1 Leihbibliothetr Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von. 5 Eduard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. S SLeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag 7 Uhr bis Abends 8 Mpr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſteht zur Em⸗ von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bintterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — re 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M.— PFf. 4 er 50 Pf. 2 Mk. Pf. 4 4 „ 12 1— 82 A tI.—„ 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung hr ſelbſt zu ſorgen. ſene, verlorene und pfern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ ßeren Werkes, ſo iſt —õÿÿ— Goͤnnerſchaft. A Von Maria Edgeworth. Aus dem Engliſchen uberſetzt von Louiſe Marezoll. Zweiter Theil. ————— Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Joh. David Sauerlaͤnder. 1 8 2 8. Fuͤnfzehntes Kapitel. Alfred Percy an ſeine Mutter. Liebe Mutter! Ihre Erzaͤhlung von Käthe Robinſon hat mich ſehr erſchüttert. Wie freue ich mich mit Ihnen, daß Caroline Buckhurſt verwarf, und ihm niemals Aufmunterung gab. Auch ich nenne es ein Glück, daß ihr letzter Brief ge⸗ ſchrieben und abgeſchickt war, ehe dieſe Ge⸗ ſchichte an's Tageslicht kam. Auf jeden Fall iſt es beſſer, daß ſie ſeine bekannten Grund⸗ ſätze als Urſache ihrer wiederholten abſchlägi⸗ gen Antwort angab, als ſich in Erörterungen und Unterſuchungen über einen Gegenſtand 1* — 4— einzulaſſen, den ſie mit Anſtand nicht berüh⸗ ren konnte. Ihrem Wunſch Toms werde ich Buck⸗ hurſts Geheimniß treu bewahren. In welt⸗ licher Hinſicht iſt es in der That auch ſehr nöthig; denn Biſchof Clay, von welchem er ſeine jetzige Stelle erhalten hat, ſieht wohl den Ausſchweifungen an der Tafel nach, iſt aber in andern Punkten bei ſeinen Geiſtlichen deſto ſtrenger. Buckhurſt hatte, wie ich glaube, gehofft, Carolinen durch ſeinen letzten Antrag zu er⸗ weichen; ihre Antwort brachte ihn zur Ver⸗ zweiflung. Sie enthielt, wie er mir er⸗ zählte, eine ſo ruhige, höfliche Wiederholung ihrer Verweigerung, daß er ſchwur, ſie nie⸗ mals wieder zu beläſtigen. Die erſten vier⸗ zehn Tage war er außer ſich, hatte Luſt ſich zu erhängen. Darauf, vermuthe ich, bekam er die Nachricht von Käthens Tod: denn er ſchloß ſich mehrere Tage ein, gab vor, nicht Se. —,— — 5— wohl zu ſeyn und keinen Menſchen ſehen zu können. Als er wieder zum Vorſchein kam, ſah er ſehr elend und unglücklich aus. Er that mir leid, und ich fühlte die Wahrheit von Roſamundens Behauptung, gſein Cha⸗ rakter enthalte eine ſolche Miſchung vom Gu⸗ ten und Böſen, daß man die Meinung über ihn jede halbe Stunde andern müſſe.» Er hat mir eben einen weſentlichen Dienſt geleiſtet. Eine ſeiner Schweſtern verrieth ihm den geheimen Grund von Lord Oldboroughs Unwillen gegen unſern Bruder Gottfried, und wie ich vermuthe— doch dieß wurde nicht zugeſtanden— den geheimen Grund ſeiner ſchnellen Beförderung nach Weſtindien. Cun⸗ ningham, oder eine ſeiner Schweſtern, hatte Sr. Herrlichkeit erzählt, daß Gottfried in Miß Hauton verliebt ſey, und die Angele⸗ genheiten des Regiments, und ſeine Verwen⸗ dung für einen Cameraden bloß zum Vor⸗ wand genommen habe, um in die Stadt zu ——— — 6— kommen; ſein eigentlicher Zweck aber gewe⸗ ſen ſey, die Heirath mit dem Marquis rück⸗ gängig zu machen. Buckhurſt befand ſich an dem bewußten Opernabend in einer Loge mit meinem Bruder und Miß Hauton; und ſobald er erfuhr, daß Lord Oldborough falſch be⸗ richtet worden war, beſchloß er, ihn die Wahrheit wiſſen zu laſſen, wenigſtens in ſo fern als zu Gottfrieds Rechtfertigung diente. Dieſer erwaͤhnte der Sache nie gegen mich; aber nach Allem was ich davon hörte, hatte ihn die junge Dame beſonderer Auszeichnung gewürdigt. Wie es Buckhurſt nun angefan⸗ gen hat, meinen Bruder bei Lord Oldbp⸗ rough zu rechtfertigen, ohne ſeine Nichte in die Sache zu verwickeln, weiß ich nicht. Er ſagte mir nur, daß er glücklicher Weiſe eines Abends beim Schachſpiel in ſeines Vaters Hauſe Gelegenheit gefunden hätte, mit Sr. Herrlichkeit uͤber dieſen Gegenſtand zu ſpre⸗ chen, ohne von ſeiner Familie beobachtet zu 8 — 7— werden; daß Lord Oldborough darauf den Wunſch mich zu ſehen geäußert, und auf morgen früh eine Stunde dazu beſtimmt habe. — Nun Roſamunde, ſetze Deine Phantaſie in Bewegung, die meinige wird einſtweilen durch einige juriſtiſche Arbeiten in Anſpruch genommen. Ihr Alfred Percy. Alfred ſtellte ſich zur beſtimmten Stunde bei dem Miniſter ein, und ward huldreichſt empfangen. Kein Wort in Bezug auf Gott⸗ fried, keine Anſpielung auf dieſen Gegen⸗ ſtand. Lord Oldborough unterhielt ſich mit ihm, wie mit dem Sohne ſeines alten Freun⸗ des. Er äußerte großes Bedauern über deſ⸗ ſen Unfall, der ihn um Vermögen und Ein⸗ fluß gebracht, beklagte, daß vorherrſchende Liebe zur Zurückgezogenheit und Unabhaͤngig⸗ keit jede Ausſicht benähme, ihn im Parla⸗ 1 ment zu ſehen, und fügte noch hinzu, er hoffe, daß ſeine Söhne dieſen übertriebenen Begriffen von Unabhängigkeit nicht beiſtimm⸗ ten, in dieſem Punkt allein ihrem Vater un⸗ aͤhnlich wären.* Han. Ohne die ſchuldige Ehrerbietung aus den Augen zu ſetzen, erkühute ſich Alfred dennoch, ſeines Vaters Grundſätze und Anſichten über wahre Unabhängigkeit auch als die ſeinigen zu erklären, indem ſie die richtigen Gräͤnzen nie überſchritten. Lord Oldborough, ſonſt durch den leiſeſten Widerſpruch gereizt, ſchien jetzt nicht unwillig darüber, lobte ihn im Gegentheil als einen guten Advokaten. Al⸗ fred war eben im Begriff, einen Gemeinplatz darauf zu erwiedern, als Sr. Herrlichkeit plötzlich eine kleine Schrift vom nächſten Tiſch ergriff. Es war die Arbeit des armen Schrift⸗ ſtellers im Dachſtübchen, welche Cunningham ſchlecht genug geweſen war, als ſein Werd drucken zu laſſen. — 9— „Hier iſt eine Stelle,» ſagte er darin herumblätternd, swelche geſtern beim Finanz⸗ rath Falkoner angeführt wurde; aber keiner aus der Geſellſchaft, ſelbſt der Finanzrath nicht, der doch ſonſt ein beleſener Mann iſt, konnte ſich beſinnen, aus welchem Dichter ſie entlehnt iſt.» Lord Oldborough zeigte auf folgende Stelle:— So ſieht ſich der Tempel der Helden endlich von ſeinen Verehrern verlaſſen, und den Vögeln des Himmels und den Schlangen der Erde bleibt der Dienſt in demſelben über⸗ laſſen.» d Alfred erinnerte ſich zufällig dieſer Worte aus einer Beſchreibung Arrians von der In⸗ ſel des Achilles, der jetzigen Schlangeninſel, auf welcher dieſer Tempel des Helden ſteht, wovon der Geſchichtſchreiber ſagt,„daß der Dienſt den Vögeln allein überlaſſen worden ſey, welche jeden Morgen ihre Flügel in die See getaucht, den Tempel beſprengt, und — 10— den geweihten Boden mit ihren deden ge⸗ kehrt hätten.» Lord Oldborongh ſagte lächelnd, ader Verfaſſer, der angebliche Verfaſſer dieſer Schrift wird Ihnen ſehr dankbar dafür ſeyn, daß Sie ihm eine Stelle erläͤutern, die er ſelbſt nicht erklaͤren konnte. ⸗ Dieſe Anſpielung bezog ſich auf einen Vor⸗ fall, der ſich bei einem Diner im Hauſe des Lord Skreene, Tags vorher ehe Cunningham ſeine Geſandtſchaftsreiſe antrat, ereignet hatte. Sekretair Cope nämlich, dem Cunningham im Tod zuwider war, hatte ihn mit dieſer Stelle in die Enge getrieben, indem er boshafter Weiſe viel Schönes darüber geſagt und ihn endlich um eine Erklärung gebeten hatte. Cope, ein Dichter machte ein Epigramm auf Cunningham den Diplomatiker, deſſen Inhalt ungefähr andeutete, daß Cunningham ein zu großer Diplomatiker ſey, um ſeinen Ge⸗ waͤhrsmann jemals, ſelbſt nicht in gelehrten 71 4 Citaten zu verrathen; und daß er, falls er auch den Verfaſſer eines vortrefflichen Wer⸗ kes kenne, denſelben doch mit bewunderungs⸗ würdiger Verſchwiegenheit für ſich zu behalten verſtehe. 2 Dieſes Epigramm blieb damals Sr. Herr⸗ lichkeit verborgen. So lange ein günſtiger Wind Cunninghams Segel ſchwellte, hörte man nichts davon; aber kaum begann die Fluth der Gunſt nachzulaſſen, als auch dieſer Umſtand, nach Sitte der Höfe an's Licht trat. Eines Morgens hörte man Lord Old⸗ borough, als er eine Depeſche Cunninghams erbrach, ausrufen: cein ſchlechtes Stück Ar⸗ beit!* In dieſem glücklichen Augenblick trat Se⸗ kretair Cope ein und überbrachte Sr. Herr⸗ lichkeit das Epigramm und die Anekdote.— Die Leſer werden nun den Sinn ſeiner letz⸗ ten Worte verſtehen, und wir fahren fort. Ich muß vermuthen, Herr Percy! daß — 12— Sie mehr von dieſer Schrift wiſſen, als der Verfaſſer ſelbſt.» Alfred gedachte des Genies im Dachſtüb⸗ chen, und das Blut ſtieg ihm in die Wan⸗ gen; aber er fühlte auch, daß es ihm nicht zukomme, Temples Namen zu nennen und Cun⸗ ningham zu verrathen. Er antwortete daher: Dieß ſey nicht zu verwundern, da er die Schrift vielleicht öfterer als der Verfaſ⸗ ſer ſelbſt, und mit großem Wohlgefallen ge⸗ leſen habe.» &Recht brav ausgewichen, junger Mann. — Sie wollen alſo nicht eingeſtehen, daß Sie einigen Antheil daran haben?» «Nein, Mylord! erwiederte Alfred, zich kann verſichern, keinen Theil daran zu haben, ſie vor dem Druck nicht geſehen zu haben.» Die Höflichkeit verbietet mir weiter in Sie zu dringen. Erlauben Sie mir aber die Bemerkung, daß es eine Arbeit iſt, auf welche jeder Mann ſtolz ſeyn kann.» — 13— Mylord, ich würde ſtolz, ſehr ſtolz dar⸗ auf ſeyn, wenn ſie mein Werk wäre; aber ich fühle mich unfähig, mir fremdes Verdienſt anzueignen, und ich glaube die Art, mit wel⸗ cher ich mich davon losſage, gleicht nicht der affektirten Beſcheidenheit eines Autors, der das geglaubt zu ſehen wünſcht, was er ab⸗ läugnet. Ich hoffe, Ew. Herrlichkeit von der Wahrheit überzeugt zu haben.» Was Sie ſo ernſtlich behaupten, kann ich nicht länger bezweifeln. Darf ich fragen, ob Sie mir den Namen des wahren Verfaſ⸗ ſers nennen können? „Verzeihen Sie, Mylord— dieß kann ich nicht. So weit es mich betraf, habe ich Ew. Herrlichkeit mit vollkommener Aufrichtig⸗ keit geantwortet.» Herr,» ſagte Lord Oldborough, aich geſtehe, daß ich dieſe Unterredung in der Meinung anfing, dieſe Schrift, welche ich ſehr hoch ſtelle, müſſe aus Ihrer Feder gefloſſen — 44— ſeyn; aber es iſt Ihnen gelungen, mich z überzeugen, daß ich im Irrthum war— daß Sie nicht dieſer Schrift, ſondern noch etwas Höherem gewachſen ſind.» Nach dieſem Compliment, worauf er nichts zu erwiedern vermochte, ſtand Alfred auf, verbeugte ſich und machte Anſtalt ſich zu ent⸗ fernen. Sind Sie ſo eilig, Herr Percy?„ & Ganz im Gegentheil; aber ich beſorgte, Ew. Herrlichkeit Güte zu mißbrauchen; ich weiß, daß Ihre Zeit koſtbar iſt, und daß große, wichtige Geſchäfte auf Ihnen ruhen.» „Vielleicht hilft mir Herr Alfred Percy ſpäterhin Zeit erſparen.». Alfred ſetzte ſich wieder, da Sr. Herrlich⸗ keit es zu wünſchen ſchien.— Lord Oldbo⸗ rough blieb einige Augenblicke ſchweigend, in tiefen Gedanken vor ihm ſtehen. & Ja, Herr Percy!ꝰ ſagte er endlich, aich habe in der That viele Geſchäfte. Aber — 15— mit der gehörigen Anzahl Hände und Köpfe läßt ſich auch viel abmachen, und dieſe ſtehen mir genugſam zu Gebote. Talente aller Art ſind um einen gewiſſen Preis zu haben, nicht aber die Redlichkeit.— Darin liegt die Schwierigkeit— dieß iſt meine Hauptſchwie⸗ rigkeit. Ich habe in meiner Umgebung kei⸗ nen Menſchen, dem ich vertrauen könnte; manchen, der meine Zwecke mit dem Ver⸗ ſtande faßt, aber keinen, der ſie mit dem Gefühle ergreift.— Des ames de boue et de fange!— Elende, denen es nicht dar⸗ auf ankömmt, ob der Thron und das Vater⸗ land vergeht, wenn nur ihre kleinlichen Zwecke — junger Mann,) ſagte er ſich wieder faſ⸗ ſend zu Alfred gewandt— ⸗wenn ich mit Ihnen ſpreche iſt es, als ob ich mit einem Theile Ihres Vaters ſpräche.» Alfred fühlte das Schmeichelhafte dieſes Compliments, und Lord Oldborough fuhr fort: ſtehen mich; ich ſehe wir verſtehen uns gegen⸗ brauche einen Sekretair an Herrn Cunning⸗ ham Falkoners Stelle. Herr Drakelow geht nach Conſtantinopel. Zuvor muß er ſeinen Nachfolger in die Geſchäfte einführen; eine mechaniſche Fertigkeit, aus welcher kleine Gei⸗ ſter ein Geheimniß von großer Wichtigkeit machen. Sie Herr Percy würden ſich in kur⸗ zer Zeit in dieſe mechaniſchen Fertigkeiten des Dienſtes finden. Mit einem Wort, wenn es ſich mit Ihren Plänen vereinigen ließe, würde es mich ſehr freuen, Sie als meinen Privat⸗ ſekretair betrachten zu dürfen.— Nehmen Sie ſich Bedenkzeit, falls Sie nicht wünſchen, auf der Stelle eine Antwort zu geben; aber ich bitte, daß Sie nur ſich ſelbſt zu Rathe zie⸗ hen— auch nicht Ihren Vater. Und ſobald Sie ſich entſchieden haben, laſſen Sie mich Ihren Entſchluß wiſſen.* « Denn, lieber Herr Percy— Sie ver⸗ ſeitig, und werden fuüͤr einander paſſen. Ich — — 17— Nachdem Alfred dem in ſeiner Gunſt ſo hoch geſtiegenen Miniſter den waͤrmſten Dant abgeſtattet hatte, beurlaubte er ſich. Er ſchrieb nach Hauſe:«Ich glaube, mir war ein Bischen zu Muthe wie Gil Blas nach ſeinem erſten Beſuch am Hof. Die Dünſte des Ehrgeizes waren mir wahrſchein⸗ lich zu Kopf geſtiegen, und machten mich ein wenig ſchwindlich; ich ſchlief dieſe Nacht nicht völlig ſo gut wie gewöhnlich. Lord Oldbo⸗ rough und die Gerichtshöfe ſtanden mir un⸗ aufhörlich vor Augen, alle Für's und Wider's in meiner Einbildungskraft abwägend.— Ich mühte mich ab, konnte aber weder zum Schlaf noch zum Entſchluß kommen. Sieben Hun⸗ gerjahre des Advokaten— ſchrecklich! Aber alsdann Unabhängigkeit und Gewiſſensruhe, und mit der Zeit glücklicher Erfolg— der gewiſſe Lohn des Fleißes, wohlverdienter Reich⸗ thum, vielleicht Ehrenſtellen— warum nicht die höchſten in meinem Fach. Dagegen das II. 2 Leben des Staatsmannes, nach dem Geſtaͤnd⸗ niß aller, die es verſucht, ſelbſt Lord Oldbo⸗ roughs, ein höchſt unglückliches Leben. Die Nothwendigkeit mit ſchlechten Menſchen zu verkehren; die Verſuchung Dinge zu thun, die zur Selbſtverachtung führen. Die Abhaͤn⸗ gigkeit von fremden Launen, von der ſchwan⸗ kenden Macht des Gönners— die Unſicher⸗ heit der Gunſt und Gönnerſchaft!⸗* &Es dauerte lange bis ich meine Gründe und Gegengründe mit einander verglichen hatte, noch länger bis ich den wahren Werth jedes Guten und Böſen herausgefunden. In⸗ deſſen in vierundzwanzig Stunden löͤſte ich die Aufgabe.» Ich erſchien vor dem Miniſter, um ihm meinen Entſchluß kund zu thun. Mit Ver⸗ ſicherungen des Dankes, der Ehrfurcht und der Anhänglichkeit, die gewiß aufrichtiger wa⸗ ren, als er ſie gewöhnlich hört, fing ich an, und ſchloß damit, ihm auf die beſtmöglichſte Art zu erklären, daß ich meinen Beruf für ehrlicher halte, als den Seinigen; und daß ich den Stand des Advokaten, ſo mühevoll er auch ſey, dem des Staatsmanns vorziehe. Sie werden mir nicht zutrauen, daß ich alles dieß ſo wörtlich ſagte; aber das Ablehnen einer ſo ehrenvollen Stelle, der Vorzug, den ich meinem jetzigen Beruf gab, konnte keinen andern Sinn enthalten.— Lord Oldborough ſchien verſtimmt, vielleicht ſchien es auch mei⸗ ner Eitelkeit nur ſo.— Nach einer Pauſe ſagte er:*. Sehr wohl, mein Herr! Ich glaube Sie haben weiſe entſchieden. Es thut mir leid, daß Sie mir nicht dienen können, und daß ich Ihnen auf dem vorgeſchlagenen Weg nicht nützlich ſeyn kann. Ihr ſelbſterwaͤhlter Stand gehört zu den wenigen, wo des Mi⸗ niſters Beiſtaud keinen Vortheil bringt, in welchem aber Talente, Ausdauer und Red⸗ lichkeit früher oder ſpäͤter ſicher zum Ziele führen. Daher kann ich Ihnen nur Gelegen⸗ heit wünſchen, ſolche Eigenſchaften an den Tag zu legen.— Und wenn es jemals in meiner Macht ſtehen ſollte, dieſe Gelegenheit herbeizuführen; ſo können ſie auf mich rech⸗ nen,» fügte er mir die Hand reichend hinzu; cich werde Sie nicht vergeſſen— auch wenn Sie nicht der Sohn meines alten Freundes wären; Sie haben ſich durch ſich feu em⸗ pfohlen.» So ſchieden wir— Nein, wie ich die Thüre ſchon erreicht hatte, rief er mich noch ein Mal zurück, und ſagte:* &Wie geht es Ihrem Bruder, dem Ca⸗ pitain Percy? Haben Sie kürzlich Nachricht von ihm?» &Ja, Mylord! von Piymouth, wohin ge durch widrigen Wind getrieben wurden.» & Er befindet ſich hoffentlich wohl? 5 & Sehr wohl, ich danke Ew. Herrlichkeit. 8 Das freut mich; ich höre er iſt ein maͤ⸗ ßiger Menſch. So wird er das Clima von Weſtindien ertragen köͤnnen; auch iſt es ſchwer⸗ lich nöthig, daß er noch lange dort bleibt.» &Ich verbeugte mich, wollte gehen, und wurde noch ein Mal zurückgerufen.» Capitain Percy ſprach mit mir wie einem Major in ſeinem Regimente..Major„» SGaskoigne, glaube ich Mylord.“ Gaskoigne! ja richtig, Gaskoigne.» &Sr. Herrlichkeit notirte ſich den Namen.⸗» Nochmals Verbeugungen, und kein Wort mehr von beiden Seiten.“— sUnd nun, da ich dieß Alles geſchrieben habe, liebe Mutter, ſchäme ich mich faſt es fortzuſchicken— weil ich ſo viel von mir ſelbſt ſprach. Aber Roſamunde, die General⸗ vertheidigerin wird auch jetzt meine Sache führen, und vorſtellen, daß ich ja die Wahr⸗ heit und die ganze Wahrheit erzählen mußte. Ueberdieß weiß ich auch, mein Vater duldet eher offne Eitelkeit, als Stolz unter dem Mantel der Beſcheidenheit. Was Sie auch über die Art meiner Weigerung denken mö⸗ gen; ſo hoffe ich doch, daß Sie das Ganze billigen werden. Wenigſtens ſchmeichle ich mir des Vaters Beifall damit erworben zu haben, daß ich mich frei vom Druck der Gön⸗ nerſchaft erhielt.— Wenn Sie Briefe an Gottfried beſorgt wünſchen, ſo bitte ich, ſie mir nur vor dem erſten Mittwoch im Monat, wo das Schiff nach Weſtindien abgeht, zu ſchicken. Ihre Aufträge habe ich alle beſorgt; fürchten Sie nur nicht, mich durch mehrere zu beläſtigen. Ich bin leider noch nicht be⸗ ſchaͤftigt genug, um ſolche Aufträge ſtörend zu finden. Erasmus ſagt, daß ich von ihm nichts zu ſchreiben brauchte, da er* erſt kürzlich geſchrieben hätte. Es iſt mir lieh zu hören, daß ſie Alle nach Hungerford⸗caſtle gehene Mrß. Hun⸗ gerford und ihre Tochter waren während ih⸗ res Aufenthalts in der Stadt ſehr gütig ge⸗ gen Erasmus und mich; wie es mir ſchien noch zuvorkommender, als vor dem analha lichen Verluſt. Meinen Gruß an Carolinen und vielen Dank für ihren Brief. Auch Roſamunden einen herzlichen Gruß, unter der Bedingung, daß ſie mir von Hungerford⸗caſtle ſchreibt, und meine Einſamkeit in London durch Neuig⸗ keiten vom Lande und aus der⸗ Heimath er⸗ freut. . Jor gehorſamer Sohn Alfred.» Nachſchrift.„Ich hoffe Sie intereſſiren ſich Alle für O Brien.» O Brien war, wie ſich der Leſer erinnern „wird, jener arme Irländer, deſſen Bein Erasmus vom Abſchneiden errettete. Einige Zeit darauf, als Dr. Percy eines Morgens eben aufſtehen wollte, ſtürzte O Brien athem⸗ los, mit freudeglänzendem Geſicht ins Zim⸗ 1 — 24— mer. Weder Erasmus noch ſein Bedienter vermochten anfänglich den Sinn ſeiner langen, verworrenen Rede herauszubringen; nur ſo viel wurde ihnen klar, daß Jemand des Dok⸗ tors Hülfe augenblicklich bedürfe, und ſo zö⸗ gerte Erasmus auch nicht, ſeinem Führer zu folgen. Die Sache verhielt ſich folgender Geſtalt. O Brien, durch ſeinen Schaden am Bein zu der frühern halsbrechenden Arbeit unfähig geworden, hatte ſeitdem einem Ma⸗ ler als Farbenreiber gedient, und auch noch am heutigen Morgen ſein Geſchäft neben ihm verrichtet, als dieſer einen Anfall von Schlag⸗ fluß bekam. Der treue Irländer, in der Meinung, ſeinem Retter einen bedeutenden Dienſt zu leiſten, ſtürzte fort Erasmus zu holen, ehe noch jemand des Malers Zuſtand gewahrte und einen andern Arzt zu Hülfe rief. Dr. Percy fand den Schlaganfall ge⸗ ring; ſeine Kunſt und des Patienten gute Natur halfen ihm bald wieder auf. Dem Maler geſiel ſein Arzt, weil er keinen Lohn für ſeine Muͤhe begehrte; dafür ſuchte er ihm auch den unſchätzbaren Dienſt, den er der Kunſt durch die Erhaltung ſeines Pinſels ge⸗ leiſtet hatte, begreiflich zu machen. Zum Beleg dieſer Kunſtfertigkeit zeigte er ihm mehrere Meiſterſtücke, und pries vorzüglich ein ungeheuer langgliederiges, allegoriſches Phantaſieſtück ſeiner eigenen Compoſition, wel⸗ ches er ſelbſt für das Vorzüglichſte des beau ideal, ſowohl alter als neuer Zeit, als das Funſtreichſte, was menſchliches Genie jemals auf die Leinwand gezaubert, erklarte.«Und lieber Doktor,» ſagte er,«was halten Sie von einem Kunſtkenner, von einem Gönner, der im Stande iſt, meine Hand jetzt von dieſem unſterblichen Werk abzuziehen, und mich zwingt ein Portrait zu malen? Der Barbar! Ein Portrait! Und er könnte Ge⸗ nies aufmuntern; er könnte ein Macen ſeyn! Aus bloßer Eitelkeit giebt er vier elenden — 26— Schmierern, die nicht werth ſind meine Far⸗ ben zu reiben, die nicht mehr von der Kunſt verſtehen, als dieſer Kerl hier Cauf den Ir⸗ laͤnder weiſend), Penſion; und mich läßt er in der Dunkelheit verſchmachten! Aber ich will auch keinen Strich mehr an dem Portrait ſeiner holländiſchen Schönen malen,» fuhr der entrüſtete Künſtler fort— Aund ſollte ich auch Hunger ſterben, mein Leben im Gefäng⸗ niß zubringen.— Er ein Mäcen! Dem erbitterten Maler zitterte Hand und Stimme vor Zorn, und er hätte noch länger in die⸗ ſem Ton fortgeſprochen, wenn er nicht durch einen, vor dem Hauſe haltenden Wagen un⸗ terbrochen worden waͤre. 424 Da kömmt der Gönner!⸗ rief O Brien mit ſchlauem Blick.— Warlich, er iſt es ſelbſt.“ Erasmus wollte ſich entfernen, aber O Brien ſtellte ſich zwiſchen ihn und die Thür, und bedrohte ſein Kleid mit dem Oel der Pallete. Er mußte ſtehen bleiben. Ich bitte um Verzeihung— aber gehen Sie nur jetzt nicht 4 flüſterte der Irländer. In dieſem Augenblic wurde Herr Gres⸗ ham gemeldet, ein Mann von freundlichem, einnehmenden Weſen, den Erasmus ſich erin⸗ nerte früher ein Mal geſehen zu haben. Herr Gresham erkannte ihn augenblicklich, und nannte ſich als den Kaufmann, welcher an jenem unglücklichen Morgen bei⸗ Sir Amias Courtney gegenwärtig geweſen war. Nach⸗ dem er Einiges mit dem Maler über das Portrait beſprochen hatte, wandte er ſich zu Dr. Percy und ſagte: Es that mir leid, daß Sie die Hospi⸗ talarztſtelle wegen Ihrer Aufrichtigkeit über eine Muſchel verloren.»— Ehe Erasmus antworten konnte, hatte O Brien ſein Bein entblößt, und rief aus: Dieß brachte ihn um die Stelle! Die Errettung dieſes Beines koſtete ihm viel. So — 28— war es, und Gott ſegne⸗ aund beistne ihn dafür.„ 711 239 Und nun begann der arme Kerl die Ge⸗ ſchichte des Beines mit der von Herzen kom⸗ menden, und zum Herzen gehenden Bered⸗ ſamkeit der Einfalt zu erzählen, und rühmte, was Dr. Percy an ihm gethan mit einem ſolchen Strom von Worten, daß Erasmus ſich genöthigt ſah, ſeiner überwallenden Dank⸗ barkeit Einhalt zu thun. Gresham war ge⸗ rührt, und ſobald O Brien dieß gewahrte, ſchloß er mit der pathetiſchen Vermahnung: «Gott ſegne Sie, lieber Herr Gresham! Sie ſind ein großer Mann, und haben vie⸗ len Leuten etwas zu befehlen; und wenn in Zukunft jemand von Ihren Freunden ſich nie⸗ derlegt und krank wird; ſo empfehlen Sie ihn, und ſchicken nach ihn, lieber wie nach 3 andern Doktors. Es wird für die Kranken eine Wohlthat ſeyn, und für mich auch; denn ich habe keine Ruhe, wenn ich bedenke, daß — 29— ich ihm ein Hinderniß geweſen bin. Und was bedürfen die Kranken mehr, als curirt zu werden? Und dieß iſt der Mann der es verſteht, wie zwei Zeugen hier beweiſen kön⸗ nen, dieſer Herr wenn er ſprechen wollte, und ich ſelbſt.— Jetzt machte Erasmus dieſer Scene plötz⸗ lich ein Ende, um nicht durch des Irländers unzeitigen Eifer in einem lächerlichen und ge⸗ meinen Lichte zu erſcheinen. Dieſer peinliche Gedanke beſchaͤftigte ihn ſo ſehr, daß er nichts mehr von dem vernahm, was der Maler ſagte. Doch Gresham kam ſeinem verwundeten Stolz bald zu Huͤlfe, und überzeugte ihn durch ſein Benehmen vom Gegentheil. Er ſchloß beim Abſchied mit einer herzlichen Einladung, ihn in ſeinem Hauſe zu beſuchen, und äußerte den Wunſch, näher mit einem jungen Mann bekannt zu werden, von deſſen Charakter er ſchon zwei Mal Gelegenheit gehabt, viel Gu⸗ tes zu ſehen.— — 39— O Briens Augen funkelten; er rieb ſeine Haͤnde, hielt indeſſen den Ausbruch der Freude zurück, um Erasmus nicht zu erzürnen. Beim Fortgehen ſchlich er ihm nach, und bat demü⸗ thig um Verzeihung, wenn er aus Unwiſſen⸗ heit etwas Unſchickliches geſagt habe. Ueber ſeinen erſten Beſuch bei Herrn Gresham ſchrieb Erasmus an ſeine Mutter: «Man wieß mich zu Herrn Gresham in einen altmodiſchen Theil der Stadt, in eine der dunkeln Straßen der City, und allem Anſchein nach glaubte ich meinen Weg mit den Häͤnden in irgend eine gräuliche Höhle, wie man ſie in den alten Häuſern dieſes Theils der Stadt findet, ſuchen zu müſſen. Aber zu meinem Erſtaunen befand ich mich, nachdem ich durch einen Hof gegangen, und eine wenig verſprechende Treppe hinaufgeſtie⸗ gen war, in einem geraͤumigen Zimmer. Die Dunkelheit verwandelte ſich in Licht, der Rauch und das Getöſe der City in Ruhe — 31.— und reine, friſche Luft. Breite, bis an den Boden reichende Fenſter gewaͤhrten eine ſchoͤne Ausſicht auf die Themſe; die Balkous waren mit den ſchönſten Blumen und Geſträuchen beſetzt. Das Ganze bildete eine arabiſche Scene in London. Roſamunde! wie würde es Dich entzückt haben! Aber ich vergaß noch zu erzählen, daß eine junge, ſchöne Dame, Conſtanze genannt, unter den Blu⸗ men ſaß. Weiter weiß ich jetzt noch nichts von ihr zu ſagen. Herr Gresham fuͤhrte mich in ſeine Gemäldeſammlung. Ja, eine Gemäldeſammlung! und noch dazu eine ſehr vorzügliche. Er beſitzt ein Vermögen, wo⸗ von ſich nur eugliſche Kaufleute eine richtige Idee machen können, und wendet es auf eine Art an, die ſeinem Stand und Vaterland Ehre macht. Er begünſtigt die Künſte mit großer Freigebigkeit. Ich fand mein klagen⸗ des Genie, den Maler, der ſeinen Göͤnner ſo arg geläſtert hatte, dort, ſamt ſeinem Por⸗ trait, welches trotz der Drohung, keinen Strich mehr daran zu thun, dennoch beendet war. Auch hatte er ſeine großgliederige Ve⸗ nus mitgebracht, und ſchien nicht wenig ent⸗ rüſtet, als Gresham gar keine Luſt bezeigte, dieſes Meiſterſtück zu kaufen. Außer dem Maler ſtellte ſich auch noch ein eben ſo eitler, und eben ſo unzufriedner Dichter ein.» Ich bewunderte Greshams Sanftmuth, woomit er ihre üble Laune und Arroganz er⸗ trug. Nachdem ſie uns endlich, zu meiner größten Freude verlaſſen hatten, ſprach ich über den Undank, welcher den Beſchützern der Künſte von dieſer Art Menſchen gewöhn⸗ lich zu Theil wird. Er erwiederte, daß er ſich durch ſeinen Stand in der bürgerlichen Geſellſchaft zur thaͤtigen Hülfe berufen fühlte, und deshalb auch ſolchen, mit Armuth, Krank⸗ heit und Zurückſetzung kämpfenden Genies ches nachſähe. Er geſtand mir, oft mit Undank gelohnt, und durch die Anſprüche, 1 — — Erwartungen und Unbilligkeiten dieſer Men⸗ ſchen vielfach gequält worden zu ſeyn. Zum eigenen Glück,» ſagte er,«iſt das Gewerbe eines Gönners das Schrecklichſte von der Welt. Meerfenchel einſammeln, iſt nichts dagegen.» — Erzählen Sie dieß meinem Vater. Ich brachte lange keinen Tag ſo angenehm zu, wie bei Herrn Gresham. Er unterhält ſich gut, und theilt ſeine mannigfaltigen Kenntniſſe ohne die geringſte Prahlerei mit. Wir handelten in wenig Stunden viel literäriſche Gegen⸗ ſtände ab, und ich war ſtolz darauf, ihm üb erall folgen zu können. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ich kein unwiſſender, an⸗ maßender Menſch ſey, ſprach ſich der Wunſch mir nützlich zu ſeyn deutlich aus; doch fühlte er zu zart, um irgend etwas in Bezug auf mein aͤrztliches Fach zu ſagen. Er äußerte nur wiederholt das Verlangen, meine Be⸗ kanntſchaft fortzuſetzen, und bat mich, ihn ſo pft es meine Geſchaͤfte erlaubten, zu beſuchen. II. 3 Am andern Morgen kam er zu mir, mich um meinen arztlichen Rath für einen kranken Compagnon zu bitten, zu dem er mich ſo⸗ gleich begleiten wollte.— Wo, und wer die⸗ ſer Compagnon iſt, und an welcher Krankheit er niederlag? werde ich, wenn Sie neugierig darauf ſind, in meinem nächſten Brief berich⸗ ten. Der heutige faßt nichts mehr, als die herzlichſten Grüße an Alle. Wann werde ich die liebe Heimath wiederſehen? 1 Ihr Erasmus Percy. Sechszehntes Kapitel. —† Nun zu dem Beſuch in Hungerford⸗caſtle, einem ſchönen, alten Gebände, umgeben von einem herrlichen Park, der manchen Park wei⸗ tern Umfangs wegen der ungewöhnlichen Größe ſeiner ehrwürdigen Eichen, übertraf. Das Schloß hatte Raum genug, die Anzahl der Freunde, welche der Beſitzerin gaſtfreier Sinn um ſich verſammelte, bequem und leicht auf⸗ zunehmen. Es hatte beſondere, zur Aufnahme der genaueſten Hausfreunde beſtimmte, und mit ihren Namen belegte Zimmer. Percy's fanden auch jetzt die ihrigen wieder für ſich eingerichtet, und die alten Diener des Hau⸗ ſes erfreut, ſie zu ſehen, und eifrig bemüht, F 3 — 36— ihnen zu dienen. Manches bewies, daß an ſie gedacht, daß ſie erwartet worden waren; aber nichts erinnerte an den Wechſel ihres Glücks; weder förmliche oder beſondere Höf⸗ lichkeiten von der Frau des Hauſes, ihrer Tochter oder ihren Nichten, noch größere Auf⸗ merkſamkeit wie gewöhnlich; doch wurden ſie als alte, genaue Freunde andern Gäſten vor⸗ gezogen. Unter dieſen zeichnete ſch Lady Angelika Headingham als die Merkwürdigſte aus. Ihro Herrlichkeit war erſt kürzlich zum Beſitz eines großen Vermögens gelangt, und hatte dadurch natürlich gewaltiges Aufſehen in der vorneh⸗ men Welt erregt. Trotz dem, daß ſie ihre erſten Jugendjahre unter dem Druck verlebt hatte, arbeitete ſich ihr Geiſt, als ſie ſich endlich davon befreit ſah, mit bewunderungs⸗ würdiger Schnelligkeit in die Höhe.— Sehr bald glänzte Lady Angelika Headingham als Schoͤnheit, hel esprit und protegirende Gön⸗ — 37— nerin; und erſchien ſie in dieſen verſchiedenen Charakteren auch manchmal als inpromptu; ſo mußte man ihr doch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie ſämmtliche Rollen mit ſo viel Geiſt, Wahrheit und Selbſtver⸗ trauen durchführte, als ob ſie ſie ihr ganzes Leben hindurch geſpielt, und von Kindheit an dieſen Schauplatz betreten hätte. Nur in einem Punkt ließ ſie ſich vielleicht Mißgriffe zu Schulden kommen. Nicht früh genug an den ſüßen Duft der Schmeichelei gewöhnt, nahm ſie dieſen jetzt nicht mit der gebühren⸗ den nonchalance auf. Die Verehrung, welche ihr in ihrer dreifachen Würde von un⸗ zähligen Anbetern gezollt wurde, vermehrte ihren Durſt nach Weihrauch nur noch mehr, und ließ ſie oft tiefer darnach hinabſteigen, als es einer Göttin zukömmt.— Bis jetzt hatte ſie noch für keinen ihrer Bewunderer beſondere Vorliebe gezeigt, obgleich man ihr Schuld gab einem Jeden ſo viel Aufmunte⸗ — 38— rung zu geben, als nöthig war ihm den Kopf zu verrücken. Zwei der eifrigſten und ernſt⸗ lichſten Verehrer hatten Ihro Herrlichkeit nach Hungerford⸗caſtle begleitet. Sir James Harcourt, und Herr Barclay. Erſterer aus⸗ gezeichnet hübſch und ein vollkommner Welt⸗ und Hofmann. Nachdem er ſein Vermögen durch fruchtloſe Verſuche ſich zum Parlaments⸗ glied hinaufzuarbeiten ruinirt, ſich ein Jahr nach dem andern in der Hoffnung und mit dem Verſprechen einer Penſion am Hofe her⸗ umgetrieben hatte, und endlich von ſeinen, nicht länger warten wollenden, Glaͤubigern hart gedrängt worden war, verliebte er ſich plötzlich in Lady Angelika Headingham.— Herr Barclay, der andere Verehrer Ihrer Herrlichkeit war reich, von guter Familie und von vortrefflichen Sitten und Charakter. Er hatte nun die Jahre erreicht, wo das Verlangen nach einer ſtillen Häuslichkeit zu erwachen pflegt. Doch ſchreckte ihn das Beiſpiel ſo mancher x — 39— unglücklichen Ehe, ſelbſt in den kleinern Cir⸗ kel ſeiner Freunde; und eine genauere Be⸗ kanntſchaft mit der ſogenannten großen Welt mußte ſeine Abneigung gegen die Ehe nur noch vermehren. Vor den Gefahren der Liebe hatte er ſich mit unendlicher Vorſicht zu waff⸗ nen geſucht, und war ihnen auch, bis zum unglücklichen Augenblick wo Lady Angelika in ſeinen Weg trat, glücklich entgangen. Gegen ſeine beſſere Ueberzeugung ließ er ſich von ihren Reizen und Talenten hinreißen; indeß hatte ſich ſeine Vernunft dieſer Neigung im⸗ mer noch widerſetzt, und zur wirklichen Lie⸗ beserklärung war es noch nicht gekommen. Die ſchlaue Dame kannte jedoch ſeinen Zu⸗ ſtand beſſer wie er ſelbſt, und bereitete ihm manche trübe Stunde durch ihre Launen und Coquetterie, die er mit dem Schweigen und der Geduld eines Märtyrers ertrug. Beim erſten Zuſammentreffen mit der Perey'ſchen Familie zeigte ſich Lady Angelika — 40— in vollem Glanz, den eine eben vollendete, erfolgreiche Toilette, das glückliche Bewußt⸗ ſein erneuerter Reize, und das Beſtreben, eine neue, fremde Verſammlung zu entzücken, verleiht. Wenn gleich über die erſte Jugend⸗ blüthe hinaus, war ſie doch noch ſchön zu nennen, und trug ganz das Gepräge einer Bewunderung heiſchenden, und Bewunderung erhaltenden Schönen. Nur Schade, daß jede Stellung, Bewegung und Veränderung ihrer Zuͤge ſtudiert, und augenſcheinlich darauf be⸗ rechnet war Aufſehen zu erregen und zu be⸗ zaubern. Sie ſtand, umringt von einem Trupp Herrn, Sir James Harcourt, Herrn Barclay, Herrn Seebright, einem jungen Dich⸗ ter, Herrn Gray, einem Gelehrten und an⸗ dern personnages muets, und ſo ſchwierig das Geſchäft auch war, dieſe verſchiedenen Gemüther zu der gefährlichſten aller Zeiten, in der kritiſchen halben Stunde, vor dem Mittagseſſen in hohey Bewunderung und vol⸗ —— —-— 41— lem Spiel zu erhalten— ſo gelang es den⸗ noch Lady Angelika's mannigfaltigen Kräften und unermüdeten Anſtrengungen. Jede Schönheit pflegt gewöhnlich neugie⸗ rig auf den erſten Anblick einer andern ge⸗ prieſenen Schönheit zu ſeyn. Lady Angelika hatte Miß Carolina Percy als ungewöhnlich hübſch rühmen hören. Ihr Auge folgte der eintretenden Miß Percy und Roſamunden, und blieb endlich befriedigt auf Carolinen ruhen.— In der That Schönheit genug um Unruhe zu erwecken; aber auch Einfachheit genug um die Furcht, eine Nebenbuhlerin in ihr zu finden, zu verbannen. Caroline trat ohne künſtlich vorbereitete Grazie, ganz wie ſie gewöhnlich einzutreten pflegte, ins Zimmer. Lady Pembroke's, ihre beiden Freundinnen nahmen ſie gleich in die Miitte, und in ihren Zügen ſprach ſich reine, innige Freude ſie wieder zu ſehen aus. In der That ein ſüßes, liehliches Ge⸗ — 42— ſchöpf!» flüſterte Lady Angelika dem neben ihr ſtehenden Sir James Harcourt zu. Ja— ja— aber doch nichts Piquan⸗ tes,»y erwiederte Sir James. Barclay's Au⸗ gen waren Carolinen gefolgt, und ruhten mit Wohlgefallen auf ihrer ſchönen Geſtalt. Die Größe des Zimmers, und Carolinens eifrige Unterhaltung mit ihren Freundinnen am andern Ende deſſelben, ließ Lady Angelika ihre Beobachtungen ungeſtört fortſetzen. «Es liegt etwas ſehr Anziehendes in die⸗ ſer einfachen Art,» fuhr ſie gegen Barclay gewendet fort— Finden Sie nicht auch ei⸗ nen wunderbaren Reiz in dieſer Unſchuld? Nur Schade, daß er nicht dauernd iſt; er gleicht jenen zarten Farben, die uns für den Augenblick feſſeln, durch welche ich mich wohl ſchon hundert Mal beſtechen ließ, und es nun für immer verſchworen habe.— Treuloſe Farben! Sie welken und fliegen davon, wäh⸗ rend man ſich an ihnen ergötzt.) — — 43— „Das wäre allerdings Schade,y rief Bar⸗ clay, ſeine Blicke von Carolinen abwendend. «Jammerſchade„ entgegnete Lady Ange⸗ lika., Es wäre möglich, daß ſich dieſer flüchtige Reiz auf dem Lande, durch unend⸗ liche Sorgfalt und Vorſicht einige Jahre er⸗ halten ließe; aber in der Stadt würde er keine saison aushalten.» «Wahr, nur zu wahr,» erwiederte Barclay. Aus dieſem Grunde,» fuhr Lady Ange⸗ lika fort, swünſche ich mir lieber etwas Dau⸗ erndes, was in der Welt aushält. Die Gunſt der Mode, zum Exempel— ob ſie gleich, bis wir uns daran gewöhnt haben, nicht halb ſo anziehend erſcheint... oder Kenntniſſe zwar oft theuer erkauft; vder Genialität, wiewohl der öffentlichen Critik am meiſten ausgeſetzt; oder Witz, der indeß ſehr ſelten ächt zu finden iſt. Alles Andere iſt beſſer als ein verblüther Reiz, als eine hübſch ge⸗ weſene Unſchuld.» — 4= Es wäre allerdings beklagenswerth, wenn es ſo weit kommen ſollte,„ erwiederte Bar⸗ clay.— Er ſchien noch mehr zu Gunſten der Unſchuld ſagen zu wollen, aber durch ihren Witz zum Schweigen gebracht worden zu ſeyn. Sir James zuckte die Achſeln, und be⸗ theuerte,«daß die bloße Unſchuld viel zu fade ſei um ſeinem Geſchmack zuzuſagen.) Aber wo blieb denn Oberſt Hungerford? — Man hatte ihn am heutigen Tage erwar⸗ tet, als ein Brief ſeiner Mutter die Nach⸗ richt brachte, daß er durch unumgängliche nöthige Regimentsgeſchäfte davon abgehalten worden wäre, und erſt nach mehreren Wochen in die geliebte Heimath eilen könnte. Alle ſahen ſich in ihren Erwartungen getäuſcht. * So werden wir alſo wieder fortgehen, ehe er kömmt, und er ſieht Carolinen nicht,» dachte Roſamunde. 45— &Er wird mich alſo nicht ſehen,„ ſagte Lady Angelika zu ſich ſelbſt. Roſamunde tröſtete ſich indeſſen mit der Bemerkung, daß Caroline einigen Eindruck auf Herrn Barclay gemacht hatte, ſo unge⸗ theilt er auch vorher ſeiner glänzenden Ge⸗ bieterin zugethan war. Ihr entging es nicht, daß er den Unterſchied fühlte, wie beide ihre Zeit zuzubringen pflegten. Lady Ange⸗ lika nahm zwar dann und wann den Pinſel in die Hand, griff in die Saiten ihrer Harfe, oder blätterte in einem Buche; war aber doch niemals wirklich beſchaͤftigt— Caroline hingegen immer. Die Morgenſtunden brachte ſie gewöhnlich mit Roſamunden und ihren Freundinnen in einem an die Bibliothek ſtoßenden Zimmer⸗ chen, der Ovial genannt, mit Lektüre, Zeich⸗ nen und Muſik zu.. Während deſſen bemühte ſich Lady Ange⸗ lika ihren Witz ſpielen zu laſſen, oder ihre — 46— Grazie zu entwickeln. Dann und wann ließ ſte ſich auch herab die jungen Damen auf einen Spaziergang zu begleiten; aber nur wenn die Herrn von der Parthie waren.— Die Schönheiten der Natur mit ſchönen Wor⸗ ten zu bewundern, gehörte zum bon ton: und Lady Angelika ſprach von kühnen Umriſ⸗ ſen, herrlichen Bergformen, von dem unver⸗ gleichlichen Effect des Lichts und Schattens, von ſchönen accidents, reichen Blättern, üp⸗ pigem Grün und herbſtlichen Farben; waͤhrend Carvline dieſe Schönheiten im Stillen genoß, ohne durch laute Bewunderung ſelbſt Anſpruch auf Bewunderung zu machen. Mrß. Mor⸗ timer ließ im Park neue Parthien anlegen, Boskets anpflanzen. Caroline intereſſirte ſich lebhaft für ihre Pläne, waͤhrend Lady Ange⸗ lika mit Kunſtſinn darüber ſprach. Traf es ſich jedoch zufällig, daß ſie nicht der alleinige Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit war, ſo klagte ſie augenblicklich über Hite — 47— oder Kälte; oder fühlte ſich zum Tode er⸗ müdet.— Doch ſo müßig Ihre Herrlichkeit den Tag verlebte, ſo angeſtrengt arbeitete ſie manchmal des Nachts.... angeſtrengt, wie man Buttlern Schuld giebt des Nachts gearbeitet zu haben, um ſich den Ruhm eines müßigen allgewaltigen Genies zu erwerben— alles wiſſend und könnend, ohne irgend etwas zu ſtudieren. Aus Wörterbüchern, Auszügen, Abkürzungen und ausgezogenen Quinteſſenzen ſammelte ſie hie und da, und uüberall glän⸗ zende Brocken; und ſo gelang es ihr oft durch Prahlerei mit auswendig gelernter Weisheit ihrer Unterhaltung den Anſtrich von großer Kenntniß der Literatur, und tiefer Blicke in Künſte und Wiſſenſchaften zu geben, obgleich ſie im Grunde nichts davon verſtand und wenig Sinn dafür hatte. Herr Seebright, der Dichter, ließ ſich durch dieſes Schauſpiel leicht bethören; er war erſtaunt über einen ſolchen Schatz von 7 — 48 ⸗— Kenntniſſen, und erklaͤrte Ihre Herrlichkeit für ein ausgezeichnetes Genie. Sich Lady Angelika's als Gönnerin zu verſichern, war nun ſein erſtes Geſchäft; und er war ſchwach genug, oder zu unbekannt mit der Welt, um ſich einzubilden, daß die Protektion einer modernen literäriſchen Dame von hohen Rang das Urtheil des Publikums leiten, und einem armen Dichter zu Vermögen und Ruf ver⸗ helfen könne.