Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur )] SEduard Oltmann in Gießen, * Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bfliurher ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 88 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 195 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für werchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 M.= Ff. 1 Nr. 50 Ff. 2 N. Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, derriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, dieſchmnißte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 43. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung — . ———— 2 4 —,— Goͤnnerſchaft. Von Maria Edgeworth. Aus dem Engliſchen überſetzt von Louiſe Marezoll. Bierter Thell. .. Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Joh. David Sauerlaͤnder. 1828. — . Fuͤnf und dreißigſtes Kapitel. — Der Gegenſtand, den Lady Jane im Sinn hatte, war Lord William; und zu verhindern, daß Caroline nicht durch eine unzeitige Offen⸗ herzigkeit die Neigung erſtickte, die ſte in ſeinem Herzen aufkeimen ſah, ſchien ihr für den Augenblick das Wichtigſte. Er hatte Lady Jane's Geſellſchaft immer geliebt, und ſie ſolcher ſtets vorgezogen, wo ihm mit weniger Delikateſſe geſchmeichelt wurde. Auch müſſen wir ihr die Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, daß Carolinens An⸗ kunft und Auftreten in der großen Welt keine Veränderung in ihrem Benehmen gegen Sr. 1* — 4— Herrlichkeit hervorbrachte. Wie auch ihre ge⸗ heimen Wünſche beſchaffen ſeyn mochten, ſo hatte ſie doch zu viel Stolz, um ſich oder ihrer jungen Freundin etwas zu vergeben, und kannte Lord William hinreichend, um mehr Gefuͤhl und Scharfblick in ihm zu ſuchen, als ihm ſeine Schmeichler zutrauten. Lord William war ein Mann von vorzüg⸗ lichen Fähigkeiten, viel Kenntniſſen und vor⸗ trefflichen Eigenſchaften; aber zugleich von einer ſo unnatürlichen Schüchternheit, daß ſolche weder ihm noch Andern zum Nutzen gereichten. Sowohl im geſelligen, wie im Geſchäftsverkehr mit mehreren Menſchen war er wie umgewandelt; es ſchien, als ob ihn eine grauſame Fee zum Opfer auserkohren, und ſchon in der zarteſten Jugend zugerufen hätte: a Von jetzt an wirſt Du Dich nie in Dei⸗ ner natürlichen Geſtalt zeigen. Unſchuldig wirſt Du ſchuldig, und weiſe, thöricht erſchei⸗ — — — 5— . nen. Nie wirſt Du den Gebrauch Deiner eigenthümlichen Fähigkeiten erlangen. Was Du zu ſagen und zu thun wünſcheſt, kannſt Du nicht ſagen und thun. Im höͤchſten En⸗ thuſiasmus wirſt Du zurückhaltend erſcheinen, und klalt und fühllos, wenn Dein Herz ſich in Liebe auflöst. In Gegenwart derer, denen Du am meiſten zu gefallen wünſcheſt, wirſt Du Dich linkiſch und tölpelich benehmen; und naht ſich Dir der Gegenſtand Deiner Liebe, wird Dich der unwiderſtehliche Zauber der mauvaise honte zur lebloſen Natur ma⸗ chen.» Sonderbar, daß die Franzoſen, unter allen Nationen des civiliſirten Erdbodens am we⸗ nigſten mit dieſer Gemuthskrankheit behaftet, ihr allein einen Namen gegeben haben! Der Zauber der mauvaise honte hielt den armen Lord William gefangen, und alle. Verſuche zu ſeiner Befreiung, womit ſich die ihn ſtets umringenden alten und jungen Da⸗ — 6— men angelegentlich beſchäftigten, banden ihn immer nur noch feſter. „Uebertriebene Schüchternheit iſt ſein ein⸗ ziger Fehler! Jammerſchade, daß er zu blöde iſt, ſich in die Unterhaltung zu miſchen; gewiß weiß er ſehr viel zu ſagen, und kann zußerſt angenehm ſeyn, wenn er will. Dieſe Blödigkeit bei einem Manne ſeines Rangs und Vermögens, den Jedermann achtet und bewundert, iſt wirklich ganz unbegreiflich.» — So urtheilte die Menge. Aber der blöde Lord William achtete ſich ſelbſt höher, als die Menſchen glaubten. Unter der aͤußern Schüch⸗ ternheit verboeg er den innern Stolz. Im Bewußtſeyn des großen Unterſchieds zwiſchen dem, was er war, und was er zu ſeyn ſchien, fühlte er ſich ſtets gedehmüthigt und gereizt⸗ und konnte ſich der tiefen Verachtung gegen diejenigen, die ſeinen äͤußern Menſchen zu bewundern vorgaben, oder ſeinem Vermögen den Tribut zollten, der, wie er meinte, ſei⸗ — 7— nem Vermögen allein zukam, nicht enthalten. Nur im Umgang mit den Wenigen, die ſeinen wahren Werth erkannten, zeigte er weder Stolz noch Schüchternheit. Die Zurückhaltung verlor ſich auf eine unglaubliche Weiſe, und der gefühlvolle Mann trat aus dem Mar⸗ mor hervor. Unter die kleine Anzahl ſeiner Vertrauten gehörte Lady Jane. Schon in dem Knaben hatte ſie des künftigen Mannes Werth und ſeine Vorzüge entdeckt, und er ohnte ihr jetzt dieſe Anerkennung durch Dank⸗ barkeit und unzählige Beweiſe der Achtung. Doch vermochte auch Lady Jane, obgleich eine Frau von bedeutenden Talenten, die Tiefe ſeines Gemüths und die Ausdehnung ſeiner Geiſteskräfte nicht zu beurtheilen. Ihr Haupttalent war Witz, ihre größte Kenntniß Weltkenntniß; ihr Verſtand war zwar gebil⸗ det, aber nur oberflächlich; der ſeinige hin⸗ gegen gründlich und weit umfaſſend. Daß Miß Caroline Percy ihn richtig beurtheilen — 8— und ſeine Verdienſte erkennen würde, ſah er bald ein. Lady Jane's Bekanntſchaft zu cul⸗ tioiren ſchien jetzt ſein Hauptgeſchäft, und er fand ſo viel Geſchmack an der Unterhaltung in ihrem Hauſe, daß er immer der Erſte und gewöhnlich der Letzte in ihren Geſellſchaften war. Seine Morgenbeſuche wurden haͤufiger und länger; er wußte inſtinktmäßig die Stun⸗ den, wo die Damen allein waren; aber nicht immer ſo genau die Zeit, wenn er ſich wie⸗ der entfernen ſollte. Er bemerkte nie, wenn Lady Jane's Wagen vorfuhr, und ſchien es nicht zu hören, wenn der Bediente ihn als wartend meldete. Lord William ahnete die Nothwendigkeit ſich zu entfernen nicht eher⸗ bis Caroline durch ein deutlicheres Zeichen, als Lady Jane's Höflichkeit ihm zu geben er⸗ laubte, etwa durch das Weglegen ihrer Zeich⸗ nungen und Bücher, oder durch die einfachen Worte«wir müſſen jetzt ausgeheny ihm be⸗ greiflich machte, daß es Zeit zum Aufbruch ſey. » — 9— Hierüber pflegte ſie Lady Jane nachher gewöhnlich zu tadeln; aber Caroline ſah nicht, daß ſich Lord William dadurch beleidigt ge⸗ fühlt, oder daß es ihn verſtimmt hätte. Ihr kam es vor, als bliebe er aus gewohnter Geiſtesabweſenheit, oder aus Abneigung ei⸗ nen Ort, wo er ruhig und gemüthlich ſaß, mit einem andern zu vertauſchen, wo ihm vielleicht bevorſtand, von ſeinen ſchönen Ver⸗ folgerinnen gequält zu werden. Daß er ihre Geſellſchaft und Unterhaltung liebte, ſuchte ſie nicht abzuläugnen; auch bewies er täglich, wie ſehr er ſie achtete und ſchätzte; aber ſie glaubte dieſe Achtung frei von jedem zärt⸗ lichen Zuſatz. Sie hielt ihn für ihren Freund, nicht für ihren Liebhaber, und darin hatte ſte bis jetzt auch Recht. Doch wie leicht und ſchnell, ja kaum bemerkbar iſt bei einem jun⸗ gen Mann von Geſchmack, Gefühl und Bil⸗ dung, deſſen Herz noch frei iſt, der Ueber⸗ gang von Freundſchaft zu Liebe. Und in — 10— dem Zuſtand zu lieben, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, befand ſich jetzt Lord William. Er wußte ſehr wohl, daß keine der vielen jun⸗ gen Damen, die jeden Augenblick bereit wa⸗ ren ihn zu heirathen, ihn ſeines Selbſt we⸗ gen wählen würden; und er wollte, wie Mar⸗ montel's Alcibiades und die meiſten vorneh⸗ men Männer, nur aus dieſem Grunde ge⸗ wählt werden. Er erkannte die Beweiſe der Achtung, die ihm Caroline gab, für aufrich⸗ tig, und hielt ſie wahrer Liebe fähig; auch bürgte ihm ihr Charakter für die Beſtändig⸗ keit ihrer Gefühle. Miß Percy's Erziehung und Schönheit, ihr feines Weſen, ihre man⸗ nichfachen Talente konnten dem höchſten Rang zur Ehre und Zierde gereichen. Sie war arm, aber das galt ihm gleich; denn er hatte ein fürſtliches Einkommen, keine Schulden, und konnte unverheirathet, wie verheirathet auf dem größten Fuß leben. Seine Freunde, die ſehnlichſt wünſchten, ihn im Hafen des ihm geſehen hatte. Eheſtandes einlaufen zu ſehen, und beinahe daran verzweifelt hatten, ihn ſo weit zu brin⸗ gen, ließen ihm völlig freie Wahl. Und ſo beſtimmten ihn Vernunft und Herz für Ca⸗ rolinen, gerade zu derſelben Zeit, als dieſe Londner Cley's Antrag erhalten hatte, und die Unterhaltung über Erklärungen und abſchlägige Antworten zwiſchen ihr und Lady Jane vorgefallen war. Mehrere kleine, durch Worte kaum zu beſchreibende Umſtände, machten jetzt auch Carolinen auf⸗ merkſam. Lord Williams zarte Theilnahme, als er ſie eines Tages unpäßlich fand; ſeine ungewöhnliche Angſt, als Lady Jane's vis à vis kurz darauf vor dem Opernhauſe bei einer Verwirrung unter dem Wagen beinahe umgeworfen worden wäre; und noch mehr der Ausbruch des Zorns gegen ſeinen Kut⸗ ſcher, der viel heftiger war, als der Irr⸗ thum und Fehler erforderte, oder man je an Alle dieſe Dinge, bei einem galanten Mann nur Zeichen der Höflichkeit, deuteten bei Lord William auf etwas mehr. Caroline mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß aus dem Freund leicht ein Liebhaber werden könne, und ſie zog nun zum erſten Mal ihr Herz zu Rathe. Sie achtete Lord Williams Charakter; ſie wußte, daß dieſer mit Schnee bedeckte, und oft in Wolken gehüllte Vulkan mit der Zeit in Feuerflammen ausbrechen würde; ja ſie entdeckte ſogar die Gabe der Beredſamkeit in ihm, und prophezeiete, daß er dieſe einſt, wenn es die Gelegenheit erforderte, in einem hohen Grade entwickeln würde. Sie war überzeugt, daß er beredt wie ſchweigend, ſprechend oder handelnd, im Privat⸗ wie im öffentlichen Leben, in jeder Lage, in jedem Verhältniß den Charakter eines rechtſchaffe⸗ nen, ehrenwerthen, gebildeten Engländers behaupten würde. Allein trotz dieſer Aner⸗ kennung aller ſeiner Vorzüge, übertraf ihn — 13— Graf Altenberg dennoch weit, und war ihm, beſonders in äußerer Feinheit ſehr überlegen — und ein ſolcher Vorzug beſticht ſelbſt den hellſten Verſtand. Auſſerdem war Graf Al⸗ tenberg talentvoller, Meiſter in der Kunſt, eine geiſtreiche Unterhaltung zu führen, und im Ganzen weit intereſſanter wie ſein Neben⸗ buhler. Auch hatte er den Vortheil gehabt, Carolinens Herz unbeſchäftigt zu finden, und ihre Bekanntſchaft auf dem Lande zu machen, wo ihm Zeit und Gelegenheit günſtig waren, ſeinen eigenen Charakter zu entwickeln, und den ihrigen kennen zu lernen. Mit einem Wort, er hatte den erſten Eindruck auf ihr Herz gemacht, und dieſer war nicht ſo leicht zu verwiſchen, ſo ſehr ſie ſich auch bemühte, ſein Bild aus ihrer Erinnerung zu verban⸗ nen. En pensant qu'il faut qu'on oublie, on se souvient! Und nun fand ſie nicht allein, daß alle andere Männer keinen Ver⸗ gleich mit ihm aushielten; ſondern auch, daß — 14— ein Jeder, den ſie nothgedrungen mit ihm vergleichen mußte, augenblicklich in ihrer Mei⸗ nung ſank. Ueber den Zuſtand ihres eigenen Herzens war Caroline nun zwar völlig im Reinen, doch blieb ihr wegen Lord William noch man⸗ cher Zweifel. Sie erinnerte ſich Lady Ja⸗ ne's Vorſichtsmaßregeln; und wenn gleich feſt entſchloſſen, ihn durch ihre Offenherzigkeit die Ungewißheit und Pein zu erſparen, wo⸗ durch gewöhnliche Coquetten ihren Sieg und Triumph zu verlaͤngern ſuchen, mußte ſie doch den Zuſtand ſeines Herzens erſt genauer kennen lernen, etwas Entſcheidenderes, ſeine Abſichten deutlicher Erklärenderes abwarten. Lady Jane enthielt ſich klüglich aller Bemer⸗ kungen, und erinnerte weder durch Worte, noch durch Blicke an ihren frühern Streit. Als ſie eines Abends ſpaͤter wie gewöhn⸗ lich mit Carolinen in einen vollen Geſell⸗ —— — 15— ſchaftsſaal trat, gewahrte ſie Lord William, umringt von mehreren eleganten Damen, dem Anſchein nach Märtyrerthum erduldend. Sein Auge begegnete Carolinens unbefangenem Blick, als ſie vorüberging, und ein hohes Roth überflog ſeine Wangen. Die ihm zu⸗ nächſt ſtehende Dame nahm ihre Lorgnette, um nach der Veranlaſſung des plötzlichen Far⸗ benwechſels zu forſchen, legte ſie aber gleich wieder, ohne beſondere Zeichen der Beſorgniß, hin. Lord William bahnte ſich unterdeſſen einen Weg zu Lady Jane. Die Unterhal⸗ tung drehte ſich um den Antrag, den kürz⸗ lich ein junger Mann einer gefeierten Schön⸗ heit gemacht hatte. Er war abgewieſen wor⸗ den. Einige tadelten die Dame, ſeine Hul⸗ digungen ſo lange angenommen zu haben, wenn ſie doch entſchloſſen geweſen ſey, ihn zu verwerfen. Andere vertheidigten ſie leb⸗ haft, und erklärten ihr Verfahren für ganz recht, indem es unpaſſend ſey, die Aufmerk⸗ — 16— ſamkeiten eines jungen Mannes zu banerken, bevor er ſich deutlich erklärt. Lord William hörte dieſe Verhandlungen mit ſichtbarer Angſt an. Lady Jane behaup⸗ tete ihre ſchon früher gegen Carolinen geäu⸗ ßerte Meinung mit vieler Wärme. Jetzt ward Miß Percy gefragt:«ob ſie es nicht ſonderbar finde, einen Mann zuruck zu wei⸗ ſen, ehe er ſeinen Antrag gemacht habe?„ Lord William lauſchte mit zunehmender Angſt, wagte aber nicht, Carolinen anzuſehen. Mit geziemender Beſcheidenheit, doch ohne Verle⸗ genheit antwortete ſie:«daß wenn ein Mäd⸗ chen ſich von einem Mann geliebt ſehe, deſ⸗ ſen Neigung zu erwiedern ſie nicht im Stande ſey; ſo könne ſie ihm ohne unhöfliche, oder unzeitige Verwerfung, bloß durch eine ge⸗ wiſſe Unbefangenheit, die jeder vernünftige Mann auszulegen wiſſe, den Unterſchied zwi⸗ ſchen Achtung und Neigung bemerkbar machen, — 12˙— und ihm die Demüthigung einer abſchlägigen Antwort erſparen. Die Unterſuchung endigte hier. Neuan⸗ gekommene Gäſte traten hinzu, andere Ge⸗ genſtände wurden beſprochen. Lord William ſchwieg immer noch, und vertiefte ſich derge⸗ ſtalt in ſeine eigenen Gedanken, daß er meh⸗ rere an ihn gerichtete Fragen höchſt unpaſſend beantwortete. Darüber gerieth er in Verle⸗ genheit, und das Gefühl ſeiner Zerſtreuung ſteigerte ſeine Verlegenheit zu einem ſo hohen Grad, daß er ihrer nicht Meiſter werden konnte. Die Geſellſchaft bewegte ſich nach verſchiedenen Richtungen; Sr. Herrlichkeit blieb wie eingewurzelt in Carolinens Nähe ſtehen. Endlich zog ein bedeutender Fremder die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Lord William benutzte den günſtigen Augenblick und nahm allen Muth zuſammen, um eine gleichgültige Frage an Carvlinen zu richten. Sie antwortete mit einer Unbefangenheit, IV. 2 — 18— die, wie er wohl fühlte, ſeinen Wünſchen nicht günſtig war. Der Zauber lag auf ihm; er konnte nichts mehr ſagen. Eine peinliche Pauſe trat ein, die Lady Jane glüͤcklicher Weiſe unterbrach, indem ſie das eben genoſ⸗ ſene Ananaseis für vortrefflich erklärte. Lord William ſtimmte ihr blindlings bei, ohne zu wiſſen, wovon die Rede ſey, und hätte in dieſem Augenblick nicht entſcheiden können, ob das Eis warm oder kalt war. Lady Jane nahm gelaſſen ein Stückchen Bisquit, ergötzte ſich an der Scene, und bemerkte,«daß die heutige Geſellſchaft die unterhaltenſte ſey, der ſie dieſen Winter beigewohnt.» Mrß. Crabſtock trat hinzu, und ſogleich nahm Lady Jane ihre Ohren durch die Er⸗ zählung einiger intereſſanten Stadtneuigkeiten in Beſchlag. Lord William, abermals von der Angſt, beobachtet zu werden, befreit, athmete leichter. Nach und nach gelangte er zu dem Gebrauch ſeiner Sinne in ſo fern wieder, 49— um Carolinen zum zweiten Mal anſehen zu können. Er war mit dem feſten Entſchluß, ihr dieſen Abend ſeine Neigung zu geſtehen, in die Geſellſchaft gekommen. Im Gewühl glaubte er ungeſtörter ſein Herz eröffnen zu können. Jetzt, oder nie!» rief er ſich ſelbſt zu. Mit der Anſtrengung der Ver⸗ zweiflung und mit bewegter Stimme ſagte er endlich— gerade das, was er nicht hatte ſagen wollen. « Miß Percy, noch nie in meinem Leben war ich ſo aufgelegt, mit eines Menſchen Unbefangenheit zu hadern, als jetzt mit der Ihrigen. Denn,« ſetzte er ſich ſelbſt verbeſ⸗ ſernd und hocherröthend hinzu— gich will damit nicht geſagt haben, daß ich Ihre Un⸗ befangenheit nicht im Allgemeinen bewundere; aber— kurz, ich halte es für unmöglich, daß Sie bei Ihrem Scharfblick über meine Gefühle in Zweifel ſeyn können. Wenn ich—» 2* — 20— Er hielt plötzlich inne; ihm war zu Mu⸗ the, als ob ſein Leben an einem dünnen Fa⸗ den hinge; als ob ihr erſter Blick, ihr erſter Ton, ihr erſtes Wort ſein Schickſal entſchei⸗ den müſſe. Er verlangte ſehnlichſt, dieſen Blick zu ſehen, dieſes Wort zu hören, und fürchtete ſich dennoch dafür. «Und ich halte es für unmöglich, daß Sie mit Ihrem Scharfblick meine Gefühle miß⸗ verſtehen können,» erwiederte Caroline. Es lag in ihrem Blick und Ton eine edle Freimüthigkeit, eine Beſorgniß, Kum⸗ mer zu verurſachen; aber auch zugleich der Vorſatz, ganz wahr zu ſeyn. Lord William fühlte und verſtand alles.— Er ſah, daß ihm keine Hoffnung blieb. Caroline hörte ihn tief ſeufzen. Mit großer und ſchmerz⸗ licher Bewegung fügte ſie, im ruhigſten, aber ſanfteſten Ton hinzu— Seyn Sie verſichert, daß ich Ihnen ſehr — 21— dankbar für die Beweiſe Ihrer Hochachtung bin— Mrß. Crabſtock näherte ſich ihnen wieder, und Caroline ſchwieg. * Mylord, werden Sie morgen Abend Lady Arrowſmith's Concert mit Ihrer Ge⸗ genwart beehren?y fragte Mrß. Crabſtock. «Werden Sie Lady Arrowſmith's Con⸗ cert morgen beſuchen? wiederholte ſie; denn der erſte Angriff war ungehört geblieben. „Ich weiß es wirklich nicht,» ſagte er, aus ſeiner Geiſtesabweſenheit auffahrend. Mrß. Crabſtock fuhr beharrlich fort.«Wa⸗ ren Sie geſtern Abend in der Oper, My⸗ lord?» „Ich kann mich in der That nicht darauf beſinnen, Madam!2 «Mein Gott! wie iſt das möglich?» rief Mrß. Crabſtock. «Aber,» unterbrach ſie Lady Jane, awir müſſen ja noch auf den Ball zur Herzogin von Greenwich. Liebe Caroline, es wird Zeit aufzubrechen. Mylord, dürfte ich Sie wohl um die Gefälligkeit erſuchen, nach un⸗ ſern Wagen zu fragen?» Lord William gehorchte, noch ehe ſie aus⸗ geſprochen hatte. Beim Heruntergehen ſagte Lady Jane lachend— *Ich fürchte eben ſo neugierig zu erſchei⸗ nen wie Mrß. Crabſtock; denn ich war im Begriff Sie zu fragen, ob Sie auf morgen engagirt ſind, oder ob ich hoffen kann, Sie bei uns zu ſehen? «Leider— der Ausdruck, womit er die⸗ ſes Wort ausſprach, war nicht natürlich— sleider muß ich bedauern— ich bin enga⸗ girt. 2 Lady Jane ſah ſich nach Carolinen um, die ein Bischen zurückgeblieben war. Obgleich ich mich vorhin bei Mrß. Crab⸗ ſtocks Fragen nicht darauf beſinnen konnte, wo ich geſtern war, und morgen ſeyn werde, fuhr Sr. Herrlichkeit mit erzwungenem Lä⸗ cheln fort,«ſo kann ich Ihnen doch jetzt be⸗ friedigend antworten— ich werde in Tun⸗ bridge ſeyn.» In Tunbridge! rief Lady Jane, ſich plötzlich zu Lord William wendend, auf deſſen Geſicht jetzt das volle Licht ſiel. Nach Tun⸗ bridge in dieſer Jahreszeit? 2 «„Alle Jahreszeiten ſind mir gleich,» er⸗ wiederte Lord William, kaum wiſſend, was er ſagte. Die innere heftige Bewegung hatte ſich ſeiner Körper⸗ und Geiſteskräfte ganz bemächtigt. Sie waren jetzt an das Ende der Treppe gekommen; Lady Jane vermißte ihren Shawl, und während die Bedienten darnach ſuchten, traten ſie in eins der offenſtehenden Speiſe⸗ zimmer.— Nach Tunbridge!s wiederholte Lady Jane. Nein, Mylord! Sie duürfen uns nicht ver⸗ laſſen.„ — 24— * Was könnte mich abhalten?„ ſagte Lord William haſtig, beinahe heftig; denn obgleich er ihre gute Abſicht erkannte, mußte er doch, von ſeinem böſen Dämon getrieben, gerade das ſagen, was er nicht gewollt hatte. Blick und Stimme widerſprachen den Gefüͤhlen ſei⸗ nes Herzens. „Wenn es nichts giebt, was Sie zurück⸗ zuhalten vermag,» ſagte Lady Jane mit Würde aufſtehend,«ſo kann ich Ew. Herrlichkeit nur eine glückliche Reiſe wünſchen.„ „Ich wuͤrde hier bleiben, wenn ich ir⸗ gend etwas ſähe, was mich zurückhielte,» ſagte Lord William, ſich noch ein Mal un⸗ willkührlich zu Carolinen wendend. Dann verwünſchte er ſeine eigene Schwäche. Lady Jane bemerkte dieſen Blick, und in der feſten Ueberzeugung, daß Caroline an allem Schuld ſey, machte ſie ſich Vorwürfe, ſeine Worte und ſein ganzes Weſen mißver⸗ ſtanden zu haben. —-— 25.— Sehr wohl, Mylord!» ſagte ſie. &Ihre Reiſe hat ſicher keine ſo dringende Eile, daß ſie aufbrechen müßten, ohne morgen früh erſt von mir gehört zu haben. Vielleicht be⸗ läſtige ich Sie mit einigen Aufträgen.» Se. Herrlichkeit verbeugte ſich und er⸗ wiederte,«daß er ſich die Freiheit nehmen würde, Lady Jane's Befehle ſelbſt abzuho⸗ len.»— Sie ging ſchnell voran. Lord Wil⸗ liam bot Carolinen den Arm. « Lady Jane iſt meine Freundin; ſie wird nicht auf leeren Ceremonien beſtehen, wenn— ich muß mit Ihnen ſprechen, Miß Percy, und habe dazu nur einen Augenblick.» Caro⸗ line ging langſamer. « Ich danke Ihnen— ja, ich danke Ih⸗ nen. Sie haben mir viel Kummer verur⸗ ſacht; aber doch ſo wenig als möglich.— Beſſer jetzt, wie ſpäter.— Ganz Ihrer wür⸗ dig, und ich danke Ihnen, daß Sie mir den Glauben an Ihre Vortrefflichkeit nicht raub⸗ — 26— ten. Ich werde Sie nur einen Augenblick 5 aufhalten— Sie ſind doch nicht ungedul⸗ dig?» huns Nein,» entgegnete Caroline mit zittern⸗ der Stimme; doch ſeinetwegen bemüht, ihre innere Bewegung, die er leicht mißverſtehen konnte, zu unterdrücken. Fürchten Sie nichts, ich werde Sie nicht mißverſtehen. Ich weiß Theilnahme von Liebe zu unterſcheiden. Sprechen Sie, wenn ich fort bin, mit Lady Jane offen und freimüthig von meinen Gefühlen. Ihre Freundſchaft verdient mein Vertrauen.» Er hielt wieder inne; die Bedienten nä⸗ herten ſich. Er trat ſchnell an den Wagen, half Carolinen hinein, drückte ihre Hand und ſagte mit leiſer Stimme:„Leben Sie wohl auf ewig!» Die Wagenthür wurde zugemacht. * Wohin, Mylady?“ fragte der Be⸗. diente. — „ 27— Zur Herzogin von Greenwich, oder nach Hauſe— was meinen Sie, Caroline? O, nach Hauſe, wenn ich wählen darf, bat dieſe. Nach Hauſe!? rief Lady Jane. nd nun erzählen Sie mir gleich, was zwiſchen Ihnen und Lord William vorgefallen iſt. Steht die Sache wie ich hoffe, oder wie ich fürchte? Reden Sie.„ Caroline konnte vor Thränen nicht ant⸗ worten. «Was haben Sie gethan? Sagten Sie, ohne mich um Rath zu fragen, etwas Unwi⸗ derrufliches, ſo werde ich es Ihnen nie, nie vergeben. Geſtehen Sie.» Caroline verſuchte zu ſprechen. « Was haben Sie gethan? Was haben Sie geſagt?» «Ich habe die Wahrheit geſagt; ich habe gethan, was ich mußte,y erwiederte Caroline, saber was leider auch Schmerz verurſachte.» — 28— Lady Jane hoͤrte an dem Ton ihrer Stimme, daß ſie tief betrübt war; daher be⸗ meiſterte ſie ihren Zorn und ſagte milder— Er iſt nicht unheilbar, meine Liebe. So groß der Schmerz auch iſt, den Sie dem ed⸗ len Mann bereitet haben, ſo ſteht es doch in Ihrer Macht, ihn in Freude umzuwandeln.* „Nein, dieß ſteht nicht in meiner Macht, entgegnete Caroline mit einem tiefen Seufzer. Warum nicht? Lord William wird Lon⸗ don nicht eher verlaſſen, bis er meine Be⸗ fehle erhalten hat.— Und ich ſtehe zu Ih⸗ rem Befehl. Ein Billet, eine Zeile, ein Wort wird Alles ausgleichen.“ „Aber dieſes Wort kann ich nicht aus⸗ ſprechen.* & So laſſen Sie mich es für Sie ſchrei⸗ ben.— Vertrauen Sie meinem Zartgefühl, und ſeyn Sie verſichert, daß ich keinen Schritt thun werde, der Sie oder mich compromit⸗ tirt. Und nun entdecken Sie mir Ihr Herz ohne Zurückhaltung, und ſagen mir, was Sie gethan, oder geſchrieben zu haben wünſchen.* Nichts, meine liebe Lady Jane.» Nichts, meine liebe Caroline? Aus nichts wird nichts. Erklären Sie ſich deut⸗ licher.» Ich habe nichts zu erklären; ich habe alles geſagt, was ich ſagen konnte.» Der Wagen hielt vor der Thür. Wir ſind im Dunkeln,» entgegnete Lady Jane.„Wenn es hell iſt, werde ich Ihnen beſſer ſagen können, was wir zu thun haben. — Nun kann ich ſo gut ſehen wie hören,» fuhr ſie fort, nachdem das Mädchen Lichter gebracht hatte. Keppel! Du kannſt zu Bette gehen, wir brauchen Dich heute Abend nicht mehr.— Jetzt, Caroline, nehmen Sie ſich in Acht; bedenken Sie, daß Ihr Geſicht mir offen ſteht, wenn gleich nicht Ihr Herz.» Beides, beides ſteht Ihnen offen, theure Freundin!“ rief Caroline,« und Lord William bat mich, frei mit Ihnen zu ſprechen— Sie verdienten es um ihn.* aEr iſt ein edler Mann— doch fahren Sie fort.» Caroline erzählte alles was vorgegangen war, und Lady Jane rief, als ſie geendet— &Ein Paar Kinder, aber ein Paar lie⸗ benswürdige Kinder! Jetzt iſt es an mir, alles in Ordnung zu bringen, und nein fein artig in ja umzuwandeln.* Das kann nicht geſchehen,y ſagte Ca⸗ roline. Verzeihen Sie, meine bedächtige Schöne, es kann geſchehen.» & Verzeihen Sie, Lady Jane, es darf nicht geſchehen.» * So müſſen Kinder nicht ſprechen,» rief Lady Jane im ſcherzenden Ton; denn noch nie hatte ſie ſich ſo heiter geſtimmt gefühlt, als in dieſem Augenblick, wo ſie ihre ſchön⸗ ſten Hoffnungen für Carolinen realiſirt ſah. Sie griff zur Feder und wollte, ſo ſpäͤt es auch war, ein Billet an Lord William ſchreiben. &Darf ich fragen, was Sie thun wollen 29 rief Caroline. a Ich bin im Begriff, meinen eigenen Weg einzuſchlagen; laſſen Sie mich gewähren, liebe Caroline.» «Aber wenn Sie willens ſind, in meinem Namen zu ſchreiben—» In Ihrem Namen ganz und gar nicht. Ich erſuche Lord William, mich morgen früh vor ſeiner Abreiſe zu ſehen, um ihm meine Aufträge ſelbſt zu uͤbergeben.» «„Aber ernſtlich geſprochen, meine liebe Lady Jane. Machen Sie ihm keine falſche Hoffnung; denn ich bin feſt entſchloſſen.» So ſprechen alle jungen Mädchen— ſo iſt es Sitte in den erſten drei Tagen.“— Sie ſchrieb weiter. « Meine liebe Lady Jane,» rief Caro⸗ — 32— line ihre Hand haltend— ges iſt wirklich mein Ernſt.- Sie wollen ſich mir alſo nicht anver⸗ trauen, mir Ihr Herz nicht öffnen?» ſagte Lady Jane ungeduldig. Ich that es— ich habe mich Ihnen vertraut, theure Freundin! Mein Herz— öffnete ich Ihnen ſchon längſt.». Eine Todtenſtille und bleiche Beſturtun⸗ in Lady Jane's Geſicht. «Aber gewiß hat es ſich doch ſeitdem ge⸗ aͤndert? & Nicht im Geringſten.» «Aber es wird ſich ändern— laſſen Sie Lord William verſuchen es zu ändern.» Caroline ſchüttelte den Kopf.—«Er wird es nicht— ich kann nicht.» Und ſie wollen es auch nicht verſuchen, wenn ich es als eine Gunſt für meinen Freund, für meinen theuren Freund von Ihnen er⸗ bitte? — «Liebe Lady Jane, ich weiß, Sie wün⸗ ſchen nur mein Glück; aber die Erfüllung die⸗ ſer Bitte würde mich unglücklich machen. Es iſt die einzige Forderung, die ich nicht einge⸗ hen kann.* 1 & Dann werde ich Sie im Leben nicht wieder mit meinen Bitten beläſtigen,» rief Lady Jane, die Feder wegwerfend. Sie ſind entſchloſſen, Ihr Glück von ſich zu ſto⸗ ßen.— Wohlan! Ich habe es ängſtlich und ſehnlichſt gewünſcht, und das Meinige dazu gethan. Sie ſind entſchloſſen, halsſtarrig zu bleiben. Gute Nacht!„ Sie ergriff haſtig ein Licht und eilte hinaus. Caroline empfand es ſchmerzlich, dieſen nur aus Liebe entſtandenen Zorn erregt zu haben; aber ihn durch Nachgeben zu mildern, ſtand nicht in ihrer Macht.— Es erfolgte eine ſchlafloſe Nacht. Früh am andern Morgen erſchien Keppel, halb angezogen und noch halb ſchlafend vor W. 3 — 34— Carolinens Bett mit Ihrer Herrlichkeit Gruß, und der Bitte, einen Augenblick zu ihr zu kommen. Sie eilte hinüber. Liebe Caroline, ich ſehe, Sie brachten die Nacht ebenfalls ſchlaflos zu; doch haben Sie mir hoffentlich meine Heftigkeit verge⸗ ben,» ſagte Lady Jane, ſich im Bette auf⸗ ſetzend. Caroline küßte ſie zaͤrtlich. Und ſo laſſen Sie dieſe Thränen ſich in Freudenthränen verwandeln, meine theure Caroline!» fuhr Lady Jane fort— um meinetwegen, um Ihrer Familie wegen folgen Sie meinem Rath, und ſtoßen Sie das Glück Ihres Lebens nicht von ſich. Hier iſt ein Billet von Lord William.— Er erwartet meine Befehle, das iſt das Ganze. Ich will ihm ſagen laſſen, daß ich ihn noch ein Mal 6 zu ſehen wünſche.* — — 35— «* Meinetwegen? Ich kann nicht,» ſagte Caroline mit einem Thränenſtrom. «Dann nenne ich es mit Recht Stolz, einen Mann auszuſchlagen, nach deſſen Beſitz die ausgezeichnetſten jungen Damen ſeufzen.» „Nein! nennen Sie es nicht Stolz. Ich bin nicht ſtolz und habe keinen Grund es zu ſeyn.» „Keinen Grund? Wiſſen Sie nicht— Ja, Sie wiſſen es ſo gut wie ich, daß Lord William der erſte Mann unter den Männern iſt, der Mann, auf den aller Mütter und Töchter Augen gerichtet ſind. Der reichſte unverheirathete Edelmann in England; der Beſte unter den Beſten— der Vortreff⸗ lichſte—„ «Allein, wenn er mir nun nicht ſo er⸗ ſcheint?* „Das kann nur daher kommen, weil— 6„ Caroline! Sie ſind ſich der Urſache bewußt— 1 es iſt Ihre eigene Schuld.» 3* — 36— „ Deshalb ſagte ich ja, daß ich keinen Grund hatte ſtolz zu ſeyn,» erwiederte Ca⸗ roline. Beweiſen Sie, daß Sie Grund dazu haben. Beſiegen Sie dieſe Schwäche, und dann können Sie ſtolz ſeyn. Sie rühmen Ihre Vernunft; iſt es aber vernünftig, Ihre Liebe an einen Mann zu verſchwenden, von dem Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach nie mehr hören werden 22 « Nur zu wahrſcheinlich,» ſagte Caroline. & Und wollen Sie, Miß Caroline Percy, wie Lady Angelika Headingham, Ihr Herz an einen fremden Abentheurer hängen?» Halten Sie ein,» rief Caroline, ihre Hand auf Lady Jane's Mund legend,— « ſprechen Sie das Wort nicht aus; alles Andere kann ich ertragen. Wenn Sie ihn kennten!— ſeine Erziehung, ſein Charakter, ſeine Sitten— nein, Sie würden nicht ſo„ ungerecht ſeyn!* 3 Sie ſagten mir ſelbſt, daß Sie uͤber ſich wa⸗ chen, und ſich keine Schwäche nachſehen wollten.» Ich that es— ich bin aufmerkſam auf mich geweſen— O, Sie ſehen daß ich es bin. Ich habe mein Möglichſtes gethan ſein Bild aus meinem Herzen zu reißen. Und bis ich genöthigt war dieſen Vergleich anzu⸗ ſtellen, fühlte ich wie— Schwach mag ich ſeyn,» fügte ſie, plötzlich von großer Bewe⸗ gung zu völliger Beſtimmtheit übergehend, hinzu, caber ſchlecht will ich nicht ſeyn; nie meine Hand einem Manne geben, während mein Herz einen andern liebt. Mein eige⸗ nes Glück kann ich zum Opfer bringen; aber das Glück eines Andern nicht muthwillig zer⸗ ſtören. Laſſen Sie das Herz dieſes edlen Mannes nicht länger in der Ungewißheit bleiben; ertheilen Sie ihm Ihre Befehle.» & Meine Befehle!» rief Lady Jane, ihre Stimme erhebend, zitternd vor Zorn. ⸗Iſt dieß Ihre Dankbarkeit, Ihre Großmuth?⸗ — 38— Ich muß gerecht, ich kann nicht groß⸗ müthig ſeyn.» 3 So lohnen Sie die Liebe Ihrer Freunde, die nur Ihr Gluck wünſchen? Sie wollen nichts aufopfern— gar nichts! nein, auch nicht den geringſten Einfall; und Sie wiſſen doch wie ſehnlich wir alle wünſchen, Sie glücklich verheirathet zu ſehen.» Es wäare in der That Schwäche, ja Selbſttauſchung, wenn ich Andern zu gefallen gegen meine Neigung, gegen mein eigenes Gewiſſen handeln wollte; und wünſchen die Freunde wirklich mein Glück, ſo kann es ſie nicht freuen mich gegen meine Neigung ver⸗ heirathet zu ſehen. Jedes Opfer würde ich Ihnen willig bringen, nur nicht das meiner Grundſätze; ich würde— doch dergleichen verlangen Sie nicht von mir.— Verzeihen Sie mir, liebe Lady Jane„⸗ es Ich werde Ihnen nie verzeihen,» un⸗ — 39— terbrach ſie Lady Jane.— Klingeln Sie — Ja, klingeln Sie, und wenn es geſche⸗ hen iſt, rechnen Sie nie mehr auf meine Verzeihung.» Es muß geſchehen, dachte Caroline, frü⸗ her oder ſpäter.: Keppel, meine Empfehlung an Lord William,» ſagte Lady Jane— Cich habe keine Aufträge, womit ich Sr. Herrlichkeit bemühen könnte.— Doch— warte— ich muß etwas finden.— Dieſes Paket an Mrß. Baggot, Tunbridge— ich muß ſchreiben— ich kann nicht ſchreiben.» Sie ſchrieb mit großer Anſtrengung einige Zeilen, hielt ſie in die Höhe, ſah Caroline noch ein Mal an— Umſonſt. «Nimm es, Keppel! es thut mir leid, daß Lord Williams Diener ſo lange darauf gewartet hat;“ rief Lady Jane und zog die Bettvorhänge zuſammen. — 40— Caroline entfernte ſich leiſe, hoffend, daß Lady Jane ihren Zorn verſchlafen würde. Aber nein! Der Morgen, der ganze Tag verſtrich, und die Sonne ging unter über ihren Zorn. Abends wollte und konnte ſie nicht ausgehen. Caroline hielt allein mit ihr ein ſchreckliches téte à téte aus. Lady Jane ſprach gar nicht, und Caroline bemühte ſich vergebens ihre aufgeregten Lebensgeiſter durch die zarteſten Aufmerkſamkeiten, durch den liebevollſten Ton und Blick, durch die größte Sanftmuth zu beſänftigen. Ihr Unmuth wuchs, je mehr ſie überlegte, und je mehr ſie darüber nachdachte, wie Andere die Sache beurtheilen würden, wenn ſie ſie wüßten. Und daß ſie ſie nicht wußten, und nie er⸗ fahren durften— Lady Jane war zu ge⸗ wiſſenhaft um Lord Williams Geheimniß zu verrathen— war eine noch größere Krän⸗ kung. Erſt nach vier Tagen ließen ſich ei⸗ nige, auf Verſöhnung ſchließende Symptome 6 — 41— wahrnehmen; ſie machte ihrem gepreßten Her⸗ zen in abgebrochenen Sätzen Luft— « Nach aller meiner Muͤhe!— als ich eben im Begriff ſtand deshalb an Ihren Va⸗ ter zu ſchreiben!— wenn ich Sie im Triumph als Lady William hätte in die Heimath füh⸗ ren können.— Nach menſchlicher Berechnung ein Herzog— eine Herzogin— eine un⸗ beſchränkte Herzogin konnten Sie werden! — Und welch ein unterichteter, liebenswür⸗ diger Mann! Alle Nebenumſtände, wie ſie Ihre Familie nur wünſchen konnten!— Und Roſamunde! ach, die arme Roſamunde weiß es nicht! Und niemand wird es je erfah⸗ ren— und kein Menſch wird klug daraus werden! Hätten Sie es nur wenigſtens zu einer Erklärung kommen laſſen, zu einer ordentlichen, förmlichen Erklärung! und wä⸗ ren Sie nur einige Mal mit Lord William an einem öffentlichen Ort erſchienen. Dieß hätte wahrlich weder Ihnen, noch ihm, noch — 42— irgend jemand ſchaden können; und mir wurde es doch wenigſtens Glauben verſchafft, und in dieſer Art einigen Troſt gewährt haben. Aber nun! Am Ende des Feldzugs ſind wir eben ſo weit wie vorher. Der Winter iſt vorüber, und au bout du compte wird es heißen, hat die ſchöne Miß Percy unter Lady Jane's Chaperonage einen, und einen Viertel Antrag erhalten!— Nein! Dieß vergebe ich Ihnen nicht, ſo lange ich lebe!* Sechs und Dreißigſtes Kapitel. —— Keine geringere Begebenheit als Alfreds Heirath vermochte Lady Jane wieder mit Caroline auszuſöhnen. Denn wie ſchmerzlich würde es für Alfred, ihren Freund in der Noth, den Wiederherſteller ihres Vermögens geweſen ſeyn, hätte er ſie jetzt, wo er ihre Glückwünſche erwartete, im Sreit mit ſeiner Schweſter gefunden, welche ihre Heimath, wo ſie glücklich war, und Hungerford⸗caſtle, wo ſie angebetet wurde, verlaſſen hatte, um Lady Jane in ihrer Krankheit zu pflegen. Dieſe Gedanken, wenn gleich nicht in Worte ausgeſprochen, erweckten doch, ſobald ſie von Alfreds Heirath hörte, die vorigen Ge⸗ fühle der Dankbarkeit und Liebe für Caro⸗ linen von Neuem in Lady Jane's Herzen. «Guter junger Mann! Vortrefflicher Freund! Erzäͤhlen Sie mir von ihm, meine Liebel» Zum erſten Mal nach der unglücklichen Scene vernahm Caroline dieſes zärtliche Wort der Verſöhnung; ſie vergoß Thränen der Rüh⸗ rung. Hierdurch überwältigt fuhr Lady Jane ſchnell fort— Ja, liebe Caroline! erzählen Sie mir von Ihres Bruders Heirath.— Wann iſt ſie? Wie iſt ſie zu Stande gekommen? Das Letzte was ich von Leiceſter hörte war des guten alten Dechanten Tod.— Ich be⸗ dauerte die Familie ſehr. Hinterließ er ſie nicht in bedrängten Umſtänden? Alfred wird wohl kein Vermögen mit Miß Leiceſter be⸗ kommen?— Erzählen Sie mir alles— Leſen Sie mir ſeine Briefe vor.