“ 6 iyvibiothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 1 Eduard Ottmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. » 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— 4 4 für weöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 4———,— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 NM.— Pf. = — 2. 8. S. =— 8 8 S. 5 9 — 5 8 R —₰, — 21 2 — ₰ A — 3 2 8 8 ewer⸗ — Goͤnnerſchaft. Von Maria Edgeworth. Aus dem Engliſchen überſetzt von Louiſe Marezoll. Dritter Theil. Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Joh. David Sauerlaͤnder⸗ 1 828. —,,— Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Der erſehnte Tag des Balles brach endlich an, und ſämmtlicher Adel der umliegenden Gegend verſammelte ſich im Falkoner⸗Hof. Mrß. Falkoner empfing die Geſellſchaft in einem herrlichen, zu dieſem Behuf mit vielem Geſchmack und großer Pracht neu dekorirten Salon. Sie beſaß alle jene kleinen unent⸗ behrlichen Eigenſchaften, die dazu gehören, die Honneurs auf einem Ball zu machen, und ſchwebte mit der, nur durch Tanz⸗Uebung zu erlernenden Leichtigkeit in dem Kreis herum, ſich ſelbſt bewußt, in ihrem Elemente zu ſeyn. Ihr Auge ſchien mit einem Blick die ganze Geſellſchaft zu üͤberſchauen, ihr Ohr Alles zu 1* — 4— 4 hören, und ihre Aufmerkſamkeit ſich mit glei⸗ cher Anmuth auf alle Theile auszudehnen. Inrdeſſen gab es hierbei doch kaum zu bemer⸗ kende Unterſchiede, die nur dem ganz ſchar⸗ fen, unbefangenen Beobachter nicht entgingen. Meiſterin in der Kunſt zu gefallen, und mit allen Nüancen der Höflichkeit bekannt, ver⸗ ſtand ſie dieſe ſo auszutheilen, daß ihre fei⸗ nen Uebergänge und Grade nicht ſichtbar wurden. Man konnte aus Mrß. Falkoners Empfang ihrer Gäſte deren Rang und Wich⸗ tigkeit in der Welt abnehmen: denn hiernach richtete ſie das Maaß ihrer Höflichkeit und Ehrerbietung ein. Ein Jeder kannte dieſe Theorie und ſah ſie bei Andern in Ausübung bringen, waͤhnte aber bei ſich ſelbſt eine Auszeichnung in ihrem Weſen zu bemerken. Aus der Bewegung ihrer Geſichtsmuskeln, ih⸗ rer Stimme, ihrem Lächeln, der Sorge den Reſpekt nicht aus den Augen zu ſetzen, ließ 8 ſich auf den Rang und Stand eines jeden — 5— einzelnen Individuums ſchließen. Die am andern Ende des Zimmers poſtirten Miß Falkoners bildeten das Gegenſtück ihrer Mut⸗ ter. Alle anzuziehen, war Mrß. Falkoners Grundſatz; Alles zurückzuſtoßen, der Töchter Art. Von einem Kreiſe junger Freundinnen umringt widmeten ſie nur der erwählten Lot⸗ terie ihre ausſchließende Aufmerkſamkeit. Die Honneurs des Hauſes zu machen, üͤberließen ſie gern ihrer Mutter, und fanden es weit bequemer, den Triumph bewundert zu wer⸗ den, in ungeſtörter Ruhe zu genießen. In Erwartung der Regimentshoboiſten hielten Miß Falkoners und ihre Auserwählten den Eingang des Salons beſetzt, um den vollen Anblick der, durch das Vorzimmer eintreten⸗ den Geſellſchaft zu genießen. Niemand paſſirte ankritiſirt. Der erſte coup d'oeil entſchied das Schickſal aller Eintretenden, und die ſchö⸗ nen Richterinnen übertrafen ſich an Strenge des Ausſpruchs. Aber ich wundere mich nur, daß Percy's noch nicht da ſind, y bemerkte Mi Geor⸗ gine. Bringt Sir Robert Percy jenand mit? fragte eine der jungen Damen. Ich ſpreche nicht von Sir Robert Percy,⸗ erwiederte Georgine,«ſondern von dem an⸗ dern Stamm, dem gefallenen Stamm der Percy's— auch unſere Verwandten, aber wir wiſſen nichts von ihnen. Mama war gewiſſermaßen genöthigt, ſie heute einzuladen, und Bella, bedenke nur, wie ſchrecklich är⸗ gerlich! weil ſie kommen, bleibt Sir Robert Perey weg; er hat ſich eben entſchuldigen laſſen.» t Unertraͤglich!s vief Arabella, swirklich unerträglich, Sir Robert's Geſellſchaft wegen dieſer Menſchen einzubuͤßen, die fern von der Welt leben, von denen Niemand etwas weiß⸗ ausgenommen Lord Oldborough, der, wie man ſagt, vor vielen Jahren mit dem Va⸗ . ter in politiſcher Verbindung geſtanden haben ſoll.⸗— Nein, ſie haben ſich im Auslande ge⸗ troffen,» verbeſſerte Georgine. Mag ſeyn, wie es will,» entgegnete Arabella; cich weiß nichts von ihnen, und wünſchte nur, ſie wären zu Hauſe geblieben, wo ſie ſo gern ſeyn ſorullen. Du wirſt Dich erinnern, Georgine, von Buckhurſt gehört zu haben, daß ſie, als ſie noch reich waren, nie wie andere Leute lebten, ſondern ſich leben⸗ dig auf dem Lande vergruben; und ich weiß aus Lady Jane Granvilles eigenem Munde, daß ſie, nachdem Percy's ſchon ihr Vermö⸗ gen verloren hatten, eines der Mädchen mit in die Stadt und nach Tunbridge nehmen wollte— bedenke nur, wie gütig, und welch ein Vortheil ihnen das geweſen wäre— und glaubſt Du wohl, der alte Herr Percy. war ſo thöricht es abzuſchlagen, und die Mäd⸗ chen bezeigten ſelbſt gar keine Luſt. Lady — 8— Jane wird ſie natürlich nie wieder einladen. Aber kann man ſcch einfältigere Geſchöpfe denken! 2 Einfaͤltig? O.,„oewiß nicht; Du irrſt Bella, denn Du weißt ja, ſie ſind alle ſo klug und ſo gelehrt, daß ich in ihrer Gegen⸗ wart kaum den Muth haben werde, ein Work“ zu ſprechen.* Glücklicher Weiſe,y bemerkte eine der jungen Damen, chaben ſie von ihrer Gelehr⸗ ſamkeit auf einem Ball nichts zu befürchten, und als Tänzerinnen werden ſie ſich ſchwer⸗ lich mit Ihnen meſſen können, ſelbſt die Schön⸗ heit nicht.» Ei nun, wer weiß? entgegnete Geor⸗ gine ſpoͤttiſch. Ich geſtehe, ich bin ſehr neugierig, wie ſie ſich angezogen haben— eomment ces savantes se tireront d'af- faire!— Es wundert mich nur, daß ſie noch nicht da ſind. Liebe Lady Frances, be⸗ halten Sie nur die Thür im Auge; ich —— — —— — 9— möchte ihre entrée nicht um Millionen ver⸗ ſäumen.* 18 21lls zun Vergebens waren Augen und Gläſer, in Erwartung dieſer, der Verſoͤhnung gewidme⸗ ten Gegenſtände auf die Thüre gerichtet.— Ein Gaſt nach dem andern trat ein, aber Percy's nicht, Die Hoboiſten waren unterdeſſen ange⸗ langt, die Muſik begann. Graf Altenberg trat in's Zimmer und wurde von Mrß. Fal⸗ koner mit unbeſchreiblicher Grazie empfangen. Miß Gevorgine ordnete unterdeſſen ihre Ge⸗ ſichtszüge, und brachte den Kopf in eine an⸗ muthige Stellung. Der Graf verbeugte ſich gegen ſie; ſie fächerte ſich, warf unwillkühr⸗ lich zuerſt einen Blick auf einen Brillant, den er trug, und dann auf ihre Mutter, wäͤhrend ſie ſich mit nicht geringer Angſt darauf vor⸗ bereitete, die ganze Artillerie ſpielen zu laſ⸗ ſen, um ihren Sieg vollſtändig zu machen: — 10— denn hierzu bedurfte es, ihrer Meinung nach, nur noch eines letzten Streichs. r Mrß. Falkoner erſuchte den Graf Alten⸗ berg, den Ball mit Lady Franziska Arling⸗ ton zu eröffnen. Nachdem er ihren Befehl befolgt, forderte er Miß Georginen auf, die mit dem ſtolzen Gefühl, ein Gegenſtand des Neides der Hälfte der Geſellſchaft zu ſeyn, an ſeiner Seite ſchwebte. Graf Altenberg, nicht ahnend, irgend ei⸗ nes Menſchen Aufmerkſamkeit zu erregen, ſchien nur darauf bedacht, ſeine Tänzerin im beſten Lichte zu zeigen; er tanzte ſchön, aber er bewegte ſich auch im gewöhnlichen Le⸗ ben mit Leichtigkeit und Grazie, und alles was er that, verrieth den Gentlemen. Seine ſchöne Tänzerin tanzte bewundrungswürdig, und übertraf ſich ſelbſt. Man hinterbrachte Mrß. Falkoner, Oberſt Bremen, des Grafen ſpecieller Freund, habe jemanden erzählt, daß der Graf Miß Geor⸗ * ginens Tanzen unvergleichlich ſchön gefunden, und nur in der Pariſer Oper etwas dem Aehnlichen geſehen habe. 8 In dieſem ſtegreichen Augenblick würde Georgine Carolinens Ankunft ohne Herzklo⸗ pfen ertragen haben; die klügere Mutter war indeß ganz wohl mit ihrer Abweſenheit zu⸗ frieden. Alles ging, wie ſie es wünſchte. Es war ſchon ſpät, und keine Percy's er⸗ ſchienen.— Falkoner wunderte ſich und bedauerte.— Der Funangrdt erkendigte ſch, 2b Mrß. Falkoner auch ſicher ſey, den rechten Tag auf der Karte angegeben zu haben? ½ 9 gewiß! aber es iſt jetzt zu ſpät; ich bin überzeugt, daß ſie nicht mehr kommen.* Sehr ſonderbar, Lord Oldboroughs Equi⸗ page und Bediente dort zu behalten,»— ſagte der Finanzrath— und ſie müſſen früh dort angekommen ſeyn, denn ich ſah zie aus⸗ fahren.» —— — 12— „Ich weiß nur, daß wir das Unſrige ge⸗ than haben, und Lord Oldbordugh uns nichts vorwerfen kann,» entgegnete Mrß. Falkoner. Was Graf Altenberg betrifft, ſo ſcheint er ganz zufrieden.* arn n Mrß. Falkoners Ton ſchien mehr als zu⸗ frieden auszudrücken; aber hier war we⸗ der der rechte Ort, noch die ſchickliche Zeit, über dieſen Punkt zu ſtreiten. du Der Gemahl entfernte ſich mit dem leiſen Aus⸗ ruf:«Abſurd!— Die Gemahlin ſah ihm nach und dachte: wie halsſtarrig! wie hart⸗ näckig!l iche: ud esf 1360 Hun nen Graf Altenberg hatte ſeine Tänzerin zu ihrem Stuhl zurückgeführt und nun beſtürmten ſie die jungen Damen ihrer Parthie mit glück⸗ wünſchendem Geflüſter. Die eine bemerkte, a daß Graf Altenberg ſichtbar bewegt geweſen ſey, als er Miß Georginen zuerſt angeredet. Eine andere wollte geſehen haben, daß er mehreremal die Jarbe gewechſelt. Kurz Alle ſtimmten darin uͤberein, daß ſie des Grafen Herz erobert habe. Mit erkünſtelter Ungläu⸗ bigkeit, aber innerm Wohlgefallen warf ſie dieſe Bemerkungen weit weg, und rief:— Hah! Wie können Sie dieß nur denken! warum ſolche Dinge ſagen! Liebe, wie kön⸗ nen Sie mich ſo quälen! Wechſelte er wirk⸗ lich die Farbe?— in mich verliebt!— Sie begriff nicht, wie man ſo etwas glauben konnte— ſie hatte nie daran gedacht.— Während dieſes Geſprächs folgten ihre Augen dem Grafen, welcher, ſeine Gefahr nicht ahnend, ſorglos im Zimmer auf⸗ und abging, und ſich an der wogenden Menge ergötzte. Bald darauf erſcholl das Gerucht von der Ankunft der Percy'ſchen Familie, mit dem beunruhigenden Zuſatz, ⸗daß Graf Altenberg beim Anblick der ſchonen Miß Percy ſehr frap⸗ pirt geweſen ſey, und ſeinem Freunde, dem Oberſten Bremen zugeflüſtert habe— a dem — 14— Bilde ſehr aͤhnlich— aber noch mehr Aus⸗ druck in dem Geſicht!» Georginen wurde bei dieſem Bericht erſt roth und dann blaß; Mrß. Falkoner, zwar nicht weniger beunruhigt, veränderte dennoch keine Muskel ihres Geſichts, überließ es ei⸗ nem Jeden, ſeine Anmerkungen uber des Grafen Worte zu machen, und ſagte bloß: aſind Percy's endlich gekommen?» Sie bahnte ſich ihren Weg durch das Gedränge, und flü⸗ ſterte en passant dem jungen Petealf zu: Run iſt Ihre Zeit gekommen, lieber Petcalf, Georgine iſt in dieſem Augenblick nicht engagirt.»* Ehe Mrß. Falkoner das Vorziunmer er⸗ reicht hatte, hörte ſie, daß Percy's umge⸗ worfen und ſehr beſchädigt worden wären. «Umgeworfen!— ſehr beſchädigt! 1— Gu⸗ ter Himmel!» rief ſie. Aber im nächſten Au⸗ genblick erzählte man ihr, daß ſie nicht im geringſten beſchädigt wären.— Immer ihren Weg weiter bahnend⸗ rief den mit tänſtl ter Angſt— Mrß. Percy! wo iſt Mrfß. Percy? Meine liebe Mrß. Percy! was iſt Ihnen begegnet? Geriethen Sie auf den unrechten Weg?— üͤber die zerbrochene Brücke? und ſind Sie wirklich umgeworfen worden?„ Nein, nein— bloß genöthigt ein Stück zu Fuß zu gehen.» duu &O, das bedaure ich ſehr; aber ich bin nur froh, Sie Alle geſund zu ſehen. Ihr Ausbleiben beunruhigte mich ſehr.“»— Dann, zu Carolinen gewendet, fuhr ſie fort:—«Miß Caroline Percy vermuthlich; ich hatte noch nicht das Vergnügen, Sie zu ſehen!“— Eine Vorſtellung in aller Form. Hierauf begrüßte Mrß. Falkoner Herrn Percy, und verſicherte, daß er in den letzten 15 Jahren wo ſie ihn nicht geſehen, auch nicht im Ge⸗ ringſten älter geworden ſey. «Aber meine liebe Mrß. Percy, fuhr ſie, ſich zu den Damen wendend, wieder fort:— chaben Sie auch gewiß keine naſſen Schuh bekommen? Ich ſehe, bei den jungen Damen iſt es der Fall; Sie müſſen augenblicklich in mein Ankleidezimmer gehen und Schuh wech⸗ ſeln;— vielleicht können meine Töchter Ih⸗ nen mit andern aushelfen.„ Vergebens verſicherte Roſamunde, daß ihre und Carolinens Schuh' ganz trocken wä⸗ ren; ein Paar Flecken auf der weißen Ober⸗ fläche, beſtätigten Mrß. Saltohere Vermu⸗ thung. * Wo iſt meine Arabellag? Wenn nur Jemand in der Nähe wäre, dem ich auftra⸗ gen könnte.»— Graf Altenberg bot augen⸗ blicklich ſeine Dienſte an. 4 Herr Graf, ich kann Sie unmöglich bemühen; doch wenn Sie die Güte haben wollten, eine meiner Töchter zu ſuchen— Arabella, Georzine wird wahuſcheinlic tan⸗ zen.»— — 17— Miß Arabella wurde gefunden, und trotz Miß Percy's Gegenverſicherungen mit ihnen in Mrß. Falkoners Ankleidezimmer geſchickt. Roſamunden ward es ohne viele Schwierig⸗ keiten erlaubt zu thun, was ihr beliebte; aber Mrß. Falkoners Angſt, daß ſich Caro⸗ line tödtlich erkälten könnte, ließ ſich nicht. eher beruhigen, bis ſie ſich ergab, die Schuhe zu wechſeln. &Caroline,» fluſterte ihr Roſamunde zu, sziehe nur dieſe Schuh' nicht an; ſie ſind Dir⸗ viel zu groß, Du kannſt keinen Schritt darin tanzen.„ Ich weiß es wohl; aber hier iſt beſſer nachzugeben, als noch länger über dieſen Punkt zu ſtreiten.* Sie fanden bei ihrer Zurückkunft in den Ballſaal den Grafen in tiefem Geſpräch mit Herrn Percy; aber Mrß. Falkoner bemerkte, daß ſein Auge Carolinen ſuchte, ſo wie ſie wieder eintrat. II. 2 — 18— „Es iſt doch ſonderbar!s dachte ſie.«Geor⸗ gine tanzt ſo ſchön, iſt unendlich viel brillan⸗ ter und wirklich reizend gekleidet!— Wie kann ihn dieſes einfache Landmädchen feſſeln?» Es war nicht ihr Aeußeres, was ihn an⸗ zog. Er hatte ſchon zu oft Gelegenheit ge⸗ habt, die größten Schönheiten zu ſehen, um ſich noch durch den erſten Anblick eines nen Geſichts feſſeln zu laſſen. Aber 2 was er vorher von Carolinens Beneunen und Charakter gehört hatte, war geeignet, einen günſtigen Eindruck auf ſein Gemüth zu machen. Ihre Erſcheinung beſtätigte dieſen Eindruck; er fand hier nicht das geſuchte We⸗ ſen einer anerkannten Schönheit, die nur darauf bedacht iſt, Bewunderung zu erregen; und dieſe ſeltene Erſcheinung mußte die Auf⸗ merkſamkeit e Mannes, wie Graf Alten⸗ berg, nothwendig anziehen.— Er forderte Carolinen zum Tanz auf; ſie dankte. Tem⸗ ple engagirte Roſamunden, der Graf bediente — 19— ſich ihres Platzes, und nun entſpann ſich eine Unterhaltung, die Mrß. Falkoner bedauern ließ, daß Caroline nicht tanzte. Der Graf war der Percy'ſchen Familie zwar ganz fremd, doch fehlte es nicht an intereſſanten Berüh⸗ rungspunkten zur Unterhaltung. Er ſprach von Alfred, von dem Umſtand, der zu dieſer ihm ſehr werthen Bekanntſchaft Veranlaſſung gegeben. Dann von Lord Oldborough, von Herrn von Tourville, vom Schiffbruch, von Percy⸗Hall und der dortigen Unterthanen Liebe und Dankbarkeit für ihren ehemaligen Herrn. Mrßf. Falkoner entfernte ſich bei die⸗ ſem Theil des Geſprächs einige Schritte, aber nur ſo weit, um keinen Antheil daran nehmen zu müſſen, was ihr bei dem vertrauten Um⸗ gang mit Sir Robert Percy unangenehm ſeyn mußte. Sie ließ ſich mit einer alten Dame in ein Geſpräch über ihre letzte Krankheit ein, über welche ſie aus ihrem eigenen Munde die näheren Umſtände zu erfahren wünſchte; 2* und während dieſe mit aller Weitläuftigkeit ihre Krankengeſchichte erzählte, und Mrß. Falkoner durch Mienen und einzelne Ausru⸗ fungen bald Angſt und Schrecken, bald Er⸗ ſtaunen und Freude ausdrückte, gelang es ihr doch, alles zu hören, was Graf Altenberg ſagte, und kein Wort von Carolinens Ant⸗ worten zu verlieren. Mrß. Falkoners Angſt ſtieg bei Erwähnung der Gallerie zu Percy⸗ Hall. Sie horchte mit angehaltenem Athem, doch immer noch lächelnd, der alten Dame endloſe Krankheitsgeſchichte an.— Kein Wort von dem Bilde; aber es erfolgte eine Pauſe, die Mrß. Falkoner mehr beunruhigte, als die ſchmeichelhafteſten Complimente. Sie wunderte ſich, daß das Abendeſſen noch nicht aufgetragen war, und beſtellte, daß es gleich geſchehen ſollte. Aber ihr Koch ließ ſich nicht übereilen. Drei Boten wurden ver⸗ gebens abgeſchickt, und Mrß. Falkoner litt während dieſer halben Stunde unausſprechlich, — 21— aber mit lachelndem Geſicht. Doch wie viel mehr mußte der arme Petcalf nicht unter⸗ deſſen von Miß Georginens übler Laune aus⸗ ſtehen!— Alles vereinigte ſich, Mrß. Falkoner troſt⸗ los zu machen; ſie ſah, mit welcher aufrich⸗ tigen Freude der Landadel die Percy'ſche Fa⸗ milie empfing, wie viel Achtung und Liebe ihnen, trotz dem Verluſt ihres Vermögens bewieſen wurde. Es war ihr ganz unbegreif⸗ lich, daß Alle, ihr eigener Cirkel Stadt⸗ freunde ausgenommen, den innigſten Antheil an dieſer Familie nahmen.— Wie unange⸗ nehm, daß ich je gezwungen war, ſie einzu⸗ laden!— Und Graf Altenberg hört und ſieht dieß alles!» Ja, er hörte nun alle jene vortheilhaften Aeußerungen ihrer ehemaligen Untergebenen durch das Zeugniß ihres Gleichen beſtätigt, und Jedermann mit beſonderer Liebe von Ca⸗ rolinen ſprechen. Endlich meldete der Bediente, daß aufge⸗ tragen ſey, und Mrß. Falkoner erſuchte den Grafen, Lady Franziska Arlington zu Tiſch zu führen. Miß Georgine wünſchte ihrer lieben Lady Franziska ſo nahe wie möglich zu ſitzen, und dieß ließ ſich glücklicher Weiſe. arrangiren. Der Graf war liebenswürdiger wie je; ob dieß aber ſeinem Wunſch, den neben ihm ſitzenden, oder den ihm gegenuber ſitzenden Damen zu gefallen⸗ zuzuſchreiben war; denen, welchen er aus Höflichkeit ſeine Rede widmete, oder denen, deren Aufmerk⸗ ſamkeit er zu erregen hoffte; waren ſchwer zu löͤſende Fragen.* Ehe die Geſellſchaft in den Ballſaat zu⸗ rückkehrte, ſtahl ſich Roſamunde in das An⸗ kleidezimmer, holte ihrer Schweſter Schuh⸗ half ſie ihr ungeſehen anziehen und bat, anun verſprich mir auch zu tanzen, ſobald Du auf⸗ gefordert wirſt.— Graf Altenberg bat Georginen um die er⸗ * ſten zwei Tänze, und als dieſe beendigt wa⸗ ren, Carolinen um die folgenden, und Mrß. Falkoner, die eine Erneuerung der vorigen Unterhaltung befürchtete, und nichts von Ro⸗ ſamundens Schuhmanövre ahnte, freute ſich, als ſie Carolinen einwilligen, und vom Gra⸗ fen fortführen ſah.— Aber Miß Georgine, der es nicht entgangen war, daß Roſamunde gut tanzte, fürchtete ſehr.— Der Mutter Hoffnungen wurden getäuſcht, der Tochter Furcht ging in Erfüllung. Caroline entwik⸗ kelte alle Grazie der Tanzkunſt, ohne eine Tänzerin zu ſeyn, und es entging gewiß des Grafen Beobachtung nicht, daß ſie die wün⸗ ſchenswertheſte aller weiblichen Vollkommen⸗ heiten beſaß, die Macht zu übertreffen, ohne den Wunſch ſich hervorzuthun. Gleich nach Beendigung des Tanzes warb Oberſt Spandrill um das Glück mit ihr zu tanzen. Oberſt Spandrill, wegen ſeiner Ge⸗ wandtheit und perſönlichen Vorzügen berühmt, — 24— war an dieſem Abend von mancher Dame als Tänzer erſehnt worden, und ſeine jetzige Wahl erregte daher keine geringe Senſation. Indeſſen wollte man wiſſen, daß er Miß Percy nur auf Mrß. Falkoners ausdrückliches Verlangen als Tänzerin erwählt habe; eine junge Dame behauptete, dieſes Verlangen mit eigenen Ohren gehört zu haben. Oberſt Spandrill wurde von allem Tadel freigeſpro⸗ chen; aber der ganze Unmuth fiel nun auf die arme Caroline. Jeder Zug ihres Ge⸗ ſichts mußte die ſtrengſte Critik paſſiren, und ſelbſt die geringfügigſten Kleinigkeiten an ih⸗ rem Anzug blieben nicht ungerügt. Sie ga⸗ ben alle zu, daß ſie ſchön ſey; aber eine Jede fand etwas anderes an ihrem Schönheitsſtyl auszuſetzen. Miß Falkoners und ihre Cotillonsparthie ruhten während dieſes Contretanzes, und Georgine bemühte ſich, Graf Altenberg un⸗ terdeſſen in ein Geſpraͤch zu ziehen. Sie wendete alle Künſte der Coquetterie an, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zurückzuziehen. Die Höflichkeit gebot ihm, ihr anſcheinend zuzu⸗ hören, und er gab ſich Mühe, eine Art Un⸗ terhaltung zu führen, wie ſie für einen Ball⸗ ſaal paßte; aber dennoch verfiel er immer von Neuem wieder in Träumereien, bis Georgine endlich, durch ſeine Geiſtesabweſenheit im höchſten Grade gereizt, ihren Unmuth nicht länger verbergen konnte, und in Klagen über Kopfweh, über Hitze und Kälte, und über Contretänze ausbrach. Es gab nichts Schreck⸗ licheres als Contretänze! Wie konnte man nur etwas anderes als Cotillons tanzen!— Und dieſe Muſik! Die Hoboiſten ſpielten abſcheulich, viel zu ſchnell! Kein Gedanke an Takt! Nicht wahr, Herr Graf?» Graf Altenberg ſchlug in dieſem Augen⸗ blick gerade den Takt zu Miß Carolinens Tanz.— Miß Georgine wurde dieß nicht eher gewahr, bis ſie die Frage gethan, und alle ihre Bekanntinnen ſeine Zerſtreuung be⸗ merkt hatten. Lady Franziska Arlington lä⸗ chelte zuerſt, und ſogleich zog ein Lächeln über alle Geſichter der jungen Damen. Miß Georgine ſah ſich plöͤtzlich dem Spott und dem höhniſchen Mitleid derjenigen ausgeſetzt, die ihr eine Stunde vorher auf die gröbſte Weiſe geſchmeichelt hatten. Die Erwartun⸗ gen des heutigen Abends waren zerſtört; er hatte eine Andere ihr vorgezogen. Ihr Muth ſank, und ſelbſt die Macht ſich zu verſtellen, ſchien ſie zu verlaſſen. Der innere Kampf zwiſchen der Weltdame und dem Weibe hörte auf, und die Leidenſchaft ſiegte durch einen coup de main über jegliche Kunſt. Sobald die heftigern Gefühle der Seele aufgeregt werden, bricht der eigenthümliche Charakter, das Temperament und die Sitten durch alles Künſtliche hindurch. Wer Miß Georgine Fal⸗ koner genauer beobachtete, mußte über dieſe plötzliche und ſichtbare Veränderung erſtaunen. — 27— Dem Grafen entging dieſe Metamorphoſe, indem ſeine Aufmerkſamkeit mit einem an⸗ dern Gegenſtand beſchäftigt war; aber man⸗ cher andere Zuſchauer bemerkte ſie mit off⸗ nem Erſtaunen und geheimer Verachtung. Man konnte kein treueres Bild einer getäuſch⸗ ten Coquette ſehen!— Eiferſucht hatte ſich ihres Herzens bemächtigt, und unfähig, die⸗ ſen Seelenſchmerz zu verbergen, oder zu er⸗ tragen, vergaß ſie allen Anſtand und alle Grazie. Ihre Mutter, dieſe Criſis von wei⸗ tem ſehend, kam ihr zu Hülfe. Die größte Gefahr lag darin, wenn Georginens Man⸗ gel an Selbſtbeherrſchung dem Grafen be⸗ merkbar wurde; deshalb führte ſie ihn ſchnell hinweg, um ihm in einem Fagotſpiele das leibhaftige Bild von Hogarths wüthenden Mu⸗ ſikanten zu zeigen. Unterdeſſen hatten Oberſt Spandrill und Caroline ihren Tanz beendigt, und der Oberſt, v deſſen Grundſatz es war, immer der ſchön⸗ ſten Dame zu huldigen, widmete nun Caro⸗ linen ſeine ganze Aufmerkſamkeit. In der Meinung, vor⸗ und ruͤckwärts gehen zu kön⸗ nen, wie es ihm gerade paſſend ſchien, be⸗ diente er ſich bei ſeiner Unterhaltung gewiſ⸗ ſer doppelſinniger Redensarten, welche, je nachdem ſie verſtanden wurden, oder vielmehr dem Ton und Blick gemäß, der ſie begleitete, alles— oder nichts ausdrückten. Mit kluger Vorſicht begann er mit Pfeilen, Flammen, Wunden und Schmerz; lauter Worte, die ſich jeder Krieger berechtigt hält, gegen ein hüb⸗ ſches Mädchen im Munde zu führen. Pfeile, Flammen, Wunden und Schmerz richteten hier nichts aus. Der Oberſt ging weiter, und ſprach von glänzenden Augen, bezaubern⸗ dem Lächeln und himmliſcher Grazie.— Im⸗ mer noch ohne Erfolg. Mit Erſtaunen be⸗ merkte er, daß das einfache Landmädchen das volle Feuer ſeiner Schmeichelei mit der Ruhe eines alten, an öffentliche Be⸗ — 29— wunderung gewöhnten Soldaten, aufnahm. Mrß. Falkoners Staunen glich dem Seini⸗ gen. Beide ſahen ſich in ihren Erwartungen getäuſcht. Sie hatte abſichtlich den galanten Oberſten Carolinen vorgeſtellt, hoffend, ſie durch ſeine Schmeichelei bethört zu ſehen, und ihr dadurch den Hauptreiz in Graf Alten⸗ bergs Augen, das beſcheidene, anſpruchsloſe Weſen zu rauben. In dieſer Erwartung be⸗ trogen, und in ſteter Angſt, daß Georginens Mäßigung zu Ende gehen könne, nahm ihre Ungeduld, Percy's abreiſen zu ſehen, zu. * Herr Falkoner!» rief ſie— Finanz⸗ rath! Mrß. Percy wünſcht zu wiſſen, ob der Wagen bereit iſt? Sie haben weit nach Hauſe, und ſchrecklichen Weg. Ich bin ih⸗ retwegen in großer Sorge.» Der Finanzrath ging hinaus, kehrte nach einigen Minuten zurück und zog Mrß. Fal⸗ koner bei Seite. * Ich habe Dir etwas zu ſagen, meine — 30— Liebe, was Dich in Erſtaunen ſetzen wird. Ich kann es ſelbſt kaum glauben. So lange ich Lord Oldborough kenne, fiel dergleichen nicht vor, und er iſt noch dazu krank, we⸗ nigſtens krank genug, um ſich von ſolchen Dingen frei zu machen. Hält er doch ſeine Krankheit für eine hinreichende Entſchuldigung, ſich der ganzen Geſellſchaft zu entziehen, worunter doch Menſchen von größerer Wich⸗ tigkeit ſind. Ich muß geſtehen, ich faſſe es nicht.» « Was giebt es denn zu faſſen? Erzähle erſt was ſich zugetragen hat, und dann wun⸗ dere Dich ſoviel Du Luſt haſt. 9 Obd⸗ borough hat das Podagra,» fügte ſie mit einem Ton hinzu, der da ſagen wollte— « Sehr wohl, das weiß die ganze Welt.»— Du kennſt doch Lord Oldboroughs Kam⸗ merdiener, Rodney?“ Wohl kenne ich ihn! Was iſt mit ms «Er iſt hier— ich habe ihn ſelbſt ge⸗ ſprochen— von ſeinem Lord geſchickt mit dem — 31— Auftrag, Herrn Percy und ſeine Familie nach Clermont⸗Park einzuladen, woſelbſt Zimmer für ſie bereit ſind. Er will nicht zugeben, daß ſie in der Nacht nach den Hills zurück⸗ kehren, damit die Damen morgen nicht zu ſehr ermüdet ſind.» „Lord Oldborough!s wiederholte Mrß. Falkoner.— Lord Oldborough!— Die Damen!— Clermont⸗Park! wohin nur Per⸗ ſonen vom erſten Rang eingeladen werden!» s Nicht wahr, Du erſtaunſt? rief der Finanzrath. „Ich erſtaune über alle Macht der Be⸗ ſchreibung!“ erwiederte Mrß. Falkoner. « Ueber alle Macht der Vorſtellung!⸗ hätte ſie ſagen ſollen. « Und Graf Altenberg wird ſie an den Wagen führen, und ſie nach Clermont⸗Park begleiten!— Wollte Gott! ſagte ſie zu ſich ſelbſt, vich hätte dieſen unglückſeligen Ball nicht gegeben!“— Mrß. Falkoner irrte in dem Glauben, daß des Grafen Zuſammentreffen mit Caro⸗ linen auf einem Ball die unglückliche Veran⸗ laſſung zu dem günſtigen Eindruck, den ſie auf ihn gemacht, gegeben hatte. An jedem andern Ort, wo er Gelegenheit fand, ſie zu beobachten und zu ſprechen, wuͤrde daſſelbe erfolgt ſeyn. Nur der Mutter Furcht und der Tochter Eiferſucht konnten die Sache in dieſem Licht betrachten, und glauben, daß der Graf gleich beim erſten Anblick Carolinens in Liebe entbrannt ſey: Sie hatte ihm bloß gefallen, und hinlänglich intereſſirt, um den Wunſch in ihm zu erregen, ſie öfterer zu ſehen.— Caroline, der unbewußte Gegen⸗ ſtand der Eiferſucht, hatte ſelbſt nicht die lei⸗ ſeſte Ider eines ſolchen Sieges. Sie fand des Grafen Unterhaltung angenehm, und freute ſich, ihn den andern Morgen beim Fruühſtuͤck wieder zu ſehen.— Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Herr und Mrß. Percy nahmen Lord Oldbo⸗ roughs Einladung an. Sie fanden Zimmer in Clermont⸗Park zu ihrer Aufnahme bereit und die Dienerſchaft ihrer wartend. Lord Oldborough hatte wäͤhrend ſeiner Krankheit immer in dem eigenen Zimmer ge⸗ frühſtückt. Doch am Morgen nach dem Balle erſchien Se. Herrlichkeit im Frühſtuckzimmer, um ſeine lieben Gäſte zu empfangen. Man konnte nichts Huldreicheres, Verbindlicheres ſehen, als ſein Empfang der Percy'ſchen Fa⸗ milie. Sobald er der Frau und den Töch⸗ tern ſeines Freundes vorgeſtellt worden war, III. 3 ſchien er das Zuruͤckhaltende und das ſonſt gewöhnliche kalte Weſen ganz von ſich gewor⸗ fen, den Staatsmann und Miniſter, Euro⸗ pa's Angelegenheiten, und die Intriguen des Cabinets auf ein Mal vergeſſen zu haben, und ganz für den gegenwärtigen Augenblick, und die gegenwärtige Geſellſchaft zu leben. Dieſe beſtand aus der Percy'ſchen Familie, dem Grafen Altenberg und Herrn Temple.— Es war Lord Oldboroughs Gewohnheit, eine Unterhaltung in den Gang zu bringen, dann ſtill zu ſchweigen und zu ſeinen eigenen Gedanken zurückzukehren. Er wollte auch jetzt den Ball zum Gegenſtand des Geſprächs machen, und es hierauf ſeinen Gäſten über⸗ laſſen, dieſes Kapitel abzuhandeln; doch ließ er ſich ſo weit herab, wenigſtens Theil daran zu nehmen. Nach dem Frühſtück führte er die Damen in ſeine Bibliothek, und da er ſelbſt unfähig war, Bücher und Kupferſtiche herunterzulangen, ſo übertrug er Herrn Temple, ihnen das Merkwürdigſte und Vorzuͤglichſte zu zeigen. Lord Oldborough hatte, ſeit er ſich der Politik gewidmet, die Literatur ver⸗ nachläſſigt, vielleicht geringgeſchätzt; doch konnte er die klaſſiſchen Vorräthe ſeiner Jugend zu⸗ rückrufen und vermöge ſeines ſchnellen Auges und Ohrs und ſeiner leichten Faſſungskraft neuere Werke beſſer beurtheilen, wie mancher Andere, der das Leſen zum Hauptgeſchäft ſeines Lebens macht. Selbſt Percy, der ihn doch am genaueſten kannte, erſtaunte und Temple noch mehr, der ihn in einigen gro⸗ ßen Cirkeln, wo viele literäriſche Gegenſtände abgehandelt worden waren, entweder ganz zerſtreut, oder als ſchweigenden Zuhörer ge⸗ ſehen hatte. Doch jetzt entwickelte er die ganze Macht ſeiner Unterhaltungsgabe, und theilte die Schätze ſeines Geiſtes, nicht aus Eitelkeit, ſondern aus wahrer Achtung für ſeine Gäſte, mit. Es ſchien ſein Hauptzweck⸗ ſein Stolz und ſeine Freude, der Frau und 3* — 36— den Töchtern ſeines Freundes Aufmerkſamkeit zu erweiſen, und ſie dem ausgezeichneten Fremden im vortheilhafteſten Licht zu zeigen. «Ja, ſagte er leiſe zum Grafen— cich bin ſtolz darauf, Ihnen dieſen gebildeten, un⸗ abhängigen Landedelmann und ſeine Fannile zeigen zu können.» Mit ſeinem gewöhnlichen Scharfblick faßte Lord Oldborough ſehr bald das Charakteriſti⸗ ſche jedes einzelnen Familiengliedes auf. Er erkannte Mrß. Percy's richtiges Gefühl und feinen Takt, Noſamundens Witz und ein⸗ fachen Sinn, die erhabene Denkungsart und den gebildeten Verſtand Carolinens. «Nun begreife ich,»y ſagte Sr. Herrlich⸗ keit,«weshalb Herr Percy nie zu bereden war, ſelbſt Theil an öffentlichen Geſchäften zu nehmen. Meine Damen, ſie haben ihrem Vaterlande großen Nachtheil gebracht.— Sie ließen meinen Freund in ſeinem Hauſe das wahre Glück des Lebens finden.* Er ſprach dieſe Worte im ſcherzenden Ton und lächelnd; aber dem Lächeln folgte ein tie⸗ fer Seufzer, und eine dunkle Wolke zog über ſein Geſicht. In dieſem Augenblick trat ei⸗ ner ſeiner Sekretaire, Herr Shaw, mit Pa⸗ pieren zum Unterzeichnen herein. Lord Old⸗ borough kehrte auf der Stelle zu den Ge⸗ ſchäften zurück, ſetzte ſich an einen Tiſch und ſah die vorgelegten Papiere durch. Percy zog die Klingel und bereitete ſich zum Auf⸗ bruch. Sr. Herrlichkeit blickte in die Höhe und ſagte— Herr Temple, Sie ſind dispenſirt.— Herr Shaw wird die nöthigen Briefe heute Morgen beſorgen. Sie ſollen das Vergnü⸗ gen haben, Ihren Freunden Geſellſchaft zu leiſten. Es iſt ein Vergnügen, das Sie ver⸗ dienen und zu ſchätzen wiſſen. Mrß. Percy äußerte den Wunſch, die Umgebungen von Clermont⸗Park zu ſehen; Sie werden den Damen als Wegweiſer dienen. Ich bin im⸗ — 38— mer noch Gefangener, und werde zeitlebens Gefangener bleiben,» fügte er, einen Blick auf Herrn Shaws Papiere werfend, hinzu. Graf Altenberg und Herr Temple beglei⸗ teten die Damen auf ihrem Spaziergang. Percy blieb noch einen Augenblick zurück, um dem Lord für ſeine Güte und Artigkeit zu danken. SSie ſind mir keinen Dank ſchuldig, lie⸗ ber Herr Percy! Güte kann nur durch Gute erwiedert werden. Es iſt dieß eine Art von Schuld, die ich im Laufe meines Lebens ſel⸗ ten abzutragen aufgefordert wurde.» Er ſagte dieß mit einer Stimme, die weder Gefüͤhl noch Schmeichelei ausdrückte, vielmehr mit dem ſtrengen Ton und dem ern⸗ ſten Geſicht verhaltener innerer Bewegung. Ohne Percy'n anzuſehen, ſchüttelte er ihm zum Abſchied die Hand, griff dann zur Fe⸗ der, und war nun wieder ganz Miniſter. Percy folgte den Seinigen in den Park. Graf Altenberg war in Lord Oldborvughs Gegenwart aus Beſcheidenheit ſehr ſtill gewe⸗ ſen; nun aber richtete ſich natürlich Aller Aufmerkſamkeit auf ihn, den Fremden und Ausländer. Clermont⸗Park war ihm nicht unbekannt. Der Finanzrath hatte ihm gleich nach ſeiner Ankunft alles Merkwürdige gezeigt, weshalb ihn nun auch die äußern Gegenſtände nicht von der Unterhaltung abzogen. Er hatte viel fremde Länder geſehen und bezeigte, ohne ungerechtes Vorurtheil gegen andere Nativ⸗ nen, eine liebenswürdige Vorliebe für ſein Vaterland. Nächſt dieſem zog er England, von der Mutter Seite auch ſein Vaterland, allen andern Ländern vor. Dieſe hatte ihm ſchon in zarter Jugend Bewunderung für un⸗ ſere freie Conſtitution, und Liebe für unſere häuslichen Gewohnheiten eingeflößt; er hatte früher nie Gelegenheit gehabt, dieſes Land zu beſuchen, und wünſchte nun eine genaue — 40— Kenntniß von England und den Sitten und Gebräuchen der Bewohner zu erlangen. Caroline, auf ihres Vaters Arm gelehnt, hörte ihm mit Theilnahme und Aufmerkſam⸗ keit zu. Durch des Vaters Beifall aufge⸗ muntert, hingeriſſen durch der Tochter unwi⸗ derſtehlichen Liebreiz, fühlte ſich der Graf begeiſtert und zur Beredſamkeit aufgefordert. Caroline ſprach wenig, aber das Wenige war hinreichend, ihn von ihrem richtigen Urtheil und Verſtand zu überzeugen, und ſo die Be⸗ wunderung und das Intereſſe zu erhöhen, welches ihre Schönheit und Anmuth in ihm hervorgebracht hatten. «Aber wo waren unterdeſſen Roſamunde, Mrß. Percy und Herr Temple geblieben?» Temple hatte ſie an einen Punkt geführt, von wo aus man die ſchönſte Ausſicht vor ſich liegen ſah. Percy ſchlug vor, an einem ſchattigen Platz auszuruhen, und ſie da zu er⸗ warten. Kaum hatten ſie ſich niedergeſetzt, — 41— als ſie den Finanzrath athemlos auf ſie zu⸗ kommen ſahen. & Endlich habe ich Sie gefunden. Welch einen unerhört langen Spaziergang müſſen Sie gemacht haben!» rief der Finanzrath, ſich den Schweiß von der Stirn wiſchend.— „Aber, wo iſt Mrß. Percy und die übrige Geſellſchaft? Ich bin gelaufen um ſie ein⸗ zuholen. Ich kam herübergeritten, um den Damen vor ihrer Abreiſe mein Compliment zu machen— aber auch als chargé d'affai- res von Mrß. Falkoner. Ich muß Mrß. Percy ſelbſt ſprechen. Ach, da kömmt ſie ſchon den Hügel herunter! vermuthlich von der ſchönen Ausſicht. Mein Gott! wie kön⸗ nen Sie gehen! ich bin ſolche große Touren nicht gewohnt— ſie tödten mich. Aber ich bedaure es unendlich, nicht früh genug da ge⸗ weſen zu ſeyn, um die Honneurs von Cler⸗ mont⸗Park zu machen, da Lord Oldborough auf ſein Zimmer beſchränkt iſt.— Wer be⸗ — 42— gleitet Mrß. Percy? Hah! Herr Temple!— ich glaubte ihn immer ſo ſehr beſchäftigt— bevollmächtigt von Lord Oldborough!— Wirklich! Hm!— Ich hoffe, Sr. Herr⸗ lichkeit wird es nicht als Mangel an em- pressement von meiner Seite aufgenommen haben.— Ich hätte eine volle Stunde frü⸗ her hier ſeyn können, wären meine Damen nicht, wegen des geſtrigen langen Aufblei⸗ bens, ſo ſpät beim Frühſtück erſchienen. Und ich glaubte, Ihre Damen wuürden auch er⸗ müdet ſeyn; aber ich ſehe, Miß Caroline iſt friſch wie eine Roſe im Morgenthau.» Halb im Ernſt, halb im Scherz über⸗ ſchüttete der Finanzrath Carolinen mit Com⸗ plimenten über ihr Ausſehen am vorigen Abend, zählte an den Fingern die Siege her, die ſie gewonnen, die Herzen, die ſie ge⸗ brochen hätte. Unterdeſſen waren Mrß. Percy, Roſamunde und Temple herangekommen, und nachdem ſie ihr Entzücken über die Schönheit der Ausſicht bezeigt hatten, überreichte der Finanzrath Mrß. Percy ein verſiegeltes Blatt von ſeiner Frau, und bat dringend um eine günſtige Antwort, widrigenfalls er zu Hauſe übel aufgenommen werden, und großes Miß⸗ vergnügen erregen würde. Das Billet ent⸗ hielt eine höfliche Einladung zu einer Vor⸗ ſtellung, welche die jungen Leute im Falkoner⸗ Hof aufzuführen im Sinn hatten. Ob es Zara oder Cato ſeyn ſollte, war noch nicht beſtimmt entſchieden. Bei Cato befanden ſie ſich in großer Verlegenheit wegen einer Mar⸗ cia, und wagten die Bitte, ob Miß Caroline dieſe Rolle nicht uͤbernehmen wollte? Sie würde ſich herrlich darin ausnehmen, und ſie ohne Zweifel vortrefflich ſpielen. Oder wenn ſie Zara vorzöge, würde Miß Georgine mit Freuden die Rolle der Vertrauten überneh⸗ men. Türkiſche und römiſche Anzüge ließen ſich in kurzer Zeit zu dieſem Behuf einrich⸗ ten, und ſtänden zu Miß Carolinens Befehl. . — 4— «Nun, liebe Caroline was ſagſt Du dazu?» rief Mrß. Percy. Caroline wollte antworten— Nein, nein! antworten Sie noch nicht gleich,» unterbrach ſie der Finanzrath,«laſ⸗ ſen Sie mich nur noch hinzufügen, was Mrß. Falkoner meinen mündlichen Berichten über⸗ ließ. Wegen des Kommens und Gehens, der Pferde und Wagen, Betten und allen ſolchen Dingen finden durchaus keine Schwierigkeiten Statt; denn unſere Pferde haben nichts zu thun, und ſtehen Ihnen während den Proben zu allen Tageszeiten und Stunden zu Befehl; und an Betten fehlt es gar nicht. Deshalb bitte ich Sie, uns durch keine der gewöhn⸗ lichen irdiſchen Bedenklichkeiten um eine Zara oder Marcia zu bringen; ſondern mir nur zu ſagen, welche es ſeyn ſoll. Welche dieſer Rollen, meine reizende Couſine! wollen Sie uns die Ehre und das Vergnägen machen, zu übernehmen?» — 45— Voller Erwartung trat Graf Altenberg einen Schritt näher. Carolinens mit der größten Höflichkeit ertheilte abſchlägige Ant⸗ wort ſchien im erſten Augenblick ſeine Erwar⸗ tungen zu täuſchen, ihn aber nachher höch⸗ lichſt zu erfreuen. Es würde ihm ſehr inte⸗ reſſant geweſen ſeyn, Carolinen als erhabene oder zärtliche Heldin zu bewundern; aber er zog es doch vor, ſie ihrem eigenen Charakter mit beſcheidener Würde getreu bleiben zu ſehen.. Falkoner bat und nöthigte vergebens; Ca⸗ roline beharrte auf ihrer Antwort, obgleich mit ſo freundlichem Ton, daß er ſie immer noch zu überreden hoffte. Endlich wandte er ſich, Beiſtand ſuchend an die Herren— „Herr Temple, ich bin überzeugt, Sie vereinigen Ihre Bitten mit den meinigen— Graf Altenberg!