Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 2 — 1 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Pücher: ſ auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer hufn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weſtervekekhen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ͤe — — ——— ——— 2 Charles Denoi, 6 oder 7 das Vorgefuͤhl des vaͤterlichen Herenn; 4 Sligo der Kühne, dder die Freiſchuͤtzen in Boͤhmen, und andere Erzählungen 4 von H. A. G. von Egloffſtein, Verfaſſer der Moosgloͤckchen, des Zeittuͤdters, der Laurette zc.— Mit einem Kupfer. 7 2* p Nürnberg und Leipzig. Verlag der Buchbandamg C. 9. Zeh. —— 1 8 2 S. -——— In hal. — Der Richter, wie es wenige gibt Marwells Abenteuer. Des Schulmeiſter Willibalds Feierabend Caleb, oder die edle Nache Prinz Ally „ . Charles Denoi, oder das Vorgefuͤhl des vaͤ⸗ terlichen Herzens. Wigo der Kuͤhne, oder die Freiſchuͤtzen in Boͤh⸗ men Anton und Anna, die armen, redlichen Al⸗ ten Die Gutsbeſitzer. . * . . . 52 60 — IV— . Seeite Die Liebe der Kinder ſchafft Vergebung den Schuldigen.... 154 In der Liebe der Kinder geht unter der Haß 3 .— der Aeltern..„. 175 Mutterliebe..... 204 Laurette, oder die Zigeuner⸗Prinzeſſin„ 208 Das Portrait..... 245 en in England iſt bekannt. Derjenige, Der Richter, wie es wenige gibt. — Die Strenge in Anſehung der Wechſel⸗ einen Wechſel ausſtellt, und denſelben nicht nach Ablauf der Friſt bezahlt, wird ſogleich auf die Klage des Gläubigers ver⸗ haftet, und kann er nicht bezahlen, in's Ge⸗ fängniß geſetzt. Selten hat dann der hart⸗ herzige Gläubiger Nachſicht mit ihm; eben* ſo ſelten findet der, oft an ſeinem Unglück ganz Unſchuldige einen Menſchenfreund, der Bürge für ihn wird, oder ihm Vorſchuß zur Tilgung der Schuld leiſtet. Der Arme muß dann getrennt von ſeiner Familie, die ohne den Nährer im Elende ſchmachtet, im Kerker A 7 bei karger Koſt oft Jahre lang leben, in wel⸗ cher Zeit dann ſeine Umſtände, die er in ſei⸗ ner Freiheit durch Fleiß und Mühe vielleicht verbeſſert hätte, ganz zerrüttet werden. Die Gerechtigkeit muß hier, wenn ſie auch Mit⸗ leid fühlen ſollte, dieſes gezwungen unterdrük⸗ ken. Dieſe Empfindung, Mitleid, die unſere Natur veredelt, iſt vielleicht die ſchönſte, welche der Allſchöpfer in's menſchliche Herz gelegt hat. Beſonders macht ſie den Richter ehrwürdig und groß, der zwar ſeiner Pflicht, doch auch dabei dem Triebe des Mitleids Genüge leiſtet.— Aber wie ſelten ſind leiter ſolche Richter? Gewöhnlich haben dieſe Herren aes tripplex circa pectus und Mitleid iſt ih⸗ nen ſo unbekannt, wie den Hotentotten Kants Critik der reinen Vernunft. Doch ſindet man — zwar äußerſt ſelten— eine Ausnahme. Ein ſolcher Richter, wie es wenige gibt, war Thomas Fairland in London.— Ein deutſcher Kaufmann, Namens Röſ⸗ ſing, anſäſſig in London, hatte mehrmals beträchtlichen Verluſt erlitten; doch hoffte er durch ſeine Einſichten, Fleiß, Thätigkeit und = Jetzt erſcheint die Stunde, wo Röſſings, Gattin und Kinder aus dem Gefängniß ſich begeben müſſen; der Gefangenwärter zeigt es ihnen an. „Nein, wir wollen hier ſterben!“ rufen ſie einſtimmig aus,„oder will man uns auch dieſen ſchwachen Troſt in unſerm Elende ver⸗ ſagen? Nun denn! mögen ſie die Grauſam⸗ keit haben— ſie koͤnnen kommen und uns aus ſeinen Armen reiſſen— uns an ſeinem Halſe ermorden— der Tod iſt uns lieber, als das elende Leben, getrennt von unſerm Mker, von unſerm Ernährer zu ſeyn!“ Der Gefangenwärter beſtand mit aller Härte, die ihm ſein Beruf vorzuſchreiben ſchien, daß ſie fort ſollten; da erſchien eine Botſchaft, die Röſſing zu dem Vorſteher des Gefängniſſes berief. Ein neuer Stoff zu Furcht und Schrecken.— „Sie ſind frei!“ ſagte der Vorſteher, „der Wechſel iſt bezahlt.“ „Er iſt frei!“ riefen die Kinder.„Mein Mann!“ liſpelte frendetrunken tiefathmend die getröſtete Gattin,„er iſt frei!”—„Durch — 6— welches Wunder?“ rief der erſtaunte Röſ⸗ ſing. Man gab ihm keine Erläuterung, wer es ſei, der die Schuld bezahlt habe. Als ſich die Familie von ihrer Entzückung erholt hatte, ſo gingen alle ihre Bemühungen dahin, ihren Wohlthäter kennen zu lernen, aber vergebens. Röſſings trauriges Schickſal war aber dadurch nicht ſehr erleichtert worden; er ver⸗ doppelte zwar ſeine Sorgfalt und ſeinen Fleiß, und doch blieben ſeine Umſtände noch immer in Verwirrung, aus welcher er anders herauswickeln konnte, als vermitkelſt eines beträchtlichen Geldvorſchuſſes. Aber wo konnte er hoffen, wieder einen ſolchen Wohl⸗ thäter zu finden, wie der war, der ihm bis jetzt noch unbekannt geblieben? Ein Conſtabel erſcheint bei Röſſing mit der Weiſung, daß er zu dem Richter Tho⸗ mas Fairland kommen möge. Die Angſt und Furcht der Familie erwacht wieder, ob⸗ gleich man ſich keine Urſache denken kann, für die Freiheit Röſſings zu zittern. Aber wenn uns Menſchen einmal der Kummer be⸗ — —x ——1 — 7— fallen hat, ſo wirkt er in uns eine Art von beſtändigem Schrecken und läßt uns immer nur in eine ſchwarze Zukunft hinausblicken. 4 Röſſing kommt in das Haus des Rich⸗ ters, der eben in der Gerichtsſtube beſchäf⸗ tigt iſt; ein Bedienter führt ihn in ein Kabi⸗ net, und ſagt ihm: Herr Fairland würde den Augenblick bei ihm ſeyn. 4 Unterdeſſen durchkreuzen ſich in Röſſings Seele mancherlei Gedanken; er fürchtet ſich vor der Unterredung, die Thüre des Gefäng⸗ ni ſcheint ſich ihm wieder zu öffnen. (Endlich erſcheint Herr Fairland; er heißt den Kaufmann willkommen und Platz nehmen. „Mein Herr,“ ſagte er darauf,„ich ha⸗ be mich genau nach Ihnen erkundigt, ich weiß, daß Sie ein rechtſchaffener Mann, und das Schlachtopfer unglücklich ausgefalle⸗ ner Geſchäfte ſind, die aber Ihrer Rechtſchaf⸗ fenheit und Ihrem untadelhaften Wandel kei⸗ nen Vorwurf zuziehen können. Machen Sie mir eine wahre Schilderung von Ihrer La⸗ ge, Ihren Mitteln, Ihrem Verluſte u. ſ. w. — 8— Bedenken Sie, daß ich dabei hoffe, Sie wer⸗ den mir die Wahrheit ſagen.“ Röſſing, der durch die freundliche An⸗ rede wieder Muth gefaßt hat, entwirft ihm ein getreues Bild von ſeinen Umſtänden, und verſichert Herrn Fairland, daß er jeden Augenblick ſeine Bücher vorzeigen wolle, die das, was er geſagt habe, beweiſen können. Verſchweigt auch dem Richter keineswegs, daß ihn ein Geldvorſchuß völlig retten würde. „Ach!“⸗ ruft er aus,„könnte ich noch ein⸗ mal einen ſolchen Freund finden, wie war, der mich ſo großmüthig aus dem fängniß befreit hat, ſo ſollte es mir gewiß gelingen, mein feindſeliges Schickſal zu über⸗ winden! Aber wie kann ich hoffen, daß der Himmel mir noch einmal einen ſolchen Wohl⸗ thäter finden läßt! Leider hat der Edle bis auf dieſe Stunde mir verſagt, ihn kennen zu lernen. Dieß iſt für mich das größte Un⸗ glück, daß er meinem Dank ſich entzieht.“ Auf Herrn Fairlands Geſicht zeigte ſich hier eine Rührung, doch ſuchte er leine Verwirrung zu verbergen. — 9— „Der Mann,“ erwiederte er,„der Ih⸗ nen dieſen Dienſt geleiſtet hat, iſt vielleicht weit glücklicher, als Sie denken; denn Wohl⸗ thun iſt die größte Wonne. Ich fühle, daß es ein unendliches Vergnügen für mich ſeyn würde, wenn ich Ihnen in Etwas dienen könnte.“ Dankbare Blicke that hier Röſſing auf den Richter, dieſer, überwältigt von häufigen Empfindungen, umarmt plötzlich den Kauf⸗ mann und ruft aus:„Ja, ich bin's, ich bin's, der ich, nachdem ich die Pflicht eines e erfüllt hatte, auch die Pflichten ei⸗ nes Menſchen zu erfüllen ſuchte.— Ich bin Ihnen noch Dank ſchuldig; denn eine himm⸗ liſche Wonne genoß ich in dem Bewußtſeyn, einem Unglücklichen einen Dienſt geleiſtet zu haben.“ „Gott ſei Dank!“ rief Röſſing aus, „ich habe meinen Wohlthäter gefunden!“— und wollte zu Fairlands Füßen ſtürzen. „Nicht ſo!“ erwiederte dieſer, und ſchloß ihn neuerdings in ſeine Arme,„nicht ſo, mein Freund! Die Geſetze ſprachen zu Ihrem Nach⸗ theil, ich gehorchte ihnen; aber wie ſüß war mir's, auch das zu befolgen, was mir die Menſchenliebe empfahl. Ich zahlte den Wech⸗ ſel, begab mich nach dem Gefängniß, und gab dort Befehl zu Ihrer Befreiung. Hier iſt der Wechſel, eine unbekannte Hand ſollte Ihnen denſelben zuſtellen. Ich thue dieß jetzt ſelbſt, indem ich das unglückliche Blatt vor Ihren Augen zernichte.— Uebermäßig bin ich dafür entſchädigt, denn ich habe einem braven Menſchen gedient, einen Mann ſeiner Gattin, einen Vater ſeinen Kindern wieden⸗ gegeben, und nun will ich mir das Glück verſchaffen, Sie in den Stand zu ſetzen, Ihren Schaden auszubeſſern und Ihr Unglück zu entfernen. Hier ſind 2000 Pfd. Sterl., dieſe leihe ich Ihnen auf drei Jahre ohne Intereſſen.“ Hier lag dennoch Röſſing zu Fair⸗ lands Füßen, er konnte nur ſtammelnd aus⸗ rufen:„Mein Wohlthäter!— Sie ſehen mei⸗ ne Thränen.“— Dieſe wenigen Worte, der Ausdruck des wahrſten Gefühls, waren beſtimmt, von die⸗ ſem Menſchenfreunde verſtanden zu werden. Er hob den Dankbaren auf und ſprach: „Was habe ich gethan, dieſen Dank zu ver⸗ dienen? Lieber Freund! jene Menſchen, wel⸗ che die ſüße Freude des Wohlthuns nicht kennen, dieſe ſind recht zu beklagen! Dieſe ſind die wahren Unglücklichen!“— Röſſing kam mit dieſen 2000 Pfd. St., durch ſeinen Fleiß und durch ſeine Thätigkeit, bald in beſſere Umſtände, und ſchon nach zwei Jahren überbrachte er ſeinem Wohlthäter das wiu nebſt den Zinſen, die zwar Fair⸗ land annahm, aber dieſelben den Kindern Röſſings wiederſchenkte, welche mit ihren Aeltern täglich Gott für das Wohl ihres ed⸗ len Wohlthäters anflehen. Maxwells Abenteuer. — Eines Tages reiſte der junge William Marwell auf dem Poſtwagen zum erſten Mal nach London, wo er Niemand kannte als ſeinen Schwager, den er beſuchen wollte und ſeine Schweſter, die des Schwagers Frau war. Auch auf dem Poſtwagen war neben ihm Niemand, als der Condukteur, und die zwei Reiſekameraden dachten damals nicht daran, wo ſie einander das nächſte Mal wieder ſehen würden. Der Poſtwagen kam erſt in der tiefen Nacht in London an. In dem Poſtwagen konnte der Fremde nicht über don nicht bewirthen, und des Schwagers Haus wußte der arme Jüngling in der un⸗ Nacht bleiben, weil die Poſtmeiſter in Lon⸗ — 4— ſtarke Männer Nachts in den gemeinen Wirths⸗ häuſern und auf der Gaſſe herum, und wer ihnen alsdann in die Hände kommt und taug⸗ lich iſt, den fragen ſie nicht lange: Lands⸗ mann, wer biſt Du? ſondern machen kurzen Prozeß und ſchleppen ihn— gern oder un⸗ gern— fort auf die Schiffe, wo er dann Matroſe ſeyn muß. Solch eine nächtliche Menſchenjagd nennt man Preſſen; und deß⸗ wegen ſagte der Condukteur:„Was gilt's, er iſt gepreßt worden!“ Inn dieſer Angſt ſprang er eiligſt auf, warf ſeinen Rockelor um ſich, um wo mög⸗ lich den armen Schelm zu retten. Als er aber ein oder zwei Gaſſen weit dem Lärmen nachgegangen war, ſiel er ſelbſt den Preſſern in die Hände, wurde auf ein Schiff geſchleppt, und den andern Morgen ging's weiter. Weg war er! 8 Bald darauf kam Maxwell im Hauſe wieder zu ſich, eilte, wie er war, in ſein Bett, ohne den Schlafkameraden zu vermiſ⸗ ſen, und ſchlief bis. in den Tag. Unterdeſ⸗ ſen wurde der Condukteur um 8 Uhr auf der Poſt erwartet, und als er immer und immer nicht kommen wollte, wurde ein Poſt⸗ bedienter abgeſchickt, ihn zu ſuchen. Der fand keinen Condukteur, aber einen Mann mit blutigem Gewand im Bette liegen, auf dem Gange ein großes, offnes Meſſer, Blut bis auf den Abtritt, und unten rauſchte die Themſe. Da ſiel ein böſer Verdacht auf den blutigen Fremdling, er habe den Condukteur ermordet und in das Waſſer geworfen. Er wurde in ein Verhör geführt, und als man ihn viſitirte und in den Taſchen des Cami⸗ ſols, das er noch immer anhatte, einen le⸗ dernen Geldbeutel fand mit dem wohlbekann⸗ ten, an Riemen befeſtigten Petſchaftsring des Condukteurs, da war es um den armen Jüng⸗ ling geſchehen. Er berief ſich auf ſeinen Schwager, man kannte ihn nicht, auf ſeine Schweſter, man wußte von ihr nichts. Er erzählte den ganzen Hergang der Sache, wie er ſelber ſie wußte. Aber die Richter ſagten: „Das ſind blaue Nebel, und Ihr werdet ge⸗ henkt.“ Und wie geſagt, ſo geſchah es gleich am andern Tage nach engliſchem Recht und Brauch. Mit — Mit dem engliſchen Gebrauch iſt es ſo: Weil in London der Spitzbuben viele ſind, ſo macht man mit denen, die gehenkt wer⸗ den, kurzen Prozeß, und es bekümmern ſich wenig Leute darum, weil man es oft ſehen kann. Die Miſſethäter, ſo viel man auf ein⸗ mal hat, werden auf einen breiten Wagen. geſetzt und bis unter den Galgen gefahren. Dort hängt man den Strick in den böͤſen Nagel ein, fährt alsdann mit dem Wagen unter ihnen weg, läßt die ſchönen Geſellen zappeln und ſieht ſich nicht einmal um. Al⸗ lein in England iſt das Hängen nicht ſo ſchimpflich wie bei uns, ſondern nur toͤdtlich. Deßwegen kommen nachher die nächſten Ver⸗ wandten des Miſſethäters und ziehen ſo lan⸗ ge unten an den Beinen, bis der Herr Vet⸗ ter oben erſtickt iſt. Aber dem armen Max⸗ well that Niemand dieſen traurigen Liebes⸗ dienſt an, bis Abends ein junges Ehepaar, Arm in Arm, auf einem Spaziergange von ungefähr über den Richtplatz wandelte und im Vorbeigehen nach dem Galgen ſchaute. Da ſiel die Frau mit einem lauten Schrei 18—* des Entſetzens in die Arme ihres Mannes: „Barmherziger Himmel, da hängt mein Bru⸗ der!“— Aber noch größer wurde der Schrek⸗ ken, als der Gehenkte bei der bekannten Stimme ſeiner Schweſter die Augenlieder aufſchlug und die Augen fürchterlich drehte. Denn er lebte noch, und das Ehepaar, das vorüberging, war die Schweſter und der Schwager. Dieſer aber, der ein entſchloſſe⸗ ner Mann war, verlor die Beſinnung nicht, ſondern dachte in der Stille auf Rettung. Der Platz war entlegen, die Leute hatten ſich verlaufen, und um Geld und gute Worte gewann er ein paar beherzte und vertraute Burſche, die nahmen den Gehenkten, mir nichts dir nichts, ab, als wenn ſie das Recht dazu hätten, und brachten ihn glücklich und unbemerkt in des Schwagers Haus.— Hier ward er in wenig Stunden wieder zu ſich gebracht, bekam ein kleines Fieber, und wurde unter der lieben Pflege ſeiner ge⸗ tröſteten Schweſter bald wieder völlig geſund. Eines Abends aber ſagte der Schwager zu Maxwell:„Schwager! Ihr könnt nun in = 19— dem Lande nicht bleiben. Wenn Ihr entdeckt werdet, ſo könnt Ihr noch einmal gehenkt werden, und ich dazu. Und wenn auch nicht, ſo habt Ihr ein Halsband an Eurem Halſe getragen, das für Euch und Eure Verwand⸗ ten ein ſchlechter Staat war. Ihr müßt nach Amerika. Dort will ich Euch verſorgen.“ Dieß ſah Maxwell ein, ging bei der erſten Gelegenheit auf ein vertrautes Schiff, und kam nach 40 Tagen glücklich in dem Hafen von Philadelphia an. Als er aber hier an einem landfremden Orte mit ſchwerem Herzen wieder an das Ufer ſtieg, und er eben bei ſich ſelber dachte:„Wenn mir doch Gott auch nur einen einzigen Menſchen ent⸗ gegenführte, der mich kennte;“ ſiehe, da kam in armſeliger Schiffskleidung der Condukteur. Aber ſo groß ſonſt auch die Freude des un⸗ verhofften Wiederſehens an einem ſolchen fremden Orte iſt, ſo war doch hier der erſte Willkomm ſchlecht genug. Denn der Con⸗ dukteur, als er ſeinen Mann erkannte, ging mit geballter Fauſt auf ihn los:„Wo führt Euch der Böſe her, verdammter Nachtläufer? B 2 — 20— Wißt Ihr, daß ich wegen Euch bin gepreßt worden?“— Maxwell aber ſagte:„Sap⸗ perment, Ihr vermaledeiter Ueberall und Nir⸗ gends, wißt Ihr, daß man mich wegen Euch gehenkt hat??? Doch bald war Verſöhnung geſtiftet, ſie gingen mit einander in ein Weinhaus und erzählten ſich ihre Schickſale. Maxwell, der in einem Handlungshaus, an welches er von ſeinem Schwager empfohlen war, gute Geſchäfte machte, kaufte bald ſeinen guten Freund los, und als er auch darauf eine reiche Heirath that und ſein Glück fand, ſo behielt er den Condukteur für immer als ſei⸗ nen Freund bei ſich. 1 Des Schulmeiſter Willibalds Feierabend. 3 Dem alten Schulmeiſter Willibald war endlich auch ſeine Anna geſtorben; er hatte die geliebte Leiche rein und weiß ange⸗ zogen, hatte ſie neben ſein Bett auf Stroh in das ihre gelegt, und wie ſie ſo da lag mit dem alten, frommen und freundlichen Geſichte, war es immer, als ſchliefe ſie nur, und würde bald wieder aufwachen und in den bekannten, lieben Tönen zu ihm ſprechen; aber ſie blieb dem hoffenden Herzen ſtumm, und doch konnte ſich Willibald nicht von ihr trennen. Er ging oft hinaus in das enge Stübchen, in die Küche, in den kleinen Hof, aber überall war ihm ſo öde und bange, überall fehlte ſie ihm, und es zog ihn immer wieder in die Kammer hin, und er nahm immer wieder ihre kalte Hand und ſprach: „Nutter, liebe Anna, rede doch noch ein⸗ mal, willſt Du denn Deinen alten Willi⸗ bald ſo ganz verlaſſen, und ohne ihn zur Ruhe gehen?“ So war es faſt Abend geworden, und Willibald dachte daran, daß er noch hin⸗ auf in die Kirche müßte, um auf den mor⸗ genden heiligen Pfingſttag noch mancherlei darin zu ordnen. Er nahm die Kirchenſchlüſ⸗ ſel und aus dem Kaſten noch ein Päckchen Kirchenwäſche, welche Anna kurz vor ihrem Tode zu dem nahen Feſte ſäuberlich gewa⸗ ſchen und geglättet hatte, und wollte nun gehen, aber es mahnte ihn, zuvor noch ein⸗ mal ſeine Anna zu ſehen. Er ſchlich in die Kammer, und ein roſenfarbener Strahl der Abendſonne ſchien auf ihr ruhiges Geſicht, wie ein ſanft darüber gehauchtes Leben. Willibald trat hin vor die Schläferin, er ſah ſie lange ſchweigend an, und eine Thräne nach der andern ſiel ohne ſein Wiſ⸗ ſen auf ſie herab; endlich wachte er aus ſei⸗ —„—— ——— nem Verſinnen auf und ſagte:„Anna, ſieh, hier iſt die ſchöne Pfingſtwäſche und Dein liebes Altartuch, das Du vor vierzig Jahren ſelber genäht und an unſerm Hochzeittage der Kirche geſchenkt haſt, das Dir immer ſo lieb war, wenn es an heiligen Feſttagen den Altar ſchmückte, und Dich immer wieder an unſere Jugend und den Oſtertag nach unſerer Hochzeit erinnerte, wo Du es ſelbſt das erſte Mal hinauf zur Kirche trugſt und es über den Altar hingſt; ſieh nur, wir ſind ſeitdem alt geworden, aber das ſorgſam bewahrte Tuch ſieht faſt noch ſo friſch aus, wie damals; ſoll ich es denn heute zum erſten Male allein drüben ausbreiten, und werd' ich es Dir auch recht machen? Steh' auf, liebe Anna, und breite Du es aus wie ſonſt.— Aber Du bleibſt ſtumm und ſtill; Anna, es iſt mir, als würde ich auch bald ſo ſtill werden! Weißt Du noch, wie wir alle Abende gebe⸗ tet, der liebe Gott möge uns Beide zugleich ſterben laſſen, und doch biſt Du zuerſt ein⸗ geſchlafen. Nun, der liebe Gott hat es ſo gewollt, doch lange läßt er mich gewiß nicht 1 Dir.". — 24— mehr hier; Anna, ich komme nächſtens zu Damit ging er, ſah ſich aber an der klei⸗ nen Thüre noch ein Mal recht ſehnſüchtig nach ihr um.— Draußen wehte eine warme Frühlingsluft, und ob die Sonne gleich noch oben ſtand, war Alles doch ſchon ſtill geworden im Dor⸗ fe, und nur in den Hänuſern richtete man noch Vieles zum Feſte zu. Willibald ging langſam mit beklommener Bruſt den Hügel über den grünen Kirchhof hinauf in die helle Kirche, und that was ihm oblag. Wie Alles fertig war und die reinliche Kirche im rothen Abendlichte ſo freundlich daſtand, war es ihm, als müßte er von Allem darin Abſchied neh⸗ 1 men; von der Kanzel, auf der er, als Kna⸗ be, ſo oft geſtanden hatte; vom Taufſteine, über den er faſt alle Bewohner des Dorfes als Kinder gehalten, und viele von ihnen ſchon wieder zu Grabe geläutet und begleitet 2 hatte; vom Altar, an deſſen ſteinernen Stu⸗ fen er ſo manchmal geknieet, an dem er voll frommen Sinnes ſo oft das Mahl des Erlö⸗ — 25— ſers genoſſen und vor dem ihm ſeine treue Anna als blühende Jungfrau angetraut wor⸗ den war. Sein ganzes Leben war ja an dieſer heiligen Stätte vergangen, warum ſollte ihn nicht Alles in ihr wie alte Freun⸗ de und Bekannte anſprechen? Großvater und Vater waren ihm in gleichem Amte vorange⸗ gangen, er hatte nie die Welt geſehen; ſeine Welt war dieſe Kirche, das Dorf und deſ⸗ ſen Bewohner geweſen. Darum war ihm Alles ſo heimiſch, ſo vertraut und ſo lieb ge⸗ worden. „Willibald,“ ſprach er, und trat mit⸗ ten in die ſtille, menſchenleere Kirche,„Wil⸗ libald, Dein Haar iſt ſchon lange weiß, und Dein Haupt neigt ſich dem Grabe zu. Bald wird wohl ein Anderer an Deine Stelle treten, und Du ſtille weggehen, wie Deine Väter; aber kein Sohn wird Dir, wie ihnen, im Amte folgen; der Deine— Dein einzi⸗ ger, ſchläft ſchon lange, und Du biſt der letzte Deines Namens hier.— Wird der Fremde auch Alles ſo laſſen, wie Deine Vä⸗ ter und Du es gelaſſen? Dort die alten, 1. Tafeln mit den alten, bekannten Namen, und das weiße Altartuch Deiner Anna, wird er es auch laſſen? Und wird ihm Alles ſo heilig ſeyn, wie Dir?“ „Ach, wenn er es doch in Ehren an ſei⸗ nem Platz ließe! Es iſt mir, als wäre ewi⸗ ger Friede an dieß Alles gebunden, als wach⸗ ten die Geiſter der Verſtorbenen wie Engel darüber.“ „Liebes Gotteshaus, wie friedlich hat ſich mein Haar in dir gebleicht! Wie ſelig bin ich immer mit meiner frommen Anna in dir geweſen, wenn wir in dir gebetet, und wenn wir dich geſchmückt zum Feſte mit grü⸗ nen Reiſern; ich habe dich wohl heute zum letzten Mal geſchmückt, ſchön, recht ſchön, mit vielem friſchen Grün und Silberpappeln, damit, wenn übermorgen meine Anna her⸗ eingetragen wird, Alles grün um ſie ſei, wie um eine Himmelsbraut. Um meinen Sarg wird Niemand Reiſer pflanzen; die verwelkten Sterbekränze und Wachsfrüchte an der Wand beim Altare, die Bänder und —— alten Freunde ſind ja ſchon alle todt, und die neue Welt denkt nur an's Leben.“ „Aber ich muß noch einmal hinausgehen zu den Gräbern, zu Vaters und Sohnes Grab; es iſt mir als riefen ſie: Willibald, komm' zu uns herunter, Deine Tage ſind alt geworden, und Deine Füße ſind müde.“— Und er ging hinaus auf den Gottesacker, und beſuchte alle Gräber ſeiner alten Freun⸗ de und ſprach mit ihnen, und richtete die verwitterten, umgeſunkenen, ſchriftloſen Kreuze wieder auf, und hob die Blumen in die Höhe und nahm die Neſſeln weg. Dann ging er auf die andere Seite der Kirche, wo Willibalds Begräbniß war, und fand den alten Franz da, der ſeiner Anna Grab machte. Das griff dem alten Mann gar ſehr an's Herz, und eine Thräne nach der andern ſtürzte unter den dünnen, ſilbernen Wimpern hervor. Er nahm die Mütze von ſeinem Silberhaupte, faltete die Hände und betete recht inbrünſtig, daß ihn Gott doch auch bald ſterben und zu ſeiner Anna kom⸗ men laſſen möchte.— Der alte Franz, der einzig übrig geblie⸗ bene Freund und Zeuge ſeiner Jugend, weinte auch ſtill mit, als er ſeinen alten Willibald ſo weinen ſah.„Helfe Dir Gott, Gevat⸗ ter!“ ſprach er;„aber das iſt eine ſchwere Arbeit, Deiner Anna Grab. Num wirſt Du auch wohl bald hinunterkommen; zwiſchen euch kommt Niemand. Großvaters und Va⸗ ters Sarg ſind eingefallen, aber Deines Wilhelms Sarg iſt noch feſt, ſchaue hin⸗ unter, Du kannſt ihn ſchon ſehen; Deine Anna wird gut auf ihm ruhen, dann kommſt Du, dann lege ich den großen, alten Grab⸗ ſtein dort an der Ecke darauf, der Niemand mehr gehört, und decke die ehrlichen Willi⸗ balde alle mit zu, damit Niemand mehr über ſie begraben werde; und dann mache ich kein Grab mehr und warte nur auf mei⸗ nes da neben Dir.— Gevatter!'s iſt gut, daß es mit uns alle wird; die Welt gehört uns nicht mehr, ſie iſt viel anders, als die unſrige— beſſer nicht!“ „Höre, Franz,“ ſagte Willibald, „thue mir einen Gefallen. Mir iſt ſo wun⸗ ——,— — derbar zu Muthe, es iſt mir, als wäre heut ein großer Feierabend, ein Vorſabbath für die ganze Welt, als ſpräche Gott, und dort die untergehende Sonne, und die Engel und die Todten mit einander von einem ewigen Frieden, und als ſtände dort am Abendroth bei der Sonne meine Anna und mein Wil⸗ helm, und noch weiter drüben mein alter Vater und winkten mir, ich ſollte auch hin⸗ kommen, wo ſie alle ſind.— Sieh nur, Franz, es iſt, als wenn ſie ſich einander die Hände reichten und weinten vor Freude, und als ſtände Gott dabei und drückte ſie alle an ſein Herz, das auch wie eine Sonne iſt, und als flögen ewige Frühlinge und tau⸗ melnde Blüthen und ſpielende Engel um ſie, und auf der grünen Erde mit Blumen und vielen weißen Roſen unter ihnen knieeten viele tauſend Menſchen und ſängen: Ehre ſei Gott in der Höhe!“ „Willibald, Du ſtirbſt auch wohl bald,““ ſagte Franz,„ich ſehe nichts, aber es iſt, als müßte Alles ſo ſeyn, wie Du es ſagſt, denn was Du ſprichſt, ſpricht Gott aus Dir. — 30 4— Aber was für einen Gefallen ſoll ich Dir thun, Willibald, ſage es! Du weißt, ich ſchlage Dir nichts ab.“ „Komm' mit mir in die Kirche, Franz, und ziehe mir die Orgel, ich muß ſpielen und mitſingen in das Halleluja dort drüben im Abend.“ Schweigend folgte Franz ſeinem guten, eilenden Freunde auf's Chor und zog die Orgel, und Willibald ſpielte und ſang, die begeiſterten Blicke nach dem goldenen, ſchimmernden Weſten gewendet, mit leiſe verhallender Stimme und Orgeltönen: „Nimm mich zu Deinen Freuden „Aus dieſem Thal der Leiden „In Deinen Himmrel auf; „Dein alter Sohn iſt muͤde, „Gib, Vater, gib ihm Friede, „Und ende ſeinen Lauf.— „Laß mich nicht ein ſam weinen, „Bei Dir ſind all' die Meinen, „d0 ſende mir den Tod! „Daß er mich hingeleite „Zu ihnen, in das weite, „Verheiß'ne Morgenroth. „0 Gott! Du hoͤrſt mein Flehen, „Die muͤden Augen ſehen „Ja Deinen Engel ſchon; „Er winket mir hinuͤber, „Das Sterben iſt voruͤber, „Ich bin bei Weib und Sohn.“ Der alte Franz ſchloß bei den letzten, kaum hörbaren Worten ſeinen Freund Wil⸗ libald in die Arme; die noch nicht abgelau⸗ fene Orgel ſummte, da Willibalds Hand leiſe auf den Taſten lag, noch lange nach, bis ſich ſeine Augen, dem Abend zugewendet, langſam ſchloſſen. Franz betete. Dann legte er ihn leiſe nieder und zog mit zittern⸗ den Händen die Todtenglocke, und am zwei⸗ ten Pfingſttage wurde Willibald mit ſei⸗ 5 ner Anna in die von ihm geſchmückte Kirche getragen; Franz ſenkte unter Thränen Bei⸗ de ein, und der alte Grabſtein deckte die Vereinten, und kein Fremder wurde über ſie begraben. * Caleb, oder die edle Rache. 4 ſeinem Reichthum den beſten Gebrauch mach⸗ te, Unglückliche und Nothleidende zweckmäßig damit zu unterſtützen, von deſſen Thürſchwelle kein Bedrängter ohne Hilfe ging, befand ſich eines Morgens in ſeinem Garten zu Ongole auf der Küſte Coromandel. Ein Bach, jetzt ſehr ſtark angeſchwollen vom Regen, der na⸗ he an Calebs Garten vorbeifloß, war aus ſeinen Ufern getreten; da hörte der edle Men⸗ ſchenfreund plötzlich mehrere Stimmen ängſt⸗ lich um Hilfe rufen, und ohne Zaudern eilte Caleb dahin. Ein Boot mit vier Menſchen war bben umgeſhlagen, die Armen kämpften mit den toben⸗ Der reiche Bramine Caleb, der von —— tobenden Wogen, und waren ihrem Unter⸗ gange nahe. Kaum erblickte dieſes Caleb, als er ſein Oberkleid von ſich warf. „Es ſind nur Parias!“ rief ihm der Gärtner zu. „Es ſind Menſchen!“ entgegnete der Edle mit einem Blick der Verachtung auf den Un⸗ menſchen, ſtürzte ſich mit Lebensgefahr in die Fluthen, und nach zehn Minuten knieete vor ihrem Erretter die dankbare Familie von Vater, Mutter und zweien Söhnen. Caleb beſchenkte ſie noch reichlich, und entzog ſich eiligſt ihrem Danke. Jeder Edle lobte C alebs That, obgleich die Geretteten zu einer Kaſte des Indus ge⸗ hörten, die von denſelben verabſcheut wird, ja, die nicht einmal Jemand von ihnen, oh⸗ ne unrein zu werden, wo er in dieſem Fall ei⸗ ner ſchweren Buße unterliegt, anrühren darf. Aber den Feinden Calebs, beſonders den Ober⸗Braminen und den andern Prieſtern, denen jener oft ihre Heuchelei kräftig ver⸗ wieß, und die ihn darum, und wegen ſeinen Tugenden haßten, gab dieſe Edelthat Gele⸗ C — 2— genheit, Calebs Glück und Zufriedenheit wenigſtens zu untergraben, wohl gar ſeinen Tod herbeizuführen. Schon am andern Morgen wurde Caleb vor die Verſammlung der Braminen, die auch die Richter ausmachen, geladen. „Dir ſelbſt als Prieſter des großen Bra⸗ ma,“ ſo redete ihn der Oberprieſter an, „dem die Geſetze unſerer Religion bekannt ſind, iſt es bewußt, daß Dein Verbrechen, das Du geſtern begangen, indem Du Deine geweihten Hände durch die Berührung von Parias, die Brama als unrein anerkannt und ſie von der Theilnahme an jenen Freuden jenſeit des Grabes ausſchloß, verunreiniget haſt, den Tod verdienſt. Doch wollen wir, hier Deine Richter, Barmherzigkeit über Dich ergehen laſſen, und Deine Lebensſtrafe in eine Buße verwandeln. Du walleſt ohne Verweilen von Deinem Hauſe an nach Be⸗ nares zum heiligſten Tempel des großen Bra⸗ ma auf folgende Art: Zehn Schritte gehſt Du vorwärts und dann fünf rückwärts vom Sonnenaufgang bis zu deren Niedergang oh⸗ — 35— ne Raſt, bis Du den heiligſten Tempel er⸗ reicht haben wirſt, und lebeſt auf der Reiſe von dem allein, was Dir die Rechtgläubi⸗ gen unſerer Religion aus Mitleid reichen. Im heiligſten Tempel angekommen, vollführſt Du dort die Buße, die Dir vom Ober⸗Prie⸗ ſter auferlegt, genau, und walleſt dann auf jene Weiſe wieder nach Deiner Heimath zurück; ſo wirſt Du, gereinigt von Deinem Verbrechen, wieder in unſerer Mitte willkommen ſeyn.“ „Iſt Menſchenrettung ein Verbrechen?“ fragte Caleb.„Wo ſteht Brama's Ver⸗ bot, Parias oder andere Menſchen, von welcher Religion ſie immer ſind, zu retten? — Doch ſollte mein Verbrechen, wie ihr mei⸗ ne Handlung nennt, Strafe verdienen, ſo beſtimmt eine Summe Geldes zum Beſten des Tempels oder der Armen, und willig will ich ſie zahlen. Aber der Buße, die nur der Unſinn fanatiſcher Schwärmer gebar, kann ich mich nicht unterziehen; ſie würde, bei meinem ohnehin ſchwachen Körper, mein un⸗ ausbleiblicher Tod ſeyn.“ „Du willſt Dich alſo nicht unſerm gerech⸗ C 2 — 36— ten Urtheil unterwerfen?“ ſchrie der Ober⸗ Bramine.„Wohlan! ſo ſei hiermit ausgeſtoſ⸗ ſen aus unſerer Mitte. Verflucht bleibe Du bis an Deinen Tod, Dein Leichnam unverbrannt und Deine Aſche unbegraben! Verflucht ſei jede Deiner Handlungen in Deinem Leben! Verflucht der Schüler Brama's, der Dir die Hand bietet, Dir Dienſte leiſtet, der Dich in ſeine Wohnung aufnimmt oder Speiſ' und Trank Dir darreicht! Vernichtet werde jedes Kennzeichen eines Prieſters Brama's an Dir!“ Auf dieſen Fluch, den Fanatismus, mehr aber noch Rachluſt gebar, ergriff man den edlen Caleb, beraubte ihn aller Kennzeichen eines Braminen und ſtieß ihn mit Füßen aus der Pagode.