— Wir kehren zu Dr. Leiceſters Tod zuruͤck. Seine Stelle blieb einige Monate unbeſetzt; man nannte dieſen und jenen als ſeinen Nach⸗ folger. Die Krone hatte die Pfründe zu vergeben, und ſo ſtrömten Geſuche für Freunde und Freundes Freunde von allen Seiten ein. Es ergab ſich, daß dem Biſchof Cley aus mehreren, hier nicht genauer angegebenen Gründen, ſchon vor längerer Zeit das Ver⸗ ſprechen gegeben worden war, bei der näch⸗ ſten Vakanz auf ſeine Empfehlung Rückſicht zu nehmen. Der Biſchof, welcher ſeinem Schwager die Pfründe verſprochen hatte, be⸗ ſchenkte dieſen jetzt damit, ſo wie mit des verſtorbenen Dr. Leiceſters Dechantenſtelle. Dechant zu werden, war einſt Buckhurſt Falkoners höchſtes Ziel. Ein Ziel, was er in ſtolzen Augenblicken vom Himmel erfleht, deſſen Erreichung er aber ſelbſt kaum zu hof⸗ fen gewagt hatte. Und war er denn jetzt, — 46— da er es wirklich erreicht, glücklicher? Nein, weit davon entfernt, weiter wie je! Wie konnte er auch glücklich ſeyn, da er ſein Weib verachtete und mit ſich ſelbſt uneinig war. Er bereute ſeine Gemeinheit, ſich die⸗ ſem Drachen verkauft zu haben. Der un⸗ glückliche Schritt war mit der Haſt und Uebereilung eines Mannes geſchehen, der ſich ſelbſt aufgegeben hatte. Unbekannt mit allen Handelsſchlichen— und an Handel bei der Ehe hatte ſeine Seele nicht gedacht— ver⸗ ſäumte Buckhurſt die gehörige Vorſicht zu gebrauchen, um das Opfer ſeinen Zwecken entſprechend zu machen. Die gemeinen Sit⸗ ten, ſo wie den unerhörten Geiz ſeiner Frau erkannte er erſt, als er ohne Rettung an ſie geſchmiedet war. Seine vergrößerte Ein⸗ nahme ging zur Beſtreitung des innern Haus⸗ halts ganz auf; und die neue Einrichtung, und ſeine andern Ausgaben überſtiegen die Einkünfte. Die Gemahlin weigerte ſich hart⸗ — 47— näckig, auch nur einen Schilling mehr, als ihren vorher ausbedungenen Antheil zu den häuslichen Ausgaben zu geben, oder vorzu⸗ ſtrecken. Buckhurſt konnte die ſparſame Art, wie er nach ihrem Willen leben ſollte, nicht ertragen; und noch weniger die armſelige Weiſe, wie ſie ſeine Freunde bewirthete. Er war verhältnißmäßig verſchwenderiſcher, als ſie geitzig; und während ſie einen Schil⸗ ling erſparte, beliefen ſich ſeine Schulden in die Hunderte. Als er zum Beſitz der Pfründe und Dechantenſtelle gelangte, war des zwei⸗ ten Jahres Einkommen ſchon im Voraus ver⸗ zehrt. Er brauchte Geld, und ſeine Frau wollte ihm keins geben. Aber ein ränke⸗ voller Advpkat deutete ihm Mittel an, eine bedeutende Summe für Bauunkoſten des Pfarr⸗ gebäudes von Dr. Leiceſters Erben zu er⸗ preſſen. Das Haus ſchien zwar in gutem Stand zu ſeyn; aber Baufälligkeiten aufzu⸗ finden iſt für ſolche, die das Geſchäft ver⸗ 4. — 48— ſtehen, nicht ſchwierig, und ſo wurden des verſtorbenen Dechants Erben ſogleich eine Rechnung von 1500 Pfund für Bauunkoſten gemacht. Dieſe ungerechte Forderung mußte den neuen Prediger ſeinen Pfarrkindern, die den Vorgänger geliebt und geehrt hatten, nothwendig in einem gehäßigen Licht zeigen; beſonders da es allgemein bekannt war, daß der verſtorbene Dechant nie etwas zuruͤckge⸗ legt, ſondern alles Erübrigte unter die är⸗ mern Pfarrkindern vertheilt hatte, weshalb er ſeine Familie auch in bedrängten Umſtän⸗ den hinterlaſſen. Nach dem Gnadenhalbenjahr zog ſich die Wittwe in eine kleine, ihren jetzigen Verhaͤlt⸗ niſſen angemeſſene Wohnung zurück, wo ſie mit achtenswerther Sparſamkeit lebte. Dechant Falkoners Berechnung der Bau⸗ unkoſten war ein unerwarteter Schlag. Mrß. Leiceſter wollte und konnte ſich dieſer Er⸗ preſſung nicht unterwerfen; denn ohne Un⸗ gerechtigkeit gegen ihre Nichte, von deren kleinen Vermögen die Summe hüätte bezahlt werden müſſen, war es unmöglich eine ſolche Forderung zu befriedigen. Alfred Percy war ſeit dem Tode des gu⸗ ten alten Dechanten unermüdet in ſeinen Aufmerkſamkeiten gegen Mrß. Leiceſter ge⸗ weſen, und hatte Sophien durch die zärtlich⸗ ſten Briefe, und ſeine häufigen Beſuche von der Beſtändigkeit ſeiner Liebe überzeugt. Nach einigen Monaten erneuerte er den An⸗ trag, und bat Sophien, ſein Glück nicht länger hinauszuſchieben. Da kam die Be⸗ rechnung der Bauunkoſten. Mrß. Leiceſter legte dem jungen Advokaten die ganze Sache vor und verſicherte, daß ſie ihrer ſelbſt, und ihrer Nichte wegen entſchloſſen ſey ſich gegen dieſe Ungerechtigkeit zu vertheidigen. Daß Buckhurſt Falkoner mit einer ſolchen Härte und Grauſamkeit verfahren ſollte, hielt Al⸗ IV. 1 4 fred kaum für möglich. Er kannte ſeine Feh⸗ ler; aber dieſen traute er ihm nicht zu. Mit einem Verwandten vor Gericht zu gehen, den er früher geliebt und immer noch nicht aus ſeinem Herzen verbannt hatte, war ihm höchſt unangenehm. Und doch durfte er es nicht dulden, daß ſeine Braut um die Hälfte ihres geringen Vermögens betrogen wurde. Von der andern Seite forderte man ſeinen Bei⸗ ſtand als Geſchäftsmann und rief ihn zum Handeln auf. Er beſchloß, ehe er zum letzten ſchweren Gang ſchritte, erſt einen Verſuch zur gütlichen Vereinigung zu machen. De⸗ chant Falkoner antwortete ausweichend und unbefriedigend auf ſeine Briefe, und verwieß ihn an ſeinen Anwald, oder Advokaten, deren Händen er das Geſchäft übergeben hatte, wovon er, wie er ſchrieb, nichts wüßte und nichts wiſſen wollte. Scharpe, der Advokat war unzugänglich; der Anwald eben ſo hart⸗ näckig. Alfred nahm ſich vor, den Dechanten — 51— ſelbſt zu ſehen, und dieß gelang ihm endlich nach mehreren fruchtloſen Verſuchen. Er fand ihn téte à téte mit ſeiner Ge⸗ mahlin. Ihre laute Stimmen brachen ſchnell ab, als er ins Zimmer trat. Der Dechant ſchoß einen wüthenden Blick auf ſeinen Be⸗ dienten. «Ihr Bedienter,» begann Alfred, awollte Sie verläugnen; aber ich verſicherte ihm, daß Dechant Falkoner gewiß für einen alten Freund zu Hauſe ſeyn würde.» «Sie ſind ſehr gütig— Sie erzeigen mir viel Ehre. Wollen Sie ſich nicht ſetzen? — Ich hoffe unſere Freunde befinden ſich wohl»— Mrß. Buckhurſt, oder wie ſie genannt wurde, Mrß. Dechant Falkoner machte ver⸗ ſchiedenartige Bewegungen, und ſchien eine förmliche Vorſtellung zu erwarten. Der De⸗ chant errieth ihren Wunſch, ſchämte ſich aber 4* — 32— ſie zu praſentiren. Alfred blieb höflich er⸗ wartend ſtehen. « Wollen Sie nicht Platz nehmen,» wie⸗ derholte der Dechant. Jetzt ſetzte ſich Mrß. Falkoner mit an⸗ ſcheinendem Verdruß, nahm ihre Brille her⸗ aus, als ob ſie ihren Mann durch den er⸗ höhten Contraſt des Alters und der Jugend beſchämen wollte, ſetzte ſie mit Bedacht auf⸗ rückte den Tiſch näher heran, und ergriff ihre Arbeit. Alfred hielt es für nöthig ſeine ganze Ge⸗ wandtheit aufzubieten, um die Dame wieder zu beſanftigen. « Herr Dechant, Sie haben mir noch nicht die Ehre erzeigt mich Mrß. Falkoner vorzuſtellen.»„2 9. «Ich dachte— ich meinte, wir hätten uns ſchon geſehen, ſeit— Mrß. Falkoner — Herr Alfred Percy.» Sie nahm ihre Brille ab, lächelte, ord⸗ nete ihren Anzug und gab ſich augenſcheinlich Mühe angenehm zu ſeyn. Alfred ſetzte ſich an ihren Nähtiſch, richtete ſeine Worte an ſie, und ſtellte ſo ihre gute Laune bald wie⸗ der her. Darauf entfernte ſie ſich um Toi⸗ lette zu machen und hoffte«Herr Alfred Percy hätte nicht die Abſicht ſie ſobald Lu verlaſſen, da ſie ihm ein Nachtquartier an⸗ bieten könnte.» So ſehr der Dechant ſeine Frau auch haßte; ſo wohl nahm er doch jetzt Alfreds Artigkeit gegen dieſelbe auf, wodurch er ſich ſelbſt geehrt fühlte, beſonders da er Mrß. Falkoner von ſeinen gewöhnlichen Geſellſchaf⸗ tern mit einer Verachtung und einem Spott behandelt ſah, die auf ihn mit zurückfielen. Alfred hatte bis jetzt ſeines Geſchäfts noch nicht erwähnt, und ſo ſuchte ſich Buck⸗ hurſt zu überreden, daß dieſer Beſuch nur als ein freundſchaftlicher zu betrachten ſey. Auf Alfreds Bemerkungen über einige Ver⸗ änderungen in dem Zimmer, worin ſie ſich befanden, führte ihn der Dechant im ganzen Hauſe herum, um ihm andere Verbeſſerungen zu zeigen; und indem er ſeinen Gaſt auf alle Bequemlichkeiten und Vorzüge der Pfarr⸗ wohnung aufmerkſam machte, ſchien Buckhurſt die Bauverbeſſerungen ſo gänzlich vergeſſen zu haben, daß er vielmehr durch alles, was er ſagte und zeigte, deutlich bewieß, in wel⸗ chem guten Zuſtand das Haus ſey. Das feierliche Weſen und die Amtsmiene, welche der Dechant anfangs angenommen hatte, verſchwand, und ſeine Corpulenz und das höhere Roth abgerechnet, ſchien er ganz der alte Buckhurſt zu ſeyn. Die Fröhlichkeit des Herzens war zwar verſchwunden, aber doch einige Funken des frühern Geiſtes ge⸗ blieben. Hier,» ſagte er, dem Gaſt ſein Stu⸗ dierzimmer zeigend—«hier iſt es wo ich, wie unſer guter Dr. Blank zu ſagen pflegte VT ur —- 53— wenn er uns ſein Arbeitszimmer wieß, den ganzen Tag leſe und ſtudiere, und kein Menſch doch ein Bischen klüger dadurch wird.» Der Dechant ſetzte ſich in ſeinen beque⸗ men Armſtuhl. 1 Verſuchen Sie dieſen Stuhl, Alfred; er iſt ganz herrlich um darin zu ſchlafen.» Ach!» erwiederte Alfred, wie oft habe ich in dieſem Stuhl bei meinem vortrefflichen Freund, dem verſtorbenen Dechant Leiceſter, geſeſſen.» Des neuen Dechanten Geſicht verwandelte ſich; doch verſuchte er mit einem Scherz dar⸗ uͤber hinweg zu kommen, und ſagte des⸗ halb— Ach, der gute alte Leiceſter ſchläft nun für immer— das iſt ein Troſt für mich, wenn auch nicht für Sie.» Da Alfred aber immer noch ernſthaft blieb, fügte der Dechant einige paſſende Be⸗ merkungen im Ton geiſtlicher Gefühle, und — 36— mit einem Seufzer des Anſtandes hinzu. Dann ſtand er raſch auf; denn er ahnete, daß die Bauverbeſſerung kommen würde. « Herr Percy, iſt es Ihnen nicht gefal⸗ lig, Ihre Hände vor dem Eſſen zu waſchen?» & Ich danke Ihnen, Herr Dechant! Ich muß Sie einige Augenblicke aufhalten, um von Geſchaͤften mit Ihnen zu reden.» Des Dechanten Geſicht verfinſterte ſich; ihm blieb kein anderer Ausweg, als zuzuhö⸗ ren; denn er wußte, der Bauanſchlag würde jetzt, oder nach Tiſche kommen; und ſo war es denn freilich am beſten allein in ſeiner Studierſtube, wo niemand ein Bischen klü⸗ ger dadurch wurde. Nachdem Alfred das Ganze berichtet und alles, was darüber zu ſagen war, mit weni⸗ gen kräftigen Worten geſagt hatte; nachdem er an Buckhurſts Gefühl und Gerechtigkeit appellirt, und die Furcht, vor Gericht nicht — 57— zu beſtehen, in ihm zu erwecken geſucht hatte, fügte er hinzu— Mrß. Leiceſter iſt entſchloſſen, den Pro⸗ ceß zu beginnen, und hat mich aufgefordert, ihn für ſie zu führen.» Ich hätte nimmermehr geglaubt,» ſagte der Dechant,«daß Herr Alfred Percy ſich in einem ſolchen Falle wider mich gebrauchen laſſen würde.» 4 Noch viel weniger hätte ich erwartet, auf eine ſolche Art wider Sie aufgefordert zu werden,* entgegnete Alfred ernſt. Nie⸗ mand fühlt dieß beſſer als ich. Ich kam in der Abſicht hierher, einen gütlichen Vergleich zu verſuchen, damit mir die unangenehme Rothwendigkeit, gegen einen Verwandten auf⸗ zutreten, die Ausübung einer ſchmerzlichen Amtspflicht erſpart werden möchte.„ Pflicht! Amtspflicht!“ wiederholte Buck⸗ hurſt ſpöttiſch,«als ob ich ſolche ſchöne Worte nicht zu würdigen verſtände. Ich kenne alle — 58— dieſe hochtrabenden Reden der Herren Advo⸗ katen! Sie wiſſen ſie zu gebrauchen, wo ſie hingehören.»— Bei einigen meiner Amtsbruüder mag dieß der Fall ſeyn,» entgegnete Alfred ru⸗ hig,«bei mir aber nicht.» Der Zorn ſtieg in Buckhurſts Geſicht; doch wohl fühlend, wie wirkungslos er war, und wie ſehr er ſich bloß gegeben hatte, ant⸗ wortete er— « Sie ſind der beſte Richter, Herr Percy. — Ihnen traue ich; und wenn ich gleich nicht behaupten will, die Advokatenbegriffe von Ehre zu kennen, ſo traue ich Ihnen doch zu, daß Sie bei dieſem Rechtshandel keinen Vortheil aus meiner Aufrichtigkeit ziehen werden.* „Ich danke Ihnen für das Vertrauen, Herr Dechant,» erwiederte Alfred nicht mit dem Blick des Zorns, ſondern des ſtolzen Unwillens.—„Sie beurtheilen mich richtig, 3 Herr Dechant; und wie ich es von einem Mann, der mich von Jugend auf kennt, er⸗ warten konnte.» Das iſt eine klare, deutliche Antwort,» ſagte Buckhurſt.& Aber wie konnte ich eine ſolche vorausſetzen? Giebt es doch in jedem Stand ſo viele Betrüger! Wie konnte ich erwarten, daß ein Advokat gewiſſenhafter ſeyn ſollte, als ein anderer Menſch? Aber Ihrem Wort traue ich. Was den guͤtlichen Vergleich betrifft— gütlicher Vergleich heißt Geld, nicht wahr? Offenherzig geſtanden, ich habe keinen Schilling. Aber Mrß. Falko⸗ ner iſt ganz gütlicher Vergleich. Ver⸗ ſuchen Sie, was Sie bei ihr ausrichten kön⸗ nen; und nach dem Anfang zu ſchließen, recht viel,» fügte er lachend hinzu. Zu dem Verſuch mit Mrß. Falkoner wollte ſich Alfred nicht eher verſtehen, bis ſich der Dechant entſchloſſen, ſeinerſeits auch manches aufzuopfern. Er verſuchte zwar den Advoka⸗ ten durch Witz und ſcherzhafte Beredſamkeit von dieſem Punkt abzubringen; aber Alfred ließ ſich nicht irre machen, und verſicherte, daß ſeine ſonſt ſo ſanfte Clientin jetzt feſt ent⸗ ſchloſſen ſey, ſich nicht um das Ihrige brin⸗ gen zu laſſen.» Genöthigt ernſthaft zu ſeyn, rief der De⸗ chant endlich verdrießlich aus— «Der Hauptgrund dieſer ganzen Verhand⸗ lung iſt, daß ſich Herr Alfred Percy, wie ich höre, in Miß Sophie Leiceſter verliebt hat, und jene 1500 Pfund, die ich aufgeben ſoll, als einen Theil ſeines Vermögens betrachtet. Wäre es nicht ehrlich geweſen, mir dieß gleich anfangs zu ſagen?* Nein, weil es nicht die Wahrheit ge⸗ weſen wäre.» « Wie, Sie laͤugnen alſo, in Miß Leice⸗ ſter verliebt zu ſeyn?» Ich liebe Miß Leiceſter ſo innig, wie ſie ein Mann lieben kann; aber ihr Vermö⸗ * — 61— gen gilt mir gar nichts, denn ich werde nie Gebrauch davon machen.» Nie Gebrauch davon machen! Verwei⸗ gert die Tante, die Wittwe, die ſchlaue Wittwe ihre Einwilligung?» Weit davon entfernt. Sie benimmt ſich ganz wie Miß Leiceſters Tante, wie Dr. Lei⸗ ceſters Wittwe ſich benehmen muß; aber ihre Umſtände ſind nicht wie ſie ſeyn ſollten, und ich bin durch die Freigebigkeit eines Freun⸗ des, der mir ohne Zinſen ein Haus leiht, und durch meinen Berufserwerb weit eher im Stande, 1500 Pfund zu entbehren, als Mrß. Leiceſter. Deshalb habe ich an der Erhal⸗ tung dieſes Geldes kein perſönliches Intereſſe, und werde es nie von ihr annehmen.» „Edel, ſehr edel! Gerade wie ich auch gehandelt haben würde— ſonſt! welch ein Contraſt!* Buckhurſt ſtützte den Kopf auf den Tiſch, — 62— und blieb einige Minuten im tiefen Nach⸗ denken verſunken. Dann fuhr er in die Höhe. Ich verlange keinen Schilling von ihr— ich übergebe Ihnen alles. Bei Gott! ich ver⸗ lange nichts.»— 4 O, wie viel hat ſein Vater zu verant⸗ worten, der ihn ſo weit brachte! dachte Alfred. Mein lieber Buckhurſt, ſagte er, amein lieber Dechant!» 1 «Nennen Sie mich Buckhurſt, wenn Sie mich lieb haben„ Ich habe Sie lieb, trotz— „ Trotz aller meiner Fehler— ſprechen Sie es aus— trotz Ihres Gewiſſens,» fügte er, ein Lächeln erzwingend, hinzu.* «Nicht trotz meines Gewiſſens; aber zu Gunſten des Ihrigen, deſſen harten Vor⸗ ſchriften Sie Ihr ganzes Leben entgegenzu⸗ handeln gezwungen geweſen ſind,» ſagte Al⸗ fred. — 63— Ich war es, aber das iſt vorüber.— Was bleibt uns für den Augenblick zu thun? Ich bin wirklich in großer Geldverlegenheit— ich brauche 500 Pfund. Da ſie ein Mal mit dem Anſchlag der Bauunkoſten bekannt ſind, mögen Sie auch mit Mrß. Falkoner darüber ſprechen. Sagen Sie ihr, daß ich die Sache aufgegeben habe; und dann ſehen Sie, was ſie thut. y Alfred verſprach mit Mrß. Falkoner zu reden.— « Und Alfred, wenn Sie Ihre Schweſter Caroline ſehen, ſo ſagen Sie ihr, daß ich noch nicht ganz ſo ſchlecht bin, als ſie mich glaubt; aber immer noch viel ſchlechter, un⸗ endlich viel ſchlechter, als ſie, wie ich hoffe, begreifen kann.„ Er wandte ſich in großer Gemhehgbewe⸗ gung ab. Alfred entfernte ſich ſchnell, kaum vermögend, ſeine eigene Bewegung länger zu verbergen. 4 — 64— Beim Mittagseſſen ſchien Mrß. Falkoner eine ganz andere Perſon zu ſeyn. Ihr un⸗ ſcheinbarer Morgenanzug und abgetragener Shawl waren bei Seite gelegt; ſie erſchien im buntfarbigen Kleide und Schlüſſelblumen⸗ band, wie eine jung ſeynwollende Dame. An der Stelle des geizigen Blicks und des ſybillenartigen Ziehens der Geſichtsmuskeln war Schminke und Lächeln, und alle der fal⸗ ſche Glanz, den ſolche Künſte und der Vor⸗ ſatz, zu gefallen, geben, getreten. Der Dechant ſaß ſtill, und aß beinahe gar nichts, obgleich das Eſſen vortrefflich war; denn Mrß. Falkoner verſtand die Koch⸗ kunſt und hatte, um Alfred zu ehren, einen größern Beweis davon abgelegt, als ſie ge⸗ wöhnlich für ihres Mannes Freunde zu thun pflegte. Außer einer jungen Dame, Mrß. Falkoners Geſellſchafterin, waren keine Gäſte da. Alfred machte ſich ſo angenehm, als es die Umſtände erlaubten; und Mrß. Falkoner erklärte ihn ſchon beim Herausgehen aus dem Speiſezimmer für den höflichſten, artigſten, liebenswuͤrdigſten jungen Mann, von ganz anderer Art, als der gewöhnliche Schlag der Bekannten des Herrn Dechanten, welche ih⸗ rer Meinung nach nicht viel beſſer, als wilde Thiere wären. Beim Kaffee, als die Herren ſich wieder zu den Damen geſellt hatten, und Alfred überlegend, wie und wann er von dem Zweck ſeines Beſuchs ſprechen ſollte, neben Mrß. Falkoner ſtand, brach ſie ſelbſt die Bahn dazu, indem ſie eine Unterhaltung begann, welche ihren Mann aus dem Zimmer treiben mußte. Sie erwähnte nämlich boshafter oder zufälli⸗ ger Weiſe des Antrags, den, wie ſie gehört, ein naher Verwandter von ihr, ihr Neffe, Herr Cley von Cley⸗Hall, Herrn Percy's Schweſter, Miß Carolinen gemacht hatte. Sie bedauerte, daß die Heirath nicht zu Stande gekommen war, da ſie die junge IV. 5 Dame überall hatte rühmen hören, und ihr Neffe reich genug war, ohne Vermögen be⸗ ſtehen zu können— jetzt ein ſeltner Fall bei den Männern, beſonders bei den jungen, die mehr auf das Geld als auf Liebe zu ſehen pflegten, den einzigen Fall einer brillanten Schönheit ausgenommen. Den Sinn dieſer Sentenzen zu ergründen, fiel dem Dechanten nicht ſchwer; er rührte ſeinen Kaffee um, und bemerkte nur, daß er kalt ſey; als aber ſeine Gemahlin mit Fragen über Carolinen fort⸗ fuhr, nach der Farbe ihrer Augen und ihres Haars, nach dem Schnitt ihrer Naſe und ih⸗ res Mundes forſchte, ſetzte der arme Buck⸗ hurſt ſeine Taſſe nieder, entſchuldigte ſich durch Geſchäfte, und ließ dem Adopkaten freies Feld. *Vergrößerungsgläͤſer! Braucheg Sie nichts dergleichen, Herr Percy ky fragte Mrß. Falkoner, in der Meinung, Alfred habe ſeine Augen auf ihre Brille gerichtet. — Nein! ich bin eher weitſichtig als kurz⸗ ſichtig. Sie prieß im Stillen ſeine Höflichkeit, die Brille nicht genauer zu unterſuchen, und ſteckte ſie, aller fernern Gefahr vorbeugend, in die Taſche. Er erkannte den günſtigen Augenblick und leitete ſein Geſchäft mit der Bemerkung, adaß der Dechant ſehr niedergeſchlagen ſey,» ein. — So wie er das Wort Geld ausſprach, kehrte der geizige Blick in Mrß. Falkoners Geſicht zurück, und Alfred hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, um ſich nur Ge⸗ hör zu verſchaffen. Sie ergoß ſich in Kla⸗ gen über die Verſchwendung ihres Mannes, über die Schulden, die ſie für ihn bezahlt, die Summen, welche ſie ihm geſchenkt hatte; und verſicherte, daß ſie ein Gelühde gethan, ihrem Mann nichts mehr zu geben, als wozu ſie ſich im Ehecontrakt anheiſchig gemacht. Nach einer langen Unterredung, worin 5* — 68— Alfred die Worte Liebe, Edelmuth, großmü⸗ thiges Benehmen(ſüße Töne in Mrß. Fal⸗ koners Ohren) nicht geſpart hatte, ſchien ſie endlich erweicht zu ſeyn. Die günſtige Mei⸗ nung, welche Alfred, wie ſie glaubte, von ihrem Charakter und ihren Gefühlen hegte, war ſie entſchloſſen, ſich zu erhalten; und ſo ging es ihr wie jenen Geizigen, die aus plötzlicher Laune großmüthig werden, und dann leichter dahin zu bringen ſind, ſich von einer großen Summe, als von einem Schilling zu trennen. Mrß. Falkoner beſchenkte ihren Mann mit einer Anweiſung auf die begehrte Summe, und Alfred genoß die Freude, ſeinen unglück⸗ lichen Freund wenigſtens beſſer zu verlaſſen, als er ihn gefunden hatte. Mrß. Leiceſters und Sophiens Dank wa⸗ ren ihm die ſchönſte Belohnung. Bald dar⸗ auf wurde der Tag ſeiner Verbindung feſtge⸗ ſetzt, und Mrß. Leiceſter gab Alfreds drin⸗ genden Bitten, ſich in der Pfarrkirche vom — — — 69— Dechanten Falkoner trauen zu laſſen, endlich nach. Er wußte, daß die Gemeinde wegen des beabſichtigten Proceſſes ſehr aufgebracht wider ihren jetzigen Dechanten war; und hoffte das böſe Gerücht durch Mrß. Leiceſters Er⸗ ſcheinen in Buckhurſts Kirche, und ihrer Nichte Trauung daſelbſt, zu widerlegen, und ſo die Gemeinde mit ihrem Prediger auszuſöhnen. Alfred führte ſeine Braut in die Stadt, und ſobald ſich das junge Paar in dem von Gresham überlaſſenen Hauſe eingerichtet hatte, war Lady Jane die Erſte, die ihre Glück⸗ wünſche darbrachte. Jetzt bat Alfred ſie, ihm ſeine Schweſter zu überlaſſen, wozu er die elterliche Einwilligung ſchon erhalten hatte. Lady Jane liebte Carolinen wirklich von gan⸗ zem Herzen, und hatte ihr auch, ſo gut ſie es vermochte, vergeben; da ſie aber alle Hoffnung, ihr in der Folge von Nutzen ſeyn zu können, ſelbſt im Fall eines andern An⸗ trags(und kein aͤhnlicher konnte je wieder — 70— erfolgen) aufgegeben hatte, und nichts als Verdruß und Streit vorausſah, überließ ſie Carolinen der neuen Schweſter mit geringerm Widerſtreben. Alfred hatte ſchon lange mit Sehnſucht der Zeit entgegengeſehen, wo ihm die An⸗ nehmlichkeiten einer Heimath, die Freuden des haͤuslichen Kreiſes Troſt und Erleichte⸗ rung für ſeine ſchweren Berufsarbeiten ge⸗ währen würden. Sophie beſaß alle Eigen⸗ ſchaften, ihm ſein Haus lieb und werth zu machen, und er wußte, daß ihm am Abend, wenn er dahin zuruckkehrte, ein lächelndes Weib, eine theilnehmende Freundin und ein gemüthliches Kaminfeuer erwarteten. Sophie vernachläſſigte kein Talent, wel⸗ ches den Liebhaber entzückt hatte, ſondern ſuchte dem Lebensgefährten angenehme Stun⸗ den dadurch zu bereiten. Ihr Geſang, ihre Harfe, ihre ganze Geſchicklichkeit ſtand dem Mann jeden Augenblick zu Gebot; und es 8 — 1— gewährte ihr weit mehr Vergnügen, ihm dieſe Talente zu weihen, als ſie bewundernden Zu⸗ hörern Preis zu geben. In ihres Bruders Hauſe fand Caroline Gelegenheit, einen ihr bis jetzt fremd gebliebenen Kreis, die Rechts⸗ gelehrten und Mediciner erſter Klaſſe, die Gelehrten und Belletriſten, deren Umgang Alfred und Erasmus ſeit Jahren cultivirt hat⸗ ten, kennen zu lernen. Sie beſuchten Alfreds Haus gern; denn ſie ehrten und liebten ihn, und erkannten die liebenswürdigen Eigenſchaf⸗ ten ſeiner Frau und Schweſter, deren Unter⸗ haltung den Cirkel belebte. Caroline ſah hier keine amateurs, oder bloße Scheingelehrte; keine Verehrer und Be⸗ ſucher der Lady Angelika Headinghamſchen, oder Lady Spilsburyſchen Parthien; ſondern ſolche, die im Bewußtſeyn ihrer geiſtigen Ueberlegenheit zu ſtolz waren, ihre edle Zeit in faden Geſellſchaften mit eitlen Schmeiche⸗ leien zu vergenden. — 722— Auf dieſe Weiſe ſah ſich Caroline auf ein Mal au courant du jour. Wenn ihre Brü⸗ der zu beſchäftigt waren, um ſie herumzufüh⸗ ren, ſo fanden ſich deren Freunde ſtets dazu bereit. Mit Mrß. Alfred Percy, in Beglei⸗ tung unterrichteter, erklärender Führer, wurde ihr alles, was London Sehenswerthes ent⸗ hält, gezeigt. Unter den berühmten Gelehrten, deren Bekanntſchaft Caroline jetzt machte, war Herr Freund, Alfreds Freund, ſein Troſt wãhrend der erſten ſchweren Jahre, das große Licht, welches ihm auf ſeiner mühſamen Bahn vor⸗ geleuchtet hatte, und der von ihm ſo ſehr verehrte Lord Oberrichter. Ihren Bruder von ſolchen Männern ausgezeichnet zu ſehen, war Carolinens höͤchſter Stolz. Eines Tages trat ihr Temple mit der Nachricht entgegen, daß ein Schiff, und alles zu ſeiner Geſandtſchaftsreiſe bereit ſey. Herr 2 o— Schaw war wieder hergeſtellt; Cunningham Falkoner hatte keinen Vorwand mehr zum längern Verzug; die letzten Depeſchen waren angekommen, und jetzt ſollte Temple gleich abreiſen. Nachdem er ſeine eigenen Angele⸗ genheiten berichtiget hatte, nahm er Alfred bei Seite und erzählte ihm, daß Lord Old⸗ borough mit den Depeſchen aus Deutſchland einen Brief von Graf Altenberg bekommen habe, worin er ihm von den unruhigen, re⸗ volutionären Symptomen, die ſich in der Hauptſtadt und in den Provinzen ſeines Für⸗ ſten gezeigt, Nachricht gab. Lord Oldbo⸗ rough hatte ſeinem Secretär nicht den ganzen Brief, ſondern nur den, von öffentlichen An⸗ gelegenheiten handelnden, Theil vorgeleſen. Temple ſah daraus, wie ernſtlich des Grafen Gemüth mit dem gefährlichen Zuſtand ſeines Vaterlandes beſchäftigt war, und er würde den uüͤbrigen Theil des Briefs auch politiſchen Inhalts vermuthet haben, hätte er nicht am = 11— Schluß deſſelben die Worte Gräfin Chri⸗ ſtine erblickt. Alfred bemerkte, daß aus dieſem Umſtand ohne Roſamunden's Phantaſie nichts gemacht werden konnte. Indeß war es immer ſehr befriedigend, direkte Nachrichten von dem Grafen zu bekommen. Tages darauf erſchien Temple bei Alfred als Lord Oldboroughs Bote. Sr. Herrlich⸗ keit wünſchte ihn zu ſehen. & Von welcher Art ſein Geſchäft auch ſeyn mag,» ſagte Temple— intereſſant und wich⸗ tig iſt es gewiß; denn ſo bekannt ich auch mit den Zeichen ſeiner unterdruͤckten inneren Bewegung bin: ſo ſah ich ihn doch noch nie ſolche Gewalt über ſich anwenden, um ruhig zu erſcheinen, und die Tagesgeſchäfte ohne Störung ſeines, mit geheimen Sorgen bela⸗ ſteten Gemüths zu verrichten. Meiner Mei⸗ nung nach werden Sie viel erfahren, und alles hören, was Graf Altenberg betrifft.» —— ) Sieben und Dreißigſtes Kapitel. Alfred fand Lord Oldborough mit einigen Herrn aus der City im tiefen Geſpräch über ein Darlehn begriffen. Seine ganze Auf⸗ merkſamkeit ſchien auf dieſes Geſchäft gerich⸗ tet zu ſeyn. Das lange Verweilen der Un⸗ terhändler ermüdete Alfreds Geduld; aber der Miniſter ſaß mit unbeweglicher Ruhe, bis die Herrn endlich, von allem wohl un⸗ terrichtet, fortgingen. Eben ſo ſchnell war nun auch das Darlehn und die City aus des Lords Gedanken verbannt, und er für Al⸗ fred bereit. « Sie haben geheirathet, ſeit ich Sie zu⸗ letzt ſah; ich gratulire Ihnen dazu.» — 76— Sr. Herrlichkeit pflegte ſolche gewöhnliche Dinge ſonſt nicht zu bemerken. Alfred fühlte ſich durch den Antheil, den er an ſeinen An⸗ gelegenheiten nahm, ſehr geſchmeichelt. „Ich wünſche Ihnen Gluck, Herr Percy! weil Sie, wie ich höre, eine vernünftige Frau geheirathet haben. Eine Närrin zu heirathen— in irgend einer Verbindung mit einer Närrin zu ſtehen,» fuhr Sr. Herrlich⸗ keit, indem ſich ſeine Geſichtszüge auffallend veränderten, fort— chalte ich für das größte Ungluck, das einen vernünftigen Mann tref⸗ fen kann.» Er maß das Zimmer mit langen⸗ feſten Schritten; dann blieb er plötzlich ſtehen, und rief— Lettres de cachet! Gefährliche In⸗ ſtrumente in ſchlechten Händen! Indeß haben ſie doch eine gute Eigenſchaft. Sie verleihen dem Oberhaupt jedes edlen Hauſes hinrei⸗ chend Macht ſolche Glieder daraus zu ver⸗ —:.— bannen, welche die Familie zu entehren dro⸗ hen, und gefährliche Verbrechen, oder ge⸗ fährliche Thorheiten zu begehen im Begriff ſind. Alfred war keineswegs geſonnen in das Lob der lettres de cachet, ſelbſt nicht zu dieſem Zweck, mit einzuſtimmen; aber er hielt es nicht für rathſam dieſen Punkt jetzt gerade zu beſtreiten, wo Lord Oldborough mit irgend einer heftigen Leidenſchaft zu käm⸗ pfen ſchien. Er wartete daher ſeine weitere Erklärung darüber ſchweigend ab. Sr. Herrlichkeit öffnete einen Schreibtiſch und nahm einen Brief heraus. Herr Percy! haben Sie kürzlich etwas von der Marquiſe von Twickenham gehört?» & Nein Mylord»— Alfred erinnerte ſich in dieſem Augenblick des Geflüſters in der Kirche, und ſetzte hin⸗ zu—«kürzlich nicht, Mylord. In dieſem Brief,» ſagte Lord Oldbo⸗ — 78— rough, ihn in Alfreds Hände legend, swer⸗ den Sie alles finden was ich gehört habe.» Der Brief war vom Herzog von Green⸗ wich an Lord Oldborough, und enthielt die unglückliche Entdeckung eines Liebesverſtänd⸗ niſſes zwiſchen der Marquiſe von Twickenham und einem gewiſſen Capitain Bellamy, welche eine ſchleunige Trennung nöthig machte. Gottlob! daß Gottfried dieſer gefähr⸗ lichen Schönen glücklich entgingy dachte Alfred. Ich habe meine Nichte, ſeit ich dieſen Brief bekam nur ein Mal geſehen, und werde ſie nie wieder ſehen,» ſagte Lord Oldborough.„Das iſt vorüber; alles was ſie betrifft iſt unwiderruflich vorbei. Jetzt muß ich an die Zukunft, und an meine ei⸗ gene Ehre denken. Man hat mich benach⸗ richtigt— ob ganz wahr? weiß ich nicht— daß ein Geflüſter von dieſer Intrigue in der vornehmen Welt, wie ſie es nennen, her⸗ umläuft.* — & Ich glaube, Ew. Herrlichkeit ſind recht berichtet worden,» erwiederte Alfred und erzählte nun, was er in der Kirche gehört hatte. Ha!— Ferner iſt mir verſichert wor⸗ den, daß der Marquis von Twickenham einen Wink von der Gefahr dieſen, wie heißt er noch— Bellamy⸗in der Nähe ſeines Wei⸗ bes zu dulden, bekommen und nicht geachtet hatte.“ „Das wäre ſehr ſchwach, oder ſehr ſchlecht vom Marquis geweſen„» entgegnete Alfred. Schlechtigkeit iſt immer Schwäche, wie Sie wiſſen, Herr Percy! Doch zu unſerer Sache. Man hat mich verſichert, daß gegen⸗ wärtige Entdeckung dieſer Intrigue dem Mar⸗ quis einige Monate vor der Geburt ſeines Kindes gemacht worden ſey, und daß er keine Kenntniß davon genommen habe, um ſeines Kindes rechtmäßige Geburt nicht zweifelhaft zu machen. Nach der Geburt des Kindes, — 80— eines Knaben, haben mehrere ſchnell aufein⸗ anderfolgende Unvorſichtigkeiten der Marquiſe Veranlaſſung zu des Marquis erſten Ver⸗ dacht gegeben.— Dieſes ſind nun die Punkte, von deren Wahrheit ſich zu überzeugen, ich Sie als meinen Freund und Geſchäftsführer auffordere. Sind die Thatſachen wirklich wie ich gehört habe; ſo halte ich dafür, daß die Scheidung nicht geſetzmäßig verlangt werden kann.» „Gewiß nicht, Mylord!» Dann will ich Ihnen ſogleich die ſicher⸗ ſten Quellen zur Erkundigung anweiſen.» Während Lord Oldborough einige Anwei⸗ ſungen ſchrieb, verſicherte Alfred, daß er den Auftrag mit möglichſter Vorſicht und Eile ausführen würde. Der nächſte Schritt,» fuhr Lord Old⸗ borvugh fort— adenn bei ſolchen Gelegen⸗ heiten wünſche ich alles Nöthige auf ein Mal zu ſagen, um die Sache alsdann ganz aus — 81— meinen Gedanken zu verbannen. Der nächſte Schritt, vorausgeſetzt, daß die Thatſache als wahr erkannt wird, iſt mit dieſem Brief, meiner Antwort, zum Herzog von Greenwich zu gehen. Sie müſſen ihn ſowohl, wie den Marquis ſelbſt ſehen. In wichtigen Fällen iſt es mein Grundſatz nichts mit Unterbe⸗ amten zu thun zu haben, ſich immer an die Hauptperſon ſelbſt zu wenden. Beweiſen Sie am rechten Ort als Rechtsgelehrter, daß die Scheidung nicht geſetzmäßig verlangt werden kann; und dann machen Sie dem Marquis begreiflich, daß jeder Verſuch dazu, ſeinem Sohn und Erben Verderben bringen muß. Ich glaube, der Herzog würde jeden Vor⸗ wand, alle politiſche Verbindung mit mir aufzuheben, gern ergreifen, wenn er ſich nicht vor mir, und der Welt fuürchtete. Aber ſo wagt er es nicht, ſich ohne einen ſchein⸗ baren Grund von mir loszuſagen. Er iſt ein ſchwacher Mann, der ſich keine auffallende IV. 6 Handlung ohne Vorwand erlaubt; aber be⸗ weiſen Sie ihm, daß Scheidung zu ſeinem Zweck nicht nothwendig iſt, daß Trennung daſſelbe thut— oder auch ohne dieſelbe bin ich bereit mit ihm zu brechen im geheimen Staatsrath, im Oberhaus, über hundert po⸗ litiſche Punkte; und er mag nur die Schuld des Bruchs auf meine Halsſtarrigkeit, oder worauf er ſonſt will, ſchieben. Mir iſt alles einerlei, wenn nur meiner Familie der Schimpf einer Scheidung erſpart wird.» Während dem Zuſiegeln des Briefs ſprach Lord Oldborough in abgeriſſenen Sätzen fort. —„Ich rechnete nie auf eines ſchwachen Mannes Freundſchaft— ich kann auch ohne Sr. Gnaden beſtehen. Weiber! Ihr bleibt dieſelben, vom Anbeginn bis zum Ende der Welt.» Dann wandte er ſich zu Alfred und gab ihm den Brief. * Ihr Bruder, Capitain Percy, befindet ſich in Weſtindien wohl?»— So glaube ich Mylord! Ja, beſſer ſich mit der Peſt, als mit einer Närrin herumſchlagen.» Lord Oldborough hatte vorher noch nie deutlich darauf angeſpielt, daß er mit ſeiner Nichte Vorliebe für Gottfried bekannt ſey; jetzt fügte er aber hinzu— & Major Percy's rühmliches Betragen iſt nicht unbemerkt geblieben; ich hoffe ein ſol⸗ ches Betragen wurde und wird nie von mir überſehen.— Dieß fuͤr den Herzog von Greenwich, und dieß für den Marquis.— Da es ein Mal ſo kommen mußte, iſt es mir lieb, daß— dieſer Capitain Bellamy der Geliebte iſt. Wäre es Ihr Bruder, wäre Liebe mit im Spiel geweſen— nicht etwa, als ob ich an Liebe glaube— noch vielweniger bin ich zur Schwachheit der Ge⸗ wiſſensbiſſe geneigt; aber einen Stich würde . 6* — 84— es mir doch ins Herz gegeben haben. Ich hätte vielleicht erzählen hören, daß die Mar⸗ quiſe gegen ihre Neigung verheirathet wurde. Doch über dieſen Punkt bin ich beruhigt; ich beurtheilte ſie richtig.— Haben Sie die Güte mir mit einem Wort, ohne auf Ein⸗ zelnheiten einzugehen, den Erfolg Ihrer Un⸗ terhandlungen wiſſen zu laſſen. Scheidung, oder keine Scheidung iſt alles, was ich zu hören wünſche.» Alfred kannte weder die nähern Umſtände von der Marquiſe von Twickenham Heirath, noch die entſcheidende Art, wie ihr Oheim darauf beſtanden hatte; ſonſt würde ſein Er⸗ ſtaunen über den trotzigen, unbiegſamen Cha⸗ rakter des Miniſters noch größer geweſen ſeyn. In der feſten Ueberzeugung bis jetzt die Verhältniſſe richtig beurtheilt zu haben, waren keine ſpätern Begebenheiten vermögend den Lord an die Gerechtigkeit ſeines Aus⸗ ſpruchs zweifeln zu machen. — 85— Alfred kehrte bald mit ſeinem Bericht zuruͤck. «Mit einem Wort— keine Scheidung, Mylord!»* & Das iſt mir lieb, ich danke Ihnen. Sr. Herrlichkeit forſchte nicht weiter, nicht ein Mal ob eine Trennung erfolgen würde. Alfred war vom Herzog mit einer Both⸗ ſchaft beauftragt worden, die er gleich den Bothſchaften der Götter im Homer wörtlich, und ohne Commentar überbrachte. & Sr. Gnaden von Greenwich hofft, Lord Oldborough wird überzeugt ſeyn, daß es, trotz der unglücklichen Umſtände, welche die Familienverbindung in einigen Graden auf⸗ lös't, weit entfernt von Sr. Gnaden Wünſche und Meinung ſey mit Lord Oldborough zu brechen, ſo lange ihre Privatanſichten und öffentliche Grundſätze mit einander überein⸗ ſtimmten.* — 86— Lord Oldborough lächelte verächtlich, und Alfred konnte ſeinen eigenen Geſichtsmuskeln kaum gebieten. Der Miniſter bereitete ſich darauf vor, Sr. Gnaden die Gelegenheit, in Grundſätzen nicht übereinzuſtimmen, die er wie er wußte ſehnlichſt wünſchte, zu geben. Er glaubte ſeine Gunſt und Macht hinlänglich geſichert, um ohne den Herzog beſtehen zu können, und ſein Stolz reizte ihn dieß Sr. Gnaden vor der Welt zu zeigen. Er leitete den Bruch mit eigener hoher Hand ein; doch eben als er ſich am ſicherſten fühlte, und alles ſich vor ſeinem Geiſt und vor ſeiner Herrſchaft zu beugen ſchien, vereinigten ſich mehrere Umſtände und Perſonen ſeinen Sturz zu bereiten. Eine der erſten geringfügigen Veranlaſſung dazu war eine mißfällige Aeußerung uͤber die Vergebung der Dechantenſtelle an Buckhurſt Falkoner. Da des Finanzraths Kriecherei bei Lord Oldborough allgemein bekannt war, — — 8— hatten es Mehrere fuͤr gewiß angenommen, daß Buckhurſt die Stelle durch Sr. Herrlich⸗ keit Verwendung bekommen; als aber jemand dieſe Vermuthung gegen den Lord geäußert, hatte er ſich unwillig von allem Antheil an der Verhandlung losgeſagt, und wie man be⸗ hauptet, hinzugefügt:«Herr! ich weiß welche Rückſichten dem Mann geziemen, und wel⸗ chen Einfluß der Miniſter auf das Parla⸗ ment hat; aber ich würde nie dazu gerathen haben einen Menſchen, deſſen moraliſcher Wandel nicht ſeine erſte Empfehlung iſt, dieſe geiſtliche Würde und Pfründe zu geben.“ Dieſe, in einem Augenblick des ſtolzen Unwillens geäußerten Worte, wurden mit Zuſätzen, Veränderungen und Erklärungen wiederholt.— Wer zu ſchaden wünſcht, ge⸗ langt am Hof durch die geringſte Kleinigkeit dazu; und es iſt kaum zu begreifen, wie nachtheilig dieſer unbedeutende Umſtand für den Miniſter wirkte. 