——— — eAe Ke Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —, ⁰————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 81 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V —,— —“ ——y— ———————. ————— ³ Erzaͤhlungen aus dem Iugen dleben; nach Maria Edgeworth uͤberſetzt von 1 Rudolf und Luiſe Engel, un d herausgegeben von Ernſt Hold. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 18 27. Vorwort. Jch habe Euch, meine jungen Freunde, ſeit einer Reihe von Jahren nichts aus dem häuslichen Kreiſe mitgetheilt, in wel⸗ chen ich Euch ſo oft einfuͤhrte, und wo Ihr, wie ich zu meiner Freude erfahre, gern verweilt habt. Der juͤngere Theil der Familie Engel, welcher bei Euch noch in freundlichem Andenken ſtehen wird, iſt waͤhrend der Zeit herangewachſen, und, wie es ihre Beſtimmung gewollt hat, getrennt worden. Bei einer zufaͤlligen Wiedervereini⸗ gung einiger Glieder fragte man ſich, wie man die langen Winterabende zubringen wollte. Nach manchen Berathungen kam man auf den Gedanken, einander einige Verſuche in ſchriftlichen Arbeiten vorzuleſen, womit ſich die Geſchwiſter fruͤher waͤhrend ihres Aufenthaltes auf dem Lande die Zeit vertrieben hatten. Da wurden denn man⸗ che Zeugniſſe des Fleißes aus den Pulten hervorgeholt. Rudolf und Luiſe erinnerten ſich, unter andern auch einige Erzaͤhlungen der wackeren Englaͤnderinn Maria Edge⸗ worth uͤberſetzt zu haben, und ſie eilten⸗ ihren Geſchwiſtern die Geſchichten mitzu— theilen. Der Beifall des kleinen Kreiſes munterte ſie auf, noch mehre zu uͤberſetzen, und es entſtand zugleich die Frage, ob die Erzaͤhlungen ſich nicht einer eben ſo guten Aufnahme bei der deutſchen Jugend erfreuen wuͤrden, als ſie in England gefunden haͤt⸗ ten. So entſchloſſen ſich die beiden Ge⸗ ſchwiſter, dieſes Baͤndchen in die Welt zu ſchicken. Wenn ſie in ihrem laͤndlichen Auf⸗ enthalte neue Muße finden, und die jun⸗ gen Leſer dieſe Gabe freundlich aufnehmen⸗ ſo koͤnnte wohl noch eine andre Sammlung folgen. Ern ſt Hold. 4 I. Die Waiſen. II. Vergeben und Vergeſſen. I1II. Verſchwende nicht, entbehre nicht. IV. Die weiße Taube. V. Die Korbfiechterinn. Waifen. Nahe bei den Truͤmmern des Schloſſes Roſſmore in Irland ſteht eine kleine Huͤtte, worin einſt eine Witwe mit ihren vier Kindern lebte. So 3 lange ſie arbeiten konnte, war ſie fleißig, und als die beßte Spinnerinn im Kirchſpiele bekannt; aber endlich zog eine uͤbermaͤßige Anſtrengung ihr eine ſo ſchwere Krankheit zu, daß ſie nicht mehr, wie zu⸗ vor, bei ihrem Naͤdchen ſitzen konnte, und es ih⸗ per aͤlteſten Tochter, Marie, uͤbergeben mußte. Marie war zu dieſer Zeit gegen zwoͤlf Jahre alt. Eines Abends ſaß ſie ſpinnend am Fuße des Bettes, worin ihre Mutter lag, und ihr kleiner Bruder und ihre Schweſtern hatten ſich um das Feuer gelagert, und verzehrten ihr Abendbrod, das aus Kartoffeln und Milch beſtand. Gott ſegne die armen, kleinen Geſchoͤpfe! ſprach die Witwe. Sie wußte, daß das Bett, worauf ſie lag, ihr Sterbebett werden mußte, und dachte an das Schickſal ihrer Kinder, wenn ſie dahingeſchieden waͤre. Marie hielt ihr Naͤdchen an, denn ſie fuͤrchtete, das Geraͤuſch deſſelben haͤtte ihre Mutter geweckt, und wuͤrde ſie nicht wieder einſchlafen laſſen. Halte das Naͤdchen meinetwegen nicht auf, liebe Marie, ſagte ihre Mutter: ich ſchlief nicht, und es iſt nicht dieß, was mich vom Schlafe abhaͤlt. Aber greife Dich nicht zu ſehr an, Marie. O dafuͤr ſorget nicht, erwiderte Marie, ich bin geſund und ſtark. Das war ich einſt auch, fuhr die Mutter fort. Und das werdet Ihr hoffentlich wieder wer⸗ den, verſetzte Marie, wenn das ſchoͤne Wetter wieder kommt. Das ſchoͤne Wetter kommt fuͤr mich nicht wieder, ſprach die Mutter: es waͤre Thorheit, Marie, wenn ich noch hoffen wollte— aber das hoffe ich, daß Ihr Freunde und Hilfe finden werdet, Ihr armen Waiſen! Denn das werdet Ihr alle bald ſein. Und eins troͤſtet noch mein ¹ — 8 Herz, waͤhrend ich hier liege: daß keine Seele in der weiten Welt, die ich jetzt verlaſſe, uͤber mich klagen kann. Zwar arm, habe ich doch redlich gelebt, und Dich, Marie, auch dazu erzogen⸗ und Deine kleinen Geſchwiſter werden Dich zum Beiſpiel nehmen: denn Du wirſt gut gegen ſie ſein— ſo gut als Du kannſt. Hier kamen die Kinder, die ihr Abendbrod verzehrt hatten, um das Bett, und horchten, was ihre Mutter ſprach. Sie hatte ſich durch das Sprechen erſchoͤpft, und war aͤußerſt ſchwach; aber ſie ergriff die Haͤndchen der Kinder, die auf ihrem Bette lagen, und ſie alle ineinander legend, ſprach ſie:„ Gott ſegne Euch, meine Theuren — Gott ſegne Euch— liebt und helft Euch ein⸗ ander, ſo gut ihr koͤnnt— gute Nacht— Gott mit Euch! Marie entfernte die Kinder von dem Bette, da ſie ſah, daß ihre Mutter zu ſchwach war, um mehr ſagen zu koͤnnen; aber ſie wußte nicht, wie ſehr krank ſie war. Ihre Mutter vermochte nachher nicht mehr im Zuſammenhange zu ſprechen, ſon⸗ — 12— dern redete nur noch verworren von einigen Schulden, und vorzuͤglich von einer, die eine Schullehrerinn fuͤr Marien's Unterricht zu fordern hatte; und dann bat ſie Marie, hinzugehen und ſie zu bezahlen, weil es ihr nicht moͤglich waͤre, mit dieſen Schulden von der Erde zu ſcheiden. Zu Ende der Woche war ſie geſtorben und beer⸗ digt, und die Waiſen befanden ſich allein in ihrer Huͤtte.. Die zwei jzuͤngſten Maͤdchen, Gretchen und Hannchen, waren ſechs und ſieben Jahre alt; Ed⸗ mund hatte noch nicht das neunte erreicht, aber er war ein ſtaͤmmiger, geſunder Burſche und mun⸗ ter bei der Arbeit. Er hatte gewoͤhnlich Torf aus dem Moore auf ſeinem Ruͤcken geholt, Karren gefahren, und fuͤr angeſehene Familien Boten⸗ gaͤnge gemacht, wofuͤr er einen halben 83 einen ganzen Schilling erhielt, je nachdem der Ort naͤher oder entfernter war. Edmund ſagte ſelbſt, daß er durch eines oder das andere dieſer kleinen Geſchaͤfte im Stande ſein wuͤrde, ſein Brod zu verdienen, und ſprach ſeiner Schweſter Marie 2 Muth ein; denn mit jedem Jahre wuͤrde er ſtaͤr⸗ ker werden, um immer mehr und mehr zu thun, und nie wuͤrde er die Worte ſeiner Mutter ver⸗ geſſen, als ſie ihnen ihren letzten Segen gegeben und ihre Haͤnde in einander gelegt haͤtte. Gretchen und Hannchen konnten nur wenig arbeiten, aber es waren gute Kinder⸗ Marie ſah wohl ein, wie viel von ihr abhing, und war ent⸗ ſchloſſen, ſich nach Kraͤften anzuſtrengen. Ihre erſte Sorge war, die Schulden zu bezahlen, welche ihre Mutter ihr genannt, und wofuͤr ſie das Geld ſorgfaͤltig in einzelne Papierchen geſondert hatte. Als alles berichtigt war, blieb nicht genug uͤbrig, den Zins faͤr die Huͤtte und das Schulgeld auf ein Jahr fuͤr ſich und ihre Schweſtern zu be⸗ zahlen, das ſie der Schullehrerinn eines benachbar⸗ ten Dorfes ſchuldig war. Marie hegte die Hoffnung, daß der Zins nicht ſogleich wuͤrde verlangt werden, aber darin irrte ſie ſich. Herr Harvey, der Gutsbeſitzer, auf deſſen Gebiete ſie lebten, war in England, und in ſeiner Abweſenheit hatte ſein Geſchaͤftfuͤh⸗ rer, Hopkins, die Verwaltung uͤber ſich, der ein ſehr hartherziger Mann war. Der Mahner kam acht Tage nach ihrer Mutter Tode zu Marien, und ſagte ihr, daß der Zins den naͤchſten Tag entrichtet werden, und daß ſie die Huͤtte raͤumen muͤßte, weil ein neuer Miethmann einziehen wollte: ſie waͤre zu jung, ein Haus fuͤr ſich zu haben, und es bliebe ihr nichts uͤbrig, als einen Nachbar zu bitten, ſie und ihre Geſchwiſter aus Barmherzig⸗ keit zu ſich zu nehmen. Er endigte mit dem Winke, daß man nicht ſo hartherzig gegen ſie ſein wuͤrde, wenn ſie ſich nicht den Unwillen der Jungfer Eliſabeth, der Tochter des Geſchaͤftfuͤh⸗ rers, zugezogen haͤtte. Es iſt wahr, Marie hatte ſich geweigert, der Jungfer Eliſabeth eine Ziege zu geben, worauf jene ihren K Kopf geſetzt hatte; aber das war die einzige Beleidigung, deren man ſie beſchuldigen konnte, und zu der Zeit, wo ſie egeabſchlug, brauchte ihre Muttter die Zie⸗ genmilch, das einzige Getraͤnk, das ihr damals zuſagte. * Marie ging ſogleich zu dem Geſchaͤftfuͤhrer, um ihren Zins zu bezahlen, und bat ihn, ſie noch ein Jahr in der Huͤtte zu laſſen; aber davon wollte er nichts wiſſen. Es war damals der 25. September, und er ſagte, daß der neue Mieth⸗ mann den 29. einziehen wuͤrde; ſie muͤßte alſo das Haͤuschen ohne Zoͤgern verlaſſen. Marie konn⸗ te den Gedanken nicht ertragen, einen ihrer Nachbarn zu bitten, ſie und ihre Geſchwiſter aus Barmherzigkeit aufzunehmen, denn die Nachbarn waren alle ſelbſt arm genug. Endlich beſann ſie ſich, daß ſie in den Truͤmmern des alten Schloſ⸗ ſes Roſſmore ein Obdach finden koͤnnten, wo ſie und ihr Bruder in beſſern Zeiten ſo oft Verſte⸗ cken geſpielt hatten. Eine Kuͤche und zwei andre Gemaͤcher darin, waren noch in ziemlich gutem Stande, und ein kleines Strohdach, glaubte ſie, wuͤrde die Wohnung fuͤr den Winter xrtraͤglich machen. Der Geſchaͤftfuͤhrer bewilligte dieß, nach⸗ dem ſie ihm eine halbe Guinee auf Abſchlag gege⸗ ben und verſprochen hatte, alle Jahre eben ſo viel zu entrichten. Ddie Waiſen bezogen die neue Wohnung, und nahmen zwei Bettſtellen, einen Schemel ei⸗ nen Stuhl und Tiſch, eine Art von Schrank, der ihre wenigen Kleider enthielt, und eine Kiſte mit, mitleidige Nachbarn trugen die Kiſte, und thaten nebenbei zu dem ſpaͤrlichen Vorrath der Kinder noch ſo viel von ihren eignen Kartoffeln und Torf⸗ als fuͤr den Winter hinreichend war. Man hielt etwas auf die Kinder und bemitleidete ſie, weil man von der Mutter wußte, daß ſie ihr ganizes Leben hindurch redlich und arbeitſam geweſen war.„Gewiß, ſagte einer von den Nachbarn, wir muͤſſen den armen Waiſen hilfreiche Hand lei⸗ ſten, da ſie ſich ſelber einander ſo gern helfen.“¹ So half einer das Gemach decken, worin die Kinder ſchlafen wollten, ein anderer ließ fuͤr die Haͤlfte der Milch ihre Kuh auf ſeinem Stuͤckchen Weide⸗ land graſen, und alle boten ihnen einen Theil ihrer Kartoffeln und Buttermilch an, wenn ſie je Mangel leiden ſollten. worin zwei Centner Mehl waren. Einige Die halbe Guines, welche Marie dem Ge⸗ ſchaͤftführer fuͤr die Wohnung gegeben hatte, war von dem Gelde, das ſie der Schullehrerinn bezahlen mußte, deren Foderung uͤber eine Gui⸗ nee betrug. Marie ging mit ihrer Ziege zu ihr, und bot ihr dieſe als einen Theil der Zahlung gn, da ſie kein Geld mehr uͤbrig haͤtte, aber. die Schul⸗ lehrerinn weigerte ſich, die Ziege anzunehmen. Sie ſagte, es haͤtte mit dem Gelde noch Zeit, bis es Marien moͤglich waͤre, es zu bezahlen, und ſie wuͤßte, daß ſie ein ehrliches, arbeitſames Maͤdchen waͤre, das wohl fuͤr mehr als eine Gui⸗ nee Vertrauen verdiente. Marie dankte ihr und freute ſich, ihre Ziege wieder heim bringen zu koͤn⸗ nen, der ſie ſo gut war. Als ſie ihre Wohnung bezogen hatten, gingen ſie jeden Tag regelmaͤßig an ihre Arbeit. Marie ſpann taͤglich neun Gebinde, und verrichtete ne⸗ benbei die uͤbrigen Hausgeſchaͤfte; Edmund ver⸗ diente taͤglich vier Penny mit ſeiner Arbeit, und Gretchen und Hannchen erhielten jede zwei Penny 2 * aus der benachbarten Papiermuͤhle, wofuͤr ſie Lum⸗ pen auslaſen und in Stuͤckchen ſchnitten. Eines Tages, als ſie ihre Arbeit vollendet hatten, ging Hannchen zu dem Papiermuͤller, und fragte ihn, ob ſie nicht zwei Bogen großes, weißes Papier erhalten koͤnnte, die eben auf der Preſſe lagen. Sie reichte dafuͤr einen Penny hin, aber der Muͤller wollte nichts von ihr annehmen, und ſchenkte ihr das Papier, als er hoͤrte, daß ſie davon einen Kranz fuͤr ihrer Mutter Grab ma⸗ chen wollte). Hannchen und Gretchen ſchnitten das Pavier zum Kranze aus, und als er fertig war, ging Marie mit ihnen und Edmund, um ihn auf das Grab zu legen. Es war gerade ein Monat nach ihrer Mutter Tode. Zu derſelben Zeit, als die Waiſen im Begriff waren, den Kranz auf das Grab zu legen, blie⸗ ben zufaͤllig zwei Fraͤulein, die eben von einem Abendſpaziergange zuruͤckkehrten, an der Kirchhof⸗ — *) Man pflegte Kränze auf die Gräber junger Leute zu legen, vielleicht wußten dieß die Kinder nicht.. — 19— thuͤre ſtehen, um das rothe Licht zu betrachten, welches die untergehende Sonne auf die Fenſter der Kirche warf. Waͤhrend die Fraͤulein in der Pforte ſtanden, hoͤrten ſie neben ſich eine Stim⸗ me rufen;,, O Mutter, Mutter! willſt du nimmer zuruͤckkehren?“— Sie konnten niemand ſehen, und gingen daher leiſe auf die andere Seite der Kirche, wo ſie Marien vor einem Grabe knieend erblickten, um welches ihr Bruder und ihre Schwe⸗ ſtern den weißen Kranz legten. Die Kinder ſanden ſtill, als ſie die zwei Fraͤulein ſahen, aber Marie wurde ſie nicht gewahr, weil ſie bas Geſicht in ihren Haͤnden verbarg. Iſabella und Caroline, ſo hießen die beiden Fraͤulein, wollten die armen Kinder nicht ſtoͤren, und gingen in das Dorf, um ſich nach denſelben zu erkundigen. Sie kamen gerade in das Haus der Schullehrerinn, und dieſe gab den Waiſen ein gutes Lob, und ruͤhmte Marten, daß ſie ſo ehrlich geweſen waͤre, alle Schulden ihrer Mutter bis auf den Heller zu bezahlen, ſo weit ihr Geld gelangt haͤtte. Sie erzaͤhlte den Fraͤulein, wie 2* — 20— Marie aus ihrer Huͤtte waͤre gewieſen worden, und wie ſie ihre Ziege angeboten haͤtte, der ſie doch ſo gut waͤre, um eine Schuld fuͤr Unterricht zu bezahlen; kurz, die Schullehrerinn, die Marien ſchon ſeit einigen Jahren kannte, ſprach ſo viel Gutes von ihr, daß die Fraͤulein beſchloſſen, den andern Tag nach dem Schloſſe Roſſmore zu gehen um ſie zu beſuchen.* Sie fanden das Gemach, worin die Kinder wohnten, ſo ſauber und nett, als es in einem ſo verfallenen Orte moͤglich war. Edmund war mit einem Landmanne auf Arbeit gegangen, Marie ſpann, und ihre kleinen Schweſtern maßen Moos⸗ beeren, deren ſie einen Korb voll zum Verkaufe ge⸗ ſammeltz hatten. Iſabella ſagte Marien, welches gute Lob ſie von ihr gehoͤrt haͤtte, und fragte, was ſie am Nothwendigſten brauchte; Marie ant⸗ wortete, ſie haͤtte ſo eben all ihren Flachs verar⸗ beitet und brauchte jetzt nichts ſo ſehr, als Flachs fuͤr ihr Raͤdchen. Iſabella verſprach, ihr einen friſchen Vorrath zu ſenden, und Caroline kaufte den kleinen Maͤdchen die Moosbeeren ab, und — 21— 4 gab ihnen Geld genug zu einem pfunde groben Baumwollengarns, da Marie verſprochen hatte, ſie im Stricken zu unterrichten. Der Flachs, welchen Iſabella am andern Ta⸗ ge ſchickte, war Marien von großem Nutzen, da er ihr fuͤr einen Monat Beſchaͤftigung gab, und als ſie das daraus geſponnene Garn verkaufte, konnte ſie ſich einen warmen Flanellanzug anſchaf⸗ fen. Neben dem Spinnen hatte ſie auch das Weihßnaͤhen ertraͤglich gelernt, und Iſabella und Caroline gaben ihr Arbeit, was ihr weit mehr einbrachte, als das Spinnen. In ihren Muße⸗ ſtunden unterrichtete ſie ihre Schweſtern im Leſen und Schreiben, und Edmund nahm fuͤr einen Theil des Geldes, das er ſich außer dem Hauſe verdien⸗ te, bei einem Schulmeiſter einigen Unterricht im Rechnen. In den Winterabenden pflegte er ſeine Binſenlichter fuͤr Marie bei ihrer Arbeit anzuzuͤnden. Er hatte im Monat Auguſt einen reichlichen Vor⸗ rath Binſen geſammelt und abgeſchaͤlt, und ein Nachbar gab ihm Talg, um ſee einzutauchen.*⁷ — Dieſe Dinſen wachſen in naſſen Gegenden, und — 22— Eines Abends, als er eben ſein Licht anzuͤn⸗ dete, kam ein Diener, den Iſabella mit Naͤhar⸗ beit fuͤr Marie abgeſchickt hatte. Dieſer Diener war ein Englaͤnder, und erſt vor kurzem nach Ir⸗ land heruͤber gekommen. Die Binſenlichter reizten ſeine Aufmerkſamkeit, denn er hatte ſolche noch nie geſehen, da er aus einem Theile Englands kam, wo man ſich derſelben nicht bediente. Edmund, der gern gefaͤllig und ſtolz darauf war, daß man ſeine Lichter lobte, zeigte dem Englaͤnder, wie ſie gemacht wurden, und ſchenkte ihm ein Buͤndel Binſen. Dem Diener gefiel bei dieſer kleinen Veranlaſſung die Gutmuͤthigkeit des Knaben, und er erinnerte ſich des Geſchenkes noch lange nachher. So oft ſein Herr einen Boten abzuſchicken hatte, uͤbertrug dieß Gilbert, der Diener, ſeinem man pflegt ſie im Herbſte zu ſammeln. Hat man ſie ſorgfältig von ihrer Rinde entblößt, ſo werden ſie auf dem Graſe gebleicht, dem Thaue ausgeſetzt, und dann an der Sonne getrocknet. Der ärmeren Klaſſe gewähren ſie eine ſehr wohl⸗ feile Beleuchtung. kleinen Freunde Edmund, den er nach naͤherer Bekanntſchaft immer lieber gewann. Er fand, daß Edmund ſchnell und puͤnktlich in der Beſor⸗ gung ſeiner Auftraͤge war. Eines Tages, als er eine geraume Zeit in dem Hauſe eines Herrn auf Antwort gewartet hatte, ward er ſo ungeduldig, wieder heim zu gehen, daß er davon lief. Als er von Gilbert gefragt wurde, warum er keine Ant⸗ wort braͤchte, entſchuldigte er ſich nicht mit den Worten:„Es war keine Antwort noͤthig,“oder: „Man ſagte, ich brauchte nicht zu warten“ ſondern er geſtand ganz offen die Wahrheit, und obgleich ihm. Gilbert fuͤr ſeine Ungeduld einen Verweis gab, ſo war doch das Geſtaͤndniß der Wahrheit vortheilhafter fuͤr den Knaben, als es irgend eine Entſchuldigung haͤtte ſein koͤnnen. In der Folge fand er immer Glauben, wenn er ſagte:„Es war keine Antwort noͤthig“ oder: „Man hieß mich nicht warten,“ denn Gilbert wußte, daß der Knabe nie eine Luͤge ſagte, um etwa einem Verweiſe zu entgehen. Die Waiſen fuhren fort, ſich nach ihren Kraͤften und Faͤhigkeiten einander zu helfen, und verlebten auf dieſe Weiſe drei Jahre. Mit dem, was Marie durch Spinnen und Naͤhen, Edmund durch Karrenfahren, Botengaͤnge und aͤhnliche Dien⸗ ſte, und Gretchen und Hannchen ſich verdienten, war die Familie im Stande, ein gemaͤchliches Leben zu fuͤhren. Iſabella nnd Caroline beſuchten ſie oft/ und gaben ihnen bald Kleider, bald Flachs oder Baumwollengarn zum Spinnen und Stricken, und die Kinder erwarteten nicht, daß, da die Fraͤulein etwas fuͤr ſie thaten, ſie alles thun wuͤr⸗ den; ſie wurden nicht traͤge und verſchwenderiſch. Als Edmund das zwoͤlfte Jahr erreicht hatte, ſchickte Gilbert eines Tages mit der Botſchaft zu ihm, ſein Herr haͤtte ihm erlaubt, einen Knaben zu ſich zu nehmen, der ihm zur Hand gehen koͤnnte, und zwar duͤrfte er ſich einen aus der Nachbar⸗ ſchaft waͤhlen. Es hatten ſich viele zu dieſer guten Stelle gemeldet, aber Gilbert zog Edmund allen vor, weil er wußte, daß er ein arbeitſamer, ehr⸗ licher und gutmuͤthiger Knabe war, der immer die Wahrheit ſagte. So trat Edmund in ſeinen Dienſt, und ſein Herr war der Vater Iſabella's und Carolinens. Er fand ſeine neue Lebensart ſehr ange⸗ nehm, denn er hatte gute Koſt, wurde gut gekleidet und gut behandelt, und lernte ſich, jeden Tag mehr in ſeine Geſchaͤfte ſchicken, worin er anfaͤnglich allerdings etwas linkiſch war. Er war achtſam auf alles, was ihm ſein Herr gebot, und gegen alle ſeine Dienſtgenoſſen ſo gefaͤllig, daß ſie ihn liebgewinnen mußten. Aber eins war ihm gleich Anfangs unangenehm, er mußte. Schuhe und Struͤmpfe tragen, die ſeine Fuͤße druͤckten. Da⸗ bei machte er, wenn er bei Tiſche aufwartete, im Gehen ein ſolches Geraͤuſch, daß ſeine Dienſtge⸗ noſſen uͤber ihn lachten. Er theilte Marien ſeinen Kummer mit, und ſie machte ihm nach einigen Verſuchen ein paar Tuchſchuhe mit Sohlen von geflochtenem Hanf. Hierin konnte er gehen, ohne das geringſte Geraͤuſch zu macheng und da dieſe Schuhe nicht außer dem Hauſe getragen werden konnten, ſo war er immer ſehr ſorgſam, ſie abzu⸗ legen, wenn er ausging, und folglich hatte er 1 immer reinliche Schuhe zum Hausgebrauche. Die andern Diener merkten bald, daß er ſeinen plum⸗ pen Gang abgelegt hatte, und auch die Maͤgde nahmen wahr, daß er die Treppen oder Gaͤnge nicht mehr mit ſeinen Schuhen beſchmutzte. Als man ihn deshalb lobte, ſagte er, man haͤtte es ſeiner Schweſter, nicht ihm zu danken, und er zeigte ſeine Schuhe, die ſie fuͤr ihn gemacht hatte. Iſabella's Kammermaͤdchen beſtellte augen⸗ blicklich ein Paar, und ſchickte Marien ei ein ſchoͤnes Stuͤck Calico fuͤr die Obertheile. Der Leiſten⸗ macher machte einen Leiſten fuͤr ſie, und uͤber dieſen naͤhte Marie den Calieo feſt. Ihr Bruder rieth ihr, geflochtenen Bindfaden anſtatt des Hanfes fuͤr die Sohlen zu nehmen, und ſie fand, daß dieß den Schuhen ein netteres Ausſehen, und wahrſcheinlich auch laͤngere Dauer gab, als die Hanſſohlen. Sie flocht den Bindfaden zu Stiie⸗ men von der Dicke eines halben Zolles, und die⸗ ſe wurden 5 unteren Theile des Schuhes feſt zuſammengenaͤht. Die Schuhe ſaßentrefflich, und das Maͤdchen zeigte ſie ihrer Gebieterinn. Jjabella — 27— und Caroline freuten ſich ſo ſehr uͤber Mariens Erfindſamkeit und ihre Gefaͤlligkeit gegen ihren Bruder, daß ſie zwei Dutzend ſolcher Schuhe bei ihr beſtellten, und ihr dazu drei Ellen bunten Barchent und Band zur Einfaſſung ſchenkten. Die Schuhe wurden gemacht, und die Fraͤulein verkauften ſie unter ihren Bekannten, und erhiel⸗ ten drei Schillinge fuͤr jedes Paar. Sobald ſie das Geld geſammelt hatten, gingen ſie nach dem alten Schloſſe, wo ſie alles ſo reinlich und nett als gewoͤhnlich fanden. Es freute ſie ſehr, dem arbeitſamen Maͤdchen den Lohn fuͤr ihre Geſchick, lichkeit geben zu koͤnnen, den Marie mit einiger Ueberraſchung, aber mit noch mehr Dankbarkeit empfing. Sie riethen ihr, mit der Schuhmacher⸗ arbeit fortzufahren, da ſie fanden, daß die Schuhe gefielen, und daß ſie in dem Waarenlager zu Dublin zum Verkaufe ausgeſtellt werden koͤnnten. Marie, durch ihte guͤtigen unden auf⸗ gemuntert, ſetzte mit eifriger Thaͤtigkeit ihre Fa⸗ brik fort. Gretchen und Hannchen flochten den * —— — 28— Bindfaden, und kleiſterten die Obertheile und das Unterfutter zuſammen. Edmund erhielt die Er⸗ laubniß, auf eine Stunde jeden Morgen nach Hauſe zu gehen, wenn er vor 8 Uhr zuruͤck kaͤme. Es war Sommer, und er machte ſich gewoͤhnlich früͤh auf den Weg, weil er ſich freute, ſeine Schweſtern zu ſehen, und nahm ſeinen Antheil an der Fabrik. Es war ſein Geſchaͤft, die Sohlen platt zu ſchlagen, und ſobald er jeden Morgen heim kam, ging er mit ſolcher Froͤhlichkeit an ſeine Arbeit, und ſang ſo heiter dabei, daß die Stunde ſeiner Ankunft immer eine Stunde der Freude fuͤr die Familie war. Marie hatte nun Beſchaͤftigung genug fuͤr ihre Haͤnde. Viele Familien aus der Nachbar⸗ ſchaft beſtellten Schuhe bei ihr, und ſie konnte deren nicht genug verfertigen. Bei aller Eile aber fand ſie doch noch Zeit, ein ſchoͤnes Paar mit zierliche oſen zum Geſchenke fuͤr ihre Schullehrerinn zu machen, die ſich jetzt bereitwillig zeigte, die Bezahlung der alten Schuld anzuneh⸗ men, da ſie bemerkte, daß Marien's Geſchaͤfte gu⸗ * ten Fortgang hatten. Mehren Kindern, die in ihre Schule gingen, machte der Anblick von Mariens Geſchenk Freude, und ſie beſuchten die kleine Fabrik im Schloſſe Roſſmore, um zu ſehen, wie die Schuhe gemacht wurden. Einige kamen aus Neugier, andere verleitete der Muͤßiggang. Als ſie aber ſahen, wie gluͤcklich die kleinen Schuhmacherinnen bei ihrer Arbeit waren, wuͤnſch⸗ ten ſie einigen Antheil daran zu nehmen. Eins bat Marien, ihm etwas Bindfaden zum Flechten zu geben, ein anderes half Gretchen und Hann⸗ chen das Unterfutter zuſammenkleiſtern, und alle freuten ſich, wenn ſie Beſchaͤftigung finden konn⸗ ten, denn die Muͤßigen wurden aus dem Wege geſchoben. Es wurde den Kindern des Dorfes zur Gewohnheit, ſich in ihren Freiſtunden in dem alten Schloſſe einzufinden, und es war uͤber⸗ raſchend, zu ſehen, wie viel von zehn oder zwoͤlf Kindern gemacht wurde, waͤhrend doch jedes nur wenig auf einmal machte. Eines Morgens waren Edmund und die klei⸗ nen Fabrikanten ſehr fruͤh verſammelt, und mit — 30— ihrer Arbeit beſchaͤftigt, indem ſie um den Mehl⸗ kaſten herum ſaßen, der ihnen als Tiſch diente. Da kam Georg, ein kleiner Knabe, ploͤtzlich herein⸗ gelaufen, und rief:„„ Ich muß meine Haͤnde waſchen! Ich bin ſo geeilt, um mich zu rechter Zeit zur Arbeit einzufinden, daß ich ſtuͤrzte, und ſeht, wie ich meine Haͤnde beſchmutzt habe. Eile mit Weile! Aber ich muß erſt meine Haͤnde waſchen, ehe ich etwas angreife.“ Waͤhrend Georg ſeine Haͤnde wuſch, kamen zwei andere Kinder, die eben ihr Morgenwerk ver⸗ richtet hatten, und baten ihn, einige Seifenbla⸗ ſen zu machen. Alle drei waren eifrig mit den Blaſen beſchaͤftigt, und beobachteten, wie ſie in die Luft ſtiegen, als ſie ploͤtzlich durch ein donner⸗ aͤhnliches Geraͤuſch erſchreckt wurden. Sie befan⸗ den ſich in einer Art von Vorhof des Schloſſes, gleich neben dem Gemache, wo ihre uͤbrigen Ge⸗ ſpielen bei der Arbeit ſaßen. Sie eilten haſtig in's Zimmer, und riefen:„Habt Ihr das Ge⸗ polter gehoͤrt?