— Verlaſſen ward nun der Redliche von Jedermann, ſogar ſeine Die⸗ ner flohen aus ſeinen Dienſten; denn den traf der Fluch, der nur die geringſte Verbin⸗ dung mit dem Verſtoßenen hatte. Nur ſeine einzige Tochter, Jduma, ein Mädchen, das die edlen Grundſätze ihres Vaters eingeſogen hatte und ſich über den niedrigen Religions⸗ — FS — 37— Fanatismus der Hindus hinausſetzte, hielt mit ihrem Vater aus. Caleb verkaufte nun ſein Eigenthum in Ongole um einen Spottpreis an einen Mu⸗ hamedaner, packte ſeine Schätze auf zwei Kameele und reiſte ſo mit ſeiner Tochter nach Secunderabad an der Grenze des Kö⸗ nigreichs Golconda, wo er ſich außerhalb des Ortes ein Haus erbaute und einen Garten einrichtete.— Faſt jeden Morgen fand dann Caleb oder ſeine Tochter eine theils nützliche, theils vergnügensreiche Anlage in dem Garten, oh⸗ ne ihnen bekannt zu ſeyn, wer ſo ſorgſam für ſie bemüht war; bis Caleb eines Mor⸗ gens den alten Mutoo mit ſeinen zwei Söhnen bei der Anlegung einer Jasminlaube überraſchte. Dieſer, dem Caleb mit ſeinem Weibe und ſeinen zwei Söhnen das Leben rettete und der ſich als die Urſache von dem Unglücke ſeines Erretters hielt, war dieſem unbemerkt nach ſeiner neuen Heimath gefolgt, hatte ſich hinter Calebs Garten eine Hütte erbaut, in der er mit Schuhmachen, das ge⸗ wöhnliche Gewerb der Parias, ſich und ſei⸗ ne Familie ernährte, und die erſten Früh⸗ ſtunden jedes Tages benutzte, ſeinem Wohl⸗ thäter wenigſtens durch Verſchönerung ſeines Gartens ſeine Dankbarkeit zu erzeigen. Ca⸗ leb nahm von nun an den Dankbaren zu ſich und übergab ihm die Aufſicht über ſein Hausweſen, dem Mutoo auch treulich vor⸗ ſtand. Jetzt war Iduma's volle Ausbildung und die Einrichtung ſeines neuen Hausſtan⸗ des Calebs wichtigſtes Geſchäft, dabei be⸗ folgte er die ſuͤße Menſchenpflicht Wohlthun, und bald war der Edle als der Wohlthäter eines jeden Hilfsbedürftigen in ſeinem Wohn⸗ orte und in der Gegend bekannt. Der Krieg der Engländer mit dem mächtigen Rajah vom Berar war ausgebrochen; Sir Arthur Wel⸗ leslei, nachmaliger Herzog von Welling⸗ ton, führte den Oberbefehl über das engli⸗ ſche Armee⸗Corps, und eine Beobachtungs⸗ Abtheilung deſſelben ſtand an der Grenze von Golconda in der Nähe von Calebs Wohnort. Nicht aus Gewinnſucht, mehr an , — 2— Geſchäfte gewöhnt und aus angeborener Thä⸗ tigkeit übernahm dieſer die Lieferung aller Be⸗ dürfniſſe für dieſes! und erhielt bald durch ſeine uneigennützige Redlichkeit das Zutrauen und die Achtung des befehlhabenden Oberſten Achmuty. Er hinterließ ſeine Tochter Idu⸗ ma der Obſorge des treuen Mutoo, und folgte dem Corps, wo er wegen ſeinen nicht gemeinen Kenntniſſen, ſeines aufgeklärten, weit von der Bigotterie ſeiner Religions⸗ Verwandten, erhabenen Geiſtes und ſeiner Thätigkeit und Herzensgüte die Freundſchaft aller Offiziere ſich erwarb. Beſonders zeich⸗ nete ihn der Oberſte Achmuty aus, der ihn auch dem kommandirenden General Ar⸗ thur Wellesley als den redlichſten Mann empfahl, dem das Corps ſehr viel zu verdan⸗ ken habe. Eines Tages befand ſich eben Caleb in dem Zelte des Oberſten, als ein Eilbote die⸗ ſem folgenden Befehl von dem kommandiren⸗ den General brachte: „Da die Stadt Ongole verrätheriſcher „Weiſe bereits mehrmalen dem Feinde Le⸗ — 40— „bensmittel zugeführt, und da ſich dermalen „dort viele Gewehre und Munition zu eben „dieſem Gebrauche befinden ſollen; ſo hat „ſich der Oberſt Samuel Achmuty mit „ſeinem Corps dorthin zu begeben, und zwar „unverzüglich, dieſen Verrath zu unterſuchen „und die Schuldigen ſchärfſtens zu beſtrafen. Im Lager bei Aſſey den 20ten Mai 1802, Arthur Wellesley.“ „Da gibt es vielleicht eine Gelegenheit für Euch, Caleb, Euch an euern Feinden zu rächen,“ ſagte der Oberſt, indem er die⸗ ſem die Ordre hinreichte;„denn da Ihr als Lieferant uns ſo begleitet und in Ongole Be⸗ ſcheid wißt, ſo werde ich Euch hauptſächlich bei der Unterſuchung jenes Verbrechens ge⸗ brauchen.“ „Fern ſei meinem Herzen die Rache an meinen Feinden,“ erwiederte Caleb;„doch wenn ich bei dieſer Sache dienlich ſeyn kann, ſo erfordert dieſes meine Pflicht und mein Eid, den ich Euch bei Uebernehmung meines Amtes zugeſchworen habe.“ Unvermuthet kam der Oberſt mit ſeinem ———.— — 41— Corps an, und bald waren die Schuldigen entdeckt und überwieſen. Es war der Ober⸗ bramine mit ſeinen Anhängern, alle Calebs Feinde. Sie hatten nicht allein dem Rajah vom Berar Getreide und andere Lebensmit⸗ tel geliefert, man fand auch noch bei ihnen an 1000 Stück Gewehre und viel an Muni⸗ tion, welches auch nächſtens dem Feinde zu⸗ geſchickt werden ſollte. Einſtimmig wurden ſie durch die niedergeſetzte Unterſuchungs⸗Com⸗ miſſion zum Tode verurtheilt. Da eilte der edle Caleb— obgleich er ein Mitglied je⸗ ner Commiſſion war und auch pflichtmäßig ſeine Stimme zum Tode der Verbrecher ge⸗ ben mußte— zum Oberſten Achmuty, und bat um Aufſchub des Urtheils, den ihn auch dieſer willig ertheilte. Nun flog Caleb nach dem Hauptlager, warf ſich zu Sir Arthurs Füßen und flehte um das Leben der Verbrecher. General Wellesley bewunderte Ca⸗ lebs Edelmuth und ſprach:„Edler Mann! Ihr habt viel Verdienſt um England erwor⸗ ben, und nie läßt dieſes das Verdienſt unbelohnt. Ich will im Namen meines Vaterlandes die 42— Schuld abtragen. Was ich thue, hoffe ich bei meinem Bruder, dem General⸗Gouver⸗ neur in Calcutta zu verantworten, dem es auch daran liegen muß, kein Verdienſt unbe⸗ lohnt zu laſſen. Ich ernenne Euch hiermit zum Oberbraminen und Oberrichter in On⸗ gole, und nehme Euern Handſchlag an Ei⸗ desſtatt für Eure Treue. Die Beiſitzer des Gerichtes mögt Ihr nach Eurem Gutdünken wählen. Hier dieſe goldene Denkmünze tragt als ein Andenken für die Rettung jener Pa⸗ rias⸗Familie. Sie iſt der Lohn, den die oſtindiſche Kompagnie auf Menſchenrettung ſetzt, wenn eine ſolche That belohnt werden kann. Uebrigens ſei das Schickſal des Ober⸗ braminen und ſeines Anhanges in Eure Hän⸗ de gegeben. Wollt Ihr den Elenden das Leben ſchenken, ſo ſei es, aber beſtraft müſ⸗ ſen ſie auf jeden Fall werden.“ Caleb dankte gerührt, bat aber, die oberſte Stelle in Ongole von ſich ablehnen zu können, indem er ſeine künftigen Tage in Ruhe verleben wollte; er ſchlug daher einen andern Braminen zu dieſer Stelle vor, der — — ———— — 45— General bewilligte ſeinen Vorſchlag, und gab ihm die ſchriftliche Vollmacht, ſowohl das Gericht in Ongole nach ſeinem Gutdünken zu errichten, als auch unbedingt mit den Verbrechern zu verfahren. Eiligſt reiſte nun Caleb zurück und zeigte dem Oberſten die Vollmacht des Generals vor; dieſer ließ ſogleich die Verbrecher vor⸗ führen und redete ſie wie folgt, an:„Elende Verräther! daß euer Verbrechen den Tod verdient hat, iſt euch bewußt; hier in den Händen dieſes edlen Mannes, den ihr um ſeine Ehre, vielleicht um ſein Vermögen und Leben zu bringen Willens geweſen, liegt auf Befehl des befehlshabenden Generals euer Schickſal, welche Strafe er über euch verhän⸗ gen wird, die ſoll euch unverzüglich werden!“ Da ſtürzten die Verbrecher zu Calebs Füßen, der ſie gerührt, mit Thränen in ſei⸗ nen Augen, aufhob und im ſanfteſten Tone zu ihnen ſprach:„Was ihr an mir gethan, habe ich euch längſt verziehen und vergeſ⸗ ſen; was übrigens das Verbrechen gegen eu⸗ re Herrſchaft, welcher ihr Treue zugeſchworen —- 42— habt, betrifft, ſo verdient es Strafe. Das Bewußtſeyn, gefehlt zu haben, und die Reue, die eurer That folgen wird, ſei eure Strafe. Gehet hin zu den Eurigen zurück, werdet in Zukunft gute Bürger und treue Unterthanen eurer Herrſchaft!“ „Eine hochſt edle Rache!“ rief der Oberſt Achmuty. 1 Caleb ſetzte darauf einen edlen Brami⸗ nen zum Oberprieſter, gab ihm rechtſchaffene Männer als Beiſtände ſeines Richteramtes, und ging dann, da es bald darauf Friede wurde, nach ſeiner Wohnung zu Secundera⸗ bad zurück, wo er ferner im Wohlthun ſeiner Mitbrüder ſeine Tage verlebte. Noch vor ſeinem Tode, der im Jahre 1816 erfolgte, hatte er die Freude, ſeine Tochter Iduma an den oberſten Braminen in Benares, einen biedern, aufgeklärten Mann, verheirathet zu. ſehen. Der treue, dankbare Mutoo blieb bis an ſeinen Tod bei ſeinem Lebensretter, und wurde dann mit ſeiner Familie von Iduma verſorgt.—— MPrinzAlly. (Ein Seitenſtuͤck des Vorigen.) Der Koͤnig von Golconda, eines der mächtigſten Reiche Oſtindiens dieſſeit des Ganges, ſaß in ſeinem Divan, umgeben von den Großen ſeines Reiches, theils Nachfol⸗ ger der Lehre Mahomeds, theils Schüler des Gottes Brama, aus denen der hohe Rath beſtand, um ſich mit ihnen über das Wohl des Staats zu berathſchlagen; da trat der eine Vorſteher der Eunuchen und Auf⸗ ſeher des königlichen Serails ein, warf ſich zu den Füßen des Königs und ſprach:„Al⸗ lah und ſein Prophet Mahomed ſegne Dich, Abdul Hamet, Du König der Kö⸗ nige! Lange mögeſt Du zum Wohl des Rei⸗ — 46— ches herrſchen! Die Sultanin Fatime hat ſo eben einen Prinzen geboren!“ „Gelobt ſei Allah und ſein Prophet!“ rief der König und freute ſich über die Nach⸗ richt, und mit ihm die Mitglieder des hohen Raths.— Haſtig öffnete ſich jetzt die Thüre des Saals und herein ſtürzte der zweite Vor⸗ ſteher der Verſchnittenen und Aufſeher des königlichen Harems, fiel vor Abdul Ha⸗ met nieder und ſprach:„Lange lebe, König, Liebling Allah's und ſeines Propheten, groſ⸗ ſer Beherrſcher Golconda's! Die Sultanin Elvire hat Dir und dem Reiche ſo eben 1 einen Prinzen geſchenkt!“ ,„Soch geprieſen ſei Allah und ſein Pro⸗ phet!“ rief der König und Freude überſtrahlte ſein Antlitz; doch bald ſiel er in ein tiefes Nachdenken, Stille herrſchte allgemein im Saale, die endlich Abdul Hamet mit fol⸗ genden Worten unterbrach: „Ihr meine getreuen Räthe, Stützen mei⸗ nes Reiches, ihr habt ſo eben die doppelt freudige Botſchaft meines Glückes vernommen, aber eben ſo wenig wird euch meine Verle⸗ — . genheit verborgen geblieden ſeyn, in die mich dieſer glückliche Zufall verſetzt. Zwei Prin⸗ zen ſi ſind mir in einer Stunde, vielleicht in einer Minute geboren worden, welchen von Bei⸗ den, wenn Allah ſie mir erhält, kann ich, ohne den Andern zu verkürzen und ihm folg⸗ lich ohne Unrecht zu thun, einſt zu meinem Nachfolger beſtimmen? Ich erwarte darüber euern weiſen Rath.“ Alles ſchwieg. Da ſtand endlich ein al⸗ ter, ehrwürdiger Bramine auf und ſprach: „Freude Deines Volkes! Statthalter des weiſeſten Gottes! Nur dem Würdigſten Dei⸗ ner Söhne, die Schiwen erhalten möge! ge⸗ hört einſt Golconda's Thron.“ „Wohl geſprochen, weiſer Vencutaſhé!“ ſagte der König;„ſo ſei es, nur der Wür⸗ digſte ſei mein Nachfolger!“ Beide Prinzen Huſſein und Ally wur⸗ den nun ſorgfältig erzogen, die weiſeſten Männer des Reichs waren ihre Lehrer, und Beide an Geiſt und Körper waren bald die Zierde und Hoffnung Golconda's— An ih⸗ rem zwanzigſten Geburtstage berief ſie der — 48— Pater vor ſich und redete ſie folgendermaſſen an:„Eure Erziehung, meine Söhne, iſt von heute an vollendet, und eure Lehrer ſi ind entlaſſen; dennoch bleibt euch noch vieles zu lernen übrig, beſonders Kenntniß des Men⸗ ſchen. Ich habe daher beſchloſſen, daß ihr fremde Länder beſuchen ſollt, und ſchon mor⸗ gen werdet ihr eure Reiſe antreten. Ein Jeder kann ſich wählen, wo er hinzureiſen gedenkt; für eure Begleitung iſt geſorgt. Heut über zwei Jahre erwarte ich euch mit Sehnſucht wieder.“ Er entließ ſie, und am andern Morgen reiſten beide Prinzen ab; einem Jeden war ein Vertrauter des Königs mitgegeben, wel⸗ cher, dem Prinzen unbewußt, auf jede ſeiner Handlungen genau aufmerken mußte. Nach Verlauf von zwei Jahren auf den beſtimmten Tag trafen beide Prinzen wieder in Hyderabad, der Reſidenz ihres Vaters, ein, der am andern Tag ſogleich den hohen Rath berief, in welchem die zwei vertrauten Begleiter der Prinzen zu erſcheinen befehligt wurden. Der Köoͤnig befahl jetzt Juſſuf, dem —:—-⸗ — 49— dem Begleiter des Prinzen Huſſein, Re⸗ chenſchaft über die Handlungen des Sohnes der Fatime abzulegen. Juſſuf begann: „Der Prinz Huſſein reiſte von hier nach Ispahan, der Reſidenz des Schachs von Perſien, wo er ſeinem Range gemäß aufgenommen wurde. Sein erſtes Geſchäft war täglich, die Schule des weiſen Sophiea zu beſuchen, und bald war er jenes Weiſen beſter Schüler. Als der Schach in einen Krieg mit dem türkiſchen Sultan verwickelt wurde, begleitete der Prinz die perſiſche Ar⸗ mee als Freiwilliger und ſeine Tapferkeit war ohne Grenzen; denn nur da war der Sieg, wo der Prinz von Golconda war. Doch vergaß er als Held nie die Menſchlich⸗ keit. Tauſende der beſiegten Feinde haben ihr Leben ihm zu verdanken; manche Familie, durch den Krieg in Armuth geſtürzt, verdankt Huſſein jetzt ihr nahrungsſorgenloſes Leben, wo er erſchien, floh Noth und Mangel, und ſo geehrt und geliebt von Allen, die ihn nur kannten, mit Kenntniß bereichert, mit Muth und Tapferkeit beſeelt, reich an Verdienſt D und Tugend, kehrte Prinz Huſſein in ſeine Heimath zurück.“— So Juſſuf. Jetzt trat Motuzan, der Begleiter Al⸗ ly's, des Sohnes Elvirens, vor und ſprach, wie folgt: „Nach dem Koönigreiche Pegu richtete Prinz Ally ſeinen Weg. Mit allem Glanze, würdig dem edlen Sohne eines mächtigen Kö⸗ nigs, wurde er von dem Regenten jenes Reiches empfangen, und da er dieſem durch ſeinen Muth und Gegenwart des Geiſtes auf der Jagd das Leben mit der Gefahr des ſeinigen rettete, erhielt er deſſen Freundſchaft; dieſes erweckte ihm viele Neider und Feinde, unter denen ſich beſonders Prinz Nadir, ein naher Verwandter des Königs, auszeich⸗ nete, der ſeinen Haß ſo weit trieb, daß er mehrmalen dem Prinzen Ally nach dem Le⸗ ben trachtete. Als ſich Nadir bald darauf mit mehreren Großen in eine Verſchwörung wider den König einließ, ſo wurde er, als dieſes Verbrechen entdeckt wurde, mit ſeinen Anhängern in's Elend verwieſen, und ihr ſämmtliches Vermögen eingezogen. Prinz *r— Ally durchreiſte nun die Königreiche Tangu, Arraccan, Siam und die Küſte von Mallaka, überall machte er ſich mit den Sitten und Gebräuchen der Völker bekannt, machte ſich ihrer Tugenden theilhaft, und verabſcheute ihre Laſter. Als wir uns wieder dem Kö⸗ nigreiche Pegu nahten, fanden wir in einer Wüſte den in's Elend verbannten Prinzen Nadir, in der größten Noth und Mangel; als er Ally erkannte, wollte er aus Schaam und Reue ſich entfernen, aber Ally erreichte ihn, ſchloß ihn in ſeine Arme, Thränen des Mitleids ſtrömten von ſeinen Wangen; er verzieh ihm nicht allein, ſondern überhäufte ihn noch mit Wohlthaten, indem er über die Hälfte ſeiner Schätze ihm reichte; damit nicht genug, bewirkte er beim Könige von Pegu Verzeihung für Nadir und deſſen Zurückbe⸗ rufung aus dem Elende. Darauf“— „Halt!“ rief der König,„Ally iſt mein Nachfolger; denn wer nicht allein ſeinem Tod⸗ feind verzeihen, wer ihm noch Wohlthaten erzeugen kann, der iſt des erſten Throns der Welt werth.“ —— D 2 Charles Denoi, 25. oder das Vorgefühl des väterlichen Herzens. Charles Denoi, ein junger, reicher Privatmann in der Gegend von Lyon, ob⸗ gleich er die Greuel der Revolution von Her⸗ zen verabſcheute, welche damals im Anfange jener merkwürdigen Kataſtrophe häufig vor⸗ ſielen, glaubte ſich doch verbunden, ſeinem Vaterlande dienen zu müſſen, und trat daher als Offizier bei der Armee der neuen Re⸗ publik Frankreichs ein. Bald lenkte der jun⸗ ge Mann, dem wahre Tapferkeit eigen war, und die er bei jedem Vorfalle äußerte, die Aufmerkſamkeit ſeiner Vorgeſetzten auf ſich, und ſah ſich bald zum Oberſten befördert. Die ſiegreiche Armee der Franzoſen rückte — 53— in Mailand ein, und Denoi erhielt ſein Ouartier i im Hauſe des Kaufmanns Gabelli. Herr Gabelli war kinderlos und eine Nichte, Laurette Calderoni, beſorgte deſſen Haushaltung beſtens. Schön war Lau⸗ rette, und eine ſorgſame, zweckmäßige Er⸗ ziehung ihr geworden; ſo hatte ſie die Natur bei angebornem Verſtande und der Sorge ihres Vormundes reichlich ausgeſtattet, ob⸗ gleich das Glück ihr Reichthum verſagte und ſie völlig von der Güte des Herrn Gabelli lebte. Charles Denoi hatte noch nie geliebt, aber bei dem Anblick Laurettens regte ſich dieſe Leidenſchaft in ſeinem Herzen, und als er das Mädchen näher kennen lernte, da be⸗ ſchloß er auch ihre Gegenliebe zu erringen, und ſie zu der Gefährtin ſeines Lebens zu machen. Er entdeckte ſich ihr, und Lau⸗ rette geſtand dem jungen, ſchönen, von Je⸗ dermann geliebten Manne, daß auch er ihr nicht gleichgültig ſei. Der heilige Bund der Liebe war geſchloſſen, und Herr Gabelli, dem das Glück ſeines Mündels am Herzen —-— 54— lag, billigte dieſe Liebe. Charles beſchloß daher, ſo bald es Friede ſeyn würde, ſeine geliebte Laurette als ſeine Gattin auf ſei⸗ ne anſehnlichen Güter zu führen.— Frank⸗ reichs Krieger verfolgten den Feind weiter, Charles mußte ſich daher von ſeiner Ge⸗ liebten trennen. Den Abend vor der längſt gefürchteten Stunde der Trennung brachten die Liebenden einſam im Garten des Hauſes zu, und das Gefühl überraſchte die Sorglo⸗ ſen— „Das allgemeine Loos „Der Menſchheit— ſchwach zu ſeyn, „War ihr Verbrechen bloß.“ Charles ſchied am andern Morgen in der ſüßen Hoffnung, bald ganz Lauretten die Seine nennen zu können. Aber wie oft wird nicht die Hoffnung des Sterblichen zer⸗ nichtet? Tapfer focht Denoi im erſten Tref⸗ fen gegen die Oeſtreicher, hatte aber das Unglück, ſchwer verwundet in die Hände der Feinde zu fallen, und als Gefangener, erſt halb von ſeinen Wunden geneſen, tief in Un⸗ garn nach einer Feſtung gebracht zu werden. „ —p Hier angekommen, brachen ſeine Wunden auf's Neue auf und acht Monate ſchwebte Charles zwiſchen Leben und Tod; endlich ſiegte ſeine unverdorbene Natur, er genaß; aber Nachricht von Lauretten einzuziehen und an ſie zu ſchreiben, war ihm unmöglich. So vergingen noch fünf Monate, da wurde Denoi ausgewechſelt, auch war der Friede mit Oeſtreich geſchloſſen, und Charles flog auf den Flügeln der Liebe nach Malland. Aber ſchrecklicher Vorfall! Herr Gabelli war geſtorben und Laurette nach deſſen Tode verſchwunden; alles Nachforſchen nach ihr war vergebens, Niemand konnte ihm Nachricht von ihr geben. Charles durch⸗ ſtreifte Italien and die angrenzenden Länder, aber leider fand er keine Spur der theuren Vermißten. Nachdem er zwei volle Jahre vergebens ſeine Geliebte geſucht hatte, ent⸗ ſchloß er ſich, auf ſeine Güter zu ziehen, und dort ganz dem Andenken Laurettens zu leben. Hier war Denoi ganz der Vater ſeiner Unterthanen, und würde ganz glücklich, ver⸗ ehrt und geſchätzt von ihnen, in ihrer Mitte gelebt haben, wenn nicht der Gedanke an Lauretten oft ſeine heiteren Stunden ge⸗ trübt hätte. Er blieb unverheirathet, weil er keine Liebe mehr für ein weibliches We⸗ ſen in ſeinem Herzen, in dem das Bild ſei⸗ ner verlornen Geliebten nie ſich verwiſchte, fühlen konnte. So waren zwei und zwanzig Jahre ver⸗ floſſen, als Denoi im September 1814 ei⸗ nen jungen Offizier in's Quartier bekam, der durch ſein Betragen und durch ſein leut⸗ ſeliges Weſen ihm mit jedem Tage theurer wurde. Der Gaſt ſeinerſeits fühlte ſich auch durch ein unnennbares Etwas zu ſeinem Wir⸗ the hingezogen. Zwiſchen Beiden entſpann ſich eine innige Freundſchaft. Als Herr Denoi eines Tages den Offi⸗ zier um den Namen ſeiner Eltern fragte, gab derſelbe vor, daß er, als älternloſer Knabe, von Fremden auferzogen, denſelben nie gehört habe, und beobachtete überhaupt in dieſem Punkte ein tiefes Stillſchweigen. eͤ 5 8. 8. 5 3 ——. — 57— Aus Furcht, ſeinen lieben Gaſt zu betrüben, fragte Herr Denvi nicht weiter. Als aber einſt in deſſen Abweſenheit der Briefträger einen Brief an ihn überbrachte, und Herr Denoi die Handſchrift auf der Adreſſe ſah, wurde er auf's Höchſte über⸗ raſcht. Kaum war ſein Gaſt nach Hauſe gekommen, ſo führte er ihn in ſein Kabinet, und nachdem er ihm den Brief eingehändigt hatte, beſchwor er ihn, ihm zu ſagen: Ob ſeine Mutter nicht eine Malländerin ſei; ob ſie nicht Laurette Calderoni heiße, und in den erſten Feldzügen von Italien von ei⸗ nem franzöſiſchen Offizier geliebt worden, und von demſelben Mutter geworden ſei? Jene Frage ſetzte den jungen Mann in das größte Erſtaunen, er kann nicht länger wi⸗ derſtehen und ſtammelt endlich, daß dem ſo ſei. Herr Denoi, im Uebermaß des höch⸗ ſten Entzückens, fällt dem Offizier mit den Worten um den Hals:„Ich bin Dein Va⸗ ter!“ Nun erfährt er, daß das Opfer ſeiner Liebe, ſeine ihm unvergeßliche Laurette, . — 58— noch lebt und frei iſt. Eiligſt nimmt er auf der Stelle Poſtpferde und fliegt mit ſeinem Sohne dem Orte zu, wo Laurette lebt, und immer noch den Verluſt ihres Charles bedauert. Er kommt an— wer ſchildert das Wiederſehen der Beiden, bei denen nach ſo manchen Jahren die Liebe noch nicht erlo⸗ ſchen war? Laurette, jetzt erſt ſechsunddreiſſig Jahre alt, noch immer mit Reizen begabt, erzählt ihrem Geliebten, daß die Schande, ſich Mut⸗ ter zu fühlen, ohne Gatten zu wiſſen, ſie nach dem Tode ihres Wohlthäters Gabelli, der bald nach Denoi's Abreiſe erfolgt ſei, verleitet habe, Mailand zu verlaſſen, und mit der Erbſchaft, die ſie aus Gabelli's Nachlaſſe erhalten, in Como zu leben, wo ſie ſich als Wittwe betrachtet, indem ſie fälſch⸗ lich den Tod ihres Charles erfahren, ganz der Erziehung ihres Sohnes gewidmet habe. Nach wenigen Tagen vereinigte die Kir⸗ che auf ewig die, welche die Liebe ſchon frü⸗ —— — * her zuſammengeführt hatte. Alle Welt lobte das edle Betragen des Herrn Denoi, nur ſeine Verwandten nicht, die ſchon im Geiſte die reiche Erbſchaft des Hageſtolzen unter ſich getheilt hatten. Wigo der Kuühne, aaan bder die Freiſchützen in Böhmen. (Eine Erzaͤhlung aus dem XVII. Jahrhunderte.) 8—ñ 3 1. 3 (Dorf Grautnow ohnweit Pilſen in Boͤhmen. Wirthshaus. Mehrere Gaͤſte ſitzen und ze⸗ chen. Im Hintergrunde Wigo in Jaͤger⸗ kleidung nebſt zweien ſeiner Freiſchuͤtzen.) 5 Ein Viehhändler ausPilſen. Ja, wie geſagt, wenn die ſaubere Wirthſchaft unſers Kreishauptmannes noch ein Jahr ſo fort geht, ſo ſind wir Bürger in Pilſen alle Bettler, und können in die neue Welt wan⸗ dern! Steuern und Abgaben nehmen kein Ende. Da heißt es immer: der Kaiſer braucht .— 61— Geld! Der gute Kaiſer bekommt davon das Wenigſte, das Meiſte verpraßt ſein feiner Stellvertreter. Wigo. Aber warum klagt ihr nicht beim Kaiſer in Wien? Der Viehhändler. Wer, mein lieber Waidmann, kann von uns bis dahin kom⸗ men? Und ſollte es geſchehen, ſo ſteckt unſer Bürgermeiſter und Rath mit dem Kreishaupt⸗ mann unter einer Decke, und ſo behält un⸗ ſer einer Unrecht bei dem größten Recht, 4 wird noch obendrein ein Rebelle geheißen,et und baß gezüchtigt, und das ſaubere Weſen wird dann noch ärger. 5 Ein Bauer. Ei, ſo hängt den Schin⸗ 1. ——— der auf! Der Viehhändler. Wollte gern den Strick allein bezahlen, wenn es ſo weit kä⸗ me!— Doch ich muß aufbrechen, will noch nach Stadoneck in's Gebirge, um ein Paar Ochſen dort zu kaufen. Ein Bauer. Da nehmt Euch vor den Freiſchuͤtzen in Acht, die dort umher hauſen. Der Wirth. Habt deßwegen nichts zu . fürchten, Gevatter; die thun Euch nichts zu Leide; wegen ihnen könnt Ihr Euer Geld offen im Hute tragen, und den Groſchen, den ſie Euch nehmen, bezahle ich mit einem Ducaten. So etwas duldet ihr Hauptmann, Wigo, nicht; der hält gar ſtrenge Ordnung unter ſeinen Leuten, nimmt nur den Großen, die ihr Gut mit Unrecht erlangten, und gibt davon reichlich den Armen. Ein Freiſchütze(leiſe zu Wigo). Hört Ihr Euer Lob, Hauptmann? Der Viehhändler. Der ſollte einmal hinter unſern Kreishauptmann kommen.— Möchte ihn doch kennen, man hört ſo viel von ihm bei uns in der Stadt. Der Wirth. Den kennt Niemand, auſ⸗ ſer ſeine Leute. Bald iſt er ein Jäger, bald ein Bauer, bald wieder ein Baron und Graf; ja manchmal gar ein Mönch. Es ſoll ein ſtattlicher Mann ſeyn, kaum 26 Jahre alt. Ein Bauer. Uns hier iſt er von groſ⸗ ſem Nutzen, denn ſo lang er mit ſeiner Ban⸗ de hierherum hauſet, brauchen wir nicht un⸗ — 63— ſere Felder Tag und Nacht vor dem Wilde zu hüten, er macht es dünne. Ein Krämer. Aber duldet denn das die Obrigkeit? Der Wirth. Iſt freilich ſchon manches Streifkommando von Piſeck und Pilſen ge⸗ gen ihn ausgezogen, er hat aber die Com⸗ mishelden allzeit mit blutigen Köpfen heim⸗ geſchickt. Der Viehhändler. Nun, ich will es wagen, viel kann er mir nicht nehmen. Wigo. Ich gehe auch nach Stadoneck, da können wir mit einander wanderr. Der Viehhändler. Soll mir lieb ſeyn! (Er geht mit Wigo und den Freiſchuͤtzen ab.) Ein Bauer. Wollt' wohl meine beſte Kuh im Stalle verwetten, das waren Frei⸗ ſchützen! Der Wirth. Halt's Maul! Was geht das uns an? 9 2 Schon hatte die Sonne ihren Lauf auf dieſem halben Erdenrunde vollendet, und ein⸗ zelne Sterne ſchimmerten bereits am azurnen Himmelsgewölbe, da ſchritt Wigo mit ſei⸗ nen Gefährten und dem Viehhändler einem engen Paſſe, der nach dem Gebirge führte, zu. „Wer da?“ rief die Schildwache der Freiſchützen⸗Bande, die hier aufgeſtellt war, den Ankommenden zu. „Der Hauptmann!“ antwortete einer der Begleiter Wigo's. „Heiliger Johann von Nepomuckl“ rief der Viehhändler.„Da bin ich ſchoͤn in die Traufe gerathen! Hier, geſtrenger Hauptmann, iſt mein Geld, es ſind 110 Gulden, nehm' es der Herr in Gottesna⸗ men, und laß er mir das Leben!“ Wigo. Ja, ich bin Wigo der Frei⸗ ſchützen⸗Hauptmann, den Ihr kennen zu ler⸗ nen gewünſcht habt. Behaltet Euer Geld, und geht mit Gott! Dieſer Pfad führt Euch den geraden Weg nach Stadoneck, und kommt Ihr nach Haus, ſo grüßet den Kreishaupt⸗ mann von mir, und ſagt ihm, daß ich ihn nächſtens beſuchen würde. Der Viehhändler. Der wird wahr⸗ haftig! kein ſo großes Vergnügen, wie ich, nach — nach Eurer Bekanntſchaft tragen.— Ich be⸗ danke mich für das gute Geleite, und werde Eure Großmuth zu rühmen wiſſen.“— Mit einem freudigen„Hurrah!“ wurde Wigo von den Seinigen, die hier, an 150 Mann ſtark, in einem Gebirgsthale gelagert waren, empfangen. Wild, die Beute des heutigen Tages, lag hier aufgehäuft. Man nahm davon, was die Bande zu ihrer Noth⸗ durft brauchte, und das Uebrige wurde an ſichere Abnehmer überliefert. Ein Freiſchütze führte einen jungen, gut gekleideten Menſchen vom beſten Anſehen vor Wigo. 1 Der Freiſſchütze. Dieſen hier fand ich heute im Gebirge, er ſcheint mit dem Schick⸗ ſale zu hadern, und wünſcht unter uns auf⸗ genommen zu werden. Wigo betrachtete aufmerkſam den jungen Menſchen, und ſprach dann zu ihm:„Ddu wünſcheſt unter uns aufgenommen zu werden? Haſt Du aber auch bedacht, was es heißt, ein Freiſchütze zu ſeyn? Wir leben in den Wäldern ohne Obdach, kämpfen mit den E — 66— Elementen, leiden oft Mangel an den erſten Bedürfniſſen des Lebens, wir ſind ausge⸗ ſtoßen von aller menſchlichen Geſellſchaft, verachtet von ihr, geächt und vogelfrei; ſind ſtets von der Juſtiz und ihren Dienern ver⸗ folgt, und dann iſt am Ende oft ein ſchmäh⸗ licher Tod das Loos des Freiſchützen.— Bin⸗ det Dich noch das kleinſte Band an die Men⸗ ſchen, dann kehre zu ihnen zurück, und haben ſie Dich auch gekränkt, ſo vergib den Schlechten um der Beſſern wegen. Nur der taugt zu ei⸗ nem Freiſchützen, den kein Band mehr an die Menſchheit feſſelt, der Alles verloren, und nicht den geringſten Erſatz zu hoffen hat.“ „ Höre meine Leidensgeſchichte, Haupt⸗ mann,“ rief der junge Menſch,„und ich bin gewiß, Du wirſt mich nicht verſtoßen.“ „Wohlan!“ ſagte Wigo,„komm' in mein Zelt, dort bei einigen Erfriſchungen, wie ſie der Haushalt eines Freiſchützen⸗Haupt⸗ mannes vermag zu geben, will ich Dich hö⸗ ren, und ſteht es in meiner Macht, ſo ſei Dir meine Hilfe, wenn Du ſie verdienſt, gewiß. Komm'!“ * — 3.— Wigo bewirthete ſeinen Gaſt und for⸗ derte ihn nun auf, ihm ſeine Lebensgeſchichte mitzutheilen. Dieſer begann: „Ich ſtamme aus einem der edelſten Geſchlechter Böhmens, und Julius von Staudinitz iſt mein Name. Als der älte⸗ ſte Sohn, kamen mir einſt nach dem Tode meines Vaters unſere Güter zu, und ich ging nach Wittenberg, dort einige Jahre zu ſtudieren. Bei meiner Rückkunft wollte mein Vater mir eines ſeiner Güter abtreten, und ich ſollte mich dann mit Emilien von Sol⸗ deck, über die mein Vater Vormund war, die in unſerm Hauſe lebte, die ich längſt liebte und von ihr wiedergeliebt wurde, verbinden. Zweckmäßig und mit Nutzen brachte ich meine Zeit in Wittenberg zu, und mein Betragen war in Allem untadelhaft. Dennoch wußte mein Bruder Wenzel, der auch Emi⸗ lien liebte, von Neid, Eiferſucht und Geiz getrieben, durch falſche, untergeſchobene Brie⸗ fe und beſtochene Zeugen, als wäre ich der liederlichſte, allen Laſtern ergebene Menſch, . E 2 — 68— mir die Liebe meines Vaters zu entziehen, und ſeinen Fluch mir zu bewirken. Ich wollte mich, mit den beſten Zeugniſſen verſehen, rechtfertigen, wurde aber nicht vor meinen Vater gelaſſen und mit Schimpf und Schan⸗ de aus dem väterlichen Hauſe getrieben. So irrte ich, obgleich unſchuldig, als ein Böſe⸗ wicht gebrandmarkt hilflos umher, beladen mit dem väterlichen Fluche. Er ſtarb, mein Vater) vor einem Monat, ohne ſeinen Fluch zu widerrufen, enterbte mich und zwang noch auf ſeinem Todesbette Emilien, die Braut mei⸗ nes Bruders zu werden, der ſie nach der Trauer⸗ zeit von drei Monaten als ſeine Gattin heim⸗ führen wird. So ſtahl nicht allein mein heim⸗ tückiſcher Bruder mir die Liebe meines Va⸗ ters, gebar mir ſeinen Fluch, raubte mir mein väterliches Erbe, machte mich zum Bettler; ſondern ſtiehlt mir noch meinen größten Schatz, meine Emilie, in deren Augen ich allein, was ich wirklich bin, als unſchuldig erſcheine. Jedermann flieht mich als einen, mit dem väterlichen Fluche beladenen Böſewicht, ohne Hilfe, ohne Verſorgung, ohne eine Ausſicht dazu, bin ich von den Menſchen ausgeſtoßen. Bleibt mir dann noch eine andere Wahl, als Dich zu bitten, mich bei Dir aufzunehmen?“ „Dein Schickſal rührt mich,“ ſprach Wi⸗ go, als Julius geendet hatte.„Bleibe einſtweilen als Gaſt bei mir, als mein Freund; vielleicht finde ich in Kurzem Mittel, Dir zu helfen; wo nicht, dann iſt es immer noch Zeit für Dich, in unſere Mine arigeneua men zu werden.“ Julius willigte ein, und Wigo, 8 Menſchenkenntniß reichlich beſaß, mündigte ihn ſeiner Freundſchaft. am 4. . 1 1 2 Martin, ein alter Freiſchitze, der in der Gegend von Piſek Wildpret abgeſetzt hatte, meldete am andern Morgen an Wi⸗ go, daß ein Kommando von 200 Mann von Piſek aus, gegen ſie zu ſtreifen, beor⸗ dert ſei, und werde ſchon den andern Tag in Woltitz, wo bereits der Kommandant deſ⸗ ſelben, ein Oberſtlieutenant„ im Wirthshauſe angelangt, eintreffen. 1 — 270— „Alſo ſchon wieder ſoll Blut vergoſſen werden?