8 Fürs Erſte fühlte ſich der vornehme Mann, welcher den Tauſch mit den Pfrün⸗ den gemacht, und dem Biſchof die Verge⸗ bung der Dechantenſtelle überlaſſen hatte nebſt ſeiner ganzen Verwandtſchaft ſchwer beleidigt— weil ſie ſämmtlich Unrecht hat⸗ ten. Ferner waren alle diejenigen, welche in ähnlichen Fällen Unrecht gethan, oder es zu thun wünſchten, unzufrieden über den Ta⸗ del. Aber hauptſächlich hatten die falſchen Vorſtellungen von Lord Oldborough's Worte und Handlungen da am meiſten geſchadet, wo es von der größten Wichtigkeit war ſeinen Einſluß zu erhalten. Die höchſte Authorität hatte ſein Benehmen als Mangel an Reſpekt betrachtet, und ihm den herrſchſüchtigen Wunſch ſich größere Gewalt anzumaßen, Vorrechte zu erringen, und ſeinen Fürſten zu unter⸗ jochen, untergelegt. Hinterliſtige Kunſtgriffe waren ſchon lange heimlich angewendet wor⸗ den, um dieſe Meinung einzuflößen; und — — 89— leicht war es, einen ſolchen Argwohn, den Lord Oldborough's gerader Sinn und Cha⸗ rakter nicht widerlegte, durch Kleinigkeiten zu beſtärken, ſobald Eiferſucht ein Mal er⸗ regt war. Seine Popularität gab jetzt An⸗ ſtoß, und man raunte ſich ins Ohr, daß er damit umginge ſich zum unabhängigen Mi⸗ niſter zu machen. Demohngeachtet gingen die Geſchäfte un⸗ ter ſeiner Verwaltung einen vortrefflichen Gang. Ein plötzlicher Miniſterwechſel konnte Unruhe und Gefahr hervorbringen. Man hielt es daher für das Beſte äußere Veran⸗ laſſungen, Krieg oder Zeichen innerer Unzu⸗ friedenheit abzuwarten, bevor der Verſuch gemacht wurde einen Miniſter zu entſetzen, welcher durch ſeine Talente, und durch die Ehrfurcht, die ſein gebietender Charakter einflößte, furchtbar war. Das gewohnte Vertrauen, und die Ach⸗ tung für ſeinen Geiſt und für ſeine Redlich⸗ — 90— keit blieben; und ſo bemerkte er anfänglich keinen Unterſchied, ahnete die geheime Ab⸗ nahme der Gunſt nicht. Der furchtſame, ängſtliche, ruheloſe Fi⸗ nanzrath war durch die Umſtände und durch die Natur, oder durch ſeine andere Natur, zu der Wachſamkeit eines Untergebenen be⸗ ſtimmt. Gewohnt den Barometer der Hofgunſt täglich zu beybachten, ſah er bald den Sturm heranziehen. Beim Anblick der böſen Vor⸗ zeichen überlegte er zitternd, wie er am Beſten für ſeine eigene Sicherheit ſorgen könne, ehe die Stunde der Gefahr an⸗ bräche. Es erſchienen unzählige Schmähſchriften gegen den Miniſter, die dieſer nie, der Fi⸗ nanzrath aber alle las. Denn er glaubte den Worten des weiſen Selden, der da ſagt: daß man keine Schmähſchrift gering achten — †— r— — 91— muß, weil doch immer daraus zu ſehen iſe woher der Wind kömmt.„ Nachdem er ſich nun durch das Fliegen des Strohs unterrichtet hatte von welcher Seite der Wind kam, begann der Finanz⸗ rath mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Ge⸗ ſchicklichkeit und Kunſt ſeinem Boot das rechte Gleichgewicht zu geben. Doch trotz aller Gewandtheit und Schlauheit ließ ſich hier nicht vorausſehen, aus welchem Winkel der Sturm losbrechen würde. Während der Finanzrath den Fall ſeines Gönners herannahen ſah und ſich darauf vor⸗ bereitete, ſammelte Lord Oldborough ſchwei⸗ gend die Beweiſe von Cunningham's Treu⸗ loſigkeit, und von den Intriguen, die er im Auslande und zu Hauſe geſpielt hatte, um ſich im Fall eines Miniſterwechſels, durch den Greenwichſchen Einfluß zum Geſandten am däniſchen Hof zu machen. Graf Alten⸗ bergs Brief hatte des Geſandten Verrätherei⸗ wie Sie, wenn Sie es noch nicht wiſſen — 92— in ſo fern ſie die auswärtigen Intriguen be⸗ traf, enthüllt; und andern Freunde ſeine Un⸗ terhandlungen mit einigen Staatsmännern in der Heimath, deren Gunſt er ſich durch die Mittheilung der Tourvill'ſchen Papiere erwor⸗ ben hatte, entdeckt. Manche ſeiner Verrä⸗ thereien wirkten noch im Geheim fort, ohne daß ſie der Miniſter ahnete; doch war ihm ſchon genug offenbar geworden, und ſein Vorſatz ihn fallen zu laſſen und für immer aus ſeinem Gedachtniß zu ſtreichen, ſtand un⸗ erſchutterlich feſt. «Herr Finanzrath Falkoner,» begann er eines Morgens, als dieſer in ſein Cabinet trat, mit einem Ton, der das ſüße Lächeln aus des unterwürfigen Mannes Geſicht bannte und ſeine ganze Geſtalt veränderte,— Ich habe Ihrem Sohn, Herrn Cunningham Fal⸗ koner mein Vertrauen entzogen— für im⸗ mer, und nicht ohne hinreichende Gründe, 3 — — — 93— ſollten, aus dieſen Papieren erſehen kön⸗ nen.»— Lord Oldborough wandte ſich ab, ließ ſich von einem Sekretair ſeine rothe Mappe geben, und bereitete ſich vor in den gehei⸗ men Rath zu gehen. Beim Herausgehen drehte er ſich noch ein Mal um, und ſagte: Herr Finanzrath, Sie werden erfahren, wenn Sie noch nicht davon unterrichtet ſind, daß Ihr Sohn auf dem Weg nach Dännemark iſt. Bedenken Sie wohl, daß er dieſe Reiſe weder auf mein Verlangen, noch auf Sr. Majeſtät Befehl angetreten hat, daß er folglich auf ſeine eige⸗ nen, oder Ihre Koſten an den däniſchen Hof reiſ't— wenn er es nicht über Sr. Gnaden von Greenwich vermag, die Auslagen ſeiner Geſandtſchaftsreiſe zu tragen, oder ſo viel erſchwingen kann, um eine gänzliche Verän⸗ derung im Miniſterium abzuwarten, wovon ich Ihnen— ſollte ich heute im geheimen Rath einige Anzeichen bemerken,» ſetzte Sr. Herrlichkeit im Ton bitterer Ironie hinzu, s ſogleich Nachricht geben werde.» Mit dieſen Worten entfernte ſich der Mi⸗ niſter, und ließ dem Finanzrath Zeit über ſeine Worte nachzudenken. Lord Oldborough ging in den geheimen Rath, wo er alles an⸗ ſcheinend ſo geſchmeidig wie gewöhnlich fand, und von der ganzen Verſammlung, haupt⸗ ſächlich von den Vornehmſten, mit ausge⸗ zeichneter Achtung empfangen wurde. Unterdeſſen machte dem Finanzrath die Gewißheit, daß ſein Sohn ſowohl wie er einen vortrefflichen Gönner unwiderruflich verlohren hatten, ehe ſie ſich, ſogar im Fall des Wechſels, eines andern verſichert, über alle Beſchreibung unglücklich. Er gerieth durch dieſe unzeitige Entdeckung der Cunning⸗ ham'ſchen Intriguen außer Faſſung, und ver⸗ wünſchte im erſten Zorn die Verſtellung, welche er ſelbſt gelehrt, und durch ſein eige⸗ — — — 95— nes Beiſpiel aufgemuntert hatte. Aber der Sohn übertraf den Vater in dieſer Kunſt. Voll Vertrauen auf ſein diplomatiſches Ge⸗ nie, und des Vaters vorſichtige Aengſtlichkeit ſcheuend, hatte er dieſem nicht alles vertraut, was er ſchon gethan hatte, und nicht die Hälfte deſſen, was er thun wollte; ſo daß der Finanzrath, welcher alles aus dem Grunde zu wiſſen meinte jetzt fand, daß auch er mit falſchen Nachrichten hinter⸗ gangen, und durch Cuningham in die Folgen eines Planes verwickelt worden war, den er nimmermehr ſelbſt entworfen haben würde. Die Reiſe an den däniſchen Hof auf ſeine eigenen Koſten, im Vertrauen auf mündliche Verſprechungen, in der Hoffnung eines Mini⸗ ſterwechſels, bloß auf die Verſicherung, daß er akkreditirt, und daß ſeine Dienſte von der neuen Adminiſtration belohnt werden ſoll⸗ ten, anzutreten, würde Falkoner dem Sohne nimmermehr gerathen haben. Aus dem Bei⸗ — 96— 8 ſpiel Cumberlands und Anderer kannte er das Schickſal derer, die ſich auf Verſpre⸗ chungen durch die zweite Hand verleiten laſſen eine diplomatiſche Sendung ohne öffentliche Beſtätigung zu unternehmen. Auch hätte ſich Cuningham, der noch viel mißtrauiſcher als ſein Vater war, keinem politiſchen Verſucher ohne vorherige Unterzeichnung und Verſiege⸗ lung des Vertrags verkauft, wäre er bei kal⸗ tem Blut, und in einer weniger verzweifel⸗ ten Lage geweſen. Lord Oldboroughs uner⸗ wartete Zurückberufung hatte ihn erbittert und erſchreckt. Er verſchob dem Ruf zu folgen durch alle nur erdenkliche Vorwände, bis Sr. Herrlichkeit den Befehl in einem ſo entſchei⸗ denden Ton wiederholte, daß ihm keine Wahl mehr blieb. Er fürchtete jetzt vor dem ſtol⸗ zen, gereizten Miniſter zu erſcheinen, und ſein Gewiſſen mochte ihm wohl zuflüſtern, daß die plötzliche Zurückberufung Folge einer ent⸗ deckten Intrigue ſey. Aufgemuntert durch die — 9,— Verſprechungen der Greenwichſchen Parthei, getäuſcht durch die Nachrichten aus der Hei⸗ math, daß Lord Oldboroughs Entlaſſung, oder Entſagung jeden Augenblick erwartet würde, hatte Cuningham dieſen kühnen Streich gewagt. Nach Lord Oldborough's Zurückkunft aus dem geheimen Rath erfuhr der Finanzrath ſogleich durch ſeinen vertrauten Berichterſtatter, daß alles ohne Bewegung abgegangen ſey; und durch des Miniſters Zuverſicht ſicher ge⸗ macht, fing er an ſeinen frühern Glauben zu bezweifeln, und ſich trotz aller Anzeichen der Veränderung zu überreden, daß nichts der⸗ gleichen zu befürchten ſey.— Daher war auch die Betrübniß und Zerknirſchung, in welcher er vor Lord Oldborough erſchien ganz aufrichtig, und die Heftigkeit, womit er ſich von ſeinem unwürdigen Sohn losſagte und alle Kenntniß der Verhandlung ableug⸗ nete, enſtlich gemeint. VI. 7 — — 8 «Wenn ich Grund zu der Vermuthung gehabt hätte, daß Sie Theil an der Sache genommen, Herr Falkoner; ſo würden Sie in dieſem Augenblick nicht vor mir ſtehen. Deshalb ſind Ihre Verſicherungen uberflüßig. Es würde keine angenommen werden, wenn irgend eine nöthig wäre.» Daß der Sohn dem Vater nicht alles vertraut hatte, rettete den Finanzrath dieſes Mal vom Verderben. Er athmete wieder freier, und unfähig des Miniſters Charakter richtig zu beurtheilen, hoffte er auch jetzt noch dem Sohn durch ſeine Fürſprache zu nützen. In dieſer Abſicht warf er ſich dem Lord zu Füßen. Gnädigſter Herr! Verzeihung für meinen Sohn!» „ Ich bitte Sie, Herr Finanzrath!» rief Lord Oldborough, indem er verſuchte ihn vom Boden aufzuheben. Der unglückliche Vater wird nicht eher — un— aufſtehen, bis ſein Sohn Ihre Gunſt wieder erlangt hat.» «Herr!„ ſagte Lord Oldborough—„Ich habe keine Gunſt für ſolche, die kein Ehrge⸗ fühl haben. Stehen Sie auf, Herr Falko⸗ ner! der Vater darf ſich nicht für den Sohn erniedrigen.) Ton und Blick ſprachen deutlich; der Fi⸗ nanzrath ſtand auf. Er ſah, daß ſein Gön⸗ ner, ſtatt ſich durch dieſes Opfer der eigenen Würde verſöhnen zu laſſen, nur noch weiter davon entfernt, ja beleidigt worden war; und da kein tröſtendes Omen erſchien, ent⸗ fernte er ſich ſchweigend, im Stillen bereuend, ſich ſo tief erniedrigt zu haben. Mehrere Tage und Nächte verſtrichen dem Finanzrath in peinlicher Angſt und Ungewißheit. Würde der Miniſter den Sturm aushalten, vder nicht? ſollte Falkoner verſuchen, ſeine Gunſt wieder zu erlangen, oder ſich in Zeiten der 7* „ 4 Freundſchaft des Herzogs von Greenwich ver⸗ ſichern? Die naͤchtlichen Seufzer des unglücklichen Mannes verriethen Mrß. Falkoner endlich den Gemüthszuſtand ihres Gatten; ſie entlockte ihm das Geheimniß, und drang darauf, in Zeiten zur Greenwich'ſchen Parthei überzu⸗ treten.. Der Finanzrath wußte, daß dieß nicht heimlich geſchehen konnte. Des Miniſters Aufmerkſamkeit war rege gemacht; alle ſeine Bewegungen wurden bewacht, und der kleinſte Schritt zur Annäherung an den Herzog von Greenwich mußte nothwendig bemerkt und ver⸗ ſtanden werden. Und doch war es offenbare Thorheit, bei einem gefallenen Miniſter aus⸗ zuhalten, beſonders da dieſer demjenigen ſei⸗ ner Söhne, der am meiſten auf ſeine Pro⸗ tektion rechnete, ſeine Gunſt gänzlich entzogen hatte. So ſchwankte der arme Finanzrath zwiſchen ſoll, und ſoll ich nicht, und konnte, 1 — — 101— trotz Mrß. Falkoners dringenden Anregungen, nicht zum Entſchluß kommen, bis die Zeit zum Handeln vorüber war. Da traf ihn plötzlich ein anderer Schlag, auf welchen er gar nicht vorbereitet war. Be⸗ richte von den auswärtsſtehenden Truppen meldeten die Fehlſchlagung eines Unternehmens, und der General nannte Oberſt John Fal⸗ koner als den Officier, deſſen Dienſtvernach⸗ läßigung dieſer Unfall hauptſächlich zuzuſchrei⸗ ben ſey. Es ergab ſich, daß ſein Regiment die Ordre bekommen hatte ſich zu einer beſtimm⸗ ten Stunde an einem beſtimmten Ort einzu⸗ ſinden. John Falkoner war auf der Jagd geweſen als dieſe Ordre ankam. Natürlich trafen nun die Truppen, auf welche ſich der General verlaſſen hatte, nicht zur rechten Zeit ein, und dadurch mißglückte das ganze Un⸗ ternehmen. Oberſt Falkoner ward nach Hauſe — 102— geſchickt, um vor ein Kriegsgericht geſtellt zu werden. Herr, ich bedaure Sie!» ſagte Lord Oldborough, als der Finanzrath todtenbleich in ſeiner Gegenwart die Unglücksnachricht ge⸗ leſen hatte.—«Ich bedauere Sie von gan⸗ zem Herzen!— Hier haben Sie nicht ge⸗ fehlt— mein iſt die Schuld!» Dieß war einer der wenigen Mißgriffe dieſer Art, deren ſich Lord Oldborough jemals hatte zu Schulden kommen laſſen. Solche Folgen hatte er nicht vorausſehen können; ſie waren ihm und dem Ganzen wichtiger und nachtheiliger, als er berechnet, oder ſich vor⸗ geſtellt hatte. Die Falkonerſche Familie ſchien zu ſeinem Verderben auserkohren zu ſeyn. Lord Oldborough mußte zwar vermuthen, daß das Publikum von ſeinem thätigen Antheil an John Falkoners ſchneller Beförderung un⸗ terichtet ſey; aber er hoffte doch, daß die nähern Umſtände dieſer Verhandlung nur ihm u— — und der Falkonerſchen Familie bekannt wären. Man ſtelle ſich daher ſein Erſtaunen vor, als er in dieſem kritiſchen Augenblicke erfahren mußte, daß die ganze Verhandlung zu den Ohren des Königs gedrungen war, und bald öffentlich bekannt zu werden drohte. Mit den heiligſten Eiden und Betheuerungen ver⸗ ſicherte der Finanzrath das Geheimniß von ſeiner Seite treu bewahrt zu haben. Aber ſein Sohn Cunningham war niederträchtig genug geweſen der Greenwich'ſchen Parthei die nähern Umſtände zu verrathen; und dieſe, wohler⸗ fahren in allen Künſten einen Nebenbuhler zu ſtürzen, hatte geſchickt und wirkſam Ge⸗ brauch davon gemacht. Beim Lever wurde bemerkt, daß der Mo⸗ narch den Miniſter mit ungewöhnlicher Kälte behandelte. Die Oöflinge flüſterten ſich zu, daß Lord Oldborough ſehr zu tadeln ſey.— Er verachtete ihre Meinung, aber der ſtrenge Blick ſeines Fürſten traf ihn hart.«Was! — 104— nach allen fruͤher geleiſteten Dienſten! bei dem erſten Gluückswechſel!» Dieſes Gefühl ſchwellte ſeine Bruſt; aber ſein Geſicht blieb ſtreng und kalt, ſein Benehmen gegen die Höflinge und ſeine Col⸗ legen war ſteifer wie— faſt hoch⸗ müthig. Nach dem Lever erbat er ſich eine Privat⸗ audienz bei dem König. Sobald er ſich allein mit ihm befand, erlangte der hohe Geiſt des großen Miniſters den gewohnten Einfluß auf ſeinen Fürſten, deſſen Kälte unwillkührlich wich. Das offne Geſtändniß eines Fehlers aus dem Munde eines Mannes, der die Sprache der Entſchuldigung nie führte, mußte nothwendig eine große Wirkung hervorbringen. Lord Oldborough bekannte durch ſeinen Mißgriff den Unfall herbeigeführt zu haben; durch einen Mißgriff, der bei andern Miniſtern häufig, bei ihm aber ungewöhnlich, beinah ohne Bei⸗ ſpiel war. — — —„ — 105— Der König erwiederte lächelnd, daß die beſonderen Familienverhältniſſe, welche Sr. Herrlichkeit beſtimmt hätten dieſen Officier ſo ſchnell zu befördern, allen Familienvätern und Häuptern, ja ſogar Staatsmännern und Ge⸗ nerälen als hinlängliche Entſchuldigung dienen müſſe. Eingedenk des beſondern Talents ſeines Fürſten, alle Verbindungen und häusliche Angelegenheiten, nicht allein des ihn umge⸗ benden Adels, ſondern auch der einzelnen, ihm ferner ſtehenden Perſonen zu kennen, wunderte ſich Lord Oldborough auch nicht, daß dieſe geheime Verhandlung zu des Königs Ohren gedrungen war. Sr. Herrlichkeit entgegnete ſeinen Dank für die gnädigen Geſinnungen, verbeugte ſich tief und empfahl ſich. In den Geſichtern der Höflinge ſah er, wie in einen Spiegel. Sie betheuerten alle in der äußerſten Beſtür⸗ zung zu ſeyn, und er hörte von nichts, als — 105— von Beſorgniſſen wegen der Wirkung auf das Volk, u. ſ. w. Sein Sekretair Temple hörte indeß mehr davon, als zu des Mini⸗ ſters Ohren dringen konnte; denn ſelbſt jetzt, wo ſie ſeinen Fall vorauszuſehen glaubten, hatten doch Wenige ſo viel Muth den Ton des Bedauerns gegen Lord Oldborough anzu⸗ ſtimmen, oder ſeinem durchdringenden Auge ein heuchleriſches Geſicht entgegen zu ſetzen. Im Geheim war kein Mittel unverſucht ge⸗ blieben in der Eity alle, dem Minſter un⸗ günſtige Umſtände zu verbreiten, und da⸗ durch die Unzufriedenheit zu vermehren, welche jeder Verluſt der Armee nothwendig nach ſich zieht. Die Fluth der Volksgunſt, die den Miniſter bis jetzt gehalten hatte, ließ plötzlich nach, und er ſiel in der öffentlichen Mei⸗ nung mit unglaublicher Schnelle. Für den Augenblick waren alle frühern Dienſte ver⸗ geſſen, und man ſah in ihm nur den Mann, der John Falkoner, wider den ſich die * — — — 102— ſchreiende Menge mit allem Lärm nationellen Unwillens erhob, zum Oberſten befördert hatte. Die Greenwich'ſche Parthei wußte aus dieſer Stimmung Vortheil zu ziehen. An einem Feſttage, wo der unbeſchäftigte Pöbel immer mehr zur Unordnung und zum Auf⸗ ſtande geneigt iſt als gewöhnlich, miſchten ſich Einige dieſer Parthei unter die Menge, und ein Trupp ſammelte ſich um des Mini⸗ ſters Wagen, als er ſpät aus dem Ober⸗ hauſe zurückkehrte. Derſelbe Wagen, und derſelbe Mann, den derſelbe Pöbel einige Wochen vorher mit lautem Hurrahrufen ge⸗ zogen hatte. Eben ſo unbeweglich als Lord Oldborough bei dem Hurrah geweſen, blieb er auch jetzt bei dem Verwünſchungen, bis einige Anführer von Schmähungen zu Ge⸗ waltthätigkeiten übergingen. Steine flogen in den Wagen. Ein Bedienter entging kaum dem tödtlichen Wurf. Lord Oldborough war allein; er öffnete den Schlag und ſprang heraus. — 108— «Weſſen Leben ſucht Ihr 2⸗ rief er mit einer Stimme, die ſich augenblicklich Gehör verſchaffte. Lord Oldborough's? Er ſteht vor Euch. Vergreife ſich an ihm, wer den Muth dazu hat. Nehmt mir ein, Euerm Dienſt geweihtes Leben. Schlagt zu! Aber gerade zu. Ihr ſeyd Engländer und keine Mörder.. Dann fügte er, ſich zu ſeinen Di ſenern wendend, mit ruhiger Stimme hinzu: « Langſam nach Hauſe.— Es wird Euch niemand antaſten. Behaltet Euren Herren im Auge— Und falle ich, ſo merkt durch weſſen Hand.» Hierauf ſchritt er mitten durch das Volk, quer über die Straße nach dem Fußſteig zu; der Haufe öffnete ſich ihm Platz zu machen. Er ging mit bedächtigen, feſten Schritten weiter, die Menge immer neben ihm her, bald Hurrah rufend, bald mit brüllender 71 — 109— 2 Stimme in ſchreckliche Verwünſchungen aus⸗ brechend. Lord Oldborough verharrte im tiefſten Schweigen, ohne ſich umzuſehen, oder ſeine Schritte zu beſchleunigen bis er ſein Haus erreicht hatte. Hier blieb er ſtehen, ſchauete den wüthenden Haufen ruhig an, und war⸗ tete bis ſeine Thür geöffnet wurde. Dieſe Unerſchrockenheit bewirkte einen lauten Bei⸗ fallsruf; doch im nächſten Augenblick, noch ehe die Thür geöffnet war, ertönte ein brül⸗ lendes Hut ab! Hut ab!» Lord Oldboroughs Hut blieb unhemegich ſitzen.— Ein Mann griff nach einem Stein. & Merk' Dir dieſen Mann!? rief Lord Oldborough. Die Thür ging auf.— Nun kehrt in Eure Häuſer zurück, meine Landes⸗ leute, und dankt Gott, daß Ihr keinen Mord auf Eure Seele geladen habt. ⸗ Damit trat er ins Haus, nahm ſeinen Hut ab, und gab ihn einem Bedienten. Temple — 1410— kam ihm entgegen, und fragte nach d der Ur⸗ ſache des Aufſtandes. 82652 &Es iſt weiter nichts, entgegnete Lord Oldborough,«als daß ich dieſen Leuten nur Dienſte erwieſen, mich aber niemals vor ihnen gebeugt habe.» r 24 14 «Ein verdammtes Volk! des dn nicht werth, daß ihm geholfen wird. Glaubte ich doch ſie hätten meinem geliebten Herrn das Leben genommen!» rief ſein treuer Diener Rodney.— Mir verging das Geſicht; ich dachte, er wäre auf immer verloren!— Gott ſey gedankt, er iſt in Sicherheit!— Verflucht ſey dieß undankbare Volklu „ Fluche ihm nicht, mein guter Rodney!» ſagte Lord Oldborough lächelnd. a Die armen Leute ſind nicht undankbar, nur im Irrthum. Diejenigen verdienen Tadel, die ſie irre ge⸗ führt haben. Die Engländer ſind ein edles Volk— ſelbſt der engliſche Pöbel iſt groß⸗ muüthig und gerecht, ſo weit er es ſeyn kann.» 1 —y — — 111— „ Ehe noch die andern Bewohner des Hau⸗ ſes ſich über die Gefahren, denen Lord Old⸗ borongh entgangen war, ausgeſprochen hatten, lag er ſchon in tiefem Schlaf. Der unerſchrockene Muth, den der Mini⸗ ſter bei dem plötzlichen Angriff auf ſeinen Charakter und ſeine Perſon bewieſen hatte, erhob ihn mit einem Male wieder zu der vorigen Höhe in der öffentlichen Meinung. Seine Feinde ſahen ſich genöthigt Bewunde⸗ rung zu erkünſteln. Die Greenwich'ſche Par⸗ thei leugnete das Unternehmen ab, nachdem es mißlungen war. Die Nachricht eines Siegs vertilgte das Andenken an die zuletzt erlittene Niederlage. Alle Bittſchriften um eine Veränderung im Miniſterium wurden unterdrückt. Dankſchriften und Glückwünſche ſtrömten von allen Seiten ein. Lord Oldborough übergab ſie Temple zur Beantwortung, und hielt ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die großen, — 112— dem Wohl des Landes und ſeinem Fürſten dienenden Zwecke gerichtet.— Der Sturm hatte ausgetobt, die Wolken waren vorübergezogen; Lord Oldborough ſtand feſt und hell ſtrahlend in Macht und Gunſt, und vor ihm neigte ſich der Finanzrath, dienſtfertiger, ängſtlicher wie je.— Aengſt⸗ lich mußte der unglückliche Vater wohl ſeyn; das Leben eines ſeiner Söhne ſtand vielleicht auf dem Spiele, ſeine Ehre gewiß; und das Glück, die ganze Exiſtenz eines andern war zerſtört. Er ſah keine Ausſicht den Mann zu verſöhnen, der ſo viel durch die Erhebung einer Familie gelitten, deren Mitglieder ihn hintergangen, und Schande gemacht hatten. Des Finanzraths einzige Hoffnung beruhte auf den Worten: Herr, ich bedauere Sie von ganzem Herzen!» die Lord Oldborough in dem Augenblick ausgeſprochen, als er die größte Urſache hatte aufgebracht gegen Oberſt John Falkoner zu ſeyn. Im Vertrauen auf — — — 113— das großmüthige Mitleid, welches er früher nie bei dem ernſten Miniſter geſehen hatte, erſchien der Finanzrath nun täglich in der Geſtalt eines Vaters mit gebrochenem Her⸗ zen vor ihm. Schweigend blickte ihn Lord Oldborough von Zeit zu Zeit an, und dieſe Blicke flößten ihm mehr Muth ein, als alle Verſprechungen, die ihm jemals von großen Männern mündlich gegeben worden waren. Er tröſtete ſeine, von furchtbarer Angſt ge⸗ folterte Gattin mit der Verſicherung, daß Lord Oldborough ihn gewiß nicht die Fehler ſeiner Sohne büßen laſſen werde, daß er ſeinen Dienſt und ſeine Penſion behalten, und alſo in Hinſicht des Vermögens nicht gänzlich zu Grunde gerichtet werden könnte. Im Gefühl dieſer Sicherheit zeigte der Fi⸗ nanzrath einen ungewöhnlichen Grad von Geiſtesſtärke, und mehr Kenntniß von des Lords Charakter, als er bei den meiſten an⸗ dern Gelegenheiten bewieſen hatte. IV. 8 = 144— So ſtanden die Sachen, als eines Mor⸗ gens, nachdem Lord Oldborough Befehl er⸗ theilt keinen Menſchen vorzulaſſen, weil er ſeinem Sekretair, Herrn Temple, Papiere von Wichtigkeit zu diktiren habe, der Herzog von Greenwich gemeldet wurde. Sr. Gna⸗ den ſchickte eine Note herein um anzuzeigen, daß er im Auftrag Sr. Majeſtät erſcheine, und hat eine andere Stunde zu beſtimmen, falls ihm dieſe nicht gelegen ſey. Der Her⸗ zog ward auf der Stelle angenommen. Temple entfernte ſich; denn dieſe Conf⸗ renz mußte unter vier Augen Statt haben. Sr. Gnaden von Greenwich trat mit der wichtigſten Feierlichkeit, mit noch etwas mehr Ceremonie wie gewöhnlich, herein. Er hatte endlich Platz genommen, zauderte aber nach manchem tiefen, hörbaren Seufzer, immer noch ſein Anliegen zu eröffnen. Hinter der erkünſtelten Betrübniß und Tranurigkeit ſeines Geſichts ſah Lord Oldborough eine boshafte ——,— ——-——,— —, 915— Freude lauſchen, während er in einem ſtu⸗ dierten Eingang von dem außerordentlichen Widerwillen ſprach, mit welchem er auf Sr. Majeſtät ausdruͤcklichen Befehl Sr. Herrlich⸗ keit jetzt in einem, für ſein Gefühl ſo pein⸗ lichen Geſchäft aufwarten müſſe. Er hatte Sr. Majeſtät inſtändigſt gebeten, ihn als einen Collegen, als einen nahen und theuern Ver⸗ wandten, als einen vertrauten Freund Lord Oldborough's mit dieſem Auftrag zu ver⸗ ſchonen. Aber Sr. Majeſtät hatte darauf beſtanden; ihm blieb nun nichts übrig, als Sr. Herrlichkeit davon zu überzeugen, daß er es mit unendlicher Betrübniß thäte, u. ſ. w.— So ſehr Lord Oldborough auch wiährend dieſer Umſchweife litt, ließ er ſich doch nicht herab irgend ein Zeichen der Un⸗ geduld zu äußern, ſondern geſtand Sr. Gna⸗ den eine, in gehöriger Form und mit gehö⸗ rigen Worten abgefaßte Apologie zu, und erwiederte, als dieſe beendet, ganz ruhig 8* « daß Sr. Majeſtät Befehl natürlich keinen Widerſpruch erlaube, und alle Entſchuldi⸗ gung unnöthig mache.» Es verdroß den Herzog Lord Oldborough immer noch unbeweglich zu finden; er war indeß überzeugt, daß dieſe Ruhe nicht lange mehr aushalten würde, und ſo ſuhr er fort— Ein trauriges Geſchäft, Mylord— eine ſchreckliche Entdeckung— ich kann mich in der That kaum überwinden, davon zu ſprechen⸗— Lord Oldborough gab Sr. Gnaden kei⸗ nen Beiſtand. s Meine beſondere Achtungy— Ein verächtliches Lächeln zuckte durch Lord Oldborough's Geſicht. Ew. Herrlichkeit bisherige anerkannte und unverletzte Redlichkeit»— Ein Blick des Unwillens von Lord Old⸗ borough. —y— — 117— Bisher unverletzte!— Ew. Gnaden werden ſich darüber erklären.» „Mögen es dieſe— dieſe fatalen Briefe thun— die unglücklicher Weiſe in die Hände eines Hauptes— eines unzugänglichen Glieds der Gegenparthei gerathen, und von ihr Sr. Majeſtät vorgelegt worden ſind.— Wäre ich davon benachrichtigt worden—. hätte ich es nur für möglich halten können— oder Zeit genug gehabt dieſem Schritt vorzu⸗ beugen; aber er geſchah, ehe ich die geringſte Anzeige davon bekam.»— Lord Oldborough nahm kaltblütig die Briefe aus des Herzogs Hand. Meine eigene Handſchrift und mein Pri⸗ vatſiegel, wie ich ſehe!y— Der Herzog ſeufzte und fuhr, während Lord Oldborough den erſten Brief aus dem Paket öffnete und las, fort: « Dieſer Umſtand hat uns Alle in die größte Beſtürzung verſetzt— er ſoll auf der — 1182— Stelle vor das Parlament gebracht werden— wenn nicht eine Abtretung erfolgt— welche wir alle ſehr bedauern würden.— Die Un⸗ verſchämtheit dieſes Menſchen iſt zum Erſtau⸗ nen— keine Möglichkeit ihn zum Schweigen zu bringen— Wir hätten die Sache unter⸗ drückt, wenn Sr. Majeſtät nicht ſchon davon unterrichtet geweſen wäre; aber wo es das Intereſſe des Staats betrifft, ſind Sr. Ma⸗ jeſtät ſtreng?— Sr. Majeſtät!» rief Lord Oldborough— s-der König konnte dieſe Briefe doch hoffentlich keinen Augenblick für die meinigen halten 2» «Aber wegen der Handſchrift und des Siegels, welches Ew. Herrlichkeit, wie ich verſtand, ſelbſt anerkannten, mußte es der König wohl glauben.⸗» Er glaubte es! Mein König glaubte es? rief Lord Oldborough. Die heftige Bewegung überwältigte ihn einen Augen⸗ blick— — —,— — 119— „Rein! das werde ich nie glauben, bis ich es aus ſeinem eigenen Munde höre*— Dann bemeiſterte er ſich, und ſuhr ruhiger fort— Ew. Gnaden werden wohl die Güte haben mir dieſe Blätter bis morgen zur laſſen.» Der Herzog bedauerte mit unendlicher Höflichkeit dieſe Bitte abſchlagen zu müſſen. Sein Auftrag ging nur ſo weit, Sr. Herr⸗ lichkeit die Briefe zu zeigen, und ſie dann wieder den Händen jenes Herrn zu üͤberlie⸗ fern, welcher ſie Sr. Majeſtät vorgelegt hatte. Lord Oldborough nahm den Umſchlag einer dieſer Briefe, worauf bloß die Auf⸗ ſchrift und das Siegel waren. Die Adreſſe ſtand noch ein Mal am äußerſten Ende des Briefes, alſo konnte das Couvert durchaus nicht wichtig ſeyn. Lord Oldborough meinte, sder Herzog würde ſich wohl nicht weigern ihm dieſes zu überlaſſen.* Dieß geſtand Sr. Gnaden zu, mit der — 10o0 Verſicherung,« daß es fern von ihm ſey, Schwierigkeiten machen zu wollen.— Ob er ſonſt noch etwas thun könne? ob Sr. Herrlichkeit irgend etwas im Geheim inſinuirt, oder öffentlich geſagt zu haben wünſche?»— Sr. Herrlichkeit verſicherte dem Herzog mit ſtolzem Dank,„ daß er nichts im Ge⸗ heim inſinuirt zu haben wünſche, und alles, was er öffentlich zu ſagen und zu thun für nöthig halte, ſelbſt thun, oder befehlen würde, daß es geſchehe.“ In weitere Erklärungen ließ er ſich nicht ein.— Der Herzog ſah ſich endlich genöthigt aufzubrechen, und ſchied mit dem feſten Vertrauen, und der Hoff⸗ nung,«daß dieſe Sache zu Sr. Herrlichkeit völliger Satisfaktion endigen würde.„ Kaum war der Herzog fort, ſo beſtellte Lord Oldborough ſeinen Wagen, und ließ Temple rufen. Bis der Wagen vorfuhr, be⸗ richtete er ſeinem Sekretair die Thatſachen in gedrängter Kürze. Temple erfuhr, daß falſche Briefe in Sr. Herrlichkeit Namen geſchrieben worden waren, welche gewiſſen Perſonen Beförderung bei der Armee und der Flotte, Geſchenke und Penſionen zuſicher⸗ ten. Einige dieſer Briefe waren an ſolche Menſchen gerichtet, die wirklich bald nach dem Datum der Schreiben befördert worden waren; Andere enthielten Vorwürfe wegen ſchlechter Behandlung. Trotz des flüchtigen Blicks, den Lord Oldborough auf die Pa⸗ piere geworfen, hatte er doch die Namem mehrerer Perſonen, an die ſie adreſſirt, und die Art, wie die Beförderung erlangt wor⸗ den war, bemerkt. Es waren Menſchen, die keine Anſprüche an einen uneigennützigen, gerechten Miniſter machen konnten. Sr. Herr⸗ lichkeit ließ dem Sekretair eine Liſte der⸗ ſelben, nebſt dem Couvert, worauf die nach⸗ gemachte Handſchrift und das Siegel ſtand, zurück.— Ich bin im Begriff zum König zu ge⸗ — 2 hen.— Sollten Sr. Majeſtät ſchon nach Windſor ſeyn, werde ich dorthin nachfolgen. — Herr Temple, denken Sie in meiner Abweſenheit für mich; ich weiß, Sie fühlen für mich. Der Hauptgegenſtand iſt jetzt, den Verfaſſer der nachgemachten Briefe zu entdecken.— Mylord, darf ich Herrn Alfeed Percy zu Rathe ziehen? ² Ja! aber keinen andern Menſchen.»— Der König war ſchon nach Windſor ge⸗ fahren. Lord Oldborough folgte ihm dort⸗ hin, und langte gerade in dem Augenblick an, als Sr. Majeſtät zu Pferde ſtieg. Erſtaunt über den Anblick des Miniſters zog der König den Fuß aus dem Steigbügel und wollte abſteigen. „Ich ſehe, ich komme zu ſpät— d6 wüniſchte Ew. Majeſtät nicht aufzuhalten,» ſagte Lord Oldborough. Iſt das Geſchäft dringend, Mylord?» — 123— Nein, Ew. Majeſtät; denn es betrifft hauptſächlich mich ſelbſt. Deshalb kann es eine gelegenere Zeit abwarten, und ich bitte Ew. Majeſtät nur eine andere Stunde zu beſtimmen.» *In dieſem Augenblick habe ich Zeit für jedes Ew. Herrlichkeit betreffende Geſchäft.* Der König kehrte ins Schloß zurück. Lord Oldborough folgte, und ſämmtliche Zu⸗ ſchauer zu Fuß und zu Pferd blieben voll Neugier zurück. Trotz des Königs herab⸗ laſſenden Worten und der verbindlichen Be⸗ reitwilligkeit Sr. Herrlichkeit Anliegen auf der Stelle Gehör zu geben, war den ſchar⸗ fen Blicken Lord Oldborough eine ungewöhn⸗ liche Kälte und Förmlichkeit in des Königs Benehmen dennoch nicht entgangen. Auch verlohr ſich die Zurückhaltung nicht, als ſie ſich allein im Cabinet befanden; im Gegen⸗ theil ſah der König aus, als ob er zum —= Hören bereit, aber entſchloſſen ſey, ſo wenig wie möglich zu ſagen. Lord Oldborough wählte ſeinen dt ſo, daß das volle Licht auf ſein Geſicht fiel, und der König ihn im Auge behalten konnte. 8 Man hat mich benachrichtigt, daß meh⸗ rere Briefe mit meinem Namen unterzeichnet und meinem Siegel geſiegelt, Ew. Majeſtät vorgelegt worden ſind. 2 & Man hat Ew. Herrlichkeit recht be⸗ richtet.» Ich vertraue— ich hoffe Ew. Maje⸗ ſtät?— Bei dem zuverſichtlichen Ton, womit Lord Oldborough cich vertraues aus⸗ ſprach, veränderte ſich des Königs Blick, und er wandte ſich von Lord Oldborough ab, als dieſer mit ehrfurchtsvoll fragenden Ton hinzufügte— vich hoffe, Ew. Majeſtät konnten dieſe Briefe nicht für die Meinigen halten?* —,— —— — 425— Offenherzig geſprochen, Mylord! ſagte der König, eine freimüthige Miene anneh⸗ mend,« muß ich Ihnen geſtehen, daß keines Menſchen Behauptung oder Anzeige, und waͤre es der Vornehmſte meines Reichs, im Stande geweſen wäre Ew. Herrlichkeit in meinen Augen verdächtig zu machen; und nur Ew. Herrlichkeit eigene Handſchrift und Siegel konnten mich zu dem Glauben ver⸗ leiten, daß dieſe Briefe von Ihnen geſchrie⸗ ben wurden. Ich glaubte Ew. Herrlichkeit Hand und Siegel zu kennen, bin aber er⸗ freut zu finden, daß ich mich hierin ge⸗ täuſcht habe.“— Ich danke Ew. Majeſtät; es darf mich nicht in Erſtaunen ſetzen, daß eine nachge⸗ machte Handſchrift, die ich ſelbſt beim erſten Anblick für ächt hielt, Ew. Majeſtät einen Augenblick täuſchen konnte. Aber ich geſtehe, daß ich in dem Glauben lebte, mein König kennte mein Herz und meinen Charakter — 126— noch genauer als mein Siegel, und meine Unterſchrift.» Ohne Zweifel, Mylord.»— Und ich hatte gehofft, daß wenn Ew. Majeſtät dieſe Briefe geleſen, keine Ver⸗ ſicherungen von meiner Seite nöthig wären, um Ew. Majeſtät zu beweiſen, daß ſie nicht von mir ſeyn konnten. Jetzt bleibt mir nur noch hinzuzufügen, wie ſehr ich mich freue, meinem Könige den falſchen Wahn be⸗ nommen und mich ihm nicht unnöthiger Weiſe mit dieſer Erklärung aufgedrungen zu haben. Ich erkenne es als eine große Gnade, daß Ew. Majeſtät mir geſtattet ha⸗ ben dieſe Verſicherung meiner Unſchuld ſo bald als möglich zu geben. Beweiſe für die⸗ ſelbe aufzufinden, und den Schuldigen zu entlarven, bereite ich mich jetzt vor; und ich hoffe ſie Ew. Majeſtät ſonnenklar vor Au⸗ gen zu legen. Ich halte Ew. Majeſtät nicht länger auf,»v ſchloß Lord Oldborough mit — 127— einer Verbeugung tiefer, aber ſtolzer Ach⸗ tung. «& Mylord,» ſagte der König, Lich zweiſte nicht, daß dieſe Sache zu Ew. Herrlichkeit Ehren und Mälligera Satisiation en⸗ den wird.„ Dieſelbe Phraſe, deren ſich der— von Greenwich bedient hatte. «Was mich betrifft, ſo brauchen ſich C Herrlichkeit keine weitere Sorge zu machen; aber ich wünſchte zur Beruhigung Ihres ei⸗ genen Gefühls, und zur Zufriedenſtellung des Publikums, daß Ew. Herrlichkeit Be⸗ mühungen den Schuldigen zu entdecken er⸗ folgreich ſeyn, und ſchnell zu Stande kommen möchte, ehe die Sache vor's Parlament ge⸗ bracht worden iſt. Beim Schluß der Audienz fͤgte der Kö⸗ nig noch einige verbindliche Worte hinzu. Einem weniger geübten Ohr und Auge würde dieß alles ſehr befriedigend erſchienen — 128— ſeyn; aber Lord Oldborough bemerkte eine gewiſſe Verlegenheit im Lächeln, etwas Zu⸗ rückhaltendes, eine Sorgfalt, eine Anſtren⸗ gung, ſich gnädig auszudrücken, eine Vor⸗ ſicht, eine Rüͤndung der Perioden, ein ſtetes Zuruͤckkehren zu geſuchten Complimenten und Freundſchaftsverſicherungen. Lord Oldborough fühlte alles, und ſtand waͤhrend dieſer Au⸗ dienz zwei Mal auf dem Punkt, um ſeine Entlaſſung zu bitten; und wandte zwei Mal alle Gewalt über ſich ſelbſt an, um dieſen Vorſatz zu bekämpfen. Er ſah deutlich, daß er des Königs Vertrauen und Gunſt verloren hatte; daß ſeine Feinde thätig geweſen wa⸗ ren, und ihre Abſicht in ſo fern erreicht hat⸗ ten, des Königs Gemüth mit Mißtrauen zu erfüllen. Se. Majeſtät hatte ſelbſt geſtanden, an ihm gezweifelt zu haben, und Lord Old⸗ borough bemerkte, daß des Königs Freude, als er ihn aus dem Irrthum geriſſen, nicht aufrichtig, die Beſorgniß, ſeine Ehre wieder — 129— hergeſtellt zu ſehen, nur anſcheinend gewe⸗ ſen ſey. Demohngeachtet durfte er ſich über nichts beklagen; alles was der Köuig geſagt hatte, war ſehr guäͤdig und huldreich geweſen, wie man es vom Fürſten gegen den Miniſter nur immer erwarten konnte; und in einem ſolchen Augenblick aus Stolz, oder beleidigtem Ehr⸗ gefühl ſeine Stelle niederzulegen, haͤtte der Würde, ja vielleicht der Redlichkeit ſeines Charakters nachtheilig ſeyn koͤnnen. Dieſe Gedanken beſchäftigten Lord Old⸗ borough, als er vor dem König ſtand, und nöthigten ihn während der ganzen Audienz, und bis zum Augenblick des Scheidens, die Miene und den Ton ruhiger, ehrfurchtsvol⸗ ler Selbſtbeherrſchung beizubehalten. Se. Majeſtät ſtieg zu Pferde und ritt in den Park. Lord Oldborough kehrte mit einem Herzen voller Sorge in die Stadt zurückk. IV 9 Acht und dreißigſtes Kapitel. Wäͤhrend des Lords Abweſenheit war ſein treuer Sekretär nicht unthätig geweſen. Er ging ſogleich zu ſeinem Freund Alfred, den er, von der Arbeit ausruhend, bei ſeiner Frau und Schweſter fand. Es thut mir leid, Sie zu ſtören, lie⸗ ber Alfred!» ſagte Temple; gaber ich muß Sie der Geſellſchaft der Damen entziehen, um mir Ihren Rath bei einer wichtigen An⸗ gelegenheit zu erbitten.» ˙O laſſen Sie ihn jetzt ſich ausruhen,» rief Mrß. Percy— ges müßte denn ſonſt eine Angelegenheit ſeyn, die Leben und Tod betrifft.»— — 131— Leben und Tod!» rief Lady Franziska Arlington, zur offnen Thür hereinſtürmend.— «Ja, es iſt eine Sache, die Leben und Tod betrifft.— Bleiben Sie, Herr Temple! Herr Percy! Sie wollen gehen, indem ich komme? Unmöglich!» Unmöglich würde es in jedem anderen Fall ſeyn,» ſagte Temple— saber— „Aber wenn eine Dame mit im Spiel iſt, müſſen alle andere Dinge zurückſtehen,» rief Lady Franziska. Meine Herren! ich laſſe Sie nicht fort.— Aber um Sie zu be⸗ ruhigen, Herr Temple— denn noch nie ſah ich einen Mann ſo ungeduldig, ſo unartig ungeduldig— will ich gleich ſagen, daß ich mich nur einen Augenblick aufhalten kann. Ich danke Ihnen, Mrß. Percy! ich darf mich nicht ſetzen. Mrß. Crabſtock, die wunder⸗ lichſte aller Crabſtöcke, und die ſteifeſte aller alten Damen, wartet unten im Wagen auf mich. Wünſchen Sie mir Glück! ich habe 9* — 132— meinen Zweck erreicht, und ohne Lady Ja⸗ ne's Beiſtand Erlaubniß erhalten, geſtern mit Lady Trant zu Lady Angelika Headingham zu gehen. Großes Conversazione!