Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ihentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ͤ—y—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„—„— ⸗„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Peſer ſumn Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Von 3 f. van Eikenhorſt. Aus dem Holländiſchen . von f 8 E. Zoller. — . Erſter bis vierter Theil. Stuttgart. Verlag der Franckh' ſchen Buchhandlung. 1845. 4* I. Der ungariſche Doktor. Es war ein ſtürmiſcher Novemberabend; der Regen fiel raſſelnd auf die mit Schmutz bedeckten Straßen der Hauptſtadt und der Wind bewegte die wenigen Stra⸗ ßenlaternen, die einen blaſſen, geheimnißvollen Schim⸗ mer auf die hohen, dunkeln Gebäude des Wyde ſteeg warfen: eine Straße, die ſo ſchmal und eng war, daß kaum zwei Menſchen mit großer Mühe dieſelbe neben einander durchſchreiten konnten. Die Häuſer hatten ein düſteres Ausſehen und wa⸗ ren ſo baufällig, daß die meiſten Giebel durch ſchwere Balken von Holz geſtützt wurden, die einen Ruhepunkt in den gegenüber liegenden Mauern hatten, um das Umſtürzen zu verhindern. So neigten ſich die Häuſer der einen Seite der Straße gegen die von der andern Seite, daß, wenn eines der Häuſer auf dem„Wyde ſteeg“ umſtürzte, es den Fall des andern unmittelbar nach ſich zog. In einer dieſer Wohnungen, in dem oberſten Stock⸗ werk, ſas eine Frau in der Blüthe der Jahre, mit kränk⸗ lichem Ausſehen. Auf ihrem Geſicht hatten körperlicher Schmerz und Seelenleiden tiefe Furchen gegraben. Vor ihr ſtand ein Stickrahmen, worüber eine Arbeit ge⸗ ——— ſpannt war, und auf dem Tiſche ſtanden verſchiedene Kolben und Büchschen. Ein Mann mit einem breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe und einen weiten blauen Mantel umgeſchlagen, ſtand bei der Kranken, welche mit zitternder Hand eini⸗ ges Geld auf den Tiſch hinzählte. „Seht hier, Doktor, ſieben und einen halben Gul⸗ den; Ihr ſeid mir nie läſtig gefallen, und darum habe ich Alles gethan, was ich konnte, um dies Geld zu⸗ ſammenzukriegen, und noch bleibe ich Euch einen Theil ſchurden Doch damit müßt Ihr einige Zeit Geduld aben.“ „O, ja,“ ſagte der ungariſche Doktor,„gerne. Die Arzneimittel, welche ich Euch gegeben, ſind theuer und die, welche Ihr noch gebrauchen müßt, um Euch wieder in den ganzen Beſitz all' Eurer Kräfte zu ſetzen, find noch viel koſtbarer.“ Hier brachte er unter ſeinem Man⸗ tel ein Kiſtchen zum Vorſchein, aus welchem er ein Kölbchen nahm.„Dieſe Tropfen müßt Ihr mit weißem Wein gebrauchen, ſie ſollen Euch ſtärken; ich habe bei Euch nichts als die Schwachheit zu überwinden, und, wie ich ſchon ſagte, die ſtärkenden Arzneimittel ſind theuer!“ Die Kranke ſeufzte. „Ich ſage damit nicht, daß ich einen hohen Preis für meine Medizinen fordern will; ich weiß ja, daß Ihr eine Wittwe ſeid, die mit Mühe für ſich und ihre bei⸗ den Kinder den Unterhalt gewinnt; es wäre ſchändlich, wenn ich unbillig mit Euch hanvelte, um ſo mehr, da ich ſelbſt eine Mutter habe, die Wittwe iſt und die ich verſorgen muß.“. „Das ſoll Frank auch thun, wenn er groß iſt, nicht wahr?“ Ein vierzehnjähriger Knabe hüpfte zu der Kranken hin und ſiel ihr um den Hals. 3 Dii Leidende unterſtützte ihr Haupt mit der rechten Hand; da fiel eine Thräne auf die Arbeit, die vor ihr ſtand, und mit einer Stimme, die vor trüber Ahnung 2 7 bebte, ſagte ſie:„Ich muß Euch noch vier Gulden be⸗ zahlen, und wäre das nur Alles; Ihr ſeid mitleidig, Doktor! und werdet mich nicht drängen; aber morgen muß ich die Hausmiethe bezahlen... ich beſitze nichts mehr, und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich dieſen Schleier fertig habe, und dann muß ich war⸗ ten, bis er verkauft iſt, daß ich Geld bekomme!— O, wenn Alles verkauft wäre, was ich habe, dann würde meine Nothdurft jetzt nicht ſo groß ſein.“. Die unglückliche Frau mußte einige Augenblicke innehalten, um Athem zu ſchöpfen; die wenigen Worte, die ſie geſprochen, hatten ſie ſehr ermüdet. 8 „Doktor,“ ſagte ſie weiter,„ich habe Euch als einen gefälligen Mann kennen lernen, der mehr aus Mitleiden, als um des Gewinnes willen, mir ſeinen Beiſtand angedeihen läßt: darum darf ich es wohl wa⸗ gen, Euch um einen Dienſt zu erſuchen. Ich beſitze einen Ring mit einem kleinen Diamant, wolltet Ihr mir denſelben vielleicht verkaufen? Wie Ihr wißt, ich bin zu ſchwach, um das Zimmer zu verlaſſen, und Frank kann ich den Verkauf nicht anvertrauen, er iſt noch ein Kind.“ Sie brachte ein zugewickeltes Papier herbei, worin der Ring aufbewahrt war, wandte ihr Geſicht ab, drückte einen feurigen Kuß auf das Kleinod und gab es dem Doktor.. 4 Der Ungar beſah aufmerkſam den einfachen Ring mit dem kleinen Juwel. „ Wie herrlich ſoll dieſer Ring an ihren weißen Fingern glänzen,“ ſprach er haldlaut.„Er ſoll mein Trauring ſein.“ Der Doktor ging und Frank folgte ihm. Da brach die Wittwe in heftige Thränen aus:„Jetzt habe ic nichts mehr.. Henry, o mein Gott!“ „Mutter!“ liſpelte eine Engelſtimme,„Mutter, weine doch nicht; es wird ja mit jedem Tage beſſer. Komm, küſſe mich und ſieh mich freundlich an.“ chen der Feuchtigkeit in allerlei „Clara, liebes Kind! Gott gebe, daß du einmal glücklicher ſein mögeß, als deine arme Mutter.“ Frank und der Doktor kamen zurück. ſeht, da habt Ihr fünfzehn, ich will den Ring behalten!“ „Nehmt die vier Gulden, die Euch zukommen, Doktor!“ „Nein, Ihr ſollt mir ſie geben, wenn Eure Ar⸗ beit verkauft iſt. Ihr braucht nicht beſorgt zu ſein; die Arzneimittel, die Ihr nöthig habt, werde ich Euch geben, und wenn Ihr ganz hergeſtellt ſeid und wieder arbeiten könnt, dann wollen wir abrechnen.“ „Edelmüthiger Mann!“ „Keinen Dank, ich weiß, was es heißt, Wittwe und dabei arm zu ſein!“— Der Ort, wo dieſe Verhandlung gepflogen wurde, war ein kleines Gemach, kaum mit einigen dünnen Brettern von der Bühne abgeſchieden, die über das ganze Haus lief und zu einem Aufbewahrungsort für Lumpen, altes Eiſen und dergleichen diente. Zwei Fenſter mit geborſtenen und ſchmutzigen Schei⸗ ben ließen das Tageslicht herein und waren ſo ſchlecht verwahrt, daß der Zugwind, welcher ſich durch dieſelben einen Weg bahnte, die Flamme des dünnen Lichtes, das auf dem Tiſche ſtand, in immerwährender Bewegung hielt. Um dies ſo viel wie möglich zu verhüten, waren die meiſten Ritzen mit Papter, das in Form von Her⸗ zen und Sternen ausgeſchnitten war, verklebt, und an hrer Dur chſichtigkeit konnte man ſehen, daß ſie oft er⸗ neuert wurden... Die Mauer war mit Kalk beſtrichen und trug Zei⸗ ſchmutzigen und häßlichen Flecken, die die ſeltſamſten und ſonderbarſten Figuren bildeten. Ein kleiner grünlicher Spiegel hing an der Wand; es war das einzige Elegante, was in der Kam⸗ mer zu ſehen. . „Dreizehn Gulden hat der Goldſchmied eboten; r mich 9 Eine große Kiſte, zwei Stühle und ein farbloſer Tiſch bildeten den ganzen Hausrath, der ſich in der Kammer befand; dazu kamen noch einige Töpfe, ein paar Teller und ebenſo viele Gabeln, die in einem Winkel lagen. Der Schornſtein, eine viereckige Oeffnung, in der Ecke der Kammer ausgehauen, trug ganz das Ausſehen, als ob er ſchon lange keinen Dienſt mehr gethan. Auf der äußern Platte, die unter demſelben lag, war nicht das kleinſte Ueberbleibſel von Feuer oder Aſche zu ent⸗ decken, und doch war man ſchon in der Mitte des Novembers, und der Wind, der durch den Schornſtein blies, machte der Kranken die Fingerſpitzen, die Hände erſtarren, welche den Unterhalt für ſie und ihre Kinder erwerben ſollten. In der Bettſtatt lag— mit einem ſchneeweißen Leintuch bedeckt, feiner, als man es hier hätte ſuchen ſollen— eine Strohmatratze, welche zum Schlafen für die Kranke diente; während das Bett der Kinder kaum aus einigem Stroh beſtand, das zwiſchen die Mauer und die Kiſte ausgeſpreitet lag. Es war von der ver⸗ ſchämten Armuth ſein ausgedacht, daß nämlich einer⸗ ſeits die Kiſte, die mit dem einen Ende etwas von der. Mauer abſtand, das Stroh dazwiſchen halten ſollte, während auf der andern Seite der unerwartete Beſu⸗ cher für den erſten Augenblick die verſchämte Lagerſtätte nicht bemerken konnte. Dies ſei vor der Hand genug, um ſich ein Bild von dem armſeligen Aufenthalte der Wittwe zu machen. Doch wollen wir, ehe wir das Kapitel enden, den Leſer noch mit den beiden Kindern bekannt machen. 9 vierzehn Jahren, ſchlank gewachſen, mit munterem Ausſe een und mit einem Geſicht, das Jedermann für ihn einnehmen mußte. Große ſchwarze Augen, von dunkeln Augenbrauen überſchattet, erhöhten den Aus⸗ Amſterdams Geheimniſſe. 1. 2— Frank war, wie wir oben ſagten, ein Knabe von druck ſeines entſchiebenen Weſens, bas ſich, ſo jung er auch war, auf ſeinem Antlitz ſpiegelte. Clara war ein liebes, gefälliges Kind, das mit Recht den Namen einer Schönheit verdient hätte, wenn der Schmutz, der über ſeinen zarten Wangen und ſeinem liebenswürdigen Geſichtchen lag, weggewiſcht; wenn die ſchönen blauen großen Augen nicht matt geweint und umdüſtert von Thränen; der Kälte und des Hungers wenn die glänzenden Locken, die in großer Unordnung um Hais und Scfultern hingen, mit Sorgfalt um das Engelsköpfchen geflochten geweſen wären: aber die Hand, der das alles zu thun oblag, war ſchwach; eine lange anhaltende Krankheit hatte ſie ihrer Kräfte beraubt. 4 — II. Die Wahrſagerin. Während der ungariſche Doktor mit der Verpfle⸗ gung der Kranken im oberſten Stock beſchäftigt war, ſiel in dem Zimmer, das ſich unter der Wittwe befand, eine Geſchichte von ganz anderer Art vor, als die in dem erſten Kapitel erzählte. Miitt Einbruch des Abends war ein Mann von mittleren Jahren die dunkeln und ſteilen Treppen em⸗ porgeſtiegen, und hatte, nachdem er lange in dem düſtern Gang herumgetaſtet, an eine Thüre geklopft, die als⸗ bald von einer Frau, deren Anzug die tieffte Armuth verricth, geöffnet wurde, worauf folgendes Geſpräch egann:. Wohnt hier eine Frau, die ſich Mutter Margot nennt?“ frug der Fremde. — 11 „Ich bin es ſelbſt,“ gab die alte Frau zur Ant⸗ wort,„eigentlich heiße ich Franziska Maas, aber man hat mir den Beinamen Mutter Margot gege⸗ ben. Jederman hat in dieſem Viertel einen Beinamen und warum ſollte ich keinen haben, es ſteckt doch gewiß nichts Arges dahinter?“ „O nein, durchaus nicht,“ ſagte der Herr gleich⸗ gültig.„Ihr ſagt wahr aus den Karten,“ frug er nach einigen Augenblicken. „Kommen Sie herein, mein Herr, ich will mein Beſtes thun, und Sie ſollen mit mir zufrieden ſein. Geſtern kam Jemand zu mir, welchem etwas geſtohlen Morden und ich ſagte ihm ſogleich aus den Karten den e. Beide traten ein. S ie kamen in ein geräumiges, aber ſchmutziges Zimmer, das mit armſeligem Hausrath kaum verſehen war, und wovon nichts Beſonderes zu ſagen, als daß in der Mitte ein Tiſch ſtund, worüber ein ſchwarzer, abgechſoſſener Teppich ausgebreitet lag. Neben dem Tiſche ſtand ein Armſtuhl mit ſchwarzem Sammt bedeckt, der in Lappen am Rücken und an den Seiten herab hing. „Nehmen Sie Platz, mein Herr!⸗ ſagte Mutter Margot mit feierlichem Ernſte. Sie ſteckte darauf zwei Lichter an, die ſie auf die Tafel ſetzte, ſchloß die Lä⸗ den vor den Fenſtern und ſetzte ſich in den Armſtuhl. Vielleicht um der Sache noch mehr Wichtigkeit und Myſteriöſes zu geben, hing ſie ſich einen alten Regen⸗ mantel über das Haupt und brachte ein Kartenſpiel hervor, das auf Alles andere, als Reinlichkeit Anſpruch machen konnte. „Der Fremde betrachtete alle dieſe Zubereitungen mit ſpöttiſcher Miene und zog gleichgültig ein paar arten aus dem Spiele, das Mutter Margot ihm anbot. Die Kartenſchlägerin miſchte die durch den⸗ Fremden gezogenen Karten unter die anderen und legte ſie darauf in vier Reihen, jede von acht Karten auf den Tiſch. Endlich begann ſie, nachdem ſie einige Zeit mit einer Art von bedeutſamem Ernſt die Karten be⸗ ſchaut hatte, dem Fremden die Zukunft zu entſchleiern, und endigte ihre Wahrſagung damit, daß ſie ihm ein hohes Alter und große Schätze verſprach. Der Fremde gab gar nicht Acht auf das, was ihm Franziska Maas ſagte, und ſpielte ganz abweſend mit ſeinem Stocke, welchen er zwiſchen die Kniee ge⸗ ſteckt hatte. Franziska Maas war eine Frau von beinahe dreiundſechszig Jahren, ſehr groß und ausnehmend mager. Ihr Ausſehen zeigte jene kraftloſe Abgelebtheit, wie man ſie gewöhnlich bei alten Leuten findet, die in ihrer Jugend viel gelebt haben. Ja dieß bleiche Geſicht, die hohlen Augen und der zahnloſe Mund paß⸗ ten ganz zu dem ſonderbaren Berufe einer Wahrſagerin. Der Fremde dagegen war ein Mann noch in der Kraft der Jahre, zwiſchen vierzig und fünfundvierzig. Seine Kleidung war ſchön und von jenem Schnitt, der nie aus der Mode kommt, und verrieth den feinen Mann. So war beſonders das ſchwarze Tuch, wovon ſeine Kleider gefertigt waren, von der feinſten Sorte, und die Wäſche blendend weiß. Er trug keinen andern Schmuck, als eine goldene Kette mit einem ähnlichen Schlüſſel, und eine kleine Diamantenſtecknadel, die halb unter den Falten ſeines Oberhemds verborgen war. Obgleich nicht eigentlich dick, war er doch wohl⸗ beleibt und in allen ſeinen Bewegungen beſtimmt und feſt. Sein Geſicht, obwohl gleichgiltig, war nichts deſto weniger auf den erſten Anblick einnehmend; und doch war bei näherer Betrachtung in dieſem unaufhör⸗ lichen Oeffnen und Schließen der Augen, welches man durch die Brille mit den blauen Gläſern ſah, in dem ſpötliſchen Zuge um den Mund, in der etwas geboge⸗ . nen, ſpitz zulaufenden Naſe— ein hoher Grad von Liſt und Verſchlagenheit zu bemerken. Seine dunkel⸗ braunen Haare und ſein kleiner, zierlich gekräuſelter — — 13 Bart waren hier und da mit grauen Härchen vermiſcht, was ihm eine gewiſſe Ehrwürdigkeit verlieh. Als Franziska Maas ihre Weiſſagung geendigt hatte, legte er ein Dreiguldenſtück auf den Tiſch; ſolch' eine große Belohnung war der Wahrſagerin noch nie zu Theil geworden. „„Ich habe lange geſucht, ehe ich Euch finden konnte, Mutter Margot,“ ſagte er, eine Stellung annehmend, als wollte er ein Geſpräch mit der Wahr⸗ ſagerin anfangen.„Ich meine, es waͤre beſſer, Ihr würdet bei Eurem Geſchäfte in einem beſſern Viertel wohnen, es würde Euch mehr Kunden verſchaffen.“ „Das Viertel iſt ſchon recht, denn der Reichthum kommt doch nicht zu Mutter Margot; der Reichthum iſt zu glücklich, als daß er ſeine Zukunft wiſſen wollte; die Armuth hört dagegen gerne von zukünftigem Glück, das ſie erleben ſolle und die Hoffnung, einmal reich zu werden, tröſtet den Armen in ſeinem Unglück.“ „Und Eure Nachbarn, werdet Ihr oft von Ihnen um Rath gefragt?“ „Nie; der Dumme iſt zu dumm, um mich z be⸗ greifen. Der Andere vertraut mir nicht— d enn ſo wie der Wirth iſt, traut er auch ſeinen Gäſten— und der Dritte iſt zu ſtolz, glaub' ich.“ „Ihr habt da ſonderbare Nachbarn, Mutter Margot.“ „. Ja, ſehr ſonderbar; Frau de Geer, die in dieſem Hauſe wohnt, und eine Leihanſtalt hält, iſt ein dummes Ding; ſie kennt nichts anderes, als ihre Af⸗ faire und die Sorge, nichts zu viel zu geben. Und dann David Ram, den man den hinkenden Ram nennt, das iſt Einer, immer betrunken vom Morgen bis Abend;— und Jim, der eigentlich noch ein Kind iſt, macht's gerade, wie ſein Vater. Es iſt bei Gott eine Schande, mein Herr, was das für eine Haushal⸗ tung iſt; der kleine Mat allein taugt noch was, und 1 14 darum ſchlagen ſie David und Jim, wenn ſie be⸗ trunken ſind, den ganzen Tag.“ „Und von was lebt dieſer David Ram?“ „Ja, wer viel ſagt, hat viel zu verantworten, ich glaube, von Allem; und für eine Flaſche Brannt⸗ wein ermordet er auch ſeinen eigenen Vater, ſo lang er einen hat.“ „Habt Ihr keine andere Nachbarn?“ frug der Framde, etwas in ſeiner Hoffnung ſich getäuſcht glau⸗ end. „O ja, auf dem oberſten Boden, da wohnt die Prinzeß mit ihren Kindern.“ „Die Prinzeß?“ „Ja, ſo wird ſie in der Nachbarſchaft genannt, ob⸗ gleich es bei ihr ſo ſchlecht als möglich ausſieht. Alles was ſie hat, ſteht bei Frau de Geer, und glauben Sie, daß Sie mit mir oder einem Andern ein Wort wechſelt oder Jemand in der Straße grüßt; es könnte Einem!.. Und ihre Kinder ſind ebenſo.— Wie die Al⸗ ten ſingen, pfeifen die Jungen— darum nennen wir Clara das junge Fräulein und Frank den jun⸗ gen Herrn.“ „Clara und Frank,“ murmelte der Fremde, „kein Zweifel mehr, ſie iſt es. Und wohnt die Frau ſchon lange hier?“ „Ja, ſeit drei Jahren!“ „Und ihr Name?“ „Den weiß Niemand. Sie wiſſen ja, mein Herr, ſie läßt ſich nicht herab, mit Jemand von der Nach⸗ barſchaft zu ſprechen, und woher ſollten wir dann ihren Namen wiſſen. Aber fragen Sie nur nach der Prin⸗ zeß und das kleinſte Kind kann Ihnen zurecht helfen. Sie iſt durch ihren Stolz in der ganzen Nachbarſchaft bekannt. Ich für mich glaube, daß es Jemand iſt, der es früher beſſer gehabt und nun in Noth iſt, und wenn ſie ſo wie die vornehmen Leute einhergeht, ſo iſt ſie ete was ganz hat Anderes, als ich und meines Gleichen.“ — 15 „Und iſt ſie krank, Hele.... die Prinzeß? „Sie kennen ſie, ſcheint's?“. „O nein!“ rief der Fremde, während eine dunkle Röthe über ſein Geſicht flog,„nein, aber fahrt fort, Mutter Margot.“ „Sie iſt ſehr krank geweſen, doch ſeit ſie die Hülfe eines deutſchen Doktors angerufen, iſt ſie merklich beſ⸗ ſer, ſo daß ſie wieder Einiges zu arbeiten im Stande Der Doktor iſt im Augenblick bei ihr.“ „Wißt Ihr ſolches gewiß?“ frug der Fremde wichtig. „Ich hab' ihn mit eigenen Augen geſehen,“ ant⸗ wortete die Wahrſagerin. „Uind er iſt noch bei der Wittwe?“ eh„Ja, ſonſt hätte ich ihn ſchon vorbei kommen ehen.“ Der Fremde ſah einige Augenblicke vor ſich hin, ſprang dann auf und verließ, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, die Wohnung der Wahrſagerin. III. Der Fremde. Als der Fremde die Wohnung der Kartenſchlägerin verlaſſen hatte, blieb er vor derſelben ſtehen und hef⸗ tete ſeine Augen unausgeſetzt auf die dunkle Stiege, die er ſo eben herab gekommen. Ungeachtet der Regen in Strömen herab floß, und der Wind ſeine Locken durchwühlte, ſtand er unbeweglich, wie eine Sänle, bis er endlich ein Geräuſch auf der Treppe hörte, und der Doktor erſchien. Der Fremde ſchien einige Zeit mit ſich zu Rath zu gehen, ob er den Doktor jetzt anſprechen wollte. End⸗ lich faßte er einen Entſchluß, lief dem Doktor entgegen und ſagte: 3 „Sie kommen von einer Kranken aus dieſem Hauſe, nicht wahr, Doktor, von einer Frau, einer Wittwe, die auf dem oberſten Boden wohnt?“ „Wie Sie ſagen; kennen Sie die Wittwe?“ „Ja und nein, doch das thut hier nichts zur Sache. Ich wünſchte Sie gerne zu ſprechen und möchte mich mit Ihnen über eine wichtige Angelegenheit verſtändi⸗ gen. Ihr Name, Doktor?“ „Carl Hauſerl“ gab der Doktor etwas ver⸗ wundert zur Antwort. „Carl Hauſer!“ wiederholte der Fremde.„Dok⸗ tor Hauſer, eine wichtige Sache führt mich zu Ihnen.. „Gut, ſprechen Sie nur, mein Herr, Sie ſollen nich, ſo weit es in meinen Kräften ſteht, dienſtfertig nden.“ „Jetzt nicht, Doktor, hier auf der Straße kann ich Ihnen nichts ſagen. Aber wollten Sie mir morgen Abend die Ehre geben, mich zu beſuchen?“ „Sehr gerne, wo iſt Ihre Wohnung?2⸗ „Meine Wohnung 2. Wo kann ich Sie morgen Abend finden? Sagen Sie mir einen Platz, wo ich Ihrer warten kann, um Sie in meine Wohnung zu geleiten.“ Der Doktor zog eine plumpe, ſilberne Uhr her⸗ vor, blickte auf den Zeiger und ſagte:„Es iſt jetzt ſechs Uhr; um dieſe Zeit bin ich gewöhnt, die kranke Witiwe zu beſuchen; wollten Sie morgen um dieſe Zeit ier ſein, dann können Sie mich ſinden, aber mich käme.”“* 3 3 „Das kann wohl ſein, doch ich habe meine Gründe, dünkt, es wäre bequemer, wenn ich in Ihr Haus —— 17 warum ich Sie lieber hier erwarte. Kann ich dann darauf rechnen, Sie hier zu finden?“ „Gewiß.“ „Nun dann, morgen Abend.“ „Morgen Abend.“. Als der Doktor am folgenden Abend die Kranke verließ, wartete der Fremde auf ihn am Ende der Straße. „Ah! Sie haben unſere Zeit beobachtet, Doktor!“ ſagte er.„Haben Sie jetzt Zeit, mit mir zu gehen?“ Der Ungar gab eine bejahende Antwort und Beide gin⸗ gen weiter. „Ich wohne in der Nachbarſchaft,“ ſagte der Un⸗ bekannte,„auf der Rozengracht, bei der erſten Quer⸗ ſtraße, und da ich unverheirathet bin und keine Haus⸗ haltung habe, habe ich ein Zimmer bei freundlichen Leuten gemiethet.“ So ſprechend gingen unſere beiden Männer durch verſchiedene Straßen und Gaſſen, bis ſie endlich an die Wohnung des Unbekannten kamen. —— IV. Ein Vorſchlag. In dem Zimmer, das der Doktor und der Fremde betraten, ſchien Alles zu ihrem Empfang bereitet: in dem Ofen brannte ein helles Feuer, das der Umge⸗ bung ein behagliches und freundliches Ausſehen verlieh. Auf dem runden Tiſche, der vor das Feuer geſtellt war, brannte eine Lampe und bei, derſelben ſtand eine Flaſche mit zwei Kelchen. „Nehmen Sie Platz, Herr Hauſer,“ ſagte der Herr, während er dem ungariſchen Doktor einen Stuhl anbot,„nun laſſen Sie unſre Unterhaltung mit einem Glaſe Wein beginnen.“ Dabei ſchenkte er die beiden Gläſer voll. „Für's Erſte kann ich Ihnen wohl meinen Namen ſagen, wer und was ich bin, da ich mit Ihnen über wichtige Sachen zu ſprechen habe, und wir darum ge⸗ gegenſeitig unſre Namen wiſſen müſſen. Ich heiße Zuſtus Brand und bin Lehrer in alten Sprachen, Sie ſind Carl Hauſer, ein reiſender Doktor; damit wiſſen wir genug von einander. Ihr Wohlſein, Doktor!“ Der Dobktor hatte ſich ſeines großen Mantels ent⸗ ledigt, den breit gerändeten Hut abgelegt und ſetzte ſich auf den angebotenen Stuhl, Brand gegenüber. Carl Hauſer war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, von rieſenhaftem Körperbau und edeln Ge⸗ ſichtssügen— mit einem von der Sonne braun ge⸗ brannten Teint. Seine Kleidung beſtand aus einem eng anſchließenden ſammtenen Wamms mit einer Menge kleiner Knöpfe beſetzt, einer Hoſe von demſelben Stoff und hohen Stiefeln, deren Sohlen mit Nägeln be⸗ ſchlagen waren. „Ihr Wohlſein, Doktor!“ „Ich danke, Herr Brand!“ Beide tranken. „Ich hoffe nicht, daß die Unterhaltung Ihnen zu viel Zeit raubt,“ ſagte Brand, der noch nicht zu wiſ⸗ ſen ſchien, wie das Geſpräch beginnen. „Ich wünſchte wohl, daß es der Fall wäre, denn ich habe leider zu viel Zeit!“ „Ihre Praris iſt nicht ſehr groß in Amſter⸗ dam?“— „Leider nein, und darum habe ich bereits Schritte gethan, um die Stelle eines Schiffsdoktors zu erhal⸗ ten und da ich hinlängliche Beweiſe meiner Geſchick⸗ lichkeit beibringen kann, fand ich auch bald einen Ka⸗ pitän, der bei den Befrachtern eines Schiffs, das nächſter Tage nach Oſtindien ſegelt, für mich ein gutes Wort einlegte.“ 19 „Nun, da wünſche ich Ihnen Glück, Doktor, und gute Reiſe!“ „Ich kann ſie nicht hinausſchieben, wie gerne ich auch möchte,“ ſagte Carl Hauſer,„und doch bin ich feſt überzeugt, daß ich in Oſtindien mein Glück ma⸗ chen werde.“ „Was hindert Sie denn?“ Der Doktor erröthete und ſchwieg. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: 3 „Meine Mittel reichen nicht zur Ausrüſtung für die Reiſe; ich werde daher noch einige Zeit warten müſſen, bis ich ſo viel zuſammengebracht habe;— und das dauert vielleicht noch lange,“ ſetzte er ſeufzend hinzu. Brand hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken, das. beim Anhören des Bekenntniſſes um ſeine Lippen pielte. „Aber haben Sie denn keine Freunde und Be⸗ kannte, die Ihnen das nöhige Geld vorſchießen würden.“ 1 „Wie ſollte ich, ein Fremder, hier Freunde und Bekannte haben, die ſoviel Vertrauen in mich ſetzten? — 3u alle dem nennt man uns, wie Sie wiſſen wer⸗ den, Quackſalber und Betrüger, und vertraut keinen Leuten, die in ſchlechtem Rufe ſtehen!“ „Trinken Sie noch Eins, Doktor, dann werden wir mit einander überlegen, ob es kein Mittel gibt, um das Nöthige zu bekommen. Zwei wiſſen mehr, als Einer. Wieviel ſollten Sie haben, Herr Hauſer?⸗ „Wenn Jemand mir zweihundert Gulden leihen wollte, ſo würde ich im Stande ſein, mit dem, was ich bereits beſitze, die nächſten Koſten zu beſtreiten,“ ſagte der ungariſche Doktor, indem ein Strahl von Hoffnung ſich über ſein Geſicht verbreitete.. „Leihen,“ rief Brand,„hören Sie mich, ich will ehrlich mit Ihnen zu Werke gehen, Sie können zwei⸗ undert Gulden verdienen in Zeit von einer Woche oder noch früher;— es hängt nur von Ihnen ab, und 1 ——õ—— um mit Ihnen über dieſen Punkt zu unterhandeln, Päbe ich Sie genöthigt, mir nach meiner Wohnung zu olgen.“ 3 „Ja, Alles, was in meinem Vermögen ſteht, will ich thun, um die Summe zu gewinnen. In meinem Vaterlande lebt ein Mädchen, das ich liebe. Sie muß die Meine werden, ſobald ich mir durch meine Reiſen einiges Vermögen erworben haben werde. Sie können begreifen, daß ich alle Mittel ergreife, um ſobald als möglich zum Ziele zu gelangen. Was muß ich thun, um das Geld, wovon Sie ſprechen, zu verdienen?“ „Sie lieben,“ ſagte Brand, ohne die letzte Frage des Doktors zu beantworten,—„Sie lieben, Doktor, ich trinke Ihre Geſundheit! Und nun zur Sache! Sie haben eine Frau in Behandlung, auf dem Wiſde ſteeg, die Mutter von zwei Kindern... eine Wittwe, mit Namen.... daß ich den verteufelten Namen immer vergeſſel... Doch Sie werden Ihn wohl ſelbſt wiſſen, Doktor!“ „Nein, Herr Brand! Doch ich weiß, wohin Sie zielen. Sie hat denſelben nie genannt,— und es iſt nicht meine Gewohnheit, bei meinen Patienten nach dem Namen zu forſchen.“ „Und iſt die Krankheit tödtlich?“ „Sie hätte tödtlich werden können, wenn die Leidende nicht zeitig ärztliche Hülfe angerufen hätte.“ „So iſt alſo keine Gefahr mehr?“ „Rein, nur noch geſchwächt iſt ſie; doch die ſtär⸗ kenden Mittel, die ich ihr verſchreibe, werden ihr bald die Kräfte wieder geben.“ 6 „Wenn Sie aber die ſtärkenden Mittel nicht brau⸗ chen würde?“ „Dann würde die Schwäche überhand nehmen, und die Frau bald zuſammenbrechen.“ „Trinken Sie noch Eins, Doktor!“ Der Doktor trank. „Sie werden ſie herſtellen?“ 9 — „Gewiß.“ „So iſt ihr Leben in Ihrer Hand: durch Ihre ſtärkenden Mittel werden Sie ſie herſtellen, und wenn Sie ſie ihr verſagten,— muß ſie... ſterben?“ „Ja.“— Ein Augenblick unterbrach die Verhandlung. Man hörte deutlich das regelmäßige Getick der Uhr,— die auf dem Kamine ſtand und das Sauſen des Windes, der durch den Schornſtein blies.— Brand füllte die Gläſer noch einmal, griff zu der Glocke, die auf dem Tiſche ſtund und ließ noch eine Flaſche kommen. „Ich wünſchte, die Frau waͤre todt,“ ſagte Brand, durch die Gläſer ſeiner Brille den Doktor ſcharf be⸗ obachtend.„Ich wünſchte, die Frau wäre todt, um der Kinder Willen! Dieſe Worte machen Sie ſtaunen, nicht wahr, Doktor, und doch ſind ſie gut gemeint. Ich werde Ihnen die Gründe ſagen, warum ich dieſen Wunſch hege, und Sie werden ſehen, daß, ſo grau⸗ ſam ich auch ſcheinen mag, ich doch einen frommen Wunſch habe.— Aber Sie trinken nicht; leeren Sie erſt Ihr Glas, dann will ich Ihnen Alles erzählen.“ „Vor einigen Jahren lernte durch Zufall ein jun⸗ ger Mann— die Vorſicht verbietet mir, hier ſeinen amen zu ſagen, und der macht auch nichts zur ache— ein Mädchen kennen, das weit unter ſeinem ang und Vermögen ſtand. Er war von einer alten, reichen adeligen Familie, jung und unerfahren, und fühlte in der That eine heftige Liebe für das Mädchen, das Alles, was weibliche Kunſt und Schönheit ver⸗ mochte, ins Werk ſetzte, um den jungen Mann an ſich zu ziehen„bis er, durch ſeine heftige Neigung verblendet, ſich mit ihr verheirathete. Es war ſchon zu ſpät, als ihn der gethane Schritt reute. Durch ſeinen Vater enterbt, verſtoßen von ſeinen Blutsverwandten, führte er ein kummervolles Leben. Durch ſeiner Hände Ar⸗ eit, mußte er, der allen Geſchäften fremd war, ſei⸗ nen Unterhalt verdienen; Verdruß, Selbſtanklage und Kummer brachten ihn bald in das Grab, indem er 1 eine Wittwe und zwei Kinder hinterließ.— Wer die Wittwe iſt, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, Doktor, Sie kennen ſie...“ „Meine Patientin?“ 4 „Dieſelbe.— Die Wittwe lebt nun von ihrer Hände Arbeit; Sie wiſſen, wie wenig dies einträgt; die Frau iſt ſchwach und kränklich. Sie ſelbſt hat keine Blutsverwandten mehr und die ihres verſtorbenen Gatten verweigern ihr alle Hülfe und allen Beiſtand. Die Zukunft iſt daher ſowohl für ſie, als ihre Kin⸗ der, eine ſehr trübe. Das Leben dieſer Kinder wird unausgeſetztes Elend ſein, ihre Jugend wird vorüber⸗ ziehen unter ſchwerer Arbeit, um ihrer Mutter den Unterhalt zu verſchaffen. Die armen Kinder! Sie, die ein kummerloſes Leben führen und den Reichthum ge⸗ nießen könnten, ſind durch die Wiederherſtellung ihrer Mutter zu Armuth und Elend vervammt. Wenn die Wittwe an ihrer Krankheit geſtorben, würden die Blutsverwandten des Vaters für die Waiſen ſorgen; ihr Oheim würde ſie an Kindesſtatt aufnehmen und ſpäter zu ſeinen Erben machen. Doch all' das Glück, und all' dieſe Vorrechte müſſen ſie entbehren, und eine Mutter zu haben, die das Unglück ihres Vaters ge⸗ weſen, und durch ihre Reize, oder lieber noch durch ihre Liſt, die ſie ins Werk ſetzte, um einen unerfah⸗ renen Jüngling auf immer an ſich zu ketten, ihm das Leben verbitterte und Urſache war, daß er dem Un⸗ glücke erlag, womit er zu kämpfen hatte, einem Un⸗ glück, das er ohne dieſe Heirath nie erfahren hätte.— Kiüätten Sie der Natur den Lauf gelaſſen, die Wittwe wäre geſtorben; Ihre Mittel, Doktor, haben zwar der Mättet, das Leben erhalten, aber der Kinder Glück zerſtört!“ Hier ſchwieg Brand und ſah den Doktor mit 4 durchdringendem Blicke an. „ So lange die Wittwe lebt, find ihre Kinder —— unglücklich,“ fügte er noch bei,„als Waiſen werden ie glücklich ſein! Nun trinken ſie noch Eins, Doktor, oder ſchmeckt der Wein nicht!“ er Doktor trank und ſah ſtarr vor ſich hin. „Haben Sie begriffen, was ich von Ihnen wünſche, Doktor? Hauſer antwortete nicht. „Laſſen Sie der Natur ihren Lauf und hindern Sie ſie nicht, dann ſollen Ihnen zweihundert Gulden werden!“. „Ich habe Sie begriffen, ſehr gut begriffen,“ ſagte der Doktor mit Nachdruck,„ich weiß, was Sie von mir begehren.“ „Sie wollen 17 „Nie.“ „Meberlegen Sie ſich die Sache doch, ehe Sie be⸗ ſchließen.“ „Ich morde nicht!“ „Sind Sie toll, Doktor? Nennen Sie das einen ord, wenn einer der Natur nicht in's Handwerk greift, ihr den freien Lauf läßt?— Nennen Sie das einen Mord 24 „Sch bin Arzt, Herr Brand, ich weiß, daß wenn die Natur nicht in ihrem Laufe geſtört wird, die Wittwe ſterben muß, vielleicht binnen fünf, binnen vier Ta⸗ gen; ich beſitze die Mittel, um ſie zu retten; gebrauche ich die Mittel nicht, ſo bin ich ein Mörder. Gott gab mir die Kenntniß der Heilmittel, darum habe ich die heilige Verpflichtung, die Kunſt ehrlich und getreu ei denen auszuüben, die meine Hülfe anrufen!“ „Aber wie manchmal fehlt der Arzt und verſchreibt Mittel, die tödtlich ſind! Dem erfahrendſten Doktor ſollte nach Ihrer Anſicht, jeder ſolche Doktor ein Mörder ſein?“ 3 „Wenn er aus Unkunde irrt, dann leidet das Schlachtopfer um des Irrthums willen; doch das Ge⸗ wiſſen des Arztes iſt rein;z aber wer dem Leidenden 24 die Mittel, welche zu ſeiner Geneſung nöthig find, verenthäl, iſt ein Mörder,— und das will ich nicht ein. „Sie begreifen, Doktor, daß mich nicht der Ei⸗ gennutz zwingt, Ihnen dieſen Vorſchlag zu machen. Die Wittwe beſitzt nichts als ihre Armuth; aber um der Kinder willen bitte ich Sie.— Sie ſtellen ſich zwiſchen die Kinder und ihr Glück!— Und noch mehr, —O—O˖˖—Q—Q—Q——Q—— Doktor, weigern Sie ſich, das zu thun, was ich Ih⸗ nen vorgeſchlagen, ſo haben Sie das Leben der Wittwe nur für einige Zeit gefriſtet; denn es ſoll mich nicht viel Mühe koſten, einen andern zu finden, der klüger, als Sie.— Die Kinder müſſen Waiſen wer⸗ den, es koſte, was es will!“ „Sie werden Ihren Zweck nicht erreichen, Herr Brand! Ich werde den Vorſchlag, den Sie die Un⸗ verſchämtheit hatten, mir zu machen, vor dem Gerichte angeben und das Leben der Wittwe wird nicht länger durch Sie bedroht werden. Sie ſoll vor Ihren Nach⸗ ſtellungen geſchützt ſein.“ „Aber wie ſoll man Ihnen glauben, Doktor Hau⸗ ſer? Wo ſind die Zeugen, die Sie anführen könnten, um die Wahrheit Ihrer Ausſage zu beſchwören? Die Anzeige eines Fremden wird wenig gegen mich aus⸗ richten, beſonders da ſie weder durch Beweiſe, noch durch Zeugen begründet werden kann. Doch vielleicht iſt der Preis zu gering und Sie weigern ſich darum; ſprechen Sie, und ſagen Sie mir, wie viel noch fehlt!“ Doktor Hauſer antwortete nicht; er ſtand auf, hing ſeinen Mantel um und machte ſich bereit, das Zimmer zu verlaſſen.. Während deſſen zog Brand ſeine Börſe und zählte fünfzig Ducaten auf den Tiſch. und um ſich ſchnell dem verlockenden Anblicke zu ent⸗ ziehen, ging er nach der Thüre. heraus — Dear Doktor ſah mit gierigen Blicken nach dem Golde, 25 „Doktor Hauſer, Sie ſind ein ehrlicher Mann!“ ſagte Brand.— Verwundert blieb der Ungar ſtehen. „Nehmen Sie hier Platz, Doktor, wir werden als Freunde ſcheiden. Was ich Ihnen von der Wittwe erzählte, iſt wahr. Und der Vorſchlag, den ich Ihnen that, wegen... war wohlgemeint. Damals wünſchte ich den Tod der Wittwe, um den Kindern nützlich zu ſein, doch Ihre Weigerung hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht; ſie ließ mich das Schändliche mei⸗ nes Vorſchlags einſehen und die Schaam erlaubt mir kaum, Ihnen in die Augen zu blicken.“ „Wahrhaftig?“ rief Hauſer. „Ja, darum wollen wir die Verhandlung ver⸗ geſſen, Doktor, ich zittre, wenn ich daran denke; die Liebe zu den Kindern, hätte mich zu einem Mörder der Mutter gemacht.“ „Und Sie wollten ganz und gar von Ihrem mör⸗ deriſchen Vorhaben abſtehen, und die Wittwe würde nichts von Ihnen zu befürchten haben?“ „Nichts, ich ſchwöre es Ihnen,“ antwortete Brand in einem Tone, als fühlte er ſeine Schuld. „Braver Mann, ſo ſei es auf ewig vergeſſen!— Jeder Menſch hat ſeine ſchwachen Augenblicke. Errare humanum est, Sie wiſſen, was das heißt.“ Der Sprachmeiſter erröthete und gab ſchnell zur Antwort: „Ja natürlich weiß ich, was das ſagen will, und Sie haben Recht.— O Gott! wie dank ich dir, daß du mich durch dieſen Mann von einer Schand⸗ that abgehalten, die mein ganzes Leben durch Reue verbittert und mir einſt ewige Pein⸗ verurſacht hätte.“ Der Doktor ſah, daß er unter der blauen Brille die Augen zum Himmel aufſchlug. „Doch Ihnen, mein Freund,“ ſprach Brand wei⸗ 8 ter,„Ihnen muß geholfen werden. Ich habe Sie jetzt imſterdams Geheimniſſe. I. 26 als einen braven, tugendhaften Mann kennen lernen. Rehmen Sie dies Gold, das zum Sold für die Sünde beſtimmt war, jetzt als Lohn für Ihre Tugend!“ 3 „Herr Brand, iſt es Ihnen Ernſt?... Dieß Gold gehörte mir!“ „Nehmen Sie es, und wenn Sie in Oſtindien Ihr Glück gemacht haben werden, können Sie es mir zurückgeben.— Wenn meine Umſtände es erlaubten ſo würde ich es Ihnen zum Geſchenk anbieten. Doch das könnte Sie leicht beleidigen...“ „O, ich hoffe binnen Kurzem im Stande zu ſein, Ihnen das Geld zurückzugeben. Geben Sie mir Etwas zum Schreiben und ich werde Ihnen einen Schein ge⸗ ben, daß ich das Geld empfangen.“ „Einen Schein nehme ich nicht von Ihnen, Sie find ein ehrlicher Mann und ein Mann, ein Wortl auch zweifle ich nicht, daß Sie das Geld, ſollte ich vielleicht bis zu Ihrer Zurückkunft nicht mehr leben, an meine Erben zurückgeben würden, wenn ich arme 4 Blutsverwandte hinterließe.“— „Aber ich bin ſterblich, Herr Brand, nur deßhalb haben Sie einen Schein von mir nöthig; ohne das nehme ich Ihr Gold nicht.“ 3 „Nun denn, wenn Sie darauf beſtehen, hier.ℳ Damit gab er ihm ein Stück Papier und Bleiſtift. —„Schreiben Sie, was Sie wollen.“ 3 „Nein, es muß eine genaue Beſcheinigung ſein, Poohne das mag ich das Geld nicht nehmen.“. „Wahrlich, Doktor, Sie treiben die Genauigkeit zu weit,“ ſagte Brand lachend,„Sie wollen, daß wir einen genauen Schuldbrief ausſtellen, vielleicht auch noch einen geſtempelten, da man hier zu Lande ge⸗ wohnt iſt, dergleichen Scheine auf geſtempeltes Papi zu ſchreiben.“. „ Es muß alles in Ordnung geſchehen„ He Brand,“ ſprach der Doktor.„Wenn es nöthig it daß ein ſolcher Schuldbrief, um von Kraft zu ſein, —— . 3 3 27 kuf geſtempeltes Papier geſchrieben werde, dann muß as auch geſchehen.— Haben Sie Schreibzeug?“ „Ja, Doktor, aber ich finde unter meinen Pa⸗ pieren nur einen ungeſtempelten Wechſel und der kann nicht dienen, oder Sie müßten mir einen Wechſel für die ganze Summe geben. Doch wozu dieß Alles? Noch einmal, wir könnten das Ganze bleiben laſſen!“ „Nein, ich habe Ihnen meinen Entſchluß geſagt, und wie groß auch der Dienſt iſt, den Sie mir durch dieſes Geld erweiſen, ohne Schuldbrief würde ich es doch nicht nehmen.“ 3 „Nun denn, trinken Sie noch Eins, Doktor! Ich werde, um die Sache. kurz zu machen, einen Schein ſchreiben, den Sie blos zu unterzeichnen brauchen, aber wie ich Ihnen ſchon ſagte, ich habe nur Wechſel ohne Stempel im Hauſe.“ „Ich verſtehe wenig von dergleichen Sachen, Herr Brand, wenn ein ſolcher Schein ebenſoviel verbin⸗ dende Kraft hat, als eine andere Schrift, will ich gerne einen ſchreiben, wenn Sie mir nur ſagen wollten, wie ich ihn abfaſſen ſoll.“ „Ich werde Ihnen die Mühe erſparen, Doktor; ich will es ſchreiben und Sie haben es nur zu un⸗ terſchreiben.“ Der Sprachmeiſter ſetzte ſich und ſchrieb: „Und wann iſt die Verfallzeit?“ „Verfallzeit, was heißt das?2. „Wann Sie im Stande ſein werden, das Geld zurückzugeben, Doktor!⸗ „Die Zeit kann ich unmöglich angeben, Herr „oeun, dann werde ich den Schein ſo ausſtellen, daß er alle Zeit in Kraft bleibt und keine Zeit feſt⸗ Brand ſchrieb und las nachdem er geendigt hatte das Geſchriebene vor. 3 8 k „Ich Unterzeichneter ſchulde an Vorzeiger dies, Herrn... „Ich werde den Namen offen laſſen, daß derjenige meiner Erben, welcher nach meinem Tod in den Beſitz des Scheines kommt, ihn ausfüllen kann... Weiter: „Herrn, nach Ordre, die Summe von zweihundert zuai und ſechzig Gulden und fünfzig Cents Werth er⸗ alten. „Finden Sie es ſo recht, Doktor, oder...“ „Ganz gut, ich habe nur zu unterzeichnen.“ „Hier, Doktor!“ Carl Hauſer unterzeichnete den Schuldbrief und gab ihn dem Sprachmeiſter. Dann ergriff er die Hand Brands und drückte ſie mit Herzlichkeit. „Empfangen Sie meinen aufrichtigen Dank,“ ſagte er,„möchte ich mal im Stande ſein, Ihnen durch die That meine Erkenntlichkeit zu beweiſen...“ „O ſchweigen Sie, Doktor, ich bin Ihnen Dank ſchuldig, und nicht Sie mir. Sie haben mich von einem Mord abgehalten; Gott wird es Ihnen einmal vergelten.“ „Herr Brand,“ ſagte der Doctor in kindiſcher Aufregung,„Sie ſollen ſehen, wie gut ich jetzt für meine Ausrüſtung ſorgen will.“ „Hoffen Sie bald an Bord ſein zu müſſen?“ „In vierzehn Tagen; doch ich werde nicht abrei⸗ ſen, ohne Ihnen Abſchied zu ſagen.“— „Leben Sie wohl, Doktor. Wenn ich Zeit haben werde, will ich Sie beſuchen. Wo logiren Sie?24 „Im„Wijnberg“ in der Warmoesſtraat.“ „Nun, wir werden uns wiederſehen!“ „Nochmal, leben Sie wohl!“ Als der Doktor weggegangen war, blieb Juſtus Brand, noch einige Zeit in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken, allein im Zimmer; dann ſchellte er und der Ei⸗ genthümer des Hauſes trat herein.. „Ich komme drei Wochen lang nie des Nachts. 29* Hauſe,“ ſagte der Sprachlehrer,„ich werde aber jeden Tag kommen, zu hören, ob nichts für mich angekom⸗ men iſt: Sie wiſſen, mein Name iſt Brand!“ V. Vereitelte Hoffnung. Zehn Tage waren vorüber, ſeit dies in Brands Hauſe auf der Roſengracht vorgefallen war. Carl Hauſer war glücklich; mit dem Gelde, wel⸗ ches ihm Juſtus Brand verſchafft, hatte er verſchiedene Einkäufe gemacht und ſein Wohlthäter hatte ihn ein paar Mal im Wiinberg beſucht. Eines Tages empfing unſer Doktor einen Brief vom Kapitän, mit deſſen Schiffe er abreiſen ſollte, des Inhalts, daß die Rhe⸗ ders einen anderen Schiffsdoktor angeſtellt hätten, welche Stelle Carl Hauſer bereits übertragen worden war. Das war dem armen Ungarn ein Schlag aus heiterer Luft; er hatte ſo feſt auf das Verſprechen des Kapitäns gebaut, daß ſeine Koffer ſchon gepackt wa⸗ ren und bereit ſtanden, um ſie an Bord zu bringen. Er hatte ſich beinahe von allem Gelde entblößt, um ſich das Nöthige für die Reiſe anzuſchaffen, denn das ihm von Brand vorgeſchoſſene Geld war weit nicht Aureichend geweſen. Umſonſt waren nun alle Mühe, alle Koſten, die er aufgewendet hatte. Auch hatte der Fremde in der großen Stadt Amſterdam keinen einzigen Bekannten, an den er ſich in dieſer Noth hätte wenden können, als den Lehrer Brand. Mehrmals hatte er ſich in deſſen Wohnung verfügt, doch immer dieſelbe Antwort auf ſeine Frage bekommen, nämlich, daß Brand an jenem Abend, an dem die Verhandlung ſtattgefunden, ſeine Wohnung verlaſſen und noch nicht zurück gekommen war. Der Hauseigenthümer wußte dem verlaſſenen Doktor nichts Näheres von dem Sprachlehrer zu ſagen, als, Brand habe erſt am Morgen jenes Tages, an dem die Unterhandlung vor ſich ging, das Zimmer gemie⸗ thet und einen Monat Miethslohn vorausbezahlt. An jenem Abend hatte Brand zum erſten Mal, ohne alles Gepäcke, ſeine Wohnung auf der Roſen⸗ gracht bezogen. Da er nun verſchwunden und ſeit dieſer Zeit Nichts von ſich hatte hören laſſen, ſo ver⸗ muthete der Hausbeſitzer, daß der Sprachlehrer eine Reiſe gemacht habe. Carl Hauſer wußte nicht, was davon denken; daß Brand nicht auf der Reiſe, davon war er überzeugt, da der Sprachlehrer ihn einige Male ſeit ihrer Zuſam⸗ menkunft in ſeiner Wohnung, dem Wijnberg, beſucht hatte. Er meinte, das, was ihm da von einer Reiſe Brand's erzählt werde, ſei eine Erdichtung, der Sprach⸗ lehrer wolle allen weiteren Umgang, aus welchem Grunde, war ihm unbekannt, vermeiden. Der Ungar täuſchte ſich. Die Frau hatte ihm ſtets die Wahrheit geſagt; Juſtus Brand war ſeit dem er⸗ ſten Abend, an dem er ſeine Wohnung verlaſſen hatte, nicht zurück gekommen. Als zwei Wochen verlaufen waren, ohne daß ſie eine Nachricht von ihm bekam, that ſie alles Mögliche, um zu erfahren, was aus dem ſonderbaren Sprachlehrer geworden war; aber Nie⸗ mand kannte den Sprachlehrer Juſtus Brand,— al dieſer plötzlich wieder erſchien und das von ihm ge miethete Zimmer bezog.“ Er gab vor, auf einer Reiſe geweſen zu ſein und daß er hie und da ſolche kleine Reiſen machen müſſ Sein erſtes Geſchäft war, an Hauſer zu ſchreiben und den Brief ſogleich in ſeine Wohnung zu ſchicken. Kaum war eine Stunde nach Abſendung des Briefes vorüber, als der Doktor in das Zimmer des Sprach⸗ lehrers trat. Sein Geſicht zeigte eine heftige Aufre⸗ hung und ſein ganzes Weſen war ängſtlich und aſtig.— „Ich habe Ihren Brief empfangen, Herr Brand,“ ſagte er.„Sie melden mir in demſelben, daß Sie Ihre Wohnung wieder bezogen— Sie ſehen, ich habe nicht lange auf mich warten laſſen, und...“ Er wollte noch mehr ſagen, als ihm Brand in die Rede fiel. „Ich meinte, Sie wären längſt nach Oſtindien geſegelt, und bedauerte, daß ein Zufall mich nöthigte, Sie plötzlich zu verlaſſen, ohne zu einem Lebewohl für Sie Zeit zu haben.— Bei meiner Zurückkunft aber vernahm ich, daß Sie verſchiedene Male da geweſen und nach mir gefragt hatten, darum habe ich Sie ſo⸗ gleich von meiner Ankunft in Kenntniß geſetzt, und bin erfreut, daß Sie ſich ſo geſputet, zu kommen, da ich vor Begierde brenne, die Hinderniſſe Ihrer Abreiſe zu erfahren. Ich meine mich zu erinnern, daß die Koffer ſchon gepackt waren, als ich Sie das letzte Mal be⸗ ſuchte, und Alles zur Abreiſe bereit ſtund.“ „Ein Anderer wurde für mich angeſtellt. Doch das iſt nicht Alles, man..“ „Wie, Sie gehen nicht nach Oſtindien?2⸗ „Nein, ich befinde mich in der größten Verlegen⸗ heit, Herr Brand, und ich danke Gott, daß Sie zu⸗ rück gekommen, um mir mit Ihrem Rathe beizu⸗ ſtehen.“ „„Sprechen Sie nur, kann ich Ihnen helfen, ſo glauben Sie mir, daß ich es gerne thun werde.“ „Erſt vor acht Tagen kam Jemand in meine Woh⸗ 1 verlangte mich zu ſprechen. Ich war gerade ‚gegangen, doch erwartete er meine Zurückkunft. Als ich zu Hauſe kam, übergab er mir einen von mir 7 unterzeichneten Schuldbrief, im Betrage von zweihun⸗ dert zweiundſechzig einem halben Gulden, und verlangte alsbaldige Bezahlung. Der Schuldbrief war derſelbe, den ich Ihnen für das mir geliehene Geld, übergab.“ „Was!“ rief Juſtus Brand,„der Schuldbrief, den ich von Ihnen empfing!“ „Derſelbe!“ gab Hauſer zur Antwort,„und an der Stelle, die Sie leer gelaſſen, las ich den Namen Remmers und Comp.“ „Remmers und Comp.... ich begreife Alles. Aber weiter, Doktor, bezahlten Sie die Summe?“ „Wie war mir das möglich? Nicht allein das Geld, das Sie mir geliehen, ſondern beinahe Alles, was ich beſaß, hatte ich an meine Ausrüſtung gerückt; ich ſagte, ich ſeie zahlungsunfähig...“ „Und.... 7— „Der Mann ging, doch gegen Abend kam ein Herr, wie er ſagte, ein Notar, gefolgt von zwei an⸗ dern Männern, und verlangte nochmals die Bezah⸗ lung, und als ich ihm die Unmöglichkeit aus einander geſetzt, legte er mir eine Schrift vor, die ich unter⸗ zeichnen mußte, worauf die zwei Zeugen auch ihren Namen beiſetzten. Der Notar gab mir eine mit der unterzeichneten gleichlautende Abſchrift und ging. „Was all' dieß bedeuten ſollte, begriff ich wenig oder gar nicht, aber der Wirth des Wijnbergs ſagte, daß mein Schuldbrief proteſtirt ſei, und dieß wahr⸗ ſcheinlich eine gerichtliche Unterſuchung nach ſich ziehen werde. Dieß erfuhr ich auch bereits den andern Tag, als ich einen Brief empfing von einem Prokurator, der mich im Namen der Herren Remmers und Comp. er⸗ mahnte, binnen zweimal vierundzwanzig Stunden den Schuldbrief ſammt Prozeßkoſten zu bezahlen, mir zu⸗ gleich anzeigend, daß er den Auftrag habe, mich, wenn ich meine Schuld nicht bezahle, im Wege Rechtens zu verfolgen. Ich begab mich ſogleich zum Pro —— —— dkurator; er konnte aber, wie er ſagte, Nichts in der Sache 33 thun, und rieth mir, um alle Unannehmlichkeiten zu vermeiden, für das Geld in der anberaumten Zeit zu ſorgen, da die Sache im andern Falle vor Gericht ver⸗ handelt werde, und die Herren Remmers und Comp. wahrſcheinlich das Urtheil gegen mich fällen machen könnten, und dann das Recht haben, mich der Freiheit zu berauben. „Bezahlen war mir unmöglich. Ich wollte mich daher ſelbſt zu den Herren Remmers und Comp. ver⸗ fügen, allein der Prokurator rieth mir ab und ſagte, daß er in Anſehung meiner Umſtände bei den Herren Remmers und Comp. ſelbſt zu meinen Gunſten Alles, was in ſeiner Macht ſtehe, thun werde. Nun ſuchte ich, indem ich Alles, was ich beſaß, verkaufte, die Summe zuſammen zu kriegen, welche durch die großen Koſten, die der Prokurator mir in Rechnung brachte, nicht wenig vermehrt wurde. „Ich kann Ihnen nicht ſagen, Herr Brand, in welcher Angſt ich lebte. Mehrere Male ging ich in Ihre Wohnung, um von Ihnen Rath und womöglich Hülfe zu erlangen. Als ich während mehrerer Tage nichts vom Prokurator hörte, tröſtete ich mich mit der Hoff⸗ nung, daß er die Sachen mit Remmers und Comp. abgemacht, bis ich vorgeſtern dieſes Papier empfing, welches nicht weniger als eine Vorforderung vor Ge⸗ richt auf den morgenden Tag enthielt.“ Der ungariſche Doktor übergab Brand die Schrift und der Sprachlehrer ſetzte ſich in einen Armſtuhl und las ſie ſtille. Als er geendigt, ſagte er lächelnd:„Seien Sie ruhig, Doktor, die Sache hat Nichts auf ſich!“ „Aber in Gottes Namen, wie kommt der Schuld⸗ brief in die Hände von Remmers und Comp.? 1„Das ſollen Sie ſpäter erfahren, Doktor Hauſer! Wahrlich, ich dachte nicht, daß Sie ſolch' eine Klei⸗ nigkeit ſo außer Faſſung bringen könnie!“ „Solch eine Kleinigkeit! Sie nennen das eine Kleinigkeit, vor Gericht gefordert zu werden und viel⸗ leicht ſeine Freiheit zu verlieren.“ „Ha, ha! Sie ſehen zu ſchwarz, guten Doktor. Kommen Sie, trinken Sie ein Glas Wein, um Ihre Sorgen hinweg zu ſpülen, dann wollen wir als Freunde überlegen, was da zu thun iſt.“ Dieſes Geſpräch ſchien den Doktor zu beruhigen; er ſetzte ſich nieder und ſchlug das Glas nicht aus, das ihm Brand anbot. „Sie ſind auf morgen vor Gericht gefordert?“ begann der Sprachmeiſter,„laſſen Sie ſich darüber keine grauen Haare wachſen; es handelt ſich ja nicht um Verbrechen oder Untreue.“ „Aber die Bezahlung des Schuldbriefs, die Unko⸗ ſten werden von mir verlangt werden, und Gott weiß, daß es mir an den Mitteln dazu gebricht!“ „Wenn ich Ihnen helfen kann, ſo werde ich es ewiß thun, denn ich helfe gerne braven und ehrlichen euten. Ich bin es aber außer Standes, das Sprach⸗ lehrer⸗Amt iſt nicht ſo einträglich, um eine ſolche Summe aufzubringen... und wenn ich auch Tau⸗ ſende beſäße, würde ich dennoch mich weigern, Ihnen in dieſer Sache nur einen einzelnen Pfennig vorzu-⸗ ſchießen!“ „Wie, Herr Brand?“ „Hören Sie mich an, die Herren Remmers und Comp. haben niederträchtig und unedel an Ihnen ge⸗ handelt, indem ſie Sie jetzt mit der Zahlung dräng⸗ ten, und aus dieſem Grunde wünſche ich, daß die Zah⸗ lung nicht geſchehe, Sie dürfen aber ja nicht verſäu⸗ men, vor dem Gerichte morgen zu erſcheinen; erklären Sie dort, daß Sie ſich nicht in der Lage befinden, die geforderte Summe zu bezahlen.“ „Aber dann wird man, wie der Prokurator ſagte, das Urtheil gegen mich, zu Gunſten Remmers und Comp., fällen, und ich werde gefangen genommen 1 35 „Zweifelsohne; doch glauben Sie mir, ſie werden von dem Rechte keinen Gebrauch machen. Das iſt mit großen, ſehr großen Koſten verbunden, und was wird es am Ende die Herren Remmers und Comp. nützen, wenn ſie Sie gefangen halten. Wären Sie Einer, der vermögliche Verwandte und Freunde hätte, die im Stande wären, fur ihn zu bezahlen, dann wäre die Sache anders, aber ſo... ich ſage dieß nicht, um Sie zu beleidigen; jetzt da Sie weder Vermögen, noch Freunde haben, werden Remmers und Comp. ſich keine unnöthigen Koſten machen, und überdieß werde ich Alles thun, um Ihnen die Freiheit zu erhalten. Setzen Sie alles Vertrauen auf mich, Doktor, es ſoll Sie nicht reuen.“ „Gott gebe, daß es geſchehe, was ſollte aus mir werden? Gefangen, in einem fremden Land, ſo weit von ihr getrennt!“ Eine Thräne rollte über die Wan⸗ gen des Doktors.„Ich muß Ihnen nochmals ſagen, Herr Brand, daß es mir ein Räthſel iſt, wie mein Schuldbrief in die Hände der Herren Remmers u. Comp. kommt.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß Sie es ſpäter wiſſen ſollen. Wollen Sie ſich auf mich verlaſſen, Doktor?“ 4 „Was kann ich anders thun? Durch die fünfzig Dukaten, die Sie mir vorgeſchoſſen, haben Sie mich in dieſe Verlegenheiten geſtürzt, in welche ich ohne das verteufelte Gäld nie gekommen wäre.“ „Ich habe Ihnen dieſe Unannehmlichkeiten, obwohl ohne meinen Willen, bereitet, und darum muß ich Ihnen aus denſelben helfen. Ich erwarte Sie morgen Abend bei mir, Doktor; Sie werden mir dann den Beſchluß des Gerichts mittheilen, und wir werden darüber berathſchlagen. Doch noch eine Frage, wie ſteht es mit der kranken Wittwe?“ 3 „Sie iſt noch ſchwach, ſehr ſchwach; wie viel Mühe ich auch anwende, ihre Herſtellung geht langſam von 1 Statten. Wahrlich auch ihr Leben muß aus Schmer⸗ zen und Seelenleiden zuſammen geſetzt geweſen ſein, denn nichts, Herr Brand, nichts zehrt ſo ſehr an den Kräften, als verborgene Schmerzen und innere Leiden.“ 1 VI. Die Verſuchung. ö Am folgenden Abend ſaß Brand allein auf ſeinem Zimmer.— Er lud eine Sackpiſtole, die er zu ſich ſteckte, zählte dann einige Goldſtücke, welche er in eine ſeidene Börſe rollen ließ und ſetzte ſich zum Kamine, in dem ein luſtiges Feuer brannte.— Der Sprach⸗ meiſter ſchien im Geiſte ganz abweſend. Das eine Mal hielt er die Hand vor die Stirne, als wollte er die Gevanken, die darin wühlten, hemmen, das andere Mal warf er einen Blick auf die Uhr, die ſechs wies. Der ungariſche Doktor trat herein. „Nun,“ rief Brand,„die Herren Remmers u. Comp. haben Urtel und Leibzwang gegen Sie erlangt.“ „Leider ja! Gott weiß nun, was aus mir wer⸗ den ſoll.“ „Ich weiß Alles, Doktor Hauſer! Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich, aus Theilnahme für Ihr, als eines Freundes Loos, mich nach dem Verlauf der Geſchichte die dieſen Morgen vorfiel, erkundigte. Leider, Doktor, ſtehen Ihre Sachen ſchlecht, ſehr ſchlecht!“ „Was ſagen Sie? Die Herren Remmers u. Somy. werden doch nicht. „Sie gefangen zeynen, meinten Sie;— es thu⸗ mir leid, darauf nicht verneinend antworten zu können. Zu meinem Leidweſen haben ſie die Sache ſchon in ——— 9 3 2½ 1 37 die Hände eines Gerichtsdieners gegeben, um das Ur⸗ theil in Ausführung zu bringen. Wären Sie ein Be⸗ wohner dieſer Stadt, Herr Hauſer, ſo würde ich Ihnen rathen, nur nach Sonnenuntergang Ihre Wohnung zu verlaſſen, da Sie aber ein Fremder ſind und Ihre Wohnung in einem Wirthshaus genommen haben, glaube ich nicht, daß dieſe Vorſorge etwas nützen wird.“ „So wird man mich alſo gefangen nehmen!“ „Vielleicht noch heute!“ „Und wie lange wird die Gefangenſchaft dauern?“ „Bis Sie bezahlen und zwar nicht nur den Be⸗ trag des Schuldſcheins und die Unkoſten, ſondern auch die Ausgaben, die die Herren Remmers u. Comp. für Ihren Unterhalt im Verhafte zu machen haben. Sie verſtehen, je länger Ihre Gefangenſchaft dauert, deſto größer ſind die Koſten.“ „Großer Gott, ich bin nicht mehr zu retten. O, daß ich Sie nie hätte kennen lernen, Herr Brand! Ich glaubte, Sie wären mein guter Engel und jetzt ſind Sie mein böſer Geiſt; Sie haben mich in's Verderben geſtürzt!“ „Der Schein iſt gegen mich, ich weiß das wohl, aber dennoch bin ich unſchuldig, denn Sie haben Nie⸗ mand als ſich ſelbſt den troſtloſen Zuſtand zuzuſchreiben, in dem Sie ſich befinden.“ „Niemand als mir ſelbſt! Doch ja, Sie haben Recht, ich hätte klüger ſein und mich nicht von Ihren falſchen Schlingen umſtricken laſſen ſollen. Ihr Gold habe ich angenommen, und... Es iſt wahr, ich ſelbſt, Niemand als ich ſelbſt bin die Urſache des Unglücks, das jetzt über mich hereinbricht! Ich glaubte, Sie ſeien ein lhhlicher rechtſchaffener Mann,— ich habe mich be⸗ ogen.“ 3 „Warum unterzeichneten Sie den Schuldbrief. Ich bot Ihnen ja das Geld, ohne einen Schein von Ihnen zu fordern. Habe ich Ihnen nicht abgerathen? Aber 38 nichts half; Sie wollten keinen Pfennig ohne Schein, jetzt haben Sie die Folgen Ihrer eigenen Thorheit.“ Der Doktor blieb einige Augenblicke in tiefes Nachdenken verſunken; es lag viel Wahrheit in dem, was Brand geſagt hatte. „Aber warum verfolgen mich die Herren Remmers u. Comp. für das Geld, das Sie mir geliehen?“ war die natürliche Frage Hauſers. r „Die fünfzig Dukaten, Doktor, die ich Ihnen gab, gehörten nicht mir. Ich habe ein Wagniß begangen, als ich der Einſprache meines Herzens Gehör gab und glaubte, Andere werden wie ich denken. Das Ünglück⸗ lichſte iſt, daß Sie gerade das Opfer dieſer Thorheit geworden ſind.“ „Sprechen Sie deutlicher, Herr Brand, wenn ich Sie begreifen ſoll. Ihre Sprache iſt mir ſo räthſel⸗ haft, als die ganze Geſchichte. Ich hoffte in Ihnen Jemand zu finden, der aus Theilnahme mein Glück fördern wollte, und jetzt...“ 4 „Sie haben ſich nicht betrogen. Hören Sie mich— an, ehe Sie mich verurtheilen. Die Herren Remmers u. Comp. find die Sachwalter der Blutsverwandten der beiden Kinder!“ „Aber.... „Laſſen Sie mich vollenden.— Die Blutsver⸗ wandten der Verſtorbenen ſtellten mir fünfzig Dukaten — — zu, die ich Ihnen anbieten mußte... Zu welchemn ggweck iſt bekannt. Ich unterzog mich der Sache, eines⸗ theils weil ich mich wegen großer Verpflichtungen ge⸗ gen die Verwandten nicht weigern durfte, anderntheils weil man mir eine große Belohnung anbot, wenn es gelänge, die Kinder zu Waiſen zu machen. 4 „Sie wiſſen, was darauf zwiſchen uns vorfiel; Sie weigerten ſich, auf meinen Vorſchlag einzugehen. Die Weigerung beſtürzte mich, Sie erinnern ſich; ich lernte Sie als einen ehrlichen und rechtſchaffenen Mann ken⸗ nen, der glücklich zu werden verdiente.— Sie haben / mich offenherzig mit Ihren Verhältniſſen bekannt ge⸗ macht; Sie wiſſen, daß die Summe, die ich Ihnen anbot, Sie in den Stand ſetzen ſollte, als Schiffsdoktor angeſtellt zu werden und darum wunderte mich Ihre Weigerung noch mehr. In dieſem Augenblick allein den Worten meines Gefühls Gehör leihend, gab ich Ihnen das Gold. Ich dachte nicht anders, als daß ihr edeles Betragen auch die anders ſtimmen werde, welche mir das Geld gaben, und daß ſie darum meine Handlungsweiſe billigen würden— aber leider betrog ich mich! Als ich erzählte, was ich gethan, nannten ſie mich einen Betrüger, der das Geld für ſich behalten wolle, und drohten, mir ihren Schutz zu entziehen, wenn ich ſie nicht von dem Gegentheil überzeugte, in⸗ dem ich ihnen den Schein übergeben würde. „Was ſollte ich thun? Durch die Weigerung hätte ich mir ihren Haß auf den Hals geladen. Ich bin ihnen viel verpflichtet und gab ihnen daher den von Ihnen unterzeichneten Schuldbrief und um Sie nicht zu beunruhigen, ſchwieg ich von der Sache, um ſo mehr, als ich hoffte, daß Sie ſchon unter Segel nach Oſtindien ſein werden, ehe die unwürdigen Blutsver⸗ wandten etwas gegen Sie unternehmen würden. „Umſtände zwangen mich, auf die Reiſe zu gehen, als ich aber zurückkam und hörte, daß Sie noch nicht gbgereiſt, begann ich für Sie zu fürchten, da ich die eute kenne und weiß, daß ſie viel Einfluß haben. Meine Befürchtung war nicht ungegründet; ſie waren es, die Ihre Anſtellung als Schiffsdoktor hintertrieben!“ „Die Herren Remmers und Comp. erhielten Ihren Rache an Ihnen zu nehmen, ſollten Sie ins Gefäng⸗ niß 40 gerten, in das einzuwilligen, was ſie Ihnen durch mich vorſchlagen ließen. Armer Freund, Sie werden für die Weigerung lange und ſchrecklich büßen!“ „Und wiſſen Sie denn kein einziges Mittel, um mich zu retten?“ frug der Doktor, deſſen Vertrauen auf Juſtus Brand nach dieſen Worten zurückgekehrt war.„Wenn Sie Alles, was geſchehen, vor Gericht offenbaren wollten, und als Zeuge der Wahrheit auf⸗ treten würden!“ „Dieß könnte zu einem weitläufigen Prozeſſe An⸗ laß geben. Ueberdieß möchte ich ungerne öffentlich bekennen, daß ich mich zum Unterhändler in einer Sache hergab, auf der die allgemeine Verachtung ru⸗ 3 hen würde, das müßte mir nicht wenig bei den Leuten ſchaden, die mir ihre Söhne anvertrauen, um ihr aca⸗ demiſches Studium zu leiten, und mir den Schutz entziehen, von dem ich ſchon ſprach, und der mir ſo nöthig, ohne den ich darben müßte. Und wenn ich auch vor Gericht alles Geſchehene erzählte und als Zeuge aufträte, welche Beweiſe hätten wir, um die Wahrheit zu begründen, beſonders gegen ſo vielver⸗ mögende Leute, die Sie ſich auf den Hals geladen.— Ueberdieß, ſie geben mir Geld, um Sie für den Dienſt zu belohnen, den ſie von Ihnen forderten; Sie wei⸗ gerten ſich, den Dienſt zu leiſten und ich hatte die Thorheit, das Geld Ihnen dennoch zu geben. Das ſie die Summe zurückverlangen, kann Niemand wun⸗ dern, um ſo weniger, da Sie ſich ſchriftlich verpflichtet hatten, die fünfzig Dukaten, bei Vorzeigung des Scheins zu bezahlen; das fatale Papier iſt ein furchtbares Mittel gegen Sie in den Händen Ihrer Feinde!“ Hauſer ging mit wankendem Schritte durch das Zimmer, während Brand jede ſeiner Bewegungen m forſchendem Blicke verfolgte. 4 „Gott, was ſoll aus mir werden!“ rief er, ver⸗ zweifelt die Hände ringend. Plötzlich blieb er ſtehen und rief, mit dem Tone unerwarteter Freude und des 41 Schreckens, als habe er einen glücklichen Gedanken ge⸗ funden:—„Sollte ich nicht fliehen können?“ „Dazu iſt es zu ſpät, Doktor! Glauben Sie mir, Ihre Wege find beobachtet, Sie hätten das früher aus⸗ führen ſollen.“ „Zu ſpät! zu ſpät!“ wiederholte der ungariſche Doktor, ſich heftig vor die Stirne ſchlagend.„Es gibt kein Mittel, mich zu retten, kein einziges Mittel?“ „Ja, ein Mittel bleibt noch übrig; das iſt aber das einzige.“ „Noch ein Mittel, ſagen Sie...“ .„Ein Mittel, nicht allein, um Sie aus dem Ge⸗ fängniß zu befreien, ſondern zugleich, um Ihnen eine Anſtellung als Schiffsarzt auf einem Schiffe zu ver⸗ ſcaßfen„ das binnen wenigen Tagen nach Oſtindien ege.,ℳ „Und das Mittel...“ „Was ſie von Ihnen verlangten, thun.“ Wie durch einen elektriſchen Schlag getroffen, trat Hauſer einen Schritt zurück. „Weiſer, kluger Doktor, wählen Sie die beſſere Partie ſo lange es noch Zeit iſt, morgen iſt es zu ſpät.“ „Nimmer und beim...“ „Schwören Sie nicht, Doktor, morgen würde Sie der Eid reuen.— Ich wiederhol' es, wählen Sie die beſſere Partie. Das Leben der Wittwe iſt in Ihrer Hand, ſchwächen Sie ſie, ſtärken Sie ſie, thun Sie, was Sie wollen, nur daß ſie ſterbe.— Sehen Sie hier einen Brief, der Ihnen den Platz als Schiffsdoktor auf einem ſegelfertigen Schiffe verſpricht, und um Ihnen die Ueberfahrt angenehmer zu machen, iſt dieſe Börſe die Ihre.— Hier iſt der fatale Schuldbrief mit dem Proteſt und dem Urtheil; thun Sie, was von Ihnen verlangt wird und ich vernichte dieſe Papiere und binnen Wengen Tagen befinden Sie ſich zwiſchen Himmel und Waſſer. Amſterdams Geheimniſſe. I, — „Verräther!“ rief Hauſer,„ha, jetzt weiß ich, was Sie ſind; Sie ſind der Blutsverwandte des Verſtor⸗ benen, Sie ſind es, der zu einer hölliſchen Liſt ſeine Zuflucht nahm, durch die ich mich beſtechen ließ; Sie find es, der all dies Unglück über mich gebracht; Sie wollten mich zu einem Mörder machen! Teufel! Sie handeln nicht für Andere, ſondern für ſich ſelbſt; ich habe Sie jetzt entlarvt.“ „Und wenn auch, was Sie ſagen, nun einmal Wahrheit wäre, und ich für mich ſelbſt handelte, dann müßte das Sie vollends ganz überzeugen, daß ich mei⸗ nen einmal gefaßten Entſchluß nicht ändere; daß Ihnen keine andere Wahl übrig bleibt, als Gefängniß oder Ihr o. „Sie treiben mich auf's Aeußerſte!“ ſagte der Doktor hitzig,„wenn Sie nicht augenblicklich die Pa⸗ piere zernichten; martern Sie mich nicht länger, machen Sie mich nicht wahnſinnig.“ „Doktor, bedenken Sie, daß Sie in meinem Zim⸗ mer ſind, verändern Sie augenblicklich den Ton, wenn Sie wollen, daß ich Sie noch anhören ſoll.“ „Hal Sie werfen die Maske abl Jetzt zeigen Sie ſich in Ihrem wahren Weſen: niedrig und elend, wie Sie ſind; Sie wollen mir eine Schuld aufbürden, vor der Sie ſelber zurückbeben. Sie find durchtrieben, ver⸗ ſchmitzt wie der Teufel. Sie wollen ſie umbringen, doch ohne daß der Verdacht auf Sie fallen kann. Sie ſpielten gegen mich den Edelmüthigen, um mich deſto beſſer in Ihre Schlingen zu verwickeln, und gebrauchten dazu Geld und Meineid. Aber Sie ſollen Ihr Ziel nicht erreichen; werfen Sie mich ins Gefängniß, thun Sie mit mir, was Sie wollen.... zum Mörder kön⸗ nen Sie mich nicht machen.“ „Nun, wie Sie wollen, morgen werde ich Sie gefangen nehmen laſſen. Ich beſitze die Mittel, um die Gefangenſchaft Jahre, viele Jahre lang dauern zu laſſen, und von den Mitteln werde ich Gedrauch machen! 43 3 Ihrer Freiheit beraubt, wird Ihnen jeder Tag ein Jahr, jedes Jahr eine Ewigkeit erſcheinen; Sie ſollen grau 3 werden im Gefängniß und fie, die Sie im Vaterland 3 zurückgelaſſen, die Sie liebt und die Sie wiederlieben, : foll vergebens Ihre Zurückkunft erwarten; dann erſt, ſ wenn die Jahre Ihre männlichen Kräfte zerſtört, wenn 1 das Alter Ihre Haare grau gemacht, wenn Ihre Liebe und Neigung im Innern erſtorben ſind, dann erſt werde ich Jynen die Freiheit wieder geben, dann erſt können Sie nach Ihrem Vaterland zurückkehren und ſie um⸗ armen, wenn Sie alt und abgemagert find...