“ 1 Ich denke, es war ein Donnerſchlag, ver⸗ ſetzte Marie: aber warum ſeht Ihr ſo erſchrocken aus? Indem ſie dieß ſprach, vernahm man ein an⸗ deres, noch lauteres Getoͤſe, und die Waͤnde zit⸗ terten. Die Kinder erblaßten, und keines regte ſich; aber Edmund warf ſeinen Hammer weg, und eilte hinaus, um zu ſehen, was vorging. Marie folgte ihm, und ſie ſahen, daß eine große Feuer⸗ mauer der alten Truͤmmer an dem aͤußerſten Thei⸗ le des Schloſſes zuſammen geſtuͤrzt war, und dieß hatte das gewaltige Geraͤuſch verurſacht. Der Theil des Schloſſes, worin ſie wohnten, ſchien noch, wie Edmund meinte, ganz feſt zu ſein; aber die Dorfkinder waren erſchrocken, und in der Meinung, daß gleich Alles zuſammenſtuͤr⸗ zen wuͤrde, eilten ſie, ſo haſtig als ſie konnten, nach Hauſe. Edmund, der ein muthiger Knabe und ſtolz war, ſeinen Muth zeigen zu koͤnnen, lachte uͤber ihre Feigheit, aber die kluge Marie rieth ihrem Bruder, einen erfahrenen Maurer, der eben bei ſeinem Herrn baute„ zu bitten, daß —õõ——— —— er herkommen und ſeine Meinung ſagen moͤchte, ob ihr Theil des Schloſſes noch eine ſichere Woh⸗ nung waͤre, oder nicht. Der Maurer kam, und ſagte, daß die Zimmer, die ſie bewohnten, den Winter hindurch halten koͤnnten, aber daß kein Theil der Ruinen noch ein Jahr ſtehen wuͤrde. Marien that es leid, einen Ort zu verlaſſen, den ſie lieb gewonnen hatte, ſo aͤrmlich er auch war, da ſie ſeit ihrer Mutter Tode, alſo beinahe vier Jahre, in Ruhe und Frieden hier gelebt hat⸗ ten. Sie faßte jedoch den Entſchluß, ſich nach einer andern Wohnung umzuſehen, und ſie hatte „Geld genug, um die Miethe fuͤr ein ertraͤgliches Haͤuschen zu beiahlen. Ohne Zeit zu verlieren, ging ſie in ein Dorf, das am Ende einer Allee lag, welche zu dem vaͤterlichen Gute der beiden Fraͤulein fuͤhrte; denn ſie wuͤnſchte, eine Wohnung in dieſem Dorfe zu miethen, weil es in der Naͤhe ihres Bruders und der Fraͤulein war, die ſich ſo guͤtig gegen ſie erwieſen hatten. Sie fand ein geugebautes, noch unbewohntes Haͤuschen in dieſem Dorfe. Es gehoͤrte Herrn Harpey, ihrem Grundherrn, der ſich noch in England aufhielt, und war mit Schiefer gedeckt und im Innern ſauber eingerichtet. Aber der Zins dafuͤr betrug 6 Guineen jaͤhrlich, und dieß war weit uͤber das, was Marie zu zahlen vermochte. Drei Guineen ſaͤhrlich konnte ſie hoͤchſtens aufzubringen hoffen. Ueberdieß hoͤrte ſie, daß man Herrn Harvey fuͤr das Haus ſchon einige Gebote gemacht hatte, und ſie wußte, daß Hopkins, der Geſchaͤftfuͤhrer, nicht ihr Freund warz daher gab ſie den Gedanken auf, es zu miethen. Aber es war kein anderes mehr in dieſem Dorfe zu haben. Ihr Bruder bedauerte es noch mehr, daß ſie keinen Platz in ſeiner Naͤhe finden konnte. Er war bereitwillig, eine Guinee jaͤhrlich von ſeinem Lohne zu der Miethe zu legen, und Gilbert ſprach fuͤr ihn mit dem Geſchaͤftführer, und fragte, ob nicht jemand un⸗ ter denen, die darauf geboten haͤtten, ſich mit einem Theile des Hauſes begnuͤgen und mit Ma⸗ rie zur gemeinſchaftlichen Miethe vereinigen wuͤrde. Man mußte Niemanden, als eine alte Frau, die eine große Zaͤnkerinn war, und einen Mann, 3 der den Ruf hatte, wegen jeder Kleinigkeit mit ſeinen Nachbarn einen Nechtsſtreit anzufangen. Marie mochte mit dieſen Leuten nichts zu thun haben. Auch wagte ſie nicht, ſich an Iſabella und Caroline zu wenden, weil ſie nicht zudring⸗ lich war, und da die beiden Fraͤulein ſchon ſo viel fuͤr ſie gethan hatten, wuͤrde ſie ſich geſchaͤmt haben, noch mehr zu verlangen. Sie kehrte in das alte Schloß zuruͤck, voll Kummer, daß ſie Gretchen und Hannchen keine guten Nachrichten bringen konnte, da ihre Schweſtern, wie ſie wohl wußte, zu hoͤren hofften, daß ſie ein nettes Haͤus⸗ chen im Dorfe nahe bei ihrem Bruder gefunden haͤrte. Schlimme Neuigkeiten fuͤr Euch, Gretchen! rief ſie, ſobald ſie heim kam. und ſchlimme Neuigkeiten fuͤr Dich, Marie! riefen die Schweſtern mit ſehr bekuͤmmerter Miene ihr entgegen. Was gibt es? Deine arme Ziege iſt todt, antwortete Gret⸗ chen: dort liegt ſie unter dem großen Steine; Dn “ kannſt noch ihre Beine ſehen. Wir koͤnnen den Stein nicht von ihr abheben, er iſt ſo ſchwer. Lieschen, das Nachbarsmaͤdchen, ſagt, als ſie heute fruͤh zur Arbeit zu uns gekommen waͤre, haͤtte die Ziege ſich an der alten, wackelnden Wand gerieben, und mit den Hoͤrnern dagegen geſtoßen. Wie oft habe ich nicht das arme Ding von dem Platze weggetrieben! ſprach Marie. Immer fuͤrchtete ich, der große, garſtige Stein wuͤrde zu⸗ letzt noch auf das Thier herabſtuͤrzen. Die Ziege, die lange Marien's und ihrer Schweſtern Liebling geweſen war, wurde von allen bedauert. Als Edmund kam, half er den großen Stein von dem armen Thiere waͤlzen, das ſchreck⸗ lich zerſchmettert war. Waͤhrend ſie den Stein fortbewegten, um die Ziege zu begraben, fand Hannchen ein altes Geldſtuͤck, das weder einem Schilling, noch einer Guinee aͤhnlich ſah. Hier ſind mehr, viel mehr ſolche Stuͤcke! rief Gretchen, und als ſie den Schutt unterſuchten, entdeckten ſie einen kleinen, eiſernen Topf, der 3* mit dieſen Muͤnzen, wie es ſchien, angefuͤllt ge⸗ weſen war, da eine große Anzahl derſelben auf dem Platze gefunden wurde, wo er lag. Man unterſuchte die Muͤnzen, und als Edmund aͤußer⸗ te, daß ihm einige derſelben von Gold zu ſein ſchienen, riefen die Maͤdchen mit großem Jubel: „ O Marie, Marie! das kommt uns gerade zu rechter Zeit— jetzt kannſt Du den Zins fuͤr das huͤbſche Haus bezahlen. Nichts kann erwuͤnſchter ſein! Aber Marie, obgleich ihr nichts willkommener haͤtte ſein koͤnnen, als die Moͤglichkeit, die Miethe fuͤr das Haus zu bezahlen, bemerkte, daß ſie ſich rechtlicher Weiſe nichts von dem Schatze aneignen duͤrften, da er dem Eigenthuͤmer des Schloſſes gehoͤrte. Edmund ſtimmte ihr bei, daß ſie alles ſogleich zu Hopkins, dem Geſchaͤftfuͤhrer, bringen muͤßten. Gretchen und Hannchen ſahen, daß Marie Recht hatte, und wuͤnſchten mit ihr und ihrem Bruder zu Hopkins zu gehen, um ihm die Muͤnzen zu uͤbergeben. Auf dem Wege dahin beſuchten ſie erſt das Landgut, um Gilbert den Schatz zu zeigen, der ihn zu den jungen Fraͤulein brachte, und erzaͤhlte, wie er war gefunden worden. Nicht nur durch das Uebergewicht ihres Reich⸗ thums, ſondern mehr noch durch das Uebergewicht ihrer Kenntniſſe koͤnnen Perſonen von hoͤherem Range den Aermeren beiſtehen. Iſabella, die einige Kenntniß von der Scheidekunſt hatte, entdeckte, indem ſie die Muͤnzen mit Koͤnigswaſſer— der einzigen Saͤure, die auf Gold wirkt— beſtrich, daß einige derſelben golden waren und folglich einen großen Werth hatten. Caroline fand zugleich, daß viel Muͤnzen eben ſo koſtbar als Seltenheiten waren. Sie erinnerte ſich, daß ihr Vater ihr die Abbildungen aller Muͤnzen, unter der Regier⸗ ung jedes Koͤnigs in einer Geſchichte von England gezeigt hatte, und nach einer Vergleichung dieſer Abbildungen mit den gefundenen Muͤnzen ergab ſich, daß viele derſelben aus der Zeit Heinrichs VII. waren. Muͤnzſammler ſetzen einen großen Werth auf dieſe, da ſie ſehr ſelten ſind. Iſabella und Caro⸗ line hatten von dem Charakter des Geſchaͤftfuͤhrers Hopkins gehoͤrt und waren daher ſo vorſichtig, die Muͤnzen zu zaͤhlen, und jede derſelben mit einem Kreute zu bezeichnen, das kaum dem bloßen Auge ſichtbar war, aber durch ein Vergroͤßerungs⸗ glas ſehr leicht bemerkt werden konnte. Hierauf baten ſie ihren Vater, der ſehr gut mit Herrn Harvey, dem Eigenthuͤmer des Schloſſes Roſſ⸗ more, bekannt war, demſelben zu ſchreiben, und ihm zu ſagen, wie gut ſich dieſe Waiſen bei der Auffindung des Schatzes betragen hatten. Der Werth der Maͤnzen wurde auf 30 bis 40 Guineen geſchaͤtzt. Wenige Tage nach dem Einſturze der Wand im Schloſſe Roſſmore, als Marie und ihre Schwe⸗ ſtern bei ihrer Arbeit ſaßen, kam ein altes Weih hereingehumpelt, das ſich auf einen neuen Kruͤk⸗ kenſtab ſtuͤtzte. Sie hatte eine zerbrochene Tabacks⸗ pfeife im Munde; ihr Kopf war in zwei große roth und blaue Tuͤcher gewickelt, deren Enden weit uͤber ihren Ruͤcken hingen; man ſah aber weder Schuhe an ihren breiten Fuͤßen, noch Struͤmpfe an ihren vielfarbigen Beinen; ihr Unterrock war unten am Rande zerriſſen, und der Saum ihres Kleides war uͤber ihre Schultern geworfen, um anſtatt des Mantels zu dienen, den ſie fuͤr Brannt⸗ wein verkauft hatte. Dieſes alte Weib war bei den Landleuten wohl bekannt unter dem Nahmen Alte Schatzgraͤberinn, weil ſie ſeit vielen Jahren in alten Schloͤſern und Huͤnengraͤbern und unter einem runden Thurme in der Nachbar⸗ ſchaft herumzukriechen pflegte, um Schaͤtze zu ſuchen. In ihrer Jugend hatte ſie jemanden von einer alten Prophezeiung fuͤſtern gehoͤrt, die in einem Moore gefunden waͤre, und alſo lautete: „Ehe mancher St. Patricks⸗Tag voruͤber waͤre, wuͤrde zwanzig Meilen in der Runde Jemand fin⸗ den einen Schatz im Grunde.“ Dieſe Prophezeiung machte auf ſie einen tiefen Eindruck; ſie traͤumte auch dreimal davon, und da der Traum, wie ſie glaubte, ein ſicheres Zei⸗ chen war, daß die Prophezeiung ausgehen wuͤrde, ſo gab ſie von dieſer Zeit an ihr Spinnraͤdchen und ihre Naͤherei auf, und ſpuͤrte dem Schatze nach, der durch„Jemand von zwanzig Meilen in — —— der Runde““ gefunden werden ſollte.— Jahr fuͤr Jahr ging St. Patricks Tag voruͤber, ohne daß ſie bei all ihrem Herumkriechen einen Heller fand, und da ſie nie arbeitete, ſo ward ſie immer aͤrmer. Nebenbei ergab ſie ſich dem Trunke, um ſich uͤber ihr Mißgeſchick zu troͤſten, und zu neuen Nach⸗ forſchungen zu ſtaͤrken. Sie verkaufte nach und nach all ihre Habſeligkeiten, immer in dem Wahne, daß der gluͤckliche Tag fruͤher oder ſpaͤter einſt kom⸗ men wuͤrde,„der alles bezahlt machen follte. 4 *, Die Alte erreichte jedoch ihr ſechzigſtes Jahr, ohne daß dieſer gluͤckliche Tag erſchien, und jetzt, in ihren alten Tagen, war ſie eine Bettlerinn, ohne Obdach, ohne Bett, ohne Nahrung, und nur von der Barmherzigkeit anderer Menſchen lebend, die mehr als ſie dem Fleiße und weniger dem Gluͤcke vertraut hatten. Ach, Mariechen!— gib mir um Gottes Wil⸗ len eine Kartoffel und etwas Naſſes. Ich habe den ganzen Tag keinen Biſſen gehabt, nichts als ein halb Glas Branntwein und ein paar Pfeifen Taback. — 41— Marie ſetzte ihr ſogleich etwas Milch vor und holte fuͤr ſie eine gute Kartoffel aus dem Napfe; es that ihr weh, eine ſo alte Frau in einer ſo ungluͤcklichen Lage zu ſehen. Die Alte ſagte, ſie traͤnke lieber Branntwein, als Milch; aber damit konnte ihr Marie nicht dienen. Sie ſetzte ſich nun nahe an's Feuer, und nachdem ſie einige Augenblicke geſeufzt, geaͤchzt und geraucht hatte, ſprach ſie zu Marien: Nun, und was haſt Du mit dem Schatze angefangen, den Du gluͤcklicher Weiſe gefunden haſt? 1 Marie ſagte ihr, daß ſie ihn zu Hopkins, dem Geſchaͤftfuͤhrer, gebracht haͤtte. Das haͤtt' ich an deiner Stelle nicht gethan, entgegnete das alte Weib.— Wenn das Gluͤck zu Dir kommt, ſo iſts eine Schande, ihm den Nuͤcken zuzukehren— Aber wozu noch uͤber Dinge ſchwatzen, die geſchehen ſind?— Ich will aber in dieſem Schloſſe hier noch mein Gluͤck verſuchen, ehe der naͤchſte Patricks⸗Tag wieder kommt. Man ſagte mir, es waͤre mehr als zwanzig Meilen von — ——— — 42— unſerem Moore, ſonſt waͤre ich ſchon eher. hier geweſen. Aber beſſer ſpaͤt, als nie. Marie erſchrack ſehr, und nicht ohne Grund, bei dieſen Worten, denn ſie wußte, daß bald alles zuſammenſtuͤrzen wuͤrde, wenn die Alte einmal an dem Grunde des alten Schloſſes Roſſmore zu ar⸗ beiten anfinge. Vergeblich ſprach ſie von der Ge⸗ fahr, unter den Ruinen begraben zu werden, oder von der Unwahrſcheinlichkeit, einen zweiten Topf mit Gold zu finden. Die Alte ſtemmte die Elbogen auf die Kniee, und ihre Ohren mit den Haͤnden zuhaltend, bat ſie Marien und ihre Schwe⸗ ſtern, ihren Athem nicht zu verſchwenden, um Aeltere zu belehren, denn ſie wuͤrde, moͤchte man ſagen, was man wollte, den naͤchſten Morgen Hand an's Werk legen.„Es ſei denn, ſetzte ſie hinzu, Du wollteſt es der Muͤhe werth machen, daß ich es bleiben ließe. und womit koͤnnte ich es der Muͤhe werth ma⸗ chen, daß Ihr es bleiben ließet? fragte Marie, die wohl einſah, daß ſie entweder ſich in einen Streit einlaſſen, oder ihre Wohnung aufgeben oder die Bedingungen des zudringlichen alten Wei⸗ bes eingehen mußte, Eine halbe Krone, erwiderte jene, waͤre das Geringſte, womit ſie zufrieden ſein koͤnnte. Marie gab ihr die halbe Krone, in der Hoff⸗ nung, ſär immer von ihrer Quaͤlerinn befreit zu ſein. Aber ſie irrte ſich, denn kaum war die Woche zu Ende, als die Alte wieder vor ihr er⸗ ſchien, und ihre Drohungen wiederholte, den naͤchſten Morgen an die Arbeit zu gehen, wenn ſie ihr nicht etwas fuͤr Taback geben wollte, Den andern Tag und an jedem naͤchſten Tage kam ſie mit derſelben Foderung, und die arme Marie, der es ſchwer ward, ihr immer Geld zu geben, rief endlich:„Ja, jetzt ſehe ich, der Fund dieſes Schatzes hat uns kein Gluͤck gebracht, ſondern ganz das Gegentheil, und ich wuͤnſchte, wir haͤtten ihn nie gefunden! Marie wußte nicht, wie viel ſie noch we⸗ gen des ungluͤckſeligen Topfes mit den goldenen Muͤnzen dulden ſollte. Der Geſchaͤftfuͤhrer Hopkins glaubte, daß außer ihm und den Kindern Nie⸗ — 44— mand etwas von dem Schatze wuͤßte, und weniger ehrlich, als jene geweſen waren, beſchloß er, ihn zu ſeinem Vortheile zu benutzen. Er war erſtaunt, als er einige Wochen nachher einen Brief von Herrn Harvey, ſeinem Gebieter, erhielt, worin dieſer die Muͤnzen verlangte, die man im Schloſſe Roſſmore gefunden haͤtte. Hopkins hatte die Goldmuͤnzen und einige andere verkauft, aber er ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, daß die Kinder und die jungen Fraͤulein, welche die Muͤnzen, wie er jetzt erfuhr, geſehen hatten, nicht wuͤrden ſagen koͤnnen, ob ſie Gold oder etwas anders geſehen haͤtten. Er beſorgte nicht im Geringſten, daß man die Muͤnzen aus der Zeit Heinrichs VII. von ihm verlangen wuͤrde, weil er glaubte, daß dieſe ihrer Aufmerkſamkeit entgangen waͤren; er ſchickte daher die ſilbernen Muͤnzen und einige an⸗ dere von geringem Werthe an den Gutsherrn, und entſchuldigte ſein fruͤheres Stillſchweigen mit dem Vorwande, daß er ſie fuͤr ganz werthlos ge⸗ halten haͤtte. Herr Harvey bemerkte in ſeiner Antwort, daß er die goldenen Muͤnzen, die unter den aufge⸗ fundenen geweſen waͤren, nicht fuͤr werthlos hielte, und fragte, warum er ihm dieſe und die Muͤnzen aus dem Zeitalter Heinrichs VII. noch nicht ge⸗ ſendet haͤtte. Hopkins laͤugnete, je ſolche Muͤnzen empfan⸗ gen zu haben, aber er war wie vom Donner ge⸗ rührt, als Herr Harvey mit der Antwort auf dieſe Luͤge ein Verzeichniß der Muͤnzen ſchickte, welche die Waiſen bei ihm niedergelegt hatten und ſogar genaue Zeichnungen von den vermißten. Er bemerk⸗ te dabei, daß das Verzeichniß und dieſe Zeichnun⸗ gen von zwei Fraͤulein kaͤmen, welche die fragli⸗ chen Muͤnzen geſehen haͤtten. Hopkins ſah kein anderes Mittel zur Rettung, als dreiſt auf ſeiner Luͤge zu beſtehen. Er antwor⸗ tete, daß jene Muͤnzen hoͤchſt wahrfcheinlich waͤren gefunden worden, und daß die Fraͤulein ſie ver⸗ muthlich geſehen haͤtten; aber er erklaͤrte beſtimmt, ſie waͤren nie in ſeine Haͤnde gekommen, und er haͤtte alle ihm uͤbergebene Stuͤcke abgeſendet. Die — 46— anderen aber muͤßten, wie er glaubte, die Kinder oder Edmund und Marie auf dem Wege von dem Gute bis zu ſeinem Hauſe aus dem Topfe genom⸗ men haben.. Die Waiſen waren empoͤrt und erſtaunt, als ſie von Iſabella und Caroline hoͤrten, weſſen man ſie beſchuldigte. Endlich rief Gretchen:„Gewiß, Herr Hopkins iſt ein ſehr vergeßlicher Mann! Erin⸗ nert er ſich nicht, wie ihm Edmund die Goldſtuͤcke auf den großen Tiſch in ſeinem Saale außzaͤhlte, und wir alle dabei ſtanden?— Ich habe noch alles ſo gut im Gedaͤchtniſſe, als waͤre es dieſen Augen⸗ blick geſchehen." Und ich auch! rief Hannchen. Weißt Du noch, Marie, wie Du die Goldmuͤnzen ausſuchteſt, und Herrn Hopkins ſagteſt, ſie waͤren von Gold? Er meinte ja, Du verſtaͤndeſt nichs von ſolchen Dingen, und als ich ihm ſagen wollte, daß Fraͤu⸗ lein Iſabella ſie unterſucht und gefunden haͤtte, daß ſie von Gold waͤren, da kamen eben einige Pachter herein, um ihren Zins zu bezahlen. Er ſtieß uns hinaus, und riß mir das Goldſtuͤck aus — 47— der Hand, woran ich ihm die glaͤnzende Stelle zeigen wollte, die Fraͤulein Iſabella durch das Waſſer, das ſie darauf troͤpfelte, blank gemacht hatte. Ich glaube er war bange, ich moͤchte es ſtehlen, und datum riß er es mir mit ſolcher Haſt aus der Hand.— Komm, Edmund, komm Marie! Wir wollen hingehen, und ihm alles ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufen. Ich gehe nicht wieder zu ihm! ſagte Edmund trotzig. Er iſt ein boͤſer Mann— ich gehe nicht zu ihm.— Marie, ſei nicht niedergeſchlagen— wir brauchen nicht niedergeſchlagen zu ſein— wir ſind ehrlich. Wohl wahr, entgegnete Marie, aber iſt es nicht ein hartes Schickſal, daß wir jetzt unſeren guten Namen verlieren ſollen, da wir doch in Frieden mit aller Welt und redlich gelebt haben, wie unſere Mutter vor uns die ganze Zeit ihres Kbens hindurch, und— Mariens Stimme ſtockte, und ſie ſchwieg. Unſer guter Name kann uns nicht genommen werden, rief Edmund, wenn wir auch arme 6 — 48— Waiſen ſind, und er ein reicher Herr, wie er ſich ſelber nennt! Laßt ihn ſagen und thun, was er will; er kann unſerem guten Namen nicht ſcha⸗ den. Edmund war im Jrrthum, und Marie hatte leider nur zu viel Urfache zu ihren Beſorgniſſen. Es wurde viel uͤber die Sache geſprochen, und der Geſchaͤftfuͤhrer ſparte keine Muͤhe, ſie, wie er wollte, in Umlauf zu bringen. Im Bewußt⸗ ſein ihrer Unſchuld kuͤnimerten ſich die Waiſen wenig darum, und die Folge war, daß alle, die ſie kannten, an ihrer Ehrlichkeit nicht zweifeltenz viele aber, die nichts von ihnen wußten, machten den Schluß, daß der Geſchaͤftfuͤhrer recht haben muͤßte, und die Kinder unrecht. Die Laͤſterung ging eine Zeitlang ſtill umher, ohne ihnen zu Ohren zu kommen, weil ſie ſehr eingezogen lebten. Eines Tages aber, als Marie mit einigen, von Gretchen geſtrickten Struͤmpfen auf den benachbar ten Markt ging, bat ſie der Mann, an den ſie dieſelben verkaufte, ihren Namen auf ein Papier zu ſchreiben, und als er ihn ſah, rief er aus: 7 . 1 * „ Hoho, Dirnchen!= ich wuͤrde mich nicht mit Dir eingelaſſen haben, haͤtte ich deinen Namen fruͤher gewußt. Wo iſt das Gold, das Du im Schloſſe Roſſmore gefunden haſt?“ Vergeblich erzaͤhlte Marie den Vorgang der Sache; ſie ſah, daß ſie keinen Glauben fand, da weder der Mann, noch einer der Umſtehenden ihren Charakter kannte. Sie verließ, ſobald ſie konnte, den Markt, und verſiel, ſo ſehr ſie da⸗ gegen kaͤmpfte, in großen Truͤbſinn. Aber noch arbeitete ſie Tag fuͤr Tag in ihrer kleinen Fabrik, und ſuchte ſich durch den Gedanken zu troͤtten, daß ihr noch zwei Freundinnen uͤbrig waͤren, die nichts auf ihren Ruf kommen laſſen wuͤrden, und die auch beſtaͤndig fortfuhren, ſie und ihre Schweſtern zu beſchuͤtzen. Iſabella und Cakoline vertheidigten uͤberall die Redlichkeit der Waiſen, aber ſie zu beweiſen, ſtand fuͤr den Augenblick nicht in ihrer Macht. Hopkins und ſeine Freunde hoͤrten nicht auf, zu behaupten, daß man die goldenen Muͤnzen auf dem Wege zu einem Hauſe geſtohlen haͤtte, und die Fraͤulein — 50— wurden von Vielen getadelt, daß ſie fortfuhren, diejenigen zu beſchuͤtzen, welche nicht ohne Grund in dem Verdachte des Diebſtahles ſtanden. Die Waiſen waren in ſchlimmerer Lage, als je, da der Winter kam, und ihre Wohlthaͤterinnen die Gegend verließen, um einige Monate in Dublin zuzubringen. Das alte Schloß ſchien wirklich, wie der Maurer geſagt hatte, den Winter hindurch noch halten zu wollen; aber war wegen des Mangels einer ertraͤglichen Wohnung Marie kurz vorher am meiſten bekuͤmmert geweſen, ſo war dieß jetzt nicht mehr ihre Hauptſorge. Eines Abends, als Marie eben zu Bette gehen wollte, hoͤrte ſie jemand ſtark an die Thuͤre klop⸗ fen.—„Marie biſt Du noch auf? Laß mich hinein!“— rief eine Stimme, woran ſie Lieschen Green, die Tochter des Poſtmeiſters in einem be⸗ nachbarten Dorfe, erkannte. Sie ließ Lieschen herein, und fragte, was ſie zu ſo ſpaͤter Zeit wollte. Sib mir einen halben Schilling, und ich will's Dir ſagen, antwortete Lieschen.— Aber — 51— wecke erſt Hannchen und Gretchen.— Hier iſt ein Brief an Dich mit der Poſt gekommen, und ich eilte damit ſogleich zu Dir, weil ich denken konnte, daß er Dir ſehr lieb ſein wuͤrde; er iſt von dei⸗ nes Bruders Hand. Gretchen und Hannchen ſtanden ſogleich auf, als ſie hoͤrten, daß ein Brief von Edmund da war. Marie las ihn bei dem Scheine eines Bin⸗ ſenlichts, und der Brief lautete alſp: „ Liebe Schweſtern! Freude! Freude!— Ich ſagte immer, daß die Wahrheit endlich ans Licht kommen wuͤrde, und daß der Mann unſerem guten Namen nicht ſchaden koͤnnte.— Aber ich will nicht erzaͤhlen, wie Alles ſo gekommen iſt, bis wir uns ſehen, und dieß wird kuͤnſtige Woche der Fall ſein, wo wir— ich meine meinen Herrn, und ſeine Ge⸗ mahlinn und die ſungen Fraͤulein— Gott ſegne ſie!— und Gilbert und ich— aufs Gut kom⸗ men, um dort die Weihnacht zu feiern; und eine glückliche Weihnacht wird es wohl ſein fuͤr alle Leute, denn diejenigen, die nicht ehrlich 4* — 52— ſind, duͤrfen nicht hoffen, gluͤcklich zu ſein, weder zur Weihnachtzeit, noch zu einer andern Zeit. Ihr ſollt Alles erfahren, wenn wir uns ſehen, bis dahin alſo lebet wohl, liebe Schweſtern! Euer freudiger und zaͤrtlicher Bruder Edmund.“¹ Um die Urſache von Edmunds Freude kennen zu lernen, muͤſſen unſre Leſer zuvor mit gewiſſen Dingen bekannt gemacht werden, die ſich nach Ifabella's und Carolinen's Ankunft in Dublin er⸗ eigneten. Eines Morgens beſuchten ſie mit ihren Aeltern die praͤchtige Bibliothek eines Edelmanns, der, großmuͤthig und hoͤflich, ſich das Vergnuͤgen machte, die Vortheile ſeines Reichthums und Standes mit Allen zu theilen, die Anſpruch auf Kenntniſſe und wiſſenſchaftliche Bildung hatten. Da er wußte, daß der Mann, welcher ſeine Bib⸗ liothek beſuchte, ein Kenner von Alterthuͤmern war, ſo oͤffnete er einen Schrank mit Muͤnzen und fragte ihn um ſeine Meinung uͤber das Alter von einigen Stuͤcken, die er neulich fuͤr einen hohen Preis ge⸗ kauft hatte. Es waren ganz dieſelben, welche die Waiſen im Schioſſe Roſſmore gefunden hatten. Iſabella und Caroline erkannten ſie augenblicklich wieder, und da das Kreuz, das Iſabella auf jede derſelben gemacht hatte, mittels eines Vergroͤßer⸗ ungglaſes noch ſichtbar war, ſo blieb kein Zwei⸗ fel uͤbrig. Der Edelmann, der großen Antheil an der Geſchichte dieſer Waiſen und an der Art nahm, wie ſie ihm erzaͤhlt wurde, ſchickte ſogleich nach dem Manne, dem er die Muͤnzen abgekauft hatte. Es war ein Troͤdeljude. Anfaͤnglich weigerte er ſich, zu ſagen, von wem er ſie erhalten haͤtte, weil er bei dem Kaufe das Verſprechen der Ge⸗ heimhaltung hatte geben muͤſſen. Als man wei⸗ ter in ihn drang, bekannte er, daß er ſie unter der Bedingung gekauft haͤtte, ſie an Niemand in Irland zu verkaufen; er waͤre jedoch durch das hohe Gebot des Edelmanns verfuͤhrt worden. Endlich, als man dem Juden ſagte, daß die Muͤnzen geſtohlen waͤren, und daß man gegen ihn als einen Hehler geſtohlener Sachen verfahren wuͤrde, wenn er nicht die Wahrheit bekennte, erklaͤrte er, daß er ſie von einem ihm ganz un⸗ bekannten Manne gekauft haͤtte, auf deſſen Perſon er aber ſchwoͤren koͤnnte, wenn er ihn wieder ſaͤhe. Hopkins war gerade zu dieſer Zeit in Dublin, und Carolinens Vater ſiellte den Iuden am fol⸗ genden Tage in das Hinterzimmer eines Wechs⸗ lers, mit welchem Hopkins an dieſem Tage eini⸗ ge Rechnungen abzuſchließen hatte.— Hopkins kam— der Jude erkannte ihn— ſchwor, daß es derſelke Mann waͤre, der ihm die Muͤnzen ver⸗ kauft haͤtte, und ſo war der Betrug des Geſchaͤft⸗ fuͤhrers und die Unſchuld der Waiſen vollkommen erwieſen. Ein vollſtaͤndiger Bericht von allen dieſen Vorgaͤngen wurde an Herrn Harrey nach England geſchickt, und wenige Poßtage nachher kam ein Brief von ihm, der die Verabſchiedung des betruͤ⸗ geriſchen Geſchaͤftfuͤhrers und eine Belohnung fuͤr die ehrlichen und arbeitſamen Waiſen enthielt. Herr Harvey ſchrieb, daß von nun an Marie und ihre Schweſtern unter Iſabella's und Carolinens Aufſicht ſo lange in dem neuen Hauſe zinsfrei wohnen koͤnnten, als ſie darin ein nuͤtz⸗ liches Geſchaͤft trieben. Dieß war alſo die freudige Nachricht, welche Edmund ſeinen Schweſtern mitzutheilen hatte. Alle Nachbarn theilten ihre Freude, und der Tag, wo ſie die Ruinen des Schloſſes Roſſmore verließen, um in das neuc Haus zu ziehen, war der gluͤcklichſte unter den Weihnachtfeiertagen. Niemand beneidete ihnen ihr Gluͤck, weil Jeder⸗ mann ſah, daß es der Lohn fuͤr ihre gute Auffuͤhr⸗ ung war, niemand als die alte Schatzgraͤberinn. Sie rief, indem ſie mit heftigen Aeußerungen des Kummers die Haͤnde rang:„O Ungluͤck fuͤr mich! Ungluͤck fuͤr mich!