— Ich ſah den deutſchen Baron— habe ſein und meiner Couſine Profil geſtohlen, und will es Ihnen zeigen; aber Sie dürfen nicht lachen. — Schauen Sie!» rief Lady Franziska, eine Karrikatur aus ihrem Strickbeutel ziehend, und ſie Carolinen hinreichend, indem ſie ge⸗ ſchwätzig fortfuhr— Es iſt bloß eine Skizze, oberflächlich mit Bleiſtift gezeichnet, während ſie mich be⸗ ſchäftigt glaubte, ein Sonett auf die Weis⸗ heit abzuſchreiben. Ich entwarf ſie nur ſchnell auf ein elendes Stück Papier, auf ein altes Briefcouvert, was ich aus Lady Trants Beutel ſtahl, waͤhrend ſie Whiſt ſpielte. Herr Temple, Sie ſollen mein Kunſtwerk gleich ſehen, aber nur nicht ſo neugierig auf andere Seite geſchaut. Sagte ich es -,— 7 — 5 — 133— nicht gleich, daß Sie der ungeduldigſte Menſch unter der Sonne ſind? ² Temple brannte wirklich in dieſem Augen⸗ blick vor Ungeduld, zum Beſitz des Papieres zu gelangen; denn auf der äußern Seite des Couverts erſchienen ihm die Schriftzüge der Adreſſe bekannt. Er wagte kaum ſeinen Au⸗ gen, ſeinen Hoffnungen zu trauen. Mylady, Mrß. Crabſtock erwartet Sie,“ meldete der Bediente. Ich weiß es,» erwiederte Lady Fran. ziska.«Caroline, Sie wollen das Bild alſo nicht ſehen? Sehr wohl; wenn ich kein Com⸗ pliment darüber hören ſoll, mag ich nichts mehr mit Ihnen zu thun haben. Aber wenn Sie nun ein Mal eine Karrikatur malen, lobe ich ſie auch nicht.— Hier, Herr Tem⸗ ple! Einen Blick, weil Sie ſo ſehr darnach verlangen.» „ Ein Blick wird mich nicht befriedigen,“ rief Temple, nach den Papieren greifend. — 134— «Lady Franziska, Sie müſſen uns die Zeich⸗ nung bis morgen laſſen.» «Uns— müſſen— gegeben an un⸗ ſerm Hof zu St. James. Ganz Lord Old⸗ boroughs gebietender Ton.» Gebietend! Nein, demüthigſt flehe ich Ew. Herrlichkeit darum an, ganz demüthig,» rief Temple im Scherz niederkniend, aber das Papier immer feſthaltend. «Aber warum? weshalb?— Sind Sie mit Lady Angelika bekannt?— Ich wußte nicht, daß Sie ſie kennen.»— O, die Zeichnung iſt vortrefflich!— ſie iſt bewunderungswürdig.— Dieſe Hand, die ſte feſthält, wird ihre Beute ſo bald nicht wieder fahren laſſen.» «Der Mann iſt unklug!— Aber glau⸗ ben Sie nur nicht, daß ich ſie Ihnen laſſe. — Ich würde ſie meiner Mutter nicht ge⸗ ben; doch leihen will ich ſie Ihnen, wenn Sie mir aufrichtig ſagen, was Sie damit wollen?* «Aufrichtig— ich will ſie einem ver⸗ trauten Freund zeigen, der entzückt darüber ſeyn wird.* „ Nennen Sie mir ihn auf der Stelle, oder Sie bekommen die Zeichnung nicht.» Mylady, Mrß. Crabſtock läßt Ihnen ſagen, die Herzogin—» „Die Herzogin— das iſt ſchlimm! wenn ſie zur Herzogin will, muß ich fort. Mrß. Percy, ich hoffe, Ihr Bedienter wird Mrß. Crabſtock nicht erzählen, daß er dieſen Herrn (auf Temple weiſend) kniend geſehen hat.» Mrß. Crabſtock iſt ausgeſtiegen, My⸗ lady»— ſagte der zurückkehrende Bediente. Herr Temple, um's Himmelswillen! ſtehen Sie auf.“— Nicht eher, bis Ew. Herrlichkeit mir die Zeichnung gegeben.» «Hier, hier! ſtehen Sie nur auf, Ver⸗ — 1363— wegener! Guten Morgen, Mrß. Percy— leben Sie wohl, Caroline. Kommen Sie doch heute Abend zu Lady Jane, ich werde auch dort ſeyn.»— Damit lief ſie fort und begegnete Mrß. Crabſtock auf der Treppe, mit der wir ſie nach ihrem Gefallen Frieden ſchließen laſſen.. «Lieber Temple, ich glaube Sie ſind von Sinnen,“» ſagte Alfred,«noch nie ſah ich einen Menſchen mit ſolchem Ungeſtüm eine Zeichnung verlangen, die im Grunde keinen Strohhalm werth iſt— vor Begierde zit⸗ ternd und kniend! Caroline, was würde Ro⸗ ſamunde wohl von allen dieſem gedacht ha⸗ ben? & Wenn ſie das Ganze wüßte, würde ſie mein Betragen billigen,» erwiederte Temple; saber kommen Sie, wir haben Geſchäfte.» Alfred fuͤhrte ihn in ſein Arbeitszimmer und ließ ſich dort die Sache erklären. Groß war ſein Erſtaunen. Temple hatte die Probe — — 137— der nachgemachten Handſchrift mitgebracht, und nach genauer Vergleichung mit der Hand auf dem Couvert, auf deſſen Rückſeite die Karrikatur gemalt war, fanden ſie eine große Aehnlichkeit. Das Couvert nach Lady Fran⸗ ziska's Ausſage aus Lady Trants Strickbeu⸗ tel entwendet, hatte die Aufſchrift an Capi⸗ tain Nuttall. Sein Name ſtand auf der Liſte der Perſonen, an welche die nachgemachten Briefe gerichtet waren. Temple wußte ge⸗ wiß, daß Lord Oldborough nie mit eigener Hand an einen Capitain Nuttall geſchrieben hatte; dieß konnte er auch gleich von ihm ſelbſt erfahren. Es ſchien, als ob dieſes Pa⸗ pier nie als wirkliches Briefcouvert gedient hatte; denn es fehlte das Poſtzeichen und Siegel. Nach genauer Beſichtigung fand es ſich auch, daß ein t in dem Namen Nuttall fehlte, und es ließ ſich vermuthen, daß das Couvert wegen dieſes Verſehens bei Seite gelegt, und ein neues gemacht worden war. — 138— Alfred konnte Lady Trant unmöglich für die Verfaſſerin dieſer Briefe halten, weil er meh⸗ rere Einladungskarten von ihr an Carolinen geſehen hatte, die alle mit einer elenden, kritzligen Hand geſchrieben waren. Aber dieſe kritzlige Hand kann künſtlich ſeyn, um die wahren Schriftzüge zu verber⸗ gen,» ſagte Temple. Alfred gab zu, daß Ihre Herrlichkeit wohl Talent genug zur Ausführung habe, daß ihr aber die Geſchicklichkeit fehle, einen ſolchen Plan zu erfinden, und alle Theile zu verbin⸗ den. Theilnehmerin konnte ſie wohl ſeyn; aber ſie mußte einen Anführer, ein Ober⸗ haupt haben, und wer war das? Beider Freunde Verdacht ſiel zu gleicher Zeit auf eine und dieſelbe Perſon. Sie ſind vertraute Freundinnen,» ſagte Alfred.« Bedenken Sie, wie viel Mühe ſich Lady Trant für Mrß. Falkoner wegen Lond⸗ ner Cley gegeben hat. Sie— — — 139— „Mrß. Falkoner! Aber wie kam ſie zu Lord Oldboroughs Privatſiegel, ein ſtets eingeſchloſſe⸗ nes Petſchaft, das nie zu gewöhnlichen Briefen, nur bei ſeinen eigenhändigen Briefen an Pri⸗ vatfreunde, oder bei beſondern Gelegenheiten gebraucht wurde. So lange ich bei ihm bin, ſah ich ihn es noch nicht drei Mal gebrauchen.“» Wiſſen Sie noch wann, und an wen?“ fragte Alfred. Ich beſinne mich, jetzt weiß ich alles,» rief Temple auf den Tiſch ſchlagend— sich habe es! Aber Lady Franziska! es thut mir leid, daß ſie fort iſt— 2 « Warum? was ſollte ſie? Lady Fran⸗ ziska kann doch nichts mehr mit der Sache zu thun haben?» Noch ſehr viel, aber ohne es wiſfenk⸗ Das glaube ich gern, ſonſt würde es die Welt ſchon längſt gewußt haben; aber erzählen Sie mir, wie?“— Zur Zeit als ich um Lady Franziska — 140— herumſchwärmte— es iſt doch alles in der Welt zu etwas gut!— kurz vorher, ehe wir nach Falkoner⸗Hof gingen, war Lady Fran⸗ ziska, die immer eine herrſchende Leidenſchaft hat, kindiſch beſchäftigt mit einer Spielerei. Sie drückte alle Siegel, deren ſie habhaft werden konnte, auf Brod ab, und quälte mich — nein, damals hielt ich es für ein großes Vergnügen— ihr ſo viel hübſche Siegel zu verſchaffen, als möglich.» «Und Sie gaben ihr Lord Oldborough's Siegel? 1 Ich! gewiß nicht! Wie können Sie ſo etwas glauben? & Sie waren varliebr, und dachten viel⸗ leicht nicht an die Folgen?* « Ein Verliebter mag vieles vergeſſen, das gebe ich zu; nur nicht ſeine Treue.— Nein! ich gab ihr das Siegel nicht, erinnere mich aber, daß Lady Franziska mir es in ih⸗ — 141— rer Sammlung zeigte, und daß ich ſie fragte, woher ſie es bekommen.» * Nun, und woher bekam ſie es? & Von dem Couvert eines Briefs, den ihr Oheim, der Herzog von Greenwich, bei Gelegenheit der Geburt ſeines Enkels von Lord Oldborough bekommen hatte. Lord Oldborough beleidigte Se. Gnaden bei einer früheren Gelegenheit durch ein, mit Oblate geſiegeltes Billet.— Dieſes Mal ſah er ſich beſſer vor, und drückte ſein großes Siegel arauf.» Gut! Aber wie ſoll dieß auf Mrß. Falkoner zurückgebracht werden? y fragte Al⸗ fred. „Nur Geduld, ich bringe es ſo nahe wie möglich auf ſie zuruͤck. Wir gingen ſämmt⸗ lich nach Falkoner⸗Hof, und dort hatte Lady Franziska ihre Sammlung von Brodſiegeln, und beſchmierte und bemalte ſie mit Zinnober. Mrß. Falkoner nahm vielen Theil daran, und — 142— Lady Franziska gab ihr mehrere.— Ich muß ſie fragen, ob ſie ihr auch Lord Oldborough's Siegel gegeben. Ich werde heute Abend deshalb zu Lady Jane gehen; oder, waͤre es nicht beſſer, Lady Trant gleich aufzuſuchen?» Alfred rieth, Lord Oldborough lieber erſt voon allem, was ſie ſchon herausgebracht, in Kenntniß zu ſetzen, als Lady Trant und Mrß. Falkoner durch einen ſolchen Schritt zu früh in Schrecken zu jagen. Temple kehrte zu Lord Oldborough zuruck. Dieſer hatte während der Rückfahrt von Wind⸗ ſor, nachdem die erſte Aufwallung beleidigten Stolzes vorüber war, und er das Vorge⸗ fallene kälter beurtheilen konnte, überlegt, daß die Beweiſe ſeiner Unſchuld, ſo befriedi⸗ gend das Bewußtſeyn derſelben für ſein eige⸗ nes Gefühl auch war, für das Publikum doch nicht hinreichten. Er erkannte, daß ſein Charakter zweideutig, und ſein Ruf in der Gewalt ſeiner Feinde bliebe, wenn er aus ) = 143— Stolz und Empfindlichkeit niederlegen wollte, ehe er ſich völlig gerechtfertigt hatte. Wenn Sie Beweiſe aufzeigen können, Mylord!— Dieſe Worte kamen ihm wieder in den Sinn, und ſeine Angſt, die Beweiſe zu finden, ſtieg immer höher. Wer beſchreibt daher ſein Er⸗ ſtaunen, als Temple's Bericht ihn von der Gewißheit einer baldigen, völligen Entdeckung überzeugte. Er ließ Alfred noch denſelben Abend durch ſeinen treuen Sekretär bitten, ſo viel Erkundigungen wie möglich über das Siegel einzuziehen, und dazu jeden Weg zu wählen, den er fuͤr paſſend und zweckmäßig halte. Seiner Diskretion wurde alles über⸗ laſſen. Temple hatte andere Geſchäfte. Alffred ging mit Carolinen zu Lady Jane. Er knüpfte mit Lady Franziska eine Unter⸗ haltung an, und brachte ſie, indem er bald ihre Neugier rege machte, bald in ihr kindi⸗ ſches Weſen einging, endlich auf den erſehn⸗ ten Punkt. — 144— 3 aunfänglich konnte ſie ſich gar nicht auf die Brodſiegel, von denen er ſprach, beſinnen. Es wäre ein Einfall geweſen, der nun aber lange vorübergegangen; und ein paſſirter Ein⸗ fal wäre wie eine paſſirte Liebe und Schön⸗ heit, zu nichts mehr gut, als vergeſſen zu werden.— Doch gelang es ihm, durch Er⸗ wähnung der Zeugen, des Orts, der Zeit und anderer Nebenumſtände die nöthige Rückerin⸗ nerung in ihr Gedächtniß zurückzurufen. Sie begriff nicht, welchen Antheil Herr Percy an der Sache nehmen könne— es betreffe ſicher einen Scherz mit Herrn Temple— Ja, ſie erinnere ſich eines Siegels, welches ihr Herr Temple, ehe ſie nach Falkoner⸗Hof gegan⸗ gen, gegeben habe— ein Amor auf einem Löwen reitend. Ob er dieſes meine? Nein, aber ein anderes merkwürdiges Siegel.» Alfred beſchrieb die Deviſe. Lord Oldborough's!“ Ja deſſen erinnerte ſie ſich; aber dieß hatte ihr Herr Temple“ — 445— nicht gegeben; ſie hatte es von einem Brief ihres Oheims, des Herzogs von Greenwich genommen.» Das wußte Alfred, und wünſchte nur zu erfahren, was ſie weiter damit vorgenommen. « Sie wiſſen, woher ich es nahm! Gott bewahre! Sie ſcheinen ja alles zu wiſſen, was ich thue und ſage. Sie kennen meine Angelegenheiten ſehr wohl; Sie ſpielen den Beſchwörer vortrefflich— können Sie mir auch wohl ſagen, wen ich heirathen werde?» «Das will ich thun, ſobald Ew. Herr⸗ lichkeit mir erſt geſagt haben, wem Sie das Siegel gaben?» & Sehr gern, wenn ich mich nur darauf beſinnen könnte; aber das bin ich nicht im Stande. Nur ſo viel weiß ich, daß ich es Herrn Temple nicht gab.— Sie können ihn ſelbſt fragen.» „Ich weiß, daß Sie es Herrn Temple nicht gaben, aber wem ſonſt?⸗» 9 IV. 10 4. 4 Jetzt fällt es mir ein— gar keinem Herrn, darauf können Sie ſich verlaſſen; ich gab es Mrß. Falkoner.» Wiſſen Sie das gewiß, Lady Franziska? «Ja, ganz gewiß, Herr Percy?„ « Und wie können Sie es mir beweiſen?» Auf die leichteſte Art von der Welt— ich frage Mrß. Falkoner.— Nur mag ich jetzt nicht hingehen, weil ich mich mit Geor⸗ ginen gezankt habe.— Aber, warum ſind Sie ſo neugierig?» « Das iſt ein Geheimniß. Würden Sie das Siegel wohl wiedererkennen, Lady Fran⸗ ziska? hat dieſes Aehnlichkeit damit?» fragte Alfred, ihr das Siegel auf dem Couvert zeigend.— s Ich will darauf ſchwören, daß es daſ⸗ ſelbe iſt, welches ich Mrß. Falkoner gab; und ich kann Ihnen auch ſagen, woher ich es ſo genau weiß. Hier iſt ein kleiner, äu⸗ ßerer Rand mit Pünktchen, der nicht an den * — 147— andern iſt. Ich faßte mein Brodſiegel in ein altes Petſchaft von mir, woraus ich den Stein verloren hatte. Mrß. Falkoner fand unter vielen andern Siegeln auch an dieſem Gefal⸗ len, und ſo ließ ich es ihr. Nun aber, da ich alle Ihre Fragen beantwortet habe, be⸗ antworten Sie mir auch die meinigen. Wen werde ich heirathen?„ Denjenigen, der Ew. Herrlichkeit am beſten gefällt.» Mit dieſer unbeſtimmten Antwort wollte ſie ſich nicht abfinden laſſen; aber Alfred ver⸗ ſicherte, daß ihm das Orakel nicht geſtatte, ſich deutlicher auszuſprechen, und ließ ſie im Dunkeln, was er mit der ganzen Unterre⸗ dung gemeint hatte. Er hinterbrachte Lord Oldborough den Fortgang der Unterſuchung, und Sr. Herr⸗ lichkeit ſchlief dieſe Nacht wieder ſo ruhig, wie jene Nacht nach dem Angriff des Pöbels. 4 10* — 148— Fruͤh am nächſten Morgen beſchied er den Finanzrath in ſein Cabinet. Herr Finanzrath Falkoner, ich verſprach Ihnen ſogleich Nachricht davon zu geben, wenn ich das Abnehmen meiner Macht be⸗ merken ſollte.» « Barmherziger Himmel, Mylord!2 rief Falkoner zurückprallend.— Dieſes Erſtaunen, dieſe Beſtürzung waren nicht erkuͤnſtelt. Lord Oldborvugh faßte ihn ſcharf in's Auge, um ſich davon zu überzeugen. «Unmöglich!— ich hoffe—) Seine Hoffnung wandte ſich in dieſem Augenblick zum Herzog von Greenwich, kehrte aber ſogleich zu Lord Oldborough zurück. Er hatte ſich nicht feſt mit dem Herzog geſetzt, die rechte Zeit verſäumt. Sobald Lord Old⸗ borough niederlegte, war es mit ſeinem Dienſt und ſeiner Penſion vorbei, und er ih gans ruinirter Mann. Dieſes Schwanken, dieſe Berwierung be⸗ „— — 149— wieſen deutlich, daß er ganz unvorbereitet war. Ich hoffe— barmherziger Gott!— ich glaubte— ich dachte, Ew. Herrlichkeit hätten über alle Feinde geſiegt, ſtänden höher in Macht und Gunſt, wie jemals— Was kann ſich zugetragen haben?» Ohne etwas hierauf zu erwiedern, legte ihm Lord Oldborough das Couvert mit der nachgemachten Schrift und dem falſchen Sie⸗ gel vor. « Wie ſoll ich dieß verſtehen, Mylord?» fragte der beſtuͤrzte Finanzrath, das Couvert von allen Seiten betrachtend.— ½Major Spry!— ich habe dieſen Mann nie geſehen. Darf ich fragen, Mylord, wie ich dieß ver⸗ ſtehen ſoll?» Herr! ich ſehe nun, daß Sie nichts von der Sache wiſſen.) Lord Oldborough erklärte ihm das Ganze mit wenigen Worten.— Sein Erſtaunen, der Ausdruck der Beſtürzung und — 150— vor allem der Eifer, womit er ſich erbot, den Verfaſſer der nachgemachten Schrift aus⸗ zukundſchaften, bewieſen hinreichend, wie weit er von der Vermuthung entfernt war, daß ein Glied ſeiner eigenen Familie dieſer Schuld. überwieſen werden konnte. Abermals drückte Lord Oldborough's feſt auf ihn gerichteter Blick aus, was er ſchon früher einmal geſagt hatte— Herr, ich be⸗ daure Sie von ganzem Herzen!» Der Finanzrath ſah dieſen Blick, und konnte nicht begreifen, wie der Miniſter ihn in dieſem Augenblick, wo er doch ſo ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt ſeyn mußte, bedauern könnte. « Mylord, ich wollte mich anheiſchig ma⸗ chen, den Thäter zu entdecken— wir wer⸗ den auf die Spur kommen.» «Ich glaube entdeckt zu haben und auf die Spur gekommen zu ſeyn,» ſagte Lord Oldborough ſeufzend. nIE 25G. am et —,— — — 151— Dieſer Seufzer war dem Finanzrath noch weit unbegreiflicher, als alles Vorhergegan⸗ gene, und er ſtand einige Augenblicke mit geöffnetem Munde, ehe er hervorſtammeln konnte— « Warum denn niederlegen, Mylord? «Das iſt meine Angelegenheit, y entgeg⸗ nete Lord Oldborough;«laſſen Sie uns jetzt an Ihre Angelegenheiten denken; denn wahr⸗ ſcheinlich iſt dieß der letzte Augenblick, wo es in meiner Macht ſteht, Ihnen nützlich ſeyn zu können.» ˙O, Mylord! Mylord! ſprechen Sie es nicht aus!» rief der Finanzrath, ſein erkuͤn⸗ ſteltes Weſen vergeſſend, im natuͤrlichen Ton — Sder letzte Augenblick, wo es in Ihrer Macht ſtände!— O, theurer Lord! ſprechen Sie es nicht aus!» Lieber Herr Finanzrath, ich muß; es thut mir leid— Sie ſehen, wie leid es mir thut.» — 152— In ſolch einem Augenblick an mich, ſtatt an ſich ſelbſt zu denken— Mylord, ich habe Sie bis dieſen Augenblick nicht— ſo gut gekannt.» Ich ſie auch nicht,y erwiederte Lord Oldborough.—„Deſto ſchlimmer für uns Beide, daß dieſe richtige Erkenntniß nicht eher gekommen iſt, als bis unſere Gemein⸗ ſchaft für immer aufhören muß.» Niemals! niemals! Mylord! und ſollten Sie auch morgen allen Einfluß verlieren, was der Himmel verhuͤten möge! Ich kann Ihre Güte nie vergeſſen— ich werde Sie nimmer verlaſſen— ſtets fortfahren— Ew. Herrlichkeit werden mir hoffentlich erlauben, ferner noch meine Aufwartung zu machen.— Alle Gemeinſchaft kann nicht aufhören.» Lord Oldborough ſah und belächelte den Kampf zwiſchen dem Hofmann und dem Men⸗ ſchen; die Verwirrung ſeiner Gefühle, das Schwanken zwiſchen Pflicht und Intereſſe. Er — 153— erleichterte und peinigte den Finanzrath zu gleicher Zeit, indem er mit feſtem Ton ſagte: „ Ich danke Ihnen, Herr Falkoner; aber alle Gemeinſchaft zwiſchen uns muß aufhören. Nach dieſer Stunde ſehen wir uns nicht wie⸗ der.— Ich bitte Sie, ſich zu ſammeln und mich ruhig anzuhören. Noch ehe dieſer Tag zu Ende iſt, werden Sie begreifen, weshalb alle fernere Gemeinſchaft zwiſchen uns Ihrem Intereſſe nicht mehr von Nutzen, und meiner Ehre nachtheilig iſt. Nach einigen Stunden wird Sie ein Schlag treffen, der Ihnen zu Herzen geht— denn ich ſehe, Sie haben ein Herz— und Ihnen die Macht der Gedan⸗ ken raubt. Es iſt mein Wunſch, Ihnen die⸗ ſen Schlag ſo leicht als möglich zu machen.* O Mylord! Ihr Niederlegen wäre in der That ein Schlag für mich, von welchem ich mich nie erholen würde.— Die bloße Vorſtellung raubt mir alle Gedanken; aber ich hoffe immer noch—» — 154— & Hören Sie mich ohne Unterbrechung an, darum bitte ich. Es iſt jetzt meine Pflicht, für Sie zu denken.— Gehen Sie auf der Stelle zum Herzog von Greenwich; ſetzen Sie ſich feſt mit ihm, und ſuchen Sie aus dem Geheimniß meiner bevorſtehenden Nie⸗ derlegung ſo viel Vortheil als möglich zu zie⸗ hen; ich erlaube Ihnen, Sr. Gnaden das Geheimniß mitzutheilen, ein Geheimniß, wel⸗ ches noch niemand ahnet, wovon ich bis jetzt noch keinem Sterblichen, außer Ihnen, etwas geſagt habe. Gehen Sie ſchnell zum Herzog, die Zeit drängt; ich wünſche Ihnen glückli⸗ chen Erfolg, und einen beſſern Gönner, als ich geweſen, als meine Grundſätze mir zu ſeyn erlaubten.— Leben Sie wohl, Herr Falkoner.» Der Finanzrath bewegte ſich nach der Thuͤre, als Lord Oldborough ſagte: adie Zeit drängt;„ aber er blieb ſtehen, wandte ſich wieder um. Thraͤnen, aufrichtige Thränen ſtrömten aus 1 y——— y——— — 155— ſeinen Augen. Lord Oldborough ging auf ihn zu, und reichte ihm die Hand. Der Fi⸗ nanzrath küßte ſie mit einer Ehrfurcht, als ob es die Hand ſeines Fürſten wäre, ver⸗ beugte ſich tief und ging unwillkührlich rück⸗ wärts zur Thure hinaus, als ob er Sr. Ma⸗ jeſtät verließ. Schade, daß dieſer Mann ein geborner Hofmann und mit einer Familie belaſtet iſt, deren Glieder ihn nichts als Schande brin⸗ gen„» dachte Lord Oldborough, als ſich die Thüre auf immer hinter dem Finanzrath ſchloß. Nachdem Lord Oldborough abſichtlich eine Stunde gewartet hatte, um dem Finanzrath Zeit zu laſſen, ſich mit dem Herzog von Greenwich zu verſtändigen, beſtellte er ſeinen Wagen und fuhr— zu Mrß. Falkoner. Groß war ihr Erſtaunen bei des Mini⸗ ſters ungemeldetem Eintritt. Sie bedauerte des Finanzraths Abweſenheit. Mein Geſchäft iſt mit Mrß. Falkoner.- * — 156— X Mylord— Ew. Herrlichkeit— die Ehre und das Vergnügen eines Beſuchs— Geor⸗ gine, meine Liebel Mrfß. Falkoner winkte ihrer Tochter, ſich zu entfernen, was dieſe, vor Neugier brennend, höchſt ungern that. Das Lächeln erſtarb auf Mrß. Falkoners Lippen, als ſie Lord Oldborough's finſtern Ernſt bemerkte. Sie rückte ihm einen Stuhl hin; er ſtand ſchweigend über die Lehne ge⸗ beugt, und ſah ſie ſcharf an. « Was wird da herauskommen?— Cun⸗ ningham vielleicht?— dachte Mrß. Falkoner, soder etwas über John? wann wird er ſpre⸗ chen? Ich kann nicht— ich muß— Es freut mich, Ew. Herrlichkeit ſo wohl ausſehend zu finden—„ «Mrß. Falkoner, ſind Sie mit Lady Trant bekannt?» Lady Trant— Ja, Mylord!» « Himmel! wär' es möglich! Nein, ſie — — 457— würde mich ihrer ſelbſt wegen nicht verra⸗ then,» dachte Mrß. Falkoner. & Genau bekannt? fragte Lord Oldbo⸗ rough. Genau— das heißt ſo genau, wie man mit Jedermann iſt— von einer gewiſſen Claſſe— man beſucht ſich, aber nichts wei⸗ ter— ich kann nicht ſagen, daß ich die Ehre habe—„ Trotz Mrß. Falkoners Geiſtesgegenwart wußte ſie doch vor Angſt nicht mehr, was ſie ſagte, als ſie den Lord in ſeinem Taſchenbuch nach einem Brief ſuchen ſah; und aller Muth verließ ſie, als er ihr das Briefcouvert an Capitain Nuttall vorlegte. Können Sie errathen, wie dieß an Lady Trant kam, Madam? Ich betheuere, Mylord—» ihre Stimme zitterte, trotz der Anſtrengung ſich zu beherr⸗ ſchen— cich weiß nicht, kann auch nicht be⸗ greifen—* — 258— e„Wiſſen Sie auch nicht, wer diu ſtnriod Madam?» & Es ſcheint— es hatr eine„acenuchten. eine entfernte Aehnlichkeit— ſo viel ich mich erinnern kann; aber es iſt ſehr lange, ſeit ich Ew. Herrlichkeit Handſchrift ſah— und die Hände ſind ſich ſo ähnlich. Manchmal— und ich bin eine ſchlechte Kennerin— Jede Hand— alle vornehmen Hände ſehen ſich ähnlich.» * Und gleicht auch ein Siegel dem andern?» fragte Lord Oldborough, das nachgemachte Siegel vor Mrß. Falkoner hinlegend.&Ma⸗ dam! ich rathe Ihnen, Ihre Zeit nicht län⸗ ger mit leeren Ausflüchten zu verſchwenden, ſondern mir auf der Stelle den Abdruck die⸗ ſes meines Privatſiegels, welchen Sie von Lady Franziska Arlington bekommen haben, auszuliefern.⸗ Nichts weiter als ein Brodſtegel!— Gewiß hat ſie doch nicht geſagt— ich habe = 459— es wirklich verloren— wenn ich es je beſeſ⸗ ſen. Ich muß geſtehen, Ew. Herrlichkeit er⸗ ſchrecken mich durch dieſe heftige Art.» Madam, ich rathe Ihnen noch ein Mal, und zum letzten Mal recht ernſtlich, mir das Siegel auszuliefern; denn ich weiß, daß es in Ihren Händen iſt. Ich habe einen ſchrift⸗ lichen Befehl, Ihre Papiere durchſuchen zu laſſen, falls Sie ſich weigern ſollten, mir das Verlangte freiwillig zu geben. Die dazu mitgebrachten Leute warten unten. Der Zweck meines gegenwärtigen Beſuchs— deſſen ich gern uͤberhoben geweſen wäre, iſt Ihnen, Madam, die öffentliche Schande einer Haus⸗ ſuchung zu erſparen.— Fallen Sie nicht in Ohnmacht, wenn Sie es verhindern können; hüten Sie ſich vor Krämpfen. Denn erfolgt dergleichen, ſo muß ich mich entfernen, und die Hausſuchung vollziehen laſſen. Das Ein⸗ zige, was Ihnen zu thun übrig bleibt, iſt, dieſes Pult zu öffnen, mir das Siegel zu — 160— geben, und alles zu bekennen, was Sie von der Verhandlung wiſſen. Thun Sie dieß, ſo will ich, Ihres Mannes wegen, Ihnen, Ma⸗ dam! die Schande des Arreſts erſparen.» Mrß. Falkoner öffnete mit zitternder Hand das Pult, und übergab das Siegel. Und ein Brief von derſelben Hand, den ich hier ſehe, wenn es Ihnen gefällig iſt, Madam. Sie gab ihn und ſank, unfaͤhig ſich län⸗ ger aufrecht zu erhalten, auf ein Sopha nie⸗ der; aber ſie ſiel weder in Ohnmacht, noch bekam ſie Krämpfe— denn ſie gedachte der Folgen. Lord Oldborough öffnete ein Fen⸗ ſter und ließ friſche Luft herein. Ein Thraͤ⸗ nenſtrom erleichterte ihr Herz. Sie ſchwieg, und nur ein leiſes, nicht zu unterdrückendes Schluchzen ward hörbar. Ein Zug des Mit⸗ leids in Lord Oldboroughs Geſicht erleichterte ſie noch mehr; aber ehe ſie Vortheil daraus ziehen konnte war der Ausdruck verändert, — 161— das Gefühl bemeiſtert. Er erkannte Mitleid für Schwäche, und rief ſich die ganze Ver⸗ rätherei, deren ſie ſich ſchuldig gemacht, zuruck. «Madam, ich ſehe Sie ſind jetzt nicht in dem Zuſtand ſich weiter erklären zu können. Deshalb will ich Sie von meiner Gegenwart befreien. Vorwürfe werden Sie nie von mir hören; aber binnen einer Stunde er⸗ warte ich ein ſchriftliches Bekenntniß dieſer Verhandlung, welches ſo beſchaffen ſeyn muß, daß es, verbunden mit Lady Trants Ge⸗ ſtändniß als Beweiß meiner Redlichkeit dient, und mich in den Augen meines Königs und des Publikums rechtfertigt.» Mrß. Falkoner neigte bejahend den Kopf, bedeckte ihr Geſicht und rang die Hände in Todesangſt. Als Lord Oldborough Anſtalt machte das Zimmer zu verlaſſen, ſprang ſie, ohne zu wiſſen was ſie ſagen wollte, auf, um ſich ihm zu Füßen zu werfen. IV.. 11 — 162— 1 „ Der Finanzrath iſt unſchuldig! Wenn Sie ihn verlaſſen, iſt er verlohren— ſind wir alle ruinirt. Georgine! Georgine! wo biſt du? ſprich für mich.» Georgine probierte im Nebenzimmer ein neues Gewand à la Georginne. Was Sie ferner noch zu ſagen haben, Madam,» ſagte Lord Oldborough ſich ſchnell von ihr losmachend,„werden Sie in das Schreiben ſetzen, und mir es binnen einer Stunde— oder nie zukommen laſſen.» Nach einer Stunde brachte der Finanz⸗ rath das Schreiben ſeiner Frau, mußte es aber dem Sekretair übergeben, weil Sr. Herrlichkeit es ſo befohlen hatte, und feſt darauf beſtand, ihn nicht wieder zu ſehen. Mrß. Falkoners Schrift war mit aller, ihr zu Gebote ſtehenden Kunſt und Gewandtheit, in der ihr eigenthümlichen pathetiſchen Sprache, abgefaßt. Lord Oldborough ſuchte nach den Faktas, bezeichnete dieſe mit ſeinem Bleiſtift — 163— und bemerkte worin ſie von Lady Trants Geſtaͤndniß, welches Temple unterdeſſen er⸗ preßt hatte, übereinſtimmten, oder abwichen. Dann wandte er mit Alfred den größten Theil der Nacht dazu an, die Dokumente ſo zu ordnen, daß die Beweiſe am andern Mor⸗ gen Sr. Majeſtät in der klarſten, kürzeſten Form vorgelegt werden konnten. Es erwieß ſich, daß Mrß. Falkoner an⸗ fänglich aus Geldverlegenheit, worin ſie ihre ſinnloſe Verſchwendung, oder, wie ſie ſich ausdrückte, die, in ihrer Lage unumgänglich nöthigen Ausgaben,(Ausgaben, welche ihr Einkommen weit überſchritten) gebracht hatte, zu dieſem Gewerbe verleitet worden war. Man hatte es für gewiß angenommen, daß ſie und der Finanzrath großen Einfluß be⸗ ſaßen, weil ſie von Zeit zu Zeit offenes Haus füͤr den Miniſter hielten. Man wen⸗ dete ſich deshalb an ſie und bot ihr Ge⸗ ſchenke, denen ſie lange widerſtand. End⸗ 11* — 164— lich aber, nachdem ſie mit Lady Trant in Verbindung getreten, mißbrauchten ſie die Nachrichten eines Verwandten Lady Trants, eines jungen, unvorſichtigen Menſchen. Er war Sekretair in irgend einer Expedition und ahnete ſchwerlich den Gebrauch, den ſie von ſeiner Indiskretion machten. Er er⸗ wähnte mehrerer Beförderungen, von denen er ſprechen gehört, nannte diejenigen Offi⸗ ciere, für welche Diplome ausgewirkt waren. Die Damen prophezeiten und erhielten Glau⸗ ben, als ihre Prophezeihungen eintrafen. Anfänglich hielten ſie ſich hinter der Scene, und Manche, die ſich an A. und B. wende⸗ ten, ohne ſie zu kennen, zahlten bedeutende Summen für Beförderungen, welche auch ohne Zahlung erfolgt wären.— Andere zahl⸗ ten, und wurden nie befördert, und ſchrie⸗ ben Briefe voller Vorwürfe. Unter dieſe Claſſe gehörte Capitain Nuttall; und er war es, der ſich, als er ſich angeführt ſah, zu⸗ — — 165— erſt regte und mit Hülfe eines thätigen Glie⸗ des der Gegenparthei, dem er ſeine geheime Beſchwerde mittheilte, das Ganze ans Licht brachte. Nachdem die Beweiſe geordnet waren, begab ſich Lord Oldborough zu Ruhe. Am andern Morgen erbat er ſich eine Audienz beim König, breitete die Papiere vor Sr. Majeſtät aus, bemerkte, daß er ſo glücklich geweſen ſey, der Betrügerei auf die Spur zu kommen, und daß er zuverſichtlich hoffe, Sr. Majeſtät in dieſen Papieren die nöthigen Be⸗ weiſe vorzulegen. Sr. Herrlichkeit verbeugte ſich und verließ das Gemach, um dem König die Unterſuchung der Papiere allein zu über⸗ laſſen. Der Entſchluß, ſeinen Poſten als Mini⸗ ſter niederzulegen, war nicht die Frucht belei⸗ digten Stolzes, ſondern reiflicher Ueberlegung. Es war eine Maßregel, die er bereits län⸗ gere Zeit in ſeinen Gedanken erwogen hatte. — 166— Das Gluck war ihm bis jetzt guͤnſtig gewe⸗ ſen; er fürchtete deſſen Veränderlichkeit, und beſchloß ihm freiwillig zu entſagen, ehe es ſich von ihm losſagte. Er konnte nicht läugnen, daß ihn der Ehrgeitz verlockt hatte; doch der höchſte Gipfel war nun auch er⸗ reicht, und er wollte nicht von der Höhe herabgeworfen werden, ſondern freiwillig und mit Wuͤrde herabſteigen. In den letzten Jah⸗ ren hatte er die Abnahme ſeiner Geſundheit gefühlt. Die Gichtanfälle waren häufiger und heftiger gekommen. Blieb er am Leben, ſo ließ ſich vorausſehen, daß ſie ihn oft an der thätigen Ausübung ſeiner Dienſtpflichten hindern würden. Vieles, was er ſelbſt gut verwaltete, mußte er dann von andern ſchlecht verwalten laſſen. Alles vereinigte ſich dieſen großen Miniſter gerade jetzt zum Niederlegen zu beſtimmen, um ſich Ruhe und Zufrieden⸗ heit für den Abend ſeines Lebens zu ſichern. Den Tag hatte er guten und großen Zwek⸗ — — — 167— ken geweiht; er konnte nun ſelbſtzufrieden dem Ehrgeitz Lebewohl ſagen.— Dieſer ein Mal gefaßte Entſchluß ſtand felſenfeſt. Ver⸗ gebens bemühte ſich ſelbſt ſein König, ihn von der Ausführung abzuhalten.— Nachdem er die Papiere durchgeſehen hatte, ließ er den Lord rufen und gab ihm ſeine vollkom⸗ mene Zufriedenheit darüber zu erkennen, daß er mit wenigen Umſtänden, und mit ſeiner gewohnten Geſchicklichkeit der Sache auf den Grund gekommen war.— Was blieb nun zunächſt zu thun übrig? Der Herzog von Greenwich wurde ge⸗ rufen. Sein Erſtaunen, als er die Papiere erblickte, welche Lord Oldboroughs Recht⸗ fertigung und Mrß. Falkoners Schuld ent⸗ hielten, läßt ſich nicht beſchreiben. Während des Leſens beſchäftigte den Herzog nur eine Idee, nämlich daß der Finanzrath Falkoner ihn durch die falſche Nachricht von des Mi⸗ niſters beabſichtigter Niederlegung hintergan⸗ gen habe. Lord Oldborough äußerte kein Wort, was ihn in dieſer Hoffnung beſtärken konnte. Erſt nachdem derjenige, durch deſſen Klagen die nachgemachten Briefe herausge⸗ kommen waren; nachdem alle, die irgend etwas von der Beſchuldigung gehört hatten, völlig und klar von der Wahrheit überzeugt waren, und jedermann Lord Oldborough voll⸗ kommen gerechtfertigt und augenſcheinlich ſo hoch in Macht und Gunſt, als er vorher noch nie geſtanden, geſehen hatte, erbat ſich Sr. Herrlichkeit zum Erſtaunen ſeines Für⸗ ſten die Erlaubniß niederlegen zu dürfen. Hatte ſich der König auch vorher durch die falſchen Vorſtellungen wider Lord Oldborongh einnehmen laſſen, ſo erinnerte er ſich, in dem Augenblick, als dieſer vom Niederlegen ſprach, aller ſeiner geleiſteten Dienſte, und alles deſſen, was in Zukunft gewagt und verlohren werden würde, wenn ein ſolcher Miniſter abträte. Ein Miniſter von ſo aus⸗ — 169— gezeichneten Fähigkeiten, von ſo geprüfter Treue und Redlichkeit, von ſolcher Anhäng⸗ lichkeit an ſeine Perſon; ſolch ein eifriger Beſchirmer der königlichen Würde, ſolch ein Liebling des Volks. Noch nie waren ihm ſeine Vorzüge in einem ſo hellen Licht er⸗ ſchienen. Des Fürſten frühere Zuneigung kehrte mit aller Wärme und Kraft zurück. «Nein, Mylord! Sie dürfen nicht— Sie werden mich nicht verlaſſen.»— Dieſe einfachen, aus dem Herzen kom⸗ menden Worte rührten Lord Oldborvugh un⸗ beſchreiblich. Es war ſchwer ihnen vor einem Fürſten zu widerſtehen, beſonders da er Thränen in den Augen ſeines vielgeliebten Monarchen erblickte.— Aber ſein Entſchluß war gefaßt. Er dankte Sr. Majeſtät nicht in den gewöhnli⸗ chen Ausdrücken der Höflinge, ſondern von ganzer Seele, von ganzem Herzen für dieſe huldreiche Herablaſſung, für dieſes Zeugniß — 170— ſeines Beifalls— für dieſe Beweiſe ſeiner Zuneigung, wodurch er ſich für alle Mühſe⸗ ligkeiten des Geſchäftslebens reichlich belohnt fühlte. Die Erinnerung daran würde nie aus ſeinem Gedächtniß verlöſchen, der Troſt ſeines Alters, und ſein letzter Gedanke im Augenblick des Sterbens ſeyn. Aber, trotz der überwältigenden Gefühle blieb er dennoch dem, ihm von der Vernunft eingegebenen Vorſatz, getreu. Er ſtellte dem König vor, daß er einen günſtigen Zeitpunkt abgewartet haͤtte, daß die Angelegenheiten des Reichs in der beſten Ordnung wären, und daß alſo der⸗ jenige, den Sr. Majeſtät geruhen würden, ſeinen Platz als Oberhaupt des Miniſteriums zu verleihen, keine Schwierigkeiten ſinden würde.&Es giebt Viele, die nach dieſem Poſten ſtreben,» ſo ſchloß er;«Ew. Maje⸗ ſtät ſtehen die Talente und die Kräfte der Jugend zu Gebot. Was mich betrifft, ſo erfordert meine Geſundheit und Ruhe mich b — 171— von öffentlichen Geſchäften zurückzuziehen, und dem beſchwerlichen Amt, womit ich beehrt geweſen, zu entſagen.» «Mylord, wenn Ihr Entſchluß zu reſig⸗ niren feſt iſt, ſo darf ich mich nicht dagegen auflehnen; aber ich vernehme ihn mit Be⸗ dauern.— Haben Ew. Herrlichkeit keinen Wunſch für ſich, oder Ihre Freunde, den ich Ihnen, zum Beweis meiner Anerkennung Ihrer Verdienſte, gewähren könnte?* Ew. Majeſtät Gnade hat mir für mich ſelbſt nichts zu wünſchen übrig gelaſſen. Für Ihre Freunde denn, Mylord? Gönnen Sie mir das beruhigende Gefühl, auf dieſe Weiſe etwas für Sie zu thun.» Nichts konnte huldreicher und befriedigen⸗ der ſeyn, als dieſe Abſchiedsaudienz.— Es war Lord Oldboroughs letzte Audienz.— Die Nachricht von ſeiner Abdankung ver⸗ breitete ſich ſchnell am Hof, wurde aber an dieſem Tage noch nicht öffentlich bekannt ge⸗ — m2— macht. Sr. Herrlichkeit Audienzzimmer war am andern Morgen ſo voll, wie es kein Miniſter je erlebt hatte. Auf Lord Oldbo⸗ roughs Befehl verkündete Temple des Mini⸗ ſters Entſchluß, ſeinen Poſten niederzulegen. Allgemeine Beſtürzung und Betrübniß. Nur einige Wenige, die Unbedeutenſten, Menſchen ohne Gefühl, die nur auf ihren eigenen arm⸗ ſeligen Vortheil bedacht waren, verließen ſo⸗ gleich das Zimmer, ohne dem großen Mann vorher ihre letzte Hochachtung zu beweiſen. Eine plötzliche Stille trat ein, als er er⸗ ſchien. Alle Augen waren auf ihn gerichtet; alles drängte ſich in den Kreis. Meine Herren, ich danke Ihnen für die⸗ ſen Beweis Ihrer Aufmerkſamkeit, Ihrer Achtung. Herr Temple wird Ihnen geſagt haben— meine Freunde, Sie wiſſen, daß ich jetzt ein Mann ohne Einfluß bin.» Wir wiſſen,» erwiederte einer der an⸗ geſehenſten Männer, daß Sie Lord Oldbo⸗ V — 1 — — 173— rough ſind. In den Augen Ihrer Freunde und der engliſchen Nation derſelbe, mit oder ohne Einfluß.» Lord Oldborough verbeugte ſich tief, ging dann durch den ganzen Kreis mit einer hei⸗ terern Miene als gewöhnlich; mit mehr äu⸗ ßern Zeichen des Gefühls, aber nicht mit geringerer Würde. Alle diejenigen, welche Auszeichnung verdienten, beehrte er mit eini⸗ gen, beſonders an ſie gerichteten Worten, deren ſie ſich nachher noch lange erinnerten, und ihren Familien und Freunden wiederhol⸗ ten. Er ſprach mit Allen, hörte jeden Ein⸗ zelnen mit einer Aufmerkſamkeit an, als ob er ſich um die Volksgunſt bewürbe, ſtatt ſie aufzugeben. Frei von jener Einſchränkung und Verantwortlichkeit, die ihm ſeine Pflich⸗ ten als Miniſter aufgelegt hatten, ging er nun in die Privatangelegenheiten aller Einzelnen ein, und ertheilte ihnen noch zum Abſchied ſeinen Beiſtand und Rath. Er notirte ſich — 174— alle Beſchwerden, alle Verſprechungen, die ſeinem Nachfolger beſonders empfohlen zu werden verdienten, und erfüllte und uͤbertraf nun unerwartet die Wünſche mancher, denen er keine Aufmunterung gegeben hatte. Und nachdem er Alle zufrieden geſtellt, und nichts mehr von ihm zu fragen und zu hoffen war, zögerten ſie immer noch, und trennten ſich endlich mit ſchwerem Herzen und innigem Be⸗ dauern. Und doch hatte dieſer Miniſter, ei⸗ nige wenige bereute Beiſpiele ausgenommen, während ſeiner Macht nie Gunſt, immer nur ſtrenge Gerechtigkeit ertheilt. Lord Oldboroughs Bitten für ſeine Freunde wurden alle gewährt, ſeine Empfehlungen alle beachtet. Er erkannte dankbar, daß ſein Ein⸗ fluß noch fortdauerte, nachdem die Macht auf⸗ gehört hatte. 