— Von A. G. Sberhard. Zweiter Theil. —— H alle, in der Rengerſchen Verlags⸗Buchhandlung. 1824. Weſtold und ſ[ein Freun d. Zweiter Theil. Weſtold. II. Theil. 1 Herbſt und Winter waren in A arhorſt gluͤcklich zuruͤckgelegt. Der Fruͤhling fing eben an, bas er⸗ ſtorbene Gruͤn der Felder friſch zu beleben, und die Blaͤtterſpitzen einzelner Geſtraͤuche hervor zu locken. An einem heitern, ungewoͤhnlich warmen Tage, da die Sonne ſich ſchon merklich zu neigen begann, ging Weſtold noch hinaus aufs Feld, um ſeine Pflüger zu beſuchen. Immer den aufſteigenden Ler⸗ chen zum blauen Himmel hinauf nachblickend und horchend, hatte er lange nicht auf dem Wege vor ſich hinaus geſchaut, als er auf einmal, in geringer Entfernung, einen Mann mit ſtarken Schritten da⸗ 1 her kommen ſah, deſſen große, kraͤftige Geſtalt ihn gugenbluͤcklich an Haſtebeck erinnerte. „Ja, wenn Der mir einmal ſo unerwartet be⸗ gegnete:“ ſagte er halblaut vor ſich hin—„wie unausſprechlich wuͤrde ich mich freuen!“ 1* ——————————— Das Schickſal nahm ihn beim Worte, denn nach wenigen Sekunden ſah er deutlich, daß der Kom⸗ mende wirklich Haſtebeck war; aber, anſtatt ſich zu freuen, erſchrak er bei dieſer uͤberraſchenden Ent⸗ deckung; und als er das verſtoͤrte, Unheil verkuͤn⸗ dende, Geſicht des Freundes gehoͤrig erkennen konn⸗ te, wurde er von einer Bangigkeit befallen, die ihn faſt ſprachlos machte. Jetzt erblickte auch Haſtebeck den ſtaunenden Freund, und beſchleunigte noch ſeine raſchen Schrit⸗ te, um die Hand, welche ſich ihm entgegenſtreckte, moͤglichſt bald zu erreichen. Stumm ergriff er ſie jetzt, und druͤckte ſie mit leidenſchaftlicher Heftigkeit. „Willkommen!“ ſagte Weſtold mit beklom⸗ mener Stimme—„Herzlich willkommen, lieber Bruder!“ „Guten Abend, Weſtold!“ erwiederte Ha⸗ ſtebeck, und begann, in unruhiger Bewegung, wei⸗ ter vorwaͤrts zu ſchreiten.. Ihn aufhaltend, fragte Weſtold, mit einem Blick auf Haſtebecks Sporen:„Du biſt doch geritten? Wo haſt Du denn dein Pferd?“ 5 „Ich glaube, ich hab' es todt geritten!“ ant⸗ wortete Haſtebeck mit einem ſchweren Seufzer! „Im letzten Dorfe iſt es unter mir geſtuͤrzt.— Ich habe, ohne es zu beachten, allzu toll gejagt!"— Theilnehmend fragte Weſtold:„Warum eilteſt Du denn ſo gewaltig?— Iſt Dir ein Un⸗ gluͤck begegnet?— „Ungluͤck?“ wiederholte Haſtebeck lebhaft; und nach einer kurzen Pauſe ſetzte er langſamer hin⸗ zu:„Glück wenigſtens hat mich nicht aus dem Hauſe getrieben! Meines Bleibens konnte darin nicht mehr ſeyn!“ 4 „Iſt Deine liebe Frau“— begann Weſtold weiter zu fragen; aber Haſtebeck fiel ihm raſch ins Wort:„Morgen! morgen!— Du ſollſt alles erfahren. Nur heute laß mich damit in Ruhe! Es iſt mir ſchrecklich wuͤſt' im Kopfe!“ Unter abgebrochenen Geſpraͤchen, die unbefan⸗ gen klingen ſollten, und doch nicht ſo klingen wollten, kamen ſie in Aarhorſt an, wo Au⸗ guſte den unerwarteten Gaſt im erſten Augenblick zwar mit ſehr frohem Staunen empfing, aber bald genug ebenfalls mit bedenklichen Blicken betrachtete. Allein man ehrte ſein finſtres Schweigen, und belaͤ⸗ ſtigte ihn den ganzen Abend mit keiner zudringlichen Frage. Ohne etwas davon zu ſagen, ſchickte Weſtold nach dem Dorfe, wo Haſtebecks Pferd geſtuͤrzt war, mit dem dringenden Auftrage, alles moͤgliche fuͤr die Pflege und Herſtellung deſſelben zu thun, bis es ſich hinluͤnglich erholt habe, um heruͤber gefuͤhrt werden zu konnen. Doch der Bote kam mit Sattel und Zaum zuruͤck, und brachte die Nachricht, daß es todt ſey.— Das machte auf Weſtolds Ge⸗ muͤth einen ſehr lebhaften Eindruck. Im hoͤchſten Grade jammerte ihn das ungluͤckliche, zu Tode ge⸗ hetzte Thier; und doch konnte er Dem nicht zuͤr⸗ nen, der ſich ſolcher Unbarmherzigkeit ſchuldig ge⸗ macht hatte, weil die Groͤße dieſer Verſuͤndigung ihn nur auf die Groͤße des Unglücks hinwies, das den theuren Freund betroffen haben mußte. Am folgenden Morgen ſtand Weſtold lange vor Sonnenaufgang auf; dennoch hoͤrte er, daß Haſtebeck ſchon in ſeinem Zimmer auf und ab⸗ * 7 ging. Kaum war er hineingetreten zu ihm, und hatte ihm den Morgengruß geſagt: ſo bat ihn Ha⸗ ſtebeck um einen reitenden Boten, der ihm zu einer weiteren Reiſe die noͤthigſten Kleidungsſtuͤcke aus ſeinem Hauſe holen ſolle, weil er davon gerit⸗ ten war, ohne etwas mitzunehmen, als was er eben auf dem Leibe trug. „Ein reitender Bote ſteht Dir zu Dienſt,““ ſagte Weſtold—„allein wohin willſt Du denn noch reiſen?