— In dieſer Vorausſetzung widmete er ihr täglich und ſtündlich ſeine Huldigungen mit unverdroſſenem Eifer; doch bemerkte Roſamunde, daß ſein Auge Caroli⸗ nen bei jeder neuen Wendung des Geſpraͤchs unwillkührlich gereizt ſuchte; und ob er gleich behauptete, ſich in allen Punkten durch Lady Angelika's Geſchmack und Urtheil leiten zu laſſen; ſo gab es doch eine leiſe, kleine Stimme, auf welche er noch ängſtlicher lauſchte. Herr Gray, der Gelehrte, entdeckte Lady Angelika's Unwiſſenheit bald, belächelte ſchwei⸗ 7 — 49— gend ihre Schnitzer und Mißgriffe, und ver⸗ achtete ihre Scheinkünſte. Auch ihn zu ge⸗ winnen war ihr größtes Beſtreben; allein umſonſt wieß ſie die Briefe aller ausgezeich⸗ neter, namhafter Männer, mit denen ſie corre⸗ ſpondirte, auf; vergebens erwähnte ſie viele Perſonen von hohem Rang als ihre Ver⸗ wandte und lieben Freunde. Sie würde ſich ſehr glücklich preiſen ihn bei dieſen gelehrten Mann einzufuhren, ihn jener großen Dame vorzuſtellen; es würde ſie ſtolz machen, Herrn Gray bei ihren esprit parties zu ſehen, ihm dort dieſen und jenen berühmten Mann zu zeigen. Es würde ihr großes Vergnügen machen und eine beſondere Ehre ſeyn, ihn allen kennenswerthen Perſonen der Stadt zu empfehlen.y Mit gebührender Höflichkeit lehnte Herr Gray dieſe Anerbietungen ab, verſicherte, daß nur wenige Menſchen im Stande wären ihm den Verluſt ſeiner Zeit durch ihre Ge⸗ II. 4 — 50— ſellſchaft zu erſetzen, und daß er ſo glüͤcklich wäre, dieſe Wenigen ſeine Freunde nennen zu können. Nenue Bekanntſchaften wünſchte er nicht, beſuchte auch niemals Conversazio- nes, und dankte daher Ihrer Herrlichkeit für alle ihm zugedachte Ehre.» Daß ſich Lady Angelika, trotz allen Hülfs⸗ mitteln die ihr Gönnerſchaft und bel esprit boten, dennoch mit ihren eigenen Waffen ge⸗ ſchlagen ſah, kränkte ſie nicht wenig; doch haͤr⸗ ter noch war es, nicht imponirend genug damit auf ein Mädchen wirken zu können, welches niemand kannte.— Die Manoeuvres wurden nun geändert; ſie wollte Miß Carolinen zei⸗ gen, daß alle ihre Kenntniſſe, Geſchicklichkei⸗ ten und Reize einer höheren Gewalt unter⸗ liegen müßten— der Gewalt der Mode. Caroline, die bis jetzt immer auf dem Lande gelebt, konnte nicht viel von der Mode wiſſen. Ihre Unterhaltung drehte ſich nun nicht mehr um Lektüre, über welche alle im Stande waren ein hinlaͤngliches Urtheil zu fäͤllen, ſondern um Perſonen die niemand kennen konnte, als wer in der vornehmen Welt lebte. Vergebens bemühte ſich Ihre Herrlichkeit um Mrß. Hungerfords und ihrer Tochter Beiſtand; ſie waren zu wohlgezogen, um dieſe einſeitige und fade Unterhaltung aufzumuntern. Aber auf Sir James Har⸗ courts Unterſtützung konnte ſie ſicher rechnen. Er rühmte ſich, alle wichtige Perſonen der Hauptſtadt zu kennen und auch von ihnen gekannt zu ſeyn; beſaß einen unermeßlichen Reichthum an Stadt⸗ und Hofanekdoten, und war immer au courant du jour. Welche Hülfstruppen für Lady Angelika! Doch trotz ihrer vereinigten Operationen und des belei⸗ digenden Bündniſſes wechſelſeitiger Freund⸗ ſchaft, nur darum ſo ſtreng gehalten um Eifer⸗ ſucht zu erwecken, erreichten ſie ihren Haupt⸗ zweck dennoch nicht.— Caroline wurde nicht gedemüthigt, und Barclay nicht eiferſüchtig. 4* — 7 Wenigſtens zeigte er es, wenn er es auch war, nicht deutlich genug, um ihr den ge⸗ wünſchten Triumph zu gewähren. Er ſah wohl manchmal aus, als ob ſein Herz brechen, aber nie, als ob es ſich beugen wollte. Auf Carolinen machte das Aufzählen vor⸗ nehmer Titel nicht den geringſten Eindruck; ſie äußerte kein Erſtaunen über das vor ihren Augen gemuſterte right honourable Verzeich⸗ niß; es war ihr ganz gleichgültig, wer ſich in dieſem Jahre verheirathet, und nicht verhei⸗ rathet hatte, oder wer geſchieden werden ſollte. Sie beſchäftigte ſich während dieſes modernen, läppiſchen Geſchwätzes mit ihren eigenen Gedanken, und zollte den Verbünde⸗ ten auch nicht die geringſte Aufmerkſamkeit. Dieſen Mangel an Neugier, dieſe Seligkeit der Unwiſſenheit, und dieſe ſchweigende Ruhe konnte Lady Angelika nicht faſſen. Sie fühlte, daß ihr Streben Unmuth zu erwecken völlig mißlang und gab, wenigſtens für den Augen⸗ blick den Plan, die alleinige Unterhaltung zu führen, auf. Eines Morgens ergötzten ſich Lady Ange⸗ lika und Sir James an den Portraits der ausgezeichnetſten Schönheiten während König Carl des Zweiten Regierung. Es entſpann ſich darüber unter ihnen ein Geſpräch, in der edlen Abſicht Carolinen, welche auch hin⸗ zugetreten war, zu demüthigen. Jedes Bild, deſſen Schönheitsſtyl dem ihrigen glich, wurde von Lady Angelika und Sir James gering ſchatzig betrachtet und verworfen; während er alle ſolche, die auch nur eine entfernte Aehnlichkeit mit Lady Angelika hatten, bezau⸗ bernd fand. Caroline, frei von jeglicher Ei⸗ ferſucht ſuchte ſie auch bei andern nicht. Zwar ſetzten ſie die ſonderbaren Urtheile, die ſie hier äͤußern hörte, in dun doch ſprach ſie nichts deſtoweniger ihren eigenen Geſchmack, und ihre verſchiedene Meinung unverhohlen aus, Mrß. Mortimer und Bar⸗ — 54— clay belächelten die ſinnreiche Einfalt. Endlich verrieth. Sir James Carolinen durch einen bedeutungsvollen Seitenblick auf Lady Ange⸗ lika, das Einverſtändniß. Sie hatte ſich der⸗ gleichen zwar nicht vermuthet, ertrug aber die große Kränkung ihren Schönheitsſtyl von dieſen anerkannten modernen Richter verachtet zu ſehen, mit der beſten Art, und alle fer⸗ nere Verſuche blieben fruchtlos. Barclay hatte dieſe Scene aufmerkſam beobachtet, und Lady Angelika war es nicht entgangen. Dadurch noch mehr fuhr Ihre Herrlichkeit fort ſich Barclay's Eiferſucht rege zu mache„ und ſein ſtolzes Herz zu beugen, oder zu brechen. Sir James te ihr Bewunderung in jeder uen deun Proteusform. Barclay, ihrer Meinung nach im Innerſten gequält, entfernte ſich vom Sopha wo ſie ſaß, ergriff ein Buch und begann zu leſen. Lady Ange⸗ — 55— lika ſparte keine Künſte ſeine Aufmerkſamkeit abzuziehen. Sie erfand eine Beſchäftigung, welche unaufhörliche Ausrufungen der Be⸗ wunderung, Freude und Verzweiflung erfor⸗ derte, nach deren Urſache Barclay ſich an⸗ fänglich umſah; als er aber fand, daß ſie blos durch das Aufbauen und Niederreißen eines Kartenhauſes entſtanden, murmelte er ein Pah! und hielt nun ſeine Augen feſt auf's Buch gerichtet. Sir James fuhr fort die ſchöne Baumeiſterin mit den gebrechlichen Materialien zu ihrem Bau oder ihrer Thor⸗ heit wie ſie es nannte, zu verſehen, und wurde dafür durch manches Lächeln, und man⸗ chen Lobſpruch belohnt. Mrß. Hungerford bat Herrn Barclay eines ihrer Lieblings⸗ gedichte vorzuleſen. Er las ſehr gut, und zog bald die Aufmerkſamkeit der ganzen Ge⸗ ſellſchaft, ausgenommen Lady Angelika's und eihres dienſtthuenden Ritters, auf ſich. Den Vorleſer durch laute Ausrufungen zu unter⸗ — 36— brechen wagte ſie zwar nicht; doch bewieſen ihre ſtummen Grimaſſen, ihre naiven Blicke des Erſtaunens über jedes neue Stockwerk des Kartengebäudes, ſo wie ihre Schreckens⸗ laute, wenn ihr Thurm einzufallen drohte deutlich genug, daß ſie ihm keine Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt. So wie er geendet, näherte ſie ſich dem Tiſche und rief, einige Karten unter Carolinens Ellbogen wegziehend— „Ich bitte zehntauſend Mal um Verzeihung! Wie grauſam von mir, ſolche Träumereien zu ſtören, und ſolch eine Attitüde!— Herr Barclay,» fuhr ſie fort, wenn Sie jetzt Muße haben, an mich zu denken, ſo darf ich Sie ja wohl um einige Karten zu meinem Bau erſuchen.» Barclay überreichte ihr kaltblutig die ver⸗ langten Karten, ſah zum Feuſter hinaus, fand ſein Pferd bereit und wollte eben mit Herrn Percy das Zimmer verlaſſen, als Lady Ange⸗ lika indem er vorhei ging ihren Thurm um⸗ bließ und ausrief— adamit hat meine Thor⸗ heit ein Ende— eine meiner Thorheiten nämlich.— Wollte Gott, ſie waͤren alle ſo leicht umzublaſen!»— Der Seufzer und reuige Blick, womit ſie dieſe Worte begleitete, wurden als Genug⸗ thuung angenommen. Barclay kehrte zurück, und während Lady Angelika den Ueberreſt ihres Thurms zerſtörte, recitirte ſie einen Vers von Pope.— „Herrliche Zeilen!» ſagte Barclay. & Unvergleichlich deklamirt!» rief Sir James. Sind es Ihrer Herrlichkeit eigene Worte?9 2 Nein; Homers,» erwiederte ſie lächelnd, snämlich Pope's Homers.»— Sir James eilte ſeinen Schnitzer durch einen ſchnellen Uebergang auf ein anderes Thema zu bemänteln, und fragte Lady Ange⸗ lika, swie ihr Flaxmanns Skizzen zur Jliade ————::::--— und Odyſſee geſtelen. Er haͤtte das Buch geſtern in der Bibliothek liegen ſehen und eine ſprechende Aehnlichkeit mit Venus oder Penelope und einer Dame ſeiner Bekannt⸗ ſchaft gefunden. Er wollte das Buch ſo⸗ gleich holen um es Ihrer Herrlichkeit zu zeigen. Aber es war nirgends zu finden. Mrß. Hungerford meinte, es müſſe im Ovial liegen, und er eilte nun dorthin. Daß Ca⸗ roline daraus zeichnete war allerdings ein unglücklicher Umſtand; denn Barclay war ihm gefolgt, und ſah und bewunderte jetzt zum erſtenmal Carolinens Zeichnungen. Ihr Ge⸗ ſchmack und Kunſtſinn zogen ihn unwiderſteh⸗ lich an; er konnte den Ovial nicht verlaſſen. Lady Angelika kam nach um Unheil zu ver⸗ hüten, Mrß. Hungerford in der Hoffnung Carolinens beſcheidnes Verdienſt anerkannt zu ſehen. Während Barclay ſchweigend be⸗ wunderte rief Sir James, ganz gegen ſeine gewöhnliche Höflichkeit aus: cich muß geſte⸗ — 59— hen, ich haͤtte nimmermehr geglaubt, daß Miß Percy ſo vortrefflich zeichnet!* Sehr möglich,“ rief Lady Marie Pem⸗ broka vor Unwillen erröthend— cſehr be⸗ greiflich, Sir James! und nun ſetzt es Sie wohl in deſto größeres Erſtaunen, daß Miß Caroline in dieſem ausgezeichneten, erhabenen Styl zeichnet— Ja, und das Vollkommne ihrer Kunſt beſteht darin, daß ſie nicht prah⸗ lend damit auftritt, ſie nirgends geltend zu machen ſucht.» «Sie haben immer das Glück verborgene Talente zu entdecken„ ſagte Mrß. Huunger⸗ ford;«es zeigt ſich uns hier, wie weibliche Vollkommenheiten und Talente ſich zeigen müſſen, mehr zurückgezogen als aufdringend. In dieſem Augenblick ward ein lauter Schrei von Lady Angelika gehört; ſie hatte Barclay's Arm gefaßt, und krümmte ſich wie in Todesangſt. — 60— alm Gotteswillen! Was giebt es?» rief Barclay. O ein Krampf, ein ſchreclih Krampf in meinem Fuß clay,«und ſtrecken Sie Ihren Inß aus.* Höllenſchmerzen!— Ich kann nicht.— Es war ihr unmöglich ohne Hülfe der beiden Herrn zu ſtehen. Führen ſie mich zum Sopha, dort.⸗ Nachdem ſie auf das Sopha in die Bi⸗ bliothek gebracht worden war, hinlänglich es Aufſehen erregt und Barelay's Aufmerkſam⸗ keit von Carolinen abgezogen hatte, begann ſie ſich langſam zu erholen, und den Ge⸗ brauch ihrer zarten Glieder wieder zu erlan⸗ gen. Und nun, da ſie alle Urſache hatte mit Barclay's unwillkührlich gezeigter Theilnahme zufrieden zu ſeyn, mußte ſie ihn in dieſem Au⸗ genblick nicht quälen— das Herz des einzigen Mannes, der ſie wirklich liebte, nicht vor⸗ «Lehnen Sie ſich auf mich,d ſagte Bar⸗ ——-——— 6— ſätzlich martern. Aber vom böſen Dämon der Eitelkeit getrieben, begann ſie ihr koquet⸗ tes Spiel mit Sir James von Neuem; ließ ſich die Schuhbänder von ihm löſen und wie⸗ der zubinden, ſchickte ihn nach ihrem Shwal weil ſie Luſt hatte einen Gang durch den Park zu machen; und als ſich Barclay zu ih⸗ rem Begleiter erbot und Caroline und Lady Pambroka auch Anſtalt zum Mitgehen mach⸗ ten, verlor ſie die Luſt zum Spazierengehen, und beſchloß ſie alle in Bewunderung um ſich herum zu erhalten. Sie nahm Sir James den Shwal ab, und fragte ihn, cob er jemals Lady Hamiltons Attitüden, oder vielmehr ihre theatraliſchen Vorſtellungen geſehen hätte?» Ja; aber er würde ſehr erfreut ſeyn ſie in größerer Vollkommenheit von Lady Ange⸗ lika zu ſehen.* G Trotz Mrß. Hungerfords Wink über das öffentliche Auftreten der Künſte, trotz Bar⸗ clay's ernſten Blicken, blos um Sir James * — 62— zu gefallen, ließ ſich Ihre Herrlichkeit erbit⸗ ten eine Darſtellung der Leidenſchaften zu⸗ geben. Sie rannte in den Ovial, ordnete ihren Anzug und erſchien zuerſt im Charakter der Furcht— dann der Hoffnung. Sie führte das Spiel bewundrungswürdig aus, als aber sdie Hoffnung bezaubernd lächelte, und ihr goldnes Haar hinabrollen ließs blieben Ihrer Herrlichkeit ſchwarze Locken an einer Verzierung im Zimmer hängen. Das ganze Haargebäude erhob ſich ein Bischen von dem Kopf, worauf es zu wachſen ſchien. Caroline ſprang ſchnell hinzu, erlöſte die voll⸗ kommne Schauſpielerin auf eine geſchickte Art, und rettete ſie dadurch aus großer Gefahr und peinlicher Verlegenheit. «Welch ein liebliches Geſchöpf!» rief Mrß. Hungerford—„Ich bitte um Ver⸗ zeihung wegen dieſes An rufs; aber er kam — 63— So Herzen,y fuhr ſie gegen Mrß. Percy fort.—«Eine Mutter wird mir vergeben. sEin Jeder wird daſſelbe denken, was Mrß. Hungerford ausgeſprochen hat,» ſagte Barclay. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Miß Percy,» begann Lady Angelika, ihren Kopf⸗ putz wieder ordnend— aich danke Ihnen, Miß Percy— bemühen Sie ſich nicht weiter, ich bitte.)— Die herzloſe Art dieſes Danks und die Zubereitungen zu neuen Darſtellungen miß⸗ fielen Herrn Barclay ſo ſehr, daß er ſie den Schmeicheleien Sir James überließ, und ſtill ſeufzend das Zimmer verließ. Lady Angelika, ſtolz im Bewußtſeyn einen ſo vernünftigen Mann quälen zu können, lächelte triumphirend und flüſterte Mrß. Dun⸗ gerfort zu— „Der arme Barclay iſt eiferſüchtig; er glaubt ich hätte die Shwalattitüden blos — 64— für Sir James, und nicht für ihn gemacht — der arme Mann, er iſt ſehr erzürnt;— aber er wird ſeinen Zorn verreiten— oder ich will ihn weglächeln.) Mrß. Hungerford ſchüttelte den Kopf. Als die Darſtellungen beendet waren, und Sir James ſeine Bewunderung durch Blicke und Worte geziemend an den Tag gelegt hatte, war die Stunde der Toilette heran⸗ gekommen, die er ſehr pünktlich zu halten pflegte. Lady Angelika fand ſich mit Mrß. Hungerford allein. ˙O Gott, wie angegriffen fuhle ich mich!² rief Ihre Herrlichkeit ſich auf ein Sopha werfend. Meine Lebensgeiſter ſind erſchöpft. — Ich thue in ihren Augen zu viel, Mrß. Hungerford. Ich fürchte, Sie halten mich für ein wildes ſonderbares Geſchöpf! Aber weßhalb dieſe feierliche Miene?» Meine liebe Lady Angelika,v ſagte Mrß. Hungerford mit ernſtem, aber liebevollem Ton, — 65— aich war Ihrer Mutter vertrauteſte Freun⸗ din, und wünſchte auch ihre Freundin zu ſeyn. Dieſer Umſtand und mein Alter müſſen es entſchuldigen, daß ich ſo frei mit Ihnen ſpreche, wie es niemand anderes wagt. Es be⸗ trübt mich eine junge Dame von Ihrem Ver⸗ ſtand durch Schmeichelei bethört zu ſehen.⸗» «Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, liebe Mrß. Hungerford, und nun nennen Sie mir geſchwind alle meine Fehler. Laſſen Sie mich Ihnen aber zuvor ſagen: ich weiß, daß ich eine Coquette und eine Närrin bin— ich weiß es ſehr gut, kann es jedoch nicht mehr ändern— ferner bin ich, was die Leute ſeltſam oder abſonderlich nennen; aber ich möchte auch um keinen Preis in der Welt ein gewöhnlicher Charakter ſeyn.— „Dann müſſen Sie zuerſt die Coguekte aufgeben,y erwiederte Mrß. Hungerford; sdenn dieß iſt ein gewöhnlicher Charakter— ein abgenutzter, verbrauchter Charakter jedes II. 5 — 66— Schauſpiels, jedes Romans. Und Sie wiſſen, was gewöhnlich iſt, iſt auch gemein— Ma⸗ nieren und Ziererei ſind gemein und armſelig. — Werfen ſie ſolche Künſte von ſich, liebe Lady Angelika— verachten Sie die Schmei⸗ chelei— zeigen Sie, daß Sie Ihren eigenen Werth höher ſchätzen als niedrige Bewunde⸗ rung, und dann können Sie mit Ihren Talen⸗ ten und mit Ihrer Schönheit werden, was Sie ſo gern ſeyn wollen— ein ungewöhn⸗ licher Charakter.» «Ich kann es werden!? rief Lady An⸗ gelika mit einem Ton des Verdruſſes— Ich 8 weiß ſehr wohl, daß ich unzählige Fehler habe; aber bis jetzt hat noch niemand, weder Freund noch Feind geläugnet, daß ich ein un⸗ gewöhnlicher Charakter bin.— Sagen Sie mir, Mrß. Hungerford! ob Sie einen unge⸗ wöhnlichen Charakter kennen? «Ja,» erwiederte Mrß. Hungerford laͤchelnd. — 67— sAch! ich vermuthe Ihre Freundin, Miß Carvline Perey.— Sehr wohl! Obgleich Ihr großer Liebling muß ich doch bekennen, daß ſie meiner Meinung nach eben ſo wenig ungewöhnliche Eigenſchaften beſitzt, wie jedes andere junge Mädchen. Sie iſt ungewöhnlich ſchön, das gebe ich zu, wenn auch die Art der Schönheit nicht ſo beſchaffen iſt, wie ich ſie liebe.⸗» «Und beſitzt einen ungewöhnlichen Ver⸗ ſtand.» Das kann feyn, ich beſtreite es nicht— und ungewöhnliche Gelehrſamkeit; aber das iſt alles nicht, was ich Charakter nenne.⸗ „Ich auch nicht,» ſagte Mrß. Hungerford. Nun, was erhebt ſie denn zu einem un⸗ gewöhnlichen Charakter?„— „Daß ſie dieſen Verſtand, dieſe Kennt⸗ niſſe und dieſe Schönheit beſitzt, ohne eine Spur von Eitelkeit, Ziererei und Neid.⸗ sWarten Sie nur bis ſie auf die Probe 5* — 68— geſtellt worden iſt,» ſagte Lady Angelika; glaſſen Sie ſie erſt einen Winter in Lon⸗ don zubringen.— Warten Sie es ab, bis ſie ſo viel Bewunderer gefunden hat wie Wie Sie.» erwiederte Mrß. Hun⸗ gerford laͤchelnd.... aſie ſcheint auf dem beſten Wege zu ſeyn dieſes Experiment zu Ihrer Zufriedenheit zu verſuchen.— Es erfolgte eine bedeutende Pauſe, wäh⸗ rend welcher manche ſtreitende Leidenſchaff in Lady Angelika's Zügen ſichtbar wurde. « Nach allem dieſen Mrß. Hungerford,* begann ſie wieder, aglauben Sie, daß Bar⸗ clay mich wirklich liebt?„ „Ich glaube, er liebte Sie wirklich und aufrichtig.— Aber Sie thaten alles was Sie konnten.. Verzeihen Sie mir, ich würde nicht ſo hart ſprechen, hinge Ihre künftige Glückſeligkeit nicht davon ab... — 69— Sie thaten alles Mögliche die Neigung zu vermindern, und zu zerſtören.— Ich fürchte.» „ Fürchten Sie nichts!— ich fürchte nichts,» rief Lady Angelika, ſo lange Sie nicht an der Gewißheit ſeiner Liebe zweifeln.— Für das Uebrige ſtehe ich— glauben Sie mir, ich verſtehe mein Spiel.“— Mrß. Hungerford erwiederte ſeufzend— „Ich bin alt, und habe dieſes Spiel oft von geſchicktern Spielern, als Lady Angelika Hea⸗ dingham, verlieren ſehen. Hüten Sie ſich— ich habe Sie gewarnt.— Caroline trat in dieſem Augenblick ins Zimmey; Lady Angelika eilte zur Toilette, um ihre Reize wieder zu ergaͤnzen. Siebenzehntes Kapitel⸗ Waͤhrend Mrß. Hungerford ihren guten Rath an Lady Angelika verſchwendete, erhielt Sir James bei der Toilette Depeſchen aus der Stadt, die er wie gewöhnlich beim Friſiren las.— Einige dieſer Briefe waren von ſei⸗ nen Gläubigern, welche ſich ungeduldig er⸗ kundigten: wenn die vortheilhafte Heirath vollzogen würde? oder, wenn er den verſpro⸗ chenen Dienſt bekäme? Ein vertrauter Pri⸗ vatbrief mit herrſchaftlichem Umſchlag und Siegel, von ſeinem intimen Freund Mylord Skreene, benachrichtigte ihn, ⸗daß die Mini⸗ ſter ſich unglücklicher Weiſe genöthigt geſehen .— 71— die bewußte Hofſtelle anderwärts zu vergeben, um ſich dreier Stimmen bei einer Cabinets⸗ frage zu verſichern.) Sir James warf den Brief von ſich, ohne die Entſchuldigungen ſeines theuern Freundes auszuleſen.—„Mit der Hofſtelle iſt es alſo nichts; eine reiche Frau bleibt meine einzige Zuflucht, aber wie es anfangen, ſie zu dieſem Punkt zu bringen?» Sir James wußte, ſo hoch er auch in ihrer Gunſt ſtand, ſo leicht und ſchnell konnte er doch, wie mancher ſeiner Vorgänger durch eine plötzliche Laune wieder hinabſtürzen. Ihre vorherrſchende Leidenſchaft, die Eitel⸗ keit, mußte gereizt werden, und die beſten Mittel, Eiferſucht zu erregen, waren in ſei⸗ ner Macht. Er beſchloß Miß Carolinen ſeine Huldigungen zu widmen. Erfahrung in den Künſten der Galanterie erſetzte, was ihm an Kenntniß des menſchlichen Herzens abging; er ahmte alle Symptome einer neuen Leiden⸗ ſchaft nach, und ſpielte den Unbeſtändigen ſo treu, daß ihn Lady Angelika wirklich für das hielt, was er zu ſeyn vorgab. Auf dieſe Wendung des Schickſals war ſie nicht vor⸗ bereitet, ſo gut ſie auch ihr Spiel zu kennen glaubte. Und in dieſem unglücklichen Augen⸗ blick, gerade als ſie Sir James Beiſtand zu ihrer Operation gegen Barclay bedurfte— und noch dazu in einem alten Schloß auf dem Lande, wo ſich nicht gleich ein Subſtitut finden ließ!— Der böſe Umſtand, daß Mrß. Hungerford ihre Verlegenheit nothwendig be⸗ merken mußte, vermehrte natürlich ihren Un⸗ muth. Gar nicht gewohnt ihren Wünſchen etwas entgegen zu ſehen, verlor ſie allen Takt; und jedes Wort, jeder Blick verrieth Empfindlichkeit und Verachtung gegen ihre edle Nebenbuhlerin. Dieſe Eiferſucht konnte nicht für gereiztes Gefühl gelten, da keine Miſchung von Liebe ihre wahre Natur be⸗ ſchönigte und verbarg; ſie hatte durchaus 1 — 33— nichts Edles und mußte einem weniger ſchar⸗ fen, und weniger dabei intereſſirten Beobach⸗ ter, wie Barclay, auffallen.— Seine Augen waren nun völlig geöffnet. Carolinens Cha⸗ rakter, ihre Güte, ihre Reinheit zeigten ſich bei dieſer Gelegenheit im vollen Lichte. Sir James irrte ſich auch in der Meinung, ſie wiſſe nicht, daß ſie ſchön ſei, und habe es noch nie gehört.— Ihre Aeltern hatten ihr dieſen Umſtand nicht verhehlt, und ſie früh⸗ zeitig daran gewöhnt, ihren Ehrgeiz in etwas Beſſeren zu ſetzen, und Schmeicheleien, die blos ihren körperlichen Vorzügen gezollt wür⸗ den, zu verachten. Auch war ſie nicht ſo un⸗ erfahren Sir James Huldigungen für Nei⸗ gung zu nehmenz ſelbſt Roſamunde, deren Blick aus Liebe zur Schweſter durchdringen⸗ der als gewöhnlich war, errieth ſogleich den wahren Grund, und konnte ihren Unwillen nur mit Mühe zurückhalten. Carolinens Benehmen gegen Sir James — 24— war, eingedenk ihres eigenen Tadels der Co⸗ quetterie, ganz frei davon; und durch ein feſtes Anhängen an der Wahrheit; durch ihr ruhiges Fortgehen auf der rechten Bahn ent⸗ ging ſie allen Unannehmlichkeiten, worin ſie unfehlbar gerathen ſeyn würde, hätte ſie ſich auch nur einen Augenblick auf falſche Wege verleiten laſſen. Lady Angelka war hocherfreut Sir Sannes Harcourt auf einem Mißgriff zu ertappen, und entzückt ihn gedemüthigt zu ſehen. Die veräͤchtliche Weiſe gegen Carolinen ward auf⸗ gehoben, die grauſame Sprache des Auges verändert. Lady Angelika erklärte Miß Per⸗ cy's Benehmen gegen Sir James für ſehr großmüthig. Als dieſer ſich nun in ſeinen eigenen Netzen gefangen ſah und mit Schmerz bemerken mußte, daß ſich alles ganz anders geſtaltete, als ihn ſeine Weltkenntniß voraus⸗ zuſehen gelehrt hatte, verſuchte er mit aͤußer⸗ ſter Geſchicklichkeit einen Separatfrieden mit Lady Angelika zu ſchließen. Aber Ihre Herr⸗ lichkeit war ſtolz ihm zeigen zu können, daß ſie zu viel Gefühl und Geiſt beſäße, um die Huldigungen eines abtrünnigen Ritters wie⸗ der anzunehmen. Ihm blieh keine Zeit ihre Verzeihung zu erflehen; ſein Abentheuer drohte mit dem Gefängniß zu enden. Des⸗ halb beſchleunigte er ſeine Abreiſe von Hun⸗ gerford⸗caſtle; noch ungewiß, ob er an den Hof zurückkehren ſollte, ſich um eine neue Rolle zu bewerben; oder ob er ſeinen Weg in die City richten ſollte, dort ſeine Fashion gegen das ſolide Geld eines Kaufmanns zu vertauſchen, der einfältig genug wäre einem armen Höfling ſeine Tochter zu geben. Ueber einen Punkt war Sir James indeſſen mit ſich einig geworden; es mochte ihm nun Wohl oder Wehe zu Theil werden, ſo war er ent⸗ ſchloſſen weder eine Schönheit, noch eine Witzige, noch eine protektirende Gönnerin zu ſeiner nächſten Gebieterin zu erwäͤhlen. — 76— Nach des Baronets Abreiſe erwartete Lady Angelika nichts Geringeres, als ihren zurückgebliebenen Liebhaber, voller Freude, und Dankbarkeit über die uͤbermüthige Ent⸗ laſſung ſeines Nebenbuhlers zu ihren Füßen zuruͤckkehren zu ſehen. Aber nichts dergleichen! — Barcelay ſchien eher geneigt ſich einer andern Perſon zu Füßen zu werfen.— Hätte ſie jetzt nur Mrß. Hungerfords freundſchaftlichen Rath befolgt, ſo würde ſie ſich bittere Demüthigun⸗ gen erſpart haben; aber ſie ließ ſich von ihrem böſen Geiſt, dem Geiſt der Coquetterie hinreißen. Sie hatte verſprochen Barclay's Tante, Lady B. in Leiceſterſhire zu beſuchen. Und nun, da alles zu ihrer Aufnahme be⸗ reitet war, aͤnderte ſie plötzlich ihren Ent⸗ ſchluß und kündigte Barclay'n an, daß ſie, dieſen Beſuch aufgeben müſſe, weil eben erhaltene Briefe aus der Stadt ſie anders beſtimmten. Mehrere ihrer Freunde ſtanden im Begriff nach Weymouth zu reiſen, und — 77— rechneten ſicher darauf Ihre Herrlichkeit dort zu treffen. Miß Kew, eine liebenswürdige protegée von ihr war ſchon nach Weymouth vorausgegangen, und harrte ihrer, um ſammt ihrem neuen Roman in die Welt, und einen Leſecirkel, den Lady Angelika zu errichten geſonnen, eingeführt zu werden. Solche Hoffnungen zu täuſchen, erklärte Ihre Herr⸗ lichkeit für unmöglich. Ueberdieß hatte ſie Herrn Seebright verſprochen ihn mit nach Weymouth zu nehmen, um ihn und ſeine Gedichte den dortigen Freunden zu produci⸗ ren; Subſcription und günſtige Aufnahme ſeines Gedichtes hingen einzig und allein von ihrer Reiſe nach Weymouth ab; ſie konnte ihn um keinen Preis täͤuſchen.— Barclay gedachte ſeiner eigenen getaͤuſchten Erwartung und ſprach ſie, zu Lady Angelika's größter Freude aus; denn ſie wünſchte dieſe neue Laune zum Probierſtein ihrer Macht zu machen; ob ihre Entſchuldi⸗ gungen für nichtig, oder unvernünftig paſſir⸗ — 13— ten, galt ihr gleich, wenn ſie nur ihren Haupt⸗ zweck erreichte, Barclay'n in Triumph mit ſich fortzuführen. Sie warf nachläſſig hin,«daß in dieſem Augenblick von Leiceſterſhire nicht die Rede ſey, daß Herr Barclay ſie aber nach Weymonth begleiten könne, wenn er Gefallen daran fände.“»— Aber er fand keinen Gefallen daran,— Er glaubte ſeine Tante nicht auf das Artigſte behandelt, und zog ſie allen bel esprits und ſchönen Ladies, die ſeiner in Weymouth war⸗ teten, vor— ausgenommen ihren reizenden Selbſt. Auf die Macht dieſes reizenden Selbſts verließ ſie ſich zu viel. Barclay, deſſen Bande ſie nach und nach gelöſt hatte, machte nun ei⸗ nen kühnen Verſuch ſeine Freiheit wieder zu erlangen. Er erklärte, edaß er nicht die Ehre haben könne, Ihre Herrlichkeit nach Wey⸗ mouth zu begleiten; und wenn ſie ſich durch die Anſprüche ihrer protegés ſtärker gebun⸗ den fühle, als durch die Verſprechungen, wo⸗ — o— mit ſie ſeine Tante beehrt haͤtte— ſo dürfe er ſich nicht erkühnen ihr Vergnügen ſtören zu wollen und in Lady B's Namen weiter in ſie zu dringen; er könne blos beklagen und ſich ergeben.» Lady Angelika hielt dieſe Reden für eine vorübergehende Aufwallung des Muthes. Aber zu ihrem Erſtaunen blieb Barclay feſt, ruhig und höflich.— Sein Herz wandte ſich nun dem Gegenſtande zu, den ſein Verſtand ſchon längſt erkohren hatte. Er fühlte, daß Caro⸗ line ſein Leben beglücken könnte, wenn es ihm gelänge, ihre Liebe zu erwerben; doch dieſe Möglichkeit bezweifelte er ſehr. Zwar ſprach mancher Umſtand für ihn. Er war ein Mann von guter Familie, und beſaß ein be⸗ deutendes Vermögen; in irdiſcher Hinſicht auf jeden Fall eine vortheilhafte Heirath für Caroline. Aber er wußte, daß eine gute Ver⸗ ſorgung weder in ihren, noch in ihrer Eltern — 80— Augen fuͤr einen Hauptgegenſtand galt; auch konnte er nicht wünſchen eigennützige Beweg⸗ gründe zu ſeinen Gunſten wirken zu ſehen. Sein Charakter, ſo wie ſeine Grundſätze wa⸗ ren untadelhaft und er hatte Urſache zu glau⸗ ben, daß Percy ſie anerkannte und zu ſchätzen wußte. Caroline ſchien ſeine Unterhaltung zu lieben, und Achtung für ſeinen Charakter zu haben; aber die Unbefangenheit ihres ganzen Weſens verrieth, daß ſie in keinem andern Sinn an ihn dachte.— Er war be⸗ deutend viel älter wie Caroline:— ſie zählte nur 18 Jahre, er 36. Dieſe Ungleich⸗ heit war zwar kein unüberſteigliches Hinder⸗ niß, aber doch ein beunruhigender Unterſchied. Er erkannte ſeinen eigenen Werth, fühlte in⸗ deß, daß ihm die Lebhaftigkeit, Anmuth und das offene Weſen der Jugend abgingen— lauter nothwendige Eigenſchaften, um eines Maͤdchens Herz zu gewinnen, und zu erhal⸗ ten. Je mehr ſeine Liebe wuchs, deſto grö⸗ ßer wurden ſeine Zweifel, doch beſchloß er endlich ſein Glück zu verſuchem winne a Eines Morgens, als er Carolinen allein im Ovial zu finden glaubte⸗— er ſie dort aufzuſuchen n⸗ 4 2. meeisDarf ich. um eine Unterredung von ei⸗ nigen Minuten bitten..ed begann er beim Hereintreten mit bewegter Stimme, hielt aber plötzlich inne, als ere Lady Angklifa gewahrts., 24 12 g S Stn Trotz allen euhelgeg Rotgs ward Ihrer . Deraiihtet Farbenwechſel doch ſichtbar. Ihre Lippen zitterten und wurden blaß— Bar⸗ clay’s Augen ruhten einen Moment mit Er⸗ ſtaunen auf ihren veränderten Zügen; dann wandte er ſich ruhig um, und ſuchte die wie⸗ derkehrende Bewegung durch einige, an Ca⸗ rolinen gerichtete gleichgültige Fragen zu ver⸗ bergen. Er beſah ihre—&Iſt dieß die Ihrige?» * Ja; Lady Angalin hat ſie mir ſo eben 11. 6 — 2— gegeben; es iſt eine ihrer Zeichnungen— eine Anſicht von Weymouth.» Sehr ſchön» entgegnete Barclay kalt⸗ blütig— zalſo eine Anſicht von Weymouth⸗* Wo ich übermorgen zu ſeyn gedenke,„ rief Lady Angelika mit heftigem, übermüthigem Ton.—„Ich ſterbe vor Verlangen recht bald in Weymouth zu ſeyn.— Herr Bar⸗ clay, wenn Sie mir Briefe an Ihre dortigen Freunde mitgeben wollen, werde ich mich glücklich ſchätzen ſie zu beſorgen.— Laſſen Sie ſie nur in Zeiten meinem Kammermäd⸗ chen zukommen,» fügte Ihre Herrlichkeit auf⸗ ſtehend hinzu;«und nun will ich ihr bei ihren Vorbereitungen vivace! presto! prestis- simol zurufen.— Haben Sie mir ſonſt noch Aufträge mitzugeben?„ 689 «Keine Aufträge— aber die beſten Wünſche für Ihrer Herrlichkeit Wohl und Glück, wann und wohin Sie l3uch immer gehen mögen. — 83— Lady Angelika ſank auf ihren Sitz zurück — machte einen vergeblichen Verſuch wieder aufzuſtehen, fühlte ſich aber unfähig dazu.— Ohne den Anſchein ihre Bewegung bemerkt zu haben, bat Caroline Barclay'n ihr das Buch zu holen, wovon er geſtern geſprochen. Er entfernte ſich augenblicklich, und Caroline arbeitete emſig fort um Lady Angelika Zeit zu ihrer Erholung zu gönnen. Auf dieſe Weiſe blieb ihr die Hoffnung, daß ihre Be⸗ ſtürzung nicht bemerkt worden war. Ihre Herrlichkeit wiederholte, daß ſie noch einige Befehle zu ihrer Abreiſe zu geben habe, und verließ, ſo bald ſie konnte das Zimmer. Caroline wartete noch einige Minuten auf Barclay's Zurückkunft mit dem Buche; als ſie aber nicht erfolgte ging ſie fort, und begegnete Roſamunden auf der Treppe, die ihr mit geheimnißvoller Miene zuflüſterte— sder Vater erwartet Dich in ſeinem Zim⸗ mer.... Herr Barclay, fügte ſie leiſer hinzu — 6* — ₰— und nickte mit dem Kopfe,«v, ich ſehe, Du weißt ſchon was ich meine. Ich dachte es gleich, daß er Dich wählen würde.— Geh nur zum Vater, und höre die nähern Um⸗ ſtaͤnde. Iſt Lady Pembroke in der Bibliothek?„ Aber liebe Roſamunde,y ſagte Caroltne, ihre Schweſter aufhaltend, ich muß Dich bit⸗ ten hiervon nichts gegen ſie zu erwähnen.» «Warum nicht? Vor Deinen genaueſten Freundinnen wirſt Du doch kein Geheimniß haben?2 sKein eigenes, wohl aber fremder Men⸗ ſchen Geheimniß.) sDarf ich es auch Mrß. htine nicht ſagen? Niemanden— verſri es mir,» bat Caroline ſie dringend. Nun gut, ich verſpreche es— geh nur zum Vater.— So wenig Eitelkeit ſah ich noch bei keinen andern Menſchen, fuhr Ro⸗: ſamunde fort, zund ich kann nicht begreifen, — 85— weshalb Du nur immer an Andere und nie an Dich ſelbſt denkſt.⸗» &Ich dächte Du könnteſt es errathen,⸗ ſagte Caroline und ging. Sie hörte Roſamundens Nachricht von ihrem Vater beſtätigen, und erhielt von bei⸗ den Eltern die guͤtige Verſicherung, daß es ihrer Freiheit und eigenem Urtheil überlaſſen bleiben ſollte, ob ſie Barclay's Antrag an⸗ nehmen, oder abſchlagen wollte. Obgleich ſie dieſe Heirath für ſehr vortheilhaft hielten, und nichts an Barclay's Charakter auszuſez⸗ zen fanden, verſuchten ſie doch nicht ihr Kind zu ſeinen Gunſten zu ſtimmen. «Das Einzige, was ich von Dir erbitte, meine liebe Tochter, iſt das Verſprechen, alle unnütze und unzeitige Großmuth bei Seite zu ſtellen, und nur Dein eigenes Glück zu bedenken.) aulnd Barclay's— ſagte Caroline. 2 So weit es Dich betrifft; aber bedenke — 86— daß er blos fragt: ob Du ihn lieben kannſt, und heirathen willſt, nicht ob Du ihm ratheſt eine Andere zu lieben und zu heirathen.— Weiß ich nicht alles, was in Deiner Seele vorgeht?„ «Nicht ſo ganz,» entgegnete Caroline— zauch kann ich Ihnen nicht alles ſagen, weil es das Geheimniß einer andern Perſon iſt. Deshalb werden Sie auch nicht weiter in mich dringen. Seyn Sie jedoch verſichert⸗ daß ich ohne unnütze und unzeitige Großmuth nur mein eigenes Glück berückſichtigen werde.» Damit bin ich zufrieden,» ſagte Percy — Snein, noch Eins— Ohne den Wunſch und die Abſicht in fremder Menſchen Ge⸗ heimniſſe einzudringen, habe ich doch das Recht meiner Tochter alles zu ſagen, was ihr zur Entſcheidung bei einem ſo wichtigen Schritt zu wiſſen nöthig iſt. Darum Caro⸗ line,y fuhr ihr Vater fort,«bemerke, daß ich in Deinem Geſicht nicht zu leſen verſuche, ob — 8— meine Vermuthung gegründet iſt; aber ich theile Dir ſie mit. Geſetzt, Du hätteſt ge⸗ hört, daß ein anderes Mädchen Herrn Bar⸗ elay liebte?» Sais Ich habe nie dergleichen gehört, unter⸗ brach in Caroline,«aber ich habe es durch Zufall ſelbſt entdeckt.— Nein.... ich ſagte ſchon zu viel. Ich glaube nicht, daß dieſe Perſon ihn liebt; aber daß ſie ihn ge⸗ wiß ſehr lieb gewinnen würde, wenn er ihr, ſtatt mir dieſen Antrag gemacht hätte. Auch bin ich der Meinung, daß ihre Charaktere viel beſſer für einander paſſen, als die unſri⸗ gen; ſie hat Witz, Phantaſie und große Leb⸗ haftigkeit; er hingegen richtiges Urtheil, Klugheit und ſoliden Sinn. So beſitzt der Eine was dem Andern abgeht, und es muß ein glückliches Paar werden.» «Liebe Caroline,» ſagte ihr Vater; cich warne Dich vor dem allzugroßen Glauben an ein aufrichtig liebendes Herz. Bei Deinem — 89— ſonſt ſo richtigen Urtheil über andere Charak⸗ tere muß mich Dein jetziger Irrthum in Er⸗ ſtaunen ſetzen. Wie kannſt Du ein Weib wirklicher Liebe fähig halten, das nur aus Eitelkeit und Coquetterie einen Theil deſſel⸗ ben nachäfft?„ &Eitelkeit! Coquetterie! ² wiederholte Ca⸗ roline. Kein Menſch auf Erden iſt freier davon als... Sie können doch unmöglich glauben, daß ich Lady Angelika meine? Nein! mit ihr habe ich kein Mitleid. Und trauerte ſte auch wirklich über Barclay's Verluſt, ſo geſchieht es nur aus Betrübniß, daß ſie künf⸗ tig das ſüße Vergnugen ihn zu quälen ent⸗ behren muß. Es ſollte mir in der That ſehr leid thun, wenn ſie dieſes Vergnügen je wie⸗ der auf ſeine Unkoſten genöße. Nein! ich — verſichere Sie, daß ich nicht an n Kad Ange⸗ lika gedacht habe.* Sie ließ ihre Eltern in Zweifel, ob ſie Roſamunden oder ihre Freundin Maria Pem⸗ 82 3 — 89— broke gemeint hatte. Ohne weiter in ſte zu dringen, baten ſie ſie nochmals nur ihr eige⸗ nes Herz zu Rathe zu ziehen, und nicht zu raſch zu entſcheiden. Mrß. Percy fügte hin⸗ zu, adaß Barclay ihr nun als Liebhaber in einem neuen Licht erſcheinen würde, und daß ſte nicht eher über ihr Gefühl für ihn ur⸗ theilen könnte, bis ſie ihn in dieſer Rolle geſehen und beobachtet hätte. Darum„ lie⸗ bes Kind— ſo ſchloß ſie— nimm Dir Be⸗ denkzeit, ehe Du eine beſtimmte Antwort giebſt, und überlaß es mir und Deinem Va⸗ ter Herrn Barclay dieſe Unſchluͤſſigkeit ſo vor⸗ zuſtellen, daß er ſie nicht als Aisimigutsring betrachten kann. 8491 Caroline verſicherte, daß ſie gewiß um Bedenkzeit gebeten haben würde, wenn ſie noch im Geringſten zweifelhaft wäre, ob ſie Herrn Barclay liebte, oder nicht; daß er ihr in der Rolle des Liebhabers nicht fremd ſey, da ſie, während er noch Lady Angelika's Ver⸗ — 90— ehrer geweſen, hinreichende Gelegenheit ge⸗ habt ihn als ſolchen zu beobachten. Sie er⸗ kannte alle ſeine Vorzüge, und war ihm dank⸗ bar für ſeine günſtigen Geſinnungen. Aber ſie fühlte auch, daß ſie ihn nie lieben würde, und wünſche daher die Sache ſo bald als möglich abgemacht zu ſehen, um ihm die De⸗ müthigung zu erſparen, ſich da als Verehrer zu zeigen, wo er nur eine abſchlägige Ant⸗ wort zu erwarten hätte. Mrß. Hungerford war Barclay's einzige Vertraute in dieſer Sache geweſen. Lady Angelika konnte nicht lange in Zweifel⸗ über den Zuſtand ſeines Herzens bleiben, wenig⸗ ſtens in ſo fern ſie dabei intereſſirt war; und mehr brauchte ſie nicht zu wiſſen. Zu einer förmlichen Erklärung war es nie gekommen, und ſeit ihrem beſtimmt ausgeſprochenen Ent⸗ ſchluß, den Beſuch bei Lady B. in Leiceſter⸗ ſbire aufzugeben, hatten ſeine Aufmerkſam⸗ keiten gegen ſie gänzlich aufgehört; aber dem⸗ 4 — 91— ohngeachtet bildete ſich Lady Angelika ein, daß er die Trennung von ihr nicht ertragen würde, und hoffte ihn noch im Augenblick des Abreiſens zum Vergeſſen alles Vergan⸗ genen zu vermögen, und in Triumph mit ſich fortzuführen. 4 Dieſe Hoffnungen wurden für den Augen⸗ blick durch Barclay's Erſcheinen in dem Ovial zerſtört. Die Bewegung, mit der er Caro⸗ linen anredete, und die Gleichgültigkeit wo⸗ mit er Ihrer Herrlichkeit Geſundheit und Glück in Weymouth wünſchte, überzeugte ſie nur zu deutlich von ſeiner wahren Geſinnung. Aber ihre Eitelkeit fluͤſterte ihr zu, daß er viel⸗ leicht doch noch nicht ganz verloren ſey, und in dieſer Meinung betrieb ſie die Zuruͤſtun⸗ gen zur Abreiſe, den Augenblick der Criſis — des Triumphes ungeduldig erwartend. Der Augenblick der Criſis erſchien aber nicht der des Triumphes. Lady Angelika's Wagen fuhr vor. Aber die gepackten und geſchnür⸗ — 92— ten Reiſebündel verurſachten ihrem ehemaligen Liebhaber keinen Schmerz. Mrß. Hungerford nöthigte ſie nicht zum längern Dableiben. Barclay fuͤhrte ſie an den Wagen— ſie ließ ſich ſo weit herab zu ſagen, ⸗daß ſie ihm, da ſie nur ihr Maͤdchen und Herrn Seebright bei ſich habe, einen Platz in ihrem Wagen aubieten könne, wenn er ſie nach Weymouth begleiten wolle, und daß ſie von dort aus, ſpäteſtens in 14 Tagen zu ſeiner Tante, der lieben Lady B. reiſen würde.“ Aber alles umſonſt. Sie ſah es, befahl dem Bedienten die Wagenthür zuzumachen, bat Herrn See⸗ bright die Fenſter aufzuziehen, warf Bar⸗ clay'n noch einen Blick zorniger Verachtung zu, drückte ſich dann in die Wagenecke, ihren nicht zu bemeiſternden Verdruß zu verbergen und fuhr auf immer von unverbeſſerlichen Liebhabern und verlornen Freunden hinweg. Wir beneiden Herrn Seebright nicht um die Reiſe nach Weymouth mit ſeiner übellaunigen — 92— Göonnerin, und überlaſſen ſie einſtweilen ihrem Schickſal. Roſamunde war niemals Barelay's eifrige Beſchützerin geweſen. Sie meinte, daß man ihn bei dieſer Gelegenheit nicht ſehr zu be⸗ dauern brauche, weil er blos mäßig und ruhig verliebt ſey, alles erſt verglichen, überlegt und wohl berechnet habe bis er zu der Ueber⸗ zeugung gelangt ſey, daß Miß Caroline Percy mehr gute Eigenſchaften beſitze, als Lady Angelika Headingham, weshalb er nun Erſte⸗ rer ſein Herz zuwenden wolle. Roſamunde intereſſirte ſich darum vielleicht nicht für Bar⸗ clay, weil ſie keine Hinderniſſe auf ſeinem Weg vorausſah; ſie glaubte, daß Caroline ihn höher achtete und lieber heirathen würde, als jeden andern Mann von ihrer Bekannt⸗ ſchaft; und dann wäre die Entwickelung zu nahe, zu leicht, zu gewöhnlich geweſen.— Sie ſagte, Caroline würde in dieſem Fall wie eine jede andere Frau verheirathet ſeyn — 94— mit einem Mann von guten Vermögen, guten Charakter, guten Verſtand und allen andern ſehr guten Dingen; aber nichts Außerotdent⸗ lichen; und ſie würde ſich auf Barclay's Gut in Leiceſterſhire niederlaſſen, Mrß. Barclay heißen und vielleicht recht glücklich, aber doch nichts Außerordentliches ſeyn.— Dieſe klare Anſicht der Dinge, und dieſes beſtimmt vor⸗ ausſehende Ende aller moraliſchen Hoffnungen konnten Roſamundens Phantaſie nicht genügen. Sie fühlte ſich erleichtert, als Caroline ſie endlich mit der Verſicherung überraſchte, daß ſie Barclay's Antrag ſchwerlich annehmen würde— Lund doch,» fuhr ſie fort,«·wenn ich in dieſem Augenblick genöthigt wäre zu heirathen, ſo iſt Barclay von allen Männern die ich bis jetzt kennen lernte, derjenige dem ich mich mit dem wenigſten Widerſtreben hin⸗ geben könnte, bei dem ich die größte Sicher⸗ heit künftigen Glücks erwarten dürfte.) Roſamundens Geſicht wurde wieder lang. „ 95— So ſtehen die Sachen alſo,y ſagte ſie, Du haſt in dieſem Augenblick zwar noch nicht die Abſicht ihn zu heirathen, aber ich vermuthe Du wirſt Dich mit der Zeit durch Vernunft⸗ gründe dazu bereit finden laſſen.