— warum kam ich nicht fruͤ⸗ her in jenes Schloß? Es haͤngt Alles, Alles vom Gluͤck ab in dieſer Welt, aber ich hatte nie Gluͤck! Denkt euch das Gluͤck dieſer Kinder, die einen Topf voll Geld, und ſolche große Freunde, und ein huͤbſches Haus, und alles, was ſie wuͤn⸗ ſchen, gefunden haben; und hier ſtehe ich, und habe kaum einen Lumpen mich zu bedecken, und keine Kartoffel fuͤr meinen Mund. Nicht einmal einen 4 — Pfennig habe ich fuͤr Taback, und habe doch die ganze Zeit meines Lebens hindurch nach Schaͤtzen geſucht. Das iſt eben die wahre Urſache, daß Ihr kei⸗ nen Pfennig habt, ſagte Lieschen. Marie hiert und ihre zwei kleinen Schweſtern und ihr Bruder. haben dieſe fuͤnf Jahre bindurch unverdroſſen ge⸗ arbeitet, und ſich durch ihren eignen Fleiß Geld erworben— und Freunde dazu— nicht durch Gluͤck, ſondern durch— Pah, pah! unterbrach ſie das alte Weib: weg mit dem Geplauder; weiß ich nicht ſo gut, als du, daß ſie einen Topf voll Gold durch gut Gluͤck gefunden haben, und iſt das nicht die Ur⸗ ſache, daß ſie jetzt in das huͤbſche Haus ziehen. Nein, entgegnete die Tochter des Poſtmeiſters, dieſes Haus iſt ihnen gegeben worden zur Be⸗ lohnung⸗— ſo hieß es in dem Briefe, denn Edmund zeigte mir ihn, und will ihn jedem zei⸗ gen, der ihn zu ſehen wuͤnſcht. Das Haus ward ihnen zur Belohnung fuͤr ihre Ehr⸗ lichkeit gegeben. —— „ II. Vergeben und Vergeſſen. In der Naͤhe einer Hafenſtadt, in Weſt⸗Eng⸗ land lebte ein Gaͤrtner, der einen Sohn Namens Moritz hatte, welchen er ſehr liebte. Eines Tages ſchickte ihn ſein Vater in die benachbarte Stadt, einige Garten⸗Saͤmereien fuͤr ihn zu kaufen. Als Moritz in den Laden trat, ſah er eine Men⸗ ge Leute, die alle gern bedient ſein wollten. Ein großer langer Mann, und eine große dicke Frau ſchoben ihn weg, und er ſtand ruhig am Ladentiſche, wartend bis jemand Zeit haͤtte, ihn zu bedienen. Endlich, als alle befriedigt waren, wandte ſich der Kaufmann zu Moritz. Und was willſt Du, mein geduldiger kleiner Menſch?“ fragte er. Ich wuͤnſche alle dieſe Saͤmereien fuͤr meinen Vater, ſagte Moritz, und legte ein Verzeichniß in des Kaufmanns Hand. Ich habe Geld mitge⸗ bracht, alles zu bezahlen. *— Der Samenhäͤndler ſuchte alle Saͤmereien aus, die Moritz brauchte, und packte ſie in ein Papier. Indem er noch einige bunte Zucker⸗ Erbſen einſchlug, trat in eine Hinterthuͤre des Aadens ein dicker Mann, mit einem rauhen Ge⸗ ſichte, und rief ſogleich:“ Sind die Saͤmereien beſorgt, die ich beſtellt habe? Denn der Wind iſt gut— und ſie haͤtten ſollen ſchon geſtern an Bord ſein. Und mein Porzellan⸗Krug, iſt er eingepackt und adreſſirt? Wo iſt er?“ Er ſteht da oben uͤber ihrem Kopfe, auf dem Simſe, antwortete der Kaufmann— und iſt ganz ſicher, wie Sie ſehen, aber wir haben noch keine Zeit gehabt, ihn einzupacken; doch heute ſoll's noch geſchehen, und wir werden ſogleich die Saͤmereien fuͤr Sie bereit halten. Sogleich!— Nun ſo machen Sie Anſtalt— die Saͤmereien werden ſich nicht ſelbſt packen. Schnell, ich bitte! Sogleich— ſobald ich dieſes Paͤcktchen fuͤr den kleinen Knaben fertig habe. Was liegt an dem Paͤcktchen fuͤr dieſen kleinen Knaben! Er kann warten, und ich nicht— Wind und Flut warten auf niemand. Hier, mein guter Junge, nimm dein Paͤcktchen, und packe Dich, ſagte der ungeduldige Mann; und als er ſo ſprach, nahm er das Paͤcktchen vom Ladentiſche, waͤhrend der Haͤndler ſich buͤckte, um dickes brau⸗ nes Papier und Bindfaden zum Einpacken her⸗ vorzuholen. Das Paͤcktchen war nur locker eingeſchlagen, als es der Ungeduldige aufnahm. Das Papier riß, von der Schwere des innern Gewichts; alle Saͤ⸗ mereien ſielen auf die Erde, und indem Moritz ſie vergebens mit den Haͤnden aufzufangen ſuchte, rollten die Erbſen uͤberall auf dem Boden umher. Der ungeduldige Mann fluchte, al r Moritz behielt ſeinen Gleichmuth, und ſuchte ſie ſo ſchnell als moͤglich zu ſammeln. Waͤhrend er auf dieſe Weiſe beſchaͤftigt war, erhielt der Mann die Saͤmereien, die er brauchte, und als er daruͤber ſchwatzte, kam ein Matroſe in den Laden, und ſagte:„ Herr Kapitain, der Wind hat ſich ſeit fuͤnf Minuten ge⸗ 62— aͤndert, und es ſcheint, als ob wir ſchlechtes Wetter haben wuͤrden. Gut, es iſt mir lieb, antwortete der un⸗ freundliche Mann, der Hauptmann des Schiffes. Ich bin froh, daß ich einen Tag laͤnger auf dem Lande bleiben kann, denn ich habe genug zu thun. Der Hauptmann ging nach der Thuͤre hin. Moritz, der noch auf dem Boden kniete, und ſeine Saͤmereien aufſuchte, bemerkte, daß des Hauptmanns Fuß in einen Bindſaden verwickelt war, der von dem Brete, worauf der Porzellan⸗ Krug ſtand, herunter hing. Moritz ſah, daß der Hauptmann, wenn er einen Schritt weiter ginge, den Bindfaden herab ziehen mußte, und dann der Krug auf den Boden fallen wuͤrde, wo ſich der Bindfaden verwickelt hatte. Er faßte ſogleich des Hauptmanns Bein, und hielt ihn auf.„ Warten Sie, bleiben Sie ſtehen, ſagte er, oder Sie werden ihren Krug zerbrechen.“ Der Mann ſtand ſtill, und ſah, daß der Bindfaden ſich in ſeine Schuhſchnalle gehangen hatte, und wie nahe er daran war, um ſeinen ſchoͤnen Porzellan⸗Krug zu ℳ. kommen.„Ich bin Dir wirklich ſehr verbunden, mein kleiner Menſch,“ ſagte er,„Du haſt meinen Krug gerettet, den ich nicht fuͤr zehn Guineen haͤtte zerbrechen moͤgen, denn er iſt fuͤr meine Frau beſtimmt, und ich habe ihn gluͤcklich viele Meilen weit hergebracht. Es wuͤrde Schade ge⸗ weſen ſein, wenn ich ihn zerbrochen haͤtte, als er eben ſicher gelandet war. Ich bin Dir wirklich ſehr verbunden, mein kleiner Burſche; das war Boͤſes mit Gutem vergolten. Ich bedaure, daß ich deine Saͤmereien hingeworfen habe, da Du ein ſo gutmuͤthiger und verſoͤhnlicher Knabe biſt. Sein Sie ſo gut,“ fuhr er zu dem Kaufmanne fort,„und holen Sie mir den Porzellan⸗Krug herunter. Der Kaufmann nahm den Krug ſehr ſorgfaͤltig herunter. Der Hauptmann dob den Deckel ab und nahm einige Tulpen⸗Zwiebeln heraus. Nach den vielen Saͤmereien zu ſchließen, die Du gekauft haſt, gehoͤrſt Du einem Gaͤrtner an, ſagte er zu Moritz. Liebſt Du die Gaͤrtnerei? Ja, antwortete Moritz, ich liebe ſie ſehrz mein Vater iſt ein Gaͤrtner, ich muß ihm bei ſeiner Arbeit helfen, und er hat mir einen eigenen kleinen Garten gegeben. Da haſt Du zwei Tulpen⸗Zwiebeln fuͤr Dich, und wenn Du Sorge auf ſie wendeſt, kann ich Dir verſprechen, daß Du die ſchoͤnſten Tulpen in England in deinem kleinen Garten haben wirſt. Ich erhielt dieſe Tulpen von einem hollaͤndiſchen Kaufmanne, der mir ſagte, ſie gehoͤtten zu den ſchoͤnſten und ſeltenſten in Holland. Ich bin ge⸗ wiß, ſie werden bei Dit fortkommen, wenn Wind und Wetter gaͤnſtig ſind. 8 Moritz dankte dem Herrn, und kehrte heim, um ſeine köͤſtlichen Tulpen⸗Zwiebeln eiligſt ſeinem Vater zu zeigen, und einem ſeiner Geſpielen, dem Sohne eines Obſtgaͤrtners, der nahe bei ihm wohnte. Arthur hieß ſein junger Freund. Sobald Moritz die Tulpen⸗Zwiebeln ſeinem Vater gezeigt hatte, eilte er, Arthut in ſeinem Garten aufzuſuchen. Ihre Gaͤrten waren nut durch eine niedrige Mauer von lockern Steinen getrennt. „ Arthur! Arthur! wo viſt Du? Biſt Du in — 65— deinem Garten? Ich habe Dir etwas zu ſagen.”“. eer Arthur gab keine Antwort, und kam nicht, wie gewoͤhnlich, ſeinem Freunde entgegen.„Ich weiß, wo Du biſt, fuhr Moriz fort, ich komme zu Dir, ſobald ich durch die Himbeerſtraͤucher kann. Ich habe Dir was Neues zu zeigen, und Du wirſt Dich daruͤber freuen, Arthur!— O!— aber hier iſt etwas, das ich freilich gar nicht gern ſehe, ſagte der arme Moriz, als er durch die Himbeer⸗ ſtraͤucher gekrochen war und ſeinen eigenen Garten 1 1 zu Geſichte hekam; er ſah ſeine Glasglocke— ſeine liebe Glasglocke, unter welcher ſeine Gurken ſo ſchoͤn gewachſen waren— ſeine einzige Glasglocke, in Stuͤcke zerbrochen! Ich bedaure es, ſagte Arthur, welcher, auf ſeinen Spaten ſich ſtuͤtzend, in ſeinem Garten ſtand. Ich fuͤrchte, Du wirſt ſehr boͤſe auf mich ſein.. Wie, Du warſt es, Arthur, der meine Glas⸗ glocke zerbrochen hat? O, wie konnteſt Du das thun! Ich marf Unkraut uͤber die Mauer, da fiel 5 zufaͤllig ein großer Klumpen Queckengras, an deſ⸗ ſen Wurzeln Steine hingen, auf deine Glasglocke und zerbrach ſie, wie Du ſiehſt. Moriz nahm den Glasklumpen weg, der durch die Glocke auf die Pflanzen gefallen war, und ſah einen Augenblick ſchweigend auf ſeine Gurken.— O meine armen Gurken! Ihr muͤßt nun alle ſterben! Morgen werde ich alle eure gel⸗ ben Bluͤten verwelkt ſehen; aber es iſt geſchehen, und es laͤßt ſich nicht mehr helfen. Laß uns nicht weiter daruͤber ſprechen, Arthur. Du biſt ſehr gut; ich dachte, Du wuͤrdeſt boͤſe geworden ſein. Gewiß, ich waͤre fuͤrchterlich boͤſe geworden, wenn Du mir die Glasglocke zerbrochen haͤtteſt. O, Vergeben und Vergeſſen, das iſt der beßte Weg, wie mein Vater immer ſagt. Sieh was ich fuͤr Dich bekommen habe.— Nun erzaͤhlte Moriz ſeinem Freunde von dem Schiffs⸗ hauptme ne, und dem Porzellankruge; von den hingefallenen Saͤmereien, und den ſchoͤnen Tul⸗ pen⸗Zwiebeln, die man ihm gegeben hatte, und 4. — 67— am Ende gab er Arthur eine von den koſtbaren Zwiebeln. Arthur dankte ihm, hoͤchſt erfreut, und ſagte wiederholend:“" Wie gut iſt es von Dir, daß Du nicht boͤſe biſt, da ich doch deine Glas⸗ glocke zerbrochen habe. Es thut mir mehr leid, als wenn Du zornig geweſen waͤreſt!“ Arthur ging jetzt, um ſeine Tulpen⸗Zwiebeln zu pflanzen, und Moriz beſah das Beet, das ſein Geſpiele umgegraben hatte, und ſonſt alles, was in ſeinem Garten aufgegangen war. Ich weiß nicht, wie es kommt, ſagte Arthur, es ſcheint Dir immer Freude zu machen, wenn etwas in meinem Garten aufgeht, als ob es Dir gehoͤrte. Seit mein Vater hier wohnt, und wir zuſammen arbeiten und ſpielen, bin ich weit gluͤcklicher, als ſonſt. Du mußt wiſſen, ehe wir hierher kamen, lebte ein Vetter mit mir im Hauſe, der mich immer zu necken pflegte; er war nicht halb ſo gut als Du; es machte ihm nie Vergnuͤgen, nach meinem Garten zu ſehen, oder nach ſonſt ewas, das ich that; er theilte nie mit mir, wenn er etwas hatte, und deshab hatte ich 5* — 68— ihn nicht gern. Wie waͤre es auch moͤglich ge⸗ weſen. Aber ich glaube, Menſchenhaß macht uns ungluͤcklich; denn ich weiß, ich war nie gluͤcklich, wenn ich mit ihm ſtritt; und bei Dir iſt mir immer wohl, Moriz! Du weißt, wir zanken uns nie. Es wuͤrde fuͤr alle Menſchen gut ſein, wenn ſie, wie Arthur, uͤberzeugt waͤren, daß es beſſer iſt, in Freundſchaft zu leben, als in Feindſchaft; es wuͤrde fuͤr alle Menſchen gut ſein, wenn man nach Morizens Grundſatz handelte:„Vergeben und Vergeſſen“ ſo oft man beleidigt iſt, oder es zu ſein glaubt. Arthurs Vater, der Obſtgaͤrtner Oakly, wurde leicht uͤber Kleinigkeiten boͤſe, und wenn er dachte, daß einer ſeiner Nachbarn ſich undoͤflich gegen ihn gezeigt haͤtte, war er zu ſtolz, ihn nach der Urſache eines ſolchen Betragens zu fragen; daher beurtheilte er Andere oft falſch. Er glaubte, es zeigte Muth, ſich einer Be⸗ leidigung zu erinnern und ſie zu raͤchen; und ob⸗ gleich er kein boͤsartiger Mann war, ſo wurde er doch zuweilen durch dieſen falſchen Begriff von Muth verleitet, Boͤſes zu thun.„„ Ein warmer Freund, und ein bitterer Feind,“ war einer ſei⸗ ner Grundſaͤtze; er hatte jedoch weit mehr Feinde als Freunde. Sehr reich war er nicht, aber ſtolz; und ſein Lieblingſprichwort war:„Lieber zum Trotze gelebt als bemitleidet.“ In der erſten Zeit, als er ſich in der Naͤhe des Gaͤrtners Grant niederließ, wollte er Mißfal⸗ len an ihm finden, weil man ihm ſagte, Grant waͤre ein Schottlaͤnder; er hielt ſie alle fuͤr liſtig und geizig, weil er einſt von einem ſchottiſchen Kraͤmer war uͤberliſtet worden. Grants freundliches Benehmen beſiegte zwar einigermaßen dieſes Vor⸗ urtheil, aber heimlich hielt der Obſtgaͤrtner dieſe Hoͤflichkeit, wie er ſagte, fuͤr bloßen Schein, denn als Schottlaͤnder koͤnnte er nicht ein ſo herzlicher Freund ſein, als ein echter Englaͤnder. Grant hatte einige beſonders ſchoͤne Himbeeren. Die Frucht war ſo groß, daß man ſee mit Recht eine Seltenheit nennen konnte. In der Badezeit kamen viele Fremde aus der benachbarten Stadt, 4 wo ein Seebad war, um die Himbeeren zu beſehen, welche den Namen Rieſenhimbeeren hatten. Wie kamen Sie zu dieſen wundervollen Him⸗ beeren, Nachbar Grant, wenn ich fragen darf? ſagte eines Abends Oakly zu dem Gaͤrtner. Das iſt ein Geheimniß, antwortete Grant, mit einem ſchlauen Laͤcheln. Ein Geheimniß— wenn dieß der Fall iſt, ſo habe ich nichts zu ſagen; denn ich miſche mich nie in anderer Leute Geheimniſſe, die man mir nicht mittheilen will. Aber ich wuͤnſche, Nachbar Grant, Sie legten das Buch weg. Sie liegen immer uͤber einem oder dem andern Buche, wenn jemand Sie beſucht, was ich, der ich als ein ſchlichter unge⸗ lehrter Englaͤnder geboren und erzogen bin, nicht fuͤr hoͤflich und nachbarlich halte. Grant machte ſchnell ſein Buch zu, und ſagte, einen ſchlauen Blick auf ſeinen Sohn werfend, er haͤtte in dieſem Buche ſeine Rieſenhimbeeren gefunden. Sie belieben mit Jemanden zu ſcherzen, der nicht das Gluͤck hat ſo gelehrt zu ſein als Sie, xX — Herr Grant; aber als ſchlichter Englaͤnder, wie ich vorhin bemerkte, glaube ich, daß man wohl eben ſo leicht Himbeeren in einem Garten ſinden wird, als in einem Buche, Herr Grant. Grant bemerkte, daß ſein Nachbar in einem muͤrriſchen Tone redete, er widerſprach ihm da⸗ her nicht. Wohl bewandert in der Bibel, wußte er,„ daß ein ſanftes Wort den Zorn bezwingt,“4 under ſagte mit einem gutmuͤthigen Tone:„ Ich hoͤre, Nachbar Oakly, daßs Sie wahrſcheinlich dieſes Jahr viel Geld aus ihrer Baumſchule ziehen werden. Ich trinke auf Ihr und der Ihrigen Wohl— die Lerchenbaͤume nicht zu vergeſſen, die, wie ich ſehe, recht huͤbſch fortkommen. 4 Schoͤnen Dank, Nachbar, die Lerchenbaͤume kommen ganz leidlich fort, das iſt gewiß. Und nun auf Ihr und der Ihrigen Wohl, Herr Grant — Ihre Himbeeren nicht zu vergeſſen! Wie nennt man ſie doch?— Er trinkt— und nach einer Weile faͤngt er wieder an⸗„„ Ich tauge nicht zum Betteln, Nachbar, aber wollten Sie mir— Hier wurde Oakly durch die Ankunft einiger — 72— Fremden unterbrochen, und er endigte ſeine Bitte nicht.— Oakly taugte nicht dazu, wie er von ſich ſelbſt ſagte, eine Gunſt zu erbitten, und nichts als Grants Herzlichkeit konnte ſein Vorurtheil ſo weit beſtegen, daß er ſich verleiten ließ, einen Schottlaͤnder um eine Gunſt anzuſprechen. Er war Willens geweſen, um einige Pflanzen von den Rieſenhimbeeren zu bitten. Am andern Tage erinnerte er ſich wieder der Himbeerpflanzen; aber er ſcheute ſich, ſelbſt zu gehen, um ſein Anliegen anzubringen, und hat ſeine Frau, die eben auf den Markt ritt, bei Grant einzuſprechen, und venn er in ſeinem Garten arbeitete, ihn um ei⸗ nige Himbeerpflanzen zu erſuchen. Oaklys Frau brachte die Antwort, Grant koͤnnte ihm durchaus keine Himbeerpflanzen geben, und wenn er auch noch ſo viele haͤtte, wuͤrde er keine weggeben, ausgenommen ſeinem eignen Sohne.— Oakly gerieth bei dieſer Antwort in Zorn, und erklaͤrte, es waͤre gerade ſo ein elen⸗ der Streich, als man von einem Schottlaͤnder erwarten koͤnnte; er nannte ſich einen Pinſel, * — — 2— —— einen Dummkopf, daß er den freundlichen Wor⸗ ten eines Schottlaͤnders getraut haͤtte; er ſchwur, er wollte lieber im Arbeithauſe ſterxben, als je wieder einen Schottlaͤnder um eine Gefaͤlligkeit bitten, waͤre ſie auch noch ſo klein; er erzaͤhlte zum hundertſten Male, auf welche Art er vor zehn Jahren von einem ſchottiſchen Kraͤmer war uͤber⸗ liſtet worden, und beſchloß, allen weitern Um⸗ gang mit Grant und ſeinen Angehoͤrigen zu meiden.. Arthur, ſagte er zu dem Knaben, welcher eben von der Arbeit zuruͤckkam— Arthur, laß mich Dich nie wieder bei Grants Sohne ſehen, hoͤrſt Du? Bei Moriz, Vater? Bei Moriz Grant, ſage ich,— ich verbiete Dir, von dieſem Tage und dieſer Stunde an, Dich je mit ihm ahzugeben. O warum nicht, lieber Vater? Frage mich nicht, ſondern thue was ich Dir befehle. Arthur weinte, und ſagte nur: Ja, Vater, ich werde Euch gewiß gehorſam ſein. Nun, warum weint der Junge? Denkſt Du denn⸗ Pinſel, es gaͤbe keinen andern Knaben, mit dem Du ſpielen koͤnnteſt— als den Sohn dieſes* Schottlaͤnders? Ich werde ſchon einen andern Geſpielen fuͤr Dich finden, Arthur, wenn das alles iſt. Das iſt nicht alles, Vater, ſagte Arthur, und ſuchte ſein Schluchzen zu unterdruͤcken, aber das iſt die Sache, ich werde nie wieder einen ſol⸗ chen Geſpielen und Freund haben als Moriz„ Grant. Auch das, Du armes Naͤrrchen! ſprach der Vater, ſeines Sohnes Kopf an ſich druͤckend: Du biſt gerade wie dein Vater, der ſich mit einem ſchoͤnen Worte oder ſonſt etwas einnehmen laͤßt. Aher wenn Du ſo lange gelebt haſt, als ich, wirſt Du finden, daß Freunde nicht wie Brombeeren auf dem Buſche wachſen. 4 Nein, das denke ich wahrlich nicht, ſagte Arthur. Ich hatte ſonſt nie einen Freund, und werde nie einen andern haben, der Moriz Grant gleicht. 3 — 75— Wie der Vater, ſo der Sohn— Du kannſt froh ſein, daß Du von ihm biſt. Daß ich von ihm bin? O Vater, ſoll ich nicht wieder in ſeinem Garten arbeiten, und ſoll er nicht mehr in den meinigen kommen? Nein, antwortete Oakly barſch, ſein Vater hat mich undoͤſlich behandelt, und ich will nicht zweimal undoͤflich behandelt ſein.— Nein, ſage ich.— Fege den Herd ab, Frau!— Betrage Dich nicht, wie ein Narr, Junge, ſondern iß deinen Speck und dein Gemüͤſe, und laß mich nichts mehr von Moriz Grant hoͤren. Arthur verſprach, ſeinem Vater zu gehorchen, und bat, nur noch einmal mit Moritz ſprechen zu duͤrfen, um ihm zu ſagen, daß er nach ſeines Vaters Befehle handelte. Dieſe Bitte wurde ge⸗ waͤhrt, als aber Arthur zu wiſſen wuͤnſchte, wel⸗ che Gruͤnde er wegen dieſer Trennung angeben ſollte, weigerte ſich ſein Vater, ſie zu ſagen. Die beiden Freunde nahmen ſehr traurig Abſchied. Als Grant von all dieſem hoͤrte, ſuchte er — 76— zu entdecken, was ſeinen Nachbar beleidigt haben koͤnnte; aber bei Oaklys hartnaͤckigem Schweigen konnte es zu keiner Erklaͤrung kommen. Grants Antwort wegen der Rieſenhimbeeren, war etwas verſchieden von der Botſchaft, die Oakly empfangen hatte. Die eigentliche Antwort war, daß die Himbeeren Grant nicht gehoͤrten, ſondern ſeinem Sohne Moyriz, und er daher kein Recht haͤtte, ſie zu verſchenken, und daß es auch nicht die rechte Zeit waͤre, ſie zu verpflanzen. Dieſe Antwort wurde ungluͤcklicher Weiſe mißver⸗ ſtanden. Grant gab ſeiner Frau die Antwort, dieſe aber gab ſie einer Magd aus Wales, welche die ſchottiſche Sprache ihrer Herrſchaft nicht gut verſtand, und ſie konnte ſich der Frau Oakly nicht verſtändlich machen, der die Mundart von Wales verhaßt war, und die eben mit der Baͤndigung ihres Pferdes zu viel zu thun hatte, als das Maͤdchen die Nachricht uͤberbrachte. Das Pferd, welches Frau Oakly an dieſem Tage ritt, war ſo ſchlecht gezaͤhmt, daß es nicht ruhig an der Thuͤre halten wollte, und ſie war ſehr ungeduldig, ehe 8 ſie die Antwort empfing, und auf den Markt reiten, konnte. Von ſolchen Kleinigkeiten han⸗ gen oöft die Streitigkeiten der Nachbarn ab. Oakly hatte einmal beſchloſſen, Mißfallen an ſeinem Nachbar zu finden, und es konnte auch an neuen Urſachen zu Beſchwerden nicht fehlen. In Grants Garten ſtand ein Pflaumenbaum, nahe an der lockern Mauer, die den Garten von der Baumſchule trennte. Der Boden war nicht ganz ſo gut, als auf der andern Seite; der Pflaumenbaum hatte ſeinen Weg durch die Mauer genommen und war allmaͤlig in dem Boden ge⸗ wurzelt, der ihm am beßten zuſagte. Oakly meinte, da der Pflaumenbaum Grant gehoͤrte, ſo haͤtte er kein Recht auf ſeinem Boden zu er⸗ ſcheinen, und ein Advokat ſagte ihm, daß er Grant noͤthigen koͤnnte, den Baum zu faͤllen, aber Grant weigerte ſich, ſeinen Pflaumenbaum, nach des Advokaten Verlangen, umzuhauen. Der Advokat uͤberredete Oakly, ſich in dieſer Angele⸗ genheit an die Obrigkeit zu wenden, und der Pro⸗ zeß verzog ſich einige Monate. Zu Ende dieſer Zeit kam der Advokat zu Oakly, und verlangte Geld, um den Rechtshandel fortzufuͤhren, wobei er verſicherte, daß die Sache in Kurzem zu ſeinen Gunſten wuͤrde entſchieden werden. Oakly bezahlte ſeinem Advokaten zehn Guineen, und bemerkte, daß es fuͤr ihn eine große Summe waͤre, und daß nichts als Liebe zur Gerechtigkeit ihn bewegen oͤnnte, wegen eines Stuͤckchens Land, das kaum zwei Pfennige werth waͤre, einen Prozeß zu fuͤh⸗ ren.„Der Pflaumenbaum ſchadet mir wenig, oder gar nichts, ſagte er, aber ich mag mich von einem Schottlaͤnder nicht betruͤgen laſſen.“ Der Advokat merkte und benutzte Oaklys Vor⸗ urtheil gegen die Schottlaͤnder, und uͤberredete ihn, daß er, um den Geiſt eines echten Englaͤn⸗ ders zu zeigen, den Nechtshandel fortſetzen muͤßte, es moͤchte ihm koſten was es wolle. Bald nach dieſer Unterredung ging Oakly mit entſchloſſenen Schritten nach dem Pflaumenbaum hin, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Und ſollte es mir hundert Pfund koſten, der pfiffige Schottlaͤnder ſoll nicht die Oberhand haben.4 Arthur unterbrach ſeines Vaters Traͤumerei, indem er auf ein Buch und einige junge Pflanzen zeigte, die auf der Mauer lagen.„Ich glaube, Vater, dieſe Dinge ſind fuͤr Euch, ſagte er, denn hier iſt ein Brieſchen an Euch von Moriz geſchrie⸗ ben. Soll ich es hohlen? Ja Kind, ich will's leſen, weil ich's muß. Es enthielt folgende Worte: „ Lieber Herr Oakly! Ich weiß nicht, warum Sie mit uns in Feind⸗ ſchaft ſind; ich bin ſehr traurig daruͤber. Aber obgleich Sie auf mich boͤſe ſind, ſo bin ich doch nicht boͤſe auf Sie. Ich hoffe, Sie werden ſich nicht weigern, einige Rieſenhimbeerpflanzen von mir anzunehmen, um welche Sie vor langer Zeit baten, als wir noch gute Freunde waren. Es war nicht die rechte Zeit, ſie zu verpflanzen, was der Grund war, weshalb Sie keine erhielten. Jetzt aber iſt es gerade die rechte Zeit, und ich ſende Ihnen hier das Buch, worin Sie den Grund finden, warum wir immer Seegras⸗Aſche um die Wurzel legen. Ich habe mir auch etwas — 8o— von dieſer Aſche fuͤr Sie verſchafft. Sie finder es in einem Blumentopfe auf der Mauer. Ich habe nie mit Arthur geſprochen, noch er mit mir, ſeit Sie es verboten haben. Ich wuͤnſche, daß Ihre Himbeeren ſo gut fortkommen moͤgen als die unſtigen, und daß wir wieder Freunde werden, und mit einem herzlichen Gruſſe an meinen guten Arthur, bleibe ich Ihr ergebner Nachbar, Moriz Grant.“ N. S.„Es find jetzt vier Monate, ſeit der Streit anfing, und das iſt eine ſehr lange Zeit. Ein großer Theil dieſes Briefes ging fuͤr Oakly verloren, weil er Geſchriebenes nicht gut leſen konnte, und es koſtete ihm viel Muͤhe, ihn zu buchſtabtren. Der Inhalt ſchien ihn jedoch zu ruͤhren, und er ſagte:„Arthur ich glaube, dieſer Moriz liebt Dich ſehr, und er ſcheint ein guter Junge zu ſein, aber alles was er von den Him⸗ beeren ſagt/ mag wohl eine bloße Entſchuldigung ſein, und weil ich keine erhielt, als ich darum bat, mag ich ſie jetzt auch nicht.— Hoͤrſt Du, Arthur? Was lieſeſt Du da?““ Arthur las aus einer Zeitſchrift, die Moriz mit den Himbeerpflanzen auf die Mauer gelegt hatte, Folgendes vor:„In Jerſey zieht man eine Art Erdbeeren, die waͤhrend des Winters mit Seegras bedeckt werden, wie in England viele Pflanzen mit Streu. Dieſe Erdbeeren ſind meiſt etwas groͤßer als eine gewoͤhnliche Aprikoſe und die Bluͤ⸗ te iſt beſonders ſchoͤn. Jerſey und Guernſey lie⸗ gen kaum einen Grad weiter ſuͤdlich als Cornwall alle Arten von Fruͤchten werden vierzehn Tage oder drei Wochen eher reif als in England, ſelbſt auf den ſuͤdlichen Kuͤſten, und der Schnee bleibt kaum vier und zwanzig Stunden liegen. Dieß kann zwar auch darin ſeinen Grund haben, daß dieſe Inſeln mit einem ſalzigen und folglich feuch⸗ ten Dunſtkreiſe umgeben ſind, aber die Aſche von Seegras, womit geduͤngt wird, hat auch ihren Einfluß.“ 3 4 Und hier, fuhr Arthur fort, hat Moriz mit 6 Bleiſtift etwas auf ein Papier geſchrieben. Ich will es Euch vorleſen.„Als ich in dieſem Buche las, daß Erdbeeren ſo groß als Aprikoſen wuͤrden, wenn man ſie mit Seegras⸗Aſche bedeckt, dachte ich, vielleicht koͤnnte auch fuͤr meines Vaters Him⸗ beeren die Seegras⸗Aſche gut ſein, und ich fragte ihn, ob er mir erlauben wollte, den Verſuch zu machen. Er erlaubte es mir, und ich ging augen⸗ blicklich, etwas Seegras am Ufer zu ſammeln, trocknete und verbrannte es, und duͤngte die Him⸗ beeren damit. Ein Jahr nachher wurden ſie ſo groß als Sie geſehen haben*). Ich ſage Ihnen dieß erſtens, damit Sie wiſſen, wie Sie Ihre Himbeeren zu behandeln haben, und dann, weil ich mich erinnere, daß Sie ernſthaft ausſahen, und als ob Sie boͤſe auf meinen Vater waͤren, als er Ihnen ſagte, es waͤre ein Geheimniß, wie er zu den Rieſenhimbeeren gekommen waͤre. Dieß mag vielleicht die Urſache ſein, weshalb Sie boͤſe auf uns geworden ſind, denn Sie ſind ſeit jenem *) Es iſt nothwendig, hier zu bemerken, daß die⸗ ſer Verſuch nie wirklich bei Himbeeren gemacht worden iſt. — — Abend nie wieder zuͤm Vater gekommen. Nun habe ich alles geſagt, was ich weiß, und hoffe, Sie werden nicht laͤnger boͤſe auf uns ſein.