“ „Nach Danzig!“ antwortete Haſtebeck. „Nach Danzig?“ wiederholte Weſtold hoͤchſt verwundert—„Was in aller Welt willſt Du dort?“ „und koſtet' es Leben und Seligkeit:“ erwie⸗ derte Haſtebeck—„ich muß Dorotheen ſprechen! eine einzige Viertelſtunde nur! mehr ver⸗ lange ich nicht! aber ich muß es ihr ſagen— ich ſelbſt, ihr ſelbſt— daß Sophie eine Betruͤgerin iſt, die mich durch eine ſchmaͤhliche Luͤge zur Un⸗ treue an meiner alten, unausloͤſchlichen Liebe— zum Bruch meines heiligſten Geluͤbdes hingeliſtet hat!"“ 3 „Deine Frau eine Betrügerin?“ rief We⸗ ſtold erſchrocken—„Was heißt das? Erklaͤre Dich doch endlich naͤher!“ „ So hoͤre!“ ſprach Haſtebeck—„Als ſie, vor Jahr und Tag, nach Danzig reiſte, nahm ich ihr das heilige Verſprechen ab, daß ſie erforſchen, und mir Nachricht bringen ſolle, ob Dorothee meiner noch mit herzlicher Theilnahme gedenke. Sie ſollte ihr in dieſem Falle ſagen, daß ich— wie ich es mir geſchworen— ihr treu bleibe bis in den Tod; und ich gab ihr Dorotheens Haar⸗Ring, als mein liebſtes Kleinod„ mit, daß ſie ihn von Dorotheen durch einen Kuß zu einem ewigen Heiligthume fuͤr mich einweihen laſſen ſolle. Nur wenn ſie Dorotheen kalt und lieblos gegen mich fände: dann ſollte ſie ihr den Ring zuruͤckgeben, oder ihn in die Oſtſee werfen.“ „Ganz recht,“ ſagte Weſtold—„Sie fand Dorotheen kalt und gleichgiltig gegen Dich; und Dorothee entriß ihr den Ring, und — — 9 warf ihn, da er ſie unangenehm an ihre ehemalige Verbindung mit Dir erinnerte, zum Fenſter hinaus, in den Fluß hinunter.— So erzaͤhlteſt Du mir es bei dem Beſuche vor Deiner Verheirathung.“ „Ja!“ brauſte Haſtebeck auf„ſo erzaͤhlte ichs Dir! ſo lautete, bei ihrer Ruͤckkunft, ihre Lüge!“ „Und warum ſoll es denn nun eine Lüge ſeyn?“ fragte Weſtold mit beſaͤnftigendem Tone —„Es war ja kaum anders zu erwarten!“ „Meinſt Du?“ unterbrach ihn Haſtebeck ſtolz und bitter, und wendete ſich unmuthig ab von dem Freunde. Aber als Weſtold auf Gruͤnde, auf Beweiſe drang, daß Sophie gelogen habe: da hielt ihm Haſtebeck in raſcher Bewegung ſeine linke Hand, mit dem ausgeſtreckten kleinen Finger hin, und ſagte dazu im heftigſten Zorn:„ Da, ſieh den Ning, der bei Danzig in der Modlau liegen ſollte!“ Hoͤchſt betroffen richtete Weſtold ſeine Blicke nach Haſtebecks Finger, und ſah an der Stelle, die ſonſt der Trauring einnahm, den verhaͤngniß⸗ 40 vollen Haar⸗Ring.—„Das iſt er?“ fragte er angſtlich—„Und wie haſt Du ihn denn wieder bekommen?“ „O!“ antwortete Haſtebeck—„auf die unſchuldigſte— oder vielmehr auf die albernſte, lu⸗ ſtigſte Weiſe von der Welt! Ich Thor, ich Narr wollte meine vortreffliche Gemahlin an ihrem Ge⸗ burtstage, außer mehreren kleinen Geſchenken, die ich ihr gleich am fruͤhen Morgen gab, noch durch ein koſtbareres, durch eine Buſen⸗Nadel, auf eine recht uͤberraſchende Weiſe erfreuen. Erſt gegen Abend, wenn ſie ſich, zu dem kleinen Feſte, das ich veranſtaltet hatte, putzen wollte, ſollte ſie die Nadel bei ihren andern kleinen Koſtbarkeiten ſinden. In meiner argloſen Einfalt meinte ich, mir etwas ganz beſonderes ausgedacht zu haben! Herrlich lief es ab! — Kaum hatte ſie, eines haͤuslichen Geſchaͤfts we⸗ gen, ihr Zimmer auf einige Minuten verlaſſen: ſo ging ich— was ich noch nie gethan hatte— an ih⸗ ren Schreibtiſch, und zog den kleinen, verborgenen Schiebkaſten hervor, in welchen ich ſie legen wollte. Um ſie ſo zu legen, daß ſie nicht unbemerkt bleiben 11 könne zwiſchen den andern Sachen, nehme ich ein leicht zuſammengedruͤcktes Papier heraus; und wie ich es zwiſchen die Finger nehme— der Teufel hat⸗ te unverkennbar ſeine Haͤnde dabei im Spiele— da laſſe ich es, aus Unachtſamkeit und aus Eile, auf den Fußboden fallen; und wie ich es eben ſo eilig wieder aufnehmen will, ich betrogener Tropf.