe ich wenig Luſt, Brams Rath zu folgen und hier noch ein paar Tage zu bleiben, um allen Verdacht zu vermeiven; ich finde es für das Beſte, uns ſo bald als möglich auf die Beine zu machen.“ „Es thut mir aber doch weh, den Kolonel betrü⸗ gen zu müſſen,“ ſagte Albert Droſt,„einen hübſcheren Mann habe ich ſelten getroffen und darum ſchmerzt es mich, bei ihm den Judas ſpielen zu müſſen. Ich kann Euch ſagen, Gijs, daß es mir hier zu eng wird, wenn ich ihn ſo vertraulich mit uns ſprechen und ſo blind⸗ lings in's Verderben laufen ſehen.“ „Was, was ſchwatzt Ihr da von Verderben,“ rief Gijs,„ein Verluſt von dreißigtauſend Gulden wird ihn nicht gerade in's Verderben ſtürzen und der Auf⸗ enthalt eines Tages in dem Keller des krummen Da⸗ vid iſt doch wahrhaftig keine ſo ſchreckliche Sache.“ „Und Ihr glaubet, daß er ohne alles Mißtrauen mit uns gehen wird?“ „Ganz gewiß, wenn Ihr Eure Rolle ſo gut aus⸗ ſpielt, als Ihr es bis jetzt gethan,“ ſagte Gijs.„Hat er nicht ſchon großes Vertrauen in Euch geſetzt, als er ſich mit Euch über den Preis des Bildes berieth, das man ihm zum Kaufe anbot?“ „Wohl,“ ſprach der Maler,„und darum ſchmerzt ,—,— es mich, ihn betrügen zu müſſen.“ „Bah!“ begann der Dichter wieder,„ich glaube, daß Euch die ſchönen Kleider Brams ganz verändert haben, wenigſtens wart Ihr nicht ſo gewiſſenhaft, als Ihr die Juwelen genommen, die Euch ein Plätzchen damals, als Ihr mit Paul dem Barbier auf der Schanze den Herrn beraubtet.“ 4 Alberts Geficht wurde roth vor Wuth, doch ſich 7 bezwingend, ſah er, ohne ein Wort zu ſprechen, zum Fenſter hinaus. Gijs hatte die Wahrheit geſagt. Albert hatte jetzt wieder einen hübſchen Anzug, war als ge⸗ bildeter Mann behandelt worden, dies weckte das Ehr⸗ gefühl in ihm wieder, ein Gefühl, das in dem Ge⸗ fängniß zu Hoorn in der Geſellſchaft jener niedrig denkender Menſchen, mit denen er in letzterer Zeit Umgang gepflegt hatte, beinahe ganz erſtorben geweſen. So blüht unbemerkt die Roſe, wenn ſie unter Diſteln und Unkraut begraben liegt, erhebt aber ſtolz das Haupt, ſobald das Unkraut, das ſie umringt, wegge⸗ räumt iſt. Ein leiſes Klopfen an die Zimmerthüre weckte Albert aus ſeinem Nachdenken. „Herein!“ rief Gijs. Die Thüre wurde geöffnet und der Kolonel Auguſt van Bergen trat herein. „Ich hoffe nicht, daß meine Gegenwart Ihnen läſtig iſt oder daß ich ungelegen komme,“ ſagte der Kolonel in ſeinem gewohnten offenen Tone,„wäre es aber der Fall, meine Herren, ſo ſagen Sie mir es nur und ich werde mich enifernen.“ „Keineswegs,“ ſprach Gijs,„es iſt uns ſehr an⸗ genehm, einen Beſuch von Ihnen zu empfangen; be⸗ ſonders angenehm iſt ein ſolcher Beſuch, wenn man müde vom Gehen iſt und ich verſichere Sie, das ſind wir. Die Stadt Amſterdam iſt groß und wenn man, wie wir, Alles ſehen will, darf man nicht ruhig ſitzen. Dann iſt es auch angenehm, in guter Geſellſchaft aus⸗ zuruhen.“ Er läutete und befahl dem Bedienten, noch ein Glas und eine Flaſche zu bringen. „Und wie gefällt Ihnen Amſterdam 2 „Eine hübſche Stadt,“ begann Gijs, als ob er ſich zum Erſtenmale da befände;„eine ſchöne Stadt⸗ die aber viel ſchöner ſein könnte, wenn man bei dem Erbauen der Häuſer nicht ſo ſparſam mit dem Platze geweſen wäre, keine Plätze, ausgenommen⸗ den Dam, 8 trifft man hier, wie in andern Städten, beſonders im Haag; ſchöne Gebäude, die, wenn ſie allein oder auf Plätzen ſtünden, ein herrliches Ausſehen haben müßten, liegen hier gleichſam zwiſchen unanſehnlichen Häuſern begraben oder ſtehen an verborgenen Plätzen, ſo daß man ſie ſuchen muß, ſtatt daß ſie auf den erſten Au⸗ genblick bemerkt werden ſollten. Für den Fremden iſt das läſtig, denn man muß mit dem Orte ganz genau bekannt ſein, um ſie zu ſinden. Wie ſchön müßte es zum Beiſpiel ausſehen, wenn die alte Kirche, ein um feines Alters ſo merkwürdiges Gebäude, auf einem offenen Platze ſtünde; und welch' herrlichen Anblick müßte der Gerichtshof darbieten, wenn er, ſtatt auf einer ſchmalen Gracht, zum Beiſpiel mitten auf dem Botermarkt, oder einem andern Platze erbaut wäre. Das Theater, in andern Städten mitten in der Stadt, ſteht hier auf einer Ecke außen; die bedeutendſte Straße, die Kalverſtraat, iſt eng und krumm und die ſchön ge⸗ baute Nieuwezyds⸗Kapel iſt an allen Ecken mit Läden, Kneipen und unanſehnlichen Gebäuden bedeckt. Wie bedeutſam müßte die um ihrer gothiſchen Bauart willen mit Recht berühmte Nieuwe kerk ſein, wenn die kleinen Gebäude, die ſich gleichſam in ihren Niſchen eingeniſtet haben, weggeräumt wären. In der That,“ ſagte er lachend,„wenn Jemand die Macht hätte, die Gebäude wie die Steine eines Schachſpiels zu verſetzen und es mit Geſchmack und mit Zurathhaltung des Platzes ge⸗ ſchehen würde, könnte Amſterdam, wie ſchön es auch jetzt ſchon iſt, ohne Zweifel noch unendlich gewinnen.“ „Ihre Bemerkung iſt ſehr wahr,“ ſagte der Ko⸗ lonel,„auch wird Amſterdam für Ihren Pinſel wenig Schönes bieten, Herr Maler.“ „Sie haben Recht, Herr Kolonel, die Städte im Allgemeinen bieten dem Maler wenig Maleriſches, wenn er nicht bloße Stadtanſichten geben will. In den Städten iſt zu viel Kunſt, zu wenig Natur und Kunſt von Kunſt wieder gegeben, entbehrt all' des Schönen, auf das die Kunſt baut, die die und ihr ſo viel als möglich nahe zu kon „Das iſt ſehr wahr,“ n Au wieder,„und die Stadtanſichten, w Behandlung derſelben und von wie b ſie auch ſein mögen, machen auf mich keineswegs den Eindruck, wie ſchöne Naturſchildereien. Iſt etwas Schö⸗ nes oder Erhebendes in einer getreuen Abbildung von Häuſern, Grachten, Brücken, Straßen u. ſ. w. und wie muß der Maler ſich nicht b n, vurch eine gefällige und lebendige Staff rockene und Eintönige dergleichen Abbildungen zu benehmen. Stellen Sie ſich dagegen eine baumreiche La aft vor, wo die Sonnenſtrahlen, die durch die Bl 3 ein wunderbar zauberhaftes Helldunkel hervorbring Sie werden mir beiſtimmen, daß der Maler keinen ſchöneren Vorwurf für ſeinen Pinſel wählen kann, als den, welchen die Natur liefert. „Das Portraitmalen,“ ſagte Gijs, der das Ge⸗ ſpräch auf den eigentlichen Zielpunkt zu bringen wünſchte, „das Portraitmalen halte ich für ein angenehmes Studium.“”“ „Das wäre es auch, wenn der Maler nur Schön⸗ heiten auf die Leinwand zu bringen hätte, aber wie oft iſt er nicht genöthigt, häßliche oder wenigſtens un⸗ bedeuteude Geſicher zu malen. Ueberdieß haben Por⸗ traits meiſt nur für den Werth, der die Originale kannte, um über die größere oder geringere Aehnlichkeit zu urtheilen.“ „Es thut mir leid, Sie in dieſem Sinne über Portraits ſprechen zu hören,“ ſagte Albert, durch einen Wink Gijs aufmerkſam gemacht, daß jetzt der rechte Augenblick gekommen ſei,„denn heute früh hatten wir Gelegenheit, ein Familienſtück zu ſehen, das von van Dijk ſelbſt gemalt iſt und wir glaubten, dieſe Nach⸗ richt... Amſterdams Geheimniſſe. III. 2 * „Ein Portrait oder was noch mehr iſt, ein Fami⸗ lienſtück von van Dijk!“ rief der Kolonel begeiſtert. „Was ich ſagte, hat keine Beziehung auf die Meiſter⸗ ſtücke van Dijks, die größere oder geringere Aehnlich⸗ keit kommt hier nicht in Betracht, da die Perſonen, welche ſie darſtellen, nicht mehr am Leben ſein können: es iſt hauptſächlich die großartige Behandlung, die mei⸗ ſterhafte Vertheilung von Licht und Schatten, die man an den Werken eines ſo großen Meiſters bewundert... doch vielleicht iſt mir das Bild auch bekannt.“ „Daran zweiſle ich ſehr, da der Eigenthümer deſ⸗ ſelben nicht einmal weiß, welch' koſtbaren Gegenſtand er beſitzt,“ ſagte Gijs. „Sie ſahen es alſo nicht in dem Trippenhuis?“ „Nein, der Zufall brachte uns an den Platz, wo das koſtbare Bild begraben liegt. Dieſen Morgen gin⸗ gen wir auf der Reguliersbreeſtraat, als uns eine Malerei ins Auge fiel, die nebſt einigen Kleidern und altem Hausrath auf der Straße zum Verkaufe auslag. In der Ferne ſchien das Stück noch ganz or⸗ dentlich, als ich aber näher kam, fand ich, daß es ein altes Stück ſei, aber ganz ohne Werth. Während ich es betrachtete, und wir mit einander darüber ſprachen, kam ein einäugiger Kerl aus einer Querſtraße und näherte ſich uns. „Die Herren ſcheinen Liebhaber von Bildern zu ſein,“ ſo ſprach er uns an,„und ich habe eines, das ich für einen geringen Preis hergeben würde. Es iſt kein Bagatell, denn vor vierzehn Tagen iſt Jemand bei mir geweſen, der mir ſiebenzig Gulden dafür bot. Wol⸗ len die Herren das Stück ſehen?“ „Wir dankten dem Manne, da wir wenig oder nichts von dem Bilde erwarteten, aber er ließ nicht ab, bis wir ihm endlich folgten. Er brachte uns in eine armſelige Kneipe der Gaſſe Heet moor. De vliegende visch meine ich,“ verbeſſerte Gijs der Dich⸗ ter, der auf dem Punkte war, ſich zu verſprechen,„De — 11 vliegende visch genannt und hier hing in einer dun⸗ keln Ecke des hinteren Zimmers ein altes mit Staub und Spinnweben bedecktes Bild, welches ich nach aufmerkſamer Betrachtung als ein Produkt des van Difkſchen Pinſels erkannte, in welcher Vermuthung mich mein Freund beſtärkte. Wir frugen ihn, auf welche Weiſe das Stück in ſeinen Beſitz gekommen ſei und er erzählte uns, daß es ſeit undenklichen Jahren ſich in ſeiner Familie befiade und wie er ſich zu erinnern glaube, ſei es durch einen ſeiner Vorväter aus Eng⸗ land mitgebracht worden. Es ſtellt einen Krieger in altmodiſcher Kleidung vor, der in einem hohen Lehn⸗ ſtuhle ſitzt, zu ſeiner rechten Hand eine reich gekleidete Dame, wahrſcheinlich ſeine Frau, während zur Linken ein Mädchen und ein Jüngling ſtehen, Alles ſo ſchön ausgeführt, daß ich es für eines der beſten Bilder des großen Meiſters halte.“ „Und Sie find gewiß, Herr van der Meer,“ fragte der Kolonel den Maler, der ſich mit dieſem Namen in das Fremdenbuch gezeichnet hatte, während der Dichter ſich de Hart hieß.„Sie ſind gewiß, Herr van der Meer, daß es cin ächter van Dijk iſt?“ „Ich würde es, glaube ich, eidlich beſchwören kön⸗ nen,“ antwortete der Herr van der Meer.„Van Dijk hat etwas Urſprüngliches, etwas Unnachahmbares in ſeiner Manier ſowohl, als in ſeiner Compoſizion und dem Helldunkel, was ſogleich ſeinen Pinſel verräth; überdieß iſt das Stück ſo kunſtreich in der Ausführung, daß ich mich beinahe nicht erſättigen konnte an dem Anblick deſſelben, auch fand ich an der Ecke die Buch⸗ ſtaben V. D., ſo daß ich, wie geſagt, nicht den minde⸗ ſten Zweifel hege, daß van Dijk der Schöpfer dieſes koſtbaren Bildes iſt.“ „Und der Mann will das Stück verkaufen?“ fragte der Kolonel im Tone großen Intereſſes. „Gewiß!“ „Und der Preis?“ 12 „Er verlangt zweihundert Gulden, obwohl ich glaube, daß er gewiß von der Summe ſich noch etwas abhandeln laſſen wird.“ „Wir ſind auf der Reiſe, Herr Kolonel, und außer⸗ dem habe ich Ihnen nicht wohl erſt zu ſagen, daß junge Künftler wie wir, vie eine Kunſtreiſe machen, unmöglich dieſe Summe, wie gering ſie auch iſt, für ein Bild geben können, das wir nur mit vieler Mühe mit uns nehmen könnten; überdieß iſt es eine Thorheit für junge Känſtler, die wie wir keine Schätze beſitzen, ein Kabinet anzulegen und.... „Sie haben Recht,“ ſagte van Bergen haſtig, be⸗ fürchtend, dieſe Gelegenheit, ſeine Sammlung mit einem Meiſterſtücke bereichern zu tönnen, möchte ihm ent⸗ ſchlüpfen. „Aber wir haben im Sinne, einen Käufer für das Stück zu ſuchen,“ ſagte Gijs, der die Meinung des Kolonel beſſer begriff, als ſein Kamerad.„Einestheils um dem armen Teufel etwas Geld zu verſchaffen, an⸗ derntheils, um für uns einen Vortheil daraus zu zie⸗ hen, denn ich bin gewiß, daß das Gemälde bald für ein. „Geloben Sie mir,“ ſprach der Kolonel wiederum mit großer Haſt und ohne dem Dichter Zeit zu lafſen, ſeine Rede zu endigen,„verſprechen Sie mir, mit Nie⸗ mand über das Bild zu ſprechen, ehe ich es geſehen habe. Und,“ fuhr er in einem Tone fort, der ganz aus ſeinem edeln Herzen kam und zugleich ſein Kunſt⸗ gefühl verrieth,„gefällt es mir, dann werde ich eine gehörige Summe dafür bezahlen, denn ich will die Unwiſſenheit eines armen Teufels nicht zu meinem Vor⸗ theile benützen und ich gebe Ihnen mein Wort, daß es Sie beide nicht reuen ſoll, mich in den Stand geſetzt zu haben, ein Meiſterſtück ankaufen zu können.“ Im Uebermaß der Freude ergriff der Kunſtlieb⸗ haber die Glocke, was zur Folge hatte, daß nach Ver⸗ lauf von einigen Minuten eine Flaſche Champagner 8. auf das Gelingen des Kaufs von den Dreien geleert wurde. Und als der brauſende Wein in den hohen Kel⸗ chen empor ſtieg, ſagte Gijs, während er ſein Glas zum Munde führte und Albert einen ſchelmiſchen Blick zuwarf:„Auf das Gelingen!“. „Ich kann Sie verſichern, meine Herren, gaß ich vor Begierde brenne, das Bild zu ſehen.“ „Ich möchte Ihnen auch nicht anrathen, lange zu zaudern,“ ſprach Gijs, als ſei es ihm von großem Intereſſe, den Wunſch des Kolonel befriedigt zu ſehen. „Wie Sie wiſſen, Herr Kolonel, iſt bereits Geld darauf geboten; wenn Sie darum zögern würden, könnte es vielleicht ſchon zu ſpät ſein, was ich, wegen Ihres großen Intereſſes für dieſe göttliche Kunſt, ſehr ungerne ſehen würde.“ „Laſſen Sie uns noch heute gehen,“ erklärte der Kolonel,„denn ich könnte es mir nimmer verzeihen, die Gelegenheit vorbei gelaſſen zu haben, ſolch' einen Kauf zu machen.“ „Es iſt ſchon ſpät, Kolonel, und der Stadttheil, in welchem Het moor... De vliegende visch ſich be⸗ findet— daß ich auch immer den Namen verwechſelte — kann Abends nicht von anſtändigen Leuten beſucht werden. Ueberdieß iſt das Kerzen⸗ oder Lampenlicht in dem Wirthshauſe nicht ſehr tauglich, um über eine Malerei urtheilen zu können, ich ſchlage Ihnen daher vor, Kolonel, bis morgen zu warten.“ „Sehr gut, aber dann auch nicht länger, wir wer⸗ den mit einander hingeben.“ „Wie ſpät, Herr Kolonel?“ „Um eilf Uhr, wenn es den Herren geſchickt iſt.“ „ Gut; wir haben im Sinne, dieſen Abend in die franzöſiſche Oper zu gehen, gehen Sie auch dahin, Herr Kolonel?“ „Ich bin heute Abend beſchäſtigt und kann Sie alſo nicht begleiten,“ antwortete van Bergen und auf 14 ſeine Uhr ſehend, ſagte er:„es wird Zeit ſür Sie ſein, meine Herren! Alſo morgen!“ „Ja, morgen!“ riefen die Betrüger, als der Ko⸗ lonel das Zimmer verließ. II. Vorbereitung. Das Zimmer, das der Baron von Hunter be⸗ wohnte, ſchien nichts mehr von all' dem Glänzenden und Eleganten zu wiſſen, das es ſonſt ſo zierte und die größte Unordnung herrſchte da, wo ſonſt die pünkt⸗ lichſte Ordnung ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatte. Auf dem Boden lagen verſchiedene Kleidungsſtücke, und an der Wand ſtanden Koffer und Schachteln, mit einem Worte, Alles zeigte, daß Guſtav, Baron von Hunter, abreiſen wollte. „Und Du haſt wirklich im Sinne abzureiſen?“ fragte Auguſt van Bergen, der gekommen war, um dem Ba⸗ ron Lebewohl zu ſagen. „Ja, Auguſt, und heute Abend verlaſſe ich für im⸗ mer dieſe Wohnung; ich werde dieſe Nacht in einem Gaſthofe wohnen, denn Du kannſt Dir denken, Auguſt, daß ich wenig Luſt habe, inmitten dieſer Koffer und Schachteln zu ſchlafen. Mein Bedienter wird dafür ſorgen, daß Alles abgeholt wird, und dann morgen in mein Vaterland zurückgekehrt.“ „Ich billige Deinen Entſchluß, Guſtav,“ ſagte van Bergen,„obwohl es Dir Anfangs ſchwer fallen wird, Dich an das ſtille, einförmige Landleben zu gewöhnen, wird Dir dies Leben doch mehr ruhige, angenehme Au⸗ genblicke verſchaffen, als man in dem Gewühle der großen Städte genießt. Gewiß, auch ich würde meine Tage in Ruhe und Friede auf dem Lande zu verleben wünſchen, wäre es nicht eine gar zu wichtige Sache, die mich hier zurückhält.“ „Sage lieber, die ſchönen Augen Mathildens,“ ſprach Guſtav. Auguſt antwortete nichts darauf, doch begann er nach einigen Augenblicken wieder:„Wie Du ſchon weißt, hat Mathilde mir ihre Hand verweigert, nur weil ſie ein Kind hat; glaubſt Du aber, Guſtav, daß es durch⸗ aus kein Mittel gäbe, dem Kinde auf die Spur zu kommen?“ „Glaubſt Du, daß ich ſo unklug wäre, von dem Mittel keinen Gebrauch zu machen,“ ſagte der Baron von Hunter mit geheuchelter Theilnahme.„Aber ich begreife Dich, Du möchteſt geine derjenige ſein, der Mathilden das Kind zurück bringt, um eine Art Tauſch⸗ handel mit der ſchönen Wittwe zu machen. Du gibſt ihr das Kind, und ſie Dir zur Belohnung ihre Hand; ja, Du würdeſt am Ende den Edelmuth ſo weit trei⸗ ben, die Vaterſchaft auf Dich zu nehmen, ha! hal“ „Guſtav!“ rief der Kolonel, unzufrieden, daß der Baron die geheimſten Abſichten ſeines Herzens ſo durch⸗ ſchaute. „Sag' einmal, daß ich mich täuſche, Auguſt, doch glaube mir, daß ich Dir gerne helfen würde, wenn ich könnte; ich ſähe Dich gerne glücklich, mein Freund, und Mathilde auch, und Eduard würde in Dir einen bef⸗ ſern Vater finden, als in mir. Glaube, daß auch mir das Loos meines Kindes unbekannt iſt, denn würde ich ſonſt nicht meinen Sohn ſeiner Matter wiedergegeben haben, da dieß das einzige Mittel geweſen wäre, ihre Hand zu erhalten, nach welchem Beſitz ich damals geizte.“ Verlegen ſah Auguſt auf den Boden. „Guſtav,“ ſagte er endlich,„Du mußt mir vor 16 Deiner Abreiſe etwas ſchenken, oder licber, eine Bitte erfüllen.“ „Sprich, Auguſt, und wenn es mir möglich iſt, werde ich es Dir nicht verſagen.“ „Du beſitzt einen Brief von Mathilden, an Dich gerichtet, worin ſie von dem Kinde ſpricht; ſchenke mir den Brief, oder vernichte denſelben. Wie leicht könnte derſelbe zur Entdeckung des zwiſchen Dir und ihr be⸗ ſtandenen Geheimniſſes Veranlaſſung geben, und das könnte nichts anderes zur Folge haben, als daß man ſie, die jetzt die allgemeinſte Acktung genießt, zum Vor⸗ wurf des Spottes machen würde, nur um eines Ju⸗ gendſehlers willen, über den ſie ſo tieſe Reue fühlt, und welchen ſie ſo ſchwer büßte. Wie leicht könnte dieſe Schrift in unbeſcheidene Hände fallen, und Du weißt doch, daß die Baronin ſich darin ſchwer über Deine Handlungsweiſe beklagt. Alles zwiſchen Dir und Ma⸗ thilden iſt abgemacht, wozu darum länger eine Schrift hewahren, die nur unangenehme Erinnerungen. in Dir erwecken kann, und Wunden öffnet, welche durch die Zeit geheilt ſein ſollten. Gib mir den Brief, Guſtav, und ſei überzeugt, daß es das ſchönſte Geſchenk iſt, das Du mir geben kannſt, und das mich immer an Dich erinnern wird, oder weigerſt Du Dich, mir das Pa⸗ pier zu geben, ſo verſprich mir, es zu vernichten.“ „Du ſollſt den Brief haben,“ ſagte Guſtav, nach⸗ dem er ſich einige Augenblicke bedacht hatte,„wie hart es mich auch ankommt, von dieſem Papiere mich zu trennen, ich werde es Dir dennoch geben. Sei mor⸗ gen mein Gaſt in den Doelen, wo ich dieſe Nacht ſchla⸗ * fen werde, dann werden wir vielleicht zum letzten Male bei einander ſein, und ich werde Dir zugleich den Brief übergeben. Ich weiß, daß Woeſtbergen Dich auf mor⸗ gen eingeladen hat, aber ich glaube, jetzt den Vorrag zu haben, da es cin Abſchisdsmahl iſt.“ „Ich werde kommen,“ bejahte Auguſt. „Und wir werden nur zu Zwei ſein,“ fuhr der 17 Baron fort.„Es iſt vielleicht das letzte Mal, daß wir einander ſehen, und darum will ich nicht, daß wir von Anderen geſtört werden.“ „Du kommſt meinen Wünſchen zuvor, Guſtav, alſo bis morgen.“ „Und ich werde meinen Bedienten beauftragen, Woeſtbergen anzuzeigen, daß Du morgen ſein Gaſt nicht ſein könnteſt.“ „Sehr gut,“ ſagte der Kolonel und verließ den Baron von Hunter. Als Guſtav allein war, ſetzie er ſich in den Arm⸗ ſtuhl, der vor dem Tiſche ſtand, und mit ſeinem Arme ſich gützend, überließ er ſich ſeinen Gedanken. „Die Entwickelung des Romans nähert ſich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„übermorgen hoffe ich, um eine Tonn⸗ Goldes reicher zu ſein, und Mathilde wird eine weni⸗ ger beſitzen. Es iſt ein gewagier Schritt, aber die Beute wird die Mühe belohnen, der Betrüger wird be⸗ trogen; denn ich bin überzeugt, daß der einäugige Kerl, wenn er'mal im Beſitze der Beute iſt, mir keinen Pfennig davon geben würde. Ich will die brave Seele deßhalb vor einer ſolch' freundlichen That bewahren; das Einzige, was mir leid thut iſt, daß ich die geſopp⸗ ten Geſichter nicht ſehen kann, den Barbier und den Duikelaar. Die Noth zwang mich zu dieſem Schritte, iſt das nicht Entſchulvigung genug. Ich beſitze nur ſo viel Geld, um die Reiſe beüreiten zu können; Geld habe ich nöthig und arbeiten kann ich nicht, und könnte ich es, ſo möchte ich es nicht, ich würde dadurch mei⸗ nen Rang und Stand beſchimpfen. Und wenn ich Alles wohl überlege, dann lauſe ich doch ſehr wenig Gefahr, auf meine Piſtolen varf ich mich verlaſſen; die Angſt, entdeckt zu werden, wird die Kerle einſchüchtern, und bei der Entdeckung würde man mich nur als tapfern Vertheidiger von Mathildens Vermögen achten müſſen.“ Er nahm ſein Schreibzeug zur Hand, ſetzte ſich nieder und ſchrieb— während er ein Briefchen von 18 dem Kolonel van Bergen neben ſich legte, und ſo ge⸗ nau als möglich deſſen Handſchrift nachzuahmen ſuchte— folgenden Brief an Woeſtbergen: „Amice!. „Es iſt mir unmöglich, von Ihrer Einladung Ge⸗ brauch zu machen; der Baron von Hunter hat mich zu ſich gebeten, und ich konnte es ihm nicht abſchlagen, da heute der letzte Tag ſeines Aufenthaltes in Amſter⸗ dam iſt. Ich bitte daher um Entſchuldigung, daß ich Ih⸗ nen dieß ſo ſpät erſt mittheile, und es wäre mir ſehr angenehm, wenn Sie Ihre Einladung auf morgen über⸗ tragen könnten. „In Eile. Ganz der Ihre „van Bergen.“ Von Hunter hatte die Namensunterſchrift des Ko⸗ lonel ſo genau als möglich nachzuahmen geſucht, und faltete den Brief zuſammen, ohne ihn jedoch zu ver⸗ ſiegeln. Als es Abend geworden, entfernte er, unter irgend einem Vorwande, ſeinen Bedienten, zog ſeine ge meine Kleidung an, und beſchmierte ſein glattes Ge⸗ ſicht mit Oel, wodurch es einen braunen Teint bekam. Darauf ſeinen Mantel umhängend, um ſeine Kleidung zu verbergen, verließ er das Hôtel garni in einer Kutſche, wie er es zu thun gewohnt war, wenn er das Wirthshaus David Rams beſuchte. Laßt uns das Mooriaantje einige Augenblicke, ehe von Hunter ankam, beſuchen.— Da es noch weit von Mitternacht war, treffen wir Niemand, als Bram, den krummen David und Jim in dem dumpfen Kaffeezimmer an. Sie ſprachen leiſe zuſammen, als ob ſie Jemand behorchte. „Gijs und Bert ſind bei mir geweſen,“ ſagte Va⸗ ter Bram,„er kommt morgen, vergeßt befonders nicht, das Mooriaantje wegzunehmen und dieſen Schild da⸗ für auszuhängen; vielleicht merkt er nicht darauf, aber man kann nicht Alles vorausſehen, von einer Kleinig⸗ keit hängt oft viel ab.“ 19 Er ſtellte ein viereckiges Brett, das er i einem Tuch bedeckt hatte, auf den Boden, und als er das Tuch weggenommen, ſah man auf dem Brette einen Streifen, der die See vorſtellen mußte, worüber ein blauer Fleck gemalt war, der die Wolken anzeigte, in welchen ein Thier mit Flügeln,„der fliegende Fiſch“ vargeſtellt war, und dieß ſollte der Aushängeſchild für die Kneipe des einäugigen David Ram werden, deſſen Café restaurant den Namen: De vliegende visch be⸗ kam⸗ welche Worte man auch unten an dem Schilde as. Jim betrachteie dieß Kunſtwerk aufmerkſam, und immer gewöhnt, ſeine geiſtreichen Einfälle mitzutheilen, gab er auch über den neuen fliegenden Fiſch ſeine Witze Preis. Bram rieth, das Brett erſt kurz vor elf Uhr über die Thüre zu ſetzen und ſogleich wieder weg⸗ zunehmen, ſobald er im Zimmer ſei, um allen Ent⸗ deckungen zuvor zu kommen. „Es iſt doch ein gewagtes Stück,“ begann David, „und wäre die gellep') nicht ſo gut, würde ich mich herz⸗ lich dafür bedanken, bei der Sache mich zu bemühen.“ „Dann würde ichs thun, Alter, ich will auch mal moos in de bloedvin²) haben,“ ſagte Jim,„und auch mal ein paar Jahre ein lußiges Leben führen. Gijs hat mir ſo oft davon erzählt, daß ich wohl auch mich zu betragen und zu reiten, gut zu eſſen und zu trinken wüßte und dann mich Mijnheer hinten und vorne nennen zu laſſen; denn, geſchehen muß es, Al⸗ ter, ob Du willſt oder nicht.“ 5 — David Ram ſah ſeinen Sohn mit grämlichem Blicke an. Iim ſchien ſich aber wenig um ſeines Va⸗ ters Unzufriedenheit zu kümmern und ſagte: „Zieh' nur kein ſo ſchreckliches Geſicht, Alter, Du biſt ohnedieß nicht ſo ſchön.“ 1) Beute. 2) Geld in dem Beutel. 20 „Laßt uns die Zeit nicht verlieren,“ ſprach Bram, „und noch einmal Alles ausmachen, ehe die Jungen kommen. Ihr beide verbergt Euch in dem hintern Zimmer, zum Beiſpiel im Kaſten, der Raum iſt groß genug für Euch und ich ſpiele den Wirth. Sobald er im Zimmer iſt, ſtelle ich mich vor die Thüre und Ihr mit Gijs und Bert fallt ihn gleichzeitig an, und es würde mich wundern, wenn wir ihn zu fünf nicht auf den Boden bringen ſollten, beſonders da er nichis fürchtet.“ „Mich dünkt, ich habe einen beſſern Plan: wäh⸗ rend Jöͤr mit ihm ſprecht, krieche ich ſtill binter ihn und Ihr oder Gijs oder der Maler geben ihm einen tüchtigen Stoß auf die Bruſt, daß er über mich hin⸗ iaumeln muß; dann liegt er ohne viele Mühe auf dem Boden und kann nichts mehr thun. Es iſt ein Kunft⸗ ſtück, das ich von dem Dutkelaar gelernt habe. Ihr ſollt mal ſehen, wie gut ich das verſtehe, ich hab's küzlich noch bei dem alten Herrn verſucht, als er be⸗ trunken war; ich kroch hinter ihn, Gijs gab ihm einen Stoß und dann ſiel er ſo hübſch, daß er mit ſeinem ros ³) an die Billardecke ſtieß und wir nicht anders dachten, als daß er ſei om gaaijes gegaan.“ „Du kannſt machen, was Du willſt,“ begann Bram wieder,„haben wir ihn einmal auf dem Boden, dann können wir ihm gemächlich ſein Portefeuille neh⸗ men. Dann öffneſt Du das Loch und wir werfen ihn in den Keller, woraus er nicht entlaſſen wird, bis er eine spaansche mat heeft verkwanseld, daß er von dem Geſchehenen nie ein Wort ſprechen wolle. Ihr habt doch nichts im Keller, was ſeine aijene nicht ſehen dürften.“ „Was ſollten wir da haben,“ fragten David und Iim beide zugleich, während der Erſte ſo bleich wurde wie der Tod und die Stimme des Letzteren merklich zitterte. „Nun, das weiß ich nicht,“ war die Antwort, nich dachte, daß vielleicht verhandelde massematten dort wären das wäre gerade kein ſo großes Wunder.“ „Nein, das wäre es auch nicht,“ ſagte der krumme Wirth, während ſein Geſicht ſowohl, als das ſeines Sohnes ſich wieder aufflärte,„etwas blaauw laken iſt das Einzige, doch es ſteht in dem Vorkeller in einer Kiſte, aber dahin kann er nicht kommen, denn Vor⸗ und Hinterkeller ſind nur durch ein kleines Fenſter verbunden, das er im Dunkeln gewiß nicht finden wird und würde er es auch finden, ſo würde er doch wenig Luſt daran finden, hindurchzukriechen.“ „Still, ich höre frederiks schuiven, das iſt ge⸗ wiß einer von den Jungen. Nun kein Wort mehr, damit ſie nicht dahinter kommen, morgen früh werde ich wieder hier ſein und übermorgen doen wij gijlek met de gellep. ⁴) „Ja, aber wenn er ein fockse oksener met een „zwiehel) bei ſich hat, werde ich fie für mich behal⸗ ten,“ ſagte Jim,„nur um ein Andenken an den putz 6) zu haben, den wir mit dem Kolonel haben werden.“ „Semeij amge, beſte Jungen, daß der putz uns nicht auf schollem hilft,“ demerkte David Ram, wäh⸗ rend er Mühe hatte, ſeine Furcht zu verbergen.„Ich weiß nicht, aber ich ſehe bei der Sache nichts Guies voraus und fürchte, daß es uns naar de klienje kan doen gaan.*) „Seid Ihr toll,“ war nun die Beruhigung Brams, „das iſt keine Sache, um zum Tode verurtheilt zu 4) Theilen wir die Beute. 5) Goldene Uhr mit Kette. 6) Streich. 7) Daß man uns zum Tode verurtheilen wird. 22 werden, und würde der Kolonel ſeinen Eid einſt bre⸗ chen und den slui kers) ſpielen, dann haben wir un⸗ ſere Maßregeln ſo getreffen, daß ein gisse bemoeial ⁰) wohl eine vaart ¹⁰) wiſſen wird, um ſo mehr, da der balleboos ¹¹) es mit Leuten zu thun hat, die zu kou⸗ teren ¹²) wiſſen.“ Wahrſcheinlich um ſeine Angſt zu überwinden, nahm David Ram einen tüchtigen Zug; unmittelbar darauf wurde die Thüre geöffnet und der Baron von Hunter trat herein. „So,“ ſprach der Edelmann, bei ſeinem Eintreten, während er Bram auf die Schulter klopfte,„ich freue mich, Euch anzutreffen, hört einmal!“ Und den Ein⸗ äugigen zu ſich rufend, näherte ſich dieſer ihm und beide nahmen an einem Tiſchchen in einer Ecke Platz. „Sagt mal,“ begann Guſtav,„habt Ihr Alles in Bereitſchaft, um morgen Abend die Sache auszufüh⸗ ren? Sind die Schlüſſel fertig?“ „Alles in Ordnung, ich habe verſchiedene Schlüſſel nach den Kruizen gemacht, ſo daß ich einen ganzen loensche klee ¹³) dem Barbier mitgeben werde. Ja wahrhaftig, ich habe es ſo gemacht, daß der gute Junge groot purim und kromkop ruhig zu Hauſe laſſen kann. Ich gehe immer ſicher, paßt der eine Schlüſſel nicht, ſo paßt der andere.“ „Und die Männer, werden dieſe bereit ſein?“ „Wenn ich recht weiß, hör' ich da Paul kommen, ich kenne ihn an ſeinem Pfeifen, und der Duikelaar iſl ſicher bei ihm, denn keiner von beiden geht Abends allein aus.“ 8)-Verraͤther. 9) Kluger Advokat. 10) Ausflucht. 11) Richter. 12) Leugnen. 13) Schluͤſſelbund. 23 Vater Bram betrog ſich nicht, denn kaum hatte er ſein Vermuthen ausgeſprochen, als die beiden Freunde erſchienen. Nach einem kurzen Wortwechſel nahm von Hunter den von ihm geſchriebenen Brief aus der Taſche und fragte:„Wer von euch beiden wird den Brief be⸗ ſorgen?“ „Ich, wie es ausgemacht iſt,“ ſprach der Dui⸗ kelaar. „Gut,“ ſagte Guſtav,„und ehe ich das Briefchen zuſammenlege, lies es ſelbſt, und Du wirſt ſehen, daß Du es ohne Gefahr übergeben kannſt.“ Der Duikelaar entſprach ſeinem Geſuch und nach⸗ dem er ihn geleſen hatte, erklärte er: „Es iſt in Ordnung und während das Mädchen oder der Bediente es hineinträgt, laſſe ich Paul ins Haus.“ „Ganz gut““ ſprach der Barbier,„doch zuerſt müſſen Sie mir nochmals ſagen, was ich zu thun habe, wenn ich drinnen bin.“ Guſtav gab dem Barbier noch einmal denſelben Wegweiſer wie früher. „Begriffen,“ ſagte nun Paul,„jetzt ein nurrie auf das gute Gelingen.“ „Und ich werde op gilles blijyen staan,“ fügte der Duikelaar hinzu. „Vor Einem aber muß ich warnen,“ ſprach Gu⸗ ſtav zu Paul,„nämlich keine Meſſer oder Piſtole oder eine andere Waffe bei ſich zu tragen, denn das könnte ſehr gefährlich für Dich werden, wenn man Dich ent⸗ decken ſollte, da man leicht vermuthen könnte, daß Du die Waffen...“ „„Bahl“ fiel der Barbier dem Baron in die Rede, gleichſam durch dieſe Worte beleidigt,„halten Sie mich doch nicht für ſo'n eileija mensch, es iſt nicht das Erſtemal, daß ich massematten handelen zal, ich weiß, was ich thun und laſſen muß.“ 24 „Und wann denkt Iyr die Sache in Ordnung zu haben?“ „Gegen zwei Uhr ſind die Nachtwachen am ſchläf⸗ rigſten und liegen die Menſchen in ihrer erſten Ruhe.“⸗ „Gut,“ erwiederte von Hunter, und ſich darauf an Bram wendend, ſagte er zu dieſem: „Ich werde die Jungen hier erwarten und dann wollen wir die Beute theilen.“ „Ja“ gab dieſer zur Antwort,„hier bei David Ram, Sie werden dann kommen!“ „Gewiß,“ verſicherte Guſtav, mit Mühe das Lachen unterdrückend,„nun, bis Morgen Nacht!“ „Sie vergeſſen moos für die nurrie zu geben,“ ſagte Paul in einem keck kamerädlichen Tone. „Das iſt wahr, hier!“ Guſtav warf ein Geldſtück auf den Tiſch, worauf er einige Zeit mit Bram flü⸗ ſternd ſprach und dann die Herberge verließ. Kaum war er fortgegangen, als Bram in ein lautes Gelächter ausbrach.„Jungen,“ ſagte er,„ich hoffe doch nicht, daß ihr auch ſo toll ſeid und thut, was er ſagt. Ich kenne den Kerl nicht und Niemand von uns weiß, wer er iſt. Wir werden ihn hübſch opredderen ¹) und das iſt keine Sünde oder Schande, denn er iſt kein gewerber²) von uns, er will gillek met ons doen, der Spitzbube, und wagt nichts dabei, ſolche Narren wird's noch mehr geben.“ „Aber was wollt Ihr denn, Bram?“ frug Paul, der nicht ſehr gewandt im Begreifen war. „Ihm keinen einzigen Cent von den ganzen mas⸗ sematten geben, das will ich. Laßt ihn morgen Nacht hierherkommen, wenn er will, ich verſichere euch, daß er lange warten kann. Wartet auf mich in De een- horn, Jungen, ihr wißt, wo ich meine, und da werden wir Drei gijlek doen; wenigſtens wenn es nach meinem 14) Betrügen. 15) Kamerad. 25 8 Sinne ginge, ſollte er nichts von den massemat- ten haben.“ „Gut, viele Hunde ſind eines Haſen Tod,“ ſprach der Duikelaar,„ich bedanke mich dafür, für ihn die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen; er wagt nicht ein⸗ mal, mit uns trijfen te worden. ¹⁶) Wenn die Sache mißglückt, ſo läßt er uns Alles ausmachen. Nein, ſo bald die massematten gehandeld is, werden wir in De eenhorn zu euch kommen; dann ſollt ihr die Papiere verpatschen ¹⁷) und uns jedem ſein gijlek geben und ehrlich theilen, wie das unter chesse¹s) Jungen im Gebrauch iſt.“ „Der Kerl wird wüthend werden, wenn er den putz bemerkt, den wir ihm geſpielt haben,“ ſagte der Barbier, ſich vergnügt die Hände reibend. „Er darf uns doch nicht verrathen,“ ſprach Bram, „da er Sachen an mich verpatscht ich bs geſtohlen waren. Nun Jungen, guten suecès! Du Duikelaar mußt Dich wie ein Kruijer kleiden und das Brieſchen 84 beſorgen, und Paul weiß ſeine Sache, und nun kein Wort mehr über das Alles, denn es iſt gefährlich, lang ‚über Dinge zu ſprechen, die nicht jeder wiſſen darf.“ Im ſelben Augenblick wurde Bram ſachte auf die Schulter geklopft und wie leiſe dieſe Berührung auch geſchah, fuhr er doch erſchrocken auf; ſein Schrecken verſchwand aber alsbald, da er bemerkte, daß es der alte Herr war, der ihn auf dieſe freundliche Weiſe be⸗ grüßt hatte. „Ha, alter Herr!“ bewillkommnete Bram, und fügte lachend hinzu:„wenn es geht, kann ich hier Au⸗ dienz geben, wie der König thut; ich habe wenigſtens mehr Uebung, als mancher bemoeijal, der gelernt hat, 16) Gefangen genommen zu werden. 17) Verkaufen. 18) Vertrauten. 3 Amſtexdams Geheimniſſe. mm’m. 3 26 wie er ſeine lammeren ¹⁰) vriz lijmeren muß.¹0) Was ſteht zu Dienſt?⸗ 4 „Still, ſtill,“ antwortete van Zweeden, ſeine Finger auf den Mund legend,„ich muß Sie ſprechen. Kommen Sie an einen Ort, wo uns Niemand hören kann, es iſt ein Geheimniß. Bram führte den unglücklichen Trinker in eine Els dt Zimmers und ſagte dann:„Nun, was i 8 41 Van Zweeden ſah lange um ſich her, und ſagte dann:„Sie könnten mich hören, wenn ich es Ihnen ſage!“ „So ſprechen Sie etwas leiſe.“ „Aber...“ und wieder ſah er vor ſich hin. 4 „Sind Sie toll!“ ſagte Bram,„Niemand horcht Pauf uns, Jeder hat genug mit ſeinen eigenen Sachen zu thun, daß er ſich nicht noch mit Anderem beſchäf⸗ 1 ſänn, ſagen Sie'mal, was Sie zu ſagen 3 be „Nun das Wachs, das ich in das Schlüſfellcch ſteckte. Ich habe zwei Abdrücke genommen, wie Sie ———— Zweeden näherte ſich dem Einäugigen und ann ſo leiſe als möglicht . 19) Klieenten. 4 2⁰) Vertheidigen. 3 — à—— A1————2&ᷣ—n — 27 die ſchlechte Entſchuldigung zu hören, die van Zweeden anführte, um ſein Vergehen zu bedecken.„Zeigen Sie ſie nur, damit ich ſehe, ob ich den Schlüſſel nachma⸗ chen kann.“ Bebend händigte der Konmis die Abdrücke Vater Bram ein, der damit an das Billard trat, um ſie bei dem Lichte zu betrachten. „Mm Gottes willen,“ ſagte van Zweeden,„nun werden ſie ja Alle ſehen, was ich Ihnen gegeben habe.“ 8 „Laſſen Sie ſie nur ſehen, das iſt gerade nichts ſo Beſonderes in dieſem Hauſe!“ Und mit ſeinem Kennerauge betrachtete er jeden der Abdrücke, verglich ſie dann mit einander und legte ſie in eine große kup⸗ ferne Tabaksdoſe, die er bei ſich trug.. 4„Sind ſie gut?“ fragte van Zweeden in ängſtlichem one. Bram nickte bejahend. „Morgen Abend,“ ſagte er,„oder übermorgen, denn morgen habe ich viel zu thun, werden die Schlüſ⸗ ſel fertig ſein. Aber wie werden wir die Schlüſſel be⸗ nützen, denn dazu müſſen wir doch im Komptoir ſein, und wie das ohne Gefahr?“ „Das will ich Ihnen ſagen, Herr Bram,“ ant⸗ wortete van Zweeden,„aber vorher muß ich Sie um etwas bttten, Sie können mir einen Dienſt erweiſen.“ „Ich,“ rief Vater Bram,„ich Ihnen einen Dienſt erweiſen?“ „Ja, das können Sie, wenn Sie wollen, und Sie werden mich für immer verpflichten, und wenn ich Ihnen wieder einen Dienſt erweiſen kann, werde ich nicht ſäumen, Sie können darauf rechnen.“ „Nun, was wollen Sie denn?“ fragte Bram un⸗ geduldig,„ſprechen Sie, aber ohne Umwege.“ „Leihen Sie mir einen Thaler, Herr Bram, ich werde Ihnen das Geld zurückgeben, ſobald...“ „Nein, beſter Freund,“ antwortete Bram,„Geld 28 leihen, nein, das iſt nicht meine Sache, ich habe es mir ein für allemal vorgenommen. Jetzt bin ich, Gott beſſere es, auch Alles, nur nicht reich, aber wenn ich das thun würde, könnt' ich betteln gehen.“ „Aber ich habe nichts mehr,“ fiel ihm van Zwee⸗ den in die Rede, der nun muthiger geworden war. „Ich habe keinen einzigen Deut mehr.“ „Das thut mir leid für Sie,“ ſagte Bram,„aber tröſten Sie ſich mit dem Gedanken, daß Sie nicht der Einzige ſind, der kein moos in de bloedvin hat.“ „Ach,“ ſprach der Unglückliche in bittendem Tone, „Sie ſagen das nur aus Scherz und werden mir wohl Etwas leihen.“ „Gewiß nicht.“ „Aber ohne Geld kann ich ja nicht auskommen.“ „Nun, das wird ſchon gehen, der krumme David iſt ein guter Kerl, der einem ſo guten Kunden, wie Sie, keinen Nachtaufenthalt verweigern wird. „Aber ich muß doch etwas haben, und geſtern Nacht hat David mir erſt für ſechzehn Stüber Kredit gegeben, und höher geht er nicht.“ 3 —„Nun,“ ſagte Bram endlich,„ich habe Mitleiden mit Ihnen, Geld leihe ich nicht, und är es auch meinem eigenen Bruder, aber trinken können Sie heute, ſo viel Sie wollen und ich werde David ſagen, daß ich dafür bürge.“ „Gut, gut!“ rief van Zweeden, dankbar die Hand des Einäugigen drückend.„Jim ſchnell, wie ich ge⸗ wohnt bin!“ Jim ſetzte eine zinnerne Kanne und zugleich ein Kelchchen vor van Zweeden und kein ermatteter Rei⸗ ſender in den Sandwüſten von Arabien kann mit heftigerer Gier das Waſſer wegſchlingen, das ihn der Zufall finden läßt, als Smith's Kommis auf den be⸗ täubenden Trank losfiel, der vor ihm ſtand. Nachdem er ein paar Gläſer geleert hatte, ſchüt⸗ telte er ſich, wie einer, der aus dem Waſſer kommt 29 und der aufmerkſame Betrachter, welcher ihn in dieſem Augenblick beobachtet hätte, würde bemerkt haben, daß neues Leben durch den kraftloſen Körper drang. „Nun zur Sache,“ begann Bram wieder das Ge⸗ ſpräch,„können Sie Gelegenheit finden, mich in das Komptoir zu bringen, denn ich will allein mit Ihnen arbeiten?“ „O warum nicht!“ antwortete van Zweeden, „Smith geht gewöhnlich Abends nach zehn Uhr aus und kommt erſt ſpät in der Nacht zurück und darauf habe ich meinen Plan gebaut. Wir ſind zwei Kom⸗ mis auf dem Komptoir und gehen gewöhnlich um acht Uhr nach Haus. Gerade vor acht Uhr werde ich mich krank ſtellen und gehen zu dürfen bitten; doch ſtatt das Komptoir zu verlaſſen, werde ich mich in einem Kaſten, der auf der Flur ſteht, verbergen, und wenn Palm mein Kollege fort iſt und der Patron gleichfalls das Haus verlaſſen hat, werde ich Ihnen die Thüre öffnen und Sie hereinlaſſen.“ 4 „Sehr gut erdacht,“ mit dieſen Worten gab Bram ſeine Zuſtimmung zu erkennen,„doch ſprechen Sie et⸗ was leiſer: ſo eben konnte ich Sie beinahe nicht ver⸗ ſtehen und jetzt ſchreien Sie, als ob Jeder hören ſollte, was Sie ſagen.“ Darauf verfolgten beide Männer flüſternd ihr Geſpräch.. III. Das Wirthshans: De vliegende Visch. Wir haben ſchon früher erzählt, daß der Kolonel Auguſt van Bergen, ſelbſt nicht ohne Verdienſt Maler, zugleich eine kleine Sammlung von Meiſterſtücken be⸗ ſaß. Dies kleine Kabinet zu vermehren, war ſtets ſein Beſtreben, obwohl er dabei mit Geſchmack und ohne Uebereilung, das wahre Zeichen des echten Kunſtlieb⸗ habers, zu Werke ging. Es ſchien, als ob er in der Kunſt ſeinen Troſt ſuche für das Leiden, das heimlich in ſeinem Innern wühlte, und beſonders durch getäuſchte Hoffnungen verurſucht wurde, da alle Nachforſchungen nach Mathildens Sohn ohne Reſultat blieben. Der Wunſch, ſich vielleicht um ſehr billigen Preis ein Bild anzueignen, von einem Meiſter, deſſen Ar⸗ beiten ſeine Sammlung noch nicht zierten, ließ ihn blindlings in die Schlinge gehen, die Albert Droſt und ſein Freund ihm gelegt hatten. Als er in das Zimmer der beiden ſogenannten Freunde trat, ſaßen dieſe noch am Frühſtück, woran der Maler aber wenig Geſchmack zu finden ſchien, denn bald hatte er genug und lief mit ſichtbarer Furcht und einer gewiſſen Haſt durch das Zimmer, während ſein Geſicht ſo blaß war, daß der Kolonel bei dem erſten Erblicken Alberts fragte, ob der Maler krank ſei. „Unwohl, nein,“ antwortete Droſt mit ſchmerz⸗ lichem Lächeln,„aber ich habe die Nacht ſchlaflos zu⸗ gebracht, dadurch iſt mir die Eßluſt genommen und, kdit ich glaube, wirkt das nicht gut auf die Geſichts⸗ arbe.“ „Es iſt ſchon nahe an elf Uhr,“ ſagte der Kolonel, auf ſeine Uhr ſehend,„wenn die Herren bereit find.“ „Ich habe, Gott ſei Dank, nicht über ſchlafloſe Nächte zu klagen, wie van der Meer,“ ſagte der Herr de Hart, ſonſt Gijs, der Dichter, um die Aufmerk⸗ ſamkeit des Kolonel abzulenken, vich laſſe das den Schwermüthigen und Verliebten und glaube, daß van der Meer zu den Letzteren gehört. Ich für mich gehe fröhlich durch das Leben, ohne mich mit Sorgen zu beſchweren, und was Verliebtheit betrifft,“ fuhr Gijs fort, während er ſich anſchickte, mit der Geſellſchaft das Zimmer zu verlaſſen,„ſobald ich ein hübſches 31 Mädchen ſehe, bin ich bis über die Ohren in ſie ver⸗ liebt, aber das dauert nicht länger als eine Stunde, und es iſt nie ſo heftig, daß es mir nur ein halbes Stündchen von meiner Nachtruhe rauben würde. Aber komme, van der Meer, Du ſtehſt da, als ob wir ſtun⸗ denlang Zeit hätten, ſiehſt Du denn nicht, daß der Herr Kolonel wartet?“ Albert Droſt ſchien wirklich keinen Entſchluß faſſen zu können; ein beſſeres Gefühl widerſetzte ſich ſeinem Vorhaben; doch endlich triumphirte die Noth: er mußte ja, wollte er glücklich ſein... und nicht allein er, aber Nancy... Ehe ſie das Hôtel des Pays-Bas verließen, ent⸗ fernte ſich Gijs einige Augenblicke, um die Rechnung zu bezahlen, und ließ die Koffer nach einem Schiffhaus bringen, wo er ſie nach ſeiner Ausſage zu finden hoffte, da er vorgab, mit ſeinem Freunde nach Zwol zu gehen und die Reiſe dorthin mit dem Beurtmann machen zu wollen. Es ſchmerzte Gijs zwar, die Rechnung zu bezahlen, da er ruhig das Hötel hätte verlaſſen können, ohne das Geld auszugeben, aber es geſchah auf aus⸗ drücklichen Befehl Brams, der hierin ein Mittel zu ſehen meinte, alle gerichtlichen Nachforſchungen abzu⸗ ſchneiden. „Wir find bereit, Herr Kolonel!“ ſprach der Dich⸗ ter, ſich wieder zu den Wartenden begebend. „Allons donc, en route messieurs!“ rief der Kolonel luſtig. Albert folgte, obwohl ſeine Füße ihm beinahe den Dienſt verſagten; ſein Gewiſſen ſchien jeden ſeiner Schritte zurückzuhalten. Auf verſchiedenen Umwegen durch eine Menge Gaſſen und Straßen kamen ſie endlich in den Suiker⸗ bakkerſteeg. Unſer Maler ſprach kein einziges Wort; je mehr ſie ſich dem verwünſchten Orte näherten, deſto größer wurde ſeine Angſt und der Athem ſtockte ihm bei jedem 32 Worte, das der Kolonel ſprach, der ohne Arg und ohne alles Mißtrauen ſeinem Verderben entgegenging. „Der Teufel mag wiſſen, wo das Wirthshaus iſt!“ ſagte Gijs, nach allen Seiten ſehend. „Haben Sie nicht geſagt, daß es De vliegende visch heißt?“ fragte der Kolonel. „Ja,“ gab der Dichter zur Antwort. „Dann wird es wahrſcheinlich hier ſein,“ fuhr Auguſt fort, vor der Wohnung David Rams ſtehen bleibend,„auf dem Schilde leſe ich wenigſtens De vliegende visch.“ „Ah, da iſt es auch und ich ſehe ſchon den ein⸗ äugigen Wirth in dem Vorhaus. Nicht wahr, van der Meer, hier iſt es?“ „Ja, ja,“ rief der Maler, mit unglaublicher Mühe die bejahende Antwort auf des Dichters Frage heraus⸗ bringend.. Sie traten ein. „Meine Herren,“ ſprach Vater Bram, der die Rolle des Wirthes ſpielte, mit ſcheinbarer Verwunde⸗ rung ſolch' anſehnliche Geſellſchaft eintreten ſehend. „Wenn ich mich recht erinnere, dieſelben Herren von Fuſternt fuhr er, auf Gijs und Albert Droſt zeigend, ort. „Dieſelben,“ antwortete Gijs, der das Wort führte, obwohl er Mühe hatte, ſich des Lachens zu enthalten, als er die Geſchäftigkeit und Höfllichkeit ſah, die dem beſten Wirihe zur CEhre gereicht hätte. Bram hatte bald drei Stühle herbeigeſtellt und mit der ledernen Kappe David Rams in der Hand, erſuchte er die Herren, ſich niederzuſetzen. „Ich danke Euch,“ ſagte van Bergen,„der Grund unſeres Hieherkommens iſt eine Malerei„ die ſich hier befinden muß.“— „Der Herr meint das alte Bild, das in dem hin⸗ tern Zimmer hängt?“ 33 „Ja wohl, das Stück, das wir geſtern geſehen haben,“ fügte Giſs bei. „Könnten wir es nicht einmal ſehen?“ fragte van Bergen. „Warum nicht, mein Herr,“ ſprach der Pſeudo⸗ wirth,„es iſt zu ſehen und zu kaufen für Jedermann, der einen mäßigen Preis dafür bietet. Es iſt ein altes Stück und vielleicht mehr als hundert Jahre das Eigen⸗ thum meiner Familie. Mein Vater hat es mir hinter⸗ laſſen, und dieſer hat es von ſeinem Großvater und ſo fort: ſoviel iſt daher ſicher, daß es nicht im letzten Jahrhundert gemalt iſt.“. „Nun, wenn es mir gefällt, wäre ich vielleicht nicht ungeneigt, es zu kaufen,“ erklärte der Kolonel, „doch zuerſt möchte ich es ſehen.“ „Es hängt im hintern Zimmer, wollen mir die Herren folgen! Doch ich will zuvor die Thüre ſchließen, denn während wir hinten ſind, könnte Jemand kom⸗ men, der mehr holte, als brächte. Ich wohne hier in einem Staditheil, wo man nicht genug auf der Hut ſein kann!“ Bram ſchloß die Vorderthüre und die Herren, von dem Einaug angeführt, begaben ſich in das angezeigte Zimmer. Fräher ſchon gaben wir eine kurze Beſchreibung des Hauſes, das David Ram bewohnte, jetzt halten wir es für nöthig, das Folgende noch hinzuzufügen. Sinter dem ſogenannten Kaffeezimmer befand ſich ein kleines Gemach, das als Küche diente und mit einer Bettſtatt verſehen war, worin Vater und Sohn nach vollbrachtem Bacchusdienſte von den Mühen des Tages ausruhten, um dem Morpheus zu opfern. Das Küchengeräthe, beſtehend aus ein paar Töpfen und Pfannen und ebenſo vielen ſtählernen Gabeln und zinnernen Löffeln, lag da und dort, mit Schmutz und Staub bedeckt, auf dem Boden, während die Roſtflecken, die die eiſerne Platte unter dem breiten altväteriſchen 34 Kamine bedeckten, deutlich zeigten, daß man die Rein⸗ lichkeit ſich hier nicht zur Aufgabe gemacht habe. Dieſe Küche oder dieſes Hintergemach, wie man es nennen will, erhielt das Tageslicht von zwei kleinen Fenſtern, welche von innen mit feſten Läden verſehen war, die mit ſchweren eiſernen Nägeln geſchloſſen werden konn⸗ ten und das Eindringen unmöglich machten, denn Da⸗ vid Ram, der ſelbſt nichts taugte, baute wenig auf die Ehrlichkeit ſeiner Nachbarn und bewahrheitete damit den Spruch: Wie der Wirth iſt, ſo traut er den Gäſten. Eine kleine Thüre mit einem feſten Schloß ver⸗ ſehen, ging auf einen Platz, der zum Aufbewahren von Kalk und Abbruch diente, und war gleichſam der Mit⸗ telpunkt des Labyrinths von Gaſſen und engen Stra⸗ ßen, welche die Duivelshoek bildeten. Bei unſrer er⸗ ſten Beſchreibung des Hauſes machten wir den Leſer auf den Gebrauch aufmerkſam, der von der Thüre ge⸗ macht wurde. Oft ſah man bei dem Erſcheinen von Gerichtsdie⸗ nern, durch dieſe Thüre die meiſten Gäſte das ſoge⸗ nannte Kaffeezimmer verlaſſen, da der größte Theil der Beſucher des Trom beſondere Gründe hatte, mit den Wets’¹) ſorgfältig jede Begegnung zu vermeiden. In einer Ecke des von uns beſchriebenen Zimmers befand ſich ein großer Laden mit einem eiſernen Ringe, welcher Laden den Eingang in den Keller bedeckte, in welchen man auf einer ſteinernen Treppe gelangte. Früher war die Wohnung in zwei Theile vermie⸗ thet, nämlich das Vorhaus mit dem Kaffeezimmer, und das Hintergemach oder die Küche beſonders; dadurch war auch der Keller in zwei Theile zerfallen. Der Vorderkeller unter dem Vorhaus bis in das Kaffeezimmer war durch eine ſteinerne Mauer von dem Hinterkeller getrennt, der ſich unter der Küche befand. 1) Gerichtsdiener. 35 Der Eingang des Vorderkellers war in dem Vorder⸗ haus, der des Hinterkellers in der Küche. In der Mauer, welche den Keller trennte, war ein kleines, viereckiges Fenſter angebracht, um die Luft durchzulaſſen, da der Keller früher zum Aufbewahrungs⸗ platz von Fellen und dergleichen Waaren gedient hatte, welche von Zeit zu Zeit friſche Luft nöthig haben. Ein kleines Eiſengitter in dem Hinterkeller ver⸗ ſchaffte ſo viel Licht und Luft, als durch eine kleine, gegitterte Oeffnung dringen kann. Die Zimmer des zweiten Stockes waren unbewohnt und wurden als Waarenlager benutzt. Nach dieſer kurzen architektoniſchen Abſchweifung, faſſen wir den Faden unſerer Geſchichte wieder auf. „Das Zeug liegt da etwas unter einander,“ ſagte Vater Bram, während ſie durch das Kaffeezimmer gin⸗ gen,„doch ich habe die Herren nicht erwartet, ſonſt würde ich geſorgt haben, daß Alles in Ordnung iſt, während des Tags kommt Niemand.“ Die Läden der Küchenfenſter hatte David ſorgfältig geſchloſſen, ſo daß eine tiefe Finſterniß herrſchte, als der Kolonel in das Gemach trat. „Aber ich kann hier keine Hand vor den Augen ſehen,“ ſagte van Bergen, der vergebens den Ort, wo das Bild hängen ſollte, zu finden ſuchte. Alberts Herz klopfte hörbar. Der Zeitpunkt, der verwünſchte Zeitpunkt, von dem er ſich kein großes Glück verſprach, war da! Wie gerne wäre er zurückgetreten; doch er war ſchon ſoweit gegangen, und gegenüber ſei⸗ nem warnenden und drohenden Gewiſſen blieb er, was er geworden war. 3 2„Warten Sie,“ ſagte Bram,„ich werde meiner Frau rufen, daß ſie die Fenſterläden öffnet;“ und dar⸗ auf ſeine Stimme erhebend, rief er, des Namens von Rams Tochter ſich bedienend, den einzigen Frauen⸗ namen, der ihm vielleicht in dieſem Augenblick einfiel; „Mat, mache die Läden auf!“ 36 Ddiieſe Liſt diente dem krummen David und Jim, die ſich der Verabredung gemäß in einem Kaſten ver⸗ ſteckt hatten, zum Zeichen, daß die Sache ſoweit in Ordnung war; und im ſelben Augenblick ſah man Jim auf Händen und Füßen aus ſeinem Schlupfwinkel ſchlei⸗ chen, während Bram, um die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, das Geſpräch wieder auffaßte. „Der Mann, der vor einiger Zeit hier war,“ ſagte er,„kam geſtern wieder, kurz nachdem die Herren fort⸗ gegangen waren, und erhöhte ſein Anbot für das Bild mit noch zwanzig Gulden...“ „Und Ihr habt es ihm alſo nicht verkauft?“ „Durchaus nicht, mein Herr,“ verſicherte Bram, „denn obgleich ich nicht das Unterſte aus der Kanne haben will, habe ich doch nicht im Sinne, das Bild her⸗ zuſchenken.“ Jetzt ſah Bram, daß Jim bis hinter den Kolonel gekrochen war, und alle ſeine Kräfte ſammelnd, gab er van Bergen, der nicht das Mindeſte ahnte, einen ſo heftigen Stoß gegen die Bruſt, daß dieſer ein paar Schritte zurückſtürzend, über Jim ſtrauchelte und zu Boden fiel. „Was hat das zu bedeuten?“ rief van Bergen, erſchreckt durch den Fall. Er hatte aber nicht Zeit, nach mehr Aufklärung zu fragen, denn unmittelbar darauf fiel David, indeſſen auch aus ſeinem Schlupfwinkel ge⸗ krochen, nebſt Bram, Gijs und Albert auf ihn ein, wodurch ihm das Aufſtehen mit einem Male unmöglich gemacht wurde. „Großer Gott! Menſchen, was wollt ihr?“ rief Auguſt van Bergen. Mehr konnte er nicht ſprechen, denn es wurde ihm ein Pfropf in den Mund geſteckt, der ſchon zuvor in Bereitſchaft gehalten war. Schnell nahm Bram das Portefeuille aus der Taſche des Un⸗ glücklichen, und ein lauter Jubelſchrei war das Ein⸗ zige, was aus des Räubers Munde drang, als er den Wechſel fand. 37 „Ha! ha! fockse oksener met de zwiebel; tik met den bengel,“ rief Jim, ſich der prächtigen Uhr des Kolonel bemächtigend,„das iſt mein gelep in de massematten.“ „Nein, Jim!“ rief Gijs,„gijlek doen!“ und wüthend griff er nach der Uhr. „Sen eij amge!? rief Jim,„die Hände weg, oder ich werde ſie Dir neêr blikkeren.“ „Keinen Streit, Jungen!“ rief Bram, der mit Hülfe Davids die Arme und Füße des Kolonel gebun⸗ den hatte, was mit keiner großen Mühe verbunden war, da der getäuſchte Auguſt van Bergen, ſehend, daß alle Gegenwehr fruchtlos war, es geduldig zuließ.„Keinen Streit, Jungen, helfe mir Einer, um ihn in den Kel⸗ ler zu bringen, Ihr habt doch für Stroh geſorgt, Daaf?“ „Das habe ich,“ ſprach der krumme Wirth. „Nun, Maler, leg' auch'mal die Hände an's Werk,“ klang die gebietende Stimme Brams. Albert ſtand, ohne an alle dem, was vorfiel, Antheil zu neh⸗ men, die Arme über einander geſchlagen, in einer Ecke des Gemachs. „Zim, öffne den Laden. Er kann doch Athem holen?“ fragte Albert Droſt, auf den Pfropf zeigend, den ſie dem Kolonel in den Mund geſteckt hatten. „So was, wie ein Schellſiſch, der auf dem Markte liegt,“ ſpottete Jim. „Aber er könnte erſticken. Wenn er verſpricht, ſtille zu ſein, müſſen wir ihn den Pfropf abnehmen.“ Der Kolonel dankte Albert mit den Blicken; er nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er ſich nicht rühren werde. „Dann, wenn wir im Keller ſind,“ ſagte Bram, nkomm'!“. Der Kolonel wurde darauf durch den geöffneten Bodendeckel in den Keller gebracht und da auf einen Bund Stroh gelegt. „Haben ſie in dem Hôtel des Pays. Bas auch ſo weiche Betten?“ fragte in ſtolzem Tone der tapfere Jim Ram, einer der Sieger, das Wort Pays-Bas erbärm⸗ lich radebrechend. Ram befreite den Kolonel von dem Mundpfropf, und kaum war es geſchehen, als Auguſt frug: „Um Gottes willen, ſagt mir doch, was ihr mit mir thun wollt.“. „Schweigt!“ rief David,„kein Wort, oder Ihr ſchweigt für immer.“ Und ein Meſſer aus ſeiner Taſche holend, ſchwang er es vor den Augen des Kolonel. „Kommt, wir haben jetzt nichts mehr hier zu thun,“ fuhr Bram fort, ſich an ſeine Kameraden wendend. Er ſtieg wieder die Kellertreppe hinauf, während ihm die Uebrigen folgten. Albert Droſt war der Letzte, der den Keller ver⸗ ließ und den Augenblick wahrnehmend, in welchem Nie⸗ mand auf ihn ſah, beugte er ſich zu van Bergen hin und flüſterte ihm leiſe zu:„Fürchten Sie ſich nicht, es ſoll Ihnen kein Leid geſchehen, morgen werden Sie wieder frei ſein.“ Als Alle oben waren, ließ David den Laden auf das Loch fallen und ſchob einen Riegel vor, ſo daß es unmöglich war, von innen zu öffnen. „Nun ſogleich De vligende visch weggenommen,“ gebot Bram,„und Het mooriaantje wieder dafür hin⸗ geſetzt.“ Der Befehl wurde augenblicklich vollzogen, wor⸗ auf Bram den Maler und Gijs anſprach: „Morgen könnt ihr euer Geld haben,“ ſagte er, „doch Gijs muß zuvor hinten auf den Wechſel ſchreiben: „Für mich an den Herrn, den Herrn... ja welchen Namen werden wir nehmen, ſetzt nur hin für mich, an den Herrn S. Meijer. Meijer iſt ein Name, den Je⸗ der haben kann, aber ſetze lieber dieſe Unterſchrift dar⸗ unter,“ fügte er hinzu, ein Stück Papier aus ſeiner Taſche holend, worauf der Name Auguſt van Bergen geſchrieben war.„Aber macht es gut nach, vielleicht 39 iſt die Unterſchrift Auguſt van Bergens den⸗ Bergpliet Brongers und Comp. nicht bekannt, doch iſt es immer beſſer, ſicher zu gehen.“ Gijs hatte bald ſeinen Auftrag ausgeführt, worauf Bram den Wechſel zu ſich ſteckte. „Nun, morgen bekommen wir unſer Geld,“ ſagte der Dichter,„ich habe nichts dagegen, denn ich weiß, daß Ihr ein ehrlicher Kerl ſeid und eine gewerbers nicht opredderen werdet, darum werde ich auch nicht sliegene, um Euch zu zwingen, mir massomne zu geben. Aber ich will nicht, daß der teufliſche Junge fockse oksener met de zwiebel für ſich allein be⸗ hält, wir müſſen gillek doen, ich will auch mein gel⸗ lep in die massematten hebben.“ „Ich will verd... ſein, wenn Ihr ſie bekommt,“ rief Jim, der die Uhr zwiſchen das Band ſeiner Hoſe geſteckt hatte, ſo daß die Kette gut ſichtbar war. „Ich hab' einen tüchtigen Tritt bekommen, als ich hinter ihm lag und dafür nahm ich tik met den bengel... wenn Euch das nicht recht iſt, ſo verslie- gene mich; godel wohnt hier in der Nähe.“ „Komm' Gijs,“ ſo ſuchte David die Streitenden zu verſöhnen,„morgen kriegt Ihr ja moos genug. Laſſet Jim die Kleinigkeit behalten, der Junge hat doch ſein Beſtes gethan.“ „Und wir nicht minder, wenn Albert nichts thut, werde ich zeigen, daß ich gognum bin und ſie mit Ge⸗ walt nehmen werde, wenn er ſie nicht gutwillig gibt.“ Gijs ſtand auf, um dem Wort die That folgen zu laſſen, aber Bram trat zwiſchen beide und ſprach: „Keinen Streit Jungen, Alles in der Liebe; ich könnte auch meinen gellep in de massematten ver⸗ langen, aber hört auf mich; die Uhr wird ſammt der Kette achtzig Gulden in altem Golde werth ſein; David ſoll Euch und dem Maler jedem fünfundzwanzig Gul⸗ den geben, dann kann Jim die Uhr behalten, wenn er ſo viel Freude daran hat.“ 40 „Das iſt gut,“ begann Gijs wieder,„ich hänge gerade nicht ſo ſehr an der Uhr, denn ſie wäre nur dann ſchön, wenn ſie nicht binnen eines Monats ach- ter de schuine deur ²) wäre. Gebt uns darum fünf⸗ undzwanzig Gulden, krummer Vulkan, dann kann Euer Murmelthier von einem Sohn ſeine ſchieligen Augen blind ſehen und damit baſta.“ „Gib ihnen das Geld, Alter!“ rief Jim ſeinem Vater. Aber der alte David gab durch eine Menge ven Flüchen zu verſtehen, daß er es unmöglich thun önne. „Das lügſt Du!“ rief Jim in ehrerbietigem und gehorſamem Tone,„augenblicklich das Geld oder....“ Er flüſterte ſeinem Vater etwas ins Ohr. David er⸗ aaßh bald widerrief er ſeinen vorigen Beſchluß und prach: „Nun, ich will es thun; wartet einen Augenblick, ich will das Geld holen.“ Damit wollte er das Zim⸗ mer verlaſſen. „Wahrhaftig!“ rief Albert Droſt, der bisher ge⸗ ſchwiegen hatte,„ich glaube, der Krumme hat moos kewoere geborgen ³); laßt aijene ens gaan ³), Gijs, ob Du den Platz, wo es iſt, entdecken kannſt.“ Dieſe Worte, wiewohl im Scherze geſprochen, machte David Ram, der eben das Geld zu holen ging⸗ noch bläſſer, als er ſchon war, und mit einer Stimme, die vor Angſt zitterte, rief er:„Hier iſt nichts kewoere geborgen.“ Und um dieſen Worten noch mehr Nach⸗ druck zu geben, beſtätigte er ſie durch eine Anzahl got⸗ tesläſterlicher Eide, worauf er das Zimmer verließ und kurz darauf mit dem verlangten Gelde erſchien. 4 „Nun,“ ſagte Gijs,„wann müſſen wir kommen, um unſer Gijlek zu empfangen, einäugiger Zyklop?“ 2) In einem Leihhaus. 3) Geld begraben. 4) Sieh mal um Dich. — 41 „Morgen um zwölf Uhr werde ich hier ſein,“ ant⸗ wortete Bram. „Das iſt gut,“ ſprach Gijs,„keine putzen, Bram, denn ich will verd... ſein, wenn ich ſonſt nicht als moosser doorslaan werde, und die ganze Geſchichte des princerij sliegene, und Ibr ſeid klug genug, n zu wiſſen, daß ich dann beſſer wegkomme, als J r.“ „Habe ich je einen gewerber opgeredderd?“ frug Bram, mit einem Geſichte, als ob er der ehrlichſte Mann der Welt wäre, und warum ſollte ich es auch thun? Wenn Ihr morgen kommt, ſo liegt das moos bereit; wenigſtens, wenn ich nicht gesjeft werde, wo⸗ für der Himmel den guten Vater Bram bewahre!“ „Kommt, nun ein nurrie,“ ſagte Gijs, während er mit dem Gelde, das er in der Taſche hatte, raſſelte, „aber zuerſt jajim, denn meine Zunge iſt etwas zu fein für jim, und ich glaube, daß ich einen luſtigen Tag dafür haben werde und eine gute Nacht auch, hal ha! eine Schöne, Jungen, eine Schöne, wie ſeit meinen guten Tagen keine mehr an meiner Seite lag. Gehſt Du mit mir, Maler?“ „Nein,“ antwortete dieſer,„ich glaube, es iſt beſ⸗ ſer, wenn wir den Tag über nicht mit einander geſe⸗ hen werden.“ „Gewiß,“ ſprach Bram,„geht Ihr durch die Vor⸗ derthüre hinaus, dann kann der Maler durch die Hin⸗ terthüre gehen; man kann nicht wiſſen, Vorſicht ſchadet nie und iſt die Mutter der Weisheit.“ 3 Nun die Zeit verfliegt, und ich muß heute noch viel Vergnügen haben, denn morgen bekomme ich wie⸗ der neues Geld, Vielleicht, daß ich reite, ich habe das ſeit meinen guten Tagen nicht gethan und bin noch gut genug gekleidet. Es iſt mir leid, daß das Viertel hier ſo gemein iſt, ſonſt würde ich hier vorüber reiten.“ „Ich wünſchte, daß Du den Hals brächeſt,“ war Amſterdams Geheimniſſe. II, 4 42 der fromme Wunſch, den Jim dem unverbeſſerlichen Verſchwender nachſandte.. Als David mit ſeinem Sohne allein war, denn Bram war Albert und Gijs bald gefolgt, ſagte Ram: „Wahrlich Jim, ich habe im Sinne, ſo bald die Sache mit dem Kolonel vorüber iſt, mein Haus zu veräußern und irgendwo außer der Stadt ein gutes Wirthshaus zu kaufen, um da als ehrlicher Mann zu leben.“ „Als ehrlicher Mann!“ rief Jim herzlich lachend, „David ein ehrlicher Mann!“— „Ich will ehrlich leben, Junge,“ wiederholte Da⸗ vid,„nicht ſo ſehr darum, weil ich die Ehrlichkeit ſo ſchön finde, ſondern weil ich fürchte, wenn ich ſo fort⸗ lebe wie jetzt, ſo komme ich bald auf't schollem.“ „Nun was mich betrifft, Alter, Du kannſt thun, was Du wilſt, ich wenigſtens habe nicht im Sinne, länger bei Dir zu bleiben.“ „Warum nicht Jim?“ frug der Vater. „Das weißt Du ſo gut, Alter, als ich ſelbſt. Ich glaube, Du wirſt vor Freude aus der Haut fahren, wenn Du hörſt, daß ich ertrunken bin oder den Hals gebrochen habe, und da es wohl einmal geſchehen könnte, daß Du mir, wenn ich betrunken bin und wir allein ſind, einen einzigen Schlag auf den Kopf geben wür⸗ deſt, daß ich das Aufſtehen vergeſſen und Du den Leu⸗ ten dann weiß machen würdeſt, daß ich gefallen ſei oder ſo etwas, darum will ich Dir lieber aus den Au⸗ gen gehen und...“. „Aber Jim, warum ſollte ich Dich om gaaijes maken, biſt Du denn nicht mein Sohn?“ „Darum wirſt Du Dich nicht kümmern, Alter, Du wirſt mich morden, um mich zu hindern, Dich zu verslie⸗ gene, denn Du weißt eben ſo gut als ich, Alter, daß wenn ich den Mund öffne, Du naar de klienje gaat 5), ſo gewiß, als zwei mal zwei vier iſt.“ 5) Zum Tode verurtheilt werden. . 43 „Und Du würdeſt auch nicht freigeſprochen wer⸗ den, Jim, meester Haus zou jou even z00 goed een ruim uitzigt over de Nieuwe markt geven als mij 6⁶), darum iſt es Deine eigene Sache, zu ſchweigen.“ „Bah, die Princerij würde mich nicht aufhängen laſſen, wenn ich als moosser doorsloeg, die ſchwerſte Strafe für mich wäre, daß ſie mich den langen han⸗ 6) Der Scharfrichter wuͤrde Dich ſo gut als mich auf⸗ haͤngen. Um dieſen Ausdruck den Leſern zu erklä⸗ ren, iſt es noͤthig zu bemerken, daß die Hinrichtung in Amſterdam auf einem rothbemalten hoͤlzernen Schaffote vollzogen ward, welches vor dem Sint⸗ Anthonies waag(fruͤher, als die Stadt noch klei⸗ ner war, an einem Thore) aufgeſchlagen iſt, welche waag(Waghaus) in der Mitte des neuen Mark⸗ tes ſteht. Daher der Ausdruck, een ruim uit- zigt over de Nieuwe markt(eine weite Ausſicht auf den neuen Markt). Dies Schaffot wurde Abends vor der Hinrichtung, meiſtens Freitag Abend, auf⸗ geſchlagen, da man durchgängig gewoͤhnt iſt, Sam⸗ ſtags zu Amſterdam, zur ſittlichen Beſſerung der Menſchheit(2) zu hängen, geißeln und brandmar⸗ ken, und am ſelben Abend nach der Hinrichtung wieder abgebrochen. Fruͤher wurde das Schaffot auf dem Dam errichtet, auch wohl vor dem Stadt⸗ hauſe, dem gegenwaͤrtigen Palais. Noch gar nicht lange her iſt es, daß die Leichname der zum Tode gebrachten Verbrecher an einen ſteinernen Galgen auf dem ſogenannten Galgenfeld gehaͤngt wurden, oder auf Räder gelegt, um den Raubvoͤgeln zur Speiſe zu dienen. Durch Abſchaffung dieſer Bar⸗ barei hat unſer Jahrhundert gezeigt, daß es in der ſittlichen Cultur einiger Maßen vorgeſchritten iſt.(Einiger Maßen! 111) — — nes kussen lieten ⁷), oder mich zum ridder sloegen 8), und wenn ich einen geſchickten bemoeijah hätte, würde er mich viri de liimeren wiſſen 5). Glaube mir, er würde wohl Etwas zu ſagen wiſſen, er würde von meiner Jugend ſprechen, von dem ſſchlechten Vorbild, das ich immer vor Augen hatte; eine verwahrloste Er⸗ ziehung und von der Reue, die ich durch das Angeben an den Tag lege. Ich habe all' die ſchönen Worte gehört, als ein bemoeial, der ſehr gognune war, kürz⸗ lich für Toon Kuud plaidirte, der mit ſeinem Vater, dem ſtarken Manus, die Frau in de Meer ermordete und darauf ſelbſt als moosser doorsloeg. Du haſt ſie beide gekannt, Alter, und weißt, wie die Sache abgelaufen iſt: Toontje hat te kijk gestaan 1⁰) mit einem Strick um den Hals und iſt auf fünfzehn Jahre gesjeft; aber der ſtarke Manus iſt naar de klienje gegaan und als er auf die snijkamer ¹¹) kam, haben die Studenten geſtritten um einen Arm oder einen Fuß von ihm, weil er ſo groß und fleiſchig war... um Dich werden ſie das nicht thun und das iſt ein großer Troſt.“ Ein kalter Schauer lief David durch die Glieder, als ſein phantaſtereicher Sohn ihm dieß Schauſpiel vor die Augen hielt; es war als ob er aus dem Munde ſeines Sohnes eine Weiſſagung vernähme und 7) Geißeln ließen 8) Dieſer Ausdruck wurde fruͤher in dem Zuchthauſe zu Amſterdam ſtatt brandmarken gebraucht, wahr⸗ ſcheinlich weil das Stadtwappen(drei Kreuze) auf dem Brenneiſen ſtand. 9) Freigeſprochen. 10) Zur Schau geſtanden. 1 11) Anatomiſche Theater, ein Saal über dem ſoge⸗ nannten Sint Anthonies waag, wo der Unter⸗ richt im Seziren gegeben wird. 45 deßhalb ſagte er, ſein Geſicht zu einem abſcheulichen Lachen grinzend:„Hör' doch auf, mit deinem ecklichen Geſchwätz, Jim, ich kenne Dich zu gut, um nicht zu vißen„ daß Du Deinen Vater nicht auf t'schollem ring. „Du wirſt mir die Gelegenheit dazu nehmen, in⸗ dem Du mich om gaaijles machſt und darum, ſobald ich mein gellep in de massematten habe, gehe ich fort, dann kannſt Du thun oder laſſen, was Du willſt, Alter, und wenn Du mir es nicht an moos fehlen läßt, ſo kannſt Du ſicher ſein, daß ich nicht als moos- ser doorslaan werde.“ Nach dieſen Worten füllte Jim ein Glas mit Branntwein, ſah mit innerlicher Selbſtzufriedenheit auf ſeine Uhr und ſtellte ſich an die Thüre, ſeine Ge⸗ wohnheit, wenn er ſich mit ſeinem Vater allein zu Hauſe befand, da er wohl wußte, von welch' großem Intereſſe ſein Tod für David Ram ſein würde, und daß dieſer leicht im Stande wäre, ihn, wenn kein Zeuge zugegen war, zu überfallen und zu ermorden. IV. Lohn nach Werken. „Es iſt wahrlich keine Kleinigkeit,“ ſagte Robert Woeſtbergen, während er mit der Serviette den Mund wiſchte, und ſie neben ſich legte, worauf er eine be⸗ hagliche Haltung in ſeinem Seſſel annahm, ſein Glas füllte und noch einmal ſagte:„Es iſt wahrlich arg, de Raad hat mir heute Mittag auf der Reiſe erzählt und ich kann Euch ſagen, daß ich erſchrecke, ſolch' koſt⸗ bare Juwelen... Hermine iſt rathlos, ſie hat den Diebſtahl lange geheim gehalten, in der Hoffnung, daß es ihr gelingen möchte, den Thäter zu entdecken. Doch jetzt weiß de Raad Alles und die ſtrengſten Nach⸗ forſchungen werden bereits gemacht.“ „Und man hat auf Niemanden Verdacht?“ fragte Mathilde, die neben Madame Woeſtbergen ſaß. „Durchaus nicht!“ antwortete Robert.„Sie wer⸗ den ſchon ſeit geraumer Zeit vermißt, Hermine war mit einigen Freunden auf ihrem Landgute, allein dieſe ſind über allen Verdacht erhaben.“ „Es würde mich nicht wundern, wenn die Ju⸗ welen nicht mehr zurückkämen, ja es würde mich nicht befremden, wenn Madame de Raad den Ort ſehr gut wüßte, wo ſie zu finden,“ bemerkte Madame Woeſt⸗ bergen,„Hermine hat ſchrecklich viel für ihre Toilette nöthig, nur..“ „ouiſe!“ ſagte Mathilde in einem Tone, in wel⸗ chem eine Vertheidigung für die Frau Willem de Raads lag,„in welch' ſchlimmem Verdachte haſt Du Hermine! Sie iſt zwar wohl etwas eitel und gefallfüchtig, aber im Uebrigen eine brave Frau. Hat ſie nicht oft Zei⸗ chen ihres guten Herzens gegeben? Erinnere Dich nur noch in der letzten Zeit die Erziehung des Mädchens.“ „Das auf ſo ſonderbare Weiſe verſchwunden iſt,“ fiel Madame Woeſtbergen ihr in die Rede. „Das Kind iſt geſtohlen worden, davon ſind doch die unwiderſprechlichſten Beweiſe vorhanden.“ Louiſe lachte ironiſch und antwortete:„Wenn man etwas glauben will, kann man leicht Beweiſe für die Wahrheit finden. Das Stehlen der Kinder iſt ganz aus der Mode und kommt nur noch hie und da bei dieſem oder jenem Romanſchreiber vor, da ein geſtoh⸗ lenes Kind immer eine intereſſante Figur in einem Roman iſt und das Wiederfinden ſich ſehr gut aus⸗ nimmt. Heut zu Tage ſucht man viel mehr ſich ſeiner eigenen Kinder zu entledigen, als andere zu ſtehlen; 47 deßhalb kommt mir der Diebſtahl des Mädchens ſon⸗ derbar, ich möchte beinahe ſagen, verdächtig vor.“ Mathilde erblaßte, denn die Worte Louiſens tra⸗ fen ſie wie ein Dolchſtich, während Frau Woeſt⸗ bergen ruhig fortfuhr:„Madame de Raad iſt alſo wohl unglücklich, daß man ſie gerade deſſen beraubte, was ihr das Theuerſte war, und obwohl ich keines⸗ wegs den Diebſtahl der Juwelen oder des Kindes be⸗ zweifeln will, kann ich es ebenſowenig läugnen, daß es mir beſonders verdächtig ſcheint und Madame de Raad wäre gewiß auch nicht die Erſte, die ihre gehei⸗ eaheSchniden mit ſogenannten geſtohlenen Juwelen ezahlte.“ 3 „Wirklich, Louiſe, jetzt gehſt Du etwas zu weit,“ ſagte Robert, ich für mich halte Alles für wahr, was man wegen des Diebſtahls erzählt hat. Denn die Er⸗ fahrung iſt in ſolchen Dingen die beſte Lehrmeiſterin. Man hat mir ein koſtbares Armband, mit welchem ich Dich überraſchen wollte, geſtohlen, ohne daß es mir geglückt iſt, den Thäter zu entdecken. Ich hatte das Armband noch den Abend zuvor Guſtav gezeigt und niemand war ſeit dieſer Zeit in dem Zimmer geweſen.“ „Der Baron von Hunter trifft es ganz beſonders unglücklich, gerade immer zugegen zu ſein, wenn Ge⸗ genſtände von Werth vermißt werden,“ bemerkte Louiſe. „Ich meinerſeits bin ſehr froh, nicht bei Madame de Raad geweſen zu ſein.“ „Da, ha! Louiſe, Du machſt mich lachen, Leute wie wir und der Baron von Hunter ſind doch über allen Verdacht erhaben,“ erklärte Robert,„Jedermann weiß, daß, wenn Du Juwelen wünſchen würdeſt, ich ſie Dir kaufte und was ſoll von Hunter mit Juwelen thun? zu welchem andern Zwecke konnte er ſie gebrau⸗ chen, als ſie zu verkaufen, und wahrhaftig, Guſtav iſt zu reich, um wegen einiger tauſend Gulden ein Dieb zu werden. Glaubt Ihr denn, daß er ſo wenig Eyr⸗ gefühl hätte, um ſtehlen zu können, nein, und wäre ich tauſendmal zugegen geweſen, ich würde mich wenig darum kümmern, und ſo iſt es auch mit Guſtav.“ Die Baronin van Delden van Ransbergen ſpielte, ganz in ſich verſunken, mit dem Deſſertmeſſerchen, das ſie in der Hand hielt, auf dem porzellainenen Teller. Ihre Gedanken waren mit dem Baron von Hunter beſchäf⸗ tigt, der in ihren Augen ſowohl der Dieb der Juwe⸗ len, als des Armbandes ſein mußte. Mathilde kannte ihn, wie er war; ſie wußte, wie er in ſeinen Geſin⸗ nungen geſunken. „Wahrſcheinlich kann van Bergen uns etwas Nä⸗ heres darüber mittheilen,“ ſagte Robert, während er von der Tafel aufſtand und ſich rüſtete, ſeinen gewöhn⸗ lichen Spaziergang nach Tiſch zu machen.„Ich werde vor halb neun Uhr zurück ſein, ma chére,“ fuhr er fort,„da ich noch Einiges zu beſorgen habe. Sollte der Kolonel vor der Zeit kommen, ſo wirſt Du meine Abweſenheit bei ihm entſchuldigen.“ 3 * Herr Woeſtbergen war vor der verabredeten Zeit zu Hauſe, und ſehr verwundert, den Kolonel nicht an⸗ zutreffen. Kaum aber hatte er in ſeinem Armſtuhl Platz genommen, als der Bediente hereintrat, und ihm ein Billet einhändigte. „Von Auguſt, qu'est-ce que ca?