v——— oce 222 9. —- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Teih- und Ceſebedingungen. falr olbensein dg Tarothehe Dit Bibliothet ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag vo Morgens 3 lihe ds henne r sſen 8 4 g von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines henen⸗ iſt erewin d den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprche Finterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von wird. „ Stun⸗ gegennahme rchende Summe mir zurückerſtattet 1 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Elrigt 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 8 6 Bücher: 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. = — S 2 A 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Amſterdams Geheimniſſe. Von C. van Eikenhorſt. Aus dem Holländiſchen von Eugen Zoller. Fünfter bis achter Theil. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. 1. Die Familie David Nams. David Ram, der ſich nie angewöhnt hatte, die Hausmiethe zu bezahlen, war, vielleicht ſogar aus die⸗ ſem Grunde, oſt genöthigt, die Wohnung zu verän⸗ dern, darum finden wir ihn auch nicht mehr auf dem Wiſde ſteeg, fondern in einer elenden Hinterkammer in de Land van beloften ſteeg. Sein Hausrath hatte keine Veränderung erlitten, das war aber mit David Ram der Fall: ſein Geſicht war ſo mit Tüchern umwunden, daß er nur ein Auge, nämlich das linke, gebrauchen konnte. Dieſe ehrwürdige Perſon ſaß an dem mit Schmutz und Flecken bedeckten Tiſch, auf dem ein Licht brannte, welchem der Hals einer leeren Flaſche zum Leuchter diente. Jim, der vielbelobte Sohn des würdigen Va⸗ ters, ſaß auf einem umgekehrten Eimer, da der zweite Stuhl von einer uns noch ganz unbekannten Perſon beſetzt war. Dieſe Perſon war ein junger Mann von ungefähr neunundzwanzig Jahren, deſſen Geſicht einen ſonder⸗ baren Gegenſatz zu dem Rams und ſeines Sohnes bil⸗ dete; es hatte noch einige Spuren früheren nobleren Ausſehens: doch hatten Leichtſinn und Zuchtloſigkeit, im Vereine mit Armuth und Mangel, eine krankhafte Bläſſe über daſſelbe verbreitet, die durch die ſchwarzen Haare und ſeinen ungeſchorenen Bart noch mehr her⸗ vortrat. Seine dunkelbraunen Augen lagen trüb, wäſ⸗ ſerig und tief unter der gewölbten Stirne, während ſeine dünnen Lippen, die den ſchönen Mund umgrenz⸗ ten, ein bleiartiges Anſehen hatten. Seine Kleidung beſtand in ſchwarztuchenen Hoſen, die feſt über die alten Stiefel durch Sprungriemen gezogen wurden, welche viel zu lang waren, und in einem ſchwarzen Rock, der bis an den Hals zugeknöpft war. Um den Hals trug er ein farbloſes ſchwarzſeidenes Tuch. Rock und Hoſen waren im traurigſten Zuſtand: an dem erſten Klei⸗ dungsſtück mangelten verſchiedene Knöpfe, und die mei⸗ ſten Knopflöcher waren zerriſſen und die aufgetrennte Naht zeigte deutlich... kein Hemd, noch andere Unter⸗ kleider. Die ſchwarze Hoſe hatte durch die große Menge Fett und Schmutz, die darauf laz, ein glänzendes Aus⸗ ſehen bekommen, und war auf den Knieen mit Lappen von einer andern Farbe beſetzt. Der neumodiſche Schnitt dieſer Kleidung zeugte noch mehr von der Ar⸗ muth des Beſitzers und auf den erſten Blick war der aufmerkſame Beobachter überzeugt, daß Verwahrloſung und nicht Alter die neumodiſchen Kleider in dieſen her⸗ untergekommenen Zuſtand Hebracht Der Bettler in ſeinen Lumpen hat ein minder elen⸗ des Ausſehen, als der, der ein zerriſſenes, neumodiſches Gewand trägt. Die kleine Mat kam mit einem Buche Schreib⸗ papier, einer Feder und einem Glaſe, das halb mit Tinte gefüllt, in die Kammer und gab es unſerem neuen Bekannten. Dieſer ſetzte ſich augenblicklich an das Schreiben, aber ſeine Hand bebte zu ſehr, als daß er damit hätte fortfahren können. „Verflucht, David,“ ſagte er,„es will nicht gehen, das Rad will nicht laufen, wenn es nicht geſchmiert — — 7 iſt, die Lampe kann ohne Oel nicht brennen, gib' mir etwas Jenever, um das Zittern zur Ruhe zu bringen.“ Jim holte eine Flaſche aus dem Kaſten.„A vous!* ſagte er, nahm einen tüchtigen Zug und gab die Flaſche dem Schreiber. 4 Dieſer hielt die Flaſche gegen das Licht, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„das iſt zu wenig; es wird mir nichts helfen.“ „Geh' in de Valk, Mat,“ ertönte Davids gebie⸗ tende Stimme,„und hole eine Flaſche Jenever, ſag', daß es für mich iſt, dann werden ſie Dir's nicht ab⸗ ſchlagen, ich bin ein guter Kunde und habe immer treu meine Schulden bezahlt; bitt' auch um einen Kelch, denn in unſerem Glaſe iſt Tinte.“ 3 Das Mädchen gehorchte und brachte bald das Ver⸗ angte. 4 „ Da iſt Oel für die Lampe, Gijs,“ rief Jim la⸗ chend,„laß uns jetzt mal ſehen, was Du thun kannſt.“ Gijs verſchlang drei Gläſer und ſeine Hand bebte nicht mehr und ſeine Augen begannen wieder zu glän⸗ zen; er ſchob das Licht auf ſeinem gläſernen Piedeſtal etwas näher und begann zu ſchreiben. Jim folgte theilweiſe dem Beiſpiele. Er ſchenkte ein Glas ein und leerte es auf einen Zug, worauf er, um zu zeigen, wie gut es ihm munde, mit einem ge⸗ waltigen Schmatz das Glas wieder auf den Tiſch ſetzte. „Schenk' mir auch Eins ein!“ ſagte David Ram, die Tücher, die um ſeinen Mund gebunden waren, ſo weit zur Seite ſchiebend, als es nöthig, um das Glas an die Lippen zu bringen,„ich will auch!“ „Nein, Alter,“ ſprach Jim mit komiſchem Ernſt, „Du kriegſt keinen Tropfen, weißt was der Meiſter ge⸗ ſagt hat.“ Und durch ſeine Naſe ſprechend, fuhr er fort:„Vor Allem nichts, was ſcharf iſt, keinen Pfeffer, Salz und beſonders keine ſtarken Getränke und,“ fügte er in ein lautes Gelächter ausbrechend hinzu,„durchaus kein Fleiſch.“ — 8 „Der Kerl iſt ein Narr mit ſeinem ſtarken Ge⸗ tränk und ſeinem Fleiſch,“ rief David und ergriff die Flaſche, worauf er ſich ein Glas voll ſchenkte und das bis oben Gefüllte mit derſelben Geſchwindigkeit, wie Jim und Gijs leerte. „Der Gärtner von dem Buitenfingel iſt aber doch ein tüchtiger Schütze,“ ſprach Jim, während er das jämmerlich zugerichtete Geſicht ſeines Vaters betrach⸗ tete.„Ich muß noch lachen, wenn ich daran denke, wie Du aus der Rinne getaumelt und was für ſchänd⸗ liche Geſichter Du ſchnittſt, als Du den Schuß ins Ge⸗ ſicht kriegteſt. Wahrhaftig, Du darfſt zufrieden ſein, daß das Gewehr mit Salz, anſtatt mit Schrot geladen war, Alter, da Du nun kaum ein wenig häßlicher geworden biſt,“ und ſeinen eigenen Witz bewundernd, ſchüttelte ſich Jim vor Lachen. Um dieſe Worte Jims unſern Leſern deutlich zu machen, müſſen wir erzählen, daß David Ram, als er mit einigen Kameraden beſchäftigt war, das Blei zu ſtehlen aus der Rinne eines jener kleinen Landhäuſer, die man auf dem Singel außer Amſterdam in Menge findet, durch einen Schuß in dem Geſicht verwundet worden war, wodurch natürlich der Diebſtahl verhin⸗ dert wurde. „Ich bin fertig, David,“ ſagte Gijs und legte dem Krummen einen Brief vor, der beſonders ſchön geſchrie⸗ ben war, und, was Reinheit der Sprache und Recht⸗ ſchreibung betraf, wenig zu wünſchen übrig ließ. „Das iſt geſchrieben, Gijs, wie wenn's ein Schwarz⸗ rock gemacht hätte; mein bemocial*), der mir den letzten Prozeß gewonnen, kann's nicht halb ſo ſchön. Laß'mal hören, Gijs, was Du da gemacht haſt.“ Gijs nahm das Geſchriebene und las: „Gnädiger Herr und gnädige Frau! „Durch die Noth gedrungen, wage ich es, mich *) Advokat. — — — an Ihre Wohlthätigkeit und chriſtliches Mitleiden zu wenden. Ein Zuſammenfluß von Unglücksfällen hat mich in die tiefſte Armuth und großes Elend geſtürzt, ſo daß es mir unmöglich iſt, länger für mich und meine Familie das Nöthige anzuſchaffen. Ich bin Wittwer und Vater von zwei Kindern, von denen das Aelteſte kaum das zwölfte Jahr erreicht hat.“ „Das iſt eine verfluchte Lüge,“ fiel Jim dem Leſer in die Rede.„Ich werde ſechszehn, und Mat iſt drei⸗ zehn Jahre alt.“ „Das thut nichts,“ ſagte Gijs,„je jünger, deſto kefſe⸗ das macht mehr Effekt,“ und damit fuhr er ort: „Früher war ich Seemann, doch ein Fall vom Maſte herab, wobei ich mein Bein brach, war die Urſache, daß ich vom Seedienſte Abſchied nehmen mußte...“ „Schon wieder eine streep**),“ ſprach Jim,„Du biſt nie vom Maſte herabgefallen: Du haſt das Bein gebrochen, als Du betrunken in den Keller füürzteſt, nicht wahr, Alter?⸗ „„ all' Gijs nicht in die Rede, Jim! was er ſchreibt iſt ganz gut, und gerade ſo, wie ſich's gehört.“ Gijs fuhr fort: „Solang ich konnte, that ich, was in meinen Kräf⸗ ten ſtund, um für mich und meine Kinder zu ſorgen, doch eine Krankheit warf mich auf das Siechbett, was mich außer Stand ſetzte, zu arbeiten. Ich war ge⸗ nöthigt, Alles, was ich beſaß, zu verkaufen oder zu verpfänden, und jetzt, da ich wieder etwas hergeſtellt bin, ſehe ich mich und meine Kinder in tiefſter Armuth. „Obgleich ungerne, bin ich doch gezwungen, Ihre Hülfe anzurufen, und von Ihnen eine kleine Liebes⸗ gabe zu erflehen. O, ich bitte Sie, möchte ich mich nicht vergebens an Sie gewendet haben; ſeien Sie überzeugt, meine Gnädigen, daß jede Gabe, wie we⸗ —*) Luͤge. 8 10 nig ſie auch ſei, dankbar von mir angenommen und zum Beſten meiner Kinder verwendet werden ſoll. „Bedenken Sie bei dem Leſen dieſer Worte, daß ein armer, unglücklicher Hausvater flehend zum Him⸗ mel ſehend, all' ſeine Hoffnung auf Ihr Mitleiden, auf Ihre chriſtliche Wohlthätigkeit baut.— Indem ich zu⸗ gleich meine Wohnung bemerke, um ſich von dem elen⸗ den Zuſtand, in dem ich lebe, überzeugen zu können, nenne ich mich, in der Hoffnung, daß mein unglücklich Loos Ihr Erbarmen geweckt, mit aller Ehrerbietung, Ihren ergebenſten Diener Wohnort: David Ram, Land van beloften ſteeg. geweſener Bootsmann. „Teufel, das iſt ſchön!“ rief Jim, während er, um ſeine Verwunderung zu erkennen zu geben, einen ſo ſtarken Schlag auf ſeinen Hut that, daß er ihm über die Augen ſank.„Wie findeſt Du's, Alter?“ „Hübſch!“ ſagte David,„aber meine Wohnung ſollte nicht angegeben ſein.“ „Das iſt juſt ſehr gut, vielleicht daß Dieſer oder Jener'mal hieherkommt und ein paar Dreigulden⸗ ſtücke auf den Tiſch legt; um das Mitleiden zu wecken, ſieht's hier elend genug aus; ich weiß noch ganz gut, daß hie und da ſolche Briefe an meine Aeltern kamen, und dann ging mein Vater ſelbſt aus, um ſich mit ei⸗ genen Augen zu überzeugen, und wenn's recht elend ausſah, gab er immer ein paar Dukaten und meine Mutter ſchickte dann etwas Linnen und Bett⸗ zeug hin.“ „Junge, Dein Vatter muß gut bei gekonnt haben, um ſo mir nichts, Dir nichts zwei Dukaten wegzuſchenken,“ ſagte Jim,„ich wollt' ich hätt' auch ſo'n Vater. Aber der Meine iſt froh, wenn ich ihm zwas gebe; nicht wahr, Alter!“ „Jim iſt der beſte Junge und der edelſte Sohn in der Welt, wenn er nämlich ausgeht und was fängt. Aber es wundert mich, Gijs, daß Du nicht etwas mehr 11 haſt, da Du doch ſo reiche Aeltern gehabt, ſte haben Dir doch gewiß etwas hinterlaſſen.“ 4 „Das haben ſie auch,“ ſagte Gijs ſeufzend,„aber in drei Jahren war das Ganze auf. Ich hab' mein Vergnügen dafür gehabt, und damit war es all'! O ihr hättet mich zu meiner Zeit ſehen ſollen, ein Reitpferd und ein Tilbury, alle Abende im Theater, jeden Tag Feſttag und Champagner und ein Liebchen ſo ſchön, als man es nur ſehen konnte, aber es iſt jetzt Alles vorbei.“ „Ich habe doch ſagen hören,“ fuhr Zim fort,„daß wenn Du wollteſt, Du ein hübſches Geld in aller Ruhe verdienen könnteſt.“ 3 „Ja, ja, die Menſchen ſagen viel, aber kann ich, ſo elend gekleidet, wie ich bin, mich bei noblen Leuten ſehen laſſen.“ „Man hat mir erzählt, daß vor noch nicht langer Zeit ein Bücherverkäufer Dir ein gutes Pack Kleider habe machen laſſen und dazu noch ein artig Sümmchen gegeben, für Bücher, die Du ihm überſetzt oder, was weiß ich, gethan, aber daß Du dann in den Wind ge⸗ gangen und nicht über Waſſer gekommen, bis das ganze Erbtheil weg war, und das hat nicht lange gedauert. Und dann die Hochzeitsgedichte und andere Verſe, die Du machſt, bringen Dir doch auch'was ein.“ „Das kann wohl wahr ſein, guter Junge, aber Niemand will mehr Etwas mit mir zu thun haben,“ ſagte der Unglückliche,„komm', ſchenk' mir noch Eins düin Aund ſprechen wir nicht mehr über dieſe Dinge, im. Gijs ſetzte ſich wieder an die Arbeit und ſchrieb mit erſtaunenswürdiger Schnelligkeit einige Briefe von demſelben Inhalt, wie er David Ram einen vorge⸗ leſen hatte. „Ihr wißt nun, was Ihr damit zu thun habt,“ ſagte Gijs,„Mat muß auf die Heeren⸗ und Keizers⸗ grachten und in andern vornehmen Wohnungen die Briefe herumtragen, aber ſie vor Allem reinlich halten denn wenn ſie ſchmutzig ausſehen, will ſie Niemand leſen, und dann auf Antwort warten... und es bleibt bei dem Ausgemachten, von Allem, was ſie empfängt, krieg' ich ein Drittel.“ „Das iſt abgemacht,“ antwortete David,„mich dünkt, wir müſſen ſogleich anfangen, die Flaſche iſt bei⸗ nahe leer und ich habe keinen Cent mehr, und der Wirth von de Valk wird mir auch nicht mehr borgen, ich kenn' ihn, wie meinen eigenen Bruder. Heda, Mat, Du haſt gehört, was Du thun mußt. Da ſind die Briefe, nur in die vornehmen Häuſer, verſtehſt Du, und wenn Du'was belommen haſt, bring'ſt Du es gleich her, hörſt Du! Thu' Dein Beſtes und wenn Du viel kriegſt, kannſt Du Dir kaufen, was Du g'rad' Luſt haſt!“ Das Kind nahm die Briefe und ging, kam aber früher wieder zurück, als das Kleeblatt erwarten konnte. Die Freude ſtrahlte aus ihren Augen, als ſie zwei Gulden und einiges Kupfergeld auf den Tiſch legte. Jim und David Ram ſtießen einige Flüche aus, um ihrer Freude Luft zu machen, während Freund Gijs ſeine Befremdung nur dadurch zu erkennen gab, daß er laut ausrief:„Das geht geſchwinder, als ich ge⸗ glaubt hatte!“ „Ich bin aber in ſechs Häuſern geweſen,“ ſagte Mat,„bei zweien bekam ich einen Gulden, drei jagten mich weg und das ſechſte gab mir dieſe Centen.“ „Was hab' ich geſagt?“ rief Gijs, mit einer Hal⸗ tung, als hätte er den größten Sieg erfochten, und ſich darauf zu Jim und David wendend, fragte er ſo leiſe, daß Mat es nicht hören konnte:„Sollte ſie nicht Etwas zurückbehalten haben?“ „Nein, da ſtehe ich dafür,“ ſprach David mit ei⸗ nem gewiſſen Stolz,„ſie iſt ſo ehrlich, als gut, ich habe ſie das nicht gelehrt, und doch iſt es mir recht, daß ſie ſo denkt, ſie taugt allein mehr, als wir alle Drei zuſammen. Hol' jetzt Getränk, Mat, eine ganze 8 3 55 13 Flaſche, und morgen mußt Du den ganzen Tag auf den Weg mit den Briefen, und wenn es dann wieder ſo geht, wie es heute angefangen hat, dann werden wir wieder Etwas zu theilen haben, Gijs! Da haſt Du Geld, Mat, und hier iſt die Flaſche! Schnell, und für das, was übrig iſt, kannſt Du kaufen, was Du willſt.“ David ſchien den Schmerz, der ihn quälte, nicht zu fühlen, als er das Geld mit Jim und Gijs theilte, und die Ausſicht, ſich bald dem unmäßigen Genuß ſtarker Getränke übergeben zu können, erfüllte die Herzen des liederlichen eleeblatts mit ungemeiner Freude. Bald zeigten ſich die Wirkungen des Genever, doch bei jedem der Männer auf verſchiedene Weiſe. Jim lärmte am meiſten, er fluchte, ſchimpfte auf ſeinen Vater, und ſang allerlei liederliche Lieder, die er mit gemeinen Geberden begleitete; der krumme David ſchwur hoch und theuer, den Gärtner, der ihn verwun⸗ det hatte, ſobald er hergeſtellt wäre, zu ermorden, während Gijs Stücke aus de hollandsche natie und de overwintering op Nova- Zembla und einige von ihm ſelbſt verfertigte Gedichte declamirte, denen Jim und David, obwohl ſie keinen Buchſtaben davon verſtanden, laut zujauchzten, worauf er in eine ſenti⸗ mentale Stimmung verſiel, ſich unglücklich, bedauerns⸗ würdig nannte und in lautes Weinen ausbrach. Voll Aufmerkſamkeit und Bewunderung hatte das kleine Mädchen Gijs den Dichter angehört; eine Thräne rollte ihr aus den Augen, ſie fühlte einen Schatten von Glück, die Roſe unter den Dornen! Am folgenden Tage ſaß David Ram verdrießlich bei dem Feuer und erwartete ungeduldig die Zurück⸗ kunft ſeiner Tochter, die wiederum auf ihren neuen Erwerb ausgegangen war. Jim war ſo eben aus ei⸗ ner Kneipe nach Haus gekommen, wo er im Würfel⸗ ſpiel einiges Geld gewonnen hatte, und war ziemlich betrunken, um was ihn ſein Vater nicht wenig zu be⸗ als der Vater einen Nachbarsjungen mit der Flaſche fortſchickte, um einen Trunk zu holen, den er nach ſei⸗ ner Ausſage nöthig hatte, um das Kopfweh zu ver⸗ treiben, das ihm der Rauſch vom vergangenen Abend verurſachte. Kaum ſtand der Trank auf dem Tiſche, als an die Thüre geklopft wurde; Jim öffnete. „Wohnt hier David Ram?“ fragte ein gutgeklei⸗ deter Herr, derſelbe, den wir unter dem Namen Juſtus Brand beim Beginne dieſer Erzählung kennen lernten, und der nun wieder ſo gekleidet war, wie damals, als er bei Mutter Margot ſeinen Beſuch ablegte. „Das heißt,“ antwortete Jim dem Frager,„daß ich erſt wiſſen muß, wer Sie ſind, ehe ich dieſe Frage gehörig beantworten kann!“ „ch bin der Herr Brand,“ fuhr der Beſucher fort, vich empfing geſtern Abend einen Brief, worin Euer Vater ſeine elenden Umſtände..“ 4 3„O, ſo mein Herr!“ rief Jim, ohne Juſtus Brand ausreden zu laſſen,„kommen Sie nur herein!“ und ſich darauf zu ſeinem Vater wendend, ſprach er:„Va⸗ ter, da iſt ein Herr, der geſtern Abend einen Brief bekommen hat.“ Und höflicher, als man es hätte von ihm erwarten ſollen, ſetzte er einen Stuhl vor unſern Sprachmeiſter, worauf dieſer Platz nahm. „Euer Name iſt David Ram,“ ſagte Brand, wäh⸗ rend er den Krummen aufmerkſam durch ſeine Brille betrachtete.„David Ram, nicht wahr!“ David gab eine bejahende Antwort. „Und Ihr habt früher auf dem Wiſde ſteeg ge⸗ wohnt?“ Der krumme David beſann ſich eine Weile und antwortete darauf etwas mißtrauiſch:„Ich will ſagen ... Wie wiſſen Sie das ſo?“ „Ich bin da einmal bei Mutter Margot. geweſen, der Wahrſagerin.“ „O ja,“ rief David, der nun keinen Grund ſah, neiden ſchien, denn kaum war der Sohn zu Hauſe, noch hinzu, daß Ihr für eine Flaſche Branntwein Eu⸗ ſich zu verläugnen,„ja, ich wohnte früher in dem Wiſde ſteeg, vor meiner Krankheit, aber die Haus⸗ miethe war zu theuer und darum hab' ich meine Woh⸗ nung verändert.“ „So,“ fuhr Juſtus Brand fort, und warf einen Blick auf die Flaſche, die auf dem Tiſche ſtand,„hat der Doktor Euch den Trank vorgeſchrieben?“ David wußte in der That keine geſchickte Antwort auf die Frage zu finden. Die Geiſtesgegenwart ſeines Sohnes rettete ihn aber aus der Verlegenheit. „Ja, mein Herr,“ ſagte der Junge,„der Doktor hat geſagt, daß der Vater ſein Geſicht mit Jenever waſchen müſſe, das ſäubert ſo!“ Brand lächelte und ſchien die Wahrheit der Aus⸗ ſage wohl zu begreifen. „Ich möchte Euch gerne allein ſprechen,“ ſagte er⸗ ſich zu David wendend. „Jim, geh' hinaus,“ rief der krumme David, und als der gehorſame Junge den Befehl des Vaters voll⸗ zogen, rückte der Sprachmeiſter ſeinen Stuhl etwas näher zu David Ram und ſprach folgendermaßen: „Sagt einmal, David, von was lebt Ihr, wenn Ihr geſund ſeid?“ „Mein Unterhalt... ja ſo von Allem, ich thue Alles, was ich kriegen kann!“ 4 „Die Wahrſagerin vom Wiſde ſteeg gab mir die⸗ ſelbe Auskunft, als ich nach Euch fragte und ſie fügte ren eigenen Vater ermorden würdet, wenn Ihr einen hättet, und in der That, ich glaube, daß ſie die Wahr⸗ heit ſprach.“ „Mein Herr!“ rief David Ram mit fremdartiger Haltung, die nicht ſehr undeutlich die Luſt anzeigte, den Sprachmeiſter die Treppe hinunterzuwerfen, um ihm das Hinuntergehen zu erſparen. „Es iſt gleichgültig, was Ihr thut oder nicht thut,“ ſagte Brand, ndas muß jeder für ſich ſelbſt 16 wiſſen, und ich gehöre nicht zur Polizei, und habe da⸗ rum mich nicht um Andrer Sachen zu bekümmern. So viel weiß ich aber, daß Euer Brief nichts andres iſt, als ein Mittel, mitleidigen Menſchen das Geld aus dem Sacke zu locken. Doch auch darüber will ich mich jetzt nicht auslaſſen; ich möchte mich mit Euch über einen beſtimmten Punkt unterhalten. Da Ihr Euch mit Allem beſchäftigt, ſo will ich Euch Etwas auftragen, das, wenn es gelingt, Euch ein artig Sümm⸗ chen abwerfen ſoll.“ „Aber Sie ſehen, mein Herr, daß mein Geſich in einem Zuſtande iſt, der mich nur bei Nacht auf die Straße gehen läßt.“ „Und dasjenige, was ich Euch auftragen will, muß gerade im Dunkeln geſchehen,“ ſprach Brand. „Ihr könnt fünfzig Gulden verdienen, aber Ihr müßt etwas tragen können und dabei...“ Die Hand, die unſer Auftraggeber auf den Mund legte, war ein Zei⸗ chen für David, daß Verſchwiegenheit verſprochen wer⸗ den mußte. 3 Der krumme David beugte ſich zu dem Sprach⸗ meiſter hin und fragte flüſternd, in einem Tone, als ob er eiwas ganz Alltägliches fragen würde:„Muß ich einen Mord thun?⸗. „Einen Mord, pfui Menſch, wie kommt Euch ſo etwas in die Gedanken, einen Mord!“ ſagte der Sprachmeiſter, mit ſcheinbarem Abſcheu. „Ich dachte es,“ ſprach David Ram,„aber was. denn?“ „Ihr müßt ein Kind ſtehlen, nichts weiter.“ „Nichts weiter,“ wiederholte David,„nichts wei⸗ ter, muß es mit Häuſererſteigen und Einbrechen ge⸗ ſchehen? Ein Kind iſt ſchwer zu ſtehlen, und auch nicht bequem, es ſchreit und macht Lärm.“ „Nichts von dem Allem,“ ſagte Juſtus Brand. „Ihr müßt das Kind von der Straße ſtehlen, wenn 17 Ihr es thun wollt, werd' ich Euch näher mit der Art und Weiſe bekannt machen. Wollt Ihr, David?“ Der krumme David ſah einige Augenblicke vor ſich hin und ſprach kein Wort.„Ich bin kein Dieb,“ ſagte er endlich,„aber ein armer unglücklicher Mann, und Ihr Geld könnte mich leicht zu einem Diebſtahl bewegen!“ Brand begann laut zu lachen. „Ihr habt alſo noch nie geſtohlen,“ ſprach er, „nun in dem Falle habe ich mich in Euch betrogen, die fünfzig Gulden wären leicht verdient geweſen. Ihr hattet nichts anderes zu thun, als mich übermorgen auf dem Reguliersplein zu erwarten, wir würden zu⸗ ſammen nach der Heerengracht gehen und da einem Dienſtmädchen mit einem Kind von dreizehn Jahren begegnen; Ihr müßtet plötzlich das Kind aus der Hand des Mädchens reißen, und durch Hinterſtraßen in Euer Haus bringen, es da behalten... und außer den fünfzig Gulden, würden Euch jede Woche drei Gulden ausbezahlt, unter der Bedingung, daß das Mädchen das Haus nie verlaſſen dürfte. Vor Nachſpürungen brauchtet Ihr Euch nicht zu fürchten; doch wozu Euch auch all' das mitgetheilt, Ihr habt doch keine Luſt zur Sache, Ihr behauptet, ein ehrlicher Mann zu ſein und ich will Euch nicht zu einem Diebe machen.“ Brand ſtand auf, legte ein Fünfſtüberſtück auf den Tiſch, während er in ſeinem höhniſchen Tone zu dem armen Ram ſagte:„Seht da, ehrlicher Mann, kauft Jenever darum, um Euer Geſicht damit zu heilen und bleibt ja ehrlich. Ehrlichkeit bringt zwar keinen Vortheil, aber ſchadet doch nie. Guten Abend!“ „Mein Herr,“ ſagte Havid Ram, als er ſah, daß ſein Gaſt ihn verließ,„Ihr Vorſchlag... ich bin arm, unglücklich, wie in dem Briefe ſteht, den Gijs 4. den ich Euch ſchrieb... und darum will ich es un.“ Amſterdams Geheimniſſe. I, 2 „So,“ ſprach Juſtus,„aber ich dächte doch, daß es beſſer wäre, Ihr bliebet ein ehrlicher Mann!“ „Was ehrlicher Mann,“ rief David heftig,„das iſt gut für Menſchen, die ſo reich find, daß ſie nicht einmal ſtehlen wollen, wenn ſie es auch können. Eſſe mal von der Ehrlichkeit; laß einmal einen ehrlichen Mann zu einem Bäcker kommen um Brod, oder in ein Weinhaus um Branntwein, ohne Geld im Sack, denken Sie, daß er was kriegt; aber ein Anderer, der mit Geld raſſeln kann, und wiſſen Sie auch, daß es gefloten*) iſt, ha, ha; was für ein Unterſchied! Da heißts: Guten Tag, mein Herr, wie geht es Ihnen, fummer wohl geweſen und was ſteht zu Ihren Dien⸗ en, bah! ach dieſer ſchönen geiſtvollen Rede nahm David Ram, die Rolle des armen unglücklichen Mannes, die er ſpielen ſollte, ganz vergeſſend, einen tüchtigen Zug aus der Flaſche und reichte ſie nach ſeiner Gewohnheit dem Herrn Brand hin, der fich höflich für das freund⸗ liche Anerbieten bedankte.„ „ Ich will Euch nicht zu dem Unrecht verleiten,“ ſagte Brand, ſpöttiſch lachend,„das will ich nicht auf dem Gewiſſen haben!“ 3 „Ach was,“ rief David,„ich will es thun und damit genug, ich nehme es ruhig auf mich, geben Sie mir die fünfzig Gulden und dann iſt die Sache in Ordnung.“ „Wart ein wenig,“ rief Brand,„ich bin nicht ſo voreilig, Ihr könntet einmal Reue bekommen oder ſo etwas, und dann waͤre mein Geld fort.“ 3 „Reue, bah! das kriegen arme Menſchen nie,, ſagte der krumme David,„roße Herren, die ſich reich geſtohlen haben, fühlen das ohl einmal, laufen in die Kirche, traktiren die Domines und dann iſt das Alles *) Geſtohlen. 2ͤ— nnͤ:—— ☛ 19 wieder in Ordnung. Sie brauchen nicht bange zu ha⸗ ben, daß es mich reuen wird.“ „Aber ich bezahl' Euch das Geld nicht, ehe das Mädchen hier iſt, verſteht Ihr.“ 1 „Hm!“ ſagte David, dem dieſer Vorſchlag nicht zu gefallen ſchien,„und wenn ich das Mädchen hier habe, werde ich lange hier warten können.“ „Es muß deßhalb ein Mittel gefunden werden.. aber welches?“ „Jim iſt ein kluger Junge und muß doch auch da⸗ von wiſſen, er wird uns das Rechte rathen. Ich werde ihn rufen, wenn es Ihnen recht iſt.“. „O ja, ich bin's zufrieden, David, laßt uns hö⸗ ren, was uns Euer kluger Sohn ſagt.“ „Jim!“ rief David, und der Stammhalter des Ramgeſchlechtes erſchien. David theilte in wenigen Worten ſeinem Sohne den Vorſchlag mit. Der vielbelobte, geiſt⸗ und erfin⸗ dungsreiche Jim nahm eine gelehrte Haltung an; er ſtrich die Finger durch die Haare, Falten kamen auf ſeine Stirne, die Unterlippe ſchien der Oberlippe zur Vormauer zu dienen, und aufmerkſam betrachtete der junge Herr ſeinen Vater und den Fremden, welche ihn mit Erwartung anſtaunten, als wollten ſie aus ſeinem Munde ein Orakel oder etwas derartiges erwarten. „Dies Nachfinnen dauerte aber doch ſehr kurz. Bald ſagte er:„Nun, nichts iſt leichter als das: wir beide, der Herr und ich, warten auf der Reguliersplein und Du, Alter, nimmſt das kleine Mädchen auf Deine Rechnung, und im ſelben Augenblick bezahlt mir der Herr das Geld.“ „Das geht nicht!“ rief David.„Da würde ich nie einen Pfennig davon ſehen.“ „Trauſt Du mir denn nicht, Alter?“ „Rein, Jim, da hab⸗ ich allzu oft Lehrgeld dafür Eahtt⸗ das geht nicht... Ich weiß ein ander Mittel! Sie erwarten mich, mein Herr, am Ende der Gracht, ich werde mit dem Mädchen an Ihnen vorbeikommen und Sie bezahlen mir die Summe!“ „Sehr gut, ich würde hier wohl warten und wenn Ihr das Mädchen herbringt, Euch das Geld geben. Doch das geht nicht, ich könnte Euch nicht treffen. Es bleibt, wie Ihr geſagt habt, und jeden Samſtag werde ich Euch drei Gulden Koſtgeld zukommen laſſen, das iſt nicht zu wenig.“ „Auch nicht zu viel,“ ſagte Jim, den es verdroß, daß ſein Vorſchlag nicht durchgegangen war,„aber man kann es dafür thun!“ 6 Fud ſoll das Koſtgeld uns pünktlich bezahlt wer⸗ en 4- „Ganz pünktlich, und wenn Ihr kein Geld mehr bekommt, braucht Ihr das Mädchen nicht länger zu behalten; doch das wird nicht geſchehen, und von Zeit zu Zeit werde ich herkommen und nachſehen.“ „Und wann muß das Alles geſchehen?“ „Je eher, je beſſer! Könnt Ihr morgen?“ „Ja, es iſt um ſieben Uhr ſchon ganz dunkel und da kann ich mich auf der Straße zeigen, Jim wird mir helfen und der Magd gegen den Leib laufen, wenn ſie mir folgen will.“ „Ich rechne alſo darauf, morgen Abend vor ſieben Uhr auf der Reguliersplein!“ „Hier iſt meine Hand!“ ſagte David Ram, die⸗ ſelbe Juſtus Brand reichend; doch dieſer ſchien wenig Luſt zu haben, ſeine Hand zu drücken, wiederholte ſein: „Ich rechne darauf!“ und verließ die Wohnung. „Vergeßt das Geld nicht mitzubringen,“ ſchrie David ihm nach,„kein Geld, keine Schweizer! Jim, auf das gute Gelingen der Sache!“ und damit leerte er die Flaſche, während Jim ſich damit beluſtigte, häß⸗ liche Grimaſſen hinter dem Rücken des hinabgehenden Sprachmeiſters zu ſchneiden. — II. Der Kupferſtecher. „Eine der ſtillſten Straßen Amſterdams iſt gewiß die Norderſtraat, die, wie Jeder weiß oder nicht weiß, a der Vijzelgracht beginnt und an der Reguliersgracht endet. Beſonders wird dieſe Straße von kleinen Rentiers und Leuten bewohnt, die ihre Sachen am Ufer haben; da⸗ rum herrſcht auch ein angenehmer Wohlſtand in derſelben, wovon die kleinen, aber netten und wohlgehaltenen Häuſer den unwiderlegbarſten Beweis geben. Durch⸗ wandelt man dieſe Straßen, ſo kann man immer ge⸗ wiß ſein, hie und da hinter den halb zurückgeſchobenen, zierlich bordirten Gardinen einen bejahrten Herrn ſitzen zu ſehen, der ruhig ſeine Pfeife raucht und dem man anſehen kann, daß er, ſo zu ſagen, ſein Schäfchen im Trockenen hat. In andern Städten würde ein Mann, der ſeine Geſchäfte aufgegeben hat und zwölf bis vierzehnhundert Gulden jährliche Renten beſitzt, ſich über ſeinen Stand zu erheben ſuchen, und Alles anwenden, was dazu dienen kann, um ſeinen vormals niederen Stand vor den Augen der Welt zu verbergen; aber der Amſter⸗ damer Bürger handelt hierin ganz anders. Ein Häus⸗ chen zu beſitzen, ein Gärtchen dahinter, Alles bequem eingerichtet, gutes Eſſen und Trinken, das iſt der Gi⸗ pfel ſeiner Wünſche, das iſt das Leben des Bürger⸗ Rentiers in Amſterdam, wie man ſie in Menge in dieſer Straße findet. Doch nicht in jeder Wohnung der Norderſtraat herrſcht dieſe Wohlhabenheit, von der wir ſo eben ſprachen. Als Beweis davon diene das kleine Zimmer in der Nähe der Owarsſtraat, in welches wir jetzt treten. Die Wände waren mit einfachen, aber reinlichen Tapeten bedeckt, und auf dem Boden lagen Matten, ſo glänzend, aber auch zugleich ſo glatt gefegt, daß man, um nicht auszugleiten, ſehr gewöhnt ſein mußte, darauf zu gehen. Dünne, aber ſchneeweiße Gardinen hingen an bei⸗ den Fenſtern, während vier Stühle mit geflochtenen Sitzen, ein Tiſch und ein altväteriſcher Kaſten nebſt einer Hänguhr, aus der jede halbe Stunde ein Kuckuck hervorkam, der den Schlag dieſes Vogels nachahmte, den übrigen Hausrath ausmachten. Vor einem der Fenſter ſtand ein kleiner Tiſch, wor⸗ auf verſchiedene Stücke Holz, einige Meißel, Grabſtichel und andere Werkzeuge lagen, während eine viereckige Rahme, mit Oelpapier überſpannt, in ſchiefer Rich⸗ tung vor dem Fenſter hing, um das einfallende Licht etwas zu temperiren. Vor dieſem Tiſche ſaß ein Mann, deſſen Geſicht beinahe ganz von dem grünen Schirme, der ihm über den Augen hing, bedeckt war. Lange graue Haare ließen ihn als einen alten Mann erkennen. Seine Kleidung beſtand in einem alten Rock, der mit verſchie⸗ denartigen Stücken geflickt war, einer kurzen ſchwarzen Tuchhoſe, wollenen Strümpfen und Pantoffeln an den Füßen. In der linken Hand hielt er ein Vergrößerungs⸗ glas und mit der Rechten war er beſchäftigt, in ein Stück Bcaheol zu graviren. „Es geht nicht mehr,“ ſagte er, ſeine Arbeit un⸗ terbrechend und den grünen Schild abnehmend, wodurch wir im Stande find, ſein Geſicht zu betrachten, das, obgleich trocken durch das Alter, immer noch Züge früherer Schönheit bewahrt hatte. Auf dem Geſichte lag ein freundlicher, gütiger Ausdruck, den man ſo oft bei alten Leuten antrifft, obwohl ſeine Bläſſe und die Schwermuth der Augen unleugbare Beweiſe von Leiden und Kränklichkeit gaben. „Es geht nicht mehr, mein Geſicht wird von Tag zu Tag ſchlechter und meine Hand iſt weit nicht mehr ſo feſt wie früher.“ Dieſe Worte ſprach er zu einem Mädchen, das ſich an dem Tiſche mit Verfertigung von Frauenkleidern beſchäftigte. Konnte man das Mädchen auch nicht eine vollkommene Schönheit nennen, ſo mußte ſie doch Jeder hübſch und einnehmend finden. Ihre Figur war etwas klein, doch ſchön gebildet und paßte ganz zu dem ſchalkhaften Geſichte, dem ein paar dunkelbraune Augen nicht wenig Leben gaben. Ein Kleidchen von wohlfeilem Zeug und nach dem neueſten Geſchmack verfertigt, ſchloß hübſch um den ſchlanken Leib und war ſo lang, daß man kaum noch die kleinen Füßchen ſehen konnte. Ein kleines Häubchen bedeckte das dunkelbraune Haar, das auf der Stirne geſcheitelt war und mit liebenswürdiger Koketterie über den Schläfen lag. „Es geht nicht mehr, Nancy,“ ſagte der Greis, „ich fühle meine Hand zittern, ich kann nicht ſehen... und kann ich auch arbeiten, wird es mich doch wenig nützen, denn ich habe keine andere Arbeit, als dies Wappen zu ſchneiden, und das iſt ſchon länger als acht age unter meiner Hand!“ „Sei guten Muthes, Großvater, wenn Alles gut geht, hoffe ich, ſo viel Arbeit zu bekommen, daß Du nichts mehr zu thun haſt. Ich h ſchon manchen Kunden und wenn ſie mir mehr Arbeit ieben, kann ich viel verdienen.“ „Das gebe Gott, Nancy; doch haſt Du bei Nie⸗ mand Geld gut, das Du fordern könnteſt? Kamp iſt dieſen Morgen da geweſen, ſo lange Du ausgegangen warſt, und hat mir gedroht, daß, wenn ich morgen vor zwölf Uhr die ſchuldige Hausmiethe nicht bezahlt habe, er mich auf die Straße ſetzen und die Hausge⸗ räthe in Verſatz nehmen werde.. und dieſe Wohnung zu verlaſſen, Kind, ich müßte ſterben.“ „Aber wir könnten noch wohlfeiler wohnen, Groß⸗ vater. Sechzig Gulden iſt für uns zu viel.“ „ Nein, nein,“ rief der Greis,„dieſe Wohnung iſt mir lieb und theuer geworden; ich habe hier nun ſchon länger als achtzehn Jahre gewohnt: da auf dieſem Platz iſt Deine Großmutter geſtorben und hier in dieſer Ecke ſah ich die Leiche Deines Vaters liegen; wenn ich allein bin, iſt es, als ob ich das Alles noch ſähe, Nancy, und darum will ich nicht von hier weg.. Und das bedarſ's ja nicht?“ fragte er ängſtlich,„Du haſt ja noch bei einigen Leuten Geld gut und dann können wir Kamp bezahlen.. Sein Vater hätte mich nicht ſo gedrängt um fünfzehn Gulden...“ „Fünfzehn Gulden,“ wiederholte Nancy,„fünfzehn Gulden..“ „Ja, Du kannſt ſie doch wohl vor Morgen Mittag bekommen, Du verdienſt ja ſo viel Geld...“ 6 „Ja, aber über das Geld kann ich noch nicht ver⸗ fügen, die meiſten Leute, die mir ſchuldig ſind, wohnen außer der Stadt und..“ Sie ſtammelte einige Worte, die weder ſie noch ihr Großvater verſtehen konnten. „Du kannſt alſo nicht, Nancy,“ ſagte der Groß⸗ vater,„armes Kind, Du arbeiteſt ſo fleißig, es iſt nicht recht von den Leuten, daß ſie Dich auf das Geld warten laſſen... und auch ich kann beinahe nicht mehr arbeiten; Gott, was ſoll aus uns werden!...“ „O, verzweifele nicht, Großvater, es werden für uns beſſere Zeiten kommen; und was würde ich glück⸗ lich ſein, wenn ich Dich einmal wieder ſo ruhig und froh ſehen würde, als Du früher warſt...“ 27 „Damals verdiente ich viel Geld, Nancy, und hatte keine Sorge, aber nun...“ ſ „O nun will ich es für Dich thun, das iſt nicht mehr als billig,“ ſprach Nancy dankbar.„Als mein Vater ermordet wurde, haſt Du für mich gearbeitet bis heute und Du ließeſt mir nichts fehlen, es iſt darum meine erſte Pflicht, daß ich jetzt für Dich arbeite; und wir werden noch glücklichere Tage erleben, ich hatte heute Nacht einen guten Traum, der es mir weiſſagte. Ich träumte,“ fuhr ſie in heiterem Tone fort,„daß dies ganze Zimmer gemalt und nochmal ſo ſchön war, als jetzt; da in der Ecke ſtand ein Bett mit roſen⸗ rothen Gardinen, ich hatte ein ſchönes Kleid an, und Du, Großvater, biſt vor dem Fenſter geſeſſen, in ei⸗ nem Schlafrock, wie der Herr da droben einen trägt, und wir beide waren ſo vergnügt und glücklich; o der Traum muß wahr werden, deß bin ich ganz gewiß.“ „Gute Nancy,“ ſagte der Greis, während er das Mädchen küßte,„gute Nancy, der Himmel gebe, daß der Traum wahr werde, Reichthum verlange ich nicht, nur mein täglich Brod, denn alt und arm zu ſein, Naney, das iſt ſchrecklich! doch wir haben immer Hülfe gefunden, und wie ungerne ich es auch thue, ſehe ich mich doch gezwungen, meine Zuflucht zu Herrn Smith zu nehmen; er iſt ein edler, braver Mann und wird uns das Geld für Kamp leihen, bis Du es ihm zu⸗ rückgeben kannſt. Wenn ich dieſe Platte fertig habe, erhalte ich Geld und dann können wir ſchon einen Theil abtragen. Ich werde ihm ein Brieſchen ſchreiben, Nancy, und das mußt Du ihm hinbringen, er wird es uns nicht abſchlagen, wir haben ihm ja Alles auf die Zeit bezahlt.“ „Sollte der Drucker, ſür den Du arbeiteſt, Dir das Geld nicht leihen, Großvater, dann brauchen wir uns nicht an Herrn Smith zu wenden.“ „Nein, Nancy, ich mache mich nicht gerne Je⸗ manden verbindlich, und vielleicht ſchlägt der Drucker es ab, mir zu helfen, und überdieß.... nein, ich will ein Brieſchen an den Herrn Smith ſchreiben, ich...“ „Aber wenn Du Jemand anders zu dem Herrn Smith ſchicken würdeſt.“ „Ich kann nicht begreifen, Nancy, was Du gegen den Herrn Smith haſt,“ ſagte der Kupferſtecher ärger⸗ lich.„Der Smith iſt ein braver, mitleidiger und hülf⸗ reicher Mann; als ſein Bruder meinen unglücklichen Johann, Deinen Vater, ermordete, war er alsbald dereit, mir Geld für die Beerdigung vorzuſchießen,⸗/ und nie hat er es mir abgeſchlagen, wenn ich ihn um Geld bat; ich hoffe doch nicht, Nancy, daß Du zu ſtolz biſt, die Sache zu beſorgen; wäre ich im Stande, Kind, ich würde ſelbſt gehen; doch es iſt mir ganz unmöglich. Aber,“ fuhr er in freundlicherem Tone fort, als fühlte er, daß in ſeinen letzten Worten eine gewiſſe Bitterkeit lag, die er mildern wollte,„aber Du brauchſt Dich nicht zu ſchämen, Nancy, der Herr Smith iſt die Ver⸗ ſchwiegenheit ſelber, Niemand erfährt, was Du bei ihm thuſt, darum hat er auch geſagt, daß wir nie vor acht Uhr zu ihm ſchicken ſollen, denn ſonſt ſeien ſeine Kommis noch auf dem Komptoir.“ Nancy bedachte ſich einige Augenblicke und ſagte dann:„Ich werde gehen.“ Als es Abend geworden war, ſetzte ſie den kleinen Strohhut auf, welcher mit ſchwarzem ſammtnem Bande eingefaßt war und ihr ſehr ſchön ſtand, und begab ſich auf den Weg nach dem Komptoir des Mannes, den meine Leſer gewiß ſchon als den Kommiſſionär haben erkannt. Je näher ſie der Wohnung Remmers kam, deſto langſamer wurde ihr Gang und gerade, als ſie auf die Prinſengracht gekommen war, ſchlug es auf dem Thurme der Weſterkirche acht Uhr; der Augen⸗ blick, wo Smith zu ſprechen war. Ihre Hand zitterte, als ſie an der Komptoirglocke läutete und ſie ſchlug die Augen nieder, als ihr Smith ſelbſt die Thüre öffnete.. 8 1 3 — u.:ͤṹ———g——*— — ᷣ 29 „Nun Nancy,“ ſagte er,„liebes Kind, Sie thun wohl, mich wieder mal zu beſuchen, in wie langer Zeit habe ich Sie nicht geſehen, Nancy!“ „Großvater ſendet Ihnen dieſen Brief, Herr Smith, und hat mir aufgetragen, auf Antwort zu warten,“ ſprach das Mädchen, ohne Smith auf ſeine Frage zu antworten. „Aber ſetzen Sie ſich doch einen Augenblick, Nancy, ruhen Sie aus, während ich den Brief leſe. „Ich danke, Herr Smith, ich habe wenig Zeit... ich kann ſtehend auf Antwort warten.“ Adam Smith begab ſich an den Pult, über wel⸗ chem eine Lampe hing, die, verſehen mit einem Schirme, all' ihr Licht auf den Pult warf und das übrige Komp⸗ toir im Dunkeln ließ. Aufmerkſam ſchien er die wenigen Linien, worin der Kupferſtecher ſeine Noth ſchilderte, zu leſen und wieder zu leſen, denn es dauerte wohl eine Viertel⸗ ſtunde, ehe Smith ſagte: „Ihr Großvater ſcheint wohl ſehr in Verlegenheit zu ſein, Nancy!“ „Ja, mein Herr, der Großvater iſt ein Viertel⸗ jahr Hausmiethe ſchuldig und Kamp, der Hausherr iſt nicht wie ſein Vater war; wenn morgen, vor zwölf Uhr das Geld nicht bezahlt iſt, dann müſſen wir ausziehen, und Großvater iſt ſo an ſeine Wohnung gewöhnt, daß er ſie nicht verlaſſen mag.“ „Ihr Großvater iſt ein alter Mann, Nancy. Sie werden wohl ein ſehr trauriges Leben bei ihm haben.“ „O ich bin zufrieden... und wenn wir nur aus der augenblicklichen Verlegenheit gerettet ſind, wird es vielleicht bald beſſer mit uns gehen. Welche Antwort,“ fragte ſie etwas empfindlich,„ſoll ich meinem Groß⸗ vater von Ihnen bringen?“ „Nancy, Sie ſind ein ſchönes Mädchen, und wenn Sie ſo vernünftig wären, als Sie ſchön ſind, würden Sie wiſſen, wie viel Schönheit vermag und.,.“ „O Herr Smith, ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollen,“ rief Nancy heftig,„und ich habe keine Zeit, wie Sie wohl begreifen werden, mich hier lange auf⸗ zuhalten.“ „Nancy, geben Sie mir einen Kuß, und ich werde Ihnen das Geld für den Großvater geben.“ Nancy war ungefähr neunzehn Jahre, und obwohl brav und ehrbar, ſah ſie in einem Kuß doch nicht die große Unſittlichkeit, welche bejahrte unverheirathete Frauenzimmer darin zu finden glauben, wahrſcheinlich, weil Niemand mehr einen ſolchen von ihnen verlangt. „Ich bin zu arm, um mich zu zieren, Herr Smith, und wenn Sie für einen Kuß meinem Großvater hel⸗ fen wollen, da iſt er,“ und damit ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals und gab ihm mit ihren ſammt⸗ weichen Lippen einen Kuß, worauf ſie ſchnell zurück⸗ trat, und die Seiten ihres Hutes, die durch die Be⸗ wegung ein wenig gelitten hatten, mit ihren ſchönen Händchen wieder zurechtrichtete. Doch Adam Smith war nicht zufrieden; er ſchlang den Arm um die ſchlanke Taille des lieben Mädchens und bedeckte ihr Geſicht mit feurigen Küſſen, die von der Leidenſchaft zeugten, welche in ſeinem Innern glühte. „Herr Siue nicht ſo, nicht ſo,“ rief Nancy, während ſie alle ihre Kräfte anſtrengte, um ſich loszu⸗ ringen,„das nicht!“ Aber die zügelloſe Leidenſchaft gab ihm mehr als gewöhnliche Kraft; wie ein Tiger ſeine Beute umklam⸗ mert, hielt er Nancy in ſeine Arme geſchloſſen. „Herr Smith,, was wollen Sie? Laſſen Sie mich, mein Herr, ſchämen Sie ſich, Sie ſind alt genug, um mein Vater ſein zu können...“ „Nancy, ſeien Sie nicht kindiſch! Liebes Kind, wir find allein, Niemand ſieht oder hört uns.... Nancy...“ „Laſſen Sie mich los. nein.. nie...“ 31 „Ich gebe Ihnen noch'mal ſo viel, als Sie ver⸗ langen...““ „Ich werde um Hülfe rufen, wenn Sie mich nicht loslaſſen..“ „Seien Sie nicht toll... wie, einmal, zweimal ſo viel, oder ich gebe nichts, denken Sie an Ihren Großvater..“ 1 Noch leidenſchaftlicher drückte er das Mädchen in ſeine Arme. Es war ein ſonderbares und zugleich widerliches Schauſpiel, Adam Smith in dieſem Augenblicke zu ſehen. Seine ſonſt ſo weichen Geſichtszüge waren durch das heftige Feuer, das in ſeinem Innern brannte, enſtellt und drückten eine Wüſtheit aus, die Angſt einflößte; eine dunkle Röthe bedeckte nicht nur ſeine Wangen, ſon⸗ dern erſtreckte ſich auch auf ſeine Stirne; ſeine Augen glühten und verzehrende Flammen ſprühend, ſahen ſie das unglückliche Weſen an, das der gemeine Wollüſt⸗ ling zum Gegenſtand ſeiner unkeuſchen Lüſte erkohren. „Ich rufe um Hülfe! wenn Sie mich nicht los⸗ laſſen...“ „Nan. cy!“ ſtammelte der Wollüſtling beinahe beſinnungslos, das Mädchen noch feſter umfaſſend. Dem ſchnöden Remmers glückte nichts.. Bitten und Drohungen, Alles war umſonſt, von ihm verſucht... Eher entreißt man der Löwin ihre Jungen, als daß man einem Mädchen mit Gewalt ihre Ehre raubt. Und kein Wunder, daß die Leidenſchaft, die Adam Smith beſeelte, von Augenblick zu Augendlick heftiger wurde, daß die Luſt, ſeine Leidenſchaft zu befriedigen, ſeine Begierde übertraf. Das vor Zorn zitternde Mäd⸗ chen hielt er in ſeine Arme gedrückt, er fühlte an ſeiner Bruſt das unruhige Beben ihres wallenden Buſens, ſein Mund ſchlürfte den Athem, der ihren Lippen ent⸗ floß, ſein Blick ſpiegelte ſich unwillkürlich in dem ihren... Er war ſeiner ſelbſt nicht mehr Meiſter, er der Tief⸗ geſunkene, der gemeine Sclave ſeiner unreinen Lei⸗ denſchaft. „Nancy...“ rief der gereizte Freche,„vier⸗, fünf⸗ mal ſo viel, als Sie für Ihren Großvater wollen, werde ich Ihnen geben.. Widerſtehe mir nicht... Hölle und Teufel!... Bei Allem, was heilig iſt!. Nancy, widerſtehe mir nicht länger.“ Aber ſie, die Tugendhafte, ſtand unbeweglich feſt. Beſeelt von einem Muthe, der ihren Jahren und Kräf⸗ ten ſonſt fremd, geſtärkt von der warnenden Stimme der Tugend, unterſtützt von einer Geiſtesgegenwart und Feſtigkeit des Charakters, die im Augenblicke der Ge⸗ fahr den Schwachen Kraft verleiht, machte ſie den be⸗ ſten Gebrauch dieſer himmliſchen Gaben, womit die Vorſehung auf eine treffliche Weiſe die auf ſie Ver⸗ trauenden ausrüſtet. Sie drückte ihre Hände zwiſchen das Halstuch Smiths und zog es mit ſolcher Heftigkeit zuſammen, daß er außer Athem kam. „Dieß ließ ihn einſehen, daß es unmöglich war, ſein Ziel zu erreichen, mit Gewalt ſtieß er das Mäd⸗ chen von ſich: befriedigte Leidenſchaft erregt Eckel, Wi⸗ derſtand Zorn. „Geh' fort, Mädchen, ich werde nichts für Dich thun, weder für Dich, noch Deinen Großvater, geh'... ich will nichts von Dir oder ihm wiſſen, er iſt ein elender und gemeiner Kerl, daß er ſeine Enkelin ſchickt, um mich zu überwinden. Bah' geh', eh' ich Dich mit Gewalt vor die Thüre hetze!..“ Er ſank nieder vor Ermüdung. Der Kampf mit Nancy hatte den ſchon im Alter vorgerückten Mann er⸗ ſchöpft, und die Heftigkeit ſeiner Begierde hatte das Ihre dazu beigetragen, daß er abgemattet auf einen Stuhl niederſank. „Komm' nie wieder her,“ rief er,„Du und Dein Großvater ſind gemeines Volk, geh’...“ A₰ „Das find wir nicht!“ rief Nancy,„aber Sie find ——— 33 gemein, Sie ſind.. ein Böſewicht, den man allgemein für einen braven Mann hält!“ Ein lautes Weinen hinderte ſie fortzufahren. „Sie wollen mich durch Ihre Thränen verführen, aber nein, das ſoll Ihnen nicht glücken; fort, und nie wieder in mein Haus mit der Betteleiz die Summe, die ich bot, rear nicht genug, und darum ſpielten Sie die Keuſche, die Reine, ich kenne Sie, Sie ſahen meine Schwachheit und darum wollten Sie mich betrügen, gehen Sie, ſag' ich, entfernen Sie ſich. Ich will Sie nie wiederſehen.“ Herabgewürdigt, aber nicht entehrt, verließ Nancy das Haus, und als ſie mit Gewalt die Thüre zuwer⸗ fen ſah, brach ſie in ein lautes Weinen aus. Ihren Großvater wollte ſie mit dem Vorgefallenen nicht bekannt machen, er würde ihr vielleicht doch nicht glauben, er hielt, wie Jedermann, Adam Smith für einen ehrlichen, braven und rechtſchaffenen Mann, und glaubte er ihr, würde er dadurch nicht erfahren, daß er nichts mehr von Adam Smith zu hoffen hätte, und ſollte das den Greiſen nicht noch muthloſer machen, als er ſchon war. Auch fühlte Nancy wohl, wie viel Er⸗ niedrigendes ſür fie in dem Vorgefallenen lag, was ſie niit ri Schleier des Geheimniſſes bedecken zu müſſen glaubte. Es bedurfte nur kurzer Zeit, um ſie einen Be⸗ ſchluß faſſen zu laſſen. Sie wiſchte die Thräͤnen ab, die über ihre Wangen floſſen. Sie ſchien die Gegen⸗ wart ganz zu vergeſſen und dachte an die Zukunft. Sie laͤc elte wieder; die Zukunft eines Neunzehnjähri⸗ gen leuchtet, wie die Farbe der Roſe. Und die Zu⸗ kunft, welche ihr ſo viel Glück verſprach, konnte nicht mehr ferne ſein, kaum noch zehn Tage und dann, dann.„ doch wir wollen der Geſchichte nicht vorgreifen. * 8 x* Amſterdams Geheimniſſe. N. 3 34 „Schon zurück, Nanch?“ frug der alie Kupfer⸗ ſtecher, als ſeine Enkeltochter den ein fachen Hut abſetzte, und die weichen Haare vor dem Spiegel glattſtrich, „und Herr Smith,“ ließ er ſchnell folgen. „Wird Dir helfen,“ fiel Nancy ein, obgleich ihre Stimme bebte, als dieſe Unwahrheit von ihren Lippen floß.„In dem Augenblicke, als ich bei ihm war, war es ihm unmöglich, aber morgen früh werde ich wieder zu ihm gehen, dann wird er das Geld in Bereitſchaft halten.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte der Greis,„Du ſiehſt, Nancy, daß der Herr Smith ein braver Mann iſt, der Deinem Großvater gerne hilft, o, wenn alle Menſchen dächten und handelten, wie er, würde es beſſer ſein!“ Nancy antwortete nicht, was ſollte ſie auch geant⸗ wortet haben? „Vergiß nicht, liebes Kind,“ fuhr der arme Mann fort,„morgen frühzeitig zu ihm zu gehen, und ſage ihm noch einmal, daß wir das Geliehene binnen wenig Tagen zurückgeben werden; da bekommſt Du ja Geld, Nancy?“ „Ja, in zehn Tagen werde ich ihm das Geld ge⸗ ben können. O, was ſchleicht die Zeit langſam, wenn man ihr ſo gerne Flügel gäbe.“ „Sage das nicht, Nancy, ich bin ſchon vierund⸗ ſiebenzig Jahre, und doch kommt es mir vor, als wäre die Zeit an mir vorübergeflogen; Vorfälle und Um⸗ ſtände erinnere ich mich von zwanzig Jahren her, als wären ſie erſt geſtern geſchehen. Je länger etwas her, deſto lebendiger ſteht es mir vor dem Geiſt. Ich er⸗ innere mich noch deutlich und klar der erſten Jahre meiner Ehe; ich verdiente viel Geld, denn es waren damals wenig Kupferſtecher im Lande, und ich war recht glücklich. Dein Vater, mein einzig Kind, war ein Goldſchmid, doch, obwohl ſehr geſchickt in ſeinem Fach, verdiente er ſehr wenig, da die Zahl ſeiner Gönner ſehr gering war, und er mehre Male Bankerot machte.“ 35 „Als Deine Mutter ſtarb, Nancy, nahmen wir, Deine Großältern, Dich zu uns, und als Dein armer, unglücklicher Vater ermordet wurde, ſuchten wir Deine Aeltern zu erſetzen. Damals war ich noch nicht ſo be⸗ dürftig, als jetzt, aber die lange Krankheit Deiner Groß⸗ mutter hat das Wenige, was ich beſaß, aufgezehrt; und nun bin ich arm, alt und arm, Nancy! O, wenn Dein Vater noch lebte, armes Kind, gewiß ich würde mich vor der Zukunft nicht fürchten. Johann war ein braver Sohn, der für mein Alter geſorgt hätte, für Dich, wie für mich, Nancy! Armer Johann! verflucht ſei Dein Mötder!“ Der Greis wiſchte eine Thräne ab, die bei dem Gedanken an ſein einzig Kind in ſeine ugen gekommen war. „Es wird bald beſſer werden,“ ſagte Nancy, mit Freude ſich die Zukunft vor den Geiſt rufend. Es war ſpät, der alte Mann begab ſich zur Ruhe, und kaum bemerkte Nancy an ſeinem regelmäßigen Athemholen, daß er ſchlief, als ſie einen Schlüſſel holte, und den altväteriſchen Kaſten öffnete. Mit zitternder Hand nahm ſie eine große, goldene „Taſchenuhr aus demſelben und ſteckte ſie zu ſich.„Es iſt ja, um ihm zu helfen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„und in zehn Tagen kann ich ſie zurückholen und wieder auf ren Platz legen, ohne daß er etwas davon bemerkt; er trägt ſie nie und wird ſie darum auch nie vermiſſen.“ Wohl kam ihr der Gedanke in den Sinn, daß, was ſie jetzt that, von Manchem vielleicht als Vergehen be⸗ trachtet werden würde; wohl zögerte ſie und legte den koſtbaren Gegenſtand einige Male wieder auf ſeinen Platz und entfernte ſich einige Schritte von dem Ka⸗ ſten.. Doch mußte ſie ihrem Großoater helfen, ſie hatte ihm geſagt, daß Smith ihr Geld geben werde... und mußte darum ihren Vorſatz ausführen. Die goldene Uhr, welche Nancy zu ſich ſteckte, hatte Jakob Horſt, als er zwanzig Jahre alt war, von ei⸗ nem Herrn zum Geſchenk bekommen, dem er das Leben 36 mit Gefahr ſeines eignen gerettet hatte. Auf der In⸗ ſeite des Deckels las man den Namen des Retters und des Geretteten, von einer kunſtreichen Hand zierlich gravirt, nebſt der Zeit, wann und wo die edle That vollbracht wurde. Das Kleinod wurde von dem ehrlichen Kupfer⸗ ſtecher, wie ein Heiligthum gehalten; lange Jahre hatte er ſie getragen und oft mit innigem Vergnügen, ja ſelbſt mit einem gewiſſen Stolz ſeinen Freunden ge⸗ zeigt. Doch als an dem koſtbaren Gegenſtand etwas gebrochen war, und er nicht ſo viel Geld beſaß, es her⸗ ſtellen zu laſſen, hatte er es in ſeinem Kabinete auf⸗ bewahrt, und ſparte hie und da an ſeinem geringen Verdienſte einige Pfennige ab, um es endlich einmal wieder in Stand ſetzen zu laſſen. Nancy ſah mit erſtaunten Augen auf das dem Groß⸗ vater ſo theure Uhrwerk, es war ihr, als ob die klei⸗ nen, kurzen Zeiger ſie drohend warnten, als ob d griechiſchen Ziffern des Zeigerblattes ſich in Worte ve wandelten und ſprächen:„Was Du thun willſt, iſt nicht gut!“ Doch wie bald, dachte ſie, werde ſie die Uhr wieder zurückholen können; dann wollte ſie auch das Werk herſtellen laſſen, und wie angenehm würde es für ihren Großvater ſein, wenn er ſie wieder ticken hören und die Zeiger wieder langſam ſich drehen ſehen könne. Am folgenden Morgen verließ Nancy die Wohnung ihres Großvaters und kam bald mit zwanzig Gulden zurück, die ſie von Adam Smith empfangen zu haben behauptete, die ſie aber auf dem Leihhauſe erhalten hatte. ———-————— -==y= III. Der junge Maler. Wir gehen um drei Jahre zurück. Nancy war da⸗ mals ſechszehn Jahre, doch ſchien ſie ſchon ein paar Jahre älter zu ſein. Ihr Großvater befand ſich da⸗ mals noch nicht in den dürftigen Umſtänden, wie wir ihn ſo eben angetroffen haben, und war darum im Stande, das Lehrgeld in einer Putzwaarenhandlung ſür ſeine Enkeltochter zu bezahlen. Die beiden Zimmer über dem Laden wurden von einem jungen Maler bewohnt, der, obgleich noch ein Neuling in der Kunſt, deutliche Beweiſe gab, daß er bei weiterer Uebung und Studium einen nicht unbe⸗ deutenden Rang unter unſeren vaterländiſchen Malern einnehmen werde. Das Vorzimmer diente zum Schlafen und Woh⸗ nen, während das Hinterzimmer zum Atelier des jun⸗ gen Künſtlers eingerichtet war. Da ſaß er vom erſten Sonnenſtrahl bis zum ſpäten Abend, eifrig vor ſeiner Staffelei und zauberte auf das vor ihm ſtehende Tuch die Bilder ſeiner jugendlich erregten Einbildungskraft. Albert Droſt war ein hübſcher dreiundzwanzigjäh⸗ riger Jüngling, lebendig, heiter und froh, wie jedes ſich entwickelnde Kanſtgenie und durchaus nicht ohne Gefühl für die Reize, welche Nancy Horſt, wie jung ſie auch noch war, ſchon entwickelte. Nie kam er das Zimmer vorüber, in welchem ſie arbeitete, ohne einen Blick auf ſie zu werfen und von jeder Gelegenheit machte er Gebrauch, um einige Worte mit ihr zu wechſeln. Auch Nancy ſah den Maler gerne und wenn er fort war, ſchlich ſie in der Stille in ſein Arbeitszim⸗ mer und bewunderte die Werke ſeines kunſtreichen Pin⸗ 38 ſels und das Bild des Künſtlers ſtand ihr bei dem Be⸗ trachten derſelben immer vor dem Geiſte.. Eines Tages, als Nancy wieder ein halb fertiges Bild bewundernd betrachtete, überraſchte ſie der Maler. Etwas erſchreckt, wollte ſie in aller Eile das Zimmer verlaſſen, als Albert ſie zurück hielt. „Sie brauchen nicht vor mir zu fliehen, Fräulein Nancy,“ ſagte er freundlich,„es ehrt mich ſehr, daß Ihre ſchönen Augen auf meinen Malereien ruhen, Sie lieben alſo die Kunſt.“ Nancy gab eine verwirrte Antwort und der Ma⸗ ler, der nichts mehr wünſchte, als die Unterhaltung mit der Putzmacherin ſo lang als möglich auszudehnen, holte ſein Portefeuille und zeigte Nancy ſeine Zeich⸗ nungen, die ſie mit dem Ausruf:„herrlich! o das iſt ſchön!“ aufmerkſam betrachtete. Dann wurde das Skizzenbuch herbei geholt und bei jeder ſchönen Anſicht, die der Maler ihr vorlegte, rief ſie mit naiver Bewunderung:„Und iſt das wirk⸗ lich ſo ſchön, haben Sie das Alles geſehen? O wie gerne möcht' ich auch mal dahin!“ „Ich bin überall ſelbſt geweſen und habe die Skiz⸗ zen auf dem Platze gezeichnet, o ein Künſtler kommt überall hin!“ „Und wenn er verheirathet iſt, reißt denn ſeine Frau auch mit ihm?“ frug Nanchy in ihrer kindlichen Unſchuld, die Albert ein Lächeln abnöthigte und die Ghun⸗ Fragerin in ſeinen Augen noch liebenswürdiger machte.. „Ja, Nancy, wenn der Maler viel auf ſeine Frau hält und das thun die meiſten Künſtler!“ fer 15 da möchte ich wohl die Frau eines Malers ein „Sie wollten, Fräulein Naney?“ frug Abbert, und der Ton, in welchem er dieſe Worte an ſeine liebens⸗ würdige Beſucherin richtete, rief eine Röthe auf die Wangen des anmuthigen Mädchens und erinnerte ſie, daß fie das Zimmer des Malers verlaſſen müſſe. 8 Aber Albert war der Muth gewachſen.„Wenn nun ein Maler, wenn... ich Ihnen meine Hand an⸗ böte, Fräulein Nancy,“ ſprach er. Aber ſchnell, wie ein Reh, hatte ſie den Ort verlaſſen, wo ſie ſo viel Schönes geſehen. Und in der Folge, wenn der Maler wieder an ihrem Zimmer vorbei kam und einen Blick in daſſelbe warf, ſab Nancy nicht auf, ſondern hielt ihre Augen feſt auf die Arbeit gerichtet und nähte flei⸗ ßig fort, als hätte ſie keine Zeit, den jungen Mann nur anzuſehen. Die Begegnung in dem Atelier gab aber doch die Einleitung zu näherer Bekanntſchaft, und das liebe Mädchen, geſchmeichelt durch den Vorzug, welchen ein ſo großer Künſtler ihr ſchenkte, wie Albert, denn in ihren Augen war er der größte aller Künſtler, zeigte ſich nicht ungeneigt, einmal die Gattin Albert Droſt's zu werden. Von Nancy nicht abgewieſen, wagte Albert es auch, bei dem Großvater ſein Anſuchen zu ſtellen; doch wie ſehr auch der junge Albert der lieben Enkelin ge⸗ ſiel, war ihm der Großvater nicht ſehr geneigt. Der alte Kupferſtecher nannte ihn einen Fant, einen leicht⸗ ſinnigen Menſchen, weil er etwas leichtfertiger geklei⸗ det war als andere Leute, weil ſeine Haare in langen Locken um ſein Haupt wallten, und ein kleiner Bart auf feiner Oberlippe ſich zeigte, was ihm ein fremd⸗ artiges Anſehen verlieh und ſo ſehr ſtritt mit dem Bilde der Einfachheit und des Anſtandes, welches ſich Jakob Horſt als wahrer Amſterdamer gemacht hatte. Dazu hatte ſich Albert eine abſprechende Art zu reden angewöhnt, und hatte ganz andere Anſichten über Kunſt als der Kupferſtecher, der, weil er mehr Jahre, als der Maler zählte, nicht ertragen konnte, daß ihm dieſer widerſprach: der gute Alte nämlich hielt ſeine Kunſt für ebenbürtig mit der Malerei, was Albert mit 40 Heftigkeit beſtritt. Dennoch wußte ſich Albert bald in die Launen des Alten zu ſchicken; er kleidete ſich ein⸗ facher, wenn er den Großvater beſuchte, rühmte die große Kupferſtecherkunſt, bewunderte die Arbeit des Al⸗ ten und vollendete kein Bild, ohne zuvor ſein Urtheil um Rath zu fragen, obwohl er nie den Rath befolgte, den der gute Horſt ihm zu geben nicht unterließ. Dieß Alles brachte den Maler bei dem alten Manne in Gunſt, der nun in Albert einen geſchickten Gatten für ſeine Nancy gefunden zu haben glaubte. Die Zukunft für das Mädchen war ſo ſchön und unbewölkt, bis plötzlich ein fatales Ereigniß die heitere Zukunft umnebelte. Albert Droſt war, wie wir ſchon ſagten, ein Jüng⸗ ling von heiterem Naturell. Vor der Staffelei ſitzend war er nur mit der Arbeit beſchäftigt, er dachte nur an ſeinen Vorwurf und mit wunderbarer Gewandtheit flog der Pinſel über das Tuch. Doch kaum war die Arbeit geendigt, als die Losgebundenheit ſeiner Anſpannung das Gleichgewicht halten mußte, wüſt und ausgelaſſen, verführt durch die leichtfertige Geſellſchaft ſeiner Kunſtbrüder, betäubt von dem Wein, verbrauchte er oft an einem Abende mehr, als der Erwerb einer ganzen Woche ihm erlaubte. Es iſt wahr, die Liebe zu Nancy, der Umgang mit ihr hatten einen wohlthätigen Einfluß auf den jungen Maler gehabt, er verkehrte weniger mehr mit ſeinen leichtſinnigen Kunſtbrüdern. Die wüſten Trinkgelage, denen er ſich früher hingegeben, waren ihm etwas fremd geworden, doch dieß Alles hob die Schulden nicht auf, in welche ihn ſein jugendlicher Leichtfinn geſtürzt hatte. Seine vielen Gläubiger drängten ihn und dieß nahm ihm die Luſt zum Arbeiten; dazu kam noch der Umſtand, daß er früher, um immer mit Geld verſehen zu ſein, in der Eile eine Menge Tafeln vollendet und für einen Spottpreis verkauft hatte, was ſeinen Namen als Maler nicht ſehr hob; daher kam es auch, daß es — -—-— 41 ihm, ob er ſich gleich jetzt mit Eifer auf die Kunſt legte, beinahe unmöglich wurde, ſeine Bilder an den Mann zu bringen. Albert wurde durch all' dieß nicht entmuthigt; er ſpannte vielmehr alle ſeine Kräfte an, um zu glänzen, und als eine der Schöpfungen ſeines Künſtlertalentes die allgemeinſte Bewunderung erregt hatte, und für einen anſehnlichen Preis verkauft worden war, wurde ſein Name bald allgemein bekannt und Aufträge zu verſchiedenen Bildern wurden ihm zu Theil. Doch gerade dieſes Glück legte den Grund zu dem unglücke unſeres Malers. Bald wurden ſeine Gläubi⸗ ger dringender als je, ſie bedrohten ihn mit Gefangen⸗ nehmung und forderten ihn vor Gericht, in der Hoff⸗ nung, die Gönner Albert Droſt's, theilnehmend für ſein Unglücke, würden für ihn bezahlen. Aber verge⸗ bens wandte ſich Albert an dieſe Leute; jede Voraus⸗ bezahlung wurde ihm verweigert, und der Maler war nahe an der Verzweiflung, als ſich ihm eine Gelegen⸗ heit bot, ſich zu retten, wovon er denn auch, leider mehr zu ſeinem Unglück, Gebrauch machte. In einem gewiſſen Hauſe auf der Keizergracht be⸗ fand ſich ein Saal, der mit einer Tapete decorirt war, auf welcher einer der größten Künſtler Landſchaften ge⸗ malt hatte. Dieſe Malereien hatten aber durch die Zeit viel gelitten, und der Eigenthümer des Hauſes, der ſehr an der Tapete hing, übertrug die R ſtauration dem geſchickten Pinſel Droſt's und die Summe, welche Albert alsbald nach der Vollendung empfangen ſollte, war ſehr bedeutend. Schon hatte er einige Zeit an ſeiner Aufgabe ge⸗ arbeitet, als Madame R. ihm einige kleine Miniatur⸗ bilder zeigte, die mit Diamanten und andern Eder⸗ ſteinen beſetzt waren. Dieſe Portraits wurden in einer Schachtel aufbewahrt, welche in einem Sekcetär ein⸗ geſchloſſen war, der auf dem Saale ſtund. Der Staub, mit dem die Schachtel bedeckt war, bewies, daß ſie ſel⸗ ten hervor geholt wurde, und nachdem der Maler die Bilder betrachtet, und ſein Urtheil darüber gefällt hatte, buchte Madame R. die Schachtel wieder an ihren aßz. Der Sommer war herbeigekommen und Herr R. zog mit ſeinem Hausweſen auf ſein Landhaus, nur einen Portier und deſſen Frau in Amſterdam zurück⸗ laſſend. Das Werk unſeres Malers war lange noch nicht beendigt, und eines Tages rief er den Portier, um mit ſeiner Hülfe den Sekretair ein wenig auf die Seite zu rücken, da er den Platz hinter demſelben be⸗ malen mußte. Während Albert hiemit beſchäftigt war, bemerkte er, daß das Blatt auf dem Sekretair von der Feuchtigkeit ganz losgegangen war, und im ſelben Augenblick flog ihm ein Gedanke durch den Sinn, der ihn ſchauern machte. Gerade um dieſe Zeit hatten die Gläubiger be⸗ gonnen, ihn gerichtlich zu verfolgen, und er mußte jeden Augenblick einer Vorforderung gewärtig ſein. Er hatte nur den Deckel des Sekretairs aufzu⸗ heben, und einen Griff zu thun, um ſich der Schachtel mit den Miniaturporträts zu bemeiſtern. Wenn er die koſtbaren Edelſteine ins Leihhaus gäbe, müßte ihm gewiß die Summe werden, welche fereichte, ſeine Gläubiger zu bezahlen und ſobald er ein Werk vollendet hatte, mußte wiederum der Lohn dafür genug ſein, um die Juwelen zu löſen; dann werde er ſchon wieder ein Mittel finden, die Schachtel an den alten Platz zurückzubringen, ohne daß Jemand etwas erführe von dem, was er gethan. Das iſt doch kein Diebſtahl, dachte der Maler, er werde ja ſobald er das Geld empfangen habe, die Juwelen wieder auslöſen, und vor Entdeckung brauchte er ſich nicht zu fürchten, da Herr R. und ſeine Familie erſt im Spät⸗ jahre zurückkommeu ſollten, und kämen ſie ſelbſt früher zurück, ſo würde die Schachtel wohl ſchwerlich ver⸗ 43 mißt, da fie nur ſehr ſelten von ihrem Platze genom⸗ men wurde. Niemand war bei dem Maler in dem Saale, die Gelegenheit war günſtig und doch zögerte er; das erſte Verbrechen kämpft einen harten Kampf mit dem Gewiſſen. Zum dritten Male war er dem Meubel genaht, in welchem die Mittel zu ſeiner Rettung lagen. Wun⸗ derbarer Weiſe kamen ihm gerade in dieſem Augen⸗ blicke die Kinderſchriften vor die Seele, die er einſt geleſen hatte; es war als ob ihm eine drückende Laſt den Athem hemmte, als ob ſeinen Händen die Kraft mangelte, die ſonſt nicht ſchwere Platte abzuheben— und doch plötzlich war die Hand ausgereckt nach dem fatalen Orte und als er die Hand wieder zurück zog ... hielt ſie die Schachtel. An dieſem Tage war es ihm unmöglich zu ar⸗ beiten, er eilte nach Hauſe, nahm die Portraits aus ihren koſtbaren Rahmen und brachte die Juwelen nach einer Leihbank, wo er ſie, obgleich man ihm das Dop⸗ pelte anbot, nur für die Summe lieh, die er nöthig hatte, um ſeine drängenden Gläubiger zu befriedigen. Doch das Verbrechen wurde entdeckt, ehe er im Stande war, daſſelbe wieder gut zu machen. Unter den Directoren der Leihbank befand ſich Ener, der ſehr gut mit dem Herrn R. bekannt war, und die Portraits oft geſehen hatte. Es war daher ſehr natürlich, daß er, ſobald die Juwelen auf die große Bank gebrocht wurden, dieſelben ſogleich als dieſelben erkannte, welche um Herrn R's Bilder geſetzt waren. Da er ſich nicht vorſtellen konnte, daß die Steine von dem Eigenthümer geliehen waren, kam ihm die Sache verdächtig vor und er eracktete es da⸗ her für ſeine Pflicht, den Herrn R. hievon in Kennt⸗ niß zu ſetzen und ſo wurde der Grund zu Alberts Un⸗ glück gelegt. Die Folge davon war, daß Herr R. den Dieb⸗ —— 45 eine Kleinigkeit und doch ſchien ihr die Zeit eine Ewig⸗ keit. Aber als ſie die zwei elenden Verbrecher ſah, in deren Geſellſchaft Albert abgeführt werden ſollte, da ſchwanden ihr die Kräſte zugleich mit dem ſcheinbaren Muthe und ſie fiel bewußtlos in die Arme eines Ge⸗ richtsdieners. Als ſie wieder zu ſich ſelbſt gekommen, war der Gegenſtand ihrer innigſten Liebe ſchon weit von ihr entfernt. Nancy vergaß den Geliebten nicht; ſie ſparte Geld zuſammen, ſo viel ihr möglich, und ſendete es ihm. Dieſer aber, wiſſend, wie viel Mühe es Nancy koſtete, ſelbſt das Wenige, das ſie für ihn zurücklegte, zuſammen zu bekommen, ſchickte ihr das Geld zurück unter dem Vorwande, er brauche cs nicht. Als Albert ſchon zwei⸗ Jahre im Gefängniß geſeſ⸗ ſen, empfing Nancy einen Brief, worin er ſie um eini⸗ ges Geld erſuchte. Sogleich erfüllte Nancy die Bitte, welche nach einiger Zeit wiederholt wurde; die ſor⸗ gende Nancy wußte nicht, woher das Geld bekommen, aber Albert ſchrieb ſo dringend, daß ſie durch den Verkauf einiger ihrer beſten Kleider eine kleine Summe zu bekommen ſuchte, welche ſie dem Maler ſandte. Da folgte ein Brief auf den andern, und alle enthielten Bitten um Geld. Albert ſchrieb, daß er ſehr viel Geld mit Malen verdiene, aber er bekomme es nicht in die Hände, da es in Gefängniſſen gebräuch⸗ lich ſei, das Geld, das die Gefangenen verdienen, auf⸗ zubewahren und es ihnen erſt beim Austritt zu geben. Er hatte, wie er ſchrieb, bereits eine anſeyhnliche Summe beiſammen, die ihn in den Stand ſetzte, ſo⸗ gleich nach ſeiner Entlaſſung ſich mit ihr zu verhei⸗ rgthen. Daan ſollte der alte Großvater zu ihnen ziehen und ſeine Tage in Ruhe zubringen und in je⸗ der Hinſicht glücklich ſein. Aber er brauchte Geld zum Ankauf von Tuch, Pinſeln und Farben, und dieß ſollte Nancy ihm verſchaffen. Ohne Wiſſen ihres Großva⸗ ters verkaufte ſie beinahe alle ihre Kleider, um Albert zu helfen. So verliefen die Monate, und das Ende der Strafzeit war nicht mehr ferne. Das gute Mädchen ſpiegelte ſich eine frohe und glückliche Zukunft vor. In zehn Tagen mußte Albert ſeine Entlaſſung bekom⸗ men, dann ſollte ſie ihn nach einer Trennung von drei vollen Jahren wiederſehen und wenn er mit dem Gelde zurückkäme, das er durch ſeine Arbeit verdient hatte, und das, wie er ſchrieb, eine große Summe betrug, würde gewiß der Großoater ſich nicht mehr ihrer Ehe widerſetzen, würde ſie eine glückliche Frau werden und ihr Großvater ſeine Tage in Ruhe beſchließen können. Dann ſollte die goldene Uhr, worin ſeine edle Hand⸗ lung eingegraben war, wieder luſtig ticken in der Taſche des Greiſen. Dies iſt die Zukunft, die die le⸗ bendige Phantaſie Nancys, erhöht durch eine reine, treue Liebe, ihr vormalte. — IV. Die Zurückkunft. Die zehn Tage, die Nancy zehn Jahre ſchienen, waren langſam dahin geſchlichen. Der Tag war ge⸗ kommen, an welchem ſie Albert wiederſehen ſollte, der Tag, der der glücklichſte ihres Lebens zu werden ver⸗ ſprach und mit ungeduldigem Verlangen wartete ſie des Malers. Jedes Geräuſch, jedes Wiſpern, das ſie hörte, machte ſie erſchreckt aufſpringen; doch es wurde Abend und Albert kam nicht. Endlich, als ihr Großvater ſich ſchon einige Zeit 47 zur Ruhe begeben hatte, hörte ſie an die Thüre klo⸗ pfen und die Worte:„Biſt Du da, Nancy?“ aus⸗ ſprechen. 