— da faͤllt ein Ring, an den eine kleine Blume mit einem ſeidenen Faͤdchen feſtgebunden war, aus dem Papierchen heraus! und wie ich den Ring nun auf⸗ hebe und beſehe: Dorothee! Dorothee! ſchreie . ich auf, und bin entzückt im erſten Augenblick, als waͤr' ich in den ſiebenten Himmel verſetzt— ich Narr! ich Narr! denn ich erkannte meinen Ring mit Dorotheens Haar! und ich ſah, daß die daran gebundene Blume eine Immortelle war! und im Nu wußte ich: die Immortelle kam von ihr, von Dorotheen, denn ſie hatte mir in der glüͤckli⸗ chen Stunde, als ſie mir den Ring ſchenkte und an den Finger ſteckte, zugleich eine Immortelle zwiſchen den Ring und den Finger geſchoben; und die neue Immortelle ſollte eine Wiederholung jener erſten 12 d kleinen, aber ſinnvollen Gabe ſeyn! Wie ich armer Thor nun ſo unverhofft, als waͤr' es vom Himmel gefallen, beides wieder erblicke— Ring und Im⸗ mortelle— da bin ich ploͤtziich, wie berauſcht, wie halb wahnwitzig vor Freude! ich kuͤſſe den Ring, und kuͤſſe die Blume, als ſprechende Boten von meiner Geliebten! und erſt, wie ich den Ring an den Finger, an ſeine alte Stelle ſchieben will, faͤllt mir mein Trauring in die Augen! und jetzt, ploͤtz⸗ lich beſinn' ich mich! auf einmal weiß ich wieder, daß der Ring, den ich in der Hand hielt, bei Dan⸗ zig in der Modlau liegen ſollte!— Mit einem Blicke durchſchaue ich das Lügengewebe meiner Frau! und, als ob zehn Hoͤllengeiſter auf mich ein⸗ ſtürmten, ſo furchtbar ergreift mich nun der Gedan⸗ ke: Du biſt belogen und betrogen! und Die, die dich Mlog, iſt durch ihre Lüge Deine Frau ge⸗ worden, und hat Dich zum Meineidigen ,zum Be⸗ truͤge einem eignen Herzen gemacht!— Da riß ich den Trauring von meinem Finger, und warf ihn auf den Fußboden, und trat ihn tief in eine Diehle hinein. Und die neue Buſen⸗Nadel 13 ſchleuderte ich ebenfalls auf den Boden„ daß die Steine daraus umherſprangen!“— Im Uebermaaß der leidenſchaftlichen Aufre⸗ gung, ſtockte hier der Erzaͤhler, und ſchritt im Zim⸗ mer umher, als ob er neue Gegenſtaͤnde zum Zer⸗ ſtoͤren aufſuche. 4 „Das iſt ſchlimm! ſehr ſchlimm!“ ſeufzte We⸗ ſtold, und folgte mit aͤngſtlichen Blicken den hefti⸗ gen Bewegungen des Freuudes. Endlich that er ſchuͤchtern die Frage:„Und Deine ungluͤckliche Frau? Sie muß ja wohl ihrer Entbindung nahe ſeyn?“ „Still!“ ſiel ihm Haſtebeck ins Wort— „Erinnere daran mich nicht! denn das iſt der giftigſte von den Giftpfeilen„ die mir in der Bruſt ſitzen!“— Nach einigen Sekunden fuhr er alſo fort: „ Sie mochte mein Toben gehoͤrt haben, denn ſie oͤfnete auf einmal raſch die Thuͤr, und fragte, was ich vor habe?„Eine Eheſcheidung!“ donnerte ich ihr zu.„Die Vernichtung einer ſuͤndlichen Ver⸗ bindung! die Trennung von einer Betruͤgerin!“ 14 Und indem ich das ſagte, hielt ich ihr meinen Fin⸗ ger mit Dorotheens Ringe dicht unter die Au⸗ gen. Da taumelte ſie, wie von Blitz und Donner getroffen, und wie eine Leiche erblaßt, auf den Sopha hin; und ihre Glieder fingen an, zu zucken, als wollte der Sturm, der in ihrem Innern tobte, in heftige Kraͤmpfe ausbrechen. Das entwaffnete mich gegen ſie. Mein aufbrauſender Zorn ging uͤber in ſtummen Abſcheu und Haß. Doch als die Si⸗ rene wieder zu Kraͤften gekommen war, und mich mit ihren Umarmungen verfolgte, und mich durch Bitten, Weinen und Niederknieen aufs neue zu kir⸗ ren ſuchte: da ſagte ich ihr, daß ich ſie nur noch haſſen und verachten koͤnne, daß ich mir es fuͤr ein Verbrechen anrechnen wuͤrde, wenn ich ſie nur mit einem Finger wieder beruͤhrte, und daß ſie ſich an⸗ ſchicken ſolle, mein Haus zu raͤumen, und wieder zu ihrem Vater zu ziehen. Und wie ſie nun hiege⸗ gen ihren koͤrperlichen Zuſtand vorſchuͤtzte, und auf die Wiege zeigte, die ſchon zubereitet im Nebenzim⸗ mer ſtand: da ergriff mich im Innern aufs neue die allerheftigſte Erbitterung! Da ſtieß ich einen furcht⸗ V V V ——— ——— baren Fluch aus uͤber meine verbrecheriſche Verbin⸗ dung mit ihr! Ich ſchickte zu meinem General, mir Urlaub zu erbitten, ließ mein Pferd ſatteln, und jagte davon, als ob der Satan hinter mir im Sattel ſaͤße! Und ſo ſiehſt Du mich denn hier— furcht⸗ bar, unheilbar verletzt in meinem Innern auf die allerſchmerzlichſte Art, und betrogen um Lebens⸗ gluͤck und Herzensfrieden auf immerdar!