4 Temple ſchlug die ihm angetragene Ge⸗ ſandtſchaft unter einem neuen Miniſter aus. Man verſprach ihm eine, ſeinen geleiſteten — 13— Dienſten, und Lord Oldboroughs hohem Lob angemeſſene Entſchädigung, und ohne es ab⸗ zuwarten, worin dieſe beſtand, bat und er⸗ hielt er die Erlaubniß, ſeinen verehrten Ge⸗ bieter in die Einſamkeit begleiten zu dürfen. Alfred Percy, eifrig im Dienſt dieſes gro⸗ ßen, von ihm ſo ſehr verehrten Mannes, war ſchon voraus nach Clermont⸗Park geeilt, um dort alles zu Lord Oldboroughs Auf⸗ nahme vorzubereiten. Se. Herrlichkeit reiſ'te mit Anbruch des Tages ab, und niemand außer Temple hatte davon gewußt. Er wünſchte der Begleitung des Volks durch die Straßen der Hauptſtadt zu entgehen, die ihm, wie er erfahren, zu⸗ gedacht war. Als er mit Temple zum Thor hinausfuhr, gedachte er des Herzogs von Malboroughs Abreiſe aus London, nach ſeiner Entlaſſung vom Hof; wie ihn keiner von allen, denen er während ſeiner Macht Dienſte geleiſtet, — 176— die ihm den Hof gemacht und ihm geſchmei⸗ chelt hatten, Dankbarkeit oder Anhänglichkeit bewieſen, und nur ein armer Page ſich mit Zeichen wahrer Betrübniß und Achtung an der Wagenthür ſeines abreiſenden Herrn ge⸗ zeigt hatte.— „ Ich bin ſo glücklich, mich nicht über Undankbarkeit beklagen zu können,» ſagte Lord Oldborough, der nun Temple's er⸗ probte Treue durch freundſchaftliches Ver⸗ trauen belohnte. Die wenigen Erfahrun⸗ gen dieſer Art verdankte ich hauptſächlich mei⸗ nen eigenen Fehlgriffen. Deshalb trete ich, dem Himmel ſey Dank! aus dem öffentlichen Leben nicht allein mit einem guten Gewiſſen, ſondern auch mit einer guten Meinung von der menſchlichen Natur. Ich ſpreche nicht von Hofleuten, an dieſen iſt nichts Natur; ſie ſind, was die Umſtände aus ihnen mach⸗ ten. Könnte ich mein Leben noch ein Mal durchleben, ſo würde ich alle Gemeinſchaft — 4177— mit Hofleuten vermeiden. Aber ein Staats⸗ mann, oder Miniſter, kann dieſer Gemein⸗ ſchaft nicht überhoben ſeyn. Was mich an⸗ belangt, möchte ich beim Niederlegen meines Poſtens ſagen, was Carl der Fünfte zu ſei⸗ nem Nachfolger ſagte, als er ihm den Thron abtrat: Ich übergebe Euch eine ſchwere Bürde. So lange ſie auf meinen Schultern ruhte, habe ich keinen ſorgenfreien Tag ver⸗ lebt.“ Aber als ich die Laufbahn des Ehr⸗ geizes betrat, wußte ich auch, daß die Ruhe geopfert werden mußte, und ich brachte die⸗ ſes Opfer bis zum letzten Augenblick. Ich habe mein hohes Ziel erreicht, den Preis, wornach ich rang, gewonnen.— Englands Ruhm war mein Ziel, des Vaterlandes Bei⸗ fall meine Belohnung.— Edelmüthiges Volk! Ertrug ich auch Deinetwegen Mühſeligkeiten und Gefahren; ſo bin ich doch belohnt, und nie wird man mich ſagen hören, daß ich ver⸗ gebens gearbeitet hätte. Ich genieße die IV. 12 — 178— Achtung meines Fürſten; ſie iſt unbeſtritten mein. Seine Gunſt und ſein Lächeln kann er geben und nehmen. Nie ſoll er von mir eine Klage getäuſchter Erwartung hören.» Neun und dreißigſtes Kapitel. — Caroline kehrte mit ihrem Bruder Alfred, der nach Clermont⸗Park vorausgegangen war, nach den Hills zurück. Mit welchem Entzuͤcken ſah ſie die geliebte Heimath wie⸗ der! Alles Lebende und Lebloſe ſchien ſie anzulaͤcheln; jedes Herz freute ſich ihrer Rück⸗ kehr. An Zerſtreuung und Bewunderung hatte es ihr in der Reſidenz nicht gefehlt; aber dieſes Leben ſagte ihrem Geſchmack und ihrem Charakter nicht zu. Sie würde auch ſogleich die gewohnten Beſchäftigungen wie⸗ — 179— der angefangen haben, wenn Roſamunde dieß zugelaſſen hätte. Erzählen und Zuhören, waren die einzigen erlaubten Dinge, und nur Temple's plötzliche Erſcheinung vermochte die referirenden Schweſtern zu unterbrechen. Er hatte den erſten freien Augenblick be⸗ nutzt, nach den Hills zu eilen, wozu ihm Lord Oldborough ſelbſt Veranlaſſung gegeben. So wenig ſich Se. Herrlichkeit auch ſonſt für Lie⸗ besgeſchichten zu intereſſiren pflegte, ſchien er ſich doch jetzt der Herzensangelegenheit ſei⸗ nes Sekretärs zu erinnern; denn gleich am andern Morgen nach ihrer Ankunft in Cler⸗ mont⸗Park, als Temple ſeine Dienſte anbot, wünſchte Lord Oldborough, daß er einen Be⸗ ſuch für ihn bei ſeinem alten Freund, Herrn Percy abſtatten möchte, wenn es ihm nicht unangenehm ſey.—.Sagen Sie ihm, daß ich von ſeinem Wunſch zu mir zu kommen, und mir zu zeigen, daß nur der Mann und nicht der Miniſter ſeine Liebe beſitzt, über⸗ 3 12* — 180— zeugt ſey, und ſolcher Beweiſe ſeiner Ach⸗ tung für unnöthig halte. Er wird mich auch aus andern Gründen zu ſehen wünſchen; er iſt ein Philoſoph, und hat eine philoſophiſche Neugier, ſich mit eigenen Augen zu überzeu⸗ gen, wie ich ohne das Streben des Ehrgei⸗ zes exiſtire.— Doch darüber kann er jetzt noch nicht urtheilen, eben ſo wenig wie ich ſelbſt. Deshalb wünſche ich, daß er ſeinen Beſuch bis nächſte Woche verſchieben möge. Ich habe einige Papiere zu ordnen, die ich ihm zeigen will, und womit ich nicht früher fertig werde. Herr Temple, wenn Sie glau⸗ ben, ſich dieſe acht Tage bei Herrn Percy amüſiren zu können, ſo halte ich Sie nicht davon ab.— Hier in meiner Einſamkeit,» fügte er lächelnd hinzu,« habe ich nicht zu befürchten, von der Erſcheinung beunruhigt zu werden, welche den Herzog von Lerma in ſeiner Zurückgezogenheit heimſuchte.„ Temple fuhlte ſich unbeſchreiblich glücklich 8 —4— — 181— in den Hills, im Kreiſe der Familie, neben ſeiner Gebieterin, von allen Sorgen, allen Geſchäften, allen Hofintriguen und Dienſtein⸗ ſchränkungen befreit. Die Laſt der Abhän⸗ gigkeit drückte ihn nicht mehr; er hatte die ſchönſte Ausſicht auf eine gute Verſorgung und das Bewußtſeyn, ſie redlich verdient zu haben; aber mehr als alles dieſes beglückte ihn die erfreuliche Hoffnung, die Geliebte ſeines Herzens bald ſein nennen zu können. Alfreds Geſchäfte riefen ihn gleich wieder nach London zurück, und zum erſten Mal in ſeinem Leben ſah ihn Temple gern ſcheiden. Sein Zimmer war das einzige, welches dem Gaſt angeboten werden konnte, und in die⸗ ſem, kaum 15 Fuß breiten Gemach fühlte ſich der Ex⸗Sekretair behaglicher und glück⸗ licher, als in den weiten Prunkzimmern der Vornehmen. Seine einzige Sorge war nur, daß dieſe Woche zu ſchnell vorübergehen möchte; und wirklich verflogen ihm und Ro⸗ . — 182— ſamunden die Stunden auf eine unbegreifliche Weiſe. An einem ſchönen Nachmittag führte Ro⸗ ſamunde die kleine Geſellſchaft in Carolinens Laube, um daſelbſt das aus Erdbeeren be⸗ ſtehende Deſert einzunehmen. Sie hatte den Lieblingsplatz ihrer Schweſter während deren Abweſenheit ſehr verſchönertz, und auf das Geſchmackvollſte verziert. Durch das Aus⸗ hauen einiger Bäume hatte man auf der ei⸗ nen Seite die Ausſicht auf einen kleinen Waſſerfall zwiſchen den Felſen, auf der an⸗ dern den Blick auf einen ſchmalen, in das Thal hinabführenden Fußpfad gewonnen. Geißblatt, Roſen und Hagedorn bekränzten die reizende Laube, welche auch jetzt den lie⸗ benden Sekretair, der trotz ſeiner Vorliebe für's Landleben ſo lange in die engen Mauern der Hauptſtadt gebannt geweſen war, in das höchſte Entzücken verſetzte. Hier ſaßen ſie alle im traulichen Geſpräch, als Carolinens 3 —. 183— Aufmerkſamkeit plötzlich durch einen Gegen⸗ ſtand unten im Thale abgezogen wurde. Sie verſuchte weiter zu ſprechen, aber ihre Stimme zitterte, ihre Farbe wechſelte. Roſamunde, deren ſchnelles Auge der Schweſter gefolgt war, ſah einen jungen Mann den Fußſteig heraufkommen. Sie ſprang auf, ſchlug in die Hände und rief: ger iſt es! er iſt es! es iſt Graf Altenberg!» Und ehe ſie ſich von ihrem Erſtaunen er⸗ holt hatten, ſtand Graf Altenberg wirklich ſchon vor ihnen. Er ſprach mit Herrn Perey, mit Mrß. Percy, mit Roſamunden, ehe er ein Wort an Carolinen richtete. Aber ſeine Augen hatten ſchon alles geſagt, und waren verſtanden worden. Sein erſter Blick ſagte ihr, daß er ſie liebe, daß ſie ſich nicht in ihm getäuſcht habe. Wodurch auch ſeine Zu⸗ rückkunft verzögert worden, wie ſeltſam und geheimnißvoll ſein Betragen auch geweſen — 184— war— ſie fühlte, daß er keinen Tadel des⸗ halb verdiene. Und las er in ihren Zugen eben ſo deut⸗ lich? Entging ihm ihre erhöhte Farbe, ihre Freude, ihr Zittern? Weibliche Beſcheiden⸗ heit verhüllte dieſe Freude, daß er anfangs zweifelte und nicht zu hoffen wagte. Erſt nach einigen Minuten nahte er ſich Caroli⸗ nen mit jener zarten Ehrerbietung, worin ſich die Liebe ſo ſchön ausſpricht; doch ver⸗ mied er es ſie durch beſondere Auszeichnung in Verlegenheit zu bringen. Als er aber den Platz eingenommen hatte, den ſie ihm neben ihrer Mutter einräumte, und den offe⸗ nen, heitern Ausdruck ihres Auges ſah, den ſanften Ton ihrer Stimme hörte, fühlte ſich ſein Herz beruhigt. Temple's Anblick hatte ihn im erſten Augenblick erſchreckt, Roſa⸗ mundens ſchalkhafte Miene ihn bald von aller Angſt befreit. Nach den erſten gewöhnlichen Fragen und J J 7 Antworten erzählte Graf Altenberg, daß er Tages vorher gelandet ſey, ſich aber nirgends lange aufgehalten habe, ſeine Bekannten zu ſe⸗ hen, ſelbſt nicht Lord Oldborough; ſondern gleich nach den Hills geeilt ſey. In der Meinung, den Fußweg genau zu kennen, habe er ſeinen Wagen in einer kleinen, einige Meilen entfernten Stadt zuruͤckgelaſſen, den rechten Weg aber dennoch verfehlt, weil der Eingang ſeitdem verändert geworden. Jetzt hielt es Temple fuͤr höflich, die zu erwartende Erklärung durch ſeine Gegenwart nicht länger aufzuhalten. Er entfernte ſich, und Roſamunde war ſo menſchenfreundlich, und Caroline ſo diskret ihn zu begleiten. Graf Altenberg ſäumte auch nicht ſich unver⸗ züglich an die Eltern zu wenden, indem er meinte, daß es ihnen gewiß nicht entgangen ſeyn könne, welchen tiefen Eindruck ihre Tochter Caroline bei ſeinem frühern Aufent⸗ 1 — 486— halt in dieſer Gegend auf ſein Herz gemacht habe. Herr und Mrß. Percy geſtanden, daß ihnen dieſer Umſtand allerdings nicht entgan⸗ gen ſey, daß ſie ſich indeß nicht berechtigt gefühlt hätten eine ſolche Auszeichnung für „mehr als allgemeine Artigkeit aufzunehmen, da er ſich nie durch Worte erklärt und durch die plötzliche Veränderung ſeines Betragens, kurz vor ihrer Abreiſe von Hungerſord⸗ caſtle, und ſein nachheriges gänzliches Schwei⸗ gen dieſe Vermuthung noch mehr beſtärkt haͤtte. So ſchmerzlich mir dieß auch war,» ſagte Graf Altenberg, gerforderte meine Ehre doch Sie, ſelbſt auf die Gefahr von Ihnen verkannt zu werden, in dieſem fal⸗ ſchen Wahn zu laſſen. Wie es damals war, blieb es bis in den letzten Tagen; ich lebte in ſteter Furcht eine Verbindung eingehen zu müſſen, die ohne meine Beiſtimmung ge⸗ — 187— ſchloſſen worden war, und die mich auf im⸗ mer der beſeligenden Hoffnung beraubte, der Neigung meines Herzens folgen zu können. Im erſten Augenblick, buchſtäblich im erſten Augenblick der wiedererlangten Freiheit, eilte ich hierher, Ihnen meine wahren Geſinnun⸗ gen zu erklären. Doch ehe ich es wagen darf, um Ihre Erlaubniß, mich um Caro⸗ linens Liebe zu bewerben, zu bitten, bin ich Ihnen eine Erklärung meines unbegreiflichen Schweigens ſchuldig.* Er begann mit der Erzählung von ſei⸗ nes Vaters Briefen, in Betreff der projek⸗ tirten Heirath mit Gräfin Chriſtine, und ſeiner darauf gegebenen Antworten; und be⸗ richtete dann, was nach ſeiner Ankunft zu Hauſe erfolgt war. Er fand den Ehecontrakt aufgeſetzt und nur ſeiner Unterſchrift wartend; die Freunde beider Familien von der bevorſtehenden Ver⸗ bindung benachrichtigt, und alles zur Hoch⸗ — 188— zeit vorbereitet. Des Sohnes Vorſtellungen blieben fruchtlos bei dem Vater. Er er⸗ klärte es für unmöglich die Verbindung rück⸗ gängig zu machen, ohne ſeine und ſeines Hauſes Ehre zu compromittiren; erkannte ſie außerdem für eine ſehr vortheilhafte Parthie, und drang mit leidenſchaftlicher Heftigkeit auf deren Vollziehung. Der alte Graf war ein zärtlicher, aber ein herrſchſüchtiger Vater, ein guter, aber ein ehrgeitziger Mann. Er hielt die Liebe für eine vorübergehende Lei⸗ denſchaft, der man keine dauernden Vor⸗ theile aufopfern müßte. Seine Erfahrung an Höfen, und ſeine Beobachtungen der Nei⸗ gungen junger Fürſten und vornehmer Edel⸗ leute hatten ihn gelehrt die Liebe nicht allein als ein vorübergehendes, ſondern als ein veränderliches, launiges Gefühl zu betrach⸗ ten, welches ſeinen Gegenſtand oft wechſelt und nur durch Neuheit exiſtirt. Er hörte des Sohnes Verſicherung von der Dauer — 189— ſeiner Liebe, und wie ſie zum Gluͤck ſeines Lebens erforderlich ſey, ruhig an, lächelte aber ungläubig, und behauptete der Paroxis⸗ mus der Leidenſchaft würde, je heſtiger er wäre, je eher nachlaſſen. Sein Refrain war und blieb—«Albert! ſieh und höre die junge Gräfin Chriſtine nur ein Mal! mehr verlange ich nicht!?— Mit der ſchuldigen Achtung gegen den Vater, aber auch mit dem feſten Muth, den die Liebe allein zu geben vermag, weigerte ſich Albert den Con⸗ trakt zu unterzeichnen und in die vorgeſchla⸗ gene Zuſammenkunft zu willigen. Er zwei⸗ felte nicht an der Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit und Vortrefflichkeit der jungen Gräfin; aber ſein Herz hatte gewählt. Der Vater ſchwieg endlich, und beſchloß eine geheime Zuſammenkunft zu veranſtalten. Ein Maskenball am Hof gab hierzu Veran⸗ laſſung. Graf Altenberg ſah eine Minerva, die ſich durch majeſtätiſchen Anſtand und Hal⸗ 74. — 190— zung vor allen andern Masken auszeichnete, und deren Sprache, Gedanken und Empfin⸗ dungen dem angenommenen hohen Charakter vollkommen entſprachen. Er bewunderte ihren Geiſt, und ergötzte ſich an ihrem Talent. Endlich demaskirte man ſich, und er war geblendet von ihrer Schönheit. In dem⸗ ſelben Augenblick ſah er ſich von ihren und ſeinen Freunden umringt, die neugierig den Eindruck dieſes Zuſammentreffens zu beob⸗ achten, hinzugetreten waren. Zufrieden mit der Bewunderung, die ſich in ſeines Sohnes Zügen ausſprach, flüſterte ihm der alte Graf jetzt zu«Gräfin Chriſtine!“— Graf Al⸗ bert wurde blaß, und ſchwieg beſtürzt. Chriſtine lächelte mit der Miene ſtolzer Zu⸗ friedenheit. Dieß erleichterte ihn und rief ſeinen eigenen Stolz zurück; er ſah, daß weibliches Zartgefühl und Schüchternheit, die er am meiſten zu verwunden gefurchtet hatte, bei ihr nicht die vorherrſchenden Ge⸗ — 191— fühle waren. Er bat um Erlaubniß ihr am folgenden Tage ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Sie veränderte die Farbe, ſchoß einen durchdringenden Blick auf den Grafen und geſtattete ihm die Zuſammenkunft, welche er und ihre beiderſeitigen Freunde wünſchten. Hierauf verſchwand ſie mit ihrer Geſell⸗ ſchaft aus dem Saal. Trotz dem unverkenn⸗ baren Uebermuth, der ſich in ihrem ganzen Weſen ausſprach, war dennoch bemerkt wor⸗ den, daß ſie Eindruck auf Graf Altenberg zu machen münſchte; und alle ihre Bekann⸗ ten ſtimmten darin uͤberein, daß ſie ſich noch bei keiner andern Gelegenheit ſo ange⸗ ſtrengt habe, um zu glänzen und zu gefallen. Sie glaͤnzte— hatte aber nicht gefallen; der Vater ſchien indeß vollkommen befriedigt. War doch eine Zuſammenkunft verabredet! Er rechnete auf der Gräfin Schönheit; auf ihr ſchmeichelhaftes Verlangen zu feſſeln, und — 192— erwartete den Erfolg dieſes téte à téte mit Ungeduld, aber zugleich mit der größten Zu⸗ verſicht. Hätte Graf Albert damals etwas von einer Intrigue gewußt, die ein liſtiger Feind, in der Abſicht ſeine Familie zu de⸗ müthigen, angeſponnen hatte; ſo würden ihm einige qualvolle Stunden, eine Nacht ſieber⸗ hafter Ungewißheit erſpart worden ſeyn. Der Plan war ſeines Erfinders würdig.— Herr von Tourville, ein Menſch deſſen ganzes Weſen unvereinbar mit Graf Altenbergs Character und Sitten war. Schon in den Knabenjahren zeigte ſich eine gegenſeitige Ab⸗ neigung, nur mit dem Unterſchied, daß Graf Albert ſeinen Widerwillen offen und unvor⸗ ſichtig kund that, Herr von Tourville hin⸗ gegen den ſeinigen ſorgfältig verbarg, und in höfiſches Lächeln, und hinter der diploma⸗ tiſchen Miene vollkommener Hochachtung zu verſtecken wußte. Furcht verband ſich mit Herrn von Tourvilles Abneigung. Behielt — 193— Graf Albert das Vertrauen des Erbprinzen, ſo ließ ſich mit Wahrſcheinlichkeit voraus⸗ ſehen, daß er, ſobald dieſer an die Regie⸗ rung kam, erſter Miniſter wurde. Und dann Lebewohl! zu Herrn von Tourvilles Hoff⸗ nungen auf Macht, Reichthum und Anſehen. Unerſchöpflich in den Hülfsmitteln der ga⸗ lanten und politiſchen Intrigue, verband er ſie bei dieſer Gelegenheit mit ausgeſuchter Geſchicklichkeit. Den Eindruck, den Gräfin Chriſtinens blendende Schönheit bei ihrem er⸗ ſten Erſcheinen am Hof, auf den Prinzen ge⸗ macht hatte, war ihm nicht entgangen. Herr von Tourville ließ kein Mittel un⸗ verſucht, des Prinzen flüchtiges Wohlgefallen, wodurch er zu gewinnen hoffte, bis zur ern⸗ ſten Neigung zu ſteigern. Er gab der Gräfin durch geheime Winke zu verſtehen, daß der Prinz von ihren Reizen entbrannt ſey, und ihre geiſtigen Vorzüge höchlich bewundere. Inſofern hatte er ihren hochſtrebenden Cha⸗ IV. 13 — — 194— rakter richtig beurtheilt, daß er den Ehr⸗ geitz für ihre herrſchende Leidenſchaft er⸗ kannte. Sobald ſie die Hoffnung, den Prin⸗ zen zu feſſeln, gefaßt hatte, ſah ſie mit Ge⸗ ringſchätzung auf die vorgeſchlagene Verbin⸗ dung mit dem Hauſe Altenberg; doch verbarg ſie dieſes Gefühl, bis ſie es mit Sicherheit offenbaren konnte. Sie ſpielte ihre Rolle mit aller der Geſchicklichkeit, Umſicht und Klugheit, deren der Ehrgeitz, wenn nicht durch Liebe gehemmt, fähig iſt. Manche Hinderniſſe ſtanden ihren Zwecken entgegen. Die projektirte Heirath mit Graf Altenberg; die Gewißheit, daß der regierende Fürſt nie in ſeines Sohnes Verbindung mit einer Un⸗ terthanin einwilligen würde. Aber der alte Fürſt war ſeinem Ende nahe, und Chriſtine berechnete, daß ſie bis dahin die Heirath mit Graf Altenberg verſchieben könne. Dann ſollte der Erbprinz jene Verbindung löſen, und den Kaiſer vermögen, ſie in den Fürſten⸗ — 195— ſtand zu erheben. Auf dieſe Weiſe konnte er ohne ſeinem hohen Stand etwas zu vergeben, ſeiner Neigung folgen, und ihren ehrgeitzigen Abſichten Genüge leiſten. Entſchloſſen kei⸗ nem andern Rath als dem eigenen zu fol⸗ gen, verſchloß ſie dieſen Plan im tiefſten Innern, und verfolgte ihn im Geheim, in Verbindung mit Herrn von Tonrville, den ſie bloß als ein demüthiges, ihrem Dienſt geweihtes Werkzeug betrachtete. Er ſeiner⸗ ſeits betrachtete ſie wieder als eine Puppe, die ſeine Kunſt ſpielen ließ, wie es die Ab⸗ ſichten ſeines Intereſſes und Haſſes erfor⸗ derten. Daß Graf Altenberg ſeine ihm beſtimmte Braut dem Prinzen nimmermehr friedlich üͤberlaſſen würde, glaubte er mit Gewißheit vorauszuſehen. Von ſeiner Liebe in Eng⸗ land wußte er nichts. Gräfin Chriſtine war reizend, die Verbindung mit ihr dem Hauſe Altenberg ſehr vortheilhaft. Das Auflöſen 13* — 496— derſelben, und die getäuſchte Erwartung einer Leidenſchaft, welche Gräfin Chriſtine ihm ſicher einflößen würde, mußte, ſo be⸗ rechnete Herr von Tourville, einen unheil⸗ baren Bruch zwiſchen dem Prinzen und ſeinem Günſtling herbeiführen. Graf Alberts Zu⸗ rückkunft aus England hatte in des Prinzen Gemüth Unruhe und Eiferſucht erregt; dieß war allen Andern, nur nicht der Gräfin und ihrem Vertrauten entgangen. So weit war Herrn von Tourvllle's Plan gediehen, und nach des Erbprinzen Charakter zu ſchließen, ließ ſich ein endlicher glücklicher Ausgang erwarten. Er beſaß vortrefliche Anlagen und Fähigkeiten; aber Muth und Entſchloſſenheit gingen ihm ab. Eine Zeitlang konnte er dem Reiz des Ver⸗ gnügens widerſtehen, aber alle Ausdauer er⸗ müdete ihn. Er war ein Held, ſtand ihm ein ſtarker Geiſt, wie ſein Freund, Graf Albert, zur Seite, ſank aber ſchlaff herab, „ „ — 197— wenn er den Eingebungen eines Schmeich⸗ lers, wie Herr von Tourville, ausgeſetzt war. Die Verletzung des Rechts beſchämte ihn und zog ihm die Vorwürfe ſeines eigenen Gewiſſens zu; aber dieſelbe Schwäche, die ihn irren ließ, machte ihn auch halsſtarrig im Irrthum. Bei einer ſo genauen Kennt⸗ niß ſeines Charakters konnte Herr von Tour⸗ ville leicht vorausſehen, daß der verliebte Prinz nicht lange im Stande ſeyn würde dieſer Leidenſchaft zu widerſtehen; und daß er, hatte er das Ehrgefühl ein Mal bei Seite geſetzt, und der beſtimmten Braut des Freundes ſeine Liebe erklärt, nachher den Mann, den er ſo tief beleidigt hatte, auf immer fliehen und verabſcheuen wuͤrde. Dieß alles war von Herrn von Tourville ſchlau berechnet. Kein Menſch verſtand und be⸗ handelte die Schwächen der menſchlichen Na⸗ tur beſſer; aber ihre Kraft und Stärke kannte er nicht, und auf Edelmuth war er nie vor⸗ — 198— bereitet. Des Prinzen innerer Kampf war heftiger, und von längerer Dauer als Herr von Tourville erwartet hatte. Wäre der Graf abweſend geweſen, ſo würde der Prinz leichter dazu gebracht worden ſeyn, ihn zu be⸗ trügen; aber ſeine plötzliche Erſcheinung rief⸗ mitten im Gefühl der Liebe und Eiferſucht, die Achtung, welche er für den erhabenern Charakter ſeines Jugendfreundes empfand, zurück. Er erkannte den vollen Werth eines Freundes, ſelbſt in dem Augenblick, als er ſich einem Schmeichler hingegeben hatte, und wollte die Liebe des Mannes, der ihn am meiſten achtete, nicht muthwillig verſcherzen, ſein Glück nicht des eigenen Intereſſe wegen opfern. Die Anhänglichkeit, welche ihm ſein Liebling bewieſen, ſeine Offenheit, ſeine ver⸗ trauungsvolle Aufrichtigkeit, die Freude, als er ihn nach ſeiner Rückkehr aus England wieder ſah— alles dieſes wirkte mächtig auf das Herz des Prinzen; und er hatte Chri⸗ — 199— ſtinen ſeine Liebe noch nicht erklärt, als die Zuſammenkunft zwiſchen dieſer und Graf Al⸗ bert Statt fand. Da die Freunde der jun⸗ gen Gräfin die Verbindung ſo gut wie ge⸗ ſchloſſen betrachteten, trugen ſie, ſelbſt an dieſem Hof der ſtrengen Etikette kein Be⸗ denken, dem verlobten Paare die Privat⸗ unterredung, die ein Jedes zu wünſchen ſchien, zu geſtatten. Der Gräfin Benehmen war an dieſem Morgen beunruhigend huldreich; doch erſtaunte Graf Albert nicht wenig über die plötzliche Veränderung, welche mit der Entfernung ihrer Freunde eintrat. Mit dieſen ver⸗ ſchwand auch der ſichtbare Wunſch zu ge⸗ fallen, und ihn von ihrer Einwilligung in die Wahl ihrer Verwandten zu überzeu⸗ gen. Die Gründe eines ſolchen Benehmens konnte Graf Albert zwar nicht errathen; doch erleichterte ihm die Vermuthung, daß ſie keine Vorliebe für ihn empfinde, ſeinen — 200— Entſchluß ſich auf jeden Fall zu erklären Mit der größten Schonung offenbarte er der Gräfin den wahren Zuſtand ſeines Herzens, bekannte alles was vorgegangen war, und ſchloß mit der wiederholten Verſicherung, daß ihre Reize und Vorzüge jedes freie Herz unwiderſtehlich feſſeln würden.— 1 Gräfin Chriſtine hörte ihn mit dem höch⸗ ſten Erſtaunen an; auf dieſe unvermuthete Wendung ihres Schickſals war ſie nicht vor⸗ bereitet; die Idee, daß er eine Andere liebe, war ihr nie in den Sinn gekommen. Sie hatte es ſich nicht als möglich gedacht, daß ihre Verbindung durch jemand Geringeres als einen aus der fuͤrſtlichen Familie aufge⸗ löſ't werden konnte. Nach einer Pauſe ſchweigenden Nachdenkens erwiederte ſie mit Würde— Graf Altenbergs erhabener Charakter entſpricht der Schilderung, die mir von ihm gemacht worden iſt.— Er verdient, daß ich —,.,— —— — 201— ihm meine Achtung und mein Vertrauen da⸗ durch beweiſe, wodurch es allein würdig be⸗ wieſen werden kann, durch Aufrichtigkeit. Sein Beiſpiel hat mein edleres Selbſt zu⸗ rückgerufen, und mich aus dem Labyrinth eines Diplomaten gerettet. So wenig ich mich auch ſonſt zur Nachahmung geneigt fühle, folge ich doch ſtolz jedem Guten und Großen, und ahme jetzt Graf Altenbergs Aufrichtigkeit nach.— So hören Sie denn, daß mein Herz, gleich dem Ihrigen nicht mehr frei iſt. Und damit Sie ſich davon überzeugen können, daß ich Ihr Ohr nicht durch die Aehnlichkeit des Vertrauens taͤu⸗ ſchen will, entdecke ich Ihnen, ſo viel ich auch dabei wage, mein Geheimniß. Mein Herz hat einen hohen Gegenſtand erkohren, iſt dem Mann geweiht, deſſen Freund und Günſtling Graf Albert zu ſeyn verdient. Ich müßte mich ſelbſt verachten— kein Thron der Erde könnte mich wieder in meiner eige⸗ — 202— nen Meinung erheben, wenn ich im Stande wäre, den Mann zu hintergehen, der mich mit ſolcher Aufrichtigkeit behandelt hat.» Freude und Erſtaunen drückten ſich bei dieſer Erklärung, die ſein Herz ſo ſehr er⸗ leichterte, in des Grafen Mienen aus; und Gräfin Chriſtine verzieh ihm dieſe Freude, eingedenk des Tributs, den er ihrer Ueber⸗ legenheit zollte. Sie theilte ihm jetzt, ohne ſeine weitern Fragen abzuwarten, alles mit, was ſchon ge⸗ than war, und zur Erfuͤllung ihrer Hoffnung noch zu thun übrig blieb. Ein jetziger Ver⸗ trauter und Günſtling des Erbprinzen hatte ihr verſichert— und dieß machte ſein furſt⸗ liches Herz in ihren Augen der Eroberung noch würdiger— daß er in einem ſchmerz⸗ lichen Kampf zwiſchen Liebe und Freundſchaft begriffen waͤre. & Dieſer Kampf wird nun aufhörens ſagte Graf Altenberg. Es ſoll jetzt mein — ₰———— — — 203— erſtes Geſchäft ſeyn, das Herz des Prinzen zu erleichtern.* „Auf welche Art?2 fragte die Graͤfin. Indem ich ihm die Wahrheit ſage— ſo weit es mich betrifft. Ihr Geheimniß, ſchöne Gräfin, iſt ſicher, Ihr Vertrauen mir heilig! Aber in ſo fern es mich ſelbſt, meine eigene Neigung und die Abtretung ſolcher Anſprüche, die den ſeinigen entgegenſtehen, betrifft, ſoll er augenblicklich von der ganzen Wahrheit unterrichtet werden.» Von der ganzen Wahrheit!“ wiederholte Gräfin Chriſtine erröthend. Sie ſchien beſtuͤrzt und entgegnete mit einiger Verlegenheit, daß dieſes plötzliche Entſagen ſeiner Anſprüche ihre Pläne leicht vereiteln könne. Dieß war nicht der Weg, den ſie einzuſchlagen ſich vorgenommen hatte; er wich ganz von demjenigen ab, welchen ihr Herr von Tourville angedeutet.— Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens ſagte ſie— — 204— Ich bleibe bei der Wahrheit. Sprechen Sie mit dem Prinzen. Es ſey. Ich ver⸗ traue Ihrem Ehrgefühl, Ihrer Diskretion. Sie werden ſo mit ihm ſprechen, daß mein Zartgefühl nicht verletzt, meiner Wurde kein Abbruch gethan wird. Und ſo muß es ſich entſcheiden, ob er mich wirklich liebt, wie ich geliebt zu ſeyn wünſche. In dieſem Fall wird er mich aller Unannehmlichkeiten über⸗ heben, alle Schwierigkeiten beſiegen. Er wird als Prinz, und nicht vergebens ſpre⸗ chen. Liebt er mich nicht— ſo brauche ich Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen, daß Sie als⸗ dann eben ſo frei ſind. Meine Freunde ſol⸗ len erfahren, daß ich nie die Braut eines * andern Mannes ſeyn werde.» 5 Nach dieſer Erklärung verlor Graf Albert keine Zeit. Er ging zum Prinzen. Auf dem Wege dahin begegnete er einem Pagen, der ihm die Botſchaft brachte, daß ſein Prinz ihn augenblicklich zu ſehen wünſche. Er fand — — —— —— — 295— ihn allein. Der Prinz trat ihm raſch entge⸗ gen und ſagte, die innere Bewegung augen⸗ ſcheinlich mit großer Anſtrengung bekämpfend— «Ich habe Sie zu ſehen verlangt, Graf Albert, um Ihnen einen Beweis zu geben, daß Fürſtenfreundſchaft nicht immer ſo gehalt⸗ los iſt, als man gewöhnlich glaubt. Meine Freundſchaft für Sie hat einer ſtarken Ver⸗ ſuchung widerſtanden. Sie kommen von der Gräfin Chriſtine, und werden am beſten be⸗ urtheilen können, wie groß die Verſuchung iſt. So hören Sie denn, daß ich während Ihrer Ahweſenheit ſo unglücklich geweſen bin, mich ſterblich in die, Ihnen beſtimmte Braut zu verlieben. Doch habe ich die Pflichten, welche mir die Freundſchaft, und meine ei⸗ gene Ehre auferlegt, nie, weder durch Worte, noch durch Blicke, weder direkt, noch indi⸗ rekt übertreten. Ich verrieth meine Leiden⸗ ſchaft auch nicht durch den leiſeſten Wink, — 206— und benutzte keine der mannichfachen Vor⸗ theile, die mir meine Lage bot. Von der Wahrheit dieſer Verſicherungen hatte Graf Albert ſo eben die überzeugen⸗ ſten Beweiſe erhalten, und eilte, um den Prinzen mit ſeiner eigenen Lage bekannt zu machen; aber dieſer fuhr mit der Eile eines Menſchen, der an die Feſtigkeit des eigenen Entſchluſſes zweifelt, fort— «Und nun laſſen Sie mich Ihnen als Freund und als Prinz Glück wünſchen; aber zu gleicher Zeit auch inſtändigſt bitten, Ihre Verbindung zu beſchleunigen und Ihre Braut ſogleich von meines Vaters Hof zu entfer⸗ nen. Die Zeit wird hoffentlich ihre Gegen⸗ wart weniger gefährlich für mich machen: und wenn dereinſt meine Pflicht erfordert⸗ dieſes Land zu regieren, ſo rechne ich auf Ihren Beiſtand, und hoffe, mich Ihrer Liebe würdig zu zeigen.»—— Der Graf dankte ihm mit vieler Waͤrme — 207— für dieſen Beweis ſeiner Achtung. Wie gluck⸗ lich fühlte er ſich, dem Fürſten ſagen zu kön⸗ nen, daß das Opfer, welches er ſo großmü⸗ thig zu bringen entſchloſſen geweſen, jetzt nicht nöthig ſey. Er erzählte ihm, daß ſein Herz einen andern Gegenſtand erwählt habe, und daß er, ehe er von des Prinzen Leiden⸗ ſchaft Kunde erhalten, feſt entſchloſſen gewe⸗ ſen ſey, eine Verbindung abzubrechen, die er nicht eingehen konnte. Der Prinz war entzückt. Seine frühere Unbefangenheit und das ſchöne Vertrauen der Freundſchaft kehrte zurück. Stolz im Be⸗ wußtſeyn, redlich gehandelt zu haben, be⸗ ſchrieb er nun den ſchweren Kampf, den ſein Herz beſtanden, und vertraute dem Freunde ſeine geheimſten Gedanken. Er durchſchauete Herrn von Tourville's Plan, und dieſelben Mittel, welche der intriguante Höfling ange⸗ wendet hatte, Graf Altenberg zu ſtürzen, dienten jetzt dazu, ihn noch höher in Gunſt — 208— zu ſetzen. Die Aufrichtigkeit des Grafen, und Chriſtinens Großmuth brachten den Dip⸗ lomaten außer Faſſung, und zerſtörten mit einem Schlag ſeinen künſtlichen Plan. Herr von Tourville's getäuſchte Erwartung, als ihm Gräfin Chriſtine den Erfolg ihrer Zu⸗ ſammenkunft mit Graf Albert erzählte, und die Vorwürfe, deren er ſich im erſten An⸗ genblick des Verdruſſes gegen die Gräfin er⸗ laubte, enthullten ihr die Gemeinheit ſeines Charakters und die Niedrigkeit ſeiner Abſich⸗ ten. Sie ſah jetzt deutlich, daß es nicht ſein Hauptzweck geweſen war, ihre Liebe zu be⸗ fördern, ſondern ſeinen eigenen Haß zu be⸗ friedigen, und warnte den jungen Grafen vor dieſem hinterliſtigen Feind. Ob Gräfin Chriſtine alle jene Eigenſchaf⸗ ten beſitze, die ſie zu dem hohen Stand, zu welchem die Liebe ſie beſtimmte, fähig machte, ſuchte Graf Albert jetzt durch ſorgfältiges Beobachten ihres Charakters zu ergründen. —,— —,— — 2⁰09— Und erſt als er ſich überzeugt hatte, daß ſie wirklich den Prinzen wahrhaft gluͤcklich ma⸗ chen, und ſein Streben nach Ruhm beför⸗ dern würde— dann erſt rieth er zur Hei⸗ rath, und erbot ſich, ihm Beiſtand zur Er⸗ reichung ſeiner Wünſche zu leiſten. Der Tod des alten Fürſten machte den Erbprinzen ſehr bald zum alleinigen Herrn ſeiner Handlungen; doch ſchien es nicht rath⸗ ſam, die Regierung mit einer Handlung zu beginnen, welche ganz gegen die Geſetze des Landes ſtritt. Dieſe heiſchten, eine Gemah⸗ lin fürſtlicher Abkunft zu erwählen, und man wußte, daß der Kaiſer es abgeſchlagen hatte, dieſen Rang, ſelbſt den Günſtlingen mächti⸗ ger Monarchen, von denen er dringend darum gebeten war, zu verleihen. Graf Altenberg ſtand hoch in der Gunſt des Kai⸗ ſers, an deſſen Hof er einige Zeit gelebt hatte; und ſein Furſt beauftragte ihn jetzt, nach Wien zu reiſen, und den Kaiſer zu ſei⸗ IV. 14 — 240— nen Zwecken zu vermögen. Dieſe Geſand⸗ ſchaft war ein neuer Donnerſchlag für den Grafen, deſſen Sehnſucht ihn nach England trieb; aber er hatte dem Fürſten ſeinen Bei⸗ ſtand zugeſichert. Er reiſte nach Wien, und erlangte endlich nach unzähligen Schwierigkei⸗ ten Gräfin Chriſtinens Erhebung in den Fur⸗ ſtenſtand. Nun deklarirte der Prinz ſeine Verlobung, und die Vermählung ward bald darauf feierlich vollzogen. Alle billigten die fürſtliche Wahl. Graf Albert erhielt von den Neuvermählten die höchſten Beweiſe der Ach⸗ tung und Gunſt. Herr von Tourville, ver⸗ rathen, verachtet und in Ungnade gefallen, zog ſich in Verzweiflung vom Hof zurück. Gleich nach ſeiner Vermählung ernannte der Fürſt Graf Albert Altenberg zu ſeinem erſten Miniſter. Doch bevor er ſein neues Amt antrat, ſobald ihn ſein Fürſt entbehren konnte, bat er um Erlaubniß, nach England zurückkehren zu dürfen. Jetzt, da die Sachen — — 211— eine ſolche Wendung genommen, und Alten⸗ berg den höchſten Poſten, wornach der Ehr⸗ geitz ſtreben konnte, erreicht hatte, geſtand ihm der alte Graf gern die Freiheit zu, nach eigener Neigung zu wählen. Und nun,» ſo ſchloß Graf Albert,«freut er ſich meiner Wahl. Selbſt einſt mit einer Engländerin verbunden, kennt er aus eigener Erfahrung die Vorzüge der engliſchen Frauen und preiſ't mich glücklich.»„ Herr und Mrß. Percy bewunderten des Grafen vorſichtiges, edles Benehmen in allen ſchwierigen Lagen, worin er ſich befunden, und erkannten die Ehre, die er ihrer Toch⸗ ter durch ſeine Wahl erzeigte; baten jedoch, ſeinen Antrag bis zum nächſten Morgen zu verſchieben, damit ſich Caroline erſt von der Bewegung, wvrin ſeine unerwartete Erſchei⸗ nung ſie geſetzt, erholt, und die Mutter Zeit gefunden hätte, ihr das ſo eben Gehörte mit⸗ zutheilen.— Graf Albert konnte ſeine Sache 14* — 212— keinen beſſern Händen vertrauen, und ſo ſchied er beruhigt. Liebe Mutter! ſagen Sie uns Alles mit einem Wort,» rief Roſamunde, als ſie mit Carolinen zurückkam, und die Eltern allein fand. Freude oder Schmerz?» Freude! und mehr Glück als wir zu hoffen wagten,» rief die entzückte Mutter, beide Töchter an ihr Herz drückend.— „Welch eine glückliche Mutter bin ich! über alle Beſchreibung glücklich!»— Mit einem dankenden Blick zum Himmel ſtimmte der Vater dieſem Ausruf bei⸗ und fügte hinzu— Und hat mir das Schickſal für die Zu⸗ kunft noch Schmerz und Elend beſtimmt, ſo bin ich nun durch ein langes Leben voll Glück⸗ ſeligkeit darauf vorbereitet. Der Verluſt des Vermögens iſt mir bei ſolchen Kindern nicht fühlbar geworden; ich habe keine ſchweren Prüfungen erduldet. Sind ſie mir noch be⸗ —— — jj— — 213— ſchieden, ſo mögen ſie kommen; noch dieſen Augenblick hoffe ich faͤhig zu ſeyn, ſie mit Kraft und Standhaftigkeit zu ertragen.“— « Wohl ſteht uns noch eine große Prü⸗ fung bevor,y ſagte Mrß. Percy.— Keine Freude ohne Schmerz. Das geliebte Kind, das wir jetzt in unſern Armen halten, wird bald nicht mehr unter uns ſeyn. Roſamun⸗ den verlieren wir nicht— aber Carolinen!2 Caroline wandte ſich ab und brach in Thränen aus. «Meine geliebte Tochter! ſo muß es nach den Geſetzen der Natur ſeyn, y ſagte ihr Vater. Wir ſind zärtliche, aber keine ſelbſt⸗ ſüchtige Eltern. Wenn Dein Glück dieſes Opfer verlangt, werden wir auch ſtark genug ſeyn, es zu bringen.* Nach Roſamundens Meinung war ein ſol⸗ ches Opfer gar nicht nöthig. Sie zweifelte nicht an des Grafen Bereitwilligkeit, Caro⸗ — 214— linen, wenn ſie es wünſchte, Macht, Ver⸗ mögen, Glanz und Vaterland aufzuopfern. & Nein,» entgegnete Caroline—&nie würde ich dieß von ihm verlangen, oder an⸗ nehmen. Pflicht und Ehre binden ihn an ſei⸗ nen Fürſten und an ſein Vaterland; und werde ich ſein Weib, ſo muß ich zu allen Opfern bereit ſeyn.» Mrß. Percy machte hier dem Geſpräch durch den Bericht von des Grafen bisheri⸗ gem Schickſal ein Ende. Roſamunde hörte der Erzählung mit einer Aufmerkſamkeit und einem Antheil zu, als ob es die Geſchichte ihres eigenen Liebhabers geweſen wäre. Als Graf Altenberg am andern, Morgen Carolinen mit der Beredſamkeit wahrer Liebe ſeinen Antrag wiederholte, verhehlte ſie ihm den Eindruck nicht, den er auf ihr Herz ge⸗ macht hatte, abe ſah auch ihren Schmerz bei dem Geda„Eltern, Schweſter, Freunde und Vaterland zu verlaſſen. Er —— — 215— ſuchte ihr Gemuͤth durch die Verſicherung zu beruhigen, daß er, wenn gleich durch Dienſt⸗ verhältniſſe genöthigt, einige Zeit in Deutſch⸗ land zu leben, England dennoch oft beſuchen, und jede Gelegenheit benutzen würde, in ein Land zurückzukehren, was ihm ſo theuer ge⸗ worden war. Auch rechnete er darauf, daß Carolinens Eltern ſie in Deutſchland beſuchen würden. So ſehr ſie ſich an dieſen erfreulichen Aus⸗ ſichten ergötzte, bangte ihr doch vor dem Le⸗ ben in einem fremden Lande, und am Hof. Nur die Liebe vermochte dieſe Einwürfe zu widerlegen, und ſie mit Muth zu erfüllen. Graf Altenberg ſah ſich genöthigt, zu ei⸗ ner beſtimmten Zeit zurückzukehren. Caroline hatte gewünſcht, den Fruͤhling ihrer Liebe im Kreiſe der Ihrigen zu verleben; doch fügte ſie ſich auch hier der Nothwendigkeit, und verlangte keinen Aufſchub. Mrß. Hungerford und Lady Jane Gran⸗ ville erhielten ſogleich Kunde von dieſer er⸗ freulichen Wendung ihres Schickſals. Mrß. Hungerford befand ſich in Pembroke mit ih⸗ ren Nichten, als ſie Carolinens Brief erhielt. Sie antwortete: & Mein liebes Kind! Ich fühle mich zehn Jahre jünger, ſeit ich Ihren letzten Brief geleſen habe; deshalb wundern Sie ſich nicht über die Raſchheit meiner Bewegungen. Ich werde Sie in den Hills, oder in der Stadt aufſuchen, ſobald ich erſt weiß, wo und wann ich Sie und Ihren lieben Grafen umarmen kann.