3 Wie leiſe dieſe Worte auch geflüſtert wurden, das Mädchen erkannte doch alsbald ſeine Stimme; eine tiefe Glut überzog ihr Geſicht: der glückliche Au⸗ genblick war da, ihre Wüänſche ſollten erfüllt werden, ja, es war Alberts Stimme, es war die Stimme des Geliebten, der ihren Namen genannt hatte. Eilig ſtand ſie auf und öffnete ſo leiſe als mög⸗ lich die Thüre, um den alten Kupferſtecher nicht auf⸗ zuwecken... doch erſchrocken fuhr ſie zurück, als ſie Albert vor ſich ſtehen ſah. Es war nicht mehr der junge lebensluſtige Maler, aus deſſen Augen Muth und Leben ſprachen, auf deſſen Wangen die friſche Röthe der Geſundheit prangte, nein, es war nur ſein Schatten. Ein Aufenthalt von drei Jahren in dem Gefängniſſe zu Hoorn, der Um⸗ gang mit ſeinen Bewohnern, die in dieſem Kerker, wie in einem Korb, durch einander geworfen werden, hatte eine furchtbare Veränderung in Albert Droſt hervor⸗ gebracht. 8 Die Röthe war von ſeinen eingefallenen Wangen gewichen und hatte einer ungeſunden Bläſſe Raum gegeben. Sein freier, offener Blick war matt und un⸗ ſicher geworden; während ſein ungeordneter und unge⸗ ſchorner Bart und die langen Haare, welche verwirrt ſein Haupt bedeckten und an Hals und Schultern her⸗ abhingen, dem Ganzen etwas Abſtoßendes gaben. Seine magere Geſtalt umſchloß ein kurzer verſchlitzter, grüner Rock, der an den Ellbogen geflickt und kaum von zwei ungleichen Knöpfen zuſammengehalten wurde; eine alte Hoſe, mit Lappen von verſchiedener Farbe auf den Knieen beſetzt, alte Schuhe, die ihm zu weit waren, und ein ſchmutziges weißes Halstuch, leicht um den Hals gebunden, bildeten die übrige Kleidung des Ma⸗ lers, und in dieſem Zuſtand kehrte der früher ſchöne und blühende Jüngling aus dem Gefängniß zu ſeiner Geliebten zurück.*) „Gott... Albert... Du...“ frug Nancy. Sie wünſchte ſo innig, daß ſie ſich betrog, doch es war mehr als zu wahr. Eine heiſere Stimme, ganz ver⸗ ſchieden von der wohllautenden vor Droſt mittheilen, keineswegs als übe nig den Ausdruck: ein dreijähriger Gefaͤngniß zu Hoorn als ungerecht drei Jahren, ſagte: *) Man betrachte das, was wir hier über Albert rtrieben, ebenſowe⸗ Aufenthalt in dem und aus der Luft gegriffen. Wir hatten Gelegenheit, dieſes Gefängniß in Augenſchein zu nehmen und erſchracken vor den blei⸗ chen Geſichtern der Gefangenen, auf welchen Krankheit und Leiden ſo deutlich zu leſen ſtanden. Dies Gebäude, hart an der See gelegen, und auf allen Seiten vom Waſſer umringt, in welchem ſich 400— 500 Gefangene aufhalten, iſt erſtens eines der ungeſundeſten Gefaͤng⸗ niſſe wegen ſeiner Lage, und zweitens wegen ſeiner en⸗ gen Räume, da es bei der Erbauung zu einem ganz anderen Zwecke eingerichtet wurde, a wie ſchon der erſte Anblick uns de noch zu wünſchen uͤbrig bleibt. Wer aber nicht die Ge⸗ legenheit hat, ſie zu befichtigen, leſe ls zu einem Kerker, — utlich machen kann. Wer ſich für den Zuſtand der Gefängniſſe intereffirt, beſuche ſie ſelbſt und er wird ſich überzeugen, wie viel das mit Sachkennt⸗ niß geſchriebene Werkchen von L. G. Bonricius, over de gevangenissen in Nederland, wo unter anderem die Worte ſtehen:«Alle unſre Gefaͤngniſſe ſcheinen ſo eingerichtet zu ſein, als wollte man die Gefangenen in ihnen wie Mumien in den Katakomben aufſchichten* während der Verfaſſer der Beknopt overzigt van het gevangenis- Stelsel in Nederland den Wunſch aus⸗ ſpricht, es moͤchte ein Preis auf die Beantwortung der iele Gefangenen an Frage geſetzt werden, warum ſo v der Waſſerſucht leiden. ———— — 49 „Ja, Nancy, ich bin es...! Du biſt noch ſchöner ge⸗ worden als früher,“ und Albert ſchlang ſeine Arme um das liebe Mädchen und zog ſie zu ſich, um ihr einen Kuß auf die Lippen zu drücken. Nancy zitterte unwillkührlich, als die Arme des Malers ſie umfingen und ſeine bleifarbigen Lippen die ihren berührten.„Und doch, vielleicht iſt er unglücklich, vielleicht iſt er krank geweſen und hat es mir nicht ſchreiben wollen, um mich nicht unruhig zu machen,“ dachte das zarte Kind bei ſich ſelbſt und drückte die magern Hände des Malers in die ihren und küßte ihn, während eine Thräne über ihre Wangen rollte. „„Biſt Du krank geweſen, Albert?“ fragte ſie, während ſie ihm bedeutete, ebenſo leiſe zu ſprechen wie ſie ſelbſt. „Wer kann geſund bleiben in einem ſo elenden Gefängniß?“ ſprach Albert. „Aber biſt Du jetzt wieder ganz hergeſtellt, wieder beſſer, Albert?“ AUnd ihre lieben Augen hatten ſolch' ttllihen Ausdruck, wie nur ein liebendes Mädchen ihn haben kann. „„Beſſer, ja und nein, wie man es nehmen will. Wie geht's mit unſerem Alten, hat er viel zu thun?“ „Leider nichts; mein armer Großvater..“ „Und Du, Nancy, Du verdienſt gewiß viel?“ „Das wollte ich wünſchen..“ „Aber Du wirſt gewiß etwas haben, um mir zu helfen.. Ich muß dieſe Nacht unter Dach und habe keinen Pfennig.“ „Aber Du haſt mir geſchrieben, daß Du ſo viel gut habeſt,“ ſagte Nancy mit bebender Stimme,„daß Du eine anſehnliche Summe empfangen werdeſt, wenn Du entlaſſen wirſt, und nun keinen einzigen Pfennig und ſo elende Kleider, Albert...“ Glaubſt Du, daß man da ſo bald ausbezahle? Es kann wohl noch drei Wochen dauern, ehe ich das Amſterdams Geheimniſſe. II. 4 50 Geld empfange; aber dann auch gewiß, dann ſollſt Du einmal ſehen, Nancy, wie ich mich an Dir beweiſen werde, und Du ſollſt Dich nicht zu ſchämen brauchen, mich bei Dir zu ſehen.. „Wer ſagt Dir, daß ich mich ſchäme?“ rief Nancy, von dem Verweis getroffen.„Pfut, Albert, wie kann ſolch' ein Gedanke bei Dir aufſteigen? Du biſt Künſt⸗ ler; wenn Du willſt, kannſt Du bald eine Malerei fertig haben und theuer verkaufen: ich bin ſchon glück⸗ lich, daß Du nur wenigſtens aus dem Gefängniſſe her⸗ aus biſt.“ „In drei Wochen habe ich Geld im Ueberfluß und dann... dann ſollſt Du einmal ſehen, wie glücklich wir ſein werden; aber jetzt kann ich nicht länger bleiben, gib mir etwas Geld, um dieſe Nacht unter Dach zu kommen, ich werde es Dir wiedergeben.“ „Ich habe beinahe nichts,“ ſtammelte das Mädchen verlegen...„einen Gulden, mehr habe ich nicht...“ „Wie, wie, Nancy, ein Mädchen, das ſo arbeit⸗ e em und fleißig iſt wie Du, ſollte nicht mehr als einen ulden haben! Das iſt unmöglich, aber Du willlſt pemir vielleicht nicht mehr helfen, weil ich nicht mehr ſo ſchön gekleidet vor Dir erſcheine; Du trauſt mir nicht, Nancy."“ 1 „Albert, Du weißt, daß ich Dir immer geholfen habe, und nun dieſer Verweis l⸗ Sie begann zu weinen. Es ſchien den Maler zu rühren und in freundlicherem Tone ſagte er: „Ich will Dir glauben, Nancy, ich glaube Dir, bei Gott, ich thue es;— gib mir den Gulden... ich habe für den Augenblick genug damit.“ Nancy nahm ihr Beutelchen und als Albert ſah, daß es nur einen Gulden enthielt, welchen ſie ihm ohne Zögern gab, wurde er innigſt betroffen, und das Geld⸗ ſtück nehmend, rief exr:„Das muß anders werden, bei Gott, das muß es, nur noch ein paar Wochen Geduld, Nancy, und Du ſollſt reich ſein...“ 51 Damit küßte er das Mädchen herzlich und entfernte ſich ſchnell, während er vor ſich hin ſagte:„Sie iſt brav, ſie verdient glücklich zu ſein, und das will ich ſie machen.“ Er eilte fort und kam auf das Amſtelveld, einen Platz, wo die Steinhauer gewöhnlich ihre Arbeit ver⸗ richten. Auf einem der Steine ſaß ein Mann, auf deſſen Geſicht ſo viel Gemeinheit und Bosheit ausge⸗ rückt war, daß man ihm, auf einem einſamen Wege egnend, ſorgfältig ausgewichen wäre; mit einem Wort, es war einer jener Menſchen, wie man ſie leider in keiner kleinen Anzahl in den Gefängniſſen antrifft. „Verflucht!“ rief er, ſobald er den Maler gewahr wurde,„heißt das mich warten laſſen, ich ſaß da, wie wenn einer auf't schollem te kijk staat ¹).⸗ „Ich konnte nicht früher kommen,“ ſagte Albert, „de lekijve ²) hielt mich lange auf, ehe ſie mir moos ³) geben wollte.“ „Nun, wenn ſie es nur gethan hat, denn Du be⸗ greifſt: kein moos, kein jajim 4).⸗ „ Wir werden aber nicht viel caskene ⁵), das moos iſt krasp ⁶), ein kop ⁷).“ „Verflucht! Du willſt Dich doch nicht als moser doorslaans), indem Du mir weis machſt, ſie habe Dir nur einen kop gegeben.“ „Ich will verdammt ſein, wenn ich einen einzigen roode ²) mehr bekommen habe. Glaubſt Du, Paul, —— 1) Auf dem Schaffot ausgeſtellt iſt. 2) Das junge Maͤdchen. 3) Geld. 4) Branntwein. 5) Trinken. 6) Wenig. ) Gulden. 8) Mich nicht betruͤgen. 9) Kupfermünze. 52 daß ich einen ſo guten gewerber ¹⁰), als Du biſt, een streep wil trekken ¹¹) 2 „Nein, Bert, dazu kennen wir einander ſchon zu lange, das moos iſt wenig, aber in de trom ¹2²) wer⸗ den wir genug alte gewerbers ¹³) finden, die uns jajim laten caskene ¹⁴) und eine hübſche kalle ¹5) auf dem Schooß, ohne daß wir zu bloeden ¹⁶) brauchen. Wir wollen nun in den trom, die Andern werden ſchon da ſein, und ich brenne vor Ungeduld, mir einmal wieder gütlich zu thun. In acht Jahren gewiß bin ich unter keinen neres ¹⁷) mehr gegangen, und habe keinen andern jajim getrunken, als das ſchlechte Getränk, das man uns in der kantine ¹⁸) für jajim verkauft. Komm, die krederiks ¹⁹) voran, und die Zeit ſo gut als mög⸗ lich verthan, bis wir wieder geschut 0) werden.“ Paul nahm des Malers Arm und Beide machten ſich nach einer elenden Kneipe auf den Weg, die wir ſpäter beſchreiben werden. 10⁰) Kameraden. 11) Betruͤgen werde. 12²) Ein Wirthshaus der gemeinſten Art, wo Diebe und andere Verbrecher zuſammenkommen. 13) Kameraden. 14) Branntwein trinken zu laſſen. 15) Oeffentliche Dirne. 16) Bezahlen. 17) Laternen. 18) Kneipe im Gefaͤngniß. 19) Füße. 2⁰) Ins Gefängniß kommen. VI. Das Gefängniß zu Hoorn. Man wird es uns nicht übel deuten, wenn wir vor dem weiteren Fortgang der Geſchichte in wenigen Worten mittheilen, was während der dreijährigen Ge⸗ fangenſchaft zu Hoorn mit unſerem jungen Maler vor⸗ ging, um die duͤſtere Stimmung Alberts etwas zu er⸗ klären, in welchem, nach dem Geſpräch mit Paul, eine große Veränderung vorgegangen war. Wie wir ſchon erzählten, wurde Albert Droſt nach ſeiner Verurtheilung ins Gefängniß zu Hoorn gebracht, um da ſeine Strafe zu erſtehen. „Was in ſeinem Innern vorging, als er die lange Brücke, die nach dem Gefängniß führt, überſchritt, will ich nicht beſchreiben. Meine Leſer wiſſen ja, daß er, obgleich Verbrecher und ſchuldig, weit nicht ſo verdor⸗ ben war, als der größte Theil unſerer Gefängnißbe⸗ völkerung. Alsbald ward er von ſeinen neuen Kameraden umringt, denn da es dem unglücklichen Maler an Geld gebrach, um die Unkoſten eines beſondern Gefängniſſes zu bezahlen, mußte er ſich die Geſellſchaft von Leuten gefallen laſſen, die weit unter ihm ſtanden. ir können uns hier nicht verſagen, folgende Be⸗ merkungen zu machen, die unſern Leſern nicht ganz ungegründet erſcheinen werden. In einem Beſchluß über die Gefängniſſe, vom 21. November 4821, ſteht unter Titel 44„In jedem Gefängniß ſoll eine Piſtole vorhanden ſein, in welcher man für eigene Rechnung beſonders logirt, geſpeist und gekleidet wird und zugleich keine Arbeit zu thun und keine Gefängnißkleidung zu tragen befugt iſt.“ Der Zweck, den man bei mehrjähriger Gefängniß⸗ 54 „ ſtrafe hat, kann dreifach ſein; erſtens den Verbrecher durch die Einſperrung zu ſtrafen; zweitens durch die Gefängnißſtrafe ihn von dem Verkehr mit der Geſell⸗ ſchaft auszuſchließen und ihm(während einiger Zeit) die Begehung von Verbrechen unmöglich zu machen; drittens, ihn durch obengemeldete Strafe zu beſſern. Daß in unſerem Vaterlande Verbrecher allein um des Strafzweckes willen in's Gefängniß geſperrt wer⸗ den, iſt leicht zu beweiſen aus dem ſchlechten Zuſtand unſerer Gefängniſſe und der geringen Sorgfalt, welche man auf die Beſchaffenheit und ſittliche Verbeſſerung der Gefangenen verwendet.¹) Auch angenommen, daß das Gefängniß nur zur Strafe dient, kann es etwas Ungereimteres, ja Ungerechteres geben, als die ſoge⸗ nannte Piſtole.2) Wer Geld beſitzt, kann ſich da alle Annehmlichkeiten des Lebens verſchaffen, und kann dann dieſe Gefangenſchaft, verglichen mit dem elenden Looſe 1) Im Verfolg unſerer Erzählung wird ſich dieß als begründet erweiſen. 2) Fuͤr den, der gut mit Geld verſehen iſt, kann man dieſen Platz eher einen Luſtort, als ein Gefängniß nennen. Die Herren Piſtoliers ſchmarotzen und praſſen da wie die Bacchanten, je mehr ſie Geld verzehren, deſto mehr Freiheit genießen ſie; ihre Familie und Freunde haben den ganzen Tag Zugang zu ihnen. Ich weiß ſelbſt, daß durch dieſen oder jenen Aufſeher oͤffent⸗ liche Dirnen zu ihnen gelaſſen wurden, während zu ei⸗ nem armen Teufel nicht einmal ſeine Frau den Zutritt erhielt, die von weit her kam, um Abſchied von ihm zu nehmen. Dieſer Vergnügungsplatz in dem Gefaͤngniß wurde von den Gefangenen zu Gent, le quartier ari- stocratique und zu St. Bernard hoͤtel de belle vue genannt. (Auszug aus Beknopt overzigt door een gexangenc. Amsterdam bij van Heteren.) „— 55 unvernogerter Gefangenen, wohl eine Strafe genannt werden?4 1 Die Abſchaffung der Piſtoles in den Gefängniſſen iſt darum nicht allein höchſt wünſchenswerth, ſondern auch ſehr nothwendig. Kein Wunder, daß der Maler, bei ſeinem Ein⸗ tritte in das Gefängniß ſich ernſtlich vornahm, allen Umgang mit den übrigen Gefangenen zu vermeiden, denn welche Menſchenklaſſe traf er da an? Elende, tiefgeſunkene Menſchen, deren Sprache er nicht ver⸗ ſtand, deren Gemeinbeit ihn aneckelte, mit einem Wort, die ihm Abſcheu einflößten, und deren Gegenwart ſeine Strafe hundertfältig vermehrte. Die Gefängniſſe unſeres Vaterlandes ſehen in ihren Mauern nicht die feinen und gewandten Böſe⸗ wichter, welche man in den franzöſiſchen Kerkern an⸗ trifft; in unſern Gefängniſſen wird ſelten eine geiſtige Unterhaltung, ein gut angebrachtes Wort gehört, wenn man niedrige Bordell⸗ und Kneipengeſpräche, unſitt⸗ liche und eckelhafte Reden nicht ſo heißen will. Man vergleiche nur das ſogenannte Argot, oder die fran⸗ zöſiſche Diebsſprache mit der Sprache, welche in un⸗ ſern Zuchthäuſern gehört wird, und man wird finden, daß der Erzähler der Mystères de Paris Wahrheit ſprach, wenn er ſagte:„Es ſcheint, daß die Bevölkerung unſerer Gefängniſſe und Zuchthäuſer nicht ſo dichteriſch, ſo voll Phantaſie iſt, als die der franzöſiſchen Kerker.“ Bei den Franzoſen hat die Sprache etwas Wohltönen⸗ des, bei uns dagegen iſt ſie platt, unangenehm für das Ohr und gemein. Die Heldin Eugene Sue's er⸗ hielt in dem Zuchthauſe den ſchönen Namen Fleur de Marie; wäre je ein ſo lieblicher Name in unſern Ker⸗ kern erdacht worden?³) 1 3) In einigen franzoͤſiſchen Zuchthäuſern werden Tagblaͤtter geſchrieben, deren Redaktion oft ſehr tüchtig Albert verbrachte die erſten Tage ſeiner Gefangen⸗ ſchaft abgeſchieden von den Andern; doch iſt es un⸗ möglich, in einem unſerer Gefängniſſe ſich ganz von der Umgebung abzuſondern, und wie ſorgfältig er auch vermied, mit den Bewohnern des Gefängniſſes in Be⸗ rührung zu kommen, ſah er ſich dennoch gezwungen, ſich unter die Geſellſchaft der Verbrecher zu miſchen, wollte er nicht für einen Linksche¹) gehalten werden, und ſich allen Arten von Beleidigungen, ja ſelbſt Miß⸗ handlungen ausgeſetzt ſehen. Wiederholt und ernſtlich bat er um einen beſondern ſein ſoll. Unter anderem wurde zu St. Bernard eine Zuchthauszeitung unter dem Titel Le maroufle de l'Escaut geſchrieben, die ſelbſt außer dem Zuchthauſe vielen Abſatz hatte, wegen ihrer geiſtreichen, humoriſti⸗ ſchen Aufſaͤtze.— Solche Zuchthauszeitungen ſind in unſern Gefängniſſen ganz unbekannt, doch iſt es uns gelungen, eine Abſchrift einer ſolchen Zeitung aus dem Jahre 1820 zu bekommen, die in dem vormaligen Ra⸗ ſphuis zu Amſterdam, jetzt Huis van arrest en ju- stitie geſchrieben wurde. Dieſes Tagblatt trug den trivialen Titel De wurgpaal, iſt aber in einem ſo elen⸗ den Styl verfaßt, und ſo platten und fittenloſen Inhals⸗ daß wir es nicht wagen koͤnnten, eiren Auszug davon zu geben. In den meiſten ſranzoͤſiſchen Kerkern wer⸗ den Romane geleſen, beſonders von Paul de Kook, igault le Brun. Bei unſerem Beſuche in den Ge⸗ ſängniſſen beſtand die Lektüre der Zuchthäusler aus Wer⸗ en wie: De geest van Jan Tamboer; Laura of het opgehaalt gordijn, De portefeuille van Pie ter Boddaert und dergleichen ſchändlichen Schriften, Es ſind zwar auch Werke ſittlichen Inhaltes in unſern Gefängniſſen vorhanden, werden aber nicht oder ſehr wenig geleſen. 4) Spion. ͤ—— uBu Aufenthaltsort, wie elend er auch ſein möchte, wenn er nur von der Geſellſchaft der Uebrigen geſchieden vid in den Stand geſetzt würde, ſeiner Kunſt obzu⸗ iegen. Doch ſeine Bitte wurde abgeſchlagen: der arme Gefangene muß arbeiten; die Ausübung der Kunſt iſt verboten. Und doch hätte er können unendlich mehr verdienen, wenn man ihm dies geſtattet hätte, als mit dem Faſern alter Taue, wozu die ärmeren Ge⸗ fangenen gebraucht werden. Wohl ſagt der ſchon ge⸗ nannte Beſchluß vom 21. November 1821,„daß den Gefangenen, die eine Kunſt verſtehen, die Ausübung derſelben ſolle geſtattet ſein, mit Ausnahme des Schmid⸗, Schloſſer⸗ und Zimmermannhandwerks,“ doch wie viele andere Künſte gibt es noch, wie Baumeiſter, Maler ꝛc., denen es unmöglich iſt, in den Gefängniſſen ihre Kunſt euszuüben! Daher kömmt es auch, daß ſo viele, die eine dieſer Künſte verſtehen, nach einem langen Aufenthalte im Zuchthaus ſie ganz verlernt haben und ſih ſpäter nicht mehr davon zu nähren im Stande nd.— Verzweifelnd, daß ſeiner Bitte nicht willfahren worden, erniedrigt in ſeinen eigenen Augen durch die Arbeit, zu der er gezwungen war, verlor Albert den edlen Stolz, der dem Menſchen ſo wohl ſteht und die wahre Scheidemauer zwiſchen dem Menſchen mit Ehr⸗ gefühl und dem Böſewicht bildet. Aus Langeweile ſchloß er ſich ſeinen Schickſalsgenoſſen an, und nur der ſchwache Funke von Gottesfurcht, der noch in ſei⸗ nem Innern klimmte, hinderte ihn, in ihren frechen Ton einzuſtimmen. Dooch auch dieſer Funke war bald erloſchen. In jedem Gefängniß beſinden ſich Atheiſten und Gottes⸗ läugner, die etwas läugnen, was ſie nie gekannt ha⸗ ben und das fie ſich nie die Mühe gaben, zu erforſchen. „Genießet, ſo lang ihr könnt, verſchafft euch dazu die Mittel, gleichgültig auf welche Weiſe. Nach dieſem 58 Leben kein anderes, eine Auflöſung in Nichts. Keine andere Strafe als Schaffot und Kerker, ſuche darum der Strafe durch Liſt zu entgehen. Es gibt keinen Richter, als den weltlichen.“ Dies ſind die Lehren, die in den Gefängniſſen gepredigt werden. Wenn eine Feder es unternähme, die Geheimniſſe der Zuchthäufer zu ſchildern, dann würde ein Schleier gelüftet, der eine Menge von Sünden bedeckt, die wir nicht einmal ahnen. Wir laſſen die Worte eines Sach⸗ kundigen folgen, eines Mannes, der mehre Jahre im Gefängniſſe zubrachte und darum aus Erfahrung ſpricht: „Tretet in unſere Gefängniſſe,“ ſagt er,„und ſeht, wie die Menſchen im Allgemeinen gusſehen: ma⸗ ger, bleich und düſter, mit eingefallenen Wangen, auf⸗ geſchwollenen und blöden Augen, magern Füßen, ge⸗ krümmtem Rücken und ſcheuem Blicke; das iſt das Bild weit der Meiſten. Blühend wie Roſen traten viele in den Kerker; wo iſt ihre Blüthe? Frage ſie; ſie werden nichts ſprechen; nur ein langer Seußzer, ein dumpf ſtarrendes Auge, wie das eines Wahnſinni⸗ gen, wird ihre Antwort ſein. Doch wollt ihr es wiſ⸗ ſen, ſeht ihre Speiſen, ihre tägliche Nahrung, ver⸗ lebet Tage bei ihnen in den mit Stickluft erfüllten Arbeitszimmern und folget ihnen dann in die Schlupf⸗ winkel, in die geheimen Orte, in die Dunkelheit der Nacht; ſeht ſie das tödtliche Gift der unnatürlichſten Wollaſt mit vollen Zügen ſchlürfen und ſchauert zu⸗ rück... aber fraget nicht mehr!!!⸗ Alle Verſuche der Maatschappij tot zedelijke ver- petering der gevangenen) werden nie im Stande ſein, dem Uebel zu ſteuern, das in den Gefängniſſen herrſcht, ſich dort wie eine Peſt verbreitet und die Urſache iſt, daß die meiſten Gefangenen den Kerker verlaſſen, mehr 5) Gefellſchaft zur ſittlichen Beſſerung der Gefan⸗ genen. verdorben an Seele und Leib, als ſie es bei ihrem Eintritte waren. Dazu müſſen andere Mittel ange⸗ wendet werden, als die Verbreitung von Traktätchen, die doch nicht geleſen oder zu einem ganz andern Zwecke gebraucht werden, als der, zu dem man ſie verbreitet. 5) Keine Traktätchen, kein Handbuch für Gefangene, keine Predigten, Reden und Anſprachen vermögen die ſittliche Verbeſſerung der Zuchthausbevölkerung zu be⸗ fördern. Die, welche ſich beſſern wollen, können es nicht, wollen ſie ſich nicht als Heuchler verſpottet und allen Mißhandlungen blosgegeben ſehen. Es iſt eine Unmöglichkeit, von einer Krankheit zu geneſen in einer Kammer, wo Peftluft Alles durchzieht. Stelle jeden Gefangenen außer Verkehr mit Andern. Wollt ihr etwas Rützliches leiſten, ſo folgt dem Bei⸗ 6) Die ſchon mehrmals erwähnte Beknopt overzigt etc. theilt folgenden Vorfall mit. Die Traktätchen werden in gewiſſen Gefängniſſen gebraucht zu Zwiſchen⸗ lagen in die Militär⸗Schuhe, welche von den Gefan⸗ genen gemacht werden, um das dazu abgelieferte Leder zu eigenem Gebrauche zu behalten. Dieſer Betrug wurde anfangs nicht entdeckt, aber als die Schuhe bei den Regimentern gepruͤft wurden, gewahrte man bei dem Aufſchneiden einiger Paare, um fich zu überzeugen, ob die Zwiſchenlagen ſich darin befänden, die bewußten Traktätchen. Das Korps ſandte die ganze Lieferung von 300 Paaren an den Direktor des Gefängniſſes zu⸗ ruͤck, der ſie nun für ſeine Rechnung behalten konnte. Als die Gefangenen darüber verhört wurden, war Ei⸗ ner derſelben unverſchämt genug, zu erklaͤren, er glaube keine Strafe dafuͤr zu verdienen, denn er habe in die von ihm gemachten Schuhe ein Traktaͤtchen gelegt, das den Titel führe: Der Weg der Seligkeit, da habe er nun geglaubt, es waͤre fuͤr jeden Soldaten ſehr nuͤtzlich, auf dem Weg der Seligkeit zu gehen. ſpiel der beſondern Einſchließung der Gefangenen, die andere Länder eingeführt haben. Ohne dies iſt keine ſittliche Beſſerung möglich, keine wahre Veredlung für Gefangene denkbar. Der Eine iſt des Andern Lehrmeiſter im Verbre⸗ chen; im Kerker bilden Böſewichter neue Plane, die ſie ausführen wollen, ſobald ihre Strafzeit vorbet ſein wird und ſchließen ſelbſt Bündniſſe, wie die Menge von Diebſtählen beweiſen, die noch täglich verübt wer⸗ den und deren Pläne ſchon in den Gefängniſſen Hoorn, Woerden und Leeuwarden entworfen werden. Eine ſolche Verbeſſerungsſchule wäre dieſe: Jeder Gefangene bewohnt eine kleine reinliche Zelle, hat ſeine Arbeit und die nöthigen Werkzeuge, um dieſe zu ver⸗ richten, bei ſich, nebſt einer Bibel und einem oder ſwei Büchern ſittlichen Inhalts. In der Stille wird hm ſeine Jugend im Geiſte wieder auffteigen und die Vergleichung mit ſeinem früheren Leben ihm nahe lie⸗ gen; er lernt das Verkehrte, das Schändliche ſeiner Lebensweiſe einſehen und verläßt den Kerker beſſer, als er ihn betrat; ſchlechter gewiß nicht. Keine neugierigen Blicke der Beſuchenden werden ihn erniedrigen, flinker wird ihm das Werk von der Hand gehen, da er nichts hat, was ihn abzieht; es wäre dies zunächſt zum Nutzen der Regierung, müßte aber auch ſein Taſchengeld vermehren und ihm eine größere Summe Gefangenenantheil ſchaffen. Der Ar⸗ beit müde, würde er endlich auch zu Büchern greifen, und da Vorbilder kennen lernen, die nur zu ſeiner Bekehrung dienen können.*) Es wird zwar viel gegen abgeſonderte Zellenein⸗ ſchließung angeführt, wie die Mühe bei der Organi⸗ 7) Den Leſer, welcher ſich fuͤr die abgeſonderte Zell⸗ einſchließung intereſſirt, verweiſen wir auf das Week- blad van het regt No. 486. u, 487. 61 ſazion der Arbeit, Verhinderung des Unterrichts, nach⸗ theiliger Einfluß auf die Geſundheit der Gefangenen; dieſe und noch viele andere Gründe meint man dagegen ſetzen zu können, doch wenn man den Vorgang anderer Länder betrachtet, welche uns leider, wie in ſo vielen Dingen, auch in der Einführung der abgeſonderten Zelleneinſchließung vorangegangen, und die Vortheile der Einführung erwägt, wird man leicht einſehen, wie unbedeutend die Gründe ſind, welche man dagegen an⸗ führt, und daß die Hinderniſſe nicht ſo unüberwindlich ſind, als man wohl glauben mag.) 8) Die Gründe, die gegen die Zelleneinrichtung an⸗ geführt werden, ſind leicht zu beſtreiten; das ſchon mehr⸗ mals angeführte Werk, Beknopt overzigt gibt dafuͤr die beſten Gründe. Die Bemerkung wegen der müh⸗ ſamen Organiſazion der Arbeit wird dadurch widerlegt, daß es nicht allein ausgeſprochen, ſondern auch erwieſen iſt, wie unendlich viel mehr Arbeit bei der abgeſonder⸗ ten Zelleneinrichtung geliefert wurde und wie viel beſſer dieſelbe iſt, als in andern Gefängniſſen. Der zweite Gegengrund, Verhinderung des Gottesdienſtes und Un⸗ terrichts, wird durch einige Beiſpiele widerlegt. Unter anderem ſagt der Verfaſſer:«In dem Gefaͤngniſſe Ro⸗ quette werden die Predigten im Gange gehalten, auf welche die Zellen ihren Ausgang haben, ſo daß die Stimme des Predigers in jede Zelle dringt. Da es aber der Andacht viel benimmt, wenn man den Predi⸗ ger nicht ſehen kann, ſo würden wir als Beiſpiel das Muſter⸗Verbeſſerungshaus in der Naͤhe von London empfehlen. In dieſem Verbeſſerungshauſe iſt die Ka⸗ pelle ſo eingerichtet, daß die Züchtlinge einander unmoͤg⸗ ich ſehen können. Man hat für jeden Gefangenen Gn Art Schilderhaus gemacht, von wo aus er den eiſtlichen hören und ſehen kann, waͤhrend er jedem unſichtbar iſt. Die Unterrichtsfrage iſt von dem Ver⸗ 62 . Der größte Einwurf, der von den Gegnern der abgeſonderten Zellen gemacht worden, iſt der Koſten⸗ punkt. Doch können wir dagegen fragen, iſt die ſitt⸗ liche Verbeſſerung der Gefangenen keine ebenſo theure Pflicht? Die paar Pfennige ſind ja nicht verloren, nicht weggeworfen. Gebt lieber euer Geld zur Verbeſſerung der Ne⸗ benmenſchen her, zur Beförderung eurer eigenen Sicher⸗ heit, als zu Errichtung von Denkmälern für Männer, deren Namen ſchon die Geſchichte unſers Vaterlandes verewigte. Ueberdieß ſind die Koſten nicht ſo groß, da ja auch die Vermehrung der Arbeit einen bedentenden Gewinn abwirft. Wollte man aber auch dieſe Summen nicht darauf verwenden, ſo bliebe ein anderes Mittel übrig, das wenigſtens anſpornen würde, es iſt dies die Austhei⸗ lung von Präͤmien und für die Beſten wenigſtens Aus⸗ ſonderung. Albert Droſt ſuchte den Widerwillen zu unterdrücken, den ihm ſeine Kameraden einflößten; aus Langerweile fand er endlich an den gemeinen Späßen Freude, die von den beaux⸗esprits des Zuchthauſes während der Arbeit ausgekramt wurden. Mit etwas Geld verſehen, denn in einem Zuchthauſe iſt ein Gulden ein Schatz, hielt er hie und da einen ſeiner Kameraden frei, mit dem er Bekanntſchaft gemacht hatte, und zuſetzt fand er ſelbſt Geſchmack an ſtarkem Getränke, ſo daß Albert bald den Namen eines goede gewerber) erhielt. Es wird wohl der Bemerkung nicht bedürfen, daß der Eine und Andre ſeine Verbrechen erzählte, wegen deren er hieher gekommen und Albert hönte Geſchichten, die ihm faſſer des overzigt ſehr geiſtreich geloͤſt, aber zu weit⸗ laͤufig, um hier mitgetheilt zu werden. 9) Guter Kamerad. 4 —— 4 ——y— 63 3 Anfangs die Haare zu Berge ſträubten, an die er aber bald ſo gewöhnt war, daß er ſie geſühllos anhörte, ja ſelbſt Freude daran fand. Die übrigen Gefangenen, bei welchen Albert wohl gelitten war, weil er, wie fle es nannten, ſein Leben gebeſſert hatte, das heißt, ſein ſittliches Gefühl erſtorben war, und ihnen von Zeit zu Zeit erzählte, oder ihre Geſichter mit flüch⸗ tigen Zügen auf das Papier brachte, erwieſen dem Ma⸗ ler den Dienſt, ihn in die Geheimniſſe des Gefängniſſes einzuweihen, ihm das Bargoens oder die Diebsſprache zu lehren, in der er bald ſehr große Fortſchritte machte. An einem Sonntag, ein Tag, den die Gefangenen in vollkommener Unthätigkeit zubringen, hatte ſich in einem der Arbeitsſäle ein Kreis gebildet, deſſen Mit⸗ telpunkt ein turftrekker ¹⁰) ausmachte. 1 Er erzählte alle Spitzbubereien, die er verübt hatte, woran ſeine Zuhörer natürlich nicht wenig Vergnügen fanden, und nachdem er geendigt hatte, ſchlug ein An⸗ derer vor, Jeder ſolle die Vergehungen erzählen, die ihn in's Gefängniß gebracht hätten. „Nachdem Alle, worunter auch Albert, ihre Ge⸗ ſchichte erzählt hatten, ging der Kreis auseinander, und der Maler durchſchritt den Saal mit zwei ſeiner ver⸗ trauteſten Kameraden. „„Wahrhaftig Bert,“ ſagte Paul, der Barbier, denn dieſe Beſchäftigung hatte er vor ſeiner Gefangenneh⸗ mung getrieben,„wahrhaftig Bert, Du mußt bekennen, daß wenn Du damals kein ſo eileija ¹0) Kerl geweſen, als Du die blinkers vondt ¹²), Du wäreſt nie ges- jelt ¹a) worden, warum nicht lieber die blinkers ver⸗ kauft, dann hätteſt Du mehr dafür gekriegt und Nie⸗ mand hätte ja etwas davon gemerkt.“ 1⁰) Sackträger. 11) Dummer. 12) Diamanten geſtohlen. 13) Gefangen genommen. „Ja;“ gab der Maler zur Antwort,„ich war da⸗ mals noch nicht ſo gik ¹3), als jetzt,“ und verſank da⸗ bei in tiefes Nachdenken. Er hatte ja nicht ſtehlen wol⸗ len, und gerade weil er in ſeiner Ehrlichkeit die Ju⸗ welen zurückzugeben ſich vorgenommen, hatte er ſie in's Leihaus gebracht, ſtatt ſie zu verkaufen, und das war die Urſache ſeines Falles. „Ich könnte mir die aijene ¹⁵) ausreißen, wenn ich daran denke, wie toll ich handelte, und glaube mir, ich werde giſker ſein, wenn ſich mir'mal wieder ſolche Gelegenheit zeigen ſollte.“ „Das glaude ich, denn durch Erfahrung lernt man,“ ſagte der Barbier,„ja, wenn ich gewußt hätte, daß die lekijve baldoverde ¹⁵), als ich in der Küche war, und die Sache darauf bei der princerij ¹17) angäbe, würde ich ihr mit meinem nijft om gaaijes gemaakt hebben ¹⁸), aber die Rathsherrn find erſt klug, wenn ſie die Treppe herunter ſind! und ich hatte das Kunſt⸗ ſtück ſchon ſo oft verübt, ohne daß Jemand mich er⸗ tappt,“ fuhr der Barbier, ſich vergnügt die Hände rei⸗ bend, fort,„und nun mußte ſo'ne verfluchte lekijve mich auf die Liſte bringen; wer noch nicht im ouwe⸗ testament ¹⁹) ſteht, kann viel ſchlechte Streiche machen aber ſteht man'mal drinn, iſt es semeij amge ²⁰)!“ „Du hatteſt alſo das Kunſiftück ſchon lang getrie⸗ ben?“ fragte ein Anderer, der den Beinamen Duike laar ²¹) hatte. 14) Klug. 15) Augen. 16) Das Maͤdchen mich beobachtete. 17) Polizei. 18) Sie mit meinem Meſſer todtgeſtochen haben. 19) Auf der Liſte. 2⁰) Dann paſſe auf. 21) Teufel. 65 „Ja, als ich vierzehn Jahre alt war, kam ich zu einem Barbier, der ſeine Stube in einer Kast ²²) auf der Langebrug hatte,“ ſo begann Paul, der ſeine Ge⸗ ſchichte nicht erzählt haite, da ſie die meiſten Züchtlinge kannten.„Ich hatte freie Koſt, die, beiläufig geſagt, ſehr karg war, und Wohnung und die Trinkgelder, die ich am Jahrmarkt und Neufjahr von den Kunden er⸗ hielt, die ſich in unſerer Stube rafiren ließen, gehör⸗ ten mir. Ich ſeifte, und mein Meiſter raſirte, bis ich endlich für fähig erklärt wurde, mit dem nijft zu han⸗ thieren. Die meiſten Kunden gaben einen Stüber, da⸗ von konnte ich nichts zurückbehalten, denn wenn der Meiſter abweſend war, war ſeine Frau immer in der Stube, aber wenn ein Fremder kam, um ſich rafiren zu laſſen, und zwei Stüber gab, dann behielt ich im⸗ mer einen zurück, ohne daß mein Meiſter je deſſen ge⸗ wahr wurde. Die Gelegenheit, bei der ich zum mar⸗ wieger ²³) wurde, ſteht mir noch lebendig vor der Seele. Es war zwiſchen Licht und Dunkel, mein Meiſter war ausgegangen, und ſeine Frau, die viel auf jajim cas- kene ²⁴) hielt, hatte dieſen Morgen manch' Gläschen geleert, und ſaß träumend in einer Ecke, als ein Schif⸗ fer hereintrat, um raſirt zu werden. Ich glaube, daß es ein Steuermann geweſen, denn er war für einen Matroſen zu gut angezogen. Alsbald bemerkte ich, daß er betrunken war, und ehe er ſich zum Raſiren ſetzte, zog er ſeinen blauen Rock aus, der mit kupfernen Knö⸗ pfen beſetzt war und hing ihn über einen Stuhl. Nachdem ich ihn eingeſeift hatte und im Begriffe ſtand, mein nijkt te flleren ²⁵), ſah ich eine ſilberne Tabaksdoſe, die in ſeiner Rocktaſche war. Timtims) iſt Geldes⸗ 22) Bude, die das ganze Jahr hindurch ſtehen bleibt. 23) Dieb. 24) Branntwein trinken. 25) Meſſer anzuſetzen. 26) Silber. Amſterdams Geheimniſſe. II. 5 werth, dacht' ich bei mir ſelbſt, und nahm die Tabaks⸗ doſe aus dem Sack, doch war ich ſo vorſichtig, ſie nicht zu mir zu ſtecken, da, wenn der Schiffer die Doſe ver⸗ mißt hätte, und man ſie bei mir geſunden, man mich leicht als marwieger hätte behandeln können; ich legte die Doſe deßhalb auf den Stuhl, über dem der Rock hing und warf ein Handtuch darüber, damit, im Fall der Entdeckung, es den Schein hätte haben können, als oh die Doſe aus dem Sack gefallen wäre. „Der Schiffer war aber zu betrunken, als daß er ſeine Tabaksdoſe vermißt hätte; als er raſirt war, zog er ſeinen Rock wieder an und verließ die Stube, ohne daß ich ihn je wieder geſehen habe. Die Tabaksdoſe verkaufte ich an einen timtimmer ²¹) und erhielt drei⸗ zehn Gulden dafür; dieß war das erſte Mal, daß ich massematten handelde ²⁸).— „Der Meiſter wurde in der Folge krank, und da mußte ich die Kunden in ihren Häuſern bedienen. Um warmes Waſſer zu holen, mußte ich in die Küchen kom⸗ men, und da ſah ich dann das tafeltimtim ²⁹), von dem ich, wo irgend die Gelegenheit günſtig war, immer ein paar Löffel und Gabeln mitzunehmen wußte, ohne daß je Verdacht auf mich fiel, daß ich der marwie⸗ ger ſei. „Als ich einſt wieder in eine Küche kam, fand ich das timtim auf der Anrichtbank; ich ſah Niemand und dachte daher: die Gelegenheit iſt gut, und nahm zwei Löffel und eine Gabel, die ich in meinem Sacke verbarg. Dummtkopf, der ich war, ich hatte nicht an ein Fenſter gedacht, das in die Küche hereinging, und hinter wel⸗ chem ein lekijve ſtand, um mich zu paldoveren ³). 27) Silberarbeiter. 28) Einen Diebſtahl veruͤbte. 29) Tafelſilber. 3⁰) Beobachten. 67 Sobald das Mädchen ſah, daß ich die massematten ³¹) bei mir habe,(denn Du mußt wiſſen, daß ich ſchon früher im ſelben Hauſe Geld geſtohlen, und man die Magd im Verdacht hatte), eilte dieſe zu dem prince- reij ³²) und ich war auf friſcher That ertappt, wurde verurtheilt und kam ſo in's ouwe testament. Als ich meine Entlaſſung erhielt, wollte mich mein alter Mei⸗ ſter nicht wieder nehmen. Ich handelde blaauw la- ken ³³) mit dem krummen David und Jim, dem Teufel von einem Sohn, den Du wohl kennſt, Duikelaar wurde aber gesjekt, und da ich mich nicht als mooser heb doorgeslagen, blieben der krumme David und Jim in Freiheit. Aber Du läßt mich da nur ſo fort⸗ ſprechen und denkſt nicht, daß meine Kehle trocken wird.“ Dieſe Worte waren an den Maler gerichtet, der wohk verſtand, worauf ſie hinzielten, ſich aber den An⸗ ſchein gab, als ob er ſie nicht hörte, weshalb es der Barbier für nöthig erachtete, deutlicher zu erklären, Albert Droſt ſolle ihn für ſeine Erzählung mit einem Geiſte belohnen. „Ich begreife, was Du ſagen willſt,“ ſagte der Maler,„Du willſt jim oder jajim, aber ich habe kein moos mehr.“„ „Kein moos mehr,“ riefen der Barbier und der Duikelaar zu gleicher Zeit verwundert,„Du kein moos mehr?“. 4 „Nein,“ gab Albert zur Antwort,„ſo lange ich etwas hatte, habe ich als guter gewerber mit euch getheilt, und wenn man mir geſtattet hätte, meine Kunſt auszuüben, würde ich etwas Anderes als jim und ja⸗ jim zu caskene gegeben haben, und auch jetzt nicht ohne moos ſein.“ „Sollte aber das lekijve, wovon Du uns ſo oft 31) Beute. 32) Polizei⸗Commiſſaͤr. 33) Stahl⸗Blei. gekald ³⁴) haſt, Dir kein moos geben, wenn Du ihr darum ſchreibſt?“. „Ich möchte ihr nicht gerne um moos zu jim oder jajim ſchreiben.“ „Ach was,“ ſagte der Duikelaar,„wenn Du gik biſt, kannſt Du ihr genug weiß machen; ſie iſt doch gewiß ein eileja Weib. Schreib' ihr, daß Du Geld braucheſt für Farbe und Pinſel, daß Du fleißig maleſt und ihr das Geld zurück geben wolleſt, ſo bald die Bilder ver⸗ kauft ſeien. Sie wird nicht ſo gif ſein, um zu wiſſen, daß man hier nicht malen kann.“ Dieſer Rath wurde pünktlich befolgt, und wir haben geſehen, wie die gute Nancy ſich beeiferte, ihrem Geliebten Geld zu ſenden und wie dieſer ganz ſcham⸗ los ſeine Bitten wiederholte und dringender wurde, je mehr ihm willfahren wurde. Dennoch that es Albert im Innern weh, Nancy betrügen zu müſſen, die er noch immer zärtlich liebte; er erſann allerlei Pläne, um ſie glücklich zu machen, und doch mußte er denken: kein Glück ohne Geld und wie dazu kommen. Sein Name war gebrandmarkt, ganz Amſterdam wußte, was mit ihm geſchehen war, ſeine Kunſtbrüder werden ſeinen Umgang meiden und wer ſollte von ihm noch Arbeit begehren? Er wollte nach ſeiner Entlaſſung in ein ander Land ziehen, wo ſeine Schande nicht bekannt war und Nancy da glücklich machen. Das war das Luftſchloß, das er baute, wenn er Nachts ſchlaflos in der Hängematte lag, aber all' dem Glück mußte ein Verbrechen voran gehen, er mußte Geld haben und nur ein Diebſtahl konnte ihm dazu helfen. Er kannte die Gelegenheiten dazu nicht, aber ſie, der Barbier und der Duikelaar wußten ſie und darum ſchloß er ſich ſo eng an ſie an, da ſie zu gleicher Zeit mit ihm auf freien Fuß geſetzt 34) Geſprochen. VI. Getäuſcht, betrogen. Albert Droſt befand ſich ſchon vierzehn Tage auf freien Füßen und da er es nicht wagte, ſich vor dem Kupferſtecher zu zeigen, der ihn noch im Gefängniſſe glaubte, ſo war es der Wall zwiſchen der Wetering⸗ und Utrechtſchen Pforte, auf welchem die beiden Lieben⸗ den ihre geheimen Zuſammenkünfte hielten. Eines Abends, nachdem der Kupferſtecher ſich zur Nuhe begeben hatte, ſchlich Nancy wieder nach dem lieben Plätzchen, wo ſie den Maler zu treffen hoffte. Hie und da ſah ſie ſich ängſtlich um, denn die Stille, die nach Sonnenuntergang in dieſem Stadttheile ein⸗ tritt, jagte ihr Angſt ein. Ein leiſer Schauer überfiel ſie, als ſie langſam fort ſchritt und nicht einmal den Tritt ihrer Füße hörte; alles war ſtill um ſie, wie auf einem Kirchhof. Ddie hohen Bäume warfen einen geiſterhaften Schat⸗ ten und der Mond goß ein kaltes trübſeliges Licht über das Waſſer des Stadtgrabens und die Wieſen an der andern Seite. Ein Geräuſch, ähnlich dem, wenn der Nachtwind über die Oberfläche der See weht, und dau man in der Nähe der großen Städte hört, tönte ihs in die Ohren. Die Furcht verdoppelte ſich und es war, als ob ſie in dem Geräuſche die Stimme ihres Groß⸗ vaters vernehmen könne; ſie hörte ſprechen, doch konnte ſie die Klänge nicht unterſcheiden. Das war genug, um ſie ihren Beſchluß ändern zu machen, und bebend vor Furcht trat ſie den Rückweg nach ihrer Woh⸗ nung an. Aengſtlich wandte ſie ſich aber um, als ſie neben am Waſſer eine rauhe Stimme hörte, die ein paar tüchtige Flüche ausſtieß. Die Blicke Nancy's waren —. — 71 nach der Seite gerichtet, von wo ſie die Stimme zu hören glaubte, und bei dem Mondlicht gewahrte ſie zwei Männer, die auf dem Gras ausgeſtreckt lagen. In dem Augenblicke, als ſie ſie bemerkte, ſtanden ſie auf und Nancy hörte folgendes Geſpräch: „Verflucht... Bert, man baldovert ¹), ich habe gerade frederiks hooren schuiven ²), wir könnten eben ſo gut unter die neres ³) liegen als hieher, um enideckt zu werden.“ „Nun, laß' mal ſehen,“ gab der Andere zur Ant⸗ wort,„Niemand kann uns hindern, hier zu liegen, und käme die ganze Princerij da vorbei, ich würde nicht aufſtehen.“ „Und ich will nicht, daß man mich hier baldovert um mich te schutten ³), ich nehme das Sichere vor dem Unſichern und will mal ſehen, ob man uns hier be⸗ lauert.“ Dieß ſagend ging er den Wall hinauf und ſah neugierig hinter jeden Baum, ohne etwas zu finden, da Nancy hinter einem Haufen Kalkſteine ſich verbor⸗ gen hatte. Unſere Heldin beſchloß, hier ſo lange zu bleiben, bis die Männer, gegen welche ſie, und nicht vhne Grund, Verdacht hatte, fort gehen würden. Zufällig war ihr Standpunkt ſo gewählt, daß fie Alles hörte, was zwiſchen Beiden verhandelt wurde, und neugierig horchte ſie nach ihrer Seite hin. z„Der Mann wird bald drunten ſein, Bert! ich wünſchte, er käme nie wieder herauf! Den Mond und die Princerij haſſe ich gleich ſehr.“ „Und könnte er nicht auch vor dieſer Zeit kommen?“ 1) Beobachtet. 5 2) Fuͤße gehen hoͤren. 3) Laternen 4) Gefangen zu nehmen. „Nein, er kommt nie vor halb Zehn, das iſt ſo ſeine gewohnte Zeit. Wenn die Glocke neun ſchlägt, ſteckt er ſeine letzte Pfeife an, und mit dem Glocken⸗ ſchlag halb Zehn verläßt er das Wirthshaus, ich bin meiner Sache gewiß, Bert! Ich habe es genau erforſcht. Ich wette mein ros ⁵), er wird kommen.“ „Und das moos, wird de massematten) gut ſein?“ „Moos glaube ich nicht, aber er hat geel?) an ſich, ein tik met de bengel ⁵) und eine Tabaksdoſe von timtim, der alte Bram gibt uns gewiß ſiebzig kop ³⁹) für die massematten.“ „Siebzig kop iſt freilich nicht zu verſchmähen, aber mir wäre es lieber, man würde mit dem großen Unternehmen beginnen.“ „Mir auch, aber es wird noch einige Zeit anſtehen, und ſo lang müſſen wir auch leben, es fangt ſchon an, ziemlich dunkel zu werden, de maan doet de aijene digt ¹⁰).— 3 Nancy zitterte bei dieſen Worten; ſie verſtand zwar nicht Alles, was geſprochen wurde, dennoch konnte ſie leicht einſehen, daß die Männer eine Frevelthat im Sinne haben, und daß der Augenblick, wo ſie ſie aus⸗ führen wollten, nicht mehr ferne ſein konnte. Indeſſen hatte der ſilberne Mond ſich hinter den Wolken verborgen; der Wind rauſchte durch die Blät⸗ ter; Nancy zitterte, alle ihre Glieder bebten, und ihre Zähne klappten, als hätte ſie das Fieber überfallen. „Da ſchlägt's halb zehn, jetzt wird er bald kom⸗ men,“ ſagte der Eine, als die Glocke der Utrechter Pforte ertönte,„es iſt dunkel genug, ſtill... ich hör 5) Haupt. 6) Beute. 7) Gold. 8) Uhr mit Kette. 9) Gulden. 3 3 10) Der Mond macht die Augen zu— geht unter. fredriks schuiven,“ zugleich bückie er ſich gegen die Erde, horchend nach den Fußtritten.„Er kommt, Bert, zeige Dich gif, Widerſtand wird er nicht bieten.“ Die Tritte wurden deutlicher und bald kam ein Ben an deſſen Kleidung man leicht den reichen Mann erkannte. Paul, der Barbier,— der Leſer wird in beiden Männern den Maler und ſeinen Kameraden erkannt haben,— begab ſich an das Waſſer und ſah aufmerk⸗ ſam in den Waſſerſpiegel, während Albert Droſt ſich hinter einem Baum verbarg. Der Herr hatte ſich inzwiſchen dem Platze genähert, wo der Barbier ſtand und als er Paul bemerkte, frug er dieſen, was er in dem Waſſeer ſehe. „Das weiß ich ſelbſt nicht, mein Herr!“ antwor⸗ tete der Barbier,„ſo eben hier vorüber kommend, hörte ich einen plumpen Fall in das Waſſer, als ob ein Hund hinein geſprungen wäre, und von Zeit zu Zeit ſehe ich etwas ſich im Waſſer bewegen; ſieh, fieh... anat es Ihnen nicht auch ſo vor, als ob ſich da etwas ewege.“ Mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſah der Unbekannte nach dem ihm angedeuteten Ort, während Albert hin⸗ ter dem Baum zum Vorſchein kam und auf Händen und Füßen hinter den Herrn kroch. Als Paul bemerkte, daß der Maler hinter dem Mann war, gab er dieſem, der nichts Unrechtes vermuthete, ſolch' heftigen Stoß gegen die Bruſt, daß er einen Schritt zurück trat und über Albert ſtrauchelte. In einem Augenblick warf der Barbier ſich auf den Gefallenen, der zu erſchrocken war, um einigen Widerſtand zu bieten, und nahm ihm die Börſe, ſeine Uhr und die ſilberne Doſe, während der Maler ſein Sacktuch dem Gefallenen vor den Mund hielt, um ihn am Schreien zu hindern.. „Schreien Sie nicht!“ ſagte die rauhe Stimme des Barbiers,„wenn wir Sie ſchreien hören, kommen * wir zurück!“ Darauf entfernte er ſich ſo ſchnell als möglich und Albert Droſt folgte ihm. Als ſie an dem Steinhaufen vorbei kamen, hinter welchem Nancy ſich verborgen hatte, hörten ſie einen lauten Schrei, aber ſie eilten fort, ohne es der Mühe werth zu halten, ſich umzuſehen. Das unglückliche Mädchen hatte in einem der Böſewichter ihren Gelieb⸗ ten erkannt und war bewußtlos niedergeſtürzt. Wieder zu ſich gekommen, war es ihr, als er⸗ wachte ſie aus einem langen Traume; bald aber ſah ſie, daß, was ſie ſo ergriffen, kein Traum, ſondern eine ſchreckliche Wahrheit war. 5 Sie lag noch auf dem Graſe ausgeſtreckt, hinter dem Steinhaufen, der ſie vor den Blicken der Böſe⸗ wichter verborgen hatte; über ihr blinkten die Sterne, Alles um ſie her war ſtill. Haſtig ſprang ſie auf; ſie fühlte ein heftiges Ver⸗ langen, nach Hauſe zurückzukehren und da auf ihrem nicht gerade ſehr weichen Lager auszuruhen, um den Thränen den freien Lauf zu laſſen. Während ſie ſorteilte, hörte ſie ihren Namen ru⸗ fen; ſie erkannte die Stimme, die ihr rief, es war Albert, ja er war es, Albert der Straßenräuber. Eine uunwiderſtehliche Macht heſtete ihren Fuß an den Boden und hinderte ſie am Weitergehen.— „Nancy!“ rief der Maler nochmals.„Nancy!“ und im ſelben Augenblick ſtand er vor dem zitternden Mädchen. „Biſt Du ſchon lange da geweſen?“ frug er, ohne den Gegengruß Nancy's abzuwarten.. —— —— Elf dumpfe Schläge klangen von der Thorglocke. Mehr als eine Stunde war ſeit dem Verbrechen vor⸗ über. ſam an, ſein wankender Gang, ſeine lallende unſichere Nancy ſah den Maler einige Augenblicke aufmerk⸗ Sprache bewieſen, daß er zu viel getrunken hatte; — der Gedanke, mit ihm allein zu ſein, machie das Mäd⸗ chen zittern. „Biſt Du ſchon lange hier, Nancy?“ wiederholte Albert,„Du hätteſt nicht ſo lange auf mich warten ſollen, es iſt hier nicht ſicher, ſchlechtes Volk und...“ „Schlechtes Volk!“ wiederholte Nancy mit bedeut⸗ ſamem Tone und ſah den Maler mit ſtrengem Blicke an. „Ich hoffe, die Zeit wird bald kommen, daß wir einander nicht mehr ſo im Geheimen zu ſprechen brau⸗ chen,“ ſagte Albert.„O Du ſollſt ſehen, wie ſchnell ſich Alles verändern wird, habe nur guten Muth, Nancy, bald wirt Du mich wieder ſehen, wie ich früher war; Du erinnerſt Dich doch noch der Zeit, als Du mein Atelier beſuchteſt und ich Dir die Zeichnungen zeigte; aber Deine Hände ſind kalt, Nancy.“ Er er⸗ griff ihre Hände und drückte ſie in die ſeinen. Sie wiederſetzte ſich aber dieſer Freundlichkeit ihres Geliebten; mit Abſcheu ſtieß ſie ſeine Hände zurück, als klebte Blut an ihnen, und doch hatten die Hände noch kein Blut vergoſſen. „Wie, Nancy, Du biſt kalt,“ rief er,„geh' mit mir, wir wollen irgend wohin gehen, Du mußt ein Glas Punſch trinken, das wird Dir gut thun..“ „Nein, nein,“ ſtammelte Nancy. „„Nun, Du weißt wohl, daß wir, wenn es Kirch⸗ weih war, nach de Nees gingen, laß' uns wieder hin⸗ gehen und ein Glas Punſch trinken; es iſt wahr, ich bin nicht ſchön angezogen, aber es iſt kein Sonntag, und in der Woche iſt es nicht voll, überdies habe ich Geld im Ueberfluß.“ Er raſſelte mit dem Gelde, das er in der Taſche hatte, welchen Beweis Naney nicht nöthig hatte, um ſich von der Wahrheit ſeiner Ausſage zu überzeugen. „Du haſt ſo viel Geld... wie biſt Du dazu ge⸗ kommen?“ fragte ſie, doch in einem Tone, der mehr wie ein ſanfter Verweis, als wie Beleidigung klang. „O das wird Dir doch gleichgültig ſein, ich habe 76 ein Bild gemacht; komm' Nancy, geh' mit, ich habe jetzt o Geld genug.“ „Nein, ich gehe nicht mit, ach Albert, Albertl..“ und ſie begann zu weinen. Ihr Kopf ſank auf die Senſ des Malers und die Thränen fielen auf ſeine and. „Nancy, um Gottes willen, Nancy, was fehlt Dir?“ fragte er. Es war das erſtemal, daß Albert ſeine Naͤncy weinen ſah. 3 „O Albert, warum mußte ich gerade heute Abend hieher kommen,“ ſeufzte ſie.„Albert, o, mein Albert! Nein, das hätte ich nicht von Dir gedacht.“ „Was, Nancy, Du wareſt., Nancy, ſprich deut⸗ lich..“ rief Albert unruhig. „Albert, ich war da... da vor einer Stunde, hinter dem Steinhaufen befand ich mich, ich habe Al⸗ les gehört, Alles geſehen, o mein Gott! mein Gott!“ „Nancy, Du haſt gefehen.. 4 „Alles, was Du und cin Anderer vor einer Stunde gethan haben,“ ſagte Nancy;„ich will die That nicht nennen, Albert, Du warft uicht ſo, als ich Dich ken⸗ nen lernte.“ „Nancy, ja... ja..“ rief der Maler,„ietzt fühle ich, daß ich Deiner nicht würdig bin, daß meine Hand die Deine nicht drücken darf. Du... ein Engel und ich..“ Der Verbrecher ſank auf die Bruſtwehr der ehemaligen Weteringpoort nieder und mit beiden Hän⸗ den bedeckte er ſein Geſicht. So blieb er einige Augenblicke bewegungslos ſitzen, als ein Bild der Verzweiflung; er weinte laut, das ſtarke Getränke, das er zu ſich genommen, gab ihm ein wehmüthiges Gefühl und ſie, die zarte Nancy, ſtand neben ihm, als guter Engel, der die Hand des Wankenden ergreift, um ihn zu retten. „Albert,“ ſagte ſie, ſeine Hände wegziehend und ihn anblickend,„guter Albert, ich weiß es, daß Du 77 ſelbſt nicht ſo ſchlecht, aber ſie haben Dich verführt, Dich mit hineingezogen!“ Sie käßte ihn auf die Stirne. „Ja bei Gott, ja das haben ſie!“ rief der Maler, heftig aufſpringend,„ich habe gefleht und gebeten um ein beſonderes Gefängniß; dann hätte ich ſie nie ken⸗ nen lernen, ich hätte Geld verdienen können und Alles wäre wahr geweſen, was ich Dir vorgelogen, Nancy.. Als ich nach Hoorn kam, war ich weniger ſchuldig, als jetzt, aber da haben ſie mich verdorben und jetzt... Geh' Nancy, geh', ich bin ein Böſewicht, ein Ver⸗ brecher; mich zu lieben wäre Sünde; Du mußt glück⸗ lich werden und das kannſt Du nicht mit mir.... ich bin auf dem Wege zum Schaffot, da werde ich enden; das Gefängniß iſt für Viele der erſte Schritt zum Schaffot.“ 1 „Albert! ſo darſſt Du nicht ſprechen, noch iſt nicht alle Hoffnung verloren!...“ „Alle Hoffnung iſt hin, für ewig hin!“ „Nein Albert, nein, halte Dich von jetzt an ferne von Deiner ſchlechten 8elſast⸗ ſetze Dich fleißig an dir Arbeit, dann wirſt Du noch einmal glücklich wer⸗ den!“ „Glücklich, ich glücklich!“ rief er mit ſchrecklichem Lachen, das hohl und dumpf über das Waſſer ſcholl, „nun ja, das wird Alles geſchehen.. Aber geh' nur hin, Nancy, geh.... da, ich habe Geld, nehm' das, ich habe genug von Dir geliehen, mit Betrug geliehen, als ich Dir ſchrieb, daß ich viel Geld bekommen werde, wenn ich das Gefängniß verlaſſe; doch geb', entferne Dich; laß' mich allein, es iſt ſchon ſpät. Da, nimm' das,“ und er wollie Nancy Alles geben, was er bei ſich hatte. „Dich ſo zu verlaſſen, Albert, iſt mir unmöglich, .. ich weiß, was Du thun willſt, wenn ich fort bin ... Du willſt einen Selbſtmord begehen..“ 5 Der Maler ſchauerte. 1 9 „Du willſt Dich ertränken, Albert,“ fuhr ſie fort, „eine innere Stimme ſagt es mir und darum will ich bei Dir bleiben, bis Du wieder klug geworden und auf andere Gedanken gekommen biſt; das Geld nehme ich nicht, das mußt Du behalten, Albert, ich werde Dir ſagen, was Du weiter thun ſollſt; komm',“ damit legte ſie ihren Arm in den ſeinen und zog ihn mit ch. Beide gingen eine geraume Weile ſtillſchweigend fort, bis Nancy die Rede wieder auffaßte.„Jetzt haſt Du Geld, Albert,“ ſprach ſie,„Du mußt es nicht verbrauchen, miethe ein kleines Zimmer und kaufe, was Du nöthig haſt, um zu arbeiten. Setze Dich mit Luſt und Fleiß an die Arbeit und ſobald Du etwas fertig haſt, kannſt Du's verkaufen, das wird Dir die Mittel zum Ankauf von Kleidern geben und am Ende wirſt Du auch wieder glücklich.“ Albert weinte wie ein Kind und die Thränen ſchienen das in ſeinem Innern kochende Feuer zu dämpfen.“ „Ich bin jetzt wieder ruhig, Nancy, ich will thun, was Du ſagſt, morgen werde ich ein Zimmer miethen. Komm,, ich will Dich nach Hauſe bringen und dann ſelbſt ſehen, wie ich unter Dach komme; Du darfſt jetzt ni ts mehr fürchten und kannſt mich ruhig allein laſſen.“ 1 Nancy hatte nichts gegen den Vorſchlag, nach Hauſe zu gehen; es war ſchon ſpät und ſie dhnte ſich nach Ruhe. Als die Liebenden die Wohnung des alten Kupferſtechers erreicht hatten, küßten ſie einander herz⸗ lich. Nancy hatte den kleinen Funken von Eyrgefühl und Sittlichkeit, der unter des Malers Verworfenheit noch glimmte, wieder angeblaſen. 3 —— — VII. Die gefährliche Armuth. Wie Abmattung Folge langer Anſpannung iſt, ſo iſt auch Niedergeſchlagenheit Folge übertriebener Auf⸗ regung. Dies fand Nancy, als ſie am folgenden Morgen erwachte und die Sonne durch die dünnen Gardinen ihres Bettes ſchien. Die Hoffnung, ihre und ihres Großvaters Um⸗ ſtände verbeſſert zu ſchen, war verſchwunden, ſie ſelbſt hatte ſich nicht allein ihres Geldes, ſondern auch ihrer beſten Kleider beraubt, um Albert beizuſtehen, und nun hatte ſie den elenden Zuſtand geſehen, in den er gekommen war. Aber ein Mädchen von neunzehn Jahren läßt noch nicht allen Muth ſinken. Freilich hatte ſie wenig Arbeit und Alles, was ſie ihrem Großvater erzählt hatte, von Geldern, die ſie noch zu empfangen, Alles war eine Lüge, allein, um den Greiſen nicht zu beunruhigen, erdacht. Muthlos ſetzte ſie ſich an jenem Morgen zur Ar⸗ beit, Alles hatte für ſie ſeine ſchöne Seite verloren; heute wurde die Hortenſia und die zwei Roſenbäum⸗ chen, die in beſondern Töpfen vor dem fenſter ſtanden, nicht begoſſen, und der Schlag des Kanarienvogels ſchien ſie zu incommodiren, denn ſie ſchlug mit dem Taſchentuch gegen den Käfig, in welchem das Thierchen ſaß, um es zum Schweigen zu bringen. In der Bibel, aus der ſie dem Großvater vorlas, wimmelten ihr die Buchſtaben durcheinander. 6 Der alte Horſt ſchien gerade heute ſehr aufgelegt zu ſein; er blies dicke Rauchwolken aus ſeiner Pfeife, was für den, der den alten Mann kannte, ein deut⸗ liches Zeichen ſeiner guten Laune war. Die Worte, die er ſprach, waren eben ſo räthſelhaft. Es mußte bald eine Veränderung vorgenommen werden und Nancy ſollte rathen, welche. Das gute Mädchen rieth hin und her und konnte doch nicht zur Löſung des Räthſels kommen, und jedes Mal, wenn ſie etwas Falſches rieth, brach ihr Groß⸗ vater in ein lautes Lachen aus. Endlich ſagte er:„Du kannſt es unmöglich errathen, Nancy, und darum will ich Dir's ſagen: wir werden ausziehen, liebes Kind!“ „Ausziehen!“ rief Nancy verwundert. „Ja, es wird mich freilich eine Thräne koſten, die Wohnung, in der ich ſo viele glückliche Tage, aber auch ſo viel bittere Augenblicke verlebte, zu verlaſſen, aber es geſchieht um Deinetwillen, Nancy. Du kennſt den kleinen Garn⸗ und Leinwandladen an der Ecke 24 Nancy nickte bejahend. „Nun da werden wir hinziehen; Du weißt, daß die Witiwe Maalders unlängſt geſtorben, und der Sohn keine Luſt hat, die Sache fortzuführen. Er will mir daher das Geſchäft mit allen Waaren für hundert Gul⸗ den überlaſſen, und ich habe ſein Anerbieten angenom⸗ men, weil ich weiß, daß es ein gutes Geſchäft iſt, und wenn man fleißig iſt, ein bürgerliches Auskommen gibt. Die Miethe beträgt hundert zehn Gulden und mit dem Hausherrn bin ich beinahe im Reinen. „Aber das iſt noch nicht Alles,“ fuhr Jacob Horſt ſort, ſehend, daß ſeine Enkelin ſprechen wollte,„der alte Herr Steenman, der gegenwärtig bei dem Grütz⸗ händler wohnt, wird zu uns in's Haus kommen, und ſechs Gulden die Woche bezahlen, das iſt dreihundert zwölf Gulden das Jahr; wir können davon die Miethe bezahlen und behalten dann noch zweihundert Gulden übrig, wofür wir ihm leicht die Koſt geben kön⸗ nen. Du kannſt mit dem Laden mehr Geld verdienen, als gegenwärtig, und brauchſt nicht mehr ſo viel zu arbeiten, als jetzt. Man hält in der Nachbarſchaft viel auf Dich, und das macht Kunden. Wer weiß, Nancy 81 wer weiß, was aus alle dem noch für ein Glück für uns entſteht.“. So ſchwatzte der Greis in wahrhaft kindiſchem Tone luſtig fort. Seine Poantaſie ließ ihn ſchon ſeine Enkelin die zahlloſen Gönner bedienen ſehen. Das Al⸗ ter iſt oft der Kinderſtuhl des menſchlichen Geiſtes. „Aber um den Laden und die Waaren zu überneh⸗ men, brauchen wir hundert Gulden,“ ſagte Nancy, und wie dieſe bekommen, Großvater?“ „O, das Geld wird wohl auch kommen,“ rief Ja⸗ cob Horſt,„dafür will ich ſorgen, Nancy. Ich glaube, daß wir wieder glückliche Tage erleben werden; ein Vorgefuhl ſagt es mir, und mein Vorgefühl hat mich noch nie betrogen.“„ „Aber wo ſoll denn das Geld, die hundert Gul⸗ den herkommen?“ fragte Nancy. „Das will ich Dir ſagen, liebes Kind. Du weißt wohl,“— vie Stimme des alten Mannes begann zu beben,—„Du weißt wohl, die goldene Uhr, die ich einſt bekam und die jetzt im Kaſten liegt, iſt hundert vierzig Gulden werth und von dem Gelde will ich den Soya der Wittwe Maalders bezaylen, ich habe doch nichis von der Uhr...“ Eine Thräne rollte über ſeine eingefallenen Wangen.„Wir können die folgende Woche ſchon unſre neue Wohnung beziehen, und ich habe Maal⸗ ders verſprochen, ihm morgen das Geld zu bezahlen. Die Uhr liegt im Kaſten, Nancy, bringe ſie zu dem Goldſchmid in der Bree ſtraat, er wird Dir hundert vierzig Gulden dafür geben, aber thue es heute Abend, wenn ich ſchlafe, ich möchte ſie nicht gerne aus dem Hauſe tragen ſehen; ich habe ſie ſo lange gehabt und nicht gedacht, daß ich ſie noch hergeben müßte.“ „Behalte die Uhr, lieder Großvater, und laſſe uns ſo ſort eben, wie wir es bisher gethan haben.“ „Nein, Nancy, das will ich nicht, ich kann nicht ſehen, wie Du ganze Nächte aufbleidſt; das muß an⸗ Amſterdams Geheimniſſe. I. 6 ders werden, Deine Geſundheit leidet zuviel darunter, und ich habe doch nichts von der Uhr; ſie ſteht ſtill, Geld habe ich keins, um ſie in den Stand ſetzen zu laſſen, und überdieß, was thut ein armer Mann mit einer goldenen Uhr?“ „Aber es thut Dir doch wehe, von dem koſtbaren Kleinod Dich trennen zu müſſen.“ „Ja, das thut es wohl, Nancy,“ fuhr Jacob tief bewegt fort,„aber es muß geſchehen. Schaffe die Uhr fort, wenn ich ſchlafe... Es iſt kindiſch von mir, ich ſollte geſcheiter ſein...“ Er trocknete ſeine naſſen Augen. „Behalte die Uhr, Großvater,“ rief Nancy,„ich kann ſie nicht verkaufen.“ „Was, was, Nancy, Du kannſt doch nicht ſo an der Uhr hängen, wie ich, und wilſſt Du nicht, dann werde ich einen Andern ſchicken.. Morgen muß ich das Geld haben...“ „Nein, es darf es kein Anderer erfahren,“ rief Nancy vor Angſt zitternd, ich werde ſie verkaufen, Großvater, es iſt beſſer, daß ich es thue, als ein Anderer.“ „Ich will ſie nicht mehr ſehen,“ ſagte der Kupfer⸗ ſtecher,„Nancy Du ſprichſt kein Wort, biſt Du denn nicht vergnügt; ſage doch etwas, Kind, Du biſt ſo ſtumm, als ob Du betrübt wäreſt und mir ſcheint doch, Du ſollteſt vergnügt ſein.“ „Ja, ich bin es auch,“ ſagte Nancy, während die Angſt ſie zittern machte. Es wurde ihr zu eng in dem kleinen Zimmer. Uater dem Vorwande, etwas ihun zu müſſen, verließ ſie ihren Vater, eilte durch die Stadt, ohne zu wiſſen, wohin ſie wollte. Die Uhr war auf der Leihbank, ſie zu löſen, brauchte ſie fünfzehn Gulden. Wie zu dieſer Summe kommen? Was mußte das arme Mädchen thun? Jhrem Groß⸗ vater die Sache mittheilen. Welchen Schmerz würde 8³ es dem alten Manne machen, wenn er erführe, daß ſein theuerſtes Kleinod im Leihhauſe ſei. Albert Droſt hatte im Augenblicke Geld, er hatte es ihr ja angeboten, er konnte ſie retten; aber wo den Maler finden? Am vorigen Abend hatte er beim Ab⸗ ſchiednehmen geſagt:„Du wirſt mich einige Zeit lang nicht mehr ſehen, ich weiß nicht, wird es kurz oder lang dauern, aber, wenn Du mich wiederſiehſt, werde ich ſein, wie früher, ohne das nie wieder.“ Darauf hatte er ſich ſchnell entfernt, und doch— ſie hätte auch des Malers Geld nicht haben mögen, da er es auf ſo un⸗ rechtmäßige Weiſe verdient hatte. Adam Smith!. Der Mann war mehrmals un⸗ willkürlich ihr in die Gedanken gekommen; aber ſo oft eine Stimme in ihrem Innern dieſen Namen nannte, ebenſo oft ſprach eine andere Stimme ihr warnend in's Ohr, und mit Schrecken bebte ſie zurück! Nancy war ſchön, und der Eindruck, den ihre Schönheit auf Adam Smith gemacht hatte, war ihr bekannt... aber das Gewiſſen! Je ſpäter es am Tage wurde, deſto mehr nahm die Angſt zu, deſto ſchrecklicher wurde ihr Zuſtand, und als der Abend ſeine Dunkel über die Erde goß, und ihr Großvater ſich früher, als gewöhnlich, zur Ruhe begeben hatte, da faßte ſie einen kurzen Entſchluß und eilte wie im Irrwahn nach dem Komptoir von Rem⸗ mers und Comp. Es war ſchon acht Uhr vorüber und die Kommis hatten das Komptoir verlaſſen, doch an dem Lichte, das durch die kleinen Gitterlücken drang, konnte ſie leicht merken, daß der Patron ſich noch da befand. Mit der Hand, die zitterte, wie ein Reis, das vom Winde bewegt wird, griff ſie nach der Glocke, that einen heftigen Zug, daß ſie laut wiederhallte, und augenblicklich erſchien der Herr Smith, nicht wenig ver⸗ wundert, Nancy vor ſich zu ſehen. „Sie hier,“ ſagte er freundlich,„es iſt mir ſehr 84 angenehm, Nancy, zu ſehen, daß Sie keinen Haß ge⸗ gen mich tragen,“ und freundlich bot er dem Mädchen einen Stuhl. Ermüdet von dem heftigen Sturm, der in ihrem Innern wüthete, ſetzte ſie ſich nieder. „Als Sie das letzte Mal hier waren, war ich et⸗ was heftig,“ ſagte der Kommiſſionär,„und wenn man heftig iſt, ſagt der Mund oft Dinge, die das Herz nicht meint. Ich habe Sie immer gerne gehabt, das wiſſen Sie wohl, Nancy, und es wäre mir ſehr lieb, wenn es Ihnen etwas beſſer ginge, Sie ſind zu lieb, zu ſchön, um immer mit Unglück zu kämpfen.“ „Ich will es gerne glauben, daß Sie Intereſſe an mir haben,“ ſagte Nancy,„und darum bin ich ſo frei geweſen, mich an Sie zu wenden, um..“ „Um etwas Geld, nicht wahr,“ ſprach Adam Smith, die Rede des Mädchens unterbrechend,„nun, wenn ich kann, will ich gerne helfen, das wiſſen Sie wohl, Nancy.“ „Ja, aber es iſt jetzt nicht für meinen Großvater, weßhalb ich ſie um Unterſtützung bitte,“ ſagte Nancy ſtotternd,„es iſt für mich ſelbſt, ich muß etwas bezah⸗ len, daß... und...“ „Kein Wort mehr, Nancy, nun ich weiß, daß es für Sie ſelbſt iſt, braucht es keinen Grund mehr,“ ſprach Adam Smith, die Hand des Mäochens faſſend, „ich verpflichte Sie gerne; und der alte Großoater, wie geht es ihm? fragte der Kommiſſionär, während er nach ſeinem Hinterzimmer ging und mit einer Flaſche und ein paar Kelchen zurückkam. „Sie müſſen mir einige Zeit Geſellſchaft leiſten, Nancy, ein Glas Wein mit mir trinken, und mir dann ſagen, wie viel Geld Sie nöthig haben.“ „Fünfzehn Gulden, ich werde ſie Ihnen morgen zurückgeben.“ 3 „Was ſprechen Sie von zurückgeben, liebes Kind,“ ſagte Smith, während er die Gläſer vollſchenkte,„füaf⸗ zeyn Gulden iſt zwar viel, ſehr viel, aber voch will ich es Ihnen geben. Aber kommen Sie, trinken Sie ufrhe Nancy, zum Zeichen, daß Sie mich nicht mehr haſſen.“ Nancy durſte ſich nicht weigern und nahm das Glas an, das ihr Smith mit einem Anſtande bot, zu dem man ihn nicht fähig hielt. Das Getränke war ein ſtarker Wein, der Nancy’s Wangen röthete und ihr Blut doppelt ſchnell durch die Adern rollen machte. Sobald ſie ihr Glas geleert hatte, wurde es wie⸗ der von Smith gefüllt. 3„Ihr Wohlſein, Nancy, nun, Sie dürfen mir es nicht abſchlagen, der Wein wird Ihnen gut thun, Sie ſtärken.“ „Aber ich bin nicht gewöhnt, Wein zu trinken.“ „Nun, nun, ein vaar Gläschen werden Ihnen nicht ſchaden, aewiß, Nancy, der Wein iſt gut! Um den Mann, von dem Sie ihre Rettung boffte, zufrieden zu ſtellen, trank Nancy, und der Kommiſſtonär öffnete den Pult und holte ein Käſtchen heraus, in welchem verſchiedene Geldſtücke lagen. Nancy wurde von dem Wein, der ihr in den Kopf ſtieg, etwas betäubt, und ein ihr bis heute unbekanntes Gefühl bemächtigte ſich ihrer. Wenn Adam Smith ihr eine Artigkeit ſagte, was bei ihm etwas Fremvartiges ſchien, brach ſie in ein ſchallendes G lächter aus. gu dieſem Augenblicke war ſie die Ausgelaſſenheit ſelbſt, und Adam Smith erſchien ihr in ſo glänzendem Lichte wie noch nie. Er wollte ihr helfen, er war der Einzige, auf den ſie gebaut hatte, und ihre Hoffnung war nicht vereitelt, nein, ſie hatte ſich nicht getäuſcht. Smith zählte das Geld auft das Pult und zwang Nancy, noch einmal zu trinken, Mehdem d die Glä⸗ ſer gefüllt hatte.— l heden Intereſſe,“ ſagte Adam Smitb, — „und bindgewöhnt⸗mir mein Intereſſe vo ausbezahlen zu laſſenund dad will ich auch jetzt thun, für jeden r† à*. n M a 21 . .:* * Gulden einen Kuß auf Ihre freundlichen Lippen,“ und ohne ein Wort weiter zu ſprechen, umarmie er das Mädehe und bedeckte ihre Wangen mit brennenden Küſſen Nanecy wehrte ihm zwar, allein ihr Widerſtand war nur ſchwach. Sie war nicht mehr die Nancy von einigen Wochen früher; ſie war betäubt und wußte am Ende nicht mehr, wo ſie war und was ſie that, und mit jedem Augenblicke ſuche die Vermeſſenheit des Ver⸗ führers. Der Wein hatte ein wollüſtiges Feuer in Nancy's Vwsken erweckt... ſie wußte nicht mehr, was mit ihr vorgin Abam Smith ſchlang ſeine Arme um ihren ſchlan⸗ ken Leib und drückte ſie heftig an ſeine Bruſt. „Sei klug,“ flüſterte er ihr kaum hörbar ins Ohr, „Nancy, mein Engel... „Nein, nein, Herr Smith, laſſen Sie mich los,“ ſeufzte ſie, aber feine Küſſe ſchloßen ihr den Mund. ..„..... 3 Da wurde es ſtill. Man hörte nur noch das wollüſtige Atbmen.. das leiſe Geflüſter Adam Smith's und.. als Nancy das Comptoir verließ, war ſie im Pen des nöthigen Geldes.. aber um welch' einen reis? D Betäubung durch den Wein war verſchwunden. Nach Verlauf von kurzer Zeit war ſie wieder zu ihrem Bewußtſein gekommen, und Nancy, die gefallene Nancy, zitterte bei dem Gedanken an das, was ſie gethan, und weinte. 1 Wir führen unſern Leſer jetzt in das oder vielmehr die Kneipe Het mooriaantje in dem Sui⸗ kerbakkerſteeg. Ebenſo wenig als das Haus von Außen etwas Schönes bot, war dies von Janen der Fall. Die lange ſchmale Thüre öffnend, kam man in ein Vorhaus, wo einige Fäſſer Bier und ſtarker Getränke lagen und ein baufälliges Büffet ſtand, worauf einige alte zinnerne Krüge prangten. 3 Eine Glasthüre führte in ein dumpfiges, langes, ſchmutziges Hintergemach, welches wir das Kaffeezim⸗ mer nennen wollen, obwohl wir gerne zugeben, daß der Name nicht gut gewählt iſt, da es zu nobel klingt für einen Ort, den man nicht ohne Schauer betritt. Eine kleine Hinterthüre führte in einen Hof, den man durchſchreitet, um in ein Labyrinth von engen Straßen und Gäßchen zu gelangen, die ſich zwiſchen der Regu⸗ liersbreeſtraat und Reguliersdwarsſtraat befinden und deren Namen nur der Polizei bekannt find. Dieſe Hinterthüre war für dieſen Ort von großem Nutzen, denn oft ſah man, wenn Gerichtsdiener erſchienen, ver⸗ ſchiedene Gäſte durch die Hinterthüre des ſogenannten Kaffeezimmers verſchwinden, welches wir jetzt beſchrei⸗ ben wollen. Das Kaffeezimmer war ſo dunkel, daß man ſelbſt während des Tages Licht brannte; zugleich mangelte ihm alle Schönheit und alle die kleinen Bequemlichkei⸗ ten, welche man von einem Kaffeehaus verlangt. In der Mitte ſtand ein kleines altväteriſches Billard, ruhend *) Trom wird im Bargoens eine Kneipe der gemein⸗ ſten Sorte genannt. D, 4uig. e irthshaus 42 3 4 5 4 N; n 4 1 N .. 8 B„ 3 3 88: 2 4 —. 8.„. d N.. 1 2 auf nicht weniger als ſechzehn JeNe Füßen und mit Tuch bedeckt, das einen Nielgget Jardenichen zeigte, während, die Helflecken End e dom Getränſen gebildeten. e des baßicfer aß das Billard zuweilen Auch als Tiſch benützt wilrde Ein Rechen mit einigan rummen Queus hing an der Wand, nebſt Einer ſchwarzen Tafel, die als Schiefer zum Spiele diente. 4 Einige Bilder in wurmſtichigen Rahmen hingen a der Wand, waren aber ſo mit Rauch und Staub be⸗ deckt, daß man Mühe hatte, zu unterſcheiden, was ſie vorſtellen, und doch mußte man ſich wundern, daß überhaupt ſolche Bilder dahingen. Das Eine ſtellte unſern verdienſtlichen Tragöden Andries Snoek in der Rolle des Sylla dar; das Glas war zerbrochen und eine ſchändliche Hand hatte ſich einer Holzkohle bedient, um dem Porträt einen ſchwarzen Bart zu machen. Die ſweite Schilderei war eine Abbildung der Zitadelle von Antwerpen. Das dritte Bild ſtellte die neue luthertſche Kirche in Amſterdam dar, während das vierte ein ge⸗ drucktes Papier enthielt, worauf zu leſen die Summe der Buchſtaben in der Bibel und wie oft das Wort Ende, Jehova u. ſ. w. in der heiligen Schrift ange⸗ troffen werde. Ein Dambrett, an dem aber die Felder feylten, hing ferner, nebſt einigen verrauchten Pfeifen, an der Wand, während ein großer Tiſch in einer der Ecken des Zimmers, worauf man einige Flaſchen, ein paar Kelche und ein Waſſerfäßchen ſah, das Büffet vorſtellte. Von dem Wirthe dieſer elenden Kneipe brauchen wir nichts zu ſagen, die bloße Nennung ſeines Namens wird genug ſein, um den Lſſer in ihm einen alten Bekannten— worauf er, unter uns geſagt, nicht ſehr ſtolz ſein darf— finden zu laſſen. Er hieß David Ram und konnte man wohl einen tauglichern Wirth für eine derartige Kneipe ſinden, als den krummen David? Die Beleuchtung dos Zimmers ließ, wie alles „ 8 —— 89 nebrige, viel zu wünſchen übrig; die große kupferne Küchenlampe ſtand auf dem ſogenannten Büffet und ſwien mit einer andern Lampe, die ohne Deckel oder Glas über dem Billard hing, um den Vorrang im Flackern zu ſtreiten. Auf einer Bank, die an der Mauer ſtand, lag ein junger Mann, der ſchlief, und Niemand anders als der Dichter Gijs war. Bah... verfluchter Schröpfkopf!