—» Graf Altenberg wollte ſich nicht anma⸗ ßen, eine Gunſt zu erbitten, die dem Finanz⸗ — 46— rath und Mrß. Falkoner abgeſchlagen worden war.— Caroline dankte ihm dieſe Höflichkeit im Stillen. « Wenn ich denn nothgedrungen dieſen Punkt aufgeben muß,» ſagte der Finanzrath, sſo laſſen Sie mich wenigſtens nicht in allen meinen Erwartungen getäuſcht zurückkehren. Geben Sie mir Hoffnung, uns mit Ihrer Gegenwart bei der Aufführung zu beehren.» Dieſe Einladung wurde mit vielem Dank angenommen.— «Und Sie dürfen uns auch heute Abend noch nicht gleich verlaſſen,» fügte der Finanz⸗ rath hinzu—«Mrß. Falkoner wird eifer⸗ ſüchtig auf Clermont⸗Park werden, wenn ſie ſieht, daß er uns die lieben Verwandte und Freunde vom Falkoner⸗Hof entführt.» Der Wagen, welcher an den Park be⸗ ſtellt war, fuhr jetzt vor, und der Finanz⸗ rath nahm mit vielen Händedruücken und Freund⸗ ſchaftsverſicherungen Abſchied. Graf Alten⸗ 6 4= berg ſagte Carolinen, indem er ſie an den Wagen führte, daß er ihr und ihrer Familie einige der angenehmſten Stunden, die er in England verlebt hätte, verdankte. Auf dem Rückweg wurde von Allem ge⸗ ſprochen, was intereſſant erſchienen war, haupt⸗ ſächlich vom Grafen Altenberg. Caroline be⸗ dauerte, daß ihre Mutter und Schweſter durch den langen Spaziergang mit Herrn Temple ſo viel von ſeiner Unterhaltung verloren hat⸗ ten, und Roſamunde wunderte ſich uͤber ihre Ruhe und Unbefangenheit. „Ich will nichts ſagen,» dachte ſie, aweil ich mir vorgenommen habe, in Zukunft vor⸗ ſichtiger und klüger zu Werke zu gehen; aber hier iſt gewiß von keiner Gefahr die Rede, wie damals bei dem Oberſt Hungerford. Und Caroline muß ihre Eroberung ſelbſt bemerkt haben.» Abermals geirrt, Roſamunde! Caroline hatte nichts bemerkt. Graf Altenbergs Wunſch⸗ -— 45— der Familie vorgeſtellt zu werden, ſchrieb ſie der Dankbarkeit für die, ſeinen Landsleuten erwieſene Gaſtfreiheit, ſeiner neuen Bekannt⸗ ſchaft mit Alfred, und allem, was er von ih⸗ res Vaters getreuen Untergebenen gehört hatte, zu. Daß er mit ihr ſo viel geſprochen, fand ſie deshalb ſehr. natürlich, weil er der ganzen Geſellſchaft fremd war, und mit ihr und ih⸗ rer Familie doch mancherlei Berührungspunkte hatte. Seine Unterhaltung war wäͤhrend ihres Spazierganges bloß allgemein, und keines⸗ wegs ihr beſonders gewidmet geweſen. Am andern Morgen kam Graf Altenberg, von Temple begleitet, nach den Hills, und dehnte ſeinen erſten Beſuch ſo lange aus, daß ihn Temple an den Aufbruch erinnern mußte. Caroline geſiel ihm im häuslichen Kreiſe ausnehmend wohl, und er benutzte ſpäterhin jede Gelegenheit, ſeine Beſuche zu wiederho⸗ len. Ohne ſie beſonders auszuzeichnen, be⸗ — 49— handelte er ſie doch mit vorzüglicher Auf⸗ merkſamkeit, und Roſamunde glaubte ihrer Sache ganz gewiß zu ſeyn. Unterdeſſen wa⸗ ren einige Wochen verſtrichen, und die nö⸗ thigen Vorbereitungen zu dem Schauſpiel im Falkoner⸗Hof getroffen. Caroline beſchäftigte ſich mit ruhigem Sinn auf die gewohnte Weiſe, doch nicht ohne den Wunſch, den Grafen öf⸗ ter wiederkehren zu ſehen. Ihre Eltern er⸗ füllten ſeine Beſuche mit banger Sorge. So viel ſich nach einer kurzen Bekanntſchaft ſchlie⸗ ßen ließ, war Graf Altenberg zwar in jeder Hinſicht der Mann, dem ſie mit Freuden ihr Kind geben würden; doch ein Umſtand beun⸗ ruhigte ſie. Er war ein Ausländer, und ſo ſtand ihnen, im Fall er Carolinen waͤhlte, eine Trennung, vielleicht auf immer, bevor. Dieß ſchlug in ihrem Herzen jeden andern Vortheil nieder. Des Grafen Blicke und ganzes Benehmen verriethen deutlich ſeine aufkeimende Neigung; aber ſie wußten, daß III. 4 ſchnell entſtandene Gefühle dieſer Art oft vor⸗ üͤbergehend in den Herzen junger Männer ſind, auch kannten ſie des Grafen Ausſichten und Verbindungen nicht. Ihr Zuſammen⸗ treffen war bloß zufällig geweſen, und ſie hatten wenig Ausſicht, ihn während ſeines Aufenthalts in der Graſſchaft oft zu ſehen. Bis zum Tage der Vorſtellung im Fal⸗ koner⸗Hof ſahen ſie ihn auch nicht wieder. Aber ehe wir zu dieſer Vorſtellung ſchreiten, wollen wir erſt einen Blick hinter die Scene werfen, und forſchen, was ſich ſeit dem Ball in der Falkoner'ſchen Familie zugetragen. Nur wer die, auf Zerſtreuung folgende Langeweile kennt, und die Kränkungen und die Verzweif⸗ lung getäuſchter Eitelkeit erfahren hat, kann ſich eine richtige Vorſtellung von der Maſſe unangenehmer Ideen und Gefühle machen, womit Miß Georgine Falkoner am Morgen nach dem glanzvollen Ball erwachte. Das Bild ihrer ſchönen Nebenbuhlerin ſtörte ihre 4 — 51— Morgenträume, und ſtand im Augenblick des Erwachens vor ihrer Seele. Sie verſuchte, ſich wachend alles deſſen zu erinnern, was ſich am vergangenen Abend zugetragen hatte; aber ihre Seele war in einem ſolchen Auf⸗ ruhr geweſen, daß ihr nur eine vorüberge⸗ hende Erinnerung des Vorgefallenen uͤbrig blieb: ſie hatte eine dunkle Idee, daß ſich der Graf verliebt, aber nicht in ſie, und daß ſie ſich im Eifer vielleicht ein Bischen verrathen habe. Doch nach und nach gewann die Eitelkeit wieder die Oberherrſchaft; ihre Hoffnungen belebten ſich von Neuem, und ſie ⸗ ſchmeichelte ſich, den fluchtigen Eindruck, den ihre Nebenbuhlerin gemacht hatte, leicht wie⸗ der auslöſchen zu können. Dieſe Percy's waren nur als geſunkene Landedelleute zu be⸗ trachten, und mußten nothwendig gleich wie⸗ der in die vorige Dunkelheit zurückſinken, aus welcher ihrer Mutter ungluückliche Höflichkeit ſie geriſſen hatte. Daß dergleichen nicht wie⸗ 4* der vorfallen würde, dafür buͤrgte ihr der Mutter Abſicht auf Sir Robert Percy. So mußte alles nach einigen Tagen wieder in den vorigen Gang kommen. « Gewiß wird ſich der Graf heute Mor⸗ gen nach meinem Befinden erkundigen.» Mit dieſem Gedanken ſtand ſie auf, und beſchloß, ſich mit ſorgfältiger Nachläſſigkeit zu kleiden. Sehr verſchieden war das Reſultat der Ueberlegungen ihrer erfahrnern Mutter. Mrß. Falkoner ſah, daß Georgine die Ausſicht auf den Grafen aufgeben mußte, um ſich nicht andere, mehr verſprechendere Spekulationen zu verſchlagen. Sie kannte die unlenkſame Heftigkeit ihrer Tochter, hatte geſehen, wie ſich Georgine am Ballabend dem Geläaͤchter ihrer intimen Freundinnen ausgeſetzt, und wußte, wie die Welt ſolche, von intimen Freundinnen ausgehende Gerüchte aufzunehmen pflegt. Dazu befürchtete ſie, daß Georgine nicht immer im Stande ſeyn würde, ihre Eiferſucht zu verbergen, woraus lächerliche Scenen entſtehen könnten. Man wuürde ſa⸗ gen, ihre Tochter hegte eine unglückliche Liebe für den Grafen, und dieſe Möglichkeit war hinreichend, alle andere Heirathsausſichten zu zerſtören. Im jetzigen Fall hatte ſie ſich durch ihre eigene, und der Tochter Eitelkeit irre führen laſſen; dieß ſelbſt einzugeſtehen, war in der That demüthigend genug, und noch demüthigender, zugeben zu müſſen, daß der Finanzrath Recht gehabt hatte. Aber bei ſo bewandten Umſtänden war das Bekenntniß unumgänglich nöthig, und nach demſelben kehrte Mrß. Falkoner mit einer Art Selbſtzufrieden⸗ heit zu den frühern Plänen zurück, die des Grafen Ankunft zerſtört hatten.— Sie er⸗ wartete beide Herren Cley's am nächſten Tage im Falkoner⸗Hof. Einer von Beiden würde für Georginen eine gute Parthie ſeyn. Man ſagte zwar, daß Pariſer Cley bedeutende — 544— Spielſchulden habe, und dieß ſprach gegen ihn; aber für ihn ſprach die Wahrſcheinlichkeit, daß ſein älterer Bruder unverheirathet ſter⸗ ben, und er in den Beſitz von Cley⸗Hall kommen werde. Oder lieber den kürzern Weg einſchlagen, und Londner⸗Cley zum Ge⸗ genſtand erwählen. Er gehörte zu den hei⸗ rathsſcheuen Männern; aber kein Menſch läuft leichter in die Gefahr, als wer ſich aͤngſtlich davor hutet. Und im äargſten Fall, wenn keiner der Herren Cley's ſich zu dieſem Zweck bearbeiten laſſen ſollte, behielt Mrß. Falko⸗ ner immer noch den pis aller Petcalf in Re⸗ ſerve, deſſen Vater, der gute General, mit ſeiner Gicht im Leibe im Bett lag, und nach ſeinem wahrſcheinlich baldigen Tode dem jün⸗ gern Petcalf die Beſitzung in Aſia minor, ein Diſtrikt in England, hinterließ. Freilich kein ſo reizender Ort wie Cley⸗Hall, und auch nicht ſo glänzend eingerichtet; aber mit eines Nabobs Vermögen konnte man viel ausrich⸗ 7 — 55— ten, und es ſtand dann Georginen frei, nach ihrem Geſchmack einreißen und wieder auf⸗ bauen zu laſſen. So blieb ihr alſo im ärgſten Fall der junge Petcalf, den ſie nach Gefallen dreſſiren konnte, wenn ſie klug genug war, ihm ihr penchant für den Grafen zu ver⸗ bergen. Mrß. Falkoner beſchloß, das Spiel geſchickt einzuleiten, und Londner⸗Cley glau⸗ ben zu machen, daß der Graf Georginen liebe, aber als Ausländer keine Ausſicht habe, der Eltern Einwilligung zu bekommen. Dieſen Betrachtungen und Plänen gemäß begann Mrß. Falkoner ihre neuen Operatio⸗ nen mit dem unendlich höflichen Billet an Mrß. Percy, und der Verſicherung, daß Ge⸗ orgine mit Freuden die Rolle der Vertrauten übernehmen würde, wenn Miß Caroline ſich zur Zara verſtehen wollte. Auf dieſe Weiſe glaubte ſie, jeden Verdacht der Eiferſucht am kräftigſten zu widerlegen. Es ließ ſich vor⸗ ausſehen, daß Caroline nicht mitſpielen würde; — 56— aber that ſie es auch, ſo hätte ſich Mrß. Falko⸗ ner aufrichtig darüber gefreut, indem ſie feſt überzeugt war, daß Georgine, eine voll⸗ kommene Schauſpielerin, Carolinen weit über⸗ treffen wuͤrde. Sobald der Finanzrath mit der abſchlägi⸗ gen Antwort zurückgekehrt war, ſuchte Mrß. Falkoner Georginen in ihrem Zimmer auf, wo ſie ſie beſchäftigt fand, ihrem Kammer⸗ mädchen, Lydie Scharpe, einige Anweiſung wegen ihres Anzugs als Zara zu geben.— Meine Liebe,» begann die Mutter, nach⸗ läſſig auf den Anzug blickend—„Du wirſt keines neuen koſtbaren Anzugs für Zara be⸗ dürfen.»— «. Weshalb nicht? Allerdings! rief Geor⸗ gine— Zara iſt nichts ohne einen ſchönen Anzug. « Gut, liebe Georgine; ſo mußt Du Dich aber mit Lydie Scharpe ſo gut wie möglich einzurichten ſuchen. Mit einigen geringen — 57— Veränderungen läßt ſich aus Deinem letzten Hofkleide gewiß ein türkiſches Gewand ma⸗ chen.„ Mit geringen Veränderungen!» rief Ly⸗ die:—«Liebe Mrß. Falkoner! keine Ver⸗ änderung auf Gottes Erdboden, und wollte ich auch bis Weihnachten darüber nachſinnen, kann das Hofkleid zu einem Türkiſchen geſtal⸗ ten. Sehen Sie doch nur, wie enge! Das wirft keine natürlichen Falten— da iſt keine Drapperie möglich— und nun vollends Ma⸗ jeſtät, wie es eine türkiſche Königin erfor⸗ dert.)— Eine oder zwei Breiten würden es weit genug machen, und Halbſammet thut dieſelben Dienſte, und iſt wohlfeiler.» « Halbſammet!“ rief Georgine entrüſtet. „Ich möchte doch um keinen Preis Halb⸗ ſammet tragen, wie die fatalen, ſchäbigen Miß Chattertons, die dafür berühmt ſind.» — 58— „Aber welches Auge wird es auf der Bühne unterſcheiden können, liebes Kind?» „In dieſer Entfernung wird es freilich kein Auge entdecken; aber die leiſeſte Berüh⸗ rung muß es verrathen. Auch verſtand ich, daß die Damen nach der Vorſtellung in ihren Anzügen bleiben ſollten; und bei einer ſolchen Gelegenheit wünſchen Sie Miß Geor⸗ ginen doch gewiß in einem ganz cap à pied neuen Anzug zu ſehen, beſonders da Lady Arlingtons und jedermann ſie ſo oft in dieſem geſehen haben, daß ſie ihn auswendig wiſſen. — Und der Graf auch, welcher Zara natuͤr⸗ lich funkelnagelneu erwartet. Doch ich über⸗ laſſe alles Ihrer beſſern Einſicht und meinte nury— s Und ich, ich weiß nur, daß ſich das Stück durchaus nicht ausnehmen wird, wenn die Garderobe nicht brillant iſt,« rief Miß Georgine— Aund ich mag Zara nicht in alten Kleidern ſpielen.» — 59— &Wohl, meine Liebe! Du haſt Deinen gelb⸗ braunen Atlas, oder Deinen blaßrothen, den grünen und den weißen, oder— Ich bin überzeugt, Du haſt Anzüge genug.— Lydie, bringe ſie einmal her, damit ich ſie prüfe.» Lydie bedeckte das Bett mit ſeidenen Ge⸗ wändern; aber an jedem Anzug fanden Lydie und ihre Herrin unüberſteigliche Hinderniſſe. „Ich erinnere mich auch eines lavendel⸗ blauen Atlaſſes, den ich hier aber nicht ſehe,» ſagte Mrß. Falkoner. „Die Farbe ſtand mir nicht, deshalb ver⸗ kauft ich ihn an Lydien.»— Verkauftel»— Gab mögen wohl einige unkundige Leſer fragen.— Nein; die⸗ ſes Kaufen und Verkaufen iſt jetzt zwiſchen einer gewiſſen Klaſſe vornehmer Kammermäd⸗ chen und Gebieterinnen ſehr gewöhnlich; und manche elegante junge Dame ſchämt ſich nicht, die Rolle einer Kleidertrödlerin zu uͤberneh⸗ men. Vortrefflich!“ ſagte Mrß. Falkoner lä⸗ chelnd— Ich ſehe, Du haſt Deine eigenen Mittel und Wege, und das iſt mir lieb, denn ich muß Dir nur geſtehen, daß gar keine Wahrſcheinlichkeit vorhanden iſt, Geld von Deinem Vater zu bekommen. Ich darf ihn mit dieſem Gegenſtand nicht beläſtigen; er war uͤber die letzte Rechnung von Mrß. Sparke ſehr entrüſtet. Wenn Du alſo einen neuen Anzug für Zara nöthig zu haben glaubſt, ſo magſt Du Dich, ſo gut es gehen will, mit Lydien arrangiren. Ich will unterdeſſen ein Billet ſchreiben, während Du Deinen Han⸗ del machſt.» « Handel! mit mir, Madam!o rief Lydie, als Mrß. Falkoner das Zimmer verließ. Ich verſtehe mich nicht auf ſolchen Handel, am wenigſten mit vornehmen Damen. Doch, was ich thun kann, Sie mit dem Nöthigen zu verſehen, werde ich gern thun.» « Nun gut,» ſagte Miß Georgine— & wenn Du mir dieſen weißen Atlas abnimmſt, werde ich ſehr glücklich ſeyn. Es begann jetzt eine Unterhaltung, die wir unſern Leſern gern erſparen, da ſie aus dem Vorhergegangenen ſchon genugſam von Miß Georginens delikatem Gefühl und ihrem zarten Verhältniß zur Kammerzofe unterrich⸗ tet ſind. Nach langem Debattiren über den Werth der Kleider, nach manchen hohen For⸗ derungen Georginens und geringen Geboten Lydiens— kurz nachdem Gebieterin und Zofe ſich gehörig über die würdigen Gegenſtände geſtritten hatten, that Lydie das letzte Gebot, neun Guineen für den weißen und gelbbrau⸗ nen Atlas, und die ſchwarzen Spitzen. «Dafür ſollſt Du ſie nimmermehr haben!» rief die entrüſtete Gebieterin.«Neun Gui⸗ neen! Wie kannſt Du nur ſo unverſchämt ſeyn, mir ein ſolches Gebot zu thun? als ob ich in meinem Leben noch kein Kleid ge⸗ — 62— kauft hätte, und den Werth nicht kennte.— Hältſt Du mich für eine Närrin?» ˙O, gewiß nicht⸗ Miß! Sie mögen wohl den Werth kennen, vergeſſen aber, daß ein großer Unterſchied zwiſchen dem Einkaufs⸗ und Verkaufspreis für Ladies iſt.— Doch um mich Ihnen gefällig zu zeigen, will ich mein Mög⸗ lichſtes thun und mit Lady Arlingtons Kam⸗ merjungfern, Miß Flora und Miß Petchard berathſchlagen. Das ſind Kennerinnen, die dergleichen zu taxiren verſtehen. Ihrem Aus⸗ ſpruch werde ich mich unterwerfen, und wenn ſie 10 Guineen ſagen, ſollen Sie ſie haben. Ich gehe jetzt hinauf zu meinen Freundinnen, um Rath zu halten; in einer halben Stunde werde ich Ihnen mein Ultimatum geben.* Mit dieſen Worten rannte ſie, die Kleider über dem Arm, die Treppe hinauf, und über⸗ ließ ihre junge, von Stolz und Zorn glühende Gebieterin ihren eigenen Gedanken.. «Nun, liebe Georgine,» ſagte die zu⸗ — — e3— ruͤckkehrende Mutter— Haſt Du einen Han⸗ del geſchloſſen? haſt Du Hülfsgelder gehoben?» Nein, wahrlich nicht! Lydie iſt ein voll⸗ kommner Jude geworden. Sie kann wohl ſagen, daß ſie mit dem Anwald Scharpe ver⸗ wandt iſt; ich kenne kein intereſſirteres Ge⸗ ſchöpf, und ſie wird jetzt obendrein naſeweis.» „Wie alle Menſchen dieſer Art, meine Liebe; aber man kann nichts ohne ſie aus⸗ richten.»—. *Aber man kann ſie wechſeln—„ «Aber, ihre eigenen Worte zu gebrauchen, man iſt darum nicht beſſer daran. Und dann muß ihr Lohn ausgezahlt werden, und alle kleinen Familiengeheimniſſe ſind in ihrer Hand.* „Aergerlich! höchſt ärgerlich! wiederholte Georgine auf⸗ und abgehend.— Solch ein Jude!— für meinen gelbbraunen und mei⸗ nen weißen Atlas, und meine ſchwarzen Spi⸗ tzen und meinen blaßrothen Krepp nicht mehr als neun Guineen geben zu wollen! Was halten Sie davon, Mama? &Ich meine, daß es viel Sachen ſind und wenig Geld dafür; indeß wenn dieß Dein einziges Hinderniß iſt— für neun Guineen kann ſich Zara ſehr anſtändig kleiden.“» Für neun Guineen, unmöglich! Ich kann nun gar nicht ſpielen, und ſo hat die Sache mit einemmale ein Ende.» « Sie hat damit keinesweges ein Ende,» entgegnete Mrß. Falkoner kaltblütig,&denn in dieſem Fall werde ich mich nach einer an⸗ dern Zara umſehen.» 3 « Und wo wollen Sie eine ſinden?» „Lady Arlingtons haben Beide hübſche Fi⸗ guren, und ich glaube gewiß, daß ſie mir den Gefallen thaͤten.» O, nur dieſe nicht! Lady Anna mit ih⸗ rer Indolenz und Mattigkeit; ſie ſieht immer aus, als wenn ſie ſagen wollte: Quaſcha, rufe Quaco, daß er Fibbo'n heiße, dieſe Nadel — 65— hier zu meinen Füßen aufzuheben.“— Glau⸗ ben Sie denn, daß ſie ihre Rolle auswendig lernen könnte, oder im Stande wäre, Zara zu ſpielen?— eben ſo wenig als ſie fliegen kann.»„— 3 «Aber ihre Schweſter, Lady Franziska würde und könnte es,y entgegnete Mrß. Fal⸗ koner.—„Sie iſt lebhaft genug, und ich weiß, ſie brennt vor Begierde, Zara zu ſpie⸗ len!— « Brennt vor Begierde nach 50 Dingen in einer Minute— Lebhaft!— Ja, aber verlaſſen Sie ſich nicht auf ſie, ich rathe es Ihnen; denn ſie weiß nach zwei Sekunden nicht mehr, was ſie haben und was ſie thun wollte.» & Dann nehme ich meine Zuflucht zu einer Andern, von der ich überzeugt bin, daß ſie meinen Erwartungen entſprechen wird,» ſagte Mrß. Falkoner. III.. 5 — 66— Wen können Sie damit meinen, Ma⸗ dam?» 1 Miß Caroline Percy.— Graf Alten⸗ tenberg brachte mich auf die Idee; er be⸗ merkte, daß ſie dieſe Rolle ausgezeichnet ſchön ſpielen würde— und ich will gleich an ſie ſchreiben.» Ohne eines Wortes mächtig zu ſeyn, ſtarrte Georgine ihre Mutter einige Sekunden mit offenen Augen an. «Du glaubſt, ich haͤtte heute Morgen meinen Verſtand verloren— ich glaube und fürchte, daß geſtern Abend viel Menſchen an dem Deinigen zweifelhaft wurden.— Noch eine zweite ſolche Scene, und Deine Freundinnen Lady Arlingtons als Zuſchauerinnen dazu, und Du haſt Dich auf immer lächerlich gemacht, biſt für die große Welt verloren. Mit einer vortheilhaften Verſorgung, und allem, was es ſonſt noch Wünſchenswerthes giebt, iſt es dann natürlich vorbei. Es ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen, daß Du bei Deinem Verſtand und auch wirklich feinen Sitten in dem Augenblick, wo Dir etwas zuwider geht, nicht mehr Selbſtbeherrſchung, Grazie und Würde zeigſt, als das gewöhnlichſte Landmädchen. Saheſt Du mich je meine Geiſtesgegenwart verlieren, oder auch nur eine Geſichtsmuskel verziehen?„ Die Geſichtsmuskeln ſind verſchieden ein⸗ gerichtet; die meinigen verändern ſich mit je⸗ dem Gefühl. Dagegen giebt es kein Mittel, und leider habe ich ſehr reizbare Gefühle.„ «Das iſt freilich ein Unglück; aber es giebt doch Mittel dagegen:— wenn Du mei⸗ nen Rath befolgen willſt, ſo—„ &Waren Sie jemals verliebt, Mama?„ Eigentlich wohl— wie meine Heirath ſchon abgeſchloſſen war; aber uneigentlich nicht — ſonſt wäre es wohl nie zum Hochzeitstag gekommen. Halsſtarriges Kind, höre auf mich, oder Du wirſt dieſen Tag mit Graf Altenberg nimmermehr erleben.— 5* „Iſt es wirklich Ihre Abſicht, Miß Ca⸗ roline Percy zu bitten, die Rolle der Zara zu ſpielen?* & Ich beantworte keine Frage, bis Du mich erſt geduldig angehört haſt.» Ich hoffe doch, Madam, Sie werden es auf den Comödienzettel ſetzen— oder wenn Sie es nicht thun, ſo will ich es— Zara, Miß Caroline Percy— auf beſonderes Ver⸗ langen des Grafen Altenberg.» « Was ich auch thue, ſo kannſt Du verſi⸗ chert ſeyn, daß es mit Anſtand geſchieht,» rief Mrß. Falkoner, ſich mit Würde erhebend; « und da Du nicht aufgelegt biſt, mich anzu⸗ hören, werde ich Dich Deinen eigenen Em⸗ pfindungen uüberlaſſen, und unterdeſſen meine Briefe ſchreiben.— Mamal! liebe Mamal liebſte Mamal⸗ rief Georgine, ihrer Mutter um den Hals fallend.„Wie können Sie, die Sie ſonſt nie eine Geſichtsmuskel verziehen, jetzt ſo — 69— heftig gegen Ihre Georgine ſeyn.— Setzen Sie ſich, und ich will geduldig zuhören.»— Mrß. Falkoner ſetzte ſich und Georgine bereitete ſich, mit einer Goldfranze ſpielend, auf geduldiges Zuhören vor.— Mrß. Fal⸗ koner kannte ihrer Tochter heftige Gemuͤths⸗ art zu gut, um es jetzt rathſam zu finden, ganz aufrichtig gegen ſie zu ſeyn. Daß ſie alle Ausſicht auf den Grafen aufgegeben hatte, blieb unerwähnt; im Gegentheil ſtellte ſie Georginen vor, daß des Grafen Neigung für Carolinen nur vorübergehend ſey, nie zu einem ernſthaften Antrag kommen werde, ausgenommen, wenn er Widerſtand finden ſollte; daß ſie in Kurzem in die Stadt zu⸗ rückkehren und der Graf mit Lord Oldbo⸗ rough bald nachkommen werde; daß ſie als⸗ dann das Spiel ganz in ihrer Hand habe, wenn Georgine ſich nemlich mit Mäßigung und Klugheit benähme und keinem Menſchen ir⸗ gend eine Art von Angſt ſehen ließe. Denn — 70— dieß würde Carolinen und ihren Freunden großen Vortheil und Triumph verſchaffen, da ſie ohnedies auf der Wache ſtänden, um Blicke und Bewegungen falſch auszulegen und zu mißdeuten.«Ja, meine Liebe,“» ſo ſchloß die Mutter, Dein Spiel beſteht darin, Dich, was ſich auch zutragen möge, immer heiter und glücklich zu zeigen, mit andern Dingen beſchäftigt zu ſeyn, von andern An⸗ betern umringt, und ſie gehörig aufmunternd — natürlich bloß um die Eiferſucht Deines Grafen rege zu machen.» Meines Grafen! ſagte Georgine mit wohlgefälligem Lächeln;«aber, Sie ſa⸗ gen dieſe Neigung würde vorübergehen— wann?— wann?» Ihr jungen Leute fragt immer aber wann? Ihr könnt nicht vorwärts blicken— einige Monate, ein Jahr mehr oder weni⸗ ger— was will das bedeuten? Georgine, — 1— beſorgſt Du bis dahin alt und häßlich zu wer⸗ den?». Georgine wandte ihre Augen unwillkühr⸗ lich nach dem Spiegel, und lächelte. Aber Mama, iſt es denn wirklich Ihr Ernſt, ſich nach einer andern Zara umzu⸗ ſehen?⸗ &Das Anerbieten, die Schmeicheleien, die mein heutiges Billet enthielten, waren alle nöthig, Deine Mißgriffe von geſtern Abend wieder gut zu machen.» „Anerbieten! Billet!» rief Georgine vol⸗ ler Schrecken.— «Guter Gott! Mutter, was haben Sie gethan? Ich hatte keinen Zweifel,» fuhr Mrß. Falkoner kaltblütig fort,«ich wußte beſtimmt, daß Miß Caroline Percy es nicht annehmen würde.» O, Madam!⸗ rief Georgine beinah ſchreiend, und vor Zorn mit dem Fuße ſtam⸗ pfend. O, Madam! wie konnten Sie ſich nur einbilden, daß dieſes Mädchen, dieſes fatale, zu meiner Qual geborne Maͤdchen ei⸗ nen ſolchen Antrag, trotz ihrer affektirten De⸗ muth abſchlagen würde. Abſchlagen! Nein, es wird ſie entzücken, im herrlichen Trauer⸗ ſpiel aufzutreten. Zara!— Marcia!— Wenn die Familie im Stande iſt, einen An⸗ zug für ſie aufzutreiben, ſo ſind wir verloh⸗ ren— das iſt noch unſere einzige Ausſicht.— O, Mutter! was bewog Sie zu dieſem Schritt? ⸗ „Gemach, ſchöne Heftige! und vertraue in Zukunft meiner größern Einſicht,y erwie⸗ derte Mrß. Falkoner, Georginen die Antwort reichend.— Miß Caroline Percy!— bedauert— nicht im Stande! O, herrlich!— Glücklich entgangen!» rief Georgine voller Freuden. «Glauben Sie mir, wir verdanken dieſe ab⸗ ſchlägige Antwort dem Umſtand, daß ſie kei⸗ nen paſſenden Anzug hat, obgleich— Mama—„ Das iſt uns einerlei; aber wie ſteht es mit Deinem Anzug, liebe Georgine?» & Ja, Mama! mein Anzug iſt nun frei⸗ lich die einzige Schwierigkeit.» «Du kannſt denken, daß ich natürlich wünſche, mein liebſtes Kind brillant auftre⸗ ten zu ſehen, beſonders da die ganze vor⸗ nehme Welt hier ſeyn wird— die beiden Cley's kommen morgen auch, hier iſt ihr Brief— und kurz die ganze ſchöne Welt. Aber das leidige Geld! Es giebt nur ein Mittel, Deinen Vater in die rechte Laune zu verſetzen, um dieſe Seite berühren zu dürfen.» «Ein Mittel— herrlich, wenn ich nur ein Mittel weiß— nennen Sie es.„ Petcalf!» ˙O, dieſer Petcalf iſt mein horreur!s Das iſt es eben!— Er ſprach ernſtlich — 4=— mit Deinem Vater über Dich, und dieſer be⸗ fragte mich. Ich ſagte, daß Du nie einwil⸗ ligen würdeſt, und darüber wurde er ſehr aärgerlich. Dieſe Antwort und Mrß. Spar⸗ ke's Rechnung haben ihn ganz umgewandelt. — Doch Kind, wenn Du Deinen Wunſch ausſprechen ſollteſt— was wäre Dein Ge⸗ ſchmack?» * Mein Wunſch!— mein Geſchmack— o! das wäre ein delikater, ſußer, zarter blauer Atlas mit Silberfranzen und Perlen für den erſten Akt, und fuͤr den letzten—* Zwei Anzüge! O, Du Verſchwenderin! Ganz unmöglich!» Ich wünſche nur, ſage Ihnen nur mei⸗ nen Geſchmack, liebe Mama. Sie wiſſen, es muß eine Veränderung des Anzugs im letzten Akt Statt finden wegen Zara's Ver⸗ mählung. Zum Brautkleid alſo würde ich weiß und Silber wählen, wenn man mir die Wahl ließe.» Sehr gut, erwiederte Mrß. Falkoner. —„Ich ſetze den Fall, ich machte Deinem Vater Hoffnung, daß Du noch nicht feſt ent⸗ ſchloſſen wärſt, den armen Petcalf zu verab⸗ ſcheuen?— ./O, liebe Mama, ich werde mit dieſem Petcalf ſo verfolgt— und mit Graf Alten⸗ berg verglichen— mein Vater muß blind ſeyn, oder mich fur einfältig halten.— § Es läßt ſich gar kein Vergleich zwiſchen ihm und dem Grafen anſtellen.— Aber ich vergaß Dir zu ſagen, daß Dein Vater auf unſeres armen alten Freundes, des Generals baldigen Tod rechnet; denn in der Nachſchrift ſagt Cley,«daß ihm die Gicht in den Ma⸗ gen getreten ſey.“— So wäre er alſo ſo gut wie todt, und Dein Vater meint, Aſia Minor wäre ein hübſcher Wohnort, wenn man gerade nichts Beſſeres hätte. d «Aber des Grafen große Banjbunge und ſein Rang! — 76— Dieß gebe ich gern zu, meine Liebe; aber unſer Hauptzweck iſt jetzt das Schauſpiel. Zara's königliche Gewänder ſind, wie Du weißt, nicht umſonſt zu haben— wenn Du meinen unfehlbaren Rath nicht befolgen willſt. — Ich glaube mich anheiſchig machen zu kön⸗ nen, Deinen Vater noch ein Mal für unſere Wünſche zu ſtimmen, wenn Du mich beauf⸗ tragſt, ihm zu ſagen, daß wenn ſich binnen jetzt und einem Jahre nichts Beſſeres finden ſollte— bedenke mein wenn— Petcalf für ſeine Treue belohnt werden ſollte.* «Wenn— O, liebe Mama!— Aber wenn vor dieſer Zeit der Graf—„ « Oder einer von den Cley's ſeinen An⸗ trag machen ſollte, dann ſtellen Dich meine Wenn's bei Deinem Vater ſicher.»— « Nun wohl denn, unter der Bedingung, daß Sie mir verſprechen, auf das Wort wenn einen bedeutenden Nachdruck zu legen. — 77— — Ich glaube es Zara's wegen thun zu müſſen.*— «Und ich wußte wohl, daß Du Dich end⸗ lich wie ein vernünftiges Mädchen fügen wür⸗ deſt,» entgegnete Mrß. Falkoner.— Ich will auch gleich mit Deinem Vater ſprechen.* Nicht ohne große Schwierigkeit gelang es ihr, den Finanzrath willfährig zu machen. Carte blanche für Zara's zartes blaues und bräutlich weißes Gewand nebſt Silberfranzen und Perlen wurde endlich erlangt.— Die triumphirende Zara citirte nun die niedrigbie⸗ tende Vertraute ihrer letzten Noth herauf. Lydie trat mit den vier bewußten Kleidern in das Zimmer; aber ſie und ihre Guineen und die ehrenvollen Taxirerinnen wurden alle mit gebührender Verachtung behandelt. Und als Lydie ihrer jungen Herrin Befehl, die Kleider wieder in die Garderobe zu häͤngen, und nie mehr von verkaufen derſelben zu ſprechen, hörte, ſtiegen ſie plötzlich in ihren — 78— Augen an Werth, und ſie bereute, ſo wenig geboten zu haben. Aus dem veraͤnderten Ton ihrer Gebieterin mußte ſie ſchließen, daß ihre Erwartungen erfolgreich geweſen, und ſie auf die eine oder die andere Art Hülfsgelder er⸗ langt hatte.—& Ich merke ſchon,y ſagte Lydie zu ſich ſelbſt,&neue Kleider ſind der Tagesbefehl; aber ich wette darauf, ſie wird mich bald brauchen, um ſie türkiſch zu ma⸗ chen. Drum will ich auch nicht eher von meinem hohen Pferde herabſteigen, bis ich weiß warum?— Miß Georgine, ich bitte um Verzeihung. Sie ſind die Gebieterin— ich wollte mich Ihnen gern gefällig zeigen, als Sie mich aufforderten;— aber jetzt be⸗ dürfen Sie meiner nicht, und ich hoffe, Sie werden eine Andere finden, die geſchickter, und williger Ihnen zu dienen iſt.» Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich halb ſtolzirend, halb maulend.— Georgine ſah wohl ein, daß ſie der Kammerzofe Talente .—£9— und Geſchicklichkeit bei der glänzenden Er⸗ ſcheinung Zara's nicht entbehren konnte; des⸗ halb unterdrückte ſie die eigene Empfindlich⸗ keit, ertrug den Uebermuth der Dienerin und ſtellte noch denſelben Abend ihre gute Laune durch ein Geſchenk des berühmten weißen At⸗ laſſes wieder her. Die türkiſchen Anzüge waren fertig.— Wollten wir eine genaue Beſchreibung der mannichfachen Reibungen, Eiferſüchteleien und Zänkereien geben, die zwiſchen den Schau⸗ ſpielerinnen und ihren Freundinnen während der Einübung und den Proben vorfielen, ſo würden wir nie zu der eigentlichen Auffüh⸗ rung gelangen.— Wir erwaͤhnen bloß, daß bei dieſer Gelegenheit der Grund zu einer unverſöhnlichen Feindſchaft zwiſchen Miß Fal⸗ koners und ihren lieben Freundinnen Lady Arlingtons gelegt wurde.— Lady Anna hatte ſich geweigert, ihren diamantnen halben Mond zu Zara's Turban zu leihen; das konnte ihr . 80— Miß Georgine nie vergeben. Und Lady Fran⸗ ziska war durch den Befehl ihres Oheims, des Herzogs, die Bretter nicht zu betreten, im höchſten Grade verſtimmt und gegen Geor⸗ ginen aufgebracht worden, weil ſie dieſen Be⸗ fehl einem verrätheriſchen Artikel in einem ihrer Briefe an Lady Trant zuſchreiben zu können glaubte. Sie hatte erfahren, daß die⸗ ſer Brief cirkulirte und durch Lady Jane Granville an den Herzog gekommen war, s der ſonſt,y wie Lady Franziska bemerkte, svergraben in ſeinen Staatsgeſchäͤften, nim⸗ mermehr ein Wort von der ganzen Sache erfahren haben würde.»* Mrß. Falkoner bedurfte bei dieſen delika⸗ ten und ſchwierigen Vorfällen aller Gewalt üͤber ihre Geſichtsmuskeln, und aller ihrer Gewandtheit, um ohne Anſtoß durchzukom⸗ men. Auch Arabella zeigte ſich halsſtarrig, als würdiges Seitenſtück ihres Bruders John. Anfänglich konnte ſie nicht dazu vermocht wer⸗ 43 den, die Rolle der Selima zu ſpielen, und doch war keine andere Selima vorhanden. Sie ſah nicht ein, warum ſie ſich herablaſſen ſollte, Zara's Vertraute zu ſpielen, warum ſie ihrer Schweſter aufgeopfert werden ſollte! Und ihr Anbeter, Sir Robert Percy, wurde wegen der andern Percy's nicht ein Mal ein⸗ geladen.— Mrßf. Falkoner ließ ſie durch den Oberſten Spandrill mit Schmeicheleien über⸗ häufen, bis ſie ſich endlich durch das Ver⸗ ſprechen beſänftigen ließ, bei der, in der nächſten Woche ſtatthabenden Vorſtellung: Die Liebe auf dem Lande oder der Guts⸗ beſitzer,y ſelbſt ihre Rolle wählen zu dürfen, ſo wie auch das zuhörende und zuſchauende Publikum. Da erklärte ſie endlich, Selima ſpielen zu wollen. Die Rollen waren auswendig gelernt, die Anzüge nach unzähligen Veränderungen zur Zufriedenheit der Helden und Heldinnen be⸗ endigt, alle Streitigkeiten zwiſchen den Freun⸗ III. 6 dinnen, ſo wie zwiſchen Gebieterin und Die⸗ nerin einſtweilen geſchlichtet, und der große⸗ der wichtige Tag brach an. Man will be⸗ haupten, daß Mrß. Falkoner ſich den Abend vorher ganz erſchöpft auf ein Sopha im grü⸗ nen Zimmer geworfen, und ausgerufen habe, «daß ſie den letzten Monat nicht noch ein Mal auf dieſe Weiſe verleben möchte, und wenn ſie Königin von England werden könnte.* — Acht und zwanzigſtes Kapitel. — Das Theater im Falkonerhof war nicht ſehr groß, aber äußerſt elegant eingerichtet und vorzüglich ſchön erleuchtet, was einen guten Effekt machte. Eine zahlreiche, brillante Ge⸗ ſellſchaft und vortreffliche Muſik trugen das Ihrige dazu bei, dem Ganzen ein feſtliches Anſehen zu geben. Die Percy'ſche Familie langte wegen der weiten Entfernung erſt ſpät an. Der Saal war überfüllt, weshalb ſich Mrß. Falkoner genöthigt ſah, Mrß. Percy und ihren Töch⸗ tern nebſt den beiden Lady Arlingtons eine, auf der Bühne ſtehende Bank anzuweiſen, 6* — 84— welcher vorzügliche Platz für Ihre Herrlich⸗ keiten aufbewahrt worden war. Aller Augen waren auf die ſchöne Caro⸗ line gerichtet. Sie ertrug dieſes öffentliche Anſchauen mit einem ſo holden Erröthen und einem ſo beſcheidenen, demuthsvollen Blick, daß ſie jedermann für ſich einnahm. Graf Altenberg hatte den Augenblick ihrer Ankunft Aͤngſtlich erwartet, dieſes Gefühl jedoch ſorg⸗ fältig verborgen, wohl wiſſend, daß ihn Miß Falkoners Anhang genau bewachte. Nur ei⸗ nen verſtohlnen Blick wagte er nach ihr hin⸗ über, fuhr dann aber gleich in ſeiner Unter⸗ haltung mit dem näͤchſtſtehenden Herrn wie⸗ der fort. Nach wenigen Minuten ward es ihm jedoch vergönnt, Carolinen unbemerkt zu betrachten; denn die Zuſchauer waren nur zu ſehr mit ſich ſelbſt, mit ihren Plätzen und mit den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen beſchäftigt, um ihn länger zu beobachten. — 85— « Lady Trant! Wollen Ihre Herrlichkeit nicht in der vordern Reihe Platz nehmen?» Ich danke Ihnen, ich ſitze ſehr gut.» Lady Kew, ich befürchte Sie können nicht über meinen Kopf wegſehen.» &˙/O, vollkommen!» & Oberſt Spandrill, ich muß Sie inko⸗ modiren— meinen Shawl. &Cley, borgen Sie mir doch Ihr Opern⸗ glas.— Wie verließen Sie die Geſellſchaft in Bath? Ich bin nur froh, daß die Gicht den alten General Petcalf noch nicht mit fort⸗ nahm; ſonſt hätte der junge Petcalf heute Abend nicht ſpielen können.