“ Oakly freute ſich ſehr uͤber dieſe Aufrichtigkeit, und ſprach:„Nun Arthur, das nenne ich jemanden etwas ſagen, was man zu wiſſen wuͤnſcht, ohne viel Redens. Dieß gleicht mehr einem Englaͤnder als einem Schottlaͤnder.— Sage mir, Arthur, weißt Du nicht, ob Dein Freund in England oder in Schottland geboren iſt? Nein, ich weiß es in der That nicht, Vater. Ich fragte ihn nie, und hielt es auch nicht fuͤr noͤthig. Doch das weiß ich, wo er auch immer geboren ſein mag, er iſt ſehr gut. Seht Vater, meine Tulpe bluͤht. Auf mein Wort, das witd eine ſcane Tulpe. Moriz ſchenkte ſie mir. Und Du gabſt ihm nichts dafuͤr? Nein gar nichts; er gab ſie mir gerade zu einer Zeit, wo er Urſache hatte, ſehr boͤſe auf mich zu ſein, als ich eben ſeine Glasglocke zer⸗ brochen hatte. 6* — 84— — Ich habe große Luſt, Euch wieder zuſammen ſpielen zu laſſen, ſagte Arthurs Vater. O, wenn Ihr das wolltet, rief Arthur, in ſeine Haͤnde ſchlagend, wie gluͤcklich wuͤrden wir ſein! Wißt Ihr, Vater, ich habe oft Stunden lang auf jenem Holzapfelbaume geſeſſen, und Moriz in ſeinem Garten bei der Arbeit geſehen, und ich wuͤnſchte, daß ich mit ihm arbeiten koͤnnte. Seht Vater, mein Garten iſt nicht halb ſo gut in Ordnung als ſonſt, aber alles wuͤrde wieder gut gehen, wenn— Hier wurde Oakly durch den Advokaten unter⸗ brochen, welcher kam, um Oakly wegen des Strei⸗ tes uͤber den Pflaumenbaum etwas zu fragen. Oakly zeigte ihm Morizens Brief, und zu Arthurs groͤßter Verwunderung, rief der Advokat, ſobald er ihn geleſen hatte:„Was fuͤr ein pfiffiger kleiner Mann das iſt! Ich habe nichts beſſeres geſehen, ſo lange ich meine Geſchaͤfte treibe. Das iſt der liſtigſte Brief, den ich je geleſen habe.“ Wo liegt denn die Liſt? ſagte Oakly und ſetzte ſeine Brille auf. — —— — 85— Lieber Herr Oakly, ſehen Sie denn nicht, daß dieß Gewaͤſch von den Rieſenhimbeeren nur dazu dienen ſoll, den Streit wegen des Pflaumenbaums gbzuhalten? Herr Grant ſieht hell genug, und weiß, daß er in dieſem Streite verliert, kurz daß er eine huͤbſche Summe als Schadenerſatz bezahlen muß, wenn er es weiter treibt. Schadenerſatz? ſagte Oakly, ſich nach dem Pflaumenbaume umſehend. Aber ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich meine nichts, als was recht iſt. Ich klagte nicht, um eine huͤbſche Summe zu erhalten, denn der Pflaumenbaum hat meinem Garten keinen großen Schaden gethan, ſondern er ſollte nur nicht ohne meine Erlaubniß hinein wachſen. Gut, gut, ſagte der Advokat, ich verſtehe das alles; aber Sie muͤſſen wiſſen, Herr Oakly, dieſer Grant und ſein Sohn wollen die Sache mit Ihnen ausgleichen, daß es nicht zum Urtheilſpruche kommen ſoll, und ſo will man Sie unter der Hand mit einigen Himbeeren beſtechen. Beſtechen? Ich habe mich nie beſtechen laſſen, und will's nie! rief Oakly, und mit ploͤtzlich erwachendem Unwillen riß er die Himbeer⸗ pflanzen aus dem Boden, wo Arthur ſie pflanzte, und warf ſie uͤber die Maner in Grants Garten. Moriz hatte ſeine Tulpe, die eben zu bluͤhen anfing, in einem Blumentopfe auf die Mauer ge⸗ ſetzt, in der Hoffnung, daß ſein Freund Arthur ſie jeden Tag ſehen wuͤrde. Ach! er wußte nicht, auf was fuͤr einen ge⸗ faͤhrlichen Platz er ſie geſtellt hatte. Eine der Himbeerpflanzen, die Haklys zorniger Arm hinuͤber ſchleuderte, knickte das Haupt ſeiner koͤſtlichen Tulpe. Am andern Tage, als Moriz ſeine Himbeer⸗ pflanzen auf dem Boden und ſeine Lieblingstulpe zerbrochen ſah, war er ſehr erſtaunt und auf einige Augenblicke zornig, aber er konnte nie lange zor⸗ nig ſein. Er war uͤberzeugt, daß all dieß nur die Schuld eines Zufalls oder ein Mißverſtaͤndniß ſein muͤßte; er konnte nicht glauben, daß jemand ſo boshaft ſein koͤnnte, ihn abſichtlich zu beleidigen. „ Und ſelbſt wenn man alles mit Abſicht thaͤte, — um mich zu aͤrgern,“ ſagte Moriz zu ſich ſelber, „das beßte, was ich tbun kann, iſt, mich nicht aͤrgern zu laſſen.— Vergeben und Vergeſſen!“ Dieſe Geniuͤthſtimmung machte Moriz viel gluͤcklicher, als er ohne dieſelbe haͤtte ſein koͤnnen, und wenn alle Tulpen in Holland ihm gehoͤrt haͤtten. Tulpen galten zu jener Zeit fuͤr Dinge von großem Werthe in der ganzen Gegend, wo Morii und Arthur lebten. In der benachbarten Stadt hielten die Blumenliebhaber ein Feſt, wobei Der⸗ jenige, der die ſchoͤnſte Blume in ihrer Art auf⸗ zeigen konnte, einen Preis erhielt, der in eini⸗ gen huͤbſchen Gartenwerkzeugen beſtand. Eine Tulpe war im vorigen Jahre fuͤr die ſchoͤnſte er⸗ klaͤrt worden, und daher bemuͤhten ſich nun viele Leute, Tulpen zu ziehen, in der Erwartung, dieſes Jahr den Preis zu gewinnen. Arthurs Tulpe war ſchoͤn. Jeden Tag be⸗ ſah er ſie, und taͤglich kam ſie ihm ſchoͤner vor. Er wuͤnſchte, ſeinem Freunde Moriz dafuͤr zu dan⸗ ken. Oft ſtieg er auf den Holzapfelbaum, in der Hoffnung, Morizens Tulpe auch ſo ſchoͤn bluͤhen zu ſehen. Aber er ſah ſie nie. Der Tag des Blumenfeſtes brach an, und Dakly ging mit ſeinem Sohne und der ſchoͤnen Tulpe nach dem Orte der Verſammlung. Es war ein geraͤumiger gruͤner Platz. Alle Blumen ver⸗ ſchiedener Art waren auf einer Terraſſe am obern Ende des Raſenplatzes aufgeſtellt, und unter dieſer bunten Mannigfaltigkeit ſtach Arthurs Tulpe, die ihm Moriz gegeben hatte, beſonders hervor. Der Preis wurde dem Eigenthuͤmer dieſer Tulpe zuer⸗ kannt, und als Arthur die huͤbſchen Gartenwerk⸗ zeuge empfing, hoͤrte er eine wohl bekannte Stimme ihm Gluͤck wuͤnſchen. Er wandte ſich um und ſah ſeinen Freund Moriz.„Aber Moriz, wo iſt Deine Tulpe?“ ſagte Oakly.„Ich daͤchte, Ar⸗ thur, Du haͤtteſt mir geſagt, daß er auch eine fuͤr ſich haͤtte.”“ „Ja, ich hatte eine,“ ſprach Morit,„aber jemand hat ſie mir eiedchaan durch Zufall, wie ich glaube.4 Jemand? Wer denn? riefen Arthur und Oakly zugleich. Jemand, der die Himbeerpflanzen uͤber die Mauer zuruͤckwarf, antwortete Moritz. Das war ich, ſagte Oakiy. Ich mag's nicht laͤugnen; aber es war nicht meine Abſicht, Deine Tulpe zu zerbrechen, Moriz. Lieber Moriz, ſagte Arthur— Ich nenne ihn lieber Moriz— Vater, in eurem Bei⸗ ſein— Hier ſind alle Garten⸗Werkzeuge. Nimm ſie! MNiccht ein Einziges, ſprach Morig⸗ und trat zuruͤck. Biete ſie ſeinem Vater an, fluͤſterte Oakly/ ich ſtehe dafuͤr, er wird ſie nehmen. Oakly irrte ſich. Der Vater wollte nichts von den Werkzeugen wiſſen. Oakly war uͤberraſcht.—„ Gewiß, ſagte er zu ſich ſelber: er kann nicht ein ſolcher Geiz⸗ halz ſein, als ich glaubte.“ Auf der Stelle ging er zu Grant, und ſprach treuherzig:„ Herr Grant, ihr Sohn hat ſich ſehr artig gegen den meinigen betragen, und Sie ſcheinen daruͤber erfreut zu ſein.“ Sein Sie verſichert, das bin ich, ſagte Grant. Sie geben mir dadurch eine beſſere Meinung von ſich, als ich je zuvor hatte, fuhr Oakly fort: ich meine, ſeit dem Tage, wo ſie mir die elende Antwort wegen der dummen Himbeeren ſchickten. Was fuͤr eine elende Antwort? fragte Grant, verwundert, und Oakly wiederholte genau die Antwort, die er erhalten hatte. Grant erklaͤrte, er haͤtte nie ſo etwas geſagt. Er wiederholte ſeine eigentliche Antwort, und Oakly reichte ihm ſogleich die Hand, und ſprach:„Ich glaube Ihnen, Sie brauchen nichts mehr zu ſagen. Es thut mir nur leid, daß ich Sie nicht vier Monate fruͤher darum gefragt habe, und ich wuͤrde es gethun haben, wenn Sie nicht ein Schottlaͤnder geweſen waͤren. Ich habe bis jetzt einen Schottlaͤnder nie recht leiden koͤnnen. Wir —õ——— muͤſſen es dieſem kleinen Menſchen danken, daß wir uns endlich noch verſtaͤndigt haben, fuhr Oakly fort, und wendete ſich zu Moriz. Sein gutes Herz hat alles uͤberwunden. Es thut mir wirklich in der Seele leid, daß ich ſeine Tulpe zerbrochen habe. Gebt euch die Haͤnde, Kinder! Ich freue mich, Arthur, Dich wieder ſo gluͤcklich zu ſehen, und hoffe Herr Grant wird vergeben. O, vergeben und vergeſſen! ſprachen Grant und ſein Sohn in demſelben Augenblicke. Von dieſer Zeit an lebten die beiden Familien in Freundſchaft. Oakly lachte uͤber ſich ſelbſt, daß er ſich hatte bereden laſſen, wegen des Pflaumen⸗ baums eine Klage anzuſtellen, und ſein fruͤheres Vorurtheil gegen die Schottlaͤnder wurde nach und nach ſo ganz beſiegt, daß er und Grant gemeinſchaftlich ihre Geſchaͤfte machten. Grants Beleſenheit und Kenntniſſe in der Rechenkunſt fand Oakly ſehr nuͤtzlich fuͤr ſich; er beſaß jedoch auch viele gute Eigenſchaften, die fuͤr ſeinen Geſellſchafter vortheilhaft wurden. Die beiden Knaben freuten ſich uͤber die Eintracht der Fami⸗ lien, und Arthur ſagte oft, daß ſie ihr Gluͤck allein Moritens Lieblingsſprichworte verdankten: Vergeben und Vergeſſen. III Verſchwende nicht, entbehre nicht. — De Kaufmann Gresham in Briſtol, der durch ehrliche Betriebſamkeit und Erſparniß ein bedeu⸗ tendes Vermoͤgen geſammelt hatte, zog ſich von den Geſchaͤften in ſein neues Haus zuruͤck, das er ſich auf den Duͤnen nahe bei Clifton erkauft hatte. Er wußte aber wohl, daß ein neues Haus allein ihn nicht gluͤcklich machen koͤnnte, und nie dachte er daran, in Muͤßiggang und Schwelgerei zu leben, denn ein ſolches Leben waͤre ſeinen Sitten und Grundſaͤtzen zuwider geweſen. Er war ein Kinder⸗ freund, und da er keine Soͤhne hatte, ſo beſchloß er, einen Verwandten an Kindesſtatt anzunehmen. Er hatte zwei Neffen, und er lud beide in ſein Haus, um Gelegenheit zu haben, ihre Sinnesart und die Kenntniſſe zu beobachten, die ſie ſich etwa erworben haͤtten. =— 96— Heinrich und Benjamin, ſo hießen Greshams Neffen, waren gegen zehn Jahr alt, und hatten eine ganz verſchiedene Erziehung genoſſen. Hein⸗ rich ſtammte von dem aͤltern Zweige der Familie; ſein Vater war ein angeſehener Mann, der faſt mehr verſchwendete, als er Einkuͤnfte hatte, und Heinrich lernte durch das Beiſpiel der Diener in ſeines Vaters Familie, unter welchen er die erſten Jahre ſeiner Kindheit zubrachte, alle Dinge mehr verſchwenderiſch, als nuͤtzlich gebrauchen. Man hatte ihm geſagt, daß es einem vornehmen Manne nicht ziemte, ſparſam und ſorglich zu ſein, und er hatte dabei ungluͤcklicher Weiſe den Grundſatz eingeſogen, daß Verſchwendung das Zeichen einer großherzigen Stimmung, Sparſamkeit aber eines Hanges zum Geize waͤre. Benjamin hingegen hatte gelernt, ſparſam und vorſichtig ſein. Sein Vater, der nur ſehr wenig Vermoͤgen beſaß, floͤßte ihm fruͤh die Lehre ein, daß Sparſamkeit eine un⸗ abhaͤngige Lage ſichert, und daß durch ſie es man⸗ chem, der nicht gerade reich iſt, moͤglich wird, freigebig zu ſein. *1 1 *1 1 Am Morgen nach ihrer Ankunft bei dem Oheime wuͤnſchten die beiden Knaben, alle Zimmer im Hauſe zu ſehen. Gresham begleitete ſte, und gab auf ihre Bemerkungen und Ausrufungen Acht. O welch' ein ſchoͤner Spruch! rief Benjamin, als er folgende Worte las, die mit großen Buch⸗ ſtaben uͤber dem Kaminſims in des Oheims Bundi⸗ miger Kuͤche geſchrieben ſtanden: Verſchwende nicht, entbehre nicht. Verſchwende nicht, entbehre nicht! wieder⸗ holte ſein Vetter Heinrich, faſt in einem veraͤcht⸗ lichen Tone.„Mir klingt das zu knickerig fuͤr Diener, und bei keinem vornehmen Herrn wuͤrden es die Diener, zumal die Koͤche, gern ſehen, wenn ihnen ſtets ein ſo gemeiner Spruch ins Geſicht ſtarrte.” Benjamin, der nicht ſo bekannt war mit den Launen der Koͤche und Diener, als ſein Vetter, antwortete nicht auf dieſe Bemerkung. Gresham wurde abgerufen, waͤhrend ſeine Neffen die uͤbrigen Zimmer des Hauſes beſchauten. Bald nachher hoͤrte er ihre Stimme in der Hausflur. 7 Was macht ihr, Kinder? ſprach er. Nichts, lieber Oheim, antwortete Heinrich. Sie wurden von uns abgerufen, und wir wußten uns nicht zurecht zu ſinden. Habt ihr nichts zu thun! fragte Gresham. Gar nichts, erwiderte Heinrich, in einem gleichgiltigen Tone, als waͤre er mit der Gewoͤh⸗ nung an Muͤſſiggang wohl zufrieden geweſen. Nichts, lieber Oheim, antwortete Benjamin, mehr mit klagender Stimme. Wenn ihr denn nichs zu thun habt, Kinder, ſprach Gresham: wollt ihr wohl dieſe zwei Pakte für mich aufbinden? Die zwei Pakte waren vollkommen gleich und beide mit ſchoͤner Peitſchenſchnur wohl zugeknuͤpft. Benjamin trug das ſeinige auf einen Tiſch, be⸗ ſah, nachdem er das Siegellack aufgebrochen hatte, genau den Knoten, und loͤſte ihn dann auf. Heinrich blieb auf der Stelle ſtehen, wo er das Pakt in die Haͤnde genommen hatte, und verſuchte erſt an einer, dann an der anderen Ecke, die Schnur mit Gewalt zu zerreißen.„Wenn doch die Leute ihre Pakte nicht ſo feſt baͤnden, als ob ſie nie wieder aufgemacht werden ſollten“ ſagte er, an der Schnur zerrend, und zog den Knoten noch feſter, anſtatt ihn zu loͤſen.„Benjamin, wie ging denn das Deinige auf? Was iſt denn in Deinem Pakte? Ich bin neugierig, was in dem meinigen enthalten iſt. Koͤnnte ich nur die Schnur aufknuͤpfen— ich muß ſie zerſchneiden.“ Nein, thu' das nicht, ſagte Benjamin, der jetzt den letzten Knoten an ſeinem Pakte aufgeloͤſt hatte, und frohlockend die lange Schnur auszog⸗ zerſchneide ſie ja nicht, Heinrich— ſieh', welch' eine ſchoͤne Schnur das iſt, und Deine iſt eben ſo. Es waͤre Schade, ſe zu zerſchneiden. Du weißt: Verſchwende nicht, entbehre nicht! Pah! ſagte Heinrich, was liegt an einem Stuͤckchen Bindfaden? Es iſt Peitſchenſchnur, ſprach Benjamin. Gut, alſo Peitſchenſchnur! Was liegt an einem Stuͤckchen Peitſchenſchnur? Fär zwei Pence*) kannſt Du Dir eine zweimal ſo lange —, Ein engliſcher Penny iſt 8 Pfennige unſers Geldes. 7* Schnur kaufen, als dieſe iſt. Und was liegt an ſo viel Geld! Und— ſo ſei es denn, rief Hein⸗ rich, indem er ſein Taſchenmeſſer hervorzog, und die Schnur haſtig in mehre Stuͤcke zerſchnitt. Habt ihr die Pakte aufgeknuͤpft, Kinder? fragte Gresham, zur Thuͤre hereintretend. Ja, Oheim, antwortete Heinrich, und zog ſeine halb zerſchnittene, halb verwickelte Schnur ab— hier iſt das Pakt. Und hier iſt mein Pakt, und hier die Schnur, ſagte Benjamin. Du magſt die Schnur fuͤr Deine Muͤhe behal⸗ ten, ſprach Gresham. Ich danke Ihnen, lieber Oheim. O die ſchoͤne Peitſchenſchnur! und Du, Heinrich, fuhr Gresham fort: Du kannſt Deine Schnur ebenfalls behalten, wenn ſie Dir irgend nuͤtzen kann. Sie kann von keinem Nutzen fuͤr mich ſein, entgegnete Heinrich: ich danke dafuͤr. Nicht? Nun das iſt auch kein Wunder, ſagte F — 101— der Oheim, und nahm die verwickelten, verknoteten Heberbleibſel von Heinrichs Schnur auf. Wenige Tage nachher ſchenkte Gresham jedem ſeiner Neffen einen neuen Kreiſel. Aber was iſt das? rief Heinrich, ein Kreiſel ohne Schnur?— Wo nehmen wir eine Schnur her? Ich habe eine Schnur, die zu dem meinigen herrlich paſſen wird, ſagte Benjamin, und zog aus ſeiner Taſche die ſchoͤne, lange, glatte Schnur, welche er von dem Pakte abgeloͤßt hatte. Mit die⸗ ſer ſetzte er ſeinen Kreiſel auf, der zum Bewun⸗ dern ſchoͤn lief. Ach, haͤtte ich nur eine Schnur! klagte Hein⸗ rich. Wie verſchaffe ich mir nur eine? Doch— weißt Du wie? Ich nehme mein Hutband. Aber, fragte Benjamin, woher willſt Du dann wieder ein Hutband bekommen? Ich laſſe den Hut ohne Band, antwortete Heinrich, und nahm zu dem Kreiſel die Schnur von ſeinem Hute.— Sie war bald abgenutzt, und er zerſprengte den Kreiſel, indem er den Na⸗ gel zu weit hineintrieb. Vetter Benjamin aͤberließ — 102— ihm am folgenden Tage den ſeinigen, aber Hein⸗ rich war nicht gluͤcklicher und vorſichtiger mit fremden Sachen, als mit ſeinen eigenen. Er hatte kaum eine halbe Stunde geſpielt, als er ihn ebenfalls durch das allzu heftige Eintreiben eines Nagels zerſpaltete. Benjamin ertrug dieſes Ungluͤck mit Gutmuͤthig⸗ keit.—„Komm, gagte er, da iſt nicht zu hel⸗ fen. Aber gib die Schnur her; ſie kann noch zu etwas anderem gebraucht werden.“* Einige Zeit nachher kam eine angeſehene Frau nach Clifton, die mit Heinrichs Mutter zu Bath innigſt befreundet war, das heißt, die haͤuſig mit ihr waͤhrend des Winters am Kartentiſche geſeſſen hatte. Sie hatte von ihr erfahren, daß ſich Heinrich bei Gresham befaͤnde, und ihre Soͤhne, die Freunde von ihm waren, beſuchten ihn und luden ihn ein, den naͤchſten Tag bei ih⸗ nen zuzubringen. Heinrich nahm die Einladung mit Freuden an. Er aß immer gern außer dem Hauſe, weil es dabei etwas zu thun, zu denken oder wenigſtens zu reden gab. Man hatte ihm ₰ —— — 103— uͤberdieß den Gedanken eingeſtoͤßt, daß es ſehr vornehm waͤre, vornehme Leute zu beſuchen, und Frau Diana Wilton(ſo hieß die Freundinn ſeiner Mutter) war ſehr vornehm, und ihre beiden Soͤhne ſollten ebenfalls recht vornehme Herren werden. Heinrich zeigte große Eile, als dieſe jungen Herren am naͤchſten Tage an ſeines Oheims Thuͤre pochten, aber indem er eben ins Vorhaus hinab lief, rief ihm die kleine Betty von der Treppe herab nach, er haͤtte ſein Taſchentuch verloren. Heb' es auf und bring' es ſchnell herunter! rief Heinrich.— Hoͤrſt Du nicht, Maͤdchen, daß Frau Diana's Soͤhne auf mich warten? Die kleine Betty wußte nichts von Frau Diana's Soͤhnen; aber ſie war ſehr gutmuͤthig, und da ſie ſah, daß ihr Vetter Heinrich aus irgend einer Urſache in großer Eile war, lief ſie ſo haſtig, als ſie konnte, zum Abſatze der Treppe hinab, wo das Tuch lag— aber ach! ehe ſie es erreichen konnte, ſtuͤrzte ſie, und rollte mehre Stufen hinab, bis ſie unten liegen blieh. Sie 8 — 1⁰⁴— ſchrie nicht, ſondern wand ſich, als wenn ſie heftige Schmerzen haͤtte. Wo thut es Dir weh, mein Kind? fragte Gresham, der augenblicklich herbeieilte, als er das Geraͤuſch eines Falles vernahm. Wo thut ese Dir weh' meine Liebe? Hier, Vater! ſagte das kleine Maͤdchen, auf den Knoͤchel deutend, den ſie zuͤchtig bedeckt hatte: Ich glaube, es ſchmerzt mich hier, aber nicht ſehr, ſetzte ſie hinzu und verſuchte aufzuſtehen, es ſchmerzt mich nur, wenn ich mich bewege. Ich will Dich tragen, aber bewege Dich nicht,* 4 ſagte ihr Vater, und nahm ſie auf ſeine Arme. Meinen Schuh, ich habe meinen Schuh ver⸗ loren! rief ſe. Benjamin ſuchte danach, und fand ihn in einer Schlinge von Schnur, womit eines der Treppen⸗ gelaͤnder umwickelt war. Als die Schnur hervorge⸗ zogen wurde, fand man, daß es daſſelbe verwickelte Stuͤck war, welches Heinrich von ſeinem Pakte geriſſen hatte. Um ſich einen Zeitvertreib zu machen, war er die Treppe auf und ab gelaufen, —iqqx= — 105— hatte mit der Schnur, die er zu nichts beſſerem gebrauchen zu koͤnnen glaubte, die Gelaͤnder ge⸗ peitſcht, und ſie zuletzt, als die Liſchglocke laͤu⸗ tete, gerade da hangen laſſen, wo er ſie hinge⸗ worfen hatte. Die arme kleine Betty hatte ſich den Fuß ſchrecklich verſtaucht, und Heinrich machte ſich wegen ſeiner Nachlaͤſſigkeit Vorwuͤrfe, und waͤrde dieß laͤnger gethan haben, wenn nicht ſeine jungen Freunde ihn fortgetrieben haͤtten. Als der Abend heran kam, konnte Betty nicht wie gewoͤhnlich herumlaufen, ſondern mußte ſtill auf dem Sopha ſitzen. Sie ſagte aber, daß ſie den Schmerz an ihrem Knoͤchel nicht ſo ſehr fuͤhlte, waͤhrend Benjamin ſo gut war, und mit ihr Kartenhaͤuſer baute. So iſt's recht, Benjamin, ſchaͤme Dich nicht, gegen diejenigen gutmuͤthig zu ſein, die juͤnger und ſchwaͤcher ſind, als Du, ſprach ſein Oheim laͤchelnd, als er ſah, daß er ſeine Peitſchen⸗ ſchnur hervorzog, um ſie an ihr Waͤgelchen zu knuͤpfen. Ich werde Dich nicht fuͤr kindiſch halten, 1 1 1 1 1 5 —y wenn Du mit einem kleinen ſechsjaͤhrigen Kinde ſpielſt. Heinrich war nicht ganz der Meinung ſeines Oheims; denn als er am Abend zuruͤckkehrte, und Benjamin mit ſeiner kleinen Muhme ſpielen ſah, konnte er ſich eines veraͤchtlichen Laͤchelns nicht enthalten, und fragte, ob er dieß den ganzen Abend getrieben haͤtte. In einem nachlaͤſſigen Tone machte er einige Fragen uͤber Betty's ver⸗ renkten Knoͤchel, und fuhr dann mit der Erzaͤhl⸗ ung der Neuigkeiten fort, die er bei Frau Wilton gehoͤrt hatte— Neuigkeiten, durch welche er ſich gewaltig wichtig zu machen glaubte. Wiſſen Sie ſchon, Oheim— weißt Du ſchon Benjamin, ſagte er, den Erſten kuͤnftigen Monats, der in vierzehn Tagen ſein wird, ſoll das Merk⸗ wuͤrdigſte hier vorfallen, was je auf unſeren Duͤnen gehoͤrt ſein mag. Ich wuͤnſchte, die vierzebn Tage waͤren voruͤber; ich kann an nichts anderes denken, bis dieſer gluͤckliche Tag erſcheint. Gresham fragte, warumz der erſte September — 107=— um ſo vieles glüͤcklicher ſein ſollte, als jeder an⸗ dere Tag im Jahre. Weil, antwortete Heinrich, Frau Diana Wilton, wie Sie wiſſen, eine brillante Reiterinn und Bogenſchuͤtzinn iſt, und alles dieß— Kann ſein, ſagte Gresham gelaſſen: aber was dann? Hoͤren Sie nur weiter, lieber Oheim, fuhr Heinrich fort. Den erſten September alſo ſoll ein Wettrennen auf den Duͤnen ſein, und nach dem Wettrennen ein Bogenſchießen fuͤr die Damen, worunter auch Frau Diana Wilton ſein wird. und wenn die Damen geſchoſſen haben— nun, Benzjamin, kommt das beßte— ſo iſt die Reihe an uns, und Frau Diana wird dem beßten Schuͤtzen einen Preis uͤberreichen, einen koͤſtlichen Bogen und Pfeile. Ich habe mich bereits geuͤbt, und will Dir morgen, ſobald ſie ankommen, den brillanten Bogen und die Pfeile zeigen, die mir Frau Diana gegeben hat. Aber, ſetzte er mit einem ſpoͤttiſchem Laͤcheln hinzu: Dir gefaͤllt viel⸗ — 1⁰8— leicht ein Kinderwaͤgelchen beſſer, als Bogen und Pfeile. Benjamin antwortete fuͤr den Augenblick nicht auf dieſe Spoͤttelei. Aber am naͤchſten Tage, als Heinrichs neuer Bogen ankam, zeigte er ihm, daß er wohl damit umzugehen wußte. Benjamin, ſagte ſein Oheim, Du ſcheinſt ein guter Schuͤtze zu ſein, obgleich Du damit noch nicht geprahlt haſt. Ich werde Dir einen Bogen kaufen, und wenn Du Dich uͤbſt, ſo machſt Du Dich vielleicht noch vor dem erſten September zu einem tuͤchtigen Bogenſchuͤtzen. Indeſſen wirſt Du die vierzehn Tage nicht voruͤber wuͤnſchen, da Du bis dahin etwas zu thun haſt. Aber, lieber Oheim, unterbrach ihn Heinrich: wenn Sie meinen, daß Beniamin um den Preis werben ſoll, ſo muß er eine Uniform haben. Warum muß er? fragte Gresham. Weil ſie jedermann hat, ich meine jedermann, 3 . der etwas iſt, und Frau Wilton ſprach bei Tiſche immer von der Uniform, und es iſt alles beſtimmt, was dazu gehoͤrt, ausgenommen die Knoͤpfe. — — — 19— Die Uniformen ihrer Soͤhne ſollen zuerſt fertig werden, und als Muſter dienen. Sie ſind weiß mit gruͤn aufgeſchlagen, und werden ſich gewiß herrlich ausnehmen. Noch dieſen Abend will ich vegen der meinigen an Mama ſchreiben, wie Frau Wilton mir gerathen hat, und ſie bitten, mir gleich mit umgehender Poſt zu antworten. Wenn ſie nichts dawider hat, wie ich mir ſchon denken kann, weil ſie ſich nicht viel um Ausgaben und dergleichen Dinge bekuͤmmert— beſtelle ich meine Uniform und laſſe ſie bei demſelben Schneider machen, der fuͤr Frau Diana Wilton und ihre Soͤhne arbeitet. Ei du mein Himmel! ſagte Gresham, den das gewaltige Geſchrei faſt betaͤubt hatte, womit die vielen Worte uͤber eine Uniform ausgeſprochen wurden. Ich maße mir nicht an, dieſe Dinge zu verſtehen, ſetzte er mit ſcheinbarer Einfalt hin⸗ zu: aber wir wollen uns erkundigen, Benjamin, ob die Sache nothwendig iſt;— und iſt es noth⸗ wendig, oder haͤltſt Du es fuͤr nothwendig, eine — 110— Uniform zu haben— i nun, ſo werde ich Dir eine geben. Wollen Sie das, Oheim? Wollen Sie das wirklich? rief Heinrich, in deſſen Mienen ſich Er⸗ ſtaunen ausdruͤckte. Nun das iſt das letzte in der Welt, was ich erwartet haͤtte!— Ich haͤtte gar nicht gedacht, daß Sie zu den Leuten gehoͤren, die ſich um eine Uniform bekuͤmmern, und jetzt haͤtte ich eher geglaubt, Sie wuͤrden es fuͤr Ver⸗ ſchwendung halten, ein Kleid nur zum Gebrauche fuͤr einen Tag zu haben. Gewiß denkt Frau Wil⸗ ton eben ſo, denn als ich ihr den Spruch uͤber Ihrem Kuͤchenheerde ſagte:„Verſchwende nicht, entbehre nicht,“ ſo lachte ſie, und meinte, ich thaͤte beſſer, wenn ich Ihnen nichts von der Uni⸗ form ſagte, und ich ſollte nur meiner Mutter ſchreiben; aber ich will Frau Diana ſagen, lieber Oheim, wie gut Sie ſind, und wie ſehr ſie im Irrthum war. Thue das ja nicht, ſagte Gresham: vielleicht war ſie nicht im Irrthum. Wie, ſagten Sie nicht eben jetzt, daß Sie —— — *4 —— 4. — 111— dem armen Benjamin eine Uniform ſchenken wollen? Ja, aber nur wenn er ſie fuͤr nothwendig haͤlt. O dafuͤr ſtehe ich, daß er ſie fuͤr nothwendig halten wird, ſagte Heinrich lachend: denn ſie iſt notywendig. Ueberlaß das ſeinem eignen Urtheile, ſprach Gresham.. Aber, lieber Oheim, ich verſichere Ihnen, hob Heinrich ernſthaft wieder an: daruͤber iſt nicht viel zu urtheilen, weil Frau Diana beſtimmt ſagte, daß ihre Soͤhne Uniformen haben ſollten, weiß mit gruͤn aufgeſchlagen, und eine gruͤn und weiße Kokarde am Hute. Nun es mag ſein, ſagte Gresham mit der⸗ ſelben Miene ruhiger Unbefangenheit.