“ 0 weh! o weh!“ klagte Weſtold, und rang die Haͤnde, als haͤtte ihn ſelbſt das Unheil ſei⸗ nes Freundes betroffen. Haſtebeck druͤckte den Hut auf den Kopf, und mit den Worten:„Ich muß ein Stuͤndchen allein ſeyn!“ verließ er das Zimmer, und eilte ins Freie hinaus, ohne daß Weſtold ihn aufzuhalten„ oder zu begleiten ver⸗ ſuchte. Jetzt trat Au guſte ins Zimmer, und fragte aͤngſtlich nach des Freundes Geſchichte, denn ſie hatte die Ausbruͤche ſeines Zorns ſelbſt in ihrem entfernten Zimmer vernommen. Weſtold berich⸗ tete ihr die ungluͤckli iche Geſchichte; Beide erwogen nun eifrig Sophieens Verſchuldung und Ha⸗ — — — 16 ſtebecks leidenſchaftlichen Zorn, und berathſchlag⸗ ten hin und her, wie viel oder wenig noch zu retten ſey von Haſtebecks und Sophiens Lebens⸗ gluͤck, und was daher zunaͤchſt gethan oder gelaſſen werden muͤſſe. Nur in der einen Meinung waren ſie augenblicklich einig, daß Haſtebeck nicht nach Danzig reiſen duͤrfe; ob und wie er aber zu bereden ſeyn werde, zu Sophien zuruͤckzukeh⸗ ren, das waren Fragen, auf welche ihnen fortwaͤh⸗ rend die genügenden Antworten fehlten. Auguſte faͤllte das ſtrengſte Urtheil uͤber Sophiens fal⸗ ſchen Bericht, und Weſtold tadelte am ernſthaf⸗ teſten das Romanhafte des Auftrags, welchen erſt Haſtebeck und dann auch Dorothee, als Frau eines Andern, Sophien ertheilt. Am mei⸗ ſten beklagten ſie den Umſtand, daß Sophie eben ihrer Entbindung nahe ſey, doch bauten Beide auf die Allgewalt der bevorſtehenden Vaterfreuden ein⸗ zig und allein die Hoffnung der allmaͤhlichen Be⸗ ruhigung und Verſoͤhnung des erbitterten Freundes. Erſt gegen Mittag kam Haſtebeck wieder zum Vorſchein. Er drang auf Abſendung des Bo⸗ ten. 47 ten. Um Zeit zu gewinnen, den abentheuerlichen Reiſeplan zu hintertreiben, bewirkte We ſtold, u ter allerlei Vorwand, die Beſtimmung, daß der Bote erſt am folgenden Morgen ſeinen Weg begin⸗ nen ſolle. Wie er nun aber anfangen wollte, dem zuͤrnenden Freunde Verſoͤhnlichkeit vorzupredigen, wurde er ploͤtzlich durch folgende Gegenrede aus dem Felde geſchlagen:„Spare Deine Worte, denn ſie koͤnnen die Wunde, die mir geſchlagen iſt, nim⸗ mer heilen! Auch nuͤtze Deine Zeit gleich zu etwas hoͤchſt Noͤthigem! Bei dem Pachtvertrage haben wir den argen Bock geſchoſſen, ihn blos von dem Gra⸗ fen unterſchreiben zu laſſen, und nicht auch von der Graͤfin, welcher Aarhorſt eigentlich gehoͤrt. Nun iſt ſie ſeit einiger Zeit ſehr kraͤnklich, und ſoll uͤber⸗ dem ihrer Entbindung nahe ſeyn! Stirbt ſie— was ſehr wahrſcheinlich iſt— ſo kann man nicht wiſſen, was aus ihren Guͤtern wird, da ſie ſchwerlich ein Teſtament zu Gunſten des Grafen machen moͤchte; und die Erben aus ihrer Familie wuͤrden den Pacht⸗ Vertrag gewiß nicht beſtehen laſſen. Sie ſelbſt ſcheint empfindlich daruͤber zu ſeyn, daß ich die Sa⸗ Weſtold. II. Theil. 2 18 che blos mit dem Grafen abgemacht habe. Um dieſe dummen Streiche gut zu machen, mußt Du ihr einen recht hoͤflichen Brief ſchreiben, und ſie um Mit⸗Unterſchrift des Vertrags bitten. Und um es zu beſchoͤnigen, daß dies erſt jetzt geſchiehr, kannſt Du vorwenden„ Du habeſt dieſe Bitte nicht eher thun wollen, als bis Du erſt einige Zeit durch die That bewieſen habeſt, daß ihr Gut bei Dir in redli⸗ chen und fleißigen Haͤnden ſey, und daß ſie Dir vertrauen koͤnne, ob Du gleich ſonſt ein Advokat geweſen ſeyſt. So ungefaͤhr mußt Du es einrichten, und die jetzige Zeit zur Abtragung des vierteljaͤhrli⸗ chen Pachtgeldes bietet Dir die ſchicklichſte Gelegen⸗ heit zu dieſem hoͤchſt noͤthigen Briefe, von welchem gaͤnzlich die Sicherheit Deiner Lage abhaͤngt.