Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von.. Eduard Otfkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biöliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 ſ für eechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— au Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Ferriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchertzte, der⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.—— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 83 — —,————— 8 r— 2. 3——— — Goͤnnerſchaft. Maria Edgeworth. Aus dem Engliſchen uüberſetzt von Louiſe Marezoll. Er ſter The. —————————— Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Joh. David Sauerlaͤnder. 1 8, 2 8. —— —,—— Vorwort der Ueberſetzerin. Der Roman, den ich hiermit dem deut⸗ ſchen Publikum uͤbergebe, haͤtte laͤngſt ſchon eine Ueberſetzung verdient, indem er mit Recht allen fruͤhern und ſpaͤtern Arbeiten der ruͤhmlichſt bekannten Miß Maria Edge⸗ worth an die Seite zu ſtellen, ja ich moͤchte wohl behaupten, vorzuziehen iſt. Wes⸗ halb er bei der jetzt herrſchenden Wuth alles, auch das Mittelmaͤßigſte fremder, und be⸗ ſonders engliſcher Literatur ins Deutſche zu uͤbertragen, keinen lirſeber fand, iſt mir 1 — 4— nicht recht begreiflich, da ich nach genauer Pruͤfung des Werkes, außer dem Titel keine Schwierigkeit fand. Dieſe zu uͤberwinden hielt ich mich genau ans Original; und da patron unbedingt durch Goͤnner uͤberſetzt werden kann und muß, ſo wird es mir auch verſtattet ſeyn, das minder anerkannte Wort Goͤnnerſchaft fuͤr patronage zu gebrau⸗ chen. Deutſch iſt es, ob aber durchgaͤngig in dieſem Sinn gebraͤuchlich, wage ich nicht zu behaupten. Der geneigte Leſer wird am Schluß des Buches meiner Meinung bei⸗ ſtimmen, daß es hier das allein anwend⸗ bare iſt. —— — —— Erſtes Kapitel. —q— Ein heftiger Sturm hatte ſich erhoben. Roſa⸗ munde, die ältere Tochter des Hauſes, ſchaute mit immer ängſtlicheren Blicken durchs Fenſter in die dunkle Nacht hinaus, und außerte ihre Beſorgniß wegen der armen Leute auf der See. Ihr Bruder Gottfried ſcherzte über den hohen Grad allgemeiner Menſchenliebe, fragte neckend,«ob ſie etwa einen Geliebten auf fernem Meere wiſſe, und gab ihr den Troſt, daß dieß noch gar kein rechter Sturm, ſondern nur ein Aequinoctialwind ſey. Auf jeden Fall könne aber ein Schiffbruch intereſſant ausfallen, liebenswürdige Fremde an die Küſte verſchlagen und die erſten Fäden zu einem — 6— Roman geknüpft werden.“ Roſamunde ver⸗ theidigte ihre verdächtig gemachte Menſchen⸗ liebe mit großer Lebhaftigkeit, betheuerte weder auf dem Lande noch auf dem Meere einen Geliebten zu beſitzen, für den das arme Herz angſtlich ſchlagen müſſe, und rief Mutter und Schweſter zu Zeugen und zum Beiſtand ge⸗ gen den Bruder auf, der, als Soldat, ſogar in ſolchen gefährlichen Augenblicken ſcherzen könne. Eben trat auch Herr Percy, der Vater, hinzu, als ihn Roſamunde auf ein fernes Licht links vom Leuchtthurm aufmerk⸗ ſam machte. In demſelben Augenblick fielen auch Schüſſe, und nun war es nicht mehr zu bezweifeln, daß ſich wirklich ein Schiff in Ge⸗ fahr befinde. Der Schall kam aus der Nähe. Percy eilte ſogleich mit ſeinem Sohn nebſt ihren Leuten und mehreren Bauern zu Hülfe. Sie fanden ein Schiff auf einer Klippe feſt⸗ ſitzend, und die Gefahr dringend. Dennoch weigerten ſich die anweſenden Schiffer ſich in ——— — 7˙— der Nacht auf die See zu wagen, und ſchwu⸗ ren,«daß ſie ſich vor Tagesanbruch nicht rühren würden, möchte auch auf dem Schiff ſeyn, wer da wolle. Jeder Verſuch bei ſolcher Finſterniß ſey Wahnſinn, ja gewiſſer Tod.*»— Ohne weiteres Beſinnen ſprang Gott⸗ fried in den nächſten Kahn. Sein Vater folgte mit gleicher Unerſchrockenheit, aber mit mehr Vorſicht, indem er ſich erſt des Bei⸗ ſtands der Bauern verſicherte. Nun blieben auch die beſchämten Schiffer nicht zurück. Bald kamen ſie dem Schiff nahe genug, um das Rufen der Unglücklichen zu verſtehen. Man erfuhr, daß es ein holländiſches Schiff ſey, welches durch das Küſtenlicht irre gelei⸗ tet, auf einen Felſen gerathen, und jeden Augenblick zu ſinken drohe. Kaum hatten ſich die Boote genähert, ſo ſtürzte der Haufen mit ſolcher Haſt und Unordnung hinein, daß ſie ſich mit Mühe vom Untergang retteten. Percy rief mit lauter, 7 — 8— befehlender Stimme zuruͤckzubleiben, und ver⸗ ſprach wiederzukehren, um die Uebrigen zu holen; da erhob ſich mit kläglichem Ton eine franzöſiſche Stimme: &Mein Herr! mein Herr Engländer! nur noch einen Augenblick!» Percy ſah zurück und erblickte im Schein des Mondes eine Geſtalt mit ausgebreiteten Armen auf dem Verdeck ſtehend. Ich bin Herr von Tourville— chargé d'affaires, mit Papieren von der höchſten Wichtigkeit— Depeſchen.»— Jetzt iſt es unmöglich Sie mitzuneh⸗ men,» rief Percy.«Unſer Boot iſt übervoll; ich komme noch ein Mal zurück. Und damit wiederholte er den Befehl umzukehren. Herr von Tourville machte einen Verſuch hineinzuſpringen. Thun Sie es um Gotteswillen nicht!o jam⸗ merte eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. — 9— „Verſuchen Sie es nicht, oder wir ver⸗ ſinken Alle,» donnerte ihm Percy zu. Herr von Tourville aber warf die Frau zur Seite und war eben im Begriff ſein koſt⸗ bares Leben, trotz aller Warnung in Sicher⸗ heit zu bringen, als Percy das Ruder ergriff, ſchnell abſtieß und dadurch das Umſchlagen des Kahns verhütete. Herr von Tourville fiel ins Waſſer. Man wartete den Ausgang der Sache nicht ab. Das Leben der Vielen konnte des Einzelnen, Selbſtſüchtigen wegen, nicht auf⸗ geopfert werden.— Mit unendlicher Gefahr kehrten Percy und Gottfried noch einmal zu dem Wrack zurück. Herr von Tourville war nicht ertrunken, theilte freudig das Boot mit den übrigen Leidensbrüdern, und Percy und ſein Sohn hatten die Beruhigung, Alle glück⸗ lich ans Ufer zu bringen. Sobald ſich Herr von Tourville auf dem — 10— Trocknen befand, vereinigte er ſeinen Dank mit dem der andern Geretteten. Gottfried übernahm es, einige Paſſagiere und das Schiffsvolk im Dorfe unterzubringen, und Percy lud den Capitain, Herrn von Tour⸗ ville und den Reſt der Paſſagiere nach Percy⸗ Hall ein, wo Mrß. Percy und ihre Töchter alles zur gaſtlichen Aufnahme bereitet hatten. Nachdem ſie gehörig getrocknet, erwärmt und durch Speiſe und Trank erquickt waren, ſuchte ein Jeder, was ihm das nöthigſte ſchien— Ruhe. Auch die höchſt ermüdete Familie Percy ſehnte ſich nach dieſem köſtlichen Kleinod; nur Roſamunde nicht, deren lebhafte Fan⸗ taſie durch die Begebenheiten der Nacht zu ſehr aufgereizt war. Sie begann über jeden einzelnen Umſtand und die möglichen Folgen des Abentheuers mit ihrer Schweſter Caroline zu ſprechen. Doch dieſe, viel zu ſchläfrig um vollſtändige Antworten zu geben, begnügte ſich mit: Ja! Nein! Du haſt Recht! aber — 11— auch dazu fühlte ſie ſich bald unfähig und antwortete nur durch unartikulirte Töne, bis Roſamunde voll Erſtaunen und nicht ohne Verdruß den bewußtloſen Zuſtand bemerkte, und keinen Zuhörer mehr findend, endlich auch den Schlaf ſuchte. Nach wenigen Stunden legte ſich der Sturm, und als ſich die Familie und ihre ſchiffbrüchigen Gäſte am andern Morgen zum Frühſtuͤck verſammelten, war der Himmel ruhig und heiter. Zu Roſamundens Verdruß er⸗ ſchien Herr von Tourville nicht. In der ſchreckensvollen Nacht war keine Gelegenheit geweſen ihre Neugier zu befriedigen. Jetzt, als ſie die um den Theetiſch ſitzenden Perſo⸗ nen muſterte, fand ſie nichts, was eine lebendigere Theilnahme erwecken konnte. Die wohlbeleibten holländiſchen Kaufleute hatten das Anſehen fleißiger, gelderwerbender Män⸗ ner, die wenig ſprachen und deſto mehr aßen. — Gleich nach dem Fruhſtück eilten ſie, von — 12— Vater und Sohn begleitet, an die Küſte um nach dem Eigenthum zu ſehen. Herr Perey war ſo vorſichtig geweſen die ganze Nacht wachen zu laſſen. Die Ladung hatte durchs Waſſer gelitten; aber dieſen Schaden abgerech⸗ net, war alles Andere ohne Bedeutung. Der beſte Theil der Güter fand ſich gerettet. Da es vorauszuſehen war, daß die Wieder⸗ herſtellung des Schiffes eine längere Zeit er⸗ forderte, ſo beſchloſſen die preußiſchen und ham⸗ burgiſchen Paſſagiere mit dem erſten günſtigen Wind aus dem nächſten Hafen weiter zu rei⸗ ſen, und ſchlugen Percy's Einladung, dieſen in ſeinem Hauſe abzuwarten, mit gebühren⸗ den Dankſagungen aus. Auch die hollän⸗ diſchen Kaufleute hielten es für das Sicherſte, mit ihren Waaren zu gehen. Sie wünſchten demnach Herrn Percy einen guten Morgen, viel Glück im Lehen und Handel, und fügten noch hinzu: ſollte jemals ein Wechſel des Glücks bei Ihnen, lieber Herr Percy, ein⸗ — 12— treten(auf feſtem Lande ſo leicht möglich, wie auf dem Meere) ſo erinnern Sie ſich der Namen Grinderweld, Grönsveldt und Slid⸗ derſchild aus Amſterdam und unſerer Londner Correſpondenten Panton und Comp. Damit zogen ſie ab, immer ein Auge auf ihre Waa⸗ ren geheftet. Es war bald Mittag als Percy nach Hauſe kam, und noch war Herr von Tour⸗ ville nicht zu ſehen. Er hatte die ganze Zeit eines erquicklichen Schlafs genoſſen. Am Bord des Schiffs beſaß er nichts als ſeine im Koffer und Mantelſack wohl eingepackte Kleidungs⸗ ſtücke, und für dieſe zu ſorgen hatte er ſeinem Bedienten, Comtois, überlaſſen. Sie wurden gebracht und wenige Minuten nach⸗ her trat Herr von Tourville ins Zimmer, nicht mehr in dem unanſehnlichen Aufzug eines ſchiffbrüchigen Seemannes, ſondern höchſt zierlich gekleidet, Wohlgerüche verbreitend, lächelnd, ſich verbeugend und Entſchuldigungen machend. Die Männer des Hauſes, die ihn in der letzten Nacht im angſtlichen, furcht⸗ ſamen, durchnaͤßten Zuſtand geſehen hatten, er⸗ kannten ihn kaum wieder. Ein Franzoſe kann in kurzer Zeit mehr Worte machen, und mehr von ſeinem werthen Ich erzählen, als Menſchen anderer Nation. So hatte Herr von Tourville die wenigen Minuten vor Tiſch dazu benutzt, der Geſell⸗ ſchaft zu verkünden, daß er Geheimer Se⸗ kretair und Vertrauter des Miniſters eines deutſchen Hofs ſey. Daß er ſich trotz dieſer Würde ohne geziemendes Gefolge auf einem holländiſchen Kauffartheiſchiff befunden, ſey geſchehen das verſprochene ſtrenge Inkognito zu bewahren, und nur die Schreckniſſe der vergangenen Nacht hätten ihm ſein Geheinn⸗ niß entreißen können.» Während der Mahlzeit entwickelte Herr von Tourville alle Gewandtheit und Geſchmei⸗ digkeit des feinen Weltmannes. Mit gänz⸗ licher Selbſtverläugnung machte er Jedermanns Meinung zu der eigenen, wogegen das ſelbſt⸗ ſüchtige Betragen während der perſönlichen Gefahr nicht wenig abſtach. Und doch war der Einfluß der gegenwärtigen, ausgezeichneten Höflichkeit ſo groß, daß ſein früheres Be⸗ nehmen darüber von den meiſten Gliedern der Familie vergeſſen wurde. Kaum waren die Damen in ihrem Zimmer allein, als eine lebhafte Unterhaltung über Herrn von Tourville's Verdienſte und Fehler begann. Roſamunde erſchöpfte ſich in den wiederſprechendſten Urtheilen über ſeinen Cha⸗ rakter, und blieb endlich dabei ſtehen,& daß er doch im Grunde ganz angenehm ſey. 2 Dieſem Ausſpruch konnte Caroline unmög⸗ lich beiſtimmen. Sie erinnerte Roſamunden an ſein feiges, eigennütziges Betragen, wie er nur an ſich gedacht, und durch große Liebe zum eigenen Leben beinahe den Vater und Bruder um das ihrige gebracht habe. Dies — 46— entſchuldigte Roſamunde mit übertriebener Angſt und völliger Beſinnungsloſigkeit, und ſchalt Carolinen undankbar, den Mann ſo ſtreng zu tadeln, der ſie ſo ſehr verehre.— Und wenn er es thäte,» erwiederte Caroline,«ſo könnte dieß meine Meinung von ihm nicht äͤndern.„ Roſamundens Antwort ward durch den Eintritt der Maͤnner unterbrochen. Herr von Tourville wandte ſich gleich an Mrß. Percy und ſagte in gewählten Ausdrücken, viel ſchönes über die herrliche Ausſicht, den an⸗ muthigen Park und das üppige Grün der engliſchen Wieſen. Darauf betrachtete er die Gemälde im Saal, blätterte in allen Büchern, verſuchte die Titel zu leſen und unterließ nicht, als er Nelſons Biographie fand, in Lob und Preis über den Seehelden auszu brechen. Mit der dem Franzoſen eigenthüm⸗ lichen glücklichen Leichtigkeit berührte er meh⸗ rere Gegenſtände, hielt ſich bei keinem auf, fand überall Gelegenheit ſein Vaterland und ſich ſelbſt in ein günſtiges Licht zu ſtellen, und doch jedem Zuhörer etwas Sehmeichel⸗ haftes zu ſagen. Endlich nahm er ſeinen Platz iſchen Carolinen und Roſamunden, und verſuchte ſie in die Unterhaltung zu ziehen; auch bemühte er ſich nicht vergebens.— Herr von Tour⸗ ville ſchien wie Roſamunde richtig bemerkt hatte von Carolinens Schönheit überraſcht. Sie war wirklich ſehr ſchön, und dabei natür⸗ lich, einfach und voll weiblicher Anmuth. Von dem, was die Franzoſen esprit nennen, und was Herr von Tourville gewohnt war bei ſeinen jungen Landsmänninen anzutreffen, be⸗ ſaß ſie vielleicht wenig; aber deſto mehr er⸗ ſtaunte er über die Kraft und Richtigkeit ihrer Urtheile, die ſich in ihren einfachen Ant⸗ worten auf ſeine feinen Fragen ausſprachen. Am andern Morgen bewunderte Herr von Tourville die Zeichnungen der jungen Damen, I. 2 beſonders einige Miniaturgemälde von Caro⸗ linen, und zeigte Herrn Percy ſeine Doſe, auf deren Deckel ſich ein ſchönes Miniatur⸗ bild befand. Es war meiſterhaft gemalt. Herr von Tourville bot es Carolinen zum Copiren an, und die Mutter drang in ſie einen Verſuch zu machen. 3 & Es iſt die berühmte Euphroſine,» ſagte er, swelche im Begriff ſtand die Bühne mit dem Thron zu vertauſchen.» Er überließ den Damen das Bild und begann nun mit wichtiger geheimnißvoller Miene, Herrn Percy Euphro⸗ ſinens Geſchichte zu erzählen. Sie war Schau⸗ ſpielerin, und der Erbprinz des deutſchen Hofs, an welchem Tourville lebte, ſterblich in ſie verliebt. Durch einen Vertrauten des Fürſten, war ein heimlicher Briefwechſel ge⸗ führt worden, den Euphroſine ſo ſchlau zu wenden wußte, daß der Erbprinz auf dem Punkt ſtand ihr ein ſchriftliches Eheverſprechen — 19— auszuſtellen, als die Intrigue durch einen Grafen Altenberg plötzlich entdeckt, und ihr weiterer Fortgang abgeſchnitten wurde.— Die Geſchichte enthielt eine ganz gewöhn⸗ liche Intrigne; aber in dem Benehmen des Grafen lag etwas Ungewöhnliches, Percy äußerte ſeine Bewunderung darüber; Herr von Tourville, obgleich er zugab, daß des Grafen Benehmen in moraliſcher Hinſicht ſehr zu loben, ja vollkommen muſterhaft geweſen ſey, nannte ihn doch une téte exaltée, einen jungen Mann voll romantiſcher Ideen, der das Wohl ſeiner Familie geopfert, und ſeine eigenen Ausſichten am Hof zerſtört hätte. Um dieſe Behauptung zu unterſtützen, erzählte er mehrere Anektoden, die alle dazu geeignet waren Herrn Percy's gute Meinung von dem edlen Charakter und dem richtigen Gefühl des jungen Grafen zu beſtaͤtigen. Die Geſchichte wurde den Damen mitge⸗ theilt, und kaum bemerkte Herr von Tourville 2 — 20— daß alle, und hauptſächlich Caroline, ganz des Vaters Meinung beiſtimmten, ſo be⸗ theuerte er, mit der Hand auf dem Herzen, adaß er nur von dem Urtheil der Welt, und dem Lichte, in welchem des Grafen Unbeſon⸗ nenheit dieſer erſchienen wäre, geſprochen habe; daß hingegen ſeine eigenen Gefühle ganz mit den ihrigen übereinſtimmten, und daß man nur bedauern müſſe, ſolche hohe Eigen⸗ ſchaften dem Spott und Tadel derjenigen aus⸗ geſetzt zu ſehen, welche keine anderen Motive, als den Eigennutz anerkennten, und unfähig wären, die Idee wahrer, menſchlicher Größe zu faſſen.» Je mehr Herr von Tourville über dieſen Gegenſtand ſprach, und je mehr Nachdruck und Pathos er anwandte, um Glauben zu erwecken, deſto tiefer ſetzte er ſich in Caro⸗ linens Augen herab, deſto weniger glaubte ſie ihm. Er verſtand und fühlte den Aus⸗ druck ihrer Mienen, und durch ihr Schwei⸗ — 21— gen gedemüthigt, zog er ſich zurück, und richtete ſeine Rede nicht mehr an ſie. Von dieſem Augenblick an änderte auch Roſamunde ihre Meinung über Herrn von Tourville. Sie gab ihn ganz auf, und ließ ihm nur ungern das Verdienſt der geſelligen Tugenden, die ihm Niemand abſprechen konnte. Auch nicht die kleinſte Schwäche ent⸗ ging nun ihrer ſcharfen Beobachtungsgabe und ihrem lebhaften Gefühl füͤr das Lüächerliche. Eine leiſe Ahnung, daß er die Gunſt der Damen verſcherzt habe, ließ Herr von Tour⸗ ville am folgenden Tage ſeine Unterhaltung nur an die Maͤnner des Hauſes richten. Er tröſtete ſich ſelbſt mit der Wichtigkeit ſeiner politiſchen Würde, und ſprach ſehr hochtra⸗ bend von Politik und Diplomatie. Roſa⸗ munde hörte mit ſchelmiſcher Aufmerkſamkeit zu, erbat ſich mit ironiſcher Einfalt von Zeit zu Zeit Erklaͤrungen über einige Punkte — 22— der diplomatiſchen Moral, und ſchien höchſt erbaut von ſeinen Antworten. Am dritten Morgen trat unglücklicher Weiſe ein Umſtand ein, der die völlige Entwicke⸗ lung ſeines Charakters verhinderte, den Strom ſeiner Anekdoten hemmte, und ihn der Geſell⸗ ſchaft entriß. Indem er nämlich ſeine Papiere durchſah, um Herrn Percy ein Höflichkeits⸗ ſchreiben irgend eines gekrönten Hauptes zu zeigen, vermißte er ein wichtiges, zu ſeinen Depeſchen gehöriges Paket. Er hatte im Augenblick der Gefahr und des Schreckens alle Briefſchaften in die große Taſche ſeines Mantels geſtopft, dieſen beim Ausſteigen aus dem Boote ſeinem Comtois gegeben und — es iſt kaum glaublich, der chargé d'af- faires hatte auf die Verſicherung des Be⸗ dienten, daß alles in Sicherheit wäre, keine weitere Unterſuchung angeſtellt. Sein Schrek⸗ ken bei der Entdeckung des Verluſts war grenzenlos. Er wiederholte tauſend Mal, daß — 23— er ein ruinirter Mann ſey, wenn er das Paket nicht wieder fände. Im Boot, am Ufer, an allen nur erdenklichen Orten wurde Nachſuchung gehalten; aber vergebens— und mitten in dieſem troſtloſen Geſchäft meldete ein Bote, daß der Wind günſtig ſey, das Schiff in einer Stunde ſegeln werde, und der Capitain auf Niemand warte. So ſah ſich denn Herr von Tourville ge⸗ nöthigt, ohne ſein koſtbares Paket abzuſegeln. — Miß Percy allein war ſo menſchlich, ihn zu bedauern. Für Gottfried war er zu we⸗ nig Soldat, für Percy zu ſehr Hofmann, zu frivol für Carolinen, und zu proſaiſch für Roſamunden. „Den ſchönſten Anfang zu einem Roman,⸗ fagte ſie,«hätte der Schiffbruch gemacht; aber mit fünf dicken Kaufleuten, die auch gar nichts von ihren Habſeligkeiten einbüßten, und einem Diplomatiker mit dem verlornen 8 — 24— Bündel Papiere, um die ſich Niemand grämt, war er nicht weiter zu führen.» Nach wenigen Tagen begann das ganze Abentheuer aus ihrer Erinnerung zu ver ſchwinden. Herr von Tourville, ſeine Doſe, ſeine Parfüms, ſeine Süßigkeiten, ſein ver⸗ lornes Paket, und alle die Umſtände des Schiff⸗ bruchs würden ihr bald nur wie ein Traum vorgekommen ſeyn, wenn nicht der Anblick des Wracks und die daran arbeitenden holländi⸗ ſchen Schiffer, die Wirklichkeit der Sache be⸗ zeugt haͤtten. Zweites Kapitel. Einige Tage nach Herrn von Tourvilles Abreiſe erſchien der Finanzrath Falkoner, ein Freund, oder wenigſtens ein Verwandter Percy's. Der erſte Blick aus dem Fenſter und auf die holländiſchen Zimmerleute leitete das Geſpräch auf den Schiffbruch. Falkoner rühmte die thätige Hülfe und Gaſtfreiheit der Familie Percy, beklagte ſehr, gerade zu dieſer⸗ Zeit in London geweſen zu ſeyn— erkun⸗ digte ſich nach allen am Bord geweſenen Paſ⸗ ſagieren, und bedauerte, nach der Beſchrei⸗ bung des Herrn von Tourville, daß Percy nicht den Einfall gehabt hätte, dieſen Fremden noch einige Tage bei ſich aufzuhalten. — 26— Obgleich er wohl kein accreditirter chargé d'affaires geweſen ſeyn mag,» ſagte Fal⸗ koner, aſo hatte er doch in gewiſſer Art einen officiellen Charakter, und iſt mit geheimen Unterhandlungen beauftragt; daher es der Regierung vielleicht erwünſcht geweſen wäre, etwas Näheres von ihm zuerfahren. Auf je⸗ den Fall,y fügte er mit ſchlauem Lächeln hinzu, abahnte es einen ſchönen Weg, ſich einem gewiſſen vornehmen Manne gefällig zu machen.) Sie ſetzen alſo immer noch Ihre ganze Zuverſicht auf die vornehmen Herren?» fragte Percy. Nicht auf alle,» erwiederte Falkoner,— cin dieſem Augenblick aber baue ich ſtark auf Ihren alten Freund, den Lord Oldbo⸗ rough. Endlich iſt der Kauf von Clermont⸗ Park zu Stande gekommen, und er ſteht im Begriff, unſer Nachbar zu werden. Wer weiß, ob er nicht künftig ſeinen Aufenthalt dort nimmt anſtatt in Eſſer? Und dieß könnte ſehr vortheilhaft für uns werden: denn ich weiß aus der beſten Hand, daß Sr. Herrlichkeit Einfluß an einem gewiſſen Ort jetzt größer iſt, wie je. Es verſteht ſich doch, daß Sie dem Lord Ihre Aufwartung machen 2„ Schwerlich,» entgegnete Percy, cich ſtehe jetzt in keiner Verbindung mit ihm.* Aber Sie waren ja im Auslande ver⸗ traute Freunde,y rief Falkoner. Seitdem ſind 20 Jahre verſtrichen, und wie ich höre, iſt Lord Oldborough ganz ver⸗ ändert. Als ich ihn genauer kannte, war er ein edler, offenherziger Jüngling. Er wurde nachher Staatsmann, und hat ſich, wie ich befürchte, für ein Band dem Dämon des Ehrgeizes verkauft.» 8 Es iſt ſeine Sache und nicht die unſrige, an wen, und für was er ſich verkaufte,„ meinte der Finanzrath.«Man darf nicht allzu ſudtil ſeyn. Ihnen iſt er ſehr gewogen, — 28— 1 und ſo erbitte ich mir als eine beſondere Gunſt, daß Sie mich bei ihm einführen.» Herzlich gern, ſobald ſich Gelegenheit dazu findet,y verſprach Percy. Wir müſſen Gelegenheit ſuchen und ſie nicht abwarten,y bat Falkoner lächelnd.— „Die Höflichkeit erfordert, daß Sie dem Lord gleich nach ſeiner Ankunft den Reſpekt bezeigen — und dann führen Sie mich ein.» Mit Freuden,y ſagte Percy, aber mein Beſuch iſt einzig und allein ein Höflichkeits⸗ beſuch.* Sehr erfreut, ſo viel erlangt zu haben, ſchied Falkoner. Auſſer dem allgemeinen Wunſch, mit den Großen bekannt zu ſeyn, hatte der Finanz⸗ rath jetzt noch beſondere Gründe, warum er ſehnlichſt wünſchte, Sr. Herrlichkeit vorgeſtellt zu werden, und warum er ſo neugierig nach Herrn von Tourville fragte. Er war im Beſitz des verlornen Pakets. Einer ſeiner -— 29— Söhne, John Falkoner, oder vielmehr deſſen Hund Neptun, hatte es beim Baden in der See gefunden, wo es, durch die Fluth geho⸗ ben, an einer Seepflanze hängen geblieben war. Ohne eine Idee von der Wichtigkeit der Papiere zu haben, bloß als Beweis für die Geſchicklichkeit des geliebten Neptuns, brachte John es mit nach Hauſe; denn er ſelbſt gehörte zu denen, die ſich um nichts in der Welt bekümmern,— „So lange ſie ihren Hund, und ihre Flinte haben.“ Nicht ſo der Finanzrath. Neugierig fiel er uͤber die Papiere her, um zu entdecken, ob ſie ihm und ſeiner Familie auf irgend eine Art von Nutzen ſeyn könnten. Das See⸗ waſſer hatte bloß den äußern Blättern Schaden gethan, die innern waren unverſehrt; aber der Inhalt dem ohngeachtet ſchwer zu errathen, da die Schrift in Chiffern geſchrieben war. Zum Glück verſtand Falkoner die Kunſt zu dechiffriren, und beſaß alle dazu erforder⸗ — 39— liche Geduld und Ausdauer. Titel, Ueber⸗ ſchrift und Siegel waren verlöſcht. An wen die Blätter gerichtet, und woher ſie kamen, blieb alſo ein Geheimniß. Er entdeckte bald den politiſchen Inhalt, aber von welchem Grad der Wichtigkeit, ahnete er erſt, als er vom Diplomatiker Tourville und ſeinem Jammer über das verlorne Paket hörte. Sogleich beſchloß er, den Abend, den folgenden Tag, und wenn es nöthig, auch die Nacht daran zu wenden, damit alles in Berreitſchaft wäre, wenn er dem Lord ſeine Aufwartung machte. Daß Percy, wenn er von den aufgefangenen Papieren hoörte, Ein⸗ wendungen wider das Eröffnen machen würde, ließ ſich erwarten; darum verließ Falkoner Percy⸗Hall, ohne auch nur den leiſeſten Wink von ſeinem Schatz und dem beſchloſſenen Ge⸗ brauch der Entdeckung fallen zu laſſen. Bald darauf ſtattete Percy dem Lord ſeinen Höſlichkeitsbeſuch, Falkoner ſeine poli⸗ tiſche Viſite ab. Sr. Herrlichkeit hatte ſich dergeſtalt verändert, daß Percy mit Mühe die Züge wieder erkannte. Der vorige Lord Oldborough war ein fröhlicher, lebensluſtiger Jüngling, von heiterem, offenem Anſehen und Weſen. Der jetzige Lord Oldborough ein ernſt⸗ hafter, zurückhaltender Mann, in deſſen Zü⸗ gen ſich Nachdenken und Sorge tief einge⸗ drückt hatten; dicke Augenbraunen beſchat⸗ teten ſcharfblickende Augen. Der Ausdruck des Geſichts zeugte von Klugheit und Entſchloſ⸗ ſenheit, doch nicht von Ruhe und Glück. Sein Benehmen war fein, aber mehr kalt und förmlich; ſeine Unterhaltung vorſichtig, mehr darauf berechnet, die Meinungen anderer zu erforſchen, als die eigenen zu verrathen. Für die Gegenwart ſchien er nicht zu leben und zu denken, ſein Blick nicht ohne Sorge in die Zukunft gerichtet zu ſeyn. Mit gleicher Aufmerkſamkeit, aber verſchie⸗ denem Intereſſe, wurde Lord Oldborough von — 32— beiden Männern beobachtet. Percy ſtudirte ihn als Philoſoph, um die Veränderungen zu entdecken, welche der Ehrgeiz in ſeinem Cha⸗ rakter hervorgebracht hatte, und um zu er⸗ gründen, ob und wie viel dieſe Leidenſchaft zu ſeinem Glück beitrage. Falkoner betrach⸗ tete ihn mit dem eigennützigen Auge des Welt⸗ mannes, eifrig bemüht, die Vortheile zu er⸗ ſpähen, die ihm durch ſolch einen Gönner werden könnten. ☛ Dies war, ſo dachte er, der einzig wahre Weg, vorwärts zu kommen, wenn er Geſchicklich⸗ keit genug beſaße, ſeine Gunſt zu erwerben. Frei⸗ lich kein leichtes Unternehmen. Lord Oldbo⸗ rough ſchien des Finanzraths Abſichten zu er⸗ rathen, und war nicht geneigt, ſich mit neuen Söldlingen zu befaſſen. Bis auf einen ge⸗ wiſſen Punkt mit Sr. Herrlichkeit zu kom⸗ men, war leicht; aber faſt nicht möglich wei⸗ ter zu gehen; eben ſo leicht ſeine Aufmerk⸗ — 335— ſamkeit zu erregen, aber kaum denkbar, ſein Vertrauen zu gewinnen. Falkoner verzagte nicht; er hatte manches Mittelchen in Händen, womit er hoffte, dem Lord und ſeinem öffentlichen, wie ſeinem Pri⸗ vatintereſſe zu dienen. Mit den entzifferten Depeſchen ſollte der erſte Verſuch gewagt werden. In dieſer Abſicht lenkte er das Ge⸗ ſpräch auf den Schiffbruch und Herrn von Tourville. Sogleich erwachte Lord Oldbo⸗ roughs Aufmerkſamkeit; und als Falkoner be⸗ merkte, daß ſeine Neugier, mehr von Herrn von Tourville und deſſen geheimen Geſchäften zu erfahren, geſpannt war, ließ er das Thema fallen, da er doch in Percy's Gegenwart nicht weiter gehen konnte. Darauf benutzte er die erſte Gelegenheit das Zimmer zu verlaſſen, und folgte Oberſt Heuton, dem Neffen des Lords, um einige Pferde in Augenſchein zu nehmen, die ſich beim nächſten Wettrennen hervorthun ſollten. J. 3 — 34— Kaum befand ſich Lord Oldborough mit Percy allein, als ſich auch das Zurückhal⸗ tende in ſeinem Weſen verlor; denn er ſah deutlich, und Percy zeigte es deutlich, daß er nichts von dem großen Mann zu erbitten hatte, daß er bloß als Freund zu ihm kam. Es iſt eine lange Zeit, daß wir uns zuletzt ſahen,» begann Lord Oldborough. Ihrem Anſehen nach, Herr Percy, ſollte man es kaum für möglich halten, daß 25 Jahre zwiſchen unſerm Scheiden und Wieder⸗ ſehen liegen. Aber Sie führten ein freies unabhängiges Leben auf dem Lande— ein glückliches Leben— ich beneide Sie darum» Percy nahm dieſe Worte für die höfliche Sprache des Hofmanns gegen den Landedel⸗ mann, und erwiederte lächelnd:«daß Wenige, die mit ihren beiderſeitigen, ganz verſchie⸗ denen Verhältniſſen bekannt wären, es für möglich halten würden, daß Herr Percy ein Gegenſtand des Neides für Lord Oldborough⸗ den auf dem höchſten Gipfel der Gunſt und des Glücks ſtehenden Staatsmann ſeyn könnte.» « Nicht auf dem höchſten Gipfel,» ſagte Oldborough ſeufzend— Aund hätte ich ihn auch erreicht, ſo iſt er, wie Sie wiſſen ein ge⸗ fährlicher Stand.— Fortunens Rad ſteht nie ſtill— der höchſte Punkt iſt demnach der gefährlichſtey— Sr. Herrlichkeit ſeufzte hier wieder eben ſo tief, wie vorher.— Dann leitete er das Geſpräch geſchickt auf allgemeine Politik, über welche Percy ſeine Meinungen freimüthig ausſprach, ohne jedoch die Achtung, die des Lords Verhaͤltniſſe heiſchten, aus den Augen zu verlieren. Dieſe Aufmerkſamkeit ſchien Sr Herrlichkeit wohl aufzunehmen; er nickte beifällig lächelnd, wenn Percy von öffentlichen Männern und Maaßregeln ſprach; aber ſo wie er ſich über Patriotismus und Gemeinſinn mit Wärme äußerte, griff Lord Oldborough nach ſeiner Doſe, ſpielte damit, und ſchien auf dieſe 3* — 36— Rede nur wie auf überflüßige Worte zu achten. Als Percy ſich nun aber gar für die Freiheit des Volls und der Preſſe erklärte, verriethen des Lords häufige Priſen, ſeine abgewandten Blicke und zuſammengepreßten Lippen deutliches Mißfallen, und wie ſchwer es ihm wurde, ſich der Antwort zu enthal⸗ ten. Doch erfolgte dieſe nicht, und er begann nach einer kurzen Pauſe lächelnd und mit ſanfterm, tieferm Ton wie gewöhnlich, ſich nach Percy's Familie zu erkundigen; äußerte ſein Erſtaunen, daß ein Mann von Herrn Percy's Talenten in ſolcher Abgeſchiedenheit lebte, und ganz vergeſſend, daß er eine halbe Stunde vorher von den Sorgen und Ge⸗ fahren des Ehrgeizes geſprochen hatte, ſchien er es für gewiß anzunehmen, daß Percy nur auf Gelegenheit und Veranlaſſung wartete, um öffentlich aufzutreten. In dieſer Voraus⸗ ſetzung deutete er ihm auf eine feine Art mehrere Wege dazu an, fügte ſeine eigenen — 37— guten Wünſche und viel Schmeichelhaftes über ſeine Talenre hinzu— kurz, ſuchte Herrn Percy's Herz zu erforſchen, feſt überzeugt, Beſtechlichkeit oder Ehrgeitz auf dem Grunde zu entdecken. Aber nichts der Art war zu finden. Lord Oldborough ſah es, und ſtaunte. Seine Achtung für Perc'ys Verſtand ſank viel⸗ leicht etwas; er betrachtete ihn als einen excentriſchen Menſchen, der nach unhaltbaren Grundſätzen handelte. Aber dem ohngeachtet mußte er ihn immer noch, wenn auch nur als ein dem Staatsmann ſelten vorkommen⸗ des Weſen ſchätzen, als einen wahrhaft recht⸗ ſchaffnen, unabhängigen Mann. Er glaubte auch, daß Percy noch einige Liebe für ihn empfände; und dieſes war ſchätzbar und außerordentlich, denn ſie war uneigennützig. Außerdem konnten ſich ihre Wege nie durchkreuzen— und da Percy ganz entfernt von der Welt lebte, in keiner Verbindung mit irgend einer Partei ſtand; ſo war er — 38— ein unſchädlicher Menſch. Percy's Betrach⸗ tungen über den Lord waren anderer Art. Er ſah ein edles Gemüth durch Ehr⸗ geiz verdorben und erniedrigt, tugendhafte Grundſätze, große Gefühle erſtickt, einen kräftigen, mächtig wirkenden Verſtand ohne Rettung verſchroben, eine Seele, einſt voll hoher Gedanken und Entwürfe, jetzt auf den kleinſten Raum beſchränkt, herabgezogen zu geringfügigen Angelegenheiten, eingekerkert in den Vorhallen eines Hofs. «Sie bedauern mich,» ſagte Lord Old⸗ borough Percy's Gedanken errathend,«ich bedaure mich ſelbſt. So iſt es aber mit dem Streben des Ehrgeizes, und ich kann ohne denſelben nicht leben. Einmal ſein Sclave, iſt man es auf immer.» Eine ſtarke Seele, wie Lord Oldborough, kann ſich von jeder Sclaverei befreien— ſelbſt von der Gewohnheit.» = 39— «Ja, wenn ich es wünſchte— das thue ich aber nicht.“— & Hätten Sie denn alles—» Gefühl für Freiheit verloren?» wollten Sie ſagen.»— & Ja alles,» erwiederte Lord Oldborough bitter lächelnd. Ich ſehe, Sie bedauern mich, unds fügte er ſtolz aufſtehend hinzu, cich bin gerade nicht gewohnt, bedauert zu wer⸗ den, und fürchte es nicht mit dem gehörigen Dank zu erkennen.“ Nach wenigen Minuten hatte er ſein freundliches Anſehen wieder ge⸗ wonnen und folgte Percy, welcher ein ſchönes Gemaͤlde am andern Ende des Saals betrachtete. Ja; ein Correggio.— Der Jüngling den Sie in Paris kannten, und der Mann welcher jetzt die Ehre hat vor Ihnen zu ſtehen, haben nichts mit einander gemein, als die Hochachtung für Sie, lieber Herr Percy. Ich weiß Sie waren immer ein Kenner des — 40— menſchlichen Charakters; aber was meine Menſchenkenntniß anbetrifft, ſo müſſen Sie bedenken, daß ich den Vortheil habe im Be⸗ ſitz der carte du pays zu ſeyn.— Ich finde⸗ daß Sie ein großer Philoſoph geworden ſind— und das bin ich auf meine Art auch.— Doch laſſen wir dieß Thema für immer abgeſprochen ſeyn. Fuͤr mich giebt es im Leben nichts mehr, als den Ehrgeiz. Und nun wollen wir zu Correggio, oder wohin Sie ſonſt Luſt haben übergehen.* Bald ward das Geſpräch wieder heiter und vertraulich; ſie verſetzten ſich in ihre jungen Jahre, nach Italien und Paris zuruͤck.— Die Unterhaltung erfreute und belebte den Lord, und doch ſtörte ihn mitunter eine Rückerrinnerung der fühern Zeiten. Er wie⸗ derholte oft: damals war ich noch ein Knabe— dieß ſiel in meine frühſte Jugend.— End⸗ lich ſprach Perey auch von den Frauen und der Liebe, und erwähnte zufaͤllig einer jungen — 141— Italienerin, welche Beide im Auslande gekannt hatten. Ein Auflodern des Zorns, beinahe der Wuth zuckte durch Lord Oldboroughs Ge⸗ ſicht. Er brach ab und ſchoß einen durch⸗ dringenden, gebietenden Blick auf Percy. Als ihn dieſer aber mit der offenen Miene der Unſchuld fragend anſah, erröthete Sr. Herrlichkeit, im Bewußtſein dieſes ungewöhn⸗ lichen Farbenwechſels. Im nächſten Augen⸗ blick bemeiſterte er ſeine innere Bewegung, und erzwang wieder ein ruhiges Anſehen. Er ergriff ein neben ſich liegendes rothes Buch, ging nachdenkend ans Fenſter, ſchaute ernſthaft hinaus und fragte endlich,«ob Herr Percy nicht wiſſe wer als Parlamentsglied für einige benachbarten Flecken gewählt waͤre?⸗ Die Unterhaltung begann matt zu wer⸗ den, und kam trotz aller Verſuche nicht wieder in den vorigen leichten, vertraulichen Ton.— Beide Theile fühlten ſich durch Heutons und Falkoners Eintritt erleichtert. — 142— 4 Letzterer erſuchte Herrn Perey einen Wagen von neuer Bauart, den der Oberſt erſt aus London bekommen hatte, in Augenſchein zu nehmen; und da ihn Heuton begleitete, behielt der Finanzrath freies Feld, ſein Ge⸗ ſchäft mit dem Tourvill ſchen Paket zu begin⸗ nen. Er that es mit ſo vieler Gewandtheit und ſo wenigen Umſchweifen, daß der Lord die Wichtigkeit der Papiere ſogleich erkannte, ſo wie auch die Nothwendigkeit, ſich des Entzifferers zu verſichern. Als Percy zu⸗ rück kam, fand er den Finanzrath und Sr. Herrlichkeit im ernſtlichem, und wie es ſchien, vertrautem Geſpräch. Beide Herrn wurden nun dringend eingeladen, zum Mittagseſſen zu bleiben und in Clermont⸗Park zu über⸗ nachten, welches Percy ablehnte, Falkoner aber annahm. Als die Geſellſchaft Abends mit Karten und Muſik beſchäͤftigt war, nahm Lord Oldborough den Finanzrath in ſein Cabinet, und gab ſtrengen — 43— Befehl, vor dem Abendeſſen nicht geſtört zu werden. Ein großes Paket Briefe wurde ihm überreicht. Mit ungeduldiger Miene befahl er, den Sekretair zu rufen, überflog die Briefe, ſchrieb eiligſt einige Worte mit Bleiſtift auf die Rückſeiten, und gab ſie unerbrochen dem eben hereintretenden Sekretair, Herrn Drakelow. & Auf der Rückſeite finden Sie die Ant⸗ worten angedeutet— morgen früh um 6 Uhr erwarte ich ſie zur Unterſchrift fertig.“— Sehr wohl Ew. Herrlichkeit— dürfte ich fragen?»— « Fragen Sie nichts, wenn ich bitten darf.— Ich habe Geſchäfte— Sie haben Ihre Anweiſung.» Herr Drakelow verbeugte ſich unterwür⸗ fig, und entfernte ſich ſchnell. «Nun gleich zu unſerm Geſchäft» ſagte Oldborough, und ſetzte ſich mit Falkoner an einen Tiſch, worauf dieſer ſogleich die Tour⸗ vill'ſchen Papiere ausbreitete. — 44— Den ganzen Inhalt der wichtigen Blätter hier anzugeben, iſt zur Geſchichte nicht erfor⸗ derlich. Sey es uns genug, zu wiſſen, daß ſie dem Lord ein Gewebe auswärtiger diplo⸗ matiſcher Verräthereien, und einheimiſcher, undenkbarer Falſchheit verriethen Einige auf⸗ gefangene Briefe bewieſen, daß mehrere ſei⸗ ner Collegen, die mit dem Anſcheine der größten Aufrichtigkeit vereint mit ihm zu wirken ſchienen, geheim wider ihn verbunden waren, und nichts weniger beabſichtigten als ihm zugleich die Gunſt des Volks und des Hofs, ſeine Stelle und ſeinen Einfluß zu rauben.— Mit Verwunderung ſah Fal⸗ koner die Starke und Kraft, welche Lord Oldborough bei dieſer Entdeckung behauptete. Weder durch innere Bewegung, noch durch Ausrufungen verrieth er Beſtürzung oder Er⸗ ſtaunen, ſondern hörte mit unbeweglicher Ruhe die Ausrufungen an, womit Falkoner von Zeit zu Zeit auf Koſten ſeiner Lunge und — 45— ſeiner Geſichtsmuskeln, ſeinen Abſcheu über ſolche unerhörte Verrätherei an den Tag legte. Der Lord verharrte im Schweigen, wartete bis der Finanzrath ſich erſchöpft hatte, zeigte dann mit dem Bleiſtifte auf die Zeile, wo er ſtehen geblieben war und ſagte:«haben Sie die Güte fortzufahren.»— Falkoner fuhr fort, bis er an die wich⸗ tigſte, intreſſanteſte Stelle kam, da hielt er plötzlich inne, und ſah ſeinen Gönner von der Seite an.— Lord Oldborough wandte ſich raſch nach ihm um und ſagte:&Laſſen Sie mich das Ganze hören, wenn es Ihnen beliebt. Um ein Urtheil fäͤllen zu können, iſt es nöthig, das Ganze erſt klar zu über⸗ ſehen.— Befürchten Sie nur nicht, mein Gefühl zu beleidigen.— Menſchen und Sachen wünſche ich immer zu ſehen, wie ſte ſiud.»— Noch immer zögerte Falkoner und blät⸗ terte in den Papieren.— Herr Finanzrath, als mein Freund in dieſem Geſchaft werden — 46— Sie begreifen, daß mir daran gelegen ſeyn muß, ſo bald wie möglich völligen Aufſchluß zu bekommen.— Dann erſt kann ich entſchei⸗ den und Handeln. Wenn es Sie alſo nicht zu ſehr ermüdet, ſo wünſchte ich die Papiere noch vor Schlafengehen durchzuſehen.» « Ermüdet, gnädigſter Herr, fühle ich mich ganz und gar nicht,— aber fortzufahren iſt mir unmöglich, weil ich mit der Entzifferung noch nicht fertig bin— auch verändern ſich hier die Chiffern. Lord Oldborough ſchien mit dieſer Antwort ſehr unzufrieden; nach einer kurzen Pauſe ſagte er ruhiger:—„Wie viel Zeit würden Sie gebrauchen, um den Reſt zu entziffern?» Der Finanzrath betheuerte, dieß nicht vor⸗ aus wiſſen, auch nicht ungefähr beſtimmen zu können— er und ſein Sohn hätten mehrere Stunden angeſtrengter Arbeit bei den er⸗ ſten Papieren gebraucht, ehe es ihnen ge⸗ lungen wäre die Chiffer herauszubringen.