“ ſagte Robert, und las flüchtig das Billet durch. 4 „Iſt es der alte Hendrick, der Bediente des Ko⸗ lonel, der das Billet bringt?“ fragte er den Be⸗ dienten. „Nein, mein Herr, ein Kruijer, glaube ich,“ ant⸗ wortete dieſer. „Du weißt ja, Robert, daß der Bediente des Kolonel auf der Reiſe iſt,“ ſagte Louiſe; und dieß war Wahrheit, denn Auguſt van Bergen hatte ſeinen 8 49 alten getreuen Bedienten ausgeſchickt, um nach dem Sohne Mathildens zu forſchen. „O ja, ich erinnere mich,“ ſagte Roberk,„können wir den Kolonel morgen Abend empfangen, Louiſe?“ Madame Woeſtbergen bejahte. 7 „Sage, es werde uns angenehm ſein, den Kolonel morgen zu ſehen,“ trug Woeſtbergen ſeinem Bedienten auf, der darauf das Zimmer verließ. „Auguſt ſchreibt mir Folgendes,“ ſagte Robert und las das Briefchen vor. „Von Hunter abgereiſt!“ rief Mathilde,„und Du haſt nichts davon erfahren, Robert?“ „Ma foi, nein! Es ſcheint gegenwärtig usance zu werden,“ gab Woeſtbergen etwas ärgerlich zur Ant⸗ wort,„daß man abreiſt, ohne ſeinen Freunden Lebe⸗ wohl zu ſagen; der Kolonel van Bergen hat es in die Mode gebracht, als er das Vaterland verließ, ohne daß es Jemand wußte. Enfin, es ärgert mich doch an von Hunter, ich war gerne in ſeiner Geſellſchaft, er war ein aufrichtiger, offener Freund; nun die Urſache ſeiner eiligen Abreiſe werden wir morgen von dem Kolonel vernehmen.. Als der Duikelaar das Billet übergeben hatte, und der Bediente, es ſeinem Herrn zu bringen, ſort⸗ gegangen war, wurde die Vorthüre leiſe geöffnet und der Barbier trat ein. Nachdem er ein paar Worte flüſternd mit dem Duikelaar gewechſelt hatte, ſchlich er durch den Gang, und den Vorſchriften des Mijnheer getreu nachkommend, gelangte er bald in das Zimmer, das wir ſchon früher als Mathildens Boudoir beſchrieben haben. Als Paul in das Zimmer trat, herrſchte tiefe Fin⸗ ſterniß und der Dieb wagte es nicht, einen Schritt vorwärts zu thun, aus Furcht, irgendwo anzuſtoßen, 50 oder etwas umzuwerfen und dadurch ein Geräuſch zu verurſachen. Nach einigen Augenblicken, während welchen er ruhig ſtehen geblieben und ſich überzeugt hatte, daß ſich Niemand nahe, holte er ein blechernes Büchschen aus der Taſche, worin ein Fläſchchen mit Phosphor nebſt einer Wachskerze und Schwefelhölzern war. Er tauchte eines der Hölzer in das Fläſchchen, ſteckte da⸗ it die Kerze an und verſchaffte ſich auf dieſe Weiſe Licht. Sogleich fiel ihm der Alkov ins Auge, von dem von Hunter geſprochen hatte; er ſchlich dorthin, ent⸗ deckte den Kaſten, welcher mit Gardinen verſehen war, und in welchem einige Frauenkleider hingen. Ohne ſich zu bedenken, blies er ſein Kerzchen aus und verbarg ſich in dem Schlupfwinkel, um da den Augenblick ab⸗ zuwarten, den er zur Ausführung ſeines Planes für günſtig halten würde. „Ich bin eigentlich derjenige oder der Einzige, der bei der Geſchichte Etwas wagt,“ ſo reflectirte der Bö⸗ ſewicht,„Vater Bram hat nichts Anderes gethan, als daß er de loensche klee in Ordnung gebracht hat, und glaubt ſich ein beſonderes Verdienſt zu erwerben, wenn er die massematten zu Geld macht. Der Dui⸗ kelaar hätte auch leicht erſetzt werden können, der kleinſte Junge wäre dazu brauchbar geweſen und ſein op giles staan will wenig oder gar nichts heißen. Bram will den mijnheer op redderen, indem er ihm ſein gijlek in den massematten vorenthält und ich glaube, könnte er es mir thun, ſo würde er es auch nicht laſſen, trotz all' ſeiner ſchönen Worte. Hundert⸗ tauſend Gulden, es iſt wahrhaftig keine Kleinigkeit; nein, Paul, Junge, nur nicht blöde und die Beute für Dich behalten. Sobald ich die massematten gehandeld habe, werde ich die Papiere verpatschen und bekomm' ich auch nur ein Dritttheil des Werthes, bin ich ein reicher Mann und kann in einem andern Lande den 51 banjert spelen ¹); ich werde ſie wohl zu verpatschen wiſſen, ohne gerade in Brams Hände zu fallen, und ſie werden ſich nicht gedacht haben, daß Paul ſo gis war, um ſolch' einen put⸗ te maken ²).“ Mit dieſem tröſtlichen Gedanken, ſeiner ſo ganz würdig, beſchäf⸗ tigte ſich Paul in ſeinem Schlupfwinkel, mit Ungeduld den Augenblick erwartend, der ihm zur Ausführung ſeines Planes würdig ſcheinen würde. Die prächtige Standuhr, eine der Zierden des breiten marmornen Kamines leiſtete dem Böſewicht einen wichtigen Dienſt, denn durch ihr wohllautendes Schlagwerk vernahm er, wie ſpät es ſei, und als die Uhr, nach langer Zeit, die Paul eine Ewigkeit ſchien, zwei Schläge hören ließ, kroch er aus ſeinem Kaſten und machte wieder Feuer. Der Barbier war ein geübter Dieb und darum war er zuerſt auf ſeinen Abzug bedacht, ehe er ſich der Beute bemeiſterte.„Denn,“ ſo dachte er,„werde ich entdeckt und man findet, daß ich nichts geſtohlen habe, ſo wird es leicht ſein, für meine Gegenwart einen guten Entſchuldigungsgrund zu finden.“. Paul beſah genau die Läden vor den Fenſtern und als er bemerkte, daß Schellen daran angebracht waren, die dazu dienten, Geräuſch zu machen, wenn das Ein⸗ brechen von Außen verſucht würde, begann er zu lächeln und konnte ſich der Bemerkung nicht enthalten, daß ſie, nämlich die Familie Woeſtbergen, beſſer gethan hätten, den Duikelaar, als er das Billet übergab, auf der Stoep warten zu laſſen, als Schellen an die Läden zu machen, die nun von keinem Nutzen waren. Darauf ——— 1) Wie ein großer Herr leben. Die meiſten Diebe von métier, um uns ſo auszudrücken, haben im Sinne ſich reich zu ſtehlen und dann in einem anderen Lande auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Von den Tauſenden gelingt es kaum einem Einzigen. 2) Um ihnen einen ſolchen Streich zu ſpielen. 52 ſtieg er ohne alles Geräuſch, denn er hatte ſchon auf der Stoep ſeine Schuhe ausgezogen und ſie in der Hand getragen, auf das Fenſtergeſimſe und nahm die Klöppel aus den beiden Glocken, worauf er die eiſernen Hacken der Läden aushob und verſuchte, einen Laden zu öffnen, was ihm auch nach Wunſch gelang. Paul nickte ein paar Mal mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß Alles nach Wunſch ging, und dann den Laden wieder ſchließend, damit der Schein des Lichtes nicht durch die Scheiben dringe, begab er ſich zu dem eiſernen Kaſten, beſah ihn genau von allen Seiten und drückte dann gegen einen der Füße, auf welchem der Kaſten ruhte, wodurch das Plättchen, das das Schlüſ⸗ ſelloch bedeckte, auf die Seite ſprang. Dies konnte nicht ohne einiges Geräuſch geſchehen, ſo daß Paul nach dem Fenſter ging, um beim erſten Zeichen der Bewegung im Hauſe hinauszuſpringen und ſich durch die Flucht zu retten.. Im ganzen Haus rührte ſich nichts. Die Bewoh⸗ ner, in tiefen Schlaf verſunken, bemerkten nichts von dem, was in dem Boudoir Mathildens vorfiel. Paul nahm die Schlüſſel und ſchon der erſte paßte in das Loch; Dank ſei der Gewandtheit, mit der Guſtav den Abdruck genommen, und der Geſchicklichkeit Brams. Der Kaſten war in einem Augenblick geöffnet und das Erſte, was Paul gewahrte, war die blecherne Trommel, von der Guſtav geſprochen. Haſtig ergriff er dieſelbe, doch da ſie geſchloſſen war, mußte er ſie ungeöffnet mitnehmen, was ihm gerade nicht viel Mühe machte, da die Laſt nicht ſchwer war. Er ſchüttelte die Trommel hin und her und merkte dadurch, daß ſie nichts enthielt, was raſſelte, und war deßhalb gewiß, daß ihn der Klang des Geldes oder anderer Dinge nicht verrathen werde. Er nahm die Trommel unter den Arm und ging noch einmal durch das Zimmer, um zu ſehen, ob nicht noch etwas von der Gattung vorhanden ſei, Nachdem ihm nicht ge⸗ 53 lang, etwas zu finden, nahm er ſeine Schuhe in die Hand und ſprang zum Fenſter hinaus. 1 Der Sprunz war nicht hoch, da, wie der Leſer ohne Zweifel ſich erinnern wird, das Boudoir der Wittwe beinahe mit dem Garten hinter dem Hauſe auf gleichem Boden ſtand. Für einen Amſterdamer Garten war er ziemlich groß, da Robert, um ihn zu vergrößern, das Haus in der Reguliersdwarſtraat, an das der Garten früher ſich anſchloß, gekauft hatte und niederreißen ließ, und den Platz zur Vergrößerung des Gartens benützte, der durch eine hohe Mauer, worin eine Thüre angebracht war, von genannter Querſtraße getrennt wurde. Der Mond ſchien hell und leuchtete Paul, der ſich auf der Schattenſeite hielt, auf ſeinem Wege durch den Garten, der von ſchönen fremden Gewächſen und Blumen prangte, die langſam ihrem Abſterben entge⸗ gengingen, denn Amſterdam iſt ein Kirchhof der Blu⸗ men.— Endlich erreichte er die Pforte oder Thüre an der Mauer, hielt ſein Ohr feſt daran, um ſich zu über⸗ zeugen, daß Alles ruhig und keine Bewegung ſich hören laſſe, ſteckte den falſchen Schlüſſel in das Schioß und öffnete ohne große Mühe die Thüre. Auf der Straße hielt er einige Augenblicke ſtill, um Athem zu ſchöpfen, denn während ſich Paul in ſeinem Schlupfwinkel verborgen hielt und den Diebſtahl verübte, klopfte ſein Herz unruhig und der Athem ſtockte. Es war keineswegs die Stimme des Gewiſſens, die den Böſewicht beunruhigte. Was wußte er von Gewiſſen, der Mann, der ſeit ſeiner Jugend ſich allem Leichtſinn hingegeben hatte. Als er den erſten Fehltritt that, ließ ſich dieſe Stimme wohl hören, aber bei je⸗ dem darauffolgenden wurde ſie immer ſchwächer und ſchwächer, und ſein Aufenthalt im Gefängniß machte ſie ganz verſtummen. Nein, es war Furcht vor Ent⸗ deeckung, Furcht vor weltlicher Strafe, die ſeinen Buſen 54 ängſtlich bewegte, Furcht vor Strafe auf dem Schaffot oder im Kerker— andere Strafe kannte er nicht! Endlich machte er ſich bereit, ſeinen Weg fortzu⸗ ſetzen, als er plötzlich in ſeiner Nähe Fußtritte hörte, und wie durch einen Zauberſchlag ſtand ein Mann neben ihm, der mit der einen Hand nach der Trommel griff und mit der andern ihm eine Piſtole auf die Bruſt ſetzte. „Gebt her!“ rief der Unbekannte,„augenblicklich, keine Minute gezögert! Kein Wort oder ich ſchieße Euch nieder!“ Verwundert ſah der Böſewicht den reichgekleideten Unbekannten an. Er glaubte ihn zu erkennen und ſagte: „Ha, ich kenne Euch, geht voraus in das Moori- aantje!“ Doch ein donnernd:„Schweigt und gebt her!“ hemmte ſeine Zunge. 3 Die Augen Pauls ſchoßen Blitze, ſeine buſchigen Augbrauen zogen ſich zuſammen und das Runzeln der Stirne zeigte, daß ſeine Gedanken ſchnell einen Plan erdachten.. „Keinen Augenblick länger, oder ich ſpanne den Hahnen!“ „Da, wollt Ihr ſie Bram geben?“ ſagte Paul, während er die blecherne Trommel dem Anfallenden einhändigte. „Ja, ja!“ erhielt er zur Antwort, der Unbekannte nahm die Trommel und ſteckte die Waffe zu ſich. Im ſelben Augenblicke, in welchem er ſich umkehrte, nahm Paul ein langes Meſſer aus ſeiner Taſche und mit der linken Fauſt den Unbekannten ergreifend, ſtieß er ihm das ſchneidende Inſtrument von hinten bis an das Heft in den Hals. Der Unbekannte machte einen convulſiviſchen Sprung und ſiel dann nieder, ohne einen Laut von ſich zu geben, während ein dicker Blutſtrom aus der Wunde quoll, als Paul ſeine Waffe heraus zog. Hierauf ſtieß der Barbier noch zweimal das Meſſer in die Bruſt des Gefallenen, nahm die Trommel, die bei dem Schlacht⸗ 55 opfer lag, und entfernte ſich ſo ſchnell als möglich, ohne nach dem Unglücklichen ſich umzuſehen.... In die⸗ ſem Augenblicke erwachte die Stimme des ſo lange ein⸗ geſchlafenen Gewiſſens mit verdoppelter Stärke; der erſte Mord des Diebes! Badend in ſeinem Blute lag der Verwundete auf der Straße ausgeſtreckt, als ob ihn der Lebensgeiſt ſchon verlaſſen hätte; kein Glied rührte ſich, nur die convul⸗ ſiviſche Bewegung des Mundes zeigte, daß die Seele aus dem Körper noch nicht entflohen war. Langſam ſchien der Gefallene aus ſeiner Betäubung zu erwachen und endlich öffnete er ſchmerzlich die Au⸗ gen. Er taſtete um ſich auf den durch ſein Blut roth gefärbten Steinen, er kroch auf Händen und Füßen ein wenig vorwärts und verſuchte ſich aufzurichten, aber ſeine Kräfte verſagten ihm jeden Dienſt; er ſtieß einen fürchterlich gellenden Schrei aus, wie er keinem menſch⸗ lichen Weſen möglich, ſank nieder und blieb bewegungs⸗ los liegen. Die tiefe Stille, die noch vor wenigen Augenblicken geherrſcht hatte, wurde unterbrochen; da und dort hörte man eine Hausthüre auſſchließen oder ein Fenſter öff⸗ nen: der Schrei des Sterbenden hatte die Bewohner der Querſtraße aus ihrem Schlafe geweckt. „Was war das?“ frugen ſie einander. „Gott weiß es, aber es war ein Schrei, wie ich noch nie einen hörte.“. „Liegt nicht da etwas, da in dem Schatten der Gartenmauer 2“ Ein leiſes Geröchel lockte die Leute dorthin. Auf den angedeuteten Platz gekommen, ſchauerten ſie zurück bei dem Andlicke des Sterbenden; ſeine Au⸗ gen ſchienen aus ihren Höhlen getreten, der Mund war weit aufgeſperrt und ſchien nach Luft zu ſchnap⸗ pen, während die Hände, die der Unglückliche hie und da ſchnell in die Höhe hob, kraftlos in das Blut wie⸗ der niederſanken. 56 Man richtete den Sterbenden auf; ein Blutſtrom ſchoß aus ſeinem Munde auf die Hände der Helfen⸗ den.... ein krampfhaftes Zuſammenziehen, ein tiefer Geufſere.. und ſein Leiden war geendet, er war todt! So ſtarb der Edelmann Guſtav, Baron von Hun⸗ ter und ſeine Leiche wurde von einigen Männern bis unter die Straßenlaterne getragen. Früh am Morgen kam ein großes Fuhrwerk, der Gasthutswagen ³) genannt, auf welchen die Leiche des Unbekannten gelegt wurde, um in das Krankenhaus geführt zu werden. Woeſtbergen gewahrte ſchon am frühen Morgen den Diebſtahl, der aber keineswegs ſo anſehnlich war, als von Hunter ſich vorgeſtellt hatte, da die Trommel nur ſieben ruſſiſche Obligationen enthielt, ſtatt hundert. Zugleich vernahm er den Mord, der vor ſeiner Gar⸗ tenthüre verübt worden war und er begriff, daß der Mord ſehr leicht mit dem Diebſtahl in Verbindung ſtehen konnte. Zuerſt nahm er ſich vor, mit dem Ko⸗ lonel die Sache zu unterſuchen; doch als dieſer nicht erſchien— der Leſer weiß, warum es dem unglücklichen van Bergen unmöglich war— ging er ſelbſt in das Krankenhaus und erkannte in der Leiche ſeinen Freund Guſtav, Baron von Hunter.— Später wurden die irdiſchen Ueberreſte des deutſchen Edelmannes auf koſt⸗ bare Weiſe zur Erde beſtattet und die Gründe, warum und von wem er ermordet worden, find immer ein Geheimniß für die Kreiſe geblieben, in denen er ſich zu bewegen gewohnt war. Als Matbilde den Tod des Barons vernahm, warf ſie der Schrecken auf das Krankenbett, von dem ſie nur langſam wieder genas. Oft weinte ſie in der —— 1) Der Todtenwagen des Krankenhauſes. 57 Stille und die Thränen, die dann über die Wangen rollten, waren die ſtummen Zeugen, wie ſehr das ſchreckliche Ende des Barons ſie ſchmerzte. Er war ja der Vater ihres Kindes. „........... Den Mörder hat man nimmer gefunden. Was aus Paul dem Barbier geworden, iſt ein Geheimniß geblieben, das nicht entſchleiert werden wird, bis die Todten auferſtehen. V. Henri Smith. An der Buitankant zu Amſterdam und zwar an dem Theile, welcher den Namen De slijpsteenen trägt, befindet ſich das Wirthshaus Het zwaantje, ein Wirthshaus, in welchem überſeeiſche Kaufleute und Landleute gewöhnlich wohnen, und dadurch hatte Het zwaantje, obwohl es den meiſten Bewohnern der Hauptſtadt unbekannt iſt, einen überſeeiſchen Ruf er⸗ halten, den wir ihm keineswegs ſtreitig machen wollen. In einem der Zimmer dieſes Wirthshauſes oder Gaſthofes, wie man Het ⸗waantje nennen will, ſaßen zwei Männer, deren Namen wir nur zu nennen haben, um alle Perſonalbeſchreibung unnöthig zu machen. Der Eine war Carl Hauſer, den wir bereits bei dem An⸗ 6 fang unſerer Geſchichte als den ungariſchen Doktor, den Mörder der Mutter Franks und Claras kennen lern⸗ ten, der Andere war der Linkſche, der uns von dem Wirthshauſe David Nams her nicht unbekannt iſt. Der ungariſche Doktor ſchien auf den erſten An⸗ Amſterdams Geheimniſſe. III. 5 58 blick etwas verändert zu ſein, doch bei einer genaueren Betrachtung ſah man bald, daß die Veränderung nur der verſchiedenen Kleidung zuzuſchreiben war, da die Kleider, die er jetzt trug, merklich von denen abſtachen, in welchen wir ihn an dem Krankenbett Helena's tra⸗ fen. Damals trug er einen enganſchließenden ſammt⸗ nen Rock mit einer Menge kleiner Knöpfe beſetzt, eine Hoſe von demſelben Stoffe und hohe Stiefel, deren Sohlen mit Nägeln beſchlagen waren, nebſt einem Plaben langen Mantel und einem hohen breitkrämpigen ute. Jetzt erſcheint er ganz anders vor uns. Eine feine ſchwarztuchene Hoſe umſchloß ſeine ſchön gebauten Beine, während ein blauer Rock mit kupfernen Knöpfen, eine weiße Weſte und ein ſchwarzes Tuch mit umliegendem Hemdkragen ihn ſogleich als Schiffsmann bezeichneten. Seine braune Geſichtsfarbe war noch dunkler gewor⸗ den, aber nie glänzten ſeine Augen mit dem Feuer, welches jetzt darin ſtrahlte, nie war ſo viel Ernſt auf der edel gewölbten Stirne geweſen. Auch der Linkſche, wir wollen ihn ſo nennen, bis es Zeit ſein wird, dem Leſer ſeinen wahren Namen zu nennen, auch der Linkſche ſchien beſſer gekleidet als zu der Zeit, da er in dem Wirthshauſe des krummen David ſich mit dem Wirthe unterhielt. Eine Hoſe und ein Rock, beide feines blaues Tuch, der Letztere mit Poſſamentur ſchön verziert, umſchloſſen ſeine kräftige Geſtalt; im Uebrigen trug er, wie Carl Hauſer, eine weiße Weſte, umgeſchlagenen Kragen und weißen Hut, nebſt Strümpfen von derſelben Farbe und Schuhe. „So viel ich von ihm erfahren konnte, Doktor, iſt er noch immer derſelbe, und es wäre gefährlich, mich ihm zu zeigen; ich trage Ihnen deßhalb die Sache auf, die ich zu beſorgen übernommen habe. Sie find erſtens Adam Smith unbekannt und werden darum vielleicht mehr bei ihm vermögen als ich, deſſen er ſich noch von früher erinnern wird, um ſo mehr, da er * 59 weiß, daß ich ſtets der Freund ſeines unglücklichen Bru⸗ ders war.“ „Ich nehme die Sache gerne auf mich,“ ſagte der Doktor.„Wir ſind zu lange an Bord deſſelben Schif⸗ fes geweſen, als daß ich Ihnen nicht den kleinen Dienſt erweiſen ſollte. Erinnern Sie ſich noch, Steuermann, Ihr Erſtaunen, als Sie dieſen Ring an meinem Finger ſahen, den Sie ſogleich als den Trauring Ihres Freun⸗ des erkannten?“ „Ja, und das veranlaßte Sie, mir zu erzählen, wie Sie zu dem Ring gekommen waren. Aus Armuth war die Frau meines Freundes genöthigt, dies Kleinod an Sie zu verkaufen und Sie gaben ihr etwas mehr dafür, als der Goldſchmid bot... darauf iſt ſie ge⸗ ſtorben und...“ „Ja, ja,“ fuhr Carl Hauſer fort,„darauf iſt fie geſtorben, das iſt ja nichts ſo Beſondereg..... Sie hatte die Auszehrung und dafür iſt kein Kraut gewach⸗ ſen.“ Und dann haſtig von dieſem Punkte abbrechend, fuhr er fort:„Aber ſagen Sie mir'mal, Steuermann Wild, wie muß ich es bei dem Herrn Smith an⸗ fangen?“ „Das werde ich Ihnen ſagen, Doktor,“ antwor⸗ tete Wild,„indem ich Ihnen in wenigen Worten mei⸗ nen Lebenslauf mittheile und die Schickſale meines Freundes erzähle. Henri Smith, der jüngere Bruder Adam Smiths war mein Schulkamerade und der Freund meiner Jugend. Als wir beide die Schule verließen, kam er auf ein Kaufmannskomptoir, um den Handel zu lernen und ich ging zur See. Jahre vergingen, ohne daß wir einander wiederſahen, als ich ihn ganz unerwartet in Indien traf. So wunder⸗ bar ſind die Wege der Vorſehung; gewiß, der Gedanke, den Freund in einem ſo entlegenen Orte der Welt wieder zu treffen, war mir nie in den Sinn ge⸗ kommen. „Ich wünſchte ſehr ſeine Lebensgeſchichte zu hören 60 und nachdem ich ihn mit der meinigen bekannt gemacht hatte, gab er mir folgende Erzählung ſeines Lebenslaufes.“ „„Ich wurde auf ein Kaufmannskomptoir gethan, wo ich die Handlung lernte. Mein Patron war ein ſtolzer und herrſchſüchtiger Mann, der nur für Geld und wieder Geld Achtung hatte und ſeine Frau ſtimmte hierin vollkommen mit ihrem Manne überein. Sie hatten eine Waiſe, die Tochter eines entfernten Ver⸗ wandten zu ſich genommen; aber das Leben, das das Mädchen in dem Hauſe des Kaufmanns hatte, war unerträglich, denn ihr fehlte ja gerade das, was ſie bei ihren Verwandten hätte geachtet und geliebt machen können. Unaufhörlich mußte ſie es hören, daß ihr ver⸗ ſtorbener Vater ein Verſchwender geweſen und ſie ei⸗ gentlich in das Waiſenhaus gehöre, und ſie nur der Güte und Sorgfalt ihrer Freunde und Verwandten es zu danken habe, daß ſie nicht in einer wohlthätigen Anſtalt untergebracht worden ſei. „„Das Loos der ſchönen Helena— denn ſchön, ſchön wie die Engel und fromm und gut wie ſie ſind, war das unglückliche Mädchen— ſchmerzte mich und bald verwandelte ſich mein Mitleiden in eine Liebe, die größer als mein Mitleiden je geweſen. „„Auch Helena ſchien mir nicht ungeneigt zu ſein, und bald liebten wir einander mit ſolch' unausſprech⸗ licher Liebe, wie ſie nur ein Menſch je faſſen kann. Ich werde mich nicht in das Breite über unſere gegen⸗ ſeitige Neigung auslaſſen,““ ſo fuhr mein Freund in ſeiner Erzählung fort,„ſagte der Steuermann Wild, während er ſeinen Becher leerte, gleichſam um neue Kräfte zu ſammeln zur weiteren Erzählung der Schick⸗ ſale ſeines Freundes.. „„Genug iſt es für Dich zu wiſſen, daß wir eine Heirath mit einander ſchloßen. Helena verließ ihre Verwandten, die ſie ruhig ziehen ließen und ſie wurde die Meine, ohne daß es Jemand, außer meinem Bru⸗ der Adam und einem vertrauten Freunde bekannt wurde. „„Du wirſt fragen, Wild,““ alſo ſprach mein Freund, n„warum ich meine Verheirathung vor meinem Vater geheim hielt; ich war ſicher, daß er nie ſeine Zuſtim⸗ mung zu einer Heirath zwiſchen mir und einem Mad⸗ chen, das nichts beſaß, gegeben hätte. „„Ich begann mein eigenes Geſchäft und fing ſelbſt zu handeln an, doch da ſich mein Vater weigerte, mir ein Kapital zu geben, war es mir unmöglich, meinen Handel ſo auszubreiten, daß derſelbe ſo viel eintrug, um mich und meine Frau zu ernähren. Suche, ſo war mein Vater zu ſagen gewöhnt, wenn ich ihn um Geld bat, ſuche eine reiche Frau zu bekommen, das wird Dir Geld verſchaffen zur Ausbreitung Deines Ge⸗ ſchäftes... doch das war mir unmöglich. Inzwiſchen war Helena Mutter geworden und dies vergrößerte die Bedürfniſſe. Da mein Vater allgemein als reicher Mann bekannt war, liehen mir Wucherer auf unerhörte Zinſen Geld, und das mußte natürlich meine Umſtände verſchlechtern, ſtatt verbeſſern. „„Wenn man Geld nöthig hat, greift man zu allen Mitteln, um ſich das Nöthigſte zu verſchaffen und wüßte man auch, daß es den unvermeidlichen Untergang zur Folge hätte. Geld mußte ich haben, und um dieß zu bekommen, benutzte ich den Kredit, den ich als Sohn eines reichen, großen Kaufmannes hatte. Ich kaufte von einem Silberarbeiter auf Rechnung verſchiedene Koſtbarkeiten, die ich wieder verkaufte und hatte ge⸗ wöhnlich die Hälfte, wo nicht mehr Schaden. Doch was ſollte ich thun? Mir blieb keine Wahl über und meine Frau und mein Kind konnte ich micht Mangel leiden ſehen. Schon war ich eine bedeutende Summe dem Silberſchmid und den Geldausleihern ſchuldig, als ich plötzlich vernahm, daß das Haus meines Va⸗ ters ſeine Zahlungen einßelle, mit einem Wort, daß mein Vater bankerott ſei. „„Wie ein Wahnſinniger eilte ich zu meinem Vater und vernahm, daß das Gerücht nur allzu wahr. „„Mein Vater erzählte mir, daß ſchon ſeit einigen Jahren ſeine Sachen durch wiederholte Verluſte in den erbärmlichſten Zuſtand gekommen; um ſich zu retten, habe er darauf gedrungen, daß ich oder mein Bruder eine reiche Heirath machen ſollten; wäre das geſchehen, ſo würde er jetzt nicht in dieſe Umſtände gekommen ſein. „Ich ſuchte meinem Vater Muth einzuflößen; er war als ein braver, ehrlicher und fleißiger Mann an der Börſe bekannt und hatte viel vermögliche Freunde. Vielleicht, ſo dachte ich, werden ihm die Freunde ihre Hülfe und ihren Beiſtand nicht verſagen. Mein Vater ſchüttelte aber den Kopf und ſagte: „„Bravheit, Ehrlichkeit und Fleiß werden ſehr ge⸗ rühmt, ſo lange ſie mit Reichthum gepaart ſind; ohne Geld haben dieſe Tugenden keinen Werth; und was die Hülfe der vermöglichen Freunde betrifft, nur ein Thor ſetzt auf dieſe ſein Vertrauen. Die einzige Hoff⸗ nung— fuhr mein Vater ſchmerzlich fort— während er meine Hand ergriff und ſie in der ſeinigen drückte, meine einzige Hoffnung ſetze ich auf Deinen Bruder und Dich; ihr ſollt mich vor Armuth und Mangel ſchützen; das Koſtbarſte, was ich beſitze, können mir meine Gläubiger nicht rauben, und das biſt Du und Dein Bruder, und ich danke dem Himmel, daß er mir Söhne gegeben, von deren Rechtlichkeit und Fleiß ich mir eine glückliche Zukunft verſprechen darf. Henri, Du ſiehſt jetzt, daß es keine Härte war, die mich Deine Bitten um Geld zurückweiſen ließ; ich war nicht im Stande, Dein Verlangen zu befriedigen und mein Herz blutete, wenn mein Mund Dir etwas verweigerte. Die Hoffnung, durch den einen oder andern Zufall gerettet zu werden, zwang mich auch, die wahre Sach⸗ lage vor euch verborgen zu halten, und ohne Zweiſel glaubtet ihr, es ſeie ſchlechter Wille, was mir zu thun 63 unmöglich war, eine Unmöglichkeit, die mir beſonders, weil ich Dich, o Henri, nicht unterſtützen konnte, ſehr zu Herzen ging.““ Es ſchien, der Erzähler ſei durch dieſe Worte be⸗ ſonders ſchmerzlich berührt, denn er ſchwieg plötzlich und wiſchte eine Thräne, die unwillkührlich aus ſeinem Auge perlte. Etwas heftig ergriff er die Flaſche, füllte ſein Glas und trank es in einem Zuge leer. „Vielleicht mißfällt Ihnen meine Erzählung, Dok⸗ tor,“ ſagte Wild. „O nein Steuermann,“ antwortete dieſer,„keines⸗ wegs, und da Sie mir die Sachen Ihres Freundes in die Hände gegeben, muß ich doch etwas mit ſeiner Geſchichte bekannt ſein!“ 3 „Nun denn,“ ſagte der Steuermann und fuhr in ſeiner Erzählung fort: „»Ich werde Dir nicht zu ſagen haben, daß mich die Worte meines Vaters ſchmerzlich berührten,““ ſagte mein Freund Henri Smith.„„Der gute Greis ſetzte ſein Vertrauen auf mich, der ſelbſt der Hülfe Anderer bedurfte; ein Händedruck war die einzige Antwort, die ich ihm gab; ich hatte nicht den Muth, meinem Vater die Sachen offen darzulegen, ihm zu erklären, daß er nichts von meiner Hülfe erwarten könne, und ſeine Hoffnung zu vernichten. „„Kaum war der Bankerott meines Vaters all⸗ gemein bekannt geworden, als meine Gläubiger kamen und dringend verlangten, ich ſollte ihre Forderungen erfüllen.. „„Der mich am meiſten von Allen drängte, war der Silberſchmid Johann Horſt; er verlangte die Waaren zurück, die er an mich verkauft hatte, und als ich dies nicht konnte, nannte er mich einen Be⸗ trüger und bald war ich als ſolcher bekannt, ja man ſagte dazu, daß ich die Urſache des Unglücks ſei, das meinen Vater betroffen, der nun um ſo mehr beklagt 64 wurde, ohne daß jedoch einer ſeiner Freunde die Hand zu ſeiner Hülfe geboten hätte. „„Und doch war ich unſchuldig. Gott kannte meine Unſchuld und dieſe Ueberzeugung ließ mich mit Gelaſſenheit den Haß und die Verachtung der Men⸗ ſchen ertragen. „„Als die meiſten Gläubiger ſahen, daß es mir „gänzlich unmöglich ſei, ihre Wünſche zu erfüllen, hiel⸗ ten ſie mit ihren Verfolgungen inne, ausgenommen Johann Horſt, der ſie im Gegentheil mit deſto grö⸗ ßerem Eifer, ja mit Unmenſchlichkeit betrieb. „„Er forderte mich vor Gericht und als ich auch da meine Zahlungsunfähigkeit zu erkennen gegeben, erhielt Horſt das Recht, ſich meiner Perſon zu ver⸗ ſichern oder lieber mich durch Einſetzung in den Schuld⸗ thurm zur Zahlung zu zwingen. „„Ich ſuchte und fand einen Verſteck bei Helena, meiner lieben Frau; bei Tage wagte ich es nicht, mich auf der Straße zu zeigen, aus Furcht, gefangen ge⸗ nommen und in das Werkhuis ²) gebracht zu werden; aber ſobald die Sonne untergegangen war, beſuchte ich meine Freunde, und nicht alle ließen mich hülflos von ſich gehen. Daß ich mich an meinen Bruder Adam wandte, war natürlich; aber dieſer, als wäre er mir ganz unbekannt, erklärte, nichts für mich thun zu können, um ſo mehr, da ihm nun mein Vater zur Laſt falle; zugleich erſuchte er mich, ihn mit meinen Beſuchen zu verſchonen, da er es nicht gerne ſehen würde, daß ihn die Welt im Verdacht habe, er pflege mit Jemand Umgang, der allgemein als ſchlechter Menſch bekannt ſei. So konnte mein Bruder ſprechen, der, meiner Unſchuld bewußt, überzeugt war, daß die ter beſonderer Aufſicht. 65 Gerüchte über mich lauter Läſterung und Lüge waren. Helena liebte mich ebenſo treu und innig, wie damals, als die Welt in mir den Sohn eines der reichſten Kaufleute Amſterdams zu ſehen meinte. Sie war es, die mich ermuthigte, wenn ich ſie niedergeſchlagen und hoffnungslos anſah; ſie flößte mir Vertrauen auf die Zukunſt ein. Doch wie ſchrecklich war die Zukunft der armen Frau! Sie wiſſen ihr Ende, Dektor, inmitten der Armuth und des Elendes, Seelen⸗ und Körper⸗ leiden zur Beute, hauchte ſie den letzten Athem in einer armſeligen Wohnung aus. War das der Lohn ihrer Tugend, ihrer Treue und aufrichtigen Liebe.““ Wiederum brach der Steuermann die Erzählung für einige Augenblicke ab;z aber Karl Hauſer, in deſſen Innerem bei dem Hören der letzten Worte eine bange Erinnerung wach geworden, erſuchte ſeinen Reiſege⸗ noſſen Wild, in der Erzählung der Schickſale Henri Smiths fortzufahren, was der Steuermann auch that. „Hören Sie,“ ſagte er und fuhr fort. „„Helena mußte zum zweiten Male Mutter wer⸗ den, und zwar in einem Zeitpunkt, da ich es am we⸗ nigſten erwartet hatte, ſollte ſie mir ein zweites Pfand unſrer Liebe ſchenken. Ich eilte aus dem Hauſe, um ihr die nöthige Hülfe zu verſchaffen, doch kaum war ich die Straße zu Ende, als ich plötzlich einen Herrn auf mich zukommen ſah, der mir ſagte:„„„Herr Henri Smith, Sie ſind mein Arreſtant!“N“ und mir zugleich den Befehl meiner Gefangennehmung vorhielt. „„Wie vom Donner getroffen, ſah ich wechſel⸗ weiſe den Thürwärter und das fatale Papier an. „„„Niel— rief ich,— jetzt nicht, und ich ſuchte mit Gewalt zu entfliehen; doch es ſollte mir nicht glücken, denn der Thürwärter hielt mich zurück. „„„Mein Herr, ſagte er mir,— Sie find ein ann von beſſerem Stande, und darum möchte ich nicht, daß Sie mich zwängen, zu unangenehmen Maß⸗ regeln meine Zuflucht zu nehmen. Dort ſehen Sie 66 zwei Agenten der Polizei, auf den leiſeſten Wink find ſie bereit, mir beizuſtehen. Folgen Sie mir freiwillig, es iſt das beſte Theil, das Sie erwählen können.“““ „„Ich ſah, daß der Mann, der jetzt wie ein Preſſer vor mir ſtand, die Wahrheit ſprach und ant⸗ wortete ihm alſo:„„Mein Herr,— ſagte ich,— meine Frau iſt auf dem Punkt, Mutter zu werden; um für ſie die nöthige Hülfe zu beſorgen, hatte ich die Unvorſichtigkeit, meine Wohnung zu verlaſſen, ver⸗ gönnen Sie mir nur, meiner Frau Lebewohl zu ſagen und ohne allen Widerſtand werde ich Ihnen folgen.“““ „„Der Thürwärter lachte und ſchien mir nicht zu glauben, doch als ich dringender wurde, als ich Gott zum Zeugen anrief, da ſah ich, daß er gerührt wurde und dankbar nahm ich die Worte auf, die er auf freund⸗ liche und wohlwollende Weiſe zu mir ſprach.„„„Ihre Bätte kann ich nicht gewähren,— ſagte er,— doch ich werde Ihnen zu Dienſt ſein; mit einander wollen wir die ärztliche Hülfe für Ihre Frau ſuchen, das iſt Alles, was ich thun kann.“““ „„Beruhigt über den Zuſtand meiner Frau, folgte ich dem Thürwärter und kurz darauf befand ich mich in dem Schuldthurm.““ 3 Steuermann Wild hielt noch einmal inne, und es folgte eine lange Pauſe. Der Erzähler ſchien heſtig ergriffen und Hauſer, der aufgeſtanden war, lief mit raſchen Schritten in dem Zimmer auf und nieder. ** Wir wollen von dieſem Ruhepunkt Gebrauch ma⸗ chen, um unſre Leſer über einen der wichtigſten Punkte zu unterhalten. 4 Wir haben ſchon geſagt, daß die Gijzeling (Gefängniß für Schuldner) zu Amſterdam ſich in dem ſogenannten Werkhuis befindet, einem großen Gebäude an dem Ende der Kerkſtraat. Es liegt keineswegs in unſerer Abſicht, eine genaue Beſchreibung dieſes Ge⸗ bäudes zu geben, in welchem ſoviel Jammer und Elend wohnt; das Folgende möge nur als eine weniger be⸗ kannte Beſonderheit hier ſtehen. Das Werkhuis hat zwei Eingänge, eine große Pforte an der Fronte des Gebäudes nach der Seite der Plantaadje und eine kleinere Thüre in der Mauer der Kerkſtraat. Ueber der letzteren gewahrt man einen ausgehauenen Löwen, unter welchem folgende Inſchrift ſtand, die um ihrer falſchen Stellung willen erſt unlängſt unter dem Kö⸗ nige der Thiere verſchwunden iſt: Schrik niet, ik wreek geen kwaad maar . dwing tot goed, Straf is mijn hand, maar lief'lijk mijn gemoed. ³) Der Schuldthurm“) iſt ein großes Gemach über der Wohnung des Bäckers; in demſelben find die Gefan⸗ genen alle beiſammen; durch die ſogenannten Koeckoe⸗ ken iſt es den Gefangenen unmöglich, einen Blick durch die Fenſter zu werfen. Das ganze Gemach iſt von einer Gallerie umgeben, worauf ſich die Schlafſtätten 3) Erſchrick' nicht, ich räche ja nicht Schuld und . zwing zum Guten, Hart iſt zwar meine Hand, doch liebreich mein 4 Gemüth. 4) Dieſer Thurm hat nur einmal zum Ausgang fuͤr einen der unglücklichen Bewohner dieſes Hauſes gedient. Die beruͤchtigte Moͤrderin Brummelkamp, welche hier eingekerkert war, war die erſte, welche durch dieſe Pforte ging, um auf dem Schaffot guillotinirt zu werden.(Sie und ihre Dienſt⸗ magd, nebſt noch einer Perſon, die deſſelben Ver⸗ brechens ſchuldig waren, ſind die Erſten, welche in Amſterdam guillotinirt wurden.) Nach dieſer Zeit iſt die Pforte nicht mehr geoͤffnet worden. 68 befinden, während ein kleines Zimmer daran gränzt, das zum Sprechzimmer dient. Die Koſt der Gefan⸗ genen iſt ungleich beſſer, als die der andern Bewoh⸗ ner des Werkhuis, welch' letztere meiſt aus Bettlern, liederlichen Frauen, Leuten, die ſich kleiner Verbrechen ſchuldig gemacht haben, nebſt ſolchen beſteht, die durch ihre Armuth gezwungen, hier einen Schlupfwinkel ſu⸗ chen, um nicht in Hunger und Armuth umzukommen. Die Schuldgefangenen erhalten dieſelbe Speiſe, wie die Suppoosten ⁴), weßhalb ſie auch Suppooſtenkoſt ge⸗ nannt wird. Der Schuldthurm iſt ganz abgeſchieden von dem Werkhuis, er hat ſeine beſondere Aufſicht und Niemand wird in denſelben eingelaſſen; nur ſol⸗ chen, welche unglückliche Schuldner zu ſprechen wün⸗ ſchen, iſt es geſtattet, ſich mit ihnen im Sprechzimmer zu unterhalten. Die Aufſicht über dieſe Einrichtung iſt einem Cipier³) vertraut, während die des Werk⸗ hauſes aus Direktor und Direktorin, Schout und Schoutin beſteht, nebſt einer Menge Leuten, die nichts anderes als Aufſeher und Aufſeherinnen ſind, aber den ehrwürdigen Namen Vater und Mutter tra⸗ gen. Das Koſtgeld für die Gefangenen in der Gij⸗ zeling muß jedesmal einen Monat vorausbezahlt wer⸗ den und wenn es geſchieht, daß am verabredeten Tage, mit Schlag zwölf Uhr das Geld nicht da iſt, ſo wird der Gefangene augenblicklich frei gegeben, welche Frei⸗ heit ihm nicht mehr genommen werden kann. Wir halten es keineswegs für unpaſſend, einige Bemerkungen an dieſem Orte über den Schuldthurm einzuſchalten, ohne in Einzelheiten einzugehen. Der Schuldthurm iſt ein Gefängniß für die, welche ihre Schulden nicht bezahlen können oder wollen. Wenn man vorſichtiger mit dem Kredite wäre, würde 5) Untergeordnete Aufſeher. 6) Gefangenenwärter. 69 . Schuldthurm weniger Unglückliche in ſeinen Mauern chen. Nur als Zwangmittel zum Bezahlen kann dieſer Kerker betrachtet werden, und als ſolcher iſt er ein nütz⸗ liches und zugleich nothwendiges Inſtitut für ſolche, die ihre Schulden bezahlen können, aber nicht wollen. Für den aber, der von allen Mitteln zur Bezahlung eniblößt iſt, iſt der Schuldthurm ein hartes, ſchänd⸗ liches und ungerechtes Inftitut; ein Inſtitut, das die Schuld des armen Schuldners immer größer macht, und endlich ſo groß, daß ihm jede Ausſicht, je zu bezahlen, genommen iſt. Der Dieb wird mit fünf oder ſechs Jah⸗ ren Zuchthaus beſtraft, der, der ſich auf unrechtmäßige Weiſe des Gutes Anderer, oft der Wittwen und Wai⸗ ſen, bemächtigt, muß ſein Verbrechen mit Gefängniß von zehn bis zwölf Jahren büßen, während der größte Böſewicht nicht länger als zwanzig Jahre in den Ker⸗ kern bleiben darf, und zugleich immer noch die Mög⸗ lichkeit hat, durch ein gutes Betragen oder andere gün⸗ ſtige Umſtände ſeine Strafe verkürzt zu ſehen. Die Ver⸗ brecher wiſſen, wenn ſie in den Kerker treten, wann ſie denſelben wieder verlaſſen können; ſie wiſſen, daß jeder Tag, den ſie hier zubringen, ihre Straßzeit verkürzt; nach einem Verlauf von fünf, zehn, zwölf, ja zwanzig Jahren wird der Tag ihrer Freiheit anbrechen, und dieſe Ausſicht ſchützt ſie vor der Verzweiflung. Der arme Schuldner, der vielleicht um einer Schuld von zwei⸗ oder dreihundert Gulden, oder wohl einer noch gerin⸗ geren Summe willen, von einem unbarmherzigen Gläu⸗ biger gefangen gehalten wird, weiß, daß nur die Be⸗ zahlung ſeiner Schuld,— welche, wie wir ſchon be⸗ merkten, in jedem Monat zunimmt durch den Betrag des Koſtgeldes— oder der gute Wille ſeiner Gläubi⸗ ger ihm ſeine Freiheit wiedergeben kann. Bezahlen iſt ihm eine Unmöglichkeit, und was kann er von dem Gefühle eines Menſchen erwarten„der ihn dem Schooße ſeiner Familie entriß, ihm ſeine Exiſtenz⸗ 70 mittel raubt, weil er eine unbedeutende Schuldforderung nicht bezahlen kann. Fünf Jahre lebt er im Schuld⸗ thurme; er glaubt entlaſſen zu werden, allein der zweite Gläubiger iſt da.. Seine Freiheit bleibt ihm genom⸗ men! Es gibt verſchiedene Beiſpiele, daß Männer, die in der Blüthe der Jahre in den Schuldthurm tra⸗ ten, um der ſogenannten Rekommandazion“) willen, ihn als Greiſe verließen. Iſt denn das Nichtbezahlen der gemachten Schulden ein ſo großes Verbrechen, daß ſo lange dauerndes Gefängniß die Strafe dafür ſein muß? Iſt es nicht eine Ungerechtigkeit, daß das Gericht dem einen Menſchen ein ſo großes Recht über den andern gibt, daß der eine Bürger das Recht hat, den andern Bürger, nur wegen einer Schuldforderung, die ſchönſte Zeit ſeines Lebens in dem Kerker vertrauern zu laſſen, ihn dadurch ſeiner Exiſtenzmittel zu berauben und ſeine Familie in Armuth und Elend zu ſtürzen? O, wenn die Mauern des Schuldgefängniſſes ſprechen könnten, von welchem Jammer, welchem Elend, welcher Ver⸗ zweiflung müßten ſie erzählen! Und wie viel wird oft angewendet, um dieſen oder jenen Unbedachtſamen ſo weit zu bringen, daß er das Gefängniß beziehen muß! Aber warum Schulden gemacht, ſagen vielleicht Manche; mache keine Schulden, von denen Du voraus weißt, daß Du ſie nicht bezahlen kannſt, dann brauchſt Du Dich vor dem Schuldgefängniſſe nicht zu fürchten, und das Gericht wird Niemanden ein Recht auf Dich geben. Die Wahrheit dieſer Worte bezweifelt man nicht, 1) Rekomandazion iſt ein Mittel, um der Schuldner lange gefangen zu halten. Verſchiedene Gläubi⸗ ger vereinigen ſich, um, ſobald die fünf Jahre Strafzeit fuͤr den Einen voruͤber ſind, den Un⸗ glücklichen aufs Neue fuͤr den Andern ins Gefaͤng⸗ niß zu thun. Der Schuldner wird auf dieſe Weiſe Weiſe von dem einen Glaͤubiger an den andern rekomandirt. 71 aber man vergönne uns nur zwei Beiſpiele, zwei That⸗ ſachen anzuführen, die, wie wir glauben, beweiſen, wie leicht man in Schulden gerathen kann, und wir wollen das Urtheil den Moraliſten überlaſſen, ob ju⸗ gendlicher Leichtfinn eine ſo ſchwere Strafe verdient. Der junge S.— wollten wir unbeſcheiden ſein, ſo könnten wir den Namen der Perſon mittheilen— war der einzige Sohn allgemein für reich gehaltener Aeltern. Ohne ſchlecht zu ſein, hatte S. einen leicht⸗ finnigen Charakter, und eine ſeiner größten Schwach⸗ heiten war die Liebe zur Verſchwendung und zu Vergnü⸗ gen. Nichts war ihm zu koſtbar, Alles, was ihm ge⸗ fiel, wurde gekauft, und Niemand war freigebiger im Austheilen von Geſchenken, als er. Die Kaufleute, bei welchen er Schulden machte, verleiteten ihn zu einer größeren Verſchwendung, obgleich der alte Herr, als er einſt viele Schulden ſeines Sohnes bezahlte, einige Kaufleute gewarnt hatte, dem jungen Manne keinen Kredit mehr zu geben, da er ſeine Schulden nicht mehr bezahlen werde. Der Vater ſtarb nach einiger Zeit, und ſtatt ſeinem Sohne große Schätze zu hinterlaſſen, war ſeine ganze Hinterlaſſenſchaft nöthig, ſeine eigene Schulden zu bezahlen. Nun nahmen die Gläubiger des jungen S. einen ganz andern Ton an, und einige Gläu⸗ biger wußten es ſo weit zu bringen, daß S. in ſeinem Leichtfinne Verbindlichkeiten einging, welchen er, wie natürlich, keine Folge geben konnte. Als darum die Zahlungszeit erſchien, forderten ſeine Gläubiger ihn dirt. Welchen Vortheil brachte die lange Gefangen⸗ ſchaft ſeinen Verfolgern? Sein Leben war zernichtet. Ueberdieß hatten die Schöpfer ſeines Unglücks ſoviel Koſtgeld für ihn bezahlt, daß die Summe deſſelben den —-——— 72 Betrag ihrer Schuldforderungen weit überſtieg. Die langen Jahre, die er in dem Schuldgefängniß in gänz⸗ licher Unthätigkeit zugebracht, hatten ihn zu jeder Ar⸗ beit untauglich gemacht, und endlich ſuchte er, durch Armuth und Elend dazu gezwungen, eine Zuflucht in dem Werkhuis, wo er geſtorben iſt. Als zweites Beiſpiel diene Folgendes, ebenſo ſehr Wahrheit, wie das vorige, ohne alle Erdichtung. Die Hauptperſon iſt ein fleißiger und doch unvermöglicher Handwerker. Sein Name bleibt ein Geheimniß, aber ſoviel können wir ſagen, er war ein Zimmermann, und über ſeinen Lebenswandel iſt wenig zu bemerken. Er war ein liebevoller Gatte, ein ſorgender Vater für ſeine Kinder. Ein Holzhändler wußte ihn zu allerlei Unter⸗ nehmungen zu veranlaſſen und lieferte ihm Holz zu ſehr hohem Preiſe, da es dem Zimmermann an Mitteln fehlte, um ſogleich zu bezahlen. Endlich als die Schuld eine anſehnliche Höhe erſtiegen, drang der Holzhändler auf Bezahlung, die zu leiſten der Zimmermann aber nicht im Stande war. Die Schuld wurde vor Gericht ge⸗ bracht, und der Holzhändler ließ den Unglücklichen, nach⸗ dem er die Macht dazu erhalten hatte, in den Schuldthurm ſetzen, in der Hoffnung, die Familie des Schuldners werde die Schuld bezahlen.„Verwandte erlauben ſich gegen uns viele Freiheit, erweiſen uns aber wenig Dienſte. Wenn ein Fremder uns mit ſeiner Börſe nicht helfen kann oder will, ſo wird er uns wenigſtens mit Verweiſen verſchonen. Aber bei Verwandten findet man oft die ſchrecklichſte Kargheit der Hülfe und eine verſchwen⸗ deriſche Freigebigkeit mit ihren Ermahnungen.“ Dieſe Worte laſen wir einſt irgendwo, und der arme Zimmer⸗ mann erfuhr die Wahrheit derſelben. Er wurde von ſei⸗ nen Verwandten beklagt; aber Niemand wollte die Hand zu ſeiner Rettung bieten. Fünf Jahre blieb er in dem Kerker, bis endlich ſeine Gläubiger ihm nach dem Rechte ſeine Freiheit wiedergeben mußten. Da kehrte er zu den Seinen zurück, die er im tiefſten Elend und ſchwerer 73 Armuth wiederfand; die langdauernde Gefangenſchaft nahm ihm alle Laſt zum Arbeiten, und ſeine Hände waren zum Geſchäfte ungeſchickt... In der Verzweiflung machte er durch Selbſtmord ſeinem Leben ein Ende. Wir glauben, daß beide Beiſpiele genugſam die Nachtheile der Schuldgefängniſſe beweiſen. Die S huldcfanzenſchaft iſt eine Strafe; dieſe Strafe muß der Schuld gleichkommen, oder ſie iſt un⸗ gerecht. Und iſt dieſe Strafe dem Verbrechen gleich? Wer ſagt hierauf nicht nein! Um ſo mehr, wenn man bemerkt, daß der Kaufherr eigentlich die Urſache ſeiner eigenen Täuſchung iſt, indem er zu leichtſinnig und thöricht ein zu großes Vertrauen in den Käufer ſetzt! Iſt der Schuldner undermögend, ſo hat ja das Gefan⸗ genſetzen gar keinen Nutzen. Kein Gläubiger ſollte das Recht haben, Jemand in das Schuldgefängniß zu ſetzen, wenn es gewiß iſt, daß ſeine Schuldforderung aus einem thörichten Ver⸗ trauen, aus einem allzu großen Kredit des Schuldners entſtanden iſt. Darum ſollten vie Umſtände des Schuld⸗ ners, ſolange er die Schuld machte, genau unterſucht werden, damit das Gericht ſich überzeugen könnte, ob dieſe Umſtände ſolcher Art waren, daß ſie ein ſo großes Vertrauen und den Kredit rechtfertigten. „Jeder Schuldner, den ſeine Glänbiger ins Ge⸗ fängniß thun laſſen, müßte gezwungen ſein, nach Maß⸗ gabe ſeiner Geſthicklichkeit zu arbeiten, um ſich ſeine Eriſtenzmittel zu verſchaffen, ohne dem Gläubiger zur Laſt zu fallen.—— Nach einigen Augenblicken ſetzte ſich der Doktor wieder und erſuchte den Steuermann, die Geſchichte ſeines Freundes fortzuſetzen. Wild, in tiefes Nachden⸗ ken verſunken, erwachte aus ſeinem Traum und fuhr alſo fort: 4 „Ich erzählte Ihnen, daß Smith in das Schuld⸗ gefängniß kam; hören Sie weiter: Amſterdams Geheimniſſe. II. 6 74 „„Ich will Dir nichts ſagen von den Menſchen, welche ich da antraf,““ ſprach er zu mir,„„die meiſten waren durch das Unglück gleichgültig gegen ihr Schick⸗ ſal geworden und ſahen in jedem Neulinge nicht einen Unglücklichen, ſondern ein willkommenes Glied ihrer kleinen Geſellſchaft, und freuten ſich, ihre Geſellſchaft vergrößert zu ſehen. „„Der Erſte, der mich zu beſuchen kam, war Jo⸗ hann Horſt, der Silberſchmid, durch deſſen Zuthun ich ins Unglück geſtürzt wurde. Das Geſicht des Mannes war mir in dieſem Augenblicke unerträglich; ich glaubte, er wolle mich in meiner Lage verſpotten, doch ich täuſchte mich. Er beruhigte mich über das Schickſal meiner Gattin, welche mir cine Tochter geboren hatte, und ich glaubte in ſeinem Auge eine Thräne zu ſehen, als es auf mich gerichtet war. Ich habe das Betragen dieſes Mannes nicht begreifen können; er marterte mich lund boſh ſchien er Mitleiden mit ſeinem Schlachtopfer zu haben. „„Ich ſchrieb an meinen Bruder Adam, er möchte ſich wegen meiner mit Horſt auseinander ſetzen; aber keiner meiner Briefe wurde beantwortet und nie habe ich meinen Bruder bei mir geſehen. Meine Helena beſuchte mich verſchiedene Male und ſuchte vergebens, die elenden Umſtände, in welchen ſie ſich befand, vor mir zu verbergen. Das Auge eines Gatten ſieht ſcharf, wenn er die Blicke auf die Mutter ſeiner Kinder heftet. Durch das lachende Geſicht Helena's gewahrte ich ein von Kummer und Schmerz gequältes Herz; die Klei⸗ der, die ſie trug, verriethen mir ihre Armuth.. He⸗ lena! ſie mußte viel leiden! „„Nach einigen Jahren, die ich im Kerker verlebt hatte, vernahm ich, daß die Sachen Johann Horſts ſchlecht ſtehen und er der Armuth ſehr nahe ſei. Dies machte mir Hoffnung, daß er bald nicht mehr im Stande ſein werde, mein Koſtgeld zu bezahlen und dann mir meine Freiheit geben müſſe; aber ich betrog mich. Der 75 Wütherich, wie bedürftig er auch war, verſagie ſich das Nöthige, um mich gefangen zu halten und bezahlte pünktlich das Koſtgeld auf die beſtimmte Stunde. Der Mann mit ſeiner weichen und einnehmenden Stimme, mit ſeinem theilnehmenden Ausſehen, wenn er mit mir ſprach, mit ſeinen Thränen, wenn er mich anſah, war ein Unthier, ein Teufel, ein..l“ „Waxyrhaftig, Wild,“ fiel Doktor Hauſer ſeinem Freunde in die Rede,„Sie ſiad in einer Gemüthsbe⸗ wegung, als ob Sie Henri Smith ſelbſt wären und ſich in dieſem Augenblicke im Schuldgefängniſſe befän⸗ den, während ich als der Silberſchmid Horſt Sie mit einem Beſuche beehrte.“* „Ja,“ begann der Steuermann wieder,„ich bin thöricht, die Sache mich ſo angreifen zu laſſen, wäh⸗ rend ich doch nicht meine Geſchichte erzähle, aber das liegt einmal ſo in mir: wenn ich von einem Unrecht höre oder ſpreche, dann fängt mein Blut zu kochen an, und es ergreift mich ſo, als wäre ich die Perſon ſelbſt, die Unrecht leidet.“ Bei dieſen Worten verſuchte er zu lachen, leerte ſein Glas und fuhr in der Geſchichte der Schickſale ſeines Freundes fort. „ Um dieſe Zeit erfuhr ich,““ ſprach Smith weiter, „„daß mein Vater, von einer heftigen Krankheit ergriffen, auf dem Krankenbette lag; ſein eigenes Unglück und das, welches mich betroffen hatte, waren die U-ſache davon Sein größter Wunſch war, mich noch vor ſei⸗ nem Sterben zu ſehen, und eines Morgens kam der ehemalige Auslaufer weinend zu mir, um zu ſagen, daß das Ende meines Vaters ſehr nahe ſei, daß der Sterbende fortwährend meinen Namen nenne, und, wie er ſich ausdrückte, nicht ſterben könne, ohne mir auf ewig Lebewohl zu ſagen. Dieſe Nachricht machte mich halb wahnfinnig; ich bat den Kerkermeiſter, mich nur einige Augenblicke frei zu laſſen, um meinen ſterbenden ater zu umarmen, ich verſprach ihm unter den heilig⸗ ſten Eiden, zurückzukommen, allein er erlaubte es nicht. Er durſte mir meine Bitte nicht erfüllen, ſeine Pflicht verbot es ihm. Wäre das nicht der Fall geweſen, er hätte meinen Wunſch erfüllt; denn ich ſah, während ich ihn vergebens bat, eine Thräne der Theilnahme in ſeinem Auge. Ich erſuchte daher den Botſchafter der ſchrecklichen Nachricht, zu Johann Horſt zu gehen und ihn zu bitten, er möchte ohne Verzug zu mir kommen. Meiner Bitte wurde entſprochen und wenige Augen⸗ blicke darauf erſchien Horſt wirklich. „„Ich machte ihn mit dem Zuſtande meines Vaters bekannt und bat ihn, mir zu vergönnen, ihn nur noch einen Augenblick zu ſehen, um den ausdrücklichen Wunſch eines Sterbenden zu erfüllen. „„Jedes meiner Worte ſchien Horſt zu rühren. „„Um Gotteswillen— ſprach ich— verlängern Sie den Todeskampf meines Vaters nicht, geben Sie mir meine Freiheit und ich werde zeigen, daß Sie keinem Undankbaren eine Wohlthat erwieſen! Alle meine Kräfte werde ich anwenden, um meine Schuld zu bezahlen! Welchen Nutzen bringt es Ihnen denn, mich gefangen zu halten? Geben Sie mir meine Freiheit wieder, damit ich arbeiten kann und durch Arbeiten das Nöthige verdiene, um Sie zu bezahlen. Um Gotteswillen, mein Herr, ſeien Sie barmherzig und erfüllen Sie die letzte Bitte eines Vaters, der im Begriffe iſt, in die Ewig⸗ keit zu gehen, die Bitte eines Vaters, der in den Ar⸗ men ſeines Sohnes den Geiſt aufgehen will.““ „Unglücklicher!“ rief der Silberſchmid, bewegt und zu Thränen gerührt,„Ihr Vater ſoll nicht vergebens gebeten haben, ich werde Ihnen die Freiheit wieder⸗ geben; augenblicklich ſollen Sie mich wiederſehen, dann können Sie zu Ihrem Vater gehen und ihm das letzte Lebewohl ſagen.“. „Täuſchen Sie mich nicht durch eitle Hoffnung!““ ſagte ich zu ihm,„„es würde mich wahnſinnig machen, ſagen Sie lieber, daß Sie meine Bitte abſchlagen, als mich zu täuſchen!““ . * „ 77 „„Sie ſollen Ihren Vater wiederſehen,“⸗ verficherte mich Johann Horſt,„nich cile jetzt, um bald wieder da zu ſein.““ Er reichte mir ſeine Hand, die ich dankbar drückte. „„Horſt ging und jede Minute ſeiner Abweſenheit ſchien mir eine Ewigkeit zu ſein. Es wurde immer ſpäter und ſpäter und der Silberſchmid erſchien nicht. Rathlos irrte ich in dem Zimmer umher, vergebens ſuchten mir meine Schickſalsgenoſſen Muth einzuſprechen. Endlich wurde es Abend, Horſt kam nicht... und ich erhielt die Nachricht von meines Vaters Tode! „„Ich war der Gegenſtand ſeiner letzten Gedanken geweſen; mein Name war das letzte Wort, das mein „„Da machte ich durch eine Fluth von Verwünſchungen meiner Verzweiflung Luft. Ich ſchwor dem Silber⸗ ſchmid all Rache. Seit dem ſchrecklichen Augenblick, da er mich durch ſein eitles Verſprechen ſo fürchterlich hinterging, erſchien Korſt nie wieder in dem Schuld⸗ gefängniß, aus welchem ich durch den Tod meines Heinis befreit wurde, der bald nach meinem Vater arb. n„Dieſer Obeim, welcher durch ſeinen Geiz ein ſehr anſehnliches Vermögen binterlaffen, hatte mich und meinen Bruder Adam zu Erben ernannt. „„So ſchnell als möglich bat ich, mich aus meinem Kerker zu entlaſſen und der glücklichſte Augenblick mei⸗ nes Lebens war, als ich die Pforte öffnen ſah. Man ſterpoorten. Ich eilte dahin, als, zu meinem Unheil, der Zufall mich Johann Horſt in der Plantaadje be⸗ gegnen ließ. „Ich ſah den Gewiſſenloſen erbleichen, als er mich gewahr wurde; er ſuchte mir auszuweichen, doch —ÿ·· ſchnell, wie ein Blitz, trat ich dem Verurſacher all' meines Jammers in den Weg. „„„Hier ſtehe ich— rief ich mit donnernder Stimme — jetzt verlange ich Rechenſchaft über Ihr Betragen gegen mich.”un „„„Wir haben jetzt nichts mehr mit einander zu thun,— rief er und ſtieß mich mit Gewalt von ſich. „„Dieſe That brachte mich zur Wuth. Unglücklicher⸗ weiſe hatte ich ein Meſſer in der Taſche. „„„Wagen Sie noch einmal mich anzurühren,““rief ich in wilder Wuth, meine Fauſt drohend nach ihm erhebend— wagen Sie es noch einmal, ſcheinheiliger Heuchler!“““ „„„Geh'!— war ſeine Antwort geh' Trunken⸗ bold 1°“ und mit einem gewaltigen Stoß ſuchte er ſich von mir loszumachen. „„Das Wort Trunkenbold ſteigerte meine Wuth, und doch bei ernſtlichem Nachdenken wunderte es mich nicht, daß er mich für betrunken oder wahnfinnig hielt, da ſich die Leidenſchaft ſo ſehr meiner bemächtigt hatte, daß ich kaum zu ſprechen vermochte. „„Mehremale wiederholte ich das Scheltwort und noch ehe ich die Beſinnung hatte, zu wiſſen, was ich thue oder gethan habe, hörte ich Horſt einen lauten Schrei ausſtoßen und er ſank zu meinen Füßen nieder. Mein Meſſer ſleckte ihm bis an das Heft in der Bruſt. Großer Gott! ich war ein Mörder!““ „„Doktor!““ bemerkte Wild,„„Sie wiſſen nicht, was es heißt, ein Mörder; Sie hätten meinen Freund kennen ſollen, wie ich ihn kenne; Sie hätten Zeuge ſein ſollen von ſeiner Reue, und dann hätten Sie das Schreckliche ſeiner Lage ſich vorſtellen können, als er das Schlachtopfer ſeiner Leidenſchaft vor ſich liegen 3„„Jeden Augenblick,““ dieß ſind die Worte meines unglücklichen Freundes,„ſchwebt die blutige Geſtalt des Ermordeten dem Mörder vor dem Geiſte; in jedem 79 ſeiner Träume ſpielt dleſer Gedanke die Hauptrolle 8 wachend oder ſchlafend, immer umſchwebt ſie den Schuldigen.— „Fahren Sie fort, fahren Sie fort,“ fagte Hauſer, während ſein Geſicht todtenbleich wurde.. Auch er war ein Mörder!! „Wohlan denn,“ fuhr Wild fort,„meine Geſchichte geht zu Ende. Henri Smith eilte zu ſeiner Helena, dann zu ſeinem Bruder und machte beide mit dem Ohms waren noch nicht geordnet, und verſchiedene Güter mußten noch verkauft werden. Hätte Henri bis zur Augeinanderſetzung gewartet, dann wäre ſein Ver⸗ derben unausbleiblich geweſen. Er erſuchte daher ſeinen Bruder um einigen Vorſchuß. Dieſer aber weigerte ihm mehr zu geben, als er nöthig hatte, um nach England zu gehen; verſprach ihm aber für ſeine Frau und Kin⸗ der zu ſorgen, ſobald er im Stande ſei, die Ecbſchaft zu theilen. 4 „Adam Smith hat ſeinem Bruder nie einen Pfen⸗ nig geſandt, und Helena und ihre Kinder darbten in Elend und Armuth. Sie wiſſen ja, Doktor, Helena iſt an der Zehrung geſtorben und ihre Kinder find ihr bald in's Grab gefolgt.“ „Frank und Clara...l“ rief Carl Hauſer. „Sind todt! Mein Freund Henri hat mir einen Brief gezeigt, worin ihm das Ableben ſeiner Kinder mitgetheilt wird.“ „Und blieb Henri Smith in England?“ „Nein, er ging nach Indien,“ antwortete Steuer⸗ mann Wild;„da traf ich ihn an. Er wagte es nicht, die Rückreiſe in das Vaterland zu unternehmen, denn geben. Mein Freund beauftragte mich deßhalb mit der Sache; doch würde ich ungerne mit dem Herrn ——— 80 Adam Smith in Berührung kommen, da er, wie ich ſchon ſagte, mir von früherer Zeit gut bekannt iſt. Sie haben ja auch die Gattin und die Kinder des unglück⸗ lichen Henri Smith gekannt und werden ſich deßhalb nicht weigern, ihm dieſen Dienſt zu erweiſen.“ „Ich wiederhole meine ſchon gegebene Zuſtimmung,“ ſagte der Schiffsdoktor,„und werde die Sache gerne beſorgen.“ „Die nöthigen Papiere werde ich Ihnen geben,“ fügte der Steuermann hinzu.„Er wohnt auf der Prinſengracht und handelt unter der Firma: Remmers und Comp.“ „Der Name iſt mir bekannt,“ ſagte Hauſer, und es überſiel ihn unwillkührlich ein Schauer, als er ſich der Welegendeit erinnerte, da er mit ihm bekannt ge⸗ worden. VI. Neue. Schäumend vor Wuth trat der Duikelaar in das Wtrthshaus Het mooriaantje das Bram gerade ver⸗ laſſen wollte, um in De cenhorn zu gehen, wo er nach der Verabredung den Barbier zu finden hoffte. „Verdammt ſei Paul!“ nief der Duikelaar, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, während die Leiden⸗ ſchaft ihn beinahe am Sprechen hinderte,„er iſt mit den massematten schibus gegaan, ¹) weil es ihm nicht bequem war gijlek zu thun. 1) Mit der Beute durchgegangen, ——— 81 „Was 2“ fragte Bram, der große Augen machte und dem unerwarteten Berichte kaum glauben konnte, ver ſollte uns opgereddert haben! Ich glaube das noch nicht ſo leicht. Bei wem anders als bei mir ſollte er denn die Papiert verpatschen können?⸗ „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr der Duikelaar fort,„er hat den mijnheer om gaaijes gemacht, ich habe Alles geſchen, als ich op gilles ſtand.“ „Zum Teufel, Duikelaar, was ſaßſt Du! Träum' ich oder wach' ich! Paul hätte den mijnheer neeêrge- blikkert?- „Mit ſeinem galfz²) der mijnher iſt todt, ich will Euch Alles erzählen, Vater Bram! Hier Jim, ein murrie um mein durch den Schrecken etwas ſtockendes Blut flüſſig zu machen. Ich ſtand op gilles an der Gartenmauer in der Reguliers dwarsſtraat, als ich mit Glockenſchlag zwei Uhr Jewand kommen ſah, in einen langen Mantel gewickelt, denn die Nacht war kalt. Teufel! Dacht' ich bei mir ſelbſt, das iſt gewiß ein godel oder ein weeds; daß es wenigſtens Jemand von der Princerif ſei, hielt ich für gewiß. Um mich davon zu überzeugen, lief ich ein paarmal an ihm vorüber, als er mir plötzlich zurief: „He, Duikelaar, iſt Paul der Barbier gut hinein⸗ gekommen?“ „Ich erkannte ihn ſogleich an ſeiner Stimme, es war der mijnheer, der die massematten had aan- geslagen;³) er war aber ſo ſchön gekleidet und ſah ſo ganz anders aus, daß ich ihn unmöglich erkannt hätte, wenn ich nicht ſeine Stimme gehört hätte. „Ich fing ein Geſpräch mit ihm an. „„Junge,““ ſagte er unter Anderem,„nich traue dem Barbier nicht ſehr, er könnte mit dem Diebſtahl weg⸗ 2) Dolch. 3) Den Diebſtahl vorbereitet. 62 laufen, ohne uns einen Theil von der Beute zu geben, gehe daher an die Vorderthüre, ich will hier bleiben, und ſo kann er uns nicht entgehen. Sobald Du ihn gewahr wirſt, mußt Du mir dreimal pfeifen, dann werde ich zu Dir kommen, es iſt ſtill und deßhalb kann ichies wohl hören; wenn ich ihn ſehe, thue ich daſ⸗ e f.*. „Gut,“ ſagte ich, denn es war, wie wenn mir ſin Vorgefühl ſagte, daß Paul uns einen putz machen ürde.“ wü „Ich faßte auf der Heerengracht Poſto und es wird ungefähr drei Uhr geweſen ſein, als ich plötzlich einen gräßlichen Schrei hörte, der wenige Augenblicke darauf wiederholt wurde. „Alsbald lief ich in die Reguliersdwarsſtraat; der mijnher lag in ſeinem Blut ſchwimmend und das nijkt Pauls bei ihm. Paul hat ihn om gaaijes ge- maakt, dachte ich ſogleich und fürchtend, man könnte mich vielleicht für den Thäter halten, ging ich schibus¹) und auf der Koningsplein ſah ich Paul, der ruhig, als ob nichts geſchehen wäre, fortlief. „„Du haſt ihn ter neër geblikkert, um ſein gellepp in de massematten zu haben,““ ſagte ich, „nund da haſt Du wohl daran gethan; der mijnheer war kein gewerber, komm' mit, Bram wartet auf Dich.“„ „„Weder Du noch Bram ſollen Etwas von den massematten haben,““ rief Paul und gab mir zugleich ſolch' einen Schlag auf mein ros, daß ich, darauf nicht gefaßt, bewußtlos niederfiel.“— „Der verfl... Dieb!“ rief Bram wüthend,„wenn ich ihn hier hätte, würde ich ihm die aijene ausreißen. Gewerbers ſo zu betrügen! Und,“ fügte er in der Stille bei,„das iſt ein Diebſtahl, der mißglückt iſt, der 4) Lief ich davon. —., ———ÿÿ, 83 Satan helfe mir, daß ich morgen das Geld bekomme.“ Und ſich darauf wieder an den Duikelaar wendend, fuhr er fort:„Du mußt ſchweigen, da iſt nichts mehr zu machen.“ Darauf näherte er ſich dem Wirth und fragte dieſen ſo leiſe, daß es nur David hören konnte:„Was macht der Kolonel?“ „Todtenſtill!“ ſprach der krumme David,„ich wäre froh, wenn er weg wäre!“. „Morgen könnt Ihr ihn loslaſſen,“ ſagte Bram, „denn morgen frühe erhalte ich das Geld für den Wechſel.“ „Und wenn er ſich weigert ceme ehaansche mat te verkwanselen?“ frug David Ram. „Er wird ſich nicht weigern,“ verſicherte Bram, glaubt nur, er wird froh ſein, daß ihm nichts Schreck⸗ licheres geſchieht; und wenn er einen Eid geſchworen hat, kann man ſicher ſein, daß er nicht als moosser zal doorslaan; er iſt ein eileija Menſch und wird Wunder meinen, was es für ein Verbrechen ſei, einen Eid zu brechen. Seid deßhalb ruhig, Daaf,“ ſchloß Bram und klopfte dem Wirth vertraulich auf die Schulter. Van Zweeden, der nun aus einem langen Schlaf erwachte und durch denſelben auf dem Stuhle, auf wel⸗ chem er geſeſſen, etwas ernüchtert war, ſo daß er ohne zu fallen zu Bram hinwanken konnte, führte dieſen in eine Ecke des Zimmers, wo er ein leiſes Geſpräch mit ihm begann. 3 „Morgen Abend,“ ſagte er,„können wir thun, was Sie wollen. Morgen iſt es Mittwoch und dann geht er immer Abends aus und bleibt lange weg, das weiß ich.“ „Gut,“ ſagte Bram,„und wie ſpät muß ich mit den Schlüſſeln kommen?“ „Kommen Sie um eilf Uhr,“ antwortete van Zwee⸗ den,„dann werde ich Sie herein laſſen. Sie haben .—— d——— 8⁴ nur an die Thüre zu klopfen, und ich werde augen⸗ blicklich öffnen.“ 1 „Sorgen Sie beſonders nüchtern zu ſein, und ſpre⸗ chen Sie mit Niemand von unſerem Unternehmen,“ befah Bram,„vielleicht ſind Sie morgen um dieſe Zeit re ch.“ „Reich!“ wiederholte van Zweeden, während Hoff⸗ nung und Nachſucht in ſeinem Innern wechſelten,„und wenn ich einmal reich bin, ſollen ſie mich nicht mehr arm machen!“ Darauf trank er noch ein großes Glas Jenever, ſetzte ſich auf ſeinen Stuhl und befahl Zim, ihn mor⸗ gen um acht Uhr zu wecken, worauf er einſchlummerte. Jim ſaß, ſtolz mit ſeiner Uhr prangend, an einem Tiſche mit drei Männern, um Karten zu ſpielen, wel⸗ ches Spiel ehrlich geſpielt wurde, da jider klug genug war, um ſich durch den andern nicht betrügen zu laſſen. MNPhöötlich wurde die Thüre geöffnet, und Gijs wankte betrunken herein. 1 „Ich hab' keinen Cent mehr,“ rief er, ſeine Taſchen umkehrend,„Alles iſt weg. Schnell, David, eine Flaſche, ich will Jeden traktiren, morgen kannſt Du Geld be⸗ kommen, das weißt Du, krummer Hund! Bah! Je⸗ never will ich nicht, Wein muß es ſein. Holla, alter Herr, aufgewacht, ich traktire mit Wein! Jungen, die Karten weg, und laßt uns mal die Nacht luſtig zu⸗ bringen!“—. David hatte den verlangten Trank nicht im Haus, wußte ihn aber bald herbei zu ſchaffen. Es war viel⸗ leicht das erſte Mal, daß Wein in dem Mooriaantje getrunken wurde. Bram leerte ein paar Gläſer und entfernte ſich dann, denn wie ſchlecht und durchtrieben er auch ſein mochte, ſo machte er ſich doch der Betrun⸗ kenheit nicht ſchuldig, wiſſend, wie gefährlich es für Jemand iſt, der Geheimniſſe zu bewahren hat, im Ge⸗ brauche des Getränkes ſich zu übernehmen. „Gch bleibe die ganze Nacht hier,“ rief Gijs,„um 5 — bei der Hand zu ſein, wenn Bram mit dem massomne ⁵) kommt.“ Jeder leiſtete ſein Beſtes, die Gläſer zu leeren, denn Wein war den Meiſten ein ganz fremder Trank, und obwohl das Traubenblut, das David ſeinen Kun⸗ den vorſetzte, gerade nicht das edelſte und beſte war, machte der Saft doch die Männer außergewöhnlich luſtig, während Gijs nach ſeiner Gewohnheit ſo lange Verſe recitirte, bis er endlich einſchlief, welchem Vorbild die Andern, die meiſtens keine Wohnung hatten, folgten. Bald herrſchte die tiefſte Stille, die aber plötzlich durch einen heſtigen Schlag, dem ein lautes Krachen folgte, unterbrochen wurde. David ſah Jim an, Jim David, und beide er⸗ blaßten. „Hab ich Dir's nicht geſagt,“ ſagte der krumme Wirth, ⸗daß es unſer Unglück ſein werde!“ „Was war das?“ fragte einer der Gäſte, durch den Lärm aus ſeinem Schlafe geweckt. „Es war in dem Keller,“ ſagte ein Anderer. „Es iſt nichts, nichts!“ rief David, obwohl er vor Angſt beinahe nicht ſprechen konnte,„es wird ein Bier⸗ faß geſprungen ſein“ „Still, ich meine Jemand ſprechen zu hören.“ „Es iſt Jemand in vem Keller, David, laß uns ſehen, was es iſt.“ „Nein,“ rief Jim,„in dem Keller iſt Niemand, es iſt unſer Nachbar, der Meſſinggießer, der wahr⸗ ſcheinlich betrunken nach Hauſe gekommen iſt und Schläge kriegt von ſeiner Frau, das geſchieht oft, ich erkenne ihn deutlich an ſeiner Stimme.“ „Ja, ja, das wird es ſein,“ beſtätigte David, „Jim hat Recht, es iſt der Meſſinggießer!“ Sch weiß wohl, was es iſt,“ ſagte Gijs halb er⸗ wacht,„aber das geht Niemand etwas an: 5) Gold. ————C(——O—— 86 Elk moet voor zich zelven zorgen, t Raakt niet wat de buurman doet ⁶).“ zitirte der Dichter und ſchlief wieder, wie ſeine Trink⸗ brüder, ein. „Alles iſt verloren!“ flüſterte David ſeinem Sohne zu. „Nichts iſt verloren,“ ſprach dieſer,„wir werden machen, daß er nie wieder ein Wort ſpricht.“ „Wie,“ rief David,„Du wollteſt...“ „Mit meinem nikt ihn für immer ſchweigen machen, ja, das will ich.“ „Dann ſind es zwei, Jim.“ „Und wären es ſechs; es muß geſchehen, Alter, glaubſt Du denn, daß ich Luſt habe, um ſeinetwillen naar de klienje te gaan, es iſt ſeine eigene Schuld, daß er om guaijes gaut. Sprich aber kein Wort da⸗ von, Alter, wir werden Bram und den andern Jur⸗ gen ſagen, daß er eine spaansche mat verkwanselt heeft und wir ihn haben gehen laſſen.“ „Aber wann, Jim?“ „Wenn ſie fort ſind, werden wir es thun, wir beide, Alter, denn Du mußt gellep an dem Mord haben, damit Du mich nicht nach der Hand verrathen kannſt. Wir müſſen warten, bis ſie alle weg ſind; man kann nicht wiſſen, es möchte einer darunter ſein, der uns baldoveren?) will, es muß auch bei Tage geſche⸗ hen, denn jetzt möchte ich für alles moos der Welt nicht in den Keller.“ „Gut,“ ſagte David,„nun iſt es wieder ſtill; ich höre wenigſtens kein Geräuſch mehr.“ „Er muß durchaus om gaaijes,“ ſagte Jim noch einmal, während ſich ſein Geſicht zu einem widerlichen Lachen verzog,„ich will wegen ſeiner nicht op't schol- lem. Es iſt in jedem Falle ſeine cigene Schuld, warum 6) Jeder muß fuͤr ſich nur ſorgen, Was kümmert mich des Nachbars Thun. 7) Beobachten. das faule Waſſer wenigſtens eine Hand hoch. Das 87 blieb er nicht, wo er war; er hatte ja nichts in dem Vorkeller zu thun.“ „Wenn wir ihn ermordet haben, ziehe ich ſogleich aus,“ ſprach David Ram.„Ich möchte hier nicht län⸗ ger bleiben.“ VII. Der Gefangene. Beſuchen wir Auguſt van Bergen in ſeinem elen⸗ den Kerker. Das ſchwache Licht, das durch das Eiſengitter drang, ſetzte ihn in den Stand, ſein Gefängniß genau zu un⸗ terſuchen. Die Mauern waren von der Feuchtigkeit mit einem dicken Schimmel bedeckt, auf dem Boden ſtand Stroh, welches van Bergen zum Lager dienen ſollte, war feucht, und wäre das auch nicht der Fall geweſen, er würde ſich doch nicht darauf niedergelaſſen haben, da es nicht nur ein unſanfter, ſondern zugleich ein unreiner Ruheplatz war. Auguſt ſetzte ſich auf ein leeres Bierfaß, um über ſeinen Zuſtand nachzudenken. Es war ihm aber un⸗ mögih, irgend einen Grund ſeiner Gefangenſchaft zu erfinnen... In der heſtigſten Unruhe brachte er den Tag zu, und als es Abend wurde, und dunkler geworden war, ſtörte ihn ein fremdartiges Gefühl und eine gewiſſe Bewegung auf ſeiner Hand. Es ſchien, die Hand ſei mit Etwas in Berührung gekommen, und haſtig griff er darnach... aber ein kalter Schauer überlief ihn... als er mit der Hand eine große Ratte umfaßte, die die Keckheit ſo weit getrieben hatte, ſich neben ihn zu ä ſetzen, und jetzt, durch die Berührung mit der andern Hand des Kolonel, ſo ſchnell wie ein Pfeil, der die Luſt durchſchwirrt, unter der Hand durchglitt und ver⸗ ſchwand. 1 Auguſt van Bergen hatte einen unwiderſtehlichen Widerwillen gegen dieſes Unthier und es ergriff ihn ein heſtiger Schauer, als er bemerkte, daß der Kerker wirklich von Ratten bevölkert ſei. Um ſich aus der Geſellſchaft dieſer Mitbewohner zu entfernen, ſtieg er die Treppe hinauf und verſuchte den Deckel zu lüften, der auf dem Eingang lag, allein es war ihm unmög⸗ uc, da David ſehr ſchweren Hausrath darauf geſtellt atte. So laut er vermochte, erhob der Kolonel ſeine Stimme, erhielt aber keine Anwort; bis endlich Jim ihm unter den ſchrecklichſten Eiden zurief, er ſolle ſchweigen, wenn er nicht ermordet werden wollte. „Laßt mich frei,“ ſagte er,„ich werde Euch gut dafür belohnen, und zugleich Verſchwiegenheit geloben.“ „Nein,“ polterte Jim,„ſeien Sie ſtill und wagen Sie es nicht, noch einmal zu ſchreien, oder Sie ſollen das Tageslicht nie wiederſehen. Seien Sie nur ruhig⸗ Herr Kolonel,“ fuhr er in ſpottendem Tone fort,„Sie ſind gut beſorgt und müſſen ſich bedanken, daß ich Sie koſtenfrei logire; es iſt freilich etwas weniger gut, als in dem Hotel in der Doelenſtraat, aber doch friſch und Geſellſchaft ſollen Sie dieſe Nacht genug haben. Es war ein ſchönes Bild, nicht wahr!“— „Aber was habt Ihr denn mit mir vor 2„)— „O wir wollen Sie überraſchen, ſonſt nichts, der Herr van der Meer, wiſſen Sie, der Maler aus Rot⸗ terdam, iſt mit einem Bilde beſchäftigt und wenn er fertig iſt, wollen wir Sie es ſehen laſſen.“ Worten. 4 3 „ Aber wann ſoll ich meine Freiheit wieder be⸗ kommen?“ 83 Ein lautes, ſpottendes Gelächter ſolgte dieſen 89 „O vielleicht in ſechs Wochen, oder in einem hal⸗ ben Jahre,“ ſagte Jim boshaft. Auguſt van Bergen ſchwieg und ſetzte ſich miß⸗ muthig auf die ſteinerne Treppe nieder. „Seien Sie unbeſorgt, es ſoll Ihnen kein Leid geſchehen; morgen werden Sie wieder frei ſein,“ hatte Albert zu ihm geſagt, aber wie wenig Vertrauen konnte er in einen Mann ſetzen, der ihn in das Netz gelockt hatte. Endlich wurde es Nacht, der Kolonel hatte einige Zigarren bei ſich und einen Feuerzeug. Er ſteckte eine Zigarre an, um ſich etwas Licht zu verſchaffen und ging wieder in den Keller hinunter, um eine Gelegenheit zur Flucht zu finden. Der Keller muß nothwendig noch einen Ausgang haben, dachte er, denn die Fäſſer, die rund herum ſtanden, waren zu groß, als daß es möglich geweſen, ſie durch die kleine Oeffnung, durch die er hereinge⸗ kommen war, zu bringen. Um dieſen Ausgang zu finden lief er taſtend an der Mauer herum und er⸗ reichte auf dieſe Weiſe das Loch, das in der Scheide⸗ mauer angebracht war. Van Bergen ſteckte ſeinen Kopf durch die Oeff⸗ nung und verſuchte, ſeine Zigarre hin und her haltend, ſich das nöthige Licht zu verſchaffen, um hineinſehen zu können. Ein eckliger Geruch kam ihm entgegen und ſogleich zog er den Kopf zurück, um ſich nicht zu betauden. Und doch ſchien es die einzige Oeffnung, durch die er entfliehen konnte. Nochmals ſteckte er den Kopf durch das Loch, nachdem er ſein Taſchentuch vor Naſe und Mund gebunden hatte, und zwängte dann ſeinen Leib durch die enge Oeffnung. Endlich nach vieler Mühe kam er in den Vor⸗ keller; hier war die Luft wirklich verpeſtet und überall herum taſtend, ſtieß er mit den Füßen auf einen ihm Amſterdams Geheimniſſe. II. 7 90 unbekannten Gegenſtand. Durch das Betaſten fühl te er endlich, daß es eine große Kiſte war, aus der der betäubende Geruch zu kommen ſchien und auch hier hatten die Ratten ihren Verſammlungsplatz, denn der Deckel der Kiſte war im vollſten Sinne des Wortes mit dieſen Unthieren bedeckt. Eine große Doppelthüre zog jetzt die Aufmerkſamkeit des Kolonel auf ſich; doch als er ſie zu öffnen verſuchen wollte, fand er zu ſeiner nicht geringen Enttäuſchung, daß ſie geſchloſſen ſei.