“ 1„Schweigen Sie, Elender.. 1“ rief der Doktor und trat einen Schritt vorwärts gegen Brand. „Kommt nicht zu nah, ich habe mich vorgeſehen,“ i die Piſtole entgegen. „ Einen Augenblick war es ſtille. Der Angftſchweiß lief über die edel gewölbte Stirne des jungen Doktors. All' ſeine Glieder bebten und beſinnungslos ſtürzte er „Herr Brand, um Gottes, Chriſti willen, machen Sie mich nicht unglücklich; haben Sie Mitleiden mit mir, der nie etwas gegen Sie that, den Sie ſelbſt ins Elend. geſtürzt haben. Nehmen Sie Alles, was ich beſitze, laſſen Sie mich im Frieden dies Land verlaſſen und ich ſchwör' Ihnen, bei Allem, was heilig iſt, daß nie ein Wort von dem, was zwiſchen uns vorgefallen, ber meine Lippen kommen wird.“ „Stehen Sie auf, Doktor, Sie ſind nicht auf der zühne, wo Einer vor dem Andern kniet. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Mann, der ſo ſtolz iſt, ſich ſo ief erniedrigen könnte, um vor mir zu knien.“ An ſeiner Ehre angegriffen, ſprang der Doktor auf. In dieſem Augenblick wurde an der Thüre geklopft, und die Dienſtmagd trat ein. „Mein Herr, der Gerichtsdiener Heß wünſcht Sie zu ſprechen; er wartet unten, doch wenn Sie keine Zeit haben, ihn zu ſprechen, möͤchte er nur die nöthigen Papiere haben, um morgen die Arretirung vornehmen zu können.“ 3 „Er möchte einige Augenblicke verziehen, ich werde ſogleich für ihn bereit ſein.“ Als das Mädchen das Zimmer verlaſſen hatte, wandte ſich Brand zum Doktor. 4„Sie haben es gehört,“ ſagte er.„Nochmals, mein Herr, bleiben Sie auf Ihrer Weigerung, ſo haben Sie morgen die Freiheit verloren; wenn Sie als ver⸗ iger Mann Ihr Intereſſe kennen und in den Vor⸗ ſchlag einwilligen, dann iſt dieſe Börſe Ihr Eigenthum, und Sie werden der Anſtellung als Schiffsarzt gewiß ſein. Der Gerichtsdiener wartet unten, ich habe ihm nur dieſe Papiere zu übergeben und morgen ſitzen Sie gefangen.— Nun, was iſt Ihr Entſchluß? Doktor, denken Sie an ſie, die Sie im Vaterlande zurückge⸗ laſſen, die Sie lieben und die Sie mit Verlangen er⸗ wartet.“ Der Ungar hatte auf einem Seſſel Platz genom⸗ men und bedeckte ſein Angeſicht mit beiden Händen, eine große Thräne fiel auf ſein ſammtnes Wamms. „Bedenken Sie, daß ich Ihnen den Weg zum Glücke zeige!“ „Ueber die Leiche der Wittwe!“ „Was wollen Sie thun?“ „O, geben Sie mir einige Zeit, bis morgen.... bis übermorgen.“ Brand ergriff die Glocke. „Geben Sie mir Zeit bis morgen!“ Brand ſchellte.. „Laßt den Herrn Heß heraufkommen,“ ſagte der Sprachlehrer zu der hereintretenden Magd. „Um Gottes willen, was wollen Sie thun?“ „Sie werden's hören!“ 1 Der Gerichtsdiener erſchien. „Herr Heß, Ihr wollt die Papiere abholen zur Arreſtation eines gewiſſen Carl Hauſer.“ 3 1 „Ja, mein Herr; ich würde mich deßhalb zu den Herren Remmers und Comp. begeben haben, aber ich empfing einen Brief von jenen Herren, welcher mir anzeigte, daß die bewußten Papiere unter Ihrer Be⸗ wahrung ſeien und Sie ganz die Vollmacht von den Herren Nemmers und Comp. hätten, um in dieſer Sache nach Gefallen zu verfahren.“ „lnd wann wolltet Ihr die Arreſtation vornehmen?“ „Morgen früh.“ . 4 haͤlt„Zör wißt, wo ſich Carl Hauſer gewöhnlich Su⸗ ält?“ „O ja; im Wirthshaus zum Wijenberg in der War⸗ moesſtraat.“ „Aber wenn dieſer Carl Hauſer ſeine Wohnung ändern oder gar die Stadt verlaſſen würde.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Herr, ich habe meine „Juſtus Brand ſchwieg einige Augenblicke; endlich Bale er:„Ich glaube nicht, daß es nöthig ſein wird, err habe einige Hoffnung, daß die Sache im Guten abge⸗ agen wiederzukommen, um alsdann, wenn er das Verſprechen nicht erfüllt hätte, das Urtel in Vollzug zu bringen. Die Herren Remmers und Comp. haben Euch gewiß geſchrieben, daß ſie Eure Mühe bezahlen wollen?“ 3 Gerichtodiener bejahte. 1 „„kun alſo in acht Tagen werde ich Euch wieder bei mir ſehen, Hrrr e 79 h eug „Sehr wohl,“ ſprach dieſer und ging. 46 „Sie haben's gehört, Doktor!“ ſagte Brand,„daß das, was ich Ihnen über die Gefangennehmung mit⸗ theilte, kein eitler Betrug war. Ich gebe Ihnen zehn Tage; machen Sie ſich dieſe zu Nutzen; lebt die Wittwe 3 noch nach Verlauf dieſer Zeit, dann wartet Ihrer das Gefängniß; im andern Fall vernichte ich dieſe Papiere, Sie hekommen die Schiffsarziſtelle und dieſe Börſe. „Blutgeld, Teufel!“ murmelte Hauſer, zog den Hut tiefer ins Geſicht, und verließ, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, das Zimmer. . VII. Der Triumph der Bosheit. Der November war zu Ende und der Dezember ſtellte ſich mit ſeiner kalten, alles erſtarren machenden Unerbittlichkeit ein. Auf der Oberfläche des Waſſers hatte der Froſt eine feſte Eisdecke gebildet, die Hunderte zu der guten Schlittenbahn verlockte; ſchnell wie der Wind glitt man aneinander vorbei; Lachen und Jauchzen 4 erfüllte die Stadtgräben und miſchte ſich mit dem Geklingel der Glöckchen, welche die Pferde ſchmückten,“ die in buntem Durcheinander die Schlitten über die glatte Bahn zogen. Eine zahlreiche Menge wandelte, in koſtbare Pelze gehüllt, längs den Grachten, bewunderte die Geſchwin⸗ digkeit der Schlittſchuhläufer oder die Pracht der Schlit⸗ ten, welche wetteiferten, einander zu überholen. 4 Wie ganz verſchieden von dieſem Schauſpiel von Freude, Leben und Luſt iſt der Anblick, der ſich unſern Augen darbietet, wenn wir in den elenden Aufenthalt der Wittwe auf dem Wiſde ſteeg wieder eintreten. 1 47 Obgleich es noch früh am Mittag war, herrſchte doch ſchon eine ziemliche Dunkelheit in dem kleinen von der Bühne abgeſchiedenen Gemache. Die mit Eis be⸗ deckten Scheiben ließen kaum einige Lichtſtrahlen durch die von der Kinder Hand aufgethauten Flecken. In der engen Bettſtatt lag die Kranke, bleicher und magerer, denn je. Die vier Wochen, ſeit wir ſie zum Erſtenmale kennen lernten, waren langſam vor⸗ beigeſchlichen— denn nur das Glück beflügelt die Zeit— und hatten eine große Veränderung in ihr be⸗ wirkt: der Glanz ihrer Augen war verſchwunden, ihr Athem unregelmäßig, und ein matter, trockner Hu⸗ ſten, der Vorbote des Todes, raubte ihr jeden ruhigen Augenblick. Sie litt an Seele und Leib, ihr Koͤrper war aller Kräfte, ihre Seele aller Hoffnung auf Wiederherſtellung beraubt. Der Hoffnungsſtrahl, der ihr noch vor wenig Wochen geleuchtet hatte, war erloſchen. Die arme Mutter! Die Hand, von der ſie Geſundheit erwartete, ſchnitt langſam, aber mit fürchterlicher Sicherheit, ih⸗ ren Lebensfaden ab. „Frank ſaß am Schornſtein niedergekauert und blies die wenigen Kohlen an, die unter der Aſche glimmten. Die kleine Clara hielt ihre Händchen unter die Schürze und lief mit ſchwerem Schritte durch das Ge⸗ mach, um ihre von Kälte beinahe erfrorenen Füße warm zu machen, doch 1 2 „Mach' doch keinen ſolchen kärmen,“ herrſchte die Kranke, ſetz' Dich und ſpiele.“ herrc Das Mädchen ſetzte ſich auf einen Stuhl, holte aus der Tiſchlade einen kriſtallenen Glasſtöpſel, ein paar kleine Schächtelchen und einige Lappen. Das war das ganze Spielzeug, womit ſie ſich unterhielt. 3 Sie zog die blaugewordenen Händchen unter der Schürze hervor, und ergriff mit den erſtarrten Fingern den Keiſtallſtöpſel, um denſelben vor das Auge zu hal⸗ ten und ſo die Farbenſchatten, die das Licht in dem Kriſtall bildete, zu betrachten; aber der Stöpſel war eiskalt, die ſcharfen Kanten thaten den beinahe gefühl⸗ loſen Fingern weh und das Kind begann laut zu wei⸗ nen.* „Warum weinſt Du?“ frug die Kranke mit freundlichem Tone, als wollte ſie die Härte, womit ſie ſo eben ihr Kind bebandelt, wieder gut machen. Das Kind gab keine Antwort, bezwang aber ſeine Thränen und ihr lautes Weinen veränderte ſich in ein unterdrücktes Schluchzen. „Sie weint, weil es kalt iſt,“ ſagte der Knabe, „nicht wahr Clara?“ Mein, nicht weil ich nur kalt bin, ſondern ich hab' auch Hunger, o, ſo arg Hunger!“ „Hunger und Kälte, o, das iſt ſchrecklich! komm' her Clara, gib mir Deine Händchen, daß ich ſie unter der Decke warm mache.“ „Aber ich hab' auch Hunger!“ dies Wort traf die arme Frau; ſie war Mutter und liebte ihre Kinder. Das Geld, was ſie für ihren Ring empfangen, war verzehrt und der Schleier noch nicht verkauft; alles was ſie beſaß, war verpfändet, nichts blieb ihr mehr über. Doch der Geiſt einer Mutter iſt erfindungsreich, wenn ſie auf Mittel finnt, um den Hunger ihrer Kin⸗ der zu ſtillen.* „Frank!“ rief ſie. „Mutter!“ antwortete der Kleine. Sie richtete ſich auf und begann ſchrecklich zu hu⸗ ſten, nahm unter den alten Kleidungsſtücken, die ihr zur Decke dienten, das einzige Bettlaken, das ſie beſaß und gab es dem Knaben. „Bring’ das zur Frau de Geer, verlang' da⸗ kne Thaler. Sie weiß doch, wer Du biſt, ran „Ja, Mutter, ich bin ſchon oft bei Frau de Geer um Geld geweſem“ — . und doch erregte ſein Anblick wieder einen gewiſſen Schauer. Seine Geſtalt war, im Verhältniß zu ſei⸗ nen Jahren ausnehmend klein, deſſenungeachtet verrieth ſein Ausſehen Kraft und Behendigkeit, ſeine Arme wa⸗ ren ſehr lang und reichten bis zu den Knieen, während ſein Kopf zwiſchen die Schultern eingeklemmt ſaß. Der Kopf war groß und mit rothen ſtoppligen Haaren bewachſen, welche, ſammt den grauen, ſchielenden Au⸗ gen, ſeiner kleinen platten Naſe, und dem großen Mund, nicht wenig dazu beitrugen, die Häßlichkeit ſeines Aus⸗ ſehens zu vermehren. 3 „Jim! ich erſticke, zum Teufel, ich erſticke,“ rief der Mann, der auf dem Ruhebette lag. „Erſtick' nur, Alter, dann behalt' ich den Brannt⸗ wein für mich allein,“ war die Antwort des betrun⸗ kenen Burſchen, der dieß durch einen friſchen Zug aus dem vor ihm ſtehenden Glas betheuerte, und die gute Beſchaffenheit des geiſtigen Stoffes durch ein,„das ſchmeckte gut, Alter,“ zu erkennen gab. „Gib mir auch Eins, ich hab' Durſt.“ „Gib ihm Waſſer, Mat!“ rief der Burſche,„Waſ⸗ ſer, mach' ſchnell, oder ich ſchlag' dich.“ „Nein, Jim, Branntwein.. zum Satan!“ „Steh' auf, Alter, und komm' daher!“ rief Jim. Hinter dem Biberrock reckte ſich etwas empor. Wir können von dem Manne nichts ſagen, als daß zwiſchen ihm und Jim die größte Aehnlichkeit war; nur mach⸗ ten die geſchwollene Naſe und Wangen das Geſicht noch abſcheulicher. 3 „Gib her, gib her,“ rief David,„gib das Glas her, Jim.“ „Komm' ſelber her,“ ſprach dieſer, das Glas in die Höhe haltend,„der Branntwein iſt gut.“ Der Alte war mit einem Sprung von der Ruhe⸗ bank auf dem Boden, aber er ſiel nieder; ſein Kopf ſtieß ſich an der Kante des Bettes, und ein großer Blutſtrom floß aus einer Wunde.“ 51 Jim ſiel beinahe von ſeinem Stuhle und brach in ein lautes Gelächter aus. In dieſem Augenblick kam ei zerlumpt gekleidetes ädchen aus einem dunkeln Win eel des Zimmers und wollte dem Gefallenen zu Hülfe kommen. „Bleib' weg von ihm, Mat,“ rief Jim,„laß den Alten liegen, oder ich erwürge Dich.“ „Aber Jim, Vater blutet.“ „Laß ihn bluten, das wird ihm gut thun; ich habe auch viel geblutet, wenn ich betrunken war und gefallen bin.“ „Aber Vater kann zu todt bluten.“ „Bah, es hindert den Alten nichts. Schenk mir noch Eins ein, Mat.“ „Zim, ich will blos das Kiſſen ihm unter den Kopf legen, nichts anderes.“ „Verdammt,“ rief Jim, als er ſah, daß das Mäd⸗ chen ihre Worte ausführen wollte, ſtand auf und lief auf das vor Angſt zitternde Kind zu. „Schlag' mich nicht Iim, ſchlag' mich nicht, ich werd's nicht thun, ich werde ihn liegen laſſen.“ 3 „Ich ſchlag' Dich noch, daß.. Hier wurde er unterbrochen durch den kleinen Frank, der gerade an der Thüre vorbeikam. „Ha, der lunge§ rr,“ rief er,„der Sohn der Prinzeß,⸗ und ging ihm entgegen. er arme Knabe wollte die Stiege hinunter, doch wurde er von Jim mit boshafter Wuth angegriffen „Was ſtehſt Du denn an der Thüre?“ frug der vom Getränke erhitzte, junge Taugenichts. 8 „Ich muß was zu der Frau de Geer tragen.⸗ „Was?“— 8. „Das Bettlaken.“ 52 „Wo haſt Du das geſtohlen? Die Prinzeß iſt nicht reich genug, um ein ſo feines Laken zu ha⸗ ben!⸗ Dieb, gebt mir das Laken zurück.“ Und Frank begann zu weinen. „Jim, gib es ihm zurück,“ ſagte das Mädchen, das wir als Schweſter des Wüſtlings kennen lernten. „Nein, Mat, nie, ich haſſe den Jungen, der im⸗ mer ſo ſtolz vorbei läuft, als ob er mehr wäre als wir, und ſeine Mutter, die Prinzeß.. „Sag' noch ein Wort gegen meine Mutter,“ rief Frank, während die Wuth über die Verachtung ſeine Wangen röthete. „Du biſt ein Dieb und Deine Mutter eine Die⸗ bin,“ polterte der betrunkene Jim. Blind vor Wuth, ſiel Frank den Läſterer an, doch der ſchwache Knabe war ihm bei weitem nicht gewachſen. „Jetzt mußt Du mir ſagen, wo Du das Bettlaken geſtohlen?“ wiederholte Jim, nachdem er den armen Frank zu Boden geworfen. „Ich hab' nicht geſtohlen, wahrlich nicht.“ „Laß den Jungen los,“ rief Mat nochmals,„und gib ihm das Bettlaken.“ Ein hohnlächelndes„Nein!“ war ſeine Antwort. „Jim, da kommt Jemand die Treppe herauf,“ ſprach ſie jetzt,„ein Herr!“ „Der Polizeikommiſſär,“ rief Jim aufſpringend. „Da ſuche Dein Laken,“ und damit warf er es in ei⸗ nen mit Waſſer gefüllten Eimer, welcher als Theil des Hausraths in einer Kammerecke ſtand. Weinend holte Frank das Laken aus dem Eimer. Jim ergriff ihn beim Arm, ſtieß ihn aus der Kammer und warf die Thüre hinter ihm zu, da er einen Mann die Treppe herauf kommen ſah, in einem ſchwarzen Anzug. „Geſtohlen! ich ehab' nicht geſtohlen, ich bin kein 3 4 53 Der mißhandelte Sohn der Prinzeß ſtieg wei⸗ need die dunkle Treppe hinab. 4 3 Er klopfte auf dem erſten Stock an eine Thüre. Eine Frau, ungefähr fünfzig Jahre alt, von rie⸗ ſenhaftem Ausſehen, öffnete die Thüre. Ihre Dicke machte ſie noch größer erſcheinen, als ſie wirklich war, und die ſchwarze Farbe der Augen und Haare und ein kleines Bärtchen auf der Oberlippe verliehen Frau de Geer ein ſehr männliches Ausſehen, was ſie zugleich widerlich machte. Auf dem Kleide, das ſſe trug, waren alle Farben des Regenbogen ſichtbar; ihr Kopf war mit einer Haube bedeckt, die reichlich mit Blumen und Bändern verſehen war. Frau de Geer war Inhaberin einer kleinen Leih⸗ bank oder lieber eines Pfandhauſes, einer jener Ein⸗ richtungen, welche man in den ſogenannten gemeinen Vierteln der Hauptſtadt in Menge findet.. eienn. ſprach ſie, Frank mit fragendem Blicke anſehend.. „Ich komme von der Mutter!“ „Von der Prinzeß?“ Frank nickte bejahend.„Ja“ wollte er nicht ſagen. „Komm' herein, wenn Du etwas für mich haft.“ Er folgte Frau de Geer, die ihm nach einem Vor⸗ haus voranging, einem Laden, welcher das Licht von zwei Fenſtern empfing, die auf die Straße gingen. Und dieſe Fenſter waren in einer Thüre angebracht. Vor eine der Scheiben war ein Stück Papier geklebt, welches den Vorübergehenden unterrichtete, daß hier das„privilegirte kleine Pfandhaus Nr..“ war. Auf einem großen Brette über der Thüre waren dieſelben Worte zu leſen. Ein großer Ladentiſch, welcher das Vorhaus in zwei Theile theilte, war bedeckt mit Manns⸗ und Frauen⸗ kleidern; eine Schachtel mit allerlei kleinen ſilbernen Gegenſtänden, Ohrringen, Korallen und Diamanten, wie ſie die Glaſer brauchen, ſtand in der Mitte des Tiſches, während in der Ecke ein ſchmutziges Buch lag nebſt einem altväteriſchen zinnernen Dintenzeug, mit drei von Dinte beſchmutzten Federn. Unter dem Ladentiſche lag einiger Hausrath, ein Zimmermannshandwerkzeug, in der größten Unordnung Alles durch einander, nebſt einigen Stiefeln und Schuhen, auf welche Dinge Frau de Geer geliehen hatte. An der Mauer hinter dem Tiſche ſtand eine große Kiſte, mit geliehenen Kleidern und Päcken, welche durch zwei weiße unreine Gardinen verhängt war. „Nun was?“ frug Frau de Geer, ſtets gewöhnt, in der lakoniſchen Ausdrucksweiſe der alten Spartaner zu ſprechen. „Dies Bettlaken! Mutter ſagt, daß es ihr letztes ſei, und daß ſie es wieder holen wolle, wenn ſie ge⸗ ſund ſei und arbeiten könne.“ 8 „Geſchwätz! das Lied hör' ich alle Tage, ich bin nicht ſo dumm. Laß ſehen.“ Frank legte das Laken auf den Ladentiſch. dafñ„Bahl ſchmutzig, naß; pack' Dich, ich geb' nichts afür.“ „Jim von David Ram hat es in einen Waſſer⸗ eimer geworfen.“ F„Das ſcheert mich wenig.... Nun, die Prinzeß iſt ein guter Kunde; was ſolls?“ „Einen Thaler.“ Frau de Geer brach in ein lautes Gelächter aus, nahm mit ihren dicken Fingern, an denen eine Menge Ringe prangten, das Bettlaken und hielt es gegen das icht. „Vierzehn Stüber!“. „Mutter ſagt..“ „Vierzehn Stüber, ja oder nein.“ Frank nickte bejahend, und es kamen größere Thränen in ſeine Augen, denn da ihn Jim ſchlug. Frau de Geer holte ein Stückchen. Papier, beſchrieb 5⁵ es, wickelte das Bettlaken zuſammen, band dann das Papier daran, und warf das Ganze verächtlich hinter die Gardine. Darauf öffnete ſie eine Tiſchlade, raſſelte ein wenig unter dem großen Silbergeld herum, das ſich darin befand und zahlte die wenigen Stüber an Frank aus, der mit beklemmtem Herzen zu ſeiner Mutter zu⸗ rückkehrte. „Vierzehn Stüber!“ ſagte Frank, das Geld ſeiner Mutter übergebend.„Sie wollte nicht mehr geben.“ „Da Frank, hol' Brod und Torf,“ ſprach die Mutter, ohne etwas mehr zu bemerken.„Komm' zu mir, Clara, und leg' Dich neben mich, im Bette iſt's wärmer.“ Sie wollte das Kind heraufheben, aber die Kräfte gebrachen ihr und doch war die magere Kleine, das Kind der Armuth, nicht ſchwer. „Nimm' einen Stuhl, Clara, und ſteige herauf in's Bett.“ Das Kind gehorchte. Als ſie bei ihrer Mutter lag, mit ihrem Haupte ganz an die Bruſt gedrückt, aus der ſie die erſte Nah⸗ rung erhalten, ſah die Kranke das Kind an und weinte bitterlich. „Gott!“ ſchluchzte ſie,„was hab' ich gethan, daß Deine ſtrafende Hand ſo ſchwer auf mir liegt? Womit habe ich dies traurige Loos verdient? Als ich noch ar⸗ beiten konnte, kam kein Laut der Klage je über meine Lippen; da fiel mir das Leiden nicht ſchwer.“ Thränen unterbrachen ihre Worte einen Augenblick.„Wenn ich einmal ſterbe,“ fuhr ſie, die Hände ringend fort,„was ſoll dann aus Frank, was aus Clara werden! O, es iſt ſchrecklich, ſehr grauſam, mich in Armuth ſterben zu laſſen, während er im Ueberfluß lebt! O Henry, wenn Du mein Leiden wüßteſt... Doch nein, es iſt ſo beſſer; es lag ein Fluch auf meiner Ehe.“ Wieder hin⸗ derte ſie der Schmerz, weiter zu fahren.„Das Geheim⸗ niß, das ſchreckliche Geheimniß mag ich nicht mit mir iws Grab nehmen, ich mag es nicht um des Kindes willen. Vielleicht geht's den Kindern beſſer, als der Mutier Aner wem das Geheimniß anvertrauen, wem?“ — Da ſan, ihr Haupt auf das Kiſſen nieder. Frank kam zurück. Clara ſprang aus dem Bette und bald brannte ein kleines Feuer im Kamine, vor dem die Kinder niederkauerten und ihre erſtarrten Glie⸗ der an der Flamme erwärmten. Eine Brodſchnitte hatte Claras Augen getrocknet; ihre Hände ſausten nicht mehr; aufgeräumt, ſtrich ſie die blonden Locken von den Augen weg und begann zu ſpielen. „Frank!“ rief die Kranke,„weißt Du die Keizer⸗ gracht zu finden?“. „Ja Mutter!“ „ Auf der Keizergracht bei der Amſtel wohnt der Domine Z.; geh' zu ihm und ſag', daß ich krank, ſehr krank ſei, und ihn gerne vor meinem Sterben noch ſprechen möchte.“ 8„Vor Deinem Sterben, Mutter l... Mutter, was ſagſt Du da?“ „Ich ſage das nur, damit er kommt; aber Frank, Du mußt nicht ſchreien; ich fühle mich beſſer, viel beſſer. Hörſt Du denn nicht, daß ich nicht mehr ſo oft huſte, wie früher?“ 3 3„Ja, Mutter!“ nickte der Knabe,„ich will gehen, „Geh' auch nach dem Heerengracht bei der Leidſche ſtraat. Du weißt wohl wo, Du haft mir dorthin eine Stickerei getragen. Frag' einmal, ob noch keine von meinen Arbeiten verkauft iſt.“ 4„Ich war geſtern dort, Mutter! und da ſagte man mir, daß, wenn ich wieder ſo oſt komme, man keine Arbeit mehr von Dir nehmen werde, daß ich erſt über vierzehn Tage wieder anfragen ſolle, nicht früher. „Dann geh' nicht hin,“ ſagte ſie ſeufzend, nüber aber vierzebn Tage. Ueber vierzehn Tage, ach, bin ich todt, dann ſind meine Kinder vor Hunger geſtorben.“ Frank hatte das Gemach verlaſſen, wo eine Todten⸗ ſtille eintrat. Clara, durch die Speiſe geſtä kt und durch das hell lodernde Feuer erquickt, war in einen leichten Schlaf geſunken, und träumte glücklich, wie ein Kind. Die unglückliche Frau lag ruhig auf dem elenden Lager; ihre Hände hatte ſie zuſammengelegt und ihre Blicke zum Himmel gerichtet. Die kaum bemerkbare Bewegung der Lippen zeigte an, daß ſie betete. „Der Domine wird kommen, Mutter,“ ſprach der Knabe, der ſeinen Auftrag beſorgt hatte. „Gottlob! Wiſche den Staub von dem Tiſch, Clara, und werfe noch einen Torf auf das Feuer; es muß warm ſein, wenn der Domine kommt. Seid recht freundlich und offen. Leg' das Stroh in die Kiſte, Frank, und ſchiebe ſie gegen die Mauer, der Domine darf das Stroh nicht ſehen.“ 4 „Während ſie dieſe Befehle gab, ordnete ſie ſo gut wie möglich das, was ſie bedeckte. Ihre Augen be⸗ gannen zu glänzen und die zwei rothen Flecken, die h auf ihren bleichen Wangen zeigten, wurden noch röther. Endlich kam der Geiſtliche, ein würdiger Greis, deſſen Geſicht Ehrfurcht und Vertrauen einflößte. Sdeeine Stimme war hell und wohlklingend und ſeine Haupthaare vom Alter gebleicht. Nachdem er einige Worte mit der Kranken gewechſelt, winkte er den beiden Kindern, die ſich verlegen in einem Winkel verſteckt hatten. Er legte ſeine Hand auf das blonde Köpfchen Claras, als wollte er ſie ſegnen, und ſah den Kleinen freundlich an. 4 13„Und ſind das Eure Kinder, meine Tochter?“ er. Die Kranke nickte bejahend. Amſterdams Geheimniſſe. 1. 5 *A „Und ihr Vater?“ Die Frau ſeufzte tief auf. „Sie haben alſo keinen Vater mehr? Ihr ſeid Wittwe? Oder find die Kinder.. Ihr begreift mich... Ihr wißt, was ich ſagen will?“ „Nein.. nein, das nicht... das nicht!“ herrſchte „die Unglückliche, an der Ehre angegriffen, und eine Thränenflut ergoß ſich aus ihren Augen. „Gott iſt die Liebe, Frau!“ ſagte der Greis.„Bei ihm iſt Vergebung Eurer Sünde durch Jeſus Chriſtus, unſern Herrn!“ „Aber ich bin keine Sünderin; die Kinder find nicht die Frucht einer verbotenen Liebe; aber ein Ge⸗ heimniß... o, es drückt mich ſchwer. Ich kann nicht ſterhen, ohne es g offenbart zu haben, und doch ver⸗ Lange ich nach dem Tode.“ 3„Sprecht!“ „Ich will Euch alles ſagen, und das ſoll mir Er⸗ leichterung geben! Da,“ ſprach ſie, die Hand auf das Herz legend,„aber ſie dürfen es nicht hören, vorerſt noch nicht, ſpäter, wenn ſie älter ſind... Frank, geh' etwas mit der Clara hinaus; ich will euch rufen, wenn ihr wieder herein kommen könnt“ 3 4 Als die Kinder das Gemach verlaſſen hatten, ſetzte ſich der Greis vor das Krankenbett und neigte ſich über die Leidende, da ihre Stimme ſchwach und kaum hör⸗ bar war. Sie begann ihre Erzählung, die der Geiſt⸗ liche mit geſpannter Aufmerkſamkeit anhörte. Thränen füllten ſeine Augen, als er mit dem Schickſal der Un⸗ glücklien bekannt wurde. 3 e 8 Snd Ihr habt ſeit dieſer Zeit von Eurer Arbeit gelebt?²— „So lang ich Kräfte hatte, arbeitete ich vom frü⸗ hen Morgen bis ſpät in die Nacht und brachte dann meine Arbeit in ein Haus auf der Heerengracht wo ſolche Sachen verkauft werden. Man bekommt aber kein Geld, ehe die Arbeit verkauft iſt, und dieß dauert oft ſehr lang. In jenem Hauſe liegen noch viele Ar⸗ beiten von mir; wäre das verkauft, ſo könnte es die Koſten meiner Begräbniß decken. Ach! ſpät am Abend, ohne daß es Jemand ſieht, weg geholt zu wer⸗ den, o das iſt ſo ſchauerlich... ich möchte gerne ehr⸗ lich begraben werden.“ „Seid gutes Muths! Mich dünkt, Euer Zuſtand iſt nicht ſo gefährlich, Ihr ſeid noch berzuſtellen.. „Geſund werden, nein, nein, das iſt unmöglich o Ihr wißt nicht, was ich hier, hier in der Bruſt leide! or wenig Tagen noch glaubte ich an meine Herſtel⸗ lung, ich nahm zu an Kräften, das fühlte ich deulich; aber ſeit vorgeſtern bin ich ganz verändert; dieß Kran⸗ kenbett wird mein Sterbebett ſein!“ „Und da Ihr nicht mehr zu arbeiten im Stande mön. frug der Geiſtliche mit verdoppelter Theil⸗ nahme. „Die Scham hindert mich beinahe, es zu ſagen, doch jetzt, da Ihr wißt, was ich früher war, warum ollte ich zögern, es Euch zu ſagen. In dem Hauſe unten wohnt eine Frau, die eine kleine Leihbank hält. Zu ihr brachte ich Alles, was ich noch von einigem Werthe beſaß, aber die Leute geben ſo wenig, ſelbſt für das Koſtbarſte; würde ich einmal wieder herge⸗ ſtellt und meine Kräfte wieder bekommen, doch ich fürchte... Der Greis ſprach ein Gebet, das die Kranke leiſe wiederholte. „„Ich komme bald wieder, Euch zu beſuchen; Gott ſei mit Euch!“ Der Geiſtliche verließ das Zimmer; im Gange er⸗ mahnte er die Kinder:„Seid Ihr da, gebt recht Ach⸗ tung auf Eure Mutter!“ ſprach er zu ihnen und gab jedem ein Geldſtück. Es gibt keine unglücklicheren Armen, als die in großen Städten, beſonders in der Hauptſtadt; denn alles koſtet da Geld, ſelbſt das Waſſer, das von dem Himmel regnet. Auf dem platten Lande kann der Bauer im Walde ſein Holz hauen; der Fluß oder Bach gibt ihm Waſſer; die Früchte von dem Stückchen Feld, das zu ſeiner Wohnung gehört, liefern ihm ſeine Speiſe; da kann der Fleißige immer Arbeit finden. Wie ſchreck⸗ lich dagegen iſt in der Hauptſtadt das Loos derer, die durch Unglück oder Unfälle der Armuth anheimfallen und doch zu viel Ehrgefühl haben, um zu betteln, zu viel Scham, um ihren unglücklichen Zuſtand zur Schau zu tragen.— Sie können arbeiten und wollen es; aber was nützt das Wollen und Können? Die Wittwe und und ihre beiden Töchter arbeiten; ſie arbeiten fleißig vom frühen Morgen bis ſpät in die Nacht; ſie haben beſſere Tage geſehen und ſind durch unverſchuldetes Un⸗ glück der Armuth verfallen; ſie find erfahren in weib⸗ lichen Arbeiten und dieſe Kenntniß wollen ſie zu ihrem Unterhalte anwenden. Es beſteht zu Amſterdam ein Inſtitut, wo die Ar⸗ beiten verkauft werden; dorthin wird eine ſolche gebracht. „Ihr könnt Euer Geld bekommen, wenn die Ar⸗ beit verkauft iſt.“ „Und wann?“ „Morgen, übermorgen, vielleicht in einer Woche... einem Monat, oder noch länger, bleib' ſo lange in Deiner Armuth, leide Hunger und Mangel.“ Was hilft nun die Arbeit, der Fleiß; was helfen die vielen durchwachten Nächte? V Der ſchamloſen Armuth gibt man ein Almoſen; Armuth, die Armuth gebiert, die an Mangel gewöhnt iſt, bekommt Obdach und Koſt; aber wo findet man Hülfe für die Armuth, die ſich vor ihrem eigenen Elende ſchämt, wer kann ihr Troſt und Beſtand ge⸗ währen? Waͤre es nicht ein wahrhaft gutes Werk, wenn Feuers erhellte das Zimmer und beſchien die vergnüg⸗ ten Geſichtszüge der beiden Kinder, die vor dem Feuer ſaßen und einander flüſternd Mährchen erzählten. Endlich erwachte die Kranke. „Der Trank hat mir gut gethan,“ ſprach ſie, „kkomm' Frank! Du mußt mir mit Clara helfen. Setze einen Stuhl vor das Feuer. Ich will dort ſitzen.“ Auſſtehen, aufſtehen!“ riefen die Kinder, vor Freude in die Hände klatſchend, während ſie zur Bettſtatt ſpran⸗ gen, um ihrer Mutter behülflich zu ſein. Dieſe ſtand auf, ſtützte ſich mit ihren Händen auf die Schultern der Kleinen, und begab ſich nach dem Platz, wo der Stuhl für ſie bereit ſtand. Außer Athem ſank ſie auf denſelben nieder, huſtete und unterſtützte ihr Haupt mit der rechten Hand. „Ich bin beſſer, viel beſſer!.... Frankl lies mir etwas aus der Bibel vor.“ „Aus der Bibel, Mutter, Du weißt, daß vor⸗ geſtern...“ „O, es iſt wahr, aber dennoch, Du mußt mir jetzt aus der Bibel vorleſen, das wird mich tröſten.“ „Aber wir haben keine Bibel mehr.“ „Leihe ſie auf einige Augenblicke von Frau de Geer, ſag' ihr, daß Du das Buch alsbald wieder zurück brin⸗ gen wolleſt. Ach! ich will etwas aus der Bibel hören, und wären es nur drei Worte,“ rief die Mutter mit den Eigenfinne, welchen man ſo oft an Kranken ge⸗ wahrt. fürchtend, erſuchte er zuerſt Mutter Margot, ihm eine Bibel zu geben. 3 „Eine Bibel, nein, das habe ich nicht,“ ſagie Franziota Maas;„was ſollte ich auch mit einer Bibel thun?“ 3 „Mutter will, daß ich ihr daraus vorleſe /. „Ich habe wohl noch ein anderes Gebetbuch, es Frank ging, doch Frau de Geer mehr oder minder iſt wahr, es fehlen mehrere Blätter draus, aber 6 ſind doch noch genug übrig, um daraus zu leſen. Mein Vater blätterte immer darin und ſagte, daß es ſchön, ſehr ſchön ſei. O ja, das Buch will ich Deiner Mut⸗ ter gerne leihen.“ Sie holte aus einem Kaſten ein altes ſtaubiges Buch und händigte es dem kleinen Frager ein. „Das iſt gerade ſo gut, als die Bibel, da!“ Frank mochte es nicht verweigern und nahm das uch. In den Gang zurück gekommen, ſah er die Kammerthüre bei David Ram offen ſtehen und unwill⸗ kürlich warf er einen Blick hinein. David lag noch am Boden und Zim ſchlief auf dem Ruhebett. Die kleine Mathilde ſah er beſchäftigt, das Blut von dem Geſichte ihres Vaters ſo vorſichtig als möglich weg zu wiſchen. Jim ſchlief, daher wagte Frank es, einzutreten. „Habt ihr auch eine Bibel? Meine Matter iſt viel beſſer und wird ganz geſund, wenn ich ihr aus der Bibel vorleſe.“ „Eine Bibel,“ wiederholte die kleine Mat, Frank verwundert anſehend.„Eine Bibel, was iſt das, Frank?⸗ „Ein Buch, worin von Gott zu leſen iſt.“ „Wir haben hier keine Bucher, Frank! aber Frau de Geer hat viele; von den großen, dicken, mit und ohne Kupfer.“ „Run, das ſind Bibeln.“ „Wir haben keine.“ Frank ſtieg die Treppe binunter. „Was ſoll's wieder?⸗ frug Frau de Geer. „Zch bracht' Euch vorgeſtern eine Bibel.“ „Kupfer, geſchloſſen, dreizehn einen halben Stüber., „Ja, ſo viel hat Mutter dafür bekommen.“ Und mit bebender Stimme ſprach der Junge weiter: „Mutter iſt jetzt beſſer, ja, viel beſſer; ſie ſitzt beim Feuer, und nun ſagt ſie, daß ſie ganz hergeſtellt werde, wenn ich ihr aus der Bibel vorleſe. Seid doch ſo freundlich, Frau de Geer! und leihet Mutier das Buch auf einige Augenblicke, ich werde es bald wieder⸗ bringen.“ 3 Frau de Geer ſchien dieſe Bitte ſehr komiſch zu finden, wenigſtens brach ſie in ein ſo lautes Gelächter aus, daß ihr die Augen überliefen. 4 „Das iſt fein, ſehr fein!“ rief ſie,„kein Geld mehr und nichts zu verpfänden, doch Geld nöthig. Die Bi⸗ bel holen, bei einem Andern verpfänden! Bei meiner Seel', gut ausgedacht!“ „Nein, wahrlich, das werden wir nicht thun,“ ſaate Frank.„Seht, Frau de Geer, behaltet mein Wämschen, bis ich das Buch zurückbringe.“ Die Bankhalterin beobachtete einige Augenblicke aufmerkſam das Geſicht des Knaben. Die unſchuldigen und ehrlichen Züge des Kindes machten ſelbſt auf die rohe Frau Eindruck.— „Deine Bibel kriegſt Du nicht zurück, die hat Ku⸗ pfer und Kupfer ſind Geld werth. Andere Bibeln kannſt Du wohl haben, ohne Kupfer, kleine Bibeln, ganz für Kinder. Die Bücher bringt mir eine alte Frau, ſie be⸗ kommt ſie alle von Herren. Dal“— Die Bibel, die Frank für ſeine Mutter verpfändet hatte, war eine Quart⸗Bibel mit Kupfern. Die, welche Frau de Geer ihm gab, war eine in groß Octav, weß⸗ halb die Bankhalterin die Bibel gewiß für eine Kin⸗ derbibel angeſchen. Sie trug das Zeichen der nieder⸗ ländiſchen Bibelgeſellſchaft. Voll Freude, daß er ſo glücklich geweſen, eilte Frank hinauf und fand ſeine Mutter aufrecht vor dem— Feuer ſtehen. Es war ein ſchreckliches Schauſpiel. Die lange, abgezehrte Frau, in aufrechter Stellung, ihre dunkeln Augen feſt auf die Flamme heftend, als ob ſie in der Flamme leſen könnte; mit ihrer linken Hand hielt ſie die kleine Clara und mit ihrer Rechten ſchien ſie nach einem nur für ſie ſichtbaren Etwas zu taßße 65 b„„ Henril ich komme, Henri, Henri!“ rief die Kranke — wie w bnſinnig aus, und ſank in ihren Stuhl zurück. „Mutter, liebe Mutter!“ riefen die beiden Kinder. 1 Ihr Ruf blieb ohne Antwo .„Mutter! gib doch Antwort die Angſt ſeine Haare zu Berg ihre Hand an, ſie war kalt, käl ri. rief Frank, während e ſträubte. Er rührte ter als Marmor. Mit 1 einem furchtbaren Schrei ließ Frank die Hand los, die kraftlos an der Leiche niederſank „Mutter iſt todt, todt!“ nTodt!“ weinte Clara.„Liebe Mutter... Mutter!“ Sie warf ihre kleinen Arme um den Hais der Todten. Da verſchwanden die rothen Flecken von den Wan⸗ gen der unglücklichen Frau, und machten einer alaba⸗ ſtergleichen Bläſſe Platz, ihre Augen ſchloßen ſich halb, während ihr Mund ſich weit öff geendet.—— „Drei Tage nach ihrem To Männer mit einem Sarge in Leiche lag. Ein Licht brannte Flamme der Wind hin und her nete... Ihr Leiden war de traten Abends zwei die Kammer, wo die auf dem Tiſch, deſſen wehte; außerdem ſtand eine Flaſche und ein Kelch darauf. „Frau de Geer und die Wahrſagerin folgten den Männern, während ſich auf der oberſten Treppe das abſcheuliche Geſicht Jims zeigte, der mit ſeinen ſchieli⸗ gen Augen neugierig beobachtete, was in der Kammer geſchah. „Es iſt kalt, Gijs,“ ſagte einer der Männer, „trink Eins,“ und die Wahrſagerin füllte das Glas. 2„Iſt's ein Mann oder eine „Eine Frau.“ Sie nahmen den Deckel vo 8 Dul eißt wohl, Gijs, von dem Frau?“ m Sarge und tranken. „Kein Mann oder Kinder oder ſo was?“ Die Kinder ſind weg, ob ſie einen Mann gehabt, 3 weiß ich nicht zu ſagen.“— „Es iſt gut, das Geheul und Gejammer iſt läſtig. jungen Kerl vom ver⸗ 1 66 gangenen Jahr. Seine Frau ward toll, als wir ihn holten und ſchnitt ſich noch ſelbe Nacht den Hals ab.“ „Hi, hi!“ lachte Jim, der nun, um Alles beſſer zu ſehen, unter der Tyüre ſtand. 6 „Keumit zum Bette, Gijs.“ „ a!“ Die beiden Todtengräber nahmen die Leiche auf, der Eine am Haupte, der Andere an den Füßen. „Nicht ſchwer, es ſoll mit ihr nicht gehen, wie vorgeſtern mit dem Weib in der Gondbloemſtraat; ſie war ſo ſchwer, wie der Teufel; als wir ſie die Treppe wollten'runtertragen konnten wir den Sarg nicht mehr halten; wir ließen ſie fallen, der Deckel brach und das Weib war noch früher unten, als der Sarg; ſie hat ihr Bein gebrochen, gut, daß ſie todt war.“ Unter ſolchen Geſprächen legten ſie die Leiche in den Sarg. „Sie muß ihrer Zeit gut ausgeſehen haben,“ ſagte einer der Männer. „Hübſche Frau, ſtolz, arme Prinzeß!“ „Wollt Ihr ſie nochmal ſehen, eh' wir den Deckel zunageln?“ „Nein,“ ſagte die Wahrſagerin.„Aber trinket noch Eins und gebt uns dann eine Haarlocke für die Kinder.“ „Eine Scheer'?“ frug einer der Todtengräber. „Was Scheer'!“ rief der andere, griff mit ſeiner ſchmutzigen Hand die blonden Locken der Todten und that einen heftigen Ruck, daß er das Haupt zugleich aufwärts zog.—— Das Haupt ſiel mit einem dumpfen Schlag in die Kiſte nieder, und der Todtengräber legte das Haar auf den Tiſch. 3— Der Deckel wurde auf die Kiſte genagelt. Die Männer tranken noch Eins und trugen ihre Laſt die Treppe hinab. 3. 1 Jim hatte ein beſonderes Wohlgefallen an dieſem — — — 1 Auf der Straße ſtand eine Handbahre, der Sarg wurde auf dieſelbe geſetzt und mit einem abgeſchoſſenen Stück ſchwarzem Tuch bedeckt. 5 Dieß war die Begräbnißfeierlichkeit der armen rau. * * Drei Tage ſpäter ging Carl Hauſer als Schiffs⸗ arzt nach Oſtindien. VIII. Nemmers und Compagnie. Auf der Prinſengracht in der Nähe des Weſter⸗ markts ſtand oder ſteht vielleicht noch jetzt ein großes Haus mit einer der hohen Stoepen*), welche man in jenem Stadttheile in Menge antrifft. Daus und Unterhaus waren jedes beſonders ver⸗ miethet und auf der Thüre des Unterhauſes, die ſich unter der Stoep befand, las man auf einer kupfernen Platte: Remmers und Comp. Durch die Thüre trat man in einen langen, ſchma⸗ len Gang, in dem man linkerhand eine mit einer ei⸗ ſernen Platte verſehene Thüre gewahrte, mit der Auf⸗ ſchrift:„Komptoir.“ Das Komptoir war ein kleines, niedriges Gemach. Auf die Gracht gingen kleine Fenſter mit Eiſengitter verſehen. „Die Ausſicht durch die Fenſter war in keiner Weiſe ſchön zu nennen, und der unangenehme Geruch, der *) Stoep iſt eine Freitreppe mit Geländer. durch die Nähe des Gemüſemarkts verurſacht wurde, drang ſelbſt in das du pfige, düſtere Komptoir. Die Wäͤnde des Kompioirs waren mit allerlei Ver⸗ kaufszetteln, Briefconderten und Papieren behangen. Ein alter mit Leder überzogener Leſepult war ſo geſtellt, daß das durch die Fenſter kommende Licht auf denſelben, fiel, und des Lichtes war ſehr wenig, da die dicken, eiſernen Gitter den Zutritt deſſelben ſo ſehr hemmten, daß man genöthigt war, bei trüber Witterung oder Nebel, im Zimmer ſelbſt bei Tage ein Licht zu bren⸗ nen. Ein Geldtiſchchen, ein großer Kaſten, eine eiſerne Geldkiſte, drei mit Leder überzogene Komploirſtühle und wei andere geflochtene Stühle machten den Hausrath, wenn wir einen mit Roſtflecken bedeckten Ofen dazu⸗ rechnen. Gerade vor dem Begin der Börſe trank er in einem Kaffeehaus etwas Likö und nach der Börſe nahm er an einem Mittagstiſch für ſieben Stüber Theil. Den Abend brachte er bis acht ——»v ͤ—/——— — Uhr auf dem Komptoir zu; was er nach dieſer Zeit that, wußte Niemand mit Sicherheit zu ſagen. Remmers hatte ein Wechſelgeſchäft und trieb dieſen Handel unter der Firma: Remmers und Comp. eine Firma, die ſeit mehr als einer halben Ewigkeit in der Hauptſtadt bekannt war. „Err war gewöhnt, früh aufzuſtehn und unterſchied ſich dadurch von ſeinen Komptioriſten, die immer ſpät ihre Plätze an dem Schreibepult beſetzten. Kein Wun⸗ der deßhalb, daß Remmers am Morgen des 13. Dr⸗ zembers 18** zornig auf ſeine Uhr ſah, als er be⸗ merkte, daß es bereits ſchon lange Neun geſchla⸗ gen. Endlich wurde die Thüre geöffnet und ein Mann von ungefähr acht⸗ oder neunundvierzig Jahren trat in das Komptoir. Sein Geſicht zeigte einen durch zu vie⸗ les Trinken erſchlafften Mann; es war ungleich ge⸗ ſchwollen und dunkelroth glühend, während ſeine ſchon eiwas grau gewordenen Haare in Unordnung und Un⸗ gekämmt unter ſeinem rötblichen, vielfach zerknüllten Hute hervorſahen. Ohngeachtet es mitten im Winter war, trug er dennoch keinen Mantel oder Ueberrock. Nur ein ſchwar⸗ zer Rock, dem einige Knöpfe fehlten, abgeſchaben und an den Nähten verſchlitzt, umſchloß ſeinen hagern Leid, während eine viel zu kurze Hoſe von Sommerzeug mit langen Steegen ſeine Beine bedeckte. Seine Stiefeln waren ſchmutzig und hatten da und dort ein Loch, durch das man ſeine nicht ſehr reinen Strümvfe ſah. Die ſchwarztuchene Weſte, die er trug, war bis oben zugeknöpft, und bedeckte die Zipfel eines abge⸗ ſchoſſenen, ſeidenen Tuchs, das er wie einen Strick um ſeinen Hals geſchlungen hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, in welcher dieſer Mann unter die erſten jungen Leute der Hauptſtadt gehörte, wo er Equipage hielt— und man ihn in den höchſten Kreiſen gerne ſah. Ungebundenheit und Ordnungsloſi gkeit hatten ihn zu Grunde gerichtet, und als er den größten Theil ſei⸗ nes Vermögens verbraucht hatte, nahm er ſeine Zuflucht zum Spiele, nicht zum Spiele an dem grünen Tiſch, ſondern zum Spiele mit Staatspapieren, das ſo ſchaam⸗ los und ſtraflos an der Börſe getrieben wird, durch welches ſo viele ſchon ins Verderben geſtürzt wurden. Ohne gerade zu ſtehlen oder ſich gegen die bürgerli⸗ chen Geſetze zu verfehlen, hatten ſich Wucherer und Geldmäckler des größten Theils ſeines Vermögens be⸗ mächtigt, und unter dieſe gehörte auch Remmers, der, nachdem er ihm den letzten Pfennig abgenommen, die Großmuth beſaß, den unglücktichen van Zweeden als Komptoiriſten anzunehmen, gegen eine jährliche Beſol⸗ 4 dung von dreihundert Gulden. 1 Remmers hatte van Zweeden Geld auf ſeine Läu⸗ dereien und Eigenthümer vorgeſchoſſen, und ſie nachher um einen Spottpreis an ſich gebracht, als die Noth bei van Zweeden ſo hoch geſtiegen war, daß er Geld, um jeden Preis bedurfte. „Wenn Sie nicht früher kommen wollen, können Sie ganz wegbleiben,“ ſagte der Patron zu dem ein⸗ tretenden Komptoiriſten.„Wahrſcheinlich find Sie ge⸗ ſtern Abend wieder betrunken geweſen, und mußten augſchlafen. 2 7726 hat ſo eben Neun geſchlagen,“ war die Ant⸗ wort. „Dann wird meine Uhr wahrſcheinlich vorgehen. Wie ſpät iſt es auf der Ihren.“ 8 Pur Van Zweeden that, als ob er die Frage nigt rte. „Verſtehen Sie mich nicht?“ „Ich hab' meine Uhr nicht bei mir, ſie a. Hauſe.“ „Nun, holen Sie ſie!“ „Eigentlich iſt ſie beim Uhrenmacher.“ „O ſo!“ ſprach Remmers mit teufliſchem Lachen „nun es kümmert mich nicht, wo Ihre Uhr iſt, wenn — Sie nur ſorgen, ein ander Mal zur Zeit da zu ſein.“ Der arme van Zweeden antwortete nicht, ſetzte ſich 1 zum Schreiben, im Augenblicke, als die Thüre geöffnet wurde, und ein fein gekleideter, junger Mann, der in der Blüthe der Jahre ſtand, hereintrat. Dieſer war der zweite Komptoiriſt von Herrn Remmers, deſſen jährliches Eikommen hundert Gulden mehr, als das von van Zweedens betrug. . De Roos, ſo hieß er, war ein aufgeweckter junger Mann, welchen man von zwei bis halb vier Uhr im⸗ mer im Kaffeehaus finden konnte, der regelmäßig ein⸗ mal die Woche das Theater beſuchte, von Zeit zu Zeit eeiinem Balle beiwohnte und hie und da einen Ritt machte. Seine Kleider waren immer nach dem neuſten Geſchmacke und bei alle dem hatte er keine Schulden. „Es wäre räthelhaft geweſen, wie ein junger Mann bei einem Einkommen von nur vierhundert Gulden, icht allein ſich ſo viele Vergnügungen erlaubte, ſon⸗ dern auch bezahlte, wenn man nicht mit Gewißheit ge⸗ wußt, daß er vielen Umgang mit der jungen Wittwe eines in Oſtindien geſtorbenen Oberfts hatte, welche ihren Wittwenſtand nicht aufgeben durfte, um eine an⸗ ſehnliche Penſion, die ihr jährlich ausbezahlt wurde, zu erhalten. „De Roos, gewohnt in Kaffehäuſern und andern öffentlichen Orten, das große Wort zu führen, ſchämte ſich ein wenig der niederen Stellung eines Komptoiri⸗ ſen und gab ſich daher, ſobald ſich nur die Gelegenheit * darbot, für den Kompagnon von Remmers aus. Es är⸗ gerte ihn nicht wenig, wenn er Commiſſionen für ſein Komptoir zu beſorgen hatte, die ſich nicht gut für einen Kompagnon ſchickten, oder mit Geldſäcken über die Straße zu gehen hatte, oder die Thüre öffnen mußte, wenn die Komptoirglocke gezogen wurde. 8 „Guten Morgen,“ ſagte er, hereintretend. Commtſſionair zur Antwort. Remmers ſchien es nicht für nöihig zu halten, die⸗ ſen Geuß zu erwiedern. „Es iſt kalt,“ fuhr Roos fort, zum Ofen gehend, „tüchtig kalt!“ „Sie würden beſſer thun, ſich zu Hauſe zu wär⸗ men, und fruͤher zu kommen,“ ſagte der Patron ziem⸗ lich unwillig. De Roos nahm mit ſeiner Manier Platz vor ſei⸗ nem Schreibpult und fing an zu ſchreiben, doch at er ſogleich wieder aufſtehen, als die Glocke gezogen wurde, um nachzuſehen, wer an der Thüre ſei, und hereingelaſſen zu werden wünſchte. „Wohnt hier Herr Remmers,“ fragte ein Herr, den man nach ſeiner Kleidung für einen Geiſtlichen halten konnte. 3 „Zu dienen.“ „Und habe ich das Vergnügen Herrn Remmers ſelbſt zu ſprechen?“ „Nein, ich bin ſein Kompagnon.“ „Könnte ich bei Herrn Remmers ſelbſt vorgelaſſen werden?“ „Wir find gegenwärtig etwas überhäuft, doch wenn es ſich um Geſchäfte handelt, dann...“ „Nein! durchaus nicht um Handelsgeſchäfte, was ich zu ſagen habe, betrifft Herrn Remmers ſelbſt.“ „Haben Sie die Güte, mir ins Komptoir zu fol⸗ en.“ 3 Remmers ſah verwundert auf, als der Geiſtliche hereintrat, doch empfing er ihn mit dem ihm eigenen Lächeln. 7 „Ihr Name iſt Adam Smith, wenn ich mich nicht irre,“ ſagte der Geiſtliche. „Die Firma iſt Remmers und Comp.,“ gab „Aber Ihr eigner Name?“ „Iſt, wie Sie ſo eben ſagten.“ 73 „Ich habe Ihnen, Herr Smith, etwas mitzuthei⸗ len, das Sie perſönlich und keineswegs die Firma betrifft.“ „So, ich bin neugierig, die Sache zu hören und da ich wenig Zeit habe, ſo würden Sie mich verpflich⸗ ten, wenn Sie es kurz machten.“ „Kann ich frei ſprechen in Gegenwart Ihres Kompagnons und des Kommis?“ „Meines Kompagnon... ich erinnere mich nicht ei⸗ nen Kompagnon zu haben.“. „Ich meine dieſen Herrn,“ erwiederte der Geiſt⸗ liche, auf de Roos zeigend. „Seit wann dieſer Herr mein Kompagnon gewor⸗ den, weiß ich nicht. De Roos, einen Stuhl, und nun zur Sache.“ „Sie hatten einen Bruder, Herr Smith,.. mit Namen Henri.“ Das Geſicht des Commiſſionairs wurde todten⸗ bleich.„De Roos“ ſprach er zu dem Kommis, u ſeine Gegenwart zu verhindern,„gehen Sie mal na dem Franſche Koſijhuis und fragen Sie, ob ich nicht mei⸗ nen Schirm dort geſtern habe ſtehen laſſen: wenn ann, ſo bringen Sie ihn mit. Und Sie, van Zweeden, fragen Ste mal bei van Daalen um den Preiskourant von geſtern.“ 5 De Roos brummte einige unverſtändliche Worte, und verließ das Komptoir, die Thuͤre mit ſolcher Ge⸗ walt hinter ſich zuſchlagend, daß Remmers und der Geiſtliche erſchrocken aufſprangen. Wüthend rief der Erſte:„De Roos!“ der elegante junge Mann kam wieder herein, um von ſeinem Patron den demürhigen⸗ den Befehl zu hören:„Machen Sie die Thüre ſachter zul“ De Roos, ſich ſo ernienrigt ſehend, in Gegenwart eines Mannes, bei dem er ſich für den Kompagnon aus⸗ gegeben, zitterte vor Wuty und nahm ſich vor, ſich ſchrecklich zu rähen. „Herr van Daalen iſt gewöhnlich um dieſe Zeit nicht zu Hauſe,“ agte van Zweeden, denn er brannte Amſterdams Geheimniſſe. J, 6 Eiinndruck zu beobachten, den dieſe Worte auf Smith vor Begierde, zu vernehmen, was der Geiſtliche Rem⸗ mers mitzutheilen hatte. 4 „Gehen Sie auf jeden Fall hin,“ rief der Kommiſ⸗ ſionair, der die Abſicht des ſchlauen van Zweeden wohl durchſchaute,„aber ziehen Sie doch Ihren Winterrock an!“ Der arme Kommis hatte keinen, das wußte Rem⸗ mers wohl. „Es iſt nicht ſo kalt,“ ſtotterte der Unglückliche. „Aber es ſieht ſo elend aus, ohne Winterrock zu gehen, es iſt, als hätte man keinen.“ Van Zweeden verließ das Komptoir, blieb aber im Gange ſtehen, mit ſeinem Ohre hart an die Thüre ſich leynend, um kein Wort von dem, was geſprochen würde, zu verlieren, und wenn es nöthig wäre, das Haſenpanier zu ergreifen. 4 „Nun, mein Herr,“ ſagte Remmers, als er ſich mit dem Geiſtlichen allein ſah,„jetzt bin ich bereit, Sie anzuhören.“ „ Sie hatten einen Bruder, Herr Smity.“ „Nennen Sie mich Remmers, dann verſtehe ich beſſer, daß Sie zu mir ſprechen.“ 1 „Nun dann, Herr Remmers, iſt Ihr Bruder noch am Leben?“ „Er iſt geſtorben; wozu die Frage?“ Das ſoll Jönen alsbald bekannt werden. Ihr Bruder war verheirathet?“ „ Ja, wider den Willen meines Vaters.“ „Vor ungefähr vier Tagen wurde ich zu einer armen kranken Frau geholt, die ſich mir als Gattin Ihres Bruders zu erkennen gab.“ „So,“ ſprach Remmers mit ſcheinbarer Gleich⸗ gültigkeit. 3* „Die Frau iſt jetzt todt und hinterläßt zwei hül bedürftige Kinder. Zwei Kinder, wovon das ält vierzehn, das jungere ungefähr zwölf Jahre alt iſt.“ Der Geiſtliche ſchwieg einige Augenblicke, um d hervorbrachten. „Das iſt ſehr viel Unglück,“ war die einzige Be⸗ merkung. „Dieſen Morgen habe ich beide Waiſen beſucht; eine der Nachbarinnen hat ſie zu ſich genommen, dis ihr Loos ſich näher entſcheidet. Es ſind wohlerzogene Kinder und noch ſo unſchuldig, daß fie nicht einmal den Namen ihres Vaters kennen. Denn als ich ſie nach dem ihrer Mutter fragte, konnten ſie mir keinen als „Mutter“ angeben, und da Niemand wußte, wie die Verſtorbene geheißen, noch wer ihre Verwandten ge⸗ weſen, und ſich auch keine Papiere vorfanden, die einiges Licht auf die Verhältniſſe hätten werfen können, wurde ſie als eine Unbekannte, wie man das nennt, von den Armen begraben, und wahrſcheinlich würden die Kinder ihren Namen nie erfahren haben, wenn die Verſtorbene mir nicht auf dem Sterbebette anvertraut hätte, daß Sie der Bruder ihres Gatten geweſen.“ „Und Sie haben die Kinder mit dem Namen ihres Vaters bekannt gemacht?“ „Nein, wozu das auch? Vielmehr achtete ich es für meine Pflicht, Ihr Mitleiden für die armen Kinder anzurufen. Sie haben der Verſtorbenen nie eine Hülfe angedeihen laſſen, wie ſehr ſie Sie auch darum anflehte; ſeien Sie mitleidiger gegen die Kinder, deren Bluts⸗ verwandter Sie ſind.“ „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß mein Bruder, ſo viel mir bekannt, nie verheirathet war, und daß die Erzählung, die die Sterbende Ihnen machte, nur eine Erdichtung war, um ihre Kinder nach dem Tode glückich zu w ſſen; welche Beweiſe werden Sie denn von dem Gegentheile geben?“ „In der Sterbeſtunde lügt man nicht,“ ſagte der Geiſt iche mit Würde,„da hört aller Betrug auf; und ſagten Sie nicht ſceben, daß die Ehe Ihres Bruders Ihnen bekannt war und daß ſie wider Willen Ihres Vaters vollzogen wurde? Wenn Sie, mein Herr, die Richtigkeit dieſer Ehe bezweifeln ſollten, dann, mein — Herr, halte ich es für meine Pflicht, die Sache in die ände eines Rechtsgelehrten niederzulegen, um das wirkliche Beſtehen einer Ehe zwiſchen Henri Smith und Helene de Wilde zu beweiſen. Doch ich halte Sie für zu ehrlich und rechtſchaffen, als daß Sie einen Umſtand läugnen wollten, von deſſen Wirklichkeit Sie völlig überzeugt ſind.“ —„Ich erkläre mich durchaus nicht ungeneigt, den Kleinen zu helfen. Die Mutter war mir zuwider, aber für die Kinder will ich Sorge tragen.“ „Sie wollten das,“ ſprach der Geiſtliche mit inniger Freude„Dem Himmel ſei gedankt; er wird Ihnen einmal lohnen, was Sie den Waiſen gethan, denn Gott der Herr iſt ein Verſorger der Wittwen und Be⸗ ſchützer der Waiſen. Thun Sie es, Sie ſind unver⸗ heirathet und ſie werden nicht undankbar ſein; einſt, wenn Sie alt geworden, wie ich es bin, werden ſie Ihnen Kinder ſein, und ach, Sie wiſſen es nicht, wie ſelig es iſt, Menſchen um ſich zu ſehen, die man glück⸗ lich gemacht!“ Während der Geiſtliche ſo ſprach, bedeckte ſein Angeſicht ein bimmliſcher Glanz; ſeine Augen leuchteten von wahrer Gottesfurcht, und in ſeiner Begeiſterung ergriff er Remmers Hand und drückte ſie herzlich. „Es ſoll für die Waiſen geſorgt werden; ich ſelbſt kann mich mit ihrer Erziehung nicht abgeben, aber außer der Stadt will ich ſie in eine Koſtſchule geben, und ſchon morgen die Sache beſorgen. Inzwiſchen dürfen Sie, mir zu Gefallen, die Kinder nicht mit ihrem Namen bekannt machen; ich wünſchte nicht, daß meines Bruders Namen, der auch der meine iſt, in jenem Viertel genannt werde.“ „Sehr gerne werde ich das thun; leben Sie wohl,⸗ mein Herr Smith, und bedenken Sie ſtets, daß es eine angenehme, eine ſüße Pflicht iſt, zu thunk!!. Als der Geiſtliche fortgegangen war, ging Adam —— Smith mit haſtigen Schritten auf und nieder in dem Komptoir. „Der elende Graukopf wirft alle meine Plane durcheinander. Gerade jetzt, wo ich glaubte, mein Ziel erreicht zu haben. Doch noch iſt nicht Alles ver⸗ loren. Er ſetzte ſich vor den Pult und blieb in Nachden⸗ ken verſunken. Nach kurzer Zeit griff er krampfhaft nach einer Feder und bald war ein Brief geſchrieben und geſiegelt. In dieſem Augenblick kam van Zweeden, der ver⸗ borgene Zeuge des Geſprächs. „Van Daalen war nicht zu Hauſe und deßhalb konnte ich auch den Preiskourant nicht bekommen.“ „Und hier iſt der Schirm,“ ſprach de Roos, der darauf hereintrat,„den Sie im Kaffeehaus ſtehen ge⸗ laſſen, aber ſehen Sie nur, wie ſchrecklich er zugerichtet iſt; der Knopf iſt abgebrochen, die Spitze gebogen und zwei Fiſchbeine entzwei.“ „So,“ ſagte Smith, den Schirm betrachtend,„haben Sie ihn ſo bekommen?⸗ „Ja, ſie verderben Alles in den Kaffeehäuſern.— Es iſt zwei Uhr. Haben Sie noch etwas zu thun?“ „Ja; in dem Kaſten liegen die alten Zeitungen, nehmen Sie dieſe; ich habe einmal ein Avertiſſement von Leuten geleſen, die Kindern Koſt und Wohnung für fünfzig Gulden das Jahr geben wollen; ſuchen Sie das Avertiſſement. Ich weiß nicht recht, ob ſie in den Zeitungen von dieſem oder vom vorigen Jahre kommen. Fangen Sie mit dem Pack vom vorigen Jahre an.“ „Aber es iſt ſchon zwei Uhr,“ ſagte de Roos, einen ungeduldigen Blick auf ſeine Uhr werfend. „Wohl,“ antwortete Remmers,„Jbre Uhr geht vor, bei mir iſt es noch drei Minuten bis zwei.“ De Roos h den Pack mit Anzeigen und warf ſe mit ſolcher Heffigkeit auf das Pul:, daß eine dicke Staubwolke aus den Kuranten emporflog. „Sch muß mich nothwendig entfernen,“ ſagte Adam Smith,„und erſuche Sie, das Comptoir nicht zu ver⸗ laſſen, bis ich zurück bin.“ Der leitſame van Zweeden und der hochfahrende Karel de Roos, der wußte, daß man im Zwitſerſche Kaffeehaus auf ihn warte, um Pot zu ſpielen, und ſich daher keineswegs hier wohl befand, ſetzten ſich beide, um die alten Zeitungen zu leſen. Jeder haite einen Jahrgang vor ſich; ſie durchliefen die Blätter und es dauerte einige Zeit, bis van Zweeden ausrief:„Ich glaube, das wird's ſein.“ „Laßt einmal hören!“ „Hören Sie: An Eltern und Vormünder. In einem der geſundeſten Theile von Gelderland wird Koſt und Wohnung angeboten an vier bis fünf Kinder zwiſchen ſechs und vierzehn Jahren, gegen Be⸗ zahlung von fünfzig Gulden das Jahr, wofür zugleich Unterricht im Leſen, Schreiben, Rechnen und Allem, was zu einer guten Erziehung gehört, ertheilt wird. Nähere Auskunft Wünſchende belieben ſich in frankirten Briefen unter der Chiffer G. S. zu wenden an Schut und Brouwer, Buchhändler zu Amſterdam.“ „Ja, das wird's ſein!“ rief de Roos, der auf⸗ merkſam zugehört hatte.„Ich wünſchte, Remmers wäre zurück. Der Kerl iſt im Stande, lange wegzubleiben, um uns zu plagen.“ „Daran zweifle ich durchaus nicht.“ „Und doch kann ich nicht länger bleiben, man wartet auf mich. Bleiben Sie hier, van Zweeden, und wenn der Patron kommt, ſagen Sie ihm, ich ſei unwohl geworden.“ De Roos bemerkte wohl, daß das Anerbieten dem Amtsgenoſſen durchaus nicht angenehm war, und ließ ſich weiter alſo vernehmen:„D uartal lauft zu Ende, wenn ich Ihnen etwas thun kann, dürfen Sie nur befehlen.“— 5 * „Leihen Sie mir drei Gulden!“ ſprach von Zweeden, einen andern Ton anſchlagend. „An einem Thaler werden Sie genug haben, denk' ich,“ ſprach Roos, zog eine ſchöne Börſe heraus und gab das Geld ſeinem unglücklichen Freund. „Ich werde ſagen, Sie ſeien unwohl geworden, Herr Roos!“. „Gut! Bon jour, van Zweeden!“ Kurze Zeit darauf kam Adam Smith zurück, ver⸗ nahm das plötzliche Unwohlſein ſeines Kommis und las das ihm vorgelegte Avertiſſement mit Aufmerkſam⸗ eit durch.. Nachdem ſich van Z veeden entfernt hatte, ſchrieb Remmers einen Brief an die Adreſſe von G. S. und beſorgte denſelben zu den Buchhändlern Schut und rouwer. IX. Frank und Clara. Als Karel Nachmittags wieder auf das Comptoir kam, rief ihn Smith auf die Seite und gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß er ihm in das andere Zim⸗ mer folgen ſolle. De Roos dachte nicht anders, als es werde in Folge ſeines plötzlichen Unwohlſeins, eine unangenehme Unterhaltung geben, und war daher nicht wenig ver⸗ mundert, als Remmers in freundlichem Tone zu ihm agte: „Setzen Sie ſich, de Roos, ich wünſchte mit JIh⸗ nen beſonders zu ſprechen. Sie könnten mir einen Dienſt thun.“ 80 „ ch?“ war die Antwort des befremdeten Kom⸗ mis.„Wenn es möglich, gerne!“ Remmers nahm den Brief, den er dieſen Morgen geſchrieben hatte, und händigte ihn de Roos ein. „Bringen Sie dieſen Brief an den Viertelsmeiſter der Elandsgracht, und gehen Sie dann in den Wijde ſteeg, das dritte Haus von der Ecke, linker Hand; da wohnt eine Frau, eine Wahrſagerin, glaube ich,„Mut⸗ ter Margot“ genannt.“ „Und was ſoll ich da ausrichten? frug Karel, der ſich mit der Botſchaft in ein ſo gemeines Viertel nicht ſehr geehrt fühlte. Das will ich Ihnen ſagen. Ich hatte einen Schul⸗ kameraden, mit welchem ich in genauer Freundſchaft lebte; er heirathete und begab ſich kurz nach ſeiner Hei⸗ rath nach Oſtindien. Hier ſtarb er, eine Frau mit zwei Kindern hinterlaſſend, die nach dem Tode meines Freun⸗ des nach Holland zurückkehrten, in der Hoffnung, Hülfe und Unterſtützung bei ihren Blutsverwandten zu finden. Doch die Wittwe fand ſich getäuſcht. Ihre Verwandten verſagten ihr Hülfe und Beiſtand. Das Wenige, was ihr übrig geblieben, war auf der Reiſe verzehrt, und ſie ſah ſich gezwungen, durch ihrer Hände Arbeit ihre und ihrer Kinder Noth zu mildern. Hätte ich nur irgend Etwas davon gewußt, würde ich die Wittwe meines Freundes gerne unterſtützt haben.“ „Der Kerl iſt beſſer, als ich dachte.“ Dieſe Be⸗ merkung meinte Roos bei ſich machen zu müſſen, als er ſeinen Patron ſo ſprechen hörte. Dieſer fuhr alſo fort:. „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, de Roos, daß die Witte immer mehr zurückkam und nun vernahm ich dieſen Morgen, daß ſie vor einigen Tagen in einer Bühnenkammer auf dem Winſde ſteeg, im tiefſten Elend geſtorben iſt, wodurch zwei arme und unglückliche Kin⸗ der ganz ſich ſelbſt überlaſſen find. „Die Kinder befinden ſich bei Mutter Margot, die ——Q—Q—QOQ·—·—ᷓ gezogen, auf den 81 ſelbſt arm und folglich nicht im Stande iſt, für die beiden unglücklichen Waiſen zu ſorgen. Ich fühle mich daher gedrungen, das Loos der Kinder des mir ſo theuern Freundes zu beſſern und werde ihnen eine Er⸗ ziehung geben laſſen, die alle Wünſche erfüllt; ich habe eine Koſtſchulhalter daher ſchriftlich erſucht und erwarte jeden Augenblick Antwort, wann die beiden Kinder in die Schule kommen dürfen, ſolang müſſen ſie aber in dem Hauſe bleiben, wo ſie ſich befinden. Sie begrei⸗ fen, die Frau kann die Kinder unmöglich ohne eine Belohnung bei ſich behalten. Sehen Sie da, zwei Dreiguldenſtücke, bringen Sie ſie zu Frau Maas oder Mutter Margot, wie man ſte nennt; aber ich überlaſſe es ganz Ihrer Klugheit und Umſicht, nicht durchblicken zu laſſen, daß ich es bin, der die Hand in der Sache hat, da Sie wiſſen, wie wenig ich ſolche Sachen liebe. Es wird das Beſte ſein, de Roos, wenn Sie ſich das Anſehen geben, als wären Sie es, der ſich um das Loos der Waiſen bekümmert!“ Das war ganz nach dem Sinne unſers ſtolzen Karel. Das mußte ihn in den Augen der Frau Maas, ja, des ganzen Wijde ſteeg's gewiß als einen reichen Mann erſcheinen laſſen, und bei dieſem Gedanken hob ſich die Bruſt des ſtolzen, jungen Mannes; zugleich überlegte er, welche Haltung, Mienen und Worte am beſten taugten, ihn als das, was er ſich vornahm, er⸗ ſcheinen zu laſſen. 1 „Nun,“ ſagte er in einem ruhigen und gnädigen Ton,„um Ihnen einen Gefallen zu thun, nehme ich es auf mich, und verſpreche, mich des Auftrags zur Zufriedenheit zu entledigen.“ Als es Abend geworden, begab er ſich, fein an⸗ Wiide ſteeg, mit einem goldknopfi⸗ gen Stock, der ſein glänzendes Ausſehen noch vermeh⸗ ren ſollte. Frank und Clara waren von der Wahrſagerin auf⸗ genommen worden, und ſelbſt Frau de Geer, die, um uns eines Ausdrucks derſelben zu bedienen, ſo lange Helene de Wilde lebte, weder dieſe noch ihre Kinder lei⸗ den oder ſehen mochte, hatte ſich ſo freundlich gezeigt, daß ſie den Kindern die beſten Kleider, die bei ihr ver⸗ pfändet waren, zurückgab. Es iſt in der That merk⸗ würdig, daß man bei den rauhſten und ungebildetſten Menſchen das meiſte Mitleiden findet.— Die Kartenſchlägerin und die Bankhalterin beeifer⸗ ten ſich, den Kindern ihr Schickſal ſo erträglich als möglich zu machen. Einige Leckereien, ein hübſches, gutes Bett und freundliche Worte trockneten bald die Thränen der Waiſen. Kinderthränen fließen leicht, find aber auch bald wieder getrocknet. „Es wird für den jungen Herrn und das Fräu⸗ lein geſorgt werden,“ ſagte Franziska Maas,„das hat der Geiſtliche geſagt. Ihr wißt wohl, derſelbe wel⸗ cher den letzten Tag bei der Prinzeß geweſen. Ich wußte nicht, was ich ſagte, als der Domine zu mir herein kam.“ „Habt wohl geſagt, Prinzeß, hohe Frau, vor⸗ nehme Leute Mutter vor Hunger ſterben laſſen, für Kin⸗ der ſorgen, ich kenn' das, Mutter Margot.“ „Nun, es würde mich freuen, wenn ich Frank und Clara einmal reich ſehen werde; ſie hielten ſo viel auf ihre Mutter, die armen Schäfchen.“ „Einmal reich geworden, uns vergeſſen, nicht an⸗ ſehen, bahl gemein' Volk!“ „Nein, das nie, das nie,“ rief Frank, welchem das Geſpräch der Frauen wehe that,„ſo lange ich lebe werde ich Euch dankbar ſein, für das, was Ihr mir gethan.“ Hausherrn zahlen; Hausherr plagt ihn, will Erbe ver⸗ kaufen vom armen Teufel. Hausherr fällt in's Waſſer, will ertrinken, Teufel ſteht am Ufer, ſpringt in's Waſ⸗ „Wißt eine Geſchichte: Armer Teufel kann kein 83 ſer, hilft Hausherrn; Hausherr verſpricht Alles, tauſend Sanb⸗ Hausherr kaum trocken, verkauft armen Teufels rbe.“ Karel de Roos trat herein. „Bin ich hier recht bei Mutter Margot?“ frug er, eine beſonders feine Sprache annehmend„noder bei Fran⸗ ziska Maas?“ fügte er bei. Die Erſcheinung eines mit ſo vielem Geſchmack gekleideten Mannes wunderte beide Frauen nicht wenig, und als Frau Maas' die Frage de Roos beantwortet hatte, ſprach diefer weiter: „Dann befinden ſich hier zwei Waiſen, denen Ihr die Güte hattet, nach dem Tode ihrer Mutter eine Woh⸗ nung zu geben. Ihr habt brav gehandelt Frauchen; aber ich kann nicht von Euch verlangen, daß Ihr die Kinder ohne eine Entſchädigung bei Euch habt; kann ich Euch vorläufig dieß Wenige anbieten?“ Damit legte er die zwei Dreiguldenſtuͤcke auf den Tiſch. „Wollen Sie für die Kinder ſorgen?“ fragte die Weahrſogerin,„war ihre Mutter auch von Ihrer Fa⸗ milie?“ „Nein, durchaus nicht,“ war ſeine Antwort. Denn er fand es beſonders gemein, eine Blutsverwandte zu haben, die auf einer Bühne den letzten Athem ausge⸗ haucht.„Durchaus nicht, aber ich wurde von dem Vor⸗ fall unterrichtet, und man iſt verpflichtet, ſeinem Ne⸗ benmenſchen zu helfen, wenn man das Vermögen dazu hat.“ „Gewiß, mein Herr, es wäre zu wünſchen, daß alle reichen Leute ſo denken würden, aber die meiſten haben kein Gefühl.“ „Pferde kaufen, Wagen halten, Komödie gehen, arme Menſchen todthungern laſſen!“ Das war der Schluß, den Frau de Geer der Rede ihrer Nachbarin beifügen zu müſſen glaubte. ch habe im Sinne, die Kinder morgen oder über⸗ morgen nach einer Koſtſchule bringen zu laſſen, ich er⸗ ſuche Euch daher, ſie ſolang bei Euch zu behalten.“ Er reichte beiden die Hand, ermahnte ſie, gehor⸗ ſam zu ſein, und der guten Frau, die für ſie ſorgte, zu danken. 4 „Lebt wohl,“ ſagte er,„auf Wiederſehn, ich weiß nicht, werde ich die Kinder ſelbſt holen oder den Kut⸗ ſcher oder Jemand anders herſchicken; iſt dann noch Et⸗ was zu verrechnen, ſo wird das auf Einmal geſchehen. Habt Ihr'mal meinen Beiſtand nöthig, dann habt Iyhr nur zu ſprechen, gute Frau.“ „Ich werde alt und kränklich, wenn ich einen Platz in einer Pfründe bekommen könnte, ſo ein großer Herr, wie Sie, vermag da viel.“ „Wir werden ſehen,“ ſagte de Roos mit einer Haltung, als hätte er, als mächtiger Fürſt, eine un⸗ terthänige Bittſchrift durchgeſehen, und verließ ebenſo majeſtätiſch, als er gekommen, das Zimmer. „Es wundert mich, Frau de Geer, daß Ihr nicht auch den gar reichen Herrn um Etwas gebeten habt...“ „Hab' keine Pfründe nöthig, alte Frauen⸗Haus will ich nicht, eigne Freiheit das Beſt';“ ſprach die Bankhalterin und raſſelte mit dem Gelde, das ſich in einem ſammtnen Beutel befand, der mit einer filber⸗ nen Kette an ihrer Seite hing. X. Der Kinderfreund. Zwei Tage nach dem ſo eben Erzählten trat ein ſonderbarer Menſch in das Komptoir des Kommiſſio⸗ närs. 8⁵ Es war ein Mann, deſſen Alter unmöglich aus ſeinen Geſichtszügen zu beſtimmen war. Sein Geſicht hatte etwas Kindiſches und ſtach ſehr ab von ſeinen dicken blonden Haaren und den Augenbrauen von der⸗ ſelben Farbe. Seine Augen waren weder blau, noch braun, noch ſchwarz, ſondern eine Miſchung aller die⸗ ſer Farben. Seine kleine Naſe war etwas gebogen, ſeine fetten Wangen hatten eine verdächtige Farbe und ſein Mund ging beinahe bis an die Ohren. Er trug einen gelblichen Rock mit einer Anzahl kleiner Krägen, hellfarbige Sommerhoſen und Stiefel, die wie ein Spiegel glänzten.