„Aber nehmt eure Huͤte, Kinder, und kommt mit mir. Ich kenne einen Herrn, deſſen Soͤhne dem Bogen⸗ ſchießen beiwohnen werden; wir wollen bei ihm uns nach allen Dingen erkundigen. Und wenn wir mit ihm geſprochen haben— es iſt noch nicht — 112— elf Uhr— ſo wird uns noch Zeit genug uͤbrig bleiben, nach Briſtol zu gehen, und das Tuch fuͤr Benjamins Uniform zu kaufen, wenn es nothwendig iſt. Ich weiß nicht, was ich aus all ſeinen Worten machen ſoll, fliſterte Heinrich, indem er nach ſeinem Hute griff. Glaubſt Du denn, Benjamin, daß er Dir eine Uniform geben wird, oder nicht? Ich glaube, antwortete Benjamin, er wird mir eine geben, wenn es noͤthig iſt, oder, wie er ſagte, wenn ich es fuͤr noͤthig halte. Und das wirſt Du doch, nicht wahr? Oder Du vaͤreſt ein großer Narr, nach Allem, was ich Dir erzaͤhlt habe. Niemand in der Welt kann mehr von der Sache wiſſen, als ich; ich habe, ja erſt geſtern bei Frau Diana Wilton geſpeiſt, und alles was daruͤber geſprochen wurde, von Anfange bis zu Ende gehoͤrt. Und wenn der Herr, zu dem wir gehen wollen, etwas von der Sache weiß, wird er ganz daſſelbe ſagen, was ihr ſchon von mir gehoͤrt habt. 3 —— P — 113— Das werden wir ſehen, entgegnete Benjamin mit einer Gemuͤthsruhe, die Heinrich durchaus nicht begreiſen konnte, ſobald von einer Uniform die Rede war. Der Herr, den Gresham beſuchte, hatte drei Soͤhne, die alle dem Bogenſchießen beiwohnen ſollten, und die ihm einſtimmig in Heinrichs und Benja⸗ mins Gegenwart verſicherten, daß ſie nie daran gedacht haͤtten, zu der großen Feierlichkeit ſich eine Uniform anzuſchaffen, und daß ſie unter allen ihren Bekannten nur von drei Knaben wuͤßten, deren Freunde dieſe unnoͤthige Ausgabe machen wollten. Heinrich war beſtuͤrzt.—„So verſchie⸗ den ſind die Meinungen uͤber alle große Angelegen⸗ heiten des Lebens, ſagte Gresham, ſich zu ſeinen Neffen wendend: Was man Euch von einer Seite als unumgaͤnglich nothwendig ſchildert, hoͤrt Ihr von der anderen eine ganz unnoͤthige Sache nen⸗ nen. Alles, meine Kinder, was in dieſen ſchwie⸗ rigen Faͤllen gethan werden kann, iſt, Euch ſelber zu fragen, welche Meinungen und velche Leute die vernunftigſten ſind. — 114— Heinrich, der mehr uͤber vornehme, als uͤber vernuͤnftige Dinge nachzudenken gewohnt war, antwortete mit kindiſchem Leichtſinne und ohne auf die verſtaͤndigen Aeußerungen ſeines Oheims zu achten:„In der That, lieber Oheim, ich weiß nicht, was andere Leute denken, ſondern nur, was Frau Diana Wilton geſagt hat.“ Der Nahme der Frau Diana Wilton, glaubte Heinrich, muͤßte alle Anweſenden mit Ehrfurcht er⸗ fuͤllen; aber er war ſehr erſtaunt, als er um ſich blickte, und in jedem Geſichte ein veraͤchtliches Laͤcheln bemerkte, und ſeine Ueberaſchung wuchs, als er ſie eine ſehr einfaͤltige und laͤcherliche Frau nennen hoͤrte, nach deren Meinung uͤber irgend eine Sache kein Verſtaͤndiger fragen duͤrſe, und deren Beiſpiel man eher meiden, als nachahmen muͤſſe. Sieh, lieber Heinrich, ſagte der Oheim, uͤber des Knaben Ueberraſchung laͤchelnd: das iſt wieder etwas, das junge Leute aus Erfahrung lernen muͤſſen. Alle Menſchen ſtimmen nicht in der Mei⸗ nung uͤber einen Charakter uͤberein; Du wirſt — 115— dieſelbe Perſon in einer Geſellſchaft mit Bewun⸗ derung, und in der andern mit Tadel nennen hoͤren, und wir muͤſſen noch einmal darauf zu⸗ ruͤckkommen: Folge Deinem eigenen Urtheile. Heinrichs Gedanken waren jedoch zu ſehr mit der Uniform beſchaͤftigt, als daß er ganz unbefan⸗ gen haͤtte urtheilen koͤnnen. Auf dem Wege nach Briſtol, den ſte nach geendigtem Beſuche ein⸗ ſchlugen, wiederholte er ſtets, was er fruͤher uͤber die Nothwendigkeit, die Uniform und Frau Diana Wilton geſagt hatte. Auf all dieß gab Gresham keine Antwort, und der Knabe haͤtte noch laͤnger uͤber die Sache geſchwatzt, die ſeine Seele ſo lebhaft ergrif⸗ fen hatte, waͤren nicht ſeine Sinne in dieſem Augenblicke durch die koͤſtlichen Geruͤche und den reizenden Anblick der Kuchen und des Johannis⸗ beerſafts, die in dem Laden eines Paſtetenbaͤckers ausgeſtellt waren, maͤchtig aufgeregt worden. O. lieber Oheim, ſehen Sie nur einmal dieſen Johannisbeerſaft an! rief er, als ſein Oheim um die Ecke bog, um den Weg nach Bri⸗ 8* — 116— ſtol fortzuſetzen, und wies auf des Zuckerbaͤckers Laden.„Ich muß etwas von dieſen ſchoͤnen Sachen kaufen, ich habe noch Geld in der Taſche.“¹ Daß Du noch Geld haſt, iſt ein triftiger Grund zum Eſſen, ſagte Gresham laͤchelnd. Aber ich bin wirklich hungrig, ſprach Hein⸗ rich. Sie wiſſen, lieber Oheim, es iſt ſeit dem Fruͤhſtuͤcke eine geraume Zeit verſtrichen. Der Oheim wollte ſeinen Neffen in ihren Handlungen keinen Zwang anlegen, damit er ihre Geſinnungen beobachten koͤnnte, und ſagte ihnen, ſie moͤchten thun, was ihnen gefiele. So komm denn, Benjamin, wenn Du Geld bei Dir haſt.. Ich bin nicht hungrig, ſagte Benjamin. Das ſoll heißen, Du haſt kein Geld? verſetzte Heinrich lachend und mit einem vornehmen Blicke, der, wie man ihm eingefloͤßt hatte, von dem Reichen gegen diejenigen angenommen werden koͤnnte, die entweder arm oder ſparſam waͤren. Verſchwende nicht, entbehre nicht, ſagte Benjamin zu ſich ſelber. Wider Heinrichs Ver⸗ muthen hatte er Geld in der Taſche. In demſelben Augenblicke, wo Heinrich in den Laden des Zuckerbaͤckers trat, hielt ein armer, arbeitſamer Mann mit, einem hoͤlzernen Beine, der gewoͤhnlich an dieſer Straßenecke ſtand, um hier zu kehren, ſeinen Hut bettelnd vor Benjamin hin. Als dieſer einen Blick auf den abgenutzten Beſen des Bettlers geworfen hatte, zog er ſogleich ſein Geld aus der Taſche, und reichte es ihm mit den Worten:„Haͤtte ich nur mehr fuͤr Euch, mein guter Mann, aber ich habe wirklich nur dieß. Heinrich kam aus des Zuckerbaͤckers Laden, den Hut voll Kuchen in der Hand. Vor der Thuͤre ſaß ein Hund, und ſchaute mit ſehnſuͤchtigen Blicken auf Heinrich, der eben einen Mandelku⸗ chen verzehrte. Heinrich, ſelbſt in ſeiner Gutmuͤ⸗ thigkeit verſchwenderiſch, warf dem Hunde einen ganzen Kuchen hin, den jener wie einen Biſſen verſchlang. — 118— da gehen zehn Pence in Geſtalt eines Man⸗ delkuchens hin, ſagte Gresham. Heinrich bot nun dem Oheime und Benjamin einige Kuchen an, aber ſee ſchlugen ſie aus, weil ſie keinen Hunger hatten. So aß und ſchlenderte er neben ihnen her, bis er endlich ſtehen blieb, und ſagte:„Dieſer Fladen ſchmeckt ſo ſchlecht nach den Mandelkuchen, ich mag ihn nicht eſſen!“¹ und damit wollte er ihn in den Fluß werfen. O es iſt Schade, ſo verſchwenderiſch mit dem ſchoͤnen Fladen umzugehen, wir moͤchten ihn jetzt gern haben, rief Benjamin; gib ihn lieber mir, ehe Du ihn wegwirfſt. Wie, ſagteſt Du nicht, Du waͤreſt nicht hun⸗ grig? fragte Heinrich. Fuͤr jetzt bin ich allerdings nicht hungrig, aber das iſt kein Grund, warum ich nie wieder hun⸗ grig werden ſollte. Nun, hier iſt der Kuchen, nimm ihn. Es iſt mir uͤbel darauf geworden, und Du magſt damit machen, was Du willſt. Benjamin wickelte das verſchmaͤhte Stuͤck — 119— Kuchen in ein Blatt Papier, und ſteckte es in die Taſche. Ich werde ſehr muͤde, oder uͤbel, oder was es ſonſt ſein mag, ſing Heinrich bald nachher an. Es ſichen hier in der Naͤhe Miethkutſchen, und ich daͤchte, wir nehmen lieber einen Wagen, als daß wir den ganzen Weg nach Briſtol zu Fuße gehen. Einen Wagen fuͤr einen ſo tapfern Bogen⸗ ſchuͤtzen? fragte Gresham. Du biſt leichter muͤde geworden, als man haͤtte erwarten ſollen. Doch recht gern; wir wollen einen Wagen nehmen. Benjamin bat mich geſtern, ihm die Domkirche zu zeigen, und ich kann mir nicht zumuthen, ſo weit zu gehen, obſchon ich mich nicht durch Lek⸗ kereien krank gemacht habe. Die Domkirche? fragte Heinrich, nachdem er in dem Wagen Platz genommen und ſich von ſei⸗ ner Uebelkeit etwas erholt hatte.— Die Domkirche? Alſo gehen wir nur nach Briſtol, um die Dom⸗ kirche zu ſehen? Ich glaubte, wir gingen wegen der Uniform dahin? I V Waͤnde warfen. Als Gresham merkte, daß der Bei dieſen Worten glich er einem, der aus einem Traume erwacht, und es lag eine Art von ſtumpfſinniger, melancholiſcher Einfalt in ſeinen Mienen, die ſeinem Oheime und Benjamin ein lautes Lachen aͤbzwang. Nun, fuhr er empfindlich fort, ich daͤchte, Herr Oheim, Sie haͤtten es ſelbſt geſagt, daß Sie in die Tuchhandlung gehen wollten, um Tuch fuͤr die Uniform zu kaufen.— Allerdings iſt das meine Abſicht, entgegnete Gresham: aber brauchen wir denn einen ganzen Morgen dazu, ein Stuͤckchen Tuch auszuſuchen? — Koͤnnen wir nicht in einem Morgen eine Uni⸗ form und eine Domkirche beſehen? Sie gingen erſt zur Domkirche. Heinrichs Kopf war zu voll von der Uniſorm, als daß er auf die gemahlten Fenſter achten konnte, die ſo⸗ „gleich Benjamins unbefangene Aufmerkſamkeit reizten. Er bewunderte die großen, bunten Figu⸗ ren auf den gothiſchen Fenſtern, und die farbigen Schatten, welche ſie auf den Fußboden und die —,— Cͥſ— — 121— Knabe uͤber alle Gegenſtaͤnde Belehrung wuͤnſchte, benutzte er die Gelegenheit, ihm etwas von der verloren gegangenen Kunſt der Glasmalerei, von gothiſchen Bogen u. ſ. w. zu erzaͤhlen, was Heinrich hoͤchſt langweilig fand. Komm, komm, Benjamin! Es wird zu ſpaͤt, ſprach er. Du haſt gewiß lange genug auf dieſes blau und rothe Fenſter geſehen. Ich betrachte nur noch die gefaͤrbten Schat⸗ ten, erwiderte Benjamin. Ich kann Dir, wenn wir nach Hauſe kommen, eine unterhaltende Schrift uͤber dieſe Schatten zeigen, ſagte ſein Oheim. Still! rief Benjamin. Hoͤrt Ihr nicht ein Geraͤuſch? Sie horchten Alle, und hoͤrten einen Vogel in der Kirche ſingen. Es iſt unſer altes Rothkehlchen, ſagte der Knabe, der ihnen die Kirchthuͤre geoͤffnet hatte. So iſt es, ſprach Grecham. Seht ihr es nicht dort auf der Orgel? Es ſitzt da oft und 5 ſingt, waͤhrend die Orgel geſpielt wird. 8 und, fuhr der Knabe fort, der ihnen die Kirche zeigte, es hat hier ſchon viele— viele Winter zugebracht. Es ſoll funfzehn Jahr alt ſein⸗ und iſt ein ſo zahmes gutes Thierchen, daß es oft herunter kommt und mir die Brotkrumen aus der Hand frißt. Ich habe hier ein Stuͤckchen Kuchen, ſagte Benjamin, indem er die Ueberbleibſel des Kuchens herverzog, die Heinrich eine halbe Stunde vor⸗ her wegwerfen wollte.„Ich moͤchte doch ſehen, wie uns das arme Thierchen aus der Hand frißt.¹ Der Knabe zerbroͤckelte den Kuchen, und rief das Rothkelchen, das zirpend ſlatterte und uͤber den Anblick des Brotes erfreut ſchien; aber es kam nicht von ſeinem Sitze auf der Orgel herab. Es fuͤrchtet ſich vor uns, ſagte Benjamin. Es iſt wahrſcheinlich nicht gewohnt, vor Fremden zu freſſen.. Ach nein, junger Herr, entgegnete der Knabe mit einem tiefen Seufzer: das iſt nicht die Ur⸗ ſache. Es hat oft vor vielen Leuten gegeſſen; ſonſt kam es auf den erſten Ruf zu mir herunter, moch⸗ —) — — — 123— ten noch ſo viele Herrſchaften zugegen ſein, und pickte die Krumen aus meiner Hand. Aber, das arme Thierchen, es iſt nicht ſeine Schuld; es kennt mich nicht mehr ſeit meinem Ungluͤcksfalle, wegen dieſes ſchwarzen Pflaſters. Der Knabe deutete mit der Hand auf ſein rechtes Auge, das mit einem großen ſchwarzen Pflaſter bedeckt war. Benjamin fragte, was fuͤr einen Ungluͤcksfall er meinte, und der Knabe er⸗ zaͤhlte ihm, ein weggeſchleuderter Stein haͤtte ihm vor wenigen Wochen um ſein Auge gebracht, als er ungläcklicher Weiſe unter den Felſen von Clifton voruͤber gegangen waͤre, in dem Augen⸗ blicke, wo die Arbeiter ſprengten.„Um meinet⸗ willen kümmert's mich nicht ſo ſehr, fuhr der Knabe fort: aber ich kann jetzt nicht mehr ſo gut, als vor dieſem Ungluͤcksfalle, fuͤr meine alte Mutter arbeiten, die ein Schlagfluß gelaͤhmt hat; und ich habe viele kleine Bruͤder und Schweſtern, die noch nicht ihren Lebensunterhalt verdienen koͤnnen, wie gern ſie es auch wollen.“ Wo wohnt Deine Mutter? fragte Gresham. — 124— Hier in der Naͤhe, gleich neben der Kirche. Es nar ihr Geſchaͤft, den Fremden die Kirche zu zeigen, bis ſie den Gebrauch ihrer Glieder verlor. Bitte, bitte, lieber Oheim, wollen wir nicht hingehen?— Das iſt das Haus, nicht wahr? fragte Benjamin, als ſie aus der Domkirche kamen. Sie traten in das Haͤuschen, das eher einer Huͤtte aͤhnlich ſah. Aber ſo aͤrmlich es war, es hatte doch ein ſo reinliches Anſehn, als es die Armuth nur immer geben konnte. Die alte Frau ſaß auf ihrem ſchlechten Bette und haspelte Garn; vier magere, ſchlecht gekleidete, blaſſe Kinder waren damit beſchaͤftigt, fuͤr die Nadler Stecknadeln in Papier zu ſtecken, und fuͤr den Papiermacher Lum⸗ pen auszuleſen. Was fuͤr ein ſchrecklicher Ort das iſt! ſagte Heinrich ſeufzend. Ich haͤtte kaum geglaubt, daß es ſo entſetzliche Oerter in der Welt geben koͤnnte. Ich ſah zwar viele ſchreckliche, eingefallene Huͤtten, als wir in Mama's Wagen durch die Stadt fuhren, aber ich wußte nicht, wer darin wohnte, und habe nie eine im Innern geſehen. Es iſt in ——:— —ᷣ——;ÿℳ- der That entſetzlich, wenn man bedenkt, daß Menſchen ſo wohnen muͤſſen. Wenn mir nur Mama mehr Taſchengeld ſchickte, damit ich fuͤr ſie etwas thun koͤnnte. Ich hatte eine halbe Krone, aber— fuhr er fort, in ſeine Taſche greifend— es thut mir Leid, ich habe den letzten Schilling davon dieſen Morgen fuͤr die Kuchen ausgegeben, die mir ſo uͤbel bekommen ſind. Haͤtte ich nur noch meinen Schilling, ich wuͤrde ihn dieſen ar⸗ men Leuten geben. Benjamin hatte zwar die ganze Zeit ſtill ge⸗ ſchwiegen, aber er nahm ſo viel Antheil an dieſen armen Leuten, als ſein geſchwaͤtziger Vetter. Es war jedoch ein kleiner Unterſchied in der Theil⸗ nahme dieſer beiden Knaben. Als Heinrich wieder im Wagen ſaß, und durch die geſchaͤftigen Straßen der Stadt fuhr, vergaß er gaͤnzlich den Anblick des Elends, den er vor wenig Minuten gehabt hatte, und die bunten Gewoͤlbe in den Straßen und der Gedanke an ſeine gruͤn und weiße Uniform beſchaͤftigten ſeine ganze Seele. — 126— Jetzt nach unſeren Uniformen! rief er, mun⸗ ter aus dem Wagen ſpringend, als ſein Oheim vor der Thuͤre einer Tuchhandlung halten ließ. Lieber Oheim, ſagte Benjamin, und hielt ihn zuruͤck, als er aus dem Wagen ſtieg: ich halte eine Uniform ganz und gar nicht fuͤr ſo nothwen⸗ dig. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, aber ich will lieber keine haben. Mein Rock iſt noch ſehr gut und es wuͤrde Verſchwendung ſein. Nun laß mich nur ausſteigen, wir wollen ſie doch anſehen, ſagte Gresham. Vielleicht aͤnderſt Du Deinen Sinn, wenn Du den ſchoͤnen gruͤn und weißen Rock und die Epauletts ſiehſt— haſt Du ſchon an die Epauletts gedacht? O nein, erwiderte Benjamin lachend: ich werde meinen Sinn nicht aͤndern. Das gruͤne Tuch, und das weiße Tuch, und die Epauletts wurden zu Heinrichs unendlicher Freude vorgelegt. Sein Oheim nahm eine Feder, und rechnete einige Augenblicke nach; dann zeigte er das Papier mit den Zahlen ſeinen Neffen, und fagte: zaͤhlt einmal dieſe Summen zuſammen und ſagt mir, Kinder, ob ich recht gerechnet habe. Benjamin, das kannſt Du thun, ſagte Hein⸗ rich, ein wenig verlegen: ich bin kein geſchwinder Rechner. Benjamin war es, und uͤberflog ſchnell die Berechnung ſeines Oheims. Iſt es richtig? fragte Gresham. Ja ganz richtig. Nun denn, ſo ſinde ich nach dieſer Berech⸗ nung, daß ich fuͤr weniger, als die Haͤlfte des Geldes, das eure Uniformen koſten wuͤrden, jedem von Euch beiden einen warmen Ueberrock kaufen kann, den Ihr, wie ich weiß, dieſen Winter wohl brauchen koͤnnt. Ach, lieber Oheim, ſagte Heinrich mit beſuuͤrz⸗ ter Miene; es iſt ja noch nicht Winter; es iſt noch nicht kalt. Wir brauchen noch keine Ueber⸗ roͤcke. Weißt Du nicht, Heinrich, hob Benjamin an, wie uns vorgeſtern in dem ſcharfen Winde fror, als wir auf der Wieſe unſeren Drachen — 128— ſteigen ließen?— Und der Winter wird ſchon kom⸗ men, wenn er auch noch nicht da iſt. Ich geſtehe/ mir wuͤrde ein warmer Ueberrock ſehr lieb ſein. Gresham nahm ſechs Guineen aus ſeinem Geldbeutel, und legte drei davon vor Heinrich, und drei vor Benjamin hin.„Kinder, ſagte er, ich glaube, jede Uniform wird gegen drei Guineen koſten. Hier iſt das Geld, und nun mag jeder waͤhlen, was ich ihm dafuͤr kaufen ſoll. Heinrich, was ſagſt Du?“ 3 Nun, lieber Oheim, antmortete Heinrich: ein Ueberrock waͤre keine uͤble Sache, und dann wuͤrde nach dem Ueberrocke, wenn er, wie Sie ſagten, um die Haͤlfte weniger kaͤme, als die Uniform, immer noch ein kleines Spargeld uͤbrig bleiben, nicht wahr?, Ja, gegen fuͤnf und zwanzig Schillinge. Fuͤnf und zwanzig Schillinge!— Ich koͤnnte freilich mit fuͤnf und zwanzig Schillingen vieles kaufen, und ausrichten; aber waͤhle ich den Ueberrock, ſo muß ich ohne eine Uniform gehen. Ohne Zweifel, ſagte der Oheim. — 120— Ach! fuhr Heinrich ſeufzend fort, indem er auf die Epauletts blickte. Nun, wenn Sie nichts dawider haben, lieber Ozamn⸗ ſo waͤhle ich die Uniform. Waͤhle Dir, was Du fuͤr das Beßte haͤltſt, ſprach Gresham. Nun, ſo danke ich Ihnen. Ich glaube, beſſer zu thun, wenn ich die Uniform nehme, denn habe ich die Uniform nicht gleich jetzt, ſo kann ſie mir nichts nuͤtzen, da das Bogenſchießen, wie Sie wiſſen, in vierzehn Tagen iſt. Und was den Ueberrock anlangt, ſo wird mir Papa wohl binnen hier und der Zeit, wo es recht kalt wird, was vielleicht vor Weihnachten nicht geſchieht, einen Ueberrock kaufen, und ich werde Mama wieder um etwas Taſchengeld bitten, das ſie mir vielleicht auch ſchickt. Auf all dieſe Folgerungen und bedingten Hoff⸗ nungen, die ſich auf ein dreimal wiederholtes Vielleicht ſuͤtzten, gab Gresham keine Ant⸗ wort, ſondern kaufte alsbald die Uniform fuͤr Heinrich und packte ſie zuſammen, um ſee ſogleich 9 „ — 130— zum Schneider zu ſchicken. Heinrich war jetzt uͤbergluͤcklich. Und nun kommt die Reihe an Dich, ſagte Gresham, ſich zu Benjamin wendend. Sage, was wuͤnſcheſt Du fuͤr's erſte? Einen Ueberrock, Oheim, wenn's Ihnen ge⸗ aͤllt. Gresham kaufte den Ueberrock, und nachdem er ihn bezahlt hatte, blieben von Benjamin's drei Guineen fuͤnf und zwanzig Schillinge uͤbrig. Was nun, mein Kind? fragte Gresham weiter.. Pfeile, lieber Oheim, wenn Sie wollen, drei Pfeile. Ich habe Dir ja einen Bogen. und Pfeile ver⸗ ſprochen. Nein, Sie ſagten nur einen Bogen. Nun, ich meinte einen Bogen und Pfeile. Es freut mich aber, daß Du ſo genau biſt. Es i*ſt beſſer, mit ſeinen Anſpruͤchen unter dem Ver⸗ ſprechen zu bleiben, als daruͤber hinaus zu gehen. Die drei Pfeile ſollſt Du haben. Aber wozu ſoll ich dieſe fuͤnf und zwanzig Schillinge verwenden? Zu Kleidern fuͤr den armen Knaben, der das große ſchwarze Pflaſter auf dem Auge hat, wenn Sie ſo gut ſein wollen. Ich habe immer geglaubt, ſagte Gresham, Benjamin's Hand druͤckend, daß Sparſamkeit und Großmuth innig befreundet, und ſich nicht ſo feindlich ſind, als es alberne, verſchwenderiſche Menſchen uns einbilden wollen. Suche das Tuch fuͤr den blinden Knaben aus, mein lieber Benja⸗ min, und bezahle es. Ich brauche Dich wegen Deiner Handlung nicht zu preiſen; das ſchoͤnſte Lob gewaͤhrt Dir Dein eignes Bewußtſein, und Du bedarfſt keines anderen, oder ich muͤßte mich ſehr irren. Jetzt, Kinder, wieder in den Wagen und auf den Ruͤckweg! Ich fuͤrchte, es wird zu ſpaͤt, fuhr er fort, als der Wagen voran fuhr: aber Benjamin, ich muß Dich doch erſt mit Dei⸗ nen Waaren vor des armen Knaben Hauſe aus⸗ ſteigen laſſen. Als ſie an das Haus kamen, oͤffnete Gresham 9* — 1832— den Schlag, und Benjamin eilte mit ſeinem Paͤcktchen unterm Arme hinaus. Warte doch, Du mußt mich mitnehmen! rief der Oheim vergnuͤgt: ich ſehe Menſchen ſo gern gluͤcklich werden, als Du. Und ich auch! ſagte Heinrich. Laßt mich mit⸗ gehen. Ich moͤchte faſt wuͤnſchen, daß meine Uniform noch nicht beim Schneider waͤre. Er ſah, mit welchem Blicke der Freude und Dankbarkeit der arme Knabe die Kleider empfing, die ihm Benjamin ſchenkte, und wie ihm Mutter und Kinder dankten. Mit einem Seufzer ſprach er: Ich hoffe, Mama wird mir bald mehr Ta⸗ ſchengeld geben. Sobald ſie jedoch nach Hauſe kamen, rief der Anblick des brillanten Bogens und der Pfeile, welche ihm Frau Diana Wilton geſchickt hatte, alle Reize der gruͤn und weißen Uniform in ſeine Seele zuruͤck, und er wuͤnſchte nicht laͤnger, daß ſte nicht zum Schneider geſchickt worden waͤre. Aber erklaͤre mir nur, Vetter Heinrich, be⸗ gann die kleine Betty, warum Du dieſen Bo⸗ — 1833— gen brillant nennſt? Du ſagſt ſo oft bril⸗ lant, und ich weiß nicht recht, was das bedeu⸗ tet— eine brillante Uniform— brillante Dinge— Ich daͤchte, Du haͤtteſt geſagt, daß den erſten September brillante Dinge auf der Wieſe geſchehen ſollten— Was heißt denn bril⸗ lant? Hm, was brillant heißt? Weißt Du nicht, was brillant bedeutet? Es heißt— es iſt ein Wort, was die Leute brauchen— es iſt Mode, ſo zu ſagen— es heißt— es heißt brillant. Betty lachte und ſagte: das iſt keine Er⸗ klaͤrung. Nun, erwiderte Heinrich, es kann auch nicht erklaͤrt werden; es iſt nicht meine Schuld, wenn Du es nicht verſtehſt. Jedermann, auch das klein⸗ ſte Kind muß es verſtehen. Man kann Dir die⸗ ſe Art Woͤrter nicht erklaͤren, wenn Du ſie nicht gleich verſtehſt. Es ſollen brillante Dinge den erſten September auf den Duͤnen geſchehen, das heißt, große, glaͤnzende Dinge— Kurz, Betty, wozu noch laͤnger daruͤber ſprechen?— Gieb mir — 134— meinen Bogen, ich muß auf die Duͤnen gehen, um mich zu uͤben. Benjamin begleitete ihn und nahm ſeinen Bogen und die drei Pfeile mit, die er vom Oheime empfangen hatte. Jeden Tag gingen die beiden Knaben auf die Duͤnen, und uͤbten ſich mit unermuͤdetem Eifer im Schießen. Wo gleiche Muͤhe angewendet wird, iſt ſich auch der Erfolg ziemlich gleich. Unſere beiden Schuͤtzen wurden durch beſtaͤndige Uebung gute Zieler, und vor dem Probetage waren ſie ſo gleich in ihrer Geſchicklich⸗ keit, daß es kaum moͤglich war, einen Unterſchied zu machen. Der lange erwartete erſte September kam end⸗ lich heran. Was iſt fuͤr Wetter? war Heinrich's und Benjamin's erſte Frage, als ſie erwachten. Die Sonne ſchien hell, aber es ging ein ſcharfer, kalter Wind. Ha! rief Benjamin, wie gut kommt mir mein ſchoͤner Ueberrock heute zu ſtatten! Ich weiß, es wird wohl kalt auf den Duͤnen ſein, beſonders — 135— wenn wir ſtill ſtehen, was doch ſein muß, wenn die Andern ſchießen. 3 4 O, laß das gut ſein. Ich werde die Kaͤlte gar nicht fuͤhlen, ſagte Heinrich, indem er ſeine neue Uniform anzog, und ſich mit großem Wohl⸗ gefallen betrachtete. Guten Morgen, lieber Oheim! Wie befinden Sie ſich? fragte er jubelnd, als er beim Fruͤhſtuͤck erſchien. Mit den Worten: Wie befinden Sie ſich? ſchien er eher fragen zu wollen: Wie finden Sie mich in meiner Uniform? aber er taͤuſchte ſich, denn der Oheim antwortete kalt: Recht wohl, ich danke, Heinrich— was bloß zu ſagen ſchien: Deine Uniform aͤndert nicht meine Meinung von Dir. Selbſt die kleine Betty verzehrte ihr Fruͤhſtuͤck, wie gewoͤhnlich; ſie ſprach von dem erwarteten Vergnuͤgen, mit ihrem Vater auf die Duͤnen zu gehen, von all den Kleinigkeiten, woran ſie An⸗ theil nahm, und Heinrichs Epauletts waren fuͤr Niemanden ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit, als fuͤr ihn ſelber. — 136— Vater, ſagte Betty, wenn wir uͤber die An⸗ hoͤhe kommen, wo ſo viel rother Lehm iſt, muß ich vorſichtig gehen, und mein Kleid aufheben, wie Sie es mir geſagt haben. Vielleicht ünd Sie auch ſo guͤtig, wenn ich nicht beſchwerlich bin, mich uͤber die boͤſe Stelle zu heben, wo keine Schritt⸗ ſteine ſind. Mein Fuß iſt ganz wieder gut, und das iſt mir lieb, ſonſt koͤnnte ich heute nicht ſo weit bis auf die Duͤnen gehen. Wie gut warſt Du, Benjamin, als ich ſo viele Schmerzen hatte, an dem Tage, wo ich den Fuß verſtauchte! Da halfeſt mir Kartenhaͤuſerchen bauen und meinen Wagen ziehen. Ach, dabei aͤllt mir etwas ein! Hier ſind Deine Handſchuhe, die Du mir an jenem Abende zum Ausbeſſern geben mußteſt. Ich habe eine gute Weile dain gebraucht, aber ſind ſſe nicht recht huͤbſch ausgebeſſert, Vater?