— „Wiſſen Sie nicht, ob applaudirt wird? Ob es erlaubt iſt, ſeinen Beifall durch Worte zu äußern? Man hielt es für artiger, im Stillen zu bewundern, und dadurch einen Unterſchied zwiſchen wirklichen Schauſpielern und Schau⸗ ſpielerinnen und ſpielenden Ladies und Gent⸗ — 86— lemens zu machen. Andere meinten dagegen, der Unterſchied wäre deutlich genug, ohne ihn durch äußere Auszeichnung bemerkbar zu ma⸗ chen. Aber alle diejenigen, welche früher ein Mal auf den verführeriſchen Brettern ge⸗ ſtanden hatten, waren der Meinung, daß ſchweigende Bewunderung zwar delikater, aber auch zugleich ſo langweilig wäre, daß ſie we⸗ nigſtens den Lärm lauter Ausrufungen weit vorzögen. Die Ouvertüre war zu Ende; der Prolog von Herrn Seebright wurde mit verdientem Beifall aufgenommen. Und nachdem der erſte Tumult des Fragens, Bittens und Verſpre⸗ chens von und um Copien vorüber war, wurde das Haus wieder ſtille. Der Vor⸗ hang ging auf und Zara's erſtes Auftreten in dem delikaten, zarten blauen Atlas wurde mit lautem und langem Beifall begrüßt, und zu Ende der erſten, in der That ſehr ſchön recitirten Anrede wiederholt. Graf Alten⸗ — 8— berg lehnte ſich weit vor, und ſchien mit Ver⸗ gnügen zuzuhören; dann ſtand er wieder auf und erneuerte ſeine Beweiſe des Beifalls, zuerſt mit einer gewiſſen Schüchternheit, dann aber mit Beſtimmtheit und Energie. Miß Georgine Falkoner ſpielte wirklich ſo ſchön, daß er ohne Schmeichelei applaudiren konnte; und wenn er auch in den Aeußerungen ſeiner Bewunderung etwas zu weit ging, ſo hielt er ſte hier doch für erlaubt. Er verband noch einen andern Zweck damit. Er wünſchte zu erfahren, ob Caroline auch der erniedrigen⸗ den Leidenſchaft fähig ſey, wodurch ihm ihre Nebenbuhlerin ſo fatal geworden war. Er hatte ſie nur im Zuſtand des Triumphes ge⸗ ſehen, und mußte nun erforſchen, wie ſie ſich in andern Lagen benehmen würde. Ihre hohen geiſtigen Vorzüge konnte er nicht be⸗ zweifeln; aber Mäßigung iſt nicht immer mit Schönheit und Weisheit gepaart. Das Schauſpiel ging fort. Zara behaup⸗ — — 88— tete das allgemeine Intereſſe; ſie wurde nur ſchwach durch die ſchmollende Selima unter⸗ ſtützt, und alle übrigen Rollen waren ſchlecht beſetzt. Die gewöhnlichen Fehler ungeübter Schauſpieler fielen vor. Osmanns einer Arm bewegte ſich gar nicht und der andere durch⸗ ſägte, Hamlets Verbot zum Trotz, die Luft beſtändig. Er verwickelte ſich im Gehen in Zara's Gewand, oder blieb mit dem Fuß in ihrer Schleppe hängen. Bald drehte er ſei⸗ ner Gebieterin, bald den Zuſchauern den Rücken zu. Doch alle ſolche Verſtöße wer⸗ den einem Privattheater und Liebhabern gern verziehen, und alles ging ſo gut, wie man es nur erwarten konnte. Osmann hatte zwar ſchlecht memorirt, aber Zara wußte ihm im⸗ mer geſchickt wieder einzuhelfen, und ſo machte er es nicht ſchlechter als mancher andere Os⸗ mann, bis er an den längſten Monolog kam. Hier ſtockte er. Die erſten ſechs Zeilen half ihm der Soufleur glücklich ein; aber nun war — 89— es nicht weiter möglich. Sein Gedächtniß, ſeine Sinne verließen ihn ganz— es erfolgte eine Todtenſtille. Vergebens wiederholten der Soufleur und Jer Lampenputzer die nächſte Zeile ſo laut ſie konnten, und vielleicht lau⸗ ter als ſie durften. Osmann war nicht im Stande zu ſprechen. Er begann nun ſein gewöhnliches Noth⸗ und Gefahrmanövre, näm⸗ lich mit der rechten Ferſe an den linken Knö⸗ chel zu ſtoßen, und wer den jungen Petcalf im orientaliſchen Gewand und Turban früher noch nicht erkannt hatte, war nun außer Zweifel. Er warf dem Soufleur einen grim⸗ migen Blick zu; die erſchrockene Zara gab alles verloren. Lady Arlingtons zogen ſich lachend hinter die Couliſſen zurück; die höf⸗ lichern Zuſchauer bemühten ſich, ein Lächeln zu unterdrucken. Graf Altenberg wandte in dieſem kritiſchen Moment ſeine Blicke auf Carolinen, deren Züge anſtatt des Lachens nur Angſt und Theilnahme verriethen. — 90— Zara faßte ſich wieder, trat einige Schritte zurück, ihren ſtampfenden Sultan den Blicken der Zuſchauer zu entziehen, flüſterte ihm die vergeſſene Zeile ſo deutlie Izu, daß er glück⸗ lich wieder in Gang kam, das Stampfen un⸗ terließ und alles war wieder gut. Graf Al⸗ tenberg vergaß in das aufmunternde Applau⸗ diren einzuſtimmen; ihn hatte Carolinens Lächeln in dieſem Augenblick zu ſehr entzückt. Zum Glück für Zara und die Zuſchauer wurde Luſignams Rolle von einem geübtern Schauſpieler geſpielt. In den Scenen zwi⸗ ſchen Zara und Luſignam ſtörte nichts die Illuſion, nichts die Aufmerkſamkeit der Zu⸗ hörer; das Intereſſe war allgemein, alles ſchien ergriffen. Das Fächeln mit den Fä⸗ chern in den erſten Reihen hörte auf, Limo⸗ nadengläſer blieben unangerührt ſtehen, und niemand ſtudirte den Comödienzettel. Durch dieſe ſtummen Beweiſe des Beifalls aufge⸗ muntert, fuhr Zara mit zunehmendem Pa⸗ thos fort. Unterdeſſen begannen Percy's, deren ganze Aufmerkſamkeit auf das Schau⸗ ſpiel gerichtet war, das Unangenehme ihrer Plätze und ihrer Nachbarſchaft zu empfinden. Mehrere junge Damen, worunter Lady Fran⸗ ziska Arlington, flüſterten neben Carolinen ſo laut, daß ſie ihre Stimme deutlicher als die der Spielenden hörte. Endlich gebot Lady Franziska, einen kleinen weißen Hund auf dem Arme, halb hinter den Counliſſen ſtehend, ihren Freundinnen Ruhe, und alles wurde wieder ſtill und aufmerkſam. Zara ſprach jetzt:— « Und willſt Du mehr noch wiſſen— mein ganzes Herz durchſchau'n? So wiſſe denn: trotz dieſer neuen Schmach & Wünſch ich nicht— kann ich nicht wünſchen, Dich weniger zu lieben; Denn lang bevor Du tief herabgeblickt auf Zara, Gab ſie ihr Herz an Osmann—„ — 92— Bei dem Namen Osmann wurde der Hund ſtutzig und machte ſich los; Lady Franziska that, als ob ſie ihn zurückhalten wollte, aber er ſprang auf's Theater, an Zara in die Höhe, ſetzte ſich bei Wiederholung des Na⸗ mens Osmann auf ſeine Hinterpfoten, bet⸗ telte mit den Vorderpfoten und heulte in ſo jammervollen Tönen, daß die ganze Verſamm⸗ lung außer ſich vor Lachen gerieth. Caroline ſprang auf, ergriff den rebelliſchen Hund und trug ihn von der Bühne. Graf Altenberg, ſeiner ſelbſt nicht länger mächtig, klatſchte, und das ganze Haus ertönte von Beifallsbe⸗ zeugungen. Miß Georgine, die Urſache des Applau⸗ direns mißverſtehend, glaubte ſich zur Wie⸗ derholung aufgefordert; ſie ſchlug die Augen nieder, trat, ſobald es ſtill geworden, wie⸗ der vor und begann ihren Spruch von Neuem, von dem Graf Altenberg jedoch kein Wort vernahm. — 93— Aber wie war der Hund auf's Theater gekommen? Er verdankte dieſe Erhöhung der Bosheit Lady Franziska's, welche ſich an Georginen, wegen ihres muthmaßlichen An⸗ theils an dem herzoglichen Verbot rächen wollte. Während der Proben hatte ſie den Hund abgerichtet, auf den in Zara's tragi⸗ ſchem Ton ausgeſprochenen Namen Osmann zu antworten, bis zu der Stelle, wo Zara Osmanns Namen wiederholt nennt, hatte man den Hund entfernt gehalten. Der Streich war ſo ſchlau erſonnen, daß alle, die Einge⸗ weihten ausgenommen, die Erſcheinung des Hundes für zufällig halten mußten. Indeß begann man bald, ſich die Wahrheit im Ver⸗ trauen zuzuflüſtern. Miß Georgine, in der roſenfarbenſten Laune, berauſcht von Eitelkeit und Schmei⸗ chelei, war unterdeſſen zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Graf ſeine fünf Sinne wieder erlangt habe, und ſo wenig kannte ſie — 94—. ſeinen Charakter, oder das menſchliche Herz uͤberhaupt, daß ſie nichts Geringeres als eine Liebeserklärung auf dieſe öffentliche Bewun⸗ derung erwartete. Ja, ihre Ideen waren in einer ſolchen Verwirrung, daß ſie ſich ver⸗ ſicherte, Zara ſtände auf dem Punkt, Gräſin Altenberg zu werden. 1 Nach Beendigung der Vorſtellung, nach⸗ dem tauſend ſchöne Sachen geſagt und ange⸗ hört worden waren, entfernte ſich der größte Theil der Geſellſchaft und nur ein auserleſe⸗ ner Cirkel blieb zum Souper. Man zog ſich in's grüne Zimmer zurück, um den Spielen⸗ den den Tribut des Beifalls zu wiederholen. In ihrer Mitte ſtand Georgine, den Weih⸗ rauch ihrer Verehrer einſaugend. Als ſich Graf Altenberg näherte, nahm ſie eine ſchmach⸗ tende Miene an. Der Graf ſagte alles, was ſich vernünftiger Weiſe erwarten ließ; aber dennoch ſchienen ſeine Worte ſie nicht ganz zu befriedigen. Jetzt drängte ſich Pariſer — 95— Cley hervor und betheuerte, es nicht für mög⸗ lich gehalten zu haben, daß ihn irgend eine Schauſpielerin Intereſſe für die engliſche Zara einzuflößen vermöge— gaber Sie, Miß Georgine! haben das Unmögliche bewirkt, und ich würde zufrieden ſterben, könnte ich Ihr Talent in Zaire bewundern. Wer ſolche Wunder in einer elenden Ueberſetzung hervor⸗ bringen kann, müßte als erſter Stern im himmliſchen Original glänzen.» Mehrere Herren und vorzüglich Percy wollten nicht zugeben, daß die Ueberſetzung elend genannt würde; aber Pariſer Cley ſuchte ihnen zu beweiſen, daß ſich Zaire durchaus nicht engliſch uͤberſetzen ließe.»Denn, zum Beiſpiel,» ſagte er umherſchauend und Caro⸗ linen mit ſeinen Blicken auffordernd— swie würden Sie das berühmte: Zaire! vous pleurez! überſetzen.» Iſt es nicht durch: Zara! Du weinſt! ganz tren wiedergegeben? y fragte Caroline. — 96— «Ah! pardonnez moi!* rief Pariſer Cley mit einem franzöſiſch ſeynſollenden Ach⸗ ſelzucken, wozu ſich ſeine engliſchen Schultern jedoch nicht recht zu eignen ſchienen— ah! pardonnez! meinen Ohren ſagt es nicht zu.* «Unſerm Gefühl jetzt aber ganz,» ent⸗ gegnete Caroline, auf Zara blickend. O! das gebe ich zu,» rief Cley— 4La Beauté est toujours dans son pays, und Thraͤnen bedürfen glücklicher Weiſe keiner Ue⸗ berſetzung; aber wenn wir auf Worte zurück⸗ kommen, werden Sie mir zugeben, daß die Sprache des feinen Gefühls durchaus unüber⸗ ſetzbar, intraduisible iſt. Caroline ſchien es vermeiden zu wollen, weiter in dieſe Unterſuchung gezogen zu wer⸗ den; aber Cley wiederholte im Ton ſüßer Herablaſſung— Ihr Schweigen ſchmeichelt mir mit der Hoffnung, daß wir üͤbereinſtimmen?? Dieſe Auslegung ihres Schweigens konnte r — 97— ſich Caroline nicht gefallen laſſen; ſie erwie⸗ derte daher erröthend, aber ohne Verlegen⸗ heit:«daß ſie immer gehört und geglaubt habe, die Sprache des wahren Gefühls und ächten Witzes ſey allgemein und leicht zu ver⸗ ſtehen.» „Wenn ich je daran gezweifelt hätte,» ſagte Graf Altenberg,«ſo wuͤrde ich durch das, was ich heute Abend geſehen und gehört habe, davon überzeugt worden ſeyn.» Georgine neigte ihren Kopf anmuthsvoll gegen den Grafen und llächelte und ſeufzte. Lady Franziska Arlington und Roſamunde lä⸗ chelten in dieſem Augenblick auch; denn ſie merkten wohl, daß Graf Altenbergs Worte derjenigen, die ſie ſich ſo beſtimmt angeeignet hatte, keineswegs galten. Dieß war an die⸗ ſem Abend ſchon das zweite Mal, daß ſich Georgine aus Eitelkeit ein Compliment an⸗ maßte, was ihr nicht gezollt war. Doch ſelbſt in dieſem Augenblick, den ſie für den un. 7 — 98— Augenblick des Triumphs hielt, wo ſie, von Anbetern umringt, die ſchmeichelhafteſten Lob⸗ ſprüche vernahm, erfüllte ſie das heitere Ge⸗ ſicht ihrer Nebenbuhlerin mit Angſt; und ſo ſeltſam es auch erſcheinen mag, ſie beneidete Carolinen den Vorzug, nicht neidiſch zu ſeyn. Mrß. Falkoner, der jede Bewegung ihrer Tochter genau bekannt war, ſah die Wolke auf Zara's Stirn, und ſuchte ſchnell die Auf⸗ merkſamkeit der Geſellſchaft auf die Schönheit ihres Anzugs und den maleriſchen Faltenwurf ihrer Schleppe zu lenken. Sie klagte über den großen Unterſchied zwiſchen engliſchen und franzöſiſchen Sammet.— Pariſer Cley, wie ſie vorausgeſehen hatte, griff das Wort auf⸗ und ſprach über Sammet, bis das Abendeſſen aufgetragen wurde. Als Mrß. Falkoner Lady Trant und Lady Kew in ihre Schlafzimmer begleitete, fand noch eine nächtliche Conferenz bei Lady Trant ſtatt, worin die Damen natürlich die Bege⸗ —. 99— benheiten des heutigen Tages und einige an⸗ dere wichtige Gegenſtände vertraut beſprachen. Sie wünſchten Mrß. Falkoner Glück zu dem Eindruck, den Zara auf Graf Altenberg ge⸗ macht; doch die ſchlaue Mutter wieß ihre Glück⸗ wünſche zuruͤck, und verſicherte,«feſt über⸗ zeugt zu ſeyn, daß die bewußte Perſon jetzt keinen ſolchen Gedanken mehr hege. Und nun, da die Sache abgemacht ſey, könne ſie wohl geſtehen, daß nichts in der Welt ſie hätte beſtimmen können, ihre Tochter einem Ausländer zu geben. Es würde ſie betrübt haben, einen ſo liebenswürdigen und gebilde⸗ ten jungen Edelmann zurückweiſen zu müſſen, und ſie freute ſich innig, daß der Graf den Wink über ihre Anſichten, dieſen Punkt be⸗ treffend, ohne Empfindlichkeit aufgenommen habe.— Es war ihr Gewiſſensſache gewe⸗ ſen, ihn früh genug dieſen Entſchluß wiſſen zu laſſen, um eine förmliche Erklärung zu verhindern. Sie wußte wohl, daß andere 7 — 100— Mutter verſchieden über dieſen Punkt däch⸗ ten, und andere junge Mädchen vielleicht nicht ſo gehandelt haben würden. Es war auch zu vermuthen, daß eine gewiſſe Familie ſolcher Verſuchung, bei dieſen Ausſichten auf eine glänzende Verſorgung, nicht zu wider⸗ ſtehen im Stande ſeyn würde, wenn die Sache ſich noch ſo geſtalten ſollte. Mrß. Fal⸗ koner verſicherte, daß ſie ſich ſehr darüber freuen würde, und den Gegenſtand ſeiner in jeder Hinſicht wuͤrdig fände. Auch ſie fühlte ſich, nach dem Wenigen, was ſie bis jetzt von ihr geſehen, ungewöhnlich zu den jungen Mädchen hingezogen— die Ver⸗ wandtſchaft ganz aus dem Spiele gelaſſen.» Nachdem Mrß. Falkoner ſich und ihrer Tochter den Rückzug geſchickt geſichert hatte, ging ſie zur Ruhe. Früh am andern Morgen erſchien ein Be⸗ dienter Lord Oldborough's mit einem Billet an Herrn Percy.— Falkoners Kammerdie⸗ — 101— ner trug es ſogleich in ſeines Herrn Schlaf⸗ zimmer, um ſich zu erkundigen: ob Herr Percy geweckt werden, oder ob man den Be⸗ dienten warten laſſen ſollte, bis Herr Percy zum Fruhſtück herunterkäme?» 3 Der Finanzrath ſetzte ſich im Bette auf, rieb ſeine Augen, las die Aufſchrift, drehte das Blatt nach allen Seiten herum und ver⸗ langte den Mann zu ſehen, der es gebracht. — Der Bediente kam. Wie ſteht es mit Mylord's Gicht?» Ganz gut, Herr Finanzrath! Mylord waren geſtern im Park, zu Pferde und zu Fuß. Das freut mich zu hören. Kamen ge⸗ ſtern Depeſchen aus der Stadt?» Darüber kann ich keine Auskunft geben, ich war mit den Pferden aus.* „ Aber über dieſes Billet?2„ fragte der Finanzrath. Das Reſultat des Verhöors ließ dermu⸗ — 102— then, daß es eine Einladung zum Frühſtück enthalte. Kein Billet an mich?— keine münd⸗ liche Botſchaft? « Nichts, ſo viel ich weiß.* Sehr ſonderbar!— Falkoner ſchien nicht abgeneigt, den Boten bis zur Frühſtücks⸗ zeit aufzuhalten; aber er hatte Befehl, au⸗ genblicklich mit der Antwort zurückzukehren.— Das Billet wurde an Percy abgegeben, und er ging zum Fruhſtück nach Clermont⸗ Park. Dem Finanzrath verdarb die Neugier ſein eigenes Frühſtuck.— Unterdeſſen drehte ſich die Unterhaltung um die geſtrige Vorſtellung, bis endlich Zara ſelbſt des Gegenſtandes über⸗ drüſſig, ein anderes Geſpräch aufzubringen ſuchte. Unglücklicher Weiſe führte aber Pari⸗ ſer⸗Cley das Wort ſo laut, daß des Grafen Stimme einige Zeit kaum gehört wurde. Der Contraſt zwiſchen einem wirklich gebildeten Fremden und einem Engländer, der im Aus⸗ — 103— lande in ſchlechter Geſellſchaft gelebt, und ſich nach ſchlechten Modellen gebildet hatte, mußte jedem Unpartheiiſchen auffallen. Pariſer⸗Cley üͤbertrieb alles Lächerliche und Abgeſchmackte der Pariſer Geſellſchaft und würde ſchwerlich von der Nation als Repräſentanten ihrer Ge⸗ bräuche und Sitten anerkannt worden ſeyn. Gegen Ende des Frühſtücks wurden die Zeitungen gebracht. Der Finanzrath, der ſich ſchon einige Male verwundernd über ihr langes Auſſenbleiben geäußert hatte, griff gleich nach dem Regierungsblatt, reichte dem Gra⸗ fen und den beiden Cley's politiſche Blätter und entfernte ſich dann. Londner⸗Cley ſetzte ſeine gehörig gezuk⸗ kerte Taſſe Thee hin, ließ ein wohlzubereite⸗ tes Stück Schinken, nebſt Butter und Brod auf ſeinem Teller liegen, kehrte den Damen den Rücken zu, richtete ſich mit höchſter Be⸗ quemlichkeit, den Arm über den Stuhl, das volle Licht auf die Londner Neuigkeiten, ein, — 104— und begann zu leſen.— Graf Altenberg warf einen Blick auf auswärtige Nachrichten, kehrte aber gleich wieder zu den einheimiſchen zurück, welche er Mrß. Falkoner vorlegte. Sie fragte: ob ſie ihn bemühen durfte, ſie laut vorzuleſen 2„ &Ich hoffe, mein ausländiſcher Accent wird es nicht unverſtändlich machen,» entgeg⸗ nete er, und begann ohne weitere Vorrede zu leſen.— Obgleich ihm der vollkommene engliſche Accent fehlte, bewieß er doch durch ſeine Freude und den Antheil, den er an daß er ein engliſches Herz hatte. Kondner Cley, die Beine übereinanderge⸗ ſchlagen, die Zeitungen feſt in der Hand, = drehte ſich, Lady Anna Arlington mit dem 6 Ellbogen ſtoßend, auf ſeinem Stuhl herum, und ſah und hörte den Grafen mit einem .— G der Nachricht eines bedeutenden Sieges nahm, 8 Blick des Erſtaunens an. Ich will verdammt ſeyn, wenn Sie nicht — 165— trotz allem ein guter Kerl, wenn gleich kein Engländer ſindl rief er aus.. muiis & Mütterlicher Seite bin ichzs allerdings,» erwiederte Graf Altenberg. 8ch kann mich wenigſtens rühmen, ein halber Engländer zu ſeyn.» &Ein halber iſt beſſer als ein ganzer,» ſagte Pariſer⸗Cley verächtlich. Bei'm Himmel, ich hatte darauf ſchwören wollen, daß ſeine Mutter oder ſonſt ein Bluts⸗ verwandter aus England ſtammt,» rief Lond⸗ ner⸗Cley.—„Ich bitte um Verzeihung, Madam— ich befürchte, Ihro Herrlichkeit zu inkommodiren,y fügte er hinzu, als er bemerkte, daß ſich Lady Anna mit hochmuthi⸗ gen Blicken aus der Nahe ſeiner ungenirten Ellbogen zurückzog. Darauf wurde er gewahr, ſich durch einen plötzlichen Ausbruch des Gefühls bloß gegeben zu haben; er erröthete, nahm ſeine Taſſe, trank, als ob er ſein Geſicht für immer darin — 106— verbergen wollte, wandte ſich dann zu ſeinen Zeitungen und wurde wieder kalt und ſchweig⸗ ſam wie zuvoß, Unterdeſſen war oder ſchien ſein Bruder eifriger beſchäftigt mit der Be⸗ reitung eines Glaſes Zuckerwaſſers, als mit dem Schickſal der Land⸗ und Seemacht Spa⸗ niens und Englands.— Er ſtand auf, ging in's Nebenzimmer und ſtreckte ſich dort der Länge nach auf ein Sofa. Lady Franziska Arlington, politiſche Nachrichten verabſcheuend, ſtand ebenfalls auf, und ſetzte ſich an einen Arbeitstiſch, um welchen auch die übrigen Da⸗ men Platz nahmen und ſich in Putzverhand⸗ lungen vertieften. Jetzt verließ auch Graf Altenberg mit den Percy'ſchen Damen das Frühſtückzimmer, worin allein zurückzubleiben Londner⸗Cley ſich glücklich geprieſen hätte, wäre er nicht durch die herausräumenden Be⸗ dienten aus ſeiner Ruhe geſtört, und genö⸗ thigt worden, der Geſellſchaft zu folgen. Er hielt ſich ſo fern wie möglich von der weib⸗ — 107—. lichen Committee, zog Petcalf in ein Fen⸗ ſter, und begann ein Geſpräch über Piesde mit ihm. Pariſer Cley erhob ſich vom Sofa, ded. nete ſeine Halsbinde vor dem Spiegel und wandte ſich dann zur Committee des Putzes. — In dieſem Augenblick trat Mrß. Falkoner wieder in's Zimmer, und, einen ſpaͤhenden Blick herumwerfend, war es ihr nicht unan⸗ genehm, Pariſer⸗Cley über Georginens Stuhl gelehnt zu erblicken, um ihr ſeine Meinung über einige geſtickte Blumen zu geben.— Die Damen waren in großer Berathſchlagung wegen dem Anzug der Schauſpieler im näch⸗ ſten Stuck;(Miß Arabella hatte ſich noch nicht erklärt, welchem ſie den Vorzug gäbe.) Sie war froh, Percy's von dieſer Committee ausgeſchloſſen zu ſehen, weil man doch in ih⸗ rer Gegenwart, da ſie nicht zu dem Feſt ge⸗ laden werden ſollten, nichts davon erwähnen durfte. So oft ſie ſich dem Tiſche näher⸗ — 108— ten, ſprachen die jungen Damen von Moden. Mrß. Falkoner bedeckte mit ihrem Tuch das aufgeſchlagene Comödienbuch, ergriff ſchnell ein anderes Buch und ſprach mit Londner⸗ Cley, der ihr zunaͤchſt ſtand, über die un⸗ ſterblichen Werke zläſhes, Diheert Er er⸗ wiederte: 3 & Ich berge in eleye O alle Ausgaben des Shakespeare, die jemals gedruckt und herausgekommen ſind, und alles, was uͤber ihn geſchrieben worden iſt! gut, ſchlecht oder mittelmaͤßig. Es iſt mein Grundſatz, und ſollte eigentlich jedes Engländers Grundſatz ſeyn, daſſelbe zu thun. Ihr Herr Voltaire,“ ſagte der höfliche Engländer, ſich zu Graf Altenberg wendend, czeigt ſich von keiner ſchönen Seite, indem er unſern Ghalespoare ſchmäht.* Voltaire beweißt dadurch, daß er Sha⸗ kespeare nicht verſteht,» entgegnete Graf Altenberg. Auch Voltaire iſt nicht ganz — 109— frei von Nationalvorurtheilen, ſo gut wie an⸗ dere Männer. Einer Frau ward es aufbe⸗ halten, uns hierin, wie in ſo manchen an⸗ dern Fällen ein Beiſpiel vorurtheilsfreier Ge⸗ rechtigkeit und uͤberlegnern Talents zu geben.» Londner⸗Cley zog ſeine Stiefel in die Höhe, und ſagte mit einem Blick kalter Ver⸗ achtung: « Ich ſehe, Sie ſind ein Damenmann, mein Herr!»— Graf Altenberg erwiederte,«daß wenn er unter einem Damenmann den Bewunderer des ſchönen Geſchlechts meinte, er ſich ſtolz fühlte, dieſes Compliment zu verdienen,» und nun hielt er mit vieler Wärme dieſem Geſchlecht, ohne welches,«le commencement de la vie est sans secours, le milien sans plaisir, et la fin sans consolation? ſolch eine Lobrede, daß ſelbſt Lady Arlington den Kopf von der Hand, worauf er geſtützt war, — 110— erhob, und jedes weibliche Auge ihn mit Bei⸗ fall betrachtete. O, welch ein feuriger Liebhaber wird er ſeyn, wenn er ſich jemals verlieben ſollte,⸗ rief Lady Franziska unbeſonnen aus— Ich bitte um Verzeihung, ich glaube, ich habe etwas ſehr Anſtößiges geſagt— Liebe Geor⸗ gine! Ich kann betheuern, daß ich nicht daran dachte;— aber welche Verſtörung habe ich in den Geſichtern angerichtet, meine Damen und Herren,» fügte ſie hinzu, den Grafen ſchalkhaft anſehend, deſſen Geſicht in voller Gluth ſtand— Lund dieß alles, weil die Herren und Damen die Grammatik nicht aus⸗ wendig wiſſen.— Nun, können Sie ſich nicht beſinnen— ich rufe Mrß. Falkoner auf, die wirklich immer Gegenwart des— Geſichts hat— ich rufe Mrß. Falkoner auf, zu be⸗ zeugen, daß ich ſagte, wenn— und verſte⸗ hen Sie mich recht, Herr Graf, ſonſt muß ich Ihnen ſchrecklich roh erſcheinen— ich wollte — 111— auch nichts von der Gegenwart und der Ver⸗ gangenheit ſagen, nur von der Zukunft.» Der Graf, ſeine Gegenwart des Geiſtes und Geſichts wieder erlangend, wandte ſich zu einem kleinen Amor über dem Kamin, huldigte ihm ſcherzend und ſagte: Qui que tu sois, voici ton maitre, Il Pest, le fut— ou le doit étre.» O, reizend, bezaubernd!» rief Mrß. Falkoner, froh, die allgemeine Aufmerkſamkeit von Georginen abzuziehen—& Meine Da⸗ men, wollen Sie dieſe Zeilen nicht überſe⸗ tzen? Hier iſt mein Bleiſtift.» Sie wurden durch Herrn Percy's Eintritt unterbrochen. Der Finanzrath folgte ihm, und hatte, wegen Depeſchen aus der Stadt, viel zu fragen und ſich beantworten zu laſſen; auch bemühte er ſich, wiewohl vergebens, et⸗ was von dem Inhalt ſeiner Unterhaltung mit Lord Oldborough zu erfahren, weshalb er endlich mit zerſtreutem Blicke verſicherte, adaß — 12— es ihn ſehr glücklich mache, zu hören, daß Lord Oldborough von ſeiner Gicht vollkom⸗ men hergeſtellt ſey.» 3 4 Vollkommen,» ſagte Percy,«und er trug mir auf, Ihnen wiſſen zu laſſen, daß er in wenigen Tagen wieder in die Stadt zu⸗ rückkehren würde.» In wenigen Tagen!» rief der Finanz⸗ rath. « In wenigen Tagen!y wiederholten meh⸗ rere Stimmen in verſchiedenen Tönen. «In wenigen Tagen! Gütiger Himmel, was wird denn aus unſerer Vorſtellung!» rief Miß Arabella. „Nur gemach, meine Tochter!» ſagte Mrß. Falkoner.&Eine Sängerin darf ihre Stimme nie ſo ſehr erheben. Außerdem,» fügte ſie⸗ die Tochter bei Seite ziehend, hinzu—«ver⸗ gißt Du, daß in Gegenwart der Perey's darf.» . 8 nicht von der Vorſtellung geſprochen werden — 113— Gewiß, bitte! halte Dich nur eine Mi⸗ nute ruhig, wenn Du kannſt,» flüſterte Miß Georgine— Du ſiehſt, ſie haben ſchon nach dem Wagen geklingelt.» Mrß. Falkoner bat, doch nicht ſo ſehr mit der Abreiſe zu eilen; aber zu ihrer gro⸗ ßen Freude fuhr der Wagen vor. Beim Ab⸗ ſchied ſagte Perey zu dem Grafen, daß er ſich das Vergnügen vorbehalte, ſeinen Beſuch zu erwiedern, und bedauerte, ſeine Geſell⸗ ſchaft ſo bald verlieren zu müſſen.— Wir, die wir ganz von der Welt zurückgezogen le⸗ ben, werden dieſen Verluſt doppelt ſchmerz⸗ lich empfinden.» Der Graf, ſichtbar bewegt, erwiederte mit leiſer Stimme— Wir nehmen keinen Abſchied, wir ſehen uns wieder— ich hoffe es— Kommen Sie nach London?» Niemals.)— «Auf jeden Fall müſſen wir uns wie⸗ derſehen,» ſagte der Graf. III. 8 — 114— Die Damen ſtanden alle am offnen Fen⸗ ſter, um die Abreiſe der Percy'ſchen mit anzuſehen. Aber Georgine bemerkte nichts Beſonderes an der Art, wie Graf Altenberg Carolinen an den Wagen führte; es ſchien nicht ein Mal, als ob er mit ihr ſpräche. Bei ſeiner Zurückkunft fand er die Da⸗ men in lebhafter Unterhaltung über die ſo eben Abgereiſten. Anfangs erhoben ſich alle Stimmen zum Lobe Carolinens, ihrer Schön⸗ heit und Talente, der Eleganz und Einfach⸗ heit ihres Benehmens. Mrß. Falkoner gab das Beiſpiel; Lady Franziska und Georgine folgten, und prieſen ſie in den ſtärkſten Aus⸗ drücken. Die Eine um zu kränken, die An⸗ dere um nicht gekränkt zu erſcheinen. Wie man ſich doch in den Leuten, und ſogar in ſeinen nächſten Bekannten irren kann,y hub Lady Franziska an— Geor⸗ gine, begreifen Sie es wohl? Ich hätte nimmermehr geglaubt, daß Miß Caroline — 4415— Percy ein Liebling von Ihnen iſt, wenn Sie mir es nicht ſelbſt geſagt hätten. Stellen Sie ſich nur vor, wie wenig Scharfblick ich beſitze, es kam mir vor, als könnten Sie Ihre Couſine nicht ſo recht leiden.» «Sie haben auch ganz Recht, meine liebe Lady Franziska,» rief Mrß. Falkoner— ich muß Sie wegen Ihres Scharfblicks loben. Entre nous, Miß Caroline Percy iſt nicht Georginens Liebling.» Georgine ſtarrte ihre Mutter mit Blicken des Erſtaunens an, und glaubte, daß Sie des Grafen Anweſenheit nicht bemerkt hätte. Graf Altenberg, iſt dieß das Buch, wor⸗ nach Sie verlangten?» ſagte ſie, ſeinen Na⸗ men betonend, um ihre Mutter aufmerkſam zu machen. Dieſe fuhr aber in demſelben Ton fort. „Georgine läßt Miß Percy's Verdienſten und Reizen gewiß Gerechtigkeit widerfahren; demohngeachtet kann ſie ſie aber doch nicht — 116— recht leiden, und meine Tochter iſt zu offen, um dieß zu verhehlen. Ich will Ihnen auch den Grund ſagen,» fuhr ſie flüſternd, aber doch laut genug, um von Allen verſtanden zu werden, fort— Georginens Lieblings⸗ bruder Buckhurſt— hörten Sie nie davon? In fruͤhern Zeiten fand ein Liebesverhältniß zwiſchen ihm und Miß Percy Statt. Sie wiſſen, Buckhurſt iſt ſehr heftig und feurig; Sie können ſich ihn alſo als Liebhaber den⸗ ken. Doch der arme Junge hatte noch keine Anſtellung, und das Mädchen ein beträcht⸗ liches Vermögen; ihr Vater verlangte, daß er Advokat wurde, gegen des Finanzraths Wunſch, und ein junger Menſch, wenn er verliebt iſt und aufgemuntert wird, thut alles. Wie es nun zuging, daß ſich das Verhältniß auflöſte, weiß ich nicht; aber Buckhurſt ſah ſich endlich getaͤuſcht, und wurde ſehr unglüͤck⸗ lich. Das Herz wollte ihm brechen. Geor⸗ gine war ſo beſorgt um ihn, daß ſie Caro⸗ — 117— linen dieſen Bruch, den nur ſie veranlaßte, nie vergeben kann— obgleich ich nach allem nicht glauben kann, daß ſie zu tadeln war.— Doch Schweſtern füͤhlen und leiden mit ihren Bruͤdern.» Georgine, hocherfreut dieſen liebenswuür⸗ digen Vorwand ihrer Abneigung gegen Caro⸗ linen gefunden zu haben, verfolgte augenblick⸗ lich ihrer Mutter Wink, und erklärte offen⸗ herzig, daß ſie weder ihre Neigungen, noch ihre Abneigungen verbergen könne, daß ſie Miß Carolinens Verdienſte keineswegs be⸗ zweifle, ihr dennoch aber nicht verzeihen könne, Buckhurſt betrogen zu haben— nein, nie⸗ mals, niemals! « Und deshalb ſind Sie wahrlich nicht zu tadeln, liebe Georgine,» rief Lady Trant; sdenn eine Betrügerin iſt gewiß kein liebens⸗ würdiger Charakter.* O, meine theure Lady Trant, gebrau⸗ chen Sie kein ſolches Wort! Georgine! warum — 118— gleich ſo heftig, wenn von dieſem geliebten Bruder die Rede iſt, wahrlich Du— Nein, liebe Lady Trant, dieß darf nicht weiter ge⸗ hen, und das Wort Betrügerin nie wieder gebraucht werden; ich bin überzeugt, daß es hier ganz unanwendbar iſt.* Das möchte ich nicht beſchwören,y rief Lady Trant— Sdenn jetzt erinnere ich mich, bei Lady Angelika Headingham von ihrem Coquettiren mit dem Herrn Barclay, jetzigem Bräutigam von Lady Marie Pembroke, ge⸗ hört zu haben. Beſinnen Sie ſich nur dar⸗ auf, liebe Lady Kew, Sie wiſſen— 8˙O ja, ich hörte davon— nun fällt es mir ein; aber damals achtete ich nicht auf das Geſchwätz, weil ich dieſe Miß Percy nicht kannte. Sehr richtig, jetzt faͤllt mir alles ein, auch was wir über ſie und Sir James Harcourt hörten— war nicht mit ihm auch etwas?— Auf jeden Fall iſt ſie nicht die — 119— einfache Landſchöne, wie ſie ſcheint.— Aus⸗ gelernt! ausgelernt!⸗ Georginens einzige Sorge war, den Gra⸗ fen alles hören zu laſſen, was Lady Kew im leiſen Ton des Geheimniſſes erzählte. Mrß. Falkoner, die erſt ihren Scharfſinn angewen⸗ det hatte, einen ſcheinbaren Vorwand für Georginens Abneigung gegen Miß Percy zu finden, beſorgte nun, daß ihre lieben Freun⸗ dinnen die Sache zu weit treiben möchten. Sie verſuchte einige Mal den Lauf ihrer Rede zu hemmen; aber ein Mal im Zug der Ver⸗ läumdung, war es keine leichte Aufgabe, ein anderes Geſpräch aufzubringen. Sie ſcheinen etwas gefunden zu haben, was Ihre Aufmerkſamkeit ganz feſſelt, Herr Graf,» ſagte Mrß. Falkoner—«wie be⸗ neide ich Sie um die Gabe, ſich durch ein Buch von allen äußern Gegenſtänden abzie⸗ hen zu laſſen. Was leſen Sie?» « Johnſons Vorrede zu Shakeſpeare.» 7 — 4120 Das mußte Georginen verdrießen; denn ſie erinnerte ſich, Carolinen eben mit Be⸗ wunderung davon ſprechen gehört zu haben. Lady Kew fuhr in ihrer Rede fort— Sir James Harcourt iſt der höflichſte junge Mann auf der Welt, der nie ein böſes Wort uber Andere ſpricht; aber von Miß Caroline Percy ſagte er doch in meiner Gegenwart— was ich eigentlich nicht wiederholen ſollte. Bloß das Eine muß ich Ihnen noch erzählen, Mrß. Falkoner— Mrß. Falkoner!— Sie will nichts hören, weil es ihre Verwandte iſt— und wir ſind ſehr unartig; aber Wahr⸗ heit bleibt Wahrheit, Trotz— Sie wiſſen. Gut, gut! Sie mögen immer von Miß Percy's Schönheit und ihren Fähigkeiten ſpre⸗ chen.— Sehr ſchlank iſt ſie, das beſtreite ich nicht; aber Sie dürfen ſie nur nicht we⸗ gen ihrer Einfachheit und Unſchuld preiſen.* « Warum nicht,» ſagte Georgine.— Nichts natürlicher, als daß dieſe Miß Percy, 7 — 121— welche ihre ganze Lebenszeit auf dem Lande zubrachte, ſehr einfach ſeyn muß. Aber es giebt eine Einfachheit des Charakters, und eine Einfachheit der Sitten, und die ſind nicht immer zuſammen anzutreffen. Caroli⸗ nens Weſen iſt bezaubernd, weil es nicht von der Art iſt, wie man es täglich in der großen Welt ſieht— und das bethörte eben meinen armen Bruder. Das, und ihr gro⸗ ßes Talent, alles aus ſich zu machen, was ſie gerade ſeyn will.— Aber ich fürchte auch, ſie iſt nicht ſo ganz natürlich wie ſie ſcheint.) 1 Graf Altenberg wechſelte die Farbe und legte ſein Buch bei Seite. Mrß. Falkoner nahm es auf und fragte, ⸗wie weit er ge⸗ leſen?» Während er darin blätterte, hub Lady Trant wieder an—«Mit aller ihrer Uebung oder Einfachheit— fern ſey es von mir ent⸗ ſcheiden zu wollen, was es iſt— hat ſie — 122— doch, wie ich glaube, ihren Lohn erhalten, und iſt ihrerſeits auch getäuſcht worden. 2 „Wirklich!“ rief Georgine ſchnell— „Wie! was! wenn!— Wiſſen Sie es ge⸗ wiß? «Vorigen Sommer, o ich weiß es aus ſicherer Quelle. Nur eine Herzensangelegen⸗ heit, die nicht glücklich endigte; aber man ſagte mir, ſie hätte den jungen Mann ſehr geliebt.— Die Familie wollte nichts davon hören— die Mutter beſonders war ſehr da⸗ gegen. Das Ganze endigte mit einer ſehr vortheilhaften Heirath des bewußten Gegen⸗ ſtandes, und das Mädchen begrub ſich, wie Sie wiſſen, eine zeitlang in die Einſamkeit.» ˙O warum erzählten Sie mir dieß nicht früher?» ſagte Miß Georgine, Ich dachte nicht eher daran, bis mir Lady Kew durch ihre Erzählung von Lady Angelika Headingham und Sir James Har⸗ —Q—QO.z——— — 123— court die Geſchichte wieder ins Gedächtniß zuruckrief.» «Und wer war der Glüͤckliche?» «Das iſt ein Geheimniß,» erwiederte Lady Trant.— Ein Geheimniß!— ein Geheimniß! wer iſt es? rief Lady Franziska Arlington, ſich neugierig an ſie drängend.— Nun ſteck⸗ ten ſie die Köpfe zuſammen, und Lady Trant flüſterte, und Lady Franziska rief laut— Hungerford!— Oberſt Hungerford!»— Pfui, Lady Franziska!» rief Georgine und Pfui! riefen die Andern nach. Sie ſind nicht die rechte Perſon, der man ein Geheimniß anvertrauen kann. Ich gelobe, Ihnen nie wieder etwas zu vertrauen, wenn Sie es auf dieſe Art ausplaudern.» « Und Sie thun es doch wieder,» ſagte Lady Franziska. Wenn Sie etwas wiſſen, wünſchen Sie es auch bekannt zu machen. Warum erzählten Sie es ſonſt, und beſon⸗ — 124— ders mir! Aber ich dachte nichts dabei, als ich den Namen Hungerford nannte— ich dachte nur an meine eigenen Sachen.— Wo ließ ich den Brief, den ich heute Morgen be⸗ kam?— ich hatte ihn hier, nein!— ich hatte ihn nicht— doch!— Anna! Anna! Lady Anna! Der Brief von der Herzogin! Ich gab ihn Dir; was haſt Du damit ge⸗ macht?» «Er muß irgendwo ſeyn, vermuthe ich⸗» ſagte Lady Anna, den Kopf erhebend und ei⸗ nen Blick um ſich herumwerfend.— Lady Franziska unterſuchte alle Arbeitskörbe, Brief⸗ taſchen und Strickbeutel; dann rannte ſie von Tiſch zu Tiſch, zog alle Schubladen auf und zu. „Franziska!— Fege doch nicht ſo um⸗ her! Was ſoll das nur bedeuten?» verwieß Lady Anna. Aber vergebens; ihre Schweſter ſuchte fort, ſchob Sachen und Menſchen bei Seite, hob alle Stuhlkiſſen auf, und näherte — 425 ſich endlich Lady Annens Sopha, in der Ab⸗ ſicht, auch ihre Ruhe zu unterbrechen. «Ach, Franziska!» rief Lady Anna im bittenden Ton, mit allen Zeichen der Angſt— c laß mich nur ungeſtört.» Nicht eher, bis ich meinen Brief habe.» Mit aller Kraft des Zorns und der Ver⸗ zweiflung machte Lady Anna einen Verſuch, die Klingel ſitzend zu erreichen; er mißglückte — die Schnur bewegte ſich nur. Petcalf eilte herbei und ſtolperte über einen Stuhl. Londner Cley ſtand unbeweglich und lachte— Pariſer Cley rief— Ah! mon Dieu! cupidon!⸗ Graf Altenberg rettete Amor'n vom Sturz, und klingelte. &ᷣ Hören Sie, v ſagte Lady Anna zu dem eintretenden Bedienten; cich hatte einen Brief, hielt ihn dieſen Morgen zuweilen in der Hand. 2 Ja, Mylady.»— « Ich brauche ihn.» 3 = 126— Sehr wohl, Mylady* Seyen Sie ſo gut zu beſtellen— Prit⸗ charten aufzutragen, daß er meiner Flora ſage— die Treppe hinaufzugehen— in mein Ankleidezimmer— überall ſich darnach umzuſehen— und dann den Brief meiner Schweſter, Lady Franziska zu bringen.» Nein, nein! laſſen Sie es nur, ich will ſchon ſelbſt ſuchen,» ſagte Lady Franziska. Damit rannte ſie die Treppe hinauf und kam gleich wieder mit dem Brief in der Hand. Ja, gerade ſo wie ich dachte,» rief ſie — meine Tante ſagt, daß Mrß. Hunger⸗ ford heute zurückkommt— ich dachte es gleich.» Sehr möglich,» entgegnete Lady Anna — Lich dachte nie darüber nach.» «Aber Anna, Du mußt jetzt daran den⸗ ken; denn die Tante wünſcht, daß wir ſie gleich beſuchen.» « Ich kann nicht,» ſagte Lady Anna ru⸗ — 427— hig— Lich habe mich erkaͤltet— Dein Be⸗ ſuch wird hinreichend ſeyn.» «Mrß. Falkoner! meine liebe Mrß. Fal⸗ koner! wollen Sie mich morgen nach Hun⸗ gerford⸗caſtle begleiten?» rief Lady Fran⸗ ziska eilig. Unmöglich, liebe Lady Franziska, ganz unmöglich! Wir haben mit Hungerfords kei⸗ nen Umgang, auch findet ein alter Familien⸗ ſtreit—» O, denken Sie nur nicht an Familien⸗ ſtreit und Umgang.— Gehen Sie mit mir und ich bin überzeugt, es wird gut aufge⸗ nommen. Sie ſind auch meine liebe, gute Mrß. Falkoner! Nicht wahr, ja! und Sie beſtellen gleich den Wagen auf morgen früh? ſagte Lady Franziska im liebkoſenden, aber ungeduldigen Ton.. Mrß. Falkoner verſicherte abermals, daß es unmöglich ſey. Dann, Anna! mußt Du mit.» — 128— Nein!y— Anna blieb unbeweglich. So gehe ich allein!» rief Lady Fran⸗ ziska verdrießlich.— Ich nehme Pritchart mit, und fahre in unſerm eigenen Wagen; denn ich will und muß hin.» « Was das nun wieder für eine neue Idee mit Mrß. Hungerford iſt!— Du pflegſt Dich ja ſonſt nicht um ſie zu bekümmern,»L ſagte Lady Anna. Und ich würde mich auch jetzt nicht um ſie bekümmern,» erwiederte Lady Franziska — Laber ich brenne vor Begierde, ein Paar alte Schuh' zu ſehen, die ſie hat.» &Ein Paar alte Schuh'!? wiederholte Lady Anna mit einem Blick unausſprechlicher Verachtung. Ein Paar alte Echuh 9 rief Mrß. Fal⸗ koner lachend. « Ja, ein Paar blaue dame tene Schuh, aus Eduard des Vierten Zeiten— mit Ket⸗ — 4129— ten von der Zehe bis an's Kniee Sie wiſſen— oder wiſſen Sie es, Graf Alten⸗ berg, Miß Percy beſchrieb ſie.— Oberſt Hungerford zog ſie an— O, er muß ſie auch für mich anziehen, mit Ketten und allem, morgen gleich.» b 2 Nn „ Oberſt Hungerford iſt in dieſem Augens blick auf dem Wege nach Vndienade ſagte Ge⸗ orgine trocken. 4 Darf ich fragen,» ſagte Graf Altenberg, die erſte Pauſe benutzend— aob ich recht verſtand, daß Mrß. Hungerford, die Mutter des Oberſten Hungerford, in der Nachbar⸗ ſchaft lebt, und morgen in diele Gegend zu⸗ rüͤckkehrt?„ & Ja, ſo iſt es,» ſagte Lndh Franziska «&Was kann ihn das angehen?y dachte Georgine, ihre Augen mit unruhiger Neugier auf den Grafen heftend. dnts « Ich lernte den Oberſt im Auslande ken⸗ nen,» fuhr er fort, aund achte ihn ſehr.» III. 9 — 430— Lady Kew, Lady Trant und Miß Geor⸗ gine wechſelten Blicke. . Wie Schade, daß er ſchon nach Indien abgegangen iſt,» ſagte Mrß. Falkoner mit gefühlvollem Ton— ges wäre Ihnen gewiß äußerſt angenehm geweſen, die Bekanntſchaft in England zu erneuern.» Graf Altenberg bedauerte die Abweſenheit ſeines Freundes, freute ſich aber, Gelegenheit zu finden, ſeine Empfehlungsſchreiben abzu⸗ ben, und Mrß. Hungerford und ihre Tochter, von denen er viel Gutes gehört, ſeinen Re⸗ ſpekt beweiſen zu können. Die Briefe wa⸗ ren in ihre Stadtwohnung adreſſirt, wo er ſie nicht gefunden hatte, als er nach London kam. a Nein, ſie haͤlt ſich gewöhnlich in Pem⸗ broke auf,» ſagte Lady Kew. «Und ich möchte, ſie wären noch dort,„ dachte Georgine. Aber Lady Franziska, weiß die Herzo⸗ — 131— gin es auch gewiß, daß Mrß. Hungerford morgen auf's Land kömmt? es könnte ſeyn, ſie wäre noch in der Stadt.» Ich werde die Ehre haben, es Ihnen wiſſen zu laſſen,» ſagte Graf Altenberg, denn wenn es Lord Oldborough erlaubt, werde ich ſobald als möglich meinen Beſuch in Hungerford⸗caſtle abſtatten.» Miß Georginens Eiferſucht weiſſagte nichts Gutes von dieſem Beſuch.