“ noiſchän ims Nein, niemals!!y erwiederte Caroline; adenn ich kann durch Vernunftgründe nicht dazu gebracht werden ihn zu lieben.“ „Nun biſt Du wieder meine liebe, gute Caroline lanrief,Roſamunde cich beſorgte, dieſer wernünftige Mann möchte Dich über⸗ reden, Achtung wäre hinreichend vhne Liebe.n «AUnmöglich!eſagte Caroline. eNur die Liebet allein wäre im Stande mich zu dem Entſchluß, Eltern, Brüder und Dich meine geliebte Schweſter, zu verlaſſen, zu vermögen.⸗ Roſamande jauchzte von Neuem. «Und aus welchen andern Gründen ſollte ich ſonſt heirathen, ich, der meine gütige El⸗ tern freie Wahl laſſen. Wegen eines ſchönen Hauſes in Leiceſterſhire? oder wegen einer — 95— Uillauten Equipagelomit vier Pferden? oder nach James Grundſützen, um eine gute Ver⸗ ſorgung zu habent Konnteſt Du ſy von mir denken?y ſagte Caroline mit dem Blick des höchſten Erſtaunens. Aber auf Barclay zu⸗ rückzukommen drich habe, wie ich es mei⸗ nen Eltern verſprochen, zuerſt mein eigenes Herz zu Rathe gezogen, und mein oigenes Glück bedacht.— Er hat nicht den gering⸗ ſten Eindruck auf mein Herz gemacht. Die Perſchiedenheit des Alters würde mich nicht ſtören, wenn er in anderer Hinſicht mit mir übereinſtimmte; aber er hate eine Kälte und Strenge in ſeinem ganzen Weſen, die ich ohne Enthuſtasmus des Charakters nicht liebe, auch ſcheint er mir keiner wahnen Begeiſte⸗ rung faͤhig. Ich habe allen Reſpekt vor ſei⸗ nem Verſtand, und achte ſeine Grundſätze; aber. in der Unterhaltung mit ihmafühle ich immer— und wie viel mehr würde ich dieß fühlen, müßte ich an ſeiner Seite leben — 9)— — daß ihm die höhern Eigenſchaften fehlen. Er hat nichts Geniales, Großmüthiges— nichts Heldenmäͤßiges, Erhabenes, Großes — nichts was Sympathie, oder den hohen Grad von Liebe erregen kann, deſſen ich mich für einen vortrefflichen, edlen und großar⸗ tigen Charakter fähig halte.» « Und wo fändeſt Du auf Erden ſolch einen Mann?» rief Roſamunde. Sind das nicht romantiſche Ideen? Aber es iſt mir lieb, daß Du auch ein bischen romantiſch biſt, daß ſich auch ein kleiner Anſtrich menſchlicher Thor⸗ heit in Dir vorfindet— wie könnteſt Du ſonſt meine Schweſter ſeyn, oder ich Dich ſo lieb haben?„ «Sehr ſchmeichelhaft, daß meine Thor⸗ heit mir unmittelbare Anſprüche auf Deine Liebe gibt,» bemerkte Caroline lächelnd.— «Aber was ſagte ich Thörichtes oder Roman⸗ haftes?* «Niemand hält ſeinen eigenen Roman für II. 7 thöricht,? erwiederte Roſamunde... Doch ſage mir nur gleich, ob Barclay ſehr traurig wurde, als Du ihn ausſchlugſt?„ «Ich glaube nicht daß ſein Herz in Ge⸗ fahr iſt zu brechen,» entgegnete Caroline. «Das dachte ich mir gleich,» rief Roſa⸗ munde mit einem Blick unausſprechlicher Ver⸗ achtung; Cer iſt freilich nicht der Mann deſſen Herz vor Liebe bricht. Mit aller ſeiner Ver⸗ nunft wird er wohl zu Lady Angelika Hea⸗ dingham zurückkehren. Es ſollte mich nicht in Erſtaunen ſetzen, wenn er ihr morgen ſchon nach Weymouth folgte.» « Ich würde mich darüber verwundern,» ſagte Caroline, beſonders da er eben ſeinen Wagen beſtellt hat, um zu ſeiner Tante nach Leiceſterſhire zu fahren.» O der arme Mann!— nun bedaure ich ihn wirklich.»—— „Weil er im Begriff ſteht zu ſeiber Tante zu reiſen?⸗ — 99— Nein, Caroline— Du biſt ſehr grauſam — weil ich nun überzeugt bin, daß ihn Deine abſchlägige Antwort ſehr unglücklich gemacht hat. Er kann den Gedanken nicht ertragen Dich wiederzuſehen. Armer, armer Barcley! ich war abſcheulich, boshaft.— Ich hoffe Dich nicht wider ihn eingenommen zu haben. — Armer Barclay! ich muß auf der Stelle Abſchied von ihm nehmen.» Barclay's Abreiſe wurde von Allen in Hungerford⸗caſtle ſehr bedauert, am meiſten von derjenigen, die ihr Bedauern am wenig⸗ ſten laut werden ließ, von Lady Marie Pem⸗ broke— welche ſich ſchweigend an den Lob: ſprüchen erfreute, die über den Abgereißten ausgeſchüttet wurden. Sonſt war es nicht ihre Art das Lob der Freunde ſtumm mit anzuhören; alles was ſie dachte und fühlte ſprach ſie gewöhnlich mit der, der Jugend eigenen ſcharfſinnigen Lebhaftigkeit und Un⸗ ſchuld aus. Caroline hatte das Geheimniß 722 — 100— ſo treu bewahrt, daß Lady Marie, weit entfernt den wahren Grund von Barclay's plötzlicher Abreiſe zu ahnen, vielmehr unver⸗ hohlen ihr Erſtaunen darüber aͤußerte, und nicht begriff, sweshalb ihn ihre Tante nicht zum längern Bleiben genöthigt, und wie er überhaupt Hungerford⸗caſtle hatte verlaſſen können, ſo lange Caroline noch dort war, da ſie geglaubt, er ſey im Begriff geweſen eine andere Verbindung einzugehen, die ihm mehr Ehre gemacht haben würde, als ſeine Leidenſchaft für Angelika Headingham. Mrß. Hungerford lächelte über die Auf⸗ richtigkeit ihrer Vermuthungen und freute ſich, daß Caroline geſchwiegen und nur ſo viel geſagt hatte, als ſie gerade mußte. Die Kunſt ein Geheimniß zu bewahren iſt ſehr verſchieden von der Verſtellungskunſt. — Davon hätten Sie mitch jetzt überzeugt, wenn ich noch daran gezweifelt häͤtte,» ſagte 8 — 40⁰01— Mrß. Hungerford zu Carolinen.— Aber nun, da die Sache abgemacht iſt, verlange ich auch von Ihnen gelobt zu werden, wie ich Sie lobe wegen Ihrer Verſchwiegenheit. Sie müſſen mir bezeugen, daß ich weder durch Blicke, noch durch Worte auf ihren Entſchluß zu wirken geſucht habe; aber ich geſtehe jetzt auch, daß ich mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit erwartete Sie würden ſo ent⸗ ſcheiden, wie ſie gethan haben.— Barelay iſt ein vernünftiger, ein vortrefflicher Mann, der jedes liebenswürdige Maͤdchen glücklich machen wird.— Davon bin ich feſt überzeugt; ſonſt könnte ich ja auch nicht wünſchen ihn mit einer meiner Nichten verheirathet zu ſehen. 8 Für Sie paßt er nicht. Sie machen zwar h im gewöhnlichen Leben wenig Anſprüche, ſind aber, wie ich glaube, im Punkte der Liebe nicht leicht zu befriedigen. Sie können mit Recht ausgezeichnete Eigenſchaften, eine er⸗ habene Denk⸗ und Handelsart, einen vor⸗ — 4102— züglichen Charakter von Ihrem Erwaͤhlten verlangen.)— Mrß. Hungerford ſchwieg und ſchien in Gedanken verloren. Caroline ſah daß ſie tiefe Blicke in ihr Inneres gethan hatte und ihr Verfahren billigte. Sie fuhlte ſich durch dieſe Ueberzeugung ſehr gehoben. «Wir ſprechen aufrichtig miteinander,» ſagte Mrß. Hungerford. Ich verſtehe Sie und Sie mich; und trotz der Verſchiedenheit des Alters und tauſend anderer Verſchieden⸗ heiten, ſtimmen wir doch in der Hauptſache überein. So alt ich auch bin, habe ich doch, Gott ſey es gedankt! meine Gefühle noch nicht überlebt. Wie könnte ich auch, ſo lange ich ſolche Kinder und ſolche Freunde habe! Und daß Sie mir einſt ein Mal mehr als Freundin werden möchten, iſt der heißeſte Wunſch meines Herzens. Doch ich will dem Himmel nicht durch ſolche Wünſche vor⸗ greifen. Es iſt dies nie rathſam, wo wir — 103— nicht die alleinige Macht zu andeln haben. Aber— in Anſehung meiner Nichte, Lady Marie Pembroke muß ich Ihre Diskretion noch mehr als Ihre Güte bewundern. Es iſt immer beſſer alles ſeinem natürlichen Lauf zu überlaſſen, als durch unvorſichtigen Eifer oder Edelmuth, ſtörend und verletzend ein⸗ zuwirken.» Die Unterredung wurde hier durch den Eintritt eines Bedienten unterbrochen, der das Poſtfelleiſen mit Briefen für Mrß. Hun⸗ gerford brachte. Achtzehntes Kapitel. Die Ankunft der Poſt war in dieſer Zeit ein aͤngſtlicher Augenblick, da ſich ſo viele nahe Verwandte und Freunde Mrß. Hunger⸗ fords ſowohl bei der Armee, als bei der Flotte befanden. Der heutige Tag brachte Briefe, deren Inhalt Mrß. Hungerfords Ge⸗ ſicht freudig verklärte. Ihr zweiter Sohn, Capitain Hungerford ſchrieb zehn Tage nach einer Seeſchlacht mit den Franzoſen— «Liebe Mutter— die Engländer waren Sieger— natuürlich. Nähere Umſtände finden Sie in den Zeitungen. Ich ſelbſt habe nichts 3 Meldenswerthes thun können— aber mir und er wird morgen hier ſeyn.— 3 — 105—. iſt bald ein Schiff verſprochen, und ich hoffe nächſtens Gelegenheit zu finden, mich als Ihren Sohn würdig zu zeigen. F. Hungerford.» kO möchte ich das Glück, ſolche Kinder zu beſitzen, dankbar genug erkennen!» rief Mrß. Hungerford. Mrß. Mortimer wieß auf Capitain Hun⸗ gerford's Namen in der Zeitung: «Auch kann ich nicht umhin Ew. Herr⸗ lichkelt zu melden, daß ich von Capitain Hungerford mit großer Tapferkeit unterſtützt wurde. 2 sWelch eine glückliche Mutter bin ich!— Und noch mehr Freude! Auch von meinem Oberſten ein Brief. Dankſagungen von dem befehlshabenden Offizier.... tapferes Be⸗ nehmen auswärts— Urlaub auf drei Wochen Dieſe fröhliche Botſchaft verbreitete ſich — 1060— ſchnell, und in wenigen Minuten war das ganze Haus in freudiger Bewegung. Alles vereinigte ſich, Carolinen eine gün⸗ ſtige Meinung von dem Erwarteten beizu⸗ bringen. Er kam an und ſeine eigene Er⸗ ſcheinung beſtätigte vollkommen, was von ihm geſagt worden war. Mit einem männlich ſchönen Aeußeren verband er ein einnehmendes⸗ liebenswürdiges Weſen, was ſich beſonders im freundſchaftlichen Kreiſe kund that. Rührend war die dankbare Liebe und zärtliche Ehrfurcht, mit der er an ſeiner Mutter hing. Er hatte eine hohe Meinung von ihrem Charakter und war ſtolz darauf, ihr durch Wort und That den Einfluß zu beweiſen, den ſie über ihn ausübte. Seiner Schweſter Mortimer war er ein liebevoller, aufmerkſamer Bruder, und in der kaum ſichtbaren Verſchiedenheit des Benehmens gegen ſeine, unterdeſſen aus Kindern zu Jungfrauen herangewachſenen Con⸗ ſinen, Maria und Eliſabeth Pembroke, ſprach — 107— ſich die Zartheit ſeines Gefühls aus. Lady Mariens munterer Offenheit begegnete er mit einer, der Verwandtſchaft zugeſtandenen Ver⸗ traulichkeit; und durch ein zarteres, ehr⸗ furchtsvolleres Benehmen überwand er Lady Eliſabeths Furchtſamkeit und Scheu. Dieſe Umſtände entgingen Carolinens ſcharfem Blick nicht. Aller Aufmerkſamkeit war auf Oberſt Hungerford gerichtet, Alles ſprach von ihm oder hörte ihm zu. Mehr und öfter, als ihm ſeine Beſcheidenheit erlaubte, mußte er von ſich und ſeinen Thaten erzählen. Caroline hatte, ſeit ihr älteſter Bruder Soldat war, große Vorliebe für dieſen Stand gefaßt. Oberſt Hungerford mochte wohl ſieben bis acht Jahr aͤlter als Gottfried Percy ſeyn. Er hatte einen weit beſtimmtern, feſtern Charakter, mehr Kenntniſſe und einen aus⸗ gebildeteren Verſtand. Aber dennoch waren ſie ſich in vielen Stücken ähnlich, und Ca⸗ roline hoffte im Stillen ihren Bruder einſt — 108— auf derſelben Stufe ſtehen zu ſehen. Dieſer Umſtand vermehrte ihr Intereſſe für ihn. Nachdem er mehrere Tage im elterlichen Hauſe zugebracht, und ſeine Vorzüge täglich mehr entwickelt hatte, ſagte Roſamunde zu ſich ſelbſt— „Dieß iſt nun gewiß der rechte Mann für Carolinen, und faſt glaube ich, ſie iſt ſelbſt dieſer Meinung.» Sie wollte ihre Schweſter über dieſen Gegenſtand ausforſchen, und begann deshalb eines Tages, ihrer Meinung nach weit aus⸗ holend— „Wie wird Oberſt Hungerford von ſeiner Familie geliebt und geehrt.* «Und das mit Recht,z erwiederte Caro⸗ line ohne Stocken oder Erröthen. Roſamunde nicht ganz zufrieden mit die⸗ ſer anſcheinenden Unbefangenheit, fügte hinzu —«Und nicht allein von ſeiner Familie, ſon⸗ dern auch von Allen die ihn kennen.» — 109— Caroline ſchwieg. 3 «Es iſt zu bewundern,»y fuhr Roſamunde fort, ⸗wie es möglich war ſich bei dieſem wandernden Soldatenleben einen ſolchen Schatz literäriſcher Kenntniſſe zu erwerben, und daß er den Geſchmack an einfache, häͤusliche Freu⸗ den nicht verlor.» Abermals völlige Beiſtimmung durch Worte und Blicke; aber immer noch nicht der Blick und Ton, wie Roſamunde wünſchte. Mir kömmt es vor, als ob Oberſt Hun⸗ gerford in vielen Stücken Aehnlichkeit mit unſerm Bruder Gottfried häͤtte.» «Ja,» entgegnete Caroline, und in man⸗ chen Punkten mochte ich ihn über Gottfried ſtellen.* «So denke ich auch,» verſetzte Roſamunde, «und ich bin überzeugt, Gottfried würde ſich glücklich preiſen ſolch einen Mann ſeinen Freund zu nennen— kurz, wäre er in die⸗ ſem Augenblick hier, ſo dächte er über Oberſt — 110— Hungerford und manche andere Dinge gewiß eben ſo wie ich.⸗ aUeber manche andere Dinge!y wieder⸗ holte Caroline lächelnd— adas ſchließt viel in ſich.* cAllerdings lo entgegnete Roſamunde be⸗ deutend— Lund ich kenne noch eine ſehr kluge und vortreffliche Perſon, die auch ganz meiner Meinung iſt, daſſelbe denkt und wünſcht. Das iſt mein Troſt.— Mrß. Hun⸗ gerford vergöttert ihren Sohn; aber ich glaube, ſie ſtellt Dich ihm beinahe gleich.» Gute, liebe Mrß. Hungerford!» ſagte Caroline gerührt. „Ja,y fuhr Roſamunde fort— sdenn heraus muß es doch früher oder ſpäter.... ich glaube ſie liebt Dich nicht allein, als ob Du ihre eigene Tochter wärſt; ſondern ſie— nun geſtehe nur Caroline, kam Dir dieſe Idee nie im Sinn? und ſtehſt Du nicht, daß Mrß. Hungerford es wünſcht?. O dieſes Er⸗ — 111— röthen iſt mir Antwort genug. Ich will Dich auch nicht weiter plagen— Leb wohl, ich bin zufrieden mit dem was ich weiß.»— Bleibe, liebe Roſamunde, oder Du nimmſt einen Irrthum mit hinweg!— Bleibe nur einen Augenblick, und ich will Dir alles ſagen was ich denke und fühle. Nun ich bleibe, und höre. »Ich erkenne Deine und Mrß. Hunger⸗ fords Güte gegen mich— ich ſehe, was ihr Beide wünſcht.„— So biſt Du wieder meine Schweſter Ca⸗ roline, über alle Liſt und Ziererei erhaben. „Aber,p ſagte Caroline. «Kein aber,“ rief Roſamunde, ſich die Ohren zuhaltend.„Du haſt ſelbſt zugegeben, daß Oberſt Hungerford alle Tugenden beſitzt, die man von einem jungen Mann fordern kann— daß er keinen Fehler hat, worauf ſich ein vernünftiges Aber gründen läßt. Ge⸗ müthsart, Sitten, Talente, Charakter, Ver⸗ — 112— mögen, Familie, Ruf— alles iſt ſo, wie es das Herz wünſchen kann.* Oder wofür ſich das Herz eines Mäd⸗ chens nicht genug bewahren kann. Ich er⸗ kenne ſeine guten und liebenswürdigen Eigen⸗ ſchaften, und danke Dir und Mrß. Hunger⸗ ford für eure Wünſche; auch geſtehe ich, daß mich ſeine erſte, von ſo manchen freundlichen und romantiſchen Umſtäͤnden begleitete Er⸗ ſcheinung nicht ganz unempfindlich gelaſſen hatz aber deſto ſorgſamer muß ich über mich und mein Herz wachen, um mich vor einer un⸗ glücklichen Liebe zu bewahren. Ueberdieß verbietet Delikateſſe, Stolz, Ehre und Klug⸗ heit unſerm Geſchlecht an einen Mann als Liebhaber zu denken, ehe er ſich als ſolchen zu erkennen gegeben hat.⸗ Gewiß,» ſagte Roſamunde, aber ich. nehme es für ausgemacht an, daß Oberſt Hungerford Dich liebt. —. 113— Und warum? Er hat mir keine Aus⸗ zeichnung bewieſen. Warum?... das weiß ich ſelbſt nicht recht zu ſagen— mir fehlt es in ſolchen Sachen an Erfahrung. Aber offenherzig ge⸗ ſprochen, Caroliñe, Du kannſt doch nicht läug⸗ nen, daß Du an Oberſt Hungerford ge⸗ dacht haſt?— „Wie, an einen Liebhaber, nie. Gewiß nicht?» «Ich kann auf mein Wort verſichern, daß ich in dieſer Beziehung nie an ihn dachte.» „Daß heißt, Du haſt Dich niemals förmlich niedergeſetz und zu Dir geſagt: Jetzt will ich mir Oberſt Hungerford als meinen Geliebten denken; aber sans y penser. Geſtehe nur, daß Du ſo eine kleine Vorliebe für ihn haſt. Nein,» ſagte Caroline, sund Du mußt mir glauben? Wenn ich muß, ſo bin ich gezwungen,» erwiederte Roſamunde kleinmüthig. Erſtaunen II. 8 — 114— über die fehlgeſchlagene Hoffnung hemmte für einen Augenblick den Fluß der Rede. Dann fuhr ſie fort: Du biſt alſo der Mei⸗ nung, daß ein, mit Delikateſſe, Stolz, Klug⸗ heit und Ehrgefühl begabtes Mädchen ihre Augen und Ohren, ihren Verſtand und ihr Herz allen Vorzügen und Liebenswürdigkeiten die ein Mann nur immer beſitzen kann, ver⸗ ſchließen muß und ſoll, bis beſagter Mann ihr in aller Form einen Heirathsantrag macht? Iſt es nicht ſo, Caroline?» «Du haſt mich mißverſtanden, liebe Ro⸗ ſamunde. Den Vorzügen des Mannes braucht ein Mädchen weder ihre Augen und Ohren, noch ihren Verſtand zu verſchließen— nur ihr Herz. Deßhalb beſtärke mich lieber in dieſer Meinung, und lobe meine Selbſtbe⸗ herrſchung, anſtatt mir Vorwürfe über meine Gefühlloſigkeit zu machen. Bedenke nur, wie unglücklich ich ſeyn würde, wenn ich einen Mann liebte dem ich gleichguͤltig wäͤre; wenn — 41415— Du mich als Opfer einer unglücklichen Leiden⸗ ſchaft untergehen ſehen müßteſt. 49 liebe, liebe Caroline, das kann nie dein Fall ſeyn— Gott verhüte es!» rief Roſamunde mit dem Ton der Beſtürzung. Aber,» fügte ſie ſich wieder faſſend hinzu— sdieß iſt eine leere Furcht. Mit Deiner Gei⸗ ſtesſtärke kannſt Du nie in eine ſolche Lage gerathen. «Wer kann auf ſeine Geiſtesſtaͤrke bei der zweiten Prüfung rechnen, wenn ſie die erſte nicht beſtand? ſagte Caroline. Roſamunde blieb dabei, daß ihrer Schwe⸗ ſter Vorſicht und Klugheit ſie vor allen Ge⸗ fahren dieſer Art bewahren würde; daß ſolche weiſe Vernunftſchlüſſe einer ſo jungen Per⸗ ſon ſchlecht anſtünden, und daß es ſich für ſie gar nicht ſchicke vorſichtiger und klüger ſeyn zu wollen, als die gute alte Mrß. Hun⸗ gerford ſelbſt. Bei dieſen Worten füllten ſich Carolinens 8* — 1416— Augen mit Thränen. Liebe, gütige Mrß. Hungerford!» rief ſie aus. In der Wärme ihres Herzens, im Ueberſtrömen ihrer Güte ſprach ſie vielleicht ein Mal im Leben ein unvernünftiges Wort, äußerte einen Wunſch⸗ den ſie bei reiferer Ueberlegung gewiß be⸗ reut hat.y 1 —«Nein, nein!» rief Roſamunde. Ihre gute Meinung von Dir hat ſich bei reiferer Ueberlegung nur noch mehr beſtätigt. Sie wird dieſen Wunſch nie bereuen. Weßhalb glaubſt Du, daß ſie ihn bereut hätte?» „*Weil ſie jetzt einſehen muß, daß er nie erfüllt werden kann, und deßhalb gewiß wünſcht, daß ich ihn vergeſſen möchte. Ich hoffe ſo gehandelt zu haben, als ob er von mir vergeſſen wäre. Nur ihrer Güte und Liebe werde ich mich erinnern, ſo lange noch Leben und Empfindung in mir iſt. Aber hätte ich nun auf dieſes leichthingeworfene Wort einen Roman gebaut, wie würde ſich — 117— die vortreffliche Frau anklagen mich irregelei⸗ tet, meinem Herzen Schmerz verurſacht zu haben; wie leid würde es ihr thun das Mäd⸗ chen, welches ſie einſt durch ihren Beifall und ihre Freundſchaft ſo hoch geſtellt, in aller Menſchen Meinung, ſelbſt in ihrer eigenen herabgeſetzt zu ſehen! Und, o Roſamunde! welch eine Erwiederung dieſer Freundſchaft, wenn ich Veranlaſſung zu irgend einem Miß⸗ verſtändniſſe zwiſchen ihr und ihrem Lieblings⸗ ſohne geworden, wenn ich als Nebenbuhlerin ihrer geliebten Nichte aufgetreten wäre!» Nebenbuhlerin! Nichte! Wie? welche 2 rief Roſamunde voller Erſtaunen. &Setze den Fall Lady Eliſabeth.“— „Dieſer Gedanke kam mir nie in den Sinn— iſt es möglich? Liebe Caroline, Du haſt mir die Augen geöffnet; aber weißt Du es gewiß? Denn hätteſt Du allerdings ſehr weiſe gehandelt und ich, wie gewöhnlich ſehr, ſehr unverſtändig. Dachteſt Du gleich an⸗ N — 118— fangs an Lady Eliſabeth? bemerkteſt Du es gleich?» Nein! erſt geſtern exireh ich auf dieſe Vermuthung und heute weiß ich noch nichts Beſtimmtes.» «Alſo wieder ein Mal nur Grundſatz und Klugheit?* Ja,y erwiederte Caroline. Denn ärgerſt Du mich abermals,» rief Roſamunde. Konnteſt Du mir nicht gleich ſagen, daß alles nur Großmuth iſt? Alſo bis geſtern dachteſt Du noch nicht daran, und heute biſt Du noch nicht feſt davon über⸗ zeugt?— Und ich ſage Dir, Du irrſt Dich, trotz aller überflüſſigen Vorſicht. Ich will mit meinen eigenen Augen ſehen, und nur meinem eigenen Urtheil trauen.) Mit dieſem löblichen Vorſatz ging ſie fort. Schon am andern Morgen bot ſich die Ge⸗ legenheit zu beobachten, und ſelbſt zu ent⸗ ſcheiden dar. Lady Eliſabeth und Caroline — 119— 1. hatten beide ein Bild, Sir Philipp Sidney als Knabe vorſtellend, copirt. Mrß. Hunger⸗ ford zeigte ihrem Sohn die Copien. Lady Eliſabeths Arbeit war die vorzüglichere. Oberſt Hungerford unterſchied ſie ſogleich, und aͤußerte unverhohlen ſeine Bewunderung. Aus einem Mißverſtändniß hatte er beide Copien für Carolinens Arbeit gehalten; ſie erklärte ihm den Irrthum. Die Ihrige!» rief er, ſich mit dem Ton freudigen Erſtaunens zu Eliſabeth wendend. Lady Eliſabeth erröthete, Lady Marie lachelte — er fügte kein lobendes Wort mehr hinzu. Roſamunde ſchaute und horchte athemlos, und erwartete immer noch etwas Entſcheiden⸗ deres zu hören. Meine Mutter wünſchte eine Copie die⸗ ſes Bildes zu haben,» ſagte Lady Eliſabeth mit zitternder Stimme, und ohne die Augen aufzuſchlagen— sdenn wir haben in Pem⸗ broke nur eine elende Schmiererei von ihm.* — 120— 7 «Meine Tante Pembroke waͤre vielleicht ſo gütig das Original anzunehmen,y ſagte Hungerford,«und meine Mutter würde dann Lady Eliſabeth bitten ihre Copie— unſerer Gallerie zu ſchenken.⸗ 1 «Thue es, meine liebe Eliſabeth,y bat Mrß. Hungerford. Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf. 3 sThue es doch, Du darfſt es Deinem Vetter nicht abſchlagen.» Vetter! da iſt noch Hoffnung,» dachte Roſamunde. „Wenn Sie es ihrer Annahme würdig halten,» ſagte Eliſabeth. Ganz verſunken im Anſchauen ihrer rei⸗ zenden Blödigkeit vergaß er hierauf zu ant⸗ worten. Seine Mutter nahm das Wort. «Wenn Dich Hungerford drum bittet, liebe Eliſabeth, kannſt Du auch verſichert ſeyn, daß er die Copie wirklich dem Original vor⸗ zieht; denn mein Sohn ſchmeichelt nie.» — 11— Wer?*— ſchmeicheln? 2 rief Oberſt Hungerford. Schmeicheln!» fügte er mit leiſer Stimmem, mit einem zärtliche Ausdruck und Blick hinzu, daß er nicht mißverſtanden werden konnte. Auch verſtand ihn Lady Eli⸗ ſabeth vollkommen, wie ihr plötzlicher Farben⸗ wechſel bewieß. Glücklicher Weiſe war in dieſem kritiſchen Moment kein Auge auf Ro⸗ ſamunden gerichtet, ſonſt hätten ihre innerſten Gedanken und Gefühle nicht laͤnger Geheim⸗ niß bleiben können. «Komm,» rief Lady Marie— glaß uns das Bild gleich aufhängen; wir wollen in die Gallerie gehen, und einen paſſenden Mas dazu ausſuchen. Hungerford nahm das Bild, bot Lady Eliſabeth ſeinen Arm, und folgte Marien in die Gallerie. Caroline reichte Mrß. Hunger⸗ ford ihren Arm; ſie gingen langſam nach— Roſamunde folgte. Ich fürchte,“ ſagte Mrß. Hungerford, 8 — 122 ſich auf Carolinen ſtützend, 3 9 Ihnen zu ſchwer werde.* O nicht im Geringſten.» Ich werde jetzt ſo ſchwer, daß ich eines ſtärkern Armes bedarf— einen liebevollern kann ich nirgends finden.»— Die Thüre des Vorzimmers zur Gallerie trennte ſie von den Vorangegangenen. Es giebt viel verlangende Mütter, die immer eines Sohnes Arm begehren. Zu dieſer Klaſſe gehöre ich nicht; auch wird bald die Zeit kommen, wo ich meinen Sohn als Führer aufgeben muß.» Und ſeines Glücks verſichert, geben Sie ihn gewiß mit Freuden auf;»— ſagte Caroline. MRrf. Hungerford blieb ſtehen, und blickte Carolinen an, deren Augen zu begegnen ſie bisher vermieden hatte. Von welcher Angſt befreite ſie ihr heiteres offenes Geſicht, ihr liebliches, unſchuldiges Lächeln. Mrß. Hun⸗ gerford war zwar alt, aber noch voll lebhaf⸗ ter, ſtarker Gefühle. Sie konnte nicht ſpre⸗ chen, und drückte Caroline bewegt an ihr Herz. Endlich rief ſie— Vortreffliches Geſchöpf! Mein liebes, liebes Kind— das muͤſſen Sie mir immer bleiben.» sAch! Theure Mrß. Hungerford,» rief Roſamunde, sSie glauben nicht wie unge⸗ recht und unvernünftig ich gegen Caroline geweſen bin.» „Meine Liebe,»y engegnete Mrß. Hunger⸗ ford indem ſie lächelnd ihre Thräne trocknete — Lnach meiner eigenen Unvernunft zu ſchlie⸗ ßen, kann ich mir wohl eine Idee von der Ihrigen machen. Wir müſſen alle von die⸗ ſem lieben Kinde lernen— Sie früh— ich ſpät im Leben. „Dachte ich mir es doch,» rief Lady Ma⸗ rie die Galleriethüre öffnend— ⸗während wir hier ſtehen und auf Sie warten küſſen ſie ſich.— Kommen Sie Tante, und ſehen — 124— Sie, wo wir das Bild aufhängen wollen; doch zuvor muß ich Carolinen um etwas bit⸗ ten. Guſtav wünſcht heute mit Eliſabeth auszureiten; aber die Fliegen quaͤlen ihr Pferd ſo fürchterlich, und ſie iſt denn ſo ängſtlich, daß ſie kein Wort hört was er mit ihr ſpricht. — Währen ſie wohl ſo gut meiner Schweſter Ihr ſanftes, zierliches Pferdchen zu leihen?y) «Mit Vergnügen,» entgegnete Caroline, sund mein Netz dazu.) «Ich werde es Ihnen gleich bringen, ſagte Roſamunde. &Es hat keine Eile,y rief Lady Marie... Laufen Sie doch nicht fort, wir brauchen es jetzt noch nicht.)— Aber Roſamunde, froh zu entkommen, rannte fort, weil, wie ſie vorgab, an dem Netze etwas zu beſorgen ſey. So iſt denn Alles vorbei— und alles vergebens!» ſagte ſie ſeufzend zu ſich ſelbſt. Die Pferde wurden vorgeführt. Roſa⸗ munde kam mit dem Netz, Caroline legte es auf und Lady Eliſabeth dankte ihr mit einem ſo liebevollen Blick, mit ſolcher Zuver⸗ ſicht auf ihre freundſchaftliche Theilnahme, daß ſelbſt Roſamunde ihr vergab glücklich zu ſeyn. Aber ſie konnte nun nicht mehr wün⸗ ſchen länger in Hungerford⸗caſtle zu bleiben und Zeuge dieſes Glücks zu ſeyn, und freute ſich deßhalb, als ihr Vater am andern Mor⸗ gen erklärte, daß dringende Geſchäfte ſeine augenblickliche Rückkehr erforderten. Laute und aufrichtige Klagen von allen Bewohnern des Schloſſes, hauptſächlich von Mrß. Hun⸗ gerford und ihrer Tochter, folgten dieſer Erklärung. Carolinen wurde es ſchwer ſich von Mrß. Hungerford zu trennen, an der ſie mit zärt⸗ licher Liebe hing; noch ſchwerer deshalb, weil ſie nicht wagte der trefflichen Frau ihre ganze Liebe und Bewunderung zu zeigen, aus Furcht mißverſtanden zu werden. 7 Ihr Zartgefühl blieb nicht un inniger Wehmuth trennte ſich Mrß. Hugerford von ihrer jungen Freundin, nachdem ſie ihr durch wenige Worte und einen herzlichen Händedruck ihre fortdauernde Liebe verſichert hatte. Von Alt und Jung bedauert, Friede im eigenen Herzen, kehrte Caroline in die Hei⸗ math zurück; zufrieden mit der Gegenwart, und ohne Sorgen für die Zukunft. Neunzehntes Kapitel. Dr. Erasmus Percy an ſeine Schweſter Roſamunde. Daß die ſchöne Conſtanze Herrn Greshams Tochter ſey, habe ich nicht geſagt, nur daß ich ſie in ſeinem Hauſe geſehen. So viel ich weiß, iſt ſie auch nicht mit ihm verwandt; ſondern die Tochter ſeines kranken Compag⸗ nons.— Und dieſer Compagnon— nun Roſamunde hier giebt es ein Zuſammentreffen, wenn auch nicht romantiſcher Art, doch ſelt⸗ ſam genug— dieſer Compagnon iſt Herr Panton, der Londner Correſpondent unſerer ſchiffbrüchigen holländiſchen Kaufleute; der⸗ — 128— ſelbe Panton et Comp. an welchen unſer Vater kürzlich ſchrieb um Gottfrieds Freund, Capitain Henry zu empfehlen, den ich übri⸗ gens noch nicht geſehen habe. Aber von Conſtanzen will ich Dir alles erzählen was ich weiß, und wahrſcheinlich jemals erfahren werde. Sie iſt die alleinige Erbin ihres Vaters, und erhaͤlt einſt, wenn ich ſeinen wiederholten Verſicherungen trauen kann ein Vermögen von hundert Tauſenden. Sie iſt gebildet und liebenswürdig, und wie ich Dir ſchon früher ſagte, ſchön; aber glücklicher Weiſe iſt ihr Schönheitsſtyl nicht von der Art mein Herz zu ruͤhren; ſonſt würde ich, ſelbſt auf die Gefahr den feiſten Vater in ſeiner Hipochondrie ſterben zu laſſen, und den guten Anfang einer Praxis in der City zu verlieren(worauf ich, wenn dieſe Cur glückt, rechnen kann) die Verſuchung, Miß Panton täglich zu ſehen, vermeiden. Selbſt wenn es auf ehrliche Weiſe geſchehen könnte,/ — 12²9— möchte ich mein Glück nie durch eine Heirath zu machen ſuchen, wenigſtens ſah ich bis jetzt noch kein Mädchen, derentwegen ich mir ſolche Art von Verbindlichkeiten auflegen laſſen möchte.— Liebe ſoll mich verbindlich machen, ſonſt aber nichts.— Du wirſt es vielleicht Hochmuth nennen; aber ich will mein Emporſteigen in der Welt lieber der eigenen Anſtrengung, als der Gunſt eines ſchönen Mädchens verdanken. Außerdem finde ich Vergnügen an meinem Beruf, mehr wie an dem Leben eines müßigen Gentlemans; ich liebe meinen Stand, und ſtrebe darnach mich in demſelben auszuzeichnen, damit Du einſt ſtolz auf Deinen Bruder, den Doktor Percy ſeyn kannſt. Dieſe allgemeine Grund⸗ ſätze erhalten noch mehr Gewicht durch die beſondern Umſtände meiner gegenwärtigen Lage. Von Niemand wird mehr gewiſſen⸗ hafte Treue verlangt, als von uns Aerzten, die wir öfterer Gelegenheit haben das In⸗ II. 9 nere der Familien kennen zu lernen, und größeres Vertrauen genießen. Aber ſelbſt wenn ich ſchlecht genug wäre das Zutrauen des alten Vaters mißbrauchen zu wollen, ſo würde ich um nichts gebeſſert ſeyn; denn Herr Panton, ein Mann von niedrer Herkunft, der wahrſcheinlich trotz ſeines Reichthums manche Kränkung und Demüthigung von vor⸗ nehmen Herren erlitt, iſt entſchloſſen ſeine Familie durch ſein einziges Kind in die Höhe zu bringen, und ſie darf nur dann Anſpruch auf ſein Vermögen machen, wenn ſie einen Baron, oder Grafen heirathet. Verbindet ſie ſich aber mit einem Mann unter dieſem Rang; ſo ſchwört er, ſolle ſie nie einen rothen Schilling von ihm bekommen. Wie ich höre iſt jetzt ein gewiſſer Lord Roadſter, der älteſte Sohn von Lord Runymede der erſte Bewer⸗ ber um ihre Gunſt, oder um ihr Vermögen, und vom Vater ſehr begünſtigt. Weder de ſes Vaters Hochmuth, noch der Mutter ge⸗ — 131— 3 meiner Eigennutz und Geldſtolz vermochten Miß Panton zu ihnen herabzuziehen. Eine Schande für alle Erziehungsſyſteme!— Es giebt edle Naturen, die den rechten Weg einſchlagen, wenn auch alles um ſie herum den falſchen geht. Mein Vater wird dieß nicht zugeben, und ausrufen« Unſinn!» Ich berufe mich aber auf etwas, was er als Sinn anerkennen muß. Miß Pantons rechte Mut⸗ ter war von guter Familie, und wie man mir ſagt, eine liebenswürdige, gebildete Frau, welche des Geldes wegen dieſem reichen City⸗ Gemahl geopfert wurde. Der Tochter erſte Grundſätze bildeten ſich nach ihren Vorſchrif⸗ ten und ihrem Beiſpiel. Nach der Mutter Tode fand ſie an ihres Vaters Compagnon, Herrn Gresham einen vortrefflichen gebilde⸗ ten Freund. Da er ſelbſt keine Kinder hatte beſchäftigte er ſich in müßigen Stunden gern mit der kleinen Conſtanze. Sein aufgeklärter Geiſt und ihrer Eltern gemeine Unwiſſenheit 9* 7 2 — 132— ſtachen zu grell gegen einander ab, um nicht von ihr bemerkt zu werden; und ſo gereichte ihr die frühzeitige Entdeckung der elterlichen Fehler und Thorheiten zum größten Nutzen. Demohngeachtet behandelt ſie Vater und Mutter mit einer Achtung und Ehrerbietung, daß niemand ihre Bekanntſchaft mit deren Untugenden ahnet. Mrß. Panton iſt eine große dicke Frau mit einem aufgeblaſenen Ge⸗ ſicht, und einer braunrothen Perücke, worauf ſie gemachte Blumen trägt. In Geſellſchaft und in den Geſellſchaftskleidern ſpricht ſie mit leiſer affektirter Stimme, ſchreit aber laut im gemeinſten breiten City⸗Dialekt, wenn ſie ſich zu Hauſe in der gewöhnlichen Ordnung befindet.— Sie liebt Putz und Kleiderpracht unmäßig, und hat eine wahre Leidenſchaft für vornehme Geſellſchaft. Ich habe die beſte Ausſicht ihr Favorit zu werden, weil ich von guter Familie bin, und man mir gleich an⸗ ſieht, daß ich mich von Jugend auf in den beſten Cirkeln befunden habe. — 133— Mein Patient—— bemerke mein Pa⸗ tient iſt der Letzte von dem ich ſpreche— iſt nervenſchwach und hypochondriſch und ge⸗ rade ſo ein Menſch, von dem ein eigennützi⸗ ger Arzt dem andern ſchreiben würde— Hier ſchicke ich Ihnen eine fette Gans,— Sie wiſſen wie ſie zu rupfen iſt.)— Da Du ſchwerlich großen Gefallen an medizini⸗ ſchen Details findeſt, will ich Dich auch nicht mit den beſondern Krankheitsumſtänden des alten Herrn Pantons beläſtigen; aber bete für ſeine Geneſung: denn wenn es mir ge⸗ lingt ihn aufzubringen, ſo bringe ich mich ſelbſt in die Höhe.— Zum erſten Male nach ſo vielen vergeb⸗ lichen Verſuchen habe ich heute endlich Gott⸗ frieds Freund, den jungen Henry geſehen.— Er iſt hübſch, und wie ihr jungen Damen zu ſagen pflegt, intereſſant. Er hat beſon⸗ ders etwas ſehr Vornehmes in ſeinem Weſen, aber einen leidenden Zug im Geſicht. Sein — 134— Benehmen gegen mich war ſehr zurückhaltend, doch muß ich mir ſelbſt ſagen, daß ich auch kein Recht habe Anſprüche auf ſein Vertrauen zu machen. Von Gottfried ſpricht er mit vieler Liebe.— Leb wohl! Der Deinige Erasmus Percy.⸗ Dr. Percy's Vorgänger bei dem alten Herrn Panton war ein Apotheker, Namens Coxeater, geweſen, der ſich durch Schmeiche⸗ lei und andere niedrige Mittel große Gewalt über dieſe Familie erworben hatte, und ſie in manchen Punkten ganz beherrſchte. Meh⸗ rere Jahre waren auf dieſe Weiſe verſtrichen, als er das Unglück hatte, die Dame des Hauſes durch einen heftigen Widerſpruch der⸗ geſtalt zu beleidigen, daß er augenblicklich ſeines Amts entſetzt wurde. Der Verluſt des alten Herrn Panton war für den Apo⸗ theker unerſetzlich; denn er ſchluckte in einer Woche mehr Arzneien, als mancher andere — 135— City⸗Bewohner im ganzen Jahre. Trotz der vorgeſchriebenen Verſchwendung, ging er aber im Grunde doch ſehr ökonomiſch mit des Apothekers herrlicher Küche umz denn als Percy eine Menge halbvoller Glaͤſer aus ſei⸗ ner Schlafſtube verbannen wollte, ſchrie er laut auf und ſtemmte ſich mit aller Kraft dagegen eine ſolche Quantität guter Mittel umkommen zu laſſen; und weil ſie doch noch jemanden nützen könnten, beſtand er darauf, ſein Bedienter ſolle vor ſeinen Augen ſämmt⸗ liche Reſter austrinken. Vergebens ſetzte Dr. Percy die Beſchaffenheit der Arzneien auseinander, und warnte vor den üblen Fol⸗ gen, die ſie in des armen Kerls Leibe an⸗ richten würden. Der alte Panton beharrte auf ſeinem Willen und wiederholte, sdaß es eine Sünde ſey, ſolche gute, bezahlte Mittel wegzuwerfen, und daß, wenn er ſie nicht ſelbſt nehmen durfe, jemand anders aus der Familie es thun müſſe.) Der Streit endigte — 136— mit dem Wegjagen des Bedienten, welcher ſich geweigert hatte die Grundſuppe der letz⸗ ten Flaſche auszuleeren. So halsſtarrig der alte Herr Panton auch manchmal ſeyn konnte, ſo geſchmeidig war er wieder auf der andern Seite, ſobald die Angſt wegen ſeiner Geſundheit ins Spiel kam. Dann war er nachgiebig wie der ma⸗ lade imaginaire gegen ſeine Frau, oder wie Mylord Fortagral, wenn er nicht recht ver⸗ daut hatte, gegen ſeinen Arzt. In eben dem Grad als er früher Sorge um ſeinen Reich⸗ thum getragen hatte, trug er jetzt Sorge um ſeine Geſundheit. Dr. Percy fand den Pa⸗ tienten bei ſeinem erſten Beſuch in einem jämmerlichen Zuſtand im Armſtuhl ſitzend, halb todt durch die Idee mit einer Pfirſiche einen lebendigen Ohrwurm verſchluckt zu haben, der nun in ſeinem Bauche jungte. So lächer⸗ lich dieſe Einbildung auch erſchien, hatte ſie ſich des Mannes doch ſo ganz bemächtigt⸗ — 137— daß er in der That abnahm, und allen Appe⸗ tit und Muth verlor.— Ernſcheute ſich die geringſte Bewegung zu machen, oder nur vom Stuhl aufzuſtehen; getraute ſih kaum Hand, Fuß oder Kopf zu bewegen, aus Furcht das Neſt der Ohrwürmer aufzuſtören. So lange dieſes Ungeziefer ſchliefe, ſagte er, hätte er Ruhe; ſobald ſie aber erwachten, fühlte er ſie in ſeinen Eingeweiden herumkriechen und ihn kneipen. Vergebens hatte die Frau ge⸗ lacht, der Apotheker geſchmeichelt. Panton ward zornig, und behauptete, daß er ſterben müſſe und dann würde man ſehen, wer Recht habe. Dr. Perey erinnerte nh eines ähnlichen Falles bei einem berühmten Arzt, welcher aber leider zu ſpät kam, um dem Kranken auch das Leben zu erhalten, nachdem es ihm gelungen war den Grund ſeiner Einbildung zu vertreiben. Erasmus kam glücklicher Weiſe früh genug, die Ohrwürmer in ſeines Patien⸗ ten Leibe zu vertilgen, ehe ſie ihn zu Koͤde gemartert hatten. Er machte ihm das Ex⸗ periment 34 eines dieſer Inſekten in einen magiſchen Kreis von Oel zu ſetzen, worauf es gleich ſta b; und vermochte ihn dadurch ſeine kleinen Feinde durch den innern Ge⸗ brauch des Oels zu vertilgen. Nachdem dieſe hallucination,“ um uns eines gelehrten Ausdrucks zu bedienen, beſei⸗ tigt war, blieb es immer noch eine ſchwere Aufgabe unſern Hypochondriſten von den übrigen drei Urſachen ſeiner Krankheit zu be⸗ freien; von der Gemüthsträgheit, der körper⸗ lichen Indolenz, und der böſen Gewohnheit täglich eine Flaſche Londner parficular zu trinken. Seine Frau erklärte es für unmög⸗ lich, ihn zu einer geringern Quantität zu ver⸗ mögen, beſonders da ihm Coxeater den Be⸗ griff beigebracht hatte, daß gutes Eſſen und Trinken einer gichtiſchen Conſtitution unent⸗ behrlich ſey— er hatte nota bene in ſei⸗ nem Leben noch keine Spur von Gicht und Podagra gehabt. Mrß. Panton weiſſagte Perey'n ſchlechten Erfolg, und Conſtanze er⸗ blaßte, als er dieſen gefährlichen Punkt be⸗ rührte. Doch er ſelbſt hatte die beſte Hoff⸗ nung. Er erinnerte ſich eines ſinnreichen Mit⸗ tels, deſſen ſich Dr. Brown* bei einem hochlaͤndiſchen Häuptling bediente, um ihn zur Verminderung ſeiner täglichen Quantität geiſtigen Getränks zu vermögen. Aber hier gab es keinen Familieuſtolz in Bewegung zu ſetzen, wenigſtens waren keine Familienwap⸗ pen vorhanden. Indeſſen fand Erasmus ei⸗ nen Stellvertreter an Pantons Vorliebe für Titel und vornehme Bekanntſchaften. Lord Runymede hatte ihm einen goldenen Becher von bewunderungswürdiger Arbeit ge⸗ ſchenkt, auf welchem Sr. Herrlichkeit Wappen eingegraben ſtand. Daß der Kranke ſtolz *) Siehe Dr. Brown's Leben. — 4140— auf dieſes Geſchenk war, und jede Gelegen⸗ heit ergreift von dem Becher zu erzählen und ihn ſeinen Bekannten zu zeigen, hatte Percy bemerkt, und beſchloß nun dieſen Umſtand zu ſeinen Abſichten zu benutzen. Daher rieth er, oder vielmehr befahl— denn manche Menſchen hören nicht auf Rath, und befolgen nur den Befehl— daß des Patienten Ma⸗ dera allemal in dieſen wundervollen Becher gegoſſen werden ſollte, wegen gewiſſer galva⸗ niſcher Vortheile, die jedem Portertrinker bekannt ſind. Erasmus leerte eine Kanne Madera in den Becher um zu zeigen, daß er mehr als ein Quart halte. Dieſer Umſtand vermochte Herrn Panton zu dem feierlichen Verſprechen künftig nur aus dem Prachtbecher zu trinken; und als ihn Percy erſt ſo weit hatte, wußte er durch künſtlich eingemiſchte mediziniſche Anekdoten ſo überzeugend auf ſeine Phantaſte zu wirken, daß er ihn endlich bis auf die Haͤlfte ſeiner gewöhnlichen Wein⸗ — 141— 4 G quantität herunter brachte. Des Doktors nächſte Sorge war nun dieſen reichen, und auf ſeinen Reichthum ſtolzen City⸗Bewohner zu beſchäftigen. Wiſſenſchaft und Literatur waren in ſeinen Augen alberne, zweckloſe Dinge. Er konnte nicht begreifen, wie Je⸗ mand zum Vergnügen ein Buch leſen mochte; aber ihn ergötzte eine Waſſerfahrt in der ſchönen Jahreszeit, auf einem huͤbſchen Kahn nach einer der kleinen Inſeln auf der Themſe, um ſich dort mit Aalpaſtete gütlich zu thun. Ihm gefſiel nur ein einziges Buch und er liebte nur ein Schauſpiel— nein kein Schau⸗ ſpiel, ſondern eine Pantomime. Das Buch war Robinſon Cruſon, die Pantomime Har⸗ lequin Freitag. Wenn er jemals ſo gluͤcklich ſeyn ſollte eine Villa zu beſitzen, hörte man ihn ſagen, ſo müßte auch eine Inſel wie die Robinſon'ſche darauf ſeyn. Und warum nicht auch eine Feſtung, ein Schloß und eine Grotte? Das wäre ein Mal etwas Neues, und warum — 142— ſollte es nicht eben ſo gut eine Pantons⸗ thorheit geben, wie ſo viel tauſend andere Thorheiten in England? Er war doch war⸗ lich reich genug ſeine eigene Thorheiten aus⸗ zuführen!— Doktor Percy hegte und pflegte dieſe ſublime Idee. Mrß. Panton hatte ſchon längſt nach einer Villa auf der Themſe geſchmachtet. Erasmus ſchlug nun vor eine ſolche nach Pantons Plan anzulegen. Die Villa wurde gekauft, und unſer Hypochon⸗ driſt— nein, nicht mehr Hypochondriſt ging jetzt täglich hin und arbeitete angeſtrengter auf ſeiner einſamen Inſel, als er es je auf dem Comptoir gethan hatte. Bald fühlte er ſich völlig hergeſtellt, ſo friſch und munter wie jeder andere Mann in England, Dank ſey es dem Doktor Percy! Einige Monate ſpäter ſchreibt Erasmus. Ja, Ihr lieben Freunde in der Hei⸗ math! Alfred ſagt die Wahrheit, und über⸗ treibt nicht. Der gluckliche Umſtand dieſem — 143— alten City⸗Bewohner, der ſich körperlich für bankerott hielt, wieder auf die Beine zu hel⸗ fen, hat mir großen Ruhm in der City er⸗ worben, und meinen Namen in dieſem Vier⸗ tel der Stadt berühmt gemacht. Ernſtlich geſprochen, ich bin auf dem beſten Wege eine bedeutende Praxis in der City zu bekommen. Roſamunde braucht ihre ariſtokratiſchen Lip⸗ pen bei dem Wort City nicht aufzuwerfen; denn in dieſem verkehrten Winkel der Stadt, wie ſie zu ſagen pflegt, wohnen ſehr gute Menſchen, einige der beſten Menſchen die ich kenne. 