— Sehen Sie nur die Naht. Ich bin kein großer Kenner von Naͤhtereien, mein liebes Kind, ſagte Gresham, indem er di Arbeit mit ſcharfen, pruͤfenden Blicken beſah; 1 — 1837— aber nach meiner Meinung iſt hier ein zu langer Stich; die weihen Zaͤhne ſind nicht ganz gleich. O Vater, ich will den langen Stich in einer Minute wieder austrennen, verſetzte Betty lachend: ich glaubte nicht, daß Sie ihn ſobald bemerken wuͤrden. Du mußt nicht zu viel auf meine Blindheit trauen, ſagte der Vater, liebkoſend ihr das Koͤpf⸗ chen ſtreichelnd. Ich ſehe alles. Ich ſehe zum Beiſpiel, daß Du ein dankbares Kind biſt, und daß Du Dich freueſt, denjenigen nuͤtzlich zu ſein, die gegen Dich guͤtig geweſen ſind, und dafuͤr ver⸗ zeihe ich Dir den langen Stich. Aber er iſt heraus, er iſt heraus, Vater, rief Betty: und wenn ich wieder Deine Handſchuhe ausbeſſern muß, Benjamin, ſo will ich's beſſer machen. Sie ſind recht gut, ſagte Benjamin, und zog ſie an. Ich danke Dir herzlich. Eben wuͤnſchte ich ein paar Handſchuhe zu haben, um heute meine Finger warm zu halten; ich kann nicht gut ſchie⸗ ben, wenn meine Haͤnde vor Kaͤlte erſtarret ſind. — 138— Du weißt, Heinrich, wie ſehr die Handſchuhe zerriſſen waren; Du ſagteſt, ſie waͤren nur zum Wegwerfen gut, doch ſieh— fuhr er fort, die Finger ausbreitend— es iſt nicht das kleinſte Loch darin. Iſt es nicht ſeltſam, ſprach Heinrich zu ſich ſelber, daß ſie ſo lange uͤber ein Paar alte Hand⸗ ſchuhe ſchwatzen, ohne ein Woͤrtchen uͤber meine neue Uniform zu ſagen? Nun, Frau Diana und ihre Soͤhne werden genug daruͤber ſprechen; das iſt noch ein Troſt. Iſt es noch nicht Zeit zum Aufbruche? fuhr er zu ſeinem Oheime fort. Die Geſellſchaft ver⸗ ſammelt ſich, wie Sie wiſſen, um zwoͤlf Uhr im Strauß, und das Wettrennen ſoll um ein Uhr an⸗ fangen, und Frau Diana Wilton hat beſohlen, daß ihre Pferde um zehn Uhr vor der Thuͤre ſein ſollen. Stephan, der Kammerdiener, unterbrach hier den eilfertigen Knaben in ſeinen Berechnungen. — Es ſteht ein armer Knabe unten, ſprach er, mit einem großen ſchwarzen Pflaſter auf dem rech⸗ ten Auge. Er kommt von Briſtol, und wuͤnſcht ein Wort mit den jungen Herren zu ſprechen. Ich ſagte ihm, Sie wollten eben mit ihnen aus⸗ gehen, aber er verſicherte, daß er die jungen Herren nicht uͤber eine halbe Minute aufhalten wuͤrde. Bringt ihn herauf, bringt ihn herauf! ſagte Gresham. Aber Stephan ſcheint ihn mißverſtanden zu haben, begann Heinrich mit einem Seufzer, wenn er ſagt: die jungen Herren. Gewiß wuͤnſcht er nur mit Benjamin zu ſprechen; ich wuͤßte nicht warum er mit mir ſprechen wollte.— Doch hier kommt er. O Benjamin! er traͤgt den neuen Rock, den Du ihm geſchenkt haſt— fluͤſterte Heinrich, der trotz ſeinem Hange zur Verſchwen⸗ dung wirklich ein gutmuͤthiger Knabe war— So ſieht er doch viel beſſer aus. Ach, er blickte erſt auf Dich, Benijamin— und das mit Recht. Der Knabe verbeugte ſich nicht mit kriechen⸗ der Hoͤflichkeit, ſondern mit einer offenen, an⸗ ſtaͤndigen Freiheit in ſeinem Benehmen, die ver⸗ rieth, daß er dankbar war, aber wohl wußte, wie wenig ſein Wohlthaͤter an die Verbindlichkeit dachte. Er machte ſo wenig als moͤglich einen Unterſchied in ſeinen Verbeugungen gegen die beiden Vettern. Ich wurde von dem Kuͤſter unſeres Kirchſpiels in die Kapelle auf den Duͤnen geſchickt— ſagte er zu Gresham— und weil Ihr Haus auf mei⸗ nem Wege lag, ſo befahl mir meine Mutter ein⸗ zuſprechen, und den jungen Herren dieſe beiden wollenen Baͤlle zu uͤberreichen, die ſie Ihnen be⸗ ſtimmt hat— Hier zog er zwei wollene Baͤlle mit gruͤn und gelben Streifen aus der Taſche— Es waͤren nur ſchlechte Dinge und des Anſehens nicht werth, ſoll ich ſagen, aber da ſie nur eine Hand hat, und zwar nur die linke, ſo werden Sie die Baͤlle hoffentlich nicht verſchmaͤhen. Er reichte Benjamin und Heinrich die Baͤlle hin. Sie ſind beide gleich, junge Herren, fuhr er fort. Machen Sie nur einmal einen Verſuch da⸗ mit; ſie ſind beſſer, als ſie ausſehen, ſie ſpringen weit uͤber Ihren Kopf hinaus. Ich habe den Kork, der darin iſt, ſelbſt geſchnitten, und das iſt Alles, was ich dabei thun konnte. Es find wirklich ſchone Baͤlle, wir danken Dir herzlich dafuͤr, ſagten die Knaben und pruͤf⸗ ten ſie ſogleich. Die Baͤlle gaben, als ſie gegen den Boden geworfen wurden, einen erfreulichen Klang, und ſprangen weit uͤber Greshams Kopf hinauf. Die kleine Betty klatſchte freudig in die Haͤnde. Aber in demſelben Augenblicke wurde zwei⸗ mal donnernd an die Hausthure geklopft. Stephan trat herein, und meldete, daß die jungen Herren Wilton auf Heinrich warteten ⸗ Sie ſagen, fuhr er fort, alle junge Herren, die eine Bogenſchützen⸗Uniform häͤtten, muͤßten zu⸗ ſammen ausziehen, ſo daͤcht' ich, ſagten ſie— und ſie ſollten im feierlichen Aufzuge durch die Straßen zu dem Sammelplatze auf den Duͤnen ziehen. Ich weiß nicht, ob ich recht verſtanden habe, aber die jungen Herren ſprachen beide auf einmal, und da an der Hausthuͤre ein ſtarker Zugwind iſt, ſo konnte ich nicht alles verſtehen, was ſie — 142— ſagten; aber ich glaube, dieß war wenigſtens der Sinn davon. Ja, ja, ſprach Heinrich lebhaft, jo iſt alles recht. Ich weiß, es iſt ganz ſo, wie es an dem Tage, wo ich bei Frau Wilton ſpeiſte, beſprochen wurde, und Frau Wilton und mehre Herren werden zu Pferde ſein— Nun, das thut nichts zur Sache, unterbrach ihn Gresham. Laß die jungen Herren nicht war⸗ ten, und entſcheide, ob Du mit ihnen, oder mit uns gehen willſt. Lieber Oheim— Herr Oheim— Sie wiſſen, da alle Uniformen den Befehl haben, zuſam⸗ menzugehen— Auf denn, Uniform, wenn Sie gehen wollen! ſprach Gresham. Heinrich eilte die Treppe mit ſolcher Eile hin⸗ ab, daß er ſeinen Bogen mit den Pfeilen vergaß. Benjamin merkte dieß; als er den ſeinigen her⸗ vorholte, und der Knabe aus Briſtol, der erſt fruͤhſtuͤcken mußte, ehe er in die Kapelle ging, — 145— hoͤrte, daß Benjamin uͤber ſeines Vetters Bogen und Pfeile ſprach. Ich weiß, ſagte Benjamin, es wird ihm Leid thun, ſeinen Bogen nicht bei ſich zu haben, weil gruͤne Quaſten daran geknuͤpft ſind, die zu ſeiner Kokarde paſſen, und er ſagte, alle Kna⸗ ben ſollten ihren Bogen bei ſich fuͤhren, weil er zu ihrem Aufzuge gehoͤrte. Wenn Sie's erlauben, ſagte der arme Knabe, ſo habe ich noch Zeit genug und ich will dem jungen Herrn nacheilen, um ihm den Bogen zu bringen. Willſt Du das? ich werde Dir großen Dank wiſſen, verſetzte Benjamin, und der Knabe eilte mit dem Bogen davon, der mit gruͤnen Baͤndern geſchmuͤckt war. In der Straße, die zum Geſund⸗ brunnen fuͤhrte, draͤngten ſich die Menſchen. Die Fenſter aller Haͤuſer auf dem Hauptplatze waren mit ſchoͤn gekleideten Frauen angcefuͤllt, die mit freudiger Erwartung dem Bogenſchuͤtzenaufzuge ent⸗ gegen ſchauten. Schaaren von Herren und Frauen, und eine bunte Menſchenmaſſe ſah man auf der — 144— anderen Seite des Fluſſes unter den Felſen ſich hin und her bewegen. Eine mit bunten Wimpeln geſchmuͤckte Barke wartete auf eine Geſellſchaft, die vom Waſſer aus zuſehen wollte, und die Schif⸗ fer, auf ihre Nuder geſtuͤtzt, betrachteten mit neu⸗ gierigen Blicken das bewegliche Schauſpiel, welches ſich auf der Straße zeigte. Die Schuͤtzen und Schuͤtzinnen waren jetzt am Markte aufgezogen. Eine kleine Kinderſchaar, von Frau Wiltons begeiſtertem Eifer geordnet, ſchloß den Zug. Alles war jetzt in Bereitſchaft. Der Trommler wartete nur auf das Zeichen der gnaͤdigen Frau, und die Schaar der Bogenſchuͤtzen nur auf das Befehlwort, den Marſch anzutreten. Wo haſt Du Deinen Bogen und die Pfeile, mein Kleiner? fragte Frau Diana Wilton Hein⸗ rich, als ſie ihr Liliputer⸗Heer muſterte. Ohne Deine Waffen kannſt Du nicht mitgehen. Heinrich hatte einen Boten nach dem vergeſ⸗ ſenen Bogen abgeſchickt, aber der Bote kam nicht zuruͤck. Er ſchaute in großer Verlegenheit nach allen Seiten ſich um.— O da kommt mein Bo⸗ — 145— gen, ich wette! rief er endlich— ich ſehe meinen Bogen mit den Baͤndern.— Sieh' nur zwiſchen die Baͤume, Karl; dort auf dem Wege kommt er. Aber Du haſt uns verwuͤnſcht lange aufgehal⸗ ten, erwiderte ſein ungeduldiger Freund. Es iſt gewiß der gutmuͤthige, arme Knabe aus Briſtol, der ihn mir bringt— ich verdiene es nicht von ihm, ſagte Heinrich zu ſich ſelber, als er den Knaben mit dem ſchwarzen Pflaſter auf dem Auge ganz athemlos mit dem Bogen und den Pfeilen herankommen ſah. 4 Nur ſchnell wieder abmarſchirt, mein Freund, ſagte die Anfuͤhrerinn des kriegeriſchen Zugs, ſo⸗ bald der Knabe den Bogen an Heinrich abgegeben hatte: geh' aus dem Wege, Dein großes Pflaſter macht nicht die beßte Figur unter uns. Geh nicht ſo nahe hinter uns her, als wenn Du zu uns ge⸗ hoͤrteſt. 4 Der arme Knabe war nicht ſo ehrgeizig, an dem Triumphe Antheil nehmen zu wollen. Er marſchirte ab, ſobald er merkte, was die Edelfrau mit den Worten meinte. Die Trommel 10 — 146— ertoͤnte, die Pfeife erklang, die Bogenſchuͤtzen marſchirten, die Zuſchauer bewunderten. Heinrich ging mit ſtolzen Schritten einher, und meinte, die Augen der ganzen Welt waͤren auf ſeine Epau⸗ etts oder die Aufſchlaͤge ſeiner Uniform gerichtet, waͤhrend er immer nur als ein Theil des Aufzugs be⸗ trachtet wurde. Der Weg ſchien viel kuͤrzer zu ſein, als gewoͤhnlich, und Heinrich bedauerte ſehr, daß Frau Diana Wilton, als ſie erſt die Haͤlfte des bergan laufenden Wegs zuruͤckgelegt hatten, ihr Pferd beſtieg, weil der Weg ſchmutzig war, und alle Herrn und Frauen, die ſie begleiteten, folgten ihrem Beiſpiele. Wir koͤnnen die Kinder nur gehen laſſen, ſagte ſie zu dem Herrn, der ihr beim Aufſteigen half. Ich muß aber einige von ihnen rufen, und Befehle geben, wo ſie ſich ver⸗ ſammeln ſollen. Sie winkte, und Heinrich, welcher der vor⸗ derſte und ſtolz war, ſeine Behendigkeit zu zeigen, eilte herbei, um die Befehle der gnaͤdigen Frau zu vernehmen. Wie ſchon bemerkt wurde, war es ein kalter und windiger Tag, und ohgleich Frau — 142— Diana Wilton eben mit ihm ſprach und auf ihn ſah, konnte er ſich doch nicht enthalten, ſich zu ſchneuzen; er zog ſein Schnupftuch heraus, und heraus rollte zugleich der neue Ball, den er kurz vor ſeinem Aufbruche empfangen und in der Eile mit ſeiner gewoͤhnlichen Sorgloſigkeit in die Taſche geſteckt hatte. O mein neuer Ball! rief er, ihm nacheilend. Als er ſich buͤckte, um ihn aufzuheben, ließ er ſeinen Hut fallen, den er bisher mit aͤngſt⸗ licher Sorgfalt gehalten hatte. Eine gruͤn und weiße Kockarde war zwar an dem Hute, aber es fehlte ein Band, ihn feſt zu halten. Unſer ver⸗ ſchwenderiſcher Held hatte dieß, wie wir uns erin⸗ nern, zu ſeinem Kreiſel gebraucht. Der Hut war ohne das Band fuͤr ſeinen Kopf viel zu weit; ein ploͤtzlicher Windſtoß riß ihn hinweg— Frau Dia⸗ na's Pferd wurde dadurch ſcheu und baͤumte ſich. Sie war eine brillante Reiterinn, und baͤn⸗ digte es zur Bewunderung aller Zuſchauerz aber es war gerade eine Pfuͤtze von rothem Lehm und Schlamm auf dieſer Stelle, und ihre Uniform mußte hei dem Ungluͤcke leiden. 10* — 148— Der unvorſichtige Bube! ſagte ſie, warum kann er ſeinen Hut nicht auf dem Kopfe behalten? In demſelben Augenblicke trieb der Wind den Hut die Anhoͤhe hinab, und Heinrich lief ihm nach, von dem Gelaͤchter ſeiner guͤtigen Freunde, der Bruͤder Wilton und des uͤbrigen kleinen Regi⸗ ments verfolgt. Endlich rollte der Hut auf einen Vorſprung am Nande der Pfuͤtze; Heinrich glaub⸗ te, auf feſten Boden zu treten, aber ach! in dem Augenblicke, wo er den Fuß darauf ſetzte, ſank der Fuß ein. Er verſuchte, ihn wieder heraus⸗ zuziehen, ſein anderer Fuß glitt aus, und er fiel in ſeiner gruͤn und weißen Uniform ruͤcklings in das treuloſe Bett des rothen Lehms. Seine Kammeraden, die auf dem Gipfel der Anhoͤhe hielten, waren lachende Zuſchauer ſeines Ungluͤcks. Zufaͤllig kam der arme Knabe mit dem ſchwar⸗ zen Pflaſter auf dem Auge, dem Frau Diana be⸗ fohlen hatte, abzumarſchiren und ſich in der Entfernung zu halten, uͤber die An⸗ hoͤhe, und ſobald er den gefallenen Helden ſah, eilte er zu ſeinem Beiſtande hinab. Er zog den +₰—, — 149— armen Heinrich, der einen klaͤglichen Anblick dar⸗ bot, aus dem rothen Schlamme. Die guͤtige Be⸗ ſitzerinn eines benachbarten Hauſes hoͤrte, daß der Knabe ein Neffe des Herrn Gresham war, der ehemals bei ihr gewohnt hatte, und nahm Hein⸗ rich, ſchmutzig wie er war, in ihr Haus. Der gute Knabe eilte zu Gresham, um reine Struͤmpfe und Schuhe fuͤr den ungluͤcklichen Bo⸗ genſchuͤtzen zu holen. Heinrich war nicht Willens, ſeine Uniform abzulegen; ſie wurde gerieben und wieder gerieben, und hier und da ein Schmutz⸗ fleck herausgewaſchen. Er half dabei, immer die Worte wiederholend:„Wenn ſie trocken iſt, wird ſich wohl Alles herausbuͤrſten laſſen.“¼— Aber die Furcht, zu ſpaͤt zu dem Bogenſchießen zu kommen, war bald eben ſo ſtark, als die Beſorgniß, in dem beſchmutzten Kleide zu erſcheinen, und er wiederholte jetzt eben ſo aͤngſtlich, waͤhrend die Frau das naſſe Kleid ans Feuer hielt: Ach! ich werde gewiß zu ſpaͤt kommen, ich werde zu ſpaͤt kommen; ſie wird nicht trocknen! Halten Sie ſie naͤher— noch naͤher an das Feuer! O geben Sie mir den Rock, er mag ſein, wie er will, wenn ich ihn nur anziehen kann.„ Der Rock trocknete zwar voͤllig, da man ihn immer naͤher und naͤher an's Feuer hielt, aber er lief auch ein, und es war nicht leicht, ihn wie der anzuziehen. Heinrich aber, der auf die rothen Schmutzflecke nicht achtete, die trotz all dieſer Vorkehrungen auf den Schultern und den Scho⸗ ßen ſeines weißen Rockes noch allzu ſichtbar waren, war ziemlich zufrieden, daß ſich nicht ein Fleck mehr an den Rabatten befand. Niemand, ſagte er, wird meinen Rock von hinten anſehen, hoffe ich. Ich glaube, er ſieht beinahe wieder ſo ſchoͤn aus, als vorher. Und mit dieſer Ueberzeugung nahm unſer junger Schuͤtze ſeinen Bogen— der Bogen mit den gruͤnen Quaſten war es nun frei⸗ lich nicht mehr!— und machte ſich auf den Weg nach dem Schießplatze. All ſeine Kammeraden waren ſchon weit aus dem Geſichte. Ich denke doch, ſagte er zu ſeinem Freunde mit dem ſchwarzen Pflaſter— ich denke doch, mein Oheim und Benjamin waren ſchon weg, als Du mir die Schuhe und Struͤmpfe holteſt? O ja, antwortete jener. Der Kammerdiener ſagte, ſie waͤren ſchon vor einer guten halben Stunde weggegangen. Heinrich eilte ſo ſchnell er konnte. Als er auf den Schießplatz kam, ſah er ſehr viele Kutſchen und Menſchen dahin ziehen. Er draͤngte ſich vor⸗ waͤrts, und in ſeiner Angſt, daß er zu ſpaͤt kom⸗ men moͤchte, bemerkte er nicht, wie viel Spaß ſeine buntſcheckige Erſcheinung allen Zuſchauern machte. Endlich erreichte er den beſtimmten Ort. Hier war ein großes Gedraͤnge von Menſchen; und mitten darin hoͤrte er Frau Diana's laure Stimme auf jemand wetten, der eben im Begriff war, nach dem Ziele zu ſchießen. So, das Schießen hat wirklich ſchon ange⸗ fangen? fragte Heinrich.— O laßt mich durch, laßt mich in den Kreis! Ich gehoͤre zu den Schuͤ⸗ tzen— auf mein Wort, ich gehoͤre dazu. Seht Ihr nicht meine gruͤn und weiße Uniform? Deine roth und weiße Uniform, wirſt Du meinen, ſagte der Mann, an welchen er ſich wandte, und die Leute, die ihm Platz machten, konnten ſich des Lachens nicht enthalten über die Miſchung von Schmutz und Putz in ſeinem An⸗ zuge. Als er in die Mitte des furchtbaren Kreiſes trat, ſah er ſich vergeblich bei ſeinen Freunden, den Bruͤdern Wilton, nach Schutz und Huͤlfe um; auch ſie waren die unbarmherzigſten Lacher. Seine Verlegenheit ſchien auch Diana Wilton eher zu ergetzen, als zum Mitleid zu bewegen. Warum konnteſt Du Deinen Hut nicht auf dem Kopfe behalten? fragte ſie in ihrem maͤnnli⸗ chen Tone. Faſt haͤtteſt Du meine arme Uniform zu. Grunde gerichtet, doch bin ich der Gefahr beſ⸗ ſer entgangen, als Du. Stelle Dich nicht hier in die Mitte des Kreiſes, oder Du kannſt von einem Pfeile getroffen werden. Heinrich ſah ſich nach beſſeren Freunden um. — O wo iſt mein Oheim, wo iſt Benjamin? ſprach er. Er war in ſolcher Verwirrung, daß er „unter den vielen Geſichtern keines von dem andern unterſcheiden konnte. Endlich zupfte jemand an — 153— ſeinem Ermel, und er hoͤrte zu ſeinem Troſte die freundliche Stimme und ſah die gutmuͤthige Miene ſeines Vetters Benjamin. Komm, Heinrich, komm hinter dieſe Leute, ſagte Benjamin, und ziehe meinen Ueberrock an⸗ Hier iſt er. Heinrich war ſehr froh, ſeine geſchaͤndete Uni⸗ form mit einem Ueberrocke bedecken zu koͤnnen, den er vorher verachtet hatte. Er oͤſte die ſchmu⸗ tzige, ſchlaff gewordene Kockarde von dem ungluͤck⸗ 4 ſeligen Hute, und erholte ſich hinlaͤnglich von ſei⸗ nem Verdruß, um ſeinem Oheim und der kleinen Betty, die ihn aͤngſtlich nach der Urſache ſeines langen Ausbleibens fragten, ſeinen Ungluͤcksfall verſtaͤndlich erzaͤhlen zu koͤnnen. Eben war er im 8 Begtiff, ſeinem Muͤhmchen zu beweiſen, daß das zu dem Kreiſel gebrauchte Hutband nichts mit— ſeinem Ungluͤcke zu ſchaffen haͤtte; eben verſuchte er ſeines Oheims Meinung zu widerlegen, daß der Mißbrauch der Peitſchenſchnur, womit das Pakt befeſtigt geweſen war, die urſpruͤngliche urſache all ſeiner Ungluͤcksfaͤlle waͤre: als er auf⸗ gefodert wurde, ſeine Geſchicklichkeit mit ſeinem brillanten Bogen zu zeigen. Meine Haͤnde ſind erſtarrt, ich fuͤhle ſie kaum, ſagte er, und rieb und blies ſeine Finger. Komm nur, komm! rief der junge Wilton. Ich traf einen Zoll weit vom Schwarzen, und moͤchte ſehen, wer noch naͤher treffen will. Tritt vor, Heinrich; Du ſollſt aber erſt die Ge⸗ ſetze kennen, die wir gemacht haben, ehe Du auf den Schießplatz kameſt. Jeder thut drei Schuͤſſe mit ſeinem eigenen Bogen und ſeinen eigenen Pfeilen, und Niemand darf, unter welchem Vor⸗ wande es ſei, eines Anderen Bogen borgen.— Haſt Du's gehoͤrt, Heinrich? Der junge Herr hatte wohl Urſache ſo ſtrenge auf dieſe Gefetze zu halten, da es ihm nicht ent⸗ gangen war, daß keiner ſeiner Kammeraden einen ſo trefflichen Bogen beſaß, als er ſich verſchafft hatte. Mehre Knaben hatten vergeſſen, mehr als einen Pfeil mitzubringen, und durch die liſtige Verordnung, daß jeder mit ſeinen eigenen Pfei⸗ —— = 155— len ſchießen ſollte, kamen viele um einen oder zwei Schuͤſſe. Ei Du Gluͤcklicher, Du haſt ja drei Pfeile! ſagte der junge Wilton. Aber komm, wir koͤn⸗ nen nicht warten, bis Du deine Finger gewaͤrmt haſt.— Tritt vor! Heinrich überraſchte der unartige Ton ſeines Freundes. Er wußte nicht, wie leicht Bekannte, die ſich Freunde nennen, ihre Geſinnung aͤndern koͤnnen, wenn ihr Vortheil und ihre Freundſchaft im Geringſten in Widerſtreit kommen. Durch den ungeduldigen Nebenbuhler angetrieben, und mit ſo erſtarrten Haͤnden, daß er kaum wußte, wie er den Pfeil an die Sehne befeſtigen ſollte, ſpannte er den Bogen. Der Pfeil traf einen Viertelzoll weit von Wiltons Nummer, der naͤchſten, die noch war geſchoſſen worden. Heinrich nahm den zweiten Pfeil.„Habe ich nur irgend Gluͤck“ ſagte er— aber indem er das Wort Gluͤck aus⸗ ſprach, und ſeinen Bogen ſpannte, riß die Sehne, und der Bogen entfiel ſeinen Haͤnden. — 156— Ei, unn iſt's aus mit Dir, rief der junge Wilton mit einem triumphirenden Lachen. Hier iſt mein Bogen, er ſteht ihm zu Dien⸗ ſte, ſprach Benjamin. Nein, nein, das geht nicht; das iſt wider die Verordnung. Du magſt mit Deinem eigenen Bogen ſchießen, wenn Du willſt, oder auch nicht, ganz, wie es Dir beliebt; aber leihen darfſt Du ihn nicht. Jetzt war die Reihe an Benjamin, ſeine Probe abzulegen. Sein erſter Pfeil war nicht gluͤcklich. Sein zweiter traf gerade ſo nahe, als Heinrich's erſter. Du haſt nur noch einen, ſagte der junge Wilton. Jetzt noch dieſen Schuß. Eh jedoch Benjamin ſeinen letzten Pfeil an⸗ legte, unterſuchte er kluͤglich die Sehne ſeines Bogens, und als er daran zog, um ihre Staͤrke zu pruͤfen, zerſprang ſie. Der junge Wilton klatſchte mit hoͤhnendem Lachen und lautem Jubel in die Haͤnde. Aber ſeine Freude verſtummte, als unſer vorſichtiger — 157— Held ruhig in die Taſche griff, und ein ſchoͤnes Sruͤck Peitſchenſchnur hervorzog⸗ Ei die unverwuͤſtliche Peitſchenſchnur! rief Heinrich, als er ſah, daß es dieſelbe war, die das Pakt befeſtigt hatte. Ja, erwiderte Benjamin, als er ſie an ſei⸗ nen Bogen knuͤpfte: ich ſteckte ſie heute in die Taſche, weil ich glaubte, ich koͤnnte ſie vielleicht brauchen. Er ſpannte ſeinen Bogen zum dritten und letzten Male. O, Vater, rief die kleine Betty, als ſein Pfeil das Schwarze traf: das iſt der naͤchſte— iſt es nicht der naͤchſte? Der junge Wilton unterſuchte aͤngſtlich den Schuß. Es war kein Zweifel. Benjamin war Sieger! Der Bogen, der Preisbogen, wurde ihm jetzt uͤberreicht, und Heinrich ſprach, indem er auf die Peitſchenſchnur ſchaute: Wie viel Gluͤck hat Dir die Peitſchenſchnur gebracht, Benjamin! Es iſt ein Gluͤck geweſen, wirſt Du meinen⸗ daß er ſie aufbewahrt hat, ſagte Gresham. — 158— Ach, verſetzte Heinrich, wohl wahr! Er kann mit Recht ſagen: Verſchwende nicht, ent⸗ behre nicht. Es iſt keine uͤble Sache, zwei Seh⸗ nen zu einem Bogen zu haben. IV. Die weiße Taube. De kleine Flecken Somerville in Irland, hat ſeit wenigen Jahren das nette und heitere Anſehen eines engliſchen Dorfes erhalten. Herr Somer⸗ ville, der Eigenthuͤmer des Orts, wuͤnſchte ſeinen Pachtern Sinn fuͤr Ordnung und haͤusliches Gluck einzufloͤßen, und that alles, was in ſeinen Kraͤften ſtand, arbeitſame Leute von gutem Rufe aufzumuntern, ſich in ſeiner Naͤhe niederzulaſſen. Nachdem er eine Reihe guter, mit Schiefer gedeck⸗ ten Haͤuſer hatte erbauen laſſen, machte er bekannt, daß er ſie den beßten Pachtern, die er finden koͤnnte, uͤberlaſſen wollte, und es wurden ihm aus allen Gegenden des Landes Antraͤge gemacht. Unter den beßten*achtern verſtand Somerville jedoch nicht die Meiſtbietenden, und vi tele, die 11 — 4162— einen hohen Preis füͤr bie Häuſer geboten hatten, waren erſtaunt, als ihre Antraͤge abgewieſen wur⸗ den. Unter dieſen war auch Cox, ein Schnk⸗ wirth, der nicht den beßten Ruf hatte. Gnaͤdiger Herr, ſprach er zu Somerville, ich habe erwartet, da ich doch gut und mehr als An⸗ dere geboten habe, daß Sie mir das Haus neben der Apotheke uͤberlaſſen wuͤrden. Waren es nicht funfzehn Guineen“*) was ich geboten habe. Und haben es Euer Gnaden nicht fuͤr dreizehn hingegeben? Ja, das habe ich gethan, antwortete Somer⸗ ville ruhig. Aber erlauben Euer Gnaden, ich weiß nicht, womit ich oder die Meinigen Sie beleidigt haben. Es gibt gewiß keinen Herrn in ganz Irland, dem ich williger diente. Ich wuͤrde morgen nach Cork gehen, wenn Euer Gnaden nur ein einziges Wort ſagten? Ich bin Euch ſehr verbunden, Coyx, aber ich habe jetzt in Cork nichts auszurichten, antwortete So⸗ merville trocken. —— *) Eine Guinee ſſt ungefähr 6 Thaler. — 165— * Ich moͤchte nur den Mann kennen und ans Licht ziehen, rief Cox, der mich bei Ihnen ange⸗ ſchwaͤrzt hat, gnaͤdiger Herr! Niemand hat Euch angeſchwaͤrzt, Cox, aber eure Naſe ſchwaͤrzt Euch ſehr an, wenn Ihr den Trunk nicht liebt, und euer blaues Auge und zerfetztes Kinn ſchwaͤrzen Euch auch ſehr an, wenn Ihr den Streit nicht ein wenig liebt. Streiten! Ich ſtreiten, gnaͤdiger Herr? Ich fo⸗ dere jedermann auf, oder mehre Menſchen fuͤnf Stunden in der Runde, mir ſo etwas zu beweiſen. Ich bin bereit mit jedem zu fechten, der etwas dergleichen von mir zu ſagen wagt; ich wuͤrde mit ihm fechten, hier in Ihrer Gegenwart, wenn er in dieſem Augenblicke erſchiene, und als Mann mir unter die Augen traͤte. Hier nahm Cox eine kampfluſtige Stellung an, da er aber merkte, daß Somerville laͤchelnd auf ſeine drohende Bewegung ſah, und daß ſich mehre Leute um ihn auf der Straße verſammelt K hatten, und uͤber den Beweis lachten, den er von ſeinen friedlichen Geſinnungen gab, anderte er 11* — 164— markte beim kam. damit machen wollten. bauen. ſeine Stellung, und ſing an, ſich gegen die An⸗ klage der Neigung zum Trunke Und was das Trinken betrifft, gnaͤdiger Herr, ſorach er, davon iſt keine Silbe wahr. Nicht ei⸗ nen Tropfen Branntwein, weder guten noch ſchlech⸗ ten, habe ich ſeit ſechs Monaten gekoſtet, aus⸗ genommen was ich bei der alten Anne trank, an dem Abend, wo ich das Ungluͤck hatte, Euer Gnaden zu begegnen, als ich eben vom Jahr⸗ zu vertheidigen. 6. Somerville antwortete hierauf nichts, ſondern * wendete ſich weg, um nach dem Bogenfenſter eines huͤbſchen neuen Wirthshauſes zu ſehen, in welches der Glaſer eben Scheiben einſetzte. Gnaͤdiger Herr, jenes neue Wirthshaus iſt nicht verpachtet, wie ich hoͤre, fing Cox wieder an⸗ Sie werden ſich beſinnen, es iſt nun ein Jahr, als Sie mir verſprachen, daß Sie mir eine Freude Unmoͤglich! rief Somerville, ich dachte zu jener Zeit noch nicht daran, ein Wirthshaus zu — — 165— O ich bitte Euer Gnaden um Verzeihung! Wenn Sie ſich nur gefaͤlligſt erinnern wollten, es war, als ich mit meinem Nachbar Thaddaͤus durch die Moorwieſe kam, da gaben Sie mir das Verſprechen. Aber ich mag es Euch nicht aberlaſſen, ich habe nie ein ſolches Verſprechen gegeben, ſprach So⸗ merville. Ich dachte nie daran, dieſes Wirths⸗ haus Euch iu verpachten. Siee wollen es mir alſo nicht laſſen, gnaͤdi⸗ ger Herr?