— Ueber der Thüre war ein kleines Fenſter mit ei⸗ ſernen Stangen und Draht verſehen. In der Hoff⸗ nung, etwas zu entdecken, beſchloß van Bergen, hin⸗ durchzuſehen, es wollte ihm aber nicht recht glücken, da das Fenſter etwas zu hoch war. Van Bergen bedachte ſich nicht lange, ſondern ſchleppte mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte die Kiſte bis unter das Fenſter und ſtieg dann auf dieſelbe; allein der Deckel war nicht ſtark genug, um den Ko⸗ lonel zu tragen, denn kaum war er auf die Kiſte ge⸗ ſtiegen, als der Deckel, von den Ratten zernagt und durch die Feuchtigkeit beinahe ganz vermodert, brach, und van Bergen in die Kiſte fiel. Sein Sturz hatte wenig oder nichts zu bedeuten, da er auf einen weichen Gegenſtand ſiel. Er ſtreckte die Hand aus, um den Gegenſtand zu unterſuchen: und faßte einen Haarbüſchel, fühlte einen Kopf! Als er ſich ſchnell vorbeugte, ſah er bei dem mat⸗ ten Lichte ſeiner Zigarre, daß er auf einer halb ver⸗ weſten und von den Ratten ſchrecklich verunſtalteten Leiche gelegen war. In dieſem fürchterlichen Augen⸗ blicke ſtieß er den Schrei aus, welcher bis in das Wirthszimmer gedrungen war, und Jim und David mehr als zu deutlich erkennen ließ, daß van Bergen die Leiche entdeckt hatte.. Da ergriff ihn die Verzweiflung, denn die Leiche ſchien ihm ſeine Zukunft vorauszuſagen und wie ein r 91 Wahnſinniger eilte er nach der Oeffnung der Mauer zurück. 1 * 3 VIII. Ein Blick in die Vergangenheit. Das Komptoir von Remmers und Comp. hatie fich wenig oder beinahe gar nicht verändert, ſeit wir es das Letztemal beſuchten; es ſah noch ebenſo düſter und trübe aus, wie immer, um ſo mehr, da es ein regneriſcher Tag war, wodurch eine vollſtändige Finſter⸗ niß herrſchte. Palm ſaß nach ſeiner Gewohnheit an dem Schreib⸗ pult und nächſt ihm van Zweeden. Adam Smith ſchien in beſonders guter Stimmung, denn er war un⸗ erſchöpflich in Spöttereien und hatte zum Vorwurf derſelben van Zweeden erwählt, der ſchon berechnete, wie viel ſein Antheil bei dem Diebſtahl ſein würde. „Ich begegnete dieſen Morgen einem betrunkenen Kerl,“ ſagte Adam Smith,„und glaubte ſchon, Sie ſeien es, aber als ich ihn näher angah. fand ich, daß er viel nobler war.“ Karel de Roos trat herein. 9„Guten Morgen, Herr Remmers!“ ſagte er ſo . freundlich, daß ſich Palm und van Zweeden höchlich verwunderten, und verbeugte ſich vor den beiden Kom⸗ 4 mis, ohne aber mit ihnen zu ſprechen. Adam verließ eiligſt ſeinen Komptoirſtuhl, nabm die Mütze ab und näherte ſich de Roos in ſo ehrer⸗ bietiger Haltung, daß die Verwunderung der beiden Kommis immer höher ſtieg. Derr Patron hatte ader kaum ein paar Schritte vorwärts gethan, als er plötzlich in ein lautes Ge⸗ lächter ausbrach und ſeine Mütze ſo feſt als möglich auf den Kopf drückte. —y—— 92 der Hauptſtadt vor mir zu ſehen, aber nun finde ich, daß es de Roos iſt. Ich machte es gerade, wie der Bauer, von dem ihr wohl geleſen habet, der einmal eine Botſchaft verrichten mußte und einen Affen fand, der die Kleider ſeines Herren trug. Der Bauer nahm ſehr höflich ſeinen Hut ab, um ihn zu grüßen, mei⸗ nend, es ſei der Herr oder einer der Söhne des Hau⸗ ſes, doch ſehend, daß es nur ein Affe war, that er wie ich jetzt thue und eilte, ſein Haupt zu bedecken.“ De Roos biß ſich auf die Lippen und hatte Mühe, einen Fluch zu unterdrücken. „Ich wünſchte Sie über Etwas zu ſprechen,“ ſagte er endlich, und hoffe nicht, daß ich Ihnen ungelegen komme.“. „Ungelegen kommen Sie mir immer,“ ſagte Smith;„doch da es geſchehen könnte, daß Sie noch ungelegener kommen, will ich Sie jetzt anhören. Was haben Sie mir zu ſagen?“ „Es betrifft keine Komptoirſachen,“ antwortete de Roos,„deßhalb wünſchte ich Sie allein zu ſprechen.“ „So kommen Sie,“ ſagte Smith,„Sie werden den Weg in das hintere Zimmer noch wohl kennen. Es thut mir leid, daß ich Sie in kein prächtiges Sprechzimmer führen kann; aber das wird auch ein⸗ mal geſchehen, wenn ich eine ſo gute Heirath mache, wie Sie.“ Gründe meines Kommens betreffen eine Bitte an Sie.“ „Eine Bitte!“ wiederholte Adam Smith.„Alles können Sie von mir bekommen, was Sie wollen.. außer Geld!“ „Durchaus nicht Geld,“ gab Karel de Roos mit einem gewiſſen Stolze zur Antwort,„durchaus nicht wenn ich mit Ihnen über Geld ſprechen würde, könnt es ſich nicht um Geldanlegen, nicht um Leihen handeln.“ „So,“ ſagte Smith, einigermaßen durch dieſe 4 „Ich glaubte,“ ſagte er,„eine der erſten Perſonen ,— 93 Antwort verblüfft, ſo weit er nämlich je verblüfft wer⸗ den konnte.„Was wollen Sie denn?“ „Ich wollte Sie erſuchen, das, was vor einigen Wochen in der Handboogstraat vorgefallen iſt, zu vergeſſen, und meiner Frau kein Wort davon zu ſagen.“ 3 Adam Smith lachte, wie nur Adam Smith lachen ann. „Ich geſtehe gerne, daß an mir die Schuld liegt,“ fuhr Roos fort,„aber Sie werden einſehen, daß der Schein gegen Sie war, und....“ „Wenn ich,“ ſiel Smith ihm in die Rede,„jenes Haus beſucht hätte, um da die Genüſſe zu finden, die dort zu finden find, was aber nicht der Fall war, was ging es Sie an; ich bin ledig und daher Herr meines Thuns und welche Gründe hatten Sie, mich zur Schau zu ſtellen? Daß Sie ſich betranken, iſt Ihre Sache; aber daß Sie mit leichtſinnigen, ſittenloſen Jungen in den öffentlichen Häuſern herum laufen, iſt eine Sache, von der ich Ihre Frau in Kenntniß ſetzen muß.“ „Aber ich geſtehe gerne, daß ich an jenem Abend betrunken war und nicht wußte, was ich that.“ „Ja, daran zweifle ich durchaus nicht, aber Sie kennen das Sprüchwort: was man betrunken thut, muß man nüchtern entgelten.“ „Aber ich kann Sie verſichern, wäre ich damals ſo von der Reinheit Ihrer Abſichten überzeugt geweſen, als ich es jetzt bin, ich hätte mich wohl gehütet, einen Mann zu beleidigen, der ſeinen guten Namen in die Wagſchale legte zur Erreichung eines edeln Zweckes, wie der, wegen deſſen Sie das bewußte Haus be⸗ ſuchten.“ „Sie ſehen,“ ſagte Adam Smith bitter,„eben ſo wenig, als der Zweck Ihnen an jenem Abend bekannt war, iſt er Ihnen jetzt bekannt.“ „Wie, ich ſollte nicht wiſſen, daß der Beſuch ihr galt! Am folgenden Morgen, als ich wieder nüchtern war und über das Geſchehene ernſtlich nachdachte, fiel ————— mir endlich ein, wer das Mädchen war, das bewußtlos auf dem Sopha lag und mir an jenem Abend ſchon ſo bekannt vorkam. Da begriff ich, daß Sie das Inte⸗ reſſe für ihr Loos in dieſe Wohnung geführt hatte und Sie ſie mit Gewalt vielleicht von einem Orte entfernen wollten, wo ſie ihrem Verderben entgegen eilte; ich urtheilte, ſie, die ſo viel Ihnen verdankt, habe Ihre mneiſenrüßege Theilnahme an ihr mit ſchnödem Undank f. 0 n. 4 Adam Smith ſah ſeinen vormaligen Kommis mit Verwunderung an, und dachte nicht anders, als de Roos ſet wahnſinnig geworden. „Nun, was ſoll das Mädchen?“ „Verſtellen Sie ſich nicht vor mir, Herr Remmers, jetzt weiß ich, wer es iſt, eben ſo gut als Sie.“ 1 87709 ſagen Sie, wer es iſt?“ frug Smith unge⸗ uldig. „Wenn Sie denn durchaus wollen, daß mein Mund ibren Namen ausſpreche, wohlan denn, ſo werde ich Ihnen zeigen, daß ich mich nicht betrogen habe, und noch ein ſehr gutes Gedächtniß beſitze. Das Mädchen war Clara, Franks Schweſter, die Tochter der armen Wittwe, welche auf dem Winlde ſteeg geſtorben iſt. Ich brachte die beiden Waiſen Ihrem Auftrage gemäß in 4 Beurtſchiff, mit welchem ſie in die Koſtſchule ab⸗ gingen.“ 2 Ein Schauer überfiel den Kommiſſionär; bewe⸗ gungslos ſtand er da und mit verwildertem Blicke ſah er den Erzähler an. „Clara!“ rief er in ſchrecklichem Tone,„Clara!“ wiederholte er noch mehrere Male und zitterte bei dem Gedanken, daß das Mädchen, das er mit Gewalt zur Unkeuſchheit hatte verleiten wollen, die Tochter ſeines Bruders, daß er ihr Oheim ſei. Da meinte er das „blaſſe Geſicht wieder zwiſchen ſich und Karel de Roos. aufſteigen zu ſehen, die Erſcheinung der ermeas Helena! 1 . 95 Er konnte nicht ſprechen. De Roos ſchien nicht darauf zu merken und fuhr fort: „Sie begreifen, daß jetzt, da ich weiß, wer das Mädchen iſt, ich auch vermuthe, was zu dem Schauſpiel Veranlaſſung gab, das in der Handboogſtraat vorfiel. Clara zeigte ſich Ihrer Theilnahme unwürdig; als ſorg⸗ licher Beſchützer wollten Sie ſie auf den Weg der Tu⸗ gend zurück bringen; Sie wußten ſie aufzuſpüren und fanden ſie endlich da, wo fie gewiß jeden Andern eher, als Sie, anzutreffen hoffte. Mein Herr, Sie ſind beſ⸗ ſer, als ich dachte.“ „Adam Smith war indeſſen von der heftigen Ge⸗ müthsbewegung hergeſtellt, ſo daß er ruhig überlegen konnte, was er zu thun habe. „Sie wiſſen Alles,“ ſagte er endlich,„und ich glaube gerne, daß Sie mich nicht auf ſo niedrige Weiſe Ihren Freunden zur Schau geſtellt hätten, wenn Sie damals alle Umſtände ſchon gekannt hätten.“ „Gewiß nicht,“ ſprach de Roos und er meinte die Erklärung aufrichtig. „Nun denn, ich gelobe Ihnen Verſchwiegenheit, wenn Sie mir ſolche wieder geloben. Möge Sie die⸗ ſer Vorfall gelehrt haben, wie leicht der Menſch irrt, wenn er nur nach dem Scheine urtheilt... und nun nie wieder ein Wort über das Geſchehene und den be⸗ wußten Abend.“ „Und,“ rief de Roos, ⸗ſtatt Sie überall zu be⸗ leidigen, wie ich es bis heute gethan habe, ſoll es mir eine heilige Pflicht ſein, Sie, wo ich es kann, als den Mann zu rühmen, der um ſeiner Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit Willen alles Lob verdient.“ „Ich wünſchte das nicht, es iſt gegen mein Ge⸗ fühl; die Wohlthaten, die ich erweiſe, müſſen im Ver⸗ borgenen bleiben.“ ℳ.„Nein, Herr Smith, einmal wird Ihnen all' das⸗ ffentlich vergolten werden, das Sie im Verbor⸗ en gethan haben.“ 96 De Roos wußte nicht, daß dieſe Worte wie ein Dolchſtich das Herz des Heuchlers trafen. Als der vormalige Kommis fort gegangen war, folgte ihm van Zweeden, um die Vorthüre aufzu⸗ machen. 1 8„Sagen Sie mal, Herr de Roos,“ ſagte er,„kön⸗ nen Sie mir nicht einen Thaler leihen, morgen werde ich Ihnen denſelben doppelt zurück geben, ich habe Adam Smith gebeten, aber der Spitzbube hat ſich ge⸗ weigert.“ „Was!“ rief de Roos, den Kommis zornig an⸗ ſehend,„Sie dürfen ſich vermeſſen, den Herrn Smith einen Spitzbuben zu heißen! Sie ſind ein elender Trun⸗ kenbold und ſelbſt des geringſten Mitleidens unwürdig, der Herr Smith iſt der bravſte, ehrlichſte und rechl⸗ ſchaffenſte Mann der ganzen Welt.“ Van Zweeden ſtarrte erſtaunt ſeinen Ex⸗Mitkommis an, der, ohne ihn zu grüßen, ſich entfernte. **„ Adam Smith hatte ſeinen Platz am Schreibpulie wieder eingenommen, aber ſeine Spottluſt war mit ſei⸗ ner fröhlichen Laune verſchwunden. Er ſah mechaniſch auf die vor ihm liegenden Papiere; aber ſein Geiſt war mit ganz anderem beſchäftigt, als mit den vielen Ziffern und Buchſtaben, auf welche ſeine Blicke geheftet waren. Er dachte an das Vergangene und die Erin⸗ nerung jagte ihm Schauer und Schrecken ein. Aber keine Reue erfüllte das Herz des Sünders, nein, eine ängſtliche Beſorgniß darüber, wie dieſes Gewebe von Betrug, Liſt, Schändlichkeit und Heuchelei ein Ende nehmen ſollte, die Furcht vor Entdeckung, die Furcht vor der Strafe, der er dann nicht entgehen könnte, Zebhemächtigte ſich ſeiner. Schon dreimal hatte van Zweeden ihm zugerufen: „Mein Herr, es iſt Jemand da, um Sie zu ſprechen!! X 97 ohne von dem Kommiſſionär gehört worden zu ſein, doch als er dieſe Worte zum vierten Mal wiederholte, ſah Smith verwundert auf, wie einer, der aus dem Schlaf erwacht. Carl Hauſer, der Schiffsdoktor, ſtand vor ihm. Eben ſo wenig, als er in dieſem Augenblicke den Mör⸗ der Helena's erkannte, eben ſo wenig wurde er von dieſem erkannt.— „Mein Herr,“ ſagte Carl Hauſer,„hier iſt ein Brief, der Schreiber deſſelben wird Ihnen ohne Zwei⸗ fel nicht unbekannt ſein.“ „Wer ſind Sie, mein Herr?“ frug Smith, bald bleich, bald roth werdend während des Leſens,„Ihr Name?“ „Ich bin Schiffsdoktor und mein Name iſt Carl Hauſer.“ „Carl Hauſer!“ wiederholte Adam Smith in einem Tone, der nur allzuſehr das ſchwere Gewicht verrieth, das in dieſem Augenblick ſein Gemüth zu drücken ſchien. Er ſah den Doktor an, deſſen ſchwarze Augen, brau⸗ ne Geſichtsfarbe und kräftige Geſtalt ihn in dem Manne, der vor ihm ſtand, den Mörder Helena's er⸗ kennen ließ. „Kommen Sie heute Abend zurück,“ ſagte Smith, nachdem er noch einen Blick in den Brief geworfen hatte, hpund ich hoffe, wir werden die Sache zu gegenſeitiger Zufriedenheit abmachen, nach acht Uhr bin ich allein.“ „Ich werde nach acht Uhr wieder erſcheinen,“ ſagte Carl Hauſer und ging. Adam ſaß wie verſteinert vor ſeinem Schreibpult und antwortete auf keine der Fragen, welche die Kom⸗ mis an ihn richteten. „Es iſt zwei Uhr,“ wagte van Zweeden endlich zu ſagen. 4 „Dann können Sie gehen,“ war die kurze Ant⸗ wort, die er erhielt.„Sie, Palm, gehen heute Mit⸗ tag auf die Börſe, ich habe andere Sachen zu beſorgen.“ 98 Nachdem die Kommis gegangen waren, las der Kommiſſionär den Brief wiederholt durch und blieb dann unbeweglich ſitzen, ſein Haupt mit beiden Armen unterſtützend; ſo ſaß er da, in ſich ſelbſt gekehrt, und nur das unruhige ſchnelle Athemholen war das einzige Zeichen von Leben, das er gab. Die Stunden ver⸗ rannen und es wurde je ſpäter, je dunkler auf dem Komptoir, aber Smith bemerkte es nicht und als die Komptoirthüre geöffnet wurde und van Zweeden her⸗ eintrat, ſah er erſchrocken auf. „Was wollen Sie?“ frug er barſch. „Ich komme auf das Komptoir,“ antwortete der Kommis ſehr verwundert. „Das ſehe ich wohl, aber was wollen Sie jetzt?“ „Es iſt ſchon fünf vorüber, mein Herr.“ „Schon ſo ſpät!“ rief Smith,„hurtig, ſtecken Sie das Licht an, ſchon fünf Uhr!“ Er hatte ſo drei volle Stunden in der Einſamkeit zugebracht. Drei volle Stunden hatte ſeine Phantaſie ſich einzig mit dem Manne beſchäftigt, welchen er zum Theilnehmer ſeiner ſchändlichen Handlungsweiſe gemacht hatte, und der jetzt in dieſem ſchrecklichen Augenblicke vor ihm erſchienen war. Adam Smith kleidete ſich an und verließ das Komptoir.„Ich komme innerhalb einer Stunde zurück,“ ſagte er,„wenn Jemand kommt, um mich zu ſprechen, ſoll er warten.“ „Adam wird auch toll,“ ſagte van Zweeden zu Palm, als der Kommiſſionär gegangen war,„er iſt die ganze Zeit hier geſeſſen, ohne die Zimmerthüre zu ſchließen. Denn als ich kam, ſtand die Thüre offen.“ Und in dieſem Augenblicke ſich beſinnend, wie viel Nu⸗ tzen er aus dieſem Umſtande ziehen könne, um allen Verdacht des von ihm zu vollziehenden Diebſtahls von ſich abzuwenden, ſagte er:„Wie leicht könnte nicht Jemand hereingeſchlichen ſein, denn als ich kam, war es hier ſtockfinſter, und ich glaube, daß Adam ſchlief, wenigſtens ſprach ich viermal, bis er mir antwortets.“ — —— 99 „Wenn Adam Smith närriſch würde, würde es für uns verkehrt ausſehen, denn es koſtet Mühe, einen Platz als Kommis zu bekommen.“ Die Zurückkunft des Patronen machte dem Geſpräch ein Ende, und ſo ſtill er zuvor geweſen, ſo lebhaft wurde er jetzt. Durch unaufhörliches Sprechen ſchien er die unheimlichen Phantaſien, die ſich in ihm dräng⸗ ten, verſchwinden machen zu wollen, und van Zweeden, der von der guten Laune, in welcher ſich Smith ſchein⸗ bar befand, Gebrauch machen wollte, frug ihn etwas vor acht Uhr, ob er ſich entfernen dürfe, da er ſich unwohl fühle. „Gehen Sie nur,“ erlaubte Smith,„aber ſorgen Sie, daß das Unwohlſein morgen vorbei iſt, und Sie zur Zeit auf das Komptoir kommen, kränkliche Menſchen kann ich nicht brauchen; wie Sie wiſſen, ich bin nie krank, weil ich mich nie betrinke und immer warm an⸗ gezogen bin. Ich glaube, daß Sie nicht einmal ein Hemd anhaben, van Zweeden.“ Allein der Kommis hatte ſich ſchon entfernt und hörte nichts von dem, was der Patron ſagte. In dem Gange begegnete er Carl Hauſer. dieſ„Iſt der Herr Smith auf dem Komptoir?“ frug ieſer. 4 Van Zweeden bejahte. Der Schiffsdoktor erſchien vor Adam Smith, während der Kommis, ſtatt zur Thüre hinauszugehen, ſich in einem Kaſten verbarg, der ſich auf dem Komptoir befand. IX. Neue. Der kleine Handel, den Nancy Horſt trieb, ein Handel, welcher in Amſterdam unter dem Namen 100 zaren en lint ¹) bekannt iſt, blühte, wie ein ſolcher kleiner Handel blühen kann. Der alte Herr Steenmann wohnte in einem Zimmerchen über dem Laden und verzehrte einen Gulden mehr als in ſeinem vorigen Koſthauſe. Jakob Horſt hatte immer noch einige Arbeit und nur ſelten geſchah es, daß keine Käufer in dem Laden der lieben Nancy waren; es war eine Luſt, zu ſehen, wie eifrig ſie hinter dem Ladentiſche beſchäftigt war, um jeden Augenblick, in welchem ſie keine Kun⸗ den zu bedienen hatte, ſo nützlich als möglich zu ver⸗ wenden. 5 Großvater und Enkelin würden auf dieſe Weiſe ein zufriedenes Leben geführt haben, wenn Adam Smith nicht das Glück Nancy's ſchändlich zerſtört hätte. Die Verzweiflung, die ſich ihrer bemeiſtert hatte, als ihr die Stimme der Natur ſagte, daß ſie Mutter werden würde, daß ein Kind unter ihrem Herzen ruhe, war in einen ſtillen Schmerz, in ein innerliches Leiden übergegangen, das dem Fremden nicht bemerkbar, denn wer ſollte unter dem ruhigen Aeußern des Mädchens, das ſo freundlich lächelte, wenn ſie ſprach, den heſtigen Gemüthsſturm geahnt haben. Nur das Vertrauen auf Gott hatte ihre Verzweif⸗ lung gemildert, den Schmerz etwas geheilt. — Es war Abend und die kleine Lampe erleuchtete ſpärlich das hintere Zimmer, in welchem Nancy Horſt allein ſaß, da ihr Großvater ſich bei dem Herrn Stee⸗ mann befand. Wiederholt las ſie den Brief, der ihr vor wenigen Augenblicken gebracht worden war und veſſen Inhalt alſo lautete: „Liebe Nancy! Der langerſehnte Augenblick iſt endlich gekom⸗ men: ich bin glücklich! Alles will ich Dir nicht ſchrei⸗ ben, angenehmer wäre es mir, wenn mein Mund 1) Garg und Leinwand. ————— — 101 Dir mein Glück erzählen und von der frohen Zukunſt ſprechen könnte. Ich wage es um Deines Großvaters willen nicht, Dich in Deiner Wohnung aufzuſuchen und erwarte Dich deßhalb um zehn Uhr heute Abend an der Ecke der Prinſengracht und Vijzel, wo ich Dich zu finden hoffe. Ich zweifle nicht, Du wirſt Gehör geben der dringenden Bitte Deines treuen Albert.“ Sollte ſie ſeiner Bitte entſprechen? ſollte ſie es wagen, nach dem, was zwiſchen ihr und Adam Smith vorgefallen war, Albert wieder zu ſehen? Dies Schwan⸗ ken im Entſchluſſe endete der kleine hölzerne Vogel, der ſich in der Uhr befand, und zehn Male Kuckuck ſchrie; Nancy ſchloß unter dem Vorwande, noch etwas be⸗ ſorgen zu müſſen, den Laden und lenkte ihre Schritte nach dem von Albert beſtimmten Platz. Ihre Füße hatten ſie kaum ſo weit gebracht, als Albert ſich ihr näherte und einen feurigen Kuß ſtatt des guten Abend auf ihre Lippen drückte. Ja, es war wohl Albert, ihr Geliebter.. doch wie verändert war er jetzt, ſeit dem letzten Male, da ihn Nancy geſehen hatte! Seit dem fatalen Abend, da ſie ihn als Straßenräuber hatte kennen lernen! Damals deckten elende Lumpen ſeinen Körper, ſein Geſicht trug die unwiderſprechlichſten Zeichen der Trunkſucht und die Folgen des Aufenthaltes in einem ungeſunden Gefäng⸗ niſſe. Damals ging er gebückt, als wäre er nicht im Stande, die Schmach, die auf ihm ruhte, zu ertragen. Jetzt dagegen ſtand er gut gekleidet vor ihr; ſtolz erhob er ſein Haupt, denn der Beſitz des Geldes gibt den Menſchen eine eigenthümliche Spannkraft; jetzt war er wieder ganz derſelbe Albert wie damals, da ſie ihn kennen lernte, und ſie erinnerte ſich der glücklichen Tage, als ſie in ſeinem Atelier die Früchte ſeines Pin⸗ ſels bewunderte. „Albert!“ rief ſie,„iſt es möglich, Du ſollteſt. ———— „Was ich ſchon lange ſollte, mein Glück gemacht haben; ja, Nancy, eifrig habe ich gearbeitet und durch meine Arbeit ſo viel zuſammenbekommen, daß ich Dir meine Hand anbieten kann. Aber wir dürfen nicht hier bleiben, ich will dieſe Stadt und dieſes Land ver⸗ laſſen. Ich bin zu ſehr bekannt durch meine Verge⸗ hen und die Strafe, die ich erſtanden habe: auf frem⸗ dem Boden, wo Niemand weiß, daß ich mich ver⸗ fehlt, wo ich keine Gefahr laufe, durch die früheren Genoſſen meiner Gefangenſchaft erkannt zu werden, da werden wir ein ruhiges Leben führen, da werden wir glücklich ſein. Dein Großvater wird uns folgen und wenn er mich glücklich in Deinen Armen ſieht, wenn er gewahrt, daß Du, Nancy, an welcher er ſo ſehr hängt, zufrieden biſt, dann wird es den alten Mann nicht reuen, ſein Vaterland verlaſſen zu haben, wo er weder Verwandte noch Bezügniſſe zurückläßt.“ „Aber Albert, iſt Alles Wahrheit, was Du mir ſagſt?“ frug Nancy, ihre ſchönen Augen nach dem Maler aufſchlagend. „Ja, ja,“ gab dieſer zur Antwort und nahm zu⸗ gleich eine große Börſe mit Geld gefüllt aus der Taſche.„Sieh hier den Beweis der Wahrheit.“ „Ja, Albert, Du beſttzeſt jetzt Geld, ſehr viel Geld... aber...o deute mir es nicht falſch, iſt das Geld die Frucht Deiner Arbeit, iſt es nicht die Frucht eines Verbrechens? Du weißt, bei welch’ ſchreck⸗ licher That ich Zeuge war, Du weißt, was auf der Schans zwiſchen dem Weter...“ 4 „Nancy!“ fiel der Maler ihr in die Rede,„laß das Vergangene für immer vergangen ſein, jetzt be⸗ ginnt für uns ein neues Leben, neues Glück!“ „Albert, kleben keine Greuel an dieſem Gelde, kein Verbrechen? O lieber theilte ich mit Dir die tiefſte Armuth, das größte Elend, als alle die Schätze der Welt, die auf unrechtmäßige Weiſe erworben find. 103 Schwöre mir, Albert, daß dieß Gold Dein Eigenthum iſt als die Frucht Deiner Arbeit, ſchwöre mir das,“ bat ſie, ihren weichen Arm um ſeine Hüfte legend, „und ich werde Dir glauben. Ich kenne Dich, Albert; ich weiß, daß Dein Herz gut iſt, daß nur die Noth Dich zum Verbrechen zwang, daß Du mich zärtlich liebſt und um mich glücklich zu ſehen, ein Verbrechen begehen könnteft. Schwöre mir, ich wiederhole es, und ich werde Dir glauben.“ Es war ein banger Augenblick für Albert. Nie hatte ſein Herz ſo unruhig geklopft, ſelbſt nicht, als er vor Gericht ſtand und der Richter das Urtheil über ihn ausſprach. Vielleicht hätte er den Eid abgelegt, wenn der Richter ihn verlangt hätte, vielleicht... hätte er nun durch einen neuen Fehltritt die bereits begangenen zu verdecken geſucht,... aber einen Eid, einen fal⸗ ſchen Eid für Nancy zu ſchwören, die in ſeinen Augen das erhabenſte Weſen war, das die Erde trug, die er für rein und fleckenlos hielt, das war ihm un⸗ möglich! „Du glaubſt mir alſo nicht ohne. Eid 2“ frug er. „Albert, höre mich an, ich liebe Dich, Du weißt es, ich habe Dir das oft geſagt. Ich häͤtte ſchon lange verheirathet ſein können, denn während Du in dem. Du weißt wohl, wo ich meine... warſt, boten mir verſchiedene junge Männer die Hand an, aber ich bleibe Dir treu. Haſt Du das Gold auf un⸗ ehrliche Weiſe erhalten, ſo gib es dem zurück, dem Du es genommen, denn ich liebe Dich ebenſoſehr ohne daſſelbe. Jetzt bin ich nicht mehr ſo bedürftig, als ich früher war, mein Handel geht vortrefflich, denn der gute Gott ſegnet ihn; ich beſitze zwar nicht den hundertſten Theil von dem, was die Börſe enthält, o Albert, ich kann es nicht verhehlen, aber ich wünſchte, dieſe Börſe nie geſehen zu haben, man verdient nicht leicht ſo viel Geld in ſo kurzer Zeit! Du mußt mir 104 jetzt nicht antworten, Albert; iſt mein Vermuthen ge⸗ gründet, ſo gib die Börſe zurück und ich werde ver⸗ geſſen, ſie bei Dir geſehen zu haben!“ „Morgen werde ich Dir beweiſen, daß dieß Gold mein Eigenthum iſt, daß ich es ehrlich bekommen...“ „Gut, Albert, ich glaube Dir. O ehrliche Armuth iſt beſſer, unendlich viel beſſer, als der größte Reich⸗ thum, der auf unehrliche Weiſe erworben worden; auf geſtohlenem Gelde ruht ein Fluch und einſt wird es gegen uns zeugen am Tage des Gerichts.“ „Albert,“ fuhr ſie fort,„bei mir zu Hauſe würde ich Dich ungerne ſehen, Du weißt, wie mein Groß⸗ vater über Dich denkt; doch ich beſuche hie und da ein paar Mädchen, welche ich kennen gelernt habe, und welche ich eben nun auch beſuchen will, da werden wir einander finden, beſonders wenn Sonntags der Laden geſchloſſen iſt und der Großvater weiß, daß ich meine Freundinnen beſuche, komm', ſie wohnen nicht ferne von hier, geh' mit mir, daß ich Dich mit ihnen bekannt mache.“ „Gerne,“ ſagte Albert und bot Nancy ſeinen Arm an.. Albert Droſt war ſtill und in ſich gekehrt, und als ſie die Wohnung Claras und Henriettens er⸗ reicht hatten und vor derſelben ſtille hielten, ſagte Al⸗ bert, der plötzlich ſeinen Entſchluß zu ändern ſchien:; „Jetzt kann ich doch nicht mit den Mädchen Be⸗ kanntſchaft machen, nächſten Sonntag werde ich kom⸗ men, dann biſt Du doch auch hier.“ „Wie Du willſt, Albert; aber Du mußt gewiß kommen, dann will ich es den Mädchen ſagen.“ „Gewiß,“ antwortete Albert. Er drückte einen zärtlichen Kuß auf Nancys Lippen und entfernte ſich, während ſeine Geliebte in die Wohnung Henriettens und Claras trat. Waren es die Worte der Enkelin des Kupfer⸗ ſtechers, welche in ſeinem Innern Gehör gefunden ——n— 105 hatten, oder ließ ſich eine andere Stimme hören, die Stimme des Gewiſſens, welche, ſeit Albert ſeine Nancy begegnet hatte, eine gänzliche Umkehr in ihm hervorbrachte? Er nahm das Geld aus ſeiner Börſe, betrachtete es aufmerkſam und das Geld, das noch vor wenigen Augenblicken in ſeinen Augen geglänzt hatte, erſchien ihm jetzt trübe und glanzlos.„Sie hat Recht, nehrliche Armuth iſt beſſer, als unehrlicher Reichthum und obwohl ich dieſen Spruch ſchon einmal gehört habe, jetzt erſt glaube ich an ſeine Wahrheit, und nun, da ſie mir geſagt hat, daß ſie mich liebe und wäre ich auch arm, nun erſt fühle ich die ganze Reue. Nur fünf Goldſtücke will ich für mich behalten, um meine nächſten Bedürfniſſe zu befriedigen, ich werde ſie nachher doppelt zurückgeben, den Reſt will ich ihm augenblicklich zuſenden!“ Er eilte zu einem Kruizer, den er beauftragte, in das Hoôtel des Pays⸗Bas zu gehen, um zu ver⸗ nehmen, ob der Kolonel van Bergen ſich dort befinde; denn Albert dachte, die längere Gefangenhaltung des Kolonel ſei jetzt ganz unnütz, und van Bergen werde deßhalb von David Ram auf freien Fuß geſetzt wor⸗ den ſein. Obgleich es ſchon ſpät war, Mitternacht war nahe, wartete er doch die Ankunft des Krutzers ab, welcher ihm kurz darauf die Nachricht brachte, der Kolonel ſei am Tage zuvor ausgegangen und noch nicht zurückgekommen, er ſei alſo wahrſcheinlich für ein paar Tage außer der Stadt, was öfters geſchehen. Wie ein Donnerſchlag traf dies unſern Maler. „Großer Gott,“ rief er,„wenn David Ram zu ſeiner eigenen Sicherheit den Unglücklichen...“ ſeine Stimme verſagte ihm den Dienſt, der Gedanke ſchon ſträubte ſeine Haare zu Berge und ſo ſchnell als mög⸗ lich eilte er nach dem Mooriantie. — Amſterdams Geheimniſte. II. 8 X. David Nam. Dieß Kapitel möge ganz dem krummen Wirt 3 der ſeines Sohnes Jim Ram würdig, kennen lernen laſſen. erzählten wir unſre Geſchichte, in welcher er eine kei⸗ neswegs unwichtige Rolle ſpielt. er aber, im weiteren Verlauf der Geſchichte, aufgeben, um zur Hauptperſon der Geheimniſſe von Am⸗ ſterdam erhoben zu werden; ein Rang, den er, bei ſeiner Bedeutung wohl verdient. Dieſen Umſtand betrachtend, halten wir es für nicht unpaſſend, jetzt eine flüchtige Lebensbeſchreibung dieſes David Ram zu geben, der zu dem Auswurf gehört, welcher in den gemeineren Vierteln der großen Städte niſtet. Wir werden durch dieſe Lebensbeſchrei⸗ bung zugleich das Leben und die Sitten eines Theils der Einwohner der niederländiſchen Hauptſtadt geſchil⸗ dert haben. ———— 107 Die Bewohner dieſer Eilande find großentheils Schiffszimmerleute und Arbeiter auf der Landeswerfte; es ſind rohe, ſtämmige Menſchen, und zu ſchwerer Arbeit ganz brauchbar; ſie ſelbſt wollen nicht zur Stadt Amſterdam gehören, tragen den Namen Kattenburgers und obwohl nur durch eine Brücke von den übrigen Stadtbewohnern getrennt, unterſcheiden ſie ſich doch wenig in Kleidertracht und Sprache, ſo daß es ſchwer iſt, den Kattenburger unter den andern Amſterdamern zu erkennen. Unſerem David war die Ehre geworden, auf die⸗ ſem Eilande geboren zu ſein, wo ſein Vater, Schiffs⸗ zimmermann an der Landeswerfte, wohnte. Der alte Ram verdiente ein ziemlich großes Taggeld, während Davids Mutter ein Weinhaus hielt, welches von den Kameraden des Zimmermanns getreulich beſucht wurde. David, das einzige Kind der beiden Gatten, wurde, wie es leider zu oft der Fall iſt, von ſeinen Eltern mit zu großer Zärtlichkeit geliebt, die ſie für ſeine Gebrechen blind machte; ohne allen Widerſpruch ließen ſie ſeinen Begierden und Neigungen den freieſten Spielraum. Der kleine David war der Abgott der Kunden des Weinhauſes ſeiner Eltern; wer da auf der Kreide ſtund, war unerſchöpflich im Lobe über den kleinen, ſchalkhaften, loſen und flinken Schelm, mit welchen Titeln ſie den Stammhalter des Ram⸗Geſchlechtes ehrten, wohl wiſſend, daß es das Mittel war, den Kredit zu verlängern.. Denn wie ſollten die zärtlichen Eltern Jemand wegen der Bezahlung zur Laſt fallen wollen, der an ihrem Sohne ſeine Freude hatte, und wer das Glück hatte, dem kleinen David zu gefallen, konnte verſichert ſein, das größte und vollſte Glas zu kriegen und hie und da freigehalten zu werden. Und in der That, David war ein artiger, ge⸗ ſcheiter und gewandter Knabe und gewiß, eine gute Erziehung, eine gehörige Leitung hätte ihn zu einem 108 nützlichen Gliede der Geſellſchaft machen können, aber den glücklichen Anlagen des Knaben wurde eine ver⸗ kehrte Richtung gegeben, der Umgang mit Trunken⸗ bolden, das ſchlechte Beiſpiel trug das ſeine bei, um den Jungen ſo werden zu laſſen, wie er geworden iſt. David lernte fluchen, ehe er verſtändlich reden konnte. Er hörte die ſittenloſeſte Sprache aus dem Munde der rohen Gäſte, und ſchon in ſeinem zehnten Jahre ſprach er über Dinge, die er nicht einmal beim Namen hätte kennen ſollen. 3 Sein Vater betrachtete dies Alles als den unwi⸗ derleglichſten Beweis, daß ſein Sohn einſt ein fermer Junge werden würde und die Mutter war thöricht ge⸗ nug, dieſer Hoffnung Glauben zu ſchenken. David wuchs heran, und da er nie Luſt am Ler⸗ nen gehabt hatte, konnte er in ſeinem ſechzehnten Jahre „nur ſehr ſchlecht leſen und ſchreiben; dagegen wußte er ſehr gut zu trinken, kaute Tabak, focht tüchtig mit Burſchen, die viel älter als er, und vergnügt rieb fich Papa Ram die Hände, wenn er dem Kampfſpiele ſei⸗ nes Sohnes zuſah. Laut rief er David ſeinen Beifall zu, wenn er zwei, drei Borels ¹) hinter einander verſchlang; ein großes Glas des Getränkes, das der ehrwürdige Hel⸗ dring für ſchrecklicher als die Cholera betrachtet, war der Lohn, wenn er als Sieger aus dem Zweikampfe hervorging; während die dritte Tugend, welche wir an David gerühmt haben, das Kauen der Blätter der Tabakspflanze, von den habituès der Kneipe nicht we⸗ nig unterſtützt wurde, indem ſie dem Kleinen immer die Ueberbleibſel in ihren Tabaksbeuteln ſchenkten. Es glückte dem Vater, ſeinem Sohne einen Platz auf der Landeswerfte zu verſchaffen, aber David zeigte wenig Luſt zur Arbeit und nachdem er ein Jahr be⸗ ſchäftigt geweſen, wurde er wegen eines Bleidiebſtahls 1) Branntweinkelche. ——— 109 weggeſchickt und deßhalb beſchloſſen, daß David ſeiner Mutter in der Taverne beiſtehen ſolle. Schließe eine Katze in ein Vogelkäfig oder einen Wolf in eine Schafhürde, es wird leicht ſein, die Fol⸗ gen davon zu errathen. So ging es auch mit David Ram. Er betrank ſich jeden Tag, ſtahl Geld aus der Kaſſe, und verbrachte oft ganze Nächte in Spielhäüfern auf dem Zeedeik, wo die Schifferknechte ihre mit ſo viel Mühe und Gefahr zuſammengebrachten Pfennige auf die ſchändlichſte Weiſe vergeuden. Zu dieſer Zeit erſt ſah der Vater, was der Sohn eigentlich fei; er nahm ſeine Zuflucht zur Strenge, welche Maßregel, wie alle zu ſpät angewendeten Mit⸗ tel, eine verkehrte Wirkung haben. David Ram wagte es, ſich ſeinen Eltern zu widerſetzen, und es gab die ſchrecklichſten Auftritte in der väterlichen Wohnung, ſo daß die Eltern ihm endlich die Wahl ließen, zur See zu gehen oder in die Verbeſſerungsanſtalt.²) David wählte das Erſte, und aing als Kaſüten⸗ junge nach Oſtindien. Gegen alle Erwartung betrug er ſich ſo gut, daß er bald den Rang eines ligt ma⸗ troos erhielt, und als Matroſe in das Vaterland zu⸗ rückkehrte. In das älterliche Haus zurückgekehrt, begann Da⸗ vid, der ſich nun für eine beſonders vornehme Perſon hielt, ſich auf ſolche Weiſe zu betragen, daß die un⸗ glücklichen Eltern durchaus nicht mehr wußten, den unglücklichen Seemann zu bezähmen. Er ſchlug ſeine Eltern, kämpfte mit den Kunden, die die Taverne beſuchten, brachte Schiffskameraden, den Auswurf der Mannſchaft, mit ſich in die elterliche Wohnung, wo dieſe, um uns eines Schiffsausdruckes 2) Eine Einrichtung, die ſeit Jahren nicht mehr be⸗ ſteht und welche beſonders dazu diente, unbehan⸗ delbare Kinder zu verbeſſern. 110 zu bedienen, Anker warfen und dem braven Sohn im Leeren der Fäſſer und Flaſchen behülflich waren. Zu der Zeit, da dies geſchah, gab es noch ron⸗ selhuizen ³) und der alte Ram wußte es ſehr klug anzufangen, daß David in die Hände eines ronsel- laarsa) fiel und bald wurde der Junge als Matroſe für Tinen Japanfahrer angeworben. David tröſtete ſich mit der Hoffnung, ſich bei ſei⸗ ner Zurückkunft an den Eltern zu rächen, und ſchweifte einige Jahre auf der See herum.* Wieder in das Vaterland zurückkommend, fand er weder Vater noch Mutter mehr und zu ſeiner großen Verwunderung hatten ſie ein ansshnliches Vermögen hinterlaſſen, das ſelbſt ſeine kühnſten Erwartungen übertraf. Dies Vermögen, nebſt dem, was er auf ſeiner Reiſe verdient hatte, wäre zureichend geweſen, ihm dieſes oder jenes vortheilhafte Geſchäft zu verſchaffen, oder er hätte einen Handel beginnen können, durch den er bei Fleiß und Eifer ſich eine heitere Zukunft geſchaffen hätte, allein er hatte einen Abſcheu vor Al⸗ lem, was Arbeit hieß und verwendete lieber die Pfen⸗ nige, die er beſaß, zu ſeinem Vergnügen, als zu einer ſichern Exiſtenz. 1 David Ram dachte jetzt nicht mehr daran, wieder zur See zu gehen, ſcherzweiſe ſagte er, es laufe ſo viel Volk herum, das kein Schiff finden könne, daß es eine Schande wäre, den Jungen in den Weg zu ſtehen, und deßhalb habe er beſchloſſen, am Lande zu bleiben, um das Eine oder Andere anzufangen. David kleidete ſich, wie er meinte, beſonders hübſch, das heißt, er kaufte ſich einen langen blauen Rock, der ihm bis an 3) Kneipen, in welchen fuͤr den Seedienſt geworben wird. 4) Werben. ———— — 1 111 die Knöchel ging, eine gelbe Weſte und einen großen Hut. Außer dieſen nöthigen Kleidern verwendete er auch einiges Geld zum Ankaufe einer Uhr mit goldener Kette, einer ſilbernen Tabaksdoſe und ſilbernen Zigar⸗ renſpitze, und verbrachte nun ſeine Zeit damit, Wein⸗ häuſer und Schenken auf der Buitenkant zu beſuchen, mit ſeinen Kenntniſſen zu prahlen, auf ſeinen Reichthum zu pochen und Nachts in Nacht⸗ und Spielhäuſern den krummen Wirth zu ſchlagen.⁰) Um ſich einige Abwechs⸗ lung zu machen, fuhr er mit den Mädchen aus dem einen oder andern Spielhaus nach Haarlem, ging mit ihnen und andern luſtigen Brüdern in die Komödie, und ſeiner kräftigen Natur hatte er es zu verdanken, daß ihn dies leichtſinnige Leben nicht zu Grunde rich⸗ tete. Sein Beutel aber wurde durch die außerordent⸗ lichen Ausgaben dermaßen ſchmal, daß er nach drei ſo verlebten Jahren ſein letztes Goldſtück auswechſelte na hach und nach alle ſeine Koſtbarkeiten verkaufen mußte. 4 Die Zahl der Müßiggänger in großen Städten iſt ſehr anſehnlich: die Müßiggänger ſind meiſt Menſchen, welche durch die Lotterie oder Erbſchaft einiges Ver⸗ mögen bekommen haben, und ohne alle Luſt zum Ar⸗ beiten das erhaltene Geld verzehren, pflückend, wie man ſie nennt, von dem hohen Baume. Derglei⸗ chen Leute, wie wir ſie hier im Auge haben, gehören zu der niederen Volksklaſſe und beſitzen nicht die ge⸗ ringſte Bildung; ihr Vergnügen beſteht im Trinken und geſchlechtlichen Genuſſe. Die geringſten und gemeinſten Schenken ſind ihr liebſter Aufenthaltsort, denn da wer⸗ 5) Eine hollaͤndiſche Ausdrucksweiſe fuͤr Leute, die auf Anderer Koſten ſich umtreiben. Die Wirthe werden von derlei Leuten, wie D. R. ſelten bezahlt, da dieſe von ihnen bei Prellereien von Fremden wieder ge⸗ braucht werden. den ſie geachtet und geehrt, was ihnen in anſtändigen Kaffeehäuſern nicht zu Theil würde, da der Gebildete ſich immer ſcheuen muß, mit dergleichen Menſchen in Berührung zu kommen. Vater Cats beſtätigt dieß, wenn er ſingt: „zäl draagt een aap een' gouden ring, Hij blijft doch maar een leelijk ding).« In dieſen elenden Kneipen ſitzen ſie vom frühen Morgen bis ſpäten Abend, führen das große Wort, handeln und kaufen uund überlaſſen ſich dem platteſten und ſittenloſeſten Geſchwätze. Sie ſind die Peſt für den fleißigen Handwerker, der, durch ihr Vorbild ver⸗ lockt, ſein Loos für unerträglich hält, und zu Müßig⸗ gang und Verſchwendung angeſpornt wird. Fängt ihr Vermögen an, ſich zu vermindern, dann nehmen fſie ihre Zuflucht zur Lotterie, und wie nützlich dieſe Anſtalt auch für den iſt, der einen mäßigen Gebrauch davon macht, ſo wenden dieſe die Lotterie zu ihrem eigenen Verderben an. Sie ſpielen faiſch und betrügen; Dieb⸗ ſtahl iſt die unvermerdlichſte Folge davon, und leider, wie oft wird nicht die Kette ihrer Verbrechen mit einem Morde beſchloſſen. Das Geld hat in ihren Augen we⸗ nig oder keinen Werth. Während ein ordentlicher Haus⸗ vater Mühe hat, mit den wenigen Mitteln, die ihm zu Dienſte ſtehen, ſeine Familie ordentlich zu erhalten, verzehren dieſe Leute in einem Tage ſo viel, als die Familie manchen braven Bürgers in einer ganzen Woche für Wohnung, Nahrung und Kleidung verbraucht. Und wie groß, wie ungeheuer g'oß iſt in Amſter⸗ dam, in allen großen Städten die Zahl dieſer L ute! Und wie ſehr wird die Zahl derſelben täglich durch ihr Vorbild, durch ihre Verführung vermehrt. David Ram hatte ſein Geld verzehrt und er be⸗ 6) Und traͤgt ein Aff' auch goldene Ring', Er bleibt doch nur ein dummes Ding. — — 113 gann auf Mittel zu finnen, ſich ohne Mühe und Arbeit zu bereichern. Bald bot ſich ihm dazu Gelegenheit dar. David war gewohnt, die Schenke: De drie rozen zu beſuchen. Dieſe Schenke, die von einer Wittwe gehal⸗ ten wurde, warf einen guten Gewinn ab, da ſie fleißig von Sch ffsleuten und alſo von keinen kargen Kanden beſucht wurde. Die Wirthin war wohlhabend, hatte eine gute Einahme und das waren die zwei Haupt⸗ eigenſchaften, die David Ram zu einer Heirath mit ihr veranlaſſen konnten. Im Uebrigen war ſie zwanzig Jahre älter als unſer Held und konnte durchaus nicht auf Schönheit und Anmuth Anſpruch machen. Ueber⸗ dieß war die Wirthen der drie rozen in der Nachbar⸗ ſchaft und bei ihren Gäſten nicht als ſehr gefühlvoll be⸗ kannt, ja, die böfe Welt konnte es ſich nicht verſagen, das Gerücht zu verbreiten, die rieſige Wirthin in den Drie rozen ſei eine ſehr unzärtliche Gattin für ihren verſtorbenen Mann geweſen, aber David Ram ließ ſich durch dieſe Gerückte nicht ſtören: die Wittwe beſaß Geld und das war genug. Was ihr zurückſtoßendes Geſicht und ihr unverträgliches Weſen betraf, ſo wußte unſer Held ſehr gut, daß er ſich durch das Geld ſchad⸗ los halten könne, und er war auch keineswegs der Mann, eine bösartige Frau zu fürchten. David Ram machte einen ſeiner Freunde mit ſeiner Abſicht bekannt, die Wittwe in De drie rozen zu heirathen. Fünfhundert Gulden wurden ihm von dieſem Freunde gegen billiges Intereſſe von 25% gelichen, um ſeine Abſicht ausfüh⸗ ren zu können. Der Schmuck wurde in der Leihbank ausgelöst, und David prangte wieder in alter Herr⸗ lichkeit wie zuvor, er raſſelte mit dem Gelde im Sack, deſſen lieblicher Klang ſeit langer Zeit nicht mehr ſei⸗ nen Ohren geſchmeichelt hatte. Er ſpielte jetzt die Rolle eines Liebhabers bei der Wirthin. Dieſe hielt David für keine ſchlechte Partie für ſich, und nicht lange hatte er bei dem Vorwurf ſei⸗ ner zarten Liebe angehalten, als ſie, die Wirthin aus 114 den drie rozen dem Feuer ihrer Liebe nicht wiederſte⸗ hen konnte und ihm ihre... große, ellenlange Hand ſchenkte.— Eine gerichtliche Trauung verband die zwei Geliebten durch einen heiligen Act, und ſehr lärmend wurde die Hochzeit gefeiert. Die Flitterwochen des jungen Paares nahmen bald ein Ende, denn das liebe Frauchen be⸗ merkte früh, daß ſie von David, den ſie für reich oder wenigſtens ſehr begütert hielt, war betrogen worden, und ſie gab ihren Verdruß in nicht wenigen und nicht ſehr ſanften Worten zu erkennen. David ſeinerſeits fühlte, daß das Ehejoch ſehr ſchwer ſei und ſchalt mehr⸗ mals in ſeiner Leidenſchaft den, der bei ſeiner Hochzeit anen Vers rezitirt hatte, in welchem die Worte vor⸗ amen: e iſt ein ſüßes Band, l'ge Roſenkette. ———— ꝛö— 115 verlaſſen, wenn er nicht die Ueberzeugung gehabt, daß ſie ſich wenig darum bekümmern würde, und er ſehr richtig urtheilte, daß, wie ſchlecht das Haus auch be⸗ ſtellt war, er nirgend anders beſſer unterkommen konnte. Endlich hatte der Tod Mitleiden mit dem armen David und erlöſte ihn von ſeiner zärtlichen Gattin. David Ram nun in die Gilde der Wittwer aufgenom⸗ men, blieb im ganzen Beſitz Alles deſſen, was ſeiner Gemahlin gehört hatte und ſah ſich zum zweiten Male in den Stand geſetzt, ſich mit ſeinen Kindern es behag⸗ lich zu machen. Das Glück ſcheint bei der Austheilung ſeiner Güter am meiſten an die zu verſchwenden, die es am wenigſten würdig find. Lange hatte der Gatte in Sclaverei geſeufzt und jetzt wollte er von ſeiner Freiheit Gebrauch machen. Er nahm ein Mädchen, mit welchem er früher in einem Spielhauſe Bekanntſchaft gemacht hatte, unter dem Ti⸗ tel einer Haushälterin zu ſich, und obwohl wir es nicht ganz als eine Folge dieſer haushälteriſchen Maßregeln be⸗ tracten können, müſſen wir, um der Wahrheit zu hul⸗ digen, ſagen, daß die Ordnung, welche immer in De drie rozen geherrſcht hatte, jetzt nach und nach ver⸗ ſchwand und den abſcheulichſten Auftritten Platz machte. Die ſogenannte Haushälterin wetteiferte mit dem Wirthe im Verſchwenden und es dauerte nicht lange, ſo war David wieder arm. Als er nichts mehr zu ver⸗ zehren hatte, und die Haushaltung keine Haushälterin mehr nöthig zu haben ſchien, nahm die Freundin des Wirths auch ihren Abſchied, d. h. ſie ging mit einem dritten Steuermanne durch, ohne daß David je mehr etwas von ihr erfuhr. Dann beſchloß er, da er wohl einſah, daß man als Wittwer und Vater von zwei Kindern nicht mehr ſo leicht eine Heirath eingehen könne, nochmals ſein Glück auf der See zu ſuchen und die Sorge für ſeine Kinder einer wohlthätigen Stiftung oder einem Wai⸗ ſenhauſe zu überlaſſen und gewiß würde er dieſen Vor⸗ ſatz ausgeführt haben, wodurch ſeinen damals noch unſchuldigen Kindern eine beſſere Erziehung geworden wäre, wenn ihn nicht ein Zufall daran gehindert hätte. David war nicht von aller Klugheit entblößt und hatte darum geeilt, alle ſeine bewegliche Habe, die unbewegliche war ſchon alle verpfändet, an einen nitdrager ⁵) zu verkaufen, ehe ſeine Gläubiger auf die Gegenſände Beſchlag legen würden. Den Ertrag die⸗ ſes Verkaufes beſchloß er erſt am Lande zu verzehren, ehe er ſich an Bord begebe, und am erſten Abend ſchon, als er ſeinen Plan ausführte, übernahm er ſich ſo ſehr im Gebrauch ſtarker Getränke, daß er betäubt in einen Keller fiel und ſeinen rechten Fuß brach, in deſſen Folge er ſein ganzes Leben krumm ging. So gebrechlich konnte er auf keinem Schiffe angenommen werden; er war deßhalb gezwungen, von einer neuen Seereiſe ab⸗ zuſtehen, und nach ſeiner Wiederherſtellung bezog er einen abgelegenen Ort, ohne daß ſeine Gläubiger wuß⸗ ten, wohin er geflohen war. Das Glück, das ihm bisher günſtig geweſen, wandte ihm nun den Rücken, und jetzt erſt lernte er Armuth und Elend in all' ihrer ſchrecklichen Geſtalt kennen. Um nicht vor Hunger zu ſterben, hatte er ein anderes Einkommen ſich zu verſchaffen geſucht: an allen Landungsplätzen, Beurtſchiffen und Wagenplätzen war er zu finden, um den angekommenen Fremden den Weg zu zeigen oder ihre Effekten zu tragen, worin ihm Jim, ſobald er zehn Jahre alt geworden, beiſtand. Winters, wenn der Froſt die Ströme mit einer Eiskruſte bedeckt hatte, hackte er auf, bereitete für die Schlitten Brücken von Miſt, Stroh und Brettern und ſtand auf dem Eis 8) Uitdragers— Austräger, ſind in Amſterdam die Leute, welche alten Hausrath und ſolche Gegen⸗ ſtände aufkaufen, um dieſe, wenn ſie in brauchba⸗ ren Stand geſetzt ſind, an den Mann zu bringen. 117 mit einem Wägelchen, auf welchem Jenever, Kuchen, Branntwein und Chokolade zum Verkaufe ſtand, wäh⸗ rend er ſeine kleine Mat ausſchickte, um zu betteln. Geſchah es bisweilen, daß er einiges Geld hatte, dann war er gewöhnt, in Diebskneipen ſich umzutreiben und dadurch wurde er mit den meiſten Dieben und Diebshehlern, mit einem Wort, mit dem Auswurfe der Menſchheit bekannt; er lernte bald das Bargoens und begann von Zeitt zu Zeit bei Diebſtählen zu helfen. Jim, dem Vater folgend, wurde bald ebenſo ver⸗ dorben als dieſer und da die Natur in großem Maße Liſt und Schlauheit in ihn gelegt hatte, wurde er als ein vielbelobter Junge in die Geſellſchaft dieſer Haus⸗ einbrecher aufgenommen und hie und da bei Diebſtäh⸗ len verwendet, während er ſich zugleich ganz für ſich mit Sacktragen und Kinderrauben beſchäftigte 8). Die kleine Mat war anfangs ihrem Bruder behülflich; doch als ihr gutes Herz ihr ſagte, daß das, was ſie betrieb, Unrecht ſei, weigerte ſie ſich ſtandhaft, ihm zu helfen, und von dieſer Zeit ſchreibt ſich der Haß, welchen Da⸗ vid und Jim gegen das unſchuldige Kind hegten. Das ſind die Schickſale des Wirthes im Moo⸗ riaantſe von ſeiner Geburt bis zu dem Tage, da wir ihn in einer Hinterkammer auf dem Winde ſteeg auf dem Boden liegend fanden. Dies iſt die Jugend und das Mannesalter eines Menſchen, wie wir ſo viele in 8) Das Kinderrauben war noch bes in die letzte Zeit zu Amſterdam ſehr im Schwunge, und iſt ſelbſt heutigen Tages noch nicht aufgehoben. Das Hand⸗ werk wird meiſt von jungen Burſchen und Maͤd⸗ chen getrieben: ſobald ſie ein Kind ſehen, das allein auf der Straße iſt und einige Gegenſtände von Werth an ſich hat, wie Ohrenringchen, Ketten ꝛc., locken fie es unter allen moͤglichen Verſprechungen, mit ſich, nehmen es an einen einſamen Platz und beraub en es der koſtbaren Gegenſtaͤnde, — .118 Amſterdam finden und welche leben, ohne daß man weiß, wovon. Und geſchieht es, daß ſie einmal, wie es mit David Ram oft der Fall war, mit der Polizei in Berührung kommen, und dieſe, obwohl man von ihrer Schuld üiherzeuat iſt, keine Beweiſe finden kann, um ſie an den Richter zu überliefern, ſo läßt ſie ihn frei, ohne ſich ferner um ihn zu bekümmern. Es wäre wünſchenswerth, daß im Intereſſe der Ordnung diejenigen, welche kein ſicheres Auskunftsmittel anzugeben wiſſen, aus der Stadt gewieſen würden, und beſonders aus einer Stadt, die ſo bevölkert iſt wie Amſterdam. Der Polizeikommiſſär müßte bei jedem Bewohner ſeiner Stazion umhergehen, um ſeine Eriſtenzmittel zu unterſuchen. Die, welche ſich nicht gehörig auszuweiſen wiſſen, durch welchen Beruf oder Betrieb, oder aus welcher Quelle ſie ihren Unterhalt gewinnen, müßten aus der Stadt geſchickt und ihnen ein Ort angewieſen werden, wo ſie ſich ihren Unterhalt zu verdienen hätten. Dieſe Maßregel würde die Hauptſtadt von dieſem Un⸗ geziefer ſäubern, welche ſich wie die wilden Thiere in Höhlen, unzugänglich für den anſtändigen Bürger, ver⸗ bergen, um auf Raub auszugehen. Dieſe Maßregel, wenn ſie einmal getroffen wäre und pünktlich zur Aus⸗ führung käme, wäre ein Mittel, das mehr als alle Gerichtsdiener die Stadt von dieſen Uebelthätern rei⸗ nigen müßte. Dem Verbrechen zuvorzukommen iſt un⸗ endlich mehr werth als es zu beſtrafen. Wenn der Leſer vielleicht einmal von Utrecht nach Amersfoort ging oder Nordbrabant beſuchte, ſo hat er gewiß die unermeßlichen Heidefelder geſehen, welche, wenn fie bebaut oder bearbeitet würden, unendliche Vortheile gewähren könnten. Jetzt liegen ſie ertraglos da, unabſehbare Lände⸗ reien, auf welchen nur dürre Heide grünt. Die ver⸗ möglichen Niederländer, anſtatt ihrer Väter Beiſpiel zu folgen, die ihre Schätze zur Befrachtung von Schif⸗ —,— —. — — 8——— —— —,—-⸗N— ——— — 119 fen verwendeten,— die ſtatt deſſen tiefe Stellen aus⸗ füllen und wüſte Heidefelder urbar machen würden, um ſie in fruchtbare Weide⸗ und Bauländer umzuſchaffen, geben der Unthätigkeit den Vorzug und beſchäftigen ſich am liebſten mit dem Abſchneiden der Coupons ihrer Schuldſcheine. Die Niederländer unſerer Zeit ſcheinen wenig Luſt zu heilſamer Arbeit zu haben, und die wenigen edeln Menſchenfreunde fanden ſo wenig Un⸗ terſtützung, daß ſie ſich bald genöthigt ſahen, ihre Be⸗ mühungen einzuſtellen. Man hat ja Geld zu Eiſenbahnen, die zum Nutzen Einiger viele Andere ihrer Erxiſtenzmittel berauben! Warum hat man denn keinen Pfennig zu einer Unter⸗ nehmung, die vielen Händen Arbeit, vielen Menſchen Brod verſchaffen würde? Schöne Dörfer würden er⸗ ſtehen, vielleicht auch Städte, auf Plätzen, die jetzt wüſt und unbebaut liegen. Was Partikuliers nicht thun wollen, müßte von Staatswegen geſchehen. Der Fremde ſollte uns nicht mehr vorwerfen können, daß in unſerem kleinen Land noch ſo große Strecken wüſt und unbebaut daliegen. XI. Ein Verbrechen gebiert das andere. Vater Bram war es mit ſeinem Betrug nach Wunſch gelungen, denn leider findet man es in der Welt nur zu oft, daß die Plane der Böſewichte ge⸗ lingen. Das Haus Bergliet, Brongers und Comp. hatte den Wechſel bezahlt und Albert, Gijs, jeder hatte ſeinen Antheil empfangen. „Was Teufel, Maler! willſt Du schibus gaan, da Du Dein gijlek in te massematten haſt?“ frug Gijs, als er ſah, daß der Maler nach der Vertheilung ſich entfernen wollte.„Bleib' hier um caskene und spanger kaauwen. ¹) Der krumme David würde es here ſehen, wenn etwas von dem moos im Mooriantje bleibt. „ Ich will ſparſam werden,“ gab der Maler zur Antwort,„massematten handelen iſt ein gefährlich Handwerk und ich habe wenig Luſt, auf's Neue geschut zu werden.“ „Bah, ich bin zum erſten Male marwieger ge⸗ worden,“ ſagte Gijs,„und es iſt das erſte Mal, daß ich massematten gehandeld habe, aber ich finde Ge⸗ ſchmack an dem Handwerk, es gibt mehr moos in de bloedvin, als ich mit dem ſchönſten Hochzeitsgedicht verdient habe, oder mit der beſten turftrekkerij krie⸗ gen kann! Sind wieder massematten unterwegs, ein⸗ äugiger Zyclop? Ich will euch zeigen, daß ich ein geſchickter marwieger bin und auch gognum.“ „Der Maler iſt gisser, als Ihr. Gijs,“ ſprach Bram,„semey amge, Ihr ſteht noch nicht im alten Teſtament und Godel kennt Euch nicht einmal beim Namen und Ihr könnt viel thun, was ein Anderer laſſen muß.“ „Was da, jeder muß wiſſen, was er zu thun hat: De Mensch is meester van zijn daden ²) Hetzij hij goed of kwaad verrigt, ſteht in einem meiner Gedichte, mit welchem ſich die nieuwpost-wijven ³) ihre Keyle heiſer geſchrieen ha⸗ 1) Eine Pfeife rauchen. 2) Der Menſch iſt Herr von ſeinen Thaten. Ob er nun Gutes oder Boͤſes thut. 3) Der Nieuws Bote iſt eine Art Tagblatt für den ge⸗ meinen Mann, welches zweimal in der Woche in Amſterdam ausgegeben wird, 1 ½ Cent die NRum. 121 ben,“ ſagte Gijs,„komm, Jim, spanger und jajim, und wer nicht ſo thut, den nenne ich einen eileija mensch.“ „Hör' einmal,“ ſagte David,„nachdem der Maler ſich entfernt hatte,„daß ihr euer Gelo da ſitzen laßt, ſehe ich gerne, aber jetzt möchte ich Dir rathen, schibus zu gehen, da wir den Kolonel jetzt los laſſen wollen, und es vielleicht nicht gut wäre, wenn er Dch hier ſehen würde, er möchte die verkwanselde spaansche mat eens inwisselen ³) und...“ „Lav, ihn nur noch eine Weile, wo er iſt,“ ant⸗ wortete Gijs,„er ſitzt da ſo warm wie: Op een bed van enkel rozen Waardoor geen doornen zijn gemengt ⁴), wie es in einem andern Verſe von mir heißt, in einem Hochzeitgedicht für einen Lichterzieher, der mich zur Thü e hinaus warf, als ich Bezahlung verlangte, weil noch Jemand auf der Hochzeit war, der daſſelbe Gedicht vorlas; konnte ich helfen, da beide einen Vers bei mir beſtellt hatten, und ich wußte auch nicht, daß es für dieſelbe Hochzeit war, ſonſt hätte ich ihm ein anderes gegeben, denn ich habe ſie in Menge. Mein Schön⸗ ſtes, das ich aus Liebhaberei gemacht habe, als ich noch meine guten Tage hatte, beginnt ſo: mer. Dieſes Tagblatt wird meiſt von Frauen herumgetragen, welche zugleich G dichte, naͤmlich von der geringſten Sorte, verkaufen, welche ſie Um den Debit zu vergrößern, durch die Straßen rufen. 3) Auf einem Bett von eitel Roſen, Durch die ſich keine Dornen ziehn. 4) Den geleiſteten Eid einmal brechen. Amſterdams Geheimniſſe. II. 4 9 122 Hoe zalig is't wanneer na vrees en beven, De bloode maagd in's jonglings armen zinkt, Wanneer zije. ⁵). „Ja,“ rief, Jim,„wir kennen Alles auswendig und haben es nur zu oft gehört, um zu wiſſen, daß Alles ſehr rührend iſt. Geh' nur und kram' jetzt Deine Weisheit an einem andern Platze aus!“ „Nein!“ rief Gijs. „Neen rood gelokte aap, k wijk niet van deez'stede...“ ⁶) und begann darauf einen langen Veis ex tempore zu rezitiren, worin er Jim Ram mit allerlei Schimpfnamen beeh te. David Ram, der Gijs den Dichter genug’am kannte, um wohl zu wiſſen, daß er immer, wenn er zu viel getrunken und viel Geld hatte, beſonders wortreich war und unerſchöpflich im Verſezitiren, wie der Leſer ſelbſt ſchon bei ſeiner erſten Bokanntſchaft be⸗ merkt haben wird,— David Ram ſah ſeinen Sohn verlegen an und dieſer zuckte zur Antwort mit den Scultern. Gijs batte, wie man das nannte, eenen gwaaden dronk?), und war dann beſonders hefiig und zum Streite geneigt, weßhalb ſie es nicht wagten, ihn mit Gewalt aus dem Mooriaantje zu entfernen oder ihm Jenever und Branntwein zu verſagen. Sie fürchteten ſich vor einem Kampfe, deſſen unvermeidliche Folge wäre, daß wenn auch nicht die Polizei, ſo doch andere Leute ins Haus kämen; und der krumme Wirth, der befürchtete, es möchte dieß zur Entdeckung des Ge⸗ 5) Wie ſelig, wenn nach Furcht und Beben, Die ſcheue Maid in Jünglings Arme ſinkt, Wenn ſein..“ 6) Nein, nothgelockter Aff', ich weich nicht von der Stelle..... 7) Sich vollgetrunken in der Leidenſchaft, darum leicht hizig. 3 123 fangenen führen, ſtieß eine Fluth von Verwünſchungen aus und verſuchte nochmals Gijs zu überreden, fort zu gehen; aber ein lautes Schnarchen ſagte, daß der Prie⸗ ſter des Bacchus und Apollo in tiefen Schlaf verſun⸗ ken war. „Der elende Kerl,“ rief David Ram, als er mit ſeinem Sohne und dem ſchlafenden Trunkenbolde allein war.„So lange er hier iſt, können wir nichts thun, er möchte ſchreien und aufwecken.“ „Wir müſſen warten, bis er ſeinen Rauſch ausge⸗ ſchlafen hat.“ „Aber da kann es Abend werden.“ „Vor zwölf Uhr kommt Niemand, wir haben da noch Zeit.“ „Jim, Jim!“ rief Ram,„ich wünſchte, es wäre vorbeil! Ich fürchte, ich fürchte, daß es uns op t schollem bringt.“ „Bah!“ ſagte Jim,„als Du ihn om gaaijes machteſt, warſt Du nicht ſo kindiſch und man ſagt, das erſtemal ſei es am Schwerſten.“ 4 „Wir haben toll gehandelt, die Leiche nicht zu ver⸗ konteren ⁵), oder in einem zugenähten Sacke in das Y zu werfen.“ 4 „Es iſt ja gut abgelaufen,“ ſprach Jim,„und kein Hahn hat darnach gekräht. Ich muß wahrhaſtig noch lachen, wenn ich an Paul den Barbier denke, der, als er uns ausziehen half, fragte, was die Kiſte enthalte, und ich ihm weiß machte, es ſei— Jajim. Uebrigens weißt Du wohl, Alter, daß begraben gefährlich iſt,(s koſtet zu viel Mühe und zu viel Zeit und ins Waſſer werfen taugt auch nichts, denn die meiſten Leichen kom⸗ men wieder herauf.“. „Ich wünſchte, ich hätte mich nie mit Brams Sa⸗ chen eingelaſſen,“ erklärte David,„aber Du drohteſt 1 8) Begraben. 5 mir mit sliegenen und darum that ich es, Jim, es wäre Deine Schuld, wenn Dein Vater naar de klienje gehen müßte.“ „Altes Weib!“ rief Jim,„wir machen ihn om gaaijes und das iſt ſeine Schuld, wenn er geblieben wäre, wohin wir ihn geſetzt haben, wäre es nicht ge⸗ ſchehen. Den Andern erzählen wir, wir hätten ihn gehen laſſen. Ja, ich halte das für's Beſte. Ich bleibe dabei, Alter, der Kolonel muß om gaaijes, dann kann er ſeinem todten Freunde Geſell chaft leiſten, bis wir Gelegenheit haben, uns der zwei Leichen auf einmal zu entledigen.“ „Aber Jim, vielleicht hat er noch nichts geſehen, gehe mal in den Keller und ſieh durch das Fenſter in der Mauer, was geſchehen iſt, Du kannſt Licht mit⸗ nehmen.“ „Geh' ſelbſt, wenn Du willſt.“ „Komm' Jim, ſei nicht kindiſch,“ bat David ſeinen Sohn,„Du weißt wohl, daß ich nicht in den Keller kann, ſeit die Leiche dort iſt; aber Du biſt jung! Als ich in Deinen Jahren war, hatte ich mehr Muth, aber nun fange ich an, älter zu werden...“ „Schwatze ſo viel, als Du willſt, ich gehe nicht in den Keller und daß er unten Alles weiß, iſt ſicher. Haſt Du denn das Kraͤchen nicht gehört, es war die Kiſte, die einbrach, vielleicht hat er ſich darauf ſetzen wollen, oder ſo etwas, und daß er weiß, was in der Kiſte iſt, haſt Du wohl aus ſeinem Schreien hören können. Still, Gijs wird wach, kein Wort mehr.“ Es war zehn Uhr, als Gijs erwachte, und kaum hatte er ſich nach vielem Recken und Augenreiben, auf eine Weiſe, welche Alles mehr als den Dichter bezeich⸗ nete, aufgerichtet, als Jim ſagte: „Ein lekijve ⁹) iſt hier geweſen und hat nach Dir 9) Mädchen. 1 . 125 gefragt, ſie will bis halb elf Uhr auf dem Damm warten.“ „Wer Teufel mag das geweſen ſein?“ rief Gijs, und ſpannte ſein Gedächtniß an, um alle die Mädchen, die er kannte, Revue paſſiren zu laſſen, um zu wiſſen, wer von ſeinem Harem den Sultan in ſeinem Pallaſte aufgeſucht hatte. „Das weiß ich nicht, aber es war ein allerliebſtes Kind, mit ſchönen ſchwarzen Augen und noch jung.“ Die Liſt glückte. „Das muß ich wiſſen! Da muß ich dahinter kom⸗ men oder...“ ſprach Gijs halb ſchlafend, halb wa⸗ chend. Er ſprang auf, taumelte aber wieder, jedoch von Jim unterſtützt, der noch nie ſo dienſtfertig geweſen, gelang es ihm, auf ſeinen Füßen zu ſtehen, worauf Jim die Thüre hinter ihm ſchloß. „Nun nicht gezögert, Alter,“ fing der junge Ram wieder an,„noch einmal abgemacht, wir werden den Deckel aufmachen und dann rufen, daß er herauskom⸗ men könne. Du kannſt ſehen, wann er die Treppe herauf kommt, und ich werde hinter dem Deckel ſtehen, dann gieſt Du mir ein Zeichen und ſo bald er ſein ros durch das Loch ſtreckt, werde ich ihm mit dem Beil einen Schlag geben, den er nicht nacherzählen ſoll. Du ſollſt ſehen, in einem Nu fällt er nieder. Du kannſt ſicher ſein, daß es nicht mißglücken ſoll, dann ſchneideſt Du ihm den Hals ab und damit iſt Alles fertig.“ „Jim, ſieh' mal, wie ich zittre,“ ſprach er, mit Angſiſchweiß auf dem Geſichte,„oft, wenn ich allein bin, iſt es, als ob ich die Leiche vor mir ſehe und nun zwei, brr. Nein, ich will nicht, ich kann nicht!... Jim, Sohn. mache ihn allein om gaaijes. Ich habe ſchon geſagt, daß ich es nicht thun will,“ und eine Thräne ſchoß in das Auge des Wüſtlings.„Wir beide müſſen es thun und nun kein Wort mehr Da, mein Meſſer, es ſchneidet wie ein Raſiermeſſer, ich habe es ſo eben geſchliffen.. komm'.“ 126 „Das nicht,“ ſprach Iim wiederholt,„nein, nein!⸗ Beide traten in das hintere Gemach. „Wo liegt das Beil, Alter?“ „Hinten an ſeinem Platze,“ antwortete David, während ſeine Zähne klapperten, als hätte ihn ein hef⸗ tiges Fieber befallen. „Gut, ich will es holen, thu' indeß den Riegel zu⸗ rück, daß man öffnen kann.“ Jim kam zurück, in der einen Hand ein Beil, in der andern einen Korb tragend. „Was haſt Du in dem Korb?“ „Sägmehl, um das Blut aufzufangen, denn wenn Blutflecken auf die Bretter kommen, gehen ſie nie mehr heraus.“ Jim ſtreute das Sägmehl um die Oeffnung und öffnete den Deckel. „Ruf' nun Alter, und ſtelle die Laterne auf den oberſten Tritt der Stiege, dann kann er ſehen... ſo, ruf' nun!“ Jim nahm das Beil und ſtellte ſich hinter den Deckel. „Ruf nun Alter, oder biſt Du ſtumm geworden?“ „Herr Kolonel, Sie ſind frei, Sie können gehen,“ rief David Ram mit zitternder Stimme. „Laßt mich zur Vorderthüre heraus, ich bin im Vorkeller,“ ſprach van Bergen. Es entſtand einen Augenblick Stille. „Sag', er könne nicht vorne heraus, Alter.“ „Keiechen Sie nur wieder durch daſſelbe Loch, durch das Sie hinein gekommen ſind,“ ſprach David,„vorne können wir Sie nicht heraus laſſen.“ „So kommen Sie doch,“ rief Jim dem Kolonel zu,„wir wollen Ihnen helfen... ſchnell, ehe Jemand kommt.“ Man hörte einiges Geräuſch in dem Keller. „Er iſt durch das Fenſter gekommen und im Vor⸗ 127 kelter,“ ſagte Jim,„ich höre, daß er an die Bierfäſſer ſtößt... gib Achtung, Alter!“ „Die Treppe berauf!“ rief David. „Ja, es iſt hier ſo dunkel, ich kann den erſten Tritt nicht finden.“ „Gehen Sie nur auf das Licht zu, ſind Sie da?“ „Ja.“ Man hörte den Kolonel die Treppe berauf kommen. Eine Sekunde ſpäter erſchien das Haupt des Ko⸗ lonel Auguſt van Bergen.. David gab das Zeichen.. und Jim hob das Beil in die Höhe. XII. Die Geldbeſchneider. Adolph war immer darauf bedacht geweſen, daß ſein Freund Frank nie erführe, daß er bei Geldbeſchnei⸗ dern in Dienſten ſtand. Er wollte ihn vor den Un⸗ annehmlichkeiten ſchützen, welche die unvermeidliche Folge der Entdeckung des Verbrechens ſein mußte, das Deeman und Bram begingen und an welchem Frank, odwohl unſchuldig, Theil genommen hatte. In der letzten Zeit vermuthete Adolph mehr als je, daß die Entdeckung nicht lange mehr ausbleiben würde und ängſt'ich ſah er der Zukunft entgegen. Was Deeman betrifft, dieſer wurde immer kecker und kecker, wie ihn das Glück zu begünſtigen ſchien. Adolph befand ſich eines Abends in dem Hauſe auf dem Zoutſteeg und auf derſelben Bühne, die den Geldbeſchneidern zum Werkplatz diente. Alles war da noch in dem früher von uns beſchriebenen Stand und pen küſſen wollte.“ Deemann hatte auf die gewöhnlichen Sicherheitsmaß⸗ regeln Bedacht genommen. „Seid Ihr bei Schweſter Sara geweſen, Dolf?“ fraſe Zernzan neugierig,„oder habt Ihr ſie noch nicht eſucht?“ 3„Ja, ich war bei ihr. Die Schweſter Sara iſt das ſcheinheiligſte Weſen, das auf dem Erdboden lebt,“ ſagte Adolph,„vor dem gemeinſten Märchen, welches Abends durch die Straßen zieht, habe ich mehr Ach⸗ tung, als vor ihr, ich habe ibr auch deutlich bewieſen, daß ſie bei mir mit ihren Känſten nicht ankommen kann; pfui, welch' ſchändliches Weib!⸗ „Aber was iſt zwiſchen Euch und Ihr vorge⸗ fallen?“ „Nichts,“ antwortete Dolf,„viel hätte können vorfallen, aber es hing von mir ab. Eurem Auftrage gemäß begab ich mich zu ihr, ſie war ſehr freundlich, und begann mich zu beklagen, daß ſo ein hübſcher Burſche wie ich, nicht in beſſeren Umſtänden ſich be⸗ fände, denn daß ich als Helfer bei Euch nicht viel verdienen könne, hielt ſie für ausgemacht, und ich ließ ſie in dem Wahne. Darauf ſchlug ſie mir vor, in ihr Haus zu ziehen; ſie möchte gerne einen Mann im Hauſe haben, weil es für eine Frau immer etwas ge⸗ fährlich ſei, allein zu wohnen. Sie ſchwatzte mir noch mehr vor und ſuchte mich zu überreden, daß ich ganz umſonſt bei ihr bleibe; aber erſtens wollte ich mi von Frank nicht trennen, und zweitens ſah es bei der frommen Schweſter Sara nicht ſonderlich reinlich aus. Ich dankte ihr deßbalb für das freundliche Anerbieten, da wollte ſie mir Geld leihen und bot mir endlich ſo⸗ gar ein Zehnguldenſtück zum Geſchenk an. Ich fing jetzt an, ihren eigentlichen Zweck zu durchſchauen und wies ihr Anerbieten mit Verachtung zurück. Mit Ge⸗ walt ſtieß ich ſie von mir, als ſie mit ihren mageren Armen mich umhalſen, und mit ihren verwelkten Lip⸗ 129 „Schweſter Sara hatte einen ſchwachen Augen⸗ blick, von welchem der Böſe, der umherſchweift wie ein hungriger Löwe, Gebrauch machen wollte, um ſie zu ſtärzen. Sara iſt eine ausnehmend fromme Frau, und Ihr wißt nicht, mein Lieber, wie die Frommen oft in Verſuchung kommen. Euer Betragen iſt ebenſo preiswürdig, Ihr habt der Verführung widerſtanden und edel gehandelt, wie Joſeph.“ „Hört auf mit dem Geflenne,“ ſagte Adolph, „Sara iſt eine alte wölfiſche Betrügerin; Ihr ſeid ein Spitzbube und die anderen in Eurer Betſtunde werden nicht beſſer ſein.“ „Adolf, alle meine Thaten kann ich verantwor⸗ ten,“ ſagte Deeman,„und wenn auch nicht vor dem weltlichen Richter. Geldbeſchneiden iſt keine Sünde, Adolf, wie ich Euch ſchon mehreremal geſagt habe; wir benachtheilen Niemand. Muß ich es Euch denn ſo oft wiederholen, ein Gulden bleibt immer ein Gul⸗ den, man kann eben ſo gut etwas dafür kaufen, er mag nun Rand haben oder nicht.“ „Beeifert Euch doch nur nicht ſo ſehr mit der Vertbeidigung, Ihr wißt doch, daß die Worte bei mir keinen Eingang fiaden... aber wenn es Wahrheit iſt, daß Iyr es ſo gut mit mir meint, wie Ihr immer vorgebet, ſo leihet mir ſechshundert Gulden, die ich Euch nach und nach wieder heimgeben werde.“ „Was wolltet Ihr mit ſoviel Geld thun?2“ „Ich will heirath n,“ antwortete er,„und da muß ich im Stande ſein, mir ſoviel zu verdienen, daß ich eine Frau erhalten kann.“ „Ihr heirathen!“ rief Deeman lachend. „Ich finde nichts Lächerliches daran,“ ſagte Adolf, ärgerlich, daß eine, in ſeinen Augen ſo ernſte Sache, die Spottluſt des Beindrechslers reizte. „Vielleicht die Schweſter Sara,“ ſagte Deeman, „nun, dann macht Ihr eine gute Partie, denn die gute Frau ſitzt wärmer, als mancher denkt und dabei 130 bekommt Ihr eine fromme Frau, die Euch in chriſt⸗ lichem Handel und Wandel vorangehen wird.“ „Und beſäße das Weib auch die größten Schätze der Welt, möchte ich ſie doch nicht zu meiner Frau nehmen,“ erklärte Adolf.„Auch möchte ich nie eine Hausfrau haben, die die Betſtunden und gottesdienſt⸗ lichen Zuſammenkünfte beſucht.“ „Aber welches Mädchen habt Ihr denn zu Eurer Frau erwählt?“ A pdolf bedachte ſich einige Augenblicke und ſagte: „Clara, die Schweſter Franks.“ „Ha, ha, die beſitzt nichts,“ ſagte Deeman,„doch das dahingeſtellt, Freund, Ihr verdient jetzt genug, um eine Frau ernähren zu können.“ „G aubt Ihr denn, daß ich meine Frau unglück⸗ lich machen will,“ ſagte Adolf,„indem ich ein Geſchäft forttreibe, das gewiß das elendeſte Ende nimmt. Nein, ich habe den Vorſatz gefaßt, meine Lebensweiſe gänz⸗ lich zu ändern, mich durchaus nicht mehr mit Euern Sachen abzugeben und durch ebrliche Arbeit mir mei⸗ nen Unterhalt zu verſchaffen. Als ich bei den Bau⸗ ern war, habe ich die Feldarbeiten gelernt und ich glaube noch einige Kenntniſſe darin zu beſitzen. Ich will einiges Land kaufen und es mit Hülfe Franks bebauen. Ihr begreift, dazu gehört Geld und..“ Es wurde an die Thüre des Arbeitszimmers ge⸗ klopft; dadurch wurde das Geſpräch abgebrochen. ** * Wir laſſen den Elfenbeindreher allein mit dem ſo ſehr von ihm verſchiedenen Adoif, um ihn ſpäter wie⸗ der zu beſuchen, und theilen unſern geehrten Leſern jetzt mit, was mit Frank an demſelben Abende vor⸗ ng. 8Frant trat in einen Tabaksladen, wo er gewöhnt war, hie und da ein beſchnittenes Geldſtück auszuwech⸗ 131 ſeln, er kauſte für einige Centen, warf einen See⸗ thaler auf den Ladentiſch und bat um kſeines Geld. In dem Augenblick ,als er das Geld niederlegte, kam ein Gerichtsdiener aus einem Nebenzimmer und trat auf Frank zu mit den Worten:„Sie ſind mein Arreſtant! Der Tabaksverkäufer hatte ſeit einiger Zeit be⸗ merkt, daß Frank oft neu beſchnittenes Geld bei ihm auswechſelte, und der Mann hielt es für ſeine Pflicht, die Polizei davon in Kenntniß zu ſetzen. Augenblick⸗ lich wurden Anſtalten getroffen, um die Perſon, die auf ſolche Weiſe beſchnittenes Geld in Umlauf brachte, auf der That zu ertappen: ein Polizeiagent wurde in dem Hauſe des Tabakshändlers aufgeſtellt und auf die von uns erzählte Weiſe fand die Gefangennehmung Franks Statt. „Aber was habe ich denn gethan?“ frug Frank dieſen verwundert. Der Gerichtsdiener nahm das Geldſtück in die Hand und hielt es Frank mit bedeutſamem Blicke vor die Augen.. „Ich begreife Sie nicht,“ ſagte der unglückliche Jüngling, aber der Gerichtsdiener gab ſich keine Mühe, ihn weiter auszufragen, nahm ihn mit ſich und brachte ihn auf das Poltzeikommiſſariat. Sogleich wurden ſeine Kleider durchſucht, und verſchtedene Münzſtücke bei ihm gefunden, denen man deutlich anſah, daß ſie friſch beſchnitten waren. Anfangs hielt ihn der Kommiſſär für einen durch⸗ triebenen Böſewicht, der ihn irre zu führen ſuche, als man nach ſeinem Namen fragte, und er keinen ande⸗ ren als Frank angeben konnte. Eine getreue Erzäh⸗ lung ſeiner Lebensgeſchichte, hob aber dieſe Vermuth⸗ ung auf und der Kommiſſär hielt ihn für das, was er wirklich war, nämlich für einen Verbrecher wider Willen. „Und Sie wußten durchaus nicht, daß das Geld beſchnitten war?“ frug der Kommiſſär. 132 „Nein, es war mir ganz unbekannt,“ antwortete Frank.„Adolf ſprach immer von einem Kaufmann, der Handel mit Geldſorten trieb und bald kleines, bald großes Geld nöthig hatte.“ „Und wo befi det ſich dieſer Adolf gegenwärtig?“ „Ich glaube bei dem Herrn Deeman, dem Geld⸗ wechsſer, er beſorgt da, nach ſeiner Ausſage, die Bücher.“ „Und ſeine Wohnung iſt?“ „Auf dem Zoutſteeg, wo er das Handwerk eines Elfenbeindrehers treibt.“ „Kennen Sie den Herrn Deeman?“ „Nein, mein Herr!“ „Sie ſind doch gewiß'mal bei ihm geweſen?“ „Nie, Adolf allein kam zu ihm und gab mir dann das Geld.“ deß mund wie heißt der Andere, der mit Deeman ar⸗ eitet? „Ich habe ihn nie anders als Vater Bram nennen hören, und ihn nie geſehen; ſelbſt ſeine Wohnung iſt mir unbekannt, denn Adolf hielt alle dieſe Sachen vor mir geheim.“ „Alſo beſucht Adolf oder der ſchwarze Dolf, wie Sie ihn nennen, regelmäßig jeden Abend den Deeman, und wahrſcheinlich wied Vater Bram auch auf dem Zoutſteeg zu finden ſein.“ „Ich weiß es nicht, mein Herr!“ „Sie können der Polizei einen beſondern Dienſt erweiſen,“ ſagte endlich der Kommiſſär,„und dadurch werden Sie uns noch mebr von ihrer Unſchuld über⸗ zeugen. Augenblicklich müſſen Sie uns nach dem Zout⸗ ſteeg führen, und da ſollen Sie ſich betragen, wie ich Ihnen nachher befehlen werde; ſolange werde ich Sie in ſicherem Gewahrſam halten.