“ So einleuchtend dies auch Weſtolden erſchei⸗ nen mußte: ſo brachte ihn doch erſt die Anſicht zu einem raſchen Entſchluſſe, daß die Graͤfin auch die Zuſage wegen der Pfarre unterſchreiben muͤſſe, und gleich nach Tiſche machte er ſich an den Brief, der. ihm eigentlich ſehr laͤſtig war. 4 —— 19 Unterdeſſen ſchweifte Haſtebeck unſtaͤt im Freien umher, und entging wenigſtens einſtweilen noch den Beſaͤnftigungs⸗Verſuchen, denen er nur zu gern auswich. Aber lange ſollte er dieſes ruhi⸗ gen Beharrens bei ſeinem Sinne nicht genießen; denn noch vor Sonnen⸗Untergang kam ein Bote mit einem Briefe von Sophien, die ſehr richtig berechnet hatte, daß ihr Mann nirgends anders, als in Aarhorſt, zu treffen ſeyn werde.— Der Brief lautete folgender maaßen: „Grauſamer, doch ewig geliebter Gatte!— Der Geburtstag, der mir ein Feſttag werden ſollte, iſt mir ein Gerichtstag geworden! Die einzige Schuld gegen Dich, die ich auf dem Herzen hatte, iſt von Dir entdeckt worden! Du haſt furchtbar Ge⸗ richt gehalten uͤber mich— ſo furchtbar, wie Gott nicht dereinſt unſer Aller Schwachheiten und Verge⸗ hungen richten moͤge!— und mein ganzes, ganzes, ſchoͤnes Gluͤck iſt zertruͤmmert auf die allererſchuͤt⸗ terndſte Weiſe! Ich habe unrecht gethan! Das bekenn' ich, und werd’ ich bereuen, ſo lange noch ein Athemzug 2* ——— ————ÿ— 20 in mir iſt! Aber auch in meiner tiefſten und ſchmerz⸗ lichſten Zerknirſchung habe ich das Gefuͤhl, daß mein Vergehen nicht ſo ſchwer iſt, als Du es mir anrechneſt. Hat die Zeit Dich erſt ruhiger und kaͤlter ge⸗ macht: ſo frage Dich ſelbſt, was für ein wirkli⸗ ches Heil fuͤr Dich daraus entſprungen waͤre, wenn ich Dir, bei meiner Ruͤckkehr aus Danzig, den Bericht gebracht haͤtte, daß Dorothee ſich nicht glücklich an der Seite des Mannes fuͤhlt, den man ihr aufgedrungen hat— daß Sie Dein Bild, lebhafter, als es gut iſt, noch im Herzen hat— und daß ſie, verfuͤhrt durch die Botſchaft, die ſie von Dir durch mich erhielt, ſchwach genug war, den ungluͤcklichen Ning zu kuͤſſen, und Dir, mit einer Immortelle, zum Zeichen ihrer fortwaͤh⸗ renden Liebe, zuruͤckzuſenden?— So ſehr ich an ihrem Schickſal Theil nahm: ſo konnte ich das doch nicht gut heißen. Sie iſt unwiderruflich verlor, für Dich, denn ſie iſt Gattin eines Andern, un iſt Mutter eines Kindes, das ſie an ihren Gatt unaufloͤslich bindet, auch wenn ſie ihn eigentli —— nicht liebt. Mein Bericht konnte Dich alſo nicht gluͤcklich, ſondern Dir nur neue Schmerzen machen. Ja, ich hatte das Gefuͤhl, Dorothee muͤſſe hoͤ⸗ her in Deiner Seele ſtehen bleiben, wenn ich Dir ihre Schwaͤche verſchwiege, als wenn ich ſie Dir ohne Ruͤckhalt mittheilte. Denn wirſt Du ihre Schwaͤche, fruͤher oder ſpaͤter, mißbilligen: ſo verlierſt Du auf ſchmerzliche Weiſe ein ſchoͤnes, reines Bild aus Deiner Seele; biſt Du ſelbſt aber fortwaͤhrend ſchwach genug, einen Wohlgefallen an ihrer Schwaͤche zu finden: ſo verlierſt Du Dich nur in Traͤumereien, die eines ernſten Mannes nicht wuͤrdig ſind, und die Dich, je tiefer ſie in Dein Weſen greifen, nur deſto verſtimmter, ja wohl ungluͤckli⸗ cher machen muͤſſen. Das alles ſagte mir meine Vernunft, bei oft⸗ maliger, ernſter Ueberlegung auf meiner Ruͤckreiſe. Und, leider, auch mein Herz, mein nur zu warmes Gefuͤhl füͤr Dich widerſtrebte jedem Berichte, der Deinem Gefuͤhl auf irgend eine Weiſe weh thun mußte. Was ſoll ich es leugnen vor Dir? Liebe und Eiferſucht hatten ihren großen Theil an meinem Entſchluſſe, Dir die Wahrheit in Beziehung auf Dorotheen zu verbergen.