3 Herr Gresham iſt unermüdet in ſeiner Güte gegen mich. Ein neuer Beweis davon iſt, daß er meinem armen Freund Obrien Be⸗ ſchäftigung gegeben, und ihn zu ſeinem Thür⸗ ſteher gemacht hat— ein bequemerer und angenehmerer Dienſt, als Farben bei dem unzufriedenen Maler zu reiben. Er beſucht mich faſt täglich, und iſt voll ſeines Glückes — 144— — Jetzt, da ich ein beſchäftigter Mann bin dürft Ihr keine langen Briefe mehr von mir erwarten. Alfred ſehe ich wenig; wir woh⸗ nen zu weit von einander entfernt, und ſind Beide zu bewunderungswürdig fleißig. Aber es giebt auch Feiertage in der Wiſſenſchaft; an ſolchen kommen wir zuſammen, und ſpre⸗ chen dann in kurzer Zeit mehr ab, als die größten Weiſen unſerer Zeit. Adien, Ihr lieben Freunde. Mit Liebe der Eurige Erasmus Percy. Nachſchrift. Eben fällt mir ein, daß ich vergaß, Eure Fragen nach dem jungen Henry zu beantworten. Ich ſehe ihn ſo oft es meine Zeit erlaubt zu Gresham zu gehen, und ſo oft er dorthin kömmt, was aber ſel⸗ ten geſchieht. Herr Gresham hat ihn ge⸗ beten ſein Haus Sonntags zu beſuchen, wo Henry doch ohne Zweifel Muße hat; aber er beuutzt dieſe Erlaubniß ſehr ſelten; ob aus Stolz oder aus beſſern Motiven, kann ich bis jetzt noch nicht ergründen. Gresham iſt wohl mit ihm zufrieden, und bemerkt ſehr richtig, daß ein junger, an ein luſtiges Leben bei der Armee gewohnter Offizier, viel Ge⸗ walt über ſich ſelbſt, und ungewöhnliche Cha⸗ rakterſtärke haben muß, um ſeinen Lebens⸗ wandel aus eigenem Antrieb ſo plötzlich zu verändern, und ſich allem Zwang und unan⸗ genehmen Umſtänden ſeiner neuen Lage willig zu fügen. Adien! Alfred Percy an ſeine Mutter. Meine liebe Mutter! Trotz Roſamundens Furcht ihrer Schwe⸗ ſter Liebesgeſchichte auf eine gewöhnliche Weiſe enden zu ſehen, muß ich doch geſtehen, daß mir Herr Barclay, nach allem was ich I.. 10 — 146— von ihm gehört habe, als Schwager lieb ge⸗ weſen, wenn er nur zehn Jahr jüͤnger und weniger ernſt geweſen wäre— Und vor allen Dingen, wenn ihn Caroline hätte lieben können. Aber da dieß alles nicht iſt, grãme ich mich nicht, daß das Gut in Leiceſterſhire nicht an unſere Familie kömmt, und daß ich den Heirathscontrakt nicht aufzuſetzen habe. NRoſamunden danke ich herzlich für ihre Briefen von Hungerford⸗caſtle. Es freut mich, daß unſer Unglücksfall keine Verände⸗ rung in Ihrer dortigen Aufnahme hervorge⸗ bracht hat. Roſamundens Briefe gewährten mir viel Freude; ich ſparte ſie mir auf, bis die Geſchäfte des Tages abgethan waren und ich ſie ungeſtört in meiner einſamen Stube, bei meinem einen Lichte leſen konnte. Viel lieber will ich auch den ganzen Tag einſam und fleißig verleben, und den ganzen Abend ohne ein Wachslicht hinbringen, als Ihre Lady Angelika Headingham heirathen. — 147— Sie erwarten alſo, mich in den nächſten Ferien ſehr unterhaltend zu finden, und rech⸗ nen darauf alles zu erfahren was ich, ſeit ich nach London kam gehört, geſehen, gefühlt und gelernt habe. Ach Roſamunde! ich kann keine Wunderdinge berichten, und damit Du Dich nicht bei unſerm Zuſammentreffen in Deinen Erwartungen getäuſcht ſiehſt, will ich lieber jetzt gleich alles erzählen was von mir zu ſagen iſt. Meine Geſchichte gleicht der aller jungen Advokaten in den erſten Jahren — ſie iſt kurz und bitter.— Viel zu thun und wenig Lohn. Indeſſen habe ich doch ſchon einigen eingenommen. Bald nach meiner Unterredung mit Lord Oldborough ſchickte Sr. Herrlichkeit zu mei⸗ nem Erſtaunen, denn ich dachte das Anerbie⸗ ten, mir in meinem Fache behülflich zu ſeyn, wenn ihm jemals dergleichen vorkommen ſollte, wäre blos ein Hofmannsverſprechen geweſen — ſeinen Anwald zu mir mit einer Klag⸗ 10* — 148— ſchrift gegen den Oberſt Hauton. Dieſer hatte, höchſt undankbarer Weiſe einen Pro⸗ ceß gegen ſeinen Oheim, der auch zugleich ſein Vormund iſt und ſeit Jahren alle ſeine Geſchäfte beſorgt, angefangen. Ich kann Ihnen die Sache nicht juriſtiſch auseinander⸗ ſetzen; es ſey Ihnen genug zu wiſſen, daß ich ſo glücklich war einen Punkt ausfindig zu machen, der ſehr für meinen Clienten ſprach. Voller Freuden darüber erſchien ich in den Schranken, meine Aktenſtücke unter dem Arm; als ich aber eben anfangen wollte, verwei⸗ gerte mir der älteſte Rechtsconſulent die Er⸗ laubniß zu ſprechen, riß mir das Blatt aus der Hand, berichtete mein Urtheil als ſein eigenes, bekannte nicht ein Mal, daß ich Theil daran hatte— erhielt einen Ausſpruch gegen den Oberſten, und genoß die Ehre und den Triumph dieſes Tages. Einige Männer in den Schranken, die mir nahe geſtanden, ſahen wie ſich die Sache verhielt, und waren — 149— entrüſtet.— Ich erfuhr nachher, daß mein Alter, deſſen Namen ich nicht nennen will, damit Sie keinen Groll auf ihn werfen, durch den glücklichen Ausgang dieſes Prozeſſes große Praxis bekommen hat. Dem ſey wie ihm wolle, ſo möchte ich in dieſem Augenblick doch nicht mit ihm tauſchen. Herr Groſe, Lord Oldboroughs Anwald, e ein reicher Schelm und gehörig frech, war ge⸗ nöthigt mich zu gebrauchen, weil ſein Client es befohlen hatte; und Lord Oldborough iſt nicht der Mann, welcher Ungehorſam erträgt; aber der Anwald fühlte ſich dadurch beleidigt und gekränkt, daß Sr. Herrlichkeit mich, ei⸗ nen jungen Advokaten, von dem niemand ge⸗ hört hatte, und der nicht durch ihn empfoh⸗ len worden war, oder unter der Protektion irgend eines Anwalds von Bedeutung ſtand, gebraucht hatte. Herr Groſe wußte ſehr wohl auf welche Weiſe dieſer Rechtshandel gewon⸗ nen worden war, erwähnte aber gegen Lord Oldborough nichts davon, ließ meinem Alten vielmehr alle Ehre.— Dieſe trockene Rechts⸗ geſchichte iſt das Merkwürdigſte, was ſich von mir erzählen läßt. Ich habe nichts ge⸗ ſehen, nichts gehört als Akten, und es wird mir noch gerade ſchwer in einer andern, als der juriſtiſchen Sprache zu ſchreiben, zu ſpre⸗ chen, oder zu denken. Erzählen ſie dieß mei⸗ nem Vater. Von dem, was ſich in dieſer großen Hauptſtadt zuträgt, weiß ich ſo wenig, als ob ich in Tobolsk lebte. Buckhurſt Falkoner pflegte ſonſt meine Zeitung zu ſeyn; aber ſeit er alle Hoffnung auf Carolinen aufgege⸗ ben hat, kömmt er ſelten zu mir. Ich habe an ihm meinen moderuen täglichen Bericht⸗ erſtatter, meine belle assemblée, und téte à téte magazine verloren. Am letzten Sonntag hörte ich ihn in ſei⸗ ner Kirche predigen. Er wird ſehr bewundert; aber ich kann ſeinen Predigten keinen Ge⸗ — 151— ſchmack abgewinnen. Sie ſind zu theatraliſch und geſucht, zu redneriſch und poetiſch; augen⸗ ſcheinlich mehr darauf berechnet des Predigers Rednergabe zu zeigen, als Gott zu preiſen und die Menſchen zu beſſern.— Er ſagte mir, wenn er durch ſeine Vorträge nur er⸗ langen könnte Dechant zu werden, ſo wüßte er doch zu welchem Zweck er gepredigt hätte, und würde denn mit ruhigem Gewiſſen ſter⸗ ben, weil er doch nicht glauben müßte ver⸗ gebens gearbeitet zu haben.— Von allen verächtlichen Menſchen iſt meiner Meinung nach, ein ausſchweifender Geiſtliche der ver⸗ verächtlichſte. Wie viel hat der alte Falkoner zu verantworten, der ihn zwang oder durch Liſt ſo weit brachte, ſich der Kirche zu wei⸗ hen, da er doch ſeine Unfähigkeit dazu kannte! — Er möchte vergehen, weil er den Lohn der Ungerechtigkeit, noch nicht in Buckhurſts Händen ſieht. Die Pfründe von Chipping⸗ Friars nämlich. Der arme, vom Schlag ge⸗ — 152— rührte Beſitzer, um deſſen baldigen Tod er täglich betet, lebt noch und kann, wie Buck⸗ hurſt ſagt, noch manches Jahr ſo fort exiſti⸗ ren.— Wie er es aber nun anfängt ſo leben zu können, begreife ich nicht. Dieſe Kunſt mit nichts auf einem vornehmen Fuß zu leben, die ich von Tauſenden ausgeübt ſehe, wird mir ewig ein Räthſel bleiben.— Falkoners ſcheinen jetzt in großer Gunſt zu ſtehen; der Finanzrath hofft, Lord Oldborough werde etwas für Buckhurſt thun. Als ich ihn am letzten Sonntag predigen hörte, ſah ich die ganze Falkonerſche Familie im höchſten Glanz in des Herzog von Greenwichs Capelle. Die Marquiſe von Twickenham war auch dabei. Sie ſah ſehr ſchön, aber wie mir ſchien un⸗ glücklich aus. Nach der Predigt hörte ich eine Dame, die mir zunächſt ſaß ihrer Nach⸗ barin zuflüſtern,«˖Liebe, iſt denn das anſtößige Gerücht über die Marquiſe von Twickenham auch zu Ihren Ohren gedrungen?»— Hier⸗ — 153— auf erfolgte ein leiſes, vertrautes Gefluſter — endlich laut genug von mir gehört zu werden— LAber ich vermuthe, daß in die⸗ ſem Augenblick alles unterdrückt wird, weil Hoffnung zu einem Erben vorhanden iſt.» Jetzt verließen der Herzog von Green⸗ wich und der Marquis nebſt ſeiner Gemahlin ihre Plätze, und als ſie an uns vorüber gin⸗ gen lächelten meine Läſterzungen, und ver⸗ neigten ſich und waren höchſt erfreut ihre liebe Marquiſe zu ſehen.— Miß Falkoners, dem adeligen Zuge folgend ſchienen zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt um mich zu ſehen, oder zu kennen— bis Lord Oldborough, obgleich mit dem Herzog im Geſpräch, mich gewahrte und mir die Ehre erwieß, mich zu grüßen. Nun brachten Miß Falkoners ſchnell ihre Lorgnetten heraus, um zu ſehen wer ich ſeyn könnte, und lächelten auch, und waren erfreut mich zu ſehen.— Wohl uns, daß wir von dieſen Lächeln und Verbeugungen . 8 — 154— nicht zu leben brauchen!— Der Marquiſe von Twickenham herrliche Equipage führte die Geſellſchaft fort. Ich genoß ihren vollen An⸗ blick, als ſie die Fenſter aufzog, und ich kann wohl ſagen, daß ich nie melancholiſchere Züge ſah.— Lord Oldborough hoffte, daß mein Vater ſich wohl befände— von Gottfried war nicht die Rede. Die Marquiſe kannte mich nicht, drehte ſich aber bei dem Namen Percy um, und ſeufzte.— Dieſer Seufzer iſt für Dich, Roſamunde— mache daraus, und aus dem halbgehörten, geheimnißvollen Geflüſter was Du kannſt. Ich hoffe, daß Du bis Montag, den dritten des nächſten Mo⸗ nats, wo ich zu Euch komme, einen Roman im beſten Gange haſt. Keine Briefe von Gottfried?— Mit Erasmus geht es gut; ſeine Praxis in der City nimmt, Dr. Frumpton zum Trotz, täglich zu. Adieu! bis zum glücklichen Montag. Wem mögen wohl die Ferien größere Freu⸗ —— 155— den machen, dem Schüler oder dem Advoka⸗ ten? Wie Wenige haben ein ſolche Heimath wie ich!— Ich wurde eben durch einen Brief vom Pachter Grimwood unterbrochen. Der Mann ſchreibt an mich sweil ich ein Freund der Gerechtigkeit, und meines Vaters Sohn bin, u. ſ. w. und hat mir einen langen confuſen Bericht über einen Streit, in dem er mit Dr. Leiceſter wegen des Zehnten der Pfirſichen liegt, gegeben. Beſagter Grimwood iſt ſo zornig, daß er weder richtig noch deutlich ſchreiben kann, und er ſchwört, adaß er den Doktor verklagen wolle, und koſtete es ihm auch tauſend Guineen.“ Ich wünſchte, mein Vater wäre ſo gut zu Herrn Grimwood zu ſchicken(er wohnt in Pegginton) und ihm den Rath zu ertheilen, ſich vor Anwald Scherpe zu hüten, und wo möglich ruhig zu bleiben bis Montag den dritten. Dann wollte ich ſeinen Streit ausmachen. Bemerken Sie nur, — 1456— daß au dieſem Montag mehr geſchehen muß, wie an jedem andern Montag. Ihr Sie liebender Sohn Alfred Percy. Nachſchrift. Ich öffne meinen Brief noch ein Mal, um Ihnen eine erfreuliche Neuigkeit zu melden, nämlich, daß Lord Old⸗ borough Temple zu ſeinem Staatsſekretär er⸗ nannt hat. Wie Sr. Herrlichkeit ihn als den Ver⸗ faſſer des berühmten Pamphlets, welches Cun⸗ ninghams Namen trug, herausgefunden hat begreife ich nicht. Ich weiß nur, daß ich das Geheimniß treu bewahrte. Aber Lord Oloborough kennt freilich die beſten Mittel⸗ und Wege Nachricht über jedermann zu er⸗ halten. Es iſt ſonderbar, daß er des Pam⸗ phlets nie gegen Temple erwähnt bat, und auch nicht zu wiſſen ſcheint, daß es ſein Werk iſt.— Ich kann es nicht begreifen.» — 157— „ Um zu begreifen, warum Lord Oldborvugh gegen Temple der Flugſchrift nie erwaͤhnte, mußte man des Miniſters Charakter genauer kennen, als Alfred. Sr. Herrlichkeit beliebte es nicht der Welt kund zu thun, daß er durch Cunnigham Falkoner angeführt worden ſey. Lord Oldborough vergütete eher einen Miß⸗ griff, als daß er ihn eingeſtand. Nicht aus Mangel an Aufrichtigkeit, ſondern weil er Aufrichtigkeit bei einem öffentlichen Poſten für gefährlich und unpolitiſch hielt. Bald nach Temple's Anſtellung ſprach er ein Mal in Lord Oldboroughs Gegenwart mit einem Herrn, und geſtand einige kleine Mißgriffe gemacht zu haben. Kaum hatte ſich der Fremde entfernt, als der Lord zu ſeinem Sekretär ſagte— „Herr Temple, wenn Sie künftig einen Mißgriff thun, ſo verbeſſern Sie ihn ſtill⸗ ſchweigend— das iſt hinreichend. Sie ſind noch jung, und unerfahren im politiſchen — 158— Leben. Ich ſehe, Sie wiſſen noch nicht, daß Aufrichtigkeit den Staatsmann in der Mei⸗ nung der Thoren d. h. des größten Theils der Menſchheit, herabſetzt. Aufrichtigkeit mag einem moraliſchen Schriftſteller, oder ei⸗ nem Privatmann Vortheil bringen, aber dem Staatsminiſter nie. Ein Staatsmann muß, wenn er die allgemeine Meinung beherrſchen will, zuerſt den Glauben an ſeine Unfehlbar⸗ keit einführen.* Dieſen Grundſätzen blieb Lord Oldborough nicht allein bei ſeinen eigenen Maßregeln, ſondern auch bei ſeinen eigenen Werkzeugen ge⸗ treu. Er war dafür bekannt nie einen Men⸗ ſchen, den er befördert und begünſtigt hatte fallen zu laſſen, er mochte ihn nun als gut oder ſchlecht erkennen.— Ein glücklicher Um⸗ ſtand für die Falkonerſche Familie!— — — 159— Alfred an ſeinen Bruder Erasmus. Mein lieber Doktor. „Wie bedauere ich Dich, daß Du keine Ferien haſt!— Sollteſt Du ein, Mal die Vortheile und Nachtheile des juriſtiſcchen und mediziniſchen Standes miteinander vergleichen, ſo vergiß nicht die Ferien als einen großen Vorzug des Advokatenſtandes zu bemerken. — Wer wie Du um Leben und Tod arbei⸗ tet, kennt keine Pauſe und Friſt; während ich doch von Zeit zu Zeit alles wirkliche und perſonliche Hab und Gut meiner Nebenmen⸗ ſchen ihren geſetzmäßigen, oder ungeſetzmäßi⸗ gen Eigenthümern überlaſſe. Für die näch⸗ ſten ſechs Wochen habe ich alle Noth und Sorge von mir geworfen, und ſuche den Ge⸗ ruch des Pergaments, und das Getöſe des Gerichtshofes zu vergeſſen. Hier bin ich nun in den Hills, ein glück⸗ licher Gefangener in dieſer Nußſchaale von — 460— einem Hauſe, das Du noch nicht geſehen haſt, ſeit es die Familienwohnung geworden iſt. Ich begreife nicht, wie meine Eltern und Schweſtern, von Jugend an gewohnt ſich in geräumigen Zimmern zu bewegen, jetzt in einander geſchichtet ſo glücklich leben können, wie ſie es thun. Aber ihre Körper ſowohl wie ihre Seelen ſcheinen eine zuſammenzie⸗ hende Kraft zu beſitzen, die ſie fähig macht ſich in ihre jetzigen beſchränkte Umſtänden zu finden. Ich traf die ganze Familie ſo froh und zufrieden, wie in den brillanteſten Tagen zu Percy⸗ yall. Von Hungerfords ſah ich noch niemand; Oberſt Hungerford iſt, wie ich höre, in Lady Eliſabeth verliebt.— Ich kenne ſie wenig; aber Caroline verſichert, ſie ſey ein liebenswürdiges, gefühlvolles Mäadchen, ganz für ihn und ſeine Familie geſchaffen.— Ich brauche mich über dieſen Gegenſtand nicht weiter auszulaſſen; denn Caroline ſagt mir, daß ſie Dir gleich nach ihrer Zurückkunft von — 161— Hungerford⸗caſtle einen langen Brief geſchrie⸗ ben habe. Die Erklärung und Entzifferung der kurzen Blättchen, die Du in der letzten Zeit ſtatt ordentlicher Briefe ſchriebſt, macht mir viel zu thun. Ich habe aber doch alle Deine Unvollkommenheiten ergänzt, und die Geſchichte mit der Perücke erzählt ſo wie auch eine vollſtändige Beſchreibung der Scene mit dem grünen Band bei Lady Spilsbury ge⸗ liefert. Und nun muß ich Dir erzählen, was mir begegnet iſt ſeit ich auf dem Lande bin. Du wirſt Dich erinnern, daß ich einen ſehr zornigen, ſchlechtgeſchriebenen Brief von einem Pachter Grimwood erhielt, welcher ſchwur, den Doktor Leiceſter wegen des Zehnten der Pfirſichen zu verklagen, ſollte es ihn auch tauſend Guineen koſten.— Unſer Vater ſchickte meinen Bitten gemäß zu dieſen Grim⸗ wood und hlelt ihn ab ſich an Anwald Scharpe zu wenden.— Mit ungeheurer Schwierig⸗ II. 11 — 162— keit ließ ſich der erzürnte Pachter bis zu meiner Ankunft hinhalten; ich fand ihn meiner ſchon wartend, und buchſtäblich ſchäumend vor wüthendem Verlangen zu klagen. Mit einer Geduld, welche Job an mir bewundert haben würde, hörte ich ſeine Geſchichte an, wohlwiſſend daß er auf mich, oder auf die Stimme des Friedensengels nicht eher hören würde, bis er ſich völlig erſchöpft hatte. Als ihm endlich die Anſtrengung Schweigen auf⸗ legte, und er überzeugt war mich völlig von ſeiner Sache unterrichtet zu haben, gelang es mir zu erfahren, was ſich von der entgegen⸗ geſetzten Seite ſagen ließe. Nach einer mehr⸗ ſtündigen Unterſuchung, und dem Abhören von ſechs Zeugen und verſchiedenen Nebenperſo⸗ nen, und nach einer unglaublichen Confuſion über sſagte er, und ſagte ich⸗ erwieß es ſich, daß der ganze Streit auf einem Mißverſtänd⸗ niß beruhte. Dr. Leiceſter hatte ſeinen ſieben⸗ jährigen Knaben mit einer Botſchaft an den 3 — 163— Pachter abgeſchickt, welche dieſer in deſſen Abweſenheit dem 76jährigen tauben Thorhüter hinterließ, der ſie dem Pachter, in dem Au⸗ genblick als er von Hitze und Arbeit ermüdet, und folglich zu Mißverſtändniß und Zorn ge⸗ neigt war, überbrachte.— Das Wunderbarſte an der ganzen Sache iſt, daß das Wort Pfir⸗ ſiche von Dr. Leiceſters Anwald in der Ori⸗ ginalbotſchaft gar nicht erwähnt wurde; und Dr. Leiceſter wußte in der That nicht, ob der Pachter in Pegginton eine Pfirſiche beſaß⸗ oder nicht. Grimwood, obgleich ungewöhnlich hartnäckig und halsſtarrig iſt ein billigdenkender Mann; und als ich ſeinem Verſtande endlich die Faktas mit unbeſtreitbarer Gewißheit bei⸗ gebracht hatte, bekannte er zu heftig geweſen zu ſeyn, freute ſich noch nicht geklagt zu ha⸗ ben, bat Dr. Leiceſter und deſſen Anwald um Verzeihung, dankte mir von ganzem Her⸗ zen, und ging in vollkommenem Frieden mit der ganzen Welt nach Hauſe. Scharpe, wel⸗ 11* — 164— cher bald darauf den freundſchaftlichen Aus⸗ gang der Sache erfuhr, lacht mich aus und prophezeiht, daß ich nie ein ordentlicher Ad⸗ vokat werden würde, und daß meine Freunde ſich nicht über die Nachricht meiner Erhebung in die Schranken zu freuen brauchten. Aber Caroline und Roſamunde kommen eben mich zu einem Spaziergang abzurufen. So lebe denn wohl. Dein treuer Bruder Alfred Percy. „Mein Brief blieb geſtern liegen, und ich bin froh darüber. Ich ſegne den Pachter Grimwood von Pegginton; nicht ahnen konnte ich, daß er und ſein Streit dieſen glücklichen Einfluß auf mein Schickſal haben würden. Er war die Veranlaſſung, daß ich ſolch ein Maͤdchen ſah, ſolch einen Blick des Beifalls, olch ein Lächeln erhielt. Sie iſt die Nichte unſeres guten Pfarrers, gekommen ein Paar — 165— Tage bei ihm zuzubringen. Girmwvod ging auf die Pfarre um ſeinen Streit mit Dr. Leiceſter auszumachen. Was er von mir ge⸗ ſagt hat, weiß ich nicht; aber ich fand, daß es einen vortheilhaften Eindruck auf den gu⸗ ten Doktor gemacht hatte. Er beſuchte uns geſtern mit ſeiner reizenden Nichte.— Du weißt, lieber Erasmus, daß ich Gott oft ge⸗ beten habe mich vor ernſtlicher Liebe zu be⸗ wahren, bis ich vernünftige Ausſichten zu einer baldigen Verſorgung hätte; aber ich fange an mein Gebet um Gleichgültigkeit zu wiederrufen, und bin jetzt der Meinung, daß ein Mann nichts Klügeres thun kann, als ſich zu verlieben— in ſolch ein Maͤdchen, wie Sophie Leiceſter. Welch neuer Antrieb mich anzuſtrengen. Die erfreuliche Hoffnung des Beſitzes im Hintergrund, wird Beharrlich⸗ keit, ſelbſt bei der ſchwerſten Arbeit, Ver⸗ gnügen ſeyn.— Hoffnung— aber ich bin noch weit von der Hoffnung entfernt— in — 166— dieſem Augenblick noch weit davon entfernt deutlich zu wiſſen, was ich hoffe, wünſche, oder meine. Ich will bald wieder ſchreiben und mich erklären.* 1 —— Zwanzigſtes Kapitel. — Mehrere ſchnell aufeinanderfolgende Briefe Alfreds an ſeinen Bruder melden die Fort⸗ ſchritte ſeiner Liebe. Anſtatt eines Beſuches von wenigen Tagen ſcheint es, als ob Miß Leiceſter während Alfreds ganzer Ferienzeit bei ihrem Oheim geblieben iſt. Ihre Mut⸗ ter ſtarb unterdeſſen, und hinterließ der Toch⸗ ter, ganz gegen die Erwartung mehrerer ih⸗ 3 — 167— rer Verehrer, nur ein ſehr mäßiges Vermö⸗ gen. Sie benahm ſich bei dieſem Vorfall mit Würde und Anmuth. Der ploͤtzliche Glückswechſel hatte einige ihrer Anbeter ver⸗ ſcheucht, aber ihr auch Alfreds edlere Geſin⸗ nung, und ſeine treue Liebe gezeigt. Es wurden zwar keine bindenden Verſprechungen von beiden Seiten eingegangen, aber es ſcheint doch, als ob Alfred mit den ſchönſten Hoffnungen nach London zurückkehrte, um mit verdoppeltem Eifer ſeinem Beruf zu folgen. Wir kehren nun zu Erasmus Percy zu⸗ rück, erklären die Urſache ſeines Streits mit dem alten Herrn Panton, und geben eine Er⸗ läuterung der grünen Bandſcene bei Lady Spilsbury, deren Alfred erwaͤhnt. Herr Panton, höchſt aufgebracht über die Kälte, womit ſeine Tochter Lord Roadſter behandelte, gerieth endlich auf die Vermu⸗ thung, daß ſich Conſtanze in irgend einen an⸗ dern Mann verliebt haben müſſe. Sein jun⸗ ger Arzt war der Einzige, auf den ſich ein ſolcher Verdacht gründen ließ. Conſtanze ſchien mit ihm auf einem vertrautern Fuß zu ſtehen, wie mit den andern Hausfreun⸗ den; ſie hatte in Ausdrücken der höchſten Ach⸗ tung von ihm geſprochen, und nicht wider⸗ ſprochen, wenn ihr Vater, um ſie auszu⸗ forſchen Dr. Percy einen der hübſcheſten Männer ſeiner Bekanntſchaft nannte. Wäh⸗ rend dieſer Verdacht immer feſter Wurzel faßte, ereignete ſich ein Umſtand, der ihn auf einmal zur Gewißheit machte, und Ver⸗ anlaſſung gab mit voller Wuth auszu⸗ brechen. Dr. Percy ward zu einem kranken Advo⸗ katen gerufen, von welchem er zufaͤllig er⸗ fuhr, daß Lord Runymede ein ruinirter Mann ſey, und zwar durch ſeines Sohnes, Lord Roadſters Verſchwendung: Erasmus be⸗ ſchloß Herrn Panton zu warnen, und dadurch die liebenswürdige Conſtanze wo möglich von — 469— dieſer Verderben drohenden Verbindung zu erretten. In ſolcher Abſicht ging er zu Pan⸗ tons; der alte Herr aß auf dem Clubb. Mrß. Panton erſuchte ihn in ihrer vornehmen Sprache, ihr ſeinen Auftrag zurückzulaſſen. Da Mrß. Panton ihr Erſtaunen und ihren Schrecken durch eine Anzahl gemeiner Aus⸗ drücke an den Tag gelegt hatte, ergoß ſie ſich erſt in Lobſprüche über ihre eigene Weis⸗ heit, und dann in Dankbarkeitsverſicherungen gegen Erasmus, die ſie mit einem für ihn ganz unverſtändlichen Lächeln, und bedeuten⸗ dem Kopfnicken begleitete. Den Strom ihrer Dankbarkeit, und die ganze Gedankenreihe unterbrach endlich eine mit neuen Hauben und Blumen eintretende Putzmacherin. Nach dieſer gefährlichen Stö⸗ rung behielt ſie noch hinlängliche Erinnerung des eben Vorgefallenen, um Erasmus, der ſchon Abſchied genommen hatte, zurückzuru⸗ fen und ihn für den Abend einzuladen. Er 74 — 4170— dankte, worauf ſie dringend bat den nächſten Mittag mit der Familie zu eſſen. Er traf den alten Herrn Panton am fol⸗ genden Tag allein im Zimmer und ſo ver⸗ drießlich ausſehend, daß er ſich gleich erkun⸗ digte, ob er unwohl ſey? Panton reichte ihm die Hand, um nach dem Puls zu füh⸗ len, zog ſie aber gleich wieder zurück, indem er ausrief—«Unſinn! ich befinde mich ſo wohl, wie nur irgend ein Menſch in Eng⸗ land. Aber lieber Doktor, warum tragen Sie keine Perücke?» „Wie ſollte mir das einfallen, da ich eigenes Haar habe,» erwiederte Erasmus lachend. Ei was, Herr! was bedeutet das La⸗ chen, wenn ich ernſthaft bin. Warum? In meiner Jugend trug jeder ſolide Arzt eine Perücke, und ich habe keinen Begriff davon, wie ein guter Arzt ohne Perücke gehen mag — beſonders ein junger. Glauben Sie mir, — 171— Herr Doktor! gegen einen jungen Arzt haben die Leute ohnehin viel einzuwenden, und das aus mancherlei Gründen. Deshalb befolgen Sie in Zeiten meinen Rath. Eine Perücke, eine ordentliche Perücke. Keine von ihren neumodiſchen, natürlich ausſehenden Touren; ſondern ein anſtändiges, ſchön gepudertes Stutzperückchen, welches ſie mit einem Schlag zehn Jahr älter macht. Dann werden Sie ſehen, wie Ihre Praxis ſchnell zunimmt, wie manche ſtille, ehrbare Familie, welche Sie jetzt ohne Perücke nicht ins Haus läßt, Sie rufen läßt. Denn Herr! Sie ſind zu jung und zu hübſch zum Arzt. He! was ſagen Sie zu meiner Perücke?» ſo ſchloß Panton mit ſo ernſthaftem, aber zugleich ſo komi⸗ ſchem Ton, daß Erasmus nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken konnte. Er erwie⸗ derte,«daß er ſeine Reize wirklich nicht für ſo gefährlich gehalten habe, um ſie durch eine Perücke entſtellen zu müſſen, und daß — 172— der Uebelſtand mit ſeiner Jugend taͤglich ab⸗ nehme. Er meinte, wenn er glückliche Curen vollbrächte, würde er ſicher den Ruf eines geſchickten Arztes erlangen, und die Geneſe⸗ nen bald einſehen, daß es ein gleichgültiger Umſtand ſey, ob ein Doktor mit oder ohne Perücke ihre Geſundheit hergeſtellt habe.* & Ein gleichgültiger Umſtand!» rief Pan⸗ ton, mit Heftigkeit von ſeinem Stuhle auf⸗ ſpringend Ich weiß nicht, was Sie einen gleichgültigen Umſtand nennen, Herr! ich kann Ihnen aber ſagen, daß es mir, wenn Sie mich meinen, kein gleichgültiger Umſtand iſt, daß Sie nun, nachdem Sie mich mit Gottes Hülfe durchgebracht, Ihr Möglichſtes thun mir das Herz zu brechen.“ Panton brach ſchnell ab; denn Conſtanze trat ins Zimmer, und ihres Vaters zorniger Blick, und ihr eigenes Erröthen, erklärten dem jun⸗ gen Doktor, was ihm einige Minuten vor⸗ her unverſtändlich geweſen war. Daß er nun — 173— ſelbſt erröthete, und ſich ohne Urſache be⸗ fangen fühlte, traf ſich allerdings fatal; aber er faßte ſich ſchnell wieder als Conſtanze mit würdevoller, lieblicher Beſcheidenheit auf ihn zutrat, und ihm, trotz ihres Vaters verbie⸗ tendem Blick, mit ſanfter aber feſter Stimme für den geſtrigen freundſ chaftlichen Beſuch dankte. Und Du ſchämſt Dich nicht, Mäͤdchen!s rief Panton, vor Wuth faſt erſtickend. Herr Panton, Sie ſollten ſich ſelbſt ſchämen Ihre Familienangelegenheiten auf dieſe Weiſe durch unzeitige Heftigkeit Preis zu geben, beſonders wenn man Gaͤſte zum Mittagseſſen eingeladen hat,» ſagte die eben hinzugekommene Mrß. Panton. « Ach was Mittagseſſen,» polterte der er⸗ zürnte Vater— und er mußte in der That ganz außer ſich ſeyn, um ſolch einen Ausruf zu thun— Ach was Mittagseſſen! Mrß. Panton, ich will meine Meinung ſagen, und — 174— Herr im Hauſe ſeyn; drum Doktor, wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo verlaſſen wir jetzt die Damen und ſprechen die Sache in mei⸗ nem Zimmer ab. 2 Erasmus war bereit. Panton zog ſo ſchnell als möglich voran, ihm den Weg zu zeigen, während Mrß. Panton hinter ihm her rief: „Treibe die Sache nicht gar zu weit, mein Lieber!»— Und als Erasmus an ihr vor⸗ üͤberging, flüſterte ſie ihm zu— Nur nicht unſchlüßig, werther Doktor! bleiben Sie feſt— ich will Ihnen beiſtehen, wir wollen Ihnen beiſtehen, nicht wahr, Con⸗ ſtanze? Sehen Sie nur das holde Er⸗ röthen!»— Wir haben Urſache Herrn Doktor Percy dankbar zu ſeyn», verſetzte Conſtanze ſehr ernſthaft,«und ich hoffe,» fügte ſie mit ſanfterm Ton hinzu, als ſie ſeine Empfind⸗ lichkeit gewahrte— aich hoffe, Dr. Perey iſt — 175— von meiner Dankbarkeit und hohen Achtung überzeugt.» So kommen Sie doch!— Was zum Teufel,» rief der alte Herr, ich dachte Sie wären dicht hinter mir.„ e Nun Doktor,» ſagte er, nachdem er die Thüre ſorgfältig verſchloſſen,—&nun Doktor, Sie halten mich hoffentlich nicht für einen Mann, der ſich betrügen laͤßt.» « Und wenn Sie es wären, bin ich we⸗ nigſtens nicht der Mann, der Sie zu betrü⸗ gen gedenkt,» ſagte Erasmus. Verſtehe ich Sie recht, Herr Panton! ſo glauben Sie, daß ich Abſichten auf Ihre Tochter habe.— In dieſem Fall irren Sie.» «Und Sie haben die Frechheit mir ab⸗ läugnen zu wollen, daß ſie in Conſtanzen verliebt ſind?» & Ich liebe Miß Panton nicht. Sie iſt reizend, und lUiebenswürdig genug, das Herz eines gefühlvollen Mannes, der ſich zu ihr — 176— erheben darf, in Flammen zu ſetzen. Aber meine Lage erlaubt mir nicht, mich um ihre Liebe zu bewerben, und dieſe ernſtliche Be⸗ trachtung hat mich glücklicher Weiſe vor der Gefahr bewahrt. Wäre ich von ſolchen Em⸗ pfindungen für Ihre Tochter beſeelt, ſo ſähen Sie mich in dieſem Augenblick nicht in Ih⸗ rem Hauſe.* «Eine ſchöne Rede, Herr! und ſehr gut hergeſagt.— Sie ſind ein Gelehrter und können in Sentenzen ſprechen; aber damit betrügen Sie mich, einen Mann mit offenen Augen und Ohren nicht. Sah ich Sie nicht vor zwei Minuten noch alle Beide bis an die Augen roth werden? Weiß ich nicht etwa, wie die Leute ausſehen, wenn ſie in einander verliebt ſind. Sagen Sie mir! Mrß. Panton— Ausflüchte!— Und bemerkte ich nicht eben jetzt noch, wie Sie mit den Wei⸗ bern hinter meinem Rücken verkehrten? Und rührt ſich Ihr Gewiſſen nicht in dieſem Au⸗ — 177— genblick, daß ſie wieder über und über roth werden?— Geſtehen Sie nur.»— Erasmus betheuerte vergebens ſeine und Conſtanzens Unſchuld, und verſicherte, daß man ſogar in eines Andern Seele roth wer⸗ den könnte.» « Erröthen Sie für mich, ſo viel es Ih⸗ nen beliebt— wenn die Anſpielung mir gel⸗ ten ſoll»— rief der grobe Vater— Aber wenn es ſich um meine Tochter handelt, muß ich deutlich ſprechen und die Sache gleich an⸗ fangs kurz abmachen,— denn wir wiſſen alle, wie es mit der Liebe geht, wenn ſie erſt ſo weit gediehen iſt. Sie meinen wohl ich merkte nicht, weshalb das halsſtarrige Mädchen nicht an Mylord Runymedes Sohn und Erben, den hübſchen Lord Roadſter, mit Titel und allem Möglichen, denken will! Und Sie ſind die Urſache, Herr! und ich danke Ihnen, daß Sie mir durch Ihren ge: II. 12 —6—— —— 478— ſtrigen Bericht an Mrß. Panton die Augen geöffnet haben.» Erasmus betheuerte vergebens, daß blos der Wunſch, Miß Panton von einer verderb⸗ lichen Verbindung zu erretten, ihn bewogen hätte, Mrß. Panton ſeine Nachrichten mitzu⸗ theilen. Der alte Herr wußte beſſer, wie es mit Lord Runymedes Umſtänden ſtand; er hatte ihn erſt dieſen Morgen geſprochen— eine augenblickliche Geldverlegenheit war Ver⸗ anlaſſung dieſes Gerüchtes—«kurz,» ſo ſchloß er,&Ihre Nachrichten ſind alle falſch, und Sie häͤtten nicht nöthig gehabt ſich hin⸗ ein zu miſchen.» Percy bekannte, unvorſichtig gehandelt zu haben, und bat ihn, ſein Einmiſchen wegen der guten Abſicht zu verzeihen. Er ſchien ſo aufrichtig erfreut über die Widerlegung ſeiner ſchlimmen Nachrichten, daß Panton nun auch nicht länger anſtand ihm die Hand zur Ver⸗ ſöhnung zu reichen. — 479— So iſt alles wieder gut, und wie es ſeyn muß— und nun wollen wir auch ans Mittagseſſen denken. Aber,» fuhr er, auf ſeine Lieblingsidee zurückkommend, fort— anicht wahr, Sie tragen in Zukunft auch eine Perücke, lieber Doktor 2„ Verzeihen Sie,» entgegnete Erasmus lachend,«Ihr Vertrauen kann nicht von einer Perücke abhängen.» Ja Herr! es kann und es ſoll,»y rief Panton von Neuem in Zorn ausbrechend.— 5 Ich ſollte Ihnen verzeihen! nein, Herr; ich will nicht. Die Perücke iſt meine Bedin⸗ gung. Dieß erklärte ich geſtern ſchon meiner Frau; und alle Ihre ſchönen Worte bewei⸗ ſen nichts, wenn Sie mir dieſe kleine Bitte abſchlagen.» « Und was berechtigt Sie auf dieſe Art mit mir zu ſprechen»— rief Erasmus ſtolz, und beleidigt durch den unverſchämten Zwei⸗ fel an ſeine Redlichkeit.— 5 Herr! was be⸗ 42* — 180— rechtigt Sie ſo zu ſprechen? und aus welchen Gründen können Sie erwarten, daß ich mich Ihren Bedingungen unterwerfen ſoll?» «Mit welchem Recht!— aus welchen Gründen!» rief Panton. Doktor, wiſſen Sie denn nicht, daß ich Ihr Gönner bin? & Sie mein Gönner!» wiederholte Eras⸗ mus mit einem Ton, der jedem Mann von Gefühl viel ausgedrückt haben würde, dem alten Panton aber nur ſagte, daß Percy die⸗ . ſen Umſtand noch nicht gewußt hatte. 3*Ihr Gönner— ja Doktor! Denn Sie müſſen wiſſen, daß ich, ſeit Sie mich wie⸗ der auf die Beine brachten, in der ganzen City für Sie geworben habe— das heißt, ich meine— daß ich Sie bei meinen Freun⸗ den empfohlen habe; und nicht ohne Erfolg, wie Ihre hübſche Praxis beweißt! Und von einem jungen Mann, dem man in der Welt forthalf, kann man wohl mit Recht erwar⸗ ten, daß er guten Rath annimmt. Was nun die 1 — 1814— Perücke betrifft, ſo mache ich ſie nicht zur Bedingung— denn gegen dieſen Ausdruck ſcheinen Sie einen kleinen Widerwillen zu ha⸗ ben. Weil ich aber mit Mrß. Panton dar⸗ über, als über eine ausgemachte Sache ſprach, muß ich ſie zu einem Hauptpunkte machen— und Sie wiſſen, ich bin nicht der Mann mein Wort zurückzunehmen. Bedenken Sie auch wohl, daß Sie auf meine Freundſchaft, auf meine Protektion, auf meine Gönner⸗ ſchaft, und auf alles dergleichen ferner nicht mehr rechnen dürfen, wann Sie mich be⸗ leidigen?» « Seyn Sie verſichert, daß ich nichts von Ihnen erwarte und verlange,» ſagte Eras⸗ mus ſtolz. Ich bedarf in meinem Stande keines Menſchen Protektion; denn Vertrauen kann ſie mir nicht erwerben, und habe ich etwas Tuüchtiges gelernt, ſo komme ich auch ohne fremde Huͤlfe in der Welt fort. Am allerwenigſten bedarf ich aber ſolcher Protek⸗ — 182— tion, als Sie zu gewähren haben,» wollte Erasmus noch hinzufügen, drängte aber ſei⸗ nen Unwillen zurück. Ein Bedienter meldete, daß das Mit⸗ tagseſſen aufgetragen ſey. Trotz der unver⸗ kennbaren üblen Laune verzehrte Panton den⸗ noch die ihm vorgelegten Gottesgaben mit vielem Appetit, und brummte nur bei jedem Biſſen. Conſtanze ſchien ſehr durch ihres Vaters unzeitigen Anfall von Rohheit und Halsſtarrigkeit zu leiden; ſie ertrug indeſſen ſeine Laune mit Sanftmuth und kindlicher Ergebung, und ſuchte ſie, ſoviel ſie konnte, fremder Beobachtung zu entziehen. Damit aber war Mrß. Panton nicht zufrieden, und fläſterte vielmehr dem jungen Mann zu⸗ sihrer Stieftochter fehle der Muth, er ſolle dieß jedoch nicht bemerken; ſondern nur feſt leiben.“ Conſtanze erröthete, und fand in dieſem Augenblick des Vaters üble Laune leichter zu ertragen, als der Stiefmutter — 183— unzarte Winke. Was in der Familie vorging, konnte dem Doktor kein Geheimniß bleiben. Er ſah, daß die Stiefmutter dem Anſchein nach freimüthig, derb und gefällig, im Grunde aber liſtig und eigennützig war; daß ſie die Tochter zur offenen Fehde gegen den Vater aufzumuntern ſuchte, wohl wiſſend, daß ihn nichts ſo ſehr erbittern würde, als wenn Conſtanze einen armen Arzt dem Grafenſohn vorzöge. Mrß. Panton verſuchte nun den Funken, den ſie in ihrer Tochter Herzen vorausſetzte, zur Flamme anzufachen. Eras⸗ mus, nicht leicht zu ſolchen Einbildungen ge⸗ neigt, bemühte ſich Conſtanzens Pein zu mil⸗ dern; er ſchien von allem was Mrß. Panton ſagte, nichts zu hören, und zu verſtehen; und ſprach zuletzt mit dem jungen Henry ſo laut über Briefe von Gottfried und den Offi⸗ zieren aller Regimenter in und außer Eng⸗ land, daß kein anderes Geſpräch aufkommen konnte. Sobald es der Anſtand erlaubte, empfahl er ſich, herzlich froh, dieſer pein⸗ lichen Lage, und Herrn Pantons Gönnerſchaft entflohen zu ſeyn. Indeß irrte er ſich doch in der Meinung, daß ihm Panton nicht ſcha⸗ den könne. Es ließ ſich zwar nicht abläug⸗ nen, daß er die Wiederherſtellung ſeiner Ge⸗ ſundheit Dr. Percy's Geſchicklichkeit zu ver⸗ danken hatte, und ſeinem Ruf als Arzt tha⸗ ten Pantons Läſterungen keinen Schaden. So⸗ bald er aber einfließen ließ, daß der junge Doktor Jagd auf ſeiner Tochter Herz ge⸗ macht habe, ſahen ihn alle reiche Töchterhü⸗ tende Citybewohner für einen gefährlichen Menſchen an, und beſchloſſen, ihn niemals holen zu laſſen— ausgenommen in ganz verzweifelnden Fällen. Mrß. Pantons Ge⸗ vatterinnengeſchwatz im engſten Vertrauen wirkte noch nachtheiliger, als ihres Mannes Klagen; und der Ernſt, womit Conſtanze den armen Erasmus vertheidigte, diente nur da⸗ zu die weiſe nickenden Vaͤter und Mütter in — 185— ihrer Meinung zu beſtärken.— Henry that und ſagte für Erasmus, was er konnte; aber wie wenig vermag ein junger Mann, der den ganzen Tag im Comptoir eingeſchloſ⸗ ſen ſitzt? Und wer hörte auf ihn, den Ar⸗ men, ohne Stand und Namen! Gresham war unglücklicher Weiſe auf ſeinem Landſitz. So ſchnell die Praris in der City zugenom⸗ men hatte, nahm ſie jetzt ab; und der arme Percy fing beinahe an etwas irre in ſeinem Glauben zu werden, wenigſtens was die Un⸗ ſchädlichkeit des alten Herrn Panton betraf. Nur ſeines Vaters Beiſtimmung und Troſt⸗ gründe erhielten ſeinen Muth in dieſer trau⸗ rigen Zeit aufrecht. d Während dieſe Scenen ſich in der City zutrugen, und der alte Panton in einem An⸗ fall von Halsſtarrigkeit mit aller Macht ge⸗ gen den jungen Arzt arbeitete, wirkten die Folgen einer ſeiner frühern abſurden Anfälle am weſtlichen Ende der Stadt zu Dr. Per⸗ — 186— cy's Gunſten. Unſere Leſer erinnern ſich viel⸗ leicht des Bedienten, welcher von Panton weggejagt wurde, weil er ſich geweigert hatte die verſchiedenen Arzneireſte auszutrinken. Erasmus verwendete ſich damals für ihn, nahm ſich ſeiner menſchenfreundlich an, als er außer Dienſt und krank war, und heilte ſpäter die kranken Augen eines ſeiner Kinder. Dieſer Menſch diente jetzt bei einer rei⸗ chen und ſehr vornehmen Dame in Grosvenor Square— bei Lady Spilsbury. Ihrer Herr⸗ lichkeit Kinder waren durch der Mutter un⸗ verſtändige und übertriebene Sorgfalt im höchſten Grade verzärtelt. Sie ging ſo weit dieſen armen Geſchöpfen bei der jedesmal herrſchenden Krankheit aus Vorſorge alle Mit⸗ tel einzugeben, die ihr öffentlich gerathen, und heimlich empfohlen worden waren; und kein anderes Kind dieſes Alters hatte wohl je ſo viel Mixturen, Elixiren und Pillen geſchluckt. Natuͤrlich wurden nun die erſt ein⸗ — 187— gebildeten Gefahren wirkliche; die kleinen Opfer der häuslichen Arzneikunde verlebten keinen geſunden Tag mehr, und glichen wandelnden Todten. Trotz der ſtündlichen beunruhigenden Zufäͤlle bewunderte die Mutter dennoch ihre eigene mediciniſche Geſchicklichkeit, wodurch ſie allein im Stande war Kinder von ſo kränk⸗ licher Conſtitution zu erhalten. In dieſer Ue⸗ berzeugung verdoppelte ſie ihre Wachſamkeit, und der geringfügigſte Umſtand diente ihr zum wichtigſten Symptom. Am Tage, als die älteſte Miß Spilsbury wunderbarer Weiſe ihr ſiebentes Jahr er⸗ reicht hatte, ward eine leichte Entzündung am rechten Auge ſichtbar, welche die Mutter dem Umſtand zuſchrieb, daß ſie vergeſſen es Tages zuvor in Hollunderblüthenwaſſer zu baden. Die Gouvernante ſuchte den Grund im längern Aufbleiben am vergangenen Abend; das Kammermädchen meinte, Miß Spiels⸗ bury habe ſich erkältet indem ſie durch ein — 188— zugiges Schlüſſelloch gekuckt, und ſie ſelbſt war überzeugt ſich durch anhaltendes Arbei⸗ ten beim franzöſiſchen Exercitium verdorben zu haben. Was auch die eigentliche Urſache geweſen ſeyn mochte, die Entzündung nahm trotz der unzähligen innern und äußern Mit⸗ tel augenſcheinlich zu. Vergebens wurden Vomitive und Abführungen, Merkurialſalbe, Blaſenpflaſter und Blutigel angewendet. Das Auge blieb roth, und wurde immer röther und endlich ſo roth wie Blut. Die Naſe entzündete ſich, und die Mutter ſchickte in größter Angſt zu Amyas Courtney. Es galt hier nicht allein die Geſundheit, ſondern auch die Schönheit des Kindes. Sir Amyas erklärte das Uebel für nervös, bat Lady Spilsbury ſich zu beruhigen, ver⸗ ſicherte, die Entzündung ſey blos zufällig, und ſobald es ihm gelungen ſeyn würde das nervöſe Faltenziehen der Naſe zu bezwin⸗ gen(was ihm mit der Zeit unfehlbar ge⸗ — 189— lingen müßte) ſo könnte ſie auf baldige Beſſerung rechnen. Aber Sir Amyas ſetzte ſeine täglichen Beſuche einen ganzen Monat fort, und immer noch gelang es ihm nicht, Meiſter dieſer nervöſen Zufälle zu werden. Lady Spilsbury überzeugte ſich nun, daß die Wurzel des Uebels nicht ſchwache Nerven, ſondern Skrofeln ſeyn müßte, und rief des⸗ halb Dr. Frumpton, den Mann für die Skro⸗ feln zu Hülfe. Dieſer beſtärkte Ihre Herr⸗ lichkeit natürlich in ihrer Meinung, verwünſchte acht Tage lang Sir Amyas und die Nerven, goß die nächſten vier Wochen eine beträchliche Quantität Calomel in das arme Kind hinein, wodurch es nach der Kammerjungfer Ausſage zum Atom wurde— und die Entzündung nahm immer noch zu. Lady Spilsbury ver⸗ langte eine Berathſchlagung der Aerzte; aber Dr. Frumpton wollte nicht mit Sir Amyas berathſchlagen, und dieſer eben ſo wenig mit Dr. Frumpton. Ihre Herrlichkeit fürchtete — 490— endlich, daß das Kind blind werden könne, und dieſe Idee trieb ſie zur Verzweiflung. Man hat ſchon öfters die Bemerkung gemacht, daß die Autorität in einer Familie nachzulaſ⸗ ſen pflegt, ſobald Schrecken und Angſt darin herrſchen; und daß alsdann Kammermädchen und andere untergeordnete Perſonen mehr als gewöhnliche Macht ausüben. Lady Spilsbury's Zofe hatte ſich von beide Aerzten beleidigt gefühlt. Dr. Frumpton war ſo unbedachtſam geweſen ſie amein gutes Mädchens zu nen⸗ nen; und Sir Amyas hatte die von ihr vor⸗ geſchlagene grünſeidne Augenbinde verworfen. Natürlich konnte ſie nun keinen der beiden Herren ausſtehen, und war feſt überzeugt, daß ihre Miß unter ſolchen Händen nicht ge⸗ neſen könnte. Sie hatte einen jungen Arzt rühmen hören(war aber klug genng nicht zu ſagen, von wem!) einen gewiſſen Dr. Percy, welcher die größten, wundervollſten Curen in der City vollbracht, und unter an⸗ — 191— dern eine Augenentzündung geheilt hatte, die dieſer ganz ähnlich war. Letztere Behauptung mochte vielleicht etwas übertrieben ſeyn; in⸗ deß brachte ſie eine ſo wohlthätige Wirkung auf Lady Spilsbury's Phantaſie hervor, daß der Bediente auf der Stelle zu Dr. Percy geſchickt, und ihm die größte Eile anempfoh⸗ len wurde. Er kam, und ehe man ihm erlaubte die Patientin zu ſehen, wurde er mit Fragen be⸗ ſtürmt,«ob er den Zufall für nervös oder ſkofulös halte? welches der angewendeten Mittel ihm das zweckmäßigſte ſcheine 2 End⸗ lich brachte man ihn in das dunkle Zimmer der Kranken, und es gelang ihm die referi⸗ renden Nebenperſonen zum Schweigen zu bringen, und des Kindes eigene Berichte zu hören. An der linken Seite der Naſe zeigte ſich eine Geſchwulſt, die bei äͤußerer Berüh⸗ rung viel Schmerz verurſachte. Miß Spils⸗ bury beſchrieb ihre jetzige und frühere Em⸗ — 192— pfindung und ſagte, adaß der Schmerz neu⸗ lich etwas nachgelaſſen habe, als Dr. Frump⸗ ton ihr mit ſeiner Tabaksdoſe ſo nahe gekommen, daß ſie hätte nießen müſſen.