— Wenige Tage darauf kam ein Billet von Graf Altenberg. Es enthielt viel Dankſagungen an Herrn und Mrß. Falkoner für die ihm erzeigten Höflich⸗ keiten, einige verbindliche Worte für Zara, und die Nachricht, daß er Mrß. Hungerford's Einladung, einige Tage bei ihr zu bleiben, angenommen habe, weshalb er ſich genöthigt ſehe, ſchriftlich von der Falkoner'ſchen Fami⸗ lie Abſchied zu nehmen. Dieß war ein tödtlicher Streich für Ge⸗ orginens Hoffnungen!— Aber es bleibt uns 9* — 432— jetzt keine Zeit, ihre getäuſchten Erwartun⸗ gen zu beſchreiben, noch die Künſte ihrer Mutter, dieſe zu verbergen. Auch können wir Mrß. Falkoner jetzt nicht in die Stadt begleiten, die Fortſchritte ihrer Anſchläge auf die Gebrüder Cley oder Petralf zu beobach⸗ ten; ſondern müſſen Graf Altenberg nach Hungerford⸗caſtle folgen.— Neun und zwanzigſtes Kapitel. — Mit unendlichem Schmerz hatte Graf Alten⸗ berg alles gehört, was über Carolinen geſagt worden war; er traute dieſen Berichten zwar nicht ganz, denn er verachtete die Perſonen, die ſie gaben, und wußte, daß der Reid aus Einigen, die Sucht zu mediſiren aus den An⸗ — 133— dern ſprachen; aber dennoch machte dieſes Ge⸗ ſpräch einen ſehr unangenehmen Eindruck auf ihn. Der Gedanke, daß ſie verdächtig ge⸗ macht worden, die Gewißheit, daß man von ihr geſprochen, ſie als eine Coquette, als leidenſchaftlich liebend geſchildert hatte— Al⸗ les dieß raubte ihr in ſeinen Augen die Friſche⸗ die jungfräuliche Beſcheidenheit, die Wuͤrde, den Reiz, womit ſie ihm zuerſt erſchienen, ohne welche ſein Herz nicht zu rühren war. Er hatte ein nicht leicht zu eroberndes Herz — am wenigſten von einer Georgine Fal⸗ koner. In ſeinem Vaterlande, am Hof, in den verſchiedenen Ländern, die er durchreiſt, hatte er manches ſchöne, gebildete und gefühlvolle Mädchen geſehen; aber doch noch keins ge⸗ funden, das ihm als Lebensgefährtin wün⸗ ſchenswerth erſchienen wäre. Sein feuriges Herz wandte ſich in Ermangelung der Liebe dem Ehrgeiz zu, nicht den gewöhnlichen In⸗ — 134— triguen, oder der kleinlichen Hofpolitik— nein! ſein Ehrgeiz war ein edler Ehrgeiz; ſein Streben ging dahin, dem Vaterlande durch erlaubte Mittel zu dienen, ein Staats⸗ mann im höchſten Sinn des Wortes zu ſeyn. In ſo fern hatte der Finanzrath Recht. Graf Altenbergs herrſchende Leidenſchaft war der Ehrgeiz— war, als ihn der Finanzrath zuerſt ſah; aber eine andere, ſanftere Leiden⸗ ſchaft war ſeitdem erwacht. In England, wo Erziehung, Unterricht, Grundſätze, Sitten, geſellige und haͤusliche Gewohnheiten ſich vereinigen, den weiblichen Charakter anziehend und liebenswürdig zu ma⸗ chen— in England ſollte Graf Altenberg das Weſen finden, welches die edle Einfach⸗ heit der Schweizerin, die Eleganz und Lie⸗ benswürdigkeit der Franzöſin, das Gediegene, den Edelmuth und das feine Gefühl einer Deutſchen in ſich vereinigte. Hier ward es ihm aufbehalten, das Madchen kennen zu —— — 135— blernen, das ſeine kühnſten Erwartungen uͤber⸗ traf, und den heißen Wunſch, ſie ſein zu nennen, in ihm erregte. Alles, was er von Carolinen geſehen hatte, beſtätigte ſeine er⸗ ſten Hoffnungen, und erhoͤhete ſeine künfti⸗ gen Erwartungen; aber das eben Gehörte hemmte plötzlich den raſchen Flug ſeiner Phan⸗ taſie. Irdiſche Stimmen unterbrachen den himmliſchen Traum und ſtörten die Illuſion. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß der Hauch des Tadels ſich einem ſolchen Cha⸗ rakter nähern könne. Es betrübte ihn tief, ihren Namen mit profaner Verläumdung nen⸗ nen zu hören, mit mehreren Liebhabern zu gleicher Zeit ſpielend, ſelbſt das Opfer einer unglücklichen Liebe, und der Gegenſtand des Spottes einer der angeſehenſten Familien in England.— Dieß waren qualvolle Gedanken und Gefühle.— Er hatte eben an ſeinen Vater ſchreiben, und ihm ſeine Liebe geſtehen wollen— nun unterblieb der Brief. Aber — 136— er beſchloß, genau zu erforſchen, ob dieſe Nachreden und Anſpielungen wahr oder falſch waren, in welchem erſtern Fald er ihr Bild aus ſeinem Herzen reißen wollte. Dieſer Um⸗ ſtand beſtimmte ihn zur ſchnellen Ausführung ſeines Beſuchs bei Mrß. Hungerford. Ihr Sohn war als der Gegenſtand von Carpli⸗ nens Liebe genannt worden; in Hungerford⸗ caſtle hatte ſie, wie man ſagte, mit Hrrrn Barclay und Sir James Haarcourt coquet⸗ tirt. Graf Altenberg vertraute ſeiner Ge⸗ wandtheit und ſeinem Scharfblick, und hoffte alles zu erfahren, ohne ein beſonderes In⸗ tereſſe dabei zu verrathen. Mrß. Hungerfords erſter Anblick, ihr würdevoller Anſtand, ihre feinen Sitten über⸗ zeugten ihn gleich, daß das Gerücht ihr hatte Gerechtigkeit widerfahren laſſen, vermehrte aber zugleich ſeine Angſt, ihr Urtheil über Carolinen zu hören.— Er erzählte von Zara und der Vorſtellung im Falkoner⸗Hof, bloß — 137— in der Abſicht, der Familie Percy zu erwäh⸗ nen, indem er die dort gegenwärtig geweſene Geſellſchaft nannte; aber immer wenn er den Namen ausſprechen wollte, fühlte er ſich un⸗ gewöhnlich bewegt, und glaubte bei Mrß. Hungerford größere Aufmerkſamkeit zu be⸗ merken. Deshalb nannte er jeden andern Gaſt, ſelbſt den unbedeutendſten, ohne Caro⸗ linens oder ihrer Familie zu erwähnen.— Darauf kehrte er zu ſeinem Freund, Oberſt Hungerford zuruͤck. Die Mutter öffnete eine Schublade und nahm den letzten Brief ihres Sohns heraus, um dem Grafen einige in⸗ tereſſante Stellen daraus mitzutheilen. Der Schluß war von einer zierlichen Damenhand geſchrieben, und ganz Indien verſchwand vor des Grafen Blicken, als er bei'm Umwenden des Blattes den Namen Caroline Percy er⸗ blickte.— Hier werde ich wohl aufhören müſſen, y ſagte er, ihr den Brief zurückge⸗ bend. Nein,» erwiederte ſie, ger ſteht — 138— ganz zu Ihren Dienſten; der Schluß iſt von meiner Tochter, Lady Eliſabeth.» In dieſen wenigen Zeilen wurde Caroli⸗ nens, als eine ihrer liebſten und vertraute⸗ ſten Freundinnen erwähnt; an ſie befand ſich ein beſonderer Gruß, und die Verſicherung ihrer herzlichen Liebe und Achtung. Graf Altenberg fühlte ſein Herz erleichtert, und ein Strahl der Freude breitete ſich über ſein ganzes Weſen aus. Alles was in Bezug auf Oberſt Hungerford geſagt worden war, mußte nothwendig falſch ſeyn, ſonſt konnte Caroline unmöglich die beſte Freundin ſeiner jungen Frau ſeyn. Während er noch mit dieſem Gedanken beſchäftigt war, trat eine junge, lebhafte Dame in's Zimmer, die er anfäng⸗ lich für Mrß. Hungerford's Tochter hielt; doch erſchien ſie ihm nach genauer Betrach⸗ tung zu jung, um der Beſchreibung von Mrß. Mortimer zu entſprechen. — 139— Lady Marie Pembroke, meine Nichte,» ſagte Mrß. Hungerford.. Herr Barclay folgte ihrer Herrlichkeit. Graf Altenberg war auf dem beſten Wege, ſeine Zweifel alle gelöſt zu ſehen.— Aber in der Verwirrung hätte er bald vergeſſen, nach Mrß. Mortimer zu fragen. &Sie werden ſie heute nicht ſehen,» er⸗ wiederte Mrß. Hungerford; Lſie beſucht ei⸗ nige Freunde, die zu fern wohnen, um einen Morgenbeſuch machen zu können. Aber ich hoffe,» fuhr ſie, zu Lady Marie gewendet, fort:«meine Tochter wird uns zum Erſatz für den Verluſt ihrer Geſellſchaft unſere ge⸗ liebte Caroline morgen mitbringen.» So käme ſie alſo wirklich?» rief Lady Maria mit freudigem Ton. Wir dürfen hoffen, Miß Caroline Percy morgen zu ſehen?» ſagte Barclay mit dem Blick ehrerbietiger Achtung, der nicht die Ge⸗ fühle eines Mannes, der ſein Spiel mit — 140— einem Mädchen getrieben, oder mit dem ſie geſpielt hätte, verrieth. Wie freute ſich Graf Altenberg, ohne Verzug nach Hungerford⸗ caſtle gegangen zu ſeyn. * Du biſt wirklich unendlich gutmüthig, liebe Marie,» fuhr Mrß. Hungerford fort, Carolinens Gegenwart zu wünſchen; manche Nichte würde eiferſüchtig auf meine Liebe ſeyn, denn ich liebe ſie in der That wie mein eigenes Kind.— Morgen, Herr Graf,» ſagte ſie zu ihm,«morgen hoffe ich, die Freude zu haben, Ihnen dieſen Liebling un⸗ ſerer ganzen Familie vorſtellen zu können, und ich bin ſtolz darauf, ihr einen Auslän⸗ der vorzuführen, den ich für meine jungen Landsmänninnen einzunehmen wünſche.» Der Graf erwiederte, a daß er ſchon die Ehre gehabt, Miß Caroline Percy vorge⸗ ſtellt zu werden, daß er ſie öfterer im Fal⸗ koner⸗Hof und in ihrem eigenen Hauſe geſe⸗ hen, und daß ihn der Antheil, den man in — 141— Hungerford⸗caſtle an ihr nähme, nicht über⸗ raſchte.»— Trotz ſeiner augenſcheinlichen Bemühung, dieſe Worte ruhig und ohne be⸗ ſondere Theilnahme auszuſprechen, bemerkte Mrß. Hungerford dennoch ſein größeres In⸗ tereſſe; auch war es ihrer Bevbachtung nicht entgangen, daß er bis jetzt ſorgfältig vermie⸗ den hatte, den Namen Percy zu nennen⸗ als er die Gäſte vom Falkoner⸗Hof auf⸗ zaͤhlte. Sn Den folgenden Tag langte Mrß. Morti⸗ mer mit Carolinen an. Der Graf ſah, mit welcher Liebe Mrß. Hungerford ſie umarmte. Alle hatten ſich an die Thür gedrängt, ſie zu empfangen, ſo daß Caroline, von Freunden umringt, Graf Altenberg nicht gleich bemer⸗ ken konnte. Als Mrß. Hungerford ihm end⸗ lich ihre junge Freundin entgegenführte, zeigte ſich ein Lächeln des frohen Erſtaunens in ih⸗ ren Zügen. Bis ich meine Tochter und alle meine 1 — 142— „Lieben um mich herum verſammelt hatte,* ſagte Mrß. Hungerford, genthielt ich mich klüglich aller Anſprüche auf Graf Altenbergs Freiheit; nun aber, da Sie meine Hülfstrup⸗ pen ſehen, hoffe ich, daß Sie ſich ohne Ge⸗ genrede als meinen Gefangenen betrachten, ſo lange es möglich iſt, Sie in dieſen Mauern zurückzuhalten.* Niemand fühlte ſich weniger aufgelegt, ddieſe Einladung abzulehnen, als Graf Alten⸗ berg. Er ſchrieb auf der Stelle das Ab⸗ ſchiedsbillet an Mrß. Falkoner, welches Geor⸗ ginen aus ihrem Himmel ſtürzte. Lord Old⸗ borough, der im Begriff ſtand, in die Stadt zurückzukehren, wo ihn unzählige Staatsge⸗ ſchäfte erwarteten, gab des Grafen Geſell⸗ ſchaft für den Augenblick mit weniger Wider⸗ ſtreben auf, und ſo ſah er ſich zu ſeiner gröͤß⸗ ten Freude mit einem Mal auf einem ver⸗ trauten Fuß in Hungerford⸗caſtle. Jetzt wurde der früher beſchloſſene Brief an ſeinen — 143— Vater geſchrieben und fortgeſchickt. Er ſchil⸗ derte ihm mit dem Feuer der erſten Liebe ſeine Erwählte, und beſchwor ihn, keinen weitern Schritt zu der projektirten Heirath zu thun, wenn ihm das Glück ſeines Sohnes lieb ſey; aber ſobald als mög⸗ lich zu antworten, um ſein Gemüth von allen Zweifeln zu befreien. Dann bat er, dem holden Mädchen ſeine Liebe erklären zu dür⸗ fen, wenn er nämlich bei längerer Bekannt⸗ ſchaft hoffen könnte, ſolchen Eindruck auf ihr Herz gemacht zu haben, daß ſie ihm Vater⸗ land, Familie und Freunde opfern würde.— Und ſolch ein Vaterland— ſolch eine Fa⸗ milie, und ſolche Freunde!— Unterdeſſen verſtrichen ihm die Stunden und Tage in Hungerford⸗caſtle wie Minuten. Jeder Tag offenbarte ihm neue Vorzüge an dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe. Alle ſahen und freuten ſich über ſeine Wahl; denn ſie liebten Caro⸗ linen und hofften ſie auf dieſem Wege glück⸗ — 144— lich zu ſehen. Der Graf harrte ungeduldig des Briefes von ſeinem Vater; er kam end⸗ lich an, enthielt aber ganz andere Dinge, als er erwartet hatte. Ein früherer, mit einem Paket Depeſchen von Cunningham Falkoner, abgegangener Brief des Vaters war nicht in ſeine Hände gelangt, und jetzt folgte eine Copie deſſelben, welcher die Nachricht der weitern Schritte zu dem Heirathsvertrag zwi⸗ ſchen ſeinem Sohn und der Gräfin Chriſtine, einer Dame von hohem Rang, großer Schön⸗ heit und ausgezeichneten Talenten, enthielt. Graf Altenbergs Vater beſchrieb die kürzlich zum erſten Mal bei Hof erſchienene Gräfin als unwiderſtehlich; und da die Verbindung von Seiten ihrer Verwandten ſehr gewünſcht wurde, und für den jungen Grafen in jeder Hinſicht ehrenvoll war— ſo brannte der alte Graf vor Ungeduld, die Sache abgemacht zu ſehen. Da nun keine Antwort auf dieſen Brief erfolgt war, und die Umſtände Eile — 445— erforderten, war er im Namen ſeines Soh⸗ nes zu weit gegangen, um mit Ehren wie⸗ der zurückzukönnen. Die Nachricht von deſ⸗ ſen Neigung zu einer Engländerin hatte ihn zwar ſehr betrübt, da er aber in dem letzten Brief die Verſicherung gegeben, keinen ent⸗ ſcheidenden Schritt vor der Antwort ſeines Vaters zu thun, ſo wäre er in England nicht gebunden. Abweſenheit würde den flüchtigen Eindruck ſchnell verwiſchen, die Vortheile ei⸗ ner Verbindung in ſeinem eigenen Vaterlande ihm bald einleuchten, die Reize der Gräfin Chriſtine und ihr gebildeter Verſtand einen mächtigen Eindruck auf ſein Herz machen. Deshalb,n ſo ſchloß der alte Graf, cbitte ich Dich mein lieber Albert als Dein Freund, noch mehr, ich befehle Dir als Dein Vater, gleich nach Empfang dieſes Briefes, ſobald Du Päſſe bekommen kannſt, in Dein Vaterland zurückzukehren.» Nach dieſem Brief ging eine plötzliche III. 10 — 446— Veränderung mit Graf Altenberg vor. Er wurde ernſt und zerſtreut; anſtatt Carolinens Geſellſchaft und Unterhaltung aufzuſuchen, vermied er ſie jetzt; und wenn er mit ihr ſprach, waren ſeine Worte ſo kalt und ab⸗ gemeſſen, ſo ganz anders wie ſonſt, daß der Unterſchied nicht allein Carolinen, ſondern auch Roſamunden und ihrer Mutter und Schwe⸗ ſter, die nachgekommen waren, auffiel.— Zu⸗ fällig war denſelben Tag, und beinah' zur ſel⸗ ben Stunde, als Graf Altenberg den ominö⸗ ſen Brief ſeines Vaters erhalten hatte, eine andere, eben mit ihrem Oheim aus Italien zurückgekehrte Nichte von Mrß. Hungerford angekommen. Lady Florence Pembroke zeich⸗ nete ſich durch Schönheit und Liebenswürdig⸗ keit aus. 1 Graf Altenberg wurde ihr vorge⸗ ſtellt, und widmete ihr von dieſem Augenblick an ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Er ſaß ne⸗ ben ihr, unterhielt ſich mit ihr, und die au⸗ genſcheinliche Zerſtreuung, die er oft nicht — 147— verbergen konnte, ſo wie die gänzliche Ver⸗ änderung ſeines Weſens ſchienen Früchte der glänzenden Erſcheinung Lady Florencens zu ſeyn. Mancher Weiſe und Philoſoph weiß nicht viel mehr vom Zuſammenhang der Ur⸗ ſache und Wirkung, als daß die Eine aus der Andern zu entſtehen pflegt; kein Wunder alſo, daß Roſamunde, wegen der Richtigkeit ihrer Schlüſſe ohnehin nicht ſehr berühmt, ſich dieſes Mal durch den Schein täuſchen ließ⸗ Sie war feſt entſchloſſen, ſich nicht zu verra⸗ then, und that deshalb, als ob ſie nichts von dem bemerkte, was ſich um ſie herum zutrug. Auch ſprach ſie ihre Vermuthungen nicht gegen Carolinen aus, die, wie ſie wohl ſah, des Grafen verändertes Betragen fühlte und nicht gleichgültig dabei blieb. Graf Al⸗ tenbergs hohen Vorzüge und ſeine Liebens⸗ würdigkeit hatten einen ungewöhnlichen Ein⸗ druck auf Carolinens Herz gemacht. Er hatte ihr weniger geſchmeichelt wie andere junge 10* — 148—. Männer; aber alle ſeine Worte und Hand⸗ lungen druückten die höchſte Bewunderung und Achtung aus, und ſeine Aufmerkſamkeiten üͤberſchritten, ihm ſelber unbewußt, die Grän⸗ zen der Höflichkeit und gewöhnlichen Galan⸗ terie. Er hatte nie von Liebe mit ihr ge⸗ ſprochen, ſie aber mehrere Mal, bei verſchie⸗ denen Gelegenheiten an den Tag gelegt. So kam es, daß Caroline nach und nach mehr für ihn empfand, als ſie ſich ſelbſt ein⸗ zugeſtehen wagte. Da weckte die plötzliche Veränderung ſeines Betragens ſie aus dem entzückenden Vergeſſen aller Gegenſtände, die mit ihren neuen Gefühlen unbekannt waren, und hemmte ihre Schritte, als ſie das Pa⸗ radies der Liebe und Hoffnung zu betreten wähnte.— Roſamunde hielt ihr kluges Schweigen nicht länger, und brach, als ſich Mrß. Percy am Abend mit ihren Töchtern allein befand, unwillig in allgemeine Bemerkungen über die — 149— Unbeſtändigkeit der Männer aus. Selbſt die Klügſten,» ſagte ſie,«wären veränder⸗ lich, und zögen das Neueſte dem Schönſten und Beſten vor.»— Caroline ſtimmte nicht mit ein. Voller Erſtaunen rief Roſamunde endlich— Wäͤre es denn wirklich möglich, daß Du ſo blind ſeyn ſollteſt, nicht zu be⸗ merken, daß Graf Altenberg—» Roſamunde hielt hier plötzlich inne, weil ſie Carolinens Farbenwechſel bemerkte.— Sie ſtand regungs⸗ los mit niedergeſchlagenen Blicken neben ih⸗ rer Mutter. Roſamunde rückte ihr einen Stuhl hin. Liebſte Mutter! thaure Schweſter ich habe Grund genug zu erröthen— und Sie werden für mich erröthen.» Was meinſt Du?“ rief Roſamunde be⸗ ſtürzt.—«Wie ſte zittert! ich dhad Caroli⸗ nen noch nie ſo bewegt.» «Setze Dich nieder, und beruhige Dich,» ſagte die Mutter, Carolinens Hand zärtlich — 150— faſſend.— Ich bin überzeugt, Du kannſt nichts gethan haben— und wirſt nichts thun, weshalb wir zu erröthen Urſache hätten.» « Davon bin ich auch überzeugt,» ſagte Roſamunde,«ſo gewiß als ich lebe.» O, Ihr Vertrauen beſchämt mich noch mehr!» rief Caroline, ihr Geſicht an der Mutter Buſen verbergend.— Theure Mut⸗ ter, Sie verlangten einſt ein Verſprechen von mir; ich gab es, feſt entſchloſſen es zu hal⸗ ten, und nun fürchte ich— Sie könnten glauben, ich hätte es gebrochen. Ich ver⸗ ſprach Ihnen zu ſagen, wenn ich die erſten Symptome der Liebe fühlte. Ich kannte mein eigenes Herz nicht. Erſt heute habe ich es kennen lernen und gefühlt, daß das, was ich für Achtung und Bewunderung hielt, Liebe war.» „Bei gewöhnlichen Menſchen,» erwie⸗ derte Mrß. Percy— Liſt Achtung und Be⸗ wunderung noch weit von der Liebe entfernt; — 151— aber bei Dir, meine Caroline, iſt der Schritt von wahrer Achtung zur Liebe gefährlich nahe, kaum bemerkbar.» Warum gefährlich?» rief Roſamunde— «Warum ſoll wahre Liebe nicht wahrer Ach⸗ tung folgen? So muß es ſeyn. Graf Al⸗ tenberg iſt ganz der Mann für Carolinen, und—»ʒ. Halt ein!y rief dieſe.«O, liebe Schwe⸗ ſter! wenn Du wünſcheſt, mich wieder froh und glücklich zu ſehen, ſo nenne dieſen Na⸗ men nicht mehr: denn es kann nicht ſeyn.» Und warum kann es nicht ſeyn 22 fragte Roſamunde mit dem Ton des höchſten Er⸗ ſtaunens.«Es kann, es ſoll, es muß ſeyn.— Caroline wandte ſich ſeufzend von ihrer Schweſter ab, und wiederholte: nein, nein! ich will mir nicht ſelbſt ſchmeicheln— ich ſehe, daß es nicht ſeyn kann; ich habe die Veränderung in ſeinem Betragen bemerkt, und der Schmerz, den ich hierüber empfand⸗ — 152— belehrte mich über den Zuſtand meines Her⸗ zens. Sie werden begreifen, daß mir dieſes demüthigende Bekenntniß ſchwer geworden iſt. — Mütter! wollen Sie mir nur eine einzige Frage beantworten— eine Frage, die ich an Sie zu richten fürchte. Bemerkten Sie oder glauben Sie, daß irgend jemand bemerkt hat, was ich für ihn fühle?“— Caroline hielt inne, und ihre Mutter und Schweſter beruhigten Sie über dieſen Punkt. « Nach allem,» ſagte Roſamunde zur Mut⸗ ter, aglaube ich doch, daß ich mich in Graf Altenberg geirrt habe. Ich hielt Lady Flo⸗ rence Pembroke für die Veranlaſſung ſeiner plötzlichen Umwandlung... es thut mir leid, etwas darüber geſagt zu haben— ich be⸗ haupte, wenn er ſie öfterer ſieht— Sie iſt zwar ſehr hübſch, ſehr unterhaltend, ſehr an⸗ genehm und liebenswürdig,— aber doch im Vergleich mit Carolinen—y O, ſtelle keinen Vergleich an, liebe — 153— Schweſter! Glaubſt Du, daß ich gleiche An⸗ ſprüche mit Mrß. Hungerfords Nichte mache?„ „ Ich bin noch zweifelhaft, 3I entgegnete Roſamunde, Cob hier Eiferſucht im Spiele iſt.» 3 „ Ich weiß gewiß, daß keine entſtehen ſoll,» erwiederte Caroline.— Neid und Ei⸗ ferſucht werden nie in meiner Seele Eingang finden. Solche Leidenſchaften können die be⸗ ſten, die edelſten Gefühle des Herzens zu den niedrigſten, abſcheulichſten umwandeln. Die letzten Stunden haben mich gelehrt, ſorg⸗ fältig über mich zu wachen.— Ich überlaſſe dem Zufall nichts. Das ſchwache Weib darf ſich nie der Gefahr ausſetzen. Ich will mir den Frieden der Seele, die eigene Achtung, und die Liebe meiner vortrefflichen Freunde zu erhalten ſuchen— deshalb muß ich ſie jetzt verlaſſen.» Mrß. Percy wollte etwas erwiedern; aber Roſamunde unterbrach ſie— — 154— O, was habe ich angerichtet! warum ſprach ich, unvernünftiges Geſchöpf? Warum öffnete ich Deine Augen, Caroline, da ich mir doch feſt vorgenommen hatte, kein Wort über die Veränderung des Grafen zu ſagen?* « Und kannſt Du glauben, daß ich ſie nicht ſelbſt bemerkt hätte?» erwiederte Caro⸗ line.— ˙O, Du weißt nicht, wie ſchnell— der erſte Blick— der erſte Ton ſeiner Stimme — aber daran will ich nicht mehr denken, bloß verſichern will ich Dich, daß Du, meine theure Roſamunde, nichts verſchuldet haſt. Ehe Du es ausgeſprochen, hatte ich jene Ver⸗ änderung, deren Grund ich mir nicht zu er⸗ klären weiß, ſchon bemerkt.» Du kannſt Dir wirklich keinen Grund angeben? Zweifelſt Du daran, daß Lady Florence die Urſache iſt?» fragte Roſamunde. Ja, ich zweifle daran.» „Ich auch,» ſagte Mrß. Percy. Ich kann unmöglich glauben, daß ein = 155— Mann, von ſeinem Verſtand und Charakter, ſo leicht zu feſſeln ſeyn ſollte.— Ich will dadurch Lady Florences Verdienſte nicht ſchmä⸗ lern; aber Graf Altenberg mußte dieſe Ver⸗ dienſte und Vorzüge doch erſt kennen lernen, ehe ſie den von Dir vermutheten Eindruck machen konnten.— Was nun auch der Grund ſeyn mag, liebe Mutter! ich erbitte es, als eine Gunſt von Ihnen, daß Sie mich von hier fortführen,— von dieſem Ort, wo ich mich geſtern noch ſo glücklich fühlte.“— « Aber warum, Caroline, warum wollteſt Du es thun? Um's Himmelswillen, Mut⸗ ter! warum ſo ſchnell fortgehen, ehe Sie wiſſen, ob es nöthig iſt?» «& Ich werde mich durch Carolinens Mei⸗ nung beſtimmen laſſen,) erwiederte Mrß. Percy— Sihrer Einſicht vertraue ich ganz.» „Ich halte es in der That für das Si⸗ cherſte, mich nicht länger der Gefahr auszu⸗ ſetzen,» ſagte Caroline.— Nach allem, was — 156— ich von Graf Altenberg geſehen habe, muß ich glauben, daß ihn weiſe und gute Gründe zu dieſem Benehmen zwingen.— Es kann nicht bloße Laune ſeyn, und von welcher Art die Veranlaſſung iſt, kann ich nur vermuthen — bin aber geneigt zu glauben, daß ſeine Pflicht—» «Seine Pflicht!» unterbrach Roſamunde —«Seine Pflicht mußte er vor ein Paar Tagen ſchon kennen— ſeit dem können ihm keine neuen aufgelegt worden ſeyn— nein! nein! Die Männer laſſen ſich in ihren Liebes⸗ angelegenheiten nicht ſo leicht durch Pflichten ſtören, wie wir es thun. Wahrſcheinlicher iſt es, daß ihm Falkoners etwas Nachtheili⸗ ges von Carolinen geſagt haben. Lady Fran⸗ ziska gab mir neulich einen Wink, daß man⸗ cherlei erzählt, und ſich viel Mühe gegeben worden wäre, um Dich in des Grafen Au⸗ gen herabzuſetzen.» &Wenn dieß der Fall iſt, y erwiederte — 157— Caroline, aſo wird er mit der Zeit die Ver⸗ läumdung entdecken; oder, wenn er ſie ohne Unterſuchung glaubt, iſt er nicht, wofür ich ihn halte.— Nein, ich bin überzeugt, er hat ein zu edles Gemüth, einen zu richtigen Verſtand, um durch gemeine Verlaͤumdung irre geleitet zu werden.— Das Hinderniß, von welcher Art es nun auch ſeyn mag, muß entweder unbeſiegbar, oder erſt mit Hülfe der Zeit zu beſiegen ſeyn. Wenn er mich wirklich liebt, wie ich glaube— wenn er die Geiſtesſtärke beſitzt, die ich ihm zutraue— ſo wird er es überwinden, wenn es zu über⸗ winden iſt. Auf jeden Fall iſt es das Si⸗ cherſte, dieſen gefährlichen Ort 6 bald als möglich zu verlaſſen.* Mrß. Percy billigte dieſen Vorſatz, und beſtimmte den folgenden Tag zu ihrer Abreiſe. * Aber, liebe Mamal ſo plötzlich! Be⸗ denken Sie nur, wie ſonderbar dieß Mrß Hungerford und alle den Andern vorkommen — 158— wird,» ſagte Roſamunde. Gewiß wird Mrß. Hungerford uns nicht ohne Zureden und Fragen fortlaſſen. Mich mag Sie nur nicht um den Grund unſerer ſchnellen Abreiſe fragen— ich bin auf keine Antwort vorbe⸗ reitet, und mein Geſicht würde bei dem er⸗ ſten durchdringenden Blicke alles verrathen. Was willſt Du Mrß. Hungerford ſagen?» Die Wahrheit!y entgegnete Carvline.— Mrß. Hungerford hat mich immer ſo gütig behandelt, mir ſo viel Liebe und Achtung be⸗ wieſen, nimmt ſo warmen Antheil an meinen Freuden und Leiden, daß ſie mein völliges Vertrauen beſitzt— deshalb ſoll ſie jetzt Al⸗ les erfahren. Da auch Sie, liebe Mutter, der Meinung ſind, daß Lady Florence nicht die Veranlaſſung ſeiner plötzlichen Umwand⸗ lung iſt, können wir auch ohne Scheu über dieſen Gegenſtand mit Mrß. Hungerford ſpre⸗ chen. Meine Ehre iſt in ihren Händen ſo ſicher, wie in den Ihrigen, liebe Mutter— — 159— und Sie bitte ich, Mrß. Hungerford von al⸗ lem zu unterrichten.» Den folgenden Morgen, ehe Mrß. Hun⸗ gerford ihr Zimmer verlaſſen hatte, ging Mrß. Percy zu ihr, und erklärte ihr den Grund, weßhalb Caroline freiwillig dem Ver⸗ gnügen, länger in Hungerford⸗caſtle zu blei⸗ ben, entſagte. Mrß. Hungerford fühlte ſich durch Caro⸗ linens kindliches Vertrauen geehrt.&Es iſt nicht verſchwendet, ich erkenne den vollen Werth deſſelben, ſo wie auch die Nothwen⸗ digkeit, mich von ihr zu trennen, obgleich es mir jedesmal ſchwerer wird. Ueber Graf Altenberg dachte und urtheilte ſie wie Mrß. Percy und Caroline; ſie verſprach, ihn wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts bei ihr genau zu be⸗ obachten, und alles Wichtige oder Entſchei⸗ dende ihren Freunden mitzutheilen.— Sie wurden zum Frühſtück gerufen. Bald darauf ſchlug Mrß. Mortimer einen Spazierritt vor. — 160— Graf Altenbergs Geſicht verrieth getäuſchte Erwartung, als er Carolinen nicht dabei ſah; aber er enthielt ſich aller Fragen und ſchien einzig damit beſchäftigt, Mrß. Mortimer beim Aufſteigen behuülflich zu ſeyn.— Roſamunde freute ſich, daß er nicht recht wußte, was er that.— Als ſie von ihrem Morgenritt zurückka⸗ men, waren Percy's ſchon auf dem Heim⸗ wege.— Bis jetzt hatte der Anblick der ſtil⸗ len Wohnung, ſelbſt nach kurzer Abweſenheit⸗ Carolinen Freude verurſacht; aber nun, zum erſten Mal in ihrem Leben, empfand ſie die⸗ ſes freudige Gefühl nicht; alle Gegenſtände ſchienen ihren Glanz verlohren zu haben. Die Stille der Einſamkeit, die ſie ſonſt ſo ſehr geliebt hatte, war ihr jetzt druͤckend. Die Gegend kam ihr todt und leblos vor. Um Rückerinnerungen zu vermeiden, denen ſie ſich nicht überlaſſen durfte, nahm ſie ihre Zuflucht zu anhaltender Beſchäftigung; aber was ihr — 161— ſonſt leicht und angenehm geweſen war, be⸗ friedigte ſie jetzt nicht mehr, kam ihr vielmehr ſchaal und zwecklos vor. Ein einziges, ſehr einfaches Mittel, Beſchäftigung im Garten mit Pflanzen und Blumen, fand ſie wirkſam. Als ſie eines Morgens eben wieder al⸗ lein und thätig im Garten war, hörte ſie Stimmen in der Ferne, und unterſchied deut⸗ lich Mrß. Hungerfords Stimme. Bald dar⸗ auf ſah ſie ſie auch den ſchmalen Pfad her⸗ ankommen. Caroline ſprang ihr entgegen— dann hielt ſie mit Herzklopfen inne. Graf Altenberg konnte Mrß. Hungerford begleitet haben; aber ſie war allein. Beſchämt und erröthend ging ſie ihr entgegen. Mrfß. Hungerford umarmte ſie zärtlich und ſagte ſcherzend— « Ihre Mutter und Schweſter zweifelten daran, daß ich Sie finden würde; aber ich behauptete, Ihr Lieblingsplätzchen zu kennen. — So, hier will ich ausruhen— ein beque⸗ III. 11 — 162— mer Thron!— das ſagt für einen Thron viel. Dieß iſt alſo Ihr Territorium?» fuhr Mrß. Hungerford um ſich ſchauend fort, und ließ Carolinen unterdeſſen Zeit ſich zu er⸗ holen. Warum haben Sie mich nie in Ihren Garten eingeladen? hielten Sie mich abgeſtor⸗ ben für die Schönheiten der Natur, oder glauben Sie, daß ſich eine alte Frau im Armſtuhl am Kamin beſſer befindet? Nein, ſo weit iſt es mit mir noch nicht gekommen. — Wir ſtimmen glüͤcklicher Weiſe Pariſer Cley's Comteſſe oder Herzogin nicht bei, welche erklärt, daß ſie unſchuldige Freuden haßt. Nach Erwähnung Pariſer Cley's ging Mrß. Hungerford zu einem Vergleich zwiſchen ihm und Graf Altenberg über. Sie hatte den geckenhaften Cley in der Stadt kennen ler⸗ nen, und ihn unausſtehlich gefunden. Er iſt Engländer bloß von Geburt, und Franzoſe — 163— durch die Nachahmung. Graf Altenberg hin⸗ gegen, ein Ausländer von Geburt, beſitzt alle erforderlichen Eigenſchaften und Grund⸗ ſätze, die ihn zum Engländer ſtempeln. Ich bin überzeugt, er würde, wenn er wählen könnte, England jedem andern Lande zum Wohnort vorziehen.— Dieß äußerte er ge⸗ ſtern beim Abſchied.» Beim Abſchied!»— ſagte Caroline— ser iſt alſo fort?» & Ja, meine Liebe.* Caroline hätte gern gefragt, wohin? und ob er auf immer gegangen ſey? aber ſie ſchwieg, und wurde ſehr blaß. Mrß. Hungerford fuhr fort, alle etwai⸗ gen Fragen zu beantworten. Er iſt nach Deutſchland, an ſeinen Hof zurückgekehrt— zurückberufen, wie er mir ſagte, wegen dringender Berufspflichten.“— Caroline lebte wieder auf. 11* — 164— So weit hatten wir alſo Recht, wie man gewöhnlich Recht zu haben pflegt, wenn man nach allgemeinen Grundſätzen urtheilt. Es ließ ſich auch nicht erwarten, daß ein Mann von ſeinem Charakter und Verſtand bloß nach Laune handeln ſollte.— Von wel⸗ cher Art die Pflicht iſt, ob ſie ihn als Ge⸗ ſchäfts⸗ oder Prioatmann betrifft, ſagte er nicht.— Ich fuͤrchte das Letztere.— Wahr⸗ ſcheinlich ein Verhältniß, oder eine Verbin⸗ dung, die ihn abhalten wird, nach England zurückzukehren. In dieſem Fall handelte er als redlicher Mann, indem er jeden Verſuch, Ihre Liebe zu gewinnen, unterließ, ſo ſchwer es ihm auch fiel. Und Sie haben ſo gehan⸗ delt, wie es Ihnen und ihrem Geſchlecht zu⸗ kömmt.» Ich hoffe es,y ſagte Caroline furcht⸗ ſam.— Meine Mutter und Schweſter be⸗ mühten ſich, mich über dieſen Punkt zu be⸗ ruhigen.— Sie haben ihn länger geſehen, — 165— and können deshalb beſſer darüͤber urtheilen. — Graf Altenberg gehört nicht zu den ein⸗ gebildeten Männern, die alles zu ihrem Vor⸗ theil auslegen; aber glauben Sie, daß er im Geheim befürchtete— 2 «Was ſich in den geheimen Winkeln eines männlichen Herzens— noch ſchwerer zu er⸗ gründen wie ein weibliches— zuträgt, kann ich nicht ſagen,» entgegnete Mrß. Hunger⸗ ford lächelnd;«aber beruhigen Sie ſich. We⸗ der durch Wort, Wink oder Blick habe ich jemals ahnen können, daß er einen ſolchen Verdacht— Verdacht will ich es nennen— ſolch eine Hoffnung hegte. Von Ihrer gan⸗ zen Familie ſprach er mit der höchſten Ach⸗ tung. Ueber Sie wagte er nicht viel zu ſa⸗ gen; aber das Wenige zeugte von hoher Verehrung.» « Damit bin ich zufrieden, vollkommen zufrieden!» ſagte Caroline, ihr Herz durch einen tiefen Seufzer erleichternd— sund ich danke Ihnen, meine gütige Mrß. Hunger⸗ ford.— Sie haben mein Gemüth über die⸗ ſen Punkt beruhigt.— Wenn mich Graf Al⸗ tenberg mit Ehren lieben kann, wird er es thun. Wenn er es nicht kann, ſo verhüte der Himmel, daß ich es wünſchen möchte.» Von dieſem Augenblick an ſprach Caroline des Grafen Namen nicht mehr aus, und be⸗ mühte ſich, ihre Schwäche zu bekämpfen. Dreißigſtes Kapitel. Graf Altenberg kehrte nach London zurück, um ſich Päſſe zu verſchaffen und von Lord Oldborvugh, deſſen ungewöhnlicher Charakter ihn unwiderſtehlich angezogen hatte, Abſchied zu nehmen. Als der Graf mit dem Miniſter allein — 167— war, erbat er ſich deſſen Befehle für ſeinen Hof, und erſtaunte nicht wenig, als ihn Sr. Herrlichkeit einen Auftrag höchſt ſchwieriger und delikater Art gab. Lord Oldborough, deſ⸗ ſen Scharfblick in Graf Altenberg den Mann erkannt hatte, dem er vertrauen konnte, theilte ihm ſeine Unzufriedenheit über Cunningham Falkoners Verfahren mit, und äußerte un⸗ verhohlen ſeinen Verdacht, daß der Geſandte doppeltes Spiel ſpiele, und ſich bei der ent⸗ gegengeſetzten Parthei anzuſchmeicheln ſuche. Die Diplomaten ſind alle mehr oder weni⸗ ger falſch,» ſagte Lord Oldborough;«aber einen Geſandten erwählt zu haben, welcher Undankbarkeit mit Falſchheit vereinigt, wüͤrde ein ſehr nachtheiliges Licht auf den Miniſter werfen, der ihn dazu ernannte. Spräche ich mit einem gewöhnlichen Menſchen, ſo würde ich auch nicht die Möglichkeit, mich eines ſol⸗ chen Mißgriffs ſchuldig gemacht zu haben, zu⸗ geben. Aber Graf Altenberg wird nach dem — 168— Ganzen, und nicht nach einem einzelnen Theil urtheilen. Er weiß, daß der Mächtige zu⸗ weilen ein Sklav der Umſtände iſt. Dieſer Cunningham Falkoner, alle dieſe Falkoners wurden mir aufgedrungen. Wie? kann Ih⸗ nen gleichgültig ſeyn. Es iſt hinreichend, Ih⸗ nen zu ſagen, daß meine Wahl hierbei nicht freiwillig war.— Nun hat die Nothwendig⸗ keit aufgehört. Andere Mittel haben meine Zwecke erreichen helfen. Falkoners ſind mir jetzt unnütz; aber wen ich einſt begünſtigte⸗ will ich auch nicht eher ſinken laſſen, bis ich die Beweiſe ſeiner Untreue in den Händen habe.» Lord Oldborough nannte nun die Punkte, über welche er belehrt zu werden wünſchte, ehe er über Cunningham entſcheide. Graf Altenberg verſprach die zweckmäßig⸗ ſten Mittel anzuwenden, um ſich von ſeines Geſandten Treue oder Untreue zu überzeu⸗ gen. Lord Oldborough leitete nun das Ge⸗ — 169— ſpräch auf allgemeine Politik, und bemerkte bald, daß der Graf ſich für dieſe Gegenſtände nicht mehr ſo lebhaft intereſſirte, wie früher. Beim Abſchied ſagte er lächelnd:«Herr Graf, Sie haben ſich viel zu lange in der Nähe ei⸗ nes Philoſophen aufgehalten, der die Freiheit des Landedelmanns, dem Ruhm des Staats⸗ manns vorzieht.— Aber Ihr hoher Stand⸗ punkt wird bald die hohen Gedanken zurück⸗ rufen. Der Ehrgeiz iſt nicht geſtorben— er ſchläft nur, und wird Sie, ſo glaube und hoffe ich, mit der Zeit zum Miniſter und zum Stolz Ihres Vaterlandes erheben. In dieſer Hoffnung ſage ich Ihnen Lebewohl.» Finanzrath Falkoner hatte ſchnell Kunde von des Grafen Ankunft erhalten. Er wußte ihn bei dem Miniſter, und wünſchte ihn vor ſeiner Abreiſe noch zu ſehen. Deshalb traf er ihn beim Herausgehen aus dem Hauſe, und bat dringend eine Einladung von Mrß. Falkoner zum Mittag oder Abend, wie es — vo— ihm am gelegenſten, anzunehmen; aber der Graf hatte nun ſeine Päſſe, und verſicherte, augenblicklich abreiſen zu muſſen. Der Fi⸗ nanzrath merkte aus des Grafen Antworten auf einige ſchlaue Fragen, daß er nicht ge⸗ naeeigt ſchien, die Ausſichten ſeines Sohnes zu befördern und bedauerte nun, ſo viel Zeit und Höflichkeit an einen Ausländer verſchwen⸗ det zu haben, der ſie ihm nicht erwiedern wollte. Miß Georginens Verdruß über des Gra⸗ fen Abreiſe wurde dadurch etwas gemildert, daß Miß Carolinens Reize ihn doch auch nicht zurückzuhalten vermocht hatten, und ſie fand Troſt in dem Gedanken, daß ihre Nebenbuh⸗ lerin eben ſo wenig Gräfin Altenberg gewor⸗ den war, wie ſie. Auch Mrß. Falkoner, ob⸗ gleich ſie ihn als Schwiegerſohn längſt auf⸗ gegeben hatte, freute ſich, daß ihr die De⸗ müthigung erſpart wurde, einen glückwün⸗ ſchenden Brief an Perey's zu ſchreiben. — 14— „Wie ſchlecht haben dieſe Menſchen ihr Spiel verſtanden,» ſagte ſie;«es lag ganz in ihren Händen. Mrß. Percy muß die leicht⸗ ſinnigſte Mutter von der Welt, und die Toch⸗ ter, ſammt ihrem Gefühl, eine einfältige Närrin ſeyn; ſonſt hätten ſie die Heirath rich⸗ tig gemacht, wie ſie den Grafen allein in Hungerford⸗caſtle hatten.* „Ich ſagte Dir es ſchon längſt, aber Du wollteſt mir nicht glauben,» rief der Finanz⸗ rath,«daß der Ehrgeiz die herrſchende Lei⸗ denſchaft des Grafen iſt, und daß es ihm nicht einfällt, ſich zu verlieben.— Mit dem alten Fürſten iſt es bald aus, und des Gra⸗ fen Vater hat ihn ſo ſchnell zurückberufen, damit er zur rechten Zeit zur Stelle iſt, um ſich der Gunſt des Erbprinzen zu verſichern. Ich will nicht hoffen, daß der junge Graf Miniſter wird; denn nach einigen Aeußerun⸗ gen zu ſchließen, darf ich nicht hoffen, ihn = 12— in meine Pläne für Luzainghen iigahen zu ſehen. 1 Deine polätſchen Viſionen pflegen mei⸗ ſtens mit getäuſchten Erwartungen zu enden,» entgegnete Mrß. Falkoner. Ich ſagte doch immer, daß es ſo kommen würde.» Nun folgte eine Scene gegenſeitiger Be⸗ ſchuldigungen, die gewöhnliche Folge der miß⸗ lungenen Pläne dieſes intriguanten Ehepaars. s Und,» ſo ſchloß der entrüſtete Finanz⸗ rath, sich weiſſage nicht mehr Gutes von dem jetzigen Plan für Georginen. Diners und Concerte ſind an dieſe beiden Cley's eben ſo verſchwendet, wie Bälle und Schauſpiele an den Grafen Altenberg. Und dieß iſt der rechte Weg, mich immer tiefer in Schulden zu ſtürzen.— Sollte ſich das Glück von Lord Oldborough wenden, ſo ſind wir ganz ver⸗ lohren.» Mein Lieber, welch eine unzeitige Sorge! Lord Oldboroughs Macht iſt, wie ich von — 173— allen Seiten höre, jetzt größer wie je. Sind doch alle, die ſich wider ihn verſchworen hat⸗ ten, gleich nach ſeinem Brief an den König ihres Dienſtes entlaſſen worden. Seine Col⸗ legen hat er nun ſelbſt gewählt— das Ca⸗ binet beſteht aus ſeinen eigenen Freunden. Iſt das nicht Sicherheit genug?» «An ſeiner Sicherheit zweifle ich nicht. Er ſteht auf der höchſten Stufe; aber ich bin—»y Der Fortdauer ſeiner günſti⸗ gen Geſinnung gegen mich nicht gewiß»— wollte er eben ſagen; aber es wurde ihm zu ſchwer, dieſe Worte auszu⸗ ſprechen, und ihn überfiel die den Höflingen eigenthümliche, abergläubiſche Furcht, von dem Abnehmen der Gunſt zu reden. Außer⸗ dem wußte er, daß zahlloſe Vorwürfe über ſeinen Mangel an Geſchicklichkeit Lord Old⸗ boroughs Launen zu ſchmeicheln, erfolgen wür⸗ den, ſobald er einen Wink dieſer Art fallen — 174— ließ; und auf ſeine Geſchicklichkeit bildete ſich der Finanzrath, und nicht ohne Grund, viel ein.