— Ein hoher Kragen und ein geblümtes Halstuch umſchlangen ſeinen Hals, und auf dem fein geglätteten Jabot ſtack eine Nadel mit einem großen rothen Steine„den ſelbſt der Un⸗ kundige als falſch erkannte. Ueber die Weſte, welche wie die Nadel gefärbt war, bing in einem zierlichen Bogen ein ſchwarz ſeidenes Band, und an einem Finger der rechten Hand trug er einen Ring, aus Haaren geflochten, die zwei Täubchen auf einem Altar vor⸗ ſtellten. Er bückte ſich zuerſt vor jeder der drei Perſonen, welche er im Zimmer ſah, und wiederholte ſeine Ver⸗ beugung, wovon nun jedem der drei Herren ein Drit⸗ theil gehörte. „Mein Herr!“ „Hab' ich die Ehre, Herrn Remmers zu ſprechen?“ „Ja, und...“ „Mein Name iſt Daniel Vos, Ihnen zu dienen.“ „Herr Vos!“ „Vorgeſtern empfing ich von den Buchhändlern Schut und Brouwer einen Brief, betreffend ein Aver⸗ tiſſement, das ich unlängſt in die Zeitung rückte. Ich hatte gerade ſelbſt Einiges in Amſterdam zu thun, und ieſt es für's Veſte, Ste ſelbſt z0 dnen G halbe Stunde mündlich iſt beſſer als hundert Briefe.“ „Ja wohl!“ ſagte Smith und nöthigte den Frem⸗ ————— den, ihm in's andere Zimmer zu folgen, deſſen Thüre er ſorgfältig ſchloß. „Sie halten eine Koſtſchule für kleine Kinder, Herr Vos?“ „Ich eigentlich nicht, Ihnen zu dienen, aber meine Frau; ich bin emplotirt bei dem Bureau des Bürger⸗ meiſters und zugleich Sachwalter. Meine Frau und ich halten ſehr viel auf Kinder— darum nennt man mich im gewöhnlichen Leben den Kinderfreund!“ „Und das Koſtgeld iſt fünfzig Gulden jährlich?“ „Fünfzig Gulden, Ihnen zu dienen.“ „Aber wenn ich Ihnen zwei zumal übergäbe, wä⸗ ren achzig, glaube ich, genug.“ „Unmöglich. Glauben Sie mir, Herr, wir legen noch Geld darauf, es geſchieht nur, weil wir ſo viel auf Kinder halten.— Dabei iſt das Eſſen das Beſte und die Bettchen ſind weich.“ „Wenn es für mich ſelbſt wäre, würde ich über den Preis nicht ſprechen, aber es ſind die Kinder eines Andern, und wenn ich auf Ihre Verſchwiegenheit trauen darf, dann...“ „O vollkommen, Herr Remmers, vollkommen. Bin ich denn nicht emploiirt auf dem Bureau des Bürger⸗ meiſters und Sachwalter?“ 1 „Nun venn, ich habe einen Kommis auf meinem Komptoir, ein Muſter von Güte und Fleiß, aber etwas leichtfinnig.“ „O, wir find nur einmal jung, und..“ „Laſſen Sie mich fortfahren, denn ich habe wenig Zeit. Dieſer Kommis lernt vor einigen Jahren ein Mädchen kennen.“ „O ich begreife, ich begreife.) 5 „Was begreifen Sie?“ ſagte Smith, den ſchnellen Begreifer ärgerlich anſehend.„Wenn Sie mich be⸗ greifen, brauche ich nicht auszureden.“ „O nein.. das will heißen. ich bin ganz Ohr, Herr Remmers.“ ———— 87 „Nun, um kurz zu ſein; er hatte ſeit dieſer Zeit mit dem Mäadchen gelebt; ſie ſtarb und hinterließ ihm einen Sohn von vierzehn und ein Mädchen von zwölf Jahren,... die Eltern waren nie verheirathet.“ „Das iſt artig, ha, ha!“ „Ich finde das traurig und keineswegs lächerlich; der gute Junge weiß nicht, was mit den Kindern an⸗ fangen, da er ſeine Vaterſchaft gerne verſchwiegen wiſſen möchte. Sein Einkommen reicht nicht, das volle Koſtgeld zu bezahlen, ſeien Sie daher ſo edelmüthig, Herr Vos, und nehmen Sie die die Kinder für achzig Gulden.“ „Wenn ich die Hälfte des Geldes voraus erhalte, und Sie mir verſprechen, es nicht weiter zu ſagen, dann will ich Ihrem Geſuche entſprechen.“ „Sie ſollen es augenblicklich haben, und ich werde Sie zugleich in den Stand ſetzen, den Vater zu ſehen — doch Sie thun, als ob Sie von nichts wüßten, Herr Vos!“ und darauf die Kammerthüre öffnend rief Smith: „Herr de Roos, ſeien Sie ſo gut und bringen Sie eine Qutttung mit Feder und Dinte.“ De Roos brachte das Geforderte. „Iſt das der Vater?“ frug Vos flüſternd. „Ja, aber ich rechne auf Ihre Verſchwiegenheit; er hat mich dringend erſucht, ſein Geheimniß nicht zu offenbaren, und zu thun, als ob die Kinder, die ich Ihnen übergeben will, entfernte Verwandte von mir wären.“ „Er kommt mir zu jung vor, um ſchon einen Sohn von vierzehn Jahren zu haben.“ gEr war ſiebenzehn Jahre, als er die Bekanntſchaft des Madchens machte, und dazu hat er ein jugendliches Ausſehen.“ „Uad ſein Name iſt de Roos!“ „Es reut mich, daß mir ſein Name entfiel; Ihre Verſchwiegenheit iſt mir aber Bürge...“ „Zweifeln Sie nicht daran, mein Herr! Sind die 1 Kinder gut mit Kleidern verſehen, oder ſollen wir da⸗ für ſorgen? Wir kleiden die meiſten Kinder und für nur fünfzehn Gulden das Jahr, und dabei hübſch und nett und der Unterricht, der läßt nichts zu wünſchen übrig, den gebe ich ſelbſt.“ „Dann muß er wohl gut ſein,“ ſagte Remmers, mit ſpöttiſchem Lächeln;„aber fünfzehn Gulden iſt zu viel für jedes Kind. Schreiben Sie eine Quittung von fünfzig Gulden für ein halbes Jahr Koſt, Woßnung und Kleidung für zwei Kinder, und ich werde Ihnen augenblicklich das Geld geben.“ „Nun denn, um die Sache abzumachen,“ ſprach Vos, nachdem er das Geld zu ſich genommen, den Empfangſchein ſeinem neuen Goͤnner zuſtellend. „Und wann kommen die Kinder?“ „Uebermorgen.“ M dem Elburger Beurtman?“*) „Jq.“ „Ich werde bei dem Beurtman für ihren Empfang Sorge tragen. Ich muß noch heute nach Hauſe, meine Geſchäfte rufen mich.“ Als er wegging, grüßte er mit beſonderem Nach⸗ druck Karl de Roos, der im Komptoir war, und ſah ihn mit einem vielbedeutenden Blicke an. „Der Kerl iſt keck, ſagte Karel, als er ſah, daß er von dem Gelderſchmann ſo aufmerkſam betrachtet wurde,„ich kann mir nicht erinnern, ihn ſchon geſehen zu haben, und er grüßt mich, wie einen alten Bekann⸗ kee Vielleicht habe ich ſchon eine Partie mit ihm ge⸗ pielt. Zwei Tage nachher zeigte ſich für Karel nochmals. die Gelegenheit, ſich in ſeiner Herrlichkeit vor Fran⸗ ziska Maas und Frau de Geer anſtaunen zu laſſen, als Remmers ihm auftrug, die beiden Waiſen zu dem ⁴) Ein Schiffer, welcher zur beſtimmten Zeit abfahrt als Bote auf den Binnenſeen. 89 Fahrzeug zu begleiten, das ſie nach dem Ort ihrer Beſtimmung bringen ſollte. Wie ehrenvoll die Sache auch für ihn war, hatte Karel doch etwas dagegen, mit ein paar elend geklei⸗ deten Kindern über die Straße zu gehen; doch bald hatte ihm ſein erfindungsreicher Geiſt ein Mittel an die Hand gegeben, das nicht allein dieſe Schwierigkeit überwand, ſondern zugleich den Bewohnern des Wijde ſteeg einen noch höheren Begriff von ihm geben mußte. Er nahm eine jener Kutſchen, die nach und nach außer Gebrauch gekommen, nemlich einen Brommer,*) und Die Erſcheinung eines Wagens an dieſem Platze war etwas Ungewöhnliches, weßhalb alle Bewohner der engen Straße eiligſt herbeiliefen, und mit erſtaun⸗ ten, neugierigen Blicken und aufgeſperrtem Mund ſich um die Kutſche ſchaarten, als dieſelbe vor der Thüre der Frau de Geer ſtille hielt. Die allgemeine Meinung, die die darum verſam⸗ melten Nachbarn ausſprachen, war, daß höchſt wahr⸗ ſcheinlich eine Geiſteskranke abgeholt werde, um in das außer der Stadt liegende Krankenhaus gebracht zu werden. Wie hoch ſtieg aber ihre Verwunderung, als ſie einen eleganten jungen Kommis, welcher bei dieſer Gelegenheit ſeine Fäße mit Stiefeln und Sporen ver⸗ ſehen hatte, aus dem Wagen ſteigen und die Treppe nach dem Zimmer hinaufgehen ſahen. Die Kinder, in ihren beſten Kleidern, klatſch⸗ ten vergnügt in die Hände, als ſie den Wagen be⸗ merkten, welcher ſie abholen ſollte. Clara und Frank umarmten die Wahrſagerin und Frau de Geer. Nach⸗ dem ihr Wohlthäter Frau Maas verſichert hatte, daß er ſtets ihrer gedenken wolle, und vielleicht ſchon bald die Gelegenheit ſich ſinden werde, ſie in eine Pfründe Q——Q—— 9 Eine geſchloſſene Kutſche. Amſterdams Geheimniſſe. J, 7 9⁰ zu bringen, wo ſie außer freier Wohnung, Holz und Licht noch zwei Gulden die Woche bekommen würde, ſtieg er in ſeinen Wagen, welcher ſchnell aus dem Ge⸗ ſichte der Neugierigen verſchwand. Noch am ſelben Abend erzählten ſich die Bewoh⸗ ner vom Wiſde ſteeg, daß die verſtorbene Prinzeß von vornehmer Familie wäre und daß die Kinder durch einen Herrn von Hof abgeholt worden ſeien, ja ſogar waren Einige, die behaupteten, in dieſem reich geklei⸗ deten Herrn Jemand erkannt zu haben, welchen ſie lie⸗ ber nicht nennen wollten, weil es immer gefährlich iſt, von Vornehmen Böſes zu ſprechen. So viel aber war ſicher, daß Mutter Margot gut aufgehoben war und im Voraus wohl berechnet hatte, als ſie den jun⸗ gen Herrn und das Fräulein zu ſich nahm. Clara und Frank plauderten indeß mit einander. Häuſer, Bäume und Menſchen flogen an ihren Blicken vorüber. Die Straßen wurden immer breiter und die Grachten immer ſchöner und dennoch waren die Augen Franks voll Thränen. „Warum weinſt Du, Frank,“ fragte de Roos, „mich dünkt, Du ſollteſt froh ſein, die dunkle Woh⸗ nung verlaſſen zu haben.“. „Ich wäre gerne da geblieben, es iſtgerade, mein Herr, als ob ich jetzt erſt recht fühlte, daß ich meine Mutter verloren habe.“ „Du biſt ein braver Junge,“ antwortete Roos, und dieſe Worte waren aufrichtig von ihm gemeint. „Und Sie wollen immer für mich und Clara ſor⸗ gen?“ ſprach Frank, während er weinend die Hand Karels drückte.„Sie werden uns nicht vergeſſen?“ Es wurde dem Kommis bang, als er die beiden Waiſen anſah, welche ihr Zutrauen ganz allein auf ihn geſetzt hatten. Er nahm ſich vor, im Falle Rem⸗ mers nicht fortwährend die Kinder beſchützte, dieſes Werk auf ſich zu nehmen. Der Menſch iſt ſchnell geneigt zum Guten, ſchade, 91 daß die Aufwallungen des Herzens von ſo kurzer Dauer find.„. „Ja, es wird für Dich geſorgt werden,“ er konnte nicht ſagen, ich werde für Dich ſorgen.„Und Du wirſt nicht vergeſſen werden,“ fügte er mit großem Nachdruck bei. Sie waren auf der Stelle, wo der Elburger Beurt⸗ a bereit lag, die Wellen des Zuiderſees zu durch⸗ urchen. „Habt ihr Eſſen bei euch?“ „Nein, mein Herr!“ Karel ging mit den Kindern in eine Schenke, ließ Brod und Fleiſch herbei bringen, das er ihnen mitgab. Die Stunde der Abfahrt war da. Die verwaisten Kinder gingen an Bord. „Da, kaufe Etwas dafür!“ ſprach Karel, während er den Kindern Lebewohl ſagte und einen Thaler gab. Wenn er in dieſem Augenblick mehr gehabt hätte, wäre der Zehrpfennig größer geworden. XI. Das Koſthaus. Der Wind war günſtig und der Beurtman ver⸗ folgte rüſtig ſeinen Weg; der eintönige Wellenſchlag wiegte die beiden Waiſen bald in einen tiefen Schlaf, der durch keine bangen Träume beunruhigt wurde. Clara war mit ihrem lieblichen Köpfchen gegen die Bruſt ihres Bruders gelehnt; ihr Mund zog ſich zu dem ruhigen Lächeln der Unſchuld zuſammen, ein Lä⸗ cheln, das durch die Jahre verwiſcht wird, um der 5 92 bitteren Thräne der 2 ſchungen ves debens Platz zu maghen. uf dem Geſicht des ſchlafenden Knaben lagerte ein düſterer Ernſt, der reifern Jahren als den ſeinen angehörte. Seine hohe, gewölbte Stirne, von reichen Locken überſchattet, zeigte eine leichte, kaum bemerkbare Falte, die die Sorge gezogen hatte. Eine Falte der Sorge auf einer vierzehnjährigen Stirne! Ja, Frank kannte die Sorge. Die Kinder der Reichen können ſich das Loos der Armen nicht vorſtellen, Kinder, die des Abends müde vom Spielen ihr Haupt unbeſorgt auf die wei⸗ chen Kiſſen legen, um von Genuß und Annehmlichkeit zu träumen; kein freundlicher Mund weckt die Kinder der Armuth und keine ſüße Stimme ruft ihnen den Morgengruß zu.. So ſchleppten die Kinder Helenens ihre erſten Kin⸗ derjahre hin. Den ganzen Tag— und der Tag ſchleicht für den Armen ſo langſam hin— ſahen ſie nichts als Kummer und Elend und Mangel. Sie hörten nur ſeufzen und klagen; ſie lernten die Sorge mit einander kennen. Keine fröhliche Zukunft, nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren, kein Vergnügen. Ein elender, dü⸗ ſterer, kalter und feuchter Aufenthalt, eine kranke Mut⸗ ter, die beſtändig ihres Beiſtands bedurfte, und zu⸗ gleich, durch die Armuth gereizt, ſchwer zu behandeln war. Eine karge Mahlzeit, den Hunger kaum zur Hälfte ſtillend, und die bange Ungewißheit, ob morgen eine ſolche Speiſe wieder ihrer harre! Das Bild der armen Jugend; ſo ſchleppten die Kinder ihre Tage hin, bis ſie ſich am Abend auf das harte Stroh niederwar⸗ fen, um von Elend und Mangel zu träumen. Fröh⸗ liche Träume hat die Armuth nicht. 3* N *—* Unter den Perſonen, die mit unſern kleinen Be⸗ — kannten die Ueberfahrt nach Elburg machten, befand — Bank gegenüber den Schlafenden, die von ihm neu⸗ gierig beobachtet wurden. Seine Kleidung trug keine Spuren von Reichthum und eben ſo wenig von Armuth; man hätte ihn eher für einen Seemann halten können, welche Meinung beſtätigt wurde durch die dunkle Farbe ſeines Geſichtes, das deutlich bewies, daß die Sonnenſtrahlen einer wär⸗ meren Zone, als die unfrige, das Geſicht gefärbt hatten. .„Ich beneide ſie und doch ſcheinen ſie arm zu ſein!“ Dieſe Worte entſchlüpften dem Unbekannten bei der Be⸗ trachtung ſeiner zwei jungen Reiſegeſellen. „Ich beneide ſie,“ wiederholte er,„weil ſie ſo ruhig ſchlafen können. Wie ſtill, wie ruhig liegen ſie da; ihr Athem iſt ſanft, keine bangen Träume wecken ſie aus dem Schlummer, und ich, ich kann nicht ſchla⸗ fen! Die ewige Unruhe, die Angſt, die Verzweiflung hindern mich, ein Auge zu ſchließen, und wie ſehne ich mich nach Ruhe! O wie ſüß, wie erquickend wäre mir der Schlaf!“ „Mutter!“ liſpelte Frank im Traume.„Liebe Mutter!“ „Er hat eine Mutter, vielleicht Freunde und Be⸗ kannte,“ ſo ſetzte er ſein Selbſtgeſpraͤch fort, welches nur durch ſeine heftige Gemüthsbewegung abgebrochen wurde.„Ich habe Niemand— Niemand kennt mich.“ Er unterſtützte ſein Haupt mit der Rechten und blieb wie verſteinert ſitzen. Plötzlich aber ſtand er auf, verließ die Kajüte und ſtieg die Treppe hinauf, die auf das Verdeck führte, um ſich zu den zwei übrigen Paſ⸗ ſagieren zu begeben, die eine halbe Stunde früher an die freie Luft gegangen, um das Anbrechen des Tages zu ſehen.. Es war eine ſchöne Winternacht, Myriaden Sterne flimmerten an dem blauen Himmel, heller als das ge⸗ weihte Licht vor dem Altar, glänzend wie Diamanten— auf ſchwarzem Sammet. 8* ſich ein Mann noch in der Blüthe der Jahre, auf einer d Der Schiffer in ſeinem dicken Rocke ſtand am Steuer und ſang ein Lied, das von den am Schiffe zerſchellenden Wellen accompagnirt wurde. Am fernen Horizonte ſah man einen hellen Streif, der aus der See aufzuſteigen ſchien. „Das iſt der Tag!“ rief der Fremde, der mit hef⸗ tigen Schritten auf dem Verdecke auf und ab ging. „Gott ſei Dank! ha! ich erlebe es! Die Nacht ver⸗ ſchwindet; weg ſind die ſchrecklichen Träume, die trüben 6 Schreckbilder! Aber,“ ſprach er mit dumpfer Stimme, „nach dem Tage kommt wieder eine Nacht!“ Je höher die Sonne herauf ſtieg, deſto heller wur⸗ den die Züge des Unbekannten, und als die Strahlen das vom Nachtfroſte weiß gefärbte Verdeck beſchienen, ſeufzte er tief, wie wenn ihm eine ſchwere Laſt vom Herzen gefallen.. Auch ſeine zwei jugendlichen Reiſegenoſſen erwach⸗ ten bald. Verwundert ſahen ſie um ſich und horchten auf den eintönigen Schlag der Wellen gegen den Kiel. . Clara holte den Vorrath von Fleiſch und Brod, welchen Karel de Roos ihnen gegeben; die Waiſen fal⸗ teten die Hände und richteten ein kindliches Gebet zu ihrem bimmliſchen Vater. 1 „Sie beten,“ ſagte der Fremde zu ſich ſelbſt, als er bei ſeinem Eintreten in die Kajüte die betenden Kir⸗ der ſah.„Es gab eine Zeit, es iſt lange her, ſehr lange her, ich kann es mir kaum noch erinnern, als ich auch betete. Da war ich noch rein, noch unſchul⸗ dig!.... Warum denke ich daran? iſt es nicht ſchon genug, daß die Wahnbilder meiner Phantaſie mir die Nächte beunruhigen, müſſen ſie auch noch meine Tage verbittern?“ „Willkommen!“ tönte es vom Ufer und dies Zei⸗ chen, daß er den Beſtimmungsort erreicht habe⸗ weckte ihn aus ſeinen Phantaſieen.. „Müßt ihr noch weiter als Elburg?“ frug er die beiden Waiſen.. 4 „Ich weiß es noch nicht!“ ſagte Frank,„wir ſol⸗ len abgeholt werden.“ Nachdem er ihm und der kleinen Clara herzlich die Hand gedrückt, entfernte ſich der Fremde. An's Ufer gekommen, gewahrten Frank und Clara einen Mann, der, ſobald er ſie geſehen, auf ſie zukam und ſie von dem Schiffer in Empfang nabm. „Ah! ſeid ihr da!“ ſprach der uns ſchon bekannte Daniel Vos,„ſo, das iſt gut!“ Er nahm die Kleider der kleinen Kinder ſorgfältig in Augenſchein und rief aus:„Nicht viel Beſonderes!“ „Kommt, Kinder, Ihr werdet wohl kalt geworden bin⸗ erſt Euch tüchtig erwärmt und dann auf die eiſe.“ „Müſſen wir wieder zu Schiffe?“ frug Frank, als er in die Schenke getreten war. 4 „Nein, wir werden fahren, und find in ein paar kleinen Stunden zu Hauſe! Ihr habt doch ein Päck⸗ chen bei Euch?“ „Ja, hier iſt es!“ „Und was habt Ihr denn da drinnen?“ Frank öffnete es und zeigt ſeinem Unterſucher ei⸗ niges Linnenzeug, die Ueberbleibſel von früheren, glück⸗ lichen Tagen. „Das ſieht gut aus,“ murmelte Vos.„Wollt ihr nicht Etwas trinken? Ja, das wird euch gut thun;“ und überreichte dabei den Kindern das Glas Brannt⸗ wein, das vor ihm ſtand. Frank und Clara machten von dem Anerbieten Gebrauch. 4 „Und wer hat Euch in das Schiff gebracht?“ „O, ein prächtiger Herr, und wir find in einer Kutſche gefahren,“ ſagte Clara. „Der Herr war noch nicht alt. Mit dunkelbraunen Haaren und großen, blauen Augen, nicht wahr?“ „Ja, kennen Sie den Herrn?“— „O nein, durchaus nicht!“ rief Vos mit einem vielbedeutenden Lächeln,„und hat der Herr Euch nichts gegeben, als er Abſchied von Euch nahm?“ „Einen Thaler!“ „So, gebt mir das Geld, Ihr könntet es verlie⸗ ren, und das wäre ein Jammer.“ Ohne Zögern übergab Frank ſeinen kleinen Schatz. „Ihr braucht durchaus nicht zu ſagen, daß Ihr mir das Geld gegeben habt, verſteht Ihr,“ und das Geſicht von Daniel Vos nahm einen freundlichen Aus⸗ druck an,„vor Allem nicht meiner Frau!“ Er trank noch drei Gläſer Branntwein und beſtieg mit den Waiſen einen Karren, der ſie, nachdem ſie ei⸗ nen Weg von zwei Stunden zurückgelegt hatten, an den Platz ihrer Beſtimmung brachte. Die Wohnung Vos' war in einiger Entfernung von einem Dorf gelegen, welchem wir den Namen Hoogendal geben wollen. Er bewohnte ein großes, altväteriſches Herrenhaus, das von einem eiſernen Zaun umgeben war. Um das Haus ſelbſt zog ſich ein geräumiger Platz, welcher mit einer Menge Eichen bepflanzt war. Das Haus war in einem armſeligen Zuſtand; ein Theil des Daches entbehrte der Ziegel und der größte Theil der Scheiben war zerbrochen oder fehlte ganz; die Läden vor den Fenſtern theilten daſſelbe Loos mit der hohen, eiſenbeſchlagenen Thüre: auf beiden war keine Farbe mehr zu entdecken, und die hohe Stoep war ſo baufällig, daß es ein Wagſtück heißen mußte, ſie zu erſteigen. Früher hatte dieſes Landhaus einer adeligen Fa⸗ milie zur Wohnung gedient, doch ſeit der letzte Eigen⸗ thümer, in einem Anfall von Wahnfinn, ſich ſelbſt das Leben genommen, blieb daſſelbe unbewohnt, da Nie⸗ mand es wagte, die Wohnung zu betreten, in der, wie die Sage ging, der Geiſt des Selbſtmörders ſein We⸗ ſen trieb. Die Erben faßten, da ſie keine Miethsleute für das Haus finden konnten, den Beſchluß, es niederzureißen, und hatten bereits hiemit begonnen, als Daniel Vos, der ſich wenig um die nächtlichen Beſuche des Eigen⸗ thümers zu kümmern ſchien, ſich als Miethsmann an⸗ bot, wenn man den Preis ſehr niedrig ſtellte. Dieß Anerbieten wurde von den Erben angenommen, da ſie wohl einſahen, daß es nur zu ihrem größeren Nutzen dienen könne, das Haus zu vermiethen, als es zuſam⸗ men zu reißen; überdieß, dachten die Eigenthümer, hat Daniel Vos das Landhaus einige Jahre bewohnt, ſo wird ſich das Gerücht von den nächtlichen Erſcheinun⸗ gen ganz verlieren und ſich endlich ein guter Mieths⸗ mann finden. Das Niedergeriſſene wurde wieder neu aufgebaut und das Landhaus in guten Stand geſetzt, womit man noch beſchäftigt war, als der neue Bewohner mit ſei⸗ nen zwei Koſtkindern auf Reijſenburg anlangte. Daniel Vos bewohnte nur einen kleinen Theil des weitläuftigen Gebäudes, zwei Zimmer dienten zum Schlafen für ſeine Zöglinge. Eines war zum Gebrauch für die Haushaltung, ein anderes als Schul⸗ und Speiſeſaal eingerichtet, wäh⸗ rend ein kleines Gemach den Namen Studirzimmer trug, weil da ein Leſepult ſtund, einige Papiere und ein paar alte Bücher aufbewahrt wurden. Als unſere Waiſen, von ihrem Mentor begleitet, in das Zimmer traten, das für die häuslichen Geſchäfte beſtimmt war, ſahen ſie eine kleine, ausnehmend häß⸗ liche Frau vor einem Waſchzuber ſtehend, welche Vos mit dem minnereichſten Namen„Allerliebſte“ anredete. „Hier ſind ſie, Engelchen, nicht wahr?“ „Du haſt wieder zu viel getrunken,“ gab ihm die Allerliebſte zur Antwort, in einem Tone, der juſt nicht allerliebſt klang.„Du ſpielſt aber den Herrn, während ich mich abſchaffe, um Alles zuſammen zu halten. Liebe Engelchen; ja, ſchade daß ſie nicht mehr in den Sack geben, die Engelchen für fünfzig Gulden!“ „Sieh' einmal, welch feines Linnen, Mimi!“ ſagte Daniel zu ſeiner erzürnten Ehehälfte und bemühte ſich, ſie dadurch einigermaßen zufrieden zu ſtellen. „Decke die Tafel, die Kinder werden Hunger haben nach der Seereiſe!“ „Habt Ihr nichts mitgebracht, kein Geld oder ſo 4 etwas?“ Dies waren die erſten Worte, die die liebe Mimi „ an die Kinder richtete, nachdem ihr Daan das Zimmer verlaſſen hatte. Frank erinnerte ſich des Befehls, den ihm Vos in der Schenke gegeben hatte und ſagte:„Nein.“ Es war die erſte Lüge, die über ſeine Lippen kam. Daniel kam bald zurück mit einigen Tellern, die er auf den hölzernen Tiſ ſetzte; das Tiſchtuch hielt er wahrſcheinlich für überflüſſig. 3 „Kann ich herausſchöpfen, Mimi?“ Der Sach⸗ walter erhielt eine bejahende Antwort und nahm den Deckel von einem großen, eiſernen Topfe, der über dem Feuer hing und ſchöpfte daraus eine hölzerne Schüſſ.! voll, welche er mitten auf den Tiſch ſetzte. Frank und ſelbſt Clara, wie jung ſie auch waren, bemerkten bald, daß die Teller, die Tafel und die höl⸗ zerne Schüſſel, worin die Speiſe vorgeſetzt wurde, nicht als Schauſtück der Reinlichkeit der Hausfrau die⸗ nen konnten. Das Mittagsmahl ſelbſt beſtand in Kar⸗ toffeln, die mit Kraut vermengt waren. „Es iſt fertig, Mimi, ſoll ich rufen?“ Daniel erhielt wieder ein beiahendes Kopfnicken, verließ das Zimmer und kam in wenigen Augenblicken zurück, gefolgt von ſechzehn Kindern, alle bleich und mager, mit einem ſchwachen und krankhaften Ausſehen. Ihre Haare hingen unreinlich über die ungewaſchenen Geſichter und ihre Hände waren mit Schmutz und Erde bedeckt. Ohne Ausnahme trugen alle dieſelbe Kleidung, eine grobe linnene Blouſe und eine Hoſe aus demſel⸗ ben Stoff. Jedes Kind hatte ein grobes kattunenes Tuch um den Hals geſchlungen und zwiſchen der Kleidung der Mädchen und der der Knaben war kaum ein Unter⸗ ſchied zu bemerken. Die Kinder ſchaarten ſich um den Tiſch und faßen mit begierigen Augen nach der dam⸗ pfenden Speiſe. Nach einem kurzen Gebet, das von einem der Koſtgänger verrichtet wurde, erhielt jeder ſeinen kleinen Antheil von Herrn Vos, welcher, mit einem großen hölzernen Löffel ausgerüſtet, die Sache mit einer ge⸗ wiſſen Würde verrichtete. „Wer will noch?“ rief er, als er die Teller ei⸗ niger Tiſchgenoſſen leer ſah. Keiner von ihnen ſprach ein einziges Wort, ob⸗ gleich die Blicke, welche die Kleinen auf den Ueberfluß der Speiſe warfen, deutlich ihre Begierde nach mehr Nahrung verrieth. „Dann wollen wir danken.— Doch,“ fuhr er fort, als fiele ihm plötzlich etwas ein;„der ſchwarze Dolf, der eingeſchloſſen iſt; Du haſt dem Taugenichts dieſen Morgen doch kein Eſſen gegeben.“ „Ich köante ihn vor Hunger ſterben ſehen, dieſen Spitzbuben,“ rief Mimi, welche während der Mahlzeit ſich in ihrer häus ichen Arbeit nicht hatte ſtören laſſen. „Ich werde ihm das Brodſtehlen wohl abgewöhnen,“ beſtätigte ihr Mann,„dieſem Taugenichts! Wer es wagt, etwas zu ſtehlen, bekommt die nämliche Strafe, welche der ſchwarze Dolf ausgeſtanden,“ ſprach er in herriſchem Ton zu ſeinen Zöglingen,„einen ganzen Tag ohne Speis und Trank, eingeichloſſen in die große Kammer, wo es ſpukt; ſo'n Dieb; jeder bekommt doch, ſo viel er eſſen will! Willem, da den Schlüſſel von der großen Kammer, geh', hole Dolf.“ Der angeredete Zögling folgte ſchweigend dieſem Befehl, und kam bald zurück mit dem Schuldigen, ei⸗ nem Jungen von ungefähr vierzehn Jahren. Der ſchwarze Dolf oder lieber Adolph, war 100 ein ſchlanker, rüſtiger, wohlgebauter Knabe, deſſen, wiewohl magere Geſtalt, Kraft und Gewandtheit bei ihm vorausſetzen ließ. Sein bleiches Angeſicht, welches noch bleicher ausſah durch ſeine rabenſchwarzen Locken, konnte man einnehmend nennen, wenn ſeine großen, ſchwarzen Augen ihm kein ſo wildes Ausſehen ver⸗ liehen hätten. Uebrigens zeigte ſein Antlitz einen Stolz, welcher Furcht und Anagſt einflößte und ſeine Blicke waren ſo gebietend, als wäre er immer ge⸗ wohnt, ſich gehorchen zu laſſen. Seine Hände waren unter der Blouſe verborgen, als er in der Kammer erſchien und mit ſeinen leuch⸗ tenden Augen ſah er düſter um ſich. Der Koſtſchulhalter ſetzte ein Glas Waſſer auf den Tiſch und ſchnitt ein dünnes Stück Brod. „Da, Taugenichts, das iſt für Dich, die Andern haben ein gutes Eſſen gehabt, aber Du Dieb! be⸗ kommſt nichts weiter.“ Der ſchwarze Dolf ſetzte ſich ſchweigend nieder aß. 9. G„Das ſchmeckt gut, das altgebackene Brod, nicht wwahr? und dennoch ſollſt Du in acht Tagen nichts AMANndderes bekommen, als Waſſer und Brod.“ „Reizen Sie mich nicht,“ ſprach Dolf mit der Ruhe und Beſonnenheit eines erwachſenen, kaltblütigen Mannes und aß ſein Brod.— „Du wirſt wohl noch Hunger haben, nicht wahr? willſt Du noch eine Schnitte?“ Ein einfach„Ja“ war die Antwort Adolfs. „Aber Du wirſt nichts mehr bekommen.“ 4 „Ich will mehr und Sie müſſen mir geben,“ rief 4 und der gereizte Knabe aufſtehend,„ich habe Hunger.“ „Schlag' ihn, Daan,“ rief die Allerliebſte, „dann hat er mehr.“„ „Schweig' Beſtie,“ brummte Dolf ſeiner Herrin zu, mit all' der Eyrfurcht, die er der Frau ſeines Leh⸗ rers ſchuldig.„Schweig“, ich will noch mehr eſſen, 101 da..“ und warf ſein Teller heſtig nach der Stelle, wo der Lehrer ſich befand.„Ich ſterbe vor Hunger.“ „Daan, ſchlag' ihn, ſchlag' ihn todt, da,“ knirſchte das Weib, und gab ihrem Mann ein Stück Holz, um es als Waffe zu gebrauchen. 3 „Berühre mich nicht,“ rief Adolf, während ſein Geſicht blutroth wurde. Mimi eilte von ihrem Waſchzuber weg und fiel auf den Knaben los. Dieſer aber ſtieß ſie mit ſolcher Gewalt von ſich, daß ſie, durch den Schlag betäubt, ieder fiel und einige Augenblicke bewußtlos liegen ieb. „Laß ihn kommen,“ rief der Knabe und zog ver⸗ ächtlich die Oberlippe hinauf, wodurch zwei elfenbein⸗ weiße Reihen Zähne ſichtbar wurden.„Rühre mich nicht an oder ich habe den Muth, Dir das Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen.“ 1 Er erhob wirklich das Meſſer, womit Daniel das Brod geſchnitten. Dieſer wurde bleich vor Wuth, doch wagte er nicht, die Hand an den ſchwarzen Dolf zu legen. „Wer will Brod?“ rief jetzt Dolf, nachdem er ſich deſſelben bemeiſtert hatte.„Wer Brod will, hat es nur zu ſagen und ich werde ihm geben.“ „Daß Niemand ſich unterſtehe, etwas zu nehmen,“ donnerte Daniel. Adolf war der Erſte, welcher ſeinem Magen mehr zutheilte, als er gewöhnlich empfing. „Er darf nicht,“ rief der Zögling ſeinen Kame⸗ raden zu, und wiederholte mit ſtolzem Lachen ſein öf⸗ ters ausgeſprochenes:„Wer will?“ „Nehm' ihm den Kopf, Daan,“ knirſchte das Weib, „Feiger. Darfſt Du nicht...“ 3— Es gibt nichts Erniedrigenderes für einen Mann, als wenn er Daniel fühlte ſchwarzen D 102 „Rühre mich nicht an, oder ich ſteche Dir das Meſſer in's Herz,“ wiederholte dieſer und begleitete ſeine Worte mit einem Blick, welcher den neuerwachten Muth Daniel wieder ganz benahm. „Er muß fort, denn wir können ihn nicht länger hier behalten,“ knirſchte Frau Vos. „Je eher, je lieber, da, ich habe keinen Hunger mehr, da haben Sie das Brod zurück.“ „Und das Meſſer?“ „Das behalt' ich, Schwächling! um Ihnen damit den Hals abzuſchneiden, wenn Sie es wieder wagen, meine Hände und Füße zu binden, während ich ſchlafe, um mich ſo zu ſchlagen!“ „Komm' Dolf, komm' mein Junge; gib' das Meſſer her!“ „Nie!“ rief die entſcheidende Stimme des jugend⸗ lichen Streiters, der das Meſſer unter ſeiner Blouſe verbarg. Während dieſer Scene waren die Kinder erſchreckt in eine Ecke gekrochen, und ſahen mit ängſtlichen Blicken abwechſelnd Daniel und Adolf an. „Du kannſt ſpielen gehen, ich werde Dich nicht mehr einſchließen, Dolf! das gelob' ich Dir,“ ſaate Vos in kindiſchem Tone;„aber gib mir das Meſſer wieder, ich brauche es.“ „Ich gebe es nicht zurück, ich werde Ihnen kein Leid anthun, wenn Sie mich nicht ſchlagen und miß⸗ handeln.“ Ohne die Antwort ſeines Pflegevaters ab⸗ zuwarten, verließ er das Zimmer. Die Kinder fürchteten ſich, dem ſchwarzen Do zu ſolgen und ſahen fragend den Kinderfreund an. „Ihr habt hier nichts mehr zu thun; ihr habt ge⸗ geſſen/ ſprach Mimi, fmacht daß Ihr hinauskommt, aber gebt Acht, daß keiner ſeine Kleider beſchmutzt, oder..“ rief die Allerliebſte, während ſie mit d Fauſt drohte. Frank und Clara folgten den Kindern. „Wohin? Schnell, Daan! zieh den Kindern die Kleider aus, ehe ſie ſie beſchmutzen.“ Die Waiſen wurden ausgekleidet, und Daniel nahm aus einem Wandkaſten ein paar Blouſen von demſelben Schnitt und Stoff, in welchen die andern Kinder ge⸗ kleidet waren, und bald waren die Waiſen mit der Uni⸗ form der Koſtſchule angethan. „Jetzt könnt ihr ſpielen; aber gebt Achtung, daß ihr eure Kleider nicht befleckt, oder ihr werdet zum ſchwarzen Dolf in die graue Kammer eingeſteckt und da ſpukt es.“ „Ach, ſchließen Sie Dolf nicht ein,“ ſagte Clara, die Hand der kleinen Frau faſſend,„thun Sie ihm kein Leid mehr an.“ „Was, Du auch ſchon?“ ſchalt das Höllenweib das arme Mädchen,„das will ich Dir bald ablehren,“ und gab dem armen Kinde einen Schlag, daß ihre Naſe zu bluten anfing.. „Schlagt mein Schweſterchen nicht!“ rief Frank, „ſie iſt zu ſchwach; wenn Sie ſchlagen wollen, ſchlagen Sie mich.“ „Was, ſo früh ſchon!“ rief der Kinderfreund, der ſich in der Perſon ſeiner Gattin beleidigt fühlte und dem armen Knaben eine Ohrfeige gab, daß dieſer in ein lautes Weinen ausbrach. „Das wird Dich lehren gehorſam ſein,“ ſprach Daniel weiter,„jetzt kannſt Du ſpielen.“ So befanden ſich nun die Ehegatten allein. * 8 * Hinter dem Hauſe war ein großer Platz, der früher zum Spaziergang diente. Zahlreiche Fiſchweiher und Teeiche, die zum Aufenthalt fuͤr Goldſiſche gedient, durch⸗ ſchnitten das weitläufige Landgut, von deſſen früherem Glanze die noch übriggebliebenen Marmorſtatuen zeugten. An das Piedeftal eines Bildes, die Pomona, ge⸗ 8— — lehnt, ſtand der„ſchwarze Dolf,“ die Augen ſtarr auf den Boden geheftet; ſtürmiſch wogte es in ſeinem Bu⸗ ſen, ſeine Hände waren krampfhaft zuſammengezogen und über ſeine bleiche Wange rollte eine Thräne. Seine Kameraden hatten ſich rund um ihn geſchaart und der weinende Jüngling wurde mit einer gewiſſen Ehrfurcht und Achtung angeſehen. Adolf war gleichſam der Held der armſeligen Schule; ſeine außergewöhnliche Körperkraft und ſein ſtrenger, gebietender Blick hatten ihm eine Uebermacht über die andern Zöglinge verſchafft; das Recht des Stärkern galt auch hier. Doch Adolf war edelmüthig; er kannte ſeine Macht und wollte Ehrfurcht; er hatte das volle Bewußtſein ſeiner Kraft, doch mißbrauchte er ſie nicht! Er be⸗ ſchirmte die Schwachen gegen die Stärkern und ſtellte das Necht durch die Kraft ſeiner Fauſt her. Er war unter all' den jungen Bewohnern von Reijſenburg der einzige, der ſich der Tyrannei und Unterdrückung Vos' und ſeiner Gattin widerſetzen durfte. Auf den ſchwarzen Dolf hatten alle Zöglinge ihre Hoffnung, ihr Vertrauen geſetzt.* „Spielt miteinander,“ ſagte er,„und laßt mich allein. Geht, wohin ihr wollt, vor oder hinter das Haus, in den Wald, daß ich euch nicht höre; ich will allein, ganz allein ſein.“ 3 Ehrerbietig entfernten ſich alle ſeine Kameraden; Clara allein näherte ſich dem Knaben, ergriff ſeine Hand, und ihn mit ihren ſchönen blauen Augen an⸗ Pbens. ſprach ſie ihn in wehmüthigem Tone:„Schwarzer olf!“ an. „Spiele!“ ſagte er, ohne das Mädchen anzuſehen, „haſt Du nicht gehört, daß ich allein ſein will?“ „Komm, ſpiele mit uns, Du mußt das Geſchehene vergeſſen. Sie haben mich und Frank auch geſchlagen.“ So ſprach die zartfählende Clara, die kaum einen Tag 105 in der Schule, bereits eine gewiſſe Neigung für den unterdrückten Knaben fühlte. Adolf ſah die Sprecherin mit einem Blick an, der eines Fürſten würdig geweſen. Seine Augen begegne⸗ ten den Blicken des Mädchens; er ſtarrte ſie einige Augenblicke an und ſein Gemüth ſchien weicher zu werden. „Wer biſt Du?“ 3 739 heiße Clara und dieſer da iſt mein Bruder rank.. „Und Du biſt auch in die Schule gekommen 2 „Ja, heute.“ „Dann beklage ich euch, Frank und Clara! Als ich hieherkam, war ich ein friſcher Knabe, aber die geſunde Farbe meiner Wangen verſchwand und mein Körper trägt die deutlichen Zeichen der Behandlung, die ich hier erfuhr.“ Er ſtreifte die Blouſe hinauf und zeigte ihnen ſeine mageren Arme, worauf einige blaue Flecken zu ſehen waren.„Sieh, ſo mager bin ich ge⸗ worden und ſo haben ſie mich geſchlagen, aber bei Gott, ſie ſollen es nicht länger thun!“ „Du wollteſt alſo fort?“ „Nein, wohin ſollte ich auch? Ich habe Niemand in der Welt, als meine Tante, die mich hiehergethan. Wenn ſie wieder wagen, mich anzurühren..“ rief er und holte dabei das Meſſer hervor. Clara trat erſchrocken zurück. Sie wußte nicht, wie ſie ihren neuen Freund anſprechen ſollte, doch die⸗ ſer ließ ihr keine Zeit, zu antworten und fuhr in einem ruhigen Tone fort. „Lebt Dein Vater und Deine Mutter noch? „Nein,“ ſagte Frank, der von ſeiner Schweſter geerufen worden war, um an dem Geſpräche Theil zu naehmen, während eine Thräne in ſeinen Augen ſtand. „‚Meine Mutter iſt kürzlich geſtorben, und von meinem Vuater kann ich mir nichts erinnern, und der Deine, Dolf?“ Amſterdams Geheimniſſe, I. 8 106 „Ich habe nie Vater und Mutter gehabt; Frank, wir müſſen Freunde werden, und wenn ſie es wieder wagen, Clara, Dich zu ſchlagen, dann werde ich Dir helfen, denn vor mir haben ſie Augſt.“ Der Bund der Freundſchaft war geſchloſſen. Die beiden Unglückichen gaben ſich die Hand. „Du haſt alſo keine Eltern gehabt?“ ſagte Frank. „Warſt Du denn immer hier?, „Nein,“ antwortete Dolf,„nicht immer; doch davon kann ich viel erzäßlen. Kommt, Kinder, ſetzt euch zu mir, und ich will euch mein Leden erzählen. Hier an dieſe Ecke, die hohe Lehne der Bank wird uns vor dem Wind ſchützen, und zugleich ſcheint da die Sonne ein wenig.“. XII. Die Erzählung. Der junge Adolf begann ſeine Erzählung. „Ich erinnere mich ſehr wenig von meiner erſten Kindheit. Das Einzige, was mir noch klar vor den Augen ſteht, iſt, daß ich in einer Bühnenkammer ſchlief, aus deren Fenſter ich in der Ferne den Weſtertoren ſehen konnte; wenn ich aus dieſem Fenſter nach unten ſchaute, und das that ich oft, kamen die Menſchen, die durch die Straße gingen, mir beſonders klein vor und die Pferde waren nicht größer, als ein großer Kund. Dies Schauſpiel ergötzte mich ſo ſehr, daß ich ſtanden⸗ lang dabei derweilen konnte, bis mir Alles vor den Augen zu ſchwimmen anfing und ich eine beinahe un⸗ widerſtehliche Luſt fühlte, mich aus dem Fenſter hinab⸗ zuſtürzen. Oft, wenn die Begierde mich wieder faßte, 107 ſprang ich vor Scheu zurück, wenn ich dachte, daß ich ſterben müßte, wenn ich meinen Willen thun würde, und ich fürchtete mich vor dem Tode. 8 „Eine große Frau, die ich Tante nannte, kleidete mich des Morgens an, gab mir zu eſſen und ſchickte ch auf die Straße, um mit andern Kindern zu ielen. 1„Eines Tages, ich kann es mir noch lebendig vor⸗ ſtellen, kam eine Frau mit einer Trommel auf dem Rücken zu meiner Tante und unterhielt ſich lange mit ihr. Ihr Geſpräch wurde ſo leiſe geführt, daß ich nicht ein einziges Wort davon verſtehen konnte. Dies allein weiß ich, daß meine Tante ſagte, ich ſollte mit der Frau gehen und bei ihr etwas Schönes zu ſehen be⸗ kommen. Die fremde Frau gab mir ein Stück Kuchen, nahm mich bei der Hand und wir verließen die Woh⸗ nung meiner Tante. Als wir auf die Straße kamen, war es, als ob Jemand zu mir ſagte: Adolf, nie ſollſt Du dieſes Haus wiederſehen. Ich ſchaute noch einmal nach dem hohen Dachfenſter, und wünſchte in dieſem Augen⸗ blick, mich auf der Bühne zu befinden, um von dort die Frau, bei welcher ich mich befand, ſehen zu können. „Wir gingen durch verſchiedene Straßen und enge Gaſſen, bis wir endlich eine dunkle Treppe hinaufſtiegen und in eine Kammer kamen, wo zwei Kinder in einer Ecke ſaßen und ſpielten, in weite weiße Hoſen und ſcharlachrothe Jacken gekleidet, und anſtatt eines Hutes oder einer Mütze ein Tuch von vielen Farben, ich glaube, man nennt es einen Turban, auf dem Kopfe trugen. „Findeſt Du das nicht ſchön?“ frug mich die Frau. Natürlich bejahte ich, da die fremde Kleidung der Kin⸗ der mir beſonders wohl gefiel.„Nun, ſo ſaön ſollſt Duzauch gekleidet werden, wenn Du nur brav biſt und wir Dich brauchen können.“ „Es dauerte nicht lange, ſo kam ein großer Kerl mit rothem Haar und einem langen rothen Bart, der mich von Kopf bis zu Füßen anſah. „Iſt das der Neue?“ frug er meine Begleiterin. „Ja, Dock!“ „Etwas alt,“ brummte er halblaut.„Zieh' aus!“ und zugleich zog er mir alle meine Kleider, ſelbſt das Hemde aus, daß ich ganz nackt da ſtand. „Dann befühlte er alle meine Glieder, und gab mir ſein Urtheil zu erkennen, indem er mehrmals mit ſeinem häßlichen Kopfe nickte. „Können wir ihn brauchen?“ war nun die Frage der Frau, die ihre Trommel in eine Ecke des Gemachs geſetzt hatte.„Iſt er gut, Dock?“ „Ja, Leen, etwas ſteif im Rückgrade, aber das wird beſer mit der Zeit. Wie heißt er?“ „Dolf. „Setze Dich mal darauf, Dolf,“ ſagte er und zeigte mir ein kleines Faß, das mitten im Zimmer ſtand und mit einem alten Teppiche bedeckt war. „Ich gehorchte und Leen hielt meine Beine feſt, darauf ergriff mich Dock bei den Schultern und zog mich binterrücks; ich fühlte, daß meine Beine krachten und fing vor Schmerz zu ſchreien an. „„Schlagt auf die Trommel, Faullenzer!““ rief Za⸗ dok— ſo hieß der Mann— den zwei andern Jungen, die als Türken gekleidet waren, zu. „Schlagt auf die Trommel, ſo ſehr ihr könnt, daß die Nachbarn ſein Geſchrei nicht hören, und wenn Su das Maul nicht hältſt,“ ſagte er zu mir,„„dann drück' ich Dir die Kehle zu. Halte ſeine Füße gut feſt, Leen!“ Die beiden Knaben machten einen Alles übertäu⸗ benden Lärmen und Zadok zog mich ſo ſtark hinterrücks, daß mein Kopf auf der einen Seite den Boden berührte, während meine Füße auf der andern Seite von Leen zu Boden gezogen wurden. 8 „Ich biß mich auf die Zunge, um nicht zu ſchreien, denn die Drohung Zadoks hatte mir allen Muth ge⸗ nommen „Ziemlich lange blieb ich in dieſer Haltung; Za⸗ 109 dol ließ endlich meine Schultern los, und vergoͤnnte mir, wieder aufzuſtehen, worauf Leen meinen ganzen Se mit Oel einrieb, und mir half, meine Kleider an⸗ ziehen. „Ich bat inſtändig, zu meiner Tante zurück gebracht zu werden, und eröffnete dieſen Wunſch der Leen, doch es war, wie ſie ſagte, unmöglich. Meine Tante be⸗ fände ſich auf einer Reiſe, ſo daß ich nothwendig einige Zeit hier bleiben müſſe. „Ein lautes Weinen rief dieſe Nachricht bei mir hervor, was die Knaben zum Lachen brachte. Ich ge⸗ rieth dadurch in eine ſolche Wuth, daß ich die Knaben anfiel und mit ihnen zu fechten begann. „Zadok ſtörte den Kampf nicht, im Gegentheil ſchien er viel Behagen daran zu finden. Ich behielt bald die Oberhand, wodurch ich bei dem Rothbart in Gunſt kam, der ſeine Zufriedenheit dadurch an den Tag legte, daß er mit lauter Stimme ausrief:„„der Junge hat Kraft, Leen! Er iſt beſſer, als Deine zwei Tauge⸗ nichtſe, von denen nie was Gutes kommen wird.““ „Nun bemerkte ich, daß mehr Bewohner im Zim⸗ mer waren: ein Mädchen, als Hirtin verkleidet, kam aus einer Bettſtatt hervor. „„Flora!““ ſagte Zadok zu ihr,„„wenn Dich Nar oder Brecht wieder ſchlagen, ſo rufe ihn, er wird Dir helfen. Leen! Dolf wird ſo lang die Orgel dre⸗ hen, bis er mitarbeiten kann.“", „Es war ganz dunkel geworden. Die zwei Kna⸗ ben und das Mädchen wurden ausgezogen, die ſchön n Kleider in einer Kiſte aufbewahrt und Zadok verließ mit ſeiner Freundin die Kammer, deren Thüre ſie ſorg⸗ fältig verſchloßen. Alle drei ſchliefen bald ein, aber ich blieb noch geraume Zeit wach, und beſah das Faß, worüber mich Leen und Zadok geſpannt. Mit Schmerz gedachte ich meiner Tante und ſtellte mir das hohe Dachfenſter vor, bis mich endlich der Schlaf für einige Stunden Alles vergeſſen licß. 3 „Als ich Morgens erwachte, ſchien es ſchon lange Tag zu ſein, denn die Sonne leuchtete helle in die Kammer. Nar, Brecht und Flora ſchliefen ſehr ruhig. Ich ſchaute aus der Bettſtatt hervor und ſah Leen und den rothen Zadok auf einer Strohmatratze liegen. „Zadok ſtand auf und weckte Leen. Sie tranken ein großes Glas Jenever, worauf Leen einige Schläge auf die Trommel that, auf welches Zeichen Nar, Brecht und die kleine Flora aus der Bettſtatt ſprangen, wel⸗ chen ich ſchnell folgte. „Wir erhielten alle eine dicke Schnitte Brod, meine Schickſalsgenoſſen wurden wieder hübſch gekleidet; wäh⸗ rend ich an den Zubereitungen, welche Zadok machte, ſah, daß ich dieſelbe Quälerei, wie am vergangenen Abend, ausſtehen mußte. „„Komm, Dolf!““ ſagte er,„„es wird am Tage wohl beſſer gehen. Reib' ihn nochmal mit Oel, Leen!“ „Ich zitterte vor Angſt und meine Zähyne ſchlugen hörbar an einander, als der Jude— denn Zadok war ein Jude, Leen aber keine Jüdin— mich wieder auf das Faß ſpannte 8 „Ich fühlte noch Schmerzen in meinen Gliedern von dem, was ich am vorigen Tage gelitten, und ver⸗ ſuchte deßhalb von dem Faſſe aufzuſtehen; aber Zadok griff mich mit ſtarker Hand, zwang mich, ruhig zu halten und zog mich hinterrücks, während Leen wie⸗ der an den Beinen feſthielt, gerade wie am vorigen end. 4 „Da, Nar!““ rief Zadok,„„halt, ihn bei den Schul⸗ tern und Du, Brecht, bei den Füßen, und wenn er loskommt, müßt Ihr für ihn büßen.““ „Die beiden Knaben faßten mich an und hielten mich ſo feſt, daß mir jede Bewegung unmöglich war. Die Knaben wollten ſich wahrſcheinlich für die Schläge rächen, die ich ihnen den Tag zuvor ausgetheilt hattez e zogen meine Schultern und Beine ſo auseinander, daß ich fürchterliche Schmerzen auszuſtehen hatte, doch 111 ich war klug genug, keinen Laut von mir zu geben, wohl wiſſend, daß ſie ein großes Vergnügen daran fän⸗ den, wenn ſie mich jammern hörten. „Während ich ſo ausgeſtreckt lag, waren Leen und Zadok damit beſchäftigt, ſich anzuziehen.. „„Laßt Dolf los!““ herrſchte die gebieteriſche Stimme des Letzteren und Brecht und Nar gehorchten. Er war ganz weiß gekleidet, ebenſo wie die beiden Jungen mit einer weiten Hoſe, ein breiter rother Gürtel war um ſeine Hüften geſchlungen. Ueber dieſen Kleidern trug zer einen dicken Rock und ſeine feuerrothen Haare waren mit einer Mütze von derſelben Farbe bedeckt. Was mich betrifft, ich erhielt die Erlaubniß, mich wieder anzukleiden, worauf Leen die Trommel auf den Rücken nahm, noch ein Glas Jenever trank und ſich zum Ab⸗ zug bereit machte. „Zadok hing den Riemen, der an der Drehorgel befeſtigt war, um den Hals und nahm einen Schragen, der zur Aufſtellung der Orgel dienen mußte, unter den Arm; die zwei Jungen nahmen den alten Teppich, welcher das Faß bedeckte, die Trompete, einige Reife und Ste⸗ cken, die mit gefärbtem Papier umgeben waren, wäh⸗ rend ich mit zwei Stühlen beladen wurde. „So durchliefen wir mehrere Straßen und Gaſſen, bis wir endlich auf einem großen Platze hielten. Der Jude ſtellte die Orgel auf den Schragen, breitete hier⸗ auf den Teppich auf der Straße aus, und winkte mir herbei, worauf er mich unterrichtete, wie ich den Trie⸗ bel an der Orgel herum drehen ſollte. Dann ſtand er auf einen Stuhl und blies in die Trompete, wäh⸗ rend Leen auf die Trommel ſchlug und ich die Orgel drehte. Die Beſchäftigung fand ich keineswegs unan⸗ geneym, und als ich ſah, daß eine große Menſchen⸗ menge ſich um uns verſammelte, verdoppelte ich meine Geſchwindigkeit und drehte luſtig weiter. „Mit Vergnügen beſchaute ich die Kunſtverrichtun⸗ gen von Brecht und Narz ſie ſchlugen Räder, liefen auf 8 ihren Händen und wußten ihren Körper ſo überzubie⸗ gen, daß ihre Köpfe den Boden berührten. Darauf ſprangen ſie durch die Reife und über die Stöcke; Brecht ſtand mit jedem Fuß f einem Stuhl; die Stühle wur⸗ den nach und nach ſo weit als möglich aus einander gerückt, ſo daß der Junge auf ſeinen zwei Füßen da hing, und er ſeinen Oberleib ſo ſinken ließ, bis er niedriger hing, als ſeine Beine. „Dieß alles machte mir viel Vergnügen, wie ihr wohl denken könnt; mein Arm wurde jedoch durch das anhaltende Drehen ſo ermüdet, daß es mir unmöglich war, einen einzigen Zug weiter mit der rechten Hand zu thun; ich verſuchte mit der linken Hand den Triebel b bewegen, doch der Verſuch fiel ſo ſchlecht aus, daß been mir mit einem der Trommelſchlägel ſo heftig auf die Finger ſchlug, daß ich den Triebel los ließ und mich weigerte, länger die Orgel zu drehen. „„Wenn Du nicht augenblicklich die Orgel drehſt,““ fläſterte mir Zadok zu,„„ſo mußt Du die ganze Nacht auf dem Faſſe liegen.““ Durch dieſe Drohung wurde ich ſo erſchreckt, daß ich meine Sache wieder ſo gut als möglich fortſetzte. „Zadok entledigte ſich ſeines Rockes, balancirte mit den Stühlen und Stecken, auf ſeinen Zähnen, und hielt die kleine Flora mit dem einen Arm in die Höhe. Das Kind ließ ſich dann los, griff mit ihren kleinen Händchen ihre Füße, an welchen ſie ſeidene Schuhe trug und wurde in dieſer Haltung in die Runde getragen. Als letzter Theil des Schauſpiels wurden noch einige Künſte verrichtet und Leen ging mit einem Blatte umher, um die Gaben von den Umſtehenden zu ſa⸗ meln, dann wurde der Teppich von der Straße weg⸗ genommen; Zadok bedeckte ſeine Kleidung, nahm die Orgel und den Schragen, ich trug die Stühle und ſo gingen wir in einen andern Theil der Stadt, um auch da unſere Künſte zu zeigen. „Als es Abend geworden, gingen die zwei Haupt⸗ 113 perſonen in eine Kneipe, wo noch andre Künſtler, Or⸗ geldreher und Bettelleute zuſammen kamen. Sie be⸗ ſtellten Eſſen, und nahmen eine Mahlzeit ein, die viel beſſer war, als die bei meiner Tante. Wir mußten uns an Erdbirnen ſättigen, wobei uns vergönnt wurde, was ſie übrig gelaſſen, zu verzehren. „Zu Hauſe angekommen wurde ich wieder über das Faß gebunden, worauf Zadok und Leen, wie am vori⸗ gen Abend die Kammer verließen und die Thüre hin⸗ ter ſich ſchloſſen. „So ging es Tag für Tag und nach kurzer Zeit konnte ich mich ſo weit überbeugen, daß mein Kopf den Boden berührte, ohne daß ich das Faß zur Unter⸗ ſtützung nöthig hatte; auch lief ich auf meinen Händen viel ſchneller, als Brecht und Nar es konnten. Ich be⸗ kam bald einen prächtigen Anzug und mußte auf der Straße meine Künſte machen, während ein altes Weib, das ich ſchon früher in der Kneipe geſehen, meine Stelle an der Orgel vertrat. Wir blieben nicht immer in der Stadt, ſondern gingen dann und wann in die umliegenden Dörfer und kleinen Städte, um der Kirch⸗ weihe mehr Glanz zu geben. Auf den Dörfern ſchlie⸗ fen wir bei den Bauern im Heu. „Das war ein luſtig Leben!“ ſagte Frank, der mit Aufmerkſamkeit der Erzählung des ſchwarzen Dolf zu⸗ gehorcht hatte.„Ich wünſchte auch ſolch' ſchöne Künſte zu verſtehen.“. „Laß' mich fortfahren und falle mir nicht in die Rede; es wird bald fünf Uyr ſein und dann müſſen wir ins grüne Zimmer zum Lernen,“ ſagte Adolph und fuhr fort: „Das Leben war nicht ſo angenehm, als Du wohl glaubſt; höre weiter, Frank. Wenn der Jude und Leen wenig bekommen hatten, oder betrunken waren, und dieß geſchah oft, ſo ſchlugen ſie uns, wir mochten es verdient haben oder nicht. Dazu kam, daß Zadok mich die Kunſt lehren wollte, zwiſchen zwei Stühlen auf den Beinen zu hängen; dieß Kunſtſtück kam mir ſehr ge⸗ wagt vor, doch er lehrte es mich mit Gewalt. Ein leder⸗ ner Riemen wurde mir um die Lenden gebunden und ein anderer daran befeſtigt, der mir feſt zwiſchen die Beine ſchloß; meine Füße wurden jeder an einen Stuhl gebunden, und die Stühle dann von Nar und Brecht auseinander gezogen, ſo daß mein Oberleib zwiſchen den Stühlen auf meinen Beinen ruhte. „Als ich endlich das Manöver allein verrichten konnte, mußte ich auf der Straße meine Künſte ver⸗ richten, doch verurſachte es mir ſo viel Schmerz, daß ich es nur aus Furcht vor Strafe that. „Eines Tags, als ich das Kunſtſtück verrichtete, zo⸗ gen die beiden Knaben die Stühle ſo ſchnell und weit aus einander, daß ich vor Schmerz aufſchrie, und mir vornahm, was auch geſchehen möge, mich nicht mehr an die Poſſen zu machen. „Am ſelben Tag, als wir auf einen andern Platz gekommen waren, weigerte ich mich, Zadok zu gehor⸗ chen, als er mir gebot, auf die Stühle zu ſtehen. We⸗ der Drohungen noch Verſprechungen halfen etwas; ich blieb auf meinem Vorſatze, wodurch mein Herr ſo in Wuth gerieth, daß er mich an den Haaren nahm und wer weiß, was die Folge ſeines Jähzorns geweſen, wenn nicht ein Mann aus dem Volk auf Zadok losge⸗ ſtürtzt wäre und ihm einen ſo heftigen Schlag ins Ge⸗ ſicht gegeben hätte, daß das Blut ihm aus Naſe und Mund ſt ömte. O Frank, für den Mann, der mir in jenem Augenblick als rettender Engel erſchien, würde ich gerne mein Leben wagen. „Zadok lies mich los; ich ſah, daß ſein ſonſt rothes Geſicht todtenbleich geworden war, und der wüthende Blick, den er auf mich heftete, machte mich zittern. Er fuhr deſſen ungeachtet fort mit ſeinen Schauſtücken, doch ließ er mich keine meiner Künſte verrichten und ſprach auch nichts mit mir. „Abends aus der Kneipe heimkehrend, bemerkte — 115 ich, daß er ſehr geheimnißvoll mit Leen ſprach, wäh⸗ rend ſie hie und da mich auf eine Weiſe anſahen, die mir den Athem hemmte; denn ich kannte den Ju⸗ den gut genug, um überzeugt zu ſein, daß er mich für den Schlag, den er meinetwegen empfangen, ſchrecklich büßen laſſen werde.. „Er hatte mehr als gewöhnlich getrunken und die zarte Leen hatte dieſes Beiſpiel nachgeahmt. Deſſen⸗ ungeachtet trank der Mann bei ſeiner Zuhauſekunft noch zwei Gläſer, was ganz mit ſeiner Gewohnheit ſtritt. „„Geht ins Bett,““ befahl Zadok,„„aber Du nicht,““ fügte er hinzu, ſich an mich wendend, und ſchloß die Kammerthüre, von welcher er den Schlüſſel zu ſich nahm. „Als die Jungen und die kleine Flora ſich zur Ruhe begeben hatten, ſetzte er ſich auf einen Stuhl und ſah mich einige Augenblicke ſtillſchweigend an. „Ich kann euch unmöglich die Angſt beſchreiben, die mich ergriff, als ich die großen, ſchwarzen Augen des Juden ſo ſtarr auf mir haften ſah. Meine Kniee krümmten ſich, und ohne zu wiſſen, wie, fiel ich ihm zu Füßen:„Thun Sie mir kein Leid an, ich will fortan Alles thun, was Sie wollen, ſchlagen Sie mich nicht!“ „„Schlagen werde ich Dich nicht, denn wenn ich Dich ſchlüge, wie ich wollte, würde ich Dir die Rippen auseinanderſchlagen, dann könnte ich Dich nicht mehr brauchen. Darum werd' ich Dich nicht ſchlagen! Be⸗ griffen, Bürſchchen!...⸗ 8 „Dennoch fuhr er wie ein ausgehungerter Tiger auf mich zu, trat aber eben ſo ſchnell wieder zurück, blieb ſtehen und wiederholte mit ſataniſchem Lachen: „„Ich werde Dich nicht ſchlagen— aber...““ „Die Wuth bemeiſterte ſich wiederum ſeiner ſo ſehr, daß ſie ihn nicht weiter ſprechen lies. „Kaltblütig holte er jetzt einen Strick hervor und band meine linke Hand ſo feſt auf den Rücken an den Gürtel, den ich um den Leib trug, daß dieſelbe bald 116 dl⸗ uSefühls beraubt war und vor Schmerz auf⸗ ſchwoll. „In Gottes Namen, was wollen Sie mit mir an⸗ fangen,“ rief ich,„wenn Sie mich ermorden wollen, thuñ Sie es ſchnell, aber martern Sie mich nicht ange.“ „Ich bekam keine Antwort und dieſes Stillſchwei⸗ gen machte mir die Haare vor Angſt und Schrecken zu Berge ſtehen. Zadok nahm aus der Kiſte, worin die Kleidung der Kinder jeden Abend aufgehoben wurde, ein Beil und ſchlug mit dem Hintertheil deſſelben ei⸗ nen großen eiſernen Hacken in die Mauer, an welchen er mich ſo feſt anband, daß mir jede Bewegung un⸗ möglich war. 1. „Ich ſtand mit dem Rücken gegen die Mauer gekehrt und hatte nur noch den freien Gebrauch meiner rechten Hand. Der Jude ſchlug in der Entfernung einer Armlänge noch einen Hacken in die Mauer, an welche er meine rechte Hand, mittelſt einer dünnen Schnur um den Puls befeſtigte. Darauf umwand er meine Finger mit einem ſchmalen Bande, ſo daß ich genöthigt war, die Hand geſchloſſen zu halten. „Zadok holte ein Stückchen Licht hervor, drückte daſ⸗ zündete es an. Alsdann, wie mit ſeiner Arbeit zufrie⸗ den, nickte er ſelbſtgefällig mit ſeinem Kopfe, und nahm einen guten Zug aus der vor ihm ſtehenden Flaſche. „Ich litt bis jetzt noch keinen andern Schmerz, als den durch die feſtangebundenen Schnüre hervorgerufe⸗ nen, doch ich begriff ſehr gut, daß, wenn das Licht noch einige Zeit brennen würde, die Flamme meine Finger, ja meine ganze Hand verſengen müßte und dieſer Gedanke machte mich zittern.— Verzweiflung und Wahnſinn bemeiſterte ſich meiner.— „Ich hatte die Ueberzeugung, daß meine Bitten ſelbe zwiſchen meine zuſammengebundenen Finger und 1 fruchtlos ſein würden, und allein dazu dienten, das 4 iich ſchlafe, und bei Dir werden ſie es nicht ſuchen.“ 117 Vergnügen, welches meine Qualen dem rothen Zadok verſchafften, zu vermehren. „Er und ſeine Geſellin ſchickten ſich an, das Ge⸗ mach zu verlaſſen, und an ihrem wankenden Gang be⸗ merkte ich, daß beide zu viel getrunken hatten. „Die Kinder waren noch nicht eingeſchlafen; Za⸗ dok bemerkte es und befürchtend, daß ſie Verſuche machen möchten, mich zu befreien, band er ihre Füße mit eini⸗ gen ſchmutzigen Tüchern an, ſo daß ſie feſtgeſchnürt in ihrer Bettſtatt liegen blieben. „Die beiden elenden Menſchen wollten jetzt die Kam⸗ mer verlaſſen, und waren beinahe zur Thüre hinaus, als Leen auf einmal ſtehen blieb und in bedenklichem Tone ſprach:„„Du biſt ein ſchöner Dock! der Junge kann, jetzt, wenn wir fort ſind, das Licht ausblaſen oder durch ſein Gekreiſch die Nachbarn auf die Beine bringen.““— „Zadok ſtieß einige furchtbare Flüche aus, nahm das abgeſchoſſene, gelbe Tuch, das er um den Hals trug und band mir daſſelbe vor den Mund. „„Er klagte kürzlich über kalte Hände,““ ſprach Leen,„„jetzt wird er es warm genug haben.“„Und er wird auch nicht ſagen können, daß wir ihn im Dun⸗ keln laſſen,““ fügte der Elende noch hinzu. Beide gingen. In dieſem Augenblick läutete die Glocke der Koſt⸗ ſchule zum Zeichen, daß es vier Uhr war, und die Kin⸗ der in das grüne Zimmer kommen mußten, um zu ſtu⸗ diren, wie Daniel Vos den elenden Unterricht nannte, den er den Kindern gab. „Frank, Du kannſt mir einen Dienſt thun,“ ſprach der ſchwarze Dolf. „Gerne.“ 3 „Da, das Meſſer, bewahre es unter Deinem Wamms, ich denke, ſie würden es mir nehmen, wenn 118 Frank nahm, ohne ſich zu bedenken, das Meſſer, und verbarg es unter ſeinem Wamms. „Und wenn ich daſſelbe wieder nöthig habe, ſo gib es mir wieder, Frank, und wenn ſie Clara ſchla⸗ gen, ſo ſtoße ich es ihm oder ihr in den Leib.“ .„Nein, nein,“ rief Clara.„Beſchütze mich, Dolf, aber tödte ſie nicht.“ 1 XIII. Fortſetzung. Die grüne Kammer, ſo genannt nach der Farbe der Tapeten, die die Mauer bedeckten, diente den Kin⸗ dern als Schulzimmer. Ein paar rauhe Bänke und ein alter Leſepult bil⸗ deten den ganzen Hausrath, der ſich darin befand. Auf den Bänken ſaßen die Kinder, während Daniel an dem Leſepult Platz genommen. Bei ihm ſtand ein Knabe mit einem zerriſſenen A⸗B⸗C⸗Buch vor ſich und nannte die Namen der Buchſtaben, welche Daniel mit dem Finger zeigte. Ob nun der dieſen Morgen genoſſene Branntwein oder das Eintönige ſeiner Beſchäftigung dem Lehrer große Luſt zum Schlafen machte,— ſo viel iſt gewiß, daß, ſobald er ſich geſetzt hatte, ſeine Augen von ſelbſt ſich ſchloſſen und ſein Kopf auf das Leſepult niederſank. „Er ſchläft,“ ſagte Adolf,„und wird ſobald nicht ufwachen, wollt ihr nun das Ende meiner Geſchichte hören?“ 4 „Gerne,“ ſagten Frank und Clara zugleich. 1 119 „Die da brauchen nichts zu hören von dem, was ich euch erzählte,“ ſagte Adolf, und ſich zu ſeinen Mit⸗ zöglingen wendend, befahl er ihnen, auf einer andern Bank Platz zu nehmen und ſich ſo ſtill, wie möglich zu Ballen⸗ um Daniel nicht aus ſeinem Schlafe zu wecken. Ohne Weiteres gehorchten die Kinder dem Befehle, und Adolf begann: „Je länger das Licht brannte, deſto kürzer wurde es, und ich begann, die Hitze der Flamme an meinen Fingern zu fühlen, und hie und da lief ein Uaſchlitt⸗ rropfen auf meine Hand herab und gerann darauf. Wie ſchmerzlich mein Leiden war, werdet ihr euch vorſtellen können; doch keine Vergleichung gibt es für den Schmerz, den ich fühlte, als die Flamme meine Finger erreichte. Seht, hier an meiner rechten Hand könnt ihr noch die Zeichen der Mißhandlung bemerken. Meine Finger ſchmerzten, wie wenn ſie gebraten würden, und der Geruch, der dabei das Zimmer erfüllte, war ſo uner⸗ träglich, daß ich mein Haupt abwenden mußte, um den⸗ ſelben nicht einzuathmen. Ich drehte meine Hand ſo viel als möglich, damit die Flamme das Linnen, das meine Finger umgab, erreichen möchte, und ich im Stande wäre, die Hand zu öffnen und das Licht weg zu werfen; doch alle meine Verſuche waren vergeblich. Ich ſtampfte vor Qual, und gewiß wäre ich daran ge⸗ ſtorben, wenn die kleine Flora nicht zu meiner Hülfe geeilt wäre. „Ah!“ rief Clara, vor Freude in die Hände klat⸗ ſchend.„Flora kam Dir zu helfen!“ .„Stille, Clara! Du wirſt den Meiſter aufwecken, und dann kann ich nicht enden,“ ſagte Adolf.„Horcht: Die kleine Flora hatte das Tuch, das um ihre Füße gewickelt war, loszumachen gewußt, und kam auf den Zehen zu mir, um Nar und Brecht, die ruhig ſchliefen, nicht aufzuwecken. Sie blies das Licht aus, ſchüttete 120 dann Waſſer über meine Hand, was mir einige Er⸗ leichterung verſchaffte. „„Du darfſt nicht ſagen, daß ich Dir geholfen habe,““ ſagte ſie,„„Mutter würde mich todt ſchlagen, wenn ſie es wüßte.““ 3„Ich konnte nicht ſprechen, wegen des Tuchs, das um meinen Mund gebunden war, und gab ihr durch Kopfnicken zu erkennen, daß ich ſchweigen werde. „„Sage, das Licht ſei von ſelbſt ausgegangen,““ rieth mir die hülfreiche Flora.„„Die Jungen ſchlafen, darum weiß Niemand, daß ich Dir geholfen habe, ich hätte es ſchon früher gethan, aber ich fürchtete, ſie würden zurückkommen. Um Dir zu helfen, Adolf, blieb ich wach, es koſtete mich viel Mühe, die Augen offen zu behalten, und als Zadok zu mir an's Bett kam, hielt ch ſie zuſammen und that, als ob ich ſchliefe.““ „So gut ſie konnte, verſuchte ſie das Tuch von meinem Munde wegzunehmen, doch weigerte ſie ſich, die Stricke loszumachen, die mich gebunden hielten; das arme Kind fürchtete ſich ſo vor dem Zorne ihres Gebieters. Als ich ihr aber ſagte, daß ich ſie nicht länger gegen ihre Brüder beſchützen würde, wenn ſie mir nicht hälfe, machte ſie endlich meine quälenden Bande los und ich athmete frei. „Flora begab ſich nun mit aller möglichen Vorſicht an ihren Ruheplatz und auf ihre Bitte band ich ihr wieder die Füße mit dem Tuch, damit der Verdacht des Juden und ihrer Mutter nicht auf ſie fallen möchte. „Müde und traurig ſetzte ich mich nieder, um über meinen Zuſtand nachzudenken. Der Mond ſchien helle und beleuchtete das ganze Zimmer; ich begann in der Stille zu weinen, bitter zu weinen, ohne zu wiſſen, warum. „Ich dachte in dieſem Augenblicke an meine Tante, an das hohe Dachfenſter, und eine unwiderſtehliche Be⸗ gierde nach Hauſe ließ mich den Gedanken faſſen, mich durch die Flucht zu retten. Die Zurückkunft des Juden 121 durfte ich doch nicht abwarten: denn wie ſchrecklich wür⸗ den ſeine neuen Martern ausgefallen ſein! Die Kam⸗ merthür war geſchloſſen, es iſt wahr, doch beſtand ſie nur aus einigen Brettern, die leicht brechen würden, nach meiner Meinung. „Ich lief deßhalb mit allen Kräften gegen die Thüre; doch wie ſchwach ſie auch war, ſie bot Widerſtand. Da erinnerte ich mich des Beils, womit Zadok die Hacken eingeſchlagen hatte; daſſelbe lag in einer Ecke des Ge⸗ machs und war bald gefunden, mit meiner linken Hand hob ich das Werkzeug in die Höhe, denn meine rechte Hand ſchmerzte mich zu ſehr, und gab mit aller Macht einen Schlag auf die Thüre: eine der Planken wich und bei dem zweiten Schlag ſtand mir kein Hinderniß mehr im Wege. „Die nun entſtandene Oeffnung bot Raum genug, durch ſie zu entkommen. Ein altes Wamms von Za⸗ dok lag auf der Kiſte und ohne Zögern zog ich es anz ich ſchlug mit dem Beil ein Loch in die Trommel, und hieb die türkiſchen Kleider Nars und Brechts in Stücke. O, Frankl als ich mit dieſem Vernichtungswerke be⸗ ſchäftigt war, fühlte ich keinen Schmerz an meiner Hand; es that mir ſo wohl, ihnen zu ſchaden. 8 „Gewiß würde ich noch mehr verdorben haben, wenn ich hätte länger verweilen dürfen, und nicht be⸗ fürchtete, überfallen zu werden; ich kroch durch die Oeffnung, lief ſo ſchnell als möglich die Treppe hinab und da die Vorthüre nicht geſchloſſen war, ſah ich mich ſchneller auf der Straße, als ich begreifen konnte. Ohne zu wiſſen wobin, lief ich ſo ſchnell als möglich fort, und um die Ecke der Straße biegend, ſah ich den rothen Zadok und ſeine Freundin Leen auf dem Wege nach Hauſe. Beide hielten einander feſt und waren ſo be⸗ trunken, daß ſie nur mit Mühe auf ihren Füßen ſtehen konnten. Frank, wäre ich da mit dem Beile bewaffnet geweſen, ich hätte ihn ſicher umgebracht.“ Amſterdams Geheimniſſe. I. „Nein, das würdeſt Du nicht gethan haben, Dolf,“ ſagte Clara, während ſie die Hand des Knaben faßte. „Sag', würdeſt Du ihn haben todtſchlagen können? O nein! das kannſt Du nicht meinen. Sag', Adolf, das wäre ja ein Mord gewefen!“ „Mord oder kein Mord!“ rief der racheſüchtige Erzähler, während ſeine Augen funkelten.„Ich hätte ſie mit dem Beile getödtet; ſie waren es ja, die meine Finger mit dem Lichte verſengt.