“ rief Wigo mißmuthig.„Doch dießmal will ich ſehen, ob ich die Helden von der Muskete ohne blutige Köpfe heim⸗ ſchicken kann!“ Wigo befahl daher ſogleich, alle Frei⸗ ſchützen einzuberufen und gab an Nicolaus Platſchek, ſeinem Lieutenant, das Kom⸗ mando mit Verhaltungsbefehlen über. Er und Julius, Beide in der Kleidung böh⸗ miſcher Edelleute, mit zwei Freiſchützen als Diener, Alle zu Pferd, nahmen ihren Weg nach Woltitz und kehrten dort in dem Wirths⸗ hauſe ein. In der aſtſtube fanden ſie den Obriſt⸗ lieutenant; Wigo grüßte ihn und ließ ſi ich ſogleich mit ihm in ein Geſpräch ein. „Ich bin,“ ſagte er,„der Baron von Kleber und beſitze ein Gut drei Meilen von hier. Seit Kurzem hat ſich eine Frei⸗ ſchützen⸗Bande dort herum niedergelaſſen, die mir, da ſie alles Wild hinwegſchießt, auch ſonſtige Räubereien ausübt, den größten Scha⸗ den zufügt; ich bin daher auf dem Wege —— nach Piſek, dort den kommandirenden Gene⸗ ral zu bitten, eine Streife gegen das Geſin⸗ del auszuſchicken.“ „Da können der Herr Baron den Weg ſparen,“ ſprach der Oberſtlieutenant.„Es iſt bereits von Piſek aus eine Streife gegen die Bande befehligt und wird in wenigen Stunden hier eintreffen; ich habe das Kom⸗ mando darüber, und werde bald den Bur⸗ ſchen das Handwerk legen.“ „Ei! das iſt ſchön!“ rief Wigo,„da werde ich Sie einen Weg führen, wo Sie ohne weiters die ganze Bande aufheben kön⸗ nen, ich weiß, wo ſie ihr Lager hat und ken⸗ ne die Gegend genau.“ „Sie werden mir einen großen Gefallen dadurch erzeigen!“ erwiederte Jener. Bald darauf traf das Kommando, an 200 Mann ſtark, im Dorfe ein. Nur eine Stunde wur⸗ de ihm auszuruhen erlaubt, dann ging unter Wigo's Anführung der Zug weiter. Nach dem Gebirge in ein enges, von Hügeln und Felſen umringtes Thal führte Wigo den Getäuſchten mit ſeiner Mann⸗ — 22— ſchaft. Als man in der Mitte angekommen war, rief plötzlich der Freiſchützen⸗ Haupt⸗ mann dem Zuge ein donnerndes„Halt!“ zu, ſtieß in ein Hüfthorn und im Augenblicke wimmelte Felſen und Hügel voll von Frei⸗ ſchützen, die ihre Stutzen auf ihre Gegner angeſchlagen hatten, welche erſchrocken wie Bildſäulen daſtanden.„Ergeben Sie ſich!“ rief Wigo dem Kommandanten zu,„Sie ſehen, ein jeder Schuß meiner Leute— denn ich bin Wigo der Freiſchützen⸗Hauptmann— würde einen der Ihrigen ſicher treffen, und keiner ſollte entrinnen.— Ich verſpreche Ih⸗ nen freien Abzug, und behalte mir nichts vor, als die Munition Ihrer Leute, deren jeder Mann 60 Patronen mit ſich führt. Die⸗ ſe geben Sie hier ab, und ſogleich ſteht Ih⸗ nen dann der Abzug frei.“— Der Oberſtlieutenant ſah ein, daß hier Gegenwehr den unvermeidlichen Tod herbei⸗ führen würde, verfluchte, daß er ſich ſo ſchänd⸗ lich hatte täuſchen laſſen, und fing an mit Wigo zu unterhandeln. Dieſer beſtand auf ſeiner Forderung und man mußte ſich beque⸗ — —„—— men. Die Munition wurde daher niederge⸗ legt, und die Kommishelden nahmen ihren Rückzug, wozu ihnen die Freiſchützen aus ihren Hörnern ein Valet bließen. 5. „Nun werden wir einige Zeit Ruhe ha⸗ ben!“ ſprach Wigo, als man wieder im Lager der Freiſchützen angekommen war. „Ich will daher euch auf kurze Zeit verlaſ⸗ ſen, um zu ſehen, was ich für Dich, Freund Staudnitz, thun kann. Zuvor aber will⸗ ich dem Kreishauptmann in Pilſen einen Be⸗ ſuch abſtatten. Der Oberſchütze Martin, nimmt daher 30 Mann, und trifft morgen Abend um 9 Uhr in der größten Stille und unbemerkt am Landhauſe des Kreishauptman⸗ nes, welches öſtlich, vor der Stadt liegt, ein, beſetzt dieſes, läßt Niemand aus und ein und harret auf ein Signal von mir,— Platſchek übernimmt einſtweilen das Kom⸗ mando hier, ſchickt Leute zur Jagd aus, und läßt die Ruinen der Burg Wiltiz mit 10 Mann beſetzen, einige Lebensmittel dahin⸗ — 14— ſchaffen und eines der Gewölber zum Aufent⸗ halt eines Gefangenen einrichten.“ „Es fehlt ziemlich an Brod und Bier; der Wein iſt ſchon ſeit acht Tagen auf der Neige,“ meldete Platſchek. „So geht Kotſchinski und kauft Brod, und in Gratnow einige Fäſſer Bier,“ be⸗ fahl Wigo;„Melek geht nach dem Kloſter St. Bernhard mit einem Karren und 20 Mann, grüßt den Prior von mir beſtens, und ich ließe mir zwei Fäſſer von ſeinem Wein, den er die vorige Woche erhalten ha⸗ be, ausbitten; in dieſem Falle ſollte er Wild⸗ pret dafür vollauf haben, würde er aber mein Verlangen verweigern, ſo würde ich ſelbſt kommen, und dann bliebe es ructe bei zwei Fäſſern.“ Ferner befahl Wigo den Seinigen den Julius von Staudnitz beſtens an, dem er übrigens verſprach, wo möglich ihm wie⸗ der zu ſeinem Erbtheil und ſeiner Geliebten zu verhelfen, und verließ, beſtens gekleidet, mit einem Diener ſeine Leute, indem er den nächſten Weg nach Pilſen einſchlug. Bald —.,— hernach verließ der Oberſchütze Martin mit 30 Mann das Lager und folgte ihm nach. Kotſchinski ging mit einem Karren, um Brod und Bier in Gratnow zu kaufen, und Melek wanderte mit ſeinen 20 Mann dem Kloſter St. Bernhard zu, um dem Prior Wigo's Gruß zu bringen und den verlang⸗ ten Sorgenbrecher in Empfang zu nehmen; während 24 Mann, um Wild zu fällen, aus⸗ gingen.— 6. Vom erpreßten Schweiße der Bürger von Pilſen lebte der Kreishauptmann Edler von Wolfsberg in ſeinem Landhauſe außerhalb der Stadt in dulci jubilo, nicht ahnend das Schickſal, das ihm ſo nahe bevorſtand; da ward ihm ein Graf von Spauer, der von Wien käme, nach Prag gehe, und ihm aufzuwarten wünſche, gemeldet. Er ließ daher ſogleich den Grafen zum Nachteſ⸗ ſen einladen und ihn bitten, bei ihm ſein Abſteig⸗Quartier zu nehmen. Dieß nahm willig der ſogenannte Herr Graf an, und wurde von ſeinem Wirthe, der dazu noch 16— mehrere Gäſte geladen hatte, beſtens bewir⸗ konnten nicht zu Hilfe kommen. Am andern Morgen war der Herr Graf verſchwunden, aber auch der Kreishauptmann war nirgends zu finden, und nun hieß es allge⸗ mein, der Teufel habe um Mitternacht ihn mit vielem Getöſe geholt, indem er bei ihm als ein Graf eingekehrt ſei. Allein da auch alles Geld und die meiſten Pretioſen fehlten, ſo glaubten doch die Vernünftigen, da Bel⸗ zebub in ſeiner Reſidenz dergleichen Dinge nicht bedürfe, es müſſe mit dem Teufelho⸗ len eine andere Bewandtniß haben. Die Bürger in Pilſen frohlockten, ihren Peiniger, ſei es auf welche Art es wolle, losgeworden zu ſeyn. Der Viehhändler gl⸗ lein traf den Nagel auf den Kopf, indem er ſich an den Gruß erinnerte, den der Frei⸗ ſchützen⸗Hauptmann ihm an den von Wolfs⸗ thet. Man zechte bis beinahe Mitternacht, dann begab ſich Alles zur Ruhe. Plötzlich erhob ſich ein Lärmen im Hauſe, die Die⸗ ner, welche davon erwachten und nachſehen wollten, waren in ihr Zimmer geſperrt und berg aufgetragen hatte; allein er ſchwieg weislich ſtill davon.— Wigo übergab ſeinen Gefangenen an Martin, der ihn mit ſeinen Leuten nach den Ruinen der Burg Wiltiz brachte und ihm eines der Gewölbe derſelben zum einſtweili⸗ gen Aufenthalt anwieß, wo er bei mäßiger Koſt Zeit und Muſe hatte, ſeine Verberchen zu bereuen.— Jetzt ſetzte Wigo mit ſeinem Diener den Weg nach der Burg Staudnitz, wo Wen⸗ zel, Julius treuloſer Bruder, dermalen lebte, ohne Verweilen fort. In einem der Burg nahe gelegenen Dorfe ließ er den Die⸗ ner mit den Pferden und umkreiſte am Aben⸗ de die Burg. Die Thüre eines Parks ſtand offen und er trat ein; da ſchwankte, einem Geiſte ähnlich, ein weibliches Weſen einem Pavillon zu.„Das iſt ſicher Emilie!“ dach⸗ te Wigo und eilte ihr nach. Sie ſtand vor einem Tiſche, und war im Anſchauen eines Miniatur⸗Gemäldes, das Wigo gleich für das Bild ſeines Freundes Julius erkannte, vertieft. Schwere Seufzer ſtahlen ſich tief X — 7 8— aus ihrer Bruſt, und Thränen benetzten das Gemälde.—„Ob er noch lebt, der Unglück⸗ liche?— Ob er noch an ſeine Emilie denkt?“ rief ſie unwillkührlich. „Er lebt! und ſein einziger Gedanke iſt — Emilie!“ ſprach Wigo, der unbemerkt hinter ihr ſtand. „Mächte des Himmels!“ rief Emilie. „Mann, wer biſt Du?“ „Ein Freund Deines Julius, der von ſeiner Unſchuld, wie Du, überzeugt iſt; ſein Abgeordneter an Dich, Dir zu ſagen, daß ſeine Liebe zu Dir nur mit ſeinem Leben en⸗ den würde, und wo möglich will ich euer Retter ſeyn!“ Er übergab ihr ein Schreiben von Ju⸗ lius, nahm darauf Abrede mit ihr, und verließ vor jetzt die Burg. 7. Schlaflos wie alle Verbrecher, mit Schlan⸗ genbiſſen in ſeinem Herzen, wälzte ſich Wen⸗ zel von Staudnitz auf ſeinem weichen Lager umher. Dumpf ſchallte eben die Stun⸗ . — 2729— de der Mitternacht vom bemoosten Kirchthur⸗ me des nahen Dorfes, da erhellte ein fürch⸗ terlicher Blitz das Schlafgemach des Schul⸗ digen, und dann in einem matten Scheine ſtand die Geſtalt ſeines verſtorbenen Vaters vor ſeinem Lager. „Tückiſcher Böſewicht!“ rief mit Grabes⸗ ſtimme der Geiſt,„ſchändlich haſt Du meine Leichtgläubigkeit getäuſcht.— Unſchuldig iſt Julius Dein Bruder an allen Verbrechen, die Du ihn beſchuldigteſt; boshaft entzogſt Du ihm meine Liebe, und brachteſt dem Un⸗ ſchuldigen meinen Vaterfluch herbei.— Nur Reue und Erſatz kann Dich vom ewigen Ver⸗ derben retten. Gib Deinem Bruder ſein Ei⸗ genthum, ſeine Güter und ſeine Braut zu⸗ rück; gehe Du in ein Kloſter und bereue dort Deine Verbrechen.— Wirſt Du binnen dreien Tagen meinen Befehl nicht befolgen, ſo iſt Dein zeitlicher und ewiger Untergang beſchloſſen. In zweien Tagen wird Julius hier eintreffen, dann handle nach meinem Willen und Befehl, oder zittere für die Zu⸗ kunft!!“ — 36— Ein heftiger Blitz erfolgte wieder auf die⸗ 1 Anrede, und der Geiſt war verſchwunden. Wenn ſich der Leſer in die damaligen un⸗ aufgeklärten Zeiten denkt, und beſonders nach Böhmen, wo damals die größte Geiſtes⸗ Finſterniß noch herrſchte, kann er ſich leicht vorſtellen, welche Wirkung die Erſcheinung des Geiſtes auf den, eben nicht aufgeklärten Wenzel, der obendrein ſich noch ſchuldvoll wußte, machte. Er ließ noch in der Nacht Emilien rufen, entband ſie von dem, von ſeinem Vater erzwungenen Worte, und nun nach deſſen vermeintlichem Befehl von allen Verbindlichkeiten gegen ihn, bat ſie, bei ſei⸗ nem Bruder, dem er Alles übergeben wolle, ein gutes Wort zu verleihen, um deſſen Ver⸗ zeihung zu erlangen, und machte alle Anſtal⸗ tten die Burg zu verlaſſen, und ſich nach Prag in das Kloſter der barmherzigen Brü⸗ der zu begeben.— . Julius von Staudnitz, den Wigo durch ſeinen Diener aus dem Lager der Frei⸗ ſchützen eiligſt zu ſich hatte beſcheiden laſſen, traf am zweiten Tag nach der Geiſtes⸗Er⸗ ſchei⸗ . — 81— ſcheinung ein; Wigo begleitete ihn nach der Burg, wo Wenzel ihm ohne Weiters ſein Eigenthum übergab, und ohne den geringſten Vorwurf von Julius zu hören, nach Prag abreiſte. 4 Glücklich war nun Julius von Staud nitz; er war im Beſitz ſeiner Güter, und bald ſollte er ſeine geliebte Emilie die Sei⸗ nige nennen. Glücklich war Emilie, ent⸗ bunden von dem erzwungenen Worte, einen Gemahl zu nehmen, den ſie haſſen mußte, und wieder vereint mit dem, den ſie ſo innig liebte: und alles dieß durch Wigo, der ſich herzlich freute, Gluͤckliche zu machen, obgleich er ſelbſt unglücklich war.— 8. 3 Daß Wigo der Geiſt war, der Wen⸗ zel in der Geſtalt ſeines Vaters erſchien, werden meine Leſer leicht denken können. Schon in ſeiner Jugend liebte er die, damals nur den Möoͤnchen bekannte, Optik, und er⸗ lernte viele Kunſtſtücke aus derſelben. Durch dieſe, und da ihm Emilie ein wohlgetroffe⸗ F — 82— nes Bild des verſtorbenen Baron von S taud⸗ nitz verſchaffte, brachte er leicht dieſe Er⸗ ſcheinung hervor, täuſchte auf dieſem Weg den tückiſchen Wenzel, der ohnehin Gewiſ⸗ ſensbiſſe fühlte, und gab Julius ſeine Gü⸗ ter und ſeine Geliebte wieder. Der dankbare Julius bat Wigo, ſein gefahrvolles Leben aufzugeben, und bei ihm zu leben. „Noch iſt mein Schwur nicht vollbracht, nooch meine Rache, meine höchſt gerechte Ra⸗ che nicht befriedigt. Sollte dieß einſt geſche⸗ hen, dann werde ich in die Arme der Freund⸗ ſchaft eilen, und an ihrem Buſen meine Ta⸗ ge verleben; bis dahin lebt glücklich! Nichts möge mehr eure Tage trüben, erinnert euch manchmal meiner und bedauert den, der ſo gerne Glückliche macht, und doch ſelbſt höͤchſt unglücklich iſt. Einſt ſollt ihr mein trauriges Schickſal erfahren, bis dahin lebt wohl!“ So ſprach Wigo zu Julius und Emi⸗ lien, ſchloß ſie in ſeine Arme, und eilte be⸗ wegt, von ihrem Dank und beſten Segens⸗ — 83— wünſchen begleitet, nach dem Lager der Sei⸗ nigen zu. Ein neuer Kresshaudtmann war indeſſen von Wien in Pilſen angelangt. Dieſer, ge⸗ rade das Gegentheil des Vorigen, unterſuchte ſogleich das Verfahren ſeines Vorgängers und berichtete deſſen Verbrechen nach Wien. Nun glaubte Wigo ſeinen Gefangenen ohne Nachtheil entlaſſen zu können, und ſandte ihn unter einer Begleitung von etlichen Frei⸗ ſchützen bis an das Thor von Pilſen, w dieſelbe ihn nebſt einem Schreiben Wigo's an den neuen Kreishauptmann übergab. „Das Schickſal der Bürger von Pilſen dauerte mich“— ſo hieß es in Wigo's Schreiben—„es zu ändern, mußte der Ur⸗ heber deſſelben entfernt werden.— Ich ent⸗ füͤhrte ihn, und ſende ihn Dir hiermit zurück, da ſeine Verbrechen nun durch Dich enthüllt ſind. In Wien mag er den Lohn für ſeine Schandthaten erhalten. Der Freiſchützen⸗ Hauptmann Wigo.“ Auch wurde wirklich Wolfsberg als Gefangener nach Wien geſandt, und auf F 2 — 34— dem Spielberge bei Brünn endete er nach gerechtem Urtheilsſpruche als Baugefangener ſein Leben. 8 9. Der Freiſhute Melek war in dem Klo⸗ ſter St. Bernhard angelangt, und hatte dem Prior Wigo's Grus und Begehren hinter⸗ bracht. Ohne weiters erhielt er die verlang⸗ ten zwei Fäſſer Wein, da dem Prior bekannt war, daß Wigo bei der Weigerung deſſen ort halten, und dann den wohlgeſpickten Kloſterkeller gänzlich leeren würde. Auch wünſchte er ſich aus gewiſſen Urſachen keines⸗ wegs den Beſuch des Freiſchützen⸗Haupt⸗ manns, und doch ſtand ihm dieſer bevor. Melek hatte im Kloſter zufällig eine Ent⸗ deckung gemacht, und dieſelbe Wigo mitge⸗ theilt.— „Ich will es ohne Verweilen unterſuchen,“ ſprach Wigo,„denn der leidenden Menſch⸗ heit zu helfen und Verbrechen zu beſtrafen, iſt ja eines unſerer erſten Geſetze.“ 3 Er nahm Melek und 30 Freiſchützen, und eilte dem Kloſter zu. In einer kleinen Entfernung ließ er die Schützen, und nur in Meleks Begleitung traf er im Kloſter ein. „Ich komme, Herr Prior, mich für den überſchickten Wein beſtens zu bedanken!“ ſprach er zu dem wohlgenährten Kloſter⸗Vor⸗ ſteher.„Hab' auch dem Kloſter etwas an Wildpret mitgebracht, und will bei dieſer Gelegenheit meine Andacht in Eurer Kirche verrichten, darum bitte ich, obgleich es ſchon ſpät und auſſer der gewöhnlichen Zeit iſt, mir dieſelbe zu öffnen.“ „Wollt Ihr nicht zuvor einige Erfriſchun⸗ gen zu Euch nehmen 2“1 fragte der Prior. „Ich werde Euer Anerbieten annehmen, ſobald ich aus der Kirche zurückkomme,“ er⸗ wiederte Wigo und ſchritt mit Melek der Thüre zu, die vom Kloſter aus in die Kirche führte. Mit einigem Zaudern öffnete der Prior. 1 3 „Laßt doch meinen Leuten,“ ſprach Wi⸗ go, bevor er eintrat,„die an der großen Linde vor dem Kloſterhofe weilen, etwas zu trinken reichen; es ſind nur 30 Mann. Eine —— ———— — — 1 — 86— Maß für Jeden wird hinlänglich ſeyn; ich 4 werde es Euch redlich vergelten.“ Der Prior ging, dieſes zu beſorgen, und Wigo trat mit Melek in die Kirche. Sie ſchritten ſogleich dem Hauptaltare zu, auf welchem das Bild des Ordensſtifters, des heiligen Bernards, in Lebensgröße aus Holz geſchnitzt, ſtand.— Melek ſtieg auf den Altar.„Du wirſt es nicht übel nehmen, hei⸗ liger Bernard, daß ich Dich mit ungeweihten Händen in Deiner Ruhe ſtöre!“ ſagte er, 9 und ſetzte das Bild ſeitwärts. Eine Thüre wurde jetzt ſichtbar. Wigo nahm eine Ker⸗ ze vom Altar, zündete dieſelbe an der Am⸗ pel an, und indeſſen trat der Prior wieder ein. „Allmächtiger Gott! walcher Frevel!“ xief er erſchrocken. „Den ich verantworten werde!“ erwie⸗ derte Wigo.„Oeffnet dieſe Thüre!“ Der Prior zauderte. „Soll ich meine Leute herbeirufen?“ ſprach der Hauptmann.„Die ſind treffliche Schloſ⸗ ſer; aber dann ſtehe ich nicht dafür, daß ihnen Manches hier gefallen möchte!“— Er ſchritt einem Fenſter zu, und ergriff ſein Hüfthorn.. „Um Gotteswillen nicht!“ rief der Prior und öffnete mit einem Schlüſſel. Eine Trep⸗ pe entdeckte man. Wigo hieß den Prior vorausſchreiten, er folgte mit der Kerze, und Melek blieb oben beim Eingange ſtehen. 10. Nachdem Wigo mit ſeinem gezwungenen Begleiter an 20 Stufen hinuntergeſtiegen war, fand er zwei mit Riegeln und Schlöſſern ver⸗, wahrte Thüren, und befahl, die erſte zu öff⸗ nen. Es geſchah, und ein Gewölbe, das zu einem Gefängniß eingerichtet war, fand er leer. Nun mußte der Prior die zweite Thüre öffnen, es war wie das erſtere ein Gefängniß; eine Ampel brannte düſter in der Mitte, und von einem Lager erhob ſich ein weibliches Weſen, that einen Blick auf Wi⸗ go und ſank mit einem Schrei ohnmächtig nieder. Mit ſtarkem Aru ergriff ſie der Haupt⸗ mann und trug ſie die Treppe hinauf nach der Kirche; hier am Tageslicht angekommen, — 88— ſah er ſeine Beute, die er ſanft niedergelaſ⸗ ſen hatte, an. „Spiegelfechterei der Hölle!“ rief er, „das iſt Arabella meine Schweſter! Pfaf⸗ fe!“— er riß den Prior vor die Ohnmäch⸗ tige nieder—„Geſteh', wie kam dieſe in Deine Hände, oder, bei Gott! es iſt Dein letzter Augenblick!“ Er ſtieß in ſein Hüfthorn und im Moment wurde das Hauptthor der Kirche geſprengt, die Schützen traten ein und umgaben ihren Hauptmann. Da er⸗ wachte Arabella, erblickte den Prior zu ihren Füßen, den Wigo mit der Linken feſt hielt, indem ſeine Rechte, bewaffnet mit dem Hirrſchfänger, ihm den Tod drohte. .„ Nicht ſo, Bruder!“ ſprach mit ſchwacher Stimme Arabella,„dieſer iſt unſchuldig; erſt ſeit vorgeſtern wurde ich ihm als eine Wahnſinnige von dem Erzbiſchof in Prag. überſandt. Dieſer Böſewicht, da meine Be⸗ ſchützerin, die Gräfin Collowrath, ſtarb, ließ mich entführen und ſchändete mich ge⸗ waltſamer Weiſe in ſeinem Pallaſte. Seine teufliſche Luſt gebüßt, gab er mich als wahn⸗ ſinnig aus, und ſchickte mich hierher in Ge⸗ wahrſam. Ich ſterbe— denn meine Schan⸗ de nicht zu überleben, nahm ich geſtern Gift. — Schon verſpüre ich ſeine Wirkung.— Le⸗ be wohl, Bruder!— Räche meinen Tod!“ Sie ſank auf's Neue zurück, und ihr Geiſt- war ſeiner ſterblichen Hülle entflohen. „Schrecklich will ich Dich rächen!“ rief Wigo, und knieete vor der Entſeelten nie⸗ der; doch nur wenige Augenblicke, da ſtand er auf und ſprach mit einer fürchterlichen Kälte:„Prior, gebt der Armen eine gute Ruheſtätte, reichlich will ich es Euch vergel⸗ ten!“⸗ Noch. einmal ſchloß er den Leichmam in ſeine Arme, küßte deſſen blaſſe Lippen und ſagte:„Lebe wohl, Schweſter! jenſeits ſiehſt Du mich als Deinen Rächer wieder!— Der Vater ſchändlich ohne Schuld hingerichtet/ die Mutter durch Gram gemordet, die Schwe⸗ ſter geſchändet und zum Selbſtmorde verlei⸗ tet! Ha, Buben! eure Rechnung iſt groß! Schrecklich wird der Sohn, der Bruder mit euch abrechnen!—— Kommt, Brüder, ihr — 90— ſollt meine Rache mit mir theilen!“ Schnell verließ er nun mit ſeinen Schützen die Kirche. 11. Wigo's ſeither eingeſchlummerter Schmerz hatte jetzt durch den Tod ſeiner Schweſter, den gleichfalls die Bosheit der Menſchen ver⸗ urſachte, neue Nahrung erhalten. Tiefſinnig, in ſich gekehrt, faſt unthätig wandelte er un⸗ ter den Seinen umher. „Das darf ſo nicht bleiben!“ ſagte der alte Martin zu Platſchek,„man muß ihn aus ſeiner Lethargie wecken, ſonſt iſt es um unſere Bande geſchehen. Es iſt bereits ſchon Unordnung dabei eingeſchlichen, ein Jeder thut, was er will.— Ich will ihn aufwek⸗ ken!“ Martin fand Wigo in ſeinem Zelte in tiefen Gedanken ſitzend, vor ihm lag ein blutiges Tuch, das er zu betrachten ſchien; er ward des Eintretenden nicht gewahr, die⸗ ſer trat vor ihn, und nannte den Namen „Hedwig.“ Wie aus einem Traume ſprang Wigo auf.„Hedwig!“ rief er,„nein, „— ,— A Dich hab' ich nicht vergeſſen! Was haſt Du auch, gute Seele, mit meiner Rache zu ſchaf⸗ fen? Fort, hin zu ihr! Du begleiteſt mich, Martin?“ Martin. Herzlich gerne, Hauptmann! Doch gebt Euern Leuten Arbeit; denn ſeit Ihr träumt, ſchlafen ſie Alle. Wigo. Das ſollen ſie nicht.— Er trat vor ſein Zelt, ſtieß drei Mal in ſein Hüft⸗ horn, und in 5 Minuten ſtanden 150 Mann bereit, ſeine Befehle zu hören.„Das Lager hier wird abgebrochen,“ befahl Wigo,„und im Thale öſtlich von der Burg Wiltiz wieder aufgeſchlagen. Dieß bewerkſtelligt der Ober⸗ ſchütze Ruſchka mit 50 Mann, und ſendet dann die Hälfte davon ſogleich auf die Jagd. Platſchek nimmt 30 Mann und einen Wa⸗ gen, zieht im Stillen durch das Kleingebirge, trifft heute Abend um 10 Uhr in dem Buchen⸗ walde nördlich vom Schloſſe des Grafen Schafgotſch ein, und erwartet dort wei⸗ tern Befehl.— Kotſchinzky geht mit den Andern durch das Bleichthal und umringt Punkt 10 Uhr das Schloß, doch ohne die 1 6 4 ————— Einwohner des nahen Dorfes zu beunruhi⸗ gen. Martin und Melek in Livrée be⸗ gleiten mich dahin. Uebrigens wird ſogleich an Jedermann ein halb Maß Wein gereicht und die Feldflaſchen gefüllt, und was mit Platſcheck und Kotſchinzky geht, hat Proviant auf 24 Stunden mitzunehmen.“ „Hurrah!“ ſchrie die Bande, und man eilte, die Befehle des Hauptmanns zu voll⸗ ziehen.. Bald darauf verließ Wigo in einer ge⸗ ſchmackvollen Jäger⸗Uniform mit Martin und Melek, Beide in reicher Livrée zu Pfer⸗ de, das Lager, und ritt den kürzeſten Weg nach dem Schloſſe des Grafen von Schaf⸗ gotſch, wo er ſchon um 3 Uhr Nachmittags eintraf, und ſich bei dem Beſitzer als Baron von Bremer melden ließ.— 12. 1 „Wie ich höre,“ ſagte Wigo zum Gra⸗ fen,„ſo ſind Sie geſonnen, dieß Gut hier zu verkaufen?“ „Ja,“ antwortete dieſer,„ich bin es — Willens, da ich mein Gut in Schleſien zu beziehen gedenke, und wenn ich einen Käu⸗ fer finde, der mir baar 60,000 Gulden zahlt, denn ſo viel iſt es unter Brüdern werth.“ „Ich könnte wohl einen Handel mit Ih⸗ nen ſchließen,“ ſprach Wigo,„und will Ihnen noch heute Beſcheid darüber ertheilen.“ Er nahm die Einladung des Grafen, die Nacht bei ihm zu verbleiben, an. Das Nachteſſen war beendigt, da ſchaute Wi⸗ go nach ſeiner Uhr, es war ein Viertel nach 10. „Herr Graf,“ ſagte er dann,„ich habe verſprochen, Ihnen wegen dem Gute hier Beſcheid zu geben, und will es ſogleich; doch zuvor bitte ich mir eine Frage zu beantwor⸗ ten: Hat dieß Gut hier nicht unlängſt einen andern Beſitzer gehabt?“ „Ja,“ antwortete der Graf,„es gehörte dem Baron Otto von Laudek, ehemaligem Gouverneur von Böhmen; dieſer wurde des Hochverraths gegen den Kaiſer überwieſen, ſeine Güter eingezogen, und er, wie bekannt, in Prag enthauptet. Da erhielt mein Vater, — 94— der unlängſt ſtarb, für ſeine treuen Dienſte, die er als Unterſuchungs⸗Richter in der Sa⸗ che des Laudek bewieß, zum Lohne vom Kaiſer dieſes Gut, das ich nun nach ſeinem Tode erbte.“ 3 „Jetzt ſollen Sie von mir Beſcheid haben,“ ſprach Wigo, trat an's Fenſter und feuerte ein Piſtol ab; im Augenblick antworteten die Hörner der Freiſchützen, die ſogleich von al⸗ len Seiten in's Schloß eindrangen. „Was ſoll das?“ fragte der Graf er⸗ ſchrocken. „Ich will Ihnen nur den vriredehenen Beſcheid wegen dem Gute hier geben,“ er⸗ wiederte Wigo,„und habe darum 100 Zeu⸗ gen mitgebracht. Ihr Vater war ein Schur⸗ ke, Graf! der, beſtochen durch die Feinde des Baron von Laudek, dieſen, ſo unſchul⸗ dig er war, dennoch durch einen höchſt un⸗ gerechten Spruch, den der Kaiſer beſtättigte, zum ſchmählichen Tode verurtheilte. Ich bin Wigo von Laudek, ſein einziger Sohn und Erbe, dieſes Gut, da mein Vater unſchuldig litt, iſt mein Eigenthum, und ich fordere — — 95— es zurück. Da ich es aber nicht beſitzen kann, ſo fordere ich von ihnen den ſelbſt beſtimmten Werth von 60,000 Gulden ſogleich dafür. Sie zahlen mir dieſes ohne Verzug in Geld, Juwelen und andern Koſtbarkeiten, und was noch an der Summe fehlt, darüber ſtellen Sie mir eine Anweiſung an ihren Haushof⸗ meiſter in Prag aus, die ich ſogleich werde mir zahlen laſſen, und danken Sie noch Gott, daß ich den Schurkenſtreich des Vaters nicht an Ihnen, ſeinem Sohne, räche! Der Tod entzog denſelben meiner Rache. Jetzt zahlen Sie mir mein Eigenthum ohne weiters, oder ich laſſe hier plündern und ſchleppe Sie mit mir, wo dann die beſte Behandlung Ihnen nicht werden ſollte.“ Der Graf ſah ein, daß hier nichts zu thun ſei, als Wigo's Willen zu befolgen; denn ſchon ſtanden die Freiſchützen bereit, ihres Hauptmanns Befehl zu vollziehen. Er händigte daher an Wigo an Geld 14,000 Gulden, und an Silber, Juwelen und an⸗ dern Koſtbarkeiten am Werthe 20,000 Gul⸗ den ein, und gab ihm eine Anweiſung auf —— 1 4* — 96— 26,000 Gulden, die ſogleich durch Melek nach Prag, das Geld dafür zu erheben, ab⸗ geſchickt wurde. Während dem war Platſchek mit dem Wagen aus dem nahen Buchenwalde beru⸗ fen worden. Man ladete daher Alles auf, nahm noch einige Fäſſer mit Wein und eini⸗ ges Jagdgewehr in Kauf mit, und unter dem Marſch von den Hüfthörnern ſeiner Leute nahm Wigo Abſchied vom Grafen, und zog ſeinem neuen Lager, unweit der Burg Wiltiz, zu.— Schon am vierten Tage traf Melek mit dem Gelde, das ihm der Haus⸗ hofmeiſter des Grafen auf deſſen Anweiſung ſogleich ausgezahlt hatte, bei dem Hauptman⸗ ne ein, der 10,000 Gulden davon unter ſeine Leute vertheilte.— 13. 4 Der Oberſchütze Ruſchka hatte bereits das Lager bei der Burg Wiltiz in Ordnung gebracht, als Wigo mit den Seinigen dort ankam. Eine anſehnliche Zahl Wildpret lag ſchon gefällt hier, und erwartete ſeine Be⸗ ſtimmung. Wigo befahl, für ihn die Rui⸗ nen 1* nen der Burg zur Wohnung einzurichten, und bezog ſie noch an demſelben Tag. Kaum 1000 Schritte davon war das Lager der Paei ſchützen. In tiefen Gedanken, wie er ſeine gerechte Rache befriedigen und ſeinen Schwur erfül⸗ len wolle, und über das ungewiſſe Schickſal Hedwigs, lag ſchlaflos Wigo auf ſeinem Lager in einem der Gewölbe der alten Rit⸗ terburg. Schon war Mitternacht vorüber, da fingen die Doggen an unruhig zu werden und zu knurren, ein Zeichen, daß Jemand ſich nahe, und wirklich trat auch der alte Martin ein.— „Verzeiht, Hauptmann,“ ſprach er,„wenn ich Euch in Eurer Ruhe ſtöre; ſo eben kommt mein Sohn hier an, und bringt dieß Schrei⸗ ben von Fräulein Hedwig.“ G Raſch ſprang Wigo von ſeinem Lager auf, erbrach den Brief und las: „Geliebter! Wenn Du dieſe Zeilen von Deinem treuen Mädchen leſen wirſt, ſo ſchließt ſie bereits die Mauer des Kloſters der Urſe⸗ linerinnen in Prag ein. Meine Mutter, die G Beſchützerin unſerer Liebe, ſtarb vor einem Monat, und mein unnatürlicher Bruder woll⸗ te mich zwingen, Dir zu entſagen, und mei⸗ ne Hand entweder ſeinem Freunde Noſtiz zu reichen, oder in ein Kloſter zu gehen, da⸗ mit ihm, da Noſtiz kein Heirathsgut ver⸗ langt, auf jeden Fall mein Vermögen blie⸗ be.— Ich ſchwaches, hilfloſes Mädchen wählte lieber das Letztere; denn ſoll ich Dir, theurer Geliebter, entſagen, ſo will ich nie das Weib eines Andern werden.— Ich weiß nicht, wo Du weileſt, unglücklicher, unſchuldig Verbann⸗ ter! Doch hat mir der treue Caſimir ver⸗ ſprochen, Dich aufzuſuchen und Dir dieſe Zei⸗ len mit meinem Lebewohl zu bringen. Se⸗ hen wir uns hier nicht wieder, dann erwar⸗ tet Dich jenſeits Deine bis in den Tod treue Hedwig. 6 „Ha, auch dieſes noch!“ rief Wigo. „Nein, Du mußt mein werden, und wenn Diſch die Mauern der Hölle einſchließen!— Aber Hedwig— die gute, ſanfte Hed⸗ wig das Weib eines Freiſchützen⸗Hauptman⸗ nes? Das Weib des Anführers einer Räu⸗ — 39— berbande?“— Da fiel ihm Julius und Emilie ein, und er beſchloß, koſte es, was es wolle, Hedwig aus dem Kloſter zu be⸗ freien, und dieſelbe einſtweilen zu Jenen zu bringen. Er verſah ſich mit Geld, übergab an Platſchek das Kommando, hüllte ſich mit Martin in Mönchskleider und eilte nach Prag; Caſimir, Martins Sohn, nebſt Melek folgten ihnen nach; auch Kotſchinz⸗ ky mit 10 Schützen, Alle verkleidet, mußten ſich in Prag einſchleichen, um, wenn Wigo bedienen könne.— 14. Otto von Laudek war geheimer Rath und Miniſter des Kaiſers, der ihn für ſeine treu geleiſteten Dienſte zum Gouverneur des Königreichs Böhmen ernannte. Laudek zog daher mit ſeiner Gattin, ſeinem Sohne Wi⸗ go und ſeiner Tochter Arabella nach Prag, der Hauptſtadt Böhmens, in welchem Lande er ohnehin anſehnliche Güter beſaß. ihrer Hilfe benöthigt ſei, er ſich ihrer ſogleich In der Verwaltung jenes Königreiches G 2 K* — 100— herrſchten damals die größten Mißbräuche und Unordnungen. Laudek ſtellte die erſtern ab, und ſuchte ſo viel als moͤglich der letz⸗ tern zu ſteuern. Dadurch zog er ſich den Haß vieler Großen, die bei jenen Unordnun⸗ gen ihren Vortheil fanden, zu; allein da er die Gunſt des Monarchen beſaß und dieſer Laudek als einen redlichen Mann kannte, ſo getrauten ſich ſeine Feinde jetzt nicht, of⸗ fenbar gegen ihn zu handeln. Aber jetzt ſtarb der Kaiſer, und nun er⸗ hoben ſich Laudeks Feinde. Sie ſuchten ihn bei dem jungen, ſchwachen, leichtgläu⸗ bigen Monarchen verdächtig zu machen, und da dieſes ihnen gelang, beſchuldigten ſie ihn des Hochverraths, der Unterſchlagung großer Summen und anderer Verbrechen. Lau⸗ deks geheimer Sekretär wurde beſtochen, falſche Papiere unterſchoben, falſche Zeugen erkauft, und ſo wurde der Unſchuldige ſeines Anmtes entſetzt, ſeine Güter eingezogen und er zum ſchmählichen Tode durch Henkershand verurtheilt.