— Ihre Mutter wird ſich erinnern, daß ich Gott am Hochzeitstage meiner Nichte, Lady Marie Barecley, gebeten habe, mich die Freude erleben zu laſſen, meine geliebte Caroline mit dem Mann ihrer Wahl vereinigt zu ſehen.— Ich erkenne dankbar, daß mir dieſes Glück, — 247— dieſe Erfüllung aller meiner irdiſchen Wün⸗ ſche verwilligt iſt. M. Eliſabeth Hunger ford. Lady Jane's Antwort lautete folgender⸗ maßen: 1 (Im engſten Vertrauen geſchrieben). Dieß iſt der letzte Brief dieſer Art, den Sie von mir bekommen; denn Sie müſſen wiſſen, oder werden es bald erfahren, daß die Briefe einer verheiratheten Frau, ſo wie alles, was ſie beſitzt, nicht mehr ihr Eigen⸗ thum iſt, ſondern dem Mann verfällt. Nur diejenigen Geheimniſſe nicht, die ſie vor der Heirath hatte. Deshalb bin ich Ihretwegen, liebe Caroline, ganz ſicher; und habe ich frü⸗ her auch manchmal eine irrige Meinung, oder irgend ein heftiges Wort über einen gewiſſen Grafen ausgeſprochen— ſo werden Sie es in Vergeſſenheit begraben. Sie hatten bei dieſer Sache Recht, ich Unrecht; und alles, was ich zu meiner Entſchuldigung ſagen kann, iſt, daß ich aus der beſten Abſicht fehlte. Ich wünſche Ihnen nun mit eben ſo aufrich⸗ tiger Freude Glück, als ob dieſe vortreffliche Heirath auf meinen Rath, unter meiner chaperonage, und durch die Gunſt und Gönnerſchaft der Mode(von wel⸗ cher Idee Ihr Vater meinen Kopf und mein Herz angefüllt glaubt) zu Stande gekommen wäre. Uebrigens hat Ihr Vater mit ſeiner Meinung doch nur halb Recht, und ſoll des⸗ halb nicht zu ſtolz darauf ſeyn. Ich werde nie zugeben, daß mein Herz Unrecht hat— am wenigſten, wenn es Sie betrifft.— Ich ſterbe faſt vor Ungeduld, Ihren Grafen zu ſehen. Geſtern hörte ich ſeiner ſehr rühmlich von einem polniſchen Edelmann erwähnen, den ich beim Herzog von Greenwich traf. Iſt es wahr, daß der Graf erſter Miniſter des Fürſten von*** geworden iſt? Der Herzog befragte mich darum, und ich ver⸗ ſorach Sr. Gnaden eine Antwort aus der — 2419— ſicherſten Quelle.— Aber ich verrieth Sie nicht.— Und nun, meine theure Caroline! be⸗ weiſen Sie, daß Sie mir jenes raſche, bei der letzten Gelegenheit ausgeſprochene Wort: sich werde Ihnen nie vergeben!“ von Grund des Herzens aus vergeben haben. Beweiſen Sie mir es dadurch, daß Sie allen Ihren Einfluß anwenden, eine Gunſt für mich zu erlangen, an deren Erreichung mein Herz hängt. Suchen Sie die Ihrigen dazu zu vermögen, in die Stadt zu kommen und von meinem Hauſe Beſitz zu nehmen. Graf Al⸗ tenberg hat, wie Sie ſagen, daſelbſt Ge⸗ ſchäfte abzumachen. Wo könnten Sie nun unterdeſſen beſſer aufgehoben ſeyn, als bei mir? Ich hoffe, Ihre lieben Eltern ſollen ſich in meinem Hauſe eben ſo heimiſch füh⸗ len, als ich mich in den Hills. Ich weiß, daß Hungerfords Sie gewiß dringend zu ſich einladen, daß Alfred und Mrß. Percy die — 220— Rechte der nahen Verwandtſchaft geltend ma⸗ chen werden— ich kann bloß an Ihr gutes Herz, an Ihren Edelmuth appelliren. Je mehr Beweggründe Sie haben zu Ihren an⸗ dern Freunden zu gehen; deſto größer wird meine Freude und Dankbarkeit ſeyn, wenn Sie mir dieſen Vorzug geben. Gönnen Sie mir, meine theure Caroline! vielleicht zum letzten Mal Ihre Geſellſchaft, deren Werth ich, obgleich eine Weltdame, vollkommen er⸗ kenne. Immer und unverändert die Ihrige. J. Granville.» Nachſchrift. Ich hoffe, Ihr Vater iſt auch meiner Meinung, daß Hochzeiten, be⸗ ſonders bei Perſonen höhern Standes, im⸗ mer öffentlich gefeiert werden müſſen. Um⸗ geben von allen Freunden und Verwandten, von der guten, alten ariſtokratiſchen Förm⸗ licheit, dem Pomp und der Pracht früherer Zeiten.— — 221— Lady Franziska Arlington war ſo eben bei mir, um ſich Ihnen als Brautjungfer anzu⸗ tragen. Ich erwiederte hierauf, daß ich nichts beſtimmen könnte, bis Sie ſelbſt kämen.— Ich bitte, kommen Sie und recht bald.“— Lady Jane's höfliche und dringende Ein⸗ ladung wurde angenommen. Caroline und die ganze Familie freuten ſich ihr dieſen Beweis der Dankbarkeit geben zu können. Temple erhielt von Lord Oldborvugh Er⸗ laubniß, Percy's in die Stadt zu begleiten, und ſo wurde beſchloſſen, beider Schweſtern Verbindung an einem Tage zu vollziehen. Doch gleich am andern Morgen nach ihrer Ankunft in London erſchien Temple mit ganz verändertem Geſicht. Hoffnung und Freude war daraus verſchwunden— er ſah blaß und verſtört aus. Roſamunden überfiel eine tödt⸗ liche Angſt, woraus ſie erſt ſeine Verſiche⸗ rung, daß das Unglück nur ſeine eigenen Aus⸗ ſichten betreffe, befreite. Die verſprochene — 222— Anſtellung war ihm zwar gegeben— das Wort des Verſprechers gehalten worden; aber die Einkünfte durch Lord Skreene's, oder Lord Skrimpſhire's Einfluß dergeſtalt geſchmä⸗ lert, daß ſie keinen verheiratheten Mann er⸗ nähren konnte. Temple wußte, daß Lord Old⸗ borough, wenn er dieſe Umſtände erführe, ſich an die höchſte Behörde wenden, und eine Aenderung der Sache erlangen würde; aber der Sekretair konnte ſich nicht entſchließen, des ermüdeten Miniſters Ruhe durch Hofin⸗ trignen zu unterbrechen, beſonders da es nur ſein perſönliches Intereſſe betraf. Auf jeden Fall mußte dieſe Angelegenheit ſeine Hochzeit verſchieben. Graf Altenberg konnte nicht laͤnger warten. Der Fuürſt drang auf ſeine baldige Zurückkunft. Neue Unruhen waren in der Stadt ausgebrochen; die Ehre erforderte ſeine ſchnelle Abreiſe. Temple ertrug dieſe getäuſchte Erwartung nicht wie ein Philoſoph, ſondern wie ein Lieb⸗ — 223— haber— das heißt ſehr ſchlecht. Roſamunde, die arme Roſamunde wandte ihren ganzen Einfluß an, ſeinen Ungeſtüm zu mildern, und ihn von raſchen Schritten abzuhalten. Die Idee, an einem Tage mit ihrer Schweſter verheirathet zu werden, nannte ſie einen kindiſchen Einfall, den man leicht aufgeben könnte; deshalb beſchwor ſie ihren erbitterten Bräutigam nichts in der Hitze der Leidenſchaft zu übereilen, ſondern ruhig zu warten, zu Lord Oldborough zurückzukehren und ſich an ihn zu wenden, falls ſeine letz⸗ ten Vorſtellungen abermals fruchtlos bleiben ſollten. Mit großem Widerſtreben ergab ſich Temple endlich in die Nothwendigkeit ſeinen Hochzeitstag weiter hinaus zu ſchieben. Ro⸗ ſamunde dachte jetzt nur an ihrer Schweſter nahe Verbindung. Mrß. Hungerford und Mrß. Mortimer langten an, und alle Freunde der Percy'ſchen — 224— Familie verſammelten ſich zu dieſer freudigen Veranlaſſung um ſie herum. Lady Jane prieß ſich glücklich, Herrn Per⸗ cy's Beiſtimmung wegen der öffentlichen Hochzeitsfeier erhalten zu haben, und ließ es ſich nun nicht nehmen, dieſe auf ihre Weiſe und nach ihrem Geſchmack einzurichten. Roſamunde machte nun die erſten An⸗ ſprüche auf die Würde, ihre Schweſter als Brautjungfer an den Altar zu begleiten. Lady Florence Pembroke hatte auch darum gebeten, und war angenommen worden. Lady Jane's Wunſch gemäß wurde noch Lady Franziska Arlington als Dritte erwählt, weil ſie die Nichte des Herzogs von Greenwich war, und weil ſie, wenn gleich ein Bischen ſelbſtſüchtig, dennoch ſtets ein beſonderes Intereſſe für Ca⸗ rolinen gezeigt und— es ſich nun ein Mal in den Kopf geſetzt hatte, ihre Brautjungfer zu ſeyn. Vierzigſtes Kapitel. Nachdem die Trauung vollzogen, die Colla⸗ tion eingenommen war, die Geſellſchaft ihre Glückwünſche angebracht und Abſchied genom⸗ men hatte, zögerte Mrß. Hungerford und ihre Tochter immer noch dem allgemeinen Beiſpiel zu folgen. „Wohl weiß ich,» ſagte Erſtere,« daß ich Sie dieſe letzten Augenblicke den Ihrigen noch überlaſſen müßte.— Doch kann ich mei⸗ nen Egvoismus entſchuldigen. Sie Alle wer⸗ den das liebe Kind hoffentlich noch oft wie⸗ derſehen— ich aber kann dieß, dem Lauf der Natur nach, nicht erwarten. Ich preiſe IV. 15 — 226— Gott, und erkenne es dankbar, daß er mich dieſen heißen Wunſch meines Herzens erfüllt ſehen ließ. Und nun, da ich Sie mit dem Mann, der Ihren ganzen Werth erkennt, verbunden weiß, ſterbe ich zufrieden. So leben Sie denn wohl, meine geliebte Caro⸗ line! Möge— Thränen erſtickten ihre Stimme; ſie riß ſich von Carolinen los, ergriff Graf Alten⸗ bergs Arm, und ſagte, als er ſie an den Wagen führte— « Sie ſind ein glücklicher Mann, Graf Al⸗ tenberg. Gott erhalte Ihnen Ihr Glück!— Nachdem Mrß. Hungerford und ihre Toch⸗ ter abgereiſt waren, ſtand der Familie noch der ſchwerſte Abſchied bevor, den Graf Al⸗ tenberg bis auf den letzten Augenblick ver⸗ ſchoben hatte. Ein jedes war bemüht gewe⸗ ſen mit äußerſter Anſtrengung ſtark zu er⸗ ſcheinen. Jetzt hielt Caroline ihre Bewegung nicht länger zurück. Ein hohes Roth wech⸗ —,— — J = 227= ſelte mit Todtenbläſſe. Roſamunde hing wei⸗ nend an ihrem Hals. Caroline konnte Mut⸗ ter und Schweſter nur ſtumm umarmen. Dann drückte ſie der Vater an ſein Herz, gab ihr ſeinen Segen und führte ſie dem Grafen zu. Unten im Hauſe erwartete ſie die treue Haushälterin und der alte Verwalter, die vom Lande zur Feier der Hochzeit hereinge⸗ kommen waren, und jetzt ihre junge Gebie⸗ terin noch ein Mal ſehen wollten. Caroline dankte ihnen beim Abſchied für alle Liebe, die ſie ihr von Kindheit an erwieſen hatten; hierauf führte ſie ihr Vater an den Wagen. Schon ſtand ſie mit einem Fuß in dem⸗ ſelben, als ſich zwei Männer ungeſtüm zwi⸗ ſchen ſie und ihren Vater drängten, und der Eine ſeine Hand auf Percy's Schulter legend die fürchterlichen Worte:«Arreſt, ſchriftlicher Befehl, Gefangener,» ausſprach. Caroline ſprang wieder aus dem Wagen, 15 — 228— und der Graf fuͤhrte ſie durch des Sherift Officiere ins Haus. «Beunruhige dich nicht, mein liebes Kind!⸗ ſagte ihr Vater mit Würde. Dieſer Ver⸗ haftsbefehl kann nur Folge eines großen Irr⸗ thums, oder einer noch größern Ungerechtig⸗ keit ſeyn. In jedem Fall werde ich Recht erlangen.“— Der Verhaftsbefehl wurde vorgezeigt. Er war von Sir Robert Percy ausgewirkt we⸗ gen einer bedeutenden Summe, den Ertrag der Intereſſen, welche Perey während der ganzen Zeit, wo er das Gut beſeſſen, recht⸗ mäßig genoſſen. Sir Robert Percy hatte ſich bei der Ue⸗ bergabe des Gutes willig finden laſſen, alle Anſprüche auf die rückſtändigen Intereſſen, gegen den Anſchlag der Verbeſſerungen, der mannichfachen Bauunkoſten, der innern Ein⸗ richtung, und des Silbergeſchirrs aufzugeben, welches alles ihm zu einem, ſeinen Forde⸗ —— ,— — — 229— rungen entſprechenden Preis ohne Vorbehalt ausgeliefert worden war. Demohngeachtet hatte er kurzlich wieder geäͤußert, daß das, was er ſich unvorſichtiger Weiſe hätte ver⸗ leiten laſſen als vollen Erſatz anzunehmen, ſeinen Anſprüchen keineswegs Genüge leiſtete; daß der Vertrag nach falſchen Berichten ab⸗ geſchloſſen, daß er nicht geſetzlich vollzogen wäre, und daß er ſeinen Anwald, Herrn Sharpe deshalb beauftragt hätte, wegen Wiedererſtattung der rechtmäßigen Forderung, vor Gericht zu gehen.— Perey hatte es nicht für möglich gehalten, daß ſelbſt Sharpe, ohne ihm Zeit zu einer Antwort auf ſeine Forderung zu laſſen, im Stande ſeyn würde, einen Verhaftsbefehl aus⸗ zuwirken, und ihn in dieſem Augenblick auf eine ſo grauſame Art vollziehen zu laſſen. Sobald Graf Altenberg von Alfred die Veranlaſſung des Arreſts und die Rothwen⸗ digkeit, Herrn Percy durch eine hinlängliche — 230— Bürgſchaft von der Gefangenſchaft zu be⸗ freien, erfahren hatte, trat er haſtig hinzu, und ſagte— « Als Ihr Sohn, Herr Percy, habe ich ein Recht zu ſprechen— ein Recht zu hoffen, daß Sie meinen Beiſtand annehmen werden. Sie wiſſen, ich beſitze in England ein Gut— wird dieß hinlängliche Bürgſchaft ſeyn 2„ Percy dankte dem Grafen, erklärte aber, daß er nicht willens ſey ſeine Freunde mit in ſein Unglück zu verwickeln. Er erklärte es für ein Uebel, aber für kein unerträgliches Uebel, einige Monate im Gefängniß zuzubrin⸗ gen, und lebte der zuverſichtlichen Hoffnung, die Ungerechtigkeit ſeiner Beſtrafung beweiſen zu können. Dann wandte er ſich zu Carv⸗ linen, und ſagte— Du weißt jetzt das Schlimmſte, meine Tochter; und von Deiner Geiſtesſtärke er⸗ warte ich die nöthige Entſchloſſenheit. Graf Altenbergs Pflicht ruft ihn zu ſeinem Fürſten —.,— — 231— zurück. Halte ihn nicht auf. Lebe wohl, meine Tochter.— Caroline ſah bald ihren Vater, bald ihren Mann mit Blicken der Verzweiflung an. Fern ſey es von mir, Dich in dieſem Augenblick von Deinem Vater trennen zu wollen,? ſagte der Graf.— Bleibe bei ihm, meine theure Caroline! Gott behüte mich davor die Bande der Natur zu trennen. Nein, bleibe bei Deinem Vater. Sobald ich mein Verſprechen erfüllt habe, und meine Pflicht es mir erlaubt, kehre ich augenblick⸗ lich zurück. Möchte dann unſer Wiederſehen glücklich ſeyn!)— Der Graf umarmte ſein zitterndes Weib mit ängſtlicher Haſt, als ob er fürchtete, daß ihn die eigene Stärke verlaſſen könnte. So trennten ſich die Liebenden, die wenige Stunden vorher geglaubt hatten, für das ganze Leben verbunden zu ſeyn. Cardline be⸗ — 232— reitete ſich darauf vor, ihren Vater ins Ge⸗ fängniß zu begleiten. Der Officier geſtattete Herrn Percy eine Friſt von 24 Stunden, um ſich einer Bürg⸗ ſchaft zu verſichern, und erlaubte ihm dieſe Zeit in einem andern Hauſe zuzubringen. Lady Jane Granville ſchlug vor, Sir Roberts Anwald aufzuſuchen und ihn zu mildern Maß⸗ regeln zu bewegen; aber Percy kannte die boshafte und rachſüchtige Natur dieſes Man⸗ nes zu gut, um irgend einen Vortheil von einem ſolchen Verſuch zu erwarten; auch er⸗ klärte Alfred dieß für einen gefährlichen Schritt, da es als ein Anerbieten, ſich zu vergleichen, oder als Anerkennung der Gül⸗ tigkeit der Anſpruche des Gegners aufgenom⸗ men werden konnte. Percy verwarf alle Geſuche und Verhand⸗ lungen mit dem niederträchtigen Anwald, und beſtand darauf, daß keiner ſeiner Freunde etwas für ihn wagen ſollte. Er dankte dem — 233— Officier für ſeine Nachſicht, erklärte es aber für das Beſte, ſogleich in das Gefängniß zu gehen, wohin er doch nach abgelaufener Friſt kommen müßte. Erdsmus und Roſamunde ſollten fürs Erſte bei Lady Jane bleiben, die durch den Vor⸗ fall im höchſten Grade erſchreckt, ihrer Pflege ſehr bedurfte. Percy, ſeine Frau und Ca⸗ roline verließen ihre gaſtfreie, elegante Woh⸗ nung und wurden nach Kings⸗bench geführt. Der Gefangenwärter, gewohnt Perſonen aus allen Ständen ſeiner Obhut übergeben zu ſehen, war ein vortrefflicher Phyſiognomiker. Das Aeußere und das Benehmen ſeines Ge⸗ fangenen, ſo wie der ihn begleitenden Da⸗ men verfehlten nicht, einen gunſtigen Eindruck auf ihn zu machen. Er behandelte ſie mit Achtung und Höflichkeit, und ließ ihnen die traurige Wahl zwiſchen den noch unbeſetzten Zimmern. Sie erwählten eine kleine, leidlich rein gehaltene Stube, welche den Vorzug — 234— eines anſtoßenden Cabinets, groß genug, Ca⸗ rolinens Bett zu faſſen, hatte. Die Einrich⸗ tung war bald gemacht. Man hörte keine Klage. Der Gefangenwärter hatte noch nie ſo ſanfte, ergebene Menſchen bei ſich geſehen. Das Gefühl, ihre Leiden nicht verſchuldet zu haben, erhob ſie über die Widerwärtigkeiten ihrer Lage; und ſo ſchliefen ſie dieſe Nacht ruhiger, als derjenige, deſſen Grauſamkeit ſie ins Gefängniß gebracht hatte. Sir Ro⸗ bert Percy, von Geitz und Rache gefoltert, brütete über neue Pläne. Seit ſeiner Verheirathung mit Mrß. Ara⸗ belle Falkoner war Sir Roberts Einrichtung ſo koſtſpielig geworden, daß er in ſteter Sorge lebte. Seine Pächter fanden täglich neue Veranlaſſung über ihren Gutsherrn zu klagen, der ihren Pacht immer erhöhte, um ſich, wie er ſagte, fuͤr die Verſchwendung ſeiner Frau zu entſchädigen. Seine Unterthanen, die ihm als dem Nachfolger und Feind ihres ge⸗ — 235— liebten Herrn nie wohl gewollt hatten, ſpra⸗ chen jetzt ihren Widerwillen unverhohlen aus; und er hörte ſelbſt von den Kindern im Dorf Vergleiche anſtellen. Dieß vermehrte ſeinen giftigen Haß. Der Hauptgrund der ihn zur Heirath bewogen hatte, die Hoffnung auf einen Erben, damit die Güter nicht wieder an den verhaßten Gegner zurückfielen, ſchlug auch fehl. Und dabei mußte er es mit an⸗ ſehen, wie dieſe Percy's, trotz dem Verluſt ihres Vermögens, ſich ihren Weg durch alle Hinderniſſe hindurch bahnten. Dieß war mehr als ſeine neidiſche, boshafte Natur ertragen konnte. Er theilte Sharpen ſeinen Kummer und ſeinen Racheplan mit, und fand an ihm einen würdigen Beiſtand. Und nachdem es ihnen gelungen war einen Verhaftsbefehl aus⸗ zuwirken, und den Gegenſtand ihrer Rache feſt zu ſehen, fühlten ſie ſich dennoch nicht befriedigt, weil Percy kein Zeichen der Nach⸗ giebigkeit oder Unterwürfigkeit verrieth, viel⸗ — 236— mehr ſeinen Sohn Alfred beauftragte die nö⸗ thigen gerichtlichen Schritte zu thun, um die Sache ſo ſchnell wie auslin zum Ausgang zu bringen. Unſere Gefangenen erwachten am andern Morgen mit dem Gefühl, daß ſich etwas Außerordentliches und Trauriges zugetragen habe. Die Begebenheiten des vorigen Ta⸗ ges erſchienen ihnen wie ein ſchrecklicher Traum, bis der Anblick der kleinen Stube und der eiſernen Gitter ſie von der traurigen Wirk⸗ lichkeit überzeugte. Caroline erhob ſich mit ſchwerem Herzen von ihrem Lager, erſchien aber dennoch mit heiterer Miene vor ihren Eltern. Während der Zubereitung des Frühſtücks berechnete ſie, wie bald ſie Nachricht von Graf Altenberg bekommen konnte. Indeß brachte der Gefangenwärter die Zeitungen. Caroline griff ſchnell darnach, um ſie ihrem Vater vorzuleſen. Ihr erſter Blick fiel auf — „— — 237— eine ausfüͤhrliche Beſchreibung ihrer eigenen Hochzeitsfeier, und Graf Altenbergs Abreiſe. Dieſe Anzeige verhinderte ſie einige Augen⸗ blicke am lauten Vorleſen. Der nächſte Ver⸗ ſuch war nicht erfolgreicher. Alle Nachrich⸗ ten aus Deutſchland erfüllten ſie mit der größten Angſt. Graf Altenberg hatte ſich nach den letz⸗ ten Depeſchen von ſeinem Hof mit der Hoff⸗ nung geſchmeichelt, daß des Fürſten kräftige Maßregeln alle Gefahr verhüten würde; aber die franzöſiſche Parthei hatte neue Intriguen angeſponnen. Alles deutete auf Revolution; und wenn den Zeitungsnachrichten Glauben beigemeſſen werden konnte, waren Bürger⸗ krieg und feindliche Einfälle unvermeidlich. Doch dieſe Nachrichten konnten übertrieben ſeyn. Caroline fand Troſt in den ſich wider⸗ ſprechenden Berichten der Gegenparthei. Indem meldete der Aufwärter, daß Herrn Percy's alter Verwalter, John, ihn zu ſpre⸗ — 238— chen wünſche. Er erſchien mit niedergeſchla⸗ gener Miene, kaum im Stande, ſeine Rüh⸗ rung zu unterdrücken, als er die geliebte Herrſchaft in ſolcher Umgebung fand. Er wollte ſeines Herrn Befehle abholen, da er nach den Hills zurückkehren mußte, konnte aber keine Worte finden. Percy ſuchte ihn durch die Verſicherung, daß er und die Sei⸗ nigen ſich nicht unglücklich fühlten, und bald wieder bei ihnen in den Hills ſeyn würden, zu tröſten. So ſchied der alte Mann mit vielen Thränen. Alfred war der nächſte Beſuch, und ſein Geſicht verkündete keine guten Nachrichten. Er hatte die Sache genau erwogen und mit ſeinen Freunden Rath gehalten, die als Rechts⸗ gelehrte wenig Troſt gaben. Der Vertrag zwiſchen ſeinem Vater und Sir Robert Percy erſchien zwar jedem Laien klar und bündig, war aber leider nicht in der Form des Rechts abgefaßt; und ſo erkannte Herr Percy, daß er, anſtatt, wie er geglaubt, nach wenigen Monaten wieder frei ſeyn zu können, jetzt nur die ſchreckliche Alternative hatte, entwe⸗ der Zeit ſeines Lebens in Kings⸗bench zu bleiben, oder ſein letztes Beſitzthum auf die⸗ ſer Erde, die Hills, zu verkaufen. Zum Glück beſaß er ein heiteres Temperament und hinlängliche Philoſophie, um ſich über zukünftige Uebel keine Sorge zu machen; vielmehr wandte er alle Geiſtesſtärke an, ſich und ſeinen Leidensgefährten die Gegenwart ſo leicht und erträglich als möglich zu machen. Sobald Roſamunde und Erasmus Lady Jane verlaſſen konnten, vereinigten ſie ſich mit der Familie, und nun wurde großer Rath gehal⸗ ten, wie man die Tage, deren bis zur gün⸗ ſtigen, oder ungünſtigen Entſcheidung noch viele verſtreichen konnten, eintheilen wollte. Mrß. Percy beſtimmte die Stunden, in wel⸗ chen ſie ihre Freunde, und wieder andere, in welchen ſie die Familie zu ſehen wünſchte, — 240— und ordnete die Beſchäftigungen des Tages. Da Roſamunde ſich es nicht nehmen ließ, abwechſelnd mit ihrer Mutter und Schweſter bei dem Vater zu bleiben, ſo hielt ſich Mrß. Percy, oder eine ihrer Töchter immer in Alfreds Hauſe auf. Lady Jane's und Mrß. Hungerfords Einladungen wurden dankbar er⸗ kannt, ader nicht angenommen, da die Fa⸗ milie ſo eingezogen als möglich zu leben wünſchte. Auf dieſe Art verſtrichen die Stunden und Tage ſo regelmäßig, daß es ihnen bald vorkam, als ob ſie nie eine andere Lebens⸗ weiſe gewohnt geweſen wären. Graf Altenbergs Briefe trugen nicht dazu bei, Carolinen zu beruhigen. Die öffent⸗ lichen Angelegenheiten waren zwar nicht ſo ſchlimm, als man ſie in den Zeitungen ſchil⸗ derte; aber Familienungluͤck ſtand ihr bevor. Gleich nach Graf Altenbergs Ankunft wurde ſein Vater tödtlich krank, ſo daß der Sohn —, — 241— nicht daran denken konnte, ihn zu verlaſſen. Jeder Poſttag brachte Carolinen neue betrü⸗ bende Nachrichten von dem Fortgang der Krankheit, die endlich mit dem Tode endete. Das Leichenbegängniß, und andere unzählige Geſchäfte, die ihm durch dieſen Trauerfall zufielen, hielten Graf Albert immer noch in der Reſidenz zurück. Endlich, nachdem alles beſeitigt, und Caroline im nächſten Brief den Tag ſeiner Abreiſe zu erfahren hoffte, forderten die öffentlichen Angelegenheiten aber⸗ maligen Aufſchub. Frankreich hatte den Krieg erklärt; franzöſiſche Truppen ſetzten ſich in Bewegung, und es mußten kräftige Anſtal⸗ ten zur Vertheidigung getroffen werden. Der feindliche General drohte, in kurzer Zeit in⸗ nerhalb der Stadtthore, und vor den Mauern des fürſtlichen Schloſſes zu ſtehen. Unter ſolchen Umſtänden war es dem Grafen un⸗ möglich, ſeinen Poſten zu verlaſſen. Seine Briefe an Caroline athmeten die zartlichſte IV. 16 — 242— Liebe, doch ſprach ſich in ihnen auch das Ge⸗ fühl aus: „Ich könnte Dich, Theure! ſo nicht lieben, Liebt' ich die Ehre nicht noch mehr!“ Sie ertrug ihr Schickſal geduldig und ohne Murren. Aber auch die arme Roſamunde litt unterdeſſen in doppelter Hinſicht; denn zu der Sorge um ihres Vaters Schickſal ge⸗ ſellte ſich noch die peinigende Ungewißheit über Temple's Loos. Mit innerm Wider⸗ ſtreben hatte er, dem Rathe ſeiner Freunde zu Folge, Bittſchriften und Memorials an den Herzog von Greenwich, Lord Skrimp⸗ ſhire, Lord Skreene und Sekretair Cope ein⸗ gereicht, die abermals ohne Erfolg geblieben waren. Nichts vermochte ihn, ſich deshalb an Lord Oldborough zu wenden. Er hatte einige Wochen mit ſeinem alten Gebieter in der Einſamkeit zugebracht, ohne auch nur ei⸗ nen Wink von ſeinen Leiden fallen zu laſſen. Immer hoffte er noch, Lord Skreene's Ver⸗ —,.,—ÿ————— — 243— ſprechen, daß die Angelegenheit während ſeiner Abweſenheit zu ſeiner Zufriedenheit arrangirt werden ſollte,» erfüllt zu finden. Aber Sr. Herrlichkeit entſchuldigte ſich wie⸗ derum mit leeren Ausflüchten, und ſchob die Schuld auf Andere. Es mußte von Neuem mit Vorſtellungen und Bittſchriften angefan⸗ gen werden. Temple's Stolz empörte ſich, er gerieth in Verzweiflung. Roſamunde be⸗ merkte mit Angſt den Eindruck, den dieſe getäuſchten Erwartungen auf Temple's Ge⸗ müth und Geſundheit machten. Sie ſuchte ihn durch liebevolle Worte aufzurichten und zu einem thätigen Leben zurückzuführen; und es gelang ihr wenigſtens, ihn dazu zu ver⸗ mögen, ſeine Zeit einem früher begonnenen Werk zu widmen. Ein neuer, unerwarteter Schlag traf jetzt die Familie. Mehrere raſch auf einander folgende Briefe von Major Gaskoigne hat⸗ ten die befriedigenſten Nachrichten von Gott⸗ 16* — 244— fried gegeben, und ſeine baldige Ankunft ge⸗ meldet. Gerade als ſein Vater ihn zurück⸗ erwartete, erſchreckte ihn die Botſchaft, daß das Fahrzeug, auf welches Major Percy's Diviſion eingeſchifft geweſen, durch einen Windſtoß in der Nacht von den übrigen Schif⸗ fen getrennt, und, wie man vermuthete, vom Feinde genommen worden ſey. Im erſten Augenblick hofften Percy's, daß es ein fal⸗ ſches Gerücht ſeyn könne; aber leider beſtä⸗ tigten nicht allein die Zeitungen, ſondern auch eine öffentliche Bekanntmachung, daß das Fahrzeug wirklich einem holländiſchen Schiff in die Hände gefallen ſey. Major Gaskoigne langte glücklich mit ſeiner Diviſion an, und ſo blieb kein Zweifel über Gott⸗ frieds Loos. Mehrere Wochen verſtrichen, ohne daß man etwas von ſeinem Schickſal erfuhr. Dieſe ſchreckliche Ungewißheit traf die unglückliche Familie härter, als alle an⸗ dern Leiden. — 245— Der eine Sohn in Gefangenſchaft, der Schwiegerſoh in einer ſehr gefährlichen Lage. Carolinens Farbe ſchwand; ihre Geſundheit litt durch die ſtete Angſt.— Roſamunde und Temple ſchwebten zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung. Percy's eigene Freiheit hing von dem Ausganz einer Unterſuchung ab, auf welche weder ſein Charakter, noch ſeine Fähigkeiten irgend einen Einfluß haben konnten, und deſ⸗ ſen Ausſpruch ſich durch keine Anſtrengung beſchleunigen ließ. Ungewißheit iſt für indolente Menſchen, die nicht im Stande ſind, ſich ihr Schickſal durch eigene Kraft zu erleichtern, nicht ſchwer zu ertragen; aber für ſolche, welche Energie und Muth genug haben, um Hinderniſſe zu beſtegen, und Gefahren Trotz zu bieten, mehr als Höllenqual. 3 — Ein und vierzigſtes Kapitel. X Doch kehren wir wieder zu der Falkoner⸗ ſchen Familie zurück.— Seit der Verheira⸗ thung Miß Falkoners mit Sir Robert Percy hatte aller Verkehr zwiſchen der Falkonerſchen Familie und der andern Percy'ſchen Branche aufgehört. Daher erſtaunte Alfred nicht we⸗ nig, als er eines Morgens den Finanzrath Falkoner bei ſich eintreten ſah. Der arme Mann ſchien, nach ſeinem blaſ⸗ ſen, elenden Ausſehen zu ſchließen, im höch⸗ ſten Grade leidend zu ſeyn. Er bezeugte dem jungen Advokaten ſein Mitleid über das neue Familienunglück, welches Alfred mit Höflichkeit, aber mit dem ſtolzen Bewußtſeyn, — ) — 247— unverſchuldet zu leiden, aufnahm. Nachdem der Finanzrath eine übermäßige Priſe genom⸗ men, und einige Mal hörbar geſeufzt hatte, äußerte er ſich in den ſtärkſten Ausdrücken über ſeines Schwiegerſohnes grauſame Maß⸗ regel gegen ſeinen Vetter Percy, von wel⸗ cher er vorher keine Kenntniß gehabt. Er erzählte, daß Sir Robert ſich ſeit ſeiner Ver⸗ heirathung ſehr ſchlecht betragen, und auch ſeine Frau zu einem unkindlichen Benehmen gegen ihre eigene Familie verleitet habe. Daß die unnatürliche Tochter ihrer Mutter und Schweſter, zu einer Zeit, wo ſie ſich ge⸗ ſehnt, die Stadt auf wenige Wochen zu ver⸗ laſſen, eine Zuflucht bei ſich verweigert, und Sir Robert hinzugefügt habe, daß er ſich nicht mit in das Unglück und die Schande einer Familie verwickeln laſſen wolle, die ihn dazu vermocht, ein Mädchen ohne Vermögen zu heirathen. f Der Haß, mit welchem ſich der Finanz⸗ — — 248— rath uͤber ſeinen Schwiegerſohn ausſprach, und ſeine früher an den Tag gelegten Ge⸗ ſinnungen überzeugten Alfred vollkommen, daß Falkoner keinen Theil an dem grauſamen Ver⸗ haft ſeines Vaters hatte. Der Finanzrath war kein böſer, aber ein ſchwacher Mann; unfähig, ein uneigennütziger Freund zu ſeyn, aber eben ſo unfähig, ein boshafter Feind zu werden. Er ging nun auf ſeine eigenen Angelegenheiten, und dem Zweck ſeines Be⸗ ſuchs über. In allen ſeinen Hoffnungen von der Greenwichſchen Parthei betrogen, welche die fatale Geſchichte mit Mrß. Falkoner zum Vorwand genommen hatte, ihn ganz fallen zu laſſen, da ſie ſeiner nach Lord Oldboroughs Abtretung ferner nicht mehr bedurfte, war er jetzt wirklich der Verzweiflung nahe. Alle, Cunningham früher gegebenen Verſprechun⸗ gen waren vergeſſen, oder wurden abgeläug⸗ net. Man hatte es abgeſchlagen, ihn am däniſchen Hof zu akkreditiren; ja ſogar die — 249— Unkoſten dieſer Reiſe zu tragen, die aller⸗ dings beträchtlich waren, weil er es fuͤr nö⸗ thig gehalten, als Geſandter zu reiſen. In Erwartung der Ankunft ſeines Crediental⸗ ſchreibens hatte er mehrere Wochen lang ein glänzendes Haus in Copenhagen gemacht. Sobald es indeß bekannt geworden, daß ein anderer Geſandter ernannt war, hatten ſich Cunningham's Gläubiger geregt, worauf er verſucht, in der Nacht heimlich von Copen⸗ hagen zu entfliehen, und ſeine Reiſe nach Hauſe inkognito fortzuſetzen. Dieß war aber nicht geglückt; man hatte ihn in einer der kleinen Grenzſtädte feſtgehalten und ins Ge⸗ fängniß geſteckt. Der Finanzrath zeigte des Sohnes Brief, worin er ſeinen Verhaft, und die ſchreckliche Ausſicht, ſo lange im Kerker zu ſchmachten, bis die Schulden in Copenha⸗ gen bezahlt wären, berichtete. Wir erſparen dem Leſer die gerechten Klagen, in welche der unglückliche Vater über — 250— des Sohnes Falſchheit ausbrach. Es iſt mein Schickſal,» ſagte er,«durch diejenigen ins Unglück geſtürzt zu werden, für welche ich ſeit Jahren Tag und Nacht gearbeitet habe. Und jetzt bin ich ſo weit gekommen, die letzten Felder meines väterlichen Erbes verkaufen zu müſſen; es bleibt mir nichts als Falkonerhof und mein jährliches Einkom⸗ men. Richts!— aber es muß geſchehen, ſo unkindlich er ſich auch gegen mich benommen hat— ich muß das Geld bezahlen. Er ſitzt im Gefängniß, und kann ohne dieſe Summe nicht loskommen. Ich habe hier, wie Sie ſehen können, von der Hand der oberſten Magiſtratsperſon eine ſchriftliche— doch ich will Sie nicht damit bemühen, alle dieſe Pa⸗ piere durchzuſehen— Es gereicht mir zum Troſt, mit einem theilnehmenden Menſchen von meinen Leiden zu ſprechen. Ach! wenn man ohne Amt, ohne Vermögen, ohne Gön⸗ ner iſt— das Seinige verkaufen muß! wie — —y — 251— ändern ſich dann die Menſchen!— Aber ich raube Ihnen Ihre koſtbare Zeit.— Da dieſe Ländereien ein Mal verkauft werden müſſen, ſage ich, je eher, je lieber. Ihr Vater iſt, wie Sie wiſſen, Zeuge bei meinem Heiraths⸗ contrakt geweſen, und ich glaube ſeine Ein⸗ willigung und ſeine Unterſchrift bei dem Ver⸗ kauf nöthig zu haben. Ich bin kein Rechts⸗ gelehrter, weiß nicht, was dazu gehört, und meinen Anwald, Herrn Sharpe, habe ich abgedankt. Vielleicht erlauben Sie mir, Ih⸗ ren Händen das Geſchäft zu übergeben.» Alfred übernahm es, verſprach die Pa⸗ piere ſogleich durchzuſehen und dann den Ver⸗ kauf, und die Bedingungen, unter welchen er vor ſich gehen ſollte, bekannt zu machen. Der Finanzrath dankte ihm für das freund⸗ liche Anerbieten, und ließ die piere aus ſeinem, unten haltenden Wagen herauf brin⸗ gen. Darauf nahm er Abſchied und wollte ſich entfernen; aber Alfred bat ihn zu blei⸗ — 252— ben, bis er ein Verzeichniß von den Urkun⸗ den genommen habe, da er es ſich zum Ge⸗ ſetz gemacht, nie Papiere zu übernehmen, ohne einen Empfangſchein darüber zu geben. Der Finanzrath hielt dieß für eine überflüßige Ceremonie zwiſchen Freunden und Verwand⸗ ten; aber Alfred entgegnete, adaß Verwandte vielleicht öfterer Freunde blieben, wenn ſie in Geſchäftsſachen ſo mit einander verführen, wie mit Fremden.» „Sie werden ein Verzeichniß der Urkun⸗ den in der Mappe finden, Herr Percy und brauchen es blos zu unterzeichnen.» Sobald ich die Papiere mit dem Ver⸗ zeichniß verglichen habe, werde ich es unter⸗ zeichnen,» erwiederte Alfred; sich will die Arbeit ſogleich mit meinem Schreiber be⸗ ginnen.) Der Finanzrath verwünſchte im Stillen Alfreds Genauigkeit, ſah ſich aber doch ge⸗ nöthigt nachzugeben. Er ſetzte ſich wieder — —y— —— nieder. Der Schreiber wurde zebole, die Mappe geöffnet. Alfred fand ein Verzeichniß der Papiere von Buckhurſt Falkoners Hand, und der Fi⸗ nanzrath erinnerte ſich nun der Zeit, wo er es aufgeſetzt; gerade als der arme Buckhurſt mit mir im Streit lag wegen dem geiſtlichen Stand. Er war damals ſchrecklich verliebt in Ihre Schweſter Caroline.» « Dieß ſieht auch aus, als ob es ein Ver⸗ liebter geſchrieben hat,y ſagte Alfred lächelnd, nachdem er das unleſerliche Gekritzel durch⸗ laufen.— Noch ein Grund mehr die Pa⸗ piere zu vergleichen.» «Gut— gut! Ich nahm ſie alle auf Treu und Glauben. Da ich kein Rechtsge⸗ lehrter bin, ſah ich ſie nie durch, und be⸗ dauere es jetzt thun zu müſſen“ Immer mit neuen Plänen und Luftſchlöſ⸗ ſern beſchäftigt, hatte ſich der Finanzrath um ſeine Papiere und dergleichen Dinge niemals — 254— 8 bekümmert. Während Alfred noch mit dem Ver⸗ gleichen der Liſte und der Urkunden beſchaͤf⸗ tigt war, ließ ſich der Finanzrath über Ca⸗ rolinens Heirath aus, fragte, wann der Graf zurückerwartet würde, oder wenn Caroline zu ihm ginge? Zwei Worte des Grafen an den Herzog von Greenwich würden hinrei⸗ chend ſeyn, dieſen für Cunningham zu ſtimmen. Der bedrängte Vater ſehnte ſich dem Schwa⸗ ger des Grafen hierüber einen Wink zu ge⸗ ben; aber ehe dieſe Pergamentrollen nicht alle gezählt waren, ſchien jeder Verſuch dazu vergebens. Der Finanzrath erwartete in höchſter Un⸗ geduld das letzte Paket ab. 1 Paket 18!» rief der Schreiber. « Paket 18! erwiederte Alfred. Wie viel Nummern enthält es?„ 66,» ſagte der Schreiber. 