— Schnell den Ton ändernd, und eine gebieteriſche Miene annehmend, ſagte er— «Mrß. Falkoner, etwas dulde ich nicht länger; ich will nicht zugeben, daß Georgine den jungen Petcalf am Narrenſeil herumfuͤhrt.» Ich auch nicht, mein Beſter; aber wenn er ſich ſelbſt zum Narren hergiebt!» Ich bitte der Verabredung wegen der Rechnung fuͤr Zara's Anzug zu gedenken.— Die Bedingung, welche in meinem Namen mit Georginen abgeſchloſſen wurde, muß er⸗ füllt werden, und nun erwarte ich ſie bereit, in einem Jahr Mrß. Petcalf zu werden.- So wurde es unter uns beſchloſſen, mein Theurer! und ſie ließ es ſich gefallen; ſie iſt bereit zu gehorchen, wenn ſich his dahin nichts Beſſeres bietet.— Wenn— ja, das iſt es eben! Jetzt wird wieder auf die Herren Cley's Jagd ge⸗ — 175— macht, und gluͤckt es mit ihnen nicht, findet ſich wohl ein Anderer, der für eine beſſere Parthie gilt wie Petcalf. Allen dieſen Men⸗ ſchen wird ſchön gethan, Geld und Zeit an ſie verſchwendet. Darüber wird Petcalf am Ende widerſpänſtig, wir verlieren ihn und behalten Georginen.— Es hat keine Gefahr, mein Lieber.— Meinen Grundſätzen gemäß muß man immer eine Anzahl Looſe in der Lotterie ſpielen, damit man, wenn auch einige Nieten ziehen, dennoch Ausſicht auf den nächſten Gewinn behält. Nur Geduld.»— «Geduld! Wie kann ein Mann die Ge⸗ duld behalten, wenn es Jahrelang ſo fort⸗ geht? Wohl hundert Mal habe ich das ſchon geſagt.» « Hundert Mal wenigſtens, das gebe ich zu. Ich wiederhole nur, was nicht zu be⸗ ſtreiten iſt, daß, wenn ein Mädchen für ei⸗ nen gewiſſen Kreis erzogen iſt, und darin ge⸗ — 176— lebt hat, ſie nothwendig wieder in einen ähnlichen gebracht werden muß, weil ſie ſonſt nirgends hinpaßt.— Daß kein gewöhnlicher Landedelmann an Georginen denken kann, iſt begreiflich. Wir müſſen ſie in eine Lage zu bringen ſuchen, wohin ſie gehört— in das vornehme Leben. &Mit dieſem Plan gehſt Du nun bereits mehrere Jahre um; aber ohne Erfolg.— Die Männer, beſonders ſolche, wie Du ſie für Deine Töchter brauchſt, gehen gern ſo viel Schritte zurück, als die Frauen vor⸗ wärts.— & Das iſt grob!— zu grob! In der That, eine ſehr ordinäre Bemerkung»— ſagte Mrß. Falkoner, mit bewunderungswürdiger Mäßigung. Doch wenn die Männer in der Hitze ſind, ſagen ſie immer mehr, als ſie denken.⸗ Ich ſagte noch nicht die Hälfte deſſen⸗ was ich denke—„ — 127— &Ein aufrichtiges Bekenntniß, was Dir viel Ehre macht.» &Es iſt ein thörichtes Spiel— ein ſehr thörichtes, ganz verlornes Spiel,»— fuhr der Finanzrath fort, und Du wirſt es ſo lange fortſetzen, bis wir ganz ruinirt ſind.» Es iſt kein verlornes Spiel, wenn es mit Mäßigung und Geiſt geſpielt wird. Feige Mem⸗ men geben ihr Spiel bei dem erſten Verluſt auf⸗ anſtatt muthig den Einſatz zu verdoppeln.» Pah! Pahl» entgegnete der Finanzrath. «Kannſt Du Deiner Töchter Schönheit, ihr Vermögen verdoppeln?» Mode erſetzt beides, und daß meine Töchter ſehr in der Mode ſind, wirſt Du hoffentlich nicht beſtreiten.„ * Wozu hilft es aber?— Du meinteſt, Graf Altenberg werde ſich dadurch erobern laſſen. Hat ſie ihn erobert? Iſt uns nur der geringſte Erſatz für die ſoſtjpöekigena Ver⸗ gnügungen geworden? ⸗ III. 12 — 178— „Alles dieſes, oder das Meiſte davon — wenigſtens der Ball muß auf Lord Old⸗ boroughs Rechnung kommen, und das iſt Dein Geſchäft. ⸗» « Und das Schauſpiel, und das Schau⸗ ſpielhaus, und die Anzüge— ſoll Lord Old⸗ borough dieß alles bezahlen? Ich ſagte es immer, daß ſolche Dinge an den Grafen verſchwendet waren.* Keine Verſchwendung! Nichts iſt ver⸗ ſchwendet worden, mein lieber Finanzrath! glaube mir nur; ſelbſt in bkonomiſcher Hinſicht hätten wir unſer Geld nicht beſſer anlegen können; denn mit einem geringen Aufwand iſt es uns gelungen, die Menſchen glauben zu machen, Georgine habe Graf Altenberg ausgeſchlagen.— Lady Kew und Lady Trant verbreiteten das Gerücht. Es iſt nicht meine Sache, viel uͤber dergleichen zu ſagen; nun aber der Graf fort iſt, kann niemand mit Gewißheit widerſprechen.— Die Sache wird — 10— allgemein geglaubt; jedermann ſpricht davon, und die natürliche Folge iſt, daß Georgine mehr denn je Aufſehen erregt.— Hier iſt ein Antrag für ſie, den ich heute morgen er⸗ hielt,y ſagte Mrß. Falkoner, einen Brief nachläſſig hinwerfend.— &Ein Antrag! Iſt er von der Art, daß er unſere Aufmerkſamkeit verdient?» fragte der Finanzrath, ſeine Brille aufſetzend. Nein, durchaus nicht,» entgegnete Mrß. Falkoner Mit einer jährlichen Einnahme von 1800 Pfund kann Georgine nicht aus⸗ kommen. 1 Aber doch immer beſſer, als nichts Ge⸗ wiſſes,» ſagte der Finanzrath.«Laß mich ſehen.* Nicht beſſer wie Petealf, wenn wir Aſia minor aus dem Spiele laſſen. Ich war natürlich keinen Augenblick unſchlüſſig.» Aber die Antwort fiel doch hoffentlich ſehr höflich aus. Man glaubt nicht, wie leicht es iſt, ſich bei ſolchen Gelegenheiten 121 Feinde zu machen,» bemerkte der Finanz⸗ rath. «Außerordentlich höflich,2 erwiederte Mrß. Falkoner. Ich bedauerte, daß meiner Toch⸗ ter Vermögen ſo gering wäre, daß ſie nichts beizutragen im Stande u. ſ. w., und fügte noch viel von Verdienſt und der, unſerer Fa⸗ milie erwieſenen Ehre und ſo ſort hinzu.— Ich wundere mich nur, wie der Mann ſo kühn ſeyn kann, um Georginen anzuhalten, wenn er ihr nicht mehr zu bieten hat.* „ Petcalf iſt freilich, im Fall der Vater ſtirbt, eine beſſere Parthie. Du haſt hierin Recht» ſagte der Finanzrath und griff mit der Miene rechnender Ueberlegung nach einer Feder. „ Was willſt Du machen? Auf dieſen Brief ſchreiben, als ob es leeres Papier wäre?» ſagte Mrß. Falkoner auffahrend, und ihm das Blatt aus der Hand reißend. Die⸗ ſen Brief muß ich für Lady Kew, Lady Trant und noch mehrere andere intime Freunde auf⸗ — —— — 181— bewahren, damit ſie ſagen können, daß ſie den ſchriftlichen Antrag ſelbſt geleſen haben: denn in jetzigen Zeiten pflegen nicht allein die Mütter, ſondern auch die Töchter derge⸗ ſtalt zu prahlen, daß es nöthig wird, ein geſchriebenes Dokument aufzuweiſen?» «Allerdings, ſehr nöthig.— Und haſt Du auch,» fragte der Finanzrath lächelnd,«ein geſchriebenes Dokument von Graf Altenberg aufzuweiſen?? &O, das iſt eine ganz andere Sache,» erwiederte Mrß. Falkoner ebenfalls lächelnd. — Man muß nicht in allen Fällen dieſelben Mittel anwenden. Und wer nur bei einer Gelegenheit beweiſende Briefe aufzeigen kann, dem glaubt man bei der nächſten auf's Wort. Auch darf es kein Gebrauch werden. Ich würde es nicht immer thun, und gewiß nie bei einem Mann von des Grafen Rang und Anſprüchen, der wohl erwarten kann, mit größerer Achtung behandelt zu werden, als 4 — 182— dieſer mit ſeinem ärmlichen Antrag.— Ich zeigte Dir denſelben jetzt nur in der Abſicht, Dich zu überzeugen, daß Georgine noch nicht um Anbeter verlegen iſt.— Und nun, mein Beſter, muß ich Dich inkommodiren.— Die fremden Sänger ſind unverſchämt theuer;— aber zum Concert müſſen wir ſie doch haben, und ſie gehen von ihrem feſtgeſetzten Preiſe nicht ab. Du wirſt ſo gut ſeyn, dieſe Note zu unterzeichnen, für unſer letztes Concert.* «Noch ein Mal habe ich ſie unterſchrie⸗ ben,» rief der Finanzrath aufgebracht;«aber Madam, es iſt das Lette Mal, auf meine Ehre!»— „ Wie ſoll ich es denn machen?— Alle Welt iſt zu unſerm Concert nächſte Woche eingeladen. 2 «Mache es wie andere Leute,» erwie⸗ derte der Finanzrath.— Die Künſtler mögen ein Concert in unſerm Hauſe geben; aber anſtatt ſie zu bezahlen, theilſt Du ihre Ein⸗ 4 — 183— nahme, und ſo haſt Du die beſte Geſellſchaft im Kauf.»— « Ich weiß wohl, daß es ſo gemacht wor⸗ den iſt,y ſagte Mrß. Falkoner, und ſogar von Perſonen hohen Ranges; aber Lady Jane Granville würde es nie thun, und wäre ſie in noch größerer Geldverlegenheit, als wir jetzt; und ich weiß noch Shlas Andere, die es nicht thäten.» Du aber mußt es thun, oder alle Con⸗ certe aufgeben,» ſagte der Finanzrath, das Zimmer verlaſſend.“ Alle Concerte aufzugeben, war ganz un⸗ möglich, beſonders da Pariſer⸗Cley ein gro⸗ ßer Muſikliebhaber war, oder zu ſeyn vor⸗ gab, und nie bei den muſikaliſchen Parthieen fehlte.— Das nächſte Concert gab ein be⸗ rühmter Virtuos in Mrß. Falkoners Hauſe, und ſie theilte die Einnahme mit dem Künſt⸗ ler.— Zu ſolcher Gemeinheit können die Sklaven der Mode herabſinken! 8 In dieſem Concert trat eine ſehr ſchöne italieniſche Sängerin auf, die von allen an⸗ weſenden Herren, und beſonders von Pari⸗ ſer Cley, der ſich trotz ſeines Mangels an Gehör und Geſchmack zum Muſikkenner auf⸗ geworfen hatte, ſehr bewundert wurde. Er trat als Beſchützer der jungen Künſtlerin her⸗ vor, ſprach mit Entzücken von ihr, und ſuchte ſeine vornehmen Bekannten für ſie zu inter⸗ eſſiren. Ihre Stimme und Schönheit bedurf⸗ ten indeß Pariſer Cley's Protektion nicht— ſie kam, ſang und ſiegte. Jedermann bewarb ſich um die Ehre, ſie in ſeinem Hauſe ſingen zu hören, beſonders da ſie die Bühne noch nicht betreten hatte. Sie ſah ſich von An⸗ betern umringt, unter denen auch Vornehme und Reiche, ein alter Graf und ein junger Baronet waren. Der allgemeine Beifall und die Mitbewerber vermehrten Cley's Eifer; was anfangs Affektation war, wurde endlich — 185— wirklicher Enthuſiasmus. Er beſchloß, ſie allen Nebenbuhlern abzugewinnen. Seraphine, die ſchöne Italienerin, be⸗ trachtete Mrß. Falkoner als ihre erſte Beſchü⸗ tzerin, und gab aus Dankbarkeit häufig Con⸗ certe in ihrem Hauſe, über welche Auszeich⸗ nung ſie ſehr ſtolz war. Neuer Glanz ſtrahlte auf ſie und ihre Töchter. Pariſer Cley ſtand immer bewundernd neben Miß Georginen, oder Seraphinen und zollte ihnen ſeinen Bei⸗ fall mit dem Entzücken des Kenners. Mrß. Falkoner ſah, daß die Eiferſucht auf den al⸗ ten Grafen und den jungen Baronet Cley's Vorliebe für Seraphinen zur Leidenſchaft ſtei⸗ gerte; aber ſie wußte auch, wie ſolche Lie⸗ beshändel mit Sängerinnen zu endigen pfleg⸗ ten, und beunruhigte ſich deshalb nicht. Die höchſten Wetten wurden über die drei Can⸗ didaten in der vornehmen Welt angeſtellt. Mrß. Falkoner zweifelte nicht, daß der alte Graf den Sieg davon tragen würde, da er — 186— außerordentlich reich, und zu jedem Vertrag bereit war. Auch wäre dieſe Prophezeihung ſicher eingetroffen, wenn nicht Pariſer Cley, gedrängt durch die drohende Gefahr, ſeine Dame zu verlieren, und geſchmeichelt durch Seraphinens Mutter(in ihrer Art eben ſo ſchlau und welterfahren wie Mrß. Falkoner) ſich hätte zu einem Antrag verleiten laſſen, der allein im Stande war, des alten Grafen Geld, und des Baronets Jugend zu über⸗ wiegen— er erbot ſich zur Heirath, und acht Tage darauf war Seraphine Mrß. Pari⸗ ſer Cley. Der Finanzrath unterließ nicht, ſeine theure Gemahlin bei dieſer Gelegenheit mit neuen Vorwürfen zu überhäufen. & Das iſt nun bereits der zweite Schwie⸗ gerſohn, der Dir entging!“— Mrß. Falkoners Genie zeigte ſich nie grö⸗ ßer, als wenn Andere verzagten. Es iſt nicht zu läugnen, daß die erſte Nachricht V —— —ᷣP — — 187— dieſer Heirath ſie in große Beſtürzung ver⸗ ſetzte; aber durch eine geſchickte Wendung wußte ſie jetzt die Niederlage in Sieg zu ver⸗ wandeln.. «Ich bitte ſehr um Verzeihung! Pariſe Cley war nur anſcheinend mein Augenmerk, und wäre mir als Schwiegerſohn nicht ange⸗ nehm geweſen: denn ſo ſorgfältig er es auch zu verbergen ſuchte, weiß ich doch, daß er über und über in Schulden ſteckt. Der Schwiegerſohn, auf den ich mein Augenmerk richtete, entging mir noch nicht. Der ältere Bruder, Londner Cley— Cley von Cley⸗ Hall wird eine beſſere Parthie für Georgine ſeyn, und Lady Trant, ſeine Tante, hatte den Auftrag mir geſtern Abend den Antrag in aller Form zu machen. Jetzt brauchſt Du keine Sorge mehr für die Verheirathung Dei⸗ ner Tochter zu tragen, und wirſt mir hof⸗ fentlich zugeſtehen, daß ich immer wußte, was ich wollte.— Gebieterin von Cley⸗Hall, mit — 188— einer jäͤhrlichen Einnahme von 7000 Pfund; ich ſollte meinen, es wäre dieß eine ganz ar⸗ tige Verſorgung für ein Mädchen, die gar nichts beſitzt!y— Im erſten Entzücken über dieſe unerwar⸗ tete Ausſicht geſtand der Finanzrath ſeiner Frau willig den Triumph über ihn zu. Nun bedenke nur,» fuhr ſie fort,«wenn ich die Heirath mit Petcalf ſo übereilt abge⸗ ſchloſſen hätte! Es giebt Menſchen, die den Unterſchied zwiſchen einem Schuh und einem Schuhanzieher nicht zu finden wiſſen; doch ich gehöre Gottlob! nicht zu dieſen Thoren!— Den armen Petcalf will ich ſchon entſchädi⸗ gen, das heißt, ich gedenke ihn, im Fall es Schwierigkeiten von Seiten Sir Robert Per⸗ cy's geben ſollte, für Arabellen zu behalten. Armer Petcalf!» fügte ſie lächelnd hinzu, cich meine es wirklich gut mit dieſem ſtets un⸗ zerthänigen Diener; vielleicht wird ihm doch noch einmal das Glück zu Theil, der Lebens⸗ 1 — — 189— gefährte einer meiner Töchter zu werden— wenn auch nicht Georginens. Er muß es mir wahrlich hoch anrechnen, daß ich in dieſem Augenblick an ihn denke. Doch jetzt auch gleich fort zu Georginen, um mit ihr die Hochzeitskleider, Juwelen und Equipagen zu beſprechen. Cley von Cley⸗Hall muß Alles auf's Beſte und Schönſte haben. Glückliches, glückliches Mädchen!— Glücklicher, gluͤcklicher Vater! der ſie los geworden,» rief der Finanzrath. Das iſt mein Werk, einzig und allein mein Werk! y ſagte Mrß. Falkoner. « Und wie brachteſt Du es zu Stande?» fragte ihr Gemahl. Mrß. Falkoner kehrte zurück, und berich⸗ tete im ſtolzen Gefuͤhl gelungener Intriguen alles— d. h. alles, was er zu wiſſen brauchte. Lady Trant war Herrn Cley's nahe Ver⸗ wandte, und Mrß. Falkoners intime Freun⸗ din. Wodurch ſie dieſe ſoweit für den .— 190— Heirathsplan gewonnen hatte, fand ſie nicht nöthig zu ſagen; auch ſiel es dem Finanzrath nicht ein, darnach zu fragen. Es giebt Au⸗ genblicke, wo die ſelbſtſüchtigſten Menſchen ſich durch den Glauben täuſchen laſſen, daß Andere aus edlen Abſichten handeln; und die⸗ ſelben Grundſätze, die ſie in jedem andern Falle fuͤr unfehlbar halten, glauben Sie als Ausnahme bei dem eigenen annehmen zu kön⸗ nen. So zweifelte auch jetzt der Finanzrath, froh ſeiner Welt⸗ und Menſchenkenntniß, nicht an Lady Trants uneigennützige Freundſchaft. Nachdem dieſer unglaubliche Punkt ohne wei⸗ tere Fragen angenommen worden war, konnte Mrß. Falkoner alles Uebrige ſehr befriedi⸗ gend erklären. Sie ſah in Lady Trant eine Freundin, der ſie ganz vertrauen konnte, und öffnete ihr deshalb ihr Herz. Auf Mrß. Falkoners Anrathen hatte Lady Trant den glucklichen Moment, als Londner Cley, in Wuth über ſeines Bruders unpaſſende Hei⸗ — 191— rath entbrannt war, benutzt, ihr Bedauern, daß das ſchöne Cley⸗Hall an die Kinder einer italieniſchen Sängerin kommen ſollte, zu äu⸗ ßern. Londner Cley tobte bei dieſer Vorſtel⸗ lung, und ſchwur, lieber ſelbſt zu heirathen, ſo verhaßt ihm auch der Gedanke an Frau und Kinder ſey, als ſeinem Bruder und deſ⸗ ſen Erben die Ausſicht auf Cley⸗Hall zu laſſen. Lady Trant nannte ſeinen Zorn einen gerechten Zorn, und trieb ihn zur ſchleunigen Ausführung des heldenmüthigen Entſchluſſes an. Dazu war er indeſſen nicht ſo leicht zu be⸗ wegen.— Die Weiber wären heut zu Tage ſo verdammt verſchwenderiſch, daß das größte Vermögen kaum hinreichte, eine Frau und Pferde im vornehmen Styl zu erhalten, ſagte er; und eine Frau zu nehmen, die nicht zu der übrigen Einrichtung paßte, dazu bin ich nicht der Mann.* Lady Trant erwiederte, adaß er natür⸗ lich eine Frau nach der neueſten Mode haben — 192— müßte, daß eine ſolche nur noch fehlte, um Cley⸗Hall vollſtändig zu machen.» «Aber die ſchönſte, vollkommenſte Einrich⸗ tung eines Junggeſellen würde ganz unvoll⸗ kommen für einen verheiratheten Mann ſeyn, und alles verändert werden müſſen.* «Allerdings; aber ein alter Junggeſell zu heißen, und hinter ſeinen Rücken ſagen zu hören— ger wird niemals heirathen und ſeine Güter und ſein ganzes ſchönes Vermö⸗ gen fallen einſt an ſeinen Bruder, oder an der Saͤngerin Kinder.» Es giebt Menſchen, die es ermüdet, die⸗ ſelben Ideen und Worte oft wiederholt zu hören; doch nicht ſo Londner Cley. Im Ge⸗ gentheil war ihm Wiederholung nöthig; erſt⸗ lich um ihm Zeit zu laſſen, eine neue Idee zu begreifen, und dann um ihn zu überzeu⸗ gen, ohne daß er ſich mit der Mühe des Nachdenkens zu befaſſen brauchte.— Nach⸗ dem er alſo Lady Trants Wiederholungen — 193— einige Zeit angehört hatte, ſtimmte er ihr bei, und verſicherte, adaß alles verdammt wahr ſey. Demohngeachtet bleibe es aber immer eine verflucht gefährliche Sache, ſich mit den Weibern einzulaſſen, und beſonders mit dieſen modiſchen jungen Damen.» Lady Trant, mit Repliken von Mrß. Fal⸗ koner reichlich verſehen, erwiederte hierauf, daß ein Mann wie Herr Cley von Cley⸗ Hall, Beſitzer eines ſo bedeutenden Vermö⸗ gens, auf jedes Mädchen Anſpruch machen könnte, und wenn gleich Familienverbindun⸗ gen, und ein hoher Stand in der vornehmen Geſellſchaft unumgängliche Erforderniſſe bei ſeiner Wahl wären, ſo brauchte er doch auf Geld keine Rückſicht zu nehmen— ſich nicht ſelbſt zu verkaufen, wie es unbemittelte Män⸗ ner oft thun müßten, um alte Schulden mit dem Vermögen der jungen Frau zu bezahlen. Nein,» ſagte Lady Trant, gich bin feſt über⸗ zeugt, daß mein Verwandter und Freund, III. 13 — 194— Herr Cley von Cley⸗Hall, nie um eine Frau handeln wird; und wo kein Handel Statt findet, fällt auch die Furcht betrogen zu wer⸗ den, weg.» Londner Eley hatte die Sache vorher noch nie aus einem ſolchen Geſichtspunkt betrach⸗ tet, und bekannte nun, adaß ihm dieſe An⸗ ſicht ſehr nobel erſcheine. Sein Stolz(und er beſaß deſſen nicht wenig) beſtätigte ihm das Recht, nach eigenem Geſchmack und ohne Rückſicht zu waͤhlen. Wer durfte ihn des⸗ halb tadeln? Sein Vermögen gehörte ihm allein, und es ſtand ihm frei, ein ganz ar⸗ mes Maͤdchen zu heirathen, wenn er Gefal⸗ len daran fände. Lady hegte und pflegte dieſe Idee, und er ſing nun an, einige junge Damen ſeiner Bekanntſchaft herzuzählen. Die Eine würde ſich gut in einem Carriele*) aus⸗ nehmen; eine Andere die Honneurs in ſeinem *) Ein offner, zweiraͤdriger Wagen. ———O—ꝭ—C—C—C—C—C—C—C—C—L—L—Q—Q—Q—CQC—O—⸗—— — 498— Hauſe mit vielem Anſtand machen; eine Dritte tanzte ſchön, und würde ihm auf dem Ball Ehre machen; noch eine Andere eine liebens⸗ würdige Krankenwärterin abgeben, wenn er das Podagra hätte. Aber Lady Trant fand an jeder etwas zu tadeln, und ſchlug endlich Miß Georgine Falkoner vor. «Aber ſie war ſeinem Bruder beſtimmt geweſen!» Keineswegs.»— Lady Trant wußte aus ſicherer Quelle, daß weder Mutter noch Toch⸗ ter jemals auf ihn reflektirt hatten, obgleich es vielleicht den Anſchein gehabt, um ihre eigentlichen Abſichten zu verbergen. Miß Georgine hatte in der letzten Zeit manchen Mann ausgeſchlagen, man nannte ſogar den Grafen Altenberg; und es ließ ſich vermu⸗ then, daß ſie, von Anbetern umringt, nicht leicht zu gewinnen ſeyn würde. Aber keine eignete ſich auch beſſer dazu, dem Geſchmack eines Mannes von Welt Ehre zu machen. 13* — 196— Sie beſaß alle Eigenſchaften, welche Cley als erforderlich genannt hatte. Sie würde ſich in einem Carricle gut ausnehmen, die Hon⸗ neurs ſeines Hauſes mit vielem Anſtand ma⸗ chen— ſie ſang und tanzte göttlich— und Lady Trant wiederholte nochmals, daß ſie nie daran gedacht hätte, ſeinen Bruder zu heirathen. Dieſer Umſtand ſchien Eindruck zu ma⸗ chen, und er verſicherte, wenn ihm nicht vor den verdammten Vorbereitungen bangte, wollte er ſich allenfalls ſchon morgen kopuli⸗ ren laſſen. Aber den Antrag zu machen und lange Bräutigam zu ſeyn, dieß wären ſo be⸗ ſchwerliche Geſchäfte, wozu er ſich unmöglich entſchließen könnte. Lady Trant erbot ſich freundſchaftlichſt⸗ ihm das Erſte abzunehmen, mit Mrß. Fal⸗ koner zu ſprechen, und dafür zu ſorgen, daß die Heirath ohne die geringſte Unbequemlich⸗ keit und möglichſt ſchnell zu Stande käme. — 197— Nach dieſer Verſicherung ertheilte Londner Cley ſeiner Tante die Vollmacht, den An⸗ trag zu machen, welcher Mrß. Falkoner und Georginen mit ſolcher Freude, und ſolchem Triumph erfullte. Aber Freude und Triumph waren nicht von langer Dauer. In dieſer Familie, wo kein Glied die Pläne des Andern kannte; wo Jedes ſein Intereſſe verfolgte, ſeine eigene Eitelkeit befriedigte, traf es ſich oft, daß Einer dem Andern entgegenarbeitete, und kei⸗ ner ſeine Abſichten aufgeben wollte. Im ge⸗ genwärtigen Fall war es, durch eine ſonder⸗ bare Verkettung der Umſtände, Buckhurſt Falkoner, der ehemalige Liebling ſeiner Mut⸗ ter, deſſen Pläne jetzt die ihrigen durchkreuz⸗ ten, und der, wenn er bei ſeinem Vorhaben beharrte, die Heirath ſeiner Schweſter Geor⸗ gine nothwendig rückgängig machte. Es wird nöthig ſeyn, einige Schritte zurückzugehen, um dem Gang ſeiner Geſchichte folgen zu — 198— können. Nachdem ihm ſeine Mutter durch die Einführung in vornehme Cirkel, und durch frühe Gewöhnung an ein müßiges, aus⸗ ſchweifendes Leben, das Studium der Rechte verleidet hatte; nachdem ihn ſein Vater durch Falſchheit und Tyrannei zur Erwählung des geiſtlichen Standes gezwungen hatte, war der nächſte Schritt zu ſeinem ſichern Verderben, ihn als Feldprediger mit einem verworfenen Menſchen zu einem, wegen hohen Spiels be⸗ rüchtigten Regiment, zu ſchicken. Er hatte eine hohe Idee von dem geiſtlichen Stand; aber ſeine ehemaligen Gewohnheiten und jetzi⸗ gen Pflichten ſtanden in ſtetem Widerſpruch mit einander. Seine Lage erforderte viel Muth und Feſtigkeit, um den mannichfachen Verſuchungen zu widerſtehen; und ſelbſt der feſte Entſchluß, ſeine Lebensweiſe zu ändern und ein würdiger Geiſtlicher zu werden, hätte hier wenig gefruchtet, da ſeine Gefährten und ſein Patron ihn dann als einen langweiligen „ — 199— Tadler gemieden haben würden, ſtatt ihn zu ehren. Nicht geneigt, die Freuden der Ta⸗ fel und des luſtigen Lebens aufzugeben, und unfähig, das Märtyrerthum des Lächerlichen zu ertragen, entſagte Buckhurſt bald allen beſſern Grundſätzen, denen er nicht länger anhängen konnte. Was er ſonſt für Recht erkannt hatte, verſpottete er jetzt laut. Bei allen Gelegenheiten zeigte er durch Wort und That, daß er mehr wagte, als Andere.— Augenblicklicher Mangel an Geld und Credit hätte ihn vielleicht in ſeinem ausſchweifenden Lauf gehemmt; aber unglücklicher Weiſe er⸗ hielt er ſehr bald eine Pfründe als Beloh⸗ nung, weil er den Biſchof Cley vom Tod des Erſtickens errettet hatte; und dieſe, auf eine ſo leichte Art verdiente Beförderung, ſetzte ihn in den Stand, ſeine Lebensweiſe fortzuſetzen. Doch ſo häufig er ſich auch von ſeinen ſchlechten Geſellſchaftern mit fortreißen ließ; ſo ſehr er auch im Allgemeinen von ſei⸗ — 200— nes Vaters, ihm frühzeitig beigebrachter Mei⸗ nung, daß das Verdienſt ganz unnöthig ſey⸗ um in der Welt fortzukommen, überzeugt war, traten doch Augenblicke ein, in denen er ſchmerzlich fühlte, die allgemeine Achtung verlohren zu haben. Bald darauf, als er ſich auf einige Zeit von Oberſt Hauton und deſſen Geſellſchaft getrennt hatte, um ſeine Pfründe in Beſitz zu nehmen, machte er noch⸗ mals einen ſchwachen Verſuch, ſich aus die⸗ ſen nichtswürdigen Banden zu befreien. Sich als Kanzelredner auszuzeichnen war ſein höch⸗ ſtes Beſtreben; doch ſchämte er ſich, den Ge⸗ noſſen die beſſern Motive zu geſtehen; des⸗ halb gab er vor, nur wegen eitlen Ruhms, und einer Dechantenſtelle zu predigen. Sein Talent verhalf ihm bald zum Ruhm; er be⸗ kam die Erlaubniß, in einer der beſuchteſten Kirchen in London zu predigen, und fand vie⸗ len Beifall. Seine theatraliſchen Manieren vermehrten den Effekt, den ſeine Beredſam⸗ — 201— keit auf eine gewiſſe Klaſſe von Zuhörern machte; aber der ruhigere und vernünftigere Theil der Verſammlung fand keinen Geſchmack an dieſem deklamatoriſchen Styl, der mehr darauf berechnet ſchien, dem Prediger Bewun⸗ derung zu verſchaffen, als Gott zu ehren. Doch nur allzubald wurde die Aufführung des berühmten Redners bekannt; es entſtand ein lautes Gemurmel, und Buckhurſt ſah ſich, um Nachforſchungen wegen ſeines unordent⸗ lichen Lebenswandels zu entgehen, genöthigt, einem andern Prediger von geringerem Ta⸗ lent, aber ſittlicherem Lebenswandel das Feld zu räumen. Dem Finanzrath war es lieb, die Er⸗ wartungen ſeines Sohnes auf dieſe Weiſe getäuſcht zu ſehen, indem er glaubte, daß er ſich nun wieder mehr um ſeinen erſten Gön⸗ ner, Oberſt Hauton, bemühen würde; und die Pfründe von Chipping⸗Friars war aller⸗ dings ein würdigerer Gegenſtand der Bemü⸗ hung, als der vergängliche Beifall eines öffent⸗ lichen Predigers. Buckhurſt, der jeden Ver⸗ ſuch, ſich ohne Anſtrengung und Verläugnung ſeiner, zur Gewohnheit gewordenen Lebens⸗ weiſe, literäriſchen Ruhm zu erwerben, miß⸗ lungen ſah, ſank nun von Stufe zu Stufe, und endlich zum gemeinen Witzling, und all⸗ gemeinen Spaßmacher herab. Oberſt Hauton und ſeine Gefährten hat⸗ ten keinen Sinn und Geſchmack für ächten Witz; gemeine Laune und kurzweilige Ge⸗ ſchichten ſagten ihnen beſſer zu. Grobe Scherze und Poſſen waren ihre Freude. Buckhurſt hatte ſich früh in allen ſolchen Künſten ver⸗ vollkommnet; theils weil ſie ihm ſelbſt Vergnü⸗ gen machten, theils zur Unterhaltung Ande⸗ rer, hauptſächlich, um ſich in ſeines Gönners Gunſt zu erhalten. Gegen alle vernünftige Erwartung lebte der alte, vom Schlage ge⸗ troffene Vorfahr immer noch fort; manches Jahr war verſtrichen, ſeit Hauton ihm das — 203— Verſprechen darauf gegeben hatte, und der Finanzrath begann zu fürchten, daß die Ver⸗ anlaſſung ihm nicht mehr bindend genug er⸗ ſcheinen möchte. Deshalb war der vorſichtige Vater darauf bedacht, ſeinen Sohn in des Oberſten Nähe zu erhalten, da er ohnehin dafuͤr bekannt war, der Abweſenden niemals zu gedenken. Buckhurſt hielt ihn zwar für ſelbſtſuchtig und einfältig, zweifelte jedoch kei⸗ nen Augenblick an ſeinem gegebenen Wort, beſonders da er häufig erklärte,«nicht ohne Buckhurſt Falkoner leben zu können.» Er fuhr, ritt und wettete mit ihm, und füllte ſeine leeren Augenblicke durch einen Schwank aus. Buckhurſts Gabe, jeden Menſchen täu⸗ ſchend ähnlich nachzumachen, war eine uner⸗ ſchöpfliche Quelle des Vergnügens für den Oberſt. Beſonders gut gelang es ihm, Lond⸗ ner und Pariſer Cley zu copiren; er ahmte den affektirten Ton, die fremden Sitten und die geſchwätzige Eitelkeit Pariſer Cley's, ſo⸗ — 204— wie das langſame, finſtere Zuruͤckziehen, das hochmüthige Schweigen und die feierliche Wich⸗ tigkeit Londner Cley's gleich gut nach. Er copirte nicht allein ihre Manieren, Bewe⸗ gungen und Stimmen, ſondern hielt auch ganze Monologe in ihrem Geiſt, und ging in ihre Denkungsart ein. Es vergingen ſel⸗ ten acht Tage, wo er nicht die Gebrüder Cley auf dieſe Weiſe dem Oberſten vorge⸗ führt hätte. Die hundertſte Vorſtellung ent⸗ zuckte ihn, wie die erſte, und er unterließ nie ſeine Bewunderung durch ein ſchallendes Gelächter an den Tag zu legen. Eines Abends als Buckhurſt, gleich nach⸗ dem Hauton hinausgegangen war, die Tiſch⸗ geſellſchaft durch die Nachahmung ſeines La⸗ chens, ſeiner näſelnden Sprache und ſeiner einfältigen Bemerkungen zum Gelächter ge⸗ bracht, trat der verſpottete Gönner, den er weit entfernt glaubte, zu ſeiner Beſtürzung hinter einem Schirm vor, und ſetzte ſich dem — 205— Spasmacher gegenüber. Banko's Geiſt häͤtte dem Schuldigen nicht ſchrecklicher erſcheinen können! Buckhurſt wurde todtenblaß; und eine plötzliche Stille trat ein. Bald erlangte er jedoch ſeine Geiſtesgegenwart wieder, und tröſtete ſich damit, daß der Oberſt zu ein⸗ fältig ſey, um ſich ſelbſt erkannt zu haben. In dieſer Vorausſetzung ſuchte er das Ge⸗ ſchehene für eine Nachahmung des Oberſten Hallerton auszugeben; ſeine Gefährten unter⸗ ſtützten das Narrenſpiel, und das Lachen be⸗ gann von Neuem. Hauton füllte ſchweigend ſein Glas; nach einer kleinen Pauſe ſtimmte er, oder that, als ob er in das Gelächter mit⸗ einſtimmte, und verließ die Geſellſchaft, ohne daß Buckhurſt ergründen konnte, ob er ihn getäuſcht hatte oder nicht. Als er wirklich fort war, denn dieſes Mal ſah Buckhurſt nicht allein erſt ſorgfältig hinter den verrätheriſchen Schirm, ſondern verſchloß auch die Thüre des Vorzimmers, begann eine Unterſuchung der Frage: angeführt oder nicht angeführt! Man ſuchte ihn zu überreden, daß der Oberſt nichts gemerkt hätte, und Herr Sloak, ein Feld⸗ prediger, ſagte ihm viel Schönes uͤber ſeine Gewandtheit. Etwas Heuchleriſches im Ton der Stimme, und ein unwillkührliches Nieder⸗ ſchlagen der Augen, erweckten in Buckhurſt's Gemüth zwar einigen Verdacht. Aber den an⸗ dern Tag zeigte ſich Hauton in ſeiner ge⸗ wöhnlichen Laune, ritt, fuhr und ſcherzte mit Buckhurſt wie vorher, und die ganze Sache war von ſeiner Seite bald vergeſſen. Einen Monat ſpäter ſtarb der Pfarrer von Chipping⸗ Friars wirklich. Der Finanzrath ſchickte ſei⸗ nem Sohn einen Expreſſen mit der freudigen Bothſchaft vor das Bette. Buckhurſt ſandte den Boten an den Oberſt Hauton in die Ca⸗ ſernen, und ehe er ſich noch angekleidet hatte, brachte ihm des Oberſten Kammerdiener eine Einladung zum Mittagseſſen, und meldete — 207— dabei, daß ſein Herr den ganzen Morgen mit Regimentsſachen beſchäftigt ſey.» & Buckhurſt's Freunde und Bekannte um⸗ ringten ihn Glück wünſchend, und bis der Mittag herankam, hatte er im Geiſte ſchon über die Einnahme der erſten zwei Jahre disponirt, und ſah nach einem Untergeiſtli⸗ chen ſich um, dem er die Dienſtgeſchäfte üͤber⸗ tragen könne. Die Geſellſchaft war verſam⸗ melt, der Oberſt ſchien ungewöhnlich guter Laune, Buckhurſt fröhlich und triumphirend. Von der Pfründe wurde nicht geſprochen; aber man nahm die Sache für gewiß an. Da rief Hauton plötzlich:«Ihr Herren, füͤllt Eure Gläſer und trinkt auf das Wohl des neuen Pfarrers von Chipping⸗Friars!* Alle Gläſer füllten ſich, nur Buckhurſt machte keine Bewegung dazu, weil er ſeine eigene Geſundheit nicht mittrinken konnte. Herr Sloak, ich habe die Ehre, Ihre Geſundheit zu trinken! Herr Sloak, Pfarrer — 2098— von Chipping⸗Friars!» rief der Gönner, ſeine Stimme erhebend. Buckhurſt,» fügte er mit boshaftem Lächeln hinzu, swillſt Du Dein Glas nicht füllen?„ Oberſt Hauton, iſt dieß Spaß? & Spaß! bei Gott, nein!y erwiederte der Oberſt,«ich habe Späße und Spaßma⸗ cher genug. 2 « Was ſoll das bedeuten?„ « Es bedeutet,» erwiederte jener kalt/ a daß ich, ſo einfältig Du mich auch glaubſt, oder zu machen ſuchſt, doch nicht thöricht ge⸗ nug bin, einen Poſſenreißer zu begünſtigen, der mich ſelbſt nicht verſchont. Auch liegt mir das Wohl der Kirche zu ſehr am Her⸗ zen, um ihr einen ſchlechten Prediger zu ge⸗ ben.„ Lautes Gelächter folgte dieſen Worten. Buckhurſt ſprang von ſeinem Sitz auf, ſah den Oberſten und Herrn Sloak mit wüthen⸗ — 209— den Blicken an, und konnte keine Worte fin⸗ den, ſeinen Zorn auszudrücken. * Heuchelei! Verrätherei! Undankbarkeit! Feigheit!» ſo brach er endlich los.—«Wenn mein Rock Euch nicht ſchützte, ſolltet Ihr nicht wagen— O! daß ich ein Geiſtlicher bin!»— Bei meiner Treue! die rechte Zeit es zu wünſchen,» ſagte der Oberſt;«doch das hätteſt Du beſſer überlegen ſollen, ehe Du den Rock anzogſt.„ Buckhurſt verwünſchte ſich ſelbſt, ſeinen Gönner und vor allem ſeinen Vater, ſchlug ſich vor die Stirn, und ſtürzte aus dem Zim⸗ mer. Ein beleidigendes Gelächter erſcholl hinter ihm her. Buckhurſt hörte es in dum⸗ pfer Verzweiflung. Er rannte, ſo ſchnell er nur konnte, durch den Hof und die Straße, um dieſem Schauplatz und dieſen Menſchen zu entgehen. Endlich fand er ſich auf freiem Felde, den Kopf an einen Baum gelehnt, III. 14 — 2410— mit laut ſchlagendem Herzen— denn er hatte immer noch ein Herz. ˙O Percy! rief er aus— ceinſt hatte ich einen Freund, und verließ ihn wegen die⸗ ſes elenden Menſchen. O, hätte ich ſeinen Rath befolgt! Er kannte mich, kannte mein beſſeres Selbſt! Wie würde er mich be⸗ dauern, wenn er mich jetzt in dieſem Zuſtand ſähe— und auch Du, Caroline, würdeſt mich bedauern— nein! Du würdeſt mich ver⸗ achten, wie ich mich ſelbſt verachte. Ich ein Geiſtlicher! O Vater, Vater! was haſt Du 4 zu verantworten!“— Zu den Vorwürfen ſeines eigenen Ge⸗ wiſſens geſellte ſich die Furcht vor den Vor⸗ würfen ſeines Vaters. Er gedachte ſeiner Schulden und der Unmöglichkeit, ſie zu be⸗ zahlen; ſein Zuſtand erſchien ihm rettungslos. Von Neuem entbrannte er in Zorn gegen den erwählten Pfarrer von Chipping⸗Friars, und deſſen kalten, boshaften Beſchützer. Den — 241— uͤbrigen Theil des Tages, und die Nacht brachte er in dieſer leidenſchaftlichen Span⸗ nung zu. Wann er die Augen ſchloß, hörte er Hauton's Stimme Sloak's Geſundheit aus⸗ bringen, und zweimal fuhr er im Schlafe auf, und meinte den Pfarrer und Oberſt Hauton zu faſſen. Der Tag brachte ihm kei⸗ nen Troſt. Er wußte, daß ihn augenblickli⸗ cher Arreſt bedrohte, ſobald ſeine Gläubiger die Umſtände erfuhren. Er eilte in die Start zu ſeinem Vater. 5 Wir erſparen dem Leſer eine erſchütternde Scene kindlicher und elterlicher Vorwürfe. Die Hauptfrage: was nun zu machen ſey?»* blieb zu beantworten übrig. Der Vater er⸗ klärte ſeine Unfähigkeit des Sohnes Schulden zu bezahlen, und zeigte ihm den einzigen Weg, dem Elend zu entgehen, nämlich, ſich um die Gunſt eines andern, beſſern Gönners zu be⸗ werben. ˙O Vater! ich habe mein Heil vergebens 14* — 2422— auf dieſem Wege verſucht,» rief Buckhurſt —&nimmermehr verſuche ich es wieder.» «Und was gedenkſt Du denn zu thun? Dein übriges Leben im Gefänani daunbrin⸗ gen?» Buckhurſt ſeufzte tief; nach einer Pauſe ſagte er—&nun wohl! wer la mein neuer Gönner ſeyn? „Dein alter Freund,— Gley.„ a Ich habe keine Anſprüche an ihn zu machen; er hat ſchon viel für mich gethan.* Darum wird er noch mehr thun.» « Meine Schulden aber nicht bezahlen⸗ und das iſt für den Augenblick die Haupt⸗ ſache. Mir kann nur durch eine gute Pfründe geholfen werden, und die beſte, die er zu vergeben hat,(Dr. Leiceſters Dechaney aus⸗ genommen, die, wie Sie wiſſen, ein Geſchenk der Krone iſt) habe ich ſchon. Auch kann der gute alte Dechant wohl noch eben ſo lange leben, als ich,» — 243— * Warte nur, Du unruhiger Geiſt, bis Du meinen Plan ganz gehört haſt— ein Plan, der Deine Schulden bezahlt, und Dich auf einmal von allen Sorgen befreit. Miß Tammy Cley, des Biſchofs Schweſter— Ein alter, häßlicher, wunderlicher, gei⸗ ziger Teufel!» rief Buckhurſt. Reich, unermeßlich reich! Und Dir ſehr gewogen, wie Du weißt.» Buckhurſt verſicherte, adaß ſie in ſeinen Augen ein Gräuel wäre, und daß er lieber im Gefängniß ſterben wollte, als ſich durch eine Heirath von ſeinen Gläubigern los zu kaufen.» Sein Vater, überzeugt, daß er doch am Ende die Nothwendigkeit dieſer Maaßregel einſehen würde, ließ ihn ruhig ausreden, und der Erfolg lehrte, daß er richtig kalkulirt hatte. Die Gläubiger drängten, das Ge⸗ fängniß rückte immer näher— fein Ausweg als Miß Tammy Cley. Er flüchtete ſich auf's — 214— Land zum Biſchof, um den beiden Erſtern zu entgehen, und über das Letzte nachzudenken. Von Seiten der Dame fand er keine Hinder⸗ niſſe, und auch der alte, faſt kindiſch gewor⸗ dene Biſchof, den ſeine Schweſter, eine vor⸗ zügliche Haushälterin, ganz beherrſchte, ward, wenn gleich mit einiger Mühe, dahin gebracht, in die Heirath zu willigen. Doch nicht ſo Miß Tammy's Neffen, Pariſer und Lond⸗ ner Cley. Sie hatten der alten Tante Vermögen ſchon als ihr unbeſtrittenes Eigenthum be⸗ trachtet. Die Möglichkeit, daß ſie ſich noch verheirathen könnte, war, ihrer Meinung nach, ſchon ſeit mehreren Jahren undenkbar, und Buckhurſt Falkoner, der ſie beſtändig zum Gegenſtand ſeines Spottes gemacht hatte, der Letzte unter den jungen Leuten ihrer Be⸗ kanntſchaft, dem ſie ſolche heroiſche Abſichten auf die Tante zugetraut hätten. Pariſer Cley, deſſen eigene unvernünftige Heirath ihn hätte — 245— Schweigen auflegen müſſen, tobte am heftig⸗ ſten und lauteſten gegen die Tante; und Londner Cley, ihres Geldes zwar nicht be⸗ düͤrftig, entbrannte in gerechtem Zorn über die Idee von Falkoners angeführt worden zu ſeyn. b Dieſer unglückliche Umſtand ereignete ſich gerade zu derſelben Zeit, als er Lady Trant beauftragt hatte, für ihn um Miß Georgine zu werben. Tante Tammy hatte verſprochen, ihm 6000 Pfund zu geben, ſobald er ſich zum Heirathen entſchließen würde; er verach⸗ tete ihr Geld, wollte ſich aber von keinem Menſchen um ſeine Rechte betrügen laſſen. Tante Tammy, empfindlich über einige, ihrer Jugend und Schönheit nachtheilige Aeußerun⸗ gen, und von Natur nicht zum Geben ge⸗ neigt, verweigerte die verſprochenen 6000 Pfund. Sie meinte lachend,«in dieſen ſchwe⸗ ren Zeiten, und in dem Augenblick, wo ſte im Begriff ſtände, einen verſchwendriſchen 4 — 216— Mann zu heirathen, würde das Ihrige kaum zur eigenen Einrichtung hinreichen. Buckhurſt hätte die verlangte Summe gern aufgegeben, aber Londner Cley wollte ſie ſeiner Fürſprache nicht zu verdanken haben. Dieſer Stolz be⸗ leidigte den Bräutigam; es kam zu hefti⸗ gen Worten und Erklärungen.