— — 4— Dieſe neue ſchien noch ſchwerer zu ſeyn, und ſo könnte er weder ſagen, wie viel Zeit er dazu gebrauchen, noch ob er über⸗ haupt ſo glücklich ſeyn würde, die Schrift de⸗ chiffriren zu können. «Verſuchen wir uns mit einem Mal zu verſtändigens, erwiederte Oldborough. Mein Grundſatz, und der Grundſatz jedes Mannes in öffentlichen Geſchaften iſt, oder ſollte ſeyn — diene mir und ich diene dir wieder.— Ich ſehe wohl ein, daß ich durchaus kein Recht habe, Anſprüche auf Herrn Falkoners Freundſchaft zu machen, eben ſo wenig wie er auf meine Macht als Gönner. Aber ich diene weder halb, noch will ich halb bedient ſeyn. Mein erſtes Streben geht darauf hin⸗ mit dem gänzlichen Inhalt, der in Ihren Händen befindlichen Papieren bekannt zu ſeyn, dann mich Ihres unverbrüchlichen Schweigens über die ganze Verhandlung zu verſichern.» Der Finanzrath erſchöpfte ſich in Ver⸗ — 48— ſicherungen ewigen Schweigens und in Betheue⸗ rung ſeines Eifers; aber Lord Oldborough unterbrach den Fluß ſeiner Rede, indem er fortfuhr. t4 Herr Falkoner, nun da Sie meine Ab⸗ ſichten kennen, bitte ich mich mit den Ihri⸗ gen bekannt zu machen. Sie werden meine Kürze verzeihen— Zeit iſt bei manchen Um⸗ ſtaͤnden das Wichtigſte.— Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, mir mit wenigen Worten zu ſagen, womit ich den Dienſt, den Sie mir und der Regierung erwieſen haben, ver⸗ gelten kann.» « Entſchuldigen Sie mein Zagen, das aus⸗ zuſprechen, was ich—* *Setzen Sie das Zagen bei Seite, re⸗ den Sie— ich bitte darum.» Der Ton, mit welchem Lord Oldborough aich bitte,» ſagte,— lautete ſo deutlich: ich befehle es Ihnen, daß Falkoner Muth gewann, mit dem erſten Mal darauf hinzu⸗ — 49— deuten, wohin er gemeint, erſt nach Mona⸗ ten, mit großer Vorſicht und langen Um⸗ ſchweifen zu gelangen.— ⁸ Ich wünſchte meinen Sohn Cunningham im diplomatiſchen Fache angeſtellt, und würde es als eine große Gnade anſehen, wenn Ew. Herrlichkeit ihn zu einem ihrer Sekre⸗ taire machten. Hier ſtockte der Finanzrath, hoch er⸗ ſtaunt, daß die Wahrheit, die ganze Wahr⸗ heit in ſo dürren Worten ſeinen Lippen ent⸗ ſchlüpft war. Aber ſie konnten nicht zurück⸗ genommen werden— er ſchnappte nach Athem und begann etwas herzuſtammeln, von be⸗ dauren, den armen Herrn Drakelow zu ver⸗ drängen, oder zu beleidigen u. ſ. w. Darüber tragen Sie jetzt keine Sorge — es bleibt noch Zeit genug, an Herrn Dra⸗ kelow zu denken,» ſagte Lord Oldborough die Stube mit großen Schritten durchmeſſend — SIch muß Ihren Sohn ſehen. 1 4 Wenn Ew. Herrlichkeit befehlen, werde ich ihn morgen mitbringen.» « Sobald wie möglich!— Aber er könnte wohl kommen, ohne daß Sie ihn ſelbſt hol⸗ ten. Schreiben Sie, daß wir ihn morgen um 9 Uhr zum Frühſtück hier zu ſehen wünſchen. Während Falkoner den Brief ſchrieb und abſchickte, notirte ſich Lord Oldborough die Hauptpunkte der entzifferten Tourvill'ſchen Pa⸗ piere, und übergab dem Finanzrath die an⸗ dern, mit der Bitte, ſie ſo ſchnell wie mög⸗ lich zu dechiffriren. Falkoner verſicherte, daß er die ganze Nacht damit zubringen würde; dieß ſchien man erwartet zu haben. Se. Herrlichkeit befahl Lichter zu bringen, und kehrte dann, ohne ein Wort weiter zu ſa⸗ gen in den Salon zurück.— Niemand ahnete, daß etwas Beunruhigendes vorgegangen ſey. Mrß. Drakelow glaubte ihn im Whiſt ver⸗ tieft, und Miß Drakelow war feſt uͤber⸗ zeugt, daß er ihrer Muſik aufmerkſam zuhörte. — Cunningham Falkoner erſchien zur beſtimm⸗ ten Stunde, und wurde dem Lord vorgeſtellt. Er empfing ihn keineswegs huldreich, ſon⸗ dern wie einen Menſchen, den ihm durch Um⸗ ſtände aufgedrungen worden war. im ſeine diplomatiſchen Talente zu prüfent⸗ ſprach er erſt von den Tourvill'ſchen Papieren, undꝛging dann auf Deutſchlands Geſchäfte und das allgemeine Intereſſe und die Politik vorſchie⸗ denen eurypäiſcher Höfe über. Zitternd, und in wahrer Todesangſt ſtand der Finanzrath, immer fürchtend, daß Cunningham ſich in Tiefen wagen würde, woraus ihn ſeine Hülfe nicht retten könnte! Aber bald be⸗ ruhigte ihn deſſen Gleichmuth. Er beſaß weder die Fähigkeiten noch die Kenntniſſe ſeines Vaters, aber auch nicht deſſen Aengſt⸗ lichkeit; und ſo ſchiffte er glücklich über man⸗ chen Punkt, wo der Vater Klippen beſorgte. In der That wußte ſich der junge Mann im gegenwärtigen Fall ſchlau zu benehmen. Er 4. — 52— half ſich durch Mienen und Gebehrden, war ſcharfſinnig durch Zeichen, und bewies, daß er in der Kunſt weiſe zu ſcheinen, die ſo viel bei den Größten und Weiſeſten des Menſchengeſchlechts gilt, erfahren war. Lord Oldborough hörte auf alles, was er ſagte, und merkte alles, was er nicht ſagte, mit einer Art aufmerkſamer Ruhe, die, wie Falkoner dachte, für ſeinen Sohn von guter Vorbedeutung ſey; aber ein flüchtiges ſarkaſti⸗ ſches Lächeln, ein ſpöttiſcher Zug entging des Fi⸗ nanzraths Beobachtung; auch hätte er mit ſeiner beſchränkten Kenntniß von des Lords Charakter keine wichtige Auslegung davon machen können. Denn was Lord Oldborough dachte und was er that, waren zwei Dinge. Cunninghams lächer⸗ lich feierliches Weſen, die Mangelhaftigkeit ſei⸗ nes Wiſſens und ſeiner Fähigheiten, änderten den Entſchluß des Miniſters nicht. Es galt hier nicht die Frage: ob dieſes Individuum dieſer Stelle gewachſen, ſondern, ob es nöthig ſey, ſie ihm zu geben, um ſich ſelbſt zu behaupten. Lord Oldborough machte es jetzt, wie in vie⸗ len andern Fällen zu ſeinem Haupzweck, daß man ihn verſtehe und ihm gehorche; deßwe⸗ gen wurde auch hier alle Delikateſſe bei Seite geſetzt, und er deutete gleich auf den allge⸗ meinen Beweggrund, Intereſſe. 0 Herr Falkoner, wenn ich noch in dieſer Nacht zum Beſitz der übrigen Tourvill'ſchen Papiere gelange, ſo wird der junge Mann morgen früh den Händen meines jetzigen Se⸗ kretairs übergeben, um ihn in das Fach, worin ſie ihn angeſtellt wänſchen, vorzube⸗ reiten. Herr Drakelow wird mich wahrſchein⸗ lich bald verlaſſen, um einer vortheilhaftern Anſtellung in Sr. Majeſtät Dienſten zu fol⸗ gen.» Die Dechiffreurs, Vater und Sohn, be⸗ gannen nun das Werk mit dem größten Eifer. Das ganze Paket ward noch vor Mittternacht 3— 54— entziffert, und am andern Morgen ließ Lord Oldborough den bisherigen Sekretair rufen, um ſeinen Theil des Vertrags zu erfüllen. « Herr Drakelow,„ ſo begann er,«Sie werden die Guͤte haben, dieſen jungen Mann, Herrn Cunningham Falkoner gleich nach Ih⸗ rer Zurückkunft aus London in ihr Cabinet zu nehmen, und ihn darauf vorzubereiten, Ihren Platz auszufüllen, wenn Se. Majeſtät geruhen werden⸗ Sie nach Conſtantinopel oder ſonſt wohin, zu verſenden.» Der erſtaunte und höchſt mißvergnugte Drakelow verbeugte ſich in tiefer Unterwür⸗ figkeit. Er wußte wohl, daß Lord Oldbo⸗ rough nichts als Gehorſam verlangte. So⸗ bald der Sekretair das Zimmer verlaſſen hatte, wandte er ſich zu Cunningham: „Weder gegen Herrn Drakelow, noch gegen irgend jemand bitte ich Erwaͤhnung, von den entzifferten Tourvill ſchen Papieren — 55— zu thun. Geſchäfte rufen mich augenblicklich in die Stadt. Sie werden die Güte haben mich zu begleiten. Jetzt will ich Sie auch nicht abhalten, die nöthigen Vorkehrungen zur Reiſe zu treffen.» Kaum ſahen ſich Vater und Sohn allein, als Erſterer frohlockend ausrief:«Wie ver⸗ langt es mich, unſern guten Vetter Percy zu ſehen, um ihm zu verkünden, wie gut ich ſchon für einen meiner Söhne geſorgt habe.» «Aber bedenken Sie, lieber Vater, daß Herr Percy von den Tourvill'ſchen Papieren nichts wiſſen darf.» «Er braucht auch von den Mitteln nicht unterrichtet zu werden, nur das Ende, das glückliche Ende ſoll er erfahren.— Ja, Vet⸗ ter Percy! wir verſtehen es beſſer, aus al⸗ lem Vortheil zu ziehen, ſogar aus einem Schiffbruch.— «Allem Verdacht vorzubeugen, würde es wohl das Beſte ſeyn, Herrn Percy irgend einen wahrſcheinlichen Grund für Lord Old⸗ boroughs ſchnell erworbene Gunſt anzugeben,» meinte Cunningham. Wir könnten darauf hindeuten, daß Sie Gelegenheit hatten Sr. Herrlichkeit bei der Parlamentswahl Dienſte zu leiſten.» ⸗Nein, nein! nur nichts Beſtimmtes,» ſagte der alte Falkoner.„Bleibe beim All⸗ gemeinen, ſo biſt Du ſicher. Sage lieber, daß ich ſo glücklich war, der Regierung einen Dienſt leiſten zu können. Percy iſt nicht neu⸗ gierig, beſonders nicht auf Intriguen. Er wird gar nicht weiter fragen, und wenn er es thut, iſt es leicht, ihn auf eine falſche Spur zu leiten.— Und nun Cunningham, höre mir zu. Ich that mein Möglichſtes, Dich in eine angenehme Lage zu bringen; aber bedenke, daß Du ohne eine gewiſſe diploma⸗ tiſche Fertigkeit in dieſer Carriere nicht weiter kommen kannſt. Schon oft habe ich Dir dieß geſagt, Du haſt alle nöthigen Kenntniſſe ver⸗ nachlaͤſſigt, und nun fürchte ich ſehr, daß ihr Mangel Dich in Deinem künftigen Amt früh oder ſpaͤt beſchämen wird.» « Befürchten Sie nichts„ rief Cunning⸗ ham.— So gut wie tauſend Andere durch⸗ kommen, hoffe auch ich ohne diplomatiſche Geſchicklichkeit zu beſtehen.— Man findet im⸗. mer einen Sekretair, welcher die Formen kennt, und mit dieſem, und durch Hülfe der Bücher, die ich bei vorfallenden Gelegenheiten zu Rathe ziehe, ſoll es ſchon gut gehen.— Sie ſehen doch, daß ich heute bei Lord Old⸗ boroughs Examen vortrefflich beſtand—„ Ach! wie zitterte ich auch für Dich, wie gern wäre ich in einen Soufleurkaſten ge⸗ krochen, als Du ſo unbeſonnen warſt, über den Staatsvertrag zu ſprechen, wovon Du, wie ich wohl weiß, nichts verſtehſt. In der That, ich bin ſehr um Dich beſorgt.—* — 38— « Fürchten und beſorgen Sie nichts,» ſagte Cunningham lachend. Die größte Schwie⸗ rigkeit iſt überwunden. Ich habe den erſten Schritt gethan, und er koſtete nichts.» Nun wohl mein Sohn! ſo gehe denn vorwärts, mit Ehren, wenn es ſeyn kann — aber vorwäͤrts.» Drittes Kapitel. — Recht im Geiſt eines pplitiſchen Luftbau⸗ meiſters begann Falkoner nun ſeinem Gebäude, deſſen Grund ſo ſchnell und glücklich gelegt war, ein Stockwerk nach dem andern aufzu⸗ ſetzen. Da es ihm gelungen war, den einen Sohn durch einen glücklichen Streich vortheil⸗ haft zu verſorgen, machte der betriebſame Vater ſchon wieder neue Pläne für ſeine beiden andern Söhne, Buckhurſt und John.— Buckhurſt war vom Vater für die Kirche, John für die Armee beſtimmt. Der Finanzrath fühlte wohl, daß er Lord Oldboroughs Gunſt und Vertrauen nicht erworben habe, trotz dem, daß er ſich mit ihm einſchloß und jeinen — 60— Sohn zum Sekretair machte. Er wußte, daß er damit buchſtäblich ſeinen Lohn empfangen und nichts weiter zu hoffen hatte; aber demohngeachtet freute er ſich, daß es ſo gekommen war; denn er ſah nun die Mög⸗ lichkeit, mehr geheime und öffentliche Auf⸗ träge zu beſorgen. Er verlor keine Zeit, die Fortſetzung der geheimen Dienſte vorzube⸗ reiten, und ſich für die Zukunft unentbehr⸗ lich zu machen. Lord Oldborough wünſchte ſeine Beſitzung in Clermont⸗Park, durch einige auſtoßende Ländereien, deren Beſitzer ſie aus altem Groll nicht verkaufen wollten, zu vergrößern. Der Eigenthümer war Falko⸗ ners Lehnsmann. Er gebrauchte ſeinen Ein⸗ fluß, den Mann zur Vernunft zu bringen. Das Anerbieten wurde dem Lord durch Cunningham gemacht, angenommen, und ſo der Faden zu fernerm Verkehr angeknüpft. Es ſtand eine Grafſchaftsverſammlung be⸗ vor, in welcher eine Addreſſe wegen gewiſſer — 61— Maaßregeln der Regierung, zu. Stande ge⸗ bracht werden ſollte, und wobei man heftigen Widerſtand befürchtete. In einem Brief an ſeinen Sohn, erbot ſich der Finanzrath, die Sache einzuleiten. Der Sheriff und Unter⸗ ſheriff ſollten ohne unmittelbare Anleitung des Miniſters zu mancherlei Vorſchlägen bewogen werden; und wer haͤtte dieß wohl beſſer be⸗ ſorgen können, als Falkoner? Durch Cun⸗ ningham ließ man antworten, daß das Aner⸗ bieten angenommen werde.— Zur ſelben Zeit gab es in dieſem Theile der Grafſchaft viele Klagen und Streit über die Steuer⸗ einnahme.— Falkoner ließ Winke fallen, daß er die Gemüther beſchwichtigen könne, wenn er Vollmacht dazu bekäme— und er erhielt Vollmacht.— Solcher und ähnlicher Fälle gab es mehrere; in Kurzem handelte Falkoner als Agent und Anhänger des Lords. Aber etwas machte ihn mißmuthig, er arbeitete hier mit un⸗ beſtimmten Erwartungen künftiger Belohnung. 1 „ — 62— Während ſein Gemüth mit dieſen Gedanken beſchäftigt war, eröffnete ſich ihm von anderer Seite eine neue, vortheilhafte Ausſicht. Lord Oldborvughs Neffe, Oberſt Hauton, hielt ſich, während ſeines Oheims Abweſenheit, in Clermont⸗Park auf, um daſelbſt die Wett⸗ rennen abzuwarten, welche dieſes Jahr vorzüg⸗ lich brillant ſeyn ſollten. Buckhurſt war auf der Schule und Univerſität mit ihm geweſen, und hatte ſich oft durch thätige Hülfe bei⸗ ſeinen lateiniſchen Ausarbeitungen um ihn verdient gemacht. Schon früh zeigte der Oberſt große Abneigung gegen die Gelehrſamkeit, die zu⸗ letzt in wahre Antipathie gegen den bloßen Anblick der Bücher überging. Trotz des Oheims eifrigem Wunſch, ihn mit gelehrten Sachen beſchäftigt zu ſehen, war ſein Kopf nur mit Bällen, Trinkgelagen, Hunden und Pferden angefuͤllt.— Bei alledem war der Finanzrath dennoch der Meinung, daß eine Erneuerung der Schulbekanutſchaft nicht ohne — 63— Nutzen ſeyn werde. Deshalb mußte Buck⸗ hurſt dem Oberſten ſeine Aufwartung machen, und die alte Freundſchaft wurde mit viel⸗ verſprechenden Freudenbezeigungen von Neuem angeknüpft. 34 Es wäre eine ſchwierige, ja eine un⸗ mögliche Aufgabe, eine genaue Schilderung des Oberſten Hauton zu machen. Uebertrie⸗ bene Eigenliebe und Selbſtſucht, waren ſeine Haupteigenſchaften, doch äußerten ſie ſich bei flüchtiger Bekanntſchaft ſo wenig, daß er allgemein für umgänglich gehalten wurde. Seine gänzliche Abhängigkeit von Andern, Vergnügen zu finden um die Zeit hinzubringen, gab ihm den Anſtrich von Geſelligkeit; Mangel an Haltung und Würde, ein gewiſſes ver⸗ trauliches Weſen, ließ ihn auf den erſten Blick für gutmüthig gelten. Es war ſein höchſtes Streben, wie ſein Kutſcher auszu⸗ ſehen, doch brachte er es nur bis zum Be⸗ dienten; aber, obgleich er mit Jockai's — 64— Kutſchern, Bedienten, und Stallknechten in Geſellſchaft lebte, übertraf er doch den ſtol⸗ zeſten, hochmüthigſten Don von Spanien an ariſtokratiſchen Grundſätzen und despotiſcher Härte.— Dieß konnte ſich freilich gegen ſeines Gleichen nicht außern; und ſeines Gleichen kümmerten ſich wenig darum, wie er die Untergebenen behandelte. Sein jetziges Vergnügen, vder vielmehr ſeine jetzige Be⸗ ſchäftigung, denn kein Menſch machte mehr ein Geſchäft aus ſeinem Vergnügen, als Hauton, war die Rennbahn. Hierbei konnte ihm Buckhurſt nicht ſo gut beiſtehen, wie früher bei den lateiniſchen Verſen; aber er. konnte bewundern und ſich dafur intereſſiren; und darum freute ſich der Oberſt üͤber ſeinen Beſuch, nöthigte ihn, in Clermont⸗Park zu bleiben und ihn zu dem Wettrennen zu be⸗ gleiten.— Dort ſollte eine berühmte Wette zwiſchen Oberſt Hautons High⸗blood und Squire Burtons Wildſire Satt finden, und die Vor⸗ — — 65=— kehrungen mit den Pferden und ihren Reitern, füllten die noch übrigen Tage aus. Zu ge⸗ wiſſen Stunden fanden ſich Hauton und Buck⸗ hurſt ein, um zu ſehen wie High⸗blood ge⸗ putzt, gefüttert, geſchwemmt, dreſſirt und wieder geputzt wurde. Nächſt dem Pferde war Jack Giles, der Reiter, ein Gegen⸗ ſtand der größten Sorgfalt; er wurde ge⸗ wogen, ausgehungert, zuſammengeſchnürt, in Schweiß geſetzt und wieder gewogen, und ſo ging es einen Tag wie den andern; und immer ſchwieriger ward es, ihn bei guter Laune zu erhalten.— Endlich brach er an, der große, der wichtige Tag. Jack Giles wurde zum letzten Male und öffentlich gewogen„ſs auch Tom Hand, Squire Burtons Reiter— High⸗ blood und Wildfire zuſammen herausgeführt, und die verſammelten Zuſchauer in den Schranken und auf dem Gerüſte, beſonders diejenigen, welche auf eins der Pferde gewettet hatten, 1. 5 66— waren voll Ungeduld.— Nun Hauton!— nun Burton!— nun High⸗blood und nun Wildfire! nun Jack Giles und nun Tom Hand, erſcholl es von allen Seiten. Die unten haltenden Reiter erhoben ſich auf den Zehen in den Steigbügeln. Die oben ſitzen⸗ den Damen ſtreckten ihre weißen Hälſe herab, und niemand bemerkte es.— Zwei Männer wurden überritten, und niemand hob ſie auf; zwei Damen fielen in Ohnmacht, und ein Paar Herren wetteten über ſie weg. Jetzt war es keine Zeit zu ſo geringfügigen Kleinig⸗ keiten.— Jack's Kraft begann zu erſchlaffen, Tom Hand gerieth in Vortheil— High⸗blood, ſchon nahe am Ziele, wurde von Wildfire plötzlich eingeholt. Peitſche und Sporen halfen nichts mehr, Wildfire erreichte das Ziel, und Squire Burton hatte die Wette gewonnen. Laut gratulirten ſeine Freunde ihm und ſich ſelbſt, und erhoben Hand und Wildfire bis in die Wolken.— Im erſten Augenblick — = 6)— des Unmuths ſagte der übellaunige Oberſt etwas, einem Verdacht der Unredlichkeit von Burtons oder Hands Seite ähnlich. Dieß konnte der ehrliche Squire weder fur ſich noch für ſeinen Reiter geduldig ertragen. Er ſchwur, «daß es keinen ehrlichern Kerl, als Tom Hand in ganz England gebe, und daß er ihn als ſolchen vertreten wolle.» Auf die eigene und des Oheims Wichtigkeit, auf ſeine Par⸗ thei und ſeine Schmeichler vertrauend, be⸗ handelte Oberſt Hauton den Squire mit vor⸗ nehmen Uebermuth, welchen Burton mit bäuriſcher, engliſcher Derbheit erwiederte. Hau⸗ ton, dem es an Witz gebrach ſeinen Gegner niederzuwerfen, wurde immer gereizter, als er ſah, daß ein Menſch von ſo gemeiner Her⸗ kunft wie Burton, lachen konnte, und Andere lachen machte. Aus Mangel an Witz nahm Hauton ſeine Zuflucht zur Unverſchämtheit, und häufte Grobheit auf Grobheit, bis der entrüſtete Squire erklärte, daß er ſich von 5* — 68— keines Lords Neffen, und ſolch einen Maul⸗ affen von Oberſten etwas bieten laſſen wolle, und damit ſchwang er, vor Wuth zitternd ſeine engliſche Reitpeitſche. In dieſem criti⸗ ſchen Augenblick, berichteten einige Naheſte⸗ hende, bezwang ſich Hauton und trat einige Schritte zurück; Andere aber behaupten, daß Buckhurſt ſich ſchnell vor ihn ſtellte.— So viel iſt gewiß, daß Buckhurſt den Schlag von dem Squire auffing, auf der Stelle von ihm gefordert wurde, das Duell annahm, den Squire verwundete— hernach wieder auf dem Platz erſchien, öffentlich von den Damen und insgeheim von ſeinem Vater be⸗ wundert wurde, der den Peitſchenhieb und das Duell, wovon er des Gönners Neffen errettete, für den glücklichſten Zufall anſah, der ſeinem Sohne beim Eintritte in die Welt begegnen könne. « Welch' ein Gewinn für uns! Welche An⸗ ſprüche an den Oberſten und die ganze Fa⸗ — — — milie. Lord Oldborough iſt kinderlos, be⸗ trachtet den Neffen als ſeinen Erben, und bereitet er ihn auch durch ſeine ausſchweifun⸗ gen und durch ſeine Unfähigkeit zu Geſchäften viel Verdruß; ſo kann er doch, ſo wie er iſt, mit ſeinem Oheim machen was er will. Wer des Neffen Ohr beſitzt, hat des Oheims Herz; oder ich möchte lieber ſagen, wer des Neffen Herz beſitzt hat des Oheims Ohr. &Wollen wir nicht lieber die Herzen von allen Seiten aus dem Spiele laſſen 2„ fragte Buckhurſt. Sehr gerne,» erwiederte ſein Vater la⸗ chend, Cvorausgeſetzt, daß wir von unſerer Seite eine gute Pfründe nicht aus dem Spiele laſſen.» 3 Buckhurſt blickte ihn unwillig an, und wußte nicht, daß von ſolchen Dingen die Rede ſey. &Sol) ſagte Falkoner.—& Alſo aus vurer reiner Menſchenliebe ließeſt Du Dich mit der Peitſche ſchlagen und beinah todtſchießen?» 70— «Auf Ehre! ich that es aus Anhänglich⸗ keit, ich konnte es nicht ruhig mit anſehen, daß man meinen Schulkameraden mit der Peitſche ſchlagen wollte.— Nein! ver⸗ dammt— wenn er ſich nicht ſelber half, mußte ich es thun; denn ich gehörte zu ſei⸗ ner Parthei.» Sehr edel und vortrefflich. Aber über dergleichen Schulknabenideen biſt Du nun hin⸗ weg. Darum laß uns weiterſehen und über⸗ legen, was aus der Sache zu machen iſt.* Daran dachte ich nie.»— Denke nun daran;» ſagte der Vater, durch des Sohns ſorgloſe Uneigennützigkeit ein wenig gereitzt.—&Es iſt jetzt die Rede davon, daß ein Oberſt in Sr. Majeſtät Dienſt von Peitſchenſchlägen errettet— und einer gan⸗ zen edlen Familie dadurch ein Schimpf erſpart worden iſt. Solche Dinge dürfen nicht ver⸗ geſſen werden, und können es nicht, wenn Du die Leute daran erinnerſt. Aber außer — à1— dem, gebe ich Dir mein Wort, iſt die Ge⸗ ſchichte binnen 8 Tagen vergeſſen. Darum überlaß mir das Geſchäft bei dem Oheim, und ſorge Du nur dafür, daß es beim Nef⸗ fen nicht einſchläft. Zuweilen ein kühnes Wort, dann wieder eine delikate Berührung, oder wie es die anweſende Geſellſchaft gerade erfordert. Ich überlaſſe es ganz Deiner Klug⸗ heit und Geſchicklichkeit.» «Vertrauen Sie meiner Klugheit und Ge⸗ ſchicklichkeit nichts;» rief Buckhurſt— c in ſolchen Fällen habe ich keine.— Ich handle recht, wie unrecht, immer nur nach Gefühl und augenblicklicher Eingebung— für Fein⸗ heiten habe ich kein Talent. Ueberlaſſen Sie dieß Feld meinem Bruder Cunningham, er liebt es glücklicher Weiſe, und ſo müſſen Sie ſich mit einem Genie in der Familie begnügen. Zwei können nicht beſtehen.»— &Sey ernſthaft, lieber Buckhurſt, und wenn Du keine Geſchicklichkeit haſt, Dir ſelbſt zu helfen, oder ſie nicht anwenden willſt, ſo überlaß es mir. Ich verlange weiter nichts, als daß Du Dich ruhig dabei verhälſt, und mich gewähren läßt.» Mit tauſend Freuden. Nur verlangen Sie nicht, daß ich etwas Bettelhaftes, Klein⸗ liches thun ſoll, ſo lieb mir auch eine gute Verforgung wäre.» Falkoner begann nun ſeinen feinen Plan zu entwickeln. Oberſt Hauton hatte eine Pfründe von 900 Pfund jährlicher Einkünfte zu vergeben, und der gegenwaͤrtige Inhaber war bereits ein Mal vom Schlage getroffen. Sich dieſer fetten Stelle für Buckhurſt zu verſichern, dahin ging ſein Streben; und da⸗ zu ſollten die abgewehrten Peitſchenhiebe, und das Duell verhelfen. Vergebens ſtellte Buck⸗ hurſt ſeinem Vater vor,«daß er ſich für den geiſtlichen Stand nicht berufen fühle, daß ſein Gewiſſen ihm nicht erlaube, ſich Ge⸗ ſchäften zu widmen, für welche ſein Sinn viel zu weltlich ſey. Falkoner widerlegte alle Skrupel durch angeführte Beiſpiele jetziger geſetzter Männer, die früher wilder und luſtiger gelebt haͤtten als er.— Aber Buck⸗ hurſt konnte ſich nicht ergeben. Er geſtand dem Pater, daß er Neigung zum Soldaten⸗ ſtand hätte, und bat um eine Stelle in der Armee. &Dein Bruder John iſt für's Militair be⸗. ſtimmt, und zwei Söhne in der Armee zu erhalten, erlauben meine Umſtände nicht— auch iſt er ein Dummkopf, zu nichts anderm tauglich.» «Wollte Gott! ich waͤre ein Dummkopf,» ſeufzte Buckhurſt,«ſo könnte ich Soldat werden, und würde nicht zum geiſtlichen Stand gezwungen.»— &Es zwingt Dich niemand,„ ſagte der Vater mit ſanfterm Tone. Ich zeige Dir nur die Unmöglichkeit, Deinen Wunſch zu erfüͤllen. Kannſt Du alſo Dein zartes Ge⸗ .]p X wiſſen nicht beruhigen, ſo bleibt Dir keine andere Wahl, als der Advokatenſtand. Dazu gebricht es Dir an Fleiß und Ausdauer; auch habe ich, außer Scharpe, der uns nichts helfen kann, keine Freunde unter den Advo⸗ katen; alſo haͤtteſt Du durchaus gar keine Ausſicht, jemals 900 Pfund zu verdienen. Von meinem Tod kannſt Du nichts erwarten, trotz dem, daß Du mein älteſter Sohn biſt. Deiner Mutter Vermögen iſt kaum hinreichend, zwei Töchter auszuſtatten, und von meiner Einnahme bleibt nichts übrig. Du haſt alſo die Wahl zwiſchen einer guten Pfründe und der Ausſicht, ein Bettler zu werden.» Mit dieſen Worten verließ Falkoner den Sohn, und Buckhurſt überlegte hin und her, aber der Vortheil ließ ſich mit dem Gewiſſen nicht vereinigen. Aus bloßem Intereſſe, ohne Sinn und Gefühl den heiligen Stand zu ergreifen, war ihm ein ſchrecklicher Gedanke. Liebe zum Vergnügen und Lebensluſt ſchreckten ——— ihn von der Idee, ſich darauf vorzubereiten, ab. Er ging zu ſeinem Bruder John, um mit dieſem zu kapituliren. Latein und griechiſch ſtanden als unüberſteigliche Hinderniſſe im Wege. Ueberdieß war ſeine Phantaſie mit den Epaulettes ſo völlig beſchäftigt, daß weder Bruderliebe, Politik noch Religion dagegen in Erwähnung kamen. John ant⸗ wortete: Lich fühle, daß ich Talent zum Soldaten habe, darum will ich Soldat werden.» Buckhurſt verließ ihn in Verzweiflung. Unterdeſſen verſäumte der Finanzrath keine paſſende Gelegenheit, ſeine Anſprüche an den Oberſten geltend zu machen; und da dieſer nicht wünſchte, die Peitſchen⸗ und Duell⸗ geſchichte ins Publikum gebracht zu ſehen, erhielt Falkoner, wenn auch nicht die ge⸗ wiſſe Zuſicherung der Stelle, doch das Ver⸗ ſprechen, alles mögliche für ſeinen Freund Buckhurſt zu thun. Aber bald genügte das Unbeſtimmte dem ſorgſamen Vater nicht mehr; — 76— er drang kühn in den furchtſamen Hauton, nannte die Pfründe von Chipping⸗Friars, bezeigte im Voraus ſeine Zufriedenheit, wenn Buckhurſt die Anwartſchaft darauf bekäme, und ließ zugleich verlauten, swie ſehr er ſich zu beklagen haben würde, wenn man ſeinem Sohn mit Undank lohnte, und wie erniedri⸗ gend dieſe Klagen der Oldborough'ſchen Fa⸗ milie ſeyn müßten.» Für feig gehalten, und ſo ſeinem Oheim geſchildert zu werden, war dem Oberſten ein unerträglicher Gedanke. — Er ſchwankte einige Augenblicke— und das Verſprechen der Pfründe ward gegeben. Nach dieſer Zuſicherung ſuchte Falkoner nun ſeinen Sohn für die Kirche zu ſtimmen. Witz und Scherz waren von Buckhurſt früher vergebens angewandt worden; jetzt verſuchte er Ueberredung und dringende Bitten, aber dieſe blieben eben ſo fruchtlos. Der Va⸗ ter, von Natur gutmüthig und willig, ſo lange ſeine Lieblingspläne nicht durchkreuzt — 77 wurden, war und blieb hartnäckig. Ohne harte Worte zu gebrauchen, wandte er harte Mittel an, ſeines Sohſies Beiſtimmung zu erzwingen. Buckhurſt hatte auf der Univer⸗ ſität Schulden gemacht, zwar nicht von Be⸗ deutung— doch war er für den Augenblick nicht im Stande, ſie zu bezahlen.— Die verlornen Wetten über High⸗blood mußten auch entrichtet werden. Ehrenſchulden leiden keinen Aufſchub. Der Vater verſprach nur dann Hülfe, wenn er ſich ſeinen Wünſchen fügte, und wußte es ſo einzurichten, daß er von den Oxforder Gläubigern hart ge⸗ drängt, und mit Arreſt bedroht wurde. In dieſer Noth und Verlegenheit fühlte ſich der junge Mann über alle Be ſchreibung unglück⸗ lich. Es fehlte ihm nicht an religiöſen Empfin⸗ dungen, an rechtlichem Sinn und Gefühl, aber die Kraft, ſich an Grundſätze und Ver⸗ nunft zu halten, gebrach ihm ganz. So war er in einer Stunde der Verzweiflung nahe, und hatte in der nächſten wieder vergeſſen, daß er weiter, als für den kommenden Tag und ſein Vergnügen zu denken brauchte. Unfahig, einen ernſtlichen Entſchluß zu faſſen, rannte er im Zimmer auf und ab, und ſuchte endlich aus Mangel beſſerer Geſellſchaft, ſeinen Bruder John auf. „Ich muß Wallis morgen bezahlen, oder er läßt mich arretiren— und ich muß meinem Vater heute noch Antwort geben, denn er wartet nicht länger und ſchreibt an den Bi⸗ ſchoff. Zum Teufel! John, was fange ich an. Auch nicht einen Schilling will unſer Vater für mich bezahlen, wenn ich mich nicht auf der Stelle zum geiſtlichen Stand ent⸗ ſchließe.) Nun wohl denn,* erwiederte John ge⸗. laſſen—«Du haſt ja das Schlimmſte über⸗ ſtanden, biſt auf der Univerſität geweſen.“— „⸗Aber ich halte es für ſchlecht und niedrig, des bloßen Geldes wegen—— ich kann — 79— es nicht thun— ich fühle mich für dieſen Stand nicht geeignet, ich würde der Kirche Schande bringen,“— rief Buckhurſt, ſich vor die Stirn ſchlagend,— anein, ich kann es nicht, es iſt wider mein Gewiſſen.» John war beſchäftigt, ſein Pulverhorn zu füllen, und ſtaunte den Bruder mit offnem Munde und allen Zeichen der höchſten Ver⸗ wunderung an. Er fühlte eine Art Mitleid mit ſeinem Schmerz, hatte aber kein klares Gefühl von der Urſache. « Lieber Bruder,» ſagte er,«wenn Du es nicht thun kannſt, ſo kannſt Du es nicht. aber, wie unſer Vater ſagt, warum Du mehr als Andere der Kirche zur Schande ge⸗ reichen ſollteſt, begreife ich auch nicht. Haͤtte ich nur ſtudiert, ſo wäre es mir einerlei; weiter kann ich nichts ſagen.— Und wenn der Soldatenſtand nicht meine Neigung wäre, ſo könnte mir nichts beſſer gefallen, als die Pfründe von Chipping⸗Friars. Es iſt nur — 80— ein böſer Umſtand dabei, der vom Schlag getroffene Vorfahr kann noch manches Jahr leben. Indeß, wenn Du Deine Schulden durch den bloßen Entſchluß bezahlen kannſt, ſo würde ich mich nicht beſinnen.— Aber freilich, Dein Gewiſſen iſt dawieder— Du mußt es am beſten wiſſen,— wenn Du nicht kannſt, ſo kannſt Du nicht.» « Aber ich kann auch nicht ins Gefaͤngniß gehen, nicht Hungers ſterben, kein Bettler werden, und Du haſt Recht, ich könnte ſo vergnügt ſeyn, wenn die verfluchten Schulden bezahlt wären, könnte mit einer Einnahme von 900 Pfund herrlich leben— und heira⸗ then. Ich hielte gleich um Caroline Percy an.— Sie iſt ein himmliſches Geſchöpf. Kein Mädchen wird ſo bewundert— Oberſt Hauton— und G. und P. und D. fragten mich neulich, wer das hübſche Mädchen ſey? Und warlich, ſie iſt ſehr hubſch.» Gewiß, erwiederte John.— Der Teu⸗ 1 1 8 — 81— felskerl macht meine Flinte nie ordentlich rein. «Zwar nicht regelmäßig ſchön,„ fuhr Buckhurſt fort;— zaber wie Hauton ſagt, bezaubernd. Sie iſt noch nicht in die große Welt eingeführt, und wie benimmt ſie ſich; wie tanzt ſie ſo himmliſch— und ſingt und ſpielt wie ein Engel, tauſendmal beſſer wie unſere pretiöſen Schweſtern, die von der Wiege an immer von italieniſchen Signors umringt waren!— Caroline Percy tritt nie öffentlich auf. Ich vermuthe, ihre Mutter liebt es nicht.» 3 So vermuthe ich auch,» ſagte John.— «Ueber die verfluchten Flinten— alle Tage werden ſie ſchlechter. Ich moͤchte nur wiſſen, wohin alle guten Flinten in der Welt ge⸗ kommen ſind.)— Ganz das Gegentheil von unſerer Mut⸗ ter. Georgine und Bella ſtehen bei allen Parthien und Concerten mitten unter den 1. 6 —-õ————— —— Sängern und Sängerinnen, und ſchneiden Geſichter wie, die Beſten unter ihnen.» « Sehr wahr,» erwiederte John. «Wie verſchieden von meiner Caroline— aber ſie iſt noch leider nicht mein.»— Sehr wahr,» bemer kte John. Zum Teufel, mit Deinem ſehr wahr! Einen Heiligen könnteſt Du dadurch in Zorn bringen! „Ich war ja Deiner Meinung,» ſagte John gelaſſen. „ Aber nichts iſt ärgerlicher, als immer derſelben Meinung zu ſeyn. Und ich muß Dir nur ſagen, Herr Sehrwahr, obgleich! Ca⸗ roline noch nicht mein iſt, ſo zweifle ich doch keinen Augenblick daran, ſie dahin zu bringen, mich, wie ich nun eben bin, zu lieben, zu achten und mit mir zu ziehen.» „ Daran zweifle ich auch nicht; die Weiber ſind immer zum Heirathen bereit.» * — 83— Da irrſt Du, lieber John! Caroline Percy gehört nicht unter dieſe Claſſe. Und wenn ſie mich auch liebt, ſo bin ich ihrer Einwilligung doch noch nicht gewiß.— Liebe und Gehorſam gegen ihren Vater könnte einen Anſtoß geben.„» Das iſt ein ſchlimmer Punkt,» ſagte John— sdenn davon hängt das Vermögen ab— und es wäre doch ein verdammtes Ding, das Mädchen ohne das Geld zu haben.— « Für mich nicht ſo verdammt wie Du denkſt,» erwiederte Buckhurſt lachend;« ſo arm ich auch bin, das Geld iſt nie mein Hauptzweck. Ich bin kein habſüchtiger Hund.» Apropos! Da Du von Hunden ſprichſt, ich wollte Du hätteſt etwas anderes gethan, als dem alten albernen Mann, der nie auf die Jagd geht, meinen ſchönen jungen Hund zu ſchenken. Er iſt ſo gut, wie verloren, als ob er ertränkt wäre—„ 6* .„ Wie iſt es nur möglich, jetzt von jungen Hunden zu ſprechen, in dem Augenblicke, wo ich vom Aller Heiligſten ſprach, wo meine ganze künftige Glückſeligkeit auf dem Spiele ſteht?⸗ „»Was ſoll ich aber mehr thun?» fragte John.«Stehe ich nicht beim ſchönſten Wetter eine halbe Stunde mit der Flinte in der Hand, und höre Dinge an, die ich nicht verſtehe?» Daß Du mich nicht verſtehſt, bedaure ich eben— ein ſchöner Bruder!* John antwortete nicht weiter, und ver⸗ ließ brummend und pfeifend das Zimmer. Buckhurſt verfiel in ſüße Träumereien über Carolinen und der wahrſcheinlichen Ausſicht, auf dem nächſten Balle mit ihr zu tanzen. Dann kam wieder eine bittere Erinnerung ſeiner Schulden und des ſchrecklichen Ent⸗ ſchluſſes. Vielleicht konnte ihm Percy be⸗ —.— — 85— hülflich ſeyn, den Vater abhalten, ihn zu einem Schritt zu zwingen, der ſich weder mit ſeiner Neigung, noch mit ſeinem Gewiſſen vereinigen ließ. Kaum gedacht, und gleich ausgefuͤhrt. Er ritt nach Percy⸗Hall. Als Knabe hatte er viel in der Percy'ſchen Fami⸗ lie gelebt, ſpäter ſie nur in den Ferien, und ſeit er von der Univerſität zurück war, nie geſehen. Herr Percy fand zwar viel Tadelns⸗ werthes, aber auch manche gute Eigenſchaft an dem jungen Mann. Die Offenheit und Redlichkeit mit der er jetzt ſein Herz und ſeine Lage offenbarte, ohne Zurückhaltung und Beſchönigung ſeine Liebe und ſeine Hoff⸗ nungen, wie ſeine Schulden, Thorheiten und Fehler eingeſtand, gewannen Percy's Herz. Er fuͤhlte Mitleid mit ſeinem Kummer und ehrte die Gründe ſeiner Handlungsweiſe. « Ich habe zwar kein Recht, mich in die Familienangelegenheiten Herrn Falkoners zu miſchen,» ſagte Percy;& aber ich will thun, ————m——-—-— was ich vermag.» Zuerſt lieh er dem Be⸗ drängten das nöthige Geld, damit er nicht aus Verzweiflung einen Stand zu wählen brauchte, der nur aus den höchſten und rein⸗ ſten Gründen ergriffen werden ſollte. Für dieſe Großmuth, die allerdings ſeine Er⸗ wartung übertraf, dankte ihm Buckhurſt mit dem Ausdruck der lebhafteſten Freude. Percy benutzte den günſtigen Augenblick, ihn auf ernſt hafte Entſchlüſſe für ſein künftiges Leben zu leiten. Er ſtellte ihm das Unvernünftige ſeines Wunſches, Soldat zu werden, vor, da er eine Erziehung erhalten habe, und lite⸗ räriſche Kenntniſſe beſitze, die ihn zu einer, für ſich und die Seinigen vortheilhaftere Lauf⸗ bahn geſchickt machten. Wenn er aus wichti⸗ gen Gründen ſeines Vaters Wunſch nicht er⸗ füllen könne, ſey er doch verbunden ſich auf andere Art nützlich und unabhängig zu machen; er werde vornehmlich ſein Glück im Advoka⸗ tenſtand nicht verfehlen, wenn er Beharrlich⸗ — 87— keit und Fleiß anwenden wolle, um die er⸗ ſten ſchweren Schritte zu überwinden. Hier ſeuftze Buckhurſt tief.— Aber Percy bemerkte,«daß er auf keine an⸗ dere Art beweiſen könne, dem geiſtlichen Stande bloß aus Gewiſſenhaftigkeit entſagt zu haben; daß man ſonſt glauben würde, er wählte die Armee als ein müßiges, luſtiges Leben; daß dieß alſo auch das einzige Mittel ſey, den Beifall des geliebten Gegenſtan⸗ des zu erhalten, und bald heirathen zu können.*— Buckhurſt erkannte das Wahre in Percy's Vorſtellungen und erklärte ſich bereit, wenn ſein Vater einwillige, das Studium der Rechte ſogleich zu beginnen, und ſich lieber der ſchwerſten Arbeit zu unterziehen, als ge⸗ gen ſeine eigene Ueberzeugung zu handeln. Percy üͤbernahm auf ſein dringendes Bitten das ſchwierige Geſchäft, dem Finanzrath das Vorgefallene mitzutheilen, und ihm ſei⸗ 8. nes Sohnes Wünſche und Verſprechungen ans Herz zu legen. Falkoner ſchien nicht erfreut darüber. Sie kennen ihn nicht, wie ich ihn kenne!» rief er aus. Ich ſtehe dafür, daß er die⸗ ſen Curſus nicht durchmacht. Und ſollte denn alles vergebens geweſen ſeyn? Sollte ich ſo viel Geld und Mühe an ihn verſchwendet haben, um noch ein Mal von vorn wieder anzufangen? Nicht eher kömmt Buckhurſt zu Verſtande, bis der jetzige Beſitzer todt, und die Pfründe vergeben iſt. Und wo finde ich wieder 900 Pfund für den gewiſſenhaften Jüngling, auf deſſen ſinnloſe Einwendungen 1 ich nicht länger hören will. Solche Stellen werden uns im Leben nicht oft geboten. Giebt er ſie auf, ſo iſt es ſeine Schuld; er mag für die Folgen büßen.» Percy erwiederte,«daß Buckhurſt dazu erbötig ſey, daß er verſprochen habe, niemals uͤber das ſelbſtgewählte Loos zu klagen, am — .= 89— wenigſten dem Vater Vorwürfe über ſeine Nachgiebigkeit zu machen; und daß er ent⸗ ſchloſſen ſey, ſich ſelbſt im Advokatenſtand zu erhalten.» Vortrefflich! und wie lange wird es dau⸗ ern, bis er jaͤhrlich 900 Pfund verdient! 2„ Percy wußte, daß nur weltliche Rück⸗ ſichten Eindruck auf dieſen Vater machten;. deßhalb erinnerte er daran, daß er den Sohn doch auch erhalten müſſe ſo lange der jetzige Pfründenbeſitzer lebte. Manches Jahr wird freilich verſtreichen, bis er 900 ja bis er 100 Pfund verdient„ fuhr er fort;«aber wenn Buckhurſt aushält, kann er bei ſeinen Talenten mit der Zeit wohl 9000 Pfund ver⸗ dienen, was er als Geiſtlicher, trotz allen Gönnern ſeines Vaters nimmermehr bekom⸗ men wird.» « Nun wohl, ſo mag es geſchehen», ſagte der Finanzrath, ſeinen Unmuth verbergend. Er fuͤrchtete Herrn Percy zu beleidigen, und — 90— * ſeinen Sohn um eine gute Parthie zu brin⸗ gen; auch durfte es nicht bekannt werden, daß er ihn zum geiſtlichen Stand hatte zwin⸗ gen wollen. Innigſt dankte Buckhurſt ſeinem Wohlthaͤter für die, wenngleich nur ungern bewilligte Er⸗ laubniß des Vaters. Percy machte die Bedin⸗ gung, daß er augenblicklich nach London gehen, und das Werk beginnen müſſe. Er verſprach alles, und wünſchte nur Carolinen vorher ſeine Liebe geſtehen zu dürfen. Sie war erſt 18 Jahr, und wie ihr Vater meinte, noch zu jung, um eine ernſtliche Verbindung zu ſchlie⸗ ßen. Buckhurſt erkannte die Unmöglichkeit ihr in den erſten Jahren ein angemeſſenes Loos zu bieten; auch war er vom Vater zu edel behandelt worden, um irgend einen Schritt ohne ſeine Genehmigung zu thun. Deßhalb wollte er ihr nur ſeine Liebe er⸗ klären, ohne ſie zu einem ernſtlichen Verſpre⸗ chen oder Bündniß zu bereden. — 91— Percy hielt es für beſſer, eine öffentliche Erklärung zu erlauben, als eine geheime zu veranlaſſen. 