“ 3 Frank wurde abgeführt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er, als er allein war, ernſtlich über ſeinen Zoſtand nachdachte. Adolf hatte ihn getäuſcht, allsin es war zu 1 133 ſeinem Vortheile geſchehen, wie er jetzt bemerkte. Adolf hatte ſich dabei als ſeinen wahren Freund gezeigt und ihn mit dem gefährlichen Handwerke nicht bekannt ge⸗ macht, um ihn nicht zum Mitſchuldigen zu machen, wenn die Sache entdeckt werden ſollte. Und nun ſollte er mitwirken zu dem Falle dieſes Freundes, die Hand bieten zu ſeinem Uatergange! Frank zitterte bei dieſem Gedanken, und er nahm ſich ernſtlich vor, Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, zur Rettung ſeines Freundes anzuwenden. Als es ſchon ſpät am Abende war, wurde Frank noch einmal vor den Kommiſſär gebracht. „Sie müſſen dieſe Männer,“ ſagte der Kommiſſär, auf drei Gerichtsdiener zeigend,„in den Zoutßeeg be⸗ gleiten, wir müſſen die Geldbeſchneider auf der That er⸗ tappen, und dazu müſſen Sie behürflich ſein. Den ſo⸗ genannten ſchwarzen Dolf kennen Sie; Sie ſollen, Sie müſſen darauf dringen, ihn zu ſprechen, und ſoviel weiß ich bereits, daß ſie auf der Bühne über dem Hauſe ar⸗ beiten. Dorthin wird man Sie bringen; die Männer folgen Ihnen auf dem Fuße, und ſo werden dieſe Bö⸗ ſewichter auf der That ertappt, während ich nicht ver⸗ ſäumen werde, einen lobenden Bericht über Sie zu machen, der Ihnen gewiß nicht wenig Vortheil bringen rd.“ Darauf gab der Kommiſſär den Gerichtsdienern die nöthigen Befehle, worauf ſie ſich nach dem Zont⸗ ſteeg begaben, Frank in ihrer Mitte füdrend. er junge Mann zitterte vor Angſt bei dem Ge⸗ danken, an das Schickſal, das ſeinen Freund erwartete, und beſchloß durch einen muthigen Schritt ein Wagſtück zu ſeiner Rettung zu unternehmen. Einen Augenblick, da die Gerichtsdiener wenig auf ihn Achtung gaben, ſich zu Nutzen machend, wandte er ſich plötzlich in einen Steeg, rannte ſo ſchnell, als mög⸗ lich, fort, und hatte das Glück, aus den Augen ſeiner Begleiter zu verſchwinden, indem er verſchiedene Stra⸗ ßen und Gaſſen durcheilte. Beinahe athemlos, mit Schweiß bedeckt, erreichte er den Zoutſteeg und ſtürzte in den Laden Deemans. Eine alte, taube Frau, die Haushälterin Deemans kam 1 ihm in den Weg, aber ſie zur S ite ſtoßend, ſtieg er 6 die Treppe hinauf, die auf die Buhne führte, ſicher hoffend, Adolf zu finden, da der Kommiſſär ihm geſagt hatte, daß die Geldbeſchneider ihr Geſchäft auf der Bühne verrichteten. Die Thüre, die wie gewöhnlich gut geſchloſſen war, konnte er nicht öffnen, und deßhalb gab er durch ſtarkes Pochen ſein Begehren zu erkennen, ein⸗ gelaſſen zu werden. „Werda?“ rief Deeman beſtürzt, als er ſo uner⸗ wartet in ſeiner Beſchäftigung geſtört wurde. hi„Deſine⸗ ich bin es, Frank! Schnell, laßt mich nnein.“ „Frank, ja er iſt es, ich erkenne ihn an der Stimme,“ rief Adolf und eilte nach der Thüre, um ſie zu öffnen, während Deeman ſo ſchnell als möglich die Münzen nehſt der Geräthſchaft zuſammen packte und nach dem Boden unter dem Dache eilte. „Schnell, auf! auf!“ „In Gottes Namen, was fehlt Dir?“ fragte Adolf, als er die Thüre geöffnet hatte und Frank hereinſtürzen ſah,„was willſt Du hier?⸗ „Flüchte! Flächte!.. Alles iſt entdeckt,“ ſtammelte der getreue Freund. „Alles, Frank Du weißt alſo..“ 1 „Daß hier Geld beſchnitten wird, das weiß ich.“ „Großer Gott!“ „Schnell, flüchte! flüchte ohne Verzug!“ wieder⸗ holte Frank, der in wenigen Worten ſeine Erlebnifſe erzählte.„Die Diener folgen mir auf der Spur, fie werden alsbald da ſein.. ſtill, ich höre Geräuſch.. ſie ſind es, wir ſind verloren!“ „Noch nicht,“ rief Adolf, ſeine gewöhnliche Kalt⸗ 13⁵ blütigkeit nicht verlierend,„noch nicht, es iſt noch ein Ausweg offen.“ 4 „Sie kommen die Treppe herauf,“ rief Deeman, der derzweifeind die Hände ringend, über die Bühne lief.„O, guter Gort, hilf mir jetzt, und nie mehr...“ 1„Es iſt jetzt keine Zeit zum Bitten!“ polterte Adolf mit rauber Stimme, während er den Riegel vor die Thüre ſchob. Eilig, helft mir die Drehbank vor die Thüre ſtellen, ſie können dann nicht öffaen.“ Die Drehbank wurde auf den angewieſenen Platz geſtellt, gerade als die Polizeiagenten hereingelaſſen zu werden würſchten. „Flüchten, jetzt flüchten!“ rief Adolf. „Da, nimm die Toamel,“ ſagte Deeman, der in jeder Hand eine mit Geld gefüllte hlecherne Trom⸗ mel trug. „Seid Ihr wahnſinnig? fort jetzt, die Trommel ſt zu ſchwer, komm', Frank!“ Adolf zog ſeinen Freund nach dem Fenſter, das im Hintergiebel angebracht war, und aus welchem eine Strickleiter hing, die, wie wir ſchon früher erzählten, in einen Hof führte. „Oeffnet, oder wir brauchen Gewalt!“ ſo ließen ſich die Gerichtsdiener hören. „Steige hinab, Frank!“ „Und Du...“ „Ich werde Dir folgen, Du biſt unſchuldig und mußt daher zuerſt gerettet werden.“ „Nehmt doch die Trommel!“ bat Deeman,„mit zwei Trommeln iſt es mir unmöglich hinabzuſteigen.“ ort, Frank, fort, kümmere Dich nicht um ihn, ſteige dinab!“ Frank ſetzte ſeinen Fuß auf die Strickleiter und Adolf folgte ihm. Während des Hinabſteigens hörten ſie, daß die Gerichtsdiener mit Gewalt zu öffaen ſuch⸗ ten. Nun erſchien auch Deeman auf dem oberſten Tritte der Leiter; er trug die beiden Trommeln, die eine un⸗ ter dem Arme, die andere in der Hand, während er 1. 136 mit der andern Hand ſich an dem Stricke feſthielt. Lang⸗ ſam ſtieg er hinab, aber auf der Hälfte der Leiter an⸗ gekommen, brach dieſe, da ſie nicht ſtark genug war, um ſoviel Geld tragen zu können. Mit ſchrecklicher Schnelligkeit fiel Deeman zu Bo⸗ den; ſein Kopf zerſchellte auf den harten Steinen und ſein Gehirn mit Blut vermengt, beſpritzte die beiden Flüchtlinge... Seine Habſucht war ſein Tod! „Er iſt todt,“ rief Adolf.„Schnell, er hat un⸗ ſerer Hülfe nicht mehr nöthig.. Folge mir, und ſteige über dieſen Bretterverſchlag... wir kommen dann in einen Brandgang ¹), der auf das Water hinausfährt... und wir ſind gerettet.“ Adolf ſtieg mit der ihm eigenen Gewandtheit über den Verſchlag, reichte dann Frank die Hand und war ihm bei dem Hinüberſteigen behülflich. Beide warfen noch einen Blick auf die verunſtal⸗ tete Leiche Deemans, ehe ſie an dem Verſchlag hinunter glitten, liefen durch den Brandgang, erreichten das Water und waren gerettet. „Ha!“ ſagte Adolf, während ſie über die Papen- brug ſo ruhig als möglich gingen, um keinen Verdacht zu erregen.„Nun, das war ein ecklich Geſicht, die Leiche Deemans!“ „Gott ſei gedankt, daß wir der Gefahr glücklich entkommen ſind!“. „Es iſt noch einer zu retten, ſagte Adolf, plötzlich einen andern Weg einſchlagend,„Vater Bram muß ge⸗ rettet werden.. er iſt ein Spitzbube, aber beſſer, als Deeman, der ein Spitzbube und Heuchler zugleich war.“ „Aber wo finden wir ihn?“ „Er iſt gewöhnt, in die Schenke Het mooriaantje auf dem Suikerbakkerſteeg zu kommen. Zufällig habe ich das gehört; er ſelbſt hat es mir nie geſagt.“ 1) Ein ganz enges Gäßchen, durch welches man bei Feuersbrünſten die Schlaͤuche laufen laſſen kann. . 137 „Aber es iſt ſpät, ſchon bei elf.“ „Das iſt früh für das Mooriaantje,“ ſprach Adolf, warend er haſtig fortlief und der ängſtliche Frank ihm olgte. „Ich befürchte, Bram, der noch nichts von dem Geſchehenen weiß, möchte in den Zoutſteeg gehen und ſo in den Strick laufen. Deeman iſt todt, der kann alſo nicht ſprechen, aber Vater Bram möchte es thun und darum iſt es nothwendig für uns, daß er auf freiem Fuße bleibt. Du haſt ineeß unkug gehandelt, Frank, dem Kommiſſär unſere Namen zu nennen.“ „Warum haſt Du mir denn auch nicht Alles ge⸗ ſagt; ich dachte nicht, daß etwas Uebles an dem ſei, was ich that. Glaube mir, hätte ich die Sache gewußt, ich wäre klug genug geweſen, es zanz anders anzu⸗ feenee nein, gewiß, dann wäre ich auf meiner Hut geweſen.“— „Es war für Dich beſſer, unbekannt mit der Sache zu bleiben,“ ſagte Adolf zu ſeinem Freunde,„denn wer aus Unwiſſenheit ſündigt, kann nicht ſo geſtraft werden wie der, welcher es mit Abſicht thut. Jetzt iſt unſer gefährliches Handwerk aufgegeben, und es iſt mir, als ob ich viel ruhiger ware. Du, Frank, der nichts Unrechtes an unſerem Geſchäfte ſah, kannſt Dir unmöglich denken, in welcher Angſt ich fortwährend lebte, wenn ich mir vormalte, welches Loos bei einer Entdeckung beſonders auch Dich treffen würde, und ich hatte mir ſchon vorgenommen, mein Verhältniß zu den Geldbeſchneidern aufzugeben, aber Eines hinderte mich..“ „Und was konnte Dich hindern?“ „Die Mühe, die man hat, irgendwo ein Unter⸗ kommen zu finden, von welchem man beſtehen kann, beſonders wenn man keine Empfehlungen hat. Darum bat ich Deeman, wenige Augenblicke, ehe er ſein ſchreck⸗ liches Ende fand, um ſechshundert Gulden; mit dieſer Summe wäre uns geholfen worden und wir hatten Amſterdams Geheimniſſe. I. 10 138 Etwas anfangen können, um auf ehrliche Weiſe unſer Brod zu verdienen. Wenn ich ſparſam geiebt hätte, hätte ich ſchon mehr als dieſe Summe erübrigen kön⸗ nen, aber nun...“ „Sei ruhig, Adolf, ich habe geſpart, und die Früchte meiner Sparſamkeit wollen wir miteinander theilen.“ Adolf drückte ſeinem Freunde die Hand. „Dieſe Nacht müſſen wir bei Henrietten und Clara bleiben,“ ſprach er,„Du haſt unſere Wohnung dem Kommiſſär mitgetheilt und deßhalb wäre es gefähr⸗ lich, dorthin zu gehen. Ich ſagte Dir, Frank, Hen⸗ riette und Clara dürfen nichts von dem Vorgefallenen erfahren, morgen werden wir die Stadt verlaſſen und nicht wieder zurückkehren, ehe die Geſchichte Deemans in Vergeſſendeit gekommen iſt.“ „Und Clara?“ „An meine Heirath mit ihr iſt jetzt nicht zu den⸗ ken, Frank; wir werden den Mädchen ſagen, daß wir in Sachen unſeres Patrons auf Reiſen müſſen. Ich weiß nicht, welchen Nutzen es uns bringen ſollte, wenn wir ſie mit der fatalen Geſchichte bekannt machen und ihnen ſoviel Verdruß verurſachen. Hier iſt der Sui⸗ kecbaskerſteeg,“ rief Adolf, ſeine Rede ſchließend, als ſie über die Reguliersbreeſtraat gingen,„laß uns jetzt ſehen, ob wir Het mooriaantie finden können.“ Beide durchliefen die Gaſſe und blieben vor jedem Schilde ſtehen, um die Schenke zu ſuchen. Der Leſer, der hie und da die Reguliersbreeſtraat auf und abgeht, werfe, wenn er es nicht wagen ſollte, in die Gaſſe hineinzugehen, einen Blick in dieſen hohlen Abgrund und er wird ſich bald überzeugen, daß das, was Frank und Adolf unternommen hatten, den Schild des Moo⸗ riaantje zu finden, keineswegs leicht war, denn ſein Auge wird eine Menge Schilde gewahren, welche be⸗ weiſen, daß der Sutkerbakkerſt eg eine der reichſten Gaſſen der Hauptſtadt iſt— nämlich an Schenken, — 139 Spiel⸗ oder Tanzhäuſern und Wohnungen zum Ueber⸗ nachten. „Hier,“ rief Frank, vor David Rams Wohnung ſtille haltend,„hier nüſſen wir ſein.“ „Ja,“ ſprach Adolf, einen Blick auf den Schild veif,„„hier iſt das Mooriaantje, aber ich ſehe kein icht.“. „So klopfe an.“ „Es ſcheint, das Haus iſt unbewohnt,“ ſagte nal als das Klopfen nicht den gewünſchten Erfolg atte. „Still, ich höre Geräuſch.“ „Durch das Fenſter über der Thüre ſehe ich Licht ſchimmern.“ „Es kommt doch noch Jemand, um uns zu öffnen.“ „Vielleicht haben ſie uns nicht gehört, laß uns nochmals anklopfen.“ XIII. Die Nache Gottes. Carl Hauſer trat in das Komptoir Adam Smiths und wurde freundlich von dem Kommiſſionär empfangen. „Sie können gehen, Palm,“ ſagte Smith, und als der Kommis ſich entfernt hatte, hing er die Lampe über den Tiſch, bot dem Schiffsdoktor einen Stuhl an und ſetzte ſich ihm gegenüber. Die Strahlen der Lampe fielen auf das Geſicht Adam Smiths, der alſo begann: „Jetzt wollen wir die Sache abmachen, Herr Hau⸗ ſer; haben Sie die Zeugniſſe meines Bruders bei ſich und die Quittung für die Summe, die er von mir —yy ÿÿ — fordert? Ich freue mich, mit meinem Bruder endlich mich auseinander ſetzen zu können, denn ich würde ungerne mit ihm in Berührung kommen, da ich, wie ſonderbar es auch ſcheinen mag, von früher Jugend einen Abſcheu vor dieſem Bruder hatte... aber was geht das Sie an, Doktor, Sie find blaß wie der Tod und ſehen mich an wie...“ „O nichts, nichts,“ rief Hauſer,„ich bin etwas unwohl, doch befinde ich mich ſchon wieder beſſer... fahren Sie fort.“. „Ein Glas Wein wird Ihnen gut thun, Doktor,“ und ohne ſeine Antwort abzuwarten, ging Adam nach dem hintern Zimmer und kam mit einer Flaſche und einigen Kelchen zurück. „Es iſt unangenehm, wenn man ſo ganz allein wohnt,“ ſagte er ſcherzend,„man muß ſich da ſelber bedienen. Wenn ich nicht ſchon zu alt wäre, würde ich ans Heirathen denken, aber ich glaube, die Zeit iſt für mich vorüber.“ Er legte ein Portefeuille mit Bank⸗ billets und einen Geldſack neben ſich und die Gläſer füllend, ſagte er:„Geſundheit, Doktor, bei einem Glaſe Wein gehen die Sachen beſſer, Ihr Wohlſein!“ Beide leerten ihre Gläſer, doch kaum hatte der Kommiſſionär den Wein im Munde, als er aufſtund, nach ſeinem Leſepulte ging und da, als ob er etwas zu ſuchen hätte, den Deckel aufhob und ohne daß Hau⸗ ſer es bemerkte, den Wein wieder ausſpuckte. „Wenn ich wollte,“ ſagte Smith, während er die Gläſer wieder füllte,„würde ich mich weigern können, meinem Bruder etwas zu geben, da er mich dazu nicht zwingen und nicht verfolgen kann. Doch ich will nicht ſo unbarmherzig ſein und ſeine Bitte erfüllen. Wahr⸗ lich, Doktor, er iſt deſſen ganz unwürdig und ich thue es, wie ich Ihnen ſagte, aus Mitleiden und auch, um dadurch alle fernere Verbindung mit einem Bruder aufzuheben, der unſern braven Vater zu Grabe brachte und unſern Namen unaustilgbar befleckte.“ Smith 141 leerte ſein Glas in einem Zuge, wußte aber deſſen Inhalt geſchickt in der Naſe aufzufaſſen.„Mein Bru⸗ der ſchreibt mir,“ fuhr er fort,„daß er durch Ihre Vermittlung— er nennt zwar Ihren Namen nicht, ſchreibt aber, durch die Vermittlung des Ueberbringers dieſes, und das ſind Sie— die Sache mit zwanzig⸗ tauſend Gulden abmachen zu wollen.“ „Mich dünkt, daß dieſer Vorſchlag für Sie ſehr annehmbar iſt,“ antwortete der Ungar,„da die Summe, die er verlangen könnte, mehr als eine halbe Tonne Goldes beträgt.“ „Welche er verlangen könnte,“ wiederholte der Kommiſſconär iſoniſch lächelnd,„Sie vergeſſen, Doktor, daß wenn mein Bruder es wagte, mich vor Gecicht zu laden, es leicht geſchehen könnte, daß man mich zur Bezahlung der von Ihnen genannten Summe verur⸗ theilen würde, aber er... ja, er würde aufgehangen und dann hätte er wahrlich nichts von ſeinem Gelde. Mein Bruder weiß dieſen Umſtand wohl und deßhalb iſt er mit zwanzigtauſend Gulden zufrieden. Nun, die will ch ihm auch wohl bezahlen, um mit einem ferneren läſtigen Briefwechſel verſchont zu werden, kurz, mit jeder weiteren Beziehung zu einem Bruder, den ich nicht einmal als Bekannten anſehen, viel weniger als Sohn meiner Eltern betrachten möchte.“ dur Adam Smith öffnete den Geldſack und begann zu zählen. „Ihre Abſicht iſt alſo augenblicklich wieder nach Oſtindien zurückzukehren,“ fragte Smith zählend und hie und da ungeduldig auf die Uhr ſehend,„und vielleicht werden Sie dann meinem Bruder ſelbſt das Geld über⸗ geben.“ „Nein,“ antwortete Carl Hauſer,„ich bin ein Knger und hoffe bald in mein Vaterland zurückzu⸗ eehren.“ „»Auf Ihre gute Reiſe denn! Nun Doktor, ſolgen Sie meinem Beiſpiele und leeren Sie Ihr Glas.“ 1 „Ich danke Ihnen,“ ſagte Hauſer und Smith feſt in's Auge faſſend, fuhr er mit beſonderem Nachdrucke fort:„Ich habe ſchon einmal gefunden, welche Folgen der unmäßige Gebrauch des Weines nach ſich zieht.“ „Nun, nun, an Bord werden Sie nicht immer ſo mäßig geweſen ſein,“ ſagte Smith lachend. „An Bord iſt es weniger gefährlich, vom Weine ſich betäuben zu laſſen, man befindet ſich unter Be⸗ kannten, aber am Lande, Herr Smith, macht man oft ſchändlichen Meßbrauch und...“ „O,“ fiel Smith ihm in die Rede,„ich werde Sie nicht zur Unmäßigkeit veranlaſſen; keine Untugend haſſe ich wie dieſe, aber wenn zwei Männer eine Flaſche leeren, glaube ich nicht, daß man ſie der Unmäßigkeit beſchuldigen kann, es ſoll deßhalb bei dieſer Flaſche bleiben. Doktor, auf ihre glückliche Reiſe und frohe Heimkunft.“ Carl Hauſer trank. Um nun nicht genöthigt zu ſein, immer zu wiederholen, bemerken wir, daß Adam Smith, bald zufällig ſein Glas umwerfend, bald wie⸗ der durch eine andere Liſt, nichts von dem Wein trin⸗ ken zu müſſen, ſorgte. 8 „Und haben Sie ſchon viele Reiſen nach Indien gemacht?“ frug Smith, der große Luſt zu haben ſchien, das Geſpräch fortzuſetzen. „Nur einez vor ungefähr ſechs Jahren glückte es mir, durch Vermittlung eines gewiſſen Herrn Brand als Schiffsdoktor auf einem Oſtindienfahrer angeſtellt zu werden. Iſt der Herr Brand Ihnen auch bekannt, Herr Smith?“ „Ich kenne ihn dem Namen nach,“ antwortete der Kommiſſionär mit einer Gleichgültigkeit, die den Ungarn ſtaunen machte.„Perſönlich kenne ich ihn nicht; wenn ich mich nicht täuſche, iſt er Lehrer in den alten Spra⸗ chen, ich glaube, er gibt bei den erſten Familien dieſer Stadt Unterricht.“. „Derſelbe,“ beſtätigte der Doktor.„Ich hatte eine ———— 1⁴³ glückliche und vortheilhafte Reiſe und wurde zu Bata⸗ via mit einigen der vornehmſten Einwohner bekannt, welche ich als Doktor bediente. Der Himmel ſegnete die Mittel, die ich verſchrieb, wodurch ſich die Zahl meiner Gönner mehrte; und während meines vierjäh⸗ rigen Aufenthalts daſelbſt gewann ich ſo viel Geld, daß ich jetzt in mein Vaterland zurückkehcen kann, um da eine günſtige Heirath zu machen, und zwar mit meiner Auserkohrenen, mit der, von welcher ich ſo lange getrennt war, und welche ich wiederzuſehen mich ſo feurig ſehne.“. 4 Smith, der keine Luſt mehr hatte, die Unterhaltung weiter auszudehn n, nahm ungeduldig ſeine Taſchenuhr heraus und ſah, daß es neun Uhr war. Dee Flaſche ſtand leer und das Geld lag bereit auf dem Tiſche. „Sehen Sie, Herr Hauſer,“ ſagte er,„hier iſt das Geld, geben Sie mir die von meinem Bruder unterzeichnete Quittung.“ „Hier iſt ſie, mein Herr!“ ſprach Hauſer. Er gab dem Kommiſſionär den Empfangſchein und nahm das Geld zu ſich. 5 Carl Hauſer ſchob ſeinen Stuhl etwas näher zu Adam Smith und ſagte:„Da nun die Sache, die mich hiederführte, abgemacht iſt und es das Letztemal ſein wird, daß wir uns ſprechen, ſo will ich Ihnen, ehe wir ſcheiden, ſagen, daß ich Sie erkannt habe.“ „Mich erkannt und als wen...“ fragte der Kom⸗ miſſionär, ohne daß eine Veränderung auf ſeinem Ge⸗ ſichte vorging. „Als Juſtus Brand,“ gab der Doktor zur Ant⸗ wort,„der mich zwang, die Frau auf dem Wiſde ſteeg zu ermorden.“. Der Heuchler lächelte und ſagte:„Sie ſagen mir da nicts Beſonderes; ich vermuthete das ſchon, als Sie ſo bleich wurden und mit dem durchdringenden Blicke mich anſahen. Pfui, Doktor, ein Mann, der ſo — 14⁴ die Welt durchreist hat, muß beſſer verſtehen, ſeine Gemuthsbewegungen zu verbergen.“ 1 „Scherzen Sie nicht, mein Herr,“ ſagte Hauſer ernſt, oder wäre es möglich, daß Sie keine Reue über das Verbrechen fühlten, das Sie begingen, und zu deſſen Vollziehung Sie mich nöthigten. Damals war es mir ein Geheimniß, warum Sie den Tod He⸗ lenens ſo ſehnlichſt wünſchten. Sie erzählten mir eine Lüge und durch Teufelsliſt und Bosheit haben Sie mich gezwungen, das Werkzeug Ihrer hölliſchen Pläne zu werden, indem ich den Lebensfaden der armen Frau abſchneiden mußte, nur um Sie im Beſitze des Ver⸗ mögens Ihres Bruders zu ſichern. Jetzt weiß ich, warum Sie der Mörder der Unglücklichen wurden, jetzt leſe ich in Ihrer gemeinen Seele all' das Haſſens⸗ werthe, Abſcheuliche, Menſchenentehrende, das darin verborgen iſt; jetzt kenne ich Sie, Herr Smith oder Herr Brand, wie Sie auch heißen mögen, mit Abſcheu betrachte ich Sie; mit Schrecken denke ich an das, was Sie mich thun ließen, und meine Haare ſtehen zu Berge, wenn ich der bleichen Todtenfarbe der in den letzten Zügen liegenden Frau mich erinnere, jener be⸗ jammernswerthen Frau, die Sie ermorden ließen und nur aus niedriger Habſucht, um weder Ihrem Bruder noch ſeiner Gattin oder ſeinen Kindern das Geld her⸗ znageben zu müſſen, das ihnen von Rechtswegen zu⸗ am.“ „Die Frau wäre doch geſtorben,“ ſagte Adam Smith kalt,„wir haben nichts gethan, als ihr Ende beſchleunigt.“ „Jeder Mörder thut nichts Anderes. Mörder.... das bin ich, das ſind Sie. Sie haben mich, den ſchwachen Menſchen, zu einem Verbrechen veranlaßt, das mein Lebensglück vernichtete, denn eine unaufhör⸗ liche Anklage, ein nagendes Gewiſſen,“ ſagte er, die Hand auf das Herz legend,„vergällte mir jeden Ge⸗ nuß, verbitterte mir all' meine Freude. Sie ſind es, 145 der mein Glück alſo verwüſtete, der mich einer peini⸗ genden, der ſchrecklichſten Folter Preis gab.“ „Aber ich habe Ihnen zugleich den Weg zu Glück und Reichthum gebahnt,“ Ja das thaten Sie.. aber o mein Gott! um welchen Preis?“ rief der Doktor unruhig aus. „Was geſcheben iſt, iſt nicht wieder ungeſchehen zu machen,“ ſagte Adam Smith düſter. 1 „Reue, Buße, Thränen, nichts kann die Todten wieder lebendig machen,“ fügte Carl Hauſer hinzu, „aber doch... fie gießen Balſam auf unſer Gemüth und geben Hoffnung auf Gnade und Vergebung. Die Verſtorbenen können nicht wieder in's Leben gerufen werden, aber doch... ſo viel als möglich wieder gut machen, was wir verdorben haben, indem wir der Hinterbliebenen uns annehmen, den Kindern der von uns ermordeten Frau wohlthun, dadurch könnten wir vielleicht einſt Vergebung erlangen.“ Große Thränen fielen über ſeine Wangen herab und mit einem ſcharfen durchdringenden Bäicke ſuchte er das Herz des gewiſſenloſen Böſewichts zu durchboh⸗ ren. Dieſer aber, ſelbſt die Bande des Blutes ver⸗ geſſend, blieb unbeweglich, kein Schein von Reue war auf ſeinem Antlitze ſichtbar. Einige Augenblicke herrſchte die tiefſte Stille im Zimmer, endlich ſuhr Hauſer fort: 3 „Die arme Frau hat zwei Kinder hinterlaſſen, Frank und Clara.. was iſt aus ihnen geworden?“ „Todt... todt! Sie ſind todt, Doktor!“ antwor⸗ tete ihr Oheim ſchnell. „„Um Gottes willen, täuſchen Sie mich nicht, zwei Drittheil von dem, was ich beſitze, will ich ihnen ge⸗ ben! Sie haben mich die Mutter morden laſſen, neh⸗ nen, Sir mir die Gelegenheit nicht, den Kindern wohl zu thun.“ „Sie haben Ihrer Wohlthaten nicht mehr nöthig.... ſie ruhen bereits im Schoße der Erde.“ 146 „Herr Smith, nochmals frage ich Sie, iſt es Wahrheit, was Sie mir ſagen, find die Kinder todt? .. Antworten Sie mir aufrichtig!“ „Ich habe die Beweiſe davon.“ „Die Beweiſe können falſch ſein, oder haben Sie mit den Kindern gehandelt, wie mit der Mutter... Sag' Mörder! haſt Du ihnen auch das Leben genom⸗ men. Sprich, Böſewicht!...“ Und krampfhaft hob der Doktor die geballte Fauſt nach Smith auf. „Nein, nein!“ rief dieſer,„ihr Blut klebt nicht an meinem Gewiſſen.. das der Mutter drückt mich ſchon ſchwer genug.“ Carl Hauſer war von ſeinem Stuhle aucgeſprun⸗ gen und hörte mit feierlichem Ernſte die Erklärung des ſch inheiligen Mörders an Und wie von mehr als menſchlichem Geiſte beſeelt, ſprach er zu Smith fol⸗ gende Worte: „Adam Smith,“ ſagte er in würdigem Tone, „ſchwören Sie mir bei dem ewigen Gotte, vor deſſen Gericht wir einſt ſtehen werden, daß beide Kinder todt find; täuſchen Sie mich nicht, denken Sie, daß in die⸗ ſem Augenblicke der Geiſt der Ermordeten... Aber o mein Gott!... was iſt das, meine Kniee brechen, meine Augen werden verdüſtert,... ſo machtlos... ſo abgemattet habe ich mich noch nie gefühlt..“ Reue und Angſt bemächtigten ſich des unglückli⸗ chen Mannes, der zum Werkzeuge eines feigen Ver⸗ brechens gedient hatte. Doch mehr als das, ſchien ein anderes Gefühl ihn zu ergreifen. Er war betäubt, ganz bewußtlos, hatte Mühe, ſich aufcecht zu erhalten ... ftreckte mechaniſch die Hände nach Smith aus... zog ſeine Lippen convulſiviſch zuſammen... und ſank auf ſeinen Stuhl nieder! Es ſchien, der Doktor habe ſein Bewußtſein plötz⸗ lich verloren. Eine geraume Zeit blieb er in dieſem ſchreck ichen Zuſtande hülflos liegen, während der Teufel in Menſchengeſtalt, der elende Adam Smith, mit tro⸗ 147 kenen Augen und trotzig triumphirendem Geſicht ſein Opfer anſtarrte. Eine Lache, wie ſie nur dem Höllen⸗ bewohner möglich, erſcholl plötzlich und... mit Selbſt⸗ zufriedenheit rieb er ſich die Hände! Da bewegte ſich der Ungar; er kam wieder zum Bewußtſein und obwohl ſchwach und gefoltert von innerem Schmerze, ſammelte er doch die wenigen Kräfte, die die Natur ihm noch gelaſſen hatte, und richtete ſich auf. Seine halbgebrochenen Augen auf Smith richtend, rief er dieſem mit beinahe ſterbendem Tone zu: „Menſch, was haſt Du gethan.... Was war in dem Weine?... Sag. Mörder!... Du haſt mich vergiftet... Großer Gott!... Mörd... Er. Böſe... wicht!.. „Seien Sie ruhig, Doktor Hauſer,“ ſagte der Tibeder,„es iſt nur eine Betäubung. Wollen Sie a.. 89 „Tragen Sie mich... hinaus! Teuf.. el! Mörder... nach... Luft!... Luft!... ich er⸗ ſticke... ich ſterbe!“ Ein tiefer langer Seufzer beſchloß die abgebroche⸗ nen Worte; Hauſers Haupt ſank auf ſeine Bruſt, wäh⸗ rend ſein ſchwerer Athem bewies, daß er in tiefen Schlaf verſunken war. Der Doktor glaubte von Smith vergiftet zu ſein. Die heftige Gemüthsbewegung, die ſich des Dok⸗ tors bemeiſtert, hatte die Wirkung des Schlafmittels, das Smith unter den Wein gemiſcht hatte, beſchleunigt und verſtärkt.. Dabei hatten die kämpfenden Gefühle, die zugleich und heftig das Gemüth des reuigen Sünders beſtürm⸗ ten, die Wirkung bedeutend erhöht. Daher die Todes⸗ angſt des unglücklichen Doktors... daher ſein Ver⸗ muthen, daß eine Vergiftung ſeinem Leben ein Ende mache, daß er ſich einbildete, ſeine letzte Stunde habe geſchlagen!... 148 Nein, Adam Smith hatte den Doktor Hauſer nicht vergeben... nur... um ihn auf andre Weiſe zu ermorden!! 4 Der Kommiſſionär wurde nun bald roth, bald blaß und etwas verwildert ſah er mit flammenſprü⸗ henden Augen um ſich her. Er wurde von der Furcht überwunden... 4 „Wenn ſie... der Geiſt... mir erſchien,“ dachte er.„Sie, die blaſſe Geſtalt mit dem geöffne⸗ ten Munde, mit den holen Augen, die ſtarr und un⸗ beweglich bleiben... und doch Alles ſehen!“ Doch, wie ſich über ſich ſelbſt ſchämend, ſich ſeine Angſt verweiſend, wurde er wieder muthig; er ſtrich die Hand über die Stirne, um ſich die tollen Gedan⸗ ken zu verſcheuchen und neue zu ſchöpfen, und entfernte ſich einige Schritte von dem ſchlafenden Doktor. „Es muß ſein!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„es gilt mein Leben, er würde mich verrathen... er mit ſei⸗ nem Gewiſſen und ſeiner Reue... die Reue würde ihn wahnfinnig machen... er würde ſich dem Ge⸗ richte ſtellen als Mörder Helenas und mich als Mit⸗ ſchuldigen angeben. Der Mund eines Todten kann mich nicht mehr verrathen; er ſagt ja ſelbſt, daß ſein Leben keinen Werth mehr für ihn hat, daß all' ſein Glück verwüſtet iſt, all' ſeine Freude vergällt... der Tod kann darum nur eine Wohlthat für ihn ein. Smitth dachte noch mehr, erſann einen mörderi⸗ ſchen Plan... ſprach es aber nicht aus. Er näherte ſich dem Schlafenden und nahm das Geld wieder aus der Taſche des Karl Hauſer; zugleich bemächtigte er ſich ſeiner Börſe mit Gold und eines Portefeuilles mit Banknoten. Smith ſchien einige Au⸗ enblicke einen ſchweren Kampf in ſeinem Innern zu ämpfen; er ſteckte die Banknoten und Börſe wieder in die Taſche des Schlafenden.„Es iſt zwar hart,“ ſagte er halb laut,„aber um meiner eigenen Sicher⸗ 149 heit willen muß ich ſie ihn behalten laſſen; er hat auch eine goldene Uhr, um ſo beſſer, wenn ſie das bei ihm finden, werden ſie an einen Zufall oder ein Unglück denken!“ Er ſchloß das Geld, das er ſoeben Hauſer ausbezahlt hatte, in einen Schreibpult und ſchüttelte den Schlafenden mit aller Kraft Dieſer ließ ein dum⸗ pfes Brummen hören, erwachte aber nicht. Darauf ſchleppte Smith den Stuhl auf welchem Hauſer ſaß, mit unendlicher Mühe in das, hintere Zim⸗ mer. Ungefähr eine Viertelſtunde verweilte er dort. Als er wieder zum Vorſchein kam, ſtarrten ſeine Au⸗ gen wüſt unter der Stirne hervor, auf welcher große Schweißtropfen ſtanden; ſeine Kleider waren mit Aſche beſtäubt und ſein Geſicht und ſeine Hände hatten da und dort ſchwarze Flecken. Er ſchloß die Thüre des hinteren Zimmers binter ſich, reinigte ſeine Kleider von der Aſche und Geſicht und Hände von den ſchwarzen Flecken und nahm eine Flaſche Wein, welche er an die Lippen ſetzte und ſchnell leerte; dann warf er die Flaſche von ſich, ergriff Hut und Stock und verließ eiligſt das Komptoir. Vor der Thüre blieb er einige Augenblicke ſtehen, als ob er mit ſich ſelbſt nicht eins wäre, welchen Weg er nehmen ſollte. Gerade ſchlug die Glocke auf dem Weſt rtoren halb zehn Uhr. Der Abend war dunkel, kein Stern glänzte am Himmel, der ſchwarz und düſter wie ein Todtenkleid über der volk eichen Stadt hing. Ein feiner Regen fiel nieder, und bildete den Schmutz, welcher nur in der großen gewühligen Stadt die Straßen bedeckt. An der Ecke der Gracht ſtand ein Bänkelſänger, der ſeinen mißtönenden Geſang mit einer verſtimmten Drehorgel akkompagnirte; eine Menge Menſchen hat⸗ ten ſich um den Straßenvirtuoſen geſammelt; Smith ſtellte ſich unter ſie; noch nie hatte er einem Bänkel⸗ ſänger zugehört, doch jetzt fing er mit Begierde jedes Wort auf, das von ſeinen Lippen floß. Als der Mann geendigt hatte, und ſeine Orgel auf den Rücken nahm, um in einem andern Theile der Stadt ſein Kunſttalent hören zu laſſen, folgte auch Smitb mechaniſch der Menge. Man denke ſich den Schrecken und das Erſtaunen des Kommiſſionärs, als er nach einigen Schritten in ſeiner Nähe eine Stimme ihn mit einem„Guten Abend, Herr Remmers!“ begrüßen hörte. Obwohl der Gruß nichts Schreckenerregendes hatte, zitterte der Mann doch an allen Gliedern; ſcheu ſah er um ſich. Karel de Roos ſtand vor ihm und grüßte ehrerbietig. „Ah, de Roos!“ rief Adam und reichte Karel die Hand.„Gehen Sie mit mir in ein Kaffeehaus, um ein Glas Wein zu trinken.“ „Von Herzen gerne, Herr Remmers, aber nur unter der Bedingung, daß ich die zweite Flaſche zahle.“ „Sollte wohl noch Platz in der Komödie ſein?“ „Ich denke,“ gab Karel de Roos zur Antwort, „nur wird es zu ſpät ſein, denn es iſt ſchon Viertel vor zehn Uhr.“ „Es iſt wahr, ich dachte nicht daran,“ ſagte Smith in einem Tone, der deutlich zu erkennen gab, daß er ſelbſt nicht wußte, was er ſagte. „Wohin wollen Sie? In das fransche Koffij- huis oder zu Allebrandi?“ frug de Roos, als ſie in die Kalverſtraat gekommen waren. „Ja, das iſt gut, Dok.. de Roos, meine ich.“ „Wenn ich nicht wüßte, daß er nie zu viel trinkt, würde ich wahrlich glauben, er habe zu tief in das Gläschen geguckt,“ murmelte de Roos für ſich und frug darauf laut:„das fransche Koffijhuis wollen Sie 20 Ein einfaches halblautes„ja“ war die einzige Ant⸗ wort des Kommiſſionärs und kaum waren ſie in das Café Français getreten, als der Mörder ein Glas kal⸗ ten Punſch beſtellte. 151 „Ich dachte, wir würden Wein trinken,“ ſagte ſein vormaliger Kommis ſcherzend. „O ja, es iſt mir Recht, Alſo Wein!..“ Der Wein wurde gebracht und Smith nahm die Flaiche, ehe ſie der Kellner nur auf den Tiſch geſtellt atte „Guter Wein, finden Sie das nicht, de Roos?“ „So ſo, nicht gut, nicht ſchlecht!“. „Aber leeren Sie doch Ihr Glas!“ rief Smith, der den Wein verſchlang, als ob es eine Flaſche Waſſer wäre. „Aber du, mein Himmel, Herr Remmers, Sie ſchenken ja ein, als ob wir Eile hätten. Wir haben Zeit, ich bin nicht gewöhnt, vor halb Zwölf nach Hauſe zu kommen und nun iſt es noch nicht einmal Zehn.“ „Um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, de Roos,“ ſagte Smith,„es gefällt mir hier nicht. Wir wollen ſchnell noch eine Flaſche nehmen und dann fortgehen, zu de Nees zum Beiſpiel, in ein Nachthaus, da geht es luſtig zu, nicht wahr, da höre ich noch etwas Muſik.. nicht wahr. 9, 3 6 bin bereit, Ihnen zu folgen,“ antwortete de os. Mit wunderbarer Schnelligkeit leerte Smith die zweite Flaſche. „Nun zu de Nees! Nein, de Noos, ich werde be⸗ zahlen. Sie dürfen es nicht thun, ich will es nicht haben!. Holla, Jan, Geld einnehmen. drei Flaſchen!“ „Wir haben ja nur zwei Flaſchen getrunken.“ „O ja zwei! das iſt wahr... Kommen Sie, de Roos, jetzt zu de Nees!“ „Er iſt gewiß betrunken,“ ſagte de Roos zu ſich ſelbſt,„das hätte ich nie von ihm gedacht. Nun es kann dem Beſten geſchehen und ein einziges Mal iſt kein Unglück; außerdem iſt er doch ein guter Kerl, das hat er gezeige bet der Blondine, der Clara; der Mann hat auch nichts von ſeinem Leben; unverheirathet... Ro 152 Ich will nicht gerade ſagen, daß es ein ſo beſonderer Vorzug iſt, eine Frau zu haben, aber... Ich habe noch nie einen ſolchen Betrunkenen geſehen, er wankt nicht, und ſeine Stimme iſt heller als je, nur ſcheint er etwas toll!“ Indeß lief Smith mit ſolcher Eile und Haſt, daß de Roos Mühe hatte, ihm nachzukommen. Er lief in das erſte ſogenante Nachthaus, das er auf dem Wege fand und kaum hatte er einige Minu⸗ ten da verweilt und eine Flaſche Wein geleert, als er davon ſchlich, in einem Augenblicke, da ſein Geſell⸗ ſchafter in einem lebhaften Geſpräch mit einem jungen Frauenzimmer begriffen war, die bei dem Piano ſtand, das von einem Blinden geſpielt wurde, und wahrlich bei dieſem téte-A-tête hatte de Roos Anderes zu thun, als auf ſeinen vormaligen Patron Achtung zu geben. Und wäre er von hölliſchen Klauen der Teufel yerfolgt worden, er hätte nicht ſchneller, haſtiger fort⸗ eilen können. Ohne zu wiſſen, wohin, lief er durch die Warmoesſtraat, bis er endlich an den Buitenkant kam, wo er, ermüdet auf einen Schiffsanker ſich nie⸗ derſetzte und erſchrocken vor ſich hinſtarrte, als erwachte er aus einem langen Traum. Sein Wahnfinn war zu Ende, ſeine Betäubung gewichen, Ermattung und Kraftloſigkeit waren die Folge. Erſtaunt, ſagen wir, ſah er vor ſich hin, als er bemerkte, daß er ſich an einem Platze befand, wo er nichts zu thun hatte, den Seſſel ſah, den er ſich zur Ruhe erwählt. Wie er dahin gekommen, war ihm ein Räthſel und nur ſchwach konnte er ſich erinnern, das franzöſiſche Kaffeehaus und Nees beſucht zu haben und in der Geſellſchaft de Roos geweſen zu ſein. Er glaubte zu träumen, doch je mehr ſein Bewußtſein zurück kehrte, deſto mehr überzeugte er ſich von der Wirklichkeit des Geſchehenen. Ein kal⸗ ter Schauer überfiel ihn, als er nur zu ſehr von der Wirklichkeit überzeugt war. Er ſtand von dem Anker 15³ auf.. verließ den Ort... und ſchlug mit langſamen Schritten den Weg zu ſeiner Wohnung ein. Fe di: 1 Der Leſer wird ſich noch erinnern, daß van Zwee⸗ den, ſtatt das Komptoir zu verlaſſen, ſich in einem Kaſten der Flur verborgen hatte, um mit Vater Bram den verabredeten Diebſtahl zu vollbringen. Einige Luftlöcher, die in Form eines Herzens in die Thüre gebohrt waren, machten es van Zweeden leicht, Alles zu ſehen, was in dem Gange vorfiel. Er ſah Smith das Komptoir verlaſſen und die Thüre ſchließen. Das mußte ihn nicht wenig befrem⸗ den, denn er dachte, was ſollte der Mann, dem er im Gange begegnet hatte, allein auf dem Komptoir zu thun haben.. Van Zweeden blieb beinahe eine halbe Stunde in dem Schlupfwinkel, ehe er es wagte, nach dem Komp⸗ toir zu ſchleichen, um ſeine Neugierde zu befriedigen. Die Lampe war beinahe ganz heruntergebrannt, eine Flaſche lag auf dem Boden und eine andere nebſt zwei Kelchen ſtand auf dem Tiſche... aber kein lebendes Weſen war zu finden. „Er iſt doch nicht fort gegangen,“ ſagte van Zwee⸗ den zu ſich ſelbſt, während er ſich in das hintere Zim⸗ mer begab. Die Thüre war verſchloſſen und wie feſt er auch das Ohr an das Schlüſſelloch drückte, er ver⸗ mochte nichts zu hören. Getäuſcht wandte er ſich wie⸗ der von der Thüre ab und fuhr in ſeinen Betrachtun⸗ gen über das Verſchwinden des Fremden alſo fort: „Obwohl es mir unbegreiflich iſt,“ ſagte er bei⸗ nahe laut,„muß doch der Herr Hauſer(van Zweeden war anweſend, als dieſen Morgen ſein Name genannt wurde), fortgegangen ſein; ich wünſchte, es waͤre ſchon die Zeit, daß Vater Bram ſich ſehen ließe; die Gele⸗ Amſterdams Geheimniſſe. m, 11 genheit iſt gut. Es iſt doch ſonderbar, daß ich den Herrn Hauſer nicht fort gehen ſah.“ Wir überlaſſen jetzt van Zweeden ſich ſelbſt und kehren zu Adam Smith zurück, der indeſſen ſeine Woh⸗ nung erreicht hatte. 3 Verſchiedene Male lief er die Gracht entlang, denn ſo oft er vor die Thüre ſeines Hauſes gekommen war, ſtieß ihn eine unſichtbare Macht zurück. Er war zu ängſtlich, um einzutreten; er glaubte den Doktor zu ſehen, welcher mit todtenbleichem Geſichte ihm den Eingang verſperre, und als er, der ſich vor dem Mor⸗ den nicht ſcheute, als er endlich den Schlüſſel in das Loch ſteckte, zitterte er wie Eſpenlaub. Er ſtieß mit aller Kraft die Thüre auf, that einen Sprung zurück und ſtarrte in den dunkeln Gang. Es dauerte einige Zeit, ehe er Muth genug hatte, vorwärts zu gehen. Noch nie war ihm der Gang ſo düſter erſchienen; noch nie war ihm die Dunkelheit, die darin herrſchte, ſo entſetzlich, ſo ecklig geweſen. Er ſchloß die Thüre hinter ſich und betrat das Komptoir. Kaum hatte er einige Tritte in daſſelbe gethan, als ſein Fuß gegen einen Gegenſtand ſtieß, der auf dem Boden lag und mit ſonderbarem Geräuſche fortrollte. Erſchrocken wollte er die Flucht nehmen, als ſein Blick zufällig auf das Schreckenverurſachende ſiel— es war die Flaſche, welche er ſelbſt auf den Boden ge⸗ worfen hatte. Dieſer Umſtand, wie nichtig er auch war, brachte doch eine gänzliche Veränderung in ſeinem Gemüthe hervor. Er drehte die Schraube der Lampe, daß das Licht heller brenne. Er ſetzte ſich vor den Pult, ſtand aber nach einer kurzen Weile ſo ruhig als möglich wie⸗ der auf, begab ſich in das Hinterzimmer und ſchloß die Thüre auf. In dieſem Augenblick ſchien ſein Muth wieder zu finken, und außer der moraliſchen Urſache, der Furcht, hinderte ihn auch eine phyſiſche Urſache, einen Blick in das Zimmer zu werfen: ein dicker, er⸗ 155 ſtickender Qualm verbreitete ſich wie ein Nebel durch das Komptoir. Der Nebel war ſo ſtark, daß Smith kaum Athem holen konnte. Heftig öffnete er das Fen⸗ ſter und blieb einige Augenblicke bewegungslos in der Mitte des Komptoirs ſtehen. Wie ein böſer Geiſt, ein Teufelbeſchwörer, Geiſterbanner ſtand er da, umgeben von Rauchwolken, die allerlei ſonderbare Formen bil⸗ deten und einander gleichſam zum Fenſter hinaus dräng⸗ ten. Mit ſtarren Blicken ſah er dem verſchwindenden Rauche nach; jede dieſer Wolken ſchien, ehe ſie ſeinem Auge ſich entzog, die Geſtalt Helena's oder Carl Hau⸗ ſers anzunehmen. Endlich war der Dampf verſchwunden, und der Nachtwind drang durch das geöffnete Fenſter. Adam Smith ſprang auf, ergriff die Lampe und richtete ſeine Schritte nach dem Schlafgemach... blieb aber unbeweglich am Eingange ſtehen— bei dem An⸗ blicke des Schauſpiels, das ſich ihm jetzt zeigte. Auf der Mitte des Bodens lag die Leiche Carl Hauſers.. die Augen weit geöffnet, und die Hände krampfhaft auf die Bruſt gedrückt. Der inghrihe ſchien einen Verſuch gemacht zu haben, die Thüre zu öffnen, um ſeinem beklemmten Athem Luft zu verſchaffen, und dann niedergeſtürzt zu ſein, und eine kleine Geſchwulſt an den Schläfen bewies, daß er eines gewaltſamen Todes ge⸗ ſtorben war. In einer Ecke ſtand ein Gefäß mit Aſche gefüllt, in welchem noch einige erloſchene Kohlen lagen, und leider! dieß zeigte mehr, als zu deutlich, auf welche Weiſe Carl Hauſer geſtorben war. Die Augen des unglücklichen Opfers waren ſtarr auf den Mörder gerichtet. Dieſer glaubte, Rache und Vergeltung darin zu leſen, ſie ſchienen ihn mit ewiger Verdammniß zu beſtrafen und ihn vor den himmliſchen Richterſtuhl zu fordern. Adam Smith ſchien der Furcht, welche ſich ſeiner bemeiſterte, nicht widerſtehen zu kön⸗ nen; er wollte das bleiche Geſicht des Verſtorbenen nicht 156 mehr anſehen.. und warf ein Handtuch, das er von den mau chiſtz nahm, über das ſchreckenerweckende itlitz. Dann wagte er es, die Leiche bei den Schultern zu nehmen und ſie aufzuheben; allein das ging über ſeine Kräfte, und der entſeelte Leichnam flürzte zu Boden. Der Schlag, der dadurch verurſacht wurde, machte das Herz des Mörders im Innern erzittern. Er ſchauerte vor Kälte, obgleich der Angſtſchweiß in dicken und großen Tropfen auf ſeinem Angeſichte lag. Wie ein Sinnloſer im Anfall von Raſerei, ſtellte er ſich mit dem Rücken gegen die Leiche, ergriff die Füße, unter jedem Arme einen, ſo daß er den Todten nicht ſehen konnte, und ſchleppte auf dieſe Weiſe die Leiche mit ſich fort. Es war ein ſchreckliches, unmenſchliches und grauenerregendes Schauſpiel, als der Ermordete von dem Mörder fortgeſchleift wurde; das Haupt war in fortwährender Bewegung und ſchlug auf den Boden, da die Bretter ſehr uneben waren, aber der Unmenſch kehrte ſich nicht daran, und in wüſter Fahrt zog er den entſeelten Leichnam hinter ſich. So erreichte er den Gang, wo der Kopf des Tod⸗ ten von der Thürſchwelle angehalten wurde. Dieß ſtörte den Mörder in ſeinem Laufe, und der Stoß war ſo heſ⸗ tig, daß er hinterrücks über die Leiche fiel.— Mit einem unterdrückten Schrei ſprang Adam Smith von der Leiche auf, er hatte Mühe, ſich nicht durch die Angſt hinreißen zu laſſen, ſprach ſich Muth ein, und es glückte ihm, ſeine Laſt durch den Gang bis an die Vorthüre zu ſchleppen. Dahin gekommen, ließ er die Füße los, die kraft⸗ los niederfielen; er öffnete die Thüre und ſah nach allen Seiten. Nirgends war ein lebendes Weſen zu ſehen; es war ſchon ſpät am Abende, und das ſtürmiſche Wei⸗ 157 ter hatte die Straßen geleert, nur in der Ferne hörte man Geräuſch von Wagen und Fußtritten. „Nun oder nie,“ ſprach Smith, die Worte in ſei⸗ nem Munde halb verſchlingend. Er ergriff die Leiche wieder, um ſie auf die Straße zu ziehen... und im ſel⸗ e Augenblicke hörte er einen Schrei:„O Gott! ein ord!“ Dieſer Ruf machte ihn vor Schrecken erſtarren; ſeine Haare ſträubten ſich, und wie ein Dämon rannte er durch die Straße, die Leiche nach ſich ſchleppend. So ging er] längs dem Walkant auf der Gracht fort, ließ ſeine ſchreckliche Laſt mehrmals los und blieb einige Augenblicke ſtehen, um Athem zu ſchöpfen. Die Leiche Carl Hauſers lag zu ſeinen Füßen; die Leiche des Mannes, der das Ziel ſeiner Wünſche ſo nahe glaubte; der auf dem Punkte ſtand, endlich das Glück zu genießen, für das er ſo lange gearbeitet hatte; der nach jahrelangem Umherſchweifen und Abmühen jetzt Ruhe in ſeinem Vaterlande zu finden hoffte, am häus⸗ lichen Herde in der Mitte ſeiner Freunde und Bekann⸗ ten, an Seite der, die er ſo zärtlich liebte, deren Bild ihn in ſeiner Einſamkeit tröſtete. Doch die Krone ſollte er nicht erringen; ehe er das Ende der Bahn erreicht hatte, traf ihn die ſtrafende Hand des Herrn, der ge⸗ ſagt hatte:„Mein iſt die Rache!“ Er hatte geſündigt, das Blut ſeines Nebenmenſchen vergoſſen, darum fand er auch den Tod von der Hand, die ihn zu Falle ge⸗ bracht, durch die Hand deſſen, der dadurch einen dop⸗ pelten Mord auf ſein Gewiſſen geladen hatte. „Wieder gefaßt, ſpannte Adam Smith alle ſeine Kräfte an, und mit beiden Händen ſie umfaſſend... warf er fie in die Gracht!.. Das Waſſer ſpritzte dem Mörder ins Angeſicht, er hörte einen dumpfen Fall.. er ſah, wie das Waſſer mit Schlamm und Schmutz vermiſcht, heftig aufwallte!.. Die Leiche kam noch ein⸗ mal an die Oberfläche... ſtarrte den Mörder an... wandte ſich um. und ſank wieder in die Tiefe! Die 158 Waſſerfläche zog breite Kreiſe, die Kreiſe wurden im⸗ mer kleiner und kleiner und endlich war der Spiegel wieder eben und glatt, das Waſſer in der Gracht war ſtill... kein Laut ließ ſich hören... kein Blättchen der dicken Tarusbäume wurde vom Winde bewegt... aber ein heftiger Sturm wüthete in der Seele des Mörders. Dieſer lag über eine hölzerne Lehne an der Wal⸗ kant in das Waſſer ſtarrend, in das Waſſer, das vor wenigen Augenblicken das Opfer ſeines Verbrechens ver⸗ ſchlungen hatte. Adam Smith ſah mechaniſch in die Gracht... im Geiſte ganz abweſend, ſtand er da... ganz in Gedanken verſunken. Geraume Zeit hatte er ſo zu⸗ gebracht, als er plötzlich aus ſeinem Traume erwachte, und mit Schrecken gewahrte er den Platz, wo er ſich befand. Wie leicht hätte ein Verdacht auf ihn fallen können. Eiligſt verließ er den gefährlichen Ort, um nach Hauſe zu kommen, aber er hatte nicht den Muth, den Ort zu betreten, wo die Gräuelthat verübt worden war. Krampfhaft ſchloß er wieder die geöffnete Haus⸗ thüre, und gerade in dieſem Augenblicke ſchwebte eine dunkle, geheimnißvolle Geſtalt an ihm vorüber, und das Wort:„Mörder!“ in ſchrecklichem Tone ihm zuge⸗ rufen, klang wie ein Donnerſchlag in ſeinen Ohren. „Sollte das der böſe Geiſt geweſen ſein!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, während er ſich eiligſt entfernte.„Es iſt nur Einbildung, die Todten kommen nicht wieder!“ Mit die⸗ ſen Worten ſuchte er ſeine Furcht zu überwinden... und doch eilte er fort, als würde er von dem böſen Geiſte verfolgt. Immer ſchneller und ſchneller wurde ſein Lauf, und unaufhörlich hörte er das Wort:„Mörder!“ hin⸗ ter ſich ausſprechen. Niemand begegnete ihm und dieß vermehrte ſeine Angſt. Er hätte viel Geld darum ge⸗ geben, wenn ihn Jemand begleitet hätte, und kaum hatte er das Geräuſch ſeiner eigenen Fußtritte gehört, als er einen ganz andern Weg einſchlug, und ſeine Schritte richteten ſich nach der Seite, von welcher das Echo des Geräuſches kam. 1⁵9 Er wußte nicht, wo er war, die Straßen und Grachten kamen ihm ganz fremd vor, unter jeder Kram⸗ bude, auf jeder Stoep ſah er die Leiche Carl Hauſers liegen, an jedem Baume, an jeder Ecke der Straßen und Grachten ſah er den Geiſt Helena's. Er durchlief die ganze Stadt mit einer Schnelligkeit, die ihm ſelber ganz unbegreiflich war; da ſtand er auf dem Haarlem⸗ merplein, einen Augenblick ſpäter auf dem Hoogesluis und wußte ſich kurz darauf keine Rechenſchaft zu geben, wie er ſich bis zum Buitenkant verirrt haben konnte. Lange lief Adam Smith ſo durch die Stadt... als ganz unerwartet an ſeine Ohren die Töne einer wohllautenden Muſik entgegenklangen, und er das Geräuſch von tanzenden Füßen hörte... er befand ſich im Pijlſteeg, vor dem ſogenannten öffentlichen Haus De pijl. Helles Licht glänzte ihm durch das Fenſter über der Thüre entgegen; außen war Alles dunkel und ſtill, drinnen Licht, Leben und Gewühl... und welchen Werth hatte — nicht für einen Mann, der mit ſich allein zu ſein eute. „Ich bleibe keinen Augenblick länger allein in dem Komptoir und ſo ſchnell als möglich will ich eine an⸗ dere Wohnung ſuchen!“ murmelte er vor ſich hin und trat in den Pill. Die hellen Kronleuchter, die an der Decke hingen, verbreiteten ein glänzendes Licht in dem weiten Saale und ließen das Kryſtall und die übrigen Trinkgeräth⸗ ſchaften, die auf dem Buffet ſtanden, in herrlichem Glanze wiederſtrahlen. Das Orcheſter, auf einem von Säulen getragenen Balkone am Ende des Saales, ließ einen einſchmei⸗ chelnden Walzer hören. Nach dem Takte der Muſik ſchwebten einige reich und geſchmackvoll gekleidete Mäd⸗ chen durch den Saal, während andere auf den Bänken an der Wand ſaßen. Sie gehörten zu den beklagens⸗ werthen Weſen, die hier ihr ſchändliches und wollüſtiges Weſen treiben. 4 —— 160 Es waren Roſen, die herrlich blühten und von welchen die Schmetterlinge ſolange nippten, bis ſie, abgelebt und verdorrt, zum Unrath geworfen werden. Der Mörder athmete hier wieder etwas auf, als er ſich inmitten dieſer Weſen befand... Waren die Unzüchtigen nicht beſſer als er? XIV. Die Entdeckung. Als wir den Kolonel van Bergen am Ende des vorigen Theiles verließen, befand er ſich in einem ſchrecklichen Zuſtande. Wie dem Leſer bekannt iſt, war er die Treppe des Kellers, die nach der Küche führte, heraufgeſtiegen und in dem Augenblicke, da ſein Haupt über der Oeffnung ſichtbar wurde, gab David Ram das Zeichen, worauf Jim das Beil erhob, bereit, den unglückſeligen Schlag zu thun.. Es wurde laut an die Vorderthüre geklopft. Ram ſah ſeinen Sohn fragend an und dieſer ließ das Beil ſinken. Der Kolonel ſtieg einen Schritt höher. Nochmals wurde geklopft und heftiger. „Nein, Jim, jetzt nicht,“ rief David Ram. Allein es war zu ſpät, das Beil ſank.. der hintere Theil ſiel auf das Haupt van Bergens nieder, der, laut auf⸗ ſchreiend, von der Treppe in den Keller ſtürzte. „Die princerij ſteht vor der Thüre,“ jammerte David, verzweifelnd die Hände ringend.„Jim, Jim, was haſt Du gethan?“ „Was ich gethan habe, Alter, nichts, gar nichts,“ antwortete der verdorbene Junge, während er den Deckel 161 auf die Oeffnung fallen ließ, es iſt nichts, er wird uns wenigſtens nicht versliegene.“ Das Klopfen wurde wiederholt. „Geh und ſieh, was es iſt, was ſtehſt Du da und behſ altes Weib! Willſt Du nicht, dann werde ich gehen.“ „Jim,“ warnte der Alte,„ſieh einmal erſt durch das Glas über der Thüre, wer es iſt, Du wirſt es bei dem Lichte der neres ¹) wohl ſehen können. Baldover gut, ehe Du öffneſt, wenn es die princerij iſt, werden wir durch die hintere Thüre schibus gaan.“ „Ich ſehe nur einen!“ ſagte der Junge, den Be⸗ fehlen ſeines Vaters getreu nachkommend. „Frag' ihn, was er will.“ „Holla, öffnet! Macht auf ins Satans Namen,“ rief eine polternde Stimme von außen...„Oeffne die Thüre, David!“ Deer krumme Wirth ſchien etwas beruhigt, als er die Stimme deutlich hörte. „Die Stimme kommt mir bekannt vor,“ ſprach er zu ſeinem Sohne.„Wer ſeid Ihr?“ fragte er darauf den nächtlichen Gaſt, ſich zur Thüre begebend. „Macht auf, ich bin es, der Maler.“ 3 „Der Alte iſt betrunken,“ rief Jim durch da Schlüſſelloch,„darum wird heute Abend nicht geſchenkt und der Trom bleibt geſchloſſen.“ „Ich will hinein, öffne, Jim, denn ich gehe nicht fort, ihr müßt mich hineinlaſſen 1, „Das wird nimmermehr geſchehen, ich bin Herr genug, um hereinzulaſſen, wen ich will.“ „Wenn Du nicht aufmachſt, Jim, ſetze ich nie wieder einen Fuß in das Mooriaantje, ſchäme Dich, einen ſo guten Kunden wie ich außen ſtehen zu laſſen.“ „Dann bleibt eben einfach weg,“ antwortete Jim, 1) Straßenlaterne. 162 „wer nicht kommt, darf nicht wieder gehen! Seid ruhig, Männchen, Ihr kommt nicht herein, ob Ihr viel oder wenig ſchwatzt, es gelingt nicht.“ Albert Droſt ließ ſich durch die Machtſprüche des Jungen nicht entmuthigen; der Ausfall trieb ihn nicht ab und alle ſeine Kräfte zuſammennehmend, begann er einen neuen Sturm und trappte und ſtieß und ſchlug und klopfte ſo heftig und ſchrecklich, daß David Ram, um dieſem Schauſpiel ein Ende zu machen— befürch⸗ tend, er möchte von ſeinen Nachbarn mit einem Be⸗ ſuche beehrt werden, die durch das Geraſe erweckt würden— den Beſchluß faßte, zu kapituliren und dar⸗ über mit ſeinem Sohne ſich berieth. Jim wollte aber von nichts hören. Inzwiſchen hörte Droſt nicht auf. 4 Wüthend rief der ängſtliche Vater ſeinem Sohne zu: „Mache doch auf, Zim! Zum Teufel, die Thüre auf, ſataniſcher Junge! er bringt ſonſt die ganze Gaſſe in Aufruhr.“ „Oeffne oder ich mache Alles bekannt!“ rief Albert nochmals, ohne ſein gewaltſames Unternehmen zu un⸗ terbrechen.. Zim, durch die Noth gedrungen, ſtimmte ein; er öffnete die Thüre und Albert trat herein. „Nun, was wollt Ihr?“ frug Jim, keck den Maler anſehend,„was wollt Ihr nun haben?“ „Du haſt gelogen, als Du ſagteſt, Dein Vater ſei betrunken,“ ſagte Albert, auf David zeigend,„da ſteht er ja ſo wohl als es nur möglich iſt, und was ich will, ich will den Kolonel van Bergen!“ „So ſuche ihn, wo er iſt,“ ſagte der krumme Da⸗ vid und Jim gleichzeitig.„Er iſt nicht mehr hier, er hat eine spaansche mat verkwanseld, daß er ſchwei⸗ gen wolle, dann haben wir ihn gehen laſſen.“ „Gelogen!“ rief der Maler.„Er muß hier ſein, denn ich bin in das Hotel des Pays-Bas gegangen, und da war er nicht.. komm, zeige mir, wo er iſt...“ 163 „Glaube ihm nicht, Vater, er war nicht in dem... wie heißt das ver.. Haus nur.. er iſt nicht dort geweſen; er dürfte nicht dorthin kommen.“ „Wo ich geweſen bin, geht Dich nichts an,“ rief Albert,„aber der Kolonel iſt hier, ich muß ihn ſprechen und muß wiſſen, was aus ihm geworden iſt.“ „Bert, ſei ruhig und hör' mich an,“ ſagte David in überredendem Tone. „Ich höre nichts, ehe ich van Bergens Loos weiß! Ein Vorgefühl ſagt mir, daß ihr ihn omgaaijes ge⸗ macht habt, damit er nicht sliegene ſoll und ihr die massematten behalten könntet, die er bei ſich hat.“ „Biſt Du toll, Albert, der Kolonel iſt dieſen Mor⸗ gen fort, kurz nachdem Du das Haus verlaſſen hatteſt.“ „Laßt mich in den Keller, um mich ſelbſt zu über⸗ zeugen, daß er nicht mehr da iſt!“ „In den Keller kommt Ihr nicht,“ ſprach Jim, heftig werdend,„ich glaube doch, daß mein Vater Herr im Hauſe iſt.“— „Ihr habt ihn om gaaijes gemacht und der koude ²) liegt noch im Keller.“ „Rein,“ vertheidigte ſich David,„aber Vater Bram hat hier Güter verborgen, die Niemand ſehen darf; Du begreifſt es, beſter Junge!“ „Ich will in den Keller gehen, Du weißt, daß ich kein mosser bin, der baldovern will, wenn ich den Kolonel nicht finde, und auch ſeine koude nicht, ſo werde ich gehen, aber früher nicht.“ Der Maler ſtand auf, richtete ſeine Schritte nach der Oeffnung des Kellers und ſprach: „Ich erkläre es euch, ich entferne mich nicht.“ Dapid Ram wollte ſich widerſetzen, Jim aber hielt ihn zurück. „Wenn er in den Keller geht, ſoll er nie wieder h 1 2) Die Leiche. 8 164 herauskommen,“ flüſterte der Mörder ſeinem Vater zu. Darauf wandte er ſich zu dem Maler und ſprach: „Geht nur, Bert, da nehmt Licht mit und Ihr ſollt ſinden, daß nichts als Güter in dem Keller find.“ „Das kann wohl ſein, Jim, aber Du gehſt mit, Junge, allein gehe ich nicht.“ „Wenn Ihr wollt,“ ſagte Jim, gleichgültig die Schultern hebend. Er folgte dem Maler in das hintere Zimmer. „Das Sägmehl lag dieſen Morgen nicht da,“ ſagte Albert. „Und nun liegt es,“ ſprach Jim.„In der That, Ihr ſeid ſehr neugierig, Ihr möchtet vielleicht auch noch wiſſen, warum das Sägmehl da liegt.“ „Das geht mich nichts an,“ rief Albert Droſt und öffnete das Loch.„Komm' Jim, geh' voraus, ich will Dir folgen.“ „Das thue ich nicht, Bert, ich habe in dem Keller nichts zu thun und Alles thue ich nicht, was Ihr wollt. Steigt nur erſt hinab, dann werde ich folgen.“ 3 „Nein, ich weiß wohl, was Ihr im Sinne habt: wenn ich'mal unten wäre, würdeſt Du den Deckel ſchließen und mich ohne hasgele oder Caspene laſſen, bis ich verhungert wäre, wenn ich nicht auf andere Weiſe von Dir om gaaijes gemacht werde. Nein, Jim, ich bin klug, das weißt Du, Du mußt voraus⸗ ſehen und wenn der krumme David den lef⁰) haben ollte, den Deckel zu ſchließen, ſo drehe ich Dir den hals, um. Hörſt Du, David, was ich zu Deinem Sohn age 4„ „Und wenn ich nun nicht vorausgehen wollte?“ frug Jim und zog dabei eine Teufelsfratze. „Dann würde ich Mord rufen,“ antwortete der Maler,„ſo laut, daß die Nachbarn es hörten, die dann mit Gewalt öffnen würden.“ 1 A* 3) Muth. „Und dann? „Und dann,“ fuhr Albert in drohendem Tone fort, „würde ich ſagen, daß ich vermuthe, in dem Keller ſei eine koude verborgen, und wenn es wirklich ſo iſt, wäre es meiner Anſicht nach beſſer, daß es Drei wiſ⸗ ſen, als die ganze Nachbarſchaft... alſo Jim, ſchnell, ſteige die Treppe hinunter oder ich thue, was ich ſage.“ „Warte nur,“ ſprach Jim, der an dem Vorſchlag Alberts ſeine Freude zu haben ſchien.„Ich will die Laterne nehmen.“ Und in der That, der junge Spitz⸗ bube nahm die Laterne und that, als ob er die Treppe hinabgehen wollte. Doch ſich plötzlich beſinnend, kehrte er ſich wieder zu Albert und ſagte: „Ich wäre toll, wenn ich es thun würde... Ihr müßt die Laterne tragen, ich bedanke mich dafür, Euer Knecht zu ſein.“ „Auch gut!“ ſprach Albert, brennend vor Ver⸗ langen, den Kolonel zu ſehen. Er empfing daher die Laterne aus den Händen Jims, aber im ſelben Augen⸗ blicke bückte Jim ſich auf den Boden und faßte den Maler bei den Füßen mit ſolcher Kraft, daß Albert Droſt zu Boden fiel. Dann ſprang Jim mit Blitzesſchnelligkeit auf ihn, drückte die Knie auf ſeine Bruſt und rief mit wüthender Stimme dem Vater zu:„Alter, ſchnell, mein nijft! ... maak ihn om gaaijes. Hilf mir, zwei oder drei, das iſt daſſelbe!..“ David Ram kam ſeinem Sohne zu Hülfe und ſuchte dem Maler eine Wunde beizubringen. Aber Al⸗ bert, dem es nicht an Kräften gebrach, hatte Jim eben⸗ falls feſt gegriffen, und obwohl es ihm unmöglich war, ſich von ſeinem Bedränger los zu machen und aufzu⸗ ſtehen, wußte er ſich doch ſo zu krümmen, daß David ihn nicht verwunden konnte, ohne zugleich Jim zu be⸗ ſchädigen, während der Maler auch noch aus allen Kräften um Hülfe rief. Beide rollten ringend über den Boden, immer von —— 166 dem Alten verfolgt, der vergebens von dem Meſſer Gebrauch zu machen ſuchte, das er in der Hand hielt. „Jetzt, Alter, ſchnell.... jetzt kannſt Du ihm das Meſſer in den Hals ſtechen. Schnell, ich kann ihn nicht länger halten! Zum Teufel, komm'!“ Gehorſam dem Befehle des Sohnes hob der Vater das Meſſer auf und war bereit, den ſchrecklichen Streich zu thun.. Der ſteife Arm des alten Böſewichtes war nach dem Halſe des Opfers gerichtet.. und Albert fühlte ſchon den kalten Stahl an dem Orte. Da plötzlich wandte ſich der Maler um, zog Jim über ſich und entkam dadurch dem tödtlichen Streiche. Jim wußte nun ſeine Hand zwiſchen die Halsbinde des unglücklichen Malers zu bringen und Albert dadurch im Athem gehemmt, vertheidigte ſich immer ſchwächer und ſchwächer und ließ endlich die Arme machtlos ſin⸗ ken, womit er Jim umklammert hatte. Während der hintere Theil der Schenke dieß ab⸗ ſcheuliche Schauſpiel darbot, wurde von außen an die Straßenthüre aufs Neue heftig und anhaltend geklopft. Es ſchien, daß die draußen— denn das Klopfen ge⸗ ſchah nicht von einer Perſon— viel Intereſſe daran hatten, eingelaſſen zu werden. Zwei Perſonen ſtanden in dem Suikerbakkerſteeg vor der Schenke Het mooriantje, ungeduldig das Oeffnen der Thür erwartend. Der Leſer weiß, daß Adolf und Frank ſich da be⸗ fanden, um in der Schenke den Vater Bram zu ſpre⸗ chen und zu warnen. 1Es ſcheint, die Kneipe iſt ausgeſtorben,“ ſagte „Nein, es iſt Volk darin,“ ſprach ſein Freund Frand,„ſo eben ſah ich noch Licht und ich habe ſprechen ören.“ „Ich darf beinahe nicht länger hier bleiben, die Polizei iſt mit allen dergleichen Häuſern bekannt und das Mooriantfe ſteht nicht gerade in dem beſten Rufe; 167 wie leicht könnten die Diener hieher kommen und nach Vater Bram.“ „Still, ich höre um Hülfe rufen.“ „Ja, nun wird es wieder ſtill.“ „Mord, Mord!“ klang es aus der Schenke. „Großer Gott, es wird Mord gerufen! Wir wol⸗ len helfen, wenn es uns möglich iſt, vielleicht können wir hier einen Unglücklichen retten,“ ſagte Adolf und ohne ſich lange zu bedenken, that er einen ſo heftigen Stoß auf die Scheiben, die in der Thüre waren, daß ſie in Stücke flogen. Auf dieſes Geräuſch kam ein Mann auf die bei⸗ den jungen Leute zu, der ihnen ganz unbekannt war, in welchem aber der Leſer einen alten Bekannten den Linkſche, antrifft. „Was iſt das?“ fragte er mit kräftiger Männer⸗ me. „Das weiß ich nicht,“ unterrichtete ihn Adolf, „aber wir haben deutlich Mord rufen hören, und ob⸗ gleich Leute im Hauſe ſind, weigert man ſich doch uns aufzumachen, ungeachtet wir heftig an die Thüre ge⸗ klopft haben. Wir ſtehen ſchon lange da.“ „Mord!.. Großer Gott!“ ſagte der Linkſche oder lieber Steuermann Wild.„Wenn ſie ihn hieher ge⸗ lockt hätten,“ fuhr er fort, ohne Frank und Adolf an⸗ zuſehen; der Commis von Remmers und Comp. iſt gewöhnt hieherzukommen, vielleicht hat dieſer den Dok⸗ tor hergebracht; ich habe vergebens auf ihn gewartet und konnte Hauſer nirgends finden.“ „Helft! Mordl.. helft!“ klang es wieder. „Nun wollen wir helfen,“ ſagte Wild, ſich jetzt an die Beiden wendend, und ſeine breite Schulter ge⸗ gen die Thüre ſetzend, machte er einen ſo heftigen Anfall gegen ſie, daß die Thüre mit ſchrecklichem Kra⸗ chen auseinanderſprang und hiedurch den Dreien ein Burchgang gebahnt war, welche auch mit Eile hinein⸗ rmten. ſtim 168 Albert Droſt lag beinahe bewußtlos unter Jim, der noch ſtets ſeine Hand zwiſchen dem Halstuche des Malers hatte, während David bereit war, das Opfer zu durchſtechen. Ein heftiger Fauſtſchlag des Steuermanns Wild vereitelte aber das Vornehmen und machte David nie⸗ dertaumeln, während Adolf und Frank den vor Wuth ſchäumenden Jim ergriffen und von Albert losriſſen. „Himmel! Jim Ram!“ rief Frank, an den ſchie⸗ lenden Augen den Sohn ſeines vormaligen Nachbars erkennend. „Und da iſt auch David Ram.“ „Frank!“ rief dieſer und ſuchte einen Anfall auf denſelben zu machen, doch auch an dieſem Verſuche wurde er verhindert. Zornig warf Jim ſein Meſſer weg und ſagte mit einer Geiſtesgegenwart, die einer beſſern Sache würdig geweſen wäre:„Ihr habt die Thüre aufgeſtoßen und könnt die Koſten bezahlen!... Wer zum Satan hat euch die Erlaubniß gegeben, mit Ge⸗ walt hereinzudringen.“ „Dieſe Freiheit habe ich mir genommen,“ ſprach Steuermann Wild,„weil ich eine Menſchenſtimme um Hülfe rufen hörte. Ihr wolltet dieſen Mann, den ich als den Maler erkenne, ermorden... Elende Burſche, iſt das als Männer gehandelt, zwei gegen Einen!“ Albert Droſt war indeſſen aufgeſprungen und ſo⸗ bald Jim dieß gewahr wurde„trat er auf den Maler zu und ſagte zu ihm: „Semey amge, Bert, der Linkſche iſt kein gewer⸗ ber, ſondern ein moosser; kal ¹) kein Wort vom Keller, das würde Dich, wie mich auf't schollem bringen.“ 1 Und ſich darauf zu Steuermann Wild wendend, fuhr er fort:„der Maler bekomit Anfälle, dann 4) Sprich. —— 169 ſchreit er wie ein Wahnfinniger und ſchlägt mit Hän⸗ den und Füßen um ſich, darum bin ich auf ihn gefal⸗ len, damit er ſich nicht beſchädigt. Steuermann Wild, der gedacht hatte, Karl Hau⸗ ſer ſei vielleicht unter dem einen oder andern Vor⸗ wande, von van Zweeden in das Mooriantje mit zu gehen verleitet worden, um dort von dem Wirth oder ſeinem Sohne wegen des Geldes, das er bei ſich trug, ermordet zu werden, fand ſich getäuſcht, da er ſtatt des Doktor Hauſer den Maler bemerkte, den er früher im mooriaantje hatte kennen lernen... und ſeine Verwunderung ſtieg noch mehr, als er gewahrte, daß Albert den Mord auch gethan hatte. Anfangs glaubte er, was Jim mit wunderbarer Dreiſtigkeit vorlog, und wollte um Aufklärung bitten, als Albert Droſt ſich plötzlich vor die Thüre ſtellte und ausrief: „Gebet Achtung, Männer, daß uns der Alte nicht entkommt!... Hier in dieſem Haus..“ Mehr konnte er nicht ſagen, denn plötzlich ſprang David Ram wie ein Wahnſinniger hervor, ſtellte ſich Se 84 Maler und hielt ihm die Hand vor den und. „Um Gotteswillen, Bert,“ bat der alte Spitz⸗ bube,„mache mich nicht unglücklich! Es iſt wahr, wir haben den Kolonel om gaaijes gemaakt,“ flüſterte er ihm geheimnißvoll zu,„weil wir fürchteten, er werde als moosser doorslaan... ſeine koude liegt im Keller.. ich will Dir ſogleich hundert kop geben, wenn Du ſchweigſt, ſogleich, noch ehe dieſe da fort find!.. Wir wollten Dich nicht om gaaijes ma- ken, beſter Junge, es war nur ein putz, ſchweige darum und ich werde Dir moos geben.“ Der Maler ſtieß den krummen Spitzbuben von ch und wiederholte ſeine Warnung gegen die Umſte⸗ enden.. „Gebet Achtung,“ ſagte er,„daß keiner von bei⸗ Amſterdams Geheimniſſe.. 12² 170 dn entkommt, in dieſem Hauſe iſt ein Mord verübt Tden!... „ Er redet irre,“ rief Jim zähneknirſchend vor Wuth,„ſein Anfall hat ihn toll gemacht.“ „In der Küche iſt ein Loch,“ fuhr der Maler fort, ohne ſich an der Bemerkung Jims zu ſtoßen, deſſen Geſicht eine fahle Bläſſe überzog,„das Loch dient zum Eingang in den Keller, in welchem ſie die Leich verborgen haben.“ „Das muß unterſucht werden,“ ſagte der Steuer⸗ mann Wild. Aber Jim, der inzwiſchen ſein Meſſer wieder vom Boden aufgerafft hatte, ſtellte ſich neben ſeinen Vater vor die Küchenthüre und ſagte:„Nie⸗ mand kömmt hier herein, ihr ſeid keine Godel und habt hier durchaus kein Recht.“ „Das Recht des Stärkſten werde ich hier geltend machen,“ rief Steuermann Wild, mit Verachtung auf den Jungen herabſehend, und ſiel wüthend auf David Ram und ſeinen Sohn ein. Ein kurzes Gefecht hatte die Folge, daß Jim durch den tenerind und David von Adolf feſtgenommen wurde. Mit Fauſtſchlägen zwang man die Gefangenen, in die Küche zu gehen, Frank und Albert folgten den Vieren und Alle ſtiegen die Kellertreppe hinunter. Auf dem feuchten Boden, hart neben der Treppe lag Auguſt van Bergen unbeweglich ausgeſtreckt und obwohl keine Wunde an ihm zu ſehen war, ſchien 4 die Seele aus dem Körper des Kolonel entflohen zu ſein. zählte in wenigen Worten Alles, was mit van Ber⸗ gen vorgefallen war, ohne ſeine Mitſchuld in der Sache zu verſchweigen. Der Kolonel wurde aufgenommen und nach oben getragen, wo er im Kaffeezimmer auf das Billard ge⸗ legt wurde, während Frank das Haupt unterſtützte, 4 4 „Da iſt die Leiche!“ rief Albert Droſt, und er⸗ 2 4 171 „Verfluchter moosser!“ brüllte Jim, die Fauſt drohend gegen Albert aufhebend,„wir werden Euch als Mitſchuldige angeben und Ihr müßt, ſo wahr ich⸗ ... mit uns ins klienje gehen.“ „Er lebt noch!“ rief David plötzlich,„ſeine aijene peben auf... ſieh'... er holt Athem, er iſt nicht to 1 „Seht ihr?“ rief Jim, der nun wie die andern dieſe Lebenszeichen bemerkte,„ſeht Ihr, daß er lebt, der verfl Maler hat gelogen, da er ſagte, wir hät⸗ ten den Kolonel ermordet.“— Van Bergen war durch den Schlag, den ihm JZim beigebracht hatte, nur betäubt, und kehrte langſam zum Bewußtſein zurück. e„Wo bin ich?“ ſagte er verwundert um ſich ehend. Sein Blick fiel auf den Steuermann, den er lange Zeit anſah, dann rief er:„Sind Sie es„ Steuer⸗ mann Wild!.. jetzt bin ich ſicher.“ „Gott, ſollte es möglich ſein!... der Kolonel .. ja, meine Augen täuſchen ſich nicht, Kolonel van Bergen!“ „Sie find es alſo, dem ich die Erhaltung meines Lebens verdanke.“ „Nein, Kolonel, dieſem,“ ſagte der Steuermann, auf Albert Droſt zeigend, der ſich etwas von den an⸗ dern entfernt hatte, als wagte er es nicht, den Kolo⸗ nel anzuſehen. „Ihm?“ fragte der Kolonel verwundert,...„und Sie waren es, der mich hieher lockte.“ 3 „„Ich bin ſchuldig,“ ſprach der Maler mit einer timme, die die tiefſte Reue beurkandete. Darauf erzählte er dem Kolonel, er ſeie durch Bram erkauſt worden und theilte ihm Alles Uebrige, was wir un⸗ ſern Leſern ſchon mitgetheilt haben mit.„Doch ich fühle Reue,“ ſo ſchloß er,„ich wollte mein Verbrechen wie⸗ der gut machen, indem ich Ihnen meinen Antheil am ———— ————yÿ omäy 172 Raube wieder zurückgäbe. Da vernahm ich, daß Sie noch nicht in das Höôtel des Pays⸗Bas zurückgekehrt ſeien... ich vermuthete ein Unglück.. ich eilte hie⸗ her und es glückte mir, Sie zu retten, obwohl ich ohne die Hülfe dieſer Männer gewiß ſelbſt unterlegen wäre.“ Der Kolonel reichte dem Maler die Hand, Albert aber zog beſcheiden die ſeine zurück. „Kolonel, ich bin nicht würdig Ihre Hand zu drücken,“ ſprach er ſehr gerührt. „Schlagen Sie ein, mein Freund, Sie haben ein Verbrechen begangen, aber Ihre Reue hat das Ver⸗ brechen geſühnt.“ Während dieß geſprochen wurde, hatten Jim und ſein Vater ſich in die entfernteſte Ecke des Zimmers begeben, wo ſie in ernſter Berathung begriffen ſchie⸗ nen. Steuermann Wild beobachtete neugierig jede ihrer Bewegungen, um, wenn ſie hätten entfliehen wollen, ſie daran zu hindern. Der Kolonel war indeſſen durch die Bemühungen Alberts und Wilds von ſeiner Betäubung wieder er⸗ wacht, ſo daß er im Stande war, von dem Billard aufzuſtehen und auf einem Stuhle Platz zu nehmen. Nach Verlauf von einigen Augenblicken verließ er den Seſſel und näherte ſich Albert. „Das Gericht muß ſogleich hierherkommen,“ ſagte er ſo leiſe ſprechend, daß weder David noch ſein Sohn ihn hören konnten. „Herr Kolonel,“ ſagte Albert Droſt,„bedenken Sie, daß ich in die Sache verwickelt bin, gerne will ich meinen Antheil am Raube zurückgeben und.. „Seien Sie ruhig, mein Freund, es betrifft eine aanz andere Sache, eine Sache, an der ich ganz un⸗ ſchuldig bin, einen Mord!“ „Einen Mord!“ wiederholte Albert mit ungehen⸗ cheltem Abſcheu,„nein, Gott ſei Dank! ich bin kein Mörder; meine Hände find rein von Blut.“ 173 „Schnell denn, wer von euch will das Gericht hieher holen?“ 6 „Ich!“ rief Frank. Doch Adolf fiel ihm ſchnell in die Rede. 1 „Nein, Du nicht,“ ſprach er,„ich will es thun.“ Ehe er das Gemach verließ, flüſterte er ſeinem Freunde zu:„Du biſt dem Polizeikommiſſär ſchon be⸗ kannt⸗ und könnteſt leicht wieder in ſeine Hände fallen; mich kennen Sie nicht, deßhalb will ich gehen. Er ging; doch hatte er ſich der Thüre noch nicht genähert, als ſein Dienſt unnöthig wurde. Sechs Gerichtsdiener traten ein und trieben ihn mit dem ſtrengen Befehle zurück:„Niemand verlaſſe dieſes Zimmer!“ „Die weets!“ rief David Ram, als er die Män⸗ ner eintreten ſah.„Die weets! ſchnell das Licht aus!“ Er wurde aber daran gehindert, indem ihm ein benr„Gerichtsdiener zuriefen:„Keinen Schritt vom Pla „Seid Ihr der Wirth?“ fragte ihn ein Herr im ſchwarzen Anzuge, welcher hinter den Polizeiagenten er⸗ ſchien, und den man an dem breiten Band, das unter ſeinem zugeknöpften Rocke ſichtbar war, als einen Po⸗ lizeikommiſſär erkannte. 4„Zu dienen, mein Herr!“ antwortete David ſehr 1 „Kennt Ihr einen gewiſſen Abraham van Linden, hacöhalic Vater Bram genannt?“ frug der Kommiſſär weiter. „Gott ſei Dank, das geht den Bram an,“ mur⸗ melte David und gab mit leichtem Herz zur Antwort: „Ihnen zu dienen, mein Herr, Vater Bram iſt mir wohl bekannt; er kommt hie und da eine Pfeife zu rau⸗ chen, im Uebrigen weiß ich nichts von ihm.“ „Er iſt alſo im Augenblick nicht hier?“ frug der Kommiſſär, David Ram ſcharf anſehend.„Lügt nicht und ſucht mich nicht zu hintergehen!“ 174 „Nein, mein Herr,“ gab David zur Antwort, „Bram iſt nicht hier, vielleicht kommt er noch, es iſt noch früh, mein Herr!“ „Wir wollen uns ſelbſt überzeugen,“ ſprach der Kommiſſär, und ſich darauf zu ein vaar Gerichtsdienern wendend, ſagte er:„Thut eure Pflicht!...“ „Mein Herr, vergönnen Sie mir ein Wort,“ ſprach van Bergen, dem Kommiſſär auf die Schulter klopfend, „es handelt ſich hier um eine ganz andere Sache.“ „Was wollen Sie?“ fragte der Kommiſſär, ſich zu dem Kolonel wendend, ärgerlich über das Vertrau⸗ liche, wie er von dieſem auf die Sculter geklopft wurde. Doch kaum hatte er einen Blick auf Auguſt van Ber⸗ gen geworfen, und ſein edles Geſicht betrachtet, auf welchem Würde und männlicher Ernſt thronten, als der Kommiſſär Haltung und Ton veränderte, und a's er das Band des Willemsorden gewahrte, das der Kolo⸗ nel zwiſchen dem Knopfloche hatte, ſah er ihn verwun⸗ dert an, brachte ehrerbietig die Hand an den Rand ſeines Hutes und ſagte:„Ich habe die Ehre zu ſpre⸗ chen mit..“— „Mein Name iſt Auguſt van Bergen, ich bin Ko⸗ lonel in oſtindiſchen Dienſten.“ „In der That, mein Herr,“ fuhr der Kommiſſär etwas mißtrauiſch fort,„es wundert mich, einen Mann, wie Sie, in dieſem Hauſe anzutreffen. Ich vermuthe, daß Sie mich bitten wollen, ſich entfernen zu dürfen; allein es thut mir leid, Ihnen das verweigern zu müſ⸗ ſen, bis ich mich näher überzeugt haben werde, daß Sie wirklich die Perſon ſind, die Sie zu ſein vorgeben, und ich hoffe, Sie werden mir dieſe Vorſichtsmaßregel nicht falſch deuten; meine Pflicht gebietet mir ſo zu handeln.“ „Ich bin zu lange Soldat gewefen,“ ſprach van Bergen,„um nicht zu wiſſen, daß Pflicht über Alles eht... aber es iſt nicht meine Abſicht, jetzt ſchon die⸗ s Haus zu verlaſſen. Ihre Verwunderung, mich hier anzutreffen, iſt allerdings gegründet; doch es ſei zuerſt genug für Sie zu wiſſen, daß ich unter dem Vorwande hieher gelockt worden bin, ein altes Bild von einem der erſten Meiſter zu finden, das ich vielleicht gekauft hätte. Man hat ſich hier mit Gewalt meiner bemeiſtert, mir einen Wechſel genommen, und mich noch anderer Koſtbarkeiten beraubt und in dem Keller dieſes Hauſes gefangen gehalten, um das Geld auf den Wechſel in Empfang zu nehmen, ehe ich im Stande wäre, ſie durch meine Dazwiſchenkunft zu hindern.