— Londner Cley begab ſich zu Lady Trant, warf ihr vor, ſeinen erſten Auftrag zu ſchnell ausgerichtet zu haben, und ertheilte ihr hierauf einen zweiten, bei welchem er eben ſo wenig zu ſäumen bat. Sie ſollte Mrß. Falkoner be⸗ nachrichtigen, daß eine doppelte Verbindung mit ihrer Familie mehr ſey, als er je ge⸗ wünſcht habe; und daß entweder ihres Soh⸗ nes Buckhurſts Heirath mit ſeiner Tante Tammy, oder ſeine eigene mit Miß Geor⸗ gine aufgegeben werden müſſe. Er könne den Gedanken nicht ertragen, ſeine Tante in ih⸗ ren Jahren lächerlich gemacht zu ſehen, und wolle ſich nicht mit einer Familie verbinden, — 247— die hülfreiche Hand geleiſtet habe, eine alte Perſon anzufuͤhren. Die Einkleidung dieſes Auftrags überließ er Lady Trant, doch ohne deſſen Inhalt zu verändern. Nach dieſem, von Lady Trant natürlich mit möglichſter Zartheit verkündeten Entſchluß, wandten ſich Mrß. Falkoner und Georgine ſchriftlich an Buckhurſt, und dran⸗ gen in ihn, ſeine vorhabende Heirath aufzu⸗ geben, da es, wie ſie nachdrücklich vorſtell⸗ ten, noch mehr alte reiche Jungfern gäbe, de⸗ ren Vermögen ihm aus der Noth retten könnte. Buckhurſt antwortete— Meine liebe Mutter und Schweſter! Ich wurde geſtern copulirt, und fuͤhle mich heute ſo unglücklich, wie Ihr es nim⸗ mermehr ſeyn könnt. Euer Buckhurſt Falkoner.» P. S.—«Es giebt noch genug andere junge Männer mit eben ſo großem Vermö⸗ gen, wie Londner Cley.— — 218— Brief und Nachſchrift verſetzten Mrß. Fal⸗ koner und Georginen in eine unbeſchreibliche Wuth. Londner Cley hinterließ eine Karte mit p. p. c. an Mrß. Falkoners Thür⸗ und fuhr 1 nach Cley⸗Hall. Georgine würde ſich vhne den Beiſtand der klugen Mutter durch laute Ausbrüche ver⸗ rathen haben; doch dieſe behielt, trotz aller fehlgeſchlagenen Pläne, Geiſtesgegenwart ge⸗ nug, um an die Zukunft zu denken. Sie bat Lady Trant zu ſchweigen, und wandte die größte Vorſicht an, den Vorfall zu ver⸗ heimlichen. Dann beſchloß ſie, ſobald ſich ihre Tochter über den Verluſt von Cley⸗Hall getröſtet haben würde, die Heirath mit Pet⸗ calf augenblicklich zu vollziehen, und Georgi⸗ nen in Aſia Minor zu etabliren. So lange Georgine nicht verheirathet iſt,» ſagte ſie zu ſich ſelbſt,«habe ich die Vorwürfe ihres Vaters zu ertragen, und — 219— wird es bekannt, daß Londner Cley die Sache rückgangig machte, ſind wir verlohren. Denn wer wird ein Mädchen nehmen, dem ein Mann den Handel aufſagte, und wäre es auch noch ſo ſchön und noch ſo ſehr in der Mode! Drum iſt es das Beſte, ſie auf der Stelle mit Petcalf zu verheirathen. So ſey es! Dann ſind die Hochzeitskleider auch nicht umſonſt angeſchafft.“— Georginens Sinn von Cley⸗Hall auf Aſia Minor herabzuſtimmen, war allerdings ein ſehr ſchwieriges Geſchäft, und Mrß. Falkoner er⸗ klärte in der Verzweiflung ihres Herzens, s·daß keine Mutter undankbarere Kinder hätte wie ſie.* In dieſer vminöſen Zeit ſah ſich Buck⸗ hurſt genöthigt, wegen Auseinanderſetzung mit ſeinen Gläubigern in die Stadt zu kom⸗ men; es war das erſte Mal nach ſeiner Ver⸗ heirathung. Die junge Frau beſtand darauf, ihn zu begleiten, und wählte dieſen unglück⸗ — 220— lichen Zeitpunkt, ſich der Familie ihres Man⸗ nes vorſtellen zu laſſen. Mrß. Buckhurſt Fal⸗ koner! Welch eine Vorſtellung! Welch ein Empfang! Die Mutter kalt und höflich aus Politik— die Schweſtern 3 Doch genug. Wir wenden uns von die⸗ ſer peinlichen Scene hinweg, und verlaſſen einſtweilen die Falkoner'ſche Familie uneinig mit ſich ſelbſt, und mit Andern. 8 Ein und dreißigſtes Kapitel. Alfred Percy an ſeinen Vater. Lieber Vater! Ich ſchicke Ihnen beifolgend zwei Flugſchrif⸗ ten über die letzten Veränderungen im Mi⸗ niſterium, die eine von einem Freund, die andere von einem Feind Lord Oldboroughs. — 221— Ich wuͤrde Temple unbedingt für den Ver⸗ faſſer der Erſten halten, wenn er Zeit zu ſol⸗ chen Arbeiten hätte, und die Schrift einige Winke von dem, was ſich hinter der Scene zuträgt, enthielte. Alle Zeitungsſchreiber und Verfaſſer von Flugſchriften thun jetzt, als wenn ſie alles genau wüßten; Einige ſind überzeugt, daß ſich das Miniſterium über dieſe Frage, Andere daß es ſich über jene geſpaltet habe. Lange Reden und beleidi⸗ gende Ausfälle erfolgen wie gewöhnlich von beiden Seiten; aber weiſe Leute, zu welcher Klaſſe ich mich ſelbſt rechne, vermuthen, adaß unſer Wiſſen darin beſteht, daß wir nichts wiſſen.“ Daß es im Cabinet einige Privat⸗ intriguen giebt, die noch nicht laut geworden ſind, ſchließe ich aus Temple's Zurückhaltung, ſobald ich dieſen Gegenſtand berühre. Heute Morgen, als ich ihn bat, dieſe Flugſchriften einzuſiegeln, ſagte er lachend: adas heißt Kohlen nach Newcaſtle ſchicken. Was er =— 222— damit meinte, weigerte er ſich zu ſagen, und ſuchte es durch die Bemerkung zu erklären, daß kluge Menſchen aus der Ferne oft beſſer beurtheilen könnten, was ſich in der politi⸗ ſchen Welt zutrüge, als ſolche, die dem Schau⸗ platz der Handlung nahe ſtänden, und alle widerſprechenden Gerüchte des Tages mit an⸗ hörten. Ich ſetzte ihm mit Fragen und Un⸗ terſuchungen eine Viertelſtunde lang ſo ge⸗ ſchickt zu, daß ich es jetzt noch bedauere, die⸗ ſes Verhör außerhalb des Gerichtshofes an⸗ geſtellt zu haben; aber es war nichts aus ihm herauszubringen. Sollten Sie, lieber Va⸗ ter, wirklich über alles dieſes im Reinen ſeyn? Lord Oldborough ſagte mir vor einigen Tagen mit bedeutendem Ton, und wie mir jetzt erſt wieder einfällt, den fragenden Blick ſtarr auf mich geheftet, daß er Ihrer nicht allein mit Achtung und Vertrauen, ſondern auch mit einem dankbaren Gefühl gedächte, und Ihre Freundſchaft nie vergeſſen würde.* — 223— Ich nahm dieſe Aeußerungen damals für einen allgemeinen Beweis ſeiner Zufrieden⸗ heit; nun aber fällt mir der Blick wieder ein, und der Ton, und ich ſetze es zuſammen mit Temple's Kohlen nach Newcaſtle.— Doch wenn es ein Geheimniß iſt, will ich nicht weiter in Sie dringen; und wenn es keins iſt, werden Sie es mir ſagen. Drum kehre ich zu meinen eigenen Geſchäften zurück. Geſtern überraſchte mich der Beſuch eines Direktors der oſtindiſchen Compagnie. Es ergab ſich, daß ich ihm von Lord Oldborough bei einem wichtigen Fall vorgeſchlagen wor⸗ den war, eine bedeutende Summe Geldes be⸗ treffend, wegen welcher er ſchon lange vor Gericht war. Der Himmel verleihe mir hin⸗ reichende Vernunft, oder Unvernunft, alle jene kleinen Punkte ausfindig zu machen, deren es bedarf, um einen Proceß zu verhü⸗ ten. Schon drei purden über dieſe Sache gefuͤhrt! — 224— Was ſagen Sie zu Lord Oldboroughs Güte und zu ſeinem Eifer, mir nützlich zu werden? Es iſt kein gewöhnlicher Fall, daß ſich Staats⸗ männer ſolcher Menſchen erinnern, die ihnen auf keine Weiſe dienen können, und ſich we⸗ der durch häufige Viſiten noch durch Schmei⸗ cheleien ins Andenken zurückrufen.— Falkoners ſind in dieſem Augenblick ſehr unzufrieden mit Sr. Herrlichkeit. Er gab einem alten invaliden Seecapitain, den er nur dem Ruf nach kannte, eine Stelle, die der Finanzrath für ſich ſelbſt erkohren hatte. — Alles, was Sie über Buckhurſts Heirath gehört haben, iſt leider nur zu wahr, und was man Ihnen von dem Alter und der Häß⸗ lichkeit der Dame erzählte, iſt nicht übertrie⸗ ben. Auch fürchte ich, daß man Ihnen von ihrer Gemüthsart und von ihrem Geiz nicht zuviel geſagt hat: denn einer meiner Colle⸗ gen, der den Heirathscontrakt aufſetzen mußte, vertraute mir, daß ſie ſehr darauf bedacht ge⸗ — 225— weſen, ſo viel Geld wie möglich in ihrer Gewalt zu behalten; und daß ihm in ſeiner Prarxis noch kein ſo ſchwerer Kampf zwiſchen Liebe und Geiz vorgekommen ſey. Armer Buckhurſt! wer hätte gedacht, daß dieß Dein Schickſal werden würde! Ich begegnete ihm geſtern mit ſeiner Frau auf der Straße, und er ſah aus, als wenn er ſich lieber an dem nächſten Baum aufhän⸗ gen möchte, als meine Gratulation anneh⸗ men. Deshalb ging ich vorbei, ohne ihn zu bemerken. Ich bekam eben einen Brief von Herrn Barclay, mit dem Auftrag, ſeinen Heiraths⸗ contrakt aufzuſetzen.— So werden alſo Ca⸗ rolinens Wünſche für Lady Marie Pembroke erfüllt. Ich fragte Temple, ob Lord Oldborough nichts von Graf Altenberg gehört habe, und erfuhr, daß Sr. Herrlichkeit zwar einen Brief aus Deutſchland von ihm erhalten habe, von III. 15 welchem jedoch nur eine Zeile voll allgemei⸗ ner Dankſagungen für die, ihm in England erwieſenen Höflichkeiten bekannt geworden ſey. Temple, der unſere Meinungen und Wünſche zu theilen ſcheint, erzählte mir geſtern unge⸗ fragt, daß Lord Oldborough die Antwort an den Grafen eigenhändig geſchrieben habe. Beim Zuſiegeln des Pakets wagte Temple zu fragen: ob keine Ausſicht vorhanden ſey, den Grafen bald wieder in England zu ſe⸗ hen?» worauf Lord Oldborough erwiederte: sſo viel er wiſſe, nein.“ Temple, minder vorſichtig und gewandt wie der Finanzrath, platzte nun mit der Frage heraus:«ob ſich Graf Altenberg verheirathet habe?⸗ Lord Oldborough wandte ſich um, und ſah ihn mit erſtaunten Blicken an. Ob dieß Erſtaunen nun Temple's Neugier, oder der Unwahr⸗ ſcheinlichkeit, daß jemand es wagen könne, Sr. Herrlichkeit zum Liebesvertrauten zu ma⸗ chen, galt, vermochte Temple in ſeiner Ver⸗ — — 227— wirrung nicht zu ergrüͤnden. Der Lord er⸗ wiederte nichts, ſondern ergriff ein Memo⸗ rial, zeigte auf einige Verſehen darin, und ſagte— Herr Temple! Ihre Gedanken ſcheinen dieſes Mal nicht bei dem Geſchäft geweſen zu ſeyn. Herr! ich glaube Sie ſind verliebt!» Temple verſichert, er habe die letzten Worte mit einem Blick und Ton ausgeſpro⸗ chen, welche deutlich ſagten:«Herr, ich glaube Sie haben die Peſt!— Und wenn dieß der Fall iſt, ſo wünſche ich, daß Sie Ihre Geſchäfte bis nach Ihrer Verheirathung durch Herrn Shaw beſorgen laſſen.) Lord Oldborough ſcheint ſtolz darauf zu ſeyn, ſich als einen erklärten Feind der Liebe zu zeigen, weil er ſie für das Verderben aller ehrgeizigen Pläne, und für eine der größten menſchlichen Schwächen hält, über welche ein großer Mann erhaben ſeyn muß. Ob aber Temple in dieſem Augenblick im 15*¾ — 226— Stande war, einen ruhigen Beobachter ab⸗ zugeben, wage ich nicht zu behaupten. Faſt ſcheint es mir, als ob er, ſeit dem letzten Beſuch auf dem Lande, ſeine Gedanken wirk⸗ lich nicht immer beiſammen hat, und mit ei⸗ nem fernen Gegenſtand beſchäftigt iſt. Wer aber dieſer Gegenſtand iſt, weiß ich nicht; denn wenn er auch meine Vermuthung im Allgemeinen nicht ableugnet, weigert er ſich doch, mir den Namen ſeiner Schönen zu nen⸗ nen. Ich beſchuldige Lady Franziska dieſes Herzenraubs. Er thut mir leid; denn ich bin überzeugt, daß ſie bloß mit ihm coquet⸗ tirt. Temple meint, er ſey zu arm, um heirathen zu können; und doch iſt er ſo lie⸗ benswürdig, daß er gewiß jedes gebildete Mäaͤdchen glücklich machen würde. Seine Reue, die frühere Carriere verlaſſen zu haben, be⸗ trübt mich innigſt; freilich könnte er jetzt ein reichliches Auskommen haben, und ſich jedem Bewerber von Stand, Rang und Vermögen 229— gleichſtellen. Ueberdieß ſagt ihm ſein jetziger Dienſt gar nicht zu. Die Geſchäfte ſind nicht nach ſeinem Geſchmack, die ſitzende Lebensart droht ſeiner Geſundheit Schaden, und die Abhängigkeit iſt ihm drückend. So fühlt ſich der arme Menſch durchaus nicht glücklich, und würde ſeine Lage lieber heute wie morgen ändern, wenn es ihm möglich wäre, Lord Oldborough zu verlaſſen. Er iſt ſchon hun⸗ dert Mal entſchloſſen geweſen, ſeine Stelle niederzulegen, hat aber weder mündlich noch ſchriftlich den Muth gehabt, dem Lord dieſen Vorſatz kund zu thun. Wunderbar iſt die Macht, welche dieſer Mann über Andere aus⸗ übt! Außerordentlich ſeine Anziehungskraft, trotz ſeines wenig anſprechenden Weſens! Leben Sie wohl, mein Vater! Ich habe mich ſo ſehr ins Schreiben vertieft, daß ich nun den Reſt des Morgens deſto fleißiger ſeyn muß. Es gilt des verſtorbenen Herrn Pantons Teſtament zu ſtudiren, und unſerm à& — 230— Freund, Herrn Gresham, meine Meinung darüber zu geben. Trotz Roſamundens Grau⸗ ſamkeit iſt er doch noch unſer Freund, und der ihrige dazu. Pantons Teſtament iſt auf zehn Pergamentblättern abgefaßt. Ferner habe ich noch eine Gegenſchrift für Lady Jane Granville aufzuſetzen, und was das Schlimmſte iſt, alle vor mir liegende Billets und Zettel⸗ chen zu leſen und zu beantworten.— Bei⸗ läufig geſagt, will ich lieber für vier Män⸗ ner Proceſſe führen, als für eine ſolche Ge⸗ ſchäftsfrau, wie Lady Jane. Sie hat kei⸗ nen Augenblick Ruhe, iſt üͤberzeugt, daß we⸗ der der Advokat noch der Anwald wiſſen, was ſie zu thun haben; und glaubt, daß ihre Briefe und Bemerkungen mehr ausrichten, als alle Advokaten und der Lord⸗Kanzler ſelbſt. Sie iſt immer in einem aufgeregten Zuſtand. Erasmus muß ihr Ruhe verord⸗ nen; denn ſie hat wirklich ein juriſtiſches Fi⸗ ber.— Er wurde kürzlich zu einem großen — 231— Herrn nach Richmond gerufen; überhaupt nimmt ſeine Praxis bedeutend zu.— Ich ſoll Roſamunden von ihm ſagen, daß er neu⸗ lich am Bette eines ſchlafenden Patienten an⸗ gefangen hätte, ihre Fragen über Conſtanzen zu beantworten; aber der Schlafende wäre erwacht, und der Doktor bis jetzt noch nicht im Stande geweſen, den Bericht fortzuſetzen. Leben Sie wohl! Tauſend Grüße an die ganze Familie. Ihr Alfred Percy.» «Während ich noch beſchäftigt war, das Panton'ſche Teſtament durchzuleſen, erhielt ich eine Note von Lord Oldborough. Er wünſcht mich um vier Uhr zu ſehen. Was kann er von mir wollen? Ich muß dieſen Brief fortſchicken, ehe ich meine eigene Neu⸗ gier, oder die Deinige, liebe Roſamunde, befriedigen kann.*— Alfred ſtellte ſich zur beſtimmten Stunde ein. Sr. Herrlichkeit war von einem Beſuch — 232— bei dem Herzog von Greenwich noch nicht zurückgekehrt, hatte aber Befehl zurückgelaſ⸗ ſen, unſern jungen Advokaten einſtweilen in ein Zimmer zu führen, wo er vollkommene Muße hatte, ſeine eigene Pünktlichkeit zu be⸗ wundern. Endlich ſtörte ihn ein Geräuſch, und ein lautes Hurrahrufen auf der Straße, aus ſeinen Betrachtungen. Er gewahrte am unterſten Ende der Straße ein großes Men⸗ ſchengewühl, und erkannte, als es näher kam, Lord Oldboroughs Wagen, den der Pöbel ausgeſpannt hatte und mit lautem Ju⸗ bel bis an ſeine Wohnung zvg. Sr. Herr⸗ lichkeit verbeugte ſich beim Ausſteigen ſtolz und kalt gegen die Menge, demohngeachtet aber ſchwangen ſie ihre Hute und riefen Hur⸗ rah. Jetzt trat er von Falkoner und Temple begleitet ins Zimmer, und entſchuldigte ſich gegen Alfred wegen ſeines ſpäten Erſcheinens. Der Finanzrath erzählte, wie ſie durch den Eifer des Volkes aufgehalten worden wären. — — — 233— Lord Oldborough nahm ein Papier aus der Taſche und trat leſend damit ans Fenſter, ohne, wie es ſchien, Falkoners Geſchwätz, ſo wie den lauten Zurufungen der untenſte⸗ henden Menge einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Als er das Papier durchgeſehen hatte, rief er Alfred auf, deſſen Gültigkeit zu be⸗ zeugen, und ſagte dann, es dem Finanzrath üͤberreichend im ſtolzen Ton— Ein Erſatz, mein Herr, für die Stelle, die Sie jüngſt von mir verlangten. Dieſe war ich nicht im Stande Ihnen zu bewilligen, da ſie als ge⸗ rechte Belohnung des Verdienſtes anderwarts vergeben werden mußte. Meine Privatſchul⸗ den— Alfred bemerkte, daß Lord Oldborough das Wort Verbindlichkeit vermied. «& Meine Privatſchulden gegen Ihre Fa⸗ milie, Herr Falkoner, konnte ich aus den mir anvertrauten öffentlichen Fonds nicht be⸗ — 234— zahlen; doch werden Sie jetzt hoffentlich er⸗ kennen, daß ich Sie zu entſchädigen bemüht war. Der jährliche Gehalt,» fuhr er fort, mit dem Finger auf die Summe weiſend, welche der Finanzrath zu ſehen brannte— sder jährliche Gehalt beträgt vollkommen ſo viel, als jene Stelle, von welcher Sie ver⸗ ſicherten, daß ſie Ihre und Mrß. Falkoners Erwartungen befriedigen würde.» O, Mylord! mehr als befriedigen; aber von Ew. Herrlichkeit eigenen Privatſchatz— ich kann unmöglich— Mrß. Falkoner wird nicht zugeben, daß—» Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, richts mehr über dieſen Gegenſtand zu ſagen,» un⸗ terbrach ihn Lord Oldborough, aund auf Ihrem Weg nach Hauſe ſind Sie wohl ſo gütig, mit jenen Leuten da unten zu ſpre⸗ chen, und ihnen den Rath zu geben, ruhig fortzugehen. Ich fürchte, mein Kammerdie⸗ ner Rodney iſt zu freigebig gegen dieſe Men⸗ — 235— ſchen geweſen. Doch Sie werden nun mit ihnen reden, Herr Finanzrath.» Falkoner, der des Lords Charakter nie richtig auffaßte, hielt auch jetzt ſeine kalte Gleichgiltigkeit bei den lauten Beifallsbezeu⸗ gungen des Pöbels für Affektation, und er⸗ wiederte deshalb lächelnd,«daß er ſein Mög⸗ lichſtes thun wolle, dem Enthuſiasmus des Pöbels zu ſteuern, daß es aber ein ſchweres wenn nicht unmögliches Unternehmen ſey, den Ausbruch der Volksgunſt zu hemmen. Er⸗ freuen Sie ſich der Volksgunſt,» ſo ſchloß Falkoner— gerfreuen Sie ſich ihrer! Ich erinnere mich keines Miniſters, der ſie in dieſem Grade beſeſſen hatte.“ Mit dieſen Worten verließ der Finanzrath das Zimmer. Lord Oldborough wiederholte mit ſtolzer Ver⸗ achtung den Ausdruck:«Volksgunſt! Wie kann der Mann mich fähig halten, der Narr der Volksgunſt zu ſeyn!» *Volksgunſt,y ſagte Temple, eiſt ein — 236— ſchlechter Herr, aber ein guter Diener. Ein großer Mann verachtet es, wie Burke ſagt, ſich gleich einem Wetterhahn von jedem Hauch der Volksgunſt auf den Tempel der Mode herumdrehen zu laſſen; aber, Mylord! könnte er ſich nicht weißlich der Vortheile des Win⸗ des bedienen, und dieſe große Macht ſo ge⸗ brauchen, daß ſie gute Zwecke befördern hilft?* Eine gefährliche Macht,» erwiederte Lord Oldborough, ſich von ſeinem Sekretär zu Alfred wendend. Temple, mehr Gelehr⸗ ter, als Geſchäftsmann und Höfling konnte oft zur unrechten Zeit eine Unterſuchung fort⸗ ſetzen, und ſich dann etwas auf ſeine Kühn⸗ heit, verſchiedener Meinung wie ſein Gebie⸗ ter zu ſeyn, einbilden. So ſehr ein ſolcher Widerſpruch auch des Miniſters Gewohnhei⸗ ten und ſeiner Gemüthsart entgegen war, ertrug er ihn dennoch, eingedenk der treuen Anhaäͤnglichkeit des Sekretärs mit großmuͤthi⸗ 4 — 237— ger Geduld— wenn er Zeit hatte; und wenn ihm dieſe fehlte, brach er das Geſpräch kurz ab. Temple wollte auch jetzt in ſeiner Unter⸗ haltung fortfahren, als ihn Lord Oldborough mit den Worten unterbrach:— Erlauben Sie, daß ich erſt mein Geſchäft mit Herrn Alfred Percy abmache. Ein geſuchter Mann mit großer Praris legt gewiß, und mit Recht, Werth auf ſeine Zeit.» Temple fühlte den Vorwurf tief. Lord Olddborough bemerkte auf Alfreds Stirn den Widerſchein des Unmuths ſeines Freundes, und wandte ſich ſogleich wieder zu dieſem, indem er, ihm einen Schlüſſel reichend, ſagte: — Herr Temple, Sie können mir einen Dienſt erweiſen, wenn Sie diejenigen unter meines Vaters Papieren, auf welchen mit ro⸗ then Buchſtaben Privatbriefe geſchrieben ſteht, herausſuchen und durchſehen wollten. Es wird zu unſerm Geſchäft nöthig ſeyn; und — 238— es ſind Papiere, die nur dem anvertraut werden können, dem mein Wohl am Herzen liegt.» Temple's Geſicht klärte ſich augenblicklich wieder auf; er verbeugte ſich tiefer wie ge⸗ wöhnlich, nahm den Schluſſel und eilte hinab, die Papiere zu ſuchen. Aus gleichen Gründen,» fuhr Lord Old⸗ borough zu Alfred gewendet fort, werde ich ſie Ihren Händen übergeben. Mein Ge⸗ ſchäftsführer hat meine Angelegenheiten in der letzten Zeit vernachläſſigt. Ein daraus entſtandener Proceß wurde nicht mit gehöri⸗ ger Geſchicklichkeit und Kraft geführt. Mir fehlt es an Zeit, mich um ſolche, mich allein be⸗ treffende Geſchäfte zu bekümmern. Mancher⸗ lei Umſtände haben mich jetzt davon über⸗ zeugt, daß mein Vermögen gelitten hat, und noch weſentlicher leiden wird, wenn ich nicht den Advokaten und Freund in einem Men⸗ ſchen vereinigt finde. Nach genauer Prüfung r — 239— bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß Niemand meine Geſchäfte beſſer führen wird, als der Sohn meines älteſten Freundes. Darf ich auf Ihren Beiſtand rechnen? Die Art, mit welcher dieſes Vertrauen angenommen wurde, gefſiel Sr. Herrlichkeit nicht minder, als unſerm jungen Advokaten die Art, womit ihm der Antrag gemacht wor⸗ den war. «Meine Papiere ſollen Ihnen ſogleich zu⸗ geſchickt werden,» ſagte Lord Oldborvugh. «* Sehen Sie ſie durch, und wenn Sie meine Sache für ſchlecht erklären, ſtehe ich davon ab;z ſinden Sie aber im Gegentheil Recht und Geſetz auf meiner Seite, ſo fahren Sie fort. Ich vertraue Ihnen das Ganze ohne weitere Bedingungen an.» Lord Oldborough erwähnte nun eines Ver⸗ walters in Clermont⸗Park, der, wie er Grund zu vermuthen hatte, ſich in betrügeri⸗ ſcher Abſicht mit einem gewiſſen Anwald Sharpe — 240— verbunden hatte. Er forderte Alfred auf, die Sache zu unterſuchen, wenn die Ferien ihn in dieſe Gegend führten, und in ſeiner Abweſenheit das Auge des Herrn zu erſetzen. Alfred verſicherte, keine Mühe und An⸗ ſtrengung zu ſparen, um Sr. Herrlichkeit Zu⸗ trauen zu rechtfertigen. Da Sie im Begriff ſtehen, meine Ge⸗ ſchäfte zu übernehmen,» fuhr Lord Oldbo⸗ rough fort,«ſo halte ich es für nöthig, Ih⸗ nen zuvörderſt eine genaue Kenntniß derſelben zu verſchaffen.— In meiner jetzigen Lage, bei der hohen Gunſt, deren ich mich erfreue, und allen mir zu Gebote ſtehenden Mitteln, würde es mir leicht ſeyn, mein Vermögen ſo ſehr zu vergrößern, als ich Luſt habe. Doch Geiz iſt nicht mein Fehler. Ich ſetze meinen Stolz darin, die Laſten des Vater⸗ landes nicht zu vergrößern. Es iſt mein großmüthiges Vaterland, immer bereit ſeine Diener zu belohnen; ſowohl im Leben, wie — 24t— nach dem Tode. Aber ſo lange ich lebe, will ich dieſe Großmuth nicht mißbrauchen, und wenn ich ſterbe, ſollen meine Erben nicht genöthigt ſeyn, fremdes Mitleid in Anſpruch zu nehmen. Meine Macht hat den höchſten Grad erreicht, und mein Charakter iſt hinlänglich bekannt; deshalb kann ich jetzt den fremden, zufälligen Glanz von mir werfen, der zur wahren Größe nichts beiträgt. Sparſamkeit und Würde können neben einander beſtehen, ge⸗ hören weſentlich zuſammen. Sparſamkeit iſt in allen Lagen nöthig, hauptſächlich aber um ſich unabhängig zu erhalten. Deshalb Herr Percy, wünſche ich jetzt einige Einſchränkun⸗ gen in meinen Ausgaben zu machen. Die Einrichtung in Clermont⸗Park, wohin ich nicht zurückzukehren gedenke, kann reducirt werden. Ich überlaſſe dieß Ihrer Diskre⸗ tion. 5 Temple kam mit den Papieren zurück. Lord Oldborough drückte ſein Siegel darauf, III. 16 — 242— und gab Befehl, ſie Herrn Percy am näch⸗ ſten Morgen zuzuſchicken. Alfred ſtand auf und verbeugte ſich. Ich betrachte dieſen Prozeß als einen glücklichen Umſtand,» ſagte Lord Oldborpugh lächelnd, ader mir Veranlaſſung giebt, Herrn Alfred Percy auf eine Art in meine Dienſte zu ziehen, die mit ſeinem Familienabſcheu vor Miniſterprotektion beſtehen kann.» Alfred erwiederte achtungsvoll, daß er dankbar den großen Vortheil erkenne, der ihm durch Sr. Herrlichkeit Zutrauen entſtehe, und daß dieß eine Art Protektion ſey, wo⸗ durch er ſich höchlichſt geehrt fühle, und die auch ſeine ganze Familie gewiß dankbar er⸗ kennen würde. «Herr Perey,» ſagte Lord Oldborough, ihn an die Thür begleitend—«wenn ich es jemals bezweifelt hätte, ſo würden Sie mich jetzt davon überzeugen, daß eine gewiſſe Ei⸗ genthümlichkeit des Charakters mit der Un⸗ — 243— abhängigkeit beſtehen kann. Was das Uebrige betrifft, ſo iſt uns Beiden der Unterſchied zwiſchen einem Clienten und einem Gönner bekannt.)— Verbeugungen und kein Wort mehr. Die Verwaltung von Lord Oldboroughs Geſchäften veranlaßte unſern jungen Advokaten zu häufigen Beſuchen bei dem Miniſter, die ihm Gelegenheit gaben, den Charakter dieſes außerordentlichen Mannes genauer kennen zu lernen, und ſeinem Freunde Temple zu die⸗ nen. An das Schreibepult geſchmiedet, ein⸗ geſchränkt in die beengenden Formen des Dien⸗ ſtes; neben einem zu hoch ſtehenden Gebie⸗ ter und einem zu niedrig ſtehenden Collegen, hatte ſich ſein Herz nach einem treuen Ge⸗ fährten geſehnt. Eine kurze Unterhaltung mit Alfred diente ihm zur Erholung, und gab ihm die Lebhaftigkeit und Energie ſeines Gei⸗ ſtes wieder. Alfred munterte ihn durch ſein Beiſpiel auf, den Druck des Dienſtes zu er⸗ 16* — 244— tragen, und bewieß ihm die Möglichkeit, ſeine früheren Beſchäftigungen dabei nicht zu ver⸗ nachläſſigen. Temple verrichtete nun ſeine Pflichten mit pünktlicher Genauigkeit, und be⸗ nutzte ſeine Muße⸗Stunden zur Löſung einer politiſchen Frage von großer Wichtigkeit. So⸗ bald er vollkommen Meiſter des Gegenſtan⸗ des war, ſtand er im Unterhaus auf, und hielt eine Rede, die allgemeinen Beifall er⸗ hielt und gedruckt wurde. Als Temple einige Tage darauf zur un⸗ gewöhnlich frühen Stunde in Lord Oldbo⸗ roughs Cabinet trat, fand er dieſen bei'm Leſen ſo vertieft, daß er ſeinen Eintritt gar nicht bemerkte. Er hörte des Lords raſchen und entſchiedenen Bleiſtift eine Seite nach der andern anmerken. Endlich legte er das Buch bei Seite, ſtand auf und gewahrte den Sekretär, der einen Brief copirte. «Eine vortreffliche Rede!» ſagte Lord Oldborvugh. Sie hat, wie ich höre, Ein⸗ — 245— druck auf's Haus gemacht, und ich danke es Ihrem Freund, Herrn Alfred Percy, daß er ſie mir gerade in einem Augenblick gab, wo ich Zeit zum Leſen hatte.»* Er blieb einige Minuten in Gedanken vertieft ſtehen, und ſah dann mehrere Schrei⸗ bereien durch, die er dem Sekretär aufzuſe⸗ tzen befohlen hatte.— «Sehr wohl, Herr Temple, ſehr gut! Ich ſehe, ein Genie kann auch ein tüchtiger Geſchäftsmann werden.— Er unterzeichnete die Papiere, und fuhr dann, zu Temple ge⸗ wendet, fort. Vor einiger Zeit war eine Stelle va⸗ cant, worauf Sie Anſpruch machen konnten. Man gab ſie Herrn Shaw, weil ſie für die⸗ ſen paſſender war, als für Sie. Ihr ver⸗ nünftiges Ertragen dieſer getäuſchten Erwar⸗ tung bewieß Vertrauen in meine Gerechtig⸗ keit. Haben Sie Neigung zur diplomatiſchen Carriere?s nSdan 54130 — 246— „ Ich fürchte— oder ich wollte ſagen, ich hoffe, Mylord, daß mir die Gabe der Ver⸗ ſtellung abgeht, die, wie ich höre, unumgäng⸗ lich nöthig iſt, um in der diplomatiſchen Car⸗ riere fortzukommen.* Da hat man ſie falſch berichtet,y erwie⸗ derte Lord Oldborough.& Ich habe manchen Hof kennen gelernt, und weiß, was von den Diplomaten gefordert wird; aber ſo viel kann ich Ihnen ſagen, daß derjenige, welcher gleich anfangs ſagt, was er kann und nicht kann, beſſer fortkömmt, als beſäße er die Verſtel⸗ lungskunſt eines Cheſterfields, oder den Takt eines Mazarins.» „Wirklich, Mylord! rief Temple mit erſtaunter Miene, als ob er fragen wollte— « Und weshalb wählten Sie denn Herrn Cunningham Falkoner zum Geſandten?» «Apropos!* ſagte Lord Oldborough, eine Priſe nehmend— afanden ſich keine Privat⸗ — 247— briefe bei den heutigen Depeſchen von Herrn Cunningham Falkoner? & Einer an den Finanzrath Falkoner, My⸗ lord.» 1 « Keiner von Graf Altenberg an mich? Nein, Mylord!* Der Miniſter maß das Zimmer mit gro⸗ ßen Schritten, trat dann vor den Sekretär und ſagte:— Der König iſt geſonnen, Sie zum Geſandten zu ernennen, an Herrn Cun⸗ ningham Falkoners Stelle, welcher zurückbe⸗ rufen iſt.» « Ich danke Ihnen, Mylord!— Se. Majeſtät erzeigen mir große Ehre,» rief Temple mit uͤberſtrömender Dankbarkeit; aber plötzlich verwandelte ſich der freudige Ausdruck des Geſichts und des Tons in Betruͤbniß, und er fügte hinzu—&Se. Mafeſtät erzei⸗ gen mir große Ehre, Mylord, aber—y „Aber kein großes Vergnügen, wie es ſcheint,» ſagte Lord Oldbordugh.— Ich — 248— glaubte, Herr Temple, Sie hätten mir die Art und Weiſe Ihrer Beförderung üöeslah ſen?» Mylord, Erſtaunen und Dankbarkeit laſſen mich nicht ausſprechen, was— aber ich habe andere Gefuͤhle zu beruckſichtigen.» «Und darf ich fragen, von welcher Art dieſe anderen Gefühle ſind? 2 « Mylord! entſchuldigen Sie— ich kaun ſie Ihnen nicht nennen. & Nur eine Frage, Herr Temple! Laſſen Sie ſich durch zarte Rückſichten wegen des jetzigen Geſandten abhalten? 2 & Nein, Mylord! Sie ſtellen mich zu hoch; und je höher ich in Ew. Herrlichkeit Meinung ſtand, je tiefer fürchte ich zu ſin⸗ ken. Der Antrag, den Sie die Gnade hat⸗ ten, mir zu machen, würde das höͤchſte Stre⸗ ben meines Ehrgeizes ſeyn— aber wenn entgegengeſetzte Beweggründe den Willen in verſchiedene Richtung ziehen, ſo—» — 249— Herr! wenn Sie ſich in den endloſen Abgrund der Metaphyſik verlieren,» ſagte Lord Oldborough— dann werden Sie ent⸗ ſchuldigen, daß ich Sie verlaſſe. Dieß uber⸗ ſteigt meine Begriffe.» Die meinigen auch,» rief Temple, und ſtammelte dann nicht ohne Anſtrengung die Worte— gich liebe.» Sagte ich Ihnen dieß nicht ſchon vor einem Monat?» entgegnete Lord Oldborough kalt. „ Ich habe das Wort ausgeſprochen, und gegen Lord Oldborough!* rief Temple voll Beſtürzung aus. « Es iſt allerdings ein ungewöhnlicher Fall, einen Staatsminiſter zum Vertrauten eines Liebeshandels zu erwählen,» ſagte Lord Old⸗ borough mit unterdrücktem Unmuth. Ich wußte, daß dieſes Bekenntniß Ew. 8 Herrlichkeit Spott erregen würde,» ſagte Temple. — 250— Zu ſehr mit ſeinen eigenen Gefühlen be⸗ ſchäftigt, bemerkte er nicht, daß Sr. Herr⸗ lichkeit Züge eine außerordentliche Bewegung verriethen. 1 Mit ruhigerm Blick und einem tiefern Ton wie gewöhnlich ſagte Lord Oldborough: .Sie haben mich mißverſtanden, Herr Temple. Sie irren in der Meinung, daß Ihre Ge⸗ fühle, daß ſolche Gefühle ein Gegenſtand meines Spottes ſind. Aber da Sie dieſes Thema berührt haben, laſſen Sie mich Ih⸗ nen einen Wink geben.— Der Ehrgeiz iſt dauernder als die Liebe.» Lord Oldborough ſetzte ſich zum Schreiben nieder, und fügte hinzu— Vierzehn Tage kann ich Sie entbehren, Herr Temple. Herr Shaw wird Ihre Geſchäfte unterdeſſen über⸗ nehmen. Nach Verlauf dieſer Friſt hoffe ich eine entſcheidende Antwort von Ihnen zu be⸗ kommen.». Temple vermochte ſeinen Dank nur durch — 251— eine Verbeugung auszudrücken, und zog ſich dann zurück.. Das Vorzimmer hatte ſich unterdeſſen ge⸗ füllt, und der Sekretär ſah keine Möglichkeit unangefochten durchzukommen, keine Möglich⸗ keit, den eigenen Angelegenheiten ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu widmen. Einer nach dem Andern hielt ihn auf. Alle hatten dringende, oder wichtige Geſchäfte, entweder die Nation, oder ſich ſelbſt betreffend. Endlich war die Audienz vorüber, und noch nie war ſie ihm ſo lange erſchienen; er eilte zu Alfred, um ſein Herz zu erleichtern, und den erſchöpften Lebensgeiſtern Ruhe zu gönnen. Zwei und dreißigſtes Kapitel. — Er fand den Freund bei der Arbeit, warf ſich in einen Stuhl und erklärte, daß er ge⸗ kommen ſey, ihm ſein ganzes Herz zu eröff⸗ nen. Darauf erzählte er, was ſich ſo eben zwiſchen ihm und dem Lord zugetragen, und ſchloß mit der Frage: ob er wohl für ſeine Liebe etwas zu hoffen habe? « Sie haben mir ja den Gegenſtand die⸗ ſer Liebe noch nicht genannt,» ihent Al⸗ fred lachend. « Nicht? aber Sie erriethen ihn doch gewiß?» 4 « Ich rieth allerdings, vinſce⸗ aber, mich geirrt zu haben— Lady Franziska Arlington?» 2 — 2⁵³3— 8 Ganz falſch! noch einmal gerathen, und näher der Heimath.»„ Eine meiner Schweſtern? Doch hoffent⸗ lich Caroline nicht?» Nein, Roſamunde—»„ & So iſt es alſo, wie ich einſt hoffte— aber warum ſagten Sie mir nicht früher et⸗ was davon?„ Temple verſicherte, daß er kaum gewagt hätte, ſich ſelbſt dieſe Liebe zu geſtehen, in⸗ dem ſeine Umſtände keine Verbindung, be⸗ ſonders mit einem Mädchen ohne Vermögen geſtatteten. Auch dachte ich,» ſo fuhr er fort, sdaß ſich das Gefühl nach und nach wieder verlieren würde. Ich hielt die ganze Sache nicht für ernſthaft, bis mir der Lord den Antrag machte, England zu verlaſſen, da fühlte ich, daß ich mit jedem Schritt eine längerwerdende Kette hinter mir herziehen würde. Kurz, ich kann England nicht ver⸗ laſſen, ohne mein Schickſal zu erfahren. Aber, — 254— lieber Alfred, ſtehen Sie mir bei, daß mich die Liebe nicht thöricht macht. Man kann vernünftiger Weiſe zwar nicht mehr als einen Korb wagen, und darauf ſollte es jeder Mann ankommen laſſen, und nicht das Mädchen ſeinem eignen falſchen Stolz aufopfern. Ich weiß, daß die Freier jetziger Zeit ſehr geneigt ſind, vorſichtig zu Werke zu gehen, und die Ver⸗ wandten der Dame vorher zu ſondiren. Zu fragen, ob das Mäͤdchen noch frei iſt, halte ich ſelbſt für klug und ehrlich: deshalb lieber Freund! verlange ich jetzt von Ihnen zu wiſ⸗ ſen, ob Roſamundens Herz frei iſt? oder ob Sie glauben, daß ich aus andern Urſachen verworfen werden kann?» Alfred verſicherte ſeinem Freunde, a daß er Roſamundens Herz für frei halte, und ſie ſowohl, wie auch die übrige Familie mit gro⸗ ßer Achtung von ihm habe ſprechen hören. Uebrigens bezweifelte er aber, daß Roſa⸗ — 255— munde ihn jemals als ihren Liebhaber be⸗ trachtet habe. Aber je eher ſie mich als ſolchen be⸗ trachtet, je beſſer!y rief Temple.&Wollen Sie— können Sie— haben Sie keine Ge⸗ ſchäfte für Lord Oldborough in Clermont⸗ Park zu beſorgen?» „Ja! und es iſt netr lieb, Sie begleiten zu können, lieber Temple; ich bin jeden Au⸗ genblick bereit.» « Gott lohne es Ihnen! Denn je eher, je lieber! Dieſe Nacht mit der Poſtkutſche, wenn es Ihnen recht iſt. Ich will ſogleich hinlaufen und Plätze für uns beſtellen.» «&Wir können ja hinſchicken,» rief Alfred ihn aufhaltend. Mein Bedienter wird die Plätze eben ſo gut beſtellen wie Sie, ob⸗ gleich er nicht verliebt iſt. Bleiben Sie. Wir wollen zuſammen auf's Kaffeehaus ge⸗ hen, dort zu Mittag eſſen, und uns dann zur Abreiſe bereit halten.» — 256— Temple willigte in alles. Alfred verſicherte, daß er dieſe Verbin⸗ dung zwar ſehr wünſche, dennoch aber keinen Schritt thun werde, Roſamundens Entſchluß zu beſtimmen, vielmehr die Entſcheidung ihrer freien Wahl ganz zu überlaſſen. Damit war Temple zufrieden, und die Freunde traten ihre Reiſe an. Erſt auf der letzten Station wurde ihnen das Glück zu Theil, im alleini⸗ gen Beſitz der Poſtkutſche zu ſeyn, und Temple konnte ſich nun für den Zwang, den er wäh⸗ rend dem erſten Theil der Reiſe in ordinärer Geſellſchaft, und bei noch ordinärerer Unter⸗ haltung hatte ertragen müſſen, entſchädigen. Er ſprach nun von ſeinem erſten Zuſammen⸗ treffen mit Roſamunden, und begriff nicht, wie Alfred, der ihn doch ſo häufig mit ſei⸗ nem zerſtreuten Weſen aufgezogen, den Ge⸗ genſtand ſeiner Neigung nicht längſt errathen habe. Alfred geſtand, daß er wohl früher manch⸗ — 257— mal an Roſamunden gedacht habe, da ſeines Freundes Geiſtesabweſenheit ſich von der Zeit des letzten Beſuchs in Clermont⸗Park datire. Da aber Lady Franziska mit dort geweſen, und es ihm vorgekommen ſey, als ob ihr Wunſch, den Sekretair zu feſſeln, nicht ohne Erfolg geblieben; ſo ſey er von Neuem zwei⸗ felhaft geworden, und habe ſelbſt Temple's lobpreiſende Aeußerungen über ſeiner Schwe⸗ ſter Geiſt und Gemüth bloß für ruse de guerre, oder ruse d'amour gehalten. & Hier war von keiner ruse die Rede,» entgegnete Temple;«ich läugne nicht, als ich gus meiner Dunkelheit plötzlich in das helle Licht des vornehmen Lebens und der moder⸗ nen Welt trat, waren meine Augen geblen⸗ det; und ehe ich ihren Gebrauch wieder hin⸗ länglich erreicht hatte, um die mich umgeben⸗ den glänzenden Gegenſtände mit einander ver⸗ gleichen zu können, fühlte ich mich durch Lady III. 17 — 258— Franziska's Erſcheinung ſo unwiderſtehlich an⸗ gezogen, daß ich des ungeheuren Abſtandes zwiſchen Lord Oldboroughs Sekretair und der Nichte des Herzogs von Greenwich anfangs nicht gedachte.