— Aber verdamme mich deshalb nicht! Hoͤre mich ruhig an! Ich hatte mich, aus der uneigennuͤtzigſten und gutmuͤthigſten Dankbarkeit fuͤr einen großen Dienſt, den Du mei⸗ mem Vetter Franz Langhof(nach einem dun⸗ keln Briefe von ihm) erwieſen haben ſollteſt, zu der ſeltſamen Rolle hingegeben, Deine Vertraute in Abſicht deiner Liebe zu ſeiner Schweſter zu ſeyn. V Lange wußte ich nicht, in welches gefaͤhrliche Spiel — ich mich hierdurch mit Dir verwickelt hatte. Die Pein, welche mir es nach und nach machte, Dich immer in den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken von einer An⸗ . dern ſprechen zu hoͤren, machte mir dies endlich be⸗ greiflich. Ich wollte mich losmachen von Dir, aber ich konnte den Ruͤckweg nicht mehr ſinden. Seit ich die Nothwendigkeit fuͤhlte, ihn zu ſuchen, war es ſchon zu ſpaͤt dazu! Der leidenſchaftliche Kuß endlich, mit welchem Du mich am Tage vor mei⸗ ner Abreiſe nach Danzig, auf Veranlaſſung Dei⸗ nes Auftrags an Dorotheen, in der Heftigkeit Deiner Gemuͤthsbewegung uͤberraſchteſt, oder viel⸗ 23 mehr uͤberfielſt— dieſer gluͤhende Kuß entſchied uͤber mein ganzes kuͤnftiges Leben. Er fachte den glimmenden Funken meiner heimlichen Liebe zu Dir zur unbezwinglichen, hellen Flamme der Leidenſchaft an. Sie war, waͤhrend der ganzen Dauer meiner Reiſe, die unaufhoͤrliche Qual meines Herzens! Sie verſchloß mir den Mund vor Dir uͤber Doro⸗ theens Auftrag! Sie ſtroͤmte in Thraͤnen uͤber bei dem falſchen Berichte, zu dem ich mich verirrte! Und dieſe unaufhaltbaren Thraͤnen fuͤhrten mich in jener entſcheidenden Stunde, da ich mich auf immer gewaltſam von Dir losreißen wollte, in Deinen Arm. Du hielteſt mich feſt, trotz meines ernſtlich⸗ ſten Straͤubens, und ſo wurde ich, wider alles Er⸗ warten und Hoffen, Dein Weib! bis heute Dein glückliches— nun aber deſto unglücklicheres Weib! Den Ring haͤtte ich laͤngſt vernichten, und ſs das gefaͤhrliche Geheimniß auf immer begraben koͤn⸗ nen; allein es war meine Abſicht, Dir es noch ein⸗ mal ſelbſt zu entdecken, weil es fortwaͤhrend eine dunkle Stelle in meinem Herzen war. Aber ich wollte hiezu erſt noch eine gluͤcklichere Zeit abwar⸗ 24 ten: eine Zeit, in welcher ich Dich mit neuen Ban⸗ den, als einen glücklichen Vater, feſter an mich geknuͤpft, und von Deinen alten Liebestraͤumereien gaͤnzlich geheilt ſuͤhe— ich hielt es fuͤr rathſam zu warten, bis ich mich Dir durch jahrelange, treue Liebe und Pflichterfuͤllung ſo bewaͤhrt haͤtte, daß Du Dorotheen neben mir nicht mehr vermißteſt.— So kam es, daß ich den Ring ſorgfaͤltig aufbewahr⸗ te und noch vor Dir verbarg!— So haͤngt es zu⸗ ſammen mit meiner Vergehung! Hiernach richte mich nun! Ich habe weinend und kniend in der fruchtbar⸗ ſten Stunde meines Lebens die flehenden Arme nach Dir ausgeſtreckt, und Du haſt mich mit grauſamer Unerbittlichkeit zuruͤckgeſtoßen! Deinem Gewiſſen muß ich es nun uͤberlaſſen, wie Du ferner gegen Deine Frau, gegen die Mutter Deines Kindes, de⸗ ren Vergehen gegen Dich in ihrer Liebe zu Dir ſei⸗ nen Hauptgrund hatte, verfahren wirſt. Thue nun, was Du vor Deinem eignen Richter glaubſt ver⸗ antworten zu koͤnnen! Mein Schickſal liegt in Dei⸗ ner Hand. Doch, wie auch Deine Entſcheidung —— —— — 25 ausfallen moͤge: nie werde ich aufhoͤren koͤnnen, Dich zu lieben. Sophie.“ Empfindungen der verſchiedenſten Art wogten beim Leſen dieſes Briefs in Haſtebecks Seele guf und ab. Bald fuͤhlte er Mitleid gegen So⸗ phien, bald erneuten, geſchaͤrften Haß, je nach⸗ dem er an ſie allein, oder neben ihr auch an Do⸗ rotheen dachte. Sophiens bittres Unglüͤcks⸗ gefuͤhl lag ihm ſchwer auf dem Herzen; und haͤtte er ſie mit ſeinem ganzen Vermoͤgen, ja mit der Haͤlfte ſeines Lebens in irgend einen Gluͤckstempel einkau⸗ fen koͤnnen: er haͤtte es augenblicklich mit voller Be⸗ reitwilligkeit gethan, nur haͤtte die Bedingung da⸗ bei nicht ſeyn muͤſſen, daß er ſie dahin zu begleiten habe. Sein ſchwaͤrmeriſches Gefuͤhl fuͤr Doro⸗ theen, war durch das, was ihm Sophiens Brief von ihr berichtete, von neuem aͤußerſt aufgeregt; was Soöphie auch uͤber Dorotheen urtheilte, das erbitterte ihn gegen Jene nur. Mochte Sophie noch ſo ſehr Recht haben, Do⸗ rotheen Schwachheit Schuld zu geben: er konnte es