“ „Die Sache ſoll unterſucht werden,“ ſprach der Kommiſſär, und ſich darauf zu David Ram wendend ſagte er:„Ihr und Euer Sohn ſeid meine Arreſtanten.“ „Dies iſt aber noch nicht Alles,“ fuhr der Kolonel fort,„in meinem Gefänzniß entdeckte ich Spuren einer Gräuelthat, die vor einiger Zeit hier verübt wurde; ich ſah nämlich eine Leiche, die theilweiſe ſchon ver⸗ west iſt.“ David Ram ſtieß bei dieſen Worten einen ſo ſchreck⸗ lichen Schrei aus, daß ſelbſt der Kommiſſär und die Gerichtsdiener erſchrocken ſich nach dem Platze umwand⸗ ten, wo der krumme Wirth ſtand. In dieſem Augenblicke machte Jim einen Verſuch, ſich einen Durchgang nach der Thüre zu bahnen und auf dieſe Weiſe zu fliehen, aber dieſer verzweiflungs⸗ volle Verſuch mißglückte, denn Jim wurde ergriffen und feſtgebunden, ſo daß jeder weitere Verſuch ihm unmög⸗ lich gemacht war. Schrecklich war die Wuth, die ſich jetzt auf ſeinem Geſichte malte: ſeine ſtoppeligen, röthlichen Haare ſtan-⸗ den ſteif in die Höhe, ſeine Augen ſchienen Blitze zu ſchießen und ein dumpfes Brummen kam über ſeine ge⸗ ſchloſſenen, mit Schaum bedeckten Lippen. Van Ber⸗ gen gab nun dem Kommiſſär eine umſtändliche und de⸗ taillirte Erzählung von dem Geſchehenen, welche mit Intereſſe von dieſem angehört wurde. Der Kommiſſär näherte ſich darauf Albert Droſt, und freundlicher, als ————— 176 man von der Polizei bei dergleichen Gelegenheiten zu erwarten hat, ſagte er zu dem Maler:„Meine Pflicht nöthigt mich, Sie gefangen zu nehmen, ſeien Sie aber ruhig; ich darf Ihnen einen guten Verlauf verſprechen, da das, was Sie heute gethan haben, bei Ihren Rich⸗ tern in Betracht gezogen werden wird, und die Strafe, die Ihr Verbrechen verdient, bedeutend vermindern ſoll.“ Sich darauf zu zwei der Gerichtsdiener wendend befahl er:„Schafft Licht!— Und Sie, Herr Kolonel, muß ich freundlichſt erſuchen, mich begleiten zu wollen, um die Leiche finden zu können.“ Der Kolonel war bereit dem Kommiſſär zu folgen, und ehe er das Gemach verließ, ſagte er zu Albert Droſt, dieſem nochmals die Hand ſchüttelnd:„Haben Sie guten Muth, mein Freund! durch meinen Einfluß hoffe ich das Recht zu mildern; ich werde Ihnen zeigen, daß Sie keinen Undankbaren vom Tode errettet haben.“ „Man behandele dieſen Mann anſtändig!“ ſagte der Kommiſſär zu ſeinen Agenten, als er ſah, wie viel Intereſſe ein Mann, wie der Kolonel van Bergen, an dem Schickſale des Malers nahm. Van Bergen wandte ſich nun an den Kommiſſär: „Ich erſuche Sie freundlich, Herr Kommiſſär,“ ſagte er,„das Loos meines Retters ſo erträglich als möglich zu machen. Sie dürfen keine Koſten ſcheuen, ich werde Alles bezahlen.“ „Ihrer Bitte ſoll entſprochen werden,“ ſagte der Kommiſſär ſich verbeugend.„Iſt es Ihnen jetzt gefäl⸗ lig, mir zu folgen?“ Auguſt van Bergen und der Kommiſſär, gefolgt von zwei Gerichtsdienern, von welchen einer die Laterne trug, ſtiegen in den Keller hinab. David Ram ſprach während der ganzen Zeit kein Wort, ſondern ſaß wie leblos zwiſchen zwei Gerichts⸗ dienern, die jede ſeiner Bewegungen beobachteten, wäh⸗ rend Jim allerlei Scheltwörter und Verfluchungen ge⸗ gen Albert Droſt ausſtieß. 1 177 „Verfluchter moosser!... Verflucht ſei Deine Mut⸗ ter, die Dich geboren... Teufel! Satan! ſo ſeine ge- werbers zu verrathen.. aber Du ſollſt auch op't schollem kommen, und der Teufel ſoll Dir das Genick, umdrehen, Du einfältig H.. kindl.. Sie ſollen uns aufhängen, aber erſt mußt Du langen Hannes omhel- zen!— Und das wollen wir doch erſt ſehen, ehe Hans uns om gaaijes maakt, nicht wahr?“ frug er einen ſeiner Wächter.„Das gehört ſich ſo, das geſchieht im⸗ mer auf dieſe Art, der Tod zuletzt, falſcher Hund!“ fuhr der Unglückliche vor Wuth ſchäumend fort,„er that gijlek, wollte ſein gellep in de massematten haben.. um nach der Hand als moosser durchzu⸗ gehen!..“ In ohnmächtiger Wuth ſprang er auf und wollte auf den Maler losgehen. Die Diener waren auf ihrer Hut, und es blieb bei Jims ſchwachem Verſuche. Albert antwortete klugerweiſe auf all' dieſe Schimpf⸗ reden nicht. Nach Verlauf von einer Viertelſtunde kam Auguſt van Bergen mit dem Kommiſſär aus dem Keller zurück. Die zwei Gerichtsdiener trugen die Kiſte, worin eine halb verweste Leiche lag. Die Leiche bot den ſchrecklichſten Anblick dar, den ein menſchliches Auge je geſehen. Die Naſe und die Augen waren von den Ratten weggefreſſen, aus dem breiten Schnitte in der Kehle und aus dem Munde krochen Würmer. Die Kleider waren mit geronnenem Blute überdeckt und als die Kiſte niedergeſtellt wurde, fiel ſie auseinander, während in Folge des Schlages eine große Ratte aus den Kleidern hervorſprang und in einer Ecke verſchwand. „Weſſen Leiche iſt das?“ frug der Kommiſſär Da⸗ vid Ram. Der Befragte zog die Schultern in die Höhe. „Wir fanden ſie, als wir hieherkamen,“ ſagte Jim, * mehr?“ frug van Bergen, der Frank und Adolf genau „und aus Furcht, daß man auf uns Verdacht bekom⸗ men könnte, hielten wir die Sache geheim.“ „Schweige!“ gebot der Kommiſſär.„David Ram kommt näher und ſeht die Leiche genau an, vielleicht erinnert Ihr Euch dann, wer die Perſon war...“ „Nein.. nein,“ rief David,„ich kenne ihn nicht... wir fanden ihn hier, wie mein Sohn geſagt hat,“ und mit Abſcheu wandte er ſich hinweg. „Bringt ihn hieher!“ befahl der Kommiſſär den Hericsdeeder, welche den Schuldigen in ihrer Mitte atten.. Sie ſchleppten den Elenden nach dem Platze, wo die Leiche lag. Mittlerweile hatten ſich Fiank, Adolf und der Kolonel auch dem Platze genähert, und Alle betrachteten aufmerkſam die Geſichtszüge des Ermordeten, ſoweit ſie noch kennbar waren. Mitten in der tiefen Seille, die während einiger Augenblicke in dem Zim⸗ mer herrſchte, erhob Frank plötzlich ſeine Stimme und rief verwundert: 3 „Ich kenne ihn, ſieh, Adolf, es iſt die Leiche des Schulm iſters.“. „Wahrhaftig,“ rief der ſchwarze Dolf,„Du haſt Nabii Der Ermordete iſt Niemand anders als Daniel os.“. „Daniel Vos! wer war das?“ fragte der Kom⸗ miſſär.. „Der Schulmeiſter von Reijſenburg,“ gab Frank zur Antwort,„bei dem wir in der Koſt waren.“ „Seid ihr lange da geweſen?“. „Nicht ſehr lange, mein Herr. Er mißhandelte uns und darum liefen wir weg, aber nun ich ihn da ſo jämmerlich ermordet vor mir liegen ſehe, vergebe ich ihm Alles, was er mir gethan hat,“ ſagte Adolf ge⸗ fühlvoll. „Erinnert ihr euch der blauen Kammer nicht betrachtet hatte. — 2—— 179 „Ja,“ antworteten Beide zugleich,„Daniel Vos ſchloß uns hie und da dort ein und man ſagte, daß es dort ſpuke.“ „Und ihr kennt mich nicht?“ frug van Bergen. Die Beiden ſahen dem Kolonel feſt ins Geſicht und Frank rief: „Ja, jetzt erkenne ich Sie!... Sie find derſelbe, der uns ſo ſehr erſchreckte, derſelbe, der auf dem Beurt⸗ ſchiffe war!...“ „Herr Kolonel,“ ſagte der Kommiſſär,„Sie be⸗ greifen, daß Ihr Zeugniß in der Sache von Wichtig⸗ keit iſt, haben Sie daher die Güte, mir Ihre Wohnung zu ſagen.“ „Hôtel des Pays-Bas in der Doelenſtraat.“ „Sie aber,“ ſagte er zu Steuermann Wild,„und die beiden jungen Männer ſollen...“ — „O““ ſagte der Kolonel, ohne den Kommiſſär en⸗ digen zu laſſen,„für ſie ſtehe ich Bürge.“— „Nun dann! Ihre Namen.. da Sie bei dem erſten Verhöre gegenwärtig ſein müſſen““ „Steuermann Wild, wohnhaft im Zwaantje an den Sliipſteenen.“ „Und Sie?“ „Frank.“ 1 „Und?“ „Nichts mehr.“ „Nichts mehr! das iſt ſonderbar, welchen Grund haben Sie denn, Ihren Namen zu verſchweigen?“ „Ich heiße nur Frank und habe keinen andern Namen, Herr Kommiſſär.“ Der Kovonel flüſterte dieſem etwas zu. „Sehr gut,“ ſagte er darauf.„Ihr Name?“ fragte er Adolf. „Adolf, mein Herr, auch nennen Einige mich den ſchwarzen Do f, doch das iſt nur mein Beiname.“ Der Kommiſſär blieb einige Augenblicke in Nach⸗ 180 denken verſunken;„kennt ihr dieſen?“ fragte er die Gerichtsdiener, auf Adolf zeigend. Die Gerichtsdiener verneinten und nachdem Adolf die Wohnung Clara's und Henriettens als die ſeinige aisgeße hatte, ſagte der Kommiſſär:„Sie können gehen. „Nochmals, mein Herr, empfehle ich Ihnen dieſen,“ ſagte der Kolonel, auf Albert Droſt zeigend; und die Hand des Malers drückend, wiederholte er ſein früheres Verſprechen.„Seien Sie guten Muthes,“ ſprach er, „Alles, was ich vermag, werde ich thun, um Sie zu retten. Leben Sie wohl.“ Van Bergen, Wild, Adolf und Frank verließen das Mooriaantfje, wo die Letzteren durch ihre Dazwi⸗ ſernhuſt dem Erſten einen ſo großen Dienſt erwieſen atten. *³ 66 ½ „Fort, Widerſtand kann Euch nichts nützen,“ ſagte der Kommiſſär zu David Ram.„Folgt den ſechs Män⸗ nern und nöthigt uns nicht, Gewalt zu brauchen.“ „Aber ich bin unſchuldig,“ murrte David,„ich weiß von der Leiche nichts, als was ich ſchon geſagt habe. ich bin ganz unſchuldig!“ „Deſio beſſer für Euch.“ e „Durchſuchen Sie das ganze Haus, Herr Kom⸗ miſſär, und Sie werden finden, daß Vater Bram nicht da iſt; er weiß Alles, er iſt der Schuldige und darum iſt er fort... Laſſen Sie uns in Frieden, wir werden ſo oft kommen, als Sie uns zum Zeugen brauchen...“ „Kommt, zögert nicht länger, fort! Wenn er nicht gutwillig geht, ſo knebelt ihn.“ Die Gerichtsdiener holten die Riemen hervor. „Gnade, Gnade!“ rief David Ram, ſich auf die Kniee werfend,„ich bin unſchuldig!“ „Heule nicht wie ein altes Weib, zeige, daß Du ein Mann biſt, Alter!“ ſchalt Jim ſeinen Vater. 181 „Ich gehe nicht mit... es thut mir weh, die Stricke quetſchen mich.“ „SSei doch nicht kindiſch, Alter, der Strang wird Dich noch anders quetſchen,“ rief Jim, der ſelbſt in dieſen ſchrecklichen Augenblicken ſeine Spottluſt nicht verlor. „Vorwärts!“ befahl der Kommiſſär, nachdem Da⸗ vid Ram gebunden war. Aber der krumme Wirth weigerte ſich, zu gehen und rief beſtändig um Gnade.. Alsbald kam eine Kutſche vor das Haus, die ziem⸗ lich eng war. Die Gerichtsdiener trugen David Ram zu der Kutſche und hoben ihn hinein; darauf wurde Jim zu ſeinem Vater geſetzt und zwei Gerichtsdiener nahmen den Beiden gegenüber Platz. „Das iſt das erſte Mal, daß ich in einer Kutſche ſitze,“ ſagte Jim.„Nun, Alter, laß den Kopf nicht ſinken wie ein kranker Hund... Bahl! wir ſind unſchul⸗ dig und ſie können uns nichts machen.. nun, mach' es wie ich,“ und er begann ein Gaſſenlied zu pfeifen. „Still!“ befahl einer ſeiner Begleiter. „Das thue ich nicht,“ ſagte Jim,„Niemand kann mich hindern, luſtig zu ſein.“ Er begann wieder zu pfeifen. „Jim, Jim! ich hab' es immer geſagt, daß es ein ſchlechtes Ende nehmen werde.“ „Bah, wir haben nichts gethan, wegen deſſen ſie uns aufhängen könnten; wir werden frei werden, dann muß Gijs, der Dichter, einen Vers auf uns machen. Es thut mir Leid, daß es dunkel iſt, nun kann keiner meiner Bekannten ſehen, wie nobel ich fahre.“ Der Kommiſſär, der mit vier Gerichtsdienern im Mooriaantje zurückgeblieben war, ſagte nun zu Albert Droſt:„Sie werden ruhig dieſem Diener folgen, glauben Sie mir, es wird Alles günſtig für Sie ablaufen.“ „Das gebe Gott!“ ſagte ver Maler und fügte leiſe dinzu,„auch um Nancy's willen.“ 182 Er folgte ſeinem Führer. 1 Darauf wurde das Wirthshaus Het Mooriaantje verſiegelt und die Bewohner des Suikerbakkerſteegs waren nicht wenig verwundert, als ſie am andern Morgen die Thüre der Schenke geſchloſſen fanden, und zwar mit einem Schloſſe, worauf das Stadtwappen, drei Kreuze, gemalt war.. XV. 3 Der Steuermann Wild. Kaum hatte der Kolonel, begleitet von dem Steuer⸗ mann, nebſt Adolf und Frank, die Schenke verlaſſen und waren aus dem Sutkerbakkerſteeg hinaus gekom⸗ men, als ſie einen Mann eiligſt auf ſie zukommen ſa⸗ hen. Es war deutlich, daß der Mann ſeinen Schritt nach dem Steeg richtete; ſein Gang verrieth ſeine hef⸗ tige innere Bewegung und beinahe war er außer Athem, als er die Vier gewahr wurde. Der Unbekannte lief auf die Männer zu und Wild bemerkend, rief er verwundert aus: „Gott!... der Linkſche!“ „Sind Sie wieder betrunken?“ ſagte der Steuer⸗ mann Wild, als er in dieſer ſonderbaren Perſon van Zweeden erkannte, während er ihn verächtlich von ſich ſtieß,„ſind Sie wieder betrunken?“ „Betrunken, nein das bin ich nicht! O Gott! er hat ihn ermordet!“. „Wer?“ rief van Bergen unwillkürlich. „Hören Sie nicht auf ihn, Kolonel, der Kerl iſt nach ſeiner Gewohnheit betrunken und raſet....“ „Nein, nein!“ erklärte van Zweeden in feſtem * 183 Tone,„ich habe nichts getrunken, ich ſpreche die Wahr⸗ heit, nichts als lautre Wahrheit... Adam Smith hat Carl Hauſer ermordet!“ Der Steuermann war am Umfinken. „Großer Gott!“ rief er,„Menſch, was ſagſt Du?“ „Er hat ihn ermordet und die Leiche dann in die Prinſengracht geworfen; ich habe Alles mit angeſehen und brr... es war ſchrecklich...“ „Kolonel!“ rief der Steuermann, um van Bergen eine Antwort zu entlocken. „Augenblicklich auf das Gericht!“ ſagte nun Adolf, „der Kommiſſär iſt mit ſeinen Dienern noch in dem mooriaantje, ſchnell! ehe der Mörder entkommt.“ „Er iſt nicht mehr zu Hauſe,“ ſagte van Zweedeu. „Sie werden ihn aufzufinden wiſſen..“ ſagte Adolf wieder, und wollte ſeinen Vorſatz augenblicklich ausführen. aber der Kolonel hielt ihn zurück. „Weiß Adam Smith, daß Sie Zeuge des Mordes waren?“ fragte der Kolonel van Zweeden. „Nein, mein Herr!“ „Dann wird er auch nicht entfliehen,“ begann van Bergen wieder.„Wir haben noch Zeit, das Gericht davon in Kenntniß zu ſetzen. Es iſt ſchon weit über Mitternacht. Ich will die Sache näher beſprechen... Doch unter bloßem Himmel ſtehen zu bleiben, iſt nicht angenehm. Wer von Ihnen weiß einen ſchicklichen Ort, wo wir einige Augenblicke ungeſtört dieſen Mann anhören könnten?“ „Gehen Sie mit uns,“ ſagte Frank,„nach unſerer Wohnung, ſie iſt hier nahe an.“ „Nicht in unſere Wohnung, ſondern in die Hen⸗ riettens und Clara's,“ flüſterte Adolf ſeinem Freunde zu.„Das könnte wegen der Deemanſchen Sache für Dich gefährlich ſein... Henriette und Clara haben ſich wahrſcheinlich noch nicht zu Bette begeben, ich weiß es, fie bleiben oft ganze Nächte auf, um zu arbeiten.“ Dieß Geſpräch wurde ſo leiſe geführt, daß der 184 Kolonel, van Zweeden und der Steuermann nichts da⸗ von verſtehen konnten. „Und können wir da frei ſprechen, wohin Sie uns führen wollen?“ fragte der Kolonel.„Ich würde Sie mit in meine Wohnung nehmen, doch möchte es zu ſo ungelegener Stunde viel Aufſehen machen... und die Sache muß noch geheim bleiben.“ „Wir werden Sie zu meiner Schweſter und ihrer Freundin bringen,“ ſagte Frank,„und da können wir ungehindert ſprechen.“ Adolf hatte ſich in ſeiner Hoffnung, die Mädchen noch an der Arbeit zu finden, nicht getaͤuſcht. Clara und Henriette, die ſeit einiger Zeit mehr Arbeit hatten, als ſie im Stande waren, waͤhrend des Tages zu fertigen, opferten deßhalb manche Nacht auf, um alle Aufträge beſorgen zu können. Sie waren ge⸗ rade noch beſchäftigt, als Adolf mit ungewöhnlicher Heftigkeit an der Glocke zog und da nach ſeiner Anſiht die Thüre nicht raſch genug geöffnet wurde, läutete er nochmals mit ſolcher Gewalt, daß die Mäͤdchen heftig erſchraken. „Was mag das ſein?“ verwunderte ſich Henriette das Zimmer verlaſſend, um die Thüre zu öffnen, wäh⸗ rend ſie in der Eile vergaß, den Zeiger ihrer Uhr rich⸗ tig zu ſetzen, eine Gewohnheit, der ſie treulich nachkam, ſo oft geſchellt wurde, denn obwohl ſie von ihrem Ver⸗ dienſte immer eine Kleinigkeit zurück legte, waren die Kleinigkeiten nicht groß genug, um eine Uhr zu kaufen. „Wir find es, Henriette! Frank und ich und noch drei Andere. Es iſt etwas geſchehen.... aber ſei nur ruhig, kein Unglück. Wir können wohl hinauf kommen?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, ſtieg die Ge⸗ ſellſchaft die etwas ſteile Treppe hinauf und bald be⸗ fanden ſich die fünf Perſonen in dem kleinen netten Zimmerchen, das die zwei Mädchen bewohnten. Ohne zu fragen, wer die beiden Mädchen ſeien oder etwas derartiges, nahm van Bergen ſogleich Platz * und unmittelbar ſich an van Zweeden wendend, ſprach er in halb befehlendem Tone: „Erzählen Sie nun genau, was Sie uns nur flüch⸗ tig mitgetheilt haben.“ Van Zweeden erzählte, wie er durch die Noth ge⸗ drungen, mit Bram übereingekommen ſei, ſich eines Theiles der Schätze Adam Smiths zu bemächtigen und vergaß nicht, das Betragen des Kommiſſionärs gegen ihn in trüben Farben darzuſtellen. „Ich hatte mich deßhalb in den Kaſten im Gange verborgen,“ ſo fuhr er in ſeiner Erzählung fort,„und verwundert, daß Carl Hauſer auf dem Komptoir blieb, kam ich aus meinem Schlupfwinkel heraus, fand aber Niemand in dem Zimmer, eben ſo wenig vernahm ich ein Geräuſch im Hinterzimmer. Mit Ungeduld den Augenblick erwartend, daß Bram nach der Verabredung kommen würde, ſetzte ich mich an dem Tiſche nieder, auf welchem eine Flaſche und ein paar Weingläſer ſtan⸗ den; die Flaſche war leer. Ich wartete ungefähr eine Stunde, als ich ein Geräuſch hörte. Das wird Bram ſein, dachte ich; als ich aber deutlich den Schlüſſel in dem Schloſſe hörte, begriff ich, daß es Bram nicht ſein konnte und ich kroch unter den Leſepult. Im ſelben Augenblick trat Adam Smith ein. Er blieb einige Zeit vor dem Leſepult ſitzen, lief dann verſchiedene Male hef⸗ tig im Komptoir auf und nieder und öffnete darauf die Thüre des hinteren Zimmers. Ein dicker Dampf er⸗ füllte daſſelbe, und Adam Smith blieb bewegunslos mitten in dieſem Dampfe ſtehen. Ich ſchauerte, als ich ihn in dieſer Haltung ſtehen ſah, ſo ſchrecklich ver⸗ zerrt waren ſeine Geſichtszüge und doch wußte ich noch nichts von dem, was geſchehen war. Als der Dampf ſich endlich verzogen hatte, begab ſich Smith in das hintere Zimmer, kam aber bald zurück, Carl Hauſer nach ſich ziehend. Ich dachte Anfangs, der Doktor habe zu viel getrunken, und Adam Smith habe ihn auf das Amſterdams Geheimniſſe, Il. 13 186 Bett gelegt; als ich aber das bleiche Geſicht Hauſers ſah, bemerkte ich mit Entſetzen, daß Adam Smith eine Leiche nach ſich ſchleppe. Da wurde mir Alles deut⸗ lich, da erinnerte ich mich, daß Adam Smith, als er dieſen Abend auf das Komptoir gekommen war, ein zuſammengelegtes Papierchen aus ſeiner Weſtentaſche genommen hatte, und damit nach dem hinteren Zim⸗ mer ging, worauf ich ihn an dem Kaſten, in welchem der Wein ſteht, mit Flaſchen beſchäftigt ſah. All' dieß läßt mich vermuthen, daß er ein ſtark wirkendes Schlaf⸗ pulver hatte, das er Carl Hauſer unter den Wein ſchüttete, ihn dann in das hintere Zimmer brachte und den Schlafenden durch Kohlendampf ermordete.“ „Schrecklich!“ rief Wild.„Adam!... Großer Gott, kann es möglich ſein!“ „Adam Smith,“ flüſterte Henriette Franks Schwe⸗ ſen n,„Adam Smith, derſelbe.... erinnerſt Du Dich noch 2... „Fahren Sie fort!“ ſagte van Bergen und Wild zugleich und van Zweeden ſprach weiter: „Smith ſchleppte die Leiche aus dem Komptoir durch den Gang auf die Straße; ich ſchlich ihm nach, da er die Thüre aufgeſchloſſen hatte, und ſah dann, daß er die Leiche Carl Hauſers längs den Häuſern nach dem Wall zog... und endlich in das Waſſer warf. Ich ſchrie in dieſem Augenblicke laut auf, denn Adam Smith wandte ängſtlich ſeinen Kopf nach der Stelle, wo ich ſtand, obwohl die Dunkelheit ihn hin⸗ derte, mich zu ſehen; er eilte dann in das Komptoir zurück, zog die Vorthüre zu und entfernte ſich ſo ſchnell als möglich. Das iſt Alles, was ich ſahll Ol ich zittere, wenn ich daran denke! Ich lief in aller Eile nach dem Suikerbakkerſteeg,“ ſo endigte van Zwee⸗ den ſeine Erzählung,„um da die Greuelthat, deren Zeuge ich war, bekannt zu machen; auf meinem Wege begegnete ich Ihnen.... das Uebrige iſt Ihnen bekannt.“ Van Zweeden ſchwieg. Todtenſtille herrſchte im . 187 Zimmer. Jeder war zu ſehr erſchrocken, um etwas äußern zu können. 3 Endlich brach van Bergen die Stille ab. „Sie ſagen, Adam Smith ſei reich,“ ſprach er, ſich zu van Zweeden wendend. „Reich,“ antwortete van Zweeden,„o er beſitzt mehr, als Jemand weiß... ja mein Herr, ich verſichere Sie, daß er reicher iſt, als man ihn ſchätzt.“ „Und iſt es wahr, daß er ſo unmenſchlich gehan⸗ delt hat?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete van Zweeden und legte die Hand auf's Herz,„er iſt einer derjenigen, die mich zu Falle brachten.“. Van Bergen ſprach in dieſem Augenblicke nicht weiter. Er ſchwieg und ſann, und an den zuſammen⸗ gezogenen Augenbrauen, an den Falten, die ſich auf ſei⸗ ner edel gewölbten Stirne zeigten, konnten die Uebrigen bemerken, daß ihn ein wichtiger Gedanke beſchäftigte. „Begeben Sie ſich jetzt in Ihre Wohnung, ſprechen Sie kein Wort von Allem, was geſchehen iſt,“ befahl er van Zweeden,„und gehen Sie morgen früh auf das Komptoir Smith, wie Sie gewöhnt ſind. Seien Sie aber bereit, augenblicklich der Perſon zu folgen, die ich nach Ihnen ſenden werde. Kein Wort von dem Vorgefallenen komme über Ihre Lippen.. denn wiſſen Sie, Ihr Glück hängt von Ihrem Stillſchweigen ab. Gehen Sie jetzt!“ Van Zweeden, getroffen von dem würdigen Tone des Kolonel, wagte cs nicht, eine Antwort zu geben und blieb verlegen ſtehen. „Der Mann hat keine Wohnung, er war gewöhnt, die Nacht im Moorigantije zuzubringen,“ flüſterte der Steuermann dem Kolonel zu. Wild hatte van Zwee⸗ dens Verlegenheit bemerkt und um ihm wenigſtens für dieſe Nacht einen Aufenthalt zu verſchaffen, erzählte er dem Kolonel in wenigen Worten, was er von dem Unglücklichen wußte. . . 188 „Haben Sie Geld bei ſich, Steuermann, ſo leihen Sie mir ein paar Gulden“ ſagte van Bergen, ſogleich zu helfen bereit, wo Hülfe nöthig war.„Sie haben mir in der Schenke Alles genommen, was ich hatte.“ „Gerne,“ ſagte Wild und gab dem Kolonel das Verlangte. „Sie haben keine Wohnung, kein Nachtquartier,“ ſagte van Bergen zu van Zweeden.„Sehen Sie, hier etwas Geld, ſuchen Sie Nachtquartier dafür zu bekommen, aber trinken Sie keinen Tropfen mehr... ich will Ihr Glück, doch wenn ich vernehme, daß Sie dieſe Nacht nach Ihrer Gewohnheit...“ „O nein, nein!“ fiel van Zweeden ein,„ich bin zu ſehr erſchreckt durch den Vorfall, als daß ich noch Luſt hätte, zu trinken. Auf dem Botermarkt, in einer der kleinen Herbergen, die ſich dort befinden, will ich meine Wohnung nehmen, und morgen ſo thun, wie Sie ſagten. Sollten Sie mich früher nöthig haben,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort,„ſo können Sie mich in De post auf dem Botermarkt finden, dort will ich ſchlafen.“ Er grüßte die Geſellſchaft und ging, um die üb⸗ rigen Stunden der Nacht auf eine ihm ſo ganz unge⸗ wohnte Weiſe zuzubringen. Als der Kommis das Zimmer verlaſſen hatte, ſetzte der Kolonel das Geſpräch mit dem Steuermann Wild fort.„ „Steuermann,“ ſagte er,„auf welche ſonderbare Weiſe hat der Zufall oder lieber die Vorſehung uns ſbarnengetranht, und bei welch' ſchrecklicher Gelegen⸗ eit!⸗ „Ich hatte nicht gehofft, Sie je wieder zu ſehen,“ antwortete Wild,„es ſcheint wohl, daß wir uns im⸗ mer in Augenblicken der Gefahr begegnen müſſen. Sie retteten einſt mein Leben, als ich mich in den Kampf mit den Sineſen eingelaſſen hatte; ich wollte einen Sineſen ſuchen, der mich auf's ſchändlichſte betrogen 189 hatte. Sie erinnern ſich der Geſchichte noch; Sie wiſ⸗ ſen, daß ich ihn fand, und meine Wuth nicht bezwingen könnend, griff ich ich ihn an, ſah mich aber plötzlich von Sineſen umringt, welche ihrem Landesgenoſſen zu Hülfe kamen, und gewiß wäre es mit mir gethan ge⸗ weſen, wenn Sie mich nicht gerettet hätten.“ „Sprechen wir jetzt nicht davon, laſſen wir das Vergangene vergangen ſein, um allein an die Gegen⸗ wart zu denken. Wahrlich,“ ſagte der Kolonel, um ſich ſehend,„ich glaube mich in Mitten von alten Be⸗ kannten zu ſehen, zum mindeſten meine ich dieß Mäd⸗ chen ſchon einmal getroffen zu haben!“ Er zeigte auf Clara, welche er feſt anſah. „O ich erkenne Sie, mein Herr! Sie waren es, der mich aus dem Koſthauſe Daniel Vos rettete und in der Folge zu der großen Dame brachte...“ „In der That,“ ſagte der Kolonel,„jetzt weiß ich, wer Sie find; Sie müſſen mir Ihre Schickſale erzäh⸗ len, weil ich begierig bin, das Geheimniß entſchleiert zu ſehen, das über Ihrem Verſchwinden aus dem Hauſe der Dame noch ſchwebt.“ Und leiſe fügte er hinzu: „Jetzt, Hermine, wird es an den Tag kommen, ob Du an dem Verſchwinden ſchuldig biſt!“ XVI. Der glückliche Vater. Beinahe eine halbe Stunde war verlaufen, ſeit van Zweeden das Zimmer verlaſſen. Während dieſer Zeit hatte der Kolonel dem Steuermann einige De⸗ tails über das mit Gijs und Albert im Hotel des Pays⸗Bas Vorgefallene mitgetheilt, während Frank ——ÿÿÿÿ 19⁰ und Adolf mit Allem, was im Mooriaantie geſchehen war, die Mäͤdchen bekannt machten. „Armer Daniel Vos!“ ſagte Clara, als ſie ſeinen Tod vernahm und eine Thräne ſtand in ihren Augen. „Mein Bruder hat mir ſo eben das ſchreckliche Ende des Schulmeiſters erzählt,“ ſprach ſie zu Wild und fügte in ihrer einfachen kindlichen Weiſe hinzu:„Gott hat den Mann ſchwer dafür geſtraft, was er an ſeinen „Koſtkindern verſchuldete.“ „Daniel Vos.... Daniel Vos!“ ſagte nun der Steuermann Wild, der die Worte Claras mit ſteigen⸗ der Verwunderung und Unruhe hörte,„ich meine den Namen ſchon niehr gehört zu haben, ſchon als Sie, mein junger Freund, ihn in dem Mooriantje nannten, kam er mir bekannt vor.„Daniel Vos,“ wiederholte er bei ſich ſelbſt,„Daniel Vos!“ Plötzlich bedeckte eine dunkle Röthe ſeine Wangen.„Ja, jetzt erinnere ich mich⸗ der Ermordete war Schulmeiſter in Hoogen⸗ da „Ja,“ gab Frank zur Antwort. „Er bewohnte das Haus Reijſenburg?“ „Es iſt ſo.“ „Und ihr waret bei ihm auf der Schule?“ „Ja, ungefähr vor ſechs Jahren.“ „Sechs Jahre... das war gerade um dieſelbe Zeit...“ ſagte Wild zu ſich und fuhr laut fort:„Da⸗ mals herrſchte eine Seuche in der Koſtſchule, nicht wahr, und verſchiedene Kinder ſtarben?“ „Es iſt kein Kind geſtorben, ſo lange wir dort waren,“ ſprach Adolf, der wie Frank den Fremden unterrichten wollte,„und das iſt in der That zu ver⸗ wundern, denn wir bekamen beinahe nicht genug Eſ⸗ ſen. Aber ich kann Sie verſichern, es iſt nie ein Kind bei Vos geſtorben. Der Schulmeiſter rühmte ſich deſſen immer, wenn Leute kamen, um ihm ihre Kinder in die Koſt zu geben.“ 7 „Nie eines geſtorben!“ rief Wild mit ſichtbarer T ——— 3 191 Bewegung.„Großer Gott! Adam Smith! Adam Smith! Sollteſt Du mich ſo hintergangen haben!“ „Wie!“ fiel van Bergen plötzlich ein,„auch Sie ſollten mit dieſem Adam Smith bekannt ſein. viel⸗ leicht ſind Sie auch das Opfer ſeiner Betrügereien und Hinterliſt.“ 3 „Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen die Ant⸗ wort hierauf ſchuldig bleiben muß, Kolonel!“ ſprach Wild. Und ſich darauf zu Adolf wendend, ſagte er: „Sie werden ſich vielleicht der Namen der Kinder noch erinnern, die mit Ihnen auf der Koſtſchule waren, ich bitte Sie, nennen Sie mir ſie und vergeſſen Sie lei⸗ nen Namen.“ Adolf entſprach der Bitte des Steuermanns und nannte verſchiedene Namen von Kindern, die mit ihm auf der Koſtſchule geweſen waren. „Und ſind das alle?“ fragte Wild, als er fertig r. „Laſſen Sie'mal ſehen... Einen habe ich vergeſſen, Karel van Gent.“ „Nein, nein,“ ſagte der Steuermann, und fuhr mit bebender Stimme fort: Haben Sie denn nicht auf der Koſtſchule zwei Kinder gekannt, Bruder und Schwe⸗ ſter, die kurz nach einander geſtorben ſind; der Junge hieß Frank und... das Mädchen Clara?2..⸗ Adolf brach in lautes Gelächter aus. „Frank und Clara! ich habe ſie beide recht gut ge⸗ kannt, aber ſie ſind nicht todt und...“ „Nicht todt, nicht todt!... ſollte es möglich ſein, Frank und Clara leben... und.. und.. wiſſen Sie, wo ſie find?“ fragte er in einem Tone, als fürchte er die Antwort darauf zu hören. „Wo ſie ſind.. ſollte ich das nicht wiſſen! Gewiß weiß ich es, ſie find ſo nahe bei Ihnen, als es nur möglich. Frank zur Rechten, Clara zur Linken.“ Allmächtiger Gottl... Frankl. Claral.. Du Frank,“ rief er, heftig den Jüngling in ſeine Arme wa “ 19² drückend,„und Du Clara.. Ja, es find ihre Züge... ich ſehe ihr Lächeln... O Gott, das iſt zu viel!...“ Gerührt ſank der Steuermann zwiſchen Clara und Frank auf den Knieen nieder, während eine Thränen⸗ fluth aus ſeinen Augen ſtrömte und er laut weinend den Jüngling und das Mädchen wechſelweiſe betrachtete. „Ums Himmels willen, was fehlt Ihnen, Steuer⸗ mann?“ fragte van Bergen, während er den glücklichen Pater für einen Wahnſinnigen hielt. „Nichts, laſſen Sie mich...“ antwortete Wild, den Kolonel von ſich abhaltend,„laſſen Sie mich wei⸗ nen, ſtören Sie meine Thränen nicht... es find Freu⸗ denthränen, Thränen des Glücks!.. Laſſen Sie mich, wie ich jetzt bin, mit ihm und ihr in meinen Armen... ſo bin ich ſelig. O Gott! jetzt erſt weiß ich, daß Du mir vergeben haſt!“ Dann ſprang er auf und drückte Clara an ſeine Bruſt:„Lache, lächle, liebe Clara!“ ſo ſprach er zu dem zitternden Mädchen.„Dein Lächeln habe ich nie geſehen, Deine Küſſe nie gefühlt... Er bedeckte ihr Geſicht mit unzählbaren Küſſen.„Guter Frank,“ fuhr er fort, ſich zu dieſem wendend,„ja, Du biſt es, und Deine gute, brave Mutter... o, daß ſie hier wärel... Clara, nenne mir ihren Namen, von Deinen Lippen will ich ihn hören, den Namen Deiner Mutter?“ „Meine Mutter hieß Helena, mein Herr,“ ant⸗ wortete ſie, noch nicht vom Schrecken ſich erholt habend. „Helena, Helena! Ja, ſo hieß ſie, ſie, die nun bei Gott iſt! 4 Erſchöpft ſank er auf einen Stuhl nieder und blickte Frank und Clara an. „Steuermann Wild,“ ſagte der Kolonel nochmals, ſeiner lang gereizten Neugierde ein Ende machend. Doch er war nicht im Stande, eine Frage zu thun, der Steuer⸗ mann ließ ihm keine Zeit mehr zu ſprechen und fuhr mit gerührter Stimme fort: „O, ſprechen Sie nicht mit mir, laſſen Sie mich 193 ungeſtört mein Glück genießen, ich habe jetzt allein Au⸗ hen, um Clara und Frank zu ſehen, allein Ohren, um hre B zu hören... für alles Andere bin ich blind und taub.“ „Aber wer ſind Sie denn 2u fragte Frank endlich, der es nun wagte, den ſonderbaren Fremdling anzu⸗ ſprechen. „Wer ich bin.. ich bin der Freund eures Vaters!“ rief Wild aufſpringend. Er näherte ſich darauf dem Kolonel:„Ihnen kann ich vertrauen, Ihnen kann ich Alles ſagen. Folgen Sie mir.“ Nochmals drückte er Frank und Clara in ſeine Arme und verlies, wie ein Wahnſinniger das Zimmer. Von dem Kolonel gefolgt, lief er haſtig und ſchwei⸗ gend bis an den Koningsplein. „Ich muß mein Herz entlaſten, es iſt voll von Freude... ich folge Ihnen in Ihre Wohnung.. ich muß noch heute mit Ihnen ſprechen, ich muß Sie zum Genoſſen meines Glückes machen, eines Glückes, das ich verloren wähnte. Länger kann ich nicht warten, nein, heute Nacht noch... O, Adam Smith, wie ſchrecklich haſt Du mich hintergangen!“ 3 „Er ſoll ſeiner Strafe nicht entgehen, ſagte van Bergen,„ſeine Gräuel haben jetzt ein Ende.“ „„Seiner Strafe nicht entgehen? wiederholte Wild düſter,„um Gottes willen, Kolonel, überliefern Sie ihn dem Richter nicht, warnen Sie ihn, daß er ent⸗ flieht, daß die Reue ſeines unruhigen Gewiſſens ſeine Strafe ſei...“ „Wie!“ rief van Bergen, der ſich für die Bitte Wild's keinen Grund denken konnte,„ſolch' ein Böſe⸗ wicht verdient Ihr Mitleiden nicht.“ „Nein, nein!“ rief Wild,„aber...“ und flüſternd fügte er hinzu.„ich bin ſein Bruder, ich bin Henri Smith!“ XVII. Auguſt von Neijſenburg. Am Morgen nach dieſer ſchrecklichen Nacht ſaß Adam Smith nach ſeiner Gewohnheit auf dem Komptoir. Auf ſeinem Geſicht war nicht die geringſte Veränderung be⸗ merkbar, obwohl die rothen Ringe um ſeine Augen ver⸗ riethen, daß er die letzte Nacht ſchlaflos zugebracht hatte. Seine Hände zitterten, während er ſchrieb, und von Zeit zu Zeit trank er ein Glas Waſſer aus der kriſtal⸗ lenen Karaffe, die vor ihm ſtand, um ſeine aufgereg⸗ ten Sinne zur Ruhe zu bringen. Aufmerkſam las er die Bücher, die er vom Poſt⸗ komptoir empfangen hatte, und gab ſie van Zweeden ard antwortung mit einer Ruhe hin, als wäre nichts geſchehen. Van Zweeden dagegen ſaß auf glühenden Kohlen. So oft ihn ſein Patron rief, ſprang er wie von einem elektriſchen Schlag getroffen auf. Das Ausſprechen ſei⸗ nes Namens, durch den Mund Adam Smiths machte einen ſonderbaren Eindruck auf ihn. Es war noch früh, als Smith einen Brief empfing. Haſtig brach er ihn auf, und kaum hatte er die Unter⸗ ſchrift geleſen, als er rief: „Unmöglich!.. ſollte man mich ſo haben betrügen können! Junker van Reijſenburg... er, den Jeder todt wähnt, und ich ſelbſt auch, ſollte noch leben.. Es iſt möglich... doch ich werde es nicht glauben, ehe ſich meine Augen von der Wahrheit überzeugt haben.“ Er las den Brief aufmerkſam durch, deſſen Inhalt wir den Leſern mittheilen. „Mein Herr! „Begangene Fehltritte wieder gut zu machen, iſt die Pflicht jedes Menſchen. Bei dem Namen, der un⸗ 195 ter dem Briefe ſteht, werden Sie ſich ohne Zweifel er⸗ innern, was einmal zwiſchen Ihnen und mir, ſowie dem nun verſtorbenen Baron v. H. vorfiel. Mir blieb keine andere Wahl übrig, als Sie und jeden Andern durch die Nachricht von meinem Tode zu täuſchen. Jetzt bin ich im Stande, Alles, was zwiſchen uns noch nicht abgemacht iſt, abzumachen. Kommen Sie daher dieſen Abend um ſieben Uhr zu mir in das Hôtel des Pays- Bas. Fragen Sie nur nach dem Kolonel van Bergen und man wird Sie zu mir führen. Dieſen Namen habe ich angenommen, ſeit ich Junker van Reijſenburg zu ſein aufgehört habe. Es ſoll Ihnen Gerechtigkeit werden, Herr Smith, und ich werde Ihnen zeigen, daß der Kolonel van Bergen feurig verlangt, dasienige wie⸗ der gut zu machen, was er als Junker van Reijſenburg in jugendlichem Leichtſinne begangen. In der Hoffnung, daß Sie meiner Einladung Gehör geben werden, zeichne ich mich ſeit Jahren zum Erſtenmal wieder und gewiß auch zum Letztenmale, Junker Auguſt van Reijſenburg.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Adam Smith,„ich fange an, Wunder zu glauben.“ Wiederholt las er den Brief, als wollte er jedes⸗ mal einen neuen Inhalt finden. Der Bediente, welcher den Brief gebracht, hatte bereits dreimal um Antwort gebeten und als er ſeine Bitte zum vierten Male erneute, legte Smith erſt das Papier aus der Hand und antwortete dann in ruhi⸗ gem Tone: „Es iſt gut, ſage, ich werde kommen.“ Eine halbe Stunde war beinahe verlaufen. Die Komptoirarbeiten gingen ihren gewöhnlichen Gang. „Van Zweeden!“ rief Adam Smith, und der Ge⸗ rufene ſprang erſchrocken von ſeinem ledernen Stuhle, auf welchem er geſeſſen war. „Was fehlt Ihnen, ſind Sie toll?“ ſagte Smith in ſeinem gewöhnlichen ſcharfen Tone.„Haben Sie 196 Grund zu erſchrecken, wenn ich Sie bei Ihrem Namen rufe; haben die geiſtigen Getränke Ihre Sinne ſo ſehr geſchwächt, daß Sie Ihr eigener Name erſchreckt?“ Van Zweeden ſchwieg und Smith fuhr fort:„Ich wollte wiſſen, wo Sie jetzt wohnen 2 „In der Poſt auf dem Botermarkt,“ gab van Zweeden kaum hörbar zur Antwort. „ Sol“ ſprach der Patron.„Ihr Verdienſt iſt nicht ſo groß, van Zweeden, obwohl genug für Einen, der ſo wenig weiß, wie Sie; doch ich will Ihr Loos verbeſſern und ich glaube nicht, daß Sie etwas dage⸗ gen haben werden.“ Van Zweeden, der nicht wußte, was er darauf antworten ſollte, da er wenig Luſt hatte, länger bei dem Mörder zu bleiben, murmelte einige unverſtänd⸗ liche Worte, welche von Adam Smith als freudige Zuſtimmung betrachtet wurden. „Mehr Geld, als Sie jetzt verdienen, will ich Ihnen nicht gerade geben, aber ich habe beſchloſſen, Ihnen freie Wohnung zu verſchaffen, und— Sie wiſ⸗ ſen, Zimmermiethe iſt theuer. Ich für mich will eine andere Wohnung ſuchen, obwohl das Komptoir hier bleiben ſoll. Ich verlange aber, daß das Haus bei Nacht bewacht ſei und darum will ich Ihnen das hintre Zimmer, das bis heute zu meinem Schlafge⸗ mache diente, einräumen.“ „Ich ſoll da ſchlafen, da in dem Zimmer die Nacht zubringen! Nein,“ ſagte van Zweeden,„nie, lieber unter dem bloßen Himmel, als da!“ Er hatte Mühe, ſein Gefühl zu unterdrücken. „Aber welche Gründe ſollten Sie zu dieſer Wei⸗ gerung haben. Iſt ein Zimmer, in welchem ich bisher gewohnt habe, vielleicht für Sie nicht gut genug?“ Van Zweeden blieb die Antwort darauf ſchuldig und Adam Smith fuhr in feſtem Tone fort:„Sie müſſen; ich will eine andre Wohnung ſuchen und das Zimmer darf Nachts nicht unbewohnt ſein; ſind Sie 197 ſo eigenſinnig, daß Sie verweigern, was ich in Ihrem eigenen Vortheile von Ihnen fordere, ſo können Sie noch heute meinen Dienſt verlaſſen und einen andern Plaatz ſuchen.“ „Ich werde Ihr Anerbieten annehmen, Herr Smith,“ antwortete van Zweeden, fügte aber leiſe hinzu:„ſobald es zwei Uhr ſchlägt, gehe ich in das Hötel des Pays⸗Bas, um den Kolonel zu ſprechen, er hat verſprochen, mein Glück befördern zu wollen, ihn will ich um Rath fragen.“ VIII. Nancy Horſt. Es war noch frühe, das heißt früh für die Haupt⸗ ſtadt, wo man frühſtückt, wenn man auf dem Lande zu Mittag ißt, wo man zu Bette geht, wenn Andere aufſtehen, wo der Abend und ein Theil der Nacht zum Tage gerechnet werden. Es war zehn Uhr Morgens. Nancy Horſt ſaß ſchon ſeit ein paar Stunden in ihrem kleinen Laden. Sie hatte ein glänzend weißes Kleid an, ihre ſchönen Locken drangen aus dem ein⸗ fachen Häubchen hervor, kurz ſie ſah äußerſt liebens⸗ würdig aus. Ein Herr trat in den Laden und ver⸗ wundert ſah ſie den Fremden an.— Der Herr war der Kolonel van Bergen. Mit der Rechten auf den Ladentiſch geſtützt, fragte er in freundlichem und Vertrauen einflößendem Tone: „Sind Sie Nancy Horſt?“ Die Veränderung, die die Erſcheinung des Kolo⸗ nels bei dem Mädchen erregt hatte, wuchs durch dieſe Frage. Der Kolonel flößte ihr ſolche Ehrfurcht ein, daß ſie in einem etwas erſchrockenen Tone eine beia⸗ hende Antwort gab. „Dann wünſchte ich Sie gerne zu ſprechen! Al⸗ bert Droſt ſendet mich.“ „Albert ſollte Sie ſchicken,“ ſagte Nancy unglär⸗ big und mit ſteigender Verwunderung, während ſie einen Blick auf das Ehrenzeichen warf, das ſeine Bruſt ſchmückte und aus Haltung und Geſichtszügen wohl bemerkte, daß er den höheren Ständen angehörte, „Sie ſollten mit Albert bekannt ſein?“ „Ich bin ſo gut mit Albert Droſt bekannt,“ ſprach van Bergen,„daß ich ſein ganzes Vertrauen beſitze. Er hat mir Alles erzählt, ohne Etwas vor mir zu verbergen, und auch geſagt, daß er Sie, Nancy, innig und aufrichtig liebt.“ 7 — Nancy erröthete und ſchlug beſchämt die Augen nieder. „Erröthen Sie nicht,“ mit dieſen Worten beru⸗ higte ſie van Bergen,„der Maler iſt Ihrer würdig, trotz dem, was mit ihm vorgefallen und Sie werden einſt noch mit ihm glücklich werden. Ihr Geliebter erwies mir eine Wohlthat! er rettete mir das Leben ... mit Gefahr ſeines eigenen hat er die edelmüthige That verrichtet.“ „Hat er das gethan? Hat Albert Ihnen das Le⸗ ben gerettet?“ rief Nancy, während ihre ſchönen Au⸗ gen vor Freude funkelten. Ein Gefühl unruhiger Furcht hielt die Freude noch zurück und ängſtlich fragte ſie den Kolonel:„Hat er das gethan? Aber mein Herr, Sie ſagen, auch ſein Leben ſei Gefahr gelaufen, wo iſt er.. 3 Inzwiſchen hatte ſie den Kolonel vor ihrem La⸗ dentiſche ſtehen laſſen, ohne ihn zu bitten, in das Wohnzimmer einzutreten. Verlegenheit zeigte ihr Ge⸗ ſicht, als ſie ihre Unhöflichkeit bemerkte, und um ihre Verſäumniß ſo ſchnell als möglich wieder gut zu ma⸗ —y y— 199 chen, brach ſie plötzlich ihre Rede ab und ſagte:„Tre⸗ ten Sie ein, mein Herr... vergeben Sie mir, daß ich Sie ſo lange ſtehen ließ... ich dachte..“ „O keine Entſchuldigung, vor Allem keine Kom⸗ plimente, liebes Kind,“ ſagte der Kolonel in einneh⸗ mendem Tone. Er folgte Nancy in das kleine Zimmer hinter dem Laden, welches durch eine Glasthüre mit dem⸗ ſelben verbunden war. „Ich bitte Sie, etwas leiſe zu ſprechen, mein Herr...“ ſagte Nancy, durch die Freundlichkeit des Kolonel ermuthigt,„mein Großvater ſchläft oben und ſteht nie früh auf, er könnte uns hören und Sie be⸗ greifen, daß...“ „Ihre Liebe zu Albert Droſt für ihn ein Geheim⸗ niß iſt,“ fügte der Kolonel hinzu, da er bemerkte, daß Nancy mit dieſer Erklärung nicht heraustreten wollte. Seine Worte riefen wieder eine hohe Röthe auf die Wangen der Geliebten Alberts. „Ich bitte Sie, ſagen Sie mir jetzt, wo ſich Al⸗ bert befindet.“ „Seien Sie ruhig, dem Maler iſt kein Unheil widerfahren. Wie ich Ihnen ſagte, er rettete mir das Leben, und um dieſe edle That zu belohnen, will ich ihn glücklich machen, ich danke dem guten Gott, der mir das Vermögen ſchenkte, wohl zu thun.“ Darauf erzählte van Bergen mit vieler Umſicht, was er in den jüngſten Tagen erlebt hatte. Der edle Kolonel deutete nur leiſe das Verbrechen an, zu dem Albert ſich hatte verleiten laſſen und ſprach weitläufig von ſeiner edelmüthigen Selbſtaufopferung und dem Verſuche, den Droft gemacht hatte, ihn zu retten. Mit glänzenden Farben ſchilderte er vor dem Mädchen die Reue, die ihr Geliebter gezeigt, indem er das Geſtoh⸗ lene zurückgeben wollte. „O Gott! wieder in das Gefängniß!“ rief Nancy, — 200 und wollte nach der Urſache fragen, allein der Kolonel ließ ihr nicht Zeit und fuhr fort: „Nur für kurze Zeit, glauben Sie mir, ich will Sie nicht täuſchen, indem ich Ihnen mit eitler Hoff⸗ nung ſchmeichle, ſondern Sie werden Albert Droſt bald wieder ſehen. Alles, was ich vermag, ſoll gethan werden, um den Maler ſobald als möglich dem Kerker zu entreißen und eine glückliche Heirath zwiſchen Ihnen und ihm ſchließen zu koͤnnen; und ich werde beſonders darauf hinarbeiten, es bald zu bewerkſtelligen, da ich glaube, daß Umſtände dieſe Eile nothwendig machen.“ Bei dieſen Worten ſah der Kolonel Nancy ernſt und bedeutſam an. „Mein Großvater wird nie in eine Ehe mit Albert Droſt willigen,“ ſagte ſie. „Laſſen Sie mich dafür ſorgen. Wenn ich Jhrem Großvater die Nothwendigkeit vorſtelle, die zu einer Heirath zwiſchen Ihnen und dem Maler vorhanden iſt... den wird er gewiß ſeine Zuſtimmung uns nicht ver⸗ agen.“ „Die Nothwendigkeit!“ wiederholte Nancy, den Sprecher verwundert anſehend. „Sie begreifen mich wohl,“ ſagte van Bergen, „Sie ſind nicht die Einzige, Nancy, die aus allzu großer Liebe gefallen iſt.“ Und unwillkührlich dachte der Junker Auguſt van Reijſenburg an Mathilde, Ba⸗ ronin⸗Wittwe van Delden van Ransbergen. „Ich begreife Sie nicht, mein Herr!“ ſtammelte Nancy etwas verlegen. „Nun denn, Sie jetzt vor mir ſehend, entdecke ich, was der Mund Ihres Geliebten mir verbarg; Sie müſſen den Maler heirathen. Seien Sie ruhig, liebes Kind, meine Augen ſahen tiefer als die Ihres Großvaters. Ich kenne die Welt, die Erfahrung hat mich klug gemacht und mich gelehrt, daß es Augenblicke gibt, in denen die bravſte, keuſcheſte und ehrbarſte Frau der Macht der Liebe ſich unterworfen, ſich ſelbſt vergißt, ———— 2—A9 1¶ᷣ ——A-— 201 um der allvermögenden Stimme der Liebe Gehör zu geben. Ein ſolcher Schritt, wie fündhaft auch, iſt bei den meiſten Frauen eher als leicht zu vergebende Schwach⸗ heit zu betrachten. Und glauben Sie mir, manch' ge⸗ fallenes Mädchen hat oft edlere Begriffe von Tugend als die Frau, die immer Sittenſprüche im Munde führt. Das iſt meine Denkweiſe, Nancy, läugnen Sie darum nicht länger, was Sie vergebens vor mir zu verbergen ſuchen, und bekennen Sie mir offenherzig, daß Sie Albert Droſt Rechte zugeſtanden haben, die ihm noch nicht gehörten, daß Sie ein Kind unter dem Herzen tragen, ein Kind, das ſeine Liebe Ihnen ſchenkte.“ „Herr, o Gott!“ rief Nancy und ſank auf einen Stuhl nieder, während ihre Wangen bleich wurden wie die einer Todten. Ihre Gefühle in dieſem Augenblicke ſt mir unmoͤglich zu ſchildern. Sie hielt beide Hände krampfhaft vor die Augen und ſtammelte in abgebro⸗ heden Tone:„Mein Herr, was Sie ſagen iſt nur allzu wahr!“ Van Bergen ergriff theilnehmend die Hand des Mädchens. „Ich will Ihr Glück befördern,“ ſprach er,„ich wünſche Ihr Wohlſein und deßhalb werde ich Ihren Großvater zu beſtimmen wiſſen, daß er in eine Ehe willigt. Ih werde dem Maler eine anſehnliche Summe vorſtrecken und ihn durch meinen Einfluß bei vornehmen Leuten empfehlen. Ich werde Ihrem Großvater den Charakter des jungen Mannes ſo ſchildern, daß er ſi ch nicht weigern kann, wenn ich ihn bitte: Gib Albert die Hand Deiner Enkelin! Für die Reue und die Beſſe⸗ rung meines Retters, des muthigen Albert Droſt, werde ich bei dem alten Manne einſtehen.“ „Um Gotteswillen, mein Herr, thun Sie das nicht... machen Sie mich nicht unglücklicher als ich bin, ſuchen Sie Albert von einer Heirath mit mir abzu⸗ reden, ſuchen Sie ihn ſo weit zu entfernen, daß er Amſterdams Geheimniſſe. Il. 14 202 nie wieder komme, mich zu beſuchen, daß ich ihn nie wiederſehe... er ſoll mich vergeſſen, ach! thun Sie das, mein Herr, und... mehr kann, mehr mag ich Ihnen nicht ſagen.“ Thränen hinderten ſie, fortzufahren. „Nancy!“ ſagie der Kolonel ernſt und verwundert, „Sie wollen ihn alſo nicht zum Gatten, Sie verſtoßen ven Geliebten, von dem Sie ein Pfand der Liebe ur⸗ ter dem Herzen tragen, ihn, der Sie...“ „O, ſprechen Sie nicht ſo zu mir...“ rief Nancy, in ihren Thränen badend,„ſeien Sie nicht grauſam.. wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin...“ Ein Liat ſchien ihm aufzugehen, als er das Be⸗ tragen des Mädchens einſtlich überdachte. „Nancy!“ ſagte er,„beim Himmel! ſollte es mög⸗ lich ſein... ein ſchrecklicher Gedanke ſteigt mir auf... Iſt vielleicht Albert Droſt nicht der Vater des Kindes, dem Sie das Leben ſchenken werden 2“ Wie ein Bild der Schuld uny Verzweiflung ſaß Nancy da, mit niedergeſchlagenen Augen, ohne daß ein Wort ihren krampfhaft zuſammengezogenen Lippen ent⸗ floß. Sie hütete ſich, den Blicken des Kolonels zu be⸗ gegnen. Ihre Phantaſie zauberte ſie in das Schlaf⸗ immer Adam Smiths— eine ſchreckliche Erinnerung zür das unglückliche Mädchen. 3 „Sie ſchweigen...“ rief van Bergen,„haben Sie denn kein Wort, um mich von meinem Irrthum zu überzeugen, oder iſt es Wahrheit?... ſollten Sie, deren. Anblick ſo rein iſt, ein..“ „ V V b „O, ſchonen Sie meiner, ſchonen Sie meiner!“ rief Nancy, plötzlich aufſpringend und ſich dem Kolonel zu Füßen werfend. „Nancy Horſt,“ ſprach van Bergen nun in feier⸗ lichem Tone, das Mädchen aufhebend,„Sie haben ge⸗ zeigt, daß Sie ein edles Herz beſitzen, als Sie ſich weigerten, den Maler zu heirathen. Ich fühle inniges Mitleiden mit Ihnen, mein Kind, nennen Sie mir den Pater des ſchuldloſen Weſens, das Sie einſt Mutter b —,— 203 nennen ſoll und ich werde Alles anwenden, um ihn zu einer Heirath mit Ihnen zu zwingen. Sagen Sie mir Alles, Nancy, bekennen Sie mir offen Ihren Fehltritt, ſprechen Sie zu mir, wie zu einem Bruder, einen Vater! Ich will die Thränen auf Ihren Wangen trock⸗ nen, ich will Sie glücklich ſehen.“ Der vertrauliche und ermuthigende Ton, in wel⸗ chem Auguſt van Bergen ſprach, war von großer Wir⸗ kung auf das zitternde Mädchen. „Ich kenne Sie nicht,“ ſagte ſie,„und doch fühle ich mich gedrungen, Ihnen Alles zu ſagen, ich will Sie zum Mitwiſſer meines Geheimniſſes machen, aber.. Ach nein, ich kann es nicht... nein!“ „Nancy! warum dieſe Unentſchloſſenheit?... Seien Sie muthig und ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen. Ich will Sie glück ich machen, ich wiederhole es, und deß⸗ halb muß ich mit der Sache bekannt ſein!“ „Mein Herr,“ erwiederte ſie,„ach, Sie werden mich verachten... Sie werden mich...“ „Ich wiederhole meine Worte, liebes Kind, ich beklage Sie, ohne Sie zu verachten.“ „Edler Mann, kann ich mir mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß Sie mich nicht verachten werden.. Ach, mein Herr, ich bin Ihrer Theilnahme unwürdig.“ „Sprechen Sie nicht ſo, Nancy! Sie achten ſich ſelbſt zu wenig. Sprechen Sie und verſchweigen Sie mir nichts!“ „Ihre Worte, mein Herr, dringen zu meiner Seele.. Ja, ich will Jhnen Alles offenbaren.. Sie verſprachen mir ja Geheimhaltung...“ „Ich ſchwöre Ihnen, und glauben Sie mir, Nancy, daß ich das Vertrauen, das Sie mir ſchenkten, nur zu Ihrem Vortheile gebrauchen werde.“. Ohne Zurückhaltung erzählte Nancy nun alle Um⸗ ſtände, die dem Leſer bereits bekannt ſind. Sie ver⸗ ſchwieg auch nicht, was mit der Uhr geſchehen war, allein den Namen Adam Smith nannte ſie nicht. — 204 Aufmerkſam hörte der Kolonel das Mädchen an und als ſie geendigt hatte, rief er: „Und dieſer Unmenſch ſtieß Sie von ſich! Nennen Sie nur den Namen des Elenden und ich werde Ih⸗ nen Rache verſchaffen... Wenn ich kein Recht für Sie bei dem Heuchler bekomme, der unter der Maske der Gottesfurcht und Frömmigkeit ſolche Gräuel ver⸗ übt, dann werde ich alle mir zu Dienſt ſtehenden Mit⸗ tel anwenden...“ „Alles wird umſonſt ſein,“ ſeufzte Nancy, ihm in die Rede fallend;„er iſt zu reich, zu angeſehen, als daß er ſich zwingen laſſen würde.“ „Nancy, wenn Sie wollen, daß ich mein Ver⸗ ſprechen halten ſoll, nennen Sie mir ſeinen Namen, ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen nicht halb, ſagen Sie mir den Namen des elenden Verführers... Nancy, ſprechen Sie, ich will, ich muß ihn wiſſen.“ „Mein Herr, ſoviel ſei Ihnen genug, zwingen Sie mich nicht, ſeinen Namen zu nennen.“ Der Kolonel wurde durch den Widerſtand immer neugieriger. Was konnte er auch thun, wenn er. den Namen des Verführers nicht wußte? Ein letzter Ver⸗ ſuch mußte ihn zum Ziele führen. In unzufriedenem Tone ſprach er folgende Worte zu ihr: „Ich muß den Namen wiſſen oder ich glaube Ih⸗ nen nicht, weigern Sie ſich, mir den Namen zu nen⸗ nen, dann halte ich Sie, trotz Ihres reinen Blickes und Ihres unſchuldigen Geſichtes für.. Dieſe Liſt gelang. Nancy, beleidigt durch die Worte ihres neuen Beſchützers, faßte einen kühnen Entſchluß und rief: „O nein, nein, mein Herr, das bin ich nicht! Ich werde Ihnen ſeinen Namen nennen 1 „Nun?“ „Adam Smith!“ „Adam Smith!“ wiederholte der Kolonel in wü⸗ thendem Tone, während er bei dem Hören dieſes Na⸗ 205 mens wie vom Donner gerührt ſchien.„Adam Smith! ... Vereint denn der Mann alle Bosheiten in ſich, Wucherer, Betrüger, Heuchler, Verführer der Unſchuld und Mörder!“ So der erſten Aufwallung ſeines Gefühles Luft gebend, wandte van Bergen ſich freundlich zu Nancy und ſagte ihr:. „Nancy, der Mann, den Sie da nannten, iſt in meiner Macht. Hören Sie, liebes Kind, wenn Sie den Flecken tilgen wollen, der auf Ihnen ruht, wenn Ihnen Ihr Glück und das Ihres Kindes theuer iſt, ſo kommen Sie nach neun Uhr dieſen Abend zu mir. Ich bin der Kolonel Auguſt van Bergen, meine Wohnung iſt das Hötel des Pays⸗Bas in der Doelenſtraat, da erwarte ich Sie dieſen Abend zur beſtimmten Stunde, und glauben Sie mir, wie ich Ihnen ſage, Ihr Lei⸗ den wird dann geendigt ſein, Ihr Glück ſoll beginnen. Wollen Sie kommen 21 „Allein?“ fragte ſie verſchämt.* —„Nein, Ihr alter Großvater muß durchaus ge⸗ genwärtig ſein. Mein Wagen wird Sie abholen.“ „Wir werden kommen!“ ſagte Nancy.„Gott gebe, daß Ihr Mund Wahrheit geſprochen, daß Ihr Wort von dem Ende meiner Leiden erfüllt werde.“ XIX. Das Bekenntniß. „Das Hotel des Pays⸗Bas, das wir in unſerer Erzählung ſchon oft berührten, iſt einer der ſchönſten Gaſthöfe unſerer Hauptſtadt und dient der Doelen⸗ ftraat nicht wenig zur Zierde. Quer gegenüber befin⸗ 206 det ſich der Gaſthof de Doelen; es iſt ein großes, aber unregelmäßiges Gebäude, welches unlängſt durch Ankauf einiger daneben liegender Häuſer bedeutend vergrößert worden. Was aber die Bauart betrifft, ſo ſticht das Hotel des Pays⸗Bas unſchön ab von dem prächtigen Doelen und dem alterthümlichen Rondeel, welches man ebenfalls in dieſer Straße antrifft. In einem Zimmer dieſes Hôtels wohnte Auguſt van Bergen. Hinter dieſem Zimmer befand ſich ein Gemach, das durch eine Flügelthüre mit dieſem in Verbindung ſtand und dem alten Hendrik, dem ge⸗ treuen Bedienten des Kolonel zum Aufenthalt diente, um ſeinen Herrn nicht ſtören zu laſſen und damit Nie⸗ mand hören könnte, was in deſſen Zimmer vorging. Wie wir ſchon ſagten, kannte Hendrik alle Ge⸗ heimniſſe ſeines Herrn, er kannte daher auch alle Pläne, die derſelbe ausführen wollte. Hendrik war einer der treuen Diener, deren Anhänglichkeit vom Vater auf den Sohn übergeht, die mit allen Familiengeheimniſſen bekannt ſind, ihre Meinung frei heraus ſagen, ja ſelbſt ihren Rath geben dürfen, die aber nie den Abſtand findet, ſobald Fremde gegenwärtig ſind; mit einem Worte, Diener, deren höchſtes Glück es iſt, wenn es ihren Herren wohlgeht und die keine andre Intereſſen kennen, als die ihrer Gebieter. Der Kolonel ſaß an einem großen, mit einem grünen Teppich überdeckten Tiſche, der mitten im Zim⸗ mer ſtand; über demſelben hing eine bronzene Lampe, deren Licht durch ein mattgeſchliffenes Glas gedämpft ward, während vier Wachskerzen auf bronzenen Leuch⸗ tern auf dem breiten Kaminvorſprung ihr helles Licht in dem großen Spiegel verdoppelten. eus; tiefer Ernſt ſtrahlte aus ſeinem Geſichte und in allen ſeinen Bewegungen lag etwas Feierliches; wäh⸗ rend er mit der Rechten ſein Haupt unterſtützte, ſpielte 1 vergeſſen, der zwiſchen dem Herrn und Diener ſtatt⸗ Der Kolonel ſah dieſen Abend beſonders blaß ſeine Linke gedankenlos mit dem ſchönen Hühnerhund, deir ſeinen Kopf vertraulich auf die Knie ſeines Herrn egte. „Glücklich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, glücklich möchte nmein Unternehmen ausfallen, glücklich will ich Andre machen, während ich unglücklich bleibe, unglücklich ohne Mathilde!!⸗ Der Kolonel verſank wieder in tiefes Nachdenken. Plötzlich wurde die Thüre heftig geöffnet und der Steuermann Wild ſtürmte herein. Schrecken und Beſtürzung war auf ſeinem Antlitz zu leſen, ſeine feurigen Augen ſchoſſen Blitze und ſeine Fauſt drohend aufhebend, rief er:„Er muß ſterben, durch Henkershand auf dem Schaffot muß er ſterben, der elende Mörder Helenas!“ „um Gotteswillen Wild, was fehlt Ihnen?“ rief van Bergen, auf ſolch' einen Beſuch unvorbereitet, den Steuermann Wild verwundelt anſchauend. „Er hat meine Helena ermordet! Feige hat er mit Gift ihrem Leben ein Ende gemacht, einem Leben, das mir ſo theuer war! Helena! Helena!... ſie ruft um Rache!.“ „Wer?“ fragte van Bergen. „Adam, mein Bruder! er iſt das größte Unge⸗ heuer, das die Erde je getragen!“ „Iſt denn die Zahl der Greuel dieſes Mannes endlos!“ rief van Bergen, beinahe außer ſich vor Schauer. „Auch er, Karl Hauſer, war ſchuldig, er war Theilnehmer am Morde, aber Adam iſt elender, als der unglückliche Doktor; durch Geld hat mein Bruder den Doktor erkauft, die Noth zwang dieſen. Für Geld hat Hauſer meiner Helena die tödtlichen Mittel ge⸗ geben!“ „Ihr Bruder hat alſo den Hauſer erkauft!“ „ Niemand anders, als er, kann es gethan haben. Geſtern Abend,“ ſagte Wild,„als der Schiffsdoktor mich verließ, übergab er mir dieſen Brief und richtete folgende Worte an mich: „„Steuermann Wild, wenn Sie nach Indien zu⸗ rückkehren und da Ihren Freund Smith finden, ſo ge⸗ ben Sie ihm dieſen Brief, ſollten Sie ihn aber nicht mehr antreffen, oder ſollte der Tod ſeinem Leben ein Ende gemacht haben, ſo verſprechen Sie mir auf Ihr Wort, daß Sie dieſen Brief ungeleſen verbrennen. Ich gebe Ihnen dieſen Brief ſchon jetzt, ſtatt Ihnen denſelben mit dem Gelde gleichzeitig zur Hand zu ſtel⸗ len, und es iſt mir viel, ſehr viel daran gelegen, daß Henri Smith dieſen Brief erhalie.““ „Ich würde den Brief augenblicklich geöffnet ha⸗ ben,“ fuhr Wild fort,„aber ich befürchtete, er möchte mich am andern Tage darnach fragen und bezwang alſo meine Neugierde. Als ich aber vergangene Nacht den Tod Carl Hauſers vernahm, öffnete ich, ſo bald ich nach Hauſe gekommen war, den Brief.... Leſen Sie denſelben, Kolonel!“ Mit zitternden Händen überreichte der Steuermann das Papier dem Kolonel.. Van Bergen nahm es mit nicht geringer Bewe⸗ gung. Haſtig öffnete er den Brief, deſſen Adreſſe an den Herrn Henri Smith gerichtet war und las halb laut Folgendes: „Mein Herr! „Von Ihrem Freunde, dem Steuermann Wild ver⸗ nahm ich Ihre traurige Lebensgeſchichte, die mich um ſo mehr ergriff, da ich zum Werkzeug diente, Ihren Schmerz zu vergrößern und Ihr Unglück zu vermehren. Ich befand mich als ſogenannter ungariſcher Doktor zu Amſterdam, als eine Frau auf dem Wijde ſteeg meine ärztliche Hülfe anrief. Sie litt an einer Bruſt⸗ krankheit und obwohl das Uebel ſchon auf einen hohen Grad geſtiegen war, glückte es mir doch, ſie in ſo weit herzuſtellen, daß ich auf gänzliche Beſſerung hoffen 209 konnte. Ein unglücklicher Zufall aber bewirkte ihren Tod, ſtatt ihre Rettung— von meiner Hand! und noch andere Zwangsmittel anwandte, welche ich hier verſchweige... als... ja, ich bekenne es, Herr, Smith! fluchen Sie mir nicht, vergeben Sie dem Sün⸗ der!... da gab ich ſeinen Worten Gehör, da er⸗ lag ich der Verſuchung und der Mann, den ich Anfangs von ſeiner mörderiſchen Abſicht zurück gebracht zu haben wähnte, der Mann, der mir mit gerichtlicher Verfol⸗ gung drohte, wegen einer von mir begangenen Unvor⸗ ſichtigkeit, dieſer Mann... das Ungeheuer hatte ſo viel Macht über mich, daß ich ſein Werkzeug bei dem Morde wurde, bei dem Morde einer Frau, die ich während ihrer Krankheit hatte hochachten lernen,... einer ſorg⸗ fältigen Mutter für ihre unglücklichen Kinder! „Drei Tage, nachdem Ihre Gattin, Herr Smith, begraben war, ging ich als Schiffsdoktor nach Oſtindien; ich war gut ausgeſtattet und... o ſchreckliche Erinne⸗ rung!.... meine neue Lage und mein Reichthum wa⸗ ren der Lohn meines Werkes... an dieſem Lohne klebte unſchuldig Blut!! „Vergebung, Herr Smith! Vergebung! „Jetzt wiſſen Sie die ſchreckliche Weiſe, wie die arme Frau, welche, wie ich ſo eben erſt vernehme, Jhre Gattin war, geſtorben iſt. Wer der Juſtus Brand iſt, deſſen Handlungen mir noch ſonderbarer als früher er⸗ ſcheinen, weiß ich bis heute noch nicht und werde ich vielleicht nie mehr erfahren. Da ich morgen Holland 210 verlaſſe, um in mein Vaterland zurück zu kehren, habe ich es für meine Pflicht gehalten und hat mein nagen⸗ dn eniſen mich gezwungen, Ihnen dieſes mitzu⸗ theilen. „Ich bin überzeugt, daß der Böſewicht, dem ich zum verbrecheriſchen Werkzeug diente, niemand als ein Handlanger Ihres Bruders oder Ihr fluchwürdiger Bru⸗ der ſelbſt iſt. Fluchen Sie mir nicht, mir dem Mör⸗ der Ihrer Fraul Wenn Sie meine Reue kennten, wenn Sie Zeuge meines Innern wären, wenn Sie wüßten, welch' ein folternder Gedanke es iſt, ein mit einem Morde belaſtetes Gewiſſen mit ſich zu tragen, dann... dann würden Sie thun, um was ich Sie jetzt ernſtlich bitte.... um deß Willen, der dem Mörder am Kreuze vergab. Fluchen Sie mir nicht, vergeben Sie dem ſchuldigen Carl Hauſer. „Ja, es iſt Adam, mein Bruder. Niemand als Adam Smith kann den unglücklichen Hauſer erkauft haben,“ rief Wild wie wahnſinnig.„Fluch über ihn, Fluch und ewige Verdammniß über ihn, der ſich um Gold zum Werkzeuge meines Bruders erniedrigte, der...“ „Fluchen Sie ihm nicht,“ ſagte der Kolonel, dem Steuermann in die Rede fallend,„fluchen Sie ihm nicht. Der Herr hat ihn ſchrecklich geſtraft. Vergeben Sie ihm, Sie wollen ja auch Vergebung! Auch an Ihren Händen klebt Blut... Vergeben Sie dem Mör⸗ der Ihrer Frau, ich bitte Sie, Freund, denken Sie an Ihre eigene Seligkeit... Sie wollen, daß der Vater Ihnen den Mord ſeines Sohnes, und die Tochter den ihres Vaters vergebe?“. Dieſe Worte, welche der Kolonel mit großem Ernſte geſprochen hatte, machten eine günſtige Wirkung auf den leidenſchaftlichen Mann. Er beruhigte ſich, legte die Hand finnend an ſein Haupt und bedeckte ſeine Augen; darauf erhob er die Hände zum Himmel und antwortete in beſänftigtem Tone: — 211 „Aber Kolonel, dieſer Mann, dieſer Johann Horſt hat mich gemartert... in der Wuth tödtete ich ihn, er hatte mich aufs Aeußerſte getrieben... aber was hatte meine arme Helene dem Ungarn gethan? was war ihre Schuld?“ „Wild!“ begann der Kolonel,„der Herr hat ge⸗ ſagt: Mein iſt die Rache und wer Blut vergießt, deſ⸗ ſen Blut ſoll vergoſſen werden! Und Sie, der ſich ſo ſchwer verſündigt hat, an deſſen Händen das Blut des Nebenmenſchen kiebt, Sie ſollten dem Unglücklichen noch fluchen, den bercits die Strafe der rächenden Vor⸗ ſehung getroffen?“ Wild ſtarrte düſter vor ſich hin. „Ich werde ihm nicht fluchen,“ ſagte er endlich, „aber Adam, mein Bruder...“ Der Kolonel hatte Mitleiden mit dem ſchwerge⸗ prüften Manne. Er wollte ihm Genugthuung und Rache verſchaffen, ohne den elenden Mörder dem rä⸗ chenden Schwerte der Gerechtigkeit zu überliefern, ohne den Mörder Adam Smith der Nemeſis zu opfern. Eine halbe Stunde hatten die Männer geſchwie⸗ gen; Henri Smith von heſtigen Gemüthsbewegungen ergriffen; der Kolonel mit haſtigen Schritten das Zim⸗ mer durchmeſſend und über die Ausfühkung ſeines Pla⸗ nes nachdenkend. Er nahte endlich ſeinem Freunde Wild, der am Fenſter ſtand und auf die Straße hinab ſtierte. „Setzen Sie ſich, Wild!“ ſprach er. Der Steuermann gehorchte und der Kolonel nahm ihm gegenüber Platz. „Laſſen Sie mich ſeine Strafe beſtimmen,“ ſprach van Bergen in gehobenem Tone,„laſſen Sie mich un⸗ terſuchen, ob er an dem Tode Ihrer Frau ſchuldig iſt. Das Urtheil, das ich über ihn fällen will, wird ſchreck⸗ licher ſein, als es das Gericht je vermag; er ſoll nicht durch Henkers Hand ſterben, aber. „Adam Smith,“ ſagte Hendrik, der unerwartet die 212 Thüre öffnete und den Kommiſſionär anmeldete. Ein kalter Schauer überfiel Wild, als er den Namen ſeines Bruders nennen hörte. 4 „Entfernen Sie ſich jetzt, ich wußte, daß er kom⸗ men wird,“ ſagte van Bergen, der den Beſuch erwar⸗ tete.„Warten Sie im nächſten Zimmer, bis Ihre Gegenwart nöthig iſt und ich Sie rufen werde.“ Der Steuermann erfüllte alsbald den Wunſch. „Laſſe Adam Smith herein kommen,“ befahl van Bergen ſeinem Bedienten. „Hendrik, ſtelle einen Stuhl mir gegenüber an die andere Seite des Tiſches... ich will dem Spitzbuben ins Antlitz ſehen, während ich mit ihm ſpreche.“ Hendrik gehorchte dem Befehle. Heftig klopfte das Herz Henri Smiths, der jetzt der unſichtbare Zeuge der Unterhaltung ſeines Bruders mit dem Kolonel ſein konnte. Das Ohr feſt an die Thüre gedrückt, um kein Wort zu verlieren, harrte er in Hendriks Zimmer. Adam Smith trat ein. ...... XX. Van Bergen und Adam Smith. „Ja!“ rief der Kommiſſionär, nachdem er Auguſt van Bergen flüchtig angeſehen hatte,„Sie ſind es, ſo iſt es doch Wahrheit, Sie ſind der Junker van Reijſen⸗ burg!“ und er bot mit ſcheinbarer Herzlichkeit dem Ko⸗ lonel ſeine Hand. 3 Auguſt zog ſcheu die ſeine zurück, als fürchte er, mit der des Mörders in Berührung zu kommen, und 213 bat Smith, auf dem Stuhle Platz zu nehmen, den Hendrik in Bereitſchaft geſetzt hatte. „Es freut mich, daß Sie gekommen ſind; um Ih⸗ ret willen, mein Herr Smith, freut es mich. Haben Sie das Billet aufmerkſam geleſen, das ich Ihnen ſchrieb?“ „Ihnen zu dienen,“ war die Antwort,„und es hat mir Hoffnung gemacht, daß der Kolonel van Ber⸗ gen das unangenehme Verhältniß, das zwiſchen mir und dem Junker van Reijſenburg beſteht, aufheben werde, um ſo mehr, da alle meine Hoffnung in dieſer Sache durch das Abſterben des Baron von Hunter ganz allein auf Ihnen beruht.“ „Indem die Sache, mein Herr...“ „Die Zurückgabe des Geldes, das ich Ihnen auf den Wechſel vorſchoß, der ſich nachher als falſch her⸗ ausſtellte.“ „Sie wußten es alſo vorher nicht?“ „Wie hätte ich je daran denken können,“ ſagte Adam Smith in dem ihm ſo beſonders eigenen, wider⸗ lichen Tone,„wenn ich es mit Bürgern zu thun hätte, würde ich, ehe ich auf den Wechſel Geld geliehen, zu⸗ vor genaue Unterſuchung über ſeine Aechtheit angeſtellt haben, aber Edelleute, Söhne berühmter Ahnen, ſchie⸗ nen mir über allen Verdacht erhaben, ſie hielt ich kei⸗ nes ſolchen Betrugs fähig, und doch lehrte mich, wie Sie wiſſen, Herr Kolonel, die Erfahrung, daß ich mich täuſchte.“ Der Kolonel hatte Mühe, ſich zu bezwingen, dem unverſchämten Lügner nicht in die Rede zu fallen. Smith fuhr alſo fort:„Das Einzige, was ich ver⸗ lange, iſt die auf den Wechſel vorgeſchoſſene Summe, ohne alle Intereſſen, und ich hoffe, Herr Kolonel, daß Ihnen dieſes Verlangen nicht mehyr als billig erſcheinen werde, und Sie überzeuge, daß ich behandelbarer bin, als Sie ſich vielleicht vorgeſtellt haben.“ „Und haben Sie den Wechſel bei ſich?“ 214 „Nein, Kolonel, der Wechſel beſteht ſeit dem Tode des Baron von Hunter nicht mehr; ich habe Alles ge⸗ than, was mir möglich, um die Sache mit dem Baron abzumachen, allein dieſer hat mich unter allerlei Ver⸗ ſprechungen am Narrenſeile geführt und gezeigt, daß er nichts mehr als ein Betrüger war.“ „Läſtern Sie die Todten nicht, Adam Smith,“ rief der Kolonel,„beſchimpfen Sie nicht einen Mann, der beſſer war, als Sie.“ „Das kann ſein.. von Hunter war Baron, von Adel, Abkömmling eines rühmlichen Geſchlechtes, das ſich auf dem Schlachtfelde, am Hof, im Rathe auszeich⸗ nete, der Baron war ein großer Herr, deſſen Vorfah⸗ ren in der Geſchichte genannt werden; der Baron war eine vornehme, einflußreiche Perſon, die Seele der gro⸗ ßen Welt, der Geſetzgeber der höheren Kreiſe, der Fürſt der Mode, und ich dagegen bin nur ein Bürger, der Sohn bürgerlicher Aeltern, der ſich Alles durch ſeine Arbeit verſchaffen muß, den man nur an der Börſe kennt.. Aber ich zeigte mich, wie ich wirklich bin... Ich ſuchte nicht, wie der Baron von Hunter durch ge⸗ machten Glanz und Schein der Größe und des Reich⸗ thumes zu verblenden. Der Baron von Hunter hat, es iſt wahr, viele Pracht gezeigt, war aber nicht ein⸗ mal im Stande, mir das Geld zurückzugeben, das er mir durch Liſt und Betrug abgepreßt hatte. Ich er⸗ warte von Ihnen, Herr Kolonel, daß Sie edler han⸗ deln werden. Der Wechſel exiſtirt nicht mehr: ſobald ich den Tod des Baron von Hunter vernahm, vernich⸗ tete ich das Stück nebſt noch anderen Papieren, welche ſich auf die bewußte Sache bezogen; ich wollte nicht, daß ſie nach meinem Tode gefunden würden, und darum ſchrieb ich zu den vorgeſchoſſenen Geldern in meine Bücher: an die Armen gegeben. Ich lüge nicht, denn von Hunter, trotz dem Titel eines Baron, trotz dem Glanze, der ihn umgab, war vielleicht ärmer, als der kriechende Schneider und Friſeur, die ſich tief vor ihm 2ʃ5 bückten und vergebens auf die Bezahlung ihrer Rech⸗ nungen warteten. Ich wollte nicht, daß der Name des Baron nach meinem Tode dem Hohn und der Verach⸗ tung preisgegeben werde, darum vernichtete ich Alles, was dazu führen konnte. Ja, Kolonel, dieß that ich, der ſtille, vergeſſene Bürger, unbekannt in der großen Welt; dieſes Opfer brachte ich, um den Namen des Edelmannes nicht zu beſudeln.“ „In der That, wenn Sie das gethan, haben Sie als ehrlicher und rechtſchaffener Mann gehandelt,“ ſagte van Bergen, und fügte nach einigen Augenblicken hinzu: „Kennen Sie die Frau Baronin Wittwe van Delden van Ransbergen?“ Es machte aber nicht den Eindruck auf Adam Smith, welchen ſich van Bergen von dieſer Frage ver⸗ ſprochen hatte. Smith ließ nicht die geringſte Unruhe blicken, keine Wolke auf ſeinem Teufelsgeſicht, und mit einer weichen, feſten Stimme, durch welche ſelbſt ein gewiſſer Stolz ſtrahlte, antwortete er: „Ich kenne alle ſoliden Handlungshäuſer, und glaube auch nicht ungünſtig bei ihnen bekannt zu ſein, alle Händler, Bankiers und Kaſſiere, mit einem Wort, alle an der Börſe bekannten Leute, aber mit dem Adel bin ich nicht bekannt, und die Erfahrung hat mich gelehrt, daß wenn ein Bürger mit dem Adel in Verbindung kommt, der Bürgerliche immer im Nachtheile iſt.“ „Und wie ſind Sie denn bei den Kaufleuten, Mäk⸗ lern und den andern Leuten bekannt?“ fragte van Bergen. „Ich bin bei ihnen als ſolcher bekannt, wie ich es zu bleiben wünſche, als ein ehrlicher Mann, treu ſeinen eingegangenen Verbindlichkeiten und genau in Erfüllung ſeiner Verſprechen.“ „Und wenn ich nun ſagte, daß Sie ein Spitzbube, ein ehrloſer Böſewicht ſeien?“ „Dann würde Ihnen Niemand glauben,“ ſprach Adam Smith ruhig.„Ein ſeit Jahren in gutem Klang ſtehender Name wird nicht mit einem Male vernichtet, und gar von einem Manne, der ſeinen wahren Namen unter einem angenommenen verbirgt.“ Der Kolonel, deſſen Wuth immer höher ſtieg, hatte ſich doch zu bezwingen gewußt; als aber der Kommiſ⸗ ſionär eine ſo unverſchämte Sprache ſich erlaubte, konnte er ſich nicht mehr halten. „Teufel!“ rief er in donnerndem Tone,„dazu haben Sie mich gezwungen, Sie ſind die Urſache all' des Unheils, das mich trifft, Sie ſind die Urſache, daß mein Vater plötzlich ſtarb und mir ſterbend fluchte... dafür ſollen Sie büßen, Adam Smithl ja, ſchrecklich büßen... auf dem Schaffote!“ „Auf dem Schaffote!“ wiederholte Adam Smith verächtlich lachend.„Sie maßen ſich zuviel Recht an, Herr Kolonel! Haben Sie vergeſſen, daß es nur von mir abhing, Ihren Namen durch richterliches Urtheil zu entehren, denn wenn ich mich nicht betrüge, ſtraft das Recht die Verfertiger falſcher Wechſel mit...“ „Aber die Mörder werden mit dem Tode geſtraft,“ fiel van Bergen plötzlich ein, den Kommiſſionär nicht ausſprechen laſſend. Adam Smith erblaßte. Der Kolonel hatte ſich von der Wuth zu weit trei⸗ ben laſſen. Es lag keineswegs in ſeiner Abſicht, dem ſchändlichen Menſchen ſeine Morde vorzuhalten. Er be⸗ merkte, daß er zu weit gegangen, konnte aber ſeine Worte nicht zurücknehmen. Der Kolonel nahm aus ſeinem Portefeuille ein Papier und hielt es dem Kommiſſionär vor. Es war nienuitiuns⸗ welche Adam Smith Mathilden gegeben atte. „Sie haben das Geld zurück bekommen, Herr Smith, nebſt fünftauſend Gulden Intereſſen und zehntauſend Gulden für Ihre Verſchwiegenheit.. Sie werden doch Ihre eigene Unterſchrift nicht verläugnen. Frau von Ransbergen bezahlte Ihnen die Summe.“ Adam Smith beſah aufmerkſäm die Quittung drehte ſie einige Male in der Hand um und legte ſie dann wieder auf den Tiſch. Ruhig ſprach er: „Das habe ich nicht geſchrieben, die Unterſchrift iſt nachgemacht, wie auf dem falſchen Wechſel, auf den ich das Geld lieh.“ „Großer Gott!“ rief der Kolonel,„wie kann ſo viel Bosheit in einem Menſchen ſein und wie iſt es möglich, daß Sie noch den Namen eines braven und ehrlichen Mannes tragen können.“ „Sie wiſſen ſelbſt ſehr gut, Kolonel, daß dies Stück falſch, zum wenigſten nicht von mir geſchrieben iſt. Wenn Sie von der Aechtheit der Unterſchrift wä⸗ ren überzeugt geweſen, ſo würden ſie eine ſo delikate Sache, wie die unſrige, gewiß nicht wieder berührt haben... doch Sie bedienten ſich der Liſt und des Be⸗ trugs, Sie ließen mich zu ſich kommen, um mir die Aechtheit dieſer Schrift aufzudringen. Schade iſt es, daß Sie nicht ſogar noch behaupten, es von dem Ba⸗ ron empfangen zu haben, denn die Todten können nicht zeugen. Aber Sie haben gewonnenes Spiel, Junker van Reijſenburg, denn ich habe die Beweiſe Ihres Verbrechens vernichtet, und muß deßhalb von allen Verfolgungen abſtehen. Ihr gegenwärtiges Be⸗ tragen zeigt deutlich, daß Sie den falſchen Wechſel, den Sie und der andere Edelmann verfertigten⸗ nicht bezahlen wollten. Sie haben gewonnenes Spiel, Herr Kolonel, ich wiederhole es und wünſche Ihnen Glück dazu. Ich kehre jetzt in mein Komptoir zurück, wo die Geſchäfte meiner warten, ich bin kein Edel⸗ mann, der auf Koſten der Bürger lebt.