— Lady Franziska findet Ver⸗ gnügen daran, die Herzen der Männer aus gaieté de coeur zu brechen; und ſie wuünſchte zu der Anzahl der ſchon Beſiegten noch Ei⸗ nen, obgleich ſehr unbedeutenden hinzuzufü⸗ gen. Mich, den einfachen Gelehrten, der ich ganz unbekannt mit den gottloſen Wegen der Schönen war, bezauberte Lady Franziska's unſchuldige Naivität und offenherzige Fröhlich⸗ keit. Da lernte ich glücklicher Weiſe, eben als ich in der größten Gefahr ſchwebte, auf⸗ richtige Seufzer für falſches Lächeln auszutau⸗ ſchen, Ihre Schweſter Roſamunde kennen. Auf dem Lande, wo man ſich in wenigen Tagen genauer kennen lernt, als bei jahre⸗ langem Umgang in den ſteifen Cirkeln der Stadt, fand ich Muße und Gelegenheit, die — 259— Aehnlichkeiten und Verſchiedenheiten dieſer beiden Charaktere zu bemerken.» Lady Franziska's munterer Unſinn unter⸗ hielt mich bis ich Ihrer Schweſter muntern Sinn kennen lernte. Erſtere ſagt alles, was ihr einfällt, und hat oft ſehr gute Einfälle; aber Roſamundens Witz iſt weit gehaltvoller, angenehmer und gutmüthiger. Ich fand nicht allein Gefallen an dem, was ſie ſagte, ſon⸗ dern auch an dem Gang ihrer Ideen, die ſich oft durch ein einziges Wort verriethen. Bei Roſamundens Unterhaltung blieb meine Seele immer thätig, ohne ſich jemals ange⸗ ſtrengt oder ermüdet zu fühlen, und bald entdeckte ich, daß ſie nicht allein geiſtreicher und gebildeter, ſondern auch liebenswürdiger ſey, als mein Ideal Lady Franziska, weil ſie nicht erwartete angebetet zu werden. Fer⸗ ner erkannte ich ſie für intereſſanter, weil ſie fähiger war, ſich zu intereſſiren. Lady Fran⸗ ziska verlangt viel Mitgefühl, hat aber ſelbſt 17* — 260— wenig; und ihr Enthuſiasmus, der mich an⸗ fänglich bezauberte, gefiel mir immer weni⸗ ger, als ich bemerkte, daß er ſich nur bei Kleinigkeiten, und meiſtens nur ſie ſelbſt be⸗ treffende Kleinigkeiten äußerte. Ich hielt ſie, wie ein Jeder, für einen vollkommen natür⸗ lichen Charakter, und das iſt ſie vielleicht auch; aber doch egoiſtiſch dabei, ich möchte faſt ſagen enthuſiaſtiſch egoiſtiſch. Ihre Schweſter hingegen iſt enthuſiaſtiſch großmüthig. Lady Franziska's Manieren ſind einſchmeichelnd und freundlich, doch zweifle ich, ob ſie für irgend ein lebendes Weſen Liebe empfindet, ausge⸗ nommen in dem Augenblick, wo es ihren Lau⸗ nen fröhnt. Roſamundens warme Anhäng⸗ lichkeit an ihre Schweſter Caroline rührte mich zuerſt. Ich beobachtete nun eine Jede in ihrer eigenen Familie. Der Contraſt war grell. Kurz, meine Liebe für Lady Franziska nahm in dem Grade ab, als die Neigung zu Roſamunden zu; und ich hatte noch gerade — 261— Scharfſinn und Urtheil genug, Schlingen zu entgehen, die mich nicht lange gehalten haben würden, und mir Ketten anzulegen, die mich für die Ewigkeit feſſeln. Eins nur bedauere ich, nämlich der Gebieterin meines Herzens nicht 5000 Pfund jäͤhrlicher Einkünfte ſtatt 500 bieten zu können.» Mancher Bogen ließe ſich füllen mit der Geſchichte der folgenden begebenheitsreichen vierzehn Tage, enthaltend die erſte Verwun⸗ derung über die unerwartete Ankunft der Rei⸗ ſenden, und Temple's Liebeserklärung; ferner Roſamundens Erſtaunen, ob der Entdeckung, daß ſie der Gegenſtand dieſer edlen und feu⸗ rigen Neigung war. Hierauf die Erkenntniß der unzähligen, ihr bis jetzt entgangenen Voll⸗ kommenheiten des jungen Mannes; die ſtarke Verſuchung ihn zu heirathen, weil er arm war u. ſ. w. Glücklicher Weiſe ſah ſich Roſamunde von verſtändigen Freunden umgeben, die ihr die * — 262— Uebermacht des Verſtandes nie hatten fühlen laſſen, und denen ſie von Jugend an jeden Gedanken und jede Empfindung mitzutheilen gewohnt war. So unvorſichtig ſie ſich auch oft in vertrauter Unterhaltung ausſprach, ſo ging doch dieſe Unvorſichtigkeit nie von Wor⸗ ten zu Handlungen über; und jetzt, da ſie in einem wichtigen Fall des Lebens aufgeru⸗ fen wurde, ſelbſt zu entſcheiden, bezeigte ſie viel Klugheit. An Temple's Charakter und Sitten fand ſie nichts auszuſetzen, und der Umſtand, aus einer guten Familie zu ſtammen, wirkte eben⸗ falls zu ſeinen Gunſten. Ihre Eltern, die ihr nicht zugeredet hatten, Gresham zu hei⸗ rathen, weil er reich war, beredeten ſie jetzt eben ſo wenig, Temple auszuſchlagen, weil er arm war. Sie ſtellten ihr nur alle Vor⸗ und Nachtheile, einen Mann von ſo beſchränk⸗ ten Vermögensumſtänden zu heirathen, vor, * 263 und überließen ihrem Verſtand und Herzen die Entſcheidung. Eingedenk der liebevollen Theilnahme, die ihr Roſamunde ſtets bewieſen, ſtand Caroline ihr jetzt ebenfalls tröſtend und rathend zur Seite. Sie war die vortrefflichſte, nachſich⸗ tigſte und zugleich ſicherſte Vertraute, und als Zuhörerin unermüdet. Roſamunde fand ſie nie zu beſchäftigt oder zu ſchläfrig, um ihr zuzuhören. Spat am Abend, früh am Morgen, oder in den geräuſchvollſten Augen⸗ blicken des Tages ſchien Caroline nichts An⸗ deres zu thun zu haben, als Roſamundens wenn's und aber'’s anzuhören und aun wider⸗ legen. 19rade 6 Liebe Caroline⸗ rief Roſamunde— sich muß nur Temple ſchnell heirathen, um Dich für Deine unendliche Güte und Geduld zu belohnen.» « Und auf welche Art ſollte mich Deine Heirath belohnen?“ 8 — 264— Ei, wenn ich ihn in den näͤchſten acht Tagen heirathe, begleite ich ihn die darauf folgende Woche an den bewußten Hof, wo ich Deinen Grafen Altenberg ſehen werde— ich bitte tauſend Mal um Verzeihung!— Wirklich, liebe Caroline! ich konnte mir nicht vorſtellen, daß dieſer Name Dir das Blut in die Wangen jagen würde. Du ſchienſt in meine Angelegenheiten ſo ſehr vertieft, daß ich glauben mußte, Du hätteſt Deine eigenen darüber vergeſſen.* Caroline kam wieder auf Temple zurück, und ſtellte ihrer Schweſter die Nothwendig⸗ keit, ſich gleich zu entſchließen, vor, indem der von Lord Oldborough geſtattete Urlaub nächſtens zu Ende ſeyn würde. Roſamunde fand den Sekretär im Ganzen vortrefflich, beſonders ſeine Unterhaltung höchſt anziehend; und nachdem ſie vergebens nach einem Ein⸗ wurf geſucht hatte, mußte ſie geſtehen, daß ſie ihn allenfalls heirathen könnte. Mutter — 265— und Schweſter hatten dieſe Entdeckung ſchon früher gemacht, und den Kampf zwiſchen Liebe und Klugheit bemerkt. Temple's Gehalt war nicht hinreichend, um davon zu leben, und ſie ſah ein, daß ihm eine Frau in ſeinen jetzigen Umſtänden nur hinderlich ſeyn mußte. Deshalb verwarf ſie, trotz allem, was ſeine Leidenſchaft und eine leiſe Stimme in ihrem Herzen dagegen einwendeten, den Vorſchlag einer augenblicklichen Verbindung, und wei⸗ gerte ſich auch, ein für die Zukunft binden⸗ des Verhältniß einzugehen. Doch erhielt Temple die Erlaubniß, während ſeiner Ab⸗ weſenheit von England mit ihr zu correſpon⸗ diren, und ſchied mit der Hoffnung, ihr nicht ganz gleichgiltig zu ſeyn. Die Geſandtſchaft wurde nun angenommen, und er bereitete ſch zur Abreiſe vor. S &Wie freue ich mich auf ſeinen vlſten Brief,» ſagte Roſamunde mit ſchlauem Blick — anicht meinetwegen, ſondern um unſere — 266— Neugier über eine gewiſſe Perſon, die nicht genannt werden darf, zu befriedigen.* Caroline fand es jetzt, wo ſie genöthigt war, oft vom Grafen reden zu hören, ſehr ſchwer, ihrem Entſchluß, nie wieder an ihn zu denken, getreu zu bleiben; beſonders da ihr Gemüth in der letzten Zeit gänzlich mit den Angelegenheiten ihrer Schweſter beſchäf⸗ tigt, jetzt wieder ſich ſelbſt überlaſſen war. Glücklicher Weiſe forderte ein Brief Mrß. Hungerfords ihre ſtets bereite Sgllnahne auf. Sie ſchrieb: 1 „ Kommen Sie, meine geliebte Caroline, meine, und meiner ganzen Familie theuerſte Freundin! kommen Sie, und freuen ſich mit mir des Glückes, welches Ihre ſcharfſichtige Freundſchaft lange vorausſah, und Ihre Klug⸗ heit beförderte. Hätte Sie der Geiſt der Coquetterie beſeelt, ſo wäre es Ihnen mit Ihrer Anmuth und Ihren Talenten leicht ge⸗ worden, Herrn Barclay zu einer hoffnungs⸗ — 267— loſen Leidenſchaft zu verleiten, und ihm die ſchönſten Jahre ſeines Lebens durch fruchtloſe Bemühungen zu verderben. Aber Sie gahen ihn ſich ſelbſt zurück, anſtatt ihn als Gefan⸗ genen in Ihre Ketten zu ſchmieden, die ihm, wie jedem andern Mann von Gefühl und Geſchmack, ehrenvoll geſchienen haben wür⸗ den. Frei von aller Eitelkeit verwandelten Sie den Liebhaber in einen Freund, der Sie eben ſo warm und innig liebt, als ich— mehr kann ich Ihnen nicht ſagen.» „Meine Nichte, Lady Marie Pembroke, hat ſich endlich davon überzeugt, daß ſie im Stande iſt, Herrn Barclay dauernd glücklich zu machen. Es währte lange, bis ſie ſich von der Beſtändigkeit ſeiner Liebe überzeugte, und ich billigte ihre Vorſicht, da ſeine frü⸗ here Neigung für eine Coquette nicht für ihn ſprach ⸗ 8* 8 «Er hat ſich wie ein Mann von Ehre und Gefühl benommen. Ohne Verſtellung be⸗ —— —— — 268— kannte er ſeine fruͤhere Liebe zu Ihnen, und Mariens Antwort hat ſie in meiner Achtung ſehr gehoben. Sie feiern ihre Hochzeit nächſte Woche, und Lady Marie wünſcht Sie als Brautjungfer dabei zu haben. So kommen Sie denn mit allen meinen lieben Percy's. Ich kann mich des eigenen, und meiner Nichte Glück nicht vollkommen erfreuen, wenn Sie es nicht mit mir theilen. Zum Beweis der gleichen Geſinnung verlangt meine Toahtor dieſen Brief mit zu unterzeichnen. Marie Eliſabeth Hungerford. Katharine Mortimer.⸗ dn Caroline und ſämmtliche Perey's folgten dieſer Einladung. Die Hochzeit ward unter den glücklichſten Ausſichten, in der Mitte lie⸗ bender und theilnehmender Freunde vollzogen. Braut und Bräutigam reiſten ſogleich, von Lady Florence begleitet, nach Barclay's Land⸗ ſitz ab, und Mrß. Hungerford bat, daß man — 269— ihr Carolinen, als Erſatz für die Trennung von beiden Nichten, laſſen möchte. Caroline erfüllte dieſe Bitte gern, da ſie Mrß. Hungerfords und ihrer Tochter Geſell⸗ ſchaft bis jetzt wegen der größern Anzahl von Gäſten nicht ungeſtört hatte genießen koͤnnen. Da man von beiden Seiten nichts von Graf Altenberg gehört hatte, wurde dieſer Gegen⸗ ſtand in ihren traulichen Unterhaltungen nicht beruͤhrt; doch bemerkte Mrß. Hungerford, daß ſein Andenken, trotz der ſorgfaͤltigen Be⸗ muhung ihrer jungen Freundin, alle gefähr⸗ lichen Reminiscenzen zu vermeiden, oft un⸗ gefordert kam. Mrß. Mortimer hatte entweder keinen ſo tiefen Blick in Carolinens Herz gethan, als ihre Mutter, oder ſuchte ſich gefliſſentlich darüber zu täuſchen, um ihren Lieblingsplan, Carolinen mit ihrem jüngern Bruder, Capi⸗ tain Hungerford zu verheirathen, auszufüh⸗ ren. Ein eben angekommener Brief verkün⸗ — 270— dete ſeine baldige Zurückkunft nach England,⸗ und man erwartete ihn daher täglich. „Denke nicht mehr daran,» ſagte Mrß. Hungerford.« Auch ich hatte einſt einen Wunſch dieſer Art; doch ihre eigene Klugheit — Denke nicht mehr daran! ich weiß, es kann nicht ſeyn, ſo gern ich ſle auch als Toch⸗ ter begrüßte.» 1 „Aber ich verwette mein Leben, Friedrich wird entzückt von ihr ſeyn; ſie iſt ganz nach ſeinem Geſchmack, ſelbſt ihr Schönheitsſtyl. — Er verliert ſein Herz, ſo gewiß er ein Herz und ein edles Herz hat.» „ Wenn Du wirklich hiervon überzeugt biſt,» erwiederte Mrß. Hungerford, ſo thut es mir leid, daß er Carolinen bei uns trifft.* « Leid!* Ja, meine Liebe, warum ſollte ich ſei⸗ nem edlen Herzen eine getäuſchte Erwartung bereiten?“ Ih n — 271— „ Vertrauen Sie ihm, Friedrich wird ſein Glück ſchon machen.» Mrß. Hungerford ſchwieg. Von Graf Altenberg hören wir nichts,» fuhr Mrß. Mortimer fort,«und kehrt er nicht wieder nach England zurück, ſo läßt ſich hoffen, daß mein Bruder mit der Zeit den Platz in ihrem Herzen einnimmt, den der treuloſe Graf verwirkt hat. Mrß. Hungerford war im Gegentheil feſt üͤberzeugt, daß Caroline nie einen andern Mann, als Graf Altenberg heirathen würde. «Wir werden ſehen, liebe Mutter,» rief Mrß. Mortimer. e„Friedrich kömmt hoffentlich in den nächſten Tagen hier an.» Aber noch ehe Capitain Hungerford an⸗ kam, ſah ſich Caroline genöthigt, ihre lieben Freunde in Hungerford⸗caſtle zu verlaſſen. Ein Brief ihres Bruders Erasmus be⸗ nachrichtigte ſie, daß Lady Jane Granville an einem Nervenſieber krank liege, keine Ge⸗ — 272— ſellſchaft, keine Wartung außer einem Mäd⸗ chen habe, und einer verſtändigen Freundin bedürfe, um ihr Muth einzuſprechen und ihr, durch den Prozeß ſtets aufgeregtes Gemüth zu beruhigen!» Eingedenk Lady Janes früherer Güte, hielt Caroline dieß für eine ſchickliche Gele⸗ genheit, ihre Dankbarkeit zu beweiſen; und ſo gluͤcklich ſie ſich auch in Hungerford⸗caſtle fühlte, zögerte ſie dennoch keinen Augenblick ihr eigenes Vergnügen aufzuopfern, und wi⸗ derſtand Mrß. Mortimers dringenden Bitten, nur noch einige Tage zuzugeben. Herr und Mrß. Percy billigten ihren Entſchluß, und Alfred holte ſie nach London ab. Drei und dreißigſtes Kapitel. — In unſern Tagen reiſt man mit ſolcher Si⸗ cherheit, Bequemlichkeit und Schnelle, daß alle Ausſichten auf Abentheuer ſchwinden, und ſelbſt die lebhafteſte Phantaſie keine Aus⸗ nahme zu hoffen wagt. Auch Caroline und ihr Bruder erreichten London zu Roſamundens großer Kränkung, ohne etwas Anderes berich⸗ ten zu können, als den Verluſt eines Regen⸗ ſchirmes. Die Dämmerung war ſchon ange⸗ brochen und die Laternen noch nicht angezün⸗ det, weshalb der erſte Anblick der Hauptſtadt Carolinen wenig Befriedigung gewährte. 3 Sie fand Lady Jane in einer engen Woh⸗ nung in Clarges⸗Street, in einem dunkeln, III. 18 — 274— nach Rauch riechenden Zimmer; das Theege⸗ ſchirr ſtand bereit, und Lady Jane lag auf einem armſeligen Sopha, Tropfen und Riechfläſchchen um ſich herum. Sie erhob ſich, als Caroline eintrat, ſchien halb erfreut⸗ und halb beſchämt, ſie zu ſehen, und ſagte, ihr die Hand mit klagendem Ton reichend: Ach, liebe Caroline, ſind Sie wirklich gekommen? Das iſt zu gütig! Wie trau⸗ rig verändert finden Sie mich, und alles was mich umgiebt.— Setzen Sie ſich, lie⸗ bes Kind! Keppel, beſorge uns den Thee ſobald als möglich.» Sobald Euſtace nach Hauſe kömmt, My⸗ lady«, antwortete Keppel mürriſch. So gieb uns einſtweilen nur noch mehr Lichter— ich kann nicht ohne Licht leben.— Setzen Sie ſich näher, liebe Caroline, und erzählen Sie mir, wie Sie unſere Freunde in den Hills verlaſſen haben?* Während Caroline dieſe Fragen beantwor⸗ .— 275— tete, wurden mehrere Lichter angezündet, und Lady Jane ſtellte ſie ſo, daß der volle Schein auf Carolinens Geſicht fiel. « Hubſcher wie je! und ein Anſtand, wie man ihn auf dem Lande nicht erwartet. O, Sie unartiges Kind! Warum wollten Sie nicht zu mir kommen, als ich Ihnen noch von einigem Nutzen ſeyn, Sie wenigſtens beſſer empfangen konnte, wie jetzt. Dieß iſt nicht der rechte Ort, und ich leider nicht in der Lage— ach!— Dr. Percy iſt noch nicht da? und dieß iſt doch ſeine gewöhnliche Stunde, auch ſchrieb ich ihm, daß er ſeine Schweſter Caroline heute Abend hier finden würde.» Jedes Wort, jeder Blick und jede Bewe⸗ gung verriethen eine krampfhafte Haſt und Unruhe.— Dr. Percy kam, und Lady Jane vergaß ſich ſelbſt einen Augenblick über die Freude der beiden Geſchwiſter. Als ſie zur Ruhe gegangen war, ſagte Erasmus, daß keine bleibende Beſſerung fur 18* — 276— Lady Jane zu erwarten ſey, bis ihr Gemuth ſich über den möglichen Ausgang des Pro⸗ ceſſes beruhigt habe. So lange dieſer un⸗ entſchieden ſey, könne ſie zu keiner geiſtigen und körperlichen Ruhe gelangen. Und leider würden noch mehrere Wochen verſtreichen, bis der endliche Ausſpruch erfolge. Caroline ſah wohl ein, daß ſie die Patientin bis dahin beſtmöglichſt beruhigen und aufzuheitern ſuchen müſſe. Dieſem ſchwierigen Geſchäft unterzog ſie ſich jetzt mit der groͤßten Freundlichkeit. Einen Tag nach dem andern verlebte ſie al⸗ lein mit Lady Jane und hörte ihre Klagen, und die tauſendmal wiederholte Geſchichte des Proceſſes geduldig an. Wurde ihr doch jeden Tag eine glückliche halbe Stunde zu Theil, wenn ihr Bruder Erasmus kam. Den Advokaten ſah ſie ſel⸗ ten; ſeine Geſchäfte hatten ſich während ſei⸗ ner Abweſenheit ſo ſehr gehäuft, daß er Ca⸗ rolinen nur dann und waun einige Minuten — 277— widmen konnte. Auch Temple, den ſie längſt abgereiſt glaubte, machte ihr ſeinen Beſuch, und ſie erfuhr von ihm, daß die Reiſe we⸗ gen einiger, hauptſächlich durch Cunningham Falkoners Manveuvers entſtandener Schwie⸗ rigkeiten verzögert worden wäre, worüber Lord Oldborough ſich jetzt glücklich pries, weil er des treuen Sekretärs Dienſte in dieſem Augenblick, wo der Andere krank lag, mehr wie je bedurfte. Auf Herrn Gresham hatte ſie ſich ſehr gefreut; er war durch ihren Bruder Eras⸗ mus ſchon längſt bei Lady Jane eingeführt, und dieſe fand, trotz ſeines Standes Gefallen an ihm. Seine Güte gegen die Percy'ſche Fa⸗ milie blieb ſich immer gleich, und kaum hatte er von Carolinens Ankunft in der Stadt ge⸗ hört, als er ſie auch aufſuchte. Aber ſeine Zeit und Gedanken waren jetzt ausſchließend mit einer Sache beſchäftigt, die ihm ſehr am Herzen lag, und auf deren Ausgang er un⸗ ————— —— —õʒ—— — 28— geduldig harrte. Dieſen wollte er nur erſt abwarten, und dann nach Amſterdam reiſen, wohin ihn die Angelegenheiten ſeines verſtor⸗ benen Compagnons dringend riefen. Die ihm am Herzen liegende Sache be⸗ traf Conſtanzen, ſeine geliebte Pflegetochter und Mündel. Alfred hatte in einem frühern Brief darauf angeſpielt, und Erasmus ange⸗ fangen, Roſamunden die näheren Umſtände zu ſchreiben; mancherlei Umſtände hatten ihn jedoch daran verhindert, den Brief zu been⸗ digen, den er ſpäterhin verbrannte, weil es noch ungewiß war, wie ſich der Roman ge⸗ ſtalten wuͤrde. Die ganze Geſchichte wurde Carolinen jetzt erzählt. Nachdem des alten Pantons Zorn gegen Erasmus, den er für den Geliebten ſeiner Tochter hielt, losgebrochen war, und die wunderliche Perückenſcene, nebſt dem dabei ſtattfindenden heftigen Worten ihn aus dem — 29— Hauſe getrieben hatten, ging Conſtanze zu ihrem Vater, feſt entſchloſſen, den Doktor zu rechtfertigen, ſollte ſie ſich auch ſelbſt Preis geben. Sie betheuerte, daß er nicht die Urſache ſey, weshalb ſie Lord Roadſter aus⸗ geſchlagen, und geſtand, daß ihr Herz nicht mehr frei ſey. Aber weder Drohungen noch Verſprechungen vermochten ihr den Namen des Geliebten zu entreißen; ſie wußte, ihn nennen, hieße ſein Gluͤck zerſtören, da der Vater nimmermehr in ihre Heirath mit ihm einwilligen würde; auch hatte ihr der bewußte Gegenſtand ſeine Liebe nie durch Worte be⸗ kannt. Der alte Panton war nicht der Mann, ſolche delikate Punkte zu faſſen. Er erklärte ihr Geſtändniß für Unſinn, beharrte auf ſei⸗ ner vorgefaßten Meinung bis zum Tode, und was noch von größerer Wichtigkeit iſt, ſetzte ſein Teſtament in dieſem irrigen Glauben auf. Um Dr. Percy, im Fall ſie ihn nach / — 280— ſeinem Tode heirathen ſollte, von der Erb⸗ ſchaft auszuſchließen, ſchaltete er in gehöriger Form eine Clauſel ein, worin es hieß: adaß er ſein ganzes Vermögen(ausgenommen ſei⸗ nes Weibes Heirathsgut) der geliebten Toch⸗ ter unter der Bedingung vermache, daß die beſagte Conſtanze binnen Jahresfriſt nach ſei⸗ nem Ableben ſich mit einem Mann, nicht un⸗ ter dem Range eines Barons Sohn ver⸗ mählte. Im Fall aber beſagte Conſtanze nach Verlauf dieſer 12 Monate noch nicht verheirathet, oder an einen Mann unter dem Rang eines Barons verheirathet ſeyn ſollte; dann ginge beſagtes Vermögen an ſeine ge⸗ liebte Frau über, ausgenommen ein Jahr⸗ geld von 200 Pfund, welches ſeiner Tochter Conſtanze ausgezahlt werden ſollte.» Herr Gresham war zum alleinigen Voll⸗ ſtrecker des Teſtaments ernannt.— Sobald es der Anſtand erlaubte, erneuerte Lord Roadſter ſeinen Antrag bei Conſtanzen und — 234— ward höflich, aber ſehr beſtimmt abgewieſen. Mancher andere, die Bedingung des Teſta⸗ ments erfüllender Bewerber ſtellte ſich ein; aber mit gleichem Erfolg. Einige wandten ſich an Conſtanzen ſelbſt, Andere ſuchten ihre Gunſt durch die Fürſprache des Vormunds, Herrn Gresham, zu gewinnen. Alles verge⸗ bens! Ein Monat nach dem andern verſtrich, und Gresham begann zu fürchten, und die Stiefmutter zu hoffen, daß die Jahresfriſt verſtreichen würde, ohne daß Conſtanze die vorgeſchriebenen Bedingungen erfüllt hätte. Da nahm der Vormund ſein ſchönes Mundel eines Morgens in ſein Cabinet. Er konnte ihr nicht zutrauen, daß ſie aus bloßem Ei⸗ genſinn oder Laune ſo handeln ſollte, beſon⸗ ders da ſie ſich früher nie von der halsſtar⸗ rigen Seite gezeigt hatte. Deshalb drang er ernſtlich darauf, ihre Gruͤnde zu erfahren, weshalb ſie ſo manche vortheilhafte Parthie ausgeſchlagen? — 282— Conſtanze, die ihren Vormund mit dank⸗ barer Zärtlichkeit liebte, kniete vor ihm nie⸗ der, bedeckte ſeine Hände mit Thräͤnen, ver⸗ ſuchte zu ſprechen, und konnte keine Worte finden.— Endlich verſicherte ſie ihn, daß nur Zartgefühl und die Ungewißheit, ob ſie wieder geliebt werde, ſie verhindert hätte, ihm den Gegenſtand ihrer Neigung zu nennen. Gresham nannte Erasmus Percy. Nein!y— « Herr Henry?». Ja.)— Sie begriff nicht, daß Gres⸗ ham nicht ſchon früher an ihn gedacht hatte. Gresham hatte wohl an ihn gedacht, und ſehr richtig dieſe geheime Liebe als den wah⸗ ren Grund, weshalb er England verlaſſen, erkannt. Des jungen Mannes Schweigen, ſein rühmlicher Entſchluß, dieſe Neigung zu bekämpfen, waren nicht unbemerkt geblieben. Er befand ſich gegenwärtig in London, wo⸗ hin ihn Gresham zurückberufen hatte. — 283— Henry, nicht ahnend, welche günſtige Geſinnungen Gresham, den er nur als Ge⸗ ſchäftsmann, nicht als Menſchen kannte, hegte, betrachtete ihn bloß als Vollſtrecker des Pan⸗ ton'ſchen Teſtaments, und gehorchte ſeinem Ruf nach London, in der Meinung, Ge⸗ ſchäfte mit ihm abzumachen. Wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als Gresham bei ihrem er⸗ ſten Zuſammentreffen nicht von Rechnungen, ſondern von Conſtanzen ſprach. Seine Augen glänzten vor freudiger Hoff⸗ nung, als Gresham ihm die Bedingungen des Teſtaments vorlas. Er geſtand ſeine leiden⸗ ſchaftliche Liebe zu Conſtanzen, und äußerte den Wunſch, jetzt, wo ihn niemand gewinn⸗ ſüchtiger Abſichten beſchuldigen könne, wo we⸗ der Ehre noch Pllicht ihn hinderte, ſein Glück zu verſuchen. Er ſprach mit einer Kraft und Beſtimmtheit, wie ihm ſeine Beſcheidenheit, und ſein zurückgezogenes Weſen bis jetzt noch nicht zu reden erlaubt hatten. 3 — 284— Gresham fragte ihn, ob er wohl über⸗ legt habe, welches Opfer er von Miß Pan⸗ ton fordere?* Ja, das Opfer ihres Vermögens, aber nicht ihrer Pflicht. Letzteres würde er nie von ihr verlangt haben— ja! er hätte ſie nicht achten können, wenn ſie es ihm ge⸗ bracht. Was aber das Uebrige betrifft,» fügte er ſtolz hinzu,«ſo bleibt es Miß Pan⸗ ton überlaſſen— ſie mag über Liebe und Vermögen entſcheiden.“— « Dieſe Antwort von dem beſcheidenen Henry! von dem ich bis zu dieſem Augen⸗ blick kein anmaßendes Wort gehört habe,» ſagte Gresham erſtaunt. Henry ſchwieg einige Augenblicke, nicht mit der Miene der Anmaßung, ſondern des ſtolzen, feſten Entſchluſſes. Endlich fragte er: adarf ich jetzt, oder wann darf ich Miß Panton ſehen? «Und Sie wollten wirklich dem Mädchen, — 285— das im Schooß des Ueberfluſſes erzogen, kei⸗ nen Mangel kennt, ein Loos voll Armuth und Noth anbieten? fragte Gresham. «Ich habe jährlich 400 Pfund, Miß Pan⸗ ton 200. 600 Pfund nenne ich nicht Ar⸗ muth. Noth! So lange Leben und Geſund⸗ heit in mir iſt, ſoll meine Frau keine Noth kennen lernen. Nein, Herr! dieß ſind keine romantiſchen Ideen! Von meiner Ausdauer bei allem, was ich unternehme(ſelbſt wenn es meiner Neigung widerſpricht) habe ich Ih⸗ nen Beweiſe gegeben. Ja, Herr Gresham! wenn Miß Panton mich ihres Beifalls wür⸗ digt, und wenn Liebe ſie beglücken kann; ſo wage ich es, ihrem Vormund zu betheuern, daß ich ſie gluͤcklich machen werde. Liebt ſie mich nicht, oder,» fügte er ſtolz hinzu, er⸗ ſetzt meine Liebe ihr den Verluſt des Ver⸗ mögens nicht— ſo habe ich wenig zu be⸗ dauern.— Reichthum und Ehre findet ſie, wohin ihre Augen ſich wenden. Doch bin ich — 286— entſchloſſen, den Verſuch zu machen, das Wageſtück zu unternehmen. Habe ich mich geirrt; war ich zu anmaßend: ſo iſt die De⸗ müthigung mein, der Schmerz trifft mich allein. Mein Herz wird ihn ertragen, oder brechen.*— Wie ein Held geſprochen s ſagte Gres⸗ ham. Doch erlauben Sie mir eine Frage—* Laſſen Sie mich fragen, Herr!— ver⸗ zeihen Sie,» unterbrach ihn Henry,& ob ich Miß Panton jetzt ſehen und ſprechen darf 2„ „ Bleiben Sie, und hören Sie mich erſt, junger Mann— « Junger Herr! wenn ich bitten darf.„ „Junger Herr! wie es Ihnen beliebt,* wiederholte Gresham ſanft. Ich ſehe Ih⸗ nen manches nach; Sie ſind Soldat geweſen, und daher noch eiferſüchtig auf Ihre Rechte. — Doch hören Sie mich; etwas muß ich Ih⸗ nen ſagen, bevor Sie Miß Panton ſehen, wenn gleich zu befürchten ſteht, daß Sie ſich — 287— dadurch gekränkt fühlen, da es Ihren unei⸗ gennützigen Abſichten, und Ihrem Gelübde der Armuth zuwider iſt.— Ich bin gewohnt geweſen, Miß Panton von der Wiege an als mein eigenes Kind zu betrachten— und als ſolches habe ich ihr in meinem Teſtament 10,000 Pfd. ausgeſetzt. Da nun Conſtanze, im Fall ſie Sie heirathen ſollte, das Geld vor meinem Tode brauchen wird, verwandle ich das Legat in eine Mitgift; und ſo werden Sie, mein Herr! trotz Ihrer heroiſchen Grundſätze, ſich den⸗ noch bequemen müſſen, das Mädchen mit ei⸗ nigem Vermögen zu nehmen.— Jetzt gehen Sie zu ihr, und verrathen mein Geheimniß nicht.» Henry fühlte ſich mehr durch Greshams Großmuth, als durch ſeine Freigebigkeit ge⸗ rührt. Thränen füllten ſeine Augen, und er ſagte im freundlichſten Ton der Demuth— s Wie ſoll ich es Ihnen danken, daß Sie meine Anmaßung ſo ertragen haben? O,» erwiederte Gresham, sſo alt ich auch bin, weiß ich doch wie einem Liebenden zu Muthe iſt, und begreife, wie man den Vormund und den Vollſtrecker des Teſtaments fürchten kann. Kein Wort mehr hieruͤber. Sie ſehen, ich verſtehe alles— und jetzt gehen Sie zu Conſtanzen.* . Selbſt durch den Hochmuth und den Stolz des jungen Mannes ſah Gresham die Auf⸗ richtigkeit, Stärke und Uneigennützigkeit ſei⸗ ner Liebe zu Conſtanzen durchſchimmern, und dieſe Ueberzeugung ſicherte ihm ihr künftiges Gluck.— Wir uͤbergehen die zärtliche Scene zwi⸗ ſchen Henry und Conſtanzen. In ſolchen La⸗ gen des Lebens iſt es gut, einen vernünfti⸗ gen Freund in der Nähe zu haben, der die Sache von der praktiſchen Seite betrachtet, und mitten in der Begeiſterung die nothwen⸗ digen Geſchäfte für's Leben beſorgt. Gresham legte Pantons Teſtament dem — 289— Rechtscollegium vor, ließ ſich von zwei ver⸗ ſchieden denkenden Rechtsgelehrten ein Eut⸗ achten ausſtellen— von Alfred Percy, deſ⸗ ſen Freundſchaft für beide Theile ſeinen Eifer verdoppelte, und von einem andern tüchtigen Advokaten. Beide kamen darin überein, daß die Clauſel im Teſtament nicht umzuſtoßen ſey; daß Miß Panton, falls ſie einen Mann unter dem Rang eines Barons Sohn heira⸗ thete, ihr Vermögen nach Verlauf der zwölf Monate der Stiefmutter überlaſſen müſſe; doch geſtanden Beide Conſtanzen die Ein⸗ nahme während dieſer zwölf Monate zu.— Dieß war eine bedeutende Summe, die auf Gresham's Rath, nebſt dem Reſt von Hen⸗ dy's Capital, in dem ſichern Hauſe von Pan⸗ ton und Comp. niedergelegt wurde. Auf ſeine dringende Empfehlung und wegen muſterhaf⸗ ter Aufführung und vorzüglicher Geſchicklich⸗ keit ward Henry jetzt als Compagnon ange⸗ nommen, wodurch ihm ein feſtes Auskommen III. 19 — 290— und Antheil an den ſehr vortheilhaften Spe⸗ kulationen der Handlung geſichert wurden. Gresham verſprach, in Amſterdam, wohin er zu reiſen genöthigt war, einen Stellver⸗ treter für Henry zu ſuchen. Sein Haus in der City wollte er während ſeiner Abweſen⸗ heit Conſtanzen überlaſſen. Er meinte, s ſie thäte wohl, gleich Beſitz davon zu nehmen und ſich dort einzurichten, damit ihr die Un⸗ bequemlichkeit und Demüthigung erſpart würde, das väterliche Haus zu Ende des Jahres ver⸗ laſſen zu müſſen. Und,» fügte er hinzu, awenn ich nach meiner Rückkehr im Stande ſeyn ſollte, Herrn Henry einen angenehmen Aufenthalt in meinem Hauſe bieten zu kön⸗ nen, ſo wird er hoffentlich Conſtanzen, ſo lange ich lebe, nicht ganz von mir nehmen. Ich betrachte ihre Geſellſchaft als die größte Freude meines Lebens.* /O, hätte Roſamunde den Seufzer ge⸗ hört, womit Gresham dieſe Worte ausſprach,» — 291— dachte Caroline, aund hätte ſie geſehen, wie zart er ſeine Großmuth einzukleiden wußte— ihr Herz würde ihr Vorwürfe gemacht haben, einen ſolchen Mann auszuſchlagen!)— Nachdem Gresham alles beſtens einge⸗ richtet hatte, ſetzte er den Hochzeitstag feſt, lud Carolinen als Brautjungfer ein, und bat Lady Jane, die Geſellſchaft mit ihrer Gegen⸗ wart zu beehren. Das Annehmen oder Ausſchlagen dieſer Einladung wurde von Lady Jane Grenville mit großer Wichtigkeit behandelt, und viel Worte darüber gemacht. Ungeachtet des ſich ſtets wiederholenden Thema's,& daß ſie ih⸗ ren Einfluß verlohren habe, und in der gro⸗ ßen Welt ganz vergeſſen ſey,» hegte ſie im Geheim doch noch den Glauben, daß ihr Thun und Laſſen bemerkt und kritiſirt werde; und ſie ſtellte ſich ſelbſt hoch genug, die Ehre, wenn ſie die Einladung annahm, ſowie die 19* — 292— Beleidigung, wenn ſie ſie ablehnte, für groß zu halten. Ein langes und lautes Pochen an der Hausthür befreiete Carolinen endlich von ih⸗ ren wortreichen Berathſchlagungen. Es wurde mit Ungeduld wiederholt.«Wer iſt es, meine Liebe! ſehen Sie doch ein Mal hinaus, aber ohne daß man Sie von unten bemerkt.» Caroline that wie ihr geheißen ward; aber da ſie keine der vornehmen Equipagen kannte, war es ſchwer, eine befriedigende Antwort zu geben. Endlich glaubte ſie, Mrß. Falkoners Livree wieder zu erkennen. 8 Unmöglich, meine Liebe! ganz unmög⸗ lich! Falkoners ſind in langer Zeit nicht bei mir geweſen. Ich will Ihnen ſagen, weſſen Livree es ſeyn wird— man kann zwar Aehn⸗ lichkeiten finden; aber im Ganzen iſt es doch unbegreiflich, wie ein Mädchen von Ihrem Verſtand den Unterſchied nicht kennen lernt— — 293— es wird die Equipage der alten Lady Brangle ſeyn.— „Leicht möglich,» gab Caroline zur Ant⸗ wort. Unterdeſſen brachte der Bediente Kar⸗ ten und eine Note von Mrß. Falkoner. Letz⸗ tere kündete Lady Jane Grenville Miß Fal⸗ koners bevorſtehende Verbindung mit Sir Robert Percy an. Der Tag war genannt, und die Ehre von Lady Jane Grenvilles Ge⸗ genwart bei der Hochzeit erbeten. Sie wußte, daß dieſe Bekanntmachung von Seiten Mrß. Falkoners nicht aus Freundſchaft, ſondern aus Stolz geſchah; deshalb hielt ſie es für gezie⸗ mend, die Note in demſelben Geiſt zu be⸗ antworten. Sie war der Percy'ſchen Familie wirklich mit vieler Liebe zugethan, und ge⸗ dachte der freundſchaftlichen Theilnahme, die ihr dieſe in der Noth bewieſen hatte. «Ich finde es in der That ſehr ſonderbar und unartig von Mrß. Falkoner, mich zu die⸗ ſer Hochzeit einzuladen; glaubt ſie, ich hätte — 294— kein Gefühl? Sie weiß, daß meine nahen Verwandte und beſten Freunde ihres Eigen⸗ thums durch dieſen Sir Robert Percy beraubt worden ſind, und hält es doch für möglich, daß ich dieſem Feſte beiwohnen würde? Nein! ſie wünſcht und erwartet es auch nicht; und ich werde ihr zeigen, wie man eine ſolche Einladung, die nur aus Eitelkeit erfolgte, erwiedern muß. Nun bin ich auch feſt ent⸗ ſchloſſen, zu Herrn Gresham zu gehen— ich thue nichts halb.» Beide Einladungen wurden auf der Stelle beantwortet.— Seit Monaten hatte nichts einen ſo wohlthätigen Einfluß auf Lady Jane geäußert, als die Anſtrengung, der Antheil und die eingebildete Wichtigkeit, womit dieſe Dinge behandelt wurden.— Sie erſchien am Hochzeitstage bei Herrn Gresham mit großem Pomp, und bereute nicht, ihm dieſe Ehre erwieſen zu haben. Hätte ſie in den Herzen der Geſellſchaft leſen —-— — 295— können, welch eine geringe Senſation ihre Erſcheinung erregte, es würde ſie allerdings in Erſtaunen geſetzt haben. Alsbald erſchien in den Zeitungen eine glänzende Anzeige der in St. George's Kirche, Hannover Square Statt gefundenen Vermäh⸗ lung Sir Robert Percy's von Percy⸗Hall mit Miß Arabella, der aͤlteſten Tochter Sir J. Falkoners, Esquire. Bei der Ceremonie waren gegenwärtig geweſen eine lange Liſte vornehmer Freunde, die, wie Lady Jane meinte, ſich wenig darum bekümmert haben würden, wenn die Braut im nächſten Augenblick geſtorben wäre. Das glüͤckliche Paar fuhr, nachdem die Geſellſchaft eine ele⸗ gante Collation eingenommen, in einer Ba⸗ rouche mit Vieren nach Percy⸗Hall, dem Landſitz Sir Robert Percy's. So!y rief Lady Jane, das Blatt hin⸗ werfend— sſo hat Mrß. Falkoner die Hei⸗ rath doch endlich noch zu Stande gebracht, — 296— und iſt eine ihrer Töchter los geworden— und die häßliche obendrein. Sie iſt wahrlich fein, ſehr fein dabei zu Werke gegangen; aber was hilft dieß alles! Der Mann hat eine heftige Gemüthsart und einen anerkannt ſchlechten Charakter. Jetzt, da ſich alles ſo geſtaltet hat, muß ich Ihnen nur ſagen, liebe Caroline, daß ich früher— natürlich ehe ich den Mann kannte— die Idee hatte, ihn mit Ihnen zu verheirathen, und ſo die zwei Branchen zu vereinigen, und das Gut wieder an Ihre Familie zu bringen.— Doch wir haben oft Urſache uns zu freuen, daß unſere weiſeſten Pläne nicht gelingen.— Ich wün⸗ ſche Mrß. Falkoner Glück! Um keinen Preis in der Welt hätte ich einen ſolchen Mann einer Verwandtin oder Freundin von mir ge⸗ geben. O Caroline! ſollte ich je wieder zum Beſitz meines Vermögens gelangen, dann habe ich andere Pläne für Sie!» Lady Jane wurde durch Herrn Gresham — 297— unterbrochen. Er kam Abſchied zu nehmen, da er im Begriff ſtand, nach Holland zu rei⸗ ſen. Er hatte bemerkt, daß Caroline beſon⸗ deres Wohlgefallen an einigen ſchönen Minia⸗ turgemälden in ſeiner Bildergallerie bezeigt, und brachte ihr dieſe Stücke jetzt, mit der Bitte, ſie ihm während ſeiner Abweſenheit aufzubewahren. Er wußte, daß ſie Millia⸗ tur malte, da er bei ſeinem Beſuch in den Hills ihre Copie von Herrn von Tourville's Euphroſine geſehen hatte, und meinte, es würde ihr vielleicht Freude machen, ſie mit Muße zu copiren. « Wenn Sie zu ſtolz ſind, die geringſte Gefälligkeit ohne Erwiederung von mir an⸗ zunehmen, bin ich erbötig, mir eine Ver⸗ bindlichkeit dagegen von Ihnen auflegen zu laſſen,» ſagte Gresham, als Caroline zö⸗ gerte, die koſtbaren Bilder in ihre Obhut zu nehmen. Copiren Sie mir während mei⸗ ner Abweſenheit dieſe Euphroſine. Das Bild —- 298— iſt mir als Ihre Arbeit lieb, und weil es mich an jene ſchöne Zeit erinnert, wo ich es zuerſt ſah— an die glücklichſte Zeit meines Le⸗ bens,» fügte er mit leiſer Stimme hinzu.— O, Roſamunde!“ dachte Caroline, wenn Du dieß gehört hätteſt! und wenn Du wüß⸗ teſt, wie edel er ſich gegen Deine Brüder benahm!*— Beim Abſchied ſagte er zu Alfred und Erasmus— Warum heirathen Sie nicht, meine jun⸗ gen Freunde? Sie ſind zwar noch jung ge⸗ nug; aber denken Sie in Zeiten an dieſes Hauptgeſchäft, und ſchieben es nicht auf— bis Sie alte Junggeſellen ſind. Ich weiß, die Männer finden es in jetzigen luxuriöſen Zeiten riskant, zu heirathen; es liegt etwas Wahres darin; aber noch mehr Selbſtſucht. Henry iſt Ihnen mit gutem Beiſpiel vorge⸗ gangen. Daß Sie es Beide, bei Ihrer ein⸗ träglichen Praxis, eben ſo gut könnten, wie —— ——— — 299— er, davon bin ich feſt überzeugt. Alfred, in den Hills hörte ich von einer Miß Leiceſter reden. Sollten Sie heirathen, ehe ich zu⸗ rückkomme, ſo brauchen Sie vor allen Din⸗ gen ein Haus, und ich habe das meinige ſchon verliehen; aber Geld kann Ihnen zu einem andern, in einem ſchönern Theil der Stadt gelegenen Hauſe verhelfen. Ich habe ſo eben eine Summe, die müßig bei meinem Ban⸗ quier lag, in die Rechnung von Alfred und Erasmus Percy eingetragen. Wer ſich nun von den beiden Brüdern zuerſt verheirathet, muß mir den Gefallen erzeigen, ein hübſches Haus dafür zu kaufen. Aber in dem ſchön⸗ ſten Theil der Stadt; ſonſt paßt es nicht für einen alten Junggeſellen. Laſſen Sie mich es hübſch eingerichtet und ausgelüftet finden. Nichts macht ein neues Haus wohnlicher, als ein warmer Freund darin; und komme ich zurück und Ihr Kauf gefällt mir nicht: ſo laſſe ich Ihnen das Haus, und Sie erſtatten — 300— miredie Auslage nach Bequemlichkeit in ver⸗ ſchiedenen Terminen zurück.) Alfreds warme Dankbarkeit bei dieſem Antrag überzeugte Herrn Gresham, daß er 3 ſich im Punkte Miß Leiceſter's nicht geirrt hatte. „Jetzt wuͤnſche ich, früher daran gedacht, oder beſſer, früher davon geſprochen zu ha⸗ ben,» fügte Gresham hinzu, dann würde mir vielleicht die Freude zu Theil geworden ſeyn, Sie verheirathet zu ſehen, ehe ich Eng⸗ land verlaſſe. Doch nein! es iſt ſo beſſer. Ich hätte die Sache übereilt, und bei ſolchen Gelegenheiten muß Jeder ſeinen eigenen Schritt und ſeinen eigenen Weg gehen. So leben Sie denn wohl. Gott ſegne Sie, und ſchenke Ihnen Beiden gute Frauen! Etwas Beſſeres kann ich Ihnen nicht wünſchen.