“ „Es begann bereits Tag zu werden,“ ſo ſprach Adolf weiter,„als ich endlich an einen großen Platz kam, wo ich oft meine Künſte gezeigt hatte; meine verbrannten Finger ſchmerzten mich ſo ſehr, daß ich ſie in eine Pfütze hielt, um ſie zu kühlen. Nach und nach wurden die Kramläden geöffnet und das Volk kam bald auf die Beine. Die Leute, die an mir vorbeigingen, ſahen mich verwundert an, denn ich vergaß, zu ſagen, daß ich unter dem Wammſe Zadoks noch mein türkiſches Gewand trug. „Der Hunger quälte mich; ich zog das Wamms aus und breitete es auf die Steine, wie ich geſeben, daß Zadok gewöhnt war, mit dem Teppiche zu thun. Die Vorübergehenden blieben ſtille ſtehen und bildeten einen Kreis um mich; ich ſchlug Räder vorne⸗ und hintenuber, lief auf meinen Händen, und nachdem ich all' meine Künſte hatte ſehen laſſen, ging ich in die Runde und bekam mehr Geld, als ich hoffen durfte, wofür ich in einer der Buden, die auf dem Platze flunden, aß und trank. Des Nachts ſchlief ich auf einem Schubkarren oder unter einem Kramkaſten und träumte dann von meiner Tante und dem hohen Dach⸗ fenſter. Am Tage zeigte ich meine Künſte; lebte aber in ſortwährender Angſt, verfolgt zu werden, und zitterte bei dem Gedanken, daß Zadok und Leen mich einmal treffen möchten. „So trieb ich es einige Tage fort, bis einſt, nac⸗⸗ 123 dem ich meine Künſte wieder gezeigt hatte, zwei Burſche, älter und größer als ich, mich anſprachen. „Sie waren begierig, zu erfahren, wer ich wäre und ganz offenherzig erzählte ich ihnen meine Geſchichte, wie ich ſie jetzt euch erzähle. „Willſt Du mit uns gehen,“ ſagte einer der Burſche, „dann brauchſt Du nicht Nachts unter dem bloßen Him⸗ mel zu liegen. O, Du wifſt ſehen, welch' luſtiges Leben wir führen.“ „Dieſe Schilderung paßte für mich und darum zögerte ich nicht lange mit meiner Zuſtimmung. „Aber dann mußt Du auch Etwas für uns thun!“ „Neugierig ſtarrte ich ſie an. „Deine Künſte auf Plätzen zeigen, wo es uns gutdünkt.“ „Aber ich wage es nicht, auf die Plätze zu gehen, wo der rothe Zadok gewöhnlich hinkommt. O, wenn ich den Muth hätte, da meine Künſte zu verrichten, würde ich viel mehr Geld verdienen.“ „Ahl bahl wenn der Jude kommt, darf er Dir nichts thun,“ war die Antwort eines der Burſchen, der der ältere zu ſein ſchien. 4 „Wir werden ſagen, daß Du unſer Bruder ſeieſt, und dann mußt Du das Volk Deine verbrannten Finger ſehen laſſen. Ich verſichere Dich, Du ſollſt von ihm nicht angerührt werden; das Volk wird ihm und ſeinem Weib vielleicht ein tüchtiges Pack Schläge geben. „Ich gehe mit euch,“ rief ich aus,„ſagt mir nur, wann wir beginnen.“ „Geh' alsbald mit uns!“ ſagte der größte der bei⸗ den Burſche wiederum,„aber ſchnell, ehe es dunkel rd." „Ich folgte meiner neuen Bekanntſchaft. Auf einer Gracht angekommen, erhielt ich den Befehl:„Mach' Deinen Gang!“ „Ich gehorchte ohne die mindeſte Widerrede, und hatte bald eine große Menſchenmenge um mich her. —— die Umſtehenden zu begeben. Die beiden Burſche hatten mich verlaſſen, um ſich unter „Als ich geendigt hatte und mein Geld zählte, ſah ich meine Kameraden auf mich zukommen. „Komm' nun nach Hauſe und Du wirſt ſehen, wie viel beſſer Du es haſt, als bei dem Juden.“ „Einen kleinen Kramladen, wo altes Eiſen, Kupfer und Blei verkauft wurde, durchſchritten wir und kamen in ein Hintergemach, das durch eine an der Decke hängende kupferne Lampe matt erleuchtet wurde. Ein kleiner krummer Mann empfing uns dort, und als er mir nahe genug war, um ſeine Geſichtszüge zu unter⸗ ſcheiden, entdeckte ich, daß er nur ein Auge hatte. „Nun, Vater Bram, da bringen wir einen neuen Gaſt,“ riefen die Burſche und flüſterten dem Einäugigen etwas ins Ohr, worauf mich dieſer mit ſeinem einen nnas aufmerkſam anſah und mit ſeinem Kopf billigend nickte. „Das iſt klug, ſehr klug,“ rief Vater Bram.„Er kann auf der obern Kammer ſchlafen, das iſt beſſer, als auf Schubkarren und unter Kramladen, nicht wahr.... wie habt ihr gefagt.... o, Dolf.... nicht wahr, Dolf!“ „Und wie ſind die Sachen gegangen, Slimmert,“ ſprach er weiter, ſich zu dem größern Burſchen wendend. „Dieſer aber beantwortete die Frage nicht, ſondern holte einige Sacktücher hervor, außerdem noch eine große kupferne Tabaksdoſe. „Das iſt Alles, Vater Bram,“ ſprach er dann, nachdem er die Gegenſtände niedergelegt hatte.„Das iſt alles, de Gaauwert hat mehr Glück gehabt.“ „Ja, das hab' ich,“ rief der Kleinere und holte eine Börſe mit einem ſilbernen Schlößchen hervor, wo⸗ rin ein ſilberner Fingerhut und eine ebenſolche Bon⸗ bonsdoſe war: dann zog er eine ſchwere ſilberne Ta⸗ ſchenuhr heraus, woran Kette und Cachet hing. „Das habe ich durch ihn bekommen,“ rief de Gaau⸗ wert, die Uhr in die Höhe haltend und auf mich zei⸗ 125 gend,„komm, Vater Bram, der Tag iſt gut geweſen, ſei nun auch nicht karg.“ 1 „Karg bin ich nie geweſen! Das wißt ihr wohl,“ rief der Einäugige,„wir wollen eſſen, ihr werdet wohl Hunger haben nach ſo'nem guten Tage.“ „Vater Bram verließ das Zimmer und kam nach wenigen Augenblicken mit einer Schüſſel gebratener Fiſche, welche mir etwas beſſer ſchmeckten als die elende Koſt bei Zadok. „Schließ nun den Laden, Alter,“ ſagte de Slimmert, während er eine Pfeife anſteckte,„und laß uns einmal den Dickbauch ſehen.“ „Ich kann den Laden noch nicht ſchließen,“ ſagte der Krumme,„denn der alte David hat geſagt, daß er, ſobald es dunkel würde, Jim ſchicken wolle mit blauem Tuch, das er dieſe Nacht in einem Haus auf der Plantaadje*) gefunden habe.“ „Jim,“ rief Frank verwundert aus, Adolf in die Rede fallend,„ich kenn' auch einen Jim, einen kleinen ſchieligen Jungen mit rothen Haaren wie Zadok.“ 4 „Gerade ſo ſah er aus,“ gab der ſchwarze Dolf zur Antwort,„ich habe ihn wohl beobachtet, als er mit einer kleinen Bleiwalze auf dem Rücken, was die Leute blaues Tuch nannten, in das Vorhaus kam. Doch laß mich fortfahren, ehe der Meiſter wach wird. „Jim verließ den Laden eiligſt wieder; der Ein⸗ äugige ſchloß Thüre und Fenſterläden, worauf er wie⸗ der in das Hinterzimmer kam und den Dickbauch hervorholte. „Der Dickbauch war eine große Flaſche mit geiſtigem Getränk, welche von dem krummen Kaufmann mit einer gewiſſen Ehrerbietung auf die Tafel geſtellt wurde, und das Glas, das umgekehrt auf den Hals der Flaſche geſtellt war, voll ſchenkend, nahm er ſelbſt *) Ein Spaziergang um die ganze Stadt, mit Bäumen bewachſen. An demſelben liegen die Kaffeehäuſer. erſt einen guten Zug, und reichte es darauf den beiden Burſchen, die es mir endlich auch zukommen ließen. Es ſchmeckte mir ſo gut, daß ich immer nach dem Augen⸗ blick verlangte, wenn der Dickbauch auf den Tiſch käme. Habt ihr nie Branntwein getrunken?“ „Dieſen Morgen zum erſten Male,“ antwortete der einfache Frank, der mit großen Augen und offe⸗ nem Munde die ſonderbare Erzählung ſeines Freundes anhörte.„In der Schenke zu Elburg ließ der Meiſter uns dieſen Trank verſuchen.“ „O, dann wißt ihr nicht, wie angenehm es iſt, viel zu trinken; man wird fröhlich, allerlei angenehme Gedankenbilder kommen euch vor das Auge. Hört, als ich viel getrunken hatte und im Bette lag, bildete ich mir ein, reich zu ſein und in einem hohen Haus zu wohnen, aus deſſen Fenſter ich den Weſtertoren ſehen konnte, wie aus dem Dachfenſter meiner Tante. 1 „Der Branntwein von Vater Bram machte mich dann auch ſo luſtig, daß ich vor ihm alle meine Künſte machte, an denen er beſonderes Vergnügen zu finden en. „Und wahrlich, er war ein luſtiger Kerl, der im⸗ mer etwas Komiſches zu erzählen wußte und beſonders gut auftiſchte, wenn wir Abends nach Hauſe kamen, und die Burſche einen guten Tag gehabt und viel ge⸗ funden hatten. „Wo ſie die Sacktücher, Tabacksdoſen und Geld⸗ börſen fanden, war mir ein Räthſel, denn ſie blieben immer bei mir und wenn ich meine Künſte machte, ſtanden ſie unter das Volk. Eines Abends aber ent⸗ deckte ich, wie ſie zu allem dem kamen, was ſie des Abends nach Hauſe brachten. „Es war an einem Markttage, als wir uns auf dem Botermarkt befanden, ſo hieß der Platz. Denn ich begann nach und nach die Namen der Grachten, Straßen und Plätze zu behalten. Ich fing wieder zu arbeiten an, wie der rothe Zadok zu ſagen pflegte, 5 127 und ſah mich von einer großen Menſchenmenge um⸗ ringt, meiſtentheils Bauern und Bäurinnen, die bei jedem Kunſtſtück in die Hände klatſchten. „Gerade als ich auf meinen Händen im Kreiſe herumlief, hörte ich plötzlich ein Geſchrei:„Haltet ihn, haltet den Dieb!“ Ich ſprang auf und im ſelben Au⸗ genblicke flog Slimmert auf mich zu, drückte mir eine große goldene Uhr in die Hand, und verſchwand wir⸗ der unter dem Volk. „Nicht wiſſend, was das zu bedeuten, blieb ich mit der Uhr in der Hand ſtehen, als ich unverſehens mich von hinten ergriffen fühlte und zugleich einen hauſſſhlag empfing, daß mir das Feuer aus den Augen prang. „Hier, hier!“ rief man von allen Seiten,„werft ihn in's Waſſer, ſchlagt ihn todt!“ und ein Hagel von Schlägen regnete auf meinen Kopf. „Laßt ihn los, er iſt unſchuldig!“ rief eine Stimme aus der Mitte, und ein Herr drängte ſich durch das Volk und ſtellte ſich vor mich hin. „Er hat es nicht gethan!“ ſprach der Herr zu der verwirrten Menge.„Ich habe den Jungen gut ge⸗ 'ſehen, als ich fühlte, daß mir ein Anderer die Uhr aus der Taſche zog. Komm' mit mir,“ ſagte er zu mir, und ſo wurde ich von dem Gedränge erlöst. „Ich gab ihm ſeine Uhr und da trat er mit mir in ein Weinhaus, wo ich mein Geſicht abwaſchen nunhte⸗ denn es war voll Blut, ſo hatten ſie mich ge⸗ lagen. „Kennſt Du den Burſchen, der Dir die Uhr gab?“ fragte mich mein Befreier. „Ja, mein Herr! er hieß de Slimmert.“ „Und er iſt Dein Kamerade?“ „Ich wohne im ſelben Haus mit ihm, bei Bram, in dem Alteiſenladen.“. „Und Du machſt Künſte, um viel Volk zuſammen⸗ 128 zulocken, und Slimmert die Gelegenheit zu geben, die Leute zu beſtehlen?“ „Dieſe Worte erklärten mir auf einmal, wie ſie zu all' dem Gute kamen, das ſie Abends nach Hauſe brachten und wozu ich arbeiten mußte, wie ſie ſagten. 4 „Ich erzählte dem Herrn Alles, von meiner Tante, von Zadok dem Juden und dem alten Bram. Ich verſchwieg nichts von allen meinen Schickſalen, und als ich meine Erzählung geendigt hatte, bekam ich von dem Herrn ein Glas Wein. „Wenn es dunkler geworden, mußt Du mit mir gehen,“ ſprach er.„Du biſt ein zu artiger Knabe, um länger unter ſchlechtem Volk zu leben, der Bram nun ſeine zwei Genoſſen würden Dich auf vas Schaffot ringen. „Zur beſtimmten Zeit folgte ich ihm in ſeine Woh⸗ nung. Da war Alles ſchön und prächtig. Das Zim⸗ mer war mit einem herrlichen Teppiche bedeckt, auf dem marmornen Kaminvorſprunge ſtand eine wunder⸗ volle Uhr und zwei Blumenvaſen und an der Wand hingen verſchiedene Bilder. „Der Herr hatte ein freundliches Ausſehen und war außerordentlich dick. Seine bejahrte Haushälterin war im Gegenſatze zu ihrem Herrn, ſehr mager. Eine Denſmagt war die einzige weitere Perſon des Haus⸗ geſindes. „Ich mußte ihm nun Alles noch einmal weitläu⸗ figer erzählen, darauf ſprach er mit ſeiner Haushäl⸗ terin ein Langes und Breites, aber ſo leiſe, daß ich kein einziges Wort verſtehen konnte. „Dolf,“ ſagte er endlich,„Du kannſt zu dieſem Bram nicht wieder kommen. De Slimmert und Gaau⸗ wert, wie Du ſie nennſt, ſind elende Taugenichtſe und würden Dich an den Galgen bringen; wenn Du brav und ehrlich ſein willſt, kannſt Du da bleiben; da wirſt Du mir im Gewölbe behülflich ſein. Ich werde Dir 129 andere Kleider geben, die paſſender ſind, als die Lum⸗ perei, die Du auf dem Leibe haſt. Paß' gut auf, und ich werde ferner für Dich ſorgen. Willſt Du, Adolf!“ „Der alte Herr war ſo freundlich und Alles war da ſo ſchön, daß ich mich keinen Augenblick beſann, ſondern meinem Beſchützer die Hand gab und ein kräf⸗ tiges„Ja“ ausſprach. Der alte Herr ſchüttelte ver⸗ traulich die ihm dargebotene Hand. „Eine Stunde ſpäter hatte ich ein blaues Kleid an, das mir beſonders gut ſtand; ich wünſchte, daß Ihr es ſehen könntet, es liegt in der großen Kammer, in der der Meiſter die Kleider aufbewahrt, um, wenn ein Haufe beiſammen iſt, ſie zu verkaufen.“ Nach dieſer kurzen Zwiſchenbemerkung fuhr unſer Erzähler alſo fort: „Endlich wurde es Zeit, in's Bett zu gehen und das Abendeſſen wurde gebracht; Ihr hättet ſehen ſollen, wie da Alles nett und reinlich war. „Nach der Mahlzeit las der Herr van Dam— ſo hieß der reiche Herr— aus der Bibel vor; darauf wies das Mädchen mir das Zimmerchen an, wo ein Bette ſtand, in welchem ich mich zur Ruhe legte. „Der Herr, bei welchem ich nun wohnte, war Weinhändler, und hatte einen großen Keller unter dem Gewölbe, wo der Wein in großen Fäſſern aufbewahrt wurde. Ich half den Knechten Flaſchen ſpülen, Wein abzapfen und mehr dergleichen Verrichtungen; Abends, wenn die Arbeit fertig war, las der alte Herr mir hie und da aus einem Buche vor, zuweilen auch machte ich einige Kunſtſtücke, über welche er und die alte Haushälterin dann lachten, daß ihnen die Thränen über die Wangen liefen. „Ich lebte ſehr vergnügt bei den guten Menſchen und gewiß wäre ich immer bei ihnen geblieben, wenn nicht wieder ein neuer Schickſalswechſel mich getroffen. „An einem Sonntag, nach meiner Gewohnheit ſpazieren gehend, kam ich durch eine Straße, die mir ſehr bekannt ſchien. Aufſehend, gewahrte ich das hohe Dachfenſter, woraus ich ſo oft nach dem Weſtertoren geſehen hatte, und nach den Menſchen, die auf der Straße liefen. Verwundert blieb ich ſtehen; aber denkt euch meine Beſtürzung, als ich plötzlich meine Tante auf mich zukommen ſah, die ſehr erfreut zu ſein vor⸗ gab und erzählte, daß ſie mich überall geſucht habe. Sie ſagte, daß ich wohl gethan, von dem rothen Ju⸗ den wegzulaufen, und ließ nicht nach, bis ich ihr Alles mitgetheilt, ſeit ich ſie verlaſſen hatte. „Ich blieb einige Zeit bei ihr, ſtieg auf die Bühne und ſah wieder aus dem hohen Dachfenſter nach dem Weſtertoren und dann auf die Straße hinunter. O Frank, ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich ich da war, ich war wieder der Dolf von früher. Ich ging, dem Herrn van Dam meine Entdeckung mitzutheilen und am folgenden Tage beſuchte meine Tante den guten alten Herrn. Beide hatten eine lange Unterhaltung, und als ſie fort war, ſprach der Herr van Dam mich mit ſeiner gewohnten Freundlichkeit alſo an: „Adolf!“ er nannte mich nie Dolf,„morgen wirſt Du mich verlaſſen; es iſt mir leid, mein Junge, aber Deine Tante hat als Deine Blutsverwandte mehr Recht auf Dich, als ich; ſie wird Dich in eine Koft⸗ ſchule ſchicken, und Du wirſt da mit Knaben von Dei⸗ nem Alter mehr Vergnügen haben, als bei mir. Auch wirſt Du dort mehr lernen können. Doch wenn Du in die Stadt kommſt, mußt Du zu mir kommen und mir erzählen, wie es Dir geht.“ „Am folgenden Tage verließ ich denn auch meinen Wohlthäter, blieb zwei Tage bei meiner Tante und kam dann hierher. Schon beinahe zwei Jahre befinde ich mich hier,“ hiermit ſchloß der ſchwarze Dolf ſeine wich⸗ tige Erzählung, vich habe ſeit dieſer Zeit nichts von meiner Tante vernommen, eben ſo wenig von dem gu⸗ ten, alten Herrn, den ich ſo gerne wiederſähe.“ Daniel war aus ſeinem Schlummer erwacht, ſchalt 131 das Kind, das bei ihm ſtand, einen Dummkopf und erklärte, die Lehrſtunde ſei geendigt. Ein Abendeſſen aus einfacher Milch beſtehend, beſchloß den Tag, und bald ſchlief Frank auf einem Strohſacke ein, während Clara in dem Zimmer der Mädchen auf einem ziemlich unweichen Bette von der Laſt des Tags ausruhte. XIV. Der neue Koſtgänger. Ungefähr ein paar Monate waren verlaufen, ſeit unſere Waiſen in die Koſſſchule waren aufgenommen worden, als Etwas vorſiel, das wir uns nicht enthal⸗ ten können, zu erzählen, nicht ſo ſehr, um der Wich⸗ tigkeit der Sache willen, als vielmehr wegen der Fol⸗ gen derſelben. Das ganze Haus, nämlich die Zimmer, welche 4 Daniel Vos zu ſeinem Gebrauche hatte, wurden ge⸗ reinigt; das Unkraut, das zwiſchen den Straßenſleinen hervorſchoß, wurde ausgereutet, die Pfade geebnet; mit einem Wort, aus all' den Zubereitungen konnten die Söglinge bemerken, daß ein wichtiges Ereigniß im An⸗ 8 zuge war. Als Alles bereit ſtund, wurden die Kleider Kinder aus ihrem Aufbewahrungsplatz hervorgeh und jeder Zögling bekam die Kleider, welche er bei der ner Ankunft auf der Schule getragen hatte. Einige aber, deren Kleidungsſtücke bereits verkauft waren, be⸗ hielten ihr Schulgewand und wurden ſchon früh am orgen auf eine Hinterbühne eingeſchloſſen; unter dieſe gehörte der ſchwarze Dolf. 8 132 Seine Hoffnung, den ſchönen, blauen Anzug, den der Herr van Dam ihm gegeben, noch einmal anzie⸗ hen zu dürfen, wurde vereitelt, in den zwei Jahren, die vorüber waren, ſeit er ihn ausgezogen, war er ihm viel zu eng oder lieber, viel zu weit geworden; und da er Frank gerade recht war, fiel auf dieſen die Ehre, mit dem Eigenthum des ſchwarzen Dolf gekleidet zu werden. Frau Vos gab ſich die Mühe, ihr Angeſicht zu waſchen und kleidete ſich in ihren ſchönſten Anzug, den ſie beſaß, während Daniel ſeine Feſtkleider anzog, in welchen er zum erſtenmal vor Clara und Frank erſchien. Verſchiedene Papiere und Bücher wurden auf die Tafel gelegt; die Allerliebſte holte einiges Geſchäft für den Tag, das glückliche Ehepaar nahm Platz in dem beſten Zimmer, und die Kinder erhielten Erlaubniß, im Garten zu ſpielen. „Alles iſt in Ordnung, glaube ich,“ ſagte Daniel, „und haſt Du nicht vergeſſen, Leintücher über die Stroh⸗ ſäcke zu legen, Mimi, damit man nichts davon merke, denn Du verſtehſt, die Schlafkammer muß er auch be⸗ ſichtigen!“ 3„Ich habe für Alles geſorgt; wenn ich es nicht ge⸗ than, ſo würde es wahrlich nicht ſo gut ausſehen,“ ſagte die kleine Frau, einen Blick voll Selbſtgetälligkeit und Zufriedenheit durch das Zimmer laufen laſſend.* „Und wir müſſen ihn durchaus über das Eſſen be⸗ halten. Denk' einmal, Mimi, wir müſſen thun, als ob wir den Brief nicht empfangen hätten, verſtehſt Du, es muß den Schein haben, als ob wir von ihm über⸗ raſcht würden.“ ſaum hatte Daniel dieſe Worte geſprochen, als eine Kutſche mit zwei Pferden vor Reijſenburg hielt. Ein ſchon etwas bejahrter Herr ſtieg aus der Kutſche, begleitet von einem großen Knaben, der vierzehn Jahre alt ſchien. Der Knabe war bleich und mager, hatte ein ſchwäch⸗ * 133 liches und krankhaftes Ausſehen, große, melancholiſche Augen und blondes, ſchlichtes Haar. Auf ſeinen einge⸗ fallenen Wangen war nicht das mindeſte Roth zu ſehen, und ſeine Lippen hatten eine hellblaue Bleifarbe. „Das werden ſie ſein!“ war der erfreute Ausruf des Koſtſchulhalters, während er die Vorthüre aufſtieß und den Ankommenden entgegen ging. Nach einer Menge von Verbeugungen und Com⸗ plimenten, frug Daniel, wen er die Ehre habe, vor ſich 5 ſehen, und welchem Anlaß er den Beſuch ver⸗ anke. „Haben Sie denn meinen Brief nicht empfangen, Herr Vos, worin ich Ihnen anzeigte, daß ich heute mit meinem Sohne ankommen werde?“ ſprach der Fremde, deſſen Geſicht einige Unruhe an den Tag legte. „Nein, durchaus nicht, ſo ſind Sie dann.“ „Mein Name iſt van Gent, dieſer Knabe iſt mein Sohn, den ich unter Ihre Aufſicht zu ſtellen geſon⸗ nen bin.“ „Lieber Himmel!“ rief Daniel,„Herr van Gent! Wie angenehm es mir auch iſt, Sie und Ihr Söhnchen hier zu ſehen, bin ich doch ſehr ärgerlich, Ihren Brief nicht empfangen zu haben. Wir hätten dann Alles zu Ihrem Empfange gerüſtet, aber jetzt ſieht es aus bei uns, daß es eine Schande iſt.. Inzwiſchen waren der Herr van Gent und ſein Sohn in's Zimmer gekommen, wo ſie von Frau Vos daſſelbe Klagelied vernahmen. Der Herr van Gente hatte in wenigen Augenblicken das Zimmer beaugenſcheinigt, mit dem günſtigen Erfolg, daß er urtheilte, wenigſtens die Reinlichkeit betreffend, wuwe er wohl keine beſſere Koſtſchule haben finden önnen. „Sie ſehen, er iſt ſchwach,“ ſagte er auf den Kna⸗ ben zeigend,„und darum muß beſondere Sorgfalt auf ihn verwendet werden. Ich hatte das Unglück, vor einiger Zeit meine Frau zu verlieren, und kann daher 134 meinem Karel keine Erziehung geben, wie ich es wünſche, um ſo weniger, da ich den ganzen Tag außer dem Hauſe bin. Der Doktor hat mir beſonders angerathen, ihn nach Gelderland zu thun, damit die Luft hier auf ihn eine günſtige Wirkung mache, und ich wünſche, daß ich mich in der Erwartung nicht betrogen habe.“ „O, zweifeln Sie nicht daran,“ verſicherte Vos. „Vor noch nicht ganz drei Monaten kamen zwei Kin⸗ der aus einem vornehmen Hauſe hierher, Bruder und Schweſter, die noch bleicher und krankhafter ausſahen, als Ihr Söhnchen. Die Profeſſoren riethen den Bluts⸗ verwandten, ſie bierher zu ſenden, und Sie ſollen ſehen, mebt Derr, welche gute Wirkung die geſunde Luft gehabt.“ Er rief Frank und Clara, die im Garten hinter dem Hauſe ſpielten, und der Herr van Gent war voll Freude, als er die lieben Kinder anſah, und die ge⸗ ſunde Farbe ihrer Wangen verſicherten ihn von der Wahrheit der Worte Daniels.. „Mein Sohn muß eine geregelte Lebensweiſe füh⸗ ren,“ ging van Gent fort:„Morgens nicht früher auf⸗ ſtehen, als er wünſcht, dann Sago mit Madeira zum Frühſtück nehmen und einige Zeit darauf Boutillon. Eine Stunde vor dem Eſſen ein wenig Portwein, und ſtatt Thee und Kaffee, Wein mit Waſſer. Den Wein habe ich in einer Kutſchentruhe ſtehen, und iſt der Vor⸗ rath aufgebraucht, ſo haben Sie nur zu ſchreiben. Ge⸗ ben Sie vor Allem darauf Achtung, Herr Vos, daß mein Sohn keine Gelegenheit habe, ſich zu erzürnen; denn, wie der Profeſſor mir geſagt hat, iſt nichts nach⸗ theiliger für ihn, als der Zorn, auch darf er durchaus nicht gezwungen werden und muß Alles freiwillig thun.“ „Ueberlaſſen Sie mir Alles,“ antwortete Daniel, en kurzer Zeit wird der junge Herr ganz hergeſtellt ein.“ „Von ganzem Herzen wünſch ich das,“ ſagte der 4 4 135 ſorgliche Vater.„Doch, Herr Vos, über das Koſtgeld habe ich noch Etwas zu bemerken.“ Das Geſicht Daniel Vos' verzog ſich bei dieſen Worten nicht weniger, als das ſeiner Allerliebſten, doch klärten ſie ſich bald wieder auf, als van Gent ſagte: „Für hundert fünf und zwanzig Gulden das Vier⸗ teliahr, den Wein natürlich abgerechnet, ſcheint es mir unmöglich, auf meinen Sohn die Sorgfalt zu verwen⸗ den, welche der ſchwache Zuſtand ſeiner Geſundheit ver⸗ langt. Wir wollen daher das Koſtaeld auf hundert fünfzig ſtellen, das macht ſechshundert Gulden im Jahre, aber daß es ihm dann auch an nichts gebreche, und können Sie ſeine Geſundheit herſtellen, ſo würde meine Dankbarkeit ſich gewiß erkenntlich zeigen.“ „Ich hätte,“ ſprach van Gent nach einigen Augen⸗ blicken weiter,„ich hätte meinen Sohn wohl auf eine größere Koſtſchule thun können, doch die Furcht, daß man ihn da vielleicht zum Lernen zwingen könnte, hielt mich davon zurück.“ 8„Die großen Schulen ſind gut für geſunde, ſtarke Kinder, aber für ſchwache und kränkliche Menſchen iſt hier der rechte Platz,“ fuhr der erziehungskundige Vos fort, der dafür von ſeiner Frau einen Blick der Zufrie⸗ denheit und Gutheißung erhalten mochte.„Wollen Sie nun mal die Schlafkammern und die Schulzimmer in Augenſchein nehmen?“ „Ach, Lieber,“ ſagte Mimi in einem Tone, der Jedem, außer dem Herrn van Gent, komödienartig er⸗ ſchienen wäre,„da liegt Alles durcheinander; der Herr van Gent wird wohl denken...“ „Was! Frauengeſchwätz!“ ſprach ihr Ehegenoß. „Der Herr weiß wohl, daß er uns, ſo zu ſagen, ins Hans gefallen, und wird darum nicht ſo genau ſein nnen.“ Nun wurde der Herr nach den genannten Gemä⸗ chern geführt, die ſich in beſter Ordnung befanden. Zu⸗ gleich beſuchten ſie ein kleines freundliches Zimmer, das 136 dem neuen Koſtgänger zum Schlafzimmer dienen ollte. Der Vater des neuen Koſtſchülers war bei dem Mittageſſen zugegen, das den Kindern vorgeſetzt wurde und weit nicht zu vergleichen war mit der alltäglichen 0 Höchſt befriedigt durch das, was er geſehen, nahm Herr van Gent endlich Abſchied von ſeinem Sohne, nachdem er noch verſchiedene Male Vos und ſeiner Gattin die gute Behandlung ſeines Karel ans Herz ge⸗ legt. Während er in die Kutſche ſtieg, gab er dem Jungen den geheimen Befehl, wenn er das Mindeſte zu klagen habe, ihm ſogleich zu ſchreiben. Der zartfühlende Vater ſprach es ein wenig laut, ſo daß Daniel Alles hörte, der ſich denn auch vornahm, dem neuen Koſtgänger, der ihm einen ſo artigen Ge⸗ winn brachte, in Allem zu genügen. Der Herr van Gent hatte Reiiſenburg verlaſſen. Allen Zöglingen wurde die Verpflichtung aufgelegt, dem jungen Herrn in Allem, was er wünſchte, zu gehorchen; wer es wage, den neuen Kameraden zu ärgern, wurde mit der fürchterlichſten Strafe, die der Meiſter nur erdenken könne, bedroht. Karel van Gent gehörte zu den Kindern, welche durch eine ſchlechte Erziehung verdorben werden und deren Zahl leider zu groß iſt. Von ſeiner früheſten Jugend auf war ſein Wille ſelbſt für ſeine Eltern Be⸗ fehl. Nie an Widerſpruch gewöhnt, war der kleinſte Fehler in der Ausführung ſeiner Befehle genug, um ſeinen Zorn zu wecken, was ſeine Nerven reizte und ſeine Geſundheit untergraben mußte. Stolz und herrſchfüchtig von Geburt an, heftig durch ſein kränkliches Weſen, verſprach er einmal ei⸗ ner jener Menſchen zu werden, die ſich ſelbſt zur Laſt ſind und die Geſellſchaft verpeſten. Eigentlich zu ſeinem Unglücke gehörte ſein Vater zu dem begüterten Bür⸗ gerſtand und beſaß Vermögen genug, um die Lüſte 137 und Begierden ſeines einzigen Kindes, wie ungereimt ſie auch ſein mochten, auf den kleinſten Wink hin zu bef iecigen. Daß die Koſtſchu'e Daniel Vos keineswegs der Ort war, um den lieben jungen Herrn von ſeinen unerträglichen Gewohnheiten abzubringen, wird man leicht ein ehen. Die anſehnliche Summe, die ſein Vater für ihn bezahlte, beſtach Daniel Vos und ſeine Frau für ihn, der weder gegen ſie, noch gegen ihn einige Eorfurcht peigte und in dem elenden Sachwalter nur den Mann ah, der ſtets bereit war, um ſtrengſtens jedes Verge⸗ bei zu beſtrafen, deſſen man ſich gegen ihn ſchuldig machte. „Er ſoll es nicht wagen, mich zu ſchlagen, wie die andern Kinder,“ ſagte der ſchwarze Dolf, und die kleine Clara, als ſie eines Tags, kurz nach der Ankunft Ka⸗ rels ſich über ihn untechtelten;„er ſoll es nicht wazen, eine Hand nach mir auszuſtrecken, oder ich werde ihm das auf Einmal ablehren, und käme ihm auch der Lehrer und die ganze Welt zu Hülfe.“ „O, er ſchlägt nicht ſehr!“ ſagte Clara immer zur Verth idigung bereit,„er iſt ſo krank und ſchwach. Ge⸗ ſtern ſchlug er mich auf den Kopf, aber es that nicht 74 wey. h„Und fühlte ich auch nichts davon, ſo will ich mich doch nicht von ihm behandeln laſſen, wie einen Hund; ich kann den Knaben gicht leiden; Mittags kriegt er lecke es Eſſen und will nicht einmal, daß, was er übrig läßt, unter die übrigen Kinder vertheilt werde; ich ſage das nicht um meinetwillen, denn ich will nichts da⸗ von; was er übrig läßt, lüſtet mich nicht, aber ich ſeh⸗ wohl, wie Du nach ſeinem Teller ſchielſt, Clara! und wie langſam er ißt, um uns Alle zu plagen. O, wäre ich ſo reich, wie ihr, ihr ſolltet was Andres ſehen!“ Karel erſchien gerade im Garten. Einen kleinen Amſterdams Geheimniſſe. I. 10 138 Schlitten hielt er mit der einen Hand, eine Peitſche in der andern. „Du mußt mit mir ſpielen, Clara!“ ſagte der Koſtgänger, der ſtets die Aufmerkſamkeit aller ſeiner Kameraden auf ſich zog.„Komm ſchnell! ſchling' den Strick um den Leib und dann zieh'ſt Du mich, ich bin Kutſcher und Du das Pferd.“ Die kleine Clara ſpannte ſich vor den Schlitten, auf welchem Karel ſaß. 3 8 „Laß, mich lieber das Pferd ſein,“ ſagte Frank, „ich bin ſtärker, als mein Schweſterchen.“ „Nein, ſie ſoll mich ziehen,“ ſchnippte der Knabe, „und wenn ſie es nicht gut macht, werde ich ſie mit der Peitſche ſchlagen. Fort!“ Clara ſpannte alle ihre Kräfte an, um das kleine Fahrzeug vorwärts zu bewegen, doch alle Mühe, die ſie ſich gab, war umſonſt.. „Stänker!“ ſchrie der hitzige Karel. „Ich kann nicht ſtärker,“ war die Antwort des zar⸗ ten Kindes. „Du mußt,“ rief er und gab dem armen Kinde einen heftigen Schlag mit der Peitſche. Clara brach in lautes Weinen aus. „Heulen!“ rief der Knabe mit einem teufliſchen Lachen.„Heulen, nein, das hilft nichts. Fort, oder Du kriegſt noch mehr!“* Frank wollte ſeiner Schweſter zu Hülfe kommen, doch Adolf hielt ihn zurück. „Laß mich Dich ziehen,“ ſagte Avolf, blaß vor Wuth, ſich den beiden Streitenden nähernd.»Ich bin ſtärker, ³ als ſie und Du ſollſt ſehen, wie ſchnell das geht.“ Nein, ſie und Niemand anders!“ „Aber ſie kann nicht; komm, ich will's thun.“ „Fort, Clara! zul“ und der zweite Schlag mit der Peitſche traf die Kleine. 3 ſSie kann nicht,“ wiederholte Dolf und das Feuer 1³9 ſprühte aus feinen Augen; v„ich will Dich zieben.“ Er ergriff das Seil, an dem der Schlitten befeſtigt war, und zog ihn fort. „So geht es beſſer!“ „Laß los, ſie muß es thun, laß los, ſchmutziger Bub'!“ und Dolf erhielt einen Peitſchenhieb.. „Schmutziger Bub'!“ rief der ſchwarze Dolf, mit der Röthe des Erniedrigten auf den Wangen, abwech⸗ ſelnd mit der Bläſſe der geſteigerten Wuth.„Schmu⸗ tziger Bub'!“ äffte er noch einmal den ſtolzen Karel nach, und ſeinen Lauf hemmend, wendete er ſich zu dem Beleidiger. Mit einer Ruhe, von der er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte, ſagte er nun zu ihm: „Sag das nicht wieder, oder es ſoll Dich reuen; ich will Dich nicht ſchlagen, weil Du ſo ſchwach und kränk⸗ lich biſt, aber ſchelte mich nicht mehr oder fürchte die Folgen!“ Eine aufgehobene Fauſt gab dieſer Drohung mehr Kraft. „Das werd' ich dem Meiſter ſagen, und er wird Dich ſchlagen, wie einen Hund.“ Das war zu viel; die aufgehobene Fauſt ſiel nie⸗ der und traf den Vermeſſenen ſo gut, daß er vom Schlitten herabfiel und jammerte vor Schmerz. „Wenn ich wollte, könnte ich noch länger ſchlagen, ich könnte Dich todt ſchlagen, ehe Jemand zu Hülfe käme, aber, bah! Du kannſt Dich nicht wehren und darum für heute genug.“ 3 Karel hörte nicht auf zu ſchreien; durch den Lär⸗ men gelockt, kam der Meiſter angelaufen, der kaum das Vergehen vernommen hatte, als Adolf es auch theuer büßen ſollte. Dieſer aber ſtellte ſich mit aller Kraft gegen ſeinen Meiſter zur Wehre. „Galt ihn gut feſt,“ ſchrie Karel,„ich werde ihn mit der Peitſche ſchlagen!“ Die Ausführung dieſes Verlangens wurde aber unmöglich gemacht, indem Frank ſeinem Freunde zu 0⁴ Hülfe eilte und Daniel an den Füßen faßte, daß er ftrauchelte und ſiel. Daniel, der Erzieher des Knaben, war zu ängſt⸗ lich, um noch einmal einen Anfall zu wagen. „Ich werde ſie in die blaue Kammer einſchließen, in die blaue Kammer, wo es ſpukt,“ ſagte Daniel 3 Karel,„da ſollen ſie den ganzen Tag und die ganze acht bleiben, das iſt noch mehr, als ſie zu ſchlagen.“ „Und Sie ſollen ihnen kein Eſſen geben.“ „Nichts ſollen ſie haben, weder Eſſen noch Trin⸗ ken. Sogleich nach der blauen Kammer, Taugenichtſe!“ „Hab' keine Furcht,“ flüſterte Dolf Frank in's Ohr, vich bin da mehrmals eingeſchloſſen geweſen und habe nie einen Spuk geſehen!“. XV. Die Erſcheinung. Die blaue Kammer war ein großes Gemach in der Mitte des Hauſes; drei Fenſter mit kleinen, zerbroche⸗ nen Glasſcheiben, die die Ausſicht auf einen Hof boten, ließen das Tageslicht in die Kammer, und die Fenſter⸗ läden waren durch den Einfluß verſchiedener Umſtände ſo zerfreſſen, daß die, welche offen ſtanden, unmöglich geſchloſſen und die, welche geſchloſſen, eben ſo wenig geöffnet werden konnten, ſo daß ſelbſt mitten am Tage Line gewiſſe Dunkelheit in der Kammer herrſchte, die anz für ein Zimmer taugte, von dem das Gerücht Fent, daß hie und da der Geiſt des letzten Eigenthü⸗ mers darin rumore. Die blaue lederne Tapete, von der die Kammer ibren Namen hatte, war mit allerlei Arten von Vögeln und Blumen bemalt; der nagende Zahn der Zeit hatte an vielen Stellen Voͤgel und Blumen verſchwinden laſe 141 ſen, um Löchern von allerlei Formen Platz zu machen, üter welchen Lumpen hingen, die mit einem dicken Stoff bedeckt waren. Eine hohe Lambris von dunkel gefärbtem Eichenholz, wie die aus kleinen Balken zu⸗ ſammengeſetzte Decke umgab das ganze Gemach und war durch einen kunſtreichen Meißel mit vielem Laub⸗ werk verziert: das Einzige im ganzen Gemach, was ſich noch in gutem Zuſtande befand. Zwei alte Stühle mit ledernen Rücken und Sitz⸗ polſtern, und ein alter Kaſten, auf vier plump gedreh⸗ ten Füßen ruhend, waren der Hausrath, den der Be⸗ ſucher in der blauen Kammer gewahrte. Dieß war das Gefängniß von Frank und Adolf. „Ich will nicht länger hier bleiben,“ ſagte Adolf, nachdem ſie bereits einige Stunden eingeſchloſſen ſaßen, „es ärgert mich, daß ich nicht groß genug bin, um Sol⸗ dat zu werden, ich würve dann meine Pflicht getreu erfüllen; ja, Frankl ich glaub' es, ich würde mich ſo tapfer zeigen, daß ich ſchnell befördert würde, und dann, dann wollt' ich mich an Zadok, an Vos und Allen rächen, die mir Leid zugefügt haben. Aber, was auch aus mir werde, hier bleiben iſt unmöglich. Ich hab' ſchon lange üher ein Mittel nachgedacht, um von. hier fort zu kommen, aber bis jetzt iſt mir nichts einge⸗ fallen, auch möchte ich nicht gerne allein gehen. „Seit Karel bei uns iſt, iſt mir das Leben hier anz entleidet, Du weißt wohl, daß Daniel uns nur raft, um ihm zu gefallen. Es wird noch ärger wer⸗ den, das verſichere ich Dich und da ich jetzt einmal⸗ den verfl Karel geſchlagen habe, wird er uns keine Rube laſſen. Er iſt darin ganz anders als ich; Du weißt doch, Frank! ich würde Jemand, der mir etwas zu Leide gethan, im erſten Augenblicke ermorden kön⸗ nen: aber nachher, bahl da iſt alles ganz vergeſſen.“ — Ifalber iſt es Dein Ernſt, von hier fort zu wollen, 0 74 14² „Ja, aber nicht allein, Frank! Du mußi mich begleiten, Du mußt mit mir flüchten!“ „Ich... und wohin?“ „O, laß mich dafür ſorgen, Frank! Ich habe Dir meine Schickſale erzählt, und auch, glaube ich, von dem freundlichen Herrn geſprochen, in deſſen Weinkel⸗ ler ich arbeiten mußte. Du erinnerſt Dich des Herrn van Dam noch wohl; zu ihm nun will ich gehen, und Du kannſt verſichert ſein, daß er uns gut aufnehmen wird. Wenn ich dann einmal bei ihm bin, werde ich ihn nie wieder verlaſſen und wenn meine Tante und die ganze Welt käme, mich zu holen! O Frank, Du ſollſt ſehen, wie glücklich wir da ſein werden, nett ge⸗ kleidet, ſo viel Eſſen, als wir nur immer wollen, im⸗ mer freundliche Worte. Ach! das iſt ein Leben! O, wenn Du den guten alten Herrn nur einmal geſehen hätteſt, würdeſt Du vielleicht mir eher glauben!“ „Aber Clara, mein Schweſterchen, wie ſollen wir ſie mitnehmen?“ „ Das iſt unmöglich, Frank, ſie iſt noch zu klein und viel zu ſchwach.“ — — „Kann ich ſie denn allein laſſen, ohne Dich, ohne mich? Karel wird ſie dann noch ſchlechter behandeln und wer kann ſie dann ſchützen?“ „Clara kann nicht mit uns gehen,“ nahm Adolf das Wort wieder;„und Karel mißhandelt Dein Schwe⸗ ſterchen nur, um uns zu ärgern; wenn wir dann weg ſind, wird ſie nichts mehr zu leiden haben. Es iſt wahr, unſern Schutz wird ſie vermiſſen, aber wenn wir hier bleiben, und der Meiſter uns oft einſchließt, was doch wahrſcheinlich iſt, um dem bleichen Jungen ſeinen Willen zu thun, können wir ſie doch nicht be⸗ ſchützen. Das iſt daffelbe, Frank! Ich bin beinahe ſechszehn Jahre, in ein paar Jahren kann ich Soldat werden. Nach einiger Zeit, die ich gedient, werde ich erhöht, dann komme ich, um Clara abzuholen, und ſie wird meine Frau.“ — — Noch viel mehr ſprach der jugendliche Wagehals, noch mehr Luftſchlöſſer erfüllten ſeinen Kopf; und Frank, der einfache, unſchuldige Frank, wurde mitgeſchleppt durch den Glückstaumel, den ihm der Junge vorſpie⸗ gelte. Er eiferte ſehr gegen den Entſchluß Adolfs, da dieſem Ernſt war, Clara nicht mitzunehmen; doch ſchwach waren ſeine Gegenvorſtellungen, die von den kräftigen Worten ſeines vermeſſenen Freundes bald überwunden waren. Unter ſolchen Geſprächen war die Nacht heran ge⸗ kommenz; nur der ſchwache Schein des Mondes erleuch⸗ tete das dunkle Gemach, und nicht der leiſeſte Laut ließ ſich in dem weiten Gebäude hören. Alle ſchliefen, außer Frank und ſeinem Freunde, die in flüſterndem Tone ihr Geſpräch fortſetzten. Plötz⸗ lich wurden ſie geſtört durch ein leiſes Geräuſch an der Wand und den Ton von Stimmen, die ihnen fremd ans Ohr klangen. 6 „Was mag das ſein, Dolf!“ rief Frank, der vor Angſt zu beben anfing. „Ich weiß es nicht, vielleicht der Spuk!“ Frank wollte um Hülfe ſchreien, doch wurde er von Dolf abgehalten. „Schweig,“ ſprach dieſer,„ſchreie nicht, es wird nichts nützen; der Schulmeiſter würde uns nicht zu Hülfe kommen dürfen, und Karel ſollte uns ſchreien hören? Du biſt noch zu thöricht, Freund! Begreifſt Du demn Auitht, daß der ſtolze Burſche daran Vergnügen ätte? Frank fühlte die Wahrheit dieſer Worte und ſchwieg; ſeine Zähne ſchlugen hörbar an einander und er klammte ſich feſt an ſeinen Freund, der mit ſeinen dunkeln Au⸗ gen unverwandt nach dem Orte hinſtarrte, von welcher das Geräuſch kam. Das Geräuſch war indeſſen in ein dumpfes Kra⸗ chen übergegangen, das Brett in der Lambris wich zurück und ein heller Lichtſtrahl drang herein durch die Oeffnung. ————— 144 Bald kroch ein Mann, in einen blauen Mantel gehüllt, durch die Oeffnung, und wurde ebenſobald von einem Andern gefolgt, der nach dem Schein viel älter war, als der Erſte. Der Mann im blauen Mantel hatte eine Laterne in der Hand und gab mit der andern ſeinem Geſellen ein Zeichen, kein Geräuſch zu machen. Beide ſchritten etwas vorwärts, als das Licht auf unſere Knaben ſiel, die ſich ſo feſt als möglich in eine Ecke gedrückt hatten. Verſtummt blieben die Männer ſtehen, als ſie der Kinder gewahr wurden, und ſchienen ebenſo erſchrocken als die beiden Knaben. Der Aelteſte, der zuletzt herein gekommen war, ſtieß einen tüchtigen Fluch aus und ſprach mit ſeinem Ka⸗ meraden geheimnißvoll. Der Mann, der die Laterne trug, näherte ſich den beiden Knaben und frug:„Was ſeid ihr und was thut ihr hier?“ Frank konnte nicht antworten, die Angſt hinderte ihn am Sprechen; Dolf aber, der während des ganzen Vorfalls ſeine Geiſtesgegenwart nicht verloren hatte, erklärte deutlich, wie ſie in die Kammer gekommen. „Sagt Niemand Etwas von dem, was ihr geſehen habt,“ ſprach der Mann, aund ſorgt, daß ich euch nie mehr hier finde. Gebt Achtung, Jungens, wenn ihr ein einzig Wort von dem ſagt, was ihr geſehen, oder wenn ich euch wieder in dieſem Zimmer antreffe, ſo werdet ihr ermordet.“ Eine Piſtole, die er hervor holte, zeigte den Kindern, daß er es im Ernſte meinte. „Ich werde nichts offenbaren,“ ſagte der ſchwarze Dolf, und auf Frank zeigend, fuhr er fort:„Auch für meinen Kameraben ſt he ich ein, und wenn Sie uns wieder hier finden, können Sie uns ruhig tödten; aber wenn Sie andere Kinder antreffen, thun Sie ihnen kein Leid an; denn es iſt nicht ihre Schuld, daß der Meiſter ſie einſchließt!“ „— ——õ—na3* *—;— 143 „Denkt an das, was ich verſprochen,“ ſagte der Mann,„und vergeßt euer Gelöbniß nicht!“ Darauf ſteckte er ſein Piſtol wieder zu ſich, gab ſeinem Kameraden ein Zeichen, ihm zu folgen, und beide verließen das Gemach wieder durch dieſelbe Oeff⸗ nung, durch die ſie gekommen. XVI. Die Flucht. „Jetzt müſſen wir flüchten, Frank,“ ſagte Adolf, als der erſte Morgenſtrabl die Dunkelheit der Nacht durchbrach.„Jetzt iſt es Zeit; wenn wir noch länger hier bleiben, würde Daniel uns früher oder ſpäter wieder einmal in die Kammer ſchließen, und Du haſt gehört, was dann unſere Strafe ſein ſoll.“ „Der große Mann wird uns tödten, wenn er uns wieder findet.“ „Gewiß und zweifle nicht daran, glaube mir, er wird thun, was er geſagt.“ 1 „Es iſt mir, Dolf, als ob ich den Mann ſchon einmal geſehen, wo, kann ich mich nicht mehr erinnern.“ „Das kann wohl ſein, Frank, doch ich für mich hoffe, ihn nie wieder zu finden, und darum habe ich beſchloſſen, dieſe Nacht zu fliehen, und Du mußt mit mir gehen. Du mußt, Frank! Ich ſage es zu Deinem Beſten. Wenn Du da bleikſt, wird Daniel Dich zu⸗ weilen einſchließen, um ſo mehr, wenn er bemerkt, daß Du Dich davor fürchteſt, und denke Dir, wenn Du wieder eine Nacht ganz allein hier zubringen müßteſt und er käme, Dich zu beſuchen!“ ———— 7 I 1 Frank zitterte bei dieſem Gedanken, faßte einen kurzen Entſchluß und antwortete:„Ich gehe mit, aber Clara?“ „Ich wiederhole es, ſie kann noch nicht mit uns gehen, aber ſind wir einmal bei Herrn van Dam, dann werden wir ihm Alles ſagen, und vielleicht kommt er dann ſelbſt, Dein Schweſterchen zu holen. Du weißt noch nicht, wie gut er iſt, Frank!“ „Aber ich werde ſie doch mit unſerm Vorhaben bekannt machen müſſen..⸗ „Der Clara kein Wort davon. Ihre Betrübniß müßte bald den Verdacht des Meiſters erregen.“ „Aber ich muß ihr doch Lebewohl ſagen. O, ohne ſie kann ich nicht gehen; wenn ſie morgen früh hörte, daß wir weg wären, ohne ihr etwas geſagt zu haben, würde ſie gewiß..“. „Laß mich nur ganz machen, Frank; ich werde ſchon bewirken, daß ſie ganz vergnügt über unſere Flucht iſt, anſtatt traurig zu ſein.“ „Aber wenn der Meiſter dieſe Nacht uns wieder in die Kammer ſchließt, was dann thun?“ „O, dagegen weiß ich ein Mittel: ich werde ſehr freundlich ſein gegen Karel van Gent, und ihn fragen, ob er den Meiſter nicht erſuchen wolle, uns dieſe Nacht wieder einzuſchließen, weil wir da beſſer ſchlafen könn⸗ ten als auf unſern harten Betten. Verſteh mich wohl, wenn Karel merkt, daß die Strafe uns nicht ſchwer föllt, wird er Daniel wohl abratheu, dieſelbe zu wie⸗ derholen. O, ich kenn' ihn und weiß wohl, was er thun wird.“ Adolf hielt Wort und ſein Verſuch mit Karel van Gent hatte den gewünſchten Erfolg. Die Kinder wur⸗ den daber dieſe Nacht nicht in die blaue Kammer ein⸗ geſchloſſen. „, Bekümmere Dich um nichts, laß mich für Alles ſorgen,“ hatte der ſchwarze Dolf geantwortet, als Frank 147 ihn frug, auf welche Weiſe ſie die Flucht ausführen würden, und als es Abend wurde, winkte er der klei⸗ nen Clara und erſuchte ſie, neben ihm auf der mar⸗ mornen Gartenbank Platz zu nehmen, wo er und Frank geſeſſen hatten. „Ich will Dir eine Geſchichte erzählen, Claral“ begann der ſchwarze Dolf,„willſt Du ſie hören?“ les de Wirder von dem rothen Mann, der Dich Künſte ehrte?“ „Nein, es iſt die Geſchichte von einem Rieſen, die man mir auch erzählt hat.“ „Von einem Rieſen, ja, die will ich gerne hören. Beginne nur, Dolf!“ Er erzählte nun ihre gemeinſame Geſchichte unter veränderten Namen und endigte mit der Flucht und der Ausſicht auf künftiges Glück. „Das iſt wahrlich eine ſchöne Geſchichte,“ ſagte Clara, als er geſchloſſen batte. „Findeſt Du es ſo, Clara, und wenn ich einmal mit Frank auf die Flucht ginge, wie Albrecht und Guſtav?“ „O, dann müßte ich allein hier bleiben, und wer ſollte mich beſchützen, wenn ihr weg wäret?“ „Aber wir würden zurückkommen, um Dich zu holen. Ich ſage das nur ſo, Clara. Aber wenn es auch wirklich geſchähe, ſollteſt Du nicht weinen und denken: es iſt gut, daß ſie weg ſind, denn dann wer⸗ den ſie auch bald kommen und mich holen. Du glaubſt uns doch wohl, wenn wir Dich verſichern, daß wir, ebenſo mie Albrecht und Guſtav, zurückkommen würden?“ „Und ich ſoll Dich dann heirathen, Dolf?“ „Ja, Clara, wäre Dir das nicht recht.“ .„O ja, beſonders wenn Du ſo ſchön gekleidet wäreſt, wie Guſtav, mit Gold und einem Sterne auf der Bruſt.“ „Nun, wer weiß, was noch geſchehen kann!“ ſagte der ſchwarze Dolf, und küßte die kleine Clara recht 148 yerzlich. Eine Thräne blinkte in ſeinen Augen, der Gedanke, Clara zu verlaſſen, that ihm ſehr weh. „Ich habe die Geſchichte ſelbſt erdacht,“ ſagte der Erzäbler, als er ſich nachher mit Frark allein befand, „damit ſich Clara nicht allzuſehr betrübe über unſere Flucht.“ „Und wann ſollen wir dies Haus verlaſſen?“ „Dieſe Nacht noch!“ „So ſchnell ſchon?“ „Morgen Nacht können wir wieder in die blaue Kammer eingeſchloſſen werden; darum haben wie k ine Zeit zu verlieren. Du kannſt ruhig ſchlafen gehen, Frank, ich werde wach bleiben und Dich wecken, wenn es Zeit iſt; ſorge dafüur, daß Du Deine Sachen bei der Hand haſt, um Dich im Dunkeln ankleiden zu können.“ Frank ſeufzte, doch Adolf ſchilderte ihm die Zukunft ſo ſchön, daß er bald ganz auf ſeiner Seite war und ſich Tage des Glücks, der Wohlfahrt und Unabhängig keit vorſpiegelte. Als ſie ſich zur Ruhe begaben, ſagte der guther⸗ zige Bruder: „Adolf, wenn wir ſo glücklich werden, als Du ſagſt, dann, verſprich es mir, wollen wir Clara von hier holen?“ Adolf drückte ſtatt der Antwort die Hand ſeines jungen Freundes und die Knaben ſtreckten ſich auf ihrer Strohmatratze aus. Frank weinte beftig, als er allein auf ſeinem elenden Bette lag. Clara verlaſſen zu müſſen, ſchmerzte ihn ſehr; in den letzten Augenblicken kam Karel van Gent ihm weniger haſſenswerth vor, ja, das Leben, das er auf der Koſtſchule hatte, ſchien ihm minder unerträglich. Er wollte ſo gerne bei ſeiner Schweſter bleiben. Der Schlaf ſchloß ſeine Augenlieder, und wüſte und ver⸗ worrene Träume kamen ihm in die Phantaſte. Das eine Mal ſah er ſich an Bord des Beurtſchiffes, das auf dem Punkt war, abzufahren; er ſah, wie das — 1⁴⁰ Fahrzeug auseinander brach und Clara in den Wellen ertrank. Er wollte ſie retten und ſpannte alle ſeine Kräfte dazu an; doch gerade, als er ihr nahe kam und die Hand ausſtreckte, um nach ihr zu greifen, verſank ſie in den Wellen und kam in der Ferne wieder nach oben, ihre Händchen ausſtreckend.— Dann ſah er wieder die Kammer auf dem Wiſde ſteeg. Er ſah ſeine Mutter vor dem Feuer ſtehen und plötzlich niederfallen; Jim und Zadok mit dem ungariſchen Doktor traten herein, griffen ſeine Mutter bei den Haaren und ſchlepp⸗ ten ſie mit aller Macht fort, während Jim ein häßliches Lachen ausſtieß. Seine Mutter rief ihn zu Hülfe, er eilte ihr nach, doch plötzlich waren ſeine Füße an den Boden genagelt; es war ihm unmöglich, einen einzigen Schritt zu machen, nur das jämmerliche Nothgeſchrei ſeiner Mutter, das je länger, je leiſer wurde, klang ihm noch in den Ohren, als ſie ſchon ſehr weit ent⸗ fernt war. . Ein ſanftes Schütteln am Arm erweckte unſern kleinen Träumer. Der ſchwarze Dolf ſtand vor ſeinem Bett. Der Mond ſchien heller und erleuchtete das Schlafzimmer der Kinder, ſo daß Frank leicht ſehen konnte, daß Dolf ein kleines Päckchen in der einen und ſeine Schuhe in der andern Hand hielt. „Was haſt Du da, Dolf?“— „Still!“ ſagte der Waghals.„Ziehe Dich ſchnell an, doch nicht die Schuhe; trage ſie, ſo wie ich, in der Hand, bis wir draußen ſind; ſie möchten uns ſonſt hören, wenn wir die Treppe hinabgehen.“ Frank war ſchnell angekleidet.—„Gib Achtung, daß Du Nichts umwirfſt,“ ſprach Adolf in warnendem Tone. Beide Knaben ſchlichen nun ſo ſchnell als möglich fort. Die Schlafkammer der Mädchen war auf dem zweiten Stock. Da angekommen, blieb Frank ſtehen. „Was willſt Du thun?“— „Mein Schweſterchen zum Abſchied küſſen; ſie ſchlaft hier in dieſer Kammer, das dritte Bertchen von der 150 Thüre an; ich verſpreche, kein Geräuſch zu machen und zu ſorgen, daß ſie nicht aufwacht.“ „Biſt Du toll, Frank? Geh mit, das kannſt Du jetzt nicht thun.“ „Ach, mein Freund, ich will ſie noch einmal ſehen, noch einmal zum Abſchied küſſen, vielleicht iſt es zum letzten Male.“ „»Komm,“ rief Adolf erzürnt und ſeine Sache ver⸗ eitelt glaubend. Er ergriff die Hand ſeines Kameraden und wollte ihn ſo mit ſich fortziehen. „Nein, Dolkf, ich will und werde es thun. Laß mich los oder ich gehe nicht mit. O Clara! ich will Dich nur einmal noch ſehen!“ „Geh denn,“ war die Antwort Dolfs, während er die Hand ſeines Freundes losließ und ſeine Lippen vor Wuth feſt aufeinanderdrückte.„Geh denn,“ wiederholte er,„aber komm bald zurück.“ Frank trat in die Schlafkammer der Mädchen; in dem dritten Bette ſchlief ſeine Clara. Ihr Geſicht war nach der Oeffnung gekehrt und eine dunkle Röthe lag darüber, währerd ein unſchuldiges Lächeln um ihren halb geöffneten Mund ſpielte. Frank beugte ſich über das ſchlafende Mädchen, ſtarrte ſie einige Augenblicke an und drückte dann einen Kuß auf ihre Lippen; er hatte Mühe, das Weinen zu unterdrücken. „Jetzt fort, ſchnell fort,“ ſagte er, obgleich im 5 ſeine heftige Gemüthsbewegung das Sprechen beinahe unmöglich machte.„Komm, Dolf, nun aber fort.“ . Sie kamen an die Hinterthüre, die den Zugang in den Garten verſperrte. Behutſam ſchob Dolf die Riegel von der Thüre und öffnete dieſelbe ſo leiſe als möglich, um das Krachen zu verhüten. „Hal jetzt ſind wir aus dem Hauſe,“ rief Dolf triumphirend,„und ich denke, nicht ſobald wieder hin⸗ einzukommen.“ Da der Zaun geſchloſſen war, ſo ſtiegen die bei⸗ 151 den Kuben darüber, was Frank ohne Hülfe Adolfs gewiß nicht gelungen wäre. „Wir find frei, Frank, frei,“ ſagte der kühne Adolf mit dem Stolze eines Helden, der ſich vom Joche befreit hat.„Nun müſſen wir Alles thun, daß ſie uns nicht einfangen; gib mir Deine Hand, wenn wir ein⸗ ander feſthalten, laufen wir bequemer; ich weiß zwar nicht, welchen Weg wir einſchlagen müſſen, um nach Amſterdam zu kommen, aber laß uns zuerſt ein gut Stiück von hinnen ſein, dann werden wir ſpäter den reechten Weg wohl finden.“ 3 Sie liefen ſo ſchnell und ſo lang, als es ihre Kräfte zuließen. Als der Tag anbrach, hinderte ſie die Ermüdung, weiter zu gehen; ſie ſetzten ſich ins Gras nieder, um einige Augenblicke auszuruhen. „Ich habe geſorgt, daß wir nicht länger die ſchmu⸗ tzigen Wämmſer tragen müſſen,“ ſagte Adolf, während er das Päckchen, das er in der Hand trug, öffnete. „Sieh einmal, zwei Wämmſer von feinem grünem Tuch und für jeden eine Hoſe!“ „Sind das nicht die Kleider von Karel van Gent?“ „Errathen, Freund! Ehe ich Dich zu wecken kam, ſchlich ich ſtille nach dem Kämmerchen, wo Karel ſch'äft. Ich nahm dieſe Kleider aus ſeinem Koffer, außerdem dieſe Halstücher; ſieh, da iſt das feine ſeidene Tuch, das er gewöhnlich Sonntags trug; das iſt für Dich, ich werde das andere behalten, das iſt für mich gut.“ „Aber, Dolf, dieſe Kleider gehören nicht uns... Du haſt ſie geſtohlen!“ „Geſtohlen! bah... was thut das? Der Vater Karels hat Geld genug, um ihm andere Kleider machen zu laſſen und Tücher zu kaufen; der Junge hat es an uns verdient; wenn er ein armer Knabe wäre, oder wenn er ſich immer freundlich gegen uns betragen hätte, und uns nie etwas zu Leide gethan, ja, dann würde ich ſagen, es iſt Sünde; aber jetzt iſt es kein Diebſtahl. In jedem Fall kann ihm Daniel die Kleider geben, die 15² wir trugen, als wir zu ihm kamen und die in der grozen Kiſte bewahrt werden. Komm jetzt, Frank, zieh' ſein Kleid aus und die Hoſen und das Wämmschen an. Ich werde daſſelbe thun. Zum Glück iſt Karel lang, ſonſt würden uns ſeine Kleider nicht paſſen.“ „Und was ſollen wir mit den Wämmſern thun?“ „Aufbewahren und ſie anziehen, wenn es ſchlechtes Wetter iſt und regnet.“ Nicht ohne Widerſpruch fügte ſich Frank dem Vor⸗ ſchlage ſeines Freundes, der nicht aufhörte, ihm zuzu-⸗ reden.„Niemand,“ ſagte er,„wird urs erkennen; es iſt doch beſonders angenehm, ſchön gekleidet zu ſein.“ Senbeſcante ſich mit Wohlgefallen von Kopf bis zu uße: Es war ein ſchöner Junimorgen, die Sonne ſtieg lamgſam am Horizonte herauf, und mit Muße konnte man Leben und Bewegung unter den Schöpfungen des ewigen Meiſters wiederkehren ſehen; da einen Land⸗ mann, der ſich an die Arbeit begab, dort einen Karren, der vorbeifuhr, und je mehr es Tag wurde, deſto mehr Menſchen und Fuhrwerke ſahen die beiden Flüchtlinge an ſich vorüberziehen.. „Du wirſt wohl Hunger haben, Frank, zum min⸗ deſten hat das Laufen meine Eßluſt nicht wenig rege gemacht. Wenn wir in einer benachbarten Herberge mal ein Glas Milch tränken und ein Weißbrod äßen, mit Butter und Fleiſch? He, was denkſt Du davon?“ „Ja, das iſt ſchon gut... aber das koſtet Geld und wir haben Nichts!“ Adolf lachte herzlich.„Komm',“ ſagte er,„laßt uns'mal in die Herberge gehen, und Du ſollſt dann ſaun. wie viel beſſer wir ſpeiſen, als in der Koſt⸗ ule.“ Verwundert folgte Frank ſeinem Reiſekameraden in die Herberge; und wie wuchs ſein Erſtaunen, als er dieſen dem Wicth befehlen hörte, Milch und Brod mit Butter und Fleiſch zu bringen. 153 „Wer ſoll das Alles bezahlen?“ „Wer anders, als ich.“ „Haſt Du denn Geld, Dolf?“ Zur Antwort holte dieſer eine volle Börſe aus ſeinem Sack, warf dieſelbe in die Höhe und fing ſie wieder behende auf⸗ „Aber die Börſe iſt nicht von Dir.“ 1. „Das weiß ich wohl, Frank, wie ſollte ich zu ſolch' einer Börſe und ſo viel Geld kommen! Die Börſe und das Geld iſt das Eigentbum deſſen, dem unſere Kleider gehören. Karel van Gent hat uns ſo oft ge⸗ neckt, wenn er Leckerbiſſen hatte, und wir mit elender Koſt uns behelfen mußten, daß wir uns nun einmal von ſeinem Geld gemüthlich thun wollen. A's ich die Kleider aus dem Koffer genommen hatte, ſah ich bei dem ſchwachen Scheine des Nachtlichtes,— denn Du weißt, Karel fürchtete ſich im Dunkeln zu ſchlafen,— ſah ich ſeine Hoſen über dem Stuhl hängen, der an dem Bettchen ſtand. Ich fühlte in ſeine Säcke und nahm die Börſe. Laß uns doch'mal ſehen, wie viel es iſt, ich habe meinen Schatz noch nicht gezählt.“ Adolf leerte die Börſe, und einige Thaler ein Gul⸗ den nebſt einigen Goldſtücken rollten über die Tafel. „Pfui, Adolf! das iſt ja geſtohlen Geld!“ rief Frank. „Wenn ich gewußt, daß Du das thun würdeſt, wäre ich nicht mit Dir gegangen.“ „Komm', komm', ohne Geld hätten wir doch die Reiſe nicht unternehmen können. Eß' nur ruhig, ich werde aufſchreiben, wie viel in der Börſe und wenn wir einmal reich werden, können wir es ihm heimge⸗ ben, biſt Du nun zufrieden? Wir ſtehlen nicht, wir leihen das Geld nur von Karel.“— „In dieſem Sinne will ich von dem Geld Gebrauch mabhen, wir müſſen deßhalb gut behalten, wie viel es iſt... „Wahrlich, ich dachte nicht ſo viel zu haben; wir Amſterdams Geheimniſſe. I. 11 154 find jetzt reich, Frank!“ ſagte Dolf und ſteckte das Geld ſorgfältig in die Börſe. „Wir dürfen hier nicht bleiben, wir ſind noch nicht weit genug von der Schule. Laß uns daher ſchnell fortgehen; wenn wir nur einen Wagen fänden, wir nähmen ein Plätzchen darauf und das wird uns nicht verweigert werden, da wir es ja bezahlen!“ Frank war damit zufrieden und bereit fortzugehen. Vorher aber ſagte Adolf: „Ich habe Dir in meiner Geſchichte erzählt, daß, als de Gaauvert und de Slimmert gute Geſchäfte ge⸗ macht und viel gefunden hatten, Vater Bram gewöhnt war, bei ihrer Zuhauſekunft den Dickbauch hervorzu⸗ holen und uns Branntwein aus demſelben einzuſchen⸗ ken. Das hat mir immer gut gemundet, und da ich, ſo lange ich auf der Koſtſchule war, keinen einzigen Tropfen Branntwein verſucht habe, werden wir, ehe wir fortgehen, ein Gläschen zuſammen trinken. Du hälſt doch auch was davon, Frank?“ „Ich habe aber nur einmal in meinem Leben die⸗ ſen Trank geprüft, das weißt Du, als Daniel mich in Elburg abzuholen kam, und kann mir wenig mehr erinnern, wie Branntwein ſchmeckt.“ „Nun dann mußt Du ihn verſuchen,“ ſprach Adolf und auf ſeinen Befehl brachte der Wirth ein Glas mit dieſem geiſtigen Getränke, das die Flüchtlinge mit Luſt leerten, dann ihre Zeche bezahlten und die Reiſe fort⸗ ſetzten. XVII. Eine unangenehme Begegnung. Wir haben uns keineswegs die Aufgabe geſtellt, eine ausführliche Reiſebeſchreibung der Knaben zu ge⸗ 155 8 ben. Unſern Leſern möchte das wohl wenig Vergnügen bereiten, auch würde es zu weit vom Ziele abführen. Darum ſei es uns vergönnt, in wenigen Worten das⸗ jenige zu erzählen, was dem Leſer zu wiſſen noth⸗ wendig, um den Faden der Geſchichte nicht zu ver⸗ lieren. Frank und Adolf hatten einen andern Weg einge⸗ ſchlagen, als den, der nach Amſterdam führt, und wa⸗ ren ſchon ſehr weit von dem Ort ihrer Beſtimmung entfernt, als ſie vernahmen, daß ſie ſich auf dem ver⸗ kehrten Weg befanden.— Nachdem man ſie gut unterrichtet hatte, welchen Weg ſie einſchlagen müßten, um Amſterdam zu errei⸗ chen, rieth Frank ſeinem Reiſekameraden, das Geld, das ihnen noch übrig ſei, dazu anzuwenden, um ſchnell mit künan Fahrzeug oder mit der Poſt nach der Stadt zu reiſen. 4 Adolf widerſetzte ſich mit aller Kraft; er nannte es eine Thorheit, das Geld ſo zu verwenden, und hielt Frank vor, daß eine Fußreiſe wohlfeiler ſei und zu⸗ gleich weniger Gefahr brächte, entdeckt zu werden. Warum eigentlich Adolf den Rath Franks nicht befolgte, wäre ſchwer zu begreifen, wenn man nicht bedächte, daß er jetzt im Beſitze von vielem Gelde war, wofür er ſich nach Herzensluſt an leckerem Eſſen und Branntwein erlaben konnte— und darum hatte er keine Eile, nach Amſterdam zu kommen. Der kleine Taugenichts hatte ſich vorgenommen, den Herrn van Dam nicht früher aufzuſuchen, als bis von all' dem Geld, das er Karel geſtohlen, der letzte Pfenning ver⸗ zehrt wäre. Doch das luſtige Leben, das Adolf führte, und das ſein Reiſegefährte, ohne zu wollen, mit ihm theilte, hatte den Schatz, wie groß er auch anfänglich den Kindern geſchienen hatte, bald aufgezehrt, ſo daß ſie ſich wohl genöthigt ſahen, ihrem Ziele zu Fuße entge⸗ gen zu gehen, was Dolf, da ihm nun das Geld ge⸗ 156 brach, um in jeder Herberge auf dem Weg ſich aufzu⸗ halten, gar wenig behagte. Kaum noch ein paar Gulden hatten ſie übrig, als Adolf zu ſeinem Reiſegenoſſen ſagte: 1 „„Frank! unſer Geld iſt beinahe all, und ſo zu reiſen, wie win's jetzt thun, fängt mich zu langweilen an, wir können nicht mehr eſſen, was wir gerne möch⸗ ten, und bald werden wir kein Geld mehr haben, um Branntwein zu kaufen. Wir müſſen daher Rath ſchaf⸗ fen, und ein Mittel zu erdenken ſuchen, um wieder zu Geld zu kommen.“ „Du willſt doch nicht wieder ſtehlen, Dolf?⸗ „Biſt Du toll! Wen ſoll ich denn jetzt beſtehlen, es iſt ja Niemand hier, der mir Leides gethan hat? Aber ich habe einen andern Plan: ich will Geld ver⸗ dienen und nicht ſtehlen. Das wenige Geld, das wir übrig haben, will ich dazu verwenden, um eine weite weiße Hoſe, ein ſcharlachen Wämmschen und ei⸗ nen Turban zu kaufen; mit einem Wort, einen Anzug, wie ich einen trug, als ich noch mit Zadok arbeitete.“ „Du willſt alſo wieder Künſte machen?“ „Ja, Frank! das wird uns gewiß ſo viel ein⸗ bringen, als wir für die Reiſe nöthig haben, und wenn wir nach Amſterdam kommen, verkaufe ich meine Arbeitskleider und ziehe Karels Wamms wieder an. Ich hoffe aber, daß wir noch ſo viel übrig behalten, um eine Trompete oder Trommel zu kaufen, denn ohne das bringt man kein Volk zuſammen.“ „Aber was ſoll dann ich thun? ich will doch nicht, daß Du für mich arbeiten ſollſt.“ „O DOun kannſt die Trompete blaſen oder die Trom⸗ mel ſchlagen, die Stühle halten, wenn ich auf den⸗ ſelben ſtehe, und mit dem Tellerchen herumgehen, wäh⸗ rend ich Kunſtſtücke mache. Ich will Dich ſchon lehren, was Du ſagen mußt, um das Volk anzulocken.“ Es war nur wenig Berathſchlagung nöthig, um Frank zur Sache zu bewegen; bald waren auch die 157 Kleider für den ſchwarzen Dolf bereit und dabei behielt er noch ſo viel Geld übrig, um eine alte Trommel und ein Stück Teppich anzuſchaffen, was er Alles für durchaus nothwendig zu ſeinen Kunſtſtücken erachtete. Frank ſchlug die Trommel, während Adolf arbei⸗ tete; und da ſie großentheils ihre Künſte auf Dörfern verrichteten, wo man die Sachen ſelten ſieht, ſo über⸗ traf ihr Verdienſt oft ihre Erwartung. Doch dies diente keineswegs dazu, Adolf zu ſeiner Reiſe anzufeuern. Hatte er den Tag über viel em⸗ pfangen, ſo wurde Abends viel verzehrt, und unſere Beiden brachten den größten Theil der Zeit in Her⸗ bergen zu, aßen ſo lecker, als es der Beutel zuließ, und dazu wurde der Branntwein, der Frank immer mehr behagte, nicht vergeſſen. So waren ſchon einige Wochen verfloſſen, als unſere beiden Knaben Amersſoort erreichten. Es war gerade Kirchweihe und deßhalb hoffte Adolf hier be⸗ ſonders gute Geſchäfte zu machen. Es wurde darum beſchloſſen, in der Stadt einige Tage zu verweilen, ehe ſie ihre Reiſe über Naarden fortſetzten. „Viel Geld verdienen iſt doch angenehm,“ ſagte Adolf zu ſeinem Kameraden am dritten Abende ihres Aufenthalts in Amersfoort, während er das Geld, das er an dieſem Tag empfangen, klingen ließ. „Ja;“ ſagte Frank,„doch wünſchte ich lieber in Amſterdam zu ſein, bei dem guten Herrn, von dem Du mir ſo oft erzählt.“ „Sei nur zuſrieden, Frank! morgen gehen wir wieder auf die Reiſe. Dies iſt die letzte Nacht, die wir hier ſind; wir haben jetzt Geld im Ueberfluß, darum wollen winr's uns wohl ſein laſſen, denn wenn wir einmal bei van Dam find, dann, begreifſt Du, müſſen wir eine ganz andere Lebensart führen. Gib' mir das Päckchen, worin unſer Beſtes iſt; wir wollen uns ſo ſchön als möglich kleiden und dann in ein Haus gehen, wo getanzt wird. Ich habe von einem Jungen, 0 Roskam war einer jener Plätze, wo das gemeine Volk 158 der mit abgerichteten Hunden auf der Kirchweihe iſt, dieſen Morgen gehört, daß hier ein Haus iſt, wo man tanzt und wo der Branntwein kupfergelb und beſſer ſei, als irgendwo ſonſt; der Junge wird uns auf dem Platz um zehn Uhr erwarten, dann gehen reir hin und morgen auf die Reiſe.“ 3 Die beſprochene Stunde hatte kaum geſchlagen, als die vormaligen Zöglinge Daniel Vos' auf dem Platz warteten, und den neuen Freund antrafen. Das Kleeblatt machte ſich auf den Weg und trat endlich in eine jener elenden Schenken auf den Stadt⸗ wilen⸗ wo die Hefe des Volks ihre Zuſammenkünfte ält Die Herberge hieß De gouden Roskam und die Trinkſtube, ein niedriges, langes, ſchmutziges Zimmer, war dieſen Abend gefüllt mit Leuten, die mit Bildern, dreſſirten Hunden und Affen oder Mißgeburten die Kirchweihen beſuchten, Straßengauklern, Künſtemachern, Reiflern, Orgeldrehern und Harfeniſtinnen. An dem Ende des Zimmers ſaß ein halb betrun⸗ kener blinder Mann, der allerlei Stückchen auf einer Violine ſpielte, nach deren Takt der Pöbel tanzte. Die drei neuen Gäſte der Herberge nahmen an einem Tiſchchen Platz und ließen ſich Branntwein brin⸗ gen. Dolf bezahlte für den Knaben, der ſie in De gouden Roskam gebracht und prahlte bei dieſer Gele⸗ genheit mit ſeinem Geld, was ein Mädchen, das nächſt dem blinden Spielmann ſaß, bemerkte. Adolf war damals noch keine fünfzehn Jahre alt, aber groß und von ſtarkem Körperbau, ſo daß er für älter gelten konnte, als er war. Das Mädchen verließ ihren Platz bei dem blinden Spielmann und ſetzte ſich neben Dolf, den der Brannt⸗ wein bald nach ſeiner Ankunft benebelt hatte. Das Mädchen war eine der Prieſterinnen dieſes gemeinen, der Wolluſt gewidmeten Tempels; denn De gouden ein mochte, ſo widerlich und zurückſtoßend war jetzt 159 ſeine elenden Lüſte für weniges Geld befriedigen konnte, † ein Ort, wo die ſchändlichſte Unzucht ohne Zurückhal⸗ tung oder Scham ſich ihren Begierden überläßt. Das tiefgeſunkene Weſen, das jetzt neben Adolf Platz nahm, hatte kaum das zwanzigſte Jahr erreicht, ihre regel⸗ mäßigen Züge trugen allen Anſchein früherer Schön⸗ heit, denn, obgleich noch ſo jung, war ſie ſchon ver⸗ welkt; die Blume war gepflückt, ehe ſie noch geblüht hatte. Eine gelbliche Bläſſe, welche ſelbſt durch die Schminke hindurchſah, die ihre Wangen bedeckte, gab ihr ein krankhaftes Ausſehen, während einige dunkel⸗ blaue Flecken auf der Stirne zeigten, welch' tödtliches Gift ſich mit ihrem Blute vermiſcht hatte, an welch verpeſtender Krankheit ſie litt! So ſchön das Mädchen vielleicht früher geweſen ihr Ausſehen, und doch nannte man ſie die ſchöne Jane, und doch fanden ſich noch Leute, die ſich in ihre Arme warfen, bei ihr einen Genuß ſuchten, den ſie nicht mehr verſchaffen konnte, und ſich dadurch einen früh⸗ zeitigen Tod oder ein elendes, mit allen Gebrechen be⸗ ladenes Alter bereiteten. Es iſt keine Krankheit ſo fürchterlich, ſo abſcheulich, als die, in welche ſich ſo viele unbedachtſam hinein fürfön⸗ deren Namen wir, die Sitte gebietet es uns, ver chweigen wollen. Zahllos find die Opfer, welche dieſe Peſt jährlich zu Grabe ſchleppt; ihre Anzahl wird von Jahr zu Jahr größer, das Gift breitet ſich mehr und mehr aus und iſt der Grund mancherlei Uebel und Krankheiten. 