“ rief er, ſich halb aufricht nd, während er ſeine Augen rieb.„David Ram, krummer Hund, gib mir Waſſer; ich verſichere Dich, daß ich von Innen im Brand ſtehe, durch alle den Vi⸗ triol, den ihr unter den Jenever miſcht, um ihn ſtark zu macher. Schmierlappe, der Du biſt, gib mir Waſ⸗ ſer, oder die Flamme kommt mir die Kehle berauf.“ „Jim, der in den letzten vier Jahren ſich wenig verändert hatte, ausgenommen, daß er noch ſchurken⸗ hafter ausſah, nahm ein Glas und ſülte es mit Waſ⸗ ſer aus dem Fäßchen, das zum Ausſpülen der Gläſer diente und nichts weniger als reinlich ausſah. „Mehr.. rief Gijs, das Glas ledigend,„mehr... ich g'aube, ich könnte einen Eimer leeren.“ Da, nimm das Fäßchen,“ rief Jim,„und trink, bis Du aufſpringſt!“ Mit dieſem frommen Wunſche ſette er das Fäßceen vor den juagen Mann, der einſt pntden glänzendſten Kreiſen der Hauptſtadt ſich bewegt atte. Es war widerlich, zu ſehen, mit welcher Wuth Gijs das Waſſer einſchluckte, um ſeinen unnatürlichen Darſt zu löſchen, und wie er beinahe das ganze Faß feaant hatte, als er daſſelbe von ſeinem Munde ab⸗ etzte. „Bah“ rief er noch einmal,„das Waſſer liegt mir ſo hohl im Magen als ob mein Leib ein Fiſch⸗ weiher wäre; gib mir ein Glas Jenever, David, ich habe zwar kein Geld, aber morgen will ich bezahlen.“ 90⁰ „Nein,“ war die Antwort des Wirthes,„es iſt ſchon ſechzehn Stüber und mehr borg' ich nicht.“ „Waſſer kannſt Du haben ſoviel Du willſt,“ ſagte Zim, der noch immer viel auf's Spotten hielt, ihm das Faß vorſetzend. „Trink Dir ſelber den Tod an, ſchielige Mißge⸗ burt!“ polterte Gijs.„So kann ich nicht bleiben, ein einzig' Glas, wenn der alte Herr kommt, will ich mit ihm um Jenever ſpielen, und er muß verlieren, wie ſich von ſelbſt verſteht.“ „Warte bis er kommt...“ „Und,“ ſagte Jim,„denke nur daran, daß der Eckbeutel zieht, ich habe das Holz weggekrazt, guck, ſie laufen von ſelbſt hinein.“ Damit warf der Burſche den rothen Ball auf das Billard, der auch wirklich in den Eckbeutel rollte. „Er kann's leichter verlieren als Du, Gijs!“ fuhr Jim fort,„und wenn ich ſehe, das Du Dich nicht gegen ihn halten kannſt, will ich Seife an ſein Queue ſchmieren, dann trifft er falſch.“ „Der Kerl ſpielt ſonſt nicht ſchlecht,“ bemerkte Gijs, kennſt Du ihn, David?“ 1„Nein, ich glaube, daß er Dir etwas gleicht, Giſjs, und es in ſeinem früheren Leben beſſer gehabt hat,“ ſagte David, den Dichter vertraulich auf die Schulter klovfend.„Seit einer Woche kommt er regelmäßig alle Abende hieher, und trinkt dann ſo viel, bis er auf ſeinen Stuhl oder unter das Billard fällt und ein⸗ ſchläft.“ „Ja, das weiß ich, aber ſein Name?“ Den weiß ich eben ſo wenig als Duz ich traute ihm nicht und darum ließ ich ihm nachgehen, und jetzt weiß ich ſo viel von ihm, als ich nöthig habe. Er iſt Komptoiriſt, hat keine Wohnung, darum bleibt er im⸗ mer des Nachts hier und das iſt mir genug.“ Die Thüre wurde geöffnet und ein Mann noch in der erſten Blüthe ſeiner Jahre trat in die Kneipe, ver⸗ .. eV— ... 91 langte ein Glas Branntwein, das er unangerührt ſtehen ließ und nahm in einer Ecke des Zimmers Platz. „Dem trau' ich weniger,“ flüſterte David Gijs ins Ohr, einen Seitenblick auf den Hereintretenden werfend,„der kommt mir beſonders verdächtig vor.“ Und in der That, der Mann bildete einen ſonder⸗ baren Contraſt mit den Kleidern, die er trug. Die Kleider ſchienen mit Abſicht ſchlecht und gemein gemacht zu ſein. Ein ſchmutziger Rock, der hie und da geflickt, war, wie armſelig auch, nicht ganz im Stand, eine ſchlanke gefällige Figur unkenntlich zu machen, eben ſo wenig als die alten verſchlitzten Sammthoſen und die feinen Stiefeln, die ſeine kleinen Füße umgaben. Ueber⸗ dieß war die Wäſche fein und ſchneeweiß, was man bei der Klaſſe von Leuten nicht findet, zu deren Klaſſe er vermöge ſeiner Kleider hätte gehören ſollen. Aus allen ſeinen Manieren, wie ſchroff und unbe⸗ holfen er ſie auch darſtellen wollte, leuchtete eine ge⸗ wiſſe Wohlerzogenheit, während ſeine edlen Geſichts⸗ züge und geſchonten weißen Hände einen ins Auge fal⸗ lenden Contraſt bildeten mit denen der gewöhnlichen Beſucher des Moorigantjes. Die ſcharfen Blicke David Rams hatten es bald bemerkt, daß der Mann im Beſitz von Vorzügen war, die wenig zu ſeiner elenden Klei⸗ dung paßten.. Er hatte einen Ring an dem Finger des ſonder⸗ baren Gaſtes bemerkt, und ihn ein andermal eine Prieſe aus einer goldenen Tabaksdoſe nehmen ſehen, und meh⸗ reremal beobachtet, daß das Taſchentuch, deſſen er ſich bediente, ein feines ſeidenes Foulard war. „Und Du weißt nicht, wer er iſt?“ flüſterte Gijs dem Wirthe zu. „Nein, aber zur Polizei gehört er nicht, das weiß ich gewiß,“ gab der krumme David zur Antwort.„Das letzte Mal, als er hier war, ließ ich ihm durch Jim nachgehen, doch half's mich wenig, denn auf der Bree⸗ ftraat ſtand ein Wagen, er ſprang in aller Li hinenn S 5 fuhr fort, ſo daß es Jim unmöͤglich war, ihm zu olgen.“ 4„Ich wäre wohl hinten aufgeſtiegen,“ fiel Jim ſei⸗ nem Voter in die Rede,„aber der Fuhrmann ſchlug unaufhörlich hinter ſich mit ſeiner Peitſche, und was will ich davon, wer er iſt, wenn der Alte es durchaus wiſſen will, muß er ihm ſelbſt nachhinken.“ „Aber was hat er hier zu thun?“ D vid zuckte mit den Achſeln. „Ich glaube, daß er hieher kommt um Vater Brams willen; ſie ſcheinen mit einander in genauem Verhält⸗ niß zu ſteben, denn immer ſitzen ſie bei einander und ſprechen ſo leiſe, daß Niemand etwas hören kann von dem, was ſie ſagen und hie und da miſchen ſich Paul der Barbier und der Duikelaar in das Geſpräch, ſie ſind die Einzigen, die ihn kennen, ſonſt weiß Niemand Etwas von ihm!“. Wiederum wurde die Thüre geöffnet und der glie Herr trat ein. Der alte Herr war der uns bekannie van Zweeden, den wir früher als Komptoiriſt hinter dem Schreibpulie bei Remmers und Comp. angetroffen haben.. Der Unglückliche war immer tiefer und tiefer ge⸗ ſunken und endlich bis zu dem elenden Zuſtand, in welchem wir ihn jetzt treffen. Das Trinken und nichts anderes als dieſe ſchreckliche Peß hatte ihn in das Elend geſtärzt. Als er noch im Beſitze ſeines anſehnlichen Vermögens geweſen, war er die und da im übermäßi⸗ gen Gebrauch des Weincs zu weit gegangen und ſpä⸗ ter, als ſeine Reichthümer durchgebracht waren und er die Mittel nicht mehr beſaß um ſich mit Wein zu be⸗ täuben, nahm er ſeine Zuflucht zu den geiſtigen Ge⸗ tränken. Er gab ſich nach und nach ganz dieſer Un⸗ tugend hin und wurde ſo zuletzt ein vollkommener Trunkenbold. Alles war ihm gleichgültig. Nichts mehr war ihm Hetwas werth. Nichts war im Stande, ihn ſin das 8 2 4 „„— — 93 Leben zu gewinnen, als Trinken und nur Trinken Elend gekleidet, ſchlich er, krank an Seele und Leib, ſchwach und entkräftet, durch die Straßen und län s der Grachten der Hauptſtadt, vermieden und verachtet von Jedermann. Doch was kümmerte ihn all dies, ſo lange er Geld hatte, um die Sehnſucht nach ſtarkem Getränke, die unruhig in ſeinem Innern brannte, zu befrievigen, um ſich zu betäuben und langſam, aber ſicher zu morden.. Je mehr er ſich dieſer Unſitte übergab, deſto ärmer wurde er. Bald war beinahe Alles, was er beſaß, und dieß war wenig, verkauft oder verpfändet. Was er bei Adam Smith verdiente, der ihn allein auf ſeinem Komp⸗ toir behielt, weil er keine geſchicktere Perſon für das Wenige, das er ihm gab, ſinden konnte,— dieſer Ver⸗ dienſt war kaum zureichend, um ſeine ſchändliche Luſt zu defriedigen. Bald war er nicht mehr im Stande, ſeine Zimmermiethe zu bezahlen, und ſogleich, ſo bald die Arbeiren auf dem Komptoir des Kommiſſionärs be⸗ endigt waren, begab er ſich nach der gemeinen Kneipe David Rams, wo er ſich für weniges Geld betrinken konnte, um auf dem Stuhl oder wohl auch auf dem Boden bis zur Morgenſtunde zu ſchlafen. Dann früh⸗ ſtückte er, wenn er Luſt dazu hatte, und dieß war nur ſelten der Fall, in einem ſogenannten Schoftkelder*) für ein paar Stüber, ſchleppte ſich nach dem Komptoir, wo er gedankenlos und wie in einem Traum ſem Ge⸗ ſchäft v rrichtete, bis es Abend wurde, und der Jene⸗ ver wieder Leben in den erſtorbenen Körper brachte. Das iſt in wenigen Worten das Leben van Zwee⸗ dens, der einſt reich und allgemein geehrt war. Van Zweeden ſchlich langſam nach dem Buffet und verlangte leiſe ein Glas Jenever, das er auf einen Zug leerte. *) Arbeiterwirthshaus. 1 9⁴ „Nun, alter Herr,“ rief Gijs,„der am Billard ſtand,„haben Sie Luft?“ „Wie, um ein Glas Jenever,“ rief Gijs,„oder wollen Sie lieber, wer von ſechs Partien vier verliert, „Wein 2/ fragte van Zweeden. „Sind Sie toll, Jenever... Wein,“ wiederholte Gijs der Dichter laut lachend,„ich habe meine Zeit gehabt, ich habe Wein getrunken, ja, das iſt all' und vorbei!“ Van Zweeden war Meiſter im Billardſpiel und die Ausſicht, ſich umſonſt zu betrinken, war zu ſchön, als daß er ſie hätte vorbei laſſen mögen. Er trat zu dem Rechen und ſuchte ſich ein Queue aus, das weniger krumm war, als die übrigen. „Wir wollen eine Fece nehmen auf Rechnung des Verlierenden,“ ſagte iſs.„Jim, gib eine Flaſche.“ „Aber wenn Du verlierſt,“ flüſterte David dem Dichter ins Ohr. „Geld habe ich nicht und borgen wollt ihr mir nicht, deßhalb muß Jim ſorgen, daß ich nicht verlieren kann. Laßt uns anfangen.“ Das Spiel begann; es war widerlich zuzuſehen, wie van Zweeden alle ſeine Kräfte anſpannte, um das Spiel zu gewinuen, wie ängſtlich er berechnete, hin und her wog, ehe er einen Stoß that. Hätte er die Hälſte der Mühe ſich gegeben, ein beſſerer Menſch zu werden, wie bald wären die Flecken ausgewiſcht ge⸗ weſen, die an ihm klebten. Jim that Alles, was in ſeinem Vermögen ſtand, um van Zweeden verlieren zu machen. Vier Partien waren bereits geſpielt, wovon van Zweeden zwei ge⸗ wonnen haite. Die letzte Partie ſollte beginnen und entſcheiden, wer die Flaſche bezahlen mußte. Indeß waren mehrere Gäſte in die Kneipe gekom⸗ men, aber jeder ſchien zu viel mit ſich beſchäftigt, um dem Billard einige Aufmerkſamkeit ſchenken zu können. Ein Mann jedoch, deſſen Kleidung ſich vortheilhaft von der der übrigen Gäſte unterſchied, widmete dem Billard ſeine ganze Aufmerkſamkeit.. Schon zweimal hatte er bemerkt, daß Jim falſch zählte, und etwas an den Queue van Zweedens ſchmierte, um ihm zu ſchaden; doch Jim hatte hoch und theuer geſchworen, daß er ohne Abſicht falſch gezählt hätte, und das Spiel ging fort. Aufmerkſam folgte der Fremde jeder Bewegung der Spieler und zählte laut mit. „Ich glaube, daß es nicht ohne Nutzen für Sie wäre,“ ſagte er zu van Zweeden,„mehr in den Eck⸗ beutel zu ſpielen, wie die andere Partie thut, denn wenn ich mich nicht täuſche, zieht der Eckbeutel nicht wenig, und deßhalb iſt es keine große Mühe oder Kunſt, da einen Ball zu machen.“ 4 Jim und Gijs ſahen den Sprecher mit ſehr un⸗ freundlichen Blicken an, doch dieſer ſchien ſich wenig daran zu kehren und folgte dem Laufe der Kugeln mit ſcharfem Auge. Van Zweeden hatte ſiebenundvierzig und Gijs nur vierzig, ſo daß der Kommis alle Hoffnung hatte, die 4 Partie zu gewinnen, um ſo mehr, da der rothe Ball gerade vor dem Sacke lag und nur angerührt zu wer⸗ den brauchte, um van Zweeden die Partie gewinnen zu laſſen.. * [.O.——ÿ—ÿ—x:————ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—xö-õ-— Aber IJim hatte in einem Augenblick, als man ihn nicht bemerkte, ſein Nastuch in den Sack geſtopft und war bereit, ſo bald der Ball in den Sack falle, dieſem mit dem Knie einen ſolchen Stoß zu geben, daß der Ball wieder heraus fliege. Er hatte dieß ſo ſchnell gethan, daß weder van gweeden noch die Zuſchauer etwas davon bemerkten; als der Erſte daher ſtieß und der Ball in den Sack ſiel, flog derſelbe durch die weiſen Maßregeln Jims wieder heraus. „Sie haben zu hart geſpielt,“ ſagte Jim zu van Zweeden; aber der Fremde trat herbei und holte das Nastuch heraus. „Das gehört nicht hinein, wie ich glaube,“ ſagte er, mit ſeinen großen vurchdringenden Augen Jim feſt an⸗ ſehend und ſich zu van Zweeden wendend, fuhr er fort: „Sie müſſen, ehe Sie ſtoßen, zuvor ſehen, od etwas im Sacke liegt, eingeſtopft iſt, will ich nicht ge⸗ rade ſagen.“ Die Reihe war an Gijs dem Dichter. „Drei und vierzig auf fünf und vierzig!“ rief IJim, der Marqueur. „Nein, Du vergißt Dich,“ rief van Zweeden,„ich habe ſieben und vierzig, und mein Gegner nur vierzig.“ „Was,“ rief Gijs,„das iſt eine verfluchte Lüge, Zim zählt gut, und ſo iſt es, wie er zäylt.“ „So iſt es nicht, ſag, ich, rief der Fremde,„Sie haben vierzig, und Sie“ auf van Zweeden deutend, „ſieben und vierzig. Es iſt ein Wunder, Freundchen, daß Du Dich immer zum Nachtheil dieſes Herrn vergißt.“ „Ich habe mich ie vergeſſen,“ rief Jim. „‚Damn haſt Du es abſichtlich gethan, um ihn ver⸗ lieren zu machen.“ „Ich weiß nicht, warum Sie ſich bemühen,“ ſagte Gijs zu dem Fremden,„ſind es JIyre Sachen?“ „Ja, wenn ich ſehe, daß man Jemanden betrügen will, nehme ich immer ſeine Partie, und das iſt hier der Fall.. „Was, ſagt das noch einmal,“ rief Gijs, den Queue niederwerfend, während er eine drohende Hal⸗ tung annahm. Der Fremde aber antwortete ruhig: .„Spielen Sie zuerſt ehrlich ihre Partie aus, und wenn Sie mir dann etwas zu ſagen haben, bin ich bereit, zu antworten.“ 4 97 „Aber Gijs, ſehend, daß es ihm unmoͤglich war, die Partie zu gewinnen, weigerte ſich, fortzuſpielen. „Sag' einmal,“ rief er David Ram zu,„wer die Partie unterbricht, verliert, nicht wahr? Alſo kommt die Flaſche auf Rechnung dieſes Herrn.“ „Stoße nur zu,“ rief Jim dem Dichter,„Du mußt gewinnen; ich habe ſeinen Ball im Stillen vertauſcht und den hohlen an den Platz geſtellt.“ „Nun denn, wie viel ſagen Sie, daß ich habe?“ „Nicht mehr, als vierzig,“ gab der Fremde zur Antwort. „Es ſei denn,“ rief Gijs, nahm den Queue und begann zu ſpielen. Van Zweeden ſtieß ein paar Mal fehl, weil Jim den Ball ausgetauſcht hatte, und es dauerte nicht lange, ſo gewann Gijs die Partie. „Die Flaſche auf Ihre Rechnung,“ ſagte David Ram,„acht und fünf macht dreizehn... wenn es Jh⸗ nen gefällig, dreizehn Stüber.“ Mit zitternder Hand holte van Zweeden ſeine ſchwach verſehene Geldbörſe hervor, aber der Fremde trat zwi⸗ ſchen Beide und ſagte zu Giis:„Soeben ſagten Sie, daß ich mich nichts um die Sache zu bekümmern habe, das iſt aber doch der Fall, denn ich hatte verſprochen, zu bezahlen, wenn er verlor. Hier iſt das Geld.“ Er wandte ſich darauf zu van Zweeden, der ihn mit verwunderten, aber zugleich dankbaren Blicken an⸗ ſah, und ſprach den Verlierenden alſo an:„Ich rathe Ihnen, wenn Sie nicht immer verlieren wollen, nicht mehr mit dieſem,“ auf Gijs zeigend,„zu ſpielen, be⸗ ſonders nicht, wenn dieſer Burſche zählt, oder in der Nähe des Billard iſt, und ſorgen Sie, wenn Sie hier ſpielen, daß nichts in den Beuteln iſt oder an den Queue geſchmiert wird.“ Nach dieſen Worten warf der Uabekannte einen Blick auf Gijs und Jim, der ihnen alle Luſt zur Widerrede benahm; darauf ſetzte er ſich, Amſterdams Geheimniſſe. II. 7 98 als ob nichts geſchehen ware, in die Ecke des Zimmers, wo er Alles, was vorſiel, beobachtete und neugierig die Züge Jedes, der hereinkam, betrachtete. Der Fremde war ein Mann in der Kraft des Lebens, er ſchien ungefähr drei und vierzig Jahre zu zählen, war gut gebaut, und ſein Blick flößte Ehrfurcht ein. Seine Geſtalt war groß, jede ſeiner Bewegungen verrieth Kraft und Gewandtheit. Auf dem durch die Sonne gebräunten Geſichte lag ein düſterer Ernſt, wäh⸗ rend das wilde Rollen ſeiner Augen Leidenſchaft und Unruhe anzeigte. Er verlangte ein Glas Branntwein, das er mit Zucker und Waſſer vermengt, trank, ohne ſi wie es ſchien, um das, was um ihn her vorfiel, zu kümmern. „Wer iſt der Kerl,“ fragte Giis David Ram. „ ch kenne ihn nicht,“ gab David zur Antwort. „Geſtern iſt er zum erſten Mal hieher gekommen. Was mich betrifft, könnte er gut wegbleiben, er kümmert ſich Vnn Alles, und macht Bemerkungen, die ſich nicht ge⸗ hören.“ „Möchtet Ihr wirklich, daß er wegbliebe?“ fragte ein kräftiger Kerl, in welchem wir Paul, den Barbier, erkennen,„wenn Ihr ein Glas Jazim daran ſetzt, will ich ihn ſchon behandeln, daß er nie wieder einen Fuß daherſetzen ſoll; ich habe nur noch ein paar Sachen mit Vater Bram abzumachen.“ Er zeigte an ein Tiſchchen, wo dieſer mit dem Fremden ſprach, deſſen Kleidung von ſeinen Manieren abſtach, und von dem wir dem Leſer ſchon geſprochen haben. „Wer iſt er doch eigentlich?“ fragte David ver⸗ traulich den Barbier. „Das weiß ich eben ſo wenig, als Ihr. Bram ſcheint gute Geſchäfte mit ihm zu machen, denn vor einiger Zeit, als er hier war, hat er ihm ein Schäch⸗ telchen verkauft, in dem für mehr, als dreitauſend Gul⸗ den Diamanten waren; ich glaube, daß es ein mar⸗ —— 99 wieger uit de pistole“) iſt; er hat ſo feine Manie⸗ ren an ſich, und ich vermuthe, daß er noch nie ges⸗ jeft ³) war, auch verſteht er kein bargoens ⁴). Es iſt im Plane, daß wir zuſammen massematten handelns) ſollen; das Rechte von der Sache werde ich ſpäter er⸗ fahren, denn Bram hat mich dazu genommen, und Ihr wißt wohl, was der alte Bram thut, iſt gut; aber 1 peopos, David, habt Ihr den Maler noch nicht ge⸗ ehen?“ „Nein,“ antwortete David,„wo der hingeflogen iſt, weiß ich nicht.“ „Gesjekt iſt er nicht, das weiß ich, und ich habe überall nach ihm geſucht, ohne ihn finden zu können. Nein, ich werde ſogleich den Kerl, der ſich in Alles miſcht, und viel von einem Linksche6) hat, für im⸗ mer fortjagen. Ein Glas Jajim, wenn es gllückt, hörſt Dul“ Mit dieſen Worten trat Paul an den Tiſch, an welchem Bram und der Fremde Platz genommen hatten, und fragte in dem ihm eigenen freimüthigen Tone, ob die massematten gepakt) ſeien. „Ich verſtehe die Sprache nicht,“ antwortete der Fremde, doch Vater Bram ſiel ihm in die Rede: „Nein, guter Junge, es will noch nicht gehen, wir müſſen noch eine Woche oder etwas mehr Geduld haben, Schade, daß Sie die kruizen nicht mitgebracht haben,“ ſagte er, ſich zu dem Fremden wendend,„wir würden den Petrus in Ordnung gebracht haben; Sie wiſſen ja, wie man kruizen slaat?“ 2) Ein nobler Dieb. 3) Gefangen. 4) Diebsſprache. 5) Diebſtahl ausfuͤhren. 6) Spion. 7) Der Diebſtahl beſprochen. „Ich ſage Euch nochmals, daß ich nichts von der Sprache begreife, die Ihr führt. Sprecht darum deut⸗ licher, wenn Ihr wollt, daß ich recht antworten ſoll,“, fuhr der Fremde etwas ärgerlich fort. „Er meint,“ rief Paul,„daß es Schade ſei, das Sie die Abdrücke nicht mitgebracht haben, um die Schlüſſel danach zu machen, und fraat, ob Sie wohl wiſſen, wie man Abdrücke von Schlöſſern macht.“ 3 „Ich hab es noch nie gethan, aber es ſcheint mir keine ſo große Kunſt zu ſein.“ „Noch nie gethan,“ ſagte Bram getäuſcht,„dann fürchte ich, daß es ſchlecht ausfallen wird, es iſt wohl keine ſo groß Kunſt, aber Uebung gehört dazu. Sie nehmen ein Stück Wachs...“ „Wenn Sie keines haben, kann ich damit aushel⸗ 8— 4 ſagte Paul,„ich trage die Dinge immer bei mir, eh da... Der Fremde ſah das ſchmutzige Stück Wachs, das der Barbier ihm anbot, und ſagte, ohne es anzuneh⸗ men:„Ich dank' Euch, Freund; ich glaube ſelbſt noch etwas Wachs zu Hauſe zu haben, ſagt mir nur, was ich thun muß.“ 3 „O, nichts iſt leichter,“ ſogte Bram.„Sie neh⸗ men ein Stück Wachs und drücken es ſo lange in den Händen, bis es weich iſt, und dann drücken Sie es feſt gegen das Schloß, aber vergeſſen Sie nicht, das Wachs zuerſt naß zu machen, denn ſonſt klebt es am Schloſſe, und der Abdruck wird nicht rein, und ich möchte Je⸗ mand ſehen, der einen guten Pet... Schlüſſel wollt ich ſagen, machen könnte, nach einem Abdruck, der nicht rein iſt. Wenn Sie den Abdruck gemacht haben, dann legen Sie ihn in den Hut, damit er nicht warm wird, und ſobald Sie können, müſſen Sie ihn in kaltes Waſ⸗ ſer werfen, dann wird er hart.“ „Begriffen,“ ſagte der Fremde. „Und wir theilen das moos, das Geld, das tim tim und die andern massematten;,“ ſagte Paul. —. 101 „Das iſt natürlich, ich beſorge Euch den Abdruck, Bram macht den Schiuſſel und Ihr begeht den Died⸗ ſrahl; wann es geſchehen muß, will ich ſpäter beſtim⸗ men, um Euch aber für das Warten ſchadlos zu hal⸗ ten, hier, laßt mich nun mit Vater Bram allein reden.“ Der Fremde, der von Paul und Bram der Herr genannt wurde, legte ein Dreiguldenſtück auf den Tiſch, worauf der Barbier die beiden Männer verließ, um mit Gijs eine Partie Billard zu ſpielen, bei wel⸗ cher Gelegenheit dem Linkſchen, ein Beiname, welchen nunen Fremden gegeben, der Tiom entleidet werven ollte. „Ich kann dem Barbier wohl trauen,“ ſagte der Herr, als Paul ihn verlaſſen hatte. 19 „Wenn Alles Geld wäre, würde ich wohl einige Schwierigkeit darin finden, aber nun, da es, wie Sie ſagen, Staatspapiere ſind, kann er uns nicht betrügen; von dieſen Dingen verſteht er gar nichts, und darum brauchen wir iym auch nicht ein Drittheil der Beute zu geben. Sie ſprechen von hundert ruſſiſchen, die gerade eine Tonne Goldes ausmachen, ich werde ſie wohl an den Mann zu bringen wiſſen, ehe die Polizei ſich damit bemüht; wenn wir dem Barbier ein hundert oder vier geben, ſo ſchwebt er in den Wolken des Glucke. Er muß auch nicht mehr haben,“ fuhr Bram fort,„ich kenne den Barbier, wenn er Geld hat, iſt er nicht mehr zu haben, und wenn wir ihm wirklich ein Drittel der ſchönen Beute geben würden, würde er ein ſolches Leben anfangen, daß die Polizei der Sache bald auf die Spur käme und ſie eben ſo bald heraus hätte.“ Bram und der Herr fuhren leiſer ſprechend in ih⸗ rer Unterredung fort, während van Zweeden, der in einer der Ecken des Zimmers ſaß, ſchon ſo viel ge⸗ trunken hatte, daß er in einer Art von Bewußtloſig⸗ keit nichts von ale dem bemerkte, was um ihn her vorging. 10² Gäjs und der Barbier hatte inzwiſchen eine Partie begonnen, und der Linkſche ſaß noch auf demſelben Platz, den er bei ſeinem Eintritte eingenommen hatte, und rauchte ruhig ſeine Pfeife. 1 „Jim, vor Allem zähl' gut!“ rief Gijs,„es könn⸗ ten ſonſt wieder Bemerkungen gemacht werden von Menſchen, die ſich um Sachen kümmern, die ſie nichts — angehen.“ Der Unbekannte that, als ob er dieſe Bemerkung nicht höre, und rührte ruhig mit dem Ende des Pfei⸗ fenrohrs, das die Stelle eines Löffelchens vertrat, in dem vor ihm ſtehenden Glaſe, aus dem er hie und da einen guten Zug nahm. „Ich möchte mal ſehen, daß Jemand Bemerkungen machte, während ich ſpiele,“ ſagte Paul,„ich würde es ihm ein für allemal abgewöhnen.“ „Zieht auch mal die Eckbeutel, vielleicht liegt et⸗ was drin,“ rief Jim, der, ſehend, daß Paul Streit ſuchte, es nun auch wagte, ein Wort mitzuſprechen, „gebt auch Acht, daß nichts an Eure Queues ge⸗ ſchmiert iſt.“ „Wer je geſagt hat, daß hier die Beutel ziehen, oder daß etwas hineingeſtopft iſt, iſt ein Lügner und ein Schmierlappen,“ rief der Barbier ſo laut, als möglich und vergaß nicht, bei dieſen Worten den Linkſche mit ſcharfen Blicken anzuſehen. Der Linkſche blieb aber ruhig ſitzen, und darum hielt Paul es für nötheg, andere Maßregeln zu er⸗ greifen. Er ging daher an den Tiſch des Linkſche und trank, ohne etwas zu ſagen, das Glas aus, das die⸗ ſer vor ſich ſtehen hatte. „Füllt das Glas nochmal,“ rief der Linkſche,„und gebt dieſem Freund auch ein Glas auf meine Rechnung, und hat er noch nicht genug, dann gebt ihm zwei!“ „Ich habe von Ihnen nichts nöthig,“ brummte. Paul. „Es ſcheint doch, da Ihr mein Glas austrinkt.“ 103³ „Das iſt eine verdammte Lüge,“ ſchrie der Bar⸗ bier,„ſazt das noch einmal, wenn Ihr das Herz habt.“ „Es kann ſein, daß ich mich getäuſcht habe,“ ſagte der Angegriffene, der aber durchaus keine Aufgeregtheit zeigte, und indeß ein anderes Glas von David Ram empfing,„aber da ſollt Ihr wegbleiben.“ „Und wenn ich das Glas noch einmal austrinken wollte?“ fragte Paul in gereiztem Tone. „Dann würde ich Euch lehren, wie man das Ei⸗ genthum des Andern ſtehen läßt und Euch ſchinden, wie einen Hund.“ Dieſe Antwort hatte der Barbier, der allgemein wegen ſeiner beſondern Körperkraft bekannt war, nicht erwartet. Er blieb einige Augenblicke bewegungslos ſtehen, und betrachtete den kecken Sprecher von Haupt bis zu Fuß. „Jch glaube, daß Ihr noch nicht viel geprügelt wor⸗ den ſeid in Eurem Leben und um Euch das Prahlen mit Einem abzulehren, da...“ Damit gab Paul dem Frem⸗ den einen ſo heftigen Stoß, daß er hinterrücks fiel, was David Ram, Jim und Gijs ſowohl, als beinahe nle nu weſenden in ein lautes Jauchzen ausbrechen machte. Schnell ſtand der Gefallene wieder auf; im ſelben Augenblicke fiel er den Barbier an, hob ihn in die Höhe und warf ihn mit ſolcher Gewalt über die Bil⸗ lardtafel, daß er gegen die Wand ſtieß. Eine Todtenſtille erfolgte; jeder ſah den Fremden und Paul abwechslungsweiſe an, und wartete mit ge⸗ panuter Aufmerkſamkeit deſſen, was weiter geſchehen ollte. Deerr Barbier hatte ſich erhoben und blieb einige Augenblicke bewegungslos, wie an den Boden genagelt. Er ſchien nicht zu wiſſen, was zu thun. Plößlich griff er in ſeine rechte Hoſentaſche, und holte ein langes Weſer heraus, deſſen Heft aus einem Rehfuß verfer⸗ tigt war. „Mein nizft wird Euch ijken?¹) Bl.., beſſer als daß es hans auf dem schollems) thut,“ rief Paul und fürzte mit der Waffe auf den Fremden los. Die⸗ ſer, es gewahr werdend, griff eilig nach einem Queue, zerbrach es mit ſo viel Leichtigkeit, als ob es eine Gerte wäre und behielt den untern Theil in der Hand. Ruhig wartete der Linkſche Paul ab. Vor dem Billard war ein offener Raum, den der Fremde zum Kampfplatz ausgeſucht zu haben ſchien, denn hier hatte er ſeinen Stand genommen. Die Gäſte hatten einen Kreis um die beiden Käm⸗ pfer geſchloſſen, und einige riefen:„Jeder bleibe weg, Niemand kummere ſich drum!“ und ſahen neugierig zu, als das Gefecht begann. Leute, die zu jedem Morde fähig ſind, ſind merkwürdigerweiſe ſo ſtreng bei jedem Gefechte. Während der Kreis ſich bildete, ſchlich der Herr ſo ſtill als möglich hinaus, was bei der allgemeinen Verwirrung nicht bemerkt wurde. „Ich will Euch rathen, das Meſſer einzuſtecken,“ ſagte der Linkſche ruhig. Nun erhoben ſich mehre Stimmen, die zum Kampfe aufmunterten:„Halte Dich gut, Barbier, weich' nicht — zurück, und hau' ihm einen Halbmond in's Geſicht, ſo ſchön, als er nie am Himmel ſteht!“ Während ddeeſſen ffuerten Andere den Fremden an, denen es eine Frreude. geweſen, wenn der Barbier gefallen wäre, der ſo ſehr auf ſeine Stärke vertraute. Paul drückte das Meſſer in ſeine Fauſt mit ſolcher Behendigkeit und auf eine Art, wie es nur Leute ma⸗ chen, die an dieſe Waffen gewohnt find, und wartete den Anfall des Fremden ab. „Ich rathe Euch nochmals, das Meſſer einzuſtecken!“ e. 8) Brandmarken. 9) Schaffot. — H — 10⁰⁵ Aber kaum hatte der Linkſche dieſe Worte geſprochen, als der Barbier einen Schritt vorwärts trat, und mit ſeinem Meſſer einen Kreis beſchrieb— aber im ſelben Augenblick gab der Fremde ihm mit dem Stück Holz, das er in der Hand hielt, einen ſo heftigen Schlag auf den Arm, daß der Barbier brüllend vor Schmerz das Meſſer fallen ließ. Dieſer Umſtand ſchien aber ſeine Streitluſt keines⸗ wegs gedämpft zu haben; unbewaffnet flog er auf den Linkſche zu, der auch ſein ſonderbares Vertheidigungs⸗ mittel weggeworfen hatte, und das Fauſtgefecht be⸗ gann. Bald mußte Paul auch in dieſem Kampfe unier⸗ liegen: der Fremde griff ihn mit Kraft und Behendig⸗ keit an, und warf ihn auf den Boden, ſprang dann auf ihn und ein Hagel von Schlägen praſſelte auf ſei⸗ nen Kopf. „Halte Du ein! ich gebe gewonnen!“ brüllte der Barbier, der in ſeinem Blute badend auf dem Boden lag. Dieſe Worte galten als Zeichen der Beendigung des Gefec tes; der Femde ſprang auf, und nahm ruhig als ob nichts geſchehen wäre, ſeinen Platz wieder ein. 2eies Kee 86-0 er Üüen P 1 Ein anderes Schauſpiel in dem Trom. Mit einer gewiſſen Ebrfurcht betrachteten die Gäſte den ihnen unbekannten Mann, der ſo ſprechende und fühlbare Zeichen von Kraft und Muth gegeben hatte, und ſelbſt der Barbier, der nach und nach wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, verlangte ein Glas Brannt⸗ wein und trat damit zu dem Linkſche. „Alles zwiſchen uns iſt abgethan, da iſt meine Hand, Ihre Geſundhett!“ ſprach er und reichte ihm das Glas, aus welchem der Sieger einen kleinen Zug that. „Alles iſt vorbei,“ antwortete er dem Barbier, „ich laſſe Jeden in Ruhe und darum will ich, daß man mir es auch thue.“ Darauf ſchüttelte er ihm die Hand und ſetzte ſich wieder. Inzwiſchen hörte man ein lautes Lachen auf der Straße, das von einem nicht minder lauten Geſange begleitet war. Die Tzüre wurde mit Gewalt geöffnet, zwei Mädchen, an deren ſonderbarem Aufzuge man deutlich merken konnte, zu welcher Klaſſe ſie gehören, traten in die Kneipe. Sie unterſtützten einen Mann, der zu betrunken war, um allein gehen zu können, und deſſen Geſicht, wie Kleider mit Schmutz bedeckt war. Die beiden Mädchen hatten den Betrunkenen auf eine ſchändliche Weiſe verunziert. Mit einem gebrann⸗ ten Korke hatten ſie ſeine Augbrauen ſchwarz gemacht und zugleich einen großen Schnurr⸗ und Backenbart auf ſein Geſicht gezeichnet, was von ſeinen geſchwollenen, dunkelrothen Wangen und unbeweglich ſtarren Augen widerlich abſtach.— Eines der Mädchen hattg, um das Spiel voll⸗ kommen zu machen, Prsei he Baube, welcha von einer Menge feuerrother Baͤnder und Sthlingen Uin⸗ geben war, ihm Aufasſetzk, wodupch das Gemalte des Geſichtes nicht wenig heraussehoben murde“ Es war der unglückliche van Zweeden, der alſo geſchmückt in die Kneipe begleitet wurde. Sobald das Gefecht zwiſchen Paul und dem Unbekannten begonnen hatte, war der Trunkenbold ſtill aus der Kneipe ge⸗ ſchlichen, befürchtend, daß der Kampf, zu dem er, ob⸗ wohl unſchuldig, Anleitung gegeben hatte, ihm von üblen Folgen werden könne. Auf die Straße gekommen, war es ihm unmöglich, einen einzigen Schritt vorwärts zu thun; er wankte 107 dennoch fort, bis er endlich in eine Goſſe fiel, ohne die Kraft und Beſinnung zu beſitzen, um aufzuſteben. In dieſem elenden Zuſtande wurde er von zwei Mäd⸗ chen gefunden, welche, obwohl es ſchon tief in der Nacht war, dieſes Weichbild durchſtreiften, um bei die⸗ ſem oder jenem Trunkenbold, der die Kneipe verließ, ihren Gewinn zu machen. Van Zweeden konnte ihnen keinen Gewinn bringen und da ſie ihn ſchon mehre Male hatten in den Trom von David Ram gehen ſehen, beſchloßen ſie, ihn dahin zu bringen, denn ſolche Geſchöpfe fühlen immer ein eigenes Mitleid mit Betrunkenen. Es war zwar eine Wohlthat, die ſie ihm erweiſen wollten, doch konnten ſie es ſich nicht verſagen, ihn zum Vorwurf ihrer Seoluf zu machen, und die Mittel dazu waren bald gefunden. Größerer Lohn für ihre geiſtreiche Erfindung, für die ſie ſelbſt ſich ſchon durch ein gewiſſes Selbſtgefühl belohnten, konnte ihnen nicht zu Theil werden, als die Billigung der anweſenden ehrſamen Geſellſchaft im Hauſe des Herrn Ram, und in der That, ſie konnten ſich der Ehre erfreuen, mit lautem Jauchzen empfangen zu werden. Der unglückliche van Zweeden, der, ob⸗ wohl ſeine Füße ihm den Dienſt verſagten, doch noch ſo viel Bewußtſein hatte, um zu ſehen, daß er es war, über den ſich die habitués des Trom luſtig machten, warf, ſobald ihn ſeine Begleiterinnen losgelaſſen hatten, die Haube vom Kopfe und ſank auf einen Stuhl nieder. „Waſche den Mann ab, Burſche,“ ſagte der Fremde, ſich zu Jim wendend, und darauf an David Ram das Wort richtend, fuhr er fort:„Es iſt wahrlich eine S hande, daß Ihr nicht beſſer für Eure Kunden Sorge rag.“ 2 Dieſe Worte, in ſtrafendem Tone von einem Manne geſprochen, der mit unſtreitigem Rechte der Held des Abends genannt werden konnte, blieben nicht ohne Folge und Jim heeiferte ſich, die ſchwarzen Streifen von dem Geſichte des Trunkenbolds abzuwiſchen, wäh⸗ rend die beiden Mädchen bald ein paar Männer fanden, die ſie mit geiſtigen Getränken bewirtheten und mit welchen ſie die Kneipe verließen. „Setzt Euch zu mir,“ ſagte der Linkſche nach Ver⸗ lauf von einiger Zeit, als van Zweeden wieder zu ſich ſelbſt gekommen, obgl ich er noch nicht nüchtern ge⸗ worden war,„und trinkt ein Glas Waſſer, das wird Euch gut thun. Ihr dürft ihm kein neues Getränke mehr geben,“ befahl er David Ram, als der Komp⸗ toiriſt wieder Branntwein verlangte.„Sagt mir lieber, wo Ihr wohnt, ich werde Euch nach Hauſe bringen.“ „Wo ich wohne,“ antwortete van Zweeden, den Frager verwundert anſehend,„wo ich wohne... Ich woone nirgends; ich habe keine Wohnung, hier bleide ich Nachts und am Tage bin ich auf dem Komptoir. Es gab eine Zeit, wo ich eine Wohnung und eine Kutſche hatte, aber das iſt Alles aus und vorbei.“ „Und Ihr ſeid Kommis?“ fragte der Liokſche, ihn erſtaunt an ehend und nicht begreifend, wie ein Menſch, der eine ſolche Stellung in der Geſellſchaft bekleidete, in einer Kneipe wie die David Rams anzutreffen ſei. „Ja, ich bin Kommis; als ich kein Geld mehr hatte, mußte ich doch etwas thun, wenn ich nicht vor Hunger ſterben wollte, und da nahm mich der auf ſein Kompioir, der früher mich arm gemacht hatte, der Hruchler; aber,“ fuhr er in dem Tone fort, der be⸗ trunkenen Leuten ſo eigen,„ich weiß auch Geſchichten von ihm, für die er tauſend Gulden gäbe, wenn ich ſie nicht wüßte, derſelbe Adam Smith!“ „Avam Smith! rief der Fremde,„Adam Smith!“ Und man brauchte wahrlich kein Lavater zu ſein, um auf dem Geſichte des Linkiche die große Verwunderung und zugleich Neugierde zu leſen, die ſich ſeiner be⸗ meiſterte. „Ja, Adom Smith, auf deſſen Komptoir bin ich,“ ſprach van Zweeden mit ſiotternder Zunge. ——— 199 „Und Ihr wißt etwas von ihm, ein Geheimniß,“ fragte der ſogenannte Linkſche mit Intereſſe. Aber van Zweeden gab ihm keine Antwort, der Schlaf hatte ihn übermannt, und alle Verſuche, die der Neugierige durch Schütteln, Ziehen und Rufen, um ihn aufzuwecken, machte, Alles war vergebens; der Schlaf des Trunkenbolds war nicht zu ſtören. „Er kommt jeden Abend hieher, ſagt Ihr,“ ſprach er David Ram an. 3 „Ja, wenigſtens ſeit einiger Zeit,“ gab der krumme Wirth zur Antwort. 3 „Dann komme ich morgen Abend wieder,“ ſprach der Unbekannte zu ſich ſelbſt,„und ich werde hier ſein, ſo lang er noch nüchtern zu treffen iſt.“ Darauf ſchlug er die Arme übereinander, verlangte ein Glas Brannt⸗ wein mit Waſſer und Zucker, und blieb ruhig ſißen, ohne merken zu laſſen, daß er bald gehen wolle; im Gegentheil ſchien er noch auf Etwas zu warten. Es mögen ſich in dieſem Augenblick ungefähr zwölf Perſonen in der Kneipe befunden haben, die mit Kar⸗ tenſpielen beſchäftigt waren, ausgenommen Bram, der bald mit Dieſem, bald mit Jenem leis⸗ ſprach und ein pai,Anderen⸗ die auf einer Bank ihren Rauſch aus⸗ ſchliefen. Nach und nach verließen die meiſten Gäſte die Kneipe, ausgenommen die Schläfer, die die Nacht da⸗ bleiben wollten; darauf blies David Ram die Lampe aus, die über dem Billard hing, durch welche Hand⸗ lung der Wirth ſeinen Gaſt ſchweigend erſuchte, ſich gleichfalls zu enifernen; unſer Mann ſchien aber dieſen Wink nicht zu begreifen, denn als er in dem ganzen Zimmer, ausgenommen die Schlafenden, mit David Ram allein geblieben war, da Jim, ſobald David ſeine Puiſ entbehren konnte, ſich zur Ruhe begeben hatte, agte er: „Schenkt Euch ein Glas ein, von was Ihr wollt, auf meine Rechnung, und ſetzt Euch dann zu mir, ich habe ein paar Fragen an Euch zu machen, die Ihr leicht beantworten könnt; ich glaube nicht, daß Ihr ein ſo großes Bedürfniß nach Schlaf fühlt, beſonders da es Etwas ſür Euch zu verdienen gibt, wenn Ihr mir der Wahrheit gemäß antwortet.“ David Ram ſchenkte ſich einen großen Kelch Brannt⸗ wein ein und nahm an dem Tiſche bei dem bewirthen⸗ den Gaſte Platz. „Euer Name iſt David Ram,“ begann der Fremde, „und der Beiname, den Ihr führt, der krumme David.“ Ein bejahendes Kopfnicken des Wirthes gab dem Fremden die Verſicherung, daß er ſich nicht betrogen hatte. „Ihr habt nicht immer hier gewohnt?“ „Nein, ſeit einem vollen Jahr habe ich dieſe Wirth⸗ ſchaſt übernommen.“ „Und wo wohntet Ihr früher?“ „O, bald da, bald dort, ich bin ſo oft ausgezo⸗ gen, daß ich ſelbſt beinahe nicht mehr weiß, wo ich wohnte.“ „Aber waret Ihr es nicht, der vor fünf Jahren auf dem Wiſde ſteeg wohnte?“ „Ja, da war ich auch einmal hingekommen, wie lange das her iſt, kann ich mich nicht mehr erinnern.“ „Aber deſſen werdet Ihr Euch noch erinnern, daß im ſelben Hauſe, wo Ihr wohntet, eine Frau war, die zwei Kinder hatte?“ „Ja, Sie meinen die Prinzeß? „Sie hatte zwei Kinder, nicht wahr?“ „Ja, der junge Herr und das junge Fräulein.“ „Aber ihre wahren Namen 2 fragte der Fremde. „Frank und Clara.“ „Ja, ja,“ rief der Unbekannte heftig,„ja, das ſind ſiel... Und was iſt aus ihnen geworden?? Auf dieſe Frage bekam er keine genügende Ant 4 wort, Ram zog die Schultern in die Höhe und ſagte: —— ——ʒ—ꝛ— — 111 3„Sie iſt geſtorben und die Kinder ſind in eine Koſtſchule oder ſo wohin gekommen, das iſt Alles, was ich von der Sache weiß.“ —— X. Aufklärung Wir haben erzählt, daß der andere unbekannte Gaſt David Rams, den wir in het mooriantje antra⸗ fen und dem man den Beinamen„der Herr“ gegeben hatte, ſobald das Gefecht zwiſchen Paul, dem Barbier und dem Linkſche begonnen hatte, die Kneipe verließ und nicht mehr zurückkam. Wir wollen unſere Leſer „dem Herrn“ folgen laſſen. So eilig als möglich durchlief er das Labyrinth von Gaſſen und Straßen, bis er endlich auf die Re⸗ guliersbreeſtraat kam, wo ein Wagen bei dem Munts⸗ toren ſeiner wartete. „Meinen Mantel,“ gebot er dem Kutſcher, und 4 dieſer warf irm einen feintuchenen Almaviva um, wel⸗ cher ganz mit Sammt gefüttert war. „Bring' mich auf den Kloveniersburgwal, aber fahre zuerſt durch die Kaewerſtraat, über den Dam und ſo durch die Halſteeg und Hoogſtraaten und laß mich dann auf dem Kloveniersburgwal ausſteigen. Fahre ſo ſchnell als möglich und gib Achtung, daß Niemand auf die Kutſche ſteigt!“ Err ſchlug ſeinen Mantel um und nachdem er ſich erzeugt hatte, daß Niemand hinten auffitze, fuhr er aſch als möglich fort. Kdo lich auf den Kloveniersburgwal gekommen, ſtieg er aus dem Wagen, bezahlte den Kutſcher und ging 4 8 —— weiter, bis er an das Hdôtel garni kam, als die erſten Strablen der Sonne den nächtlichen Flor durchbrachen. Nach langem Läuten wurde endlich die Thüre ge⸗ öffnet und ein ſchlaftrunkener Bediente kam ihm ent⸗ 5 gegen. „Wenn Du nicht wach bleiben kannſt, ſo kannſt Du Dich packen; ich habe länger als eine Viertel⸗ gunde geſchellt, ehe Jemand kam, um mir zu öffnen. Mein Licht!“ Augenblicklich wurde der Befehl des Fremden voll⸗ zogen, und hinter dem Bedienten, der voranleuchtete, ſieg er in den zweiten Stock, wo er eine Zimmer⸗ thüre öffnete. „Ich habe Dich jetzt nicht mehr nöthig,“ ſagte er, „wecke mich morgen früh nicht vor zwölf Uhr, ich bedarf der Ruhe“ „Es iſt ein Brief für Sie gekommen,“ ſagte der Bediente,„ich habe ihn in das Schlafzimmer gelegt.“ „Gut,“ ſagte der Herr und ſchloß die Thüre des Schlafzimmers, in das er trat, hinter ſich zu. Das Zimmer war klein, aber geſchmackvoll. Alles was in dem Schlafzimmer eines vornehmen Mannes gefunden wird, war vorhanden, und es bot einen ſon⸗ derbaren Anblick, den jungen Mann, im Kleide der Armutb, nachdem er den Mantel abgeworfen, in die⸗ ſem prächtigen Zimmer zu ſehen. Eine bronzene Lampe, die von der Decke herabhing, brannte noch, aber an der immerwährenden Bewegung der Flamme konnte man deutlich bemerken, daß das Oel, das ihr noch Leben gab, bald verzehrt ſein werde. Der Bewohner dieſes Zimmers ſchob die Gar⸗ dinen vor dem Fenſter zuſammen, um das Tageslicht am Eindringen zu hindern, zog das armſelige Gewand aus, und ſchloß es ſorgfältig in einen Koffer, deſſen Schlüſſel er an einem Bande um den Hals trua. Darauf hüllte er ſich in einen ſammtenen Schlafrock, der über der Lehne eines großen Armſtuhls lag und 2 113 ſetzte ſich in den großen Fauteuill nieder, als wollte er einige Augenblicke nachdenken, ehe er ſeine müden Glieder auf dem weichen Bette zur Ruhe lege. Zufällig fiel ſein Blick auf den Brief, der auf dem Tiſche lag.„Ach ja!“ rief er, nahm den Brief, brach ihn haſtig auf und las: 1 „Der Kolonel van Bergen erſucht Sr. Wohlge⸗ boren Herrn Guſtav Baron von Hunter, morgen um zwei Uhr zu Hauſe zu ſein, oder Zeit und Stunde zu nennen, wann und wo ſeine Gnaden zu ſprechen. Hôtel des Pays-Bas. No. 4. 12 Auguſt 18**, „van Bergen!“ rief Guſtav, den unſre Leſer ſchon als ſolchen in dem Fremden erkannt haben werden, „van Bergen wieder hier und der Ton, in welchem das Billet geſchrieben, macht mich vermuthen, daß er Alles weiß... Er kommt, um meine Plane zu ver⸗ eiteln,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort,„doch jetzt ſoll die Unſicherheit, in der ich ſchwebe, bald ge⸗ endigt ſein! Sobald ich vollkommen überzeugt bin, daß alle Hoffnung auf Mathilden für mich verloren iſt, dann das Wageſtück unternommen und die Baronin van Ransbergen wird um hunderttauſend Gulden är⸗ mer ſein!... Doch ſoll ich den Kolonel hier erwar⸗ ten? Sprechen muß ich ihn, um allen Verdacht zu meiden, oder will ich ihn lieber anderswo aufſuchen? Der Schlaf gibt oft gute Gedanken ein und ſchenkt uns zuweilen einen herrlichen Einfall!“ Mit dieſen Worten entkleidete ſich der Baron von Hunter, warf ſich auf das Bett und ſchlief bald ein. Es war ſchon ſpät am Mittag, als der Baron erwachte, und der Kolonel van Bergen ſtand ihm vor dem Geiſte. Wachend blieb er noch einige Augenblicke in einer bequemen Haltung auf den weichen Dunen fich Amſterdams Geheimniſſe. II. 8 114 hin und her wendend und ließ ſeinen Gedanken den freien Lauf. Endlich ſchellte er ſeinem Bedienten und kleidete ſich, von dieſem unterſtützt, in einen bequemen und zugleich eleganten Morgenanzug, worauf er das Schlaſ⸗ immer verließ und in das Vorderzimmer ging, wo das Frühſtück bereit ſtand. Es dauerte nicht lange, als der Kolonel van Bergen angemeldet und vorge⸗ laſſen wurde. Auguſt trug keine Uniſorm; er kam darum dem Baron ſehr verändert vor, als er in höflicher, aber kalter Verbeugung vor ihm erſchien. Guſtav ſtand au⸗ genblicklich auf und ging dem Kolonel mit ſcheinbarer Herzlichkeit entgegen. „Zuvor eine Frage, Herr Baron,“ ſagte der Ko⸗ lonel, der die ihm dargebotene Hand nicht ſogleich er⸗ griff,„zuvor eine Frage, ehe ich Ihnen als Freund die Hand drücken kann.“ „Dieſe Worte unterbrechen den Glückwunſch zu Ihrer glücklichen Zurückkunft, der mir auf den Lippen ſchwebte, aber nehmen Sie Platz, Kolonel,“ ſprach Guſtav, und bot mit der ihm ſo eigenen Höflichkeit van Bergen einen Stuhl an. Der Kolonel nahm einen Brief aus der Taſche und hielt ihn Guſtav vor. „Kennen Sie dieſe Schrift, Herr Baron?“ „Wenn ich mich nicht betrüge, iſt es die Hand der Frau van Ransbergen.“ „Ja, und dieſen Brief empfing ich in Batavia,“ ſagte der Kolonel, Guſtav mit einem ſcharfen Blicke durchbohrend.„Was mir Frau van Ransbergen in demſel⸗ ben von Ihnen mittheilt, beweist mir, daß ich das Opfer Ihrer Liſt geweſen, und..“ „Halien Sie ein, Herr Kolonel,“ ſagte der Ba⸗ ron, während ſein Geſicht ſich dunkelroth färbte.„Fah⸗ ren Sie nicht fort, wenn Sie gekommen find, um mich 115 zu beleidigen, ſo iſt der Ort dazu ſchlecht gewählt, und es wird mir angenehm ſein, Sie anderswo zu treffen.“ „Ich begreife, wohin Sie zielen, Baron von Hun⸗ ter,“ fuhr van Bergen ruhig fort,„und wäre ich über⸗ zeugt, daß Sie mich hintergangen haben, ſo würde ich auch die Genugthuung verlangt haben, die zwiſchen Männern von Ehre da gewöhnlich iſt, wo das Gericht keine Genugthuung geben kann! Doch ich kann nicht glauben, daß der Freund meiner Jugend, vor welchem ich kein Geheimniß hatte, und der mir, wie ich dachte, ſein ganzes Vertrauen ſchenkte, mich mit Abſicht hin⸗ tergangen, und ruchlos die Hand an die Vernichtung meines Glückes gelegt habe.“ Der Kolonel ſprach in gemüthlichem Tone, der jeden Anderen, als den Baron von Hunter hätte tref⸗ fen müſſen. „Sage mir, Guſtav, wußteſt Du, daß Adam Smith lebte, da Du mich in dem Wahne ließeſt, als ob Du nicht wüßteſt, was aus ihm geworden?“ „Ja!“ antwortete der Baron von Hunter. „Als wir einander zum erſtenmale in der Soiré bei Woeſtbergen begegneten, empfing ich am folgenden Morgen einen Beſuch von dem Manne, den ich ſchon lange für todt hielt. Er hatte den Naman Remmers angenommen und darum ſchrieb mir mein Freund van Zeijſt, Adam Smith werde wahrſcheinlich nicht mehr am Leben ſein, da alle Nachſpürungen, die er gemacht, um etwas von dem Kommiſſionär zu erfahren, frucht⸗ los waren. Adam Smith beſuchte mich damals und mahnte an die vorgeſchoſſene Summe, die ich ihm nebſt unerhörten Intereſſen bezahlen ſollte. Zugleich vernahm ich, daß er glaubte, Du hätteſt Dir das Le⸗ ben genommen. Der Wechſel wurde ſpäter von der Baronin van Ransbergen bezahlt, wie Dir bekannt iſt, ſo daß wir ferner nichts mehr von dem Wucherer zu fürchten haben. Um Dich nicht zu beunruhigen, verſchwieg ich meine Begegnung mit Smith, ich aͤng⸗ „ 116 flige nicht gerne unnöthig meine Freunde, wenn ich wollte, würde ich das Stillſchweigen als Beweis der Freundſchaft gegen Dich anſehen können: ein Wort von mir gegenüber von Adam Smith hätte Dich ins Verderben ſtürzen können, oder zum Mindeſten die Unannehmlichkeiten theilen laſſen, die ich mit dem Wu⸗ cherer hatte, aber ich hielt das Wort zurück, ich nahm die ganze Laſt auf meine Schultern, weil ich meinen Freund nicht gebückt unter ihr gehen ſehen wollte. Vielleicht will der Kolonel der Sache eine andere Aus⸗ kegung geben⸗ gegen den Verdacht kann ich mich nicht cützen!“ „Guſtav!“ rief Auguſt,„ich hatte Dich in unrech⸗ rem Verdacht; reiche mir die Hand und laß' uns wie⸗ der einander ſein, was wir immer waren!“ Der Ba⸗ ton von Hunter entſprach der Bitte, und beide Män⸗ ner ſchüttelten einander herzlich die Hände. Guſtavs Auge ſah auf Auguſt nieder; der Betrug war in demſelben deutlich; in dem Blicke lag das Ge⸗ fühl der Freude über den neuen Sieg des Verräthers, in dem Gemüthe des Baronen lachte ein hölliſcher Hohn, aber Auguſt ſah nur den Freund vor ſich: den Scheinheiligen, den Heuchler gewahrte er nicht. „Antworte mir noch, Guſtav! Am ſelben Tage, als ich fortging, gab Dir die Baronin einen Brief, und Du verſprachſt, mir nachzureiſen und den Brief zu überbringen, warum eniſprachſt Du ihrer Bitte nicht?“ „Ich ging nach Rotterdam und ſetzte von da nach England über,“ ſagte der Baron ruhig,„ich wußte, wo Du warſt, aber ich wollte, daß der Brief Dir nicht zukomme, Du hätteſt Deinen Entſchluß geändert und dann vielleicht das Vaterland nie mehr verlaſſen.“ „Aber welche Gründe konnten Dich zu dieſem Schritte nöthigen?“ „Laſſe Dir dieſe Antwort genug ſein,“ ſagte der Baron von Hunter,„Du warſt mein Freund und ich wollte Dich nicht betrogen, hintergangen ſehen.“ * 117 „Aber.. ℳ „Auguſt, frage nicht mehr,“ ſprach Guſtav ſchnell, „weiter kann ich Dir nicht ſagen. Erſt nach vielen Jahren, wenn unſere Haare ergraut ſein werden und auch das Feuer der Leidenſchaft erlöſcht iſt, wirſt Du einſehen, daß alle meine Handlungen nur Dein Glück im Auge hatten. Auguſt,“ ſo ſchloß der Baron in ernſtem Tone,„Auguſt, wie angenehm es mir auch iſt, Dich hier zu ſehen, ſo glaube ich doch, daß es für Dich beſſer geweſen, nicht in das Vaterland zurückzu⸗ kommen.“ Der Ernſt, mit dem der Baron dieſe Worte an Auguſt richtete, der an von Hunter ſo ganz ungewöhn⸗ lich war, verfehlte nicht, tiefen Eindruck auf den Ko⸗ lonel zu machen. „Aber,“ ſagte er, nachdem er einige Augenblicke ſtillgeſchwiegen,„ich habe von Niemand etwas zu fürchten; der elende Adam Smith vermag nichts gegen mich und Guſtav, wenn Du einen Brief von Mathil⸗ den empfangen hätteſt und ſie liebteſt, wie ich ſie liebe, Du würdeſt gewiß auch nicht gezögert haben, in das Vaterland zurückzukehren, wo meiner ein Glück wartet, nas ich vergebens in einem andern Welttheil ſuchen rde.“ „Du meinſt eine Heirath mit Mathilden.... und nennſt Du das ein Glück?“ „Ja, ja!“ rief Auguſt mit Feuer,„lies ſelbſt, was ſie mir ſchreibt, und ſehe es ihr nach, wenn ſie falſch über Dich urtheilt. Sie kennt Dich nicht, wie ich Dich kenne, und weiß die Reinheit Deiner Abſichten nicht. Lies Guſtav, fürchte nicht, eine Undeſcheidenheit zu begehen, Du weißt, daß ich vor Dir keine Geheim⸗ niſſe habe, und Du begreifſt nicht, wie angenehm es mai iſt, Dich zum Genoſſen meines Glücks zu m.“ Guſtav nahm den Brief und las: 118 „Geehrter Herr! Wie ſonderbar es Ihnen auch vorkommen mag, daß ich die Feder ergreife, um Ihnen zu ſchreiben, läßt mich doch das Intereſſe, das ich an Ihnen nehme, dieſen Schritt wagen, einen Schritt, der freilich in Vieler Augen unpaſſend erſcheinen mag. „Ihr Brief, den Sie mir in der letzten Nacht Ihres Hierſeins geſchrieben und der Blick, den Sie mich dadurch in Ihr Leben werfen ließen, haben mir gezeigt, daß jugendlicher Leichtſinn und falſche Freunde Sie in's Verderben ſtürzten, Ihr ſpäteres Leben hat mich dagegen von Ihrer Vortrefflichkeit überzeugt; der Kolonel van Bergen hat auf ehrenvolle Weiſe die Flecken getilgt, die an dem Junker van Reijſen⸗ burg hafteten. „Die Sache mit Herrn Adam Smith habe ich abgemacht, ſo daß Sie von ihm nichts mehr zu fürchten haben. Ich weiß, daß er die Urſache war, die Sie ſo ſchnell nach Oſtindien zurückkehren hieß. Ich trug dem Baron von Hunter, den ich für Ihren Freund hielt, auf, Ihnen nachzureiſen und Ihnen einen Brief einzuhändigen, worin ich Sie— ja ich ſchäme mich nicht, es zu ſchreiben— von dem Be⸗ ſchluſſe abbringen wollte, da ich den für Sie ſo ge⸗ fährlichen Herrn Smith ſeiner Waffen beraubt hatte. „Der Baron von Hunter aber hat mich auf eine ſchändliche Weiſe betrogen; ſtatt Ihnen nachzureiſen, ſegelte er nach England, und dies vernahm ich erſt, als Sie ſchon lange an Bord waren.“ So weit hatte der Baron in halblautem Tone ge⸗ leſen; das Weitere las er aber ſo leiſe, daß Auguſt kein einziges Wort verſtehen konnte, und als er ge⸗ endigt hatte, gab er dem Kolonel den Brief zurück und ſagte:„Eine Frau, die ſo ſchreiben kann, muß auhrichttn lieben!... Und Du haſt Mathilden ſchon be⸗ ſucht 24 „Rein, vorgeſtern Abend bin ich angekommen und ich habe meine Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen, be⸗ zwungen, bis ich Dich geſprochen hätte, Guſtav, um Dich bei der Baronin entſchuldigen zu können. Sage mir aber, welche Urſache ſoll ich angeben, die Dich nöthigte, ſtatt zu mir, nach England zu reiſen, ohne auch nur den Brief mir zukommen zu laſſen.“ „Wenn Mathilde Dich darum fragt,“ ſagte Gu⸗ ſtav,„ſo antworte ihr, ich hätte es ungerne geſehen, daß einer meiner Freunde betrogen würde, und es darum für nöthig gehalten, daß der Ozean ſich zwiſchen Dir und ihr befände, und ſie wird den Sinn dieſer Worte begreifen und nicht weiter fragen.“ „Guſtav, Alles, was Du mir ſagſt, hat etwas Geheimnißvolles,“ rief Auguſt, heſtig erregt aufſtehend ind die Hand des Barons ergreifend.„Guſtav, Du ſprichſt von Betrug und Hintergehen, ſprich um Got⸗ tes willen, ich beſchwöre Dich bei unſerer Freundſchaft, ſaße mir, ob Mathilde mich hintergehen, betrügen will!.. „Wer ſagt Dir das?“ rief von Hunter.„Du kennſt ja die Baronin van Delden van Ransbergen, und Du ſollteſt ſie fähig erachten, einen Betrug zu begehen? Frage mich nicht weiter, Auguſt, zwinge mich nicht, ein Geheimniß zu entſchleiern, das nur mir bekannt iſt; die Unwiſſenheit, in der die meiſten Men⸗ ſchen leben, iſt ihr Glück und ich zernichte nicht gerne das Glück meiner Freunde. Laß uns das Geſpräch ab⸗ brechen, Auguſt,“ fuhr er, einen ganz andern Ton an⸗ ſtimmend, fort,„haſt Du Deinen Abſchied genommen oder biſt Du nur für einige Zeit hier?“ „Davon ſpäter,“ ſagte van Bergen.„Du haſt einen Argwohn in mire rege gemacht, der... ſage mir als Freund, wie wenn ich Dein Bruder wäre, iſt es Mathilde, iſt es ein Anderer, der mich hintergehen win? Iſt ſie vielleicht nicht ſo reich, als man allge⸗ mein glaubt. 2. „O nein, das Vermögen, das der Baron van 12⁰ Ransbergen bei ſeinem Tode der Wittwe hinterließ, betrug mehr als anderthalb Millionen, und der Schatz iſt durch die einfache Lebensweiſe, welche Mathilde führt, eher vermehrt, als vermindert worden?“ „Ich wünſchte, Letzteres wäre der Fall,“ ſagte Auguſt,„nemlich, daß die Baronin weniger reich wäre, als man allgemein glaubt, denn dem Himmel ſei Dank, ich beſitze ſelbſt einiges Vermögen, und glaube mir, ich liebe Mathilde um ihrer ſelbſt, nicht um ihres Vermögens willen.“ Guſtav ſchwieg und der Kolonel ſuhr mit bebender Stimme fort:„Oder wäre es möglich, daß ich mich in Mathilden betrog und die Baronin nicht die edle Frau wäre, die ſie ſcheint.. ſprich, Guſtav und antworte mir aufrichtig, ohne Zurückhaltung, antworte und martre mich nicht länger durch die Ungewißheit. O Gu⸗ ſtav, Du weißt es, Du haſt es erfahren, die Unge⸗ wichet iſt oft peinlicher, als die ſchrecklichſte Gewiß⸗ eit. 1 „Auguſt! ſchwöre mir bei Deiner Ehre, daß, was ich Dir jetzt ſage, nie über Deine Lippen komme; es iſt keine Läſterung, keine Lüge, ich werde es Dir be⸗ weiſen, aber es muß dennoch ein Geheimniß bleiben, ein ewiges Geheimniß zwiſchen Dir und mir.“ „Es ſei ſo!“ rief van Bergen,„bei meiner Ehre, ich ſchwöre Geheimhaltung.“ „Nun denn Auguſt! Mathilde, Baronin van Del⸗ den van Ransbergen iſt Deiner nicht würdig, ſie iſt nicht die Reine, Fleckenloſe, die ſie Dir ſcheint. Unter der ſchönen Maske bedeckte ſie viel Böſes... wenn die Heirath mit einer entehrten Frau Dich glücklich machen raui⸗ ſo heirathe Mathilden und Du wirſt glücklich ſein „Großer Gott, Guſtav! Mathilde entehrt... es iſt ſchrecklich!“ Die Bewegung ſeines Innern hinderte ihn am Sprechen. 4 „Mathilde iſt Mutter und war es ſchon, als ſie 121 dem Baron van Ransbergen ihre Hand ſchenkte; ſie hat ihn betrogen und hintergangen, wie ſie jetzt Dich, mein Freund betrügen will!“ „Guſtav, Guſtav! bedenke, was Du ſagſt, wen Du beſchuldigſt! Biſt Du genugſam überzeugt von der Wahrheit deſſen, was Du ſagſt? Hat man vielleicht Dich betrogen?“ „Nein! Meine Worte ſind lautere Wahrheit,“ be⸗ gann Guſtav wieder und als ob er fürchtete, es könnte Jemand lauſchen, flüſterte er dem Kolonel in's Ohr: „Ich bin der Vater ihres Kindes!!“ „Du! Du!“ rief der Kolonel, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen,„Du der Vater von Ma⸗ thildens Kind!“ Mit gleichgültigem Geſichte bejahte der Baron. „Träum' ich oder wach' ich,“ fuhr Auguſt van Bergen fort, während er mit der Hand über die Stirne fuhr, als wollte er ſich überzeugen, ob er wirklich in wachendem Zuſtand verkehre.„Guſtav, wiederhole noch einmal, was Du ſo eben ſagteſt, jedes Wort von Dir iſt mir ein Räthſel!“ Und noch einmal rief er wie wahnſinnig:„Du, Du der Vater von Mathil⸗ dens Kind!“ Plötzlich kam ihm ein neuer Gedanke in den Sinn und mit einem vermiſchten Gefühl von Neugierde und Intereſſe fragte er:„Und was iſt aus dem Kind ge⸗ worden?“ „Auf dieſe Frage kann ich Dir nur ſehr ungenü⸗ gend antworten,“ ſagte von Hunter und erzählte ſei⸗ nem Freunde daſſelbe, was er Adam Smith mitge⸗ theilt hatte. Ein Verbrecher kann nicht mit geſpannterer Auf⸗ merkſamkeit ſein Urtheil erwarten, als Auguſt van Bergen jedes Wort auffing, das über die Lippen des Barons kam. „Ich liebte Mathilden aufrichtig,“ ſo ſchloß von Hunter ſeine Erzählung;„das Unglück, das ihren Va⸗ 122 ter traf(er verſchwieg aber, daß er der Urheber deſ⸗ ſelben) zwang ſie, den Baron van Ransbergen zu hei⸗ rathen, um ihren Vater zu retten. Nach dem Tode des Barons bot ich Mathilden meine Hand an. Liebe ſucht Liſt: ich machte ſie glauben, daß mir das Schick⸗ fal des Kindes bekannt ſei, um ſie für meine Bitte zu gewinnen, aber ſie ſtieß mich von ſich, mich den Vater ihres Kindes! Sage mir Auguſt, ob die Frau, die den Mann von ſich ſtößt, welcher ihr durch ſolch' ein Band verbunden iſt, um einem andern Manne ihre Hand zu reichen, ob dieſe Frau, die das Daſein ihres Kindes läugnet, um ihr Ziel, eine Heirath zu erreichen, Dei⸗ ner würdig iſt!“ „Großer Gott! und iſt Alles Wahrheit, was Du mir ſagſt?“ „Ich werde es Dir beweiſen,“ antwortete Guſtav. „Es iſt wahr, ich betrog ſie, als ich ihr ſagte, mir ſei das Loos ihres Kindes bekannt, allein das Ziel, das ich durch dieſe Lüge zu erreichen hoffte, war, ſie die Meine zu nennen, ſie, die ich ſo innig, ſo heiß liebte, war ſie nicht die Mutter meines Kindes! Als ſie ent⸗ deckte, daß ich mich einer Liſt bedient, ſchrieb ſie mir dieſen Brief. Lies den Brief und Du wirſt Dich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen.“ Bei dieſen Worten überreichte der Baron dem Kolonel den Brief, der uns ſchon bekannt iſt. Mit zitternder Hand ergriff er den Brief und ver⸗ ſchlang gleichſam den Inhalt. Von ſeinem Gefühle übermannt, ließ er das Pa⸗ pier aus ſeinen Händen gleiten.„So iſt es denn mehr als zu wahr, Mathilde! O, welch' ſchreckliche bittere Wahrheit!“ rief er aus und eine Thräne rollte über ſeine Wange. „Wäre es nun nicht beſſer geweſen, ich hätte ge⸗ ſchwiegen,“ ſagte von Hunter,„aber Du haſt mich ge⸗ zwungen, Dir ein Geheimniß zu offenbaren, das Dein Glück, Deine Zukunft vernichtete.“ —— — XI. Auguſt und Mathilde. Der Herr, welcher am folgenden Tage ſein neues Tilbury, beſpannt mit einem herrlichen Pferd, vor dem Hoôtel des Pays-Bas in der Doelenſtraat anhielt, in welchem Hotel der Kolonel van Bergen ſeine Woh⸗ nung genommen— war der Herr Woeſtbergen, der auch ſogleich bei dem Kolonel vorgelaſſen wurde und mit ſeiner gewöhnlichen Manier in das Zimmer ſtürmte. „Mon cher colonel!“ rief er,„grâce au ciel, daß Sie wieder wohlbehalten ins Vaterland zurückge⸗ kehrt ſind. Kaum hatte ich dieſen Morgen Ihren Brief empfangen, als ich ausrief: J'aime à revoir mon cher colonel! mein Tilbury anſpannen ließ, ich habe ein neues vor vierzehn Tagen gekauft, Sie werden ſich noch erinnern, mein voriges war grün mit blau, die⸗ ſes habe ich aber braun malen laſſen und die Verzie⸗ rungen mit Grau, ich finde, es ſieht beſſer aus; auch habe ich ein neues Geſchirr mit chineſiſch kupfernem Beſchläge, ich finde das nobler als das Silberplatirte, es wird ſo allgemein, nur die Doktoren haben es noch an ihren Geſchirren; auch habe ich eine Patentachſe an mein Tilbury machen laſſen, es iſt beſſer, obwohl et⸗ was theurer, denn dies Tilbury koſtet mich, das Eine in das Andere gerechnet, vierundachtzig Gulden mehr als mein früheres, und das— aber was wollte ich nur ſagen— ich ließ augenblicklich mein Tilbury ein⸗ ſpannen et me voici!“ Der Kolonel unterbrach mit einem wohlmeinenden Händedruck den Wortfluß, womit Robert Woeſtbergen ihn überfallen hatte. „In der That, Kolonel,“ ſuhr Robert fort,„wenn ich noch daran denke, wie geheimnißvoll Sie vor vier Jahren verſchwunden ſind, sans dire adieu, wenig⸗ ſtens nicht bei mir, dann...“ „Wahrhaftig, ich geſtehe meine Schuld, Herr Woeſt⸗ bergen, aber Dinge von größter Wichtigkeit riefen mich ohne Aufſchub nach Oſtindien zurück... „Ich verzeihe Ihnen nicht, Kolonel, bis Sie mir verſprechen, dieſen Mittag mein Gaſt zu ſein, Sie dürfen es nicht ausſchlagen, on a compté sur vous, wir werden en famille diniren; ich hatte zuerſt viel dagegen, mußte aber endlich nachgeben, beſonders da meine Schweſter, die Baronin, darauf beſtand, keine Gäſte einzuladen, und nun keine excuses! Sie fahren mit mir, zuerſt in die Doctrina und dann nach Hauſe, wo man Sie mit Sehnſucht erwartet. Sie hätten ſehen ſollen, wie das Billet, worin Sie uns Ihre Ankunft mittheilten, Alles in Aufruhr brachte, und ich mußte augenblicklich herfahren, um Sie willkommen zu heißen, und Sie zum Diner einzuladen; meine Schweſter, die Baronin, gönnte mir kaum Zeit, mich ordentlich an⸗ zukleiden, vous serez le bien-venu!“ Van Bergen überlegte lange, ehe er die Einladung annahm. Und doch konnte er nicht widerſtehen; ein unbezwingbares Verlangen, die Baronin wiederzuſehen, bemächtigte ſich ſeiner und überdies hatte die Nacht, die auf das Geſpräch mit dem Baron von Hunter ge⸗ folgt war, ihm, was er von der Baronin gehört hatte, in weniger ungünſtigem Lichte erſcheinen laſſen.„Wer bin ich,“ ſo hatte er, ruhelos auf ſeinem Bette liegend, zu ſich ſelbſt geſagt,„wie viele Schande klebt nicht an mir? Bin ich ſo rein, daß ich das Recht habe, mit Verachtung auf ſie herabzuſehen, die ſich nur einen jugendlichen Fehltritt zu verweiſen hat?“ Dann war ihm ihr Bild im Traume erſchienen, da hatte er ſie geſehen mit ihrem Kinde auf dem Schooße, ſchöner als Rafael und Rubens die Madonna malen konnten; und als er erwachte und die leuchtende Sonne auch die düſteren Bilder der Nacht vertrieben hatte, beſchloß er, 125 zuerſt zu unterſuchen, ehe er die ſchöne Sünderin ver⸗ dammte. Welch' ſchöne Gelegenheit bot ſich ihm jetzt! Er ſollte Mathilde im häuslichen Kreiſe ſehen und ſie da beobachten können.„Darum nicht länger gezögert,“ dachte er,„und die Einladung von Woeſtbergen ange⸗ nommen.“ Unterſtützt von dem treuen Hendrik, war der Ko⸗ lonel bald angekleidet; es war aber Robert einigermaßen unangenehm, obgleich er es nicht zu erkennen gab, daß ihn der Kolonel in bürgerlicher Kleidung begleitete, da nun Niemand ſehen konnte, daß es ein Kolonel ſei, der mit ihm fuhr. 2 „Ein herrliches Pferd!“ ſagte van Bergen, während ſie ſchnell wie der Wind davonfuhren. „Das will ich glauben, Kolonel, ich darf wahr⸗ lich Niemand ſagen, wieviel es mich koſtet, und ver⸗ gangene Woche bot mir Jemand ein Anderes an, das dem meinigen glich wie ein Tropfen Waſſer dem andern. Dieſelbe Größe, dieſelbe Farbe, es wäre ein brillantes Zweigeſpann geweſen, und ich kann Ihnen ſagen, daß es mich ſchmerzt, es nicht kaufen zu können, denn ich hatte ein kleines Unglück und darum muß ich dieſes Jahr etwas haushälteriſch ſein. Ja, das will ich Ihnen einmal erzählen,“ fuhr Robert fort,„es iſt ein ſeltner Fall: ich hatte für meine Frau ein Armband mit Ju⸗ welen gekauft, womit ich ſie an ihrem Geburtstage überraſchen wollte. Das Armband lag in einem Schäch⸗ telchen auf meinem Zimmer und dieſes befand ſich am Tage zuvor noch an ſeinem Orte, am folgenden Mor⸗ gen war es weg und ich habe nie etwas mehr davon geſehen.“ 3 „Das Armband war alſo geſtohlen?“ „Ohne Zweifel.“ „Und Sie können auch nicht ahnen, wer der Thä⸗ ter ſeid kan „Durchaus nicht, ich weiß auch nicht, wen ich im Verdachte haben ſollte, Niemand war bei mir, als der Baron von Hunter, welchem ich das Geſchenk zeigte, und Sie wiſſen, dieſer iſt über allen Verdacht erhaben; die Dienſtboten haben ohne Zweifel den Thäter in ihrer Mitte; Kolonel, die Dienſtboten, wo ſie Jemand be⸗ trügen können, thun ſie es.“ 3 Inzwiſchen waren ſie in die Doctrina gekommen und nachdem ſie hier einige Augenblicke verweilt hatten, fuhren ſie nach Roberts Wohnung auf der Heerengracht. Mathilde erröthete unwillkührlich, als der Kolonel eintrat und auch er wandte voll Verwunderung ſein Auge auf die ſchöne Wittwe. Die Worte, die er ſprach, „ermangelten des gewohnten Zuſammenhangs; wenn die Seele von Gefühl überfließt, verweigert die Zunge oft den Dienſt; er wußte ſelbſt nicht, was er ſagte, als die Baronin ihn willkommen hieß. Ihre Stimme bebte, als ſie ihn anſprach, und ſie drückte ſich in Worten aus, die, wäre ſie weniger bewegt geweſen, ihr gewiß nie in den Mund gekommen wären. Der Kolonel mußte von ſeiner Reiſe erzählen und neugierig horchte ſie auf jedes Wort. Die Mahlzeit war herrlich und doch herrſchte nicht der fröhliche Ton, den man an einem Tiſche hätte er⸗ warten ſollen, wo die Gäſte freilich ſehr verſchieden fühlten, aber einander ſo bekannt waren, wie Woeſt⸗ bergen, Mathilde und der Kolonel. Letzterer kämpfte einen ſchweren Kampf in ſeinem Innern. Wenn er ſich der Worte des Barons erinnerte und der Liebloſigkeit gedachte, mit der ſie den Vater ihres Kindes behan⸗ delte, dann ſagte ihm eine innere Stimme: die Frau iſt Deiner nicht würdig; aber wenn ſie ihre Augen aufſchlug und ſein Blick dem JIhren begegnete, wenn er das Engelsgeſicht anſah, dann ſchwieg die innere Stimme wieder und Mathilde war wieder fleckenlos und rein. Als die Mahlzeit vorüber und die Damen ſich entfernt hatten, ſagte Woeſtbergen:„Ich meine, gehört zu haben, Kolonel, daß Sie ein Liebhader von —— 127 Gemälden ſind und eine Sammlung beſitzen, die ganz exquiſit iſt.“ „Mein Kabinet iſt nicht des Nennens werth,“ ant⸗ wortete van Bergen,„einige Stücke von guten alten Weißetſ und ein paar von jungen Malern, das iſt es.“ „Ich bin auch Kunſtliebhaber,“ fuhr Woeſtbergen fort;„ich beſitze ein Kabinet, das mich ein artig Sümm⸗ chen gekoſtet hat, aber ich darf auch ſagen, daß es gut iſt. Wollen Sie es mal ſehen?“ „Gerne!“ ſagte der Kolonel und Woeſtbergen ge⸗ leitete ihn in den zweiten Stock, welcher der Kunſt ge⸗ widmet war. „Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie einen Augen⸗ blick allein laſſen muß,“ ſprach der Kunſtliebhaber,„in dem andern Zimmer hängen die alten Meiſter,“ und nach einigen Complimenten ließ er den Kolonel allein. Die Sammlung der Bilder war, wie die aller ſogenannten Liebhaber, welche bei dem Ankaufe ohne Kunſtgefühl und Geſchmack zu Werke gehen und nur darum eine Gallerie zuſammen ſtellen, weil es zum Bonton gehört. Der Kolonel, ſelbſt ein nicht unverdienſtlicher Ma⸗ ler, war ein Kunſtkenner im vollſten Sinne des Worts. Er fand darum wenig Gefallen an den elenden Ko⸗ pieen, welche Woeſtbergen für Originale gekauft hatte. Neugierig, die Originale der alten Meiſter zu ſehen, von denen ſein Wirth geſprochen, öffnete er die Thüre des Seitenzimmers und das Erſte, was er bei ſeinem Eintreten ſah, war Mathilde, die mit der Kopie eines Blumenſtückes beſchäftigt war. War es Zufall, daß ſie ſich hier befand oder hatte ſie die Gelegenheit geſucht, Auguſt ohne Zeugen zu ſprechen? Das ſind Verborgenheiten des Herzens, in die wir nicht dringen wollen. Genug, Mathilde war da, und aus der Verwirrung, von der jede ihrer Be⸗ wegungen zeugte, aus der Farbe ihres Geſichtes, hätte 128 man beinahe ſchließen können, die Erſcheinung des Ko⸗ lonel komme ihr ganz unerwartet. „Ich glaubte, Sie ſeien ſchon längſt mit Robert ausgefahren,“ ſagte ſie,„wenigſtens glaube ich gehört zu Haben, daß Sie ſeinem Vorſchlag Ihre Zuſtim mung gaben.“ „Woeſtbergen hat noch Einiges zu thun, ehe wir ausfahren.“ „Und er läßt Sie allein, wahrlich ein geringer Be⸗ weis von der Lebensart meines Bruders und ich bitte Sie deßhalb um Entſchuldigung.“ „„O, er hat mir dadurch einen Dienſt erwieſen, für den ich ihm nicht genug danken kann, indem er mir nämlich Gelegenheit verſchaffte, mich einige Augen⸗ blicke mit der gnädigen Frau ohne Zeugen unterhalten zu können,“ ſagte der Kolonel, und nachdem er ſich um⸗ geſehen hatte, um ſich zu überzeugen, daß er wirklich allein war, fuhr er mit bewegter Stimme ſort:„ich bin Ihnen, gnädige Frau, zu großem Dank verpflich⸗ tet, die edelmüthige Weiſe, wie Sie die unangenehme Angelegenheit zwiſchen mir und Adam Smith.. „Kein Wort davon, Herr Kolonel,“ ſagte Ma⸗ thilde.„Kein einzig Wort, Sie kennen die Triebfeder meiner Handlung nicht, wenn Sie ſie kennen würden, mein Herr, würden Sie meinen Edelmuth weniger rühmen.“ „Gnädige Frau!