2 „Nein 7,» rief Alfred. «Aber 6 ſtehen im Verzeichniß.) — „— Alfred warf einen Blick auf das Papier, rieß es aus den Händen des Schreibers, ſprang mit einem Ausruf der Freude auf, zog die Klingel, beſtellte einen Wagen, un⸗ terzeichnete dann das Verzeichniß des Finanz⸗ raths, gab es ihm zurück und machte die Mappe wieder zu. Dieß geſchah alles mit einer ſolchen Haſt, daß der Finanzrath we⸗ der Zeit hatte ſich von ſeinem Erſtaunen zu erholen, noch ſeine Neugier auszudrücken. Bis der Wagen kam, hatte Alfred endlich ſo viel Ruhe erlangt, um dem erſtaunten Vet⸗ ter den Grund ſeiner Freude zu erklären. Das Papier war Sir John Percy's Ur⸗ kunde, die lang verlorne Urkunde, deren Verluſt ſeinem Vater Gut und Freiheit ge⸗ koſtet hatte. Buckhurſt Falkoner mußte das Papier, wie es ſchien aus Verſehen, in die Mappe gelegt haben. Der Finanzrath erinnerte ſich jetzt, daß mehrere von Herrn Percy's Schriften mit auf dem Tiſch ge⸗ legen, woran Buckhurſt geſeſſen, und daß — 256— er gewarnt worden ſey, ſie nicht zu verwech⸗ ſeln. Alfred war damals nicht in Perey⸗hall geweſen; man hatte nicht an die Urkunde ge⸗ dacht, und ſie war nicht vermißt worden, bis nach jener Feuersbrunſt. Und als ſie ſich damals, trotz der ſorgfältigſten Nachſuchung, nicht fand, glaubte man ſie mit verbrannt. Alfred hörte weder auf des Finanzraths Glückwünſche, noch auf ſeine Entſchuldigungen wegen Buckhurſts Nachläßigkeit; ſondern eilte fort ſeinen Eltern und Carolinen die frohe Bothſchaft zu hinterbringen. Roſamunden und ſeine Frau nahm er mit in den Wagen, und ſagte ihnen, ſie würden gleich ſehen, wohin und wozu er ſie mit⸗ genommen. Vergebens ſtrengte Roſamunde ihren Scharfſinn an, Alfreds Abſicht zu er⸗ rathen. Als ſie endlich in die Nähe des Gefäng⸗ niſſes kamen, führte ſie ihre raſche Einbil⸗ 3 dungskraft über die Wahrheit hinaus. Sie — 257— glaubte, ihr Bruder habe auf die eine, oder die andere Art des Vaters Befreiung be⸗ wirkt. Alfred ſtellte ihr vergebens das Un⸗ mögliche dieſes Glaubens vor. Die Idee der plötzlichen Befreiung ihres Vaters, hatte ſich ſo feſt bei ihr geſetzt, daß ſie ſich, bis ſie dort anlangten, in allen möglichen und un⸗ möglichen Fällen erſchöpfte. Als Percy ſeinen Sohn erblickte, rief er ihm zu— Alfred, Dein Geſicht verkündet gute Nachrichten.» Alfred legte Sir John Percy's Urkunde vor ſeinen Vater hin, und erzählte, wie ſie ſich gefunden. Er genoß nur wenige Augen⸗ blicke den Anblick der allgemeinen Freude, griff dann nach ſeinem Hut und lief fort, um keine Zeit zu verlieren. Er ſchrieb nun gleich an Sir Robert Percy, benachrichtigte ihn, daß Sir John's Urkunde gefunden ſey, und einem Jeden, den IV. 17 — 258— er deshalb zu ihm ſchicken wolle, gezeigt werden könne. Die nächſten Tage verſtrichen ohne eine Antwort von Sir Robert. Endlich erſchien ſein Anwald, Herr Sharpe, und unterſuchte die Urkunde in Alfreds Gegenwart, da die⸗ ſer ſie nicht aus den Händen laſſen wollte. Er notirte ſich die Namen der Zeugen, den Datum und andere Einzelnheiten, um, wie er ſagte, Sir Robert von der Wichtigkeit der Urkunde zu überzeugen. Sharpe bewachte während dieſer Zuſammenkunft ſeine Blicke und Worte auf das Sorgfältigſte, ließ ſich auf keine entſcheidende Antwort ein, und ver⸗ ſprach nun an Sir Robert darüber zu ſchrei⸗ ben. Alfred glaubte, daß ſie blos deshalb eine Antwort zu geben vermieden, um ſeinen Vater noch einige Monate länger als Gefan⸗ genen zu halten. Er that die nöthigen Schritte, die Sache ſogleich zur Unterſuchung zu brin⸗ gen, ohne erſt eine Antwort von Sir Robert — 239— abzuwarten. Auch erfolgte von ihm kein Schreiben, ſondern von ſeinem Anwald fol⸗ gende Note— Mein Herr! Ich bin von Sir Robert Percy beauftragt, Sie, in Erwiederung Ihres Schreibens vom 20. d. M. zu benachrichtigen, daß er, da er ſeinen Anſpruch auf das Percy'ſche Beſitzthum durch die Schrift, worauf Sie anſpielen, auf keine Weiſe für aufgehoben erkannt, ſeine jetzige Klage wegen der rückſtändigen Inte⸗ reſſen nicht zurücknehmen kann. Sir Robert hat mich als ſeinen Anwald beauftragt, ſeine Vertheidigung gegen Ihre Anſprüche zu übernehmen. Ich habe die Ehre zu unterzeichnen Ihr gehorſamer Diener A. Sharpce. Dieſe Antwort verſetzte Alfred in Erſtau⸗ nen, aber zugleich auch in die höchſte Be⸗ 17*½ * — 260— ſturzung. Er war zwar feſt überzeugt, daß die Bosheit ſeiner Gegner alles verſuchen wuͤrde, um die Gefangenſchaft ſeines Vaters zu verlängern; aber die Möglichkeit ſich zu vertheidigen, und auf eine neue Unterſuchung der Urkunde zu dringen, hatte er ſelbſt nicht von der frechſten Unverſchämtheit erwartet. Er zog Herrn Freund zu Rathe, welcher nach genauer Prüfung des Briefs nicht er⸗ gründen konnte, worin die Vertheidigung be⸗ ſtehen würde, da die Urkunde nach der ſorg⸗ fältigſten Unterſuchung in gehöriger Form ab⸗ gefaßt ſchien. Im Ganzen war Herr Freund/ der Meinung, daß der Brief bloß die Ab⸗ ſicht habe, die Kläger zu beunruhigen, und ſie zum Anerbieten eines Vergleichs zu vermö⸗ gen. Hierin wurde Alfred am folgenden Tage durch ein Zuſammentreffen mit Sharpe, von ſeiner Seite zufällig, aber von dem An⸗ wald abſichtlich herbeigeführt, beſtärkt. Nachdem er den jungen Advokaten durch „ — 261— Winke und Seitenwege, die dieſer theils wirklich nicht verſtand, theils auch nicht ver⸗ ſtehen wollte, zu ſeinem eigentlichen Vorſchlag vorzubereiten geſucht hatte, ſah er ſich genö⸗ thigt, offen damit hervorzutreten. Er ſchlug eine Theilung des ganzen Beſitzthums vor, ver⸗ ſicherte auf ſeine Ehre, daß das Anerbieten von Sir Robert angenommen werden wuͤrde, und daß er dieſen Vorſchlag als wahrer Freund ſeines Vaters thäte. « Unmöglich, Herr!» rief Alfred ent⸗ rüſtet— Aunmöglich können Sie mich für ſo thörigt halten? Meinen Sie, ich würde die Hälfte des Beſitzthums aufgeben, da ich weiß, daß ich ein Recht auf das Ganze habe? So ängſtlich wir auch den Augenblick erwar⸗ ten, unſern Vater aus dem Gefängniß, worin er ſo ungerecht und grauſam feſtgehalten wird, befreit zu ſehen; ſo können Sie doch ver⸗ ſichert ſeyn, daß mein Vater mir nie erlau⸗ — 262— ben wird, ſolch ein Opfer zu bringen, als Sie mir eben vorgeſchlagen haben.» Vorgeſchlagen? verzeihen Sie, ich ſchlug nichts vor, weit davon entfernt; ich ſetzte bloß den Fall. Aber nur noch ein Wort, Herr Percy,» rief Sharpe ſeinen Gegner feſthaltend, der ſich von ihm loszumachen ſtrebte— Ihres eigenen, Ihres Vaters Vortheil wegen— Sie ſehen die Sache aus einem falſchen Geſichtspunkt an, wenn Sie glauben, daß eine längere Gefangenſchaft alles iſt, was aus ihrer Weigerung entſtehen kann. Verlaſſen Sie ſich auf mich; wenn es zur Unterſuchung kommt, werden Sie nie zum Beſitz des Guts gelangen.» ⸗Wenn Sie wirklich dieſer Meinung ſind, Herr Sharpe, ſo verrathen Sie das Inte⸗ reſſe Ihres Clienten, indem Sie mich war⸗ nen, es nicht zur Unterſuchung kommen zu laſſen) 1 — 263— „Lieber Himmel! das iſt ja eine Sache, die wir Beide mit einander abzumachen haben.* „Verzeihen Sie, Herr! das haben Sie mit ſich und Ihrem Gewiſſen abzumachen.“— O, was das betrifft, mein Gewiſſen iſt ruhig, wenn ich den Skandal eines öffent⸗ lichen Streits zwiſchen Verwandten zu ver⸗ hindern ſuche.— Deshalb laſſen Sie mich Ihnen eine Nachricht mittheilen, die Sir Ro⸗ bert, wie ich weiß, nicht vor der Unterſuchung bekannt gemacht wünſcht.» Sagen Sie mir nichts! ich will nichts davon hören. Entſchuldigen Sie mich,» rief Alfred, indem er ſich von ihm losriß und ſchnell forteilte. Sharpe folgte ihm mit raſchen Schritten. „Auf jeden Fall darf das eben Geſagte nicht weiter kommen— Sie werden nicht ver⸗ geſſen—» „ Herr, ich werde nie vergeſſen, daß ich — 264— ein Mann von Ehre bin,»y entgegnete Al⸗ fred ſtolz. Sharpe verließ ihn, indem er noch hin⸗ zufügte— Sie werden es bereuen, wenn Sie den Tag der Unterſuchung erleben.» Alfred beharrte auf ſeinem Entſchluß, feſt uͤberzeugt, daß Sir Robert nur deshalb einen Vergleich wünſchte, um ſich die Hälfte eines Beſitzthums zu erhalten, zu deſſen völliger Entſagung ihn das Geſetz zwingen würde. Nun beunruhigten ihn auch die Vorbereitun⸗ gen ſeiner Gegner nicht mehr; er war über⸗ zeugt, daß ſie es nicht zur Unterſuchung kommen laſſen würden. Aber einige Zeit verſtrich, ohne daß ſie ihren Vorſatz aufge⸗ geben hätten. Unterdeſſen langte folgender Brief von Gottfried an. Liebe Eltern, Bruͤder und Schweſtern! Ich hoffe Sie ſind nicht in Sorgen um mich; dann ich befinde mich wohl und geſund, —4 und im vortrefflichſten Quartier, nämlich im Hauſe von Myn Herr Grinderwald, Gröns⸗ wald und Slidderſchild zu Amſterdam— bei denſelben holländiſchen Kaufleuten, die vor einigen Jahren an unſerer Küſte Schiffbruch litten. Und wenn ſich die Sache geſtern zu⸗ getragen hätte, könnte ſie nicht friſcher in ihrem Andenken ſeyn.— Liebe Roſamunde! als wir damals über ihre kauderwelſchen Na⸗ men, über ihre wohlgenährten Geſtalten, und üͤber ihre, beim Abſchied feierlich ausgeſpro⸗ chene Bitte, ſich an ſie zu wenden, wenn uns das Schickſal ein Mal in Verlegenheit bringen ſollte, lachten, dachten wir nicht, daß ich als Gefangener wirklich kommen würde, ein Unterkommen an ihrer Thür zu ſuchen. Und ſehr gaſtfrei bin ich aufgenommen wor⸗ den. Ein früh eingeſogenes Volksvorurtheil hatte mich gelehrt, daß der Holländer nur an ſich ſelbſt denkt, und nie etwas für Andere thut. Jetzt kann ich aus Erfahrung ſagen, — 266— daß ich in Amſterdam eben ſo gaſtfrei auf⸗ genommen worden bin als in London. Dieſe ehrlichen Kaufleute haben mich mit Höflichkei⸗ ten und reellen Dienſten überhäuft, und glau⸗ ben immer noch nicht genug für mich gethan zu haben. Ich wünſchte ſie ein Mal wieder auf eng⸗ liſchen Grund und Boden zu ſehen; aber wir haben kein Percy⸗ hall mehr ſie aufzunehmen. So viel ich mir noch von den Hills zu er⸗ innern weiß, könnten wir dort immer nur Einen auf ein Mal beherbergen. Neben einander aufgeſtellt, wie ſie damals beim Ab⸗ ſchied nach dem Frühſtück in Percy⸗ hall ſtan⸗ den, würden ſie das Vorzimmer in den Hills ganz ausfüllen. Ich habe Urſache, heute in der beſten Laune zu ſeyn; denn dieſe guten Leute er⸗ zählen mir eben, daß ſie die zweckmäßigſten Maßregeln zu meiner Auswechslung getroffen haben, und daß ich, falls dieſe glücklich aus⸗ — — — — 267— fallen, in 8 oder 14 Tagen auf dem Weg nach England ſeyn kann. Unterdeſſen wundern Sie ſich vielleicht, wie ich hierher gekommen bin; denn ich merke, daß ich ein Mal wieder Roſamun⸗ dens Vorwurf, meine Geſchichte immer am Ende anzufangen, verdiene. Mein Vater pflegt zu ſagen, die Hälfte der Mißverſtänd⸗ niſſe entſtehen daher, weil wir ſo vieles als bekannt vorausſetzen. Aber ich glaube es doch für bekannt annehmen zu können, daß Sie, entweder aus den Zeitungen, oder durch Gaskoigne, der ſchon lange in England ſeyn muß, erfahren haben, daß das Schiff, wor⸗ auf ich mich mit meiner Dioiſion befand, durch den Sturm in der Nacht des 18. von den andern Fahrzeugen getrennt wurde, und beim Anbruch des Tages mit zwei Hollän⸗ dern zuſammentraf. Unſere tapferen Jungen fochten, wie das engliſche Schiffsvolk immer zu fechten pflegt— aber jetzt iſt alles vor⸗ — 268— bei, und es hilft nicht darüber zu ſchwatzen. Zwei gegen Einen war zuviel— Wir wur⸗ den gefangen. Ich war noch nicht fünf Mi⸗ nuten auf dem holländiſchen Verdeck, als ich einen Schiffer bemerkte, der mich ſehr auf⸗ merkſam betrachtete. Er kam gleich auf mich zu, und fragte: ob mein Name Percy ſey? und ob ich mich nicht erinnern könne, ihn ſchon ein Mal geſehen zu haben? Er er⸗ wähnte des Schiffbruchs und ſagte, daß er einer jener Schiffer ſey, die mein Vater in dem Seitengebäude beherbergt habe, wäh⸗ rend das Schiff ausgebeſſert wurde. Ich fragte, was aus dem verſoffenen Zimmer⸗ mann geworden wäre, und erzählte ihm, welches Unglück uns des Hallunken Sorg⸗ loſigkeit zugezogen hatte. Mein Schiffer er⸗ ſchrack gewaltig über die Nachricht von dem Feuer in Percy⸗hall; er ſchlug ſich mit der Fauſt auf die Bruſt, daß ich glaubte, er hätte ſich das Bruſtbein zerſchlagen. Und nachdem — ——— — 269— er ſein Herz durch Fluchen und Schwören, halb hollaͤndiſch und halb engliſch, über den betrunkenen Landsmann erleichtert hatte, er⸗ zählte er mir, daß man ihn eines Morgens todt hinter einem Weinfaß, woraus er in der Nacht, verſtohlener Weiſe durch einen Strohhalm getrunken, gefunden habe.— Thei⸗ len Sie dieſes tragiſche Ende unſerm guten alten Verwalter mit, welcher immer prophe⸗ zeite, daß der Kerl auf eine ungewöhnliche Weiſe aus der Welt gehen würde. Ver⸗ ſichern Sie ihm aber auch zugleich, daß die holläͤndiſchen Schiffer nicht alle ſeine Ver⸗ wünſchungen verdienten. Für den armen Kerl, der mich hier auf dem Schiff wieder erkannte, kann ich ſtehen. Während der ganzen Reiſe war er bemüht, mir und meinen Mitge⸗ fangenen, ja ſelbſt den niedrigſten Soldaten, ſo viel kleine Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, als in ſeiner Macht ſtand. Er erinnerte mich, bei unſerer Ankunft in Amſterdam an — 270— die holländiſchen Kaufleute, nannte mir ihre Namen, auf welche ich mich ohne ſeinen Bei⸗ ſtand nimmermehr hätte beſinnen können, führte mich zu ihnen hin, und ruhte nicht eher, bis er mich dort wohl eingerichtet ſah. Nun werden Sie wohl eine umſtändliche Beſchreibung dieſer Stadt von mir erwarten. Aber vergebens; denn in dieſem Augenblick tritt ein Mann in meine Stube, der dem Brief ſchnell ein Ende macht— Herr Gres⸗ ham! Er war eben vom Lande zuruͤckgekehrt, wo er einige Wochen zugebracht hatte. Die holländiſchen Kaufleute wußten nicht, daß er mit unſerer Familie bekannt war, erwähnten ſeiner daher nie gegen mich, noch meiner gegen ihn. So war unſer Erſtaunen beim Zuſammentreffen groß und gegenſeitig. Welche Freude für einen armen Gefangenen, in ei⸗ nem fremden Lande einen Bekannten aus Alt⸗England zu finden, der von unſern fer⸗ nen Lieben zu erzählen weiß! Ich hatte — 271— Herrn Gresham vorher nie geſehen, war aber durch Ihre ſchriftliche Beſchreibung voll⸗ kommen mit ihm bekannt. Ich liebe ihn un⸗ gemein(um mich eines Lieblingswortes von Roſamunden zu bedienen). Er fand Briefe von dem jungen Henry, aus welchen er mir eben vorlieſt, daß Caroline im Be⸗ griff ſteht, Graf Altenberg zu heirathen. Iſt es möglich?— In den letzten Briefen er⸗ wähnten Sie gar nichts davon. Es müſſen Briefe verloren gegangen ſeyn. Schreiben Sie doch gleich wieder, und nehmen es nicht für gewiß an, daß ich zu Hauſe ſeyn werde, ehe mich ein Brief erreicht. Wie wünſchte ich, bei Ihnen ſeyn zu können! Groͤnswald ſiegelt ſeine Briefe nach London und ſagt, er müſſe den meinigen jetzt haben, oder nie. Leben Sie wohl! Schreiben Sie ausführ⸗ lich, Sie können für einen armen Gefange⸗ nen nicht zu umſtändlich ſeyn. Ihr vor Neu⸗ gier brennender Sohn Gottfried Percy. = 22— „Ein Glück, daß Henry's Brief vor Ca⸗ rolinens Hochzeitstag abgegangen war, ſonſt hätte Gottfried den ſchrecklichen Ausgang die⸗ ſes Tages, und ſeines Vaters Verhaftung erfahren. Während die Familie darüber be⸗ rathſchlagte, ob man ſeinen Wunſch gewähren und alles Vorgefallene melden ſollte oder nicht, kam ein Brief von Gresham an Henry, mit der Nachricht, daß Gottfrieds Auswechs⸗ lung wirklich zu Stande gekommen ſey, und daß er mit einem, nach England beſtimmten Schiff nächſte Woche abſegeln werde. So konnte ihn alſo kein Brief mehr in Amſter⸗ dam treffen. Man berechnete, daß Gottfried, wenn Wind und Wetter günſtig blieben, gerade zur Zeit der Unterſuchung anlangen würde. Dieß vermehrte einiger Maßen Alfreds Angſt wegen des Ausgangs. Andere Umſtände tru⸗ gen noch dazu bei, ſie bis auf den höchſten Punkt zu ſteigern. — 273— Lord Oldborough, ſehr erſtaunt, weder Temple zu ſehen, noch etwas von ſeiner Hei⸗ rath zu hören, ſchrieb an ihn und erkundigte ſich, was ſeine verſprochene Rückkehr nach Clermont⸗Park verzögert habe? In der ge⸗ wiſſen Vorausſetzung, daß er verheirathet ſey, bat Sr. Herrlichkeit in den verbindlichſten Ausdrücken, ⸗daß er ſeine junge Frau bere⸗ den möchte, die Einſamkeit eines alten Staats⸗ mannes durch ihre muntere Geſellſchaft zu er⸗ heitern.“— Er wagte dieſe Bitte als Freund ihres Vaters, im feſten Vertrauen auf ihre Güte. In Erwiederung dieſes Briefes erzählte Temple ſeinem Freund und Gebieter, wo⸗ durch ſeine Heirath verſchoben worden ſey, und weshalb er bis jetzt angeſtanden habe, Sr. Herrlichkeit mit dieſer Sache zu behel⸗ ligen.— Der entrüſtete Staatsmann brach ein Mal, und nur ein Mal in verächtliche Ausrufun⸗ IV. 18 — 274— gen uͤber die unbegreifliche Gemeinheit Lord Skrimpſhire's, und dem geringen Verſtand Sr. Gnaden von Greenwich, aus. Dann wandte er ſich, mit Uebergehung der gerin⸗ gern Mächte, direkt an die höchſte Autori⸗ tät. Temple erhielt eine Stelle, welche dop⸗ pelt ſo viel eintrug, als diejenige, die man Lord Oldboroughs Sekretair verſprochen hatte, begleitet von unzähligen Entſchuldigungen we⸗ gen des Aufſchubs. Man trug Sorge, Lord Oldboroughs Wunſch auf jede Weiſe zu willfahren. Sein Verluſt war tief empfunden worden. Tem⸗ ple genoß das freudige Gefühl, ſein Zartge⸗ fühl von dem edlen Freund und Gebieter an⸗ erkannt zu ſehen; er erklärte laut, adaß er nur Roſamundens Klugheit ſein jetziges Glück verdanke.» Roſamundens Klugheit! Wer hätte wohl dieß je zu hören erwartet? Und doch ge⸗ buhrte ihr jetzt das Lob. — — 275— Sie verſprach die Seinige zu werden, ſo⸗ bald ihr Vater aus der Haft befreit war; eher konnte ſie nicht daxan denken, ihn zu verlaſſen. Alfred hörte dieſes Verſprechen mit wahrer Todesangſt. Das Glück aller derer, die ihm am theuerſten waren, ſtand auf dem Spiel— wie viel hing von dem Ausgang der Unterſuchung ab! Im lakoniſchen Styl eines Mannes, der durch plötzliche Begebenheiten und heftige Ge⸗ fühle gedrängt wird, ſchrieb Graf Altenberg, daß ſein Fürſt bei der Belagerung der Stadt, während der Beſichtigung der Feſtungswerke, durch eine Kanonenkugel getödtet worden ſey, an derſelben Stelle, wo Graf Altenberg den Augenblick vorher geſtanden. Alle öffentlichen Angelegenheiten ſeines Vaterlandes hatten durch den Tod des Fürſten eine Verände⸗ rung erlitten. Sein Nachfolger, ein ſchwa⸗ cher Menſch, zeigte ſich geneigt, die Ehre ſeines Landes zu opfern, und ſich dem Sie⸗ 18* — 276— ger zu unterwerfen, um die augenblickliche Ruhe zu erkaufen. Man hatte früher ſchon vermuthet, daß er heimlich mit dem Feinde verbunden geweſen. Dieſe Vermuthung wurde jetzt durch ſeine feige Capitulation beſtätigt; in einem Augenblick, wo die Mittel zur Ver⸗ theidigung in ſeinen Händen waren, und ſein Volk vor Begierde zum Widerſtand brannte. Mit Unwillen, Kummer und verzweifelnder Vaterlandsliebe hatte Graf Altenberg Vor⸗ ſtellungen gemacht. Vergebens! Er hatte als Miniſter ſeine Unterſchrift zur Capitula⸗ tion verweigert, und war dringend aufgefor⸗ dert worden, in dieſelbe zu willigen. Man hatte mit Anerbietungen von Reichthümern und Würden in ihn gedrungen, die er ver⸗ ächtlich zurückgewieſen. Frei geſprochen von allen öffentlichen Verpflichtungen, durch den Tod ſeines fürſtlichen Freundes und der Prin⸗ zeſſin Zuruͤckziehen vom Hof, weigerte ſich Graf Altenberg, unter deſſen Nachfolger zu —.—„— — 277— dienen. Er beſchloß, ſein Vaterland zu ver⸗ laſſen und künftig in England zu leben, wo er hinreichendes Eigenthum beſaß, ſich unab⸗ hängig zu erhalten, und alle ſeine Wünſche, und die noch beſcheidenern Anſprüche ſeiner geliebten Frau zu erfüllen. Dieſer Entſchluß wurde raſch ausgeführt. Er übertrug einem Freund den Verkauf ſei⸗ ner deutſchen Güter, und ſchloß ſeinen Brief an Carolinen mit folgenden Worten— Die Päſſe ſind in meinen Händen. Alles iſt abgemacht, bis auf den Abſchiedsbeſuch bei der Prinzeſſin. In den erſten Tagen der nächſten Woche reiſe ich nach England. Möchten wir uns glücklich wiederfinden, meine theure Caroline!* Carolinens Augen wandten ſich unwill⸗ kührlich auf Alfred, als ſie dieſe Worte las.— Nur durch gewaltige Anſtrengung und gewohnte Herrſchaft über ſich ſelbſt, ver⸗ mochte er die innere Bewegung zu unterdruͤk⸗ -— 278— ken, in welche ihn die große Verantwortlich⸗ keit verſetzte. Die meiſten Rechtsgelehrten waren nicht allein zweifelhaft, ſondern auch geneigter, ihn über den Ausgang der Unter⸗ ſuchung muthlos zu machen, als Troſt zu ge⸗ ben. Einige bedauerten, daß er Sharpe's Anerbieten nicht angenommen hatte; Andere meinten, des Anwalds Prophezeiung könne noch eintreffen. Nur Herr Freund allein wankte nicht in ſeiner Meinung, und ſtand dem jungen Ad⸗ vokaten tröſtend zur Seite. Vertrauen Sie der Wahrheit und Ge⸗ rechtigkeit,“ ſagte er. Sie handelten klug, den Vorſchlag nicht anzunehmen. Stehen Sie feſt. Schlägt es fehl, ſo bleibt Ihnen der Troſt, Alles gethan zu haben, was der Menſch thun kann.» Der Tag der Unterſuchung rückte heran. Freund hatte immer noch gehofft, die Geg⸗ ner würden es nicht dazu kommen laſſen; jetzt —₰— — 279— war es nicht mehr zu bezweifeln. Noch ein Mal wurde Sir John Percy's Urkunde von Freund und Alfred genau geprüft, die Mei⸗ nungen der berühmteſten Rechtsgelehrten nach⸗ geſchlagen. Recht und Geſetz waren auf ih⸗ rer Seite, und doch ſchien es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ihre erfahrenen Gegner ohne irgend eine Hülfsquelle auf ihrer Forderung beharren ſollten. Sir Robert Percy und Anwald Sharpe beobachteten ein furchtbares Schweigen. Ein tief angelegter Plan mußte zum Grunde lie⸗ gen; worin er beſtand, blieb bis zum Tage der Unterſuchung ein Geheimniß. Zwei und vierzigſtes Kapitel. Der wichtige Tag brach an; die Unterſu⸗ chung begann um 3 Uhr des Nachmittags. Der Gerichtshof war ungewöhnlich voll. Per⸗ cy's Freunde erſchienen auf der einen Seite der Gallerie, die Anhänger Sir Roberts auf der entgegengeſetzten Seite. Die Letztern laut prahlend mit der Gewißheit des glückli⸗ chen Erfolgs, und im Stillen beſchäftigt, fal⸗ ſche und beleidigende Gerüchte über Alfred und Herrn Percy zu verbreiten, während deſſen Freunde ein würdiges Schweigen beob⸗ achteten.— Weder Gottfried, noch Graf Altenberg waren in England angekommen. — — — 281— Erasmus, der Einzige aus der Percy'ſchen Familie, ward bald unter den Zuſchauern als Sohn des im Gefängniß ſitzenden Herrn Per⸗ ry's erkannt. Der edle Ausdruck ſeiner Züge und ſein feines Benehmen nahmen jedermann fuͤr ihn ein, und ſtachen grell gegen die ſin⸗ ſtere, Unheil verkündende Phyſiognomie Sir Roberts ab, welcher ihm gegenüber ſitzend, keine Sekunde ruhig blieb. Bald warf er ſeinem Advokaten beſchriebene Zettelchen zu, bald flüſterte er mit ſeinem Anwald, wäh⸗ rend ein konvulſiviſches Ziehen der Geſichts⸗ muskeln, öfteres Tabacknehmen und andere Künſte den Sturm ſeines Innern verriethen. Alfred führte ſeines Vaters Sache mit großem Scharfſinn und vieler Mäßigung. Sir Robert hatte alles verſucht, das Publi⸗ kum wider ihn einzunehmen, indem er ihn als den Nachkommen eines jüngern Bruders vorſtellte, welcher den Erben des äaltern Zweigs der Familie aus dem Eigenthum, — 282— das ihm durch das Recht der Erbſchaft zu⸗ kam, zu vertreiben ſuchte. Alfreds erſtes Geſchäft beſtand darin, dem Gerichtshof und den Geſchwornen eine klare Anſicht der Fak⸗ tas zu geben. Er berichtete,« daß ſein Va⸗ ter, Ludwig Percy, Kläger in dieſer Ange⸗ legenheit, und Sir Robert Percy, der An⸗ geklagte, beide von Sir John, ihrem Groß⸗ vater abſtammten. Sir John überlebte ſeine beiden Söhne, welche ihm zwei Enkel hinter⸗ ließen, Robert, Sohn des Aelteſten, Ludwig des Jüngſten Sohn. Sir John beſaß zwei Güter, das Eine von väterlicher Seite ſtam⸗ mend, welches nach dem gewöhnlichen Recht an den Erben des älteſten Sohns, den jetzi⸗ gen Sir Robert Percy, fiel. Sein anderes Gut in Hampſhire, welches ſeine Frau ihm zugebracht, vermachte Sir John kurz vor ſeinem Tode dem jüngſten Enkel, dem jetzigen Ludwig Percy, der es auch mehrere Jahre ungeſtört beſeſſen. Doch nach Verauf eini⸗ 4 —.,— V 4 ger Zeit, nachdem ſich Sir Robert durch hohes Spiel um den größten Theil ſeines Vermögens gebracht hatte, ſchlug ihm ſein Anwald Sharpe, mit welchem er immer viel Gemeinſchaft gehabt, vor, ſeines Vetters An⸗ ſpruch auf das Gut in Hampſſire zweifelhaft zu machen, und ſeine eigenen Umſtände da⸗ durch zu verbeſſern. Er meinte, die Ueber⸗ gabe wäre vielleicht nicht gerichtlich gemacht worden, oder ſonſt etwas Mangelhaftes daran zu finden; aber Sir Robert verſicherte ihm, daß auf dieſe Weiſe nichts auszurichten ſey, indem ſowohl der verſtorbene Großvater, als auch der jetzige Beſitzer, Herr Ludwig Percy, Geſchäftsmänner geweſen, weshalb wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß die Urkunde verloren gegangen, oder irgend ein Makel in derſelben zu finden ſey. Bald darauf brach das Feuer in Percy⸗hall aus, und der Flügel, worin Herrn Percy's Papiere be⸗ findlich, ward ein Raub der Flammen. Die — 284— Papiere wurden alle gerettet, bis auf dieſe Urkunde. Zufälliger Weiſe vernahm Sharpe Miß Perey's freudigen Ausruf, als ſie die verlorene Urkunde gefunden zu haben glaubte, und benachrichtigte Sir Robert ſogleich von dieſem Verluſt. Er begann darauf jenen Proceß, welcher ſo glücklich für ihn ausfiel, und ihn zum Beſitz des Gutes in Hampſhire brachte. Herr Percy mußte das väterliche Erbe verlaſſen, und Sir Robert gab ſeine Anſprüche auf die Intereſſen, welche Percy während der Zeit, als er das Gut beſeſſen, genoſſen hatte, gegen die bedeutenden Ver⸗ beſſerungen, die Perey gemacht, und gegen Ueberlaſſung der ganzen Einrichtnng von Haus⸗ geräth, Equipage, Pferde, Wein u. ſ. w., auf. Aber bald bereute Sir Robert, dieſen Vergleich eingegangen zu ſeyn, erhob eine Klage gegen ſeinen Vetter wegen der rück⸗ ſtändigen Intereſſen, und ließ ihn ins Ge⸗ fängniß ſetzen. Unfähig, dieſe unerhörte „ —— 285— Summe zu bezahlen, doch feſt entſchloſſen, ſeiner Freunde Bürgſchaft nicht anzunehmen, ſah Percy keine Wahrſcheinlichkeit, je befreit zu werden. Da fand ſich die verlorene Ur⸗ kunde durch einen glücklichen Zufall wieder. Sir Robert ward ſogleich davon in Kenntniß geſetzt, verharrte aber dennoch im Beſitz des Hampſhirer Gutes, und behielt ſeinen Vet⸗ ter wegen der rückſtändigen Intereſſen im Gefängniß, weshalb der Sohn ſich jetzt be⸗ rufen fühlte, Freiheit und Eigenthum ſeines Vaters zu verfechten.» Kein ſchmähendes, kein verſchönerndes Wort, keine Beredſamkeit, kein Pathos wur⸗ den von unſerm Advokaten bei dieſem ein⸗ fachen Bericht angewendet. Sein Hauptzweck war, den Geſchwornen eine klare Anſicht der Thatſachen zu geben, welche, wie er wohl wußte, unausgeſchmückt nachdrücklicher, un⸗ läugbarer erſcheinen würden, als mit ſchönen Worten verziert. — 286— Nachdem er die Urkunde, die ſeinem Va⸗ ter die Beſitzung in Hampſhire zuſicherte, vorgezeigt hatte, rief Alfred Zeugen auf, die Handſchrift Sir John Percy's zu unterſuchen. Er erwies ferner, daß dieſe Urkunde ſchon früher unter ſeines Vaters Papieren geſehen worden war, daß ſie ſich vor einigen Tagen in Herrn Falkoners Mappe gefunden hatte; erklärte, wie ſie aus Verſehen da hinein ge⸗ kommen, und berief ſich wegen dieſer That⸗ ſache auf das Zeugniß des Finanzrath Falko⸗ ners, Schwiegervater des Angeklagten. Al⸗ fred ſtützte ſeine Sache auf dieſe Beweiſe, und erwartete nun ängſtlich, was ſeine Geg⸗ ner dagegen vorbringen würden. Wer beſchreibt ſein Erſtaunen und ſeine Beſtuͤrzung, als Sir Roberts Sachwalter eine andere Urkunde von Sir John aufwieß⸗ worin er die Vermachung des Guts an ſei⸗ nen jüngern Enkel widerruft, wozu er ſich das Recht in einer Clauſel der Originalur⸗ — 287— kunde vorbehalten hatte. Die Widerrufungs⸗ urkunde wurde dem Richter und den Ge⸗ ſchwornen zur Prüfung vorgelegt, beide Ur⸗ kunden ſorgfältig verglichen. Bei der ge⸗ naueſten Beſichtigung konnte man keinen Un⸗ terſchied in Unterſchrift oder Siegel entdecken. Freund unterſuchte alles; die Schrift ſchien richtig— ihn überfiel ein Schrecken. Wir ſind verloren,» fluͤſterte er dem jungen Advokaten zu.«Wenn ſie dieſe Wi⸗ derrufungsurkunde beſchwören, können wir nichts weiter thun.» Beide bezweifelten die Falſchheit der Ur⸗ kunde keinen Augenblick; aber es ließ ſich auch erwarten, daß diejenigen, welche im Stande waren, ſolche Maßregeln zu ergrei⸗ fen, ſich mit allen Mitteln, ſie durchzufüh⸗ ren, verſehen hatten, und im Nothfall auf einen falſchen Eid vorbereitet waren. s Wenn wir nur vorbereitet wären!» ſagte Freund;«aber wer konnte auch ſolch — 288— einen Schlag erwarten? Selbſt jetzt noch, wenn wir Zeit hätten, könnten wir Zeugen aufrufen, welche die des Gegners verdächtig machen müßten.»— „Verzweifleln Sie nicht,» entgegnete Al⸗ fred; Luns bleibt immer noch die Hoffnung, daß ſich ihre eigenen Zeugniſſe widerſprechen. Die Falſchheit iſt, trotz aller Vorſicht, ſelten beſtändig.*. Die Unterſuchung ging fort. Alfred blieb mitten unter den Beſorgniſſen und Seufzern ſeiner Freunde, bei dem triumphirenden Lä⸗ cheln und vorgreifenden Glückwünſchen ſeiner Feinde, ruhig und gelaſſen. Seine Aufmerk⸗ ſamkeit war auf das ihm vorgelegte Zeugniß gerichtet, ohne ſich durch die ihm zugeflüſter⸗ ten, oder aufgeſchriebenen Vermuthungen, der, theils unwiſſenden, theils ſachverſtändi⸗ gen Rathgeber irre leiten zu laſſen. Auf das Zeugniß William Clarke's, des einzigen noch lebenden Mannes, welcher bei — 289— Aufſetzung der Widerrufungsurkunde gegen⸗ wärtig geweſen ſeyn ſollte, beruhte jetzt die ganze Sache. Seine Erſcheinung wurde ver⸗ langt, und Platz für ihn gemacht. Er war ein Mann uüber 80 Jahr, mit ruhigen, freund⸗ lichen Zügen; graue Haare bedeckten nur ſpärlich das zitternde Haupt, und ſein gan⸗ zes Anſehen war ſo ehrwürdig, ſo Achtung erweckend, daß er die Verſammlung augen⸗ blicklich für ſich einnahm. Er trat langſam in den Gerichtshof, und blieb, auf ſeinen Stock gelehnt, ſtehen. Alfred hielt es nicht für möglich, daß die⸗ ſer Mann ſolch einer Falſchheit fähig ſeyn ſollte.— Nachdem er geſchworen, hieß man ihn ſich niederzuſetzen, was er nach einer ehrerbietigen Verbeugung gegen die Verſamm⸗ lung that. Sir Roberts Advokat fuhr fort ihn über diejenigen Punkte, welche er be⸗ ſtätigt zu hören wünſchte, zu examiniren. IV. 19 — 290— Euer Name iſt William Clarke, nicht wahr? « Mein Name iſt William Clarke,» er⸗ wiederte der alte Mann mit ſchwacher Stimme. «* Sahet Ihr dieſes Papier ſchon früher ein Mal?» Ich ſah es— ich war gegenwärtig, als Sir John es unterzeichnete; er hieß mich es bezeugen, das heißt meinen Namen ans Ende ſchreiben, was ich auch that, und dann ſagte er— & Bemerke wohl, William Clarke! dieß iſt eine Schrift, welche die frühere Urkunde, worin ich das in Hampſſhire gelegene Gut, welches ich meinem jüngſten Enkel, Ludwig Percy vermachte, widerrufe.» Der Zeuge wollte fortfahren, aber der Advokat unterbrach ihn. „Ihr ſahet Sir John dieſe Urkunde un⸗ terzeichnen? Wißt Ihr das gewiß? Ich weiß es gewiß.» — 291— Iſt dieß Sir John Percy's Unter⸗ ſchrift?) 671 *Ja, dieſelbe, die ich ihn ſchreiben ſah; und hier iſt mein eigener Name, welchen er mich weiter unten hinſchreiben ließ.» « Könnt Ihr beſchwören, daß dieß Eure Handſchrift iſt?» Ich kann es.» «Erinnert Ihr Euch der Zeit, zu wel⸗ cher Sir John Percy dieſe Urkunde unter⸗ zeichnete?» „Ja, ungefaͤhr drei oder vier Tage vor ſeinem Tode.» Sehr wohl! wir bedürfen Eurer weiter nicht mehr.» Alfred wünſchte, daß Clarke noch ver⸗ weilen möchte, um ihn ſelbſt noch ein Mal zu examiniren. Die Angeklagten fuhren fort ihre Be⸗ weiſe darzulegen. Endlich kam die Reihe⸗ die Zeugen auszufragen, an Alfred. 19* — 292— Als William Clarke auf ſein Geheiß vor⸗ trat, und Alfred ihn ſcharf anſah, veränder⸗ ten ſich die Züge des alten Mannes; doch ſchien er vorbereitet, ein zweites Verhör aus⸗ zuhalten, obgleich er, trotz aller Anſtrengung, an allen Gliedern zitterte. « Ihr zittert am Rande des Grabes!» ſagte Alfred, ſich mit leiſem, feierlichen Ton an ihn wendend. Haltet ein, und über⸗ legt, ſo lange Euch noch ein Augenblick zur Ueberlegung geſtattet iſt. Wenige Jahre ſind Euch nur noch für dieſes Leben beſchieden. In Kurzem könnt Ihr zu einem andern, beſ⸗ ſern Leben abgerufen werden, um vor einem höhern Tribunal zu erſcheinen, vor dem ober⸗ ſten Richter, der unſere Herzen kennt— der auch das Eurige in dieſem Augenblick ſieht.» Der Stock in des alten Mannes Hand zitterte heftig. Hier unterbrach ihn Sir Roberts Advo⸗ 9 — 293— kat, indem er nicht zugeben wollte, daß man den Zeugen Furcht einjagte. Er berief ſich auf den Gerichtshof. Doch Alfred fuhr, als der Richter ſchwieg, fort— „ Wißt Ihr, daß Ihr ſchwören ſollt? daß dieß wahrſcheinlich der letzte Eid, vielleicht die letzten Worte ſind, die Ihr jemals aus⸗ ſprechen werdet? Laßt ſie wahr ſeyn. Be⸗ denkt, daß ſchon mancher Meineidige auf der Stelle todt niederſtürzte, als er den falſchen Eid ausſprach. Ihr ſollt jetzt ſchwören— Sahet Ihr Sir John Percy dieſe Urkunde unterzeichnen? 2 Der alte Mann ſuchte vergebens zu ant⸗ worten. « Laßt ihm Zeit ſich zu beſinnen,» rief Sharpe— laßt ihm die Schrift noch ein Mal durch die Brille anſehen. Er beſah die Unterſchrift genau, zitterte aber dergeſtalt, daß er die Brille nicht auf⸗ — 294— ſetzen konnte.— Der Richter wiederholte die Frage. Clarke wurde blaß wie der Tod. Der ihm gegenüberſtehende Sir Robert räuſperte ſich, um des Zeugen Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zu ziehen, und ſah ihn bedeu⸗ tungsvoll an. Sahet Ihr Sir John Percy dieſe Ur⸗ kunde unterzeichnen? William Clarke.„ Ja, ich ſah es. Sie hören es, meine Herrn! Sie hö⸗ ren es!“ rief Sir Roberts Advokat.— „Der Zeuge ſagt aus, daß er Sir John die Urkunde unterzeichnen ſah. Grauſam wäre es dieſen alten Mann durch ein längeres Verhör zu ängſtigen. Er iſt nicht gewohnt vor einer ſolchen Verſammlung zu ſprechen. Hier bedarf es keiner Beredſamkeit; wir brauchen nur Wahrheit, und dieſe hat er uns gegeben. Mylord! Mit Ew. Herrlich⸗ keit Erlaubniß werde ich den alten Mann entlaſſen.» —₰ —m — 295— Aber Alfred bat, ihn nochmals verhören zu dürfen, indem der Ausgang der Sache einzig und allein von der Wahrheit, oder Falſchheit ſeines Zeugniſſes abhinge. Unterdeſſen hatte ſich der alte Mann wie⸗ der erholt; er ſah, daß ſein Alter und ehr⸗ würdiges Anſehen günſtig für ihn ſtimmten, und merkte aus dem Geflüſter der Umſtehen⸗ den, daß ſein Zittern und ſeine Aengſtlichkeit nicht als Beweiſe der Schuld, ſondern als Gefühl gekränkter Tugend und Schwäche des Alters betrachtet wurden. Und ſo kehrte er, nachdem die augenblickliche Bewegung, welche Alfreds Worte erregt hatten, überwunden war, in ſeinen vorigen Zuſtand zurück. Er ge⸗ dachte des Lohns, der ihm verſprochen war, und fühlte, daß das, was er bis jetzt ſchon ausgeſagt hatte, hinreichend war, ihn des Meineids zu beſchuldigen. Deshalb beſchloß er hartnäckig auf ſeiner Ausſage zu beſtehen, und meinte alles andere müßte, nach dem überſtandenen erſten Schritt leicht ſeyn. « Euer Name iſt William Clarke, und dieß,» ſagte Alfred, auf die Unterſchrift des Zeugen weiſend,« iſt Eure Handſczeiten Ja, ſo iſt es!» Ihr könnt alſo ſchreiben?— Ger doch ſo gut einige Worte in Gegenwart der Verſammlung zu ſchreiben.» Er nahm die Feder, erwiederte aber nach mehreren fruchtloſen Verſuchen—«Ich bin zu alt zum Schreiben— in den letzten Jah⸗ ren war ich es ſchon nicht mehr im Stande. In der That, mein Herr! Sie gehen zu weit mit mir. Gott iſt mein Zeuge, ſagte er mit einem Blick zum Himmel, den Einige für wahres Gefühl, Andere für Heuchelei hielten— Gott iſt mein Zeuge, daß ich die Wahrheit ſpreche. Haben Sie noch mehr zu fragen? Ich bin bereit alles zu beantworten, was ich weiß. Was köonnte mich auch beſtimmen, „ — 297— Ihnen etwas zu verſchweigen, fuhr er mit ſtär⸗ kerer Stimme und groͤßerem Muth in der aus⸗ wendig gelernten Lexion fort. Es iſt zwar lange, ſehr lange her, ſeit ſich dieſes alles zu⸗ trug; aber dem Himmel ſey Dank! mein Ge⸗ dächtniß hat es ſo treu bewahrt, daß es mir ſcheint, als ob es erſt geſtern geſchehen wäre.*— Er erinnerte ſich nun auch wie Sir John dabei ausgeſehen, wo er geſeſſen, was er geſagt hatte, als er die Urkunde unterzeich⸗ nete, und wie oft er vorher von Sir Johns Abneigung gegen ſeinen jüngſten Enkel gehört. Alfred hatte den Zeugen ohne Unterbre⸗ chung ſo weit erzählen laſſen, in der Hoff⸗ nung ihn auf einer Uebertreibung oder einem Widerſpruch zu ertappen. Jetzt unterbrach ihn der Richter mit der Bemerkung, daß der⸗ gleichen nicht zur Sache gehöre; wenn er aber noch etwas wiſſe, was als Zeugniß für die Rechtmäßigkeit der Urkunde dienen könne, ſo möge er es erzählen. — 2984— Man hielt den Richter für zu ſtreng, und der Greis verbeugte ſich gegen die Geſchwor⸗ nen mit anſcheinender Reſignation, wodurch das allgemeine Mitleid noch erhöht wurde. «Mylord, jetzt können wir ihn wohl ent⸗ laſſen?» fragte Sir Roberts Anwald. Mit Ew. Herrlichkeit Erlaubniß werde ich nur noch eine Frage an ihn richten,* ſagte Alfred. Es muß hier bemerkt werden, daß Alfred nach dem erſten Examen des Zeugen gehört hatte, wie dieſer zu Sharpe ſagte: aich habe das noch nicht ſagen können, was ich von dem Siegel weiß,y worauf Sharpe er⸗ wiedert hatte: Schon gut, wir brauchen es nicht.*— Alfred unterſuchte jetzt das Siegel ge⸗ nauer, und bemerkte, durch ein kleines Loch im Pergament, etwas zwiſchen dieſem und dem Siegellack liegen. Sagtet Ihr nicht, daß Ihr ſowohl beim —- 299— Unterzeichnen, als auch beim Siegeln dieſer Urkunde gegenwärtig waret?» Ja Herr!“ rief Clarke, hocherfeegt auch dieſen Theil ſeines Zeugniſſes, worauf er vorbereitet worden war, anbringen zu können. Ja, gewiß war ich dabei; es iſt mir vorzüglich wegen eines kleinen, merkwür⸗ digen Umſtandes erinnerlich. Sir John, Gott habe ihn ſelig! Iſt es mir doch, als ſähe ich ihn vor mir— Mylord,» ſo fuhr er zum Richter gewendet fort, indem er ſeinen zuſammengeſchrumpften Finger auf das Sie⸗ gel legte— Mylord, unter dieſes Siegel legte Sir John ein Sechspenceſtück— und er rief mich zum Zeugen auf, als er es that: Dann Mylord! ich glaube er dachte daran, was entſtehen könnte— er hatte ſo eine Art von Ahnung. Und nun, Mylord! Haben Sie die Gnade zu befehlen, daß das Siegel gebrochen wird. Oeffnen Sie es vor der ganzen Verſammlung, und wenn kein Sechspenceſtuͤck darunter iſt, erkläre ich dieß nicht für Sir Johns Urkunde— dieß nicht für meine Handſchrift. Und,» rief er, Hände und Augen zum Himmel erhebend— a mich für einen Lügner und Meineidigen.» Tiefe Stille folgte dieſer Erklärung. Das Siegel wurde gebrochen, das Sechspenceſtück kam zum Vorſchein. Sir Roberts Anwald überreichte es den Geſchwornen und dem Richter mit triumphi⸗ rendem Blick. Jetzt ſchwand jeder Zweifel, und ein glückwünſchendes Gemurmel unter Sir Roberts Anhängern ſchien dem Endur⸗ theil vorzugreifen. « Nun iſt alles vorbei,» flüſterte Freund Alfreden zu. Sie haben alles gethan, was ſich thun läßt; aber wenn die Gegner ſchwö⸗ ren, können wir nichts ausrichten. Mit uns iſt es vorbei.» s Noch nicht,» entgegnete Alfred, der ſich während dieſer letzten Verhandlung mit —z — ,— — 301— außerſter Anſtrengung ſchweigend verhalten hatte. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, theils aus Mitleid, theils aus Neugier, um zu ſehen wie er dieſe Niederlage ertrug. Endlich, nachdem es wieder ſtill gewor⸗ den war, bat er, ihm das Sechspenceſtück zu zeigen. Er hielt es gegen das Licht, um die Jahreszahl zu erkennen. Da entdeckte er den ſchwachen Abdruck eines Kopfs von Georg dem Dritten, und nach genauerer Unterſu⸗ chung auch die Jahreszahl, woraus ſich deut⸗ lich erwieß, daß die Münze aus Georg des Dritten Regierung war. Sir John Percy war während Georg des Zweiten Regierung geſtorben, wodurch ſich die Unmöglichkeit, daß er dieſes Sechs⸗ penceſtück unter das Siegel der Urkunde ge⸗ legt haben ſollte, ergab. So dienen die geringfügigſten Umſtände oft dazu, tief angelegte Verräthereien ans Tageslicht zu ziehen.