1 Dieſe Krankheit iſt die Urſache der Erſchlaffung des Menſchengeſchlechts; ſie pflanzt ſich mit einer er⸗ ſchrecklichen Schnelligkeit fort und viele bringen ſchon bei der Geburt den Samen dieſes Giftes mit auf die Welt; das Uebel vererbt ſich von den Eltern auf die Kinder bis ins dritte und vierte Geſchlecht. Man ſuche darin die Quelle der Abnahme menſchlicher Kräfte, des Heeres von Uebeln und Krankheiten, die unſere Väter nicht einmal dem Namen nach kannten, des vielen Un⸗ wohlſeins, das unſere Zeit ſo ſehr bezeichnet; man ſuche die Quelle nicht im verbreiteten Genuß ſtarker Getränke, wie ſehr dieſer auch zu verachten, ſondern einzig und allein in der anſteckenden Beſchaffenheit dieſes fürchter⸗ lichen Uebels. Einige Mittel, um die Fortpflanzung zu verhin⸗ dern, wollen wir angeben. Kein Arzt ſollte Jemand, der an dieſer Krankheit leidet, in ſeine Behandlung nehmen, außer der Name des Leidenden oder der Lei⸗ denden würde ihm genannt. Er ſollte verpflichtet ſein, den Namen des Leidenden anzugeben, welche Namen in ein Regiſter eingezeichnet würden, von Leuten, die durch Eide zur Geheimhaltung verpflichtet wären, zu dem Ende, ſolchen das Eingehen einer ehelichen Ver⸗ bindung zu verbteten. Auch dieß hat keine Hinderniſſe. Niemand ſollte zur Heirath zugelaſſen werden, wenn er nicht ein Atteſt vorzeigen könnte, worin zu erkennen gegeben, daß die eerſonen, welche ſich in die Ehe begeben wollten, nicht in genanntem Regiſter ſtünden. Dieß kann als Mittel gegen die Fortpflanzung des Uebels dienen; das Folgende wollen wir als Präſervativmittel an⸗ rathen. Jeder öffentlichen Dirne, die angeſteckt zu ſein ſchent, ſollte für immer ihr elendes Handwerk unter⸗ ſagt werden. Jede Dirne, welcher einmal ihr ehrloſes Dandwerk verboten und die dennoch ihre alte Lebensart fortſetzt, ſollte zu ſchwerer Gefängnißſtrafe und im Veiiederholungsfalle Leibesſtrafe verurtheilt werden; wäh⸗ rend die Eigenthümer oder Eigenthümerinnen von öf⸗ fentlichen Häuſern, bei welchen Dirnen gefunden wer⸗ den, denen das Geſchäft verboten war, zur Strafe eine anſehnliche Summe bezabhlen müſſen ſollten, und bei Wiederholung wäre ihnen zu verbieten, je wieder ihre Häuſer zu öffnen, mit Conſiscation der Güter zum 161 Behufe einer Stiftung für bedürftige, an dieſer Krank⸗ heit Leidende. Um Allem zuvorzukommen, ſollten die Namen derjenigen, welchen dieſer Beruf unterſagt war, in ein Regiſter eingeſchrieben werden, und keine Dirne ſollte in ein öffentliches Haus Aufnahme finden, als nach Vorzeigung eines ſchriftlichen Ausweiſes, daß ſie nicht in dem Regiſter verzeichnet ſtünde.*) Dies ſind die Mittel, die, obgleich nicht ganz das Uebel, gegen das wir zu Felde gezogen, aufheben kön⸗ nen, doch, wenn ſie ins Werk geſetzt würden, ihnen großen Theils zuvorkommen möchten. . 4 8 Kehren wir zum ſchwarzen Dolf zurück und ſehen wir, was weiter in De gouden Roskam vorfiel. Die ſchöne Jane ſetzte ſich ohne viele Umſtände auf die Kniee des ſchwarzen Dolf, der ſich nicht wenig geehrt fühlte, denn es ſchmeichelt einem Burſchen von fünfzehn Jahren, wie ein Mann behandelt zu werden. Sie ſchien dem durch den Branntwein benebelten Jun⸗ *) Die Art und Weiſe, wie gegenwärtig der Staat ſeine Aufſicht über öffentliche Dirnen und ihren Geſundheits⸗ zuſtand führt, iſt beinahe zur bloßen Formalität gewor⸗ den; bloße Formalität, ſagen wir, und zum Beweiſe dafür mögen die vielen Kranken dienen, die im Butten⸗ Gaſthuis(Krankenhaus) verpflegt werden, und meiſt in öffentlichen Häuſern angeſteckt worden ſind. Eine durch die Anſteckung beſchmutzte Dirne hat volle Frei⸗ heit, nach ihrer Geneſung ihr ehrloſes, niedriges und ſchändliches Handwerk wieder fortzuſetzen, als ob man veun feiher ſolchen Krankheit je wieder ganz geneſen unte. Keiner meiner Leſer möge mir es übel deuten, daß ich hier einen Punkt berührte, deſſen Behandlung vielleicht vieten eine Verletzung des Anſtandes zu ſein ſcheint. Meinen Zweck, zu nützen, möge man da⸗ bei in’'s Auge faſſen, und der geneigte Leſer nehme da⸗ zu die Werke von Vater Cats zur Hand und folge un⸗ ſerm großen Volksdichter. 162 gen eine vollendete Schönheit, beſonders bei dem ſchwa⸗ chen Schimmerlichte, das in dem Zimmer herrſchte; denn der Wirth meinte, daß ſechs auf einen an der Decke hängenden Reif geſteckte Lichter Helle genug in ſeinem der Wolluſt gewidmeten Tempel verbreite. „Komm laß uns Eins zuſammen trinken, Junge!“ ſagte die ſchöne Jane, ihren Arm um ſeinen Hals ſchlin⸗ gend: und manches Glas wurde von Adolf für das Mädchen beſtellt und bezahlt. Adolfs Geſicht begann zu glühen; ſeine Augen glänzten vor Trunkenheit und Wolluſt, die Kunſtgriffe der Jane hatten Begierden in ihm angeregt, die ihm bisher fremd geweſen. Frank, der ſeinen Antheil an dem Branntwein ge⸗ habt hatte, war eingeſchlummert, und der Junge, der ſi itS gouden Roskam geführt, ſeinem Beiſpiele gefolgt. In dem hinterſten Theil des Zimmers hing eine Gardine, hinter welcher man hie und da ein ausbün⸗ diges und muthwilliges Lachen und Jauchzen hörte und das einen Schauplatz der ſchändlichſten Wolluſt und Un⸗ zucht verdeckte, den unſere Feder nicht ſchildern mag. — Jane, alle ihre Liſt aufwendend, um die unkeuſche Flamme, die in dem Innern des durch ſie Verführten wühlte, noch mehr anzublaſen, nöthigte den Knaben, mit ihr hinter die Gardine zu gehen. Adolf zögerte nicht... was würde ihn auch zurück gehalten haben? Die Stimme der Gottesfurcht? Was wußte er von Gott oder Gottesfurcht? Wer ſollte ihn das gelehrt haben?... Die Furcht vor Anſteckung? Er wußte nicht, daß die Löſchung des Feuers ſo fürch⸗ terliche Folgen haben konnte. Adolf ſtand auf und folgte der ſchönen Jane; aber im ſelben Augenblicke, als er bereit ſtand, mit ihr hin⸗ ter die Gardine zu gehen, blieb er plötzlich ſtehen, ſtieß ſie von ſich und eilte auf den ſchlafenden Frank —— ——— 163 zu, den er heftig an dem Aume ſchüttelte, um ihn er⸗ wachen zu machen. „Was, Dolf l“ „Schnell, wir wollen fort, da ſind ſie!“ „Der Schulmeiſter und ſeine Frau?“ .„Nein, nein.. da... Zadok, der rothe Jude und een.“ In der That, Adolf betrog ſich nicht. In einer der Ecken des Zimmers ſaßen Zadok und Leen; der Jude trug die Kleidung, worin er zu ar⸗ beiten gewöhnt war und Leen hatte die große Trom⸗ mel bei ſich ſtehen, während Nar und Brecht ſammt der kleinen Flora auf einer Bank ſchliefen. „Komm, Frank, laß uns ſchnell fort, ohne daß ſie uns bemerken, ſonſt ſind wir verloren.“ „Gib mir Deinen Arm und halte mich gut feſt,“ ſagte Frank, der durch den Schrecken etwas ernüchtert war.„So... Doch der Anche hatte zu viel auf ſeine Kräfte ver⸗ traut, denn kaum hatten ſie ſich in Bewegung geſetzt, als Alles ihnen vor den Augen zu verſchwimmen be⸗ gann; es war, als wenn das Zimmer mit ihnen ſich im Kreiſe drehte. Beide ſchwankten hin und her, und das machte die Huuchaner. an ſolche Schauſpiele gewöhnt, laut auf⸗ achen. Zadok, hiedurch aufmerkſam gemacht, begab ſich in den Kreis, den das Volk um die beiden Knaben ge⸗ bildet, und faum hatte er den ſchwarzen Dolf erkannt, als er auf ihn zueilte. Doch im ſelben Augenblick hatte Adolf, ſich von Frank losmachend, die Thüre erreicht. „Haltet ihn,“ ſchrie Zadok,„er hat mich beſtohlen, er iſt ein Dieb!“ Ein paar Kerle, befürchtend, daß wenn Adolf ent⸗ fliehe, das Schauſpiel, das eben erſt begonnen; ſo 164 ſchnell geendigt wäre, ſtellten ſich vor die Thüre und hinderten Adolf am Entkommen. „Laßt mich durch! ich muß weg.“ Die Kerle ſtießen ihn lachend zurück. Adolf eilte wieder zu Frank. „Das Meſſer, ſchnell das Meſſer, das ich Dir ge⸗ geben! Du mußt mir helfen, Frank!“ Frank gab ihm das Werkzeug und ergriff eine leere Flaſche, um ſeinem Freunde beizuſtehen. Das Volk, neugierig, die Entwicklung des Schauſpiels zu ſehen, bildete einen großen Kreis, in deſſen Mitte Adolf, Frank und Zadok ſtanden. , 9 AA 44 7₰ V 1 VXVI. ſ Der Baron von Hunter. „Punkt vier Uhr mußt Du wieder da ſein mit dem 7 Coupée und den zwei Braunen.“ Dieſe Worte ſprach ein Herr, der aus einem Tilbury ſtieg, vor welchem ein herrlicher Schimmel geſpannt war, indem er die Zügel dem neben ihm ſitzenden Kutſcher übergab. Kaum hatte er den Befehl gegeben, als er ſchon wieder denſelben änderte. „Warte hier, vielleicht komme ich bald zurück; doch fahre die Straße auf und nieder, Jenny iſt im Schweiß und das Stilleſtehen könnte dem armen Thiere ſchaden.“ Darauf trat er in das Gaſthaus De doelen, vor welchem Höotel das Tilbury gehalten hatte. 2 „Iſt der Baron Hunter zu ſprechen?“ ſagte er zu dem Bedienten, der ihn im Gange empfing. „Der Herr Baron find auf ihrem Zimmer!“ gab der Bediente zur Antwort, während er die Thüre des Vorzimmers öffnete und den Fremden einzutreten bat. 165 Ohne den artigen Bedienten anzuſehen, gab er ihm eine Karte, worauf der Name: R. Woeſtbergen zu leſen war. Der Bediente verließ das Zimmer und kam bald mit dem Auftrage zurück, den Herrn Woeſtbergen vor⸗ zulaſſen. Nachdem ſie einige Treppen hinaufgeſtiegen, klopfte ſein Begleiter an eine Thüre, die ein Livreebedienter öffnete. 3 Ein Herr in einem koſtbaren Schlafrocke, der ſo eben, obgleich es bereits Mittag war, vom Frühſtück aufgeſtanden, kam ihm mit Herzlichkeit entgegen. „Robert!“ „Guſtav!“ Die beiden Männer drückten ſich die Hand auf eine Weiſe, die deutlich zeigte, daß ſie Freunde, oder we⸗ nigſtens gute Bekannte waren. „Ich kann es Dir nicht verzeihen, Guſtav,“ ſagte Woeſtbergen auf dem Seſſel Platz nehmend, der ihm angeboten wurde,„ich kann es Dir nie verzeihen, daß Du mich nicht von Deiner Ankunft in Kenntniß geſetzt, und vielleicht würde ich es nie erfahren haben, wenn ich nicht zufällig dieſen Morgen eine Zeitung in die Hand genommen und daraus erfahren hätte, daß der Baron von Hunter in De doelen angekommen ſei.“ „Aber Robert, ich bin erſt ſeit geſtern hier, und war zu ermüdet von der Reiſe, um an etwas Anderes, als Ruhe zu denken, und noch bin ich nicht ganz von aller Ermüdung hergeſtellt. Du nimmſt mir es darum nicht übel, daß ich Dich ſo empfange,“ fügte er hinzu, einen Blick auf ſeine feine robe de chambre werfend. „Biſt Du närriſch, Guſtav, entre amis on ne fait pas des cérémonies! Aber wo biſt Du doch, zum Henker, hingekommen, und wo biſt Du denn die ganze Zeit geweſen. Ich glaube, es iſt neun oder zehn Jahre, ſeit Du fort biſt und in der ganzen Zeit habe ich nichts von Dir gehört.“ * „Ich war auf der Reiſe, bald hier, bald da. Von meiner Jugend an fühlte ich eine beſondere Luſt zum Reiſen, kein Wunder daher, daß ich die Gelegenheit dazu mit beiden Händen ergriff, um meiner Luſt Ge⸗ nüge zu thun. Ich bin geſtern von London angekom⸗ men und ſogleich von Rotterdam hierher; wir haben einander viel zu erzählen, zwei Freunde, die ſich ſo lange nicht geſehen haben; wir wollen eine Zigarre rauchen und ein Glas Morgenwein trinken; dann wer⸗ den wir uns der guten alten Zeit erinnern, wo wir ſo manche Stunde zuſammen waren.“ „Gerne, Guſtav, doch könnteſt Du Deinen Bedien⸗ ten meinem Kutſcher ſagen laſſen, er ſolle nach Hauſe fahren, und nicht vor vier Uhr mit dem Coupée zurück⸗ kommen!“. ön höre ich, Dein Kutſcher, Du haſt Equi⸗ page?“ „Seit einem Jahre. Ich habe ein paar Nappen im Stalle ſtehen, ſo gut als ſie in ganz Amſter⸗ dam laufen, und ein Reitpferd, das mich ſiebenhun⸗ 1 dert Gulden gekoſtet hat, und was ſagſt Du von mei⸗ nem Schimmel, der vor dem Tilbury ſteht?“ „Ein ſchönes Pferd,“ ſprach der Herr van Woeſt⸗ bergen, nachdem er ſich mit ſeinem Freunde an die gro⸗ ßen Fenſter geſtellt hatte.„Es koſtet mich zweihundert Reeiichsthaler, und das Fahrzeug bei dreihundert Gul⸗ den. Und wie gefällt Dir das Tilbury? Es hat allein neunzig Gulden vom Lackierer gekoſtet, ja, wenn ich Ei⸗ habe, muß es gut ſein oder ich habe es lieber nicht.“ Der Baron von Hunter hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken; er kehrte ſich um und zog an der Glocke, worauf der Bediente hereintrat, den er zu dem Kut⸗ ſcher mit dem Auftrage des Herrn Woeſtbergen ſchickte. „Iſt dies Dein Bedienter, Guſt?“ frug Robert, — nachdem dieſer das Zimmer verlaſſen. „Ja. 167 „Welch' einfache Livree! blau mit gelb! Nein ich habe eine andere, grau mit Silber, das ſteht beſſer. Glaubſt Du wohl, daß mein Kutſcher Kleider trägt, die Elle zu eilf Gulden?"¹³⁰?. „Ich weiß nicht, wie viel die Kleider koſten, die ich ſelber trage, viel weniger den Preis von meines Bedienten Anzug. Ich bin nicht gewöhnt, mich mit ſolchen Sachen abzugeben. Aber liebſt Du immer noch Madeira, oder ſollen wir einen andern Wein trinken?“ „Nein, Madeira iſt noch immer mein liebſter Mor⸗ genwein; mein Weinhändler hat mir kürzlich einen An⸗ ker beſorgt, wovon ich Dich bei Gelegenheit Eins prü⸗ fen laſſen will; er iſt ächt und ganz vorzüglich, er darf es auch wohl ſein, ich bezahle hundert dreißig Gulden für den Anker!“ Der Wein und die Zigarren erſchienen und bald hüllten ſich der Baron von Hunter und ſein Freund in wohlriechende Tabakswolken ein. „Und der alte Baron lebt immer noch?“ „Ja, mein Vater iſt noch ganz munter und mit Bedauern habe ich den Tod des Deinigen erfahren.“ „In zehn Jahren hat ſich viel verändert. Du weißt wahrſcheinlich, daß ich verheirathet bin!“ „ Du verheirathet! Robert, nein, auf mein Wort, davon wußte ich nichts, und ſeit wann?“ „Seit einem Jahre.“ „Und Madame Woeſtbergen war vor ihrer Verhei⸗ rathung. 2“ „Louiſe van Winter. Sie war die Pupille meines Schwagers. Bei ihm habe ich ſie kennen lernen.“ „Ich brenne vor Verlangen, die Bekanntſchaft Deiner Frau zu machen.“ „Wir geben dieſen Abend ein kleines Conzert, Guſt, und haben auf Dich gerechnet, denn ich habe meiner Frau, als ich Deinen Namen in der Fremdenliſte las, mitgetheilt, daß ein alter Freund angekommen, und fie wünſchte ſo ſehr, als ich, den Baron von Hunter die⸗ 168 4 ſen Abend in unſerer Mitte zu ſehen. Du wirſt die Einladung nicht abſchlagen, Guſtav!“* „Ich habe auch nicht im Sinne, mich zu weigern, Rob, und wird die Geſellſchaft groß werden 2 „Darum kümmere ich mich wenig, ich lade meine Freunde ein und überlaſſe das Uebrige Louiſen; doch Du biſt immer noch unverheirathet, von Hunter?“ „Ja, und gedenke es auch zu bleiben.“ „Biſt Du toll, Gus! Du kennſt das Glück der Ehe nicht, mein Freund! Laß Dir durch mich rathen, und thue, wie ich gethan habe!“ Der Baron von Hunter ſeufßzte, und blieb einige Augenblicke in Gedanken verſunken. 1 „Laß uns nicht weiter davon ſprechen, Rob, es würde mich in eine zu trübe Stimmung bringen, um dieſen Abend noch bei euch erſcheinen zu können!“ Darum kein einzig Wort mehr davon, Du weißt⸗ daß die Ehe meiner Schweſter nicht glücklich war?“ ſagte Woeſtbergen. „Der Baron van Delden van Ransbergen iſt vor einem halben Jahre geſtorben und meine Schweſter hat vor einiger Zeit ihre Wohnung bei uns genommen.“ „Was!“ rief der Baron von Hunter, heftig auf⸗ ſpringend.„Mathilde Wittwe!“ Doch als bezwänge er ſich plötzlich, ließ er mit erkünſtelter Ruhe folgen: „Ich hatte nichts von dem Tode des Baronen ver⸗ nommen.“ 4 „Die Nachricht ſcheint Dich zu ergreifen.“ „Sie kam ſo unerwartet. O Robert, wenn Du mit Mathilde ſprichſt, ſage ihr nichts von der Aufre⸗ gung, in die mich ihr Unglück verſetzte.“ Und der Baron von Hunter wiederholte leiſe für ſich:„Mathilde Wittwe.“ „Ja Guſt, doch ich denke nicht, daß ſie es lange bleiben wird; der Baron hat ihr außer dem Titel ei⸗ ner Baronin anderthalb Millionen hinterlaſſen. Nun, Du verſtehſt mich.“ 169 tor Baron von Hunter ſeufzte und antwortete nicht. „Ja!“ fuhr Woeſtbergen in einem vertraulichen Tone fort,„entre nous ich glaube, es iſt eine Mög⸗ lichkeit, daß Mathilde Frau van Bergen wird, obgleich ich an ihrer Stelle nie mehr an eine andere Ehe den⸗ ken würde, als mit einem Adeligen, zum Mindeſten mit einem Baronen; denn der Name einer Baronin van Delden van Ransbergen klingt nobel, und doch müßte ſie ihn aufgeben, wenn ſie eine Ehe mit van Bergen ſchließen würde.“ „Und wer iſt dieſer van Bergen?“ „Van Bergen iſt Kolonel in oſtindiſchen Dienſten, er befindet ſich gegenwärtig mit einem Urlaub von zwei Jahren hier und hat ſeine Wohnung in Het Rondeel genommen; er iſt daher, ſo zu ſagen, dein Nachbar!“ „Und kommt er oft zu Dir in das Haus?“ „Ich lernte ihn kennen, als ich den vergangenen Sommer einige Zeit mit meiner Frau und Schweſter in Soeſtdijk zubrachte; er logirte damals im nämlichen Gaſthof mit uns.“ „Und Mathilde liebt den Kolonel?“ „Dieſe Frage kann ich Dir nicht beantworten. Du weißt, daß meine Schweſter die Baronin meiſterhaft die Kunſt verſteht, ihre Gefühle zu verbergen. Als ſie mit dem Baron verheirathet war, hätte man glauben können, ſie ſei die glücklichſte Frau der Welt, und doch weißt Du eben ſo gut wie ich, daß ſie den Baron nie geliebt hat.“ „Wie konnte Mathilde den Baron van Ransbergen auch lieben; ſie ſo zart, mit ſo ſchöner Seele begabt, und der Baron, der für nichts Anderes Gefühl hatte, als für ſeine Wälder, Ländereien und ſeine Wildbahn.“ „Sage nichts zum Nachtheile des Baronen, Gus, denn entre nous, ihm habe ich mein Glück zu danken. Es iſt Dir bekannt, daß mein Vater durch einen Dieb⸗ Amſterdams Geheimniſſe. J. 12— —õ———— 170 ſtahl, wovon die Thäter bis auf den heutigen Tag un⸗ bekannt blieben und auch wohl nie entdeckt werden, in das Unglück geſtürzt wurde. Er mußte zwanzig tauſend Gulden in verſchiedenen Wechſeln bezahlen; Abends vor dem Verfalltag ſchloß er das Geld in Banknoten in ſeine Geldkiſte.... am folgenden Tag waren ſie ver⸗ ſchwunden.“ 1 „Der Vorfall iſt mir bekannt, fahre fort.“ „Durch dieſen Diebſtahl wäre mein Vater rettungs⸗ los verloren geweſen, wenn Mathilde dem Baſon van Ransbergen nicht ihre Hand geſchenkt hätte. Der Baron ſchoß meinem Vater das Geld vor, und das rettete ihn; denn er war nicht reich, und der Verluſt von zwanzig tauſend Gulden, obwohl an ſich nicht ſo groß, würde ihn an den Bettelſtab gebracht haben. Mein Vater überlebte den Vorfall kaum ſieben Jahre, und als er ſtarb, hinterließ er uns beinahe nichts; denn der Baron mußte, wie ſich von ſelbſt verſteht, die Gelder zurückbekommen. „Nach dem Tode meines Vaters brachte ich meine Zeit bei meiner Schweſter zu, bis der Baron mir rieth, eine Heirath mit ſeiner Nichte und Pupille ein⸗ zugehen, die ein anſehnliches Vermögen deſaß. Ich b gab ihm Gehör; ſo wurde ich der Gatte von Louiſe Han Winter, et voilà l'histoire.“ „In der That, Du haſt große Verpflichtungen fuür den Baron! Und wie betrug ſich Mathilde bei dem Ableben ihres Gemahls?“ „Sie ließ ihn ſo koſtbar als möglich begraben. Der Sarg allein hat dreihundert Gulden gekoſtet, au⸗ ßer der ſilbernen Namenplatte, den Schrauben und Henkeln vom ſelben Metall, und...“ „Das mein' ich nicht, Rob! Hat ſie der Tod des Baron tief geſchmerzt?“ 3 „Gewiß, hie und da, wenn ſie meinte, allein zu ſein, habe ich ſie in der Stille weinen hören, und das konnte nur um den Tod des Baron geſchehen; denn 171 um welches andern Grundes willen ſollte eine Frau, die anderthalb Millionen beſitzt, weinen können?“ „Sie iſt alſo noch bei Dir?“ „Ja.“ „Werde ich ſie heute Abend ſehen?“ „Gewiß, und auch den Kolonel.“ „Mathilde!“ „Gerade um ihretwillen halten wir heute Abend die Geſellſchaft.„Sie liebt die Muſik ausnehmend, Du weißt das noch von früher; auf ihrem Schlafzimmer ſteht ein Piano, das ſechszehnhundert Gulden gekoſtet hat, alſo eine werthvolle Arbeit.“ „Der Wagen des Herrn Woeſtbergen iſt vorge⸗ fahren,“ meldete der Bediente. „Schon vier Uhr,“ ſagte Robert, während er auf eine mit Diamanten beſetzte goldene Repetiruhr ſah. „Nun Guſt, ich rechne auf Dein Kommen.“ „Ich werde nicht verſäumen, mich in Deinem Hauſe einzufinden.“ „Wenn Du meine Braunen laufen ſehen willſt, ſtelle Dich an's Fenſter. Adieu, jus qu'à ce soir!“ „Geck,“ ſagte der Baron, als ſein Freund das Zimmer verlaſſen hatte,„ſein Reichthum beluſtigt ihn, wie ein neues Spielzeug, das ein Kind bekömmt. Er iſt den Stand, in welchem er ſich jetzt befindet, unge⸗ wöhnt, und macht ſich dadurch lächerlich. Der Thor wußte nicht, daß er meinen Wünſchen zuvorkam, in⸗ dem er mich einlud, Mathilden heute Abend zu fehen. War es nicht das Ziel meiner Reiſe? Ich werde doch als Schauſpieler Fortſchritte gemacht haben, wahrlich, darin beſteht ja die Kunſt des Schauſpielers, Gefühle zu geben, die man nicht fühlt; ich ſollte doch ſchwören dürfen, daß er die Rührung, die ich bei der Nachricht vom Tode des Baronen heuchelte, für aufrichtig hielt.“ Er läutete, der Bediente trat ein. „ ilf mir beim Ankleiden, Fritz! Ich eſſe dieſen Mittag an der Tafel.“ XIX. Ein Schauſpiel aus der groſten Welt. Woeſtbergen bewohnte ein Haus auf der Heeren⸗ gracht und zwar in dem Theile, welchen man die Bogt nennt... Eine hohe Stoep mit zwei Zugängen bildete eine Art von Podeſt vor der Thüre, und war mit einem ſchönen eiſernen Geländer umgeben. In dem marmor⸗ nen Gang, der durch eine bronzene Lampe beleuchtet war, wimmelte es von Livreebedienten, und das Sei⸗ tenzimmer zur rechten Hand diente zur Aufbewahrung von Hüten, Mänteln und andern Ueberkleidern der Gäſte, die in verſchiedenen Equipagen ankamen. Die Treppen der Stoep waren mit einer Stroh⸗ m tte bedeckt und über das Podeſt waren Teppiche gelegt. Ein Haufe Müßiggänger hatte ſich um die Vor⸗ treppe verſammelt; ſie gafften die Wagen, Pferde, Kutſcher, Lakeien und reichgekleideten Frauen an, die aus denſelben ſtiegen und warfen hie und da einen Blick in den breiten Gang, der wirklich einen ſehr Treppe, dem Saale. ——— 173 und Linken verſchiedene fremde Gewächſe in pracht⸗ vollen Vaſen. Kaum hatte es acht Uhr geſchlagen, als eine alle übrigen an Glanz übertreffende Equipage vor der Thüre hielt; dieſe Kutſche gehörte dem Feſtgeber und brachte den Baron von Hunter, der darin abgeholt worden war. Die Gewandtheit, womit der Baron aus dem Wagen ſtieg, und die Art, dem Bedienten den Mantel zu übergeben, ließen in ihm den Mann erkennen, der gewohnt war, in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft zu verkehren.. Groß von Geſtalt, verrieth jede ſeiner Bewegungen eine ungekünſtelte Würde, ohne alles Steife und Ge⸗ machte. Sein edles Geſicht paßte ganz zu dieſen Eigen⸗ ſchaften. An den Seiten ſeiner hochgewölbten Stirne wallten kaſtanienbraune Locken, auf welche, wie es ſchien, beſondere Sorge verwandt wurde. Seine braunen Augen, von ſchönen Augenbrauen überſchattet, hatten etwas Durchdringendes und ſchienen die verborgenſten Herzenswinkel des Menſchen erforſchen zu können. Die wohlgeformte Naſe paßte ganz zu dem kleinen Mund, um welchen ein leichtes, ſtolzes Lächeln ſpielte, während die etwas gebogene Oberlippe— auf welcher ein kleiner Knebelbart— Gelegenheit gab, ein paar Reihen Zähne zu bewundern, die an Weiße mit dem Elfenbein wett⸗ eifern konnten, Seine Kleidung war einfach, aber ge⸗ ſchmackvoll, und ein großer goldener Ring mit einem koldaren Diamanten war der einzige Schmuck, welchen er trug. Guſtav, Baron von Hunter, war ein Mann in der Kraft der Jahre, ungefähr dreißig Jahre alt, ein Alter, in dem der Mann ſeine glänzendſte Periode hat. Als er in den Saal getreten, kam ihm der Feſt⸗ geber entgegen und führte ihn nach einem Sofa, auf Helzem Madame Woeſtbergen und die Baroneſſe Witt⸗ e ſaß.“ 174 „Der Baron von Hunter, mein Freund! Meine Gattin und meine Schweſter, die verwittwete Baronin van Delden van Ransbergen!“ Baron Guſtav verbeugte ſich mit Würde vor den beiden Damen, die, als Woeſtbergen ihnen ſeinen Freund vorgeſtellt hatte, von dem Sitze auſgeſtanden waren. Eine tiefe Röthe bedeckte die nin, als Guſtav ihr vorgeſtellt wurde. „Ich ſchätze mich glücklich, verehrte Frau, Sie nach einer Abweſenheit von zehn Jahren wieder zu ſehen, und ich darf mir wohl ſchmeicheln, daß auch Sie mich als einen Bekannten von früheren Tagen her betrach⸗ ten wollen.“ Mathilde antwortete nicht. Nur eine leichte Ver⸗ beugung des Hauptes gab zu erkennen, daß ſie den Baron von Hunter verſtanden hatte. 1 „Mit Bedauern vernahm ich dieſen Morgen von Ihrem Bruder den Tod des Baron van Ransbergen. Ich hoffe, die Frau Baronin wird überzeugt ſein, daß dieſe Nachricht mich tief ergriffen, bei dem Gedanken an den Schmerz, den das Ableben des Barons Ihnen verurſachte.“. Der Baron legte einen beſondern Nachdruck auf die letzten Worte und lehnte ſich in gefälliger Haltung an das Sofa, während Frau von Woeſibergen mit einigen andern Gäſten ſich unterbielt. „Ich danke Ihnen für die Theilnahme, Baron von Hunter,“ ſagte die Baronin, mit ihrem Fächer ſpielend, vich traure noch immer um den Verluſt meines theuren Gemahls. Ich ſchäme mich nicht, es zu bekennen; der Baron war ein braver, treuer und rechtſchaffener Mann, und das, Herr von Hunter, ſind Tugenden, die man nicht bei jedem Edelmanne findet.“ 8„Ich hatte nicht die Ehre, den Baron van Delden van Ransbergen perſönlich zu kennen; doch wenn es Wahrheit iſt, was man mir geſagt, war er viel älter ſangen der Baro⸗ 175 als die Frau Baronin,“ ſagte Guſtav in einem etwas ſcharfen Tone. 1 „Und doch,“ ſprach die Baronin weiter, während ibre Finger den Fächer heftig auf⸗ und zuſchlugen,„doch bereute ich während der zehn Jahre, die ich mit ihm lebte, keinen Augenblick dieſe Heirath. Sie haben Recht, der Baron van Ransbergen war zwanzig Jahre älter als ich, doch ſeine Treue, ſeine Abneigung gegen Alles, was ſchlecht und in geringſtem Maße mit der Rechtlich⸗ keit ſtritt, ließ mich den Unterſchied der Jahre vergeſſen. Ich will aufrichtig mit Ihnen ſprechen, mein Herr, es gab vor meiner Heirath Augenblicke, in denen ſich meine Wahl auf einen Andern gerichtet hatte; doch als Liebe derſelben ganz un⸗ kkeit und Ehrlofigkeit u, dem ich meine Hand ſchenken wollte, reute es mich nicht, den Baron van Ransbergen meiner Liebe würdig erachtet zu haben.“ „In der That, ich bangen gedacht, daß das Wohlwollen der Baronin van Ransbergen für mich ſich ſo weit ausdehnte, daß ſie mir ein Bekenntniß ihrer Liebe ablege, ohne darum erſucht zu ſein; und dies Bekenntniß hat mich von dem Irrthume, in welchem ich über die Heirath mit dem Baron lebte, geheilt. Ich glaubte, es wäre nur der Titel einer Baronin, oder lieber der Reichthum Barons, der Sie zu dem Entſchluſſe gebracht, ihm and zu ſchenken; doch letzt bin ich durch Ihre Eröffnung beſſer berichtet.“ „Ich will Ihnen gern geſtehen, Baron von Hunter, daß ich, um meinen Vater zu retten, den Baron van Ransbergen heirathete; tso die Zeit lehrte mich den Mann lieben, dem ich zuerſt nur Achtung zugebracht; und was den Titel einer Baronin betrifft, wenn ich darauf eiferſüchtig geweſen, hätte es mich nicht viel Mühe gekoſtet, ihn zu erlangen; dazu bedurſte es nichts weiter, als mein Schickſal an das eines Nichtswürdigen zu binden.“. 176 Guſtav biß ſich auf die Lippen. Er beugte ſich ſo nahe als möglich zur Baronin hin, damit die Worte nur von ihr verſtanden werden könnten. „Mathildel müſſen wir einander ſo wieder ſehen?“ flüſterte er. Die Baronin blickte einige Augenblicke den Gaſt ihres Bruders verſtummt an. „Was iſt aus ihm geworden, Baron von Hunter?“ fragte ſie.„Doch nein, jetzt will ich nichts von Ihnen vernehmen; morgen Abend werde ich allein ſein; ich erſuche Sie dringend, zu kommen; ſchon find die Blicke auf uns gerichtet.“ „Ich werde kommen, Mathilde, und der morgige Abend ſoll der glücklichſte Abend meines Lebens ſein...“ „Keine Schmeichelei, mein Herr, ſie paßt wenig zu der Sprache, die Sie ſo eben gegen mich geführt haben.“ „Mathilde, Vergebung!“ 5 uſtav ſetzte ſich in eine e wenig von der Muſik; ſeine Blicke ruhten immer auf ilden. Er ſah, daß ein Herr in Kolonelsuniform ſich ihr näherte, ſich einige Augenblicke mit ihr unterhielt und vergebens ſie zu bereden ſuchte, vor dem Piano Platz zu nehmen, worauf er ſich entfernte und nahe bei Gu⸗ ſtav niederſetzte. Auch Mathilde verlor den Baron nicht aus den Augen, denn unaufhörlich ſah ſie nach dem Orte, wo er ſich geſetzt hatte, und bei jedem Blick, den ſie auf ihn warf, uͤberfiel ſie ein kaum merklicher Schauer. . 177 „Kann ich das Vergnügen haben, Ihnen meinen Freund vorzuſtellen, mon cher colonel?“ hörte Guſtav in ſeiner Nähe ſagen und als er ſeine Augen aufſchlug, ſah er den Kolonel und den Herrn von Woeſtbergen vor ſich ſtehen. „Der Kolonel van Bergen! der Baron von Hun⸗ ter!“ ſprach der Feſtgeber in dem bei ſolchen Ceremo⸗ nien gewöhnlichen Tone. Beide ſahen einander an; beide, wie durch einen elektriſchen Schlag getroffen, thaten einen Schritt zurück. „Großer Gott! Auguſt van..“ „Van Bergen!“ ſagte der Kolonel, plötzlich ein⸗ fallend, einen beſondern Nachdruck auf dieſes Wort legend,„Auguſt van Bergen!“ 82 „Die Herren ſind einander, ſcheint es, ſchon be⸗ kannt?“ fragte Woeſtbergen. „Ich hatte das Glück, den Baron von Hunter in Paris kennen zu lernen. Es freut mich ſehr, werther Baron, Sie wieder zu ſehen.“ Der Kolonel gab Guſtav die Hand, der ihn be⸗ wegungslos anſtarrte. „Träume ich oder wache ich?“ ſagte Guſtav, als Herr Woeſtbergen ſich entfernte, denn dieſer war zu beſchäftigt, um einen Augenblick auf derſelben Stelle zu bleiben.„Wie, Du lebſt noch, oder ſtehen die Todten wieder aus ihren Gräbern auf? Du biſt Auguſt van.. „Van Bergen! van Bergen!“ wiederholte der Ko⸗ lonel heftig.„Keinen andern Namen, Guſtav, um Got⸗ tes Willen keinen andern Namen. Jeder Name außer van Bergen könnte mir ſchaden! und Du, Guſtav, darfſt unter dem Namen von Hunter Dich überall zei⸗ gen, und gar noch in dieſer Stadt!“ „Fortuna audaces juvat, und ich glaube weni⸗ ger Gründe zu haben, meinen Namen zu verbergen als Du, wenn Du der biſt, welcher....“ „Ja, der bin ich, der bin ich, Guſtav!“ 178 „Aber.„ „Jetzt kein Wort mehr davon. Morgen wollen wir ſprechen, jetzt nicht. Du begreifſt, daß jedes Wort über mich oder Dich höchſt fatal für uns Beide ſein kann. Wo kann ich Dich finden?“ „Ich logire in De doelen; den ganzen Vormittag habe ich für mich.“ „Alſo morgen früh.“ „Der morgige Tag wird für mich ein wichtiger ſein,“ ſprach der Baron von Hunter zu ſich, die Hand vor die Stirne haltend, als wollte er die Erinnerung an vergangene Zeiten in ſeiner Phantaſie herauf be⸗ ſchwören.„Es kommt mir Alles wie ein Traum vor!. Räthſel auf Räthſel!!“ Der Kolonel ging durch den Saal, bis er ſich mehreremale bei ſeinem Namen rufen hörte. „Kolonel van Bergen!“ ſagte ein Herr, deſſen Bruſt mit einem Ritterorden geſchmückt war,„wahr⸗ lis„Sie ſcheinen Ihre Verſprechungen ſchnell zu ver⸗ geſſen.“ „In der That, Herr de Raad, ich bekenne meine Schuld, ſchändlich habe ich mein Verſprechen vergeſſen, doch hoffe ich mein Vergehen wieder gut zu machen.“ „Sie können das nicht anders thun, als indem Sie morgen mit mir diniren. „Als ich Sie auf dem Balle des Miniſters im Haag traf und wir Bekanntſchaft mit einander mach⸗ ten, erwartete ich viel von dieſer Bekanntſchaft, da Sie gewiß verſprachen, mich zu beſuchen, ſobald Sie nach Amſterdam kämen!“ 9 120 bitte nochmals um Vergebung, Herr de⸗ aad!, „Sie nehmen meine Einladung an, Kolonel!“ „Sie macht mich unendlich glücklich.“ „Doch erlauben Sie mir, daß ich Sie meiner Frau vorſtelle!“ Damit geleſtet der Ritter den Kolonel zu Madame de Raad, einer Frau von ausnehmender Schön⸗ 179 heit, die durch die Pracht der Kleider und Zuwelen alle anweſenden Damen übertraf. Madame de Raad wurde aber den Kolonel kaum gewahr, als ſie erbleichte und auch auf dem Geſichte des Kriegsmanns, der ihr vorgeſtellt wurde, gewahrte man deutlich die heftigſte Gemüthsbewegung. „Der Kolonel van Bergen!“ ſagte die Gattin des Ritters in einem Tone, als ob ſie dieſen nicht ver⸗ ſtanden hätte.. „Ihnen zu dienen!“ ſprach der Kolonel etwas verwirrt. „Van Bergen!“ wiederholte ſie nochmals, den Ko⸗ lonel ſtarr anſehend.„Der Kolonel van Bergerl“ 6 8 5 XX. Der Kolonel van Vergen Der Kolonel van Bergen war ein paar Jahre älter als der Baron von Hunter, bei dem wir ihn jetzt. antreffen. Mit einer mittleren Größe paarte ſich ein ſchöner Wuchs, den die Uniform noch mehr hervorhob. Auf ſeinem Geſichte, das durch die Sonne etwas gebräunt war, las der aufmerkſame Beobachter Ent⸗ ſch’oſſenheit und Muth; ſeine Augen waren ſtolz und gebietend, während eine gebogene Naſe den edlen Aus⸗ druck ſeines Antlitzes erhöhten. Gewiß hätte man ihn ſchön nennen können, wenn nicht eine düſtere Schwer⸗ muth in ſeinem ganzen Weſen ſich gezeigt hätte, die es einigermaßen verunzierte,— und wenn ſeine Au⸗ gen weniger unruhig geweſen wären, eine Unruhe, die uit der Weichheit aller ſeiner Bewegungen im Streite „Ich kann Dir ſchwören, Auguſt, daß ich geſtern Abend meinte, einer Erſcheinung aus der Geiſterwelt zu begegnen, als ich Dich vor mir ſtehen ſah! In der That, es iſt viel von Dir gewagt, nicht allein ins Vaterland zurückzukehren, ſondern auch ſo offen Dich zu zeigen. Wie ich Dich alsbald erkannte, ſo kannſt Du auch von einem Andern leicht erkannt werden, und Du weißt, wie unangenehm, wie fatal die Folgen da⸗ von wären!“ „Aber mich dünkt, daß Du mehr wagſt, als ich. Unter einem angenommenen Namen, den ich jetzt ſeit zehn Jahren führe, verberge ich mich. Die Gefahr, die mich umgibt, iſt auch in Deiner Nähe, wenn er vernimmt, daß Du in dieſer Stadt ſeieſt, und das kann doch leicht geſchehen, da Deine Ankunft offen in den Zeitungen angekündet iſt.“ „Von ihm brauchen wir nichts zu fürchten! Glaube mir, Auguſt, ich habe meine Vorſorge getroffen, und bin zu klug, um blindlings in die Falle zu laufen. Ich habe meinem alten Univerſitätsfreund, dem Advokaten van Zeijſt geſchrieben, ehe ich mich hieher wandte, und ihn erſuchte, Nachforſchungen zu machen; doch er war nirgends zu finden. Vielleicht hat uns der Tod den Dienſt gethan, ihn von dem Schauplatz der Welt ab⸗ zurufen, oder iſt er auf eine andere Weiſe verſchwunden.“ „Der Himmel gebe, daß das der Fall ſei! Der Mann erſcheint mir unaufhörlich im Traume und noch ſchwebt mir ſein häßliches Lächeln vor dem Geiſte. Er iſt doch die Urſache all' meines Unglückes.“ „Hm, ich denke nicht mehr an ihn und hätteſt Du gehandelt wie ich, dann könnteſt Du unter Deinem wahren Namen erſcheinen, der beſſer klingt als van Bergen.“ „Mir blieb keine andere Wahl übrig, als zu thun, wie ich gethan. Guſtav! Ich konnte den Namen, den meine Voreltern fleckenlos und rein getragen haben, nicht beſudelt ſehen, und doch, hätte ich Alles gewußt, 4 3 ſender in der Sandwüſte von Arabien kann ſehnlicher 181 was ich jetzt weiß, ich würde noch als... als der, der ich früher war, vor Dir ſtehen.“ „Aber wenn ich Dich anſehe in Deiner Uniform, iſt mir alles wie ein Traum. Wie biſt Du doch ſo ſchnell zum Range eines Kolonels gekommen?“ „Ich werde Dir es erzählen, Guſtav! In der Nacht nach jenem ſchrecklichen Tag faßte ich den Beſchluß, der mich für immer meines Namens beraubte. Mein alter getreuer Hendrik blieb zurück und für eine anſehnliche Summe gewann ich den Schout(Polizeiamtmann). Er und Hendrik ordneten meine Sachen. Mit meinem getreuen Bedienten ging ich nach Oſtindien. Ohne Namen, geſchieden von Allem, was mir lieb und theuer war, ſehnte ich mich nach dem Tode. Der Zufall ließ mich in einem Rittmeiſter der Kavallerie einen alten Univerſitätsfreund finden, der kurze Zeit, ehe Du auf die Hochſchule kamſt, nach Oſtindien gegangen war. Ihm erzählte ich Alles, zugleich gab ich ihm mein Ver⸗ langen zu erkennen, Dienſte zu nehmen, welches auch bald erfüllt wurde. Ich wohnte verſchiedenen Feld⸗ zügen bei, in allen ſuchte ich die Gefahr, um darin unterzugehen. Dies brachte mich als tapferen und un⸗ 3 verzagten Soldaten in die Gunſt meines Oberſten; ich wurde bald erhöht und als Lieutenant van Bergen— denn durch Hülfe meines Freundes und Aufopferung einer kleinen Summe wurde es mir vergönnt, dieſen Namen anzunehmen— ſtieg ich immer höher und hö⸗ her, bis ich endlich zum Kolonel ernannt wurde. Da fühlte ich ein unwiderſtehliches Verlangen nach meinem Vaterland in meinem Innern ſich regen; wenn ich meine Blicke auf den unermeßlichen Ocean warf, der mich von meinem Vaterlande trennte, fühlte ich mich verlaſſen, ganz verlaſſen von der Welt; und kein Rei⸗ und feuriger nach einem Trunke Waſſers ſchmachten, als ich mich nach meinem Vaterlande und meinen Be⸗ zügniſſen ſehnte. Ich ſuchte um Urlaub nach und erhielt 2* Vaters, der nicht gewöhnt war, mich mit ſeinen Sachen Stück, das mich hätte retten können, war nicht zu fin⸗ erzählte mir der alte Hendrik, der ſtets das Vertrauen meines Vaters beſeſſen, daß in einem der Gemächer ſehen, die er mir nannte, und leer wieder zurückkom⸗ men, ſo daß er nicht zweifelte, die Schuldverſchreibung lichen Beweiſe, die er in Händen hat, auszuwechſeln, ihn und als ich unter Segel ging, um nach dem guten alten Holland zu ſteuern, da war es mir, Guſtav, wie fihem Gefangenen, dem man ſeine Freiheit wieder gibt.“ „Wahrlich, ich habe nie etwas von dieſem Heim⸗ weh gefühlt, das Du mir in einer Weiſe ſchilderſt, die jeder Dichter Dir beneiden würde; doch meine Reiſen gingen auch nicht nach Oſt und Wiſt und ich will gerne Fauben, daß die heiße Zone die Menſchen weichherzig ma Der Kolonel gab auf dieſen unpaſſend angebrach⸗ ten Scherz wenig Achtung und erzählte alſo weiter: „Noch ein anderer Grund zwang mich, ins Vater⸗ land zurückzukehren, nämlich die Hoffnung, eine ſchreck⸗ liche Waffe gegen ihn in die Hände zu bekommen. „Als ſein Vater ſtarb, ſchoß ihm der meine zwanzig tauſend Gulden vor, um ſein Geſchäft fortzuſetzen; mein Vater erhielt dafür einen Schuldbrief, welcher noch exiſtiren muß. Durch den plötzlichen Tod meines bekannt zu machen, vernahm ich erſt in dieſer fürch⸗ terlichen Nacht das Beſtehen der Verſchreibung. Haſtig durchſuchte ich alle Papiere des Verſtorbenen, doch das den. Die Zeit war zu kurz, um nähere Unterſuchun⸗ gen anzuſtellen; als ich ſchon lange in Oſtindien war, des Herrenhauſes ein geheimer Ort beſtehe, von wel⸗ chem mein Vater ihm oft geſagt, ohne ihm aber den rechten Platz zu nennen. Er hatte jedoch meinen Va⸗ ter oft mit Geld und Papieren in eine Kammer gehen werde in der Kammer zu finden ſein. In der Koſum„ der Schrift habhaft zu werden, und ſie gegen die ſchreck⸗ 183 ſegelte ich nach Holland. Doch wollte es mir bis heute nicht glücken, mein Ziel zu erreichen.“ „Du brauchſt Dich nicht mehr vor ihm zu fürch⸗ ten, er iſt todt, oder der Himmel weiß, was aus ihm geworden. Wahrlich, wenn man ſich noch vor ihm zu fürchten hätte, würde ich es nicht gewagt haben, mich hier zu zeigen und ſo in ſeinen Bereich zu ſtellen. Das Unangenehmſte für Dich iſt, Deinen Namen dabei ein⸗ gebüßt zu haben, und der Himmel weiß, wie Du ihn zurückbekommen kannſt. Auf alle Fälle mußt Du zuge⸗ ben, daß ich klüger gehandelt, als Du.“ „Ich habe den Namen van Bergen angenommen und ihn nicht entehrt; ich will van Bergen heißen bis an meinen Tod, Guſtav! Doch welche Schiickſale hat⸗ teſt Du ſeit den zehn Jahren Deiner Abweſenheit?“ „Schickſale! Ha, hal keine, die der Mühe des Er⸗ zählens werth wären. Ich ſchweifte in Frankreich, Deutſchland, England umher, das heißt, ich brachte da die Zeit mit Vergnügungen zu, wurde in die höch⸗ ſten Kreiſe aufgenommen, war viel geſehen an Bade⸗ orten, machte Eroberungen, war heiter und froh, das iſt Alles!“ „Doch eine ſolche Lebensweiſe iſt theuer, und...“ „O, einem Manne von Verſtand ſtehen tauſend Wege offen, vornehmlich, wenn er einen ſchönen Na⸗ men hat, und wenn er ſo viel beſitzt, daß er nicht gleich zu den gewöhnlichen Mitteln greifen muß. Was iſt nun weiter Dein Plan, Auguſt?“ „Wenn das, was Du von ihm ſagſt, Wahrheit iſt, nehme ich meinen Abſchied, oder ſuche hier bei der Armee in Dienſte zu treten.“ „Ich kann nicht begreifen, was Dich ſo an Holland bindet; das Leben in Indien muß viel mehr Abwechs⸗ lung bieten, als das, welches man hier findet, oder ähdet Dich ein anderes theures Band an das Vater⸗ and? Eine leichte Röthe überflog die bleichen Wangen des Kolonel. 1 „Ha, ich habe es errathen, Auguſt! Die ſchönen Augen der Baronin van Delden van Ransbergen haben Dich bezaubert, und ihr Bruder ſprach alſo die Wahr⸗ heit, als er mir geſtern ſagte, er glaube, daß ſeine Schweſter nicht mehr lange den Namen ihres verſtor⸗ benen Gemahls führen werde. Nun, ich bewundre Deine Wahl, eine ſchöne Frau und anderthalb Millio⸗ nen, ſolch' eine Partie findet man nicht alle Tage, und ich kann Dich verſichern, daß die Zahl Deiner Neider nicht klein ſein wird.“ „Ihr Bruder! um's Himmels willen, Guſtavl was ſagte er?“ „Was ich Dir ſo eben mittheilte, Auguſt; und wenn er auch nichts geſagt, würde ich ſchon aus der Art, wie Du Dich geſtern Abend mit der ſchönen Wittwe unterhielteſt, meine Folgerungen haben machen können, die alle auf Liebe und Heirath hinausgelaufen ſein würden. Sprich, Auguſt, betrüge ich mich?“ „Du biſt mein älteſter Freund und der Einzige, der mich bei meinem wahren Namen kennt; warum ſollte ich da heucheln! Es iſt wahr, ich liebe die Ba⸗ ronin, ich habe in ihr das Ideal gefunden, das ich mir ſeit meinen Jünglingsjahren in meiner Phantaſie gebildet. Ja, Guſtav! eine Heirath mit ihr würde mein höchſtes Glück, meine größte Seligkeit ſein!“ „Beſonders ſeit das Ideal Beſitzerin von ander⸗ thalb Millionen iſt, und eine Seligkeit mit dieſem Schatze iſt wohl eine Seligkeit der Seligkeiten!“ „Auch ohne das Vermögen würde ich die Frau Baronin lieben: ihre Tugend, die Uebereinſtimmung unſerer Gefühle, mit einem Wort, Alles hat mich ent⸗ zückt, bezaubert; eine Frau zu beſitzen, wie Mathilde, iſt das höchſte Glück, das der Sterbliche auf Erden fin⸗ den kann!“ „Und den Vorzug, einen Gatten zu beſitzen, der 185 den Rang eines Kolonel hat und Wunder von Tapfer⸗ keit gethan, wird die liebe Wittwe auch keineswegs verſchmähen. Und haſt Du, mein Freund, das Ideal ſchon nit Deinen feurigen Wünſchen bekannt ge⸗ macht?“ „Nur Eins hält mich davon ab, nämlich das große Vermögen, das ſie beſitzt. Muß ich nicht in den Ver⸗ dacht kommen, daß ich die Hand der Baronin nur darum begehre, um mich in den Beſitz ihrer Reichthü⸗ mer zu ſetzen, und nicht aus Liebe, aus wahrer Nei⸗ gung für ſie, überdies, was ſoll ich ihr antworten, wenn ſie mich nach meiner Abkunft frägt, und ebenſo nach meinen Verwandten und Verhältniſſen.. „Du kannſt thr ſagen, wer Du biſt und welche Gründe Dich zwingen, einen andern Namen anzu⸗ nehmen.“ „Nie! Das müßte mich in ihren Augen nicht ſehr heben. Sie ſo rein, ſo tugendhaft und gut, würde nie einem Manne die Hand reichen, der genöthigt wurde, einen andern Namen anzunehmen, um eine ehrloſe That, deren er ſich ſchuldig machte, zu bedecken!“ „O, eine liebende Frau vergißt ihrem Geliebten Alles, außer der Kälte und Gleichgültigkeit gegen ſie.“ „Ich finne fortdauernd auf Mittel, wie ich ihr meine Hand anbieten könnte, ohne mein Vergehen zu bekennen. Guter Himmel! welch' unglückliche Folgen können die Tollheiten der Jugend nach ſich ziehen, oft, wenn ich ernſtlich über die Baronin nachdenke, ſuche ich mich zu überreden, von ihrem Beſitz für immer ab⸗ zuſtehen; meine Liebe iſt im Streit mit meinem Ver⸗ ſtand, und der letzte wird ſtets überwunden. Ein Hin⸗ derniß iſt doch weggeräumt, von ihm habe ich nichts mehr zu fürchten. Deine Worte haben mich ermuthigt, Guſtav, und in kurzer Zeit ſollſt Du Näheres von mir und der Baronin hören.“ 4 „Möchten Dir Deine Bemühmungen zum Glücke aausſchlagen!“ Amſterdams Geheimniſſe. I. 13* 186 „Das gebe der Himmel!“ „Und finis coronat opus will ich ausrufen, wenn Du mit ihr vor dem Traualtare ſtehſt.“ 8 Als der Kolonel den Baron von Hunter verlaſſen hatte, blieb dieſer einige Augenblicke in tiefes Nach⸗ denken verſunken. Er läutete ſeinem Bedienten, befahl dieſem ſeine Schreibmappe zu bringen, und ſetzte ſich zum Schreiben; doch bald wurde er in ſeiner Beſchäf⸗ tigung geſtört, indem ſich Jemand anmelden ließ, der ihn zu ſprechen wünſchte. „Sein Name, Fritz!“ „Er weigerte ſich, ihn zu nennen, mein Herr!“ „Nun, dann kann er gehen, für jeden Fremden bin ich nicht zu ſprechen.“ 5 „Es iſt ein ſchön gekleideter Herr!“ „Ich weiß ſchon, Fritz, Jemand, der für wohl⸗ thätige Stiftungen, die nie beſtanden haben, Geld bei den Fremden bettelt, oder vielleicht Einer, der für Geld mir die Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen will. Sag' hn, daß ich für Leute ohne Namen nicht zu ſprechen in!⸗ Fritz brachte bald eine Viſitenkarte zurück. „Remmers und Comp.,“ las der Baron. Remmers und Comp., ich erinnere mich nicht, den Namen je ge⸗ hört zu haben; nun, laß den Herrn hereinkommen.“ „ Gott!“ rief der Baron, als er den Mann her⸗ eintreten ſah,„Adam Smith““. „Adam Smith, Ihnen zu dienen, Baron von 187 Hunter! Ich habe Ihre Ankunft in den Zeitungen ge⸗ leſen, und hielt es für meine Pflicht, Ihnen meine Aufwartung zu machen!“ Der Mörder, der den Schatten des von ihm Er⸗ mordeten plötzlich vor ſich ſieht, könnte nicht heftiger erſchrecken, als der Baron von Hunter durch den An⸗ lir des in gebückter Haltung vor ihm ſtehenden Adam mith. „Ich hoffe, Ihnen nicht ungelegen zu kommen, Herr Baron, und ich bitte Sie um Vergebung, daß ich nicht ſchon früher meine Aufwartung gemacht; ich glaubte, Sie erſt von der Ermüdung der Reiſe aus⸗ ruhen laſſen zu müſſen, ehe Ihr ergebenſter Diener Adam Smith die Ehre haben könnte, einige Augen⸗ blicke Gehör von Ihnen zu erlangen.“ „Sie kommen mir nicht ungelegen, Herr Smith. „Im Gegentheil freut es mich ſehr, Sie bei mir zu ehen. Fritz, dem Herrn einen Seſſel, dann kannſt Du gehen.“ „Ich bin in der That recht erfreut, Sie zu ſehen, Herr Baron,“ begann Adam Smith, als er auf dem ihm angebotenen Seſſel Platz genommen.„Es über⸗ zeugt mich zum Mindeſten, daß Sie noch am Leben ſind, während die Umſtände, in welchen ich Sie jetzt treffe, mich hoffen laſſen, daß unſere Sache bequem abgemacht werden kann, ohne.. Sie in's Verderben zu ſtürzen.“. 3 „Wirklich, Herr Smith, es wundert mich ſehr, Sie ſo ſprechen zu hören. Ich zweifle keineswegs, daß die Gründe Ihres Kommens nur den Wechſel betreffen, auf den Sie mir vor zehn Jahren Geld vorſchoſſen. Wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, haben nie andere Bezügniſſe zwiſchen uns beſtanden, daher meine Verwunderung, Sie eine Sprache ſprechen zu hören, die ganz von der vor zehn Jahren abſticht.“ „Ich verſtehe Sie ganz und gar nicht, Baron von Hunter und erlaube mir, Sie zu fragen, worin die Verſchiedenheit der Sprache beſteht.“— „Sie werden ſich noch wohl erinnern, daß ich den voon Brandenburg und van Zaanen an mich endoſſirten — Wechſel, im Werth von zehntauſend Gulden, drei Mo⸗ nate dato zahlbar, auf den Sie mir acht Tauſend geliehen, von Ihnen zurückverlangte, gegen Bezahlung der dar⸗ auf vorgeſchoſſenen Summe. Es iſt Ihnen bekannt, daß ich Ihnen für die Mühe noch zwei hundert Gulden über das Geld anbot. Sie weigerten ſich, den Wechſel zurückzugeben, obgleich ich mein Anerbieten auf fünf⸗ hundert Gulden über die geliehene Summe erhöhte. Damals ſchien es, daß Sie keine Eile mit der Sache hatten und jetzt... „Vergeben Sie mir, Baron von Hunter, daß ich Ihnen in die Rede falle. Ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollen und meine Zeit iſt koſtbar; ich habe viele Geſchäfte und viele Bezügniſſe, darum habe ich keine Zeit zu verlieren. Sie werden geſtehen, daß ich in dieſer Hinſicht mich viel von Ihnen unterſcheide, da Sie die Zeit nach Belieben verwenden können. Doch zur Sache: Vor zehn Jahren ſah ich Sie bei mir mit einem Wechſel von zehntauſend Gulden, drei Monate a dato zahlbar, ausgeſtellt von dem deutſchen Handels⸗ haus Carl Wildheim und Sohn auf die Rotterdamer Kaufleute Brandenburg und van Zaanen, eine ſehr ſolide Firma. Ich vernahm von Ihnen, daß Sie den Wechſel von Ihrem Vater, dem alten Herrn Baron, geſchickt bekommen, um die auf der Akademie gemach⸗ ten Schulden damit zu bezahlen. Nach Ihrem Vor⸗ geben brauchten Sie augenblicklich Geld; es war Ihnen unmöglich, die Verfallzeit abzuwarten. Der Wechſel war, Ihrer Ausſage nach, von Ihnen bereits den Herrn Brandenburg und van Zaanen zum Discontiren ange⸗ boten, zu gleicher Zeit als Sie denſelben zur Accep⸗ tation an die Firma ſandten. Ich ſah bei Ihnen einen von Brandenburg iund van Zaanen unterzeichneten 189 Brief, worin ſie Ihnen berichten, daß ſie den Wechſel acceptiren, doch nicht im Stande ſeien, Ihrem Geſuche wegen des Discontirens zu entſprechen. Der Wechſel war ganz in Ordnung, und auch gehörig von den Herrn Brandenburg und van Zaanen acceptirt. Sie erſuchten mich, auf dieſen Wechſel gegen gehöriges In⸗ tereſſe Ihnen achttauſend Gulden vorzuſchießen und gewiß werden Sie ſich noch erinnern, daß ich Sie um drei Tage Verzug bat und dieſen erhielt, da ich ſagte, im Augenblick nicht ſo mit Geld verſehen zu ſein. Von dieſer Zeit machte ich Gebrauch, um bei Brandenburg und van Zaanen nach der Acceptation des Wechſels mich zu erkundigen und die Herren gaben mir eine ungenügende Antwort. Da wußte ich genug; zur be⸗ ſtimmten Zeit ſah ich Sie wieder kommen und ich be⸗ zahlte auf den Wechſel die Summe von achttauſend Gulden.“ 5 „Und Sie wiſſen....?2“ „Daß mein Vermuthen gegründet und der Wechſel kelſch war; zugleich wurde mir Ihr Mitſchuldiger be⸗ annt.“ „Und Sie liehen mir Geld auf den Wechſel?“ „Wäre er nicht falſch geweſen, würde ich es nicht gethan haben. Aber da ich den Namen Ihres Helfers kannte, hatte ich mir Etwas vorgenommen, was aber nachher mißglückte, und bezahlte Ihnen die verlangte Summe.“ „Aber Herr Smith, wie erfubren Sie den Namen des Mannes, und was war der Zweck, als Sie mir das Geld auf den falſchen Wechſel liehen?“ „Es ſei Ihnen genug, daß der Plan mißglückt iſt; übrigens bin ich nicht gewohnt, meine Abſichten Andern mitzutheilen. Den Namen Ihres Mitſchuldigen erfuhr ich auf ſehr einfache Weiſe. Sie arbeiteten da⸗ mals auf dem Komptoir von Woeſtbergen, um den Handel zu lernen, und alle Ihre Brieſe liefen unter der Adreſſe jenes Kaufmanns. Der Komptoirknecht, 3 war durch mich beſtochen, und ſo wurde ich bekannt mit dem ganzen Briefwechſel zwiſchen Ihnen und dem Andernz; ich gelangte in den Beſitz von zwei Briefen, einem von Ihnen, einem von ihm, die ich als durch⸗ aus nothwendig für meinen Zweck aufbewahrt habe. Ich wußte ſo, daß Sie den Wechſel geſchrieben und die Unterſchrift von Carl Wildheim und Sohn darunter geſetzt, und daß Ihr Mitſchuldiger es mit dem Namen von Brandenburg und van Zaanen eben ſo gethan. Außerdem war er der Schreiber des Briefs, den Sie mir als Beweis für die Gültigkeit des Wechſels vor⸗ gezeigt hatten. Sie ſollten auch noch wohl wiſſen, Baron, daß ich vorſichtig genug war, einen ſchriftlichen Beweis von Ihnen zu fordern, daß Sie von mir acht⸗ tauſend Gulden Vorſchuß erhalten, welcher Schein noch immer in meinen Händen.“ „Es iſt mir noch heute unbegreiflich, warum Sie ſich weigerten, den Wechſel mir zurückzugeben, als ich denſelben einlöſen wollte, und Ihnen noch fünfhundert Gulden über die vorgeſchoſſene Summe bot.“ „Weil damals mein Plan noch nicht vereitelt war; erſt ſpäter durch ſeinen Tod wurde die Ausführung un⸗ möglich. Sie ſehen, Baron von Hunter, daß derjenige, den Sir zu betrügen hofften, ſchlauer war, als Sie eide.“ „Daß unſer Vorſatz nicht war, Sie zu betrügen, Herr Smith, habe ich ja gezeigt, indem ich den Wech⸗ ſel einlöſen wollte....“ „Der Wechſel war falſch, Herr Baron, und wenn Sie der Tod getroffen hätte, von wem ſollte ich dann das Geld empfangen haben?“ 8 „Der gute Himmel hat meine Tage geſpart; ich lebe noch, um die Sache in's Reine zu bringen. Sie wollen Ihr vorgeſchoſſenes Geld zurück, Herr Smith! das iſt nicht mehr als billig; Sie ſollen es haben.“ der die Briefe auf die Poſt brachte und von dort holte, „Die Summe iſt achttauſend Gulden.... Zehn 191 Jahre Intereſſen, à 10 Prozt., denn wenn man Geld auf einen falſchen Wechſel vorſchießt, darf das Inter⸗ eſſe wohl etwas höher berxechnet werden, zehn Jahre Intereſſen verdoppeln die Summe.. und wenn ich als Lohn meiner Verſchwiegenheit fünf tauſend Gulden rechne, glaube ich nicht, daß der Herr Baron viel da⸗ gegen zu ſagen haben werden.“ „Acht tauſend Gulden und zehn Jahre Intereſſen à 10 Prozt., nebſt fünftauſend Gulden...“ „Macht einundzwanzigtauſend Gulden; bezahlen Sie mir dieſe, Herr Baron, und Wechſel und Beweis und die beiden Briefe, Alles gebe ich Ihnen zurück! Sie ſehen, daß ich ein ehrlicher Mann bin und Ihr Unglück nicht will.“ 3 „Aber.... mein Herr Smith!... das iſt das Verlangen eines Wahnfinnigen... Ein und zwanzig tauſend Gulden!“ 5 „Was will das Sümmchen für Sie heißen? Was ſind einundzwanzigtauſend Gulden für den Baron von Hunter?“ „Ihr Verlangen iſt zu groß, viel zu groß, Herr Smith!“ 3 „Wohl, Herr Baron, laſſen Sie uns über tauſend Gulden mehr oder weniger nicht in Zwiſt kommen; ich fühle wohl, daß es Ihnen daran gelegen ſein muß, die Sache ſo bald als möglich abzumachen.. Darum habe ich die bewußten Papiere mitgebracht; erfüllen Sie mein Verlangen und ich übergebe Ihnen die Pa⸗ piere, und jede Spur eines jugendlichen Fehlers iſt für ewig vernichtet.“ 3 „Es iſt mir unmöglich, dieſes unmäßige Verlangen jetzt zu erfüllen, Herr Smith! Und geſetzt einmal, ich wäre nicht mehr zurückgekommen, dann wäre die Summe, die ich Ihnen jetzt mit einem mäßigen Intereſſe anbiete, doch für Sie verloren geweſen.“ „Von Anbieten iſt durchaus nicht die Rede, Herr Baron. Sie müſſen bezahlen, was ich von Ihnen 192 verlange und Dank ſollten Sie mir ſagen, daß ich die Forderung nicht verdoppelt habe.“ „Herr Smith!“ 3 „Baron von Hunter, Sie ſind in meiner Macht; die Beweiſe Jhres Verbrechens ſind in meiner Hand: eine Schandthat, die Sie auf das Schaffot bringen wird. Bedenken Sie es wohl, mein Herr, und danken Sie dem Himmel, daß Sie in die Hände eines ehr⸗ lichen Mannes gefallen ſind, der nicht mehr verlangt, als recht und billig iſt, der Sie ſchonen will, obſchon er Sie ins Verderben ſtürzen kann. Ich kaun den Na⸗ men des Barons von Hunter auf die Liſte der Ver⸗ brecher bringen und dann für immer beſchimpfen!“ „Ibre Worte ſind hart und bitter, Herr Smith.“ „Meine Thaten werden noch ſchwerer ſein, Herr Baron! Seien Sie darum klug und befriedigen Sie mich; bedenken Sie ſich nicht lange; vielleicht ändere ich im folgenden Augenblick meinen Entſchluß; viel⸗ leicht... Nein, ein ehrlicher Mann iſt nicht immer verbunden, ſich als ehrlicher Mann zu betragen gegen Leute wie Sie, Herr Baron!“ Der Baron biß ſich auf die Lippen. „Herr Smith!“ ſprach er mit unterdrücktem Zorn, „zum letzten Mal hören Sie mich an. Sie handelten nicht ehrlich, als Sie mir das Geld gaben und..„ „Ich handelte in Ihrem Intereſſe,“ ſprach Smith, ihn nicht fortfahren laſſend,„wäre es Ihnen nicht bei mir gelungen, würden Sie ſich gewiß an einen Andern gewendet haben, und das fürchtete ich. Vielleicht hätten Sie in die Hände eines Mannes fallen können, der weniger Mitleid mit Ihrer Jugend gehabt und höhere Anſprüche gemacht hätte.“ Guſtav ſetzte ſich auf das Sofa nieder und ſah einige Augenblicke gedankenlos vor ſich hin. Der Mann, der jetzt vor ihm ſtand und den er 3 todt geglaubt, ja, über deſſen Tod er beinahe ſicher war, vereitelte ſo alle ſeine Pläne, Adam Smith ſtörte 193 ihn nicht in dieſen Gedanken, beobachtete ihn aber auf⸗ merkſam. In jedem Zug auf des Baronen Antlitz meinte er eine andere Gemüthsbewegung gewahren zu können. Schweigend blieben Beide einige Augenblicke in der⸗ ſelben Haltung, bis die Augen des aufmerkſamen Be⸗ obachters denen Guſtavs begegneten. „Und wenn ich Ihnen erkläre, daß es mir unmög⸗ lich iſt, Ihren Wünſchen zu entſprechen?“ begann der Baron. „Dann würde ich Ihnen nicht glauben.“ „Aber, mein Herr Smith, wenn ich Ihnen feier⸗ lin, die Verſicherung gebe, Ihnen auf mein Ehrenwort erkläre....“ 3 „Auf Ihr Ehrenwort!“ wiederholte Adam, nich würde glauben, Sie wollten mich betrügen, wie Sie ſchon einmal gethan.“. 3 .„Keine Beleidigungen, mein Herr, ich werde ſie am wenigſten von Ihnen dulden.“ „Wäre ich an Ihrer Stelle, Baron von Hunter, würde ich den Beleidigungen durch augenblickliche Be⸗ zahlung der Schuld zuvorgekommen ſein.“ „Herr Smith, glauben Sie mir, daß es mir jetzt ganz unmöglich iſt. Die Billigkeit Ihrer Forderung will ich nicht beurtheilen, offenherzig, frei will ich mit Ihnen ſprechen. Sehen Sie dieſes Portefeuille, es enthält Alles, was ich beſitze, und urtheilen Sie ſelbſt, ob es zureicht für Ihr Verlangen!“ Und der Baron nahm ein prächtiges Portefeuille, das mit einem goldenen Schloſſe verſehen war, aus dem Käſtchen, welches vor ihm ſtand, und legte die⸗ ſelbe auf den Tiſch nieder. „Sie ſehen,“ ſprach er, nachdem er es geöffnet hatte,„viertauſend Gulden an Banknoten iſt Alles, was ich beſitze.“ „Iſt das Wahrheit, Baron von Hunter? Iſt es Wahrheit, daß der Mann, der in der großen Welt den 194⁴ Ton angibt, der durch äußerliche Pracht die Welt ver⸗ blendet, nicht mehr als viertauſend Gulden beſitzt?“ „Es iſt Wahrheit, mein Herr Smith, ich ſchwöre Ihnen, was in dem Portefeuille liegt, macht all mein Vermögen aus!“ „Ich will Ihnen glauben, Baron von Hunter.“ „Und?“ „Ich werde thun, was ich als ehrlicher Mann zu thun verpflichtet bin. Ihr ganzes Vermögen beläuft ſich auf nur viertauſend Gulden und Sie leben auf einem Fuß, als ob Sie Schätze in der Welt beſäßen. Sie verbinden damit einen beſondern Zweck, Baron von Hunter; Sie wollen die Leute täuſchen, die Sie in Ihre Kreiſe aufgenommen, weil ſie in Ihnen einen Andern zu ſehen glauben, als Sie wirklich ſind; oder ſuchen Sie ein Opfer in jenen Kreiſen, um ſich an ihm zu bereichern; oder wollen Sie eine reiche Gattin, die... Doch genug, Keiner von denen, die Sie jetzt vergöttern, wird Sie mehr aufnehmen, wenn es bekannt wird, daß der reiche, elegante Baron von Hunter nicht mehr als viertauſend Gulden beſitzt; wenn man weiß, daß Sie ſich nur ſo groß und glänzend zeigten, um das allge⸗ meine Vertrauen zu gewinnen, um in der Folge ſchänd⸗ lichen Mißbrauch mit demſelben zu machen. Ich werde dadurch alle Ihre Pläne vernichten; noch heute gebe ich meine Anklage gegen Sie ein. Baron von Hunter, Sie haben mich betrogen, ich will aber nicht, daß Sie noch mehr brave Bürger ins Verderben ſlürzen!“ „Herr Smith, geben Sie mir um Gottes willen Zeit bis morgen, kommen Sie morgen zurück und... ich werde Sie zufrieden ſtellen. Was für einen Vor⸗ theil kann es Ihnen denn bringen, mich noch unglück⸗ licher zu machen als ich bereits bin?“ „Ich werde der Geſellſchaft dadurch eine Wohlthat erweiſen; Sie ſollen Ihre gerechte und wohlverdiente Strafe erhalten und die Geſellſchaft ſoll gerächt werden.“ „Haben Sie nur bis morgen Geduld; ich bitte 195 Sie, ich, der Baron von Hunter, ich bitte Sie demü⸗ thigſt, mir dieſen Aufſchub zu gewähren, kommen Sie morgen zurück und Sie ſollen, wenn auch nicht ganz bezahlt, ſo doch zufrieden geſtellt werden.“ „Zwiſchen heute und morgen kommt eine Nacht, und Sie wiſſen, Baron!...“ „Fliehen!... Nein!. Ich werde nicht fliehen, ich ſchwöre es Ihnen!“ „Und wie wollen Sie mich zufrieden ſtellen?“ „Indem ich Ihnen Sicherheit für die fragliche Summe gebe.“ „So... und worin ſoll die Sicherheit beſtehen?“ „Das iſt ein Geheimniß, das ich nicht offenbaren kann und mag; haben Sie nur bis morgen Geduld, mehr verlange ich nicht, und dies werden und dürfen Sie mir nicht weigern; Sie ſind zu ehrlich und recht⸗ ſchaffen.“ 3 „Keine Schmeicheleien, Herr Baron... ich kenne Sie als Verbrecher, lehren Sie mich nicht Sie auch als gemein kennen! Ich gebe deſſen ungeachtet Ihnen Verzug bis morgen, aber ſeien Sie verſichert, daß ich in der Zwiſchenzeit jeden Ihrer Gänge, ja jeden Ihrer Schritte beobachten werde.“ „Mein Ehrenwort verbürgt Ihnen.“ „Ich brauche keine Verſicherung von Ihnen, ich werde meine Maßregeln nehmen; darum, zum letzten Mal, ſuchen Sie mich nicht zu hintergehen. Leben Sie wohl, Herr Baron, bis morgen.“ 4* „„Werteufelt!“ rief der Baron, während all ſeine Glieder bebten,„mich erniedrigen zu müſſen vor dem Mann, den ich todt wähnte, von welchem ich nichts mehr glaubte fürchten zu dürfen, ihm ſchmeicheln zu müſſen, ihn anflehen zu müſſen, großer Gott, es iſt ſchrecklich!! Verzweiflung und Irrwahn hatten ſich des Barons bemächtigt. Er ſtand wie an den Boden genagelt. 1 XXII. Mathilde. In dem hinterſten Theile der Wohnung des Herrn Woeſtbergen war ein kleines Zimmer, worin Alles, was Geſchmack und die feine Welt kennen mochte, ver⸗ einigt war. Ein doppelter Teppich bedeckte den Boden des Zimmers, welches durch einen Porzellanofen ange⸗ nehm erwärmt war. Die Gardinen vor den Fenſtern, welche außer dem Tageslicht, das ſie hereinließen, zu⸗ gleich die Ausſicht in den Garten verſchafften, waren zuſammengezogen und auf dem mit einem koſtbaren Teppich bedeckten Tiſche ſtand eine bronzene Lampe, die in luſtiger und heller Flamme brannte. Ein Sofa ſtund an der Wand, auf demſelben lagen Bücher, die in ſchöne Bände gebunden waren, und welche man verſäumt hatte, in dem kleinen Mahagony⸗ kaſten aufzuſtellen. Ein Pianoforte ſtand daneben, das unſern Leſern aus dem Geſpräche des Baron Hunter mit Herrn Woeſtbergen bereits bekannt iſt, und auf dem aufgeſchlagenen Deckel lagen verſchiedene Muſikſtücke in liebengürdiger Unordnung. 5 An der Wand hingen einige Bilder, die ihr Da⸗ ſein dem Pinſel der erſten Meiſter zu verdanken hatten; während das eintönige Getick einer koſtbaren Uhr, eine der Zierrathen des breiten Kaminvorſprungs, die Stille, die in dem Gemach herrſchte, einigermaßen belebte. Hier treffen wir die Baronin Wittwe van Delden van Ransbergen. Mit ihrem ſchön geformten Arme ihr Haupt unter⸗ ſtützend, blätterte ſie gleichſam unwillkürlich in einem Buche, das aufgeſchlagen vor ihr lag, und warf hie und da einen Blick auf die Uhr, ein Blick, der ihre Erwartung und Ungeduld erkennen ließ. — t. 197 V 8 Mathilde war nicht mehr in der erſten Lebensblüthe, 1 ihr Lenz hatte bereits dem Sommer weichen müſſen. Die ſchöne Wittwe zählte drei und dreißig Jahre. Ihre Geſtalt war nicht groß, ihr Hals blendend weiß und trug die leichte Laſt eines Kopfes, der für ein Madon⸗. nenbild ein ſchöner Vorwurf geweſen. 