“ rief der Kolonel ſich getäuſcht glaubend,„ich hatte mir geſchmeichelt, daß vielleicht Intereſſe... Plötzlich ſchwieg er; es ſchien, als ob die Fort⸗ ſetzung ſeiner Rede abſichtlich von ihm zurück gehalten würde, ſchnell aber begann er wieder: „Ich muß Ihnen danken, gnädige Frau, für die Mittel, die Sie ergriffen, mich von der Reiſe nach Oſtindien zurück zu halten, und beſonders für Ihren Brief, den ich in Batavia erhielt, welcher eine Hoff⸗. nung in mir erweckte, deren Zernichtung mich zu dem — 129 Unglückſeligſten aller Menſchen machen würde. So hald ich konnte, ſchiffte ich mich ein, um im Vater⸗ lande aus Ihrem eigenen Munde zu hören, ob die Er⸗ wartung, welche Ihr Schreiben bei mir rege machte, je erfüllt werden ſoll. Sie können ſich nicht vorſtellen, gnädige Frau,“ fuhr er immer muthiger werdend fort, „welch' himmliſcher Gedanke es für mich war, als ich den Fuß ans Land ſetzte, ſie wieder zu ſehen, die im⸗ mer der Vorwurf war, mit dem ſich meine Phantaſie beſchäftigte, die mir eine ſo ſelige Zukunft bereitet hatte. Offenherzig und ohne Zurückhaltung ſchrieb ich Ihnen in der letzten Nacht vor meiner Abreiſe den Brief, in welchem ich Ihnen die Erzählung meines Schickſals gab. Alles wiſſen Sie und dennoch haben Sie ſich herabgelaſſen, Intereſſe für mich zu zeigen. O gnädige Frau, daß Ihr Mund jetzt beſtätige, was Ihre Hand mir ſchrieb!“ „Stehen Sie auf, Auguſt,“ ſagte Mathilde, denn der Kolonel hatte ſchon das Knie gebeugt, während er in der Begeiſterung die Hand der Wittwe an ſeine Lippen drückte.„Was ich Ihnen ſchrieb, war wohlge⸗ meint, Reue und ein reines Leben haben Ihr früheres Leben wieder gut gemacht. Die Offenherzigkeit, mit der Sie mir Alles eröffneten, hat mich Sie als edlen Mann kennen lernen laſſen, und als ſolchen verehre ich Sie.“ „Sie wiſſen, wer ich bin, Mathilde! Sie wiſſen, daß ich einmal um Ihre Hand buhlte, und daß Sie damals meine Bitte nicht ganz abſchlugen. Mathilde, würden Sie mich erhören, wenn ich meine Bitte wie⸗ derholte?“ Mathilde bedeckte ihr ſchönes Antlitz mit dem ſchnee⸗ weißen Tuche, das ſie in der Hand hielt; die Gemüths⸗ bewegungen, die ſie beſtürmten, hatten Thränen in ihre Augen gelockt und die Augen waren das Weinen nicht ungewöhnt. Amſterdams Geheimniſſe. II. 9 130 „Geben Sie mir Zeit, Auguſt, um reiflich zu er⸗ wägen... um einen guten Entſchluß zu faſſen.. um.. Sie verſtehen mich! dringen Sie nicht auf Antwort, ich bin zu ſehr angegriffen, Auguſt... in drei Tagen will ich Ihnen meinen Entſchluß ſagen...“ „Mein Glück oder Unglück iſt in Ihrer Hand, Mathilde! Seien Sie edelmüthig und bedenken Sie, daß ein Wort von Ihnen mich auf die Spitze des Glücks führen oder in das tiefſte Elend ſtürzen kann.“ „Ihr Glück wird mir ſtets theuer ſein.“ „Mathilde! Engel...!“ Er drückte einen feurigen Kuß auf die Lippen, welche die ſchönen Worte geſpro⸗ chen und halblaut wiederholte der Kolonel:„Ihr Glück wird mir ſtets theuer ſein!“ „Auguſt, daß nie Jemand etwas von dieſer Zu⸗ ſammenkunft erfahre,“ ſagte die Baronin;„was hier vorgefallen, bleibe ein Geheimniß, beſonders vor dem Baron von Hunter.“ Der Befehl traf Auguſt und der Argwohn, den die Liebe ſo lange unterdrückt, erhob wieder ſeine laute Stimme.„Warum nannte ſie gerade den Baron von Pnniee dachte er,„ſo iſt es doch wahr, was er agte.“ „Warum gerade dem Baron von Hunter?“ fragte van Bergen, die ſchöne Wittwe feſt anſehend,.. „Weil ich ihn beſſer kenne, als Sie vermuthen,“ gab ſie ihm ohne zu erröthen zur Antwort. Er wollte mehr fragen, doch das Erſcheinen Woeſt⸗ bergens hinderte ihn daran. .„Schön, nicht wahr,“ rief der Hereintretende,„das iſt ein ächter van der Velden, und dieſe zwei ſind von Franz von Mieris und dieß kleine iſt ein ächter Dujar⸗ din,“ ſagte er, auf die Bilder zeigend, die an der Wand hingen.„Wirklich, ich ſehe Ihnen an, daß Sie ganz hingeriſſen ſind.“ „Sie ſprechen die Wahrheit,“ ſagte der Kolonel,. 131 „und wer ſollte auch bei ſo viel Schönheit kalt und gleichgültig bleiben?“ fügte er hinzu, während er einen Blick auf die Baronin warf. XII. Wie tief er geſunken war. Guſtav legte ſchon frühzeitig am andern Morgen einen Beſuch bei dem Kolonel van Bergen ab. „Du warſt geſtern bei Robert,“ ſo begann er, und natürlich haſt Du Mathilde geſehen und.. „Ja, Guſtav,“ fiel der Kolonel ein,„und wenn Du mich nicht ihres Vergehens verſichert hätteſt, würde ich es nicht geglaubt haben; erzähl' mir aber noch ei mal die Art, wie das Kind verſchwunden iſt.“ Guſtav entſprach ſeiner Bitte und theilte dem Ko⸗ lonel den einen und andern Umſtand mit. „Und was iſt Dein Plan, Auguſt?“ „Frage mich jetzt nichts, Guſtav, in drei Tagen ſollſt Du Alles erfahren..“. „ Ich will mich nicht in Deine Geheimniſſe ein⸗ drängen.“ „ Aber Du weißt es, Guſtav, daß ich vor Dir keine Geheimniſſe habe; in drei Tagen, ich wiederhole es, ſollſt Du Alles erfahren.“ „Auch ich habe Dir etwas mitzutheilen, Auguſt. Ich will eine gänzliche Veränderung mit meinem Le⸗ ben vornehmen. Die Unthätigkeit, in der ich jetzt lebe, fängt an, mich zu langweilen; ich verlange nach Beſchäftigung, das Leben, das ich jetzt führe, paßt weder zu meinen Jahren noch zu der Luſt an der Ar⸗ beit, die mich jetzt beſeelt. Ich habe, wie Du vielleicht ſchon weißt, durch ein Erbe einiges Vermögen bekom⸗ * 132 men und damit will ich in mein Vaterland Deutſchland zurückkehren. Die Laudwirthſchaft war ſtets mein Lieb⸗ lingsſtudium; ich will ſie praktiſch üben und ſo durch Thä⸗ tigkeit meine letzten Tage nützlich verbringen. Ich hoffe, daß es mich für frühere Täuſchungen entſchädigen wird.“ „Wirklich, ich habe noch nie etwas von der Erbſchaft gehört,“ ſagte der Kolonel,„und gewiß, die vorge⸗ nommene Veränderung macht mir viel Vergnügen. Wenn Du Dich in Deinem Vaterlande niedergelaſſen, hoffe ich Dich da zu beſuchen und Zeuge Deines Glü⸗ ckes ſein zu können. Und gedenkſt Du bald fortzuzie⸗ hen?“ fragte der Kolonel weiter. „Darüber bin ich mit mir ſelbſt noch nicht eins,“ antwortete von Hunter,„meine Papiere ſind in Ord⸗ nung und ich kann gehen, wann ich will.“ „Woeſtbergen hat mich erſucht, einige Tage auf ſeinem Landgute zuzubringen, und heute wird er gegen Zwölf mit ſeinem Wagen mich abholen,“ ſagte Auguſt van Bergen, während er auf die Uhr ſah. „Und wird Mathilde ihren Bruder begleiten?“ „Nein, die Baronin bleibt in der Stadt.“ „Die Sachen ſtehen gut!“ murmelte der Baron. „Nun Auguſt, der Wagen Woeſtbergens wird bald da ſein, à revoir!“ Der Baron von Hunter verließ das Hotel des Pays-Bas, und nachdem er ſich gehörig angekleidet, ließ er den Wagen vorfahren und eilte nach der Woh⸗ nung Woeſtbergens, wo er Mathilde allein zu treffen ſicher war. Ein Billet, das er wenige Augendlicke zuvor an die reiche Wittwe geſendet hatte, verſchaffte ihm Zugang. „Gnädige Frau,“ ſagte er, höflich aber kalt ſich vor der ſchtznen Frau verbeugend, ich ſchätze mich glücklich, vorgelaſſen worden zu ſein. Ich glaube nicht, zu viel von Ihrer Güte zu fordern, wenn ich Sie bitte, von der Sache zu ſchweigen, die vor vier Jahren zwi⸗ ſchen Ihnen und mir vorfiel, beſonders in Beziehung 4 — 13³3 auf den Auftrag, den Sie mir gegeben. Ich hatte gute Gründe, den Kolonel van Bergen nicht von ſeiner Zu⸗ rückkehr nach Oſtindien abzuhalten. Jetzt, da der Ko⸗ lonel auf Ihre Einladung hin wieder nach Holland gekommen, iſt mein Plan mißglückt, und darum will ich nicht mehr daran denken. Die Gründe meines Hie⸗ herkommes, gnädige Frau, betreffen einige Geldver⸗ hältniſſe, die ich, Dank ſei dem Himmel, jetzt abzu⸗ machen im Stande bin.“ „Wohin zielen Sie... Herr Baron?“ fragte Ma⸗ thilde, den Baron verwundert anſehend. „Ich ziele auf die Zurückgabe der Gelder, welche Sie mir vorgeſchoſſen haben, um das Verhältniß zwi⸗ ſchen mir und Adam Smith aufzuheben, und die Summe, welche ich von Ihnen empfing, als Sie mich erſuchten, den Kolonel van Bergen aufzuſuchen. Ueberdieß möchte ich den Betrag des Wechſels von Wilſon, den Sie für mich bezahlten, zurückgeben. Haben Sie darum die Güte, gnädige Frau, mir zu ſagen, was ich Ihnen ſchuldig bin, und ich werde es Ihnen mit Dank zurück⸗ geben. Ich zweifle auch daran nicht, daß Sie mir die Pa⸗ piere geben werden, welche den falſchen Wechſel beireffen, der von mir und dem Kolonel van Bergen ausgefer⸗ tigt worden, und welchen Adam Smith Ihnen übergab.“ „Alles, was Herr Smith mir übergab, habe ich ſchon ſeit langer Zeit vernichtet,“ ſagte Mathilde.„Ich dachte, wenn der Tod mich überraſchen ſollte, und man nach meinem Ableben die genannten Papiere fände, würde es Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten können, wenigſtens Andre mit Ihrem Vergehen bekannt machen, und ich zweifle nicht, Herr Baron, Sie werden mir dafür Dank wiſſen.“ „Gewiß, gnädige Frau, wenn ich überzeugt ſein könnte, daß Ihnen Intereſſe für mich ſo zu handeln ge⸗ bot; allein da der Kolonel van Bergen mein Mitſchul⸗ diger iſt und das Zeugniß ſeines Vergehens nicht ohne das meinige vernichtet werden konnte, ſo müßte ich 134 heucheln, wenn ich Ihnen Dank wüßte, für eine That, die, wie es mir erſcheint, nur um ſeinetwillen geſchah. Zugleich muß ich Ihnen mein Bedauern äußern, daß die Papiere nicht mehr beſtehen, da es mir die Mög⸗ lichkeit nimmt, ſie ſelbſt zu vernichten.“ „Sie trauen mir alſo nicht,“ ſagte Mathilde er⸗ röthend.„Sie zweifeln alſo... „O, durchaus nicht, es wäre Thorheit, denn der Kolonel war ja mitſchuldig, und darum müſſen die Papiere vernichtet ſein. Doch zur Sache, gnädige Frau, wie viel beträgt die Summe, die Sie an mich zu for⸗ dern haben?"“¹⁰) „Baron von Hunter,“ ſagte Mathilde mit Würde, „ich weiß, daß Sie nicht reich ſind.“ „Gnädige Fraul...“ „Laſſen Sie mich ausreden; ein Gefühl würdigen Stolzes drängt Sie jetzt, wie große Opfer es Sie auch koſten mag, das Geld, das Sie mir ſchuldig zu ſein glauben, zurückzugeben; ich kenne Sie, Baron von Hunter, und ich weiß, daß dieß die Triebfeder iſt, die Sie jetzt zu mir führt, doch ich bin nicht im Stande, Ihrem Geſuche zu entſprechen; ich trug von allen die⸗ ſen Ausgaben nie Rechnung und deßhalb..“ „Können Sie den Betrag mir nicht angeben,“ fügte Guſtav hinzu,„ſo will ich doch keine Verpflichtung ge⸗ gen Sie haben, laſſen Sie mich darum die Summe berechnen, welche ich ſchuldig bin. Mein Wechſel auf Wilſon und Blaauveld betrug tauſend Pfund, zwölf⸗ tauſend Gulden; Sie bezahlten an Adam Smith fünf und zwanzig tauſend Gulden und das Portefeuille, das ich von Ihnen empfing, enthielt zwölftauſend Gulden in Banknoten, die ganze Summe iſt demnach 38,000 Fl. Wenn etwas fehlt, ſo belieben Sie es mir zu ſagen, gnädige Frau, und mir zugleich die Zeit mitzutheilen, wann Sie über die Gelder verfügen wollen.“ Mathilde ſchwieg einige Augenblicke, ehe ſie em Baron antworiete und ſagte dann in einem Tone, den ſie ſo beleidigend, als möglich zu halten ſuchte: „Baron von Hunter, Sie wiſſen, daß ich reich bin und dies Geld mir darum von geringer Bedeutung ſein muß. Wenn Sie jetzt im Stande ſind, mir die Summe zu bezahlen, ohne daß es Sie inkommodirt, ſo werde ich immer zum Empfange bereit ſein; ſollte dies aber nicht der Fall ſein, ſo verwickeln Sie ſich nicht in Un⸗ annehmlichkeiten, um mir etwas zurückzugeben, was ich nur ſehr ungerne annehme... von Hunter, ſeien Sie aufrichtig gegen mich, wie ich es immer gegen Sie war „Ich kenne meine Pflicht, gnädige Frau!“ ſagte der Baron mit Würde, die den Meiſter in der Ver⸗ ſtellung zeigte;„Mathilden verpflichtet zu ſein, der Mutter meines Kindes, hat nichts Drückendes für mich, aber die Verpflichtung gegen die Gattin des Kolonel van Bergen iſt zu erniedrigend, als daß ich dieſelbe, und müßte ich auch wirklich ein Opfer dafür bringen, tragen könnte.“ 4 „Die Gattin des Kolonel van Bergen.. aber wer ſagt Ihnen...“ „O, gnädige Frau, Sie ſind durchaus Herrin Ih⸗ rer Thaten; laſſen Sie uns jetzt nicht Scenen erneuern, die mehr, als zu oft, zwiſchen uns vorfielen. Es iſt ie letzte Unterredung, die ich mit Ihnen haben werde. Das Geld werde ich Ihnen im Laufe des nächſten Mo⸗ nates übermachen. Alles, was in meinem Vermögen iſt, werve ich anwenden, um meinem Eduard auf die Spur zu kommen, da ich ſehe, daß die Sorge jetzt ganz auf mir ruht. Vor den Augen der Welt werden Sie die Baronin Wittwe van Delden van Ransbergen ſein, und vor einer Zuſammenkunſt mit mir brauchen Sie ſich nicht zu fürchten, Alles iſt zwiſchen uns auf immer zu Ende. So bald als möglich kehre ich in mein Va⸗ terland zurück, um da ſtille und vergeſſen meine Tage 136 zu beſchließen. Eine Bitte habe ich noch an Sie, es iſt die letzte, Sie werden mir ſie nicht abſchlagen.“ „Sprechen Sie,“ ſagte Mathilde, merklich ange⸗ griffen,„und wenn es mir nur irgend möglich, werde ich ſie erfüllen.“ „Sie erinnern ſich noch, daß es eine Zeit gab, in der wir einander aufrichtig liebten, daß ich Ihnen da⸗ mals einen Ring gab, den ich gewöhnlich trug, und ich dafür einen von Ihnen empfing. Dieſen Ring ſehe ich nicht mehr an Ihrer Hand, auch find Jahre ver⸗ laufen, ſeit wir ſie gewechſelt, und Vieles hat ſich ſeit⸗ dem verändert. Hier, gnädige Frau, iſt Ihr Ring zu⸗ rück, Alles iſt zwiſchen uns aufgehoben, für immer zer⸗ nichtet... geben Sie mir den meinen...“ „Vergeben Sie mir, daß ich Sie einige Augen⸗ blicke allein laſſe,“ ſagte Mathilde,„ich will Ihnen den Ring wiedergeben und.. Es war ihr unmöglich mehr zu ſprechen. Die Gemüthsbewegung nahm ihr die Worte von der Zunge. Langſam verließ ſie das Zimmer. Der Baron hatte ſich nicht betrogen; er wußte, daß der Ring von Ma⸗ thilden in ihrer Juwelenſchatulle aufbewahrt war, und daß ſie dieſe in ihrem Schlafzimmer ſtehen hatte, ſo daß ſie, um ſeiner Bitte zu entſprechen, das Zimmer verlaſſen mußte. Deßhalb allein hatte er Gelegenheit geſucht, Ma⸗ thilde zu ſprechen; die Zurückgabe des Geldes war nur ein Vorwand, denn es wäre ihm ganz unmöglich ge⸗ weſen, das Geld zurückzugeben.— In der Ecke des Zimmers ſtand eine eiſerne Geld⸗ kiſte, doch ſo zierlich gemacht und kunſtvoll gemalt, daß ſie ganz wie ein anderes Möbel ausſah. Guſtav kannte die Kiſte ſehr gut, da ſie dem Kauf⸗ mann Woeſtbergen, Mathildens Vater, gehört hatte. Kaum hatte die Baronin das Zimmer verlaſſen, als Guſtav zu der Kiſte ging und durch einen Druck an einen der Füße, auf denen die Kiſte ruhte, das Plätt⸗ 137 chen vor dem Schlüſſelloche zur Seite ſpringen machte. Schnell drückte er ein Stück Wachs, das er in der Hand gehalten hatte, um es weich zu machen, in das Loch, nachdem er es zuvor naß gemacht, wie Bram verlangte, und bekam ſo einen ſaubern Abdruck von dem Schloß. Um ſicher zu ſein, machte er noch einen Abdruck und 5 verwahrte die beiden. Darauf ließ er das Plättchen wieder vor das Loch ſpringen, warf ſich in einer ern⸗ ſten Haltung auf das Sopha nieder und harrte der Zu⸗ rückkunft Mathildens. Geraume Zeit wartete er ſo und als ſie endlich ins Zimmer trat, verriethen die rothgeweinten Augen, daß die Mutter von Guſtavs Kind ihren Thränen den freien Lauf gelaſſen hatte. „Hier, mein Herr, Ihren Ring,“ ſagte ſie, ihm das einfache Kleinod einhändigend.„Leben Sie wohl, möge Ihnen das Glück immer blühen und ſeien Sie verſichert, daß Sie ſtets Hülfe und Beiſtand bei der finden, welche dies Kleinod einſt aus Ihren Händen empfing.“ XIII. ℳ 3 Liebe und Pflicht. 7 Gibt es etwas, das mehr an unſerer Geſundheit zehrt, den Glanz der Augen mehr dämpft und die Nöthe von den Wangen nimmt, als Seelenleiden und Seelenſchmerz? Ihr hättet ſie nur ſehen dürfen, um Euch von der Wabrheit zu überzeugen, ſie, die ſchöne Wittwe, die in Reichthum und Ueberfluß lebte, die über Vieles gebieten konnte und doch das Glück nicht kannte. Drei Tage und eben ſo viel Nächte, denn 138 des Nachts, wenn Alles um uns her ſchweigt und tiefe Stille herrſcht, erhebt ſich die innere Stimme,— drei Tage, ſagen wir, und eben ſo viele Nächte, hat⸗ ten eine ſchreckliche Veränderung auf Mathildens Ant⸗ litz hervorgebracht. Ihre Augen, ſonſt ſo glänzend wie Sterne am Himmel, hatten ſich dumpf und tief unter der Stirne geſenkt; die Farbe auf ihren Wangen war verſchwun⸗ den und ein ſchmerzlicher Zug um den Mund hatte das Lächeln verdrängt, das ihr ſo ſchön ſtand. Sie hatte viel gelitten und einen ſchweren bit⸗ tern Kampf gekämpft: einen Streit zwiſchen Liebe und Pflicht. Für die Frau wird es keinen ſchwereren Kampf geben. 7 Mathilde hatte einmal geliebt, feurig, mit aller weiblichen Gluth, wie ein Mädchen von ſechzehn Jah⸗ ren liebt, nun war ſie in ihrer Liebe betrogen und ge⸗ täuſcht! Darauf hatte ſie ihre Hand einem Manne geſchenkt, den ſie zwar hochachtete, aber keineswegs liebte. Die Zeit hatte ihr Achtung vor ihrem Gatten eingeflößt und als der Tod ihn von ihrer Seite rückte, hatte ſie ihn aufrichtig beweint, wie eine Tochter den verehrten Vater beweinen wird. Der Kolonel van Bergen hatte in Mathilden die Stimme der Liebe, die ſo lange in ihr geſchlummert, wieder geweckt, und der Mann, den ſie ſo ſehr achten und lieben gelernt, bot ihr nun Herz und Hand an. Aber ſollte ſie dieſes Anerbieten annehmen? War ſie nicht Mutter, und ſollte ſie es dem Manne ver⸗ ſchweigen, dem ſie ihre Liebe ſchenkte? War es kein Betrug, wenn ſie das that? Die Liebe flüſterte ihr ein:„ſchweige!“ aber das Pflichtgefühl widerſetzte ſich dem. Sollte ſie den Kolonel mit ihrem Vergehen be⸗ kannt machen? Nein! der ihr angeborene Stolz, ver⸗ bunden mit dem Ehrgefühl, duldete das nicht. Sie litt ſchwer! Die ſchlafloſen Nächte verzehrten ihre Kräfte, und 139 die weichen Dunen, auf denen ſie gelegen, ſie, die reiche Baronin, waren nicht im Stande, ihr wenige ruhige Momente zu verſchaffen, ſie den erquickenden Schlaf genießen zu laſſen, den ſie ſo lange entbehrte. Und die drei Tage, die ſie dem Baron Kolonel Aufchub ge⸗ geben, waren ihr ein unüberſteigbarer Berg. Verdop⸗ pelt, ja verzehnfacht ſchien ihr die Zeit. Endlich war der Augenblick da; ſie ſollte über ihr Schickſal einen Entſchluß faſſen; Auguſt van Ber⸗ gen ſollte ein Bekenntniß von ihren Lippen hören, das ihn wie ein Donnerſchlag treffen mußte. Der peinliche Gedanke, ihm durch ihr Bekenntniß Leiden zu verurſachen, vermehrte das ihre! Wie gerne hätte ſie die Worte zurück gehalten, die ihr Ehrgefühl ſie zu äußern nöthigte; aber der Würfel war gewor⸗ fen! Die Pflicht hatte über die Liebe geſiegt. „Der Kolonel van Bergen!“ meldete ein Bedien⸗ ter. Mathilde nickte kaum merkbar mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß ſie den Kolonel empfangen wollte, und dieſer trat ein. Mit freundlichem Lächeln empfing ſie ihn, den Mann ihres Herzens, als wollte ſie durch dieſes Lä⸗ cheln ihm den Schmerz vergüten, welchen ſie ihm ver⸗ urſachen mußte. Es herrſchte einige Augenblicke lang eine erzwun⸗ gene Stille, welche keines von Beiden abbrechen zu wollen ſchien. Der Kolonel begann das Geſpräch. „iner der wichtigſten Augenblicke meines Lebens, gnädige Frau, wenn nicht der wichtigſte, iſt jetzt er⸗ ſchienen, ein Augenblick, der über mein künftiges Glück oder Unglück entſcheiden ſoll. Noch nie fühlte ich mich ſo bewegt, wie jetzt, ſelbſt nicht, als ich Ihren Brief erhielt, der mich einlud, ins Vaterland zurückzukehren. Ohne Furcht zog ich ſtets dem Feinde entgegen und jetzt zittre ich, da ich hören ſoll, was Sie über mich be⸗ ſchloſſen haben!“ 140 „Kolonel van Bergen,“ ſagte Mathilde, ohne den Muth zu haben, ihn anzuſehen,„ich glaube, daß Ihre Neigung für mich rein und lauter iſt und ich geſtehe gerne, daß ich in Ihnen den Mann zu ſehen glaube, der meine Achtung verdient, und an den ich ohne Zö⸗ gern mein Schickſal knüpfen dürfte, mit einem Worte, einen Mann, in welchem ich das gefunden zu haben glaube, was ich in ihm ſuchte!“ „Mathilde!“ „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen,“ fuhr die Wittwe fort, ſehend, daß ihre Worte eine Hoffnung in ihm rege gemacht, die ſie nicht erfüllen konnte;„ich werde Ihnen nicht zu ſagen brauchen, daß die Anzahl derer, die um meine Hand angehalten, keineswegs ge⸗ ring iſt, aber ich glaubie von Keinem, daß er mich glücklich zu machen im Stande ſei. Die Meiſten woll⸗ ten mich heirathen, um in den Beſitz des Vermögens zu kommen, das mir der edle und achtungswürdige Baron van Delden van Ransbergen hinterlaſſen. Eben ſo leicht waren dieſe aufgegeben. Sie habe ich hoch⸗ achten, ja lieben lernen, und Ihnen ſagen zu müſſen, daß eine Heirath zwiſchen uns... unmöglich iſt... das ſchmerzt mich mehr, als ich zu ſagen im Stande bin.“ „Um Gotteswillen, gnädige Frau.. Mathilde!“ rief der Kolonel,„widerrufen Sie die Worte, wider⸗ rufen Sie den ſchrecklichen Entſchluß!“ „Nie, Kolonel, nie! Nicht übereilt habe ich ihn gefaßt. Gott iſt Zeuge, wie viel Mühe es mich ko⸗ ſtete, wie heftig ich mit meinem eigenen Gefühle zu kämpfen hatte, ehe ich dazu kam.“ „Aber, entſchuldigen Sie meine Unbeſcheidenheit,“ rief der Kolonel,„was können die Gründe ſein, die mein Glück vernichten? Sie machten mir ſo ſchöne Hoffnungen, Sie öffneten mir eine ſo heitre Zukunft?2 „Sehen Sie meine Thränen,“ ſeufzte Mathilge, „und fragen Sie nicht mehr! Ich kann die Ihre nicht werden, der Himmel weiß, wie ſchwer mir dieſe Wei⸗ gerung fällt. Ich will Ihre Freundin, Ihre Schweſter ſein, Ihr Glück ſei ſtets das meine, Ihren Schmerz will ich theilen, aber nie iſt eine Heirath zwiſchen uns möglich!“ „Mathilde! wenn es Wahrheit iſt, daß Sie mich achten und lieben, warum dann ſo gehandelt und mir das vorenthalten, was mein größtes Glück, meine höchſte Seligkeit wäre!“ Mathilde antwortete nicht; ſie hatte ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckt und weinte laut, und als ſie ihre Hände herabſenkte und den Kolonel wehmüthig anſah, ſo wurde es auch ihm bang um das Herz und Thränen floſſen aus ſeinen Augen. „Mathilde,“ ſagte er endlich,„bin ich denn ein ſo großer Verbrecher, ſo unwürdig in Ihren Augen, daß eine Ehe zwiſchen Ihnen und mir unmöglich iſt? Haben vierzehn Jahre Reue meine früheren Handlun⸗ gen nicht vergeſſen machen können?’“ „Nein, nein, das iſt es nicht,“ rief Mathilde, aber ich kenne meine Pflicht und die Pflicht verbietet mir, die Ihre zu werden; fragen Sie mich nicht wei⸗ ter. Die Urſache, warum ich Ihre Hand ausſchlagen und das Glück verſtoßen muß, das Sie mir anbieten, iſt ein Geheimniß, das ich nicht entſchleiern will. Viel⸗ leicht in ſpäteren Jahren, wenn mein Leben zu Ende eilt, werde ich Ihnen Alles ſagen und dann, dann werden Sie mir danken, dann werden Sie ſehen, daß Renne, Pflicht, eine theure Pflicht, mich davon zurück⸗ ielt! In dieſem Augenblicke trat Auguſt die Erzählung Guſtaos wie ein Schreckbild vor den Geiſt. „So iſt es alſo wahr, was von Hunter mir ſagte ¹ ſprach er zu ſich,„und das Kind iſt es, was Mathilden hindert, mir ihre Hand zu ſchenken.“ Ein glücklicher Gedanke kam ihm in den Sinn. „Mathilde!“ ſagte er,„ich ehre Ihren Entſchluß, Ihre Weigerung erhebt Sie noch mehr in meinen Au⸗ gen. Ich vermuthe die Gründe, die Sie zu dieſer Handlungsweiſe zwingen...“ „Kolonel!“ „Sie betrauern den Verluſt eines Ihnen theuern Weſens, das... das... O ich weiß, gnädige Frau, was Sie betrauern.“ „Auguſt van Bergen,“ rief Mathilde mit einer Stimme, die den Kolonel erſchreckte,„Sie wiſſen...“ „ Alles, Mathilde, und von heute wer deich unaus⸗ geſetzt alle Mühe darauf vorwenden, Ihnen das theure Weſen zurück geben zu können und wenn Gott meine Nachforſchungen ſegnet, wenn ich Ihnen dasjenige zu⸗ rück gebe, was auch mir theuer geworden, weil Sie es lieben, dann werden Sie mir Ihre Hand nicht mehr verſagen, dann ſollen Sie die Meine werden.“ „Auguſt, um Gottes Willen!“ rief Mathilde, allein der Kolonel hatte ſich ſchon entfernt, und mit den Worten:„Ach, er weiß Alles!“ fiel ſie auf das Sopha nieder. XIV. Eine Abendgeſellſchaft bei Karel de Roos. — Wir haben den vormaligen Kommis bei Adam Smith geraume Zeit aus den Augen verloren. Wie van Zweeden Palm erzählte, hatte de Roos die ſchöne Wittwe geheirathet, mit welcher er, nach dem van Zweeden'ſchen Ausdrucke, in ſehr genauer Verbin⸗ dung geſtanden, und er war dadurch in den Beſitz eines nicht unanſehnlichen Vermögens gekommen. De Roos war aber nicht ſo glücklich, als man allgemein glaubte; ſeine Gattin, zehn Jahre älter als 1⁴43 er, war ſtolz auf ihren jugendlichen Gemahl, beſaß aber dabei ein großes Maß von Eiferſucht, ſo daß der gute Karel ſich beinahe nicht wenden noch drehen durfte, denn ſeine Ehehälfte, die wußte, daß es nicht gut, daß der Menſch alleine, folgte ihm überall hin und beobachtete neugierig alle ſeine Handlungen. Nach und nach hatte ſie ſich eine Herrſchaft über ihn verſchafft, der ſich de Roos unmöglich entziehen konnte, da er Anfangs durch ſeine Nachgiebigkeit ſich hatte die Zügel aus der Hand nehmen laſſen; es war dieß auch für ihn gewiſſermaßen gut, denn wenn Karel vollkommen Herr und Meiſter geweſen, hätte auch das Vermögen bald ein Ende gehabt. De Roos hielt ſich ſchon für ſehr glücklich, wenn ſie ihm erlaubte, öfters zu reiten und ſeine gewöhnli⸗ chen Beſuche in den Kaffeehäuſern und Geſellſchaften zu machen. Oft hatte er Plane gemacht, um das Vermögen, das er beſaß, zu vermehren durch Fabrikenerrichten und Handeltreiben, allein Madame de Roos, die ihren Gemahl ſehr gut kannte, wußte, daß ſie nicht zu viel auf ſeinen Fleiß rechnen konnte, und deßhalb das Fabrikenerrichten nur den Weg zur Armuth bahnen würde, ſuchte ihn davon abzubringen, und erlaubte ihm, ſich ein zehn Kühe auf die Weide zu thun, womit er ſich nach ſeiner Ausſage beſchäftigen wollte, da es eine der gewinnbringendſten Sachen war, welche man je unternehmen konnte. Der Gewinn, den dieſe Kühe einbrachten, beſtand nur in der Einbildung des ehemaligen Kommis, der, um zu zeigen, wie viel Luſt und Liebe er zu dieſer Be⸗ ſchäſtigung habe, regelmäßig zwei oder drei Male in der Woche in das Dorf ritt, wo die Kühe auf der Weide waren, und ſich damit begnügte, vor der Hecke zu halten und in gewichtiger Haltung zu ſagen:„Sie werden ſchön!“ worauf er im Galopp nach der Dorf⸗ herberge ritt, da auf das Gedeihen ſeiner Thiere viel — 144 Rheinwein trank, Jeden, der ihm nicht widerſprach, regalirte und ſich lange mit dem drallen Wirthsmäd⸗ chen unterhielt. Obgleich die Vortheile der Weide hauptſächlich darin beſtanden, daß er gewöhnlich bei dem Verkaufe der Kühe ein paar hundert Gulden verlor, drang Ma⸗ dame de Roos darauf, die Sache fortzuſetzen, um ihren Gatten von andern Unternehmungen abzuhalten. Karel hatte ſchon längſt auf eine günſtige Gelegen⸗ heit gewartet, um eine Herrengeſellſchaft zu geben, zu der er alle ſeine Freunde und Bekannte einladen wollte, und endlich wurde auch ſein Wunſch erfüllt. Madame de Roos wollte auf einige Tage eine Freundin beſu⸗ chen, die außerhalb der Stadt wohnte, und da die Freundin unverheirathet, jung und ausnehmend ſchön war, hatte ſie es für rathſam gehalten, ohne ihren Gatten zu gehen, was de Roos ſcheinbar übel nahm, im Innern aber ſich herzlich darüber freute, denn kaum war ſie fort gegangen, ſo fühlte er ſich frei wie der Vogel, der aus dem Käfig entflieht und die lange ent⸗ behrte Freiheit wieder athmet. Jetzt war die längſt erſehnte Gelegenheit da, um die Geſellſchaft zu geben. Vergnügt wie ein Schuljunge in der großen Vakanz, ritt er zu ſeinem Weinhändler, Koch und Zuckerbäcker. Auf dem Wege wurde ihm zweimal das Glück zu Theil, Adam Smith zu begegnen, denn es war die größte Freude für de Roos, wenn er ſeinen ehemgligen Pa⸗ tron traf, ſo laut als möglich zu rufen:„Guten Tag, Adam Smith!“ wiſſend, wie ungerne dieſer ſo ange⸗ redet wurde, oder die Furcht des Kommiſſtonärs ken⸗ nend, ſo hart als möglich an ihm vorbei zu reiten, oder war de Roos, was oft geſchah, etwas zu lange in Geſellſchaft geweſen, oder wenn er von der Beſich⸗ tigung ſeiner Kühe heim ritt, dann konnte Smith ver⸗ ſichert ſein, einen tüchtigen Schlag über den Hut oder Rücken zu bekommen mit dem freundlichen Gruße: „Bon jour, Adam Smith!“ Einmal, als der Kom⸗ 145 miſſionär dieſe ſo zu ſagen unſchuldige Artigkeit mit Scheltworten beautwortet, hielt de Roos ſein Pferd an, gab einigen Straͤßenjungen Geld und ſagte ihnen: „Bringt den Herrn nach Hauſe, er iſt betrunken,“ was zur Folge hatie, daß der ſo ſtolze und gravitätiſche Herr Remmers, bon gré mal gré, in ein Kaffeehaus ſprin⸗ gen mußte, um ſich von ſeinen Begleitern und der ihm ſolgenden Truppe los zu machen.— Den Tag, welchen er zu der Geſellſchaft beſtimmt hatte, brachte er keineswegs unthätig zu. Vom frühen Morgen ſchon war er beſchäftigt, die Zimmer zu ord⸗ nen, wobei er von zwei Aufwärtern aus dem Kaffee⸗ hauſe unterſtützt wurde, welches er am meiſten beſuchte. Ehe das wackere Kleeblatt es vermuthete, war es Abend geworden, aber Alles war zur gehörigen Zeit in ge⸗ höriger Ordnung. Die Lichter waren angezündet, Ka⸗ Sias Wirth bereit und um acht Uhr erſchienen die e. Zehn Freunde hatte de Roos eingeladen, und er ſchwedte in den Wolken der Freude, als er den Tabaks⸗ dampf die Zimmer erfüllen und das Licht der Lampen und Wachskerzen verdunkeln ſah, während in dieſem Dampfe die Eingeladenen ſich bewegten, lachten, ſcherz⸗ ten, prahlten und ſangen, worin ſie von dem Herrn des Hauſes auf würdige Weiſe unterſtützt wurden. Es waren lauter luſtige, junge, ledige Leute und Niemand würde in Karel de Roos den ſchon ſeit vier Jahren verheiratheten Mann erkannt haben. Das Geſpräch kam auf Theater, Pferde, ſchöne Mädchen und als man an der Tafel ſaß, geizte jeder um die Ehre, die meiſten Eroberungen bei dem ſchö⸗ nen Geſchlecht gemacht zu haben, obwohl die conquètes meiſtentheils eben ſo großartig waren, als der Ge⸗ winnſt von de Roos Kühen. Unter diejenigen, die am meiſten über den ſinnli⸗ chen Genuß und die Eroberungen, die ſie gemacht hat⸗ Amſterdams Geheimniſſe. II. 10 3 146 ten, ſprachen, gehörte ein junger Menſch von ungefähr zweiundzwanzig Jahren, deſſen Geßcht eine ungeſtörte G.ſundheit verrieth, was bei den übrigen Gäſten nicht der Fall war, und der mit einem gefälligen Aeußeren eine wohlgeformte hübſche Geſtalt vereinigte. Als der Wein die Wangen roth gefärbt und die Köpfe erhitzt hatte, war er der Erſte, der ein unſittliches Lied begann, das den allgemeinen Beifall der Tiſch⸗ genoſſen ſich erwarb, beſonders Karels, der mit ſeinem Meſſer ſo lange auf den vor ihm ſtehenden Kelch ſchlug, bis er in Stücken aus cinander flog. „Geſtern Abend kam ich aus dem franzöſiſchen —ᷓ Theater,“ begann einer,„da begegnete ich in der Kal⸗ verſtraat auf der Höhe der Kapel ein paar Mädchen, ſo ſchön, wie ich fie noch nie geſehen, beſonders die Kleinere, das war ein Engel, blonde Locken, einen hüb⸗ ſchen Mund und Augen, Augen...“ und damit trank er, wahrſcheinlich um auszudrücken, wie die Augen wa⸗ ren, ſein Glas leer. 75 „Und dann!“ riefen die Uebrigen, da der Sprecher u vergeſſen ſchien, daß er das Wort hatte, und blöde 18 das Lampenlicht ſah, ohne etwas zu ſagen. „Ja dann, das war's auch,“ fuhr er fort,„da war ich. Bon soir! ſagte ich, die Kleinere bei der Hand faſſend, bon soir mon ange! aber ſie gab keine Antwort und drückte ſich ſeſt an die Andere, und es ſchien, als ob das Mädchen Angſt vor mir hätte;„komm' mit,“ flüſterte die Längere, und zog die liebe Kleine mit den Worten:„Sei nicht kindiſch!“ mit ſich fort. Meine Herrn, ich bringe einen Toaſt aus: Das Wohl⸗ ſein der lieben kleinen Blondine!“ „Sie ſoll leben!“ riefen Alle wie aus einem Munde und leerten die Gläſer. „Und nun iſt die Geſchichte aus,“ rief der junge Mann, der das Lied geſungen. „Nein,“ gab der Erzähler zur Antwort,„ſie gingen fort und ich folgte ihnen; die Größere zog die Kleinere f. 2 147 mit ſich und ſo kamen ſie auf das Spui, wandten ſich um die Ecke der Handboogſtraat und traten in das Parterre des zweiten Hauſes von der Ecke an.“ „Hal! hal“ riefen Alle,„das Rendezvous!“ „Ja, und ich wollte folgen, allein ich bemerkte im ſelben Augenblick, daß ich kein Geld bei mir hatte und ich mußte von dem Abenteuer abſtehen.“ „Bah!“ rief der Sänger, den wir Francois heißen wollen,„bah, ich hätte mich wenig darum bekümmert, es muß ſolchen Mädchen genug ſein, daß man ihnen die Ehre anthut...“ „Er prahlt wie ein Geck,“ begann der Abenteurer wieder,„vielleicht denkt er, daß jedes Mädchen in ihn verliebt iſt, weil er noch keinen Bart hat.“ Dieſer Verweis ſchien Francois zu treffen und der Wirth, welcher bemerkte, daß Zwiſt entſtehen könnte, ſuchte ihm zuvorzukommen und wollte dem Geſpräch eine andere Wendung geben.„War ſie wirklich ſo ſchön, van Sell?“ frug er den Helden der Geſchichte. „Schön wie ein Engel,“ erklärte van Sell, und als fiele ihm plötzlich etwas ein, ſagte er:„Ich mache einen Vorſchlag, laßt uns Alle nach der Handboogſtraat gehen, ſo ein Spaziergang wird die Weingeiſter ver⸗ treiben und ihr könnt euch ſelbſt überzeugen, ob ich die Wahrheit geſprochen und ob es je ein ſchöneres Mäd⸗ chen gegeben als dieſe Blondine!“ „Angenommen!“ riefen einige Stimmen,„und dann kommen wir wieder hieher.“ „Ja, und bleiben bis morgen,“ ſprach van Sell, „bis zu Tagesanbruch. Ich werde bei meinem Stall⸗ meiſter einen Glaswagen beſtellen, um nach Soeſtdijk 5 fahren: um fünf Uhr muß er vorkommen. Wir chlafen in der Kutſche aus und kommen dann ganz friſch und in Ordnung in Soeſtdijk an, frühſtücken und bleiben den Tag da.“ „Schön, charmant!“ riefen die meiſten. Zwei von der Geſellſchaft aber, die am folgenden Tage Ge⸗ 148 ſchaſt⸗ hatten, erklärten, unmöglich Theil nehmen zu önnen. „Kommt!“ rief van Sell,„nun auf den Marſch, ich will im Vorbeigehen zu meinem Stallmeiſter, der Kerl liegt vielleicht ſchon im Bette, aber das tbut nichts, dann ſchellen wir ihn heraus; um fünf Uhr muß die Kutſche vorkommen und keine Minute früher.“ „Und ich will ſorgen, daß indeß etwas für euch bereit ſteht, um euch zu erfriſchen,“ ſagte de Roos, „beſonders für den Rheinwein werde ich beſorgt ſein.“ „Was, Du gehſt nicht mit?“ rief der Chor. 65 Nein, das geht nicht: ihr wißt, ich bin verhei⸗ rathet.“ „Bah! was verheirathet,“ rief van Sell,„da ſieht Niemand etwas dahinter. Karel, ſei nicht kindiſch und gehe mit, oder haſt Du Angſt, Deine Frau werde et⸗ was davon erfahren?“ „Nun, ſo will ich mit euch gehen und ein Glas Punſch trinken,“ ſagte der verheirathete Mann,„aber mit andern Dingen dürft ihr mir nicht kommen; ich bin verbeirathet und darum...“ „Nein, nein, das verſprechen wir Dir!“ riefen einige,„und nun auf die Reiſe, ſonſt ſchließt Mutter Dien ihr Haus.“ 1 Nachdem Karel mit vielen Umſtaͤnden und mehr Worten als nöthig waren, den Dienſtboten beauftragt hatte, die Zimmer wieder in Ordnung zu bringen und grüne Gläſer in Bereitſchaft zu halten, begab ſich die Geſellſchaft auf den Weg, außer den zwei Gäſten, welche nach Hauſe gingen, was von den Andern viel⸗ fach beſpöttelt wurde. Um die Sache mit dem Stall⸗ meiſter abzumachen, liefen ſie auf den Singel. Glück⸗ licherweiſe hatte er ſich noch nicht zur Ruhe begeben und nachdem van Sell mehr als ſechs Mal ſeinen Befehl wiederholt und der Stallmeiſter verſichert hatte, daß er durchaus nicht meinen ſolle, er ſei be⸗ —— trunken und verſtehe darum nicht, was er fage, folgte Sell der übrigen Geſellſchaft. An dem Heiligenweg angekommen, blieb Francois etwas zurück, und glaubend, es bemerke ihn Niemand, lief er ſo ſchnell als möglich an der Schleuſe hinauf, um ſich von der Geſellſchaft zu trennen. Allein er betrog ſich, denn kaum wurden die Her⸗ ren ſein Vornehmen gewahr, als ſie ihm nacheilten und ihn auf der Koningsplein einholten. „Laßt mich gehen,“ rief Frangois,„ich will nicht mit, ich habe keine Luſt.“ „Hal da haben wir ihn,“ donnerte van Sell mit einer Stimme, die ſo hohl durch die leeren Straßen klang, daß man ihn wohl an dem Leydner Thor hören konnte,„er that, wie wenn er Wunder was heraus hätte, und nun lauft er davon.“ „Nein, ich gehe nicht mit,“ rief Francois,„ich habe meinen Beutel vergeſſen und..“ „Wenn es nichts Anderes iſt, ich kann Ihnen leihen,“ rief Einer und ließ die That unmittelbar den Worten folgen.„Allons nun mit!“ Zwei Herren nahmen Francois in die Mitte und van Sell, der als Anführer der Truppe vorauslief, ſagte, ſo daß es Frangois nicht hören konnte:„Ich glaube, das Herrchen iſt noch nie drin geweſen, da werden wir unſern Spaß haben.“ Die Freunde begannen jetzt, einige Arien aus Robert dem Teufel zu fingen und hörten damit auf, daß Einer den Andern im Schreien zu übertreffen ſuchte, während ſie mit ihren Stöcken auf das Straßenpflaſter klopften. „Nein, Jungen, nicht ſo gelärmt,“ ſagte der An⸗ führer,„ich kenne Dien und wenn ſie uns ſo ankom⸗ men hört, läßt ſie uns nicht ein.“ Dies ſchien Francois ein Ausweg und ſo laut er konnte, ſang er: 0 patronne des demoiselles, O patronne d'amants fidèles. 1⁵⁰ Aber die feſte Verſicherung von Seiten van Sells und der Uebrigen, daß, wenn er nicht ſtill ſei, ſie ihn in die Gracht werfen, wo er dann, ſo laut er wollte, fingen könnte, ließ ihn augenblicklich ſchweigen. „Halt!“ kommandirte van Sell, als ſie an die Ecke der Handboogſtraat gekommen waren, und hielt darauf folgende Rede:„Sie läßt uns nicht hinein, wenn ſie uns in ſo bedeutender Anzahl kommen ſieht, darum will ich vorausgehen und ſchellen, ihr geht ruhig hinter mir drein und ſobald die Thüre geöffnet iſt und ich drinnen bin, folgt ihr mir; ich werde es ſchon machen, daß ſie die Thüre nicht ſchließen kann, ehe wir Alle hinein ſind, aber nur keinen Lärmen gemacht, ſonſt iſt Alles nichts.“ Dieſe Anrede war mit kernigen Flüchen durchwebt und von dem Anführer an die Bande gerichtet, die ſie auch anhörte, als wäre es ein Lagerbefehl. Van Sell wandte ſich in die Straße und ſtieg die hohe Treppe des Hauſes hinauf, das ein hübſches Aeußere hatte und in der Hauptſtadt des Königreichs der Niederlande all⸗ gemein als ein ſogenanntes Rendezvous bekannt iſt. Die Thüre, die gewöhnlich halb geöffnet iſt, fand er, da es ſchon ſpät war, geſchloſſen; ſie wurde aber auf das Läuten van Sells geöffnet, nachdem man ſich durch das Fenſter des Vorzimmers verſichert hatte, daß er allein ſeiz doch kaum war er hinein, ſo folgten auf das Huſten van Sells hin die Andern nach. XV. Die Unſchuld wird bewacht. Das Haus, das wir mit Karel de Roos und ſei⸗ nen Gäſten betreten, zeichnete ſich nicht durch Pracht 4 6 4— — — 4— 1⁵¹ aus; keine glänzende Beleuchtung oder betäubende Mufik zu einem herrlichen, wollüſtigen Tanz, der die Leidenſchaft erweckt, gewahren wir hier; nur ein Licht erleuchtete matt die Flur, wo eine Frau, deren Kleidung ſich durch außergewöhnliche Geſchmackloſigkeit auszeichnete und auf deren Geſicht man ih e Abgelebtheit bemerkte, die Gäſte empfing, die ſich ſo ruhig als möglich hielten. Ein Vorzimmer zur rechten Hand öffnend, erſuchte ſie die Herren da einzutreten, allein van Sell, der ſeine Bekanntſchaft in dem Hauſe leuchten laſſen wollte, rief:„Nein, Pauline, das geſchieht nicht; allons, wer mich liebt, folgt mir!“ Damit ſtieg er eine Treppe hmauf, die in die Küche führte. Die Küche, ein langes Viereck, in welchem ſich der Herd und andere Kochgeräthſchaften befanden, wurde von einer Lampe erleuchtet, die auf einem Tiſche ſtand, um welchen ſechs Mä chen im Alter von acht⸗ zehn bis fünfundzwanzig Jahren ſaßen, während eine bejahrte Frau mitten an der Tafel Platz genommen hatte. Dieſe Frau verband mit einer mittleren, doch ſehr dicken Geſtalt einen rothen geſchwollenen Kopf, welcher noch größer ſchien, als er wirklich war, durch die Haube mit den rothen Bändern, die dieſen Körper⸗ theil zierten oder lieber verunzierten, und die großen ſchwarzen Locken, die darunter hervorquollen. Aus den kleinen funkelnden dunkeln Augen ſprach Liſt und Bos⸗ heit; kein einziger edler Zug war in dem ganzen Ge⸗ ſich e, welches das ehrloſe Geſchäft, das ſie betrieb, leicht errathen ließ; und doch, die Frau hatte graue Haare, die ſie unter künſtlich n Locken verbarg; die Frau war alt, und in ihrem Janern glühte keine andere Leiden⸗ ſchaft als die Begierde nach Geld und Trinken. Elendes Weſen; ſie fühtte ihre Käfte ſchwach werden, und doch ſchämte ſie ſich ihres ſchändlichen Betriebes nicht! Für Geld ſtand ihre Wohnung Jedem offen, und freundlich laa te ſie Jedem zu, der in dieſem Tempel ſein Opfer bringen wollte. 1⁵5² Sowohl die Wirthin, als die Mädchen waren mit Kartenſpielen beſchäftigt; doch kaum waren unſre Freunde in der Küche erſchienen, als die Karten ver⸗ ſchwanden und die Wirthin das Stück Schiefer ver⸗ dang, worauf der Gewinnſt und Verluſt geſchrieben and. „Geniren Sie ſich nicht, meine Damen!“ rief van Sell, um der Geſellſchaft zu zeigen, wie gut er auf dem Platze bekannt war,„fahren Sie ruhig fort.“ Zur Antwort wurde er von ein paar Mädchen mit Namen genannt, worauf er ſich nicht wenig zu gut that. Die Herren ſetzten ſich und die Wirthin frug in vertraulichem Tone:„Was wollen Sie trin⸗ ken, meine Herrn?“ „Ich dachte ſchon, Mutter Dien, wo bleibt Ihr ſo lang, alte Hexe! Gebt nur Punſch, aber thut nicht ſo viel Waſſer hinein, wie gewöhnlich!“ Dann wandte ſich van Sell zu den Damen:„da iſt ja Cato auch, „.. was machſt Du denn? Ja, wenn Jemand die Medaille für langen Dienſt verdient, ſo biſt Du es!“ Dieſen Worten wurde laut zugejauchzt und es ſchien das Mädchen, das wir Cato nennen hörten, durchaus nicht zu beleidigen. 4. „Sie würden beſſer thun, mich mit einem Glaſe Punſch zu bewirthen,“ ſagte ſie. Darauf ſprach er die Anderen, jede bei ihrem Namen an.„Aber was Teufels iſt denn da? fragte er ein Mädchen, das in der Ecke der Käche mit einer Freundin flüſterte und ohne die Antwort abzuwarten, rief er:„Teufel! nun ſeht ihr, daß ich Wort gehalten habe, als ich geſtern ſagte, daß ich heute hieher kom⸗ men werde. Meine Herren, ſehen Sie hier die Lange und die Blondine, wovon ich geſprochen.“ Aller Augen wendeten ſich auf die beiden Mäd⸗ chen und wahrlich, ſie waren reizend genug, um den Blick mit Vergnügen auf ihnen ruhen zu laſſen. Die Größere ſchien achtzehn oder neunzehn Jahre alt, war 153 ſchlank und hübſch von Geſtalt und verdiente den Na⸗ men eines lieben Mädchens. Die Blondine aber war eine Schönheit, wie man wenige in dieſen Häuſern antrifft; ihr edel geformtes Geſicht war von einer Menge blonder Locken umgeben, die den ſchönen und großen blauen Augen noch mehr Glanz verliehen. Die kleine Naſe war vollkommen übereinſtimmend mit dem ſchönen Munde, der von den friſchen Lippen umſäumt war. Fägen wir zu dem Allem noch die ungekünſtelte Scham und eine geſunde Farbe, ſo iſt das Portrait der ſchönen Blondine vollendet. Ihre Kleidung war einfach und erhöhte darum ihre natürliche Schönheit. Ein Kleidchen von wohl⸗ ſeilem Zeuge und dunkler Farbe, wodurch ihr weißer Teint noch mehr hervorgehoben wurde, umſchloß ihre ſchöne Geſtalt, während die kleinen wohlgeformten Füße in Stiefelchen verborgen waren, die an Farbe dem Kleide glichen. Um den Hals trug ſie ein ſeide⸗ nes Tuch, worauf eine goldne Nadel glänzte, deren Aechtheit aber ſehr zweifelhaft war. Eine plötzliche Bläſſe bedeckte ihr Geſicht als unſte Freunde hereintraten, verſchämt ſchlug ſie die Augen nieder und ſuchte ſich binter der Andern zu verbergen, als wollte ſie nicht geſehen werden. „Haſt Du keinen Schilling bei Dir, Henriette?“ flüſterte ſte dem Mädchen ins Ohr, hinter welches ſie ſich verſteckt hatte, und die von van Sell die Lange genannt wurde.„Haſt Du keinen Schilling bei Dir, leihe mir einen; Du weißt, ich habe ſechs Stüber an die Frau verloren, leihe mir das Geld, dann will ich es ihr geben und laſſe mich heimgehen. Du kannſt wohl bleiben, wenn Du willſt, Henrieite, gib mir nur den Zimmerſchlüſſel, ich werde nicht ins Beit gehen, ehe Du zu Hauſe bift...“ „Ich habe nichts,“ ſagte Henriette,„das weißt Du wohl, keinen einzigen Cent, aber komm', ſei nicht kindiſch, warum wollteſt Du heimgehen 2“ 15⁴ „Ach das weiß ich nicht... aber... jetzt nicht 35. ich will nicht bleiben, morgen Abend will ich's un. „Was hab' ich euch geſagt,“ rief van Sell, niſt es kein Engel? Was urtheilſt Du, Karel?“ „Ja, ja!“ ſprach Karel de Roos, der beſonders durch den Wein, den er getrunken, einen großen Be⸗ griff von ſich als verheiratheter Perſon bekommen hatte, und obwohl ſonſt nicht ſo beſonders keuſch, das Schau⸗ ſpiel mit einer Art Verachtung betrachtete. „Ich ſage, daß ſo ein Mädchen Euch Ehre macht, Mutter Dien,“ fuhr Sell fort und trat zu der Blon⸗ dine, als ſich plötzlich ein kleines lebendiges Mädchen ſwiſchen ihn und die Blondine ſetzte und während fie hr Beſtes that, die Augen ſo liebenswürdig, als mög⸗ lich zu ihm aufzuſchlagen, ſagte: „Das iſt ſchön, Gerard, wahrlich das iſt ſchön.“ „He, Louiſe, nun ſei nur nicht eiferſüchtig, Du weißt ja wohl, daß Du die Schöͤnſte aller Schönen biſt. Was willſt Du trinken, ſetze Dich zu mir..“ „Ich ſollte es eigentlich nicht thun,“ ſagte Louiſe, während ſie auf dem Seſſel, den van Sell bereits be⸗ ſetzt hatte, Platz nahm,„geben Sie mir ein Glas Panſch, dann iſt Alles aus und vorbei.“ „Sag' mal, Louiſe, kennſt Du den Herrn?“ frug van Sell, auf Frangçois zeigend, der unabgewandt in das Glas ſah, als ob da Wunder was wäre. „Nein,“ gab Louiſe zur Antwort,„der iſt noch nie da geweſen.“ „Oho! der Prahler!“ rief van Sell in verächt⸗ lichem Tone.„Warte, nun werden wir einen Spaß haben,“ und ſich zu Frangois wendend, rief er:„He, Frangois, was ſitzen Sie da ſo ſtill! Es iſt eine Schande, als ob ein Begräbniß wäre, ſo ſtumm ſitzen wir da. Jeder nimmt eine Dame zu ſich, außer Ka⸗ rel,“ ſetzte er in vielbedeutendem und geheimnißvol⸗ lem Tone hinzu;„der hat beſondere Gründe und 15⁵ Mutter, gib uns noch ein Glas Punſch. An Sie, Francois, ſteh' ich die Blondine ab, die ich nicht ſchön oder einen Engel nennen dürfte, aus Furcht, daß meine Louiſe mir den Arm blond und blau kneipen würde, denn es heißt mit uns: alte Liebe roſtet nicht!“ Ein lautes Gelächter war das Zeichen, daß dieſe Artigkeit die Geſellſchaft erweckt hatte, und die Herren ſetzten fich zu den Damen, während Frangois die be⸗ ſondere Ehre zu Theil wurde, bei der Blondine Platz zu nehmen. Man konnte ihm anſehen, daß es vielleicht für ihn, der den ganzen Abend mit ſeinen Eroberungen und der Bekanntſchaft in öffentlichen Häuſern geprahlt hatte, daß es für ihn das erſte Mal war, daß er einen ſolchen Tempel beſuchte. Bewegungs⸗ und ſprachlos ſaß er bei dem Mädchen, deren Schönheit aber auf ihn Eindruck machte. Da er ſah, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren, und wohl begriff, welch' lächerliche Figur er machte, wenn er länger die Rolle eines ſprachloſen Bewunderers der Schönheit der Blondine ſpiele, wagte er es endllch, ſie nach ihrem Namen zu fragen. Die Blondine gab eine kaum hörbare Antwort. 9. Bie, ſagt ſie, daß ſie heißt,“ frug Gerard van e „Clara,“ ſagte Frangois. „Clara!“ riefen alle,„das iſt ein ſchöner Name!“ und Francois, der nun muthiger zu werden begann, knüpfte ein Geſpräch mit der ſchönen Clara an. Inzwiſchen waren nach und nach die meiſten Her⸗ ren mit ihren Damen verſchwunden, ſo daß nur noch Karel, Gerard van Sell mit Louiſe und Frangois mit Clara, nebſt noch einer Perſon von der Geſellſchaft in der Küche geblieben war, Mutter Dien natürlich mit eingerechnet. „Die Mutter Dien!“ rief van Sell,„der Herr hat ſchon dreimal um Licht gebeten.“ 156 Frangois wollte es verneinen, allein ſchnell ſich befinnend rief er: „Ja, ich habe ſchon oft um Licht gebeten!“ „Ach, laſſen Sie uns hier bleiben,“ bat Clara, den jungen Mann flehend anſehend. „Was iſt das für Zeug?“ rief Mutter Dien, die die Worte des unſchuldigen Kindes gehört hatte.„Da iſt Licht!“ und zugleich ſah ſie das Mädchen auf eine Weiſe an, daß Clara das Licht nahm und kaum ſagen durfte:„aber ich weiß den Weg nicht.“ Mutter Dien nahm das Licht, ging Frangois und Clara voran, und führte fie, nachdem ſie einige Trep⸗ pen hinaufgeſtiegen, in ein Zimmer, in welchem ein Kanape und ein Bett den meiſten Platz einnahmen. „Soll ich Wein oder Punſch heraufbringen?“ fragte Mutter Dien. „Was willſt Du trinken?“ war die Frage, welche Francois an das Mädchen richtete und als er keine Antwort erhielt, ſagte er:„Bringt nur Wein.“ Das Verlangte war bald gebracht und Frangois und Clara nun allein gelaſſen; letztere ſetzte ſich auf das Kanape und fing an zu weinen. Frangois ſetzte ſich neben ſie. „Clara,“ ſagte er, ihre Hand faſſend,„ich bin allein mit Ihnen gegangen, um mit Ihnen zu ſprechen, um ein Glas Wein zu trinken und zu nichts Anderem!“ Und als ſchämte er ſich dieſes Bekenntniſſes, rötheten ſich ſeine Wangen. „O,“ rief Clara,„iſt Ihnen dies Ernſt, wollen Sie, was Sie da ſagen?⸗ „Ja, aber Sie dürfen es durchaus meinen Freun⸗ den nicht ſagen; ſie würden mich auslachen. Ich werde Sie aber bezahlen. Da,“ und er warf ein Dreigulden⸗ ſtück auf das Plättchen, auf welchem die Weinflaſche und die Kelche ſtanden. „O Sie wiſſen nicht, wie glücklich Sie mich ma. 157 chen,“ rief Clara,„ich dachte, Sie wollten.. und darum bebte ich. Ach mein Herr, Sie...! „Komm', Clara, trink noch Eins, liebes Mädchen! Wir müſſen hier ein halbes Stündchen bleiben, daß die Geſellſchaft drunten nichts vermuthe. Trocknen Sie Ihre Thränen ab und geben Sie mir einen Kuß.“ Clara ſchlang ihren Arm um Francois' Hals und drückte einen Kuß, als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit auf ſeine Lippen, der einzige, welcher vielleicht je durch einen ſolch' reinen Mund in dieſem Hauſe gegeben worden. Clara war beruhigt, als ſie ſah, daß ſie Francois vertrauen konnte, und auch dieſer bekam Achtung vor Klara ais er ſah, daß ſie ſeine Zurückhaltung nicht verſpotte, „O ich danke Gott,“ ſagte Clara endlich, daß Sie mit mir gegangen, wenn ein Anderer...“ Sie zitterte. „Aber Clara, wie können Sie ſo davor ſchauern, mich dünkt die Gewohnheit?“ „O,“ ſagte ſie,„ich bin das nicht gewohnt, es iſt heute das zweitemal, daß Jemand mich mit ſich nimmt; geſtern bin ich auch hier geweſen, und da war es das erſte Mal.“ Kaum hatte Clara dies einfache Bekenntniß abge⸗ legt, als Frangois rief:„Auch ich befinde mich zum erſtenmal in einem ſolchen Hauſe. Ich habe den gan⸗ zen Abend gethan, als ob ich der größte Ausbund des Leichtſinns wäre, denn es ſieht ſo ſchlecht aus, wenn ein Menſch von meinen Jahren nicht mitmacht; aber als ſie mich hieher brachten, wollte ich entfliehen, allein ſie führten mich mit Gewalt mit, beſonders der elende van Sell und jetzt bin ich ſehr erfreut, Sie angetroffen zu haben.„Aber,“ fuhr er fort,„Clara, wenn Sie ſo brav find, was thun Sie denn hier?“ „Ich muß wohl, mein Herr, wir haben keine Ar⸗ beit, und ich konnte nicht ſehen, wie Henriette für Al⸗ les ſorgte, überdies haben wir einige Schulden, die durchaus bezahlt werden müſſen. Ich wünſchte, ich 158 wäre wie ſie, ſie ſieht durchaus nichts Schlechtes darin, dies Haus zu beſuchen; aber ich...“ „Aber Sie werden nicht immer Menſchen antref⸗ fen, wie ich; und was wollen Sie dann thun?“ „O, mein Herr, ich hoffe, daß es das letztemal iſt, daß ich hieher komme.“ „So haben Sie Hoffnung, daß Ihre Umſtände ſich verbeſſern werden?“ „Ja ich will Ihnen das erzählen, es muß aber geheim bleiben, ſagte Clara in einem ſo vertraulichen, gemüthlichen Tone, als ob ſie Frangois ſchon ſeit lange kenne.„Vor ungefähr acht Tagen träumte ich, ich hätte einen hohen Preis in der Lotterie gewonnen, und die andere Nacht beſchäftigte mich dies wieder. Da nahm ich Alles zuſammen, was ich beſaß, ohne Wiſſen der Henriette, um ein Loos zu kaufen, denn ſie glaubt nicht an Träume und doch kommen die guten Träume immer von Gott! Morgen iſt der letzte Tag der Zie⸗ hung. Die meiſten hohen Preiſe ſind noch geblieben und auch meine Nummer iſt noch nicht herausge⸗ kommen.“. „Ich hoffe für Sie, Clara,“ ſagte Frangois,„Sie werden einen hohen Gewinn ziehen.“ „Und was würde Henriette vergnügt ſein; ich wuürde nicht mehr dulden, daß ſie einen Tritt in dies Haus thut.“ So ſchwatzte Clara fort, und Frangcois zeigte alle Theilnahme für ihre Hoffnungen und Erwartungen. Die Zeit vexlief und der junge Mann, der beinahe ganz vergeſſen hatte, wo er ſich befand, erinnerte ſich endlich, daß er hinuntergehen mußte, um die Geſell⸗ ſchaft noch anzutreffen. Ehe er mit Clara das Zim⸗ mer verließ, ging er zu dem Bette, und warf Kiſſen und Decke in die größte Unordnung. In der Küche angekommen, waren die Andern ſchon bei einander und Henriette ſagte leiſe zu Clara: „Jetzt geſtehe nur, daß Du kindiſch warſt.“ pbgleich es an allem Hausrath mangelte, verdiente 159 „Wohlan,“ rief Karel de Roos,„nun nach Hauſe, denkt daran, daß der Wagen um fünf Uhr kommt.“ „Ja!“ riefen die Andern, die keinen Grund hat⸗ ten, länger zu bleiben.“ „O ich habe mein Taſchentuch liegen laſſen,“ ſagte Francois, ſo laut als möglich rufend, um von Allen verſtanden zu werden,„es liegt auf dem Bette.“ „Der Junge iſt doch beſſer, als ich glaubte,“ ſprach van Sell, und ſich darauf zu Francois wendend, ſagte er:„Hab' ich es Ihnen nicht geſagt, iſt ſie nicht ein Engel?“. „Ein charmantes Kind!“ gab Francois in ſeinem gewöhnlichen leichtfinnigen Tone zur Antwort. In der Jugend will man immer ſchlechter und verdorbener ſcheinen, als man wirklich iſt; älter ge⸗ worden, bedeckt man ſeine Schrechtigkeit unter der s aske der Ehrlichkeit und Sittlichkeit. 2 . 1 XVIA h Henriette und CZlarauä. Als die Geſellſchaft mit vielem Spektakel das Haus in der Handboogſtraat verlaſſen hatte, legten Henriette und Clara ihre dünnen Halstücher um, und begaben ſich eilig, da es ſchon tief in der Nacht war, auf den Weg, um in ihre Wohnung zu kommen. Dieſe Wohnung war ein kleines Hinterzimmer in dem oberſten Stocke eines Hauſes auf dem Achterburg⸗ wal, und die größte Reinlichkeit, welche darin herrſchte, Anerkennung. n eiger Ecke lagen auf dem Boden eine Stroh⸗ mmatraze und zwei mit Seegras gefüllte Kiſſen, wor⸗ über eine Decke gebreitet lag, künſtlich aus Lappen von verſchiedener Farbe zuſammengeſetzt. Eine Gardine 160 verbarg dieſe Schlafſtätte, ſo daß der unaufmerkſame Beſucher nichts davon bemerken konnte. Die Wände des Zimmers waren ohne Tapeten, doch geweißt, und ein kleiner Spiegel war das Einzige, was es zierte. Zwei Stühle von ungleicher Form und ein alter Gartentiſch auf einem Fuße ruhend, machten allen Hausrath aus, während über einen Strick, der mitten durch das Zimmer ging, einige Kleider zum Trocknen hingen, die weder aus feinem Stoffe verfer⸗ tigt noch gehörig erhalten waren. Henriette und Clara waren ſchnell entkleidet und legten ſich auf die Strohmatratze, wo ſie bald einſchlie⸗ fen. Die Sonne, die durch keine Gardine gebhindert war, einzudringen, weckte Henrietten zuerſt aus dem Schlaſe, die lachend ihre Freundin weckte, worauf beide ſich von ihrem harten Lager emporrichteten. Clara er⸗ wachte mit dem fröhlichen Gedanken, daß der Tag, der jetzt angebrochen war, wichtig für ſie werden ſollte; in ihrer Einbildung ſah ſie ſchon die Wände mit präch⸗ tigen Tapeten behangen, auf dem Boden lagen rein⸗ liche Teppiche, ein neuer Tiſch und ſechs Stühle ſollten die alten vertreten. Dies Alles muß der hohe Ge⸗ winnſt in das Zimmer zaubern. „Es war ein artiger, junger Mann, den Du ge⸗ ſtern bei Dir hatteſt,“ ſagte Henriette,„und er hat Dir drei Gulden gegeben, wahrlich, wenn ich Dich nicht zu gut kennte, würde ich nicht glauben, was Du mir heute Nacht geſagt, daß er nur mit Dir geſprochen, und ſein Taſchentuch nur darum auf dem Bette liegen ließ, um ſeine Freunde zu hintergehen. Nach ſeinem Sprechen zu urtheilen, hätte ich was ganz Andres von ihm erwartet.“ „Und doch iſt es Wahrheit,“ gab Clara zur Ant⸗ wort.„Ja er gab mir noch einen Gulden, als er fort⸗ ging, außer den dreien, welche ich ſchon von ihm em⸗ pfangen hatte.“ „Der meine war nicht ſo nobel und gab mir einen 161 Thaler. Nun auf alle Fälle haben wir ſünf und ei⸗ nen halben Gulden zuſammen. Wir können dem Baͤcker ſeine vierzehn Stüber bezahlen und bebalten noch genug übrig, um zu leben; wenn es aus iſt, muß man wie⸗ der ſorgen, vielleicht bekommen wir in der Zwiſchenzeit Arbeit, denn ich möchte durchaus nicht, daß Dirk wüste, was wir Abends thun. Er hat kürzlich noch feſt ver⸗ ſichert, mich heirathen zu wollen, ſobald er etwas mehr Geld in der Fabrik verdient, und wenn er nur das Mindeſte vermuthen könnte, würde aus meiner Heirath mit ihm nichts werdenz darum habe ich immer Angſt, er begegne uns noch'mal auf unſerer Wanderung, 3 obwohl mich das beruhigt, daß er Abends ſo ſpät nicht mehr auf der Straße geht.“ „Ich hoffe, es wird bald mit uns anders werden,“ ſprach Clara. „Ich auch, Clara, denn, wahrlich, ich laufe nicht zu meinem Vergnügen noch ſo ſpät herum, doch es muß ſein; jede Woche zehn Stüber Hausmiethe, und das Eſſen und Trinken, das koſtet immer Geld, und wenn man keine Arbeit hat, muß man thun, was man kann.“ Jazwiſchen hatte Henriette ſich angekleidet und ging fort, um das Röthige für das Frühſtück zu holen, was aus Butter und Brod beſtand, obwohl an dieſem Mor⸗ gen, da man mit Geld verſehen war, ein Stückchen Käſe und eine Portion Kaffee hinzugefügt wurde. Beide verzehrten ihr Frühſtück mit einer Luſt, um die ſie Mancher, der ein beſſeres Frühſtück vor ſich hat, beneidet hätte. „Es iſt doch ein luſtig Leben, das wir jetzt haben, lara, und es würde noch beſſer ſein, wenn wir mehr Arbeit hätten und viel v rdienen könnten,“ ſagte Hen⸗ riette, zum dritten Male Waſſer in das fieinerne Kaffe⸗ keſſelchen gießend, dem der Henkel fehlte.„Wir haben jetzt Ruhe und ich kann dich verſichern, daß es mich durchaus nicht reut, meinen Vater und Jim verlaſſen Amſterdams Geheimniſſe. N. 11 162 zu haben, und ich glaube, daß das auch bei Dir der all iſt, Clara!“ „Ja, das war kein Leben,“ antwortete dieſe,„was wurden wir oft mißhandelt und geſchlagen, und es würde noch ärger geworden ſein, wenn Du nicht ge⸗ weſen wäreſt. Ich fürchte immer noch, ſie werden uns entdecken, wo wir find, und uns wieder holen.“ „O, ſei ohne Furcht, rief Henriette, die wir jetzt dem Leſer als die Toch er David Rams vorſtellen, uns früher ſchon unter dem Namen Mat bekannt;„ſei ohne Furcht, der Vater wird eher froh ſein, daß wir weg ſind, beſonders da er kein Geld mehr für Dich bekam. Ich erinnere mich immer noch jenes Abends, wo der Vater Dich zu uns brachte,“ fuhr Henriette fort. Die⸗ ſen Namen wollen wir behalten, da er beſſer klingt, als Mat, und ſie lieb genug ausſah, um einen ſchönen Namen zu tragen.„Er hielt Dir das Taſchentuch vor den Mund, um Dich am Schreien zu hindern; das iſt nun ſchon fänf Jahre her, und doch iſt es mir noch ſo deutlich, als wenn es geſtern geſchehen wäre. Was ſahſt Du damals hübſch aus und was war'ſt Du an jenem Abend betrübt, und wie verwunderte ich mich, ais ich in Dir das junge Fräulein, die Tochter der Prinzeß erkannte.“ „Dies Alles kann ich mich noch erinnern,“ ſprach Clara.„Als Dein Vater mich mit ſich nahm, wohnte ich in einem großen Hauſe, eine vornehme Dame ſchien mich unter ihren Schutz genommen zu haben, obwohl — ſie beinahe nie ein Wort mit mir ſprach, und ich ſie 1 nur ein paar Male den Tag über ſah. Ich möchte die Dame gerne wiederfinden; ich war damals noch zu jung und zu kurz bei ihr, um ihren Namen oder ihre Woh⸗ nung wiſſen zu können, vielleicht würde ſie uns einige Arbeit verſchaffen. Doch warum mich Dein Vater ei⸗ gentlich entführte, kann ich nicht begreifen.“ „Jim hat mir das einmal geſagt,“ antwortete Henriette.„Ein Herr hatte ihn dazu erkauft und ſandte jeden Samſtag einen Brief mit drei Gulden als Koſt⸗ geld; aber nachdem Du anderthalb Jahre bei uns ge⸗ weſen, hörte das Geldſenden auf, darum ſchlugen Dich Jim und mein Vater, beſonders wenn ſie betrunken waren.“ Clara zitterte, wenn fie ſich dieſer Tage erinnerte, bon denen Henriette Ram ſprach und Jims Schweſter uhr fort:. „Wir haben ſehr viel leiden müſſen, und als mein Vater die Erbſchaft machte, wofür er das Weinhaus kaufte, wurde mir das Leben noch unerträglicher. Wir thaten wohl daran, zu fliehen und haben wir je, ſeit den drei Monaten, die wir für uns ſelber wohnen, ei⸗ nen einzigen ſo verdrießlichen Moment gehabt, wie wir ſie täglich bei meinem Vater hatten?“ „Nein,“ ſagte Clara,„als ich bei Daniel Vos in der Koſtſchule war, meinte ich es gar zu hart zu haben, aber das Leben, das ich bei Deinem Vater hatte, läßt ſich weit nicht damit vergleichen.“ „Wir müſſen jetzt ſorgen, daß wir gute Kleider bekommen, um auch vor den Leuten erſcheinen zu kön⸗ nen. Auch muß es hier nett und ordentlich ausſehen, dann werden wir wohl Arbeit bekommen, ich hege die beſte Hoffnung!“ „Und ich,“ ſagte Clara, wäͤhrend ſie an das Loos dachte, das ſie in der Lotterie hatte; die Hoffnung der Armen! An dieſem Abend legten ſich die beiden Freundin⸗ nen früher zu Bette, ſie hatten den Tag mit Verfer⸗ tigung einiger Kleider zugebracht, die das Geld vom vorigen Abend ihnen verſchafft hatte, und am folgenden Morgen verließ Clara ihre Wohnung, das Lotterieloos durgfänis in Papier gewickelt, zwiſchen den Fingern haltend. Welche Erwartungen drängten ſich im Herzen des Mädchens. Hoffnung und Furcht wechſelten ab und als ſie vor das Haus des Kollekteurs gekommen, blieb ſie 164 einige Augenblicke ſtehen, um Athem zu ſchöpfen, als ob ſie zu ermüdet wäre, um in das Komptoir eintre⸗ ten zu können. Einige Leute hatten ſich vor dem Hauſe verſammelt und ſtarrten auf das ſchwarze Brett, wor⸗ auf die Liſten geklebt waren. Wie viel Gegner hat die Lotterie ſchon gefunden! Wie viele Bekämpfer findet ſie noch! Viele Gründe, wir bekennen es gern, machen die Abſchaffung der Lotterie nothwendig, aber ſie können, nach unſerer Meinung, die Gründe nicht aufwiegen, welch die Beibehaltung der Lotterie wünſchenswerth machen. Die Lotterie iſt das einzige Mittel, auf das der Arme, der Nothdürftige baut, wovon er Rettung er⸗ wartet, woran er ſeine Hoffnung knüpft; er, der Arme, der weder mit ſeiner Hände Arbeit ſich aus dem Un⸗ Plia emporarbeiten, noch auf eine Erbſchaft hoffen ann. Für wenige Stüber hat er einen Antheil an der Lotterie und die Hoffnung, daß vielleicht ein Gewinn auf ſeine Nummer falle, hütet ihn vor der Verzweif⸗ lung und hält ihn vor unbedachten Handlungen zurück. Die Lotterie iſt ein ehrlich Spiel, frei von allem Betruge, weder Kenntniſſe noch Erfahrung nützen dem Spieler etwas. Die Lotterie bringt jährlich anſehnliche Summen in den Staatsſchatz; ſie verſchafft einer großen Zahl von Menſchen Brod. Das Lotterieſpiel iſt darin von andern Spiel n zu unterſcheiden, daß es die Lei⸗ denſchaft nicht weckt, und mag es auch Leute geben, die ihr Vermögen, ihren Beſitz in Lotterieen verſpielt haben, für Viele iſt es dagegen eine Hülfsquelle gewe⸗ ſen, Vielen iſt ſie Retterin geworden. Schaffet nicht darum eine nützliche Einrichtung ab, weil Einige Mißbrauch davon machen. Vernichtet nicht die letzte Zuflucht der Armuth. Die Abſchaffung der Lotterie verbeſſert das Loos der Armen nicht. Stellen wir uns eine arme Familie vor; es iſt 165 Winter; die Reichen geben glänzende Bälle und Feſtins und die Armen verzweifeln vor Hunger und Kälte. Der Hausvater hat keine Arbeit, liegt auf dem Kran⸗ kenbett, und die Kinder weinen um Brod. Aber noch verzweifelt der Arme nicht, er hat für wenige Centen einen Antheil an der Lotterie ſich gekauft; vielleicht iſt das Loos ihm günſtig; vielleickt iſt die Lotterie ſeine Rettung. Die Hoffnung, ja die Hoffnung allein läßt ihn ſeine Leiden tragen und wer einmal Hoffnung auf die Lotterie geſetzt hat, zweifelt nicht daran, daß ſie ihm, wenn heute nicht, ſo doch morgen helfen werde. Das Leben des Armen iſt eine ewige Hoffnung: nehmt ihr ihm die Hoffnung, ſo nehmt ihr ihm das Leben. * 3 *. Endlich trat Clara in das Komptoir. Es waren mehre Männer und Frauen da, die Geld empfingen und bezahlten. Das Klingen der Münzen gefiel ihr ganz ausnehmend. Sollte ſie ihr Loos abgeben, oder ſelbſt nachſuchen? Sie traute nur ſich ſelbſt! Sie war endlich dem Platz genaht, wo der Mann ſtand; es war nicht nöthig, daß ſie einen Blick auf das Loos warf, um nach der Nummer zu ſehen, ſie wußte ſie wohl auswendig. 3 „Nummer acht tauſend vierhundert zwei und drei⸗ big,“ ſagte Clara zu dem Loosverkäͤufer. Ruhig öffnete dieſer das Buch das vor ihm lag. Clara zitterte vor Furcht und Hoffnung. „Sie ſagen?“ frug er. „Acht tauſend vierhundert und zwei und dreißig.“ Gti2uf dieſe Antwort entſtand eine tiefe peinliche e. „Acht tauſend vierhundert zwei und dreißig,“ klang die Stimme, von der ſie ihr Glück erwartete,„iſt her⸗ ausgekommen mit einer Niete,“ und ſich darauf, als wäre Clara gar nicht da, zu einem Anderen wendend, fragte er mit ſtoiſcher Ruhe:„und Sie?“ Clara glaubie nicht gut gehört zu haben und wie⸗ derholte ihre Frage. „Eine Niete, eine Niete!“ rief der Kollekteur un⸗ geduldig. Er wußte wahrſcheinlich nicht, daß kein Dolchſtich das Mädchen ſchrecklicher treffen konnte, als dieſe Worte. Muthlos kehrte ſie in ihre armſelige Wohnung zurück, die ſie mit ſoviel Freude und Hoffnung verlaf⸗ ſen hattes Henrieite ſang; dieſe Fröhlichkeit ſchnitt Clara durch die Seele. „Du ſcheinſt nicht aufgeräumt!“ „O ja!“ ſagte ſie. Mehr konnte ſie nicht ſprechen, der Schmerz nahm ihr das Wort. XVII. Ein nächtliches Abenteuer. In dem Hauſe in der Handboogſtaat war Alles wieder Leben und Bewegung, denn die Nacht bedeckte die Erde mit ihrem Schleier. Wie die Bienen um den Korb fliegen, ſo ſchwärmten eine Menge Mädchen in der Nähe des Hauſes, Mädchen, die mit ihrer Schönheit wuchern und aus ihrer Schande Gewinn ziehen; Weſen, vielleicht mehr zu beklagen, als zu ver⸗ achten, wenn man die Gründe kennen würde, die ſie ſo tief fallen ließen. Unter allerlei Vermummungen, als Dienſtboten, Putzmacherinnen oder Damen geklei⸗ det, liefen ſie meiſt paarweiſe auf der volkreichen Kal⸗ verftraat oder dem ſtillen Spui auf und ab. Hier und da ſtanden an den Ecken einige in lebendigem 167 Geſpräch und verſchwanden darauf in dunkeln Gaſſen, die von der Kalverſtraat zu dem Singel oder das Roskin führen. Ohne auf dieß zu achten, ſchritt ein nobel gekleideter Herr durch die Straße, welche um dieſe Stunde ein etwas todtes und düſteres Anſehen hatte, da die meiſten Läden ſchon geſchloſſen waren, und nur die Straßenlaternen dieſen engen Durchgang, der nach dem Damm führt, etwas erleuchteten. Bei dem ſogenannten Osjeſſluis angekommen, wandte er .rechts um und ging das Spui hinauf, bis er an die Handboogſtraat kam.„ Hier blieb er einige Augenblicke ſtehen, ſah nach allen Seiten herum und ſchlich dann in das Haus, das wir im vorigen Kapitel beſchrieben. Er ſchien da ſehr gut bekannt, denn ſobald er hineingekommen, grüßte ihn Pauline, die Dienſtmagd, mit einer gewiſſen Ehrerbietung und führte ihn in ein Zimmer, wo er, ohne eine Wort zu ſprechen, ſich nie⸗ derſetzte. Die Magd verließ das Zimmer und er, al⸗ lein gelaſſen, rief mit unterdrückter Stimme:„Niemand hat mich geſehen!