— Seine Gattin ſtarb aus Gram, bevor noch das Urtheil vollzogen wurde, ſein — — 10— 8 Sohn Wigo, damals 23 Jahre alt, wurde als Mitſchuldiger ſeines Vaters, der ihn bei ſeinen Geſchäften brauchte, betrachtet, mußte den Tod ſeines Vaters auf dem Schafotte mit anſehen, und wurde dann für immer des Landes verwieſen. MNNiit ſcheinbarer Kälte ſah Wigo das Haupt ſeines Erzeugers vom Rumpfe tren⸗ nen, tauchte ſein Tuch in das unſchuldig ver⸗ goſſene Blut, verbarg es in ſeinem Buſen, und ſchwor, Rache au den Feinden ſeines Vaters zu nehmen. Wigo liebte Hedwig von Rabeneck, die Tochter eines Edelmannes unweit Prag, und wurde wiedergeliebt. Schon war der Tag zur Verbindung der beiden Liebenden beſtimmt, als jene traurige Cataſtrophe ein⸗ traf. Hedwig und ihre Mutter— der Va⸗ ter war geſtorben— waren von Laudeks und ſeines Sohnes Unſchuld völlig überzeugt, und hoben keineswegs die Verbindung mit Wigo auf. Wie aber Hedwigs Bruder nach dem Tode der Mutter handelte, haben * — 102— wir aus Hedwigs Schreiben vernommen. Eine Gräſin von Colowrath in Prag nahm Arabella, Wigo's Schweſter, zu ſich, behandelte ſie als ihre Tochter, ſtarb aber plötzlich, und das traurige Schick⸗ ſal der Verlaſſenen nach dem Tode ihrer Be⸗ ſchützerin iſt uns auch bereits bekannt. Wigo floh in ſeinem Schmerze, mit Ra⸗ che in ſeinem Buſen, aus Prag in die Wäl⸗ der Böhmens, in denen er betäubt umher⸗ irrte, bis er auf eine Bande Freiſchützen traf, die ihn zu ihrem Anführer wählten, welches er annahm, weil er durch ihre Hilfe ſeine Rache eher befriedigen zu können hoffte. Er organiſirte nun die Bande beſtens, gab ihr Geſetze, und hielt ſtreng auf die Befol⸗ gung derſelben. Den jungen Caſimir, Martins Sohn, ſchickte er in die Dienſte der Frau von Rabenek, mit dem Auftrage, von dort her ihm alles Wichtige im Betreff Hedwigs wiſſen zu laſſen, ohne ſeine der⸗ malige Lage kund zu machen. Dem jungen Freiſchützen wurde allzeit durch ſeinen Vater Nachricht von dem Aufenthalte der Bande . — 103— gegeben, und dieſer richtete ſeine Aufträge jederzeit beſtens aus.— 15. Wigo erreichte Böhmens Hauptſtadt mit ſeinen Begleitern. Welchen Eindruck mußte nicht der Anblick dieſer Stadt auf ihn ma⸗ chen? Hier hatte er ſeine Jugend in der Mit⸗ te ſeiner Familie ſorgenlos und glücklich ver⸗ lebt, hier ward er als ein edler Jüngling als der Sohn des Gouverneurs geehrt und geſchätzt, eine glückliche, ruhmvolle Laufbahn ſeines künftigen Lebens zeigte ſich vor ihm; hier fand er Hedwig, das Mädchen ſeiner Liebe, und errang die ihrige. Aber auch hier verſchwand der ſchöne Traum ſeiner Zu⸗ kunft, hier ſcheiterten auf einmal alle ſeine Plane, die er für ſein künftiges Leben ſich vorgezeichnet hatte. Hier endete unſchuldig ſein Vater die Tage ſeines Lebens, ſo thä⸗ tig für Kaiſer und Staat, auf dem Blutge⸗ rüſte; hier ſtarb ſeine Mutter aus Gram; hier ward durch einen großen, ſchurkiſchen Wollüſtling ſeine Schweſter geſchändet, und 1 — 104— daburch, da die Ehre ihr mehr als das Le⸗ ben war, zum Selbſtmorde verleitet. Aus dieſer Stadt mußte er als ein Verbannter, geächtet, und ſo verachtet von Jedermann, be⸗ raubt ſeines Eigenthumes, flüchten, und ſein Unterkommen in den Wäldern unter einer Klaſſe von Menſchen ſuchen, die als Räuber verfolgt, gefürchtet und verabſcheut wurden. — Jetzt betrat er wieder dieſe Stadt— aber wie? Vermummt, als ein Verbannter, mit der Sorge und Angſt, von Jemand erkannt zu werden, und als ein geſetzwidriger Ver⸗ brecher ſein Leben enden zu müſſen. Rache kochte in ſeinem Herzen, und dieſe ſchrecklich auszuüben, hatte er geſchworen; aber ehe er dazu ſchreiten wollte, mußte erſt Hedwig befreit und in Sicherheit ſeyn. Er ſetzte da⸗ her die Ausübung ſeiner Rache einſtweilen bei Seite, um dieſes vorher zu vollenden. In einem kleinen Hauſe der Vorſtadt, das einem Verwandten von Martin gehör⸗ te, kehrten unſere Abenteurer ein, und Mar⸗ tin begab ſich am andern Morgen in der Tracht eines Dominikaner⸗Monchs nach dem — 1 — — 105— Kloſter der Urſelinerinnen, um das Terrain zu beſehen, Hedwig wo möglich zu ſpre⸗ chen, und ihr einen Brief Wigo's einzu⸗ händigen. Ohne Weigerung wurde er vor die Aebtiſſin des Kloſters geführt. „Ich bin,“ ſagte er,„der Beichtvater des Barons von Rabeneck, und von dieſem geſandt in Familienſachen ſeine Schweſter, die ſich ſeit Kurzem hier im Kloſter befindet, zu ſprechen; auch bringe ich ein kleines Ge⸗ ſchenk von dem Baron an das Kloſter mit.“ Dabei legte er eine Rolle mit 50 Ducaten der Vorſteherin in ihren Geſichtskreis. Dieſes, ſein Alter und ſein wirklich ehr⸗ würdiges Anſehen brachten ihm die Erfül⸗ lung ſeines Geſuches zuwege, und Hed⸗ wig wurde ſogleich gerufen.— Unterrichtet von Wigo durch Caſimir, der auf dem Gute von Hedwigs Aeltern beina⸗ he zwei Jahre gedient hatte, kannte Mar⸗ tin leicht die Familienverhältniſſe der Ra⸗ benecks, und täuſchte im Anfang ſelbſt Hed⸗ wig, bis er Gelegenheit fand, ihr unbemerkt — 1906— den Brief mit den Worten„von Euerm Wi⸗ go,“ einhändigen zu können. Martin wurde von der Aebtiſſin zu Ti⸗ ſche gebeten, beſuchte nach dieſem den Klo⸗ ſtergarten, erfuhr, welches Hedwigs Zelle ſei, und mit Freiſchützen⸗Blicken hatte der Alte bald das Terrain des Kloſters aufgefaßt. Jetzt ging er, nachdem ihm zuvor Hedwig einen Zettel zugeſteckt, und er den Segen der Aebtiſſin und allen Nonnen recht ehrbar ertheilt hatte, zu ſeinem Hauptmanne, der mit Sehnſucht ſeiner harrte, zurück, ihm ge⸗ hörig Alles zu hinterbringen. Hedwig ſchrieb:„Ja, theuerſter Gelieb⸗ ter! ich folge Dir; wenn auch Verbannung, Noth und Mangel ich mit Dir theilen muß, ſo wird die Liebe dieſes alles verſüßen. Für das Kloſterleben, finde ich, bin ich nicht ge⸗ ſchaffen. Um 1 Uhr nach Mitternacht wird im Kloſtergarten Dich erwarten Deine treue Hedwig.“— — 16. MNun machte Wigo alle Anſtalten, und begab ſich um Mitternacht unter Martins Führung mit Caſimir und Melek nach der Gegend des Kloſters. Man hatte ſich mit Strickleitern verſehen, und bald war die Mauer des Gartens überſtiegen. In Hed⸗ wigs Zelle, deren Fenſter in den Garten gingen, welches Martin ausgekundſchaftet hatte, brannte noch düſter ein Lämpchen, und Wigo glaubte den Schatten ſeines Mäd⸗ chens deutlich zu bemerken. Nun konnte er ſeine Ungeduld nicht bezähmen, er ſchritt der Kloſterpforte zu, die Melek in einem Au⸗ genblicke öffnete. Wigo befand ſich jetzt in dem untern Kreuzgange; vor dem Bilde der heiligen Urſula brannte eine Lampe, dieſe nahm er und eilte die Treppe hinauf; da trat ihm Hedwig aus ihrer Zelle entgegen, aber auch zugleich aus andern Zellen mehrere Nonnen, die eben in's Chor gehen wollten. „Mörder! Räuber!“ riefen die Erſchreck⸗ ten, und das ganze Kloſter kam in Bewe⸗ gung; da faßte Wigo Hedwig in ſeine Arme, und eilte mit ihr dem Garten zu. Schon hatte er mit ſeiner theuern Bürde das Ende deſſelben erreicht, da ſtürmten die Glocken — 108— des Kloſters, die Einwohner der Nachbar⸗ ſchaft ſammelten ſich um daſſelbe, und bevor noch der Hauptmann mit ſeinen Begleitern die Strickleiter erreicht hatte, trat ihm der Kloſtervogt mit vier ſtämmigen Knechten in den Weg. „Bring' dieſe in Sicherheit!“ rief Wigo Caſimir'n zu, übergab ihm Hedwig und ſetzte ſich mit Martin und Melek zur Ge⸗ genwehre. Unter ſtetem Kampfe, in welchem der Vogt und ſeine Knechte die ſtarken Fäu⸗ ſte der Geübten empfanden, erreichten dieſe die andere Seite der Mauer; aber hier hatte ſich bereits eine Menge Volks verſammelt. Schon war Caſimir, der ſein ihm anver⸗ trautes Gut tapfer vertheidigte, umringt, und Wigo, Martin und Melek hatten der Menge ſicher unterliegen müſſen, da er⸗ ſchien Kotſchinzky mit den Freiſchützen, und machte den Bedrängten Luft. Glücklich ſchlugen ſich dieſe durch, man wagte nicht, ſie zu verfolgen, und ſo kamen ſie in Sicherheit. Durch eine Pforte in der Stadtmauer, die Wigo bekannt und bald — 109— geöffnet war, gelangten ſie in's Freie und eilten den Weg nach Wiltiz zu. Von hier aus brachte Wigo ſeine geliebte Hedwig nach Staudnitz. „In die Arme der Freundſchaft,“ ſprach er zu Julius und Emilien,„übergebe ich hier den theuerſten Schatz meines Lebens“— indem er ihnen Hedwig vorſtellte—„be⸗ wahret mir ihn, und mein Dank ſoll keine Grenzen haben.“ Julius und ſeine Gat⸗ tin empfingen Hedwig mit geſchwiſterlicher Liebe, und verſprachen derſelben ihre Freund⸗ ſchaft und Schutz. Nur wenige Stunden weilte Wigo.—„Wenn mein Schwur ge⸗ löſt iſt, ſehet ihr mich wieder!“ ſagte er, umarmte ſeine Theuern, und eilte nach den Ruinen von Wiltiz zu ſeinen Getreuen zu⸗ rück.—— 17. Der unwillkommene Beſuch Wigo's bei dem Grafen von Schafgotſch, der dieſem ſo viel koſtete und den er gleich hernach der Obrigkeit anzeigte, und nun Hedwigs Ent⸗ führung aus dem Kloſter, welche ihr Bruder — ——õ—õõõõõ— ————* laut Wigo Schuld gab, hatten viel Aufſe⸗ hen erregt. Man wußte jetzt, daß der ſo ſehr gefürchtete Freiſchützen⸗Hauptmann Nie⸗ mand anders, als Wigo von Laudek, der verbannte Sohn des enthaupteten Gou⸗ verneurs ſei, und ſeine und ſeines Vaters Feinde, die ſeine Rache fürchteten, boten jetzt Alles auf, die Juſtiz zu ſeiner Verfol⸗ gung eifrig zu bewegen. Es wurde daher ein Preis von 2000 Gulden auf ſeinen Kopf geſetzt und ſtarke Streif⸗Rommundus gegen ihn ausgeſchickt. Bald erfuhr dieſes Wigo in den Rui⸗ nen ſeiner Burg durch ſeine Leute, die in verſchiedenen Trachten und Gewerben faſt ganz Böhmen durchſtreiften, und er berief daher Alle von ſeiner Bande, die jetzt an 180 Köpfe angewachſen war, ein. Hauptmann die Seinigen an.—„Die Ge⸗ fahr, die uns drohet, iſt euch bekannt. Zwar kenne ich eure Tapferkeit, tauſend unſerer Gegner, die nur gedungen für kargen Sold fechten, würden uns hier in dieſer Gegend „Brave Freiſchützen!“— ſo redete der — 111— nichts ſchaden. Allein es würde das Blut von ihnen und von ſo manchen der Unſrigen dabei fließen, und am Ende müßten wir den⸗ noch der Uebermacht weichen. Ich habe da⸗ her einen Plan erſonnen, der dieſes verhüten ſoll, ohne daß unſere Geſellſchaft aufgeloͤſt werde.— Als ich geſtern nämlich die Ruinen dieſer alten Burg, einſt von dem edlen Ge⸗ ſchlechte der Wiltize bewohnt, genau un⸗ terſuchte, fand ich einen unterirdiſchen Gang, der bis auf das nahe Bergſchloß Rothfels aufwärts führt, und ſich in deſſen weiten Gewölben endigt. Dieſes Schloß, wie euch bekannt, gehört dem Fürſten Auersberg, und wird nur von einem alten Kaſtellan und einigen Knechten bewohnt. Die Gewölbe jenes Schloſſes, in die Niemand kommt, und welche groß genug ſind, tauſend Mann zu beherbergen, ſollen unſer Zufluchtsort in die Zukunft ſeyn, dort wird uns Niemand ent⸗ decken, und ungeſtört können wir unſer ſeit⸗ heriges Gewerbe hierherum fortführen. Pro⸗ viant hinlänglich dahin zu ſchaffen, muß ſo⸗ gleich unſer Geſchäft ſeyn, da vielleicht in wenig Tagen hier ſchon unſere Feinde an⸗ langen können. Ruſchka geht daher ſogleich, um Brod, Mehl und Hülſenfrüchte einzukau⸗ fen, und nimmt einen Wagen, wie gewöhn⸗ lich, mit. Kotſchinzky ſchafft Bier, Brannt⸗ wein und wo möglich etwas Wein herbei. Martin kauft Pulver und Blei. Das La⸗ ger muß ohne Verzug abgebrochen und Alles nach jenen Gewölben noch in heutiger Nacht geſchafft werden. Wildpret wird, was da iſt, mitgenommen. Morgen in der Nacht ſoll unſere neue Wohnung eingeweiht wer⸗ den, deren Eingang ſo verdeckt werden ſoll, daß ihn gewiß Niemand ſinden wird.“ Der Plan des Hauptmanns fand Beifall bei der ganzen Bande; am andern Tag war das Lager abgebrochen, Proviant hinlänglich herbeigeſchafft, der neue Aufenthalt der Ban⸗ de bezogen, und kein Freiſchütze war mehr im Freien zu ſehen.—— 18. Der alte Kaſtellan von Rothfels„Hart⸗ wig, ſaß am Abende in ſeiner einſamen Kam⸗ — 113— Kammer und las in einer alten Hauschro⸗ unik, da trat Peter, einer ſeiner Knechte, herein und ſprach mit Schrecken erfüllt:„Herr! es ſpuckt entſetzlich in der alten Burg, als wenn ein ganzes Heer hölliſcher Geiſter ſich hier einquartirt hätte!“ „Eil ei!“ ſagte der Kaſtellan,„das be⸗ deutet ſi icher den Tod eines aus dem Hauſe Auersberg, oder gar den Hintritt unſtrz Kaiſers.“ „Oder den Eintritt des Teufels!“ ant⸗ wortete Peter.„Nein, Herr, ich bleibe kei⸗ nen Tag länger im Dienſt.“ „Was haſt Du denn geſehen?“ fragte Hartwig. „Soll ich's auch noch ſehen? Genug, daß ich und der Michel es gehört haben, der will auch ſeinen Abſchied.“ „So ſcheert euch zum Henker!“ rief der Kaſtellan.„Solche Haſenfüße bekomme ich genug wieder.“ Am andern Morgen meldeten ſich wirklich bei ihm zwei rüſtige Burſche mit guten Zeug⸗ niſſen verſehen, denn Peter und Michel H — 114— hatten wirklich den Dienſt aufgeſagt, und Hartwig nahm Beide als Knechte ohne weiters an. Man hörte nun nichts mehr vom Spucken in der Burg, denn die zwei nenen Knechte gehörten ſelbſt zu jenem hölli⸗ ſchen Spuckheere und waren Freiſchutzen von Wigo's Bande, die jetzt ungeſtört, da der alte Kaſtellan wenig ſeine Stube verließ, in den Gewölben der Burg ihr Weſen treiben konnte.— Aber in den umherliegenden Dör⸗ fern ſprach man jetzt deſto mehr vom wilden Jäger, der faſt jede Nacht umherziehe, und mit Hüfthörnern und Hundegebell einen teuf⸗ liſchen Lärmen mache; nur die Jäger der Gegend, bei der ſtarken Abnahme des Wil⸗ des, ſahen darin das Werk der Wildſchützen und riefen unaufhörlich die Juſtiz um Hilfe gegen dieſe an.— Noch war Wigo's Rache nicht geſtill, noch ſein Schwur, den er bei dem letzten Todesröcheln ſeines ermordeten Vaters that, nicht erfüllt; noch wandelten mehrere der Ur⸗ heber des Unglückes, das ſo ſchrecklich ſeine Familie traf, ſicher und unbeſtraft umher. — 115— Wie ein Gewitter⸗Orkan über den ſorgenlo⸗ ſen Wanderer, ſo wäre er jetzt gern über ſie hergeſtürzt; allein er erhielt die Nachricht, 1 daß eine ſtarke Streife gegen ihn ausziehen würde, er konnte alſo bei dieſer Gefahr ſeine Getreuen nicht verlaſſen, und mußte daher die Erfüllung ſeiner Rache aufſchieben.— 8 19. „Die an 300 Mann ſtarke Streife erſchien, durchſuchte mehrere Tage vergebens die ganze Gegend; aber alle Freiſchützen ſchienen wie durch Zauberkraft verſchwunden zu ſeyn, ob⸗ gleich ſie Nachts jedesmal ihrem Geſchäfte nachgingen, und bei Tagesanbruch ſich unge⸗ ſtört in ihren Aufenthalt zurückzogen. Das Kommando ging daher unverrichteter Sache wieder nach ſeiner Garniſon. Gleich darauf brach zwiſchen dem Kaiſer und den Türken Krieg aus, alles Militär von Böhmen wur⸗ de daher nach Ungarn zu marſchiren befeh⸗ ligt, und da von den Landleuten, die ihn eher noch ſchützten, als verfolgten, Wigo nichts zu befürchten hatte, ſo war er jetzt H2 mit den Seinigen völlig ungeſtört, verblieb aber doch mit ſeiner Bande in den Gewölben der Burg Rothfels. 1 Jetzt war es Wigo's Sorge, ſeine Ra⸗ che zu befriedigen und ſeinen Schwur zu lö⸗ ſen, er machte daher ernſte Anſtalten dazu, als ein glücklicher Zufall plötzlich ihn deſſen überhob, und Alles zu ſeinem Beſten ver⸗ anderte. Unverhofft ſtarb der Kaiſer in ſei⸗ nen beſten Jahren, und ſein Nachfolger, dem ein treuer Miniſter das Unrecht, das dem biedern Statthalter von Laudek zugefügt worden war, entdeckte, befahl unverzüglich, die Sache von Neuem zu unterſuchen. Bald wurde die ganze Schurkerei offenbar, alle Theilnehmer derſelben, die noch lebten, wur⸗ den auf's Schärfſte beſtraft, und Wigo, als der einzige Sohn und Erbe, in allen öfe⸗ fentlichen Nachrichten aufgerufen, ſich in Wien zu ſtellen, um vom gerechten Kaiſer die Un⸗ ſchuld ſeines Vaters offen verkündigt zu hö⸗ ren, und ſeine ihm entriſſene Güter wieder anzutreten. Wigo, den dieſe Nachricht bald erreichte, b— 111— ſäumte nicht, die Reiſe nach Wien zu be⸗ ſchleunigen, und übergab einſtweilen an Plat⸗ ſcheck den Befehl über die Bande, mit der Weiſung, ſich keiner Räubereien i deſſen ſchuldig zu machen, ſondern Wildſchießen zu beſchäftigen, den Seinigen darum eine anſehnliche Sum⸗ me Geldes zum nöthigen Unte Wigo kam in Wien an und wurde vom Kaiſer mit Achtung empfangen, der das un⸗ glückliche Schickſal ſeines Vaters bedauerte, und nun noch von Wigo die Schandthat des Erzbiſchofs von Prag, an ſeiner Schwe⸗ ſter Arabella verübt, vernahm, den er⸗ ebenfalls dafür nach Verdienſt zu züchtigen ver⸗ ſprach, und nun den Sohn in den vollen Beſi tz aller Güter des Vaters wieder feier⸗ ich einſetzte. Da fiel Wigo dem gerechten narchen zu Füßen, und geſtand ihm, daß der Anführer jener Freiſchützen⸗Bande ſei, die Böhmen ſo manche Jahre lang be⸗ unruhigt habe. Der Kaiſer gewährte ihm volle Verzeihung mit dem Beding, wenn er ſeine Bande zu einem Jäger⸗Freicorps um⸗ 118— ſchaffen und gegen die Türken mit zu Felde ziehen wolle. Wigo verſprach dieſes ohne Verweilen zu bewerkſtelligen, und reiſte den Augenblic nach Böhmen ab. Hier ſtellte er ſeinen Leuten das Verlan⸗ des s vor, welches ſie mit lautem hmen, und ſogleich machte Wigo Anſtalt, daß alle ſeine Leute gehörig einför⸗ mig und zweckmäßig gekleidet und bewaffnet würden, worüber er Platſchek, Martin und deſſen Sohn Caſimir, es ſchleunigſt zu bewerkſtelligen, den Befehl ertheilte, die nöthigen Gelder dazu, ſo wie auch zum täglichen Solde der Jäger, die nun auch das Wildſchießen völlig aufgaben und ihr al⸗ tes Lager unweit Wiltiz bezogen, ihnen hin⸗ terließ, da er auf Befehl des Kaiſers, der von nun an die Beſoldung des neuen Jäg corps übernahm, eine anſehnliche Su auf Rechnung in Prag erhoben hatte.— 20. Nun eilte Wigo nach Staudnitz in die Arme der Liebe und Freundſchaft. Hier hatte — 419— man ſchon die glückliche Wendung von deſſen Schickſal erfahren, und alle Freude herrſchte darüber. Nur Hedwig, das liebende Mäd⸗ chen, trauerte. Der Abſchied von ihr liebten, der einem grauſame genzog, ſo manchem Ungemach Gefahren ſich Preis gebe auf ihrem Herzen. Wig etwas und ſchwor, würke halten, ſo ſollte der Tag ſeiner Rückkunft auch der Tag der Pereinigung mit ſeiner wig ſeyn. ber auch Julius von Staudnitz be⸗ Poloß, obgleich ſeine Gattin ſeinen Entſchluß zu bekämpfen ſuchte, als Freiwilliger Wigo in dieſem Kriege zu begleiten. Emilie muß⸗ den Da Staudnitz auf dem Wege nach Wien lag, ſo hatte Wigo ſein nun völlig marſchfertiges Corps dahin zu kommen befehligt. Es erſchien unter Platſcheks Nur noch einen Tag verweilte hierauf Wi⸗ go, und eilte dann mit Julius, den er zum der alle Beförderungen genehmigte, die Wi⸗ -— 420— und Martins Anführung 350 Mann ſtark. Hauptmann ernannte, ſo wie Plat⸗ 6 artin und Caſimir als Lieute⸗ ellt waren, in ſtarken Märſchen ſägern der Hauptſtadt Oeſtreichs zu. ſer vor, deſſen ganzen Beifall es erhielt, und 8 go in demſelben vorgenommen hatte, den er zum Oberſten ernannte. e 2 Ohne Aufenthalt eilte er nun nach ver Hauptarmee, die bereits ſiegreich gegen den Feind tief in Ungarn ſtand. Bald zeichnete ſich Wigo's kleiner, aber tapferer Haufen hier aus, tauſende der Feinde fanden duré die wohlgeübten Schützen ihren Tod, binnen zwei Jahren nur wenige der i verloren, die reichlich durch Hunderte, in Wigo's Corps zu dienen wünſchten, er⸗ ſetzt wurden. Bei Peterwardein, wo Wigo und Julius von Staudnitz bluteten, ward der Sieg der Kaiſerlichen faſt allein — 121— der Tapferkeit des Laudekiſchen Jäger⸗ corps zugeſchrieben. Jetzt ward es Friede. Wigo's Corps wurde zu einem regulären „Regimente Jäger gebildet; der Kaiſer ehrte ſeine Tapferkeit und belohnte es. Wigo von Laudek wurde General, und Julius von Staudnitz zum Oberſten befördert; Platſchek und Caſimir waren Hauptleute, 8 aber Martin den Heldentod gefallen. So rückte nun Wigo nach faſt dreijähriger Ab⸗ weſenheit mit ſeinem Regiment, das ſein Standauartier in Prag erhielt, wieder in Böhmen ein, geehrt von ſeinem Kaiſer und geſchätzt von der ganzen Armee. Mit lautem Jubel empfingen das Regi⸗ ment die Einwohner von Prag, und als viele derſelben in Wigo den Sohn ihres von ih⸗ nen ſo hochgeſchätzten Gouverneurs erkannten, war ihre Freude ohne Mas— 21. Da Wigo alle ſeine väterlichen Güter wieder erhalten hatte, und auch jenes, das noch immer der Graf Schafgotſch, der kei⸗ — 122— nen Käufer dazu erhalten konnte, bewohnte, ſo zahlte er dieſem die erzwungene Kaufſum⸗ me von 60,000 Gulden zurück, die dieſer mit Dank annahm und ſogleich das Gut an ihn abtrat. Auf Flügeln der Liebe und der Sehnſucht eilte nun Wigo mit Julius nach Staud⸗ nitz, und Emilie und Hedwig empfingen die theuren Flüchtlinge mit liebevollen Her⸗ zen. Der Tag der Ankunft Wigo's auf Staudnitz war auch der Tag, der ihn mit Hedwig auf ewig verband, mit der er, nachdem er noch einige Wochen der Freund⸗ ſchaft ſchenkte, nach ſeinem Stammgut Lau⸗ dek zog. Er verblieb im Dienſte des Kai⸗ ſers und erzog zwei Söhne, welche in der Folge als wahre Stützen des Staates glänz⸗ ten. Glücklich waren ſeine weitern Lebens⸗ tage, die nur der Verluſt ſeiner Hedwig, welche er nach einem vierundzwanzigjährigen Beſitze verlor, trübte. Auch Julius und ſeine Gattin, die immer ſeine beſten Freunde blieben, gingen ihm voran. Erſt in ſeinem — 1235— neunzigſten Lebensjahre folgte er ſenen Theu⸗ ren nach. Anmerkung. Wigo von Laudek iſt keine Dichtung. Noch immer ſprechen die Bewohner in der zend von Piſek, Pilſen und Budweis von enem kühnen Freiſchützen⸗Hauptmann, deſ⸗ ſen Thaten ihnen ihre Vorältern hinterließen. Viele Volkslieder zum Lobe Wigo’ s, die das Gepräg einiger Jahrhunderte tragen, hört man noch in jenen Gegenden von den Landleuten ſingen. Der Verfaſſer dieſes zog die Erzählung aus einer Chronik, die er, bei ſeinem Aufenthalte in Pilſen, aus einem Klo⸗ ſter zum Durchleſen erhielt. Sie war von einem Mönche im Jahre 1698 ſehr ſauber geſchrieben. Anton und Anna, die armen, red. lichen Alten. r Heur und lieblich toͤnte aus der Ferne der Glockenhall von manchem ländlichen Thur⸗ me, eben war das Mittagsgeläute des na⸗ hen Dörfchens verhallt, und herzrührend be⸗ gann ſich der andächtige Geſang der verſam⸗ melten Gemeine zu heben, als der alte An⸗ ton mit naſſen Augen am Fenſter ſeines klei⸗ nen Hüttchens ſorgte. Einſam ſtand ſein un⸗ berathenes Haus, gleichſam verloren von den Gehöfen der Landleute vor dem Dorfe, wie ein einziger dürrer Halm vor dem fruchtba⸗ ren Acker am harten Wege.— Mit tiefem, herzlichen Kummer, aber oh⸗ ne eine Regung vom Neide, hatte der Greis — 125— mit ſeinem betagten Weibe mehrere wohlge⸗ kleidete Männer und Frauen aus nachbarli⸗ chen Oertern zur Kirche vorbeiwandeln ge⸗ ſehen, und ſich bei ihrem Anblick in wehmü⸗ tthigen Erinnerungen an die verfloſſenen gu⸗ ten Tage vertieft. Anton hätte jetzt Nie⸗ manden mehr erkannt, wer vor zehn Jahren mit ihm umging. Damals glühte täglich ſein Heerd, dampften volle Schüſſeln auf ſeinem Tiſche, waren die Kaſten mit Kleidern ge⸗ füllt, damals reichte er dem bittenden Dürf⸗ tigen immer ein großes Stück Brod an der Thüre, und ſein Weib, Anna, gab der nak⸗ kenden Armuth manches noch nicht vertrage⸗ nes Kleidungsſtück. Wer mag deine Fügungen, wer mag die Abſichten deiner Weisheit durchſchauen, all⸗ liebende Vorſicht? Wie war Alles jetzt ganz anders geworden! In einem zerſtörenden Krie⸗ ge, der allenthalben durch die erhöhten Ab⸗ gaben ausſog, hatten die Großen der Erde ſeine kleinen Güter mitverbraucht, er war tief in Schulden geſunken, und nach der Wiederkehr des Friedens hatte eine Feuers⸗ — 1268— brunſt, die bei einem Nachbar ausbrach, alle Ueberreſte ſeines Wohlſtandes verzehrt. Ein reicher Mann hatte mit der Bebauung ſeiner Brandſtätte ſeine Schulden uübernommen, und ein Freund ihm einen Stab gegeben, von welchem geſtützt, er an der Hand ſeines Wei⸗ bes vor vielen Jahren als ein neuer Siedler in die Hütte wanderte, in welcher man ihn, wie es manchem Anbauer ging, mehr erwar⸗ ten als finden ließ. Die armen Alten brach⸗ ten auſſerdem, womit ein paar wohlthätige Menſchen ihre Hände gefüllt hatten, nichts mit unter ihr Strohdach, als abgelebte, erſchöpfte Glieder, die wenig zu erſchwingen vermoch⸗ ten, und edle Geſinnungen, die es ihnen wehrten, in den umliegenden Ortſchaften als Bettler zu ſammeln. Sie wären verhungert, hätten nicht die Begüterten des Dorfes, ohne daß ſie etwas forderten, ſie von Zeit zu Zeit mit Lebensmitteln verſorgt.— Aber gerade jetzt fehlte es ihnen, wie noch nie, an Allem; darum weinten ſie auch heute mehr, als jemals. Als ſie das Läuten zur Sonntagsandacht hörten, als ſie Einige — 121— dazu hingehen ſahen, jammerten ſie laut, daß ſie nicht in der Kirche ſeyn könnten, weil ſie keine Kleider hätten. Das wankende Haupt der Frau ruhte in den Händen, wel⸗ che auf die zitternden Kniee ſich ſtützten, in der vorgehaltenen Schürze barg ſie ihr Schluch⸗ zen; und der Greis ſtand ſinnend am kleinen, düſtern Fenſter. 1igt.. Anton ſtarrte eine Weile in's weite Feld hinans, bald hob ſich ſein thränenſchweres Auge gen Himmel, bald ſenkte ſich ſein weiſ⸗ ſes Haupt vorwärts, daß ſein ſilbergraues Haar in das blaſſe, abgezehrte Geſicht wallte und auf ſeinen naßgeweinten Wangen ſich netzte; ein langer Seufzer drängte ſich aus ſeiner Bruſt, und ſeine bebenden Hände blät⸗ terten in einem geliehenen Geſangbuche nach einem Lied über die Vorſehung, in welchem, wie er ſich erinnerte, es hieß, daß Gott die Vögel unter dem Himmel ſpeiſe, und die Haare auf unſerm Haupte zähle; als ein junger, gutgekleideter Mann auf dem Raſen vor ſeiner Hütte ſich zu einer kurzen Ruhe niederſetzte. Der Jüngling öffnete ſeine Rei⸗ — 128— ſetaſche, zog etwas Zeug und dann einige Papiere hervor, fügte jenes dichter zuſam⸗ men, überſah dieſe, faltete ſie zuſammen, verbarg ſie wieder, blickte vorwärts, warf ſeine Taſche wieder auf den Rücken, bog um den Hügel, und ging dann auf der Land⸗ ſtraſſe fort. m Man weiß, wie Unglücklche, de ohne Kraft ſich zu helfen, ganz ihrem Kummer hingegeben, ſich nur leidend verhalten, jedem neuen Eindrucke folgen, wie ſie einen Ge⸗ genſtand nach dem andern beachten, als kön⸗ ne er ihren Harm zerſtreuen, wie ſie, was ihnen vorfällt, in den Händen herumdrehen mit der flüchtigen Erwartung, ihre Noth dar⸗ uber zu vergeſſen, bald hierhin, bald dahin ſchleichen, als werde ihnen am andern Orte anders zu Sinne werden, und bald dieſen, bald jenen ſich wählen, als werde der neue Platz ihnen Frieden gewähren.... So ging es jetzt Anton. Ein dunkler Gedanke vom ſtärkeren Anhauche der friſchen Luft, und ein dunkler Gedanke, wo ein Anderer ruhte, wer⸗ de er Ruhe finden, trieb ihn zu dem Raſen. Und — 129— Und ſiehe, auf der Seite des Raſens ſchim⸗ merte ihm etwas Weißes entgegen. Er hebt es auf, es däucht ihm ſchwer, er entwickelt das Papier, und wie erſtaunt er! zwei große Goldſtücke blitzen ihm in die Augen. „Mutter Anna, Mutter!“ rief er haſtig, „komm' einmal heraus!— Mutter!“ fuhr er fort, als ſie nun vor ihm ſtand,„ſchau, was ein Wanderer jetzt eben hier verloren hat. Kennſt Du ſo etwas noch?“ Anna. Guter Himmel!— ſiehſt Du, Vater, Gott verläßt uns nicht! wenn die Noth am Größten iſt, dann hilft er.— Mich hungert ſehr, Vater, ich wollte nur nichts ſagen, und Dich gewiß auch, und ſieh Dei⸗ nen Rock; das iſt mehr als genug zu einem neuen, und für mich zu einem Mieder, dann können wir in die Kirche gehen.— Gott hilft! Anton. Er hilft, Mutter, ja er hilft, aber nicht durch dieſes Geld. Ich ſage Dir ja, es gehört einem Wanderer. Er muß noch dicht dort hinter dem Buſche ſeyn. Anna. Ach!— und der braucht's viel⸗ leicht nicht. 3 3** 1 — 4130— Anton. Freilich wohl!(er beimt ſich) aber es gehört ihm. Anna. Und doch achtet er es gewiß nicht, ſonſt wäre er vorſi chtiger damit gewe⸗ ſen, er weiß nicht, wo er es verloren hat. Anton. Mutter, aber Gott weiß es. nicht blenden. Anna. Ach, Vater! unſere Noth— unſere große Noth! Anton. Ja wohl!— Meinſt Du?(be⸗ ſinnt ſich wieder) Nein, nein! ſieh nur, wie ſchön das Getreide ſteht, vor uns des Rich⸗ ters Waizen, da des Schulzen Gerſte, dort des Pfarrers Roggen, ſie können's wahrlich nicht allein verzehren, ſie werden uns da⸗ von bedenken.— Und ſieh nur, hier wehet der Wind ſchon über die Stoppeln und treibt mir die Wolle von den dürren Diſtelköpfen in's Geſicht, der Herbſt iſt nahe, und dieſer Herbſt könnte uns wohl mitnehmen von der und ſo dicht am Grabe ſollten wir etwas ſo veruntreuen? Mir wird bange, Mutter, mir Faſſe Dich, und laß Dich durch das Geld Welt. Bald geht der Wind über unſer Grab, — 131— * — wird ſehr bange. Weg, weg mit dem Golde! — Iſt mir doch, als wäre ich ſchon todt, und als ſtände ich vor dem Weltrichter und er ſagte zu mir:„Du trugſt Deine weißen Haa⸗ re mit Ehren, und um ein paar Goldſtücke haſt Du Dein graues Haupt geſchändet, ſchä⸗ me Dich!“. Anna. Großer Gott! hör' auf! wir wol⸗ len lieber verhungern. Du haſt Recht, das iſt das Gewiſſen.— Du machſt mir angſt und bange, ich bebe, als hätte ich ſchon ge⸗ — ſtohlen; lauf', lauf', Vater, daß Du des Goldes los wirſt, was nur Deine alten Fü⸗ ße können, ich will Dir Deinen Rock brin⸗ gen.— Herr Gott, wenn Du den Wandere n urwieder einholſt. Zitternd eilte Anna in das Haus, und zitternd und ungeduldig ſchritt Anton bald vorwärts, bald rückwärts, und ſah ängſtlich nach dem Wege hin. Wohl denen, welche zittern und beben, um Unrecht zu verhüten! —„Da, Vater,“ ſagte keuchend Anna, und reichte ihm Rock und Stab,„nun ſo ſchnell als Du kannſt! Der Wanderer iſt den Weg A. J 2 —— ,— — 132.— um den Buſch gegangen, ſagteſt Du, die Landſtraſſe krümmt ſich da gar ſehr; wenn Du hier den Fußſteig durch des Richters Haber gehſt, ſo kommſt Du ſo viel näher, als er, ſo mußt Du ihn noch am Ende des Buſches treffen; eile, eile! Gott im Himmel! wenn Du ihn nur noch triffſt!“ Sie rief ihm das nach, denn ſchon war Anton auf dem Fußſteige.— Vorwärts ge⸗ beugt ſtrengte ſein wankender Körper ſich an, ſo haſtig als jetzt hatten ſeine Füße nicht ge⸗ ſchritten, ſeitdem ſein Haus abbrannte, ſein ſchneeweißes Haar ſchwamm gehoben in der Luft, und der Wind bewegte die zerriſſenen Stellen ſeines Gewandes.„Wenn er ihn nur trifft,“ dachte die Frau, und wandte ſich erſt nach der Hütte, und dann wieder nach dem Gatten, und ihr däuchte, er gehe zu langſam, und ſie folgte beklommen ihm nach und erreichte ihn und faßte ſeinen Arm. „Ich bin doch noch etwas rüſtiger, als Du,“ ſagte ſie,„und kann Dich ſtützen, halt' Dich nur an mich.“— Arm in Arm keuchten nun die beiden Al⸗ 84 ten geſchwinder als zuvor des Weges weiter, und wäre Jemand Zeuge des Auftrittes ge⸗ weſen, ſo hätte er eine Thräne aus dem Au⸗. ge wiſchen, und ſeine Hände falten und den⸗ ken müſſen: Dank Dir, Gott, daß Du Dei⸗ nem Menſchen Kraft gibſt, auf der Höhe ſo ſittlicher Würde ſo feſt zu ſtehen, daß ihn der Glanz des Goldes nicht niederziehen, der Drang des Hungers ihn nicht herabſtoßen kann! Bald hatten die beiden Eheleute den Fuß⸗ ſteig zurückgelegt, bald ſtanden ſie am Ende des Buſches, und ſahen mit Freuden, daß ſie dem Jünglinge ſo weit zuvorgekommen waren, daß er ihnen ſich erſt näherte, als ſie ſchon wieder Athem und etwas Kraft ge⸗ ſchöpft hatten. „Mein Herr,“ ſagte Anton,„hier ſind zwei Goldſtücke, die Sie dort auf dem Ra⸗ ſen vor der letzten Hütte des Dorfes aus Ihrer Reiſetaſche zogen.