4 Auf dem Antlitze der Baronin war Sanftmuth mit Würde gepaart; ihre dunkelbraunen Augen, ſo ſelten bei einer Blondine, belebten das Angeſicht, als wäre es noch daſſelbe, auf dem die friſche Röthe der Jugend prangte. Vielleicht hätte die zierlich geformte Naſe zu klein genannt werden können, wenn nicht der ſchöne Mund dies unbedeutende Gebrechen wieder doppelt ver⸗ gütet hätte, ein Mund, um den fortwährend ein freund⸗ liches, feines Lächeln ſpielte, ein Mund, der nur zum Ausdruck Alles deſſen, was gut, ſchön und edel, ge⸗ ſchaffen zu ſein ſchien. Ihre auf der Stirne geſcheitelten, dunkelblonden Locken, waren von einem kleinen, hübſchen Häubchen theilweiſe verborgen, doch Stirne und Wangen ganz frei. So war Mathyilde; ſo ſtelle ſie ſich der Leſer vor. Ein dunkelfarbiges Kleid umſchloß ihren wohlgebauten Leib und hob ihren weißen Teint noch mehr heraus. Ein paar Ringe an den ſchön geformten Fingern war ihr ganzer Schmuck; und gewiß, ſie brauchte keinen Schmuck, um ſchön und anmuthig zu erſcheinen. Die Natur hatte ſie reich genug ausgeſtattet. 4 Der Klang der großen Hausglocke, die durch den marmornen Gang wiederhallte, machte ſie, obgleich das Geläute kaum in dem abgelegenen Gemach gehört wurde, erſchreckt aufſpringen. Sie eilte mit einer Gewand⸗ heit, die eine Sechszehnjährige ihr hätte beneiden kön⸗ nen, nach der Thüre und horchte aufmerkſam, ob ihr Ohr die Annäherung deſſen, den ſie mit ſo viel Un⸗ geduld erwartete, nicht vernehmen könnte. Sie be⸗ trog ſich nicht; ſie hörte eine bekannte Stimme, die ihr wohllautend entgegen klang. Die Thüre des Seiten⸗ gemachs wurde geöffnet, und die Fußtritte, die ſich ih⸗ rem Zimmer näherten, wurden deutlich. Eilig flog fie an ihren Platz zurück, als der Bediente den Baron von Hunter anmeldete, welcher denn auch, nach erhaltener Erlaubniß, alsbald erſchien. Eine leichte Röthe über⸗ flog das Geſicht der Baronin, als Guſtav hereintrat, und ſie ſeine ungezwungene Verbeugung erwiederte. „Ich bin Ihnen großen Dank ſchuldig, daß ſie ge⸗ kommen ſind, Herr Baron! Setzen Sie ſich, denn un⸗ ſere Unterhaltung dürfte lange dauern!“ „Wie können Sie zweifeln, daß ich eine Gelegen⸗ heit, Sie zu ſprechen und zu ſehen, ſo vorübergehen laſſen würde...“ „Halten Sie ein mit Ihren Schmeicheleien,“ ſprach die Wittwe ruhig, ohne die mindeſte Bewegung blicken zu laſſen,„wir kennen einander zu gut. Laſſen Sie uns ernſtlich ſprechen und alle nichts bedeutenden Ze⸗ remonien vermeiden.“ Der männliche Ernſt, womit dieſe Worte geäußert wurden, und der ergreifende Ton, mit dem ſie den Angeſprochenen aufmerkſam machen wollte, waren für dieſen etwas fremd. Guſtav beugte ſich höflich und nahm Platz. 4 Keine Spur von alle dem, was dieſen Morgen zwiſchen ihm und Adam Smith vorgefallen war, konnte man an ſeinen edlen Zügen wiederfinden; ſtolz und hoch trug er ſein Haupt, und die Ruhe ſeines Geſichtes war in Shläitr für die Unruhe, die in ſeinem Innern ochte.* „Wahrhaftig, gnädige Frau, nach reichlicher Ueber⸗ legung fühle ich einige Reue über die Sprache, die ich geſtern gegenüber von Ihnen gebrauchte, doch ich hof von Ihrer Güte nicht zu viel zu erwarten, wenn ich Ihre Vergebung dafür anrufe; die Kälte, mit der Sie mich empfingen, und die Mittheilungen, die mir Ihr 199 Bruder machte, ließen mich die feine Sitte etwas über⸗ ſchreiten!“ „Und die Mittheilungen, mein Herr!“ „Werfen das ganze Gebäude meiner Hoffnung um; ein Gebäude, das wie durch einen Zauberſchlag vor meiner Phantaſie ſich erbaute, als Ihr Bruder mir ſagte, daß Sie Wittwe ſeien.“ „Sie wußten es alſo noch nicht,“ ſagte die Ba⸗ ronin, Guſtav mit forſchendem Blicke anſehend. „Nein, gnädige Frau! Wie ſollte ich, der als Vertriebener in der Fremde umherirrte, ein Ereigniß erfahren haben, daß gewiß, wie ſchmerzlich auch für Sie, den ſüßen Balſam der Hoffnung in meinen Bu⸗ ſen gegoſſen hätte.“ „Ich glaube Sie zu verſtehen, mein Herr! doch die Mittheilungen, die Robert Ihnen geſtern machte?“ „Vergönnen Sie mir, gnädige Frau! Ihnen dar⸗ auf die Antwort ſchuldig zu bleiben; mit dem einzigen Naman Kolonel van Bergen glaube ich genng zu agen.“ Eine dunkle Röthe erhöhte die Gluth, die auf Mathildens Antlitz ſich gelagert hatte. „Und doch war es thöricht von mir, dem Gerüchte Glauben zu ſchenken, gnädige Frau! Ich hätte von Ihrer Güte erwarten dürfen„ daß Sie die Wunden heilen würden, die Sie geſchlagen haben..“ „Meine Heirath mit dem Baron van Ransbergen hat Sie demnach wohl ſehr frappirt,“ ſagte die Ba⸗ ronin, um das Geſpräch von dem Kolonel van Bergen abzuwenden. 3 „Können Sie mich das fragen, Mathilde! Sie einem Andern angehören zu ſehen; Sie, die ich liebe, als Opfer der Kindesliebe einem alten Manne verbun⸗ den zu ſehen, das war mir zu viel, das konnte ich nicht anſehen; ich verließ darum mein Vaterland... Dog die Geſchichte meiner Leiden will ich Ihnen er⸗ aren!* 200 wenn meine Frage nicht allzu unbeſcheiden iſt!“ »„Eine unwiderſtehliche Sehnſucht nach ihm trieb mich zurück nach Holland; er war ja der Einzige, der „Und was trieb Sie, nach Holland zurückzukehren... mich an die früheren Tage des Glücks und der Selig⸗ keit erinnerte!“ „Er, er, iſt er denn hier, in dieſer Stadt, Gu⸗ ſtav, um Gottes willen, ſeien Sie jetzt aufrichtig ge⸗ gen mich, iſt er hier?“ „Za, Mattilde, in dieſer Stadt...“ „So in meiner Nähe und ich habe ihn noch nicht geſehen, nicht in meine Arme gedrückt...! O Guſtap, laſſen Sie uns keinen Augenblick zögern. Bringen Sie mich zu ihm, daß meine Lippen die ſeinigen drücken.. meinen Wagen, meinen Mantel...“ Und ſie ſtreckte die Hand nach dem Glockenzug aus. „Ruhig, Mathilde! um's Himmels willen, was wollen Sie thun?“ ſehe „Bedenken Sie, welche ſonderbare Auslegung man Ihrer Handlungsweiſe geben würde, ſich unerwartet..“ „O, man erklär' es, wie man will, ich bin Her⸗ rin meiner Thaten und trotze Allem, um ihn zu ſehen.“ „Und wenn nun der Kolonel van Bergen erführe, daß Sie um dieſe Stunde den Wagen vorfahren lie⸗ ßen, um mit mir in demſelben...“—„ „Keine Ausflucht, Guſtav, Sie müſſen mich zu ihm bringen. Ich will, ich muß ihn ſehen, ihn umhalſen, ihn... „Nein, Mathilde, jetzt nicht, und wenn die Frau Baronin vergißt, was ſie ihrem Range ſchuldig iſt, dann iſt es meine Pflicht, ſie von einer That zurückzu⸗ halten, die ihren guten Namen beeinträchtigen könnte.“ Mathilde warf ſich auf das Sofa; ſtürmiſch wogte er weißer Buſen, ein glänzendes Feuer ſtrahlte aus 3„Halte mich nicht zurück, Guſtav, ich muß ihn n...!“ — — — 201 ihren Augen. Nie hatte Guſtav die ſchöne Mathilde ſchöner geſehen, als in dieſem Augenblick. „Es gibt nur ein Mittel, ihn zu ſehen, ihm Ihre zarte Sorgfalt widmen zu können, und ihm den Na⸗ men zu geben, der ihm gehört.“ „Sprechen Sie, nennen Sie mir das Mittel, Gu⸗ ſtav! Haben Sie Mitleiden mit mir, die nichts gegen Sie verbrochen.“ „Mathilde,“ ſprach Guſtav langſam, um deſto ſiche⸗ rer zu treffen,„haben Sie nie etwas gegen mich ver⸗ brochen? Was kann ein ſchwereres Verbrechen ſein, als wenn die Frau den Mann, der ſie liebt, der ſie anbetet, verläßt und ihre Hand einem Andern ſchenkt, und dadurch ſeine Hoffnung, ſein Glück vernichtet und ſein ganzes Leben verbittert.“ „Guſtav, ſagen Sie, was muß ich thun, um ein Vergehen, das ich nur beging, um meinen Vater zu retten, wieder auszutilgen. Ach Guſtav, ſagen Sie mir, wollen Sie Gold, ich beſitze Schätze; verlangen Sie, ſo viel Sie wollen, ſcheuen Sie ſich nicht... aber bringen Sie mich zu ihm!“ „Mathilde, womit habe ich dieſe Demüthigung verdient? Nein! ich habe Ihre Schätze, Ihr Gold nicht nöthig, obgleich nicht ſo reich, wie die Frau Baronin van Ransbergen, beſitze ich doch Vermögen genug.“ „Guſtav, vergeben Sie mir, wenn ich Sie belei⸗ digte.. Ach! Sie....“ „Beleidigen können Sie mich nicht, Mathilde,“ rief Guſtav, die Hand der ſchönen Wittwe faſſend. „Sie können, ich wiederhole es nochmals, die Wun⸗ den heilen, die Sie mir geſchlagen. Ein Wort von Ihren Lippen würde mich all' meine Leiden für ewig vergeſſen laſſen. Mathilde, ſprechen Sie das Wort aus, und führen Sie mich dadurch auf den Gipfel des Glücks!“ „Das Wort!“ liſpelte die Baronin kaum hörbar, Amſterdams Geheimniſſe. I. 14 5 20² „das Wort.“ Guſtav drückte die ſchöne Hand, die er in der ſei⸗ nen hielt, an ſein Herz. „Mathilde, werden Sie die Meine, ſchenken Sie befürchtend, eine Antwort auf die Frage zu hören: mir Ihre Hand und Sie, ich und er, wir Alle wer⸗ den glücklich ſein!“ Die Baronin zog ihre Hand mit Verachtung aus der Guſtav's.. „Ich habe Sie begriffen, Herr Baron,“ ſprach ſie mit Feſtigkeit.„Nie!“ „Mathilde, es gab eine Zeit...“ „Da kannte ich Sie nicht, wie ich Sie jetzt kenne, Baron von Hunter!“ „Sagen Sie lieber, damals waren Sie noch nicht Baronin; damals war Mathilde nicht im Beſitz der Schätze ihres verſtorbenen Gemahls.“ „SIch habe Sie angehört, mein Herr, als Sie mir die Schmerzen und Qualen erzählten, welche Ihnen meine Heirath verurſachte; ich heuchelte Glauben für Ihre Worte.. ich kenne all' Ihre Thaten und Hand⸗ lungen. Werfen Sie einen Blick auf Ihren Lebens⸗ lauf und urtheilen Sie ſelbſt, ob ich Ihnen meine Hand ſchenken kann!“ „Nein, gnädige Frau, es geſchieht nicht deßhalb, daß Sie mir Ihre Hand weigern. Sie lieben, Frau Baronin; Sie geben einem Andern den Vorzug vor mir. Ja, ich weiß es. Der Kolonel van Bergen... Sagen Sie, gnädige Frau, habe ich mich betrogen?“ „Ich bin keineswegs verpflichtet, Ihnen auf dieſe Frage zu antworten. Ich geſtehe es gerne, es gab eine Zeit, wo ich Sie liebte, eine Zeit, wo ich Sie als einen jungen Mann anſah, der von dem Pfade der Tugend durch jugendlichen Leichtfinn abgekommen, doch hielt ich Sie damals noch für unfähig, Thaten zu thun, mit denen Sie ſich ſpäter beſudelt; zu dieſer Zeit war ich noch zu jung, zu wenig mit der Welt bekannt, 203 um die Untugenden zu erforſchen, die unter einem ſchö⸗ nen Aeußeren verborgen waren. Jetzt, nun die Zeit meine Augen geöffnet hat, nun ich das Böſe von dem Guten zu unterſcheiden weiß, jetzt weigere ich mich, mein Loos an das Ihre zu knüpfen!“ „Sie vergeſſen, gnädige Frau, daß Sie mit einem Manne ſprechen, der, obgleich ihm die Macht gebricht, den innigſten Wunſch ſeines Herzens zu befriedigen, dennoch die Mittel beſitzt, jeder Heirath mit einem An⸗ dern zuvorzukommen. Verachten Sie mich, ſtoßen Sie mich von ſich, aber nie, das ſchwöre ich, ſollen Sie Ihren Namen mit einem andern, als dem Meinen verwechſeln.“ „Sie bedrohen mich, mein Herr!“ „Verkannte Liebe macht wahnſinnig, und die Ver⸗ zweiflung ergreift jedes Mittel, um ſich zu rächen. Wiſſen Sie, Mathilde! Sie ſollen die Gattin des Ko⸗ lonels nie werden!“ „Mein Herr..l“ „Oder müßte er die Hand der Mutter meines Sohnes verlangen!“ „Und Sie ſollten...“ „Ihm Alles offenbaren, Mathilde.“ „Und Eduard, meinen Sohn! Guſtav, meinen Sohn..“ „Werden Sie nie wieder ſehen, bis Sie dem Vater die Hand reichen... 1“ 3 „Großer Gott, ſoll ich denn mein Glück dem mei⸗ nes Sohnes aufopfern müſſen; wie ich es ſchon einmal gethan, um meinen Vater zu retten!“. „Würde denn eine Ehe mit mir Sie alles Glückes berauben?“ „Ja, Herr Baron! Ich.. werde Sie nie wieder lieben können.“ „Mathilde!“ „Den Mann, den man verachtet, kann man nicht lieben lernen!“ „Es iſt wahr, gnädige Frau, ich habe mir viel, ſehr viel vorzuwerfen; aber Sie...! War Ihr Leben immer ſo rein? Beſchuldigt Sie Ihr Gewiſſen keiner Schuld? Oder ſtehen wir einander nicht in vielen Din⸗ gen gleich?“ „Guſtav, ich werde Ihnen zeigen, daß ich Sie beſſer kenne, als Sie wobl glauben; ich werde Ihnen beweiſen, daß ich alle Ihre Handlungen und Thaten kenne, die Sie von keinem Menſchen geahnt wäh⸗ nen, und ich werde Sie ſelbſt urtheilen laſſen, ob eine Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen und mir beſteht! Nie würden die Worte, die ich jetzt an Sie richte, über meine Lippen gekommen ſein, aber ſie zwingen mich, Sie einen Blick in Ihr eigenes Elend und Ihre Tief⸗ geſunkenheit thun zu laſſen, da Sie die Unverſchämt⸗ heit haben, mich auf eine Linie mit ſich zu ſtellen. Aber ich werde Ihnen den ganzen Lebenslauf vorhalten, einen Spiegel, in dem Sie Ihre eigene Schande ſehen. „Ihre Geburt koſtete Ihrer Mutter das Leben und als Sie ſechs Jahre alt waren, wurden Sie in eine holländiſche Koſtſchule gethan, wo Sie bis zum acht⸗ zehnten Jahre verblieben, und darauf nach Leyden ge⸗ ſandt, um auf der dortigen Hochſchule die Rechte zu ſtudiren. Gewiß würden Sie mit geringeren Koſten Ihre Studien auf einer deutſchen Univerſität vollendet haben; doch die Hoffnung, Ihnen einſt einen guten Poſten in Holland zu verſchaffen, ließ Ihren Vater große Opfer bringen und Sie nach Leyden ſchicken; denn daß dieß für einen braven, aber unbemittelten Edel⸗ mann kein kleines Opfer war, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen.. „Sie wiſſen ja die Umſtände, in denen ſich Ihr Vater befand; aber ſtatt daß Sie, aus dieſen Grün⸗ den, ſich mit Eifer auf dieſe Studien gelegt hätten, überließen Sie ſich allen leichtſinnigen Streichen; Sie machten Ausgaben, die weit über Ihr Einkommen gin⸗ gen und ſtürzten ſich in Schulden, die Sie zum Vor⸗ aus wußten, nicht mehr bezahlen zu können. Dies Alles hatte zur Folge, daß Sie nach einem Aufenthalt von kaum ſechs Monden die Univerſität verlaſſen muß⸗ ten, um nach Deutſchland zu Ihrem Vater zurück zu kehren. Der gute Mann machte ſich den Plan, Sie für den Handel zu beſtimmen, und Sie wurden nun auf wem Comptoir meines Vaters als Volontair an⸗ geſtellt. 3 „Da lernten wir einander kennen; ich glaubte JIh⸗ ren Eiden, den theuern Verſicherungen Ihrer Liebe. Ich hielt Sie für einen den all' zu großen Verſuchun⸗ gen einer Univerſitätsſtadt unterlegenen Mann, und für mehr zu beklagen, als zu tadeln; Ihre Worte fan⸗ den Eingang in meinem Herzen, ich liebte Sie... hatte einen ſchwachen Augenblick... das Uebrige wiſ⸗ ſen Sie.“ „Nun und dann...“ „Laſſen Sie mich ausreden, mein Herr! Sie wa⸗ ren beinahe drei Jahre auf dem Komptoir meines Va⸗ ters, als Etwas geſchah, was die fatalſten Folgen nach ſich ziehen konnte. Mein Vater mußte zwanzig⸗ tauſend Gulden in Wechſeln bezahlen. Den Tag zu⸗ vor legte er den Betrag in Banknoten in Bereitſchaft und ſchloß ſie in die eiſerne Geldkiſte, die, wie Sie ſich wohl erinnern werden, auf dem Komptoir ſtand. ie erinnern ſich dann auch ohne Zweifel, daß ein klei⸗ nes Fenſter ſich ein der Wand des Komptoirs befand, um der Treppe Lcht zu geben, welche nach dem ober⸗ een Stock führte. Sie wußten, daß mein Vater aus⸗ gegangen war, und da ich ſchon lange eine Gelegen⸗ heit geſucht, um mich beſonders mit Ihnen über unſer Kind zu beſprechen, von deſſen Exiſtenz Niemand Etwas wußte, als wir, beſchloß ich von der Abweſenheit mei⸗ nes Vaters Gebrauch zu machen, um Sie zu ſprechen. Um aber vollkommen ſicher zu ſein, daß Sie ſich allein auf dem Komptoir befänden, ſtieg ich auf die Treppe und ſah durch das Fenſter. Sie waren allein; ich ſah Sie knieend vor der eiſernen Kige, um Etwas, das ich nicht deutlich unterſcheiden konnte, daraus zu holen. Darauf ſchloßen Sie die Kiſte wieder zu und ſchoben den Riegel, womit Sie den Zugang zum Komptoir verhin⸗ dert hatten, wieder zurück; ich ſah Sie kaltblütig vor dem Schreibepult Platz nehmen, als ob Nichts vorge⸗ fallen wäre. Eine furchtbare Vermuthung ſtieg in mei⸗ nem Innern auf; das Vermuihen wurde, leider, nur allzu wahr, als mein Vater am folgenden Morgen den Wechſel bezahlen wollte und die Banknoten in der Kiſte nicht vorfand. Sie waren der Dieb!“ Mathilde!“ rief der Baron, der mit der heftig⸗ ſten Unruhe die Baronin angehört hatte, und bei iyren letzten Worten aufſprang.„Mathilde, Sie beſchuldigen mich mit Unrecht. welche Beweiſe haben Sie..2?“ „Was ich ſelbſt ſah, braucht keine Beweiſe,“ fuhr ſie ruhig fort.„Dieſer Diebſtahl iſt es noch nicht, der mich von ihnen abwendig machte, Sie haben mich Sie verachten gelehrt. Ich wußte, daß Ihre Gläubiger Ihnen ſehr zur Laſt ſielen; denn Sie hatten verſchie⸗ dene Schulden vor Ihrem Vater verſchwiegen; ich dachte, ihre Verfolgungen haben Sie zur Verzweiflung gebracht und dieſe Sie jenen Schritt thun laſſen. „Ich wußte, daß der Verluſt meinen Vater in's Verderben geſtürzt hätte, und faßte den Entſchluß ihn zu retten durch die Annahme der Hand des Baron van Delden van Ransbergen, der mir ſie oft angeboten. Ich fürchtete die Entdeckung des Schuldigen; er war jg der Vater meines Kindes; er war es, den ich trotz ſeiner Frevelthat noch liebte. Darum that ich Alles, was nur irgend die Spur des Thäters vernichten konnte, und verbrannte die Liſte, auf die mein Vater die Nummern der Banknoten geſchrieben hatte. Nach dieſem Geſtändniß, das noch nie über meine Lippen gekommen, können Sie ſich die Größe meiner Liebe * denken. Sowohl um Sie, als um meinen Vater zu retten, ſchenkte ich meine Hand dem Baronen, den ich damals noch nicht liebte; doch ſpäter, als ich das ver⸗ nahm, was ich Ihnen noch mittheilen werde, machte mein Herz einen Vergleich zwiſchen dem treuen Baron und Ihnen: und ihn lernte ich ehren, Sie verachten.“ Die Baronin hielt einige Augenblicke inne; der Baron ſtund bewegungslos und konnte nicht antworten. Die Mutter ſeines Kindes fuhr alſo fort: „Als meine Hochzeit vorüber, mußte ich von Ih⸗ nen die heftigſten Vorwürfe erdulden; ruhig hörte ich ſie an, ohne Ihnen zu offenbaren, daß ich um Ihrer willen die Heirath geſchloſſen. Ich wollte Ihnen nicht die Sicherheit nehmen, in der Sie lebten, wähnend, Ihr Vergehen ſei unbekannt; es wäre mir zu ſchmerz⸗ lich geweſen, Sie vor mir zu demüthigen. e ver⸗ ließen das Comptoir meines Vaters und reisten nach Paris; ich ließ Ihnen eine vertraute Perſon folgen, deren Namen Sie nie erfahren werden; ich wollte wiſſen, ob Sie unſer Kind mitnähmen, da ich gehört hatte, daß es nicht mehr an ſeinem alten Orte ſei. Mein Vertrauter mußte mir hie und da Nachricht von Ihnen geben. Ich trug mich mit dem Gedanken, daß der Vater ſein Kind nicht vergeſſen würde, und auf dieſe Weiſe hoffte ich zu erfahren, wo das Kind ſich befinde; doch leider wurde ich ſchrecklich in meiner Er⸗ wartung getäuſcht! Sie lebten, als ob kein Geſchöpf vorhanden, dem Sie das Leben geſchenkt, und bis heute ſt mir der Ort, wo mein Kind ſich befindet, gänzlich unbekannt geblieben. Sie bewohnten ein Haus im Quartier latin, dem Viertel der Studenten, mit wel⸗ chen ſie bald Bekanntſchaft machten, und ein ſo ſchänd⸗ liches Leben führten, daß ſelbſt Ihre ſonſt nicht allzu ſoliden Kameraden Sie aus Ihren Kreiſen wieſen und allen Umgang mit Ihnen mieden. Da verließen Sie das Quartier latin, um in der Chaussée d'Antin, dem gewöhnlichen Quartier der Dandy's, zu wohnen, und da ſpielten Sie wieder eine ganz andere Rolle. Sie kleideten ſich geſchmackvoll, kauften ein Tilbury und ein Pferd, ließen ſich in den vornehmſten Kreiſen vorſtellen und bald war Mons. le Baron de Hunter der ſtets willkommene Gaſt bei dem Pariſer Adel. „Doch dieſe neue koſtbare Lebensweiſe verminderte ſchnell die geſtohlene Summe. Wie früher in Leyden, ſo machten Sie jetzt in Paris viele Schulden, und das wurde Ihnen, dem in der großen Welt gefeierten Manne nicht ſchwer. Ihr Umgang mit der höheren Klaſſe der Geſellſchaft machte Sie mit Madame d'Ar⸗ mant, der Wittwe eines der reichſten Bankiers in Pa⸗ ris, bekannt; bei ihr ſpielten Sie die Rolle eines Lieb⸗ habers, und die vierzigjährige Wittwe war toll genug, Ibren Liebesſchwüren zu glauben. Es ſchmeichelte ihr nicht wenig, bei Ihnen ſo vielen jüngeren und ſchö⸗ neren Damen den Vorrang abgelaufen zu haben, und Sie boten ihr die Hand an. „Doch wie eitel, wie ſtolz ſie auch war, Sie an ſich gefeſſelt zu haben, war die Wittwe doch keines⸗ wegs ſo thöricht, ſich durch den äußerlichen Schein verblenden zu laſſen, und weigerte ſtandhaft die Ehe, ohne vorher genügende Beweiſe zu haben, daß Sie wirklich in Deutſchland die großen Beſitzungen hätten, von denen Sie immer ſo viel Aufhebens gemacht; ſie wollte wiſſen, ob es nicht eher ihr Vermögen, als ſie ſelbſt ſei, die Sie heirathen wollten. Dieſe Beweiſe blieben aus, und als Sie bemerkten, daß die Ver⸗ bindung mit Madame d'Armant nie zu Stande kom⸗ men werde, faßten Sie den Entſchluß, Paris, wo man vorſichtiger, als Sie glaubten, zu verlaſſen; doch auch dies war Ihnen unmöglich, da von den zwanzigtau⸗ ſend Gulden kein einziger Pfenning mehr übrig war. Um Madame d'Armant einen großen Begriff von Ih⸗ rem Reichthum zu geben, hatten Sie hie und da vor⸗ gewendet, die Renten Ihrer Güter ſeien noch nicht angekommen, und darum hätten Sie anſehnliche Sum⸗ men entlehnt, welche ſogleich pünktlich von ihnen be⸗ zahlt werden, wenn Sie die erwarteten Gelder erhal⸗ ten würden. Die Wittwe wurde von Ihnen erſucht, Ihnen dreißig tauſend Franks zu leihen, um ein Land⸗ gut zu kaufen. Sie erhielt dabei die Verſicherung, die Summe binnen eines Monats zurück zu erhalten, wo⸗ bei Sie ihr dann die deutlichſten Beweiſe Ihres Reich⸗ thums geben wollten. „Ihr Vertrauen hatten Sie ſchon früher erworben durch die pünktliche Zurückgabe des geliehenen Geldes; ſie zögerte darum auch nicht, Ihnen zu dienen. Zu⸗ gleich entlehnten Sie auch noch zehn tauſend Franks von dem Marquis de Longucvilie und eine gleiche Summe von dem Kolonel la Tour, am ſelben Abend verließen Sie Paris, ohne einen Ihrer Gläubiger zu bezahlen. Sie kamen nach Calais und von da ſetzten Sie die Reiſe nach Dover fort. Sie ſehen, Baron von Hunter, daß ich alle Ihre Handlungen genau kenne. Ich werde Ihnen zeigen, wie gut ich auch über Alles, waͤhrend Ihres Aufenthalts in England, Ge⸗ ſchehene unterrrichtet bin. Hier haben Sie meinem Vater zwanzig tauſend Gulden entwendet, in Paris haben Sie Ihren Namen für alle Zeiten geſchändet, durch die betrügeriſche Aufnahme von dreißig tauſend Franks bei Madame d'Armant, und zehn tauſend bei jedem der beiden Herren de Longueville und la Tour. Laſſen Sie uns jetzt ſehen, welche Rolle Sie in Eng⸗ land ſpielten. „Mit Ihrer Beute kamen Sie nach London, doch die Furcht, erkannt zu werden, hielt Sie zurück, in den hohen Kreiſen zu erſcheinen. Sie machten ſich an die höhere Bürgerklaſſe und lernten bald einen Herrn Wilſon kennen, einen achtungswerthen Kaufmann, der eine vierundzwanzigjährige Tochter, Jenny, hatte, welche, da ihr Vater allgemein als ſehr reich galt, für eine gute Partie gehalten wurde. 3 „Sie wußten ſich bald bei Herrn Wilſon einzu⸗ 8 ſchmeicheln, denn eine Heirath mit der lieben Jenny kam Ihnen, wegen des Vaters Reichthum, ſehr wün⸗ ſchenswerth vor. Bald hatten Sie das Herz des Mäd⸗ chens erobert, und der Vater, durch die lügenhaften Erzählungen von Ihren Beſitzungen in Deutſchland, und noch mehr durch Ihren ſcheinbaren Reichthum ſo ſehr für Sie eingenommen, daß er ſeine Zuſtimmung zu der Heirath mit Jenny gab, doch Ihnen zugleich rund heraus erklärte, daß er keineswegs ſo reich, als man ſagte, und nicht mehr als ein bürgerliches Ver⸗ mögen habe. „Dieſes Bekenntniß mußte Sie nicht wenig frap⸗ piren, dabei hatten Sie bereits bemerkt, daß Ihr an⸗ derthalbjähriger Aufenthalt in London und der glän⸗ zende Fuß, auf dem Sie lebten, Ihre fünfzig tauſend sSrancs beinahe ganz verſchlungen hatte, als Ihr Freund, der Advokat van Zeijſt, Ihnen den Tod meines Gat⸗ ten berichtete, was Sie den Entſchluß faſſen ließ, ſo ſchnell als möglich nach Holland zu ſegeln, um ſich in den Beſitz meines Vermögens zu ſetzen. „Ihre leere Börſe erlaubte Ihnen aber nicht, die Ueberfahrt nach Holland und den Aufenthalt hier zu eſtreiten; dazu wollten Sie nicht arm vor mir erſchei⸗ nen, um nicht das Anſehen zu haben, als ob Sie blos mein Vermögen ſuchen! Und doch, Guſt.. Baron von Hunter, wären Sie arm und nicht als Verbrecher vor mir erſchienen! Um ſich hierin vorzuſehen, mußte Sie dieſelbe Liſt, die Ihnen fünfzig tauſend Francs ver⸗ ſchaffte, Sie auch aus der erlegenheit retten. Sie erſuchten den Herrn Wilſon, Ihnen tauſend Pfund auf den Wechſel eines gewiſſen Blaauwfeld zu Amſterdam, der aber nur in Ihrer Phantaſie exiſtirte, vorzuſchie⸗ ßen, und der ehrliche Kaufmann, der kein Mißtrauen hegte, gab Ihnen die verlangte Summe. Drei Tage ſpäter ſchifften Sie mit dem Dampf⸗ boot nach Rotterdam, ohne daß Jenny und ihr Vater bis heute erfahren hätten, was aus Ihnen geworden. 1 211 Ich wollte nicht, daß der brave Wilſon das Opfer Jh⸗ rer Betrügerei werde, ſuchte darum den Wechſel in die Hände zu bekommen, und bezahlte denſelben. Sehen Sie hier, Baron von Hunter, Ihren Wechſel auf Blaauwfeld. Sie werden doch Ihre eigene Unterſchrift nicht leugnen!“ Die Baronin holte den Wechſel und überreichte ihn Guſtav. Der Baron von Hunter ſtarrte, wie vom Donner getroffen, unbeweglich auf den Beweis ſeiner Schuld. XXIII. Fortſetzung. Es herrſchte eine Todtenſtille in dem kleinen Zim⸗ mer. Guſtav ſtand mit dem Arm auf den porzellainenen Ofen gelehnt und hatte ſeine Blicke unabgewendet auf das aiherfel befeſtigt, das vor demſelben ausgebrei⸗ et lag. Mathilde ſaß auf dem Sofa und weinte. Sie hielt das Tuch vor die Augen und bedeckte ihr Antlitz, das durch die Heftigkeit, mit der ſie geſprochen, und die Aufregung, die unruhig ihren Buſen bewegte, ſich hoch⸗ roth gefärbt hatte. Sie war ermattet. Sie ſchwieg, und ſchien noch mehr, viel mehr ſagen zu wollen. Sie trocknete die Thränen, die über die ſchönen Wangen rollten, und ſprach noch dieſe Worte: „Guſtav, Gott weiß, wie ſehr mein Herz litt bei alle dem, was ich Ihnen ſagte; es thut wehe, dem Mann, den man einmal zum Vorwurf ſeiner Liebe erkoßren, ſeine Niedrigkeit ſo vor Augen halten zu en.“ 8 Guſtav blieb ſprachlos. Der Blick, welchen Ma⸗ thilde ihn in ſeine eigene Nichtswürdigkeit thun ließ, batte ihn vernichtet. Er durfte die Augen nicht gegen ſie aufſchlagen, welcher er wenig Augenblicke zuvor die Schwachheit vorgeworfen, ja, die er beſchuldigt, mit ihm auf einer Linie zu ſtehen. „Guſtav, die Ihre kann ich nicht werden,“ ſo fuhr die unglückliche Frau fort,„Sie begreifen das; aber wenn ich Ihnen helfen kann, ſollen Sie mich dazu be⸗ reit finden. „Ich weiß, daß Ihre Umſtände nicht ſo ſind, wie ſie wohl ſcheinen mögen, ich will Ihr Unglück nicht, Guſtav!... Sagen Sie, womit ich Ihnen helfen kann, es beſtehen Bezüge zwiſchen uns, die... Sie dürfen mir es nicht weigern, Guſtav, es iſt nicht die Hülfe einer Fremden, ſondern die der... der Mutter Ihres Kindes, welche ich Ihnen anbiete.. Es iſt... Der laute Ausbruch ihres Weinens hinderte ſie mehr zu ſprechen. Es lag ſo viel Güte in dieſen Worten, die in langſamem Ton ausgeſprochen wurden, als fürchtete ſie den, an den ſie gerichtet waren, zu beleidigen, daß der Baron erwachte, ſeine Augen auf die Mathil⸗ den's zu richten. „Guſtav,“ begann die zartfühlende Mathilde wie⸗ derum,„daß wir einander ſo wiederſehen müſſen!“ Sie reichte dem Baron ihre Hand, als wollte ſie dadurch die Worte, die ſie ſoeben zu ihm geſprochen, wieder gut machen. Er faßte mit einer convulſiviſchen Bewegung dieſelbe und drückte ſie an ſeine Lippen. Eine große Thräne, die ſeit einigen Augenblicken in ſeinem Auge zitterte, fiel auf die verbundenen Hände nieder. Mathilde entzog fich ihm, ſchloß ihren Schreibe⸗ pult auf und ſetzte ſich an denſelben. „Ich ſchreibe eine Quittung an meinen Kaſſier; nennen Sie mir die Summe, Guſtav, daß ich ſie hin⸗ einſetze; doch ſagen Sie nicht zu wenig und wenn Sie — 213 wieder im Stande ſind, können Sie ſie mir zurückge⸗ ben. Weigern Sie ſich nicht, es wäre Thorheit, nun Sie wiſſen, daß ich mit Ihren Umſtänden bekannt bin.“ „Nie, Mathilde, Ihre Hand verlange ich und nichts Andres. Ich bin ſchuldig, ja, ſehr ſchuldig... Doch die Noth zwang mich gegen mein Gefühl zu handeln. Ich werde ſuchen, Alles wieder gut zu machen, Mathilde... ach! Mathilde!.. Meine Freundin!... Meine Ge⸗ liebte!.. ſeien Sie nicht grauſam gegen mich, um Gottes willen, um Eduards willen!“ „Guſtav, geben Sie mir meinen Sohn wieder, vielleicht würde der Vater mir minder ſchuldig vorkom⸗ men, wenn er mit unſrem Sohne vor mir erſchiene! Guſtav, wann ſoll ich ihn wiederſehen?“ „Wenn Sie den Vater für Ihren Gatten erklären. Sie, Mathilde, haben Rechte auf Ihren Sohn, aber ich habe auch dieſelben Rechte, denn er iſt doch mein Sohn und bei alle dem, wollte ich auch von meinen Rechten abſtehen und Eduard Ihnen übergeben, was wollten Sie ihm antworten, wenn er nach ſeinem Va⸗ ter fragte? Würden Sie ihm dann Alles erzählen, was Sie mir ſoeben mittheilten 2 „Nie, Guſtav, nie ſoll Jemand aus meinem Munde die Geſchichte ihrer Schande vernehmen, und ſicher nicht unſer Eduard. Achl ſollte ich ihn ſeinen Vater verach⸗ ten lehren und...“ „Und doch, Mathilde, werden Sie den Sohn mit dem Leben ſeines Vaters bekannt machen müſſen; Sie werden ihm ſagen müſſen, daß Sie den Mann, dem er nächſt Gott das Leben dankt, unwürdig hielten, Ihr Gatte zu heißen, wenn Sie nicht wollen, daß er Sie für ungerecht halte, Sie kalter Gefühlloſigkeit beſchul⸗ dige und Sie verachte! Welche Liebe kann ein Sohn fühlen für eine Mutter, die den Mann, mit dem ſie durch die innigſten Bande verbunden war, verſtieß, um ihre Hand einem Fremden zu reichen!“ 3. „Als Wittwe will ich meine Tage beſchließen, allein 214 für mein Kind, für meinen Eduard leben, er ſoll mein ück, meine Freude ſein. O Guſtav, treten Sie ihn mir ab; verlangen Sie dafür Alles, außer einer Ver⸗ bindung mit mir. Die Aufopferung wird Sie doch nicht ſoviel Mühe koſten. Sie ſind nur Vater und kön⸗ nen ſich das mütterliche Gefühl unmöglich vorſtellen! Guſtav, ich wiederhole es, dies Opfer wird Ihnen nicht zu groß ſein, denn ſollten Sie Eduard lieben, wie ich, ſo würden Sie doch auch während Ihres Aufenthalts außer Land ſich um ihn bekümmert haben.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich es unterließ?“ „Eben ſo gut, als ich mit allen Ihren Handlun⸗ gen bekannt bin, weiß ich, daß Sie, während der Reihe von Jahren, die Sie in fremden Landen zubrachten, keinen einzigen Beweis davon gegeben, daß Sie für Ihren Sohn Sorge trugen. Glauben Sie mir, ver⸗ hielt es ſich anders, ich wäre davon unterrichtet. All' meine Nachforſchungen, alle meine Auskundſchaftungen zielten allein dahin, mein Kind, wenn es irgend möglich, zu finden! Doch ich vergeſſe, was ich thun wollte...“ Und damit ſetzte ſie die Feder auf's Papier, Guſtav fragend an ſehend. . Dieſer hatte indeſſen den Platz auf dem Sofa, den die Baronin verlaſſen, eingenommen, und blieb einige Augenblicke in tiefes Nachdenken verſunken, ohne zu antworten. Wohl war die Noth bei ihm auf's Höchſte geſtiegen und was Mathilde anbot, ſehr verleitend, doch wenn er es annahm, war die Hoffnung auf den Beſitz der großen Reichthümer für immer verloren, und der Mann, der ſich nicht ſchämte, durch Betrug Geld zu bekommen, hielt ſich für erniedrigt, wenn er den Bei⸗ ſtand der Baronin annahm. „Sie weiß nichts von Allem, was zwiſchen mir und Adam Smith vorgefallen und kennt mich daher nicht ganz,“ dachte er bei ſich ſelbſt.„Ich werde dar⸗ um auf meiner Weigerung beharren, und mir die Hoff⸗ 215 nung nicht ganz nehmen laſſen, um aus einer augen⸗ blicklichen Verlegenheit gerettet zu werden.“ „Mathilde,“ ſagte er endlich,„alle Hoffnung auf Ihren Beſitz iſt ſomit verloren; ich werde Ihnen nicht ſchildern, was in dieſen Augenblicken in meinem Innern vorgeht, meinen Worten würden Sie doch keinen Glau⸗ ben ſchenken. Mein Entſchluß iſt gefaßt; morgen reiſe ich nach Deutſchland, um da mein Leben zu beſchließen, ein Leben, dem jetzt aller Reiz fehlt. Sie ſind frei, Frau Baronin, ich widerrufe Alles, was ich ſo eben geſagt, und gelobe, daß ich mich durchaus nicht einer Ehe mit einem Andern widerſetzen werde. Ma⸗ thilde, vergönnen Sie mir, daß ich noch einmal den mir ſo theuren Namen ausſpreche, Sie ſind frei, ich wiederhole es; nie werde ich das Geheimniß von der Exiſtenz unſeres Kindes offenbaren, es ſoll mit mir zu Grabe gehen und Eduard ſoll nie wiſſen, wer ſeine Mutter war. Werden Sie die Gattin eines Andern; ein Anderer baue ſein Glück auf die Trümmer des meinigen, aber ich werde kein Zeuge dieſes Glückes ſein können. Ich begebe mich auf das ſtille Landgut meines Vaters, da werde ich in der Vergeſſenheit meine Tage beſchließen, da werde ich Ihrer denken und mich in jene glücklichen Tage zurückverſetzen, wo Sie mich Ihrer Liebe würdig hielten: darin hoffe ich Troſt zu finden. Mathilde, ich habe Sie beleidigt, ſchwer beleidigt, ſchenken Sie mir Vergebung und laſſen Sie uns ohne Haß ſcheiden.“ „Guſtav.,! mein Kind!“ rief die Baronin. „Eduard nehme ich mit mir; alle meine Zeit werde ich ſeiner Erziehung widmen, und all' meine Mühe dar⸗ auf wenden, daß er nie den Klippen nahe, an denen ſein Vater Schiffbruch gelitten. Er ſoll mich tröſten, wenn mich der Schmerz zu tief drückt; er iſt das Ein⸗ zige, was mir von meinem früheren Glücke übrig bleibt, und wenn mein Auge auf ihm ruht, werde ich denken, dies iſt das Kind, das mir Mathildens Liebe ſchenkte, 216 und, o, ich weiß es, ich fühl' es, bei dieſem Gedanken werde ich minder unglücklich ſein.“ „Guſtav. ach, Guſtavl... höre die Bitte einer Mutter..“ „Nein, Mathilde, ich ſtehe von meinem Sohne nicht ab, er iſt mir jetzt theurer als je! O, Mathilde, Sie find reich, jung und reizend; das Glück lächelt Ihnen ſo freundlich, entziehen Sie ſich ihm nicht, ver⸗ geſſen Sie mich, vergeſſen Sie ihn und meinen feurig⸗ ſten Dank will ich zum Himmel ſenden, der ſtets über Pie nſchuld wacht, wenn ich höre, daß Sie glücklich nd.“ 1 „Nein, das kann, das mag ich nicht!...“ Und die Thränen erſtickten die Worte der betrübten Mutter. Ein triumphirendes Lächeln ſpielte um die Lippen des Barons; er ſchien das rechte Mittel geſunden zu haben, um ſein Ziel zu erreichen. 3 „Laſſen Sie uns endigen; reichen Sie mir die Hand zum Abſchied, Mathilde, das ſoll mir zugleich ein Zeichen ſein, daß wir im Frieden ſcheiden.“ „Nein, jetzt nicht, Sie dürfen morgen nicht fort, Guhad Dieſe Zuſammenkunft darf nicht die letzte ein.“ „Mein Beſchluß ſteht unwiderruflich feſt; wozu auch mein längerer Aufenthalt; dieſer Aufenthalt, eine Qual für Sie, wie für mich. Einmal muß doch der Augen⸗ blick des Scheidens kommen, beſſer darum heute, als morgen, Mathilde!“ „Jetzt nicht, o, daß ich Sie nur einmal, nur einmal wiederſehe; verſchieben Sie Ihre Abreiſe noch eine Woche, noch einen Tag, zwiſchen heute und mor⸗ gen iſt eine Nacht, und wenn man auf dem Lager in der Stille Alles überdenkt, und Alles um uns her ruht, dann iſt's, als ob ein guter Engel dem Menſchen Rath einflüſterte. O, Guſtav, bleiben Sie noch, ich bitte Sie, noch dieſe Nacht, ſie läßt mich einen guten Ent⸗ ſchluß faſſen!“ 1 d 217 „Daß ich Sie dann morgen wiederſehe. So von Ihnen zu ſcheiden, von Ihnen und meinem Kind, nein, Guſtavl ach, es iſt mir ganz unmöglich...“ „Mathilde, Ihr Schmerz ergreift mich, aber meine eiligſte Abreiſe iſt nothwendig. Laſſen Sie ſich durch Gründe überzeugen, Mathilde; fragen Sie Ihren Ver⸗ ſtand, urtheilen Sie ſelbſt. Warum morgen ein Schau⸗ ſpiel erneuern, das Sie ſo quält und mich innerlich martert. Mathildel leben Sie wohl, auf ewig Lebewohl!“ „Guſtav, Guſtav, um Gottes willen, haben Sie Mitleiden mit mir, und verſtoßen Sie eine Mutter nicht, die um ihr Kind fleht! Die Baronin warf ſich Guſtav zu Füßen und erhob ihre Hände flehend zu ihm. XXIV. Die Uebereinkunft. „Alles, was Sie mir da geſagt haben, kommt darauf hinaus, daß Sie mich nicht bezahlen können,“ ſagte Adam Smith am folgenden Morgen zu dem Ba⸗ ron von Hunter,„Sie hätten mir das ebenſo gut ge⸗ ſtern als heute ſagen können.“ „Ich geſtehe gerne, mein Herr Smith, daß ich in Ibrer Macht bin, und ein Wort von Ihnen mich ins Verderben ſtürzen kann, aber Sie ſollten mein Ver⸗ derben nicht wünſchen, da Sie dadurch ſich ſelber ſchaden.“ „Die Geſellſchaft muß gerächt werden,“ ſagte Adam Smith, der gewöhnlich mit dieſem Machtſpruch alle Gründe Guſtavs widerlegte und gleichſam mit der Schale der Themis in der Hand daſtund. 5 Amſterdams Geheimniſſe. I, 218 „Herr Smith,“ ſprach der Baron, nachdem Gläu⸗ biger und Schuldner lange geſchwiegen und Beide Be⸗ wegungen gemacht hatten, wie man es in ſolchen Um⸗ ſtänden gewöhnt iſt,„meine Ausſichten ſind ſo glänzend als möglich, und ich werde Ihnen zeigen, daß ich bald im Stande ſein werde, Ihrem Verlangen zu entſprechen, ja, zur Belohnung Ihrer Güte Ihnen das Doppelte des Betrags geben zu können., 3 „Ein Schuldner iſt immer reich an Verſprechungen, Herr Baron, und ich habe zu viele Erfahrungen ge⸗ macht, um mich mit Verſprechungen zufrieden ſtellen zu können.“ „Ich will Ihnen zeigen, daß meine Hoffnung auf gutem Grunde ruht; doch verſichern Sie mich zuvor, daß meine Mittheilungen geheim bleiben ſollen.“ „Ich dränge mich durchaus nicht in Ihre Geheim⸗ niſſe; beweiſen Sie mir nur, daß ich binnen Kurzem mein Geld empfangen ſoll, und ich werde mich nach⸗ giebiger gegen Sie zeigen, als Sie es wirklich ver⸗ dienen.“ „Kennen Sie die Baronin van Delden van Rans⸗ bergen?“ „Ihr Vater war der Kaufmann Woeſtbergen, wie ich glaube.“— „Ja, nun dann wiſſen Sie auch, daß ſie ein unermeßlich großes Vermögen beſitzt.“ 1 „Wem ſollte das unbekannt ſein? Ihr Bruder wenigſtens gibt ſich viel Mühe, es überall auszupo⸗ ſaunen, daß der verſtorbene Baron ihr anderthalb Millionen hinterlaſſen hat.“ „Nun, ſie ſoll Sie bezahlen, das heißt, ihr Ver⸗ mögen wird baldigſt in meinen Händen ſein.“ „Sie ſcherzen, Herr Baron!“ „Ich ſpreche die Wahrheit, Herr Smith! Sie wiſſen, daß ich früher auf vem Komptoir des Vaters der Ba⸗ ronin thätig war, um den Handel zu lernen. Ma⸗ thilde war damals ein junges Mädchen, mit dem ich bald in einen Liebes ziehungen wurden g mir ſchenkte, war... 219 handel verwickelt war. Unſere Be⸗ enauer und.. ein Kind, das ſie 71 „Ein Kind! die Frau Baronin! und wußte das der Baron van Ransbergen nicht?“ „Nie, ſobald Mathilde fühlte, daß die Zeit, in der ſie Mutter werden ſollte, mit raſchen Schritten nahe, erſuchte ſie i hren Vater, einige Zeit bei ihrer Freundin in Gelderland zubringen zu dürfen. Daß dieſe Freundin Niemand anders war als eine Wittwe, die ich für unſer In tereſſe zu gewinnen wußte, werde ich Ihnen nicht zu ſagen brauchen. Wenige Tage nach ihrer Ankunft ſchenkte mir Mathilde einen Sohn; die Wittwe, die ſelbſt noch einen Säugling hatte, wurde von uns mit der Erziehung beauftragt, und Mathilde kehrte wieder nach Amſterdam zurück, ohne daß je ein Menſch etwas davon erfahren.“ „Und Sie erzäh rückhaltung?“ „Ich mußte das len mir das ohne die mindeſte Zu⸗ wohl, um Ihnen das Verhältniß zu zeigen, in welchem ich zu der Wittwe ſtehe, und ich rechne dabei auf heirathete ſpäter den Ihre Verſchwiegenheit. Mathilde Baron von Nansbergen, und die Umſtände, welche mich zwangen, dies Land zu ver⸗ laſſen, ſind Ihnen mehr als zur Genüge bekannt. Kaum aber vernahm ich d en Tod von Mathildens Gatten, als ich nach Holland zurückkehrte, um meine geheimen Rechte auf die Hand der Baronin geltend zu machen, und geſtern Abend hatte eine Zuſammenkunſt zwiſchen uns ſtatt, von der ich den beſten Erfolg erwarte.“ „Ich glaube, daß Sie die Wahrheit ſprechen, Herr Baron, da ich weiß , daß Sie geſtern im Hauſe des Herin Woeſtbergen waren. Und wie hat die Baronin Ihr Anerbieten aufgenommen?“ „Was konnie ſie dem Vater ihres Kindes weigern? Ich gebe Ihnen mein Wort„Herr Smith, ſobald meine 8 Heirath mit der Baronin vollzogen, wird es mir leicht fallen, Ihren Wunſch zu befriedigen.“ „Nun, Herr Baron, um Ihnen zu zeigen, daß ich Sie nicht als Schlachtopfer meiner Uebereilung ſehen will, gebe ich Ihnen zwei Monate Zeit, um mich zu bezahlen; machen Sie ſich dieſe Zeit wohl zu Nutzen, aber verlaſſen Sie die Stadt nicht, denn wahrlich, ich will mich nicht zum zweiten Male von Ihnen hintergehen laſſen. Zum Voraus aber hätte ich gerne einen Beweis, der mir einige Bürgſchaft leiſtet für die Wahrheit deſſen, was Sie mir ſo eben er⸗ zählt.“ „Mein Ehrenwort!“ „O, nehmen Sie mir es nicht übel, Baron von Hunter, aber Ihr Ehrenwort hat für mich keinen Werth; ich verlange einen andern Beweis.“ „Sprechen Sie und ich werde ihn geben.“ „Zeigen Sie mir Ihr Kind, und ich werde Ihnen glauben.“. „Großer Gott! das iſt der einzige Beweis, den ich Ihnen mnicht geben kann. Dennoch iſt Alles, was ich Ihnen ſagte, wahr, Gott ſei mein Zeuge! „Hören Sie mich an, Herr Smith, und Sie ſol⸗ len ſich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen. Als ſich Mathilde mit dem Baron van Ransbergen verehlichte, beſchloß ich mich zu rächen; ich nahm das Kind, das damals ſchon beinahe fünf Jahre alt war, von der Wittwe weg, die ſich mit ſeiner Erziehung beſchäftigt hatte, und wußte eine andere Frau aufzu⸗ ſpüren, die um eine anſehnliche Summe für den Kna⸗ ben Sorge tragen wollte; ich kannte die zarte Sorg⸗ falt Mathildens für ihr Kind, und ſein Verſchwinden,⸗ ohne daß Sie wußte, was aus dem Jungen geworden, ſollte ihr das Glück verbittern, das ihr die Reichthü⸗ mer ihres Gatten verſchaffte. Während meines Auf⸗ enthalts außer Land habe ich von dem Kinde nichts vernommen; als aber die Zeitung mir wurde, daß † 221 Mathilde Wittwe, ließ ich nach meinem Sohne for⸗ ſchen, doch wurde ich zu meinem Leidweſen benach⸗ richtigt, daß die Frau, zu welcher ich ihn gethan, ſeit einigen Jahren das Dorf verlaſſen, ohne daß man wußte, wohin fie gezogen, oder was aus dem Kind geworden! Welche Mittel ich auch anwandte, um der Frau und meinem Sohn auf die Spur zu kommen, Alles war bis jetzt fruchtlos!“ „Und weiß das die Baronin?“ Guſtav antwortete nicht.— „Sie haben ihr das wahrſcheinlich nicht geſagt, Herr Baron, und ich glaube, daß das Verſchwinden Ihres Sohnes ein großes Hinderniß Ihrem Unterneh⸗ men in den Weg legt.“ Der Baron blieb wieder die Antwort ſchuldig. Adam Smith nahm den abgebrochenen Faden des Ge⸗ ſprächs wieder auf, und ſagte in einem etwas ver⸗ traulichen Tone, der ganz anders lautete, als ſeine bisherigen Worte, alſo zu dem Baron: „Seien Sie nicht zurückhaltend, Herr Baron, und ſprechen Sie frei heraus, vielleicht kann ich Ihnen mehr von Nutzen ſein, als Sie glauben!“ „Das gebe der Himmel, Herr Smith, und offen⸗ herzig geſprochen muß ich bekennen, daß das Ver⸗ ſchwinden meines Kindes mich in große Verlegenheit gebracht. Mathilde lebt in dem Wahn, daß ich unſern Sohn an einem ihr unbekannten Platze verborgen halte, ich ſelbſt machte ſie dies glauben, und nur dann, wein ich ihr das Kind bringe, will fie mir die Hand reichen.“ „hre Ausſichten find demnach nicht ſo glänzend, wie Sie mich eben glauben machen wollten,“ ſagte Adam Smith mit ſeinem gewöhnlichen ſpöttiſchen Lä⸗ cheln.„Doch, hat die Baronin ihr Kind in letzterer Zeit geſehen?“ „Nur zweimal ſeit ſeiner Geburt,“ gab Guſtav zur Antwort.„Und als ſie das Kind zum letztenmale ſah, zählte es nur ein Jahr; Sie können ſich denken⸗ daß ſie immer entdeckt zu werden fürchtete, und daher Alles that, um dem zuvorzukommen; darum mußte ſie immer den feurigen Wunſch, ihr Kind zu ſehen, be⸗ zwingen.“ „Wenn Sie alſo ein Kind finden könnten, das für das Ihre gelten könnte, ſo wären Sie gerettet.“ „Wahrlich, Herr Smithl ſehr erfinderiſch... aber wo ſolch ein Kind finden. Das Mittel iſt gut, doch unausführbar!“ „Baron von Hunter, ich bin ein ehrlicher Mann und habe einen innerlichen Abſcheu vor jedem Betrug, doch wenn eine kleine Täuſchung das Glück meiner Nebenmenſchen erhöhen kann, ſcheue ich mich durchaus nicht, mich derſelben zu bedienen. Wenn Sie der Ba⸗ ronin die Wahrheit ſagen, wenn Sie das Bekenntniß ablegen, daß das Kind, an dem ſie ſo ſehr hängt, für das ſie ſolch' mütterliche Liebe beſitzt, verſchwunden iſt, ohne eine Spur zurückzulaſſen, wird das nicht allein die Heirath mit ihr vernichten, ſondern auch ihr das Leben verbittern und ihr, die alle Mittel zum Genuſſe deſſelben beſitzt, es vergällen; der Gedanke an ihr Kind, das Verlangen, das ſüße Pfand wieder zu ſehen, würde ihre Geſundheit untergraben und ſie vielleicht bald in die Grube bringen. Dieſem Allem durch eine kleine Täuſchung zuvorzukommen, iſt keine Sünde, es kann viel eher eine Wohlthat genannt werden. Sie werden ihr eine Wohlthat erweiſen durch die Unter⸗ ſchiebung eines andern Kindes ſtatt des verlorenen: wenn ſie das Kind in ihre Arme und an ihren Buſen drückt, wird ſie ihren feurigſten Wunſch befriedigt wäh⸗ nen und glücklich ſein.“ „Und die Ausführung...“ „Die Sache will ich auf mich nehmen. Einer mei⸗ ner Freunde ſtarb vor einigen Jahren, eine Wittwe mit zwei Kindern hinterlaſſend. Unlängſt ſtarb auch die Wittwe, und da dieſe durchaus kein Vermögen be⸗ * ſaß, nahm ich mich der Kinder an, und ſchickte ſie in eine Koſtſchule in Gelderland. Nun, ein ehrlicher Be⸗ trug iſt kein Betrug. Sie ſollen Mathilden ſagen, daß die Frau, bei welcher ihr Sohn geweſen, verſtor⸗ ben und eine Tochter hinterlaſſen. Sie ſollen ihr vor⸗ halten, daß Sie, um alle Entdeckung zu verhindern, die Wittwe vermochten, ihr Kind für ihren Sohn aus⸗ zugeben. Der Knabe wiſſe daher nicht anders, als daß das Mädchen ſeine Schweſter, und ſie glaube in Ihrem Sohne ihren Bruder zu ſehen. Sie erzählen, daß beide Kinder in einer Koſtſchule; der Knabe iſt vierzehn Jahre alt, und kann daher wohl für Ihren Sohn gelten.“ „O mein Herr Smithl... wahrlich... Sie erwei⸗ ſen mir einen großen Dienft.“ „Der Dienſt, den ich dem Knaben erweiſe, iſt viel wichtiger. Wie ich Ihnen bereits ſagte, iſt er der Sohn meines verſtorbenen Freundes, und darum möchte ich ihn gerne glücklich ſehen. Wenn ich reich wäre, würde ich nicht daran gedacht haben, mich ſeiner zu entſchlagen; doch kann ich dadurch noch mehr für das Mädchen thun; und nicht ganz unmöglich iſt es dann auch, daß die Baronin gerne etwas zur Erziehung der⸗ ſelben beiträgt. Auf dieſe Weiſe machen wir zwei arme Waiſen glücklich und das kann doch Niemand ein Verbrechen nennen.“ „In der That, Ihr Vorſchlag kommt mir nicht unannehmbar vor, Herr Smith! doch ehe wir weiter gehen, wünſchte ich gerne einiges Nähere über den Knaben zu wiſſen, um meine Maßregeln zu treffen, damit die Täuſchung nicht entdeckt werden könne.“ Adam Smitth erfüllte den Wunſch des Barons. XXV. Clara. Als die kleine Clara die Flucht ihres Bruders und des ſchwarzen Dolf vernahm, war ſie untröſtlich, be⸗ ſonders als ihr der Meiſter verſicherte, daß ſie der Spuk in der blauen Kammer für ihren Ungehorſam entführt habe. Doch war ihr Schmerz, wie heftig auch am Anfang, von kurzer Dauer; das Kinderherz iſt zur Freude geſchaffen, und vergißt darum auch ſchnell jedes Leid und jeden Verdruß, der es trifft. Der Schulmeiſter hatte ſeinen Zöglingen aufs Strengſte verboten, Jemand etwas von dem Verſchwin⸗ den der beiden Knaben zu ſagen, und nie mehr die Namen Franks und Adolfs zu nennen. Das Loos der Kleinen wurde indeß nicht beſſer; Karel van Gent, als ihn die Gegenwart Franks und Adolfs nicht mehr zurück hielt, verfolgte Clara ſtets mit neuen Plackereien. Die Schläge, die der ſchwarze Dolf ihm um ihretwillen gegeben, wollte er an dem unſchuldigen Kinde rächen. Ihr Loos konnte mit Recht unerträglich geheißen werden; vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend den Mißhandlungen eines elenden Knaben preisgegeben, hatte ſie keine Ruhe mehr, und einſt, als ſie es wagte, ſich dem Muthwillen Karels zu widerſetzen, gebot die⸗ ſer ſeinem Meiſter, das Kind in die blaue Kammer einzuſchließen. Das war die fürchterlichſte Strafe, welche er er⸗ denken konnte: denn ſeit der Flucht der beiden Knaben aus der Kammer war ſie in einen ſolch' ſchrecklichen Ruf bei den Kindern gekommen, daß ſie ſchon beim bloßen Hören des Namens ein Schauer überfiel. 4 Vergebens weinte Clara und bat, und warf ſich vor dem kleinen Tyrannen auf die Kniee, ihre Thränen beluſtigten ihn und ihr Angſtgeſchrei klang ihm wie liebliche ſchmeichelnde Mufik in die Ohren. Der Koſtſchulhalter ſchleppte Clara die Treppe hin⸗ auf, die nach der blauen Kammer führte. Schadenfroh blieb Karel, der dem Meiſter und Clara nach dem Strafplatz gefolgt war, in dem Ein⸗ gang ſtehen, und als Daniel die Thüre öffnete, warf er einen ſcheuen Blick in das düſtere Zimmer. Deer Meiſter ſtieß das vor Angſt zitternde Mädchen voon ſich und ſchloß darauf die Thüre ſorgfältig zu. Das Schlafkämmerchen Karels war über der Kam⸗ mer, die Clara zum Gefängniß diente. Ehe er ſich zur Ruhe begab, legte er ſich mit dem Ohr feſt an den Boden gedrückt auf denſelben, um das Klagegeſchrei zu hören, aber er täuſchte ſich in ſeiner Panzartung: nicht das mindeſte Geräuſch konnte er ören. 3 4 Mitten in der Nacht aber wurde er durch ein gel⸗ lendes Geſchrei in ſeinem Schlafe geſtört: es war die kleine Gefangene, die um Hülfe rief: Karel wandte ſich in ſeinem weichen Bette recht behaglich hin und her; es that dem verdorbenen Kna⸗ ben wohl, das Nothgeſchrei des Kindes zu hören, wäh⸗ rend er da ſo ſanft und ruhig lag. Doch plötzlich wurden Clara's Klagetöne unterbro⸗ chen und der grauſame Knabe hörte eine ſchwere Män⸗ nerſtimme, die flüſternd einige Worte ſprach. Da be⸗ gann er Furcht zu bekommen; ſein lautes Geſchrei hallte durch das ganze Haus wieder, ſo daß Vos ſchnell her⸗ bei geeilt kam. .„Der Spuk! der Spuk hat Clara ermordet,“ rief Karel,„ich habe ſie grillen und ihn brüllen hören.“ Du haſt geträumt,“ ſagte Daniel,„Du weißt Nla, daß es kein Spuk iſt.“ 1„Ich habe nicht geträumt und deutlich ihr Grillen und ſeine grobe Stimme gehört; ich will hier nicht 27 allein bleiben, ehe ich weiß, was aus Clara ge⸗ worden.“ „O, ſei ruhig, morgen ſollſt Du ſehen, daß Du geträumt haſt!“. „Nein, ich will es jetzt wiſſen, jetzt, in dieſen Augenblicke.“ „Aber es iſt Nacht, laſſ' uns bis morgen warten.“ „Nein, nein, jetzt will ich, jetzt muß ich es wiſ⸗ ſen,“ rief der Knabe heftig,„im Augenblick!“ 4 Obgleich Daniel immer verſicherte, durchaus nicht an das Beſtehen des Spuks zu glauben, und daß, was man ſich von den nächtlichen Beſuchen des letzten Eigenthümers erzähle, ganz ohne alle Gründe ſei, ſchien er doch wenig Luſt zu fühlen, um dieſe Stunde die verlangte Unterſuchung zu bewerkſtelligen, und wendete daher Alles an, um den Knaben von dem Gedanken abzubringen; doch Karel, durch dieſen Widerſpruch noch mehr gereizt, drohte dem Schulmeiſter, er werde ſei⸗ nem Vater ſchreiben, er möchte ihn aus der Schule nehmen, wenn der Meiſter nicht ſogleich unterſuche, was in der blauen Kammer vorgefallen. 4 Daniel durfte ſich nicht länger dem Willen ſeines Koſtgängers widerſetzen, und eben ſo wenig das Wage⸗ ſtück allein unternehmen. Er weckte alle ſeine Kinder und auch ſeine Gattin: die liebe Mimi aber ſchalt ihn einen Haſenfuß und weigerte ſich, ihm zu folgen. Begleitet von ſeinen Zöglingen ſchritt der tapfere und unverzagte Schulmeiſter nach der geheimnißvollen Kammer. Der Zug wurde vortrefflich vom Anführer geleitet; mit männlichem Muthe rückten die kleinen Tapferen gegen den Platz, wo die Gefahr drohte; ge⸗ wappnet mit einer übergroßen Furcht, zitternd, wei⸗ nend gingen die Koſtſchüler auf Entdeckung aus. Mei⸗ ſter Vos bebte wohl am meiſten von Allen, und ſeine Hände ſchienen ſteif geworden, als er den Schlüſſel in das Schloß der ſchweren eiſenbeſchlagenen Thüre ſteckte, dieſelbe mit Kraft aufſtieß, und.. einige Schritte zurück ſprang. Alle warfen einen furchtſamen Blick in die Kammer, doch nicht das mindeſte Geräuſch ließ ſich hören, während die Dunkelheit es unmöglich machte, etwas zu unterſcheiden. Daniel wurde dadurch ermu⸗ thigt und rief mit unterdrückter Stimme:„Clara!“ Keine Antwort. 4 „Clara, komm' her, Du brauchſt nicht länger in der Kammer zu bleiben.“ Er vernahm nur das dumpfe Echo ſeiner Worte. „Clara, komm', ich werde Dich nie wieder ein⸗ ſchließen!“ rief er, während er kaum mehr im Stande war, das Licht in ſeiner bebenden Hand zu halten. „Clara, komm'!“ fe Kein menſchliches Weſen ſchien in der Kammer zu ein. Die Kinder begannen laut zu ſchreien und Karel, der ſich hinter den Meiſter verſteckt, rief ihm in gebie⸗ tendem Tone zu: „Sehen Sie, daß ich Recht habe. Der Spuk hat ſie ermordet! Nun, bleiben Sie nicht in der Thüre ſtehen, gehen Sie in die Kammer, um zu ſehen, was aus ihr geworden iſt!“ „Nein, jetzt nicht,“ bat der tapfere Hauptmann der kleinen Bande,„morgen, wenn es Tag iſt, wenn wir die Gegenſtände, die uns umgeben, beſſer unter⸗ ſcheiden können.“ 1 Jetzt erſchien Mimi, die in ihrem ſchmutzigen Nachtgewand höchſt unlieblich ausſah, und wegen des aanhaltenden und ſtets ſtärker werdenden Geſchrei's der Kinder in ihrer Weisheit endlich beſchloſſen hatte, das weeiche Bett zu verlaſſen und ſich zu ihrem Manne zu begeben, um dieſem, wie vormals die Frauen der Ba⸗ taver ihre Männer zum Streite anfeuerten, durch ihre Gegenwart Muth einzuſprechen.“— „„Furchtſamer Kerl,“ ſagte ſie,„was Spuk! Ich will ſie lehren, durch ihr Geſchrei das ganze Haus in 228 Verruf zu bringen, und nicht zu antworten, wenn man ihr ruft!“ Bei dieſen Worten nahm ſie Daniel das Licht aus der Hand und trat in die Kammer, während ihr Gatte, ohne daß Jemand, außer er ſelbſt, es hörte, den from⸗ men Wunſch äußerte, daß ihr der Spuk den Hals bre⸗ chen möchte, wie er es zweifelsohne der kleinen Clara gethan. Ueberall, in jeder Ecke, hinter jedem Stück Haus⸗ rath wurde ſie geſucht, aber nirgends gefunden. Die Thüre war doch gut geſchloſſen und durch die Fenſter kann ſie nicht entkommen ſein,“ bemerke Da⸗ niel ſehr klug. „Paßt auf,“ grinſte Karel van Gent, gegen die Kinder,„wer nicht thut, was ich will, wird hier ein⸗ geſchloſſen, und dann wird ihn der Geiſt holen, wie er Clara geholt hat.“ Die Kleinen zitterten. Indeſſen durchſuchten Daniel und ſeine Frau noch einmal genau die Kammer, doch alle ihre Nachforſchun⸗ gen blieben fruchtlos. Clara war verſchwunden. XXVI. Die getäuſchte Hoffnung. Wir führen den Leſer wieder in das Komptoir des Kommiſſionairs Adam Smith oder lieber Remmers und Comp. Van Zweeden ſaß nach ſeiner Gewohnheit an dem alten Schreibpult, doch den Platz des eleganten Kom⸗ mis hatte ein Anderer eingenommen, ein junger Menſch⸗ deſſen halb abgetragenen Kleider, die ihm zu weit und zugleich viel zu klein waren, den bedürftigen Zuſtand, in welchem er ſich befand, deutlich zu erkennen gaben. Der Hufſchlag eines Pferdes, der ſich auf der Straße hören ließ, machte die beiden Kommis durch die Gitterfenſter nach Außen ſehen, und ſie gewahrten einen fein gekleideten Herrn, auf einem ſchönen Reit⸗ pferd ſitzend, das allerlei muthwillige Sprünge machte, wozu das Thier von dem Reiter nicht wenig angereizt wurde. Der ſchöne Reiter war unſer Freund Karel de Roos, welcher, wahrſcheinlich um den Kommiſſionair zu ärgern, jeden Tag mehrere Male an ſeinem Komp⸗ toir vorbeiritt. „Der Glückliche!“ ſagte van Zweeden, während er einen dicken Strich unter die Rechnung machte, welche“ er gerade auszuſtellen beſchäftigt war.„Der Glück⸗ liche! ich war auch'mal ſo und wünſchte wohl, daß er nie da vorbei ritte; das genirt mich mehr, als ich ſagen kann.“ „Er war früher hier auf dem Komptoir, nicht wahr, van Zweeden?“ frug der andere Kommis. „Ja, aber er hatte ein luſtiges Leben; was er hier verdiente, reichte ihm nur zur Beſtreitung von Aus⸗ gaben in Kaffeehäuſern, für Zigarren, Pferdereiten; wenn wir das thun könnten, Palm?“ „Ich bliebe keinen Augenblick länger da; doch wie iſt er denn ſo reich geworden?“ „Er hatte ein Verhältniß, ein ſehr nahes Ver⸗ hältniß mit der Wittwe eines in Oſtindien verſtorbenen Kolonels, die nicht wieder heirathen wollte, um die Penſion nicht zu verlieren, und dieſe Frau verſah ihn immer mit Geld.“ „*„Bahl“ ſprach Palm,„auf eine ſolche Weiſe möchte ich kein Geld haben.“ Doch an ſeinen Geſichtszügen konnte man deutlich merken, daß er, wenn ſich die Ge⸗ legenheit darböte, nicht zögern würde, in ein nahes, ſehr nahes Verhältniß, wie ſich van Zweeden ausdrückte, u einer Wittwe zu treten. 3 8 230 „Vor einem halben Jahre,“ fuhr van Zweeden fort,„fiel der Wittwe ein anſehnliches Erbe zu, ſo daß ſie die Penſion nicht mehr brauchte, da heirathete ſie de Roos, der nun lebt, wie ein Herr und nichts An⸗ deres zu thun hat, als Kaffeehäuſer und Theater zu be⸗ ſuchen und hie und da zu reiten; es iſt doch beſon⸗ deres angenehm, wenn man nobel ausſieht!“ „Ich kann nicht gerade ſagen, daß Herr de Roos ſo nobel ausſieht,“ ſagte Palm, ſeine Finger durch die fioppeligen Haare ſtreichend. „Sie dürfen nichts Schlechtes von Herrn de Roos ſagen!“ rief van Zweeden.„Es ärgert mich wohl, wenn er immer an dieſem Hauſe vorüberreitet, aber im Uebrigen iſt er ein nobler Menſch und gar nicht ſtolz; er erſucht mich bisweilen, zu ihm zu kommen, und ich verſichere Sie, daß er mich dann gut auf⸗ nimmt.“ Hier wurde das Geſpräch der beiden Schreiber von Remmers und Comp. durch das Eintreten des Meiſter Daniel Vos geſtört. Der Schulmeiſter⸗Sachwalter machte verſchie⸗ dene Verbeugungen, reichte van Zweeden die Hand und befragte ſich umſtändlich nach dem Stande ſeiner Geſundheit, worauf er auf Palm zuging und dieſem anhaltend bedeutſame Blicke zuwarf, wovon dieſer je⸗ doch nichts begriff.. „Aber du lieber Himmel!“ rief Vos,„was haben Sie ſich verändert, ſeit ich nicht mehr das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen! Das iſt nun beinahe ein Jahr, ja, beinahe ein Jahr, denn im folgenden Monat iſt wieder Quartal, dann ſind ſie ein Jahr bei mir ge⸗ weſen, Sie verſtehen mich... aber es bleibt bei mir...“ Dabei legte der beſcheidene Vos die beiden erſten Fin⸗ ger der rechten Hand zum Zeichen ſeiner Verſchwiegen⸗ heit auf den Mund. 3 3 Palm ſtarrte den Schulmeiſter verwundert an, und — 231 dieſer rief nochmals:„Es iſt wunderbar, wie viel Sie ſich ſeit dieſer Zeit verändert haben!“ „Aber ich kenne Sie nicht, mein Herr, und erin⸗ nere mich nicht, Sie je geſehen zu haben!“ „Ich begreife, Sie kennen mich nicht, Sie wollen mich nicht kennen, aber ich weiß Alles!“ ſprach Vos und legte auf die letzten Worte einen beſondern Nach⸗ druck.„Aber über meine Lippen kommt nie ein Ster⸗ bens⸗Wörtchen; Sie wiſſen, ein Sachwalter muß die Verſchwiegenheit ſelber ſein; Sie haben daher nichts zu fürchten, Herr de Roos.“ 3 „Sie irren ſich, mein Herr, ich heiße Palm und bin hier an die Stelle des Herrn de Roos gekommen.“ „O!“ ſagte Daniel Vos, ſeinem Geſichte wieder einen ernſten Ausdruck gebend:„Herr Palm nehmen Sie mir es nicht übel, daß ich Sie für den Herrn de Roos anſah; doch ich wünſchte, den Herrn Remmers gerne zu ſprechen, er hat mich kommen laſſen.“ Adam Smith erſchien an der Thüre des Schlaf⸗ zimmers. „Herr Vos, folgen Sie mir!— Ich habe Sie zu mir bitten laſſen,“ ſprach Smith, als er ſich mit dem Meiſter allein befand,„um mich mit Ihnen wegen der Kinder zu beſprechen, die ich Ihnen anvertraut.“ „O, ſie ſind beide wohl, ſehr wohl!’! „Der Vater begehrt, daß Frank Ihre Koſtſchule verlaſſe, er will ſeinen Sohn bei ſich haben; das Mäd⸗ chen kann noch einige Zeit auf der Schule bleiben. Ich erſuche Sie daher, den Knaben auf eine paſſende Weiſe hieher zu ſenden, und werde den Tag dazu näher be⸗ immen. Wahrſcheinlich wird ſeine Hieherkunft ſchon nächſte Woche ſtatthaben müſſen, und ich bitte Sie, dann bereit zu ſein, wenn Sie meinen Brief empfan⸗ gen. Ich glaube auch, daß die Kinder, nach der ge⸗ ringen Summe zu urtheilen, die Sie in Rechnung brin⸗ een, nicht im beſten Stande ſein werden; darum er⸗ ſoche ich Sie, ihm gute Kleider machen zu laſſen. Ueber —— das Geld will ich nicht ſprechen, nur daß Alles gut ſeil Doch bald, Herr Vos, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſchon Anfangs nächſter Woche werde ich ſchreiben, daß Sie Frank bringen.“ Der Schulmeiſter ward bleich, wie der Tod und ſpielte mit einer großen zinnernen Tabaksdoſe, welche eine ſilberne vorſtellen ſollte, und die er immer bei zere⸗ moniellen Gelegenheiten gebrauchte. „Sie ſcheinen mich nicht begriffen zu haben, Herr Vos!“ ſagte Remmers, der vergebens auf eine Ant⸗ wort von dem Schulmeiſter wartete.“ „O, doch, mein Herr, doch! Sie verlangen, daß ich Frank nach Amſterdam ſenden ſoll, und Clara noch einige Zeit in meiner Schule behalten. Aber... Gott ſei mein Zeuge... es thut mir ſehr und von Herzen leid, daß ich Ihrem Verlangen nicht entſprechen kann.“ „Was,“ rief Remmers,„wie ſoll ich das verſtehen, Herr Vos?“ „Herr Remmers, ich bin ein ehrlicher Mann, und.. „O, ſprechen Sie nicht in dieſem Tone fort,“ rief der Kommiſſionair,„die meiſten Menſchen, die mich betrogen haben, begannen mit der Verſicherung, daß ſie ehrliche Leute ſeien; erklären Sie mir daher ohne Umwege, welches die Gründe find, warum Sie den Knaben nicht ſchicken können.“ „Er iſt nicht mehr bei mir.“. „Wie, Frank nicht mehr bei Ihnen!“ Und die Au⸗ gen Adam Smith's funkelten vor Wuth.„Wo iſt er denn? Was iſt aus ihm geworden?“ „Das weiß der gute Gott!“ ſagte der Schulmei⸗ ſter mit heuchleriſcher Frömmigkeit ſeine Augen auf⸗ wärts ſendend. „Aber Sie ſollten es doch wiſſen; der Knabe war Ihrer Sorgfalt anvertraut, und Sie ſind dafür ver⸗ antwortlich. Antworten Sie mir daher ohne Umſchwei was iſt aus ihm geworden?“— 3 233 „Er hat heimlich des Nachts meine Wohnung ver⸗ laſſen, in Geſellſchaft eines Knaben, der ſchwarze Dolf genannt, und alle Nachforſchungen, die ich an⸗ geſtellt, um ihnen auf die Spur zu kommen, ſind bis jetzt fruchtlos geweſen.“ „Verflucht! rief Remmers.„Und ſeit wie lange ſind ſie verſchwunden? „Seit vier Monaten.“ „Und Sie haben das Koſtgeld doch angenommen und ſagen mir jetzt erſt, was vorgefallen. Wahrſchein⸗ lich würde ich noch nichts wiſſen, wenn ich nicht Frank zurück verlangt hätte.“ „Ich werde Ihnen hierauf genügende Antwort geben, Herr Remmers. Die beiden Flüchtlinge haben einem der Zöglinge verſchiedene Kleidungsſtücke und eine Börſe mit Geld entwendet, und Sie ſehen ein, daß ich das Alles vergüten mußte; darum kann es mir Niemand übel auslegen, daß ich das Koſtgeld in Empfang nahm, um mich einigermaßen ſchadlos zu halten, obgleich der Knabe ſich nicht mehr auf meiner Koſtſchule befand; und der Gxund, warum ich Ihnen erſt jetzt das Vorgefallene mittheile, iſt ſehr einfach. Ich hoffte den Knaben wieder auf die Spur zu kom⸗ men, und ſie in meine Wohnung zurückzubringen.“ Remmers ſah ſeinen Plan, Frank als Sohn des Baron von Hunter der Baronin van Ransbergen un⸗ terzuſchieben, gänzlich vereitelt, und dieſe getäuſchte Hoffnung brachte ihn in eine ſehr üble Stimmung. „Nun Sie das Eine wiſſen, Herr Remmers, will ich Ihnen auch das Andre ſagen,“ ſprach Daniel Vos in verwirrtem Tone.„Auch Clara befindet ſich nicht mehr bei uns.“ „Auch Clara weg!“ rief Adam Smith mit ver⸗ doppelter Wuth.„Iſt ſie denn mit den Knaben ge⸗ flücytet?“ „Nein, mein Herr! Was aus ihr geworden, iſt mir bis heute ein Räthſel.“ Amſterdams Geheimniſſe. I. 16 234 Der Schulmeiſter erzählte Remmers nun, was wir im vorigen Kapitel den Leſern mittheilten. „In welchem Romane haben Sie das geleſen? Man ſchließt ein Kind in eine Kammer; um Mitter⸗ nacht hört man ein Mordgeſchrei und das dumpfe Ge⸗ murmel einer ſchweren Männerſtimme; man eilt dem Kind zu Hülfe: doch es iſt verſchwunden, ohne eine Spur von ſich zu hinterlaſſen. Wahrlich, die Erfin⸗ dung iſt nicht übel, das Gewebe Ihres romantiſchen Netzes iſt beſonders ſchön, ſchade daß die Auflöſung für Sie nicht ſehr angenehm ſein wird.