“ Wir werden ſpäter Gelegenheit haben, zu ſehen, wie er ſich betrogen hatte. Vielleicht haben meine Leſer ſchon vermuthet, daß der Beſucher des bekannten Hauſes der Kommiſſionär Adam Smith war; und die Vermuthung iſt gegründet: er war es, der alte Wollüſtling und wir machen von dieſer Be⸗ gegnung Gebrauch, um ſeinen Charakter zu ſchildern. Adam Smith gehörte zu der Klaſſe von Leuten, welche man ſolid nennt, well ſie pünktlich ihre Schul⸗ den bezahlen, ein ruhiges Leben führen, wenigſtens vor den Augen der Welt ſich nicht der Ungebundenheit überlaſſen. Von ſeiner Jugend an hatte er ſich auf den Handel mit Schuldſcheinen gelegt und ſich darin eine beſondere Erfahrung erworben; er war habſüch⸗ tig und geizig, ohne jedoch die gemeine Frechheit zu beſitzen, die man bei den meiſten Geizhälſen bemerkt. Seine Kleidung war reinlich ohne nobel zu ſein; er 168 lebte ſo einfach als möglich, und wie reich er auch war, erlaubte er ſich doch keine Ausgaben, wenn ſie nicht zur Ausführung ſeiner Plane oder zur Befrie⸗ digung ſeiner ſchnöden Lüſte dienen mußten: darin war Smith nicht karg. Seinen Charakter aber wird die folgende Geſchichte recht deutlich an den Tag legen. „Es gidt,“ ſagte Smith immer zu ſich,„es gibt nur eine Triebfeder, die die Menſchen bewegt, und dieſe Triebſeder iſt Geld. Mit Geld vermaß man Al⸗ les, ohne Geld nichts. Mit Geld kann man ſeinen Neigungen Gehör geben, alle ſeine Wünſche und Be⸗ gierden befriedigen, wie ſonderbar und unzeräumt ſie auch ſein mögen, ohne Geld muß man ſelbſt das Noth⸗ wendigſte entbehren. Wer Geld beſitzt wird geachtet und geehrt; wer es nicht hat, kaum angeſehen, ja oft verachtet; darum muß man zuerſt Geld erwerben. Alle Mittel dazu ſind erlaubt, ausgenommen diejeni⸗ gen, welche vor Gericht führen oder nach den Geſetzen für fFrafbar gehalten werden, nicht weil der Menſch verpflictet iſt, die Geſetze zu achten, ſondern weil es gefährlich iſt, ſich an denſelben zu vergreifen. Um Geld zu bekommen, iſt es die erſte Pflicht, ein geach⸗ teter Mann zu ſein. Ein geachteter Mann iſt der, der Acht auf ſeine Sachen hat, frei von Schulden iſt, und nicht vor den Leuten ſchlechte Streiche begeht. „Jeder Menſch muß den Schein annehmen, als wäre er gottesfürchtig, denn ohne dieſes iſt es unmög⸗ lich, Vertrauen zu gewinnen und das Vertrauen iſt nothwendig zur Hauptſache, zur Erwerbung von Geld. „Wenn man für einen gottesfürchtigen Mann gel⸗ ten will, gebe man ſich den Schein, als ob man der Bibel au’s Wort glaube, allen Unglauben ſtreng ver⸗ achte; man fluche nie und führe keine frivole Sprache im Munde. „Sünder gibt es keine; der Menſch iſt, der Eine weniger als der Andre, mit Leidenſchaften und Be⸗ 169 gierden geboren, die er befriedigen muß, wie das Thier ſie befriedigt, nur iſt es Pflicht des Menſchen, im Ver⸗ borgenen ihnen Gehör zu geben, um ſeinen Namen als braver und ehrlicher Mann nicht zu verlieren.“ So dachte, ſo urtheilte Adam Smith!! Beſcheiden wurde an die Zimmerthüre geklopft nd auf den Ruf„Herein,“ öffnete Mutter Dien die⸗ elbe. „Guten Abend, mein Herr!“ ſagte ſie, während ſie eine Flaſche und zwei Kelche auf den Tiſch ſtellte, das Gewöhnliche, was Adam Smith in dieſem Haus verzehrte, und dem oft eine zweite Flaſche folgte,„ich habe den Herrn in langer Zeit nicht geſehen, iſt der Herr krank geweſen?“ Smith ſchien es nicht für nöthig zu halten, die beſorgte Frau darüber zu beruhigen und fragte:„Wie ſtehen die Sachen?“ „So, ſo,“ ſprach Mutter Dien,„Mädchen genug, ſonſt ſtille. Vorgeſtern Abend war ein Mädchen zum erſtenmale hier, ſo haben Sie noch keines geſehen und noch ſo jung.“ „Und kommt ſie heute Abend wieder?“ „Das weiß ich nicht, aber wenn Sie wollen, will ich ſie holen laſſen, ſie wohnt mit einer Freundin auf dem Achterburgwal.“ „Und Ihr ſteht mir dafür ein?“ „Gewiß, auf mein Ehrenwort!“ „Auf Euer Ehrenwort!“ wiederholte Smith ſpöt⸗ tiſch lachend.„Nun holet ſie mir, Mütterchen, ich werde warten, wenn es nicht zu lange dauert.“ Mutter Dien verließ das Zimmer, ſandte eine Staffete nach dem Hauptquartier der beiden Damen und wenige Augenblicke ſpäter erſchienen Clara und Henriette. Nicht zitternd, nicht bebend vor Angſt, wie die beiden Abende zuvor, betrat Clara das Haus, denn die Nachricht, die ſie empfangen, hatte ſie glauben gemacht, ſie werde Frangois wieder antreffen und von ihm hatte ſie nichts zu fürchten, ja ſie fühlte ſelbſt eine große Luſt, wieder bei ihm zu ſein. Gewiß würde er ſo viel Intereſſe an ihr genommen haben, dachte ſie, daß er ſte kommen ließ, um zu vernehmen, ob ihre Hoffnung auf die Lotterie in Erfüllung gegangen und wie gerne hätte ſie ihm die Neuigkeit mitgetheilt. „Und der Herr hat nach mir gefragt,“ ſagte Clara während Mutter Dien ſie in das Zimmer führte, wo ſich der Kommiſſionär befand. Doch wer beſchreibt den Schrecken des armen Maͤdchens, als ſie ſtatt Francois Adam Smith vor ſich ſah. Dieſer ſchien an Clara Gefallen zu finden, denn beim erſten Blicke, den er auf ſie warf, nickte er gut⸗ heißend mit dem Haupte der Mutter Dien zu, die die Thüre ſchloß und das Mädchen mit ihm allein ließ. Die ruhige Haltung, das ſtolze Geſicht und die ſchon grau gewordenen Haare flößten Clara Vertrauen ein; ſie wußte nicht, daß auch Menſchen an der Stufe des Alters ſich dieſen Sünden noch ergeben. Darum zog ſie ihre Hand nicht zurück, als Adam Smith ſie ergriff; darum bot ſie keinen Widerſtand, als er ſich neben ſie auf den Seſſel niederſetzte. Als aber der alte Verführer ſich einige Frechheiten erlaubte, ſprang ſie auf und floh in eine Ecke des Zimmers, wohin ihr Smith folgte. „Nein, mein Herr, ums Himmels Willen,“ bat ſte,„laſſen Sie mich im Frieden gehen, haben Sie Mitleiden mit einem Mädchen, das Ihnen nie etwas zu Leide that.“ „Gut, ausnehmend gut!“ rief Adam, der glaubte, das Mädchen ſpiele ſcherzend die Rolle einer ÜUnſchul⸗ digen, doch als ſie die Rolle nach ſeiner Meinung all⸗ zu lange fortſpielte, wollte er der Sache ein Ende machen; ſeine Begierde wuchs, er ſchloß ſie in ſeine Arme und trug ſie auf das Sopha. Clara vertheidigte ſich, ſo viel ſie nur konnte, doch als ihre weibliche 171 Keaft nichts gegen die Stärke Smiths vermochte, brach ſte in ein lautes Schreien aus. „Biſt Du toll, Mädchen?“ rief Smith, Clara ver⸗ wundert anſehend.„Was ſoll das Alles bedeuten, mich dünkt, es iſt jetzt lange genug!“ „Laſſen Sie mich gehen...“ bat Clara.„Nahen Sie mir nicht, oder ich erneue mein Geſchrei!“ Getäuſcht, wüthend über die Schmach, und bren⸗ nend vor finnlicher Begierde, bemerkte Smith, daß da mehr Gewalt nöthig war, um die obwohl ſchwach ver⸗ theidigte, doch beinahe unüberwindliche Feſtung zu über⸗ rumpeln und er holte eine wohlgefüllte Börſe heraus, die er ein paar Male in die Höhe warf und gewandt wieder auffing. Aber wie ſehr Smith das Geld auch für eine Triebfeder der menſchlichen Handlungen hielt und als unfehlbares Mittel zur Befriedigung der Be⸗ à& gierden betrachtete, ſo litt dießmal ſeine Meinung be⸗ deutenden Schiffbruch. Er betrog ſich: ſtatt daß Clara durch den Klang der Münze bewogen, ſich ihm hingab, drückte ſie ſich noch mehr in die Ecke, die ſie zum Kampfplatze erwählt. Wäre Clara minder ſchön geweſen, gewiß hätte Adam Smith ſeine Verſuche eingeſtellt, aber Clara's Buaun. Schönheit, Lieblichkeit und Zartheit betäub⸗ en ihn. „Aber was thuſt Du denn hier, wenn Du.. „Ach, laſſen Sie mich gehen, ich bitte Sie!“ war das Einzige, was Clara fagen konnte. „Aber glaubſt Du denn, ich ſei hieher gekommen, um mich von Dir verſpotten zu laſſen?“ ſagte nun Adam Smith, der dieſe Frage von Grund ſeines Her⸗ zens aus that, da er das Räthſel nicht löſen konnte. „Glauben Sie mir, mein Herr, ich will Sie nicht verſpotten,“ ſtammelte die Unglückliche, mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme,„ich will zu Ihnen kommen, mit Ihnen trinken, aber..“ „So komm', kleine Hexe!“ ſagte Smith,„ſetze Di y zu mir.“ Jetzt hoffte er durch Freundlichkeit zu erreichen, was er mit Gewalt nicht ausführen konnte. Er bat, er flehte, er bettelte, er erniedrigte ſich vor Clara: aber ſie blieb bei ihrem Entſchluſſe. Der Graukopf war aber nicht der Mann, der ſich ſo leicht abſchrecken ließ. Er wußte, daß der Wein ihm Muth und Kraft gab und darum ließ er ſich noch eine Flaſche bringen. Als die zweite Flaſche beinahe zu Ende war, er⸗ neute er ſeinen Angriff mit verdoppelter Wuth, ohne ſich von den Thränen des Mädchen oder dem jämmer⸗ lichen Geſchrei ſtören zu laſſen. Plötzlich wurde die Thüre mit Gewalt geöffnet und die Wirthin trat herein. „Was iſt das?“ fragte ſie verwundert, bald Adam Smith, bald Clara anſehend.„Was bedeutet das Ge⸗ ſchrei, wo denkt ihr, daß ihr ſeid, wollt ihr mein ehr⸗ bar Haus ins Geſchrei bringen?“ Mit ein paar Flü⸗ chen endete ſie ihre Rede. „Das Madchen ſcheint toll zu ſein und Ihr noch toller, daß Ihr ſolche Geſchöpfe in Eurem Hauſe zu⸗ laßt,“ ſagte Smith Athem ſchöpfend, denn ſein Kampf mit Clara hatte ihn ermüdet. So gut er konnte, er⸗ zählte er das Vorgefallene Mutter Dien, welche von Zeit zu Zeit Blicke auf Clara warf, die das Kind zit⸗ tern machten. „Ach, laßt mich jetzt heimgehen,“ bat Clara, hof⸗ fend, daß die Bitte, an eine Frau gerichtet, erhört werden würde. Aber die Frau war keine Frau, ſie trug wohl dieſen Namen, gehörte zu dem ſchönen Ge⸗ ſchlechte, aber ſie ermangelte aller Tugenden und Eigen⸗ ſchaften, welche zu dem ſo viel in ſich faſſenden Namen gehören. Sie näherte ſich Clara, und mit ihren langen Fin⸗ gern, die ſo hart waren, daß ſie mit Horn überzogen — —— 173 zu ſein ſchienen, ergriff ſte die weißen Arme des Mäͤd⸗ chens und zog ſie nach der Thüre des Zimmers. „Augenblicklich aus meinem Hauſe!“ rief die Wir⸗ thin,„und wenn Du es wagſt, je wieder einen Fuß über die Schwelle zu ſetzen, ſo brech' ich Dir den Hals!“ Bei dieſen Worten wollte ſie Clara zum Zimmer hin⸗ aus ſtoßen, aber der Herr Smith trat zwiſchen Beide. Der Widerſtand hatte ſeine Begierde nur noch heißer und heftiger gemacht. Er ſprach einige Worte zu Mutter Dien; er ver⸗ ſprach ihr Gold. Die Wirthin ſchob den Riegel vor die Thüre und ſagte dann zu Clara:„Du biſt freiwillig herein gekom⸗ men, Du weißt, was für ein Haus das iſt und weße halb man hieher kommt. Vorgeſtern biſt Du auch hier geweſen, und da haſt Du doch kein ſolches Geſchrei ge⸗ macht; eg iſt alſo nur Schein, daß Du thuſt, als wäreſt Du die Tugend ſelber. Darum keine ſolche Geſchichten mehr, der Herr iſt ein ehrbarer Mann!“ Zu Clara ſagte ſie leiſe:„Er iſt wohl etwas alt, aber er bezahlt gut, ſei darum nicht toll, Mädchen...“ Allein dieſer Zuſpruch, für wie wohlgemeint Mut⸗ ter Dien ihn auch hielt, da ſie die Worte in einem Tone an das Mädchen richtete, als gebe ſie ihr eine Sittenlehre, diefe Worte, ſagen wir, hatten keineswegs den Erfolg, den Mutter Dien ſich davon verſprochen. „Du mußt,“ ſagte die Wirthin, durch die Beloh⸗ nung, die Smith ihr anbot, feſt entſchloſſen, ſeinen Wil⸗ len zu vollbringen,„Du mußt, gutwillig oder nicht, ſage ich, und wenn ich etwas ſage, muß es geſchehen; u biſt hier in meinem Hauſe, ich bin hier Herrin, und wer in meinem Hauſe iſt, muß ſich mir unter⸗ werfen.“ „In Ewigkeit nicht!“ rief Clara und eilte nach der Thüre. Schon hatte ſie dieſelbe erreicht, und wollte den Riegel zurück ſchieben, als Dien ſie feſt hielt und mit Adams Hülfe ſie nach dem Sopha ſchleppte. Mit 174 dem rechten Arm umfaßte ſie das beinahe wehrloſe Opfer, das aller Kräfte ermangelte; ihre Hand hielt ſie feſt auf den kleinen Mund Clara's gedrückt. Die Ge⸗ waltmaßregel war aber unnöthig, denn im ſelben Au⸗ genblick, in welchem die Furie ſie ſo wüſt anfaßte, war alle Kraft von ihr gewichen und ſie bewußtlos in die Arme Smith's geſunken, der das Ziel ſeiner Wünſche erreicht zu haben glaubte. „Sie muß,“ ſagte Mutter Dien,„das tolle Ge⸗ ſchöpf.“ Vielleicht würde ſie noch mehr geſagt haben, wenn nicht pöötzlich ein gewaltiger Lärm, der ſich im untern Stock hören ließ und immer näher kam, ihre Rede unterbrochen hätte.. „Was iſt das?“ rief ſie. Heſtig wurde an die Thüre geklopft. Ein ver⸗ wirrter Lärm drang bis zu dem Ohr des Kommiſſionärs und der Wirthin, und deutlich unterſchied man einige Stimmen, die riefen:„Adam Smith, alter Sünder, ſcheinheiliger Hund! Oeffne die Thüre, Remmers und Comp.!“ Erſchreckt und verwundert zugleich ſahen die beiden elenden Geſchöpfe einander an, während die Kammer⸗ thüre mit Gewalt geſtürmt wurde. Der Kommiſſionär betrog ſich, wie wir ſchon ſag⸗ ten, als er glaubte, unbemerkt in das Zimmer gekom⸗ men zu ſein: einige junge Leute waren ihm gefolgt. **⁴ *½* Gerard van Sell hielt ſich für verpflichtet, ſeinem reunde de Roos eine Geſellſchaft zu geben, der ſie, ſo ange ſeine Frau noch abweſend war, auch gerne an⸗ nahm. Es war ein Diner und die Geſpräche han⸗ delten von denſelben Gegenſtänden, die am Tiſche des Herrn de Roos verhandelt wurden. Das nächt⸗ liche Abenteuer kam, wie leicht zu begreifen, wieder auf das Tapet, und van Sell machte eine ſo begeiſternde - 175 Beſchreibung von Clara's Schönheit, daß ein bleicher, hagerer und kränklich ausſehender junger Menſch, der zu den Gäſten gehörte, als das Deſſert vorüber war, ſeinen Wunſch zu erkennen gab, mit der Schönſten aller ſchönſten Schönen, welchen Titel van Sell ihr gegeben, Bekanntſchaft zu machen, und darum wurde von der Geſellſchaft wieder ein Beſuch in der Handboogſtraat beſc loſſen. Die Herren, fünf an der Zayl, worunter Karel de Roos, begaben ſich auf den Weg. In der Kalver⸗ ſtraat ſah der Exkommis ſeinen vormaligen Patron gravitätiſch vor ſich herſchreiten. De Roos erinnerte ſich augenblicklich, daß ſein Patron gewöhnt war, Abends nach zehn Uhr auszu⸗ gehen. Sein gewandter Geiſt zeigte ihm hierin jetzt eine paſſende Gelegenheit, den Hohn, den er oft von Adam Smith hatte dulden müſſen, rächen zu können. Er erſuchte ſeine Freunde, die ſehr laut waren, ſich ſtille zu verhalten.„Da geht mein Patron, Adam Smith! Remmers und Comp., wißt ihr, bei dem ich früͤher vor meiner Heirath auf dem Komptoir war. Er iſt der gemeinſte Kerl, den ich kenne, ein Heuchler von der erſten Sorte, wir wollen ihm leiſe folgen, ieneeeht können wir ihn im Neſte fangen, den Spitz⸗ uben!“ Dieſer Vorſchlag ſchien den Herren beſonders zu gefallen. Ohne alle Berathſchlagung wurde er ein⸗ ſtimmig angenommen und die fünf Freunde ſchlichen Adam Smity auf ſo gewandte Weiſe nach, daß er ſeine Verfolger gar nicht bemerkte. 5 „Verdammt!“ rief de Roos, als er ſah, daß Smith die Kalverſtraat verließ und das Spui hinaufging, „der Heuchler geht, glaube ich, gerade dahin, wo wir hin wollen. Wenn er das thut, dann werden wir unſern Spaß mit ihm haben!“ Auf dem Oſſeſſtuis blieben ſie ſtehen und ſahen den Herrn Smith in die Straße ſchleichen, worin fie ſo manches Vergnügen genoſſen und das auch heute der Schauplatz ihrer Luſt werden ſollte. Da theilten ſich die Freunde in zwei Partien, die eine Partie ging längs dem Spui nach der Handboog⸗ ſtraat, während die andere, angeführt von Karel de Roos, ſo ſchnell als möglich durch die Kalverſtraat und den Heiligenweg rannte, um dieſelbe Straße zu er⸗ reichen. In der Mitte der Handbvogſtraat begegneten ſich die zwei Detachements. „ Du haſt ihn nicht aus der Straße gehen ſehen?“ fragte Karel ſeinen Freund Gerard. „Nein,“ war die Antwort. „Und wir haben ihm auch nicht begegnet“ rief der Hauptmann, der mit vieler Sorgfalt die Expedi⸗ tion leitete.„Es iſt darum kein Zweifel mehr, der Heuchler iſt in der Falle!“ Die Herren ſetzten ihre Entdeckungsreiſe fort, tra⸗ ten in die Wohnung ver Mutter Dien und gingen nicht in die Küche, wie ein paar Tage zuvor, ſondern be⸗ gaben ſich in das Vorzimmer und ließen die Thüre offen, wodurch ſie Gelegenheit hatten, einen Blick in den Gang zu werfen, und ſo zu ſehen, wer aus⸗ und einging. „Sag' einmal, allerliebſte Louiſe,“ ſagte de Roos, ſich zu dem Mädchen wendend, welche die Sultanin Favorite van Sells war und nach ihrer Gewohnheit Platz bei ihm genommen hatte,„ſag' einmal, iſt hier nicht ſo eben ein etwas bejahrter Herr hereingekommen?Ä“ „Was weiß ich,“ ſagte Louiſe,„das ſind Sachen, die mich nichts angehen.“ „Die Du aber doch weißt,“ fiel van Sell ihr in die Rede.„Nun, ſage nur, wir ſind alle Jongens van Jan de Witt*)!“ *) Luſtige Bruͤder. 177 „Nun dann ja, er iſt oben,“ ſprach Louiſe end⸗ lich,„er kommt öfters hieher, aber wer er iſt, weiß ich wahrhaftig nicht.“ „Das wiſſen wir!“ rie ſollte das je von ihm gedacht haben.“ „Und wen hat er bei ſich?“ frug van Sell, der beſonders viel Intereſſe daran zu haben ſchien,„wahr⸗ ſcheinlich Cato?“ aber die Magd iſt fort, f Karel de Roos,„wer „Nein, noch Niemand, um Jemand zu holen.“ „Der Heuchler,“ rief de Roos, während er auf Mittel ſann, wie er ſich an ſeinem vormaligen Patro⸗ nen rächen könnte. Ein Geräuſch lie ʒß ſich im Gange hören; alle öffneten die Augen weit und horchten mit halb geöffnetem Munde nach der Thüre: ſie ſahen Mutter Dien mit einem Mädchen die Treppe hinauf gehen. „Verdammt... das iſt Clara!“ rief van Sell. „Clara!“ wiederholte der bleiche Jüngling. „Geht Clara zu dem Herrn, von dem wir ſo eben ſprachen?“ „Za,“ antwortete Louiſe. „Das iſt Sünde rend der bleiche mit einem Stro Luſt machte. Jängling m von Fle Clara's Hülferuf dran in das Zimmer, wo die Fr „Was iſt das?“ wieder ſtill wurde, und die Herren, ſcho mehrten dieſe Hitz Das Geſchre „Das iſt das zweit klärte van Sell „Still, ſti Amſterdams G glaubte n von d i Clara ll, ſeid ihr t eheimniſſe. II, und Schade,“ r eunde beiſammen waren. fragte van Se e noch durch Punſchtrinken. 's wurde wieder gehört. e Mal, daß ich „ich will wiſſen, was ief van Sell; wäh⸗ etäuſchten Hoffnung nd Verwünſchungen ſeiner g üchen u g nicht lange darauf bis ll; allein, da es trogen zu haben; n etwas erhitzt, ver⸗ er ſich be em Wei es höre,“ er⸗ das iſt.“ aiſe,„die Frau 12 oll!“ rief Lou 178 geht nach oben, ſie nimmt ſich der Sache an und das iſt genug, was wollen wir davon.“ Zum dritten Male wurde das Angſtgeſchrei gehört. „Es iſt Clara, die um Hülfe ruft,“ ſprach de Roos, und bebte vor Wuth.„Ich erkenne ihre Stimme, kommt, ich kenne den Adam Smith, der Kerl iſt im Stande, das Mädchen zu ermorden, und da er immer ſehr dichteriſch in ſeinen Ausdrücken war, wenn er viel getrunken hatte, rief er:„Freunde, Kameraden, Brü⸗ der, wohlan, folgt mir, erlöſen wir die Unſchuld aus den Klauen des Teufels!“ Seine Worte wirkten auf die Gemüther der vier übrigen Betrunkenen und alle ſprangen auf, um ihm zu folgen. Louiſe eilte aus dem Zimmer und bald erſchien Cato, die in Abweſenheit der Wirthin ihre Stelle ver⸗ ſah. Sie drohte, die Nachtwache holen laſſen zu wol⸗ len, und die Gäſte mit Gewalt aus dem Hauſe zu entfernen, wenn ſie nicht ruhig blieben. Doch das Drohen wollte hier wenig helfen. Ge⸗ rard van Sell, der ſchon lange einen Haß auf Cato hatte, machte von der günſtigen Gelegenheit Gebrauch und gab ihr einen fühlbaren Schlag ins Geſicht. In⸗ zwiſchen warf der bleiche Jüngling die Lampe um, ſo daß eine vollkommene Dunkelheit herrſchte, welche Ge⸗ legenheit van Sell benützte, um Cato noch einige wohl⸗ gemeinte Schläge beizubringen, während das Mädchen, durch ihr Fluchen und Schreien die Verwirrung noch größer machte. Unter dem Geſchrei:„Adam Smith! Adam Smith!“ lief man die Treppe hinauf und taſtete herum, bis end⸗ lich Henriette erſchien, ein angezündetes Licht in der Hand haltend. Auch ſie hatte das Schreien Clara's gehört und eilte ihrer Freundin zu Hülfe. „Hier hin!“ rief ſle,„die Treppe hinauf!“ „Adam Smith! Schelm! Heuchler!“ ſchrie de Roos und wurde von ſeinen Kameraden getreulich unterſtützt. 179 „Aufgemacht!“ war das allgemeine Feldgeſchrei und als dem Befehl keine Folge gegeben wurde, be⸗ gannen die Belagerer mit Händen und Füßen zu klo⸗ pfen, zu pochen und zu ſtoßen, um ſich mit Gewalt Ein⸗ gang zu verſchaffen. XVIII. Das Wiederſehen. Mit einem Geſichte, wie eine wüthende Megäre, oder gereizte Xantippe, öffnete die Wirthin die Thüre und gleichzeitig ſtürmten Karel de Roos und die Sei⸗ nen in das Zimmer. „Was wollen Sie?“ begann Mutter Dien und⸗ brachte einige Dutzend Flüche und Scheltworte hervor. „Was ich will? Ich will Adam Smith!“ rief Ka⸗ rel, ſich heftig auf die Bruſt ſchlagend, um ſeinen Wor⸗ ten mehr Nachdruck zu verleihen.„Wo iſt der Schelm?“ fuhr er fort, als er den Kommiſſionär nicht bemerkte; „wo iſt er, ſprich Weib, oder ich will Dich reden machen, er hat ſie ermordet!“ dabei zeigte er auf das Sofa, worauf Clara lag. „Wer iſt ermordet?“ ſchrie die Wirthin,„ſte liegt nur da, und das iſt Alles!“ „Adam Smith!“ brüllte de Roos, während er ſeine Hand gegen die Wirthin aufhob,„ſag', wo iſt er?“ „Ich kenne keinen Adam Smith, glauben Sie, ich kenne alle Leute, die hieher kommen?“ „Nun denn, der Mann, de hier war.“ „Der Herr iſt ſchon lange fort!“ „Da lügt Ihr,“ rief Gerard van Sell,„kommt, laßt uns einmal ſuchen, ob wir ihn nicht finden.“ iſt wahr, ich trage den Namen eines ehrlichen, bra ven „Das laſſen Sie bleiben, oder ich rufe die Wache.“ „Wenn die Wache kommt, ſind wir auch da,“ rief Karel de Roos und bezeugte, keine Furcht zu haben. „Nun, Jungens, an's Werk!“ Während die Herren beſchäftigt waren, das Zim⸗ mer auszuſuchen, hatte ſich Henriette zu Clara geſetzt und ſuchte ſie zum Bewußtſein zurückzubringen. Ihre Verſuche wurden mit dem beſten Erfolge gekrönt, Das Mädchen öffnete die Augen, und im ſelben Augen⸗ blicke ließen die Herren ein lautes und hellſchallendes Jauchzen hören: ſie hatten Adam Smith hinter dem Bette gefunden. „Ha,“ rief de Roos, als der Mann aus ſeinem Schlupfloch hervorkam,„meine Herren, ich habe die Ehre, Ihnen vorzuſtellen Sr. Wohlgeboren den Herrn Adam Smith, beſſer bekannt unter dem Namen Rem⸗ mers und Comp., Wechſelunterhändler, wohnend auf der Prinſengracht bei dem Groenmarkt, ein Mann, meine Herren, der als beſonders fromm und ehrlich gilt, der Sonntags nie eine Kirche verſäumt, aber von dem einen Sonntag bis zum andern Dinge ganz ande⸗ rer Art treibt, wie Sie jetzt ſehen!“ Der, dem dieſe Lobrede galt, und der Ohrenzeuge von der ausgezeichneten Phyſiologie war, welche ſein ehemaliger Kommis von ihm gab, hatte während die⸗ ſer Worte ſeine frühere Ruhe wieder gewonnen und auf einem Stuhle Platz genommen, in einer Haltung, als ob er keineswegs der Mann ſei, der als Vorwurf der Lobrede des Herrn de Roos daſtehe. Als dieſer geendet hatte, nahm Smith das Wort und ſagte ſehr ruhig: „Herr de Roos hat ſich viel verändert; als er auf meinem Komptoir war, um Auslaufergeſchäfte zu be⸗ ſorgen, war er nicht halb ſo beredt, wie jetzt und ich glaube, daß alle dieſe Geſchichten, welche hier ſtattge⸗ funden, an ihn zu weiſen find. Was er von mir ſagt⸗ 181 und gottesfürchtigen Mannes und ſuche, ſoviel an mir iſt, mich dieſes Namens würdig zu machen; darum und gelegenheiten, wenn es nicht beſondere Gründe erfor⸗ dern, mitzutheilen, und ich zweifle nicht, meine Herren, daß Sie üeerzeugt ſein werden, daß ein Mann von mei⸗ nen Jahren, Häuſer, wie das, in welchem wir uns jetzt befinden, nicht mit ſchlechten und unfittlichen Zwe⸗ cken beſucht. Meiner ehrlichen Abſichten, die mich hie⸗ her trieben, bewußt, ſchäme ich mich nicht, Ihnen hier zu begegnen, und ich hätte nicht gezögert, Ihnen mei⸗ nen Namen mitzutheilen, wenn mein vormaliger Kom⸗ funden worden zu ſein, werde ich, Herr de Roos, Ih⸗ führen, damit die würdige Frau nicht von Ihnen ins erderben geſtürzt werde.“ De Roos ſtand wie an den Boden genagelt, als er dieſe Worte hörte, und gewiß hätte Jeder, der Adam Smith mit ſo großer Würde, mit ſolchem Ernſte ſpre⸗ chen hörte, ihn für den Mann gehalten, als welcher er erſcheinen wollte; ſeiner Gegenwart in dem Hauſe hätte man leicht einem edlen Zweck zugeſchrieben, denn wer ſollte in dieſem ruhigen, feſten, würdigen Manne en Bemeinen Wollüſtling geſucht haben, der er wirk⸗ ar. ſtand bereit, dem Kommiſſionär eine Fluth von unzu⸗ er fort,„wenn w ſammenhängenden Worten zu ſagen, als die Wirthin Herenntrt und Karel und ſeine Kameraden alſo anre⸗ dete: 3 „Nun hinaus aus der Thüre, keinen Augenblick länger will ich euch hier im Hauſe haben, aber bezahlt mir zuerſt den Schaden, den ihr mir angerichtet, die Lampe iſt in Stücken, ein paar Stühle ſind zerbrochen, und das Vorzimmer ſieht aus wie eine Ruine. Sechs⸗ zehn Gulden muß ich haden außer dem Verzehrten, und das ſogleich, oder ich laſſe euch Alle auf die Kortegard (corps-de-garde) bringen, die Wache ſteht unten, ich werde euch lehren, einen ſolchen Spetakel in meinem Hauſe zu machen, und ehrliche Leute, die ſtill und ruhig kommen, zu beleidigen.“ Gerard van Sell, der ſeinem Freunde de Roos ſehr verpflichtet war, weil er ihm hie und da Geld lieh, glaubte nun Karel einen beſonderen Dienſt zu thun, inbom er Adam Smith ärgre, daneben fühlte er auch wenig Luſt, ſeinen Antheil an dem Schaden zu bezah⸗ len, welcher beinahe ganz allein von ihm angerichtet ar. „Iſt die Wache unten, ſo laßt ſie heraufkommen,“ ſagte er in einem Tone, der die Mutter Dien vor Wuth ſchäumen machte.„Je mehr Seelen, deſto mehr Freunde. Es gehen viel Schafe in einen Stall. Was aber das Bezahlen betrifft, ſo gebe ich keinen Cent, und ich glaube, die andern Herren werden ebenſo den⸗ ken, denn wir haben keine Schuld an dem Schaden, aber wohl der Herr Smith, der da mit einem Geſichte ſitzt, das mich zu langweilen anfängt, ſeht, daß Ihr von ihm Geld bekommt, wir bezahlen nichts.“ „Warte,“ ſchrie Mutter Dien; allein van Sell er⸗ fauhe ſie in ſehr unfreundlichem Tone, ſich ruhig zu ver⸗ alten. „Wir würden ruhig unten geblieben ſein,“ fuhr ir nicht mehremal ein ſchreckliches 183 ' Schreien gehört hätten, wir dachten nicht anders, als es werde Jemand ermordet, und da war es unſere Pflicht, zu Hülfe zu kommen, daß wir dabei die Lampe umwarfen, iſt nicht aus Muthwillen geſchehen, und 1 zeugt überdies von dem guten Willen, von dem Eifer, der uns beſeelte, um nach oben zu eilen und eine Un⸗ glückliche zu unterſtützen. Darum bezahlen wir keinen Cent. Ruft Ihr die Wache, gut, dann gehen wir auf 3 die Kortegard, aber dieſer Herr muß mit uns, denn hier iſt Alles durch ihn verſchuldet. Wohlan, Herr Smith! 1 wenn Sie nicht Luſt haben, die Nacht auf der Korte⸗ gard zuzubringen und morgen früh auf das Polizei⸗ kommiſſariat zu wandern, möchte ich Ihnen rathen, der Mutter Dien Alles zu vergüten und eine Flaſche Cham⸗ 1 pagner zum Beſten zu geben, für die Ehre, mit uns Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ Und nachdem er hin⸗ zugefügt, daß er durchaus kein Narr und wohl wiſſe, was er thue, und daß, hätte er auch etwas zu viel ge⸗ trunken, er darum doch ſehr nüchtern wäre, wie es ihm auch ſehr gleichgültig, eine Nacht auf der Kortegard zuzubringen, endigte van Sell ſeine Apologie, der von den andern Herren laut zugejauchzt wurde. Adam Smith fühlte wohl den elenden und höchſt. 3 fatalen Zuſtand, in welchem er ſich befand. Sollte er⸗ der anſtändige, feine Mann, von der Nachtwache aus einem öffentlichen Hauſe geholt werden, dazu in Ge⸗ ſellſchaft von halb Betrunkenen die Nacht auf der Kor⸗ tegard zubringen und am folgenden Tag auf das Po⸗ lizeikommiſſariat geführt werden! Bezahlen war die einzige Rettung! Bezahlen... und dies Wort tönte ſchrecklich in ſein Ohr, beſonders da er es war, der es thun ſollte. Etwas von dem, was die Wirthin ver⸗ langte, herunterzuhandeln, das ſah er wohl, wäre fruchtlos geweſen; er beſchloß, den Rath van Sells zu befolgen, doch weigerte er ſich beharrlich, die Flaſche hampagner zu geben. „Das iſt mir ganz angenehm!“ ſprach van Sell, „wahrlich ich wollte lieber Gift, als eiwas von ſo ei⸗ nem elenden Kerl, wie Sie find, annehmen.“ Auf ſeine eigene Rechnung beſtellte Gerard van Sell nun eine Flaſche Champagner, welchem Beiſpiele unmittelbar Karel de Roos folgte. Auch bekam Cato, als Heilmittel für die Schläge, die er ihr im Dunkeln beigebracht hatte, ein Dreiguldenſtück. Indeſſen hatte Smitb das beſte Theil erwählt und war fortgegangen, und die Wirthin erklärte, es ſei ihr unbegreiflich, wie ſo noble Herren ſich ſo betragen könnten, und das, was ſie von der Nachtwache geſagt hätte, ſei nur eine Dro⸗ hung geweſen, die ſie nie ausgeführt hätte.“ Während dies Alles geſchah, war Clara in ſo weit zu ſich ſelbſt gekommen, daß ſie ſich im Stande fühlte, mit Henriette nach Hauſe zu gehen. Der bleiche Jüngling, der unſern Leſern bereits bekannt, hatte Clara unaufhörlich beobachtet und als ſie, von der allgemeinen Verwirrung Gebrauch machend, ſich mit Henrietten entfernte, ſchlich er ihr nach. „Bon soir mon ange!“ rief er, als ſie ſich in der Mitte der Kalverſtraat befanden, und faßte zugleich das Mädchen um die ſchlanke Taille. Clara ſchrie laut auf; ſie glaubte, es ſei ihr grau⸗ ſamer Verfolger, der ſie mit der Hand umfing. „Ich bin es,“ ſprach der Jüngling in vertraulichem Tone,„geh' mit mir, ich weiß einen andern Ort, auf dem Enge Kapelſteeg⸗oder in dem Klooſter, wo Du willſt „Wir gehen nach Hauſe,“ ſagte Henriette,„es 8 zu ſpät, ein andermal werden wir mit Ihnen gehen.“ „Halt' das Maul, mit Dir ſpreche ich nicht, komm' Clara, geh' mit mir.“ 3 „Nein, nein, ich bin krank, ich verlange nach Ruhe,“ ſagte Clara. 3„Ich bin reich, ich habe viel Geld und bin nicht arg. 185 „Nein, laſſen ſie uns in Ruhe, mein Herr.“ „Du mußt mit!“ Damit wollte er Clara mit Ge⸗ walt fort führen. „Laſſen Sie ſie los, oder ich rufe um Hülfe,“ ſprach Henriette. Doch das nützte wenig oder nichts, und wahrſcheinlich würde es noch länger gedauert ha⸗ ben, wenn nicht Clara alle ihre Kräfte geſammelt und den ſchwachen Jüngling von ſich geſtoßen hätte, der dadurch ſo wüthend wurde, daß er auf das arme Mädchen zu⸗ ſtürzte und ihr einen ſo heftigen Schlag in's Geſicht gab, daß ihr das Blut aus Naſe und Mund floß. Er wollte ſeine Mißhandlung fortſetzen, als plötz⸗ lich zwei wohlgekleidete junge Herren aus einer Gaſſe hervorſprangen, von welchen Einer den unverſchämten Galan ſo heftig zurückſtieß, daß dieſer auf der andern Seite an eine Stoep fiel. Die Wolken, die einige Augenblicke den Mond be⸗ deckt hatten, waren jetzt vorbeigezogen und bei dem helleren Scheine konnten Clara's Befreier deutlich die Geſichtszüge des Anfallenden unterſcheiden. Der Größte von beiden trat auf ihn zu, blieb aber plötzlich ſtehen und äußerte durch einen lauten Schrei ſeine Verwun⸗ derung, zog ſeinen Kameraden zu ſich und ſagte:„Ha, kennſt Du uns nicht mehr!“ 3 Der bleiche Jüngling ſtieß einen Fluch aus, es war ſeine einzige Antwort. Einer der Befreier ergriff ihn dann bei der Bruſt und ſagte, während er ihn kräftig ſchüttelte:„Sieh uns mal recht an, Karel van Gent, jetzt kommt Dir kein Daniel Vos zu Hülfe!“ „Himmel!“ rief van Gent, während er noch blei⸗ cher hurde⸗ als er ſchon war,„der ſchwarze Dolf und rank!“ „Frank! Frank!“ rief es von der andern Seite der Straße, und im ſelben Augenblick umſchlangen zwei Arme den Hals des Jünglings. 186 „Kennſt Du mich denn nicht, Frank! Bin ich Dir denn fremd geworden?“ „Großer Gott!.. Clara, meine Schweſter!“ „Bruder! Frank, mein Frank! Gott ſei gedankt, daß ich Dich wieder ſehe!“ „Clara!... und mich kennſt Du nicht mehr!“ „Der ſchwarze Dolf!“ .„„..„.„.. „...........„. Karel van Gent machte von der jezt herrſchenden Verwirrung Gebrauch und ergriff das Haſenpanier, und in der allgemeinen Freude hatten die früheren Helden unſerer Geſchichte, die wir ſo unerwartet wie⸗ derſehen, keine Acht mehr auf den vormaligen Koſt⸗ zögling des Meiſter Vos. Henriette gab ſich bald als die Tochter David Rams und die Schweſter Jims gegen Frank zu er⸗ kennen und blieb bei der Geſellſchaft. Die Vier be⸗ gaben ſich nun unverweilt nach der Wohnung der bei⸗ den Mädchen, welche ſie bald erreichten. Als in der Kammer ein Licht angezündet war, betrachteten ſie ein⸗ ander aufmerkſam, um die Veränderung, die mit jedem ſeit ihrer Trennung vorgegangen, wahrzunehmen. Frank war jetzt ein hübſcher achtzehnjähriger Burſche, der im vollſten Sinn des Wortes wohlgeſtaltet genannt werden konnte. Mit der ſchlanken Figur verband ſich ein ſchönes offenes Geſicht, daß Henriette ſich nicht enthalten konnte, leiſe zu Clara zu ſagen, ihr Bruder ſei ein hübſcher Junge und ſie ſei ſchon minder oder. mehr in ihn verliebt. Adolf, ſonſt der ſchwarze Dolf genannt, war zwei Jahre älter, als Clara's Bruder; er ſchien aber viel mehr Jahre zu zählen, ſo kräftig und entwickelt war er jetzt. Noch beſaß ſein Antlitz den ſtolzen Ausdruck; ſeine funkelnden Augen hatten noch den gebietenden 1 187 Blick, der ihm ſchon in ſeiner Kindheit eigen; ein ſtarker ſchwarzer Bart, der um das ganze Geſicht in ſchöner Form lief, trug viel dazu bei, Adolf eine wahrhaft männliche Schönheit nennen zu können. Durch den Bart wurde er mit Recht des Namens„der ſchwarze Dolf“ würdig. Die Kleidung der beiden Freunde war einfach, trug aber nicht das mindeſte Zeichen von Ar⸗ muth und unterſchied ſich darum nicht wenig von der, welche ſie in der Koſtſchule getragen hatten. „Und wodurch gewinnt ihr die Mittel eures Unter⸗ haltes?“ fragte Frank, als Clara ihm in wenigen Worten ihr Schickſal erzählt hatte. „Wir würden gerne etwas mit der Nadel verdie⸗ nen, wenn wir nur Arbeit bekämen, aber wie ſehr wir auch unſer Beſtes thun, Alles iſt vergebens!“ „Aber wenn ihr keine Arbeit bekommen und nichts verdienen konntet, wovon lebt ihr dann?“ „Henriene hat mich immer verſorgt, ſo viel ſie e. „Haſt Du denn Arbeit?“ fragte Frank die Freundin ſeiner Schweſter. „Nein und darum habe ich doch oft mehr Geld, als ich durch Arbeiten verdienen konnte,“ ſagte Hen⸗ riette.„O Mangel haben wir noch nie gelitten, nicht wahr, Clara, wir hatten's zwar nie zu flott, aber Mangel, nein, den haben wir nie gekannt.“ „Habt ihr denn vielleicht Schulden gemacht?“ „Schulden, o Herr Frank, denn da Sie nun ſo ſchön gekleidet ſind, darf ich Sie nicht nur ſo Frank ohne alles Weitere nennen, wie damals, als Sie noch auf dem Wiſde ſteeg wohnten mit der Prinz.... Ihrer Mutter, wollt' ich ſagen; Schulden ſagten Sie, ha! hal wer ſollte uns Kredit geben, der Bäcker, ja, der thut's wohl noch, aber auch nicht höher, als zwölf Stüber. Nein, ich will Ihnen ſagen, wie es kommt, daß ich noch ziemlich mit Geld verſehen bin,“ und Henriette erzählte den Beiden ihre Abenteuer, die un⸗ ſern Leſern ſchon bekannt ſind. konn 188 „Aber,“ ſagte Frank, als Henriette ihm erzählt hatte, daß ihr Vater David Ram eine Erbſchaft ge⸗ macht habe, wofür er die Wirthſchaft kaufte,„hatte Tenn r Vater noch Verwandte, von welchen er erben onnte?“ „Das weiß ich nicht,“ gab Henriette zur Antwort, „mein Vater hatte einiges Geld zuſammenbekommen durch den Herrn, der ihn erkauft hatte und ihm fünfzig Gulden gab. Dann brachte ihm auch das Herumſenden der Bettelbriefe ein artig Sümmchen ein. Dafür kaufte er eine kleine Schenke in der Goudsbloemſtraat, de Achtkant genannt, wo er zugleich Leute über Nacht behielt. Eines Abends ſah ich meinen Vater und Jim Geld zählen und als er bemerkte, daß ich ihn beobachte, ſagte er:„Das iſt Geld, Mat, von einer Erbſchaft, die ich eingezogen, und dafür werden wir das Anweſen in dem Suikerbakkerſteeg kaufen,“ und darauf ſprach weder er noch Jim je mehr etwas von der Erbſchaft.“ „Und Sie verließen das Haus des Vaters mit Clara,“ ſagte der ſchwarze Dolf, damit Henriette nach disſer, Ausweichung den Faden ihrer Erzählung wieder auffaſſe.. „Ja,“ antwortete ſie,„und wir mietheten ſogleich dieſes Zimmer; ich hatte mir zwanzig Gulden zuſammen⸗ geſpart, ohne daß mein Vater oder Jim etwas davon wußten, denn als mein Vater ein gutes Geſchäft hatte, gab er mir hie und da etwas Geld; dafür kaufte ich den Hausrath, den Sie hier ſehen, bezahlte drei Mo⸗ nate Miethe voraus und nun thaten wir unſer Beſtes, um mit Arbeiten unſer Brod zu verdienen, denn eine Nachbarsfrau hat mich und Clara gelehrt mit der Na⸗ del umzugehen. Es wollte aber nicht glücken und bald war das Geld, das ich mitgenommen, verzehrt. „Da waren wir auf dem Punkte Hunger zu lei⸗ den, doch zufällig bekam ich wieder Geld. Die Nach⸗ barsfrau, von welcher ich geſprochen, war eine Näh⸗ terin, die, als ſie ſo viel Arbeit hatte, daß ſie nicht —— 189 allein fertig werden konnte, uns etwas gab und ſo hatten wir auch etwas gethan. Des Abends brachte ich ihr die Arbeit zurück und als ich wieder nach Hauſe ging, kam ein junger Herr zu mir und redeite mich an, und ich begriff ſogleich, was er wollte. Unſer Zuſtand war ſchrecklich, wir hatten durchaus nichts, da die Nachbarin uns all' das Geld ſchon geliehen hatte, das wir verdienen mußten; den ganzen Tag hatten wir nichts, als ein. Stückchen Roggenbrod gegeſſen, denn wir waren noch nicht genug in der Nachbarſchaft be⸗ kannt, um Kredit zu bekommen; ich begann großen Hunger zu fühlen und konnte wohl begreifen, daß dies auch bei Clara der Fall ſein mußte; die Gelegenheit, Geld zu verdienen, war zu ſchön, um ſie vorbeigehen zu laſſen, ich folgte dem jungen Herrn, der mich in die Handboogſtraat brachte.“ „Und was thaten Sie da?“ fragte Dolf. „Nun“ rief Henriette,„das werde ich Ihnen nicht zu ſagen brauchen.. Das werden Sie ſchon begrei⸗ fen, was ich da that.“ „Und Sie ſagen das ganz ohne alle Zurück⸗ haltung!“ „Warum ſollte ich heucheln?“ rief Henriette,„ich that ja keine Sünde, ich habe ja nicht geſtohlen!“ „Fahren Sie fort!“ ſagte Dolf, Henrieiten ver⸗ wundert anſehend. „Der Herr gab mir zwei Gulden und als ich fort⸗ gehen wollte, rief mich die Frau; ſie fragte mich nach meinem Namen, Alter, Wohnung, welche Fragen ich alle der Wahrheit gemäß beantwortete. „Hierauf begann ſie mir zu erzählen, daß ich viel mehr Geld verdienen könnte, als der Herr mir gege⸗ ben hätte, daß ſie mir ein ſchönes Kleid geben und einen Hut kaufen wolle. Meinen Namen mußte ich aber verändern, da er nicht ſchön genug war. Am fol⸗ genden Morgen beſuchte ich ſie wieder; ſie war ſehr freundlich, gab mir Alles, was fie mir verſprochen hatte 190 und ſagte dann, ich müſſe den Namen Henriette an⸗ nehmen und da er etwas beſſer klang als Mat, ſo machte ich keine Schwierigkeit und zugleich gab ſie mir eine Arbeit mit. Auf ihren Befehl erſchien ich Abends acht Uhr wieder bei ihr; ich trug die Kleider, die ſie mir gegeben hatte. Da fand ich einen nobeln Herrn, weißt Du, Clara, den Herrn von heute Abend, den die Andern Adam nannten, und der gab mir ein Fünfgul⸗ denſtück und das war ſo zwei oder dreimal in der Woche, wenigſtens erhielt ich die erſte Woche fünfzehn Gulden. O Frank, was hatten wir da ein Leben, ich kauſte für Clara Kleider und dann ſind wir in der Ko⸗ mödie geweſen, Himmel, wie ſchön war es da, weißt Du noch, Clara, der Kerl mit dem weißen Wamms mit langen Aermeln und großen Knöpfen, ich meinte mich todt lachen zu müſſen, ſolches tolle Zeug machte er.“ —„Nun, das könnt ihr uns ein andermal erzählen,“ ſagte Dolf, deſſen Neugierde immer mehr wuchs und der nur die Geſchichte Mat Rams hören wollte. „Ich bekam viel Geld, allein das dauerte nicht lange, kaum vier Wochen, denn dann kam ein anderes Mädchen, die dem Herrn Adam beſſer zu gefallen ſchien, da hörte der Verdienſt auf, hie und da bekam ich wohl von dieſem oder jenem einen Thaler, aber es gingen Monden vorbei, ohne daß ich etwas verdiente. „Und ging Clara des Abends mit Ihnen?“ riefen Dolf und Frank zugleich. „Nein,“ gab Henriette zur Antwort,„ich wollte es nicht, denn ich verdiente genug für uns Beide und es iſt nicht angenehm, von Leuten geküßt, geſtreichelt und geliebkost zu werden, die uns nachher ein Stück Geld zuwerfen, wie man einem Hund ein Bein gibt. Aber als Clara ſah, daß ich nicht mehr ſo viel ver⸗ diente, wollte ſie mich durchaus begleiten... was konnt; ich thun, ich nahm ſie mit!“ „Und ſie ging mit! Clara, meine Schweſter, was haſt Du gethan!“ ͤ——d 8 191 hi Der ſchwarze Dolf fluchte und ſah düſter vor ſich in. „Frank,“ rief Clara, die Hand ihres Bruders faſ⸗ ſend,„ich bin unſchuldig, glaube mir, ich bin unſchul⸗ dig, Du weißt, daß ich nicht lüge.“ „Aber Du biſt mit ihr gegangen, Du biſt in dem Hauſe geweſen, Clara!“ „Ich bin unſchuldig!“ wiederholte das Mädchen, roth werdend,„das erſte Mal, als ich dort war, ſpielte ich Karten mit den Mädchen und der Frau, wahrlich, Frank, glaube mir! Das zweite Mal kam ein junger Menſch von Deinen Jahren und ich mußte mit ihm; aber ich weinte, es war, als ob ich in dieſem Augen⸗ blicke unſere Mutter auf ihrem Krankenbett liegen ge⸗ ſehen, und ihr bleicher Mund mir zurief:„Clara bleibe immer tugendhaft und gut!“ als ob ich ihre blauen Lippen noch flüſtern hörte:„Gott, behüte meine Kinder vor der Verführung der Welt!“ Da erſt begriff ich, was die Bitte ſagen wollte, der junge Herr hatte Mit⸗ leiden mit meinen Thränen und Frank und Dolf, ich verſichere euch, ich verließ das Zimmer, wie ich einge⸗ treten war!“— „Sein Namel ſein Name!“ rief Dolf,„wenn ich den Mann finde, will ich ihm als Freund die Hand drücken, und wenn ich ihm helfen kann, werde ich es thun; ſein Name!“ 3 „Sein Freunde nannten ihn Francois,“ gab Clara zur Antwort,„weiter weiß ich nichts von ihm.“ „Nun, wenn wir ihm einmal begegnen, Clara,“ ſagte der ſchwarze Dolf,„ſo mußt Du mir ihn zeigen; ich will ihn kennen lernen, vielleicht kann ich ihm noch den einen oder andern Dienſt thun, ich habe Kraft und mein Arm ſoll ſtets bereit ſein, ihm zu helfen, wo er es nöthig hat.“ „Aber Du warſt drei Male mit Henriette in dem Hauſe,“ ſprach der beſorgte Bruder, zwiſchen Hoffnung und Furcht ſchwankend. 9 192 „Dieſen Abend war es das dritte Mal, daß ich ſie begleitete,“ ſagte Clara ruhig. Dann erzählte ſie die Geſchichte, die wir unſern Leſern bereits mitgetheilt, und kaum hatte ſie geendigt, als Adolf mit der ihm eigenen Aufgeregtheit ausrief: „Wehe dieſem Adam! wenn ich ihn je finde.“ Frank weinte. Sprachlos ſchloß er ſeine Schwe⸗ ſter in die Arme und drückte mit brüderlicher Liebe einen Kuß auf die Lippen des Mädchens, die, Dank ſei der guten Erziehung, rein geblieben. „Und Du, Frank, erzähle mir nun auch, was iſt mit Dir indeß geſchehen.“ „Nein, heute nicht,“ ſagte Adolf,„morgen früh wollen wir euch abholen, wir müſſen morgen das Feſt des Wiederſehens feiern. Steh' früh auf und kleide Dich ſo ſchön Du kannſt und Sie auch, Henriette, wir werden morgen einen frohen Tag haben. Komm, Frank!“ So verließen ſie mit einander die beiden Mädchen. „So ſchön als möglich müſſen wir uns kleiden,“ ſagte Henriette, als ſie mit Clara allein war, und in aller Eile holte ſie ihre beſten Kleider hervor und be⸗ gann zu waſchen und zu nähen, mit einem Wort, ſie war ganz Thätigkeit und Leben.„Du kannſt wohl ſchlafen gehen, Clara, ich will inzwiſchen Dein blaues Kleid⸗ chen waſchen und am Feuer trocknen; mein rothſeidenes Tuch kannſt Du um den Hals thun, das kleidet Dich beſſer und ſteht Dir ſo lieb, geh' nur ruhig zu Bette, ich kann doch nicht ſchlafen und werde Alles in Ord⸗ nung bringen; ſie ſehen beide ſo hübſch aus, daß wir unſer Beſtes thun müſſen, um nicht zu viel von ihnen abzuſtechen.“ Doch Clara konnte nicht ſchlafen; die Freude, ihren Bruder wieder geſeben zu haben, beſchäftigte ſie zu ſehr, um ſich ungeſtörter Ruhe hingeben zu können. So hat oft das Gefühl der Freude dieſelbe Wirkung auf den Menſchen, wie Betrübniß und Kummer. / V V 193 Clara blieb darum die ganze Nacht wach und dem Vesſd els ihrer Freundin folgend, ſetzte ſie ſich an die Arbeit. 1 K* 5*⁵ Beſchuldigt mich nicht, meine Leſer, Henriekte in gar zu günſtigem Lichte geſchildert zu haben. Ich bin kein Vertheidiger ſolcher Geſchöpfe wie Henriette, aber eben ſo wenig kann ich ſie verachten! Mögen auch viele den Bannfluch über ſie ausſprechen, beſonders die ſo⸗ genannten Frommen, in meinen Augen find weit die meiſten dieſer Mädchen eher zu beklagen, als zu ver⸗ achten und ich glaube, es iſt dieß der richtige Geſichts⸗ punkt. Man weiß die Geſchichte der Ehebrecherin und wirft doch ſo leicht den Stein auf eine Sünderin. Sie entbehrte einer Mutter, die ſie gelehrt, was Recht oder Unrecht iſt, ſie hatte einen Dieb, einen Trun⸗ kenbold zum Vater, was ſollte dieſer ſeine Tochter leh⸗ ren. Das Vergehen, das ihr zur Gewohnheit gewor⸗ den, war keine Sünde in ihren Augen. Site ſollte Nie⸗ manden etwas entwenden, das war Sünde für fie, die einzige, die ſie kannte. Die Mädchen, welche unſere öffentlichen Häuſer bevölkern, fielen die Einen aus Un⸗ wiſſenheit, wie Henriette, die Andern wurden mißhan⸗ delt von den Eltern, denen ſie nichts als das Leben zu verdanken haben; dieſe verkaufte ihre Ehre für Brod, jene fiel in die Hände eines gewiſſenloſen Betrügers und ſank immer tiefer und tiefer. Und was iſt ihr Loos! Lachen zu müſſen, wenn das Herz weint, ſich liebkoſen zu laſſen von Leuten, die man haßt, ſich dem allgemeinen Spott und der Verachtung preisgegeben zu ſehen— wahrlich nicht ſehr beneidenswerth. Die erſten Strahlen der Morgenſonne überraſchten die noch arbeitenden Mädchen und in wenigen Augen⸗ blicken waren beide gekleidet. Sie ſahen recht lieb und Amſterdams Geheimniſſe. II. 3 13 194 hübſch aus, denn der Gedanke eines fröhlich zu ver⸗ lebenden Tages hatte einen Glanz über ihr Antlitz ver⸗ breitet, den keine Schminke zu verleihen vermag. Frank und Dolf erſchienen bald und ein gutes Frühſtück machte die Einleitung zu den vielen Vergnü⸗ gungen, die ſie genießen ſollten. Amſterdam mußte heute die Vierzahl miſſen; in Mitten der ſchönen Natur, unter einem friſchen heitern Himmel, nicht verdunkelt durch die Rauchwolken der niederländiſchen Hauptſtadt, nur auf dem freien Felde wollten ſie das Feſt des Wie⸗ derſehens feiern, ferne dem Stadtgewühl einander ihre Schickſale erzählen, und nichts ſollte die Geſchichten unterbrechen als der frohe Geſang der Vögel und der durch die Blätter der Bäume ſpielende Wind. XIX. Die Geſchichte Franks. Wir treffen unſere Geſellſchaft in dem Haarlem⸗ mer hout, einem weitausgedehnten Walde, der ſich in der Nähe von Haarlem befindet. In der Spanjaardslaan, einem Ort, ſo reich an geſchichtlichen Erinnerungen, hatten ſie ſich auf eine einfache hölzerne Bank niedergelaſſen und überließen ſich ganz dem Behagen der freien Natur und den an⸗ genehmen, heiteren Gefühlen, welche diejenigen er⸗ füllen, denen es nur ſelten vergönnt iſt, die gewühlige Stadt zu verlaſſen, und die reine, wohlthätige Land⸗ luft einzuathmen. Ueber ihnen breiteten ſich die Zweige der alten Eichen aus, die durch eiſerne Bänder zuſammengehal⸗ ten und geſtützt werden. Hier und da drang ein 195 Sonnenſtrahl durch das Laubdach und ließ den blumen⸗ reichen Boden in hellen Farben erglänzen. Eine tiefe Stille herrſchte rund herum, und wurde nur von dem Vogelgeſang und dem Summen der Bienen unterbro⸗ chen; Frank, zwiſchen beiden Mädchen ſitzend, hatte das Wort und erzählte ſeine Schickſale. Elara und Hen⸗ riette horchten aufmerkſam zu, während der ſchwarze Dolf mit ſich zu Rathe ging, wie man den Tag an⸗ genehm zubringen könne. Der Sohn der Prinzeß begann alſo: 2) „Zadok, der rothe Jude und wir ſtanden alſo in der Mitte des Volkes, das begierig war, wie das Schauſpiel endigen ſollte. Der Jude ſah uns mit Blicken an, als ob er uns zerreißen wollte, und doch ſchien er Angſt zu haben, das Gefecht zu beginnen, obgleich die Ümſtehenden ihn dazu anfeuerten. Ich hatte beſchloſſen, Dolf kräftig beizuſtehen und dieſer wartete muthig den Angriff ab, doch es kam zu keinem Gefechte, denn gerade als Zadok ſich bereit machte, uns zu faſſen, traten zwei Burſche, ungefähr achtzehn Jahre alt, in den Kreis, ergriffen mich und Adolf bei dem Arme und zogen uns ſo aus de gouden Roskam. „Dolf hatte die beiden Burſche ſogleich erkannt, es waren de Slimmert und de Gaauwert, und Du wirſt Dich wohl noch erinnern, Clara, daß Dolf von ihnen erzählte, als er uns auf der Koſtſchule ſeine Ge⸗ ſchichte mittheilte. Die beiden Burſche befanden ſich zu Amersfort, weil da Kirchweihe war, und zum Zei⸗ chen, daß ſie gute Geſchäfte gemacht hatten, zeigten ſie uns eine ſilberne Tabacksdoſe, eine Frauentaſche, wo⸗ rin ſich eine Börſe und einiges Silberzeug befand, nebſt zwei großen ſilbernen Knöpfen, wie die Bauern gewöhnt ſind, zu tragen. Die Burſche brachten uns 1*9 unſere Leſer werden ſich erinnern, daß wir Frank und Dolf in dem Wirthshaus zum goldenen Roß⸗ kamm in Amersfort verlaſſen haben. 196 und kamen erſt ſpät am Abend hier an. ſchule zurückzukehren, wir es jetzt nicht können!““ ich that mein Beſtes, um ihm behülflich in ein Haus, wo ſie ihren Aufenthalt genom Betäubt von dem übermäßigen Trinken, der dieſen Abend hingegeben, ſchliefen wir bald ein. Am folgenden Tage machte de Slimmert Adolf den Vor⸗ ſchlag, in Amſterdam ſeine Künſte zu zeigen, aber Dolf erinnerte ſich der Warnungen des Herrn van Dam und wies den Vorſchlag von der Hand, da er befürchtete, dem Juden wieder zu begegnen. Wir gin⸗ gen deßhalb noch am ſelben Tage nach Amſterdam „Wir beſaßen nur ſoviel, um dieſe Nacht unter Dach zu kommen und am folgenden Tage begaben wir uns frühzeitig zu dem Herrn van Dam. unſre beſten Kleider angezogen und als Dolf geſchellt hatte, wurde die Thüre von einer Magd geöffnet, welche Dolf ganz unbekannt war. Denkt euch, Mäd⸗ chen, wie wir in unſrer Hoffnung getäuſcht wurden, als wir erfuhren, daß der Herr van Dam ſchon vor einem halben Jahre geſtorben, und das Haus von einem Anderen bewohnt werde. Da lagen nun alle unſre Plane vernichtet und ich war bereit aber Adolf hielt m „„Wir haben immer unſer Brod verdient ohne den Herrn van Dam,““ ſagte er,„„warum ſollten „Adolf begann alſo wieder Künſte zu machen und zu ſein. Aus⸗ genommen die Markttage verdienten wir wenig, und das Leben hatte ſchon ein halbes Jahr ſo gedauert, als uns ein Mann, nachdem wir gearbeitet hatten, anſprach und ſich uns als Director einer reiſenden Truppe Seiltänzer und Luftſpringer vorſtellte. ſchlug Dolf vor, zu ſeiner Truppe zu gehen, was von t, in die Koſt⸗ 197 ſchick zum Seiltänzer, ſo daß Wolff wenig Nutzen von ihm hatte; doch wußte er von Dolfs außergewöhnlicher Kraft Gebrauch zu machen, beſtrich ſeinen Körper mit Oel und Ruß, ſetzte ihm eine Federnmütze auf und band ein rothes Tuch um ſeinen Leib, befahl ihm, wenn Leute da ſeien nur einige unverſtändliche Worte zu murmeln und der gute Junge hieß dann Zaid Ra⸗ ſchi oder der junge Wilde, während Wolff über die Bude eine Malerei machen ließ, worauf ein wilder Mann abgebildet war, der ſich gegen ſechs Soldaten vertheidigte und darunter die Worte: Hier iſt zu ſehen Zaid RNaſchi oder der junge Wilde von Kamſchatka. „Dolf ſpielte die Rolle ſehr gut; er zeigte einige Proben ſeiner Kraft und Behendigkeit, aß halbgebra⸗ tenes Ochſenfleiſch, wovon die Kruſte abgeſchnitten war, welches aber rohes Fleiſch vorſtellen mußte und radebrechte ſo ſeltſame Worte, daß er oft Mühe hatte, ſich zu bezwingen, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. Alles wäre nun gut gegangen und Adolf brachte dem Director großen Gewinn, aber dieſer that. ſein Beſtes, um mich von der Truppe zu entfernen. War es meine Schuld, daß ich keine Künſte machen konnte wie Adolf, und nicht ſo ſtark war? „Als die meiſten Leute den jungen Wilden geſe⸗ hen, mußte Wolff etwas Neues erfinden, um die Jahr⸗ marktsgäſte anzuziehen und jetzt fiel ſein Auge auf mich. Ich bekam den Namen:„der junge Herr Va⸗ lentin oder der Entdecker der Geheimniſſe,“ und neben der Malerei des Zaid Raſchi oder des jungen Wilden, ſah man bald eine andre, worauf ein Jängling abge⸗ bildet war, umgeben von Büchern, Globen und Werk⸗ zeugen, die Niemand wußte, zu was ſie dienen ſollten und wodurch nicht wenig die Neugierde der Vorüber⸗ 198 gehenden gereitzt wurde. Von einem alten ſammte⸗ nen Rocke eines der erſten Mitglieder wurde mir ein Wamms und Hoſen gemacht, während ich, um noch glänzender auszuſehen, einen großen Kragen um den Hals bekam, nebſt einem gelbſeidenem Tuche, das mir mehr das Anſehen eines Kondukteurs der Dilegence gab, als eines Geheimnißentdeckers. Meine Sache war nicht ſchwer, ich mußte auf die Bühne ſitzen, mit dem Rücken den Zuſchauern zugekehrt und ein Tuch vor den Augen; während Wolff beim Publikum her⸗ umging und die Anweſenden mit Würfeln werfen ließ, worauf ich die Zahl der Augen angeben mußte. Auch erſuchte er die Zuſchauer ein Stück Geld zu nehmen und dann ſagte ich, ohne Etwas ſehen zu können, die Zahl der Augen oder den Werth des Geldſtücks.“ „Aber wie konnte man das wiſſen?“ frug Hen⸗ riette,„ſagte es Jemand in der Stille?“ „Nein, wie Wolff fragte, antwortete ich, zum Beiſpiel, war es ein Dreiguldenſtück, ſo ſagte er: „„Welch Stück Geld 2““ War es ein Seelander Reichsthaler, ſo ſagte er:„„Komm. ſchnell!““ Bei einem holländiſchen Reichsthaler ließ er das Wort ſchnell weg und ſo hatte er für jedes Geldſtück eine andre Frage. Mit den Würfeln ging es etwas an⸗ ders, ſoviel Augen, als geworfen wurden, ſoviel Syl⸗ ben zählte ſeine Frage; zum Beiſpiel, waren drei Augen geworfen, dann ſagte er:„„Welche Zahl?24“ Sechs,„„Komm' ſchnell, wieviel ſind's nun?““ Zehn, „„wieviel Augen find nun jetzt geworfen?“« und warf man achtzehn, dann machte er ſeine Fraze alſo:„„Nun komm', junger Herr, wieviel beträgt jetzt die Anzahl der Augen, Allons!““ Ihr ſeht nun, daß mein Kunſt⸗ ſtück nicht gerade ſehr ſchwer war, und nur Aufmerk⸗ ſamkeit verlangte. Ich that mein Beſtes, Wolff zu helfen und ſeit ich den Namen Valentin der Entdecker der Geheimniſſe trug, behandelte er mich weit beſſer, als früher. ——f 199 „Wolff war ein Liebhaber von geiſtigen Geträn⸗ V ken und that manchmal zuviel im Gebrauche derſelben 1 und es gab keinen bösartigeren Menſchen als ihn, wenn er zuviel getrunken. So geſchah es einmal auf einer Kirchweihe, daß er ſo betrunken war, daß es ihm beinahe unmöglich zu ſprechen; ich mußte wieder meine Künſte verrichten, und er frug mich:„„Wieviel Au⸗ gen?““ vier, gab ich natürlich zur Antwort. Ein lau⸗ tes Lachen ertönte durch die Bude, denn die Zahl der Augen war dreizehn:„„Falſch,““ rief Wolff,„„Al⸗ lons, paß' nun gut auf, wieviel Augen ſind hier ge⸗ worfen?““ Fünfzehn, rief ich und da verdoppelte ſich das Gelächter. Wolff begann ſo zu fluchen und zu raſen, daß ich kein Wort von ſeinen Fragen be⸗ greifen konnte. Als die Vorſtellung grendigt war, wankte er zu dem Schauplatz, und ſchlug mich mit einem Stück Holz auf den rechten Fuß, daß ich vor 3 Schmerz niederfiel; wahrſcheinlich würde er ſeine Miß⸗ handlung fortgeſetzt haben, wenn nicht Adolf herbei⸗ geſprungen wäre, und als Wolff ihm mit demſelben Stücke Holz einen Schlag beigebracht hatte, wurde er ſo wüthend, daß er den Dolch, den er zwiſchen ſeinem Gürtel trug, weil er zum Koſtüme gehörte, heraus zog und dem Director damit eine tiefe Wunde bei⸗ brachte. Unſer Mann wankte ein paar Schritte vor⸗ wärts und fiel dann nieder, während Adolf, nicht an⸗ ders glaubend, als er habe den Director ermordet, in aller Eile floh. „Dieß Alles vernahm ich erſt ſpäter, denn im ſelben Augenblicke, als ich den Schlag empfing, wurde ich durch den heftigen Schmerz ganz bewußtlos. Zu mir ſelbſt gekommen, befand ich mich in einer andern Bude; ich lag auf der Bühne und mein Fuß war ver⸗ bunden, der Vorhang gefallen und nur eine kupferne Lampe verbreitete ſoviel Licht, daß ich meine Umgebung unterſcheiden konnte. 1 „„Wie geht es jetzt?““ fragte mich eine rauhe 20⁰0* Mannsſtimme, die mir ganz fremd war.„„Was denkſt Du davon, Philipp?““ „Dieſe Worte wurden an einen jungen Menſchen gerichtet, der mit ſeinen verſchlitzten Kleidern die Mode mitmachen wollte, eine Menge falſche goldne Ringe, eine dergoldete Uhr, und eine Kette in allerlei Wen⸗ dungen über ſeine rothſammtene Weſte trug, während ſein Kopf mit einem elenden Hut bedeckt war. „„Das Bein,““ ſprach Philipp,„viſt nicht gebro⸗ chen, aber ſchlimm zugerichtet und wenn es nur gut naß gehalten wird und dafür will ich ſorgen, ſo ſoll es bald geheilt ſein.““ „„Wo bin ich 2“u war meine Frage. „„Ol ſei ruhig, Du biſt gut beſorgt,““ ſagte Philipp,„„Du biſt in der Bude der königlich franzöſi⸗ ſchen Hofſchauſpieler und der Herr da,““ auf den Mann mit der ſchweren Baßſtimme zeigend,„„iſt der Direc⸗ ber awätrend ich der erſte Hofſchauſpieler der Truppe in 4— 1„„Und wie bin ich hierher gekommen?““ frug ich weiter. „„Das will ich Dir ſagen,““ war die Antwort, „„kennſt Du Francoiſe?“ „„Gewiß, ſie iſt die erſte Tänzerin bei Wolff, ein liebes blondes Mädchen.““ „„Ein liebes blondes Mädchen,““ wiederholte Philipp, erſtaunt, daß ich ſo kalt von Francoiſe ſpreche, „ves iſt ein Engel, die Haltung von einer Juno, das Geſicht von einer Venus; nun das liebe blonde Mäd⸗ chen hatte Mitleid mit Dir und da Dein Beſchirmer, der junge Wilde, das Haſenpanier ergriffen hat, und ſie darum fürchtete, Wolff werde Dich mißhandeln, hat ſie mich, ihren Liebhaber, erſucht, Dich hieher zu bringen, worein mein Director gerne willigte. Der Chirurg hat einen Verband auf Deine Wunde gelegt und ich werde für Deine Herſtellung Sorge tragen⸗ 201 denn früher war ich Studirender der Medizin, ehe ich Beruf zur Kunſt in mir fühlte!““ „Ich bezeugte Philipp und dem Director meinen aaufrichtigen Dank und durch die Sorgfalt, die ſie ſo⸗ wohl, als die übrigen Leute der Truppe für mich hat⸗ ten, war ich in acht Tagen ſo weit hergeſtellt, daß ich gehen konnte. Obwohl die reiſende Schauſpielergeſell⸗ ſchaft von Gleſenmeyer, ſo hieß der Director, ſich königlich franzöſiſche Hofſchauſpieler nannten, wahr⸗ ſcheinlich weil der Titel ſchön und einnehmend klang, waren es doch lauter Holländer und es beſtand die Truppe aus dem Director, dem genannten Philipp und noch fünf andern Herren, nebſt drei Fräulein und einer bejahrten Frau, die die Mutterrollen ſpielte und wenn man ſie beim Schauſpiele nicht brauchte, in dem Bu⸗ reau ſaß, um Geld einzunehmen. Der Director war zugleich Dekorationsmaler, und hatte hierin, nach ſeiner Meinung, eine beſondere Erfahrung; er kam mit dieſer Arbeit immer ſo ſchnell zu Stande, daß es ihn keine Mühe koſtete, in weniger als einer Stunde eine Hütte im Wald in einen feuerſpeienden Berg zu ver⸗ wandeln, deſſen Aehnlichkeit von jedem, der einen feuer⸗ ſpeienden Berg geſehen, bewundert wurde. „„Daß ich nach meiner Herſtellung wenig Luſt fühlte, Wolff wieder aufzuſuchen, und ich daher den Vorſchlag, bei der Truppe Gieſenmeyers zu bleiben, gerne annahm, läßt ſich leicht begreifen, um ſo mehr, da ich Luſt und Liebe zum Schauſpiele hatte, und die kleinen Rollen, die ich erhielt, ziemlich gut ausfüllte. Mehr als drei Jahre blieb ich bei dieſer Truppe; im Sommer reiſten wir von einer Kirchweihe zur andern und im Winter gaben wir in Dörfern und kleinen Städten Vorſtellungen. Man ſah mich gerne auf der Bühne und immer, wenn ich erſchien, konnte ich des Beifalls des Publikums verſichert ſein. Ein Stück, das wir wiederholte Male aufführten, war Abällino⸗ der große Räuber, und darin hatte Philipp immer die 202 Hauptrolle. Einſt, als das Stück wieder gegeben wer⸗ den ſollte— wir ſpielten gerade in einer kleinen Stadt,— wurde Philipp plötzlich krank, ſo daß er nicht auf der Bühne erſcheinen konnte, und ich nahm es auf mich, die ſchwere Rolle des Abällino zu ſpielen. Das Publikum war ganz begeiſtert und das Zujauch⸗ zen nahm kein Ende, ich wurde ſogar herausgerufen. „Seit dieſem Augenblicke änderte Philipp ſich in ſeinem ganzen Betragen gegen mich. So freundlich und zuvorkommend er früher geweſen war, ſo mürriſch und widerwärtig war er jetzt und überall ſuchte er Gelegenheit, mit mir zu ſtreiten. Die Ehre, die mir zu Theil geworden, war ihm ein Aergerniß, er konnte es nicht leiden, daß ein junger Menſch, den er, nach ſeiner Meinung, für die Bühne gebildet, vom Publi⸗ kum beklatſcht, ja herausgerufen wurde und ſo den Sieg über ihn davon trug. Nach Verlauf von einiger Zeit wurde mir das Leben unter den Schauſpielern Gieſemeyers immer unerträglicher. Kurz darauf wurde der Director heftig krank und ſtarb in wenigen Tagen, worauf Philipp die Direktion übernahm und das hatte zur Folge, daß ich meine Entlaſſung erhielt, obgleich ich ihm erklärte, mit kleinen Rollen zufrieden zu ſein und nie in den ſeinen auftreten zu wollen. Dieß ge⸗ ſchah vor fünf Wochen, und in der Hoffnung, bei einer andern Truppe Anſtellung zu finden, begab ich mich nach Amſterdam, wo der Zufall mich Adolf begegnen ließ, der einen vortheilhaften Platz bei einem Geld⸗ mäkler hat, und durch ſeine Fürſprache mir bei dem⸗ ſelben Geldmäkler einen Platz verſchaffte, wo ich nun, dem Himmel ſei Dank, ein redliches Auskommen habe.“ „Guter Dolf,“ ſagte Clara, dem jungen Mann die Hand reichend,„Du haſt immer für Frank, wie für einen Bruder geſorgt!“ „ und nun Ihre Geſchichte,“ ſagte Henriette,„ich bin beſonders begierig, auch Ihre Geſchichte zu hören, Herr Dolf!“ 203 „Ich weiß nicht viel Beſonderes zu erzählen,“ ant⸗ wortete Dolf,„und meine Erzählung wird bald zu Ende ſein, doch wenn es euch Vergnügen macht, ſo hört.“ XX. Die Geſchichte des ſchwarzen Dolf. „Als ich Wolf verwundet hatte,“ erzählte Adolf, „nahm ich die Flucht, da ich glaubte, ihn ermordet zu haben. Ohne zu wiſſen, wohin, lief ich immer fort, bis ich endlich ein kleines Dorf erreichte, welches weit von der Hauptſtraße entfernt war, und wo ich vor den Verfolgungen ſicher zu ſein glaubte, welche nach mei⸗ ner Meinung das Gericht anſtellen würde, um den Mörder Wolffs gefangen zu nehmen. Ich beſaß wenig Geld und durfte meine Künſte nicht zeigen aus Furcht, entdeckt zu werden. Ich wollte als Soldat Dienſt neh⸗ men, aber ich wußte den Weg nicht, um hieher zu kom⸗ men. Es war gerade in der Erndtezeit, den Landleu⸗ ten fehlten Arbeiter, ich bot meine Dienſte einem Bauern an, und obwohl ganz unbekannt mit der Arbeit, ver⸗ gütete ich durch meine Kraft, was mir an Erfahrung gebrach. Wenn der Tag zu Ende und die Arbeit fer⸗ tig war, ſchaarten ſich die Bauernknechte um mich und dann erzählte ich ihnen das Eine und Andere aus mei⸗ ner Lebensgeſchichte, aber ſorgfältig den Vorfall mit Wolff verſchweigend. Hie und da verrichtete ich einige Kunſtſtücke vor ihnen, woran ſie beſonders viel Gefal⸗ len fanden. Dies Alles brachte mich ſehr in Gunſt bei den Landleuten und auch bei dem Bauern, für den ich arbeitete. Letzterer fand ſo großen Gefallen an mir, daß er mich zu ſeinem Knechte annahm. „Ich hatte glückliche Tage; der Bauer betrachtete mich mehr als ſein Kind, denn als ſeinen Knecht, und Sonntags war's kein Vergnügen im Wirthshauſe, wenn ich nicht da war. Jeder beeiferte ſich, mir Etwas an⸗ zubieten und bei jeder Hochzeit, jedem Feſte war ich eingeladen. Ich wäre ganz glücklich geweſen, wenn mich nicht ein ſonderbares Gefühl, ein Verlangen nach, ich weiß ſelbſt nicht, was, das mich ſchon erfüllte, als ich aus dem Dachfenſter nach dem Weſtertoren ſah, be⸗ ſeelt hätte. „Wenn der Mond hinter dem Walde heraufſtieg, der unſere Wohnung umſäumte, dann ſchlich ich oft aus den geſelligen Kreiſen und ſetzte mich an einen ſtillen Ort, um meinen Gedanken freien Lauf zu laſſen; dann weinte ich, ohne zu wiſſen, warum, ich dachte an mei⸗ nen früheren Lebenslauf, an Frank und Clara, ich glaube, daß ich wahnſinnig geworden wäre, wenn ich oft ſo da geſeſſen hätte. „Beinahe drei Jahre blieb ich bei dem Bauern; da wurde mein Verlangen, etwas von Frank und Clara zu hören und ſie wieder zu ſehen, ſo unwiderſtehlich, daß ich von dem guten Landmanne Abſchied nahm, und nach Hoogendal eilte, um zu ſehen, was aus Clara geworden. „Vor Daniel Vos hatte ich nicht die mindeſte Furcht mehr, denn ich war feſt überzeugt, daß er es nicht wa⸗ gen würde, mir etwas zu Leide zu thun, oder mich mit Gewalt bei ſich zu behalten. Ich kam nach Hoogendal und eilte in die Koſtſchule, doch wie war Alles auf Reijſenburg verändert. Das Herrenhaus würde ich nicht mehr erkannt haben, ſo ſchön ſah es aus, die Fen⸗ ſter waren mit großen Gläſern verſehen, die Stoep war neu und Alles ſchön gemalt. Der Vorplatz war in einen Garten umgeſchaffen, worin allerlei Blumen und Bäume, die Wege von Unkraut gereinigt, mit ei⸗ nem Wort, ich hatte Mühe, die Koſtſchule zu erkennen. Ich zog an der Glocke, die vor dem Hauſe hing und dachte, nach alter Gewohnheit, werde Mimi erſcheinen. Ich war begierig, ob ich ſie noch erkennen würde, aber ſtatt der Allerliebſten kam ein mir ganz fremder Mann, der mir auf meine Frage nach Daniel Vos zur Ant⸗ wort gab, daß das Haus ſeit drei Jahren verkauft ſei, und zwar an eine Dame, deren Namen ich aber ver⸗ geſſen, daß der Schulmeiſter Reijſenburg verlaſſen und ein kleines Haus hinter der Kirche bezogen habe. „Ich eilte nach dem angedeuteten Orte und fand da meine alte Freundin, mit nur zwei Kindern, ſie war ſo ſchmutzig, wie gewöhnlich, aber noch viel dicker ge⸗ worden. Sie erkannte mich nicht, und da ich ihr ge⸗ ſagt hatte, wer ich war, betrug ſie ſich ganz anders, als ich vermuthen konnte. „„Sie hatten Recht, wegzulaufen, Dolf,““ ſagte ſie, „„mein Mann, der Schelm, hat Sie mißhandelt, wie er es allen Kindern machte; ich wünſchte, daß ich ihn nie gekannt, den Taugenichts!““ „Darauf erzählte ſie mir, daß ſie die Koſtſchule aufgegeben, weil ſie keinen Platz hatte, Kinder aufzu⸗ nehmen, nur die zwei Kinder, weil dieſe kein älterlich Haus haben, ſeien bei ihr geblieben. Ich wollte Etwas von Dir vernehmen, Clara, und ſie erzählte mir Dein ſonderbares Verſchwinden. Zuletzt frug ich auch nach dem Meiſter. „„Sprechen Sie kein Wort von ihm,““ rief ſeine Frau,„vder Himmel weiß, wo er iſt. Vor drei Mo⸗ naten erhielten wir Nachricht, daß ein entfernter Ver⸗ wandter von mir geſtorben ſei und mir ein Legat von zweitauſend Gulden vermacht hat; um das Geld in Empfang zu nehmen, ging er nach Amſterdam und er ſoll noch kommen.““ „„„Aber ſind Sie nicht unruhig, daß dem Meiſter ein Unheil widerfahren?““ frug ich. „Er wird ſchon zurecht kommen,““ antwortete mir die Liebſte,„„eher als ein Sack Gulden.““ „„Aber haben Sie denn gar keine Nachforſchungen gemacht?““ „„Ich habe mein Beſtes gethan, um ihn zu finden, und bin ſelbſt nach Amſterdam gereist, um den Notar zu fragen. Dieſer ſagte mir, Daniel Vos ſei bei ihm geweſen und habe das Geld empfangen, und zeigte mir den Schein, daß er es ausbezahlt. Ich erſuchte den Notar, ihn aufſpüren zu laſſen, allein der Mann in ſeinem ſchwaren Rock ſagte, daß das nicht anginge, und ich hätte in dem Augenblicke dem Kerl in's Geſicht fliegen können, denn das Volk weiß immer Ausreden, wenn es darauf ankommt, einem Menſchen ſein recht⸗ mäßiges Eigenthum zu verſchaffen.““ „„Und Sie haben weiter nichts von Ihrem Manne gehört?““ „„Durchaus nicht! Wenn das Geld aus iſt, wenn die zweitauſend Gulden verzehrt find, und er nirgends mehr zurecht kommen kann, wird er wohl wieder kom⸗ men, aber dann,““ rief Mimi, während ſie ihre Fäuſte drohend aufhob, um anzudeuten, wie luſtig ſie den Meiſter empfangen wolle,„„dann verſichere ich Sie, daß er nicht mehr unter mein Dach kommen ſoll.““ Und ein Meer von Scheltworten folgte dieſem klugen Beſchluſſe. „Ich verließ Hoogendal und begab mich nach Am⸗ ſterdam mit dem Vorſatze, meine Tante, an welche ich nicht mehr gedacht hatte, aufzuſuchen. Ich wußte mich noch ſehr gut des Viertels zu erinnern, in welchem ſie wohnte, als ich ſie das letzte Mal beſucht hatte, und begab mich dorthin. Mein Weg führte mich über den Botermarkt, und da es gerade Jahrmarkt war, ſo wa⸗ ren dort die Buden aufgeſchlagen. „Unter den Buden ſah ich auch die von Wolff, aber die Malerei von Zaid Raſchi und von Valentin waren beide verſchwunden. Auf dem Theater ſtanden die Sub⸗ jecte, unter welchen ich Frangois erkannte, und bald ſah ich auch den Direktor Wolff hervorkommen. Es war 207 als wenn mir ein ſchwerer Stein vom Herzen fiele, als ich den Mann ſah, den ich ermordet zu haben glaubte. Die Hoffnung, Frank da zu finden, trieb mich in die Bude, die alte Sara ſaß im Bureau und erzählte mir, Frank ſei bei der Truppe Gieſenmeyers engagirt gewe⸗ ſen, habe aber nach dem Tode des Direktors die Truppe verlaſſen, ohne daß ſie weiter etwas von ihm erfahren hätte. Wenn die Bude Gieſenmeyers ſich auf dem Markte beſunden hätte, würde ich meine Nachforſchun⸗ gen fortgeſetzt haben, allein dies war unmöglich. „Ich wanderte deßhalb in die Wohnung meiner Tante, vernahm aber, daß ſie ſeit einiger Zeit aus⸗ gezogen ſei. Man nannte mir das Viertel, wo ſie jetzt wohne und ein Leihhaus habe. Dorthin gekommen, fand ich bald das Leihhaus, trat hinein und die Frau, die ich fand, erkannte ich alsbald als meine Tante. „Ich ſagte ihr, wer ich ſei, ſie that aber, als ob ſie noch nie etwas von mir gewußt und ſchwur hoch und theuer, nie Verwandte gehabt zu haben. —„Nicht wiſſend, was ich von dem ſonderbaren Be⸗ tragen meiner Tante denken ſollte, verließ ich ſie, als ich zufällig Vater Bram begegnete, den Einäugigen, mit welchem de Gaauwert und de Slimmert mich be⸗ kannt gemacht hatten. Er war ein feiner Mann ge⸗ worden, hatte ſeinen Alteiſenhandel verkauft und wohnte in einem hübſchen Hauſe. Er war mit einem andern Herrn aſſocirt, um Geldwechslergeſchäfte zu treiben, und nahm mich in ſeine Dienſte. „Einige Zeit ſpäter begegnete ich zufällig Frank, und es gluͤckte mir, ihm dieſelbe Beſchäftigung zu ver⸗ ſchaffen, die ich ſelbſt betreibe. 