3 1 Caroline hörte Buckhurſts Erklärung, die erſte dieſer Art, mit einer Ruhe und Gelaſ⸗ ſenheit an, die den Liebhaber in Erſtaunen ſetzte und tief kränkte. Er hatte wenigſtens. gehofft, daß ſich ihre Eitelkeit, und ihr Stolz zu ſeinen Gunſten regen würde. Sie ver⸗ ſicherte ihm mit einfacher Würde, daß ſie die Liebe noch nicht kenne, auch fürs Erſte ihr Herz frei zu erhalten wünſche; daß ſie Zeit be⸗ dürfe, ihren eigenen Geſchmack und die Cha⸗ G rackter anderer zu prüfen, ehe ſie eine, für ihre ganze künftige Glückſeligkeit ſo wichtige Verbindung einginge. Sie bat ihn, einen Ge⸗ danken aufzugeben, den ſie durch Hoffnungen nicht begünſtigen könne. Daß ſie die Wahrheit ſprach, konnte Buckhurſt nicht bezweifeln. Die freimüthige Offenheit, womit ſie ihn im Umgange be⸗ 92 handelt, und welche er für den Anfang eini⸗ ger Zuneigung genommen hatte, bewies ſie ihm auch noch jetzt. Er ſah zwar ſeinen Irr⸗ thum ein, bat aber, daß ſie ſeinen Charak⸗ ter erſt genauer prüfen möge, ehe ſie eine beſtimmte Entſcheidung gebe. Mit gleicher Offenherzigkeit ſagte ſie ihm nun alles, was ſie von ihm dachte; und überzeugte den un⸗ glücklichen Liebhaber, daß ſie ſowohl mit ſei⸗ nen Vorzügen, wie mit ſeinen Fehlern bekann⸗ ter war, als er geglaubt hatte. Er fühlte das Wahre ihrer Bemerkungen.&Sie ſchil⸗ dern mich wie ich bin!» rief er aus. Kaum habe ich mich ſelbſt ſo gut gekannt!?— Caroline über ſich ſprechen zu hören, ge⸗ wäͤhrte ihm ſo viel Freude, daß er ſogar wünſchte noch mehr von ſeinen Mängeln zu erfahren, obgleich es ihm beſſer gefallen ha⸗ ben würde, wenn ſie ſich mit weniger Ruhe und Nachſicht darüber geäußert hätte. „Wie weit iſt ſie noch von der Liebe ent⸗ — fernt!y dachte Buckhurſt.— Unbegreiflich, daß ihr bei 18 Jahren die Sprache des Her⸗ zens noch fremd ſeyn ſollte, da ſie von allen andern Dingen ſo wohl unterrichtet iſt. Wie kann nur in dieſem Herzen, und bei dieſem Verſtande eine ſolche Unempfindlichkeit be⸗ ſtehen!* Gerade das Neue dieſer vollkommenen Unbefangenheit und Unſchuld, welche ihm im Umgang mit Frauen ſo fremd geblieben war, machte jetzt einen deſto tiefern Eindruck auf Buckhurſt. Carolinens Ernſt erſchien ihm an⸗ ziehender, als alle Reize ausgelernter Co⸗ quetten, und geprieſener Schönheiten. «Welch ein himmliſches Geſchöpf, wenn einſt die Liebe dieſe Pſyche erweckt! Und welch ein Triumph für mich, wenn ich der Welt dieſe Vollkommenheit zeigen kann!⸗ Mit ſo vermiſchten Gefühlen von Liebe und Triumph verließ Buckhurſt Carolinen, trotz ihrer ruhigen und beſtimmten Ant⸗ — 94— wort immer noch hoffend. Er kannte die Macht einer ausdauernden Bewerbung, und die Wirkung einer glühenden Leidenſchaft auf ein weibliches Herz. Immer ein Günſtling des ſchönen Geſchlechts, wähnte er auch hier noch den Sieg davon zu tragen. Viertes Kapitel. Den andern Tag war Buckhurſt Falkoner in Percy⸗hall. Er kam mit einer Art von Entſchuldigung; er hätte Aufträge. Sein Vater ließ Herrn Percy erſuchen einige Fa⸗ milienpapiere in Verwahrung zu nehmen, wel⸗ che er in ſeiner Abweſenheit beim Verwalter nicht ſicher genug aufgehoben glaubte. Percy fand ſich gleich dazu bereit, wünſchte aber, daß Buckhurſt vorher ein Verzeichniß davon machen möͤchte. Auf dieſe Arbeit war er nicht gefaßt. Seine Gedanken beſchäftigten ſich mit einem Ball und mit Carolinen. Doch mußte er ſich — 96— der Sache unterziehen, und als er fertig war, fand er Herrn Percy ſo vertieft in ſeiner Arbeit, daß er es für den Augenblick nicht rathſam hielt, vom Ball zu ſprechen. Endlich erſchienen die Damen, und alle Pa⸗ piere wurden bei Seite gelegt. Nun äußerte Buckhurſt, daß er geſonnen wäre, ſeine Reiſe nach London einige Tage aufzuſchieben, weil zu Anfang der nächſten Woche ein Ball ſeyn würde. « Der Wunſch auf den Ball zu gehen iſt allerdings natürlich,» entgegnete Percy ſehr ernſt. Doch wenn mir ein Mann von Ehre das Verſprechen giebt, daß ihn nichts abhalten ſoll, ſeine Studien ſogleich anzufan⸗ gen, ſo hätte ich freilich nicht erwartet, das die erſte Verſuchung—» Buckhurſt unterbrach ihn, und verſuchte den Unwillen in Percys Zügen durch Scherz zu vertreiben. Ein Paar Tage können doch keinen Un⸗ terſchied machen?» 4 — 9,/=— ⸗2 « Blos den Unterſchied eines Termins, und den Unterſchied zwiſchen verſprechen und vollziehen. Sie nannten mich geſtern un⸗ recht, als ich Beſorgniß äußerte, daß Sie das augenblickliche Vergnügen dem künftigen Glück vorziehen würden.» «Können Sie glauben, daß Vergnügen hierbei mein Zweck iſt?» rief Buckhurſt ſich raſch zu Carolinen wendend.«Wenn Miß Caroline Percy die Liebe kennte;» fuhr er leiſer ſprechend fort,« wuͤrde ſie mich nicht verdammen. Nicht Vergnügen hält mich zu⸗ rück, nur die Ausſicht Sie auf dem Ball zu ſehen.» « Dann werde ich nicht hingehen, ſagte Caroline.« Nach der beſtimmten Erklärung die ich Ihnen geſtern gab, würde es Coquet⸗ terie ſeyn Sie dort zu ſehen.„ Keine junge Dame iſt an den geſtrigen Ausſpruch gebunden, beſonders wenn er grau⸗ ſam war, y ſiel ihr Buckhurſt in die Rede, 1. 7 1 1 ——— — 98— a daher hoffe ich, Sie werden Ihren Ent⸗ ſchluß aͤndern.* „Ich gebe niemals falſche Hoffnungen,» ſagte Caroline;& und da ich zu Ihrem Glück nichts beitragen kann, darf ich auch nichts thun es zu ſtören. Ich will nicht Schuld daran ſeyn, daß Sie meinem Vater Ihr Wort nicht halten; ich will keine Veranlaſ⸗ ſung geben, Sie in ſeiner guten Meinung herabzuſetzen.— Ich gehe nicht auf den Ball.» Buckhurſt ſchied in der gewiſſen Ueber⸗ zeugung, daß Caroline dieſe Drohung nicht im Ernſt ausgeſprochen hätte; und da er ſeinen Ungehorſam mit Liebe entſchuldigen konnte, glaubte er das Buchſtäbliche des Ver⸗ ſprechens überſchreiten zu dürfen. Caroline, dachte er, hat noch nie eine öffentliche Geſellſchaft beſucht, und es iſt daher natürlich, daß ſie, mit ihren Anſprüchen an . 99— Bewundrung den glücklichen Augenblick mit Sehnſucht erwartet. Deſto größer war ſein Erſtaunen, als ſte wirklich nicht erſchien. Er fragte Roſa⸗ munden, Cob ihre Schweſter ſich nicht wohl befände 2) 8 Sehr wohl!» «Warum iſt ſie denn nicht hier?» Haben Sie vergeſſen, daß ſie nicht kom⸗ men wollte? „Ich glaubte nicht, daß es ihr Ernſt ſey.* &Sie ſcheinen Carolinen ſehr wenig zu kennen. Weder bei Kleinigkeiten, noch bei wichtigen Dingen ſagt ſie das Eine und thut das Andere.» Ich fühle, was Sie ſagen wollen, er⸗ wiederte Buckhurſt erröthend; caber ich dachte 1 icht, daß auch Sie mich ſo ſtreng beurthei⸗ len würden. Couſine Roſamunde hielt ich für meine Freundin.». 85 7 X — 100— «Die bin ich auch; aber nicht die Freun⸗ din Ihrer Fehler.» Es iſt doch gewiß kein Verbrechen, wenn ein junger Mann lieber auf den Ball, als ins juriſtiſche Collegium geht; aber es thut mir in der That ſehr leid, Miß Caroline Percy um das Vergnügen des heutigen Abends ge⸗ bracht zu haben. Und es wäre ihr erſtes Erſcheinen im Publikum geweſen.— Caroline iſt gar nicht ungeduldig, im Publikum zu erſcheinen; auch koſtet es ihr wenig Ueberwindung, dem eigenen Vergnü⸗ gen zum Vortheil Anderer zu entſagen.» Buckhurſt ſah nach der Uhr.&In einer Stunde geht die Poſtkutſche hier durch. Ich fahre mit nach London. Leben Sie wohl! Wollte Gott, ich wäre geſtern gegangen! Liebe, gute Roſamunde, ſprechen Sie bei Carolinen für mich.— — 101— In demſelben Augenblick trat eine junge ſchöne Dame, von einer zahlreichen Geſell⸗ ſchaft umgeben, in den Ballſaal. 8 Buck⸗ hurſt blieb ſtehen, um zu erfragen, wer ſie ſey.«Kennſt Du meine Schweſter noch nicht?» antwortete Oberſt Hauton.&Ich will Dich gleich vorſtellen, und Du ſollſt mit ihr tanzen.» Viel Ehre— ich würde ſehr glücklich ſeyn— in der That, es würde mich außer⸗ ordentlich glücklich machen, wenn ich nicht in dieſem Augenblick nach London müßte. Es möͤchte ſonſt für die Poſtkutſche zu ſpät wer⸗ den.— Gute Nacht.»— Bei dieſen Worten machte Buckhurſt einen Verſuch ſich loszureißen; aber Hauton brach in ein gewaltiges Gelächter aus, hielt ihn beim Arme feſt und ſchwur, er müſſe betrun⸗ ken ſeyn; denn er wiſſe nicht, was er ſagte und thäte. «Buckhurſt, biſt Du wahnſinnig?» flü⸗ ſterte ihm der hinzugetretene Vater ins Ohr. — 102— Du kannſt es nicht abſchlagen— Du ver⸗ dirbſt es für immer.⸗— „Ich kann nicht anders,» ſagte der Sohn, — ges thut mir leid, aber ich kann nicht an⸗ ders.“— Er wandte ſich nach der Thür, um fortzugehen. Der Finanzrath folgte.— Du wirſt doch wenigſtens ſo lange bleiben kön⸗ nen, bis Du der jungen Dame vorgeſtellt biſt— für die Poſt iſt es dann immer noch früh genug— Menſchen, die uns von dem größten Nutzen ſind, muß man nicht ohne Noth beleidigen.» Aber, lieber Vater! zu meinem jetzigen Vorhaben kann Hauton mir nichts nutzen!» Schon gut, ſo ſieh doch nur, wie rei⸗ zend Miß Hauton iſt! Welch eine entrée!— Ganz das Auftreten einer Dame von Welt.— Aller Augen ſind auf ſie gerichtet— die ganze Geſellſchaft iſt voller Bewunderung.» Ich ſehe nichts Außerordentliches an ihr,» ſagte Buckhurſt, noch ein Mal zurückblickenb.— — 10⁰3— Wenn Sie aber meinen, daß ich anſtoße.— Ich möchte Hauton, der mich artig behandelt, nicht gern beleidigen. Ich will mich vorſtellen laſſen. In fünf Minuten bin ich wieder hier.» Mit dieſem Entſchluß kehrte er noch ein Mal zurück. Miß Hauton war wirklich ſo ſchön, daß ſie allgemeine Aufmerkſamkeit er⸗ regt haben würde, auch ohne die Schweſter des reichen Oberſten Hauton, und die Nichte des Miniſters zu ſehn; aber dieſe Umſtände trugen ohne Zweifel dazu bei, ihre Reize in den Augen der Anbeter noch mehr zu erhö⸗ hen. Die Herren waren insgeſammt der Mei⸗ nung, daß Miß Hauton ein bezauberndes Geſchöpf ſey. Buckhurſt Falkoner und Gott⸗ fried Precy wurden ihr zu gleicher Zeit vor⸗ eſtellt.— Gottfried bat um einen Tanz— 3 Buckhurſt mußte doch ſehen, wie ſie tanzte. Sie tanzte wie ein Engel. Im An⸗ ſchauen verloren war ihm, ehe er es dachte, eine Viertelſtunde vergangen. Es drängten — 104— ſich nun mehrere Tanzbewerber um ſie herum, aber Miß Hauton daukte und erklärte, daß ſie nicht mehr tanzen würde.) Buckhurſt hatte gehen wollen, aber er fühlte eine un⸗ überwindliche Neugier, zu wiſſen, ob ſie auch ſo gut ſpräche, als tanzte. Der Ton ihrer Stimme war ſanft und rein, und über ihr ganzes Weſen verbreitete ſich eine gewiſſe Weichheit, eine Gleichgültigkeit gegen die all⸗ gemeine Bewunderung, die Gottfried bezau⸗ berte, beſonders da er bemerkte, daß ſeine Unterhaltung ihr zu gefallen ſchien. Buck⸗ hurſt's Witz hörte ſie mit Höflichkeit, aber augenſcheinlich ohne Intereſſe an.— Er ſah wieder nach der Uhr— aber nun war es zu ſpät für die Poſt.— Roſamunde erſtaunte, ihn noch im Ballſaal zu finden.— Er ſchob alle Schuld auf ſeinen Vater.— Während der Mahlzeit ſaß er neben Roſamunden und wandte alle Beredſamkeit an, ſie zu uͤber⸗ zeugen, daß er gegen ſeinen Willen geblieben —,— war. Unterdeſſen ſaß Gottfried neben ſeiner ſchönen Tänzerin, und geſiel ſich immer mehr und mehr auf dieſem Platz. Gegen Ende der Tafel wurde das Geſpräch allgemeiner und lebhafter. Man ſtritt viel uber eine bevor⸗ ſtehende Heirath in der vornehmen Welt, ob ſie bald, oder ob ſie überhaupt noch vor ſich gehen werde. Ein Bekannter Gottfrieds, der ihm gegenüber ſaß, ſagte mit leiſer Stimme: «es wird nie etwas daraus.»— Warum nicht?y fragte Jener.— Flüſternd anwortete der Andere: ces ſind unüberſteigliche Hinder⸗ niſſe im Wege.— Erinnern Sie ſich der Mut⸗ ter nicht? Sie iſt eine geſchiedene Frau, und wie könnte es ein vernünftiger Mann wagen, die Tochter zu heirathen?» «Gewiß nicht,y erwiederte Gottfried.— & Ich wußte dieſe Umſtände nicht.— Da⸗ mit wandte er ſich wieder zur ſchönen Nach⸗ barin, und bemerkte zu ſeinem größten Er⸗ ſtaunen und Schrecken, daß ſie blaß war, zit⸗ — 106— terte, und ſich kaum aufrecht erhalten konnte. — Daß ſie plötzlich unwohl geworden, war natürlich ſein erſter Gedanke, und er wollte eben Lady Oldborough zu ihrem Beiſtande herbeirufen; aber Miß Hauton verhinderte es, und bat ihn mit leiſer, ſchwankender Stimme, ruhig zu bleiben. Er gehorchte, reichte ihr ein Glas Waſſer und nahm eine Stellung an, die ſie der Beobachtung entzog. Eine dunkle Erinnerung, als Kind ein Mal von einer Lady Anna Hauton und ihrer Schei⸗ dung gehört zu haben, flog ihm durch den Sinn. Gewiß war dieſe, Miß Hautons Mut⸗ ter, und ſie hatte das Geflüſter gehört. Beide ſaßen einige Augenblicke in ſtum⸗ mer Verlegenheit neben einander. Endlich brach Gottfried das Schweigen mit der Frage, aob ſie ſich beſſer befinde y— Sehr wohl,* antwortete ſie, aber ihr Erroͤthen bewies, daß Gottfrieds Vermuthung gegründet geweſen war. — 107— Sie ſelbſt errieth den Gang ſeiner Gedanken, wurde blaß und ſiel in Ohnmacht. Lady Old⸗ borough eilte ihr zu Hülfe, war aber zu ſchwach, ihr beiſtehen zu können. Gottfried holte ſeine Mutter— und Miß Hauton ward ſogleich an die friſche Luft ge⸗ bracht. Lady Oldborough folgte mit dem Riechflaͤſchchen. Gottfried überließ die junge Dame ihrer Sorgfalt, und kehrte ſchnell ins Eßzimmer zurück, um jede Störung zu ver⸗ hüten. Oberſt Hauton und Buckhurſt begeg⸗ neten ihm an der Thuͤr, und er hielt ſie mit der Verſicherung ab, daß Miß Hauton den nöthigen Beiſtand habe. Ich will Dir wohl ſagen, was üör fehlt,y rief der Oberſt.—&Eine Tour nach Chel⸗ tenham wird ihr und mir gut thun. Nach⸗ dem die Wettrennen vorbei ſind, weiß ich beim Teufel nicht mehr, was ich hier begin⸗ nen ſoll. Ich will übermorgen mit Marien in meinem Phaeton davon jagen.— Doch — 408— nein, Buckhurſt, Du guter Junge— Dich will ich im Phaeton fahren und Lady Oldbo⸗ rough kann Marien in den Wagen nehmen. Gottfried hörte im Vorbeigehn dieſe Ein⸗ ladung, blieb aber nicht ſtehen, Buckhurſts Antwort abzuwarten, ſondern ging gleich in den Saal. Niemand ahnte den wahren Grund von Miß Hautons Ohnmacht, ſelbſt derjenige nicht, deſſen Geſpräch ſie herbeigeführt hatte. Lady Oldborough gab die Hitze als Veran⸗ laſſung an, und eine alte Doktors Wittwe ſchrieb das Uebelbefinden dem Obſteis zu, welches immer nur Unheil in der Welt an⸗ richtete. Man ſtritt über die Schädlichkeit und Unſchädlichkeit des Eiſes, und die Tan⸗ zenden hatten Miß Hauton und alles, außer ſich ſelbſt vergeſſen, als die junge Dame wie⸗ der eintrat.— Gottfried beſtellte Percy's Wagen, und die Familie verließ den Ball. Kaum ſah ſich Gottfried mit den Seini⸗ gen im Wagen allein, als er ſich bemühte, — 109— das Geſpräch auf Miß Hauton zu leiten; ihm lag ſo viel daran, zu erfahren, wie ein Je⸗ der über ſie dachte, daß er nicht begreifen konnte, wie man von andern Dingen ſprechen mochte. Miß Percy lächelte, Herr Percy drückte ſich in die Wagenecke, und erklärte, «daß er ſchläfrig ſey.)&Schläfrig!* rief Gottfried— clieber Vater, wie iſt es mög⸗ lich, daß Sie ſchläfrig ſeyn können?» Sehr möglich, mein guter Sohn, denn es iſt ſchon vier Uhr.» Gottfried ſchwieg und überdachte noch ein Mal jedes Wort, vergegenwärtigte ſich jeden Blick Miß Hautons. Ihre Schönheit und Anmuth, ihre Unterhaltung hatten ihn gleich anfangs ſehr angezogen, ihr ſpäteres, gefühl⸗ volles Benehmen ſein Herz gänzlich gewon⸗ nen— ſo daß er nichts ſehnlicher wünſchte, als ſeinen Vater für ſie einzunehmen. Er vertraute ihm daher den Grund ihrer Ohn⸗ macht und fragte, ob ſie nicht ſehr zu be⸗ — 110— dauern ſey?„— Alles bemitleidete ſie, wo⸗ durch Gottfried Muth bekam, es grauſam und ungerecht zu nennen, daß man der un⸗ ſchuldigen Tochter die Fehler der Mutter an⸗ rechnen wolle. Aber Gottfried,» ſagte Roſamunde— Du ſcheinſt Miß Hauton gegen jemand zu vertheidigen, der ſie angegriffen hat— mit wem ſtreiteſt Du denn 25 „ Mit ſich ſelbſt,y erwiederte Percy— 1 a ſiehſt Du es nicht? Sein Verſtand gebie⸗ tet ihm, dem Herrn beizuſtimmen, der ſich wider die Verbindung mit der Tochter einer uͤbel berüchtigten Mutter erklärte; und doch wünſcht er eine Ausnahme von der allgemei⸗ nen Regel, zu Gunſten der hübſchen Miß Hauton zu machen.» & Hübſch! O lieber Vater, ſie iſt noch d Vorzug, ſo würde ich nicht für ſie ſprechen. viel mehr wie hübſch: wäre dies ihr einziger — 111— Aber, auch wenn wir ſie ganz aus dem Spiele laſſen, kann ich doch dem allgemeinen Grund⸗ ſatz, die Tochter einer geſchiedenen Frau nicht heirathen zu wollen, unmöglich beiſtimmen.* «Ehe Du Miß Hauton kannteſt, ſtimm⸗ teſt Du dieſer Meinung bei,» ſagte Perch.— aIch erinnere mich, daß Du bei einer ähn⸗ lichen Gelegenheit ſagteſt, nein! ich habe nichts mit den Töchtern einer ſolchen Mutter zu thun— der Apfel fällt nicht weit vom tamm.* «Ich ſchäme mich in der That, jemals ein ſo gemeines Sprüchwort gebraucht zu ha⸗ ben,» ſagte Gottfried. « Es mag ein gemeines Sprüchwort ſeyn, aber doch kein gemeiner Irrthum,» erwie⸗ derte Perey. Ich würde meinem Sohne lieber die wohlgezogene Tochter eines ehr⸗ lichen Landmanns, als die Tochter einer übel⸗ berüchtigten Frau von Rang und Anſehen ge⸗ — 112— ben. Die Pachterstochter kann mit der Zeit eine gebildete Frau werden, wenigſtens mei⸗ nem Sohne ein treues Weib. Dies kann er von der jungen Dame, die von Jugend auf ein ſchlechtes Beiſpiel vor Augen hatte, nicht erwarten.„ Gottfried ſing Feuer, und eiferte gegen die Ungerechtigkeit eines Grundſatzes, der manches liebenswürdige junge Mädchen für's ganze Lehen elend machen müſſe. Er bewies, daß dieß die Guten unglücklich machen, die Schwachen hingegen aus Verzweiflung zum Verderben führen müſſe. Roſamunde trat ihres Bruders Meinung bei.— Percy erbat ſich von ſeinen Kindern ein ruhiges Gehör, cobgleich er ihnen,» ſo ſagte er,«wie einer jener Väͤter mit dem Kieſelſteinherzen vorkommen werde.— Er verſicherte, ſo viel Mitleid mit dieſen un⸗ glücklichen Geſchöpfen zu fühlen, als von ei⸗ nem Mann, der in keine verliebt ſey, zu er⸗ — 113— warten ſtehe. Aber,» fuhr er fort— ge⸗ ſetzt auch, daß alles Ueble, was Gottfried vorausſagt, aus meinem Grundſatz entſteht, ſo glaube ich doch, daß die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft durch dieſe Strenge oder anſchei⸗ nende Ungerechtigkeit gewinnt. Die Anwen⸗ dung derſelben wird vielleicht einige Wenige unglücklich und elend machen, aher zum Wohl ſo Vieler beitragen, daß das Ueble mit dem Guten keinen Vergleich aushält! Die Ge⸗ wißheit, daß die Schande auf die Töchter forterbt, iſt das einzige Mittel, Mütter von ſchlechter Aufführung abzuſchrecken, und würde wahrſcheinlich der Sittenloſigkeit höherer Stände kräftiger entgegenwirken, als bedeu⸗ tender Verluſt, oder die vorübergehende Schande öffentlicher Unterſuchung und Schei⸗ dung. Was die ſcheinbare Ungerechtigkeit be⸗ trifft, Kinder für die Fehler der Eltern bü⸗ ßen zu laſſen; ſo muß man bedenken, daß ſie auf der andern Seite auch alle Vortheile ei⸗ I. 8 114— nes guten Namens ihrer Eltern genießen, dieß ſind natürliche Wirkungen der Erfahrung, nach den Geſetzen der menſchlichen Natur; und nur wo midet ißaſt die Macht: der Ver⸗ nunft verdraͤngte..» ℳ Das iſt dacherr mein Bal uökerbae ihn Gottfried. Percy fuhr lächelnd fofe— dg den niedern Ständen gilt der Spruch:&daß ein guter Name das ſchönſte Erbtheil ſey, welches eine Mutter ihrer Tochter hin⸗ terlaſſen könnes Möchte dieſer Glaube auch auf die höhern Claſſen übergehen! Geld kann jetzt im vornehmen Leben alles gleich machen. Es iſt gar nicht mehr ungewöhnlich, die natürliche Tochter eines Mannes von Rang und großem Vermögen ſo herrlich mit ſolidem Gelde oder verheißener Protektion ausgeſtat⸗ tet zu ſehen, daß ihr Urſprung mütterlicher Seite und deren Charakter ganz darüber ver⸗ geſſen wird. Kann dieß den guten Sitten — 115— vortheilhaft ſeyn? Warlich! einer ſolchen Mutter dürfte ihr uneheliches Kind wohl zum Triumph, ſtatt zur Schande gereichen.— Im Gegentheil würde nichts der Sittenloſigkeit vornehmer Weiber beſſer ſteuern, als wenn ſolche Männer, die ihrem Rang, Vermögen und Charakter nach zu den vorzüglichſten Par⸗ thien gehören, alle Verbindung mit ihren Töchtern mieden.» Gottfried war in dieſem Punkt nicht ſo leicht zu überzeugen. Den Unſchuldigen für den Schuldigen leiden zu laſſen, hielt er in allen Lagen und Fällen für Unrecht. Er meinte, wenn nicht von ſeines Vaters Miß⸗ billigung die Rede wäre, ſo würde er bald mit ſich einig ſeyn, und alle Einwürfe der Klugheit gegen die Verbindung mit einem un⸗ beſcholtenen, liebenswürdigen Mädchen, de⸗ ren einziger Tadel eine unwürdige Mutter ſey, widerlegen. Bis zent hatte Miß Percy ihre Meinung 8* 116— noch nicht ausgeſprochen. Mit überzeugender Sanftmuth und richtigem Gefühl, bemerkte ſie, daß beide Theile wohl zu weit gingen. Das Wichtigſte, ja das einzig Entſcheidende ſey doch wohl die Erziehung, welche die Tochter genoſſen habe. Darauf würde ein verſtändi⸗ ger Mann eher ſein Urtheil gründen können, als auf das blos Zufällige ihrer Geburt. Er würde fragen, ob das Mädchen bei der Mut⸗ ter gelebt habe— ob ſie in Lagen geweſen, wo ihr Beiſpiel und das ihrer Geſellſchaft Einfluß auf die Tochter haben konnte? dann werde die Klugheit gewiß eine Verbindung mit ihr verbieten. Aber wenn ſie früh von der Mutter getrennt worden ſey, wenn ſie eine ſorgfältige, moraliſche Erziehung erhalten habe; ſo würde es nicht allein grauſam, ſon⸗ dern auch zwecklos ſeyn, die Verbindung mit ſolch einem Mädchen zu verhindern. Gottfried rieb ſich vor Vergnügen die Hände— Percy lächelte und bekannte ſich — 117— durch die Wahrheit und Gerechtigkeit dieſes Ausſpruchs überwunden. Weißt Du nicht, ob Miß Hauton bei ihrer Mutter lebte, oder von ihr erzogen wurde?» fragte Roſamunde den Bruder. Bis jetzt weiß ich es noch nicht,» erwie⸗ derte Gottfried,«aber ich werde es zu er⸗ fahren ſuchen.— Auf jeden Fall kann kein Kind beſtimmen, von wem es erzogen ſeyn will; und ſo wäre es ihre Schuld nicht, wenn ſie ihre Jugend bei einer Mutter verlebte, die ſich nicht dazu eignet, das Herz ihres Kindes rein zu bewahren.» &Das wäre allerdings ein Unglück,? meinte Mrß. Percy. «Und würden Sie es, meine liebe Mut⸗ ter, für ein unheilbares Unglück halten? Be⸗ denken Sie nur? v &Guter Sohn, ich bedenke alles— aber den Umſtand mit der Erziehung kann ich nicht aufgeben. Es würde mich ſehr betrüben, — 118— einen meiner Söhne mit einem Mädchen ver⸗ heirathet zu ſehen, das in dieſem unglück⸗ lichen Verhältniſſe lebte.— Doch,» fügte ſie nach augenblicklichem Schweigen hinzu— awenn ſie in den Jahren, wo ſie nach ſeige⸗ nem Willen und Urtheil handlen konnte, lie⸗ benswürdige, achtenswerthe Perſonen zu ih⸗ rem Umgang wählte, und ſich anſtändig und beſcheiden betrug— ſo könnte ich allenfalls eine Ausnahme von der Regel machen.“— Sie ſah Herrn Percy an.— «Ohne Zweifel,» erwiederte dieſer— wo ausgezeichnetes Verdienſt unverſchuldete Flecken tilgt, müſſen Ausnahmen zugeſtanden werden.» 1 « Nun, Vater, ſprechen Sie wieder, wie Sie ſelbſt,» rief Gottfried.— Dieß iſt al⸗ les, was ich verlange und wünſche. Wenn Sie Ausnahmen machen, ſtimme ich Ihnen ganz bei. = 1419=— &Gewiß nur, wenn ich Miß Hauton zu den Ausnahmen rechne.» « Das wird mit der Zeit kommen, wenn ſie es verdient, y ſagte Mrß. Percy. Gottfried dankte ſeiner Mutter mit vieler Wärme, und bemerkte, daß ſie immer die nachſichtigſte Freundin wäre. «Aber gedenke meiner Wenns,» antwor⸗ tete ſie.»Ich weiß jetzt noch nichts von Miß Hauton, als daß ſie ſehr hübſch iſt, und ein einnehmendes Weſen hat.— Weißt Du mehr 2 & Ja wohl, liebe Mutter.„ Sahſt Du ſie ſchon uftera Niemals.» Und auf einem Ball wollteſt Du ſo tiefe Blicke in ihr Inneres gethan haben?— Aber, freilich ſieht Amor, trotz der Binde mehr, als ein unbefangenes Auge bei der ſorgfältigſten Beobachtung.* «Laſſen wir Amor aus dem Spiele, und ſagen Sie mir, ob Miß Hauton nicht viel — 120— Gefühl hat? Ihre Däuimatht war gewiß keine Ziererei.» Nein, gewiß nicht,» erwiederte Mrß. Percy. 9 Sehen Sie, Vater,» rief Gottfried froßldikend. Ne Und Gefühl iſt die Grundlage aller liebenswürdigen weiblichen Tugenden.⸗» Sehr wohl,« ſagte Percy,&und viel⸗ leicht auch die Grundlage aller ihrer Irrthü⸗ mer und Vergehungen. Es kömmt darauf an, wie es beherrſcht wird. Das Gefühl kann zum Segen, aber auch zum Düuig der Geſell⸗ ſchaft werden.» «᷑ Zum Fluch?» rief Gottfried— cja, wenn ein Weib beſtimmt iſt...» Lieber Gottfried, laß uns dieſes Kapi⸗ tel abbrechen, Du biſt zu ſehr dabei intereſ⸗ ſirt, um kaltblütig urtheilen zu können.» Roſamunde benutzte den günſtigen Augen⸗ blick, um von dem zu ſprechen, was ihr im Sinne und am Herzen lag, von Buckhurſt — 121— Falkoner. Sie tadelte und bemitleidete, be⸗ ſchuldigte und vertheidigte ihn abwechſelnd; freute ſich, daß Caroline ſeinen Antrag abge⸗ wieſen hatte, und bedauerte ihn wieder we⸗ gen ſeiner fehlgeſchlagenen Hoffnung. Sie hoffte, daß er feſt genug ſeyn werde, trotz Hautons Bitten und ſeines Vaters Zureden nicht mit nach Cheltenham zu gehen.— Was iſt Deine Meinung, Gottfried? Denkſt Du, daß Buckhurſt mitgeht? & Ich weiß nicht, erwiederte Gottfried. &An ſeiner Stelle würde ich es leicht finden, in meiner Lage aber würde mir es ſchwer fal⸗ len, eine Luſtreiſe mit Miß Hauton auszu⸗ ſchlagen.* Fünftes Kapitel. 9 — Am andern Morgen eilte Gottfried, ſich nach dem Befinden ſeiner ſchönen Tänzerin zu er⸗ kundigen.— Dieß war blos eine gewöhnliche Höflichkeit. Auf dem Weg nach Elermont⸗ Park traf er noch mehrere Herren, welche dahin wollten, und es entſpann ſich ein Ge⸗ ſpräch uͤber den geſtrigen Ball. Von einem altlichen Mann, der nicht mit dort geweſen, und zufällig mit Miß Hauton und ihrer Fa⸗ milie genauer bekannt war, erfuhr Gottfried das Nähere über Lady Anna Hauton. Etwas niederſchlagend war ihm die Nachricht, daß ſie ihre Tochter ſelbſt erzogen und bis an — 13— ihren Tod, vor zwei Jahren immer bei ſich gehabt hatte; und er achtete wenig mehr auf die Unterhaltung, bis ſie Clermont⸗Park er⸗ reichten. Hier fand er eine Anzahl junger Leute mit Muſik beſchäftigt. Miß Hauton ſaß am Flügel mit dem Rücken gegen die Thüre, als Gottfried hereintrat. Umringt von einem Schwarm Bewunderer ſah ſie ihn nicht, und er blieb in der Ferne lauſchend ſtehen. Ihre Stimme war ſchön; aber die Wahl ihrer Geſänge geſiel ihm nicht. Sie ſang mit einigen andern jungen Damen Lie⸗ der, welche man mit dem gelindeſten Aus⸗ druck etwas zu anacreontiſch nennen konnte, die zwar durch die Mode geheiligt, aber doch nicht von der Art waren, daß ſie ein junges Mädchen von Geſchmack wählen, ein zartfüh⸗ lender Mann von ſeiner Schweſter oder Frau gern hören würde. Demohngeachtet erſcholl lauter Beifall von allen Zuhörern, nur nicht von Gottfried. Er war ihrem Stuhle end⸗ — 124— lich ganz nahe gekommen; ſie endigte eben ein beliebtes Lied dieſer Art, als ſie einen Seufzer vernahm. — Ich dachte, es wäre Ihr Lieblings⸗ lied,» ſagte ſie, ſich herumdrehend und auf⸗ blickend.... Herr Percy!..... Ich ..... ich glaubte, es wäre Herr Falko⸗ ner.»— Geſicht, Hals, Hände waren plöͤtz⸗ lich wie mit Purpur übergoſſen. Sie bückte ſich tief nach einem Notenbuche, ſuchte einige Minuten in dieſer Stellung, ohne zu wiſſen was, während ſämmtliche Herren angelegent⸗ lichſt ihre Dienſte anboten und nur zu wiſſen wünſchten, welches Buch ſie verlange. & Ei Marie,» rief Oberſt Hauton, swas zum Teufel ſuchſt du denn? Singe uns doch noch eins von dieſen Liedern, Du kannſt nichts Beſſeres finden.— Komm, Miß Drakelow wartet auf Dich.» «Ich bitte, Miß Drakelow, daß Sie ohne mich weiter ſingen.» «Unmöglich!— Komm Marie, zum Hen⸗ ker, was ſicht Dich an? 2 Aus Furcht, ihren Bruder böſe zu machen und der Geſellſchaft Anlaß zu Bemerkungen zu geben, verſuchte Marie zu ſingen.— Ihre Stimme zitterte— ſie räuſperte ſich und fing von Neuem an— es ging immer ſchlechter— ſee hatte keinen Ton.— Sie erzwang ein Lachen, rückte den Stuhl, ſprang ſchnell auf, zog den Schleier über das Geſicht und ſagte,«ich habe geſungen bis ich nicht mehr kann.... Will niemand heute Morgen ſpazieren gehen?» «Wer kann ſich um dieſe Tageszeit braten laſſen!y rief Hauton.—«Miß Drakelow, Miß Chatterton, ich bitte, ſingen Sie noch etwas; des Morgens liebe ich die Muſik noch mehr, wie des Abends— wenn man nicht ausgehen kann, weiß man ohnedieß nichts mit dem lan⸗ gen Vormittag anzufangen.» Die jungen Damen ſpielten und ſangen, und Miß Hauton ſetzte ſich in einiger Ent⸗ fernung von den Muſicirenden, den Kopf ſchwermüthig in die Hand geſtützt. Buckhurſt Falkoner folgte, nahm neben ihr Platz und verſuchte ſie durch witzige Anekdoten zu un⸗ terhalten.—— 1 Sie lächelte mit Anſtrengung, horte mit erzwungener Aufmerkſamkeit zu, und wartete nur das Ende der Anekdote ab, um ihre Blicke zum Fenſter hinaus wandern zu laſſen. Buckhurſt ſtand auf, und ehe ein Anderer dieſen beneideten Platz einnehmen konnte, ver⸗ tauſchte ſie ihn mit einem beſſern Sitz auf einer Ottomane, deren andere Hälfte durch einen großen Hund ihres Bruders ſo vollkom⸗ men beſetzt war, daß ſie keinen neuen Theil⸗ nehmer zu befürchten hatte. Abermals folg⸗ ten einige, eben nicht ſcharfſinnigere Herren, und unterhielten ſie über die Schönheit des Hundes, den ſie ſtreichelte; aber die Lobre⸗ = 427— den auf ſeine langen Ohren, und ſogar einige Stellen aus Shakeſpeare hörte ſie mit ſo un⸗ verſtellter Gleichgültigkeit an, daß ſie bald ihren eigenen Betrachtungen überlaſſen blieb.— Gottfried ſtand unterdeſſen ſeitwärts an einem Tiſche und blätterte in den vor ihm liegenden Büchern. Marie Hauton ſtand auf dem erſten Blatte geſchrieben. Es waren Romane, einige deutſche, einige franzoͤſiſche, alle von der Art, wie er ſie nicht liebte. «Was haben Sie da?y fragte Miß Hau⸗ ton. Ich fürchte, es 5 nichts was Ihre Aufmerkſamkeit verdient— Sie lieben die Romane gewiß nicht? Entſchuldigen Sie, einige liebe ich recht ſehr.»— Welche?„ fragte Marie aufſtehend und ſich dem Tiſche nähernd. «Alle, die eine treue Schilderung des Lebens, der Sitten und des menſchlichen Her⸗ zens liefern, vorausgeſetzt, daß...„ 128— aAch! das menſchliche Herz!* unterbrach ihn Miß Hauton—& das Herz allein ver⸗ ſteht das Herz— wer könnte in jetzigen fri⸗ volen Zeiten das menſchliche Herz beſchreiben 25 Die Ausländer nicht zu erwahnen, und nar die Frauen Englands zu nennen, ſo ha⸗ beit wir eine Miß Burney, Mrß. Opie, Mrß. Inchbald—» 44n AlndE nn. «O ja— und doch.... doch.... ſagte Miß Hauton mit einem halb unterdrück⸗ ten Seufzer. 3atdad 5a Und doch war es dieß nicht, was ich meinte,» würde ſie geſagt haben, wenn ſie der Wahrheit getreu bleiben wollte; aber dieß ſchien ihr nicht rathſam. Darum ließ ſie die Rede unbeendigt, und begann etwas Neues. „ Unter dieſen Büchern iſt viel unnützes Zeug; ich hoffe nicht, daß Herr Percy dar⸗ aus meinen Geſchmack beurtheilt. Das hieße mich für die Fehler meines Buchhändlers ver⸗ — 129— dammen, der nur immer alles Neue zu ſchik⸗ ken bemüht iſt.» Gottfried betheuerte, daß ihm eine ſolche Idee nicht in den Sinn komme, daß er nicht ſo vermeſſen, ſo ungereimt ſeyn werde. &So iſt Herr Percy alſo auch wie die Uebrigen ſeines Geſchlechts und ich darf nicht erwarten, die Wahrheit von ihm zu hören.“— Sie ſchwieg— und ſah einen Kupferſtich an, den er genau betrachtete.—&Es wäre mir lieber, er ſpräche ſtreng über mich, als daß er hart über mich dächte.»* «Er hat weder das Recht, ſtreng zu ſprechen, noch die Neigung, hart von Miß Hauton zu denken,y erwiederte Gottfried ſehr ernſt; aber mit einer innern Bewegung, die er vergebens zu unterdrücken ſuchte.— Um das Geſpräch auf andere Gegenſtände zu lei⸗ ten, erbat er ſich Miß Hautons Meinung uͤber eine Figur auf dem Kupferſtich. Sie nahm ihr Glas und bückte ſich tief darauf hin.— Ehe 1 9 Sie mich völlig verdammen»— fuhr ſie leiſer ſprechend fort— abedenken Sie, wie die Mode allem beſſerm Geſchmack und Gefühl Schweigen auflegt, und wie ſchwer es in, wenn alles, was uns umgibt.....„ Miß Chatterton, Miß Drakelow und meh⸗ rere Officiere näherten ſich ihnen in dieſem Augenblicke. Sie kamen als Deputation, um Miß Hauton zurückzubringen und ſie von Neuem zum Singen aufzufordern, da ſich ihre Stimme jetzt gewiß wieder vollkommen erholt hätte.— Nein, nein, entſchuldigen Sie mich,» ſagte ſie mit ſchmachtendem Lächerln— anö⸗ thigen Sie mich nicht mehr— ich bin wirk⸗ lich nicht wohl— ich kann dieſen Morgen unmöglich mehr ſingen— ich habe ſchon zu viel geſungen.... zu viel⸗ fügte ſie, als ſich die Deputation zurückgezogen hatte, hinzu, ſo daß die letzten Worte nur von dem gehört wurden, für den ſie beſtimmt waren. — 131— Die Apologie ihres Benehmens und der Um⸗ ſtand, einen jungen Mann, den ſie eben erſt kennen gelernt hatte, zum Richter ihrer Hand⸗ lungen zu wählen, war offenbar ein neuer, größerer Beweis von Miß Hautons Indis⸗ cretion. Aber die Auszeichnung war ſo ſchmei⸗ chelhaft und verrieth ſo viel natürliche Offen⸗ heit, daß Gottfried dadurch beſtochen wurde. Er folgte der ſchönen Marie zur Ottomane, von welcher ſie Pompejus den Großen ver⸗ trieb, um ihm Platz zu machen. Doch, ein⸗ gedenk ſeines Vaters warnender Worte, ſchlug er durch eine Verbeugung den ihm gebotenen, gefährlichen Sitz aus, und blieb ehrfurchtsvoll vor ihr ſtehen. «Haben Sie die Güte, Mrß. Percy zu verſichern, wie dankbar ich ihre thätige, liebe⸗ volle Hülfe in der letzten Nacht erkannte..... als.... als ich ihrer ſo ſehr bedurfte..... Mrß. Percy hat erwas ſo Sanftes, Gütiges, Mildes.„ 9* «Sie iſt in der That ſehr gut und nach⸗ ſichtig,» erwiederte Gottfried im liebevollſten Tone. Hierauf erfolgte ein tiefes Schweigen.— Oberſt Hauton näherte ſich ihnen. Ihr Bei⸗ den ſcheint verzweifelt unterhaltend zu ſeyn,* rief er aus.— Buckhurſt, hilf doch Dei⸗ nem Vetter hier, Du weiſt ja immer für Dich ſo viel zu ſagen. Ich kann mich ganz in ſeine Stimmung verſetzen. Wie manches Mal habe ich den Morgen nach einem Balle, meiner Tänzerin verlegen gegenüber geſtan⸗ den, ohne auch nur ein Wort über einen Hund vorbringen zu können.* « Das iſt nicht wohl möglich, wenn Sie ſo ein ſchönes Thier vor ſich hatten,» ſagte Gottfried, den zu ſeinen Fuͤßen liegenden Pompejus ſtreichelnd. Wo haben Sie den herrlichen Hund her? Hauton ging nun zur Geſchichte Pompejus des Großen über.—& Ich ſprach eben mit — 133— Herr Percy von ſeiner Familie,» ſagte Miß Hauton, ſich zu Buckhurſt wendend— es ſind Verwandte von Ihnen, Herr Falkoner, nicht wahr? Er hat, wie ich höre, noch eine ſehr hübſche Schweſter, Caroline, die geſtern nicht auf dem Ball war?y— Ja,y ſagte Buckhurſt, und blickte wie um Beiſtand auch auf den Hund— Pompejus! Pompe⸗ jus! Armes Thier!» «Sieht Miß Caroline Percy ihrer Mut⸗ ter ähnlich?» & Nein.» „ Ihrem Vater oder Bruder?» & Nicht ganz.— Wollen Sie mich mit einigen Aufträgen nach London beehren?— Hauton haſt Du etwas zu beſtellen?— Ich reiſe mit dem Major Clay.»— Daraus wird nichts!» rief der Oberſt, Dein Vater hat Dich mir übergeben, und Du bekömmſt keinen Urlaub.— Deine Ordre lautet morgen nach Cheltenham— keine Ein⸗ — 134=— würfe, lieber Junge, kein Disputiren gegen den kommandirenden.... Du kannſt dem Major Clay nur ſagen, daß er ohne Dich ab⸗ reiſen muß. Und nun,» fuhr der Oberſt zu Gottfried gewandt, fort, als Buckhurſt das Zimmer verlaſſen hatte— was hält Sie ab, von unſerer Parthie zu ſeyn? Sie können nichts Beſſeres thun. Marie und Lady Old⸗ borough wünſchen es Beide, ſie ſprachen heute Morgen beim Frühſtück davon— nun Ma⸗ rie, kannſt Du nichts dazu ſagen?— Ma⸗ riens Augen ſagten mehr, als ihres Bruders Worte. 1* «„Aber vielleicht hat Herr Percy andere Engagements,) begann ſie mit furchtſam über⸗ redendem Ton, dem Gottfried zu widerſtehen unendlich ſchwer fand.— cBellamy! Wo zum Teufel kömmſt Du her? Bei meiner Treu! Es iſt mir lieb, Dich wieder zu ſehen»..... rief Hauton, einem eben eintretenden jungen Manne ent⸗ — 435— gegengehend.— Marie,» ſagte er ſich zu ihr wendend, skennſt Du Bellamy nicht mehr? — Bellamy, wiederholte er näher tretend, während der junge Mann Lady Oldborvdugh ſein Compliment machte,«Capitain Bellamy, mit dem Du alle Abende gewalzt haſt in..... wie heißt doch der Ort gleich?— Ich erinnere mich nicht, mit ihm ge⸗ walzt zu haben— außer ein oder zwei Mal, weil Du darauf beſtandſt.» Daran that ich wohl; denn Du ließeſt alle Welt warten. Und da ich doch wußte, daß Du es am Ende thun würdeſt, ſo konnte es eben ſo gut gleich geſchehen.— Aber ich weiß nicht, was Dir heute Morgen iſt— wir müſſen Dich in Cheltenham ein Vischen lebendiger machen.— Capitain Bellamy trat jetzt mit der Zu⸗ verſicht eines Mannes, der gewohnt iſt, wohl aufgenommen zu werden, zu Miß Hauton. — 136— «Sie war nicht ganz wohl, wurde ge⸗ ſtern auf dem Ball ohnmächtig, iſt in dieſem Augenblick noch angegriffen— aber wir wol⸗ len ſie in Cheltenham ſchon munter machen.— Wir haben eine köſtliche Parthie dahin..... ich werbe den ganzen Tag Rekruten..... hier iſt einer, d ſagte Hauton ſich zu Gott⸗ fried wendend.— Entſchuldigen Sie mich.— Ich muß zu meinem Regimente.»— Er verbeugte ſich feierlich gegen Miß Hauton— wünſchte ihr einen guten Morgen und ging, ohne ſich der Gefahr eines zweiten Blicks auszuſetzen. Seit dieſem Augenblick erwähnte er Miß Hautons nicht wieder. Seine ganze Seele ſchien, und war auch in der That mit kriege⸗ riſchen Gedanken beſchäftigt. Hätte ſeine ei⸗ gene Glückſeligkeit allein auf dem Spiele ge⸗ ſteanden, ſo wäre er vielleicht nicht ſo vorſich⸗ tig geweſen. Aber hier kamen Gxoßmuth und Ehrgefühl ſeiner Beſonnenheit zu Hülfe. Daß — 137— Miß Hauton nicht das Weſen war, ihn als Frau zu beglücken, ſah er deutlich, und dachte zu rechtlich, um mit ihrer Neigung zu ſpielen. Herr Percy freute ſich über des Sohnes verſtändiges Betragen, und beſonders über ſeinen Entſchluß, ſogleich zum Regiment zu gehen. Er war der Meinung, daß es für den älteſten Sohn eines vermögenden Man⸗ nes vortheilhaft ſey, wenn er einige Jahre außer dem elterlichen Hauſe, und fern von ſeines Vaters Gütern, Lehnsleuten und Pach⸗ tern zubrächte, um die Welt zu ſehen, An⸗ dere und ſich ſelbſt kennen zu lernen, und auf dieſe Art ein achtungswerther, aufgeklär⸗ ter und nützlicher Landedelmann zu werden. Er hielt es in jenen Zeiten für die Schul⸗ digkeit jedes künftigen Gutsherrn, einige Jahre zu dienen, um das Vaterland im Fall der Noth nicht blos willig, ſondern auch mit Geſchick zu pertheidigen. Gottfried ging mit Freuden— Vaters Ideen ein, da er — 138— dieſen Stand weder aus Eitelkeit, noch aus Scheu vor ernſtern Studien gewählt hatte, und befürchtete nur, daß er, als älteſter Sohn den Dienſt zu früh werde verlaſſen müſſen, für den er wahren Eifer fühlte.