“— Niiemand fühlte ſich geneigter, Herrn Gresham beizuſtimmen und auf der Stelle zu heirathen, als Alfred. Sophiens Bild trat in aller Schönheit und Anmuth vor ſeine Seele; aber eines Clienten Eintritt in die Stube rief ihm die traurige Nothwendigkeit zurück, einige Aktenſtücke zu ſtudiren, anſtatt auf's Land zu ſeiner ſchönen Gebieterin zu eilen. Berufspflichten erforderten ſeine An⸗ weſenheit in der Stadt; vor allen hing der Ausgang von Lady Janes Proceß von ſeinem Dableiben ab. Dieſem Geſchäft widmete er jetzt ſeine ganze Aufmerkſamkeit, ſo ſchwer es ihm ihre Ungeduld auch oft machte. In den letzten Tagen erreichte ihr Proceßfieber den höchſten Grad. Alfred vermied ihre Nähe, und beſorgte ihre Angelegenheit. Endlich er⸗ ſchien der Tag der Entſcheidung. Er ſah ſeine Anſtrengungen durch einen glücklichen Erfolg gekrönt, und eilte Lady Jane dieſe fröhliche Bothſchaft ſelbſt zu verkünden. Ihre Freude kannte keine Grenzen; ſle umarmte wechſelnd Alfred und Carolinen, wandte ſich dankend zum Himmel, und be⸗ — 302— mühte ſich vergebens, ihre Gefühle durch Worte auszudrücken. Eine Fluth Thränen kam ihrer gepreßten Bruſt zu Hülfe. O, Alfred, welche Freude muß Ihr edles Herz jetzt empfinden!» Wirklich belohnte ihn dieſer Augenblick für alle Mühen und Drangſale der erſten ſchweren Jahre. Von dieſem Tage, von dieſer Stunde an beſſerte ſich Lady Jane ſichtlich, und ihr Advokat hatte ſich, wie Erasmus vorausge⸗ ſagt, zuletzt als ihren beſten Arzt bewährt. Sobald Caroline ſah, daß Lady Jane ihre Kräfte wieder erlangt hatte, und in der vortreff⸗ lichſten Laune Anſtalten traf, von einem ſchönen Hauſe in Cavendish Square Beſitz zu nehmen, glaubte ſie hier nicht länger mehr nöthig zu ſeyn, und zu ihrer Familie zurückkehren zu können. Aber Lady Jane wollte von keiner Trennung hören; ſie beſtand darauf, Carolinen den übri⸗ gen Theil des Winters bei ſich zu behalten, — — 303— wogegen ſie verſprach, ſie ſelbſt zu Anfang des Frühjahrs zu ihren Eltern zurückzubeglei⸗ ten. Widerſpruch hätte den kaum geheilten Bruch zwiſchen Ihrer Herrlichkeit und der Percy'ſchen Familie unverſöhnlich gemacht; auch that es Carolinen leid, eine Frau zu beleidigen, der ſie ſich verpflichtet fühlte, und die ſo viel Fürſorge für ihr Glück gezeigt hatte. « Liebe Lady Jane,» ſagte ſie lächelnd — ableibe ich bei Ihnen, ſo werden Sie, davon bin ich überzeugt, hundert neue Pläne für meine Verſorgung entwerfen; doch bitte ich im Voraus, es nicht falſch zu deuten, wenn ich keinen derſelben erfuͤlle. Nur unter dieſer Bedingung kann ich Ihre freundliche Einladung annehmen.-“ „Halsſtarriges, eigenſinniges Kind! Ich verſpreche alles, wenn Sie nur einwilligen, zu bleiben.* So verſchieden ihre Meinungen auch in — 304— manchen Punkten waren, erkannte Carvline doch Lady Janes gute Abſicht, ihr Glück zu befördern; und dieß verdiente nicht allein Anerkennung, ſondern auch Vertrauen. Ue⸗ berdieß hoffte ſie, Lady Jane durch ein offen⸗ herziges Geſtändniß ihrer geheimen Liebe am Sicherſten von allen Verſorgungsplänen abzu⸗ ſchrecken. Sie fügte ſo delikat wie möglich noch ei⸗ nige Worte über ihre Furcht, als eine junge, Verſorgung ſuchende Dame in der Geſellſchaft aufzutreten, hinzu. Lady Jane hörte ihr mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu, und ſagte dann zu ſich ſelbſt— „ Unſinn! Jedes junge Mädchen hält ih⸗ ren erſten Liebhaber für vollkommen und un⸗ üͤbertrefflich, bis ſie einen zweiten gefunden. — Dieſer romantiſche Schwung wird ſich ſchon verlieren, wenn ſie erſt einige Zeit in den vornehmen Cirkeln gelebt, und vor allen Din⸗ gen die Augen einiger modiſchen Herren auf — 305— ſich gezogen hat. Irgend einer unſerer beaux wird doch im Stande ſeyn, das Bild dieſes fernen Grafen Altenbergs zu verdunkeln!-*— Gut, meine Liebe,»v ſagte ſie, Caroli⸗ nen freundlich die Hand reichend— sich gebe Ihnen mein Wort darauf, alle Ihre Bedin⸗ gungen nach beſten Kräften zu erfüllen. Fern ſey es von mir, Sie als eine junge, Ver⸗ ſorgung ſuchende Dame in der Geſellſchaft anzukündigen; doch werden Sie mir, als ei⸗ ner verheiratheten Frau⸗ hoffentlich die Er⸗ laubniß zugeſtehen, Sie meinen Bekannten vorſtellen zu dürfen. Auf mich wird freilich der Tadel fallen, wenn Sie nach einiger Zeit noch keinen annehmlichen Antrag erhalten ha⸗ ben; aber Sie wollen es ja nicht beſſer haben. Vier und dreißigſtes Kapitel. — Wir ſahen Lady Jane Grenville wieder im Beſitz ihres Vermögens und eines ſchönen Hauſes in dem beſuchteſten Theil der Stadt, mit angemeſſener Equipage und Einrichtung. Wagen halten vor ihrer Thüre, Karten wer⸗ den abgegeben, es wogt von glückwünſchen⸗ den Freunden. Caroline ſieht dieß Altes mit Erſtaunen, und denkt— Wo waren dieſe Menſchen während der Zeit, daß wir in Clarges⸗Street wohnten?⸗ Lady Jane kannte die Nichtigkeit und Falſchheit dieſer Achtungsbezeugungen zwar aus Erfahrung, fand aber demohngeachtet aus Gewohnheit Frende daran⸗ und war ſtolz auf die Aufmerkſamkeiten, die ihr von der Menge erwieſen wurden. Und trotz allen Schwächen dieſer Art ge⸗ hörte Lady Jane dennoch nicht zu den bloß modernen Freunden, welche dankbarer Ge⸗ fühle unfähig, alles genvſſene Gute vergeſſen. Sie liebte Carolinen aufrichtig, und wünſchte nichts ſehnlicher, als ihr das Leben in der Stadt angenehm zu machen. Mehr wie ihre junge Freundin ſelbſt beſchäftigte ſie ſich mit den Vorbereitungen zu deren erſten Eiuritt in die große Welt. Caroline trat mit geringen Anſprüchen auf, und erwartete weder großes Vergnügen zu finden, noch großes Aufſehen zu erregen. Sie ſchrieb an Roſamunden, daß es nichts Alberneres und Langweiligeres geben könne, als die erſten Erfahrungen eines in die Welt tretenden jungen Mädchens, und daß ſie bis jetzt noch keine der reizenden Romanbeſchrei⸗ bungen, wo jeder neue Tag neue Scenen/ 20* — 308— neue Abentheuer und neue Charaktere herbei⸗ führe, realiſirt gefunden habe. Sie ſchämte ſich, ſolche nichts ſagende Briefe aus der Hauptſtadt zu ſchreiben, konnte aber, wenn ſie nicht zu Erfindungen ihre Zuflucht nehmen wollte, nichts Erhebliches melden. Sie rieth daher Roſamunden, deren Verzweiflung ſie vuranjabe ſich einige Erpberunden hünzuzu⸗ denken.» Carolinens Schönheit war indeß nicht 5 unbemerkt geblieben, wie ihre Beſcheidenheit und Unerfahrenheit ſich vorſtellte. Sie kannte die Beifallszeichen der heutigen Welt nicht. Bei ihrer erſten Erſcheinung waren Aller Au⸗ gen auf ſie gerichtet.— Die Augen der Müůt⸗ ter voll Furcht, die Augen der Töchter voll Neid. Einige Herren betrachteten ſie mit Bewunderung, andere mit Reugier. EEin neues Geſicht!— wer iſt ſie?⸗ Eine weitläuftige Wermandtin von kad) Jane Greuvillene — 309— * Wie viel hat ſie? v Ich weiß nicht— vermuthlich nichts.» « Nichts! alſo wohl eine Tochter jenes Percy, der ſein Vermögen verlor? Alle Furcht von Seiten der Damen ver⸗ ſchwand, ſo wie die Bewunderung der Her⸗ ren.— Die Operngläſer nahmen eine andere Richtung. Dem Neid folgte das Mitleid; Einige wenige onernhecdie Deſhe faaten hinzu— Ach, das arme Ding!— gar nchte zu haben, wie ſchrecklichld „Werden Sie heute Abend Hger vn „Kömmt unſere Quadrille jetzt? Ein Elegant, vermuthlich ein zerſtreuter Bewunderer der Schönheit forderte ſie zum Tanz auf. Andere trieben die Keckheit ſo weit, zu ſchwören, daß ſie ein ſchönes Mäd⸗ chen ſey, ganz dazu geeignet, Herzen zu er⸗ obern; und ein armer Glücksjäger erklärte, daß er ſelbſt ſogar auf ſie reflektiren würde, — 310— wenn ſeine Umſtände ihm erlaubten, nach äihenein Geſchmack zu wählen. Doch blieb es für's: Erſte bei den Pro⸗ phezeihungenen und Schwüren„ und ſelbſt die Complimente und Huldigungen, die ihr Lady Janes genauere Freunde und Bekannte zollten, waren, wenn gleich im feinern Styl⸗ doch nicht minder unbedeutend.— Zehn Tage waren auf dieſe Weiſe verſtrichen, Alfred zu Carolinens Unglück nicht in der Stadt(Dr. Leiceſter hatte ihn auf's Land berufen), und Erasmus ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie ihn, ſeit Lady Janes Geſundheit ſeine täglichen Be⸗ ſuche nicht mehr erforderte⸗ kaum ein Mal wöchentlich ſeah. Von Jugend auf an häus⸗ liche Freuden und Unterhaltung gewöhnt, ſiel es ihr jetzt ſchwer, gezwungen in der großen Welt zu leben. Sie entbehrte die Freuden der Heimath⸗ ohne das Vergnügen zu genie⸗ gen, welches junge Leute in Geſellſchaft ihrer Freunde gleichen Alters gewöhnlich dort finden. — 33411— Aber auch Lady Jane litt auf ihre Weiſe. Sie wünſchte Carolinen ſo auftreten zu ſehen, wie es die Mode heiſchte, und dieß war nicht leicht zu erreichen. Sie ſollte weder Erſtau⸗ nen über neue, ſehenswerthe Gegenſtände, noch Langeweile über langweilige verrathen, und nie nach dem Namen irgend einer Per⸗ ſon fragen, weil gewiſſe Leute nicht zu ken⸗ nen der größte Beweis von der eigenen Un⸗ bekanntſchaft mit der Welt ſey. «Ich will Ihnen alle Leute nennen, wenn wir wieder zu Hauſe ſind.» Aber dort an⸗ gekommen war Lady Jane gewöhnlich zu er⸗ müdet, um zu erklären, oder die namenloſen Perſonen an der Beſchreibung zu erkennen. Und ſelbſt wenn ſie aufgelegt war, Caroli⸗ nens Neugier zu befriedigen, verwechſelte dieſe Titel und Ausſehen auf eine ſo ver⸗ wirrte Art, daß Lady Jane's Geduld zu er⸗ müden drohte. Endlich zeigte ſich Carolinen glücklicher Weiſe eine neue Lehrmeiſterin, die — 312— entzuͤckt über ihre Unwiſſenheit, nichts ſehn⸗ licher wünſchte, als ihr Jedermann zu nen⸗ nen, ſie in Privatcirkeln wie an öffentlichen Orten auf alles Lächerliche und Merkwürdige aufmerkſam zu machen, und ihr von den Vorübergehenden— ſie mochten es hören oder nicht— charakteriſtiſche und erläuternde Anekdoten zu erzählen. Dieſe neue und un⸗ terhaltende Lehrerin war Lady Franziska Ar⸗ lington. Nachdem ſie ſich mit Miß Georgine Falkoner entzweiet hatte, war es ihr uner⸗ träglich, mit Mrß. Falkoner in Geſellſchaft zu erſcheinen; aber noch unerträglicher bei ihrer Tante, der alten Tapiſſerie⸗nähenden Herzogin zu Hauſe zu bleiben; daher kam ihr Lady Janes Anerbieten, ſie zu chaperoniren ſehr gelegen. Es kümmerte ſie wenig, was die Menſchen von ihr, und noch viel weni⸗ ger was ſie von Carolinen dachten. Auf ei⸗ nes jungen Mädchens Verſorgung zu denken, hielt ſie für Unſinn, und meinte, ſie habe in — 313— der Stadt nichts zu thun als ſich zu amüſi⸗ ren. Für Lady Franziska war Caroline aller⸗ dings die bequemſte Geſellſchafterin; ſie trat ihr auf keine Weiſe in den Weg, nahm ihr weder Tänzer noch Courmacher, beneidete ſie um keine Huldigungen, tadelte ſie nie wegen ihres Leichtſinns, und ließ es ruhig geſchehen, daß ſie ihr alle modernen Stutzer zeigte. Da⸗ gegen tanzte und ſchwatzte Ihro Herrlichkeit nach Herzensluſt, während Caroline müßig und ſchweigend zuſchaute. Fehlte es ihr doch nun nicht mehr an Stoff zur Unterhaltung! Sie bemerkte alles was vorging, errieth die Motive der Einzelnen, und ergötzte ſich an dem nutzloſen Treiben der Menge. Hier übt eine Parthie junger Damen und Herren den neuen Cottillon⸗pas für ihre Quadrille, wäh⸗ rend einige Pferdeliebhaber ihnen gegenüber ſich mit großer Lebhaftigkeit von ihren Pfer⸗ den unterhalten. Feierliche Peruͤcken und Ta⸗ backsdoſen in einer andern Ecke handeln das — 314— Schickſal Europens ab. An den Spieltiſchen ſitzen ſcharfe Geſichter, die Blicke feſt auf ihre Karten gerichtet, nichts um ſich herum bemerkend. Den Flügel umringen Signors und Signoras, und Damen vom erſten Rang, eifrigſt beſchäftigt mit Duetts, Solos, Ou⸗ vertüren, Cavatinen u. ſ. w. Die Mütter in Angſt, die Töchter voll Erwartung. Ei⸗ nige ſehr jung und furchtſam; Andere auch noch jung, aber des Beifalls gewiß. Wie⸗ der Andere, und die Traurigſten unter den Fröhlichen, anerkannte weibliche Genies, zum Tode ermüdet; aber dennoch gezwungen, die⸗ ſem unfruchtbaren Ruhm ferner nachzujagen. Feierliches Schweigen in einem großen Män⸗ nerkreis; lautes Lachen in einem dichten Hau⸗ fen junger Mädchen. Hier verfolgen abſichts⸗ volle Mutter den nächſten Erben eines Her⸗ zogthums durch das ganze Zimmer, oder draͤn⸗ gen ihre Töchter immer näher und näher an die Thür, durh welche Lord Wiliam kommen — — 3415— muß. Dort ſpielt ein junger Dichter den Be⸗ geiſterten, und verbreitet Langeweile unter die Umſtehenden; hier jagt ein Witzling nach Witz und Wortſpielen, während ein daneben ſtehender Philoſoph ihn mit kalter Verachtung betrachtet. Alles iſt in Bewegung; nur ei⸗ nige Wenige, die ihres hohen Ranges, oder großen Vermögens wegen der Auszeichnung gewiß ſind, enthalten ſich jeder Anſtrengung und ſchauen von ihrer Höhe auf dieſe armen Bewerber des Ruhms herab. Gelehrte Candidaten des Ruhms waren Carolinens Augen bis jetzt noch nicht erſchie⸗ nen; bloß einzelne Privilegirte, welche Rang mit Talent vereinigten, hatten das Recht, in gewiſſen Cirkeln zu erſcheinen, oder ſolche, die Gewandtheit mit Gelehrſamkeit verbin⸗ dend, ſich ihren Weg in gute Geſellſchaft mühſam gebahnt, oder keck errungen hatten. Nächſt dieſen gab es noch zwei bis drei, die als Wunderwerke zu allen Parthien geladen — 316— wuͤrden; Menſchen, die dem Rangſtehen zu Befehl ſtanden, und ihrer gewöhnlichen lang⸗ weiligen Exiſtenz manche augenblickliche Er⸗ leichterung gewährten. Die ſogenannten gelehrten Cirkel oder conversazione's bei Lady Angelika Heading⸗ ham und Lady Spilsbury waren Carolinen noch fremd; und ſo ſehr ſie auch wünſchte, in einen derſelben eingeführt zu werden, blieb Lady Jane in dieſem Punkt doch unerbittlich. „Ich habe zwar verſprochen, Sie bei Lady Angelika Headingham einzuführen; aber dazu iſt es noch zu früh— jetzt noch nicht. Erſt müſſen Sie in einem höhern Cirkel feſten Fuß gefaßt haben. Wären Sie verheirathet, würde ich Sie mit dem größten Vergnügen in dieſe Geſellſchaften begleiten, deren Unter⸗ haltung ich ſelbſt entbehre; aber ſelbſt dieſes Entbehren des Witzes ertrage ich Ihrentwe⸗ gen gern, meine liebe Caroline; denn Sie ſind jetzt mein Hauptgegenſtand. Wenn Sie ——— — 317— entſchloſſen wären, die bel esprit-Parthie zu ergreifen— an Talent fehlt es Ihnen nicht, wohl aber an dem dazu gehörigen Muth— ſo würde ich keinen Augenblick anſtehen, Sie dort einzuführen, obgleich Sie im Grunde noch zu jung dazu ſind. Aber mit Ihrer Schönheit und Anmuth— genug, in dem Cirkel, worin Sie ſich jetzt befinden, haben Sie etwas Beſſeres zu erwarten.“— Lady Franziska unterſtützte Carolinens Wunſch, die gelehrte Geſellſchaft kennen zu lernen, mit vieler Lebhaftigkeit. Sie be⸗ theuerte, nichts wäre langweiliger, als ſich immer in demſelben Cirkel herumzudrehen, und immer nur dieſelben Geſichter zu ſehen; ſte, ihrerſeits fände weit mehr Freude daran, zur Veränderung auch ein Mal andere wun⸗ derliche Leute zu ſehen. Ihre Tante, die Herzogin, würde ihr zwar nicht erlauben, zu Lady Spilsbury zu gehen; aber ſicher nichts dawider haben, wenn ſie Lady Angelika Hea⸗ — 318— dinghams conversazione unter Lady Jane Grenvilles Aufſicht beſuchte, beſonders da dieſe ſo eine Art Verwandte von ihr waͤre. Drum liebe Lady Jane,» ſo ſchloß Lady Franziska, swill ich mir von der Herzogin die Erlaubniß ausbitten, und dann führen Sie uns nächſten Montag zu ihr.» Nein! Lady Jane beharrte ſtandhaft auf ihrer Weigerung; und da ſte ein Mal ent⸗ ſchloſſen war, Carolinen zu ihrem eigenen Beſten nicht in dieſen Cirkel einzuführen, lehnte ſie auch die Ehre ab, Lady Franziska hinzubegleiten. O, meine liebe Lady Jane! Sie kön⸗ nen nicht ſo grauſam ſeyn! Ich ſterbe vor Ungeduld, mit eigenen Augen zu ſehen, wie ſich meine Couſine lächerlich macht(und ich höre alle Tage mehr) mit dieſen Baron Wil⸗ helmberg— Wilhelmberg ſage ich, nicht Al⸗ tenberg! Miß Caroline Percy braucht ihren Kopf nicht ſo raſch herumzudrehen. Lady An⸗ — 31— gelika's Auserwählter iſt ein Deutſcher, und der Ihrige war ein Pole oder Preuße, nicht wahr? Der häßlichſte und der ſchönſte Mann, die ich in meinem Leben geſehen habe, wa⸗ ren beide Polen; aber es iſt eine wohlgezo⸗ gene Nation.“) 3 „Doch, auf Lady Angelika's deutſchen Ba⸗ ron zurückzukommen,» unterhrach ſie Lady Jane. Ja, was es für eine Art von Mann iſt* ſagte Caroline. Ihrem Grafen Altenberg ſo nnaͤhnlich wie möglich. Ein ſeltſam ausſehendes Genie, ältlich obendrein— wie man ſich einen Alchy⸗ miſten, oder einen Pröfeſſor, pder einen Gei⸗ ſterbeſchwörer vorſtellt; allen andern Dingen aͤhnlicher als einem neumodiſchen Herrn. Aber trotz dem haben die Damen, ſeit er in die Mode gekommen iſt, ausgefunden, daß er einem römiſchen Kaiſer gleicht, und mit ir⸗ — 320— gend einem Kopf auf einer alten Munse hat er wirklich Aehnlichkeit.» Aber wie geht es zu, daß man ſolchen Werth auf dieſen Kopf legt? Wodurch kam er in die Mode?0 fragte Lady Jane. « Iſt es möglich, daß Sie nicht von ihm gehört haben ſollten? Ach! es fiel gerade in die Zeit Ihrer Abgeſchiedenheit von der großen Welt. Nun ſo hören Sie denn, daß er gewaltiges Aufſehen erregt hat durch Träͤume — ja durch Träume! Er träumte ſelbſt, und ließ andere Leute träumen was ihm einſiel. Er ſtellte im letzten halben Jahre eine neue Theprie der Träume auf,⸗ wodurch die Praxis mit der Theorie wunderbar vereinigt wird; legt, wie man ſagt, alle Träume zu eines Jeglichen Zufriedenheit aus, und läßt die Menſchen ganz nach philoſophiſchen Grund⸗ ſaͤtzen träumen, was er Luſt hat. Sie zwei⸗ feln? Auf mein Wort, es iſt wahr!l?— — 321— «Haben Sie ſeine Kunſt jemals erprobt?» fragte Lady Jane. „Nein, ich nicht; denn die Herzogin wollte nichts von ihm wiſſen; aber ich brenne vor Begierde, mir Träume von ihm eingeben zu laſſen. Er muß ſehr geſchickt ſeyn, denn er wurde vorigen Winter überall gebeten! Die ganze Welt bemühte ſich wie toll um ihn. Lady Spilsbury und meine weiſe Couſine ſind ſich ſeinetwegen, wie ich gehört, in die Pe⸗ rücken gefahren. Lady Angelika blieb Siege⸗ rin; Sie wiſſen, ſie war immer ſo ein Stück⸗ chen von einer Coquette. Anfangs dachte ſie gewiß eben ſo wenig daran, dieſen deutſchen Kaiſer zu lieben, als ich; aber er verſtand auch zu coquettiren. Wer hätte das gedacht? — Da gab es Billetchen, und Verſe, und Träume, und Auslegungen, und ich weiß nicht mehr was? Aber ſo viel iſt gewiß, der Mann iſt kein Charlatan; er hat Lady Ange⸗ lika gerade den Traum träumen laſſen, den III. 921 — 322— er brauchte, und noch dazu den unbegreiflich⸗ ſten— nämlich, daß ſie in ihn verliebt wäre. Und die natürliche Auslegung iſt, daß ſie ihn in Ermangelung eines Beſſern heirathen will.⸗ „Das iſt Ihre eigene Auslegung, Lady Franziska, nicht wahr?* fragte Caroline. «„Sollte dieß wirklich ſo ſeyn?⸗ ſagte Lady Jane. „Alles, wie ich es Ihnen erzählte. Und nun möchte ich vor allen Dingen Lady Ange⸗ lika und den Baron einander gegenüber ſehen — téte à téte, oder Proſil gegen Profil! in dem aͤchten römiſchen Kaiſer und Kaiſerin⸗ nenſtyl— im Schaumünzenſtyl!- Sie machen mir ordentlich ſelbſt Luſt⸗ es mit anzuſehen,» ſagte Lady Jane lächelnd. „Das Beſte oder das Schlimmſte dabei iſt,» fuhr Lady Franziska eifrig fort, a daß dieſer kühne Baron— dieß weiß ich aus ſicherer Quelle— nichts als ein Abentheurer ſeyn ſoll; denn ich hörte einen kleinen Vogel — 323— ein Liedchen ſingen, daß ein gewiſſer Geſand⸗ ter im Vertrauen geſagt habe, ses ſolle dem Herrn Baron von Wilhelmberg ſchwer wer⸗ den, ſeine ſechszehn Ahnen zu beweiſen.» Aber nun verſprechen Sie mir Beide auf Ihre Ehre nichts zu verrathen, keinem Men⸗ ſchen auch nur den leiſeſten Wink davon zu geben; ſonſt möchte ſich das Gerücht verbrei⸗ ten, und ich käme um den Spaß, die Cari⸗ katur zu zeichnen.» Lady Franziska, das kann Ihr Ernſt nicht ſeyn,» rief Caroline. Ich war nie ernſthafter in meinem Le⸗ ben,» entgegnete dieſe ängſtlich, und ich werde es Ihnen nie vergeben, wenn Sie das Geheimniß ausplaudern; denn ich habe nun ein Mal meinen Sinn darauf geſetzt, die Ca⸗ rikatur zu malen.»— aUnmöglich! Um eine Carikatur zu ma⸗ len, werden Sie doch Ihre eigene Couſine nicht einem Abentheurer Preis geben?⸗ 21*¾ — 324— «Pah! meine Verwandtſchaft mit Lady Angelika geht ins hundertſte Glied. Ich kann nichts dafür, wenn ſie ſich lächerlich macht. Jedermann hat lächerliche Couſinen, und lachen muß man in der Welt. Wäre es Sünde, über ſeine Verwandten zu lachen, ſo müßte man ſich grämen, eine ausgebreitete Familie zu haben. Es iſt mir nur lieb, daß ſich Lady Jane nicht für zu gut hält, um zu lachen; ſo kann ich mich doch darauf verlaſſen, daß unſere Parthie auf nächſten Montag feſt geſetzt iſt.) Aber hierin irrte ſie ſich. Es war ihr zwar gelungen, Lady Janes Neugier rege zu machen; doch ihre Liebe zu Carolinen üͤberwog alle Verſuchung. Sie hatte ihre guten Gründe, weshalb ſie jetzt noch nicht zugeben wollte, daß ſich Miß Percy in dem gelehrten Cirkel zeigte; und auf dieſem Ent⸗ ſchluß beharrte ſie mit großer Feſtigkeit, ob⸗ gleich Lady Franziska, gewohnt alle Einfälle — 325— auszuführen, jeden Morgen wieder darauf zu⸗ ruckkam. Ihr Neuigkeitsträger, wie ſie Ca⸗ pitain Nuttall nannte, verſorgte ſie einſtwei⸗ len mit Nachrichten von dem Fortgange des Romans. Eines Morgens erſchien ſie mit niederge⸗ ſchlagener Miene und rief— Es iſt vorbei! alles vorbei! Nuttall meint, es würde nie zur Heirath kommen.— Den näaͤchſten Tag verkündete ſie in der fröhlichſten Laune— Es iſt nicht aus! Nuttall meint, ſie würden ſich noch heirathen, und Angelika macht ſich lächerlicher wie je! Nun, liebe Lady Jane, Dienſtag? nächſte Woche? Die darauf folgende Woche? Sagen Sie mir nur gleich, wann wollen Sie mich zu Lady Angelika führen?» Nicht eher, bis Miß Caroline Percy verheirathet iſt,» erwiederte Lady Jane— sich habe meine guten Gründe dazu.» — 326— So wünſchte ich, Miß Caroline Percy heirathete morgen— ich habe auch meine guten Gründe dazu. Aber ſagen Sie mir, iſt ir⸗ gend eine Wahrſcheinlichkeit zu Miß Percy's ſchleuniger Verheirathung vorhanden?» «Nicht die geringſte,» entgegnete Caro⸗ line. «Und das iſt Ihre eigene Schuld!» ſagte Lady Jane im Ton des Mißmuths. Das kann nicht von mir geſagt werden,» rief Lady Franziska. Meine Schuld iſt es nicht, daß ich noch nicht verheirathet bin; ſondern die Schuld meines Herrn Papa's, der um dem älteſten Sohn Alles zu geben, mir nur armſelige 5000 Pfund hinterließ. Es iſt eine ſchändliche Sitte der Großen, die Töchter zu berauben, um die Söhne reich zu machen. Wollte Gott! ich wäre eines ehrlichen Kaufmann's Tochter! der denkt doch nicht an ſolche ſchnöde Zurückſetzung. Ohne dieſe verwünſchte Einrichtung hätte ich mit — 327— meinen hundert Tauſenden den verſchwende⸗ riſchſten Lord im Lande wählen können, oder wäre am Ende gar mit einem Antrag dieſes Muſters von Vollkommenheit, dieſes Lord Williams beglückt worden. Wiſſen Sie, wes⸗ halb er ein ſolches Muſter von Vollkom⸗ menheit iſt?— Sein Bruder iſt ſehr krank, und wird wohl bald ſterben. Und ſollte der Bruder wieder geneſen, denn hat es auch ein Ende mit Lord Williams Vollkommen⸗ heiten.* 1 «So denken nicht alle Menſchen,» ent⸗ gegnete Lady Jane. „Lord William war ſchon lange mein Lieb⸗ ling. Ich erkannte ſeine Verdienſte von je⸗ her, und werde ſie ferner anerkennen, mag nun ſein älteſter Bruder leben oder ſterben.» «Auf alle Fälle,» fuhr Lady Franziska fort, ableibt er doch nur ſo lange ein Mu⸗ ſter der Vollkommenheit, bis er verheirathet iſt. Apropos! geſtern ſuchte Lord William — 328— in der Angſt ſeines Herzens, als er vor den Jagd machenden Müttern floh— und dann ſieht der arme Narr immer wie ein gehetzter Haſe aus— Zuflucht zwiſchen Ihnen Beiden. Ernſtlich geſprochen, Lady Jane, ich muß geſtehen, Sie ſorgen gut für Ihren Günſt⸗ ling. Sie ſind nicht ſo weitläuftig wie Mrß. Falkoner.». « Weitläuftig! Ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihre Worte wiederhole,» rief Lady höchſt entrüſtet, zaber ich verſtehe Ihren Sinn wirklich nicht.» So muß ich Ihnen einen guten Morgen wünſchen, liebe Lady Jane; denn es fehlt mir an Zeit und Talent zu ſolchen Erklärun⸗ gen,» ſagte Lady Franziska, höchſt erfreut, den gewunſchten Eindruck gemacht zu haben, indem ſie ſchnell das Zimmer verließ. Lady Jane klingelte nach ihrem Wagen, und erwähnte im erſten Augenblick des eben Vorgefallenen nicht weiter, erklärte aber am — 329— Abend, daß ſie Lady Franziska Arlington nirgends mehr mit hinnehmen würde, indem ihre Launen jetzt den höchſten Grad von Un⸗ erträglichkeit erreicht hätten.„Ueberdieß, liebe Caroline, höre ich nie ein Wort von Ihnen, wenn Sie zuſammen ſind. Sie über⸗ laſſen ihr die Unterhaltung ganz, und ſie iſt doch, genauer betrachtet, ein höchſt egoiſti⸗ ſches Geſchöpf. ² Lady Jane füͤhrte mehrere Beweiſe ihrer Selbſtſucht an. « Sie gebraucht mich bloß als Werkzeug; meine Equipage, meine Dienerſchaft, meine Zeit, ich ſelbſt ſoll immer zu ihren Dienſten ſtehen, ſobald die Tante Herzogin ihre Ge⸗ bote nicht erfüllen will, oder kann. Sie würde nicht anſtehen, mich wegen einer ge⸗ ringen Kleinigkeit meilenweit zu ſchicken, und ohne Bedenken von mir verlangen, daß ich ihr ihren Zahnſtocher aus dem entfernteſten Ende der City holen ſollte. Und ich wollte — 330— ihr dieſe Launen gern vergeben, wenn ſie ſich dagegen auch um Andere bemühte. Aber nein! Verlangen Sie von ihr, daß ſie das Geringſte für Sie thun ſoll, und ſie wird Ihnen erwiedern: daß ſie es gern thäte, aber nicht wüßte wie? oder, es ſollte gleich ge⸗ ſchehen, wenn ſie nur Zeit hätte; oder, ſie würde daran denken, wenn ſie es nicht ver⸗ gäße.» Caroline gab zu, daß Lady Franziska ge⸗ dankenlos und leichtſinnig ſey, hielt ſie aber doch nicht, wie Lady Jane, für unheilbar. Dieſe indeß erklärte ſie für unheilbar egoi⸗ ſtiſch, und beſchloß ſie nirgends mehr mitzu⸗ nehmen.—„Denn geſetzt,» fuhr ſie fort, sgeſetzt, ich wollte ihr den Egvismus, das kindiſche Weſen und alles dergleichen verge⸗ ben; warum ſoll ich mich aber ihren Unver⸗ ſchämtheiten ausſetzen? Sie erlaubt ſich, al⸗ les zu ſagen, was ihr in den Sinn kömmt, und hält es für Witz. Nun, ſo weit es — 331— mich betrifft, will ich ſie ſchon beſſer unter⸗ weiſen.* Caroline bemühte ſich, Lady Jane zu be⸗ ruhigen, und ſuchte alles hervor, Lady Fran⸗ ziska zu entſchuldigen. Unter andern rühmte ſie ihr natuͤrliches, unverſtelltes Weſen und ihre Gutmüthigkeit. « Liebe Caroline, ſie iſt nicht halb ſo frei von Verſtellung, als ſie von Neid und Ei⸗ ferſucht. Sie tritt Ihnen überall in den Weg, und Sie bemerken es nicht. Ich kann es nicht ertragen, ſie von Ihnen verthei⸗ digt zu hören, da ich doch weiß, daß ſie Sie jeden Augenblick ihrem Vergnügen aufopfern würde. Aber ſie ſoll Ihnen, meine edle, argloſe Caroline, auch nicht länger mehr in den Weg treten. Sie iſt künftig von meiner Begleitung ausgeſchloſſen, und ich habe mir ſo eben ein vortreffliches Mittel ausgeſonnen, dieß ohne Beleidigung zu bewerkſtelligen. Ich — 332— vertauſche meine Kutſche mit einem vis à vis, worin nur zwei Perſonen Platz haben.» Dieſen Vorſatz führte Lady Jane auch auf der Stelle aus, und Lady Franziska wurde nicht mehr mitgenommen. Eines Abends, als ſie aus einer Geſell⸗ ſchaft zurückgekehrt waren, beklagte ſich Lady Jane über Carolinens ungewöhnlich ſtilles und zurückhaltendes Weſen gegen ihren Tiſchnach⸗ bar, Lord William. Caroline war ſich deſſen nicht bewußt, verſprach jedoch, wenn Lady Jane es wünſchte, künftig unterhaltender zu ſeyn; nur glaubte ſie, da der Herr nicht mit ihr geſprochen, und ſie auch nichts zu ſagen gewußt, ſey es am beſten geweſen, zu ſchweigen. Dieſer Meinung ſtimmte Lady Jane kei⸗ neswegs beiz vielmehr hielt ſie Carolinen eine Vorleſung über die Kunſt Lviel über nichts zu ſagen“, und empfahl ihr vor allen Din⸗ — 333— gen die Regel«nie, ſelbſt nicht in der lang⸗ weiligſten Geſellſchaft langweilig auszuſehen.» Der nächſte Abend ſchon gab Carolinen Gelegenheit, die goldenen Regeln in Anwen⸗ dung zu bringen. Es herrſchte eine tödtliche Langeweile in dem Kreiſe der jüngern Leute; aber Caroline ſtrengte ſich an, zu unterhal⸗ ten und animirt auszuſehen, wofür ein freund⸗ licher Blick Lady Janes ſie belohnte. Beim Nachhauſefahren rühmte dieſe ihr Benehmen, und ſagte— « In der That, meine liebe Caroline! heute Abend haben Sie Ihre Sache ſehr gut gemacht, und ich höre, Miß Percy iſt ſehr angenehm gefunden worden. Soll ich Ihnen ſagen, wer es mir erzählte?— Nein, es würde Sie zu eitel machen. Heute Abend erfahren Sie es wenigſtens nicht, vielleicht morgen.» Den andern Morgen hatte ſich Caroline allen Beſuchen entzogen, und ſaß ruhig in — 334— ihrem Zimmer, mit der Copie des Minia⸗ turbildes für Herrn Gresham beſchäftigt, als Lady Jane mit einem Brief hereintrat. „ Hier iſt ein Brief, der Sie betrifft, liebe Caroline!» Ein plötzlicher Hoffnungsſtrahl durchzuckte Carolinens Herz, und verklärte ihr Geſicht. Er verſchwand indeß eben ſo plötzlich, als ſie einen Blick auf das Couvert warf, und kein ausländiſches Poſtzeichen, keine ausländiſche Schrift, ſondern eine ihr unbekannte Hand ſah. «Ein Brief, der mich betrifft? Wie kann ich— was— wie kann er mich be⸗ treffen?» fragte Caroline, mit Mühe ihre Bewegung unterdrückend. „Bloß ein Antrag, meine Liebe, ſagte Lady Jane lächelnd. Kein Antrag, worüber Sie zu erröthen brauchen. Leſen Sie ſelbſt.» Aber Caroline war in dieſem Augenblick nicht fähig, ſelbſt zu leſen. Lady Jane ſchien das Zittern ihrer Hand — 335— nicht zu bemerken, eben ſo wenig, daß ſie den Brief verkehrt vor die Augen hielt. Mit ſchonender Güte wandte ſie ſich zu dem Bilde, woran ihre junge Freundin gearbeitet hatte, betrachtete es durch das Glas, und ließ ihr Zeit, ſich wieder zu erholen. Endlich rief Caroline— „John Cley!— Londner Cley!» Ja, Cley von Cley⸗Hall, wie Mrß. Falkoner zu ſagen pflegte— Sie ſehen, meine Liebe, ich ſage Ihnen die Wahrheit; es iſt kein Gegenſtand zum Erröthen, und ich be⸗ daure nur, Sie durch meine Heftigkeit er⸗ ſchreckt zu haben. Ueberraſchungen ſind ſelten wohl angebracht. Ich ſah voraus, daß ein Antrag von Cley auf Cley⸗Hall Ihnen ge⸗ rade ſo erſcheinen würde wie mir, und hoffe, Sie trauen mir nicht zu, Sie zu dieſer Par⸗ thie bereden zu wollen, weil er 7 oder 10,000 Pfund jäͤhrlicher Einkünfte hat. Nein, nein! Sie ſind etwas Beſſeres werth.» — 336— «Ich danke Ihnen,» rief Caroline, ſie im Gefühl der Erkenntlichkeit umarmend. «Wofür Kind? Sie hielten mich doch nicht für ſo— gewinnſüchtig. Nein! wenn man mich bei einem meiner ariſtokratiſchen Vorurtheile(wie ſie Ihr Vater nennt) an⸗ greift, bin ich vielleicht ein Bischen zu hart⸗ näckig und halsſtarrig. Aber John Cley iſt ein Mann, der ſich eben erſt in beſſerer Ge⸗ ſellſchaft emporgeſchwungen hat, und jetzt darnach ſtrebt, durch eine Heirath einige Schritte höher zu ſteigen. Nein, nein! eine Percy darf einen ſolchen Antrag durchaus nicht annehmen; der Verluſt des Vermögens iſt nicht im Stande, dieſe mésalliance zu recht⸗ fertigen. Dieß war mein erſtes Gefühl, und gewiß auch das Ihrige, nachdem Sie dieſen ungeſchickt abgefaßten und zuſammengebroche⸗ nen Brief zu Ende geleſen haben. Ew. Herrlichkeit ergebenſter u. ſ. w. John Cley.* — — 337— „ Ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen,» ſagte Caroline,« und bezweifle, daß es Herrn Cley's Ernſt iſt; denn ſo viel ich mich erinnern kann, hat er in ſeinem Le⸗ ben noch nicht fünf Worte mit mir geſpro⸗ chen!*— „Londner Cley, meine Beſte!— Hat er nicht alles mit einem Worte geſagt?— Auch ich wuͤrde mich ebenfalls gewundert haben, wenn ich nicht ſchon ſeit längerer Zeit einige Blicke dessous des cartes geworfen hatte. Aber wähnen Sie ja nicht, daß Liebe Ihnen Cley⸗Hall bietet! Nein, nur Haß gegen Mrß. und Miß Falkoner.— Es hat Streit üͤber Streit gegeben, und die arme Lady Trant ſteht mitten zwiſchen den beiden Par⸗ theien, und weiß ſich nicht herauszuwickeln. — John Cley ſchwört, daß er ſich nicht fan⸗ gen laſſen will; Miß Falkoner mault, Lady Trant iſt in Verlegenheit, und Mrß. Falko⸗ ner ſucht lächelnd ein Geheimniß zu bewah⸗ III. 22 ren, welches Jedermann weiß. Kurz, es iſt nicht der Mühe werth, Ihnen alles ausein⸗ anderzuſetzen; aber John Cley hofft Falko⸗ ners noch mehr zu demuthigen, indem er ſich zu Ihnen wendet. Ueberdieß ſind Sie in der Mode.— Doch es iſt ſchon zu viel über ihn geſagt worden; er macht mir Langeweile, wenn ich nur an ihn denke. Schreiben Sie, oder ſoll ich für Sie antworten?— Gut, geben Sie mir Papier mit Goldſchnitt; wir wollen den Korb zierlich einpacken.“»— Der Korb wurde in den höflichſten Aus⸗ drücken abgefaßt, der Brief gefaltet,(nicht ungeſchickt) geſiegelt und abgeſchickt. Caro⸗ line freute ſich über Lady Jane, und dieſe über ſich ſelbſt. So wäre denn die Sache abgemacht,» ſagte ſie. Ich ſah es ſchon lange voraus, freute mich, daß Sie nichts bemerkten, weil Sie es ſonſt nicht hätten zur Erklärung kom⸗ men laſſen.— Ein Korb iſt immer rühmlich, — 339— deswegen geſtehe ich, würde es mir kraͤnkend geweſen ſeyn, wenn die saison vergangen wäre, ohne daß Sie einen Antrag bekommen haͤtten. Aber jetzt brauchen Sie ſich nicht zu ſchämen; Sie haben Ihren Mann getroffen, und werden wahrſcheinlich noch einen zweiten treffen.* Caroline erwiederte lächelnd, daß die An⸗ zahl der ausgetheilten Körbe in ihren Augen keinesweges die Verdienſte eines jungen Mäd⸗ chens erhöhten; im Gegentheil eher als Be⸗ weiſe der Coquetterie und Verſtellung dienten. Lady Jane wollte dieſer Meinung keines⸗ wegs beiſtimmen, und behauptete, daß ein Mädchen jede Liebe erſt zur Deklaration kom⸗ men laſſen müſſe, ehe ſie dem Mann erlaubte, einen Blick in ihr Herz zu werfen, ſelbſt wenn ſie entſchloſſen ſey, ihn nicht zu er⸗ hören.» Caroline nannte dieſes Verfahren unvor⸗ ſichtig und unredlich. Lady Jane fand es 22* — 340— noch weit unvorſichtiger und unredlicher, ihn auszuſchlagen, bevor er angefragt. „Aber ohne ihn auszuſchlagen,» ſagte Ca⸗ roline, ckann einem Mann doch leicht be⸗ merkbar gemacht werden, ob er Hoffnung hat oder nicht? und ihm auf dieſe Art die Pein und Demüthigung eines Korbes erſpart wer⸗ den.» „Daran zu denken kömmt keinem jungen Mädchen zu; wohl aber zu thun was recht und anſtändig iſt,» ſagte Lady Jane. Gewiß; aber nun gilt es die Frage, was recht und anſtändig iſt?* «Eine beſtimmte Antwort zu geben, wenn eine direkte Anfrage geſchehen iſt; weder mehr noch weniger,» ſagte Lady Jane. Trauen Sie mir, die ich das Urtheil der Welt kenne. Kein Mädchen iſt zu tadeln, wenn es die einfache Regel befolgt: sbleibe ruhig, bis — 341— Du gefragt wirſt.“ Es giebt nichts Unweib⸗ licheres, als wenn ein junges Mädchen die Neigung eines Mannes eher zu bemerken ſcheint, als er ſie ihr in aller Form erklärt hat. 2 „ Oder in einigen Fällen nichts Falſcheres und Grauſameres, als ſich blind zu ſtellen,» entgegnete Caroline raſch. « Grauſam! grauſam iſt ein Ausdruck aus dem vorigen Jahrhundert, oder aus dem Jahrhundert vor dem letzten. Jetzt iſt es nicht mehr Styl von Grauſamkeit zu reden. In unſern Tagen brechen die Herzen der Männer nicht; oder geſetzt auch, es bricht ein albernes Herz, ſo iſt das Mädchen des⸗ halb nicht zu tadeln. Warum ſprach die ſtolze Zunge nicht? Was ſich auch zuträgt, das Maäͤdchen iſt von der Welt freigeſprochen.* «Und auch von ihrem eigenen Gewiſſen? Sicher nicht, wenn ſie ſich vorwerfen kann, — 342— den Mann durch Verſtellung getäuſcht und angezogen zu haben.» Lady Jane wiederholte nochmals, sdaß ſie die Welt kenne, und deshalb uͤberzeugt ſey, daß jede andere Verfahrungsweiſe ein junges Mädchen der Beſchuldigung ausſetzen werde, unzart und unweiblich zu handeln.» Dieß waren allerdings ſchwere Beſchul⸗ digungen; aber unverſchuldet glaubte Caroline ſie doch leichter ertragen zu können, als wenn ihr das eigene Gewiſſen Vorwürfe wegen Mangel an Aufrichtigkeit machen müßte. Lady Jane räumte der Delikateſſe im Ca⸗ talog der weiblichen Tugenden den oberſten Platz ein. Caroline machte einen Unterſchied zwiſchen wahrer Delikateſſe und übertriebener Genauig⸗ keit. Lady Jane wurde endlich böſe, wagte aber doch nicht, Carolinen ihre Empfindlich⸗ keit zu zeigen, um nicht zu verrathen, daß ſie bei dieſem Geſpräch einen beſondern Ge⸗ genſtand im Sinn hatte. Sie brach daher kurz ab, und tröſtete ſich mit der Hoffnung, daß Caroline, wenn es zur Probe käme, doch wohl eben ſo handeln würde, wie andere junge Damen. 8 4——— ö — nniſfnſnnnſſffnſnnſnffffſſſfnſſſrnſſſfinſſfiſnſſiſiſe 9 10 11 12 14 15 16 17 18 9 urluLrlal- 4 3 3 8 15 4 8 4 8 8 9 1 5 4 8 5 85 4 4 8 6 1 4— 8 5 1 * 1 ₰ 1 4 3* .„ 5 8— 8 K„ t . 1 1 1 8 „ 1 3 —