“ „Sie bleiben hier, nie werden Sie Ihr Komptoir wieder betreten!“ rief van Bergen, bleich vor Wuth. „Wir ſpielen Komödie, ha! ha!“ lachte Smith und ſchauerte zugleich, während er nach der Thüre ging. Amſterdams Geheimniſſe. III. 15 218 zurück und hinderte ihn am Ausgange. „Um Gottes willen, was wollen Sie?“ rief Adam Smith,„was haben Sie vor...2⸗ „Recht ſoll Ihnen werden, Leben um Leben, Blut um Blut..“ „Wollen Sie mich umbringen, Kolonel.... ſpre⸗ chen Sie doch, wollen Sie mich umbringen?“ Auguſt van Bergen ſchwieg. „Sprechen Sie doch ein einzig Wort... Sagen Sie mir, was Sie wollen...Sie ſcherzen, nicht wahr? Es iſt nur Scherz und nichts Anderes, Sie wiſſen wohl, daß ich unſchuldig bin, daß... Sie wol⸗ len mir nur Schrecken einjagen, ſprechen Sie doch und treiben Sie den ſchrecklichen Spaß nicht weiter.“ „Adam Smith,“ ſagte van Bergen endlich, nach⸗ dem er den alten Spitzbuben geraume Zeit in der peinlichſten Verlegenheit gelaſſen hatte,„Sie ſind einer der größten Böſewichter, die die Erde trägt. Unter dem Scheine eines braven, rechtſchaffenen und ehrlichen Mannes, verüben Sie Gräuel, vor welchen ſelbſt die 219 größten Verbrecher zurückſchauern. Wucher und Betrug ſind Ihnen nicht fremd, doch Sie wucherten umſichtig, Sie wußten Ihren Betrug und JIhre Prellereien ſo liſtig anzulegen, daß der Arm des Gerichtes Sie nicht erreichen konnte. Dieienigen, welchen Sie ihr rechtlich Eigenthum abgewuchert, die Sie betrogen haben, ſahen ſich dennoch gezwungen, Sie für einen rechtlichen Mann zu halten. Sie find ein Verführer der Unſchuld, ein niedriger Wollüſtling, der im Verborgenen die gemein⸗ ſten Schandthaten verübt und vor den Augen der Welt die Maske der Frömmigkeit und Zurückgezogenheit aus⸗ hängt; der es wagt, mit den ſchändlichen Händen, die in ſo vieler Verdorbenheit wühlen, das Brod des Abendmahls zu brechen. Sie ſind mit mehr Schuld beladen, als der größte Böſewicht, deſſen Verbrechen einer verwahrlosten Erziehung, ſchlechter Geſellſchaft und ſchlechtem Beiſpiele, dem Umgange mit verdor⸗ benen Menſchen entſtammen. Ich verabſcheue Sie mehr, als den Verbrecher, der ſich ſeiner Bosheit rühmt und ſelbſt ſeine Gräuel vergrößert. Zu Allem ſind Sie im Stande, kein Gräuel iſt für Sie zu groß, tein Verbrechen zu ſchrecklich, Sie ſind gefäbrlicher, als der Straßenräuber, auf deſſen Geſicht die Verdor⸗ benheit geſchrieben ſteht; Sie ſchleichen herum, wie der Tiger in Lämmertracht. Weder durch die Noth gezwungen, noch aus Unkunde haben Sie all' dieſe Schandthaten verübt; Sie hatten Alles im Ueberfluß. „Um ſich das Eigenthum Ihres Bruders zuzueig⸗ nen, haben Sie Gift gebraucht, aber Sie haben das tödtende Mittel nicht mit eigener Hand gegeben, die Vorſicht hinderte Sie daran; Sie erkauften mit Ihrem Golde einen Andern, den Sie zum Mörder machten, der ohne Sie gewiß der Tugend treu geblieben! Carl Hauſer, der ungariſche Doktor, war das Werkzeug, deſſen Sie ſich bedienten, um das Lebenslicht Helenas, der Gattin Ihres Bruders, auszulöſchen. Als der er⸗ kaufte Mörder Ihren Willen gethan hatte, beſorgten 220 Sie ihm eine Anſtellung als Schiffsdoktor; es war in Ihrem Intereſſe, daß er das Land verließ, und das Erbe, das Ihrem Bruder zukam, blieb Ihnen. Sie zogen aus dem Unglück des beklagenswü digen Henri Smith, des Sohnes derſelben Eltern, Vortheil; Sie wußten, daß er nimmer in's Vaterland zurückkehren oder Sie vor Gericht fordern würde, und darauf bau⸗ ten Sie Ihren hölliſchen Plan. Aber zwei Waiſen waren Ihnen noch im Wege, die beiden Kinder Ihres Bruders.. Sie ſandten ſie an einen abgelegenen Ort in Gelderland, wo Sie ſie mitleidslos der ſchlechten Behandlung eines Nichtswürdigen übergaben; die Kin⸗ der litten Mangel, während Sie im Genuſſe des Geldes lebten, das ihnen zukam. Frank, Ihr Neffe, wurde bald der harten Behandlung müde, die ihm Daniel Vos angedeihen ließ; er floh aus der Koſt⸗ ſchule, während Clara, Ihre Nichte, auf eine für Sie unbegreifliche Weiſe verſchwand und von einer ange⸗ ſehenen Dame aufgenommen wurde. Dieſer Umſtand kam Ihnen zu Ohren, Sie fürchteten eine Entdeckung und ließen das Kind ſtehlen von einem Böſewichte, von David Ram. Hätte Gott nicht über ihr gewacht, was hätte aus der verlaſſenen Waiſe werden ſollen, die Sie in die tiefſte Verdorbenheit ſinken ließen, die von Ihnen in einen Kreis von Leuten geworfen wurde, die mit Recht der Auswurf der Menſchheit genannt werden? Sie ſehen, Adam Smith, ich bin mit Jhrer Lebensgeſchichte oder lieber, mit der Reihe Ihrer Ver⸗ brechen bekannt. Fallen Sie mir nicht in die Rede. Laſſen Sie mich ausſprechen. Sie thaten noch mehr, das Maß Ihrer Bosheiten war noch nicht voll. Darauf kam Hauſer zurück... Er erkannte Sie als denſelben, der ihn unter dem Namen Juſtus Brand zu einem Morde veranlaßte, er fand in Ihnen denſelben Böſe⸗ wicht, dem er zum Miethling gedient hatte... Und was haben Sie mit ihm gethan, was iſt aus ihm ge⸗ worden. Antworten Sie mir, Adam Smith! So eben 221 zwangen Sie mich, Ihnen zu antworten, jetzt frage Sie, was iſt aus dem unglücklichen Doktor ge⸗ worden?“ Der Kolonel hielt einen Augenblick inne; er wollte ſehen, welche Wirkung ſeine kräftigen und überzeugen⸗ den Worte in dem Gemüthe Adam Smiths hervor⸗ bringen würden.. Dieſer ſchwieg... was in ſeinem Innern vorging, wiſſen wir nicht, aber der ſcheinheilige Heuchler und vollendete Meiſter in der Kunſt, ſeine Gedanken zu verbergen, veränderte ſein Geſicht nicht im mindeſten, ſo daß man weder Reue noch Angſt bemerken konnte. Der Kolonel fuhr alſo fort: „Sie ſchweigen, Sie weigern ſich, zu ſprechen! Nun denn, ſo werde ich es Ihnen ſagen, Sie haben ihn ermordet, Sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit einem Schlafmittel vermiſcht war, er wurde da⸗ durch betäubt, den Bewußtloſen haben Sie in Ihr Schlafzimmer geſchleppt, um ihn dort mit Kohlendampf zu ermorden.. und nicht ferne von Ihrer Wohnung haben Sie den entſeelten Leichnam in das Waſſer ge⸗ worfen!.. Mörder, ſehen Sie mich an, das Maß Ihrer Chrene iſt voll, die Stunde der Vergeltung hat ge⸗ agen! Das war zuviel. Dieſe Worte trafen wie ein Donnerſchlag die Ohren des Kommiſſionärs. Jetzt fehlte ihm die nöthige Selbſtbeherrſchung, um gelaſſen zu bleiben. „Lügen, nichts als Lügen!“ rief er, während ſeine bleichen Wangen ſich dunkelroth färbten,„nichts als Lügen! Helena iſt nicht am Gift geſtorben, die Aus⸗ zehrung hat ihrem Leben ein Ende gemacht, Frank und Clara ſtarben auf der Koſtſchule, ich habe die Beweiſe ihres Todes in Händen.“ „Die Beweiſe ſind falſch!“ rief van Bergen,„und der ungariſche Doktor.. Carl Hauſer. 2“ 1 —;: 222 4„Ich habe ihm Geld für meinen Bruder gegeben... was geht es mich an, was aus ihm geworden iſt!“ Und der Heuchler heuchelte wieder mit großer Fer⸗ tigkeit und Kunſt. „Adam Smith, ſuchen Sie ſich nicht zu entſchul⸗ digen, bekennen Sie, oder ich liefere Sie dem Ge⸗ richte aus.“ „Thun Sie das! Thun Sie das! Das Gericht wird mich freiſprechen, denn ich bin unſchuldig. Welche Zeugen könnten Sie für alle Ihre Beſchuldigungen beibringen?“ d Van Bergen ergriff die ſilberne Glocke und läutete. In demſelben Augenblicke trat der Steuermann Wild ein. XXI. Die zwei Brüder⸗ Das Geſicht Adam Smiths, ſeinen Schrecken zu ſchildern, als er ſo unerwartet ſeinen Bruder vor ſich ſah, iſt nicht leicht möglich. Ebenſo zeigten die Geſichtszüge des leidenſchaftlich hereinſtürmenden Henri Smith eine ſchreckliche Miſchung von Verlangen, Hoffnung, ununterdrückbarem Familien⸗ gefühl und zugleich von Wuth und Rache. Bewegungs⸗ los blieb er ſtehen, als er den Kommiſſionär ſah. Einige Augenblicke hatte er nöthig, um zu ſich ſelbſt zu kommen, ehe er ſich im Stande fühlte, zu ſprechen. Mit einer Stimme, die vor Bewegung bebte⸗ ſagte er:„Adam, kennſt Du mich nicht?“ „Henri!“ rief der Mörder. —— 223 Es ſchien, als ob der Anblick ſeines Bruders ihn erſchreckt habe, aber der Schrecken dauerte nur kurz. „Adam, was haſt Du mit Helena gethan?“ Der Gefragte antwortete nicht. Henri wiederholte ſeine Frage mit Nachdruck. Mit wunderbarer und beinahe unglaublicher Ruhe agte er: „Du wagſt es, hieher zu kommen, während ein Wort von mir Dich an den Galgen bringen kann!“ „Aber Sie ſollen dies Wort nicht mehr ausſpre⸗ chen,“ ſagte van Bergen plötzlich,„Sie werden hier ſterben!“ „Sterben!“ rief Adam Smith,„ſterben...“ „Aber nicht unverhört,“ fuhr van Bergen fort,„nicht, ehe ich Sie überzeugt haben werde, daß Sie des Lebens unwürdig ſind. Ich habe Sie einen Betrüger genannt, und werde das beweiſen... Sie find an der Falſchheit der Beweiſe mit ſchuldig, Sie ſandten Ihrem Bruder einen Auszug aus dem Todtenregiſter, um ihm das Ableben ſeiner Kinder glauben zu machen... die Schrift war falſch.. Frank und Clara leben noch!“ „Ja, ſie leben... dem Herrn ſei gedankt!“ rief Henri in der Begeiſterung aus,„ich habe ſie geſehen, ich habe ſie wiedergefunden.. das Stück war falſch! Frank und Clara leben!“ Adam ſchwieg und ſtarrte vor ſich hin. „Ich nannte Sie einen Mörder, den Mörder He⸗ lena's, der Gattin Ihres Bruders,“ ſprach nun der Kolonel im ſelben eindrücklichen Tone.„Kennen Sie dieſe Unterſchrift?“ und er hielt den Brief Carl Hau⸗ ſers dem Elenden vor.„In dieſem Briefe beſchuldigt er Sie, durch Liſt und Gold ihn gezwungen zu haben, elena zu vergiften. Ich nannte Sie den Mörder Carl Hauſers und bewies Ihnen dann auch, daß ich mit der Arhide Mordes bekannt war: ich habe einen Zeugen afür. 1 Er ergriff wieder die Glocke, 224 Van Zweeden trat ein. „Erzählen Sie Alles, van Zweeden, wie Sie es uns geſtern Abend erzählten, ohne Umwege und der Wahrheit gemäß.“ Nicht ohne Schauer begann der Kommis des Kom⸗ miſſionärs ſeine Erzählung und kaum hatte er geendigt⸗ als Adam Smith aufſprang und laut ſchrie, mit einer Stimme, die durch das Zimmer in die angrenzenden Gemächer tönte, während er mit geballter Fauſt heftig auf den Tiſch ſchlug: „Ihr ſeid Betrüger, die es auf mein Verderben abgeſehen haben!“ Elligſt lief er nach der Thüre, um zu entweichen... aber er fand ſie geſchloſſen! „Adam Smith,“ rief van Bergen,„Sie find in meiner Macht, Widerſtand kann Ihnen nichts helfen, die Stunde der Vergeltung hat geſchlagen, Sie ſind WBuddig, was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung zu agen?“ Der Schuldige ſchwieg. 5 „Nichts, kein einzig Wort! Sie ſind alſo gleich geſtimmt... Hendrik!“ rief der Kolonel und der Be⸗ diente erſchien. „Meine Piſtolen!“ befahl er. Hendrik gehorchte. „Lade eine hier,“ gebot der Kolonel. „Um Gotteswillen, was wollen Sie thun?“ rief Henri Smith,„Kolonel!.. Denken Sie!l...“ „Ich will Sie, mein Freund, vor der Schande bewahren, ich will nicht, daß Ihr Bruder von Henkers Hand ſterbe.“ „Sie haben kein Recht, mich zu ſtrafen,“ polterte Adam Smith, plötzlich aus ſeiner Betäubung erwachend, „wenn ich ſchuldig bin, wird das Gericht mich zu ſtra⸗ fen wiſſen.“ „Das Gericht würde Sie zum Tode verurtheilen, von Henkershand ſterben laſſen... wollen Sie das Urtheil des Gerichts über Ihre That anrufen?“ 7. 4 225 „Ich fürchte das Urtheil nicht, ich bin unſchuldig, ich bin mir keines Verbrechens bewußt, das ich je ver⸗ übt hätte... Laſſen Sie mich gehen... Machen Sie den Richter mit den Verbrechen bekannt, die ich verübt haben ſollte, und fügen Sie noch mehr hinzu, wenn es Ihnen beliebt.. aber jetzt laſſen Sie mich gehen... wenn der Richter mich verlangt, werde ich kommen.“ „Ste ungerächt und frei gehen laſſen!“ ſprach der Kolonel in ironiſchem Tone.„Dann müßten wir den Kommiſſionär, den braven Mann nicht kennen... Nein, Sie würden fliehen, ehe der Arm der Gerechtigkeit Sie treffen könnte, und Sie würden der Strafe entrinnen, die Sie ſo oft verdient haben.. Bekennen Sie! es tiſt. das einzige Mittel, Mörder, das Ihre Strafe mildern kann, bekennen Sie, Adam Smith, bekennen Sie!“ „Ich bin unſchuldig!“ „Sehen Sie hinter ſich und ſagen Sie noch, daß Sie unſchuldig ſeien,“ rief der Kolonel und im ſelben Augenblick öffnete Hendrik die Flügelthüre, die den Zu⸗ gang zum hinteren Zimmer verſchafften. Schreckliches Schauſpiel! In jenem Zimmer, auf einem Tiſche, mit einem weißen Teppiche bedeckt, lag die Leiche des ungariſchen Doktors, in ein Laken ge⸗ wickelt, während zwei Kerzen ſo geſtellt waren, daß ſie nur das Antlitz des Todten beſchienen und alles Uebrige im Dunkeln ließen. Das Haupt des unglücklichen Hauſer lag etwas höher als der übrige Theil des Körpers; die marmor⸗ artige Bläſſe des Geſichtes wurde ſchrecklich gehoben durch den ſchwarzen Bart und das Haar von derſelben Farbe, welches unordentlich niederhing, während die des Glanzes beraubten Augen des Mörders ihn anzu⸗ ſtarren ſchienen. Adam Smith gewahrte die Leiche... Wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, ſprang er auf: „Großer Gott, was habe ich gethan!“ rief er und verbarg ſein Geſicht mit beiden Händen. 226 „Stehen Sie auf und folgen Sie mir,“ befahl Auguſt van Bergen,„legen Sie Ihre Hand auf das Herz des Todten und ſchwören Sie dann, daß Sie an dem Tode unſchuldig find.“ „Ich werde bekennen,“ rief der Mörder, in deſſen Geſichtszügen eine ſchreckliche Veränderung vorging. „Aber nehmen Sie die Leiche weg, ich will ſie nicht ſehen, der Anblick würde mich tödten... Gnade, Er⸗ barmung!... ich habe ihn ermordet...“ . lind convulſiyiſch fiel er zu den Füßen des Ko⸗ onel. „Steh' auf, Elender, bitte um Vergebung bei Gott; nicht bei mir.“ Darauf ſich zu den Anweſenden wendend, fuhr er in feierlichem Tone fort:„Sie Alle waren Zeugen, daß er bekannte, der Mörder zu ſein.“ Auf einen Wink des Kolonel wurden die Thüren wieder geſchloſſen, und die tiefſte Stille herrſchte für einige Augenblicke in dem Zimmer. 3 Der Kolonel hatte, als er wußte, wo die Leiche des Doktors zu finden war, am frühen Morgen das unglückliche Opfer aus der Gracht holen laſſen. „Adam Smith, Mörder! hören Sie,“ ſagte darauf van Bergen in eindringlichem Tone,„Sie haben jetzt erklärt, den abſcheulichen Mord verübt zu haben. Be⸗ kennen Sie auch, an dem Morde der Gattin Ihres Bruders ſchuldig zu ſein! bekennen Sie durch Erkauf⸗ ung Hauſers, die Lebenstage der unglücklichen Helena verkürzt zu haben. Bekennen Sie! denn Sie müſ⸗ ſen wiſſen, daß ein Zeichen von mir genug iſt, um Sie durch Gerichtsdiener in den Kerker abführen zu laſſen, den Sie nie wieder verlaſſen werden, als zur Anhörung des richterlichen Todes⸗Urtheils.. Sind Sie an Helenas Tode ſchuldig?“ Adam Smith nickte mehreremals bejahend mit dem Kopfe, aber ſeine Zunge weigerte ihm jeden Dienſt— er ſtand wie zernichtet von der Größe ſei⸗ ner Schuld. 227 „Es ſteht jetzt in meiner Macht, Sie dem Ge⸗ richte auszuliefern und was dann Ihr Loos ſein wird, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen... auf dem Schaf⸗ fote, am Galgen werden Sie Ihr Leben endigen, ein Leben, das aus einer Reihe von Verbrechen beſteht! Niemand wird Mitleiden mit Ihnen fühlen, man wird Sie verfluchen, ſtatt Sie zu beklagen, Sie, der allge⸗ mein geachtete, überall geehrte Mann, werden auf dem Armeſünderbänkchen Platz nehmen; wohin auch Ihr Auge ſich im ganzen Gerichtsſaale wenden mag, nir⸗ gends werden Sie einem Blicke des Mitleidens be⸗ gegnen, aller Augen werden mit Verachtung auf Sie ſehen, auf jedem Geſichte werden Sie Abſcheu leſen und ein allgemeines Jauchzen wird erſchallen, wenn Ihre Verurtheilung ausgeſprochen wird! Mit Schmach und Schande werden Sie zur Grube fahren und Nie⸗ mand wird Ihren Namen mehr nennen, oder nur, um das Beiſpiel eines der größten Böſewichter anzuführen. Dieß iſt das Loos, das Sie trifft, wenn Sie in die Arme des Gerichtes fallen! „Ich habe Mitleiden mit Ihnen,“ fuhr der Kolo⸗ nel fort, nachdem er einige Augenblicke das tiefſte Stillſchweigen beobachtet hatte,„obwohl Sie deſſen ganz unwürdig find. Ich will den Hohn, der Sie treffen würde, die Schande und die Verachtung, der Sie anheim fielen, wenn ich Sie dem Gerichte über⸗ gäbe, ich will Ihnen dieß Alles erſparen,— Sie ſol⸗ len ſterben, aber nicht durch Henkershände, nicht auf dem Schaffot. Ihre Gräuel ſollen mit dem Schleier des Geheimniſſes bedeckt bleiben und die Art Ihres Todes wird Niemand erfahren! Sie müſſen geſtehen, daß ich mehr Mitleiden habe, als Sie verdienen, daß mein Urtheil gerecht iſt.“ „Sterben... ſterben!...“ murmelte Adam Smith,„und wann 2“ „Noch heute, hier iſt Schreibegeräth, Sie werden in wenigen Worten ſchreiben, daß Sie des Lebens 228 müde, demſelben mit eigener Hand ein Ende gemacht ... Wenn Sie damit fertig ſind, gebe ich Ihnen eine Stunde Zeit, um ſich mit Gott zu verſöhnen.— Dann werden Sie mit mir den Wagen beſteigen und außer⸗ halb der Muiterpoort werden wir halten und damit der Gedanke an den Selbſtmord Ihr ſchon ſo beſchwer⸗ tes Gewiſſen nicht noch mehr ängſtige, wird Ihnen mein Bedienter das Piſtol vor die Bruſt halten und .. ein Fingerdruck und es iſt gethan. Den von Ihnen geſchriebenen Brief wird man bei Ihnen finden, damit es ſcheint, Sie hätten durch Selbſtmord Ihrem Leben ein Ende gemacht!“ „Aber das iſt ſchrecklich!“ rief Adam Smith ver⸗ zweiflungsvoll die Hände ringend. „Es iſt ein gerechtes Urtheil, Leben um Leben, Blut um Blut... dieſe Strafe wird Ihr Andenken nicht beſudeln! Nun denn, ſchreiben Sie, Sie hatten ja den Muth, Andere zu ermorden, ſollte Ihnen die Geiſteskraft mangeln, an ſich ſelbſt die Hand zu legen? Beeilen Sie ſich, die Zeit fliegt, denken Sie an die wichtige Sache, die Ihrer wartet...“ „Sterben... nein, das kann ich noch nicht... Kolonel, haben Sie Mitleiden, um Gotteswillen, Er⸗ barmungl laſſen Sie mich leben... leben... mehr verlange ich nicht!“ „Sie haben das Leben verwirkt, nur eine Stunde bleibt Ihnen,“ ſprach der Kolonel, immer ernſter wer⸗ dend.„Eine Stunde fliegt haſtig vorbei, ſuchen Sie ſich mit Gott zu verſöhnen, in einer Stunde komme ich wieder. Hendrik Du bleibſt hier und ſorgſt dafür, daß er nicht entkommt. Kommt, meine Freunde, fol⸗ gen Sie mir!“ Auguſt van Bergen, von Henri Smith und van Zweeden gefolgt, verließ das Zimmer. Unbeweglich, als hätten ihn die Lebensgeiſter ſchon verlaſſen, ſaß der Mörder vor dem Tiſche, auf welchen die Schreibgeräthſchaften ſtanden. Hendrik ging auf — ————— 2— u— 229 dem weichen Teppiche auf und ab, mit welchem der Boden bedeckt war, daß man die Tritte nicht hörte. So ſaß er geraume Zeit, als er plötzlich aufſprang und Hendrik nahte: „Freund!“ ſprach er dieſen an. „Ich bin Ihr Freund nicht,“ antwortete der alte Bediente in ſeinem gewöhnlichen barſchen Tone, nich will nicht der Freund eines Mörders ſein. Nennen Sie mich Hendrik, wenn Sie mir Eiwas zu ſagen haben, ſonſt werde ich Ihnen nicht Rede und Antwort ſtehen.“ „Nun denn, Hendrik, werden Sie thun, was der Kolonel ſagt?“ fragte Smith. Der Bediente nickte bejahend. „Werden Sie mich umbringen?“ „Der Kolonel befiehlt es, zuerſt habe ich ſeinem Vater gedient, und jetzt diene ich ihm bereits mehr als achtzehn Jahre, noch nie habe ich mich ſeinen Be⸗ fehlen widerſetzt und werde es auch heute nicht thun!“ „Aber Sie dürfen es nicht thun; wenn es ent⸗ deckt würde und es muß entdeckt werden, wird man Sie dafür ſtrafen und mit dem Tode werden Sie Ih⸗ ren Gehorſam büßen.“. „Der Kolonel befiehlt und ich muß gehorchen, die Folgen hat er zu verantworten.“ „Und mein Tod wird Ihr Gewiſſen drücken, Hen⸗ drik! O Sie können ſich das ſchreckliche Gefühl eines Mörders nicht vorſtellen.“ „Ich bin kein Mörder, ich morde nicht, ich ſtrafe nur und bin das Werkzeug, der Kolonel iſt der Thä⸗ ter, er iſt mein Herr und ihm muß ich gehorchen.“ Adam Smith ſank wieder auf ſeinen Stuhl zurück. „Wohlan, mein Herr,“ ſagte Hendrik,„ſeien Sie nicht ſo furchtſam, ſterben Sie muthig, ſchreiben Sie, was der Kolonel befohlen hat und betragen Sie ſich, wie es einem Manne geziemt... Wer den Tod fürch⸗ tet, iſt des Namens Mann nicht werth.“ 230 Smith antwortete nicht. Der kalte Schweiß perlte auf ſeinem Angeſicht; ſeine Hände zitterten, ſeine Kniee wankten, die Furcht vor dem Tode hatte ſeine Glieder gelähmt. „Hendrik!“ rief er plötzlich, als ſteige ihm ein guter Gedanke auf,„haben Sie den Schlüſſel zu der Thüre?“ Hendrik nahm den Schlüſſel aus der Taſche und zeigte ihn dem Fragenden. „Hendrik!“ ſagte nun der Kommiſſionär,„ich bin reich, ſehr reich und werde Sie auch reich machen! Oeffnen Sie mir die Thüre und laſſen Sie mich flie⸗ hen, ich will Ihnen den vierten Theil meines Beſitzes geben. Seien Sie klug, Hendrik! welchen Vortheil kann Ihnen mein Tod bringen... keinen! Mein Le⸗ ben dagegen kann Sie reich machen und möchte der Kolonel Sie auch belohnen, er kann Ihnen nicht ſoviel geben, als ich, denn er beſitzt nicht ſoviel, iſt nicht ſo reich, als ich bin.“ „Wären Sie mein Herr, Sie hätten nur zu be⸗ beblen... und augenblicklich und blindlings würde cch Ihnen gehorchen. Jetzt, da Sie mir nichts ge⸗ bieten können, bin ich Ihnen auch keinen Geho rſam ſchuldig.“ „ ch begreife Sie, Hendrik, Sie trauen mir nicht, öffnen Sie mir die Thüre, gehen Sie mit mir nach meinem Komptoir und ich werde Ihnen die zugeſagte Belohnung geben; Sie haben nur zu befehlen und augenblicklich werde ich Sie bezahlen. Ich kann Sie nicht betrügen und wollte ich es auch, Sie haben mich ganz in Ihrer Macht... mit einem Worte können Sie mich zwingen. Sie dürfen nur rufen: haltet den Mörder! und Sie finden augenblicklich hundert Arme bereit, mich zu greifen. Jeder wünſcht reich zu wer⸗ den und das werde ich Sie machen; Sie werden alt, guter Hendrik und wie Sie wiſſen, iſt Armuth oder wenigſtens Beſchränkung das Loos eines alten Bedien⸗ 231 ten. Nun, das Geld, das ich Ihnen geben werde, ſoll Sie in den Stand ſetzen, Ihre Tage im Ueberfluß zu verleben und denken Sie dabei an den Vortheil, daß Sie nicht nöthig haben werden, Jemand nach den Augen zu ſehen!... komm' Hendrik, ſchnell! die Zeit verfliegt, nicht gezögert, bald iſt er zurück und dann iſt es gethan!“ „Nein,“ ſagte Hendrik ſtandhaft,„als ein treuer Diener bin ich alt geworden und will meine grauen Haare nicht mit Untreue gegen meinen Herrn beſudeln, und gäben Sie mir ſo viel Tauſende, als Tage im Jahre ſind, ich würde mich doch weigern; der Diener muß thun, was ſein Herr von ihm verlangt und nichts anderes!“ „Aber der Kolonel verlangt etwas Abſcheuliches von Ihnen, eine Gräuelthat, einen Mord.“ „„Ohne Widerrede muß ich geborchen, es iſt meine Pflicht. Hat der Kolonel mir einen ungerechten Be⸗ fehl gegeben, ſo mag er ſich dafür verantworten; die Thaten, die ich auf ſeinen Beſehl hin verrichte, ſind die Seinen. Und halten wir uns jetzt nicht länger mit eitler Rede auf. Die Augenblicke, die Ihnen noch zu leben übrig bleiben, ſind koſtbar, hören Sie alſo auf, mich zu beſtürmen.“ „Hendrik!“ rief Adam Smith,„zum letzten Male, retten Sie mich, ich will mich beſſern, ein ehrliches und ſittliches Leben führen, ich will Alles gut machen, was ich fehlte...“ „Darauf hin will ich Sie retten!“ „Sie wollten?...“ „Ja.... machen Sie die Todten wieder lebend!“ ſagte Hendrik mit ſpöttiſchem Lächeln. „Das kann ich nicht,“ erwiederte der getäuſchte Betrüger in düſterem Tone,„Sie wiſſen wohl, Hen⸗ drik, daß es unmöglich iſt, aber ich werde den Armen wohl thun, denen, die ih betrogen, das Doppelte 232 wieder geben. Um Gottes willen, braver Mann, ha⸗ ben Sie Mitleiden mit mir.“ Smith warf ſich vor dem alten Bedienten nieder und hielt krampfhaft ſeine Kniee umſchloſſen. „Stehen Sie auf, mein Herr, ſchämen Sie ſich über Ihre niedrige Gefinnung, vor einem Diener zu knieen! Stehen Sie auf! Gott kann Ihre Seele retten, Ihr Leib iſt dem Tode verfallen!“ „Sie müſſen!“ rief Smith, der jrtzt in Wuth ans⸗ brach und heftig mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, welchem er wieder nahte.„Sie müſſen! Sind meine Bitten fruchtlos, dann wird Gewalt mir den Ausweg bahnen, ich werde meine Stimme ſo laut als möglich erheben, daß ſie durch das ganze Gebäude gehört werde und man wird mir zu Hülfe kommen,“ und die That dem Vorſatz augenblicklich folgen laſſend, ſchrie er ſo laut er konnte:„Mord! Mord!“ und wie ein wüthender Tiger ſprang er auf Hendrik los, der die Piſle ergriff, auf den Elenden anlegte und ihm zu⸗ rief: „Noch einen einzigen Schrei, noch einen Schritt vorwärts und ich ſchieße Sie nieder!“ Die Thüre wurde geöffnet... Auguſt van Bergen, Henri Smith und van Zweeden traten ein.— XXII. Das Urtheil. „Sind Sie bereit?“ ſagte der Kolonel langſam und fäerlich⸗„die Stunde iſt vorüber... die Zeit iſt dal“ ——— A ² 8—&—— — 233 „Bereit, nein.,. ich bin nicht bereit... die Zeit i*ſt zu kurz..“ „Und Sie haben noch nichts geſchrieben?...“ „Nein, nein, geben Sie mir Zeit bis morgen... bis übermorgen, und Alles wird bereit ſein In dieſem Augenblicke hörte man eine Kutſche nahen und vor der Thüre halten. „Mein Wagen wartet! Hendrik wird die Pferde leiten, niemand ſoll je ein Wort vernehmen von dem, was vorgefallen iſt, wohlan denn, nicht länger ge⸗ zögert... oder ich gebe meine Anklage ein. Nehmen Sie Abſchied von Ihrem Bruder, Sie werden ihn nie „Gnade! Gnade!“ bat der Unglückliche, während er auf den Knieen durch das Gemach kroch und ſeine Hände flehend zu van Bergen erhob, und dann wieder ſeiir Bitten an ſeinen Bruder und van Zweeden richtete. „Gnadel Gnade, Kolonel!... um Gottes Willen, es, ich habe Sie immer vor Armuth bewahrt... ha⸗ ben Sie Mitleiden mit mir... laſſen Sie mich nicht ſterbenl.... Sterben... br... der Tod!. Und krampfhaft fiel er nieder. Van Zweeden wandte ſich ab; ſeine Augen ſtanden voll Thränen. „Um's Himmels willen, Kolonel, haben Sie Mit⸗ leiden mit dem Unglücklichen.... ſagte der Bruder des Mörders, nich bitte Sie, ſchonen Sie ſein Leben,“ Amſterdams Geheimniſſe. In. 16 „Hatte er Mitleiden mit Ihrer Helena, mein Freund! Hatte er Mitleiden mit dem ungariſchen Dok⸗ tor?— Hendrik, binde ihm ein Tuch vor den Mund, der Elende möchte ſich durch ſein Rufen ſelbſt auf das Schaffot bringen, nur um ſein Leben einige Tage zu friſten.“ „Ich werde es nicht dulden!“ rief jetzt Henri Smith.„Er iſt mein Bruder..Was er gegen mich gethan, ich vergebe es ihm! Sie haben kein Recht, ihn zu tödten!“ und die Stimme der Bruderliebe er⸗ hob ſich laut in dem Gemüthe des aufgeregten Henri. „Bedenken Sie,“ ſagte der Kolonel,„daß ich ihn nicht zur Strafe des Beiles bringe, wollen Sie denn, daß Ihr Bruder auf dem Schaffot ſterbe?“ „Laſſen Sie ihn frei,“ rief Henri,„laſſen Sie die Reue ſeine Strafe ſein, gegen mich hat er ge⸗ ſündigt, nicht gegen Sie, ich will darum ſein Richter jein und mein Urtheil ſpricht ihn frei.“ „Ja, ja!l laſſen Sie ihn meinen Richter ſein, ihn meinen Bruder!“ rief Adam Smith, der wieder auf⸗ lebte, als er dieſe Worte hörte.„Laſſen Sie ihn mei⸗ nen Richter ſein, ihn das Urtheil ſprechen!.. Ich habe ſeine Frau ermordet... mich treulos gegen ſeine Kinder betragen.. Henri, ſprich, beſtimme meine Strafe, Du biſt mein Bruder und wirſt mitleidiger ſein.“ „Adam!“ ſprach nun Henri mit unterdrückter Stimme zu ſeinem Bruder,„Adam, verlaſſe dies Land, ſchweife in fernen Orten, ſuche durch Buße Gottes Gnade zu erwerben!... ich ſpreche Dich frei!“ „Und ich verurtheile ihn!“ ſagte der Kolonel, un⸗ mittelbar folgend, und darauf Henri ernſt anſehend, ſprach er zu dieſem:„Henri Smith, bedenken Sie, daß es mich keine Mühe koſten wird, eben ſo wohl den Mörder Johann Horſts zu verfolgen, wie ich es jetzt mit dem Mörder Helenas und Carl Hauſers thue. Das Leben Ihres Bruders iſt in meiner Macht. aber auch das Ihre! Henri Smith, bedenken Sie wohl!“ 1 —— ,— — — — 8 2 235 In barſchem Tone befahl er ſeinem Diener, zu thun, was er bereits befohlen habe. Der Bediente näherte ſich mit dem Tuche. Vergebens ſuchte der Mörder mit der Kraft der Verzweiflung ſich zu vertheidigen; er unterlag den ſtar⸗ ken Armen des Bedienten des Kolonels. Hendrik war noch mit ſeinem Auftrage beſchäftigt, als van Bergen dem Kommiſſionär nahte und ihn fragte: „Adam Smith, wollen Sie leben?“ „Leben!“ rief der Unglückliche,„Leben!...“ „Leben um jeden Preis, unter jeder Bedingung, die ich Ihnen vorſchreibe?“ „Leben!“ wiederholte Adam Smith,„nehmen Sie mir Alles, was ich habe, laſſen Sie mich bettelnd mein Brod ſuchen, erniedrigen Sie mich, wie Sie wollen, aber laſſen Sie mich leben, um jeden Preis!“ „So leben Sie! Stehen Sie auf, Adam Smith, und hören Sie meine Bedingung!“ „Edelmüthiger Mann!“ rief Henri, deſſen Herz in dieſem Augenblicke von einer drückenden Laſt frei wurde, „haben Sie Dank für das Leben meines Bruders!“ „Aus freiem Willen thue ich jetzt, wozu Sie mich mit Gewalt zwingen wollten„“ antwortete van Bergen. Der Kolonel dichtete jetzt das Wort an Adam Smith jetzt das letzte Mittel zum Leben, ſuchen Sie mich nicht zu täuſchen, oder ich ſchwöre Ihnen, daß Ihr Tod be⸗ ſchloſſen iſt.., und nun antworten Sie mir!“ „Herr Kolonel! ich will aufrichtig und der Wahr⸗ beit gemäß alle meine Beſitzthümer angeben. Obwohl ich nicht weiß, wozu Sie danach fragen, leiſte ich Ih⸗ nen doch gern Gehorſam für die Gnade, die Sie mir angedeihen laſſen. Ich befitze an Ländereien und Pacht⸗ 236 höfen ungefähr zweimal hunderttauſend Gulden; die Häuſer, Gewölbe und andere Beſitzungen, welche mir in dieſer Stadt gehören, ſind ungefähr dieſelbe Summe werth, während der Betrag der Gelder, welche ich für die Hypothek verſchiedener Befitzungen vorgeſchoſſen, ſammt den Schuldbriefen, die ich habe, auf eine Tonne Goldes geſchätzt werden können.“ Mit Staunen hatte der Kolonel dieſe Worte ver⸗ nommen, ſo reich hatte er ihn nicht geſchätzt. Auch die Uebrigen, welche dieſe Erklärung anhörten, hatten ſich niat vorgeſtellt, daß Adam Smith ſo viel Schätze be⸗ äße „Das iſt ungefähr eine halbe Million,“ ſagte van Bergen,„und iſt das Alles? Bedenken Sie wohl, Ihr Leben hängt davon ab.“ „Ja, das iſt Alles,“ erwiederte Adam Smith,„das Leben iſt mir mehr werth, als daß ich es für eine Un⸗ wahrheit verlieren möchte.“ Der Kolonel wollte antworten, wurde aber durch Hendrik gehindert, welcher von van Bergen weggeſchickt worden war, nachdem er dem Kommiſſionär das Leben zu ſchenken verſprochen hatte, und jetzt eintrat und an⸗ zeigte: „Der Notar und ſeine Zeugen ſind da.“ „Laſſe ſie hereinkommen,“ befahl van Bergen, und ſich darauf zu Adam wendend, ſagte er:„Erinnern Sie ſich, daß Sie das Leben um jeden Preis wollten— wählen Sie noch!“ „Nein, ich will leben— um jeden Preis.“ Der Notar trat ein. „Ich werde hier das Wort für Sie führen, Herr Smith?“ fragte Auguſt van Bergen, den Kommiſſionär bedeutſam anſehend. Dieſer nickte bejahend. „Nun denn,“ ſagte der Kolonel, ſich zu dem No⸗ tar wendend,„der Herr Smith hat ſich vorgenommen, ſeine Geſchäfte aufzugeben und ſeine übrigen Tage in 2— 237 Ruhe zuzubringen, wünſcht nun einen Theil ſeines Vermö⸗ gens herzuſchenken, und erſucht Sie, die nöthigen Schrif⸗ ten zu fertigen. Da es von Intereſſe iſt, daß es bald geſchehe, wo möglich noch dieſen Morgen, ſo erkläre ich Ihnen im Namen des Herrn Smith, daß es ihm höchſt angenehm ſein wird, wenn Sie dieſe Sache heute noch in Ordnung bringen. Haben Sie die nöthigen Pa⸗ viere bei ſich, Herr Smith?“ „Nein, Kolonel.“ 4 „Ich glaubte, Sie hätten das Nöthige ſchon bei ſich 8 doch wenn Sie wollen, mein Wagen ſteht vor der Thüre...“ „Mit Vergnügen will ich fie holen,“ erbot ſich Adam Smith, der in den Blicken des Kolonel gewahrte, daß er ſolches begehrte. Van Bergen gab ſeinem Be⸗ dienten ein Zeichen, und dieſer folgte dem Kommiſſionär. Adam Smith kam bald zurück, eine große, ſeidene Brieftaſche bei ſich tragend. 8 Es dauerte nicht lange, ſo war der Notar bereit. Darauf gab der Kolonel dem Notar Folgendes in die Feder: „Der Herr Adam Smith begibt ſich ſeiner Län⸗ dereien, Pachthöfe, Häuſer und aller unbeweglichen Güter zum Nutzen der beiden Kinder ſeines vermißten und vermuthlich verſtorbenen Bruders„Henri Smith, welche Güter unter Clara Smith und Frank Smith gleichmäßig vertheilt werden. Das iſt doch Ihre Mei⸗ nung, Herr Smith?“ Ein zuſtimmendes Kopfnicken, war die Antwort.. Er behielt ja noch eine Tonne Goldes übrig. „Belieben Sie dem Herrn Notar die Beweiſe Jh⸗ res Eigenthums zu übergeben, Herr Smith.“ Mechaniſch gehorchte dieſer. „Schreiben Sie weiter, Herr Notar,“ ſagte Auguſt 238 van Bergen,„der Herr Adam Smith übergibt ſeinen Handel mit in⸗ und ausländiſchen Gütern, den er bis⸗ her unter der Firma: Remmers und Comp. betrieben hatte, dem Herrn Petrus van Zweeden, in genanntem Handel eine Summe von zwanzigtauſend Gulden be⸗ laſſend, zum Behufe des Herrn Petrus van Zweeden, um den ſeit ſo vielen Jahren rühmlichſt betriebenen Handel auf gutem Fuße fortſetzen zu können, welche Summe von zwanzigtauſend Gulden dem Herrn Petrus van Zweeden ausbezahlt werden ſoll, als Belohnung für ſeine vieljährigen, getreuen Dienſte, welche er der genannten Firma geleiſtet.— Ich glaube jetzt, die Sache zur Zufriedenheit auseinandergeſetzt zu haben,“ fuhr der Kolonel fort, das Wort an Adam richtend, während der Notar die Akte ſchrieb, welche dieſer dann vorlas und Smith zur Unterzeichnung überreichte. Es ſchimmerte dem Mörder vor den Augen, als er das Papier vor ſich liegen ſah... das Papier, in welchem er etwas erklärte, ſich zu etwas verbindlich machte, das ſo ganz ſeinen Abſichten zuwider lief, wo⸗ bei er ſich ſelbſt der Güter und Schätze beraubte. Mit zitternden Fingern tauchte er die Feder ein... er ſchien zu zögern. Zufällig ſchlug er die Augen auf, ſeine Blicke begegneten denen des Kolonel... und Smith un⸗ terzeichnete eine Schrift, die ihn des größten Theils ſeines Vermögens beraubte, zu deſſen Sammlung er Betrug, Verbrechen und Mord verübt hatte. „Der Ehekontrakt, den der Herr Adam Smith aus⸗ fertigen laſſen will, kann bis morgen beſorgt werden, da der Herr Smith die Summe noch nicht beſtimmt hat für die Ehepakte, zum Behufe ſeiner Frau.“ Adam Smith ſah verwundert nach dem Kolonel auf, der dieſe Worte zum Notar geſagt hatte: Ein Ehe⸗ kontrakt! Wer hatte daran gedacht! Er war wie aus den Wolken gefallen und doch durfte er den Mund nicht öffnen, um nach der Aufhellung dieſes Räthſels zu fragen. 3 2—9—O—— — ☛ S u—A — ⏑———— Der Kolonel freute ſich der Ungewißheit, in wel⸗ cher ſich der Mann befand, den er jetzt ſo ganz ent⸗ maskt hatte. „Nicht wahr, mein Herr,“ ſagte der Kolonel,„mor⸗ gen iſt noch Zeit genug zu einem Heirathskontrakt?“ „Ja, Kolonel, morgen!“ erwiederte Smith, ohne beinahe ſelbſt zu wiſſen, was er ſagte. Der Notar hatte ſeine Sache vollbracht, grüßte die Geſellſchaft und verließ das Zimmer. Dann wandte ſich Auguſt van Bergen zu Henri Smith und van Zweeden. „Sind Sie zufrieden?“ fragte er.. „Sie haben meine Kinder glücklich gemacht,“ rief der Erſte aus, während er dankbar die Hände des Ko⸗ lonels ergriff.— „Und mein Glück begründet, wie ſoll ich Ihnen meinen Dank bezeugen?“ „Indem Sie wie ein ehrlicher Mann leben, von dem Trinken abſtehen. Gehen Sie nun Beide, ich habe noch andere Dinge zu thun. Leben Sie wohl, morgen werden wir einander wieder ſehen.“ Als van Zweeden und Henri Smith das Zimmer verlaſſen hatten, ließ der Kolonel Wein bringen und als der Trank auf dem Tiſche ſtand, ſagte er zu ſeinem getreuen Hendrik: „Schenke die Gläſer voll!— Smith, trinken Sie ein Glas Wein, das wird Ihnen Kraft geben, das anzuhören, was ich Ihnen ferner zu ſagen habe.“ Adam erhob den Becher, doch kaum hatte er mit dem Inhalte ſeine Lippen befeuchtet, als er ihn wieder ſo raſch zurückzog, daß ihm das herrliche Getränke über die Hände ſtrömte. „Ha,“ rief van Bergen, etwas ſpottend, doch zu⸗ gleich entrüſtet,„Sie mißtrauen mir, Sie weigern ſich zu trinken, weil Sie fürchten, ich hätte den Wein mit Schlafmitteln vermiſcht oder gar mit Giſt... Unglück⸗ licher, Sie meinen, jeder Menſch ſei ſo tief geſunken 240 als Sie! Elender, trinken Sie ohne Furcht! Sehen Bigee: Damit leerte der Kolonel ſein Glas in einem uge. Adam Smith folgte ſeinem Vorbild. „Kennen Sie Nancy Horſt, die Tochter des Kupfer⸗ ſtechers?“ war die nächſte Frage des Kolonel. „Ja, Kolonel!“ „Iſt es Wahrheit, daß Sie von der Verlegenheit, in welcher ſie ſich einſt befand, Gebrauch machten und ſie entehrten?“. „Ja, ja!“ rief Adam Smith in verzweifelndem Tone und verbarg ſein Geſicht mit beiden Händen, als ſchämte er ſich, den Blicken ſeines Richters zu begegnen. „Iſt es wahr, daß Naney eines Tages zu Ihnen kam und Ihnen unter heißen Thränen bekannte, daß ſie ein Kind, die Frucht Ihrer Verführung, unter dem Herzen trage; daß es Ihr Kind war; daß ſie Sie bat, das Kind nicht zu verſtoßen, ſie nicht der Schmach und Verachtung preiszugeben? Iſt es wahr, daß Sie ſie damals von ſich ſtießen und mit Verachtung abwieſen... iſt dies Alles Wahrheit, Adam Smith?“ „Alles Wahrheit. O Gott, was habe ich nicht Alles gethan.“ „Dieſer Ausruf, Unglücklicher, zeugt mir davon, daß Sie die Größe Ihrer Schuld fühlen.— Nancy Horſt war unſchuldig, ehe Sie in Ihren Armen die Unſchuld verlor. Ich verlange, Adam Smith, daß Sie das Unheil wieder gut machen, das Sie angerichtet haben.. Sie haben das Leben verlangt um jeden Preis, unter allen Bedingungen, auch das Glück des unglück⸗ lichen Opfers gehört zu den Bedingungen.“ „Nun denn, ich will ja Alles thun, was Sie mir ſagen: was ſoll ich Nancy Horſt geben?“ „Sie müſſen ſie heirathen.“ „Heirathen! Sie haben mir ja beinahe Alles ge⸗ nommen, was ich beſaß, was ſollte ich ihr anbieten?“ „Achtzigtauſend Gulden find Ihnen noch übrig; 241 für Sie iſt das wenig, fürwahr! Sie, der eine halbe Million beſaß, betrachten die Ihnen übriggebliebene Summe als nichts; aber achtzigtauſend Gulden und ihre Ehre, das iſt ein Anerbieten, das Sie nicht ver⸗ ſchmähen wird.“ „Ich Nancy Horſt heirathen! Herr van Bergen... Junker van Reijſenburg... Kolonel, iſt Ihnen das Ernſt?2.. Und die Welt?...“ „Die Welt, Sie verſtehen das Publikum darunter, das Sie kennt?— nun, die Welt läßt ſich leicht be⸗ trügen, das Publikum nennt den Jüngling klug, der eine alte reiche Frau heirathet, und der reiche Mann, der aus wahrer Neigung und Liebe ein unbemittelt Nädchen heirathet, iſt ein Thor. Das iſt das Urtheil des Publikums.“ „Das Publikum, wenn es die Heirath mit Nancy Horſt vernehmen wird, dann.. dann werden ſie mit ſpöttiſchem Lächeln die Achſeln zucken!... 4 „Fürchten Sie ſich davor?.. Doch auch dies will ich Ihnen erſparen, ich will meine Maßregeln ſo treffen, daß Ihre Heirath mit Nancy den Meiſten ein Geheimniß bleibe. Nun, Adam Smith, wollen Sie das Mädchen heirathen, das Sie verführt, betrogen, entehrt haben?“ „Ich will Alles, auch das.“ „Jetzt begreifen Sie, was ich meinte, als ich mit dem Notar von einem Ehekontrakt ſprach.— Hendrik, erſuche den Lupferſtecher und ſeine Enkelin, einzutreten.“ „ Alles iſt nur ein Traum, Alles ein banger, ſchreck⸗ licher Traum!“ murmelte Adam Smith.„Ich, der ſonſt gebot, bin jetzt genöthigt, zu gehorchen, blindlings, wie ein Kind ſeinen Eltern.“ Freundlich ging der Kolonel dem alten Kupfer⸗ ſtecher entgegen, als dieſer das Zimmer betrat. Er hatte den alten Mann noch nie geſehen und doch war er bald für ihn eingenommen: mit der dem Alter ſchul⸗ digen Achtung bot er Nancy's Großvater einen Stuhl 242 an. Kaum wurde Jakob Horſt den guten Herrn Smith gewahr, als er ehrerbietig ſich verbeugte. Adam ſchlug die Augen nieder und durfte den Ku⸗ pferſtecher nicht anſehen. Bleich wie eine Todte nahm Nancy auf dem Stuhle Platz, den Hendrik ihr anbot. Auf einen Wink des Kolonel entfernte ſich der alte Bediente und van Bergen begann: „Es hat Sie wahrſcheinlich gewundert, Jakob Horſt, daß ich Sie zu mir bat. Ich will Ihnen in wenigen Worten ſagen, was mich dazu veranlaßt. Ihr Glück, Ihre Ruhe, als der einzige Lohn eines braven Mannes, iſt mir theuer, und der Punkt, von dem der Herr Smith und ich mit Ihnen zu ſprechen wünſchen, betrifft mehr Ihre Enkelin als Sie.“ „Nancy?“ rief der Greis verwundert,„Ihr Glück iſt das meine. Sie iſt ein braves, gutes, tugendhaftes Kind, ich liebe ſie als ob ſie meine eigene Tochter wäre, und der größte Schmerz, der mir werden könnte, iſt, ſie unglücklich zu wiſſen.“ 4 „Sie erinnern ſich gewiß, daß, als Sie noch in der Noorderſtraat wohnten, Sie ſich in mancherlei Geldverlegenheit befanden?“— „Ja,“ gab Jakob Horſt zur Antwort,„und ich ſchäme mich deſſen nicht, es gab eine Zeit, da ich ein bemittelter Mann geheißen wurde, doch ein Zuſammen⸗ fluß von verſchiedenen Unglücksfällen brachte mich in dieſe bedürftigen Verhältniſſe; es war nicht meine Schuld, und deßhalb habe ich immer mit Gelaſſenheit und un⸗ terwerfung unter den Willen des Vaters mein Unglück getragen.“ „In dieſen Verlegenheiten wandten Sie ſich ſtets an den Herrn Adam Smith und dieſer lieh Ihnen be⸗ reitwillig kleine Geldſummen.“ „Ja, das that er und dafür ſage ich ihm nochmals meinen berzlichen Dank.“. „Sie waren gewöhnt, Ihre Enkelin um Geld zu Herrn Smith zu ſenden, und werden ſich gewiß noch 243 erinnern, daß Nancy beſonders in der letzten Zeit nur ungerne dieſen Gang that. Nach Ihrem Urtheil war es nur Halsſtarrigkeit, es beſtand aber ein ganz anderer Grund, warum ſie ſich ungerne zu Herrn Smith be⸗ gab... „Ein anderer Grund!“ ſagte Jakob Horſt, während er pann Smith und Nancy wechſelsweiſe anſah,„und welcher?“.. „Laſſen Sie mich fortfahren,“ ſagte der Koloncl, „Nancy iſt ein ſchönes Mädchen und der Herr Smith war nicht ohne Gefühl für die mehr als gewöhnliche Schönheit; er begriff wohl, daß eine Ehe zwiſchen ihm und ihr nie möglich ſei, wegen der Verſchiedenheit der Jahre, und doch fühlte er ſich nicht ſtark genug, der Verſuchung zu widerſtehen, als er Nancy ſah. Er ſelbſt alſo war es, der Nancy erſuchte, nicht wieder zu ihm zu kommen; aus kindlicher Schamhaftigkeit wagte ſie es nicht, Ihnen den Umſtand mitzutheilen. Dies ſind die Gründe, guter Horſt, warum Ihre En⸗ kelin in der letzten Zeit ſich ungehorſam gegen Sie zeigte. L „Eines Abends, als ſie wieder in das Komptoir trat,“ fuhr der Kolonel fort,„um einiges Geld für ie zu leihen, war der Herr Smith allein; Nancy war ermüdet von dem Wege; der Herr Smith bot ihr ein Glas Wein an, um ſie zu ſtärken und zwang ſie, einige Augenblicke Platz zu nehmen. Nancy war Adam Smith noch nie ſo ſchön erſchienen, als dieſen Abend; betäubt von dem Weine, bot er ihr ſcherzend die Hand an, welche ſie auch nicht weigerte;... die Vertraulichkeit zwiſchen ihm und ihr wurde mit jedem Augenblicke grö⸗ fer und von dem Wein betäubt, vergaßen beide....“ „Vater in dem Himmel!“ rief Jakob Horſt, der mit ſteigender Aufmerkſamkeit dem Kolonel zugehört hatte, und als dieſer an den Schluß ſeiner Rede kam, beftig aufſprang.„Gott! ich weiß genug, fahren Sie nicht fort, mein Herr, ich weiß ſchon Alles! Nancy 244 entehrt, ſchändlich entehrt.... das iſt der ſchwerſte Schlag, der mich treffen konnte! Ach Gott! welch' ein Unglück!“ Und der Greis bedeckte ſein glühend Ange⸗ ſicht mit beiden Händen. „Sie find ein Spitzbube! Sie, Herr Adam Smith! Ihnen traute ich, ich dachte nicht, daß ein Mann, wie Sie, ſo geſunken ſein könnte, um eine arme Waiſe zu entehren, eine Verlaſſene, die Niemand hatte, um ihre Schande zu rächen; ich glaubte Nancy bei Ihnen ſicher, aber ich habe mich betrogen, ſchrecklich betrogen, Sie ſind ein Spitzbube, ein ehrloſer Verführer!“ Der alte Mann, der tiefbetrübte Großvater wollte mehr ſprechen.... aber mit Abſcheu wandte er ſich von dem Heuchler und das Wort an Nanecy richtend, ſprach er zu ihr: „Nancy, was haſt Du gethan?... War nicht genug Unglück über die grauen Haare Deines Groß⸗ vaters ergangen? O ich hatte Dich von Kindheit an lieb, Du warſt mein Alles, mein Troſt, mein Reich⸗ thum, ein Schatz, auf deſſen Beſitz ich ſtolz war, ich betrachtete Deine Schönheit mit Woylgefallen!— Jetzt aber ſehe ich Dich entehrt,.. ſchändlich entehrt!“ Laut ſeufzend ließ der alte Mann das in Ehren grau gewordene Haupt auf die Bruſt ſinken und ein Thränenſtrom floß längs der eingefallenen Wangen. „Dieß iſt Alles Ihr Werk!“ flüſterte Auguſt van Bergen dem ehrloſen Adam Smith zu. Der Kommiſſionär zitterte. „Ich dachte es wohl,“ ſeufzte der gute Mann, „daß noch etwas kommen müßte, um meine wenigen Lebenstage zu verbittern;— o Johann, o unglücklich umgekommener Sohn, wie glücklich biſt Du, daß Dir der ſchreckliche Schlag nicht mehr wurde!“ „Vergebung, Großvater!“ ſchluchzte Nancy, vor dem Greis ſich auf die Kniee werfend.„Sie hatten mir geſagt, daß Sie dieſen Abend mein Glück beför⸗ dern wollten, Herr Kolonel, was haben Sie gethan; 245 ich fuhr ſo fröhlich hieher und nun... um Gottes Willen, Großvater, ſprich ein freundlich Wort der Ver⸗ gebung,.... um Gottes Willen, Vergebung.“ „Jakob Horſt, vergeben Sie ihr!“ ſagte Auguſt van Bergen in weichem Tone,„vergeben Sie ihr, ſie iſt jung und unerfahren,... ſchenken Sie ihr Ver⸗ gebung!“ „Ja,“ rief der Alte plötzlich,„ja Nancy, ich ver⸗ gebe Dir!“ und als wollte er ſie ſegnen, legte er die Hand auf ihr Haupt.„Du biſt jung, Du biſt weniger ſchuldig als er. Küſſe mich, komme in meine Arme, ich vergebe Dir.... aber Fluch, Fluch über den Räu⸗ ber Deiner Ehre! Fluch über den Heuchler... Fluch über Adam Smith! O warum bin ich ſchon alt und machtlos, warum nicht noch jugendliches Blut in mei⸗ nen Adern... ja, ich wollte Sie zittern machen, ich würde die Ehre meiner Enkelin rächen, aber jetzt... Das Alter, o es verdrießt mich, daß meine Kräfte dahin ſind.. aber mein Fluch ruht auf Ihnen, der Fluch wird Ihnen auf dem Sterbebette bange machen, der Fluch wird Ihnen vor den Richterſtuhl folgen! Nancy, komm', wir haben hier nichts mehr zu thun, gehen wir, mein Kind, das Geſicht dieſes Mannes kann ich nicht ertragen!... Er machte ſich bereit, zu gehen und wollte Nancy fort führen. „Bleiben Sie!“ rief der Kolonel,„der Herr Smith hat mich beauftragt, als Vermittler zwiſchen Ihnen und ihm zu verhandeln, er will Alles wieder gut machen!“ „O, ſprechen Sie mir nicht von Vermittlung,“ ſagte der Greis.„Laſſen Sie mich fort gehen, mein Herr, ich will keine Vermittlung; er kann ſeine nied⸗ rige That nicht wieder gut machen. Ich weiß, was ſolche Verführer unter ihrem ſogenannten gut machen verſtehen... er wird mir Geld geben wollen für das Kind, das ſie unter dem Herzen trägt, aber das will 2⁴⁰ ich nicht. Gott hat uns bis hieber geholfen und wird uns ferner noch helfen. Ich habe Ihr Geld nicht nö⸗ thig, Heuchler, und böten Sie mir alle Schätze der Welt, ich will ſie nicht!“ „So hören Sie doch, alter Mann!“ ſagte van Bergen freundlich,„und urtheilen Sie nicht, ohne uns gehört zu haben. Der Herr Adam Smith will ſeinen Fehltritt auf eine ganz andere, edlere Weiſe wieder gut machen, als Sie es vermuthen, er bietet Nancy ſeine and an.“ Wie aus den Wolken gefallen, ſtand der alte Mann da, als er dieſe Erklärung von dem Kolonel hörte; ſeine Augen ſchienen heller, ſeine Hände zitterten nicht mehr, er ſchien bleiben zu wollen, er wollte mehr hö⸗ ren... der Unglückliche war auf dieſes unerwartete Glück nicht vorbereitet! Er hatie das nicht hoffen können! „O,“ rief er,„wollten Sie das, Herr Smith. Dann widerrufe ich den gegen Sie ausgeſprochenen Fluch. Gottes beſter Segen ruhe auf Ihnen!.. Sie wollten ihr ihre Ehre wieder geben durch die Heirath, ja das iſt eine Eingebung Gottes!“ Nancy horchte mit ſtummer Verwunderung den Worten ihres Großvaters.„Ich, die Gattin des Herrn Smith!“ rief ſie, ohne ſich Rechenſchaft von den in ihr kämpfenden Gefühlen geben zu können. „Ja, Nancy, und Du wirſt einen braven Mann zum Gatten bekommen,“ ſagte Jakob Horſt. Nancy ſeufzte,... ſie war nicht glücklich... ſie liebte Adam Smith nicht. Van Bergen hörte den Seufzer. „Bis morgen!“ ſagte er, gleichſam dem Kupfer⸗ ſtecher einen halben Wink gebend, ſich zu entfernen; „morgen werden wir die Sache ordnen.“ „Nancy!“ flüſterte der Kolonel dem Mädchen zu, „ich habe verſprochen, Sie glücklich zu machen, ich werde mein Verſprechen halten. Ich weiß, daß Sie 247 mit Adam Smith nicht glücklich ſein würden, ich weiß, was Sie feurig wünſchen.... ſeien Sie guten Muthes, ich were auf Albert Droſt's Glück, wie auf das Ihre denken.“ Nancy ſchlug dankbar die Augen zu ihrem edel⸗ müthigen Beſchützer auf, dieſer Blick ſagte ihm mehr, als tauſend Worte vermocht hätten. „Nun noch ein Wort mit Ihnen, mein Herr,“ ſagte der Kolonel, als Nancy und ihr Großvater ſich entfernt atten. „Aber die Leiche da...“ und Adam zeigte auf die Thüre des Hinterzimmers. „Die Leiche iſt nicht mehr da!“ Und um den Kom⸗ miſſionär zu überzeugen, öffnete der Kolonel die Thüre: eine Wachskerze erleuchtete matt das Zimmer, aber en dem ſchrecklichen Schauſpiel war nichts mehr zu ſeehen. „Ich danke Ihnen, Herr van Bergen,“ ſagte Adam Smith, wieder Athem holend,„Sie wiſſen nicht, was ich empfand, als die Leiche da lag; jeden Augenblick war es mir, als ob die Thüre geöffnet würde und ich ſähe den ermordeten Doktor auf mich zukommen....“ und aufs Neue begann er zu zittern. 3 „Mein Herr, Sie begreifen leicht, warum ich auf eine Heirath zwiſchen Ihnen und Nancy Horſt gedrun⸗ gen habe,“ ſagte der Kolonel.„Sie hatten das Mäd⸗ chen entehrt, nur eine rechtliche Ehe konnte ihr die Ehre wieder geben und ich wollte nicht, daß ſie um Ihret⸗ willen unglücklich werde. Aber Sie dürfen ſie nie die Ihre nennen, ich will Sie ſtrafen, wie Sie es verdie⸗ nen. Ich will nicht, daß Naney die Gattin eines Mör⸗ ders werde, daß die Arme, mit denen Sie den von hnen Ermordeten nach Außen ſchleppten, ſie umfaſſen. Eine Frau, wie Nancy Horſt, wäre eine Wohlthat und Sie find der Wohlthaten unwürdig. Nancy liebt einen jungen Mann und dieſen werde ich ihr geben und Ihr mit Wucher und Verbrechen geſammeltes Geld würde 248 ſie glücklich machen! Dieß Alles morgen; wollen Sie jetzt in Ihre Wohnung zurück kehren? Mein Bedienter wird nicht von Ihrer Seite weichen, damit Sie nicht entfliehen, ehe Sie Alles gethan, wozu Sie ſich ſchrift⸗ lich und mündlich verbindlich machten.“ „Wenn Ihr Bedienter bei mir bleibt, ſo will ich in meine Wohnung zurückkehren.“ „Nun denn, gehen Sie! Wiſſen Sie noch, warum ich Sie dem Gerichte nicht übergab, weil das Gericht tödtet, und der Tod keine Strafe tſt. Sie ſchneiden dem Sünder die Reue ab.— Gehen Sie und bitten Sie Gott, daß er Sie bekehre.“ XXIII. Die Verſöhnung. Nie war Adam Smith ſo zu Muthe geweſen, als da er begleitet von Hendrik das Hôtel des Pays⸗Bas verlaſſen hatte. Es war als ob er in einem Traume wandle, als ob ſtatt wenigen Stunden, Wochen ja Monden verlaufen waren ſeit dem Augenblicke, da er in das Haus gekommen war, er fühlte ſich älter und ſchwächer, ſeine Haltung, ſonſt ſo gravitätiſch, war ge⸗ bückt, er ſchien eher zu ſchleichen, als zu gehen. Fürchtend, es möchte ihm einer ſeiner Freunde oder Bekannten begegnen, beeilte er ſeine Schritte und er⸗ reichte bald ſeine Wohnung, wo er, ohne ſich zu ent⸗ kleiden, ſich auf das Bett warf, während Hendrik be⸗ ſchloß, die Nacht in dem Armſtuhle zuzubringen, in wel⸗ chem der Doktor geſeſſen hatte. Die Nacht ſchien dem 5 249 Mörder eine Ewigkeit, er ſchlummerte, um immer wie⸗ der von Träumen aufgeweckt zu werden. Als er am folgenden Morgen ſich wieder zu dem Kolonel begab, waren ſeine Haare grauer geworden, als ſie am vergangenen Abend geweſen, und ſein An⸗ tlitz hatte ſich ſo verändert, daß ſelbſt van Bergen ſich nicht enthalten konnte, ihn zu fragen, ob er krank ſei. „Krank,“ antwortete Smith,„wer ſollte geſund bleiben können nach einem ſo ſchrecklichen Abende, und einer nicht minder ſchrecklichen Nacht?. Ich glaube, daß ich wahnſtnnig werde. Ich wollte ich wäre es ſchon,“ murmelte er, ſchwieg aber, als er Nancy und ihren Großvater nahen hörte. „Sie ſelbſt haben Ihr Vermögen auf eine halbe Million geſchätzt,“ ſagte der Kolonel,„vier Tonnen Gol⸗ des haben Sie Frank und Klara und zwanzigtauſend Gulden van Zweeden geſchenkt, und eine gleiche Summe ſollen Sie nun auch Adolph und Henrietten geben, um zu gleichen Theilen an ſie vertheilt zu werden, ſie ver⸗ dienen es! Henriette betrachtet Klara als ihre Schwe⸗ ſter und umgekehrt; Adolph ſah in Frank ſeinen Bru⸗ der, Frank fand in ihm einen treuen Freund. Fünftau⸗ ſend Gulden ſollen Sie der Braut des von Ihnen er⸗ mordeten ungariſchen Doktors gegeben, und eine gleiche Summe ſeiner alten Mutter, ich werde wohl Gelegen⸗ heit finden, ihnen das Geld zukommen zu laſſen. Zwan⸗ zigtauſend Gulden ſollen Sie dotiren, um die Intereſſen davon armen Wittwen zufließen zu laſſen; wäh⸗ rend Sie den Ueberſchuß Ihres Vermögens, ungefähr dreißigtauſend Gulden, Nancy als Brautſchatz geben, wenn ſie Albert Droſt heirathet.“ 1 „ Aber auf dieſe Weiſe behalte ich nichts übrig.. nichts, keinen Pfennig.“ „Bedenken Sie, daß Sie ſelbſt desLebens unwürdig ſind.“ „Aber wovon ſoll ich leben, wenn Sie mir nichts übrig laſſen.“ Amſterdams Geheimniſie. II. 17 250 Der Kolonel zuckte mit der Schulter. „Arbeiten habe ich nie gelernt.“ „So betteln Sie! Bedenken Sie, daß es Ihre freie Wahl war, um welchen Preis.. ein bettelnd Leben iſt doch beſſer, nach Ihrem Urtheil, als der Tod!“ „Betteln! ich betteln!“ rief Adam Smith,„ich, der eine halbe Million beſaß, und wo... bei wem ſoll ich betteln? Hier in der Stadt wird man mir nicht glauben, wenn ich ſage, daß ich arm bin.... das müßte zur Entdeckung führen.... Entdeckung.. Ko⸗ lonel van Bergen!“. „So betteln Sie bei denen, die Sie kennen, die wiſ⸗ ſen, daß Sie nichts mehr beſitzen, beiteln Sie bei Frank, bei Klara, bei Nancy Horſt, betteln Sie um Brod bei Ihrem vormaligen Kommis van Zweeden, vielleicht haben ſie Mitleiden mit Ihnen, vielleicht ſchießen ſie eine Summe zuſammen, welche hinreicht, daß Sie in einem abgelegenen Dorfe Gelderlands oder wo das Leben wohlfeil iſt, Ihre noch übrigen Lebenstage ſchließen können; vielleicht, doch das ſind Ihre Sachen, in die ich mich nicht einlaſſe....“ „Sie ſind hart, ſchrecklich hart! Laſſen Sie mich den hundertſten Theil deſſen beſitzen, was ich das meine nannte! Erniedrigen Sie mich nicht ſo ſehr, daß ich mein Brod betteln muß.“ „Nicht den tauſendſten Theil ſollen Sie behalten, es iſt Geld an dem der Schweiß der Armen, das Blut der Nebenmenſchen klebt.“ 3 Adam Smith ſtarrte vor ſich hin, ohne ein Wort zu ſprechen. Nancy Horſt trat mit ihrem Großvater ein, welcher auf Adam Smith zuging und ihm mit Wärme die Hand drückte. „So, alsbald Horft ſoll die Ehe zwiſchen Ihrer Enkelin und dem Herrn Smith geſchloſſen werden,“ ſagte der Kolonel,„die Heirath findet nur Statt, um die Ehre Ihrer Enkelin zu retten.“* „Der Himmel belohne Sie dafür, Herr Smitb,“ 251 ſprach Horſt,„ich begann zu fürchten, Herr Smith möchte ſeinen Plan geändert haben, und... „Das iſt durchaus nicht der Fall, der Herr Smitb will Ihre Tochter unter der Bedingung alsbaldiger Scheidung heirathen.“ „Heirathen um ſich zu ſcheiden!“ rief Jakob Horſt verwundert.„Wer hat je gehört, daß man vor der Heirath von Scheiden ſprach.“ „Ohne dieſe Bedingung kann der Herr Smith keineswegs daran denken, Ihre Enkelin ſeine Frau zu nennen. Wie ich Ihnen ſchon ſagte, hat ſich der Herr Smith nur um Ibrer Enkelin die Ehre zu retten, zu einer Heirath entſchloſſen. Er weiß zu gut, daß ſie nicht wünſchen kann, ſeine Gattin zu ſein!. Der Un⸗ terſchied der Jahre, der zwiſchen ihm und Nancy ſtatt⸗ findet... und überdieß liebt ſie, wie Sie wiſſen, einen Andern!“ 1 „Einen Andern!“ rief Jakob Horſt aus.„Das iſt unmöglich, ſie hat nur einmal geliebt und der junge Mann war ihrer Liebe unwürdig und befindet ſich ſeit kindgen Jahren, nun es iſt gleichgültig, wo er ſich be⸗ ndet.“ „In dem Gefängniß zu Hoorn, wollten Sie ſa⸗ gen,“ fiel der Kolonel dem Kupferſtecher in die Rede, „in dem Gefängniſſe zu Hoorn und ſein Name iſt Al⸗ vert Droſt.“. „Jal kennen Sie ihn?“ fragte Horſt verwundert. „Ja, ohne ihn wäre ich vielleicht nicht mehr,“ er⸗ wiederte der Kolonel,„er hat mir das Leben gerettet.“ „Er rettete Ihnen das Leben, er iſt alſo frei... der Elende!“ „ Nennen Sie ihn nicht ſo! Es iſt wahr, er hat ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht, dafür hat er ſeine Strafe erſtanden. Aber ich gebe Ihnen die feierliche Verſicherung, daß er nun ein anderer Menſch geworden. Er liebt Ihre Enkelin noch ſo zärtlich, wie zuvor.“ „Wie, ſollte er es wagen...“ „Sie zu lieben, ja!“ fiel der Kolonel ein,„und der Herr Smith, der Alberts innige Liebe für Ihre Enke⸗ lin kennt, heirathet ſie nur unter der Bedingung, daß Sie nach der gerichtlichen Scheidung Ihre Zuſtimmung zu der Heirath Nancys mit dem Maler geben.“ „Nie!“ rief der alte Kupferſtecher und ſich zu Nancy wendend, ſagte er:„Iſt es Wahrheit, daß Du Albert Droſt, den um eines Diebſtahls willen Verur⸗ theilten, noch liebſt?“ Nancy ſchwieg und ſchlug die Augen nieder. Jakob Horſt brauchte keine andere Antwort. „Ich ſollte ſie, meine Enkelin, ihm geben, einem Dieb? Einen Verurtheilten ſollte ich meinen Schwie⸗ gerſohn nennen?“ „Großvater, um Gotteswillen!“ ſtammelte Nancy. „Horſt, Sie ſind hart und ungerecht. Albert Droſt verdient dieſe Verachtung nicht,⸗ ſagte Auguſt van Bergen,„die Noth machte ihn zum Verbrecher, er war jung, doch jetzt, jetzt ſtehe ich für ſeine Beſſerung, ich nenne ihn meinen Freund, ich werde ihn wieder in die Geſellſchaft zurücköringen und ſchäme mich nicht, mit ihm geſehen zu werden. Nancy liebt den Maler, ſie liebt ihn aufrichtig. Unter dieſer Bedingung allein, ich wiederhole es, gibt der Herr Smith ihr ſeine Hand und verſpricht Nancy dreißigtauſend Gulden, wenn ſie mit dem Maler in die Ehe tritt.“ „Dreißigtauſend Gulden! das iſt ein Schatz... iſt es Ihnen Ernſt, Herr Smith.. 2 „Ja, es iſt ſo! Dreißigtauſend Gulden,“ ant⸗ wortete der Kommiſſionär, welcher geſtern und heute einem Automaten verglichen werden konnte. „Nun, ſchlagen Sie ein, Jakob Horſt,“ fuhr van Bergen fort,„machen Sie ſie glücklich; ich kenne Al⸗ bert, er wird Nancy ein guter Gatte ſein.“ Jakob Horſt wankte. Dreißigtauſend Gulden war 1 ein klingender Fürſprecher. „Begründen Sie Nancys Glück!“ η‿ à —— —— —O—O——᷑—ꝭ—ę—ę—C—CQC—O—L—x— 253 „Dank, Dank!“ rief Nancy, ihren Großvater um⸗ armend,„Cott lohne Dir dieſe Wohlthat!“ die Uhr heraus, um ſich die glücklichſte Stunde Ihres Lebens zu merken.“ Jakob erröthete. Ein tiefer Seufzer war die Antwort. „Hier eine Erinnernng an dieſen Augenblick,“ ſagte Auguſt van Bergen und überreichte ihm ein Schächtelchen,„ich glaube nicht, daß ich Ihnen etwas Der Kupferſtecher öffnete das Schächtelchen:..— ſeine goldne Uhr lag darin. War es ein Traum, eine „Ich kann Ihnen nicht danken, mein Herr,“ ſagte er, während die Thränen über ſeine Wangen liefen, erſte, was ich außer Nancy auf der Welt habe.— Hier ſteht meines Sohnes Name,“ fuhr er fort, nach⸗ dem er die Uhr geöffnet,„ja, hier ſoll auch der Name des Kolonel Auguſt van Bergen prangen, in Buch⸗ ſtaben, ſo ſchön, ſo zierlich, alg ſie je mein Stift ge⸗ graben, um des braven Kolonels mich ſtets zu er⸗ r n“ „„Jakob Horſt!“ ſagte der Kolonel,„es freut mich, Sie ſo glücklich zu ſehen; wenn ein Menſch ſich froh fühlt, i er leicht geneigt, auch ſeinem Feinde zu ver⸗ eeben, jetzt darf ich es wagen, zwiſchen Sie und Ihren eind als Vermitiler zu treten.⸗ „Meinen Feind! ich weiß Niemand, dem ich Feind 254 wäre,“ ſagte der alte Kupferſtecher,„ich lebe mit Je⸗ dermann in Frieden, ich haſſe Niemand und glaube von Niemand gehaßt zu werden.“ „Sie haſſen Niemand!“ rief van Bergen,„beden⸗ ken Sie ſich wohl?“ Jakob Horſt verneinte. 8 „Sie hatten einen Sohn,“ fuhr Auguſt van Ber⸗ gen fort,„JZohann, der Vater Nancys... er wurde van Henri Smith ermordet; haſſen Sie den Mörder nicht?“ V „Haß bis in den Tod! Einen unverſöhnlichen Haß!“ ſprach Horſt düſter und die Erinnerung an den traurigen Tod ſeines Sohnes ſchmerzte ihn tief.„Ko⸗ lonel!“ fügte er hinzu,„ſollte ich den nicht haſſen, der meinen Sohn ermordete, der meine Nancy zur Waiſe machte?“ V „Bedenken Sie die Umſtände...“ „Keine Umſtände können einen Mord rechtfertigen.“ „Aber doch milder beurtheilen laſſen...“ „Nein, nein! mein Haß bleibt unverſöhnlich. Nehmen Sie Ihre Uhr zurück, Kolonel, wenn Sie ſie mir gegeben, um meine Verſöhnung mit Henri Smit zu erkaufen. Ihm fluchend, werde ich meinen letzten Athem aushauchen.“ „Ich will Sie nicht erkaufen.“ Der Greis ſchüttelte den Kopf, während van Ber⸗ gen ihn zwang, Platz zu nehmen und Adam Smit gedankenlos in einer Ecke des Zimmers in einigen Papieren blätterte, die er in der Hand hielt. „Henri Smith beging einen Todtſchlag... abeſ keinen Mord.“ „Er brachte meinen Sohn um, ob nun dun Mord oder Todtſchlag, das iſt eins, er raubte mit meine Stütze, meine Hoffnung für die alten Tage, nahm Nancy ihren Vater.“ „Hören Sie mich ruhig an, das Betragen Ihr Sohnes rechtfertigt Henri Smilh nicht, aber mülden das Urtheil,“ ſprach der Kolonel und ſtellte dem alten Horſt die Verfolgungen ſeines Sohnes gegen den jun⸗ gen Smith in kurzen Zügen vor und rief zuletzt: „Wenn man Sie in ſolchem wichtigen Augenblicke von der Gattin reißen würde, würden Sie den Mana nicht haſſen, der dieß Urtheil auswirkte?“ „Von ſeiner Gaitin getrennt!“ verwunderte ſich der alte Kupferſtecher, das Wort Gattin mit beſonde⸗ rem Nachdruck ausſprechend,„ſeine Gattin, ſagen Sie?“ „Ja, wie ſollte ich die Frau Henri Smiths anders nennen?“ „Aber ſie war ja ſeine Gattin nicht, er lebte mit der Frau in unerlaubter Verbindung.“ „Sie irren, guter Horſt! Helena war die recht⸗ mäßige Gattin Henri Smiths,“ ſprach van Bergen, „durch das Band der Ehe war ſie mit ihm verbunden. Die Ehe ward im Stillen ohne Wiſſen ſeines Vaters vollzogen, nur ſein Bruder und ein vertrauter Freund kannten dieß Geheimniß.“— „Sie wußten alſo, daß Ihr Bruder verheirathet war, Herr Smith,“ ſagte Jakob Horſt verwundert, „und Sie waren es immer, der ſich am meiſten aus⸗ ließ über die ſchändliche Lebensweiſe, welche Ihr Bru⸗ der mit einer unzüchtigen Frau führe. Wie oft ſpra⸗ chen ſie mit mir und meinem Sohne darüber!“ „Er war verheirathet, gerichtlich verheirathet!“ ſprach der treuloſe Bruder und ſchlug ſeine Augen wieder auf die vor ihm liegenden Papiere nieder, da er fürchtete, den Blicken des Kolonel zu begegnen. Der Kolonel erzählte nun die uns bereits be⸗ kannte Geſchichte von Henri Smiths Gefangenſchaft und ſeines Vaters Tod. „War es darum zu verwundern,“ ſo ſchloß van Bergen,„daß Smith von der Wuth hingeriſſen, als er ſeine Freibeit wieder bekam und Ihren Sohn be⸗ gegnete, Ihren Sohn, der ihn ſo ſchrecklich marterte, 256 daß der Unglückliche, ſeiner ſelbſt nicht Meiſter, unbe⸗ dacht der Stimme der Rache Gehör gab?“ „Aber mein Sohn war nicht Meiſter ſeiner eige⸗ nen Handlungen,“ vertheidigte der alte Horſt,„Jo⸗ hann ſelbſt war mit dem Looſe Henri Smiths unzr⸗ frieden, und that Alles, um das Schickſal deſſelben zu mildern, ja um dem Gefangenen ſeine Freiheit wieder zu geben. Sprechen Sie, Herr Adam Smith, Sie wiſſen ja, daß mein Sohn unſchuldig war an Allem, was der Kolonel ihm zur Laſt legte.“ Adam Smith ſchwieg und Jakob fuhr fort: „Sie, Herr Smith, waren es, der, als die Sachen meines Sohnes rückwaͤrts gingen, ſich anboten, Gil⸗ der vorzuſchießen unter der Bedingung, daß er Ihren Bruder in den Schuldthurm ſetzen laſſe, der nach Jh⸗ rer Ausſage ein Taugenichts war und Schande über Ihre Familie brachte„ein Verſchwender, ein ſittenloſer Menſch, der ein ſchändliches Leben mit einer unzüch⸗ tigen Frau führe und vielleicht auf dem Schaffot en⸗ digen würde, wenn nicht kräftige Mittel gebraucht würden, um ſeinem ſchändlichen Lebenswandel zu ſteu⸗ ern. Sie hatten deßhalb die beſte Wirkung von ein paar Jahren im Schuldthurm. Mein Sohn ſtimmte ein; er erhielt Leibzwang auf Henri Smith und that was uns weiter bekannt iſt. Doch Sie waren es, der die Unkoſten bezahlte. Als Henri meinen Sohn zu ſich holen ließ und ihn bat, ſeinen ſterbenden Va⸗ ter ſehen zu dürfen, eilte mein Johann ſelbſt zu Adam Smith und bat ihn um die Freiheit des Gefangenen, aber er blieb unerbittlich, er nannte das Betragen ſeines Bruders nur eine Liſt, um aus dem Schuld⸗ thurme entlaſſen zu werden; er, der Herr Adam Smith und nicht mein Sohn, iſt die Urſache der lange dauern⸗ den Gefangenſchaft des Mörders meines Sohnes; Henri's Bruder und nicht mein Sohn war es, der ihm die Gelegenheit nahm, dem Verlangen ſeines ſter⸗ benden Vaters zu entſprechen.“ ————— 2 u— 257 „Auch dies Blut, das Blut Johann Horſts komme auf Ihr Gewißſen!“ rief Auguſt entrüſtet und die An⸗ weſenheit des alten Kupferſtechers und ſeiner Enkelin vergeſſend, donnerte er ihm zu:„Sie haben den Bru⸗ der zu einem Mörder gemacht!“ Adam Smith ſchauerte. Der Kolonel wandte ſich mit Abſcheu von ihm ab und das Wort an den Ku⸗ pferſtecher richtend, ſprach er alſo zu ihm: „Jakob Horſt, Henri Smith glaubte in Ihrem Sohne die Urſache all ſeines Leidens zu ſehen, hätte er ſeine Unſchuld gekannt, wäre gewiß nicht die mordende Hand auf ihn gefallen. Henri irrte! Schenken Sie ihm darum Vergebung. Schwer hat er gebüßt, jahrelang irrte er in der Fremde, vom peinigenden Gewiſſen überall weiter getrieben. Laſſen Sie ihn endlich ruhen, und vergeben Sie dem Mörder.“ Der Kolonel ſprach mit tiefbewegter Stimme. „Ja,“ rief Nancy,„folge meinem Vorbilde! Ich vergebe ihm! Großvater, vergib dem Mörder meines Vaters.“ 1 „Ihre Worte rühren mich...“ ſagte Jakob Horſt, „Sie find ein edler Mann, Herr van Bergen! Ihre Sprache hat Eingang zu meinem Herzen gefunden, noch nie hat Jemand ſo zu mir geſprochen. Verge⸗ bung... ja... ich widerrufe meinen Fluch.. Vergebung Henri Smith, dem Mörder meines Sohnes!“ Unerwartet wurde die Thüre des Nebenzimmers geöffnet und Henri Smith erſchien. „Edler Mann!“ risf er aus, während die Thränen ſeine Worte oft unterbrachen,„Iegen Ste die Hand auf mein Haupt und wiederholen Sie die Worte... das wird mir Ruhe geben... Balſam gießen in mein gequältes Herz... ich bin Henri Smith!“ „Henri Smith!“ rief der Kupferſtecher erſchreckend und trat einen Schritt zurück; plötzlich aber legte er gerührt die Hand auf das Haupt des Mörders, der ehrfurchtsvoll vor ihm kniete. 258 „Der Kolonel verließ das Zimmer, kam aber bald wieder zurück und führte Frank und Klara, während der ſchwarze Dolf, deſſen Geſicht bleicher als je und deſſen Augen düſter um ſich blickten, folgte. „Ha, Frank und Klara!“ rief Henri Smith. „ Jetzt kein Geheimniß mehr,“ rief der Kolonel, „machen Sie ſie glücklich... ſagen Sie ihnen, wer Sie ſind.“ „Claral Frank! nennt mich Vater, ja, Kinder, ich bin euer Vater! Frank! Klara! umarmet mich!.. O, Kinder, Kinder!...“ „Großer Gott, wäre es möglich!“ riefen Frank und Klara wie aus einem Munde. „Es iſt Wahrheit... ihr ſeid meine Kinder, ich bin euer Vater... ja, euer Vater!“ und Henri ſprach dies Wort mit beſonderem Nachdruck. „O Kolonel, wieviel bin ich Ihnen ſchuldig.“ „Vater!. Vater!..“ riefen die Kinder, und dann ſchwieg ihr Mund, ihre Thränen ſagten unend⸗ lich mehr. * N* „Sie gehen noch heute mit Ihren Kindern in eine andere Stadt,“ ſagte der Kolonel zu Smith flüſternd, „Ihr Aufenthalt hier möchte Ihnen gefährlich werden. Mein Wagen ſteht zu Ihrem Befehle. Ihre eigene Sicherheit macht Ihre Abreiſe nothwendig; ſobald alle Angelegenheiten gehörig geordnet ſind, werden wir weiter unſere Plane machen.“ Jetzt wandte der Kolonel ſich zu Adolf: „Mein junger Freund,“ ſagte van Bergen zu ihm, „nehmen Sie Abſchied von den Beiden, mit denen das Schickſal Sie ſo lange verbunden; Ihr Umherirren hat ein Ende. Bis auf dieſen Augenblick waren ſie unzer⸗ trennlich, jetzt haben ſich die Umſtände geändert.“ „Wenn ich mich nicht irre, ſo ſind ſie jetzt reich, 259 groß und der Himmel weiß, was Alles geworden,“ ſagte Adolf düſter,„ich wünſchte lieber, vaß ſie arm geblieben wären, um Klara... Doch ich begreife Sie, wenn man reich wird, bekommt man andere Freunde, da muß der arme Freund weichen...“ „Nein, Adolf,“ ſagte der Kolonel,„in wenigen Tagen werden Sie zehntauſend Gulden erhalten, mit einer ſolchen Summe wird ein junger Mann wie Sie ſein gutes Fortkommen finden.“ „Zehntauſend Gulden!“ rief Adolf, kaum ſeinen Ohren trauend,„und beſitzt Klara mehr?...“ „Frank und Klara werden bald zu den Reichſten der anpi edt gehören,“ gab der Kolonel zur Ant⸗ wort. „Zu den Reichſten!“ rief Adolf...„Klara..“ und ſein Blick wurde wieder düſter. „Sie wiſſen, was mit Deeman geſchehen,“ ſagte der Kolonel, ſo leiſe ſprechend, daß er nur von Adolf konnte verſtanden werden,„und in welchem Verhältniß Sie zu ihm ſtanden. Darum iſt es Ihnen zu rathen, dieſe Stadt ſobald als möglich für einige Zeit zu ver⸗ laſſen. Sehen Sie hier, dieſe Börſe enthält zweihun⸗ dert Gulden für den erſten Augenblick, verlaſſen Sie Amſterdam und melden Sie mir Ihren Aufenthaltsort. Je weiter von hier, deſto beſſer.“ „Iſt es mir nicht vergönnt, Frank und Klara zu folgen?“ „Jetzt nicht, vielleicht ſpäter..“ „O, ich begreife Sie. vielleicht ſpäter, das heißt, wenn Du ſo reich biſt als ſie jetzt ſind. O, Alles iſt mir klar! Der ſchwarze Dolf war der Freund Franks und Klara's; als ſie arm waren, konnte man ihn dar⸗ an nicht hindern, aber jetzt, da ſie reich ſind, fertigt man ihn mit Gold ab. Ich kann das Gold nicht zu⸗ rückſchlagen, ich nehme es dankbar an,“ ſagte er, wäh⸗ rend er mit Mühe eine aufwallende Thräne unterdrückte, „ein armer Menſch, der nichts beſitzt, dem nichts ge⸗ 260 hört, der keinen andern Namen als„der ſchwarze Dolf“ hat, darf nicht ſtolz ſein.. leben Sie wohl, Herr Kolonel... ich danke Ihnen.. ich werde Ihnen meinen Aufenthaltsort melden.“ Wehmüthig nahte er ſeinem Freunde Frank; er reichte ihm die Hand, die dieſer in der ſeinen mit Wärme drückte... Dann ſtreckte er bebend ſeine Hand nach Klara aus. „Klara!...“ Mehr war der tiefbetrübte Adolf nicht im Stande zu ſprechen. Wie ſchmerzlich fiel dem jungen Manne die Scheidung! Er ging... Haſtig verließ er das Zim⸗ mer mit einem Gedanken in ſeiner Seele, mit einer Hoffnung in ſeinem Herzen.. Klara Smith! Auguſt van Bergen ſah Adolf nach... ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte:„Es iſt unmöglich, Allen zu helfen.