— Doch kannten die zärtlichen Eltern auch ſeine ſchwachen Seiten recht wohl. Die Mutter beſonders dachte, als die Abreiſe herannahte, mit Sorge daran, daß er nun in Geſellſchaf⸗ ten und Lagen kommen könnte, wo ihm Be⸗ ſonnenheit und Vorſicht nöthiger ſeyn wür⸗ den, als kriegeriſcher Muth und edle Geſin⸗ nungen. Sein reizbares Ehrgefühl, ſein hef⸗ tiges Temperament, ſeine große Vorliebe für Vaterland und für das eigene Regiment, ſeine Unbekanntſchaft mit der Welt und ſeine allzu gute Meinung von den Menſchen, gaben dem beſorgten Vater Anlaß zur Furcht. Gott⸗ fried aber bat die geliebten Eltern, unbe⸗ ſorgt zu ſeyn; verſprach, ſanft und geduldig wie ein Lamm, vorſichtig in der Wahl ſeines — 139— Umgangs, friedlich und tolerant zu ſeyn und ſich, wo möglich auszuzeichnen. Darauf em⸗ pfing der junge Krieger der Eltern beſten Segen, küßte die weinenden Schweſtern, und ſchwang ſich auf ſein Pferd. Carolinen rief er noch zu:«Du wirſt verheirathet ſeyn, ehe ich zurückkehre.— Wir kehren einſtweilen zu den gewöhn⸗ lichen Vorfällen des Lebens zurück. Während aller dieſer Beſuche, Bälle, Annäherungen und Trennungen waren die holländiſchen Zim⸗ merleute immer noch mit dem Bau ihres Schiffs beſchäftigt geweſen. Durch den alten Verwalter liefen wiederholte Klagen über ihre Nachläſſigkeit bei Herrn Percy ein. Sie ver⸗ gaßen Nachts den Thorweg zu verſchließen, wozu ihnen der Schlüſſel anvertraut war, ver⸗ wüſteten das Bauholz des Gutsherrn, und es wurden mehrere Inſtrumente vermißt.— Viel mehr Zeit, als die Arbeit erforderte, war bereits verſtrichen, der Wind günſtig, d — 140— das ganze Schiffsvolk ungeduldig zu ſegeln, und es bedurfte dazu kaum noch eines halben Tages Arbeit. Aber die Zimmerleute ſaßen rauchend und trinkend, anſtatt die letzte Hand ans Werk zu legen. Des Verwalters gerechte Vorwürfe wurden von den halbbetrunkenen Leuten grob beantwortet. Percy ſah ſeine Gaſtfreiheit und Gutmüthigkeit gemißbraucht, und beauftragte daher den Verwalter, da⸗ für zu ſorgen, daß ſie ſein Haus ieibli⸗ lich räumten.— Die hollaͤndiſchen Zimmerleute und alles was dazu gehörte, verließen nach wenigen Stunden den lang behaupteten Platz; was noch am Schiffe zu thun war, wurde den Nachmittag fertig, und zur Freude des gan⸗ zen Haufens und Herrn Perey's Verwalter ſegelte es am andern Morgen ab. Der Ver⸗ walter brachte ſeinem Herrn die frohe Bot⸗ ſchaft und verſicherte, adaß ihm zwanzig Gui⸗ neen nicht ſo lieb wären, als die Abreiſe der — 141— ungeſitteten, betrunkenen Burſche, die nach allem, was Herr Percy für ſie gethan, nicht ein Mal: Schönen Dank! geſagt hätten; und durch deren Sorgloſigkeit mehr verwüſtet und verdorben worden wäre, als die ganze Sipp⸗ ſchaft werth ſey.— Ach! Er ahnete in dieſem Augenblick nicht, wie viel mehr noch ſein Herr durch ihre Sorg⸗ loſigkeit verlieren ſollte, und triumphirte zu früh über ihren Abzug. Mitten in der Nacht ward die Familie durch Feuerlärm geweckt.— Im Nebenhauſe, welches die Holländer eben verlaſſen hatten, brach das Feuer aus, und ehe es bemerkt wurde, ſtand das Dach in Flammen. Der Wind trieb ſie unglücklicher Weiſe gegen ei⸗ nen Heuboden, und das brennende Heu wie⸗ der auf den öſtlichen Flügel des Wohnhauſes. Percy's Studierzimmer war, ehe Hülfe mög⸗ lich war, davon ergriffen. Er bewies auch hier ſeine gewöhnliche Beſonnenheit. Trotz R — 142— der allgemeinen Beſtürzung und Verwirrung hörten alle auf ſeine Stimme, und thaten das Erforderliche mit Gegenwart des Geiſtes und großer Ordnung. Die Damen ſchrien nicht und fielen nicht in Ohnmacht; alles war thätig und nützlich. Es gelang zwar, die wichtigſten Papiere zu retten; allein die an⸗ geſtrengteſten Bemuͤhungen und Percy's zweck⸗ mäßigſten Anordnungen vermochten doch nicht, das Feuer zu hemmen. Mitt ſchrecklicher Schnelligkeit liefen die Flammen an den Bü⸗ cherwänden hin, und die Löſchenden mußten das Zimmer verlaſſen, ehe es gänzlich ge⸗ räumt war. Viele Bücher und ein Stoß Pa⸗ piere, welche man für minder wichtig gehal⸗ ten hatte, mußten zurückgelaſſen werden. Der ganze Flügel des Gebäudes wurde ein Raub der Flammen, und nur mit Mühe gelang es, den Haupttheil des Wohnhauſes zu erhalten. Am andern Morgen hatte die Familie den traurigen Anblick eines Steinhaufens, an der — 143— Stelle der von allen ſo ſehr geliebten Biblio⸗ thek. Doch anſtatt über den Verluſt zu trauern und zu klagen, erfreuten ſie ſich des Vielen, was gerettet war. Hatte doch nie⸗ mand ſein Leben dabei eingebüßt! Herr Percy erklärte im Beiſeyn aller Dienſtboten ſeine Freude und Zufriedenheit über die Be⸗ ſonnenheit und Uneigennützigkeit, welche alle Angehörige des Hauſes bei dieſer Gelegenheit bewieſen hatten. Eine alte Amme blickte in ſtummer Dankbarkeit bald auf Carolinen, bald mit aufgehobenen Händen und Augen gen Himmel. Im allgemeinen Schrecken und in der großen Verwirrung war die Amme ver⸗ geſſen worden, oder man hatte es für gewiß angenommen, daß ſie Abends vorher in ihre eigene kleine Wohnung gegangen ſey. Nur Caroline gedachte ihrer und flog in das Stüb⸗ chen üͤber der Bibliothek. Kaum war das Bette noch vor Rauch zu ſehen; ſie zog die alte, ganz verſtörte, halbtodte Marthe heraus, — 144— und brachte ſie mit unendlicher Mühe eine kleine, ſchmale Treppe hinunter, die noch nicht von den Flammen ergriffen war. Nichts glich ihrer Dankbarkeit; mit überſtrömenden Augen berichtete ſie alle dieſe Umſtände und verſicherte, daß nur Miß Caroline ſie hätte vermögen können, die Treppe hinab zu ſtei⸗ gen, als ſie unten alles in Flammen geſehen. Percy's erſtes Geſchäft war, die gerette⸗ ten Papiere nachzuſehen, ob auch nichts ver⸗ mißt würde. Zu ſeiner großen Beſtürzung fehlte eine wichtige Urkunde, worauf ſich ſein ganzes Recht an Percy⸗ hall gründete, und er hatte beſondere Urſache, über dieſen Ver⸗ luſt beſorgt zu ſeyn. Ein entfernter Lehns⸗ erbe dieſes Guts war ſchon lange mit An⸗ ſprüchen darauf hervorgetreten. Zuerſt wur⸗ den alſo die vorſichtigſten Maaßregeln genom⸗ men, dieſen Unfall geheim zu halten, und der Familie ſtrenges Schweigen aufgelegt. Gerade um dieſe Zeit kam ein armer alter — 145— Mann, dem Buckhurſt früher jenen, von John ſo innigſt betrauerten jungen Hund ge⸗ ſchenkt hatte, zu Percy, um ihm das Leiden zu klagen, worin ihn das Thier gebracht. Das Hündchen war unterdeſſen ein Hund ge⸗ worden, und der alte Mann hatte vergeſſen, dieß dem Zolleinnehmer anzuzeigen. Percy ſah wohl, daß er nicht die Abſicht zu betrü⸗ gen gehabt hatte, und bedauerte, daß er aus Unwiſſenheit und Sorgloſigkeit zu einer Geld⸗ ſtrafe von 10 Pfund verdammt war, die er, ohne ſeine einzige Kuh zu verkaufen, nicht entrichten kounte. Er rieth ihm daher, die einfache Wahrheit in einer Bittſchrift zu be⸗ richten, und verſprach dieſe mit einem Me⸗ moriel gegen den Zolleinnehmer, uͤber deſſen hartes, ſchlechtes Betragen viele Klagen ein⸗ gelaufen waren, der Regierung zu überſenden. Der Zolleinnehmer hatte bis jetzt allen Kla⸗ gen Trotz geboten, weil er an ſeinem nahen Verwandten, dem Anwald Sharpe eine mäch⸗ I. 10 — 146— tige Stütze vor Gericht fand. Geſchickt und erfahren in allen Künſten und Liſten ſeines Geſchäfts, war er durch ſeinen ränkevollen Charakter das Schrecken der ganzen Nachbar⸗ ſchaft geworden. Nicht allein der Arme, ſon⸗ dern auch der Reiche fürchtete ihn, da er keine, ſelbſt nicht die kleinſte Beleidigung un⸗ gerächt ließ. Dieſer Mann erſchien eines Morgens bei Perey, um ſich zu erkundigen, «ob er wirklich Willens ſey, das Memorial gegen Herrn Bates, den Zolleinnehmer ein⸗ zugeben?y & Sie wiſſen vielleicht nicht,y ſagte er, adaß Herr Bates mein naher Verwandter iſt 2y Percy erwiederte, s daß er es allerdings nicht gewußt habe; aber daß dieſer Umſtand die Sache nicht ändern könne, da er nicht aus Privatgründen, ſondern aus Gerechtig⸗ keitsliebe dieſen Mann von einem Poſten zu entfernen wünſche, für welchen er ſich ſelbſt ganz unfähig gezeigt habe.“ Sharpe lächelte = 447— boshaft, erklärte ſich für ſeinen Theil nicht berufen, Mißbräuche abzuſtellen, und meinte, sin jetzigen Zeiten dürfe kein rechtlicher Mann, der es mit ſeinem Könige gut meinte und die Ruhe im Lande zu erhalten wünſche, ſeinen Beiſtand zu Beſchwerden des Volkes hergeben und die Regierung mit kleinlichen Klagen be⸗ helligen. Rechtliche Leute könnten nicht vor⸗ ausſehen, wie manche Dinge enden würden, und ſollten daher lieber darauf bedacht ſeyn, die Macht der Regierung zu verſtärken, als ſie zu ſchwächen.» 1 Percy würdigte dieſe Rede keiner Ant⸗ wort, und ſo fuhr Sharpe fort. Er gab zu verſtehen, daß Lord Oldborough eine Klage gegen den Zolleinnehmer, den er ſelbſt auf dieſen Poſten geſtellt hatte, ſehr unangenehm ſeyn würde, und Sr. Herrlichkeit ſey dafür bekannt, ſolche Perſonen nicht fallen zu laſ⸗ ſen. Ueberdies würde Herr Percy, wenn er auf ſeinem Vorſatz beharre, wenig Dank bei 10* — 148— ſeinen eigenen Verwandten, den Falkoners einaͤrndten. Auch dieſer Wink verfehlte ſeinen Zweck, und Sharpe fügte noch mit juriſtiſcher Ken⸗ nermiene hinzu,«daß er für ſeinen Theil ganz ruhig über den Ausgang der Sache ſeyn könnte, da er verſichert wäre, daß ſich bei genauer Unterſuchung und Verhör der Zeugen keine Unterſchleife ſeines Verwandten würden beweiſen laſſen.» Aet Dann,» bemerkte Percy,«kann mein Memorial mit der Bitte, die Umſtände genau zu unterſuchen, Herrn Bates keinen Nachtheil bringen, im Gegentheil Veranlaſſung werden, ſeine Unſchuld ins Licht zu ſetzen, und das gegen ihn herrſchende Vorurtheil zu vernich⸗ ten.» Bei dieſen Worten hatte Percy das Schreiben ergriffen, legte es zuſammen und überſchrieb es. Jetzt war Sharpe nicht länger Meiſter ſeines Zorns. Herr Perry!» rief er, awenn — 149— Sie denn entſchloſſen ſind, die Scheide weg⸗ zuwerfen, ſo wird es Sie nicht befremden, wenn ich ein Gleiches thue!— Percy er⸗ wiederte lächelnd,«daß er kein Schwerdt zu ſcheuen brauche, als das Schwerdt der Ge⸗ rechtigkeit, welches auf ſein Haupt nicht fal⸗ len könne, ſo lange er das Rechte thäte.» Er wollte das Schreiben ſiegeln. Sharpe hatte ſeine eigenthümliche Beſon⸗ nenheit ſchnell wieder erlangt; er bat um Ver⸗ zeihung, wenn der Eifer für ſeinen Verwand⸗ ten ihn zu ungeziemender Hitze verleitet habe, und ergriff Percy's Hand mir der Bitte, ihn das Memorial vorher leſen zu laſſen. Dieß geſtand ihm Percy gern zu, da er alle ſeine Handlungen offen darlegen konnte. Sharpe zog ſich mit dem Papiere in ein entferntes Fenſter, wo er von den Eintretenden nicht geſehen werden konnte, zuruͤck. In demſel ben Augenblick ſtürmte Roſamunde mit einer großen zuſammengelegten Pergamentrolle herein. — 150— Ich habe es gefunden!— Lieber Vater, ich habe es gefunden! Dieß iſt gewiß die ver⸗ mißte Urkunde von Sir John Percy. Ich ſagte doch gleich, daß ſie nicht mit verbrannt ſey—— Was gibt's?.... Was meinen Sie.... Es kann uns niemand hören, die äußere Thür iſt zu.... Vielleicht iſt es nur eine Co⸗ pie.... es iſt weder unterſchrieben noch geſiegelt; doch vermuthe ich.... Hier ſtockte ſie, denn ſie gewahrte Herrn Sharpe. — Auch wenn er nichts von ihren Worten gehört hätte, mußte ihr Erſtaunen und die deutlich ausgedrückte Beſorgniß ſeine Neugier erregen. Aber der Anwald hatte auch jedes Wort verſtanden; und er war mit Percy's Verhältniſſen bekannt genug, um den vollen Werth der gemachten Entdeckung zu erkennen. Er gab das Memorial kaltblütig zurück, be⸗ kannte, daß es mit vieler Mäßigung und Ge⸗ ſchicklichkeit abgefaßt ſey, bedauerte aber, daß Herr Percy es abzuſchicken für nöthig halte, — 151— und nahm nach einigen allgemeinten Redens⸗ arten Abſchied. h &Alles iſt gut!» rief Roſsinunden! wie er zum Hauſe hinaus war. Dem Himmel ſey Dank, alles iſt ſicher! Sein Kopf war glück⸗ licher Weiſe ſo ganz mit dem Memorial be⸗ ſchäftigt, daß er auf meine Worte gar nicht achtete.» Herr Percy war nicht dieſer Meinung, vielmehr völlig davon uͤberzeugt, daß Sharpe ſolch eine ſchöne Gelegenheit zur Rache nicht unbenutzt laſſen würde. Schon früher hatte er Proceſſe für Sir Robert Percy geführt. Hier zeigte ſich Ausſicht auf einen Rechtshan⸗ del, der auf jeden Fall dem Advokaten eine beträchtliche Summe, und dabei demjenigen, welcher Sir Robert Percy zuerſt Kunde von dem Verluſt des wichtigen Papiers gab, ein anſehnliches Geſchenk eintragen mußte. Daß er nun in der Gewalt des rachſüch⸗ tigen Anwalds war, brachte indeß keine Aen⸗ — 152— derung in Percy's Entſchluß, das Memorial abzuſchicken, hervor.— Es ging ab, und Bates wurde ſeines Dienſtes entſetzt.— In mehreren Monaten hörte man nichts von Sharpe.— Percy war mit der Wiederher⸗ ſtellung ſeines Hauſes ſo ſehr beſchäftigt, daß er den Anwald und ſeine Drohung, die Scheide wegzuwerfen, ganz vergeſſen hatte. Die Fa⸗ milie lebte ruhig und glücklich wie vorher, und niemand dachte daran, daß ſo ein Weſen, wie Herr Sharpe in der Welt ſey. Sechstes Kapitel. [— Unter andern war bei dem Feuer in Percy⸗ hall ein gemaltes Fenſter auf der, zur Bib⸗ liothek führenden Gallerie beſchädigt worden. Ein Sohn der alten Marthe, die ihre Ret⸗ tung, wie wir wiſſen, Carolinen verdankte, war Maler und verſtand auch die Glasmale⸗ rei. Von Kindheit an durch Percy's Güte unterſtützt, ergriff er jetzt freudig die Gele⸗ genheit, der Familie einen Beweis ſeiner Dankbarkeit zu geben, und bat um Erlaub⸗ niß, ein neues Fenſter zu malen. Er waͤhlte die Feuerſcene, wie Caroline ſeiner hülfloſen Mutter beiſtand, die gefährliche Treppe hinun⸗ — 154— ter zu ſteigen.— An Carolinens achtzehnten Geburtstage wurde das Fenſter aufgeſtellt.— Dieß iſt alles, was ſich aus dieſem Abſchnitt der Geſchichte erzählen läßt, und dieſe Lücke mögen einige Briefe ausfüllen, welche Herrn Percy's jüngere Söhne, Alfred und Erasmus, jener ein angehender Advokat, dieſer ein jun⸗ ger Arzt, aus London an die Ihrigen ſchrieben. Erasmus an Herr Percy. Miein lieber Vater! Laſſen Sie ſich durch die Nachricht, daß ich noch nicht ſo weit vorgerückt bin, als ich erwartete, nicht niederſchlagen. Ich verſichere Sie, daß ich kein anſtändiges Mittel ver⸗ ſäumte, mich bekannt zu machen.— Aber dem rechtlichen jungen Mann wird es jetzt immer ſchwerer Venncid mit lhxan dathitss zu kommen. Ich meldete mich zur declevigten Stelle — 4155— im Hospital, und ermangelte nicht, mich an diejenigen zu wenden, welche Stimme und Intereſſe dabei hatten. Man nannte mir als die Hauptperſonen Sir Amyas Courtney und Dr. Frumpton.— Der Eine iſt Arzt bei Hofe, der Andere Stadtphyſikus, jener in Nervenübeln, dieſer in gefährlichen hitzigen Krankheiten berühmt.— Beide haſſen und verachten ſich. Ein Jeder benutzte dieſe Wahl, um den Gegner zu kränken und zu tüͤcken, und machte ſie zum Kampf der Macht und des Einfluſſes. Zuerſt wartete ich Sir Amyas auf, und war zehnmal in ſeinem Hauſe, ehe ich ihn antraf. Endlich fand ich ihn beim Frühſtuͤck, und wurde auf das Freundlichſte empfangen. Er erinnerte ſich, vor mehreren Jahren auf dem Balle irgend eines Lords mit meiner Mutter getanzt zu haben— bezeigte die größte Achtung fuͤr den Namen Percy, that unzählige Fragen über meinen Urgroßvater, — 156— die ich nicht beantworten konnte, und ergoß ſich in ſchmeichelhaften Reden über Sie. Sir Amyas iſt gewiß der eleganteſte Arzt von der Welt, mit dem vollſtändigſten Vorrath füßer Redensarten. Er beſitzt die glückliche Kunſt⸗ viel zu ſprechen und doch nichts zu ſagen; und ſcheint zum Ziele zu kommen, ohne ſich je beſtimmt auszuſprechen.— Und wenn es mein Leben gekoſtet hätte, ſo wäre mir es nicht möglich geweſen, eine deutliche Antwort von ihm zu erlangen. Er ſprach von allen andern Dingen, nur nicht von meinem Ge⸗ ſuch. Nachdem der Urgroßvater gehörig ab⸗ gehandelt war, ging er auf Politik über Dann wurden wir durch Herrn Gresham, ei⸗ nen reichen Kaufmann unterbrochen; er wünſchte ein Gemälde zu ſehen, welches Sir Amyas für einen ächten Titian ausgibt. Je mehr Unſinn Sir Amyas darüber vorbrachte, deſto ſinniger ſprach Herr Gresham. Wir ſchienen einander zu behagen. Ein anderes Mal mehr — 157— von ihm. Sir Amyas fuhr in demſelben hell⸗ dunkeln Styl, mit derſelben ſanften Stimme und dem ſüßen Läͤcheln fort, über Gemälde, Schlachten, Niederlagen, Levees, Baͤlle und Schmetterlinge zu ſchwatzen.— Er hat ein Muſeum für Damen und nahm mich mit da⸗ hin.— O traurige Stunde!— O unglück⸗ ſeliger Tag! Mit beſonderm Stolz zeigte er unter ſeinen Muſcheln Eine, die er für die Einzige ihrer Art ausgab. Ich ſchwieg klüg⸗ lich ſtill, bis er mir meine Meinung darüber abnöthigte; dann konnte ich mich aber des Geſtändniſſes nicht enthalten, daß ich. ſie für eine künſtliche Muſchel hielte, durch Anwen⸗ dung der Säure bereitet— Caroline hat das Recept. Sir Amyas Geſicht verfinſterte ſich, und ehe die dunklen Wolken ſich wieder ver⸗ ziehen konnten, wurde mein Nebenbuhler, Dr. Bland gemeldet und angenommen.— Sein Urtheil über die Muſchel ward ſogleich verlangt.— Auf den erſten Blick überzeugte — 158— er ſich, daß ſie ein einziges Exemplar ſey, in deren Nähe niemals eine Säure gekom⸗ men war.— Ich ſagte nichts mehr; aber ich hatte ſchon zu viel geſagt. Dr. Bland ge⸗ wann durch meinen Mißgriff. Er war ganz Aufmerkſamkeit und Schmeichelei, und bewun⸗ derte und prieß alle die Herrlichkeiten, wor⸗ auf ſich Sir Amyas ſo viel zu Gute that.— Ich empfahl mich, feſt überzeugt, daß mein Schickſal durch die Muſchel entſchieden war, wenigſtens in ſo weit es von Sir Amyas Stimme abhing. Nun machte ich Dr. Fwupton meinen Beſuch.— Wiſſen Sie, wer er iſt? was er war? und wie er die jetzige Höhe erreichte? Er war Noßarzt in einer entlegenen Graf⸗ ſchaft, und fing damit an, den Bauern weis zu machen, er habe ein untrügliches Mittel gegen den tollen Hundsbiß ausgefunden. Er kurirte das Kammermädchen einer alten Wittwe, welches von einem fatalen Schooshunde gebiſ⸗ ſen worden war, den das Geſinde, um ihn erſäufen zu dürfen, für toll ausgab. Das Gerücht dieſer Wunderkür wurde durch der alten Dame zahlreiche Bekanntſchaft auf dem Lande und in der Stadt ſchnell verbreitet. Frumpton nahm nun das kalte Fieber, und ſpäterhin Skrofelkrankheiten unter ſeine Fäuſte. Durch der alten Wittwe Gunſt und den glück⸗ lichen Ausgang einiger kühnen Quackſalbereien ſtieg ſein Ruhm mit unglaublicher Schnelle, und viele Thoren kamen aus der Nähe und der Ferne, ſich Raths zu erholen. Seine Manier war in der That etwas bärenhaft, ſelbſt gegen Perſonen von Stande, welche ſich in ſeiner Höhle einfanden; aber dieſe brutale Art imponirte Vielen, erhöhte ſein Selbſtvertrauen und flößte den Furchtſamen Reſpekt ein. Sein Ton ſtimmte ſich immer höher, und immer beſſer lernte er die Leicht⸗ gläubigen täuſchen. Es ſcheint alſo, daß man entweder recht zierlich und geſchmeidig, oder — 160— recht derb und grob ſeyn muß, um als Arzt hier ſein Glück zu machen.— Dr. Frump⸗ tons Name, und Dr. Frumptons Wunderku⸗ ren prieſen alle Zeitungen und alle Laden⸗ fenſter. Die ſtudierten Aerzte ſahen ſeinen wachſenden Ruhm mit Unwillen und nicht ohne Eiferſucht, und thaten ihr Möglichſtes, ihn nicht aufkommen zu laſſen.— Beſonders Sir Amyas, der ihn nie anders als den Roß⸗ arzt nannte, und gewaltig darüber lärmte, daß er ohne Doktordiplom praktizire.— Ihm zum Trotz warf ſich Frumpton, ſo ſpät es auch war, auf die Gelehrſamkeit; er las und ſtopfte ſich voll, bis er, der Himmel mag wiſſen, wie? ein Doktordiplom bekam; er beſtand in dem Examen, erzwang ſich den Eintritt in das mediciniſche Collegium, und bietet ſeitdem Sir Amyas die Spitze.— Frumpton empfing mich mit offnen Armen — und ſo mächtig wirkt der magiſche Betrug der Eigenliebe— dieſe anſcheinende äußerliche — 161— Freundlichkeit machte mir den Mann ganz an⸗ genehm. Trotz allem, was ich von ihm wußte und gehört hatte, nahm ich ſeine Rohheit für Offenheit, ſeinen Hochmuth für Selbſtgefühl. Ich traute ihm richtigen Blick für wahres Verdienſt, und Antipathie gegen Sahmeichelei und Erniedrigung zu. Beſonders gut gefiel mir die Art, mit welcher er von meinem Nebenbuhler, Dr. Bland ſprach, und ihn ein aſchmeichelndes Hündchen? nannte. Ich ſtand eben im Be⸗ griff, Dr. Frumpton zu einem großen Mann und zu einem vriginellen Genie zu erheben, als er plötzlich in meiner Meinung tief unter alle Sterbliche herabſank.— Wie er nämlich erfuhr, daß ich bei Sir Amyas geweſen war, ehe ich mich an ihn gewendet hatte, runzelte eu Stirn auf eine fürchterliche Weiſe, ſich mit grimmiger Geberde in den Lehn⸗ 5„ und zog die Perücke vor und rückwärts. 1. 11 * — 162— So Sir! So ſind Sie ja wohl auch dem vornehmen Nervenſyſtem zugethan, wie Sir Amyas? Alles kommt von den Nerven, nicht wahr? Der Unſinn von Nervenſchwäche mag wohl für den Hof paſſen, aber nicht für die gewöhnliche Welt.— Die Nerven gehen einen Hospitalarzt gar nichts an.— Nein! Nein! So lange ich noch etwas zu ſagen habe, hoffe ich Sie mit des Himmels Hülfe daraus entfernt zu halten. Tragen Sie Ihre Nerven nur wieder hin zu Sir Amyas, zu dem Sie zuerſt gegangen ſind. Zuerſt oder zuletzt; ich will nichts mit den Nerven und Sir Amyas zu ſchaffen haben; darum Herr—» In dieſem Augenblick richtete er ſeine zorni⸗ gen Blicke auf mich, und der Ausdruck des Erſtaunens in meinem Geſicht mochte ihn wohl von meiner Unſchuld überzeugen; denn ehe ich ein Wort ſagte, fügte er mit ſanfterm Tone hinzu: ⸗ Warum gingen Sie aber zu erſt zu Sir Amyas?» — 163— — Weil er mir am nächſten war; er wohnt nur zwei Straßen von mir.» « Fauler Hund! Ein ſchlechter Platz zum Wohnen,y murmelte Frumpton; bald gewann er aber ſeine gute Laune wieder, und nach der Erzählung von der Muſchel wurde er mir und meiner Sache ſehr gewogen. Wenig⸗ ſtens zwanzigmal hörte ich dieſen Morgen die Muſchelgeſchichte wiederholen, und ſo mit Zuſatzen ausgeſchmückt, daß ich ſie am Ende nicht mehr für die Meinige erkannte.— So weit ging es gut. Dr. Frumpton war mein erklärter Freund und ſchwur, mir durch Dick und durch Dünne zu helfen. Den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen den Launen eines rohen, unwiſſenden Geſellen ver⸗ danken zu müſſen, war allerdings ein pein⸗ liches Gefühl; auch demüthigte mich der Godanke, nicht des eigenen Verdienſtes wegen, ſondern aus Haß und Bosheit gegen einen Nebenbuhler, vorgezogen zu werden. 4 41* — 164— Doch ſuchte ich mein Gewiſſen zu beruhi⸗ gen, und tröſtete mich mit der Vorſtellung, daß meine Anſtellung beim Hospital nicht allein mir, ſondern auch dem leidenden Menſchen⸗ geſchlecht Nutzen bringen wuürden.— In die⸗ ſer Ueberzeugung begleitete ich meinen Gön⸗ ner geſtern am Tage vor der Wahl in ſein Gemein⸗Clinikum— in der That gemein!— als ich ſah, wie dieſer berühmte Arzt das Leben ſeiner Armen⸗Kranken handhabte, wurde ich ſelbſt krank und konnte ihm kaum nachkommen. Schweigend gelobte ich mir ſelbſt, ihnen eine beſſere Behandlungsart widerfahren zu laſſen, ſobald mir die Auf⸗ ſicht übergeben wäre. In dieſem Augenblick wurde ein armer Arbeiter, der von einem Gerüſte gefallen war, ins Hospital gebracht— ſein Bein war zerſchlagen und fürchterlich ge⸗. quetſcht, aber nicht gebrochen. Man rief den Wundarzt, einen Mann der früher un⸗ 1 ter Dr. Frumpton menſchliche Thierarznei⸗ —.—— — 165— kunde ausgeübt hatte. Er nahm ſich nicht die Mühe, den Schaden zu unterſuchen, ſah kaum hin und ſagte, das Bein müſſe je eher je lieber abgenommen werden.“ Der arme Leidende bemerkte mein Mitleid, und ſah mich ſo flehend an, daß ich mich, viel⸗ leicht unvorſichtig und voreilig, ins Mittel ſchlug; aber ich konnte nicht widerſtehen. Was ich ſagte weiß ich nicht mehr, aber der Sinn meiner Worte war daß ich das Ab⸗ nehmen des Beines für unnöthig hielte» Frumpton warf mir einen wüthenden Blick zu und fragte mich zornig«wie ich mich unterſtehen könne einem ſeiner Wundärzte in ſeinem eigenen Hospitale zu widerſprechen?— Der Wundarzt ſtrich ſeinen Rockärmel zurück, und machte alle Anſtalten zur Operation. Der arme Mann, durch den ſtarken Blutver⸗ luſt einer Ohnmacht nahe, warf mir einen zweiten bittenden Blick zu, und rief im irr⸗ ländiſchen Accent,«Gott ſchenk' Euch langes 166— Leben! Und laßt ihn nicht— denn was ſollte ich ohne Bein anfangen, und meine Frau und Kinder! Er ſank ohnmächtig zurück; ich ſprang zwiſchen ihn und den Wundarzt, beſtand darauf, daß er mir überlaſſen würde, da er ſich an mich gewendet hätte, und gab die Verſicherung, daß er dem Hospitale weder Unkoſten noch Mühe machen ſollte.— Frump⸗ ton ſtampfte mit dem Fuße, und konnte vor Wuth kaum den Befehl hervorbringen« daß ich das Hospital ſogleich verlaſſen möchte.» Ich ließ meinen Verwundeten durch die Ar⸗ beiter heraus tragen.— Frumpton packte mich bei den Schultern, ſchob mich hinten⸗ drein, und warf die Thüre hinter mir zu— für immer.— Dieſen Morgen iſt Dr. Bland, trotz den Nerven gewählt, und Frumpton ſchwört mir unauslöſchliche Rache. Die Ge⸗ ſchichte wird mit eben ſolchen Zuſätzen erzählt, wie die von der Muſchel, und natürlich ſehr zu meinem Nachtheil.— — — 167— Ich befürchte, mich einiger Maaßen un⸗ geſchickt und gewiß recht unvorſichtig benom⸗ men zu haben; aber mir bleibt doch die Be⸗ ruhigung, daß der arme Kranke auf der Beſ⸗ ſerung iſt.— Ich miethete ihm ein Zimmer⸗ chen, rief einen jungen Wundarzt zu Hülfe, und dieſer verſichert, daß ſein Bein nach 14 Tagen wieder ſo brauchbar ſeyn würde, wie jedes andere Bein in London.— Laſſen Sie bald etwas von ſich hören, lieber Vater, und wenn Sie können, ſo ſagen Sie, daß ich Recht that. Carolinen danke ich für ihren freundlichen Brief.* Ihr gehorſamer Sohn Erasmus Percy. Alfred Percy an ſeinen Vater. Meinen herzlichſten Dank, lieber Vater, für die Bücher. Ich habe fleißig darin ſtu⸗ dirt; denn leider blieb mir bis jetzt noch 168— viel Muße zum Leſen. Gleich anfänglich be⸗ ſchäftigt zu werden und Gebühren zu be⸗ kommen, kann ich nicht erwarten. Darum waffne ich mich mit Geduld. Man tröſtet mich, daß ich das Schlimmſte über⸗ ſtanden hätte, die trockene Lectüre der Ge⸗ ſetzbücher. Dieſe war in der That langwei⸗ lig genug. Aber jetzt, nachdem ich mich durch einen dicken Haufen Verwirrung gearbeitet habe, gewahre ich auch einiges Licht. Den alten Advokaten und Procuratoren den Hof zu machen, iſt gewiß das Schwerſte beim Anfang meines Berufes: darauf war ich nicht vorbereitet, und werde es auch nim⸗ mer ſeyn. Ich gebe ihnen keine Diner's und ſie vernachläßigen mich; übrigens ver⸗ ſäume ich nicht, ihnen alle gebührende Auf⸗ merkſamkeit zu erweiſen. Zum Erſatz habe ich das Glück gehabt, einige gebildete, kennt⸗ nißreiche Männer unter ihnen kennen zu ler⸗ nen, deren Umgang mir eben ſo viel Nutzen, — 169— als Vergnügen gewährt. Aber die meiſten hieſigen Sachwalter leben ganz unter ſich, die Köpfe in dem grünen Aktenſack und alle Gedanken auf einen kleinen Punkt zuſammen⸗ geſchrumpft. Bloße Maſchinen für Klagen und Einreden. Ich erinnere mich einer Behauptung Burke's, worüber ich mich einſt im wahren Geſchäͤfts⸗ eifer erzürnte; nämlich, daß das Studium der Geſetze eine, das Gemüth zuſammen⸗ ziehende Kraft habe. Jetzt, nachdem was ich ſelbſt ſah und fuͤhlte, bin ich nun auch davon überzeugt, und will mein Möglichſtes thun, dieſer Wirkung durch die erweiternde Kraft der Wiſſenſchaften entgegen zu arbeiten.— Geſtern traf ich einen ausgezeichneten jungen Mann, Herrn Temple, in Hookhams Buch⸗ handlung. Er wollte etwas nachſchlagen in dem Leben des Großkanzlers Guildford, was ich zufällig wußte. Dieß führte zu einer Unterhaltung, mit der wir beide ſo wohl — 170— zufrieden waren, daß wir beſchloſſen⸗ zuſam⸗ men zu eſſen, um die Bekanntſchaft fortzu⸗ ſetzen, und ſehr bald wußte ein Jeder, was ihm von des Andern Geſchichte zu wiſſen nöthig war. 3 Temple iſt von guter Familie, obgleich der jüngere Sohn eines jüngern Bruders. Er wurde von ſeinem Großvater, deſſen Liebling er war, erzogen. Von Jugend auf an alle Vortheile und Ueppigkeiten des vor⸗ nehmen, reichen Lebens gewöhnt, ſiel es ihm nicht ein, daß eine Zeit kommen könne, wo er ohne alle fremde Unterſtützung leben, und alles der eigenen Kraft verdanken müſſe. Zum Glück entdeckte der Großvater ſehr früh das ausgezeichnete Talent des Knaben, und gab ihm eine Erziehung, die ihn in den Stand ſetzen ſollte, einſt im Parlament zu glänzen. Aber leider ſtarb der gute Mann, ehe Temple das achtzehnte Jahr erreicht hatte, und da er verſäumt hatte, zu Gunſten des — 171— Enkels etwas in ſeinem Teſtamente zu ver⸗ ordnen, ſo entging ihm alles Zugedachte. Die Hoffnung ins Parlament zu kommen, war dahin. Sein Oheim, Erbe der Güter, hatte eigene Söhne. Es gab Zwiſt und Eiferſucht in der Familie, und Temple als geweſener Liebling, wurde zurückgeſetzt. Andere Ver⸗ wandte und Freunde hielten ihn mit Ver⸗ ſprechungen hin; aber er ſah bald ein, daß er in dieſen Erwartungen ſein Leben zwecklos hinbringen würde. Die Unfreundlichkeit und Falſchheit einiger Verwandten und die hoch⸗ muthige Vernachläſſigung Anderer regten end⸗ lich ſeinen Stolz und Unwillen auf. Er ver⸗ nachläſſigte und beleidigte nun ſeinerſeits auch, und ſah ſich bald von den Meiſten ganz ver⸗ laſſen, und vergeſſen. Jetzt mußte er ſeine Zuflucht zu den eigenen Hülfsquellen nehmen. Er ſtudirte die Rechte und wurde Advokat. Nun kömmt ein Theil ſeiner Geſchichte, wo er ſich ſelbſt mit Grund anklagen muß. Jeder — 172— Anfänger hat mit einigen Unannehmlichkeiten zu kämpfen. Unbemerkt, und ohne Beſchäf⸗ tigung in den Vorhöfen wartend zu ſtehen; ganz unwiſſende Menſchen ſich vorgezogen zu ſehen, konnte Temple nicht ertragen. Er mißtraute dem eigenen Verdienſt, bezweifelte⸗ jemals die Höhe zu erreichen, und zog ſich aus Unmuth und Verdruß zurück.— Bald darauf hätte er, durch die Krankheit eines ältern Sachwalters Gelegenheit gehabt ſich, mit ſeinen Kenntniſſen, ſeinen Talenten, und ſeiner Beredſamkeit glänzend hervor zu thun. Er bereute zu ſpät die Schranken verlaſſen zu haben.— Dieſe unbeſonnene Handlung gab ſeinen Freunden Vorwand, ſich ganz von ihm loszuſagen, was ihn aber nicht kümmerte, da er entſchloſſen war, ihre Gunſt ferner nicht mehr zu ſuchen. Er verlebte die letzten zwei Jahre in einem Dachſtübchen ums liebe Brod ſchreibend, fühlte ſich demohngeachtet nicht unglücklich, und möchte mit keinem ſeiner reichen, oder armen Verwandten tauſchen. Ich erfuhr bei dieſer Gelegenheit,(doch dieß bleibt unter uns) daß Secretair Cunningham Falkoner ihn ausfand, guten Gebrauch von ſeiner Feder macht, und ihn kärglich da⸗ für bezahlt. Temple hat zu viel Ehrgefühl, um dieß zu verrathen. So erfährt Lord Oldborough nichts von der Sache; Cunningham läßt ſich helfen, und erſetzt die eigenen Mängel durch den Beiſtand dieſes armen, gedrückten Genies.— Ich habe Sie vielleicht durch die Geſchichte meines Freundes ermü⸗ det; aber er intereſſirt mich zu ſehr, um über ihn ſchweigen zu können. Von Erasmus ſehe ich wenig. Er brachte die letzten vierzehn Tage bei einem Kranken auf dem Lande zu. Mich verlangt nach ſeiner Zurückkunft.— Carolinen meinen Dank für die Erinnerung an die Bücherauktion. Ich werde Gebrauch davon machen.— Ueber . — 14— Buckhurſt Falkoner will ich Nachrichten einzu⸗ ziehen ſuchen. Ihr gehorſamer Sohn Alfred Percy. Derſelbe an Denſelben. Ich habe Erkundigungen über Buckhurſt eingezogen. Er blieb mit Hautons bis vo⸗ rigen Monat in Cheltenham, und war dort, wie ich höre, Miß Hautons ſteter Begleiter; aber ich glaube deshalb doch nicht, daß er ihr ernſtlich huldigt. Meiner Meinung nach dienen ſeine Aufmerkſamkeiten nur dazu, Ca⸗ rolinen, die er für die Erſte ihres Geſchlechts erkennt, zur Eiferſucht zu reizen. Roſamunde braucht in Zukunft kein Mit⸗ leid mehr an ihn zu verſchwenden. Bei Buck⸗ hurſt heißt es: wohl aus den Augen, wohl aus dem Sinn. Das Vergnügen des Augen⸗ blicks gilt ihm alles. Er hat zwar manche gute Eigenſchaft, aber es freut mich doch, daß Caroline ihm einen Korb gab.— Seit er wieder in London iſt, hat er ſich durch ſeine Späße, ſeine guten Geſchichten, ſeine luſtigen Lieder und durch die Kunſt, den Leuten nachzumachen, ſolchen Ruhm erwor⸗ ben, daß er mehr Einladungen bekömmt, als er annehmen kann. Sein Witz und ſeine Ta⸗ lente könnten ihn wohl zu etwas Beſſerem fähig machen, als den Poſſenreißer und Spaß⸗ vogel bei Gaſtmählern und luſtigen Parthien, zu ſpielen; aber er ſcheint mit dieſer reputa- tion de salon ſo wohl zufrieden, daß er nicht höher ſtrebt. Nach ſolchem müßigen Leben und leicht einzuärndteten Beifall wird er ſich ſchwerlich zu dem anhaltenden Fleiß, und der nöthigen Anſtrengung verſtehen, ohne die er doch nie eine gewiſſe Vollkommenheit in ſeinem Fach erreichen kann. Ich glaube, er hält nicht einmal ſo lange aus, bis er als Anwald auftreten kann, obgleich er mir „ — 176— geſtern, als ich ihm auf der Straße begegnete, verſicherte, und mich bat, Sie zu verſichern, daß er gewaltig vorwärts ginge und ſehr fleißig wäre. Er ſchien erfreut, mich zu ſe⸗ hen, und ſprach mit vieler Dankbarkeit von Ihnen. Roſamunde frägt wie mir Miß Falko⸗ ners gefallen, und ob mir die Familie Ar⸗ tigkeiten erzeigt??— Ja— ſehr wohl.— Die Mädchen ſtellen etwas vor— wie tauſend Andere; ſie ſingen, ſpielen, tanzen, putzen ſich, laſſen ſich den Hof machen und alles dergleichen.— Georgine iſt manchmal ſchön, Arabelle immer häßlich. Mir gefällt keine von Beiden, und ſie mögen mich auch nicht ſonderlich leiden, weil ich nicht der aͤlteſte Sohn bin. Die Mutter war unendlich zuvorkom⸗ mend, in der Meinung, ich ſey Gottfried, oder vielmehr der Erbe der Percy'ſchen Gü⸗ ter. Wie man ſagt, ſo iſt Mrß. Falkoner beſon⸗ ders geſchickt in politiſchen und ehelichen In⸗ . — 4— triguen. Ich hatte noch nicht Gelegenheit, ſie genauer zu beobachten. — Roſamunden meinen Gruß— ich be⸗ fürchte, ſie beſchuldigt mich der Strenge ge⸗ gen Buckhurſt. Ich weiß, er iſt ihr und Gottfrieds Schützling; aber ich laſſe ihm auch ſein Gutes und freue mich nur, daß er Ca⸗ rolinen fern bleibt.— Dieſer danke ich für ihren Brief— und verſichere Roſamunden, daß ihre Beſchreibung und Erzählung von Herrn von Tourville, mir viel Vergnügen gemacht hat, obgleich ich es noch nicht er⸗ wähnte. Aber das Feuer in Percy⸗hall und manche andere Begebenheiten folgten ſo ſchnell darauf, daß ich die ganze Sache daruͤber vergaß.— Ueber die Geſchichte von Euphroſinen und Graf Albert muß ich mir noch einige Erklärungen ausbitten, weil ſie durch das zerriſſene Siegel etwas unpollſtändig gewor⸗ den war. Wer iſt Euphroſine? und iſt 1. 8 2 . 1 12 — 178— Graf Albert der Held eines Romans, oder ein wirklich lebender Menſch? Ich ſah geſtern einen lebenden Mann, den ich nicht gern ſehe. Scharpe ging in trau⸗ licher Unterhaltung, Arm in Arm mit unſerm guten Vetter, Sir Robert Percy. Ich fürchte, dieſe Freundſchaft bringt uns nichts Gutes. Suchen Sie doch noch ein Mal nach der Urkunde. Meine gute Mutter zürnt doch nicht, weil ich ihr bis jetzt noch gar nicht ſchrieb? Sie kann nie ordentlich böſe werden, am wenigſten auf Ihren— gehorſamen Sohn Alfred Percy. Bald nach dieſem Briefe, der Buckhurſt und ſeine würdigen Geſellſchafter nicht in das günſtigſte Licht ſetzte, wählte er den un⸗ glücklichen Augenblick, Carolinen von Neuem ſeine Liebe zu erklären, und um die Erlaub⸗ niß zu einem Beſuch in Percy⸗ all zu bitten. 8* An Carolinens unwilligem Erröthen bei Durchleſung des Briefes ſah Roſamunde, wie wenig fuür Buckhurſt zu hoffen ſey. Zwar konnte ſie ſich einiger entſchuldigender Worte und bittender Blicke nicht enthalten; doch billigte ſie Carolinens wiederholte abſchlägige Antwort, und ſelbſt die Strenge, mit der ſie ſich ausdrückte. Roſamundens natürlicher Leichtſinn war durch eine ſorgfältige Erziehung gemildert worden; und beſonders, wenn es auf das Wohl ihrer Freunde ankam, war ſie die Vorſicht ſelbſt; doch konnte ſie es nicht unterlaſſen, zuweilen, wenigſtens im Scherz, die Parthie der Thorheit zu ergreifen. Liebe Caroline“ ſagte ſie, aich muß ge⸗ ſtehen, Du haſt ſehr richtig entſchieden. Aber nun, da der Brief fort, und alles in Ord⸗ nung iſt, kömmt es mir doch vor, als ob Du für Dein Alter zu verſtändig wärſt. Solche Vernunft im achtzehnten Jahre, wie ſoll das im dreißigſten werden? Nimm Dich in Acht! 2 12* — 180— Aber dagegen werde ich es auch nicht erleben, Dich als Heldin glänzen zu ſehen. Welch eine todte, unintereſſante Heldin wuͤrdeſt Du ab⸗ geben! Du wirſt Dich in Deinem Leben nie verlieben, wirſt nie Abentheuer beſtehen; und wenn der Himmel auch meine Bitten erhörte, und Dich in irgend eine romantiſche Verle⸗ genheit brächte— ſelbſt dann brauchte ich nicht um Dich beſorgt zu ſeyn, oder Deinet⸗ wegen zu zittern. Immer wäre ich überzeugt, daß Du Dich vortrefflich herausziehen würdeſt, ſtets ſiegend, nicht ſterbend, aber immer aus⸗ haltend, duldend.