— Nein! Ihr habt mir viele Unwahrheiten ge⸗ ſagt. Ich mas Euch nicht zum Pachter haben. Gut, Gott erhalte Euer Gnaden! Ich habe nichts mehr zu ſagen, aber Gott ſegne Euer Gna⸗ den, ſagte Cox und ging weg, vor ſich murmelnd, indem er ſeinen Hut in's Geſicht zog: Ich hoffe, daß ich wohl lange genug leben werde, mich an ihm zu raͤchen. Somerville ging am naͤchſten Morgen mit ſei⸗ 3 ner Familie nach dem neuen Wirthshauſe. Er er⸗ wartete, es ganz vollendet zu ſehen, begegnete — 166— aber dem Zimmermanne, der ihn mit traurigem Geſichte benachrichtigte, daß man waͤhrend der Nacht ſechs Scheiben in dem großen Bogenfenſter zerbrochen haͤtte. Hal vielleicht hat Cox mein Fenſter zerbrochen, aus Rache, weil ich ihm den Pacht verweigert habe, ſprach Somerville, und viele Nachbarn, welche die boshaften Geſinnungen jenes Mannes kannten, bemerkten, daß es einem ſeiner Streiche ahnlich ſaͤhe. Es trat aber ein Knabe von ungefaͤhr zwoͤlf Jahren vor, und ſprach:„Ich kann Coy gewiß nicht leiden, er ſchlug mich einmal, als er be⸗ trunken war, aber deshalb ſoll niemand mit Un⸗ 1 recht beſchuldigt werden. Er kann in vergangener Nacht das Fenſter nicht zerbrochen haben, denn er war drei Stunden von hier; er hat im Hauſe b ſeines Vetters geſchlafen, und iſt noch nicht zu⸗ ruͤck, darum glaube ich, er weiß nichts von der Sache. Somerville war uͤber des Knaben redliche un- befangenheit erfreut, und da er bemerkte, daß — — 167— zener neugierig auf die Treppe blickte, als die Hausthuͤre geoͤffnet wurde, fragte er ihn, ob er gern hineingehen, und das neue Haus beſehen wollte. Ja, gnaͤdiger Herr, antwortete der Knabe, ich moͤchte gern die Treppe hinangehen, um zu ſehen, wohin ich kaͤme. Nun ſo gehe hinan, ſagte Somerville, und der Knabe lief die Treppe hinauf. Er ging von Stube zu Stube und verrieth viel Bewunderung und Freude. Als er endlich eine der Dachſtuben beſah, wurde er durch ein flatterndes Geraͤuſch aber ſeinem Kopfe aufgeſchreckt, und erblickte eine weiße Taube, welche durch ſein Erſcheinen ſchuͤchtern wurde, und in der Stube rings umher fiog, bis ſie ihren Weg aus der Thuͤre fand und auf die Treppe kam. Der Zimmermann ſprach mit Somerville an der Treppe, hielt aber inne/ ſobald er die weiße Taube erblickte, und brach ein Geſpraͤch uͤber das Treppengelaͤnder ab. Da iſt ſie, rief er, ſehen Sie gnaͤdiger Herr, die hat unſer Bogenfenſter zerbrochen. Es iſt die⸗ 1— 163— ſelbe boͤſe weiße Taube, die am Sonntage vor acht Tagen die Kirchenfenſter zerbrach, aber jetzt ſoll ſie dafuͤr buͤßen, weil wir ſie erwiſcht haben, und in dieſem Augenblicke will ich ihr den Kopf abreißen, wie ſie es verdient. O! wartet— reißt ihr den Kopf nicht ab, ſie verdient es nicht, rief der Knabe, welcher mit groͤßter Haſt aus der Dachſtube gelaufen kam, Ich zerbrach ihr Fenſter, gnaͤdiger Herr, ich zer⸗ brach ihr Fenſter mit dieſem Balle, aber ich habe es bis auf dieſen Augenblick nicht gewußt, daß ich es that, ſonſt wuͤrde ich es Ihnen ſchon fruͤher geſagt haben.— Neißt ihr den Kopf nicht ab, fuͤgte der Knabe hinzu, ſich an den Ziumermann wendend, der die weiße Taube in der Hand hatte, Niein, ſagte Somerville, der Taube ſoll der Kopf nicht abgeriſſen werden„ und auch Dir nicht, mein guter Junge, weil Du mir ein Fenſter zer⸗ brochen haſt. Dein ehrliches offenes Geſſcht ſagt mir, daß Du die Wahrheit ſprichſt. Aber erklaͤre uns die Sache; Du haſt uns noch nicht alles ganz deurlich gemacht. Wie kam es, daß Du mein —-— —* — —-—— — — — 189— Fenſter ohne Wiſſen zerbrachſt, und wie haſt Du es endlich noch entdeckt? Gnaͤdiger Herr, ſprach der Knabe, wenn Sie hinangehen wollen, will ich Ihnen alles zeigen, was ich weiß, und wie ich es entdeckt habe. Somerville folgte ihm in die Dachſtube, und der Knabe zeigte auf eine zerbrochene Glasſcheibe in einem kleinen Fenſter, das die Ausſicht auf ein oͤdes Stuͤck Land hinter dem Hauſe hatte. Auf dieſem oͤden Platze pflegten die Kinder des Fleckens oft zu ſpielen. Wir ſpielten hier geſtern Abend mit Baͤllen, ſprach der Kleine zu Somer⸗ ville, und ein Knabe foderte mich auf, gegen die Mauer nach dem Ziele zu werfen. Ich that es, aber er ſagte, ich haͤtte nicht getroffen, und ver⸗ langte, daß ich ihm zur Strafe meinen Ball geben ſollte. Ich wollte es nicht thun, und als er an⸗ fing, ſich mit mir zu balgen, warf ich den Ball, wie ich glaubte, uͤber das Haus., Er lief auf die Straße, ihn zu ſuchen, ohne ihn zu finden, wor⸗ uͤber ich ſehr froh war; aber eben jetzt bin ich ſehr traurig geworden, als ich ihn hier auf dieſem Haufen „— 170— Spreu unter dem zerbrochenen Fenſter liegen ſah. Sobald ich den Ball hier gefunden hatte, wußte ich, daß ich Schuld war, und durch dieſes Fenſter iſt die weiße Taube gekommen. Hier ſteckt noch eine ihrer weißen Federn im Loche. Ja, ſagte der Zimmermann, und unten in der Stube mit dem Bogenfenſter ſieht man eine von ihren Federn. Ich bin eben jetzt unten ge⸗ weſen, es iſt ganz ſicher, die weiße Taube hat dieſe Fenſter zerbrochen. Aber ſie wuͤrde nicht herein gekommen ſein, wenn ich nicht das kleine Fenſter zerbrochen haͤtte, ſprach der Knabe lebhaft. Ich kann taͤglich einen halben Schilling verdienen, und will gern allen Schaden erſetzen. Die weiße Taube gehoͤrt einer Nachbarinn, einer Freundinn von uns, die ihr ſehr gut iſt, und ich moͤchte ſie fuͤr zweimal ſo viel Geld nicht toͤdten laſſen. Nimm die Taube, mein ehrlicher großmuͤthi⸗ ger Knabe, ſprach Somerville, und bringe Sie dei⸗ ner Nachbarinn zuruͤck. Ich vergebe ihr allen Schaden, den ſie mir gethan hat, um deinet⸗ —— — willen; ſage das deiner Freundinn. Uebrigens koͤnnen wir neue Scheiben einſetzen laſſen, und behalte Du fuͤr Dich das Geld, das Du verdienſt. Das that er noch nie, ſagte der Zimmermann. Manchen halben Schilling verdient er, aber nicht ein Pfennig kommt in ſeine Taſche; jeden Heller gibt er ſeinen armen Aeltern. Gluͤcklich, wer ei⸗ nen ſolchen Sohn hat! Noch gluͤcklicher, wer ſolche Aeltern hat, rief der Knabe. In ihren guten Tagen zeigten ſie mir alle Sorgfalt, und verſchafften mir alles, was man fuͤr Geld und gute Worte haben kann, und wenn ich's zugeben wollte, würden ſie noch jetzt fuͤr meinen Schulunterricht bezahlen, ſo arm ſte auch geworden ſind. Doch ich muß nun ge⸗ hen und den Laden huͤten. Leben ſie wohl, gnaͤ⸗ diger Herr, und ich danke Ihnen herzlich. Wo wohnt dieſer Knabe, und wer find ſeine Aeltern? ſprach Somerville. Sie koͤnnen nicht im Flecken wohnen, ſonſt wuͤrde ich von ihnen ge⸗ hoͤrt haben. Sie haben ſich erſt vor Kurzem hier niedergs⸗ — 172—— laſſen, gnaͤdiger Herr, antwortete der Zimmer⸗ mann. Sie lebten früher auf dem Lande, aber ſie wurden zu Grunde gerichtet, als ſie eine Pach⸗ tung uͤbernahmen in Gemeinſchaft mit einem Manne, der nachber in ſchlechte Geſellſchaft ge⸗ rieth, das Seinige durchbrachte, und nun den Gutsherrn nicht bezahlen konnte. Dieſe armen Leute waren genoͤthigt, ſeinen Beitrag und auch den ihrigen zu bezahlen, was ſie faſt ganz herun⸗ ter brachte. Sie ſahen ſich gezwungen, die Pach⸗ tung aufzugeben, und haben nun einen kleinen Laden hier eroͤffnet und mit ſo viel Waare verſehen, als fuͤr das Geld ſich anſchaffen ließ, das ſie durch den Verkauf ihres Viehes geloͤſet hatten. Wer ſie kennt, ſpricht gut von ihnen; ich hoffe ſicherlich, ſie werden gut fortkommen. Der Knabe iſt recht brauchbar im Laden, obgleich er ſagt, er koͤnnte aͤglich nur einen halben Schilling verdienen. Er ſchreibt eine gute Hand und weiß fuͤr ſein Alter ſchnell zu rechnen. Es wird ihm gut gehen in der Welt, glaube ich, weil er nie in muͤſſiger Geſellſchaft iſt; ich habe ihn gekannt, als er nur — — 173— noch eine Elle hoch war, und hoͤrte ihn nie eine Luͤge ſagen. Das iſt ein ſehr gutes Lob fuͤr den Knaben, ſprach Somerville, und nach ſeinem Benehmen an dieſem Morgen glaube ich gern, daß er all eure Lobſpruͤche verdient. Somerville beſchloß, ſich naͤher nach dieſer armen Familie zu erkundigen, und ſelbſt auf ihr Betragen zu achten, feſt ent⸗ ſchloſſen, ihnen Beiſtand zu leiſten, wenn er ſie ſo faͤnde, als man ſie ihm geſchildert hatte. „Der Knabe, der Brian hieß, brachte indeß die weiße Taube ihrer Eigenthuͤmerinn zuruͤck. Du haſt ihr das Leben gerettet, ſprach die Frau, der ſie gehoͤrte, und ich will Dir ein Ge⸗ ſchenk damit machen. Brian dankte ihr, und von dieſem Tage an gewann er die Taube lieb. Er war immer be⸗ dacht, ihr etwas Hafer in ſeines Vaters Hof zu ſtreuen, und die Taube wurde zuletzt ſo zahm, daß ſie in die Kuͤche gehuͤpft kam, und mit dem Hunde aus einem Napfe fraß.*) * Dieß iſt eine Tbatſache. — 174— Sobald der Laden Abends geſchloſſen war, unterhielt ſich Brian mit dem Leſen einiger klei⸗ nen Buͤcher, die der Lehrer ihm lieh, welcher ihn fruͤher im Rechnen unterrichtet hatte. Unter dieſen fand er eines Abends ein Buch, worin viel von Voͤgeln und Inſekten vorkam. Er ſah ſogleich nach, ob auch von der Taube die Rede waͤre, und zu ſeiner großen Freude fand er eine vollſtaͤndige Beſchreibung und Geſchichte ſeines Lieblingsvogels. Nun Brian, ich ſehe, Du biſt nicht verge⸗ bens in die Schule gegangen, und haſt deine Buͤcher gern, wenn Du auch keinen Lehrer haft, der Dich zum Leſen anhaͤlt, ſprach ſein Vater, als er herein kam, und Brian ſehr aufmerkſam leſen ſah. Ich danke Euch, Vater, daß Ihr mich im Leſen unterrichtet habt, erwiderle Brian. Ich habe hier eine große Entdeckung gemacht. In dieſem Buche, Vater, ſo klein es ausſieht, habe ich ein ſehr merkwuͤrdiges Mittel gefunden, wie man ſein Gluͤck machen kann, und ich hoffe, es wird euer Gluͤck machen, Vater— Wollt Ihr Euch niederſetzen, ſo will ich's Euch ſagen. Der Vater ſetzte ſich, dem Knaben iutuhoͤren, aber mehr um ihm einen Gefallen zu thun, als in der Hoffnung, ſein Glück zu machen. Brian erklaͤrte ihm, er haͤtte in ſeinem Buche eine Nachricht gefunden, wie man die Tauben abrich⸗ tet, die Zettel und Briefe zu beſtellen. Vater, fuhr Brian fort, ich finde, daß meine Taube von die⸗ ſer Art iſt, und ich will es verſuchen, ſie zu Bot⸗ ſchaften abzurichten. Warum ſollte ſie es nicht koͤnnen? Wenn es andre Tauben vor ihr gethan haben, ſo wird ſie es wohl eben ſo gut koͤnnen, und ich darf ſagen, ſie wird eben ſo gelehrig ſein, als irgend eine Taube in der Welt. Morgen fruͤh fange ich an, ſie abzurichten. Ihr wißt, Vater, man bezahlt oft viel fuͤr Botengaͤnge, und kein Junge kann laufen, kein Pferd kann ſo ſchnell rennen als ein Vogel fliegen kann. Der Vogel muß wohl der beßte Bote ſein, und man wird mir den beßten Preis bezahlen. Nicht wahr, Vater? Gewiß, gewiß, lieber Brian, ſprach der 1 — 176— Vater lachend. Ich wuͤnſche, Du moͤgeſt den beßten Boten in Irland aus deiner Taube machen, aber nur um eins bitte ich Dich, lieber Junge, vernachlaͤſſige um deiner Taube willen den Laden nicht. Nach meiner Meinung, haben wir mehr Wahrſcheinlichkeit, unſer Gluͤck durch den Laden zu machen, als durch deine weiße Taube. Brian vernachlaͤſſigte den Laden nie, aber in ſeinen Freiſtunden unterhielt er ſich mit dem Ab⸗ richten ſeiner Taube, und nach langer Geduld gluͤckte es ihm endlich mit ihr ſo gut, daß er ei⸗ nes Tages ſeinem Vater anbot, ihm durch ſeine Taube zu melden, wie viel das Pfund Nindſleiſch in der nahen Stadt koſtete, wohin er ehen gehen wollte. Die Taube wird lange vor mir zu Hauſe ſein, Vater, ſprach er, und wird ins Kuͤchenfen⸗ ſter fliegen, und ſich auf dem Anrichtetiſche nie⸗ derlaſſen. Dann muͤßt Ihr das Zettelchen abloͤſen, das ich unter ihren linken Fluͤgel binden will, und Ihr werdet ſogleich den Preis des Rindlleiſches wiſſen. Die Taube richtete ihre Botſchaft gut aus, — 177— und Brian war uͤber den Erfolg ſehr erfreut. Er wurde bald von den Nachbarn gebraucht, die uͤber Brians Liebe zu ſeiner ſchnellen Brieftaube ihre Freude hatten, und bald war der Ruf der weißen Taube unter allen Leuten verbreitet, welche die Maͤrkte in Somerville beſuchten⸗ An einem dieſer Maͤrkte verſammelten ſich mehre boͤſe und verwegene Menſchen, um zu trin⸗ ken, und ſich uͤber raͤuberiſche Anſchlaͤge zu be⸗ ſprechen. Ihr Sammelplatz war bei dem Schenk⸗ wirthe Cox, eben dem Manne, welcher, wie ſich unſre Leſer erinnern, durch Somerville's Anſpiel⸗ ungen auf ſeinen Hang zum Trinken und Streiten ſich beleidigt fuͤhlte, und Rache drohte, weil ihm das neue Wirthshaus war verweigert worden. Waͤhrend ſich dieſe Maͤnner uͤber ihre An⸗ ſchlaͤge beſprachen, bemerkte jemand, daß Einer von ihnen fehlte. Ja, ſagte ein Andrer, er iſt drei Meilen von hier, und ein Dritter wuͤnſchte, daß er ſich ihm in jener Entfernung vernehmlich machen koͤnnte. Dieß brachte das Geſpraͤch auf die Schwierigkeiten, Briefe heimlich und ſicher 12 zu Botſchaften gebrauchen zu koͤnnen. Nichts kann abzuſenden. Des Schenkwirths Sohn, ein Bur⸗ ſche von neunzehn Jahren, der zu dieſer Bande gehoͤrte, erwaͤhnte der weißen Taube, und er wurde gebeten, alle Mittel zu verſuchen, um ſie in ſeinen Beſitz zu bekommen. Am naͤchſten Tage ging nun der junge Cox zu Brian, und ſuchte anfaͤnglich durch ſchmeichelnde Ueberredungen und endlich durch Drohungen, ihn zu vermoͤgen, dle Taube abzugeben. Brian beharrte auf ſeiner Wel⸗ gerung, zumal als der Bittende zu drohen anſing. Wenn wir ſie nicht durch gute Mittel haben köͤnnen, ſo geſchieht's durch ſchlechte, dachte Coy, und einige Tage nachher war die weiße Taube verſchwunden. Brian ſuchte ſie vergebens, fragte bei allen Nachbarn, ob ſie die Taube geſehen haͤtten, und wendete ſich auch an Cox, aber ohne Erfolg. Coy ſchwur, daß er nichts von der Sache wuͤßte, aber das war falſch, denn er hatte waͤh⸗ rend der Nacht die weiße Taube geſtohlen, und ſie ſeinen Genoſſen uͤberbracht, die ſich freuten, ſie in ihrer Gewalt zu haben, da man glaubte, ſie — kurzſichtiger ſein als die Verſchlagenheit. Daſſelbe Mittel, das die Leute anwendeten, ihr Geheim⸗ niß zu verbergen, war das Mittel, ihre Anſchlaͤge ans Licht zu bringen. Sie bemuͤhten ſich, die geſtohlene Taube abturichten, in der Gegend von Somerville Briefe zu beſtellen, und als ſie nun waͤhnten, daß die Taube ihre fruͤhern Gewohn⸗ heiten und ihren alten Heern vergeſſen haͤtte, glaubten ſie, man köͤnnte es wagen, ſie nicht weit von ihrer Heimat zu gebrauchen. Die Taube hatte jedoch ein beſſeres Gedaͤchtniß als man ver⸗ muthete. Unweit des Staͤdtchens ließ man ſie aus einem Sacke fliegen, in der Hoffnung, daß ſſe ſich bei einem Vetter des Schenkwirlhs ein⸗ finden wuͤrde, der an der Straße zwiſchen der Stadt und dem Flecken Somerrille wohnte. Aber oögleich die Taube beinahe ach: Tage vor dieſer Probe abſichtlich in jenem Hauſe war gefuͤttert worden, hielt ſie doch da nicht an, ſondern flog zu ihres alten Herrn Hauſe in Somerville und pickte an das Kuͤchenfenſter, wie man ſie fruͤhet gewoͤhnt hatte. Zum Gluͤcke hoͤrte es der gute 12* Brian und er lief freudig hinzu, um das Fenſter zu oͤffnen und ſie herein zu laſſen. O Vater, meine weiße Taube iſt von ſelbſt wieder zuruͤck gekommen, rief Brian. Ich muß laufen, und ſie der Mutter zeigen. In dieſem Augenblicke breitete die Taube ihre Fluͤgel aus, und Brian entdeckte unter dem einen ein ſehr ſchmutziges Zettelchen. Er oͤffnete es in ſeines Vaters Gegenwart. Das Gekritzel war kaum leſerlich, doch endlich wurden folgende Worte entziffert: „Acht von uns haben ſich verſchworen. Ich ſchreibe unten die Namen auf. Wir verſammeln uns dieſe Nacht in der Schenke meines Vaters, und haben alles bereit, um ins große Haus ein⸗ zubrechen. Herr Somerville ſchlaͤft dieſe Nacht nicht zu Hauſe. Verwahrt die Taube bis Morgen. Fuͤr immer der Eurige, Murtagh Cox.“ Sie hatten dieſes Blatt kaum geleſen, als Vater und Sohn zugleich riefen:„Wir wollen zu Herrn Somerville gehen und es ihm zeigen. — 181— Ehe ſie gingen, verbargen ſie aber vorſichtig die Taube, damit ſie von niemand außer ihnen geſehen wuͤrde. Nach dieſer gluͤcklichen Entdeckung nahm Somerville die noͤthigen Maßregeln, ſich der acht Maͤnner zu bemaͤchtigen, die ſich verſchworen hat⸗ ten, ſein Haus zu berauben. Als alle im Ge⸗ faͤngniſſe wohl verwahrt waren, ließ er Brian und ſeinen Vater zu ſich kommen, und nachdem er ihnen fuͤr den geleiſteten Dienſt gedankt hatte⸗ zaͤhlte er zehn Goldſtuͤcke auf den Tiſch, und ſchob ſie Brian mit den Worten zu:„ Du weißt ver⸗ muthlich, daß vor einigen Wochen eine Belohnung von zehn Guineen fuͤr die Entdeckung des Johann Dermod verſprochen wurde, der unter den acht Gefangenen iſt.4 Nein, ich wußte es nicht, antwortete Brian, und ich brachte Ihnen den Zettel nicht, um zehn Guineen zu erhalten, ſondern weil ich es fuͤr recht hielt. Es iſt nicht noͤthig, fuͤr Rechtthun bezahlt zu werden. — 182— Daran erkenne ich meinen Sohn, ſagte ſein Vater. Wir danken Ihnen, gnaͤdiger Herr; aber das Geld nehmen wir nicht, ich mag kein Blut⸗ geld haben. Meine lieben Freunde, ich kenne den Unter⸗ ſchied zwiſchen einem elenden Angeber und einem muthigen ehrlichen Manne. Nun was das betrifft, gnaͤdiger Herr, wenn wir ouch arm ſind, ſo hoffe ich doch, daß wir ehrlich ſind. Und was mehr iſt, ſagte Somerville, ich denke, Ihr werdet es immer bleiben, ſelbſt wenn Ihr reich werdet. Willſt Du, mein guter Junge, fuhr er nach einer kurten Pauſe fort, willſt Du mir auf einige Tage Deine weiße Taube anver⸗ trauen? O, recht gern, antwortete der Knabe laͤchelnd, und er brachte die Taube zu Herrn Somerville, als es dunkel war und ihn niemand ſah. Einige Tage nachher ging Somerville zu Brian's Va⸗ ter, der nebſt ſeinem Sohne mit ihm gehen mußte⸗ — 188— Sie folgten ihm, bis er dem Bogenfenſter in der neuen Schenke gegenuͤber ſtehen blieb. Der Zimmermann hatte eben ein Schild angeſchlagen, das mit einer Decke verhuͤllt war. Willſt Du nicht die Leiter hinauf ſteigen, ſprach Somerville zu Brian, und das Schild ge⸗ rade haͤngen? Es iſt ganz ſchief.— Nun iſt es gerade. Ziehe die Decke weg und laß uns das neue Schild ſehen. Der Knabe nahm das Tuch ab. Eine weihße Taube var auf das Schild gemahlt, und der Name ſcines Vaters mit großen Buchſtaben da⸗ unter geſchrieben. Nimm Dich in acht, ſonſt faͤllſt Du herunter und brichſt bei dieſer frohen Gelegenheit den Hals, rief Somerville, als er bemerkte, daß Brian zu ſehr uͤberraſcht war, und die Stellung, worin er ſich eben befand, ihm gefaͤhrlich werden konnie. Komm herab von der Leiter, und wuͤnſche deinem Vater Gluͤck, daß Ihm die neue Schenke zur weißen Taube gehort. Ich aber wuͤnſche ihm Glück, daß er einen ſolchen Sohn hat als Du biſt. Wer ſeine Kinder gut erzieht, wird gewiß dafuͤr belohnt werden, mag er arm oder reich ſein. V. Die Korbflechterinn. — Am Fuße eines ſteilen und ſchluͤpfrigen weißen Berges bei Dunſtable in der engliſchen Grafſchaft Bedford, genannt der Kreide⸗Berg, ſteht ein Haͤuschen, oder vielmehr eine Huͤtte, welche die voruͤbergehenden Wanderer kaum fuͤr bewohnt hal⸗ ten koͤnnten, wenn ſie nicht den Rauch von dem ſpitzigen Dache aufſteigen ſaͤhen. Eine alte Frau lebte in dieſer Huͤtte, und bei ihr ein kleiner Knabe und ein Maͤdchen, die Kinder eines Bettlers, der ſtarb und die Waiſen in tiefer Noth zuruͤck ließ. Sie ſchaͤtzten ſich ſogleich ſehr gluͤcklich, als die gute alte Frau ſie in ihre Huͤtte aufnahm, an ih⸗ rem kleinen Herdfeuer ſich waͤrmen ließ, und ih⸗ nen eine Rinde verſchimmeltes Brod zu eſſen gab. Nicht viel hatte ſie zu geben; aber was ſie hatte, gab ſie gern. Sie war ſehr gut gegen dieſe armen — 188— Kinder, und war fleißig bei ihrem Spinnrade und beim Stricken, um ſich und ihnen Unterhalt zu verſchaffen. Auch auf andre Weiſe verdiente ſie ſich Geld; ſie pflegte allen Wagen zu folgen, die den Kreide⸗Berg hinan fuhren, und wenn die Pferde ſtehen blieben, um Athem zu ſchoͤpfen oder auszuruhen, legte ſſe Steine hinter die Naͤder, damit ſie den ſteilen ſchluͤpfrigen Berg nicht hinab⸗ rollten. 4 Die kleinen Kinder ſtanden gern an dem Spinnrade der gutmuͤthigen alten Frau, um mit ihr iu ſprechen, wenn ſie ſpann. In dieſen Stunden praͤgte ſie ihnen etwas ein, woran ſie ſich, wie ſie ſagte, erinnern wuͤrden, ſo lange ſie lebten; ſie erklaͤrte ihnen, was es heißt, die Wahr⸗ heit ſagen, was es heißt, ehrlich ſein; ſie floͤßte ihnen Mißfallen an Traͤgheit und den Wunſch ein, nuͤtzlich zu werden. Eines Abends, als ſie bei ihr ſtanden, ſagte der kleine Knabe zu ihr:„Großmutter”“— denn ſo ließ ſie ſich gern von den Kindern nennen— „Großmuttir, wie oft mußt Du von deinem — 189— Spinnrade aufſtehen, und den Kutſchen und Wagen uͤber den ſteilen Berg folgen, um Steine hinter die Raͤder zu legen, damit ſie nicht herab⸗ rollen. Die Leute, die im Wagen ſitzen, geben Dir einen Penny dafuͤr. Nicht wahr?“ Ja mein Kind— antwortete ſie. Aber es iſt eine ſehr harte Arbeit fuͤr Dich, den Berg hinauf und hinab zu gehen; Du klagſt oft uͤber Muͤdigkeit, und dann kannſt Du die ganze Zeit nicht ſpinnen, wie Du weißt. Wie waͤre es, wenn wir nun auf den Berg gingen, um Steine hinter die Raͤder zu legen? Du koͤnn⸗ teſt dann ruhig arbeiten. Wuͤrden die Leute uns nicht auch Geld geben, und koͤnnten wir Dir nicht alles bringen? Bitte, liebe Großmutter, verſuche es einmal einen Tag mit uns. Morgen— villſt Du?— Ja, ſagte die alte Frau, ich will verſuchen, was Ihr thun koͤnnt, aber ich muß erſt einige⸗ mal mit Euch auf den Berg gehen; ich fuͤrchte, Ihr moͤchtet Euch Schaden thun. Am naͤchſten Tage gingen die Kinder mit — 190— ihrer Großmutter auf den ſteilen Berg, und ſie zeigte dem Knaben, wie er's anfangen muͤßte, durch Unterlegen von Steinen das Herabrollen der Raͤder zu verhuͤten. Dieß nennt man, ſagte ſie, die Raͤder hemmen.— Sie gab dann den Hut des Knaben dem kleinen Maͤdchen, ihn an die Kutſchenfenſter zu halten, um das Geld zu ſam⸗ meln. Sie glaubte nun, daß die Kinder ſelbſt wuͤßten, wie ſie es anzufangen haͤtten, und ver⸗ ließ ſe, um zu ihrem Spinnrade zuruͤckzukehren. Zufaͤllig fuhren an dieſem Tage ſehr viele Wagen voruͤber, und das kleine Maͤdchen nahm viel Geld ein, das ſie am Abende in ihres Bruders Hute zu ihrer Großmutter trug. Die alte Frau dankte laächelnd den Kindern; ſie ſagte, daß ſe ihr nutz⸗ lich geweſen waͤren, und daß ſie ſelber ein häb⸗ ſches Theil geſponnen haͤtte, weil es ihr moͤglich geworden waͤre, den ganzen Tag ruhig an ihrem Rade zu ſitzen. Aber lieber Paul, ſprach ſe, was haſt Du mit deiner Hand gemacht? Nur eine kleine Quetſchung, die ich erhielt, als ich Steine hinter die Raͤder einer Kutſche — 191— legte; es thut mir nicht ſehr weh, Großmutter, und ich habe mir für Morgen etwas gutes ausge⸗ dacht. Ich werde mich nie wieder quetſchen, wenn Du nur ſo gut ſein willſt, mir den Stock der alten zerbrochenen Kruͤcke zu geben, und den Holzblock, der im Kamine liegt, und zu nichts nuͤtzt. Ich wollte es ſchon zu benutzen wiſſen, wenn ich's haͤtte. Nimm's, lieber Paul, erwiderte die alte Frau, Du findeſt den Stock der zerbrochenen Kruͤcke un⸗ ter meinem Bette. 1 Paul ging ſogleich an's Werk, und befeſtigte das eine Ende des Stockes in den Helzblock, ſo daß er einer Scheuerbuͤrſte aͤhnlich ſah. Sieh Großmutter, ſieh nur meinen Halter! Ich nenne dieſes Ding meinen Halter, ſagte Paul, weil ich immer die Raͤder damft aufhalten well. Ich werde auch nie wieder meine Finger quetſchen. Du ſiehſt, meine Haͤnde werden durch dreſen langen Stock geſchuͤtzt ſein, und Du Aennchen, brauchſt Dir nicht mehr die Muͤhe zu geben, mir Steine auf den Berg nachtutragen; wir werden keine Steine — 192— mehr brauchen, und ich hoffe, bei meinem Hal⸗ ter werde ich alles entbehren koͤnnen. Ich wollte, es waͤre ſchon Morgen, und ein Wagen kaͤme, daß ich den Berg hinauf laufen, und meinen Halter verſuchen koͤnnte. Und ich wollte, daß Morgen eben ſo viele Wagen kaͤmen als heute, und daß wir Dir wie⸗ der ſo viel Geld bringen koͤnnten, Großmutter, ſagte Aennchen. und ich auch, mein liebes Aennchen, ſprach die alte Frau. Alles Geld, das Ihr morgen ein⸗ nehmt, ſollt Ihr beide haben und koͤnnt Euch et⸗ was Pfefferkuchen dafuͤr kaufen, oder einige von den reifen Pflaumen, die Ihr geſtern in der Obſt⸗ bude ſaht. Ich ſagte Euch, daß ich nichts uͤbtig haͤtte, ſolche Dinge zu kaufen, aber jetzt, Kinder, da Ihr ſelbſt etwas verdienen könnt, iſt es billig daß Ihr auch einmal eine reife Pflaume und ein Stuͤckchen Pfefferkuchen ſchmeckt. Nun geht, liebe Kinder..