* Dieſes Nießen ſchien der Mutter nicht er⸗ wähnungswürdig; aber Erasmus hielt den Umſtand keineswegs für unbedeutend. Er beſchloß dieſes Experiment zu wiederholen und verordnete eine Priſe ſtarken Tabak. Mit Verachtung blickten die Umſtehenden auf den Arzt, der ſolch ein einfaches Mittel ver⸗ ordnen konnte. Aber bald nachdem das Kind wiederholt und heftig genießt hatte, ſah Dr. Percy ein Stück grünſeidnes Band zum Vor⸗ ſchein kommen, welches zur großen Erleichte⸗ rung der Kranken aus der Naſe gezogen wurde. Ihre Geſchwiſter erinnerten ſich nun vor zwei Monaten geſehen zu hoben, wie ſie ein Stück grünes Band in die Naſe geſtopft, weil es ſo ſchön nach Parfüm gerochen. Die Urſache der Entzündung war gehoben; die — 193— Geſchwulſt verſchwand, Auge und Naſe er⸗ hielten die gewöhnliche Form wieder, und jedermann ſagte; swer hätte dieß gedacht 1* Nur Dr. Frumpton und Sir Amyas ver⸗ ſicherten, daß das grüne Band nichts mit der Krankheit zu thun gehabt habe, und be⸗ harrten auf ihren beſondern Meinungen. Sir Amyas ſagte, die plötzliche Geneſung des Kindes beweiſe deutlich, daß die Krankheit nervös geweſen. Dr. Frumpton verſicherte mit einen Schwur, daß die Skrofeln bald in anderer Geſtalt ausbrechen würde, und über⸗ ließ, Rache verkuͤndend gegen noch ungeborne Generationen, Lady Spilsbury's Kinder den Händen eines Anfängers, den er wegen un⸗ verſchämter Einmiſchung, bei den Schultern aus ſeinem Hospital geworfen hätte. Doch allen Zornausbrüchen der verunglück⸗ ten Aerzte zum Trotz, gereichte dieſe Cur Dr. Perey'n ſehr zur Ehre, und brachte ihn II. 13 2 — 404— mit mehrern gelehrten Männern, die Lady Spielsbury's vortreffliche Diners zu beſuchen pflegten, in Berührung. Selbſt Dr. Frumptons üͤbertriebene Wuth gereichte ihm zum Nutzen; denn zu Folge der Behauptung, daß er Percy aus dem Hospital geworfen habe, wurden Nachfragen angeſtellt, bei welcher Gelegenheit Erasmus Freunde den irländiſchen Thür⸗ ſteher zu ſeiner Vertheidigung aufriefen; und Obrien erzählte denn die Geſchichte des Bei⸗ nes ſo beweglich, daß er alle Herzen rührte. Beſonders tiefen Eindruck machte ſie auf ei⸗ nen, eben vom Continent zurückgekehrten Offizier, und dieſer wiederholte ſie Tages darauf an der Tafel eines berühmten Gene⸗ rals, als zufällig von dem Betragen einiger Feldchirurgen geſprochen wurde. Lord Old⸗ borough befand ſich in der Geſellſchaft. Bei dem Namen Percy wurde er aufmerkſam, er⸗ innerte ſich ſogleich des Sohnes ſeines alten Freundes, und beſchloß ihn zu Lady Oldborough — 495— rufen zu laſſen, deren Geſundheit ſehr im Abnehmen war. Aber Sir Amyas, ſeit vielen Jahren ihr begünſtigter Arzt wandte alle Liſt an, ſie wider ſeinen jungen Nebenbuhler einzunehmen. Er beſtärkte ſie in ihrem Vorſatz, ſich hierin ihres Gemahls Willen zu widerſetzen; und ging, in der feſten Ueberzeugung zu ihrer Exiſtenz unentbehrlich zu ſeyn, ſo weit zu erklären, daß er ſeine Beſuche einſtellen müſſe, ſobald Dr. Percy gerufen würde. Lord Old⸗ borough aber, den der geringſte Widerſpruch immer nur feſter in ſeinem Vorſatz beſtärkte, machte der Sache kurz ein Ende. Sir Amyas, der ſanfte, geſchmeidige Sir Amyas konnte Sr. Herrlichkeit zürnendes Auge nicht ertra⸗ gen. Sobald ihm angekündigt ward, daß er vollkommene Freiheit habe ſeine Beſuche ein⸗ zuſtellen, geſtattete ſeine Achtung— ſeine Anhänglichkeit— ſeine Ehrerbietung für Lady Oldborough nicht ſie zu verlaſſen; und er 13* 1 — 496— wollte lieber ſeine eigenen Gefühle, Anſichten, vielleicht auch Vorurtheile— kurz alles, und jedes aufopfern, als Lord Oldborough, oder ein anderes Glied dieſer Familie beleidigen. Sr. Herrlichkeit, mit dieſer Unterwürfig⸗ keit zufrieden, wartete das Ende ſeiner Rede nicht ab, zog die Klingel, befahl Dr. Percy ſogleich zu rufen, und ging dann in den Ca⸗ binetsrath. Lady Oldborough empfing ihn, wie eine ſehr kraͤnkliche, vorurtheilsvolle und ſehr ſtolze Dame einen jungen Arzt ohne Namen, der ihr gegen ihren Willen⸗ ſtatt des lang⸗ gewohnten höfiſchen Günſtlings aufgedrungen worden war, zu empfangen pflegt.— Dr. Percy erkannte ihr Uebel für Bruſtwaſſer⸗ ſucht; aber Sir Amyas erklärte,«daß ihre Krankheit blos nervöſes Krampfziehen, Folge eines galligten Anfalls ſey;» und wollte oder konnte von dieſer Meinung nicht abgehen. Alle ſeine Vorſchriften, denen ſich Ihre Herr⸗ 3— 197— lichkeit willig unterwarf, waren gegen Ner⸗ ven und Galle eingerichtet. Sie wollte nichts von Bruſtwaſſerſucht hören, und Dr. Percy's vorgeſchlagene Mittel nicht gebrauchen. Zehn Tage nachdem er hinzugerufen worden war ſtarb ſie. Wer die Umſtände nicht genauer kannte neun Zehntel derer, die darüber ſpra⸗ chen, beſtätigten, daß Lady Oldboroughs ſchneller Tod durch die ungereimte Maßregeln eines jungen, ihr von Lord Oldborough auf⸗ gedrungenen Arztes befördert worden wäre, welcher unbekannt mit ihrer Conſtitution, ſich gänzlich in der Natur ihrer Krankheit geirrt habe. Sämmtliche weibliche Verwandtſchaft, alle Anhängerinnen und Freundinnen Sir Amyas ſtimmten in dieſes Geſchrei mit ein. Lord Oldboroughs Rang und Anſehen mach⸗ ten es begreiflich, daß ſich Viele die Unter⸗ ſuchung angelegen ſeyn ließen, und am andern Tage hörte man von nichts, als dem rlbs⸗ lichen Todesfall reden. — 198— 234Dr. Percy wagte bei dieſem unvermutheten Zufall einen raſchen, entſcheidenden Schritt. 4 Er ging zum Miniſter, dem weder Freund noch Feind den leiſeſten Wink uͤber dieſes Gerücht gegeben hatte. Erasmus berichtigte freimüthig die Lage der Dinge, ſtellte vor, daß ſein Ruf, ſeine ganze künftige Exiſtenz auf dem Spiele ſtände, und erſuchte Sr. Herrlichkeit den wahren Grund der Krankheit durch nahmhafte unpartheiiſche Aerzte unter⸗ ſuchen zu laſſen. Er ſah das Gewagte dieſes Unternehmens ein; er mußte Lord Old⸗ boroughs Gefühl verletzen— in dieſem criti⸗ ſchen Augenblick eine Menge Familiencabalen, von denen er nichts geahnet hatte, ſeinen Blicken aufdecken und riskiren ihn dadurch vielleicht ſehr aufzubringen. Er mußte dem, mit Privat⸗ und öffentlichen Geſchäften über⸗ haͤufte Miniſter einige ſeiner wenigen freien Stunden rauben. Aber ſolche untergeord⸗ nete Betrachtungen verſchwanden vor Lord Oldboroughs Großmuth. Ohne ein Wort zu ſagen gab er ſchriftlich den Befehl zweck⸗ mäßige Maßregeln zu ergreifen, um die Krankheit, an welcher Lady Oldborough ge⸗ ſtorben, zu erfahren. Die Aerzte beſtätigten Dr. Percy's Ausſpruch, daß Ihrer Herrlich⸗ keit Krankheit Bruſtwaſſerſucht geweſen ſey, und Lord Oldborough ergriff die kräftigſten Maßregeln, dieſen Ausſpruch öffentlich bekannt zu machen. Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig, Herr Doktor— Sie konnten Anſpruch auf meine Gerechtigkeit machen— mehr werden Sie nie bedürfen. Mein Beiſtand iſt, wie es ſcheint, Ihrem Ruf mehr nachtheilig als nütz⸗ lich geweſen.“— Die wenigen Worte— von Lord Old⸗ borough viel, und in einem Augenblick ge⸗ ſprochen, wo ſie gehört werden konnten cir⸗ kulirten ſchnell. Die Aerzte, deren Ausſpruch entſchieden hatte, bemühten ſich die Wahrheit — 200— auszupofaunen; mediziniſche und politiſche Par⸗ theien waren bei dieſer Sache intereſſirt, und man hörte Dr. Percy's Namen mit den Na⸗ men der berühmteſten Aerzte zuſammen nen⸗ nen, und von den vornehmſten Leuten in den größten Cirkeln wiederholen, ſo daß er in unglaublich kurzer Zeit Ruf erhielt, und in die Mode kam. Auf dieſe Art wurde der⸗ ſelbe Umſtand, der ihm Verderben drohte, durch Muth und Entſchloſſenheit zum Mittel ſeines Emporſteigens. Nach einem mühevollen, geſchäftsreichen Tag weckte ihn einſt ſpät in der Nacht ein lautes Pochen an der Thür. Es war Henry mit der Nachricht, daß ihr beiderſeitiger Freund, Herr Gresham, krank ſey. So eben war ein Expreſſe mit dieſer Botſchaft von ſeinem Landſitz angelangt. Greshams Haus⸗ hälterin hatte ohne ſein Vorwiſſen dem alten Panton geſchrieben, daß ihr Herr zu keinem Arzt Vertrauen habe, als zu einem jungen — 201— Dr. Percy, welchen er aber wegen eines bö⸗ ſen Halſes nicht wolle rufen laſſen, um ſeine Praxis in der Stadt nicht zu ſtören. Henry hatte dieſen Brief vorleſen hören, und war gleich fortgelaufen Erasmus davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Mehr bedurfte dieſer auch nicht zu wiſſen; er beſtellte ſogleich Poſtpferde, und reiſte mit möglichſter Eile. Auch hatte er Urſache ſich dieſer Eile zu freuen; denn er fand Herrn Gresham an der Halsbräune dem Erſticken nahe. Man hatte nach einem Chirurgus in die nächſte Stadt geſchickt, ihn aber nicht zu Hauſe getroffen. Erasmus er⸗ kannte augenblicklich die Gefahr, ſprang ohne ein Wort zu ſagen an das Bette, öffnete das Geſchwür, und rettete ſeinem theuern Freund das Leben. Der Kranke ſiel in einen tiefen Schlaf. An ſeinem Bette ſchrieb Erasmus folgenden Brief an ſeinen Vater. SSie, und alle meine Lieben zu Hauſe — 202— werden meine Freude theilen, daß der vor⸗ treffliche Mann, der gütige Freund durch meine Hülfe geneſen iſt. Ich habe einen jener glücklichen Augenblicke erlebt, die uns Aerzte für jahrelange Anſtrengung und man⸗ nichfache Leiden entſchädigen müſſen. Dieſes Tages werde ich gedenken, wenn meine Kräfte erſchlaffen, und mein Muth zu ſinken droht. Ich wünſchte, Sie ſähen die Freude und Dankbarkeit der Greshamſchen Dienerſchaft. Er iſt ſehr geliebt und geehrt. Sein Tod wäre ein großer Verluſt geweſen: denn der wohlthätige Gebrauch, den er von ſeinem füͤrſtlichen Vermögen macht, beglückt viele Menſchen. Er lebt hier in einem Schloſſe, und alles was er mit Bauen, Anpflanzen, Beſördern der nützlichen und ſchönen Künſte gethan hat, zeugt von vielem Geſchmack und Geiſt. Gewiß verdiente dieſer Mann ſehr glüͤcklich zu ſeyn— und doch ſcheint er es nicht ganz. Ich gedenke hier zu bleiben, bis ——— — 203— alle Gefahr eines Rückfalls vorüber iſt.— Eben wacht er auf. Leben Sie wohl.) Alle Gefahr iſt vorübern ſo ſchloß Eras⸗ mus ſeinen Brief am folgenden Tage,«und morgen kehre ich in die Stadt zuruͤck.— Sollten Sie es wohl glauben, lieber Vater, daß die leidige Gönnerſchaft Schuld an Herrn Greshams mannichfachem Leiden iſt?— Ich bediente mich zufällig dieſes Ausdrucks, als ich ihm von des alten Pantons Streit mit mir erzählte, und er verwünſchte das Wort, indem ich es nannte. Jal rief er aus, Ldieſes unheilbringende Geſchäft bringt kei⸗ nen Seegen, vielmehr nur Elend; dem der die Gönnerſchaft ausübt, und dem der ſie empfängt.»— Er hat ſein Möglichſtes gethan, unter⸗ drückte Genies zu unterſtützen; und doch iſt es ihm kaum gelungen, die Eitelkeit und die Erwartungen eines der unzähligen Dichter, Maler, Künſtler und Gelehrten zufrieden zu — 2⁰4— ſtellen. Sie haben ihm mit Undank gelohnt, und ihn auf mannichfache Art gequaͤlt und gekränkt. Jeder Andere in ſeiner Lage wäre zum Menſchenfeind geworden, und hätte ſich durch Klagen über die Undankbarkeit des Men⸗ ſchengeſchlechts getröſtet. Aber dieß iſt ihm kein Troſt. Er liebt ſeine Nebenmenſchen, und ihre Fehler betrüben ihn mehr als ſie ihn aufbringen. Ich kenne ihn nun ſchon ziemlich lange und genau, und hörte ihn uͤber dieſen Gegenſtand doch nur ein Mal vorher ſpre⸗ chen, bei Gelegenheit des Malers,(den ich das entrüſtete Genie zu nennen pflegte) wel⸗ cher ihn zum Lohn für alle erwieſene Güte als Carrikatur gemalt hat.*. Obgleich es einem Mann in Greshams Jahren nicht leicht wird Gewohnheiten und Anſichten zu verändern, ſo ſchmeichele ich mir doch mit der Hoffnung dieß bewerkſtelligen zu können. Wenn er ſich durch einen raſchen Schritt aller dieſer Anhänger entledigte, — 205— fönnte er den Abend ſeines Lebens noch hei⸗ ter und ungetrübt zubringen. Ihm fehlen Freunde, nicht protegées.— Ich habe ihm gerathen, ſobald es ſeine Kräfte erlau⸗ ben, eine kleine Reiſe zu machen, die ihn auch in Ihre Näͤhe bringen wird. Er wünſcht unſere ganze Familie kennen zu lernen, des⸗ halb habe ich ihm ein Empfehlungsſchreiben an Sie, lieber Vater, gegeben.» Gresham weiß eben ſo gut anzunehmen, als zu geben. Ich darf mich an ihn wenden, ſobald ich ſelbſt, oder einer meiner Freunde in Verlegenheit gerathen ſollte.— Viele herz⸗ liche Grüße an meine liebe Mutter, Caro⸗ linen und Roſamunden, von Ihrem gehor⸗ ſamen Sohn Erasmus Percy.» Gresham wollte ſeinen jungen Freund und Arzt nicht durch eine augenblickliche und ge⸗ wöhnliche Bezahlung für ſeine Mühe und Ver⸗ — 206— ſaͤumniß in der Stadt kränken; deshalb that er es auf eine ungewöhnliche Art. Gleich nach ſeiner Ankunft in der Stadt fand Eras⸗ mus eine elegante Equipage vor ſeiner Thür, begleitet von einem Brief ſeines Freundes, der das Ausſchlagen dieſes Geſchenks unmög⸗ lich machte. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Caroline an ihren Bruder Erasmus⸗. Mein lieber Erasmus! Dein Freund und Patient, Herr Gresham hat Deinen Rath ſo ſchnell befolgt⸗ daß der ihn ankündigende Brief nur wenige Tage vor ihm ſelbſt anlangte. Wie ſo oft große und — 2⁰7— kleine Begebenheiten, die keinen möglichen Zuſammenhang zu haben ſcheinen, doch von einander abhängig ſind! Alfred oder Herr Gresham hätten die ganze Nacht aufſitzen, oder auf dem Vorſaal ſchlafen müſſen, wenn Alfred nicht denſelben Morgen einen Brief von Mrß. Hungerford bekommen hätte, der ihn augenblicklich in die Stadt citirte, um Ihres Sohnes Heirathscontrakt aufzuſetzen, Oberſt Hungerford erwartet nächſtens auſſer Landes beordert zu werden und deshalb hat Lady Eliſabeth ſeinen dringenden Bitten, ihre Verbindung zu beſchleunigen, nachgege⸗ ben; und Alfred wird gewiß Sorge tragen, daß ſie nicht über den langſamen Gang des Rechts zu klagen haben. Lady Eliſabeth ver⸗ bindet viel Entſchloſſenheit und wahren Muth, mit der größten Sanftmuth, und ſelbſt Furchtſamkeit, und iſt bereit Verwandte und Freunde zu verlaſſen, um dem Mann ihrer Wahl zu folgen. — 2⁰6— Und nun kehre ich zu Deinem Freund Gresham zurück. Je länger wir ihn ſehen, deſto beſſer gefällt er uns. Vielleicht hat die freundſchaftliche Waͤrme, mit der er ſich über Dich äußert, unſer Urtheil ein Bischen beſtochen; aber auch ohne dieſen Umſtand würden wir ſeinen Werth doch gewiß bald entdeckt haben. Er iſt ein guter, engliſcher Kaufmann— Kein Monsieur Fripont, cqui suit donner, mais qui ne sait pas vivre,» ſondern ein gebildeter, unterrichteter Mann, aufrichtig, freigebig und wohlthaͤtig — ohne Sonderbarkeiten und Abſurditäten irgend einer Art. Sein ruhiges, offenes Weſen iſt frei von aller Prahlerei, und ſein Zartgefühl ziehe ich dem weit vor, was feine Sitten genannt wird. Ein unbedeutender Umſtand, der ſich geſtern Abend zutrug, füͤhrte Roſamunden und mich zu einem Vergleich der zwei verſchiedenartigſten Menſchen, die ich jemals geſehen— nämlich zwiſchen Herrn — 2⁰09— Gresham und Herrn von Tourville, den Du aus unſerer Erzählung vom Schiffbruch kennſt. Die Copie des ſchönen Miniaturbildes auf Herrn von Tourvilles Doſe veranlaßte uns die Geſchichte von Euphroſinen und dem Gra⸗ fen Altenberg zu erzählen. Der Eindruck, den ſie auf Deinen Freund machte, äußerte ſich ſehr verſchieden von Herrn von Tourvil⸗ les Art und Weiſe. Anſtatt wie der Fran⸗ zoſe die Achſeln zu zucken, und verächtlich über den Don Quixottismus des jungen Edel⸗ mannes zu lachen, der die Gunſt des Hofes verlohr, weil er ſich der Neigung ſeines Prin⸗ zen entgegenſetzte, fühlte ſich Gresham durch des Grafen uneigennütziges Betragen gerührt. Er vergaß mir etwas Schönes über Euphro⸗ finens Bild zu ſagen, legte es mit einer Nachläßigkeit hin, deren ſich Herr von Tour⸗ ville gewiß nicht ſchuldig gemacht hätte, und erzählte uns noch viel ſchöne und edle Züge von dem Grafen, die er auf ſeinen Reiſen II. 14 — 240— gehört hatte. Trotz dem, daß Herr Gres⸗ ham ein ältlicher Mann iſt, und aäußerlich ruhig und kalt erſcheint, verräth er doch wahre Jugendwärme, ſobald ſein Gefühl in Anſpruch genommen wird. Er hat Enthuſias⸗ mus des Charakters, wenn auch nicht der Sit⸗ ten. Bei Herrn von Tourville iſt es umgekehrt. Ich wünſchte, Du ſäheſt, wie ſehr Dein Freund unſerm Vater gefällt. Er freut ſich, daß ſein Sohn ſolch einen Freund gefunden hat. Roſamunde verlangt, ihr ein leeres Plätzchen am Ende des Briefes zu laſſen; in dieſem Augenblick wird ſie aber ſo ſchön von Herrn Gresham unterhalten, daß ich ihr Schreiben bezweifle. Leb wohl. Deine treue Schweſter. Caroline „ Ja, mein lieber Bruder,» ſo ſchrieb Caroline einige Wochen ſpäter;& Dein Freund Gresham iſt noch immer bei uns, und hat = 211— ſich, wie er ſagt, ſeit mehreren Jahren nicht ſo glücklich befunden. Er iſt nun hinlänglich bekannt mit der ganzen Familie, um ſich über ſich ſelbſt, über ſeine Empfindungen und Pläne auszuſprechen. Du wirſt dieß gewiß für einen großen Beweiß ſeines Vertrauens erkennen. Er hat uns Manches aus ſeinem Leben mitgetheilt, wie oft ihm mit Undank gelohnt worden iſt; und doch tadelt er ſich ſelbſt am ſtrengſten und aͤußert ſich über An⸗ dere mit einer Milde und Tolerans, die ihn höchſt liebens⸗ und achtungswerth macht. Un⸗ ſer Vater hat, Deinem Wunſch gemäß, frei⸗ müthig mit ihm geſprochen, und ihm unter andern geſagt, daß er das Gewerbe eines Gönners für das undankbarſte und unnützeſte halte. Dieß hat ſolchen Eindruck auf ihn ge⸗ macht, daß er augenblicklich den Entſchluß gefaßt, ſeine protegées aufzugeben.«Aber,» fügte er mit einem Seufzer hinzu, sdann bin ich ein ganz verwaistes Weſen; und ſoll 14* — 212— ich denn meine uͤbrigen Tage verleben, ohne mich für meine Mitmenſchen zu intereſſiren? Conſtanze Panton war als Kind der Gegen⸗ ſtand meiner zärtlichſten Liebe; jetzt aber muß ſie bei ihren Eltern leben, oder ſie wird heirathen— auf jeden Fall iſt ſie reich. Und ſoll mein Reichthum mir nur allein nüz⸗ zen? Wie glücklich ſind Sie, Herr Percy! Sie haben eine liebenswürdige Frau, und hoffnungsvolle Kinder!* Herr Gresham und mein Vater ſetzten dieſe Unterhaltung noch länger, fort; da ſie aber leiſe ſprachen, glaubte ich nicht länger zuhören zu dürfen und ging hinauf an Dich zu ſchreiben. Wenn ich nicht irre, ſagteſt Du mir einſt, daß Dein Freund in ſeiner Jugend bittere Erfahrungen im Punkte der Liebe gemacht hätte, die ihm das Heirathen verleidet; aber ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn ihm jetzt nicht wieder von Neuem die Hoffnung eines häͤuslichen Glücks leuchtete. — 213— Roſamunde ſcheint Eindruck auf ſein Herz ge⸗ macht zu haben. Ich war ſeit einiger Zeit ſo geziemend und verdrießlich taub, blind und dumm, wie man es nur verlangen kann, aber obgleich ich meine Augen und Ohren verſchließe, arbeitet die Phantaſie doch fort, und ich kann blos zu mir ſelbſt ſagen, wie wir als Kinder zu thun pflegten— Ich will nicht daran denken, bis es kömmt, damit ich die Freude der Ueberraſchung genieße.» Mit zärtlicher Liebe Deine Caroline Percy. Caroline irrte ſich nicht. Roſamunde hatte wirklich tiefen Eindruck auf Herrn Greshams Herz gemacht.— Der Unterſchied des Alters und das peinigende Gefühl, wie ſehr ihm jugendliche Lebhaftigkeit und Anmuth fehle, machten ihn mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt, und er unterdrückte auf einige Zeit ſeine Neigung, verſchob wenigſtens das Bekenntniß derſelben. — 214— Aber Roſamunde ſchien ſeine Geſellſchaft und Unterhaltung augenſcheinlich zu lieben, und bewieß ihm einen Grad von Achtung und Vertrauen, welches, wie er ſich ſchmeichelte, leicht in ein zärtlicheres Gefühl übergehen konnte. Er wagte es endlich ſich gegen Mrß. Percy zu erklären, und bat ſie, ihrer Toch⸗ ter ſeine Geſinnungen mitzutheilen. Mrß. Percy erſtaunte über die beſtimmt abſchlägige Antwort, welche Roſamunde auf der Stelle gab. Die Mutter ſowoyl wie Caroline wußten, daß ſie eine hohe Meinung von Herrn Greshams Charakter hatte, und ſuchten daher den Grund ihrer entſcheidenden Antwort tiefer. Uebertriebene Delikateſſe we⸗ gen ſeines großen Vermögens, oder die Furcht, daß ſein Stand und der Mangel deſſen, was man vornehme Verbindungen nennt, ihren Eltern unangenehm ſeyn könne, waren wahr⸗ ſcheinlich Urſache des ſchnellen Entſchluſſes. Mrß. Perey eilte ſich mit ihr darüher zu — 215— verſtändigen. Caroline gedachte der ſchweſter⸗ lichen Theilnahme, die ihr Roſamunde bei ähnlichen Gelegenheiten erwieſen hatte, und ſuchte ihr jetzt alles zu vergelten. Die Eltern ließen jetzt Roſamunden wie früher Carolinen völlig freie Wahl, und ba⸗ ten ſie, nur nicht zu raſch, und ohne Neife Ue⸗ berlegung zu entſcheiden. Sie verſicherte, daß ſie gar keine Ab⸗ neigung gegen ihn fühle, ihn aber nicht lie⸗ ben könne, und dieß ſey ein hinreichender Grund ihn nicht zu heirathen!? Roſamunde ſprach dieſe Worte mit ſo leiſer Stimme, ſo zögernd und dabei ſo hocherröthend aus⸗ daß Mutter und Schweſter nicht Budtena wie ſie es zu nehmen hatten. ilt „ Fern ſey es von mir, meine e Hebe Toch⸗ ter, uͤber Deine Gefühle entſcheiden zu wollen,* ſagte Mrß. Percy; zaber laß uns unterſuchen, was Dich abhält, Herrn Gresham zu hei⸗ rathen, da Dein Herz frei iſt, und Du — 216— geſtern noch geſtanden haſt die gröͤßte Uc, tung füͤr ihn zu fühlen.» «Ich werde Ihnen meine Gründe ſagen,» erwiederte Roſamunde. SErſtlich beſitzt Herr Gresham ein bedeutendes Vermögen— ich gar keins, und ich verabſcheue den Gedan⸗ ken des Geldes wegen zu heirathen.» «Dachte ich doch gleich, daß dieß Dein Ein⸗ wurf ſeyn werde,y rief Caroline—«aber liebe Roſamunde, bei Deiner uneigennützigen Den⸗ kungsart iſt eine ſolche Vermuthung rein un⸗ möglich. „Völlig unmöglich,» ſagte Mrß. Percy. Und wenn Du dieß von Dir ſelbſt überzeugt biſt, ſo wäre es Schwäche die Pemmahuaen Anderer zu fürchten.» « Liebſte Roſamunde, opfere Dein ‚lüch nicht falſcher Delikateſſe auf,»y bat Caroline. «Aber»— entgegnete Roſamunde⸗ nach einer kleinen Pauſe— Caber Sie rechnen auch meiner Delikateſſe mehr zu, als ich ver⸗ — 212— diene. Ich habe noch einige andere Gründe. Sie werden ſie für thörigt halten— für ſehr läͤcherlich— vielleicht für unrecht. Aber Mutter, Sie ſind ſo gütig und nachſichtig gegen mich, daß ich Ihnen alle meine Thor⸗ heiten bekennen will.— Ich kann keinen Mann heirathen, der nicht auf irgend eine Weiſe ein Held iſt— Caroline, es iſt ſehr freundlich von Dir, daß Du nicht lachſt.» «Ich bin in der That in dieſem Augen⸗ blick zu ernſt geſtimmt, um lachen zu kön⸗ nen,» ſagte Caroline. 4 « Und Du wirſt begreifen,» fuhr Roſamunde fort,«daß ich durch keine Anſtrengung meiner Phantaſie, oder durch irgend eine Täuſchung der Liebe, einen Mann von Herrn Greshams Alter und Anſehen, mit ſeiner Perücke und ſeiner be⸗ dächtigen Art von Verſtand in einen Helden umſchaffen kann.» Was die Perücke betrifft, ſo erinnere Dich nur, daß ſowohl Sir Charles Gran⸗ — 218— diſon als auch Lovelace Perücken trugen. Aber zugeſtanden⸗ daß ein Mann mit der Perücke in jetzigen Tagen kein Held ſeyn kann; und zugegeben, daß ein Held keinen bedächtigen Verſtand haben ſoll— ſon er⸗ lauhe mir die Frage; Ob⸗ Du gewiß weißt, daß nur Helden und Heldinnen in dieſer menſchlichen Welt leben, lieben, heisäthen und glücklich ſeyn können?2 2 „ Das verhüte der Henme⸗ rief Roſa⸗ munde— sbeſonders da ich nialſt keine Hel⸗ din bin.» Und da ſich wenigſtens einige llundest Millionen Menſchen in derſelben Lage beſin den,» fügte Mrß. Perey hinzu.. aund dieſe vielleicht nicht die am wenigſt glücklichen menſchlichen Weſen ſind,» ſagte Caroline.„Dem ſey wie ihm wolle, ſo läßt ſich doch nicht abläugnen, daß Herr Gresham eine, den Helden bezeichnende Elgenſchaſt i in einem hohen Grade beſitzt.» e bi — 219— «Welche?» fragte Roſamunde ſchnell.⸗ &Die Großmuth,» erwiederte Caroline; zund ſein bedeutendes Vermögen ſetzt ihn in den Stand dieſe Tugend in einem ausgebrei⸗ tetern Maaße auszuüben, als es gewöhnlich den Romanhelden beſchieden iſt.» «Wahr, ſehr wahr,» ſagte Roſamunde lachelnd— Seine Großmuth könnte einen Helden aus ihm machen, wenn er nicht— ein Kaufmann wäre. Keine Percy darf einen Kaufmann heirathen.“— Du weißt vielleicht nicht,s ſagte Meß. Percy,«daß wenigſtens die Hälfte des engliſchen Adels ſich mit Kaufmannsfamilien verbunden hat. Deswegen kann die Hälfte des engliſchen Adels nichts Ehrenxühriges und Nachtheiliges in ſolchen Verbindungen finden.— « Wohl weiß ich, daß es ſo iſt; aber Sie müſſen mir auch zugeben, daß es des — 220— Geldes wegen geſchieht, und das macht die Sache noch ſchlimmer. Wenn die Söhne adeliger Väter Kaufmaunstöchter heirathen, ſo geſchieht es nur das Familienvermögen wieder herzuſtellen. Aber der Edelmann hat auch große Privilegien. Heirathet er unter ſeinem Stand, ſo erhebt der Trauring die Frau zu des Mannes Rang und Anſehen. Ihr früherer Name wird über ihren jetzigen Titel vergeſſen; ihre gemeine Verwandtſchaft bleibt in der Dunkelheit zurück. Vom Mann wird nicht verlangt, ſich um ſie zu bekümmern, und die Frau kann es dann natürlich halten, wie es ihr gefällt. Aber eine Frau unſeres Standes traͤgt nicht allein den Namen ihres Mannes, ſondern muß auch ſeine Verwand⸗ ten ertragen, wären ſie auch noch ſo gemein. Und nun Caroline, geſtehe aufrichtig, könn⸗ teſt Du Dich darin finden? „Aufrichtig geſagt, keineswegs gern, erwiederte Caroline; aber Gresham iſt nicht — 221— gemein, ſelbſt ſein Name nicht, und er kann keine gemeine Verwandtſchaft haben, weil er gar keine hat. Ich hörte ihn neulich ſagen, daß er ein verwaistes Weſen ſey.» Das iſt ein Troſt,» rief Roſamunde lachend, sdas iſt allerdings ein ſehr günſtiger Umſtand für ihn. Aber wenn er keine Ver⸗ wandtſchaft hat, ſo hat er doch Bekanntſchaft. Was meinſt Du zu den ſchrecklichen Pantons? In dieſem Augenblicke ſehe ich im Geiſte ſchon den alten Herrn Panton ſich abkühlen mit zurückgeſchobener Perücke, aufgeknöpfter Weſte; und die aufgedunſene Mrß. Panton, mit ihrer braunrothen Tour und künſtlichen Blumen darauf. Und Pantons nicht allein, ſondern die ganze Kaufmannſchaft würde mit Gewalt uüͤber Mrß. Gresham herfallen, und aus Compagnonſchaft und alter Bekanntſchaft Anſprüche an ſie und ihren Umgang machen⸗ Nein, Caroline! ſprich nicht gegen Deine eigene Ueberzeugung.» — 222— Aber bedenke, daß der alte Herr Pan⸗ ton, der Hauptgegenſtand Deines Abſcheus, ſich nach ſeiner Entzweiung mit Erasmus nächſtes zu Tode eſſen wird; und ich ſehe es doch nicht ein, was Dich an die Wittwe von Greshams Compagnon bindet. 28 die⸗ Dein einziger Einwurfn 1 i dnst „Meinſt Du alle meine Einwürfe, durch des alten Pantons Tod niedergeworfen zu haben? Ganz unabhäͤngig von gemeinen Verwandtſchaften und Bekanntſchaften bleibt noch ein großes Hinderniß; aber ich will mich an meine Mutter wenden. Denn Du biſt nicht die Perſon über Vorurtheile richten zu kön⸗ nen. Davon verſtehſt Du wirklich nichts, liebe Caroline! Ich könnte eben ſo gut mit Sokrates darüber reden, wie mit Dir. An meine Mutter wende ich mich; die weiß; Vor⸗ urtheile zu erkennen.* 12 „Deine Mutter iſt Dir ſehr vetbunden — 223— für dieſe gute Meinung von Anreh Wiſtaſde ſagte Mrß. Percy lächelnd. Heti2 28 „Meine Mutter iſt die gelindeſte aller Mütter, und auſſerdem die aufrichtigſte; und darum frage ich Sie, ob Sie jemals einge⸗ willigt hätten einen Kaufmann zu heirathen?s (Gewiß hätte ich Deinen Vater ach als Kaufmann genommen.» „Gut, ich nehme meinen Vater aus; aber könnten Sie wünſchen, daße es eine Ihtet Töchter thäte?» Das hängt alles davon 5. wie der Kaufmann beſchaffen iſt, und was meine Toch⸗ ter für ihn fühlt.» Roſamunde ſeufzte. Du darfſt nicht vergeſſen,“ fuhr Mrß. Percy fort, ⸗daß die Kaufleute jetzt auf ei⸗ ner höhern Stufe ſtehen als zur Zeit, wo der Handel in dieſen Gegenden noch nicht ſo blühte. Ihre Erziehung, ihre Denkungs⸗ art, ihre Sitten— alles hat ſich verfeinert; und vor allen Dingen iſt ihr Stand in der Geſellſchaft höher geworden. In unſern Ta⸗ gen findet man unter den engliſchen Kaufleu⸗ ten die unterrichteſten, edelſten und achtungs⸗ wertheſten Männer. Darum würde ich gegen die Heirath meiner Tochter mit einem Kauf⸗ mann nie etwas einzuwenden haben, wenn dieſer Kaufmann brav und redlich, nicht ge⸗ meindenkend wäre.— So habe ich es mit Herrn Gresham gemacht, und kann Dir die feier⸗ liche Verſicherung geben, daß ſeine vortreff⸗ lichen Eigenſchaften meiner Meinung nach, den Mangel hoher Geburt aufwiegen. Ich ſehe in ihm nur den gebildeten, edlen Mann, ohne alle Spur von Gemeinheit. Hat er alſo Eindruck auf Dein Herz gemacht, meine liebe Tochter; ſo ſuche es mir nicht zu ver⸗ bergen; denn weit entfernt irgend etwas gegen ihn als Schwiegerſohn einzuwenden zu haben, würde ich ihn jedem Edelmann von weniger ausgezeichnetem Charakter vorziehen.* — 225— „Hörſt Dulo rief Caroline mit freudigem Ton— Chörſt Du liebe Roſamunde! nun muß Dein Herz ganz beruhigt ſeyn.» Aber Roſamunde ſchien keinesweges be⸗ ruhigt. 1 Nach einer Pauſe dohte ſie gedehgt,„— sdenken Sie wirklich ſo, liebe Mutter 2» Ja, meine Tochter! Nichts könnte mich vermögen meine Meinung zu verhehlen, oder ſelbſt meine Vorurtheile zu beſchönigen, wenn Du mich ernſtlich fragſt, und Dich auf mei⸗ nen Ausſpruch verläßt. Und nun ſage ich nichts mehr, und überlaſſe Dich ganz Deinem eigenen vortrefflichen Verſtand, und Deinem zartfühlenden Herzen. Der Mutter Güte rührte Noſomundens zartfühlendes Herz ſo ſehr, daß ſie in Thrä⸗ nen ausbrach und in einem Ernſt, der keinen Zweifel übrig ließ, verſicherte, daß ſie nicht die geringſte Vorliebe für Herrn Gresham empfinde. Sie habe blos aus Angſt, doß II. 15 — 226— ihre Freunde dieſe Heirath, gegen welche ſie keinen erheblichen Grund anzuführen ge⸗ wußt, wünſchen möchten, beim mütterlichen Examen geſtockt)— Nach dieſer Erkläͤrung fühlte ſich Roſa⸗ munde erleichtert, beſonders da ihre Eltern und Schweſter den Beſchluß nicht tadelten. Aber Herrn Gresham wieder zu ſehen war ihr peinlich. Es that ihr leid, ihm ein un⸗ angenehmes Gefühl verurſacht zu haben, und ſie befürchtete den Freund mit dem Liebhaber zu verlieren. 1 Gresham dachte indeß zu edel, ſich von dem Maͤdchen, welches er liebte, als Freund loszuſagen, weil es ſeine Gefühle nicht er⸗ wiedern konnte. Nur verwundeter Stolz⸗ nicht getäuſchte Liebe geht gleich von Liebe zum Haß über.— Roſamunden wurde das unangenehme Gefühl, Herrn Gresham jetzt gleich zu ſehen, erſpart; denn er verließ die Hius, und kehrte augenblicklich nach London — 227— zurück, wohin ihn die Nachricht von dem plötzlichen Tod ſeines Compagnons rief. Der alte Panton war todt in ſeinem Bette ge⸗ funden worden, nachdem er Abends vorher unmäßig viel Aalpaſtete zu ſich genommen hatte. Herrn Greshams Gegenwart war bei Eröffnung des Teſtaments unumgänglich nö⸗ thig. Mrß. Panton ſchrieb deßhalb an ihn, und bat dringend ſeine Rückreiſe zu beſchleu⸗ nigen. Henry befand ſich in Amſterdam. Erſt kurz vor Pantons Tode hatte er deſſen Erlaubniß, zu den hollaͤndiſchen Kaufleuten, ſei⸗ nen Amſterdamer Correſpondenten zu gehen, bekommen, denen er durch ſeine Kenntniß der holländiſchen, franzöſiſchen und ſpaniſchen Sprache von bedeutendem Nutzen war. Gres⸗ ham hatte ſich nur ungern von ihm getrennt; aber endlich des jungen Mannes dringenden Bitten nachgegeben, weil vorauszuſehen war⸗ daß ihm dieſer Wechſel großen Vortheil brin⸗ gen würde. der.— 15* Zwei und zwanzigſtes Kapitel. — Alfred Percy an ſeinen Vater. (Dieſer Brief ſcheint einige Monate nach den in den Hills zugebrachten Ferien geſchrieben zu ſeyn.) Sie werden ſich erinnern, lieber Vater! daß wir vor einiger Zeit ſehr erzürnt auf den Mann waren, der mich um den Ruhm wegen Oberſt Hautons Sache brachte. Ich wollte ihn damals nicht nennen, weßhalb ihn Roſamunde«Rath Namenlos“ taufte. Dieſer ſelbe Umſtand gab Veranlaſſung mich mit einigen Männern bekannt zu machen, die alle erbötig waren mich beſtens zu unterſtüz⸗ zen. Es waren dieſe Männer ein Anwald, — 220— ein Advokat und ein Richter. Anwald Ba⸗ bington, welcher in dieſem Rechtshandel gegen uns focht, iſt ein ſehr rechtlicher Mann, der alle Kunſtgriffe ſeines Standes kennt, ohne ſie auszuüben. Er ſah den Streich, den mir Namenlos ſpielte, und fand nachher Gelegen⸗ heit mich einigen ſeiner Clienten zu empfeh⸗ len. In Folge dieſes Umſtandes fand ich mehrere Tage hintereinander Klagſchriften auf meinem Tiſch— zwei Guineen, drei Guineen, fünf Guineen! Ein troſtvoller Anblick!— aber noch weit tröſtlicher und erfreulicher iſt die Güte des Rechtsconſulenten Freund— Freund mit dem Namen und in der That. Es giebt keinen beſſern Menſchen. So eifrig er ſeinen Beruf auch treibt, iſt doch das Edlere in ihm dadurch nicht zu Grunde gegangen. Er gilt für einen der aufgeklärteſten unſerer Advo⸗ katen. Ein großes Lob in England! Die Sache ſeines Clienten macht er ganz zu ſei⸗ 1 uer eigenen, und iſt ſo ängſtlich dabei, als ob ſein Privateigenthum von dem Ausgang jedes Prozeſſes abhinge. Mir dient er als das ſchönſte Beiſpiel des Fleißes⸗ der Aus⸗ dauer, des Eifers und der Rechtlichkeit; und iſt gewiß der beſte Freund, den ein junger Advokat haben kann. Ich bin morgen Mit⸗ tag zu ihm eingeladen, wo er mich dem Lord Oberrichter vorſtellen will. Es war ſchon lange mein Wunſch dieſen Mann kennen zu lernen, den ich früher ſchon zu bewundern Gelegenheit fand. Ich hörte— kann aber jetzt nicht ſagen was— denn die Poſt geht fort. tl Ihr gehorſamer Sohn Alfred Percy. Alfred hatte gute Gründe die Bekannt⸗ ſchaft des Lord Oberrichters zu wünſchen. Ein franzöſiſcher Schriftſteller ſagt:„qu'il faut plier les grandes ailes de F'èlo- — 231— quence, pour entrer dans un salon.“ Der Oberrichter verſtand dieſe Kunſt. Er beſaß viel geſellige Tugenden, Witz und Laune, und war nicht allein ein guter Er⸗ zähler, ſondern auch ein guter Hörer. Un⸗ ſeres jungen Advokaten mannigfaltige Kennt⸗ niſſe, ſeine Beleſenheit, ſeine Bekanntſchaft mit der Literatur geſielen dem Oberrichter ſo wohl⸗ daß er Alfred beim Scheiden eine Einladung in ſein Haus gab. Seine Bewunderung für dieſen großen Mann ſchien mit jedem Tage zuzu⸗ nehmen, wie aus mehreren excentriſchen Brie⸗ fen zu ſehen iſt. Er vergaß im Enthuſias⸗ mus ſogar eines bedeutenden Vortheils zu erwähnen, der ihm durch die öffentlich aus⸗ geſprochene gute Meinung des Oberrichters zu Theil geworden war. Anwald Babington hatte nicht ermangelt ſeinen Clienten zu er⸗ zählen, welchen Antheil Alfred an dem glück⸗ lichen Ausgang der Hautonſchen Sache ge⸗ habt hatte; und dieß bewirkte, daß ihm ein — 232— Prozeß von bedeutender Wichtigkeit übertra⸗ gen wurde. Anſtatt die Klagſchrift als ein bloßes Erwerbsmittel zu betrachten, ſtudirte Alfred die ganze Sache mit großer Genauig⸗ keit durch, und war ſo glücklich einige kleine Vortheile zu entdecken, die der Aufmerkſamkeit der andern Advokaten entgangen waren. Herr Freund, einer der aͤlteſten Rechtsführer ſorgte dafür, daß er dieſes Mal nicht, wie bei einer frühern Gelegenheit übergangen wurde. Er ver⸗ mochte die übrigen Advokaten Alfreden auf⸗ zufordern ſein Gutachten darüber zu geben, und der präſidirende Oberrichter ſagte hierauf: „Dieſer Umſtand iſt mir neu.— Er iſt mir entgangen, Herr Percy, und ehe ich ein Urtheil ausſprechen kann, muß ich die Sache erſt genauer unterſuchen.» Dieß von dem Oberrichter, und wie die Advokaten eingeſtehen mußten, verdienter Maaßen, war unſerm Alfred ein bedeutender Vortheil. Advokaten und Anwalde richteten ———— — 2³33— ihre Blicke auf ihn; Klagſchriften flogen ihm zu, und ſein Fleiß verdoppelte ſich mit ſeinen Geſchaͤften. Als jüngſter Rechtsführer hatte er im gewöhnlichen Lauf der Dinge wenig Gelegenheit ſich auszuzeichnen, da das Spre⸗ chen nur ſehr ſelten an ihn kam; aber er ermangelte nie ſich von allen vorkommenden Fällen genau zu unterrichten. Und es ereig⸗ nete ſich eines Tages, als der älteſte Rath nicht gegenwärtig war, daß der Richter den nächſtſitzenden Advokaten aufrief— ⸗Herr Trevors, ſind Sie vorbereitet?. aeMylord— Ich muts aatehen— nein Mylord.“. Herr Percy, ſind Sie vorbereitet?⸗ Ja, Mylord.» i⸗ „Das dachte ich mir— Sie gſind immer vorbereitet. So fangen Sie an, Herr Percy.» Er ſprach ſo gut, mit ſo vieler Einſicht und Kenntniß des Geſetzes, daß er einen Ausſpruch zu Gunſten ſeines Clienten erhielt, — 234— und ſich den Ruf eines talentpollen, immer vorbereiteten Geſchäftsmannes erwarb. Er erkannte es dankbar, wie zart der Oberrichter ihn auszuzeichnen und zu heben geſucht hatte. Dieß war eine Art von Gön⸗ nerſchaft, nicht minder ehrenvoll für den, welchem ſie zu Theil wurde, als für den, wel⸗ cher ſie ertheilte.