3. *¾ 4 Hier ſchwieg der ſchwarze Dolf. Bei dem letzten Theil ſeiner Erzählung bedeckte eine dunkle Röthe ſeine 208 Wangen, und er ſchlug die Augen nieder, als befürchte er, denen der Mädchen zu begegnen. „Und welche Beſchäftigung habt ihr jetzt?“ frug Clara ihren Bruder. 3 „O ich habe ein angenehmes Leben; der Geld⸗ mäckler, für den ich arbeite, gibt uns jeden Morgen einige alte Dreiguldenſtücke, ſeeländiſche“) und hollän⸗ diſche Rkichsthaler und anderes grobes Silbergeld; ich gehe dann in Läden, kaufe für eine Kleinigkeit und bezahle mit dem Gelde. Das kleine Geld, das wir herausbekommen, geben wir ihm oder wechſeln es für neues Silbergeld ein. Ich weiß, was ich von jedem alten Stücke habe, das ich einwechsle, etwa einen Stüber vom Gulden und vier Stüber von jedem Drei⸗ gulden oder Seelander und für Thaler etwas we⸗ niger, und es gibt Tage, an welchen ich mehr als fünf Gulden verdiene. Ueberdieß haben ſie uns geklei⸗ det, weil wir nobel ausſehen müſſen. Wir bringen auch oft Gold und ſilberne Koſtbarkeiten in's Leihhaus, bitten dafür um grobes Silbergeld und holen dann am folgenden Tage die Pfänder wieder, die wir mit altem Gelde löſen. Du weißt nicht, wie viel das oft ein⸗ bringt, Clara; die vorige Woche verlieh ich für mehr als vierhundert Gulden bei verſchiedenen Banken und empfing ungefähr fünfundſechzig gerändete Seeländer; das war doch an einem Abend dreizehn Gulden ver⸗ dient.“ „Und wie heißen die Händler?“ frug Clara weiter. „Der eine wird Abraham oder Bram genannt, und wie der Name des Andern iſt, weiß ich nicht; ich habe ſie nur einmal geſehen, denn ich habe wenig oder nichts mit ihnen zu ſchaffen. Dolf geht jeden Abend zu ihnen und er bezahlt mich und ihm muß ich *) Zeuwsche daalder. 209 Rechnung ſtellen. Adolf ſagt, daß er die Bücher ſchreibt, und oft bleibt er eine ganze Nacht aus.“ „Und wohnt ihr bei einander?“ „Ja, wir haben ein Zimmer in der Reguliers⸗ dwarsſtraat gemiethet und,“ fügte er leiſe ſprechend hinzu, ſo daß es Adolf nicht hören konnte,„ich lebe ſehr ſparſam und habe ſchon ohne Wiſſen Adolfs eini⸗ ges Geld beiſammen.“ 3 15 haſt alſo Geheimniſſe vor Deinem Freunde, ran „Nur den Beſitz dieſes Geldes halte ich geheim vor ihmz er würde mich verſpotten, wenn er es wüßte. Sparſamkeit iſt für Leute, die viel verdienen, ſagt er immer, und Hoffnung haben, einſt durch ihre Spar⸗ ſamkeit reich zu werden, aber wir verdienen nicht ſo viel, um ſparſam zu ſein, und doch Clara, habe ich ſchon mehr als hundert Gulden beiſammen.“ Unter dergleichen Geſprächen durchwanderte man das Haarlemmerhout und nach einer guten Mahlzeit in einem der Wirthshäuſer, fuhren ſie nach Zandvoort, einem Badeplatz und Seeorte, der eine kleine Strecke entfernt von Haarlem liegt. Adolf und Clara entfernten ſich von den Andern und ſetzten ſich auf eine Düne, von wo man weit auf die See hinausſehen konnte. Es begann Abend zu werden und eine erfriſchende Kühle wehte ihnen von der See entgegen, die Sonne erglänzte am Ende des Horizontes in rother Glut. Eben und glatt war der Meeresſpiegel, der nur hie und da von dem Nachtwinde bewegt wurde; es war, wie wenn die ganze Waſſermaſſe vom letzten Strahle der Sonne erleuchtet, wie ein Feuermeer glühte. Hie und da zeigten ſich die weißen Segel der Schiffe, die langſam und kaum merkbar fortſegelten. Auf den Spitzen der Dünen lag das Handwerkszeug der Fiſcher zum Trocknen und ſie ſelbſt ſtanden am Ufer, der kom⸗ menden Schiffe wartend. 6 Amſterdams Geheimniſſe. I., 14 Unabgewendet ſah Adolf auf die Fläche des Waſ⸗ fers; er hielt die kleine zarte Hand Clara's in der ſeinen, es glänzten Thränen in ſeinem Auge und un⸗ ruhig wogte ſeine Bruſt. „Adolf, Du weinſt,“ ſagte Clara in dem Tone der innigſten Theilnahme,„drückt Dich etwas, kann ich Dir helfen?“ „Ich weiß nicht, was mich drückt, Clara, aber ich bin nicht glücklich; ein brennendes Verlangen, nach Etwas, das ich nicht kenne, bringt mir Thränen in die Augen, ich könnte Stunden lang einſam ſitzen und doch iſt Einſamkeit und Stille nicht gut für mich! Im Ge⸗ räuſche und Gewühle der Städte, da bin ich an mei⸗ nem Orte, da fühle ich nichts von der trüben Melan⸗ cholie, die mich jetzt überfällt. Darum ſuche ich immer die belebteſten Gaſſen, darum lebe ich in Lärm und Gewühle. Als ich Dich noch nicht gefunden hatte, glaubte ich, das Verlangen nach Dir ſei es, welche mich ſo unruhig mache, aber nun, da ich Dich gefun⸗ den habe, nun Du an meiner Seite ſitzeſt und Deine Hand in der meinen ruht, fühle ich mich doch noch nicht ſo glücklich, als ich ſein ſollte; nun iſt es, als * das Verlangen ſich deutlicher, als je zeige, nun ara...“ Er ließ die Hand des Mädchens los, ſein Haupt ſank auf die Bruſt nieder und Thränen der Wehmuth floßen über ſeine Wangen. Plötzlich ſprang er auf, als erwachte er aus einem langen Traum, und ſtrich die ſchönen ſchwarzen Locken zur Seite. „Kommt, es iſt nun vorbei,“ rief er,„Clarg, gib mir Deinen Arm. Laß uns jeßzt gehen, Frank, der Seewind iſt kalt und es wird bald Zeit ſein, nach Amſterdam zurückzukehren!“ „Clara und Henriette müſſen jetzt verſorßt wer⸗ den,“ ſagte Frank,„ſie müſſen in einem anſtändigen Viertel wohnen und nie, Henriette, darfſt Du wieder die 211 gemeinen Häuſer beſuchen; ich brauche Dir das nicht zu ſagen, Clara!“ 1 „Aber wenn wir nun nicht ſogleich Arbeit bekom⸗ men, ſo werde ich doch wieder auf die gewohnte Weiſe Geld verdienen müſſen; Clara hat mich nicht zu be⸗ gleiten, ich habe es nie begehrt, denn es war, wie ich ſchon ſagte, ihr freier Wille.“ „Wir werden für euch ſorgen, wenn ihr nichts zu verdienen habt.“ 1. „Nein, nein!“ rief Henriette,„ihr ſeid auch nicht reich, das weiß ich wohl, und nun ſolltet ihr um un⸗ ſertwillen darben, das will ich nicht. Warum ſolltet ihr das thun? Warum für mich ſorgen? Mein Bruder hat Dich oft mißhandelt, als wir noch Nachbarn wa⸗ ren, und mein Vater ſtahl Deine Schweſter, die nun vielleicht eine der erſten Damen wäre. Nein Frank, ſie haben es Dir nicht ſo gemacht, daß Du jetzt ſo viel für mich thun ſollteſt?“ „Aber Du haſt Clara wohlgethan, ſie, ſo viel Du konnteſt, vor den Mißhandlungen Deines Vaters und Zims beſchützt und ſie mit Dir genommen; dann haſt Du für ſie, wie für eine Schweſter geſorgt, und das kann ich Dir nie vergelten. Henriette ſei klug und folge unſerem Rath. Ja Du kannſt den Weg nicht länger wandeln, da Du Dich deſſen ſelber ſchämft. Ja ich weiß es, denn ſonſt hätteſt Du Deine Lebensweiſe nicht Deinem Geliebten verſchwiegen?“ „Komm,, Henriette! ſchlage ein,“ rief Dolf,„wer weiß, wie bald Du Arbeit bekommſt, und dann haſt Du uns nicht mehr nöthig!“ Henriette reichte beiden die Hand und Adolf flü⸗ ſterte ihr zu:„Sorge für Clara, bei Gott, Henriette, Gbeſchwöre Dich, über ſie zu wachen, wie über eine chweſter.“ XXI. Julius van Velden. Der Herr Willem de Raad beſaß ein Landgut an der Vecht, ungefähr vier Stunden von Amſterdam. Das hohe Amt, welches er in der Hauptſtadt bekeidete, machte es ihm unmöglich, länger als zwei Tage jede Woche auf dem hübſchen Landgute zuzubringen, ſo daß er ge⸗ wohnt war, Samſtag Nachmittags in dem Landhaus Aukenmen und Montag in der Frühe wieder abzu⸗ reiſen. Hermine, welche vorgab, daß das Stadtleben für ihre Geſundheit unerträglich ſei, bezog das Landhaus ſchon im Frühjahre und kehrte nicht früher in die Stadt zurück, als bis die gelben Blätter vom Herbſtwinde auf dem Boden fortgetrieben wurden. Die unangenehmſte Saiſon für Hermine war un⸗ ſtreitig der Winter: denn da war ſie genöthigt, ſich in Kreiſen zu bewegen, in welchen ſie nicht zu Hauſe war; dann war ihr ganzes Leben eine fortwährende Span⸗ nung, ein ängſtliches Beſorgtſein, daß der Schleier nicht gelüftet werde, der über ihrer Abkunft lag; da lebte ſie in anhaltender peinlicher Furcht, von dieſem oder jenem erkannt zu werden. Auf ihrem Landgule fühlte ſie ſich frei und ungezwungen, während ſie die Einſamkeit, ſo unerträglich für Menſchen wie Hermine, welche ohne Gefühl für Naturſchönheit und untauglich zur Beſchäftigung mit Kunſt und Wiſſenſchaft ſind— während ſie die Einſamkeit ſich erträglich zu machen wußte, indem ſie ſich immer von Leuten umgeben ſah, die ſie ſich zur Geſellſchaft gewählt hatte.— Wir finden ſie jetzt in ihrer Sommerwohnung, wohin ſie ſo eben von einem Spazierritte mit Baron von Hunter zurück⸗ V 213 gekommen, an deſſen Arm ſie die lange Allee hinab⸗ wandelte, die in das Herrenhaus führt. Guſtav hatte ſich eine Einladung auf das Gut des Herrn de Raad auszuwirken geſucht und war derſelben gerne gefolgt. Hermine ſchätzte ſich glücklich, den in der großen Welt ſo bekannten und gerne geſehenen Baron unter ihre Gäſte zu zählen und Madame de Raad hielt von Hunter, wie die meiſten Menſchen, für den, der er zu ſein vorgab. Guſtav hatte beſondere Gründe, warum er das Landgut der Frau de Raad zu ſeinem Domizilium auf ein paar Wochen wählte; und mit wie viel Achtung er auch Hermine behandelte, war es doch keineswegs der Zweck, der ſchönen Frau den Hof zu machen, da die Pläne, mit denen er ſich beſchäftigte, ihm jeden Gedanken an Liebesabenteuer nahmen. Hermine war noch ebenſo ſchön wie vor fünf Jah⸗ ren; ſie gehörte zu den Frauen, bei welchen die Zeit wenig oder keine Veränderung hervorbringt, und noch immer nannte man ſie eine ſchöne Frau, obſchon ſie je länger, je mehr Zuflucht zu den Geheimniſſen der Toi⸗ lette nahm, um ſich jenes Namens würdig zu machen. Heute ſah ſie verführeriſcher aus als je: ein grünes Reitkleid, woran weder Mühe, noch Koſten geſpart waren, umſchloß ihre Geſtalt und ließ ihre Schönheit nur noch glänzender hervortreten. Ihr Kopf war mit einem kleinen Hute bedeckt, von welchem ein langer grüner Schleier herabhing, während ihre ſchöne Hand, von gelben Glaceehandſchuhen bedeckt, mit der ſchönen Reitpeitſche ſpielte. Unter dem Hute traten die Haare, in zwei Flechten vertheilt, hervor, und die Ermüdung von dem Ritte hatte ihrem Geſichte eine dunkle Röthe gegeben, welche das Schöne und Liebenswürdige ihrer Züge nicht wenig erhöhte. Zwei Damen, mit ihre Gäſte, kamen ihr entgegen, und verwieſen ihr ſcherzend das lange Ausbleiben. „Um's Himmels willen,“ ſagte Hermine lachend, „ſagt Raad nichts davon; er will durchaus nicht, daß 214 ich ohne ihn reite, aus Furcht vor einem Unglück, und doch iſt von Hunter ein ſo geübter Reiter, deſſen Schutz ich mich ruhig anvertraue.“ „Du biſt doch gar zu wild, Hermine,“ ſagte eine der Damen; die ſchöne Frau aber zog ihre Lippen zu einem Lächeln zuſammen, klappte mit der dünnen Peitſche und winkte Anna, ihr zu folgen, um ihr das Reitge⸗ wand auszuziehen.. Gerade, als ſie ins Haus treten wollten, hielt ein Wagen vor dem Zaune ſtill und es ſprang ein Herr heraus, der ſowohl Guſtav, als den Damen unbekannt war. Hermine hatte den neuen Gaſt kaum bemerkt, als ſie ihm entgegenkam und ihn alſo anſprach: „Wahrlich, wenn Sie mich in meiner Einſamkeit beſuchen, fange ich an, Wunder zu glauben!“ „Meine vielen Geſchäfte geſtatten mir nicht, die Refidenz zu verlaſſen,“ entſchuldigte ſich der Fremde, „und jetzt iſt mir auch nur eine kleine Weile vergönnt, um mich nach Ihrem Geſundheitszuſtande zu erkundigen, da ich unmittelbar meine Reiſe fortſetzen muß.“ Hermine bat, ſie einige Augenblicke zu entſchuldigen, ſtellte Julius van Velden ihren Gäſten vor und ent⸗ fernte ſich mit Anna von der Geſellſchaft; doch kaum befand ſie ſich in ihrem Schlafzimmer, als die Thüre geöffnet wurde und Julius hereintrat. „Entſchuldigung, gnädige Frau, daß ich ſo ver⸗ meſſen bin, bis hieher durchzudringen, es iſt mir un⸗ möglich, länger zu verziehen, gönnen Sie mir einige Augenblicke. „Anna, gehe in das Vorzimmer,“ gebot die Her⸗ rin ihrem Kammermädchen, nund warte da, bis ich Dich rufen werde.“. Das Vorzimmer war durch eine Glasthüre von dem Schlafkabinet geſchieden. Als Anna dem Befehle ihrer Gebieterin gefolgt war, ſchob Hermine die Gar⸗ dinen von den Thürfenſtern, um ihrem Kammermädchen Gelegenheit zu geben, Alles ſehen zu können, was in — 215 vem Schlafzimmer vorfiel und auf dieſe Weiſe bei dem Mädchen allen Verdacht verſchwinden zu machen. „Nun Julius?“ fragte Hermine, etwas unzufrie⸗ den, daß Julius in Anna's Gegenwart die Regeln der guten Sitte verletzt hatte.„Nun, was treibt Sie mit ſolcher Haſt zu mir?“ „Kann das Mädchen uns nicht hören?“ „Unmöglich!“ „Nun dann, Mina, ich habe wenig Zeit, denn heute Abend muß ich in der Refidenz zurück ſein, um morgen früh mich auf dem Bureau einzufinden; ich will Ihnen deßhalb rund herausſagen, warum Sie mich hier ſehen: ich habe Geld nöthig, ich muß Geld haben oder mein Verderben iſt unausbleiblich!“ „Geld!“ wiederholte Madame de Naad nicht ohne Befremdung.„Müſſen Sie viel haben?“ 5 „Mit dreitauſend Gulden kann mir geholfen werden.“ „Dreitauſend Gulden iſt gerade nicht zuviel, aber doch... doch muß ich ſie Ihnen verſagen, Sie begreifen, daß ich über eine ſolche Summe nicht verfügen kann. „Aber mir muß geholfen werden, gnädige Frau! Sie haben Freunde, Bekannte, man wird Ihnen die Summe nicht abſchlagen, wenn Sie darum bitten.“ „So haben Sie Geduld, Julius, vielleicht in der folgenden Woche...“. „Es iſt mir unmöglich, ſo lange zu warten; jetzt im Augenblicke muß ich Geld haben, oder ich bin rei⸗ tungslos verloren und Sie können mir helfen, wenn Sie nur wollen, gnädige Frau! Ich ſah den reichen Baron von Hunter unter Ihren Gäſten und er wird es Ihnen nicht abſchlagen; hat er das Geld nicht bei „ſo ſolle er mir nur ein Billet an ſeinen Kaſſier zu Amſterdam geben, ich muß, ich muß Geld haben!“ „Unmöglich, Julius, den Baron von Hunter kann ich nicht anſprechen, zum wenigſten jetzt nicht. Thor, mihde er denn nicht bemerken, daß es für Sie ſei und aß..“ gr. 216 „Nun, er ſoll es auch merken!“ rief Julius van Venden, wüthend werdend,„wenn mir nur geholfen wird.“ „Um ſo mehr habe ich Intereſſe dabei,“ ſagte die Frau de Raad, beleidigt durch den heftigen Ton, in welchem van Velden mit ihr ſprach,„Sie ſprechen mir in einer Weiſe, als ob Sie als mein Gläubiger eine Summe, die ich Ihnen ſchuldig, von mir forderten.“ „Sie müſſen mich retten, Mina!“ rief Julius, ohne ſich zu mäßigen,„Sie haben mich ins Unglück geſtürzt, es iſt jetzt Ihre Pflicht, mir zu helfen.“ „Julius, was ſagen Sie, ich habe Sie ins Un⸗ glück geſtürzt?“ rief Frau de Raad verwundert. „Ja Hermine, Sie! Indem ſie mir den Poſten verſchafften, den ich jetzt bekleide, haben Sie mich in die Verſuchung gebracht, der Viele, die beſſer als ich, nicht widerſtanden wären, mit einem Wort, die Ver⸗ ſuchung war zu ſtark, ich bin ihr unterlegen. „Wie?“ verwunderte ſich Madame de Raad. „So wiſſen Sie, gnädige Frau, daß ich mich eines Theils der Gelder, die unter meiner Verwahrung ſtehen, bemächtigte und daß dieß Vergehen jetzt entdeckt werden muß!“ „Und wenn das geſchieht?“ „Wenn das geſchieht, gnädige Frau, wird man mich von meinem Poſten entlaſſen, mich feſtſetzen und auf dem Schaffot werde ich enden, nichts anders.“ „Großer Gott! Julius, ich will Ihnen helfen, war⸗ ten Sie einen Augenblick.“ „Ich bitte Sie um ein Anlehen, ich werde es bald zurück geben.“ 1 „„Ich werde Ihnen helfen!“ wiederholte Hermine und verließ das Zimmer. Wenige Augenblicke ſpäter kam ſie zurück und ſetzte das Juwelenkäſtchen auf den Tiſch. „Julius!“ ſagte ſie,„Sehen Sie da meine Juwe⸗ len, all' meine goldenen und ſilbernen Kleinodien, Sie 217 wiſſen, wie viel die Juwelen gekoſtet haben und man wird Ihnen gerne vier bis fünftauſend Gulden darauf vorſchießen, während meine anderen Koſtbarkeiten Ihnen zum Mindeſten ein paartauſend Gulden verſchaffen wer⸗ den und ſo viel haben Sie nicht nöthig. Auf dem Lande brauche ich dieſe Dinge nicht, ſeien Sie nur be⸗ ſorgt, daß ich das Eine und Andere bei meiner Zurück⸗ kunft in die Stadt wieder habe. Da ſind meine Ju⸗ welen, ſie haben Sie ſchon einmal gerettet, mögen ſie Ihnen wieder denſelben Dienſt thun! Sind Sie mit mir zufrieden, Julius?“ „Das Alles kann mir nicht helfen, gnädige Frau,“ ſprach der Beamte, nich verlange Geld und nicht Ihre Koſtbarkeiten.“ „Aber dieſe find ja auch Geld, Sie können ſie ja verſetzen. Sie bekommen dreimal ſo viel, als ſie nö⸗ thig haben.“ „Nein, Madame, ich will Sie nicht in dieſe Ver⸗ legenheit bringen, de Raad 2“ „Seien Sie unbeſorgt, de Raad ſoll nichts davon erfahren.“. „Einmal war er ja ſchon auf dem Punkt, es zu entdecken, das kann wieder geſchehen.“ Und mit feſtem Tone erklärte er:„Ihre Juwelen nehme ich nicht.“ „Dann kann ich Sie nicht retten! Julius, ſeien Sie vernünftig, nehmen Sie, was ich Ihnen anbiete, mag auch de Raad dahinter kommen, ich nehme Alles auf mich und die Juwelen ſind mein Eigenthum. Der Miniſter ſchenkte ſie mir zur Hochzeit, und ich habe doch oc ſo viel Freiheit, über mein Eigenthum zu ver⸗ gen.“ I „Der Miniſter gab ſie Ihnen nicht, Mina,“ ſprach van Velden,„doch wir wollen nicht hierüber ſtreiten. Ich frage Sie, können Sie mir nicht helfen ohne die Juwelen?“ A. „Nein!“ „Haben Sie denn keine anderen Koſtbarkeiten oder 218 Sachen von Werth, für die ich durch Verſetzen die nö⸗ thige Summe bekäme?“ „Ich biete Ihnen an, was ich habe, ich wiederhole es, es iſt mehr als zureichend.“ „Nein, nein!“ rief van Velden heftig aufſpringend. „Haben Sie eine Woche Geduld, vielleicht....“ „Dann iſt es zu ſpät, vielleicht wird morgen alles entdeckt,“ ſprach Julius verzweifelnd und ſich wie ein Wahnfinniger mit Heftigkeit vor die Stirne ſchlagend. „Nehmen Sie dieß, ehe es zu ſpät iſt!“ „Nein, das kann mir nicht helfen!“ polterte van Velden, während er das Juwelenkiſichen von ſich ſtieß. „Mein Schickſal iſt beſtimmt!“„ Es war, als ob van Veldens Gemüth ſich gänzlich verändert hätte, als er Hermine verlaſſen hatte und ſich zu der Geſellſchaft begab. Er ſchien ausgelaſſen. vor Freude, lachte, ſcherzte, als wäre er ganz ſorglos zund wie große Eile er auch Anfangs haite, jetzt ſprach er nicht von Fortgehen. „Haben Sie ein Mittel gefunden, ſich zu retten?“ frug Madame de Raad, die verwundert das fremdar⸗ tige Betragen gewahrte. „O ja, gnädige Frau,“ gab er zur Antwort, in demſelben flüſternden Tone, in welchem er gefragt wor⸗ den,„ein gutes, unfehlbares Mittel!“ „O und welches, Julius? Welches Mittel haben Sie erſonnen 2“ „Das werden Sie ſpäter vernehmen.“ An der Tafel trank der neue Gaſt mehr, als die Schicklichkeit erlaubte und doch ſchien der Wein keine Wirkung zu haben, denn obgleich er den Wein, als wäre es Waſſer, trank, konnte Niemand eine Verän⸗ derung bei ihm bemerken. Als die Mahlzeit vorüber war, machte er von dem Anerbieten der Frau de Raad Gebrauch, mit ihrem Wagen in das nächſte Dorf zu fahren, wo er die Dili⸗ —O⏑—ÿ—— 219 gence erwarten mußte. Bereit ſtehend, um in den Wa⸗ gen zu ſteigen, ſagte er nochmals zu Hermine: „Es iſt ein gutes, unfehlbares Mittel, das ich ge⸗ wählt habe!“ Der Abend wurde nach Gewohnheit unter Muſik und Geſang geſchloſſen. Guſtav ſpielte nicht ohne Ver⸗ dienſt das Piano und Madame de Raad ſang mit na⸗ lürlicher Anmuth. Als es Nacht war und die Gäſte ſich in ihre Schlafzimmer begaben, frug Anna, während ſie be⸗ ſchäftigt war, ihre Frau zu entkleiden: „Haben Sie die Juwelen aufgehoben, gnädige Frau?“ „Nein, ſie ſtehen noch auf dem Tiſche.“ „Ich ſehe ſie nirgends, gnädige Frau!“ „Ich ſelbſt habe ſie dorthin geſtellt,“ rief Hermine an den Tiſch gehend. Doch das Juwelenkiſtchen war verſchwunden. „Sie ſehen, gnädige Frau, daß es nicht da iſt.“ Hermine antwortete nicht.„Er hat es doch nicht mitgenommen, denn als er ſchon lange fort war, ſtand es noch da,“ dachte Frau de Raad bei ſich. „Der Herr von Hunter und die Damen ſind durch das Zimmer gegangen,“ bemerkte Anna, ohne etwas dabei zu denken. „Was ſoll das heißen, Mädchen!“ ſagte Hermine in bitterem Tone und warf ihr einen ſtrengen Blick zu. „Vielleicht habe ich die Juwelen aufgehoben und habe es vergeſſen, ſo werde ich morgen die Sache unterſuchen.“ XXXII. Das unfehlbare Mittel. Lolgen wir van Velden, doch zuvor eine nähere Schilderung deſſelben. 4 Julius van Velden war der Sohn begüterter bür⸗ gerlicher Eltern. In der Erwartung, daß es ihm für ſein künftiges Leben nur von Nutzen ſein werde, hat⸗ ten ſie ihm eine Erziehung gegeben, welche nichts zu wünſchen übrig ließ. Seine Kinderjahre brachte er in einer der beſten Erziehungsanſtalten unſeres Vaterlan⸗ des zu, wo er mit den Söhnen der anſehnlichſten Fa⸗ milien bekannt wurde; in einer Anſtalt aber, unter Zöglingen, unter Kindern kennt man weder Rang noch Stand; dieſen Unterſchied, der einen ſo großen Einfluß auf das menſchliche Leben hat, lernt man erſt ſpäter, wenn der Verſtand entwickelt iſt, kennen. Die Meiſten dieſer Zöglinge erwartete eine glän⸗ zende Zukunft; der Eine ſollte die Univerſität beziehen, dem Andern war ein anſehnlicher Rang im Kriegsdienſt beſtimmt, während wieder ein Anderer durch Empfeh⸗ lung von Verwandten auf eine Anſtellung bei Hofe hoffte. Daß Julius unter dieſen Knaben ſich nicht für ſehr glücklich hielt, da ihn kein anderes Loos erwartete, als auf einem Komptoir beſchäftigt zu werden, läßt ſich leicht begreifen, und als endlich ſeine Lehrzeit verſtrichen war und er die Anſtalt verlaſſen mußte, fühlte er we⸗ nig Luſt als Kommis von ſeinen erworbenen Kennt⸗ niſſen Gebrauch zu machen und ſeine Eltern gaben dem Eigenfinne nach, der ſo verderblich für Kinder, und ließen ihm, ihrem einzigen Liebespfand, in ſeinem Wil⸗ len freien Spielraum. Der junge unbeſorgte Julius verbrachte mit Nichtsthun ſeine Zeit und gewöhnte ſich immer mehr an eine verſchwenderiſche Lebensweiſe, zu welcher Lebensweiſe er gezwungen war, da er mit ſei⸗ nen ehemaligen Schulkameraden in Verbindung blieb, die zu den erſten Klaſſen Amſterdams gehörten und im Stande waren, einen Aufwand zu machen, der das Vermögen des Bürgerlichen weit überſchritt. Durch den Tod ſeiner Eltern kam Julius in den Bkſitz eines Vermögens, das, recht verwaltet, ihm hätte ein Leben ohne Sorgen verſchaffen können, aber der 221 unbeſonnene junge Mann verzehrte ſeine Erblaſſen⸗ ſchaft auf leichtſinnige Weiſe und ſah ſich in kurzer Zeit von allem Vermögen entblößt. Soviel hatte er aber gewonnen, daß er zu den Zirkeln der großen Welt zugelaſſen war, was er beſonders ſeinen großen Kenntniſſen verdankte. In dieſen höheren Kreiſen lernte er Madame de Raad kennen und wurde bald ihr geheimer Liebhaber, und da geſchah es, daß Hermine den Herrn van Vel⸗ den unterhalten mußte, wie dieſer wieder Mädchen un⸗ terhielt, an denen er Gefallen fand. Julius war zwar als ein leichtfinniger Menſch bekannt, auf deſſen Sitt⸗ lichkeit nicht viel zu geben, doch war dieß kein Grund, um den jungen Mann, deſſen bürgerliche Abkunft den Meiſten ein Geheimniß, da er von ſo vielen Dandys in die große Welt eingeführt war, aus den hohen Kreiſen zu verbannen. Hier iſt allein bürgerliche Ab⸗ kunft und Armuth Sünde und Schande. Man ſuche die Sittlichkeit nicht bei den höheren Ständen, nicht in den Hütten der Armen; die erſten werden durch eine falſche Erziehung zu Gräueln ver⸗ führt; bei den andern übergibt man ſich aus Mangel an aller Erziehung jeder Frechheit; der Bürgerſtand hat den nationalen Charakter am beſten bewahrt: Ehr⸗ lichkeit, Sittenreinheit und Treue! Hermine hatte ihm endlich, wie wir bereits wiſ⸗ ſen, durch ihre Vermittelung einen nicht unanſehnlichn Poſten in der Reſidenz verſchafft, allein die Beſoldung war weit nicht zureichend, um die Ausgaben des ver⸗ ſchwenderiſchen Beamten zu beſtreiten. Er nahm nach und nach einen Theil der ihm anvertrauten Gelder; die Entdeckung befürchtend, ſuchte er Hülfe bei Madame de Raad und wie es ihm gelang, iſt dem Leſer be⸗ kannt. Fahren wir darum fort in unſerer Erzählung. Der Wagen der Frau de Raad hatte Julius van Velden in das nächſte Dorf gebracht, wo er im Wirths⸗ hauſe abgeſtiegen war. 222 Er trank hier wieder eine Flaſche Wein nach der anderen und doch wurde er nicht betäubt, obwohl es ſein Zweck war. „Dauert es noch lange, bis die Diligence hier vorbeikommt?“ fragte er. „Noch ein kleines Stündchen, mein Herr!“ ant⸗ wortete der Wirth. „Da!“ rief er, ein Goldſtück auf die Tafel wer⸗ ſend,„was übrig iſt, iſt für den Knecht; ich will ge⸗ * hen, die Diligence wird mir wohl nachkommen,“ da⸗ 4 mit verließ er das Wirthshaus. Es wurde ſchon Abend; die von der Arbeit zu⸗ rückkehrenden Landleute grüßten freundlich den ſchön gekleideten Herren, doch dieſer beantwortete die höfli⸗ chen Grüße nicht, ſondern lief haſtig auf dem Wege fort. Es war dunkel geworden und unſer Wanderer begegnete Niemand mehr; er blickte nach allen Seiten, nirgends war ein Menſch zu gewahren, nur das Flat⸗ tern der Vögel, die von der Dunkelheit verjagt, ihre Neſter ſuchten, war das einzige, was die Stille der Natur hie und da ſtörte. Julius ſetzte ſich auf das vom Thau befeuchtete Gras nieder, das an dem Ufer des Fluſſes grünte und ſtarrte gedankenlos auf die ebene Waſſerfläche, in der ſich der Mond ſpiegelte. Endlich begann er zu weinen, bittre, heiße Thränen, ſprang auf und lief die Hände ringend das Ufer des Fluſſes entlang. Dann blieb er plötzlich wieder ſtehen; da ſank er, der Mann, der ſeit ſeiner Kindheit nicht mehr gebetet, der mit ſeinem Unglauben in der Geſellſchaft oft geprahlt hatte, da ſank er auf die Kniee und betete. Er betete lang und feurig, kein Laut drang aus ſeiner wogenden Bruſt, aber ſeine Lippen bewegten ſich ſchnell, während ſeine Thränen über die Wangen rbllten, welche durch den innern Kampf und die in ihm ringenden Gemüths⸗ bewegungen ſich gefärbt hatten. Wie würde er ſich geſchämt haben, wenn ihn ſeine „ —— — 8—— 4 7 —— 4 2—,— eeu, 35 eeeee Freunde ſo getroffen hätten, an dem Uſer des Todes! ja er ſtand jetzt am Abgrunde— da hört alle Scham auf. Nur noch wenige Augenblicke und die ſtille Waſ⸗ ſerfläche wird ſich trennen, um ihn in ihren Schooß 8 aufzunehmen, und wenn der Nachtwind die Fläche kräu⸗ ſelt, werden die kleinen Wellen langſam über die Leiche des Selbſtmörders hinziehen. Selbſtmörder... das Wort klang ihm ſchrecklich in die Ohren. Jetzt erſt fühlte er, was Selbſtmord war, jetzt erſt ſchnitt 8 4 ihm der Gedanke durch die Seele, als er auf dem K Punkt ſtand, ſeinem Leben ein Ende zu machen; die Hand an etwas zu legen, das er nicht ſein Eigenthum N nennen konnte. Wie oft hatte er nicht, wenn einer ſeiner Bekannten ſeinem elenden und traurigen Leben d ein Ende gemacht, wie oft hatte er nicht in leichtfin⸗ nigem Tone geſagt:„der Kerl hatte Recht, daß er ſich erzränkte oder vor den Kopf ſchoß!“ Er fühlte jetzt d 8 erſt, daß durch einen Sprung in den Strom oder einen Fingerdruck unſer Leben nicht zu Ende; jetzt war der Tod nicht eine Vernichtung für ihn.—[AN Es gehört Muth zum Selbſtmord wie ſehr es auch beſtritten wird, wir behaupten es dennoch. Das Leben iſt ſüß und der Wunſch zu leben, dem Wienſchen( S angeboren. Kein ängſtlicher Menſch wird ein Selbſt⸗ Se mörder; Cato legte ſein Schwert zu ſich, ſchlief ruhig 8 und als er erwachte, ſtach er das Mordwerkzeug in die Bruſt; Nero, der feige Tyrann, brauchte eines Andern Arm, um ſich zu ermorden. Zum Selbſtmord N N gehört Muth, aber es iſt ein ſtrafwürdiger Muth. J Julius van Velden mußte wählen zwiſchen Schande und Tod. Schreckliche Wahl! aber dem Unglücklichen blieb keine andre übrig, ſein Vergehen konnte nicht mehr lange verborgen bleiben und wenn er einmal entdeckt war, was ſollte ſeiner warten! Plötzlich ſprang er auf; Sein Gebet hatte ihn weder ermuthigt, noch getröſtet; es war auch keine Demuth,„ſondern nur der verzweifelte 8 D zuf zu Gott! iieeurd eae e „ N 68 ¼ N 2 8——— Da kamen ihm alle Zuſtände von früher, da kamen ſeine Kinderjahre ihm vor den Geiſt; da ſpiegelte ſich „ das Vergangene vor ſeinen Augen; da wurde der Schleier ſeiner Sünde aufgehoben! er ſchauerte, ſeine Haare ſträubten ſich und als wühle ein Fieber in ſei⸗ z nen Adern, ſchlugen ſeine Zähne auf einander; er hielt beide Hände feſt vor die Augen, doch es half ihm wenig, die Schreckbilder ſeiner Phantaſie wollten nicht 4⸗ weichen. Er ſay, was er geſäet hatte, die Erndtezeit . war da! Wie ſollte der, der Diſteln ſäete, reiche Aeh⸗ „ ren erndten? . Da ſah er im Geiſte zwei Knaben wandern; beide waren noch jung. In dem Einen erkannte er ſich ſelbſt; in dem Andern Knaben erkannte er den Freund ſeiner Jugend, beide ſprachen mit einander. Der Freund erzählte die Leiden des Herrn, und da weinte „ er vor Mitleiden, da nahm er ſich vor, recht zu leben. Doch nun veränderte ſich der Schauplatz: er war groß „ geworden, die Kinderjahre dahin; lärmende Trinkge⸗ lage, nächtliche Schwelgereien folgten abwechſelnd auf „ einander; darauf erſchienen ihm Betrug, Diebſtahl, „ Verbrechen, in den ſchrecklichſten Farben. Der kalte 0 Schweiß trat auf ſeine Stirne; er fühlte, daß er dem . Wahnſinne nahe war; er ſprach mit lauter Stimme „* unzuſammenhängende Worte, die er ſelbſt nicht ver⸗ größte Verzweiflung brachten. Aengſtlich ſah er noch einmal umher;, in der Ferne hörte er den Hufſchlag eines Pferdes und dieſer Umſtand, wie gleichgültig auch, worauf er in anderer Gemüthsſtimmung gewiß nicht geachtet, erſchien ihm verdächtig. Was ſollte das 2 digen! Er hatte keine Zeit zu verlieren, er lief zurück 7)) und ſchnell war der Fluß erreicht, ein Sprung... 7 24. ſtand, die ihm aber Schrecken einjagten und ihn in die Pferd noch ſo ſpät am Abend auf dieſem Wege? Ja das Verbrechen war entdeckt, man ſuchte den Schul⸗ .9 und die Wellen empfingen den Unglücklichen in ihrem Schooß! das unfehlbare Mittel zur Rettung war an⸗ gewendet!! Julius ſank bis auf den Boden des Fluſſes, ward aber ſchnell wieder emporgehoben, als würde er mit Kraft zurückgeſtoßen; die Tiefe des Waſſers verweigerte ihm einen Ruheplatz, ſo lange noch Athem in ihm war. Er hatte ſich der Hoffnung hingegeben, daß im Augen⸗ blicke des unglücklichen Sprunges es mit ihm aus ſein würde... der Unglückliche betrog ſich.— Die Wellen mußten ihn erſt todt martern ehe ſie ihn als Grab empfingen. 4 Die Waſſerfläche trennte ſich wieder und der Mond beſchien das todtenbleiche Geſicht des Selbſtmörders. Das eine Mal ſchleppte ihn der Strom ein Stück weit fort, das andere Mal ſank er, um ebenſo ſchnell wieder auf der Oberfläche zu erſcheinen, und noch ſtreckte der Tod ſeine Arme nicht nach ihm aus, und noch war er bei Bewußtſein. Es war, als ob in dieſen ſchrecklichen Augenblicken ſeine Sinne ſchärfer würden; mit ſeinen feuchten Augen ſah er deutlich jeden Grashalm, jede Blume am Ufer; er hörte die ferne Dorfglocke neun Uhr ſchlagen, ebenſo deutlich, als ob er in dem Dorfe ſelbſt wäre. Plötzlich glaubte er, ein Nebel ziehe ſich über ihn her; langſam ſank er wieder auf den Abgrund; Gras und Blumen waren verſchwunden, ein rothes Licht ſchimmerte vor ſeinen Augen und ſeine Ohren berührte ein Geräuſch wie das eines Sturmes.„Sollte das der Tod ſein?“ frug der Unglückliche ſich ſelbſt. Es war der Anfang des Todeskampfes. In dieſem Augenblick erhob ſich die Stimme der Natur bei dem Selbſtmörder; die Liebe zum Leben fühlte er deutlicher als je; er öffnete die Lippen, um Hülfe herbeizurufen und reckte die Hände krampfhaft aus.. Seine Gedanken vergingen, als er ſich ganz unerwar⸗ tet von zwei Armen ergriffen und nach der Tiefe ge⸗ zogen fühlte. 3 Amſterdams Geheimniſſe. II. 15 Ganz in ſeiner Nähe wurde das Waſſer von einer plötzlichen, heftigen Bewegung getheilt und im ſelben Augenblicke hörte er eine menſchliche Stimme. Ein fremdartiges Gefühl beſeelte jetzt den Sterbenden; ſein Bewußtſein kehrte zurück, ſein ſchrecklicher Zuſtand hörte auf, eine ſtarke Fauſt hielt ſeine Haare feſt und brachte ihn auf die Oberfläche. Da ließ die Fauſt ihn los, er⸗ griff ihn am Arme und ſchleppte ihn an's Ufer. Doch Julius ſammelte alle ſeine Kräfte und ſuchte ſich von der rettenden Hand loszumachen. „Laß mich los, ich will ſterben!“ Der Retter antwortete nicht. 1u“9 will ſterben], verflucht ſei, der mich retten w Er rang und wendete ſich hin und her, und dem Ufer nahe, verdoppelt er alle ſeine Kraft, um ſich von der Fauſt, die ihn gefaßt, loszureißen; doch alle die ſchwachen Verſuche halfen nichts, der Streit war ver⸗ gebens. Wie ein Wahnfinniger biß er in die Hand, die ihn retten wollte, doch bald ſchwanden all' ſeine Kräfte. Er lag nun am Ufer auf dem Graſe; ein Mann, deſſen Geſichtszüge er nicht unterſcheiden konnte, beugte ſich über ihn und ſagte in einem Ton, der ihm barh Mark und Bein drang:„Unglücklicher, was willſt Du thun?“ Mehr hörte er nicht; ſein Blick umnebelte ſich und er war bewußtlos. Wäre es einen Augenblick früher geſchehen, Julius van Velden hätte nicht mehr zu den Lebenden gehört. XXIII. Der Retter. Als der Unglückliche wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, befand er ſich in einem guten Bette, in einem Zimmer, das ihm fremd war. In dem großen Kamin brannte ein helles Feuer, das eine angenehme, mäßige Wärme verbreitete. Van Velden ſchien von einem bangen Traume zu erwachen; aber mit ſeinem Bewußtſein kebrte ſeine Angſt zurück; er dachte an die Urſache, die ihn in die Wellen getrieben hatte; er war vom Tode gerettet, aber nicht von dem, was ihn denſelben ſuchen ließ. Doch begann er, wieder Liebe zum Leben zu be⸗ kommen. Jetzt fühlte er ſich ganz unfähig, die Hand an ſein Leben zu legen. Er richtete ſich im Bette auf und. begann über ſeinen Zuſtand nachzudenken, als ihn eine tiefe Män⸗ nerſtimme in ſeinen Gedanken ſtörte. Er ſchlug ſeine Augen auf und ſah einen ſchönen, reichgekleideten Herrn vor ſich ſtehen. „Und Sie find mein Retter?“ fragte Julius. „ Ja,“ gab dieſer zur Antwort,„aber jetzt erinnere ich mich, Sie ſchon öfter geſehen zu haben. Ihr Name?“ „Julius van Velden.“ „Van Velden, van Velden! Ja, nun geht mir ein Licht auf, ich glaube, Sie bei Madame de Raad ge⸗ troffen zu haben;“ dabei legte er einen ſo beſondern Nachdruck auf das Madame. „Jetzt erkenne ich Sie auch,“ ſagte Julius,„dem Kolonel van Bergen verdanke ich alfo mein Leben?⸗ „Ich hatte das Glück, Sie zu retten,“ ſagte Auguſt und ſetzte ſich bei van Velden nieder. 1 Nach einigen Augenblicken Stille, die etwas Feier⸗ liches hatte, ergriff Auguſt die Hand des jungen Man⸗ nes und ſagte in vertraulichem Tone:„Ich rettete Ihnen das Leben, das Sie ruchlos vernichten wollten. Ohne mich in Ihre Geheimniſſe drängen zu wollen, bitte ich Sie ernſtlich und feierlich, mir Ihre Beweggründe mit⸗ zutheilen.“ Julius ſchwieg und ſah bewegungslos in das Feuer, das hoch aufflammte.„Wo bin ich?“ fragte er, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „In dem Dorfwirthshauſe,“ antwortete van Ber⸗ gen,„Sie können ruhig ſprechen; Niemand kann uns ören.“ Aber Julius ſchwieg einige Augenblicke, ſtand dann auf und wollte die Glocke ergreifen. „Was wollen Sie thun?“ fragte ihn der Kolonel, Julius' Arm zurückhaltend. „Nach der Rechnung fragen und gehen.“ „Das dürfen Sie nicht, ehe Sie mich angehört haben,“ ſagte Auguſt van Bergen.„Herr van Velden, um einer Kleinigkeit willen ſucht man ſich nicht deßje⸗ nigen zu berauben, was für den Menſchen das Theuerſte iſt, nicht um eines Nichts willen macht der Menſch ſeinem Leben ein Ende, nur die Verzweiflung bringt dazu;z ſagen Sie mir darum aufrichtig und ohne Zurückhal⸗ tung, was brachte Sie zu dieſem verzweifelten Schritte? Auch ich bin jung geweſen und kenne die Tollheiten der Jugend; glauben Sie nicht, daß es Neugierde iſt, die mich zu dieſer Frage nöthigt; wie ver Arzt möchte ich die Wunde wiſſen, um ſie zu heilen; ich intereſſire mich für Ihr Schickſal, Herr van Velden, wie für das jedes Unglücklichen; ich will Ihnen helfen, wenn Hülfe und Rettung möglich ift.“ „Sie intereſſiren ſich für mich,“ rief Julius,„für mich! O, Sie kennen mich nicht, Kolonel van Bergen, Sie wiſſen nicht, wer ich bin, wenn Sie wüßten, wer ich bin, gewiß, Sie würden die Hand zurückgezogen haben, die Sie zu meiner Rettung ausſtreckten.“ „Sie find unglücklich, und gehört mehr dazu, um Theilnahme für ſeinen Nebenmenſchen zu haben?“ ech JAler⸗ Kolonel, ich bin unglücklich durch eigene S u. „Ich kenne Ihr Unglück.“ „Sie ſollten wiſſen...“ „Daß Sie der Geliebte der Frau de Raad ſind, ja, daß die argliſtige und verführeriſche Frau Sie an ſich zu binden wußte und Ihrer müde, Sie von ſich geſtoßen. Van Velden, dieſe Frau iſt Ihrer Verzweiflung nicht werth.“ 8 „Aber das iſt es nicht, nein, nein!“ rief Julius den Kopf ſchüttelnd. „So ſprechen Sie, kann ich Ihnen helfen?“ „Erſparen Sie mir das Geſtändniß meines Ver⸗ gehens, vielleicht kann ein anderer Mund es Ihnen mittheilen.“ „Sie ſchämen ſich, mir Ihr Vergehen zu geſtehen, und fürchteten ſich nicht, vor Gottes Richterſtuhl zu erſcheinen,“ ſagte Auguſt ernſt.„Schenken Sie mir Ihr Vertrauen wie einem Freunde, ſprechen Sie offen und betrachten Sie mich wie einen Bruder.“ „Ich bin der Theilnahme unwürdig, die Sie mir widmen; in Leichtſinn und Unthätigkeit verbrachte ich meine Jugend, in kurzer Zeit verſchwendete ich das anſehnliche Vermögen, das mir meine Eltern hinterlaſſen hatten. Keinem Armen oder Unglücklichen habe ich einen Pfennig meines Reichthums gegeben; in Trinkgelagen, Ueppigkeit und Schwelgereien wurde das mit Fleiß und Sorge zuſammengebrachte Vermögen verſchleudert; es gibt keinen Menſchen, zu w hem ich ſagen kann: Hilf mir, ich habe Dir früher wohlgethan; keine Thränen habe ich getrocknet, als ich die Mittel hatte, keine Wohl⸗ that habe ich Jemand erwieſen..“ „Und jetzt find Sie arm, jetzt mangeln Ihnen die Mittel, um Ihre Lebensweiſe fortzuführen, Gläubiger 230 verfolgen Sie, dies Alles brachte Sie zur Verzweiflung, und die Verzweiflung zu dem Entſchluſſe.“ „Nein, nicht die Armuth, aber das Verbrechen!“ Der Blick Julius' begegnete dem des Kolonels. In dieſem Blicke las ver Unglückliche Güte, Theil⸗ nahme und Bereitwilligkeit zu helfen; er ſah einige Augenblicke rund um ſich, ob Niemand ihn hören könne: und ſagte dann, die Hand des Kolonel faſſend: „Ich will Ihnen Alles geſtehen, ich bekleide eine Stelle in der Reſidenz, die mir genug einträgt, um einfach leben zu können, aber mein Einkommen war nicht im Stande, meine Neigung zur Verſchwendung zu befriedigen. Ich machte Schulden, meine Gläubiger drängten mich und drohten, Maßregeln zu ergreifen, die mir gewiß den Verluſt meiner Anſtellung zugezogen hätten. Ich hatte einige Gelder unter meiner Verwal⸗ tung, die Noth zwang... erſparen Sie mir das Uebrige.“ „Ich begreife, Sie verwandten die Gelder, um ſich zu retten?“ 3 Julius antwortete nicht; ein leichtes Kopfnicken be⸗ wies van Bergen, daß er ſich nicht getäuſcht. „Und iſt das Vergehen noch nicht entdeckt?“ frug der Kolonel, ohne daß etwas Bitteres oder Vorwer⸗ fendes in dieſem Tone lag. „Nein, noch nicht, aber vielleicht morgen oder über⸗ morgen.“ „Sagen Sie mir offen, ob Sie die frühere Lebens⸗ art und das Vergehen, das Sie begangen, reut.“ „Ja, beim Himmel, ich ſchwöre es,“ rief Julius, „und es gab oft Augenblicke, in welchen ich mir vor⸗ nahm, ein geregeltes Leben zu führen, aber leider! Kaum hatte ich den Entſchluß gefaßt, als die Verführung kam, und ich der Verſuchung nicht widerſtehen konnte. Eine Menge guter Freunde und Bekannte zog mich von meinen guten Vorſätzen ab, ſchleppte mich mit ſich und 231 ſo ſank ich bis zu der Tiefe, in die ich mich jetzt ge⸗ ſtürzt ſehe.“ Der Kolonel ging im Zimmer auf und ab.„Iſt es viel, was bei den Geldern fehlt?“ frug er. „Dreitauſend Gulden!“ Auguſt ſchwieg und ſah van Velden an. Dieſer hatte den Muth nicht, ſeine Augen auf den Kolonel zu richten, ſondern ſtarrte bewegungslos vor ſich hin, wäh⸗ rend eine Miſchung von Hoffnung und Furcht aus jedem ſeiner Geſichtszüge ſprach. „Sie haben ſchlecht gehandelt, Herr van Velden,“ ſagte der Kolonel,„indem Sie das Vertrauen miß⸗ brauchten, das Herminens Gemahl in ſie ſetzte. Der Herr de Raad iſt ein ehrenwerther und achtungswür⸗ diger Mann, der ſelbſt treu, das größte Vertrauen in ſeine Gattin ſetzt. Er empfing Sie wohlmolend, ſchenkte Ihnen ſeine Freundſchaft, und zur Belohnung dafür wurden Sie der Liebhaber ſeiner Frau. Das iſt ſchändlich, mein Herr, und kann weder durch jugend⸗ lichen Leichtſinn, noch ſonſt durch andere Gründe ver⸗ theidigt werden. Wer ſo ſeinen Freund betrügt, ver⸗ dient betrogen zu werden! Ich glaube daß Ihre Reue jetzt aufrichtig und Ihr Vorſatz, die Lebensweiſe zu ändern, ernſtlich gemeint iſt,“ fuhr der Kolonel fort, naber einmal gerettet, werden Sie bald die Angſt ver⸗ geſſen, in der Sie jetzt leben...“ „Niel... Nie!“ ſtammelte der Reuige, in einem Tone, als hätte der Kolonel die Macht, ihm zu ver⸗ geben. „Ich habe mehr Erfahrung, als Sie, Herr van Velden,“ ſagte Auguſt,„und ich weiß es, die Jugend iſt ſchwach, ich will Sie retten.“ „Sie wollen.. Sie wollen mich retten!.. Gott ſei gedankt!“ Julius wiederholte verſchiedene Male die Worte des Kolonel, welche ihm ſo ſchmeichelnd in die Ohren tönten. „Doch nicht ohne eine Bedingung,“ fuhr der Ko⸗ lonel fort,„ich werde Ihnen ein Billet an meinen Kaſſier geben, der Ihnen die Summe ausbezahlen wird, wenn Sie in meinen Vorſchlag willigen.“ „Sprechen Sie, was muß ich thun,“ rief Julius, aus deſſen Augen Freude ſtrahlte,„und mein Ehren⸗ wort bürgt Ihnen für die treue Ausführung Ihres Ver⸗ langens.“ „Ich will andere Beweiſe,“ ſagte der Kolonel. „Sie dürfen Frau de Raad nie wiederſehen.“ „Mein Herr! „Ueberdieß muß das Verhältniß, in welchem Sie zu Herminen geſtanden haben oder ſtehen, für immer ein Geheimniß bleiben; ich habe den Herrn de Raad als einen achtungswürdigen Mann kennen lernen und will nicht, daß er je der Vorwurf der Spötteleien An⸗ derer werde.“ „Ich ſchwöre Ihnen Verſchwiegenheit, Kolonel.“ „Aber ich verlange noch mehr, Herr van Velden, Sie müſſen Ihre Entlaſſung von dem Poſten nehmen und das Vaterland verlaſſen. Dieß ſoll Ihre Strafe ſein,“ fuhr er ſchnell fort,„die Strafe wird zugleich eine Wohlthat für Sie ſein. So lange Sie in dem Kreiſe Ihrer Freunde leben, iſt es unmöglich für Sie, ein anderes Leben anzufangen. Eben ſo unmöglich wird es Ihnen ſein, ſich von den gefährlichen Freunden los zu ſagen und ihren Umgang zu meiden.— Darum, und zugleich um entfernt von Herminen zu leben, müſ⸗ ſen Sie das Vaterland verlaſſen und nach Oſtindien gehen. Dort beginnt ein neues Leben für Sie, da kön⸗ nen Sie ſich einige Freunde wählen, und ich glaube, daß die Erfahrung Sie gelehrt haben wird, vorſichtig in der Wahl zu ſein.“ „Aber ich beſitze keine Mittel und..“ „Laſſen Sie mich dafür ſorgen,“ ſagte der Kolo⸗ nel,„Sie ſollen in Oſtindien einen vortheilhaften Po⸗ ſten bekommen und die Koſten der Ueberfahrt werde ich 233 Ihnen zuſtellen. Ich wiederhole es, mein Herr, eine vortheilhafte Anſtellung wartet Ihrer, während ich Ih⸗ nen Empfehlungsſchreiben an vornehme Familien mit⸗ geben werde, und ich rechne ſo vollkommen auf Ihre Rechtſchaffenheit, daß ich feſt hoffe, Sie werden ſich der Empfehlung würdig zeigen. Jetzt kennen Sie die Bedingungen, die ich an Ihre Rettung knüpfe, wollen Sie ſie erfüllen?“ „Gerne, gerne!“ rief Julius, während er in der Aufregung die Hand des Kolonel ergriff und mit Be⸗ wegung drückte. „Ich bin langſam im Entſchluſſe,“ ſagte der Ko⸗ lonel,„aber ſchnell in der Ausführung.“ Er läutete und auf ſeinen Befehl wurden Schreibgeräthſchaften gebracht.„Setzen Sie ſich und ſchreiben Sie eine Bitte um Ihre Entlaſſung, ich werde indeſſen die andern Sa⸗ chen in Ordnung bringen.“ Van Velden vollzog den Befehl, und Auguſt ſetzte ſich ebenfalls zum Schreiben. Endlich war Julius fertig. „Es iſt ein Gouvernementspoſten in Indien offen,“ ſagte der Kolonel,„hier iſt eine Bittſchrift, worin Sie um den Platz anſuchen, Sie haben ſie nur zu unter⸗ zeichnen und ich werde Ihnen bald zu Ihrer Ernennung gratuliren können.“ Der Kolonel hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als der Name van Velden unter der Schrift ſtand. „Ueberlaſſen Sie nun die Beſorgung der beiden Stücke mir,“ ſagte van Bergen, und fuhr dann im Tone ungeheuchelter Freundſchaft fort:„Herr van Vel⸗ den, ich habe die Menſchen kennen lernen, wie ſie find, und die Erfahrung hat mir gezeigt, daß der Menſch das veränderlichſte Weſen iſt. Wenn der Hund ein⸗ mal ſeinen Herrn kennt, wird er ihn nie verlaſſen, ſon⸗ dern wird ihm in allem Elende treu bleiben. Wie ſehr übertrifft dieß unverſtändige Thier den Menſchen! Bei ihm iſt Gold das Wetterglas ſeiner Neigungen; zeigt es ſchön Wetter, dann bleiben die Freunde uns treu, aber je mehr unſer Glück dem Gefrierpunkt naht, deſto mehr verlaſſen ſie uns. Jetzt, da die Noth Sie ſo drängt, daß Sie zum Selbſtmord greifen, nehmen Sie ſich vor, alle meine Bedingungen zu erfüllen, und ich glaube, daß Ihr Vorſatz aufrichtig iſt. Sind Sie aber einmal gerettet, haben Sie bald die Gefahr vergeſſen, und die Umſtände verändern oft unſere Handlungsweiſe. Wie leicht könnte es geſchehen, daß Sie im Stande wären, mir mein Geld zurückzugeben: dann würden Sie ſich von aller Verpflichtung gegen mich für entbunden hal⸗ ten; dann wäre mein Plan, den ich zu Ihrem und ei⸗ nes edlen Mannes Wohlſein erdachte, vernichtet. Noch⸗ mals ſage ich, der Menſch iſt veränderlich und darum muß ich meine Maßregeln nehmen.“ „Halten Sie mich denn einer ſolchen ſchnöden Un⸗ dankbarkeit fähig, Herr van Bergen?“ „Jetzt nicht, aber wenn Ihre Umſtände eine gün⸗ ſtige Wendung nehmen, würde das, was Sie jetzt Un⸗ dankbarkeit nennen, Ihnen vielleicht erlaubt erſcheinen. Darum will ich einen Beweis von Ihnen, der mich der genauſten Erfüllung meiner Bedingungen verſichert, ei⸗ nen Beweis, der Sie von jeder damit ſtreitenden Hand⸗ lung zurückhält; unterzeichnen Sie dieſe Schrift, und ich werde Ihnen das Billet an meinen Kaſſier einhän⸗ digen. Ueberzeugt können Sie ſein, daß das Papier, das ich Ihnen jetzt zur Unterſchrift vorlege, unter keine andere Augen, als die meinigen kommen wird.“ Van Bergen nahm ein Papier, das er in aller Eile geſchrieben hatte und las; „Ich Unterzeichneter, Julius van Velden, Beamter im Finanzminiſterium, bezeuge empfangen zu haben die Summe von dreitauſend Gulden von dem Kolonel Auguſt van Bergen zur Deckung der kurz zuvor aus der unter meiner Aufſicht ſtehenden Kaſſe von mir ent⸗ wendeten Gelder.“ 3 „Hier, Herr van Velden,“ ſagte der Kolonel, un⸗ terzeichnen Sie dieß und Sie können über die dreitau⸗ ſend Gulden verfügen.“ Julius las und las wieder dieſe fatale Erklärung, zögerte aber, das Verlangen Auguſts zu erfüllen. „Sie zögern?“ fragte dieſer. „Kolonel van Bergen,“ ſagte Julius,„indem Sie mich vom Tode retteten und mir ferner Ihre Hülfe an⸗ gedeihen laſſen wollen, haben Sie gezeigt, daß Sie ſich für mich intereſſiren. Nur einmal ſah ich Sie bei Ma⸗ dame de Raad, ſonſt kenne ich Sie nicht; ich zweifle keineswegs an der Redlichkeit Ihrer Abſichten, aber ich frage Sie ſelbſt, ſoll ich Ihnen eine Waffe in die Hand geben, die, wenn Sie ſie gegen mich gebrauchen, die ſchrecklichſten Folgen für mich haben muß; ich frage Sie, kann ich dieſe Schrift einem Manne anvertrauen, den ich nicht die Gelegenheit hatte, näher kennen zu lernen. Wie kann ich einem Manne Vertrauen ſchen⸗ ken, der mir das Seinige verſagt?“ „Ich verlange Ihr Vertrauen nicht; weigern Sie ſich, die Schrift zu unterzeichnen, dann hört Alles zwi⸗ ſchen uns auf.“ „Sie machen von meinem Unglück Mißbrauch,“ ſagte Julius,„eine ſolche Handlungsweiſe iſt nicht edel. Schwören Sie mir, Kolonel, bei dem, der uns ſieht und von der Aufrichtigkeit meines Vorſatzes über⸗ zeugt iſt, daß das Beſtehen der Schrift ewig ein Ge⸗ heimniß bleibe, ſo lange ich die Bedingungen, die Sie mir geſtellt, erfülle und ich werde unterſchreiben.“ „Mein Herr van Velden, dieſe Vorſicht von Jhrer Seite beleidigt mich durchaus nicht. Viele Leute fan⸗ den ſich betrogen, indem ſie ihr Vertrauen zu leichtſin⸗ nig wegwarfen. Jeder Menſch muß ein gewiſſes Miß⸗ trauen beſitzen, es wird ihm die Reue nachher erſparen. Die Jugend wird oft getäuſcht, weil ſie ſich blindlings hingibt. Das Mißtrauen iſt die Frucht der Erfahrung und wenn es nicht übertrieben wird, iſt es ein Mittel gegen Täuſchung. Behalten Sie dieſe Worte, ſie wer⸗ * 236 den Ihnen nützlich ſein, Herr van Velden, ſei ſelbſt treu und traue Niemand. Der Menſch kann nicht immer ſeinem eigenen Herzen trauen, wie thöricht handelt er nicht meiſt, wenn er allzu leichtfertig ſich andern hin⸗ gibt! Ich will aber Ihrer Bitte entſprechen und ich ſchwöre Ihnen, die beſtehende Schrift ſoll ewig ein Geheimniß bleiben, ſo lange Sie meine Bedingungen erfüllen.“ „Hier,“ ſagte Julius, die Erklärung, nachdem er ſie unterzeichnet hatte, dem Kolonel einhändigend,„hier Herr van Bergen... doch in der Schrift ſteht nichts von der Zeit der Zurückgabe.“ „Sie können mir das Geld zurück geben, ſo bald Ihre Umſtände es erlauben; ſo viel Vertrauen ſetze ich in Sie.“ „Aber mich dünkt, dieß paßt wenig zu dem, was Sie ſo eben von dem Mißtrauen ſagten.“ „Ich ſetze Vertrauen auf Sie, weil, wenn Sie ſich deſſelben unwürdig machen würden, es mich nur dreitauſend Gulden koſtet; wenn wir unſern Nächſten helfen, ſo darf unſer Mißtrauen nicht zu weit gehen. Wenn Sie mir das Geld auch dann zurück zu geben weigern, ſo werde ich dadurch, obwohl ich nicht reich bin, doch nicht zu Grunde gerichtet ſein und ich werde mich mit dem Gedanken tröſten, daß es beſſer, obwohl vielleicht minder vortheilhaft iſt, betrogen zu werden, als andere zu betrügen! Hier, mein Herr, auf dieß Billet hin wird mein Kaſſier Ihnen dreitauſend Gulden ausbezahlen; ich glaube, daß das Vorgefallene ſie ge⸗ lehrt hat, welch' ſchreckliche Folgen ein leichtſinniges Leben und die Verſchwendung nach ſich ziehen, und ſeien Sie überzeugt, daß es mir angenehm ſein wird, von Ihnen zu hören, wenn es Ihnen wohlgeht; dann werde ich den Augenblick ſegnen, in welchem ich ſo glücklich war, Sie dem Tode zu entreißen und mein Herr, wenn Sie Jemand finden, der in ähnlichen Um⸗ 237 ſtänden iſt, wie Sie jetzt, ſo helfen Sie ihm, das ſoll mich von Ibrer Erkenntlichkeit überzeugen.“ „Mein Retter! mein Vater!“ rief van Velden ge⸗ rührt.„Edler Mann, Sie laſſen mich wieder an die Welt glauben.“ 3 „Keinen Dank, mein Herr! nun Sie die Sorge verlaſſen. Sprechen wir von etwas Anderem: Sie haben noch eine Stunde, ehe die Nachtdiligence, mit welcher ſie in die Refidenzſtadt zurück müſſen, hier vor⸗ über kommt.“ „O ich bin ſo glücklich!“ rief van Velden,„leben, leben! jetzt erſt fühle ich, was es für ein Schatz iſt!“ Der Kolonel hatte indeſſen eine Flaſche Wein kom⸗ men laſſen und während das funkelnde Traubenblut in den Kelchen perlte, ſagte van Bergen:„Sagen Sie mir nun, van Velden, warum weigerten Sie ſich, die Juwelen anzunehmen, die Ihnen Madame de Raad anbot und die Ihnen ſchon einmal Dienſte geleiſtet hatten?“ XXIV. Hermine und der Kolonel. Am folgenden Morgen ſtand Madame de Raad früher als gewöhnlich auf und durchſuchte jede Ecke, jeden Kaſten des Zimmers, aber ihre Juwelen waren nirgends zu finden. „Sie ſcheinen nicht aufgeräumt zu ſein, gnädige Frau,“ ſagte der Baron von Hunter, der der erſte war, welcher Hermine am Frühſtück traf. „Ein unangenehmer Vorfall hat mich in eine fatale Stimmung gebracht,“ antwortete Hermine. „In der That, gnädige Frau, Sie ſind zu ſchön, um nicht glücklich zu ſein. Wäre es unbeſcheiden, nach der Urſache zu fragen, welche die unangenehme Stim⸗ mung in Ihnen bewirkte?“ „Ich vermiſſe ein Käſtchen, worin ſich meine Ju⸗ welen und einige andere Koſtbarkeiten befinden. „Ihr Juwelenkäſtchen!“ rief Guſtav verwundert. „Geſtern Abend ſtand es noch in meinem Zimmer, während wir im Salon Mufik machten und als Anna mich entkleidete, war es verſchwunden: ich habe überall geſucht, doch alle Mühe, es wieder zu finden, war fruchtlos.“ „Dann iſt es geſtohlen,“ ſagte von Hunter,„und haben Sie auf Niemand Verdacht, der ſich des Dieb⸗ ſtahls ſchuldig gemacht haben könnte?“ „Durchaus nicht, Herr Baron!“ „Sind Sie von der Ehrlichkeit Ihres Kammer⸗ mädchens überzeugt?“ „Vollkommen.“ 3 „Die Sache ſollte aber unterſucht werden, gnädige Frau. Vielleicht iſt einer der Bedienten der Thäter. Es iſt ein bedeutender Verluſt, denn Ihre Juwelen waren ſchön, wenigſtens in meinen Augen, obwohl ich mich nicht für einen Kenner ausgebe, gewiß haben ſie eine anſehnliche Summe gekoſtet?“ Hermine nannte die Summe und von Hunter hatte Mühe, ein vergnügtes Lächeln zu unterdrücken. „Ich weiß nicht, wen ich im Verdacht des Dieb⸗ ſtahls haben ſollte; keiner der Bedienten kommt je in meine Zimmer und ich ſcheue mich, de Raad das Vor⸗ gefallene mitzutheilen; er hängt ſo ſehr an den Juwelen und ich brauchte ſie nur zu tragen, um ihn in die beſte Stimmung der Welt zu verſetzen. Wenn ich die Sache ſtreng unterſuche, würde ſie bald ruchbar werden und de Raad zu Ohren kommen.“ „Aber Ihr Herr Gemahl muß es doch einmal er⸗ fahren,“ ſagte der Baron,„wenn Sie nicht im Stande ſind, ſich andere Juwelen anzuſchaffen, in welchem Falle 239— ich hoffe, daß ſich die gnädige Frau, wenn es nöthig wäre, ſich ausſchließend an mich wenden würde.“ „Sie ſind ſehr artig, Herr Baron, und es iſt viel⸗ leicht wohl möglich, daß ich von Ihrem edelmüthigen Anerbieten Gebrauch machen werde.“ „Sie werden mich ſtets bereit finden, Ihnen die nöthigen Gelder vorzuſchießen,“ ſagte Guſtav in einem Tone, als hätte er über Tauſende zu gebieten,„und von meiner Verſchwiegenheit können Sie vollkommen überzeugt ſein. Doch es iſt ſonderbar, gnädige Frau, daß Sie auf Niemand Verdacht haben: die Damen vüden doch nicht aus Scherz Ihre Juwelen verſteckt aben?“ „Das wäre wahrlich ein ſehr unpaſſender Scherz,“ ſagte Hermine,„doch ich will Alles der Zeit überlaſſen, kommt Zeit, kommt Rath.“ „Sie ſcheinen Beſuch zu bekommen, gnädige Frau,“ ſagte Guſtav, aus dem Fenſter ſehend,„ein Herr zu Pferd reitet in den Zaun herein.“ „De Raad?“ 3 „Nein, gnädige Frau, Ihr Gemahl iſt es nicht; wenn ich mich nicht täuſche, iſt es der Kolonel van Bergen.“ „Der Kolonel van Bergen! Was will der hier, ich habe ihn nicht eingeladen, und ungeladene Gäſte ſetzt man vor die Thüre,“ ſagte Hermine, in der Lei⸗ denſchaft vergeſſend, daß ſie in einem Tone ſprach, der zu dem Rang, den ſie in der Geſellſchaft einnahm, nicht paßte. „Der Kolonel iſt, wie ich glaube, ein Freund des Herrn de Raad.“ „Das kann ſein; aber alle Freunde meines Ge⸗ mahls find mir darum noch nicht angenehm.“ „Wollen Sie ihn hier empfangen?“ frug von Hunter. „Gewiß nicht; ich werde in dem Sprechzimmer die Gründe ſeines Kommens vernehmen und meine * Einladung, hier zu bleiben, ſoll ſo kalt ſein, daß ich gewiß bin, er nimmt ſie nicht an.“ Der Bediente trat herein und überbrachte der gnä⸗ digen Frau eine Karte. „Du haſt den Herrn van Bergen in das Sprech⸗ zimmer geführt?“ Der Bediente bejahte. „Und ſein Pferd 2. „Wollte ich in den Stall führen.“ „Du thuſt doch immer mehr als nöthig iſt,“ ſagte Frau de Raad ärgerlich,„und hat der Herr van Ber⸗ gen Dir ſein Pferd gegeben?“ „Nein, gnädige Frau, er ſagte, ſein Beſuch werde nicht lange dauern, und gab es Jakob, um es auf und ab zu führen, da das Thier im Schweiße iſt.“ „Gut ſelbſt für die Thiere,“ murmelte Hermine ironiſch lachend.„Sage dem Herrn van Bergen, daß ich augenblicklich bereit ſein werde.“ „Es wäre mir angenehm, gnädige Frau, wenn Sie meine Anweſenheit dem Kolonel nicht mittheilen würden,“ ſagte der Baron von Hunter. „Ich dachte, Sie und der Kolonel wären Freunde,“ ſprach Hermine. „Das waren wir, gnädige Frau, aber verſchiedene Umſtände haben die Freundſchaft etwas abgekühlt,“ antwortete der Baron,„und wie Sie wiſſen, peu de chose est capable de rompre l'amitie la plus üdèle.“ „Ich verſtehe, ich werde kein Wort von Ihnen bei dem Kolonel erwähnen, entſchuldigen Sie, daß ich Sie allein laſſe, ich hoffe, es wird nur kurz dauern.“ Guſtav wußte, daß Madame de Raad wenig oder nichts Franzöſiſches verſtand, und um keine weiten Er⸗ klärungen machen zu müſſen, gebrauchte er Worte, deren Sinn die vornehme Dame gar nicht verſtand. Van Bergen wurde von Madame de Raad ſehr 241 kalt empfangen und nach einigen unvermeidlichen Höf⸗ lichkeiten ſagte Auguſt: „Mein Beſuch betrifft keineswegs die kleine Clara; ich weiß, gnädige Frau, daß Sie an ihrem Verſchwin⸗ den ganz unſchuldig ſind, ich habe Alles unterſucht und was Sie mir über das Vorgefallene mittheilten, iſt Wahrheit und zu meiner Freude habe ich mich überzeugt, daß Sie die Hand nicht in dem Kinderraube hatten.“ „Sie hätten mich alſo doch dazu für fähig ge⸗ halten, Herr van Bergen?“ „O, gnädige Frau, wie können Sie mich das fragen,“ ſagte der Kolonel.„Ich wußte, daß Ihnen das Kind zur Laſt war; ich kenne Sie zu gut, um nicht zu wiſſen, daß Sie keine Mittel, gleichgültig wel⸗ ches, unverſucht gelaſſen haben werden, um das Kind aus Ihrer Nähe zu entfernen. Doch ich bin nicht hie⸗ her gekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen,“ fuhr er fort,„ich erſuche Sie nur um Ihren Beiſtand, für eine Perſon, die Ihnen tauſendmal theurer iſt, als die kleine Clara; ich meine den Herrn Julius van Velden.“ „Wenn der Herr van Velden Hülfe und Unter⸗ ſtützung nöthig hat, ſo möge er ſich an meinen Gatten wenden, er iſt ein Freund de Raads.“ „Aber Ihnen doch auch nicht fremd!“ „Ich halte mich nicht für ſchuldig, auf jede un⸗ verſchämte Frage zu antworten,“ ſagte Hermine.„Be⸗ trifft Ihre Bitte den Herrn van Velden, ſo wenden Sie ſich an de Raad, es ſind ſeine Angelegenheiten und keineswegs die Meinigen.“ „Es gab eine Zeit, gnädige Frau, in der Sie nicht ſo gleichgültig von van Velden dachten, denn der ann, dem Sie Ihre Juwelen gaben, um ſie zu ſei⸗ nem Nutzen zu verpfänden, dem Sie durch Ihren Ein⸗ fluß einen anſehnlichen Poſten verſchafften, dem Sie Amſterdams Geheimniſſe. II. 16 24⁴2 geſtern zum zweitenmale Ihre Juwelen anboten, kann Ihnen nicht ſo gleichgültig ſein, als Sie mich glauben machen wollen!“ Madame de Raad drückte das Taſchentuch, wel⸗ ches ſie in der Hand hatte, in tauſend kleine Falten, und ſah den Kolonel einige Augenblicke beobachtend an. Mußte denn der Mann Alles wiſſen, was ſie je gethan, war es nicht genug, daß er die Geheimniſſe ihres früheren Lebens kannte, mußte er auch noch ihr gegenwärtiges kennen? „Ich werde Ihnen nicht verſchweigen, wer mich von dem Allem unterrichtete, gnädige Frau, es war der unglückliche Julius van Velden ſelbſt!⸗ „Er hat gelogen, ſchändlich gelogen!“ rief Her⸗ mine heftig. „Er ſprach die Wahrheit, gnädige Frau,“ ver⸗ ſicherte der Kolonel ernſt,„in der Todesſtunde lügt man nicht!“ „In der Todesſtunde!“ ſchrie Hermine, während eine Todtenbläſſe ihr Antlitz überzog,„in der Todes⸗ ſtundel großer Gott, Auguſt, was wollen Sie ſagen? Julius ſollte...“ „In einem Anfall von Verzweiflung ſich in den Fluß geſtürzt haben,“ fügte Auguſt van Bergen hinzu. Ja, gnädige Frau, die Furcht, ſein Vergehen, die Ent⸗ wendung eines Theils der ihm anvertrauten Gelder, möchte bekannt werden, brachte ihn zu dem fürchter⸗ lichen Entſchluß.“ „Sie wiſſen alſo Alles, van Bergen!“ ſprach Frau de Raad mit ſtets ſteigender Verwunderung,„ſelbſt ſein Vergehen iſt Ihnen bekannt! Doch fahren Sie fort, was iſt aus ihm geworden?“ „Als er am Ertrinken war, kam ich an dem Ort vorbei, den der Selbſtmörder zu Vollbringung ſeines fluchwürdigen Vorſatzes gewählt hatte; ich warf mich in den Strom und mit vieler Mühe glückte mir es endlich, ihn zu retten, denn der Unglückliche rang mit ———-— —— 243 mmir, er wollte nicht gerettet ſein und verlangte den Tod!“ „Er wurde gerettet!... Gott ſei Dank!“ rief Hermine mit ungeheuchelt freudigem Tone, und frug: „Und wo befindet er ſich jetzt, wo. 2“ 3 „Dieſe Nacht iſt er in die Refidenz zurückgekehrt.“ „Allein?“ „Ganz allein, gnädige Frau!“ „Dann iſt er verloren!“ begann die ſchöne Frau wieder und aufs Neue bemeiſterten ſich ihrer Schrecken und Furcht. Sie ſuchte aber die heftigen Gemüths⸗ bewegungen, die ſie beſtürmten, zu überwinden und fuhr ſort:„Sie haben ihn gehen laſſen, Unvorſichti⸗ ger! Er iſt nur fort, um ſich an einem anderen Orte, oußer Ihrem Bereiche, ſich das Leben zu nehmen. Wenn er die Hand an ſich gelegt, ſo haben Sie ſei⸗ nen Tod auf Ihrem Gewiſſen, dann find Sie ſein Mörder.“ 4 „Er hat ſelbſt den geringſten Gedanken an Selbſt⸗ mord aufgegeben,“ verſicherte der Retter. „Zum Scheine,“ widerſprach Frau de Raad, nich kenne ihn, er hat ſich geſtellt, als ob er ſolches thun wollte, um Sie von ſich zu entfernen, er hat Sie hin⸗. tergangen. Der Unglückliche iſt vielleicht jetzt ſchon eine Leiche! O mein Gott, mein Gott, Julius..!“ nd vom Schmerze übermannt fiel ſie auf das Sopha nieder. „Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau,“ ſprach der Kolonel, bewegt von dem heftigen Schmerze Hermi⸗ nens.„Ich ſchwöre Ihnen, und bürge Ihnen auf mein Ehrenwort dafür, daß er ſich jetzt ruhig in der Re⸗ ſidenz befindet, ich habe meine Maßregeln genommen.“ „Welche Maßregeln? Ich bitte Sie, ſprechen Sie!“ „Ich wollte mein begonnenes Werk nicht unvoll⸗ endet laſſen, und verſchaffte ihm die nöthigen Gelder, un 137 Defizit zu decken, Julius van Velden iſt ge⸗ rette „Edler Mann!“ rief Hermine aus und mit einem Gefühl von Achtung, das ihr ſonſt ſo fremd, ſah ſie jetzt den Kolonel an. „Sie nennen mich edel, gnädige Frau,“ ſagte van Bergen,„dieſe That ſcheint Sie zu wundern; nun fol⸗ gen Sie meinem Vorbilde und handeln Sie, wie ich, befeſtigen Sie das Glück van Veldens, indem Sie mehr Intereſſe für ihn an den Tag legen, als Sie mich ſo eben glauben machen wollten, daß Sie für ihn aben.“ „Was verlangen Sie, Kolonel?“ war jitzt Her⸗ minens Frage. „Hören Sie mich an,“ begann Auguſt.„Julius van Velden hat mir Alles anvertraut, auch das Ver⸗ hältniß, in welchem er zu Ihnen ſtand, nicht verſchwie⸗ gen, und dieſes Verhältniß iſt ſchändlich, gnädige Frau, ſchändlicher für Sie, als für ihn. Sie ſind die Gattin eines braven und verehrungswürdigen Mannes, der Sie aufrichtig und herzlich liebt, der ſich beeifert, jeven Ihrer Wünſche zu erfüllen und Ihnen ſein ganzes Ver⸗ trauen ſchenkt und Sie mißbrauchen dies Vertrauen auf eine ſchändliche Weiſe. Sie verletzen den Eid, den Sie ihm geſchworen, als Sie ſich mit de Raad ver⸗ banden; Sie verletzen Ihre Pflicht, hintergehen und betrügen Ihren würdigen Gatten. Julius van Velden iſt nur der Sklave ſeiner Neigung für eine ſchöne Frau, die ihn mit Geld verſieht und ihm anſehnliche Poſten verſchafft. Van Velden iſt darum weniger ſchuldig, als Sie es find, der Eigennutzen iſt die Triebfeder ſeiner Thaten und welche Triebfeder bewegt Sie zur Schändung Ihrer ehelichen Pflichten?“ „Die Noth macht oft den beſten Mann zu einem Lügner,“ ſagte die gnädige Frau,„und van Velden hat die Wahrheit ſeiner Ausſage bewieſen?“ „Van Velden ſagte keine Lüge,“ begann der Ko⸗ lonel wieder ernſt.„Der Herr de Raad iſt mein Freund und darum iſt es mir unmöglich, ihn länger 2 245 von Ihnen getäuſcht zu ſeben; ich werde Ihnen die Mittel dazu nehmen, Sie werden Julius van Velden nie wiederſehen.“ „Sie ſprechen in einem Tone, Herr Kolonel, als ob Sie hier Herr und Meiſter wären, und ich werde Sie in dieſem Tone nicht länger anbören.“ „Sie müſſen mich anhören, grädige Frau!“ „Sollten Sie mich dazu zwingen wollen?⸗ ſrug Hermine trotzig. „Durch das Geheimniß, das ich weiß.“ „All' Ihre Beweiſe ſind vernichtet,“ erklärte Her⸗ mine mit triumphirendem Lachen. „Laſſen Sie uns nicht hadern,“ begann der Ko⸗ lonel wieder,„ich möchte ſonſt vergeſſen, was ich Ih⸗ nen ſagen wollte. Van Velden hat mir Alles mitge⸗ theilt, und es iſt mir geglückt, ihn von der Niedrigkeit ſeiner Handlungsweiſe zu überzeugen. Er fühlt Reue und ſeine Reue iſt aufrichtig; aber Sie find ſchön, gnädige Frau, bezaubernd ſchön, und wie leicht könnte ihn Ihre Schönheit vergeſſen machen, was er der Sitte und der Pflicht ſchuldig iſt; darum mußte er aus Ihrer gefährlichen Nähe entfernt werden; der erſte Schritt hiezu iſt bereits gethan, Julius hat eine Bitt⸗ ſchrift unterzeichnet, worin er um ſeine Entlaſſung nachſucht.“ „Iſt er wahnſinnig?“ fuhr Hermine auf.„Ab.r wer kann auch vernünftig handeln, der Ihren Einflü⸗ ſterungen Gehör gibt?“ „Ich weiß nicht, was Sie wahnſinnig nennen, gnädige Frau, doch Sie können mich nicht beleidigen, wie viel Mühe Sie ſich auch geben mögen,“ ſprach van Bergen mit Würde.„Sie haben zu van Veldens Falle mitgewirkt. Sie haben ihm die Mtttel verſchafſt, um ſeinem Leichtfinn freie Zügel zu laſſen, Sie haben durch Ihr Betragen jedes Gefühl von Sitte und Recht⸗ ſchaffenheit in ſeinem Herzen erſtickt, es iſt darum nichs mehr, als Ihre Pflicht, daß Sie jetzt auch die Hand 246 zu ſeiner Hülfe bieten. Sie können es thun, gnädige Frau, indem Sie Ihren großen Einfluß in der Reſidenz zu ſeinem Vortheile benützen. Julius geht binnen Kurzem nach Oſtindien, und da ſoll er durch Ihre Vermittlung den erledigten Poſten bei dem Gouver⸗ nement bekommen.“ „Ich will nicht, daß er fortgehe!“ erkläzte Her⸗ mine, während ihre ſchönen Augen glühten.„Sie maßen ſich eine Sache an, mein Herr, die Sie nichts angeht; Julius wird das Vaterland nicht verlaſſen! Wir werden ſehen, wer mehr vermag, Sie oder ich.“ „Er muß,“ ſagte der Kolonel,„ſehen Sie nur, zu was er ſich verpflichtet hat.“ Van Bergen hielt Herminen den Schuldſchein van Velvens vor und ſie wollte ihn ergreifen. „Nein, gnädige Frau, das nicht,“ ſprach der Ko⸗ lonel, einen Schritt zurücktretend. „Wie, Sie können die Schrift meiner Hand nicht anvertrauen!“ „Nrin, ein Augenblick und ſie könnte vernichtet ſein und ich müßte meine Waffe entbehren, um Julius zum Rechten zwingen zu können.“ „Er war toll, als er dies ſchrieb und Sie haben von ſeiner Furcht Gebrauch gemacht, um ihn einen ſolchen Beweis unterſchreiben zu laſſen.“ „Das iſt wohl möglich, aber er wird keine Reue darüber fühlen! Und auch Sie, Frau de Raad, werden mir einſt, wenn die Jahre Ihre Schönheit gebleicht und Ihre Leidenſchaft erkaltet, für das, was ich ge⸗ than, Dank wiſſen.“ „Sie thun Andern wohl, Herr Kolonel, Schade nur, daß es immer auf Koſten Dritter geſchieht. Sie haben ſich der kleinen Clara angenommen, aber mir wurde die Sache aufgetragen, für ſie zu ſorgen, und nug ſoll ich es wieder ſein, die ihren Einfluß anwenden muß, um Julius van Velden in Oſtindien für eine Stelle zu ſorgen.