— Bedenke, daß ſelbſt Dr. Johnſon eingeſtanden hat, Clariſſe ſey gar zu vernünftig, um ſtets intereſſant zu bleiben.» Mrß. Percy bezweifelte, daß Johnſon dieß ernſtlich gemeint habe, und wollte den Aus⸗ ſpruch genauer unterſuchen. Aber Roſamunde ließ ihrer Mutter keine Zeit ſich deutlicher darüber zu erklären. Nein, liebe Caroline,» fuhr ſie, in ihrer — 181— Gedankenreihe nicht unterbrochen, fort— gnein, für eine Heldin biſt Du zu gut, mir viel zu lieb; denn ſo gern ich ſie auf der Bühne ſehe,* ſo wenig mag ich dergleichen unnütze, eigen ſüchtige, unruhige, geſchwätzige Dinger im wirklichen Leben. Darum will ich mich nur freuen, daß Du meine Schweſter und Freun⸗ din biſt, da ich Dich als Heldin doch auf⸗ geben muß.⸗ Siebentes Kapitel. Gottfried Perey an ſeine Mutter. London, im brittiſchen Hotel. Sie werden ſich wundern, liebe Mutter, daß ich noch in London bin, anſtatt, wie ich hoffte, auf dem feſten Lande zu ſeyn. Als wir eben im Begriff waren, uns einzuſchiffen, kam der Befehl im jetzigen Quartier zu bleiben. Stel⸗ len Sie ſich unſern Verdruß vor, als Beſaz⸗ zung in Englands albernſten, langweiligſten Landſtadt zurück zu bleiben.— Sie erkundi⸗ gen ſich nach den Offizieren meines Regiments nud fragen, wie ſie mir gefallen? Major Gas⸗ koigne, der Sohn des alten Freundes meines — 183— Vaters, gefällt mir ſehr gut; er iſt ein Mann von liberalen Geſinnungen, vielen Kenntniſſen und voll Dienſteifer.— Aber was ich am meiſten an ihm ſchätze, iſt ſeine Redlichkeit.— Daß er keinen höhern Rang in der Armee bekleidet, daran iſt er, nach eigener Ausſage, ſelbſt Schuld. In jüngern Jahren war er heftigen Temperaments, verwechſelte Derbheit mit Aufrichtigkeit, verſagte ſeinem Obern die gebührende Ehrerbietung— und verlor da⸗ durch einen guten Freund. Eine ſchöne Lehre für mich! Beſonders da ſie nicht abſichtlich gegeben wurde.— Nächſt Gaskoigne iſt mir Capitain Henry der Liebſte Er iſt ein junger Mann meines Alters, ungewöoͤhnlich hübſch, aber dabei frei von aller Eitelkeit. Sein ganzes Weſen nimmt gleich für ihn ein, und ein gewiſſer Stolz, in ſeiner Lage ſehr nöthig, macht ihn mir noch lieber. Man vermuthet, daß er nicht von guter Familie ſtammt; aber ich kenne ihn zu — 184— wenig und bin nicht indiscret genug, nach den nähern Umſtänden zu forſchen. Als er zum Regiment kam, waren einige Offiziere ſehr begierig, zu erfahren, zu welcher Familie Henry gehöre, oder ob er vielleicht von den irrländiſchen Henries abſtamme. Sie äußerten ihre Neugier auf eine ſo unanſtändige Art, daß der leicht zu reizende junge Mann die Beleidigung übel aufnahm, und im Begriff ſtand, einen dieſer Herren für ſeine Imper⸗ tinenz zu fordern. Wenn Gaskoigne nicht als Vermittler dazwiſchen getreten wäre, hätte er ſicher ein halbes Dutzend Duells auf dem Hals gehabt. Ich kann Ihnen die ganze Ge⸗ ſchichte nicht ſo weitlaͤuftig erzaͤhlen. Genug, Gaskoigne bewies hierbei ſo viel Gewandtheit, Vorſicht und Feſtigkeit, daß ihn Henry ſeitdem wie einen Halbgott verehrt und liebt. Die uübrigen Offiziere gehören zu der ganz gewöhnlichen Klaſſe,— was man bloße Roth⸗ röcke nennt. Einige lieben hohes Spiel, an⸗ — 185— dere die Flaſche; ich habe mit keinem, außer Gaskoigne und Henry, Freundſchaft geſchloſ⸗ ſen;— mein Vater wird daraus ſehen, daß ich die Offiziere meines Regiments noch nicht für die vorzüglichſten Menſchen auf dieſem Erdenrund halte. Viel Grüße zu Hauſe. Hoffentlich ſegeln wir bald, und hoffentlich lobt mich Roſamunde wegen der Länge meines Briefes. Dieſes Mal kann ſie mit aller Bosheit von meinen Zeilen nicht ſagen, daß ſie wie Vorpoſten aus einander ſtehen, oder daß meine Worte aus⸗ geſtreckt wären, wie bei den Advokaten. Zwei ganze Seiten! und das von Gottfried, der kein ſolcher Briefſchreiber iſt, wie Alfred. Ich muß nur ſchnell ſchließen, ſonſt füllt ſich auch noch die dritte Seite. Leben Sie wohl. Ihr gehorſamer Sohn Gottfried Percy. . — 186— Während Gottfried noch in der albernſten, langweiligſten Landſtadt aushalten mußte, er⸗ eigneten ſich beim Regiment einige Umſtände, die ihm Gelegenheit gaben, ſeine Klugheit zu prüfen und die, ſeiner Mutter angelobte Selbſt⸗ beherrſchung auszuüben. Die Mäßigung wurde ihm hierbei deſto ſchwerer, da die Sache nicht ihn ſelbſt, ſondern ſeinen Freund, Major Gaskoigne, betraf. Der Oberſtlieutenant des Regiments wurde verſetzt, Gaskoigne hatte die gerechteſten Anſprüche auf ſeine Stelle, aber ein jüngerer Offizier aus einem fremden Re⸗ giment wurde ihm vorgeſetzt. Der neue Oberſtlieutenant war der Neffe des Lords Skreene, welcher zwei Stimmen im Parlament hatte, und ſo ließ ſich die Beförderung er⸗ klären. Ddieſe Vermuthung verbreitete große Un⸗ zufriedenheit im Regiment, und des neuen Oberſtlieutenants Betragen eignete ſich auch nicht dazu, ſie zu vermindern. Er behaup⸗ — 187— tete ſeine Würde nicht auf die beſte Art, gab ſich ein gewaltiges Anſehen und ſpielte den kleinen Kriegsgott auf eine lächerliche Weiſe. Dieß von einem bloßen Paradeoffi⸗ zier, der noch nie aus London heraus gekom⸗ men war, gegen einen Mann, wie den Ma⸗ jor, der manche Schlachten mitgemacht hatte, manche Wunden aufweiſen konnte, war wenig⸗ ſtens unklug; Capitain Henry nannte es uner⸗ träglich— und Gottfried dachte ſo. In der That verſtand der Oberſtlieutenant ſeinen Vortheil ſehr wenig. Durch geringe Aufmerkſamkeiten wäre es ihm leicht gewor⸗ den, den edlen, gutmüthigen Gaskoigne für ſich zu gewinnen. Aber er behandelte ihn im Gegentheil ſehr ſtrenge, rügte immer Fehler an ihm, um ſeine Kenntniſſe zu zeigen, und hatte ſtets Unrecht, wie Gaskoigne ſehr ru⸗ hig und genugthuend bewies. An jedem Pa⸗ radetag ſiel jetzt etwas Unangenehmes vor; einige Offiziere traten Gaskoignen bei, nur — 188— wenige, die es für nöthig fanden, ſich in Gunſt zu erhalten, dem Oberſtlieutenant. Mangel an Beſchäftigung ließ ihnen zum Dis⸗ putiren vollkommen Zeit, und ſo wurde es von Stunde zu Stunde ſchlimmer. Der Major benahm ſich bewundrungswür⸗ dig gut, vergaß nie den ſchuldigen Reſpekt gegen ſeinen Obern, wenn er gegenwärtig war, und that in ſeiner Abweſenheit alles Mögliche, den Eifer und die Erbitterung ſei⸗ ner jungen Freunde in Schranken zu halten. Eines Tages, als Gottfried, Henry und Gaskoigne allein zuſammen waren, beſchwor letzterer den Capitain Henry, ſeinen tollen Vorſatz, den Oberſten zu fordern, aufzuge⸗ ben. Wenige Stunden nachher ſuchte der Oberſt⸗ lieutenant Gaskoignen bei einer unbedeutenden Kleinigkeit zu necken; das Blut kochte in Gottfrieds Adern; doch vergaß er ſich nicht. — 189— Gaskoigne gewahrte, was in ſeinen jungen Freunden vorging, und die Furcht, daß ſie ſich ſeinetwegen in böſe Händel verwickeln könnten, ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Davon konnte ſich Gottfried über⸗ zeugen, der ſein Wandnachbar war, und ihm mitten in der Nacht ſeinen und Henry's Namen ängſtlich rufen hörte, mit der in⸗ ſtändigſten Bitte, ruhig zu ſeyn, und ihm lieber das Leben zu nehmen, als in ſolcher beſtändiger Angſt zu erhalten. Innigſt rührte dieſe edelmüthige Sorge die beiden Freunde. Ein ſolcher Zuſtand der Erbitterung konnte nicht lange beſtehen, ohne zum Ausbruch zu kommen. Gaskoigne ſah wohl ein, daß ſein Abgang vom Regiment das einzige Mittel ſey den Frieden zu erhalten. Er brachte ein großes Opfer dadurch, und ſeine Freunde widerſetzten ſich dieſem Entſchluß anfangs mit großer Heftigkeit; aber er bewies ihnen die Nothwendigkeit. Einer ſeiner Freunde — 190— bei einem andern Regiment in England war erbötig mit ihm zu tauſchen, und Gaskoigne hatte gehofft, das Geſchäft ohne Schwierig⸗ keiten abmachen zu können. Aber ſey es aus Laune, oder um ſeine Macht zu zeigen, oder aus andern geheimen Gründen;— kurz der Oberſtlieutenant widerſetzte ſich dieſem Vor⸗ ſchlag mit der kahlen Entſchuldigung, daß er unausführbar ſey, obgleich Henry ſehr wohl wußte, daß es nur einer Zeile an Lord Skreene bedürfe, um die Sache in Ordnung zu brin⸗ gen. Nun ſiel unſerm Gottfried ein, daß Cunningham Falkoner, als Lord Oldboroughs Sekretair, in dieſer Sache nützlich ſeyn könne. Cunningham hatte immer die größte Achtung für Gottfried bewieſen, und ſo beſchloß er, wenigſtens einen Verſuch zu machen. Der Sekretair ſandte eine höfliche, im Geſchäftsſtyl abgefaßte Antwort zurück, er⸗ klärte«daß das Kriegsfach nicht zu ſeinem Geſchäftskreiſe gehöre, und ſchloß mit der — 191— Verſicherung, daß ihm nichts größeres Ver⸗ gnügen gewahren könne, als eine Gelegen⸗ heit, dem Capitain Percy zu dienen.» Gottfried glaubte dieſer letzten Verſiche⸗ rung in aller Ehrlichkeit, meinte Cunningham verſtände ſich vielleicht ſchriftlich nicht gut aus⸗ zudrücken, und ſie würden ſich mündlich ge⸗ genſeitig beſſer verſtehen. Er vertraute dem Major und Henry'n ſein Vorhaben, verſchaffte ſich nicht ohne Schwierigkeit einen vierzehn⸗ tägigen Urlaub, und eilte nach London. Hier ſuchte er gleich ſeinen Vetter auf, fand aber deſſen mündlichen Styl noch zehn Mal amtsmäßiger, wie den ſchriftlichen. Er erinnerte ſich, daß Cunningham von jeher ein feierliches Weſen gehabt hatte, aber jetzt war er ſo zurückhaltend geworden, daß er kaum auf die einfachſte Frage eine beſtimmte Antwort gab. Der ganze Menſch, Kopf und Herz ſchien, wie Gottfried bemerkte, diplomatiſch verſiegelt. Es war augenſchein⸗ — 192— lich, daß Cunningham in dieſer Sache nichts thun konnte; entweder, weil er keinen Einfluß bei dem Lord hatte, oder weil ihm der Muth gebrach, ſich an ihn zu wenden. Gottfried verließ ihn im größten Unmuth und ging zu Cunningham's Vater, den Finanzrath, der ihn mit Freundſchaftsverſicherungen überhäufte, und eine höfliche Einladung zum Mittags⸗ eſſen hinzufügte. Als aber Gottfried ſeines Geſchäfts erwähnte, verſicherte Falkoner,«daß— er es nicht wagen dürfe, Lord Oldborough mit dergleichen zu behelligen; und rieth ihm ſehr ernſtlich, ſich nicht zu ſehr für deu Ma⸗ jor Gaskoigne zu verwenden, der ohne Zwei⸗ fel ein verdienſtvoller Offizier, aber auch weiter nichts wäre.“ O über dieſes Hof⸗ volk! Welche eigennützige, feige Memmen!» dachte Gottfried, und ſuchte nun Buckhurſt Falkoner auf. Er bat ihn, den Oberſten Hauton zu vermögen, mit ſeinem Oheim über die Sache zu ſprechen. Aber Hauton ſchwur, — 193— — «daß ſein Oheim bei keiner Gelegenheit auf ihn höre, und ſo würde auch jetzt jeder Ver⸗ ſuch vergeblich ſeyn.» Nachdem Gottfried von dem Einen zu dem Andern gegangen war, Stunden und Tage nutzlos verſchwendet hatte, beſchloß er end⸗ lich, das zu thun, was er gleich anfangs hätte thun ſollen— ſich an Lord Oldborough ſelbſt zu wenden. Sr. Herrlichkeit ſtand in dem Rufe unzugänglich, ſtolz und im höch⸗ ſten Grade kurz zu ſeyn; die ganze Canz⸗ lei zitterte bei ſeinem Namen. Aber ſo wie Capitain Percy gemeldet wurde, beſann ſich Lord Oldborough auf ihn, und empfing ihn ſehr artig. Er erkundigte ſich theilnehmend nach ſeinem alten Freund, Herrn Percy, und nannte ihn einen der wenigen ganz unab⸗ hängigen Männer, die er je geſehen.— Herr Percy iſt ein ſehr wackrer Mann, und für Englands Wohl wünſchte ich, daß es mehr ſeines Gleichens in dieſer Grafſchaft I. 13 — 194— gäbe.— Womit kann ich ſeinem Sohne dienen?» Mit der Kürze und Offenheit, die der Miniſter, wie der Mann verlangen kann,. erzählte Gottfried ſein Anliegen, und Lord Oldborough erwiederte mig lakoniſcher, dem Soldaten ſehr erfreulicher Beſtimmtheit, adaß alles Mögliche für den Major Gaskoigne ge⸗ than werden ſollte, fragte, wie lange Ca⸗ pitain Percy ſich in London aufzuhalten ge⸗ denke— wünſchte ihn den Tag vor ſeiner Ab⸗ reiſe noch einmal zu ſehen, und beſtimmte die Stunde. Mit aller Diplomatik vermochte Cunning⸗ ham ſein Erſtaunen über die Art, wie Gott⸗ fried von Lord Oldborough behandelt worden war, nicht zu verbergen.— Den folgenden Tag lud der Finanzrath unſern jungen Krie⸗ ger ſehr dringend zum Mittageſſen ein: wir werden eine gewäͤhlte Geſellſchaft haben,» ſagte er, und Miſtreß Falkoner wünſcht — 495— ſie durch Ihre Gegenwart vermehrt zu ſe⸗ hen.— Sie kennen meine Töchter noch nicht, ſeit ſie erwachſen ſind, und ſie müſſen als nahe Verwandte beſſer miteinander bekannt werden. Sie kommen doch? keine abſchlä⸗ gige Antwort.» Gottfried nahm die Einladung gern an: hätte er freilich gewußt, wen er dort fin⸗ den ſollte, ſo würde er ſich gewiß entſchul⸗ digt haben.— Miß Hauton, die gefährliche Schöne, deren Nähe zu meiden er entſchloſ⸗ ſen war. Aber er befand ſich mit ihr in dem⸗ ſelben Zimmer, und konnte ſich, als er die Gefahr merkte, nicht mehr zurückziehen. Die junge Dame war ſchöner und ſchwermüthiger, als je. Miß Falkoner vertraute ihm den Grund ihrer Melancholie;«Lord Oldborough, ihr Oheim beſtand darauf, ſie mit dem Mar⸗ quis von Twickenham, dem aͤlteſten Sohne des Herzogs von Greenwich zu verheirathen, und Miß Hauton konnte ihn nicht ausſtehen.⸗ 13* — 196— Der Marquis war auch in der Geſell⸗ ſchaft. Miß Hautons Widerwillen ſetzte Gott⸗ fried keineswegs in Erſtaunen; denn der ihr Beſtimmte war ein gem ner, mürriſcher Menſch, ohne alle Erziehung, und ein Freund der Flaſche. „Aber Lord Oldborough» fuhr Miß Fal⸗ koner leiſe fort, kennt nur das Streben des Ehrgeizes und behauptet, die Liebe exiſtire blos in Romanen. Darum erlaubt er ſeiner Nichte vor und nach der Hochzeit ſo viel alberne Romane zu leſen, als ſie Luſt hat— nur ſollte ſie ſich wie eine ver⸗ nünftige Perſon verheirathen.» Gottfried bedauerte ſie innig, und wäh⸗ rend er noch im Gefühl des Mitleids ver⸗ loren ſtand, hatte Mrß. Falkoner eine Parthie in die Oper für dieſen Abend veranſtaltet, worin ſich Gottfried mit eingeſchloſſen fand. Er handelte vielleicht unvorſichtig⸗ aber er — 197— war ein junger Mann, und die menſchliche Natur bleibt.... menſchliche Natur. In der Oper fühlte Gottfried ſeine Ge⸗ fahr mit jedem Augenblicke zunehmen. Miß Hauton war unendlich anziehend, und manche Umſtaͤnde vereinigten ſich, ſeiner Eitelkeit zu ſchmeicheln, und ihn für das reizende Opfer des Ehrgeizes einzunehmen. Ihr Marquis war auch in der Loge, von Wein glühend und bemüht, der beſtimmten Braut ſeine Aufmerkſamkeit zu bezeigen, augenſcheinlich wenig zu ihrer Zufriedenheit. Endlich ver⸗ ließ er die Loge, Miß Hauton verlor das ſchmachtende Weſen und fühlte ſich durch Gott⸗ frieds Unterhaltung neu belebt. Er fuͤhlte die Macht ihrer Reize, die augenblickliche Gewalt der Verſuchung. Aber er gedachte wer ſie ſey; er rief ſich die Unbeſonnenheiten zurück, die ſie nicht von den Folgen der mütterlichen Schande freiſprachen.— Die — 198— Lieder, welche er ſie ſingen gehört hatte, Capitain Bellamy und das Walzen kam ihm wieder in den Sinn. Nein“— ſagte er zu ſich ſelbſt.— Und wenn auch kein Marquis von Twicken⸗ ham im Wege ſtünde, ſo könnte ſie doch meine Frau nie werden.— Und darum will ich auch nicht mit ihrer Neigung ſpielen, um meiner Eitelkeit und den Gefühlen des Au⸗ genblicks zu ſchmeicheln.⸗ Miß Hauton blaͤtterte in dem italieniſchen Text der neuen Oper, und zeigte ihm die Stellen, die ihr am beſten gefielen. Einige ließen ſich auf ihre eigene Lage anwenden; ſie ſtellten eine Heldin vor, gezwungen einen haſſenswerthen Mann zu heirathen, während ſie einen andern liebte. Gottfried konnte oder wollte das Italieniſche nicht verſtehen.— Es wurde ihm überſetzt, und die Anwendung durch Miß Hautons Stimme und Blicke ſo deutlich gemacht, daß er ſeine Zuflucht zur ᷣ — 499— Bühne nahm und einer neuen Sängerin alle Aufmerkſamkeit zuzuwenden ſchien. Als ſie geendet hatte, füllte eine lebhafte Unterhal⸗ tung mit Miß Falkoner, über die Verdienſte der Sängerin den Zwiſchenraum, bis zu Ende der Oper. Immer ſchlimmer wurde ſeine Lage..... man wartete im Gedränge auf die Equipagen; aber auch dieſe Gefahr beſtand Gottfried ſo geſchickt, daß Miß Hauton im Zweifel blieb, ob ſie verſtanden worden war oder nicht. So hoöffte er, würde ihr Gewiſſen in Zu⸗ kunft, wenn ſie jemals nach ihrer Verheira⸗ thung an die Oper zurückdenken ſollte, eben ſo frei und leicht ſeyn, wie ſein eigenes, ob⸗ gleich vielleicht nicht aus eben ſo guten Gründen. Nach dieſem Auftritt vermied Gottfried jede neue Gefahr, und damit er der Schönen nicht wieder begegnete, ſchlug er zwei Ein⸗ ladungen, zum Ball und zu einer muſikaliſchen Geſellſchaft bei Falkoners aus. Dieß ver⸗ — 200=— dient rühmlichſt erwähnt zu werden, da er ein großer Freund von Beiden war. Den Tag vor ſeiner Abreiſe ſtellte er ſich zur beſtimmten Stunde bei Lord Oldborough ein. Aber wie verſchieden war der dießmalige Empfang von dem des erſten Beſuchs! Zwei ganze Stunden mußte Gottfried allein im Vorzimmer warten. Endlich öffnete ſich die Cabinetsthür, und der Miniſter erſchien mit finſterer, kalter Miene und hochmüthiger Stei⸗ figkeit. Er ging langſam einige Schritte auf den jungen Krieger zu, neigte Kopf und Körper unmerklich und blieb wartend ſtehen, 1 als ob er erſt erfahren müſſe, wer Capitain Percy und was ſein Anliegen ſey. Erſtaunen und beleidigter Stolz zeigten ſich in Gott⸗ frieds Zügen.— Nachdem Lord Oldborough ſeine fragenden Blicke ohne Wirkung hatte auf ihm ruhen laſſen und keine Antwort er⸗ folgte, ſchien er ſich endlich zu beſinnen und ließ ſich herab zu fragen: — 201— & Capitain Percy, wie ich glaube!— Ihre Geſchäfte mit mir, Capitain Percy?» « Mylord, ich habe die Ehre auf Ew. Herrlichkeit Befehl hier zu ſeyn, in Angelegen⸗ heiten des Majors Gaskoigne.» Mein Herr! ich glaube, Sie erhielten geſtern eine Note von mir, worin alles, was ich über Major Gaskoign'es Sachen zu ſagen habe, enthalten iſt. & Verzeihen Sie, Mylord— ich war nie ſo glücklich eine Note von Ihnen zu bekommen.* & Sehr ſonderbar! ich ſchickte ſie doch durch meinen eigenen Bedienten. Sie logiren in Botts Hotel.» Nein, Mylord, im brittiſchen Hotel.» Hal darin liegt alſo das Verſehen. Sie werden die Note im bott'ſchen Hotel finden.» Capitain Percy verbeugte ſich, Lord Old⸗ borough ebenfalls— kein Wort wurde mehr — 202— gewechſelt. Der Miniſter ging an den Wagen der ihn mit Blitzesſchnelle davon führte. Gott⸗ fried ſah ihm mit glühendem Geſichte, empfind⸗ lich gekränkt, nach. Dann rannte er nach Botts Hotel, voll Ungeduld die Note zu leſen, die ihm Aufſchluß über das unbegreif⸗ liche Benehmen geben ſollte. Er fand ſie, erhielt aber wenig Licht. Von Sekretair Fal⸗ koners Hand waren folgende Worte geſchrieben: « Lord Oldborough wird Capitain Percy davon benachrichtigen, ſobald etwas, wegen der Angelegenheit des Major Gaskoigne ent⸗ ſchieden iſt; und da ſich das ganze Geſchäft ſchriftlich abmachen läßt, ſo hofft Sr. Herr⸗ lichkeit nicht die Urſache zu ſeyn, Capitain Percy länger von ſeinem Regiment zurück⸗ zuhalten. Dienſtag— Eine höfliche Entlaſſung! Nach drei ver⸗ geblichen Verſuchen gelang es ihm endlich den Sekretair Falkoner zu finden, der, wie er — 203— glaubte, genau von den naͤheren Umſtänden unterrichtet war; aber dieſe Vermuthung wider⸗ legte ſich gleich durch die ungewöhnliche Offen⸗ heit womit ſich Cunningham ausſprach. Ohne Furcht, ſich ſelbſt zu verrathen, äußerte er &daß es ein außerordentliches Verfahren ſey, welches er ſich nur durch die Vermuthung erklären könne, daß der bewußte Oberſtlieu⸗ tenant, Seine Gnaden von Greenwich durch Hülfe ſeines Verwandten, Lord Skreene für ſich eingenommen habe, und daß Lord Old⸗ borough in gegenwärtigen Umſtänden dem Herzog nicht direkt entgegen handlen wolle.» SBei allen dieſen Dingen, bei allen dieſen Verhandlungen miß Staatsmännern,» ſagte Gottfried,« gibt es Räder in den Rädern, die wir in unſrer Einfalt gar nicht ahnen. Und ſo werden wir durch ungeſchicktes Anein⸗ anderſtoßen derſelben, wenn ſie in Bewegung ſind, varletzt, wir wiſſen nicht wie? und warum?»— — 204— Eunningham lächelte, aber ſchwieg; ſein freimüthiges Weſen verſchwand, das feierliche trat wieder ein. Cunningham, dachte Gott⸗ fried, wird auf dieſe Art nie verletzt— ich ſah noch keinen Menſchen ſo ängſtlich für ſich ſelbſt beſorgt. Er wagte gewiß ſeinen kleinen Finger nicht daran, das ganze engliſche Reich zu retten, geſchweige denn einem einzelnen Freund, wie mir, und einem armen ehrlichen Mann, wie Gaskoigne zu helfen. Gottfried war zu ſtolz, fernere Verſuche zu machen, ſeinen diplomatiſchen Vetter für die Sache zu gewinnen. Er ſtand auf, und wünſchte dem Sekretair Lebewohl, der ihn mit Lächeln und Verbeugungen bis an die aͤußerſte Thür begleitete. Dem Himmel ſey Dank! dachte Gott⸗ fried, als er fort war— Sdaß ich nicht nöthig habe, großen Männern odern großer Männer Sekretaire vergeblich aufzuwarten.— Ich bin unabhängig wie mein Vater, und will mich ſo zu erhalten ſuchen; und ſollte ich jemals jahrelang von einem Lächeln leben müſſen, ſo ſey es vom Lächeln einer Schönen, und nicht eines Miniſters. Gottfried verließ London augenblicklich, und kehrte zu ſeinem Regiment zurück. Achtes Kapitel. Unbekannt mit dem Geiſt der Höfe und der Hofleute, ließ ſich Gottfried durch Cunning⸗ hams anſcheinende Offenheit leicht täuſchen. Der Sekretair hatte mit Hülfe anderer, dem Lord ganz unverdächtiger Perſonen, Sr. Herr⸗ lichkeit beizubringen gewußt, daß Gottfried die geheime Urſache von Miß Hautons Ab⸗ neigung gegen die Heirath mit dem Marquis von Twickenham ſey. Dieſe ein Mal vor⸗ gefaßte Idee, ließ ſich durch der jungen Dame Benehmen in der Oper, welches dem Lord mit gewaltigen Uebertreibungen, und einer ganz falſchen Vorſtellung von Gottfrieds Be⸗ — — 207— tragen, hinterbracht worden war, leicht be⸗ ſtätigen.— Die Ohnmacht auf dem Balle kam auch wieder ins Andenken, und mancher andere kleine Umſtand gab Sr. Herrlichkeit vollkommne Gewißheit. Er war feſt über⸗ zeugt, daß Major Gaskoignes Geſchaͤft dem jungen Percy blos zum Vorwand, in die Stadt zu kommen, gedient hatte. Die Mög⸗ lichkeit, daß eine Heirath zurückgehen könne, welche in die Abſichten ſeines Ehrgeizes ſo weſentlich eingriff; der Aerger, daß es zwei jungen Leuten beinahe gelungen ſey, ihn zu täuſchen, und ſein eingewurzelter Widerwille gegen die Liebe und alle Liebesgeſchichten be⸗ wirkten die außerordentliche Veränderung in Lord Oldboroughs Benehmen gegen Capitain Percy.— Hätte Gottfried geſäumt die Stadt zu verlaſſen, ſo würde er am folgenden Tage von ſeinem Obern die Ordre, zum Regiment zurückzukehren, erhalten haben. Major Gaskoigne und ſein Anliegen hatte — 208— Lord Oldborough in der That ganz vergeſſen, und er erinnerte ſich des Namens erſt wieder, als ihn Gottfried nannte. Selbſt dieſer würde ihm aber das Vergeſſen vergeben haben, hätte er gewußt, welche zahlloſen Geſchäfte und Sorgen in dieſem Augenblicke ſchwer auf dem unglücklichen Staatsmann laſteten. Neben dem Druck der Geſchäfte und den offenen und heftigen Angriffen der Gegenparthei, mit denen er gewöhnlich kämpfen mußte, lebte er jetzt noch in großer, ſtets zunehmender Sorge wegen des Complotts ſeiner unmittelbaren Dienſtkollegen, welches er aus den Tourvill'“⸗ ſchen Papieren doch nur zum Theil entdeckt hatte. Lord Oldborough befand ſich in der Lage eines Menſchen, der auf unterminirtem Grunde ſteht, und nicht weiß, durch welche Hand und in welchem Augenblicke die Miene in Brand geſteckt werden wird. Ein Wort wiederholte ſich immer in den entzifferten Papieren, welches den Finanzrath ganz irre — 209— machte, weil er durchaus nicht im Stande war, den Sinn herauszubringen. Das Wort hieß Gaſſoc— und wurde auf folgende Weiſe angebracht: Es thut uns leid, daß der Gaſſoc dieſen Vorſchlag nicht angenommen hat.— Auf die Frage No 2. hat der Gaſſoe nicht geantwor⸗ tet. Im Betreff der Subſidien, wovon 35,000 Pfund weder abgeſchickt noch empfangen ſind, hat der Gaſſoc ſich niemals erklärt; deßhalb iſt man hier ſehr unzufrieden. Wenn der Gaſſoc gegen den Adler entſchieden iſt, ſo müſſen Mittel ergriffen werden, die Abſichten auszuführen, worauf im aten Paragraph in grüner Schrift vom ꝛten vorigen Monats an⸗ geſpielt wird, desgleichen in No b. in zitro⸗ nengelber(vom letzten Sept.)— Der Gaſ⸗ ſoc wird die vergeſſenen Minirwerkzeuge be⸗ merken, wie auch daß die Kugeln zu groß, und keine Flinten dabei waren.— Ferner die, ſtatt der Landcharten geſchickten See⸗ I. 14 — 210— charten— den daraus entſtandenen Verzug in den Truppenmärſchen— den Verluſt der Feſtung— Alles dieß muß dem Adler zu⸗ geſchrieben werden.»— Es ergab ſich, daß der Adler, den man für den öſterreichiſchen Adler gehalten hatte, Lord Oldborough vorſtellte. Ein Adler war Sr. Herrlichkeit Helm⸗ kleinod, und die Seecharten und Minirwerk⸗ zeuge ließen ſich einzig auf ihn beziehen. Daß der Gaſſoc einen Feind des Lords bezeichnete, war außer Zweifel, aber wer? das blieb die Frage. Vergebens erſchöpfte der Finanzrath ſeinen Scharfſinn in Vermuthungen aller Art. Cun⸗ ningham hütete ſich, irgend etwas Beſtimmtes zu meinen, damit er nie des Irrthums über⸗ wieſen werden konnte. Auch ermüdete ihn die eigene und des Vaters fruchtloſe Arbeit nicht, weil er ſie als Mittel künftiger Be⸗ förderung anſah. —„ —„ — 2411— Lord Oldborough hatte Winke fallen laſ⸗ ſen, daß der jetzige Geſandte an jenem deut⸗ ſchen Hofe bald zurückberufen, und ein neuer hingeſchickt werden würde. Cunningham nährte die ſüße Hoffnung, dazu erwählt zu werden, da er doch bereits mit den Tourvill'ſchen Papieren bekannt war, und durch geheime Inſtruktion beauftragt, mit Herrn von Tour⸗ ville unterhandeln, vielleicht einige Erklärun⸗ gen von ihm erhalten konnte. Dieſe Hoff⸗ nung ließ er aber nicht laut werden, nicht ein Mal gegen den Vater, er baute einzig und allein auf ſeine eigene Klugheit, und bemühte ſich nur immer, die Gefahr, einen Theil des Complotts unerörtert zu laſſen, durch verſteckte Winke zu vergrößern. Welche Wirkung dieſe Eingebungen hervorbrachten, oder ob ſie überhaupt welche machten, war Cunningham nicht im Stande in des Mini⸗ ſters undurchdringlicher Haltung zu entde⸗ cken.— Lord Oldborough verlor keinen Au⸗. 14* 212— genblick, das Verſehen wegen der Seecharten und der vergeſſenen Minirwerkzeuge zu ver⸗ beſſern, er forſchte auch jetzt nicht darnach, ob das Verſehen vorſätzlich oder unvorſätzlich gemacht worden war— dieß überließ er künftiger Unterſuchung. Sein Hauptgegen⸗ ſtand waren die Subſidien. Snn Der Herzog von Greenwich gab an dem⸗ ſelben Tage ein Miniſterial⸗Diner. Nach der Tafel, als ſich die Diener entfernt hat⸗ ten, und niemand in der Geſellſchaft auf einen ſolchen Schlag vorbereitet war, begann Lord Oldborough mit beſtimmtem, aber ſehr ruhigem Tone. * Mylords, ich muß mir Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſehr wichtige Sachen erbitten. Es betifft die Subſidien für den geheimen Dienſt unſerer deutſchen Bundesgenoſſen.» Wer ſich nicht rein von Sünden fühlte, zitterte. Lord Oldborough fuhr fort. Ich habe erfahren, gleichviel wie, daß durch ein — 213— ſonderbares Verſehen 35,000 Pfund dieſer Subſidien nicht zu der beſtimmten Zeit über⸗ macht worden ſind; und daß aus dieſem Ver⸗ zuge Unzufriedenheiten entſtanden, welche Sr. Majeſtät Dienſt leicht nachtheilig werden könnte.* 18 Sr. Herrlichkeit hielt inne, und ſchien keine Notiz von dem künſtlichen Erſtaunen und der wirklichen Angſt auf den Geſichtern ſeiner Umgebungen zu nehmen. Einer blickte den Andern fragend an, um zu erforſchen, auf welche Art das Geheimniß endeckt worden, und wie viel noch verrathen ſey. Lord Skreene und der Herzog von Greenwich began⸗ nen zu gleicher Zeit ihre Vermuthungen zu äußern; daß irgend ein Sekretair, oder Agent hierbei gewiß ſehr zu tadeln wäre.» Lord Oldborough antwortete in ſeinem be⸗ ſtimmten Ton,„daß es ihm einerlei ſey, welcher Sekretair, Agent, oder Chef in dieſer Sache Tadel verdiene; wenn aber das Geld — 214— nicht vollzählig übermacht, und von dem Hofe, dem es bewilligt, Quittung betgebracht werde, ehe irgend nachtheilige Folgen daraus ent⸗ ſtehen könnten: ſo ſehe er ſich genöthigt, die Sache Sr. Majeſtät vorzulegen, ſeine Stelle aufzugeben, und das ganze vor das Par⸗ lament zu bringen.» Der Donner ſeiner Stimme; der Blitz ſeiner Angen, und die Furcht vor ſeinem entſchloſſenen Sinne wirkten mächtig. Die Subſidien wurden am folgenden Tag über⸗ macht, obgleich auf Koſten eines Silberſer⸗ vices, welches Lord Skreene ſchon für ſeine Geliebte beſtellt hatte, und durch den un⸗ vortheilhaften Verkauf der letzten noch übrigen Grundſtücke von Setretir Cope's väterlichem Erbe. Beim„MiinnſertaleDiner war dem ſcharfen Blick Lord Oldboroughs ein geheimer Ver⸗ druß in des Herzogs von Greenwichs Zügen nicht entgangen. Durch ſeinen Rang und ſeine — 215— Verbindungen, wie durch die Anzahl der Stim⸗ men, über welche er zu gebieten hatte, war dieſer ein Mann von bedeutender politiſcher Wichtigkeit. Lord Oldborough wußte wohl, daß er ſeine übrigen Feinde in Furcht er⸗ halten konnte, wenn er den Herzog wieder ge⸗ wönne. Sr. Gnaden war ein kleinlicher, prunk⸗ ſüchtiger Thor, den der Himmel durch die Begierde, ein Staatsmann zu ſeyn, beſtraft hatte. Er beſaß nur vier eigne Ideen, denen er aber ausſchließend anhing. Es wäre freilich möglich geweſen, ihm durch Geſchicklichkeit und Liſt einige neue in den Kopf zu bringen, die er auch nach einiger Zeit für ſeine eigenen erkannt, mit großer Feierlichkeit vorgeſchlagen, und mit vielem Eifer unterſtützt haben würde. Aber Lord Oldborough beſaß weder die Ge⸗ ſchicklichkeit noch den Willen, Sr. Gnaden auf dieſe Art zu leiten; er war zu herriſch, ſein Charakterſtolz lag in ewigem Streit mit des Herzogs Rangſtolz. Den Letztern konnte er — 216— ſelten verſtehen, und wenn er ihn verſtand, mußte er ihn verachten. Es war eine Art von Stolz, der ſich unaufhörlich durch kleine Verſtoße in der Etikette beleidigt fühlt, deren ſich Lord Oldborough, ſtets mit größern Ge⸗ genſtänden beſchäftigt, oft ſchuldig machte. Es gibt eine Klaſſe Staatsmänner, die im beſtändigen Irrthum leben, weil ſie im⸗ mer in zu hohen Sphären nach Gründen ſuchen, und die Zufälle, welche Staaten und Mo⸗ narchen verwirren, erhabenern Leidenſchaften und Motiven zuſchreiben. Lord Oldborough gehörte zu dieſer Klaſſe, und trotz ſeiner über⸗ wiegenden Talente würde es ihm nicht ge⸗ lungen ſeyn, den Herzog zu ergründen und wieder zu verſöhnen, wenn ihm nicht Falkoner mit ſeinem geringern Genie beigeſtanden hätte. Wäͤhrend Sr. Herrlichkeit in der Naͤhe und Ferne nach vernünftigen Gründen für des Her⸗ zogs Kälte ſuchte, fand Falkoner die Urſache in einer unbedeutenden Kleinigkeit. Ihm ge⸗ — — —— — 217— lang dieſe Entdeckung durch Mittel, welche Lord Oldborough weder ausgedacht noch an⸗ gewendet haben würde. Der Herzog hatte in der Kanzlei einen Günſtling, der ſich für eine betraͤchtliche Vergeltung bereit finden ließ, dem Finanzrath das Gebeimniß zu verrathen. Lord Oldborough hatte Sr. Gnaden eine eigenhändige Note zugeſchickt, welche mit einer Oblate geſiegelt war.— Der Kanzliſt, in deſſen Gegenwart die Note ankam, ſagte aus, adaß des Herzogs Geſicht vor Zorn plöͤtz⸗ lich roth geworden wäre, und daß er dem Sekretair die Note mit den Worten zuge⸗ worfen hätte:» « Offnen Sie dieſelbe, wenn Sie Luſt haben.— Ich begreife nicht, wie jemand ſo impertinent ſeyn kann, mir eine ſolche Un⸗ ſauberkeit zuzuſchicken.»— Kaum hatte Falkoner die Urſache des herzoglichen Unwillens erfahren, als er auch gleich ſchlau darauf bedacht war, ein aus⸗ 1 — 218— gleichendes Mittel anzuwenden. Ohne durch einen Wink zu verrathen, daß er mit dem beleidigenden Umſtand bekannt war, ſuchte er beim Herzog, mit dem er Geſchäfte hatte, das Geſpräch auf ſeinen Freund, Lord Old⸗ borough und deſſen unverantwortliche Ver⸗ nachläſſigung aller gewöhnlichen Formen und Regeln der Etikette, zu leiten. Als Beweis davon, erzählte er dem Herzog mit leiſer Stimme, im höchſten Vertrauen eine Anek⸗ dote, die er von ſeinem Sohn Cunningham, Sr. Herrlichkeit eigenem Sekretair, erfahren hatte, und ſie auch ſonſt nicht geglaubt haben würde. Lord Oldborough war nämlich vor Kur⸗ zem im Begriff geweſen, eine Note an einen der königlichen Prinzen mit einer Oblate zu ſiegeln— hatte die Oblate ſchon an den Lippen, als Cunningham es für ſeine Pflicht hielt, eine unterthänige Vorſtellung zu wagen. Sr. Herrlichkeit ſah ihn, wie Falkoner be⸗ — 219— richtete, mit den Zeichen des höchſten Er⸗ ſtaunens an, und erwiederte:«ich habe mit einer Oblate an den Herzog von Greenwich geſiegelt, und er fühlte ſich nicht beleidigt ⸗ Dieſe Anekdote, an deren Wahrheit der Herzog glücklicherweiſe nicht zweifelte, wirkte mächtig. Falkoner bemerkte es an dem wohl⸗ gefälligen Lächeln, welches um ſeine Lippen ſpielte, und noch mehr an dem herablaſſenden Mitleid, womit Sr. Gnaden äußerte,& daß große Geiſter nie mit gewöhnlichen Dingen umzugehen wüßten— alles verkehrt machten, und weder ein Buch aufzuſchneiden, noch eine Note zu ſiegeln verſtänden.» Nachdem Falkoner den Herzog ſo für Lord Oldborough geſtimmt hatte, verließ er ihn, um Sr. Herrlichkeit den glücklichen Erfolg zu hinterbringen; aber er erzählte von dem Vor⸗ gefallenen wohlweißlich nur ſo viel, als er des Staatsmanns Charakter angemeſſen fand, um deſſen Beifall zu erhalten.— Der Her⸗ — 220— zog von Greenwich war über dieſe Ausſöhnung eben ſo erfreut, wie Lord Oldborough; er hatte ſich zwar im erſten Zorn mit Sr. Herr⸗ lichkeit Feinden verbunden, fürchtete aber doch den offenen Krieg mit einem ſolchen Gegner und fühlte, wie viel ſicherer und be⸗ ruhigender es ſey, ſich auf Lord Oldborough zu ſtützen, als ihm entgegen zu ſtehen, wenn gleich nur im Geheim. In einigen politiſchen Punkten trafen ſie zuſammen, freilich auf verſchiedenen Wegen. Sie ſtimmten überein in ihrer Liebe zur Ariſtokratie, und in der Neigung zur unumſchränkten Macht; im Haß gegen alle Neuerungen, in dem Grundſatz, daß keine freie Verhandlung geſtattet werden dürfe, ſondern das Land mit hoher, ſtarker Hand regiert werden müſſe. Lord Oldborough handelte immer nach dieſen Grundſätzen, ſprach aber ſelten davon; der Herzog von Greenwich ſprach unaufhörlich davon, und handelte ſelten darnach. So laut er auch prahlte, ſo grim⸗ — 241— mig er auch ausſah— ſo verzagt war er doch beim Handeln, ſo leicht durch jeden Schatten zu erſchrecken. Darum freute er ſich ſeine politiſchen Großſprechereien durch einen Ge⸗ hülfen mit überwiegenden Talenten, Mitteln und Muth wieder gutgemacht zu ſehen. Doch bemerkte Lord Oldborough, daß auf kein dauerndes Verhäͤltniß mit einem Manne von ſo wunderlichem Stolz und ſo ſchwachem Ver⸗ ſtand zu rechnen ſey. Aber Falkoner, immer mit bequemen Mitteln verſehen, ſchlug auch jetzt, als den einzig möglich ſichern Ausweg eine Verbindung der beiden Familien vor. Dieſe zu veranſtalten, war nicht ſchwierig, da der Marquis von Twickenham ſehr ge⸗ neigt ſchien, Miß Hautons Reize zu be⸗ wundern. Lord Oldborough hatte zwar noch nicht bemerkt, daß der Marquis etwas an⸗ deres, als guten Wein bewundern könne; aber Sr. Herrlichkeit Aufmerkſamkeit war freilich nicht auf dergleichen Gegenſtände ge⸗ — 222— richtet geweſen; auch hatte er im Allgemeinen keinen Glauben an ſolche, aus Familienver⸗ bindungen entſtandene Freundſchaften. Indeß da er wußte, daß der Herzog ſehr viel auf Connexionen und Verwandtſchaften hielt, er⸗ kannte er dieß für das beſte Mittel, ſich ſeiner zu verſichern. Von nun an entſchied ſich Lord Oldbo⸗ rough für dieſen Plan, und Herr und Mrß. Falkoner wandten allen Eifer und alle Ge⸗ ſchicklichkeit an, ihn ausführen zu helfen. Un⸗ aufhörliche Baäͤlle und muſikaliſche Parthien in ihrem Hauſe, gaben den jungen Leuten Ge⸗ legenheit ſich zu ſehen. Lady Oldborough, eine kränkliche Dame, nicht gewohnt, ihre tägliche Ruhe durch ſolche Luſtbarkeiten unter⸗ brochen zu ſehen, ließ es gern geſchehen, daß Falkoners dieſe Sorge uüber ſich nahmen. So ſtanden die Sachen, und Lord Oldborough hatte die Heirath feſt beſchloſſen, als Gott⸗ frieds Ankunft in der Stadt den Plan zu 8 — 223— zerſtören drohte. Sr. Herrlichkeit ließ es nicht allein dabei bewenden, ihn ſchleunigſt zu ſeinem Regiment zu beföoͤrdern; ſondern, um der Gefahr auf ein Mal ein Ende zu machen, befehligte der grauſame Oheim, Gott⸗ frieds Regiment nach Weſtindien. Gottfried an ſeinen Vater. 4 Lieber Vater,. Wir haben einen neuen Oberſtlieutenant bekommen.— Lord Skreene hat ſeinen vor⸗ trefflichen Neffen zu einem andern Regiment verſetzt, und um uns dafür zu beſtrafen, daß wir den lieben Jungen nicht leiden konnten, ſind wir nach Weſtindien beordert.— So endigt unſer Froſchgequäcke.— Ueber die zu große Jugend unſeres neuen Königs Klotz, ſo wie über zu viel Werda's! haben wir uns nicht zu beklagen. Er ſieht aus, als ob er immer zum Schlafen bereit wäre, kann ſich — 254— kaum ſo lange wachend erhalten um die Be⸗ fehle zu ertheilen, und an Statt ein Kriegsgott zu ſeyn, würde er es ſchwerlich bemerken, wenn das ganze Corps die Uni⸗ form links trüge.— Auf Gaskoignen ruhen jetzt alle Geſchäfte, und ſie können in keinen beſ⸗ ſern Händen ſeyn.— Es iſt ein ſolcher Lärm von Fragen, Befehlen, Anordnungen und Ver⸗ breitungen um mich herum, daß ich kaum weiß, was ich ſchreibe. Gaskoigne bezeigte ſich ſehr dankbar für meine, im Eifer un⸗ ternommene Reiſe nach London, obgleich ſie ohne Erfolg blieb.— Henry war ſehr zor⸗ nig auf Lord Oldborough, weil er mich ſo genarrt hat. Nur mit großer Mühe gelang es Gaskoigne, ihn in Mäßigung gegen den Oberſtlieutenant zu erhalten, und ich, voll Bewunderung dieſer Mäßigung blieb merk⸗ würdig ruhig. Aber da gab es auch ein klei⸗ nes impertinentes Püppchen von einem Fähn⸗ drich, einen Anhänger des Oberſtlieutenants, — 225— dem ſehr darnach verlangte, für ſeinen Gön⸗ ner ein Duell auszufechten; darum ſagte er eines Tages in Capitain Henry's Gegen⸗ wart, daß er ſich gar nicht wundere, wenn Leute ans unbekannter Familie, ohne be⸗ deutende Freunde, auf den Einfluß der Mi⸗ niſter loszögen.