„. Wir wollen ihr auch ein Stuͤckchen Pfefferkuchen mitbringen, nicht wahr, Paulꝛ liſpelte Aennchen. — 193— Der Morgen drach an, aber kein Wagen ließ ſich hoͤren, obgleich Paul und ſeine Schweſter um fuͤnf Uhr aufgeſtanden waren, um fuͤr fruͤhe Rei⸗ ſende gleich bereit zu ſein. Paul trug ſeinen Halter auf der Schulter, und war aufmerkſam auf ſeinem Poſten unten am Berge. Er wartete nicht lange, bis ein Wagen kam. Er folgte nach, und in dem Augenblicke rief ihm der Kut⸗ ſcher zu, und hieß ihn die Raͤder aufhalten. Paul ſtaͤmmte ſeinen Halter hinter das Rad, und fand, daß er ſehr gut zu ſeinem Zwecke paßte. Viele Wagen fuhren an dieſem Tage voruͤber, und Paul und Aennchen erhielten ſehr viel Geld von den Reiſenden. Als es anfing zu daͤmmern, ſagte Aennchen zu ihrem Bruder: Ich glaube nicht, daß heute noch mehr Wagen kommen. Laß uns das Geld zaͤhlen und es der Großmutter bringen. Nein noch nicht, antwortete Paul, laß es liegen— laß es noch liegen in dem Loche, wo ich es aufbewahrt habe. Ich denke, es werden noch mehr Wagen kommen, ehe es ganz dunkel wird, und dann bekommen wir mehr Geld. 13 Paul hatte das Geld aus ſeinem Hute ge⸗ nommen, und es in ein Loch im hohen Ufer des Grabens an der Landſtraße gelegt. Aennchen ſagte, ſie wollte ſich nicht damit abgeben, ſondern warten, bis es ihrem Bruder gefiele, das Geld zu zaͤhlen. Wenn Du hier ſtehen bleiben und Acht geben willſt, ſagte Paul, gehe ich und pfluͤcke Dir einige Brombeeren unten in der Hecke. Bleib hier am Berge ſtehen, ungefaͤhr in der Mitte des Weges, und ſobald Du Wagen auf der Straße kommen ſiehſt, laufe ſo ſchnell als Du kannſt und rufe mich. Aennchen wartete lange, oder ſie glaubte wenigſtens lange genug gewartet zu haben, aber ſie ſah keinen Wagen, und ſchob ihres Bruders Halter hin und her, bis ſie muͤde war. Dann ſtand ſie ſtill, blickte umher, und ſah immer noch keinen Wagen. Traurig ging ſie nun in das Feld und zu der Hecke, wo ihr Bruder Brombeeren pfluͤckte.„Paul, ſprach ſie, ich bin ganz, ganz muͤde, und ich habe meine Augen bei dem Umber⸗ ſehen nach Kutſchen recht angeſtrengt. Dieſen 2 — 195— Abend kommen keine Kutſchen mehr, und Dein Halter liegt dort unnuͤtz auf der Erde. Habe ich fuͤr heute nicht lange genug gewartet, Paul?“ O nein, erwiderte dieſer.— Hier haß Du einige Brombeeren. Du häͤtteſt beſſer gethan, ein wenig laͤnger zu warten; es kann vielleicht ein Wagen voruͤber fahren, waͤhrend Du hier mit mir ſprichſt. Aennchen war ſehr folgſam, und that willig, was man ihr befahl. Sie ging wieder zu dem Platze, wo der Halter lag, und hatte kaum den Ort erreicht, als ſie das Geraͤuſch eines Wagens vernahm. Sie lief, ihren Bruder zu rufen, und zu ihrer großen Freude ſahen ſie vier Kutſchen kommen. Paul folgte mit ſeinem Halter, ſobald ſie den Berg hinauf fuhren; zuerſt hemmte er die Raͤder einer Kutſche, und dann einer andern, und als Aennchen bemerkte, wie gut der Halter die Naͤder hemmte, und wie viel beſſer er war als Steine, war ſie ſo entzuͤckt, daß ſie vergaß, zu den Reiſenden zu gehen und ihres Bruders Hut hinzuhalten, bis ſie durch die Stimme eines 13* — 196— kleinen roſenwangigen Maͤdchens angerufen wurde, das aus dem Kutſchenfenſter ſah.„Komm naͤher an den Kutſchenſchlag, ſagte das kleine Maͤdchen, hier haſt Du eine Kleinigkeit.““ Aennchen hielt den Hut hin, und ging nach⸗ her zu den andern Wagen. Sie erhielt von je⸗ dem etwas, und als alle Wagen den Gipfel des Berges gluͤcklich erreicht hatten, ſetzten ſich Aenn⸗ chen und Paul auf einen großen Stein an der Landſtraße, um ihren Schatz zu zaͤhlen. Erſt taͤhl⸗ ten ſie, was im Hute war— Eins, zwei, drei⸗ vier— Aber, Bruder, ſieh einmal hier! rief Aenn⸗ chen, dieß ſieht ja nicht aus wie das andere Geld. Rein, es iſt gewiß nicht daſſelbe, rief Paul⸗ es iſt kein Penny, es iſt eine glaͤnzende goldene Guinee. Wirklich? ſagte Aennchen, die in ihrem Le⸗ ben noch keine Guinee geſehen hatte, und nicht wußte, wie viel ſe galt. Kann man eben ſo gut Pfefferkuchen dafuͤr kaufen als fuͤr das andere Geld? fuhr ſie fort. Ich will zu der Frau in der Obſt⸗ bude gehen, und ſie fragen. Soll ich? Nein, nein, ſagte Paul, Du brauchſt kelne Frau zu fragen, noch ſonſt jemand als mich; ich kann es Dir eben ſo gut ſagen, als jemand in der ganzen Welt. In der ganzen Welt? O Paul, Du haſt ver⸗ geſſen, doch nicht ſo gut als meine Großmutter. Nun, vielleicht nicht ſo gut als die Groß⸗ mutter. Aber Aennchen, ich ſage Dir, Du mußt nicht ſelbſt ſprechen, Du mußt mich ruhig an⸗ hoͤren oder Du wirſt ſonſt nicht verſtehen⸗ was ich Dir ſagen will. Du kannſt verſichert ſein, ich glaube nicht, daß ich es ſelbſt voͤllig ver⸗ ſtanden habe, als meine Großmutter zuerſt davon ſprach, und ich ſtand doch ganz Kill und hrte ganz aufmerkſam zu. Aennchen war durch dieſe Worte vorbereitet, etwas zu hoͤren, das ſchwer zu verſtehen waͤre, und machte ein ſehr ernſthaftes Geſicht. Paul ſagte ihr, daß ſie für eine Guinee zwei hundert — 198— zwei und funfzig mal mehr Pflaumen kaufen koͤnnte als fuͤr einen Penny. Nun Paul, Du weißt, die Obſtfrau ſagte, ſie wollte uns ein Dutzend Pflaumen fuͤr einen Penny geben. Sollte ſie uns denn fuͤr dieſe kleine Guinee zwei hundert zwei und funſzig Dutzend geben? Wenn ſle ſo viel hat, und wenn wir ſo viel haben wollen, wird ſie's gewiß thun, ſprach Paul⸗ aber ich glaube, wir wuͤrden nicht zwei hundert zwei und funfzig Dutzend Pflaumen haben moͤgen. Aber wir koͤnnten der Großmutter einige da⸗ von geben, ſprach Aennchen. Es wuͤrde dennoch zu viel fuͤr ſie ſein, und auch fuͤr uns, erwiderte Paul, und wenn wir die Pflaumen gegeſſen haͤtten, würde alles Vergnuͤgen ein Ende haben. Aber ich will Dir was ſagen, Aennchen, ich denke, wir koͤnnten fuͤr dieſe Gui⸗ nee der Großmutter etwas kaufen, das ihr ſicher⸗ lich ſehr nuͤtzlich ſein wuͤrde, und auch von lan⸗ ger Dauer waͤre. Was denn, Paul? Was maͤre denn das? — 199— Etwas, das ſie vorigen Winter zu haben wuͤnſchte, als ſie ſo ſehr am Reißen litt, und noch geſtern, als Du ihr Bett machteſt, wuͤnſchte ſie, es moͤchte ihr moͤglich ſein, noch vor dem Winter es zu kaufen. Ich weiß, ich weiß, was Du meineſt, ſprach Aennchen— eine Decke! Ach ja, Paul, das iſt viel beſſer als Pflaumen; eine Decke laß uns ihr kaufen. Wie wird ſie ſich daruͤber freuen! Ich will die neue Decke auf ihr Bett legen, und ſie dann hinfuͤhren, es anzuſehen.— Aber, Paul, wie ſollen wir eine Decke kaufen? Wo bekommt man ſie? Ueberlaß das mir, ich will es ſchon beſorgen. Ich weiß, wo Decken zu haben ſind; ich ſah eine vor einem Laden hangen, als ich zuletzt in Dun⸗ ſtable war. Du haſt wohl viele Sachen in Dunſtable ge⸗ ſehn, Paul? Ja, viele Sachen, aber ich ſah nie etwas da, oder ſonſt wo, das ich halb ſo ſehr gewuͤnſcht haͤtte, als die Decke fuͤr die Großmutter.— Er⸗ 4 innerſt Du Dich noch, wie ſie vorigen Winter immer vor Kaͤlte zitterte? Ich will morgen die Decke kaufen; ich gehe mit ihrem Geſpinnſte nach Dunſtable. Und Du bringſt mir die Decke, und ich mache ihr Bett recht huͤbſch, und ſo iſt alles recht— alles gut! ſagte Aennchen und ſchlug in die Haͤnde. — Aber halt— ſtill— ſchlage nicht ſo in die Haͤnde, Aennchen! Ich fuͤrchte/ es wird nicht alles gut ſein, erwiederte paui, und ſein Geſicht wurde ſehr ernſt: es wird nicht alles recht ſein, denn es iſt etwas bei der Sache, woran wir gar nicht gedacht haben, woran wir aber denken müs⸗ ſen. Ich fuͤrchte, wir koͤnnen die Decke nicht kaufen. Warum nicht, Paul? Warum nicht? Weil ich glaube, dieſe Guinee gehoͤrt uns nicht mit Recht. Nein, Bruder, ich bin gewiß, ſie gehoͤrt uns mit Recht, man hat ſie uns gegeben, und die Großmutter ſagte, alles was wir heute bekaͤmen, gehorte uns. — 2⁰1— Aber wer gab ſie Dir, Aennchen? Jemand aus jenen Kutſchen., Paul; ich weiß nicht, welche es war, aber ich glaube, das kleine roſige Maͤdchen gab ſie mir. Nein, ſprach Paul, als ſle Dich an das Kutſchenfenſter rief, ſagte ſie: Hier haſt Du eine Kleinigkeit. Wenn ſie Dir nun die Guinee gegeben hat, ſo muß es aus Verſehen geſchehen ſein. Gut, aber vielleicht gab ſie mir jemand aus einer andern Kutſche, und nicht aus Verſehen, Paul. Da ſaß ein Herr in einer Kutſche, der las, und eine Frau, die mich ſehr freundlich anſah. Der Herr legte ſein Buch nieder, und ſah aus dem Fenſter auf deinen Halter, Paul, und fragte mich, ob Du das ſelbſt gemacht haͤtteſt. Als ich Ja ſagte, und ich waͤre deine Schweſter, laͤchelte er mich an, nahm eine Hand voll Geld aus der Weſtentaſche und warf es in meinen Hut, und ich glaube, die Guinee war mit darunter, weil ihm dein Halter ſo ſehr gefiel. Nun, es kann wohl ſo ſein, erwiederte Paul, — 202— aber ich wünſchte, ich waͤre davon ganz über⸗ zeugt. Well wir nicht ganz gewiß ſind, ſo wird es wohl am beßten ſein, wir gehen zur Großmutter und fragen ſie, was ſie daruͤber denkt. Paul hielt dieß fuͤr einen vortrefflichen Rath⸗ und er war nicht ſo einfaͤltig, guten Rath zu ver⸗ achten. Er ging ſogleich mit ſeiner Schweſter zur Großmutter, zeigte ihr die Guinee, und ſagte⸗ wie ſie dazu gekommen waͤren. Meine lieben ehrlichen Kinder, ſprach die alte Frau, ich freue mich ſehr, daß ihr mir alles ge⸗ ſagt habt; ich bin ſehr froh, daß Ihr weder Pflaumen noch Decke fuͤr die Guinee gekauft habt. Gewiß, ſie gehoͤrt uns nicht mit Recht, und wer ſie Dir gab, that es ſicherlich aus Verſehen. Ich rathe Euch, nach Dunſtable zn gehn und wo moͤg⸗ lich denjenigen, der ſie Euch gegeben hat, in den Gaſthoͤfen aufzuſuchen. Es iſt nun ſchon ſpaͤt, und vielleicht ſchlafen die Reiſenden in Dunſtable, anſtatt nach der naͤchſten Station zu fahren. Wer Dir auch immer eine Guinee ſtatt eines hal⸗ — 208— ben Penny gegeben hat, wird mittlerweile wohl den Irrthum bemerkt haben. Ihr koͤnnt nichts anders thun, als Euch nach dem Herrn erkundi⸗ gen, der in der Kutſche las. O! unterbrach Paul, ich weiß ein gutes Mittel, ihn aufzufinden. Ich erinnere mich, es war eine dunkelgruͤne Kutſche mit rothen Raͤdern, und es faͤllt mir ein, daß ich den Namen des Gaſtwirths auf der Kutſche geleſen habe, Johann Nelſon.— Ich danke Dir ſehr, Großmutter, daß Du mich im Leſen unterrichtet haſt.— Du ſagteſt mir geſtern, Namen auf Kutſchen zeigen den Gaſtwirth an, dem ſie gehoͤren. Ich las den Namen des Eigenthuͤmers, Johann Nelſon, auf jener Kutſche. So will ich denn mit Aennchen nach Dunſtable in die beiden Wirthshaͤuſer gehen, und verſuchen, ob Johann Nelſon's Kutſche zu finden iſt. Komm Aennchen, laß uns aufbrechen, ehe es ganz dunkel wird. Aennchen und ihr Bruder gingen mit ſtand⸗ haftem Muthe an der lockenden Obſtbude voruͤber, die mit Pfefferkuchen und reifen Pflaumen ange⸗ fuͤllt war, und verfolgten munter ihren Weg durch die Straße von Dunſtable. Als aber Paul zu dem Laden kam, wo er die Decke geſehen hatte, blieb er einen Augenblick ſtehen, und ſagte: Es iſt recht traurig, Aennchen, daß die Guinee nicht unſer iſt.— Mag's ſein, wir thun was recht iſt, und das iſt ein Troſt. Hier durch dieſen Thor⸗ weg muͤſſen wir gehen, in den Hof des Wirthé⸗ hauſes zur braunen Kuh. Eine Kuh? ſprach Aennchen. Ich ſehe keine Kuh. Sieh hinauf, und Du wirſt die Kuh ſehen, ſagte Paul. Das Schild— das Bild— Komm, jetzt ſieh nicht danach; ich muß die gruͤne Kutſche aufſuchen mit Johann Nelſon's Namen. Paul draͤngte ſich durch eine Menge Menſchen voran, als er in den Hof des Wirthshauſes kam. Hier war viel Laͤrm und Geſchaͤftigkeit. Die Diener trugen Gepaͤcke herein, die Poſtillone reinig⸗ ten ihre Pferde, oder ſchoben die Kutſchen in das Wagenhaus. Was gibt's? Was haſt Du hier zu thun? Sprich! ſagte ein Aufwaͤrter, der Paul beinahe umgeworfen haͤtte, als er mit großer Haſt uber den Hof lief, um einige leere Flaſchen vom Fla⸗ ſchengeſtelle zu nehmen. Du brauchſt hier im Hofe kein Gedraͤnge zu machen; weg mit Dir, junger Menſch! Ich bitte, erlauben Sie mir, ſagte Paul, einige Minuten hier zu bleiben, ich wollte mich gern nach einer dunkelgruͤnen Kutſche mit rothen Naͤdern umſehen, worauf der Name Johann Nelſon geſchrieben iſt. Was ſpricht er hier von einer dunkelgruͤnen Kutſche? ſagte ein Poſtillon. * Was koͤnnte ſo einer von Kutſchen wiſſen? unterbrach der eilige Aufwaͤrter, als er im Begriff war, Paul aus dem Hofe zu ſtoßen; aber der Hausknecht ſiel ihm in den Arm, und ſprach: Es kann ja ſein, daß der Knabe hier etwas aus⸗ zurichten hat, wir wollen ihn doch fragen, was er will.— Der Aufwaͤrter war gluͤcklicher Weiſe in dieſem Augenblicke genoͤthigt, wegzugehen, weil ihn die — 206— Klingel abrief. Paul ſagte dem Hausknechte ſein Anliegen, und als dieſer die Guinee ſah und die Geſchichte hoͤrte, ſchuͤttelte er Pauls Hand, und ſprach: Warte hier, mein ehrlicher Junge; ich will ſehen, ob die Kutſche hier zu finden iſt; aber Johann Nelſon's Kutſche kehrt zemohnich im ſchwarzen Ochſen ein. Nach einigem Suchen fand man die gruͤne Kutſche mit Johann Nelſon's Namen, und den Kutſcher, der ſie gefahren hatte. Der Poſtillon ſagte zu Paul, er wollte eben in das Zimmer zu dem Herin gehen, den er gefahren haͤtte, um ſeine Bezahlung zu hohlen, und wollte die Gui⸗ nee mitnehmen. Nein, erwiderte Paul, wir wollen ſie gern ſelbſt zuruͤckgeben. Ja, ſprach der Hausknecht, dazu haben die Kinder auch ein Recht. Der Poſtillon antwortete nicht, ſondern ging verdruͤßlich nach dem Hauſe zu, und ſagte den Kindern, ſie ſollten im Gange warten, bis er zuruͤckkaͤme. — 207— Im Gange ſtand eine anſtaͤndig und reinlich gekleidete Fran mit gutmuͤthiger Miene, und hatte zwei ſehr große Strohkoͤrbe an jeder Seite. Ei⸗ ner der Koͤrbe ſtand am Eingange ein wenig im Wege. Ein Mann, der hereintrat, und Lerchen an einem Stocke trug, wurde ungeduldig, als er ſich aufgehalten ſah, warf den Strohkorb um, und alles, was darin war, fiel heraus; große Strohhuͤte, Koͤrbchen und Pantoffeln, lagen auf dem ſchmutzigen Boden wild durch einander. O man wird darauf treten, und alles wird verdorben werden, rief die Frau, der die Sachen gehoͤrten.. Wir wollen Euch helfen, wenn Ihr wollt, riefen Paul und Aenchen, und eilten ihr beizuſtehen. Als alles wieder im Korbe war, aͤußerten die Kinder den lebhaften Wunſch, zu wiſſen wie ſo ſchoͤne Dinge von Stroh gemacht werden koͤnnten, aber die Frau hatte nicht Zeit, ihnen zu antworten, ehe der Poſtillon aus dem Zimmer kam und mit ihm ein Diener, welcher zu Paul trat, und in⸗ dem er ihn auf den Ruͤcken klopfte, zu ihm ſagte: 3— 208— So. mein Kleiner, ich gab Dir, wie hoͤre, eine Guinee, anſtatt eines halben Penny, und Du haft ſie wieder zuruͤck gebracht, wie ich vernehme. Das iſt recht— gib ſie mir her. Nein, Bruder, ſorach Aennchen; dieß iſt nicht der Herr, der las. 8 Poſſen, Kind! Ich ſaß in H. Nelſon's gruͤner Kutſche. Hier iſt der Poſtillon, der kann's Euch ſagen. Ich und mein Herr ſaßen in jener Kutſche⸗ Es war mein Herr, der las, wie Du ſagſt; und er gab Dir das Geld. Er will eben zu Bette ge⸗ hen, weil er muͤde iſt, und Ihr koͤnnt ihn nicht ſehen; er ſagt, Du ſollſt mir die Guinee geben. Paul war zu ehrlich, als daß er haͤtte glau⸗ ben koͤnnen, dieſer Mann ſagte ihm eine Unwahr⸗ heit. Er zog willig die glaͤnzende Guinee hervor, und uͤbergab ſie dem Diener. Hier iſt ein halber Schilling fuür Euch, Kin⸗ der, ſprach er, und nun gute Nacht.— Er ſchob ſie nach der Thuͤre; aber die Korbflechterinn fliſterte ihnen zu, als ſie hinausgingen: Wartet auf der Straße, bis ich zu Euch komme. — 2⁰09— Ich bitte Sie, rief der Diener, ſich an die Wirthinn wendend, die eben aus einem Zimmer kam, wo einige Gaͤſte beim Abendeſſen ſaßen: ge⸗ ben Sie mir doch gebratene Lerchen zum Abend⸗ brot. Sie ſind wegen Ihrer Lerchen hier in Dunſtable beruͤhmt; und ich mache es mir zur Regel, uͤberall, wohin ich komme, immer das Beßte zu koſten. Kellner, eine Flaſche Wein! Horen Sie? Lerchen und Wein zum Abendbrod! ſagte die Korbflechterinn zu ſich ſelbſt, indem ſie den Die⸗ ner von Kopfe bis zu Fuße betrachtete. Der Po⸗ ſtillon wartete noch immer, als ob er mit ihm haͤt⸗ te ſprechen wollen, und die Frau bemerkte nach⸗ her, daß beide heimlich mit einander ſprachen und lachten. Ein guter Treffer! waren die Worte, die der Diener mehrmahl ſprach. Jetzt wurde es der Korbflechterinn klar, daß⸗ dieſer Mann die Kinder um die Guinee betrogen hatte, um die Lerchen und den Wein zu bezahlen, und ſie glaubte, daß ſie vielleicht die Wahrheit 14 . 210— entdecken könnte. Sie wartete ruhig im Gange. · Kellner! Johann, Johann! rief die Wirthinn. Warum traͤgſt Du die Torte und die Schneebaͤlle nicht in den Saal? Ich komme gleich, antwortete der Aufwaͤrter: und mit einer großen Schuͤſſel voll Torten und Schneebaͤlle kam Johann herbei. Die Wir⸗ thinn oͤffnete ihm ſchnell die Thuͤre des Saals, um ihn hinein zu laſſen; und die Korbflechterinn konnte nun eine zahlreiche und muntere Geſell⸗ ſchaft ſehen, worunter ſich mehre Kinder befan⸗ den, die ſaͤmmtlich am Tiſche ſaßen. Ei, fliſterte die Wirthinn, als die Thuͤre ſich hinter dem Kellner mit den Torten geſchloſſen hatte, ich daͤchte, es waͤren Kunden genug fuͤr Euch im Saale, wenn Ihr nur das Gluͤck haͤttet, hinein gerufen zu werden. Nun, ich moͤchte doch wiſſen, was Ihr mir mit gutem Gewiſſen abfo⸗ dern koͤnntet fuͤr dieß halbe Dutzend kleine Matten unter die Schuͤſſeln? 1 Eine Kleinigkeit, Madame, erwiderte die Korbflechterinn. Sie ließ die Matten woblfeil, — 211— 1 8 N 4 und die Wirthinn ſagte, ſie wollte binein en und ſehen, ob die Geſellſchaft im Saale ge iſt haͤtte."Wenn ſie beim Weine ſind, ſetzte ſie zu, will ich ein gutes Wort für Euch ſprechen, daß Ihr herein gerufen werdet, ehe die Kinder zu Bette gehen./, Als die Wirthinn die gewoͤhnliche Frage ge⸗ than hatte:„Ich hoffe, meine Herrſchaften, Sie ſind mit dem Abendeſſen und allem uͤbrigen zukrieden?— ſagte ſie:„„Sollten Einige von den jungen Herren oder Fraͤulein wuͤnſchen, von den beruͤhmten Stroharbeiten aus Dunſtable etwas zu ſehen, ſo iſt eine brave Frau draußen, die ſich freuen wuͤrde, Ihnen ihre Naͤhkaͤſtchen, Körbchen und Pantoffeln, und andere Merkwuͤr⸗ digkeiten zu zeigen.„ Die Augen der Kinder richteten ſich auf ihre Mutter; die Mutter laͤchelte und der Vater rief ſogleich die Korbflechterinn herein, und ſagte ihr, ſie moͤchte ihre Merkwuͤrdigkeiten auspacken. Die Kinder verſammelten ſich um den großen Korb; aber ſie ruͤhrten von allen Dingen nichts an. 14* — 212— O Vater! rief ein kleines roſenwangiges Maͤdchen, hier ſind ein paar Strohpantoffeln, die Dir gerade paſſen wuͤrden, wie ich glaube. Aber werden Strohſchuhe auch lange halten? Und wird die Naͤſſe nicht durchdringen? Ja, mein liebes Kind, ſprach der Vater, ader dieſe Pantoffeln ſind beſtimmt zu— Morgen⸗Pantoffeln, liebes Fraͤulein, unter⸗ brach die Korbflechterinn. Man traͤgt ſie, ehe man ſich ankleidet, fuhr der Herr fort, um andere Schuhe nicht zu be⸗ ſchmutzen. Und willſt Du ſie kaufen, Vater? Nein, ich kann es mir nicht erlauben, ſie jetzt zu kaufen, erwiderte der Vater, ich muß meine Sorgloſigkeit wieder gut zu machen ſuchen, ſetzte er lachend hinzu, und weil ich heute eine Guinee weggeworfen habe, muß ich wenigſtens einen halben Schilling zu erſparen ſuchen. Ach ja, die Guinee, die Du aus Verſehen dem kleinen Madchen in den Hut warfeſt, als wir den Kreide⸗Berg hinan fuhren!— Ich wun⸗ — 213— dere mich, Mutter, daß das kleine Maͤdchen es nicht bemerkte, daß es eine Guinee war, und der Kutſche nicht nachlief, um ſie wieder zuruͤck zu geben. Ich ſollte glauben, wenn ſie ehrlich ge⸗ weſen waͤre, wuͤrde ſie das Geld zuruͤck gebracht haben.. Fraͤulein!— Gnaͤdige Herrſchaften— ſprach die Korbflechterinn, werden Sie es nicht fur un⸗ ſchicklich halten, daß ich ein Wort ſpreche?— Ein kleiner Knabe und ein Maͤdchen ſind eben hier geweſen, und haben ſich nach einem Herrn erkundigt, der ihnen aus Verſehen eine Guinee anſtatt eines halben Penny gab; und erſt vor fuünf Minuten ſah ich den Knaben die Guinee einem Diener geben, der draufen iſt, und ihm ſagte, ſein Herr verlangte, daß man ihm das Goldſtuͤck uͤbergeben ſollte. Das muß ein Mißverſtaͤndniß ſein— oder eine Betruͤgerei, ſprach der Herr. Sind die Kin⸗ der fort? Ich muß ſie ſehen. Schickt nach ihnen. Ich will ſelbſt gehen, ſprach die gutmuͤthige Koröſlechterinn: ich ſagte ihnen, ſie ſollten auf — 214— der Straße warten, denn ich ahnete es wohl, daß der Mann, der die Kinder ſo kurz abfertigte, ein Betruͤger waͤre— mit ſeinen Lerchen und ſeinem Weine. Paul und Aennchen wurden ſchnell gerufen, und durch ihre Freundinn, die Korbflechterinn, zuruͤck gebracht. In dem Augenblicke, als Aenn⸗ chen den Herrn ſah, erkannte ſie in ihm denſel⸗ ben Mann, der ſie angelaͤchelt, ihres Bruders Halter bewundert, und ihr eine Hand voll Geld in den Hut geworfen hatte. Sie koͤnnte jeddch nicht gewiß ſagen, ſetzte ſie hinzu, daß ſie von ihm die Guinee erhalten haͤtte, ſie hielt es aber fuͤr ſehr wahrſcheinlich. Aber ich kann es wiſſen, ob die Guinee, die Du zuruͤckgebracht haſt, mir gehoͤrt oder nicht, ſprach der Herr. Ich habe die Guinee bezeichnet, es war eine leichte, die einzige leichte, die ich hatte, und ich ſteckte ſie dieſen Morgen in meine Weſtentaſche. Er klingelte, und befahl dem Kellner, dem Herrn in der Stube gegenuͤber zu ſagen, daß er ihn zu ſehen wuͤnſchte. Sie meinen den Herrn in der weißen Stube? Ich meine den Herrn des Dieners, der von dieſem Kinde die Guinee empfangen hat. Es iſt ein Herr Pembroke, ſagte der Kellner. Herr Pembroke kam, und ſobald er hoͤrte, was ſich zugetragen hatte, ließ er ſich von dem Kellner die Stube zeigen, wo ſein Diener beim Abendeſſen war. Der unehrliche Diener, der ſich ſeine Lerchen und den Wein ſchmecken ließ, ahnete nicht, was vorging; aber Meſſer und Gabel entſielen ſeinen Haͤnden, und er ſtieß ein Glas Wein um, indem er mit Uel rraſchung und Schrecken aufſprang, in dem Augenblicke, wo ſein Herr mit zornigem Geſichte hereintrat, und rief:"Die Guinee— die Guinee, Burſche, die Du dieſem Kinde abge⸗ nommen haſt— die Guinee, die Du in meinem Nahmen dem Kinde abzufodern ſo frech gewe⸗ ſen biſt!„* — 216— Der beſtäͤrzte und halb berauſchte Diener konn⸗ te nur hervorſtammeln, er haͤtte mehre Guineen bei ſich, und wuͤßte wirklich nicht, welche es waͤ⸗ re. Er nahm ſein Geld heraus, und legte es mit zitternden Haͤnden auf den Tiſch. Die be⸗ zeichnete Guinee erſchien. Sein Herr entließ ihn, mit Ausdruͤcken tiefer Verachtung, anenuljeig feines Dienſtes. Und nun, mein ehrliches kleines Maͤdchen, ſprach der Herr, der Pauls Halter bewundert hat⸗ te, zu Aennchen: ſage mir doch, wer Du biſt, und was ihr beide, Du und Dein Bruder, in der Welt am meiſten wuͤnſcht oder braucht. In demſelben Augenblicke riefen Aennchen und Paul zugleich:„Vor allen Dingen in der Welt wuͤnſchen wir nichts ſo ſehr als eine Decke fuͤr unſere Großmutter.,, Ich glaube nicht, daß ſie wirklich unſere Groß⸗ mutter iſt, ſprach Paul; aber ſie iſt eben ſo gut gegen uns als eine Großmutter; ſie lehrte mich leſen und Aennchen ſtricken, und lehrte uns bei⸗ *de ehrlich ſein— ja das hat ſie gethan, und ich — 217— à wuͤnſche, ſie haͤtte eine neue Decke vor dem naͤch⸗ ſten Winter, daß ſie ſich vor Kaͤlte und Reißen ſchuͤtzen koͤnnte. Vorigen Winter hatte ſie das Reißen heftig, und hier in der Straße iſt eine Decke, die gerade fuͤr ſie paſſen wuͤrde. Sie ſoll ſie haben, und ich will noch mehr fuͤr Euch thun, fuhr der Herr fort. Was gefaͤllt Euch am beßten, beſchaͤftigt oder muͤſſig ſein? Wir haben gern immer etwas zu thun, wenn's angeht, erwiderte Paul, aber wir ſind zuweilen genoͤthigt, traͤge zu ſein, weil die Großmutter nicht immer etwas fuͤr uns zu thun hat, das wir doch wohl thun koͤnnten. Wuͤrdet Ihr wohl gern ſolche Koͤrbe machen lernen, als dieſe hier? ſprach der Herr, auf ei⸗ nen Strohkorb zeigend. O, ſehr gern! ſagte Paul. Sehr gern! rief Aennchen. Dann wuͤrde ich Euch mit Vergnuͤgen in die Lehre nehmen, ſprach die Korbflechterinn. Einer 15. — 218— Sache bin ich gewiß, Ihr werdet Euch ehrlich ge⸗ gen mich betragen. Der Herr legte der gutmuͤthigen Kuthſle hte⸗ rinn eine Guinee in die Hand, und ſagte ihr, er wuͤßte wohl, daß ſie die Kinder nicht umſonſt unterrichten koͤnnte. In einigen Monaten wer⸗ de ich wieder durch Dunſtable reiſen, ſetzte er hin⸗ zu, und ich hoffe dann zu erfahren, daß es mit Euch und Euren Schuͤlern gut geht. Ich werde mehr fuͤr Euch thun, wenn ich es ſo ſinde. Aber, ſprach Aennchen, wir muͤſſen der Groß⸗ mutter alles erzaͤhlen, und ſie darum fragen. Ich fuͤrchte— ſo froh ich bin— es iſt ſchon ſehr ſpaͤt, und wir duͤrfen nicht laͤnger hier bleiben. Es iſt eine ſchoͤne mondhelle Nacht, ſprach die Korbflechterinn, und Ihr habt nicht weit, ich will mit Euch gehen, und Euch ſicher nach Hau⸗ ſe bringen. Der fremde Herr hielt ſie noch einige Augen⸗ blicke laͤnger auf, bis der Bote zuruͤck kam, den er fortgeſchickt hatte, die ſehnlich gewuͤnſchte De⸗ cke zu kaufen. — 219— Ich hoffe, eure Großmutter wird gut untä dieſer Decke ſchlafen, ſagte der Herr, als er ſie in Pauls offene Arme legte: die Ehrlichkeit ih⸗ rer Pflegekinder hat ſie ihr verſchafft.. Ende. N “ 1— 3.