“. XXIV. Die Schenke De Achtkant. Das letzte Stück unſerer Erzählung hat viel Räth⸗ ſelhaftes vor die Blicke der Leſer geführt und wir müſſen daher einige Umſtände näber enthüllen, welche zur Zeit der Gefangennehmung David Rams und ſeines Sohnes Joachim den Leſern noch unbekannt waren. Wir ſagten, daß die Leiche Daniel Vos, des Schul⸗ meiſters von Hoogendal, in der Schenke Het Moori⸗ gantie gefunden wurden. Wie dem Leſer ſchon bekannt iſt, war Daniel Vos oder vielmehr ſeine Frau in den Beſitz eines Vermögens von zweitauſend Gulden ge⸗ 261 kommen, und um das Geld in Empfang zu nehmen, hatte ſich Daniel nach Amſterdam begeben, wo ihm denn auch die Summe ausbezahlt wurde. Solch einen Schatz hatte der Schulmeiſter noch nie beſeſſen. Obwohl Daniel im vollſten Sinne des Wortes kein Trunkenbold genannt werden konnte, denn es ver⸗ gingen Tage, da er nicht einen Tropfen geiſtigen Ge⸗ tränkes verſuchte, ſo gehörte er doch zu denen, welche, ſobald ſich die Gelegenheit zur Unmäßigkeit darbot, ſich dem Trinken überließen. Zweitauſend Gulden zu beſitzen und ſich nicht ein⸗ mal einen fröhlichen Tag machen, gehörte für Daniel Vos zu den Unmöglichkeiten. Kaum hatte er daher das Geld empfangen, als der vergnügte Tag begann. Da wir uns mit deſſen Schilderung nicht abgeben wol⸗ len, bemerken wir nur, daß der Schulmeiſter für alle Entbehrungen zu Hoogendal ſich ſchadlos zu halten ſuchte. Er beſuchte, um nobel zu erſcheinen, die erſten Kaffeehäuſer, und obwohl ſonſt gewöhnt, wenn er nach Amſterdam kam, ſein Mittagsmahl mit Brod und Kaffee in einem ſogenannten Schoſtkeller zu verzehren, ging er jetzt in die Zeven kerken van Rome, um zu di⸗ niren und vergaß nicht, die ſolideren Beſtandtheile der Melzei mit einer Flaſche guten Weines hinunterzu⸗ pülen. Darauf war er ſo fleißig in ſeiner Geldverpraſſerei, daß er erſt gegen Mitternacht daran dachte, eine Woh⸗ nung zu ſuchen, und um den nobel verbrachten Tag auch nobel zu beſchließen, begab er ſich in De groote doelen, wo ihm aber keine Wohnung mehr gegeben wurde, unter dem Vorwande, daß kein Platz mehr da ſei. So irrte er von einem großen Gaſthofe in den andern; aber nirgends zeigte man Luſt, den gemeinen Schulmeiſter, der Mühe hatte, auf ſeinen Beinen zu ſtehen, zu empfangen; hier war kein Platz, da wurden Veränderungen gemacht, kurz, Daniel Vos wandelte noch in den Straßen der Hauptſtadt, um eine Wohnung 262 zu finden, als alle Glocken von Amſterdam ſchon die erſte Stunde nach Mitternacht verkündeten. Es geſchieht Trunkenbolden ſehr häufig, daß ſie an Plätze kommen, wohin ſie gar nicht die Abſicht hatten zu gehen, und oft gar nicht wiſſen, wie ſie hieher kommen. Daniel Vos fand dieß auch. Fluchend über die Täuſchungen, welche er erfahren mußte, fragte er ſtets ſich ſelbſt, wie es wohl komme, daß ein Mann, der ſo reich ſei, wie er, ſo ſchwer unter Dach kommen könne und gelaugte endlich in die Goudsbloemſtraat, wo er vor einer kleinen Schenke hielt, in welcher trotz dem Verbote der Polizei, nach Mitternacht nicht mehr zu ſchenken, Alles noch in Bewegung zu ſein ſchien. Es war ein kleines unanſehnliches Haus, hoch und ſchmal, wie man viele in dieſer Straße antrifft. Zwei halbe Fäßchen hingen an den Pfoſten der Thüre, an jeder Seite eines und prangten mit den Worten: guter Wein, während über der Thüre ein großes Bret befeſtigt war, worauf mit weißen Strichen eine acht⸗ eckige Figur gemalt war, mit der Unterſchrift: IN DE AGT KANT Sterke drank en liqueren. Goed losies voor de rijzende man.*) „Es ſieht zwar nicht ſehr nobel aus,“ ſagte Da⸗ niel,„aber ich muß doch unter Dach und Fach kommen; um mich an den großen Gaſthöfen zu rächen, werde ich hier ſo viel verzehren, daß wenn ſie's hören, ſie es ewig bereuen werden, mich nicht aufgenommen zu ha⸗ ben.“ Und ohne ſich zu bedenken, ſchob er die geſtreifte Gardine, welche vor der Thüre hing, zur Seite und trat in De achtkant. *) Wir haben bei dieſem Aushaͤngeſchild die Recht⸗ ſchreibung ganz gelaſſen. Zu deutſch: Im Achteck, geiſtige Getraͤnke und Liqueure. Gute Wohnungen ür den reiſenden Mann. 5 1 263 In dem Vorhauſe befand ſich Niemand, aber das Zimmer dahinter war gepfropft voll: Orgeldreber, Gaukler, Bettler und anderes Volk ſaßen hier luſtig beiſammen, die erbettelten Pfennige heute noch durch⸗ zubringen; hier warfen die ſogenannten Krüppel ihre Krücken von ſich, die Blinden wurden ſehend und Stumme ſangen die ſittenloſeſten Lieder. Die Viertel, in welchen ſich die Betiler aufhalten, find einige Gänge und Gaſſen, beſonders das ſoge⸗ naunte Franſchepad, von welchem die Goudsbloemftraat ein Theil iſt, und die ſchon mehrmals genannte Dui⸗ velshoek. Die entſetzliche Menge Schenken, die ſich daſelbſt befindet, zeigt deutlich, auf welche Weiſe die Almoſen ausgetheilt werden. Unglaublich iſt es, wie hier von den in Lumpen gehüllten Bettlern gepraßt und ge⸗ ſchmaust wird, und oft werden Speiſen aufgetragen, die um ihrer Koſtbarkeit willen von manchem Bürger⸗ tiſche entfernt bleiben. Wir wiſſen aus ſehr glaub⸗ würdiger Quelle, daß ein Schlächter, der in einem dieſer Quartiere wohnt, jährlich für mehr als drei⸗ zehnhundert Gulden Fleiſch an eine dieſer Schenken liefert, welche ausſchließlich von Bettlern beſucht wird. Als eine Merkwärdigkeit führen wir die groß⸗ artigen Namen an, welche die Bettler dieſen elenden Schenken geben; ſo liest man über den Herbergen des armſeligſten Anſehens: De doelen, Het rondeel, Het groot keizerhof, Het Hôtel van St. Joris, Het hee- renlogement ¹) u. ſ. w., während wieder andere mit weniger glänzenden Namen ſich begnügen, als: De kip op stock, De tronken matroos, De jeneverkraan, De tronken Dirk ²) und andere, welche uns die Sitt⸗ 1) Zu deutſch: der große Stadtgaſthof des Rondel, der große Kaiſerhof, das Hotel St. Joris, der Heerrengaſthof. 2) Das Huhn auf der Stange. Der betrunkene Ma⸗ troſe. Der Jeneverkrahn. Der betrunkene Dirk. lichkeit zu nennen verbietet. Iſt es nicht zu bedauern, daß die meiſten Pfennige, welche mit wohlthätiger Ab⸗ ſicht gegeben ſind, in Sauferei, Schlemmerei und Un⸗ zucht verzehrt werden? Das Erſcheinen eines ſo reich gekleideten Herrn— denn daß Daniel Vos in De achtkant eine glänzende Erſcheinung war, brauchen wir wohl nicht zu ſagen— erregte nicht wenig die Verwunderung der edlen Ge⸗ ſellſchaft und es ſchmeichelte dem Schulmeiſter ſehr, auf ſich alle Blicke ruhen zu ſehen. Mit nicht wenig Selbſtgefühl raſſelte Daniel Vos mit ſeinem Gelde, verlangte eine Flaſche vom beſten Weine, die ihm zu ſeiner nicht geringen Verwunderung augenblicklich vor⸗ geſetzt wurde und verſank dann in einen Zuſtand, der die Mitte hielt zwiſchen Wachen und Schlafen. Der Wirth der Achtkant, Niemand anders, als David Ram, der wohl bemerkte, in welchem Zuſtande ſich der neue Gaſt befand, beſchloß ſeinen Nutzen zu ziehen und ſtellie fich in ehrerbietiger Haltung neben Daniel; er erklärte, ſich beſonders geehrt zu fühlen, einen ſo vornehmen Herrn in ſeiner Schenke zu ſehen, verbeugte ſich verſchiedene Mal, fragte, ob der Wein dem Herrn munde u. ſ. w. Der Schulmeiſter nahm dies Alles für ächte Münze und um ſeine Größe zu zeigen, gab er ein Dreiguldenſtück her, um die edle Geſellſchaft zu regaliren. Der krumme David, der hieraus ſchloß, daß ſein Gaſt ſehr mit Geld verſehen ſei, verdoppelte ſeine Höflichkeit und horchte aufmerk⸗ ſam auf die Erzählung, die ihm Vos vorlog. Dieſer gab ſich für einen der vornehmſten Fabri⸗ kanten des Gelderlandes aus und erklärte, eine ſo be⸗ deutende Erbſchaft gemacht zu haben, daß er nicht min⸗ der und nicht mehr als eine halbe Tonne Goldes bei ſich trage. Dieſe Geſchichte, welche David Ram glaubte, ko⸗ ſtete Vos das Leben. Der Schulmeiſter wollte ſich endlich zur Ruhe be⸗ geben, und David brachte ihn in ſein eigen Bett, das einzige, das ſich im ganzen Hauſe befand, da die üb⸗ rigen Gäſte, welche in De achtkant ihre Nachtwohnung aufſchlugen, ſich mit Stroh begnügen mußten; denn gute Kleidung und ein gutes Bett ſind dem Bettler gleichgültig; eine leckere Mahlzeit, Ueberfluß an gei⸗ ſtigen Getränken, wollüſtiger, ſinnlicher Genuß ſind das Einzige, was Intereſſe für ihn hat, das Einzige, für das er dem wohlthätigen Vorübergänger in de⸗ müthiger, erbarmenswürdiger Haltung ein Almoſen abbettelt. Als die Gäſte ſich auf die Bühne, das einzige Ge⸗ mach zum Uebernachten begeben hatten, und Andere in ihre elenden Wohnungen unter Ziegeldächer oder unter⸗ irdiſche Keller zurückgekehrt waren, mit einem Worte, als David mit ſeinem Sohne allein geblieben, began⸗ nen beide ein leiſes und geheimnißvolles Geſpräch. „„Er hat viel Geld bei ſich, Jim, wenn wir das bätten, wären wir für immer geborgen.“ „Eine halbe Tonne Goldes! Wie Teufel, der Kerl hieher gekommen iſt, wenn man ihn vermißte, würde ihn Niemand hier ſuchen.“ „Nein.. eine halbe Tonne Goldes...“ ſagte Da⸗ vid lachend. „Das Geld muß das unſre werden,“ fügte Zim hinzu, und darauf ſprachen ſie ſo leiſe, daß einer den Andern nur mit Mühe verſtehen konnte. Nachdem Vater und Sohn geraume Zeit ſich auf dieſe Weiſe unterhalten hatten, begaben ſie ſich in die Kammer, wo der Schulmeiſter lag. Jim drückte ſein Taſchentuch ſo feſt als möglich auf den Mund des Schla⸗ fenden, während David ihm einen ſo tiefen Schnitt erwen Hals machte, daß das Meſſer auf das Genick⸗ ein ſtieß. Ohne einen Laut von ſich zu geben, ja„ beinahe ohne ſich zu verrücken, athmete der Schulmeiſter aus. Amſterdams Geheimniſſe. I. 18 266 Augenblicklich wurden alle Klelver des Ermordeten durchſucht, ſelbſt die Naht da und dort aufgetrennt, aber wie man auch ſuchte, nirgends war mehr zu fin⸗ den, als neunzehnhundert ſechszehn Gulden in Bank⸗ noten in der Brieftaſche und ungefähr zwölf Gulden an Silbergeld.. Wie vom Donner getroffen ſtarrten die beiden Mörder einander an, als ſie gewahrten, daß nichts weniger, als eine halbe Tonne Goldes ihnen zu Theil geworden.. als ſie ſahen, daß ſie für eine ziemlich kleine Hue den Lebensfaden des Fremden abgeſchnitten atten. „Er log alſo, als er ſagte, daß er eine halbe Tonne Goldes bei ſich habe,“ ſagte Jim.„Wir haben nicht einmal den zehnten Theil der Summs.“ „ Und für ſo wenig haben wir einen Mord auf dem Gewiſſen.“ „Es iſt ſeine eigene Schuld, warum log er, hätte er die Wahrheit geſagt. Ja, wahrhaftig, hätte er die Wahrheit geſagt, er würde noch leben.“ „Und mein Plan iſt ganz zerronnen,“ ſagte David Ram,„ich glaubte, reich zu werden...“ „Nun,“ ſagte Jim, auf die Brieſtaſche zeigend, welche Ram in der Hand hielt,„es iſt doch noch Etwas, es hätte ſchlechter ſein können, er hätte ja auch nicht mehr Geld haben können, als in der Börſe iſt.. Aber was nun thun?“ „Niemand hat geſehen, daß er dieſes Haus betrat, und den Gäſten werde ich weis zu machen wiſſen, daß er dieſen Morgen frühzeitig fortgegangen ſei, oder eiwas dergleichen; auch wird man ihn nicht bei mir ſuchen, denn wer könnte vermuthen, daß ein ſo anſtändiger Mann in De achtkant übernachtet ſein ſollte. Das Bett mußt Du verbrennen, es iſt nur ein Strohſack und alſo nichts werth, und morgen, wenn es Tag iſt, werden wir genau unterſuchen, ob nirgends Blut iſt.“ „Aber die Leiche, Alter?“ „Du mußt mir helfen, Jim, wir werden ſie in die Gracht werfen.“ „Biſt Du toll!“ rief Jim,„die Leichen kommen immer nach dem neunten Tage auf die Oberfläche, und dann würde man an ſeinem Halſe ſehen, daß er er⸗ mordet iſt, und die Sache ſo herauskommen; nein, es taugt durchaus nicht.“ „Aber was dann?“ fragte David.„Mich dünkt, daß das Waſſer der beſte Aufenthalt iſt, wie lange oder kurz es auch dauern mag, und kommt die Leiche nach oben, entdeckt man, daß er ermordet iſt, dann weiß doch Niemand, daß wir es gethan haben.“ „Du biſt ſchlimm berichtet, Alter. Wie viel Men⸗ ſchen hahen ihn heute Abend bei uns geſehen, unſer Völkchen iſt den ganzen Tag um den Weg, würde deß⸗ halb die Leiche bald erkennen und dem Gerichte die An⸗ zeige machen, daß der Ermordete hier geweſen.“ „Sieh, nun haſt Du wieder Recht, Jim,“ ant⸗ wortete der Vater ſeinem verſtändigen und einſichtigen Sohne. Zugleich ſann er auf ein anderes Mittel, fand aber keines.„Aber wo ſollen wir denn mit der Leiche n 24 „Auf der Bühne ſteht noch eine leere Schiffskiſte, dorthinein legen wir die Leiche, ſchließen ſie und brin⸗ gen fie in den Keller, und da wird kein Hahn darnach krähen. Haben wir dann mit der Zeit eine gute Ge⸗ legenheit, um uns ihrer zu entſchlagen, dann werden wir davon Gebrauch machen, und ſo lauft Alles ganz ſicher ab.“ Zim's Rath wurde befolgt, und die Leiche des un⸗ glücklichen Daniel Vos in der Kiſte verborgen, und da Mimi, die zärtliche Gattin, nicht anders dachte, als daß ihr Mann mit dem Gelde durchgegangen, ſo wur⸗ den keine weiteren Nachforſchungen nach dem Schul⸗ meiſter von Hoogendal gemacht. Von dem bei dem Ermordeten gefundenen Gelde kaufte David Ram einige Zeit ſpäter Ilet mooriaantje 268 in dem Suikerbakkerſteeg und brachte die Kiſte, worin die Leiche lag, nebſt dem andern Haugrath der Achtkant in der Goudsbloemſtraat nach ſeiner neuen Wohnung, wo der Mord entlich entdeckt wurde, wie wir ſchon früher geſehen haben. Noch einige Aufhellung über die Anweſenheit der Leiche des ungariſchen Doktors in dem Hôtel des Pays-Bas. Schon am folgenden Morgen, nachdem der un⸗ glückliche Hauſer von Adam Smith ermordet worden war, hatte der Kolonel van Bergen nach der Leiche an dem Orte ſuchen laſſen, wo nach der Ausſage van Zweedens der Kommiſſionär ſein Opfer in die Gracht geworfen hatte. Die Leiche wurde endlich aus der Prinſengracht aufgefiſcht; der Kolonel hielt es, in Uebereinkunft mit ſeinem Plane, für unnöthig, zu er⸗ klären, daß er den Namen wiſſe, und auch van Zwee⸗ den ließ auf Befehl van Bergens nichts davon merken. Die Leiche, ſo von Niemand erkannt werdend, wurde in das Buiten-Gasthuis gebracht, da nach der Ge⸗ wohnheit in das Todtenzimmer gelegt, ohne daß bei dem Einen oder Andern ein Gedanke an gewaltſamen Mord aufgeſtiegen wäre, während man viel eher den Tod des Mannes einem unglücklichen Zufalle oder Selbſt⸗ morde zuſchrieb. Van Bergen, der wohl wußte, daß Adam Smith nicht bekennen würde, und an deſſen Ge⸗ ſtändniß ſoviel lag, hatte durch große Geldopfer die Leiche an jenem Abende für einige Augenblicke zu er⸗ halten gewußt. In einer gewöhnlichen Kiſte wurde die Leiche in das Hôtel des Pays-Bas gebracht, ohne daß Jemand außer Hendrik und vie erkauften Perſonen wuß⸗ ten, was die Kiſte enthielt; und ſobald die Leiche die gewünſchte Wirkung gehabt,— wir erlauben uns die⸗ ſen Ausdruck— wurde ſie auf ebenſo geheimnißvolle Weiſe wieder in das Krankenhaus zurückgebracht. Nach dieſem Rückblicke nehmen wir den Faden un⸗ ſerer Geſchichte wieder auf.. —— + — — K=— — — — — = — 42 — — XXV. Der ſchwarze Dolf. Herrn H. Smith. in 8.... „Mein Herr und Freund! „Mit Vergnügen theile ich Ihnen mit, daß wir für die Beſitzthümer Ihrer Kinder, Frank und Clara, die denſelben von Ihrem Bruder abgeſtanden worden, ſtebentauſend Gulden mehr erbalten haben, als Adam Smith den Werth ſchätzte. Die Gelder, welche nach Abzug der Koſten unter meiner Verwahrung find, betragen daber die ſehr anſehnliche Summe von vier⸗ mal hundert und fünftauſend Gulden, über welche Sie nach Gutdünken, wann Sie wollen, verfügen können. Ich werde Ihnen nicht zu ſagen nöthig haben, daß Ihr Aufenthalt in Holland fär immer gefährlich bleibt, und ich glaube, daß das Vaterland, an welches ſich für Sie ſo trübe Erinnerungen knüpfen, wenig Anzie⸗ vendes für Sie haben kann. „Auch ich fand auf dem niederländiſchen Boden nichts als Täuſchungen und Vereitelung der heißeſten Hoffnungen und verlange mehr als je, das Land zu ver⸗ laſſen, das ich mein Vaterland nenne. Ja, mein Freund, feurig verlange ich nach Oſtindien zurück zu kehren, das mir als mein zweites Vaterland lieb und theuer ge⸗ worden iſt; da will ich meine Tage beſchließen. Auch Sie ſind in jenem Lande kein Fremdling und darum lade ich Sie ein, mich mit Ihren Kindern dorthin zu be⸗ gleiten. Da find Sie als Smith unbekannt und haben keine ——õyn 272 Entdeckung zu fürchten. Das ſonderbare Betragen Ih⸗ res Bruders, Adam Smith, deſſen Urſache Niemand kennt, gibt zu allerlei Argwohn Veranlaſſung und wlie leicht könnte dieſer Argwohn für Sie von den ſchreck⸗ lichſten Folgen ſein. Ich wiederhole es daher in Ihrem Miterrſſe⸗ eine baldige Abreiſe wird rathſam für Sie ein. „Frank und Klara werden nicht zögern, Ihnen zu folgen; ſie haben ja hier weder Freunde noch Bekannte. Und die wenigen Perſonen, mit denen ſie von früher her bekannt ſind, ſind keineswegs tauglich, die Geſell⸗ ſchaft und den Umgang für Frank und Klara zu bilden. „Auch ich mache mich zu einer daldigen Abreiſe bereit, die Umſtände, die mir Holland jetzt unerträglich machen, und mich daraus fort treiben, ſind Geheimniſſe und werden ſolche hleiben. „Ich wünſche daher, alsbald Zhren Entſchluß zu hören und darum wäre mir Ihr Hieherkommen ſehr angenehm, um mündlich die Plane zu beſprechen. „lUm ſicher zu ſein, daß Sie dieſen Brief erhalten werden, ſchicke ich denſelben durch meinen Bedienten, Sie wiſſen, daß Sie dem alten Hendrik in Allem trauen können. „Grüßen Sie Frank und Klara von Ihrem Freunde Auguſt van Bergen.“ * 8 Als der Kolonel dieſen Brief geſchrieben hatte, er⸗ griff er die Tafelglocke und ihre ſilbernen Töne klangen in das Nebenzimmer. „Du begibſt Dich morgen mit dieſem Brief nach L..„“ ſagte van Bergen zu dem eintretenden Be⸗ dienten,„eine vertraute Perſon muß dieß Papier über⸗ bringen und ich kann darum Niemand beſſeres wählen. Dnu mußt Dir die Reiſe ſo bequem als möglich machen 273 und es Dir an nichts fehlen laſſen, denn Du wirſt alt und des Reiſens wohl müde ſein. Es iſt Deine eigene Schuld, Hendrik, daß ich Dir dieſen Dienſt auflade, ſchon oft wollte ich Dir einen Jahrgehalt ausſetzen, damit Du Deine Tage in Ruhe beſchließen könnteff.“ „Sprechen Sie mir von keinem Jahrgehalt, Ko⸗ lonel,“ ſagte Hendrik etwas ärgerlich,„ich mag das Wort nicht hören, es klingt mir in den Ohren wie Gnadenbrod; bin ich Ihnen zu alt oder zur Laſt, be⸗ diene ich Sie nicht mehr nach Ihrem Wunſche, ſo ſa⸗ gen Sie ſchlechthin, Kolonel, ich könne gehen, in dem einen oder dem andern wohlthätigen Stifte wird wohl noch ein Plätzchen für den alten Hendrik ſein.... mit einem Jahrgehalt... da will ich nichts davon wiſſen. Wenn Sie mir auch Geld geben würden, um auf einem Dorfe anſtändig leben zu können, was ſollte ich den ganzen Tag thun, wen hätte ich, um mit ihm ſpre⸗ chen zu können? Die mich nicht kennten, würden mich vielleicht einladen, dann hieße es: Wer iſt der alte Herr? Ein ehemaliger Bedienter. Sie würden die Naſe rümpfen und die ich Geld verdienen ließe, wür⸗ den mich hinter dem Rücken auslachen. Bedienter, Sie wiſſen nicht, was das iſt!... Wenn Sie mich glücklich ſehen wollen, ich habe es oft geſagt, ſo müf⸗ ſen Sie heirathen und wenn ich dann ſähe, daß Sie eine brave Frau hätten, wenn Ihre Kinder mit mir ſpielten und mich an den Haaren zupften, die in Ihrem und Ihres Vaters Dienſten grau geworden, dann wäre ich glücklich und glücklicher als mit tauſend Jahrge⸗ halten!“ 4 „Sei ſtill!“ rief der Kolonel in mißvergnügtem Tone, ohne daß Hendrik die Gründe ahnen konnte, durch die er die Unzufriedenheit ſeines Herrn verdient hatte. „Hendrik, Du weißt nicht, wie dieſe Worte mich ver⸗ wunden.“ 6 Van Bergen ſchwieg einige Augenblicke und fragte, im von dem Geſpräche abzuhrechen: 274 „Iſt es wahr, Hendrik, daß van Zweeden den alten Weg wandelt?“ „Za, Kolonel, noch geſtern hat er ſich in dem franzöſiſchen Kaffeehauſe ſo ſehr dem Genuſſe geiſtiger Getränke übergeben, daß es ihm unmöglich war, nach Hauſe zu kommen, und deßhalb mußte man für einen Wagen ſorgen.“. „Unverbeſſerlicher Trunkenbold!“ rief der Kolonel, „durch Ueberzeugung iſt er von ſeiner Gewohnheit nicht abzubringen, es muß alſo durch Zwang geſchehen! Heute Abend, Hendrik, will ich meinen Plan ausfüh⸗ ren, porge, daß Alles in Berecitſchaft ſei... Und Hen⸗ riette?“ „Das Nädchen iſt ein Engel, Kolonel! Sie iſt jetzt ganz zu Ordnung und Sparſamkeit zurück gekehrt; Sie wiſſen, daß als Sie das Geld erhielt, ſie an nichts anderes dachte, als ſich Vergnügen zu machen und ihre Freundinnen zu regaliren; nach Ihrem Befehle habe ich mich nach ihrem Geliebten erkundigt und die Be⸗ richte über ihn lauten günſtig: er iſt ein Sattler, ge⸗ ſchickt und fleißig und von guter Aufführung. Beſon⸗ ders der Geliebte brachte ſie von ihrer Verſchwendung ab. Jetzt iſt ſie wieder ſparſam und arbeitet fleißig; täglich beſucht ſie ihren Vater und Bruder im Gefäng⸗ niß, und ſucht ihr Loos zu mildern.“ Es wurde leiſe an die Thüre geklopft. Hendrik öffnete dieſelbe. 7,8 iſt Jemand da, der Sie ſprechen will, Ko⸗ onel!“ „Sein Name?“ „Er nennt ſich Adolf.“ „Adolf!“ rief van Bergen,„laſſe ihn herein.“ Die angemeldete Perſon trat ein; ſein ſonſt ſo bleiches Ge⸗ ſicht war noch bleicher geworden, und der Ausdruck ſei⸗ ner ſchwarzen Augen noch düſterer als je. „Sie haben viel für mich gethan, Herr Kolonel,“ ſprach er, während er ſich kaum die Zeit ließ, den Ko⸗ 1 275 lonel gehörig zu grüßen,„dieß beweist Ihr Intereſſe ſür mich und darum darf ich es wagen, Ihre Hülſe für mich anzurufen.“ „Das Geld, das ich Ihnen gab, iſt doch nicht ver⸗ zehrt?“ fragte der Kolonel mit ſtrengem Blicke. „Ich würde unwürdig ſein, je zu beſitzen, wenn dieß der Fall wäre,“ ſagte Adolf,„meine Bitte iſt ganz anderer Art. Ich will mein Vaterland verlaſſen, um anderswo mein Glück zu verſuchen; da Sie in Oſt⸗ indien bekannt ſind, wünſche ich Ihre Fürſprache, denn ich habe mir vorgenommen, dorthin zu ziehen.“ „Wie, Sie wollten das Vaterland, Ihre Freunde und Bekannte verlaſſen?“ „Mein Vaterland iſt überall,“ gab Adolf düſter zur Antwort, ich ſtehe in keinen Verhältniſſen und der einzige Freund, den ich hatte, wurde von mir geſchle⸗ den. Dieſer Freund iſt Frank Smith.“ „Aber warum in fernen Landen das ſuchen, was hier für Sie zu finden iſt, mit dem, was Sie befitzen, wird es Ihnen leicht werden, Etwas zu beginnen. Und was wäre Ihr Plan in Oſtindien 2⸗ „Ich will in Dienſte treten.“ „Sind Sie toll oder hat der Glanz der Uniform auch Ihre Augen verblendet?“ „Nein, ich weiß, daß der Soldat ſeine Freiheit verkauft, zu blindem Gehorſam gezwungen iſt, aber ich will doch, was ich ſage; ich meine dieß wirklich Herr Kolonel, in Oſtindien will ich im Kriege meinen Tod ſuchen, hier in Holland iſt Friede, hier kann ich mein Ziel nicht erreichen, aber dort..“ „Sie find wahnfinnig,“ fiel van Bergen ihm in die Rede,„in Ihren Jahren ſchon den Tod wünſchen.“ „Das Leben hat keinen Werth mehr für mich, ſeit ich verloren, was mir theuer war.“ „Clara!“ ſagte der Kolonel, wäͤhrend er den ſchwar⸗ zen Dolf mit durchdringendem Blicke anſah. Eine dunkle Röthe verbreitete ſich über das Ge⸗ 36 des Jünglings, eine Thräne glänzte in ſeinem Auge. „Sie leſen in meiner Seele,“ antwortete er und ſchlug die Augen nieder. „Ich habe es errathen,“ ſagte van Bergen,„Sie lieben Klara Smith, aber ſeien Sie klug... Gie be⸗ greifen..“. „Ich begreife,“ rief Adolf heftig,„daß Klara nie die meine werden kann, ſie iſt reich, hat einen Vater, einen Namen.. aber was habe ich? wer bin ich?... wer waren meine Aeltern?“ „Können Sie ſich denn gar nichts erinnern von Ihrem Vater oder Ihrer Mutter? „Nichts, nur meine Tante könnte mir ſagen, wer meine Aeltern waren, aber ſie weigert ſich, mich als ihren Neffen zu erkennen. Das letzte Mal als ich ſie beſuchte, ſchwur ſie hoch und theuer, mich nie geſehen zu haben, und mich durchaus nicht zu kennen,“ „Und die Tante lebt noch?“ „Ja, ſie hat ein Leihhaus!“ Und Adolf nannte die Straße, wo die Frau wohnte. „Sie muß ſprechen,“ ſagte der Kolonel beſtimmt, „ich will ſie zwingen, zu ſagen, wer Sie ſind.“ „Sie kennen ſie nicht, Herr Kolonel, ſie iſt eine halsſtarrige Frau.“ „Wenn Milde nichts nützt, werde ich Gewalt an⸗ wenden. Kommen Sie, Adolf, alsbald wollen wir dort⸗ hin gehen!“ Von einem beſonderen Eifer getrieben, von einem unwiderſtehlichen Willen beherrſcht, von dem man ſich oft ſelbſt keine Rechenſchaft geben kann, wollte der Ko⸗ lonel unmittelbar einen neuen Plan ausführen. Er wollte die Frau ſprechen und begab ſich nach der ihm von Adolf angedeuteten Wohnung auf den Weg. „Warten Sie hier auf mich,“ ſagte der Kolonel, als ſie den Ort ihrer Beſtimmung erreicht hatten,„es iſt beſſer, daß ich allein gebe; doch entfernen Sie ſich 4 1. 277 nicht zu weit, um Sie bei der Hand zu haben, wenn es nöthig wäre?“ 1 Van Bergen trat in ein kleines Leihhaus und fand hinter dem Ladentiſch eine Frau, die nach Adolfs Be⸗ ſchreibung ſeine Tante ſein mußte. Wir wollen dem Leſer ihre Perſon nicht ſchildern, da wir in ihr eine Bekannte, nehmlich die Frau de Geer finden.. „Nun,“ fragte ſie verwundert, als ſie einen ſo nobel gekleideten Herrn ſah, von dem ſie nach ſeinem Aeußern zu ſchließen, nicht glauben konnte, daß er etwas verſetzen wollte.„Nun?“ „Sind Sie die Frau de Geer?“ ſprach van Bergen. Die Bankhalterin nickte. „Ich wünſche Sie einige Augenblicke zu ſprechen Frau de Geer, und zwar über einen Neffen von Ihnen Namens Adolf. 3„Hab kein’ Neff', weiß von keinNeff,“ ſagte Frau de Geer in ihrer gewöhnlichen Sprechart.„Naͤrriſches Geſchwätze, halten Sie mich nicht auf.“ „Sie haben alſo keinen Neffen?2⸗ „Keine Neffen, noch Nichte, nichts von allen dem.“ „Aber Sie haben doch ein Kind erzogen, und dieß Kind war Adolf.“ „Lügen, nichts als Lügen, Kinder erziehen läſtig Geſchäft, bedanke mich dafür.“. „Wie Sie könnten läugnen, ein Kind erzogen zu haben?“ rief van Bergen. Er nahm drei Goldſlücke aus der Börſe und legte ſie vor ſich.„Das ſoll Ihre Belohnung ſein, wenn Sie die Wahrheit ſagen, wenn Sie es aber nicht thun, ſo werde ich Sie gerichtlich dazu zwingen und Sie werden nicht ungeſtraft ein Kind verkauft haben.“ Die rieſenhafte Frau erſchrack bei dieſen Worten und als der Kolonel es bemerkte, drang er ſo heftig auf das Bekenntniß, daß Frau de Geer endlich ſagte: Nun ja, Kind gehabt, bei mir geweſen, viel Geld 278 dafür bekommen, plötzlich aufgehört zu bezahlen, be⸗ danke mich Kind für nichts zu behalten, weggethan, nicht reich genug anderer Leute Kinder groß zu ziehen, weg⸗ gethan, ſage ich, nicht verkauft.“ „Wie kamen Sie dazu den Knaben Zadok und Leen zu geben?“— „Niemand anders haben wollte, Geld dafür krie⸗ gen, das Kind Niemand haben will für Nichts!“ „Und die Aeltern des Kindes? Adolfs Vater?“ frug der Kolonel mit verdoppelter Neugierde, während der Gedanke an Mathilde, an ihr Kind, an den ver⸗ ſtorbenen Baron von Hunter ihm vor der Seele ſchwebte. „Kann nicht ſagen, wie ſie heißen, vornehme Leute, arme Leute viel auf Kinder halten, reiche Leute froh ſind, wenn ſie ſie los werden.“ 3 „Sie wollen mich glauben machen, Sie wüßten die Aeltern nicht,“ rief van Bergen, und ſuchte noch ein Goldſtück zu den Uebrigen. Nun denken Sie mal nach es hängt das Glück des Knaben, den Sie ſo ſchlecht behandelten davon ab, wenn Sie den Namen ſeiner Aeltern nennen; dies wird ihn all' das Leiden vergeſ⸗ fen laſſen, das Sie ihm angethan und er wird ſich nicht undankbar gegen Sie zeigen. Frau, ſprechen Sie offenberzig, ſo lange es noch Zeit iſt, nennen Sie mir den Namen von Adolfs Aeltern.“. „Weiß wahrhaftig nicht,... bei meiner„Seele nicht!...“ rief Frau de Geer und ihr Ton verrieth ſo viel Wahrheit, daß van Bergen endlich ſagte: „Nun ich will Ihnen glauben Frau, erzählen Sie mir umſtändlich alle Verhältniſſe in Beziehung auf das Kind, ſo weit Sie ſie wiſſen und wie die Aeltern ge⸗ rade auf Sie als Erzieherin kamen.“ „Will offenherzig reden: früher, beinahe zwanzig Jahre her, wohnte zu Vaaſſen, klein Dorf im Gelder⸗ lande, war verheirathet, hatte ein Kind, Mann todt, Kind todt, war ein braver Mann, immer ſleißig, gut 279 gegen mich. Eines Tages hält eine Kutſche vor dem Haus, war gerade Wittwe, kommt ein vornehmer Herr, verlangt mich zu ſprechen, ſagt, junge Dame ſich ver⸗ fehlt, werde ein Kind bekommen, er will fünfzig Gul⸗ den geben, ich junge Dame ins Haus nehmen, bis ſie Mutter geworden; ich ſage fünfzig iſt zu wenig, ſechs⸗ zig, gut ſagt junger Herr, ſechszig geben. Drei Tage ſpäter junges Fräulein kommt, ſehr ſchön, fein, freund⸗ lich und lieb, bleibt acht Tage, wird Mutter.. bleibt noch zwei Wochen, junger Herr kommt junge Fräulein wieder holen, will ſein Kind aufziehen, vom jungen Herrn Geld dafür. Junge Herr und Fräulein gehen, Kind bleibt, oft junge Herr kommen, bezahlt, bekomme hie und da Geld extra von jung Fräulein. Als das Kind zwei Jahre wird... nichts mehr, junge Herr bleibt weg.“ „Und haben Sie nachher nichts mehr von ihm er⸗ fahren?“ „Nichts, hatte eine Tante, alte Frau, wohnte in Amſterdam, kleines Leihhaus, wird krank, komme zu ihr, ſage Niemand wohin gehen, hatte Schulden, ſtill fort, will nicht bezahlen. Komme zur Tante, will nichts ge⸗ ben, miethe eine Kammer, kann Adolf nicht mehr be⸗ halten; ſelbſt arm, ſelbſt Hunger, kann ihn nicht ver⸗ halten; ſpreche Juden, Künſtemacher, roth Haar, will das Kind haben, gibt Kind. Tante ſtirbt, hinterläßt Geld, nicht viel, erb' Alles, wohne im Leihhaus, will Adolf haben, Jud weiß nicht, wo er iſt, kommt wieder hervor bei Weinhändler van Dam. Adolf kommt, ſchicke ihn in eine Koſtſchule läuft weg.“ „Dieſe Geſchichte iſt mir bekannt,“ ſagte van Ber⸗ gen, welcher aufmerkſam die fremdartige Erzählung angehört hatte,„aber warum wollten Sie ihn nicht anerkennen, als er wieder kam.“ „Bah, groß geworden, kann arbeiten, ſollte ihm Koſt geben, bedank' mich, nun für ſich ſelbſt ſorgen, alt genug, groß und ſtark genug, fragt nach Aeltern, — —C—yüö 280 weiß nichts, will nichts mehr zu thun haben, guten Tag.... hal hal kenn' dich nicht, Freundchen.“ Auguſt blieb einige Augenblicke in tiefes Nachden⸗, ken verſunken. Plötzlich wird ſein Geſicht todtenbleich und bald wieder dunkelroth. „Frau!“ rief er mit einer tiefbewegten Stimme, „haben Sie nichts von Kleidern aufbewahrt, welche die Mutter oder der Vater dem Kinde ſchenkten, haben Sie nichts, was zu einer Erkennung führen könnte?“ „Nichts. Kleider... alt geworden, verſchlitzt, nichts! Ja, doch.. junge Frau betrübt, als ſie geht, viel weinen, ſchreibt Brieſchen, zerreißt es in zwei Stücke, gibt mir ein Stück, anderes ſelbſt behält, ſagt: Gib Niemand das Kind, als wer dies Papier zeigt; wer das Papier bringt, iſt von mir geſendet.“ „Und Sie haben das Stück?“ fragte der Kolonel in einem Tone, der der unwiderlegbarſte Beweis von dem Intereſſe war, das er an dem Schickſale des Kin⸗ des hatie. „Ja, in der Bibel.“ „Zeigen Sie es mir,“ rief van Bergen.„Großer Gott, wenn es möglich wäre!“ Frau de Geer nahm eine große, mit einem kupfer⸗ nen Schloß verſehene Bibel von einem Tiſche, der mit einer Serviette bedeckt war. Sie öffnete die Bibel und nahm ein Papier, das durch das Alter gelb geworden, worauf Folgendes ſtand: ........ wer es auch. ....... Kind, das bei .... daß er Euch ....... hbörende Stück. „Wollen Sie mir das Stück verkaufen?“ fragte der Kolonel.— „Sie können es zum Geſchenke haben,“ ſagte die Frau,„die Eltern todt oder längſt vergeſſen.“ Sie übergab dem Kolonel das Stück Papier, der es als einen großen Schatz ſorgfältig aufbewahrte. 281 kennen, wenn Sie „Weiß nicht ſie ld ſt 5 uge her, Menſchen verändern.“ 72 hören, ich werde wieder kommen, Frau. Di für Sie und wenn meine Vermuthung wahr w dann ſollen Sie das Doppelte haben. Großer Gott, wenn es wirklich ſo wäre!“ Van Bergen verließ die Wohnung der Frau de nd er Adolf bald. mit meiner Tante vauerte und glückte es Ihnen, etwas über Abkunft zu erfahren?“ rgen ſah Adolf einige Zeit an. Es ſchien, er wünſche Etwas in den Augen des jungen Men ſchen zu finden, was er darin ſuchte; jeder Zug, jede Falte ſollten ihm etwas Beſonderes ſagen. Avolf ſah ſeinen Wohlthäter verwundert an. „Es ſind ihre Züge doch nicht,“ ſagte der Kolonel in zweifelndem Tone zu ſich. Darauf ſprach er zu dem jungen Manne:„Adolf, vielleicht geht bald eine Ver⸗ änderung mit Ihnen vor! Vielleicht... folgen Sie mir, der morgende Tag iſt vielleicht der glücklichſte Ihres ebens.“ 3 XXVI. Das Zwangmittel. Van Zweeden ſaß jetzt als Chef auf dem Kompioir. Adam Smith, der vormalige Kommiſſionär, war ſeit einer Woche in ein abgelegenes Dorf gezogen, nachdem er vorher auf Andringen des Kolonel ſeine Geſchäfte Amſterdams Geheimniſſe. U. 19 282 ſo in Ordnung gebracht hatte, daß ſie von ſeinem vor⸗ maligen Kommis fortgeſetzt werden konnten. Er hatte Nancy Horſt geheirathet, die Hochzeit ging in der Stille vor ſich, ſo daß dieſe Geſchichte den Meiſten unbekannt blieb. Es war kein fröhliches Hochzeitsſeſt. Kaum war die bürgerliche und kirchliche Trauung vorüber, als die junge Gattin ihren Mann verließ und als wäre nichts geſchehen, in die Wohnung ihres Großvaters zurück⸗ kehrte, wo ſie mit Ungeduld die Zeit erwartete, da ihr das Gericht die Scheidung geſtatten würde. Henri, oder lieber die Kinder deſſelben, Frank und Clara, hatten dem alten Herrn Smith ein zureichendes Einkommen beſtimmt, um außer der Stadt anſtändig leben zu können. Der Leſer weiß, daß der von Adam Smith ver⸗ übte Mord nur dem Kolonel, van Zweeden, Henri Smith und dem alten Hendrik bekannt war, und die Freunde Adam Smiths glaubten allgemein, daß er, ſich nach Ruhe ſehnend, ſeine übrigen Tage auf dem Lande zubringen wolle. Auch Frank und Clara lebten in dieſem Wahne: was mit ihrem Oheim vorgefallen, war ihnen unbekannt und ſie glaubten, er habe, um aller Mühſeligkeiten überhoben zu ſein, ſein Vermögen ſchon bei Lebzeiten vertheilt, mit der Bedingung, einen Jahrgehalt davon zu beziehen. Was Jakob Horſt betrifft, dieſer ſah in Adam Smith den rechtſchaffenen Mann, der, um die Schmach zu tilgen, die er ſeiner Tochter angethan, ihr ſeine Hand geſchenkt hatte, ohne ſie aber von dem Manne ihrer Wahl zurückhalten zu wollen. Ueber das Geſchenk von dreißigtauſend Gulden urtheilte der alte Kupferſtecher, Adam Smith habe es für die gute Erziehung von Nancy'’s Kind gegeben.. Van Zweeden war Chef auf ſeinem Komptoir. Seine Kleidung war ganz verändert, Leute, die ihn früher gekannt hatten und ſpäter nichts mehr von ihm wollten, reichten ihm jetzt wieder freundlich die Hand — 283 und ſchwuren ihm ewigen Haß, wenn er nicht baldigſt bei ihnen eſſe oder ein Glas Wein trinke, während Karel de Roos ihn mit Gewalt zu einer Fahrt in einem eleganten Tilbury nöthigen wollte, um ſeine Güter zu beſichtigen und ihn unaufhörlich fragte, ob er jetzt nicht bekennen müſſe, er habe Unrecht gehabt, als er ſagte, Adam Smith ſei ein Spitzbube und ob er einen ehr⸗ licheren Mann finden könne, als ſeinen ehemaligen Patron. Während der erſten Tage nach ſeinem glücklichen Schickſalswechſel enthielt er ſich gänzlich aller geiſtigen Getränke; doch nach und nach ergab er ſich wieder dieſer Untugend und es dauerte nicht lange, ſo war van Zweeden der alte Trunkenbold wieder, mit dem Unterſchiede, daß er jetzt in vornehmen Kaffeehäuſern ſeiner unglücklichen Leidenſchaft den Zügel ſchießen ließ, ſtatt, wie früher, gemeine Plätze zu beſuchen. Doch vermied er ſorgfältig die Orte, wo er den Kolonel van Bergen treffen konnte. Wie er ſich aber auch bemühte, ſeine neuen Ab⸗ irrungen vom guten Wege vor Auguſt van Bergen verborgen zu halten, gelang es ihm doch nicht; denn der Kolonel, der wenig auf ſeine Bekehrung vertraute, ließ all' ſeine Handlungen und Gänge genau beobach⸗ ten und war deßhalb ſehr genau von Allem unterrichtet. Worte halfen nichts mehr! Der Mann, der durch Ueberzeugung nicht zurecht zu bringen war, mußte durch Zwangmittel dazu genöthigt werden. „Iſt Alles bereit?“ fragte der Kolonel ſeinen Be⸗ dienten. „Alles,“ ſprach Hendrik,„ich habe eine gute Ge⸗ legenheit in einer kleinen Schenke an der Buitenkant gefunden, die Leute wollen es gerne für die zugeſagte Belohnung thun.“ „Und wo befindet ſich van Zweeden jetzt?“ „Um ſieben Uhr hat er ſein Komptoir verlaſſen und iſt in das Duitſche Koffijhuis gegangen, wo er 284 gewiß noch zu ſinden iſt, denn wie ich gehört habe, kommt der Wagen nicht vor elf Uhr, um ihn nach Hauſe zu bringen.“. „Sehr gut, laſſe meinen Wagen anſpannen und ich fahre augenblicklich dorthin.“ Derr Befehl des Kolonels wurde alsbald ausgeführt und wenige Augenblicke ſpäter trat van Bergen in das Duitſche Koffijhuis. Der Mann, den er ſuchte, ſaß in einer Ecke des Saales, ſcheinbar beſchäftigt, eine Zeitung zu leſen; auf dem Tiſchchen, an welchem er ſaß, ſtand eine Rheinweinflaſche nebſt einem blauen Kelche, welchen van Zweeden von Zeit zu Zeit vollſchenkte und leerte. Van Zweeden bemerkte das Erſcheinen des Kolo⸗ nels nicht und las ruhig weiter, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen. Van Bergen ging ſogleich auf ihn zu. „Herr van Zweeden!“ ſagte van Bergen mit ge⸗ heuchelter Ueberraſchung und reichte dem neuen Kom⸗ miſſionär die Hand.. Dieſer ſtand auf, doch die Mühe, welche ihn dieſe Bewegung koſtete, bewies Auguſt ſogleich, daß er zu viel getrunken hatte. Van Bergen knüpfte ein Ge⸗ ſpräch mit ihm an, das van Zweeden aber nur lallend fortſetzte. „Ich will nichts mehr vom Trinken wiſſen, ich denke nicht mehr daran,“ ſagte van Zweeden, nachdem der Kolonel ihn gefragt hatte, was er gegenwärtig mache,„aber wenn man in ein Kaffeehaus kommt, muß man doch etwas thun, ich trinke immer Rheinwein, das iſt ein leichtes Getränk, das nicht betäubt.“ „Ich bin müde und durſtig,“ erwiederte van Ber⸗ gen,„ich werde dem Kellner ſagen, daß er mir ein Glas bringt, dann wollen wir zuſammen die Flaſche leeren. He, Jan!.“ „Laſſen Sie uns eine andere Flaſche nehmen,“ ſagte van Zweeden,„dieſe iſt beinahe leer.“— 285 „ Sind Sie toll!“ rief der Kolonel, der, ehe van Zweeden ihn daran hindern konnte, die Flaſche gegen das Licht hielt,„dieſe Flaſche iſt noch beinahe voll.“ „Ja, doch der Wein iſt nicht gut, nicht reinen Ge⸗ ſchmackes....“ „Nun, nun, ich habe keine ſo feine Zunge, was Sie trinken, kann ich ja auch trinken. Jan, ein Glas!“ Der Kellner brachte das Verlangte, aber im ſel⸗ ben Augenblicke befahl ihm van Zweeden:„Nimm dieſe Flaſche mit und bringe eine Flaſche Rheinwein vom beſten, verſtehſt Du? Der Kolonel nahm die Flaſche. Van Bergen, der wohl begriff, daß van Zweeden ihn betrog, hielt den Jungen zurück, nahm ihm die Flaſche aus der Hand, und ſchenkte ſein Glas voll, während er ſagte: „Ich verſchmachte vor Durſt, es iſt mir unmöglich, zu warten, bis der andere Wein kommt.“ Und einen Zug nehmend, rief er ſcheinbar verwundert aus:„Aber das iſt kein Rheinwein, das iſt Branntwein— Konjak!“ Deer Trunkenbold war entlarvt. Der Wein hatte für van Zweeden zu wenig Reiz mehr und well er ſich ſchämte, in einem Kaffeehauſe ſo viel geiſtiges Getränke zu trinken, hatte er ſich mit dem Wirthe verabredet, daß dieſer ihm eine Rheinweinflaſche geben mußte, während er, um ſeine Liſt noch mehr zu bedecken, aus einem farbigen Glaſe trank. „Das iſt Konjak,“ ſagte van Bergen,„nein laſſe die Flaſche nur ſtehen,“ befahl er dem Kellner,„ein gutes Glas Konjak kann nichts ſchaden, ich halte viel darauf, Herr van Zweeden,“ und nahm einen tüchti⸗ gen Zug. Verwundert ſah van Zweeden den Kolonel an, er hatte etwas ganz anderes von dieſem erwartet. „Sie ſind ein kluger Fuchs,“ fuhr van Bergen fort, dem Trinker auf die Schulter klopfend,„Sie wiſſen, daß es nicht gut ausſehen wärde, um dieſe Tageszeſt 286 ſo viel Konjak zu trinken und ſchenken ihn daher aus einer Rheinweinflaſche. „Iſt das nicht ſchlau?“ rief van Zweeden, durch die Worte des Kolonel ermuthigt und dieſer verſäumte nicht, der von dem Kommiſſonär gebrauchten Liſt ſeinen Beifall zu geben. Je mehr van Zweeden trank, deſto vertraulicher wurde er, und van Bergen, in deſſen Plan es lag, ihn zum Trinken anzufeuern, that dieß auch kräftig. Endlich war es dem Trinker nicht mehr möglich, ein Pdor zu ſprechen und als van Bergen es bemerkte, agte er: „Wohlan, Herr van Zweeden, halten Sie mich feſt, ich werde Sie nach Hauſe begleiten, mein Wagen ſteht unten.“ „Wagen.... ja das iſt gut,“ ſtammelte van Zwee⸗ den, und ergriff den Arm, den ihm der Kolonel bot. Im Gange ſtand Hendrik und mit Hülfe dieſes gelang es dem Kolonel, den Kommiſſonär in den Wagen zu bringen, wo er bald einſchlief. Als er endlich erwachte, taſtete er um ſich und fand, daß er auf Stroh lag. Erſchreckt fuhr er auf und ſah um ſich. Er befand ſich in einem kleinen Kel⸗ ler, in welchem einige leere Körbe, Fäſſer und mehr dergleichen Dinge. Auf einem Tiſche ſtanden drei große Krüge nebſt einem Bierglaſe und eine Laterne, die ein ſchwaches Licht verbreitete; eine unangenehme Luft, wie man ſie immer an ſolchen Orten findet, verpeſtete den Aufenthalt und erſchwerte das Athemholen ſehr. Ein unleidlicher Durſt bemächtigte ſich des Unglücklichen; ſeine trockene Zunge ſaß an ſeinem Gaumen feſt und ſeine geſchwollenen Lippen brannten heftig. „Wo bin ich?“ fragte er,„wo bin ich hingera⸗ then.“ Er erinnerte ſich, wiewohl undeutlich, den Ko⸗ lonel geſehen und einen Wagen beſtiegen zu haben. Er wollte rufen, aber er konnte ſeine Stimme nicht erheben. Eine nicht zu beſchreibende Unruhe hinderte 257 ihn am Aufſtehen; er fiel wieder auf das Stroh nieder und ſchlummerte. Es dauerte nicht lange, als er nochmals am Durſte erwachte. Er war ſtets gewohnt, eine mit Waſſer ge⸗ füllte Flaſche neben ſeinem Bette ſtehen zu haben; mecha⸗ niſch ſtreckte er ſeine Hand darnach aus, taſtete herum, doch ſie war nirgends zu finden. „Waſſer!“ rief er,„Waſſer, ich ſterbe vor Durſt, Waſſer!“ Sein Auge fiel auf die Krüge, die neben dem Bier⸗ glas und der Laterne auf dem Tiſche ſtanden. Mit Mühe richtete er ſich auf und hielt ſich mit beiden Händen an der Mauer feſt, um nicht zu fallen und Alles ſchien mit ihm ſich im Kreiſe zu drehen. Als die Betäubung ein wenig nachgelaſſen, wankte er nach dem Tiſche, ergriff einen Krug und füllte das Glas, das dabei ſtand, das Naß glänzte wie Gold, er brachte es an ſeine Lippen, doch eben ſo ſchnell zog er es zurück, als wäre es Gift... es war Konjak. „Bah! der Trank brennt.*“ rief er und ergriff einen andern Krug.„Wieder Branntwein!“ Er ergriff den dritten Krug und füllte das Glas. Ein helles Getränke klar wie Kriſtall, rein wie der Thau auf den Blumen, perlte in demſelben.„Waſ⸗ ſer!... endlich Gott ſei Dank, Waſſer!“ ſtammelte er und faßte mit beiden Händen das Glas, brachte es an die Lippen, nahm einen guten Zug, ſpuckte es aber alsbald ſchreiend wieder aus.. es war Jenever! Da lief er wie ein Wahnſinniger umher, um Waſ⸗ ſer rufend.„Ich ſterbe!“ wiederholte er unzählige Male, ſo laut er konnte. Er leckte die Näſſe der Mauern ab, um nur ſeinen Durſt zu löſchen. „Er ſank nieder.... ſeine Sinne ſchwanden ihm. Träumend ſah er in bunter Miſchung van Bergen, Adam Smith und Carl Hauſer. Heftiger als je quälte ihn der Durſt, als er wie⸗ der erwachte.„Gott!“ rief er,„Waſſer!.. gebt mir 288 Waſſer! und müßte ich ſterben!“ aber ſeine Bitte wurde nicht erhört. Immer brennender wurde ſeine Zunge; immer ergriff er den mit Jenever gefüllten Krug. Er mußte zu trinken haben, gleichgültig was er trank... es war, als wenn geſchmolzenes Blei ſeine Zunge be⸗ rührte... aber dennoch trank er fort, bis er niederfiel, der Krug zerbrach und der Trank, der ihn ins Verder⸗ ben geſtürzt hatte, floß über ihn hin. Wieder zu ſich gekommen, lag er auf einem guten Bette, in einem Zimmer, das ihm gänzlich unbekannt war, eine Flaſche mit Waſſer ſtand vor demſelben. Ohne ſich weiter um etwas zu bekümmern, ſetzte er die Flaſche an den Mund und trank; anfangs fand das Waſſer kaum den Durch⸗ gang durch den geſchwollenen Mund, doch als dieſer nach und nach kalt geworden, verſchlang van Zweeden das wohlthätige Getränke... und ſetzte die Flaſche erſt nieder, als ſie ganz geleert war. Jetzt ſich ganz hergeſtellt fühlend, ergriff er die Glocke und läutete. „Wo bin ich?“ fragte er die hereintretende Frau. „In dem Wirthshauſe Het anker an der Buiten⸗ kant, ein Herr hat Sie geſtern Abend hieher gebracht, Sie waren..“ „Ja, ja,“ rief van Zweeden, der vor Scham bei⸗ nahe nicht aufſtehen mochte,„ich begreife, was Sie ſagen wollen. Und kann ich gehen, wenn ich will?“ „Warum nicht, der Herr hat ja für Sie bezahlt.“ Van Zweeden kleidete ſich an und eilte, ohne näher über das nächtliche Quartier ſich Auskunft zu ver⸗ ſchaffen, in das Komptoir. Es war ſchon ſpät am Tage und Palm ging vor der geſchloſſenen Thüre auf der Gracht auf und nieder. „Ich dachte, Herr van Zweeden,“ ſagte der Kom⸗ mis,„es ſei Ihnen ein Unglück begegnet und wollte ſchon zum Kommiſſär...“ „‚Nein, nein, ich hatte dieſen Morgen früh ſchon einen Ausgang zu machen, man hat mich ein wenig 289 lang aufgehalten. Ich fühle mich etwas unwohl,“ fuhr er fort, und begebe mich zur Ruhe, Sie müſſen mich wecken, wenn es Börſenzeit iſt, Palm!“ Van Zweeden wurde von den Augenblicke an ernſt⸗ lich unwohl, und als er nach Verlauf von einiger Zeit wiederhergeſtellt war, wagte er es wieder Jenever zu trinken— denn das Trinken iſt ein Uebel, von wel⸗ chem nur Wenige laſſen.— Doch kaum hatte er mit dem Getränke ſeine Lippen befeuchtet, als ihn ein Schauer überfiel; er dachte wieder an das Geſchehene, die Urſache ſeiner Krankheit, und mit Abſcheu nahm er den Becher von dem Munde, um ihn nie wieder in die Hand zu bringen. Indem wir jetzt von ihm Abſchied nehmen, können wir auch von ihm ſagen, daß er heute eine Zierde der Geſellſchaft iſt, und ſeinem einzigen Fehler auf immer Lebewohl geſagt. XXVII. Eduard. „Ich bitte die Frau Baronin um Entſchuldigung wegen der unſchicklichen Stunde, die ich zu meinem Beſuche gewählt habe. Mit dieſen Worten erſchien der Kolonel van Bex⸗ gen in dem Zimmer, in welchem Mathilde ſaß. Nicht wenig verwundert ſchien die adelige Wittwe, ſo früh am Morgen ſchon— es war noch nicht Mittag— ei⸗ nen Mann vor ſich zu ſehen, der die Gebräuche der großen Welt zu gut kannte, um nicht zu wiſſen, daß dieſe Stunde keineswegs zu Beſuchen paſſend ſei. 290 Der Kolonel bemerkte die Verwunderung, ſie hin⸗ derte ihn aber nicht, fortzufahren: „Da ich jedoch vernommen, daß Robert und Ma⸗ dame Woeſtbergen dieſen Morgen ausgefahren ſind und frühzeitig wieder zurückkommen werden, ſo wagte ich es, von dieſer Gelegenheit Gebrauch zu machen, Sie um eine Unterhaltung zu bitten, ohse von Ihrem Bru⸗ der oder Madame Woeſtbergen geſtört zu werden.“ „Sie kennen mich und wiſſen alſo, Kolonel, daß ich eine kleine Uebertretung der Regeln des Anſtandes nicht falſch deute... ich erkläre Ihnen aber, daß ich ſehr neugierig bin, die Gründe zu vernehmen, die Sie ſo früh hieher führen.“ Mathilde lächelte, als ſie dieſe Worte ſprach, und dieß Lächeln erhöhte ihre Schönheit. Im vollſten Sinne des Wortes konnte die Frau Baronin Wittwe van Delden van Ransbergen eine ſchöne Frau genannt werden, in dieſem Augenblick er⸗ ſchien ſie dem Kolonel vielleicht ſchöner, als je, in dem einfachen Morgengewand, das ihre ſchlanke Geſtalt um⸗ ſchloß, während ihre reichen Haare theilweiſe unter dem netten Häubchen verborgen waren. „Die Zeit iſt koſtbar, gnädige Frau, jeden Augen⸗ blick können wir geſtört werden,“ begann van Bergen, „vergönnen Sie mir deßhalb, daß ich ſogleich zu dem Gegenſtande übergehe... Aber wie ſehr es mich auch drängt, Ihnen die Gründe meines Hierherkommens mit⸗ zutheilen, ſcheint mich doch eine unwiderſtehliche Macht zurückzuhalten, vie Furcht, daß ich Sie vielleicht betrübe, benimmt mir den Muth.“ „Sprechen Sie frei heraus, mein Herr,“ ſagte Mathilde,„und thun Sie, was Sie geſagt haben, das heißt, gehen Sie zu dem Gegenſtand ſelbſt über, ehe mein Bruder uns ſtören könnte.“ 3 „Nun denn, gnädige Frau!“ ſo begann er,„Sie kennen die Gefühle, die ich für Sie hege: ein Mal wagte ich es, Ihnen meine Hand anzubieten... und 291 Sie weigerten ſich, ſie anzunehmen, und obwohl die Weigerung mein höchſtes Glück zernichtete, würde ſie doch meine Achtung und Erfurcht erhöht haben, wenn für dieſe Achtung und Ehrfurcht eine Erhöhung möglich wäre. Ich weiß aber auch zugleich, Mathilde, daß Ihre Gefühle für mich ſich nicht verändert haben.“ Hier ſchwieg der Kolonel einige Augenblicke. Ma⸗ thilde ehrte das Stillſchweigen und ſah vor ſich hin. Endlich fuhr van Bergen fort: „Der Menſch ringt und ſtrebt, das zu errin⸗ gen, was er für den Gipfel ſeines Glückes hält, dann erſt verzweifelt er, wenn alle Hoffnung rettungslos für ihn verloren iſt. Ich werde Ihnen nicht zu ſagen haben, was ich als den Gipfel meines Glückes anſehe, Ihr eigenes Herz wird es Ihnen ſagen. Nun denn, uner⸗ müdet habe ich danach getrachtet, dieß Glück zu erlan⸗ gen, alle Hoffnung hielt ich noch nicht für vergebens, und ſo iſt es mir geglückt, dasjenige wiederzufinden, was ſich als Hinderniß zwiſchen Sie und mich geſtellt hat, wodurch Sie gehindert wurden mir Ihre Hand zu ſchenken.“ „Herr van Bergen!“ rief Mathilde, während eine dunkle Röthe ſich über ihrem Geſichte lagerte,„Kolonel!“ „Madame, wenn Sie wiſſen, daß der unglückliche Baron von Hunter mein Freund war, dieß wird JIh⸗ nen genug ſein.“ „Großer Gott! von Hunter...“ „War mein Freund, und Freunde haben gegen ein⸗ ander keine Geheimniſſe, er hat mir Alles geſagt.“ „Alles!..“ ſtammelte Mathilde, während ein ge⸗ miſchtes Gefühl von Freude, Scham und Reue ihr Ge⸗ müth beſtürmte.„Aber das iſt ſchändlich, es iſt ſchreck⸗ lich.. Sie ſollten alſo wiſſen... Nein, ſolch eine That hätte ich nimmer von Guſtav erwartet.“ Die ſchöne Frau verbarg ihr Antlitz in dem reich bordirten Taſchentuche und weinte. „Mathilde!“ rief der Kolonel,„das Geheimniß iſt 29² mir anvertraut, nie wird es über meine Lippen kom⸗ men, es wird mit mir zu Grabe gehen, dieß Geheim⸗ niß iſt mir doppelt heilig, es iſt das Ihre, Mathilde!“ fuhr er feurig fort,„die Entdeckung dieſes Geheimniſſes hat meine Neigung für Sie keineswegs verkleinert, ich liebe Sie noch wie zuvor, und Ihr Beſitz iſt immer noch die Spitze meiner Wünſche.“ „Nie,“ rief Madame Ransbergen,„nie, die ge⸗ fallene Frau kann man nicht heirathen aus Liebe, aus Mitleiden reicht man ihr die Hand... und der Himmel bewahre mich vor einer Heirath aus Mitleiden.“ 2 Mathilde 1" „Ich weiß, Auguſt! daß Sie jetzt aufrichtig mit mir ſprechen, aber die Erfahrung hat mich klug gemacht, Sie lieben mich, und die Liebe verhlendet Sie, die Liebe läßt Sie meinen Fall für einen leicht zu verge⸗ benden Fehltritt halten; aber wenn die Zeit die Liebe raubt, muß Achtung übrig bleiben, überdieß muß eine Heirath glücklich ſein, und wie ſollten Sie gegen mich Whſe Gefüble hegen können, gegen mich, die gefallene rau?“ „Mathilde, Sie beurtheilen ſich ſelbſt zu ſtreng. Ihr Urtheil iſt ungerecht. Das Vergangene ſollte für uns ganz in Vergeſſenheit ſinken, ich ſage für uns; denn auch ich ſehe mit Reue zurück auf meine früheren Jahre... Sie kennen meine Geſchichte, an mir kle⸗ ben Flecken, die nicht aus Liebe begangen worden.“ „Kolonel,“ ſagte Mathilde mit Würde,„brechen wir von dieſer Unterhaltung ab, die für mich ſehr peinlich iſt. Ich halte es für unnöthig und ich würde glauben, Sie zu beleidigen, wenn ich Sie erſuchte, das Geheimniß zu verſchweigen, das Guſtav von Hun⸗ ter Ihnen allzu leichtſinnig anvertraute, ich weiß, daß mein Geheimniß bei Ihnen heilig ruht.. Darum laſſen Sie uns bleiben, was wir einander ſind, und dringen Sie nicht auf eine nähere Verbindung zwiſchen uns: einſt werden Sie mir dafür danken! Ich habe V* 8 ve SͤNäö ——- 8 —— — 2—— NA 293 Ihnen meinen Entſchluß geſagt; es iſt das einzige Mittel, das mir Ihre Achtung wiedergewinnen kann. Sie können mich zwingen, Ihnen meine Hand zu ge⸗ ben, wenn Sie rohen, mein Geheimniß verrathen zu wollen, wodurch ich die Achtung aller Wohlgefinn⸗ ten verlieren würde. Ich geſtehe, daß ich viel, ja Alles opfern würde, um im Genuſſe dieſer Achtung zu bleiben, aber ich bekenne auch, daß ich überzeugt bin, Auguſt, daß Sie zu edel denken, um von ſolch' verächt⸗ lichem Mittel Gebrauch zu machen, ich weiß, daß Sie meine Hand nicht um ſolchen Preis begehren würden.“ „Nein, Mathilde, nie, aber...“ „Brechen wir ab, ich wiederhole es, es ſchmerzt mich zu ſehr, da es mich an das Theuerſe erinnert, was eine Mutter verlieren kann!“ „Mathilde!“ ſprach van Bergen jetzt, während ein glänzendes Feuer aus ſeinen Augen ſtrahlte,„wie der Arzt die Wunden aufbricht, nicht um Schmerzen zu verurſachen, ſondern um zu ſehen, ob keine Heilung mehr möglich, ſo muß ich jetzt alte Wunden berühren, um vielleicht ſpäter Balſam darauf zu gießen.... Vielleicht vermag ich mehr, als der Vater Ihres Kin⸗ des... vielleicht...“ „Van Bergen! Auguſt, um Gotteswillen...“ rief Mathilde aufſpringend,„Sie ſollten... Sie ſollten mir mein Kind wiedergeben können, täuſchen Sie mich nicht, ſehen Sie meine Thränen und ſchmeicheln Sie mir nicht mit falſcher Hoffaung! Sprechen Sie... Sie ſollten mir meinen Eduard wiedergeben können ums Himmelswillen, ſagen Sie die Wahrheit... meinen Eduard?...“ „Mäßigen Sie ſich, Mathilde, ich habe Hoffnung ... Hielleicht... „Und worauf iſt dieſe Hoffnung gegründet?“ fragte die Baronin in zweifelndem Tone.. „Zunächſt noch auf einen Umſtand von wenig 294 Bedeutung, auf eine Kleinigkeit, welche zur Enideckung ſührer kann,.. aber dieſe Kleinigkeit iſt auch Alles . Großer Gott! wenn ich mich betrogen hätte.. „Sprechen Sie, van Bergen, martern Sie ni nicht länger Aurch bange Ungewißheit, ſagen Sie. was wiſſen Sie?“ „Der Ort, wo Sie Mutter wurden, war ein klei⸗ nes Dorf in Gelderland. „a!... ja!. doßren Sie fort. „Und der Name des Dorfes iſt Prnfene⸗ fragte van Bergen kaum hörbar. „Ja, ſo hieß das Dorf und... fahren Sie doch fort, Kolonel!...“ „Der Name der Frau... der Bäurin?.. „Der Name... die Frau war eine Wittwe, ihr Mann kurz zuvor geſtorben...“ „Ihr Name.. ihr Name?. „Man nannte ſie Frau de Gecri „O Gott!“ rief der Kolonel,„de Geer!...“ „Auguſt... van Bergen... iſt alle Hoffnung verloren?...“ rief Mathilde, durch dieſen Ausruf erſchreckt,„baben Sie ſich betrogen?. „Nein! nein... mehr Licht.. mehr Gerwißheſ verbreitet ſich über die Dache⸗ noch etwas. zittre, hieſe Frag⸗ zu thun... von Ihrer Ascvoh hängt Alle. 1 aeee le.. fragen Sie. „Gaben Sie bei Ihrer Abreiſe der Frau nicht ein Zeichen, woran man das Kind erkennen könnte?“ „Nichts,“ gab Mathilde zur Animddn „Dann habe ich mich betrogen!.. O dann bin ich ſchrecklich getäuſcht.. „O mein Gott,“ rief Mathilde, und fiel wieder in den Armſtuhl zurück.„Was muß ich ihr denn ge⸗ geben haben?“ fragte ſie nach einigen Augenblicken. „Einen Gegenſtand ohne Werth. Frau de Geer ſagte mir, daß, als die Dame, welche in ihrem Hauſe — — 1 295 Mutter geworden, ſie verließ, dieſe ihr ein Stück Pa⸗ pier beſchrieb.“ Mathilde ſchrie hell auf und ſah van Bergen einige Augenblicke ſtumm an. Dann brach ſie in ein lautes Weinen aus und mit einer himmliſchen Freude ſagte ſie mitten durch die Thränen lachend: ff„Ja, und das Papier wurde in zwei Stücke zer⸗ riſſen... „Die Frau behielt das eine Stück, die Mutter das andere.“ „Ja.. Gott, großer guter Gott! Dank ewig Dank! Ich habe mein Kind wieder...“ „Mathilde!“ „Auguſt! o ich bin glücklich... „Sehen Sie hier, erkennen Sie die Schrift?“ ſagte van Bergen, während er das Stück Papier, das dia de Geer ihm gegeben hatte, Mathilden über⸗ reichte.. Die ſchöne Wittwe ſprach kein Wort, wiederholt drückte ſie das Papier an ihre Lippen, lachte und weinte... und dann aufſtehend, eilte ſie an ihren Schreibtiſch, riß ihn auf, warf den ganzen Inhalt auf den Boden und holte aus den Papieren endlich eine kleine Brieftaſche hervor. 1 „Sehen Sie...“ rief ſie,„Auguſt!“ Sie händigte den Kolonel ein Stück Papier ein, auf welchem das Folgende alſo geſchrieben ſtand: Gebt Niemand...... ſein möge das....... Euch iſt, vhne....... das dazu ge....... vorzeige. „Sehen Sie, Auguſt, ſehen Sie, das geht, die zwei Stücke paſſen ganz zuſammen!“ und mit zittern⸗ den Händen fügte ſie die beiden Stücke zuſammen. 296.— Mit Rührung las Auguſt jetzt halblaut: Gebt Niemand,— wer es auch ſein möge, das— Kind, das bel Euch iſt, ohne— daß er Euch das dazu ge— hörende Stück vorzeigt. „Sie ſehen, es iſt kein Zweifel mehr, Auguſt! . und nun mein Kind, mein Eduard, mein Sohn!“ ... Die freudevolle Mutter ſank bewußtlos nieder. Lange blieb ſie in dieſem Zuſtande. Endlich öff⸗ nete ſie die Augen, der Kolonel lag vor ihr knieend, und drückte ihre Hand in die ſeine. „War es kein Traum?“ fragte ſie ängſtlich.„Iß es wahr.. haben Sie ihn wiedergefunden?? „Mathilde, überlaſſen Sie ſich der Freude nicht zu ſehr... übermäßige Freude ſchadet der Geſund⸗ heit Ja, Mathilde, Sie ſollen ihn wiederſehen, doch keine Uebereilung, ſie könnte Ihnen fatal werden, Ihr Bruder weiß nichts von dem Beſtehen dieſes Kin⸗ des, Niemand außer mir weiß es, denken Sie an das Urtheil der Welt.“ „Das Urtheil der Welt?“ rief Mathilde,„laſſen Sie die Welt mich verurtheilen, mich verſpotten, ja verachten, ich habe mein Kind wieder... und das iſt mir genug!“ „Denken Sie an Ihren Sohn, Madame; was wollen Sie ihm antworten, wenn er Sie nach ſeinem Vater fragt?“ Mathilde bebte. 1 „Was wollen Sie ihm antworten, Mathilde, wenn eer Sie fragt, warum Sie ihn beinahe neunzehn Jahre ſich ſelbſt überlaſſen haben, der Armuth und dem Mangel ausgeſetzt, warum Sie ihn der Verführung Preis gegeben haben?... Werden Sie ihm ſagen, — 297 daß er ein Kind der... daß er eine Frucht verbo⸗ tener Liebe iſt?“ Mathilde ſchwieg wiederum. „Hören Sie mich an,“ fuhr der Kolonel fort, „ich werde Ihnen die Schickſale Ihres Sohnes mit⸗ theilen und dann wollen wir weiter überlegen.“ Auguſt begann ſeine Erzählung. Jedes Wort, das von den Lippen des Kolonel floß, wurde begierig von ihr erhaſcht und als er geendigt hatte, rief ſie, während die Thränen über ihre Wangen rollten:„Armer Junge, Du haſt viel gelitten, Du mußteſt oft Hunger und Armuth ertragen, während ich im Ueberfluſſe lebte.“ „Ihr Sohn bedarf einer guten Leitung, welche eine ſchwache Frau, wie Sie, ihm nicht geben kann. „Ihr Sohn bedarf mehr.... Mathilde, Sie kennen die Welt, Sie wiſſen, mit welcher Verachtung ſie auf ein Kind blickt, das die Frucht einer unrechtmäßigen Liebe; Ihr Sohn hat einen Namen nöthig... den Na⸗ men eines Vaters l... Mathilde, laſſen Sie mich ihm Vater ſein.“ „Auguſt!“. „Laſſen Sie mich vollenden,“ rief der Kolonel mit Feuer,„das Exiſtiren Ihres Kindes iſt ein Geheimniß, welches den Baron von Hunter an Sie band. Ma⸗ thilde, ich habe Ihnen das Theuerſte wiedergegeben, ſchenken Sie mir jetzt auch, was mir das Theuerſte iſt... Ihre Hand, Mathilde! Ihr Sohn ſoll der meine ſein, er ſoll meinen Namen tragen; er ſoll wähnen, in mir ſeinen Vater zu ſehen und ich werde, das ſchwöre ich Ihnen bei dem allmächtigen Gott, ein ſor⸗ gender Vater für ihn ſein. So wird der Flecken der Geburt, der auf ihm ruht, verſchwinden, und nie mehr ſoll ein Sterblicher erfahren, daß ich nicht ſein Vater bin. Mathilde, um meinetwillen, alſo, um Ihres Sohnes willen, bitte ich Sie, ſchenken Sie mir Ihre Hand, geben Sie Ihrem Sohne einen Vater.“ Amſterdams Geheimniſſe. II. 20 298 „Van Bergen, Sie wollen meinem Sohne Ihren Namen geben, einen würdigen, ſchönen Namenl.... Sie wollten einen unrechtmäßig geborenen Sohn, deſ⸗ ſen Vater Sie nicht ſind, den Ihren nennen.“ „Halten Sie ein, Mathilde... Sie ſind vollkom⸗ men Herrin Ihrer Thaten. Ich kenne Ihren Bruder, eine Heirath zwiſchen uns wird ihm nur darum unan⸗ genehm ſein, weil Sie den ſchönen Titel einer Baro⸗ nin dabei verlieren. Wir werden uns auf einige Zeit aus der großen Welt entfernen und bald vergeſſen fein, die große Welt vergißt ſo leicht und wir haben fie nicht nöthig, um glücklich zu ſein.“ „Schwören Sie mir, Auguſt, daß nie Reue über das, was Sie jetzt thun wollen, Sie beſchleiche, ein Vorwurf würde mich tödten. Schwören Sie mir, für Eduard ſein zu wollen, was Guſtav von Hunter für ihn hätte ſein ſollen!“ „Mathilde, das ſchwöre ich... Meine Mathilde!“ „Auguſt, Vater meines Kindes!“ Das Eintreten Roberts und ſeiner Gattin ſtörte das Glück, das zwei liebende Herzen ſo rein und herr⸗ lich genoſſen. „Jetzt iſt der Augenblick da,“ rief Auguſt. „Noch nicht,“ bat Mathilde. Aber der Kolonel wußte, wie er mit Woeſtbergen umgehen mußte und ſagte:„Sie kommen gerade recht, Herr Woeſtbergen! um Ihnen zuerſt meine Braut Ma⸗ thilde, Baronin⸗Wittwe van Delden van Ransbergen vorzuſtellen!“ „Was?“ rief Robert. Mathilde... Sie Kolonel „... L'as-tu entendu, Louise, iſt es raillerieè oder Ernſt 2.* „Ernſt,“ ſagte van Bergen,„die gnädige Frau, Ihre Schweſter, wird baldigſt den ſchönen Namen mit dem einfachen van Bergen vertauſchen.“ Louiſe hatte ſich bei ihrer Schwägerin niederge⸗ ſetzt und unterhielt ſich mit ihr, während Robert rief: 299 Gest dommage! an ihrer Stelle hätte ich nim⸗ mer geheirathet, mafoi, non! nur um meinen Titel Baronin nicht zu verlieren, ausgenommen um den ei⸗ ner Gräfin oder Herzogin zu bekommen. Ich ſage das nicht, weil ich mich der Heirath meiner Schweſter wi⸗ derſetzen möchte, beſonders mit Ihnen, mein Freund, denn Sie ſind gerade der, den ich ihr ſtets gewünſcht, obwohl ich immer dachte, von Hunter werde ſie hei⸗ rathen, damit ſie Baronin geblieben wäre.. Aber Sie werden wohl ſo verſtändig ſein, Ihre militäriſche Carrière fortzuſetzen; nach dem anſehnlichen Range zu urtheilen, den Sie jetzt ſchon bekleiden, kann es Ihnen nicht ſchwer fallen, General zu werden; ein General iſt ja Seine Excellenz... Et quand la mariage? Wir werden keinen Hochzeitsſchmaus geben, bahl das iſt zu allgemein, ein dejeuner dinatoire und dann eine Reiſe nach der Schweiz und Italien. Beide Länder ſind jetzt en vogue, Sie können meinen Reiſewagen haben, es iſt ein gutes Gefährt und hat mich gut zwei⸗ tauſend Gulden gekoſtet.“ „Unſere Hochzeit ſoll ſo ſtill, als möglich vor ſich gehen,“ ſagte Auguſt. „Nun ja, aber doch nicht, wie Bürgersleute, die Orgel muß in der Kirche ſpielen, der Kutſcher und Bediente in großer Livree, kurze Hoſen und weiße ſei⸗ dene Strümpfe...“ „Nichts von dem Allem... die kirchliche Trauung wird in einem Dorfe ſtatt haben.“ „ Das geht nicht... parole d'honneur! ich krieche Pn keine Kutſche, wo der Himmel weiß, wer darin aß. „Es muß ſein, Robert, wir werden gezwungen, unſere Heirath ſo ſtill als möglich zu vollziehen, wir haben wichtige Gründe...“ r „Wichtige Gründe 2....“ „Ich werde ſie Ihnen ſagen...“ 300 tjil„Um's Himmels willen jetzt noch nicht,“ bat Ma⸗ ilde. „Ihr Bruder muß Alles wiſſen und jetzt iſt gerade der rechte Zeitpunkt....“ ſagte der Kolonel und be⸗ gann. Es war nicht das Erſtemal, daß ich mit Ihrer Schweſter bekannt wurde, als wir einander in Soeſt⸗ dijk trafen; ſchon von früher, vor ihrer Hochzeit mit dem Baron van Delden van Ransbergen datirt ſich unſere Bekanntſchaft, was ſage ich, unſere Liebe! Ich will mich jetzt nicht weitläufig über unſer erſtes Zu⸗ ſammentreffen auslaſſen, genug ſei für Sie im Augen⸗ blicke, daß wir einander im Geheimen liebten und ich nur auf eine günſtige Gelegenheit wartete, um Ihren ſeligen Vater damit bekannt zu machen und um die Hand Ihrer Schweſter anzuhalten.. allein eine heftige und langwierige Krankheit hinderte mich daran, und als ich endlich hergeſtellt wurde, war die Urſache, welche uns zu einer baldigen Heirath zwang, aus dem Wege geräumt.. Ich glaube, mich deutlich ge⸗ nug ausgedrückt zu haben.“ Mathilde verbarg ihr Antlitz an dem Buſen der Frau Woeſtbergen, welche neben ihr auf dem Kanapé ſaß, und weinte. „Aber,“ ſagte Woeſtbergen,„ich begreife Sie nur halb, Sie meinen doch nicht, daß Mathilde...“ „Mutter geworden war, ja Robert, das wollte ich gerade ſagen. Sobald nun der gewichtige Zeit⸗ punkt da war, begab ſich Mathilde nach einem Dorfe in Gelderland; da erblickte ihr Kind das Licht der Welt, da wurde es erzogen. Sie kennen das Unglück, das Ihren Vater traf; um ihn zu retten, opferte Ma⸗ thilde ſich auf und heirathete den Baron van Ransber⸗ gen. Glauben Sie jetzt nicht auch, Robert, daß un⸗ ſere Ehe ſo ſtille als möglich vollzogen werden muß?“ „Ja, aller Eclat muß vermieden werden,“ gab Woeſtbergen zur Antwort,„parole d'honneur! Sie —— haben Ihre Rolle meiſterhaft zu ſpielen gewußt und die Sache gut geheim gehalten, aber nun das Kind van Vergen, was iſt aus dem Kinde geworden? Iſt es ein Knabe oder Mädchen?“ „Ein Sohn, Robert! Sie ſollen ihn bald ſehen,“ ſagte der Kolonel. Robert Woeſtbergen hielt es für unnöthig, ſeiner Schweſter mit Bußpredigten läſtig zu fallen. Er er⸗ ſchrack zwar bei dem Anhören dieſer Nachricht, aber der Schrecken war bald vorüber, und es dauerte nicht lange, als er erklärte, daß, wenn ſein Neffe ihm ge⸗ fiele, er ihm ſein Reitpferd zum Geſchenk geben wolle. Es wurden jetzt viele Plane für die Zukunft geſchmie⸗ det, die wir unſern Leſern aber noch nicht mittheilen önnen. Van Bergen machte der Unterhaltung ein Ende, indem er von dem Platze aufſtand. Der dankbare Blick, welchen Mathilde auf ihn warf, war die größte Be⸗ lohnung, die der Kolonel für ſeine Aufopferung davon⸗ tragen konnte. Auguſt van Bergen verlies das Haus Woeſtbergens und fuhr eiligſt nach dem Hôtel des Pays- Bas, wo Adolf ſeiner harrte. * 8* „Mein junger Freund,“ ſprach van Bergen aufge⸗ räumt,„Sie bleiben heute mein Gaſt. Sie dürfen die Stadt nicht wieder verlaſſen und müſſen hier Ihre Woh⸗ nung nehmen, bis... aber das will ich Ihnen ſpäter ſagen, heute Abend werde ich Sie in die große Welt einführen... und Ihre erſte Sorge muß jetzt ſein, daß ſie ſich gut zu benehmen wiſſen. Wir werden zu aller⸗ erſt für einen paſſenden Anzug ſorgen, Ihre Kleidung iſt zwar gut.. aber paßt nicht in den Kreis, in wel⸗ chen ich Sie führen will.“ Verwundert ſah Adolf den ſonſt ſo ernſten und jetzt vor Freude ſo ausgelaſſenen Kolonel an, welcher ihm eine beſondere Aufmerkſamkeit ſchenkte. „Wohlan,“ ſagte van Bergen,„das Düſtere muß von Ihrem Antlitze verſchwinden, der Glanz der Fröh⸗ lichkeit gehört Ihren Jahren, laſſen Sie den Ernſt rei⸗ fumn Jahren, vielleicht werden Ihre Wünſche noch er⸗ 7 4 „Obwohl der Kolonel gewöhnt war, an der table d'hôte zu Mittag zu eſſen, ſo ſpeiste er doch heute mit Adolf auf ſeinem Zimmer. Van Bergen, freudetrunken von ſeinem Glücke, war die Heiterkeit ſelbſt, und als die Mahlzeit geen⸗ digt war, blieb er mit Adolf noch einige Zeit bei ei⸗ nem Glaſe herrlichen Weines an der Tafel ſitzen. „Ihre Ausſichten ſind nicht ſo trübe, Adolf, als Sie vielleicht meinen, Ihre Kinder⸗ und Jünglingsjahre waren dunkel und düſter, Ihre Zukunſt iſt deſto heller, deſto ſchöner!“ „Meine Zukunft,“ ſeufzte Adolf,„was ſollte meine Zukunft ſein, Herr Kolonel?“ „Recht glücklich!“ „Daran zweifle ich, Kolonel, vielleicht ſind unſere Anſichten von Glück verſchieden.“ „Ich zweifle nicht daran, Adolf. Ich könnte Jh⸗ nen eine ſchöne Zukunft ſchildern, woraus ein Name, eine Mutter, Aeltern Ihnen entgegenlachten. „Ein Name? Mutter! Aeltern... o mein Gott l...“ „Sie lieben,“ fuhr der Kolonel fort,„auch dieſe könnte die Ihre werden...“ „Halten Sie ein, Herr Kolonel... Ach!“ rief Adolf, „Clara die Meine...“ „Meine Schilderung gefällt Ihnen alſo nicht, Adolf?“ „O, warum mir ein Glück vorſpiegeln, das ich 83 rfichen werde. Haben Sie Mitleiden und hören e auf.“ „Aber Alles könnte wahr werden!“ 1 303 „O, nie, niel... Clara Smith, die reiche Clara würde mir ihre Hand ſchenken, mir, der in Vergleichung mit ihr nichts beſitzt... mir, der ich keinen Namen, keine Aeltern habe!..“ „Aber Sie haben einen Namen, Adolf... Sie haben Aeltern...“ „Aeltern!.. täuſchen Sie mich nicht, um Gottes willen! habe ich Aeltern.. ſo bringen Sie mich zu ih⸗ nen, daß ich ſie umhalſe, ſagen Sie mir meinen Namen!...“ „Bald werden Sie Ihren Namen hören, Ihren Vater bald ſehen und auch Ihre Mutter,„ſagte der Kolonel. „Ich will Vater und Mutter jetzt ſehen, jetzt ſchon, in dieſem Augenblicke,“ rief Adolf heftig,„keinen Au⸗ genblick länger gezögert! Kolonel, führen Sie mich zu ihnen, kommen Sie, meine Ungeduld könnte mich wahn⸗ finnig machen!“ „So kommen Sie, Adolf, Sie ſollen Ihren Va⸗ ter ſehen,“ und van Bergen faßte die Hand des jungen Mannes; die Hand zitterte.„Kommen Sie mit mir, ich will Sie zu Ihrem Vater führen!“ Adolf zog gleichſam den Kolonel fort, und vor den großen Spiegel gekommen, hielt Auguſt ſtille,„Se⸗ hen Sie, Adolf,“ ſagte er,„hier den Vater!“ Adolf ſah in das Glas.. der Kolonel ſtand neben ihm.. Schneller als der Blitz durch die Wolken zuckt, drehte ſich Adolf um.„Sie...“ rief er,„mein Vater...“ „Eduard van Bergen.. mein Sohnl..“ „Vater... Sie mein Vater?“ Und mit einer Lei⸗ denſchaft die an Raſerei gränzte, warf er ſich in die Arme des Kolonel... Ich habe einen Vater, ich bin reich! Sie... mein Vater.“ Er eilte wie wahnſinnig durch das Zimmer und warf ſich dann ganz ermüdet auf das Sofa nieder. „Ums Himmels willen, ruhig Eduard,“ rief der Kolonel mit einer Freundlichkeit, als hätte er wirklich 304 einen Sohn wiedergeſunden. als ob er Adolfs Vater wäre. „Eduard!l iſt das mein Name, Eduard van Ber⸗ gen,“ wiederholte er unaufhörlich,„Sie mein Vater.“ Feurig drückte er die Hand des Kolonel... ſprang eiligſt auf und rief aus:„Zetzt meine Mutter, meine Mutter, Kolonel.. Vater, Vater! machen Sie Ihren Sohn auf einmal glücklich, o, wie herrlich... ich habe einen Vater!“ Er ſank wieder auf das Sofa nieder und weinte... aber es waren Freudenthränen. „Und wann ſoll ich meine Mutter ſehen?“ fragte er endlich,„wann?“ „Bald, Eduard, ſo bald als möglich,“ gab ihm der Kolonel zur Antwort,„heute Abend werde ich Dich in eine anſehnliche Geſellſchaft bringen, wo Du fortan zum Hauſe gehören ſollſt.⸗ „Ich werde Dir überall folgen, wohin Du es be⸗ fiehlſt, Vater!“ ſagte Eduard.„Eduard van Bergen, Gott ſei gedankt, der Name iſt jetzt der Meine.“ Er überließ ſich ganz der Freude. Plötzlich aber ſchien ein ernſter Gedanke in ſeinem Innern aufzuſtei⸗ gen. Düſter ſah er vor ſich hin und mit halber Stimme fragte er: „Aber, Vater, wo warſt Du ſo lange? Warum kenne ich Dich nicht? Wo iſt denn meine Mutter?“ Der Kolonel, auf dieſe Frage gefaßt, hatte ſchon eine Antwort bereit. Er ließ Eduard neben ſich Platz nehmen, und in väterlichem Tone ſprach er: „Fühlſt Du Dich ganz gefaßt, mich anzuhören, dann will ich Dir Alles erzählen... wäre es aber nicht beſſer, wenn wir bis morgen warteten?“ „Vater.. ich hörel.. Heute noch... jetzt!“ „So höre,“ ſprach der Kolonel.