“ 3 Verwundert ſah der Jüngling die Alten an, und innig und achtungsvoll ruhten ſeine Augen auf ihren Mitleid erweckenden Klei⸗ ——õÿ— o dern. — 134— „Ihr ſcheint arm zu ſeyn,“ begann er nach einigem Nachſinnen. Anton. Sehr arm, mein Herr. Anna. Aber wir möchten gern ehrlich bleiben, da haben Sie Ihr Geld. Der Jüngling(bedenkt ſich eine Weile mit allen Zeichen der Unentſchloſſenheit im Ge⸗ ſichte, und nimmt es). Ich nehme es wieder, weil ich's da, wohin ich will, gebrauchen könnte. Für heute will ich euch geben, was ich jetzt entbehren kann, und bald komme ich zurück, dann ſollt ihr ſehen, daß es Men⸗ ſchen gibt, welche die redliche Dürftigkeit ſchätzen.— Aber jetzt erholt euch hier noch von eurer Müdigkeit. Ihr Guten ſeid ſehr ſchnell gegangen. Ich habe auch noch nicht zu Mittag gegeſſen, und doch dieſen Morgen mich darauf verſehen, um nicht in einem Wirthshauſe einen Aufenthalt leiden zu müſ⸗ ſen. Vor euerm Hauſe wollte ich etwas ge⸗ nießen, aber die Sehnſucht trieb mich weiter ⸗ Ich muß ihr inzwiſchen doch noch eine Ruhe⸗ zeit abfordern, und ich thue wohl am Beſten, — —— — — 135— wenn dieß jetzt geſchiehl.— Ihr ſeid meine Gäſte.— Anton. Je nun! wenn der Herr etwas entbehren kann? Es iſt heute noch dists über unſere Zungen gekommen. Der Jüngling. Ihr guten Armen! Setzt euch;(indem er Eſſen und Wein aus der Taſche zieht) das iſt eine gute Bouteille, die euch bekommen wird.(Nachdem er in einen Becher eingeſchenkt hat.) Ich bin auch aus die⸗ ſer Gegend, aber lange hab' ich ſie nicht ge⸗ ſehen.— Zwölf Jahre ſind es nun, daß ich meine Aeltern als ein junger Handwerker ver⸗ ließ, und nur ein Jahr weniger iſt's, daß ich nichts mehr von ihnen gehört habe. Anton. Mutter, hörſt Du? Der Jüngling. Damals ließ ich mich bereden, ein paar Seereiſen mitzumachen. Auf mehrere Briefe habe ich keine Antwort erhalten, vielleicht, weil ſie meine Aeltern nicht erhalten haben. Zuletzt lebte ich einige Jahre in Batavia. Der himmliſche Vater hat mich reichlich geſegnet. Vor ſechs Wochen bin ich in Hamburg wieder angekommen. — —— Die Tochter des Meiſters, bei dem ich ein Jahr arbeitete, war indeß aus einem zarten Kinde eine blühendſchöne und recht gute Jung⸗ frau geworden. Der Vater kannte mich, ich habe zu leben, die Tochter gewann ich lieb, ſie mich, und in zwei Monaten wird ſie mein Weib. Zum höchſten Glücke, das der Menſch finden kann, fehlt mir nun nichts, als daß ich weiß, wie's meinem Vater und meiner Mutter geht. Anna. Vater!—— Der Jüngling. Auf einen Brief von Hamburg habe ich wieder keine Antwort er⸗ halten, darum bin ich auf dem Wege, meine liebe Heimath zum letzten Mal zu grüßen, und Gott gebe, daß ich meine Aeltern noch treffe, und daß ſie ſich entſchließen, mit mir zu ziehen und mit mir zu theilen, was Gott mir beſcheert hat. Auf der Rückreiſe komme ich wieder hier durch, und— Anton(der ſein Weib ſchon mehrmals be⸗ deutend angeſehen und ihr zugenickt hat). Mut⸗ ter, kommt's Dir denn auch ſo vor?— Und — 182— wenn man fragen darf, mein Herr, wie weit iſt es noch zu Ihrer Heimath?— Der Jüngling. Vier Meilen, glaube ich)riſt es noch bis Brückſtädt. „Anton und Anna(zugleich— mit aus⸗ gebreiteten Armen). Brückſtädt, Brückſtädt? Der Jüngling. Gott! was iſt euch? Seid ihr da bekannt? Mein Vater heißt Anton Wagner. Anton und Anna(coon beiden Seiten an ſeinen Hals ſtuͤrzend). Ach! Wilhelm, mein Sohn, mein wiedergefundener Sohn! Mehr vermochten ſie nicht. Der Jüngling ſank wie berauſcht von einer Bruſt an die andere, und auf lange erlag die Rede der Entzückten unter der übermannenden Gewalt ihrer ſeligen Gefühle. Endlich überzeugten den Sohn mehr die kurzen Antworten auf einige abgebrochene Fragen, als die durch den Kummer gänzlich veränderten Geſichts⸗ züge und die Töne der durch Alter und Noth geſchwächten Stimme, daß er in den Armen ſeiner Aeltern hange.„Mein Vater! Meine Mutter!“ ſtammelte er, ſtürzte auf ſeine — 138— Kniee, heftete den Blick gen Himmel, hob die Hände empor, und dankte mit zitternden Lippen. 1 842 Anton. Mutter, falle auf die Kniee, wir ſind ja wohl im Paradieſe, und ſehen da unſern Sohn wieder? Auf Erden hoffte ich ſolche Seligkeit nicht mehr. Anna. Ich kann's gar nicht glauben.— Wenn Du Wihelm nicht wäreſt! So groß und ſchön war Wilhelm nicht; und doch biſt Du's.— O mein Sohn, mein Wilhelm! Wilhelm. Ach Mutter! ach Vater! ja ich bin euer Sohn! Ich war kaum achtzehn Jahre alt, als ich euch verließ, und habe mich in der Fremde ſehr geändert.— Gott! meine Aeltern, aber warum ihr in dieſem Zuſtande? Anton. O Wilhelm, Mutter, danket, preiſet! wir ſind im Paradieſe, keine Seufzer, keine Klage mehr auf dieſer Erde! Und ihr Leben ward in dieſer Stunde mit einer Seligkeit umgeben, die noch manche Jahre anhielt, bis Gott ſie beide in einem Jahre zu einem noch beſſern Leben abrief. Die Gutsbeſitzer. Herr Mallet, ein bejahrter Edelmann, der ſeine Gattin und ſeine Kinder verloren hatte, beſaß ein ſchönes Landgut in Dauphi⸗ ne. In der Revolution bei dem berüchtigten Zug der Schloßverbrenner 1790, wurde auch ſein Landgut, das iſolirt von jedem andern Dorfe in einem reizenden Thale lag, nicht übergangen; da er aber als ein ſehr wak⸗ kerer Mann bekannt war, begnügte man ſich, einen ſehr geringen Theil des Schloſſes zu verbrennen, und that bei ſeiner Flucht die Augen zu. Einige Zeit darauf wurde das Schloß confiscirt, und zum Vortheil der Na⸗ tion verkauft. Der Käufer war ein Demo⸗ krat mit Namen Duminile. Mallet ent⸗ — 140— kam und rettete nichts von ſeinem Vermögen, als eine kleine Summe, mit welcher er vier Jahre, ſo gut es gehen wollte, in der Schweiz lebte. Das Landleben und der Ackerbau war Herrn Mallets herrſchende Leidenſchaft, er hatte ſich von jeher damit beſchäftigt, und man kann ſich leicht vorſtellen, wie oft er ſich im Geiſte auf ſein ſchönes Landgut in Dauphine verſetzte. Wer weder Weib, Kind, noch Freunde hat, muß die Bäume und Fel⸗ der, die er pflanzte und anbaute, herzlich liebgewinnen.. Mallet erfuhr Robespierres Sturz, und die darauf folgende Mäßigung in den öffentlichen Maßregeln der Republik Frank⸗ reichs. Er hatte ein ſehnliches Verlangen, ſein Gut wiederzuſehen, an Muth, die Reiſe zu unternehmen, fehlte es ihm nicht, und er machte ſich wirklich auf den Weg. Zu Fuß, einen kleinen Bündel mit einiger Wäſche auf dem Rücken, in kleinen Tagreiſen, kam er glücklich über die Grenze, und gelangte end⸗ lich nach vielen Mühſeligkeiten eines Abends an einen Pachthof, der nur eine halbe, Stun⸗ . — 141— de von ſeinem ehemaligen Landſitze entfernt war. Mallet fand den Pachter, den er da verlaſſen hatte, nicht mehr, und war um ſo ſicherer, nicht erkannt zu werden. Er ſchlug dem neuen Pachter vor, ihn auf einige Zeit in die Koſt zu nehmen, und kam mit ihm wegen der Bedingung überein. Nur einen Tag ruhte Mallet aus, und machte ſich dann eines Morgens auf, um die Gegend auszukundſchaften. Er näherte ſich ſeinem Schloſſe, und nahm wahr, daß es bewohnt war. Er durchſtrich die Felder, den Wald, die Wieſen, und fand Alles in der vollkommenſten Ordnung. Dieſer Spazier⸗ gang entzückte ihn. Er wiederholte ihn täg⸗ lich, und kam erſt bei einbrechender Nacht nach dem Pachthofe zurück. Dieſe Spazier⸗ gänge waren zu häufig, um nicht bemerkt zu werden, der Gärtner und die Arbeiter ſahen ihn, denn er vermied ſie nicht, ſondern grüßte ſie immer höflich, und ſetzte ſeinen Weg lang⸗ ſam fort. Man gab Acht auf ihn, erkannte bald, daß er nicht den mindeſten Schaden that, Lund ließ ihn ungeſtört gehen. Doch — 142— glaubte der Gärtner, ſeinen Herrn davon benachrichtigen zu müſſen, da in Frankreich damals jeder Fremde verdächtig war. „Er iſt ſchon bei Jahren,“ ſagte der Gärtner,„geht etwas krumm auf ſeinen Stock geſtützt, er betrachtet Alles aufmerk⸗ ſam, bald ſetzt er ſich an dem einen, bald an dem andern Fleck nieder, zuweilen finde ich ihn auch mit einem Buche in der Hand unter einem Baume liegen. Manchmal hält er ſo ſein Mittagsmahl, das in einem Stück 1 Brod und einem Fläſchchen Milch oder Wein— beſteht, das er aus der Taſche zieht. Er ſcheint die ſchönſten Bäume zu bemerken, lieſt im Gehen die Raupen von den Hecken, tritt die Maulwurfshügel gleich, und jätet das Unkraut aus dem Getreide. Er kommt dem Garten nie nahe, und ſpricht mit Nie⸗ mand, auſſer einmal, wo er zu mir ſagte: er hoffe, daß ſeine Spaziergänge Niemand verdrößen, ſonſt wollte er ſie lieber einſtellen.— „Das iſt ſonderbar!“ rief Herr Dumi⸗ nile,„ſtört den alten Mann nicht, ich will ſeine Bekanntſchaft machen.“ 8 * * —— — 143— Er ließ ſich die Gegend zeigen, wo der Unbekannte ſich am Meiſten ſehen ließ, und begegnete ihm ſchon am folgenden Morgen. Mallet grüßte ihn und wollte ſeines Wegs gehen. Duminile tritt näher und hält ihn ſanft auf: Mallet fängt voll Verlegenheit an, ſich zu entſchuldigen. „Mein Herr,“ ſagte jener,„vielleicht kam es mir zu, mich zu entſchuldigen; ich hätte ſollen bereitwilliger ſeyn, einen ſo groſ⸗ ſen Liebhaber ländlicher Promenaden, wie Sie zu ſeyn ſcheinen, in meinem Bezirk zu bewillkommen.“ Mallet antwortete nun mit etwas mehr Zuverſicht, daß er das Land und Spazier⸗ gänge wirklich ausnehmend liebte, und dieſen Ort ſo ſchön gefunden hätte, daß er von dem Verlangen, ihn täglich zu durchſtreifen, hin⸗ geriſſen worden wäre. Der ſanfte, vernünf⸗ tige Ton des Unbekannten geſtel dem Demo⸗ kraten, er merkte bald, daß er mit keinem Mann aus den niedern Klaſſen zu thun hatte. Bald zog er ihn in ein Geſpräch über den Ackerbau, und Mallet ſprach mit vollkom⸗ — 144— mener Sachkenntniß. Sie gingen lange zu⸗ ſammen, und als Duminile nach dem Schloſſe zurückkehrte, bat er ſeinen neuen Bekannten, ſeine Spaziergänge zu wiederho⸗ len und ihm dabei nicht auszuweichen. Mal⸗ let antwortete mit Herzlichkeit, kam den fol⸗ genden Tag wieder, begegnete von Zeit zu Zeit Duminile, und ward gewiſſermaſſen mit ihm bekannter. Sein verſchabter Rock, ſein faſt formloſer Hut, ſeine ſehr abgenutzte Wäſche, verſteckten den wackern, liebenswür⸗ digen Mann und ſogar den Mann von Kennt⸗ niſſen nicht ſo ſehr, daß er nicht bei jeder Gelegenheit durchgeſchimmert hätte. Nur ſein Adel und ſein eigentlicher Name blieb ver⸗ borgen. Eines Tages bat ihn Duminile beim Schluſſe eines ihrer Spaziergänge zum Mit⸗ tagseſſen. Der alte Mann verbarg ſeine Be⸗ wegung, blieb einige Augenblicke unentſchloſ⸗ ſen, nahm aber doch die Einladung an, und trat in das Haus. Gegen Abend erregte der Anblick des Gartens, wohin man ihn führte, neue Rührung in ihm. Er ſprach nichts, ging ———— —,— — ʒ— —,— ging längs der Spaliere hin, und blieb bei je⸗ dem Fruchtbaume ſtehen.„Ach!““ rief er endlich, indem er einen derſelben mit lebhaf⸗ ter Theilnahme betrachtete,„dieſer Aprikoſen⸗ hauml/.1* hier, unterbrach er ſich, und iuh mit. verändertem Tone fortz⸗ eniſ ſeür gut gezogen.“ 2 us halg 9 Es war Mallets lebter Baum, den er hier auf ſeinem Gute vor ſeiner Flucht ge⸗ yflanzt hatte. i Sing Man behielt ihn zum Abendeſſen. Du⸗ minile hatte, ihn ſeiner Frau und ſeinen Kindern vorgeſtellt, und bezeugte ihm alle mögliche Achtung. Nach einem ſehr freund⸗ ſchaftlichen Geſpräche ließ er endlich, kurz ehe ſie vom Tiſche aufſtanden, ſeine Neugier⸗ de nach dem Namen ſeines Gaſtes ſich mer⸗ ken, Dieſer verbeugte ſſich ſtillſchweigend, blieb geh eimnißvoll, und begab ſich bald dar⸗ auf hinweg. Man zog Erkundigungen ein; die Revolution hatte manchen Bewohner die⸗ ſer Gegend entfernt, von allem vertrauten Umgang war man durch die lange Tyrannei ganz entfremdet, der gute Alte hatte alle be⸗ K 4 — 146= kannten Geſichter vermieden, und ſo konnte Niemand Aufſchluß üͤber ihn geben.— Nach⸗ dem das erſte Mittagsmahl mit gegenfeitigem Vertrauen angeboten und angenommen war, folgten lauf daſſelbe mehrere andere. Eines Tages ſiel das Geſpräͤch auf den Ertrüg des Gutes, auf die moͤglichen Verbeſſetngeng auf die Art, wie man dieſes koder jeies Feld, Acker oder Wieſe benutzen könnte. Mallet ſprach angenehm und mit auffallend genauer. Kenntniß der Sache! immer fagte er mit der größten Beſcheidenheit das Paſſendſte, was ſich von dem Gegenſtand nur ſagen ließ⸗ Mochte nun Duminile Verdacht ſchopfen, oder des Unbekannten Geheimniß erforſchen wollen, er heftete plötzlich die Augen auf ihn, und begann eine lange Anrede, mit welcher er faſt ununterbrochen ungefähr in folgenden Worten fortfuhr: „Ich bin,“ ſagte er,„Demokrat, und wie man zu ſagen pflegt, ziemlich im Sinne der Revolution. Dieſes Gut gehörte ehemals einem Edelmann, den es nicht vor Mißhand⸗ lungen ſchützte, nur Gutes gethan zu haben. ———— — 141— Als die ſogenannten Brigands das Schloß in Brand ſteckten, entfloh er, und that mei⸗ nes Bedünkens wohl daran, ich hätte es an ſeiner Stelle nicht anders gemacht. Das Feuer nahm von der Gegend des Schloſſes aus, wo es angelegt war, gar nicht über⸗ hand, man konnte es leicht nach dem Abzug des wilden Haufens löſchen. Das Gebäude iſt ſchön, und gibt mir von dem Geſchmacke des Erbauers die günſtigſten Begriffe. Ich weiß nicht, in welchen Winkel der Erde er geflüchtet iſt! Die Nation zog ſein ganzes Vermögen ein, die Ländereien, das Haus mit Geräthſchaften, Silberwerk, Schildereien bis auf die Wäſche und Kleidung des un⸗ glücklichen Flüchtlings, wurden verkauft, und ich brachte Alles an mich.“ „Ich bin nicht von Adel, und habe ein groſ⸗ ſes Vermögen zum Theil vor, zum Theil in der „Revolution erworben. Das hat mich nicht gehindert, nach vollzogenem Handel ernſthafte Betrachtungen anzuſtellen. Ich fand, unter uns geſagt, daß Manches daran fehlte, um K 2 1 —— — 148— mich vollkommen zufrieden zu ſtellen. Wem gehört dieſes Landgut? Wer ſind die, welche es an ſich riſſen? Iſt es wahr, daß es der Nation zu gule kommt? Alle dieſe Fragen beſchäftigten mich lange Zeit. Ich habe die⸗ ſes Gut für den halben Werth gekauft, ich habe wie ein Knicker abgehandelt, und in Aſſignaten, die ich damals verloren hatte, bezahlt. Man iſt nicht ſehr freigebig, wenn man einen Handel ſchließt, dem man keinen Beſtand zutraut. Kaum war die Sache ge⸗ endigt, ſo ſchien es mir, ich hätte keinen Kauf, ſondern blos eine Spekulation gemacht, und in den drei Jahren, die ich hier zubrach⸗ te, iſt mir der Gedanke nicht aus dem Sinne gekommen. Ich hab' ihn meiner Frau und meinen Kindern nicht verhehlt. Dieſes Gut war bei meinem Antritt vollkommen gut ge⸗ halten, ich habe die vorgefundenen Anlagen ausgeführt, und der Ertrag iſt ſehr anſehn⸗ lich geweſen. Ausbeſſerungen ſind faſt gar nicht vorgefallen. Die Einnahme hat ſich von Jahr zu Jahr vergrößert, und beſitze ich es nur noch zwei Jahre, ſo habe ich, im = 4149— Vertrauen geſagt, eine Herdliche Sperulatian. gemacht.“ „Aber meine Zweifel haben ſt ch doch nicht gelöſt, ich habe ein Verzeichniß von Allem gemacht, was das Gut und das Haus beĩ meiner Ankunft enthielt; wenn ich es Räu⸗ bern abkaufte, will ich wenigſtens keiner ſeyn; ließ ich es vielleicht einen Augenblick an fei⸗ nen Gefühlen fehlen, ſo ſoll folgender Ent⸗ ſchluß mein Gewiſſen beruhigen:„„„Ich er⸗ kläre durch eine eigenhändig von mir unter⸗ zeichnete Schrift, welche wirklich ſchon in mei⸗ nem Schreibtiſch völlig abgefaßt liegt, daß ich mich von dem Augenblick an, da ich die⸗ ſes Landgut kaufte, nie als deſſen Eigenthü⸗ mer, ſondern blos als Pächter, als Verwal⸗ ter deſſelben angeſehen hatte, daß ich, da ich es nicht ſeinem wahren Eigenthümer be⸗ zahlt habe, es nur bis zu ſeiner Nückkehr behalten will.““ „Glücklich würde es mich machen, den ehemaligen Beſitzer und wahren Eigenthümer zu entdecken! Sie, mein Herr, ſcheinen dieſe Ländereien vollkommen zu kennen, könnten — 150— Sie mir ihren wirklichen Eigenthümer nicht auffinden helfen!“ Mallet war ſehr bewegt, Duminile fuhr fort; .„Was ich ſage, mein Herr, iſt kein eit⸗ les Vorgeben, es iſt noch weniger ein Fall⸗ ſtrick. Hier“— er ſchloß ſeinen Schreibtiſch auf—„hier iſt die erwähnte Schrift; ſie iſt von meiner Hand unterzeichnet, ich nehme meine Frau und Kinder zu Zeugen, und ha⸗ be deren noch andere unverwerfliche. Ken⸗ nen Sie den Unglücklichen, 4 den man beraubt hat, ſo beſchwöre ich Sie, mir ihn zu entdek⸗ ken; wo nicht, ſo helfen Sie mir wenigſtens ſein Gut auf das Vortheilhafteſte verwalten. —— Aber ſollten Sie ihn kennen. 4. o ſo verbergen Sie es nicht, damit ich ihm ſein Eigenthum erſtatte!“ Der gute Alte wollte hartnäckig bei ſei⸗ nem Stillſchweigen beharren, aber zwei große Thränen, die auf ſeine Bruſt herabſielen, verriethen ſein Geheutniß— ——— — 151— „Sie kennen ihn, oder ich halte ihn wohl gar in meinen Armen!“ rief Herr Dumi⸗ nile, und ſiel Mallet um den Hals.— „Ja!“ ſagte dieſer,„ja, er iſt in Ihren Armen, und dieß allein macht ihn ſchon glück⸗ lich, zu glücklich, als daß er eine andere Er⸗ ſtattung wünſchen würde. Zerreiſſen Sie die⸗ ſe Schrift, Sie thaten genug für mich. Sie pflegten ja meine Bäume, meine Felder, mei⸗ ne. Gärten! Sie thaten mir wohl in dem, was mir auf der Welt das Liebſte iſt.— Geben Sie mir etwas Wäſche, einen Rock— ich bin mäßig, ich bin geſund, leicht ſind meine Bedürfniſſe befriedigt.... Aber erlau⸗ ben Sie mir, hier ſpazieren zu gehen! Ich will Ihnen bei dem Anbau Ihrer Ländereien beiſtehen, und es wird mir ſeyn, als gehör⸗ ten ſie noch immer mir.“ „Nein,“ unterbrach ihn Duminile mit eindringendem Ernſte,„über dieſen Punkt iſt mein Entſchluß unerſchütterlich.“ 7, 1 0 Mallets Weigern ward durch des Dey mokraten Gründe überſtimmt, und ſie kamen — 152— überein: Mallet ſollte, bis günſtigere Um⸗ ſtände einträten, unter einem erborgten Na⸗ men ein Zimmer im Schloſſe bewohnen; wäh⸗ rend der nächſten zwei Jahre ſollte der Er⸗ trag des Gutes zwiſchen ihm und Duminile getheilt werden, nachher aber das ganze Gut durch eine förmliche Schenkung an Mal let fallen, er möchte bis dahin im Stande ſeyn, ſei⸗ nen wahren Namen wieder anzunehmen, oder nicht. Dieſer willigte ein, doch unter einer Bedingung: Duminile mußte ihm verſpre⸗ chen, ihn bis zu ſeinem Tode nicht zu verlaſſen. Dem Herkommen gemäß hatte es Zeugen bedurft, den Fremden als wirklichen ehema⸗ ligen Beſitzer des Gutes zu erkennen, allein dieſe Formalität war unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden für Mallet mit augenſcheinlicher Ge⸗ fahr verbunden, ſeine genaue Kenntniß des Gu⸗ tes, und mehr wie das, ſeine rührende An⸗ haͤnglichteit an Alles, was ſein Fleiß dort gepflegt oder hervorgebracht hatte, konnten ohnehin Duminile ſtatt alles Beweiſes die⸗ nenz auch war er ſchon ſein Freund, und es fand kein Mißtrauen unter ihnen ſtatt. —— — 158— Eine nähere Bekanntſchaft hat dieſe glück⸗ liche Abrede nicht geſtört, noch zehn Jahre lebte Mallet mit Duminile und ſeiner Familie in der beſten Eintracht, und hinter⸗ ließ dankbar nach ſeinem Tode das Gut umn. ſeinen edlen Feentd.—— Hmn n Die Liebe der Kinder ſchafft Vergehung den Schuldigen. — Derjenige Menſch, dem Mutter Natur ein zartes Gefühl verlieh, fuͤhlt dieß für den größten Schmerz hier auf ſeiner Pilgerfahrt, wenn er von ſeinen Mitmenſchen, denen er ſein gefühlvolles Herz ganz öffnete und reichte, dieſes Herz boshaft und undankbar von ihnen zer⸗ fleiſcht ſieht; wenn die, denen er ſich ganz hingab, ihn nicht allein verkennen, ſondern noch oben⸗ drein ihn, der ſie aus heißem Drange liebte, ihnen wohlthat, ſich ganz ihnen opferte, hin⸗ tergehen und betrügen. Dem iſt es am Be⸗ ſten, wenn es ihm gelingen kann, die Anzahl ſeiner noch übrigen Lebenstage entfernt, ſo viel als möglich, von Menſchen, in der Ein⸗ ſamkeit dahingleiten zu laſſen. — — 455— Dieſes fühlte der nunmehr dreiſſig Jahre alte Eduard-Wetton, und beſchloß, fern von ſeinem Vaterlande Großbritannien in ei⸗ nem ferneren Welttheile, mit dem noch im⸗ mer ſtarken Reſte eines großen Vermögens, die Ruhe zu ſinden, die er vergebens in ſei⸗ nem Vaterlande ſuchte. Eduar d liebte, und reichte ſeiner Geliebten ſeine Hand und ſein Vermögen; ſie lohnte ſeine heiße Liebe mit Untreue und entfloh mit ſeinem Buſenfreunde, der ihn noch wenige Stunden vorher an ſein treuloſes, ſchwarzes Herz gedrückt, und ihm die größten Verſicherungen der wärmſten Freund⸗ ſchaft vorgelogen hatte. Dieſes und noch viele andere Proben der Nichtswürdigkeit Je⸗ ner, die ſich ſeine Freunde nannten, bewog Eduard nach Oſtindien zu reiſen und ſich dort in einem reizenden Thale des Königreichs Golconda am Ufer der Narrabutta, nahe an dem Marattenlande, anzuſiedeln. Er kaufte ſich dort einiges Feld, ſchuf es zu einem Parke um, ließ ſich in deſſen Mitte ein bequemes Wohnhaus mit einigen Nebengebäuden auf⸗ führen, und bewohnte dieſes mit einem treuen — 156s— Diener, den er mit aus England brachte, und mit wenigen Indianern, bin er in ſeine Dienſte nahm. 4 Kein Europäer lebte in der Nähe von Sir Eduard, nur einige Dörfer, von den friedlichen Nachfolgern Brama's bewohnt, be⸗ grenzten ſeine Beſitzungen; dieſe verſorgten willig und gerne ihn mit allem Nöthigen für ſich und ſeine Hausgenoſſen. Die Pflanzung ſeines Parks, Umherwan⸗ dern in der reizenden Gegend, die Jagd, Muſik und Lektüre füllten die Tage ſeines Lebens. Er war, obgleich ihm die Menſchen tiefe, unheilbare Wunden ſchlugen, dennoch kein Menſchenfeind, und wollte es nicht wer⸗ den; denn er betrachtete mit vollem Rechte ei⸗ nen ſolchen als eine Plage ſeiner ſelbſt und aller Jener, die mit ihm zu leben gezwungen wären; daher beſchloß er auch, einen wohl⸗ gebildeten Knaben zu ſich zu nehmen, denſel⸗ ben zu erziehen, und wenn dieſer ſeinen Er⸗ wartungen entſprechen würde, ganz Pater⸗ ſtelle an ihm zu vertreten und ihn zum Er⸗ ben ſeines noch immer anſehnlichen Vermö⸗ — 4157— T gens einzuſetzen. Er ſchrieb daher an einen Bekannten nach Madras, ihm einen ſolchen aus dem dortigen Waiſenhauſe auszuwählen und ihm zuzuſenden. Sein Verlangen wurde erfüllt, er erhielt einen wohlgebildeten Kna⸗ ben von vierzehn Jahren, deſſen Aeltern, Eu⸗ ropäer, in Indien geſtorben waren. Bald gewann der junge Willi am die . Liebe ſeines Pflegevaters und verdiente ſle. Nun war deſſen Ausbildung das Hauptge⸗ ſchäft von Sir Eduard, der als ein kennt⸗ nißvoller, gebildeter Mann auch im Stande war, dem Knaben eine gute, zweckmäßige Erziehung zu geben. 1G So erreichte William ſein neunzehntes Jahr, und jetzt ſah ſein Pflegevater ein, daß ein wenig Weltkenntniß und Erfahrung, die er in der, zwar mit allen Reizen geſchmück⸗ ten Einöde dennoch nicht zu erlaugen, ſeinem Zöglinge aber nöthig und nützlich ſei, und ſchickte ihn mit Empfehlungen als Freiwilli⸗ gen zu der Armee des Sir Arthur Wel⸗ lesley, dermaligen Herzogs von Welling⸗ — 158— tom, der damals gegeu deinige Pieſtemhe diens im Felde ſtand. nn Innt William kam bei der, Armee an,— aldngeufnun er durch ſein edles, ſittliches Betragen und ſeinen ausgezeichneten. Muth die Achtung unde Liebe ſeiner Vorgeſetzten Kurz vor der Schlacht bei Aſſay, die dem Kriege, da der mächtige Rajah von Berar durch die Engländer gefangen worden war, ein Ende machte, ward William mit einem Pkuß pp Keiter, den er befehligte, 2 zum Recsg⸗ nogeiten ausgeſchickt. Er verirrte ſich von einem Wege und kam in ein Thal, in dem er ein ſchönes, nach europäiſcher Art erbau⸗ tes Haus, mit reizenden Anlagen umgeben, gewahrte. Als er dieſes mit Wohlgefallen betrachtete und ſich dabei der Beſitzung ſeines Pflegevaters erinnerte, traf ſein Ohr ein wil⸗ des Geſchrei, welches von dieſer iſolirten Wohnung herkam. Mit verhängtem Zügel eilte er mit ſeinen Leuten, die 20 Mann ſtark waren, dahin. Ehe er das Gebäude noch erreichen konnte, ſtand dieſes in vollen Flammen. Ein Trupp Indianer, von dem — 188— Corps des Berar⸗Rajahs, hatte dieſe einzel⸗ ne Wohnung überfallen, geplündert und nun den Flammen Preis gegeben. S 2upiltiam, itriam ſtürzte mit den Seinigen auf den eind⸗ dſee d und ließ größtentheils ſeine gemachte zeute zurück; ohne ihn wei⸗ ter u verfolgen, eilte nun der junge ie⸗ ger, den Flammen, die das Gebäude bald in Alſche zu legen drohten, Einhalt zu thun. 7 un,Gott! mein Kind! meine Tochter!“ rief händeringend der Beſitzer des Hauſes, reben⸗ falls ein Engländer, und zeigte auf ein Eck⸗ fenſter im zweiten Stock des Gebäudes; zu ſeinen Füßen lag ohnmächtig ſeine Gattin; alles Geſinde war geflüchtet, und ſchon er⸗ griff heißhungrig die Flamme die Rahmen jenes Fenſters. Aus der Thüre des Gebäudes drängte ſich, zum Zeichen, daß das Feuer inwendig wüthete, ein dicker Rauch.— William ſah alles dieſes nicht, er ſah nur die Verzweiflung des Vaters um ſein Kind, ſprang vom Pferde und ſtürzte in den Eingang des Gebäudes. Seine Leute be⸗ = 489= mühten ſich unterdeſſen, das Feuer zu loͤſchen. William verweilte.„n unnae en „Allmächtiger!!“ rief der Hausbeſitzer, zzauch er der Edle iſt ein Opfer für ſeine Großmuth geworden”?) 8 A 5 ree 4 Da ürzte der junge Menſch, kaum kennbal .ν 7.5, 8 und vom Feuer verſengt, aus der Thüre, und T hes Reden dae arihe un den Füßen ihrer Aeltern. Die Mutter war Ande 1 ADer vugif n indeß aus ihrer Ohumacht zum Bewußtſey zurückgekehrt, und beide Aeltern knieten nun, und mit ihnen William, um die Bewußt⸗ loſe, die aber bald ihre ſchönen Augen öff⸗ nete, welche jetzt rührend dankbar auf ihrem „ Lebensretter hafteten.. l mnüß me ern Der Mannſchaft Williams hatte es un⸗ terdeſſen geglückt, den Flammen Einhalt zu thunz die Dienerſchaft des Hauſes war jetzt auch wieder zurückgekehrt, man ſuchte die Ordnung wieder herzuſtellen, und zog in die Wohnung ein, wo die Aeltern des ſchönen Mädchens, das ſich Lucie nannte, nun erſt herzlich dem Retter ihrer Tochter dankten, der aber dieſen Dank wenig vernahm, indem ſei⸗ — 161— ſeine Blicke nur auf den Reizen ſeiner Ge⸗ retteten ruhten; auch dieſe war ſtumm in ih⸗ rem Dank, deſto mehr ſprachen ihre Gebehr⸗ den, die reichlich jenen ihrem Retter zollten, was die Sprache nicht vermochte.— Herr Elis, ſo nannte ſich Luciens Va⸗ ter, gab nun Befehl, die Leute von Wil⸗ liams Kommando beſtens zu bewirthen, und beſchenkte ſie reichlich. „Was können wir Ihnen bieten?“ re⸗ dete er darauf William an.„Ihre edle That, die großmüthige, mit augenſcheinlicher Lebensgefahr verbundene Rettung unſers ein⸗ zigen Kindes, erfordert mehr Lohn, als wir zu zollen vermögen. Doch den Edeln lohnt ſchon das Bewußtſeyn ſeiner Handlungen. Nehmen Sie daher, edler junger Mann, noch einmal unſern wärmſten Dank hin, der nie verlöſchen ſoll, und mit ihm hier das Bild unſerer Lucie, die Sie ſo großmüthig rette⸗ ten.“ „Schon Ihre Freundſchaft, Herr Elis, die Ihrer Gattin und liebenswürdigen Toch⸗ ter würde meine geringe Handlung, die Sie L —Xᷣ—*———=——— — 162— ſo preißen, überreich belohnen. Das Bild⸗ niß Luciens, das ich hiemit annehme, iſt mehr als ich verdiene, und nie ſoll es aus meinen Händen kommen. Halten Sie übri⸗ gens mich Ihrer Freundſchaft werth, dieß iſt, warum ich bitte;“ erwiederte William und wollte aufbrechen, da nahte ſich ihm Lu⸗ cie, überreichte ihm ihr wohlgetroffenes Bild in Gold gefaßt an einem roſenrothen Bande, ergriff ſeine Hand und ſprach: „Nimm auch meinen Dank, edler Menſch, Retter meines Lebens, und denke oft, daß hier ein dankbares Mädchen weilt, in deſſen Herzen Deine That und Dein Bild unaus⸗ löſchbar bleiben wird.“ Sie ſprach's, und ein heißer Kuß brannte auf ſeinen Lippen, den er herzlich erwiederte, und ausrief:„Nie, nie, Lucie, werde ich Dich vergeſſen, Dich, die ich ſo heiß liebe!“ „Und ich Dich!“ liſpelte die Holde und ſank mit jungfräulicher Schamröthe in ſeine Arme. Der Bund der Liebe zwiſchen⸗ Beiden war — 163— nun geſchloſſen, und die Aeltern blickten ge⸗ rührt und ſegnend auf die Liebenden. Doch die Pflicht rief William, und man mußte ſcheiden; er verſprach ſo bald als mög⸗ lich wiederzukommen, und eilte mit den Sei⸗ nigen dem Lager zu. Das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Die Schlacht bei Aſſey wurde geſchlagen. Sir Arthur Wellesley zeigte ſchon da⸗ mals ſein ausgezeichnetes Talent als ein groſ⸗ ſer Feldherr und ſchlug mit einem kleinen Heere den faſt zehnfach ſtärkeren Feind. Der Rajah von Berar ward gefangen, 8000 ſei⸗ ner Truppen lagen auf dem Schlachtfelde hingeſtreckt, die Andern zerſtreut. Aber auch die Sieger hatten gelitten, ſie zählten an 1800 Todte und über 200 wurden vermißt, unter ihnen der junge William. Dieſer hatte ſich etwas unvorſichtig in das Gewühle der Schlacht zu weit gewagt, wurde von einem Trupp Feinde umringt und mit eini⸗ gen Wunden, die er erhielt, von ihnen mit fortgeriſſen. Tief in der Provinz Berar liegt das feſte L 2 — 164— Bergſchloß Ellpoor, das einem Verwandten des Rajah gehörte, und hierher brachte man William mit noch einigen Gefangenen, warf ſie ſogleich in einen Kerker, belegte ſie mit Ketten, und reichte ihnen zur Nahrung täg⸗ lich nur 8 Unzen Reis für Jeden, den ſie ſich ſelbſt in ihrem Kerker bereiten mußten. Wahrhaftig! nicht beneidenswerth war das Schickſal dieſer Unglücklichen. Williams Wunden waren bei ſeinem geſunden, kraft⸗ vollen Körper bald geheilt, ihm war Lu⸗ ciens Bild geblieben, das Anſchauen dieſes und Hoffnung, daß ſein trauriges Schickſal enden würde, erheiterten ſeine Traurigkeit. Was wäre auch der Menſch ohne Liebe und Hoffnung?— Ein Monat darauf erſchien Said Mon⸗ tazan, der Inhaber des Bergſchloſſes und ein bekannter tapferer Anführer der Truppen des Rajahs. Er ließ ſogleich William vor ſich kommen.„Wer biſt Du?“ fragte er ihn. William. Ein Engländer und Offizier. Said. Hal auch einer von jenen Fremd⸗ lingen, denen ihr Vaterland zu eng und zu — 165— arm iſt, die argliſtig fremde Länder erobern, ſie von ihrem Reichthum entblößen und des⸗ potiſch beherrſchen.— Die Deinigen haben meinen Vetter, den Rajah, gefangen, und er wird wahrſcheinlich von ihnen hingerichtet werden; ſein Tod fordert Rache und Opfer, dazu habe ich Dich und Deine Gefährten er⸗ kohren; ihr müßt ſterben. William. Unſer Tod wird den Ruhm des tapfern Said nicht vermehren, wohl aber ihn verdunkeln. Thu' wie Du es für gut befindeſt. Said. Junger Mann, du zitterſt nicht vor dem Tode? William. Nein! Said. Wenn Dir aber zuvor die größten Martern drohend William. Auch dann nicht. Die Nach⸗ welt wird mich rächen, ſie wird ſagen: Said Moutazan, der Vetter des Berar Rajah und ſein Feldherr, war ein tapferer Mann, aber er beſudelte ſeinen guten Ruf, da er unſchuldige Gefangene tyranniſch morden ließ, — 166— und man wird Dich ſtatt zu preißen, nur verabſcheuen. Said. Wirklich?