nicht ertragen, daß ſeiner verlornen Ge⸗ liebten ein Gefuͤhl zum Vorwurf gemacht wurde, das ſeinem eigenen Gefühle ſo ſehr zuſagte, und noch die einzige gerettete, theure Truͤmmer aus dem Schiffbruch ſeiner fruͤheren Gluͤckſeligkeit war. So ſehr, als jemals, fuͤhlte er ſich in ſchwaͤrmeri⸗ ſcher Begeiſterung dafuͤr geſtimmt, Dorotheens Bild, als ein heiliges Idol, ſein ganzes Leben hin⸗ durch im Herzen zu tragen, wenigſtens in ungeſtoͤr⸗ ter geiſtiger Gemeinſchaft mit ihr zu bleiben, wenn er auch ihr koͤrperliches Anſchauen entbehren mußte. Daß ſie wiſſen moͤchte, wie unveraͤndert er ſie fort⸗ liebe, auch nach ihrer gezwungenen Heirath, und daß er erfahren moͤchte, wie ſie jetzt gegen ihn ge⸗ ſinnt ſey, das war lange ſein allerſehnlichſter Wunſch geweſen. Deshalb hatte er Sophien mit den dringendſten Bitten beſtuͤrmt, nach Danzig zu reiſen. Nun war ſeine Botſchaft richtig an Do⸗ 27 votheen gelangt; ſie hatte vernommen, daß er ihr treu bleiben wolle bis in den Tod. Haͤtte er die liebevolle Gegenbotſchaft eben ſo richtig erhalten: ſo wuͤrde er nie ein Weib umarmt haben, und der un⸗ geſtoͤrte Gedanke, daß ſie Beide einander noch lieb⸗ ten, Beide einander noch geiſtig angehoͤrten, ſollte ſie Beide uͤber ihr Schickſal erheben, ſollte fuͤr ſie ein milder Stern auf dem dunkeln Pfade einer nicht gluͤcklichen Ehe, ſollte fuͤr ihn ein ewiger, ſtiller Triumph uͤber den Naͤuber ſeines Gluͤcks ſeyn. Aber die Verfaͤlſchung der Gegenbotſchaft war die Veran⸗ laſſung geworden, daß er ſich raſch zu einer Heirath entſchloß. Der auflodernde Zorn uͤber die vermeinte Herzloſigkeit Dorotheens, und der Eindruck, welchen die zaͤrtlichen Blicke und Thraͤnen So⸗ phiens in jener verhaͤngnißvollen Stunde auf ihn machten, hatten gleichen Antheil an ſeinem raſchen Entſchluſſe gehabt.— Was mußte Dorothee nun von ihm denken, ſeit der Nachricht von ſeiner Verheirathung? Welchen Eindruck mußte es auf ſie gemacht haben, daß er gerade die Botin zu ſeiner Frau machte, die ihr erſt die Verſicherung ſeiner ewigen Liebe gebracht, der ſie die Verſiche⸗ rung und das ſinnbildliche Zeichen ihrer fortdauern⸗ den Gegenliebe fuͤr ihn mitgegeben hatte! Mußte ſie ſeine Botſchaft nicht fuͤr eine haͤmiſche, rachſuͤch⸗ tige Aefferei halten, die nur darauf angelegt war, ſie deſto empfindlicher durch die ſchnell darauf fol⸗ gende Nachricht von ſeiner Verheirathung zu ver⸗ wunden? 3 Dieſe Anſicht, die in den obwaltenden Umſtäͤn⸗ den vollkommen begruͤndet war, regte immer von neuem ſeinen bittern Groll gegen Sophien auf. Daß Dorothee in ihrer freudenloſen Ehe nun auch noch dieſen bittern Schmerz durchs Leben tragen, und daß ſie ihn, den ſie bisher vertrauen⸗ voll geliebt, ploͤtzlich fuͤr heuchleriſch, haͤmiſch und ſchlecht halten ſolle— das war ihm ein ſchreckli⸗ cher Gedanke, der nicht abließ, ihn zu quaͤlen, und der ihn eben zu dem abentheuerlich klingenden Ent⸗ ſchluſſe gebracht hatte, nach Danzig zu reiſen, um Dorotheen zu ſagen, wie Sophie ihn betro⸗ gen, und dadurch verfuͤhrt habe, mit ihr an den Trau⸗Altar zu gehen. Haͤtte er wagen duͤrfen, an 29 Doro th een zu ſchreiben, oder haͤtte er irgend ei⸗ nen vertrauten, ſichern Boten zu einer muͤndlichen Beſtellung an ſie gehabt: ſo wuͤrde er den Gedanken an eine ſolche Reiſe gern aufgegeben haben; da er aber keinen andern Ausweg zu entdecken wußte, um ſeine Ehre zu retten, und Dorotheens gekraͤnk⸗ tes Gefuͤhl zu verſoͤhnen: ſo beharrte er unwan⸗ delbar feſt auf ſeinem Reiſe⸗Beſchluſſe. Mochten daher Weſtold und Auguſte, durch Sophiens Brief geleitet, in mitleidiger Gutmuͤthigkeit eine noch ſo ſchonende Anſicht von ih⸗ rem Vergehen geltend zu machen ſuchen, um ihren Freund zur Verſoͤhnung zu beſtimmen, und von dem Gedanken an die Reiſe abzubringen: er beſtand darauf, daß der Bote am folgenden Morgen weg⸗ reiten muͤſſe, um ihm Kleider und Waͤſche zur wei⸗ teren Reiſe zu holen; und er beharrte bei der Erklaͤ⸗ rung, daß ſeine Verbindung mit Sophien nicht fortbeſtehen koͤnne, daß ſie vom Anfang an ein Ver⸗ brechen gegen Dorotheen, eine Verſündigung gegen ſeine heiligſten, unvertilgbarſten Gefuͤhle ge⸗ weſen, und beſonders von jetzt an, trotz des ausge⸗ 30 ſprochenen prieſterlichen Segens— in ſich felbſt durchaus unſittlich ſey, da ſeine Liebe mit erneuter Staͤrke nur Dorotheen gehoͤre, und daß der Gedanke an ein eheliches Leben mit irgend einem andern weiblichen Weſen unter ſolchen Umſtaͤnden, ihm ein wahrer ſittlicher Greuel ſey.