— Erasmus hatte ſeinen Bruder mehreren gelehrten Männern vorgeſtellt, deren Bekannt⸗ ſchaft er bei Lady Spilsbury's vortrefflichen Diners gemacht. Unter dieſen befand ſich ein Herr Dunbar, welcher einige Jahre in Indien gelebt hatte. Alfred, ſtets bemüht, Belehrung aus jeder Unterhaltung zu ziehen, erhielt von ihm manche Auskunft über die indiſchen Angelegenheiten; und Dunbar hoch erfreut einen ſo wißbegierigen, aufmerk⸗ ſamen Zuhörer ſeines, nicht fur jedermann intereſſanten Lieblingscapitel zu finden, theilte ihm gern alles mit, und lieh ihm auch ſeine — 235— Manuſcripte und ſeltenen Auszüge. Bald darauf ſiel bei der oſtindiſchen Compagnie ein Rechtsfall vor, einer der größten, welcher jemals vor den engliſchen Gerichtshof gekom⸗ men. Es betraf die Forderung von fünf Mil⸗ lionen, welche einige Banquiers in Hindoſtan an die Compagnie machten. Dunbar bei dieſer Sache ſelbſt intereſſirt und genau mit einigen Direktoren bekannt⸗ rieth ihnen, ſich an Alfred Perey zu wenden, der wie er wußte mancherlei Mittel der Be⸗ lehrung über dieſen Gegenſtand in Händen habe und mehr davon wiſſe, als die meiſten andern Advokaten. In einem ſo wichtigen Fall gebraucht zu werden war ein Ehrenpunkt; und das Anſehen, welches er ſich im Laufe dieſes Prozeſſes durch Sorgfalt und unge⸗ wöhnliche Kenntniſſe erwarb erhöhete ſeinen Ruhm, ſtellte ihn den beſten Advokaten gleich, und gründete ſeinen Ruf in den Gerichts⸗ höfen. Auch ſein ſittlicher Charakter trug — 236— dazu bei ihn ſeinen Clienten zu empfehlen. Er war von Buckhurſt Falkoner bei einen ge⸗ wiſſen Herrn Clay, bekannt unter dem Na⸗ men Pariſer Clay, eingeführt worden. Die⸗ ſer prahlte eines Tages mit ſeinen Siegen über das ſchöne Geſchlecht, und äußerte Grundſätze, die ihn als einen höchſt verdor⸗ benen, ausſchweifenden Menſchen bezeichneten. Unſern jungen Advokaten empörte dieſes laute Prahlen mit dem Laſter ſo ſehr, daß er ſeine tiefe Verachtung nicht verbergen konnte. Ein zunger Offizier, von gleichen Gefühlen beſeelt, theilte ſeinen Unwillen, und dies führte zu einer genauern Bekanntſchaft und gegenſeiti⸗ gen Achtung. Bald darauf heirathete der Offizier Lady Harriot, ein ſchönes, junges Maͤdchen. Seine Ehe war anfänglich ſehr glücklich, bis ein heimtückiſches Geſchick ihn mit ſeinemn Regiment außer Landes beorderte. Die junge Frau reiſte unterdeſſen ins Bad, und lernte dort Pariſer Clay kennen. Un⸗ ———r— — 237— vorſichtigkeit, Gefallen an Schmeichelei, Co⸗ quetterie und Selbſtvertrauen machten ſie zum Opfer ſeiner Eitelkeit. Von Liebe war bei Beiden nicht die Rede. Die Schande der leichtſinnigen Frau wurde bald entdeckt oder verrathen, und ihr unglücklicher, faſt wahnſinniger Mann fing einen Prozeß gegen den Verführer an. Er wählte Alfred Percy zu ſeinem Advokaten, deſſen aufgeregtes Ge⸗ fühl ihn bei dieſer Gelegenheit mit ſo viel Kraft und Nachdruck ſprechen ließ, daß er Aller Herzen gewann. Der gerichtliche Aus⸗ ſpruch bewiß, daß ſeine Rede Eindruck ge⸗ macht hatte. Sie wurde allgemein bewun⸗ dert, und wer ihn bis jetzt nur als einen guten Geſchäftsmann und vortrefflichen Ad⸗ vokaten gekannt hatte, erſtaunte nun über die plötzlich entdeckte Gabe, der Beredſamkeit. Pariſer Clay's Liebesgeſchichte wurde in der vornehmen Welt natürlich viel beſpro⸗ chen. Lady Harriots Prozeß war ein Gegen⸗ — 238— ſtand allgemeinen Intereſſes für alte und junge Damen, weßhalb auch Alfreds Rede ſiel geleſen, und aus verſchiedenen Gründen höch⸗ lich bewundert wurde. Jetzt erinnerte ſich auch Lady Angelika Hea⸗ dingham auf ein Mal vor langer Zeit ein klei⸗ nes Gedicht von Herrn Alfred Percy, von ſeiner Schweſter bekommen zu haben. Ihre Herrlich⸗ keit hatte bis jetzt ſo wenig daran gedacht, daß ſie es kaum geleſen in ihre Brieftaſche ge⸗ ſteckt, und nicht ein Mal eines Compliments würdig gehalten hatte. Nun aber, da der Verfaſſer nicht mehr ohne Namen war, ver⸗ diente es plötzlich wieder hervorgeſucht zu werden, und Ihre Herrlichkeit fand, adaß das Gedicht allerliebſt, ganz allerliebſt ſey, viel Talent und Genie verrathe. O! ſie hatte es längſt vorausgeſehen, daß Herr Al⸗ fred Precy eine ungewöhnliche Rolle in der Welt ſpielen würde.» 4 „Kennen Ihre Herrlichkeit den Verfaſſer? — 239—. „ Genau! das heißt, ich habe ihn zwar noch nie geſehen, bin aher mit ſeiner Fami⸗ lie ſehr bekannt, ſeit einigen Jahren, wo wir auf dem Lande zuſammentrafen.» „Ich wuͤrde mich freuen ihn kennen zu lernen. Und haben Sie doch die Güte mir eine Abſchrift ſeiner Verſe zu geben.*— * Und mir auch— mir auch!» Die Federn aller weiblichen amateurs ſetzten ſich nun in Bewegung, Abſchriften von des Advokaten Maytagy zu nehmen; und die ſchöne Gönnerin ſuchte den Dichter auf, ſtellte ſich ſelbſt mit beſcheidener Grazie vor, lud ihn zum Montag, Dienſtag, Mitt⸗ woch, Donnerſtag ein.«Immer verſprochen! Wie unglücklich! Auch in der nächſten Woche, in vierzehn Tagen, in drei Wochen nicht zu haben. Schrecklich! Er müſſe es ſo einzu⸗ richten ſuchen, ihrem conversazione einen Abend zu ſchenken. Viele ihrer Freunde unnd — 240— darunter kompetente Richter brennten vor Begierde ihn kennen zu lerneno o Um das Leben dieſer Vielen zu erhalten, willigte Alfred ein, ihr einen Abend zu opfern. Der Tag wurde feſtgeſetzt. Alfred fand ihre conversazione ſehr brillant; er wurde be⸗ wundert, und bewunderte ſeinerſeits ſo viel man nur erwarten konnte. Die angenehme Mannigfaltigkeit der Geſellſchaft geſiel ihm, und er verſprach dieſe Parthien öfterer zu beſuchen. Ein Verſprechen⸗ welches ſie haupt⸗ ſächlich deshalb ſehr entzückte⸗ weil Lady Spilsbury noch keine Abſchrift ſeiner Verſe bekommen hatte. Lady Spilsbury, gewohnt, ſolche Geiſtesproduckte gleich nach ihrer Ge⸗ burt zu erhalten, war ſehr entrüſtet, daß der Hausfreund und Hausarzt Erasmus ihr nicht gleich eine Abſchrift davon gebracht; und nun erfolgten die dringendſten Einladun⸗ gen zu ihren vortrefflichen literäriſchen Diners. Kurz Alfred hätte in die Wolken erhoben — 241— werden konnen, wenn er Gefallen daran ge⸗ funden. Aber es fehlte ihm nicht an Ein⸗ ſicht, das Wirkliche vom Schatten zu unter⸗ ſcheiden; und er legte mehr Werth auf ſoli⸗ den Ruhm, als auf ſolche Vorzimmer⸗Repu⸗ tation. Das Thörigte dieſer Spekulationen war ihm durch Buckhurſt Falkoners Lage an⸗ ſchaulich geworden; und wenn es noch eines warnenden Beiſpiels bedurfte, konnte der arme Seebright, den er bei Lady Angelika ſah, als ein zweites dienen. Der arme See⸗ bright, wie ihn die Welt bereits zu nennen anfing, ſtand auf dem Punkt ein Gegenſtand allgemeinen Bedauerns zu werden. Anſtatt ſich durch anhaltende Uebung in irgend einem Fach Unabhängigkeit zu verſchaffen; anſtatt ſeinen Ruf durch ein ſolides Werk zu grün⸗ den, verſchwendete er ſeine Zeit in den Vor⸗ zimmern der Großen, und lebte der eiteln Hoffnung durch Goͤnnerſchaft gehoben zu wer⸗ den. Schon war der Flug ſeines Geiſtes II. 16 8 — 242— gehemmt, die Kraft ſeiner Schwingen ermat⸗ tet; anſtatt immer höher zu fliegen, kam er der Erde immer näher; ſein Muth begann zu ſinken, der unterwürfige Stand ſchien ihn beinah ſchon ganz gezähmt zu haben. Nur dann und wann regte ſich noch ein re⸗ belliſches Gefüͤhl ſeiner frühern Freiheit, und machte die jetzige Erniedrigung um ſo drük⸗ kender. Ach! wäre ich doch ſo unabhängig wie Sie! Hätte ich nur einen beſtimmten Be⸗ ruf wie Sie!» ſagte er zu Alfred, als er Gelegenheit fand, allein und vertraut mit ihm zu ſprechen. Alfred bewieß ihm, daß es dazu noch nicht zu ſpät ſey, und deutete ihm manche Wege an; aber Seebright fand alles unaus⸗ führbar, was nüchterne Wirklichkeit und An⸗ ſtrengung erforderte. Er gehörte zu der Klaſſe von Menſchen, die nicht wiſſen, was und wo es ihnen fehlt, die immer klagen, — 243— immer unzufrieden und getäuſcht ſind, weil ihre Erwartungen in keinem Verhältniß mit ihren Kräften ſtehen. Ihm war nicht zu hel⸗ fen. Alfred gab es endlich nach einer lan⸗ gen, fruchtloſen Unterhaltung auf. Schwei⸗ gend und in Träumereien über die Hoffnungs⸗ loſigkeit ſeiner Lage verſunken, ſtand er in einer Fenſtervertiefung, als Lady Jane Gran⸗ ville, die er lange nicht geſehen, in den Salon trat, und ohne ihn zu bemerken vor⸗ überging. Sie war ſo verändert, daß er ſie kaum erkannte; Gram und Sorge ſchienen ſie niedergebeugt zu haben. Er bemerkte gleich, daß man ihr weniger Aufmerkſamkeit wie ſonſt bewieß, und daß ihr dieſer geringere Grad von Wichtigkeit ſehr fühlbar war. Auf ſeine Nachfragen erfuhr er, daß ſie einen großen Theil ihres Vermögens durch einen Proceß verloren habe, den ſie ſelbſt, und ſehr ſchlecht führe; daß ſie wegen dem übri⸗ gen Theil deſſelben immer noch vor Gericht 46* — 244— ſey, und daß auch dieſer, trotz ihres unbe⸗ zweifelten Rechts für verloren gelte, weil ſie auch jetzt noch darauf beſtehe, keines Men⸗ ſchen Rath anzunehmen. Alfred wußte, daß einige Mißverſtänd⸗ niſſe zwiſchen Lady Jane und ſeiner Familie vorgefallen waren; daß ſie ſich durch Caro⸗ linens Weigerung, ſie in die Stadt zu be⸗ gleiten, und durch die Verſchiedenheit ihrer und ſeiner Eltern Anſichten über manche Punkte beleidigt gefühlt hatte. Trotz allem Vorgegangenen war er aber doch überzeugt, daß ſie ſeiner Familie aufrichtig ergeben war, und glaubte nun die Zeit gekommen ſich dank⸗ bar dafür zu bezeigen, jetzt, wo er nicht mehr unbemerkt in der Welt ſtand, und ihre Wichtigkeit abzunehmen begann. Er nahte ſich ihr, begrüßte ſie ehrfurchtsvoll, und bewieß ihr den ganzen Abend hindurch eine ſo ausgezeichnete Aufmerkſamkeit, daß ſie ihn überraſcht und gerührt anblickte. Sie ——— — 247— hatte es längſt bereut, ihre Empfindlichkeit ſo weit getrieben zu haben, hatte ſich oft nach einer Gelegenheit zur Verſöhnung ge⸗ ſehnt und freute ſich nun durch Alfred den Weg dazu gebahnt zu ſehen. Sie lud ihn ein, ſie den nächſten Tag zu beſuchen und fügte, als ſie ihm ihre Karte in die Hand drückte, leiſe hinzu, adaß ſie nicht mehr in ihrem ſchönen Hanſe in St. James wohne. Alfred wurde nun, da ſeine Motive nicht mehr mißdeutet werden konnte, ein eifriger Beſucher Ihrer Herrlichkeit, und begann, als er ihr Vertrauen einiger Maßen gewonnen hatte, von dem Proceß zu ſpre⸗ chen. Stolz darauf, ſich als eine in Ge⸗ ſchäften erfahrene Frau zu zeigen, legte ſie ihm den ganzen Fall vor, und ließ ſich weit⸗ läuftig über die Schnitzer und Mißgriffe ih⸗ rer Anwälde und Advokaten aus, beſonders über ihre albernen Rathſchläge, die ſie je⸗ doch nicht befolgt hatte. Ihre Sache hing — 246— von mancherlei kleinen Nebenumſtänden ab, die jedoch großen Einfluß auf das Ganze hatten. Sie glaubte ihren Weg deutlich und ge⸗ rade vor ſich zu ſehen, und eiferte heftig gegen die krummen Wege ihrer Advokaten! . Ohne ſie durch Widerſpruch zu reizen, ſuchte Alfred ihr begreiflich zu machen, daß Vernunft und geſunder Menſchenverſtand nicht hinreichend wären, einen Proceß glücklich zu führen. Er erzählte, wie anſtößig ihm an⸗ fänglich die anſcheinende Verkehrtheit des Syſtems erſchienen wäre, wie er auf dem Punkt geſtanden das Studium der Jurispru⸗ denz aufzugeben, und erſt durch längere Er⸗ fahrung von der Nützlichkeit dieſer Regeln überzeugt worden waͤre. Nach ſtundenlangen Auseinanderſetzungen, gelang es ihm endlich, ſie, wenn auch nicht von der Richtigkeit ſei⸗ ner Anſichten zu überzeugen, doch zum Ent⸗ ſchluß, ihm ihren Proceß zu übergebe, zu — 247— vermögen. Sie legte die ganze Sache in ſeine Hände, und verſprach, ſich in Zukunft nicht mehr hineinzumiſchen, ſelbſt nicht mit ihrem Rath. Denn nur unter dieſer Bedin⸗ gung unternahm Alfred die Leitung des Pro⸗ ceſſes.— Er erbat und erhielt vom Ge⸗ richtshof die Erlaubniß, Lady Jane Gran⸗ villes letzte Klage zu verbeſſern; und widmete ſich der Sache mit ſo vielem Ernſt und ſcharf⸗ ſinniger Aufmerkſamkeit, daß ſich bald die beſten Hoffnungen, den Reſt des Vermögens zu retten, zeigten. Er bemühte ſich unter⸗ deſſen, ihren Muth und ihre Geduld auf⸗ recht zu erhalten; denn eine ſchnelle Beendi⸗ gung der Sache war nicht zu erwarten. Sie hatten es mit Gegnern zu thun, die es ihrer⸗ ſeits verſtanden, einen Rechtsfall zu ver⸗ längern. Ein erfreulicher Anblick! ein Brief von Gottfried Percy! der Erſte, ſeit er England verlaßſen hatte. Zwei ſeiner Briefe waren, — 248— wie es ſchien, verloren gegangen. In Be⸗ zug auf einen, den er gleich, nachdem er von dem Verluſt ſeiner Familie gehört, ſchrieb, ſagt er, daß er ſeinen Vorſatz, bloß vom Solde zu leben, ausgeführt habe; und, nachdem er ſich über manche andere Familien⸗ details ausgelaſſen, fährt er folgender Maßen fort— Nun liebe Mutter, bereiten Sie ſich vor mich widerrufen zu hören, was ich gegen Lord Oldborough geſagt habe. Ich vergebe Sr. Herrlichkeit alle Sünden, und fange an zu glauben, daß ſein Herz, trotz ſeiner Staatsmannswürde noch nicht ganz verſteinert iſt. Er hat unſer Regiment aus dieſem un⸗ geſunden Ort zurück berufen, und Gaskoigne zu unſerm Obriſtlieutenant ernannt.— Ich ſage, daß Lord Oldborough dieß alles gethan hat, weil ich nach einem von Alfred erhalte⸗ nem Wink ſchließen muß, daß Sr. Herrlich⸗ keit dieſe Veränderungen veranlaßte.— Doch — 249— ich will Sie nicht länger in Ungewißheit uͤber die Faktas laſſen. In meinem erſten Briefe an den Vater, meldete ich, daß unſer ſchlafſüchtiger Oberſt⸗ lieutenant ſich gleich nach ſeiner Ankunft auf der Inſel angewohnt hatte Rum zu trinken, puren, reinen Rum, um ſich munter zu er⸗ halten. Rother Wein, Portwein und Ma⸗ dera hatten ſchon ihre Macht über ihn ver⸗ loren.— Dann kam Brandwein, den er uns als ein vortreffliches Präſervativ gegen das gelbe Fieber rühmte.— So ſtarb er, kühn durch Brandwein.— Der arme Kerl rühmte ſich in der letzten Woche ſeines Lebens, als er buchſtäblich genommen ſchon auf dem Tod⸗ tenbette lag, daß ſein Vater ihm die edle Kunſt des Trinkens gelehrt, ehe er noch ſechs Jahr alt geweſen, indem er ihn jeden Tag nach dem Mittageſſen darin geübt hatte einen vollen Becher mit ſtäter Hand an die Lippen zu führen. Er rühmte ſich ferner, als Knabe N von dreizehn Jahren auf der Akademie oft zwei Floſchen Wein ohne aufzuſtehen getrun⸗ ken zu haben, und es ſpäter, wie er zur Armee gekommen und oft in luſtiger Geſell⸗ ſchaft geweſen, ſo weit gebracht zu haben, auch nach dem Genuß der größten Quantität Wein keine nachtheiligen Folgen zu empfin⸗ den. Dagegen konnte er im fünf und vier⸗ zigſten Jahr, als ich ihn zuerſt ſah, weder Hand noch Kopf gebrauchen. Seine Hand zitterte ſo, daß er kein Glas auf geradem Wege nach dem Mund bringen konnte; es gelang immer erſt nach verſchiedenen Ver⸗ ſuchen aller Arten von Schlangenlinien und Zickzacks, wobei er demohngeachtet die Hälfte verſchüttete.— Wirklich ein erbarmungswür⸗ diger Anblick! Wenn er ſeinen Namen un⸗ terzeichnen ſollte, ging ich immer aus dem Zimmer und überließ es Gaskoignen ihm die Hand zu führen.— Und der Geiſt war noch viel hüͤlfloſer, als der Körper. Ich glaube, — — 251—. und wenn es ſein eigenes oder Englands Wohl erfordert hätte, ſchnell eine Ordre zu geben, einen verſtändlichen Brief zu ſchrei⸗ ben, oder ſich auf den Namen einer ſeiner Offiziere; oder wohl auf den eigenen zu be⸗ ſinnen; ſo wäre er es nicht im Stande ge⸗ weſen.— Aber Friede ſeiner Aſche, oder vielmehr ſeinen Hefen! und möchte es nie wieder einen ſolchen engliſchen Oberſten geben!— Frühe Gewöhnung an Mäßigkeit hat nicht allein mein Leben jetzt erhalten, ſondern es auch des Erhaltens werth gemacht. Weder Gaskoigne noch ich ſind auch nur einen Tag krank geweſen— aber wir waren auch die beiden einzigen, die der Krankheit entgingen. — Lieutenant R. liegt noch krank am Fieber. Major H. wird dem Oberſt bald ins Grab nachfolgen, wenn er nicht in Zeiten meinen uneigennützigen Rath, weniger zu trinken, be⸗ folgt. Ich werde von Vielen darüber aus⸗ — 252— gelacht; ſie ſagen: Zum Teufel! warum laſſen Sie den Major ſich nicht ſelbſt um⸗ bringen, ſo ſchnell es ihm gefaͤllt, da Sie dadurch doch nur gewinnen.„» Sie behaup⸗ ten nur ein Narr könne ſo handeln wie ich; und ich denke, nur ein Vieh würde anders handeln wie ich.— Ich kann nicht ruhig da⸗ beiſtehen und zuſehen, wie einer meiner Ne⸗ benmenſchen ſich ſelbſt nach und nach ums Le⸗ ben bringt, und wenn ich auch ſein Nach⸗ folger werden ſoll. Fällt der Offizier in der Schlacht, ſo iſt es gut— ich riskire daſ⸗ ſelbe; er ſtirbt dann, wie es einem braven Kerl zukömmt. Aber dabeiſtehen und einen Mann ſterben ſehen, wie er nicht ſterben ſollte— das kann ich nicht.— Major H. hatte anfangs nicht übel Luſt mir den Säbel durch den Leib zu jagen; aber jetzt liebt er mich zärtlich, und wenn ihn jemand noch da⸗ von abhalten kann ſich ſelbſt aufzureiben, ſo bin ich es. — 253— Carolinen viel tauſend Dank für ihren Brief und Roſamunden für ihr Tagebuch. Wer noch nicht vom Hauſe weg war, kann nicht begreifen, wie erfreulich es iſt in ſolcher Entfernung Briefe von ſeinen Lieben zu bekommen. Sie werden ſich aus Cooks Reiſe ſeine Freude erinnern, als er einſt auf einer wüſten Inſel einen Löffel fand, worauf London gezeichnet ſtand.„ Ich hoffe, Sie erhielten meine Briefe No. 1 und 2. Nicht als ob wichtige Dinge darin geſtanden häͤtten; Sie wiſſen, ich er⸗ zähle immer nur Faktas— nicht Roſamun⸗ dens Tagebuch ahnlich, in das ſich Gaskoigne (nebenbei geſagt) etwas verliebt hat. Er ſeufzt und wünſcht, daß ihn der Himmel mit einer ſolchen Schweſter geſegnet haben möchte — ſtatt Schweſter leſen Sie Frau. Ich hoffe, dieß wird Roſamunde aufmuntern bald wie⸗ der zu ſchreiben. Doch nein! Erzäͤhlen Sie ihr nicht, was ich eben von Gaskoigne ſagte; — 254— denn wer kennt die verkehrten Wege der Maͤd⸗ chen! vielleicht ließe ſie ſich dadurch abhalten mir wieder zu ſchreiben. Sie mögen ihr nur im Allgemeinen ſagen, ich ſey der Meinung, daß die Frauen immer beſſer ſchrieben, und überhaupt alles beſſer machten, als die Män⸗ ner— nur nicht fechten— was der Him⸗ mel verhüten möge! Ich bin froh, daß Caroline Herrn Bar⸗ clay nicht heirathete, da ſie ihn nicht mochte; doch ſcheint er mir, nach aller Beſchreibung, ein vernünftiger, braver Mann zu ſeyn; und ich gebe ihm meine Erlaubniß Lady Marie Pembroke zu heirathen, obgleich ich nach Ca⸗ rolinens Beſchreibung ſelbſt halb in ſie ver⸗ liebt bin, Notabene ich bin nicht über ſechs Mal verliebt geweſen, ſeit ich England ver⸗ ließ, und nur ein Mal der Rede werth.— Wie befindet ſich die Marquiſe von Twicken⸗ ham? Meinem Vater und allen Lieben zu Hauſe — 255— viel herzliche Grüße von Ihrem Sie zärtlich liebenden Sohn Gottfried Percy. Drei und zwanzigſtes Kapitel. 6 Alfred an Caroline. Meine liebe Caroline. Ich bin im Begriff Dich in Erſtaunen zu ſetzen.— Zwar kann ein Erzähler nichts Thörigteres thun, als das Erſtaunen vorher anzukündigen; aber Du ſiehſt, ich habe in dieſem Augenblick ſolches Vertrauen zu mei⸗ ner Erzaͤhlung, daß ich dieſe Thorheit ris⸗ kire.— Wen denkſt Du wohl, daß ich ge⸗ — 256— ſehen habe? Rathe— rathet Alle, die Ihr um den Frühſtückstiſch verſammelt ſitzt— Vater, Mutter⸗ Caroline, Roſamunde— ich fordere Euch Alle auf, ſelbſt Dich Roſa⸗ munde mit Deinen ausgezeichneten Fähig⸗ keiten für das Romantiſche. Der Roman des Lebens geht über alle andern Romane; ſeine Zuſammenſtellungen übertreffen alle Ver⸗ knüpfungen der erfinderiſchen Phantaſie— ſelbſt Deine, Roſamunde. Zugegeben— nur Geduld meine Damen, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt— nicht die Blätter üͤbergeſchlagen oder gar aus Ende gekuckt, um die liebe Neugier zu befriedigen; ſondern hübſch eins nach dem andern geleſen. Du erinnerſt Dich hoffentlich des Irr⸗ länders Obrien, deſſen Erasmus ſich annahm, und den Herr Gresham, wohlthätig, wie er immer iſt, zu ſeinem Thürſteher machte. Als Gresham in der vorigen Woche nach Amſter⸗ dam reiſ'te, gab er dem Kerl Erlaubniß — 257— ſeine Frau zu beſuchen, die in Greenwich lebt. Dieſen Morgen kömmt das Weib, ver⸗ langt mich zu ſehen und kann vor Thränen und Schluchzen nichts hervorbringen. Endlich erfahre ich ſoviel, daß ſie große Sorge um ihren Mann trage, welcher auf dem Wege zu ihr, von einem Commando Matroſen er⸗ griffen und an Bord eines Schiffes auf der Themſe gebracht worden ſey. Durch der ar⸗ men Frau Angſt und hülfloſen Zuſtand ge⸗ rührt, ging ich nach Greenwich, wo das Schiff liegen ſollte, um mit dem Capitain zu ſprechen und über Obriens Auslöſung zu unterhandeln. Dort angekommen, fand ich, daß mich das Weib ganz confus berichtet hatte. Ihr Mann war nicht am Bord des Schiffes, war nicht von den Matroſen ge⸗ preßt worden, und hatte nur deshalb die vergangene Nacht außer Hauſe zugebracht, weil er in des Capitains Bedienten einen II. 8 17 — 258— Landsmann gefunden, mit dem er nothwen⸗ dig aufſitzen, trinken und ſingen mußte.— Ich war wirklich höchſt entrüſtet, meine koſt⸗ bare Zeit und mein Mitleid ſo verſchwendet zu haben. Aber oft wird der unglücklichſte Umſtand zum glücklichſten unſeres Lebens. Während ich nach der Uhr ſah und meine verlorenen Stunden berechnete, näherte ſich ein Herr, deſſen Bedienter wirklich gepreßt worden war, dem neben mir ſtehenden Ca⸗ pitain. Der junge Mann hatte etwas Ge⸗ bietendes, Edles in ſeinem Aeußern; aber ſeine Anrede und der, den Ausländer ver⸗ rathende Accent ſchien meinem engliſchen Ca⸗ pitain nicht zuzuſagen. Er nahm die trotzige Miene an, womit er den Franzoſen(denn dafür hielt er den Fremden) empfangen zu müſſen glaubte, und antwortete höͤchſt unbe⸗ friedigend, in der derben Seemannsſprache, « Ihr Bedienter, mein Herr iſt ein Englän⸗ der, er wurde als paſſendes Subjekt gepreßt, — 259— befindet ſich gegenwaͤrtig am Bord des Schif⸗ fes, und wird auch dort bleiben.— Der Fremde, welcher trotz der Höflichkeit ſeiner Aurede doch viel Stolz zu beſitzen ſchien, und wohl wußte was ihm von Andern zu⸗ kam, antwortete mit feſtem, aber gemäßigtem Ton. Der Capitain aber, ohne weitere Gründe anzugeben wiederholte trotzig, Ich befolge meine Ordre— ich kann weder mehr noch weniger thun; das Geſetz lautet, wie ich Ihnen geſagt habe.» 3 Der Fremde neigte ſich unterwürſig dem Geſetz, äußerte jedoch ſein Erſtaunen, daß ein ſolches im Lande der Freiheit exiſtiren könne. Mit Bewunderung habe er vernommen, daß das engliſche Geſetz und die brittiſche Conſti⸗ tution das Eigenthum und die perſönliche Sicherheit des niedrigſten, gemeinſten Unter⸗ thans ſichere; daß der König ſeine Hand nicht in die Beutel ſeiner Unterthanen ſtecken, oder ihnen auch nur den Werth eines Schil⸗ 17* — 260— lings rauben könne; daß er den Gemeinſten ſeines Volkes nicht ungehört verdammen, oder auch nur eine einzige Stunde ſeiner Freiheit rauben dürfe. Er hatte Engländer auf dem feſten Lande prahlen hören, daß ſelbſt ein Sklave frei würde, ſobald er Englands Bo⸗ den beträte. Doch nun,» ſo fuhr er fort, aſehe ich zu meinem Erſtaunen einen Freige⸗ bornen, engliſchen Unterthan der nach mehr⸗ jähriger Abweſenheit wieder in ſein Vater⸗ land zurückkehrt, der unſchuldig iſt, nichts Ge⸗ ſetzwidriges gethan hat, keines Verbrechens beſchuldigt werden kann, ergreifen. Dieſer Mann, ein treuer Diener, ein vortrefflicher Menſch wird aus dem Schooße ſeiner Fa⸗ milie geriſſen, am Bord eines Schiffs ge⸗ ſchleppt, gleich einem Galeerenſklaven zu har⸗ ter, ungewohnter Arbeit verdammt, und zu Verbannung, vielleicht zum Tode verurtheilt! — Guter Himmel! Wo iſt Ihre engliſche Freiheit?— wo iſt Ihre engliſche Gerech⸗ A — 261— tigkeit, und der Geiſt Ihrer engliſchen Ge⸗ ſetze?» «Und wer zum Teufel ſind Sie?» rief der Capitain,«der Sie ſo viel und ſo wenig von den engliſchen Geſetzen zu wiſſen ſcheinen?» Mein Name, wenn es hierbei darauf ankömmt, iſt Graf Albert Altenberg!⸗ Nicht wahr, Caroline, Du biſt erſtaunt! — Nein, ſagt Roſamunde, ich vermuthete, daß er es ſeyn mußte; ich dachte es gleich ſobald ich hörte, daß er ein Ausländer war und einen edlen Anſtand hatte. »Alteuberg?» wiederholte der Capitain — sdas iſt kein franzöſiſcher Name:— Sind Sie denn kein Franzoſe?» „Nein, Herr— ein Deutſcher.» Ah, ha!y rief der Seemann, plöͤtzlich ſei⸗ nen Ton ändernd— Kdachte ich doch gleich, daß ſie kein Franzoſe ſeyn konnten, ſonſt hät⸗ ten Sie nicht ſo vernünftig über das eng⸗ liſche Geſetz ſprechen können.— Nun es ſo — 262— iſt, will ich Ihnen freimüthig geſtehen, daß ich in der Hauptſache ſehr Ihrer Meinung bin— und was mich betrifft, ſo wollte ich mich lieber von der Admiralität in die Hölle, als auf die Themſe Preſſen ſchicken laſſen. Aber es iſt meine Schuldigkeit zu thun, was mir befohlen worden iſt— darum guten Morgen.— Ueber Geſetze und Gerechtigkeit können Sie mit dieſem da ſprechen,» ſagte er auf mich weiſend, indem er haſtig fortging. Armer Mann!“ rief ich.— Dieß iſt die ſchwerſte Pflicht eines engliſchen See⸗ capitains.* «Pflicht!» rief der Graf— a Pflicht! Verzeihung, daß ich Ihre Worte wiederhole; aber kann dieß ſeine Pflicht ſeyn? Ich hoffe die Grenzen der Höflichkeit nicht überſchritten zu haben, und nun er fort iſt, kann ich es Ih⸗ nen, der Sie meine Gefühle zu theilen ſcheinen⸗ wohl ſagen, daß ich dieſes Geſchäft eher ei⸗ nem afrikaniſchen Sklavenhändler, als einem — 263— engliſchen Offizier angemeſſen halte.— Die ganze Scene, die ich eben am Ufer erlebte, die Gewalt, das Sträuben, das Geſchrei der Weiber und Kinder iſt nicht allein erſchreck⸗ lich, ſondern in England unglaublich!— Iſt es denn etwas Anderes, als was wir mit Abſcheu von Afrika's Küſten erzählen hören, was Ihre Menſchlichkeit dort verboten und abgeſchafft hat? Und wie ſoll man glauben, daß Englands Herzen durch das Geſchrei der Neger erweicht wurden, wenn ſie trüb und ungerührt bei dem Geſchrei ihrer Landsleute, in der Nähe der Hauptſtadt, beinah an de⸗ ren Thoren, bleiben!— Mir iſt immer noch als hörte ich die Unglücklichen ſchreien,» ſagte der Graf mit Schaudern. Noch nie erlebte ich eine ſolche Scene, und glaubte am We⸗ nigſten ſie in England erleben zu müſſen.» Ich gab zu, daß der Anblick ſchrecklich ſey, daß das Preſſen dem Ausländer ganz widerſinnig, gegen engliſche Gerechtigkeit und — 264— Freiheit ſtreitend, erſcheinen müſſe; aber ich ſuchte dieſe harten Maaßregeln ſo gut ich konnte mit der Nothwendigkeit zu entſchuldigen. « Nothwendigkeit!» ſagte der Graf— cverzeihen Sie, wenn ich Sie daran erinnere, daß Nothwendigkeit nur die Entſchuldigung des Tyrannen iſt.) Ich verbeſſerte meine Entſchuldigung, und verwandelte Nothwendigkeit in Nützlichkeit— allgemeinen Nutzen— zu Englands Verthei⸗ digung unentbehrlich.⸗ Der Graf lächelte über die Schwäche meiner Entſchuldigung, und ich war froh, daß er das Thema nicht weiter fortſpann. Unſere Pferde waren unterdeſſen vorgeführt worden, und wir ritten zuſammen in die Stadt.— Ich ſtelle mir vor, daß Roſamunde in dieſem Augenblick nicht athmen kann vor Neu⸗ gier zu erfahren, ob ich wäͤhrend des Rittes nicht von Herrn von Tourville und dem Schiffbruch ſprach.— Freilich that ich es— 8. —* — 265— nur nach Euphroſinen fragte ich nicht; dieſen Gegenſtand konnte ich nicht wohl berühren. Er hatte von dem Schiffbruch und von der Gaſtfreiheit, womit die armen Leidenden von einem engliſchen Gutsbeſitzer aufgenommen worden waren, gehört, und erſtaunte nun nicht wenig den Sohn dieſes Mannes vor ſich zu ſehen. Ueber Herrn von Tourville denkt der Graf wie ihr. Er ſprach von ihm als von einem intriguanten Diplomatiker, von einigem Talent, aber aller großen und edlen Handlungen unfähig.— Von Herrn von Tourville ging er auf einige berühmte aus⸗ wärtige Männer über, und auf die Politik und die Sitten der verſchiedenen Höfe und Länder Europa’s. Er hat viel geſehen und nachgedacht, und unſer kurzer Ritt überzeugte mich, daß er ein ausgezeichneter Menſch iſt. Du weißt Dr. Johnſohn ſagt: aman kann nicht fünf Minuten mit einem großen Mann unter ein Dach treten, einen Regenguß ab⸗ — 266— zuwarten, ohne etwas von ihm zu hören, was kein anderer Menſch geſagt haben würde!* — Aber obgleich ſich der Graf ſehr artig mit mir unterhielt⸗ bemerkte ich doch, daß er zerſtreut und unruhig war. Kaum in der Stadt angekommen ſprach er wieder vom Preſſen, und von ſeinem armen Bedienten— einen treuen ergebenen Diener nannte er ihn, und ich bin überzeugt, daß der Graf ein guter Herr und gefühlvoller Mann iſt. Ver⸗ gebens hatte er eine anſehnliche Summe für des Menſchen Auslöſung geboten; aber ein Stellvertreter war um dieſe Zeit ſchwer zu finden.— Der Graf, eben erſt in London angekommen, hatte noch keinen ſeiner un⸗ zähligen Empfehlungsbriefe abgegeben; er nannte mir mehrere Perſonen, an die ſie ge⸗ richtet waren, und fragte: ob ihm keiner hierbei nützlich ſeyn könne? Aber ſolche Macht beſaß nur ein Mann, deſſen Wort in dieſer Sache als Geſetz gelten wurde, Lord — 267— Oldborough; und ich erbot mich den Grafen zu ihm zu begleiten. Dieß unterſtand ich mich mein lieber Vater, weil ich weißlich be⸗ rechnete, daß die Introduktion eines Auslän⸗ ders, der noch dazu von demſelben Hof kam, wo Cunningham Falkoner Geſandter war, dem Miniſter angenehm und nützlich ſeyn würde. Mein Freund Temple, als Sekretair des großen Mannes eben noch ſo verbindlich und gefällig gegen mich, wie als ſchreibendes Nichts im Dachſtübchen erhielt augenblicklich Audienz für uns. Die Details zu beſchreiben habe ich nicht Zeit.— Huldreich empfangen— des Grafen Geſchäft mit einer Zeile abge⸗ macht, Temple beordert an die Admiralität zu ſchreiben. Lord Oldborough ſchien mir verbunden für die Einführung des Grafen; ich ſah, er wünſchte mit ihm allein zu reden, und ſtand daher auf mich zu empfehlen. Sr. Herrlichkeit dankte mir mit einem gütigen Blick— ſehr viel von ihm— begleitete mich bis an die Thüre des Vorzimmers, und ſagte, Herr Percy⸗ ich kann nicht bedauern, daß Sie Ihrem ſelbſtgewählten, unabhängigen Beruf gefolgt ſind; ich gratulire Ihnen zu dem glücklichen Erfolg. Ich habe Ihrer von verſchiedenen Seiten rühmlichſt erwähnen hö⸗ ren, und mich herzlich darüber gefreut.)— Am andern Morgen fand ich des Grafen Karte auf meinem Tiſch, als ich aus dem Gerichtshofe nach Hauſe kam. Beim Ge⸗ genbeſuch traf ich den Finanzrath Falkoner mit ihm in eifriger Unterhaltung. Dieß be⸗ ſtätigte mich in meiner Meinung, daß Lord Oldborough politiſche Geheimniſſe aus dem Grafen zu locken ſucht.— Der Finanzrath konnte anſtändiger Weiſe nicht umhin, aſehr betrübt zu ſeyn, daß er und Mrß. Falkoner mich in der letzten Zeit ſo wenig geſehen hattens auch konnte er es nicht vermeiden mich zu einem Concert einzuladen, wozu er — — 269— den Grafen auf den folgenden Tag einlud. Da der Graf zu kommen verſprach, ſagte ich auch zu, um ihn dort zu finden. Er hat et⸗ was ſo Anziehendes, Liebenswürdiges in ſei⸗ nem Weſen, daß ich keine Gelegenheit ver⸗ ſäumen werde dieſe, mir ſo werthe Bekaunt⸗ ſchaft fortzuſetzen. Doch ich will ihn nicht zu ſehr loben.— Adieu! liebſte Caroline, Immer Dein treuer Bruder Alfred Percy. Um eine genaue Beſchreibung von Mrß. Falkoners Concert im modernen Styl geben zu können, müſſen wir erſt das Publikum da⸗ mit bekannt machen, daß Herr Dr. Mudge ſeinen muſikaliſchen Ruf durch mehrere vor⸗ treffliche Tonſtücke begründet hatte, daß Miß La Grande bewundrungswürdig, höchſt bewnu⸗ drungswürdig in„frenar vorrei le lagrime““ (ganz in der Catalani beſter Manier) Miß Georgine Falkoner aber göttlich, himmliſch — 270— in O Giove Omnipotente,“ und unüber⸗ trefflich in„Quanto O Quanto è amor possente“ war, worin Dr. Mudge ſich eben⸗ falls auszeichnete. Alfred begab ſich, ganz gegen die Regeln des guten Tons ſehr früh zu Mrß. Falkoner, in der Hoffnung noch vor Ankunft der muſi⸗ kaliſchen Geſellſchaft eine viertelſtündige Un⸗ terhaltung mit Graf Altenberg zu haben, welcher, wie er wußte, ſchon zum Diner dort geweſen war. Hierin irrte er ſich jedoch. In dem großen Nebenzimmer fand er nur Mrß. Falkoner mit zwei Damen, deren Na⸗ men er nie gehoͤrt hatte um den Camin her⸗ umſtehend, beide in eifrigem Geſpräch uͤber Graf Altenberg begriffen.— Exr iſt ſo hübſch! ſo artig! ſo allerliebſt und dabei ſehr reich— er ſoll ungeheure Beſitzungen im Auslande haben, nicht wahr? Gewiß, auch ein ſchönes Gut in York⸗ ſhire. Aber wann kam er nach England?— — 271— wie lange wird er bleiben? 15,000, nein 20,000 Pfund jährlich lo &In der That?— MRrfß. Falkoner, hat Graf Altenberg nicht 20,000 339 ſäcche Einkünfte?» Mrß. Falkoner dem Sthein nach ohne Intereſſe an dieſem Geſpräch, verfolgte mit ihren Blicken den Bedienten, der die argan⸗ diſchen Lampen anzündete.— 3 Ich kann es wirklich nicht ſagen, meine Liebe,» entgegnete ſie.—„Ich weiß in der That nichts von Graf Altenberg— nehmt Euch in Acht mit dieſer Lampe.— Er iſt uns völlig fremd; der Finanzrath traf ihn bei Sr. Herrlichkeit— wir müſſen noch mehr Licht haben— und dieſer wünſchte, daß wir ihm Artigkeiten erwieſen; aber hier iſt Herr Percy,» fuhr ſie ſich zu Alfred wendend fort, cer kann Ihnen wahrſcheinlich mehr vom Gra⸗ fen erzaͤhlen. Wenn ich nicht irre, ſagte mir der Finanzrath, daß Sie, Herr Percy, den — 272— Grafen bei Lord Oldboroug) 2haeſähn haͤtten.* Die Damen Fihecen bei dieſen Worten dürg. zerſtreuten und fragenden Blicke auf Al⸗ freden; er ſchien mit einem Male in ihrer Gunſt zu ſteigen, ſank aber gleich wieder, als er unbefangen erzaͤhlte, daß er den Gra⸗ fen ganz zufällig in Greenwich getroffen habe, daß er nichts von ſeiner Beſitzung in York⸗ ſhire, oder von ſeinen Gütern im Auslande wiſſe, und nicht entſcheiden köune, ob er ein Einkommen von 10, oder 20,000 Pfund habe. & Das iſt ſehr duna, ſagte eine der Damen; Laber ſoviel weiß ich, daß er die Muſik leidenſchaftlich liebt, er erzählte es mir beim Eſſen.» ket « Dann wird er heute Abend gewiß ent⸗ zuͤckt über Miß Georginens Geſang ſeyn,» ſagten die Vertrauten— gaber was hilfts, wenn er nicht— — 273— Herr Percy!» begaun Mrß. Falkoner, die geſchwätzigen Zungen unterbrechend, zich habe Sie ſeit der famöſen Geſchichte mit Lady Harriot und Louis Clay nicht wieder geſeheny und weiter mit ihm über die Sache ſprechend, nahm ſie Alfreds Arm und führte ihn ins Muſikzimmer, wo Miß Georgine am Flügel ſaß, umringt von Componiſten, Mei⸗ ſtern und jungen Damen, alle mit Noten⸗ büchern in den Haͤnden in großer Berath⸗ ſchlagung, welche Alfreds Erſcheinung unter⸗ brach.— Ein ſchwaches Beſtreben höflich zu ſeyn— ein Paar abgeſchmackte Fragen— 1«Lieben Sie die Muſik, Herr Percy? Ihr Bruder, Capitain Percy iſt ein großer Muſikliebhaber.— Erwarten Sie Capitain Percy bald zurück?* Die jungen Damen hörten ſeine Antwor⸗ ten kaum, vergaſſen daß er da war, und fuh⸗ ren eifrig in ihrer Erzählung fort. 1 Alfred hörte nur die Namen La Tour, II. 18 — 274— Winter, von Eſch, Lenza, Portugallo, Montellani, Gaglielmi, Sauhini, Sarti, Paiſielo von maännlichen und weiblichen Stimmen in Toͤnen der Begeiſterung, und Verwünſchung ausrufen. Dann wurden die Lieblingsduetts, Trios und Cavatinen vor⸗ geſucht, worauf er abermals in ſchneller Folge die Namen Tendani, Pachierotti, Mar⸗ cheſi, Viegeanoni, Braham, Gabrielli, Mara, Banti, Graſſini, Billington, Catalani ver⸗ nahm. Man ſtelle ſich unſeres jungen Ad⸗ vokaten beſchämendes Gefühl ſeiner eigenen Unwiſſenheit vor, als er Miß Falkoner über den Werth aller todten und lebenden Componiſten, und Sänger und Sänger⸗ innen entſcheiden hörte. Nach und nach be⸗ gann er ein Bischen durch die ihn umgebende Dunkelheit zu ſchauen; er entdeckte, daß er ſich in der Verſammlung der intimen Freunde und Freundinnen Miß Falkoners befand, die eine Auswahl der Muſik für den heutigen 8 — 275— Abend trafen. Alles ſchmeichelte natürlich den beiden Miß Falkoners und läſterte ihre abweſenden Freundinnen, beſonders diejenigen, welche bei dem Concert ebenfalls eine Rolle ſpielen ſollten.— Wie ſchrecklich ſind dieſe beiden langweiligen Miß Byngs, mit ihren Stimmen, die wie zerbrochene Glocken klin⸗ gen und mit ihrer altväterſchen Muſik! Im⸗ mer nur Händel, Corelli und Pergoleſe— und die fatale kleine Miß Crotſch, mit ihrer Fertigkeit ohne Geſchmack— und ihre Stimme! wie kann ein Menſch ſie nur ſchön finden!— ſtark mag ſie ſeyn, aber zu ſtark— ich kann ſie wenigſtens nicht in der Nähe aushalten. — Jedermann weiß, daß ein künſtlicher Tril⸗ ler, wenn er gut iſt, weit üͤber einen natür⸗ lichen Triller geht.— Was Miß Barhams betrifft, ſo hat die Aelteſte nicht mehr Ge⸗ hör, wie dieſer Tiſch, und die Jüngſte eine Stimme, ſo dünne wie Spitzenzwirn.“— sAber Mama,y ſagte Miß Georgine 18* — 276— Falkoner etwas verdrießlich, akommen denn Miß La Grandes dieſen Abend auch?» Gewiß, meine Liebe! ich konnte nicht umhin ſie einzuladen.» Dann ſinge ich gewiß keine Note!» rief Georgine, und in ihrem Geſicht drückte ſich üble Laune deutlich aus. „Warum wollteſt Du nicht ſingen, meine Liebſte» ſagte Mrß. Falkoner begütigend— „Du brauchſt Dich doch gewiß nicht vor Miß La Grandes zu fürchten?2» Sie 1— rief einer aus dem Chor der Schmeichler— Sie! mit der ſich La Gran⸗ des gar nicht vergleichen köͤnnen!— « Sie ſollen, wie man mir ſagt, recht ſchön ſingen,» bemerkte Mrß. Falkoner, sdoch liebe ich dieſe Art von Geſang nicht— und Kenntniß der Muſik maßen ſie ſich auch gar nicht an.* „Das iſt wohl wahr,» entgegnete Geor⸗ gine, Kaber ich kann nun einmal in Gegen⸗ 4 — 277— wart dieſer Mädchen nicht ſingen.— Wenn ich überhaupt Stimme habe, ſo iſt es in den tiefern Parthien, und Miß La Grande wählt immer die tiefere Stimme.— Außerdem nimmt ſie mir alle Mal O Giova Omni- potentes weg; aber ich würde dieß gar nicht erwähnen, wenn ſie ſich nicht auch un⸗ terfinge:«Quanto, o quanto sente» ſingen zu wollen. Und dieß von Miß La Grande verhunzt zu hören, iſt nicht aus⸗ zuhalten.» Stille, liebe Geoegitehe ſagte Mrß. Falkoner, gerade als Miß La Grande er⸗ ſchien.— &/O, wie gütig iſt es von Ihnen mit Ihrem leidenden Kopf zu kommen, liebe Mrß. La Grande!— Und wir ſind Ihnen ſehr verbunden Miß La Grande und Miß Eliſe; denn Sie wiſſen, daß wir ohne Sie nichts machen können.* Miß Barhams und Miß Crotſch aloten amor pos- — 278— den eben Eingetretenen, und ſie waren alle aſo gut und ſo freundlich, und ſo liebe Ge⸗ ſchöpfe!y Aber nach den erſten erzwungenen Complimenten trat Schweigen und Zurück⸗ haltung unter den jungen Damen von Miß Falkoners Parthie ein. Es war augenſchein⸗ lich, daß ſich die ſchönen Muſikliebhaberinnen vor einander fürchteten, und ſich gegenſeitig beneideten.— Endlich kamen die Herrn, auch Graf Altenberg. Ihm, der keinen Blick hinter die Couliſſen geworfen hatte, erſchien Alles im reizendſten Licht. Niemand konnte angenehmer, heiterer und liebenswürdiger ſeyn als Miß Georgine Falkoner. Sie war höchſt belebt, ſehr geſchmackvoll gekleidet und wurde mit bewunderungswürdiger Geſchicklich⸗ keit von ihrer Mutter unterſtützt. Das Con⸗ cert begann. Aber wer vermag die Qual der eiferſüchtigen Mütter zu beſchreiben! Alle in der höchſten Spannung, ob ſich ihre Töch⸗ ter auf das Vortheilhafteſte auszeichnen wür⸗ „ — 279— den! Einige wurden blaß, andere roth. Eine jede ſuchte nach Maaßgabe ihrer Selbſtbe⸗ herrſchung und Gewandheit die innere Angſt zu verbergen; aber Mrß. Falkoner übertraf ſie alle an unnachahmlicher Ruhe. Sie ſchien ganz unbeſorgt wegen ihrer eigenen Tochter, nur darauf bedacht, die allgemeine Aufmerkſamkeit auf Miß Barhams, Miß Crotſch und Miß La Grandes Talente zu richten. Die jungen Damen ihrerſeits, verſtanden und übten jene mannichfachen Künſte, durch welche die unglückliche Dame vom Hauſe bei einer ſolchen muſikaliſchen Parthie gequält zu werden pflegt. Einige, überzeugt, daß die Geſellſchaft auf die Beweiſe ihrer Geſchick⸗ lichkeit wartete, beliebten ganz ohne Stimme zu ſeyn, bis ſie genugſam genöthigt waren; ein zartes, blödes Geſchöpf mußte ſogar ans Inſtrument gezwungen werden, wie ſonſt ein neuer Sprecher im Unterhauſe auf den Stuhl — 280— niedergedrückt wurde. Dann war das Inſtru⸗ ment nicht von der Art, wie es die junge Dame wünſchte, die Lichter nicht ſo geſtellt, daß ſie gehörig ſehen konnte. Eine Andere war nicht im Stande den hellen Schein zu ertragen. Die Eine konnte nur ſingen, wenn alle Fenſter offen waren, die Andere nicht ſpielen, wenn ſie nicht zugemacht wurden. Mit der größten Gefälligkeit ließ Mrß. Fal⸗ koner die Fenſter öffnen und zumachen, und wieder öffnen und abermals zumachen; mit bewunderungswürdiger Geduld war, oder ſchien ſie die Märtyrin der Capricen der ſchönen Muſicirenden zu ſeyn. Nur ein voll⸗ kommen kalter Beobachter, oder wer ganz genau mit Mrß. Falkoners Charakter bekannt war, konnte alles ſehen, was Alfred ſay. Vielleicht vermehrte auch der Antheil, den er an dem großen Gegenſtand aller Operationen, an dem Grafen, nahm, ſeinen Scharfblick. Während dieſer in einem Nebenzimmer mit — 281— dem Finanzrath in politiſchen Geſprächen vertieft ſtand, erſuchte Mrß. Falkoner Miß La Grande die Geſellſchaft durch ihren Ge⸗ ſang zu erfreuen. Es war unmöglich ihren höflichen Bitten zu widerſtehen. Darauf for⸗ derte ſie Miß Crotſch und Miß Barhams auf, und wußte ſie ſingend und ſpielend zu erhalten, bis die Bewunderung und Gefällig⸗ keit der Zuhörer erſchöpft war. Dann er⸗ lößte ſie ihre Aufmerkſamkeit durch einige leichte Sachen von Miß Arabella Falkoner, die weder Senſation, noch Neid erregen konnten. Endlich, nachdem ſie durch alle Nebenzimmer gegangen war, hier und da an den Unterhaltungen Theil genommen, und Jedem etwas Verbindliches geſagt hatte, näherte ſie ſich dem Grafen und ihrem Ge mahl. Das Geſpräch war eben beendigt; ſte machte nun dem Finanzrath Vorwürfe⸗ daß er den Damen die Geſellſchaft des Gra⸗ fen ſo lange entzogen, und verſicherte dieſen, — 282— ans Clavier führend, daß er viel Schönes unterdeſſen verſäumt habe. Sie konnte Miß Crotſch unmöglich auffordern mehr zu ſingen, bis ſie ſich wieder erholt hatte«Georgine! Aus Mangel an etwas Beſſern, verſuche was Du uns geben kannſt.