— Aber ſprich, Jüng⸗ ling, iſt Dir dann Dein Leben ſo gleichgül⸗ tig? William. Keineswegs, ich bin jung, habe einen Vater, der mich liebt, eine Ge⸗ liebte, habe Freunde, gute Ausſicht in die Zukunft, warum ſollte ich mein Leben haſſen? — Muß ich aber ſterben, dann werde ich nie als eine feige Memme den Tod anblicken und vor ihm zittern. Said. Wohl! Eines kann Dein Leben retten. Du ſchwörſt mir bei Deinem Gotte, mein Vorhaben auszuführen, und Du biſt ſo⸗ gleich frei. William. Wenn es meine Ehre als Menſch, als Britte und als Offzier erlaubt. Said. Ich gebe Dir eine Portion Gift, Du eileſt in euer Lager und vergifteſt damit Sir Arthur'n, euern Feldherrn. William. Wie Dich Deine Klugheit verläßt! Ich nähme das Gift, eilte von dan⸗ nen, und die Schandthat bliebe doch von mir — 167— unausgeführt. Aber, daß der ſonſt ſo edle * Said zum gemeinen Meuchelmörder ſchänd⸗ lich herabſinken will, iſt mir unglaublich. Said. Iſt dieſes Dir unbegreiflich?— Ja, guter Jüngling! es war auch nur eine Probe. Said Moutazan weiß im offe⸗ nen Felde zu ſtreiten, aber nie wird er ler⸗ nen ein Meuchelmörder zu werden. Ich ehre die Tapferkeit auch am Feinde, und ſchätze darum euern Sir Arthur, obgleich er mich vier Mal ſchlug und jetzt meinen Vetter ge⸗ fangen hält, der aber keineswegs bei ihm in Lebensgefahr ſchwebet, im Gegentheil in ſei⸗ nem Lager wie ein unglücklicher Fürſt mit Achtung, ſeinem Stande gemäß, behandelt wird.— Auch Dir und den Deinigen droht hier keine Gefahr. Ihr ſeid bisher hart be⸗ handelt worden, es geſchah ohne mein Wiſ⸗ ſen und meinen Befehl. In Zukunft ſoll ench kein Mangel an Etwas mehr drücken. Du kannſt frei in der Feſtung umhergehen, mein Tiſch ſei der Deinige, und ich werde Dich mit Allem verſorgen laſſen; aber freige⸗ ben kann ich weder Dich, noch Deine Ge⸗ ——— —ͤhͤͤnͤA1— — 168— fährten, dieß erlauben bis zum Frieden die Umſtände nicht.— 3 Er entließ William, und dieſem fehlte von nun an nichts mehr, als die Freiheit. Er machte ſich die von Said erhaltene Er⸗ laubniß zu Nutzen, durchſtreifte die Feſtung und die Gärten derſelben, die im orientali⸗ ſchen Geſchmack angelegt, aber dennoch ſehr — reizend waren. Fürſt Said hatte mehxore Weiber, un⸗ ter ihnen war Allwina die Krone. Ihr Vater war ein Franzoſe, ihre Mutter eine Mallabarin; da ihr Vater ſtarb, verkaufte ſie ihre Mutter, damals erſt zwölf Jahre alt, in den Harem des Fürſten, der ſie in ihrem fünfzehnten Jahre zu ſeinem erſten Weibe erhob. Sie war ſtolz und wollüſtig, dabei grauſam, wenn ſie ihre Leidenſchaften nicht 8 befriedigen konnte. Allwina ſah den ſchö⸗ nen, jungen Mann öfters aus ihren Fenſtern im fürſtlichen Garten und ließ ihn durch eine Vertraute zu ſich einladen. William erſchien, weil ihm, dem in der Einſamkeit Erzogenen, unbekannt war, daß dem, liam mit Verachtung beſtraft. Ihre Liebe verwandelte ſich in Wuth. — 169— der einen fürſtlichen Harem betritt, der Tod gewiß ſei. Allwina verrieth bald ihre ſchändlichen Abſichten und wurde von Wil⸗ „Geh', Undankbarer!“ rief ſie,„zittere, Du ſollſt ein Opfer meiner Rache werden.“ „Das ſoll er nicht!“ ſagte Said, der jetzt plötzlich aus einer Tapetenthüre hervor⸗ trat und den ganzen Vorfall mit angehört hatte. „Das ſoll er nicht! Aber Du Schlange, die ich an meinem Buſen erzog, die ich mit Wohlthaten überhäufte„Dich treffe meine ge⸗ rechte Strafe! Fort mit ihr!“ rief er ſeinen Sklaven zu,„in den Kerker, und dort er⸗ droſſelt ſie.“ 4 Williams Bitten half nichts, ſie wurde fortgeführt und endete in wenig Augenblicken ihr Leben unter den Händen der Sklaven.— „Du biſt ein edler Menſch,“ ſagte Said darauf zu William,„und es iſt mir lieb, daß ich Dir Deine Freiheit geben kann. Der Friede iſt geſchloſſen, gehe zu den Deinigen, — 170— es iſt ſchon Alles zu Deiner Abreiſe bereit. Lebe wohl und bleibe mein Freund.“ William dankte dem edlen Fürſten und ging; er fand einen Elephanten für ſich und ſechs Sklaven in Bereikſchaft, ihn zu beglei⸗ ten, und ein Sack mit 1000 Pagoden wurde ihm noch von Said zum Geſchenke gereicht; auch der Elephant und die Sklaven blieben ſein Eigenthum. Jetzt wußte William nicht, wo er ſich zuerſt hinwenden ſollte. Er hatte faͤſt gleich⸗ weeit, nach Haus zu ſeinem Pflegevater und zu der Wohnung ſeiner geliebten Lucie. „Nein! Dankbarkeit iſt die erſte aller Tu⸗ genden,“ ſagte er bei ſich ſelbſt und eilte nach Wettonlodge, dem Aufenthalte Sir Eduards. Dieſer hatte zwar lange keine Nachricht von ſeinem Pflegeſohne erhalten, glaubte aber, da er in ſeiner Einſamkeit ſel⸗ ten Neuigkeiten erfuhr, denſelben noch bei der Armee, und dachte, ſeine Briefe an ihn könnten verloren gegangen ſeyn. Als er aber den geſchloſſenen Frieden vernahm, erwartete er mit Sehnſucht ſeinen theuern William. — — 171— Dieſer erſchien jetzt wirklich, und wurde von Sir Eduard mit väterlicher Liebe an's Herz gedrückt. William erzählte ſeine Abenteuer, auch ſeine Liebe zu Lucien verſchwieg er nicht, und wieß ihm das Bildniß ſeiner Geliebten. Sir Eduard nahm es, that einen Blick dar⸗ auf und erblaßte; er faßte ſich aber gleich wieder und ſprach:„Dieſe Züge, ſo ſchoͤn wie ſie ſind, können trügen, auch ich ward von dieſen nämlichen Zügen ſchändlich betro⸗ gen. Laß mich, der ich mehr Erfahrung, leider bitter genug, mehr Menſchenkenntniß als Du beſitze, erſt Deine Geliebte ſehen, ſie grüßen, und dann, ſie bewährt gefunden, werde ſie die Deine; denn ich wünſche nicht, daß auch Dir einſt das traurige Schickſal, das mich traf, zu Theil werde.“— Um Wil⸗ liams Sehnſucht zu ſtillen, bald ſeine ge⸗ liebte Lucie in ſeine Arme ſchließen zu kön⸗ nen, reiſte ſchon am andern Tag Sir Edu⸗ ard mit ihm nach Elishouſe.— William eilte etwas voraus, ſeine Geliebte zu über⸗ raſchen und ihren Aeltern ſeines Pflegevaters — 122— Ankunft, deſſen er in der kurzen Zeit ſeiner Anweſenheit bei ihnen nicht erwähnt hatte, zu melden. Er fand Lucien mit ihrer Mut⸗ ter. Die Erſtere ſank liebevoll an die Bruſt des Langvermißten, und Miſtris Elis em⸗ pfing ihn mit mütterlicher Freundſchaft. Er verkündigte ihnen die Ankunft ſeines Pflege⸗ vaters, und eilte mit ihnen durch den Park ihm entgegen. Während dem war Sir Eduard an der Thür des Parkes angelangt, hatte ſeinen Bal⸗ dachin verlaſſen, und wollte dem Wohnhauſe zuſchreiten. Herr Elis war im Parke ſpa⸗ zieren gegangen, ſah am Ende deſſelben Frem⸗ de ankommen, wollte ihnen entgegengehen, und ſtieß auf Sir Eduard. Dieſer, ihn erblickend, that einen ſchmerzlichen Schrei und rief:„Ha! verruchter Böſewicht! Ver⸗ führer meines Weibes, treffe ich Dich hier?“ Und er eilte nach ſeinem Baldachin zurück. Herr Elis, der ihn nicht erkannt, ſeinen Ausruf nicht verſtanden hatte, eilte ihm nach; an der Thüre traf er ſchon wieder auf den Zurückkehrenden, der ein Paar Piſtolen trug, 1 — — — — 173— ihm eine davon hinſchleuderte, und dabei aus⸗ rief:„Vertheidige, Falcourt! ſchändlicher Menſch! vertheidige Dein Leben, oder nimm mir das meine, das Du ſo boshaft vergiftet haſt. 4 Jetzt erſt erkannte Falcourt, der ſich hier Elis nannte, ſeinen ehemaligen Freund, den er einſt ſo tief kränkte, dem er ſeine Gat⸗ tin verführte und raubte. Er ſtand, ſeiner Schuld bewußt, beſchämt vor ſeinem ehema⸗ ligen Buſenfreunde, der bereits das Mordge⸗ wehr empor zur Rache hob. Da eilte Wil⸗ liam mit Lucien und ihrer Mutter herbei; Letztere, die Scene erblickend, Eduard er⸗ kennen und zu ſeinen Füßen ſtürzen, war das Werk eines Augenblicks. „Fort, Elende!“ rief dieſer und ſchleu⸗ derte ſie von ſich. „Verzeih', vergieb, Eduard!“ jammerte ſie,„vergieb uns hier um Deiner Tochter willen.“ „Mein Vater! mein Vater!“ rief Lucie und lag zu Sir Eduards Füßen, deſſen Kniee ſie umfaßte. Auch William ſtürzte neben ihr nieder. Da ſank Wettons Arm. 2* — 124— „Meiner Tochter?“ ſagte er. „Ja Deiner Tochter!“ ſprach erſchöpft ihre Mutter,„ich war von Dir im fünften Monat ſchwanger, als ich leichtſinnig Dich verließ. Lucie iſt Deine Tochter!“— „Ich vergebe euch!“ ſagte nach einer klei⸗ nen Pauſe Sir Eduard ſanft.„Aber le⸗ ben mit euch kann ich nicht.— Lucie folgt mir, ſie werde das Weib meines Pflegeſoh⸗ nes. Gott gebe, daß ſie nie in die Fußſta⸗ pfen ihrer Mutter tritt, die ich und Dich treuloſen Freund auf immer verlaſſe. Euer Gewiſſen, das euch ſtets zurufen wird: wir habelt treulos gehandelt, ſei mein Rächer.“ Er verließ die Schuldbewußten, Wil⸗ liam und Lucie folgten ihm, und knüpften das Band der Ehe, das ſie jetzt noch ſanft unmſchlinge Noch lebt Sir Eduard und hat ſeiner leichtſinnigen Gattin und ſeinem treuloſen Freunde, die Beide Jahrelang ſchon die Erde deckt, vergeben, vergeben um ſeiner Kinder willen, die ſeine alten Lebenstage, deren Mitte ſo traurig dahinfloß, beſtmöglichſt verſüßen. 6 —— ,“ In der Liebe der Kinder geht unter der Haß der Aeltern. Die zwei angeſehenſten, vornehmſten und reichſten Häuſer in Florenz, Carafelli und Caprara lebten im ununterbrochenen Streite. Fragte man, woher der ſo bittere Haß m Familien entſtanden ſei, ſo wußte Niemand, ja ſie ſelbſt nicht, die Urſache davon anzugeben. 4 Der Haß ſei vom Vater auf den Sohn ſchon von undenklichen Zeiten her vererbt, war Al⸗ les, was man in Erfahrung bringen konnte. Oft gab es wegen dieſem blutige Köpfe, Mord, ja öfters, da beide Häuſer viele An⸗ hänger hatten, förmliche Tieffen. Vergebens hatte der Großherzog oft es verſucht, ſie zu verſoͤhnen. Jetzt ſchien, da die meiſten Glie⸗ der dieſer Familien auf ihren Landgütern — 176— lebten, der Haß, nicht getilgt, doch ſchon auf einige Jahre bei Seite gelegt zu ſeyn, und nur der Liebe allein ſollte es gelingen, eine völlige Ausſöhnung zwiſchen ihnen zu erzeugen. Pietro Carafelli, der Reichſte und das Haupt der Familie, lebte allein noch in Flo⸗ renz, und auch von dem Hauſe Caprara war nur gegenwärtig Ludovico, gleichfalls der Senior ſeines Hauſes, gleich mächtig und reich wie Pietro. Manche Fürſtenhäu⸗ ſer waren mit ihnen nahe verwandt, und ſelbſt Ludovico's Gattin war eine Prin⸗ zeſſin von Savoyen. Pietro hatte nur einen Sohn, der von ſeiner früheſten Jugend an auf der hohen Schule zu Bologna erzogen worden war, und jetzt von einer Reiſe durch Europa nach ſei⸗ ner Vaterſtadt Florenz zurückkehrte. Ein wah⸗ rer Antonius an körperlicher Bildung, mit einem aufgeklärten Kopfe, nicht geſuchtem — Witze und dem beſten Herzen, betrat Victor ſein väterliches Haus, jetzt vierundzwanzig . Jahre alt, und erfüllte ganz die ſchmeichel⸗ — hafte — 1— hafte Meinung ſeines Vaters, der ihn ſeit fünfzehn Jahren nicht geſehen hatte. Ludovico Caprara hatte keine Söhne, nur zwei Töchter hatte ihm ſeine Gattin, die Prinzeſſin Mathilde von Savoyen, eine der edelſten Weiber, geboren, Marien und Roſamunden, welche die Freude der El⸗ tern waren, und ſehr ſüß die Mühe einer ſorgfältigen und richtigen Erziehung lohnten. Beſonders war Roſamunde der Liebling des Vaters, er wähnte, ſo wie die Knospe ſich allmählig entfaltete, ihre Mutter wieder in ihr aufblühen zu ſehen, und dachte mit freudiger Rührung an die Roſenzeit ſeiner Liebe zuruͤck. Bei einem majeſtätiſchen Wuchſe, einem etwas ſtolzen, gebieteriſchen Blicke, Ehrfurcht fordernd, die auch ihr Jedermann zollte, glich Marie einer Junoz da die ſanfte Roſa⸗ munde nur Liebe gebend und verlangend eher eine Göttin von Paphos lebend vorſtellte. Beide Schweſtern, nur ein Jahr im Alter verſchieden, liebten ſich zärtlich; noch, obgleich zu Jungfrauen gereift, und als die reichſten, M — „— 178— ſchönſten Mädchens von Florenz von Anbetern umringt, waren ihre Herzen frei geblieben. Roſamunde, bei ihrem ſanften Charak⸗ ter, zog das ſtille Landleben dem geräuſch⸗ ooollen, ſtädtiſchen vor, und weilte oft, mit der Bewilligung ihrer Aeltern, auf einer ſchönen Villa in der reizendſten Jahrszeit einige Wo⸗ chen in der Geſellſchaft einer Freundin. Die⸗ ſe Villa lag am Arno, kaum eine Meile von der Hauptſtadt Toscana's entfernt. Hier an der Seite der Freundſchaft, mit ihrer Harfe und dem Clavier, Meiſterin auf beiden, mit Zeich⸗ nen und dem Leſen der beſten Schriftſteller ihres Vaterlandes, eines Taſſo und Ario⸗ ſto, lebte Roſamunde die glücklichſten Ta⸗ ge ihres Lebens, obgleich eine Stelle in ih⸗ rem Herzen leer blieb, der Platz der Liebe, die, wenn Tugend ſich mit ihr paart, erſt ganz den Menſchen beglückt. Doch auch bald ſollte dieſe Leere in ihrem Herzen ausgefüllt werden. Victor Carafelli hatte ſein Herz frei und unverdorben in ſein vöäterliches Haus zurückgebracht; nun aber wünſchte der Vater, — 179— daß er ihm bald eine geliebte Schwiegerkochter zuführen möchte, und Victor ſelbſt ſah, daß dieſen ſo wichtigen Schritt, der oft das ganze Schickſal des Menſchen entſcheidet, und ſo einflußreich auf das Erden⸗Glück oder Un⸗ glück der Sterblichen iſt, er einſt thun müſſe. Doch wollte er kein Opfer der Convenienz werden, nur Liebe, wahre, geprüfte Liebe ſollte das Band ſeiner Ehe knüpfen, denn er dachte, und wohl mit Wahrheit, daß Lie⸗ be bei der Ehe, verſteht ſich auf beiden Sei⸗ ten, bei Mann und Weib, das Leben ge⸗ nießenswerth mache, wo im Gegentheil ohne Liebe der Lebenspfad der Verehelichten ſtets nur mit Dornen überſtreut ſei. Auch Victor ſtahl ſich oft aus dem Ge⸗ wühle der Süsdt ins Freie, auch er liebte das Landleben, und ſtreifte oft Tagelang in der paradieſiſchen Gegend ſeiner Geburtsſtadt umher. Eines Abends, ſchon neigte ſich die Sonne zur Ruhe, und einzelne Sterne flim⸗ . merten bereits am Horizont, da wanderte er, mit Planen in die Zukunft beſchäftigt, in ei⸗ nem Pomeranzen⸗ Haine; als plötzlich das M 2 — 480— Rufen eines Hilfsbedürftigen ſein Ohr er⸗ reichte. Pfeilſchnell eilte Victor darauf zu, und ſah einen Mann ſich gegen drei Bandi⸗ ten vertheidigen. Schon war der Angegriffe⸗ ne ermattet, ſchon die Dolche ſeiner Gegner ſeinem Herzen nahe; da ſtreckte Victors De⸗ gen den Einen leblos nieder, und indem er mit ſtarker Fauſt den Zweiten zu Boden warf, entfloh der Dritte. Auch der Niedergewor⸗ fene, unverwundet, raffte ſich auf und folgte ſeinem Mitgehilfen in das nahe Dickicht des Waldes.— „Wem verdanke ich die Rettung meines Lebens?“ fragte Ludovico Caprara, denn dieſes war der Angegriffene, der eben von jener Villa, wo ſeine Tochter Roſamunde weilte, nach der Stadt zurückkehrte. „Dem Zufall,“ ſagte Victor, der den Marcheſe erkannt hatte,„der mich eben in dieſe Gegend führte. Ihr müßt Feinde ha⸗ ben, Signor, oder waren es nur gemeine Strauchdiebe, die es auf Eure Börſe anleg⸗ ten?“ „„Wohl eher das erſtere. Meine Feinde —— — 181— ſchlummerten nur, und ihr Haß ſcheint wie⸗ der zu erwachen, aber ich werde mich rächen und Gleiches mit Gleichem vergelten,“ ſprach Ludovico. „Ihr könnt Euch wohl irren,“ ſagte Vic⸗ tor, der den Marcheſe nur allzuwohl ver⸗ ſtand, zog höflich ſeinen Hut und ſchlug ei⸗ nen Nebenweg ein, ohne auf den Dank zu hören, den Jener ihm nachrief. Die Chůre eines Barkes ſtand offen, Victor, noch in Gedanken mit der eben vorgefallenen Scene beſchäftigt, trat ein und hörte den Klang ei⸗ ner Harfe, die mit der Stimme einer Cata⸗ lani meiſterlich begleitet wurde. Die Töne kamen aus einem nahen Pavillon, er eilte darauf zu und blickte durch die halb offenen Jalouſien eines Fenſters in einem hellerleuch⸗ teten Saale, auf dem Divan ein weibliches Weſen, das eben die Harfe niederſetzte, auf⸗ ſtand und nun ſich dem Lauſcher ſo reijend wie eine Göttin darſtellte.. Victor war ganz Auge, ein noch nie uvo rempfundenes Gefühl durchfloß ſanft ſein Ganzes; ſo hatte ihn noch kein Anblick — 182— eines weiblichen Geſchöpfes angeſprochen. Na⸗ he Fußtritte weckten ihn aus ſeinem ſüßen Traume, er verbarg ſich. Es war ein an⸗ deres Frauenzimmer, das jene Holde abrief, ſie Roſamunde nannte, und mit ihr einem ſchön erbauten Wohnhauſe zueilte, in deſſen Thüre Beide Victors Auge entſchwanden. Er trat aus ſeinem Verſtecke und ging träumend nach Florenz zurück; der Schlaf floh ſein Lager, und nur das Bild jener Huld⸗ göttin umſchwebte ſeine Phantaſie. „Wer mag ſie ſeyn?“ dachte er. Seine Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen, trieb ihn am andern Abend nach der iſolirt ſtehenden Villa; allein Alles war verſchloſſen, kein Menſch ließ ſich blicken, denn Roſamunde war dieſen Morgen wieder nach der Stadt gezogen. Er glaubte ſie im Gewühle von Florenz wieder zu erblicken und beſuchte alle offentliche Oerter. Vergebens, denn Ro⸗ ſamunde und ihre Schweſter ſaßen jetzt am Krankenbette der geliebten Mutter, die auch in eine beſſere Welt hinüberſchwebte, ne nun verließen die Töchter nur ihre Wohnung⸗ 4 — j—— —,—— — j—— —,—— — 183— um in der nahen Theatiner⸗Kirche, tief in Trauerſchleier gehüllt, die Meſſe zu hören. Noch oft ging Victor nach jener Villa, und fand ſie noch immer unbewohnt. Jetzt aber, eines Abends, als er ſich derſelben nahte, erblickte er dieſelbe erleuchtet. Lu⸗ dovico hatte beide Töchter, die der Tod der zärtlich geliebten Mutter, beſonders Ro⸗ ſamunden, ſtark angegriffen hatte nach der Villa geſchickt, damit die traurige Erinnerung an die theure Verſtorbene, die ſie zu Haus bei jedem Gegenſtande traf, hier etwas ent⸗ fernt ſeyn möchte.— Maria Caprara hatte kurz vor dem Tode ihrer Mutter einem Neffen des Pabſtes, deſſen Seele ſo häßlich wie ſein Körper war, ihre Hand, um welche er anhielt, verſagt, und der Niederträchtige beſchloß aus Rache, ſie entweder entführen oder gar morden zu laſſen. Handlanger zu einem ſolchen Bubenſtück findet man in dem Paradieſe Europens, Italien, das von ſo Nelen Teufeln bewohnt wird, für Geld ge⸗ mnug. Auch Alleſandro Pontini, ſo nann⸗ * — 184— te ſich der Vetter Seiner Heiligkeit, hatte leicht dazu welche gefunden.— Victor, welcher jetzt hoffte, ſeine ſchoͤne Erſcheinung endlich wieder ſehen zu koͤnnen, eilte der bekannten Thüre des Parkes zu, als er nahe bei derſelben zwei Männer mit wahren Galgen⸗Phiſiognomien erblickte, die hier nicht umſonſt umherzuſchleichen ſchienenz er beobachtete ſie unbemerkt, da öffnete einer V derſelben mit einem Nachſchlüſſel die Thüre, und Beide ſchlichen in den Park. Victor folgte ihnen, da die Thüre offen geblieben ſ war, in einiger Entfernung; ſie nahmen ih⸗ ren Weg nach dem Pavillon, aus dem der Klang einer Harfe ertönte. Hier ſaß Ro⸗ ſamunde mit ihrer Freundin Camilla, Marie war Unpäßlichkeit wegen im Wohn⸗ hauſe geblieben, traulich bei Spiel und Sang. „Die mit der Harfe muß es ſeyn,“ ſagte einer der Banditen, die jetzt am Fenſter ſtan⸗ den, durch welches zum erſten Mal Victor Roſamunden erblickte. „Damit wir nicht irren,“ ſagte der An⸗ dere,„und die 100 Zechinen vom Signor — 18s— Pontini richtig verdienen, wollen wir ſie Beide in die Ewigkeit befördern, der Ablaß für den Mord bleibt uns ohnehin gewiß, den wird uns ſchon der Neffe von ſeinem Onkel bewirken. Komm', Marko, laß uns eilen, ſonſt möchte uns Jemand in die Quere kom⸗ men, und ſo eine Gelegenheit könnte ſich ſo bald nicht wieder finden.“ Sie eilten an die Thüre des Pavillons und nahten ſich mit gezückten Dolchen ihren Schlachtopfern, ſchon gewiß, ihren Lohn ver⸗ dient zu haben; da traf ſie Victors Stahl, und ihre ſchwarzen Seelen aushauchend, ſtürz⸗ ten ſie zu den Füßen der Mädchen, die Bei⸗ de, erſchrocken über dieſe Scene, ohnmächtig auf den Divan zurückſanken. Victor vergaß die Banditen und Al⸗ les, nur beſchäftigt, ſeine Geliebte in's Leben zurückzurufen, kniete er vor ihr, und Camilla, die ſich bereits von ihrem Schrecken erholt hatte, half ſeinem Beſtreben; da öffnete Roſamunde ihre Augen, feſt hafteten ſie auf ihrem Retter, der noch in ſeiner Lage kniend, den mit Blut gefärbten Stahl in ſeiner Hand, verweilte. „Unbekannter,“ ſagte endlich Roſamun⸗ de,„nehmt hin den Dank zweier ſchwachen Mädchen, deren Leben Ihr gerettet habt, und begleitet uns, damit wir uns von dieſem gräßlichen Anblicke entfernen, nach unſrer nahen Wohnung, dort ſoll ſich der Dank ei⸗ nes Vaters und einer Schweſter mit dem unſrigen vereinigen.“ Sie bot ihm den Arm, den Victor nur im liebevollen Anſchauen begriffen, nahm, und Beide dem Wohnhauſe zuführte. An der Thüre deſſelben ſagte Roſamunde:„Wir werden meinen Vater, den Marcheſe Ca⸗ prara, hier im Saale finden.“—. „Wie!“ rief Victor, aus ſeinem ſüßen Traume ſchrecklich erwachend,„wie! Ihr ſeid Ludovico's, des Marcheſe Caprara's Tochter? Hal ſchreckliches Geſchick, das mich ewig unglücklich macht!“— Dieß geſagt, eilte er ſchnell hinweg und verſchwand aus Roſamundens Augen, die erſtaunt ſich — 187— den Ausruf ihres ſchönen Retters nicht u erklären wußte.— Ludovico, als er von ſeiner Tochean und Camilla dieſe blutige Scene erfuhr, rief aus, indem er an Jene dachte, die ihn vor Kurzem betroffen hatte:„Hal auch die⸗ ſer mörderiſche Angriff kommt beſtimmt von den Feinden unſers Hauſes, von den Cara⸗ fellis. Wohl! auch mein Haß und mit ihm der unſrer ganzen Familie ſoll wieder ſchreck⸗ lich erwachen und blutige Rache nehmen.“ Als ihm Roſamunde mit vielem Feuer ih⸗ ren Retter beſchrieb, erkannte er ſogleich in ihm auch den Erretter ſeines Lebens, den er ſeither auszufinden vergebens ſich beſtrebt hatte. Von nun an ſchwebte immer Victors Bild vor Roſamundens Seele, mit ſol⸗ chen körperlichen Vorzügen hatte ſie noch kei⸗ nen Mannn erblickt, und dieſer ſchöne, ge⸗ wiß tapfere und edle Mann war der Retter ihres Vaters und der ihrige. Wie vielen Dank war ſie ihn nicht ſchuldig? Und er ent⸗ zog ſich dieſem Danke, entzog ſich ihrem Blicke. 4.7 — 188— Victors Zuſtand war indeſſen verzweif⸗ lungsvoll. Er liebte Roſamunden mit der ſtärkſten und reinſten Liebe, nur ihr Beſitz konnte ihn beglücken, und dieſe Roſamun⸗ de war eine Caprara, die Tochter eines Hauſes, das mit dem Seinigen in ewiger Feindſchaft lebte. Nie würde ſein Vater, nie ſeine ganze Familie ihm die Einwilligung, ſich mit ſeiner Geliebten zu verbinden, gege⸗ ben, nie würden die Capraras, hätte ihn auch Roſamunde wiedergeliebt, in die Verbindung derſelben mit einem Carafelli gewilligt haben. Der Gram zehrte an ſei⸗ nem Körper, er verfiel in eine ſchwere Krank⸗ heit. Während Victor am Rande des Gra⸗ bes ſchwebte, traf das Schickſal die Familie Caprara, beſonders Ludovico und ſeine Töchter hart, und warf ſie in die Hände des Unglücks. Schon lange nämlich war eine Verſchwörung wider den Großherzog von Flo⸗ renz im Werke, die einige Mißvergnügte auf Anſtiften Frankreichs und des Pabſtes entworfen hatten, unter dieſen befanden ſich — — 189— einige Mitglieder der Familie Caprara. Jetzt wurde plötzlich dieſe Verſchwörung ent⸗ deckt, viele der Verſchwornen hingerichtet, die andern mit ihren ganzen Familien des Landes verwieſen, und ihr Vermögen einge⸗ zogen; unter dieſen Letztern befand ſich auch, doch völlig unſchuldig, Ludovico mit ſeinen Töchtern. Sie mußten Florenz verlaſſen und ſiedelten ſich mit nur weniger Baarſchaft, die Ludovico gerettet hatte, in einem Thale von Piemont an, wo ſie ein kleines Haus, faſt entblößt von allen Bequemlichkeiten, be⸗ wohnten, und wo ihnen bald fürchterlich der noch nie gefühlte Mangel drohte. Victor war von ſeiner Krankheit faſt geneſen, als er den harten Schlag erfuhr, der ſeine Geliebte und die Ihrigen getroffen. Das heiße Verlangen, ihnen ihr Elend zu erleichtern, ihnen beizuſtehen, machte ihn ſtark. Er gab bei ſeinem Vater eine Reiſe, die ſeiner noch wankenden Geſundheit erſprieß⸗ lich ſei, vor, verſah ſich mit einer anſehnli⸗ chen Summe Geldes und flog nach dem Tha⸗ le, wo ſeine Roſamunde weilte. — 190— In der Nähe von Ludovico's kleiner Wohnung kaufte Victor ſogleich ein großes Haus mit einem ſchönen Garten, und verſah es mit allen Bequemlichkeiten. Hier wollte er leben, von hier aus unerkannt ſeiner Roſa⸗ munde und der Ihrigen Tage vom Mangel ſchützen, ihr Schickſal mit ihnen theilen, und frei⸗ willig verbannt von ſeinem Vaterlande bleiben. Ludovico, den der Gram aufs Kran⸗ kenlager geworfen hatte, jetzt wieder durch die Sorgfalt ſeiner Kinder, beſonders durch Roſamundens Pflege, die ſich leichter in ihr Schickſal, als ihre Schweſter Marie fand, geſtärkt, erquickte ſich heute zum erſten Mal wieder in der freien Luft, und luſtwan⸗ delte mit ſeinen Töchtern in dem Schatten eines kleinen Haines unfern ſeiner Wohnung; da lag an einem ſanft rieſelnden Bache ſchlafend ein jun⸗ ger Mann, neben ihm ein Buch und eine Flöte. Mächtig ſprachen Ludovico, der ſich ihm Zuerſt nahte, die Züge dieſes Menſchen, als ſchon zuvor geſehen, an. Er betrachtete ge⸗ nauer den ſchönen Schläfer und hatte ſich nicht geirrt; es war ſein Lebensretter aus den Hän⸗ * den der Banditen. Jetzt traten auch ſeine Töchter herbei, und ein Freudenausruf Ro⸗ ſamundens bewieß, daß auch ſie in dem Schlummernden ihren Retter, deſſen Bild nur zu tief in ihrem Herzen eingegraben ſtand, erkannte.— Victor erwachte, er war ermüdet von ſeinen eiligſt betriebenen, nun bald beendig⸗ ten Einrichtungen, hier eingeſchlummert.— „Endlich,“ rief Ludovico,„finde ich Euch, Signor, den ich lange vergebens ſuch⸗ te, um ihn den heißen Dank für meine und meiner theuren Tochter Lebensrettung zu ent⸗ richten. Aber dieſer Dank iſt auch Alles, was Euch ein armer Verbannter bieten kann; denn meine Freundſchaft, die Freundſchaft eines Bettlers, iſt des Annehmens nicht werth.“ „Ihr könnt irren! rief ich Euch ſchon ein⸗ mal zu,“ erwiederte Victor,„ich wieder⸗ hole meine Worte, denn Eure Freundſchaft, die Freundſchaft Eurer liebenswürdigen Töch⸗ ter, in deren Beſitz Ihr reicher als ein Kö⸗ nig ſeid, würde mich unendlich beglücken, 1.* 4 — 192— und tauſendfach die kleine That vergelten, die ich an Euch und Eurer Tochter hier, durch Zufall geleitet, zu verrichlen das Glück hatte.“ „Edler junger Mann„4 ſprach Ludo⸗ vico,„wohlan! ſo bitte ich Euch um Eure Freundſchaft, der meinigen ſeid für immer gewiß. Aber darf ich auch jetzt Euern Na⸗ men wiſſen, und welcher Zufall Euch hier in unſere Nähe führt?“ gn „Ich heiße Victor,“ ſagte dieſer,„und meine Wohnung liegt kaum 1000 Schritte von hier. Dort lebe ich nur mit wenigen Dienern von den Renten eines mäßigen Ver⸗ mögens, wohl nicht glänzend, doch Nahrungs⸗ ſorgen frei.” „ Genug!“ erwiederte Ludovico.„Mei⸗ nen Dank mit der Zuſage meiner Freund⸗ ſchaft habt Ihr, nehmt und verſchmäht auch nicht den Dank meiner Tochter. Komm', Roſamunde, küſſe dankbar Deinen Erret⸗ ter und biete auch ihm die Hand zur Freund⸗ ſchaft!“ Victor nahte ſich ſchüchtern Roſamun⸗ den, — 193— den, die ſeither kein Auge vom ihm verwen⸗ det hatte, und bot ihr ſeine Hand; ſie reichte ihm die Rechte, ihre Linke umſchlang ſeinen Nacken, und ein heißer Kuß, der mehr als Freundſchaft andeutete, brannte auf ſeiner Wange; da umſchloß er die Holde, und auch ſeine Lippen drückten den erſten Kuß feſt auf die ihrigen. Auch Marie bat ihn um ſeine Freundſchaft, und er begleitete ſie nun nach ihrer kleinen Wohnung, die er von nun an täglich beſuchte; auch ihn beſuchte oft Ludo⸗ vico, lernte genau den jungen, edlen Mann kennen, ſchätzte und liebte ihn. Victor hatte Roſamunden ſeine Liebe erklärt, Gegenliebe gefunden, auch die Ein⸗ willigung Ludovico's erhalten und führte Roſamunde als ſeine Gattin nach ſeiner Wohnung, die er vergebens auch ſeinem Schwiegervater anbot, weil dieſer ſein klei⸗ nes Haus nicht verlaſſen wollte, in dem er mit Marien in ſtiller Einſamkeit lebte, die nur der tägliche Beſuch, den er nach Victors Wohnung that, oder von den deren Bewoh⸗ nern erhielt, auf einige Stunden unterbrach. N 2 92— A . 7 — 194— Nicht ſein Vaterland, nicht die fürſtlichen Reichthümer, die er dort zurückließ, nur das Andenken an ſeinen Vater trübte manchmal das Glück Victors. Er hatte zwar feſt beſchloſſen, nie mehr nach Florenz zurückzu⸗ kehren, doch wollte er gerne Nachricht von ſeinem Vater haben, und ſchickte deßwegen einen treuen Diener nach ſeiner Geburts⸗ ſtadt, unbemerkt ſich dort nach ſeinem Vater zu erkundigen. Der Diener eilte nach Flo⸗ renz, und hörte dort ſogleich, wie ſehr ſich der alte Pietro um den Verluſt ſeines Soh⸗ nes, den er ſchon ein volles Jahr als todt beweine, gräme, daß er ſichtlich dem Grabe zuwanke. Dieſes konnte der Diener, der in Pietro's Haus erzogen worden war, nicht über ſein Herz bringen, er eilte, trotz dem Verbot ſeines Herrn, zu deſſen Vater, und entdeckte ihm das Leben ſeines Sohnes, ſei⸗ nen Aufenthalt und ſeine Verbindung mit einem Engel von einem Weibe, deren Her⸗ kunft er aber nicht wiſſe, indem ihr Vater und Victor dieſelbe ſorgfältig verſchweige. Der Vater habe wahrſcheinlich einen ange⸗ — 195— nommenen Namen, ſcheine aber mehr, als er jetzt vorſtelle, geweſen zu ſeyn.— Der Diener wußte auch wirklich nicht Ludovico's wahren Namen, und hatte ihn in Florenz zuvor nicht gekannt. Hier um ſeine kleine Wohnung umher und im Hauſe ſeines Schwiegerſohnes kannte man ihn nur unter dem Namen Infelicio. Des alten Carafelli Freude über dieſen Bericht war groß, er machte ſogleich Anſtalt, ſelbſt nach Piemont zu reiſen und ſeinen Sohn mit ſeiner Gattin, ſei ſie auch die Tochter eines Taglöhners, abzuholen. Victor hatte gleich im Anfange ſeiner glücklichen Ehe mit Roſamunden, dieſer ſeinen wahren Namen und Stand unter dem Siegel der Verſchwiegenheit entdeckt, und ſie dieſer Täuſchung wegen um Verzeihung ge⸗ beten. Gern verzieh ihm das holde, lieben⸗ de Weib. Denn was verzeiht die Liebe nicht? Auch ſah Roſamunde ein, welche große Opfer Victor ihr aus Liebe gebracht hatte, und welchen Dank ſie ihm ſchuldig ſei. Traulich koſend ſaßen eines Abends die N 2 — 196— zungen Eheleute in einer Jasminlaube ihres Gartens, eben hatten ſie Lud ovico und Marie verlaſſen, da ſtand Pietro Cara⸗ felli plötzlich im Eingange und breitete ſeine Arme nach ſeinem Sohne aus, dieſer, ſogleich ſeinen Vater erkennend, lag an deſſen Bruſt. „Verzeihung!“ rief Victor,„daß ich den beſten der Väter verlaſſen und ihn täu⸗ ſchen konnte; nur der Beſitz dieſes Engels hier, den ich mein Weib nenne, konnte mich dazu bewegen.“ bnn „Hab' ich doch meinen Sohn wieder!“ ſagte gerührt Pietro,„gern verzeih' ich ihm; und Sie(ſich zu Noſamunden wendend) ſeien Sie auch wer Sie wollen, aus Grund meines Herzens nenne ich Sie meine Tochter; Sie ſind es zu ſeyn ſicher werth, denn mein Victor konnte nichts Unedles wählen. Wo iſt Ihr Vater, daß ich auch ihm meine Freund⸗ ſchaft anbiete?