“»— Herr! meinen Sie mich damit?» fragte Henry. Nehmen Sie es wie Sie wollen,» erwiederte der Fähndrich. Der arme Henry nahm es übel, und forderte ihn.— Sie ſchlugen ſich und der Fähndrich wurde leicht verwundet. Durch dieſes Duell ward aller Offiziere Neugier über Henry's Geburt erregt, und er ſtand in beſtändiger Gefahr, Dinge hören zu müſſen, die ihm nicht lieb waren, und die er nicht ertragen konnte. Er erzählte Gaskoignen und mir alles, was er von ſeiner Geſchichte weiß, und begehrte unſern Rath.— Leſen Sie das Folgende für ſich allein; ich habe die Er⸗ laubniß, Ihnen alles mitzutheilen. Capitain I. 15 — 226— 1 Henry verſicherte uns, daß er in der That nicht wiſſe, welcher Familie er angehöre, noch wer ſein Vater und ſeine Mutter waren; doch habe er Grund zu vermuthen, daß ſie aus Irrland ſtammen. Er wurde in einem Dubliner Kaufmannshauſe erzogen. Der Kauf⸗ mann fallirte, und flüchtete mit ſeiner Fa⸗ milie nach Amerika. Henry war damals fünf⸗ zehn Jahr. Der Kaufmann erklärte, daß er ihn unter ſolchen Umſtänden nicht länger behalten könne; daß er weder ſein Neffe noch ſonſtiger Verwandter ſey, und daß er bloß aus Ruͤckſicht für ſeinen Vater bis jetzt Sorge für ihn getragen habe. Er gab zu verſtehen, daß er der Sohn eines Herrn Henry wäre, der einen unglücklichen Antheil an den irrlän⸗ diſchen Unruhen genommen habe und plötz⸗ lich verſtorben ſey— daß ſeine Mutter eine Magd geweſen, und todt ſey. Beim Ab⸗ ſchiede erklärte er dem jungen Mann, daß ihm jetzt nichts anderes übrig bliebe, als der — 227— Kriegsdienſt, und drückte ihm eine Banknote von 50 Pfund, und ein Fähndrichs⸗Patent in die Hand. Henry begab ſich zu ſeinem Regiment nach Cork. Einige Tage nach ſeiner Ankunft ſuchte ihn ein dortiger Banquier auf, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß er wirklich der Fähndrich Carl Henry ſey, be⸗ nachrichtigte er ihn, daß er beauftragt wäre, ihm jährlich 400 Pfund in vierteljähriger Aus⸗ zahlung zukommen zu laſſen. Der Befehl kam aus einem Dubliner Hauſe, weiter wußte der Banquier nichts. Auf Henry's Nachforſchungen in Dublin erfolgte die Antwort, daß alle Zahlungen eingeſtellt würden, ſobald fernere Nachfrage geſchähe. Natürlich forſchte Henry nicht weiter, und ſeitdem wird ihm ſehr regelmäßig ausgezahlt.— Wie er kaum ſtebenzehn Jahr war, gerieth er eines Abends an einen Spieltiſch, und wurde von einer Parthie falſcher Spieler um ein Paar Hundert Pfund leichter gemacht. Dieſer Verluſt brachte 15* — 228— ihn zur Vernunft, und er hat ſeitdem nie wieder geſpielt. Mehrere Jahre lebte er von ſeinem Solde, weil er klüglich bedachte, daß der außerordentliche Zuſchuß plötzlich aus⸗ bleiben könne.— So hat er ſich jetzt eine bedeutende Summe erſpart.— Er wünſcht die Armee zu verlaſſen, und in einem Kauf⸗ mannshauſe Unterkommen zu finden, für welches Geſchäft er eigentlich erzogen iſt. In den neuern Sprachen iſt er ſehr bewan⸗ dert, er ſpricht franzöſiſch und italieniſch vor⸗ trefflich, ſpaniſch und holländiſch ſo viel, als der Handel erfordert. Für ſeine Treue und Redlichkeit bürge ich mit meinem Kopfe. Nun lieber Vater, könnten Sie uns wohl hierbei behülflich ſeyn, wenn Sie an die Londner Aſſocies der holländiſchen Kaufleute, denen Sie bei ihrem Schiffbruch Beiſtand geleiſtet haben, ſchrieben— ich weiß ihre ausländiſchen Namen nicht mehr. Sollte dieſer Aſſocie ein ſolider Mann ſeyn, ſo waͤre es — 229— vielleicht am beſten, Henry in das Haus zu bringen. Sie haben Anſprüche an die Dank⸗ barkeit dieſer Holländer, und ſie würden ge⸗ wiß gern etwas für uns thun. Darum bitte ich Sie, ſich für Henry bei ihnen zu ver⸗ wenden. Seine romantiſche Geſchichte wird weder den Holländern, noch dem Londner Compagnon behagen; ſie würden ihn als einen Abentheurer betrachten, und nicht annehmen wollen.— So ſehr ich auch ſonſt alle Ver⸗ heimlichung haſſe, ſo nothwendig iſt es doch hierbei. Wer mit dem Andern verkehren will, iſt nicht verpflichtet, ihm ſeine ganze Lebens⸗ geſchichte zu erzählen.— Er braucht weder ſeinen Compagnon noch ſeinen Herrn zum Vertrauten zu machen. Alles was dem Kauf⸗ mann zu wiſſen Noth thut, was ihm klar wie der helle Mittag vor Augen liegen muß⸗ iſt— der Charakter— und das Geld. Meiner theuern Mutter und den lieben Schweſtern viel herzliche Grüße— verſichern — 230— Sie ihnen, daß ſie von mir hören ſollen, obgleich ich mit einem Fuße auf der See und mit dem andern auf dem Lande bin. Sagen Sie Carolinen, daß ihre für mich gearbeitete Brieftaſche mit mir bis ans Ende der Welt geht; und Roſamundens oſt⸗ indiſche Schärpe wird Weſtindien ſehen. Gas⸗ koigne war ſchon ein Mal dort und verſichert, daß Mäßigkeit und Gewürz die beſten Prãͤ⸗ ſervative in dieſem Clima ſind. Daher tragen Sie keine Sorge um mich; denn Sie wiſſen, ich liebe den Pfeffer mehr als den Portwein.— Ich werde abgerufen und kann nur noch hin⸗ zufügen, daß das gelbe Fieber dort aufge⸗ hört hat, wie uns ein kürzlich zurückgekom⸗ mener Offizier erzählt.— Unſer Regiment ſteht im Begriff, ſich fröhlichen Muthes ein⸗ zuſchiffen.— Gott ſegne Sie alle. „Ihr gehorſamer Sohn Gottfried Percy. — 231— P. S. Meine Mutter und Roſamunde ſollen den Zeitungsnachrichten keinen Glauben beimeſſen.— Trauen Sie nur einzig meinen Briefen. Caroline eignet ſich, wie ich weiß, dazu, die Schweſter eines Helden, und mit der Zeit die Mutter von Helden zu ſeyn. Neuntes Kapitel. — Lord Oldborough hoffte durch des gefährlichen Gottfrieds ſchnelle Verſetzung nach Weſtindien die Sache wieder in den vorigen Gang ge⸗ bracht zu haben. Miß Hauton ſchien durch dieſe Abreiſe ſehr angegriffen, und war vom Morgen bis in die Nacht abgeſpannt oder übellaunig. Lord Oldborough nahm hiervon nicht die geringſte Notiz. Nach 14 Tagen verſuchte Miß Falkoner, die unzertrennliche, ſchmeichelnde, bedauernde, beluſtigende Ge⸗ fährtin Miß Hautons, die junge Dame aus dieſem Zuſtand der Verzagtheit herauszu⸗ reißen, und vermochte ſie, wieder bei den — 233— muſikaliſchen Parthien zu erſcheinen. Sie liebte die Muſik leidenſchaftlich; Miß Fal⸗ koners ſpielten Clavier und ſangen; ihr Bru⸗ der John accompagnirte ihnen ſehr gut mit der Flöte, und der Marquis von Twicken⸗ ham ſtand in dumpfer Bewundrung daneben. Er machte ſeinen Antrag in aller Form— und die junge Dame lehnte ihn in aller Form ab.— Ihr Oheim, Lord Oldborough er⸗ klärte aber in aller Form, daß die Heirath vor ſich gehen müſſe; er fuhr fort den Heirathsvertrag mit dem Herzog von Green⸗ wich zu verabreden, und die Rechtsgelehrten in Arbeit zu ſetzen. Unterdeſſen ſaß die er⸗ wählte Braut weinend und traurend, weigerte ſich zu eſſen, zu trinken oder zu ſprechen, ausgenommen mit Miß Falkoners, mit denen ſie ſich ſtundenlang einſchloß, und denen das Geſchäft, ſie zu ſtimmen„ durch einmüthigen Beſchluß aufgetragen war. Der Marquis, ſeiner Meinung nach ſehr verliebt, obgleich — 234— nicht ſehr delikat im Punkte der Gegenliebe Miß Hautons, konnte es doch nicht recht be⸗ greifen, wie jemand, der das Glück haben ſollte mit dem Marquis von Twickenham ver⸗ heirathet zu werden, ſo ſcheu und melancho⸗ liſch ſeyn könne; aber ihre Vertrauten ver⸗ ſicherten ihm,«daß alles blos aus unge⸗ wöhnlicher Zartheit und Empfindſamkeit ge⸗ ſchehe, und daß dieß ihrer ſüßen Marie ein⸗ ziger Fehler ſey.“— Excellenter rother Wein, und eine maͤßig gute Meinung von ſich ſelbſt, überzeugten den Marquis leicht von der Wahr⸗ heit alles deſſen, was Miß Falkoners zu ſagen beliebten, und Lord Oldborough ge⸗ währte gnädig eine Woche nach der andern Aufſchub— bis er endlich mit Beſtimmtheit erklärte,«es müſſe ein Ende gemacht werden — die Papiere binnen einer Woche unter⸗ zeichnet, und Marie Hauton heute über vier⸗ zehn Tage verheirathet ſeyn.»— Marie wurde in ihres Oheims Studier⸗ — 235— zimmer citirt, hörte im trüben Schweigen ihr Schickſal, wagte aber keinen Widerſtand, und ſo war Lord Oldborough zufrieden. Eine Stunde nachher erbat ſich Finanzrath Falkoner Audienz, und trat mit dem Ausdruck der höchſten Beſtürzung ein. Lord Oldborough nicht leicht in Furcht und Schrecken zu ſetzen, erwartete doch mit einiger Unruhe, was er zu ſagen hätte. « Mylord, ich bitte um Verzerhungim wegen der Störung. Ich weiß, daß Sie um dieſe Zeit ſehr beſchäftigt ſind.... aber es iſt höchſt nöthig, Ew. Herrlichkeit mit etwas bekannt zu machen.... ich halte es für meine Schuldigkeit..... und ich kann nicht unſchlüſſig ſeyn.... obgleich ich in der That nicht weiß, wie ich es vor⸗ bringen ſoll„» In Falkoners anſcheinender Verlegenhei und Angſt lag etwas, was Lord Oldboroughs durchdringendes Auge ſogleich für erkünſtelt — 236— erkannte.— Sr. Herrlichkeit wies auf einen Stuhl, ſagte aber kein Wort.— Der Finanz⸗ rath ſetzte ſich nieder, wie ein Mann, der den Verzweiflenden ſpielt; als er aber einen Blick auf Lord Oldborough gewagt hatte, und in ſeinem Geſichte deutlich las, was er dachte, verwandelte ſich die künſtliche Ver⸗ wirrung plötzlich in wirkliche.— «Nun, Herr Finanzrath, wovon iſt die Rede?» « Mylord, ich habe vor einer Viertel⸗ ſtunde etwas erfahren, was mich füͤr immer um Ew. Herrlichkeit gute Meinung bringen wird, wenn Sie mir nicht die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu glauben, daß ich vor⸗ her nie etwas davon hörte, oder ahnete.— Ich kann bloß an Ihre Großmuth appeliren — und das thue ich.» Lord Oldborough verbeugte ſich leicht— « Zur Sache, wenn es Ihnen gefällig iſt.» «Die Sache iſt, Mylord, daß Capitain Bellamy, deſſen Augen, wie ich vermuthe, aus Eiferſucht ſchärfer ſehen, entdeckt hat, was uns Allen entging.... was mir nie in den Sinn gekommen wäre.... was ich nimmermehr erwartet hatte.. was; wie ich immer noch hoffe..„» «Ich bitte, laſſen Sie mich die Sache ſelbſt wiſſen.„— Das Dringende in Lord Oldboroughs Blick und Stimme litt keinen Aufſchub. «Miß Hauton iſt in meinen Sohn John verliebt.» & So l Dieß— Soly wurde mit einem Ton ausgeſprochen, welcher den Finanzrath im Zweifel ließ, ob er bloßes Erſtaunen— Un⸗ willen, oder Verachtung ausdrückte— viel⸗ leicht vom Letzten am meiſten;— er hoffte es wiederholt zu hören, aber vergebens.— Lord Oldborough drehte ſich raſch herum— — 238.— und ging die Stube mit ſo feſten Schritten auf und nieder, daß dem Finanzrathe nicht wohl zu Muthe wurde. «Mein Herr, wenn ich nicht’ irre, ſo ſagten Sie, daß Miß Hauton ein Liebes⸗ verſtaͤndniß mit dem Cornet Falkoner hätte?» Capitain Bellamy ſagt ſo, Mylord.»— Was Capitain Bellamy ſagt, kümmert mich nicht— auch weiß ich nicht, wer er iſt— am wenigſten, was er mit meinen Fa⸗ milienangelegenheiten zu thun haben kann.— Ich frage nur, was Sie für Gründe haben, zu glauben daß meine Nichte, wie man ſich ausdrückt, in Ihren Sohn verliebt iſt? Sie würden mir doch ſchwerlich dieſes Gerücht hinterbringen, wenn Sie nicht gute Gründe, es zu glauben, hätten.— Welches zed dieſe Gründe?» &Entſchuldigen Sie anch, Mglord; meine Gründe beruhen auf einer Nachricht, die ich zu wiederholen nicht berechtigt bin.— Aber— ſo wie ich die Sache erfuhr von» .... Der Finanzrath hatte in der Verwir⸗ rung ſeiner Sinne, und in ſeiner neuen Lage allen Takt verloren, und ſtand eben wieder im Begriff, zu ſagen«von Capitain Bel⸗ lamyy.... als ihn ein finſterer Blick Lord Oldboroughs vor der Gefahr warnte— er verſchluckte den Namen. «Ich ſuchte ſogleich meinen Sohn John auszuforſchen, und ſo viel ich ergründen kann, hat er bis jetzt noch keine Ahnung von der Wahrheit.». Lord Oldboroughs Geſicht klärte ſch auf. Der Finanzrath erlangte ſeine Geiſtesgegen⸗ wart wieder, denn er glaubte den rechten Weg vor ſich zu ſehen— Ich hielt es für meine Schuldigkeit, Ew. Herrlichkeit gleich nach dem erſten Wink die⸗ ſer Art davon zu benachrichtigen.... denn wie bald könnte es ſich verrathen... welche Maaßregeln nun genommen werden — 240— müſſen, überlaſſe ich Ew. Herrlichkeit— ich kann bloß verſichern, daß John nach meiner vollen Ueberzeugung bis jetzt noch keine Ver⸗ muthung davon hat Zum Glück iſt er eben nicht allzu feuriger Natur— und ſehr beſcheiden.»— Lord Oldborough ſtand mit zuſammenge⸗ preßten Lippen, ſchien zuzuhören, war aber tief in Gedanken verloren. Herr Finanzrath Falkoner, laſſen Sie uns auch jetzt einander ſo gut verſtehen, wie bisher.— Wenn Ihr Sohn, der Cornet Falkoner Marie Hauton heirathete, ſo wäre ſie nicht länger meine Nichte, und er hätte eine unausgeſtattete, freundloſe und meiner Meinung nach, eine ſehr alberne Frau.— Er iſt, wie Sie ſelbſt geſtehen, kein feuriger Geiſt— er würde wahrſcheinlich ſein gan⸗ zes übriges Leben hindurch Cornet bleiben. Von meinem Beiſtand fuür ihn, oder die — 241— Seinigen könnte natürlich nicht mehr die Rede ſeyn.» Die feierliche Pauſe, welche Lord Old⸗ borough hier machte, und ſeine vielſagenden Blicke gaben dem Finanzrath Gelegenheit, in wenigen Sekunden viel zu überlegen. Im Gegentheil,» fuhr Sr. Herrlichkeit fort,«wenn Ihr Sohn, mein lieber Herr Falkoner, denſelben Eifer zeigt, ſich meinen Wünſchen gefaͤllig zu erweiſen und meinem Intereſſe zu dienen, den ich bei den übrigen Mitgliedern Ihrer Familie fand, ſo wird er mich bereit finden, ihn ſo gut, wie ſeinen Bruder Cunningham zu befördern.» & Ew. Herrlichkeit Wünſche werden ihm ſowohl, wie den übrigen Familiengliedern Geſetz ſeyn— dafür kann ich einſtehen.» «Mit einem Worte denn— wenn Cornet Falkoner in 14 Tagen eine andere Frau hat, ſo prophezeihe ich, daß er binnen einem Jahr I. 16 8 1 — 242— Staabsoffizier, und nach zdi Jahren Dhenſt lieutenant iſt.» Falkoner verbeugte ſich zwei Mal— tief für den Staabsoffizier— noch tiefer für den Oberſtlieutenant. «Ich hatte ſchon lange eine Heirath fuͤr John im Auge,» ſagte der Vater, aber binnen 14 Tagen, mein nduſer Lord. dieſe Zeit iſt ſehr kurz.. Ew. Herrlich keit müſſen bedenken, daß es ein delikater Punkt iſt..... keine junge Dame.. es iſt unmöglich.... Es iſt wirklich un⸗ möglich, daß ein junges Frauenzimmer von guter Familie—» „Ich gebe zu, daß es ſchwierig iſt, aber nicht unmöglich,» erwiederte Lord Oldbo⸗ rough, und ſtand auf. Der Finanzrath empfahl ſich und ſtam⸗ melte noch etwas her, von nichts unmöglich ſeyn, für einen Freund— für einen Hof⸗ mann— hätte er ſagen ſollen. — 243— Falkoner legte nun gleich Hand ans Werk mit der Heirath, die er für John im Sinne hatte.— Nicht eine, ſondern mehrere ſchöne Viſionen zogen vor ſeinen politiſchen Blicken vorüber. Eine von den Miß Chattertons würde ſich, wie er gewiß wußte, den vorgeſchriebenen Termin gefallen laſſen— aber ſie hatten weder Vermögen noch Connexionen. Da war hingegen eine Verwandtin der Lady Jane Granville— mit ausgezeichneten Verbin⸗ dungen, und anſehnlichem Vermögen;— aber bei dieſer mußte das Dekorum beobachtet werden, langſame Annäherung und dazu die gehörige Zeit. Glücklicher Weiſe war eine Miß Petcalf eben von Indien mit einem großen Vermögen zurückgekehrt— ihr Vater, ängſtlich beſorgt, ſeine Tochter in die vor⸗ nehme Welt einzuführen und ſie zu verhei⸗ rathen, um Connexionen zu bekommen— Vermögen war ihm keine Sache von Wichtig⸗ keit— Delikateſſe hier überflüſſig. Der 16* 3— 244— Finanzrath ſah— rechnete— und entſchied ſich—(es gab auch einen Bruder Petcalf, welcher für Georginen paſſen konnte, aber damit hatte es keine Eile). John wurde von ſeinem Vater gefragt, ob er Luſt hätte, nach einem Jahre Staabs⸗ offizier, und nach zwei Jahren Oberglieu tenant zu werden? « Gewiß wäre ihm das lieb,— er ſey ja kein Narr.» «* Dann müſſe er in 14 Tagen heirathen.» John 7 ſammenhängen könne; denn John war nicht völlig ein Narr. Er antwortete: So! jenem Sol des Lords ſo nnähnlich, daß der Finanzrath, dem der Vergleich einfiel, kaum den erforderlichen Ernſt behaupten konnte, und nur die Worte herausbrachte:«General Petcalf hat eine Tochter.⸗) Ei ja, Miß Petcalf— es iſt wahr⸗ er nicht, wie dieß damit zu⸗ * — ,— iſt General— nun merke ich alles.— Sehr wohl, ich bin ihr Mann— ich habe keinen Einwurf— aber Miß Petcalf! Iſt ſie nicht das indiſche Mädchen?.... fließt dort nicht ſchwarzes Blut in den Adern?— Nein, nein, Vater!⸗ rief John anfſpringend — gich will verdammt ſen..» « Höre mich nur erſt, mein lieber John,⸗ rief ſein aufs Höchſte beſtürzter Vater; denn dieſe Bewegung war der Vorbote eines wider⸗ ſpenſtigen Anfalls, und gerieth John ein Mal in einen ſolchen hinein, ſo konnten Vater, Mutter und das ganze Menſchengeſchlecht vor ſeinen Augen vergehen, er blieb ungerührt und beharrte auf ſeinem Vorſatz. Höre mich an, mein geliebter John— denn Du biſt ja ein verſtändiger Mann,„ ſagte ſein unerröthender Vater— Denkſt Du denn, daß ich auch nur einen Tropfen ſchwarzes Blut in meiner Schwiegertochter leiden könnte, viel weniger meinen Lieblings⸗ — 246— ſohne laſſen. Aber ſie hat keins— es iſt blos vom Clima— einzig und allein das Clima— wie Du gleich ſehen kannſt an des Gouverneurs Frau, Mrß. Carneguy, welche überall figurirt, und Miß Petcalf iſt nicht halb ſo ſchwarz wie Mrß. Carneguy.« « Das iſt gewiß?— ſagte John. « Und ihr Vater, der General, deckt den indiſchen Teint mit indiſchem Golde zu.» «*Das iſt auf jeden Fall ſehr gut,* meinte John. Ja, mein lieber Major,— ja mein lieber Oberſtlieutenant, gewiß, daß iſt ſehr gut.— Um uns alſo des Guten zu ver⸗ ſichern, ſo kleide Dich gleich an und gehe zur ſchönen Indianerin.. ich will das Geſchaͤft mit dem General übernehmen.— «Aber in 14 Tagen, lieber Vater,» ſagte John in den Spiegel ſehend—«wie kann das möglich ſeyn?„ — 247— „Sieh noch ein Mal hinein, und ſage mir, wie es nicht ſeyn kann?— Ich bitte Dich, ſetze Miß Petcalf dieſe Bedenklichkeit nicht in den Kopf— ich bin überzeugt, in ihr Herz kömmt ſie ohnedies nicht.» John ließ ſich von ſeinem Vater nach der Thüre zu treiben, kehrte aber plötzlich um und rief: Nein Vater, 14 Tage ſind war⸗ lich zu kurz; ich kann mir ja kaum bis da⸗ hin ein Paar neue Stiefeln machen laſſen!» «Und was ſind denn ein Paar neue Stiefeln für einen Mann, wie Du?— Geh⸗ nur hin, Dein wohlgemachtes Bein iſt mehr werth, wie alle Stiefeln in der Welt.» Schmeichelei ſindet überall Eingang.— John ſah noch ein Mal in den Spiegel⸗ ſchmückte ſich und ging zu Miß Petcalf.— Der Antrag ward ſehr holdſelig aufgenommen; denn der Finanzrath vertraute im Geheim (wie ihm erlaubt war) daß ſein Sohn, Lord Oldboroughs beſonderer Günſtling, von ihm — 248— das Verſprechen habe, in zwei Jahren Oberſt⸗ lieutenant zu werden. Der General, blos nach Connexionen und guter Familie trachtend, war zufrieden. Die junge Braut entſetzte ſich anfangs über den frühen Termin— aber es zeigte ſich die höchſte Nothwendigkeit, darauf zu dringen, da der junge Krieger nach 14 Tagen auswärts beordert war, und esgnicht ertragen konnte, England vor der Verbindung mit Miß Pet⸗ ealf zu verlaſſen. Dieſe Gründe... da keine andern vorhanden waren, wirkten hin⸗ reichend auf Vater und Tochter.— John erhielt ein Capitains Patent.— Zu Ende der 14 Tage blickte er wieder, und noch ein Mal wieder in den Spiegel, um Ab⸗ ſchied von ſich ſelbſt zu nehmen, und ward verheirathet.— Braut und Bräutigam wurden Lord und Lady Oldborough vorgeſtellt, und veiſten gleich darauf ab. Während den Heirathsunterandlungen, —— — — 249— und wäͤhrend der ganzen begebenheitsreichen 1u Tage lebte Cunningham in der äußerſten Angſt— nicht um ſeinen Bruder, ſondern ſeiner ſelbſt wegen; ſein eigenes Fortkommen hing von dem Ausgang ab, und er fand keine Ruhe bei Tag und Nacht, bis die Heirath glücklich vollzogen war— obgleich er zur ſelben Zeit alle Liebe und Heirathen verwünſchte, weil ſie Lord Oldboroughs Auf⸗ merkſamkeit von der Geſandtſchaft agoen. an der ſein Herz hing. Buckhurſt, dem es nicht geſtattet nuunde⸗ hinter die Couliſſen zu ſehen, beluſtigte ſich, wie er ſagte,« hinlänglich an dem, was er auf der Bühne ſah,» war aber doch ſchlau genug beide Complotts zu durchſchauen.— Die Vertraute, Miß Falkoner, ſpielte ihre Rolle bewundrungswürdig gut, und ver⸗ mochte Miß Hauton an dem beſtimmten Tage im Charakter einer vernünftigen Braut zu erſcheinen, und ſich mit gehörigem Anſtand — 250— von dem Marquis von Twickenham zum Traualtar führen zu laſſen. Dieſer Ansgans genügte Sr. Berauchteit Nnliſt„A Capitain Percy an ſeinen Veude ellfrede Lieber Bruder, „Bilde Dir nicht ein, daß ch. ſchon nach Danaten gegangen bin: trotz der großen Eil⸗ fertigkeit unſerer Einſchiffung wurden wir doch 6 Wochen in Portsmouth aufgehalten, um auf Ordre zu warten, welche irgend ein Sekretair auszufertigen vergeſſen hatte.— Endlich ſegelten wir⸗ und wurden durch con⸗ trairen Wind zurückgetrieben, mußten in Ply⸗ mouth einlaufen, von wo aus ich Dir nach einer durchtanzten Nacht ſchreibe. Und wen denkſt Du wohl, den ich hier mit des Ma⸗ jors Töchtern walzend fand, verbauert und für die Welt verloren, wie er ſagt— Ca⸗ pitain Bellamy, der mit Miß Hauton zu 251— walzen pflegte, welches mich glücklicher Weiſe von dem Wunſch ſie zu meiner Lebensgefähr⸗ tin zu machen, gänzlich heilte. Bellamy er⸗ zählt mir die wunderbarſten Geſchichten von ihr. Seit ich London verließ, hätte ſie ſich in John Falkoner verliebt, und die Liebe ware auch ſchon wieder vorbei.— John Falkoner— der Dummkopf— aber gewiß iſt es eine Fabel, oder ein Traum oder ein Scherz von Bellamy— beſonders da ich in der heutigen Zeitung die Heirath von John Falkoner und Miß Petcalf ange⸗ zeigt finde, und in einem andern Paragraph deſſelben Blattes die Aukündigung&daß der junge Marquis von Twickenham nächſte Woche die ſchöne, liebenswürdige Nichte des Lord Oldborough zum Altar führen würde.»— Alles dieß iſt ſo ſchnell gegangen, daß ich meine Augen reiben muß, und es mir ſo geht wie dem Mahomet, der ſeinen Kopf in einen Kübel Waſſer tauchte, und als er ihn wieder — 252— herauszog, von vier Heirathen hörte, welche während ſeines Untertauchens vor ſich gegan⸗ gen waren. Ich bitte Dich, mir mit nächſter Poſt Nachricht zu geben, was ich davon glauben, und nicht glauben kann, damit ich doch nicht mit falſchen Neuigkeiten und einem verwirrten Sinn nach Jamailka komme. Mein Herz hat Gottlob! an der Sache keinen An⸗ theil— aber es würde mir demohngeachtet lieb ſeyn, Gewißheit darüber zu haben, ob Miß Hauton Mitleid verdient, oder ob man ihr Glück wünſchen kann, Marquiſe von Twi⸗ ckenham zu werden. Gaskoigne und ich wünſchen zu wiſſen, wie es Carl Henry geht, und wie er ſich bei den Kauflleuten befindet. Ich nehme es für gewiß an, daß er bei ihnen iſt. Aber ich habe weder von ihm noch von Euch etwas gehört— vermuthlich weil Ihr mich ſchon auf dem Ocean glaubtet.— Sey recht freund⸗ lich gegen Henry, beſuche ihn ſo oft Du — 253— kannſt, und ſchicke mir ſeine Addreſſe; denn ich kann des Kaufmanns Namen nicht be⸗ halten. Grüße ihn auch recht herzlich von Gaskoigne— er liebt ihn wie ſeinen Sohn, und ich würde ihn auch dafür halten, wenn Gaskoigne alt genug zum Vater wäre. Wenn Du doch einen freien Augenblick dazu anwenden wollteſt, nach Bergs Reit⸗ bahn zu gehen, und Dich zu erkundigen, ob er mir das verſprochene Pferd, White Sur⸗ rey zugeritten hat? Ich beſtimmte es für Carolinen, vergaß es aber in der Eile bei der Abreiſe zu ſagen.— Mache das Ge⸗ ſchaͤft mit Berg ab und ſchicke Carolinen das Pferd, nebſt meinem ſchönſten Gruß, und ich hoffte, White Surrey würde ſich recht ſanft, aber auch recht munter bezeigen. In einem alten, ganz alten Brief von Dir, der mir ſo eben in die Haͤnde fällt, finde ich eine Prophezeihung, welcher ich da⸗ mals, als ich ſie zuerſt las, wenig Aufmerk⸗ — 254— ſamkeit ſchenkte, die mich aber jetzt ordent⸗ lich erſchreckte. Du hatteſt den Anwald Scharpe mit unſerm werthen Vetter Robert Percy in vertrauter, heimlicher Unterhaltung geſehen, und befürchteteſt, daß ſie Schlimmes wider uns im Sinne führten.— Hältſt Du es wirklich für möglich, daß es ihnen jemals gelingen könnte, zum Beſitz von Percy⸗ hall zu gelangen? und gibſt Du mir im Ernſt den Rath, ſparſamer zu leben und mich auf Armuth vorzubereiten?— Ich will darüber nachdenken. ger Wie ſteht es mit Deinen und Erasmus Ausſichten? Schreibt mir recht lange Briefe und viel von Euch.— Caroline und Roſa⸗ munde verſprachen, mich mit einer Haus⸗ chronik zu verſehen.—.re Ich habe mir vorgenommen— will es aber noch nicht verſprechen— von meinem Solde zu leben und dem beſten aller Vaͤter keinen Schilling zu koſten, vorausgeſetzt, daß — 255— ich meine Bagage nicht verliere. Aber Gas⸗ koigne verſichert mich, daß jeder junge Offi⸗ zier wenigſtens ein Mal im Leben ſeine Ba⸗ gage aus Sorgloſigkeit verliert— Gaskoigne verlor die Seinige drei Mal; aber er hat eine gute Mutter, eine gute Tante— und einen guten Bruder, die ihn den Verluſt niemals fühlen ließen, und ſo wundert er ſich, daß er ſie nicht zum vierten Mal ver⸗ lor.— Ich habe zwar auch Freunde, die mich nicht verderben ließen, aber geſetzt, Deine Prophezeihungen träfen ein; ſo könnte ich der Ruin meiner Freunde werden. Darum will ich lieber ordentlich nach meiner Bagage ſehen. Lebe wohl. Dein Dich lie⸗ bender Bruder. Gottfried Percy. 1 Zehntes Kapitel. Gleich den Tag nach Miß Hautons Verhei⸗ rathung ſagte Lord Oldborough zu ſeinem Sekretair, nun Herr Cunningham Falkoner habe ich wieder Zeit, meine Gedanken auf die Tourvill'ſchen Papiere zu richten.» & Ich hoffte, Mylord»— ſagte der Se⸗ kretair Cse composant le visage) sich hoffte, daß die glückliche Verbindung, welche uns des Herzogs von Greenwich verſichert Ew. Herrlichkeit Gemüth vollkommen beru⸗ higt hätte, und daß Sie es nun nicht mehr für nöthig hielten, weiter in das Geheimniß zu dringen.»— — 257— « Schwache Menſchen denken im Glück nie an mögliches Unglück, noch im Unglück an das kommende Glück» erwiederte Lord. Oldborough.& Sr. Majeſtät haben beſchloſ⸗ ſen, den jetzigen Geſandten am*** Hofe augenblicklich zurück zu berufen. Ein Neuer wird hingeſendet, und die Wahl dieſes Geſand⸗ ten hat Sr. Majeſtät gnädigſt geruht, mir zu überlaſſen.— Sie ſind zwar noch ein ſehr junger Mann, Herr Falkoner; aber Sie haben mir ſo viel ſchriftliche, unwi⸗ derſprechende Beweiſe Ihrer Geſchicklichkeit und Kenntniſſe gegeben, daß ich Sie Sr. Majeſtät mit gutem Gewiſſen als einen Mann empfehlen kann, deſſen Händen ſein Intereſſe anvertraut werden darf. Den Eifer und die Anhänglichkeit, die mir Ihre Familie nicht mit Worten, ſondern durch Thaten be⸗ wieſen hat, überzeugen mich, daß ich auch für meine eigenen Verhältniſſe nicht beſſer wäh⸗ len könnte.— Wenn Ihnen alſo dieſe Be⸗ I. 17 — 258— förderung angenehm iſt, ſo machen Sie ſo⸗ bald als möglich die nöthigen Anſtalten dazu.„ . Cunningham war entzückt, und wandte alle ihm zu Gebote ſtehende Beredſamkeit an, ſeinen Dank für die ihm widerfahrende Ehre und Gunſt auszudrücken. «Ich pflege nie raſch zu handeln» fuhr Sr. Herrlichkeit fort« und ich geſtehe Ihnen offenherzig, daß ich anfangs nicht für Sie eingenommen war, mich auch nicht geneigt fühlte, mehr für Sie zu thun, als ich durch beſondere Umſtände zu thun genöthigt war.— In dieſer vorgefaßten Meinung ließ ich Ihren Talenten vielleicht einige Zeit nicht Gerech⸗ tigkeit widerfahren; aber ich müßte ganz blind, oder ungerecht ſeyn, wenn ich den Werth dieſer Ausarbeitung, die ich eben in meiner Hand halte, nicht erkennen wollte.» — Das Werk war eine Flugſchrift zur Recht⸗ fertigung von Lord Oldboroughs Verwaltung, in Cunninghams Namen gedruckt, aber größ⸗ — 259— tentheils von ſeinem armen Genie im Dach⸗ ſtübchen geſchrieben. * Dießy ſagte Lord Oldborough, die Schrift ergreifend dieß hat Ihnen Anſprüche auf meine Achtung und auf mein Vertrauen erworben. 2 Wuͤrde hier nicht jeder Mann von ei⸗ nigem Ehrgefühl und Rechtlichkeit die Wahr⸗ heit bekannt haben?— Und geſetzt auch, er wäre entſchloſſen geweſen, das Geheimniß zu bewahren, mußte er in dieſem Augenblick nicht, wenn er ein Gewiſſen und Gefühl für Schaam hatte, bei den unverdienten Lobſprü⸗ chen vor Verwirrung zu Boden ſinken?— War es möglich, ſich durch die Benutzung von anderer Menſchen Talente Achtung und Vertrauen zu erwerben, Ehre, Gunſt und Beförderung anzunehmen, ohne auch nur durch Erröthen, Schweigen oder Verlegenheit Lord Oldboroughs ſcharfen Blicken die Wahrheit zu verrathen?— Doch Cunningham fühlte 4 17* — 260— nichts dergleichen.— Er führte die beſchei⸗ dene Sprache des jungen Autors, wieder⸗ holte ſeinen Dank, die Verſicherungen ewi⸗ ger, erkenntlichen Anhänglichkeit und zog ſich triumphirend zurück. Man muß zugeben, daß er zum Diplomaten geboren war. Sein Beglaubigungsſchreiben wurde nun in aller Form ausgeſtellt, und Cunningham mit geheimen und öffentlichen Inſtruktionen verſehen. Man ſparte nichts, ihn gehörig für die Geſandtſchaft auszuſtatten. Alle Vor⸗ bereitungen waren gemacht, das Gefolge an⸗ geordnet, die Livreen fertig, ſein Reiſewa⸗ gen vor der Thüre; er reißte im großen Style ab; und alle Freunde Falkoners, deren er jetzt natürlich viel hatte, ergoſſen ſich in „Gratulationen über die ſchnelle Beförderung ſeiner Söhne, und von allen Seiten hörte man Ausrufungen über das Glück, mächtige Freunde zu haben. Wahr, in der That ſehr wahr ſagte — 261— Falkoner ſich zu Buckhurſt wendend— und ſieh, was es iſt, einen ſo widerſinnigen Sohn zu haben, der einen guten Freun nicht benutzt, wenn er ihn hat, und Verſprechen einer vortrefflichen Pfründe nich annehmen will, wenn er es bekommen kann. Alle Freunde und Bekannte ſtimmten in dieſen Chor mit ein, ſagten ihm mit kurzen Worten, daß er ein Narr ſey— und Buck⸗ hurſt fing an zu glauben, daß ſie Recht hät⸗ ten.— Denn hier,» ſagte er zu ſich ſelbſt, scſehe ich meine zwei vortrefflichen Brüder aufs Beſte verſorgt, den Einen als Geſandten, den Andern als Major in esse und als Oberſtlieutenant in posse— und mich in esse und in posse, als nichts?— Nichts— als einen braven Jungen— den einen Tag mit den Karten in der Hand, den andern in meiner Stube über den Geſetzen ſchwitzend, womit ich nie einen Pfennig verdienen werde. — und da iſt Miß Caroline Percy, die 8 — 262— meine Hand ausgeſchlagen hat, einzig und allein weil ich mich ein Bischen in guter Geſellſchaft herumtrieb, anſtatt mich einzu⸗ nern mit Coke und Blackſtone, Viners und Saunders, Boſenquet und Schoales, oder mich wie Vetter Alfred als Galeerenſklaven der Geſetze an das Advokatenpult ſchmieden zu laſſen!— Nein, nein, ich will keinen Galleerenſklaven aus mir machen.— Und wenn ich als ein armer Advokat in den höhe⸗ ren Cirkeln meiner Mutter bei Hautons und Clay's erſcheine, werde ich verlacht. Und habe ich nicht Witz genug, mein Glück zu machen? wie mein Vater ſagt— was hin⸗ dert mich daran? Mein Gewiſſen allein— und warum ſollte mein Gewiſſen ſo verdammt delikat ſeyn, ſo ganz anders, wie anderer Leute Gewiſſen?»— In dieſer Stimmung war Buckhurſt leicht von ſeinem Vater überredet, ſich ordiniren zu laſſen. Der vom Schlage gerührte Pre⸗ — 263— diger von Chipping⸗Friars hatte zu dieſer Zeit gerade einen zweiten Anfall vom Schlag⸗ fluß, wozu Oberſt Hauton dem neuen Kap⸗ lan gratulirte— und damit er in Geduld den dritten Anfall abwarten konnte, machte er ihn einſtweilen zu ſeinem Feldprediger. — Die Herrn Clay's führten ihn auch bei ihrem Oheim, dem Biſchoff Clay ein, welcher wie ſie ſagten, eine große Vorliebe für Buck⸗ hurſt hegte, weil er bemerkt hatte, daß der junge Geiſtliche beim Vorſchneiden eines Rebhuhns niemals den Flügel mit dem Meſ⸗ ſer berührte; ſondern, nachdem er das Ge⸗ lenk durchſchnitten hatte, es abriß, und ſo dieſen, jedem Gutſchmecker fatalen Muskel an den Knochen hängen ließ. Der Biſchoff erklärte ihn für einen vortrefflichen Vorſchnei⸗ der. Mehr, als ſelbſt der politiſche Vater zu hoffen gewagt hatte, geſchah. Das Glück führte Buckhurſt unerwartet und unaufgefor⸗ — 264— dert auf dem ſonderbarſten Wege eine nicht unbedeutende Stelle, und die Ausſicht auf fernere Gunſtbezeugungen zu. Er ward an einem hohen Feſte eingela⸗ den, beim Biſchoff zu ſpeiſen. Biſchoff Clay war ein hochrother, aufgedunſener, kurzhäl⸗ ſiger Prälat, in beſtändiger Furcht vor Schlag⸗ anfällen— bis die Mittagsſtunde kam.— Jetzt ſtand ein Mittagseſſen auf dem Tiſch, alle Leckerbiſſen, welche die Jahreszeit, Erde, Luft und Meere hervorzubringen vermögen. Nachdem der Feldprediger das Gebet verrich⸗ tet hatte, ließ ſich der Biſchoff nieder, um die Gottesgaben in reichlichem Maaße zu ge⸗ nießen.— Aber ſchon der erſte Biſſen, ein wenig zu groß für Sr. Herrlichkeit geräu⸗ migen Schlund, blieb im Halſe ſtecken. Der Biſchoff wurde ſcharlachroth purpurroth— endlich ſchwarz im Geſicht— der Feldpre⸗ diger ſprang auf und lößte ihm die Hals⸗ binde.— Alle Gäſte drängten ſich um 4 — 265— ihn herum; der Eine bot Waſſer an; ein Anderer rieth Brod zu eſſen; wie⸗ der Einer rief nach einem rohen Ey, und der Vierte klopfte Sr. Herrlichkeit im Rücken. Buckhurſt rannte fort, holte den Blaſebalg blies dem Prälaten recht kräftig damit ins Ohr und verurſachte dadurch einen ſolchen Krampf, daß der mächtige Biſſen mit großer Exploſion zum Halſe heraus, und in bedeu⸗ tende Entfernung flog. Der Biſchoff bekam wieder Athem, ſetzte ſich auf und war dem Leben und dem Mittagseſſen wieder gegeben— er aß und trank auf Herrn Buckhurſt Falko⸗ ners Geſundheit, mit Dankſagungen für dieſen, der Kirche erwieſenen guten Dienſt, und prophezeihte, daß der vortreffliche junge Mann ihr bald zur Ehre gereichen würde. Und da⸗ mit er, die eigene Prophezeihung recht bald in Erfüllung gehen ſähe, beſchenkte Biſchoff Clay ſeinen lieben Buckhurſt noch ehe er ein⸗ ſchlief, welches gleich nach Tiſche geſchah, — 266— mit einer Pfründe von 400 Pfund jährlicher Einkünfte. Dieſe Pfründe war erſt vor ei⸗ nem halben Tage in des Biſchoffs Häͤnde gekommen, und da ſechs würdige Geiſtliche ſich dazu gemeldet hatten, mußte ſie am andern Morgen nothwendig vergeben wer⸗ den. 9 Stern der Gönnerſchaft, leuchte fer⸗ ner über uns!» rief Buckhurſt, als er, durch Wein zu Ehren der Kirche begeiſtert, ſeinem Vater Abends den glücklichen Erfolg des Ta⸗ ges berichtete.— O du, deſſen Einfluß Fortunens Rad für uns aufgehalten hat, ſey uns ferner gnädig! Mache mich nur zum Dechanten— haſt du doch meinen Bruder den Dummkopf, zum Oberſten, und meinen Bruder, den Heuchler, zum Geſandten ge⸗ macht?— Ich verlange jetzt noch nicht, Biſchoff zu werden, nur Dechant.— Sie ſehen, ich habe noch ein Gewiſſen.* Gewiß» erwiederte ſein Vater lachend. — 267— Nun geh aber zu Bette, Buckhurſt; Du kannſt ſchlafen; Dein Glück wacht.» Ha! Ihr guten Vettern Percy's! Was ſeyd Ihr nun? Was trotz aller Erziehung und Verdienſte aus den männlichen, wie aus den weiblichen Zweigen der Familie? Sie bauen Kohl, und halten Armenſchulen— der eine Sohn pflegt ſich als angehender Advokat— der andre bemüht ſich vergebens um eine Hospitalarztſtelle— ein Dritter ſchlägt ſich in Weſtindien mit der Peſt heruhu— Ich gratulire!? Es war kein Wunder, dcß. der Finanzrath ſo frohlockte; denn er hatte in dieſer kur⸗ zen Zeit nicht allein ſeine Söhne vortheilhaft verſorgt, ſondern auch fuͤr ihn ſelbſt zeigten ſich die glücklichſten Ausſichten.— In Lord Oldboroughs Gunſt und Vertrauen ſtand er ſo hoch, wie er es niemals zu hoffen gewagt hatte. Lord Oldborough war ein Mann, der nicht viel verſprach und immer mehr that, — 268— als er ſagte. Nach der Verheirathung ſei⸗ ner Nichte ließ er einen Wink fallen&daß der große Aufwand, den der Finanzrath die⸗ ſen Winter durch Tafel und beſtändige Luſt⸗ parthien für ſeine politiſchen Freunde zu ma⸗ chen genöthigt geweſen, nicht unvergolten bleiben würde.— Sr. Herrlichkeit ſagte, daß er die Beweiſe des Eifers in Sr. Ma⸗ jeſtät Dienſt zu erkennen wiſſe, und wenn er in ſeinem Amte bliebe, gewiß Gelegenheit finden würde ſeine Dankbarkeit zu beweiſen.» Dieß von einem andern Miniſter, hätte nichts mehr bedeutet, als mit Worten bezahlen zu wollen; aber von Lord Oldborough ſah es der Finanzrath mit Recht als einen Wechſel⸗ brief auf eine einträgliche Stelle an. Er wußte dieſe Ausſicht unter ſeine Gläubiger zu verbreiten, und zitterte nicht mehr vor dem Aufwande den er gemacht hatte, und noch machte. Er ſowohl als Mrß. Falkoner waren immer der Meinung, daß ein guter — 269— Koch und ein angenehmes Haus unumgäng⸗ lich nöthig ſey, ſich in der Welt zu heben. Sie gingen von dem Grundſatz aus, daß, um reich zu werden, man damit anfangen müßte, reich zu ſcheinen. Nach dieſem Plan richteten ſie alſo ihr ganzes Hausweſen, Be⸗ dienung, Equipage, Tafel und Putz viel koſtbarer ein, als es ihre Umſtände erlaub⸗ ten. Wenn auch des Finanzraths Furchtſam⸗ keit manchmal erwachte und er, durch ſeine Gläubiger gedrängt, ſich vornahm, den Auf⸗ wand einzuſchränken; ſo trieb ihn ſeine Ehe⸗ hälfte immer vorwärts und betheuerte,& daß ſie zu weit gegangen wären, um zurück zu können; daß ſie jetzt, auch bei den ſchlimmſten Umſtäͤnden den brillanten Anſchein der Wohlhabenheit beibehalten müßten. Wie könnten ſonſt ihre Töchter, nach allen auf ſie verwandten Summen, erwarten, vor⸗ theilhaft verſorgt zu werden? Auf welche Art die Gönnerſchaft der großen „ — 270— Welt, wie ihre Freundin Lady Jane Gran⸗ ville ſich ſo richtig ausdrückte, erhalten wer⸗ den?— Der glückliche Erfolg bewies, das Mrß. Falkoner Recht hatte. Ihre Söhne alle ſo begünſtigt! Ihre Töchter in der höchſten Mode!— Keine Parthie ohne Miß Fal⸗ koners.— Miß Falkoners müſſen ſingen— Miß Falkoners müſſen ſpielen, und tanzen, ſonſt fühlt ſich keine Dame vom Hauſe glück⸗ lich, glaubt keine ihre Pflicht zur Unterhal⸗ tung der Gäſte gethan zu haben.— Wenn Miß Falkoners am Clavier, an der Harfe ſaßen, war das Gedränge darum am größ⸗ ten. Die vornehmſten, am meiſten gelten⸗ den Herrn bemühten ſich mit Miß Falkoners zu tanzen, ihnen den Hof zu machen.