“ „Was ich Ihnen erzählte, iſt Wahrheit, mein Herr, lautere Wahrheit; ich habe verſchiedene Zeugen, die es beweiſen können. Ich glaube gerne, daß die ganze Erzählung Ihnen wie eine Dichtung vorkommt; ich ſelbſt würde das glauben, wenn ich nicht von dem Gegentheil überzeugt wäre... Doch ich verſichere Sie, und bin bereit ſelbſt, wenn es nöthig wäre, un⸗ ter Eiden zu bezeugen, daß Clara auf eine unbegreif⸗ liche Weiſe verſchwunden iſt.“. Remmers ging mit heftigen Schritten in dem klei⸗ nen Zimmer auf und ab. „Mein Plan iſt zwar zu Waſſer geworden,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„aber ich bin zugleich der Sorge für die beiden überhoben; und das war doch immer mein Ziel! Wäre mein Plan geglückt, ſo hätte er mich nur von einem befreit: das Glück war mir günſtig und befreite mich von beiden zugleich.“ Da erſchien das ſpöttiſche Lächeln wieder auf ſei⸗ nem Antlitz und wie mit ſich ſelbſt zuſrieden, nickte er zuſtimmend ein paar Male mit dem Haupte. „Sie verſtehen, Herr Vos,“ ſprach er mit dem heuchleriſchen Tone lebendigen Intereſſes,„daß ich die Sache nicht laſſen kann, wie ſie iſt. Ich habe die bei⸗ den Kinder Ihrer Sorge anvertraut und verlange ſie von Ihnen zurück; wenn Sie mein Verlangen binnen acht Tagen nicht erfüllen, werde ich die Sache nicht — nur vor Gericht verfolgen, ſondern auch zugleich eine Warnung an Eültern und Vormünder in die Zeitung einrücken, daß ſie Ihnen keine Kinder mehr anvertrauen ſollen, wobei die Erzählung von dem Verſchwinden der kleinen Clara nicht vergeſſen werden wird. Es geht aus Allem hervor, daß Sie Frank mißhandelten, ſonſt hätte er Sie nicht verlaſſen; daß Sie keine Sorge für Ihre Zöglinge tragen, da ſie ſonſt nicht hätten ent⸗ fliehen können. Sie können ſich darauf gefaßt machen, mein Herr, daß ſtrenge Unterſuchung geführt werden wird.“ „Ums Himmels willen, Herr Remmers, ſtürzen Sie mich nicht ins Verderben! Ich will Ihnen gerne das Geld vom letzten Quartal wiedergeben. Laſſen Sie uns die Sache geheim halten, da doch nichts mehr daran zu ändern iſt, und ich gelobe Ihnen, daß ich es an nichts fehlen laſſen werde, den Kindern auf die Spur zu kommen.“ „Ich muß mich bei dem Vater der Kinder ver⸗ antworten. Bei dem Vater,“ wiederholte Adam Smith mit geheuchelter Rührung;„wie muß ihn die Zeitung erſchrecken! Wahrlich der Muth gebricht mir, ihm die näheren Umſtände mitzutheilen. Ja glauben Sie mir, Herr Vos, wenn Sie mir die Nachricht von ihrem Tod gebracht hätten, dieſe Zeitung wäre mir nicht ſo ſchrecklich geweſen. Von ihrem Tod,.. welch' glück⸗ licher Gedanke kommt mir in den Kopf... ja um ſeinetwillen... und auch um Ihretwillen, obwohl Sie es nicht verdienen...“ „Sie wiſſen ein Mittel, um ſie aufzuſpüren!“ rief Daniel, auf deſſen Geſicht bei der Anhörung der letz⸗ ten Worte ein Strahl der Hoffnung ſich zeigte.„Sie wiſſen ein Mittel!“ „Nein!“ fiel Adam ihm barſch in die Rede. Es folgte einige Augenblicke Stille. 3„Ich haſſe allen Betrug,“ begann der Kommiſſio⸗ när,„doch wenn eine kleine Täuſchung das Glück mei⸗ — 236 nes Rebenmenſchen befördern, oder ſeinen Schmerz vermindern kann, zögere ich nicht, mich deſſelben zu bedienen. Der Vater war, wie Sie wiſſen, Kommis bei mir; eine Erbſchaft hat ihn aber zu einem vermögli⸗ chen Mann gemacht, er hat daher ſeine Beſchäftigung bei mir aufgegeben, welcher Platz, wie Sie wohl bemerkt haben, von einem Andern eingenommen iſt. Jetzt, ſo im Ueberfluß lebend, begehrt er zuerſt ſeinen Sohn bei ſich zu haben, den er innig liebt, wie ſeine Toch⸗ ter, die er ſpäter verlangen wird; er dringt darauf, daß Frank ſo ſchnell als möglich zu ihm komme, und unn denken Sie ſich, welche Verzweiflung ihn ergrei⸗ fen muß, wenn er ſeine Flucht und ihr ſonderbares Verſchwinden erfährt. Die Unſicherheit über das Loos ſeiner Kinder würde ihm alle Ruhe rauben und jeden Lebensgenuß vergällen; der arme Vater! Ueberdieß würde er Sie im ſtrengſten Rechtswege verfolgen. Wären ſie aber todt, anſtatt geflüchtet oder verſchwun⸗ den, dann würde ihn zwar die Nachricht von ihrem Ableben ſchwer treffen und betrüben, doch die Zeit würde die Betrübniß lindern können, er wüßte, was aus ſeinen Kindern geworden und die Ungewißheit über ihr Loos könnte ihn doch nicht martern. Sehen Sie, ſolch' eine Täuſchung kann im vollen Sinne des Wortes nur eine Wohlthat heißen; wenn Sie daher ein Mittel finden könnten, mir einen Beweis von ih⸗ rem Tode zu geben, den ich dem unglücklichen Vater vorlegen könnte, ſo würde ich das mir anvertraute Geheimniß nie offenbaren, und Sie wären vor allen Unannehmlichkeiten bewahrt.“ Daniel Vos öffnete und ſchloß zu wiederholten Malen ſeine zinnerne Schnupftabacksdoſe, als ſuchte er darin ein Mittel, dem Wunſche des Herrn Rem⸗ mers nachzukommen, doch ehe er ein ſolches gefunden, fuhr der edelmüthige Verſorger der Waiſen fort: „Die Kinderkrankheit ſchleppt jährlich eine Anzahl Opfer in das Grab. Hören Sie... Sie ſchreiben 4 — 237 mir einen Brief, worin Sie mich benachrichtigen, daß Frank derſelben erlegen und Clara von ihr ergriffen und nicht außer Gefahr ſich befindet... Se⸗ hen Sie, das iſt doch gut, dünkt mich. Ein paar Tage ſpäter erhalte ich wieder einen Brief von Ihnen, aus welchem ich das Ableben der Clara erſehe. Darauf können Sie, um der Sache allen Schein der Wahrheit zu verleihen, einige Beſonder⸗ beiten in Bezug auf die Begräbniſſe mittheilen; die Art und Weiſe überlaſſe ich ganz Ihnen, wenn ich nur den einen oder andern Beweis habe, um ihn dem Vater vorzulegen, iſt es mir gleichgültig wie.“ „O ſeien Sie unbekümmert,“ rief Vos, erfreut, ſo gut wegzukommen,„Sie ſollen mit mir zufrieden ſein; ich werde Ihnen dies alles ſchreiben, als ob es lautere Wahrheit wäre, ich bin dazu ganz der Mann; vor einigen Jahren begann ich einen Roman zu ſchrei⸗ ben, der von...“ „Behalten Sie Ihr närriſches Zeug für ſich, es paßt wenig zu dem, was wir jetzt behandeln. Die Briefe ſind nicht Alles, was wir nöthig haben, wir müſſen noch andere Beweiſe von dem Tode haben, und dieſe werden leicht zu kriegen ſein.“ „Andere Beweiſe?“ fragte Daniel und eine gewiſſe Verlegenheit unterbrach die Freude, die ihm ſo eben geworden. „„Sie wiſſen, daß man jeden Sterbefall bei dem Bürgermeiſter angeben muß.“ „Natürlich,“ ſprach Herr Vos, in tiefes Nachden⸗ ken verſunken. „Nun ja, man könnte die Sache unterſuchen und wenn der Tod nicht bei dem Bürgermeiſteramt einge⸗ ſchrieben wäre, könnte der Betrug leicht entdeckt wer⸗ den. Ich für mich brauche das nicht zu fürchten, aber Sie könnten dadurch in ſehr viele Unannehmlichkeiten kommen, daher fordert es Ihr Intereſſe, daß Sie da⸗ bei ſehr vorfichtig ſeien, Herr Vos.“ 238 „Ich glaube Ihnen ſchon bei einer frühern Gele⸗ genheit zu ſagen die Ehre gehabt zu haben, daß ich auf dem Bureau des Bürgermeiſters beſchäftigt bin, der ſich um nichts bekümmert und Alles auf mich ankom⸗ men läßt,“ ſagte Daniel mit einem vielbezeichnenden Lächeln. 3 „‚Das iſt Ihre Sache, hierin zu handeln, wie es Ihnen gutdünkt, Herr Vos; ich will mich durchaus nicht in die Sache miſchen, ich machte nur die Bemerkung, um Sie vor Unannehmlichkeiten zu warnen, und aus keinem andern Grunde.“ „Ich ſtehe Ihnen daſür, daß ich meine Maßregeln nehmen werde; doch möchte ich Sie erſuchen, mir deut⸗ lich Vornamen und Zunamen der Eltern anzugeben.“ „Sie werden ja keinen Mißbrauch davon machen?“ ſagte Remmers, während er ſich zum Schreiben be⸗ reit ſetzte. Der Koſtſchulhalter, Sachwalter und Emploiirte auf dem Bureau des Bürgermeiſters, gab keine Antwort und Adam Smith ſprach weiter. 1 „Sehen Sie da Namen und Vornamen der El⸗ tern,“ ſagte der Letztere, dem Schulmeiſter ein Papier einhändigend. 3 Daniel ſah die Schrift an. „Aber ich dachte, der Name des Vaters wäre de Roos und nicht...“ „Jeder Name iſt gut!“ „Aber..“ „Wenn Sie ſich weigern, den Namen, den ich aufgeſchrieben, zu gebrauchen, will ich von Allem nichts mehr wiſſen und werde die Wahrheit bekannt machen.“ „dO nein, wie Sie ſagten, der eine Name iſt ſo gut wie der andere... Aber wenn ich die Ki mal wieder finde, was dann?“ M„Ich glaube, daß es gut für Sie wäre Kinder nie gefunden würden....“ * 239 „Der Baron von Hunter wünſcht Sie zu ſprechen,“ meldete jetzt van Zweeden. „Nun, Herr Vos, denken Sie an die Briefe und ſenden Sie ſie mir bald franko.“ „Sie ſollen mit mir zufrieden ſein.“ „Ich mit Ihnen zufrieden, ſorgen Sie nur, daß Sie mit ſich ſelbſt zufrieden find; Sie haben das meiſte Intereſſe bei der Sache.“ Vos machte eine tiefe Verbeugung und verließ ſeinen Gönner. XXVII. Noch eine getäuſchte Hoffnung. Adam Smith ſah ſehr ernſt aus, als Guſtav, Ba⸗ ron von Hunter, in das Zimmer trat, in welchem wir ſo eben unſern Freund Vos angetroffen, und der Ton, in welchem er den Baron empfing, war kalt und ab⸗ gemeſſen. „Nun, mein guter Herr Smith, wie ſtehen unſere Sachen?“ fragte dieſer mit lächelnder Miene. „Ich erſuche Sie, mich bei dem Namen zu nennen, den ich angenommen, ſeit ich den Commiſſionshandel für eigene Rechnung begonnen habe, nämlich Remmers; unter dieſem Namen bin ich an der Börſe bekannt und nur für beſondere Freunde heiße ich Adam Smith.“ „Daß der Teufel ihn geholt hätte, als er dieſen verfluchten Namen Remmers annahm!“ war der fromme Wuanſch, den der Baron im Stillen äußerte.„Dadurch,“ fuhr er im Innern fort,„iſt es meinem Freund van Zeiiſt unmöglich geweſen, etwas vom ihm zu erfahren; ddeenn wenn ich gewußt hätte, daß er noch lebte, würde icch mich wohl gehütet haben, in ſeinen Bereich zu kom⸗ * 24⁴0 men.— Nun denn, Herr Remmers,“ ſprach er laut weiter,„ſtehen die Sachen gut, und wann werde ich meinen Sohn zu ſehen bekommen?“ „Herr Baron,“ gab Remmers zur Antwort,„ich habe die Sache reichlich überlegt, venn es iſt meine Gewohnheit, jeden Plan, den ich entwerfe, auch genau abzuwägen und an den Probierſtein der Ehrlichkeit und Pflicht zu legen, ehe ich ihn ausführe. Ich ſchlug Ihnen vor, ein Kind für das Ihre unterzuſchieben, in dem Augenblick, als der Zuſtand, in dem Sie waren, Mit⸗ leiden in mir weckte und das Mitleiden übertönte die Stimme der Tugend und Pflicht. Ruhiger über den Plan nachdenkend, kommt mir die Sache unedel, ja ſchändlich vor. Was ſollten ihre Folgen ſein? Sie würden alle Nachſpürungen nach dem Sohne, der allein ein Recht auf die mütterliche Liebe der Baronin hat, einſtellen und ſich eines ſchändlichen Betrugs gegen ſie ſchuldig machen.“ „Aber Sie nannten den Betrug nur eine kleine Täuſchung, ja eine Wohlihat!...“ „So kam es mir vor, als das Intereſſe für Ihre Perſon mich einige Augenblicke die Pflichten eines ehr⸗ lichen Mannes und Chriſten vergeſſen ließ. Doch jetzt verweigere ich alle Theilnahme an einer Sache, die ſchändlich, abſcheulich iſt, ja, ich halte es für meine Pflicht, jedem Betrug, den Sie begehen wollten, zu⸗ vorzukommen.“ Guſtav war wie vom Donner getroffen. „Und ich kann es nicht begreifen, Herr Baron, wie Sie als Vater des Sohnes ein ſolches Unternehmen gut heißen konnten.“ „Mir blieb keine Wahl übrig und ich dachte nicht, daß Sie ſo veränderlich wären, Herr Sm... Remmers, um einen einmal gefaßten Entſchluß ſo ſchnell wieder gehen zu laſſen.“ „Sie kennen das Sprüchwort: Beſſer ſpät als gar nicht! Ich will mein Gewiſſen nicht mit einem ſolchen Betrug belaſten.“ 1 „Aber was ſoll ich jetzt thun!“ rief der Baron. „Ich habe Mathilden verſprochen, binnen wenig Tagen ihren Sohn ihr in die Arme zu führen. Ohne das keine Heirath zwiſchen mir und ihr! Verleihen Sie mir doch Ihren Beiſtand und ſagen Sie mir, was zu thun iſt.“ „JIhrem Sohne nachforſchen.“ „Das iſt ſchneller geſagt als gethan,“ ſagte Gu⸗ ſtav heftig. „Sie vergeſſen, Herr Baron, daß ich nicht das mindeſte Intereſſe bei der Sache habe, deßhalb erſuche ich Sie, kein Wort mehr über dieſelbe mit mir zu ſprechen. Ich werde als ehrlicher Mann mein Wort halten: binnen zwei Monden ſollen Sie mir das Geld bezahlen. Iſt die Zeit verſtrichen, ohne daß Sie Ihren Pflichten nachgekommen, ſo werde ich Ihr Vergehen bekannt machen. Doch dies ſage ich Ihnen nochma’s, ſuchen Sie nicht zu entfliehen oder die Baronin van Ransbergen zu betrügen. Seien Sie verſichert, ich werde wachſam ſein.“ XXVIII. Hermine. Hermine, die Gattin des Herrn de Raad, uns ſchon einigermaßen bekannt von der Geſellſchaft im Hauſe des Herrn Woeſtbergen, war eine der ſchönſten Frauen der Hauptſtadt. Ueberall, wo ſie erſchien, be⸗ wunderte man ihre ſchlanke, reizende Geſtalt; wo man ſie ſah, ſetzte der bezaubernde Blick ihrer glänzend ſchwarzen Augen jedes Herz in helle Flammen; darüber konnte man ſich nicht wundern; neben ihrer wohl⸗ geſtalteten Figur hatte ſie die Natur mit einem An⸗ tlitze begabt, ſo ſchön, ſo edel, ſo ſtolz, daß man et⸗ was Aehnliches vergebens geſucht hätte. In allen ihren Zügen war das vollkommenſte Ebenmaß; mit einem Wort, ſie vereinigte im ganzen Aeußern Alles, was irgend die wahre Schönheit erfordert. 1 Schwarze Locken umgaben ihr Antlitz, das weiß, wie der Flaum der Schwanen und auf dem die Röthe der Geſundheit prangte. Ihre Augen waren von Brauen überſchattet, die man unmöglich mit dem Pinſel hätte reiner zeichnen oder in ſchönerer Wölbung geben können. Der kleine Mund, im edelſten Verhältniß zur ſchön gebildeten Naſe, zeigte bei dem Oeffnen der Korallen⸗ lippen ein paar Reihen ſchneeweißer, zierlicher, kleiner Zähne und würde ſelbſt den kälteſten und gefühlloſeſten Philoſophen zum Kuſſe gereizt haben. Die Beſiherin aller dieſer himmliſchen Gaben wußte, daß ſie ſchön, bezaubernd ſchön war, und hätte auch der Spiegel, vor dem ſie täglich einige Stunden zu⸗ brachte, ihr das nicht geſagt, ſo hätte ſie es doch erfah⸗ ren, da es ihr hunderte von Zungen unaufhörlich ver⸗ ſicherten. Hermine wußte, daß ein einziger Blick ihrer Au⸗ gen die Macht hatte, den Mann, der nur etwas Ge⸗ fühl für weibliche Schönheit hatte, zu ihren Füßen knieen zu machen; daß ein Wort, das ihren purpurnen Lippen entfloß, das Herz des Mannes entzücken, be⸗ zaubern mußte; darum ließ ſie alle Federn ſpringen, darum bot ſie alle geheime Macht auf, die ſie als Frau beſaß, um ihre natürliche Liebenswürdigkeit noch zu erhöhen. Es ſchmeichelte ihr, daß Aller Blicke un⸗ abgewendet auf ihr ruhten, daß ſie bewundert, ange⸗ betet, vergöttert wurde, daß ſie allein alle Huldi⸗ gungen empfing und alle Frauen zu Neiderinnen hatte. Die Stimme der Madame de Raad war ſchön — und wohltönend, und doch ſprach ſie nur wenig und langſam, als ob ſie jedes Wort vorher hin und her wöge, ehe ſie es ausſprach. Das Ziel, das ſich die ſchöne Frau bei dieſer Kargheit mit Worten ſetzte, wurde dadurch aber nicht erreicht: hie und da, wenn ſie ihren Worten den freien Lauf ließ, bediente ſie ſich auch ſolcher Ausdrücke, die ſich keineswegs für den Mund einer Frau aus der großen Welt paßten. Es ſchien ihr unmöglich, ſich den rechten Ton der höheren Kceiſe anzueignen; eine ge⸗ wiſſe Gezwungenheit und Gemachtheit in ihren Aus⸗ drücken war hievon die natürliche Folge. Dazu kam, daß ſie in gänzlicher Unwiſſenheit von Allem, was Kunſt und Wiſſenſchaft betrifft, lebte, während die Art, wie ſie einige franzöſiſche Wörter ausſprach, deutlich zeigte, daß ſie in dieſer Sprache ſich mitzutheilen unfähig war. In dieſem Allem fand der aufmerkſame Beſchauer, der die Frau nicht allein nach der äußerlichen Schönheit, die⸗ ſem vergänglichen Gute, beurtheilt, ſondern auch nach dem Geiſte fragt, den vollſten Beweis, daß die Er⸗ ziehung der Schönen verwahrlost genannt werden konnte. Dagegen tanzte Hermine leicht und anmuthig und ſang mit Gefühl, was ihre Unkenntniß der Kunſt doppelt vergütete. Obwohl die Damen nicht verſäum⸗ ten, auf Herminens Mangel an Erziehung oder lieber ihre Ungewohntheit, in den hohen Zirkeln zu leben, ihre Anbeter und Bewunderer aufmerkſam zu machen, blieb Madame de Raad dennoch der Vorwurf, um den die Herren der großen Welt wie um eine Blume flat⸗ terten, indem ſie ihre Fehler mit dem Namen der „Naivität“ zu beſchönigen wußten. So viel vermag die Schönheit. Was bei einer minder ſchönen Frau lächerlich gefunden wurde, war reizend an der ſchönen Hermine.. Schon verſchiedene Male war Hermine vor dem Lcoillettenſpiegel geſtanden, und eben ſo oft unbefriedigt Aurückgetreten. Sie ſchien mit ſich ſelbſt nicht zufrieden, und nahm mißſtimmt in dem Armſtuhl Platz, der vor ihrem Toilettentiſche ſtand, auf welchem die feinſten und koſtbarſten Parfümerien glänzten. „Du biſt ein ungeſchicktes Ding, haſt Dich für die Geſchicklichkeit ſelbſt ausgegeben, und kannſt nicht ein⸗ mal eine hübſche Toilette machen,“ ſagte ſie zu einem Mädchen, das in ihrer Nähe ſtand, während ſich ihre ſchöne Stirne faltete. „Aber gnädige Frau...“ ſtotterte das Kammer⸗ mädchen, eine artige Blondine, welche Anna hieß,„ich weiß nicht was... „Die Scheitel iſt nicht recht..“ rief die Gnädige, ungeduldig mit dem kleinen Fuß auf den weichen Tep⸗ pich ſtampfend,„und die Perlen will ich heute Abend nicht tragen; ſiehſt Du denn nicht, daß ſie mich zu roth machen, und ich wie eine Bäurin ausſehe, die vom Markte kommt?“ Hermine riß die Perlenſchnur mit ſolcher Gewalt von dem Kopf, daß das Band brach und die Perlen über den Boden rollten. „Wollen die gnädige Frau vielleicht die weiße Roſe, die ſie kürzlich in der Oper getragen?“ „Dummes Ding, glaubſt Du denn, daß ich die⸗ ſelben Blumen zweimal trage?“ Es wurde leiſe an die Thüre geklopft. Anna öff⸗ nete ſie halb, ſo daß derjenige, welcher eingelaſſen zu Herden wünſchte, keinen Blick in das Zimmer werfen onnte. „Was gibt es, Anna??“ „Die Herren warten, gnädige Frau!“ „Laſſe ſie warten, ich bin noch nicht fertig. Du mußt mir den Kopfputz ganz verändern! Ich will ſo frifirt ſein, wie Frau van Ransbergen, als ſie das Letztemal da war.“— Alber es iſt ſchon ſieben Uhr, gnädige Frau!“ „Nun?“ „Und es wird wohl mehr als eine halbe Stunde dauern, bis Sie fertig ſein werden.“/ 245 „Und ſollte es auch eine Stunde dauern, Aennchen, ich habe Zeit.“ „Aber Louis hat mir ſo eben geſagt...“ „Aniworte mir, wenn ich frage und ſei nicht naſe⸗ meihz es iſt genug, glaube ich, daß Du ſo ungeſchickt iſt.“ Anna ſprach kein Wort, ſondern ſtrich den Kamm durch die ſchwarzen Haare, die weich wie Seide und glänzend wie Rabenfedern waren. Nach einer Viertelſtunde erſchien der Herr de Raad in dem Zimmer ſeiner Gattin. „Aber ums Himmels willen, Mina! Wann werden Sie fertig ſein. Wahrlich, es iſt nicht höflich, ſo lang auf ſich warten zu laſſen.“ „Sie ſind heute beſonders eilig, mein Herr! Binnen einer Stunde werde ich bereit ſein.“ „In einer Stunde und Sie wiſſen, daß das Kon⸗ zert um ſieben Uhr beginnt.“ „Nun, es wird auch ohne mich beginnen, ich habe Sie noch nie ſo eilig geſehen, wenn es zu Felix ging.“ , wenn ich allein wäre, würde ich durchaus nicht drängen, aber da Sie Fremde warten laſſen...“ „Fremde, nennen Sie Julius Fremde! Nun, wenn lin das Warten zu lang wird, kann er ohne uns gehen.“ „Julius iſt aber nicht allein, Mina! ich habe den Kolonel van Bergen dieſen Morgen eingeladen, mit uns zu fahren, er iſt Fremder und darum muß ich ihn einführen.“. „Der Kolonel van Bergen.... nun, mein Herr! es wäre unhöflich, den Kolonel länger warten zu laſſen, und da es eine Stunde oder vielleicht noch länger dauern kann, che ich fertig ſein würde, können Sie nit den Herren gehen; ich gehe heute nicht in's Kon⸗ zert.“ 3 „Wie Mina, Sie gehen nicht 2.. 246 „Nein, mein Herr, ich gehe nicht, ich habe keine Luſt, bin unwohl, ich gehe nicht.“ „Welch' tolle Grille, Madame! Sie laſſen uns beinahe zwei Stunden warten, und entziehen uns end⸗ lich Ihre Geſellſchaft! Womit ſoll ich Sie bei dem Kolonel entſchuldigen?“ „Sagen Sie, was Sie wollen; hätten Sie mir früher Ihre Einladung an den Kolonel mitgetheilt, würden Sie jetzt nicht nöthig haben, mich bei ihm zu entſchuldigen; das wird Sie lehren, künftig keine Ein⸗ dadun zu machen, ohne ſie zuvor mir mitgetheilt zu aben.“ „Wahrhaftig, gnädige Frau!“ rief de Raad,„Sie machen Mißbrauch von meiner Güte!“ „Von Ihrer Güte, mein Herr, ich verſtehe Sie nicht, ich wüßte nicht, daß Sie Güte gegen mich.... Ha, hal Sie machen mich wirklich lachen!“ „Madame, ich will nicht länger der Spielball Ih⸗ rer Laune ſein, ich bin das müde. Nun, Anna, beeile Dich! Sie gehen mit, Madame!“ „Sie gehen mit!“ wiederholte Hermine in dem Tone ihres Gemahls.„Das iſt der erſte Befehl, den ich aus Ihrem Munde vernehme, und ich bin nicht geneigt, ihm zu gehorchen, und wäre es nur, um Ih⸗ nn für die Zukunft die Luſt zu benehmen, mir zu be⸗ ehlen. 3 „Madame,“ rief de Raad, bleich vor Wuth,„Sie haben Recht, ſehr Recht, es iſt das erſte Mal, daß ich Ihnen etwas befehle, und es thut mir leid, dies nicht früher gethan zu haben; gewiß hätte ich mich darn vor Uaannehmlichkeiten geſichert. Ich dachte, mei⸗ ne Geduld habe Sie beſiegt, aber jetzt, leider zu ſpät, ſehe ich, daß ich viel zu viel auf Ihr Gefühl gebaut. Als ich vor einigen Tagen die Familie van den Heuvel, welche mir im Haag viele Freundſchaft er⸗ wieſen, an meiner Tafel zu ſehen wünſchte, gaben Sie im ſelben Augenblicke, als die Gäſte erſcheinen, ſollten, vor, unwohl zu ſein, um nicht bei Tiſche erſcheinen zu dürfen. In aller Eile ſchickte ich Louis zu Herrn van den Heuvel mit der Nachricht, daß Ihr plötzliches Unwohlſein niich verhindere, ſie zu empfangen; und was thaten Sie, Madame? Eine halbe Stunde ſpäter ließen Sie den Wagen vorfahren, um Beſuche zu ma⸗ chen, um mir zu zeigen, daß Ihr Unwohlſein nur ein orwand, nur Verſtellung ſei. Noch geſtern, als mein alter Freund de Graaf, den ich ſeit einigen Jahren nicht geſehen hatte, auf ſeiner Durchreiſe mich beſuchte und Ihnen vorgeſtellt zu werden wünſchte, weigerten Sie fich, Ihr Zimmer zu verlaſſen.“ „Seit wann, Herr de Raad, habe ich aufgehört, Herrin meiner Handlungen zu ſein?“ „Von dieſem Augenblicke an, Madame. Ich will nicht länger Sklave Ihrer Launen ſein. Ich bin Mann, und will als ſolcher zu befehlen haben!“ „Sie haben zu viel getrunken. Ich habe ſchon oft bemerkt, daß Sie nach Tiſche ganz anders ſind, als Vormittags. Das iſt ein Fehler, den ich ſeit Kurzem erſt an Ihnen wahrnehme.“ „Ich trinke nie zu viel, und die Fehler, die ich an Ihnen bemerke und die ſich mit jedem Tage ver⸗ ſchlimmern, will ich nicht aufzählen. Kommen Sie, Mina! Seien Sie nicht unvernünftig, und machen Sie ſich fertig, um mit uns zu gehen.“ Die letzten Worte ſprach Herr de Raad in ſchmei⸗ chelndem, freundlichem Tone, als wollte er die bittern Worte, die ihnen vorhergegangen, einigermaßen wie⸗ der gut machen. 2 „Hermine, wir wollen nicht hadern; Uneinigkeit darf zwiſchen uns nicht ſein.“ „Sie verſuchen alle Mittel, um zu Ihrem Ziele zu kommen; nun Sie ſehen, daß Gewalt nichts nützt, iſt Freundlichkeit, Schmeichelei Ihre Waffe; aber ich gehe nicht; ich bin unwohl....“ Der Herr Rath begann vor Wuth zu zittern. — 4 248 „Sie müſſen gehen,“ rief er,„ſchnell Madame, das Warten fängt mich zu langweilen an!“ „Sie ſchreien zu laut, um Sie verſtehen zu kön⸗ nen; lernen Sie erſt ruhiger ſprechen, wenn Sie wol⸗ len, daß ich Ihnen antworten ſoll!“ Der ungeduloige und gereizte Gatte lief mit hefe tigen Schritten durch das Zimmer. „Verſtehſt Du mich nicht,“ rief er, ſich zu Anna wendend.„Du ſollſt Dich beeilen, oder Du mußt augenblicklich aus dem Haus. Ich werde Dir auch helfen, Hermine. Nein, dieſe Toilette gefällt mir nicht, ich will, daß Sie Ihre Juwelen tragen, Madame, ſie haben mich eine anſehnliche Summe gekoſtet und ich ſehe ſie nie, wahrſcheinlich, weil Sie wiſſen, daß ich ſie gerne habe. Heute Abend ſollen Sie ſie tragen. Anna, das Juwelenkiſtchen der Madame!“ 4 „Die Juwelen ſind hier!“ „Nur die Haarnadel, das iſt nicht genug, ich will, daß Sie alle Juwelen tragen ſollen. Hurtig, Anna, das Juwelenkiſtchen.“ „Mein Herr.... „Ich dulde keine Widerrede.“ „Es ſteht dort unten auf dem Tiſch.“ „Gut, gib mir den Schlüſſel, Mina, und Du, Anna, fahre fort, Madame zu friſiren.“ „Sie ſcheinen.... „Den Schlüſſel, Madame! den Schlüſſel Ihres Juwelenkiſtchens!“ rief Herr de Raad, deſſen Hitze bei jedem Widerſpruch heftiger wurde. „Ich gebe Ihnen den Schlüſſel nicht!“ 4 „Sie verweigern mir den Schlüſſel! Gut,“ rief er uns— mit ſolcher Gewalt an dem Glockenzug, daß er brach. Ein reich gallonirter Bedienter trat ein. „Louis, ein Meſſer, ſchnell!“ „Was wollen Sie thun?“ rief Hermine beſtärzt. 249 „Sie wollen mir den Schlüſſel nicht geben, ich werde daher das Kiſtchen aufbrechen.“ Der Bediente brachte ſeinem Herrn das Verlangte. Hermine erblaßte. Der erzürnte Gemahl nahm das Meſſer und ver⸗ ſuchte damit das Kiſtchen zu öffnen, doch kaum gewahrte es Hermine, als ſie aufſprang und die vernichtende Hand zurück hielt. 4 „Ich will Ihnen eine Demüthigung erſparen,“ ſagte ſte,„laſſen Sie das Kiſtchen unberührt, mein Herr! Ich gehe mit Ihnen. Komm', Anna, beeile Dich, daß ich bald fertig bin!“. Doch de Raad war nicht damit zufriedengeſtellt; er wollte ſeinen Sieg vollenden und hielt immer noch das Kiſichen mit dem Meſſer in der Hand. 8 fe„Ich gehe mit Ihnen, ich werde ſogleich fertig ein. „Gut, Madame, und Sie werden dieſen Abend Ihre Juwelen tragen.“ „Nein, ſie paſſen nicht zu dem Kleid.“ „Nun, ziehen Sie ein anderes Kleid an; ich will, daß Sie die Juwelen tragen!“ d Die Spitze des Meſſers hatte ſich dem Deckel ge⸗ nähert. „Ich werde Ihnen den Schlüſſel geben,“ rief Her⸗ mine, während ihr Geſicht bald roth, bald bleich wurde. „Anna, Du kannſt gehen, ich habe Dich jetzt nicht mehr nöthig, lege meinen Mantel in Bereitſchaft und erwarte mich unten.“ 8 Als das Kammermädchen ſich entfernt hatte, be⸗ deckte die ſchöne Frau das Geſicht mit der ſchönen wei⸗ ßen Hand und weinte. „ Ich werde Ihnen gehorchen, Sie zwingen mich, Sie haben mich im Beiſein meines Kammermädchens herabgewürdigt, ich häͤtte das nicht von Ihnen erwar⸗ tet, Willem!“ Amſterdams Geheimniſſe. 1. 17 250 Mit weichem, mildem Tone ließ ſie dieſen Ver⸗ weis folgen. Ihr Gatte ſetzte das Kiſtchen wieder auf den Tiſch, und warf einen weniger ſtrengen Blick auf die ſtolze rau. „Ich werde Alles thun, was Sie von mir ver⸗ langen, Willem, würdigen Sie mich nur nicht in Gegenwart von Dienſtboten herab,“ fuhr Hermine fort. „Ich werde augenblicklich fertig ſein, heifen Sie mir nur etwas. Stellen Sie ſich hinter meinen Stuhl und halten Sie mal dieſe Haarflechte— oder ſind Sie ſo erzürnt, daß Sie mir, Ihrer ungehorſamen Gattin, dieſen kleinen Dienſt nicht leiſten wollten?“ Sie ſprach dieſe Worte heiter ſcherzend, es floß ihr ſo lieblich über die Lippen, daß auch jeder Schein von Mißmuth von dem Geſichte de Raads verſchwand nun er zu Herminen eilte, um ihren Wunſch zu er⸗ üllen.. Als er ſich hinter ihren Stuhl geſtellt hatte und die ſchönen Locken ſeiner Gattin faßte, beugte ſie plötz⸗ lich ihr Haupt ſo zurück, daß ſein Biick auf ihr engel⸗ ſchönes AÄntlitz fiel. Sie ſchlug ihre Augen, in denen noch Thränen ſtanden, zu ihm auf, ſeufzte tief, das Haupt ihres Gatten beugte ſich zu ihr herab, und ein Kaß berührte die weiße Stirne der Schönſten aller Frauen. Hermine triumphirte. „Geben Sie mir nun das Waſſer, Willem, ich will meine Augen anfeuchten, Sie allein mögen wiſſen, daß ich geweint.. „Hermine, ich war heftig und.“ „O, ich vergebe Ihnen... die Schuld lag an mir, ich haͤtte Ihnen Gründe ſagen ſollen, warum ich nicht gerne nach dem Konzerte ging!“ „Haben Sie wirklich Gründe 2. „Ja, doch ich werde ſie Ihnen erſt ſpäter mitthei⸗ len. Jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten, noch 251 wenige Augenblicke und ich bin bereit; wahrlich, der Kolonel van Bergen hat ſchon zu lange gewartet!“ „Aber wenn Sie Gründe haben, Hermine!“ d Sie würden ſie lächerlich und kindiſch fin⸗ den.. „Rein, nennen Sie ſie nur.“ „Nun, wenn Sie darauf beſtehen, bin ich bereit. Schon zweimal bin ich mit meinen Juwelen im Kn⸗ zerte erſchienen, und das hat die Spottluſt einiger Da⸗ men gereizt, die, wie mir eine Freundin verſicherte, mit einander gewettet haben, ob ich heute nicht wieder mit meinen Juwelen erſcheinen würde. Um die Damen zu heſchämen, beſtellte ich deßhalb eine andere Garni⸗ tur, doch zu meinem nicht geringen Aerger erbalte ich vor einer Stunde die Nachricht, daß meine Garnitur kicht fertig und es unmöglich ſei, ſie noch zu lie⸗ ern... „Aber warum mir das Alles nicht früher geſagt..l“ „Sie waren ſo gereizt, Willem, und wollten nicht auf Gründe hören...“ 3„Ich werde allein mit Julius und dem Kolonel gehen!“. 1 „Es iſt beinahe ſchon zu ſpät, Willem! und wenn Sie die Herren bewegen könnten, hier den Abend zu⸗ zubringen.“ „Gewiß, Hermine! Sie kommen meinen Wünſchen zuvor; wir werden einen vergnügten Abend haben. Aaf Megen folgt Sonnenſchein! Hermine, Sie ſind ein Engel!“ „So eben nannten ſie mich ganz anders.“ Der Peer de Raad küßte ſeine Frau. Hermine triumphirte eder. —— XXIX. Erinnerungen. Am folgenden Morgen wurde der Herr van Velden durch den uns bereits bekannten Louis angemeldet. „Der Herr van Velden ſei mir willkommen,“ ſagte Hermine und warf gleichzeitig einen Blick in den großen Spiegel, der ihr gegenüber hing. „Ich hoffe der gnädigen Frau nicht ungelegen zu kommen,“ ſagte der Hereintretende, ſich höflich ver⸗ beugend. Der Bediente hatte ſich entfernt, und nun war van Velden plötzlich ein ganz Anderer, da er ohne alle Zeremonie ſich der Frau de Raad näherte und in ſehr vertraulichem Tone hinzufügte:„de Raad iſt verreiſt, Mina?“ „Ja, er hat Einiges im Haag abzumachen und wird nicht vor morgen Abend zurück kommen; doch ich wünſchte Sie über eine wichtige Angelegenheit zu ſpre⸗ chen, Julius! nur darum habe ich Sie zu mir bitten laſſen. Es iſt ſchon der Zehnte des Monats.“. „In der That, ich weiß wenig davon, ob es der Erſte oder Letzte iſt.“ 3 „Aber Sie hatten mir verſprochen, am Erſten des Monats... Sie verſtehen mich, Julius.“ „Durchaus nicht, Mina, was ſollte denn am Er⸗ ſten geſchehen ſein““ 1 „Sie haben mich verſichert, an dieſem Tage Geld zu erhalten und dann...“ 1 Julius erröthete. 3 „Ja, Sie erinnern mich jetzt an Etwas, an das ich wahrlich gar nicht mehr gedacht habe. Hermine, wenn man immer Ihr Bild vor den Augen hat, wer⸗ den alle anderen Gedanken dadurch verſcheucht; doch — ——— Jynen bereits geſagt und wieder geſagt habe, am Er⸗ ich verſpreche Ihnen, am Erſten des nächſten Monats werde ich dafür ſorgen...“ „Dann erſt,“ fiel Hermine, in ihrer Erwartung getäuſcht, dem jungen Manne in die Rede.„Sollten Sie mir nicht früher das Geliehene zurückgeben kön⸗ nen, die Modehändlerin drängt mich...“ „Laſſen Sie ſie warten, ſie muß bis zum Erſten des nächſten Monats Geduld haben.“ „Ich habe ſie ſchon ſo oft vertröſtet; ich muß be⸗ fürchten, daß ſie de Raad anſpricht und wie ſollte ich mich denn vor ihm verantworten, denn es iſt ſchon länger als ein halb Jahr, daß er mir Geld gab, um fie zu bezahlen.“ „Nun, wenn es de Raad auch zu Ohren kommt, daß Sie Ihre Modiſtin noch nicht bezahlt haben, gibt es immer noch eine Menge Ausflüchte. Eine arme Vittwe in der Nachbarſchaft, mit ſo viel Kindern, als Sie ihr geben wollen, je mehr, je beſſer; die Hinter⸗ laſſenen eines Handwerkers, der todt gefallen oder ertrunken iſt, oder etwas dergleichen; wahrlich, es wird Ihnen nicht ſchwer fallen, Etwas zu erfinden, um von Jbrem Gemahl, der Ihnen doch alles glaubt, Ihre Menſchenfreundlichkei und Mildthätigkeit rühmen zu ren.“ „Ich werde die Modiſtin bis zum Erſten des näch⸗ ſien Monates zu vertröſten ſuchen, aber dann denke ich doch verſichert ſein zu dürfen, daß Sie micch nicht wieder in Verlegenheit bringen, Julius,“ ſagte Her⸗ mine.„Ueberdieß hat er ſchon mehrere mal gefragt, warum ich meine Zuwelen nicht trage, und geſtern Abend war er auf dem Punkt, alles zu entdecken; er wollte das Juwelenkiſtchen öffnen, doch glücklicherweiſe brachte ich ihn noch von dem Vorhaben ab; ach gro⸗ her Gott, wenn er es gethan hätte!“ „Gewiß, ich werde Alles thun, um Ihnen die Juwelen ſo bald als möglich zurückzuſchaffen, wie ich ſchon in nächſter Woche eine angenehme Zeitung mit⸗ * das wenn man in der Noth, man auch reich an Ver⸗ 2³⁴ ſten des folgenden Monats muß ich eine anſehnliche Summe erhalten und dann..“ „Aber Julius, antworten Sie mir aufrichtig, welche Bürgſchaft haben Sie denn dafür, daß Sie dann das Geld empfangen werden?“ „O,“ ſprach Julius van Velden, obwohl die Röthe ſeiner Wangen noch dunkler wurde,„alle Bürgſchaſt, und gewiß wäre ich ſchon im Stande geweſen, Ihnen meine Schuld zu bezahlen, wenn Sie Ihr Wort ge⸗ halten hätten und Ihren Verſprechungen nachgekommen wären, Hermine.“ „Wie, Julius?“ „Ja, ſchon lange haben Sie mir verſprochen, durch Ihren Einfluß mir eine vortheilhaftere Anſtel⸗ lung zu verſchaffen, und bis heute find alle meine Rei⸗ ſen nach der Hauptſtadt vergebens geweſen.“ „Ich werde mein Verſprechen erfüllen, doch Sie müſſen Geduld haben, Julius, vielleicht kann ich Ihnen theilen. Jy hoffe aber nicht, daß Sie mit der Zu⸗ rückgabe des Gelds und der Juwelen warten werden, bis Sie die Anſtellung, die ich mir zwar alle Mühe geben werde, Iyhnen zu verſchaffen, angetreten haben. Ich lebe in fortwährender Angſt; o, wenn de Raad die Geſchichte mit den Juwelen erführe! Ach, wenn ich Alles voraus gewußt hätte...“ 3 8 „Machen Sie mir keine Vorwürfe, gnävige Frau⸗ rief van Velden,„Sit ſind kein Kind und wiſſen wohl, ſprechungen iſt. Dreitauſend Gulden, für wieviel die Juwelen auegeliehen ſind, iſt für einen jungen Mann keine ſolche Kleinigkeit, um ſie im Augenblicke zurück⸗ geben zu können.“ „Julius, habe ich dieſe Antwort verdient? War ich nicht alsbald bereit, Ihnen zu helfen, als Sie mir Ihre Verlegenheit mittheilten, als Sie mir verſicherten, fünftauſend Gulden verſpielt zu haben, als ich erſuhr, daß Ste die Summe au um Ihre Ehre zu retten, und daß die Bezahlung nicht verſchoben werden dürfe, bis die Zeit da ſei, in der Sie Jor Geld empfangen mäßten. Gab ich J nen nicht eiligſt, ohne die mindeſte Zögerung, ohne alle Bedingungen alles Geld, was ich beſaß? Sie ver⸗ ſprachen mir pflichtig, das Eine und Andre binnen eines Monats zurückzugeben und. „Seien Sie ruhig, Hermine! Seien Sie ruhig, ich werde mein Wort halten. Sie können unmöglich ſich vorſtellen, wie ich ſelbſt mich nach dem Ende des Monats ſehne. Denn zwiſchen heute und dem Erſten des folgenden Monats ſind noch zwanzig Tage, und ich entlehne ungerne bei meinen Freunden.“. „Sie brauchen alſo wieder Geld, Julius 2⸗ fragte Madame de Raad, in einem Tone, der, odwohl aͤrger⸗ lich, dem Frager dennoch Hoffnung gab, ſeine Bitte unn held⸗ mit der er jetzt hervortreten wollte, erfüllt zu ſeben. „Wenigſtens kann ich nicht zwanzig Tage ohne Geld leben. Es iſt höchſt fatal, im Jahre nur ein⸗ mal Geld zu erhalten, man bekommt da zuviel auf einmal und das iſt immer gefährlich für Leute, die die Spareamkeit nicht unter ihre Tugenden rechnen können, unter welche Menſchenklaſſe auch ich meine Perſon rechnen muß.“ 22 „Haben Sie viel nöthig, Julius?“ fragte Her⸗ mine wieder, nachdem ſie einige Zeit nachgedacht hatte „Wenn Sie um eine kleine Summe verlegen fi. und mir verſprechen, all' das geliehene Geld am Er⸗ ſten des nächſten Monats zurückzugeben, will ich Ih⸗ nen gerne helfen!“ „An zweihundert Gulden habe ich genug.“ „Ich will ſie Ihnen geben... Hier!... Man klopft; herein!“ „Der Kolonel van Bergen!“ meldete Louis an.. „Ich kann den Kolonel jetzt nicht empfangen, ſag gendlicklich bezahlen müßten, 256 hm, daß ich Geſchäfte habe, unwohl bin, Du verſtehſt m 4 Louis ging. „Der Kolonel van Bergen! Er will Ihnen einen Beſuch machen, während er weiß, daß Herr de Raad verreiſt iſt...Hermine, betrügen Sie mich nicht? Werde ich von Ihnen hintergangen?“ fragte Julius, die Banknoten ſorgfältig in ſeiner Brieſtaſche ein⸗ ſchließend. „Nein, Julius, gewiß nicht, glauben Sie mir, ich haſſe den Kolonel ſelbſt...Aber wie, ſchon wie⸗ der geklopft! Herein!“ 5 Wieder erſchien der Bediente. 4 „Gnädige Frau, ich habe dem Kolonel geſagt, daß Sie Geſchäfte hätten und ihn nicht empfangen könnten; er hat mir darauf dieſen Brief gegeben und erwartet ihre Antwort.“ Den Brief aufbrechen und haſtig durchleſen war für Madame de Raad das Werk eines Augenblicks. „Erſuche den Kolonel,“ ſprach fie,„einige Augen⸗ blicke verziehen zu wollen; ſag ihm, daß ich ihn ſo⸗ Lleic zu empfangen bereit ſein werde. Heute Abend, ulius,“ fuhr ſie fort, ſich zu dieſem wendend, ‚ich eſſe heute Mittag bei Woeſtbergen, gegen neun Uhr werde ich zu Hauſe ſein!“ „Das heißt: Sie können gehen,“ ſagte Julius in feſtem Tone.„Gewiß, gnädige Frau, ich fange an zu glauben, daß der Kolonel van Bergen Ihnen kei⸗ neswegs ſo unausſtehlich iſt, wie Sie vorgeben; Sie würden mich zum wenigſten nicht fortſchicken, um ihn zu empfangen.“. „Ich muß ihn ſprechen, Julius! Glauben Sie mir, ich haſſe ihn! Dieſer Brief aber nöthigt mich, Sie zu verlaſſen. Der Kolonel wünſcht mich allein zu ſprechen über Sachen, die einen Andern betreffen und darum..“ Die ſonſt ſo gewandte Frau verwirrte ſich in ih⸗ ren eigenen Worten. Sie konnte aus dem Netz, in das ſie ſich verwickelt, nicht mehr herauskommen; ihre Verlegenheit mußte der argwöhnende Julius leicht be⸗ merken und bald wurde dieſer noch mehr in ſeinem Vermuthen beſtärkt. „Hermine,“ ſprach er entſchloſſen,„ich gehe nicht, ehe Sie mir die Gründe des Beſuchs des Kolonel mitgetheilt haben.“ Hermine hatte die wenigen Augenblicke, die ihr zur Ueberlegung gegeben waren, ſich ſehr wohl zu Nutzen gemacht. „Wenn Sie es denn durchaus wiſſen wollen,“ ſagte ſie,„und Julius, ich rechne auf Ihre Verſchwie⸗ genheit, es iſt eine Liebesgeſchichte.“ „Und Sie ſagen das mir!“ 4 „Warum nicht, Julius,“ fuhr Hermine lachend fort.„Der Kolonel liebt die Baronin van Delden van Ransbergen, und hat mich zu ſeiner Vertrauten ge⸗ macht, da er weiß, wie groß mein Einfluß bei der Ba⸗ ronin iſt. Das iſt mein Geſtändniß, Herr van Vel⸗ den! Iſt es Ihnen jetzt noch ein Räthſel, warum der Kolonel nicht in Ihrer Gegenwart, ſondern ohne Zeu⸗ gen ſich mit mir beſprechen will?“ Julius van Velden ebenſo leicht von Herminen be⸗ ſiegt, als Willem de Raad, entſchuldigte ſich bei der ſchönen, vielvermögenden Frau und ging. Van Bergen kam, um Julius Stelle einzunehmen. „Ich bin ſehr erfreut, gnädige Frau,“ ſagte der Kolonel,„jetzt eine Gelegenheit gefunden zu haben, Sie ſprechen zu können. Ich habe wohl bemerkt, daß Sie jede Gelegenheit vermeiden zu einem beſonderen Geſpräch, doch als ich geſtern von Herrn de Raad ver⸗ nahm, daß er heute nach der Reſidenz gehen müſſe, be⸗ ſchloß ich, von ſeiner Abweſenheit Gebrauch zu machen, und Sie zu beſuchen. Gewiß, gnädige Frau, mir leid, durch Drohungen, gleichſam mit Gewe Eingang verſchaffen zu müſſen.“ Die ſo angeſprochene Frau ſchlug die Augen nieder. „Sie begreifen wohl, Herr van Bergen,“ antwor⸗ tete ſie,„daß Ihre Beſuche mir nicht angenehm ſein können; Sie ſind der Einzige, der weiß, wie und was ich früher war. Sie haben mir viel vorzuwerfen, was ich gegen Sie...“ „Gnädige Frau, ſprechen wir nicht vom Vergan⸗ genen. Laſſen Sie uns vielmehr ſtreben, unſre Fehl⸗ tritte wieder gut zu machen. Wir beide haben einan⸗ der viel vorzuwerfen. Die Tollheiten unſrer Jugend „Unſerer Jugend, mein Herr! Ich meinte nicht, daß ich an meme Jugend, wie an etwas Vergangenes denken mußte; es iſt nicht ſehr höflich von Ihnen, mich an mein Alter zu erinnern.“ „Mina, ich bin hieher gekommen, Sie um einen Dienſt zu erſuchen,“ ſagte Auguſt,„einen Dienſt, den Sie mir nicht verweigern dürfen.. Meine Jugend war, wie Sie wiſſen, nicht ohne Mackel, mein Gewiſſen be⸗ ſchuldigt mich vieler Fehltritte; jetzt iſt es mein eifrig⸗ ſtes Beſtreben, dies Gewiſſen zur Ruhe zu bringen, um wieder mit mir ſelbſt im Frieden zu leben. Durch ein mackelloſes Leben, durch Thaten will ich die Flecken til⸗ gen, die mich ſchwer drücken; Sie müſſen mir behülf⸗ lich ſein. Mina, ich bitte um Ihren Beiſtand, und Sie dürfen mir denſelben nicht entziehen.“ „Nun, was muß ich thun, Auguſt?“ „Sie müſſen mir bei einer guten That helfen. Ich habe ein armes Kind, eine Unglückliche, eine Waiſe unter meinen Schutz genommen, Sie ſollen mir für ihre Erziehung ſorgen, bis es mir geglückt iſt, die Ver⸗ wandten der kleinen Clara zu entdecken.“ „Eine Waiſe,“ ſagte Hermine lächelnd,„ſagen Sie mir die Wayrheit, Auguſt, iſt es Ihr Kind?, 3 „Es iſt eine Waiſe, Hermine! Der Zufall hat mich in Verbindung mit dem Kinde gebracht, das ſchwörs ich Ihnen auf mein Ehrenwort.“ 259 „Und Sie wollen, daß ich das Kind zu mir nehme und für es ſorge.“ „Wie eine Mutter.“ „Aber ich muß es verweigern, Auguſt! ich muß.. „Fahren Sie nicht fort, Hermine! Ehe ich dieſe Bitte wagte, war ich auf Ihre Verweigerung gefaßt, Vn doch müſſen Sie thun, was ich von Ihnen ver⸗ ange.“ „Verlange!“ rief Hermine, das letzte Wort des Kolonel wiederholend.„Mein Herr! Dieſe Sprache bin ich nicht zu hören gewöhnt.“ „Sie müſſen ſie aber hören; ich habe geſchworen, mich zu rächen und Sie zu ftrafen; wofür iſt Ihnen bekannt. Sie müſſen das Mädchen, das ich Ihnen bringen werde, zu ſich nehmen und für es ſorgen, als ob es Ihr Kind wäre. Das ſei die Strafe, welche Sie gewiß nicht ſtreng nennen können, da ſie Sie in den Stand ſetzt, eine Wohylthat zu thun.“ 3„In der That, mein Herr, ich fange an zu be⸗ reuen, daß ich Sie bei mir empfangen. Benützen Sie di⸗ Abweſin eit meines Gatten, um mich zu belei⸗ gen 2“ „Wie Sie dieſelbe benützen, den Herrn van Vel⸗ den zu empfangen. Nein, gnädige Frau, beleidigen will ich Sie nicht. Hören Sie mich an, Mina! wir kennen einander zu gut, um Comödie zu ſpielen. Der Zufall ſpielte mir ein Mädchen in die Hände, das ich Ihnen anvertrauen möchte; das Kind wurde mißhan⸗ delt, darum nahm ich ſie ihrem Peinigen: ich werde nicht ruhen, bis ich ihre Verwandten gefunden habe. Meine Jugendjahre wurden mit tollen Streichen hin⸗ gebracht, meine gereifteren Jahre will ich dem Wohl⸗ thun widmen, ja zur Hülfe will ich meinen Mitmen⸗ ſchen leben, zur Rettung der Unterdrückten, zum Heil meiner Nebenmenſchen Alles thun!“ „Das wird Ihnen ſehr leicht fallen, mein Herr!“ 8 1 ſagte Hermine ſpottend,„wenn Sie mit den Wohl⸗ thaten, wie jetzt, Andere belaſten.“ „Sie haben mich betrogen, ſchändlich betrogen, ich habe mir vorgenommen, Sie zu beſtrafen: und die Er⸗ ziehung der kleinen Clara ſoll ihre Strafe ſein.“ „Mein Herr, Sie ſprechen ſehr vermeſſen! Sie haben gewiß vergeſſen, daß Sie ebenſo gut in meiner Macht ſind, als ich in der Ihren. Ein Wort von mir kann Sie in's Verderben ſtürzen.“ „Und ein Wort von mir kann Sie in das elende Nichts, aus dem Sie ſich durch Liſt emporgeſchwungen, wieder zurückfinken machen; ein Wort von mir kann die Huldigungen, die man Ihnen jetzt erweist, in Ver⸗ achtung und Schmach verwandeln, Sie aus den Zir⸗ keln, in denen Sie ſich jetzt bewegen, verbannen, Jh⸗ ren Gemahl die Wahrheit kennen lehren. Unterwerfen Sie ſich daher meinem Willen, gnädige Frau! reizen Sie mich nicht durch Ihre Weigerung, und zwingen Sie mich nicht, ein Geheimniß zu entſchleiern, das ſonſt mit mir zu Grabe geht.“ Der Kolonel ſprach mit Feuer, ſeine Wangen hatten ſich geröthet, ſeine Augen glühten; beide Fäuſte waren krampfhaft zuſammengedrückt und jeder ſeiner Blicke ſchien Hermine wie ein Pfeil treffen zu ſollen. Er ſchwieg einige Augenblicke, als erwarte er eine Ant⸗ wort von ihr. Sie blieb ihm aber eine ſolche ſchuldig, und van Bergen fuhr alſo fort: „Sie waren die Urſache meines Unglücks, gnädige Frau! Sie ſind es, um deren willen mir mein Vater fluchte, Sie ſind an allem dem Elend ſchuldig, das mich betraf. Ich habe geſchworen, mich zu rächen, und.. die Nache, die ich nehme, ſoll zugleich eine Wohlthat ſein.“ 3 „Vielleicht hätte ich das Kind aus eigenem Antrieb zu mir genommen,“ ſprach Hermine,„aber jetzt ver⸗ weigere ich es.“ „Bedenken Sie ſich wohl! berathen Sie mit Jh⸗ 261 rem Herzen. Bedenken Sie ſich wohl, ich wiederhole es, fhe es zu ſpät ſein wird. Ich habe nichts mehr zu fükchten; der Mann, der mich zwang, einen andern Namen anzunehmen, exiſtirt nicht mehr. Man wird mir nur einen jugendlichen Leichtſinn vorwerfen, und Niemand wird mich deßhalb haſſen oder verachten; aber Sie, gnädige Frau, gehen Sie zwölf Jahre in Gedan⸗ ken zurück, was waren Sie damals 2“ „Man wird Ihnen nicht glauben.“ „Ich werde Zeugen zu finden wiſſen, die die Wahr⸗ heit unwiderlegbar bekräftigen.“ „Zeugen? Wer ſoll in mir das wiedererkennen, was ich früher war..2“ —„Die Wirthin der Ruine lebt noch, Hermine, und dann ſehen Sie, hier habe ich noch Ihre Lebens⸗ geſchichte, die Sie ſelbſt geſchrieben; ich habe ſie ſorg⸗ fältig aufbewahrt,“ ſagte der Kolonel, einige Papiere herausziehend.„Als Sie dieſe Erzählung verfaßten, dachten Sie wohl nicht, daß ſie auf dieſe Züge nicht ohne Erröthen niederblicken könnten; und wenn ich Ih⸗ rem Gemahl dieſe Schrift zu leſen geben würde... Doch ich zernichte nicht gerne das Glück Anderer.“. 1„Geben Sie mir dieſe Papiere zurück, und ich will thun, was Sie verlangen; doch Sie wiſſen, wie leicht eine ſolche That Stoff für Läſterzungen gibt. Es muß deshalb ein guter Vorwand geſucht werden; Sie müſ⸗ ſen das Kind für eine Verwandte von Ihnen ausgeben, und mich in Gegenwart des Herrn de Raad erſuchen, es unter meine Obhut zu nehmen.“ „Gut, doch ſchwören Sie mir, daß Sie mich nicht hintergehen wollen und. Hermine, ſeien Sie der Waiſe eine Mutter.“ „Ich verſpreche es Ihnen. Doch meine Lebens⸗ geſchichte...“ 1 „Hier, und geſtehen Sie, daß meine Rache nicht grauſam iſt.“ Der Kolonel übergab Herminen die Papiere, auf 1 262 die ſie die Geſchichte geſchrieben hatte, und ſprach, während er ſich zu gehen anſchickte, alſo weiter: „Hermine, hören Sie mich noch einige Augenblicke an. Das Glück hat Sie bis zu einer beneidenswerthen Höhe geführt, Sie ſind die Gattin eines würdigen Mannes, eingeführt in die höchſten Kreiſe der Geſell⸗ ſchaft, trachten Sie, ſich des Glückes würdig zu machen, beeifern Sie ſich, die Flecken, die an Ihrem früheren Leben haften, durch Güte, durch einen makelloſen Le⸗ benswandel auszutilgen, thun Sie wohl und ſuchen Sie ſich mit Gott zu verſöhnen.“ „Ich habe mir jetzt nichts vorzuwerfen, Kolonel van Bergen! Wer iſt es, der an mir etwas auszu⸗ ſetzen bat?“ „Ich kenne Sie, Mina! und darum ſehen meine Augen ſchärfer als die der Andern. Sagen Sie mir, in welchem Verhältn ß ſtehen Sie zu van Velden?“ „Er iſt der Freund meines Gemahls.“ „Daß er das bleibe um Ihrer und Herrn de Raads willen!“ Als der Kolonel ſie verlaſſen, legte Hermine die Schrift vor ſich nieder. Die Papiere ſchienen ſchon vor mehreren Jabren geſchrieben und die Tinte war ver⸗ bleicht. Met Wohlgefallen ſah ſie auf die Schrift; aber das Wohlgefallen dauerte nur kurz. Als fühlte ſie Reue, griff ſie haſtig nach den Papieren und ſprach ſehr laut: „Weg! daß die Flamme Alles für immer ver⸗ nichte.“ Doch plötzlich wieder in ihre vorige Stim⸗ mung zurückkehrend, ſagte ſie in ganz anderem Tone: „ ch will die Blätter noch einmal flüchtig durchlaufen; ich erinnere mich noch der Zeit, als ich dies ſchrieb, es waren glückliche Tage; ich liebte ihn damals, ich lebte unbekümmert, ohne Sorge und glücklicher als jetzt. Gegenwärtig vom Morgen bis Abend gezwungen, dem Tone der großen Welt zu folgen, der mir ganz fremd iſt, und dann die Unruhe, daß man mich erkenne; vor dem Kolonel mich beugen zu müſſen, ich, die Jeden zu — 263 meinen Füßen ſehen kann; dazu... o, wenn Julius mich einmal hinterginge! Als ich dieſe Blätter ſchrieb, kannte ich die Unannehmlichkeiten des Reichthums nicht; wohl habe ich mein Ziel erreicht, aber das Ziel hat mich nicht glücklich gemacht! Nein, ſchändlich bin ich in meiner Er wartung betrogen! Ich erinnere mich noch deutlich jenes Abends, als ich zum erſten Male die Feder ergriff, um dieſe Geſchichte zu ſchreiben; es war ein kalter Novemberabend; der anweſende Kolonel van Bergen ſaß mir gegenüber und las; er hatte mir den ganzen Tag von ſeinen Planen für die Zukunft geſpro⸗ chen; ich ſollte ſeine Frau werden; ich ſagte zu Allem ja, denn damals kannte ich Demar noch nicht! Armer Demar! Was mag aus ihm geworden ſein! Doch noch einmal einen Blick in unſer früheres Leben und dann für immer dieſe Schrift vernichtet!“ XXX. 1 Die Geſchichte einer ſchönen Frau. „Als ich acht Jahre alt war, ſtarb meine Mutter; ich kann mich wenig mehr von ihr erinnern, als daß ſie eine kleine dicke Frau war, und oſt Streitigkeiten zwiſchen ihr und meinem Vater ſtattfanden, die ſo heftig wurden, daß ſie einander ſchlugen. „Mein Vater war Tiſchler und nach dem Tode meiner Mutter lebte er mit einer Frau, die ihm zwei Kinder ſchenkte. Ich ward ſchon frühe inne, daß mein Vater ſehr wenig auf mich hielt und die Frau, die ich Mutter nennen mußte, ſchlug mich unaufhörlich, weil ich ſchöner war als ihre Kinder. „Als ich zwölf Jahre alt wurde, mußte ich auf Befehl meines Vaters das Haus verlaſſen, und kam zu einer Putzmacherin, die mich zur Beſorgung ihrer Waaren und zum Auslaufen benützte. War nichts der Art zu beſorgen, ſo mußte ich ihr nähen helfen und ich hatte ſo viel Geſchick zur Sache, daß ich nach Verfluß von vier Jahren ſchönere Kleider bekam, keine Aus⸗ gänge mehr machen mußte und mir Arbeiten im Laden übertragen wurden. 4 „Man nannte mich allgemein de mooije Mina*) und ſelbſt ein Maler, der über dem Magazine wohnte, malte mich mehre Male. „Es kamen viele junge Herren, die mir Alle ſag⸗ ten, daß ich ſchön ſei und mich erſuchten, mit ihnen fpazieren zu gehen, die auf mich warteten, wenn ich einen Ausgang zu machen hatte, und vor den Fenſtern ſtanden, um herneinzuſehen, wenn ich im Laden war. „Ich bekam viele Geſchenke, die ich aber vor dem Fräulein verborgen hielt, und hätte ich gewollt, ich hätte jeden Sonntag bald hier⸗, bald dahin gehen können; doch ich hatte keine Freude daran, weil ich lieber an den freien Tagen, an denen das Fräulein ausgegangen war, für mich arbeitete, was mir ein artiges Geld eintrug und wofür ich mir allerhand Kleinigkeiten anſchaffen konnte. Ein Herr von mittleren Jahren beſuchte mich immer, wenn ich allein war und kaufte mir Alles ab, was ich in der Stille gemacht hatte. Eines Tags beſtellte er bei mir ein Sacktuch mit einer Bordüre für ſeine Frau, wie er ſagte, und ich glaubte auch, daß er die Wahrheit fpreche, aber ich ſelbſt ſollte ihm am folgenden Sonntag das Tuch bringen und er würde mir dann einen Dukaten geben, wenn die Arbeit nach ſeinem Geſchmack ausgefallen wäre. Ich arbeitete bis ſpät in die Nacht, um das Tuch bis auf * Die ſchöne Mina. 265 den beſtimmten Tag fertig zu haben. In das Haus gekommen, das mir der Herr bezeichnet hatte, ließ ein Livreebedienter mich warten in einem Seitenzimmer, das ſo prachtvoll meublirt war, wie ich noch nie eines geſehen hatte. Es dauerte lang, ehe der Herr ter Reede — dies war ſein Name— kam. Er grüßte mich ſehr freundlich und gab mir ſogar einen Kuß, was ich wohl etwas befremdend fand. „„Da iſt das Sacktuch,““ ſagte ich,„viſt es nach Ihrem Geſchmack?““ „„O, vollkommen!““ antwortete er, ohne das Tuch zu betrachten.„„Nun, es iſt Sonntag, Du haſt Zeit, ina, Du mußt etwas bei mir bleiben.““ „Ich bedankte mich, doch es half nichts. „„Ein einziges Glas Wein mußt Du mit mir trin⸗ ken, das darfſt Du mir nicht verweigern,““ ſagte er und läutete ſeinem Bedienten, der mit Wein und zwei Kelchen hereintrat. „Der Mann war ſo freundlich, daß ich wohl nicht anders konnte, als ich mußte ein paar Gläſer trinken, und von den zwei Gläſern fühlte ich ſchon etwas im Kopfe. Der Herr ter Reede frug mich, ob ich nicht lieber für mich ſelbſt wohnen, viel Geld haben und wie eine Dame gekleidet gehen wolle, ſtatt immer in dem dunkeln Laden zu ſitzen. Er erzählte mir, daß er unverheirathet ſei und das Taſchentuch allein darum habe machen laſſen, um mich ohne Zeugen ſprechen zu können, daß er mich ſchon lange geheirathet hätte, daß ihn aber für jetzt noch wichtige Gründe daran hindern und der Himmel weiß, was noch mehr. „Inzwiſchen ſchenkte er mir fortwährend ein und zwang mich, zu trinken; ich wurde luſtig und lebendig und geſtattete es ſogar, daß mich Herr ter Reede küßte und auf die Kniee nahm. Lachend ſagte ich, daß ſein Vorſchlag mir ganz wohl gefalle und wir beſprachen die Zeit, in der ich das Magazin verlaſſen ſollte. Da⸗ Amſterdams Geheimniſſe. I, 18 266 bei hatte er mich in ſeine Arme genommen; ich bot zwar wohl einigen Widerſtand, allein er verſprach, mich zu heirathen, und der Wein hatte mich ſo betäubt, daß 16 mich all' ſeiner ſchönen Worte nicht mehr erinnern ann. „Wieder zum Bewußtſein gekommen, begann ich zu weinen, warum wußte ich ſelbſt nicht; ter Reede küßte mir die Thränen von den Wangen und brachte mich, da es ſchon dunkel geworden war, in das Ma⸗ gazin zurück. Ich erinnere mich noch ſehr gut, daß ich jene Nacht unaufhörlich weinte und allerlei tolle Träume hatte. Von jener Zeit an wurde mir das Leben in dem Magazin unerträglich; ich ſehnte mich nach dem Tage, an welchem ich das Logis, welches ter Reede mir ge⸗ miethet, beziehen konnte. Dem Fräulein durfte ich natürlich mein Vorhaben nicht mittheilen, und erzählte ihr, daß ich zu einer alten Tante ginge, die außer der Stadt wohne. So verlebte ich einige Zeit in freudiger Erwartung, bis endlich der erwünſchte und lang er⸗ ſehnte Augenblick da war. Im vollen Entzücken flog ich dem Herrn ter Reede an den Hals, als er mich in mein Zimmer brachte und mir all die ſchönen Meubeln zeigte, die, wie er ſagte, mein Eigenthum waren. Für einen Dienſtboten hatte er ſchon geſorgt, und zugleich befahl er mir, ihn meinen Vormund zu nennen, wenn er mich beſuche, während er mich für ſeine Nichte ausgab. „So lebte ich ein halbes Jahr. Ter Reede verſah mich immer reichlich mit Geld und nahm mich hie und da ins Theater mit oder an andere öffentliche Plätze. Von einer Heirath mit mir ſprach er nichts mehr, und ich ſelbſt drang nicht darauf, denn ich war ſehr zufrie⸗ den mit meinem Schickſal und ter Reede war auch nicht der Mann, den ich hätte zum Gatten haben mögen: er war zu alt und häßlich. Eines Tags, als ich bei ihm zu Mittag ſpeiste, erſchien ganz unerwartet ein Neffe von ihm, der in Leyden ſtudirte; es war ein — 267 hübſcher funger Mann mit ſchönem ſchwarzem Haare und einem Knebelbärtchen, und er gefiel mir ſchon im erſten Augenblicke. „Ich bemerkte leicht, daß der Beſuch ſeines Neffen Herrn ter Reede höchſt unangenehm war. Meine Be⸗ kanntſchaft mit dieſem war ſchnell gemacht, und Ber⸗ nard wußte ebenſo bald, in welchem Verhältniß ich zu ſeinem Oheim ſtand. Hie und da kam er im Geheimen von Leyden herüber und brachte ein paar Tage bei mir zu, was einige Zeit ſo fortging, bis meine Dienſtmagd Herrn ter Reede Alles verrieth, der ſo wüthend wurde, daß er mich ſchlagen wollte, und drohte, er werde mich ermorden, wenn er wieder ſo etwas von mir höre. „Ohne Bernard konnte ich nicht leben. Er ſchlug mir vor, nach Leyden zu ziehen. Mein Entſchluß war bald gefaßt, ich verkaufte all' meinen Hausrath und zog heimlich nach dem Orte, wo mein Bernard war, der da ſchon ein hübſches Zimmer für mich gemiethet hatte. Ja, ich hätte ter Reede ſehen mögen, als er bei ſeinem rrfeen Beſuche nach meiner Flucht merkte, daß ich fort war „Ich hatte mich in dem Studenten betrogen; ſo lange mein Geld, der Betrag für meinen Hausrath, reichte, war er immer um mich; doch als mein kleiner Schatz verzehrt war, verlangte er von mir, daß ich ſeine Freunde und Bekannte empfangen und ihnen Geld abpreſſen ſollte, um es mit ihm zu theilen. Er ſelbſt gab mir nicht das Mindeſte, als hie und da Schläge, wenn er betrunken war, was oft vorkam. Die Stu⸗ denten, mit welchen Bernard Umgang hatte, thaten es ihrem Kameraden in der Liederlichkeit gleich; ſie mach⸗ ten ungeheure Schulden und brachten das Geld, das ſie von Hauſe empfingen, auf die ſchändlichſte Weiſe durch. Das war mein Leben in der Univerfitätsſtadt. Die Mißhandlungen Bernards war ich gewöhnt; Geld beſaß ich keines, die Zimmermiethe konnte nicht bezahlt werden.. und ich wußte durchaus nicht, was beginnen. 268 In das Magazin zurückkehren, war unmöglich. Meh⸗ rere Briefe hatte ich ſchon an ter Reede geſchrieben, der mir endlich antwortete, daß ich ihm nicht länger mit Briefen läſtig fallen ſolle; er würde in der Folge dieſelben nicht mehr annehmen. Dazu kam auch noch, daß ich in der Noth Schulden machte und meine Gläubiger mich ſo ſehr drängten, daß ich ihnen überall ausweichen mußte. Die Wirthin eines öffentlichen Hau⸗ ſes auf De Ruine verſprach, meine Schu lden zu bezah⸗ len, wenn ich bei ihr wohnen wollte. Ich ſah die Frau für meinen rettenden Engel an in den traurigen Um⸗ ſtänden, in welchen ich mich befand. Der Gedanke, von allen Gläubigern befreit zu ſein, herrlich zu woh⸗ nen und unbeſorgt leben zu können, das ſchmeichelte mir; eiligſt nahm ich daher ihren Vorſchlag an; eine andere Wahl war mir nicht geblieben. So hatte ich einen neuen Zeitabſchnitt meines Lebens begonnen. Aber ach! die neue Lebensweiſe war elend. Es iſt wahr, ich durfte mich nicht um Koſt und Wohnung bekümmern, war aller Geſchäfte überhoben, ging prächtig geklei⸗ det... aber bis ſpät in die Nacht in einem dumpfen Gemach, in Geſellſchaft von betrunkenen Menſchen ſich umzutreiben, o, das iſt ſchrecklich! Und genöthigt zu ſein, die Liebkoſungen von unausſtehlichen Leuten, die man im Innerſten verachtet, zu erwiedern, mit ihnen aus demſelben Glaſe zu trinken, ihr dummes und ab⸗ geſchmacktes Gerede anzuhören und darüber zu lachen, nein, ſolch ein Leben iſt eine Hölle! Zum Mindeſten für mich, ich fühlte zu ſehr das Ecklige daran! Die andern Mädchen, mit denen ich umgehen mußte, waren bösartig, verleumderiſch und durch das Getränk er⸗ ſchlafft; ſie ließen keine Gelegenheit vorüber, um meine Tage zu vergällen; der Vorzug, den man mir um meiner Schönheit willen gab, erregte ihren Neid und ihre Mißgunſt, und o, wenn ſie gewußt hätten, wie wenig mir dieſer Vorzug ſchmeichelte, gewiß, ſie wür⸗ den mich nicht ſo beneidet haben! 269 „Völlig fremd war mir die Frivolität, fremd ihre Schlemmerei: in dem Magazine war ich an die ſtrengſte Ordnung gewöhnt, gerade wie zu der Zeit, als ich für mich ſelbſt wohnte, und jetzt war ich nicht'mal Her⸗ rin meiner eigenen Ruhe, meiner Neigung; ich litt ſchrecklich, ich büßte ſchwer. Unter den Studenten, die mich hie und da beſuchten, war Auguſt der liebenswür⸗ digſte; ihm klagte ich meine Noth, und ich wußte ihn ſo weit zu bringen, daß er das Geld, welches ich der Wirthin ſchuldig war, bezahlte, und mir ein Kämmer⸗ chen miethete, in welchem ich jetzt dieſe Geſchichte nie⸗ derſchrieb. Nun bin ich wieder glücklich; Auguſt liebt mich aufrichtig; er unterſtützt mich edelmüthig mit ſei⸗ nem Gelde; nach und nach erhalte ich wieder Handar⸗ „beit, ſo daß ich bald im Stande ſein werde, ohne ſei⸗ nen Beiſtand meine Bedürfniſſe zu befriedigen. Vor einigen Tagen vernahm ich den Tod meines Vaters, und obwohl er mich nie geliebt hat, erſchütterte es mich doch ſehr, als man mir die Nachricht mittheilte.“ i Hermine betrachtete die Schrift noch einige Augen⸗ „Ja, damals war ich glücklicher, als jetzt,“ ſagte ſie.„Auguſt folgte Bernard, und Demar wieder die⸗ ſem. Demar verdanke ich mein Emporkommen; er war es, der mich nach dem Haag brachte. Wie hätte ſich auch die arme Tiſchlerstochter je träumen laſſen, daß ſie ein⸗ mal in ſolch' einer Rolle in der großen Welt glänſen würde; doch jetzt iſt meine Rolle ausgeſpielt, meine Heirath mit de Raad hat ſie geendigt. O, wenn an⸗ dere Frauen das Glück hätten, ein Leben zu führen, ſo ruhig und bequem, wie das meine jetzt iſt, wie zufrie⸗ den, wie dankbar würden ſie ſein! Wie würden ſie die Gaben des Glückes zu würdigen wiſſen! Aber ich, Unglückliche, ich genieße dieſes Glück nicht. So lange noch ein Menſch lebt, der mich herabwürdigen kann, wenn er den Schleier hebt, der die Vergangenheit be⸗ deckt, ſolang habe ich keine Ruhe. Ja, es lebt noch * 270 ein Mann, der mich kennt, der weiß, was ich früher war, der. Und Julius Neigung, iſt ſie wohl auf⸗ richtig, nicht geheuchelt? liebt mich van Velden nicht nur um meines Geldes willen... 2 Und wenn er wüßte, wie ſehr ich ihn liebe, ihn, den letzten Mann meiner Liebe!“ Hermine durchlief noch einmal flüchtig ihre Lebensgeſchichte.„Bernard...! Was iſt aus ihm ge⸗ worden? Als Soldat ging er nach Oſtindien und dort iſt er umgekommen. Demar wurde das Opfer ſeines Leichtſinns! Er allein, Auguſt blieb übrig, und...“ Das Selbſtgeſpräch Herminens wurde geſtört. Der Bediente brachte einen Brief. „Ein Brief an die gnädige Frau!“ „Von dem Miniſter!“ rief ſie, den Brief öffnend. „Von dem Miniſter, ahl ich habe Hoffnung für Julius. Der Poſten iſt zwar nicht ſehr einträglich, zwolfhun⸗ dert Gulden, aber es iſt Erhöhung möglich.“ Sie las den Brief genau noch einmal und warf ihn dann mit den übrigen Papieren in das Feuer. „Fort! daß keine Spur mehr davon übrig bleibe, o, daß ich ihn ebenſo vernichten könnte!“ Julius trat unangemeldet ein. „Schon zurück?“ „Ja, gnädige Frau, ich komme, um meine Schuld abzutragen; hier das geliehene Geld und die Juwelen. Ich habe mich beeilt, um Ihnen das Eine und Andere zurückzugeben; Ihre Furcht wird nun zu Ende ſein, und jetzt darf ich mich doch nicht mehr mahnen laſſen.“ Der Sprecher legte die Edelſteine und das Geld auf den Tiſch. 3. „Sie wiſſen, Julius, daß ich nie Mißtrauen in Sie ſetzte, allein ich befürchtete, de Raad möchte Alles entdecken, und darum...“ „O, keine Beſchönigungen, Mina, ich will ſie nicht hören; ſehen Sie nur, ob die Summe richtig iſt, die Sie mir geliehen. „Julius, iſt das die Sprache, die Sie gegen mich ———— 271 führen mögen; gegen mich, die ſich ſo ſehr um Ihr Wohl kümmert..⸗ Ich habe Ihnen eine gute Zeitung mitzu⸗ Heilene Aber zuvor die Falten vom Geſichte, mein reund!“ Mit ihren weißen Händen ſtrich ſie über das ſchöne Geſicht van Veldens. Die Frau, die wir am vergan⸗ genen Abend grillenhaft, ja unerträglich gegen ihren Mann fanden, ſehen wir jetzt dem Geliebten ſchmeicheln. „Ich habe Ihnen eine gute Nachricht mitzutheilen,“ wiederholte ſie,„ich habe viel Hoffnung, für Sie einen Platz bei den Finanzen zu bekommen.“ „Wirklich?“ „Ich hätte Ihnen gerne durch meine Vermittlung einen anſehnlicheren Poſten beſorgt, doch der, welchen ich Ihnen jetzt verſchafft habe, bietet Ausſicht auf Er⸗ höhung, und...“ „Die Einleitung gefällt mir nicht ſehr, Mina. Täuſche ich mich nicht, ſo ſoll mich die Rede auf das unbedeutende Einkommen der Stelle vorbereiten. Spre⸗ chen Sie ohne Umwege, Mina, wie viel ſoll mir der Poſten jährlich eintragen?