“ „Gnädige Frau, laſſen Sie mich zu Ihrem Ge⸗ fühle ſprechen; ich weiß die Gründe, warum Sie Herrn de Raad Ihre Hand ſchenkten, es geſchah nicht aus Liebe. Ich will glauben, daß Julius van Velden Ihnen Liebe eingeflößt hat, daß Sie ihn wahrhaft lie⸗ ben und dann muß Ihnen ſein Wohl am Herzen ge⸗ legen ſein. Sie kennen ihn vielleicht beſſer, als ich und werden darum wiſſen, daß Charakterſchwäche ſein Hauptfehler iſt. So lange er in der Reſidenz bleibt, in dem Kreiſe ſeiner Freunde und Bekannten, iſt es ihm unmöglich, der Verführung, die ihn von allen Seiten lockt, zu widerſtehen; zu ſeinem eigenen Wohle, zur Förderung ſeines Glücks muß er darum das Vater⸗ land verlaſſen; in der Ferne muß ein neues Leben für ihn beginnen! Auch um Ihretwillen iſt ſeine Entfer⸗ nung nothwendig; iſt er einmal von Ihnen getrennt, ſo werden Sie ihn vergeſſen lernen, Sie werden den Herrn de Raad achten, wo nicht lieben lernen, Sie werden ruhigere Tage haben, als jetzt. Jetzt iſt doch Ihr Leben höchſt unruhig; um van Velden die nöthige Unterſtätzung zu geben, haben Sie ſich in Schulden geſtürzt, die Ihnen das Leben verbittern; Sie waren gezwungen, die Verſchwiegenheit Ihrer Bedienten zu erkaufen, wodurch Sie ſich aller Macht und alles An⸗ ſehens begeben haben! Dies Alles wird ſich ändern, ſobald van Velden fort ſein wird. Hermine, ſeien Sie klug in der Wahl und entſprechen Sie meiner Bitte, befeſtigen Sie das Glück van Veldens und glau⸗ ben Sie mir, es wird eine Zeit kommen„ wo Sie mit herguügen auf das zurückblicken, was Sie ihm ge⸗ an!“ „Aber Sie ſchreiben mir mehr Macht zu, als ich beſitze,“ ſagte Hermine ſcheinbar ergriffen,„es iſt nicht meine Sache, die offene Stelle in Oftindien zu ver⸗ geben.“ „Das weiß ich wohl, doch ohne Fürbitte iſt es 248 ſchwer, eine Stelle zu bekommen, und ich weiß, daß Sie die Fürſprache zu thun im Stande find! „Sie täuſchen ſich,“ begann Hermine wieder, in der Hoffnung, van Bergen werde ſeinen Plan wieder aufgeben, wenn ſie ihm keine Fürſprache für Julius verſprechen würde.„Sie täuſchen ſich, Kolonel!“ „Ich täuſche mich keineswegs, gnädige Frau. Ich werde Ihnen das Gegentheil beweiſen und zugleich zeigen⸗ daß ich mit Ihrer Lebensweiſe beſſer bekannt in, als Sie vermuthen. Als Sie mich verließen, nachdem Sie mich des Geldes beraubt hatten, flüch⸗ teten Sie mit Demar, mit dem jungen franzöfiſchen Muſiklehrer, der Ihnen Liebe für ſich einzuflößen wußte. Was in Paris Ihr Schickſal war, iſt mir unbekannt, doch nach einem Jahre kamen Sie mit der franzöſiſchen Operngeſellſchaft in die Reſidenz; Sie waren nichts mehr als Statiſtin, wußten ſich aber ſo auf den Vor⸗ dergrund zu ſtellen, daß Sie nie unbemerkt blieben. Ihre außergewöhnliche Schönheit hatte eine hohe, ſehr hochgeſtellte Perſon zum Bewunderer, deſſen Name Ihnen zu bekannt iſt, als daß ich ihn nennen müßte, und plötzlich verſchwand die Statiſtin von der Bühne. Sie bewohnten zu jener Zeit ein anſehnliches Haus auf dem Vijverberg. Sie waren in die Nichte eines anſehnlichen Mannes umgeſchaffen und als ſolche in die höchſten Kreiſe gebracht, und mehr als einmal ſind Sie bei Hofe erſchienen, denn Niemand erkannte in der Nichte*rrs die vormalige Statiſtin. Es glückte Ihnen aber nicht, den Hofton zu handhaben, obwohl das Hotel Ihres Beſchützers eine gute Lehrſchule ge⸗ weſen wäre. Darum ſtellien Sie ſich immer zurück; denn hätten Sie das nicht gethan, Sie müßten um Ihrer Schönheit willen Furor gemacht haben. „Doch endlich wurde Ihr hoher Beſchützer Ihrer müde und bald war ein Vorwand gefunden, unter dem Sie, da man ſtets Entdeckung befürchtete, aus der 249 Stadt entfernt wurden. Ich werde nicht zu ſagen brauchen, welche Kunſtgriffe man anwandte, um Sie mit Herrn de Raad zu verbinden; Sie ſpielten Ihre Rolle meiſterhaft und de Raad ſchätzte ſich glücklich, eine ſchöne Gattin zu beſitzen, die einen ſo vornehmen Mann zum Verwandten hatte. Ihr Gatte bekam da⸗ durch eine bedeutende Stelle in der Hauptſtadt, und jetzt ſind Sie in der Reſidenz ganz und gar vergeſſen, außer bei denen, durch deren Einfluß und Fürſprache Herr van Velden den Poſten in Oſtindien bekommen kann. Hier, gnädige Frau, iſt die Bittſchrift, die ich Ihnen zur Beſorgung übergebe.“ Mit zitternder Hand ergriff Hermine das ihr dar⸗ gebotene Papier. „Sie find mehr zu fürchten als ich glaubte,“ ſagte ſie,„auch die Geheimniſſe meines früheren Lebens find Ihnen bekannt; aber wagen Sie es nicht, die Geheim⸗ niſſe Jemand mitzutheilen; Sie wiſſen, daß...“ „O, gnädige Frau, ich kenne die Macht Ihres vormaligen Beſchützers und aller derjenigen, welche mit den ſchon längſt vergeſſenen Geſchichten in Verbindung ſtehen, und bin klug genug, um mir den Haß dieſer Mächtigen nicht auf den Hals zu laden. Nur um Sie zu überzeugen, daß ich weiß, daß Sie noch viel Ein⸗ fluß haben, ſprach ich dieſe Worte zu Ihnen, die ich in Gegenwart von Andern nie äußern dürfte. Thun Sie darum, was ich von Ihnen verlange, und Sie werden nichts von mir zu fürchten haben.“ Er ließ die Bittſchrift in den Händen der Frau, die eine ſo merkwürdige Rolle auf der Weltbühne ge⸗ ſpielt hatte, die mehr als eine bloße Statiſtin geweſen, und verließ das Zimmer. XXV. Plane. David Ram ſtand nach ſeiner Gewohnheit an den Tiſch gelehnt, der im Mooriaantje das Buffet vorſtellte, und trank von Zeit zu Zeit aus einem Bierglas, das, mit Jenever gefüllt, neben ihm ſtand, während er mit einer gewiſſen Würde aus einer langen Pfeife rauchte, deren Kopf mit einem filbernen Deckel beſchlagen war. Es war Sonntag oder lieber Sonntag geweſen, denn ſchon war es beinahe Nachts elf Uhr und der Sonntag unterſchied ſich bei David Ram nur dadurch, daß er ſeine beſten blauen Hoſen, weiße Strümpfe und blin⸗ kende Schuhe anhatte. Dazu hatte er eine dicke filberne Uhr, die er nie trug, ohne den Sack, in welcher ſie lag, ein paar Mal umzudrehen, da er ſeine Kunden kannte und wußte, daß einige unter ihnen waren, die die beſondere Geſchicklichkeit beſaßen, eine Uhr ſo ge⸗ wandt aus dem Sacke zu nehmen, daß der Eigenthümer nicht das Mindeſte davon bemerkte. Sonntags zog David Ram auch immer ein ſchönes Ueberhemd an und ſetzte einen großen Hut auf, den er ſelbſt im Zimmer aufbehielt; während er, um ſeine Erſcheinung noch be⸗ deutender zu machen, die lange Pfeife mit dem filber⸗ nen Beſchläge hervorholte. Jim machte auch einigen Unterſchied zwiſchen dem Sonntag und den übrigen Werktagen; er zog wie ſein Vater die beſten Kleider an, fluchte mehr als gewöhnlich und war beinahe den ganzen Tag betrunken. Gijs, der Dichter, der Hausfreund Rams, Vater und Sohn, der, als ein beſonderes Zeichen von Freund⸗ ſchaft, bei David bis zu ſechzehn Stüber borgen durſte, brachte Sonntags den ganzen Tag in Het mooriaantje zu, da er noch ſoviel Scham beſaß, um ſich in ſeinem 251 elenden Anzuge nicht auf der Straße zu zeigen, und andererſeits, und dies war wohl die Haupturſache da Zijs Sonntags als Gaſt bei David einen Platz an dem Tiſche fand, und gratis geiſtige Getränke bekam, bis die Zeit da war, zu welcher die gewöhnlichen Gäſte das Mooriaantje beſuchten. Um dieſe Zeit mußte dann der Dichter ſeine Rolle als Gaſt niederlegen, um vie eines Kunden oder habitué zu übernehmen und dann wie die übrigen Gäſte zu bezahlen, was er verzehrte. Die Lampen waren angezündet und flammten mehr als gewöhnlich; die Flaſchen auf dem Büffet, zwei an der Zahl, eine für Jenever, die andere für Brannt⸗ wein, waren gefüllt; mit einem Wort, Alles war be⸗ reit, um die Freunde zu empfangen. Jim lag auf einer Bank, um ſeinen Rauſch auszuſchlafen, und Gijs ſaß⸗ eine Cigarre rauchend, neben dem Büffet und hatte drei Bierkrüge vor ſich ſtehen, die er ſchon alle geleert hatte, ohne daß ſein Durſt gelöſcht war. „Sag' einmal, David, gib noch einen Krug her, aber ich will ihn nicht umſonſt haben, ich werde ihn bezahlen; Du biſt nobel genug und darum will ich von Deiner Güte keinen Gebrauch machen,“ und mit der Hand in der Hoſentaſche mit den Silbermünzen raſſelnd, begann er aus einem franzöſiſchen Vaudeville zu ſingen: „J'ai de l'argent, j'ai de l'argent, Ah oui, j'ai de l'argent!“ „Ja, Gijs, Du ſcheinſt gegenwärtig gut mit Geld verſehen zu ſein,“ ſprach der Kaffetier, der ſoviel Fran⸗ zöſiſch verſtand, daß er wußte, vaß de l'argent Geld heiße.„Haſt Du massematten gehandelt oder wieder Verſe gemacht oder ſo etwas?“ „Nein, Daaf,“ ſo nannte Gijs den Wirth des Mooriaantje gewöhnlich, wenn er in guter Laune war, „nein, Daaf, ich bin kein marwieger ¹), was ich noch 252 werden kann, weiß ich nicht; massematten handelen iſt gefährlich und man kommt der princerij leicht in die Hände. Im Vertrauen, Daaf, ich habe ein Kunſt⸗ ſtück erfunden, das nicht halb ſo gefährlich iſt und doch etwas Artiges einbringt. Ich habe kleine Päcke gemacht mit Adreſſen darauf und ſie zu Dorf⸗ und Beurtſchiffen gebracht; ich hatte eine weiße Schürze angezogen, die mir das Ausſehen eines Laſtträgers gab, und verlangte für jedes Päckchen einen Schilling Vorſchuß, den mir die dummen Schiffer ausbezahlten. Auch habe ich eine alte große Kiſte, worein ich einige Steine that und auf die ich eine Adreſſe klebte, an einen Herrn, der, wie ich weiß, in Kampen wohnt, abgeſendet; ich ſchrieb mit rothem Blei auf die Adreſſe:„Nachnahme ein Gulden ſiebenzig Cent,“ nahm einen Karren und brachte die Kiſte zu dem Kamper Beurtmann und der Schiffer bezahlte mir ohne alles Weitere die Nachnahme. Nun, Freund, auf dieſe Weiſe habe ich geſtern beinahe neun Gulden zuſammen bekommen.“ „Ich habe Dich miſen nicht hier geſehen,“ ſagte David. „Das will ich glauben, ich habe mir einmal wohl ſein laſſen, um ein Uhr hatte ich das Geld beiſammen und dann..“ „Dann haſt Du Dich vielleicht ſo betrunken, daß Du erſt dieſen Morgen nüchtern geworden.“ „Nein, wahrhaftig nicht, Daaf, dafür hatte ich zuviel Geld, ich wollte einmal ein rechtes Vergnügen haben, und darum gab ich Achtung, daß ich nicht zu⸗ viel trank. Ich ging bis zwei Uhr in der Plantaadje und dann rauchte ich ein Pfeifchen in einem Kaffeehaus. Ich hatte große Luſt, zu reiten, aber meine Kleider waren zu ſchlecht, darum ließ ich das gehen: ich trank aber vier Gläſer und das iſt nicht zuviel, und aß dan in einem Wirthshauſe. Junge! David, Du hätteſt ſehen ſollen, was ich da that, ich erinnere mich nicht, je ſo gut gegeſſen zu haben, es ſchmeckte mir wie Am⸗ 2⁵³ broſia, doch das iſt etwas, wovon Ou nichts weißt. Man nannte mich da Mijnheer, wahrſcheinlich, weil ich ſoviel verzehrte, das machte mir Freude, denn da er⸗ innerte ich mich wieder der guten alten Zeit, in der mich Icdermann ſo anſprach.“ „Abends ging ich in die Komödie und nahm auf 1 der engelenbak ²) Platz. Sie ſpielten Menſchenhaß und Reue, ein ſchönes Stück, und Engelman that ſein Beſtes. Ich konnte mich in dem Augenblick noch erin⸗ nern, daß ich, als ich das Stück zum erſten Male ſah, in der Loge ſaß und nach dem schellingje ſah, ohne denken zu können, daß ich meinen Fuß einſt dorthin ſetzen würde.— Als die Komödie aus war, traf ich eine alte Bekanntſchaft, bei der ich die Nacht zubrachte, ein liebes Mädchen, David, und..“ „Daran zweifle ich nicht,“ rief Ram,„aber ich werde zu alt, um mich bei dieſem Punkte aufzuhalten.“ Err lachte vielbezeichnend, als wollte er dadurch zu er⸗ kennen geben, daß ſeine Worte nur Scherz ſeien. Gijs gab darauf dem alten Ram eine Schilderung ſeines nächtlichen Abenteuers, das wir aber für nicht wichtig genug halten, um es unſern Leſern mitzutheilen. „Ja, ehe ich es vergeſſe,“ rief Gijs, weißt Du, wen ich auch in der Komödie geſehen?“ „Nein!“ 3„Bert, den Maler!“ „Den Maler,“ rief Ram, ſehr erſtaunt,„Teufel! Du haſt ihn begegnet und geſprochen?“ 2) Der geringſte Platz im Stadttheater, gewöhn⸗ lich engelenbak genannt. Auch nennt man dieſen Platz het schellingje, weil er in den letzten Jahren drei⸗ ßig Cent oder einen Schilling koſtete. Seit aber das Stadttheater in andere Haͤnde uͤbergegangen, koſtet der Berinaßi Platz nur fuͤnfundzwanzig Cent.(Aehnlich ſind dei uns die Namen Juhee und Dreibatzenplatz.) 254 „Ja, er hat geſagt, er wolle heute Abend hieher kommen.“. „Bravo! wir haben überall nach ihm geſucht, der Teufel mag wiſſen, wo er ſo lange geblieben iſt. Bram hat mehrmal nach ihm gefragt, und ſelbſt Geld ver⸗ ſprochen, wenn man ſeinen Wohnort ausfindig mache. Ich glaube auch, Gijs, daß Vater Bram etwas für Dich zu thun hat, geſtern Abend hat er bis zwölf Uhr auf Dich gewartet, und mir aufgetragen, wenn ich Dich ſprechen möchte, Dir zu ſagen, daß er heute Abend her⸗ lommen werde.“ „Der Einaug wird doch keine Heirath im Sinne haben, daß er ein Brautgedicht nöthig hat,“ ſpottete der Dichter,„es würde die Ehe von Vulkan und Venus ſein„wenigſtens wenn ſeine Frau etwas hübſch aus⸗ ſähe. Der Poet trank ſein ganzes Glas aus, ohne daß es ihm glücken wollte, ſeinen Durſt zu löſchen. Iim ließ in dieſem Augenblicke allerlei ſonderbare Laute hören, er dehnte ſich mehrere Male aus, und das war das Zeichen, daß er vom Schlafe erwachte, und kaum hatte der Sohn des Hauſes die Bande des Schlafes von ſich geſchüttelt, als Paul der Barbier her⸗ eintrat, um die Geſellſchaft zu vermehren. „Nichts iſt umſonſt,“ rief der Duikelaar hereintre⸗ tend,„vorgeſtern habt iyr mich traktirt, jetzt iſt es an küre Holla, David, gib mal eine Pinte ³) zum An⸗ ang.“ Zum Lobe des eifrigen Jim ſei es hier geſagt, daß der Duikelaar den Befehl kaum hatte hören laſſen, als er eine zinnerne Kanne nebſt zwei Gläſern vor ſich hen hatte. „Ich meine noch vor Lachen zu berſten, wenn daran denke,“ fuhr der neue Gaſt fort,„ſtell' Dir vo 3) Eine halbe Maaß. 8 Paul, daß ich in der neuen Kirche ſtand unter der Or⸗ gel, in der Hoffnung, bei dem Herausgehen turk te trek- ken, woraus aber nichts geworden iſt. Während ich ſo vaſtehe, kommt ein Schwarzrock, um zu hengelen ⁴, und hielt mir den Sack vor. Es iſt für die Armen, dachte ich, und ich bin gewiß nicht reich; ich ſtecke meine Hand in den Sack und da ſeht,“ rief er, eine Hand voll Kupfergeld und kleine Silbermünzen auf den Dſch werfend,„das blieb mir an den Fingern hängen! Nun es war für die Armen beſtimmt und darum kam es auch mir zu. Ich nahm meinen Hut ab, der Schwarzrock grüßte mich und dann ſchnitt ich ein ſo ernſt Geſicht, als ob ich auf die Predigt horche.“ Paul nickte wiederholt mit dem Kopf, um ſeine Billigung zu erkennen zu geben. Die Zimmerthüre wurde indeſſen geöffnet, und es trat Jemand herein, deſſen Ankunft mit lautem Jauchzen von Paul, dem Duikelaar und Gijs begrüßt wurde. Es war Albert Droſt, Nancys Liebhaber, der in der gemeinen Kneipe erſchien. Es thut uns leid, ihn da zu finden; leider aber iſt ein Augenblick genug, um einen Menſchen fal⸗ len zu machen, und oft iſt ein ganzes Leben nicht zu⸗ reichend, ihn aus der Tiefe, in die ihn dieſer eine Au⸗ genblick ſtürzte, wieder herauszureißen. Albert Droſt hatte ſich ernſtlich vorgenommen, durch Fleiß und geſittetes Leben all' das Vergangene ver⸗ geſſen zu machen. Die Liebe zu Naucy trieb ihn zu dieſem Entſchluß; aber nicht Jeder vermag einen ſol⸗ chen Entſchluß auszuführen. 8 as Geld, obwohl auf unrechtmäßige Weiſe er⸗ wofben, war doch nützlich von ihm angewendet worden. Lrehatte ein Zimmer gemiethet, in einem abgelegenen Viertel, wo die Wohnungen nicht theuer ſind, Farben und Pinſel ſich angeſchafft, und ſich mit Eifer wieder 4) Liebesgaben einſammeln. 256 an die Palette gemacht. Sehr viel Hemmniſſe hatte er zu bekämpfen, viele Schwierigkeiten zu überwinden. Drei Jahre im Gefängniſſe hatten ſeine Finger ſtarr gemacht, und er vermißte die Gewandtheit, die man allein durch Uebung bekommt, und die er früher in ſo hobem Grade beſaß. Unzufrieden warf er oft den Pin⸗ ſel von ſich, wenn er auf ſein Werk ſah, und es mit ſeinen früheren Arbeiten verglich. Doch er blieb ge⸗ duldig und nach langer, ununterbrochener Arbeit, denn er mußte eilen, da er das Wenige, was er beſaß, bei⸗ nahe aufgezehrt hatte, war endlich die Malerei fertig. Das Bild war keineswegs ohne Verdienſt, und der Künſtler verwendete ſein Letztes, um eine paſſende Rahme darum zu kaufen und bot ſein Bild einigen Sammlern an. Die meiſten Sammler aber beſitzen wenig oder kein Kunſtgefühl, ſie ſammeln Bilder, wie Woeſtbergen, ohne Geſchmack und Kenntniß, nur aus Nachahmungs⸗ ſucht, nur um der Mode zu huldigen, ſie behalten we⸗ nig oder nichts für die eigentliche Kunſt übrig und kau⸗ fen nur Bilder von berühmten Meiſtern, weil dieſe im⸗ mer ihren Werth behalten und bald wieder verkauft werden können. Male ein Stück in dem Genre von Jan Steen, gib ihm ein altes Ausſehen und laß ein paar Kunſtkenner verſichern, daß es ein ächter Jan Steen iſt, ſie werden es bewundern und zu hohen Preiſen kau⸗ fen, während das Original eines großen Meiſters, wie ſchön es auch gemalt ſein mag, für ihn keinen Werth hat, wenn ſeine Aechtheit nicht bewieſen iſt. Man fragte unſern Maler nach ſeinem Namen, und als er ihn nannte, waren Einige, die ſich erinner⸗ ten, was mit ihm vorgefallen, kleinlich genug, keine Malerei von einem Manne beſitzen zu wollen, der eine Strafe erſtanden hatte. Albert beſchloß einen andern Namen auf das Bild zu ſetzen, aber er erfuhr, was ein Schriftſteller erfährt: man kannte ihn nicht, er hatte noch keinen Namen. Und wirklich, ſind nicht oft die Erſtlinge die beſten Früchte? Erſtlinge tragen immer 257 den Stempel jugendlichen Feuers, lebendiger Phantafie und friſchen Muthes, denn noch iſt das Genie in voller Kraft, die oft durch die Zeit gedämpft wird. Dhne Ausſicht, das Bild an einen Liebhaber oder Sammler zu verkaufen, ſah er ſich genöthigt, ſich mit ſeiner Arbeit zu einem Kunſthändler zu verfügen. Einer derſelben bot ihm an, er ſolle ſein Bild bei ihm aus⸗ ſtellen, aber er müſſe Geduld haben und warten, bis fich eine gute Gelegenheit zeige. Doch das war Albert unmöglich: alles ſein Geld war verzehrt, er mußte leben und dazu brauchte er Mittel. Ohne Zurückhaltung machte er den Kunſthändler mit ſeinem Zuſtande be⸗ kannt, und dieſer hatte ſoviel Mitleiden, ihm zwölf Gulden auf das Bild vorzuſchießen, mit der Bedingung, daß, wenn innerhalb eines Jahres daſſelbe nicht vei⸗ kauft ſei, es dem Vorſchießenden gehöre. Daß dieſes Ereigniß alle Hoffnung zernichtete, die Albert Droſt noch gehabt hatte, ſich ſeinen Unterhalt durch ſeinen Pinſel erwerben zu können, werde ich nicht erſt zu ſagen haben. Wie ein Wahnſinniger fluchte er ſeinem Schickſale, das ihm die Mittel nahm, ein ehr⸗ licher Menſch zu werden, nur durch Verbrechen könnte er ſeinen Unterhalt gewinnen, war der Schluß, den er daraus zog, und der ſchon lange entworfene Plan, durch einen Diebſtahl ſich ſoviel zu verſchaffen, um mit Nancy das Vaterland verlaſſen zu können, kam ihm wieder in den Sinn. „Noch ein Glas, Jim,“ rief Paul, und zwang den Maler bei ihm Platz zu nehmen. „Ihr habt Wort gehalten,“ rief Gijs, der Dichter. „Wo ſeid Ihr doch die ganze Zeit geweſen?“ fragte David. Albert erſann eine weitläuftige Geſchichte, die er der edlen Geſellſchaft auftiſchte; denn er ſchämte ſich, den Verſuch zu erzählen, den er gemacht, ein anderes Leben zu führen. „Ich glaube Vater Bram hat Etwas mit Euch vor,“ Amſterdams Geheimniſſe. II. 17 258 flüſterte ihm der krumme David zu,„er hat ſich ent⸗ ſetzlich viel Mühe gegeben, Euch aufzufinden; nun Ihr wißt, Bram iſt ein ſchlauer Fuchs und arbeitet immer im Großen.“ Es dauerte nicht lange als derſelbe gut gekleidete Herr, der den Namen: der Linkſche bekommen hatte, und wie ſich unſere Leſer noch erinnern werden, ein ſo großartiges Beiſpiel von ſeiner Kraft in dem Trom ge⸗ geben hatte, in die Kneipe trat. David und Jim grüß⸗ ten ihn mit einer gewiſſen Ehrfurcht, die er nur ſeiner außerordentlichen Körperkraſt zu danken hatte, denn Stärke und Verſchlagenheit war das Einzige, was im Mooriaantie Ehrfurcht einflößte. Er war ſeit dem Abend, oder lieber der Nacht, in der der Streit mit Paul, dem Barbier, vorgefallen war, nicht in das Haus Rams gekommen, und darum hielt dieſer es wahrſcheinlich für ſeine Pflicht, den Linkſche zu fragen, ob er krank geweſen. „Nein,“ gab der Befragte kurz zur Antwort,„doch ich bin hieher gekommen, um den Mann zu ſprechen, den man den alten Herrn nennt, beſucht er noch ge⸗ wöhnlich dieſes Wirthshaus?“ „Geſtern Abend iſt er wieder hier geweſen,“ ſagtle der Wirth,„und das war das erſte Mal ſeit langer Zeit. Ich glaube, daß er kein Geld hat, denn ein paar der Leute haben ihn bald auf der Schanz, bald wieder auf dem Groenmarkt auf einem Wagen ſchlafen ſehen. Geſtern Abend ſah er aber wieder hübſch aus, und als er betrunken war, erzählte er Jim, daß der Herr Smith, bei dem er auf dem Komptoir iſt, und der ſich ſchämte, einen ſo ſchlecht gekleideten Kommis zu haben, ihm die Kleider machen ließ, daß aber das Geld, das ſie koſten, von ſeinem Salair abgezogen würde, ſo daß nun ſtatt die Summe, auf die er gerechnet, zu empfangen, er nur ſehr wenig bekommen habe.“ „Es ſind noch wenig Leute da,“ ſagte der Linkſche, „Ihr habt darum wohl noch einen Augenblic Zeit, 2——=ðZ-——— —————— 89—2 259 mit mir zu ſprechen, David! Setzt Euch zu mir und trinkt für meine Rechnung, was Ihr wollt, Ihr könnt Alles nehmen, was Ihr Luſt habt!“ „Dann will ich ſo frei ſein, ein Gläschen jai... Branntwein zu nehmen,“ ſagte David und ſetzie ſich an das Tiſchchen, an dem der Linkſche ſaß. „Ich fragte Euch unlaͤngſt nach der Wittwe, die auf dem Wißſde ſteeg geſtorben iſt und zwei Kinder, Frank und Clara hinterließ; Ihr ſagtet mir dann, daß die beiden Kinder von einem reichen Herrn in eine Koſtſchule gethan worden; nun ich weiß, daß die beiden Kinder geſtorben ſind und habe Beweiſe davon.“ „Beide Kinder?“ frug David Ram mit Nachdruck. „Ja, beide,“ antwortete der Linkſche. Ram, der es wohl beſſer wußte, wenigſtens ſovlel, daß Clara nicht auf der Koſtſchule geſtorben, war klug genug, dem Linkſche nicht zu widerſprechen, da es viel⸗ leicht zur Entdeckung ſeines Kinderraubes hätte ſühren können, begnügte ſich mit einer Bewegung der Achſeln, und ſagte:„das iſt Schade!“ „Ich wollte Euch nur fragen, ob die Wittwe nie Beſuche von einem Herrn empfing, Ihr werdet mir das wohl ſagen können, da Ihr ihr Nachbar waret.“ „Rein, zuletzt kam oft ein ungariſcher Doktor und am letzten Tage iſt ein Domine bei ihr geweſen. Jim hat ſie noch begraben ſehen, ſie iſt Abends von Todtengräbern weggeholt worden.“ „Darum frage ich Euch nicht!“ rief der Linkſche ſchnell,„ich will nicht wiſſen, wie ſie begraben worden iſt, nur ob ſie während ihrer Krankheit von jemand anderem, als dem Doktor und dem Domine beſucht wurde.“ „Nein.“ antwortete David,„ſonſt würde ich es wohl wiſſen, denn es konnte nichts bei ihr geſchehen, das mir nicht bekannt wurde.“. „Ich weiß jetzt genug,“ ſagte der Linkſche und verfiel wieder in ſein gewöhnliches Stillſchweigen. „Alter!“ flüſterte Jim ſeinem Vater zu,„der Ein⸗ aug iſt im Hinterzimmer.“ „Bram! ich werde ſogleich kommen,“ ſagte David. Er ging eiligſt zum Buffet, hielt die beiden Flaſchen vor das Licht und ſah, wieviel noch darin war. „Warum denn das?“ frug Iim in höchſt unehr⸗ erbietigem Tone.„Glaubſt Du, daß ich warten werde, biſt Du weg biſt, um ein Glas jim oder jajim ⁵) zu trinken, wenn ich Luſt hätte, ſo würde ich um deinet⸗ willen es nicht laſſen, ſieh!“ Er ſetzte die Branntwein⸗ flaſche an den Mund und nahm einen tüchtigen Zug daraus. David konnte ſeine Wuth nicht bezwingen und gab Jim mit der Fauſt einen Schlag, der dem Bur⸗ ſyen nicht wohl zu thun ſchien. „Schlag' mich nicht wieder, krummer Hund,“ brüllte Jim,„hab' noch einmal das Herz, mich anzu⸗ rühren,“ rief er knirſchend vor Wuth,„dann werde ich Dich ter neôr blikkeren.⁰) Semey amge), Alter, Du weißt, wenn ich geſtehen will, kann ich Dich auf 't schollem) bringen und dann, Alter!“ Er ſtrich mit der Hand an dem Halſe und ſah ſeinen Vater drohend an. 8 David Ram erblaßte, mit Tigeraugen betrachtete er einen Augenblick ſeinen Sohn. Dann gab er ihm die Flaſche und ſagte:„Jim, da trink', ſoviel Du willſt, aber ſag' das nie wieder!“ Jim ſtieß die Flaſche zurück.„Jetzt will ich nicht,“ ſagte er,„aber wenn ich Luſt habe, werde ich trinken, verſtehſt Du mich, und rühr' mich nie wieder an, von Dir will ich nicht geſchlagen werden.“ 5) Jenever oder Branntwein. 6) Niederſtechen. 8 7) Paß' auf. 8) Das Schaffot. ——= 261 „Gib ſo lange Achtung, bis ich wieder zurück⸗ komme,“ erſuchte Ram ſeinen Sohn in bittendem Tone und verließ das Kaffeezimmer durch die Thüre, die in das Hinterzimmer führt. 3 ibren David abweſend war, kam van Zweeden erein. Gijs der Dichter nahm ſeinen rothen Hut, der verſchiedenartige Einbiegungen hatte, von dem Haupt und machte eine Verbeugung vor dem Kommis. Mit lauter Stimme deklamirte er, während er van Zweeden von Kopf bis zu Fuß beſah: Een prachtvol feestgewaad omsloot zijn ra- nke leden, ’t Waas, waar het oog ook zag, niet dan aanvalligheden; Eu't volk riep alom:„nooit zag men im- mer meer Zoo Iuistervolle pracht, zoo ridderlijk eeu: heer⁵) und über ſein eigenes Talent verwundert, ſah er mit ſtolzen Blicken um ſich. van Zweeden war wirklich eine glänzende Erſchei⸗ nung in dem Kreiſe der Gäſte des Mooriantjes, deren Kleider meiſt aus Lumpen von allerlei Farben zuſam⸗ mengeſetzt waren. Ein brauner Rock, bis an den Hals zugeknöpft, hatte den ſchwarzen verdrängt, den er bis⸗ her getragen; während eine gute ſchwarztuchene Hoſe 9) Ein prachtvoll Feſtgewand umſchloß die ſchlanken Lenden Wohin das Aug' auch ſah, Schoͤnheit an Eck und Enden, 3 Das Volk rief rings umnher. Wo träf' man wie⸗ er an So reiche, edle Pracht, ſo ritterlichen Mann. und hohe Stiefeln, ſtatt der geflickten Hoſen und alten Stiefeln, ſeinen Anzug vollendeten. „Ich wünſchte Sie gerne einmal zu ſprechen, gu⸗ ter Freund,“ ſagie der Linkſche, und zog den Kommis Adam Smith an den Tiſch, an welchem er ſaß, und da der Linkſche nicht vergaß, van Zweeden im Jenever frei zu halten, ließ er ſich dieſen Zwang wohl gefallen. Während beide in einem tiefen Geſpräche ver⸗ wickelt waren, kam David zurück und ſprach in geheim⸗ nißvollem Tone mit Gijs und dem Maler, worauf beide ſich in das hintere Zimmer begaben. Hier wurden ſie von Vater Bram empfangen, der, ſobald er ſie hereintreten ſah, mit außergewöhnlicher Freundlichkeit ihnen entgegenkam, die Hand drückte und fich zu dem Maler wendend, ſagie: „Aber zum Teufel, Bert, wo ſeid Ihr doch ge⸗ weſen? Glücklich, daß ich Euch nun finde, Maler! denn ich habe ein Plänchen und denke, daß Ihr es nicht sliegene ¹⁰) ſollt, da massomme massematten bij te handelen ¹¹) iſt; laßt uns zuſammen hagge⸗ len ¹²) und indeß können wir aanslaan om de masse- matten te handelen. ¹³) „Haggelen iſt gut,“ ſagte Giis,„wenn cas⸗ kene ¹³) dabei nicht vergeſſen wind. Denn ich haggel lieber nicht, wenn nicht jajim dabei iſt.) David brachte einen Schinken, einige Eier, Brod und Butter und darauf eine Flaſche Branntwein und als dieſe den Tiſch zierte, ſetzte ſich das Kleeblatt zur Mahlzeit. Während ſie aßen und nicht vergaßen die Gläſer zu füllen, begann Vater Bram alſo: 10⁰) Verwerfen. 11) Gold dabei zu ſtehlen iſt. 12) Das Abendmahl nehmen. 13) Den Plan zu dem Diebſtahl entwerſen. 14) Trinken. — — 15) Muthig. 263 „Ich weiß, Jungen, daß ihr gognum ¹) ſeid und nicht als moosser zult doorslaan ¹⁶) und gif ¹⁷) ge⸗ nug, um einen eileija ¹⁸) Menſchen op te redderen ¹⁹). Ich habe euch darum auserwählt, Jungen, denn, ob⸗ wohl Paul der Barbier und der Duikelar gewas⸗ schen marwiegers ²⁰) ſind, kann ich ſie doch nicht ge⸗ brauchen, well ſie nicht klug genug find und ſie nichts vorzuſtellen wiſſen.“ „Aber bedenkt, Vater Bram,“ ſagte Gijs,„daß ich noch nie massematten gehandelt ²¹) habe, und überdieß wenig Luſt fühle, mit der princerij ²²) in Berührung zu kommen und geschut ²³) zu werden, und vielleicht ein Geſpräch mit dem ballebos ²⁴) zu führen, und darauf auf dem schollem den langen Hannes ²⁵) zu umarmen, als ob er meine kalle ²⁸⁶) wäre.“ „Wer wagt, gewinnt!“ rief Vater Bram,„und gefällt Euch mein Plan nicht, ich zwinge Euch nicht.“ „Ohne Gefahr bekommt man nichts,“ ſagte Al⸗ bert,„ich bin bereit, Gefahr oder keine Gefahr!“ „Ihr habt Recht,“ antwortete Gijs: Souvent cest la tempète, Qui nous conduit au port. 20 16) Verrätheriſch handeln. 17) Klug. 18) Einfachen. 19) Zu täuſchen. 2⁰) Erfahrne Diebe. 21) Geſtohlen habe. 22) Polizei. 23) Gefangen genommen. 24) Rechte. 25) Geißelpfahl. 26) Frau 3 27) Oft iſt's der Sturm, der uns zum Hafen fuͤhrt. 264 wie ſie in einer Oper ſingen, die ich einmal ſah, als ich noch meine guten Tage hatte. „So hört,“ fuhr Bram fort,„ihr beide habt eine gute Erziehung genoſſen und könnt, wenn ihr wollt, euch ſehr nobel anſtellen, ihr kennt die Verbeugungen und Komplimente, und mehr ſolcher Dinge, womit die vornehmen Leute einander bedienen.“ „Das will ich glauben,“ ſagte Gijs,„ich bin in Haarlem auf ver Schule geweſen; es war eine theure Schule, tauſend Gulden das Jahr.“ „Stört mich nicht in meiner Rede,“ verwies ihm Vater Bram,„und laßt mich fortfahren. Und mit ei⸗— ner Würde und Haltung, als führte er den Vorſitz in einer anſehnlichen Verſammlung, der er eine Sache von höchſter Wichtigkeit vorzulegen habe, fuhr er alſo fort:„Ihr kennt das Hoôtel des Pays⸗Bas in der Doelenſtraat; da wohnt ſeit einiger Zeit ein gewiſſer Kolonel aus Oſtindien, der moos hat. Er heißt van Bergen, und ißt immer an der Tafel. Er hat unlängſt einen Wechſel aus Oſtindien bekommen im Betrage von dreißigtauſend Gulden, wahrſcheinlich für Gü⸗ ter, die er dort verkauft hat; der Wechſel iſt auf Bergvliet Brongers und Comp. ausgeſtellt und accep⸗ tirt; am zwanzigſten dieſes Monats wird der Wechſel . Pezaßlt, jetzt haben wir den vierzehnten, alſo in ſechs agen.“ „Hal ich begreife Alles,“ rief Gijs,„wir müſſen den Wechſel zu bekommen ſuchen.“ „Nein, das würde wenig helfen,“ begann Bram wieder,„wir müſſen den Kolonel haben, Ihr beide geht morgen früh nach Haarlem und nehmt dann au⸗ genblicklich einen Wagen, um nach Amſterdam zurück. zufahren, hier ſteigt ihr als große Herren im Hôtel f des Pays⸗Bas ab und logirt Euch dort ein. Ihr, Albert, nehmt einen andern Namen an, gleichgültig welchen, und ſeid Maler. Gijs verändert auch ſeine Namen und iſt Euer Freund, mit welchem Ihr eine 3 265 Kunftreife macht. Ihr wohnt beide in Rotterdam, ſchreibt in das Nachtbuch Eure falſchen Namen ein und gebt vor, von Rotterdam zu kommen. Begriffen!“ „So was, fahrt fort!“ „Der Kolonel van Bergen iſt ein Freund von al⸗ ten Bildern; ihr müßt ſeine Bekanntſchaft machen und ihn hieher zu bringen ſuchen, hieher in das Moriaan⸗ tje. Das kann bequem geſchehen, unter dem Vorwande, daß ſich hier ein altes Gemälde befinde, das man viel⸗ leicht für einen geringen Preis kaufen könne.“ „Ich will ihm den Preis machen,“ ſagte Albert, der, ſeit dem unglücklichen Ausſchlagen ſeiner erſten Verſuche, einen großen Haß gegen Kunſtſammler hatte, „ich ſtehe dafür, daß er meinen ſoll, es ſei ein aͤchter van Dyk zu finden.“ „Macht's wie Ihr wollt, aber ſorget daſür, daß er herkomme. Ich habe alle nöthige Verabredung mit David getroffen; Abends könnte es viel gegen ſich ha⸗ ben, in dieſe Gegend zu kommen, aber es iſt gleich⸗ gültig und vielleicht noch beſſer, daß er uns am hellen Tage beſucht.“ „Ihr wollt ihn doch nicht om gaaijes maken, ²⁸)- fragte der Maler etwas beunruhigt. „Seid Ihr toll,“ antwortete Bram lachend,„wir werden ihn schutten*²) und das iſt Alles. Er trägt immer ein Portefeuille bei ſich, worin er den bewußten Wechſel aufbewahrt. Sobald er hier iſt, wird er in den Keller eingeſchloſſen; Ihr Gijs ſetzt die Unterſchrift des Kolonel auf den Wechſel, wir erhalten von Berg⸗ iev Brongers und Comp. das Geld und Jeder von uns ſoll ſeinen gehörigen gijlekso) an den massemat- ten ³¹) haben; ſorgt darum dafür, daß er am neun⸗ 28) Ermorden. 6 29) Gefangen nehmen. 3⁰) Antheil. 31) Beute. 266 zehnten hier iſt, denn am zwanzigſten iſt der Wechſel verfallen.“ „Und was dann?“ frug Albert. „Wenn das Geld da iſt, laſſen wir ihn wieder gehen, oder glaubt ihr, daß wir ihn koosme gesjefts²) halten ſollten?“ „Aber er wird als moosser doorslaan und die Sache angeben, ſobald er in Freiheit iſt.“ „O laßt mich dafür ſorgen, ich habe meine Maß⸗ regeln getroffen; der Kolonel iſt in dieſem Stadttheile nicht bekannt, und vielleicht noch nie geweſen, er muß darum einige Umwege machen, ehe er hieher kommt. David wird an dem Tage den Schild, der über der Thüre hängt, wegnehmen und einen andern, den ich noch habe, auf dem ein fliegenver Fiſch gemalt iſ⸗ dafür hinſetzen. Sprecht darum kein Wort von dem Mooriantje, ſondern denkt an den fliegenden Fiſch; außerdem dürfen Ram und Jim ſich nicht zeigen, ich werde den Wirth Hielen und ihr ſollt ſehen, wie gut ich meine Rolle geben werde, daß ihr ſchwören werdet, ich hätte mein Leben nichts anderes gethan, als jim oder jajim ausgeſchenkt. Iſt das Geld in unſern Händen, werden wir ihm drohen, daß wir ihn om gaajes machen, wenn er keine spaansche mat verk- wanseld,³³) er wolle nie ein Wort von dem ſprechen, 32) Fuͤr immer gefangen halten. 33) Einen Eid ſchwört. Der Urſprung dieſes ſon⸗ derbaren Ausdruckes wurde uns auf ſolgende Weiſe erzählt. Vor ungefähr ſechzig Jahren be⸗ ſand ſich ein Matroſe als Gefangener in dem da⸗ maligen Raſphuis in Amſterdam, überwieſen falſche Eide für ſeinen Kapitaͤn geſchworen zu baben. Fuͤr jeden falſchen Eid, den er ſchwor, bekam er eine ſpaanſche Mat zur Belohnung und er war gewohnt, wenn man nach ſeinem Verbre⸗t chen fragte, zu ſagen, ich habe ſpaanſche Mat⸗ 2 267 was hier vorgeſallen iſt. Wenn er dann der princerij die Sache angibt, dann haben wir nichts zu fürchten; der vliegende visch iſt nirgends bekannt, und möchte es auch geſchehen, daß er das Wirthshaus fände, dann würde er ſich dennoch betrügen, wenn er David Ram als Wirth träfe, denn ich glaube, daß zwiſchen mir und dem krummen David noch ein Unterſchied iſt,“ ſagte Bram, mit Stolz ſein einziges Auge zuſammen⸗ drückend, obgleich es immer noch eine ſchwere Aufgabe für den Menſchenkenner wäre, die Frage zu löſen, wer den Vorrang zwiſchen dem krummen David und Vater Bram verdiene. „Und wie groß ſoll unſer Theil an den masse- matten ſein?“ frug Albert. „Dreitauſend Gulden für Jeden, wenn Alles gut abläuft,“ verficherte Bram. „Dreitauſend Gulden,“ rief Gijs,„der Teufel hole mich, wenn ich für die Summe nicht Alles wagen ſollte. Aber ſo gekleidet, wie wir jetzt find, können wir nicht in das hotel des Pays-Bas kommen, das würde Verdacht erwecken.“ „Dafür habe ich auch ſchon geſorgt,“ beruhigte ihn Ram und holte einen Pack, der unter dem Tiſche lag, herauf.„Hier ſind Kleider, die Ihr mitnehmen und anziehen ſollt, man kann nie wiſſen, wer uns be⸗ obachtet. Nehmet ſie darum mit, Freunde, und zieht ſie morgen an, wenn ihr auf die Reiſe geht. Dieſe Börſe enthält dreißig Gulden, um eure Reiſekoſten zu beſtreiten; ſobald ihr morgen in der Stadt ſeid, kommt ihr zu mir und ich werde euch dann mehr Geld geben; ihr wißt, wo ich wohne; aber gehet nun nach Hauſe ten verwanſelt, welcher Ausdruck bald im Zucht⸗ haus und dadurch in der Diebsſprache ſehr all⸗ gemein wurde.(Eine ſpaanſche Mat iſt eine ſpa⸗ niſche Maaß; verkwanseln heißt verthun) 268 und trinkt keinen Tropfen mehr, um morgen im Stande zu ſein, in aller Frühe abzureiſen. Ihr müßt mit der erſten Diligence gehen, und ich werde einen Laſtträger mit einem Koffer, den ſch mit Steinen und einiger ſchönen Leinwand fülle, damit er etwas ſchwer iſt, auf das Komptoir der Poſt ſenden, denn es ſiett nicht gut aus, wenn man ohne Koffer in einem Gaſthofe an⸗ kommt. Wo ſchlaft Ihr dieſe Nacht, Gijs?“ „Er kann bei mir ſchlafen,“ ſagte Albert. „Gut,“ gab Gijs zur Antwort,„ich bin dieſe Nacht Euer Gaſt, Maler!“ und rezitirte: „Met trompetten aan den monden Lei den hofstoet, heer en gast, Langs den trappen van albast. ⁴) „Ja, ja,“ fiel Bram ein,„das iſt Alles gut und ſchön. Männer, nehmt nun den Pack und geht nach Hauſe, kleidet euch gut an, denn in den Kleidern, die in dem Pack ſind, ſollt ihr ausſehen, wie die eerste banjerts,*) und ſagt Niemand etwas und richtet Eure Sache gut aus.“ Gijs knöpfte ſeinen alten blauen Rock zu, nahm ſeinen Hut in die linke Hand, ſtrich mit der rechten durch die Haare und machte dann vor Bram eine gra⸗ ziöſe Verbeugung, um dieſem ein kleines Bild von ſei⸗ nem Betragen zu geben. „Nun noch ein einziges Glas auf das Glücken unſeres Planes!“ „Da und morgen kommt ihr Abends in mein Haus, um Geld zu holen und ſo jeden Abend, um zu ſehen, wie die Sachen ſtehen.“ „Aber,“ frug Albert,„wie wißt Ihr das Alles ſo von dem Kolonel?“ 34) Mit Trompeten an dem Munde Fuͤhrt den Hofſtaat, Gaſt und Gaſter. Auf der Trepp' von Alabaſter. 35) Vornehme Herren. 269 Bram verzog ſein Geſicht in gräßliche Falten und ſagte:„Das ſind meine Sachen!“ „Nun Jeder muß wiſſen, was er thut, komm, laß uns gehen.“ „Geht durch die Hinterthüre, damit Euch Niemand mit dem Packe fieh“,“ ſagte Bram. Albert nahm den Pack auf ſeine Schultern, und nachdem Gijs die Bemerkung geäußert, daß der Maler viele Aehnlichkeit habe mit dem Manne, der auf dem Titelblatte von Bunjans Reiſe eines Chriſten in die Ewigkeit ſtand, ein Buch, das er in ſeiner Kindheit deleſe hatte— verließ er das Wirthshaus mit ſeinem reunde.— XXVI. Neue Plane. Als Gijs und der Maler fort waren, verließ Va⸗ ter Bram das hintere Zimmer und trat in das Kaffee⸗ zimmer. David Ram vernahm bald aus ſeinem Munde, daß er mit den Burſchen im Reinen ſei, worauf ſich Bram zu dem Dutkelaar und Paul dem Barbier ver⸗ fügte, die mit noch einer dritten Perſon an einem be⸗ ſonderen Tiſchchen ſaßen. „Ha!“ ſagte Vater Bram, nach ſeiner Gewohnheit lachend,„die Kompagnie iſt complet, wie Manus der Sergeant zu ſagen pflegt, der nun kootme gesjeft ¹) iſt, der arme Junge!“ Er klopfte der dritten Perſon vertraulich auf die Schulter und fuhr fort:„Haben Sie die kruizen geslagen²) mein Herr?“ — 9) Lebenslang im Gefaͤngniß ſitzen. 2) Von den Schloͤſſern Abdrücke genommen. Die vertrauliche Art, in welcher„der Herr“ oder lieber Guſtav Baron von Hunter von dem Einaug an⸗ geſprochen wurde, ſchien ihm höchſt unangenehm zu ſein; er ſah Vater Bram mit ſtolzem Lächeln an, aber, als erinnerte er ſich plötzlich der Verkleidung, in der er ſtecke, ſagte er, ſein Geſicht in andere Falten wer⸗ fend: „Ihr meint, ob ich die Abdrücke bei mir habe; hier ſind ſie.“ 4* Bram nahm die Abdrücke in ſeine Hand, betrach⸗ tete ſie aufmerkſam, und ſchüttelte dann bedeutſam den Kopf, worauf er die koſtbaren Gegenſtände Paul über⸗ gab, der ſie auch einige Male mit Wichtigkeit in der Hand herumdrehte. „Nicht gut,“ erklä te der Barbier und vefeſtigte vas Geſagte durch einen kräftigen Fluch. „Es wird Mühe koſten, einen guten Schlüſſel dar⸗ nach zu machen; aber laſſen Sie nur mich dafür ſor⸗ gen,“ ſagte Bram.„Wann glauben Sie die masse... daß wir die Sache ausführen können?“ „In drei oder vier Tagen, ich werde Euch aber am Tage zuvor ſprechen.“ „Und ich werde dafür ſorgen, daß die Schlüſſel bereit ſind,“ verficherte Bram.„Doch jetzt müſſen Sie uns die Mittel ſagen, mein Beſter, wie man in das Haus kommt.“ „Nichts iſt einfacher,“ antwortete der Baron. „Gegen Abend begibt ſich dieſer,“ auf den Duikelaar zeigend,„in das Haus von.. das ich euch näher be⸗ zeichnen werde, wenn die Zeit da iſt, mit einem Briefe, und wartet auf Antwort; um allen Verdacht zu ver⸗ meiden, muß er ſorgen, gut gekleidet zu ſein, daß man ihn für einen kruijers]) halte...“ 3) Ein Laſttraͤger, der meiſt an der Ecke der Straße wohnt und die Geſchäfte der Inwohner beſorgt. Ueber ſeiner Wohnung hat er einen Schild aushaͤngen. —— 2 1 271 „Aha, ich begreife!“ ſagte Paul,„während der Bediente oder das Mädchen den Brief in das Zimmer bringt, ſchleiche ich durch die Vorderthüre, die natürlich offen ſteht oder von dem Dulkelaar geöffnet werden kann, hinein und verberge mich irgendwo, bis es Zeit iſt, die massematten te handelen. Das iſt ein altes Kunſtſtück und darum haben die meiſten Bedienten und Mädchen den Auftrag, Abends nie ſolche Briefe anzu⸗ nehmen.“ „Sie werden den Brief, den ich Euch geben werde, ſchon annehmen,“ ſagte Guftav, ſeiner Sache ſicher. „Wenn Ihr bei dem Einhändigen des Briefs nur vorge⸗ bet von dem Kolonel van Bergen geſchickt zu ſein, ſo wird man nicht zögern, ihn anzunehmen. Vergeßt darum den Namen Kolonel van Bergen nicht.“ „Der Kolonel van Bergen,“ wiederholte Bram, den Herrn verwundert anſehend.„Kennen Sie ihn?“ „Nein, aber ich weiß, daß er in dem Hauſe be⸗ kannt iſt, wo wir den Diebſtahl begehen wollen; doch laßt mich fortfahren,“ ſagte Guſtav:„Sobald das Mädchen oder der Bediente den Brief in das Zimmer trägt, muß dieſer,“ auf Paul zeigend,„in das Haus ſchleichen, und dann ſchnell und ſo leiſe als möglich durch den Gang gehen bis an ſein Ende. Zur linken Hand befindet ſich eine Treppe, die nach unten führt; dieſe hinabgehend, kommt man wieder in einen Gang, an deſſen Ende eine Glasthüre iſt, die in den Garten führt. Ehe man aber an die Thüre kommt, iſt eine andere da, die in das Gartenzimmer geht; die Thüre dieſes Zimmers iſt gewiß offen, ſollte ſie aber geſchloſ⸗ ſen ſein, ſo iſt hier ein Wachsabdruck des Schloſſes. In dem Zimmer werdet Ihr einen Alkov finden, in welchem ein Kaſten, der aber ſo wenig, als der Alkov benützt wird. In dem Kaſten müßt Ihr euch verber⸗ gen, bis Ihr es für die rechte Zeit haltet. In dem Zimmer ſteht eine große eiſerne Kiſte, ſo kunſtreich ge⸗ malt, daß man ſie für Mahagoniholz hält; man druͤckt 8 —— ——— 272 dann an dem Fuße an der Seite des Alkoven, und dadurch ſpringt das Plätichen vor dem Schlüſſelloch weg; dann wird Euch der Schlüſſel, deſſen Modell Ihr ſchon habt, öffnen laſſen, und darin werdet Ihr eine blecherne Trommel finden, die Alles enthält, was wir haben müſſen.“ „Begriffen!“ ſagte Paul, ein paarmal billigend mit dem Kopfe nickend.„Sie haben gut op gilles gestaan ⁴), um Alles ſo zu wiſſen, aber wenn die massematten gehandeld is, wie komme ich dann weg, denn Sie können ſich einbilden, daß ich wenig Luſt habe, da nachtbajes ⁵³) zu halten.“ „Nichts iſt leichter,“ gab Guſtav zur Antwort,„die Fenſter des oberen Zimmers ſind gleich mit dem Boden und werden von innen geſchloſſen, ſo daß es keine Mühe koſtet, ſie zu öffnen; dann kommt Ihr in den Garten, an deſſen Ende ein Zaun ſich befindet, in wel⸗ chem eine Thüre auf die Reguliersdwarsſtraat hinaus fährt. Auch dieſe Thüre iſt von innen geſchloſſen und für einen Abdruck des Schloſſes habe ich geſorgt; ich werde Euch das Alles noch einmal ſagen, wenn die günſtige Zeit da iſt.“ „Sehr gut und Vater Bram ſoll für die loensche klee ⁶6) ſorgen. Groot purim*) wird mir wohl hel⸗ fen die Kappe von den Löchern zu thun und glückt das nicht, dann muß kromkop) heraus,“ ſagte Paul, ſich bei der ſchönen Ausſicht, die ſich ihm eröffnete, die Hände reibend. „Aber,“ bemerkte der Tuikelaar,„ich muß doch 4) Gelauert. 5) Die Nacht da zuzubringen. 6) Ein Ring an welchem ſich viele nachgemachte Schlüſſel befinden. 7) Meiſel. 8) Brecheiſen. 273. auf Antwort warten, denn wenn ich, ſo bald der Be⸗ diente ſich entfernt hat und der Barbier herein gekom⸗ men iſt, mich auf die Füße mache, ſo werden ſie Ver⸗ dacht bekommen.“ „Sie werden Dir Antwort geben,“ ſprach Guſtav. „Der Kolonel wird alſo den Brief ſelbſt ſchreiben?“ „Laßt mich dafür ſorgen,“ ſagte von Hunter,„ich werde Euch ſeiner Zeit den Brief geben, den Ihr nö⸗ thigenfalls leſen könnet, ehe Ihr ihn abgebet.“ „Nun dann iſt es gut,“ begann der Duikelaar wieder,„und möchten ſie auch etwas merken, glaube ich gewandt genug zu ſein, um zu lijmeren 9), viel⸗ leicht ſogar beſſer, als der gognumste bemoeial 10) ⁷ dann werde ich op gilles gaan staan ¹¹), ob etwas verrathen wird, und wenn Alles glückt, werden wir gijlek doen ¹²), nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte Bram und gab zugleich dem Baron einen Wink mit den Augen, der aber weder von Paul noch dem Duikelaar bemerkt wurde. „Und ich kann euch gewiß jeden Abend hier ſin⸗ den?“ frug Guſtav die beiden Böſewichter. „Ja und ſollte es vorkommen, daß wir nicht hier wären, ſo weiß uns der krumme David immer zu fin⸗ den,“ ſagte Paul.„Nun, ein nurrie ¹³) auf das Glü⸗ cken unſeres Unternehmens und laßt uns würfeln, um zu ſehen, wer für de nurrie bloeden zal ¹⁴).“ „Das iſt nicht nöthig,“ ſagte Guſtav, die Mei⸗ nung Pauls mehr durch die Würfel, die er brachte, als durch ſeine Worte begreifend.„Ich werde bezah⸗ 9) Vorſchwatzen. 10) Kluͤgſte Advokat. 11) Auflauern. 12) Theilen. 13) Flaſche. 14) Bezahlen muß. Amſterdams Geheimniſſe. I. 18 ———— 274 jen,“ und einen Gulden auf den Tiſch werfend, ver⸗ ließ er den Trom. „Ein nobler Herr,“ ſagte Paul, als der Baron das Wirthszimmer verlaſſen hatte. „Ich befürchte noch immer, daß er moosser ¹⁵) iſt,“ ſagte der Duikelaar. „Das iſt er nicht,“ ſagte Vater Bram, nich weiß, daß er eben ſo wenig als ihr und ich mit dem go⸗ del ¹⁶) Bekanntſchaft machen möchte. Glaubt Ihr, daß Vater Bram ſo dumm iſt und nicht einmal einen ehr⸗ lichen Kerl von einem Weets ¹1) oder moosser unter⸗ ſcheiden kann? Wäre er das, dann wäre er auch gis⸗ ser ¹8) und würde bargoens ¹⁸) verſtehen. Daß er etwas Anderes iſt, als wir, bezeugt nur, daß er mar⸗ wieger uit de pistole ²⁰¹) iſt.“ 82 ½*⁴⁵ Der Linkſche, der, wie wir ſchon geſagt haben, ſich mit van Zweeden unterhielt, ſchien wenig mit dem, was ihm der Kommis erzählte, zufrieden zu ſein. Er ſchüttelte wiederholt den Kopf und ſtand endlich auf, um Het mooriaantje zu verlaſſen, als er in demſel⸗ ben Augenblick van Zweeden Jim den Befehl geben hörte, noch ein pintje Jenever zu bringen. „Wollen Sie denn noch mehr trinken?“ fragte der Linkſche,„mich dünkt, daß Sie nun ſchon genug getrunken haben.“ 4 15) Spion. 16) Polizeikommiſſär. 17) Gerichtsdiener. 18) Schlauer. 19) Diebsſprache. 2⁰) Dieb von beſſerem Gchlag. Wir haben vergeſſen, un⸗ ſern Leſern mitzutheilen, daß man ſich im Bargoens keiner Artikel bediente. Nur zu groͤßerer Deut⸗ lichkeit ſind ſie hie und da von uns benützt. ——— 275 „Aber ich kann nichts davon fühlen,“ war die Ant⸗ wort des geſunkenen Kommis. „Müſſen Sie denn immer ſo viel trinken, bis Sie betrunken ſind?“ frug der Linkſche wieder, während der Blit ſeines dunkeln Auges tadelnd auf van Zweeden ruhte. „Es dauert noch lange, bis es Tag wird,“ begann dieſer wieder,„und ſo lange muß ich hier bleiben, ich habe Ihnen ja ſchon mehreremal geſagt, daß ich keine Wohnung habe.“ „Das iſt Ihre eigene Schuld.“ „Nein, nein, es iſt Adam Smiths Schuld, dieſes elenden Menſchen, der mich zuerſt arm machte, und mir nun dreihundert Gulden geben will und was kann man dafür thun. Es gab eine Zeit, in der ich mehr als dreihundert Gulden die Woche verzehrte. „Dieſe Zeiten find aber vorbei,“ ſprach der Link⸗ ſche,„und hätten Sie damals weniger verzehrt und mehr Achtung auf Ihre Sachen gegeben, würden Sie jetzt nicht nöthig haben, von Adam Smith zu leben. Doch was geſchehen iſt, kann nicht ungeſchehen gemacht werden; und Sie ſind nicht der Einzige,“ ſagte er in düſterem Tone,„der mit Selbſtanklage und Reue auf das Vergangene zurückſieht. Ich glaube gerne, daß Adam Smith ein elender Menſch iſt und mitwirkte, um Sie arm zu machen; doch er iſt nicht allein ſchul⸗ dig, ſo wenig als Sie, daß Sie jetzt ohne Wohnung umher ſchweifen, daß Sie in dieſer Kneipe Leuten zum Spotte dienen, mit denen Sie nicht umgehen ſoll⸗ ten, da es Ihre anſtändige Beſchäftigung durchaus nicht zulägt. Adam Smith hilft Ihnen nicht dazu, daß Sie ein Trinker ſind.“ Van Zweeden war zu tief geſunken, als daß ihn dieſe Sprache hätte beleidigen können. Die Leidenſchaft des Trinkens hatte ſein Ehrgefühl erlöſchen gemacht. „Dreihundert Gulden, ich geſtehe, es iſt wenig,“ fuhr der Linkſche fort,„ſehr wenig, aber man kann 276 doch davon leben, ſelbſt anſtändig leben, wenn man nur will. Wie mancher Beamter mit großer Familie verdient nicht mehr, und doch macht er keine Schulden und er und die Seinen erſcheinen ganz anſtändig. Sie find ein Einzelner und haben für Niemand als ſich ſelbſt zu ſorgen. Für vierzig oder fünfzig Gulden im Jahr können Sie ein kleines Zimmer miethen, nehmen Sie täglich zehn Stüber für den Lebensunterhalt, dann haben Sie noch genug für Kleider übrig und bleiben ein anſtändiger Mann. Gewöhnen Sie ſich dieſe ſchreckliche Gewohnheit ab, denn ein Trunkenbold ver⸗ pehet mehr als eine ganze Familie bei mäßiger Lebens⸗ weiſe.“ „Aber das iſt kein Leben,“ ſtotterte van Zweeden, „wenn mir Adam Smith mehr geben würde, ſo käme ich auch nicht hieher, ſondern in ein anſtändiges Kaffee⸗ haus, aber der Menſch muß doch das Nöthige haben und „Und Sie nennen geiſtige Getränke das Nöthige! nennen Sie das Leben, die Art, wie Sie Ihre Tage ſchließen? Iſt das Leben, ſich zu betäuben, ſeine Ge⸗ ſundheit zu verwüſten, vom Getränke übermannt, nie⸗ derzutaumeln, ſeiner ſelbſt unbewußt, ſogar dem Keh⸗ richt der Menſchheit zum Spotte zu dienen, iſt das Leben?" „Wenn Sie Morgens in dieſem elenden, von Je⸗ never und Tabaksdampf verpeſteten Orte erwachen, ſagen Sie, wie befinden Sie ſich dann, welches Gefühl haben Sie, wie zittern dann nicht alle Ihre Glieder, wie kraftlos und ſchwach fühlen Sie ſich! Alle Luſt zum Arbeiten, alle Geſchicklichkeit iſt erloſchen, der Tag iſt eine lang dauernde Qual, die Arbeit eine unerträgliche Laſt; die Arbeit wird Ihnen ſchwer, weil Ihr Verſtand betäubt, Ihr Körper entkräftet iſt und Sie ſehnen ſich nach dem Abend, um Ihre Luſt, Ihre unerſättliche Be⸗ gierde nach Getränke, und nur Getränke befriedigen zu können; dann beſuchen Sie dieſe elende Kneipe, um ——-——,— ů—— 277 Tage gekannt!“ Van Zweeden ſchien durch dieſe Worte getroffen; wie in tiefes Nachdenken verſunken, ſtarrte er vor ſich hin; der Muth fehlte ihm, den Sprecher anzuſehen. Jim, neugierig, zu vernehmen, was der Linkſche mit van Zweeden ſo Wichtiges zu verhandeln habe, hatte ſich indeſſen genähert, um wo möglich das Eine oder Andere zu erhaſchen. Aber ein Blick des Linkſche war genug, den Sohn David Rams in das andere Ende des Zimmers zu treiben, und da unterhielt er ſich da⸗ mit, die Gebärden nachzuäffen, mit denen der Sitten⸗ meiſter im Feuer ſeine Rede begleitete. „Laſſen Sie das verpeſtete Getränke gehen, van Zweeden,“ fuhr der Linkſche in ſeiner Bußpredigt fort, „und ſtellen Sie ſich einmal das Leben vor, das Sie führen könnten. Sie bewohnen ein kleines, reinliches Zimmer bei anſtändigen Bürgersleuten; beim Erwachen erwartet Sie ein einfaches, aber gutes Frühſtück; in guter Laune gehen Sie auf das Komptoir und verrich⸗ ten mit Luſt ihre Arbeit; Mittags finden Sie ein nahr⸗ haftes Eſſen und Abends eine gute Schlafſtätte. Ihr Schwärmen muß aufhören, Ihre Nächte verträumen 278 Sie ruhig in Ihrem Bette, nicht Wetter und Wind, wie jetzt, bloß gegeben, Ihre Kräfte werden wieder er⸗ ſtarken, durch Sparſamkeit werden Sie ſoviel erübrigen, als zu einer paſſenden Kleidung nöthig iſt; man wird Sie achten und die, welche Ihnen jetzt mit Recht aus⸗ weichen, werden Ihnen wieder freundlich begegnen. Ihr Einkommen wird ſich beſſern, Sie beſitzen Kenntniſſe und Adam Smith, der dem Trunkenbolde mehr als dreihundert Gulden zu geben ſich weigert, weil er weiß, daß Sie um Ihres ſchändlichen Lebens willen nirgend anders unterkommen können, wird, wenn Sie ein an⸗ ſtändiges Leben führen, gewiß Ihr Einkommen erhöhen, da er ſonſt fürchten müßte, einen ſo geſchickten Kom⸗ mis zu verlieren. Sie ſind noch nicht zu alt, um nicht noch glücklich werden zu können; die dunkelblaue Farbe, die Ihr Geſicht verunſtaltet, wird verſchwinden und dem Roth der Geſundheit Raum geben. So werden Sie als ein nützliches Glied in die Geſellſchaft zurückkehren, die Sie jetzt verachtet, und von ſich ſtößt, und ſo oft Sie dann Ihr beſſeres Loos betrachten und an das Leben zurückdenken, das Sie früher führten, werden Sie einen edlen Genuß haben, einen Genuß, den Ih⸗ nen der beſte Trank nicht verſchaffen kann. Nun,“ ſo endigte der Linkſche ſeine Rede,„wie gefällt Ihnen die⸗ ſes Bild. Haben Sie Luſt, auf dem alten Fuß fort⸗ zuleben, oder wollen Sie ſo glücklich werden, als ich es ſchilderte?“ Ein Augenblick tiefer Stille folgte, der nur von den Flüchen Pauls, des Barbiers, welcher dieſen Abend nicht glücklich im Kartenſpiele war, unterbrochen wurde. Endlich nahm van Zweeden das Wort und ſagte flüſternd, als fürchtete er von den Anderen gehört zu werden: „Ich habe mir oft vorgenommen, mein Leben zu beſſern und dem Trinken zu entſagen, aber ich kann nicht. Wenn es Abend wird und die Zeit da iſt, in der ich ſn trinken gewöhnt bin, dann kann ich es nicht laſſen; ich glaube, daß ſelbſt dann, wenn ich wüßte, 279 es wäre Gift in dem Trank und ich ſogleich nach dem Gebrauche ſterben müßte, ich es mir nicht verſagen könnte, das tödtliche Getränke einzuſchlürfen.“ „Unglücklicher!“ rief die ermahnende Stimme des Linkſche,„und Sie ſollten den Muth nicht haben, die⸗ ſem Hange, dieſer Begierde zu widerſtehen.— Muth gehört zu Allem und mit einem feſten Willen vermag der Menſch viel. Wohlan, van Zweeden, nehmen Sie ſich ernſtlich vor, das Trinken zu fliehen. Zu Ihrem eigenen Wohle gebe ich Ihnen den Rath, ich intereſſire mich für Sie, weil es mir leid thut, daß ein Mann von guter Abkunft und nicht ohne Kenntniſſe ſich blind⸗ lings in's Verderben ſtürzt und unter eine Geſellſchaft miſcht, die ſo weit unter ihm ſteht. Geben Sie mei⸗ nen Worten Gehör, ich meine es aufrichtig mit Ihnen: wenn Sie auf dem betretenen Wege fortfahren, dann wird der Hang zu geiſtigen Getränken ſich verdoppeln, dann werden Sie ihn befriedigen müſſen und koſte es, was es wolle, Sie werden zum Verbrechen getrieben, und wer weiß, was das Ende davon ſein wird. Darum zeigen Sie, daß Sie ein Mann find, überwinden Sie ſich ſelbſt. Ich weiß, daß Sie die Wahrheit meiner Worte nicht bezweifeln, daß Sie überzeugt find, daß Sie das Trinken in's Verderben bringt, darum Muth gefaßt! Gehen Sie mit mir, ich werde für einen Nacht⸗ aufenthalt ſorgen, und dann nie wieder dieſes Haus betreten, nie wieder das langſam tödtende Gift ge⸗ ſchlürft, bis Sie gelernt haben, wie man ſolche Ge⸗ tränke gebraucht.“ Van Zweeden ſtand auf und würde wahrſcheinlich den guten Rath befolgt haben, wenn er nicht im ſelben Augenblicke den Duikelaar ein Glas Jenever aus der ſiernen Kanne hätte einſchenken ſehen, die vor ihm and. 8. Das geiſtige Getränke perlte in dem Kelch, und als ihn der Duikelaar an die Lippen ſetzte und in ei⸗ 280 nem Zuge leerte, ſank der Muth des durch das Trin⸗ ken erſchlafften van Zweeden. „Ich habe'mal gehört, daß es für den, der an das Getränke gewöhnt iſt, und plötzlich den Gebrauch des Jenever läßt, ſehr nachtheilig, ja tödtlich ſein kann,“ ſagte van Zweeden,„ich will mir darum nach und nach — Trinken abgewöhnen und es nicht ſo auf einmal aſſen.“ , Nun, Sie haben doch jetzt genug, folgen Sie mir darum!“ „Nein, jetzt nicht, es ſoll der letzte Abend ſein; morgen werde ich mit Ihnen gehen, aber heute noch und dann zum Letztenmal... Jim!“ „Zwingen kann ich Sie nicht,“ brummte der Linkſche, „und ebenſo wenig, als Sie den Muth haben, das Trinken heute zu laſſen, werden Sie ihn morgen haben.“ Er warf einen mitleidigen Blick auf den Trunkenbold und verließ die Kneipe. Kaum war er fort, als van Zweeden ſich eine Pinte Jenever bringen ließ. „Der Linkſche hat Ihnen da ſchön gepredigt, alter Herr,“ ſagte Jim, ſo laut als möglich ſprechend, um von den übrigen Gäſten gehört zu werden.„Ich will verdammt ſein, wenn er nicht ein verlaufener Domine iſt oder ſo etwas, und wenn ich an Ihrer Stelle gewe⸗ ſen wäre, hätte ich ihn ausgelacht, und ein Pintchen Jajim nach dem andern ausgetrunken, als ob es Waſ⸗ ſer wäre, anſtatt da zu ſitzen, wie ein eileija 2¹) Teu⸗ f 83 zum Erſtenmal bei dem godel ²²) in der Vi⸗ e iſt.“ Dieſe Bemerkung wurde laut belacht und dieſe Be⸗ lohnung, die Jim zu Theil wurde, war hinreichend, um ihn anzulocken, noch einige Artigkeiten zu dem ſo eben Geſagten zuzufügen.. — 21) Dummer. 22) Polizeikommiſſaͤr. 281 „Der Kerl hat was zu viel Geſchwätz gemacht,“ ſagte der Duikelaar,„ich habe nie gehört, daß Jim oder Jajim etwas ſchaden, und was geht es ihn an, was ein Anderer thut.“ „Er hat Hände an ſeinem Leib und darum darf er den Mund aufthun,“ ſagte Paul, der den Linkſche um ſeiner außergewöhnlichen Körperkraft willen hochach⸗ tete,„und in dem was er zu dem alten Herrn ſagte, kann er vielleicht Recht haben.“ Van Zweeden dachte inzwiſchen bei dem Trunke des Jenevers, den er hatte kommen laſſen⸗ über die Worte, die der Linkſche an ihn gerichtet hatte, ernſtlich nach. Eine Wohnung, eine Schlafſtätte zu haben und ein ruhiges Leben zu führen, dieß Alles hatte im er⸗ ſten Augenblicke etwas Reizendes für den Trunkenbold. Seine lebendige Einbildungskraft führte ihn in die Ver⸗ gangenheit zurück, und eine Thräne fiel in den Born ſeines Unglücks— den Jenever. . In ſeinen Gedanken wurde er von Vater Bram geſtört, der, als er bemerkte, daß die Uebrigen fich in das Spiel vertieft hatten, bei van Zweeden Platz nahm und ein Geſpräch mit ihm begann. „Sie ſind auf einem Komptoir, nicht wahr?“ frug er ihn,„Sie haben es mir wenigſtens oft erzählt, bei Remmers und Comp., glaube ich.“ „Ja, ſo ſchreibt er, obwohl er eigentlich Adam Smith heißt.“ „So, und wenn ich recht weiß, wohnt er auf der Prinſengracht, bei dem Groenmarkt, ſein Komptoir iſt ein Hinterhaus.“ „Ja, und der Name Remmers und Comp. ſteht auf einer kupfernen Platte vor der Thüre.“ „Man ſagt allgemein, daß er viel Geld hat, und Sie haben es mir auch oft erzählt,“ ſagte Bram, der bemerkte, daß van Zweeden gerade ſoviel getrunken hatte, als nöthig war, um Alles aus ihm heraus zu locken, und darum wählte er dieſen Augenblick, wohl —ö———öö 282 wiſſend, daß van Zweeden bald außer Stand ſein werde, mehr zu ſprechen und dann von dem Stuhl fallen werde, um von David Ram und Jim unter das Billard ge⸗ legt zu werden, um da ſeinen Rauſch auszuſchlafen. „Er hat viel Geld und wie man ſagt, muß er nicht allzu ehrlich dazu gekommen ſein.“ Bram wußte dies Alles aus dem Munde van Zweedens, der, wenn er betrunken war, immer von ſeinem Patron ſprach und von dem ihm durch denſel⸗ ben zugefügten Unrecht. „Adam Smith iſt ein Spitzbube, der ſein Mög⸗ lichſtes gethan, um mich arm zu machen,“ ſagte van Zweeden und begann nach ſeiner Gewohnheit zu er⸗ zählen, wie er früher auf glänzendem Fuße gelebt und wie er damals von Leuten empfangen wurde, die er auch wieder einlud, die jetzt aber an ihm vorüberreiten, ohne ihn anſehen, viel weniger ihn als Bekannten an⸗ ſprechen zu wollen. „So find ſie Alle, ſolange man glücklich iſt, iſt es gut, aber ohne Geld, ohne Freunde,“ ſagte Vater Bram,„und wahrhaftig, ich wünſchte, daß Sie wieder reich wären, um ſich einmal an dem Adam Smith und den Andern rächen zu können.“ „Wenn ich einmal wieder reich werde,“ erklärte der Trinker,„dann ſollen ſie mich nicht wieder arm machen, aber damals... ja, damals hatte ich nicht ſo viel Verſtand als jetzt...“ „Aber Sie müſſen deßhalb auch Ihr Beſtes thun, um wieder reich zu werden,“ ſagte Vater Bram lachend. „Aber das iſt unmöglich!“ rief van Zweeden ver⸗ zweifelnd.„Der Spitzbube hätte mir geſtern fünfund⸗ fiebenzig Gulden bezahlen ſollen und ſtatt dieſer empfing ich nur vierzig; für das Uebrige hat er mir dieſe Klei⸗ der machen laſſen, weil er mich in meinem ſchlechten Anzuge nicht auf dem Komptoir haben wollte. Sie ſehen, ich bin nicht einmal Herr über das Geld, das 283 ich ſelbſt verdiene und Sie ſprechen mir von reich werden... „Das iſt ſo unmöglich nicht...“ ſagte Bram mit vielbedeutendem Lächeln,„ich habe viele Menſchen ge⸗ kannt, mit welchen es noch elender ſtand als mit Ihnen, und die nun Kutſche und Pferde halten.“ „Sie meinen vielleicht die Lotterie?“ „Die Lotterie.. bah! das iſt gut für die Reichen, dieſe ziehen die höchſten Preiſe und ein armer Teufel bekommt nichts, nein, da weiß ich ein anderes Mittel.“ „Ein anderes Mittel... und das iſt?“ frug van Zweeden. „Ruhig, Freundchen,“ rief Vater Bram,„das läßt ſich nicht ſo auf einmal ſagen, wir müſſen noch zuvor Einiges abmachen, ehe ich Ihnen das mittheilen kann, was mir auf dem Herzen liegt. Trinken Sie aber jetzt nicht, alter Herr!“ fügte der Rathende hinzu, und hielt van Zweedens Hand zurück, die wieder nach dem Glaſe griff,„warten Sie damit, bis wir fertig find, Sie können mich ſonſt nicht verſtehen; Sie mögen nachher ſoviel trinken als Sie wollen, aber hören Sie noch einen Augenblick.“ Bram ſtopfte die Pfeife, die er gewöhnlich im Munde hatte und ſich darauf zu dem Kommis vertrau⸗ lich wendend, begann er: „Adam Smith hat ſich auf unrechtmäßige Weiſe eines Theils Ihres Vermögens bemächtigt, das iſt ſo gut als geſtohlen.“ Van Zweeden nickte bejahend. „Denken Sie ſich nun, daß ich Ihnen Etwas ge⸗ ſtohlen hätte, würden Sie es nicht zurückzubekommen ſuchen 24 „Gewiß,“ antwortete der Schreiber Adam Smiths. „Und das kann man nicht ſtehlen heißen, das iſt nur b5 Geſtohlene zurücknehmen.“ „Ja!“ „Nun, wie hoch ſchäͤtzen Sie die Summe, die — ͦq —— 284 Remmers oder Smith, oder wie er heißt, Ihnen zu wenig gegeben?“ „Das will ich Ihnen erzählen, aber zuerſt muß ich probiren, glauben Sie mir, daß es mich nicht hindert.“ Van Zweeden nahm einen Zug und fuhr fort:„Unter dielen Gütern hinterließ mir mein Vater einen Bauern⸗ hof, in mehren Morgen Aeckern und Wieſen beſtehend. Als Alles verbraucht war und ich wieder Geld nöthig hatte, ſchoß mir Adam Smith zehntauſend Gulden vor, als eine Hypotheke auf den Bauernhof und das dazu gehörende Land. Auch dieſes Geld war bald verſchwen⸗ det, und als ich ihn nochmals um Geld bat, als zweite Hypothek des Verpfändeten, beging er den Streich, den ich Ihnen jetzt erzählen werde. Ich mußte Geld haben, meine Sachen ſtanden ganz ſchlecht, und um ſie wieder zu regeln und meine Gläubiger zufrieden zu ſtellen, überließ ich mich dem Spiel an der Börſe und dazu brauchte ich baares Geld. Unter dem Vorwande, mit mir über die zweite Hypotheke zu ſprechen, lud er mich zu ſich ein; ſein Empfang war freundlich und eine Flaſche Wein wurde nach der andern geleert. Als ich ſoviel Wein getrunken hakte, daß mein Geiſt nicht mehr ganz klar war, ſagte er, daß es ihm nicht möglich ſei⸗ mir mehr Geld auf dieſes Gut vorzuſchießen, da die Ländereien im Preiſe geſunken, ja beinahe nichts mehr werth ſeien und ich ihn deßhalb ſehr verpflichtete, wenn ich die Hypotheke ablöſen würde. Das war mir un⸗ möglich, und endlich ſagte er unter einer Menge von Sittenlehren, daß er aus Achtung vor meinem ver⸗ ſtorbenen Vater und in der Hoffnung, daß ich jetzt ein geregeltes Leben anfangen wolle, bereit ſei, mir ſechs⸗ tauſend Gulden augenblicklich auszubezahlen, wenn ich ihm den Bauernhof und die Ländereien verkaufen würde. „In dieſem Augenblicke kam mir der Mann ſo redlich vor und hielt ich Alles für ſo reine Wahrheit, was er mir ſagte, daß ich nicht zögerte, den Kauf zu ſchließen, um ſo mehr, da der Judas die Summe, die 285 er bot, mir in Gold vorzählte, das mir in meinem betäubten Zuſtand als ein unerſchöpflicher Schatz er⸗ ſchien. Noch am ſelben Abend wurde ein Kontrakt un⸗ terzeichnet, während er Eigenthümer des Gutes für nur ſechzehntauſend Gulden wurde, die früher mir vorge⸗ ſchoſſenen zehntauſend Gulden dazu gerechnet. „Als am folgenden Tage mein Verſtand wieder hell geworden, fühlte ich, welche Thorheit ich begangen und dies wurde mir zur Gewißhheit, als ich ſechs Wo⸗ chen ſpäter vernahm, daß Adam Smith das Gut, das er von mir für ſechzehntauſend Gulden gekauft hatte, um nicht weniger als achtunddreißigtauſend Gulden wieder verkauft habe!“ „Verdammt!“ rief Bram,„das iſt zweiundzwan⸗ zigtauſend Gulden Gewinn,“ und mit geheuchelter Ver⸗ achtung fügte er hinzu:„Der Spitzbub! Er iſt werth, gerädert zu werden, und was thaten Sie dann?“ „Obwohl ich voraus wußte, daß es mich wenig nützen würde, ging ich doch in das Kaffeehaus, wohin Smith gewöhnlich kam, um ihm da vor allen Leuten ſeine ſchändliche Handlungsweiſe vorzuhalten, und ich rächte mich auch in Gegenwart von fünfzig Menſchen.“ „Und?“ frug Vater Bram, der an der Geſchichte van Zweedens Intereſſe fand. „Er hörte mich mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe an und als ich geendigt hatte, ſagte er in einem mitlei⸗ digen Tone, der mich beinahe wüthend machte: „„Sie haben Recht, Herr van Zweeden, was ich von Ihnen für ſechzehntauſend Gulden kaufte, verkaufte ich ſechs Wochen ſpäter für achtunddreißigtauſend Gul⸗ den. Ich ſchäme mich nicht, das öffentlich hier zu er⸗ zäͤhlen und beizufügen, daß ich bereits ſicher war, einen Käufer zu finden, als ich den Kauf mit Ihnen für ſech⸗ zehntauſend Gulden abſchloß, und zwar einen Käufer mit dem obigen Preiſe. Es iſt mir ſogar noch ſehr unangenehm geweſen, nur ſoviel zu bekommen, da ich ———— ÿ——— 286 gehofft hatte, ein paar tauſend Gulden mehr zu ge⸗ winnen.““— „Alle Anweſenden ſahen ihn verwundert an, als er einige Augenblicke ſchwieg und endlich fortfuhr: „„Sie ſind gekommen, um mich vor den Leuten als einen Betrüger darzuſtellen, es iſt deßhalb nöthig, daß ich mich jetzt auch vor denſelben vertheidige und die Triebfeder meiner Handlungsweiſe angebe, die ich lieber verſchwiegen hätte, um Ihre Schande nicht zu offen⸗ baren und nicht den Schein zu haben, als ob ich mich des wenigen Guten, das ich thue, rühmen wollte. In ſehr kurzer Zeit,“ fuhr er fort, ſich an mich wendend, „haben Sie die anſehnliche Hinterlaſſenſchaft, die Ihr braver Vater, den ich einſt meinen Freund nennen durfte, mit ſoviel Mühe und Fleiß zuſammengebracht hatte, auf die ſchändlichſte Weiſe verſchwendet. Was ich von Ihnen kaufte, war das Letzte, was von dem anſehnlichen Vermögen übrig geblieben war; ich hielt es für meine Pflicht, ſoviel ich konnte, dies Eigenthum für Sie zu erhalten, denn ich ſah leicht voraus, daß, wenn Sie das von mir Gekaufte an einen Andern für eine größere Summe verkauft hätten, der Mehrbetrag nur dazu gedient hätte, Ihrer Verſchwendung Nahrung zu geben, und Sie aber dann deſto gewiſſer der Ar⸗ muth anheimgefallen wären. Darum bediente ich mich einer Liſt, um Ihnen das Bauerngut und die dazu ge⸗ hörigen Ländereien für ein Dritttheil des Werthes ab⸗ zuſchwatzen. Zweiundzwanzigtauſend Gulden habe ich bei dem Verkaufe gewonnen; den Gewinn werde ich Ihnen zurückgeben, ſobald Sie von Ihrem Leichtſinne geneſen ſind und ich überzeugt bin, daß Sie das Geld nach ſeinem Werthe zu ſchätzen wiſſen. Das wird Sie vielleicht zwingen, ein ordentliches Leben zu führen, wenn Sie die Ueberzeugung nicht dazu bringt. Ich wollte dieſen meinen Zweck geheim halten bis zu dem Augenblick, da ich es rathſam halten würde, Ihnen das Geld zuzuſtellen, allein Ihre Unbeſcheidenheit, die ich V 287 Ihnen vergebe, da der Schein, wie ich gerne bekenne, gegen mich war, hat mein Vorhaben vereitelt. Es wird darum von Ihnen ſelbſt abhängen, von Ihrem eigenen Betragen, Herr van Zweeden, ſich bald in den Beſitz des Vermögens zu ſetzen, das ich für Sie in Empfang genommen und das, wenn es gut umgetrieben wird, Sie in den Stand ſetzt, ein ruhiges unbeſorgtes Leben zu führen.““ „Adam Smith ärndtete allgemeinen Beifall; Je⸗ der ſpendete dem Heuchler das größte Lob für ſeine edle That. Vergebens erhob ich laut meine Stimme dagegen. Smith, der allgemein als frommer und bra⸗ ver Mann bekannt war, wurde gelobt und mich nannte man einen Undankbaren, der des Edelmuthes Adam Smiths nicht werth ſei.“ „Und er hat Ihnen nie Etwas von dem Geld zu⸗ rückgegeben?“ fragte Bram. „Nie, und er nennt es eine beſonders gnädige Handlung, daß er mir jährlich dreihundert Gulden gibt, obwohl er ſehr gut weiß, daß Leute von meinen Kennt⸗ niſſen das Doppelte auf andern Komptoiren verdienen.“ Vater Bram blies dicke Rauchwolken aus ſeiner Pfeife und ſagte:„Aber warum nehmen Sie denn nicht, was Ihnen zukommt, und was er Ihnen ſelbſt verſprochen, zu geben!“ „Wie kann ich das thun,“ antwortete van Zwee⸗ den,„er würde mich des Diebſtahls beſchuldigen, er wäre es wohl im Stande.“ „Sie müſſen es auch nicht thun, alter Herr, aber es durch Andere verrichten laſſen. Kommen Sie, ich will Ihnen helfen und dann wollen wir es ſo angrei⸗ fen, daß er nie auf Sie Verdacht haben kann.