— —-— 302— In dem Augenblick, als Alfred dieſe That⸗ ſache berichtete, ergriff Sir Roberts Advo⸗ kat das Sechspenceſtück, unterſuchte es ge⸗ nau, warf darauf ſeine Klagſchrift weg und verließ den Gerichtshof. Einer ſah den An⸗ dern voll Erſtaunen an. Der Richter befahl, William Clarke zurückzubchalten, und ihn des Meineids anzuklagen. Bei dieſen Worten ſtürzte der alte Mann beſinnungslos zu Boden. Sharpe und Sir Robert Percy machten ſich eiligſt aus dem Staube, und alle ihre fruͤhern Anhänger ſag⸗ ten ſich von ihnen los. Da es nun keines weitern Beweiſes bedurfte, war der Proceß hiermit zu Ende. Der Richter ertyeilte mit wenigen Worten einen gerichtlichen Ausſpruch zu Gunſten des Angeklagten, welcher mit lau⸗ tem Freudengeſchrei vernommen wurde. Alfred verließ ſeine Freunde und eilte, von Glückwünſchen begleitet, ſogleich zu ſei⸗ nem Vater. Und hätte er tauſend Güter ge⸗ — 303— wonnen, tauſend Siege errungen, ſo wäre ſeine Freude nicht größer geweſen, als in dieſem Augenblick. Erasmus und Temple begleiteten ihn in das Gefängniß, deſſen Thüren bei der er⸗ freulichen Nachricht von dem theilnehmenden Kerkermeiſter bereitwillig geöffnet wurden. Alfred trat in ſeines Vaters Zimmer. Halt, lieber Sohn! laß mich Dir im Voraus die Verſicherung geben, daß ich auf das Schlimmſte gefaßt bin. Möge der Aus⸗ gang ſeyn wie er will, ich bin feſt überzeugt daß Du alle Kräfte angewendet haſt, mir zum Beſitz meines Vermögens zu verhelfen. Jetzt ſprich.» „Freuen Sie ſich, liebe Mutter! er iſt frei. Freiheit und Vermögen ſind ihm wie⸗ dergegeben!— Mutter und Schweſtern umarmten den glücklichen Advokaten mit Freudenthränen. Wer dieſe Gruppe ſah, hätte einige Minuten — 304— lang glauben können, er ſähe eine Familie in der tiefſten Betrübniß. Aber bald brach ein Strahl der Freude, ein Lächeln der Liebe und Dankbarkeit durch die Thränen. „Iſt zu Mrß. Hungerford und zu Lady Jane Grandille geſchickt worden;» fragte Percy. Ja, die Boten wurden ſogleich fortge⸗ ſchickt,» entgegnete Erasmus. „Ich danke Dir, mein lieber Sohn! Ro⸗ ſamunde, gedenke Deines Verſprechens gegen Temple. Er hat ein Recht auf Deine Hand; laß mich ſie ihm geben. Doch nein! er ſoll ſie aus ſeines Freundes Alfreds Hand bekom⸗ men.— Liebe Caroline! nun wird das Wie⸗ derſehen mit Deinem Mann ein glückliches ſeyn; das Opfer, welches Du großmüthig Deinem Vater brachteſt, muß Dich in ſeinen Augen noch höher ſtellen.— Ich hatte ge⸗ hofft,» fuhr er zu Mrß. Percy gewendet fort,«daß Gottfried jetzt bei uns ſeyn würde; aber es iſt ſo beſſer, und wir haben dieſe Freude nun noch zu erwarten. Und jetzt, meine geliebten Kinder, nachdem ich der Vorſehung gedankt, laßt mich hier mit⸗ ten unter Euch Allen, denen ich mein Gluck verdanke, einige Minuten ruhig ſitzen, und die erfreuliche Gewißheit des wiedererlangten Segens ſtill genießen.» Drei und vierzigſtes Kapitel. Percy wurde mit lauter Freude in Lady Jane Granville's Wohnung empfangen, wo ſeine Familie, noch einmal im Glück verei⸗ nigt, ſich wieder von allen den Freunden umringt ſah, die bei Carolinens Hochzeit ge⸗ IV. 20 — 306— genwärtig geweſen waren! Abermals hörte man Glückwünſche aus allen Theilen des gaſt⸗ freien Hauſes erſchallen. Mitten im Tumult der Freude ſchrieb Percy zwei Briefe, einen an ſeinen alten, treuen Verwalter, der die⸗ ſen Beweiß der Achtung redlich verdient hatte, und einen Zweiten an den Finanzrath Falko⸗ ner, worin er ihm mit der größten Scho⸗ nung einige freundliche Anerbietungen in Be⸗ treff ſeiner zerrütteten Angelegenheiten that, und ihn verſicherte, daß er die unglückliche und verlaſſene Gemahlin Sir Roberts nicht von Percy⸗hall zu vertreiben wünſchte, in⸗ dem er geſonnen wäre, Gottfrieds, und des Grafen Altenbergs Ankunft in der Stadt ab⸗ zuwarten. Wir nennen Arabelle die verlaſſene Ge⸗ mahlin Sir Robert Percy's; denn dieſer war, nachdem er den Ausſpruch des Gerichtshofs vernommen und alles vorräthige Geld zuſam⸗ mengerafft hatte, aus dem Lande geflohen. — 307— In einem zurückgelaſſenen Brief an ſeine Frau verkündete er ihr, daß ſie ihn nie wiederſehen, und deshalb ſehr wohl thun würde, zu ihren Eltern zurückzukehren, indem ihm keine Mittel mehr zu Gebote ſtünden, ihre Verſchwendung länger zu unterſtützen.» Von dieſem rohen Lebewohl und den ihn begleitenden Umſtänden war Percy durch Lady Jane unterrichtet worden. Der Finanzrath erhielt ſeinen Beief in Falkoner⸗hof, wohin er ſich in der höchſten Verlegenheit gewendet hatte, um die Ver⸗ kaufsſumme des Guts, welche zu Cunning⸗ ham's Auslöſung beſtimmt war, von ſeinen Pachtern vorausbezahlt zu bekommen. Seine Antwort lautete folgendermaßen— Ich kann Ihnen, mein theurer Freund! nicht ſagen, wie ſehr mich Ihre Güte und Ihr Edelmuth gerührt haben. Ich will Ihr Glück, woran ich den herzlichſten Antheil nehme, nicht durch die traurige Aufzählung 20* — 308— meiner Sorgen und Täuſchungen trüben, und bloß Ihre freundſchaftlichen Anfragen wegen meinen Angelegenheiten pünktlich beantworten. Zuerſt von meiner unglücklichen Tochter Arabelle, die uns auf dieſe ſchreckliche Art wieder anheim gefallen iſt. Sie dankt für Ihre Nachſicht, von der ſie keinen Gebrauch machen wird. Ehe dieſer Brief in Ihre Hände gelangt, hat ſie Percy⸗ hall verlaſſen; ſie iſt im Begriff ſich zu Miß Claptam, einer reichen Erbin, zu begeben, welche eine Dame von Welt als Geſellſchafterin ſucht. Mrß. Falkoner machte ihre Bekanntſchaft in Tun⸗ bridge, und entwarf dieſen Plan für Arabel⸗ len. Ob ſie ſich in eine ſolche Lage finden wird? iſt eine andere Frage. Indeſſen bleibt ihr nichts anderes übrig.. Mrß. Falkoner und Georgine haben dem armen Petcalf ſo übel mitgeſpielt, daß er ſich endlich, wie ich lange vorausſah, zurück⸗ gezogen hat. Hätte Mrß. Falkoner meinen — — 309— Rath befolgt, ſo wäre Georgine längſt ver⸗ ſorgt. Jetzt rüſtet ſie ſich zu einer Reiſe nach Indien. Meiner Anſicht nach wird die⸗ ſer Schritt, wozu ich die Unkoſten warlich kaum erſchwingen kann, eben ſo erfolglos ſeyn, wie mancher frühere. Denn Georgi⸗ nens Jugendblüthe iſt dahin, und wenn gleich noch ſehr jung, iſt ſie doch für Indien ſchon zu alt. Ich bin Ihnen ſehr verbunden für Ihr gutiges Anerbieten in Bezug auf Falkoner⸗ hof, und habe deshalb den Verkauf des Haus⸗ geräths eingeſtellt. Es wird mich ſehr freuen, Herrn Temple als Miethsmann zu bekom⸗ men. In der That iſt es mir viel angeneh⸗ mer, zu vermiethen, als zu verkaufen. Die⸗ ſes Anerbieten und Ihr anderer edelmuthiger Vorſchlag werden mich in den Stand ſetzen, Eunningham loszukaufen, welches für's Erſte meine dringendſte Sorge iſt. — 310— Da Sie jetzt der einzige Menſch in der Welt ſind, der Antheil an mir nimmt, und dem ich mich ſicher vertrauen kann; ſo muß ich, obwohl ich weiß, daß Klagen hierbei un⸗ nütz ſind, Ihnen dennoch mein Herz ausſchüt⸗ ten. Ich kann mit Gewißheit behaupten, in den letzten zehn Jahren meines Lebens kei⸗ nen Tag mir ſelbſt gelebt zu haben. Immer mit dem ehrgeizigen Plan beſchäftigt, meine Familie in die Höhe zu bringen, habe ich keine Gelegenheit dazu unbenutzt gelaſſen; und dennoch iſt dieſe Familie einzig und allein an meinem Unglück Schuld, obgleich Mrß. Falkoner mich als die Urſache der letzten fa⸗ talen, uns für immer entehrenden Geſchichte tadelt. Sie hat uns aller unſerer Freunde beraubt, und ihnen Veranlaſſung gegeben, ihre Verſprechungen unerfüllt zu laſſen. Man hat mich unverantwortlich ſchlecht behandelt. Wie manchen ehrlichen Handwerksmann und Kaufmann, andere talentvolle und gelehrte † —+,— † — 344— Männer nicht zu erwähnen, habe ich in den letzten vierzig Jahren ſich ein bedeutendes Vermögen erwerben ſehen, während ich ſchlech⸗ ter endete, als ich begann. Ich habe, buch⸗ ſtäblich genommen, nicht allein ohne Lohn, ſondern auch ohne Dank mein ganzes Leben hindurch für Indere gearbeitet. Könnte ich meine irdiſche Laufbahn noch ein Mal begin⸗ nen, ſo würde ich Ihren Grundſätzen, mein theurer Freund! folgen, und mich mehr auf mich ſelbſt, und weniger auf Andere verlaſ⸗ ſen. Aber jetzt iſt alles vorbei!— Erlau⸗ ben Sie mir übrigens die Verſicherung, daß ich, trotz des eigenen Unglücks, mich herzlich üͤber Ihr Glück gefreut habe. Ich bitte, Mrß. Percy und Ihrem ganzen liebenswur⸗ digen Familienkreis meine Achtung zu ver⸗ ſichern. Ihnen die Glückwünſche ſelbſt in Percy⸗hall zu überbringen, erlaubt mir mein Gefühl nicht. Aber ich hoffe, Sie werden deshalb nicht an der Aufrichtigkeit meiner — 3122— Freundſchaft zweifeln, mit welcher ich, ver⸗ ehrter Vetter! verharre Ihr gehorſamer Diener und treuer Freund J. Falkoner. N. S. So eben erfahre ich, daß der kleine Dienſt, deſſen ich kürzlich gegen Herrn Alfred Percy erwähnte, noch nicht vergeben iſt. Lord Oldboroughs Einfluß iſt, wie Herr Temple ſehr wohl weiß, noch immer mächtig, und Ihre Fürſprache wuüͤrde bei Sr. Herrlich⸗ keit mehr bewirken, als die Bitten der gan⸗ zen übrigen Welt.— Ein Wort von Ihnen könnte die Sache entſcheiden. Es iſt eine ſo geringe Kleinigkeit, daß ich mich ſonſt ge⸗ ſchämt haben würde, darum zu bitten; aber jetzt erſcheint es mir als eine Sache von Wichtigkeit. Der Ausgang des Proceſſes und die Wie⸗ dereinſetzung der Percy'ſchen Familie in ihr Eigenthum wurde von den alten Pächtern mit — 3313— großer Freude vernommen. Sir Robert Per⸗ cy's Tyrannei, und ſein Zorn wegen ihrer Anhänglichkeit an den frühern Beſitzer, hat⸗ ten dieſen nur noch vermehrt. Als die Per⸗ cy'ſche Familie über die wohlbekannte Brücke am Ende des Dorfs fuhr, ertönte dieſelbe Glocke hell und laut, die bei ihrer Abreiſe dumpf geläutet hatte, weil ſie umwickelt ge⸗ weſen war. Eine gleiche Bewegung bemäch⸗ tigte ſich jetzt der wieder einziehenden Fa⸗ milie. An derſelben Stelle ſprang Herr Percy aus dem Wagen, und eilte auf demſelben Fuß⸗ ſteig, den er damals einſchlug, um das fer⸗ nere Läuten zu verhindern, zur Kirche, um den braven Leuten zu danken. Das ganze Dorf war zum Empfang des geliebten Herrn feſtlich geſchmuckt. Hüte, die ſich vor dem Uſurpator nie bewegt, Rücken, die ſich nie gebeugt hatten, flogen und beugten ſich jetzt, um dem rechtmäßigen Beſitzer ihre tiefe Ach⸗ tung zu bezeigen. Die allgemeine Rührung — 314— verhinderte laute Ausrufungen; man hörte nur das Jauchzen der Kinder, die ſich der geliebten Herrſchaft, von welcher ihnen ihre Eltern ſo viel Gutes erzählt, mit Blumen⸗ ſträußern nahten. Der alte Verwalter ſtand am Parkthor, bereit, es ſeinem Herrn zu öffnen; die übrige Dienerſchaft empfing ihn an der offnen Schloß⸗ pforte. Mrß. Harke, die gute alte Haushälterin, war vorausgeeilt, alles zum Empfang der Familie vorzubereiten. Graf Altenbergs und Gottfrieds Rückkehr vollendeten das Glück der Percy'ſchen Fami⸗ lie. Letzterer langte an, als dieſe eben wie⸗ der in Percy⸗hall eingezogen war. Nach einer ſo langen Abweſenheit vom Vaterland und dem elterlichen Hauſe, erfreute ihn der Anblick der häuslichen Glückſeligkeit doppelt. Er hatte kaum alles erzahlt, und alles ge⸗ hört, was ſich während dieſer Zeit zugetra⸗ † — 315— gen; kaum Temple geſehen und ſeinen heißen Wunſch, Graf Altenberg kennen zu lernen, ausgeſprochen, als dieſer über alle Erwar⸗ tung erfüllt wurde. Graf Altenberg hatte ſeine Geſchäfte im Auslande abgemacht, und kam nun nach Eng⸗ land, entſchloſſen, künftig auf ſeinem engli⸗ ſchen Beſitzthum zu leben. Er brachte eine bedeutende Summe, den Ertrag der in Deutſch⸗ land verkauften Guter, mit, die er zur Be⸗ freiung ſeines Schwiegervaters beſtimmt hatte. Sehr angenehm überraſchte ihn bei ſeiner Ankunft in London die Nachricht, daß Percy frei, und wieder in ſein rechtmäßiges Eigen⸗ thum eingeſetzt war. Wer beſchreibt das Wiederſehen des glücklichen Ehepaars! Mrß. Hungerford genoß die Freude, Augenzeuge dieſer rührenden Scene zu ſeyn. Mit einer, für ihre Jahre ungewöhnlichen Wärme theilte dieſe würdige Frau das Glück ihrer Freunde. In der Abſicht, Percy's bei der Rückkehr in⸗ — 346— die Heimath zu empfangen und Roſamundens Hochzeit beizuwohnen, hatte ſie in großer Eile die lange Reiſe von Pembroke nach Percy⸗hall zurückgelegt. Sie fühlte ſich, wie ſte ſagte, über alle Erwartung belohnt durch den glücklichen Umſtand, Zeuge von Caroli⸗ nens Vereinigung mit ihrem Gemahl zu ſeyn. Die Nachricht von Roſamundens Verbin⸗ dung verbreitete große Freude in der ganzen Nachbarſchaft, deren allgemeiner Liebling das muntere Mädchen ſtets geweſen war. Gluͤck⸗ wünſche ſtrömten von allen Seiten ein, und das Getümmel der Vorbereitungen zur Hoch⸗ zeit bewirkte beſonders in den untern Regio⸗ nen von Percy⸗hall ein reges Leben. Am geſchäftigſten zeigte ſich Mrß. Harke, der man bei dieſer Gelegenheit freies Spiel ge⸗ laſſen hatte, ihre Aunſtfertiaseir an den Tas zu legen. Eine wüſte Inſel als aufſat auf die Hoch⸗ zeitstafel zu machen, war jetzt die große — — * — 317— à Idee, die ſich ihres Kopfes bemeiſtert hatte, und die ſie auch mitten im Geräuſch der un⸗ tern Welt und der obern Verhandlungen mit Notarien und Rechtsgelehrten, feſtzuhalten und auszuführen ſtrebte. Nach genauer Vorſchrift ihrer« vollkommnen engliſchen Haushälterin» legte ſie eine wüſte Inſel in einer tiefen Porcellanſchüſſel an; ein Berg in der Mitte, worauf zwei Figuren mit gekrönten Häup⸗ tern, ein kleiner Fels von Eis zu ihren Füßen, zu welchen unzählige, mit Confekt und eingemachten Früchten bezeichnete Wege in allen Richtungen hinaufführten. Vier und vjerzigſtes Kapitel. Gleich nach ſeiner Wiedereinſetzung in Perey⸗ hall Lilte der neue Beſitzer zu ſeinem alten Freund, Lord Oldborough., Er fand den großen Staatsmann glücklich in der Zurück⸗ gezogenheit, ohne ſichtliches Beſtreben, ſo zu erſcheinen. Alles um ihn herum zeugte von wahrer Ruhe des Gemüths; ſeine Geiſtes⸗ kräfte hatten eine andere Richtung genom⸗ men, und beſchäftigten ſich jetzt mit Bauen, Anpflanzen, Verbeſſerung des Bodens und der Menſchen. Manche bisher unterdrückt geweſene Lieb⸗ haberei trat von Neuem hervor. Der Ehr⸗ 1 — —. 319— geiz, welcher ihn früher tyranniſch beherrſchte, und keine andere Leidenſchaft aufkommen ließ, war von ihm gewichen; und nie ſah man ihn auch nur auf Augenblicke dahin zurückkehren. So ſchwierig es für den, auf dem höchſten Gipfel der Macht ſtehenden Staatsmann iſt, ſich zu geringern Beſchäftigungen herabzuſtim⸗ men; ſo gut wußte Lord Oldborough dieſe ſchwere Aufgabe zu löſen— doppelt ſchwer für ihn, dem die reichſte Hülfsquelle, der Geſchmack an Literatur abging. Lord Oldbo⸗ rough fühlte dieſen Mangel, der theils aus Ueberhäufung mit Geſchäften, theils aber auch daher entſtanden war, weil er der Lite⸗ ratur durchaus keinen Einfluß in der politi⸗ ſchen Welt zugeſtanden hatte. Jetzt machte es ihm Freude, zu den alten Claſſikern, die ſeine Jugend begeiſtert hatten, zurückzukeh⸗ ren. Percy theilte dieſen Geſchmack. Er verweilte einige Tage bei ſeinem alten Freund, theils um ihm dadurch einen thätigen Beweis — 320— ſeiner Freundſchaft zu geben, theils aber auch um zu beobachten, wie ſich dieſer Charakter in einer ganz veränderten Lage entwickeln würde. Andern Staatsmännern, ja ſelbſt kräftigen Gemüthern und ſtarken Geiſtern unähnlich, die in veränderten Umſtänden trauernd, und in Indolenz und Gefühlloſig⸗ keit verſunken, ſich der Hypochondrie oder dem Aberglauben hingeben, entfaltete Lord Oldborough neue Kräfte und unerwartete Hülfsquellen. 0 Er hatte Herrn Percy gleich nach ſeiner Ankunft in Clermont⸗Park wiſſen laſſen, daß er ihn zu ſehen wünſchte, ſobald er gewiſſe Papiere in Ordnung gebracht hätte. Graf Altenbergs Ankunft, Carolinens Hochzeit und Percy's lange Gefangenſchaft verhinderten ihn, dieſer Einladung früher zu folgen. Jetzt er⸗ innerte er ihn an den Zweck ſeines Beſuchs, und Lord Oldborough übergab ihm eine kurze, von ihm ſelbſt abgefaßte Ueberſicht der haupt⸗ — 321— ſächlichſten Verhandlungen, in welche er wäh⸗ rend ſeiner politiſchen Laufbahn verwickelt ge⸗ weſen war, und die Copien ſeiner Briefe an die bedeutendſten Männer, ſowohl in Eng⸗ land als im Auslande. Selbſt für denjeni⸗ gen, welcher ſich nicht durch perſönliche Ach⸗ tung, ſondern nur durch politiſche oder philo⸗ ſophiſche Neugier zu dem großen Mann hin⸗ gezogen fühlte, mußten die Briefe eines ſol⸗ chen Miniſters höchſt intereſſant ſeyn; aber Percy las ſie mit doppeltem Intereſſe: denn es ſprach ſich in dieſer Geſchichte des politi⸗ ſchen Lebens des Miniſters der höchſte Grad von Rechtlichkeit, Aufrichtigkeit, Uneigennützig⸗ keit und Patriotismus aus. Als er ihm das Manuſcript zurückgab, ſagte Percy— §Ich glaube, daß der Rückblick auf die⸗ ſes, dem Vaterlande geweihtes, ohne An⸗ ſprüche auf die Dankbarkeit Ihrer Landsleute und auf wohlverdienten Ruhm geführtes Le⸗ IV. 21 — 322— ben, die reichſte Quelle innerer Zufriedenheit für Sie ſeyn muß.» Ich bin glücklich, und hauptſächlich aus dem, von ihnen angeführten Grund,» erwie⸗ derte Lord Oldborough, zu ſtolz, um De⸗ muth zu erheucheln.„Doch,» fügte er nach einer bedeutenden Pauſe hinzu— adoch fühle ich jetzt, daß ich größere Anſprüche an das Glück machen durfte, und durch den ſelbſt erwählten Lebensweg und manche andere Um⸗ ſtände, über welche ich nicht gebieten konnte, darum gebracht worden bin.» Er hielt wieder inne, ging dann auf an⸗ dere Gegenſtände über, und erzählte von ſei⸗ ner Schweſter, einer ältlichen Dame, die jetzt zum Beſuch bei ihm war. Sie hatte in Schottland mit ihrem Mann, einem ſchot⸗ tiſchen Edelmann, gelebt, welcher gerade zur Zeit, als Lord Oldborough ſeine Stelle nie⸗ derlegte, ſtarb, wodurch es ihr möglich wurde, des Bruders Einladung, ihn in ſeiner Ein⸗ , — — — 323— ſamkeit zu beſuchen, anzunehmen. Die Liebe, die er früher für ſeine Schweſter empfunden hatte, ſchien jetzt von Reuem wieder zu er⸗ wachen; und als ob er froh wäre, einen Gegenſtand für ſeine Zärtlichkeit zu finden, ſchuͤttete er ſie über dieſe Schweſter aus. Percy bemerkte eine Weichheit in ſeinem Weſen und in ſeiner Stimme, wenn er mit ihr ſprach, und tauſend kleine Aufmerkſamkei⸗ ten, die niemand von dem anſcheinend ſtren⸗ gen Lord Oldborough erwartet hatte. Am Morgen des letzten Tages, den Percy in Clermont⸗Park zuzubringen gedachte, au⸗ Herte Lord Oldborough ſein Bedauern, ihn ſchon wieder zu verlieren. Ich habe kein Recht, Sie Ihrer Familie länger zu entzie⸗ hen; aber ich ſehe Sie ungern ſcheiden. Ih⸗ rem Beiſpiel,» fügte er nach einer Pauſe hinzu,«verdanke ich den Glauben, daß ein Privatleben das glücklichſte Leben iſt.» Mylord, in den meiſten Fällen halte ich 21*† — 324— es dafür; aber fern ſey es von mir behaup⸗ ten zu wollen, daß ein öffentliches, in edler Anſtrengung verbrachtes Leben, und mit dem Bewußtſeyn großer Talente und Nützlich⸗ keit, nicht wünſchenswerther ſey, als das Le⸗ ben eines, in der Abgeſchiedenheit zurückge⸗ zogenen Privatmannes, ſelbſt wenn es alle Freuden des häuslichen Glücks gewährt. Es giebt Männer von ausgezeichneten Talenten, die vom edlen Patriotismus begeiſtert, ſich zu ungewöhnlichen Anſtrengungen beruſen füh⸗ len. So ſehr die allgemeine Verdorbenheit den Glauben an öffentliche Tugend geſchwächt hat, glaube ich dennoch an die Erxiſtenz ſol⸗ cher Männer, denen, wann die Zeit der Ruhe gekommen iſt, allgemeine Achtung und innere Zufriedenheit in die Einſamkeit folgt.» «Es iſt wahr, ich bin glücklich!» wieder⸗ holte Lord Oldborough; aber um auf unſer geſtriges Thema zurückzukommen— ich fühle, daß mein Glück noch manches Zuwachſes — 4õ½ — 4õ½ — 325— fähig iſt. Das Bewußtſeyn meine Pflicht nach beſten Kräften erfüllt zu haben, iſt be⸗ friedigend. Ich verlange den Beifall der Welt nicht; ich verachte die Schmeichler. Ich habe mich auf meinem öffentlichen Poſten ohne Theilnahme erhalten, ſie auch ſelten gefun⸗ den— doch mich ihrer herzlich erfreut, wo ſie mir zu Theil wurde. Aber was dies Le⸗ ben zum Leben macht— eine glückliche Fa⸗ milie, häusliche Freuden, Gegenſtände der Liebe— das fehlt mir.» Percy fühlte das Wahre dieſer Bemer⸗ kung; er erwähnte Temple's anerkannte Treue und Anhänglichkeit und ſagte, daß er willens ſey, Lord Oldboroughs gütige Einladung an⸗ zunehmen, und ihm nächſte Woche mit ſeiner jungen Frau die Anfwartung zu machen. Obgleich ich Roſamundens Vater bin,» fügte er lächelnd hinzu, aglaube ich doch ſie ſelbſt loben zu dürfen; ihre Lebhaftigkeit iſt ſo ſehr mit natürlichem Verſtand und gründ⸗ — 326— lichen Kenntniſſen gepaart, daß ihre Geſell⸗ ſchaft Ew. Herrlichkeit gewiß angenehm ſeyn wird.» Es ſoll mich freuen Mrß. Temple hier zu ſehen. Als die Tochter eines Freundes, und die Frau des Andern hat ſie doppelte Anſprüche auf meine Achtung, wenn ich nicht ſchon ohnehin überzeugt wäre, daß die Geſell⸗ ſchaft einer ſo wohlerzogenen Dame, wie Mrß. Temple meinem Geſchmack ſehr zuſagen wird. Die einzige Gefahr beſteht darin, daß ihre Geſellſchaft mir unentbehrlich werden könnte. Für Herrn Temple fühle ich ſchon einen Grad von Zuneigung, den ich eher zurück⸗ drängen als befördern möchte.» Zurückdrängen! Warum zurückdrängen, Mylord? wenn Sie ihn achten, und von der Aufrichtigkeit ſeiner Gefühle überzeugt ſind.» & Eben deshalb.» * Warum denn— verzeihen Sie, ver⸗ — ehrter Lord! warum denn dieſe Zuneigung mit Stoicismus zurückdrängen? « Damit meine Ruhe und mein Glück nicht von einem Manne abhängig werde, deſ⸗ ſen Glück ganz unabhängig, in manchen Stük⸗ ken ſelbſt unverträglich mit dem meinigen iſt. — Wenn er mir auch ſeine Geſellſchaft wid⸗ met, bleibt ſein Herz doch zu Hauſe, bei ſeiner Familie.— Sie ſehen, ich bin kein ſtolzer Stoiker; aber ein Mann, der es wagt das Leben, das abnehmende Leben ſo zu be⸗ trachten, wie es iſt— wie es ſeyn muß.* Die Unterhaltung ward hier durch die Ankunft eines Wagens unterbrochen. Lord Oldborough ſah zum Fenſter hinaus und bemerkte dann lächelnd— & Sonſt war Clermont⸗Park von Beſu⸗ chern und Equipagen belagert; jetzt erregt die Ankunft eines einzelnen Wagens Aufſehen!» Der Kammerdiener meldete einen aus⸗ ländiſchen Namen, einen neapolitaniſchen Abbé, — 328— der ſich im Gefolge eines neuen Geſandten, welcher ſo eben in England angekommen, be⸗ ſand. Er überbrachte Briefe von dem Car⸗ dinal..... ſeinem Oheim, die er Lord Oldboroughs Händen ſelbſt übergeben ſollte. Sr. Herrlichkeit empfing dieſe politiſchen Briefe mit vieler Ruhe und Gleichgültigkeit — der deutlichſte Beweis, daß er aufgehört hatte Intereſſe an dem großen Spiel zu neh⸗ men. Er ſetzte voraus, daß der Abbé da⸗ von unterrichtet ſey, daß er ſeinen Poſten niedergelegt habe, und keinen Theil an den Staatsgeſchäften nehme. Der Abbé erwiederte, daß man ihn aller⸗ dings von dieſem Umſtand unterrichtet habe; ſein Oheim aber überzeugt ſey, daß Lord Oldboroughs Einfluß noch eben ſo bedeutend wie ſonſt, und bedeutender als der Eiuſuß aller andern Miniſter ſey. Dieß wieß Lord Oldborough von ſich, und bemerkte kalt, adaß ſein Einfluß, bedeu⸗ ) ) — 329— tend oder gering, dem Herrn Cardinal nicht von dem geringſten politiſchen Nutzen ſeyn könne, da er beſchloſſen habe ſich nie wieder um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern. Der Herzog von Greenwich ſey die Perſon, an welche man ſich jetzt mit ſolchen Anträgen zu wenden habe.» Der Abbé wiederholte, daß ſeine Auf⸗ träge von dem Cardinal ausdrücklich lauteten, dieſe Briefe nur Lord Oldboroughs eigenen Händen zu übergeben; daß er in Folge die⸗ ſes gemeſſenen Befehls nach Clermont⸗Park gekommen ſey, ſie an ihn abzuliefern. Er war ferner beauftragt, Sr. Herrlichkeit zu erſuchen, dieſe Briefe ſelbſt zu leſen und ſie keinem Sekretair zur Durchſicht zu geben; und falls er dieſe Gunſt verweigern ſollte, um ſeinen Rath zu bitten, an wen er ſich zu wenden hätte. * Herr Percy!» ſagte Lord Oldborough, dieſen zurückrufend, welcher aufgeſtanden war, — 330— das Zimmer zu verlaſſen.— Was Sie auch noch zu ſagen wünſchen, Herr Abbé! können Sie vor dieſem Herrn, meinem Freund, aus⸗ ſprechen.» Sr. Herrlichkeit öffnete hierauf das Pa⸗ ket, las die Briefe flüchtig durch, und adreſſirte einige an den Herzog von Green⸗ wich, andere an den König. Der Abbé ließ ſich unterdeſſen ſehr leb⸗ haft über neapolitaniſche Politik aus, bedau⸗ erte Lord Oldboroughs Niederlegung, er⸗ wähnte immer wieder von Neuem Sr. Herr⸗ lichkeit bedeutenden Einfluß, und drang be⸗ harrlich auf einen Punkt, an welchem ſeinem Oheim, dem Cardinal, viel gelegen zu ſeyn ſchien. Unter den Briefen befand ſich einer, den Lord Oldborough nicht eröffnete. Er legte ihn umgekehrt auf den Tiſch, ſtützte den Ellen⸗ bogen darauf, und ſaß, als wenn er dem Abbé aufmerkſam zuhörte; doch Percy ge⸗ — 331— wahrte Symptome einer ungewöhnlichen Be⸗ wegung, die er mit Anſtrengung unterdrückte. — Endlich ſtand der wortreiche Abbé auf und erbat ſich Sr. Herrlichkeit Befehle. Dieſe waren mit wenigen Worten ertheilt. Der Abbé erhielt die an den König und an den Herzog von Greenwich adreſſirten Briefe, nebſt einer Einladung die Nacht in Clermont⸗ Park zu verweilen, welche er jedoch mit ita⸗ lieniſcher Höflichkeit ablehnte. Er warf einen fragenden Blick auf den uneröffneten Brief. Privatangelegenheiten, mein Herr lo ſagte Lord Oldborough mit ſtrengem Ton, ohne ſeinen Ellenbogen zu erheben. Sollte dieſer Brief einer Antwort be⸗ dürfen, ſo werde ich ſo frei ſeyn, ſie Ihnen für den Herrn Cardinal zuzuſchicken.» Der Abbé verbeugte ſich tief, hinterließ ſeine Adreſſe und nahm Abſchied. Lord Old⸗ borough begleitete ihn bis an die Thür, und nachdem er ihn abreiſen geſehen, nahm er — 332— ſeine Uhr heraus, wandte ſich zu Herrn Percy und ſagte—« Kommen Sie nach fünf Mi⸗ nuten in mein Cabinet. Und,» fügte er hinzu, als er ſeine Schweſter ins Haus tre⸗ ten ſah, slaſſen Sie niemand zu mir herein.» Nach Verlauf der fünf Minuten ging Percy zu Lord Oldborough. Er pochte an die Thür des Cabinets— keine Antwort; er pochte ſtärker— alles blieb ſtill. End⸗ lich trat er hinein und fand ihn in unbeweg⸗ licher Stellung ſitzen, einer Statue ähnlicher als einem lebenden Menſchen. Alle Mus⸗ keln waren ſteif, Todtenbläſſe bedeckte das Geſicht; er hielt die Augen feſt auf die Thuͤre gerichtet, blieb aber regungslos bei Percy's Annäherung. Die rechte Hand hing über den Stuhl und hatte die Brille fallen laſſen, die linke hielt den Brief krampfhaft feſt. Mein theurer Lord!» rief Percy. Er hörte und antwortete nicht. Percy öffnete ein Fenſter und ließ Luft herein. — 333— Dann verſuchte er die herabhängende Hand aufzuheben, fand ſie aber vom Schlag ge⸗ troffen. In der Hoffnung ihn wieder zur Beſinnung, oder wenigſtens zu einer körper⸗ lichen Bewegung zu bringen, verſuchte Percy ſeiner krampfhaft geſchloſſenen Hand den Brief zu entreißen. So wie er ihn berührte, fuhr Lord Oldborough in die Höhe, warf einen wüthenden Blick auf ihn und rief— Wer wagt es? Wer ſind Sie, Herr?» Ihr Freund Percy, Mylord.» Er zeigte auf einen Stuhl. Percy ſetzte ſich. Er erholte ſich nach und nach, der ſchlag⸗ artige Zufall wich, die Farbe des Lebens kehrte zurück, der Körper erhielt wieder Be⸗ wegung, die Seele Kraft. Als ob er nur unterbrochen worden wäre, fuhr er in ſeiner Unterhaltung fort— Auf Sie, Herr Percy! kann ich mich verlaſſen, wie auf mich ſelbſt. Die Bitte um Verſchwiegenheit iſt bei einem Manne — 334= von Ehre unnöthig. Der Brief, den ich jetzt in meiner Hand halte, iſt von der ſchö⸗ nen Italienerin, in deren Geſellſchaft Sie mich damals ſahen, als wir zuerſt in Neapel zuſammentrafen. Ich liebte ſie, und ſie gab mir Veranlaſſung mich ihrer Gegenliebe ver⸗ ſichert zu halten. Späterhin ließen mich mehrere Umſtände an ihrer Treue zweifeln. Laſſen Sie mich daruͤber hinweggehen— ich kann nicht davon ſprechen, oder daran den⸗ ken. Wir trennten uns und ich ſah ſie nie wieder. Sie zog ſich in ein Kloſter zurück. Durch dieſen, auf dem Todtenbette geſchrie⸗ benen Brief, erfahre ich erſt, daß ſie mir einen Sohn gegeben hat.— Die Beweiſe, daß ich ihr Unrecht gethan, ſind unverkenn⸗ bar. Wollte Gott! ich hätte ſie früher be⸗ kommen, ſo lange es noch in meiner Macht ſtand, Unrecht zu vergüten. Aber ihr Stolz erlaubte ihr nicht, vor ihrem Ende damit hervorzutreten.» — 335— Beim erſten Durchleſen des Briefs hatte die Erkenntniß, der Mutter Unrecht gethan zu haben, Lord Oldborough ſo ſehr ergriffen, daß er das unerwartete Glück, einen Sohn zu beſitzen, nicht achtete. In die Vergan⸗ genheit vertieft, war er anfangs für die Ge⸗ genwart und Zukunft unempfindlich geblieben. Jetzt wurden langgeſchlafene Ideen plötzlich wieder wach, und führten ihn mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt in die Tage ſeiner Jugend zurück. Percy erkannte den ehemaligen Lord Oldborough wieder; aber nur auf kurze Zeit. Sobald die Erinnerung der Vergangenheit der dringenden Gegenwart weichen mußte, kehrte der gewöhnliche kalte Blick, und das ſtarre Weſen wieder zurück. Seinem Sohn, dieſem unbekannten Weſen, das ihm ange⸗ hörte, das Anſprüche an ſein Herz machte und zum Glück oder Unglück ſeines Lebens noch beitragen konnte, wandte er jetzt ſeine Gedanken zu. Er nahm den Brief wieder — 336— auf, ſuchte die, ſeinen Sohn betreffende Stelle, las ſie erſt ſtill für ſich und dann ſeinem Freund vor, und meinte, es würde ein ſchwieriges Unternehmen ſeyn, ihn nach dieſen unſichern Anweiſungen zu finden. Der Knabe ward, als er drei Jahr alt, unter der Obhut eines irländiſchen Prie⸗ ſters nach England, oder Irland geſchickt, welcher ihn einem, durch einen Hamburger Banquier empfohlenen Kaufmann übergab,⸗ u. ſ. w. 2 Es wird Mühe koſten, dieſem Prieſter nachzuſpüren, ich laufe Gefahr getäuſcht oder betrogen zu werden,» ſagte Lord Oldborough mit ängſtlichem Blick. a Wollte Gott! ich wüßte Mittel und Wege zu erfahren wo? und hauptſächlich wie er iſt?— Sonſt könnte ich wünſchen, nie von ſeiner Exiſtenz gehört zu haben.„ 8 & Mylord, finden Sie keine weitere Um⸗ ſtände angeführt?» fragte Percy haſtig. — 337— Lord Oldborough fuhr mit Leſen fort. Vierhundert Pfund unſeres engliſchen Gel⸗ des ſind ihm jährlich durch dieſe hamburger Kaufleute zugekommen.— An dieſe müſſen wir uns alſo zuförderſt wenden,» ſagte Lord Oldborough, aund ich will gleich deshalb ſchreiben.* « Mylord! ich glaube Ihnen dieſe Mühe erſparen zu können,» ſagte Percy— Lich kenne den Mann.» Lord Oldborough legte die Feder nieder, und ſah ſeinen Freund erſtaunt an. Ja, Mylord! ſo außerordenrlich es Ih⸗ nen auch erſcheinen mag, ich wiederhole es — ich glaube Ihren Sohn zu kennen, und gratulire Ihnen dazu. Sie haben alle Ur⸗ ſache ſich zu freuen.» Thatſachen, lieber Herr Percy!» rief Lord Oldborough. Erregen Sie keine fal⸗ ſchen Hoffnungen.» 22 — 338— Percy wiederholte alles, was ihm Gott⸗ fried von Henry geſagt hatte. Er erzählte jeden Umſtand von der erſten Bekanntſchaft an; die Beleidigungen, welche ihm das Ge⸗ heimniß ſeiner Geburt von den übrigen Of⸗ ſicieren zugezogen, die Streitigkeiten, die es ihm verurſacht— Major Gaskoigne's Güte, Henry's Dankbarkeit. Seine Anhänglichkeit an Gottfried, deſſen erfolgloſe Reiſe nach London, ſein Wunſch in einem ſoliden Kauf⸗ mannshauſe unterzukommen. Er erwähnte des Briefs, welchen Gottfried deshalb an ihn geſchrieben, und worin er ihn gebeten, Hen⸗ ry'n Herrn Gresham zu empfehlen, nachdem er ihm, mit des jungen Mannes Erlaubniß, alles mitgetheilt hatte, was er von deſſen Geburt und früheren Schickſalen wußte. Ich habe dieſen Brief aufgehoben,» ſagte Percy.&Ew. Herrlichkeit ſollen ihn ſehen. Ich erinnere mich genau des Umſtandes, daß Henry in Dublin bei einem Kaufmann erzo⸗ gen wurde, und 400 Pfund in vierteljähri⸗ ger Auszahlung von einem Banquier in Cork erhielt.» „Fragte er nie weshalb, oder woher? und kennt er ſeine Mutter? Gewiß nicht. Die Antwort auf ſeine erſte Anfrage verhinderte alle fernern Nach⸗ forſchungen. Der Banquier erwiederte, daß er beauftragt ſey, die Zahlung augenblicklich einzuſtellen, ſobald Nachfragen erfolgten.» Lord Oldborough hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, und ſein Intereſſe ſtieg, als Percy des jungen Mannes würdiges Be⸗ nehmen gegen Miß Panton, ſeiner Uneigen⸗ nützigkeit, Feſtigkeit und treuen Liebe er⸗ wähnte. „ Ich hoffe, dieſer Jüngling iſt mein Sohn, ſagte er mit leiſer, bewegter Stimme. «Er verdient es zu ſeyn, Mylord,» er⸗ wiederte Percy. 22* «Ein ſchlechter Sohn iſt der größte Fluch, ein guter aber der groͤßte Segen des Him⸗ mels!» ſagte Lord Oldborough. Er verlor ſich einige Augenblicke im Nachdenken, dann rief er aus— Ich muß den Brief— ich muß den jun⸗ gen Mann ſehen!» „Mylord, er iſt in meinem Hauſe.» LCord Oldborough fuhr haſtig von ſeinem Sitz auf—«Laſſen Sie mich ihn gleich ſehen.* Morgen, Mylord!* entgegnete Percy mit Ruhe. Morgen; heute könnte es nicht geſchehen, ohne Herrn Henry zu beunruhi⸗ gen, oder ihm die Urſache zu verrathen.» & So ſey es Morgen! Sie haben Recht, mein theurer Freund! Laſſen Sie mich ihn ſehen, ohne daß er etwas von unſerm Ver⸗ hältniß ahnet; aber den Brief wünſchte ich heute Abend noch zu leſen.» 1 * — — „— 341— Sie ſollen ihn haben, Mylord!» Percy theilte ſeine Ungeduld, und befrie⸗ digte ſie mit möglichſter Eile. Der Brief wurde Sr. Herrlichkeit noch denſelben Abend zugeſchickt. Zu Hauſe angekommen, erfuhr Percy von ſeinen Söhnen noch manche Umſtände, die ſeine Vermuthung beſtätigten. Erasmus hatte kuͤrzlich Herrn Gresham's Thürſteher, den treuen Obrien, in der Cur gehabt; er war ſehr krank, glaubte zu ſterben und verlangte nach einem Geiſtlichen. Henry ſtand an des armen Irländers Bette, als der Prieſter ein⸗ trat; der Anblick des jungen Mannes erſchüt⸗ terte dieſen ſo ſehr, daß er in den erſten Augenblicken ſeine Aufmerkſamkeit nicht auf den Patienten zu richten vermochte. Nach⸗ dem er ſein geiſtliches Geſchäft verrichtet hatte, wandte er ſich zu Henry, bat um Verzeihung, daß er ihn ſo ſcharf beobachtet, ſagte aber, daß Henry's Geſichtszüge ihn leb⸗ — 342— haft an eine vornehme Italienerin erinnerten, welche ihm vor vielen Jahren ein Kind an⸗ vertraut hatte. Dieß führte zu weitern Er⸗ klärungen, und nach Vergleichung der Zeit und Umſtände überzeugte ſich Henry, daß die⸗ ſer Mann derſelbe Prieſter ſey, der ihn nach Irland gebracht hatte. Dieſer erkannte in ihm das ihm anvertraute Kind; aber alles Uebrige war und blieb dunkel. Er wußte nichts mehr— ſelbſt nicht den Namen der Dame, von welcher er das Kind erhalten hatte— als daß er von dem Dubliner Kauf⸗ mann, dem er das Kind übergeben, reichlich belohnt worden, daß dieſer Kaufmann ſeit⸗ dem fallirt hatte und nach Amerika gegan⸗ gen war. Henry hatte durch dieſe Entdek⸗ kung nichts weiter erreicht, als daß ſeine mit Müuͤhe beſchwichtigte Neugier von Neuem er⸗ weckt war. Percy gebrauchte die Vorſicht, keine Hoff⸗ nungen in ihm zu erregen, und ihm in der — 343— Einfuͤhrung bei Lord Oldborough nichts Au⸗ ßerordentliches vermuthen zu laſſen. Eine Geſchaͤftsſache, worüber Herrn Gresham's Compagnon am beſten Auskunft geben konnte, war die Veranlaſſung, weshalb Henry nach Clermont⸗Park beſchieden wurde. Er hatte, wie Jeder, der im Stande iſt, einen gro⸗ ßen, öffentlichen Charakter zu würdigen, ſtets die höchſte Bewunderung für Lord Oldbo⸗ rough empfunden, ihn aber nie in der Nähe geſehen, und ging jetzt dieſer Vorſtellung nicht ohne Zagen entgegen. Lord Oldborough, durch den erhaltenen Brief und Herrn Percy's Nachrichten zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigt, erwartete unterdeſſen ſeine Ankunft mit der größten Ungeduld. Er maß das Zimmer mit lan⸗ gen Schritten, und ſah häufig nach ſeiner Uhr, die ſtehen geblieben zu ſeyn ſchien. Endlich öffnete ſich die Thur. Herr Percy und Herr Henry, Mylord!⸗ -— 34— Lord Oldborough warf einen Blick auf Henry. Die Aehnlichkeit mit ſeiner Mutter war frappant. Er ſprang auf, ſchloß ihn in ſeine Arme und rief mit zärtlichem Ton— Mein Sohn! Ja, er iſt mein Sohn! Nun bin ich auch glücklich! Nun werde ich auch die Freuden des häuslichen Glücks ken⸗ nen lernen!?— —