“ „Zwölfhundert Gulden,“ ſagte Mina nicht ohne einiges Zögern. „Zwölſhundert Gulden!“ rief Julius verächtlich, „wahrlich, ich hätte gedacht, Ihr Einfluß wäre ver⸗ mögender. Zwölfhundert Gulden!“ „Julius, Sie ſollen befördert werden; ich werde dafür ſorgen. Sie haben ſich doch nicht vom Allem entblößt, um mir das geliehene Geld zurückzugeben, denn vor einigen Stunden waren Sie noch...“ „Um Geld verlegen, jal doch als ich nach Hauſe bun, fand ich das Geld, das ich ſo lange erwartet a e.“ Hermine nahm die Juwelen und ließ dieſelben durch Anna wieder an ihren Ort bringen. 4 „Julius, es iſt wahr, ich war unbillig gegen Sie, * —-—— ich hätte es Ihnen nicht verdenken ſollen... Sie wer⸗ den die Stelle bei den Finanzen annehmen?“ „Da Sie mich verſichern, daß die Stelle Ausſicht auf Beförderung bietet, wäre ich toll, mich zu wei⸗ gern; ich werde jetzt in's Haag ziehen müſſen, und das ließ mich in der That im Entſchluſſe wanken. Von Ih⸗ nen mich zu entfernen, Mina!“ „Julius!“ rief die ſchöne Frau, während ſie den hübſchen, jungen Mann ſo zärtlich anſah, daß er den kalten Ton, den er gegen ſie angenommen, ganz ver⸗ gaß, und die Hand, die ſie ihm reichte, mit Inbrunſt an ſeine Lippen drückte. XXXI. 1 Die zwei Freunde. Der Baron Hunter erbrach ungeduldig den Brief, den ihm der Bediente überreichte. „Von Mathilden!“ rief er und legte denſelben vor ſich nieder, als wagte er nicht, ihn zu leſen,„was kann ſie mir zu ſchreiben haben?“. Seine Blicke wendeten ſich, wie durch eine unwi⸗ derſtehliche Kraft angezogen, wieder auf die Schrift. „Hochwohlgeborner Herr!— Was hat die Ueber⸗ ſchrift zu bedeuten?“. Das Papier entfiel ſeiner Hand. Die Ueberſchrift ſchien ihm keinen günſtigen Inhalt zu weiſſagen. Er verlies ſeinen Sitz, ging mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab und fürchtete ſich etwas dem Tiſche zu nahen, auf dem der aufgebrochene Brief wartete, bis der, an den er gerichtet, ſich mit ſeinem Inhalt 6 — bekannt machen wollte. Geraume Zeit blieb Hunter in dieſer Stimmung; doch plötzlich, wie ſeine Schwachheit überwindend, als wollte er mit einem Blicke das Ganze überſehen, ergriff er den Brief und las: „Hochwohlgeborener Herr! „Der Schleier, den Sie mir über die Augen ge⸗ worfen, iſt abgehoben; ich durchſchaue Ihren Plan. Jetzt weiß ich, daß Sie nicht im Stande ſind, mir das zurückzugeben, an deſſen Beſitz mir ſo viel ge⸗ legen. Um es zu erhalten, hätte ich Ihnen ſelbſt meine Hand geſchenkt. Was aus ihm geworden, iſt nur dem Allmächtigen bekannt, der mich ſchwer, ſehr ſchwer für einen jugendlichen Fehltritt ſtraft. Allein auf ihn baut darum meine Hoffnung; er allein kann ihn mir zurückgeben; Sie können es nicht. Von Ihnen meinen Sohn zurück zu hoffen, wäre frucht⸗ los. „Ueber Ihr Betragen gegen mich will ich nicht mit Ihnen rechten; legen Sie die Hand auf das Herz und fragen Sie ſich ſelbſt, ob Sie edel han⸗ delten, indem Sie eine Hoffnung in mir rege mach⸗ ten, die Sie zu erfüllen nicht im Stande waren 2 Handelten Sie brav, als Sie mich durch Betrug täuſchten? „Das Band, das mich an Sie knüpfte, iſt ge⸗ löst; ſuchen Sie ſich nicht bei mir zu vertheidigen. Jeder Verſuch dazu würde mich noch mehr von Ihren niedrigen Geſinnungen überzeugen. Leben Sie wohl, Herr Baron, ich glaube, daß Sie noch ſo viel Ehr⸗ gefühl beſitzen werden, um ſich nicht in Gegenwart von der zu zeigen, die Sie zu einem Opfer des Betrugs und der Täuſchung machen wollten, und ich glaube ſogar, daß Sie alle Gelegenheiten, wo Sie mir begegnen könnten, ſorgfältig vermeiden werden. „Sollte es Ihnen an Geld mangeln, um dieſe Stadt zu verlaſſen, wo Sie nichts mehr zu thun 274 haben, nachdem Ihr Plan mit mir mißglückt iſt, ſo können Sie verſichert ſein, daß der Wechſel, den Sie abgeben, bezahlt werden wird von Mathilde, Baronin⸗Wittwe van Delden van Ransbergen.“. Das Geſicht Guſtavs war leichenblaß. Wie ein vergifteter Pfeil traf der Brief ſein Herz. Er war allein und konnte darum ſeinen Gefühlen, die zwiſchen Verwunderung, Zorn, Furcht, Verzweiflung ſchwank⸗ ten, freien Lauf laſſen; doch als er ſich über ſich ſelbſt ſchämte, überwand er bald ſeine erſte Aufwallung und ſetzte ſich an den Schreibtiſch, mit dem Vorſatz, den Brief zu beantworten. Und ſchon hatte er einige ſeiner verwirrten Gedanken zu Papier gebracht, als er ſtolz aufſtand, das Papier zerriß, wüthend hin und her lief .. und, unwillkührlich ſeine Blicke nach der Thüre wendend, den Kolonel van Bergen gewahrte, der un⸗ angemeldet herein trat. 1 Guſtav ſah das vergnügte Lächeln, das um Au⸗ guſt's Lippen ſpielte, auch er, der Baron von Hunter lachte, doch war es keineswegs das aufgeräumte La⸗ chen, das Zeichen der Fröhlichkeit und des Vergnügens, ſondern vielmehr das unwillkührliche Zuſammendrücken der Lippen, das ſehr deutlich eine getäuſchte Hoffnung erkennen ließ. 4 3 „Auuguſt reichte dem Baron die Hand, welche dieſer mit geheuchelter Herzlichkeit drückte.. „Du mußt mit mir gehen, Guſtav! ich habe ein Pierd gekauft, das ich dieſen Morgen laufen laſſen will. 5 Es mug Etwas geſchehen ſein, Auguſt, das Dich in ſo aufgeräͤumte Stimmung verſetzt hat, wenigſtens leht der Glanz des Wohlbehagens auf Deinem Ge⸗ 4 te 2 8. 2 „ch mißtraue meinem Glücke ni t mehr, Guſtav, ich fange an zu glauben, daß ich eer einmal glück⸗ lich werden kann.“ „Gewiß, Auguſt, ich will nicht unbeſcheiden ſein, aber wenn ich mich nicht täuſche, find Deine Bitten von der ſchönen Wittwe erhört worden.“ „Du biſt mein einziger Freund, Guſtav, und warum ſollte ich Dir daher mein Glück verbergen. Ja, ich wagte es, Mathilden...“ „Und hat ſie Dich nicht abgewieſen!... Der ſo eben empfangene Brief bejaht mir das,“ fügte der Baron für ſich hinzu. „Wenigſtens glaube ich, mir ſchmeicheln zu dür⸗ fen, daß die Erklärung, die ich der ſchönen Wittwe machte, ſie nicht beleidigte; und, großer Gott, wenn ich bedenke, was ich einmal war, welch' ſchändliche Lebensweiſe ich einmal führte, muß ich erröthen bei dem Gedanken, daß ſie fleckenlos, rein und gut, nicht zu zögern ſcheint, ihr Schickſal an das meine zu knüp⸗ fen. Glaube mir Guſtav, als ich ihre Hand ergriff und ſie ſie mir nicht entzog, als ich die Hand an meine Lippen drückte, ſank ich unwillkührlich auf meine Kniee nieder und wagte es nicht, meine Blickenauf ſie zu richten, deren Beſitz meine größte Seligkeit wäre; es war, als ob ich vor einer Heiligen kniete. Wenn fie gewußt hätte, welche Flecken an mir haften, o wie würde 42 dann von ſich geſtoßen haben! Und ich liebe, ich bete ſie an, ja, wie ein Weſen, das zu rein für dieſe Welt!“ 1 Guſtav machte dem Gefühlstaumel, in welchem ſein Freund ſich befand, ein Ende mit der Frage, wann man döm der Beſitegung des reinen, keuſchen Heerzens der Wittwe gratuliren dürfe, und legte einen beſonders ſpöttiſchen Ton auf dieſe letzten Worte, wel⸗ chen aber der Kolonel nicht bemerkte. „O, die glückliche Stunde wird bald anbrechen, Guſtav. Ohne her anten⸗ ich ihr geſagt, daß mein Vermögen ſehr gering, und daß dies gerade der Grund, der mich ſo unge gehindert, ihr das Geheim⸗ niß meiner Liebe zu offenbaren, da ich fürchtete, daß vielleicht die Schätze, die ſie beſäße, als die Triebfeder meiner Handlungen angeſehen werden möchten.“ „Und Du nannteſt ihr Deinen Namen?“ „Nein, Guſtav, nie ſoll ſie dieſen erfahren; als Auguſt van Bergen ſoll ſie mich kennen. Dieſen Na⸗ men habe ich mit Ehre getragen, und unbefleckt und rein gehalten; ja, ruhig kann ſie ſich erkundigen, wie der Kolonel van Bergen in Oſtindien..“ Die letzten Worte des Kolonels hatte der Baron nicht gehört. Zahlloſe Gedanken durchkreuzten ſeinen Kopf. Der Heirath van Bergens zuvorzukommen, war jetzt das Ziel, wonach er ſtrebte. „Ha!“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wenn ich jetzt den Kolonel damit bekannt mache, daß er noch lebt! Aber nein. Nein! Und doch, Mathilde kann und darf die Seine nicht werden! Nun, Kolonel, noch ein Glas Wein auf Deine bevorſtehende Heirath!“ „Von Herzen gerne, Guſtav! Und Gott gebe, daß meine Hoffnung nicht vereitelt werde!“ „Frau van Bergen!“ rief der Baron lachend, ſein Glas in die Höhe haltend. „Herzlichen Dank!“ gab der Kolonel zurück.„Möchte Mathilde bald dieſen Namen tragen! Glaube mir Gu⸗ ſtav, daß ich dem Seemann gleiche, der einen ſchönen Hafen vor ſich ſieht, aber von der Brandung zurück⸗ gehalten wird; ich glaube, ich werde den Hafen meines Glückes nicht erreichen; auf ſo großes Glück mag ich jetzt nicht hoffen. Und o, iſt das Schickſal mir günſtig, wird mein feuriger Wunſch erfüllt, dann bin ich auf den höchſten Punkt des Glückes gehoben; mir wird nichts mehr zu wünſchen übrig ſein und welchem Sterb⸗ lichen iſt je ein ſolches Glück zu Theil geworden. Wenn ich bedenke, wie unwürdig ich bin, ſie zu beſitzen, dann bemächtigt ſich meiner ein beunruhigendes und banges Gefühl, dann.. Doch,“ fuhr er mit beinahe kindlicher Beſcheidenheit fort,„ich werde trachten, mich ihrer ſo viel möglich würdig zu machenz; ich werde mich beeifern, 277 durch Wohlthaten und Glücklichmachen Anderer, die Flecken, die mich verunzieren, auszutilgen, damit ſich der Fluch, der auf mir ruht, in Segen verwandle.“ „Die Wohlthaten ſcheinen in die Mode zu kommen,“ ſagte Guſtav lächelnd.„Geſtern Abend ſprach man mit vielem Aufheben von der Wohlthat, durch die Ma⸗ dame de Raad die Aufmerkſamkeit auf ſich zieht; weißt Du es ſchon, Auguſt, ſie hat eine Waiſe unter ihren Schutz genommen. In der That, wenn ich verheirathet wäre, würde ich ſehr ungern ſehen, daß meine Frau ein Kind zu ſich nähme, deſſen Eltern ganz und gar unbekannt ſind. Bei mir wenigſtens hat dieſe That einen ſonderbaren Gedanken erweckt.“ „Und welchen?“ frug der Kolonel. „Ob nicht die Eltern der Kleinen der Madame de Raad bekannt find?“ „Du meinſt doch nicht?“ „Ich will Dir aufrichtig mein Vermuthen mitthei⸗ len, Auguſt; ich halte die Madame ſelbſt für die Mut⸗ ter des Kindes.“ „Deine Vermuthung iſt falſch, unbegründet, Gu⸗ ſtav, Du kannſt ihre That nicht beurtheilen. Dir allein, Dir will ich es ſagen, ich bin es, der ſie bat, das Kind in ihren Schutz zu nehmen.“ „Du?“ „Ich ſelbſt, und nun nach dieſem aafrichtigen Ge⸗ ſtändniſſe hältſt Du mich ohne Zweifel für den Vater des Kindes?“ 3 Der Baron ſah den Kolonel bedeutſam an. „Nein, Guſtav, glaube mir, das Kind iſt mir ganz fremd. Ich ſah das junge Mädchen zuerſt in Begleitung ihres Bruders am Bord des Elburger Beurtmanns. Damals ſchon nahm ihr liebenswürdiges Geſicht, worauf die Unſchuld in jedem Zug zu leſen war, mich ganz für ſie ein. Sie und ihr Bruder ſag⸗ ten mir, daß ſie Waiſen wären, daß ihre Mutter in Armuth geſtorben und ein vornehmer Herr künftig für 278 ſie ſorgen werde, welcher ſie in eine Koſtſchule thun wolle, wohin ſie eben reiſen. Ich ſah ſie darauf ſo ſanft und ruhig ſchlummern, und als der Tag anbrach und ſie aufwachten, war ich Zeuge der einfachen, un⸗ gekünſtelten und kindlichen Frömmigkeit, womit ſie ihr Gebet zum Himmel ſchickten. Da wurde es mir bang im Herzen, denn die Zeit meiner Unſchuld tauchte in meiner Erinnerung empor.. „Ich habe Dir ſchon geſagt, Guſtav,“ ſprach der Kolonel weiter, ſeine Erzählung beſchleunigend, als er die Ungeduld auf dem Geſichte des Barons be⸗ merkte,„daß es möglich wäre, die von Adam Smith unterzeichnete Schuldverſchreibung auf Reijſenburg noch vorzufinden und zwar in dem Zimmer, in welchem der geheime Ausgang, der mir und meinem alten Bedien⸗ ten allein bekannt iſt. „Von Hendrik begleitet— denn das beſtätigt ſich, daß in der blauen Kammer der durch ihn bezeichnete gebeime Aufbewahrungsplatz ſich befindet— ſchlich ich Nachts heimlich durch den verborgenen Eingang des Herrenhauſes, das jetzt an einen Schulmeiſter vermie⸗ thet, herein, um endlich zu ſehen, ob wir etwas von einem verborgenen Platz entdecken und vielleicht die Schuldverſchreibung von Adam Smith auffinden könn⸗ ten. Hendrik hatte erfahren, daß um eines gewiſſen herrſchenden Aberglaubens willen dieſer Theil des Her⸗ renhauſes unbewohnt war, und um allem Verdacht zu⸗ vor zu kommen, entſchloß ich mich, heimlich durch den verborgenen Eingang in das Herrenhaus zu ſchleichen. Es war Nacht, die Bewohner lagen in tiefem Schlaf, und ſo glaubten wir, daß der günſtige Augenblick zur Ausführung dieſes Plans gekommen ſei, doch wir waren kaum in die blaue Kammer getreten, als ich zwei Kna⸗ ben entdeckte, die ſich furchtſam in eine Ecke verkrochen hatten und damit war unſer Vorhaben vereitelt. Ich benützte die abergläubiſche Furcht der Knaben— von welchen ich einen wieder als denſelben erkannte, den 279 ich auf dem Beurtſchiffe geſehen hatte,— da ſie mich und meinen Bedienten gewiß für Weſen aus der Gei⸗ ſterwelt hielten, bedrohte ich ſie mit dem Tode, wenn ich ſie wieder in dem Zimmer finden würde. Sie wa⸗ ren, wie ſie ſagten, von dem Schulmeiſter eingeſchloſ⸗ ſen, verſprachen mir aber heilig, nie etwas von dem, was ſie geſehen, ſagen zu wollen und zugleich, daß ich ſie nie wieder auf dieſem Platze finden ſollte. „Ich vertraute aber der Verſchwiegenheit der Kna⸗ ben wenig und beſchloß, meine Nachforſchung in einer andern Nacht zu wiederholen. Aber auch da mißglückte mein Vorhaben. Das nämliche Mädchen, von dem ich mit Dir bereits geſprochen, fand ich in jener Nacht in dem Zimmer, das arme Kind fing bei meiner Erſchei⸗ nung laut zu ſchreien an. Ich legte meine Hand auf ihren Mund und hinderte ſie, weiter Lärm zu machen. „Nachdem ich ſie einigermaßen durch freundliche Worte beruhigt hatte, erzählte ſie mir, ſie ſei von dem Schulmeiſter eingeſchloſſen, und zugleich, welch⸗ grau⸗ ſamen Mißhandlungen ſie täglich ausgeſetzt werde. Das Leiden der Kleinen bewegte mich ſo ſehr, daß ich be⸗ ſchloß, ihrem unglücklichen Schickſal ein Ende zu ma⸗ chen, zumal, da ich glaube, daß ein dichter Schleier über der Geſchichte der kleinen Clara liegt, welche weder ihren Namen noch einen ihrer Verwandten kennt. Dieſen Schleier will ich zu heben ſuchen, das Geheim⸗ niß wird ſich offenbaren. Bald hatte ich ſie überredet, mir zu folgen. Ich wußte Madame de Raad zu be⸗ wegen, das Kind unter ihren Schutz zu nehmen, bis es mir gelungen wäre, etwas Näheres über ſie zu ver⸗ nehmen. Dieß iſt die ganze Geſchichte in wenig Wor⸗ ten; von Deiner Verſchwiegenheit bin ich überzeugt.“ .„Zweifle nicht daran, Auguſt! Und hat der Schul⸗ meiſter keine Nachforſchungen angeſtellt?“ „Keine! Und dieß beſtärkt mich noch mehr in mei⸗ ner Vermuthung, daß auf dem Kinde ein Geheimniß ruht Aber es iſt mehr als Zeit. Laß uns gehen!”“ 280 „Ich, als Schildknappe, werde Dir folgen!“ ſprach der Baron von Hunter,„Du biſt ein tapferer fee welcher als Kämpfer für die leidende Unſchuld auftritt.“ XXXII. Guſtav und die Baronin. „Ich bin nicht zu ſprechen, ſage, daß ich für den Baron von Hunter nicht zu ſprechen bin, geh'!“ ſagte Mathilde, Baronin van Delden van Ransbergen in heftigem Tone zu dem Bedienten, der den Baron an⸗ gemeldet hatte. Der Bediente entfernte ſich, doch einige Augenblicke ſpäter wurde die Thüre geöffnet und Guſtav erſchien in dem Gemach, in welchem wir die ſchöne Wittwe ſchon einmal angetroffen haben. „Wie, mein Herr, die Unverſchämtheit!....“ rief Mathilde und griff nach dem Glockenzug. Guſtav hielt ihre Hand zurück. „Vergebung, gnädige Fraul ich weiß, daß ich un⸗ beſcheiden bin, daß ich mich ſchwer, ſehr ſchwer gegen Sie verfehle, daß meine Gegenwart Ihnen widerwär⸗ tig, unausſtehlich ſein muß, daß Sie mich haſſen, wie ich verdiene von Ihnen gehaßt zu werden!..“ „Haſſen! Nein, mein Herr, ich haſſe Sie nicht. Sie ſtehen weit unter meinem Haß.“ „Ich bin ſchuldig, gnädige Frau,“ fiel Guſtav der Baronin ſchnell in die Rede.„Ich bin ſchuldig und komme nicht hieher, mich zu vertheidigen, mich zu recht⸗ fertigen, obgleich mir die Mittel dazu zu Dienſte ſtehen. Alles zwiſchen Ihnen und mir iſt abgemacht, für immer, für ewig vernichtet; ich weiß es, gnädige Frau, der 281 ſchönſte Traum meines Lebens iſt verflogen, doch ver⸗ gönnen Sie mir, einen Augenblick Athem zu ſchöpfen, die Mühe zu Ihnen durchzudringen, um.o vergön⸗ nen Sie mir einen einzigen Augenblick!“ Und außer Athem fiel der Baron auf das Sopha zurück. Dieſe ſonderbare Handlungsweiſe ſetzte Mathilden zu ſehr in Erſtaunen, als daß ſie Worte hätte finden können, und ebe ſie von ihrer Beſtürzung ſich erholt hatte, begann Guſtav wieder: „Ich habe Sie betrogen, ſchändlich hintergangen, gnädige Frau, Gott iſt mein Zeuge, wie ſchwer es mir wurde, durch die Noth zu einem ſolchen Schritt ge⸗ zwungen zu ſein.“ „Ich will nichts von Ihren Eiden, ſagen Sie mir nur kurz, was Sie zu ſagen haben.“ „Ich werde Ihren Wunſch erfüllen, wie gerne ich auch die Unterhaltung, die unſere letzte ſein wird, aus⸗ dehnen möchte. Sie lieben, gnädige Frau..“ „Mein Herr!“ 3 1 „Gnädige Frau, ich weiß, was Sie ſagen wollen, ich weiß, daß Sie mir antworten wollen, es zieme ſich jetzt nicht für mich, Ihnen das vorzuhalten; allein hö⸗ ren Sie mich nur einige Augenblicke an. Sie lieben, ich weiß das; der Kolonel van Bergen wirbt um Ihre Hand und Sie ſind nicht abgeneigt, Ihm Gegenliebe zu ſchenken. Ich wünſche aber, daß Sie bei der Erin⸗ nerung an mich, zugleich einer Wohlthat, und wäre es zuch die einzige, die ich Ihnen erweiſe, als Gegenſatz er... 3 „Sie ſind gegen meinen Willen in mein Zimmer gedrungen, um mir eine Wohlthat zu erweiſen,“ ſagte Mathilde ſtolz lachend,„wahrhaft, das iſt das Einzige, was ich nicht von Ihnen erwartete!“ 3 „Dieſe Worte ſind bitter, gnädige Frau, aber ich habe ſie verdient. Deſſenungeachtet, wie unmöglich es ſcheint, daß ich Ihnen von Nutzen ſein kann, werde ich Amſterdams Geheimniſſe. I. 19 doch beweiſen, daß ich es kann. Der Kolonel van Ber⸗ gen hat Ihnen einen Heirathsantrag gemacht. Errö⸗ then Sie nicht, gnädige Frau, das taugt nicht mehr unter uns; ich weiß, das er Hoffnung, viel Hoffnung hat, Ihnen einmal ſeinen Namen zu geben, doch um deß Willen, was Sie einmal für mich waren, um deß Willen, was ich ſtets noch für Sie fühle, Mathilde, iſt mir Ihr Glück theuer, und ich würde Sie nur mit dem größten Schmerz das Glück entbehren ſehen kön⸗ nen, deſſen Sie ſo würdig find; ja, es wäre eine quä⸗ lende Folter für mich, wenn Sie ſich in Ihrer Erwar⸗ tung getäuſcht ſehen würden, wenn Sie zu ſpät ſinden müßten, daß Sie wieder hintergangen ſeien!“ „Ein junges Mädchen fragt ihre Eltern über die Wahl!, die ſie getroffen, aber ich glaube Erfahrung ge⸗ nug zu beſitzen, um für mich ſelbſt zu wählen,“ ſagte Mathilde,„das ſollte Ihnen deutlich geworden ſein, als ich Ihre Hand verwarf.“ „Ich will nicht an Ihrer Erfahrung zweifeln, gnädige Frau, aber Ihre Blicke, wie ſcharf ſie auch ſeien, können doch die Bosheit nicht erforſchen, die unter der Maske der Reinheit und Tugend umher geht! Ich will Ihrem Unglück zuvorkommen; Sie kennen den Kolonel van Bergen nicht, wie ich ihn kenne!“ 1 „Herr Baron, fügen Sie das Läſtern nicht noch zu Ihren übrigen Untugenden... ich glaube, ihre Zahl iſt groß genug!“ 3 3 „Läſterung, ja als ſolche müſſen meine Worte er⸗ ſcheinen— und doch ſpreche ich aufrichtig und meine Worte ſind Wahrheit. Für mich ſind Sie verloren, unwiderruflich verloren; das weiß ich leider allzuwohl; und ein Anderer ſoll Sie beſitzen.... aber der, dem das Glück zu Theil werden ſoll, muß deſſen auch wür⸗ dig ſein und das iſt der Kolonel van Bergen nicht!“ „Baron von Hunter!“ rief Mathilde, während ein leiſes, kaum bemerkbares Zittern der Lippen ihre innere Gemüthsbewegung verrieth,„ich glaube es 283 nicht! Nein, einem Manne, der im Stande war, eine Mutter zu hintergehen, kann und mag ich nicht glauben.“ „Bis der Mann Sie von der Wahrheit über⸗ zeugt,“ ſprach Guſtav lebendig.„Woylan, ich will Ihnen beweiſen, daß ich Wahrheit ſpreche, daß auch der Kolonel van Bergen Sie hintergehen will, daß er Ihrer unwürdig iſt... Und wenn ich Sie überzeugt, wenn ich Sie durch meine Vermittlung von dem Schritt zurückgehalten habe, der Sie ſpäter reuen müßte, dann verlange ich, daß Sie mir vergeben und ohne Haß an den Vater Ihrer Kinder denken!“ Hier hielt der Baron einige Augenblicke inne, um die Wirkung zu beobachten, welche dieſe, mit beſon⸗ derem Nachdruck geſprochenen Worte, auf Mathilde machen ſollten. Die Baronin ſaß an dem Tiſche und unterſtützte mit der Hand ihr liebenswürdiges Geſicht. Mit Angſt hatte ſie jedes Wort Guſtavs gehört. Sie zitterte, das Vergehen des Mannes kennen zu lernen, den ſie liebte, ebenſo zärtlich liebte, als ſie den Baron ein⸗ mal geliebt hatte, und doch wollte ſie es erfahren. „Nun,“ ſagte ſie endlich, als der Baron ſchwieg. „Nun, was wiſſen Sie von dem Kolonel van Ber⸗ gen?“ fläſterte ſie und beugte ſich etwas zu Guſtav hin, als fürchtete ſie, ein einziges Wort ſeiner Exrklär⸗ ung zu verlieren. In dieſem Ueberbeugen ſah Guſtev eine gewiſſe Zuneigung, eine gewiſſe Vertraulichkeit und von dem Sopha aufſtehend, näherte er ſich Mathilden und ſagte: „Der Kolonel iſt Vater! Die Baronin holte wieder Athem, und ihre Ge⸗ fühle, bei dem Vernehmen dieſes Bekenntniſſes, waren ganz verſchieden von der Gemüthsbewegung, die der Baron von Hunter hervorrufen wollte. Er ſah, wie wenig Eindruck ſeine Worte auf Mathilden machten; er fand ſich in ſeiner Erwartung betrogen, wurde bleig 284 vor Wuth, und hatte Mühe, ſeine Stimmung vor der Baronin zu verbergen. Es kann uns dieß keinen gro⸗ gen Begriff von Hunters Menſchenkenntniß geben; man vergibt einem andern leicht ein Vergehen, deſſen man ſich ſelbſt ſchuldig weiß. Mathilde war ja Mut⸗ ter; ein ſchwacher, unbedachter Augenblick hatte ſie ſich ſelbſt vergeſſen laſſen; der Kolonel war darum nicht ſchuldiger als ſie. Wohl ſchmerzte es ſie, aus dieſer Eröffnung zu erſehen, daß ſie nicht die erſte Liebe des Kolonels war; denn es hat etwas ſo Wohlthuendes, Schmeichelndes für die Frau, die erſte zu ſein, die in einem Manne die Liebe erwachen macht. Der Unwille über dieſe kleine Täuſchung ließ ihr Herz ruhiger ſchla⸗ gen, da ſie jetzt wußte, daß van Bergen Vater war; nun brauchte ſie ſich vor keiner Entdeckung mehr zu fürchten; ein Plan— das Weib macht ſchnell Pläne — entſtand prötzlich in ihr: ſie wollte van Bergens Kind eine Mutter ſein, ihr Sohn ſollte in ihm wieder einen Vater finden; vereint wollten ſie Alles anwen⸗ den, um dem geliebten Kinde auf die Spur zu kom⸗ men. Statt, wie Hunter gehofft hatte, Mathilden und Auguſt durch die Eröffnung des Geheimniſſes zu trennen, hatte er ſie einander näher gebracht. „Sie ſagen, der Kolonel ſei Vater, Herr Baron von Hunter,“ ſagte Mathilde,„und wer iſt die Mut⸗ ter des Kindes?“ „Sie iſt nicht bekannt, gnädige Frau! Madame de Raad hat das Kind zu ſich genommen, und ſorgt für daſſelbe, wie eine Mutter für ihre Tochter,“ ſprach Guſtav mit vielbedeutendem Lächeln.„Dieſe edle Handlungsweiſe der Madame de Raad wird ſehr ge⸗ rühmt!“ „Die ſchöne Hermine wird doch nicht...“ „Die Mutter des Kindes ſein,“ ſiel Guſtav ſchnell ein,„was ich nicht ſicher weiß, will ich auch nicht be⸗ aupten.“ Eine dunkle Röthe lagerte ſich auf dem Geſichte 285 der ſchönen Wittwe. Wenn Hermine Mutter des Kin⸗ 4 des war, dann hielt der Kolonel immer noch mit ihr Gemeinſchaft, und Mathilde erinnerte ſich nun ganz genau, bemerkt zu haben, daß der Kolonel in der letz⸗ ten Soirée ſich ausſchließlich mit der Madame de Raad beſchäftigt hatte. „Ich danke Ihnen für dieſe Mittheilung,“ ſagte Mathilde kalt,„doch wenn ich mich nicht irre, gehört der Kolonel van Bergen unter die Zahl Ihrer Freunde und ich wußte nicht, daß es unter Maͤnnern von Ehre gebräuchlich, einander im Geheimen zu verrathen.“ Der Baron von Hunter ſah ſeinen Plan vereitelt und nahm nun die Zuflucht zu einem andern Mittel, das ſeines niedrigen Zweckes würdig war. „Sie nennen den Kolonel meinen Freund,“ ſprach er;„nun ja, gnädige Frau, wenn Sie wollen ſind wir Freunde, denn daſſelbe Vergehen kettet uns an einander.“ —„Sie haben mir demnach noch nicht Alles geſagt, Baron von Hunter!“ 3 „Nein, gnädige Frau!“ „Aber ich will es wiſſen!“ rief Mathilde heftig, vich will Alles wiſſen, was den Kolonel betrifft.“ von Hunter ſchwieg und betrachtete die Frau mit— triumphirendem Blicke. 3 „Sie ſchweigen, mein Herr, Sie antworten mir nicht, es war alſo nur Lüge und Verläumdung!“ „Nein, gnädige Frau, aber Sie haben mich ge⸗ lehrt, daß es unter Männern von Ehre nicht gebräuch⸗ lich iſt, einander im Geheimen zu verrathen, und ich beeifre mich, dieſer Lehre nachzukommen.“— „Aber wollten Sie ſchweigen, wenn dieß Schwei⸗ gen vielleicht mein Unglück zur Folge hätte? Sprechen Sie alſo...... mein Herr, ich bitte Sie und martern Sie mich nicht, indem Sie mich im Unge⸗ wiſſen laſſen.“ „Geloben Sie mir, meinen Namen nicht zu nen⸗ 286 nen; ich möchte nicht, daß Auguſt erführe, ich habe aus Liebe zu Ihnen ſein Geheimniß verrathen.“ „Ich verſpreche, ja ich ſchwöre es Ihnen; nennen Sie mir ſein Vergehen.“ „Das werden Sie nie aus meinem Munde ver⸗ nehmen, gnädige Frau! Fragen Sie ihn nur ſelbſt nach den Eltern der kleinen Clara... nennen Sie ihm den Namen Adam Smith... das wird genug ſein.“ XXXIII. Armer; Auguſt!! Der Saal des franzöſiſchen Theaters war gefüllt mit Zuſchauern und die Anweſenden erwarteten mit ſichtbarer Ungeduld die erſte Aufführung der Oper Ro⸗ bert der Teufel. Der Baron von Hunter ging durch das Parterre und richtete ſein Opernglas nach den Logen, die von reich gekleideten Damen beſetzt waren. Die Ouverture begann; die Ouverture zu Robert, und das iſt genug, um Alles, was ſchön und wohlklingend zu bezeichnen. Die Töne, die dem Zuhörer einen himmliſchen Genuß verſchafften, die Alles in Feuer ſetzten und ſelbſt kalte, gefühlloſe, phlegmatiſche Men⸗ ſchen einen hohen Begriff von der edlen Tonkunſt ga⸗ ben,... dieſe Töne drangen nicht bis zur Seele des Barons; er war der Einzige, deſſen Ohr die herrii⸗ chen Accorde nicht auffaßte; als der einzige Taube, ſaß er auf einer der Bänke, die er gewählt, um die Logen überſchauen zu können; die gewöhnliche Ruhe lag auf ſeinem Antlitz, er ſah, er hörte nichts: unter dem ru⸗ 1 higen Aeußeren wüthete ein heftiger Sturm; Guſtav kämpfte einen ſchweren Kampf. Er hatte beſchloſſen, die Hand der ſchönen Wittwe zu erobern, und der Baron von Hunter war kei⸗ neswegs der Mann, um den einmal gefaßten Ent⸗ ſchluß ſo leicht wieder gehen, noch ſich durch Hinder⸗ niſſe, die ihm in den Weg gelegt wurden, abſchrecken zu laſſen. Er wollte ſein Ziel erreichen: die Mittel, deren er ſich bedienen wollte, hatten alle für ihn glei⸗ chen Werth. Es ſtand in ſeiner Macht, den Kolonel van Bergen nach Oſtindien zurückkehren zu machen, nur ein Wort bei Adam Smith war dazu hinreichend; doch dieß Mittel wollte er bis zuletzt aufſparen; bin⸗ nen wenig Augenblicken ſollte es ob er ſich des Mittels bedi 4 einer Logenthüre; ſchnell ſein Opernglas nach dem Orte, wohin das eine Augen rief. Er betrog ſich nicht: eſtt mit ſeiner Gemahlin und Schweſter Robert Woeſtbergen verbeugte ſich nach allen Sei⸗ ten, als ob er überall Freunde und Bekannte ſähe und Vieler Blicke richteten ſich nach dem Platze, den die ſchöne reiche Wittwe eingenommen. Es dauerte nicht lange, bis die Thüre der Loge wieder geöffnet und der Kolonel van Bergen von Robert mit vielen Complimenten empfangen wurde, welche Auszeichnung er weniger ſeiner Perſon, als der Uniform, die er an jenem Abende trug, zu verdanken hatte; denn Woeſt⸗ bergen hatte das mit allen Parvenus gemein, daß er gerne vor den Leuten mit ſeinen vornehmen Bekannt⸗ ſchaften prunkte.. 3 Guſtav ſah den Kolonel binter der ſchönen Wittwe Platz nehmen; er ſah ſie erröthen, als ſie den Gruß Auguſis erwiederte, und ihre innere Bewegung war ſo groß, daß das Taſchentuch, das ſie in der Hand hielt, über die Brüſtung der Loge in das Parterre fiel. Der erſte Akt war vorüber, der Vorhang fiel, und die Blicke der Zuſchauer wandten ſich von der Bühne wieder in den Saal, aber Guſtav's Auge blieb auf den einmal auserkohrenen Punkt gerichtet. Van Bergen unterhielt ſich zuerſt mit Robert und ſich dann zu Mathilden wendend, begann er mit ihr ein Geſpräch. Mit zurückgehaltenem Athem ſah von Hunter nach dem ſprechenden Paare. Die Unterhaltung ſchien ſehr ernſt zu ſein, denn noch war ſie nicht geen⸗ det, als ſchon alle Zuſchauer mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit, und mit neugierigen Blicken nach der Bühne ſchauten, der zweite Akt begonnen hatte. „Jetzt 2“ ſagte der Baron, als er be⸗ merkte, daß des Kolonel plötzlich leichen⸗ blaß wurde, und hatte, ſich aufrecht zu er⸗ halten.„Jetzt g zurmelte er in den Bart, nehe das Eiſen cht gefallen, als Guſtav ſo lange beobachtet hatte. „Baron von Hunter!“ rief Woeſtbergen, einen be⸗ ſonderen Nachdruck auf das Wort Baron legend.„Habe ich Sie nicht noch ſo eben im Parterre geſehen, Herr Baron? „Ihnen zu dienen; ich war nicht aufgelegt, Toi⸗ lette zu machen... Meine Damen!“ Damit verbeugte ſich Guſtav vor Madame de Raad und der Baronin van Delden.„Ahl der Kolonel van Bergen!“ „Ja, dieſe Loge umfaßt alle Bekannten!“ rief Woeſt⸗ bergen.„Les amis de mes amis sont mes amis.“ „Auguſt!“ ſagte Guſtav leiſe zu dem Kolonel, und winkte ihm zu folgen.— „Mon cher Kolonel!“ rief Woeſtbergen, als der Soldat mit dem Barone die Loge verließ,„verlaſſen Sie uns ſchon? Vous reviendrez!“ nach der Loge eilte, die er 289 „In wenigen Minuten,“ ſagte der Kolonel und folgte Guſtav. tei„ Auguſt, ich habe Dir etwas Wichtiges mitzu⸗ eilen. 4 „Und ich Dir ebenfalls, Guſtav. O, mein Gott, mein Gott!“ rief der Kolonel, das Taſchentuch vor das Geſicht haltend,„alle meine Hoffnung iſt für immer vernichtet, ſie weiß Alles!“ „Wie, Auguſt! die Baronin!“ „Ja, Mathilde weiß Alles; in dieſem Augenblick erfuhr ich es.„In welchem Bezuge ſtehen Sie zu Madame de Raad,““ fragte ſie mich,„„und kennen Sie Adam Smith?““ ließ ſie darauf folgen.“ „Du biſt erkannt, Kolonel!’"”“ „Ja, und doch wußte mein Geh als Du...“ „Und er,“ fügte de u Baronin von Allem un 4 „Er, er!“ rief de koßer Gott, er.“ „Adam Smith.. Ich hab h getäuſcht, als ich meinte, nichts mehr von ihm befürchten zu dürfen; Adam Smith lebt; er iſt in dieſer Stadt! und ich konnte das nicht früher entdecken, da er den Namen Remmers angenommen.“„ „Adam Smith lebt!. Dann iſt Alles verloren!... und das fatale Papier 1... Warum mußte ich das nicht finden!.. Mathilde! Mathilde!..“ Der Kolonel lief mit unruhigen Schritten hinter den Logen; ſein Geſicht war bald bleich, als wäre es erſtarrt, bald roth, als glühte in ihm ein verzehrend Feuer. Stürmiſch hob ſich ſein Buſen, wild funkelten ſeine Augen, krampfhaft drückte er die Hände zuſammen. „Armer Auguſt!“ rief der Baron. „Freund, Guſtav.. Sage mir, was muß ich thun. Rathe, helfe mir, ich werde wahnſinnig!“ „Auguſt! der beſte Rath, den ich Dir geben kann, iſt, meinem Beiſpiele zu folgen.“ 290 „Deinem Beiſpiel, Guſtav!“ Verlaſſe, wie ich, dieß Land, wo wir, ſo lange Smitb noch lebt, nicht ſicher ſind... „Dieß Land verlaſſen und WMa ildel.. Folge mir, Guſtav,“ rief er plötzlich,„mein Entſchluß iſt gefaßt!“ Von Guſtav begleitet, kam der Kolonel bald in den Gaſthof Het rondell, das ſich in der Nähe des franzöſiſchen Theaters befindet. „Guſtav!“ ſagte er mit mehr Ruhe, als der Ba⸗ ron erwartet hatte,„mein Entſchluß iſt gefaßt; mit dem erſten Schiffe, das nach Oſtindien ſegelt, begebe ich mich wieder dorthin, um ein Leben zu enden, das allen Reiz für mich verloren hat. Mathilde iſt mir für immer ver⸗ ſagt, ſie kenn früheres Leben, was deutlich aus „die ich dieſen Abend aus ihrem Verachtung, keine Liebe kann Ach, der ſchönſte Traum mei⸗ rauſam vernichtet!“ el's bebte; die heftigen übermannt; er ſank auf e einige Augenblicke be⸗ ſie gegen mich nes Lebens iſt wegungslos vor ee unn. Der Baron von Hunter, der, wie wir bereits mehr⸗ mals zu bemerken Gelegenheit hatten, die Kunſt ſich zu verſtellen, vortrefflich verſtand, ſchien den Schmerz ſeines Freundes zu ehren. „Jeder Augenblick, den ich hier länger verweile, kann mir gefährlich werden, Guſtav,“ ſprach der Ko⸗ lonel,„wie ein Gefangener nach der Freibeit hungert, dürſte ich nach dem Augenblick, in welchem ich vieſe Stadt verlaſſen werde, eine Stadt, in der ich ein Eden für mich eröffnet glaubte, die mich jetzt aber ſchrecklicher, als eine Hölle anblickt. Morgen gehe ich nach Helder, um von da mich einzuſchiffen.“ „Morgen ſchon! Auch ich werde binnen wenigen Tagen Amſterdam verlaſſen. Ueberlaſſe Dich nicht zu viel Deinem Schmerze, Auguſt, vielleicht ſtrahlt Dir noch 291 einmal ein Glücksſtern, ſei ein Mann und verzage nicht! Morgen werden wir einander wieder ſehen!“ Armer Auguſt!! XXXIV. Der Brief. Wir ſinden den Kolonel van Bergen an ſeinem Schreibtiſche. Mit wunderbarer Eiligkeit, die von dem aufgeregten Zuſtand zeugte, in welchem er ſich befand, ſchrieb er folgenden Brief an die Baronin⸗Wittwe. „Der ſchönſte Traum meines Lebens iſt verrauſcht; ein ſchreckliches Erwachen. Jetzt kennen Sie mich, gnä⸗ dige Frau; Sie wiſſen, wer ich bin; die wenigen Worte, die Sie heute Abend geſprochen, haben mich davon überzeugt. Meine Nichtswürdigkeit liegt offen vor Ih⸗ nen da, und gewiß, Sie werden es mir nicht vergeben können, daß ich, verbrecheriſch und ſchuldig, wie ich war, es wagen konnte, um Ihre Hand zu werben. Doch leſen Sie dieſe wenigen Zeilen, gnädige Frau, und vielleicht werde ich dann in Ihren Augen weniger verächtlich erſcheinen, vielleicht werden Sie mich be⸗ klagen, aber nicht haſſen. „Ich vermuthe und nicht ohne Grund, daß Sie meinen Namen wiſſen, und daß Ihnen Alles, was mich betrifft, bekannt iſt. Ich fürchte aber, daß man mei⸗ ne Vergehungen, wie gros dieſe auch ſein mögen, noch mehr bei Ihnen vergrößert hat, oder daß ich Ihnen noch ſchlimmer geſchildert worden, als ich wirklich bin. Ich bitte Sie daher, einen einzigen Blick auf die Ge⸗ ſchichte meines Lebens zu werfen, welche ich bier fol⸗ gen laſſen will, und in welcher ich nach der Wahrheit 292 und ohne Rückhalt, obwohl nicht ohne zu erröthen, meine eignen Verirrungen niederſchreibe. „Ich bin der Stammhalter eines Geſchlechtes, das ſeinen ehrenvollen Namen zu aller Zeit unbefleckt er⸗ halten hat. Meine Mutter wurde mir frühzeitig durch den Tod entriſſen, ſo daß ich der alleinigen Fürſorge meines Vaters überlaſſen war, welcher meine Erziehung einem Hofmeiſter übergab, der mich in den Vorbereitungs⸗ 1 wiſſenſchaften unterrichtete, um ſpäter auf der Hoch⸗ ſchule ſtudiren zu können. „Als ich das achtzehnte Jahr erreicht hatte, zog ich nach Leyden, um mich da den Rechten zu widmen. Ich befand mich kaum in der Univerſitätsſtadt, als ich mich dem leichtfinnigſten Treiben ergab, und dadurch das Studiren vernachläßigte. Zu meiner Entſchuldi⸗ gung könnte ich die Strenge meines Vaters anführen, der mir, als ich noch unter ſeiner Aufſicht war, nicht die geringſte Freiheit gewährte, was zur Folge hatte, daß ich, einmal dem wachſamen Auge entrückt, durch die ungewohnte Freiheit verblendet, dem Verderben entgegeneilte. — „Bald war ich überall verſchuldet, was ich meinen Vater nicht wiſſen laſſen durfte; dabei hatte ich den Leichtſinn, meiner Ausgelaſſenheit nicht im Geheimen, ſondern öffentlich zu fröhnen, und war nicht wenig auf den Namen eines mauvais sujet ſtolz, unter welchem ich allgemein bekannt war. 4 „Einer meiner Freunde ſtand in genauem Verhält⸗ niß zu einem Mädchen, das er nach Leyden zu locken gewußt und mit welchem er mich bekannt gemacht hatte. Mein Freund war aber nicht vermöglich genug, das Mädchen zu unterhalten, und die Folge davon war, daß das unglückliche Geſchöpf— deſſen Name Ihnen vielleicht bekannt, der aber nie über meine Lippen kommen wird— je länger, je tiefer ſank, ſo daß ich ſie endlich in einem der gemeinſten öffentlichen Häuſer antraf. Es ſchmerzte mich tief, ſie, die ich in Reich⸗ 293 thum und Ueberfluß hatte kennen lernen, ſo geſunken und elend wiederzufinden. Sie erzählte mir die Ge⸗ ſchichte ihrer Leiden und ihres jämmerlichen Zuſtandes, wodurch ich ſo tief gerührt wurde, daß ich beſchloß, ſie aus dem Jammerpfuhl, in den ſie geſunken, zu retten. „Sie werden mir vielleicht nicht glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß meine Theilnahme damals ehrlich und aufrichtig war: ich ſuchte das nöthige Geld zu⸗ ſammen zu bekommen, um das Mädchen nicht tiefer ſinken zu laſſen, miethete für ſie ein Zimmer und ver⸗ ſah ſie mit ihren Bedürfniſſen ſo weit es mir möglich war, bis ſie ſelbſt im Stande ſein würde, durch Ar⸗ beiten ihren Unterhalt ſich zu erwerben. Das Mädchen war ſchön, bezaubernd ſchön; der tägliche Umgang, den ich mit ihr pflog, ſchlug in Liebe um; ich liebte ſie ſo zärtlich, ſo von Herzen, als man im zwanzigſten Jahre nur immer lieben kann; meine Liebe war heftig; ſie die Meine zu nennen, durch die Heirath mit ihr vereinigt zu werden, war das höchſte Glück, das ich mir damals träumte. „Ich war thöricht genug, meinen Vater mit dem Vorhaben bekannt zu macheu, und dieſer verſagte mir ſeine Zuſtimmung. Er verbot mir allen ferneren Um⸗ gang mit dem Mädchen, und wollte mich zwingen, die Tochter eines ſeiner Freunde zu heirathen und die Aka⸗ demie zu verlaſſen, welchem Allem ich mich mit Kraft widerſetzte. „Wenn mein Vater mit mehr Zartheit zu Werke gegangen wäre, würde er wahrſcheinlich ſeinen Zweck erreicht haben; aber ſeine Strenge machte mich hartnäckig und beſtärkte mich in dem gefaßten Entſchluß. Kein anderes Mädchen als meine Geliebte ſollte die Meine werden. „Mein Vater konnte mich zwar nicht zwingen, mein Schickſal an die von ihm gewählte Genoſſin meines Lebens zu binden, aber er hatte die Macht, mich von der Akademie abzuberufen und ſo von dem Gegenſtand 4*. 294 meiner zärtlichſten Neigung zu entfernen, und davon machte er Gebrauch. „Auf ſeinen Befehl mußte ich meine Sachen zu Leyden in Ordnung bringen, meine Schulden bezahlen und dann unverweilt zu ihm zurückkehren. „Die Schulden betrugen die nicht unanſehnliche Summe von tauſend Gulden, dach mein Vater war reich genug, um ſie alle zu bezahlen, ſo daß er mir die nöthigen Gelder dazu übermachte, um ganz ſchul⸗ denfrei Leyden verlaſſen zu können. „Am Tag nach dem Empfang der Summe ſollte ich meine Gläubiger bezahlen und mich dann auf die Reiſe begeben. Ich ſchwur dem Mädchen ewige Treue und ſie mir wiederum. Sobald ich volljährig geworden, wollte ich ſie heirathen. Sie verſprach mir, nicht in Leyden zu bleiben, und bis zur Zeit unſerer Verehli⸗ chung auf einem ſtillen Dorfe zu leben, wozu ich ihr die nöthigen Mittel herbeiſchaffen wollte. „Den letzten Abend meines Aufenthalts in Leyden verbrachte ich bei ihr, die ich einmal meine Gattin zu nennen hoffte; ich wollte den Abend ſo angenehm als möglich ſchließen. Doch der Gedanke an unſer Scheiden vergällte mir vie Freude. Ein unmäßiger Gebrauch des Weines erſchien mir als Mittel, den heftigen Schmerz, der in meinem Innern wüthete, zu dämpfen; meine Geliebte beſtärkte mich darin.. ich trank, bis mich endlich der Wein betäubte und ich in einen tiefen Schlaf ſank. „Als ich am folgenden Morgen erwachte, krank n Seele und Leib, befand ich mich noch im Zimmer mei⸗ ner Geliebten; die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, und der Lärm, den ich auf der Straße hörte, überzeugte mich, daß es ſchon ſpät am Tage ſei. Verwundert ſuchten meine Blicke ſie, deren Abweſenheit mir ein Räthſel ſchien. Auf meine Frage erhielt ich von den Bewohnern des Hauſes die Antwort, daß ſie ſchon frühe am Morgen ganz 55 das Haus verlaſſen 293 und noch nicht zurückgekehrt ſei. Eine fürchterliche Ver⸗ muthung ſieg in mir auf und dieſe wurde zur Gewiß⸗ heit, als ich mein Portefeuille, in das ich mein Geld gethan und das ich am vorigen Abend zu mir geſteckt, hatte, vermißte. Die Elende hatte von meiner Be⸗ wußtloſigreit Gebrauch gemacht, mich beſtohlen und war mit ihrer Beute geflüchtet. Wie wahnſinnig lief ich durch die Stadt, um der Verbrecherin auf die Spur zu kommen, aber all meine Nachforſchungen waren umſonſt. „Da ergriff mich die Verzweiflung; ich kannte meinen Vater und wußte, daß er das Geſchehene nie glauben würde; von ſeiner Strenge hatte ich das Aergſie zu gewarten.—Hundert Gulden an Gold, die in meiner Börſe geweſen, waren Alles, was mir von der anſehnlichen Summe übrig blieb; die Treuloſe wußte nichts davon, ſonſt würde ſie mir wohl auch dies entwendet haben. In meiner Verzweiflung beſchloß ich, nach Amſterdam zu gehen, um da Rath oder Hülfe von einem meiner Univerſitätsfreunde zu erlangen, der die Hochſchule kurz zuvor verlaſſen hatte und in Am⸗ ſterdam wohnte. Dieſer aber erklärte, nicht im Stande zu ſein, mich zu unterſtützen, doch wußte er ein Mit⸗ tel, mich aus meinen fatalen Umſtänden zu retten und Geld zu verſchaffen. Er ſelbſt war in Geldverlegenheit, und der Vorſchlag, den er mir machte, war nichts weniger— um kurz zu ſein— als ihm bei Verferti⸗ gung eines falſchen Wechſels zu helfen, auf welchen hin er Geld zu bekommen wiſſe. Mit Abſcheu wies ich den Vorſchlag von der Hand; aber er wußte mich zu überreden, daß ich nicht die mindeſte Gefahr lauſe, entdeckt zu werden, daß er ſorgen werde, den Wechſel wieder vor dem Verfalltag einzulöſen, ſo daß Niemand bei dem Betruge Schaden leiden ſollte. Nach drei Mo⸗ naten erſt war der Wechſel zahlbar und ich hatte nur zu ſorgen, daß die viertauſend Gulden, die mir mein Freund vorſchießen Pelie„bis auf dieſen Tag bezahlt * 7 würden, was mir nicht unmöglich ſchien: denn von dem Mädchen, das ich innig und zärtlich liebte, betrogen war es mir ganz gleichgültig, wen ich heirathen würde und hatte darum beſchloſſen, mich ganz dem Willen meines Vaters zu unterwerfen. Ich zweifelte nicht daran, dadurch in den Stand geſetzt zu ſein, die nö⸗ thige Summe am beſtimmen Tage zuſammenzukriegen. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, erſt dann meinem Vater das zu Leyden am letzten Abend meines Aufent⸗ halts Geſchehene mitzutheilen, wenn er meinen unbe⸗ dingten Gehorſam gegen ihn geſehen. Ich wollte dann vorgeben, daß mein Freund in Amſterdam mir die viertauſend Gulden vorgeſchoſſen habe, welche Summe mein Vater wohl nicht anſtehen würde, ihm augenblick⸗ lich zurückzugeben. „Ich will Sie nicht weiter mit unſern gemein⸗ ſchaftlichen Verabredungen bekannt machen. Ich ſetze nur hinzu, daß ich, um das Unternehmen ſicher glücken zu machen, nach Rotterdam ging und innerhalb acht Tagen das Geld empfing. Augenblicklich bezahlte ich meine Schulden in Leyden und kehrte zu meinem Vater zurück. Dieſer empfing mich kalt und verlangte zuerſt die unterſchriebenen Rechnungen, welche ich ihm übergab. Das Mädchen, das zu meiner Frau beſtimmt war, wohnte in der Reſidenz, wo auch einer meiner Ver⸗ wandten lebte. Auf Befehl meines Vaters ging ich in's Haag. Beinahe zwei Monate befand ich mich da⸗ ſelbſt, als eines Tages eine Kutſche, mit vier Pferden beſpannt, vor meiner Wohnung hielt und Hendrik, der alte Bediente meines Vaters, in mein Zimmer trat, mir die traurige Nachricht bringend, daß meinen Va⸗ ter plötzlich der Schlag getroffen und er ſchon in den letzten Zügen liege. Wie vom Blitze getroffen, eilte ich in den Wagen, der mich nach dem Landhauſe mei⸗ nes Vaters brachte. Dort angekommen, fand ich den alten Mann bewußt os auf ſeinzm Bette ausgeſtreckt. 8 4 Seine Augen drehten ſich in die Runde, wie die eines Wahnſinnigen; doch kaum wurde er mich gewahr, als ſeine Blicke auf mir haften blieben; er ſammelte alle ſeine Kräfte, ſetzte ſich halb im Bette auf und rief mit einer hohlen Stimme, die mir noch in den Ohren nachklingt, wenn ich daran denke:„Fluch! Fluch über Dich!“ Der Sterbende ſank wieder zurück, die An⸗ ſtrengung hatte ſeine letzten Kräfte verzehrt... Ich hatte keinen Vater mehr. 4 „Um dies Betragen meines Vaters zu erklären, iſt es nöthig, daß ich Ihnen das mittheile, was ich erſt ſpäter von Hendrik, dem Vertrauten meines Va⸗ ters, erfuhr. „Mein Amſterdamer Freund hatte unſern falſchen Wechſel bei einem gewiſſen Adam Smith erhoben, der ſehr gut mit mit meine kannt war, da die⸗ ſer ihm n vorgeſchoſſen hatte, um ſein „Ehe ſel verabfol hatte ſelbſt ihm meine nicht, doch b zu halten, zu ſtellen, tauſend G den hatte, „Mein Vater, der mich eines ſolchen Vergehens nicht fähig erachtete, glaubte nichts von alle dem, was ihm erzählt wurde, voch von Adam Smith auf un⸗ widerlegliche Weiſe überzeugt, traf ihn das ſo heftig, Sioseiss der Schlag rührte, der ſeinem Leben ein Ende machte.. 3 „Ich war noch keine zweiundzwanzig Jahre alt; Amſterdams Geheimniſſe. I. 20 gewiß in reiferem Alter hätte ich mehr Erfahrung ge⸗ habt und einen Schritt nicht gethan, der mich für immer meines Namens verluſtig machte und den Sie in wenigen Worten vernehmen ſollen. „Ich begab mich augenblicklich nach Amſterdam, um mit meinem Freunde mich zu berathen, aber dieſer war nirgends zu fianden. Da kam mir plötzlich ein Gedanke in den Sinn; ich eiſte nach dem Landhauſe meines Vaters, wo ich durch den alten Hendrik von dem Beſtehen eines Schuldſcheines auf Adam Smith hörte, welchen ich, trotz vielfacher Nacſuchungen, nicht auffinden konnte. In aller Eile bemächtigte ich mich alles deſſen, was irgend von Werth war, und am fol⸗ genden Tag hieß es allgemein, ich hätte ſelbſt meinem Leben ein Ende gemacht. Vergönnen Sie mir, gnä⸗ dige Frau, daß ich über die Einzelheiten mit Still⸗ ſchweigen hinweggehe, Niemand weiß, daß ich noch lebe, als der Freund, der mich in's Verderben ſtürzte, und Sie, gnädige Frau, und vielleicht weiß auch Adam Smith von meiner Exiſtenz, denn wer anders, als euſalie Sie mit meinem Vergehen bekannt gemacht haben. 4 „Ich ging nach Oſtindien; da glückte es mir, mich im Kriegsdienſte auszuzeichnen; ich hatte bald den Rang erreicht, den ich jetzt bekleide, bat mir Urlaub aus 4 und erhielt ihn, um in mein Vaterland zurückzukehren. Die Sehynſucht nach den mir ſo theuren Niederlanden, die Hoffnung, den von Adam Smith ausgeſtellten Schuldbrief zu finden, drängten mich dazu. Ich lernte Sie zu Soeſtdijk kennen... Das Uebrige wiſſen Sie. „Auf meiner Reiſe nach dem Landhauſe meines Vaters wurde ich mit zwei Waiſen bekannt, einem Knaben und einem Mädchen, welche ich beide in dem Bauf antraf, das jetzt in eine Koſtſchule verwan⸗ delt iſt.. „Der Knabe floh aus der Schule, das Mädchen meaf ich in dem Zimmer eingeſchloſſen, in welchem ich das wichtige Papier zu finden hoffte; ſie wurde miß⸗ handelt und da ich allen Grund hatte zu vermuthen, daß ein Geheimniß auf ihrer Geſchichte ruhe, nahm ich ſie heimlich mit mir, und Madame de Raad hatte die Güte, auf mein Anſuchen, das Kind zu ſich zu neh⸗ men, bis es mir geglückt wäre, einiges Licht uͤber die Geſchichte der Kleinen erhalten zu haben. Ich hatte mir vorgenommen, mich durch Wohlthaten von dem Vaterfluch zu befreien, der auf mir laſtete. Und lei⸗ 3 der! auch dies iſt mir nicht vergönnt! „Nie würde ich es gewagt haben, ſelbſt unter dem 3 angenommenen Namen van Bergen mich in Amſterdam blicken zu laſſen, wenn der Freund, dem ich mein Un⸗ glück zu vervanken hatte, und den ich hier wieder traf, mich nicht verſichert hätte, daß Adam Smith nicht mehr lebe. „Sie wiſſen, daß ich die Kähnheit beſaß, Sie zu lieben und um Ihre Hand zu werben, gnädige Frau, und als Sie mich nicht zurückſtießen, begann der ſchönſte Traum meines Lebens, der leider jetzt für ewig ver⸗ 1 rauſcht iſt. Ihre Frage, die Sie dieſen Abend an mich richteten:„„In welcher Beziehung ſtehen Sie zu Adam Smith? ℳ ließ mich mit einem Male alle Hoffnung verlieren, raubte mir all mein Glück. Sie wiſſen Al⸗ les, Sie find mit meinem Vergehen bekannt: wozu ſonſt die Frage? So eben vernehme ich auch, daß Adam Smith noch lebt und daß der Grund, warum ich ihn nicht früher entdeckt, darin liegt, daß er gegenwärtig Remmers heißt, nach dem Namen der Firma, unter welcher er jetzt Geſchäfte treibt. Dies iſt die kurze Er⸗ zählung meiner Schickſale. Sie wiſſen nun, wie ſchwer und ſchrecklich ich die Vergehungen meiner Jugend büße. O, möchte dieſes offenherzige Bekenntniß meine Schuld einigermaßen in Ihren Augen gemildert haben. Möchte meine Erzählung Sie zum Mitleiden, ſtatt zu Haß und Verachtung ſtimmen! Jhren Haß, Ihre Ver⸗ achtung wüßte ich nicht zu ertragen. „Morgen verlaſſe ich für immer dieſe Stadt, um mit der erſten Gelegenheit nach Oſtindien zurückzukeh⸗ ren. Zum Letztenmale, gnädige Frau, rufe ich Ihnen Lebewohl zu. Mögen Sie glücklich ſein, wie Sie es verdienen!....“ 4 Die Feder entſank ſeinen Händen; der Kolonel weinte heftig und bleiſchwer ſank ſein Haupt auf das Papier nieder. Einige Stunden ſpäter ſtand ein Wagen vor Het rondeel. Die Bedienten luden die Koffer des Kolonel auf denſelben. Auguſt drückte die Hand des Baron von Hunter, ſtieg in den Wagen und fuhr fort. Gu⸗ 3— der Freund des Kolonel, ſah dem Wagen nach. Verworfenheit und Edelmuth. Die Baronin Wittwe van Ransbergen ſaß einſam in ihrem Boudoir, den ſchönen Kopf unterſtützte ſie mit der rechten Hand, während die herrlichen Locken wie ein Schleier herabhingen. Die reiche Frau ſah mit traurigem Blick auf den geöffneten Brief des Ko⸗ lonels; der Brief war hie und da befleckt von den Thränen, welche Mathilde bei dem Leſen und Wieder⸗ leſen deſſelben geweint hatte. Haſtig verbarg ſie die Papiere und wendete neu⸗ gierig den Kopf nach der Thüre, die geöffnet wurde, um Adam Smitth einzulaſſen. Jeder Zug auf dem Geſichte des Kommiſſionärs zeigte Verwunderung. So ſchön hatte er ſie ſich nicht vorgeſtellt.— Mit ſeinem gewöhnlichen Ernſt verbeugte er ſich ——— ver Wkathilden und nahm auf dem angebotenen Seſſel atz. „Ich habe Sie zu mir bitten laſſen, Herr Rem⸗ mers,“ ſprach ſie,„ich wünſchte mit Ihnen eine Sache bzumachen⸗ die nicht mich ſelbſt, ſondern einen Andern etrifft.“ „Gnädige Frau ſehen mich bereit, Ihre Befehle zu empfangen. Es ſoll mir zu beſonderer Ehre gereichen, Ihnen von Dienſt ſein zu können, Frau Baronin.“ „Kennen Sie den Baron von Hunter?“ frug ſie, Smith feſt anſehend. „Sehr gut, gnädige Frau.“ „Und exiſtirt Nichts zwiſchen Ihnen und ihm, das Sie gerne abgemacht wiſſen möchten?“ „Hat der Baron Ihnen dies geſagt?“ frug Adam Smith verwundert. „Das kann Ihnen gleichgültig ſein; es ſei Ihnen genug, daß ich weiß, daß die bewußte Sache einen Wechſel von zehntauſend Gulden betrifft, worauf Sie vor zehn Jahren dem Baron Geld vorſchoßen; ich will die unangenehme Sache abmachen.“ „Sollte der liſtige Fuchs ſein Ziel erreicht haben?“ dachte Adam Smith,„ſolch' eine Gattin und andert⸗ halb Millionen!“— Und ſich darauf mit angenomme⸗ ner Freundlichkeit zu Mathilden wendend, ſprach er: „Der Baron von Hunter iſt ein nobler und gebildeter Edelmann...“ „Ich erſuchte Sie durchaus nicht, Herr Remmers, eine Lobrede auf den Baronen zu halten, und wollte nur wiſſen, ob es Wahrheit iſt, was ich Ihnen ſoeben ſagte, und ob Sie geneigt ſind, die Sache mit mir ab⸗ zumachen.“ Dieſe Antwort hatte Adam Smith nicht erwartet. Mit einem Tone, der ſeine Täuſchung wohl verbarg, antwortete er: „Es iſt wahr, gnädige Frau, daß der Baron vor zehn Jahren mich erſuchte, ihm Geld auf einen Wech⸗ 7 ſel vorzuſchießen, der ſich ſpäter als falſch erwies; der Baron war damals noch ſehr jung und die Jugend läßt ſich leicht zu Handlungen verleiten, deren traurige Folgen von den Thätern nicht zuvor berechnet werden, darum hielt ich die Sache geheim; ich wollte den Ba⸗ ron nicht ins Verderben ſtürzen, meine Pflicht als Menſch und Chriſt gebot mir ſo zu handeln!“ Dieſe Worte hoben ihn bedeutend in der Achtung der Wittwe. Sie hatte erwartet, in Adam Smith nur einen Wucherer zu finden, deſſen Bewegungsprin⸗ zip nur Geld und nichts als Geld ſei, unordentlich in⸗ ſeiner Kleidung und gemein in allen ſeinen Ausdrücken; und nun ſtand dieſer Mann vor ihr als ein wohl erzo⸗ gener Bürger, und ſie hörte ihn eine Sprache ſpre⸗ chen, die, wäre ſie aufrichtig geweſen, ſeinem Herzen zur Ehre hätte gereichen müſſen. „Ich glaube darum nicht, ſagte ſie freundlich,„daß Sie hegen meinem Vorſchlag viel einzuwenden haben werden.“ „Nichts wäre mir angenehmer, gnädige Frau, als die Sache in Ordnung zu ſehen, denn durch den Verluſt des Geldes wurde ich in manche Unannehm⸗ lichkeit verwickelt. Sie wiſſen nicht, gnädige Frau, welch' ein Schatz zehntauſend Gulden für einen Mann, wie ich, ſind.“— „Sie ſcherzen, mein Herr, denn man hat mir oft geſagt, daß Sie ein ſehr vermöglicher Mann ſeien.“ „O, gnädige Frau, wenn man, wie ich, pünktlich ſeine Schulden bezahlt, wird man leicht für vermög⸗ lich ausgegeben, aber wenn Sie wüßten, wieviel Mühe es mich oft koſtet, meine Gläubiger zu bezahlen, um als ehrlicher Mann in der Welt zu erſcheinen, würden Sie gewiß anders denken und gerne glauben, daß zehntauſend Gulden für mich ein Schatz find.“ „Nun, ich werde Ihnen die Summe bezahlen, wenn Sie mir den Wechſel und alle Beweiſe des Be⸗ trugs, welche Sie beſitzen, übergeben haben werden. Und es wäͤre mir ſehr angenehm, wenn die Zurück⸗ gabe baldmöglichſt geſchehen könnte.“ „Es ſteht ganz bei Ihnen, gnädige Frau, die Sache ſobald als möglich in Ordnung zu bringen. Ich verlange nur den Betrag des Wechſels mit dem In⸗ tereſſe von zehn Jahren— alſo fünſzehntauſend Gul⸗ den; meine Forderung iſt gewiß billig.“ Mathilde nickte zuſtimmend. „Und zehntauſend Gulden als Belohnung für meine Verſchwiegenheit werden der Frau Baronin auch kei⸗ neswegs als unbeſcheidene Forderung erſcheinen.“ „Die ganze Summe, die Sie verlangen, beträgt alſo fünfundzwanzigtauſend Gulden?“ frug die Ba⸗ ronin etwas unzufrieden. „Ja, gnädige Frau, und wenn Sie wüßten, in wieviel Unannehmlichkeiten mich der Verluſt des Gel⸗ des gebracht, und wieviel glückliche und vortheilhafte Geſchäfte ich mit demſelben hätte machen können, wenn bamit zu ſchalten und walten geweſen wäre, würden Sie...— „Ich bin nicht gewöhnt zu handeln,“ ſagte Ma⸗ thilde mit Würde, nachdem ſie ſich einige Zeit bedacht hatte.„Ich erwarte Sie binnen einer Stunde zurück mit dem Wechſel und all' den übrigen Papieren, die zu der Sache gehören und ich werde das Geld in Be⸗ reitſchaft haben.“— Als es Abend geworden, trat Guſtav in das Zimmer der Baronin. „Ich habe Sie zu mir bitten laſſen, Herr Baron, ich erſuche Sie um einen Dienſt,“ ſprach Mathilde. „Mein Reiſewagen ſieht bereit, Sie müſſen ſich augen⸗ blicklich auf den Weg machen.“ „Auf die Reiſe!“ rief der Baron verwundert und ſichtlich verſtimmt. „Ja, Herr Baron, es hindert Sie nichts, meinem Wunſche zu entſprechen; mein Wagen ſteht bereit, die⸗ ſes Portefeuille enthält eine genügende Summe, um die Reiſekoſten zu beſtreiten, und Adam Smith wird Sie nicht mehr hindern, dieſe Stadt zu verlaſſen.“ „Adam Smith, gnädige Frau!... Sie wiſſen...“ „Alles, Herr Baron.. ich weiß, wie der Kolo⸗ nel van Bergen durch Sie ins Verderben geſtürzt worden...“ „ Sie wiſſen alſo, wer er iſt... was er that ... Sie kennen ſeinen wahren Namen.“ „Ja...“ ſagte Mathilde, erröthend über die Un⸗ wahrheit, die ſie ſich erlaubte,„und will es Ihnen be⸗ weiſen, ſehen Sie dieſen Wechſel, dieſe Briefe, ſie können Ihnen nicht unbekannt ſein.“ Wie durch den Zlitz gerührt, ſtarrte Guſtav auf die ihm vorgelegten Papiere. „Sie ſehen, gnädige Frau,“ ſprach er, ſich faſſend, „Sie ſehen, daß Auguſt van Reiſſenburg ebenſo ſchul⸗ dig iſt, als ich.“ „Auguſt van Reijſenburg! jetzt weiß ich, wer er iſt,“ ſagte Mathilde zu ſich ſelbſt, und ſich darauf an den Baron wendend, fuhr ſie fort:„Auguſt van Reij⸗ ſenburg war edelmüthiger als Sie. Leſen Sie dieſen Brief, und Sie werden ſehen, daß Sie ihn ins Ver⸗ derben ſtürzten und daß er demungeachtet Ihren Na⸗ men nicht nannte.“ Guſtav durchlief eilig den Brief, deſſen Inhalt unſern Leſern bekannt iſt. „Die Beweiſe Ihrer Schuld ſind in meiner Hand,“ ſprach Mathilde.„Erfüllen Sie meine Bitte, gehen Sie augenblicklich auf die Reiſe, ſuchen Sie dem Ko⸗ lonel auf die Spur zu kommen, um ihn von ſeinem fatalen Vorſatze, nach Oſtindien zu gehen, abzubringen; ſagen Sie ihm, daß er nichts mehr von Adam Smith zu fürchten habe! Und wenn Sie ihn zurückbringen, vernichte ich alle dieſe Papiere und werde Ihnen be⸗ weiſen, daß Sie keiner Undankbaren einen Dienſt er⸗ wieſen. Wollen Sie, Baron von Hunter?“ „Was könnte ich Ihnen abſchlagen?“ 305 3 „Nun denn, gehen Sie, nicht länger geſäumt, denken Sie, daß jeder Augenblick koſtbar iſt!— Wer⸗ den Sie innerhalb einer Stunde bereit ſein?“ „Ich werde Alles dazu ins Werk ſetzer.“ „Und wo denken Sie den Kolonel zu finden 2“ „Zu Helder oder Nieuwendiep.“— „Mein Wagen wird innerhalb einer Stunde vor Ihrem Gaſthofe halten.“ „Ich werde bereit ſein.“— „Guſtav, jetzt ſetze ich alles Vertrauen auf Sie, hintergeben Sie mich nicht, und ich werde Sie ſeg⸗ nen.“ Sie ſprach dieſe Worte mit herzlich bittendem Tone.„Guſtav, gehen Sie jetzt, der Himmel gebe, daß Ihre Reiſe nicht vergebens ſei!“ „Aber wenn der Kolonel ſich weigert, meiner Bitte Gehör zu geben,“ ſprach der Baron ſich zum Fortge⸗ hen rüſtend. „Sagen Sie ihm dann, daß ich Sie ſende und er wird nicht ſäumen, Ihnen zu folgen.“ Nachdem von Hunter die Baronin verlaſſen hatte, eilte er zu Adam Smith, der ihn freundlich empfing. „Jetzt ſind Sie zufrieden,“ ſagte der Baron ver⸗ traulich „O gewiß, wenn der arme Junker van Reifſen⸗ burg das hätte vorausſehen können, würde er inner Landes geblieben ſein.“ „Ohne Zweifel,“ wiederholte der Baron.„Doch jetzt ſehen Sie, daß ich die Wahrheit ſprach, als ich Ihnen das Verhältniß nannte, in welchem ich zur Ba⸗ ronin ſtehe.“ „Aber das Kind iſt doch nicht gefunden, und den⸗ hoch... „Dennoch werde ich der glückliche Ehegatte ſein. Sie ſehen, daß das Sprichwort ſich bewahrheitet: Alte Liebe roſtet nicht.“ 1 1 „Sie hat zum mindeſten einen klingenden Beweis 306 von ihrer Anhaͤnglichkeit an Sie gegeben. Fünf und zwanzigtauſend Gulden!... Und wann ſoll die Hei⸗ rath ſtattfinden?...“ „In zwei Monaten. Aber jetzt müſſen Sie mir einen Dienſt erweiſen, mir nämlich Geld leihen, und ich zweiſle nicht, daß Sie einem Manne, der ſo ſchöne Ausſichten hat, es nicht verweigern werden; nehinen Sie die Intreſſen ſo hoch Sie wollen.“ „Ausſichten... Ach! ſie können ſo leicht auf Nichts hinaus laufen,“ ſagte Adam Smith, obwohl er nicht ganz abgeneigt war, dem Baron von Dienſt zu ſein.„Müſſen Sie viel haben?.“ „Sie können ſich denken, daß ich da und dort Schulden habe, welche ich gerne vor meiner Hochzeit abbezahlen möchte; wie Sie wiſſen, bin ich es außer Standes, und die Baronin, jetzt nach Allem dem, was ſie für mich gethan hat, um Geld anzuſprechen, wäre unbeſcheiden. Leihen Sie mir derum ſechs oder acht⸗ tauſend Gulden, wofür ich Ihnen einen Wechſel aus⸗ ſtellen werde, einen Monat anach meiner Hochzeit zahlbar.“ „Ich würde Ihnen keinen Gulden leihen, und wäre es auch gegen tauſend Prozent, wenn Sie mir einen Wechſel gäben, ein paar Jahre nach Ihrer Hochzeit zahlbar,“ ſagte Adam Smith, ſeine Luſt, ironiſche Be⸗ merkungen zu machen, nicht unterdrücken könnend,„doch um Sie zu verpflichten, will ich Ihnen jetzt ſieben⸗ tauſend Gulden vorſchießen, ſchreiben Sie mir einen Wechſel von achttauſend Gulden, ich habe gerade mor⸗ gen Gelegenheit ihn an Zahlungsſtatt zu geben.“ „Tauſend Gulden Intereſſe für vier Monate von ſiebentauſend... wenn ich gut rechne, iſt es einund⸗ vierzig Prozent das Jahr.“ „Richtig und gewiß nicht zu viel, wenn Sie be⸗ denken, was ich dabei wage. Eine Zeit von vier Mo⸗ naten kann eine große Veränderung zu Stande brin⸗ 307 gen. die Baronin kann ſterben, Ihre Heirath ſich zer⸗ ſchlagen, hundert andere Sachen können noch vorkom⸗ men... Wollen Sie von meinem Dienſte Gebrauch machen, Herr Baron?“ „Wohlan, Herr Remmers,“ ſprach Guſtav nach einiger Ueberlegung in beſtimmtem Tone:„geben Sie mir das Geld, ſchreiben Sie den Wechſel, und ich werde unierzeichnen.“ Adam Smith ließ ſich dieß nicht zweimal ſagen. Der Commiſſionär war ſo gewiß von einer Heirath zwiſchen dem Baron und Mathilde verſichert, daß er Guſtav noch viel mehr gegeben, wenn dieſer es nur verlangt hätte. Bal war der Wechſel in Ordnung und Guſtav hatte das Geld. „Sie werden ſich wohl noch erinnern,“ ſprach nun der Baron von Hun ter,„daß Sie mit mir einmal von zwei Waiſen ſprachen, die Sie unter Ihren Schutz ge⸗ nommen und in eine Koſtſchule geſchickt habenz war die Koſtſchule nicht in Hoogendaal?“ „Wozu die Fr Von Hunter ihlte, was ihm der Kolonel von Frank und Clara mitgetheilt und gab Remmees zugleich die Notiz, daß die letztere ſich jetzt bei Madame de Raad befände. „Die Kleine iſt glücklich,“ ſagte der Commiſ⸗ ſionär,„ich wünſchte, daß meiner Pflegetochter auch ein ſolches Glück zu Theil würde, aber Fortuna theilt ihre Gaben meiſt ſolchen mit, die ihrer nicht würdig find,“ fuhr er fort, einen ironiſchen Blick auf Guſtav werfend.„Die beiden Kinder, die ich unter meinen Schutz genommen, befinden ſich noch auf der Schule, ihre Erziehung koſtet mich mehr, als Sie wohl glau⸗ ben werden; ich wünſchte, daß eines der Kleinen ſo gut untergebracht wäre, als das Mädchen, von dem Sie mir ſo eben erzählten.“— „Nun leben Sie wohl, Herr Remmers,“ rief der 308 Baron,„Sie können darauf rechnen, daß ich binnen Kurzem Ihnen Hypokras*) ſenden werde!“ 3 Guſtav verließ Herrn Smith, der ihm mit neidi⸗ ſchen Blicken nachſah. Er beneidete den Baron um die ſa öne Wittwe und ihr anſehnliches Vermögen, und konnte die Geſchichte der Clara durchaus nicht begreifen.— In ſeinen Gaſthof zurückgekehrt, fand der Baroen † den Reiſewagen Mathildens, der ſeiner wartete. Eilig gab er ſeinem Bedienten den Befehl, Alles zur Abreiſe zu rüſten und ſchrieb ein Brieſchen an die Baronin, worin er ihr ſeine gegründete Hoffnung mittheilte, den 4 Kolonel in Rotterdam zu finden, weßhalb er dorthin gehe. Die Beſorgung dieſes Briefes duldete keinen Aufſchub. Schnell wurden auch einige Zeilen van Ber⸗ gen mitgetbeilt, der, wie er wußte, ſich in Alkmaar befand, wobei er ihm anriet ſo ſchnell als möglich das Vaterland zu verlaſſen, da Adam Smith ſeine Ver⸗ folgung eheſtens ins Werk ſetzen werde. „Wirſt Du dieſen Abend noch Leyden erreichen kön⸗ nen, um morgen die Reiſe nach Rotterdam fortzu⸗ ſetzen?“ fragte der Baron den Kutſcher, als er in den Wagen ſtieg. Der Kutſcher gab ihm eine bejahende Antwort, der Wagen wurde geſchloſſen und von Hun⸗ ters Lackei beſtieg ſeinen hohen Sitz hinter dem Wagen, welcher pfeilſchnell davon flog. „Adam Smith! Adam Smith! ich habe mich ge⸗ rächt!“ Tief der Baron lachend,„und,“ ſetzte er hinzu, „ich hätte nicht gedacht, daß Freund Adam ſo leicht 8zu betrügen wäre!“ Der Baron kam in Rotterdam an, ſendete den Wagen zurück und ſchiffte zwei Tage ſpäter mit dem Packetboote nach England. 5 9 *) Es iſt Sitte in Holland, daß man mit der Anzeige von der Verlobung einen feinen Liqueur Hypokras nebſt Konfert in zierlichen Duten durch den Bedienten ſeinen Bekannten ſchickt.