“ „Er weilt,“ ſprach mit ihrer Engelsſtim⸗ me Roſamunde, und ergriff Pietro's Hand,„er weilt in ſeiner kleinen Hütte nicht weit von hier, mit ſeinem Unglücke kämpfend, — — — 1972— welches das Schickſal ihm unverſchuldet auf⸗ lud. Toskana iſt unſer Vaterland, dort ver⸗ lor mein Vater ſeine Würde, ſein Vermögen, ja ſeine Ehre, indem man ihn als Theilneh⸗ mer eines Verbrechens betrachtete, das ſeinem Herzen fremd war, und ihn dennoch unſthul⸗ dig verbannte. „Ha, ein edler Florentiner,“ ſagte Pie⸗ tro,„der wahrſcheinlich bei der unlängſt entdeckten Verſchwörung gegen unſern Herzog ſein Vaterland meiden mußte. Und dieln Na⸗ me? 274 Da ſiel Roſamunde vor ihm auf ihre Kniee, erhob bittend zu ihm ihr ſchönes Ma⸗ donna⸗Geſicht empor und ſagte halblaut: „Ludovico, Marcheſe Caprara!“ „Ha, welche Täuſchung!“ rief Pietro, und trat einen Schritt zurück; doch ſih nach einer kleinen Pauſe beſinnend, ſagte er:„Ich alter Thor! ſehe ich hier nicht deutlich den Wink der Vorſehung? In der Liebe der Kin⸗ der ſoll untergehen der Haß der Aeltern, ein Haß, der vielleicht aus Mißverſtand, Neid oder Mißgunſt unſerer Vorältern gebo⸗ — 19383— ren wurde, und ſchon zu viel Ungemach über unſere Häuſer verbreitete.“— n Sanft hob er Roſamunden empor, drückte ſie an ſein Herz und fuhr fort: „Mit dieſer Umarmung, mit meinem vä⸗ terlichen Segen, den ich euch, meine Kinder, hiermit ertheile, verſchwinde aus meinem Her⸗ zen für immer jener unſelige Haß, und ewi⸗ ge Freundſchaft— wenn die Capraras auch ſo denken— trete an deſſen Stelle. Was meine Familie betrifft, werde ich mein An⸗ ſehen, Vorſtellungen, ja meine Bitten an⸗ wenden, dieſen verderblichen Hader ebenfalls aufzugeben. Ludovico möge dann das Uebrige bei ſeiner Familie bewirken.“— „Sein Unglück hat ihn tief gebeugt,“ ſagte Roſamunde,„auch er wird ſeinen Kindern verzeihen und willig die Hand zur Sühne bieten. Noch weiß er nicht, daß ein Carafelli ſein Schwiegerſohn iſt.“ „Alſo auch Ludovico wurde getäuſcht?“ ſprach Pietro.„Kommt, meine Kinder, ohne Verweilen wollen wir hin zu ihm, ihm ſeine Täuſchung benehmen; und ich, ein — — 199— Carafelli, will zuerſt ihm, einem Capra⸗ ra, die Rechte zur Freundſchaft bieten.“ Sie gingen nach Ludovico's kleiner Wohnung; dieſer ſtand in tiefen Gedanken, ohne die Kommenden zu bemerken, und be⸗ trachtete gerührt die untergehende Sonne. „Das wahre Bild des Hauſes Capra⸗ ra,“ ſprach er,„auch es ſtand im vollen Glanze und iſt untergegangen. Du Licht der Erde wirſt morgen mit neuem Scheine un⸗ ſere Halbkugel beleuchten, aber nie wird Ca⸗ prara's edler Stamm in Florenz mehr ſchei⸗ nen und blühen!“ „Doch er wird es!“ ſagte Pietro, der jetzt ihm zur Seite ſtand. Da wandte ſich Ludovico, erblickte den alten Carafelli und rief ſchmerzlich bitter aus: „Ha, Pietro Carafelli! Iſt Euch mein Fall und meine Verbannung aus Flo⸗ renz nicht genug, kommt Ihr auch noch in dieſe Einöde, meines Elendes zu ſpotten?“ „Dieß ſei ferne von mir,“ erwiederte ſanft Pietro.„Euch die Hand zur Freund⸗ ſchaft zu bieten, ja, um dieſe Euch zu bitten, kam ———— 1— 200—. ich. Verſchmäht ſie nicht, die Vorſehung ver⸗ einte ſchon dieſes Paar hier, einen Cara⸗ felli und eine Caprara aus Liebe, laßt uns, edler Ludovico, durch feſte Freund⸗ ſchaft auch unſere ganze Familie vereinen, und den alten, verderblichen Haß auf immer verlöſchen.“ Er reichte Ludovico ſeine Hand. Die⸗ ſer wandte ſein Geſicht ab; da ſtürzten Vie⸗ tor und Roſamunnde auch zu ſeinen Füf⸗ ſen. Sein Herz ward erweicht— er bot Pietro ſeine Rechte dar; und der Bund der Freundſchaft war geſchloſſen. Leicht wur⸗ de es Beiden, auch die andern Mitglieder ihrer Familie zu vereinen, und verſchwunden war auf immer der Haß zwiſchen den Häu⸗ ſern Carafelli und Caprara. Letztere erhielten auf Pietro's Verwenden, da auch die Meiſten unſchuldig waren, ihre Güter zurück, und ihre Verbannung wurde aufge⸗ hoben. — Mutterliebe. Welche Liebe iſt größer, als Mutter⸗ liebe? Sie iſt göttlich, denn ſie iſt uneigen⸗ nützig, und— leider oft ohne Dank; ſie iſt himmliſch, denn ſie kann ſich auch in ſehr Viele zertheilen, und bleibt immer ganz, im⸗ mer ungetheilt, immer neidlos, ſie iſt unend⸗ lich, denn ſie überwindet Leben und Tod.— O wer kennt ſie nicht, dieſe Mutterliebe, denn wen hat ſie nicht im Leben willkommen geheißen? wem nicht zum ſüßen Empfange entgegengewallt? wen nicht an ihre weiche, nährende Bruſt geſchmiegt? über weſſen Wie⸗ ge hat ſie nicht freundlich gelauſcht, weſſen Schlummer nicht bewacht, an weſſen Kran⸗ 685 — 202— kenlager nicht den Schlaf vergeſſen, wem nicht Freude mit ihrer Sorge erkauft, wen hat ihre Flamme, durch einen Strahl aus dem Lichte der Gottheit entzündet, nimmer erwärmt? wer hat nicht nimmer trunken ge⸗ ſtammelt:„Wie ſoll ich Dir danken, von der ich Alles empfing, der ich nichts als Thrä⸗ nen und Seufzer des Dankes geben kann?“ Und wer hört darum nicht gerne eine Schil⸗ derung ihrer Größe? In einer blühenden Ebene Italiens, zwi⸗ ſchen duftenden Limonienwäldern, beglückte die gute Clementine in einem kleinen Häus⸗ chen, einen Mann und drei Kinder mit un⸗ ausſprechlicher Liebe. Sie gab ihrem Gatten mehr durch ihr Herz, als die Natur ihm gab durch die Reize, die in dunkelbraunen Locken ihr Antlitz umſpielten und aus ihren ſchwar⸗ zen Augen lächelten; ſie that mehr durch hol⸗ de, bildende Pflege für ihre Kinder, als einſt durch die Geburt in das Leben. Eines Tages hatte ſie von der kühlen Dämmerung des Morgens an bis zum ſchwü⸗ len, ſinkenden Abend, indeß Carlo, ihr 7/ Gatte, in Geſchäften entfernt war, ämſig gearbeitet, und ohne nur einmal an ſich zu denken, raſtlos ihre Kräfte an der Beſchik⸗ kung des Hauſes und der Beſorgung ihrer Kleinen erſchöpft. Froh der vollendeten Ar⸗ beit trat ſie in die Thüre der Hütte, und ſchaute mütterlich ſorgſam hinaus nach ihrem Knaben Antonio, der in der Nähe mit der kleinern Schweſter Franziska an einem Lor⸗ beergeſträuche im Schatten von Olivenbäu⸗ men einträchtig ſpielte. Befriedigt eilte Clementine in die ar⸗ me, aber reinliche Stube, beſetzte den blank geſcheuerten Tiſch mit dürftiger, doch wohl⸗ ſchmeckender Koſt zum Abendeſſen, hing dann mit lächelndem Angeſichte und verhaltenem Athem lange über der Wiege, in welcher ihr Säugling mit glühenden Wangen und hör⸗ baren Athemzügen des ſüßen Schlafes genoß, und ließ ſich dann behutſam auf einen Sche⸗ mel neben der Wiege an ihrem Rade nieder. Die friedliche Stille umher, das ſanfte Schnauben des ſchlafenden Kindes, das leiſe Wehen eines ſchwülen Lüftchens, das im — 204— dichten Rebenlaube vor dem Fenſter fliſterte, der oft unterbrochene Geſang einer Schwal⸗ be, die leiſetönend unter dem Dache zwitſcher⸗ te, und vor Allem die Ermüdung von vierzehn⸗ ſtündiger Geſchäftigkeit führte einen Schlum⸗ mer herbei, der ihr unvermerkt die ſchweren Augenlieder zu ſchließen begann. Aber ſchnell raffte ſie ſich auf.„Ich darf nicht ſchlafen,“ dachte ſie,„Franziska braucht ein neues Kleidchen, Antonio und hier Laurette Hemden;“ und ſie rieb die drückende Mat⸗ tigkeit aus den Augen. Gott! wie oft und wie gern reibt eine Mutter für ihre Kinder den Schlaf von den Wimpern! Elementine ſpann nun ſo eifrig und ſo raſch, drehte ihr Rädchen ſo hurtig, als ſollte das Garn zu den Kleidungsſtücken der Klei⸗ nen heute noch fertig geſponnen ſeyn. Plötzlich hörte ſie ein jähes Angſtgeſchrei ihres Antonio, ſie ſtürzte vor die Hütte, und ſah mit Beben, wie er die kleine zittern⸗ de Franziska herbeiführte, und vernahm mit Erſtarren, wie er von Weitem rief:„Mut⸗ — 205— Jtter, ſieh nur, wie Franziska's Hand blu⸗ tet, eine Natter hat ſie gebiſſen.“ „Ach! Franziskal! meine Franziskal! eine Natter! Gott! warum ließ ich ſie hier ſpielen? Hilfe! Rettung!“— Das war Al⸗ les, was ſie mit gerungenen Händen ächzte, was ſie einem vorbeieilenden Manne in ge⸗ brochenen Worten ſtammelte. „ Junges Weib,“ ſagte der Wanderer, „ich kann nicht weilen, mein Vater liegt in jenem Dorfe todtkrank, auch hab' ich nur ei⸗ nen Rath: Seht, wo Ihr einen Hund bekommt, der dem Kinde das Gift aus der Wunde ſaugt, aber geſchwind! zeſeßwudi ſonſt weiß ich nichts.“ Mit dieſen Worten eilte der Mann vor⸗ über, und Clementine taumelte wie vom jähen Schwindel überfallen, und die Ver⸗ zweiflung zuckte in ihrem blaſſen Geſichte. Doch nach einem Augenblicke ward heiter ihr Antlitz, ſie erhob ſich ſchnell und freudig, wie wenn man Rettung ſieht. „Ein Hund das Nattergift aus ihrer Wun⸗ ade ſaugen?“ ſagte ſie,„das wird ein Hund nicht thun, aber eine Mutter kann es, eine Mutter thut es“— und haſtig zog ſle ihre Tochter an ſich, als ob ſie von einem Abgrun⸗ de ſie wegriſſe, und drückte die ſanften Lippen auf die Wunde, und ſog, und ſog ſo innig und ſo lange, als könnte ſie hundertjähriges Leben aus dieſer Wunde ſaugen. Indem ſah Antonio den Vater ſich nä⸗ hern, und ſtürzte ihm entgegen, und erzählte ihm, was geſchehen war, und was die Mut⸗ ter thue. Vor Entſetzen erbleichte Carlo, und wankte, und hielt ſich an dem nächſten Baume.„Was machſt Du, Vater?“ rief der Knabe und ſprang auf ihn zu, als woll⸗ te er ihm helfen; aber noch ehe er ihn um⸗ faßte, bebte er zurück vor einer Schlange, die ſich aus dem nahen Gebüſche wand. „Vater, Vater!“ rief er,„das iſt die Nat⸗ ter, die unſre liebe Franziska gebiſſen!“ „Nun Gottlob, Gottlob!“ jauchzte der Vater,„das iſt keine Natter, das iſt eine unſchädliche Schlange, die Niemanden tödten kann.“— Mit naſſen Augen erreichte er ſei⸗ ne Gattin, umfaßte die Tochter mit der Mut⸗ ₰ — 207— ter, ſchloß ſie lange an ſeine Bruſt, und rief mit trunkner Freude:„Böſes, treffliches Weib, wie haſt Du mich erſchreckt! Aber Gott ſei Dank! die Schlange war nicht gif⸗ tig, der Herr ſei geprieſen, wir bleiben noch beiſammen, und Deine Mutterliebe werde ich nie vergeſſen, und keines von Deinen Kindern wird ſie je vergeſſen, und dieſe Hand, auf deren Wunden Du Deine müt⸗ terlichen Lippen drückteſt, wird einſt gewiß Dein graues Haar mit Roſen und Myrten⸗ kränzen dankbar zieren.“ In ſchweigendem Entzücken traten nun die Gatten, von ihren Kindern begleitet, in die Stube, durch deren Fenſter eben die ſin⸗ kende Sonne den einladenden Tiſch mit ih⸗ rem Roſenſchimmer röthete, und der Säug⸗ ling in der Wiege ſah ſich mit weit offenen Augen um, und lächelte den glücklichen Ael⸗ tern entgegen.— Laurette, oder.. die Zigeuner⸗Prinzeſſin. — Der edelmüthige und reiche Lord B. hatte bereits einige Jahre, ſeiner ſchwachen Geſundheit wegen, in jenem Paradieſe Eu⸗ ropens, wo die Citronen blühen, das aber eben von keinen Engeln bewohnt wird, in Italien nämlich, zugebracht. Jetzt da Wälſch⸗ lands reine Luft ſein körperliches Wohlſeyn wieder befeſtigt hatte, nahm er ſich vor, Ita⸗ lien noch einmal zu durchwandern und dann über Deutſchland nach ſeiner Heimath, Groß⸗ britannien, zurückzukehren. Es war einer der reizvollſten Frühlings⸗ morgen, die jenem Lande jenſeit der Alpen eigen ſind, als der Lord noch wenige Meilen von . — 209— von Verona, in welcher Stadt er ſich einige Tage aufzuhalten gedachte, durch ein ange⸗ nehmes Thal, von duftenden Orangen⸗ und Limonienwäldern begrenzt, fuhr. Eine Ban⸗ de Zigeuner hatte ſich vor der Landſtraße in einem von Dattelbäumen beſchatteten Gebü⸗ ſche gelagert, ſie kochten ihr Frühſtück, ſan⸗ gen und tanzten nach dem Takt einer Gui⸗ tarre und Tambourin, wozu einige junge Mädchen die Caſtagnetten ſchlugen. Lord B. ergötzte ſich an dem luſtigen, ſor⸗ genloſen Treiben dieſes Völkchens, und befahl daher, langſamer zu fahren; da hinkte eine alte Zigeunerin dem Wagen zu, und ſchon griff der Lord nach einigen Geldſtücken, die⸗ ſelben ihr darzureichen. Da ſprach das Weib: „Laß Dein Geld ſtecken, edler Lord, ich komme nicht, um Almoſen von Dir zu be⸗ gehren, ſondern Dich zu einer guten That zu bewegen, von welcher das Gluck eines jungen Mädchens und vielleicht das Ende des Grams und der Sorgen ſeiner Aeltern und deren künftige Zufriedenheit abhängt. Ich kenne Dein edles Herz, Lord B., und O G 86 — 210— bin gewiß, daß Du meine Bitte gewähren wirſt. Hier jetzt, da ich von den Meinigen dort beobachtet werde, kann ich Dir nichts weiter ſagen, als: Kehre in Verona im ſche ⸗ zen Adler ein, heute Abends wird Be mein Sohn ein kleines Mädchen bringen, und nä⸗ here Nachricht über daſſelbe. Erforſche wo möglich deſſen Aeltern, und bewirke das zeit⸗ liche und ewige Glück deſſelben. In Venedig ſoollſt Du mich jeden Abend auf dem Mar⸗ kusplatze wiederfinden, wenn Puemeiner nö⸗ thig haben wirſt.. Ohne eine Antw er des Lords zu erwarten, der ſich , hinkte die Alte wieder ihrer Geſellſchaft zu. 8 ord B. war unverheirathet, ſich daher mit einem kleinen Mädchen zu befaſſen, wür⸗ de höchſt beſchwerlich für ihn geweſen ſeyn; dieſes fühlte er, und doch ſprach ſein Herz: Wer weiß, wer dieſes arme Geſchöpf iſt? Wie nöthig es zu ſeinem Heile, wovon es unter jener Horde weit entfernt iſt, eine wohl⸗ thätige Hand bedarf, die es zu ſeinem künf⸗ 8 derte, wie dieſem Weibe ſein Name bekannt 1 — — — tigen Glücke leitet? Viele ſolche Gedanken beſchäftigten ihn während der Fahrt, und das — Keſultat davon war, ein nſiweilen auf jeden Fall für das Kind zu tragen, und alſo das Nähere über daſſelbe abzuwarten, um nach dieſem ſeine Einrichtung zu treffen. So kam er in Verona an, und kehrte, wie er angewieſen war, in dem ſchwarzen Adler ein., f/A In neugieriger Erwartung hatte Lord B. den Gaſthof nicht verlaſſen, und eben nach dem Nachteſſen, die lange Weile zu verſcheuchen, zu ſeinem Lieblingsſchriftſteller Petrarka ſeine Zuflucht genommen, als die Thüre ſich öffnete, und ein Mädchen von fünf Jahren, reinlich, nur etwas fantaſtiſch gekleidet, her⸗ eintrat, mit ſchwarzen, funkelnden Augen den Lord betrachtete, dann ohne Scheu auf ihn zuging, ſeine Hand ergriff und mit melodi⸗ ſcher Stimme ſprach: „Du ſeieſt gut, ſagte Mutter Hanna, willſt Du mein Vater ſeyn? Ich bin die klei⸗ Laurette, will Dich auch recht lieb ha⸗ ben, und recht brav ſeyn!“ O2— — 212— Der Lord war gerührt, er nahm die Klei⸗ ne auf ſeinen Schooß, und bemerkte jetzt, daß Laurette, obgleich etwas von der Son⸗ ne verbrannt, das ſchönſte Kind ſei. „Ja, liebe Kleine,“ ſagte er, und ſtrei⸗ chelte ihr dabei die von Geſundheit roth glü⸗ henden Wangen,„ich will Dein Vater ſeyn! — Aber biſt Du denn allein gekommen?“ „Drauſſen ſteht der gute Caspari, er hat mich den ganzen Weg hergetragen;“ ant⸗ wortete Laurette. Der Lord rief den Bur⸗ ſchen herein, und ſogleich erkannte er in dem jungen Zigeuner einen ehemaligen Soldaten eines engliſch⸗deutſchen Regiments, bei dem er ſelbſt als Oberſt geſtanden hatte, und der ihm als ein braver, ordnungsliebender Menſch bekannt war; er verlangte von ihm nähere Nachricht über die kleine Laura, und Cas⸗ pari begann: „Ich ſtand noch bei Ihrem Regiment, Mwylord, und meine Mutter war Krankheit wegen eben abweſend von unſrer Bande, als dieſe auf dem Wege von Deutſchland nach Italien zu Botzen in Tyrol Lauretten ihren — 215— Aeltern, die damals durch jene Stadt reiſten, ſtahl. Daß ſie von vornehmem Stande und zwar Italiener waren, beweiſt die Menge der Diener und die koſtbare Equipage, die ſie bei ſich hatten, auch der reiche Schmuck der Kleinen, die damals drei Jahre alt ſeyn konnte, und die nur italieniſch verſtand und ſprach; deutſch hat ſie erſt unter uns gelernt. Als meine Mutter wieder bei der Bande ein⸗ traf, mißbilligte ſie ſehr dieſen Kinderraub, und nahm ſich vor, die Kleine wo möglich ihren Aeltern wieder zuzuſtellen. Allein ſie vermochte keine Nachricht darüber zu erhal⸗ ten, und konnte von dem Schmucke, den un⸗ ſere Leute verkauften, nur dieſes Kreuz, das Laurette hier um den Hals hat, retten; dieſes, nebſt einem Tuch, worein etliche Buch⸗ ſtaben genäht ſind, und welches ich hier gleich⸗ falls mitbringe, bewahrte meine Mutter ſorg⸗ fältig, um vielleicht dadurch einſt Lauret⸗ tens Aeltern ausfinden zu können; es lag ihr viel daran, daß die Kleine von unſerer Geſellſchaft, unter welcher ſie nichts Gutes erlernen konnte, bei Zeiten abkomme, und — 214— ſie beſchloß, dieſelbe einem guten Menſchen anzuvertrauen. Da kam ich mit meinem Ab⸗ ſchiede aus engliſchen Dienſten vor einigen Monaten bei meiner Mutter an, und dieſe entdeckte mir ihren Vorſchlag mit Lauret⸗ ten, den ich billigte, und mich ſogleich ſelbſt um Jemand bewarb, der die Kleine von uns übernehmen könne und wolle, ſo daß das Mädchen doch gut erzogen würde, und daß man dabei forſchen müßte, ihre Aeltern zu entdecken. Vor einigen Wochen ſah ich Sie, Mylord, in Mailand, hörte, daß Sie über Verona nach Venedig zu reiſen Willens ſeien, und da ich Ihren Edelmuth und Ihre Her⸗ zensgüte kannte, ſo glaubte ich, daß nur Sie der Mann ſeyn würden, der Laurettens Glück zu gründen im Stande wäre, und der ſich gewiß würde angelegen ſeyn laſſen, Al⸗ les aufzubieten, des Kindes Aeltern aufzufin⸗ den. Ich ſagte dieſes meiner Mutter, ſie war darüber höchſt erfreut, wir reiſten eher aus der Gegend von Mailand ab, als Sie, er⸗ warteten unterwegs Ihre Ankunft, und da Sie theute früh uns begegneten, mußte meine Mut⸗ — 216— ter einſtweilen Sie dazu vorbereiten. Leicht war es mir, die Kleine heimlich von der Bande zu entfernen und ſie hierher zu bringen, damit Sie, Mylord, das Kind ſelbſt erſt ſehen und Ihren Entſchluß mir mittheilen könnten.“— „Der iſt ſchon gefaßt,“ ſagte Lord B., „ich werde Lauretten behalten, keine Mü⸗ he und Koſten ſparen, ihre Aeltern auszuſin⸗ den, und ſollte es mir mißglücken, ſo will ich ihr Vater ſeyn.“ Der Lord nahm das Tuch, in welches die Buchſtaben P. L. eingeſtickt waren, und be⸗ trachtete aufmerkſam das Kreuz, das um ih⸗ ren Hals die kleine Laurette trug, es war mit ſchönen Diamanten beſetzt, und auf der Rückſeite die Buchſtaben L. L. eingegraben. Er ließ darauf Caspari bewirthen, beſchenk⸗ te ihn reichlich, und entließ ihn mit dem wie⸗ derholten Verſprechen, beſtens für Lauret⸗ ten zu ſorgen.— Jetzt war Lord B. erſte Sorge⸗ ſeinen kleinen Schützling, der ſich bald traulich an ihn gewöhnte, mit anſtändigen Kleidern zu verſehen, und eine weibliche Perſon zur Lau⸗ — 216— rettens Wartung anzunehmen. Nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen war dieſes bewerkſtelligt. Die Kleine ward beſtens mit Kleidern und Putz verſehen, da der Lord nichts ſparte, das höchſt ſchöne Kind, das bald ſein Liebling ward, geſchmackvoll zu zieren, und die Wittwe eines öſtreichiſchen Soldaten, ein Weib von geſetzten Jahren, mit den be⸗ ſten Zeugniſſen verſehen, übernahm gegen ei⸗ nen anſehnlichen Gehalt Laurettens War⸗ tung. G 2 Obgleich der Weg nach Botzen ganz auf⸗ ſer dem Reiſeplan des Lords lag, ſo nahhmm. er ſich doch vor, ohne Verzug dahinzureiſen, um vielleicht nähere Auskunft über Lauret⸗ tens Aeltern dort zu erhalten, und er ging mit derſelben von Verona ab. Er hatte ſich den Gaſthof durch Caspari nennen laſſen, aus dem die Kleine von der Seite ihrer Wär⸗ terin durch die Zigeuner geraubt wurde, und kehrte hier ein; allein der Beſitzer war be⸗ reits vor einem Jahre geſtorben, und Nie⸗ mand wollte in dem Hauſe etwas von jenem Vorfall wiſſen; er wandte ſich daher an die — 247— Polizei; hier erinnerte man ſich dieſer Ent⸗ führung zwar, die vieles Aufſehen erregte, konnte ihm aber nur folgenden Beſcheid ge⸗ ben: Die wahrſcheinlichen Aeltern des Kindes ſeien mit einem anſehnlichen Gefolge auf ei⸗ ner Reiſe von Italien, ihrem Vaterlande, nach Deutſchland begriffen geweſen, wahr⸗ ſcheinlich nach einem Bade, ſeien aber incog⸗ nito gereiſt, hätten hier in Botzen eine große Summe für das Auffinden des Kindes gebo⸗ ten, auch ſich, aber fruchtlos, darum hier an 14 Tage verweilt, und wären endlich höchſt betrübt über ihren Verluſt abgereiſt. Lord B. ließ nun in die bekannteſten Zei⸗ tungen Deutſchlands und Italiens eine An⸗ zeige, Lauretten betreffend, einrücken, wor⸗ über bei den vornehmſten Handelshäuſern, mit denen er in Verbindung ſtand, und die allzeit wußten, wo er ſich befand, nähere Auskunft einzuholen ſei, und dann reiſte er mit ſeinem Schützlinge, der ihm jedes Tages werther ward, nach Venedig ab. Er ſelbſt war der einzige Lehrer der jungen Laura, die bereits viele Geiſteskräfte zeigte, italie⸗ — 218— niſch und deutſch ſprach, und beſonders einen Wohlgefallen an der Muſik darthat, auch ſchon einige Volkslieder auf der Guitarre ganz artig klimperte, was ſie von einer jungen Zigeunerin erlernt hatte. Aber ſie hatte auch etwas mehr von jener Geſellſchaft gelernt; was ihr nämlich geſiel, wußte ſie auf eine ſehr geſchickte Art wegzumauſen, worüber der Lord mehrmals in Verlegenheit gerieth, und es koſtete ihm Mühe, ihr dieſe unberu⸗ fene Geſchicklichkeit abzugewöhnen. Auf die in den Zeitungen mehrmals wie⸗ derholten Anzeigen erfolgte keine nähere An⸗ frage, und Lord B. betrachtete Laura be⸗ reits als ſein für immer anvertrautes Eigen⸗ thum, behandelte ſie wie ein zärtlicher Vater ſeine Tochter, und hatte bereits auf jeden Fall Anſtalt getroffen, ihr Glück feſt zu gründen. Ein halbes Jahr verweilte der Lord in Venedig, und traf auch hier öfters die alte Hanna, die jedesmal von Lauretten mit freudiger Erinnerung aufgenommen und vom Lord beſchenkt wurde; und ſchon traf er An⸗ — 219— ſtalt, bald nach Rom abzureiſen, aber plötz⸗ lich ereignete ſich ein unglücklicher Zufall. Täglich bei gutem Wetter war die kleine Laura mit ihrer Wärterin ſpaziren gegan⸗ gen. Eines Tages begegnete ihnen ein Herr mit mehreren Orden behängt, und einigen Dienern hinter ſich; er betrachtete Lauret⸗ ten aufmerkſam, ſchien betroffen, und fragte die Wärterin, wem dieſes Kind gehöre? Dieſe antwortete, es ſei die angenommene Tochter des Lord B. Jetzt bemerkte er das Kreuz an Laurettens Halſe, beſah es ge⸗ nau, beſonders die Rückſeite, murmelte eini⸗ ge unverſtändliche Worte, und beſchenkte die Wärterin, indem er ihr auftrug, morgen um dieſe Stunde wieder mit der Kleinen auf die⸗ ſem Platze zu ſeyn, er ſei ein großer Liebha⸗ ber ſchöner Kinder, und wolle am andern Tage Lauretten einiges Spielzeug mitbrin⸗ gen.— Die Wärterin ſah hier nichts Böſes, und ſtellte ſich um die beſtimmte Stunde an dem Orte mit Lauretten ein, da erſchienen zwei Kerls, der eine ergriff Laura und eilte mit — 220— * ihr einer Gondel zu, die pfeilſchnell abfuhr, indem der andere die Wärterin ſo lange auf⸗ hielt, und dann ſich auch eiligſt entfernte. Mit Schrecken, Angſt und Furcht erfüllt, eilte die Wärterin nach Haus, und erzählte den Vorfall dem Lord; dieſer bot Alles auf, eine Spur der Entführten zu erfahren, er zeigte es der Polizei an, auch dieſe, bekannt, daß ſie ſehr thätig ſei, forſchte vergebens, Laurette war verſchwunden. Mutter Han⸗ na, die zufällig den Lord beſuchte, und den Raub ihres kleinen Lieblings erfuhr, rief aus: „Ich muß ſie finden, und ſollte ich die ganze Erde durchwandern, alle unſere Leute, überall verbreitet, ſollen mir Hilfe leiſten!“— Der Lord gab ihr die Anweiſung, wo er, wenn ſie Laura wiederfinden und ihm Nachricht von ihr bringen könnte, zu finden ſei, gab ihr eine anſehnliche Summe, dieſelbe dazu anzuwenden, und Hanna eilte ſogleich fort, ihre Nachforſchungen zu beginnen. Noch einige Wochen verweilte Lord B. in Venedig, noch immer in der Hoffnung, etwas von ſeinem ihm geraubten Schützling zu ver⸗ — 221— nehmen. Erſt da alle Hoffnung verſchwun⸗ den war, reiſte er nach Deutſchland, dieſes zu durchwandern, und dann nach England zurückzukehren.— In Wien hörte er viel von einer Herzogin L. ſprechen, deren Schönheit und geiſtreiche Bildung man eben ſo bewun⸗ derte, als man ſie bemitleidete, indem ein tiefer Kummer ihr Herz zu belaſten ſchien. Einige behaupteten, die Urſache ihres Gra⸗ mes ſei eine unglückliche Ehe, Andere, ihr kinderloſer Eheſtand, und andere unangeneh⸗ me Familienangelegenheiten u. ſ. w. Sie hielt ſich ſchon einige Monate in Wien mit ihrem Gemahl auf, kam vom Karlsbade, und war Willens, wieder nach dem ſüdlichen Italien, wo das Herzogthum ihres Gatten lag, nächſtens abzureiſen. Es war eines Abends große Geſellſchaft bei der Fürſtin Auersberg, Lord B. war zugegen, da trat auch die Herzogin L. ein. Wie erſchrack der Lord,— das waren die nämlichen Geſichtszüge Laurettens, nur völlig ausgebildet; nur eine Tochter konnte ſo der Mutter gleichen, Laura mußte ihre — 222— Tochter ſeyn; und noch mehr gab ſeiner Muth⸗ maſſung Gewißheit, als er ſich nach dem Vornamen der Herzogin erkundigte, und man ihm den Namen Pauline nannte; waren nicht jene zwei Buchſtaben P. L. in dem Tu⸗ che eingeſtickt, welches Laurette damals trug, als ſie von den Zigeunern geraubt wurde? Der Lord war unentſchloſſen, was er zu thun habe. War die Herzogin wirklich Lau⸗ rettens Mutter, ſo mußte die Nachricht von dem zweiten Raube ihrer Tochter nur die Wun⸗ de, die ſie über deren erſten Verluſt erhalten hat⸗ te, wieder blutend aufreiſſen. Aber ſollte ihr die Nachricht wenigſtens, daß ihr Kind noch lebe, nicht Troſt geben? Dieſes bewog Lord B. zu dem Entſchluſſe, die Herzogin am an⸗ dern Morgen, ſo bald es nur der Anſtand erlaube, in ihrem Hotel zu beſuchen. Julius und Guido waren die Söhne des Herzogs L. Nie brachte die Natur un⸗ gleichere Brüder hervor. Julius war an Geſtalt ein wahrer Antonius, ſein ganzer Kürder nach dem ſchönſten Ebenmaße gebil⸗ — 223— det, rein war ſeine Seele, unbefleckt ſein Herz, in dem alle Tugenden, die den Mann zieren, wohnten.— Guido war häßlich von Angeſicht, mit einer wahren Banditen⸗Mie⸗ ne, ſein Körper verwachſen, ſeine Seele ver⸗ krüppelt und ſein Herz der Wohnſitz aller La⸗ ſter.— Der alte Herzog ſtarb, Julius, als Erſtgeborner, war ſein Nachfolger, und deß⸗ wegen von Guido aus Geiz, Habſucht und Neid gehaßt, obgleich ihm Julius mit wah⸗ rer brüderlicher Liebe in Allem entgegenkam. Er hatte freiwillig Guido's Einkommen reich⸗ lich vermehrt, und ihm ein prächtiges Land⸗ gut zum Geſchenke gemacht.— Julius hei⸗ rathete die ſchöne, geiſtreiche Gräfin Pau⸗ line, die ebenfalls, obgleich die Sanftmuth und Güte ſelbſt, ein Gegenſtand von Gui⸗ do's Haſſe wurde, der ſich noch bei ihm auf's Höchſte mehrte, als Pauline eine Tochter gebar, die nun die Erbin des Her⸗ zogthums war, da die Mutter keine Hoffnung mehr hatte, noch Kinder zu erhalten. Wie triumphirte daher Guido, als er die Nachricht erhielt, Laurette ſei ihren — 224— Aeltern auf der Reiſe nach Deutſchland, wo die Herzogin ihrer geſchwächten Geſundheit. wegen, das Carlsbad gebrauchen wollte, ge⸗ ſtohlen worden? Wie freute ſich heimlich, ja oft laut, über den Schmerz der Aeltern, den ihnen der Verluſt ihres einzigen Kindes ge⸗ bar, der Böſewicht! Jetzt war er, oder ein Sohn, der ihm in Allem glich, der einzige Erbe ſeines Bruders.— Wie ein naher Don⸗ nerſchlag den ſorgloſen Wanderer erſchrickt, ſo erſchrack Guido, als er in Venedig die kleine Laura traf, die Züge ſeiner Schwä⸗ gerin ſprachen ihn nur zu deutlich in dem Angeſichte des Kindes an, und als er das ihm wohlbekannte Kreuz am Halſe Lauret⸗ tens erblickte, da war es gewiß, die Kleine war das verlorne, geraubte Kind. Sollte dieſes wieder zum Vorſcheine kommen, und einſt ihren Aeltern wieder zugeſtellt werden, ſo war er um das ganze Erbe, und alle ſeine Plane für die Zukunft entworfen, mußten ſcheitern. Laurette mußte wieder unſicht⸗ bar werden, und er ließ ſie, wie wir wiſſen, auf's Neue rauben.——. Lord — 225— Lord B. nahm das Tuch Laurettens, das er ſorgfältig aufgehoben hatte, und ver⸗ fügte ſich zur Herzogin, noch unentſchloſſen, wie er da zu handeln habe. Er ließ ſich melden, ward ſogleich angenommen, und fand die Herzogin in einem reizenden Negli⸗ gée allein. Jetzt, da kein neidiſcher Putz ſie bedeckte, fand der Lord völlig jene Züge, nur ganz vollendet und etwas von Gram über⸗ ſchattet, die ſeinem theuern, verlornen Schütz⸗ linge ſo eigen waren; er war überzeugt, es mußte Laura's Mutter ſeyn, vor der er jetzt ſtand. Er war nun entſchloſſen, zog das Tuch hervor und fragte die Herzogin, ob es ihr bekannt ſei? Sie betrachtete es— ſtarrte den Lord an, ſchwankte und ließ ſich, am ganzen Körper fieberhaft zitternd, auf dem Sopha nieder; doch nur kaum eine Minute, da ſprang ſie auf und rief:„Ha, das Tuch meiner Lau⸗ ral Herr, wiſſen Sie etwas von“— Sie ſank wieder erſchöpft nieder, flehte aber drin⸗ gend mit Geberden, der Lord möge ſprechen. Dieſer begann alſo zu erzählen, wie er zu P — 226— Lauretten gelangt ſei; da ſprang die Her⸗ zogin auf und rief:„Mylord, wo iſt ſie? wo iſt meine Laura? Können Sie ſo grau⸗ ſam ſeyn, länger der Mutter ihr vemordes, theures Kind vorzuenthalten?“. Nun mußte der Lord ihr den zweiten Ver⸗ luſt ihrer Tochter offenbaren. „Ha, grauſamer, tückiſcher Guido!“ rief ſie,„das iſt Dein Werk! Hal in welche Hände iſt mein Kind gerathen? Vielleicht ſchon gemordet von der Hand des Böſewichts! Gott!“— Ohnmächtig ſank ſie nieder, und der Lord rief nach Hilfe. Die Kammerfrauen erſchienen, und mit ihnen der Herzog; mit Mühe brachte der eiligſt gerufene Hausarzt die Herzogin wieder zum Leben zurück, ſie war aber ſo entkräftet, daß ſie zu Bette ge⸗ bracht werden mußte, der Arzt befahl ihr die größte Ruhe, und ein wohlthätiger Schlum⸗ mer ſtellte ſich bei ihr ein. Während dieſem hatte der Lord dem Her⸗ zoge Alles mitgetheilt, und auch dieſer war überzeugt, daß nur ſein entarteter Bruder jener Schandthat fähig geweſen ſei, und zit⸗ — 2272— terte für das Leben ſeiner geliebten Tochter. „Gerne,“ rief er,„will ich dem habſüchtigen Menſchen mein Herzogthum abtreten, er ge⸗ be mir nur meine Tochter zurück! Mit ihr und meiner theuern Gattin will ich froh im dunkeln Privatſtande leben, und von Herzen jedes eitlen Prunkes entſagen!“ Um volle Gewißheit zu haben, bat der Herzog den Lord, eiligſt Laurettens Wär⸗ terin, die ſich, reichlich vom Lord beſchenkt, nach ihrer Geburtsſtadt Linz begeben hatte, nach Wien zu berufen, und nach 14 Tagen traf dieſelbe ſchon ein. Sie mußte dem Her⸗ zog und ſeiner Gemahlin noch einmal den Raub Laurettens in Venedig erzählen, und genau jenen Herrn beſchreiben, der ſie den Tag zuvor auf jenen Ort mit dem Kinde zu kommen beſtellt hatte. Sie that es ausführ⸗ lich, und es wurde den beiden Gatten ge⸗ wiß, daß Guido der Räuber ihrer Tochter ſei. Von Mutter Hanna hatte der Lord weiter keine Nachricht erhalten.