— Es bleibt auch nicht allein beim bloßen Hof⸗ machen, y ſagte Mrß. Falkoner laut genug, um gehört zu werden—„ ſondern auch ver⸗ ſchiedene ernſtliche Anträge ſind meinen Töch⸗ tern von namenswerthen Perſonen gemacht — 2241— — aber doch war bis jetzt keiner für ihre Toͤch⸗ ter annehmlich;— ſie wollte hoch mit ihnen hinaus— ſie glaubte zu großen Anſprüchen be⸗ rechtigt zu ſeyn.— Damen in der Mode brauchten nicht den erſten beſten Antrag an⸗ zunehmen, dürften nach Rang, Titel und Vermögen trachten.— Der arme Petcalf! General Petcalfs Sohn war ſeit einiger Zeit, wie jedermann wußte, raſend verliebt in Miß Georgine Fal⸗ koner; aber was war ſein Loos! Er ließ ſich zum Umblättern des Notenbuchs gebrau⸗ chen; gab den Begleiter an öffentlichen Or⸗ ten ab.— Kurz, war brauchbar um als Be⸗ ſiegter aufgewieſen zu werden; denn ein Be⸗ ſiegter führt immer zu neuen Eroberungen. Und auch Miß Arabelle Falkoner konnte mit ihren Eroberungen prahlen, obgleich niemand bei ihrem Anblick daran geglaubt hätte; aber ſie war ein redender Beweis, von Lady Jane Granvilles Satz,«daß die Mode gleich — 272— einem Venusgürtel jedes Maͤdchen ſchön mache, wäre ſie auch noch ſo häßlich.»— Und nun da die Falkoner'ſche Familie ſich erhoben hatte, und durch ein Zuſammentreffen glücklicher Umſtände und durch die ſtandhafte Befolgung ihrer Lebensanſichten ſich weit über ihre kühnſten Hoffnungen belohnt ſah, verlaſſen wir ſie, mehr als je befeſtigt in ihren Syſtemen, und auf der Höhe des Glücks. — Eilftes Kapitel. — Unterdeſſen ſchien ſich das Glück wider Percy verſchworen zu haben, um ihn für ſeine Ver⸗ achtung deſſelben zu beſtrafen. Er ahnete nichts von dem, was im Geheim wider ihn im Werke war, hatte alle ſeine frühern Be⸗ ſorgniſſe vergeſſen, und dachte nicht mehr daran, daß ſein nichtswürdiger Vetter Ro⸗ bert Percy in Verbindung mit Anwald Sharpe den Verluſt der Urkunde mißbrauchen könn⸗ ten.— Zwei Jahre waren ſeit dem Feuer in Percy⸗ hall verſtrichen als Perey einen Brief von ſeinem Vetter bekam, der ihn benachrichtete, 1. 18 — 274— «daß man ihm gerathen habe, Anſpruche auf Percy⸗hall zu machen; daß er von den erſten Rechtsgelehrten in England ein günſtiges Gutachten erhalten, und ſeinen Anwald, Herrn Sharpe beauͤftragt habe, eine Klage zu erheben, um den rechtmäßigen Erben wieder in das Eigenthum ſeiner Vorfahren einzuſetzen.“— Sir Robert Percy fügte noch einige Worte von ſeinem Widerwillen gegen dieſen Proceß hinzu, und ſprach viel von Gerechtigkeit, Familienverhältniſſe, Freund⸗ ſchaft u. ſ. w. Von Neuem wurden Nachſuchungen we⸗ gen der Urkunde angeſtellt; aber vergebens. — Und vergebens machte ſich Roſamunde die bitterſten Vorwürfe, daß ſie dem rach⸗ ſüchtigen Anwald das Geheimniß verrathen hatte.— Die nächſte Poſt brachte von Sharpe die Nachricht, daß die Klage eingereicht ſey. Sir Robert Percy hatte in ſeinem Briefe abſichtlich etwas von ſeiner Bereitwilligkeit zu einem Vergleich fallen laſſen; entweder in der Abſicht Percy zu einem Anerbieten zu verleiten, welches ſpäterhin wider ihn zeu⸗ gen konnte, oder in der Hoffnung, daß er aus Furcht vor einem gefährlichen und koſtſpieli⸗ gen Prozeß, einen Theil ſeines Gutes abtreten würde, um ſich den ruhigen Beſitz der andern Hälfte zu verſichern. Aber ſie kannten Percy wenig, und er errieth ihre Abſichten. Im Gefuͤhl ſeines Rechts ließ er ſich weder ver⸗ locken, noch einſchüchtern. Alle Vergleiche, alle Arten von Handel verachtete er.— Er antwortete nicht, traf aber die nöthigen An⸗ ſtalten zu einer tapfern Vertheidigung. Zu dieſem Zwecke ſchrieb er an ſeinen Sohn Alfred und bat ihn, weder Mühe noch Koſten zu ſparen, um die beſten Advokaten für ſich zu gewinnen, und ſie mit der ganzen Sache genau bekannt zu machen. Alfred be⸗ dauerte, daß er noch nicht fähig ſei, die Sache ſeines Vaters ſelbſt zu führen. Er 48* 276— ordnete die Dokumente mit vieler Sorgfalt und Geſchicklichkeit, und gab ſeinem Vater von Zeit zu Zeit die beſten Hoffnungen ei⸗ nes glücklichen Erfolgs; je mehr er den Um⸗ ſtand überlegte, je deutlicher zeigte ſich die Gerechtigkeit ihrer Sache. Doch leider be⸗ wies Alfred hier, daß er noch ein Anfän⸗ ger in ſeinem Fache ſey, indem er ſo feſt auf Recht und Gerechtigkeit baute, während der Buchſtabe des Geſetzes wider ihn ſprach. Unnöthig und langweilig würde es ſeyn, die Details des Proceſſes hier anzugeben. Da Percy keinen Gebrauch von den mancherlei Ausflüchten, ihn hinaus zu ſchieben, machte, ſo ging die Sache in kurzer Zeit durch die Inſtanzen. Der Ausſpruch entſchied für Sir Robert Percy, und er wurde geſetzmäßiger Eigenthümer der Percy'ſchen Beſitzungen in Hampfhire, welche ſo lange der Gegenſtand ſeiner heimlichen Anſchläge geweſen waren. So fiel die Percy'ſche Familie durch ei⸗ — 277— nen Schlag von der Höhe des Ueberfluſſes herab, die ſie ſo lange, und nach der Mei⸗ nung aller, die ſie kannten, ſo würdevoll be⸗ hauptet hatte. Groß war der Schmerz über dieſen Ausſpruch in den höhren Claſſen ihrer Nachbarſchaft; noch größer die Klagen der Armen.— Der Wechſel ihrer Lage wurde als ein allgemeines Unglück bedauert, und tiefer von andern, als von den Leidenden ſelbſt gefühlt, von denen man nie eine Klage, oder eine Schmährede hörte. Dieſe Gros⸗ muth vermehrte das öffentliche Mitleid, aber auch den Unwillen gegen Sir Robert Percy. — Von Natur übermüthig, und nun noch auf⸗ geblaſener durch den glücklichen Erfolg, ſchrieb er Briefe über Briefe voller Ungeduld, die Abreiſe ſeiner Verwandten beſchleunigt zu ſehen, und recht bald Beſitz von Perey⸗hall zu nehmen. Dieß war eben ſo grauſam, als unnöthig, denn ſeit des entſcheidenden Ausſpruchs waren ſie mit den Vorbereitungen — 278— zu ihrer Abreiſe beſchäftigt. Im Glück nie ſtolz, zeigten ſie ſich auch jetzt im Unglück nicht verzagt. Doch konnten ſie den Ort, wo ſie ſo viele glückliche Jahre verlebt hatten, nicht ohne Schmerz verlaſſen. Es war ausgemacht worden, daß die Ver⸗ beſſerungen, welche Percy auf dem Gute, beſon⸗ ders in den Gebäuden, vorgenommen hatte, nach einem gewiſſen Anſchlag zur Ausgleichung für alle Pachtrückſtände, worauf Sir Robert Percy Anſpruch machen konnte, gelten ſollten. Nach dieſem Ausſpruch war Percy und ſeine Fa⸗ milie bedacht, alles im Hauſe in vollkom⸗ menſter Ordnung zu hinterlaſſen, damit ſie pünktlich ihren Theil des Vergleichs erfüllten. Am Abend vor der Abreiſe gingen ſie noch ein Mal durch alle Zimmer, um Abſchied zu nehmen. Das Haus war ſehr bequem und zierlich gebaut. Percy hatte nichts geſpart, um es in jeder Hinſicht angenehm zu machen; nicht allein ſeinen Gäſten, ſondern auch der ————:2p:,————— — 279— Familie. Seiner Toͤchter Zimmer waren ge⸗ ſchmackvoll eingerichtet, und mit ihren eige⸗ nen Arbeiten und Zeichnungen ausgeſchmückt. Es war ein trauriges Geſchäft, allem dieſem Lebewohl zu ſagen, ein peinliches Gefühl, ſo viel zurück zu laſſen, was für keinen An⸗ dern Werth haben konnte, was nur ihnen als Erinnerungen aus ihrer Kindheit wichtig und theuer erſchien. Nicht weniger betrübte ſie der Abſchied vom Park und den reizenden Umgebungen von Percy⸗hall. Der alte Verwalter beglei⸗ tete die Familie auf dieſem letzten Spazier⸗ gang, blieb bei jedem ſchönen Baum und Ge⸗ ſträuch ſtehen, und konnte ſich des lauten Unwillens gegen den künftigen Beſitzer nicht enthalten. „Die ganze Gegend verwünſcht den ſchlech⸗ ten Kerl, y begann John, aber Percy un⸗ terbrach lächelnd den zornigen Ausbruch. Laßt uns unſer Unglück mit guter Art — 280— tragen.— Laßt uns dankbar für das Glück ſeyn, welches wir bis jetzt genoſſen, und uns dem Willen der Vorſehung ohne Murren un⸗ terwerfen.— Ohne Heuchelei oder erkün⸗ ſtelte Reſignation ſage ich in dieſem Augen⸗ blick von ganzem Herzen, ich fühle, daß ich mich in Gottes Willen ohne Klagen füge, und feſt glaube, daß alles zu unſerm Beſten iſt.» « Und dieß zu glauben, beſtrebe ich mich auch» ſagte John, saber ich meine nur, wenn es Gott gefallen hätte, es anders einzurichten; es iſt doch Himmelſchreiend, daß der Gott⸗ loſe gleich nach uns kommen muß, um ſich an Allem zu erfreuen, nachdem er uns Alles geraubt hat.»— Nicht alles?— erwiederte Percy.» Und was hätte er uns denn gelaſſen?» rief John. Das beſte, was uns niemand rauben kann— ein gutes Gewiſſen.» .— 281— &Das iſt freilich mehr werth, als alles Uebrige,y ſagte John und der uns mor⸗ gen hier nachfolgt, wird es nimmer haben. Nein niemals— Man ſagt, er könnte keine Nacht ruhig ſchlafen— Aber ich will nichts mehr von ihm ſagen— bloß, daß er kein guter Menſch iſt.» John, Du biſt kein guter Hofmanny ſagte Mrß. Percy lächelnd— Du ſollteſt Dich darauf vorbereiten, Deinem neuen Herrn den Hof zu machen.» Meinem neuen Herrn!y rief John. & Ich will in dieſem Leben keinen neuen Herrn mehr haben— Alles, was ich in der Welt beſitze, kömmt von Ihnen— und Sie werden mir gewiß erlauben, Ihnen zu fol⸗ gen? Ich will keine Laſt machen: kann ich auch nicht viel mehr leiſten, ſo iſt es doch wenig. O meine lieben, jungen Damen, bitten Sie für mich... Laſſen Sie mich das Unglück, wie das Glück der — 262— Familie theilen, und Ihnen in die Verban⸗ nung folgen.» « Mein guter John» ſagte Percy; wenn Du es wünſcheſt, uns in die Verbannung. wie Du es nennſt, zu begleiten, ſo ſoll es Dir gewährt ſeyn; und ſo lange wir ſelbſt auf Erden etwas beſitzen, wird es Dir auch nicht fehlen. Morgen mußt Du aber noch hier bleiben, um die Beſitzung zu übergeben. Iſt dieß Geſchäft beendet, ſo kannſt Du uns gleich folgen.* « Ich danke Ihnen, lieber Herr,» er⸗ wiederte John mit einer tiefen Verbeugung ge⸗ gen die ganze Familie,«das iſt neues Leben für mich.»— Er ſprach während des ganzen Spaziergangs kein Wort mehr, bis ſie an die Küſte kamen⸗ wo das Schiff geſcheitert war; da rief er aus, hier iſt der Anfang alles unſers Unglück: wer konnte denken, daß wir ſelbſt ſo bald ausgeſtoßen ſeyn würden, als wir ihnen Obdach gaben? Der betrun⸗ / — 283— kene Hallunke von einem holländiſchen Zim⸗ mermann iſt an allem Schuld.* Den folgenden Morgen reiſte die ganze Familie in einem offnen Wagen ab. Am großen Thore beim Park hielt John die Rei⸗ ſenden auf, und flüſterte ſeinem Herrn zu: Ich bitte um Verzeihung, aber Gott ſegne Sie, und fahren Sie nicht durchs Dorf— ſchlagen Sie die andere Straße ein, denn ich habe eben gehört, daß er in ſeiner Kut⸗ ſche mit Vieren daher gefahren kömmt— und ich kann es nicht ertragen, daß er ſo über uns triumphirt.* Ich danke Dir, mein guter John, aber ſolche Triumphe können uns nicht demüthi⸗ gen.» Zögernd öffnete der arme John den Thor⸗ weg, und ließ den Wagen durch. Noch ei⸗ nen Blick warfen ſie auf das zuruͤckgelaſſene Paradies. Als ſie durchs Dorf fuhren, umringten * — 284— die armen Bewohner den Wagen ihres vor⸗ trefflichen Herrn, und riefen Dank und Se⸗ gen auf ihn herab. In demſelben Augen⸗ blick erſchien Sir Robert Percy. Seine Equipage war koſtbar; der Kutſcher trieb die vier ſchönen Pferde durch die Straße de⸗ ren Mitte in einem Augenblick leer wurde.— Der Haufe ſtarrte das Schauſpiel an.— Sir Robert gab dem Kutſcher ein Zeichen langſamer zu fahren, damit er länger den Tri⸗ umph genöße.— Er ſteckte den Kopf zum Kutſchenfenſter hinaus, aber niemand rief: Gott ſegne ihn!“— Seine Unverſchämtheit erlitt eine Demüthigung, als er der Per⸗ cy'ſchen Familie begegnete; denn Herr Percy grüßte ihn mit einer Miene voll Würde und Fröhlichkeit, welche zu ſagen ſchien— Mein Vermögen gehört Dir— aber ich bleibe, was ich war.»— Einige Zuſchauer klatſchten in die Hände, andere weinten. Percy ſchien ſich auf jeden Umſtand bei ſeiner Abreiſe vor⸗ ——— — 285— bereitet zu haben, und vollkommen ruhig, we⸗ nigſtens Meiſter ſeiner Gefühle zu ſeyn.— Aber ein kleiner Umſtand, auf den er nicht vorbereitet war, rührte ihn bis zu Thräͤ⸗ nen. Als ſie am Ende des Dorfs die Brücke erreichten, hörten ſie das gedämpfte Anſchla⸗ gen der Kirchenglocken, wie bei einem öffent⸗ lichen Trauerfall. Percy gedachte augenblick⸗ lich der üblen Folgen, deren ſich dieſe armen Menſchen für das Zeichen ihrer Liebe und ihres Schmerzes ausſetzten, und ging auf ei⸗ nem kürzern Wege ſo ſchnell als möglich in die Kirche, um das fernere Läuten zu verhüten. Zwoͤlftes Kapitel. 3 Glücklicher Weiſe veſaß Perey außer dem Stammgute Percy⸗hall, einen Meierhof die Hills genannt, von 7 bis 800 Pfund jährlicher Einkünfte. Von dem Vermögen ſei⸗ ner Frau hatte er dieſes Gut gekauft, ein Haus hingebaut, und es zum künftigen Aufent⸗ halt einer ſeiner Söhne beſtimmt. Dahin zog ſich die vertriebene Familie jetzt zurück. Obgleich in derſelben Grafſchaft gelegen, wie Percy⸗hall, Clermont⸗Park, Falkoner⸗ hof, Hungerford⸗Caſtle, und mehrere andere Land⸗ ſitze, waren die Hills doch, wegen ihrer ber⸗ gigten Lage, und dem Umſtand, daß keine — 287— Landſtraße hinfuhrte, ſehr wenig beſucht und völlig einer Einſiedelei ähnlich. Die Gegend war abgeſchieden aber ſchön. Das Haus ſtand auf dem Gipfel eines Hügels, umge⸗ ben von ſchönem Grün, wildem Geſträuch, und Waldblumen; der Blick ins Thal, mit ſeinen klaren Flüßchen und reichen Wieſen, gewährte einen reizenden Anblick. Das Haus war zwar ausgebaut, aber ſo mangelhaft mit Allem verſehen, und ſo klein, daß es die Familie kaum faßte. Sie zeigten ſich indeß bereit, ſich in einander zu fügen, waren an Ordnung gewöhnt, mit Aufwartung nicht verwöhnt, ſo daß dieſer plötzliche Wechſel ihres Glücks und ihrer Art zu leben, ihnen nicht ſo ſchrecklich erſchien, wie er manchen Andern ihres Standes geweſen ſeyn würde. Percy, auf den jetzt die ganze Familie um Rath und Beiſtand blickte, zeigte nun die ganze Kraft und Beſtimmtheit ſeines Cha⸗ — 288— rakters. Was früher oder ſpater geſchehen mußte, that er auf der Stelle. Alles Ueber⸗ flüſſige wurde augenblicklich abgeſchaft. Die größte Qual herabgekommener Reicher, iſt gewöhnlich die Erinnerung ihrer frühern Lage, und der ohnmäͤchtige Wunſch, das noch im⸗ mer zu ſcheinen, was ihnen ihr Vermögen nicht länger zu ſeyn erlaubt. Mit dieſer Thorheit hatte Perey in ſeiner Familie nicht zu kämpfen; denn ein Jedes war bereit, mehr aufzuopfern, als hier wirklich erfordert wurde. Es war allgemeiner Grundſatz, zu Hauſe ſo frugal wie möglich zu leben, um mit dem Wenigen, was ſich von dem geringen Ein⸗ kommen erſparen ließ, die auswaͤrtigen Söhne zu unterſtützen. Gottfried konnte noch nichts von dem Glückswechſel, und von der Zerſtörung ſeiner eigenen Ausſichten gehört haben; aber eine Stelle ſeines letzten Briefes zeigte deutlich⸗ daß er an die Möglichkeit eines ſolchen Un⸗ — 289— falls dachte, und auf ein ſparſames Leben gefaßt war. Von Alfred und Erasmus er⸗ hielt Percy in dieſer Zeit der Prüfung die zärtlichſten Briefe, worin ſich männliches Ver⸗ trauen auf ſich ſelbſt, und ein durch dieſe Un⸗ glücksfälle nicht gebeugter Muth, mit der Hoff⸗ nung ausſprach, durch verdoppelte Anſtrengung bald die Zeit zu erreichen, wo ſie, ſtatt ih⸗ rem Vater Unkoſten zu machen, mit der Familie den Gewinn des Advokaten und des Atztes theilen könnten. Percy freute ſich ihrer leichtgläubigen Hoffnungen; aber ſeine reifere Erfahrung lehrte ihn; dieſen Enthuſiasmus nicht ganz zu theilen. Er wußte wohl, daß die ſchöne Zeit von der ſie ſprachen, noch fern lag. Außer dem treuen Verwalter, begleiteten noch zwei andere, ſehr ergebene Dienſtboten die Familie in ihre Einſamkeit. Miſtriß Harke, ſchon über 30 Jahre Haushälterin in Percy⸗hall, und Johnſon, ein junger I. 19 — 290— Menſch, den ſich Percy zugezogen hatte. Er⸗ ſtere übernahm mit verdoppeltem Eifer, nur von einem tüchtigen Bauermädchen unterſtützt, das ganze Hausweſen; Letzterer alle übrigen Arbeiten im Hauſe, im Garten und auf dem Felde. Percy würde ſich in ſeiner jetzigen Lage ohne männliche Bedienung beholfen ha⸗ ben, wenn der junge Menſch dieſen Dienſt nicht allen glänzenden Stellen in der Stadt, und auf dem Lande vorgezogen hätte. Durch den Beiſtand dieſer Leute und mit Hülfe der eigenen mechaniſchen Geſſchicklich⸗ keiten, wurde die innere Einrichtung des Hauſes bald zu Aller Bequemlichkeit fertig. Percy erklärte oft, während des erſten Jahres der Zurückgezogenheit, daß er für ſeine Perſon nichts verloren hätte. Nie verſchwendriſch oder luxuriös, blieben ſeine Vergnügungen, beinahe dieſelben, und ſeine Beſchäftigungen unterſchieden ſich wenig von den frühern. Er behielt jetzt zwar nicht ſo A 4 —-— 291— viel Zeit für die Literatur, oder für die Ge⸗ ſellſchaft und Unterhaltung ſeiner Frau und Töchter; aber nun gewährten ihm dieſe Stun⸗ den auch wahre Erholung, beſonders, da er ſah, mit welcher Kraft und Geiſtesſtärke die Seinigen den Verluſt des Reichthums und des Ranges ertrugen. Anſtatt nach Ver⸗ gnügungen zu ſeufzen, die ihrem Kreiſe fern lagen, bemerkte Mrß. Percy mit Freuden, wie zufrieden und thätig ihre Töchter in ih⸗ ren beſchränktern Verhältniſſen waren. An⸗ fangs hatten ſie es zwar etwas beſchwerlich gefunden, den größten Theil ihrer Zeit mit den Zubereitungen der rdiſchen Bedürfniſſe zuzubringen; aber bald zeigte es ſich, daß dieſer Zwang ihren Lieblingsbeſchäftigungen einen höhern Reiz gewährte. Kaum waren ſie in den Hills völlig ein⸗ gerichtet, als ſie durch einen Beſuch des Fi⸗ nanzrath Falkoners überraſcht wurden.— Ue⸗ berraſcht, ſage ich, weil er trotz einer gewiſ⸗ 19* ſen Art von Freundſchaft als Verwandter, doch einen zu großen Werth auf Vermögen legte, als daß ſie hätten erwarten können, von ihm in ihrer Einſamkeit aufgeſucht zu werden. Nach den erſten allgemeinen Ver⸗ ſicherungen des Bedauerns über ihren Ver⸗ luſt, und über ihre veränderte Lage, nahm er Herrn Percy allein, und ließ ſich nun über ſeine eigenen Familienangelegenheiten aus. Mit höflicher Anerkennung des Vortheils welcher ihm durch Percy's Einführung bei Lord Oldborough geworden war, und mit beſcheiden verdeckten Complimenten, die er ſeiner eigenen Geſchicklichkeit, dieſe Ein⸗ führung ſo wohl zu nutzen, machte, leitete er das Geſpräch auf den eigentlichen Zweck ſeines Beſuchs. Sie ſehen, lieber Herr Percy,» ſo be⸗ gann der Finanzrath— Ohne mich zu rüh⸗ men, und ohne Eitelkeit kann ich jetzt ſagen, daß alle meine Pläne für das Fortkommen — 293— meiner Familie gelungen ſind; meine Söhne haben ſich emporgeſchwungen, oder beſſer ge⸗ ſagt, ſind über meine kühnſten Opffiamngen emporgeriſſen worden.* «Dazu gratulire ich Ihnen von ganzem Herzen» erwiederte Percy. «Aber lieber Vetter, hören Sie mich nun auch. Ihre Söhne könnten in einer eben ſo vortheilhaften Lage ſeyn, wenn Sie nicht zu ſtolz geweſen wären, von Lord Oldbo⸗ roughs günſtigen Geſinnungen Gebrauch zu machen.» „ Zu ſtolz! Nein mein Freund, ich kann verſichern, daß Stolz niemals die Triebfeder meiner Handlungen war; ich handelte nach Grundſätzen.* So belieben Sie es zu nennen.— Doch das Vergangene bei Seite— kein Menſch giebt zu, daß er Unrecht hatte. Laſſen Sie uns ein Mal in die Zukunft blicken. Ihre frühere Lage erlaubte Ihnen freilich ganz — 294— nach Ihrem Syſtem zu handeln. Nun aber lieber Vetter, erlauben Sie mir zu bemer⸗ ken, daß es Ihre Pflicht, eine unabweis⸗ * liche Pflicht iſt, Ihre Verbindungen für Ihre Söhne zu benutzen. Und wer könnte ſeinen Söhnen einen thätigern Gönner verſchaffen, als Sie?»: Ich glaube,» erwiederte Percy,« daß ſich meine Söhne ohne Hülfe fremder Pro⸗ tektion, durch die gute Erziehung die ich ihnen gegeben habe, ihren Weg in der Welt bahnen werden.». „Beides iſt gut, y ſagte Falkoner.& So ſtolz Sie auch ſind, Vetter Percy, ſo müſſen Sie dieß doch zugeben, wenn Sie um ſich blicken und ſehen, wer ſich hebt und wie? Und nun, unter vier Augen ſagen Sie mir offenherzig und ernſtlich, warum Sie aller Gönnerſchaft ſo abgeneigt ſind? « Offenherzig und ernſtlich geantwortet 3 — — — 295— ich verabſcheue und verachte das ganze Sy⸗ ſtem der Gönnerſchaft.* Das iſt ſehr ſtark,» ſagte Falkoner, aund es iſt mir für Sie und die Ihrigen lieb, daß es niemand hörte, als ich.» «Und wenn es die ganze Welt hörte,» fuhr Percy fort&würde ich gerade daſſelbe ſagen— ſtark— ſehr ſtark! Es freut mich, denn,— verzeihen Sie mir, Sie ſind mein Verwandter, und wir ſprechen vertraut mit einander— jene ſüßliche, abgemeſſene, ver⸗ ſteckte, beſchränkende, furchtſame Art, die Wahrheit zu ſagen, macht durchaus keinen Eindruck. Die Wahrheit muß immer kräftig ſeyn, im Sprechen, wie im Handeln. „ Ganz wohl! Doch erlauben Sie; kraͤf⸗ tig mag ſie immer ſeyn nur ſey ſie auch kalt, und dann können wir uns nicht mißverſte⸗ hen.» «Ich dachte, Sie wollten mir aus ein⸗ anderſetzen, weshalb Sie, das, was Sie — 296— das Syſtem der Gönnerſchaft nennen⸗ ver⸗ achten und verabſcheuen?» «Weil ich glaube daß es meinem Va⸗ terland verderblich iſt. Wenn alle geiſtliche, bürgerliche, und millitairiſche Ehrenſtellen nach Gunſt, und nicht nach Verdienſt vergeben werden, wenn die wichtigſten und anſehnlich⸗ ſten Aemter durch Intrigue und Antichambre⸗ Dienſt zu erlangen ſind; ſo hat es ein Ende mit dem edlen Wetteifer, und folglich mit der Anſtrengung. Wenn Talente und Redlichkeit keinen ehrenvollen Lohn mehr finden, ſo geht auch ihre ganze Kraft, und oft ihre ganze Exiſtenz verloren. Wenn die Geſchäfte des Staats und die Schlachten von ſolchen, nur durch fremde Hülfe emporgekommenen Ge⸗ ſchöpfen geführt und gefochten werden ſollten; wie ſchlecht würde es um Beide ſtehen! Wehe dem Lande, welches ſich auf ſolche Führer und Vertheidiger verläßt! Noch nie iſt ein ſolches Land dem Verderben entgangen.— — 297— Möge dieß nie das Schickſal Englands ſeyn! Damit es aber nicht ſo werde, laßt jeden rechtſchaffenen, ſelbſtſtändigen Eng⸗ länder Mund und Hand gegen dieſes ver⸗ derbliche ſchlechte Syſtem erheben. Ich mei⸗ nes Theils, werde es nie unterlaſſen.» «Ach,» ſagte Falkoner mit lautem Seuf⸗ zer und verhaltenem, mitleidigen Lächeln, 8 was kann Einer in einem ſolchen hoffnungs⸗ loſen Fall thun? Gewiſſe Dinge gehen in der Welt ihren Gang, wir mögen ſie be⸗ nutzen, oder nicht. Meinetwegen mag die Gönnerſchaft zuweilen dem Ganzen ſchädlich ſeyn, dem Einzelnen iſt ſie doch oft nütz⸗ lich.⸗. „ Nicht ein Mal das gebe ich zu, er⸗ wiederte Percy, denn dieſe jungen Herrn, welche von Jugend an nur lernen, ſich Gön⸗ ner zu erwerben.... Aber,» fuhr er ſich ſelbſt unterbrechend fort— Lich vergaß mit — 298— wem ich ſprach, und möchte doch nichts ſa⸗ gen, was Ihr Gefühl beleidigen kann, be⸗ ſonders da Sie ſo freundlich ſind, uns im Trübſal aufzuſuchen, und ſo vielen Antheil an meinen Angelegenheiten nehmen.» O ich bitte fahren Sie fort,» ſagte der Finanzrath lächelnd, Sie werden mich nicht beleidigen, ich verſichere es Sie; bedenken Sie nur, daß ich zu feſt von dem glücklichen Erfolg meines Syſtems überzeugt bin, um mich nicht ſo leicht in dieſem Punkt beleidigt zu fuͤhlen.— Fahren Sie fort— Dieſe junge Herrn, welche von Jugend an nur lernen ſich Gönner zu erwerbeny... Werden verleitet, ſich allzuſehr darauf zu verlaſſeny fuhr Percy fort, und ver⸗ nachläßigen folglich, ſich Kenntniſſe zu er⸗ werben. Ihre Angelegenheiten machen ſich ohne eigene Anſtrengung von ſelbſt; durch Fleiß brauchen ſie ſich nicht auszuzeichnen, und dem Hang der Ausſchweifung können ſie ſich ——— — 299— ſorglos uͤberlaſſen, weil eine eintraͤgliche Stelle alles wieder ins Gleiche bringt.» «& Und wenn ſich ihre Angelegenheiten ge⸗ macht, und ſie eintraͤgliche Stellen haben, was fehlt ihnen dann noch? 2 fragte Falkoner. „Ich ſtehe dafür, Ihre Söhne würden eben ſo denken.» Percy erwiederte mit einem Blick ſtolzer Beſcheidenheit,«ich glaube, daß meine Söhne nicht denken würden, daß ihnen nichts mehr fehlt, wann ſie ihr Emporkommen etwas An⸗ derm, als ihrem eigenen Verdienſt zu ver⸗ danken hätten.» Gewiß,» ſagte Falkoner ſich verheſernd⸗ natürlich meinte ich das ſo; doch ein junger Menſch kann ſich niemals hervorthun, wenn er nicht auf einen Poſten geſtellt iſt, wo er Gelegenheit hat, ſeine Verdienſte zu zeigen.* Oder ſich recht auf immer zu heſchindfen⸗ — 300— wenn er zu dieſem Poſten unvorbereitet und ungeſchickt iſt.» Der Finanzrath runzelte die Stirn,— einige unangenehme Erinnerungen ſchienen durch ſeine Seele zu ziehen. Percy hatte nicht die Abſicht gehabt, ſie zu wecken. Es ſollte keine Anſpielung ſeyn, darum eilte er, das Geſagte beſtimmter auf ſeine eigenen Söhne anzuwenden. „ Ich habe für meine Söhne, oder viel⸗ mehr ſie haben ſich ſelbſt einen Stand ge⸗ wählt, der ganz unabhängig von dem Einfluß der Großen iſt, und worin ihnen derſelbe wenig nützen kann. Ein Gönner hilft dem Arzte ſo wenig, wie dem Advokaten. Kein Richter, kein Anwald kann den angehenden Rechtsgelehrten höher heben, als bis auf einen gewiſſen Punkt; er ſteigt wie eine Rakete, wird aber wie das Stück Holz daran herun⸗ terfallen, wenn er nicht durch ſeine eigene innere Kraft getragen wird. Wo Eigenthum . —— — 301— oder Leben auf dem Spiele ſteht, macht der Menſch keine Complimente, oder läßt ſich nicht durch große Empfehlungen beſtimmen. Der beſte Arzt, und der beſte Advokat, wer ſie auch ſeyn mögen, müſſen um Rath gefragt werden. Ich habe meinen Söhnen eine Er⸗ ziehung gegeben, die ſie fähig macht, ſich ehrlich ihren eigenen Weg in der Welt zu bahnen.» « Eines Freundes helfende Hand iſt keine üble Sache bei dieſem beſchwerlichen und ſchlüpfrigen Hinaufſteigen,» ſagte Falkoner. «Auf dem geraden Wege ſo viele Freunde und helfende Hände, als Sie wollen,» er⸗ wiederte Percy. Niemals iſt es mir einge⸗ fallen, meinen Söͤhnen die ungereimte, unge⸗ ſellige Maxime beizubringen, daß ein junger Mann, oder irgend ein Menſch die ganze Welt entbehren könne. Mögen ſie ſelbſt Freundſchaften ſtiften, und die Wenigen be⸗ nutzen. Nur ſollen ſie ſich niemals von einem — 302— Gönner abhängig machen, und die ſchönſten Jahre ihres Lebens in ſchmählicher Knecht⸗ ſchaft hinbringen, um ſich in der Noth doch vielleicht verlaſſen zu ſehen.» Abermals weckte Percy, ohne es zu wol⸗ len, unangenehme Erinnerungen in des Finanz⸗ raths Seele. Ach, da berühren Sie eine zarte Saite,» ſagte Falkoner ſeufzend. Ich habe ſolche Erfahrungen in meinem Leben gemacht. Lord N. und Herr G. behandelten mich in der That unverantwortlich ſchlecht.— Aber ich war damals noch jung, und wählte meine Freunde nicht gut. Jetzt kenne ich die Welt, und ſorge beſſer für meine Söhne, und werde auch für mich beſſer ſorgen, hoffe ich. Doch, lieber Herr Percy, laſſen Sie uns auf Ihre Angelegenheiten zurückkommen.— Ein Mann von Ihren Talenten darf nicht auf einem Meierhofe zwiſchen Rüben und Kohl verſau⸗ ren. So denkt und ſagt Lord Oldborough— — 303— und um es kurz zu machen— ich habe mich nicht aus eitler Neugier in Ihre Angelegen⸗ heiten drängen wollen. Nein,» ſagte der Fi⸗ nanzrath mit ſchlauem Lächeln,«ich komme von Lord Oldborough beauftragt, Ihnen ei⸗ nen Antrag zu machen, den ein Mann Ihres erfahrenen Sinnes nicht wohl ablehnen kann. Lord Oldborough wünſcht ſeine Parthei durch Ihre Talente unterſtützt und verſtärkt zu ſe⸗ hen; er iſt feſt überzeugt, daß Sie ein guter Parlamentsredner ſeyn werden. Wenn Sie alſo zu uns treten wollen, ſo wird Sr. Herr⸗ lichkeit Sie ins Parlament bringen, Ihnen dadurch Gelegenheit geben, ſowohl ſich ſelbſt auszuzeichnen, als auch Ihre Familie empor zu bringen, die Ungerechtigkeit des Schickſals wieder gut zu machen, und Ihrem Vaterlande zu dienen.* Der Finanzrath machte dieſen Antrag mit vielem Pomp, mit der Miene eines Menſchen, der ſich bewußt iſt, etwas ungemein Schmeichel⸗ — 304— haftes geſagt zu haben, und zu gleicher Zeit im Voraus ſpöttiſch lächelnd, über die Bereit⸗ willigkeit, womit Herr Percy das Anerbieten annehmen, und alles, was er wider die Gön⸗ ner und Gönnerſchaft geſagt hatte, durch die That widerrufen würde. Wie wird der Phi⸗ loſoph ſeinen Ton umſtimmene dachte er; aber zu ſeinem größten Erſtaunen änderte Percy ihn auch nicht im allergeringſten. Er erwiederte dem Lord ſeinen achtungs⸗ vollen, erkenntlichen Dank, bat aber um Er⸗ laubniß, die ihm zugedachte Ehre ablehnen zu dürfen, weil ſie nicht mit ſeinen Grund⸗ ſätzen übereinſtimmte. In der Abſicht, ſich oder ſeine Familie zu befördern, könnte er nicht ins Parlament treten. Der Finanzrath unterbrach ihn, um wie⸗ der einzulenken; denn ihm ward bange, daß er ſich zu deutlich ausgeſprochen; daher be⸗ merkte er, ⸗daß alles, was er geſagt habe, im engſten Vertrauen ſey.» — 305— Percy beruhigte ihn mit der Verſicherung der ſtrengſten Verſchwiegenheit, und fuhr fort — adaß er, ſo lange er reich geweſen, häus⸗ liches Glück dem Ehrgeiz vorgezogen, und ſich daher niemals um eine Parlamentsſtelle in ſei⸗ ner Grafſchaft beworben habe, und nun, da er arm ſey, dieß ein neuer Grund für ihn werde, ſich von dem Parlament entfernt zu halten, um nicht in eine Lage zu gerathen, worin er mehr ausgeben müſſe, als er beſtrei⸗ ten könne.» Als er geendet, ſtaunte ihn der Finanz⸗ rath einige Augenblicke ſchweigend an. Er hatte ſeinen Vetter immer für einen ſonder⸗ baren Mann gehalten, aber jetzt erſchien er ihm völlig wie ein verkehrter Menſch. An⸗ fangs ärgerte ihn das Ablehnen eines ſolchen Antrags, der Familie wegen— denn der Fi⸗ nanzrath hatte wirklich einiges Verwandtſchafts⸗ gefühl; aber doch noch mehr von den Gewohn⸗ heiten des Hofmanns, und dieſe letzten ver⸗ I. 20 — 306— ſöhnten ihn bald mit dem, was ihm als die Vernichtung aller Ausſichten ſeines Vetters er⸗ ſchien. Er bedachte, daß Percy, wenn er ins Parlament käme, ſich mit ſeiner Parthei vereinige und Sr. Herrlichkeit nahe ſtäͤnde, leicht ein gefäͤhrlicher Nebenbuhler für ihn werden könne. Darum drang er auch nicht weiter in ihn, als hinreichend war, um Lord Oldborough zu melden, daß er den Auf⸗ trag ausgerichtet, Herrn Perecy aber durchaus unzugänglich gefunden habe.» Dreizehntes Kapitel. —— So aufrichtig das allgemeine Bedauern und die Achtung für die Percy'ſche Familie auch war, ſo entgingen ſie doch dem gewöhnlichen Looſe der Sterblichen nicht; ſie erhielten von Freunden und Bekannten ihren Antheil des Tadels ſowohl als des Mitleids. Einige meinten, daß ſie allem Unglück hätten entge⸗ hen können, wenn ſie guten Rath angenom⸗ men; Andere waren vollkommen davon über⸗ zeugt, daß der Prozeß einen günſtigen Aus⸗ gang für Herrn Percy gehabt haben würde, wenn er ihren Advokaten gebraucht, oder ſich überhaupt anders dabei benommen hätte. 20* — 308— Falkoner ſchloß ſich nun an dieſe tadeln⸗ den Freunde an. Er mißbilligte nicht gera⸗ dezu das Verfahren bei dem Prozeſſe, denn das verſtand er nicht zu beurtheilen; aber er meinte doch, den rechten Weg, ſeiner Fami⸗ lie in der Welt fortzuhelfen, beſſer zu ken⸗ nen, und bei dieſer Gelegenheit nahm er nun einen weit höhern Ton an, als vorher. Er erklärte jetzt laut in allen Geſellſchaften, daß er von ſeinem Verwandten, Herrn Percy, einen talentvollen und wohlgeſinnten Mann, nicht erwartet hätte, daß er ſo hartnäckig auf ſeinen beſondern Meinungen beharren würde, vorzüglich nicht auf ſeinen ſtrengen Begriffen von Unabhängigkeit, welche natür⸗ lich endlich alle Freunde, die ſich für die Fa⸗ milie intreſſirten, abſchrecken müßten; wie er nicht daran zweifle, daß die jungen Percy's es ſehr bereuen würden, daß ihr Vater ſich nicht der Vortheile bediene, welche ihm Con⸗ nexionen, die günſtigſten Geſinnungen, und — 309— wie er wiſſe, die gütigſten Anträge, die ihm gemacht worden wären, verſchaffen könnten; Anträge, welche, wie der Finanzrath ver⸗ ſicherte, ſehr herablaſſend und gütig genannt zu werden verdienten, wenn man bedächte, daß Herr Percy niemals einem Miniſter die ſchuldige Aufwartung gemacht hätte. Anderer Umſtände nicht zu gedenken. Capitain Gott⸗ fried Percy habe ohne Zweiſel durch ein unzei⸗ tiges, unkluges Einmiſchen in Regimentsſachen, einen Major Gaskoigne betreffend, Anſtoß ge⸗ geben. Demohngeachtet habe eine gewiſſe Perſon, deren Beharrlichkeit in ihrem Wohl⸗ wollen er nicht genug bewundern könne, die günſtigſten Geſinnungen gegen den Vater, trotz aller Verſtoße des Sohnes, beibe⸗ halten. Falkoner ſchloß mit einem Seufzer:&es gibt Menſchen, denen die thätigſten Freunde nicht helfen können— und ſolche muß man ihrem eigenen Schickſale üͤberlaſſen.» — 310 Da nun der Finanzrath Herrn Perey fůr einen ſo unverbeſſerlichen Thoren erklärte, daß jede Gemeinſchaft mit ihm einem emporſtei⸗ genden Mann nachtheilig werden müſſe; ſo faßte die Familie Falkoner den Beſchluß, ſich nach und nach von Percy's loszumachen. Mrß. Falkoner und ihre Töchter kannten ohnedieß den weiblichen Theil der Familie ſehr wenig, da ſie den Winter immer in London, und den Sommer in verſchiedenen Badeörtern zu⸗ gebracht hatten. Erſtere war wohl einige Mal zufällig mit Mrß. Percy zuſammenge⸗ kommen; aber die Töchter, welche noch nie⸗ mals in der Stadt geweſen, hatte ſie ſeit ihrer Kindheit nicht wieder geſehen. Dieß be⸗ trachtete ſie als einen beſonders glücklichen Zufall, weil nun kein Tadel über die Unfreund⸗ lichkeit, den vertrauten Umgang mit Verwand⸗ ten plötzlich abzubrechen, auf ſie fallen konnte. Der Finanzrath ſtimmte allen dieſen Bemer⸗ kungen ſeiner Frau bei, und gab leicht eine — 311— Freundſchaft auf, die er jahrelang für ſeinen guten Vetter Percy zu fühlen vorgegeben, und vielleicht auch wirklich gefühlt hatte, ſo lange jener im Wohlſtande lebte. Nur Einer in dieſer Familie dachte an⸗ ders. Buckhurſt Falkoner erklärte, daß er Herrn Percy und ſeine Familie in ihrem Trüb⸗ ſal nicht verlaſſen werde; daß er es nie ver⸗ geſſen könne, wie gütig Percy ihn, als er in Noth und Betrübniß geweſen, behandelt hätte. Seine Empfindlichkeit über Carolinens wieder⸗ holte Abweiſung ſeiner Anträge verſchwand plötzlich, und die Liebe trat mit verdoppelter Kraft an ihre Stelle. Er betheuerte, daß er ſie jetzt, nach dem Verluſt ihres Vermö⸗ gens, heißer liebe, und wiederholte dieſe Be⸗ theuerung gerade deſto lauter, je abſurder und lächerlicher ſein Vater ſie finden wollte. Der Sohn beharrte feſt, bis der Vater, ob⸗ gleich nicht leicht zu verzweifelten Entſchlüſſen gebracht, endlich ſchwur, daß wenn Buckhurſt — 312— thöricht genug ſey, ernſtlich an eine Bettlerin zu denken, er ihm ſeine Einwilligung zu die⸗ ſer Heirath verweigern, und ihm nie einen Schilling mehr geben würde.— Buckhurſt ſchrieb augenblicklich an Carolinen, wieder⸗ holte eine leidenſchaftliche Erklärung ſeiner Liebe und Treue, und bat um Erlaubniß, ſie beſuchen zu dürfen. Opfern Sie mich nicht unbedeutenden Nebendingen auf,»y ſchrieb er. Ich weiß, daß ich viele Fehler habe, aber gewiß keinen, der mich Ihrer ganz unwerth macht, den Sie zu beſſern nicht im Stande wären.— Ich bin bereit, alles zu ſeyn, was Sie verlan⸗ gen. Laſſen Sie mich nur hoffen.— Ich ſcheue kein Opfer, unſre Verbindung zu be⸗ ſchleunigen. Ich bin ordinirt, habe bereits eine Pfründe, und bekomme nach Oberſt Hau⸗ tons Zuſicherung bald die zweite. Glauben Sie nur, daß wahre Neigung mich beſtimmte, den geiſtlichen Stand zu erwaͤhlen. Meiner — 313— Leidenſchaft mußte jeder Zweifel, jede Be⸗ denklichkeit weichen.— Was das Uebrige be⸗ trifft, ſo werde ich mich durch den Wider⸗ ſtand ehrgeiziger Eltern nicht abſchrecken laſ⸗ ſen, den Eingebungen meines Herzens zu folgen.— Caroline, opfern Sie mich nicht unbedeutenden Nebendingen auf. Ich weiß, daß ich ſo unglücklich bin, Ihrem Bruder Al⸗ fred zu mißfallen; ich laſſe ihm Gerechtigkeit widerfahren; er hat mir freimüthig bekannt, daß er mich ſeiner Schweſter Caroline nicht würdig halte. Es ſoll ihm vergeben ſeyn, ich liebe ihn des Stolzes wegen, womit er die Worte, meine Schweſter Caroline, ausſprach.— Sie kann leicht einen fehlerfreiern Charakter finden; aber ein wärmeres, treueres,⸗ ihr mehr ergebenes Herz niemals.» In dieſem Briefe lag etwaͤs ſo Offnes, Edles und Warmes, was Roſamundens gute Meinung von Buckhurſt rechtfertigte.— In der That war das große Verdienſt, ihre — 314— Schweſter Caroline treu zu lieben, in Ro⸗ ſamundens Augen ſchon hinreichend, eine Menge Fehler aufzuwiegen; und der Contraſt zwiſchen ſeiner Wärme und der Kälte der übrigen Familie, wirkte mächtig auf ſie. Sie meinte, Alfred ſei zu ſtreng in ſeinem Urtheil geweſen, und man könne die Welt mit einer Laterne durchleuchten, ohne einen fehlerfreien Charakter zu finden. Es wäre ſchon hinreichend, wenn ein Mädchen einen ehrlichen Mann fände; und ſie glaubte Buck⸗ hurſt habe keinen Fehler, welchen die Liebe nicht beſſern werde.» & Aber die Liebe hat ihn bis jetzt noch nicht gebeſſert ſagte Caroline.) & Verſuche es mit der Heirath» rief Ro⸗ ſamunde lachend. Caroline ſchüttelte den Kopf. Bedenke, auf weſſen Unkoſten dieſer Verſuch gemacht werden müßte.»