— Sie wird naturlich im größten Nachtheil erſcheinen.— Meine Liebe, ich glaube wir hörten noch nicht: O Giova Omnipotente.* « Dazu fühle ich mich nicht fähig?, ent⸗ gegnete Georgine, ſich zurückziehend— Bit⸗ ten Sie Miß La Grande darum.» Miß La Grande iſt ſo gefällig geweſen, daß ich ſie jetzt nicht noch ein Mal aufzu⸗ fordern wage.— Verſuche es, meine Liebe; es wundert mich nicht, daß Du Dich ſcheuſt aufzutreten, nach Allem, was mir gehört ha⸗ ben; aber der Graf wird gewiß nachſichtig ſeyn.» Mit liebenswürdigem und wohlkleidendem Mißtrauen ergab ſich Miß Georgine. Der — 283— Graf war erſtaunt und entzückt üb ihre ſchöne Stimme. Dann wurde ſie noch über⸗ redet: Quanto o quanto è amor pos- sente zu verſuchen. Graf Altenberg, ein leidenſchaftlicher Muſikliebhaber, war ganz bezaubert, und Mrß. Falkoner trug Sorge, daß dieſer Eindruck der letzte blieb.— Jetzt ward das Abendeſſen angekündigt, der Graf zwiſchen Mrß. Falkoner und Lady Went placirt. Als ſie ſich eben ſetzen woll⸗ ten, rief Mrß. Falkoner Georginen zu, die im Begriff war ſehr wieder ihren Willen, an einem andern Tiſch Platz zu nehmen— Nimm meinen Platz, liebe Georgine! Du weißt ich ſoupire nie.» Georginens Geſicht, eben noch dunkel wie die Nacht, glänzte plötzlich im hellſten Schein. Sie nahm ihrer Mutter Platz neben dem Grafen ein. Mrß. Falkoner ging während des Eſſens lächelnd umher, und ſagte mit — 284— der ſelbſtzufriedenſten Miene die verbindlich⸗ ſten Sachen. Sie hatte in der That Urſache mit dem glücklichen Erfolg der heutigen Ope⸗ rationen zufrieden zu ſeyn. Auch nicht ein Mal ſchien ſie ſich nach dem Grafen und ihrer Tochter umzuſehen, und dennoch entging es ihr nicht, daß ſich alles ſo geſtaltete, wie ſie es wünſchte. Unterdeſſen fühlte ſich Alfred durch die Freuden dieſes Abends herzlich gelangweilt, wie es noch mehreren modernen Leuten, trotz ihres lauten Lobes der Muſik gegangen war. Alfred Percy konnte hier freilich nicht als unpartheiiſcher Richter gelten, da er ſich in ſeiner Erwartung mit dem Grafen zu ſpre⸗ chen, getäuſcht ſah. Er ſchrieb Roſamunden am folgenden Morgen, daß Mrß. Falkoners Concert ſehr langweilig geweſen ſey und be⸗ merkte,«daß ſich die Menſchen auf dem Lande in einem Tage beſſer kennen lernten, als in der Stadt in einem ganzen Jahre. — 285— Er ließ ſich ferner ſehr beredt aus, üͤber die Thorheit ſich im Gewühl herumzudrängen, um Menſchen, die einem nichts angingen, gleichgültige Dinge zu ſagen. Gerade als ich dieſe Sentenz nieder⸗ ſchrieb,» fuhr Alfred herzlich fort,« kam Graf Altenberg. Wie verbindlich ſo früͤh zu kommen, ehe ich in den Gerichtshof gehe. Er hat mich wieder mit der ganzen Welt ausgeſöhnt— ſelbſt mit Miß Falkoners. Um Abſchied zu nehmen kam er; er geht aufs Land. Rathe mit wem?— Mit Lord Old⸗ borough, während die Parlamentsſitzungen geſchloſſen ſind. Ich dachte gleich, daß Sr. Herrlichkeit Gefallen an ihm finden, d. h. ihn als unterrichtet und nützlich erkennen würde. Ich hoffe, Ihr ſeht den Grafen bald. Er äußerte den Wunſch meinem Va⸗ ter ſeinen Reſpekt zu beweiſen, und ihm für die gaſtfreie Aufnahme ſeiner ſchiffs⸗ brüchigen Landsleute zu danken. Ich ſagte — 286— „ ihm, daß unſere Familie nicht mehr in Percy⸗ Hall lebte, daß wir uns auf ein kleines Gut in einem entfernten Theile der Grafſchaft hätten zurückziehen müſſen. Mit der Ge⸗ ſchichte unſeres Familienunglücks beläſtigte ich ihn nicht, erwähnte auch nicht, daß der Schiffbruch und die Sorgloſigkeit der hollaͤn⸗ diſchen Schiffer das Fener in Percy⸗Hall veranlaßt hätten— obgleich ich mich verſucht fühlte dieß zu erzahlen, als ich von Herrn von Tourville ſprach.» „Ich vergaß meinem Vater zu ſchreiben, daß ich dieſen Morgen bei Lord Oldborough, zu dem ich mit dem Grafen ging, unter einem Haufen Bücher üͤber die Wappenkunſt, ein ihm zugehöriges altes Buch, über die Kunſt zu dechiffriren, welches er dem Finanzrath Falkoner vor mehreren Jahren geliehen hatte, erblickte. Lord Oldborough, deſſen Augen ſo ſcharf ſehen, wie die eines Falken, bemerkte daß mein Blick darauf ruhte, und fragte 4 — 287— mich, ob ich etwas von dieſem Buche oder der Dechiffrirkunſt wiſſe?y— Nichts von der Kunſt, wohl aber von dem Buche, welches ich für das Eigenthum meines Vaters erkenne.» Sr. Herrlichkeit reichte mir das Buch, und ich zeigte ihm einige mit Bleiſtift ge⸗ ſchriebene Bemerkungen von meines Vaters Hand.— Er ſchien frappirt, und aͤußerte ſein Er⸗ ſtaunen über dieſes ihm unbekannt gebliebene Studium ſeines Freundes. Ich erzählte ihm, daß Sie ſich einſt ſehr eifrig mit Wilkins und Leibnitzens Entwurf einer allgemeinen Sprache beſchäftigt hätten, und dadurch auf die Dechiffrirkunſt geleitet worden wäͤren. Er wiederholte die Worte gallgemeine Sprachey— Ha! dann vermuthe ich, daß der Finanzrath Falkoner alles was er hier⸗ über weiß von Herrn Percy gelernt hat.—„ So glaube ich, Mylord— — 288— Hals— Er ſchien einige Augenblicke in Gedanken verloren— dann fügte er hinzu, sich wollte daß ich dieſe Umſtände früher gewußt hätte.— Ha!⸗ 1 Was dieſe Hass! bedeuten ſollen, kann ich nicht ergründen; doch bin ich überzeugt, daß ſie ſich auf etwas für ihn ſehr Wichtiges beziehen.— Er äußerte ſich nicht weiter darüber, wandte ſich von mir zu dem Gra⸗ fen und ſprach mit ihm über ſeinen Hof und Herrn von Tourville, von welchem er, wie ich vermuthe durch ſeinen Geſandten Cun⸗ nigham mehr zu wiſſen ſcheint. Wie ich höre iſt eine große Geſellſchaft nach Falkoner⸗Hof eingeladen. Der Graf fragte mich, ob ich von der Parthie ſeyn würde und ſchien es zu wünſchen. Er iſt ſehr liebenswürdig.— Es werden dort Bälle, Schauſpiele und andere große Dinge Statt finden.— Wenn ich morgen noch ſo viel Zeit habe will ich Dir erzählen, wer eingeladen iſt, — 289— und Dir die Perſouen etwas genauer ſchildern. — Mrß. Falkoner wird nicht umhin können, Euch zu einigen ihrer Feſte einzuladen, und ſo will ich Euch vorher ein Bischen orientiren. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Trotz dem hohen Stand, den Miß Falko⸗ ners in den vornehmen Cirkeln einnehmen, trotz des günſtigen Umſtandes vollkommen in der Mode zu ſeyn; trotz ihrer eigenen Vor⸗ züge und der Mutter Weltkenntniß und Fein⸗ heit, war der große Zweck dennoch nicht er⸗ reicht— ſie waren noch nicht verheirathet.— Wenn gleich überall geſehen und überall be⸗ wundert, waren doch noch keine ihren Er⸗ II. 19 — 290— wartungen entſprechende Anträge gemacht wor⸗ den. Vergebens hatte Mrß. Falkoner einen jungen Edelmann nach dem andern, dieſen und jenen reichen Erben zu ihren Ballen und Concerten eingeladen. Sie waren die be⸗ ſtändigen Begleiter der Miß Falkoners ge⸗ weſen, hatten mit ihnen getanzt, bewundernd an der Harfe oder dem Clavier geſtanden und ihnen an öffentlichen Orten und in Ge⸗ ſellſchaften die Cour gemacht— aber vom Heirathen nicht geſprochen. Die Mutter, genöthigt ein Projekt nach dem andern aufgeben zu müſſen und ihre Taͤuſchungen zu verbergen, fuhr demohnge⸗ achtet mit unglaublicher Beharrlichkeit fort, neue Pläne dieſer Art zu ſchmieden. Doch immer geringer wurden die Ausſichten, immer ſchwieriger die Hoffnung, das erwünſchte Ziel zu erreichen, und Mrß. Falkoner war, mitten im Leben der Freude, das ſie zu führen ſchien, ein Raub beſtändiger Angſt. — 291=— Sie wußte, daß es nur weniger unglücklichen Umſtände bedurfte, ſie und ihre Töchter von ihrer jetzigen Höhe in das tiefſte Elend zu ſtürzen. Der Finanzrath war kränklich; er konnte ſterben, Lord Oldboroughs Gunſt ver⸗ lieren, oder dieſer ſelbſt um ſeine bisherige Macht kommen— ſo waren ſie rettungslos verloren. Ein kleines, mit Schulden über⸗ häuftes Gut war nicht hinreichend, ſie auch nur mittelmäßig zu erhalten. Ihre Töchter, in der großen Welt und für dieſelbe erzogen, konnten keinem Landedelmann genügen, und eben ſo wenig ſich in ſeine Umſtände hinein⸗ finden; obgleich ſie, ihrer Reize ſich bewußt, und nicht gewohnt über die möglichen Uebel der Zukunft nachzudenken, den Augenblick ihrer Verheirathung mit noch größerer Unge⸗ duld als die Mutter herbeiwünſchten. Dieſe Ungeduld ſprach ſich oft ſo deutlich aus, daß Mrß. Falkoner ſie nur mit Mühe fremden Blicken entzog. Zwei Ausſichten für die Ver⸗ 19* 292— ſorgung ihrer Töchter blieben ihr nofhe Sir Robert Percy hatte glücklicher Weiſe im letz⸗ ten Jahre ſeine Frau verloren, war kinder⸗ los, und hatte laut erklärt, daß er, ſobald es der Anſtand erlaubte, wieder heirathen würde, um nur den verhaßten Percy's jede Ausſicht auf den Wiederbeſitz des Gutes zu rauben. Mrß. Falkoner hatte den Finanz⸗ rath beredet Sir Robert Percy's Bekannt⸗ ſchaft zu cultiviren; man hatte ihn gebeten ihr Haus als Abſteigequartier zu betrachten, wenn ihn ſeine Geſchäfte in die Stadt riefen; und ihm auf alle Weiſe ſo ſehr geſchmeichelt, daß die ſchlaue Mutter feſt überzeugt war ihn ſich nächſtens für Arabellen entſcheiden zu ſehen. Um Sir Roberts Gunſt zu echalten war es unumgänglich nöthig allen Verkehr mit den andern Percy's aufzuheben; und aus die⸗ ſem Grunde hatte der Finanzrath auch bis jetzt vermieden, mit Alfred und Erasmus zu⸗ — 293— ſammen zu treffen. Mrß. Falkoners Ausſich⸗ ten für Georginen, ihrer ſchönen Tochter, waren weit brillanter. Sie hatte mehrere Pläne. Des Grafen Erſcheinung vernichtete einige derſelben; ihr ganzes Augenmerk rich⸗ tete ſich auf ihn.— Wenn es ihr gelänge Georginen mit dem Grafen zu verheirathen, ſo waren ihre höchſten Erwartungen über⸗ troffen; und dieſes Projekt ſchien nicht un⸗ ausführbar. Man hatte ihn ſagen hören, daß er Miß Georginen fur das ſchönſte Mädchen in London halte.— Er hatte ihr Tanzen bewundert, und ihren Geſang reizend gefun⸗ den; nichts natürlicher, als daß ſie feſt über⸗ zeugt war ihn näͤchſtens als ihren Sklaven zu ihren Fuͤßen liegen zu ſehen. Der Graf ſtand im Begriff Lord Oldborough einige Wochen aufs Land zu begleiten, und Mrß. Falkoner, obgleich ſie Falkoner⸗Hof in den letzten fünfzehn Jahren nicht geſehen hatte, beſchloß augenblicklich ihre Sommerreſidenz — 294— dort aufzuſchlagen. Auf dieſe Weiſe war der Graf allen ſchlauen Müttern und rivaliſiren⸗ den Töchtern entzogen, und ſie konnte ſich Sir Robert Percy's für ihre Tochter Ara⸗ bella verſichern. Der Finanzrath ſtimmte freudig dieſem Beſchluß ſeiner Gemahlin bei⸗ weil er wußte, daß er dadurch Gelegenheit finden würde, dem Lord auf mannigfache Weiſe zu dienen. Sr. Herrlichkeit hatte es immer als eine Laſt betrachtet, Geſellſchaft in ſeinem Hauſe zu ſehen, und es ſeit Lady Oldboroughs Tode ganz vermieden. Nun aber hielt er es für nöthig, um ſeinen Ein⸗ fluß in dieſer Gegend zu erhalten, und der Finanzrath ſah voraus, daß es ihm ſehr an⸗ genehm ſeyn würde, wenn Mrß. Falkoner Diners und andere Feſte für ihn geben wollte. Daſſelbe Spiel war ſchon früher bei der Verheirathung der Marquiſe von Twickenham geſpielt worden. Falkoner bezeigte ſich ängſt⸗ licher denn je Lord Oldborough Verbindlich⸗ — keiten zu erweiſen, weil er wohl fühlte, daß er ſelbſt in der Guuſt ſeines Gönners ge⸗ ſunken war, und daß ſeine Söhne ihm mannich⸗ fachen Grund zur Unzufriedenheit gegeben hatten. Buckhurſt Falkoner, Oberſt Hautons Gefaͤhrte und Anführer bei Spiel⸗ und an⸗ dern ausſchweifenden Parthien, hatte des Onkels Gunſt durch ſein Buhlen um des Neffen Freundſchaft verloren. Anſtatt ihn ſeinen frühern Gewohnheiten und Thorheiten zu entreißen, und zu einem beſſern Leben durch ſein Beiſpiel aufzumuntern, hatte ihn Buckhurſt immer tiefer ſiinken laſſen. Und dieß iſt ein Geiſtlicher! ſagte Lord Oldborough mit dem Blick des Un⸗ willens zu dem Finanzrath— swas be⸗ ſtimmte dieſen Menſchen dazu den heiligen Beruf zu erwählen!» Der Finanzrath that, als ob er dieſe Verachtung theilte, und verſicherte höchſt aufgebracht auf ſeinen Sohn zu ſeyn; doch — 296— ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, ihn nun bald im Beſitz der lang erwarteten Pfründe zu ſehen, da der Alte ſchon ſprach⸗ los war.— Lord Oldborough hatte Buck⸗ hurſts Namen ſeitdem nicht wieder genannt, und ſo glaubte der Finanzrath die Sache wohl eingerichtet zu haben. Ueber John Falkoner waren ebenfalls Klagen eingelaufen. Zurückgekommene Offi⸗ ziere hatten von ſeiner Dummheit, von ſei⸗ ner Dienſtvernachläſſigung geſprochen, und er⸗ zählt, daß er immer damit prahle alles thun zu können, weil er Lord Oldboroughs Gunſt gewiß ſey und auf jeden Fall bald Major, und nach zwei Jahren Oberſtlieutenant werde. — Anfaͤnglich hatten ſeine Kameraden dieſe ruhmraͤthigen Reden verlacht; als er aber nach Jahresfriſt wirklich Major wurde, konn⸗ ten die übrigen Offiziere ihren Verdruß nicht verbergen, und Lord Oldborough wurde laut getadelt einen ſolchen Menſchen zu be⸗ — 297— günſtigen.— Alles dieß kam im Lauf der Zeit Seiner Herrlichkeit zu Ohren. Schwei⸗ gend vernahm er dieſe Klagen; plöͤtzliches Mißfallen an den Tag zu legen war nicht ſeine Art. Er hörte und ſah, ohne zu ſpre⸗ chen und zu handeln, bis ſich Faktas und Beweiſe gehäuft hatten. Manche Dinge ſchienen unbemerkt an ihm vorüberzugehen, aber er trug ſie alle in ſein Gedächtniß ein, verfuhr und richtete erſt nach genauer Prü⸗ fung, dann aber unwiderruflich. Von dieſen Operationen ahnete der Finanzrath, ein ſchlauer Mann, der wohl einzelne Charakter⸗ züge aufzufaſſen, aber das Ganze nicht zu durchſchauen vermochte, nichts. Er prieß ſich oft glücklich, daß Lord Oldborvugh die⸗ ſes oder jenes nicht bemerkt hatte, und wußte nicht, daß er am aufmerkſamſten und unzu⸗ friedenſten war, wenn er am zerſtreuteſten und gleichſam unbeweglich erſchien. So waren zum Beiſpiel manche Mißgriffe — 298— und Beweiſe grober Unwiſſenheit in ſeines Geſandten, Cunningham Falkoners Depeſchen an den Tag gekommen, obgleich Sr. Herr⸗ lichkeit außer dem früher erwähnten Ausruf, nie eine Anmerkung daruͤber gemacht hatte. Einige Doppelzüngigkeiten und leere Aus⸗ flüchte, bei des Miniſters Fragen waren gleichfalls ans Licht getreten, und ſchon hatte der Finanzrath gefürchtet ſeines Gönners Verdacht erregt zu ſehen. Ohne Cunningham ſchaden zu wollen, hatte Graf Altenberg zu⸗ fällig in Lord Oldboroughs und des Finanz⸗ raths Gegenwart einer Verhandlung erwähnt, die dem Miniſter ein tiefes Geheimniß blei⸗ ben ſollte, weil es eine von Cunningham an⸗ geſponnene Intrigue betraf, wodurch er ſich im Fall eines Miniſterwechſels, des Ein⸗ fluſſes der entgegengeſetzten Parthie zu ver⸗ ſichern geſucht hatte, um des Geſandten⸗ poſtens am Däniſchen Hof gewiß zu ſeyn. In dem Augenblick, als der Graf darauf — — 299— anſpielte, erſchrack der Finanzrath, daß ihm der Angſtſchweiß ausbrach. Sobald er aber bemerkte, daß Lord Oldborough kein Erſtau⸗ nen äußerte, keine Frage that, ihn nicht mit verdächtigen Blicken anſah, ja die Augen nicht ein Mal aufſchlug, ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, daß Sr. Herrlichkeit einzig und allein mit dem Einſetzen der loſen Glä⸗ ſer in ſeiner Brille beſchäftigt geweſen ſey, und auf des Grafen Erzählung nicht geachtet habe. Die Ruhe, mit welcher Lord Oldbo⸗ rough im nächſten Augendlick in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Ton fortſprach, und den vorigen Gegenſtand, ohne anſcheinende Unterbrechung des Ideenganges wieder aufnahm, beſtärkte ihn noch mehr in dieſem Glauben. Doch trotz der augenblicklichen Sicherheit ſtörte den Finanzrath ein unbeſtimmtes Gefuhl daß nicht alles ſo war, wie es ſeyn ſollte, und ihn beunruhigte die Furcht ſeines Gönners Gunſt, nicht ſeine Achtung und ſein Ver⸗ — 300— trauen zu verlieren.— Dieſer Gefahr ſuchte er auf alle Weiſe vorzubeugen. Sr. Herr⸗ lichkeit zu ſchmeicheln, ihn bei guter Laune zu erhalten, ſich ſelbſt durch fortgeſetzte Un⸗ terwürfigkeit und kleine Dienſte angenehm zu machen, war der Inbegriff ſeiner Politik. Dieſe beſtimmte ihn auch aufs Land zu gehen, und deshalb gab er ſeine Einwilligung zu den mannigfachen Ausgaben, die, wie Mrß. Falkoner erklärte, nöthig waren, um ihr und ihren Töchtern den Aufenthalt auf dem Lande möglich zu machen. Es wurden Anordnungen getroffen, ein Theater in Fal⸗ koner⸗Hof, welches lange ungenutzt geſtanden, auf elegante Art wieder einzurichten.— Miß Falkoners waren vollkommene Aktricen; ſie hatten auf Sir Thomas und Lady Flower⸗ tons Privattheater oft geſpielt. Graf Alten⸗ berg ſollte ſich geäußert haben ein großer Liebhaber theatraliſcher Vergnügungen zu ſeyn. — Dieſer Wink war hinreichend. Außerdem — 301— ließ ſich vorausſehen, daß die Eroffnung eines Liebhabertheaters auf Falkoner⸗Hof großes Aufſehen in der ganzen Grafſchaft machen würde. Eine Menge Stadtfreunde mit hin⸗ auszunehmen, hielt Mrß. Falkoner für un⸗ umgänglich nöthig, um das Landleben er⸗ träglich zu finden, beſonders da ſie ſelbſt ganz unbekannt in dieſem Theil der Graf⸗ ſchaft war. Alfred hielt ſein Verſprechen und ſchickte Roſamunden die Liſte der eingeladenen Per⸗ ſonen. Dem Namen gegenüber ſchrieb er: sordinaire junge, oder ordinaire alte Da⸗ men.» Unter letzterer Rubrik befanden ſich Lady Trant und Lady Kew; unter der erſten Miß G's, und andere nicht erwähnungs⸗ würdige jugendliche Schönen.— Dann kamen die beiden Lady Arlingtons, Nichten des Herzogs von Greenwich.« Lady Arlingtons», fuhr Alfred fort«ſind höchſt erfreut Mrß. Falkoner begleiten zu können; und Mrß. Fal⸗ — 302— koner fühlt ſich durch ihren Beſuch geehrt, weil ſie mit dem Herzog verwandt ſind. Ich traf dieſe Damen einige Mal bei Mrß. Falkoner, bei Lady Angelika Headingham, und öfterer bei Lady Jane Granville.— Lady Anna iſt im ſchmachtenden Styl, Lady Franziska im lebhaften— beide aber ſind höchſt verwöhnte, ſelbſtſüchtige Damen von Stande. Lady Annens Egoismus iſt von der kalten, langweiligen, tief eingewurzelten Art. Lady Franziskas von der heftigen, bittern, quälenden Sorte. Sie liebt alles auf kurze Zeit, und nichts lange. Jedermann iſt ein Engel, und ein liebes Geſchöpf, ſo lange er ihren Launen fröhnt— aber nicht länger. Auf dieſe Launen beſteht ſie mit einem Grad von Unruhe und Ungeduld, der ihre Schwe⸗ ſter oft krank und verdrießlich macht.— Lady Anna bildet ſich nichts ein, liebt nichts und niemand.— Sie ſcheint auf Erden kei⸗ nen andern Beruf zu haben, als Gerſten⸗ waſſer zu trinken, und ſich vor aller Art geiſtiger und körperlicher Anſtrengung zu be⸗ wahren.— So viel von den Lady Arling⸗ tons.— Buckhurſt kann die Geſellſchaft nicht nach Falkoner⸗Hof begleiten, weil ihn Oberſt Hauton mit zu ſeinem Regiment genommen hat; aber um ſeine beiden Freunde, die Herrn Clay's wird ernſtlich geworben. Trotz Mrß. Falkoners wohlklingenden Worten über Pariſer Clay's leichtfertiger Geſchichte mit Lady Harriot H. ladet ſie ihn doch ein, und würde ihn oder ſeinen Bruder gern als Schwiegerſohn umarmt haben, wenn Graf Al⸗ tenberg nicht als ein noch weit glänzenderer Stern an ihrem Horizont erſchienen waͤre. Damit Du ſelbſt beurtheilen kannſt, ob un⸗ ſere Mutter dieſen Schwiegerſohngeſchmack theilen würde, nehme ich mir die Mühe beide Brüder genauer zu beſchreiben. Pariſer Clay und Londner Clay, wie ſie 3 1 . — 304— genannt werden, ſind Brüder, beides Män⸗ ner von bedeutendem Vermögen, welches ihr Vater im Handel erwarb, und ſie ſich alle Mühe geben durch eine ausſchweifende, ver⸗ ſchwenderiſche Lebensweiſe zu vergenden— nicht etwa aus Neigung, ſondern bloß um ſich Eintritt in den beſten Cirkeln zu ver⸗ ſchaffen. Pariſer Clay iſt ein gereiſter Narr, wel⸗ cher à propos de bottes mit als ich im Auslande mit der Prinzeſſin Orbitella war⸗ anfangt. Aber ich fürchte, dieſen Menſchen nicht unpartheiiſch ſchildern zu können, denn einen eingebornen Engländer einem Franzo⸗ ſen nachäffen zu ſehen, iſt kaum zu ertragen. Das Copiren iſt immer eine wißliche Sache; wem aber die Mittel dazu fehlen, wie es hier der Fall iſt, der macht ſich ganz lächer⸗ lich. Pariſer Clay ſpricht vom Takt, ohne ſelbſt welchen zu haben; ihn entzückt, was er Perſiſlage nennt; aber ſeiner Perſiflage man⸗ — 305— gelt der Witz und die Eleganz des Pariſer Scherzes, und artet ſtatt deſſen in gemeinen Spott aus. Er beklagt ſich über unſern eng⸗ liſchen Mangel an savoir vivre und iſt doch ſelbſt ein lebendiges Beiſpiel ſchlechter Le⸗ bensart. Seine Sitten zeichnen ſich weder durch das Herzliche des Engländers, noch durch das Feine des Franzoſen aus. Um unſern esprit de societé zu verbeſſern, möchte er gern das ganze Syſtem der fran⸗ zöſiſchen Galanterie einführen.— Ich hörte ihn neulich ſagen, daß es ſein Grundſatz ſey mit jeder verheiratheten Frau, die ihn erhörte, einen Liebeshandel anzufangen, wenn ſie nämlich eine ſeiner vier erforderlichen Eigenſchaften beſaäͤße. Witz, Mode, Schön⸗ heit, oder eine gute Tafol.— Er erzählte, daß ihm ſein letzter Proceß nichts gekoſtet habe; denn 10,000 Pfund ſind ihm nichts. Er hält es für guten Ton alle Tugend zu verachten, und Patriotismus nennt er II. 20 — 306— Vorurtheil, vor welchem ſich jeder Philoſoph ſorgfältig hüten müſſe.— Einige mitleidige Menſchen wollen behaupten, er ſey nicht ſo gefühllos als er ſcheine, und die Hälfte ſei⸗ ner Laſter wären affektirt und entſtaͤnden aus dem irrigen Streben ganz Franzoſe zu ſeyn. Sein Bruder, Londner Clay iſt ein kal⸗ ter, zurückhaltender, ſtolzer, träger Menſch, der vergebens alle Kunſt anwendet ſich aus Verachtung der Natur in einen fröhlichen, lebensluſtigen Verführer umzugeſtalten. Er iſt ein ernſter Lebemann, perſönliche Bequem⸗ lichkeit das Haupterforderniß. Sein Mit⸗ tagseſſen, ſowohl an der eigenen Ta⸗ fel, als in einem Weinhauſe, was er im Grunde vorzieht, iſt ein ernſtes, feierliches Geſchaͤft. Die Mahlzeit beſteht aus dem Beſten, was für Geld zu haben iſt. Nicht übertheuert zu werden, iſt ſeine nächſte Sorge; keineswegs weil er das Geld ſchätzt, ſondern weil er es nicht ertragen kann be⸗ — 307— trogen zu werden. Sein Anzug, ſeine Pferde, ſeine ganze Einrichtung, alles 9 und nach der neueſten Mode. Da werden keine Unkoſten geſpart. Alles was Herrn Clay auf Clay⸗Hall gehört iſt von der beſten Sorte, oder er hat es wenigſtens aus der erſten Hand in England. Was ihn umgiebt iſt engliſch; ob aus Liebe zu ſeinem Vater⸗ lande, oder aus Verachtung gegen ſeinen Bruder, weiß ich nicht. Londner Clay prahlt nicht mit dem was ihm gehört, ſieht aber mit Geringſchätzung auf alles, was Andere beſitzen. Ihm entgeht auch nicht der geringſte lächerliche mſtand in dem Aeußern einer ſeiner Bekannten, und oft macht er ſolch einen Armen durch einen Wink oder trocknen Spaß zum Gegenſtand des Gelächters und S Spottes. In Geſellſchaften pflegt er ſtumm und verſchloſſen zu ſitzen, innerlich lachend uüͤber die Thoren, welche die Geſell⸗ ſchaft unterhalten, und ſich ſelbſt aufopfern. 20* 8 4 * — 308— Er unterhält nie, und iſt ſelten unterhalten. Er iſt gern in Geſellſchaft, aber nicht ge⸗ ſellig; ein ſtarker Trinker, aber nicht luſtig. Der Wein macht ihn zuweilen lärmend, aber nie fröhlich; und alles, was er im Ueber⸗ maaß thut, geſchieht augenſcheinlich, ohne be⸗ Aundee Neigung dazu. Er unterhält eine eheuer koſtbare Maitreſſe, die er, wie mir Buckhurſt erzählt, zehn Mal des Tages verwünſcht, und ſie ihn wieder; aber er kann 8. ſich doch rühmen frei und unverheirathet zu ¹ ſeyn, da er die Weiber im Allgemeinen fürchtet und ſie verachtet. Er ſchwört Venus ſelbſt nicht heirathen zu wo wenn ſie Pfund hätte, n e jeder Taſche 100, und da nun keine ſterbliche Venus Taſchen trägt, dankt er dem Himmel, daß er ſicher iſt. Buckhurſt verſichert, daß er trotz anu 4„ 4 Stolzes einige Gutmüthigkeit beſäße. Hinter einer großen Maſſe von Selbſtſucht mögen wohl einge Junken verborgen liegen. Er 1 — 309— aͤußert mitunter Symptome des Gefühls für ſeine Pferde, für ſeine Mutter, für ſeinen Kutſcher und für ſein Vaterland. Ich glaube er würde für Alt⸗England fechten, weil es ſein Vaterland und er Londner Clay iſt. Er liebt ſeinen Kutſcher, und bewundert je⸗ den geſchickten Peitſchenführer in der Stadt. Er iſt ihr Geſellſchafter— nein, ihr Sos⸗ ling. Ich erinnere mich von Buckhurſt ge⸗ hört zu haben, daß er ein Mal mit Londner Clay in Geſellſchaft eines Barons, eines Marquis, eines Grafen, eines Herzogs und eines Poſtkutſchers gegeſſen habe, welchem mit allgemeiner Bewilligung der Ehrenplaß gegeben worden war. Es giebt hier ein Haus mit zwei, durch Glasthüren getrennte Speiſezimmer, worin dieſe Herrn wöchentlich ein Mal zuſammenkommen. In dem einen Zimmer eſſen die wirklichen Kutſcher, und in dem andern die ſie copirenden Gentlemans. Sobald nun die eigene Unterhaltung ausgeht — 910— wird die Glasthüre geöffnet, um ſich an der Kutſcher Witze und Spaͤße zu ergötzen. Lond⸗ ner Clay's ſchnelle Fortſchritte in dieſem Dialekt hat ihn, wie man ſagt, den beſten Cirkeln noch kräftiger empfohlen, als der Ruhm die beſte Küche zu führen, und Herr von Clay⸗Hall zu ſeyn.— 3 Ich habe ſoviel von dieſen vortrefflichen 1 Brüdern geſagt, daß mir kein Platz zu meh⸗ reren Schilderungen bleibt; in der That ſind die andern Herrn auch bloße Nullen.— Mit treuer Liebe Dein Bruder Alfred Percy. Kvrotz aller Mühe, die ſich Mrß. Falko⸗ ner gab, die Herrn Clay's zu ihrer Beglei⸗ tung zu bereden, konnte ſie doch nur das Verſprechen, wo möglich bald nachzukommen, erlangen. Auch Graf Altenberg wurde zu Mrß. Falkoners Verdruß einige Tage länger, als — 311— er erwartet hatte, in der Stadt zuruͤckgehal⸗ ten; aber er verſprach Sr. Herrlichkeit zu Anfang der nächſten Woche zu folgen. Die übrige Geſellſchaft langte in Falkoner⸗Hof an, welches nur einige Meilen von Clermont⸗ Park entfernt lag. Anm Tage nach Lord Oldboroughs An⸗ kunft auf dem Lande, bekam er einen Anfall von der Gicht, die ſich in die rechte Hand feſtſetzte. Als Falkoner ihm ſeinen Reſpekt beweiſen wollte, fand er den Miniſter in ſeinem Studierzimmer, mit der linken Hand ſchreibend.— «Mylord, ſoll ich Herrn Temple rufen — oder darf ich meine Dienſte als Sekre⸗ tair anbieten?— 8Ich danke Ihnen. Dieſer Brief muß von meiner eigenen Hand ſeyn.)— An wen kann dieſer wichtige Brief ſeyn? dachte der Finanzrath, und verſäumte nicht — 3412— einen Blick auf die Aufſchrift zu werfen, als er dem Bedienten übergeben wurde. An Herrn L. Percy.»— Sein Erſtaunen hielt die Priſe zuruͤck, die er eben nehmen wollte. — Was konnte dieß für ein Geſchäft ſeyn— bloß wenige Zeilen— wie mochten ſie wohl lauten? Folgendergeſtalt: Mein lieber Freund! Ich ſchreibe Ihnen mit der linken Hand, weil die Gicht ſeit einigen Stunden die rechte in Beſchlag genommen hat. Da ich hierdurch als Gefangener im Hauſe gehalten werde, kann ich Sie nicht beſuchen, wie es meine Abſicht war, und bitte daher, daß ſie mir die Gefälligkeit erweiſen zu mir zu kom⸗ men. Morgen früh zwiſchen 12 und a Uhr treffen Sie mich allein. Mit Achtung der Ihrige 1 3 1 O.» — 313— Im Lauf des Tages ließ Sr. Herrlichkeit gegen den Finanzrath verlauten, daß er Herrn Percy auf den nächſten Morgen zu ſich geladen habe. Und Falkoner nahm ſich vor bei der Hand zu ſeyn, um ſeinen guten Vetter Percy zu ſehen, und ſeine Neugier zu befriedigen. Aber ſolche krumme Wege wurden, ſo oft es nöthig befunden durch die unerwartete Gradheit und decidirte Hand⸗ lungsweiſe ſeines Gönners kurz abgeſchnitten. Gegen 12 Uhr des Morgens begann der Fi⸗ nanzvath ein Geſpräch, welches. wie er wohl wußte, dem Lord intereſſant war, ſich auch in die Länge ziehen ließ. Dabei hielt er Privatbriefe wichtigen Inhalts von ſeinem Sohn Cunningham in der Hand. Aber Lord Oldborough nahm ſie ihm ab, ſchloß ſie in ſein Pult, und ſagte— Ich werde ſie heute Abend leſen— Dieſen Vormittag habe ich zu einer Unter⸗ haltung mit Herrn Percy beſtimmt, den ich — 314— allein zu ſprechen wünſche.— Unterdeſſen ſind meine Angelegenheiten in dem nächſten Städtchen ſchon zu lange der Sorge des An⸗ walds Scharpe, von dem ich keine große Meinung habe, überlaſſen geweſen. Waͤren Sie wohl ſo gütig hinüber zu reiten und nachzuſehen, wie es dort ſteht?* Der Finanzrath gab ſich die größte Mühe ſeinen Verdruß zu verbergen, zog die Klingel um ſeine Pferde zu beſtellen, und empfahl ſich, wie es Lord Oldborough gewollt, noch vor Herrn Percy's Ankunft, welche Punkt 12 Uhr erfolgte. Ich danke Ihnen für Ihre Pünktlich⸗ keit,» ſagte Lord Oldborough, ihm mit ſei⸗ ner freundlichſten Miene entgegengehend— und es gab nichts Verſchiedenartigeres als ſeine freundliche, und ſeine unfreundliche Art„Ich danke Ihnen für dieſe Pünkt⸗ lichkeit. Niemand weiß den Unterſchied zwi⸗ ſchen dem Beſuch eines Freundes, und an⸗ dern gewöhnlichen Beſuchen beſſer zu erken⸗ nen, als ich. Und nun ging er ohne Vor⸗ rede auf ſeinen Hauptzweck über. Herr Percy, ich habe Sie erſucht zu mir zu kommen, weil ich Zweierlei bedarf, was mir andere Menſchen nicht gewähren koͤnnen — Beiſtand, und Theilnahme.— Aber ehe wir zu den Geſchäften ſchreiten, laſſen Sie mich, und nicht als bloßes Compliment, Ihnen offen und ehrlich zu dem ſchnellen Fortſchreiten Ihrer Söhne Glück wünſchen, zu dem Ruf und der Unabhängigkeit, die ſie ſich bereits erworben haben.— Ich kenne den Werth der Unabhängigkeit— des Gu⸗ tes, was ich nie beſitzen werde,» fügte Sr. Herrlichkeit mit erzwungenem Lächeln, und einem tiefen Seufzer hinzu.—«Aber laſſen wir dieß; davon wollte ich nicht mit Ihnen reden.— Sie verfolgen Ihren Lauf, ich den meinigen.— Feſtigkeit der Grundſätze macht den Mann. Ich gehöre nicht zu der —— — 316— Klaſſe von Menſchen, die ſich angewöhnt ha⸗ ben überall Theilnahme zu fordern. Ich halte es vielmehr für ein Zeichen der Un⸗ fäͤhigkeit ſich ſelbſt zu helfen, wenn man bei Kleinigkeiten auf Theilnahme rechnet— und bei wichtigern Vorfällen war ich noch nicht ſo glücklich einen Menſchen zu ſinden, der mit mir ſympathiſirte.» Gewiß,» ſagte Percy,«man kann eher mit Ihnen denken, als mit Ihnen fühlen.- Es ſcheint widerſinnig,» fuhr Lord Oldborough fort— adaß ich, der ich in poli⸗ tiſchen Meinungen gar nicht mit Ihnen über⸗ einſtimme, Sie unter allen lebenden Men⸗ ſchen erwähle, um Ihnen mein Herz aufzu⸗ ſchlleßen.— Doch bin ich überzeugt, daß wir trotz der Verſchiedenheit unſerer Mittel, am Ende ein und daſſelbe Ziel vor Augen haben— das Wohl und den Ruhm Eng⸗ lands.» — 3417— So iſt es, Mylord! rief Percy mit Wärme. Ich danke Ihnen, daß Sie mir Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen; ich bin zufrieden, wenn ein Mann wie Sie, mich gerecht be⸗ urtheilt. Auch freue ich mich, daß ich nicht die gewöhnlichen Klagen der meiſten Fuürſten⸗ diener zu führen brauche. Von ihm, dem ich diente, erfuhr ich noch keinen Undank, keine Vernachläßigung. Im Gegentheil weiß ich, daß er von meinen guten Abſichten für ſeinen Thron und ſein Volk uͤberzeugt iſt; und nichts herzlicher wünſcht, als mich als Staatsminiſter zu erhalten. Ich bin ver⸗ ſichert, daß er ohne Zögern einen jeden ſei⸗ ner Räthe, der meinen Zwecken hinderlich, oder meinen Abſichten entgegen wäre, ent⸗ laſſen wuͤrde.» « Dann Mylord, ſind Sie glücklich; in ſo fern ein Mann, der den Gipfel des Ehr⸗ — 318— geitzes erreicht hat, glücklich genannt werden kann.» Je ſchwindlicher die Höhe, je ſicherer der Standpunkt.— Sollte ich ſo glücklich ſeyn ſie zu erreichen; ſo hoffe ich auch ſtark genug zu ſeyn, ſie zu ertragen. Lord Verulam bemerkt,» ſagte Percy lächelnd,«daß wer ohne Gefahr in den Ab⸗ grund hinabſchauen will, ſich im Geiſt in den Zuſtand des Fallens verſetzen muß.» Wahr, ſehr wahr,» entgegnete Lord Oldborough etwas ungeduldig, über dieſen nicht zur Sache gehörigen Einwurf.&Aber Sie ſind von der Lage der Dinge noch nicht unterrichtet. Ich bin von Feinden umringt, von offenen und geheimen Feinden ringsum ei eſchloſſen.— Offnen Feinden begegne ich, und biete ihnen Trotz— ihre Stärke kann ich berechnen, und meine Waffen dar⸗ nach einrichten. Aber die Staͤrke meiner ge⸗ heimen Feinde kann ich nicht berechnen; denn — 348— ſie beſteht hauptſächlich in ihrer feſten Ver⸗ einigung, und dieſe Vereinigung kann ich nicht auflöſen, bis ich weiß aus welchen Gliedern ſie beſteht. Ich habe Macht und guten Willen dagegen zu kämpfen, weiß aber nicht, auf wen ich zielen ſoll. Aufs Gerade⸗ wohl will ich nicht losſchlagen, um den Un⸗ ſchuldigen nicht mit den Schuldigen zu treffen,⸗ um keinen Freund zu verderben. Bis jetzt forſchte ich vergebens nach dem nöthigen Licht; vielleicht finde ich es durch Ihren Bei⸗ ſtand. Durch meinen Beiſtand!“ rief Percy erſtaunt.»Wie könnte ich, ſo unbekannt mit den verſchiedenen Partheien und ihren Verhandlungen Ihnen, Mylord! möglicher Weiſe Beiſtand leiſten?» & Gerade durch Ihre Unbekanntſchaft mit allen Partheien. Ein kalter Zuſchauer, wie Sie, kann das Spiel beurtheilen. Sie kön⸗ nen mir mit Ihrer allgemeinen Menſchen⸗ — 320— kenntniß, und mit einer beſondern Art von Kenntniß dienen, die ich nimmermehr bei Ihnen vermuthet hätte. Ich meine die Kunſt zu dechiffriren, die Sie, wie ich geſtern durch Ihren Sohn Alfred erfuhr, verſtehen.» Lord Oldborough legte ihm die Tour⸗ vill'ſchen Papiere vor, berichtete wie ſie durch den Finanzrath Falkoner in ſeine Hände gekommen waren, zeigte ihm was Falkoner und ſein Sohn entziffert hatten, und worin die Schwierigkeiten beſtanden, und ſagte ihm, wie ſie hierbei hätten ſtehen bleiben müſſen, wegen der Unmöglichkeit das Wort Gaſſoc zu entziffern, oder einen Sinn dafür heraus⸗ zufinden. Alle Vermuthungen des Finanz⸗ raths, der Caſſoc, und der Biſchof und der Stockfalke und die Nachſuchungen in der Wappenkunſt, und die Wortſpiele über die . Waffenſchilde, und die Noten von Wilkins uͤber allgemeine Sprachen, und ein altes Entzifferungsbuch, welches dem Finanzrath . — 321— geliehen worden war, und alle Privat⸗ und officiellen Briefe, die Cunningham geſchrie⸗ ben hatte, wurden Percy'n mitgetheilt. «Was meinen Geſandten, Herrn Cunning⸗ ham Falkoner betrifft,» ſagte Lord Oldbo⸗ rough, indem er ein Paket Briefe von ihm aufnahm, gſo gedenke ich unſer Hauptgeſchaͤft nicht durch Anmerkungen über ihn und ſeinen Charakter aufzuhalten, und will nur bemer⸗ ken, was ich mit dieſen Zeichen(er wieß auf einige Striche mit Bleiſtift) beabſichtigte. Dieſe Figur bedeutet Mißtrauen, verſtehen Sie mich recht, und dieſe bloße Umſchweife — oder Unſinn.— Und hier,» fuhr Sr. Herrlichkeit fort,«iſt eine Liſte aller derjeni⸗ gen Perſonen im Miniſterium und außer dem⸗ ſelben, die möglicher Weiſe meine Feinde ſeyn können.„ Es war dieſelbe Liſte, deren ſich der Fi⸗ nanzrath früher bedient hatte, ausgenommen, daß der Name des Herzogs von Greenwich II. 21 — 322— . ausgeſtrichen, und zwei andere an deſſen Stelle gekommen waren, ſo daß jetzt ſtand— Herzöge von Doncaſter und Stratford— Lords Colemann, Naresby, Skreene, Twiſſel⸗ ton, Walthem, Wrerxſield, Chelſea und Lan⸗ caſter, Sir Thomas Cope, Sir James Skip⸗ worth, die Sekretaire Arnold und Oldſield.* Dieſe Liſte war mit Figuren in verſchie⸗ denartiger Dinte bezeichnet, bei jedem Na⸗ men der Grad der vermutheten Feindſchaft gegen Lord Oldborough angedeutet, und de⸗ ren wahrſcheinliche Gründe und Abſichten vom Finanzrath Falkoner hinzugefügt, jedoch ver⸗ beſſert und an manchen Stellen durch Noten von Lord Oldboroughs Hand widerſprochen. Sr. Herrlichkeit aͤußerte noch einige Vermu⸗ thungen und fügte, indem er die Liſte durch⸗ lief, einige Bemerkungen über einen Jeden hinzu—— „Doncaſter, ein Dummkopf— Strat⸗ ford, ein Geizhals— Colemann, ein Schelm — 323— — Naresby, non compos— Skreene, der Verdorbenſte unter den Verdorbenen— Twiſ⸗ ſelton, ein verwirrter Kopf— Walthem, ein bloßer Theoriſt— Wrerſield, ein Schwätzer — Chelſea, einer, der es mit beiden Par⸗ theien hält— Lancaſter, tief und dunkel— Sir Thomas Cope, ein Witzling, ein Port und ein Narr— Sir James Skipworth, ein feiner Finanzier— Arnold, geſchickt und thä⸗ tig, und Oldfield, ein Erzdiplomatiker.» «&nd dieß iſt eine kurze Schilderung der Männer, mit denen Ew. Herrlichkeit zu wir⸗ ken und zu leben genöthigt ſind?y fragte Percy.. & So iſt es.— Aber, lieber Herr Percy, laſſen Sie uns nicht auf Moralität und Phi⸗ loſophie zurückkommen. Dieſe haben nichts mit unſerm jetzigen Vorhaben zu thun. Alle, ſich auf dieſe Verhandlung beziehende Papiere ſind in Ihren Haͤnden. Dürfte ich Sie nun wohl um die Gunſt erſuchen, ſie durchzuſehen, 21* — 324— und einen Verſuch zu machen, ob Sie le mot d'enigme herausbringen können?— Ich werde Sie nicht ſtören.»— Lord Oldborough ſetzte ſich an einen klei⸗ nen Tiſch mit vielen Briefen und Memorials nieder, und war nach wenigen Minuten ganz darin vertieft. Er hatte ſich die ſeltene Kunſt zu eigen gemacht, ſeine Aufmerkſamkeit ſchnell von einem Gegenſtand zum andern zu richten. Ohne des Finanzraths unzählige Erläute⸗ rungen und Vermuthungen zu leſen, oder ſich um die von Cunningham aufgezeichneten Be⸗ merkungen zu bekümmern, welche wahrſchein⸗ lich nur dazu dienen ſollten, die Sache ver⸗ wierter zu machen, begann Percy die Origi⸗ naldokumente ſorgfältig durchzuſehen, und dann Lord Oldboroughs Noten über die Ab⸗ ſichten und Charaktere der verdächtigen Per⸗ ſonen, und den Gründen ihrer Feindſchaft, oder Unzufriedenheit damit zu vergleichen. Den Wahrſcheinlichkeiten, die er mit großer — 325— Geſchicklichkeit in dieſen Noten berechnet fand, fügte er die vorzüglichſten Namen bei, und verſuchte, ob er mit dieſen nicht eine Idee ausführen könnte, die ihm bei dem Wort Gaſſoc in den Sinn gekommen war. Er erin⸗ nerte ſich des, während Carl des Zweiten Regierung berüchtigten Wortes Cabal, und meinte, daß das cabaliſtiſche Wort Gaſſoc aus einer ähnlichen Verbindung entſtanden ſeyn könnte. Aber Gaſſoc war kein engliſches Wort, kein Wort in irgend einer Sprache.— Nach genauer Prüfung der Tourvill'ſchen Pa⸗ piere fand er, daß der Finanzrath in einer ſeiner Angaben bemerkt hatte, wie an eini⸗ gen Stellen C ſtatt G ſtände, und der Schrei⸗ ber zweifelhaft zu ſeyn ſchien, ob das Wort Gaſſoc oder Caſſoc hieße. Percy nahm Caſ⸗ ſock an, und fand darin die Anfangsbuchſta⸗ ben der ſechs Perſonen, welche in Lord Old⸗ boroughs Liſte obenan ſtanden— Chelſea— Arnold— Skreene— Skipworth— Old⸗ — 326— field— Colemann— und das letzte k, nach⸗ dem er lange vergebens geſucht hatte, wurde durch Kenſington(Herzog von Greenwich) ergänzt, deſſen Name, ſeit ſeiner Ausſöhnung und Heirathsverbindung mit Lord Oldborough, aus der Liſte geſtrichen geweſen war. Jeder Umſtand und Datum in den Touroill'ſchen Papieren traf genau mit dieſer Erklärung zu⸗ ſammen. Das ſo zuſammengeſetzte Caſſock klärte alle dunkeln Stellen auf, und was vor⸗ her unverſtändlich und geheimnißvoll geweſen war, wurde durch dieſe Lesart vollkommen verſtändlich. Dieſe Auslegung ſchien, wenn man ſie ein Mal wußte, ſo einfach, daß Lord Oldborough nicht begriff, wie er nicht früher darauf gefallen. Seine Freude war groß; er ſah ſich in dieſem Augenblick von aller Gefahr, Freund für Feind zu halten, befreit; er fühlte, daß die Feinde in ſeiner Macht waren, und genoß ſeines Triumphs. Lieber Herr Percy,» rief er— Sie — 327— wiſſen nicht, Sie können den Umfang des Dienſtes, den Sie mir geleiſtet haben, nicht erkennen. Weit entfernt, ihn in Ihren Au⸗ gen geringer machen zu wollen, wünſche ich, daß Sie in dieſem Augenblick ſeine ganze Wichtigkeit keunen lernen.