„Als ich vor nun zwanzig Jahren noch Lieutenant war, lernte ich Deine Mutter kennen, und bald liebten wir einander zärtlich. An eine Heirath war aber nicht zu denken, denn der V 305 Vater Deiner Mutter, ein angeſehener Kaufmann, würde nicht erlaubt haben, daß ſeine Tochter, die da⸗ mals gar nicht reich war, mir ihre Hand ſchenkte, um kurz zu ſein, wir heiratheten in der Stille, ohne Wiſſen des alten Mannes, und Du, Adolf, warſt das Pfand unſerer Ehe. Deine Mutter that Dich zu einer Bäuerin, in deren Wohnung ſie Dich geboren hatte, und welche Niemand anders war, als die Frau de Geer, Deine ſogenannte Tante. Umſtände zwangen mich, das Vaterland zu verlaſſen und in obindiſche Dienſte zu treten. Während ich mich dort befand, ver⸗ breitete ſich in meinem Vaterlande das Gerücht von meinem Tode. In einem Gefechte hatte ich das Un⸗ glück gehabt, verwundet zu werden, und dieß hinderte mich lange Zeit, eine Nachricht an Deine Mutter zu ſenden. Auch gingen zwei Briefe, die ſie mir ſendete, verloren, ſo daß ſie weder Nachricht, noch Antwort auf ihre Briefe von mir empfing. Monate und Jahre ver⸗ floſſen, und Deine Mutter begann auch an das allge⸗ mein verbreitete Gerücht zu glauben, daß ich geſtorben ſei. In dieſer Zeit wurde bei Deinem Großvater ein anſehnlicher Diebſtahl verübt, wodurch der Mann ganz zu Grunde gerichtet worden wäre, wenn Deine Mut⸗ ter, die an mein Ableben glaubte, ihre Hand nicht ei⸗ nem vornehmen Edelmanne geſchenkt hätte, der ſie ſeit langer Zeit liebte und durch deſſen Schätze Dein Groß⸗ vater gerettet wurde. Nach kurzer Verbindung ſtarb der Gatte Deiner Mutter und hinterließ ſie im Beſitze eines anſehnlichen Vermögens. „Bei meiner Zurückkunft in das Vaterland fand ich Deine Mutter Wittwe. Umſtände verhinderten uns, unſere Ehe bekannt zu machen; dieſe Umſtände ſtehen jetzt nicht mehr im Wege und eheſtens werden Deine Eltern zum zweiten Male wieder getraut werden, um nie wieder zu ſcheiden. Wir halten dieſe Maßregel für nothwendig und betrachten dieſelbe für beſſer, als wenn unſere frühere Ehe bekannt würde, da Deine Mutter 3⁰6 leicht dadurch ihr Vermögen verlieren könnte, denn die Heirath mit dem Baronen könnte für unrecht⸗ mäßig erklärt werden, da ſie, wie Du weißt, keine rechtmäßige Verbindung eingehen konnte, ſolange ich am Leben war. Darum, Eduard, befehle ich Dir Ver⸗ ſchwiegenheit über das Dir Mitgetheilte, da Du jetzt doch durch unſere Ehe ein rechtmäßiges Kind wirſt. Nun werde ich Dir auch die Gründe ſagen, warum Du jetzt erſt Deine Eltern kennen lernſt. Einem ver⸗ trauten Freunde habe ich bei meinem Abzuge nach Oſt⸗ Indien eine Summe übergeben, um von derſelben Dein Koſtgeld bei der Wittwe de Geer zu bezahlen. Doch dieſer Freund betrog mich, und ſo erhielt Frau de Geer, die indeß das Dorf verlaſſen und nach Amſterdam ge⸗ zogen war, nichts davon. Sie hatte keine Luſt, Dich ohne Belohnung aufzuziehen, und um ſich von Dir zu befreien, ſtand ſie Dich an Zadok, den rothen Juden, ab; doch da ſie ſich ſpäter vor Entdeckung fürchtete, als Du bei Herrn van Dam warſt, nahm ſie Dich wieder an und ſchickte Dich in eine wohlfeile Koſtſchule, wie Dir bekannt iſt. „Alle Forſchungen, die wir anſtellten, waren ver⸗ gebens, da wir nicht wußten, wo Frau de Geer war, bis es endlich dem guten Himmel gefiel, Dich auf wunderbare Weiſe uns wiederfinden zu laſſen. „Jetzt weißt Du vor der Hand genug über Deine Abkunft,“ ſo endigte van Bergen,„nähere Einzelnheiten werden Dir ſpäter mitgetheilt.— Kleider nach dem neueſten Geſchmacke liegen im Nebenzimmer, eile, Dich anzuziehen, es iſt bald Zeit, daß wir uns auf den Weg begeben.“ -—9-8—-—y 8—————— à ð—— —,— d ———— XXVIII. Mutter und Sohn. Alles kam Adolf ſo ſonderbar vor, daß er ſtets in einem angenehmen Traume zu verkehren meinte. Das neue Kleid, obwohl in der Eile verfertigt, ſtand ihm ganz vortrefflich; es war, als ob ſein Blick lrelr Stolz, ſein Antlitz einen keckeren Ausdruck dadurch ekäme. Mit Wohlgefallen betrachtete der Kolonel den wohl⸗ einltcten jungen Mann, der ihm gegenüber im Wa⸗ gen ſaß. „Es iſt ein ſchöner Traum,“ rief Adolf,„möchte ich nie mehr erwachen.“. „Es iſt kein Traum, Eduard, es iſt die glücklichſte Wirklichkeit.“ „O, könnte Clara mich einmal ſo ſehen!“ „Die Zeit wird bald da ſein,“ rief der Kolonel, n„zuerſt Deine Mutter... dann Claral“ „Iſt fie ſchön... meine Mutter?“ fragte Eduard, niſt ſie gut, werde ich ſie lieben können?“ „Gut wie ein Engel und auch ſo ſchön! Sie wird für dih die beſte Mutter ſein, ſei auch der beſte Sohn r ſie. „Das werde ich!“ rief Eduard,„Du ſagſt, daß mein Verluſt ſie ſchmerzt... daß ſie darum viel, ſehr viel gelitten. Bei Gott, ich werde ihr Leiden vergüten, aber,“ fügte er düſter hinzu,„wird ſie auch mich lieben können?“. „Welch' ſonderbare Frage, warum ſollte Deine Mutter Dich nicht lieben können?“ 4 „Warum nicht!“ rief Eduard,„weil ich. Du begreifſt mich., weil ich mit Deeman und Vater Bram, 308 Du weißt wohl, Vater, mit dem Geld.. in Verbin⸗ dung ſtand, weil ich ein Verbrecher war!“ „Das wäreſt Du nie geworden, wenn wir, Deine Eltern, obwohl ohne Schuld, Dich nicht Dir ſelbſt überlaſſen hätten, wenn Du in anderer Geſellſchaft gelebt! und doch, Eduard, Dein Herz iſt gut geblieben mitten unter der Verdorbenheit und da, wo Du ſelbſt fielſt, bewahrteſt Du einen Andern vor dem Falle, Dein Betragen gegen Frank und Clara läßt alles An⸗ dere vergeſſen. So möge das Vergangene denn auch für immer vergeſſen ſein; jetzt beginnt ein anderes Leben für Dich.“ „Aber wie leicht könnte Dieſer oder Jener in Eduard van Bergen den ſchwarzen Dolf erkennen?“ „Das kann nicht geſchehen, Eduard, ich habe meine Maßregeln genommen.“ 4 Der Wagen hielt vor der Wohnung Robert Woeſt⸗ bergens, Beide ſtiegen aus und betraten das reiche Gebäude. Van Bergen öffnete die Thüre des Vorzimmers. „Tritt hier ein und warte,“ ſagte Auguſt,„ich werde bald wieder hier ſein.“ Eduard that, wie ihm der Kolonel gebot. Solche Pracht hatte er noch nicht geſehen; die Wohnung van Dams, das Herrlichſte, was ſein Auge bis jetzt erblickt hatte, verſchwand in Nichts vor dem Glanze, der ihm hier entgegenſtrahlte. as Zimmer war nur von einer Lampe erleuchtet, welche auf dem zierlichen Ovaltiſche ſtand und bei dem Lichte dieſer Lampe betrachtete Eduard all' die koſtbaren Kleinigkeiten, die hier in Menge aufgehäuft waren. Er ſetzte ſich auf das Kanapee nieder und dachte über das Vergangene nach.— Sonderbar! Da ſtieg das Dachfenſter vor ihm auf, aus welchem er den Weſtertoren erblickt hatte; der alte marmorne Garten⸗ bank zu Reitſenburg, auf welchem er ſo oft träumend ſaß, der Alteiſenladen Vater Brams; das hübſche Wohn⸗ —= ☛ ——— n 309 zimmer van Dams; die Bühne bei Deeman.. Alles zog nacheinander an ſeinem Blicke vorüber, wie die Träger eines Sarges, ſein Haupt ſank auf ſeine Hand und er ſtarrte unbeweglich auf den Boden. Es war ihm aber keine Zeit gelaſſen, nachzudenken. Die Thüre wurde geöffnet und der Bediente in grauer Livree mit Silber trat in ehrfurchtsvoller Haltung ein. Der Bediente hielt ein filbernes Brett, worauf eine kriſtallene Karaffe und ein Kelch ſtanden, in der Hand, ſetzte es auf den Tiſch, ſchenkte den perlenden Wein in das Glas und bot es höflich Eduard an, der verwirrt das Glas ergriff und an ſeine Lippen ſetzte. Verlaſſen wir ihn für einige Augenblicke und fol⸗ gen wir Auguſt van Bergen. Dieſer fand Robert, deſſen Schweſter und Gattin im Saale. Alle bewahrten ein feierliches Stillſchweigen, obwohl Robert allerlei Verſuche machte, ein Geſpräch anzuknüpfen. Das Erſcheinen des Kolonel unterbrach die Stille. Sobald er in den Saal trat, flog Mathilde ihm ent⸗ gegen; ſie ſah blaß aus, keine Farbe belebte ihre Wan⸗ gen, und die matten Augen, mit welchen ſie van Bergen anſah, zeugten davon, daß ſie geweint hatte. „Iſt er gekommen, Auguſt? Iſt er hier?... Eduard... mein Sohn!...“ „Beruhige Dich, Mathilde.. mäßige Dich!...“ „Nein... ſage mir erſt, ob er hier iſt... und dann werde ich ruhig ſein, Dich geduldig anhören, aber ſage mir erſt... iſt Eduard hier?“ „Nun ja denn..“ ſagte der Kolonel,„er iſt hier!“ „Er iſt hier, ihr hört es.. Louiſe! Robert! mein Sohn iſt hier. Auguſt, bringe mich zu ihm, ich will ihn ſehen!...“ „Beruhige Dich zuerſt, Mathilde,“ ſagte der Ko⸗ lonel, während er ſeine zukünftige Gattin wieder an ihren Platz führte...„laß Dein Blut ſich erſt wieder 310 abkühlen... auch für ihn iſt es nöthig, für Eduard... Dein Kind, Mathilde!“— „Er brannte alſo nicht vor Verlangen, ſeine Mut⸗ ter zu ſehen, zu umarmen! Er fühlte ſich alſo nicht durch die Stimme der Natur zu mir getrieben?“ „Er weiß noch nicht, daß er ſich mit ſeiner Mut⸗ ter unter einem Dache befindet.... ſeine Ungeduld würde ſonſt der Deinen gleichen, ſein unerwartetes Glück hat ihn ganz verwirrt.. Um Eduards Willen mäßige Dich, Mathilde, und in wenigen Augenblicken werde ich ihn bringen.“ „Ich werde ihn noch erkennen,... ja ſeine ſchwar⸗ zen Augen... ſeine dunkeln Haare... Sieh, Au⸗ guſt; jetzt bin ich ruhig,“ ſagte Mathilde, doch van Bergen ſah, daß die Ruhe nur ſcheinbar war. Mathilde bebte wie Eſchenlaub, durch das der Herbſtwind zieht. Der Kolonel ſchien aber die Ungeduld ſeiner Geliebten. nicht länger auf die Probe ſtellen zu können; er ſtand auf und verließ langſamen Schrittes das Zimmer. Eine Todtenſtille herrſchte in dem Saale, Mathilde neben ihrer Schwägerin auf dem Sopha ſitzend, hielt Louiſens Hand krampfhaft in der ihren; ſie konnte nicht ſprechen.. Nach Verlauf von einigen Minuten hörte man Tritte auf dem marmornen Gange. „Er kommt,“ liſpelte ſie kaum hörbar....„O großer Gott! wie iſt mir zu Muthe!“ Die Thüre wurde geöffnet.. van Bergen führte Eduard herein. Vergebens hatte ſich Mathilde vorgenommen, ru⸗ hig zu bleiben und ſich nicht ihrer Leidenſchaft hinzu⸗ geben. Aber wie vermochte das eine Mutter, die acht⸗ zehn Jahre lang ihr Kind nicht geſehen und dieß theure Pfand plötzlich wieder findet. Die Stimme der Natur erhob ſich ſo kräftig in ihrem Innern, daß ſie ſie nicht unterdrücken konnte. So bald Eduard in dem Saal erſchienen war, flog ſie von dem Sopha auf und 3 311 mit dem Ausruf:„er iſt es... Eduard, mein Sohn l....“ ſank ſie in die Arme des verwunderten Jünglings. „Wie,“ rief Eduard,„Sie meine Mutter.... Sie 1 2 „Mein Sohn. Du biſt mein Sohn, mein Kind... mein Eduard.“ Es war ein rührender Augenblick, eine ergreifende Szene! Mathilde hing an dem Hals des jungen Man⸗ nes und bedeckte ſein Geſicht mit heißen Küſſen. Und Adolf oder lieber Eduard van Bergen? In den Armen ſeiner Mutter fand er Vergütung der durchgemachten Leiden; in dieſem ſeligen Augen⸗ blicke ſah er nur ſeine Mutter, ſelbſt Clara's Bild ver⸗ ſchwand, nun er die umarmte, die ihm das Leben ge⸗ ſchenkt hatte, unter deren Herzen er einſt geruht. ** * Als er am folgenden Morgen erwachte, ſah er verwundert um ſich. Er befand ſich in einem Schlaf⸗ zimmer, das ſo prächtig war, daß er glaubte, in einem Zauberpallaſt zu ſein. Ein weiches Dunenbett trug ihn; um das Bett zogen ſich roſenrothe Gardinen, die das Sonnenlicht durchließen. Er ſprang auf und ſuchte ſeine Kleider. Nirgends waren ſie zu finden. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet, derſelbe Bediente wie am letzten Abend trat ein; auf ſeinem linken Arme trug er die Kleider, die Eduard am vorigen Abende ausgezogen hatte. Nach einer Verbeugung half er ſeinen jungen Herrn anziehen und nachdem dieß vorüber, ſagte er:„die gnädige Frau erwartet Sie zum Frühſtücke.“* „Von dem Bedinnten geleitet, ſtieg er die Treppe hinauf: die Saalthüre ſtand offen; er warf einen Blick in das prächtige Gemach, in welchem am vergangenen Abende ſo Wichtiges geſchehen war. 312 Er kam in das ſchon früher von uns beſchriebene Boudoir Mathildens. Seine Mutter war allein. Ma⸗ thilde in einem ſchneeweißen Morgengewande, ſaß auf dem Sopha, vor welchem ein kleiner Tiſch ſtand, auf dem ein auserleſenes Frühſtück ihrer harrte. „Haſt Du glücklich geträumt, Eduard?“ fragte Mathilde mit mütterlicher Zärtlichkeit ihn küſſend,„ſetze Dich zu mir, lege Deine Hand in die meine und fieh mich an... ſo iſt es gut!“ 4 „Was ſie ſchön iſtl“ dachte Eduard,„was ſie ſchön iſt.. meine Mutter!“ „Und haſt Du glücklich geträumt?“ „Von Dir... und meinem Vater!“ Mathilde wandte ihr Geſicht ab, eine Thräne, die in ihrem Auge glänzte, durfte Eduard nicht ſehen! „Erzähle mir nun all' Deine Schickſale, ich will ſie aus Deinem Munde hören,“ ſagte Mathilde,„er⸗ zähle mir Alles ohne Zurückhaltung, ein Sohn hat vor ſeiner Mutter keine Geheimniſſe!“ Gewiß wurde nie aufmerkſamer einer Erzählung gelauſcht, als von Mathilde der ihres Sohnes. „Dein Kummer iſt jetzt zu Ende!“ rief die glück⸗ liche Wittwe, als Eduard ſeine Erzählung geendet hatte; jetzt ſoll Dein Glück ſeinen Anfang nehmen, ich kenne Deine Wünſche und Neigungen, ich will ſie er⸗ füllen.“ Der Kolonel trat ein. „Alles iſt bereit,“ ſagte er, nachdem er Eduard herzlich die Hand geſchüttelt hatte. „Nun, ich werde auch bald bereit ſein,“ ſprach *) Der Uebergang von Du und Sie iſt im Hollän⸗ diſchen nicht deutlich bezeichnet, da gij und u ganz vermiſcht gebraucht werden. Deßhalb iſt der Ueberſetzer gezwungen, nach ſeinem eigenen Gut⸗ duͤnken zu verfahren. 8 D. Ueb. 313 Mathilde,„was iſt jetzt Dein feurigſtes Verlangen, mein Eduard?“ Eduard ſchlug die Augen nieder, als er den Blick ſeiner Mutter ſo theilnehmend auf ſich ruhen ſah... „Clara,“ liſpelte er,„Clara Smith!“ *¾ 5 „Du ſollſt ſie ſehen, ſie ſoll die Deine werden,“ ſprach Mathilde,„Clara ſoll meine Schwiegertochter werden.“ Wenige Augenblicke ſpäter nahmen Auguſt, Ma⸗ thilde und Eduard in einem prächtigen Wagen Platz, der mit ein paar ſchönen Pferden beſpannt war und ſchnell, wie der Wind, flogen ſie durch die Hauptſtadt. Außer dem Thore beſchleunigten die Pferde ihren Lauf. So fuhren ſie durch verſchiedene Dörfer, bis ſie endlich vor einem einfachen Landhauſe hielten. Und da, abgeſchieden von dem Gewühle der gro⸗ ßen Stadt, da in dem einfachen und ſtillen Dorfe, ge⸗ noß Eduard das Glück, ſeinen Freund Frank, ſeine aus⸗ erkohrene Klara wieder zu ſehen und zu umarmen. „Sie lieben einander,“ ſagte der Kolonel zu Henri Smith.„Ich bin kurz mit der Sache, mein Freund, und erkläre Ihnen, daß wir Alle hier ſind, um für ihn um die Hand Ihrer Tochter zu bitten.“ Henri Smith ſchien ernſtlich nachzudenken. „Aber Adolf...“ ſagte er nach einigen Augen⸗ blicken,„wer iſt er? welchen Namen trägt er? Sie begreifen.. Herr Kolonel...“ „Eduard iſt mein Sohn, er trägt den Namen ſei⸗ nes Vaters, Eduard van Bergen.“ „Ihr Sohn! Adolf. Sie, der Sohn des Ko⸗ lonel? Eduard!“ Dieſe Worte entglitten Frank, Klara und ihrem Vater unwillkürlich wie aus einem Munde. Stumm vor Verwunderung betrachteten die Drei den ſchwarzen Dolf.... den jungen Eduard van Bergen, Amſterdams Geheimniſſe. Ill. 21 314 Mathilde hatte die Hand Clara's gefaßt und ſich mit dem Mädchen freundlich unterhalten, während der Kolonel Henri die Geſchichte mittheilte, daß er ihn in ſeine Wohnung aufgenommen. „Du liebſt meinen Sohn, liebe Clara,“ fragte ſie zärtlich,„Du liebſt meinen Eduard, wie er Dich liebt?“ „Gnädige Frau!“ ſtammelte Clara, die Augen nie⸗ derſchlagend, während ſie es nicht wagte, das ſüße Be⸗ kenntniß ihrer Liebe abzulegen. „Du liebſt ihn, Clara! Deine Verſchwiegenheit ſagt es mir,“ ſprach Mathilde, Du ſollſt ihn glücklich machen, ihn das Vergangene vergeſſen laſſen, eine treue Gattin ſein;“ die Baronin küßte die liebe Clara. „Der Tag ihres Glückes ſoll auch der des meinen ſein,“ flüſterte Auguſt van Bergen. „Mathilde,“ rief er,„am ſelben Tage, da Eduard und Clara verehlicht werden, ſoll auch unſere Hochzeit ein!, Mathilde blickte dankbar zum Himmel. * „Und Ihr Bruder?“ fragte der Kolonel nach kur⸗ zer Zeit Henri Smith. „Er wohnt hier in der Nähe auf einem Dorfe bei anſtändigen Leuten,“ ſagte Henri,„aber ich fürchte...“ Er endete nicht, ſchüttelte aber bedenklich den Kopf. „Was fürchten Sie?“ „Daß er wahnſinnig wird. Ich habe verſprochen, ihn heute zu beſuchen; wollen Sie mich begleiten, Herr Kolonel?“ „Gerne! unſere Abweſenheit wird von der übrigen Geſellſchaft nicht einmal bemerkt werden,“ ſagte van Bergen.„Ueberdieß könnte Adam leicht ein unvorſich⸗ tiges Wort fallen laſſen; weder Frank, noch Clara dür⸗ fen je erfahren, daß ihr Oheim der Mörder ihrer Mut⸗ ter iſt.. es muß ein Geheimniß bleiben.“ 3 —— . XXIX. Sein Ende. Ein Pachthof war der Aufenthaltsort Adam Smiths. Dieſer lag etwas vom Dorfe entfernt und ſtand mit⸗ ten in fruchtbarem Weideland, von Hecken umzäunt. Zwei Zimmer hatte der vormalige Kommiſſionär zum Gebrauch. Die Leute des Dorfes und der Um⸗ gegend wußten nicht anders, als daß der alte Herr Smith ſich zur Herſtellung ſeiner Geſundheit hier auf⸗ hielt, und Henri bezahlte für ihn ein ſehr anſehnliches Koſtgeld. Nach einem kurzen Wege erreichten Henri Smith und der Kolonel den Hof. „Ich freue mich, Sie zu ſehen,“ ſagte die Bäuerin, eine friſche, vierzigjährige Frau zu dem Erſten.„Der Herr iſt gar nicht gut. Er ſpricht unaufhörlich von ſei⸗ ner Frau und von Geld und von was weiß ich Allem; keinen Augenblick will er allein bleiben, er ſieht nichts, als Geiſter, ſagt er, oder ſo etwas, und wir haben ihn bei Nacht ſprechen hören, obwohl er ganz allein war. „Iſt er in ſeinem Zimmer?“ „Ja,“ antwortete die Bäuerin,„mein Sohn iſt bei ihm.“ „Wir wollen ihn beſuchen.“ Henri und Auguft ſtiegen die Treppe hinauf, die nach dem Zimmer führte, in welchem Adam Smith war. Das Zimmer war klein und ſo niedrig, daß man leicht mit der Hand die Decke berühren konnte, ohne gerade ſehr groß zu ſein. Solche Zimmer findet man 316 viele auf den Bauerhöfen; ſie tragen den Namen kel⸗ derkamers, weil ſich der Keller darunter befindet. Die Wände hatten keine Tapeten, ſondern waren nur mit weißem Kalk beſtrichen und hie und da hingen einige Bilder unter Glas und Rahmen, die Geſchichte der Genoveva vorſtellend. Am Ende des Zimmers war ein hohes Bett, mit geblümten Gardinen, während ein gemalter Tiſch, eine große mit Meſſing beſchlagene Kiſte und einige Stühle mit Strohſitzen den übrigen Hausrath bildeten. Zwei Fenſter, mit kleinen Scheiben, ließen das Tageslicht herein. An einem dieſer Fenſter ſaß Adam Smith in ſeinem alten Komptoirrock. Sein Kopf war unbedeckt, die ſchon ergrauten Haare hingen unordentlich über ſeine Stirne, ſeine Lip⸗ pen waren krampfhaft zuſammengezogen, ein ungeſchor⸗ ner Bart, gab dem Geſichte ein wildes Ausſehen. Ihm gegenüber ſaß ein Burſche von achtzehn Jahren, der ein Fiſchnetz flocht. Als der Kolonel und Henri eintraten, und Adam ſie bemerkte, verwunderte er ſich durchaus nicht über ihr Erſcheinen. Er ſah ſie eine Zeitlang ſprachlos an und ſtarrte dann wieder gleichgültig zum Fenſter hinaus. „Laßt uns einige Augenblicke mit dem Herrn allein,“ gebot Auguſt van Bergen dem jungen Menſchen, der ſich darauf entfernte. Als der Bauer gegangen war, wandte ſich van Bergen zu Adam Smith und legte die Hand auf ſeine Schulter, um ihn aus dem Nachdenken aufzuwecken. „Wie geht es, hat die Einſamkeit Sie zum Nach⸗ denken und das Nachdenken zur Reue gebracht?“ 4 Ohne den Kolonel anzuſehen, ſagte Adam Smith: „Sie kommt noch nicht, heute nicht, geſtern nicht, und ſie muß doch kommen, nicht wahr, Kolonel van Bergen?“. „Wer?“ fragte der Kolonel verwundert. „Meine Frau!“ —— 317 leicht bald, und dann ſiebenhundert Prozent Gewinn... Sehen Sie, ich habe es ausgerechnet, da iſt es,“ er OQuellen, und dann ein Drittheil auf Hypotheken, die Menſchen ſind hier um Geld verlegen.. ſieben, a t, neun Prozent. Alles auf Ländereien, ſicheres Eigen⸗ thum, und dann gibt es hier gute Gelegenheit auf Feldgewächſe Vorſchüſſe zu thun, man wagt zwar etwas dabei, aber ein Vorſchuß vom Sechstel des Werthes, fünfzehn Procent... das gibt, ja das gibt... wann wird ſie kommen?“ „Nie!“ „Nie?“ „Nein nie, nie mehr wird ſie kommen“ ſagte Auguſt van Bergen. „Aber ſie muß kommen, ich will ſie hier haben, die kleine Nancy... Sie iſt meine Frau, mein liebes Frauchen, ſie muß Nachts an meiner Seite ruhen.“ Die grauen Augen Adam Smiths glänzten vor Feuer, als er dieſe Worte ſprach.„Kommen muß ſie, die Nächte ſind mir ſo ſchrecklich, ſo lang, und dann... ſie iſt meine Frau und das Recht ſagt, die Frau muß dem Manne folgen.“ „Das Recht, Adam Smith, Sie können vom Rechte ſprechen... Sie!“ rief Auguſt van Bergen.„Haben Sie jenen Abend und Ihre Bitte vergeſſen?“ „Ja, ich erinnere mich deſſen noch wohl, aber ſchwach, ſehr ſchwach, Sie waren jenen Abend ſo blaß⸗ 318 wie die Leiche Carl Hauſers... und Nancy iſt auch da geweſen, Nancy mit ihrem Großvater, und dann wur⸗ ſollte ſie mich auch in ihren Armen todt drücken... und wenn ich ſie habe, wenn ſie an meiner Seite liegt, wenn ihr Arm ſich um meinen Hals ſchlingt, dann werde ich ſchlafen können, dann darf fie nicht mehr kommen.. wie jetzt, ſie.. „Wer?“ „Sie... die Bleiche mit ihren unbeweglichen, verglasten Augen, mit ihrem offenen Munde... der keinen Laut von ſich gibt, aber doch ſpricht... und ſchreckliche Dinge ſagt, Dinge, die einem die Haare zu Berge ſtehen machen... die mir den kalten Schweiß auf die Stirne lockte... ſte.. „Aber wer denn?“ fragte van Bergen. „Wer, niemand anders, als..“ Adam Smith hielt plötzlich inne, ſah ängſtlich um ſich und ſagte dann:„Niemand anders, als... als Helena... und ſie kommt nicht immer allein, oft auch er, er, der Doktor, mit ſeinen ſchwarzen Haaren... und ſeinem bleichen Geſichte... dann ſprechen ſie zuſammen.. oft kommen ſie auch bei Tage, und dann Abends, wenn es dunkler wird, Niemand ſieht fie als ich... ich allein höre ſie und niemand ſonſt... niemand ſonſt..“ Er blieb einige Augenblicke in tiefes Nach⸗ denken verſunken und rief dann plötzlich:„Wird ſie kommen?“ wi ,33 habe Ihnen ſchon geſagt, daß es nicht ge⸗ eeht.“ 4 „Kolonel, wenn Sie wollen, daß ſie kommt, wird ſie kommen, das hängt allein... ganz allein von— Ihnen ab, Sie können ſie mir geben, Kolonel van 319 Bergen!... geben Sie ſie mir, nur für eine Woche, für einen Tag, für eine Stunde, eine einzige Stunde.“ „Unglücklicher! iſt das Ihre Reue?“ rief der Ko⸗ lonel.„Statt ferne jetzt von der Welt ſich ernſtlich zu bekehren, nähren Sie die unkeuſche Flamme, die in Ihrem Innern brennt... nähren Sie Gedanken, die ſtrafwürdig und ſündhaft!... Es iſt ſchrecklich!...“ „Ich bin verheirathet, ich will meine Frau.. will Nancy, das iſt nicht mehr als Pflicht und Billig⸗ keit, es iſt nicht Sünde, es iſt Recht, ich bin mit Nancy getraut. Es ſteht geſchrieben...“ „Schweigen Sie“ donnerte van Bergen,„wagen Sie es nicht, die heilige Schrift zu nennen! Legen Sie die Hand aufs Herz und fragen Sie, warum Sie nach Nancy Horſt verlangen... Iſt es wahre Neigung, reine Liebe? Sie wird nicht kommen... nie ſollen Sie ſie wiederſehen... alle Ihre Gänge werde ich beobachten laſſen, allen Ihren Thaten nach⸗ gehen laſſen.“ „Adam Smith,“ fuhr van Bergen fort,„Gott iſt langmüthig, bitten Sie ihn und er wird vielleicht noch einen Balſam in Ihr Herz gießen, der alle Wunden in Ihrem Buſen heilt, jeder unkeuſche Gedanke, der Sie jetzt martert und quält, wird von Ihnen weichen. Dann werden die ängſtigenden Schreckbilder, die Früchte eines unruhigen Gewiſſens, von Ihnen wei⸗ chen, die Seelenruhe wird wieder in Ihrem Innern wohnen und Sie können ruhig dem Tode entgegen gehen... Adam Smith, jetzt iſt es noch Zeit zu bit⸗ ten, vielleicht iſt es morgen zu ſpät, vielleicht liegt das Beil ſchon an der Wurzel des Baumes!...“ Auguſt van Bergen ſchwieg. Adam ſah ihn ge⸗ dankenlos an. „ Ich will nicht mit Ihnen ſprechen,“ rief er end⸗ lich,„Sie ſind ein Beil, Sie wollen mich martern und peinigen und doch habe ich Sie nicht beleidigt, Ihnen nichts gethan... Nein, aber zu Dir, Henri, 320 zu Dir will ich mich wenden; er iſt mir fremd, aber Du biſt mein Bruder... Ich weiß es, ich machte Dich zum Mörder, ich war der Mörder Deiner Frau ... ich ſuchte das Verderben Deiner Kinder, aber Du haſt mir vergeben, Du haſt mir die brüderliche Hand der Verſöhnung gereicht und ich weiß, daß die Rache Dir fremd iſt... Du darfſt mir meine Bitte nicht verweigern... Du mußt... Nancy... zu mir bringen... ſie mir wiedergeben... bald!... willſt Du das thun... ſonſt iſt es zu ſpät, ich fürchte, mein Ende iſt nahe, immer ſchlafloſe Nächte... im⸗ mer ſie... und ihn... zu ſehen, immer bange Träume... und dann das Verlangen... die un⸗ ruhige... unbeſchreibliche Sehnſucht nach ihr... das zehrt die Kräfte, es bringt mich zu Grabe... darum ſchnell, gib ſie mir wieder... ehe es zu ſpät iſt!“ andre Frau geben... da er mir Nancy genommen hat... Ich will nicht ſo bleiben. Ganz erſchöpft ſank er auf ſeinen Stuhl nieder; ſeine niedrigen Begierden hatten ſeine Lebenskräfte unterhöhlt, ſeine Sinne betäubt... ſein Ende war nahe: ein Schlag hatte ihn getroffen. Sein Haupt fiel zurück auf die Lehne des Stuh⸗ les, auf welchem er ſa er ſtreckte die Füße aus und 321 drückte die Hände krampfhaft zuſammen.. Seine Augen wurden roth, roth wie Blut... dieſelbe Farbe überzog ſein Antlitz und an ſeinem Haare hing der Schweiß... Er ſprach ſonderbare unzuſammenhän⸗ gende Worte... dann, murmelte er leiſe und unver⸗ ſtändlich, dann ſchrie er wieder laut... während er die Augen wild in den Höhlen drehte. Schrecklich war ſein Anblick. „Adam Smith!“ rief der Kolonel, durch das ſchreckliche Schauſpiel heftig ergriffen.„Adam Smith, um Gotteswillen, was fehlt Ihnen...“ „Adam, Bruder!...“ Aber der Mörder hörte ihn nicht... „Adam, komm' zu Dir...“ „Üm Gotteswillen... Kolonel, haben Sie Mit⸗ leiden mit ihm, ſprechen Sie ein einziges Wort der Ermuthigung zu ihm...“ „Adam, ſo viel ich kann, will ich thun... Van Bergen und Henri Smith ließen nichts un⸗ verſucht, um den Unglücklichen wieder zum Bewußt⸗ ſein zu bringen... Endlich wurde er ruhiger, ſeine Blicke ſtanden feſt, er richtete ſich halb in ſeinem Stuhle auf und ſah erſt den Kolonel und darauf den Bruder unbeweglich an, dann brach er in ein eckliches Lachen aus. „Der Wein.. hal ha!... ja, der Wein... was war in dem Weine?... ja das ſagt er... und dann ſiel er nieder und ſchlief... Er iſt nie wieder erwacht!... und dann... da wurde er fort⸗ geſchleppt an den Beinen, denn er war ſchwer, ſein Haupt rollte in dem Gang... hört!... br... wie wenn es knickte... ja... plumps!... Hal das war artig... und dann!... bah, das war kalt, kalt wie der Tod... das ſprang mir hier... hier und da ins Angeſicht... und dann ſah er mich an... mit den ſchwarzen Augen... nach unten, nach oben, und wieder unten... Carl Hauſer... 322 Ja, da ſteht er wieder, da in der Ecke... und fie auch... der Mund iſt offen... ſchwarz von Innen ... ſchwarz vom Gifte... Helena!...“ dann ſchwieg r einige Augenblicke und ſah wieder beide Männer an. „Wer ſind Sie?... Was wollen Sie hier?..“ Mechaniſch hob er die Hand an den Kopf.„Wollen Sie Gold haben.. kommen Sie her, ich will Jonen ſagen, was Sie thun müſſen... hören Sie, ich will es Ihnen ins Ohr flüſtern, daß Niemand es hört!“ Und dann flüſterte er ihnen zu: „Ermorden Sie Auguſt van Bergen, und Henri Smith... fie haben mich arm gemacht, mir Alles genommen, was ich hatte,... Henri Smith iſt auch ein Mörder... er hat Johann Horſt ermordet,. es iſt ein Mörder, wie ich... Dann that er noch einen lauten Schrei und ohne ein Wort zu ſprechen, zeigte er nach Außen. Veine ſchreckliches Schauſpiel erhob ſich vor ſeinen icken. Helena ſtund da und neben ihr Karl Hauſer. Beide waren in Weiß gekleidet, aber ihr Antlitz war noch weißer, als die Kleider, die ſie trugen. Je länger er ſie anſtarrte, deſto größer wurden ſie, deſto näher ka⸗ men ſie zu ihm. Ihre Geſichtszüge zogen ſich zu einem grinſenden Lachen zuſammen, und alle öffneten die Arme, um den Mörder zu umfaſſen. 4 „Komm, komm’, Adam Smith, komm' zur Hölle ... in das ewige Feuer!“. Heftig ſprang Adam auf, ſeine Haare ſtanden in die Höhe, ſeine Augen ſchoßen Blitze..„Zur Hölle,“ rief er,„ich komme!“ und noch ehe der Kolonel oder Henri nach ihm umſahen, warf ſich der Unglückliche aus dem offenſtehenden Fenſter. 4 „Zur Hölle, ins ewige Feuer.... ich komme.. 323 ich komme... ſchrie er noch während ſeines ſchreck⸗ lichen Falles. Mit einem Schrei eilten der Kolonel und Henri nach dem Platze da er gefallen war. Dieſer lag auf dem Boden ausgeſtreckt, keine Wunde war an ihm zu ſehen. „Adam, Bruder... mein Bruder!...“ rief Henri. Der wahnſinnige öffnete ſchwach die Augen, eine ſchreckliche Bläſſe verbreitete ſich auf ſeinem Geſichte, ſeine Naſe wurde ſpitziger, ſein Mund weiter..... Der Tod drückte ihm ſein ſchreckliches Gepräge auf, noch ein Aufblicken, ein Seufzer aus tiefer Bruſt und Adam Smith war nicht mehr! Noch zwei Monate später. XXX. Die letzte Nacht. Der geneigte Leſer, welcher uns bis hieher ſo wil⸗ lig folgte, begleite uns nun auch bei einem Beſuche in dem Arreſt⸗ und Juſtizhaus, früher das Rasphuis genannt.. Es iſt ein düſteres, trübſeliges Gebäude, gleichſam unter den Häuſern des Heiligenweg, der Kalverſtraat, und dem Singel begraben. Nur das Vorportal, der Platz und ein zweites Thor iſt Alles, was man von dieſem Gefängniſſe ſehen kann, nebſt einem kleinen ſigen Thurme der Kapelle, welche man vom Singel ieht. In ein kleines Zimmer, das von zwei mit Eiſen⸗ füäben und Schließnägeln verſehenen Fenſtern erhellt wird, führen wir jetzt unſern Leſer. Es iſt Nacht, die Nacht zwiſchen Freitag und Sonnabend. Der Wind pfeift durch die Höfe des Gefängniſſes und der Regen fällt praſſelnd auf die Steine. Eine Kerze auf einem eiſernen Leuchter, worunter ein hölzerner Block, erhellt ſchwach die dunkle Kammer. Kein anderer Hausrath, als eine altväteriſche eichene Tafel, man gewahrt zwei große und drei kleinere Bänke. An dem Tiſche ſitzen zwei Männer. Der eine iſt mit Leſen beſchäftigt, während der andere in gleich⸗ gültiger Haltung eine Pfeife raucht; ein dritter fitzt in der dunkelſten Ecke und ſcheint zu ſchlafen, während ein 325 vierter, der Jüngſte der Anweſenden, mit ſchnellen und ungleichen Schritten durch das Zimmer ſchreitet. —Der Spaziergänger iſt Joachim Ram, und der Mann, der ſich in der Ecke verkrochen, iſt ſein Vater... David, der krumme Wirth aus der Schenke Het mooriaantje. Beide ſind zum Tode verurtheilt und die zwei Männer, welche wir an dem Tiſche ſitzen ſehen, ſind Aufpaſſer, welche die Verpflichtung haben, Sorge zu tragen, daß die Verurtheilten nicht in einem Anfall von Wahnſinn die Hand an ſich ſelbſt legen und ſo dem Beile ſeine Beute und dem Volke ein liebes Schauſpiel nehmen. Ein liebes Schauſpiel!... Ja, dieß iſt das wahre Wort, die wahre Benennung einer Vollſtreckung des Todesurtheils für die meiſten Bewohner von Amſterdam. Schon länger, als eine Stunde, ehe dieß blutige Schauſpiel einen Anfang nimmt, ſieht man eine zahl⸗ loſe Menge das Schaffot umringen. Die Leute kämpfen um die Plätze, von denen man eine gute Ausſicht auf das Schaffot hat. Die Fenſter der Häuſer, die auf den Strafplatz hinausſehen, werden beſetzt und in dieſen Häuſern iſt ein wahres Feſt. Die Bewohner empfangen Beſuche von Leuten, die fie kaum dem Namen nach kennen, die ſchäkern und lachen, ſich über gleichgültige Dinge unterhalten, bis die Glocke der Zuiderkerk die Mittagsſtunde ankündigt, die letzte Stunde des Ver⸗ urtheilten.. Dann werden die Fenſter geöffnet, man nimmt Platz an ihnen, um da ſeinen Mitmenſchen hinrichten zu ſehen, um mit teufliſcher Ruhe jedes Zucken, jede Geſichtsbewegung des Unglücklichen zu beobachten, wel⸗ cher hier vom Leben zum Tode gebracht wird. Das Drängen auf dem Richtplatz, um und bei dem Schaf⸗ fot wird immer größer und größer; die umliegenden Straßen und Grachten, ja die Dächer der Häuſer wer⸗ den beſetzt; alt und jung, Frauen mit Säuglingen an 326 der Bruſt, bilden den größern Theil der Menge.. Dieſe Alle ſtarren nach dem Galgen, an welchem ein Menſch zu Tode zuckt. Und iſt der letzte Kampf des Unglücklichen gekämpft, hat der Tod ſeinem Leiden ein Ende gemacht, dann verläßt man lachend und ſcherzend den Richtplatz.. Das ſchreckliche Schauſpiel hinter⸗ läßt keinen Eindruck, wenigſtens nicht den, welchen man billigerweiſe erwarten ſollte. Wozu eine öffentliche Hinrichtung? wozu ein Schaf⸗ fot? wozu Ausſtellung, Geißelung, Brandmarken, wo⸗ zu einen Galgen?... Das Unrecht muß geſtraft werden, das werden wir nicht läugnen, aber die Schaffotſtrafe iſt keine Strafe, die Schaffotſtrafe iſt keine Entehrung, für den Ver⸗ brecher von geringer Bedeutung— es iſt eine Kleinig⸗ keit, eine lächerliche Zermonie. Es gibt verſtockte Ver⸗ brecher, die ſich rühmen, mehr als einmal geſtäupt und gebrandmarkt worden zu ſein. Der geſtäupte und ge⸗ 1) Gebrandmarkter Dieb. 2) Aus folgender Thatſache mögen die Leſer uͤber den Eindruck urtheilen, welchen die Schaffotſtrafe bei verhärteten Verbrechern hat. Von wie wenig Belang dieſe Strafe bei den meiſten Miſſethaͤtern iſt, wird klar daraus werden. Zwei Verbrecher wurden ge⸗ geißelt, der Eine ertrug dieſe entehrende Strafe ohne den mindeſten Schrei. Der Zweite aber ſchrie laut auf und ſagte nachher:„Verflucht, jetzt habe ich mein halbes Pintchen verloren!« Als er darauf nach dem Grunde dieſer ſonderbaren Rede gefragt wurde, ſagte er:»Ich hatte eine Wette mit meinem Kame⸗ raden gemacht, daß der, der ſchreie, ſeinem Kame⸗ raden ein Pintchen Jenever geben muͤſſe; ich habe 327 Die Schaffotſtrafe benimmt dem nicht verhärteten Böſewichte die Gelegenheit, durch Ehrlichkeit und gu⸗ ten Lebenswandel die Achtung wieder zu gewinnen, die er durch ſein Verbrechen verloren hatte. Stellt euch den Hausvater vor, der durch Mangel, durch au⸗ genblickliche Geldverlegenheit gezwungen, um ſich und die Seinen vom gänzlichen Untergange zu retten, ein geſchrieen und alſo die Wette verloren!« Alte Boͤſe⸗ wichter geben ihren jungen Kameraden unterricht, in welchen Krümmungen ſie den Leib halten müßten, um die Geißelſchläge weniger zu fühlen. Aus dem bereits mehrmals angeführten Werkchen: Beknopt overzigt van het gevangenis-stelsel in Nederland u. ſ. w. theilen wir folgendes⸗Einzelne mit, um zu beweiſen, wie wenig Eindruck das Brandmar⸗ ken auf die meiſten Boͤſewichter macht.»Viele,« leſen wir dort,»laſſen ſich auf dem bloßen Körper peini⸗ gen, d. h. ſie laſſen ſich mit feinen Nadeln und oſt⸗ indiſcher Tinte, in Zinober getaucht, allerhand, ſelbſt die ſchändlichſten Figuren, auf die Haut ſtechen(Tät⸗ towiren). Die meiſten dieſer Verbrecher ſind ſchaffotirt und tragen das Brandmark auf den Schultern; um dies verſchwinden zu machen, werden alle Mittel an⸗ gewendet. Sie thun alles Mögliche, daß auch die neu ankommenden Juͤnglinge ſich ſtechen laſſen, um die Allgemeinheit deſſelben zu befoͤrdern und ſo wer⸗ den die unerfahrenen Jünglinge gleichſam ohne Wiſſen in die ſchaͤndliche Gilde der größten Boͤſewichter auf⸗ genommen, wenigſtens was die aͤußerlichen Kenn⸗ zeichen betrifft.« Dieſer ſchaͤndliche Gebrauch erinnert uns unwillkuͤrlich an das Taͤttowiren der Glieder bei einer oſtindiſchen Sekte, den Phanſegars oder Wür⸗ gern, von welchen Eugen Sue naͤher ſpricht im ewigen Juden. Ueberſetzung dieſer Sammlung von A. Zoller. 2, 14. 328 Verbrechen begeht, welches von dem Gerichte durch Schaffot beſtraft wird. Was nutzt ihm ſpäter ein ehr⸗ liches, fittliches Leben? Nichts! Wer einmal das Schaf⸗ fot betreten hat, iſt für immer entehrt; man erinnert ſich noch nach Verlauf von vielen Jahren, daß er auf dem Platz der Schande geſtanden! Man ſcheut den Mann, der das Beil mit ſeinen Händen berührt; er iſt aus der Geſellſchaft verbannt und oft geht die Schande der Strafe noch auf die Kinder über. ³) Die 3) Wir koͤnnen uns nicht enthalten, hier ein Beiſpiel anzuführen zum Beweiſe, welch' traurige Folgen das Brandmarken nach ſich zieht. Vor einigen Jahren machte ein junger Menſch von fünf bis ſechsund⸗ zwanzig Jahren zu Amſterdam ſich der Verfertigung von falſchen Wechſeln ſchuldig. Er arbeitete als Kommis auf einem der bedeutendſten Komptoirs, hatte ſich aber zugleich dem Boͤrſenſpiel, den ſage⸗ nannten Papierſpekulationen, hingegeben. Statt zu gewinnen, was nach ſeiner Berechnung unfehlbar war, verlor er, und er mußte als surplus mehr bezahlen, als ſein Vermögen betrug. In dieſer verzweifelten Lage nahm er ſeine Zuflucht zu dem bereits genann⸗ ten Betrug. Die niederlaͤndiſche Bank diskontirt Wechſel abgege⸗ ben von und gezogen auf ſolide Haͤuſer und der junge Mann, vollkommen mit dem kaufmänniſchen Gebrauche bekannt, verfertigte Wechſel, von ſoliden Handlungs⸗ haͤuſern auf die erſten Häuſer gezogen und acceptirt, welche Wechſel aber falſch waren. Die Direktion der niederlaͤndiſchen Bank, durch⸗ aus nicht an der Echtheit zweifelnd, diskontirte die Wechſel und der Faͤlſcher erhielt das Geld. Ein paar Tage vor der Verfallzeit begab er ſich wieder an die Bank, bat, natuͤrlich unter einem angenommenen Na⸗ men, um den diskontirten Wechſel und bezahlte die von ——— 329 Schaffotſtrafe iſt ſchändlich, hart, ungerecht, unmenſch⸗ lich. Sie entehrt den Menſchen für immer; ſie bewegt ihm empfangene Summe, ſo daß Niemand bei dem Betrug einen Schaden litt. Durch das Gelingen ermuthigt, wiederholte er ſeinen Betrug verſchiedene Male, bis die Direktion der Bank durch den ſonderbaren Umſtand, daß die Wechſel immer vor dem Verfallstage zuruͤckgeholt wurden, Verdacht bekam. Der Verdacht wurde im⸗ mer mehr beſtaͤrkt, bald überzeugte man ſich, daß die diskontirten Wechſel falſch und die Unterſchriften nachgemacht waren. Als der nichts Uebles Vermu⸗ thende ſich wieder zeigte, wurde er gefaßt. Nachdem er geraume Zeit im Kerker geſeufzt hatte, wurde endlich ſeine Angelegenheit vor Gericht verhandelt, mit dem unglücklichen Erfolge, daß er zur Brand⸗ markung auf dem Schaffot verurtheilt wurde. Dies urtheil wurde vollzogen und der Unglückliche lebte einige Jahre im Gefaͤngniß. Er hatte zwar freilich betrogen, doch der Betrug hatte Niemand geſchadet, im Uebrigen hatte er ſich immer ſehr ſolid aufgeführt und auch im Kerker zeichnete er ſich durch ſein Be⸗ tragen vor den Andern aus. Aber das Schandzeichen konnte nicht mehr getilgt werden, es war ihm zu. deutlich auf die Schultern gedruͤckt. Aus dem Gefängniß entlaſſen, begab er ſich unter einem angenommenen Namen nach einer Handelsſtadt in Deutſchland; ſeine Geſchicklichkeit verſchaffte ihm bald einen Platz in einem Handelshauſe, wo er ſich mit Eifer des Geſchaͤfts annahm. Jahrelang blieb er hier und erwarb ſich durch ſeine Kenntniſſe und ſein gutes Betragen die allgemeine Achtung, bis durch einen unglücklichen Zufall das Schandzeichen auf ſei⸗ nem Körper entdeckt wurde. Der Kaufmann war kleinlich genug, einen Mann, der auf dem Schaffot Amſterdams Geheimniſſe. In, 3 22 330 nur den, der noch Schaam fühlt, für den verhärteten Böſewicht iſt ſie von geringer Bedeuiung; der Letzte geſtraft worden war, obgleich er ſich von deſſen Ehr⸗ lichkeit, Treue und Eifer uͤberzeugt hatte, aus ſeinen Dienſten zu entlaſſen. Der ungluͤckliche ging an einen andern Ort, begann ſelbſt einen kleinen Handel, den er nach und nach ausbreitete und wurde bald ein be⸗ güterter Mann. Es fiel ihm nicht ſchwer, in die erſten Kreiſe des Städtchens, in welchem er wohnte, aufgenommen zu werden; bald lernte er ein Maͤd⸗ chen kennen, die Tochter vermöͤglicher Bürger, und Beide liebten einander. Die Eltern des Mädchens begünſtigten die Liebe, denn der fleißige, brave und ehrliche Kaufmann erſchien ihnen als ſehr geeignet, das Gluͤck ihrer Tochter zu befoͤrdern. Doch der junge Mann zögerte! Sollte er, auf deſſen Schulter der Stempel der Schande und Ehrloſigkeit gedrückt ſtand, dem reinen, unſchuldigen Maͤdchen die Hand reichen? Lange und ſchwer kampfte er zwiſchen Liebe und Pflicht... endlich behielt die Liebe die Oberhand und er bot dem Mädchen ſeine Hand. Aber er ſollte nicht gluͤcklich ſein, denn ehe noch die Hochzeit ge⸗ feiert wurde, fand die ſchreckliche, ſo ſehr gefürchtete Entdeckung ſtatt... Wie ein laufendes Feuer verbrei⸗ tete ſich das Gerücht, daß der allgemein geehrte und geachtete⸗Bräutigam die Schaffotſtrafe in ſeinem Ge⸗ durtsort erſtanden habe... Der Arme ſah ſein Gluͤck vernichtet!... Verzweiflung bemaͤchtigte ſich ſeiner; er verließ das Haus, wo er das hoͤchſte Glück ge⸗ funden zu haben glaubte, eilte aus der Stadt, bis an den nah vorüberſtroͤmenden Fluß... ſtuͤrzte ſich hinein und endete ſo ſein Leben! Die ungluͤckliche Braut zehrte aus und ſiarb bald darauf. Dies iſt eine der unzaͤhligen nachtheiligen Folgen der Brand⸗ markung. 331 geht lieber auf das Schaffot, als auf einen Monat in das Gefängniß. ¹) Und die Todesſtrafe, wozu dient ſie. Zur Ver⸗ beſſerung? Nein. Die Todesſtrafe nimmt dem Schul⸗ digen den Weg zur Reue. 3 Man ſchaffe die Todesſtrafe ab! Das Volk wird dabei an Veredlung und Menſch⸗ lichkeit gewinnen. Das Volk, das den Miſſethäter umbringen ſieht, wird ſolche ſchreckliche Schauſpiele gewöhnt, die Schau⸗ ſpiele verlieren nach und nach ihr Abſcheuliches, die Menge fängt an, Freude daran zu bekommen, wird hart und blutdürſtig! Härte und Blutdurſt reizen zum Verbrechen! Wir fragen ferner: wirkt das Anſchauen der To⸗ desſtrafe günſtig auf das Volk, iſt die Strafe ein Heinnſun des Verbrechens, ein Abſchreckungsmittel? ein War die Zahl der Verbrecher in den früberen Jahrhunderten, als die Richtplätze immer vom Biute trofen, geringer als jetzt? Iſt gegenwärtig die Zahl der Verbrecher größer, die Art der Verbrechen man⸗ niaſarfeher, ſeit man die Todesſtrafe nur ſelten an⸗ wendet Ẍ Nein!— Daß die Geſchichte nicht erfunden, koͤnnten wir durch Nennung ſeines Namens beweiſen, die meiſten Amſterdamer wuͤrden dann keinen Zweifel daran hegenz aber wir wollen das Gedaͤchtniß des jungen Mannes nicht brandmarken und mitleidiger ſein als die Geſetze. 4) Die Geſetze verbieten ſtrenge, einem Schaffotirten ſeine Strafe vorzuhalten. Uhen warum ſtrafen denn die Geſetze mit ſolchen Str fen, die eine Zuruͤckkehr in die menſchliche Geſellſchaft beinahe unmoͤglich machen? 33³² Die Todesſtrafe iſt überdies keine Straſe. Schließe den Böſewicht ſein ganzes Leben ein, ir wiederholen es, beraube ihn ſein ganzes Leben der Freiheit, dieſe Strafe iſt größer, als ihm das Leben mit dem Schwerte zu nehmen. Das Gewiſſen ſtraft oft ſchwerer, als das Beil es vermag. Vielleicht kommt er durch Reue zur Bekehrung! Strafet überhaupt den Verbrecher mit ſolchen Iafen⸗ die ihn zur Beſſerung führen, aber tödtet ihn nicht. Zwei Aufpaſſer ſaßen, wie wir ſchon ſagten, in dem Kerker Davids und Jims. Die Aufpaſſer waren da um zu wachen, daß keiner der Verurtheilten die Hand an das Leben lege, das nicht mehr ihnen, ſon⸗ dern dem Scharfrichter gehörte. Sobald das Todes⸗ urtheil ausgeſprochen iſt, hat die Perſon, welche das Urtheil traf, aufgehört zu exiſtiren. Seinen Namen hat er verloren, man betrachiet ihn nicht mehr als eine Perſon, er iſt ein Nichts ge⸗ worden! Man hat ihm Alles genommen, man ſchließt ihn ein, bewacht ihn, weil er, obwohl des Lebens unwür⸗ dig erachtet, es dvoch nicht ſelbſt zernichten darf. Vor den Augen der Welt muß er den letzten Kampf käm⸗ pfen... das Volk muß ſeine blutigen Feſte haben, das Recht muß ſeine große Macht den Leuten zeigen. : 8 ³ „Wie ſpät iſt es ſchon?“ fragte David Ram, „mich dünkt, es muß noch früh ſein, ich habe etwas geſchlafen, aber das kann nicht lange gedauert haben, ich habe die Glocke ein Uhr ſchlagen hören.“ Einer der Aufpaſſer holte vie Uhr heraus, beſah —— — 333 „Es wird augenblicklich fünf Uhr ſein.“ „Das iſt unmöglich!“ rief David,„ſo ſpät kann es noch nicht ſein, ich hätte ja vier Stunden geſchla⸗ fen... nicht möglich!“ „So ſeht ſelbſt,“ ſagte der Aufpaſſer, äcgerlich, daß ihm nicht geglaubt wurde, während er dem Ver⸗ zrehaiten ſeine Uhr vorhielt,„bei fünf, wie ich Euch geſagt.“ „Warum habt Ihr mich denn nicht geweckl?“ fragte der Gefangene.„Ich habe nur noch wenige Stunden zu leben, und Ihr laßt mich ſchlafen.Ä“ „Mich dünkt, daß Schlafen noch das Beſte iſt,“ ſagte Jim,„ich wollte, ich könnte es auch thun, aber es geht nicht... wenn ich auch ſtill ſitze und die jedeme) ſo feſt als möglich zuſammendrücke, es geht nicht, der Schlaf will nicht kommen.“ „Ich hatte einen dummen Traum, Jim, ich ſah Deine Mutter... es iſt doch ſonderbar, daß ich von ihr träumen muß, ich habe ſeit Jahren nicht an fie gedacht, und nun träumte mir, ſie habe mich an den Galgen gehängt.“ Ein kalter Schauer überfiel den Krummen bei dem Ausſprechen dieſer Worte. „Das iſt ein ſeltſamer Traum, Alter!“ ſagte Jim, der nicht die mindeſte Unruhe verrieth. „Und noch mehr, ich habe ihn auch geſehen, wie er zu mir kam in De achtkant, mit ſeinem gelbſeid⸗ nen Tuche, blauen Rock mit meſſingenen Knöpfen, ho⸗ hem Kragen und den gelben Hoſen... ja, ich ſah deutlich, daß er ſo fremd und ſonderbar uns anſah, als Du ſein ros feſthieltſt und ich ihm den Hals ab⸗ ſchnitt und ihn om gaaizes maakte; nachher ſah ich ihn wieder wie er in der Kiſte lag... Seine Augen waren von den Ratten ausgefreſſen, die Naſe war weg, er hatte ſchwarze Lippen... In dieſem Zuſtand ⁵) Augen. 334 kam er zu mir und ſprach mich an. Allerhand tolle Dinge mußte ich von ihm hören, Dinge, die mir die Haare zu Berge ſträubten... ich will nicht mehr ſchlafen, um nicht mehr zu träumen!⸗ Es herrſchte einen Augenblick Todtenſtille, der Weind pfiff und der Regen raſchelte auf den Hof nieder. „Ich wünſchte, daß Alles aus und vorbei wäre..ℳ ſagte David endlich. „Ich nicht,“ rief Jim.„Sie werden mich nicht umbringen... es wird noch Gnade für mich kom⸗ men, weil ich noch jung bin... das kommt immer nlebten Augenblicke, nicht wahr?“ fragte er die Auf⸗ paſſer. Dieſe zuckten mit der Achſel. „Ihr würdet beſſer thun, über das nachzudenken, was der Prediger ſagte,“ ſprach der Eins. „Er hat gut ſagen,“ unterbrach David ſeinen Sohn,„er wird nicht aufgehängt und wenn David Gnade bekommt, warum ich nicht? Ich habe nur einen Mord gethan, keinen Vatermord oder Bruder⸗ mord, fie ſollen mich geißeln laſſen und brandmarken und für mein ganzes Leben feſtſetzen... aber das Leben laſſen, Jim, glaubſt Du auch nicht, daß ich be⸗ gnadigt werde?“ „Nein!“ antwortete dieſer bösartig. „Ich habe daſſelbe Recht auf Gnade, wie Du... ja, noch mehr als Du, Jim; denn Du hatteſt das Beil in Händen, um den Kolonel zu ermorden, ich nicht... es iſt ja ſchon oft geſchehen, daß Jemand op't schollem Gnade bekommt?“ „Ja, ich habe mal beigewohnt,“ ſagte der Auf⸗ paſſer,„aber hofft nicht darauf, Ihr könntet Euch be⸗ trügen, fürcht' ich.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Jim,„der Alte ſtand wegen verſchiedener Sachen im oude testament ich nicht.“. „ 6. ⸗ 335 „Und doch glaube ich nicht an Gnade für Euch.“ „Ihr ſeid toll!“ rief Jim,„ich glaube, Ihr habt es miteinander abgemacht, mir bange zu machen, ich weiß das Alles wohl, aber das geſchieht nicht... Und Mat, ſie gehört mit zum Komplotte, wenn ſie nicht wüßte, daß wir Gnade bekommen, wozu wäre ſie dann hergekommen... aber ſie kam her mit Thrä⸗ nen in den Augen, und weinte ſo laut ſie konnte, und ſprach dann Zeug, wie der Domine... das war ge⸗ wiß gelernt, ja wohl, es iſt unmöglich anders, denn wie ſollte ſie von Dingen wiſſen, die in der Bibel ſtehen, aber das geſchieht Alles, um mir bange zu machen.“ „Das kann wohl ſein, Jim, das iſt gewiß ſo.“ Der Vater theilte die Gefühle des Sohnes und glaubte gerne, weil er das Nämliche, wie Jim wünſchte. „Das Mädchen hat mich noch nie geküßt und nun fiel ſie mir um den Hals und gab mir allerhand ſchöne Namen... es iſt abgekartet, da kannſt Du darauf rechnen...“ Das Geräuſch eines Schlüſſels, der in das Schloß geſteckt wurde, unterbrach ihn, die Thüre ging auf und ein junger Geiſtlicher trat ein. ⁶). Er grüßte die beiden Verurtheilten freundlich und ſprach ſie mit den Worten an:„der wichtige Augen⸗ blick naht mit raſchen Schritten, noch kurze Zeit und euer irdiſcher Lauf iſt vollendet.“ „Sagen Sie einmal, mein Herr,“ ſagte Jim, „Sie werden es wohl wiſſen.... wird mir Gnade werden?“ „Hier nicht, der Richter hat Euch zum Tode ver⸗ urtheilt, alle Hoffnung auf Leben iſt verloren und dar⸗ um bereitet Euch auf die Ewigkeit vor.“ „Und darum,“ wiederholte Jim, die Stimme des ⁶) Der Juͤngſte der Geiſtlichen, der letzt Berufene, iſt verpflichtet, die zum Tode Verurtheilten auf ihr Ende vorzubereiten, 336 Predigers nachäffend,„ſage ich Ihnen nochmals, daß ich an nichts glaube!... Es wird Gnade kommen, das weiß ich ſo gut, wie Sie, aber Sie wollen es nicht fagen, um mir durch Ihr Schweigen mehr Angſt zu machen.“ „Ihr täuſcht Euch. Ihr irrt! Glaubt mir,“ fuhr der Prediger ernſt fort,„es wäre mir die größte Freude, wenn ich dies ſagen könnte, oder haltet Ihr mich für ſo unmitleidig, daß ich eine Nachricht verſchweigen follte, welche alle Angſt bei Euch aufhören machen würde. Gebet alle Hoffnung auf das Leben auf, laßt den Gedanken daran für immer fahren, und denkt an das Leben, das auf den Tod folgt!“ Dieſe Worte, mit hohem Ernſt geſprochen, mach⸗ ten großen Eindruck. David Ram brummte, während er auf der Bank zuſammenkroch und Jims Geſicht wurde mit einer Farbe überzogen, gleich der, welche er einige Stunden ſpäter zeigen würde. „Es iſt Deine Schuld, Jim...“ brüllte David, „Deine Schuld, Elender!.. Du haſt mich gezwungen, mich mit der Sache des Kolonels eirzulaſſen. Ich wollte es nicht.. weil ein Vorgefühl mir ſagte, daß die Sache mir op't schollem helfen werde und ich nach de klienje gehen müßte. Ohne den Kolonel, der Teufel hole ihn, und den verfluchten moosser, den ſataniſchen Maler Bert, würde die Leiche nie gefunden worden ſein, und wir ſäßen noch in dem Mooriaantie .... aber Du haſt gedroht, mich zu sliegenen und darum willigte ich ein... mein Blut komme über Dich, elender Hund!...“ 4 3 „David Ram!“ ſagte der Prediger, die Rede des alten Sünders unterbrechend,„haltet ein mit der Rede und bedenkt, daß nur Reue Euch jetzt beſchäftigen ollte.“ 4 „Reue, ja, das habe ich!“ rief David.„Ich be⸗ reue, daß ich ihn nicht ermordete, dann haͤtte er mich 337 nicht zwingen können, in die Sache Brams mich ein⸗ zulaſſen... und ich hätte in Ruhe und Frieden gelebt.“ „Ruhe und Friede!“ rief der Geiſtliche.„Ihr ſoll⸗ tet Ruhe und Frieden haben können, nachdem Ihr Eu⸗ ren Sohn ermordet?“ „Schweig' Alter,“ herrſchte Jim ſeinem Vater zu, nes iſt Deine Schuld, daß ich auf't schollem komme, warum haſt Du mich nicht auf die Schule geſchickt, als ich jung war, ſtatt mich mir ſelber zu überlaſſen. Ein Vater hätte ſeinem Sohne ein beſſeres Beiſpiel geben ſollen, ja, als Du gethan haßt, dann würde ich von godel, von de weets, von der ganzen princerij von Haus und von't schollem nichts wiſſen... und all' das Zeug auslachen. Aber ſtatt mich zu prügeln, wenn ich turktrok, hieß es immer, wenn ich etwas nach Hauſe brachte, beſter Jim vorne und hinten.... und dann bekam ich Caffee, und ſo lernte ich caske- nen; wenn es massematten zu handeln gab, dann mußte Jim mit und bekam ſein gellep, damit ich Luſt bekommen ſollte, marwieger zu werden. Du haſt mir an den Galgen gebholfen, Alter, und wenn ich keine Gnade bekomme, ſoll mein Blut auf Dich kommen... und nicht Dein Blut auf mein Haupt...“ „Wozu dieſer unnöthige Zwiſt?“ fragte der Geißt⸗ liche,„in wenigen Stunden iſt es mit euch gethan, verſöhnet euch mit einander, ehe ihr in die Ewigkeit geht.“ David brach in eine Menge Flüche und Verwün⸗ ſchungen aus und Jim blieb nicht zurück in dieſen Winſchen, die er in ſeiner gewöhnlichen Kraftſprache ausrief. Vergebens wandte der Geiſtliche Alles an, um die Verbrecher zu beſſeren Gedanken zu bringen, er wurde ſelbſt der Gegenſtand ihrer Verſpottungen. „Sie haben gut ſprechen, Sie werden nicht auf⸗ gehängt...“ rief David. „Wenn Sie etwas für uns thun wollen, ſo ſuchen Sie Gnade für uns zu bekommen, das iſt beſſer, als all' Ihr Geſchwätz...“ ſagte Jim. Die Glocke ſchlug ſieben Uhr. Es entſtand ein Geräuſch im Gange, die Thüre wurde geöffnet und vier Gerichtsdiener traten ein.*) 19— iſt Zeit,“ ſagte einer,„kommt, haltet euch gu David gab keine Antwort, Jim fluchte und raste wie ein Wahnfinniger. Die Gerichtsdiener nahmen ihn in ihre Mitte, die Thüre des Kerkers wurde geöffnet und die zum Tod Verurtheilten verließen denſelben. Auf dem Heiligenweg, vor der Pforte des Ge⸗ fängniſſes ſtand ein Wagen, um welchen ſich eine Menge Volks geſchaart hatte. Ohne zu wiſſen wie, ſahen Vater und Sohn ſich im Wagen ſitzen. „Jim,“ ſagte David,„ich glaube doch, daß es gut wäre, wenn wir mit einander verſöhnt ſterben würden.. reiche mir die Hand, Jim...“ „Du ſollſt verflucht ſein!“ war die Antwort Jims, während er ſeinen Vater mit einem Blick anſah, in welchem ſich all' ſeine Bosheit konzentrirte. An dem Schapenplein angekommen) hielt das Gefährt ſtill. Ein Reiſewagen mit vier Poſtpferden beſpannt, fuhr gerade die Doelenslouise herunter, als das Gefährt an dem Wagen vorbeikam, in welchem *) Die Hinrichtungen geſchehen immer um zwoͤlf Uhr Miittag, doch ſchon früh am Morgen werden die Verurtheilten auf den Richtplatz gebracht. **) Der Weg, welchen die Verurtheilten nach dem Richtplatz zu machen haben, iſt dieſer: der Heilige⸗ weg, die Kalverſtraat, den Schapenplein, die Doe⸗ lenſtraat u. ſ. w. um längs dem Kloveniersburgwal den Nieuwenmarkt zu erreichen. 339 David und Jim ſaßen, und man hörte die heißere, mißtö⸗ nende Stimme Jim Rams, welche rief!„der Kolonel van Bergen.. Clara.. daß der Teufel...“ Mehr hörte man nicht. XXXI. Neijſenburg. Und die Poſtkutſche fuhr fort! Muthig irabten die Pferde, luſtig klangen die Schellen und die lange Peitſche des Poſtillons klatſchte muthig drein. Die Poſtkutſche fuhr fort. 3 Dörfer und Städte durchfuhren ſie, ſchöne, be⸗ qgueme Wege und je weiter die Reiſenden kamen, deſto ſchöner und herrlicher wurde die Gegend, deſto weiter die Ausſicht. „Willſt Du mir denn nun nicht das Geheimniß offenbaren,“ ſagte Auguſt van Bergen,„und mir ſa⸗ gen, wo Dein Landhaus liegt, wohin wir reiſen, liebſte Mathilde?“ „ZJetzt noch nicht, Auguſt!“ tzil u ſtellt meine Geduld auf die Probe, Ma⸗ de!“ „Nur noch wenige Augenblicke und Du wirſt Al⸗ les wiſſen,“ antwortete Frau van Bergen, während ſie aus dem geöffneten Wagenfenſter ſah. „Und Du weißt es auch, Clara und biſt eben ſo verſchwiegen, wie Deine Mutter!“ ſagte Eduard in einnehmendem Tone zu ſeiner Frau. Clara lachte und ſah mit ihren ſchönen blauen Au⸗ gen Eduard freundlich an, 340 „Wir werden uns rächen, Eduard!“ ſagte der Kolonel. „Wie... ſchon Bedrohungen, am erſten Tage nach unſerer Hochzeit...“ fechte dergleichen Geſprächen wurde die Reiſe fort⸗ geſetzt. NNach Verlauf von ungefähr einer halben Stunde ſuhr der Wagen durch ein zierliches Gebüſch... dann durch eine Allee von hohen, ſtämmigen Eichbäumen und hielt plötzlich ſtille. „Ich heiße Dich willkommen,“ ſagte Mathilde, „ich heiße Dich willkommen auf Reijſenburg, meinem Landhauſe.“ „Reijſenburg, Reijſenburg!“ rief Auguſt, ſeine Hand drückte freudig die Mathildens und eine Thräne der Dankbarkeit erglänzte in ſeinen Augen. Der ge⸗ fühlvolle Auguſt erkannte das Edle der Ueberraſchung, die ihm von Mathilde aufgeſpart wurde. Henri Smith und Frank hießen die Angekommenen willkommen. „Ich werde Reijſenburg nicht mehr erkennen,“ ſagte Klara, als ſie, von ihrem Gatten und Frank begleitet, die Allee durchwandelte, die Zeugin ihrer Leiden und Thränen. „Sieh, Eduard,“ ſagte Klara,„hier iſt noch die marmorne Gartenbank, an welcher Du lehnteſt, als wir zum erſten Male Bekanntſchaft machten.“ „Und hier der Ort,“ ſagte Frank,„wo Karel van Gent Dich ſchlug, Klara.“ „Wer würde je gedacht haben, daß wir auf dem⸗ ſelben Platze, wo wir ſo manche Thräne vergoſſen, wo wir von dem elenden Daniel Vos...“ MNicht ſol nicht ſo, Eduard!“ ſiel Klara ihm in die Rede, während ſie ihm die kleine weiße Hand auf den Mund legte.„Daniel Vos iſt ſchon geſtraft wor⸗ den, der gute Gott hat uns glücklicher gemacht, als —— 341 wir verdienen.. laßt uns ihm vergeben und.. Hier hielt ſie plötzlich inne. „Nun?“ fragte Eduard. „Ich wollte Dich um etwas bitten!“ „Du mich bitten, bitten... liebe Klara, was be⸗ gehrſt Du?⸗ „Die Wittwe des Daniel Vos, Du weißt wohl, Mimi, die Allerliebſte unſeres Meiſters, wohnt hier in der Nähe, ſie leidet Armuth und Mangel.... wir müſſen ihr ein kleines Jahrgeld ausſetzen und. „Klara, Du biſt ein guter Engel,“ rief Eduard, „ich werde es thun.“ In einem anderen Theile des großen Landgutes wandelten der Kolonel und Henri Smith. „Wie angenehm es mir iſt, Sie bei mir zu ſehen, werde ich Ihnen nicht ſagen müſſen, Smith!“ ſagte Auguſt van Bergen,„aber ich muß es zugleich wieder⸗ holen, obgleich es mich ſchmerzt, Sie dadurch zu be⸗ trüben, Ihre eigene Sicherheit verbietet Ihnen, hier zu bleiben. Sie ſind der Vater meiner Schwiegertochter und überdieß mein Freund; wie ſchmerzlich wäre es für mich, reenn Sie dem Gerichte in die Hände gera⸗ then würden. Hören Sie daher meinen Rath: wir find nicht ferne von der Grenze, kaufen Sie ſich ein Landgut auf fremdem Boden: von Zeit zu Zeit wer⸗ den Klara und Eduard Sie beſuchen. Frank behalten Sie bei ſich. Unſere Verheirathung macht in der Hauptſtadt viel von ſich ſprechen, man könnte Ihnen dadurch leicht auf die Spur kommen.... über der Grenze ſind Sie ſicher.“ „Ja ich will Ihrem Rathe folgen. Nur der alie Kupferſtecher und ſeine Tochter wiſſen, daß Blut.... Menſchenblut an meinen Händen klebt! Um meiner Kinder Willen muß ich auf meine Sicherhelt bedacht ſein, ſie dürfen nie wiſſen, daß ihr Vater ein Mörder iſt. Morgen ſchon werde ich gehen, es wird mir nicht ſchwer ſallen, auf einem andern Grund und Boden einen 342 Aufenthaltsort zu finden, und das Vergangene blelbe immer ein Geheimniß!⸗ Dieſen Abend war das Feſt. In dem blauen Zimmer, den kleinen Koſtgängern Daniel Vos' einſt ſo ſchrecklich, ſaßen die glücklichen Sechs. Und als der Wein in den Bechern ſchäumte und ſelbſt die laute Freude der Bedienten bis in das blaue Ferher herauf drang, ſchlich Auguſt aus dem glücklichen Kreiſe. Er lief durch den langen Gang und ſtieg eine Treppe hinauf, die ſich an deſſen Ende befand, er war ja kein Fremder auf Reijſenburg. Endlich, nachdem er durch einige Zimmer gegar⸗ gen war, kam er in das Gemach, in welchem ſein Va⸗ ter geſtorben. Er ſetzte ſich auf ein Sopha und weinte. Nach einigen Augenblicken ſtand er langſam auf und ſagte: „Biſt Du jetzt zufrieden, haft Du mir vergeden, Vater? Haſt Du den Fluch zurückgenommen, mit dem Du mich beladen.... ſchwer beladen? Hat mein Leben die Fehltritte meiner Jugend verwiſcht, haben die rei⸗ feren Jahre die Verirrungen des Jünglings gefühnt, iſt Dein Zorn gewichen?“ 8 Da war es, als ob ein pohlriechender Dampf das hobe Zimmer erfüllte, als ſich der Dampf zuſam⸗ menzöge und eine Geſtalt bildete, die dem alten Ba⸗ ron van Reijſenburg glich, der dem Sohn freundlich zulächelte, ihm die Hand reichte und ſagte:...„Du haſt gebüßt.. Den Fluch, den ich über Dich ſchleu⸗ Pe. babe ich zurückgenommen!.... Friede ſei mit Birl 4 —— Miederum ein Jahr später. XXXII. Briefe und Beſchluſt. Seiner Hochwohlgeboren, Herrn Auguſt van Bergen, Kolonel. „Mon chor Auguste!“. „Ich habe beinahe nicht den Muth, Dir zu ſchrei⸗ ben; drei Briefe ſind mir von Dir geworden und nicht einen habe ich bis heute beantwortet. Während eines Jahres habe ich Dir keine Nachrichten von mir zukom⸗ men lafſen, aber Du wirſt mich entſchuldigen, wenn Du die Umſtände weißt, die mich hinderten, die Feder zu ergreifen, um Dir eine Nachricht von mir zu geben. Du weißt, ich bin dangereus krank geweſen.... und dann mein Abſtecher nach London, der mich entre nous ein ſchönes Sümmchen koſtete, denn London iſt affreus theuer! Doch nun auf das feſte Land zurück gekehrt, wie die Engländer ſagen, will ich Alles wieder gut machen, indem ich Dir ſo viele Neuigkeiten als mög⸗ lich mittheile. Zuerſt habe ich Dir eine Geſchichte aus meiner Reiſe nach England mitzutheilen. Louiſe und 3 ich, wir befanden uns drei Wochen vor unſerer Rück kehr nach Holland in einem kleinen Dorf in der Nähe von London, des Namens kann ich mich durchaus nicht mehr erinnern; wir waren kaum in dem Wirthshauſe abgeſtiegen und hatten uns an den Theetiſch niederge⸗ —— ſetzt(die Engländer trinken enorme viel Thee!) als an einem andern Tiſchchen ſich ein kleiner dicker Herr ſetzte, der über und über mit Gold behängt war, au⸗ ßerdem aber ſchrecklich gemein ausſah. Er beſtellte in gebrochenem Engliſch ein Glas Grog und ſtieß einen ächt holländiſchen Fluch aus, als ihm das Beſtellte nicht balo genug gebracht wurde. Dieß machte mich auf den Mann attent, und ihn neugierig betrachtend, wurde ich gewahr, daß er nur ein Auge hatte, wel⸗ chen Mangel er durch eine große Brille mit blauen Gläſern zu verbergen ſuchte. „Ich dachte ſogleich, daß der Kerl derſelbe ſein könne, welcher in der Herberge, in der man Dich ein⸗ mal gefangen hielt, den Wirth ſpielte und darauf ver⸗ ſchwunden iſt, ohne daß Jemand wußte, wohin er ge⸗ flogen war. Um meiner Sache ſicher zu ſein, ſuchte ich ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. „„Der Herr ſcheint wohl ein Fremder zu ſein,““ ſagte ich, und er gab mir in brutalem Tone zur Ant⸗ wort: „„Sehr wohl möglich!““ „„Ein Holländer?u³ „ Ja lan „„So,““ ſagte ich, als ob ich nichts von ſeiner Brutalität bemerkte,„„dann iſt Ihnen vielleicht etwas von dem Vorfall bekannt, der ſich vor ungefähr einem Jahre mit dem Kolonel van Bergen ereignet hat?u, „Der Einäugige ſah mich lange Zeit aufmerkſam an, bezahlte dann ſeine Zehrung und ging. Ich fragte den Wirth, ob er den Herrn kenne. „„Er iſt hier erſt ſeit Kurzem angekommen,““ ſagte der Mann,„„und nennt ſich William Renſield, er ſcheint nicht unvermögend zu ſein, und dieß iſt Alles, was ich von ihm weiß!““ „Aus dem Einen und Andern glaube ich gewiß zu ſein, daß der Herr William Renfield Niemand an⸗ ders iſt, als die genannte Perſon. Nach Amſterdam ———,——— 345 zurückgekehrt, vernehme ich, daß ſich eine scène mit Ma⸗ dame de Raad ereignete, die viel éclat gemacht hat. „Die Hinterlaſſenſchaft Guſtavs war von dem Ge⸗ richte verſiegelt worden, und als alle Nachforſchungen nach Verwandten des Barons fruchtlos geweſen waren,— ſein Vater war vor einigen Jahren in Deutſchland ge⸗ ſtorben, und Du wirſt Dich noch wohl erinnern, daß er immer von ſeinem Vater ſprach, als ob dieſer noch am Leben wäre,— als alle Nachforſchungen fruchtlos waren, ſage ich, hat man die Hinterlaſſenſchaft entſie⸗ gelt und nur tauſend Gulden gefunden, welche Summe weit nicht zureicht, um die von dem Baron hinterlaſ⸗ ſenen Schulden zu bezahlen, mais ce n'est pas en- core tout. Bei der Hinterlaſſenſchaft des Baron von Hunter hat man die Juwelen gefunden, welche der Frau de Raad geſtohlen worden, und vraiment, ich fange an zu glauben, daß von Hunter ſie geſtohlen, und auch das Armband, das ich Louiſen geben wollte, denn, es iſt jetzt gewiß, daß Guſtav, der immer von großen Beſitzungen in Deutſchland ſprach, dort nicht einen Mor⸗ gen Landes hatte. De Raad, der ſeit dem Diebſtahl der Juwelen mit ſeiner Frau nicht in beſter Harmonie lebte, hat geſehen, daß ſein Verdacht ungegründet war, und thut jetzt Alles, um das Herminen zugefügte Un⸗ recht ihr zu vergüten. Die Zuwelen haben ihr für im⸗ mer de Raads Liebe geſichert, denn vor wenigen Wochen empfing ſie einen Brief, der aber durch Zufall in ihres Mannes Hände kam. In dieſem Briefe lag die Summe von viertauſend Gulden in Bankbillets, und de Raad hat mich denſelben leſen laſſen, im Vertrauen, sub vosa, wohlverſtanden... Aber weil Du, Auguſt, auch etwas dabei betheiligt biſt, will ich Dich mit dem Einen und Andern bekannt machen. Der Brief iſt geſchrieben von unſerem alten Bekannten, Julius van Velden. Er ſchreibt, daß, als er ſich in einer großen Verlegenheit befand, er Madame de Raad um Geld bat, welches Amſterdams Geheimniſſe. Il. 23 346 ſie ihm auch lieh; dieſe habe, um ihm zu helfen, ihre Juwelen abgetreten, um ſich darauf die gewünſchte Summe vorſchießen zu laſſen; doch da es ihm unmög⸗ lich geweſen war, ihr die koſtbaren Gegenſtände zurück zu beſorgen, habe er die ächten Steine gegen falſche ausgewechſelt und die erſteren verkauft, ohne daß Frau I de Raad je etwas davon bemerkte. Ferner ſchreibt er, daß, da er durch Deine Fürſprache eine anſehnliche An⸗ ſtellung bekommen habe, er es für ſeine erſte Pflicht halte, dieſen Betrug wieder gut zu machen, und deß⸗ halb ihr die viertauſend Gulden zuſende, welche er aus den Juwelen gewonnen.— „De Raad hat dieſen Brief ſeiner Frau nicht ge⸗ geben, weil dieſer Betrug ſie hindern konnte, Anderen behüflich zu ſein. Er ſelbſt hat dem Herrn Julius van Velden geantwortet, und ihn erſucht, die Sache nicht weiter zu ſagen; ſo vertraue ich auch auf Deine Dis⸗ kretion. De Raad hat für die empfangene Summe Her⸗ minen eine brillante Garnitur gekauft, und ich glaube, daß er noch ein ſchönes Sümmchen zugelegt hat, denn 8 die Garnitur iſt koſtbar. 6„Louiſe, welcher ich die Sache im Vertrauen mit⸗ theilte, findet es ſonderbar, daß eine verheirathete Frau ihre Juwelen verpfänden ließ, um einem jungen Herrn zu helfen, aber Du weißt, ſie hat immer Verdacht, und 69 beiß vollkommen mit de Raad eins: Hermine iſt ein ngel. „Sobald die fatique von der Reiſe etwas vor⸗ über find, komme ich mit Louiſe, um euch einige Tage u beſuchen, und dann ſollſt Du auch mein Zweigeſpann ſehan ,das ich aus England mitgebracht habe, brillant, aber theuer, bei hundert ſechszig Pfund Sterling... „Grüße Mathilde von mir und meiner Louiſe. Adieu! au plaisir de vous voir, „Roberi Woeſtbergen.“ * rde mir zugeſandt mit der .. 8. Juliege 347 Bitte, es an Dich einzuſchließen, welch' ſon⸗ derbare Adreſſe! Der eingeſchloſſene Brief, von Henriette an Eduard und Clara, lautete alſo: An den wohledelgeborenen und geſtrengen Herrn Eduard van Bergen und ſeine Gattin Frau van Bergen. 1 Haarlem.. 18.. Sehr edle und werthe Herr und Frau van Bergen! „Ich bin ſo frei, die Feder zu ergreifen, in der Hoffnung, daß mein Schreiben Ew. in guter Geſund⸗ heit antreffe, und Sie meine Freiheit nicht übel nehmen. „Jungens, ich denke ſo oft bei mir ſelber, ich möchte'mal wirklich zu dem Herrn Dolf... Eduard, mein' ich... und Frau Klara, ich würde dann Alles beſſer ſagen können, als mit dem Geſchreibſel da... Wie Ew. mir geſchrieben, haben Ew. ein Söhnchen be⸗ kommen; nun ich glückwünſche Ihnen und hoffe, der junge Herr werde wohl heranwachſen, und Ew. viel Plaifir daran haben, und es hat mir und meinem Manne raſend viel Freude gemacht, daß wir den Brief von Ew. hekommen, denn es zeugt doch davon, daß Ew. nicht ſtolz geworden und noch an uns denken. „Wie Ew. wohl wiſſen werden, bin ich ſchon ein Jahr verheirathet. Dirks Mutter wollte anfangs nichts davon wiſſen, aber als ſie von den zehntauſend Gul⸗ den hörte, hat ſie ſich gewendet und, wie geſagt, nichts dagegen. Ew. werden ſich wohl denken können, warum ſie mich nicht zur Schwiegertochter wollte, deßwegen ſchreibe ich es nicht, bei gutem Verſtand braucht's blos ein halbes Wort. „Und ſo, wie ich ſagte, bin ich nun verheirathet, und Dirk iſt der beſte Mann von der Welt, ſtill und ruhig, er ſitzt immer zu Hauſe und geht er hie und da aus, immer kommt er wieder nüchtern und ruhig zu ſeinem Frauchen zurück. 348 „Sobald wir verheirathet waren, zogen wir nach Haarlem, denn Ew. werden wohl einſehen, daß Amſter⸗ dam nicht für mich war... ich konnte nie über den heiligen Weg oder den Nieuwenmarkt gehen, ohne daß ich an meinen Vater und Bruder dachte, die ein ſo ſchreckliches Ende hatten.. „Zu Haarlem hat Dirk ein gutes Sattlergeſchäft 3 übernommen und wir haben Gott ſei Dank unſer gu⸗ tes Brod. „Nancy Horſt iſt auch verheirathet, und wohnt mit ihrem Manne zu Hermstede. Ihr Vater wohnt bei ihr und Albert malt Bilder, die, wie Dirk ſagt, ſehr gut und theuer bezahlt werden. Ihr Kind aus erſter Ehe iſt geſtorben; ich bin einmal bei ihr geweſen, ſie wohnt ſehr hübſch und hat eine Magd. Sie und ihr Mann waren außerordentlich freundlich und wir mußten mit Gewalt beim Eſſen bleiben, da half nichts, da ſprach man unaufhörlich von euch und ihr Mann hatte immer den Mund voll, über den Vater deines Mannes den Kolonel. „Vor ein paar Monaten kam ein Herr zu uns in den Laden, der bei meinem Manne die Sattlerarbeit zu einem Tilbury beſtellte. Ich hatte ihn mehr geſehen und es war wohl Niemand anders, als der Herr de Roos... Er ſagte, daß ſobald das Zeug fertig fei, mein Mann es dem Schiffer mitgeben ſolle; er wohnt zu Breukelen. Mein Mann machte es in Ordnung und ſchickte es fort, aber es kam keine Bezaylung, da iſt Dirk ſelbſt dort geweſen... und Herr de Roos hat 6 meinem Manne eine Adreſſe nach Amſterdam gegeben, und ſo hat er denn das Geld mit vieler Mühe bekom⸗ men. Denn der Herr de Roos hat nach dem Tode ſei⸗ 3 ner Frau ſolch tolles Zeug getrieben, daß er unter Ku⸗ ratel geſtellt iſt; wenigſtens bekommt er jedes Jahr ſo viel, daß er anſtändig leben kann, im Uebrigen aber iſt er über ſein Geld nicht Herr. 4 349 „Frau de Geer, Ew. wiſſen wohl, wen ich meine, die in dem Hauſe auf dem Wiſde ſteeg wohnte, un⸗ ter uns, iſt verheirathet mit einem Manne, der, wie ſie das nennen, Stunden hält, und immer mit den ſo⸗ genannten Feinen umgeht; ſie nennen ihn Bruder Samuel und Frau de Geer, die auch fein geworden, lernte ihn in einer Stunde kennen, und dachte, es ſei der beſte und weichſte Mann, der lebe und daß er im Warmen ſitze.... Aber er hatte nichts und hat noch nichts, dazu kommt er oft betrunken nach Hauſe und wenn Frau de Geer noch etwas ſagt, ſo kann ſie auf einen Pack Prügel gefaßt ſein! Pfui, iſt das ein Mann! „Ich hoffe im folgenden Monat Ihnen meine glückliche Niederkunft melden zu können. Dirk war ganz außer ſich vor Freude, als ich es ihm ſagte: wenn das Kind ein Knabe iſt, werde ich es Dirk Frank Adolf Eduard taufen laſſen, und wenn ein Mädchen dann Klara, wenigſtens wenn Ew. es gut heißen. „Mehr Neuigkeiten weiß ich nicht, breche deßhalb ab und ſchließe mit den Komplimenten an Ihre ver⸗ ehrte Familie auch von meinem Mann und zeichne mich mit Achtung 3 Ew. Wohlgeboren Dienerin Henriette. P. S. Sagen Sie dem Herrn Kolonel, wenn es Ihnen beliebt, daß Gijs der Dichter zu Leeu⸗ warde im Gefängniſſe ſitzt; Nancy hat mir geſagt, ich ſolle es ſchreiben. Dirk hat den Brief geleſen und wollte erſt nicht, daß ich ihn fort⸗ ſende, es ſchicke ſich ein ſolcher Brief nicht.... Aber er kennt Sie nicht ſo gut als ich.. nicht wahr Klara! Nun noch etwas. Den jungen Herrn Francois ſah ich dieſer Tage hier durch⸗ ſahren; er kannte mich natürlich nicht; er war in Geſellſchaft von zwei Damen, die prächtig 350 hohen Poſten haben, wenigſtens ſah ich ein Band in ſeinem Knopfloche. Auguſt und Mathilde wären noch glücklicher, wenn ihre Ehe nicht kinderlos bliebe und der alte Hendrik fählt ſich in ſeiner Erwartung betrogen, einſt die Kin⸗ der ſeines Herrn auf den Knieen wiegen zu können, doch erfreut er ſich deſto mehr an dem lieben Knaben Eduard.„ Frank iſt noch unverheirathet, die Oekonomie iſt ſein Lieblingsſtudium. Eduard ſieht in dem Kolonel ſeinen Vater. Daß Auguſt van Bergen einſt Junker van Reijſenburg war, iſt nur Mathilden und Hendrik bekannt. Für Alle An⸗ dere, ausgenommen meine Leſer, bleibt dieß ein Ge⸗ heimniß. gekleidet waren und wie ich glaube, muß er einen A