— Buckhurſts Brief hatte ihr beim erſten 1— 315— Durchleſen gefallen; als ſie ihn aber noch ein Mal durchſah, mißfiel ihr die, ſeine El⸗ tern betreffende Stelle ſehr; auch konnte ſie es nicht billigen, daß er das, was er ſeine Zweifel nannte, durch die Liebe hatte wi⸗ derlegen laſſen. Sie wußte, daß er in der Stadt ein wildes Leben geführt hatte⸗ daß er alſo jetzt noch weniger, als früher ein guter Ehemann und ein würdiger Geiſtlicher zu werden verſprach. Er beſaß einige gute Eigenſchaften, aber keine feſten Grundſätze. Sie fühlte ſich ihm verpflichtet für die Treue ſeiner Liebe, und für den Edelmuth, den er in ſeinem ganzen Betragen gegen ſie bewie⸗ ſen; auch blieb ſie nicht unempfindlich bei Ro⸗ 3 ſamundens dringender Fuͤrſprache; aber dem⸗ ohngeachtet beharrte ſie feſt auf ihrem Ent⸗ ſchluß, und die abſchlägige Antwort, obgleich in den mildeſten, zarteſten Ausdrücken, ab⸗ gefaßt, war ſo beſtimmt, als möglich. Kurz darauf hatten ſich die Schweſtern — 316— eines Abends, im eifrigen Geſpräche auf einem Spaziergang in dieſer wilden, unbe⸗ wohnten Gegend ſo weit verloren, daß ſie mit Schrecken die untergehende Sonne be⸗ merkten, und nun einen kürzern Rückweg ſuch⸗ ten, um noch vor anbrechender Dunkelheit das Haus zu erreichen. Vergebens ſahen ſie ſich nach zurückkehrenden Arbeitern um. We⸗ der ein Menſch noch eine menſchliche Woh⸗ nung war zu erblicken. Endlich entdeckte Ca⸗ roline, die einen Hügel erſtiegen hatte, in der Ferne Rauch zwiſchen den Bäumen auf⸗ ſteigen. Sie gingen darauf zu, und ge⸗ wahrten bald eine kleine ärmliche Hütte, vor welcher eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arm auf⸗ und abging. Sie bemerkte unſere Verirrten nicht eher, bis ſie nahe herangekom⸗ men waren und ſie anredeten. Da drehte ſie ſich raſch herum, fuhr zurück und ſahe die Mäd⸗ chen erſchrocken an; das Kind ſchrie, ſie ſuchte es zu beruhigen, und antwortete mit — 317— verſtörten Blicken Lich weiß nichts, ich kann keine Auskunft geben— fragen Sie in der Hütte, meine junge Damen.» Damit lief ſie ſo ſchnell dem Hauſe zu, daß ſie ihr kaum folgen konnten. Sie pochte an die außere Thüre und rief Dorothea komm heraus. Aber keine Dorothea antwortete. Die junge Frau ſchien zweifelhaft was ſie thun ſollte, und indem ſie zögernd über⸗ legte, überflog ein flüchtiges Roth das vor⸗ her ſo blaſſe ſchöne Geſicht. Haben Sie die Güte ſich zu ſetzen,* ſagte ſie ſtockend an allen Gliedern zitternd, «es wird gleich jemand kommen⸗ der den Weg kennt; ich bin fremd in dieſer Gegend.» Sobald ſie die Stühle geſetzt hatte, wollte ſie das Zimmer verlaſſen; aber das Kind fand ſo viel Wohlgefallen an Carolinen, ſpielte mit ihren Locken und lachte laut. Die Mut⸗ ter blieb ungern ſtehen. Als aber Caroline das Kind anf den Arm nehmen wollte, hielt — 318— ſie es feſt und lief damit ins Nebenzimmer, wo ſie ſie ſchluchzen hörten. Caroline und Roſamunde blickten ſich ſchweigend an, und verließen die Hütte. *Die Unruhe der jungen Frau that ihnen leid, und ſie fühlten ſich nicht berechtigt, weiter einzudringen. „Wir können denſelben Weg zurückgehen, und das iſt beſſer, als irgend jemand läſtig zu fallen? ſagte Caroline. &Gewiß d erwiederte Roſamunde, doch möchte ich wohl mehr von dieſer armen Frau wiſſen. Wenn wir nur Dorothea fänden.» In demſelben Augenblicke ſahen ſie ein altes Weib aus dem Walde mit einem Bün⸗ del Holz auf dem Rücken und einem Stock in der Hand, kommen. Es war Dorothea; ſie er⸗ ſparte ihnen alle Mühe des Fragens, legte gleich ihre Bürde ab, und bot ſich den jun⸗ gen Damen zur Führerin an. Kaum hatte ſie erfahren, daß die Schweſtern in der Hütte — 319— geweſen waren und die junge Frau geſehen hatten, ſo begann ſie gleich ihre Erzäh⸗ lung. «Ja, liebe Ladies, Sie glauben wohl nicht, daß die arme Käthe erſt 19 Jahr und von guter Familie iſt? Ihr Vater war ein angeſehener Pachter in einem andern Theile der Grafſchaft. Ich erinnere mich noch, Käthe Robinſon vor anderthalb Jahren mit den andern Dorfmädchen auf Squire Bur⸗ tons Erntefeſt tanzen geſehen zu haben. Damals war ſie die Friſcheſte, Unſchuldigſte, Schönſte von allen— Der Stolz ihrer Eltern, die Freude aller Bekannten— und jetzt? Jetzt iſt ſie verſtoßen, vergeſſen, ge⸗ brochnen Herzens, und ihr wäre beſſer, ſie läge im Grabe.» Caroline und Roſamunde bezeigten ihr Mitleid, und wünſchten etwas für die arme Käthe thun zu können. «Ach meine lieben jungen Damen, ich — 320— fürchte, es kann ihr niemand mehr helfen.⸗ — Die alte Frau hielt hier inne, und ſchien auf weitere Fragen zu warten. Caroline ſchwieg und die Alte blickte unmuthig zur Erde. 6.48 &Wir mögen Euch nicht weiter ausfra⸗ gen,» ſagte Roſamunde, damit Ihr nichts zu antworten braucht, was der jungen Frau vielleicht unangenehm wäre.» aDas iſt ſehr edel gedacht, und ich wurde auch gewiß nichts geſagt haben, wenn es nicht zu ihrem Nutzen wäre. Aber ich kann ihr ſo wenig geben, und das Wenige iſt ſo grobe Nahrung, ſo ganz anders, als ſie es bei ihren Eltern gewohnt war, daß ich fürchten muß ſie hält es ſo nicht aus. Wenn ich ihr nur einen Geiſtlichen verſchaf⸗ fen könnte, damit ſie ihr Herz erleichterte, und wieder die Hoffnung faßte, daß Gott mehr Barmherzigkeit mit ihr hat, als ihre harte Eltern; und daß ſie den vergeſſen könnte — 321— der ſie verführte und verließ. Er hat viel zu verantworten; aber er denkt nicht daran, und ſorgt nicht für ſie und ihr Kind. Er iſt ein feiner Herr in London, fährt ſpazieren mit Oberſten und Lords, und tanzt mit La⸗ dies... Er war anfangs recht freigebig mit ſeinem Gelde und ſehr edelmüthig, auch noch einige Monate, nachdem er die Gegend verlaſſen hatte; aber jetzt muß er ſie ver⸗ muthlich ganz vergeſſen haben. Seit den letzten vier Monaten ſchickte er auch nicht eine Guinee für ſie und ihr Kind, nicht ein Mal ein Paar Zeilen, wonach ſie ſich noch mehr ſehnt. Wir glaubten, unſere Briefe wären mit der Poſt nicht ordentlich angekommen, dar⸗ um ſchickte ich ihm den letzten durch meinen En⸗ kel. Er traf auch den jungen Herrn, als er eben aus einem ſchönen Hauſe in London mit der Peitſche kam, und einen Wagen mit vier Pferden ſelbſt fahren wollte.... und er ſah den Brief an, ſteckte ihn in ſeine Taſche, I. 21 — 322— und rief dem Jungen zu— Lich kann jetzt nicht antworten, aber ich ſchreibe es mit der Poſt.* Das waren ſeine eigene Worte, und der Oberſt, der mit ihm war, lachte und wollte ihm den Brief wegreißen und rief: «zeige uns den Liebesbrief, Buckhurſt...» Gott vergebe mir! was habe ich gemacht!» rief die Alte, als ſie den plötzlichen Farben⸗ wechſel bei ihren Zuhörerinnen bemerkte.— Herr Buckhurſt Falkoner iſt ein Ver⸗ wandter von uns,» ſagte Roſamunde, Lund deshalb ſind wir beſtürzt.» «Wie konnte ich das nur denken,» un⸗ terbrach ſie die Alte. Ich bitte um Verzei⸗ hung, Käthe ſagt, er iſt nicht ſo grauſam, wie er ſcheint, und wenn er jetzt hier waͤre, würde er eben ſo freundlich und gut ſeyn, als vorher. Es iſt blos Vergeſſenheit und Unbeſonnenheit.... oder er konnte für den Augenblick kein Geld entbehren.» Wäͤhrend dieſer Unterhaltung waren ſie — 323— bis in die Nähe des Hauſes gekommen; ſie dankten, entließen ihre geſchwätzige, aber gut⸗ müthige Führerin, und drückten ihr etwas Geld für die arme Käthe in die Hand. Ca⸗ roline verſprach, weitere Nachforſchungen an⸗ zuſtellen, Roſamunde, alle mögliche mediciniſche, geiſtliche und pekuniäre Hülfe zu verſchaffen. Der Erfolg ihrer Nachfragen beſtätigte die Wahrheit von Dorotheens Erzählung, und brachte noch andere Umſtände ans Licht, welche Roſamunden ſo ſehr empörten, daß ihre Vorliebe für Buckhurſt ſich plötzlich in Ab⸗ ſcheu verwandelte. Sie ging jetzt zu Extre⸗ men über, ſagte ſich in den ſtärkſten Aus⸗ drücken der Verachtung von ihm los, und wünſchte, daß Carolinens letzter Brief noch nicht abgegangen ſey, damit ſie ihre abſchlä⸗ gige Antwort, nun nach dieſer Nachricht in den ſtrengſten und verächtlichſten Aus⸗ drücken, deren die engliſche Gprache. mächtig iſt, geben könne. 21* — 324— Caroline hielt Wort und trug Sorge, der armen jungen Frau in der Hütte Hülfe zu verſchaffen. Erſtlich warnte ſie die alte Do⸗ rothea vor weiterer Mittheilung, und ver⸗ bot ihr ſtreng, weder Namen noch Umſtände gegen irgend jemand zu erwähnen. Dann wandte ſie ſich an Dr. Leiceſter, den Pre⸗ diger ihres vorigen Kirchſpiels, einen ſanf⸗ ten, ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, welcher jede müßige Stunde gern bei ſeinen ehemaligen Pfarrkindern zubrachte. Auf Carolinens Bit⸗ ten beſuchte er die junge Frau, und beru⸗ higte ihr Gemüth durch Worte des Troſtes und des Friedens. Damit ſchien auch ihre Geſundheit zurückzukehren; doch dieß war blos vorübergehend, und Dr. Percy, deſ⸗ ſen ärztlichen Beiſtand Caroline aufgerufen hatte, gab wenig Hoffnung.— Alles was ſeine Hülfe und die ſorgſamſte Pflege ver⸗ mochte, wurde angewendet; aber demohnge⸗ achtet ſtarb ſie nach ſechs Wochen und wurde — 325— begraben, ohne daß Buckhurſt nach ihr ge⸗ fragt hätte. Wenige Tage nach ihrem Ende kam ein Brief von ihm, welcher uneröffnet von Dorothea zurückgeſchickt wurde, die ge⸗ rade ſo viel ſchreiben konnte, um folg ende Worte deutlich ins Couvert zu ſetzen: Mein Herr! Käthe Robinſon iſt ſeit vier Tagen todt — ihr Kind iſt noch bei mir, und befindet ſich wohl. Auf dem Todtenbette trug ſie mir auf, Ihnen, falls Sie nach ihr fragen ſollten, ihre Vergebung zu verſichern, und ſie wünſcht Ihnen noch viel Glück. Ihre unterthaͤnige Dienerin Dorothea White.* Dorothea bekam bald darauf eine Bank⸗ note von zehn Pfund für das Kind, und der Vater äußerte tiefen Schmerz über den Tod der Mutter.— Aber er kam zu ſpät. Vierzehntes Kapitel. Mehrere verſchiedenartige Beſuche brachten den Tod der armen Käthe bei der Percy'ſchen Familie bald in Vergeſſenheit. Nebſt eini⸗ gen Nachbarn und wahren Freunden kamen auch mehrere, die ihre Theilnahme nur durch Vorwürfe auszuſprechen wußten. Lady Jane Grenville gehörte zu beiden. Sie war eine aufrichtige, warme Freundin, aber auch eine quälende Rathgeberin. Als nahe Verwandte Percy's glaubte ſie bei dieſer Gelegenheit ihre Auſprüche geltend machen zu können, wozu ſie auch, die Wahr⸗ heit zu ſagen, mehr Recht hatte, als die An⸗ — 327— dern. Sie war von hoher Geburt und gro⸗ ßem Vermögen; hatte immer in den höhern Cirkeln gelebt, viel gereiſt und einen großen Theil der Welt geſehen. Sie beſaß eine vollkommne Kenntniß der conventionellen Re⸗ geln des geſellſchaftlichen Umgangs, und hatte ſich daraus ein Syſtem von Lebensklugheit und Erfahrung gebildet⸗ worauf ſie einen nicht geringen Werth ſetzte. In der That hatte ſie einen Tact erlangt, in ihren eige⸗ nen Angelegenheiten mit bewunderungswürdi⸗ ger Sicherheit den rechten Weg zu wählen, welcher gewiſſermaßen den entſcheidenden Ton rechrfertigte, womit ſie Andern Rath er⸗ theilte. Obgleich keineswegs von den Antworten erbaut, welche ſie von Herrn und Mrß. Percy auf verſchiedene ihrer weiſen Briefe bekom⸗ men hatte, hielt ſie es doch für ihre Pflicht, als Freundin und Verwandte dabei zu behar⸗ ren. Sie lud ſich ſelbſt nach den Hills ein, — 328— wohin ſie mit großen Schwierigkeiten, auf kaum fahrbaren Wegen gelangte. Die An⸗ ſtrengung der Reiſe hatte ſie körperlich und geiſtig ſo ſehr angegriffen, daß ſie den erſten Abend von nichts anderm, als von den kaum entgangenen Gefahren ſprechen konnte. Aber am andern Morgen, nach dem Fruͤhſtuck, fühlte ſie ſich ſtark genug, ihre Unterhaltung folgendermaßen zu beginnen: « Nun, lieber Herr Percy, da wir ein ruhiges Stündchen haben, muß ich Manches mit Ihnen beſprechen. Ich bin wirklich er⸗ ſtaunt, Sie mit Ihrer Klugheit in dieſen entlegenen Winkel begraben zu finden.— Wollen Sie mir erlauben, über dieſen Punkt freimüthig meine Meinung zu ſagen? So freimüthig, als es Ihnen gefällt, und worüber Sie wollen, wenn Sie nur ver⸗ ſprechen, ſich nicht beleidigt zu fühlen, falls unſere Meinungen nicht übereinſtimmen ſoll⸗ ten.* — 329— & Gewiß, gewiß; ich erwarte, oder wün⸗ ſche nie, daß ſich Andere meiner Meinung unterwerfen, obgleich.... ich Gelegenheit gehabt habe, etwas von der Welt zu ſehen .. Aber ich verſichere Sie, daß nur be⸗ ſondere Achtung mich vermögen kann, meinen Rath anzubieten. Ich weiß, daß Einmi⸗ ſchung in Familienangelegenheiten gewöhnlich mit Mangel an Höflichkeit anfängt, und mit Impertinenzen endigt; und deshalb habe ich dergleichen immer vermieden. Aber bei ei⸗ nem genauen Freund und nahen Verwandten, wie Sie, Herr Percy, kann ich wohl eine Ausnahme machen. Ich benutze den Augen⸗ blick, wo wir allein ſind, um Sie zu fragen, was Sie mit Ihren Töchtern anzufangen ge⸗ denken?⸗ «Was ich mit ihnen anzufangen gedenke! Verzeihen Sie, daß ich Ihre Worte wieder⸗ hole, aber dieſe Frage verſtehe ich nicht.— &Nun wohl, ſo bediene ich mich anderer 1 Worte, und frage: wie Sie über ſie zu dis⸗ poniren gedenken?y)„ Ich gedenke gar nicht über ſie zu dis⸗ poniren.* « So laſſen Sie ſich ſagen, mein lieber Freund,» rief Lady Jane mit prophetiſchem Tone,«daß Sie es ſehr bereuen werden.— Sie wiſſen, ich kenne die Welt; Sie müſſen Ihre Töchter darin einführen; Sie müſſen ihre Geburt, ihre Verbindungen möglichſt geltend machen, und ſie in eine Lage bringen, worin ſie ihre Vorzüge zeigen können. Sie müſſen Ihre eigenen Bekanntſchaften erwei⸗ tern, und für Ihre Töchter das zu erlangen. ſuchen, was ich die Gönnerſchaft der großen Welt nenne. ² Gönnerſchaftl» wiederholte Percy, ces ſcheint, daß ich dazu verdammt bin, von nichts anderm zu hören, wohin ich mich auch wende.— Was! Gönnerſchaft nicht nur für — 331— meine Söhne, ſondern nun gar für meine Töchter?„ & Ja,» ſagte Lady Jene,& und demoth müſſen Sie ſtreben, denn Ihre Töchter wer⸗ den ohne dieſelbe nie weiter kommen. Bei ihrem erſten Auftreten ſollten Sie...» Hier hielt ſie plötzlich inne, weil Roſamunde und Caroline zurückkamen.— O fahren Sie fort,» rief Percy,«wa⸗ rum ſollten meine Töchter nicht' des Vortheils Ihrer Lehren genießen?» «Wohl denn, ſo will ich Ihnen aufrich⸗ tig ſagen, daß es ein unläugbarer Vortheil iſt, wenn ſie bei ihrem erſten Auftreten die Gönnerſchaft der großen Welt haben. Man ſieht ſo manches häßliche Geſicht, ſo manches Gaͤnschen, ſo manches Mädchen, was auf der Welt weiter nichts, als ihren Putz hat, für liebenswürdig gelten, weil der Glanz der Mode ſie umſtrahlt. Und es gibt Menſchen, welche dieſen Glanz wo und auf wen es ih⸗ 8 — 332— nen gefällt, ſtrahlen laſſen können; eben ſo leicht,» ſagte Lady Jane mit dem Löffel ſpie⸗ lend, den ſie zufällig in der Hand hatte, geben ſo leicht, als ich den Sonnenſtrahl jetzt, bald auf Carolinen, bald auf Roſa⸗ munden fallen laſſe.»— Percy ließ Lady Jane ohne Unterbrechung ausſprechen, weil er wohl wußte, daß es das einzige Mittel war, zum baldigen Ende zu gelangen, «Um uns lebender Exempel zu bedie⸗ nen,» fuhr Ihre Herrlichkeit fort— Sie kennen Mrß. Paul Cotterel?— Nein.“— «Lady Peppercorn?»— Nein.“—„Auch nicht die Miß Bliſſets?“— Nein.“— « Das kömmt von dem Unglück, ſo fern von der Welt zu leben! Aber da ſind Falkoners, die kennen wir wenigſtens alle. Betrachten Sie nur Miß Falkoners!» Ach, wir haben auch nicht die Ehre, — — 333— Miß Falkoners zu kennen, ob ſie gleich un⸗ ſere Couſinen ſind,» ſagte Percy. Iſt es möglich, daß Sie Miß Falko⸗ ners nicht kennen?» Sehr möglich, ſie lebten immer in der Stadt, und wir ſahen ſie nicht ſeit ihrer Kindheit; außer einigen Beſuchen und Gegen⸗ beſuchen bald nach Mrß. Falkoners Verheira⸗ thung, wiſſen wir auch von ihr nichts mehr, obgleich wir mit dem Finanzrath bekannt ſind, der zuweilen in dieſe Gegend kömmt.“— Der Finanzrath iſt ein ſehr feiner Mann,» ſagte Lady Jane, aber nichts im Vergleich mit ſeiner Frau. Ich kann Ihnen verſichern, MRrf. Falkoner verdient, daß Sie ihre nähere Bekanntſchaft ſuchen; denn wenn nicht müt⸗ terliche Eiferſucht ſich ins Spiel mengt; ſo wüßte ich niemand, der Ihren Töchtern nütz⸗ licher ſeyn könnte, ſie in die Welt einzufüh⸗ ren. Sie hat viel Gewandtheit, und als Be⸗ weis mögen Ihnen Miß Falkoners dienen, — 334— die ohne Vermögen, und nicht mit ſolchen Anſprüchen, wie ſie Ihre Töchter machen kön⸗ nen, nicht mit halb ſo viel Witz und Ver⸗ ſtand wie Roſamunde— nicht zu vergleichen im Punkte der Schönheit und Liebenswürdig⸗ keit mit Carolinen in den erſten Cirkeln glän⸗ zen, überall beliebt und geſucht ſind.— Da können Sie ſehen, was die Mode vermag... Kommen Sie, wir müſſen uns Mrß. Falko⸗ ners Gönnerſchaft verſchaffen. Und das über⸗ laſſen Sie mir.... ich verſtehe es.» „ Daran zweifle ich gar nicht,» erwie⸗ derte Percy.«Alles was Sie geſagt haben, iſt ſehr vernünftig und unbeſtreitbar, ſo weit als„» O, ich vermuthete gleich, daß Sie ſo denken; ich wußte, daß wir einander verſte⸗ hen würden, ſo bald Sie mich aushörten.» — Iſt ſehr vernünftig und unbeſtreit⸗ bar, ſo weit als es die Mittel betrifft; aber vielleicht möchten wir bei den Endzwecken — 335— nicht übereinſtimmen; und wenn dieſe verſchie⸗ den ſind, ſo können Ihre Mittel, obgleich die beſten, um Ihre Abſichten zu erreichen, doch ganz unnütz oder unfähig zur Erlangung der Meinigen ſeyn.» «dẽm auf ein Mal ins Reine zu kommen; wir haben doch gewiß einerlei Zwecke. Denn mein Endzweck iſt es, Ihre Töchter glücklich verheirathet zu ſehen; nun ſagen Sie mir aufrichtig, ob es nicht auch der Ihrige iſt 2» &Aufrichtig geſprochen, ja, y erwiederten beide Eltern. « Das iſt Recht; ich wußte, daß wir hier zuſammentreffen mußten.» Aber,»y ſagte Mrß. Percy, Kerlauben Sie mir die Frage, was verſtehen Sie un⸗ ter glücklich verheirathet?» «Was ich darunter verſtehe? Gerade was Sie.... was eigentlich jeder Menſch darunter verſteht.— Für's Erſte, an einen Mann von einigem Vermögen perheirathet.» Und was verſtehen Ew. Herrlichkeit un⸗ ter einigem Vermögen? 2 &Was.... Sie haben eine wunderliche Art nicht zu verſtehen.— Wir Weltleute müſſen auch ſprechen, daß uns die Welt ver⸗ ſteht. Wir können nicht immer ein philoſo⸗ phiſches Wörterbuch aufſchlagen, um uns von einem Artikel auf den andern verweiſen zu laſſen; von Reichthum auf Wohlſtand, von Luxus auf Philoſophie, um das Buch endlich um nichts klüger zuzumachen, als wir es auf⸗ geſchlagen haben, was bei den meiſten Bü⸗ chern der Fall iſt.» Triumphirend über das Bewußtſeyn, bis jetzt allen Witz auf ihrer Seite gehabt zu haben, ſah ſich Lady Jane um, und fuhr dann fort: Obgleich ich mich nicht rühmen kann, alle meine Grundſatze aus Büchern ge⸗ ſchöpft zu haben; ſo weiß ich doch ſo viel, daß in der Ehe, mögen die Leute auch noch ſo viel Vernunft, Verdienſt und Liebe haben, — 337— auch irdiſche Güter dazu gehören, wenn ſie beſtehen ſoll.» Gewiß,» verſicherte Mrß. Percy,„und ich vermuthe, Sie ſchließen darin alle noth⸗ wendige Bedürfniſſe des Lebens ein.» « Und auch einige überflüſſige, wenn Sie es nicht übel nehmen; denn in unſern Tagen iſt das Ueberflüſſige zum Nothwendigen ge⸗ worden.»„ Ein moderner Wagen mit vier Pferden, zum Beiſpiel?» ſagte Mrß. Percy. 0 nein, meine Liebe; eine Equipage mit Vieren können Sie für Ihre Töchter, die kein Vermögen haben, nicht verlangen.» Ich verlange es ſo wenig, als ich es ihnen wünſche,» erwiederte Mrß. Percy lä⸗ chelnd,«und ich glaube, meine Töchter den⸗ ken eben ſo.— Aber, wenn ſich Ihnen dergleichen an⸗ böte, ſo ſetze ich voraus, Sie wünſchen nicht, daß Roſamunde oder Caroline es ausſchlüge.» I. 2 — 338— Es kömmt darauf an, wer es ihnen anbietet; aber wie meine Wünſche auch be⸗ ſchaffen ſind, ich glaube, ich könnte meinen Töchtern gänzliche Freiheit laſſen, ſelbſt zu wählen.» So lange Sie ſie hier eingeſperrt hal⸗ ten, allerdings.— Es iſt eben ſo gut, als wenn Sie ihnen in Arabiens Wüſten ihre Freiheit ließen. Sie erwarten doch nicht, daß Ritter und Knappen hierher kommen ſol⸗ len, ihre Fräulein aufzuſuchen?» „Sie wollen alſo, daß die Fräulein ei⸗ nen Ausfall machen ſollen, um die Ritter und Knappen aufzuſuchen?“ fragte Mrß. Percy. 8 « Mögen ſie aufſuchen wen ſie wollen,» entgegnete Lady Jane lachend, aniemand hat ein Recht darnach zu fragen. Wir leben nicht mehr in den alten Ritterzeiten, wo die jungen Damen an ihrem Weberſtuhle ſitzen — 339— mußten, oder nicht weiter gehen durften, als an das Fenſter ihrer Burg.* 4 « Die jungen Damen müſſen jetzt viel weiter gehen,» ſagte Percy, gehe der un⸗ höfliche Ritter ſie würdigt, einige Notiz von ihnen zu nehmen. »Ach, es iſt in der That abſcheulich!» ſagte Lady Jane ſeufzend; sich muß geſtehen⸗ es iſt ganz abſcheulich,» wiederholte ſie zor⸗ nig. Wiſſen Sie, daß die Damen vorigen Winter in Bath die Herrn zum Tanze auf⸗ ſordern mußten?* Mußten? fragte Percy. & Ja, ſie mußten, oder ſie hätten den ganzen Abend da geſeſſen, wie ſo manches andere Gänschen.)— Eine ſchreckliche AlternatiDe, rief Percy; a und, was das Schlimmſte iſt, ich befürchte, daß die Gefährten für's Leben auf keine leich⸗ tere Art zu bekommen ſind; ſo bin ich we⸗ nigſtens durch eine unſerer vortrefflichen, mo⸗ 22* — 340— dernen Mutter, Mrß. Chatterton, belehrt worden, welche ſeit ſechs Jahren ihre drei einfältigen Grazien von einem Badeorte zum andern, nach Männern fiſchend und jagend, herumführt. Ich habe Mrß. Chatterton in einer großen Geſellſchaft ſelbſt ſagen hören: *⁴ Ja, was habe ich nun gewonnen, daß ich meine Mädchen nach Bath, London, Tau⸗ bridge, Weymouth und Cheltenham brachte!— Ich kann nichts mehr für ſie thun.»»— . Dieß in einem Geſellſchaftsſaal zu ſagen, iſt ſchrecklich,» rief Lady Jane.«Da⸗ für iſt Mrß. Chatterton auch eine anerkannte Närrin, und was noch ſchlimmer iſt, ohne Weltton. Wie ſollte ſie auch? Aber ich ſchmeichle mir, die Sachen beſſer einzurich⸗ ten, wenn Sie mir Ihre Tochter Caroline anvertrauen wollten. Laſſen Sie ſich meinen Plan mittheilen. Ich gedenke Carolinen, vor ihrem Londner Feldzug, gleich mit mir nach Taubridge zu nehmen. Ich kenne keinen — 341= größern Mißgriff, als eine junge Dame, bis zum Augenblick, wo ſie in die große Welt eingeführt wird, einzuſperren. Es iſt von nicht zu berechnendem Vortheile, wenn ſie vor ihrem Auftreten von gewiſſen Tonange⸗ bern geſehen wird. Eine Art vorläufiges Ge⸗ rucht von ihren Familienverhältniſſen und Vorzügen muß zur Ausbreitung Zeit haben.» Alles dieſes gaben Herr und Mrß. Perey ſo unbedingt zu, als es Lady Jane nur wün⸗ ſchen konnte; meinten aber doch, daß das vortheilhafte Eintreten in die Welt nicht der rechte Weg zum Glück ſey. Nicht augenblick⸗ liches Gefallen, ſondern gegenſeitige Kennt⸗ niß des Charakters ſtifte glückliche Ehen. «Vortrefflich,» ſagte Lady Jane.&Sie gedenken alſo Ihre Töchter auf dem Lande zu vergraben?» Keineswegs. Im Gegentheil werden wir keine Gelegenheit verſäumen, die ſich mit unſern gegenwärtigen Verhältniſſen ver⸗ 32= traͤgt 1. in nſeindizs Geſellſchaft zu brin⸗ gen.* n Und dieſe anſtändige Geſellſchaft wächſt hier wohl aus der Erde? Wen erwarten Sie in dieſer Einöde zu ſehen?» eIn dieſem Augenblick ſehen wir Ew. Herrlichkeit,» erwiederte Percy, Aund daher werden Sie ſich nicht wundern, wenn wir ſtolz genug ſind, zu hoffen, ſelbſt hier zu⸗ weilen gute Geſellſchaft, ja ſogar einflußreiche Damen aus der großen Welt zu ſehen.» In der That, eine ſehr galante Wen⸗ dung, Herr Percy. Aber ich kann den Ge⸗ danken nicht ertragen, daß Ihre ſüße kleine Caroline hier ungeſehen errüthen ſollte.» „ Und uns iſt der Gedanke zuwider, daß ſie aufhören könnte, zu erröthen, weil ſie zu viel geſehen wurde. Denken Sie doch nur an das Schickſal derer, die gleichſam ausgerüſtet, und auf den Londner Markt nach Männern geſchickt werden. Glänzendes — 343— Elend iſt in den meiſten Fällen das Loos der Wenigen, die ihren Zweck erreichen; während die Uebrigen ſich nach kurzer Zeit unfehlbar vergeſſen und verachtet ſehen. Da⸗ gegen hier, im Schooße ihrer Familie, kön⸗ nen meine Töchter auf keinen Fall in ihren Hoffnungen betrogen werden, und bleiben, verheirathet oder unverheirathet, in der Ju⸗ gend wie im Alter geehrt, und ihrer Freunde, und der glücklichen Heimath gewiß.» «Glücklicher Unſinn! Mit Ihrer Erlaub⸗ niß, lieber Vetter! Soll ich Ihnen das Ende dieſes Lebens im Schooße der Familie ſagen? Alte Jungfern werden ſie. Ich bitte Sie um Gotteswillen, liebe Mrß. Percy! laſſen Sie Ihren Gemahl für ſich ſelbſt, aber nur nicht für Ihre Töchter philoſophiren. Denn Sie können doch unmöglich wünſchen, Ihre Töchter als alte Jungfern zu ſehen? v ſagte Lady Jane, mit furchterlicher Beto⸗ nung des Worts. — 344— *Nein,» erwiederte Mrß. Percey, es iſt der heißeſte Wunſch meines Herzens, meine Töchter ſo glücklich verheirathet zu ſe⸗ hen, als ich es bin; an Männer ihrer eige⸗ nen Wahl, die ſie achten und lieben können. Aber lieber ſähe ich ſie auch im Grabe, als unwürdigen Männern hingegeben, blos um einer Verſorgung wegen, oder um der ein⸗ gebildeten, ungerechten Lächerlichkeit des al⸗ ten Jungfernſtandes zu entgehen.*. Die Wärme und Kraft, womit Mrß. Percy, eine ſonſt ſo ſanfte Frau, dieſe Worte ausſprach, ſetzten Lady Jane in ein ſolches Erſtaunen, daß ſie ſchwieg; ihre Ideen ſtan⸗ den plötzlich ſtill, und ihre Weisheit war zu Ende. Percy ſchlug einen Spaziergang vor. Ihre Herrlichkeit brach zwar das Geſpräch ab, wunderte ſich aber im Stillen über die ro⸗ mantiſchen Ideen des ſonderbaren Ehepaars⸗ und nahm ſich vor, Carolinen, trotz aller 345— weiſen Einwürfe, dennoch mit nach London und Taubridge zu nehmen. Abends beim Thee erneuerte ſie ihren Angriff und rief endlich Carolinen auf, ih⸗ rem halsſtarrigen Vater zu Füßen zu fallen, um ihn für ihren Plan zu gewinnen. Ich muß Carolinen mit mir nach Taubridge neh⸗ men,» ſagte ſie.&Ueberlaſſen Sie ſie mir einen Sommer und einen Winter, und ich ſtehe für ihren glücklichen Erfolg.» Was meinen Ew. Herrlichkeit mit mei⸗ nem glücklichen Erfolg?» fragte Caroline. Ei Kind... treiben Sie nicht auch Ihres Vaters philoſophiſches Spiel mit mir. Wir Weltmenſchen ſind nicht auf ſolche ver⸗ fängliche Fragen der Büchermenſchen vorbe⸗ reitet. Wenn ich aber nicht befürchten mußte, Ihre zarten Ohren zu beleidigen, ſo wollte ich Ihnen mit duürren engliſchen Worten ſa⸗ gen, daß Sie Clauter ſprechend) ziemlich be⸗ wundert, ziemlich geſucht und— erſchrecken — 346— Sie nicht.... ziemlich gut verheirathet werden ſollen.* re epe Ziemlich gut verheirathet!» wiederholte Mrß. Percy im verächtlichen Tone; Caber weder ich noch Caroline würden zufrieden ſeyn, wenn ſie nicht ſehr gut verheirathet wäre. à. Wunder!“ rief Lady Jane, smit ghiloſophiſchen Damen weiß ich mich nicht zu benehmen. Heute Morgen war Ihnen ein Wagen mit Vieren für Ihre Töchter zu viel, und jetzt iſt er Ihnen kaum gut genug. In der That, für Ihre Verhältniſſe fordern Sie Rein wenig viel. Unter ziemlich gut verhei⸗ rathet verſteht man, wie Sie wiſſen 2,000 Pfund jährlich, und unter ſehr gut verhei⸗ rathet wenigſtens 10,000 Pfund.» ſt das die Sprache des Markts? Mir war der wahre Werth von ſehr gut verhei⸗ rathet noch nicht bekannt, und Carolinen ge⸗ wiß auch nicht. Ich muß Ihnen geſtehen, =— 347— daß ich etwas mehr als 46,00d Jägaud Hähe⸗ liche Einkuͤnfte verlange.» « Noch mehr! O Sie begehrliche Frau! Wie viel denn» fragte Lady Jane. Unendlich viel mehr,» erwiederte Mrß. Percy.„Ich verlange einen Mann von vie⸗ lem Verſtand, edlen Charakter und treuem Herzen⸗ der meine Lochter zu ſchätzen und zu lieben verſteht.» «Laſſen Sie ſich rathen,» ſagte Lady Jane feierlich, Kund erfüllen Sie Carolinens Phantaſie nicht mit ſolchen romantiſchen Be⸗ griffen. Das iſt gewiß nicht der rechte Weg. Meinen Sie wirklich, daß ein Engel aus den Wolken für Ihre Töchter herabſteigen werde? Moͤgen ſie es machen wie andere Leute, und zufallig auf Männer ſtoßen, die ſte ſo glücklich machen.... ſo glucklich wie ihre Nachbarn.— Doch laſſen wir dieß jetzt, und kommen auf den Hauptpunkt zurück. Darf ich auf Carolinens Geſellſchaft nächſte — 348— Woche in Taubridge, und naͤchſten Winter in Londoͤn Anſpruch machane n oder micht? Das iſt die Frage„— S «Und dieſe Frage bitte ch an Carolinen zu richten,» ſagte Percy, ada wir wünſchen, daß ſie für ſich Felat entſcheide.» Nun dann, liebe Caroline, ſo laſſen Sie uns die Sache ſogleich bei der Abend⸗ toilette abmachen.„ Du kannſt gehen, Keppel,„ Mnae Lady Jane, in ihrem Zimmer angelangt, zu ih⸗ rem Mädchen.»Ich will klingeln, wenn ich Dich brauche.— Nachdem ſie nun Caroli⸗ nen weitläuftig alle Vortheile auseinanderge⸗ ſetzt, und ihrer Meinung nach, alle Ein⸗ würfe auf's Kräftigſte widerlegt hatte, fuhr ſte fort:„Montag alſo, liebes Kind, wer⸗ den wir reiſen, da Ihr Vater Ihnen die Ent⸗ ſcheidung überläßt.⸗ Wer beſchreibt Lady Jane's Erſtaunen, — 349 als Caroline mit höflichem Dank ihre Einla⸗ dung ablehnte. Ihre Herrlichkeit ſtand ſprachlos vor Zorn. Endlich fuhr ſie auf:„Das kann Ihr eige⸗ ner Beſchluß nicht ſeyn.* „Verzeihen Sie, Lady Jane, es i ganz mein eigener; auch erlaubt mir mein Gefühl nicht, das elterliche Haus in unſern jetzigen Umſtänden zu verlaſſen. Weder im Glück noch im Unglück könnte ich jemals wünſchen, mich von meiner Familie zu trennen, alſo jetzt gewiß nicht.» 8& Hochfliegende Begriffe!— Ich ſehe doch nicht, daß Ihre Familie ſich jetzt in Noth befindet; freilich eine andere Lebensart. Aber Sie wiſſen, eine Tochter mehr, ver⸗ größert nur die.... die Schwierigkeiten.» «Ich glaube nicht, daß meine Eltern ſo denken,» ſagte Caroline, z und bis ſie es thun, bleibe ich bei ihnen und theile ihr Schickſal.* — 350— Nun, ſo habe ich das Meinige gethan— wie es Ihnen beliebt. Miß Caroline Percy hat für ſich ſelbſt zu entſcheiden. Iſt dieß Ihr letzter, feſter Entſchluß? ⸗ Ja, erwiederte Caroline, zaber,y ſetzte ſie, Lady Jane's Hand ergreifend, mit dem weichſten Ton der Dankbarkeit hinzu, um den aufſteigenden Unwillen zu beſänftigen, glauben Sie, daß ich Ihre Güte erkenne, und ſie gewiß nie vergeſſen werde.» Lady Jane zog ihre Hand ſtolz zuruͤck. «Glauben Sie, Miß Caroline Percy, daß es nur wenige, ſelbſt unter meiner nächſten Verwandtſchaft nur wenige junge Mädchen giebt, bei denen ich es unternommen hätte, Mutterſtelle zu vertreten. Ich weiß in 8 England kein anderes Mädchen, der ich einen Antrag, wie jetzt Ihnen, gemacht 5 ben würde. Auch wäre es ſicher nie geſche⸗ hen, wenn ich vernünftiger Weiſe die Mög⸗ lichkeit einer abſchlägigen Antwort hätte er⸗ — 351— warten können.— Laſſen Sie uns hierüber kein Wort mehr verlieren. Wir verſtehen einander jetzt, und ſo wünſche ich Ihnen eine gute Nacht.» Caroline entfernte ſich inngſt betrübt,« eine Frau beleidigt zu haben, welche einen ſo freundſchaftlichen Eifer füͤr ſie gezeigt hatte, doch nicht im Geringſten geneigt, ihren Ent⸗ ſchluß zu ändern. Den andern Tag weiſſagte Lady Jane's Morgengeſicht nichts Gutes. Vergebens be⸗ mühten ſich Percy's, durch die zarteſten Auf⸗ merkſamkeiten ihre Empfindlichkeit zu beſänf⸗ tigen; aber nichts vermochte die gute Laune wieder herzuſtellen, womit ſie das Kapitel vom guten Rath angefangen hatte. Sie ver⸗ ete bald, daß eben erhaltene Briefe ihre Abreiſe nach Taubridge beſchleunigten, und ſo verließ ſie die Hills mit dem feſten Vor⸗ ſatz, ſolche Verwandte, die keinen Rath an⸗ nähmen, nie wieder zu beſuchen. Der nächſte Beſuch, den Percy's in ih⸗ rer Einſamkeit erhielten, war von Mrß. Hungerford und ihrer Tochter, Mrß. Mor⸗ timer; Freunde und nahe Nachbarn von Percy⸗Hall, deren Umgang ſie hauptſächlich in ihrer jetzigen Lage vermißt hatten. Die Entfernung von Hungerford⸗ Caſtle war ſo groß, daß ſie wenig Hoffnung hatten, mit deſſen Bewohnern in Verbindung zu bleiben, beſonders da Mrß. Hungerford ſchon in den Jahren war, wo alle ihre auswärtigen Be⸗ ſuche ſich auf eine jährliche Reiſe nach Lon⸗ don zu ihrer Tochter Mortimer beſchränkten. Sie erſtaunen, mich hier zu ſehen,» rief ſie Percy'n zu, als er ihr aus dem Wa⸗ gen half. Sie glaubten mich wohl zu alt oder zu bequem, um hierher zu dnhe— Aber es macht mich glücklich, Ihnen da Ge⸗ gentheil beweiſen zu können. Sehen Sie, was Vernunftgründe ausrichten. Sie wiſſen, Herr Percy ſagt immer: der Menſch kann, — 353— was er will, und gewiß, mein Wille war, Sie aufzuſuchen, und wenn Sie ſich an's Ende der Welten zurückgezogen hätten. 2 Solche Worte von einer gewöhnlichen Frau geſprochen, hätten blos von großer Höf⸗ lichkeit gezeugt; aber hier kamen ſie vom Herzen; denn Mrß. Hungerford war eine aufrichtige Freundin, und keine gewöhnliche Frau. Wer ſie nicht genauer kannte, hielt ſte für ſtolz; und wer ſie genauer kannte, mußte geſtehen, daß ſie Urſache hatte, ſtolz zu ſeyn. Sie ſtammte von edler Familie, hatte ein würdevolles Aeußeros, feine Sit⸗ ten, einen gebildeten Verſtand und feſten Charakter. Ihr Vermögen, ihre Verbindun⸗ gen, mancherlei Kenntniſſe und außerordent⸗ liche Verdienſte hatten ihr wahrend eines lan⸗ gen Lebens Gelegenheit gegeben, mit den ausgezeichnetſten, berühmteſten Perſonen in und außer England bekannt zu werden. Wer in irgend einem Fache ſich auszuzeichnen und I. 23 — 354— zu heben ſtrebte, bewarb ſich um ihre Be⸗ kanntſchaft. Und nicht leicht kam ein bedeu⸗ tender Reiſender oder Gelehrter nach Eng⸗ land, ohne ſich mit Empfehlungsſchreiben an ſte und ihre Tochter zu verſehen. Dieſe war an den Admiral Mortimer ver⸗ heirathet. Sie verlebte fruͤher einige Jahre im Auslande, und erlangte die Lebendigkeit, Leichtigkeit, den Takt und esprit de societê einer Franzöſin, ohne die Gründlichkeit der Kenntniſſe, die liebenswürdigen Eigenſchaften, den häuslichen Sinn, und die Tugenden ei⸗ ner Engländerin zu verlieren. Mutter und Tochter liebten ſich mit einer rührenden Zärt⸗ lichkeit. Sie machten in der Stadt wie auf dem Lande eines der angenehmſten Häuſer. Bei Mrß. Mortimer in London fand man die beſte Geſellſchaft im wahren Sinne des Worts. Ein Paar Monate des Sommers brachte Mrß. Moͤrtimer gewöhnlich bei ihrer Mutter — 355— in Hungerford⸗Caſtle zu, und nahm dann ei⸗ nige Freunde aus der Stadt mit ſich, an deren Geſellſchaft ihre Mutter vorzügliches Gefallen fand. Mrß. Hungerford pflegte alsdann auch wohl die Percy'ſche Familie ein⸗ zuladen, und ſo hatten die juͤngern Glieder derſelben, ſelbſt auf dem Lande Gelegenheit, früh manchen ausgezeichneten Mann kennen zu lernen, und in der beſten Geſellſchaft zu leben. Dieſen Vortheil verdankten ſie einzig ihrer vorzüglichen Erziehung. Denn die bloße Nachbarſchaft, und der Umſtand, daß ſie ſo und ſo viel Tauſende jährlich verzehr⸗ ten, vermochten nichts bei Mrß. Hungerford. Sir Robert Percy, den ſie ganz unbeachtet ließ, konnte als Beweis davon dienen; und ihr erſter Beſuch nach ihrer Zurückkunft aus der Stadt, und nach vielen Jahren, war zu ihren Freunden Percy's, nachdem ſie ihr Ein⸗ kommen verloren hatten. Solche Eigenſchaften mußten ſie den Be⸗ 23* = 350— wohnern der Hills doppelt werth machen. Mrß. Hungerford lud ſie dringend zu einem längern Beſuche bei ſich ein, und fügte hinzu: s daß ſie ſich dieſes Vergnügen verſagt habe, bis ihre Tochter bei ihr geweſen und mitge⸗ kommen ſey, um Perey's überreden zu hel⸗ fen. Und Ihr, meine lieben jungen Freunde, Ihr werdet außer den Alten auch junge Ge⸗ ſellſchaft bei mir finden. Meine Nichten, Lady Pembrokes beſuchen mich, und Lady Angelika Headingham, die Euch unterhalten vielleicht auch zuweilen etwas ermüden wird; denn ſie arbeitet mitunter gar zu angeſtrengt aux galères du bel esprit. Ich geſtehe⸗ ſie hat etwas zu viel Affektation; aber wir wollen dieſe Schwäche mit chriſtlicher Liebe überſehen. Kommt nur, Ihr lieben Mäd⸗ chen, und bewundert ſie als unnachahmliche Schauſpielerin.— Für Sie, Herr Percy⸗ habe ich drei Magnete, einen Gelehrten, ei⸗ nen Dichter und einen Philoſophen. Und,⸗» — 352— fuhr ſie, zu Mrß. Percy gewendet, fort, « den Beſchluß meiner Rede mache ich mit einer Appellation an das mütterliche Herz. So hören Sie denn, daß mein Sohn, mein Erſtgeborner, mein Oberſt von dem Conti⸗ nente zuruͤckgekehrt iſt, vorige Nacht landete und in wenigen Tagen bei mir erwartet wird. Sie müſſen kommen und mir etwas Ange⸗ nehmes ſagen über ſeine vortheilhafte Verän⸗ derung, über ſein vorzüglich gutes Verhalten im Dienſte, und vor allen Dingen erwarte ich von Ihnen die Verſicherung, daß Sie nächſt Ihrem Gottfried meinen Guſtav vor allen andern Offizieren für den würdigſten erklären, dereinſt unſer Feldmarſchall zu werden.» Eine ſo liebevolle Einladung konnte nicht abgeſchlagen werden. S— — —— 1 In demſelben Verlage erſchienen fol⸗ gende intereſſante Werke, und ſind dieſelben durch alle gute Buchhand⸗ lungen zu beziehen: Erzählungen von Johanna Scho⸗ penhauer. 5r und ér Theil. 3. Auf Druckpap. Rthlr. 2. 20 ggr. od. fl. 4. 48 kr. Auf Velinpap. Rthlr. 3. 16 ggr. pd. fl. 6. 2u kr. Der Name der geſchaͤtzten Verfaſſerin reicht hin, der Fortſetzung ihrer Erzaͤhlungen diejenige Theil⸗ nahme zu ſichern, welche die fruͤhern Theile in ſo hohem Grade angeſprochen haben. Die bis jetzt er⸗ ſchienenen 6 Theile enthalten folgende Erzaͤhlungen: Fruͤhlingsliebe— Der Guͤnſtling— Haß und Liebe — Die Reiſe nach Flandern— Sommerliebe— Leontine und Natalia— Claire— Der Schnee— Die erſte Liebe— Anton Solario— Die Freunde. — Der tſte— 4te Band koſtet auf Velinpapier Rthlr. 7. 8 ggr. od. fl. 12. 48 kr., und auf Druck⸗ papier Rthlr. 5. 16 ggr. od. fl. 9. 36 kr. Erzählungen von L. Starkloff. 8. Rthlr. 1. 16 ggr. od. fl. 2. a8 kr. Ein reicher Humor, Kenntniß des menſchlichen Herzens und lebendige, fortreißende Darſtellungs⸗ gabe ſind allgemein anerkannte Vorzuüge des geſchäͤtz⸗ ten Hrn. Verfaſſers; unſere Erzaͤhlungen gehoͤren uͤberdies noch zu dem Vorzuͤglichſten, was, nach dem Uitheil von Kennern, aus ſelner Federl gefloͤſ⸗ ſen iſt. Cnu e an n 6ung Aur,Tchu Aung üh. 2-141910 Neue Kriegs⸗ und Reiſefahrten,⸗ oder Romantiſche Kriegs⸗ und Lebens⸗ abentheuer. Herausgegeben von Ch. A. nFiſcher. 8. Erſter Theil Rthlr. 1. 18. ggr. od. fl. 3.— Zweiter Theil „Rthlr. 1. 18 ggr. od. fl. 3. Dem allgemein geſchaͤtzten Verfaſſer ſteht ein Schatz litergriſcher Quellen des Auslandes zu Ge⸗ bote, welche er auf ſeine bekannte anmuthige Weiſe verarbeitet und zum Eigenthum unſerer Literatur macht. Wenn ſeine fruͤheren Kriegs⸗ und Reiſe⸗ fahrten ſich durch Eleganz, Waͤrme und Wahrheit der Darſtellung auszeichneten, ſo verbindet dieſe neue Sammlung mit der Leichtigkeit und dem Glanz der Diction und der Treue der Ausfuͤhrung noch das Anziehende, daß ſie Stoffe behandelt, die, allgemein menſchlich und hiſtoriſch betrachtet, von dem hoͤch⸗ ſten Intereſſe ſind.. u 6 Stimmen des Lebens. Drei Erzäh⸗ lungen von Georg Döring. 8. Rthl. 1, 16, ggr. od. fl. 2. 48 kr. 1 Die anziehende, geiſt⸗ und gemuͤthreiche Weiſe des Hrn. Verfaſſers iſt der deutſchen Leſewelt zu bekannt, als daß wir ſie auf dieſe lieblichen Erzaͤh⸗ lungen erſt aufmerkſam zu machen brauchten. —