— Durch Lady Old⸗ boroughs Tod, und durch manche andere Um⸗ ſtände, die hier nicht zur Sache gehören, verlor ich den Beiſtand ihrer Verwandten. Der Herzog von Greenwich, obgleich mein Verwandter, iſt ein ſchwacher Mann, und ein ſchwacher Mann kann nie ein guter Freund ſeyn.— Ich war umringt, unterminirt, der Boden unter mir hohl.— Ich wußte es; aber ich konnte keinen Verräther bezeichnen. — Jetzt weiß ich ſie alle, und das danke ich Ihnen. Ich ſtehe in dem Ruf, was man ſo nennt ſtolz zu ſeyn; aber Sie ſehen, ich bin nicht zu ſtolz, mir von einem Manne helfen zu laſſen, der mir noch nie erlaubte, ihm, oder einem Gliede ſeiner Familie, den ge⸗ — — 328— ringſten Beiſtand zu leiſten. Aber wozu dieß? — Sehen Sie dieſe Liſte durch. Schlagen Sie mir für irgend einen dieſer wichtigen Po⸗ ſten einen Menſchen vor, einen, dem ich ver⸗ trauen kann, der mir und dem Vaterlande ergeben iſt. Unterſuchen Sie die Liſte und bezeichnen Sie mit dem Finger die Stelle, die Ihnen convenirt.» Ich danke Ihnen, Mylord!» erwiederte Perey; sich erkenne Ihre gute Meinung, und bin Ihnen dankbar für die Beweiſe Ihrer Freundſchaft; aber ich kann kein Amt unter Ihrer Verwaltung annehmen.— So ſehr unſere Anſichten im Punkte der Ehre überein⸗ ſtimmen; ſo ſehr weichen unſere Grundſätze von einander ab. Aus dieſem Geſichtspunkt betrachtet, können Sie meine WMeigerun nicht mißbilligen.» Aber es giebt Aemter und Stellen, die ſie annehmen können, ohne daß Ihre politi⸗ ſchen Meinungen mit den Meinigen in Be⸗ — 329— rührung kommen.— Es iſt in der That für einen Miniſter ein ſonderbares Geſchaft, ei⸗ nen Edelmann zur Annahme eines Poſtens zu bereden, wenn er nämlich nicht mehr zurück⸗ erwartet, als er giebt.— Aber ich muß Sie zu einem der Unſrigen machen.— Sie ver⸗ ſuchten es bis jetzt noch nie mit dem Ehrgeiz,» fügte Lord Oldborough mit einem Lächeln hinzu.— Glauben Sie mir, Sie werden finden, daß der Ehrgeiz auch ſeine Freuden hat, ſeine ſtolzen Augenblicke, wenn ein Mann fühlt, daß er den Fuß auf den Nacken ſeiner Feinde ſetzen kann.» 1 Lord Oldborvugh ſtand da, als ob er dieſes ſtolze Gefühl in dieſem Augenblick em⸗ pfände.— Sie kennen die Reize des Ehr⸗ geizes nicht, Herr Percy.» Es mag ein entzückendes Gefühl ſeyn, den Fuß auf ſeines Feindes Nacken ſetzen zu können; aber ich für meinen Theil ziehe es vor, keinen Feind zu haben.» — 330— ⸗Keinen Feind!s ſagte Lord Oldborough. « Jeder Mann, der Charakter genug beſitzt, ſich Freunde zu erwerben, hat auch Charak⸗ ter genug, ſich Feinde zu machen— und man muß Feinde und Neider haben, wenn auch nicht ſeiner Macht und Stelle, doch ſei⸗ ner Talente und ſeines Eigenthums. Die Sphäare iſt niedriger, die Leidenſchaft die⸗ ſelbe.— Keinen Feind! Wie nennen Sie den, der vor Gericht mit Ihnen ging, und Ihnen Ihr Vermögen raubte?» Ich vergaß ihn— auf mein Wort, ich hatte ihn vergeſſen,» ſagte Percy.— My⸗ lord, Sie ſehen, wenn er mich auch meines Vermögens beraubte, ſo raubte er mir doch die Ruhe der Seele nicht.— Glauben Ew. Herrlichkeit,» ſagte Percy lächelnd, daß ir⸗ gend ein ehrgeiziger, ſeiner Stelle beraubter Mann mehr ſagen könnte?» « Sobald ich hierüber aus eigener Erfah⸗ rung ſprechen kann, ſollen Sie es erfahren,» erwiederte Lord Oldborough in demſelben Ton; gaber in dieſem Augenblick iſt, Dank ſey es Ihrer Entdeckung! wenig Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden, Ihnen dieſe Frage hin⸗ länglich beantworten zu können.— Doch zu unſerm Geſchäft; wir verſchwenden das Le⸗ ben!»— Jedes, nicht gerade zu einem po⸗ litiſchen Zweck führende Wort betrachtete Lord Oldborough als Zeitverſchwendung. Ihr Ultimatum? Wollen Sie einer der Unſrigen werden?» « Unmöglich, Mylord! Verzeihen Sie, wenn ich offenherzig bekenne, daß der ver⸗ trautere Blick in die geheimen Tiefen Ihres Innern, die Erkenntniß der Sorgen und Müh⸗ ſeligkeiten Ihres hohen Standpunktes mich noch deutlicher davon überzeugt haben, daß der Ehrgeiz nicht für mich iſt, daß meine Glückſeligkeit in einer andern Sphäre liegt.» Genug.— Ich habe das Meinige ge⸗ than.— Dieſer Gegenſtand iſt für immer — 332— unter uns abgeſprochen.— Eine Wolke, welcher augenblicklich ein Strahl der Freude folgte, zog über Lord Oldboroughs Geſicht, als er gleichſam zu ſich ſelbſt die Worte ſprach— Sonderbare Halsſtarrigkeit!— Bewunderungswürdige Feſtigkeit!— Und auch ich bin feſt, lieber Herr Percy!» ſagte er ſich an den Tiſch ſetzend.— Nun zum Geſchäft; aber ich bin meiner rechten Hand beraubt.)— Er klingelte und befahl, ſeinen Sekretair, Herrn Temple zu rufen. Percy wollte Ab⸗ ſchied nehmen; aber Lord Oldborough hielt ihn zurück.„ Ich habe keine Geheimniſſe vor Ihnen, Herr Percy— ich bitte, daß Sie bleiben, und das Ende des Caſſocks abwar⸗ ten.» Temple erſchien, und Lord Oldborough diktirte mit der ihn charakteriſirenden Ge⸗ ſchwindigkeit und Beſtimmtheit einen Brief an den König. Er legte Seiner Majeſtät die — 333— ganze, aus den Tourvill'ſchen Papieren ent⸗ deckte Intrigue vor, fügte ein Verzeichniß der Mitglieder des Caſſock' hinzu, und ſchloß mit der Bitte, daß Se. Majeſtät ihm die Erlaubniß, ſeine Stelle niederzulegen gewaͤhren möchte, wo⸗ fern nicht die Cabaliſten, welche ſeine Be⸗ mühungen für das Wohl des Landes und Sr. Majeſtät Dienſt in manchen Punkten mißlin⸗ gen gemacht hätten, aus Sr. Majeſtät Rath entlaſſen würden.— In einem andern Brief an einen Freund, welcher Zugang zu dem königlichen Ohre hatte, nannte Lord Oldbo⸗ rough diejenigen Perſonen, welche er, falls der König ſo gnädig ſeyn ſollte, ihn um Rath zu fragen, an die Stelle der Entlaſſe⸗ nen zu empfehlen wünſchte. Sr. Herrlichkeit bemerkte ferner, daß die, zwiſchen ſeiner Nichte und dem älteſten Sohn des Herzogs von Greenwich Statt gefundene Heirath, und die letzten Freundſchaftsbeweiſe Sr. Gnaden alle Furcht und Beſorgniß wegen ſeiner frü⸗ —— — 334— hern Verbindung mit dem Caſſock aufhöbe.— Lord Oldborough erſuchte daher Sr. Majeſtät, den Herzog im Miniſterium beizubehalten.— Alles dieſes war in den kürzeſten und deut⸗ lichſten Worten abgefaßt. „Herr Temple, wenn ich bitten darf keine geründeten Perioden, keine Phraſen, keine ſchöne Schrift; es muß gefühlt werden, daß dieſe Briefe geradeswegs aus meiner Seele kommen, und daß ſie von meiner Hand nur deswegen nicht geſchrieben ſind, weil dieſe Hand lahm iſt. Sobald die Gicht es mir er⸗ laubt, werde ich meinem König in Perſon aufwarten. Dieſe Arrangements laſſen ſich, davon bin ich überzeugt, durch die Zuſam⸗ menkunft des Parlaments treffen.— Unter⸗ deſſen befinde ich mich hier wohler wie in London, und kein Menſch wird ahnen, von wem der Schlag kam— noch was ich bereit bin zu geſtehen, wenn ich dazu aufgefordert werde.— Doch, laſſen wir die Caffeehaus⸗ — 1335— Politiker daruͤber entſcheiden, und die Land⸗ edelleute darüber ſchwatzen,» ſagte Lord Old⸗ borough lächelnd.—«Einige werden ſagen, das Miniſterium hätte ſich über indiſche An⸗ gelegenheiten zerſpaltet, Andere über ſpaniſche und wieder Andere über franzöſiſche.— Wie wenig wiſſen Sie Alle, was ſich hinter dem Vorhang zuträgt, und wer dort regiert!— Mögen ſie ſchwatzen, während ich handle.» Lord Oldboroughs Freude über dieſe Entdek⸗ kung ſtimmte ihn ſo heiter, daß er ſich mit einer Freimüthigkeit und guten Laune aus⸗ ſprach, die die wenigſten Menſchen an ihm kannten.— Temple ward ſogleich mit den Briefen in die Stadt geſchickt. „Das iſt ein Sekretair,» ſagte Lord Old⸗ borough, als Temple fort war, zauf den ich mich verlaſſen kann; und dieß iſt eine neue Verbindlichkeit, die ich Ihrer Familie ſchul⸗ dig bin— Ihrem Sohn Alfred.» Nun da das Geſchäft mit den Tourvill'“⸗ — 336— ſchen Papieren beendet war, ſprach Lord Old⸗ borough, ſonſt nicht gewohnt, ſich mit den geringern häuslichen Details zu befaſſen, von jedem einzelnen ihm bekannten Gliede der Percy'ſchen Familie, hauptſächlich von Gott⸗ fried, dem er Unrecht gethan zu haben ſich bewußt war. Um ihm dieſes unangenehme Gefühl zu erleichtern, erzählte Percy von ſei⸗ nes Sohnes Freude über Gaskoignes Erhe⸗ bung zum Oberſtlieutnant. Lord Oldborough ſuchte einen Brief, in welchem rühmliche Er⸗ wähnung des Capitain Perey gethan wurde, und drückte ihn dem glücklichen Vater in die Hand. Solche köſtliche Gefühle muß ich entbeh⸗ ren,» ſagte Lord Oldborough ſeufzend.— Nach einer Pauſe fügte er hinzu:& Mein Neffe, Oberſt Hauton, iſt unwiederbringlich verloren— ein leichtſinniger, ſelbſtſüchtiger, ſchlechter Menſch.— Ich baue nun auf mei⸗ — 337= ner Nichte, der Marquiſe von Twickenham Kind, das heißt wenn die Mutter—„ Noch eine längere Pauſe, während wel⸗ cher Lord Oldborough die Gläſer ſeiner Brille auf das Sorgfältigſte putzte. Seine Gedan⸗ ken gingen raſch von der Marquiſe auf John Falkoner, und von dieſem auf die mannich⸗ fachen Veranlaſſungen zum Verdruß und der Unzufriedenheit über, die ihm die verſchiede⸗ nen Individuen der Falkonerſchen Familie ge⸗ geben hatten. Er überlegte, daß nun, nach⸗ dem die Tourvill ſchen Papiere ganz entziffert waren, die Nothwendigkeit, ſich des Finanz⸗ raths und ſeines Sohnes Verſchwiegenheit länger zu erhalten, bald aufhören würde. Lord Oldboroughs Träumereien wurden in dieſem Augenblick durch den Anblick des, von ſeinem Ritt zurückkehrenden Finanzraths unterbrochen. ⸗Kein Wort von dem, was zwiſchen uns vorfiel gegen den Finanzrath Falkoner,v ſagte II. 292 — 338— Sr. Herrlichkeit—«kein Wort vom Caſſock. Ich warne Sie auf Ihrer Huth zu ſeyn. Sie können denen wohl vertrauen, mit denen Sie umgehen; aber das kann ein Mann in öffent⸗ lichen Dienſten, ein Miniſter nicht.»— «Ein neuer Grund, weshalb ich nicht Miniſter ſeyn möchte!» dachte Percy. Ich nahm es für gewiß an, daß der Finanzrath Ew. Herrlichkeit Vertrauen ganz beſäße.» « Und ich hielt Sie für einen zu guten Philoſophen, Herr Percy, um irgend etwas für gewiß anzunehmen.— Bedenken Sie, daß ich in einer Lage bin, in welcher ich Werkzeuge haben, und ſie gebrauchen muß, ſo lange ſie meinen Zwecken dienen können.— Herr! ich bin kein Miſſionär, ſondern ein Miniſter.— Ich muß mit den Menſchen und auf die Menſchen wirken, wie es gerade paßt. Ich bin kein Chemiker, der das Gold — 339— auflöſt und es läutert.— Doch hier koͤmmt der biegſame Finanzrath.» Lord Oldborough begann gleich mit ihm über ſein Geſchäft in dem Städtchen zu ſpre⸗ chen, ohne das geringſte Erbarmen mit ſei⸗ ner ſichtbaren Neugier zu zeigen. Perey war nicht wenig erſtaunt, einen Mann von guter Familie, und urſprünglich unabhängiger Lage ſich auf dieſe Weiſe vor ſeinem Gönner de⸗ müthigen zu ſehen. Falkoner hatte ſich an eine gewiſſe krümmende Unterwürfigkeit ge⸗ wöhnt, welche ſein ganzes Weſen veränderte, und ihm das Anſehen eines freien Menſchen benahm. Es war ſein Grundſatz, einem gro⸗ ßen Manne nie zu widerſprechen, ihm auf keine Weiſe Verdruß zu machen; er glaubte, dem Rang nie Ehrerbietung genug beweiſen zu können, und die Furcht, ſeines Gönners Gunſt durch einen Verſtoß zu verlieren, ging ſo weit, daß ſie nicht allein ſeine Stellung und Sprache, ſondern auch ſeine ganze Seele 22* — 340— anders geſtaltete. Er hatte den vollen Ge⸗ brauch ſeiner Fähigkeiten nicht mehr; er ſchien wirklich ſeine Geiſteskräfte ſo unterzuordnen und zu unterwerfen, daß ſein Verſtand in Nichts verwandelt wurde.— Percy erſtaunte üͤber die, mit ſeinem Vetter vorgegangene Veränderung; der Finanzrath war ebenfalls verwundert, nein, im höchſten Grade erſtaunt über Percy's Freimüthigkeit und Kühnheit. Großer Gott! wie können Sie wagen, auf dieſe Weiſe zu ſprechen?» rief Falkoner aus, als ſie die Treppe zuſammen hinunter gingen.— «Und warum nicht? Ich habe nichts zu fürchten oder zu hoffen, nichts zu gewin⸗ nen oder zu verlieren.— Lord Oldborough⸗ kann mir nichts geben, was ich annehmen würde, als ſeine Achtung, und die werde ich nie verlieren.» 3„ Staͤnde ich ſo in Gunſt, was würde ich daraus machen!» dachte der Finanzrath, in⸗ dem er ſich in den Wagen ſetzte. Percy be⸗ — 341— ſtieg ſein Pferd, und ritt ſeiner demüthigen Wohnung zu, froh, dem Freunde einen Dienſt erwieſen zu haben, noch weit froher, durch keine Kette politiſcher Abhängigkeit an den Miniſter geſchmiedet zu ſeyn, und ſich im Herzen Glück wünſchend, die Tourvill'ſchen Papiere, die Intriguen, die Liſten der Feinde und alle erforderliche Vorſichtsmaßregeln und Eiinrichtungen hinter ſich zurücklaſſen zu können. Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Graf Altenberg kam in Clermont⸗Park au, und da Lord Oldbokvugh immer noch durch die Gicht im Zimmer feſtgehalten wurde, ward der Finanzrath, zur groͤßten Freude ſei⸗ ner Gemahlin beauftragt, dem Grafen alles — 342— Sehenswerthe in dieſem Theil der Grafſchaft zu zeigen. Mrß. Falkoner arrangirte jeden Morgen eine Parthie, und wußte es immer ſo geſchickt einzurichten, daß Georgine mit dem Grafen zuſammenkam. Er ritt ausge⸗ zeichnet gut; Miß Falkoners hatten in einem berühmten Reithauſe reiten gelernt, und wa⸗ ren hocherfreut, ihre ritterliche Anmuth zei⸗ gen zu können. Wenn ſie zum Reiten nicht aufgelegt waren, hatte der Graf einen Phae⸗ ton, Mrß. Falkoner eine Barouche, und ent⸗ weder im Phaeton oder in der Barouche ſaß Georgine neben dem Grafen, der⸗ wie ſie bemerkte, außerordentlich ſchön fuhr. Der Graf wünſchte den Platz zu ſehen, wo Herr von Tourville Schiffbruch gelitten hatte, und die Percy'ſche Familie kennen zu lernen, von welcher er ſich⸗ nach Alfred zu urtheilen, und nach allem, was er von ihrer Gaſtfreiheit gegen die Schiffsleute gehört hatte⸗ eine günſtige Vorſtellung machte. Sein Wunſch — 343— ward nur zur Hälfte gewährt, die andere Haͤlfte ſchien in die Luft geſprochen. Mrß. Falkoner arrangirte eine Parthie nach Percy⸗ Hall. Sie meinte,& es würde ſie ſelbſt ſehr freuen, den Platz zu ſehen, da ſie zur Zeit des Unglücks abweſend geweſen. Der Finanz⸗ rath aber, der die Stelle und alle nähern Umſtände genau kannte, würde ihm alles zei⸗ gen, und Sir Robert Percy ſich durch des Grafen Beſuch ſehr geehrt fühlen.» Graf Altenberg hatte eine dunkle Erinne⸗ rung, von Alfred gehört zu haben, daß die Familie nicht mehr in Percy⸗Hall wohne; aber Mrß. Falkoners Erwähnung eines Per⸗ cy's ließ ihn glauben, daß er Alfred mißver⸗ ſtanden. Die Parthie nach Percy⸗Hall, be⸗ ſtehend aus Mrß. und den Miß Falkoners, den beiden Lady Arlingtons, Graf Altenberg und einigen andern jungen Leuten, ging an einem ſchönen Morgen vor ſich. Mrß. Fal⸗ koner ſchien ganz Freundlichkeit und Lächeln⸗ —— — 344— beide Miß Falkoner voll der ſchönſten Erwar⸗ tungen, und Georgine beſonders in roſen⸗ farbner Laune. Percy⸗Hall war wirklich ein reizender Punkt, den Arabella im Geiſte ſchon als ihr Eigenthum betrachtete. Man traf Sir Robert nicht zu Hauſe; nothwendige Ge⸗ ſchäfte hatten ihn dieſen Morgen in die Stadt gerufen; aber dem Verwalter und dem Haus⸗ hofmeiſter war der Befehl zurückgelaſſen, der Geſellſchaft das Haus und die Umgebungen zu zeigen. Nachdem ſie einige Zimmer durch⸗ gangen waren, kamen ſie an die zur Biblio⸗ thek führende Gallerie, in welcher mehrere Menſchen beſchäftigt waren, ein gemaltés Glasfenſter herauszunehmen, und ein anderes dafür einzuſetzen. Waͤhrend die Arbeiter die umherliegenden Werkzeuge aus dem Wege räumten, betrachtete die Geſellſchaft die ge⸗ malten Fenſter. Das Eine war mit Waffen⸗ ſtücken bemalt, das Andere ſtellte das Feuer in Perey⸗Hall und Carolinen vor, wie ſie — 34— die alte Amme die Treppe herunter führte. Dieſes Gemälde feſſalte des Grafen Aufmerk⸗ ſamkeit, und Miß Georgine, nicht ahnend⸗ wen es vorſtellte, rief wit. erkünſtelter Begei⸗ ſterung— Schön!— einzig ſchön! Weich ein reizendes Geſchöpf! s. Ja,» ſagte Graf Altenberg,&es s in eins der ſchönſten Oeſichter⸗ das ich je ge⸗ ſehen.» Die Damen kamen nun alle herbei, um das Bild in Augenſchein zu nehmen. Schön, ſehr ſchön! Finden Sie nicht eine entfernte Aehnlichkeit mit Lady Anna Cope?» fragte Miß Arabella. ˙O nein, Liebe! y rief Georgine— es iſt weit hübſcher, als Lady Cope.— Es hat einen Blick von Lady Marit Nesbitt,» ſagte Lady Arlington.—. In den Augen finde ich eine Aehnlichteit mit meinem Ideal, Lady Conningsby ,» tief Georgine. — 346— aUnd es hat ganz die Arlington'ſche Naſe,⸗ ſagte Mrß. Falkoner, einen Blick auf Lady Arlington werfend.— Graf Altenberg wiederholte, ohne ſeine Blicke davon abzuwenden— ges iſt das ſchönſte Geſicht, was ich jemals geſehen!— „ Doch kaum ſo ſchön, wie das Original,» ſagte der danebenſtehende Maler. „Das Original? Iſt es eine Copie 72— Ein Portrait, mein Herr!— Vermuthlich ein Familienportrait, eine unſerer Ur⸗ Ur⸗ Urgroßmütter,» ſagte Geor⸗ gine— cin ihrer Jugend, als Phantaſieſtück gemalt, nach dem damaligen Geſchmack— ſie muß außerordentlich ſchön geweſen ſeyn.» Ich bitte um Vergebung,» entgegnete der Maler, Adie junge Dame, deren Por⸗ trait Sie ſo eben bewundern, lebt noch, und iſt erſt kürzlich gemalt.»— Wo? wer kann ſie ſeyn?— Ich erin⸗ nere mich nicht, ſie geſehen, ſie jemals in —j 4— — 347— der Stadt oder ſonſt wo getroffen zu haben. — Sagen Sie, wer ſoll ſie ſeyn? fügte ſie, zu dem Künſtler gewendet, mit einem Gemiſch erzwungener Nachläſſigkeit, und wirk⸗ lichen Stolz hinzu. Miß Caroline Percy.* Eine Tochter Sir Robert Perc'ys, des Beſitzers dieſes Hauſes?» fragte der Graf mit vieler Wärme. 3 Mrß. Falkoner und te Tochter erwie⸗ derten, ihre unruhigen Blicke hinter des Gra⸗ fen Rücken verbergend, ſchnell— .O nein, nein, Graf Altenberg!» rief Mrß. Falkoner vortretend.— Keine Toch⸗ ter des Herrn dieſes Hauſes— eine andere Familie— Verwandte, aber entfernte Ver⸗ wandte des Finanzraths; er kannte ſie ſonſt, aber wir wiſſen gar nichts von ihnen.» Der Maler hingegen wußte viel von ih⸗ nen, und ſchien ſehr bereit, alles, was er — 348— wußte, zu erzählen, aber Mrß. Falkoner ging raſch weiter, indem ſie ſagte: nus Hierher geht unſer Weg; dieſer fuͤhrt in die Bibliothek, wo wir ſicher das Buch finden werden, was der Graf zu haben wünſchte.» 1 Aber der Graf vernahm ihre Worte nicht. Er ließ ſich vom Maler die Geſchichte des Feuers in Percy⸗Hall, der Veranlaſſung des Bildes erzählen; und hörte, wie Carolinens Geiſtesgegenwart und Menſchenfreundlichkeit die arme alte Frau vom ſichern Tod errettete. Der Maler hielt hier inne, und fuhr dann bewegt fort— Dieſe Frau war meine Mutter, und dieſe Percy's meine früheſten Wohlthäter, de⸗ nen ich nie dankbar genug ſeyn kann, für alles, was ſie an mir gethan haben.» Alle fühlten ſich durch ſeine einfachen Worte gerührt, nur Miß Falkoners nicht. „Ich glaube, dieſe Percy's waren in ih⸗ — — 349— rer Art recht brave Leute,» ſagte Miß Ara⸗ bella; Caber ihre gute Zeit iſt vorbei, und ohne Zweifel werden Sie in dem jetzigen Be⸗ ſitzer des Gutes einen eben ſo vorzüglichen Mann finden, wie ſein Vorgänger war.» Der Maler griff nach ſeinem Pinſel, und malte fort. «Ich kann gar nicht begreifen, wie Sie die geringſte Aehnlichkeit mit dieſem Geſicht und Lady Anna Cope, oder Lady Marie Nes⸗ bitt, oder eine von den Arlingtons finden konnten,» ſagte Miß Georgine, das Bild durch die Hand betrachtend.& Es iſt gewiß das Schönſte, was ich jemals geſehen, aber ihm fehlt der vornehme Ausdruck, ein gewiſ⸗ ſes Etwas, ohne welches—» «Graf Altenberg, ich habe das Buch, wovon Sie geſtern ſprachen, gefunden,» ſagte Mrß. Falkoner. ihre Aufmerkſamkeit; ſie ſchlug mehrere Blät⸗ Er nahm ihr das Buch ab, dantend für — 350— ter um, und wieß auf einige Kupferſtiche, die er zu bewundern genöthigt war; und wäh⸗ rend er bewunderte, fand ſie einen Augen⸗ blick Zeit, ihrer Tochter Georgine zuzuflü⸗ ſtern— Kein Wort mehr von dem Portrait— rede nicht davon, ſo bleibt es ein Portrait; aber hältſt Du Dich dabei auf, ſo machſt Du es zur Wirklichkeit.» Georgine war ſcharfſinnig genug, ihrer Mutter Welt⸗ und Menſchenkenntniß anzuer⸗ kennen, obgleich ſie nicht ſo viel Gewalt über ſich hatte, zu ſchweigen. Der arme Maler mußte nun ihren ganzen Unmuth aushalten, und ſich gefallen laſſen, daß ſie ſein Colorit, ſeine Draperie und ſeine Art zu malen auf's Unbarmherzigſte kritiſirte.— Mrß. Falkoner führte den Grafen mit ſich fort in die Biblio⸗ thek, wo ſie ihn ſo lange aufhielt, bis der Finanzrath, den einige Wahlgeſchäfte in dem benachbarten Dorfe aufgehalten⸗ ankam, und — 351— nun mit ihnen den Spaziergang durch den Park antrat. Georginens gute Laune kehrte wieder; ſie war von Neuem bezaubernd und alles ging vortrefflich, bis ſie an das See⸗ ufer gelangten, und der Graf den Finanz⸗ rath aufforderte,«ihm die Stelle zu zeigen, wo das Schiff verunglückte.“ Es verdroß ſie, daß ihr ſeine Aufmerkſamkeit abermals, und wieder durch dieſe unerträglichen Percy's entzogen werden ſollte.— Der Finanzrath rief einen bereit gehalte⸗ nen Bootsmann herbei, und fragte nach der Stelle, wo das holländiſche Schiff Schiffbruch litt.— Der Mann antwortete mürriſch, daß der rechte Fleck von hieraus nicht zu ſehen wäre, und man deshalb erſt ein gutes Stück im Kahn hinauffahren müßte. Den Stadtdamen erſchien die Idee zur See zu gehen ſchrecklich, und Georgine, ob⸗ gleich nicht geneigt, ſich von dem Grafen zu trennen, und von ihrer Mutter ſehr aufge⸗ — 352— muntert, fuhr doch mit Entſetzen zurück, als ſie das Boot betreten ſollte; ſie hielt die Hände vor die Augen, und betheuerte, sdie⸗ ſes Wageſtück ſelbſt nicht mit Graf Altenberg verſuchen zu können. 2— Nach einer Unzahl Worte ward endlich ausgemacht, daß bloß der Finanzrath den Grafen begleiten, alle Uebrigen aber ihren Spaziergang fortſetzen, und ſich am Thorweg des Parks endlich wieder zuſammenſinden ſoll⸗ ten.— Der mürriſche Bootsmann ruderte fort, und änderte bald ſeine Stimmung, als der Graf die Menſchenfreundlichkeit und Gaſt⸗ freiheit rühmte, mit welcher Herr Percy ſeine Landsleute behandelt hätte. Des Bootsmanns Zunge war nun mit einem Male gelöſt; er erzählte alle Umſtände des Schiffbruchs und erſchöpfte ſich im Lobe der ganzen Familie Percy. Er hatte gemeint, wer hierher kaͤme, den neuen Beſitzer zu beſuchen, könnte dem alten Gutsherrn nicht wohlwollen. Der Fi⸗ — 353— nanzrath befand ſich unterdeſſen in einem Zu⸗ ſtand, der ihm nicht geſtattete, etwas zu Gunſten ſeines neuen Freundes, Sir Robert Percy zu ſagen; er nahm eine Priſe nach der andern, ſah bald mit ängſtlicher Miene in die Tiefe des Waſſers, bald in die Höhe, und erhielt ſich nur mit Mühe aufrecht. Trotz der ſteten Uebung, ſeine körperlichen, ſowohl wie geiſtigen Gefühle aus Reſpekt gegen vor⸗ nehme Perſonen zu unterdrücken, fand er es jetzt doch bei aller Anſtrengung unmöglich, die Leiden ſeines Körpers und Gemüths zu ver⸗ bergen. Den redſeligen Bootsmann unter⸗ brechend, beſchwor er ihn, Sorge zu tragen, daß ſie kein Unglück nähmen, und geſtand end⸗ lich, daß er ſich ſehr unwohl befände. Der Graf gab augenblicklich die Idee weiter zu fahren auf, und bat den Bootsmann, ſobald als möglich ans Land zu ſtoßen. Sie lande⸗ ten in der Nähe des Dorfes, welches zu dem Ort des Zuſammentreffens führte; und da II. 23 — 34— der Finanzrath, im höchſten Grade übel und ſchwindlig, ſich zu einer längern Fußwande⸗ rung unfaͤhig fühlte, ſchlug er vor, nach dem Wagen zu ſchicken, und deſſen Ankunft im Wirthshauſe abzuwarten. Waͤhrend er eini⸗ ger Ruhe genoß, unterhielt ſich der Graf mit den Wirthsleuten, und hörte abermals viel Rühmliches von dem vorigen Beſitzer, in deſ⸗ ſen und ſeiner Familie Lob ſich die alten Leute erſchöpften. Sobald der Wagen kam und der Finanz⸗ rath ſich einiger Maßen erholt hatte, wieder⸗ holte der Graf ſeinen Wunſch, mit der Per⸗ cy'ſchen Familie bekannt zu werden. Falko⸗ ner war bei der Scene mit Carolinens Bild nicht gegenwaͤrtig geweſen, ging auch nicht in Mrß. Falkoners weitausſehende Heiraths⸗ pläne ein, die er gewöhnlich für thörichte Luftſchlöſſer erklärte. Deshalb bewieß er ſich ſehr willfährig, den Grafen, ſobald er es wünſchte, bei ſeinen Verwandten einzuführen. — 355— Als aber der Graf dieſes Umſtandes gegen Mrß. Falkoner erwähnte, bemerkte der Fi⸗ nanzrath, trotz des gefälligen Lächelns der Gemahlin, daß er einen Verſtoß begangen, wofür die Strafe nicht ausbleiben würde. Auch unterließ ſie nicht, ihn bei der erſten Gelegenheit mit Vorwürfen zu überhäufen. Nun werde ich alle mögliche Mühe ha⸗ ben, dem Grafen dieſe Idee wieder zu be⸗ nehmen,» rief ſie in der höchſten Entrüſtung. Ich war der Meinung, Du hätteſt einge⸗ willigt, dieſe Percy's fallen zu laſſen.» sAllerdings gedachte ich es zu thun,» ent⸗ gegnete der Finanzrath; gaber wie kann ich, wenn Lord Oldborough darauf beſteht, ſie zu heben?— Du mußt ſie beſuchen.— Ich!o rief Mrß. Falkoner mit dem Blick des Entſetzens—«ich! nimmermehr! Lord Oldborough ſucht vielleicht die Männer zu heben, aber um die Damen bekümmert er ſich ſicher nicht. Und Du weiſt, die Männer 23* — 356— können ſich immerhin beſuchen, ohne daß die Frauen deshalb verbunden ſind, ein Gleiches zu thun. Wenn es wegen Lord Oldborough nöthig iſt, magſt Du mit Percy auf dem al⸗ ten Fuß bleiben; doch rathe ich Dir, mich nicht hinein zu verwickeln— und wie es auch kommen mag, den Grafen nicht dort einzu⸗ führen.» Warum nicht, meine Liebe?» Weil ich meine Urſachen dazu habe.— Du warſt heute Morgen nicht mit in der Gallerie, als der Graf das gemalte Fenſter ſah.“— Der Finanzrath erbat ſich eine Erklärung, die jedoch nicht den gewünſchten Eindruck auf ihn zu machen ſchien. „Ich will thun, wie es Dir gefällt, meine Liebe, und dem Grafen wo möglich die ver⸗ ſprochene Einführung vergeſſen machen; aber glaube nur, Deine Furcht iſt eben ſo unge⸗ gründet, wie Deine Hoffnungen. Ihr Frauen — 357— nehmt es immer für gewiß an, daß die Män⸗ ner nichts als Liebesgedanken im Kopfe haben.* « Junge Männer pflegen dergleichen Ge⸗ danken im Kopfe zu haben,» entgegnete Mrß. Falkoner. In unſern Tagen ſehr ſelten,» erwie⸗ derte der Finanzrath. sUnd die Liebe über⸗ haupt, wie Du doch als vernünftige Frau, und als Frau von Welt wiſſen ſollteſt— aber keine Frau, ſelbſt nicht die vernünftigſte, kann es glauben— die Liebe überhaupt hat außerordentlich wenig mit den wirklichen Ein⸗ richtungen und Geſchäften in der Welt zu thun.» G «Außerordentlich wenig,» entgegnete Mrß. Falkoner gelaſſen— Laber ernſtlich geſpro⸗ chen, mein Theurer! es gilt hier eine vor⸗ treffliche Heirath für Georginen zu machen, wenn Du ſo gütig ſeyn wollteſt, mir nicht entgegen zu handeln.» Ich bin gewiß der Letzte, der Dir ent⸗ — 358— gegen zu handeln wagt, meine Liebe; aber es wird nicht gehen, und Du wirſt Georgi⸗ nen nur lächerlich machen, wie es ſchon meh⸗ rere Mal durch fehlgeſchlagene Liebesheirathen geſchehen iſt.— Ich muß Dir nur ſagen, daß Graf Altenberg eben ſo wenig ans Hei⸗ rathen denkt als ich— auch nicht der Mann darnach iſt, ſich leicht zu verlieben.» Er iſt ſchon mehr wie halb in Georgi⸗ nen verliebt,» ſagte die Mutter,&wenn ich anders Augen habe.* «Du haſt Augen, und ſehr ſchöne Augen, wie Jedermann weiß, und ich am Beſten; aber ſie haben einen Fehler.* &Fehler!» Sie ſehen manchmal mehr, als zu ſe⸗ hen iſt.* Du würdeſt nicht ſo ungläubig ſeyn⸗ hätteſt. Du das Entzücken geſehen, womit Graf Altenberg Georginen Harfe ſpielen höͤrte. Er iſt ein großer Muſikliebhaber.» — 359— «Und ein Freund der Malerei,»y ſagte der Finanzrath;&denn nach Deiner Erzäh⸗ lung ſcheint er ſich geſtern Morgen mehr wie halb in das Bild verliebt zu haben.» « Ein Bild iſt keine gefährliche Nebenbuh⸗ lerin, ausgenommen in einem neumodiſchen Roman,» erwiederte Mrß. Falkoner; Caber ſey vorſichtig, und bedenke, daß ich ſolche Sachen beſſer verſtehe. Ich warne Dich in Zeiten, hüte Dich vor dem Original, und ſprich nie wieder davon, dieſe Percy's zu be⸗ ſuchen; denn obgleich das Mädchen nur eine einfache Landſchönheit iſt, und Georgine un⸗ zählige Vorzüge hat, ſo kennt man doch die Lanunen der jungen Herrn manchmal nicht.» Der Finanzrath war zwar feſt überzeugt, daß Mrß. Falkoners Plan für Georginen nie gelingen würde, beſtritt jedoch dieſen Punkt nicht weiter; ſondern verließ das Zimmer, nachdem er alles verſprochen, was ſie ver⸗ langte; denn Verſprechungen koſteten ihm — 360— nichts. Auch that er, um ihr Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ſein Möglichſtes, das gegebene Verſprechen zu halten, und ſchlug deshalb den Ritt nach den Hills vor, als Lord Oldborough gerade mit dem Grafen in politiſches Geſpräch vertieft war, und keine Luſt bezeigte, es plötzlich abzubrechen. Man ließ den Finanzrath allein reiten, und er wurde von Mrß. Falkoner wegen ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit gelobt. Aber kaum hatte ſie ſich im Herzen Glück gewünſcht, dieſen Stein des Anſtoßes überſchritten zu haben, als ſie von Neuem zu zittern begann. Der Finanzrath hatte dem Lord vorgeſtellt, daß Anſtand und Höflichkeit erforderten, während ſeines Aufent⸗ halts auf dem Lande einen Ball zu geben. Er willigte ein, und Mrß. Falkoner über⸗ nahm wie gewöhnlich die Mühe, Sr. Herr⸗ lichkeit Gäſte zu bewirthen. Lord Oldborough, noch immer nicht von der Gicht befreit, nahm dieſes Anerbieten dankbar an. Seine Unfä⸗ — 361— higkeit, ſelbſt dabei zu erſcheinen, oder die Honneurs zu machen, war eine hinreichende Entſchuldigung, den Ball nicht in Clermont⸗ Park zu geben. 4 Der dienſtfertige Finanzrath erbat ſich eine Liſte derjenigen Perſonen, welche Sr. Herr⸗ lichkeit gebeten zu haben wünſchte, worauf Lord Oldborough zerſtreut erwiederte,«daß er Mrß. Falkoner die Wahl der Gäſte ganz überlaſſe.“ Doch übergab er dem Finanzrath denſelben Abend noch, als er von ſeinem Be⸗ ſuch in den Hills zurückgekehrt war, ein Ver⸗ zeichniß der zu dem Ball gebeten werden ſol⸗ lenden Perſonen, auf welcher Percy's obenan ſtanden. „Percy's! an dieſe dachte ich auch zuerſt,» ſagte der Finanzrath, ſein Geſicht ſorgfältig bewachend— gnur fürchte ich, wir werden nicht die Freude haben, ſie zu ſehen: die Entfernung iſt bedeutend, und ſie haben keine Equipage.» — 362— «Alle meine Wagen ſtehen zu ihrem Be⸗ fehl,» ſagte Lord Oldborough. Er klingelte und gab auf der Stelle die nöthigen Befehle dazu. 4 Der Finanzrath berichtete das Vorgefal⸗ lene ſeiner Frau, und bemerkte, daß er, um ihr gefällig zu ſeyn, das Aeußerſte bei Lord Oldborough gewagt hätte, wie er an ſeinem Blick und Ton wahrgenommen, und daß jetzt nichts zu thun ſey, als Percy's ſobald als möglich zu beſuchen, und ihnen eine Einla⸗ dungskarte zum Ball zu ſchicken. « Und meine Liebe, was Du thuſt, muß mit guter Art gethan werden,» fügte der Finanzrath hinzu, als er unverkennbaren Ver⸗ druß in den Zügen ſeiner Frau las. Nun wohl, Du wirſt Deine Tochter zeitlebens behalten, voilà tout 1* „Dieſer Umſtand iſt für mich nicht min⸗ der traurig als für Dich; aber was iſt zu machen?— Wir dürfen das Gewiſſe nicht — 363— aufopfern, um einem Schatten nachzulaufen. Lord Oldborough könnte kurz abbrechen.»— Schwerlich wegen einer ſo unbedeuten⸗ den Kleinigkeit wie dieſe, wobei keine Poli⸗ tik im Spiele iſt. Welches Intereſſe kann das Kommen oder Nichtkommen der Percy'⸗ ſchen Damen für den Lord haben, für einen Mann, der in ſeinem ganzen Leben nicht an Bälle dachte, und ſich nie um Weiber beküm⸗ merte— am wenigſten um dieſe, die er noch gar nicht kennt.» „Darüber kann ich keine Auskunft geben; doch iſt hier der ſeltene Fall einer alten Freund⸗ ſchaft. Ich weiß nicht, wodurch es unſerm alten Vetter Percy gelungen iſt, dem Lord näher zu treten, wie irgend ein anderer Sterblicher— ſeinem Herzen näher.» Herz! Freundſchaft!y wiederholte Mrß. Falkoner mit dem Ton unausſprechlicher Ver⸗ achtung. Wohl! ich wünſchte nur, Du hät⸗ teſt dem Lord nichts von der Sache geſagt, — 364— und ich könnte ſie ſelbſt einrichten.— Kann man ſich nur eine ſolche Ungeſchicklichkeit vor⸗ ſtellen! War es jetzt, wenn Du Percy's obenan in der Liſte ſahſt, wohl Zeit, etwas von Furcht, daß ſie nicht kommen würden, zu ſagen? Meinſt Du, Lord Oldborough könnte Furcht nicht in Hoffnung überſetzen? Und dann die Erwähnung, daß ſie keine Equipage haben!— Sie hätten die Einladung ſicher abgeſchlagen, und wir bis zum Abend des Balls nichts davon geſagt.— Und ich wette, Lord Oldborough würde nicht wieder daran gedacht, und nicht darnach gefragt haben. Aber ſo einfäaltig ihm Hinderniſſe in den Weg zu legen, da Du doch ſelbſt am beſten weiſt⸗ daß der geringſte Widerſtand ſeinen Willen unwandelbar feſt macht. Wenn Sr. Herrlich⸗ keit eines Bettelweibes Namen obenan geſetzt, und Du den Einwurf gemacht hätteſt, daß ſie keine Equipage beſitzt, ſo würde er gleich antworten: sſie ſoll meine haben.“— Nein! —.— —,—— — 365— Es iſt wirklich kaum glaublich, daß ein ver⸗ nünftiger Menſch ſo kopflos handeln kann.» Meine Liebe,» ſagte der Finanzrath, s und wenn Du mir von jetzt an bis morgen früh Vorwürfe machſt, ſo wird das Ende vom Liede ſeyn, daß Du Percy's beſuchſt. Ich ſage, Mrß. Falkoner,» fügte er hinzu, einen entſcheidenden Ton annehmend, den er bei Lord Oldborough oft gehört, aber ſelten Muth und Gelegenheit gefunden, ihn zu Hauſe anzubringen.— Ich ſage, Mrß. Falkoner, der Beſuch muß gemacht werden.“— Er zog die Klingel mit gebietender Miene und be⸗ ſtellte den Wagen. Ein ſolcher Zwangsbeſuch konnte nicht an⸗ genehm ſeyn; es fehlte nicht an Klagen über den ſchlechten Weg, die ſchreckliche Entfer⸗ nung und die fürchterliche Nothwendigkeit, höflich zu ſeyn. Miß Falkoners hatten nicht geglaubt, eine ſo leidliche Wohnung zu fin⸗ den. Miß Georgine hoffte wenigſtens Miß — 366— Carolinen zu ſehen; ſie geſtand, neugierig auf das ſchöne Original zu ſeyn, wovon der Ma⸗ ler und ihr Bruder Buckhurſt ſo viel erzählt hatten. Aber Mrß. Percy und Roſamunde waren allein zu Hauſe, Caroline mit ihrem Vater ſpazieren gegangen. Mrß. Falkoner, welche unterdeſſen ihre Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte, ſtellte ſich der Couſine mit lächelnder Freundlichkeit vor, und ſagte, wie ſehr ſie wünſchte, die Geſellſchaft ihrer Freunde und Verwandten zu genießen. Es klang alles ſo glaubwürdig, daß Roſamunde ſehr geneigt war, wenigſtens die Häͤlfte der ſchönen Worte für baare Münze zu nehmen, und alles Unrecht, deſſen ſich die Familie ſchuldig gemacht, auf den Finanzrath zu ſchieben, den ſie wegen ſeines Betragens gegen Buckhurſt nicht leiden konnte, und als einen weltlich⸗geſinnten Hofmann aufgegeben hatte.— Aber wäͤhrend der Mutter feines Benehmen Roſamundens Herz gewann, konnte — 367— ſie, trotz des beſten Willens, den Töchtern keinen Geſchmack abgewinnen. Schweigend, und mit hochmüthiger Nachläſſigkeit muſterten ſie alle lebende und lebloſen Gegenſtände im Zimmer. Es ſchien, als ob ihre Körper aus Verſehen hereingebracht, und ihre Seelen draußen gelaſſen worden wäͤren. Dieſer Zu⸗ ſtand war nicht etwa Folge einer ungewöhn⸗ lichen Blödigkeit, ſondern der innigen Selbſt⸗ zufriedenheit und des ſtolzen Gefühls, ganz anders zu ſeyn, als dieſe Menſchen, in deren Geſellſchaft man ſie wider ihren Willen ge⸗ zwungen hatte. Einige Mal drehten ſie die Köpfe mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit nach der Thüre, in der Hoffnung, Carolinen ein⸗ treten zu ſehen; aber obgleich der Beſuch in Erwartung ihrer Zurückkunft verlaͤngert wurde, mußten ſie doch endlich aufbrechen, ohne ihre Neugier befriedigt zu haben. Mrß. Falko⸗ ners Beſorgniß wurde durch dieſe erſte Zu⸗ ſammenkunft nicht vermindert. Nach Mrß. Percy und Roſamunden zu urtheilen, konnte Caroline mit ihrer geprieſenen Schönheit Geor⸗ ginen allerdings gefährlich werden, und ihr richtiges Gefühl ſagte ihr, daß beider Damen Unterhaltung und ganzes Weſen einen wohl⸗ gezogenen, unterrichteten Mann wie dem Gra⸗ fen gefallen könnte, vielleicht beſſer, als der modiſche Ton und die vornehmen Manieren des heutigen Tages, deren ganzen Werth zu erkennen er noch nicht lange genug in Eng⸗ land geweſen war. Mrß. Falkoner hegte im⸗ mer noch die geheime Hoffnung, daß einige Schwierigkeiten wegen des Anzugs, oder ir⸗ gend eine glückliche Erkältung dieſe gefäͤhr⸗ lichen Percy's davon abhalten ſollten, die Einladung zum Ball anzunehmen. Aber die Antwort auf ihre Karte lautete: werden die Ehre haben aufzuwarten.»— «Meine Liebe, Du bennruhigſt Dich wirk⸗ lich unnöthiger Weiſe,» tröſtete ſie der Fi⸗ nanzrath.«Deine Furcht iſt ganz ungegrün⸗ — 369— det, glaube mir.— Ich hatte geſtern eine lange Unterredung mit dem Grafen, woraus ich deutlich ſah, daß nur der Wunſch, Per⸗ cy'n, der ihm als ein vorzuüͤglicher Mann ge⸗ ſchildert worden iſt, im Namen ſeiner Lands⸗ leute für den, ihnen erwieſenen Beiſtand zu danken, ihn veranlaßt, ſeine Bekanntſchaft zu ſuchen. Du wirſt ſehen, daß er ſich um die Damen gar nicht bekuͤmmert.» Mrß. Falkoner ſeufzte und biß dis Lip⸗ pen zuſammen. Ich mache mich anbeiſchg; fuhr der Finanzrath fort, anach einem halbſtündigen Geſpräch die herrſchende Leidenſchaft jedes Mannes, jung oder alt, herauszufinden. Und ich ſagte Dir ſchon früher, daß der Ehrgeiz des Grafen herrſchende Leidenſchaft iſt.» 1 Herrſchende Leidenſchaft, wiederholte Mrß. Falkoner ſpöttiſch— eins von Deinen Buͤcherwörtern und Bücherbemerkungen, die Dich immer irre leiten. Herrſchende Leiden⸗ II. 24 ſchaft! ſpitzfündiger Unſinn! Als ob die Män⸗ ner ſehr beſtändige Geſchöpfe wären, ſich von einer Leidenſchaft allein beherrſchen zu laſ⸗ ſen, während oft zehn verſchiedene auf ein Mal in ihnen wüthen, man kann in der einen Stunde nicht ſagen, welche die herrſchende in der andern ſeyn wird. Sage mir die herr⸗ ſchende Mode, und ich will Dir die herr⸗ ſchende Leidenſchaft nennen.— Glücklicher Weiſe,» fuhr Mrß. Falkoner nach einer Pauſe tiefen Nachdenkens fort— Glücklicher Weiſe iſt Georgine ſehr in der Mode— eine der modernſten jungen Damen in England, was der Graf bemerkt haben muß, wie er in Lon⸗ don war. Nur iſt die Frage, ob er wohl ſchon im Stande iſt, die engliſchen Sitten hinlänglich beurtheilen zu können. Georgine muß ſchön gekleidet ſeyn; ich habe den Gra⸗ fen ſondirt, und kenne ſeinen Geſchmack. Finanzrath— ich muß um etwas Geld bitten.» « Mrß. Falkoner, ich habe kein Geld. Und wenn ich es hätte,» fuhr er aufgebracht, wie immer, wenn dieſes Kapitel berührt wurde, fort,«und wenn ich es hätte, würde — — 371— ich es nicht an ein ſicher verlohrenes Spiel ſetzen. Unſinnige Spekulation! Georgine hat nicht mehr Ausſicht auf des Grafen Hand, wie jedes andere engliſche Mädchen, und waͤre ſie ſchön wie Venus, und in Banknoten ge⸗ kleidet. Da Du mich ein Mal ſo weit ge⸗ bracht haſt, muß ich Dir ein Geheimniß mit⸗ theilen— Aber den Fluß ſeiner Rede ſelbſt hem⸗ mend, ſtand Falkoner einige Augenblicke in tiefem Schweigen, und fuhr dann gemäßigter fort. Graf Altenbergs Streit mit dem Erb⸗ prinzen iſt wieder ausgeglichen; ich weiß aus ſichern Quellen, daß er des Prinzen erſter Miniſter wird, ſobald dieſer zur Regierung kömmt, und der jetzige Fürſt iſt in einem ſo ſchwachen Zuſtand, daß man ſein Ende jeden Augenblick erwartet.» « Sehr wohl, ſehr möglich— ich freue mich darüber,» ſagte Mrß. Falkoner; gaber worin beſteht das Geheimniß? «Ich habe nach reiflicher Ueberlegung be⸗ ſchloſſen, es nicht zu verrathen, nur darüber kann ich Dir die beſtimmte Verſicherung ge⸗ — 32— ben, daß es vergebene Mühe iſt, auf den Grafen für Georginen zu ſpekuliren.» Iſt er verheirathet? Beantworte mir dieſe einzige Frage, und ich will nichts wei⸗ ter wiſſen.» Nein, nicht verheirathet! Aber deunoch bitte ich, Dich aller ſolcher Gedanken zu ent⸗ ſchlagen, ſonſt machſt Du das Maͤdchen lächer⸗ lich und Dich dazu. Demohngeachtet dürfen wir es dem Grafen nicht an Aufmerkſamkeiten fehlen laſſen; was wir jetzt thun, wird uns bald hundertfältig vergolten, und vielleicht früher, als wir erwarten. In einem Monat kann er ſchon erſter Miniſter und Günſtling des Fürſten ſeyn, und dann ſteht es in ſei⸗ ner Macht, Cunninghams Intereſſe zu beför⸗ dern. Darauf ſpekulire ich, Mrß. Falkoner, denn ich bin weitſehend in meinen Plänen.» „Schon gut! die Zeit wird es ausweiſen. Ich freue mich, daß er nicht verheirathet iſt,» ſchloß Mrß. Falkoner.— Das Uebrige wird ſich finden.*— ————ÿʒ———————————— — fſſſſſſſſſſſſſſſ 15 16