— Der Herzog und ſeine Gemahlin, deren Geſundheit zwar hoͤchſt ſchwankend war, ent⸗ P 2 — 228— ſchloſſen ſi ch dennoch, da die Krieger der da⸗ maligen franzöſiſchen Republik unaufhaltſame Fortſchritte machten, und ſich den Beſitzun⸗ gen des Herzogs nahten, nach ihrem Vater⸗ lande zurückzukehren; ſie trafen daher Anſtal⸗ ten mit dem Lord, einander Alles, was zur Entdeckung Laurettens führen könnte, ſich mitzutheilen, beſchenkten reichlich die ehemali⸗ ge Wärterin ihrer Tochter, und reiſten nach Wälſchland ab. Auch Lord B. verweilte nur noch kurze Zeit in Wien, durchſtreifte Deutſchland, und ging dann nach England zurück, wo er ſich nach einigen Jahren mit einer jungen, liebenswürdigen Gattin verband. So waren ſechs volle Jahre verfloſſen, die Herzogin, deren Herz gebrochen war und die noch viel von den Tücken ihres boshaften Schwagers erdulden mußte, aus dem man nichts von Lauretten erfahren konnte, ſtarb ſchon im erſten Jahre, und tief betrauerte ihr Gatte ihren, ihm unerſetzlichen Verluſt. Jetzt er⸗ ſchien er in England als ein Verbannter, ſeines Herzogthums beraubt, das durch Na⸗ poleon ſeinem Bruder Guido, der zu ſei⸗ — 229— ner zweiten Gemahlin eine Verwandte des damaligen erſten Conſuls heirathete, überge⸗ ben wurde. Da er nie Verſchwender war, ſo brachte er eine anſehnliche Summe mit, die ihn reichlich vor allen Nahrungsſorgen ſchützte; er zog nach dem kleinen Paradieſe Englands, nach der Inſel Wight, erneuerte die Bekanntſchaft des Lord B., aber weder er, noch dieſer hatten eine Nachricht bei al⸗ len ihren Bemühungen erhalten können, ob Laurette noch lebe oder nicht. Oft beſuchte der Lord den Herzog in ſeiner Einſamkeit, und jedesmal fragte dieſer: Ob keine Nach⸗ richt von Laura eingetroffen ſei? So waren wieder vier Jahre vorüber, und Lord B. lebte nun ſeit Kurzem mit ſeiner Gattin in London; als dieſe eines Morgens ein Zeitungsblatt ergriff, las und ploͤtzlich mit Lachen ſprach:„Ei ſiehe da! hier mel⸗ det ſich eine alte, weibliche Bekanntſchaft mei⸗ nes Herrn Gemahls, und obendrein noch zwei Frauenzimmer zugleich!“— Sie über⸗ reichte das Blatt ihrem Gatten, und dieſer las: 24 — 230— „Zwei Frauenzimmer, welche erſt geſtern aus Deutſchland hier in London angekommen ſind, wünſchen ſehnlichſt, als alte Bekannte, die Wohnung des Lord B., wenn er in der Stadt ſeyn ſollte, zu erfahren, oder ſollte er abweſend ſeyn, ſo bittet man beſtens, ſeinen gegenwärtigen Aufenthalt jenen Frauenzim⸗ mern auf dem Amerika⸗Platz Nro. 84. ohne Verzug bekannt zu machen.“ Der Lord, der viele Bekanntſchaften in Deutſchland gehabt hatte, konnte nicht ent⸗ ziffern, wer dieſe Frauenzimmer ſeyn ſollten; er ſchrieb daher ſogleich: „Denen zwei Damen Nro. 34. Amerikas⸗ Square empfiehlt ſich Lord B., und macht ihnen zu wiſſen, daß er für immer in London lebe, und täglich jeden Morgen in ſeinem Hauſe Nro. 112. Piccatily zu ſprechen ſei⸗ Auf Verlangen wird er ſich es zur Ehre ſchäz⸗ zen, Ihnen auf die von Ihnen zu beſtimmen⸗ de Stunde perſönlich aufzuwarten.“ Er ſchickte mit dieſem einen Bedienten nach der bezeichneten Wohnung, und erhielt — — 231— nach einigen Stunden durch denſelben folgen⸗ de Antwort: „Ueber die Gegenwart Lords B. in Lon⸗ don ſind beide Frauenzimmer ſehr erfreut, ſie werden unfehlbar morgen früh um 10 Uhr das Vergnügen haben, Sr. Herrlichkeit aufzuwarten.“ Die Stunde erſchien, ein Miethwagen fuhr an das Haus, ein junges, verſchleier⸗ tes Frauenzimmer ſprang munter aus dem⸗ ſelben, ein altes, ebenfalls verſchleiertes ſchob ſich keuchend hinter jenem her, der Lord war ihnen entgegengegangen; da ſchlug die Jün⸗ gere den Schleier zurück, und Laurette, die Langvermißte, lag in ſeinen Armen. Freudig überraſcht war der Lord, der ſie au⸗ genblicklich erkannte, ſie, von der er ſo oft geſprochen, an die er ſo oft gedacht. Mit väterlicher Zärtlichkeit überhäufte er die Wie⸗ dergefundene, und trug ſie, wie im Trium⸗ phe, zu ſeiner Gattin, welcher er ſie mit den Worten vorſtellte:„Hier, theuerſte Caroli⸗ ne, haſt Du meine geliebte Tochter Lau⸗ — 2382— rette, von der ich Dir ſo oft, ſo viel er⸗ zählte!“ Mit Innigkeit und ſchweſterlicher Liebe ſchloß Lady B. Lauretten an ihr Herz. „Sei meine Freundin, ſei meine Tochter!“ ſagte ſie, und dankbar ſchmiegte ſi ſich das mit allen Reizen nun ausgeſtattete Mädchen an der Lady Buſen. „ Dank! Dank fur den ſo herzlichen Will⸗ komm!“ ſagte das ältere Frauenzimmer;„aber vergeßt mich nicht, edler Lord, denn ohne mich würdet Ihr wohl Euern Pflegling nie wieder geſehen haben!“— „Mutter Hanna!“ rief der Lord, und nun ſchlug auch dieſe den Schleier zurück und zeigte ihr überreifes Zigeunergeſicht. Mit Herzlichkeit und Güte wurde auch ſie, als Laurettens wahrſcheinliche Retterin, vom Lord und ſeiner Familie empfangen. „Lebt mein Vater noch?“ fragte nun mit zitternder Stimme, als ob ſie die Nachricht ſeines Todes fürchtete, Laura. „Er lebt, und ſehnt ſich noch ſtündlich — 2358— nach ſeiner Tochter;— aber wie weiß Lau⸗ rette, daß“—— „Alles— ach Gott! auch den Tod mei⸗ ner geliebten Mutter habe ich in Wien er⸗ fahren,“ ſiel Laura ein.„Aber wo lebt mein Vater?“. „Morgen wollen wir,“ ſagte der Lord, „ohne Verzug zu ihm, er lebt nur 10 Mei⸗ len von hier, und ſoll ſchon übermorgen früh ſeine Tochter an ſein Herz ſchließen.“— Und er befahl ſogleich, Anſtalt zu der Reiſe nach der Inſel Wight zu machen. Als der erſte freudige Taumel des Wie⸗ derſehens vorüber war, bat Lady B. Lau⸗ retten, ihr ſeitheriges zehnjähriges Schickſal ihr mitzutheilen.„Da wird Mutter Hanna anfangen müſſen,“ ſagte dieſe,„denn dem Alter gebührt der Vorzug; doch, edle Lady, will ich mich, ganz gegen die Weiſe alter Weiber, kurz faſſen.“— Sie begann: „Als ich, Mylord, in Venedig, von Eu⸗ rer Güte reichlich unterſtützt, mit den Wor⸗ ten: Ich muß Lauretten finden, und ſollte ich die ganze Erde durchwandern! Euch ver⸗ — 254— ließ, ſtellte ich ſogleich alle Nachforſchungen nach der Entführten an, und wo ich nur einige von unſern Leuten traf, rief ich ſie um Beiſtand an, und verſprach ihnen eine anſehnliche Summe für das Auffinden der Vermißten; ſo durchzog ich, ſo gut meine alten Knochen es erlaubten, ganz Ober⸗Italien, Savoyen und Piemont, endlich auch Nieder⸗Italien, und war oft in dem Herzogthum L., ſah ſelbſt den Herzog und ſeine Gemahlin, die mich ſelbſt beſchenkte, ohne daß ich muthmaſſen konnte, wie nahe Laura dieſe Perſonen an⸗ ging. Alles war vergebens, Laurette war wie verſchwunden, und ich zweifelte nun an ihrem Leben, gab aber dennoch den Verſuch nnicht auf, bei dem mich mein Sohn Caspa⸗ ri treulich unterſtützte. So waren wir Sici⸗ lien, Sardinien und mehrere Inſeln des mitt⸗ ländiſchen Meeres durchzogen, als wir nach einem Zeitraum von acht Jahren wieder in Unter⸗Italien landeten, und uns in Ca⸗ labrien zu einer Bande unſerer Leute geſell⸗ ten, um mit ihnen Neapel, den Kirchenſtaat und andere angrenzende Länder zu durchzie⸗ — 235— hen. Eines Tages lagerten wir in einem Pappelwalde, in dem ſich ein einſames Schloß mit einem großen Park befand; mein Sohn war, etwas Wild zu ſchießen, umhergegan⸗ gen, als er unverhofft eiligſt zurückkam.„Mut⸗ ter,“ rief er,„ich habe Lauretten geſehen, dort in jenem Park luſtwandelte ſie mit noch einem Frauenzimmer, ſie war es gewiß, denn ihre Züge ſind mir unvergeßlich, auch trug ſie das wohlbekannte Kreuz um ihren Hals.“ Ich zitterte vor Freude, und wir berathſchlag⸗ ten uns, wie wir meine Gegenwart ihr an⸗ zeigen könnten. Es gelang, auch ihre Flucht; dieß Alles mag Laurette erzählen. Nun wandten wir uns nach Wien, um dort Nach⸗ richt von Euch, Mylord, bei dem engliſchen Geſandten einzuholen. Dieſer ſagte uns, daß Ihr in Euerm Vaterlande längſtens verhei⸗ rathet wäret, entdeckte Lauretten ihre fürſt⸗ liche Abkunft, den Tod ihrer Mutter, den Verluſt der väterlichen Beſitzungen, und den Aufenthalt ihres Vaters hier in England. Er unterſtützte uns hinlänglich mit Reiſegeld, und wir eilten nach London, wo wir vorgeſtern — 236— angekommen ſind.“ So Mutter Hanna.— Jetzt begann Laurette, wie folgt: „Als ich durch den fremden Menſchen von der Seite meiner Wärterin mit Gewalt geriſſen, und in eine Gondel gebracht wurde, muß ich ſehr geſchrieen haben, denn dieſer Menſch und der, welcher das Fahrzeug re⸗ gierte, drohten, mich, wenn ich nicht ſtill ſeyn würde, in das Waſſer zu werfen; die⸗ ſes bewog mich aus Furcht, mich leidend zu erhalten, und bald ward ich bei meinem kin⸗ diſchen Sinne ganz beruhigt, als man mir verſchiedene Leckereien vorſetzte, und mir hüb⸗ ſche Kleider und Spielſachen verſprach. Bald war dieſe Waſſerfahrt beendigt, man brachte mich in einen verdeckten Wagen mit vier Pferden beſpannt, der Menſch, der mich ge⸗ raubt hatte, ſetzte ſich neben mich, und raſch ging es vorwärts. Die Reiſe währte vier Tage und Nächte, wir kamen durch manche Stadt, hielten nur ſo lange, um Pferde zu wechſeln, und fuhren ſo Tag und Nacht wei⸗ ter. Am fünften Tag hielt man endlich an einem alten Gebäude, ringsum mit einer ho⸗ 1 — 232— hen Mauer umgeben. Ich mußte ausſteigen, wurde mit einem Schreiben einem bejahrten Manne und ſeiner Gattin, welche mit einer gleichfalls alten Magd die einzigen Bewoh⸗ ner jenes Waldſchloſſes waren, von meinem Begleiter übergeben, der nach einem kurzen Aufenthalte wieder abreiſte. Hier nun, in dieſer einſamen Wohnung, in Geſellſchaft al⸗ ter Leute, hatte ich junges Mädchen die größte Langeweile, obgleich ich hinlänglich ſchöne Kleider und Spielſachen empfing, und täglich mich in dem großen Garten am Hauſe einige Stunden herumtummeln konnte. Nie⸗ mand ſah ich, als zu Zeiten einige Landleute der benachbarten Dörfer, welche Lebensmittel in's Schloß brachten.— So vergingen vier für mich höchſt lang⸗ weilige Jahre, als eines Tages die Tochter des Schloßverwalters aus Florenz ankam, um ferner bei ihren Aeltern zu wohnen. Sie war die junge Wittwe eines Arztes, von vie⸗ ler Geiſtesbildung, im Beſitz aller weiblichen Geſchicklichkeit, und von einem edeln Charak⸗ ter und dem beſten Herzen. Signora Bea⸗ — 238— trice, ſo war ihr Name, ſah ein, wie un⸗ gebildet ich als ein Mädchen von zehn Jahren ſei, und da ſie Fähigkeiten und den beſten Willen bei mir wahrnahm, ſo war es von nun an ihr ämſiges Beſtreben, mich in Allem zu unterrichten, und das, was ich an Aus⸗ bildung meines Verſtandes erlangt habe, ver⸗ danke ich ihr allein. Sie unterrichtete mich in der Religion, Muſik, Welt⸗ und Erdkun⸗ de, Geſchichte u. ſ. w., und in allen weibli⸗ chen Arbeiten. Sie beſaß viele gute Bücher, ließ manche neue kommen, und brachte mir Geſchmack am Leſen bei. Jetzt hatte ich auch mehr Freiheit, und durfte mit der Signora auſſerhalb des Schloſſes luſtwandeln.— Oft beſchwerte ich mich bei ihr über das Unrecht meiner Gefangenſchaft, und bat ſie, mir den Urheber derſelben zu nennen. Allein darüber ſowohl, als über meine Abkunft konnte ich nie etwas Beſtimmtes erfahren, indem ſie ſich mit gänzlicher Unwiſſenheit hierin jedes⸗ mal entſchuldigte, auch wollte ſie mir nie den wahren Eigenthümer des Schloſſes nennen, weil dieſes ihr ſchärfſtens verboten ſei.— — 239— Im ſiebenten Jahre meines Aufenthalts in jener traurigen Einöde, die nur der Um⸗ gang mit Beatrice mir erträglich machte, erſchien eines Tages unverhofft ein vorneh⸗ mer Herr in einer koſtbaren Equipage, und mit einer Menge Diener. An der Ehrerbie⸗ tung, mit welcher der Schloßverwalter und ſeine Gattin ihm entgegenkamen, erkannte ich leicht den Eigenthümer des Schloſſes. Ich wurde vor ihn gerufen. Er betrachtete mich mit vornehmem Stillſchweigen beſonders das Kreuz an meinem Halſe, und ſprach ziemlich vernehmbar für ſich:„Kein Zweifel weiter, ſie iſt es!“ Ich bat ihn um meine Freiheit, bat ihn, mich meinen Aeltern, da ſie ihm ohne Zweifel bekannt ſeien, oder an Sie, Mylord zu übergeben. Mit einem bos⸗ haften Lächeln war ſeine Antwort:„Das wird in dieſem Leben nicht geſchehen!“ und ſo wurde ich entlaſſen; bald darauf verließ er das Schloß.— Auf ſeinen Befehl wurde ich wieder wie ehedem, bevor Beatrice zu uns kam, eingeſchränkt, und durfte nur im Parke unter der Aufſicht der Signora luſt⸗ — 240— wandeln; doch wurde mir anſtändige Klei⸗ dung und Putz faſt zum Ueberfluſſe gereicht, auch erhielt ich ein eignes Fortepiano und eine Harfe, beide ſchön und koſtbar, zuvor hatte ich mich der Inſtrumente von meiner Lehrmeiſterin bedient.— Jetzt waren bald zehn Jahre verfloſſen ſeit meines Aufenthalts in jenem Waldſchloſſe, und obgleich Bea⸗ trice Alles hervorſuchte, mich zu zerſtreuen und zu erheitern, ſo ſehnte ich mich doch herz⸗ lich nach meiner Freiheit. Sie Erſchian ehe ich ſie nur hoffen konnte. Eines Tages luſtwandelte ich mit Bea⸗ tricen im Park, da hörten wir außerhalb deſſelben einen frohen Geſang mehrerer Stim⸗ men, mit einer Guitarre, Tambourin und Caſtagnetten begleitet. Ha! das war die Muſik, die mich in meiner Kindheit ſo oft erfreute, ja es war das nämliche Volkslied, das ich ſo oft von den jungen Zigeunerinnen hörte, und ſelbſt auf der Guitarre zu klim⸗ pern gelernt hatte. Wunderbar ergriff mich dieſer Geſang, ich ahnete bereits meine Frei⸗ heit. Ich bat Signora Beatrice, mit mir an — 241— an das nahe Thor des Barkes zu gehen, ſie willfahrte meiner Bitte, und wir fanden hier einen Trupp Zigeuner. Ein junges Mädchen näherte ſich mir, und unter dem Vorwand, mir wahrzuſagen, ſteckte ſie mir ein Papier unbemerkt zu. Kaum war ich auf meinem Zimmer allein, als ich es öffnete und las: „Theure Laurette! Endlich nach langer „Zeit hat es mir geglückt, Deinen Aufent⸗ „halt hier im alten Schloſſe ausfindig zu ma⸗ „chen; wie werden ſich der Lord B. und Dei⸗ „ne Aeltern, die er wahrſcheinlich wird ge⸗ „funden haben, freuen!— Kannſt Du heute „Nacht oder morgen in den Park kommen, „ſo ſoll Alles zu Deiner Flucht und Sicher⸗ „heit bereit ſeyn. Mit Sehnſucht erwartet „Dich 8 Mutter Hanna.“ Mein Entſchluß war bald gefaßt, ich konn⸗ te leicht und unbemerkt in den Park kommen; ich ſchrieb daher einen Abſchiedsbrief an Bea⸗ tricen, dankte ihr für ihre Liebe und Freund⸗ ſchaft, und für die Mühe und Sorgfalt, die Q 1 — 242— ich während beinahe ſechs Jahren ihr verur⸗ ſacht hatte, und erwartete mit Sehnſucht die Nacht. Endlich erſchien dieſe, ich hatte nur ein kleines Bündel mit den nöthigſten Klei⸗ dungsſtücken gepackt, dieſes warf ich zum Fenſter hinaus, befeſtigte meine Leintücher, und ließ mich an dieſen herab in den Park, eilte zum Thore und fand dieſes bereits durch Caspari geöffnet, der hier meiner harrte, und mich zu ſeiner Mutter brachte; ſogleich wurde ich in ein Zigeunermädchen umgeſchaf⸗ fen, und ſo reiſten wir, Mutter Hanna und ich, unter Begleitung ihres Sohnes, Dentſch⸗ land zu, welches wir ohne irgend ein Hinderniß erreichten. Hier trennte ſich Caspari von uns und ging zurück, wir aber reiſten nach Wien. Das Uebrige hat bereits Mutter Han⸗ na erzählt.“ Am andern Morgen, um die Freude dem Herzog nicht länger zu entziehen, ſeine längſt für immer verloren gehaltene Tochter ihm endlich zuführen zu können, und ihr den ſchön⸗ ſten Genuß zu verſchaffen, ihren Vater zu um⸗ armen, ſeinen Segen und ſeine Liebe zu erhalten, — 243— und ihn, der ſo viel gelitten, zu tröſten, und in ſeinem Alter zu pflegen, reiſte Lord B. mit Lauretten, ihrer Befreierin Hanna und ſeiner Gattin nach der Inſel Wight ab. Am zweiten Tage kamen ſie an, und fanden den Herzog— auf dem Toden⸗ bette. Er erkannte ſeine Tochter, die mit Schmerz erfüllt vor ſeinem Lager kniete. Mit Vaterliebe drückte er die lang Vermißte an ſein nur noch matt ſchlagendes Herz. Er machte ohne Verweilen ſein Teſtament, worin er Lauretten zur einzigen Erbin beſtimmte, und Lord B. bat, als Vormund für ſeine Tochter zu ſorgen.— Schon am dritten Tag ſchied er für im⸗ mer von ſeiner troſtloſen Tochter, über die nun der Lord die Obſorge übernahm, und ihr das väterliche Vermögen, welches noch an 20,000 Pfund Sterlinge betrug, ſicherte. Lau⸗ rette zog zu ihm, ward die Freundin der La⸗ dy B., und wurde wie eine Tochter vom Lord behandelt.— Viel Aufſehen machte damals Laura in London, theils wegen ihrer Schön⸗ Q 2 — 224— heit, theils wegen ihrer erlittenen Schickſale. Man nannte ſie allgemein die ſchöne Zi⸗ geuner⸗Prinzeſſin. Im Jahre 1810 hei⸗ rathete ſie einen reichen Bankier aus Boſton, mit dem ſie nach Amerika zog. Mutter Han⸗ na begleitete ſie dahin.— Das Portrait. f Im Jahre 18.. durchreiſte ich die nord⸗ lichen Gegenden Deutſchlands. Ich wanderte zu Fuße am rechten Ufer der Elbe, unmerk⸗ lich war der Tag hingeſchwunden, und die Nacht überraſchte mich in einer ganz unbe⸗ kannten Gegend. Bald erblickte ich zwiſchen einer Gruppe von Bäumen Licht, und erreichte ein freundliches Dörfchen. Ich war müde, und ſah mich daher nach einem gaſtlichen Dache um; da fiel mir ein neues, niedliches Häuschen in's Auge und ich beſchloß, hier um ein Nachtlager anzuhalten. Ich trat ein. In einem reinlichen, nett meublirten Zimmer fand ich eine junge Bäuerin von einer offenen Geſichtsbildung; Geſundheit 2— *—* 3 „ — 246— blühte auf ihren Wangen, und ein heiteres Lächeln ſchwebte auf ihrem wirklich hübſchen Geſichte. Ein junger Mann ſaß neben ihr, und ſchaukelte auf ſeinen Knieen einen jäh⸗ rigen Knaben, welchen er mit Vaterfreuden anlächelte. Ich brachte mein Verlangen vor, und wur⸗ „de herzlich aufgenommen. Bald ſtellte die junge Frau ein ländliches Abendbrod auf den Tiſch; Alles war gut, Alles ſo nett und reinlich, daß meine Eßluſt ſich dadurch eben ſo gereizt fand, als durch die ſtarke Bewe⸗ gung, die ich mir gemacht hatte. Während ich ſo in Geſellſchaft meiner jun⸗ gen Wirthsleute meinen Appetit ſtillte, ſiel mein Blick auf ein Gemälde in einem vergol⸗ deten Rahmen, an dem ein friſcher Blumen⸗ kranz hing. Das Bild ſtellte übrigens einen alten Herrn in einem reichgeſtickten Kleide mit dem däniſchen Elephanten⸗Orden vor. Mein Wirth, der meinen Blick nach dem Bil⸗ de bemerkte, ſprach:„Sie wundern ſich wohl, wie dieſer vornehme Herr hier in dieſe Bauern⸗ — —— — 247— ſtube kommt. Eigentlich ſollte dieſes Bild auch nicht hier hängen, obgleich ihm nirgends mehr Ehre würde angeißan: werden, als bei uns hier.“ „Wen ſtellt es denn vor?“ fragte ich. „Den Grafen von R.,“ erwiederte mein Wirth,„dem ehemals das Dorf hier gehörte.— Leider iſt der gute Herr todt, welcher der Vater ſeiner Unterthanen und mir der größte Wohlthäter war! Das Bild hier iſt Alles, was von ihm übrig iſt, und die dankbare Erinnerung Jener, denen er Gutes that.“ „Aber wie kommt das Bild des Grafen in Eure Hände?“ fragte ich. „Das will ich Ihnen ſagen, mein Herr,“ antwortete mir der Mann,„und das bei ei⸗ ner Pfeife Tabak und einem Glas Haus⸗ trunk. Geh', liebe Meta, und hole uns ei⸗ nen Krug von unſerm Sonntagstrank!“ Meta ging, brachte einen Krug Bier, nebſt Gläſern, wir ſtopften unſere Pfeifen, und mein Wirth begann: „Ich war ein Knabe kaum zwoͤlf Jahre alt, als meine Aeltern ſtarben, und mich in 4 2 4 — 4. — 24s— der größten Armuth hinterließen. Mein Va⸗ ter war Taglöhner hier im Orte geweſen, und ich erhielt nun von der Gemeinde wö⸗ chentlich ein kleines Almoſen, das mich eben vom Verhungern ſchützte, dabei mußte ich die Gänſe der Gemeinde hüten. Um dieſe Zeit war der Graf von Kopenhagen, wo er ein vornehmes Amt bekleidete, das er aber nie⸗ 7 derlegte, hierher auf ſein Gut gezogen. Er war nicht verheirathet, und hatte gelobt, nie es zu thun, da ſeine junge Braut, eine Grä⸗ fin von B., plötzlich ſtarb. Bald war das Gut hier, das vorher durch Verpachtung rui⸗ im blühenden Stande, er machte Alles um ſich her glücklich und zufrieden, ohne es ſelbſt zu ſeyn; denn nicht allein, daß ihm ſeine Verlobte ſo plötzlich durch den Tod entriſſen ward, lebte er auch im Unfrieden mit ſeinen nächſten Verwandten, die ganz das Gegen⸗ theil von ihm waren. Eines Tages ſaß ich traurig auf einem Raſenhügel, meine gefie⸗ derte Heerde graste um mich her, ich kauete an einem Stück groben Brodes, das mein nirt war, wieder durch des Grafen Sorgfalt — 249— Frühſtück und Mittagsmahl war, und be⸗ netzte es mit meinen Thränen; da ſtand plötz⸗ lich der Graf an meiner Seite. „Warum weinſt Du?“ redete er mich an. Ich faßte Muth, erzählte ihm meine trau⸗ rige Lage, und äuſſerte den Wunſch, etwas lernen zu können, welches aber bei meiner Armuth in meinem gegenwärtigen Zuſtande unmöglich ſei. Der Graf hörte mich mit Geduld und Theil⸗ nahme an, und verſprach am Ende, für mich zu ſorgen. Schon am andern Morgen wur⸗ de ich auf's Schloß zu ihm gerufen. Er ließ mich ſogleich kleiden, ſchickte mich in die Schu⸗ le, und that mich zu einem Tiſchlermeiſter in die Lehre, der in Itzehoe wohnte, und ein geſchickter, redlicher Mann war.„Sei redlich und arbeitſam,“ ſagte der gute Herr, als ich von ihm Abſchied nahm,„ich werde dann in Zukunft für Dich ſorgen.“ Ich folgte dem Rath des Grafen, und beſtrebte mich in drei Jahren, in welchen er mich reichlich unterſtützte, ein tuͤchtiger Arbei⸗ mir der Graf Reiſegeld, und ich mußte die Wanderſchaft durch Deutſchland antreten. „ „um in Deinem Handwerke recht geſchickt zu werden. Lebe wohl, und kehre als ein redlicher Menſch zurück, wenn Du einſt glück⸗ lich werden willſt; denn nur der Redliche kann glücklich ſeyn.“ Ich nahm das Geld, welches der gute Herr mir ſchenkte, ſchnürte mein Bündel, und trat ſogleich meine Wanderſchaft an. Vier Jahre arbeitete ich in Dresden, Prag, Wien und München ſo gut ich konnte, und ſuchte ein geſchickter Tiſchler zu werden. Aber dann, ein und zwanzig Jahre alt, beſiel mich das Heimweh; ich eilte nach Haus, in der Hoffnung, jetzt hier als ein redlicher Menſch, der ſein Handwerk verſtand, mein Brod ver⸗ dienen zu können. Der Graf gab mir Arbeit, und war damit zufrieden; er empfahl mich in der Nachbar⸗ ſchaft, und ſo hatte ich wirklich zu leben, und lebte ohne Noth. Da wurde ich mit Meta ter zu werden. as i ausgelernt hatte, gab Du mußt wandern,“ ſagte der Graf, 8 .— 251— 4 hier bekannt, wir liebten unz, allein der Va⸗ ter, ein wohlhabender Ackersmann, der einen eignen Hof hat, war nicht Willens, mir, der ich nichts beſaß, als mein Handwerk, ſeine Tochter, die ſein einziges Kind war, zu geben. Er verbot mir ſein Haus, und unterſagte ſeiner Tochter allen weitern Um⸗ gang mit mir. Da fing die Noth an, ich konnte nichts anders, als an meine Meta denken, der Gram verzehrte mich, ich ver⸗ nachläſſigte meine Arbeit, verlor dadurch mei⸗ — ne Kunden, und ſah bald dem tiefſten Elende entgegen. Ich war der Verzweiflung nahe; da fiel mir ein, mein Unglück dem Grafen zu ver⸗ trauen, und eilte auf's Schloß. Hier hörte ich, daß er gefährlich darnieder liege. Traurig ſchlich ich nach meiner einſamen Wohnung 4 zurück, und bat hier Gott für die Erhaltung meines Wohlthäters. Den andern Morgen laufe ich ganz früh wieder nach dem Schloſ⸗ ſe, und— großer Gott! der Graf war in der Nacht geſtorben. Tief gebeugt ging ich nach Hauſe. Meinem Leben ein Ende zu S — 252— machen, war jetzt mein feſter Entſchluß. Ich nahm ſchriftlich von Meta Abſchied, und ging nach der Elbe, in ihren Fluthen mein Unglück zu enden. An einem einſamen Orte kniete ich hinter einem Gebüſche nieder, verrichtete ein kurzes Gebet, in welchem ich meinen Schöpfer bat, mir meine unberufene Ankunft vor ſeinem Richterſtuhle zu verzeihen, entledigte mich dann meiner Oberkleider, und wollte in die Tiefe des Stromes ſpringen; als ich mich am Arme feſtgehalten fühlte. Ich wollte mich eben nach dem unberufenen Störer meines Vorſatzes umſchauen, als eine derbe Bauern⸗ Ohrfeige auf meinem Backen brannte. Pe⸗ ter Janſen, Meta's Vater, ſtand jetzt neben mir, und hielt noch immer meinen Arm feſt. „He, junger Menſch!“ rief er mir zu, „was für Bocksſprünge ſind das? Biſt Du ein Chriſt? Schäme Dich! Da ich Dir meine Meta nicht gleich an den Hals warf, und durch Deine Schuld Deine Kundſchaft ein wenig ——— — — 253— enig nachließ, ſo willſt Du gleich ein Selbſt⸗ morder werden! Haſt Du Dir das Leben ge⸗ geben, daß Du darüber Herr zu ſeyn glaub⸗ teſt?— Jetzt gehe nach Haus— der Vorfall bleibt unter uns verſchwiegen— bitte Gott für das Verbrechen, das Du begehen woll⸗ teſt, um Verzeihung, arbeite fleißig, und haſt Du Dir etwas verdient— welches leicht ge⸗ ſchehen kann, denn Du biſt ein guter Arbei⸗ ter, noch jung und kein Verſchwender— ſo kann es auch dann noch Rath mit meiner Tochter werden. Bedenke, daß der Mann, der ein Weib nimmt, um ſich von ihr ernäh⸗ ren zu laſſen, kein altes ufeiſen werth iſt. 14 Beſchämt legte ich meine Kleider an, und ſchlich nach Haus. Da ich einige Hoffnung auf Meta's Beſitz hatte, ſo war dieſes Troſt für mich. Ich arbeitete jetzt ohne Raſt, aber leider ſah ich, daß ich bei all' meiner An⸗ ſtrengung lange warten muüßte, um ſo viel zu erübrigen, daß ich keck vor Peter Jan⸗ ſen treten und ſprechen könnte:„Nun gebt mir Eure Tochter, ich kann ſie ernahren 4 A — 254—— Dieß ſchlug meinen Muth wieder iemuit nieder. Um dieſe Zeit kamen zwei Neffen des verſtorbenen Grafen, ſie waren ſeine Erben. Das Gut hatten ſie ſchon bereits verkauft, und nun ſollte auch alles Hausgeräth des Verblichenen an die Meiſtbietenden verkauft werden. Die Verſteigerung fing an. Die Neugierde trieb auch mich, gleich Vielen, nach dem Schloſſe. Ich ſah alle die Sachen meines Wohlthäters in fremde Hände über⸗ gehen, Schmerzensthränen rollten aus mei⸗ nen Augen, während die Neffen dieſes Schau⸗ ſpiel mit kalter Unempfindlichkeit anſahen. Und doch hatte der Graf ihnen in ſeinem Leben viel Gutes erwieſen, und hinterließ ihnen nun nach ſeinem Tode an 10,000 Tha⸗ ler jährliche Einkünfte. Mein Gefühl über⸗ mannte mich, mit blutendem Herzen wollte ich den Saal verlaſſen, als ich rufen hörte: „Einen Thaler für das Bild da!“ Ich ſah hin. Gott! es war das Bild des Grafen, meines Wohlthäters! Du biſt arm, dachte ich, ſechs Thaler iſt Dein ganzes Vermögen, H aber dieſes Bild— ich bot zwei Thaler, und endlich für fünf Thaler wurde es mir zuge⸗ Nlhlagen. Ich freute mich wie ein Kind, nahm es eiligſt von der Wand, und eilte damit, als hätte ich es geſtohlen, nach meiner Be⸗ hauſung. Hier konnte ich mich nicht enthal⸗ ten, das theure Bild auf den Mund zu küſ⸗ ſen, der mir ſo oft zugelächelt, mich ſo oft mit guten Lehren und Ermahnungen beſchenkt hatte. Schon war mir unterwegs die Schwere des Bildes aufgefallen, aber meine Freude über deſſen Beſitz ließ mich keine nähere Un⸗ terſuchung darüber anſtellen. Ich wollte es aufhängen, und wählte den beſten Platz in meiner kleinen Stube dazu. Ich ſchlage ei⸗ nen Nagel in die Wand, aber dieſer reißt aus, da ich das Bild daran hänge, es fällt auf die Erde. Mit Sorgfalt hebe ich es auf, ſehe nach, ob nichts daran zerbrochen ſei; 1 hinten war die Leinwand etwas zerriſſen, eine Rolle ſieht hier etwas hervor, ich nehme ſie heraus, öffne ſie, und— wer denkt mein Erſtaunen— ich finde 25 doppelte Piſtolen R 2 4 — 286— darin. Jetzt unterſuchte ich weiter, und ſin⸗ de noch drei Rollen mit eben ſo vielen Gold⸗* ſtücken in jeder, wie in der erſten. „Gütiger Himmel!“ rief ich aus, und tanzte, meinen Schatz in den Händen, um das Bild herum,„jetzt bin ich reich! jetzt kann ich meine Meta heirathen! Wie glück⸗ lich bin ich nicht! Der gute Herr Graf, auch noch im Tode erzeigt er mir Wohlthaten! — Aber“— hier hemmte ein Gedanke mei⸗ ne Freude plötzlich—„aber iſt das Geld auch wohl Dein Eigenthum? Das Bild hat man Dir verkauft, aber würde ich es ſo er⸗ halten haben, hätte man ſeinen Inhalt ge⸗ wußt?— Nein, nein, das Geld gehört nicht Dein, ich will es den Erben hintragen.“ Ich packte während dieſen traurigen Ge⸗ danken die 200 Piſtolen zuſammen, und woll⸗ te damit nach dem Schloſſe zurück, als ich auf der Erde ein kleines, nett gefaltetes Pa⸗ pier liegen ſah. Ich hebe es auf, erkenne neh die Hand des verſtorbenen Graſen⸗ d leſe: — — 257— „Leider kenne ich meine Erben zu gut, „ſie werden Alles verkaufen, auch dieſes „Bild. Sollten ſie wirklich ſo undankbar ſeyn, „ſo ſoll dieſe hier verborgene Summe dem „gehören, der das Bild wird gekauft haben. „Möge es in gute Hände fallen! C. Graf von R.“ Ich hatte geleſen, und dieſes Billet gab mir mein Leben wieder.„Nun kann ich das Geld mit Recht behalten!“ rief ich bei mir aus.„Nun wird Meta die Deinige!“ Statt das Geld nach dem Schloſſe zu tragen, ſteckte ich es in einen Beutel, und eilte da⸗ mit zu Peter Janſon. Ich traf ihn zu Hauſe allein, Meta war im Garten. „Was willſt Du hier?“ rief er mir beim Eintreten mit rauher Stimme entgegen.„Haſt Du wieder blauen Montag gemacht?“ „Ich wollte Euch nur etwas fragen.“ „Das Fragen haſt Du umſonſt, allein mach' es kurz; bei mir iſt es kein blauer Montag.“ 3 — 25s— „Sagt mir nur, was iſt wohl das Gut des verſtorbenen Michael Köhler, das ver⸗ kauft werden ſoll, werth?“ „Dummer Schnack! Du wirſt es doch nicht kaufen wollen?“ „Vielleicht doch. 72 „Willſt es wohl mit Hobelſpänen bezah⸗ len?“ „Mit Geld will ich es kaufen.“ „Hal ha! ha! Da hätteſt Du Dir ge⸗ ſchwind ſo 900 bis 1000 Thaler erhobelt, denn ſo viel iſt des Köhlers Seer werth.“ „Ich kaufe es ſogleich.— „Ich glabe, der Kerl faſelt!“ „Nein, kmneswegs.“— Ich zog jetzt den Beutel mit dem Gelde hervor, und erzählte, auf welche Art ich dazu gekommen war. Peter Janſen freute ſich mit mir, und gab mir den Rath, das Gut nicht zu kaufen, ſondern das Geld auf eine andere Art anzu⸗ legen. Ich folgte ſeinem Rath, und baute hier dieß Häuschen, kaufte einen kleinen Garten — — — 259— dazu, und führte vor zwei Jahren, als das Haus fertig war, meine Meta als Haus⸗ frau ein. Erſt wollten mir freilich zwar die Erben des Grafen einen Prozeß wegen dem Gelde an den Hals werfen, allein das Bil⸗ let meines Wohlthäters ließ mir den Pro⸗ zeß nicht verlieren; ſie mußten noch die Ko⸗ ſten bezahlen, und wurden wegen ihrer Un⸗ dankbarkeit und über ihren Geiz noch verach⸗ tet und verſpottet. Hier ſoll alſo das Bild hängen bleiben, und meine Kinder ſollen eben ſo dankbar des Wohlthäters ihres Vaters ſich erinnern, als dieſer es mit ſeiner Meta thut, welche es immer, wie Sie ſehen, mein Herr, mit fri⸗ ſchen Blumen umkränzt. 2 Sehen Sie nur, welche Güte aus ſeinen Augen ſtrahlet! Wie er uns anſieht! Sollte man nicht glauben, er lächle über unſer Glück, und über die Lobſprüche, welche unſere Dank⸗ barkeit ihm zollt?“— Mit Rührung, und ohne ihn zu unter⸗ brechen, hatte ich die Erzählung meines Wir⸗ — 260— Mann, der ein ſo dankbares Herz in ſeinem thaten bleibt gewiß eine der ſchönſten Tugen⸗ den, nur, leider, iſt ſie ſo ſelten geworden auf dieſem ſublunariſchen Erdenkloſſe. thes angehört; ich fühlte Achtung für den 3 Buſen trug. Dankbarkeit für genoſſene Wohl⸗