“ „Er nie Verdacht haben, o dann kennen Sie Adam Smith nicht und wiſſen nicht, wie ſchlau er iſt.“ „’aſſen Sie ihn ſo ſchlau ſein, wie den Teufel, ich bin es auch,“ verſicherte Bram.„Hören Sie, ich will Ihnen mal den Plan mittheilen; gefällt er Ihnen — O.ͤ—— 288 nicht, ſo werden wir wieder darüber ſprechen. Hat Adam Smith viel Geld auf ſeinem Komptoir?“ „Ja, vielleicht eine Tonne Goldes oder noch mehr in Papieren.“ „Und wo liegen fie 2“ „In einer eiſernen Kiſte, die an den Boden ge⸗ nagelt iſt, ſo daß zwanzig Menſchen ſie nicht von der Stelle rücken können.“ „Wir haben auch nichts mit der Kiſte zu thun, wenn wir nur haben, was darin iſt,“ ſagte Bram, über ſeine geiſtreiche Bemerkung lachend. „Ja wohl... aber um das zu bekommen...“ „Können Sie an die Kiſte kommen, ohne daß er es merkt?“ „Ja,“ gab van Zweeden zur Antwort. „Nun, da iſt ein Stück Wachs, machen Sie das weich, indem Sie es etwas in der Hand reiben und ſtecken Sie es dann in das Schlüſſelloch, ſo daß das ganze Schloß in dem Wachſe abgedrückt iſt, geben Sie Achtung, daß Sie den Abdruck nicht beſchädigen, dann werden wir uns näher beſprechen.“ „Gut, ich werve es thun, und morgen Abend ſol⸗ len Sie ihn haben. Adam Smith, Adam Smith, o daß endlich die Zeit käme, mich an Dir zu rächen 1 rief van Zweeden, und hob die Fauſt in die Höhe. „Verflucht!“ ſprach Vater Bram, während er ſei⸗ nen Rock zuknöpfte und ſich bereitete, fortzugehen. „Drei Pläne zugleich und wenn nur zwei gelingen, bin ich ein reicher Mann, und verlaſſe augenblicklich das Land, wo es gefährlich für mich wird. Wir wer⸗ den morgen einen Paß holen; es iſt gut, ſolche Dinge im Vorrath zu haben.“ XXVII. Ein häusliches Schauſpiel. Die Reguliersdwarſtraat iſt eine krumme Straße, die am Koningsplein beginnt und am Botermarkt en⸗ det. Zum Theil liegt die Straße zwiſchen der Hee⸗ rengracht und dem Singel, zum Theil zwiſchen der Reguliersbreeſtraat und Heerengracht. Vom Konings⸗ lein her ſcheint die Straße nicht ſehr breit, aber je mehr man ſich dem Botermarkt nähert, deſto weiter wird ſie. An der Seite der Heerengracht iſt ſie meiſt mit Ställen bebaut, die durch Gärten mit den Häu⸗ ſern der Gracht verbunden find, während auf der an⸗ dern Seite ſich nicht ſehr große Häuſer befinden, in welchen winkelnering ¹) getrieben wird. Die Frei⸗ maurerloge iſt das einzige anſehnliche Gebäude, das man in der Straße antrifft. Die Vitzelſtraat theilt fie in zwei Theile; der Theil zwiſchen der Vizzelſtraat und dem Koningsplein iſt, die Markttage ausgenom⸗ men, todt und ſtill, obgleich verſchiedene Querſtraßen nach dem Singel führen. Zwiſchen der Vitzelſtraat und dem Botermarkt herrſcht eine größere Lebendigkeit und dort findet ſich auch der Eingang zu dem ſogenannten Duivelshoek; ein Name, den man einer Menge kleiner Gaſſen ge⸗ eben, die zwiſchen der Reguliersdwarſtraat und der eguliersbreeſtraat liegen, und ein wahres Labyrinth bilden. Da hat die Hefe des Volkes ihren Aufenthalt; da wohnt die Unzucht alles Glanzes und alles Reizes baar; da fieht man beinahe immer Gerichtsdiener um⸗ hergehen, um Verbrecher aus ihren Schlupfwinkeln zu 1) Kleinhandel. Amſterdams Geheimniſſe. I. 19 290 holen. Der Duivelshoek iſt ein Theil der Hauptſtadt, in welchen gewiß neun Zehntel Amſterdams nie einen Fuß geſetzt haben, was man auch nicht ohne Gefahr, beſonders Abends, unternehmen kann. Daß der Sui⸗ kerbakkerſteeg, in welchem ſich die Herberge David Rams, het mooriaantje, befand, einen Theil dieſes Quartiers ausmachte, wird ſich der Leſer gewiß noch erinnern. In der Reguliersdwaarſtraat, mit deren Beſchreibung wir uns vielleicht ſchon zu lang aufgehalten haben, wohnten Clara und Henriette, nach dem glücklichen Wiederfinden Franks und Adolfs, das wir früher mit⸗ theilten. Ein kleines Zimmer, zwei Fenſter breit, oben eine Holz⸗ und Torflege, diente den beiden Mädchen als Wohnung und obwohl dieſer oder jener von un⸗ ſern Leſern ſich in anders glänzenden Gemächern zu bewegen gewöhnt iſt, und auf dieſe einfache Wohnung mit Verachtung herabſehen wird, war es doch ein hübſches und behagliches Zimmerchen, und in den Au⸗ gen der lieben Mädchen, denen alle Pracht und aller Glanz fremd war, eine reiche Wohnung. Das Zimmer, nicht groß und auch nicht hoch, war erſt kurz zuvor ge⸗ malt worden, was die friſche Farbe an Decke und Wänden bewies. Eine einfache Tapete bedeckte die Mauern und Matten), ſo glatt geſegt, daß man bei⸗ nahe bei jedem Schritte ausglitt, lagen auf dem Bo⸗ den. Sechs Stühle, ein Tiſch und eine gemalte Kom⸗ mode machten den Hausrath aus; kein Stäubchen ſah man in dem Zimmer und obwohl die Fenſterſcheiben etwas geſchwärzt waren, gaben ſie doch ein helles Licht, was ſie der Sorgfalt in der Reinhaltung ver⸗ dankten. Man konnie deutlich ſehen, daß beide Mädchen 2) Schoͤne Strohroͤhren, die eng an einander gefuͤgt und mit Seife gebuͤrſtet werden. Alles gethan hatten, um ihren Aufenthaltsort ſo präch⸗ tig als möglich zu machen und dabei waren ſie auf eine ächt kindliche Weiſe zu Werke gegangen. Beſon⸗ ders Henrietten hatte das Zimmer ſeine Verſchönerung zu danken. Drei Bilder von ungleicher Größe zierten in ihren Augen das Zimmer nicht wenig; es waren unngtürlich bunt bemalte Blätter, Anſichten der Schweiz darſtellend, während auf dem Kamine unter einer zer⸗ brochenen Glasglocke, die aber ſo geſtellt war, daß das Zerbrochene nicht bemerkt werden konnte, ein paar Blumenvaſen ſtanden. Auf dem Tiſche ſtand ein Thee⸗ ſervis, ſorgfältig mit Glas bedeckt. Henriette verſäumte nie, ſobald fie die Glocke von dem nahegelegenen Munttoren ſchlagen hörte, die Zei⸗ ger mit der angekündigten Stunde gleich zu ſtellen, damit man, nach ihrer Meinung, glauben ſollte, daß in dem Käſtchen eine Uhr hänge, die richtig gehe. Es war ſehr frühe am Morgen, die meiſten Bewohner der Hauptſtadt lagen noch in tiefem Schlafe; nur die Milchkarren, die zugleich mit dem Oeffnen der Thore in die Stadt fahren, rollten durch die leeren Straßen und unterbrachen die ringsum herrſchende Stille. An dem geöffneten Fenſter, vor dem ein grün gemaltes Blumenbrett mit allerlei Blumen prangte, ſaßen die beiden Mädchen. Sie waren damit beſchäftigt, ein Kleid zu verfertigen, das eine Nachbarsfrau beſtellt hatte und das Eile heiſchte, denn vor acht Uhr mußte es abgegeben ſein und es war beinahe halb Sechs. Luſtig ging die Arbeit ihnen von der Hand, denn von dem Augenblicke, da ſie begonnen, hatte Henriette geſungen und nun machten ihnen die verſchlafenen Geſichter ihrer Nachbarn, die nach und nach heraus⸗ kamen, um ihre Läden zu öffnen, ſehr viel Vergnügen. Endlich war das Kleid fertig; Henriette eilte, es zu beſorgen und als ſie zurückkam, zeigte ſie Clara zwei Gulden, die ihr die Nachbarin ausbezahlt hatte. 292 „Jetzt uns ſchnell angezogen;“ ſagte Clara,„und dann in die Kirche.“ „Haſt Du denn im Sinne dorthin zu gehen?“ „Gewiß, Henriette, der gute Gott ſegnet uns ſo, daß wir alle Gründe haben, ihm dankbar zu ſein.“ „Ich bin ſeit meiner Kindheit nicht in der Kirche geweſen,“ ſagte Henriette.„Da ging ich wohl mal mit Jim hin, aber das iſt ſchon ſo lange her, daß ich mich wenig mehr erinnern kann; ſoviel aber weiß ich noch ſehr gut, daß es in der katholiſchen Kirche viel ſchöner iſt, als in der reformirten; wir ſollten in die katholiſche gehen.“ „Nein,“ antwortete Clara,„meine Mutter war reformirt, deßhalb bin ich es auch. Ich weiß noch ſehr gut, daß ich und Frank jeden Sonntag in die Nieuwe Kerk mit unſerer Mutter gingen, und da will ich nun wieder hin; wir ſaßen dann Alle hinten auf einer Bank, denn wenn man vorne hinſitzen will, koſtet es Geld.“ „Nun, wo Du hin gehſt, gehe ich auch hin,“ ſagte Henriette, während ſie ihre ſchönen Haare ſcheitelte, „Du verſtehſt mehr von den Dingen, als ich, Deine Mutter hat Dich das Alles gelehrt. Mein Vater hatte Andres zu thun, als an die Kirche zu denken.“ Die Mädchen waren bald angekleidet; beide ſahen hübſch und gefällig aus und als ſie ſich auf den Weg begaben und an dem Spui vorübergingen, warf Hen⸗ riette einen Blick in die Handboogſtraat und flüſterte Clara zu:„Weißt Du noch, was da geſchehen? Ich bin froh, daß wir nicht wieder hinkommen.“ Nach einer kurzen Weile traten ſie in die Nieuwe kerk. Der meſſingene Chorzaun, die gothiſchen Bo⸗ gen, die gemalten Glasfenſter, die ſchön bebilderte Kan⸗ zel, die Grabmäler an den Mauern, Alles rief Clara die Vergangenheit zurück, und als die tiefen Töne der Orgel durch die Kirche hallten, dachte ſie daran, wie oft ſie die Stimme ihrer Mutter mit dem frommen Ge⸗ ſang der Gemeinde ſich hatte paaren hören, und eine V —— 293 Thräne kam ihr in die Augen, eine Thräne, bei dem Gedanken an die theure und ſorgende Mutter, die ihr ſo früh entriſſen war. Auch auf Henriette ſchien der alte Gottestempel und der gehaltene Geſang der Gemeinde Eindruck zu machen. Schweigend wandelte ſie an der Seite ihrer Freundin fort, und die Spöttelei, die ihr ſonſt ſo ei⸗ gen, war ganz von ihr gewichen, wie viel Stoff ſie auch zum Spotten fand. Stoff zum Spotten! höre ich manchen meiner Leſer unwillkührlich ausrufen; ja, ich wiederhole es, Stoff zum Spotten, findet man leider in den Kirchen nur zu viel. Wenn man zum Beiſpiel die ſtolze Dame mit ihrer in Schildkrot gebundenen und mit goldenen Schloß geſchmückten Bibel mit eili⸗ gem Schritt durch die Menge dringen ſieht, ärgerlich, daß man ihr nicht ausweicht; wenn man ſie ihren Platz in dem Taufhaus ³) einnehmen ſieht, um da ihr Gold, ihre Kleider, ihre Koſtbarkeiten zu zeigen; wenn man ſie verächtliche Blicke auf die arme Frau werfen ſieht, die in einem armſeligen Gewande neben ihr Platz neh⸗ men will; wenn man den Heuchler gewahrt, der ſich auf einen Platz niederſetzt, wo er von der ganzen Ge⸗ meinde geſehen werden kann; wenn man die ſonderbare Haltung und ſeine fremdartigen Mienen betrachtet; wenn man die Menge junger Mädchen beſchaut, für die die Kirche ein Freiermarkt iſt und die, während der Geiſtliche ihnen das Schreckliche ihrer Sünden vorhält, einander wohlriechende Waſſer anbieten, oder die Her⸗ ren, die frommen Herren, die mit zum Himmel auf⸗ geſchlagenen Blicken aus ihren goldenen Doſen ſchnupfen und die Doſen herumgehen laſſen; wenn man das wie⸗ drige Gewühl der eifrigen Platzwärter beobachtet und ſie durch die betende Menge dringen und dieſe in der Andacht 3) Ein umſchloſſener Platz für Geiſtliche, Reiche ꝛc. in den reformirten Kirchen. 294 ſtören fiebt, um das Geld für die Sitzplätze einzuſam⸗ meln. Wenn man dieß Alles betrachtet und noch viel mehr, was wir nicht ſchildern wollen, dann wird man geſtehen, daß auch die Kirche, dieß heilige Gebäude, ſoviel als jeder andere Platz Stoff zum Spotten bie⸗ tet; leider wird auch da Anlaß zu großem Aergerniß gegeben. Die Glocke ſchlug die Stunde des Anfangs, und von der ſtürmenden Menge fortgeſchleppt, fanden Clara und Henriette einen Platz in dem ruim ⁴. Der Gottesdienſt nahm ſeinen Anfang, der Geiſtliche beſtieg die Kanzel und ſchilderte in kräftiger Sprache, wie der Erlöſer der Welt in der letzten Nacht ſeines Lebens mit ſeinen Jüngern zu Tiſche ſaß und das Abend⸗ mahl genoß. Kein einzig Wort, das von den Lippen des Dieners des göttlichen Wortes floß, entging Hen⸗ rietten, Thränen der Wehmuth erſchienen in ihren Au⸗ gen, und leiſe flüſterte ſie Clara zu:„Ich will jeden Sonntag in die Kirche gehen.“ Und als der Lehrer eadlich die Gemeinde einlud, an dem Abendmahl, das auf dem Altar bereit ſtehe, Theil zu nehmen, und Hen⸗ riette die Menge ſah, die ſich um denſelben ſchaarte, als das Brod und der Kelch ausgetheilt wurde, ſtand auch ſie auf, um an dem Tiſche Platz zu nehmen. „Wo willſt Du hin?“ fragte Clara. 4) Es beſteht in Amſterdam die Gewohnheit, daß ſo⸗ bald die Stunde geſchlagen, in der der Gottes⸗ dienſt beginnt, die noch unbeſetzten Plätze in dem Ruim umſonſt beſetzt werden koͤnnen; daher ſchreibt es ſich, daß eine Menge Leute, die nicht einen Platz zu bezahlen vermoͤgen, vor dem Zaune, der der den Ruim abſchließt, ſich zuſammenſtellen, um ſobald die Uhr ſchlaͤgt, in den Ruim hinein zu ſtürzen, mit einer Heftigkeit, die an das Gedränge auf dem wohlfeilſten Platze des Theaters erinnert und die Andacht der Gemeinde auf eine unange⸗ nehme Weiſe ſtoͤrt. 295 „Da hin,“ rief Henriette,„an den Tiſch will ich ſitzen, ich will eſſen und trinken, um auch einmal ſelig zu werden.“ „Nein, Henriette, wir dürfen da nicht hinſitzen,“ ſagte Clara,„haſt Du nicht gehört, daß, wer unwür⸗ dig iſſet und trinkt, der iſſet und trinket ſich ſelbſt das Gericht, denke daran, was Du noch vor wenigen Ta⸗ gen warſt, an das Haus in der Handboogſtraat.“ „Kommt Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will euch erquicken!“ klang wieder die Stimme des Lehrers,„kommt mit innerlicher Reue und feſtem Vor⸗ ſatz, euch zu bekehren!“ Da ſank Henriette wieder auf ihren Stuhl nieder. „O Gott!“ ſchluchzte ſie,„jetzt erſt fühle ich, wie ſchwer ich gefündigt habe! Clara, lehre mich beten, wie Du es kannſt, damit Gott mir meine Schulden vergebel..“ 8 *½ Bei Clara hatte ein Mädchen geſeſſen, deren ein⸗ fache Kleidung den niederen Bürgerſtand verrieth, wel⸗ chem ſie angehörte. Auch ſie hatte jedes Wort des Pre⸗ digers erhaſcht, auch in ihren Augen perlten Thränen, ſeufzte ſie, die Hände verzweifelnd ringend, und ſtand auf: die weite Kirche wurde ihr zu eng. Mit wankenden Schritten ging ſie nach der Thüre, Das Mädchen verbarg ihr Geſicht hinter dem Tuch, das fie in Händen hielt, antwortete aber nicht. „Wollen Sie fort von hier?“ frug Clara. „Ja, ja, bringt mich fort von hier..“ antwor⸗ tete das ſchluchzende Mädchen. 7 „Lehnen Sie ſich auf meinen Arm, ich bin ſtark,“ ſagte Henriette gutmüthig,„wir werden Sie unter⸗ ſtützen, die friſche Luft wird Ihnen gut thun.“ Vor die Kirche gekommen, fühlte das Mädchen ſich beſſer.„Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie freundlich,„es iſt jetzt beſſer, ich werde nun allein heimgehen können.“ „Nein,“ ſagte Henriette ſorgend,„wir werden Sie ein Stück weiter begleiten, Sie ſcheinen noch nicht ganz hergeſtellt zu ſein.“ „Wohnen Sie ferne von hier,“ frug Clara. „In der Noorderſtraat.“ „Und wir in der Reguliersdwarſtraat, unſere Woh⸗ nung liegt da auf Ihrem Wege, gehen Sie mit uns, um einige Augenblicke auszuruhen.“*. „Ich dante Ihnen,“ ſprach die Unglückliche, denn unglücklich ſchien ſie zu ſein. Plößlich aber ſchien ſie ſich etwas zu erinnern und begann wieder:„Wenn ich jetzt nach Hauſe käme, da die Kirche noch nicht aus⸗ gegangen iſt, ſo könnten ſie meinen, ich hätte ſie wegen Mnpabinuteit verlaſſen, wenn ich euch darum nicht genire!“ „Was geniren!“ rief Henriette,„wenn das der Fall wäre, hätte ich Sie nicht eingeladen.“ Und ſich darauf zu Clara wendend, flüſterte ſie ihr in's Ohr: „Du weißt, wir hatten dieſen Morgen ſo große Eile und darum liegt Alles noch durch einander. Ich will ſchnell vorausgehen, um das Zimmer außuräumen; dann iſt Alles in Ordnung, wenn Du mit ihr kommſt, es ſieht ſonſt ſo ſchlecht aus,“ und ohne Claras Ant⸗ wort abzuwarten, eilte ſie fort. 3 Als Clara mit dem Mädchen in ihre Wohnung kam, war Alles in beſter Ordnung und der ſchöne —— ——ÿ * 297 Servis, der ſonſt auf der Kommode ſtand, war jetzt auf den großen Tiſch geſtellt, während Henriette be⸗ reits Kaffee in Bereitſchaft hatte. Auch war für Ku⸗ chen geſorgt, um den Gaſt gehörig zu empfangen. Den Zeiger des Blatts, das in dem Uhrenkäſtchen be⸗ feſtigt war, hatte Henriette richtig geſtellt, damit ihre Beſucherin meinen ſollte, es ſei ein Uhrwerk in natura in dem Kaſten. Unter dieſen Geſchäften war der Ein⸗ druck, den der Gottesdienſt auf ſie gemacht hatte, etwas als ſie wirklich beſaß. Henrieite fühlte eine innere Freude über das Gelingen ihrer Liſt, denn kaum war das Mädchen in das Zimmer getreten, als ſie einen Blick auf das Uhrenkäſtchen warf und ſagte:„Schon lichem Tone, daß es unmöglich war, ihr es zu ver⸗ ſagen,„und ſind Sie jetzt wieder ganz hergeſtellt?“ „O ja,“ war die Antwort, und mit kaum hör⸗ barer Stimme fügte das Mädchen hinzu:„ich glaube, die Wärme hat mich betäubt.“ „Ich fühlte mich auch nicht wohl, aber um einer ganz andern Urſache willen.“ Und darauf ſich zu Clara wendend, fuhr ſie fort:„Ich habe ihn auch in der Kirche geſehen, Clara, Du weißt wohl, wen ich meine, Kirchenrath, glaube ich; er wird getroffen geweſen ſein, er hat doch mehr Schlechtes gethan, als wir..“ „Aber ich begreife Dich nicht, wen meinſt Du denn, ich habe Niemand geſehen, den ich kannte.“ „Nicht,“ ſagte Henriette und ſich zu ihrer Freundin hinüberbeugend, flüſterte ſie ihr zu:„ich meine den Adam Smith.“ 1 Wie leiſe dies Wort auch geſprochen wurde, ſchien —⁄ 298 es doch die Aufmerkſamkeit des Mädchens zu erregen, deren Namen wir noch nicht genannt, den unſre Leſer aber gewiß ſchon errathen haben. Kaum hatte Henrietie den Namen des Kommiſſionärs genannt, als Nancy Horſt aufſprang, wie von einem elektriſchen Schlag getroffen, und leiſe wiederholte:„Adam Smith! Ja er war da, ich hab' ihn auch geſehen,“ und ein leiſer Schauer ſchien ihre Glieder zu durchrieſeln. „Sie kennen ihn alſo auch, den Adam Smith?“ fragten Henriette und Clara zugleich, das Mädchen verwundert anſehend. „Ja, ich kenne ihn; ach lieber Gott, ja!“ „0, dann begreife ich, warum Sie weinten,“ ließ Henriette ſchnell darauf folgen,„dann weiß ich, warum Sie in der Kirche nicht bleiben konnten.“ „Himmel!“ rief die unglückliche Nancy erſchrocken, „Sie ſollten wiſſen...!“ „Ja, aber weinen Sie doch nicht; der Prediger hat ja geſagt, daß bei Gott Vergebung für alle Sün⸗ dm iſt, nicht wahr, Clara, Du weißt das beſſer, als „Ja, das iſt ſo,“ ſagte Clara,„wenn wir auf⸗ rihtic Reue zeigen und Gott ernſtlich um Vergebung itten. „Aber ich kann es doch nicht begreifen,“ begann Henriette wieder, ihren unbekannten Gaſt mit Aufmerk⸗ famkeit betrachtend,„ich habe Sie nie in der Hand⸗ boogſtraat oder im Enge Kapelſteeg oder auf dem Groeneburgwal oder in dem Klooſter geſehen.“ Verwundert ſah das Mädchen die Sprecherin an. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte ſie,„die Hand⸗ boogſtraat und die Plätze, die Sie mir da nennen, find mir alle nur dem Namen nach bekannt, was ſollte ich da gethan haben?“ „Der Adam Smith kommt aber nur in die Hand⸗ boogſtraat.“. „Nun?2 — 299 „Kennen Sie denn nicht das erſte Haus dort vom Spuri an, ſind Sie nie dort geweſen?“ „Nein,“ antwortete Nancy in einem Tone, der deutlich zeigte, daß ſie eben ſo wenig mit den ſoge⸗ nannten Rendezvoushäuſern bekannt war, als ſie Hen⸗ riette begriff.„Was ſollte ich denn dort gethan haben?“ „O ich dachte nur ſo, weil Sie Adam Smith kennen,“ antwortete Henriette, die nun ſah, daß ſie ſich in dem Mädchen betrogen hatte. Sie veränderte nun auch ſogleich den Ton und gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Als die Muntglocke ein Uhr ſchlug und Henriette, ohne daß das Mädchen es bemerkte, den Zeiger ver⸗ ſchoben hatte, ſtand Nancy auf. „Wir müſſen Freundinnen werden,“ ſagte ſie, da ſte an Clara und Henrietten viel Gefallen fand,„und ihr müßt mir verſprechen, mich am nächſten Sonntage zu beſuchen, in der Woche bin ich zu ſehr beſchäftigt.“ „Sie wohnen in der Norderſtraat, nicht wahr?“ fügte Clara hinzu. 3 „Ja, dicht bei der erſten Querſtraße, in einem Garn⸗ und Leinwandhandel; ich lebe allein mit meinem Großvater und noch ein alter Herr wohnt auch bei uns.“ „Und Ihr Name?“ „Nancy Horſt!“ 3 „Nun dann, Nancy, Sie können darauf rechnen, daß wir Sie beſuchen,“ riefen die Mädchen und küßten Nancy, als ob ſie ſchon ſeit Jahren Freundinnen ge⸗ weſen wären. Kaum war Naney fortgegangen, als Frank und Adolf kamen, die gewohnt waren, Sonntags bei Clara und Henrietten ihr Mittagsmahl zu halten. Frank war — ſehr erfreut darüber, daß Clara und Henriette dieſen Morgen in der Kirche geweſen waren; Adolf aber war ſtumm und in ſich gekehrt und ſo oft ſein Blick den 300 Augen Clara's begegnete, ſeufzte er ſchwer auf, als ob ihn eine unerträgliche Laſt drückte. XXVIII. Deemans Haus. Adolf verließ Nachmittags ſchon die Geſellſchaft; es war früher als gewöhnlich, da er nach ſeinem Vor⸗ geben einige Arbeiten bei ſeinem Patron zu verrichten habe; Frank blieb bei den beiden Mädchen. Adolf ging durch die Kalverſtraat und über den Dam und den Zoutſteeg, der zwiſchen dem Nieuwen⸗ diep und dem Waſſer liegt, rechts über die Graven⸗ ſtraat einwendend, ſchellte er an einem kleinen unan⸗ ſehnlichen Hauſe, das mitten in dem Steeg ſtund. Das Haus war nur ein Fenſter breit, mit einem Glaskaſten verſehen, in welchem verſchiedene Gegenſtände von El⸗ fenbein und Palmholz, wie Spazierſtöcke, Pfeifenröhren u. ſ.w. zum Verkaufe ausgeſtellt waren. Es war Sonntag und deßhalb war der Kaſten theilweiſe mit Kaden bedeckt, ſo daß man wenig oder nichts von den darin befindlichen Gegenſtänden bemerken konnte. Ueber der gläſernen Thüre hing ein großes, viereckiges Brett, welches dem Vorübergehenden anzeigte, daß yier die Wohnung des S. H. Deeman, Elfenbeindrehers war . Als Adolf geſchellt hatte, gaffte ein langes hageres 3 Geſicht mit ungeordnet niederhängenden Haaren durch das Fenſter des Ladens. Schnell verſchwand die Er⸗ ſcheinung wieder, die Thüre wurde geöffnet und Adolf eingelaſſen.. Der Mann, der den ſchwarzen Dolf empfing, war ungefähr fünfzig Jahre alt und ſehr hager von Geſtalt, 6 Gemach, das ſich hinter dem Vorhaus befand, und traf 4 antwortete Deeman in anderem Tone, als er bisher „Geht hinein, Jüngling, in die Verſammlung der fünf Frauen.. gekleidet, obwohl der Schnitt ih 301 obwohl es wahr iſt, daß die engen Hoſen und der ſeſtanſchließende Rock von derſelben Farbe ihn noch ma⸗ gerer erſcheinen ließen, als er wirklich war. Er hatte ein paar große lichtblaue Augen, die er unaufhörlich auf widerliche Weiſe drehte und aufſchlug, während eine kleine ſpitzige Naſe und ein hervorſtechendes Kinn die übrigen Hauptbeſtandtheile ſeines Geſichtes bildeten. „Wo kommt Ihr ſo ſpät her, mein Sohn,“ ſagte der Mann mit zähem Ausdruck der Stimme,„ich hoffe doch nicht, daß Ihr im Rathe der Böſen wandelt, oder Eure Zeit in der Baalskirche zugebracht habt, wo die Wölfe die argloſen Schafe ſuchen abzuleiten von dem ſchmalen Wege, der nach dem himmliſchen Zion führt?“ Ohne auf dieſe ſonderbare Sprache zu antworten, fragte Adolph:„Iſt er zu Hauſe?"?“ „Nein, aber ich erwarte ihn jeden Augenblick,“ geſprochen.„Geht ſo lange hinein, denn Ihr könnt nicht auf die Bühne, er hat den Schlüſſel.“ Dann wieder ſeinen ziehenden Ton anſtimmend, ſagte er: Auserkohrenen, vielleicht dient es zu Eurer Belehrung, wir haben heute Abend einen Prediger, der viel Licht hat.“ Dolf, von Deeman geleitet, trat in das düſtere eine Geſellſchaft, beſtehend aus ſieben Männern und Die Männer waren alle is Apterſchied Iwarz. eider mei ſchon manchen Modewechſel geſehen haben mochte; Alle hat⸗ ten eine bleiche Geſichtsfarbe, mit Ausnahme eines Einzigen, der ein verdächtiges Roth zeigte und deſſen Kopf ſchrecklich geſchwollen war, der auch dadurch noch dicker ausſah, daß ſeine ſehr kurzen Haare ſtraff herab hagen. Die Männer zählten jeder vierzig bis fünfzig ahre. A. — X₰. Rt. Die Frauen trugen dunkelfarbige Kleider, die ſehr einfach verfertigt waren. Unter ihnen zeichnete ſich eine durch ihre ungewöhnliche Größe aus; ſie ſchien die Vornehmſte zu ſein, da ſie das größte Wort führte und jedes ihrer Worte mit ſonderbaren Gebärden be⸗ gleitete. Die Frauen waren weder jung noch ſchön, wenigſtens nach Dolfs Anſicht, der die Damen bei dem ſchwachen Lichte kaum beurtheilen konnte. „Ein Jüngling, der mir in meinen Sachen Hülfe leiſtet,“ ſagte Deeman, Adolf der Geſellſchaft vorſtellend, „denn wenn ich alles allein thun müßte, würde mir Heni Zeit übrig bleiben, für mein geiſtlich Wohl zu orgen.“ „Recht ſo, Bruder Hendrik,“ ſagte der Mann mit dem rothen Geſichte,„um irdiſcher Gaben willen dür⸗ fen wir unſer himmliſch Ziel nicht außer Augen laſſen und ach,“ fügte er mit ſeiner widerlichen Stimme hinzu,„die Verführungen der Welt haben manchen zu Fall gebracht.“ „Recht ſo, Bruder Samuel,“ ſagte die Kleinſte der Frauen, denn der Ausdruck„recht ſo“ ſchien be⸗ ſonders bei dieſer Geſellſchaft in Gebrauch zu ſein. „Recht ſo, Bruder, ſo denk ich auch; ich laſſe varum all' mein Gut durch Bruder Hendrik umtreiben. Ich habe genug zu ſtreiten mit dem Teufel und meinem eigenen Fleiſch, als daß ich mich mit irdiſchen Dingen abgeben könnte.“ 3 „Ja das Fleiſch, das Fleiſch!“ rief die lange Frau, obwohl ſie beſſer gethan hätte, zu rufen:„die/ G„denn das Fleiſch ſtand ihr— wahrlich nicht im Wege,„und dann die Aergerniß, die ich ſo oft vor den Augen habe, die eitle Kleidung,“ und mit einem tiefen Seufzer ſchloß ſie ihre, in ſchlep⸗ pendem Tone geſprochene Rede... „Ihr habt Recht, Schweſter Sara, recht ſo, die Verdorbenheit der Welt nimmt überhand;“ erklärte der rothwangige Prediger,„und wir frommen Seelen, 303 haben viel zu leiden; aber das geſchiehet, weil die Kinder der Finſterniß die Kinder des Lichtes haſſen; doch der Herr kennt ſeine Auserwählten und um un⸗ ſertwillen übt er ſeine Langmuth und es wäre die Stadt längſt das Unterſte zu oberſt gekehrt, mit Schwe⸗ fel und Pech verwüſtet wie Sodom und Gomorrha, welches geſchont worden wäre, wenn die Zahl der Auserkohrenen ſich nicht auf Loth und ſeine Familie beſchränkt hätte.“ Darauf erzählte er den Männern die ſonderbare Art ſeiner Bekehrung und ein paar Frauen unterhielten die Geſellſchaft mit den wunderbaren Nachtgeſichten, Er⸗ ſcheinungen und Offenbarungen, welche ihnen gewor⸗ den waren. Die Erzählungen laſſen wir aber hier aus, um nicht die gottesläſterliche Sprache niederſchrei⸗ ben zu müſſen, welche aus dem Munde dieſer gottloſen Leute floß, die ſich in dem Hauſe Deemans verſammelt hatten und deren Verſammlung den Namen oefe⸗ ning⁵²) hatte. Dergleichen Stunden werden vielfach in Amſterdam gehalten. Die Anweſenden find mei⸗ ſtens Menſchen, die früher ein beklagenswürdiges, ja oft ſchändliches Leben geführt und bei zunehmenden Jahren, wenn ſie aller irdiſchen Vergnügungen ſatt ſind, ein ſogenanntes frommes und bekehrtes Leben beginnen, verſchroben in Allem, was ſie thun, ſich von Gott auf außergewöhnliche Weiſe zur Seligkeit aus⸗ erkohren wähnen und jeden verfluchen und verurthei⸗ len, der nicht mit ihnen übereinſtimmt. Weiter über die Stunden uns auszulaſſen, liegt nicht in unſerer Abſicht. Wir fahren daher lieber in unſerer Erzäh⸗ lung fort. Bruder Samuel, der Stundenhalter, ſtand auf und hielt ein langes Gebet, in welchem er ſich allerlei ſonderbarer und ungereimter Ausdrücke bediente, wäh⸗ 5) Der techniſche Ausdruck für dieſe Pietiſtenverſamm⸗ lungen iſt in Suͤddeutſchland: Stunde. rend er nicht verſäumte, ſeine Worte mit einer Menge fremdartiger Gebärden zu begleiten. Als er das Gebet geendigt hatte, wurde von der Verſammlung ein Pſalm geſungen, nach der Reimung von Datheen, welche Reimerei, wie ſchlecht ſie auch iſt, von den ſogenannten Frommen weit über die der ſpäteren Zeit geſetzt wird. Bruder Samuel begann jetzt eine Art von Pre⸗ digt, eine Ineinanderſchachtelung von Bibelſtellen, ohne Ordnung und Zuſammenhang, die von keinem ſeiner Hörer oder Hörerinnen und vielleicht nicht einmal von ihm ſelbſt verſtanden oder begriffen wurde, die aber Alle mit Andacht anhörten, ausgenommen die lange Shmeft Sara, deren Blicke unausgeſetzt auf Adolf ruhten. * Dieſer hatte in einer Ecke des Zimmers Platz genommen und beobachtete die Geſichtszüge der ver⸗ ſammelten Frommen, ſo daß er bald bemerkt hatte, daß die lange Schweſter Sara ihn zum Vorwurf ihrer Betrachtung erwählt zu haben ſchien und daß Bruder Samuel, ſo oft er von Verworfenen, von Söhnen, des Verderbens und Dienern des Baal ſprach, ausſchließ⸗ lich auf ihn ſeine Blicke richtete. 8 Dieß verdroß endlich den ſchwarzen Dolf, der zuletzt eine Zigarre anzündete und ruhig, als ob nie⸗ mand im Zimmer wäre, mit ſeinen Fingern auf der Lehne ſeines Stuhles einen Marſch zu trommeln be⸗ gann. Dieß unflrobietige Betragen erregte den allge⸗ meinen Unwillen der Verſammlung und Bruder Sa⸗ muel ſagte mit donnernder Stimme:„Entfernt Euch augenblicklich von hier, Kind des Satans, das hierher gekommen iſt, um Unkraut zu ſäen zwiſchen die gute Garbe; Ihr ſeid ein Aergerniß, ein Stein des Anſto⸗ ßes in den Augen der Kinder Zions, die einſt wandeln werden in langen weißen Kleidern mit Palmen in der Hand, während Ihr brennen ſollt im ewigen Feuer!“ Adolf beantwortete den Ausfall mit lautem Ge⸗ lächter, wodurch der Prediger ſo ärgerlich wurde, daß er unter dem Gemurmel einiger Worte, von denen man nur Daniel und der Drache verſtand, die kleine Bibel in die Höhe hob und das Buch heftig auf Adolf warf, der, ohne ſein Lachen zu unterdrücken, ſie auffing und mit ſolcher Kraft zurückſchleuderte, daß ſie mit der Bruſt des Bruder Samuel in gar unſanfte Berührung kam. Da keyhrte ſich deſſen Zorn gegen Deeman und auf höchſt unfromme und unchriſtliche Weiſe wurde der Elfenbeindreher von dem Bruder Samuel geſcholten. Darauf begab ſich Deeman in die Ecke, wo ſich Adolf geſetzt hatte, und ſagte zu dieſem: „Wie dürft Ihr Euch vermeſſen, den Frommen zum Aergerniß zu ſein, Ihr Philiſter in Iſrael? Hört auf die Worte des frommen Mannes, auf daß Ihr Euch bekehren möchtet um einſt der Gnade theilhaftig und gleich, wie wir, zu ſein.“ „Ihr ſeid ein Spitzbube und der Bruder Samuel, oder wie er heißen mag, iſt ein Trunkenbold.“ „Still, ſtill, Dolf, beſter Junge, Ihr wißt wohl, daß ich nicht meine, was ich ſage,“ flüſterte Deeman ihm zu, fürchtend, Adolfs Worte möchten gehört wer⸗ den, und wahrſcheinlich hätte dieſer noch mehr geſagt, wenn die Hausglocke nicht in dieſem Augenblick ge⸗ ſchellthätte, worauf Deeman das Zimmer verließ und bald zurückkommend, Adolf auf die Seite nahm und ihm geheimnißvoll ſagte:„Er iſt da, geht nur auf die Bühne.“ Adolf verließ augenblicklich das Zimmer und ſtieg, da er ſehr gut in Deemans Hauſe bekannt war, eine dunkle Treppe hinauf, die ſich in einer Ecke des Ladens befand und auf die Bühne führte. Dort angekommen, fand er Vater Bram, der nach ſeiner Gewohnheit Sonntags beſonders ſchön herausgeputzt war. Ein langer blautuchener Rock, der urſprünglich für einen Amſterdams Geheimniſſe. Il. 20 306 Rieſen gemacht zu ſein ſchien, bedeckte beinahe ſeinen ganzen Körper und ein entſetzlich großer und hoher Hut machte ſeine gemeinen Geſichtszüge noch gemeiner, als ſie wirklich waren. Fügt man zu dem Allem noch eine ſchwere goldene Uhr mit Kette und Schlüſſel, eine goldne Nadel mit gelbem Stein und ein geſtreiftes Halstuch, das zwei hohe Säume ſtehen machten und einen breiten Ring an dem Finger, ſo wird man ſich ein deutliches Bild ſich von dem Feſtgewande Vater Brams machen können. „So, Dolſchen, mein Junge, Ihr ſeid vor mir gekommen,“ ſagte er, Adolf freundlich auf die Schul⸗ ter klopfend,„und habt Euch bei den Betſchweſtern aufgehalten?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, begann er herzlich über ſeinen eignen Witz zu lachen. „Ja, ſie mögen ſagen, was ſie wollen;“ fuhr er fort,„aber der Hein iſt ein Spitzbube, der weiß, wo er zu ſtehen hat; er ſpielt den Frommen, betet und fingt und lamentirt den ganzen Tag. Er iſt Bruder Hendrik hinten und vorne und die frommen Schwe⸗ ſtern geben ihm ihr Geld in Verwahrung und dann iſt er ſo fromm und hält Stunden, damit Niemand Etwas hinter ihm ſuchen ſoll.“ So ſprechend, hatte er ſeinen Rock ausgezogen, an einen Nagel aufgehängt und ſeinen Kopf des ſchrecklichen Schmuckes beraubt. Nachdem dieß gethan war, ſchloß er die Bühnenthüre ſorgfältig zu. Die Bühne war, obgleich ſie über das ganze Haus lief, ſehr klein und ſchmal, da ſich noch ein Boden . darauf befand. Vorne und hinten an der Bühne waren zwei Fen⸗ ſter; das vordere ging auf die Straße und das hintere auf den Hof eines Waarenlagers auf dem Waſſer. Nächſt dem vorderen Fenſter ſtand eine kleine Drehbank, wie ſie die Dreher brauchen, während die Wand mit allerlei Arten von Meißeln und andern Werkzeugen behangen war. Y — 307 Sobald die Bühnenthüre geſchloſſen war, öffnete Vater Bram das hintere Fenſter und aus einer Kiſte eine Strickleiter herausholend, hing er dieſelbe zum Fenſter hinaus, ſo daß der unterſte Theil der Leiter auf den genannten Hof herabhing. „Ein kluger General,“ ſagte er,„muß immer auf Ueberrumpelung gefaßt ſein und ſeine Maßregeln neh⸗ men, ehe der Feind da iſt; was ſagt Ihr davon, Dolf?“ „Ich ſage, ich wünſchte lieber, ſolche Sachen zu thun, daß wir nicht nöthig hätten, uns vor Ueber⸗ rumpelung zu fürchten,“ antwortete dieſer. „Ihr ſeid ſeit einiger Zeit ganz verändert,“ ſprach Bram, während er einen Laden vor das Fenſter ſetzte, damit man von der Straße das Licht auf der Bühne nicht bemerke,„und um Euch die Wahrheit zu ſagen, früher habt Ihr mir beſſer gefallen als jetzt.“ „Das kann wohl ſein,“ ſprach Adolf,„früher ſah ich nichts Schlechtes in dem, was ich that, aber jetzt, das iſt der Grund meiner Veränderung.“ „Ich glaube wahrhaftig, die Stunde von Deeman hat Euch fromm gemacht,“ begann Bram wieder,„we⸗ nigſtens habe ich früher nie ſolch närriſches Geſchwätz von Euch gehört.“ Darauf legte Bram ein großes dickes Kartenpa⸗ pier unter die Drehbank und eine Leiter hinaufſteigend, die ihn auf den Boden brachte, verſchwand er für einige Augenblicke aus dem Geſichte des jungen Mannes. Adolf hörte ein Geräuſch, als ob Jemand beſchäf⸗ tigt wäre, Torf aufzubeugen, und wenige Augenblicke darauf ſtieg Bram mit einer blechenen Trommel unter dem Arm die Treppe wieder herab. Er öffnete die Trommel und holte eine alte wol⸗ lene Decke heraus, welche er auf einem Brette aus⸗ breitete; und darauf die Trommel umkehrend, rollten, ohne das mindeſte Geräuſch, eine Anzahl grober Sil⸗ berſtücke auf die Decke.— Darauf wendete er ſich zu Dolf, der mit über⸗ einandergeſchlagenen Armen ein ſprachloſer Zuſchauer Alles deſſen war, was der Einäugige that und ſagte: „Nun wollen wir einmal abrechnen, mein Junge, doch vas Geld auf die Decke, damit Niemand es hören kann und laßt uns nun einmal ſeben.“ Dolf holte ein kleines Geldſäckchen, das er in ſei⸗ nem Hute verborgen hatte, und ſtreute den Inhalt auf die Decke aus. „Ihr gabt mir geſtern dreizehn Seelander und elf Dreiguldenſtücke, die Frank und ich an den Mann ge⸗ bracht haben, das iſt für uns drei Gulden zwölf Stü⸗ ber; wir haben einen Theil des Geildes eingewechſelt und grobes Geld dafür bekommen, worunter fünf gut geränderte Seelander und zwei Dreiguldenſtücke, das iſt zwei Gulden vier Stüber; Frank hat geſtern die goldene Schnupſtabaksdoſe verpfändet für achtzig Gul⸗ den, allein nur ſieben brauchbare Seelander, vier holländiſche Reichsthaler und ſechs Dreiguldenſtücke be⸗ kommen, das iſt für uns zwei Gulden und elf Stüber, während ich mit der goldenen Kette, die ich für acht⸗ undvierzig Gulden verpfändete, unglücklicher geweſen bin, da man mich beinahe ganz in neuem Gelde be⸗ zahlte und nur zwei Reichsthaler dabei ſind, die Ihr brauchen könnet: deßhalb empfange ich von Euch für das, was Frank und ich gethan haben, fünf Gulden und acht Stüber ⁵).“ 6) Vielleicht wundern ſich unſere Leſer, daß Adolf und Frank ſo viel verdienen konnten, indem ſie beſchnit⸗ tenes Geld in umlauf brachten und ſich unbeſchnit⸗ tenes verſchafften. Uns iſt aus authentiſcher Quelle verſichert worden, daß dieſe Geldbeſchneider für ungefähr vierzehn Stüber Silber von einem gut gerändekten Dreiguldenſtück abzudrechſeln wiſ⸗ ſen, neun bis zehn Stuͤber von jedem unbeſchnit⸗ tenen Seeländer und ſo proportionirt bei kleinerer Münze. 3 309 „Und dann muß ich Euch noch Euer Wochengeld bezahlen, das iſt vier Gulden, mein Freund, und dies braucht⸗Ihr nicht mit Frank zu theilen, da Ihr es für Euch ſelbſt verdient, weil, Ihr mir und Deeman be⸗ hülflich ſeid, das macht zuſammen neun Gulden acht Stüber.“ Bram bezahlte Adolf das Geld, welches dieſer ohne Dank annahm. „Es wundert mich,“ fuhr Bram fort,„daß Ihr den Frank nie mitbringt, da könnte er auch noch Geld verdienen wie Ihr, denn wir könnten noch ſehr gut eine Perſon brauchen, und es paßt auch nicht Jeder, wie Ihr wißt. Wir müſſen Jemand haben, dem wir vertrauen können und von dem wir wiſſen, daß er uns nicht verräth, Jemand wie Ihr ſeid, beſter Junge, und wenn Ihr uns den Frank bringt, kann er ebenſoviel Geld verdienen wie Ihr, denn ich weiß, daß Ihr uns Niemand bringen werdet, dem wir nicht vertrauen können.“ „Frank wird nie hieherkommen,“ rief Adolf ſtolz, „ſo lange ich es verhindern kann, darf er nie dieſes Haus betreten oder mit Euch und Deeman bekannt werden.“ „Und warum das?“ „Warum?“ wiederholte Adolf,„weil ich nicht will, daß er ebenſo ſchuldig werde wie wir ſind und nicht einſt, wenn wir entdeckt werden, als Mitſchuldiger unſere Strafe theile. Er iſt mein Freund, ein Junge, der beſſer iſt als ich und Ihr und der Heuchler Deeman, und darum will ich ſein Verderben nicht. Werden wir entdeckt, nun dann kommt alle Schuld auf mich, denn unwiſſend hat er Verbrechen begangen und wird deß⸗ halb nicht ſtrafbar ſein.“ Und zu ſich ſelbſt leiſe ſpre⸗ chend, fügte er hinzu:„Sollte ich Clara's Bruder un⸗ glücklich machen?“ „Ihr ſchwatzt da wie ein Thor,“ rief Bram,„ent⸗ decken, ſagt Ihr, als ob wir Kinder wären und das nur ſo leicht wäre, neun Jahre lang habe ich es ge⸗ than und noch nie hat ein Hahn darnach gekräht.“ „Das beweist nicht, daß Ihr es noch neun Jahre thut, ohne ertappt zu werden.“ „Was ſprecht Ihr da von neun Jahren,“ ſagte Vater Bram zu ſich,„in neun Wochen hoffe ich, wenn Alles glückt, ſchon ſerne von hier zu ſein, um als ein alter Soldat auf meinen Lorbeern zu ruhen.“ Bram, der jedes Geldſtück, das Dolf als brauch⸗ bar angegeben, aufmerkſam betrachtete und zur Seite legte, that dies nun auch mit den Stücken, die er von dem Boden in der blechernen Trommel geholt hatte. Darauf ſchraubte er zwölf der brauchbarſten Münzen auf die Drehbank und dann einen ausnehmend ſchar⸗ fen Meiſel nehmend, ſetzte er die Drehbank in Bewe⸗ gung. In wenigen Augenblicken fiel der Rand der Geldſtücke auf das Kartenpapier, das unter der Dreh⸗ bank lag, und nicht allein der Rand, ſondern auch ein nicht kleiner Theil der Stücke ſelbſt. Dies Kunſtſtück wiederholte er mehre Male; ſobald die Geldſtücke von der Drehbank geſchraubt wurden, kamen ſie in Adolfs Hände, deſſen Geſchäft es war, den ſcharfen Rand, den ſie durch dies Kunſtſtück oder lieber die Beſchneidung bekommen hatten, gleich zu ſchleifen, eine Arbeit, die ſehr viel Zeit und Mühe koſtete, ſo daß, als Bram keine Stücke mehr zu beſchneiden hatte, er Adolf in ſeiner Arbeit beiſtund. Ehe er ſich aber damit abgab, nahm er ſo vor⸗ ſichtig als möglich das Kartenpapier unter der Bank weg und warf das ſich darauf befindende Silber in eine blecherne Doſe, welche er in den Sack ſeines Rockes ſteckte, und darauf ließ er mehrmals eine Queckfilber⸗ balle über den Boden unter der Drehhank laufen, um die Silberſchnipfel, die zwiſchen die Ritzen der Dielen gefallen ſein möchten, zu bekommen und auf dieſe Weiſe jede Spur der Arbeit verſchwinden zu machen. Während Bram beſchäftigt war, Adolf zu helfen, 311 wurde leiſe an die Thüre geklopft und die wohlbekannte Stimme Deemans bat um Einlaß. „Sie ſind fort,“ ſagte Deeman, während er her⸗ eintrat, und darauf ſich an Adolf wendend, ſprach er alſo zu demſelben:„Ihr habt mich da recht in die Klemme gebracht durch das unſchickliche Betragen in der Stunde, Ihr könnet ſicher ſein, daß ich Euch nie wie⸗ der in die fromme Verſammlung laſſe.“ „Ich hoffe auch, nicht mehr dahinzukommen,“ ſagte Adolf,„und Ihr könnet froh ſein, daß ich in guter Laune war, ſonſt hätte ich dem Bruder Samuel ſein Schimpfen und Schelten gegen mich auf einmal auf fühlbare Weiſe abgelehrt.“ „Der Himmel bewahre uns!“ rief Deeman mit großer Verwunderung,„Ihr ſolltet es wagen dürfen, Tuke unreinen Hände an eine heilige auserkohrne Sache zu legen! „Was heilige,“ rief Adolf ärgerlich,„der Stun⸗ denhalter, mit all' ſeinen ſchönen Worten und langen Gebeten ſt ebenſo gut ein Spitzbube als Ihr, und das wißt Ihr ſo gut als ich! Seht, ich verſtehe wenig vom Gottesdienſt, aber ſoviel weiß ich doch, daß Ihr und alle Eure Betbrüder und Schweſtern keine fromme und gottesfürchtige Leute ſind. Ich habe einen braven Mann gekannt, er hieß van Dam, Ihr werdet Euch noch wohl erinnern, Bram, derſelbe, der mir half, als de Slimmert und de Gaauwert ſeine Uhr geſtohlen hatten und das Volk mich mißhandeln wollte, dieſer Mann raste und tobte nie, ſchnitt auch nie ſolch' eckel⸗ hafte Geſichter wie Ihr, er ſprach auch nie durch die Naſe wie Ihr und Euer Völkchen thut, wenn ihr in der Bibel leſet, und doch war er allein beſſer als Ihr und alle Betſchweſtern und Brüder zuſammen; er war heiter und ſah gerne heitre Menſchen um ſich; er ver⸗ urtheilte nicht und ſchalt Niemand einen Verworfenen, weil er neumodiſch gekleidet oder ein fröhliches Geſicht zeigte, und dann betete er ſehr kurz und was er betete, ich erinnere mich es noch ſehr gut, rührte mich immer mehr als die Poſſenreißerei Eurer Freunde, die Alle Heuchler und Betrüger und nichts Anderes ſind. Da⸗ rum kommt mir nicht mehr mit ihnen oder ihrer Fröm⸗ migkeit, das iſt bei mir nur beſchnitten Geld und keine gangbare Münze.“ „Aber wer ſagt Euch, daß meine Freunde Heuch⸗ ler und Betrüger ſind?“ fragte Deeman, während Vater Bram nicht wenig ſich an dem Streite beluſtigte. „Wie der Wirth, ſo die Gäſte,“ ſagte Dolf. „Alſo haltet Ihr mich für einen Betrüger?“ „Wofür ſoll ich denn einen Geldbeſchneider hal⸗ ten?“ rief Dolf.„Ich bin Euer Mitſchuldiger und darum ein eben ſo großer Betrüger als ihr beide, aber ich bin nicht ſo thöricht, mich für einen ehrlichen Mann zu halten; es thut mir leid, daß ich es nicht bin und darum werde ich Sorge tragen, daß mir Frank nie gleich werde.“ „Aber Geld beſchneiden iſt doch wahrlich nicht be⸗ trogen,“ vertheidigte Deeman,„das iſt eine unſchul⸗ dige Sache, die niemand Nachtheil bringt, wer leidet den Schaden, wenn wir die Geldſtücke etwas leichter und kleiner machen, ein Seethaler bleibt ein Seethaler, und er ſei beſchnitten oder nicht, immer zweiundfünfzig Stüber.“ „Warum hat aber das Recht eine Strafe auf das Geldbeſchneiden geſetzt?“ „Die menſchlichen Richter haben das gethan,“ ſagte Deeman,„aber beweist mir aus der Bibel, daß das Geldbeſchneiden verboten iſt.“ „Wir erweiſen der Menſchheit einen großen Dienſt damit,“ ſagte Bram lachend,„indem wir die großen, ſchweren Stücke etwas kleiner, niedlicher machen; die Taſchen bekommen nun weniger Löcher, wenn man viel darin hat.“ Während dieſer Zeit hatten die Hände des Klee⸗ blattes nicht geruht. Deeman hatte die von Bram be⸗ 313 ſchnittenen Geldſtücke, nachdem Dolf die ſcharfen Kan⸗ ten abgeſchliffen, wieder zwiſchen die Schrauben der Drehbank geſteckt, und darauf ein Werkzeug genommen, das einige Aehnlichkeit mit einem Sporn hatte, nur daß das Rädchen viel dicker war und indem er es feſt gegen die Kanten drückte, während er die Drehbank in Bewegung ſetzte, machte er einen neuen Rand um das beſchnittene Geld, welchen Rand Dolf und Bram wie⸗ der mit einem gewiſſen Fett einſchmierten, um ihm den Glanz der Neuheit zu nehmen. 3 Nachdem dieß Alles gethan, empfing Adolf wieder eine anſehnliche Zahl beſchnittene neu geränderte Geld⸗ ſtücke, um mit einem Theil derſelben die verpfändeten Gegenſtände auszulöſchen, und das Uebrige für kleines Geld oder unbeſchnittene Münze auszuwechſeln. Als Adolf die Wohnung des Drechsler Deeman verlaſſen wollte, ſagte ihm der Heuchler: „Ihr wißt die Lauriergracht?“ Adolf bejahte. „So begebt Euch morgen Abend nach der Laurier⸗ gracht, in das Zimmer oben Nro.** und wenn mich nicht Alles betrügt, müßt Ihr dort Euer Glück machen.“ „Auf welche Weiſe?“ fragte Adolf. „Das kann ich Euch nicht ſagen, aber ſo viel iſt gewiß, daß Ihr da vielleicht Euer Glück machen könnt, auf eine Art, daß Euch kein Richter ſtrafen kann. Doch Ihr müßt wiſſen, was Ihr thut, Adolf, ich will Euch nicht dazu verleiten und ſage Euch nur, was mir ge⸗ ſagt worden iſt.“ 4 „Und von wem?“ „Das werdet Ihr vernehmen, wenn Ihr hingeht, dofß Ihr mögt thun, was Ihr wollt, mir iſt es gleich⸗ gültig.“ XXIX. Die Anklage. Die Worte, welche Nancy Horſt in der Kirche gehört, hatten tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Sie hatte von ihrem Vater eine ſtrenge und zugleich got⸗ tesfürchtige Erziehung genoſſen, und die Früchte dieſer Erziehung waren ein chriſtlicher Glaube und ein un⸗ nandeihärts Vertrauen in das, was die Bibel ſie ehrte. Daß Nancy Horſt von der Verzweiflung getr ie⸗ ben, ihre Zuflucht zu Adam Smith nahm, obgleich ſie wußte, was ſie von dieſem zu fürchten hatte und daß ſie, von dem Wein betäubt, von der Angſt verführt, in die wollüſtigen Arme des Heuchlers ſank, iſt unſern Leſern bekannt. Dieſer Vorfall mußte in dem Innern des Mäd⸗ chens, das ſo keuſch und ehrbar erzogen war, wie un⸗ ſere Nancy, eine heftige Unruhe erwecken. Beinahe jeden Augenblick klagte ſie ihr Gewiſſen an, und ob⸗ wohl dieſe Sünde mit entſchuldigenden Umſtänden ver⸗ knüpft war, konnten dieſe doch nicht die Stimme des zarten Mädchengewiſſens zum Schweigen bringen, doch als nach Verlauf von einiger Zeit ein banges Vorge⸗ fühl ihr ſagte, daß ſie Mutter werden ſollte, ſtieg ihre Angſt auf den höchſten Punkt.. Seit wie lang hatte ſie nicht mehr gebetet! und doch ſchien der Himmel ſie zu ſegnen, ihr kleiner Han⸗ del befand ſich in einem blühenden Zuſtande, ihr Groß⸗ vater genoß die beſte Geſundheit und der Herr Steen⸗ man verzehrte in ihrem Hauſe einen Gulden wöchent⸗ lich mehr als in ſeinem vorigen Koſthauſe.. Von Albert Droſt hatte ſie aber in zwei Monaten nichts erfahren und nur mit einem innern bangen Ge⸗ 315 fühl dachte ſie an den Maler. Nancy, wiewohl ſie ſich als eine große, vielleicht die größte Sünderin betrach⸗ tete, blieb doch bei ihrer Gewohnheit, Sonntags die Kirche zu beſuchen und ſo geſchah es denn auch, daß Clara und Henriette ſie in der Nieuwe Kerk antrafen. Wie dem Leſer bereits bekannt, war gerade eine große Feierlichkeit, nämlich die Austheilung des heiligen Abendmahls und Nanecy erinnerte ſich, wie oft ſie Ge⸗ noſſin dieſer Feſtlichkeit war, als ſie noch kein Vergehen beunruhigte. Dieß rief ſchon die Thränen in ihre Augen, doch als der Lehrer der Gemeinde zum Abendmahle einlud und ſie ſich unwürdig fühlte, an den Tiſch zu ſitzen und noch mehr, als der Prediger die große Undankbar⸗ keit der Geſchöpfe gegen den Schöpfer ſchilderte, da bemächtigte ſich ihrer eine Ohnmacht und gewiß wäre ſie, ohne die zeitige Hülfe Clarg's und Henriettens, bewußtlos von ihrem Sitze gefallen. Doch ehe dieß ge⸗ ſchah, hatte ſie etwas geſehen, was ihr wieder Muth und Hoffnung gab. Sie war nämlich Augenzeuge ge⸗ weſen, wie Adam Smith mit einem Geſichte, auf wel⸗ chem hoher Ernſt und Gottesfurcht zu leſen geweſen, an dem Altar Platz genommen und das Abendmahl genoſſen, deſſen Segen nur dem zu Theil wird, der mit wahrhafter Reue über ſeine Sünden ſeinen Lebens⸗ wandel beſſern will. Sie hatte geſehen, daß bei der Zuſprache des Lehrers die Augen Adam Smiths voll Thränen ſtanden, und er tief ergriffen den Altar ver⸗ ließ und in ſeiner Bank mit aufgeſchlagenen Augen und heſaſteten Händen Gott für den Genuß ſeiner Gnade ankte. Daß der Menſch ſo heucheln könne, ahnte das argloſe Herz des Mädchens nicht. Nancy war weit entfernt, Adam Smith zu lieben, aber ſeit ſie über⸗ zeugt war, Mutter eines Kindes zu werden, das ihn zum Vater hatte, hielt ſie es für ihre Pflicht, den Mann zu lieben und Alles anzuwenden, was ſie vermochte, um durch eine Verbindung, durch das Band der Ehe mit ihm die begangene Sünde auszutilgen. Daß Adam Smith jetzt, nun ſie ihn in der Kirche geſehen hatte und Augenzeuge geweſen war, wie er an jener Feier Theil genommen hatte, ſo andächtig als ſie, litt bei ihr keinen Zweifel, und das arme Mädchen ſchrieb es allein der falſchen Scham Smiths zu, daß er ſich nicht ſchon zu ihr mit einem Heirathsantrag verfügt hatte. Sie faßte darum den Entſchluß, den Kommiſſionär zu der Stunde, in welcher ſie verſichert war, ihn allein zu treffen, zu beſuchen. Wir finden ſie ſchon auf dem Wege in die Wohnung des Mannes, deſſen Charakter von dem Opfer ſeiner niedrigen Lei⸗ denſchaften ſo falſch beurtheilt wird. Es war der Tag, nachdem ſie mit Henriette und Clara Bekanntſchaft gemacht hatte, alſo Montag, den Nancy zur Ausführung ihres Planes beſtimmt hatte. Es war Abend und ſtürmiſches Wetter; der Regen fiel praſſelnd aus dem dunkeln Himmel, an dem kein ein⸗ ziger Stern zu ſehen war; der Wind trieb die Stra⸗ henlaternen ſo heftig herüber und hinüber, daß ſie ein ächzendes Geräuſch hören ließen, als ſchwebten unheil⸗ verkündende Stimmen über Nancy in der Luft. Sie ſelbſt hatte eine nicht geringe Veränderung erlitten und gewiß würde der Leſer, der ſie, als wir ihn das erſtemal mit ihr bekannt machten, in dieſem Augenblick ſah, als an einer Unbekannten vorüber ge⸗ gangen ſein. Die ſonſt ſo ſchöne und friſche Farbe der Geſund⸗ heit war von ihren Wangen verſchwunden und hatte einer fahlen Bläſſe Platz gemacht, die Frucht der See⸗ lenleiden. Von dem fröhlichen Lächeln, das ſonſt ihren Mund umſpielte, war keine Spur mehr übrig; es war, als ob die zuſammengedrückten blauen Lippen nimmer hätten lächeln können, nimmer zum Küſſen gereizt hät⸗ ten. Ihre Augen, aus denen ſonſt Leben und eine lie⸗ benswürdige Schalkhaftigkeit lachten, ſtanden jetzt tief 317 und matt, ja es ſchien, als ob mit dem Verſchwinden der Röthe ihrer Wangen und der Vermiſchung ihres Lächelns die Augen noch tiefer unter die Stirne ge⸗ ſunken wären und auch der Stirne mangelte ihr ſon⸗ ſtiger Glanz. Dies Alles war dem innern Kampfe unterlegen. Ja, Nancy hatte einen ſchweren Kampf gekämpft, ei⸗ nen Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht. Es hatte ſie viel Mühe gekoſtet, den wichtigen Schritt zu thun, um eine Heirath zwiſchen ihr und dem Vater des Kindes, das unter ihrem Herzen ruhte, zu Stande zu bringen; denn ſo oft ſie ſich dieß vornahm, hatte ſich Albert Droſt gleichſam zwiſchen ſie und den alten Smith geſtellt. Doch es war nicht die Geſtalt des fröhlichen, lebens⸗ luſtigen Jünglings, es war nur der blaſſe Schatten des Gefangenen von Hoorn, das ſchreckliche Geſicht des Straßenräubers; gewiß wäre der Kampf noch ſchwerer geweſen, wenn ihn nicht ein Umſtand erleichtert hätte. Nancy hatte ſeit dem ſchrecklichen Abend, an welchem ſie ihren Geliebten als einen Straßenräuber hatte ken⸗ nen lernen, den Maler nicht wiedergeſehen; und ſeine Abweſenheit trug viel dazu bei, die Hoffnung, die das Mädchen nährte, einſt die Gattin Albert Droſts zu wer⸗ den, den ſie trotz ſeiner Geſunkenheit noch liebte, auf einmal zu vernichten. Es war nahe an neun Uhr, als Nancy Horſt an das Komptoir von Remmers und Comp. kam. Der Tritt des ſchuldloſen Kindes iſt ſchnell, wie der Zephyr, der durch die Blätter ſpielt: ſchwer aber ſind die Tritte der bedrückten und ſchwermüthigen Sünderin. Alsbald wurde die Thüre geöffnet und Adam Smith war nicht wenig verwundert, Nancy vor ſich zu ſehen. Er bat ſie, einzutreten, und als er den Deckel der Lampe auf dem Schreibpulte wegnahm, um das Komptoir etwas zu erhellen, trat er unwillkührlich zurück, als er ſah, wie die Blume, die er gepflückt, gewelkt war. „Nancy,“ ſagte er und wiederholte den Namen 318 öfters, wie um ſich zu überzeugen, ob es die Enkelin des Kupferſtechers ſei, welche er vor ſich ſah,„Nancy, was führt Sie noch ſo ſpät hieher?“ Es lag nichts Herzliches in dem Tone, in welchem er dieß ſagte und der kalte, gleichgültige Blick, mit welchem er ſie anſah, nahm ihr beinahe den Muth. „Haben Sie mir Etwas zu ſagen, ſo beeilen Sie ſich ein wenig,“ ſagte er, als er ſah, daß Nancy ſchwieg. Er würde nicht ſo geſprochen haben, wenn die Enkelin Jacob Horft's noch die liebliche, geſunde Röthe, die glänzenden Augen, die rothen Lippen, mit einem Worte, wenn ſie noch all' die Schönheit beſeſſen hätte, die einſt ihr einziger und zugleich beſter Schmuck geweſen. „Sie find geſtern in der Kirche geweſen“ ſagte ſie endlich, ohne ihre Augen zu Adam Smith erheben zu können,„ich habe Sie dort geſehen.“ „Das iſt gerade kein ſo großes Wunder, ich komme jeden Sonntag Morgens und Abends dorthin, das iſt nicht mehr als Pflicht, und es freut mich, daß Sie auch dort geweſen ſind, ich ſehe es gerne, daß ein Mädchen in die Kirche geht, das iſt ihr wohl anſtändig!“ Es lag wenig Ermuthigendes in dieſen Worten für die arme Nancy, und doch fühlte ſie ſich durch die Zuſprache etwas erleichtert und wagte es offen weiter zu ſprechen: „Ich ſah, daß die Worte des Geiſtlichen Sie be⸗ wegten, ich ſah Thränen aus Ihren Augen ſtürzen, als Sie an dem Tiſch des Mahles ſaßen, und dies Alles überzeugt mich, daß Sie Reue über eine Sünde füh⸗ len, wie ich ſie fühle.“ Adam Smith ſah das Mädchen verwundert an und agte: „Aber was wollen Sie denn? Brauchen Sie Geld, ſo wenden Sie ſich an einen Andern, ich kann nichts für Sie thun.“ „Geld, nein,“ antwortete ſie,„Geld habe ich nicht von Ihnen nöthig, aber ich begehre Ruhe für mein 319 Gemüth, Friede mit Gott und mit mir ſelbſt, und dieß Alles können Sie nur geben und müſſen Sie mir geben, davon bin ich überzeugt, denn auch Sie ver⸗ langen gewiß, ebenſo feurig, als ich, daß die Sünde, die wir begangen, getilgt werde und wir Vergebung erhalten. Ich weiß wohl, mein Herr, daß der Schritt, den ich thue, von der Welt als unſchicklich beurtheilt wird, aber was kümmert mich die Welt, was ſollten wir nach dem Urtheil der Menſchen fragen, wenn es unſere Ruhe, unſere Seligkeit gilt. Daß Sie, wie ich, Ihre Sünde bereuen,“ fuhr Nancy feurig fort,„hat mir Ihr Betragen in der Kirche gezeigt, wäre es nicht ſo, dann würden Sie nicht an dem Tiſche des Herrn Platz genommen haben, wo es nur den Reuigen zu ſitzen vergönnt iſt.“ „Aber was wollen Sie den eigentlich?“ frug Adam Smith, der ungeduldig durch das Komptoir ſchritt, „haben Sie geſündigt, ſo bekehren Sie ſich und ſeien Sie glücklich, aber laſſen Sie mich aus dem Spiel, glauben Sie, daß ich alt und geſcheut genug bin, um für mich ſelbſt zu ſorgen.“ „Was ich will,“ ſagte Nancy, die Frage Smiths wiederholend,„was ich will.. wie können Sie das fragen? Sie erinnern ſich noch des ſchrecklichen Abends, als ich mich bei Ihnen befand, um Sie um einiges Geld zu bitten, als Sie mich Wein trinken ließen, der mich betäubte, und als wir beide gegen Gott ſün⸗ digten?“— Der Graukopf betrachtete Nancy mit verwunder⸗ ten Blicken und zuckte mit den Achſeln, als begriffe er durchaus nicht, was ſie ſagte. „Sie erinnern ſich alſo nicht, Herr Smith!“ rief ſie, während ihre Stimme vor Angſt bebte, Sie er⸗ innern ſich alſo nicht, was damals geſchah, o mein Gott, dann iſt all' meine Hoffnung verloren!“ Die tieſſte Stille herrſchte in dieſem Augendlick in dem Zimmer. Smith ſah hie und da Nancy an, die 320 als bußfertige Magdalena vor ihm ſaß: aber der Blick zeigte kein Mitleiden, nur der Wunſch, dieſe Unterhal⸗ tung geendigt zu ſehen, lag darin. „Ich erinnere mich nichts von Alle dem,“ ſagte er,„Ihre erhitzte Einbildungskraft ſpiegelt Ihnen Dinge vor, die nie geſchehen find.“ „Nie geſchehen!“ rief Nancy entrüſtet, als ob ſie aus einem langen Traum erwachte,„o, Herr Smith, erinnern Sie ſich jenes Abends, ich bitte Sie, um's Himmels willen, um Gottes willen, der unſere Ueber⸗ tretung ſah. Nein es iſt kein Spiel meiner Phantaſte, es iſt eine zu große Wahrheit, eine ſchreckliche Wirk⸗ lichkeit! Die Stimme der Natur ſchweigt ebenſo wenig, als das Gewiſſen, und dieſe Stimme ſagt mir, daß ich Mutter werden ſoll... Mutter, in Folge des ſün⸗ digen Augenblicks Mutter eines Kindes, deſſen Vater Sie ſind!“ „Nancy!“ rief Adam Smith entrüſtet, denn dieſes Bekenntniß hatte ihn, den kalten und für alle edlen „ Gefühle unzugänglichen Mann getroffen.„Sie ſollten Mutter werden?“ „Ja, hier unter meinem Herzen ruht ein Kind..“ Die Thränen hinderten ſie, weiter zu ſprechen. Sie warf ſich vor Smith auf die Kniee, und ſeine Hände faſſend, rief ſie:„Haben Sie Mitleiden mit mir und dem noch ungeborenen Kinde! Was ſoll aus mir wer⸗ den, was aus dem Geſchöpfe, das ſchon unglücklich iſt, ehe es das Licht erblickt. Wenn Sie mich nicht er⸗ hbören, würde mich die Verzweiflung tödten, denn der Gedanke, entehrt zu ſein, gegen Gott ſo ſchwer geſün⸗ digt zu haben, würde mich umbringen, aus Kummer würde mein Großvater, der rein und unſchuldig iſt, in die Grube fahren, und vielleicht flucht er mir noch ſter⸗ bend, mir, die er ſo innig liebt. Ich ſoll Mutter ei⸗ nes Kindes der Schande und Unzucht werden; das Kind wird mich unaufhörlich an mein Vergehen erinnern, und in reiferen Jahren wird es mich nach ſeinem Vater fragen, 321 und was, großer Gott! was ſoll ich ihm antworten... Dann wird mir mein Kind fluchen, und um des Ver⸗ brechens der Aeltern willen, verachten. Auch Sie wer⸗ den nicht glücklich ſein, denn mein und meines Kindes Unglück wird über Ihr Haupt kommen, und einſt viel⸗ leicht, wenn Sie auf dem Sterbebette liegen und auf die zurückgelegte Lebensbahn blicken, wird es Sie reuen, meine Bitte nicht erhört zu haben. Der peinliche Ge⸗ danke, das Gefühl der Angſt wird Ihren Todeskampf erſchweren, und mit Zittern werden Sie der Ewigkeit entgegengehen, wo der Menſch ärndten ſoll, was er hier geſäet. Laſſen Sie mich noch mehr ſagen fuhr Nancy fort, welche mit Feuer, Kraft und Ueberzeugung ſprach und den Räuber ihrer Ehre mehrmals, durch den beſonderen Nachdruck ihrer Worte, durch das Männ⸗ liche ihrer Sprache, hinderte, ihr in das Wort zu fal⸗ len, laſſen Sie mich noch mehr ſagen, Herr Smith, Sie find reich und glauben vielleicht, daß ich darum eine Heirath zwiſchen mir und Ihnen wünſche... aber weit davon entfernt, begehre ich nichts von dem Ihren, weder für mich, noch für mein Kind; nur Ihren Na⸗ men! Mein kleiner Laden liefert mir genug, um mich und mein Kind zu erhalten, nur Ihr Name kann mich vor Schande und der allgemeinen Verachtung be⸗ wahren...“ 3 „Schon genug!“ rief Adam Smith, auf deſſen Geſichte keine Spur von Theilnahme ſichtbar war,„was Sie alſo verlangen' iſt eine Heirath mit mir?“ „Ja, darum bitte ich Sie, darum ſehen Sie mich jetzt vor Ihnen knieen.“ 4 „Schweigen Sie!“ gebot der Kaltblütige,„und ſtehen Sie auf! Knieen Sie nicht vor mir, ſondern vor Putt 4 vor unſerem Vater, den Sie ſchwer beleidigt aben!“ Nancy ſchwieg. Hochroth waren ihre Wangen als ſie ihre kräftige Sprache gegen Smith führte, todtes⸗ Amſterdams Geheimniſſe. II. 21 322 bleich waren ſie jetzt, als ſie in einer Haltung vor ihm ſtand, die einem Miſſethäter ziemt, der aus dem Munde des Richters ſein Todesurtheil vernimmt. „Nancy Horſt,“ ſagte Smith endlich mit tiefem Ernſt, wodurch er ſeinen Worten den Schein der un⸗ umſtößlichſten Wahrheit zu geben wußte,„Nancy, ich habe mich in Ihnen betrogen, ich glaubte, Sie ſeien ein einfaches Mädchen, unbekannt mit den Sünden dieſer Welt und in Liſt und Trug unerfahren; jetzt aber ſehe ich zu meinem Leidweſen, daß auch Sie nicht ſind, was Sie ſcheinen. Als natürliche Folge Ihres unzüchtigen Lebens find Sie jetzt auf dem Punkte, Mutter zu werden und wollen mir die Vaterſchaft Ihres Kindes aufdringen, obgleich Sie wohl wiſſen, daß zwiſchen uns nie eine Verbindung ſtatt hatte, die wenig für meine Jahre paſſen würde und mit meiner Lebensart ganz im Streit wäre. Andere würden Sie vielleicht mit Gewalt von ſich ſtoßen, aber mein Ge⸗ fühl und meine Pflicht treiben mich zum Mitleiden. Ich beklage Sie, daß Sie ſich ſo ſehr vergeſſen haben, daß Sie ſo tief geſunken ſind, mich einer Sache zu beſchulvigen, an der ich, wie Sie ſo gut als ich wiſſen, ganz unſchuldig bin. Ich habe Mitleiden mit Ihrer Jugend, und darum vergebe ich Ihnen die keeine Liſt von ganzem Herzen; tragen Sie Ihr Unglück mit Ge⸗ laſſenheit und bitten Sie Gott, daß er Sie aus dem geſunkenen Zuſtand wieder aufrichte und Ihnen vergebe, wie ich Ihnen vergebe!“ Der ſcheinheilige Betrüger, der bei dem letzten Theile ſeiner Rede den Stuhl verlaſſen hatte, ſetzte ſich jetzt wieder und wartete mit Ruhe den Eindruck ab, welchen ſeine Worte auf Nancy's Gemüth machen wür⸗ den. Sein Geſicht zeigte keine Bewegung des Innern, und der Phyſiognomiker könnte höchſtens an dem ſchlauen Blicke, an der hoch hinaufgezogenen Naſe und den gleichſam unbeweglichen Lippen ein großes Selbſtbeha⸗ gen, eine innere Zufriedenheit, ja, ein triumphirendes a—— a., 1 he eee=— 1 323 Gefühl bemerkt haben. Und wirklich, unter dem ſchein⸗ bar ruhigen Aeußern lagen die gemeinſten Leidenſchaf⸗ ten. Doch wozu das noch ſagen? Wozu wieder Adam Smith ſchildern? Unſere Leſer kennen den ehrlichen und gottesfürchtigen Mann! Nancy, die unglückliche Nancy ſtand wie an den Boden genagelt. Solche Rede hatte ſie nicht erwartet, eine ſolche Antwort hatte ſie ſich nicht geträumt. Wie eine Wahnſinnige ſtarrte ſie den Heuchler an und un⸗ wiotäßelig rief ſie aus, während ſie ſich ihm zitternd nahte:. „Großer Gott! jetzt weiß ich, daß alle Hoffnung verloren iſt.“ Dann bedeckte die Röthe wieder ihre bleichen Wangen, da glänzten ihre ſonſt ſo matten Augen, da war ſie ſchön wie ehemals. Stolz ſprang ſie auf, wie die kräftige Eiche, ihrer Kraft bewußt, die Wipfel zum Himmel ſtreckt, wenn der Wind, der ſie niedergebeugt, vorübergeweht hat. Als glänzte ihr Antlitz in übernatürlichem Lichte, ſtand ſie da vor dem Wolläͤſtling, der den Glanz ihrer feſt auf ihn gerichteten Augen nicht ertragen konnte und die ſeinen geſchloſſen hatte. In dieſem Augenblicke war ſie nicht mehr das ſchwache zitternde Mädchen, gebeugt unter dem Bewußtſein ihrer Schuld: nein, ſie ſchien der ſtrafende Engel zu ſein, der dem Verbrecher das Urtheil entgegendonnern ſollte. Und als ob der Geiſt der Prophezeihung auf ſie niedergekommen wäre, ſprach ſie mit einem Nachdruck, der die Kraft ihrer früheren Worte zu übertreffen ſchien, alſo: „Heuchler, der unter der Maske der Frömmigkeit und Tugend ſeine ſchnöde Seele verbirgt, einſt werden Deine Sünden gerächt werden! Gott wird den nicht ungeſtraft laſſen, der ſein Abendmahl geſchändet; Deine unreinen Hände wirſt Du einſt und bald, wenn Deine Sterbeſtunde naht, vergebens zum Himmel erheben; die Hände, mit denen Du das Brod, das Abendmahl be⸗ rührt, die Lippen, die den Nachtmahlwein entheiligten, 324 werden um Gnade und Vergebung flehen, aber weder Deine Bitte, noch Dein Rufen werden erhört werden. Gott vergibt dem reuigen Sünder, aber der Heuchler entgeht der Strafe nicht! „Es wird eine Zeit kommen, wo Du Dich demü⸗ thigen, ja, krümmen wirſt vor ihr, die ſich jetzt vor Dir beugt, wo Du zittern wirſt vor ihr, die Du jetzt zittern machſt; eine Zeit, da alle Sünden, die unter dem Schleier des Geheimniſſes verborgen lagen, offen⸗ bar werden und jede Thräne eine Feuerflamme werden ſoll, die Dich in den letzten Augenblicken foltern wird; unbeweint wirſt Du zur Grube fahren, Fluch und Ver⸗ achtung wird Deine Leichenbegleitung ſein!“ „Geht, geht, ſchon lange genug habe ich das wahn⸗ finnige Geſchwätz angehört,“ rief er,„geht, kommt nie wieder!“ „Die Stunde der Vergeltung bricht an,“ murmelte Nancy, die wie ein böſer Geiſt aus ſeinem Hauſe ver⸗ ſchwand,„die Stunde naht! Weh' Dir!“ Wüthend warf Smith die Thüre hinter dem Mäd⸗ chen zu und als er wieder in ſein Komptoir trat, fuhr er unwillkührlich vor der Erſcheinung zurück, die er plötzlich ſah. Auf der eiſernen Kiſte, in einer Ecke des Zimmers, ſaß eine bleiche, magere Geſtalt in einem Todtenhemde, der Mund ſtand weit offen und mit hohlen Glasaugen ſtarrte ſie Adam Smith an, während ihre entfleiſchten Hände gefaltet in ihrem Schooße ruhten. „Helena! Helena!“ rief Adam Smith, während ſeine Zähne vor Angſt klapperten.„Helena, ich habe Dich ermordet! Vergebung! Vergebung!“ Er ſank auf die Kniee nieder und bedeckte ſein Antlitz. Eine kalte Hand ſchien ſeine Stirne zu berühren, ein leiſer Schauer machte ſeine Lippen zittern und als er die Hände von ſeinem Geſicht weghob, war die Er⸗ ſcheinung verſchwunden. Unbeweglich ſtarrte er nach dem Ort, wo er den 325 Geiſt geſehen hatte. Nach und nach wich die Bläſſe ſeiner Wangen und kam das ſpöttiſche Lächeln um ſei⸗ nen Mund zurück. „Das Nädchen könnte mit ihrem Narrengeſchwätz die Menſchen wahnſinnig machen,“ ſagte er zu ſich, Luns welchem Buche mag ſie wohl die Rede gelernt aben!“ Die beklagenswerthe Nancy hatte ihren Begleiter verlaſſen, ohne zum Ziele gelangt zu ſein. Sie hatte nichts als Spott und Hohn geärntet. Vergebens hatte ſie gehofft, ihre Schande auszutilgen. 7 Wir ſchließen dies Kapitel, Adam Smith den heftigen Gemüthsbewegungen überlaſſend, die jetzt ſein Gemüth beſtürmten, und laſſen unſern vaterländiſchen Dichter Nancy's Gefühle ausſprechen: „Geef, roover van mijn' naam en er, Verleider! geef dien schat mij weer! ............... Ol't was mijn vreugde God te bidden, pe knielen voor het kerkaltaar;— Nu vlugt ik uit der vromen midden, Nu sta'k als zondaresse daar. van schaamte sluit ik weer mijn lippen, Zoo vaak't gebed mij wil ontglippen, Om's Hemels wil! ik smeek niets meer; Geef mij den moed tot bidden weer!“*) *)„Gib Raͤuber mir die Ehre wieder, Ich falle flehend auf die Kniee nieder! O meine Freude war es Gott zu bitten, Zu knieen an den Altars Rand;— Jetzt flieh' ich aus der Frommen Mitten, Weil man als Sünderin mich fand. 326 Vor Scham muß ich die Lippen ſchließen, Will ein Gebet dem Mund entfließen,— Sieh' mild auf mich o Himmel nieder; Gib mir den Muth zum Beten wieder! Aus E. M. Caliſch Gedichten(de verlatene) Haag. 839. 1 1 Zur Nachricht! Im„belletriſtiſchen Auslande, herausgege⸗ bben von C. Spindler,“ erſcheinen folgende hoͤchſt in⸗ tereſſante Neuigkeiten: Mur zul! Ein Genrebild aus dem Alltagsleben von Ipr. C. A. Wetterbergh. (Onkel Adam.) 3 Theile. Der Pfarradjunkt. Ein Gegenſtück— zur:„Gonvernante.“ „ Dr. C. A. Wetterbergh. (Onkel Adam.) Nie Erkerſtübchen. Eine Erzählung 3 von Emilie Flygare⸗Carlén. A. d. Schwediſchen. Die Familie Falkenſwärd. Ein komiſcher Roman von Profeſſor Palmblad. A. d. Schwediſchen. Stuttgart, im Mai 1845. Franhck'ſche Verlagshandlung. A ———— Zur Nachricht! In der unterzeichneten Verlagshandlung ſind erſchienen: Sämmtliche Werke von Frederika Bremer. Cabinetsausgabe. 1 Die Töchter des Präſi⸗ Das Haus, oder Fami⸗ denten, 2 Bde. lienſorgen und Familien⸗ Nina, 5 Bde. freuden, 5 Bde. Die Nachbarn, 5 Bde. Die Familie H., 2 Bde. Streit und Friede, oder Ein Tagebuch, 4 Bde. Scenen aus Norwegen,„In Dalekarlien.“ 2 Bde. Wenn wir nur wenige Worte der obigen Anzeige beifuͤgen, ſo geſchieht's nicht wegen Mangel an Stoff des Lobes und Anpreiſens von Frederika Bremer und ihrer Schriften, gerade im Gegentheil: ſie ſind ſo in Fleiſch und Blut der deutſchen Frauenwel uͤbergegangen, daß ihren Namen nennen ſo viel heißt als ſie anzuempfehlen! Nur das wollen wir zu Gunſten unſerer Ausgabe — denn es gibt deren mehrere— ſagen, daß keine in Deutſchland Erſchienene, ſchöner, billiger, und was die Hauptſache: vortrefflicher überſetzt iſt, wie dieſe, weshalb ſie vorzugsweiſe empfohlen zu werden verdient. Die Bremer'ſchen Schriften koͤnnen durch alle Buchhandlungen Deutſchlands, der Schweiz, des Elſaßes, Hollands, Daͤnemarks und des k. k. öſterreich. Laͤnder⸗ gebiets, ebenſo in den kaiſerlich ruſſiſchen Staaten à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen das geheftete Baͤndchen, entweder im Ganzen oder Lieferungsweiſe, bezogen werden. Auf 10 Exemplare wird das 11te Exemplar gratis gegeben.— 1 Stuttgart, im Merz 1845.. Franckh'ſche Verlagshandlung.