— Und als Auguſte, wie es Weſtold ſchon früher gethan, ſeinem Herzen durch die Hinweiſung auf die bevor⸗ ſtehenden Vaterfreuden beizukommen verſuchte: da brauſte ſein bittrer Unmuth in ploͤtzlich geſteigerter Leidenſchaftlichkeit auf, und er rief mit zorniger Heftigkeit aus:„Wenn ihr mich nicht gewaltſam hinwegtreiben wollt: ſo ſprecht mir da von nicht! Daß ich durch Sophien Vater werden ſoll, das iſt ja die allerungluͤcklichſte Hinweiſung auf meine ſchmaͤhliche Verirrung— auf eine greuelhafte Ver⸗ bindung, die ich ewig verabſcheuen muß!“— So ſtanden die Sprechenden noch am ſpaͤten Abend einander gegenuͤber, ohne ihre entgegenge⸗ ſetzten Anſichten und Meinungen gegen einander ausgeglichen zu haben. Ein Brief von Haſtebeck, worin er um Verlaͤngerung des Urlgubs bat, lag 31 fertig auf dem Tiſche. Da wurde ploͤtzlich an das ſchon verſchloſſene Hofthor gepocht, und ein reiten⸗ der Bote brachte einen Brief vom Doktor Brink, Sophiens Vater. Er lautete ſo: „Meine liebe Sophie befindet ſich in einem bedenklichen Zuſtande. Ich weiß nicht, geehrter Herr Sohn, was zwiſchen ihr und Ihnen vorge⸗ fallen iſt; allein ich ſehe deutlich, daß eine ſehr hef⸗ tige Gemuͤthsunruhe, die mit Ihrer Entfernung im Zuſammenhange ſteht, die Urſache der plͤtzlichen Erſchuͤtterung ihrer Geſundheit iſt. Ihr Zuſtand wird um ſo bedenklicher, da ihre Entbindung nahe bevorſteht. Als Arzt und als Vater, muß ich es Ihnen daher zur dringenden Pflicht machen, daß Sie Ihre Ruͤckreiſe auf das ſchleunigſte antreten, um, was in Ihren Kraͤften ſteht, zur Gemuͤths⸗ Beruhigung Ihrer leidenden Frau beizutragen. Eignes Unwohlſeyn erlaubt mir nicht, mehr hinzuzu⸗ fuͤgen, als die Verſicherung meiner aufrichtigen Werthſchaͤtzung und vaͤterlichen Liebe. Brink.“ 32 Im erſten Augenblick war Haſtebeck betrof⸗ fen beim Leſen dieſes Briefs. Bald aber legte er ihn ruhig auf den Tiſch, und ſagte kalt:„Sie ſam⸗ melt Hülfstruppen, um mich zum Ruͤckzuge zu bringen. Morgen kommt wahrſcheinlich eine noch ſtaͤrkere Salve aus dem ſchweren Geſchuͤtz ihres Beichtvaters.“ „Lieber Bruder,“ ſagte Weſtold, nach wiederholtem Leſen des Briefs,„die Anſicht, die Du von dieſem Briefe nimmſt, iſt gewiß irrig. Der alte, ehrenwerthe Mann wird ſich zu keiner beſtellten Arbeit, zu keiner Luͤge hergegeben haben, und die Beſorgniß, welche er aͤußert, mag nur all⸗ zugegründet ſeyn.“ „Und wenn das waͤre:“ erwiederte H aſtebeck —„ſo befindet ſie ſich bei dem geſchickteſten Arzte der Stadt, der ihr Vater iſt, in den beſten Haͤn⸗ den. Ich verſtehe mich auf aͤrztliche Weisheit nicht, und bin alſo ganz uͤberfluͤſſig dort.“ „Das biſt Du nicht!“ wandte ihm Weſtold ein—„Ihr Koͤrper iſt krank dnrch ihr Gemuͤth; durch den erſchuͤtternden Auftritt, den Du mit ihr hat⸗ 3 2 . 1 4 4 * —-—— 33 hatteſt; durch den fortwaͤhrenden Kummer, mit dem ſie an Dich denkt! Da wird nicht Arzt, nicht Apo⸗ theker— da wirſt Du nur retten koͤnnen.“ Unwillig ſprang Haſtebeck von ſeinem Stuhle auf.„Was muthet ihr mir zu?“ rief er aus— „Meint ihr im Ernſt, ich ſoll mich dazu hergeben, eine empfindſame Vergebungs⸗ und Verſoͤhnungs⸗ Scene am Krankenbette zu ſpielen? mit einem ver⸗ legnen Schaafsgeſicht, wenn ſie die Augenlieder ſin⸗ ken laͤßt, nach ihrem Athem zu horchen, und wenn ſie mir die Hand hinhaͤlt, einen Kuß darauf zu druͤcken, und ſie zu bitten, das Vorgefallne nur zu vergeſſen? Kann ich das? Darf ich das? Wer muͤß⸗ te ich ſeyn, wenn ich das koͤnnte?“ „Ein Menſch ſollſt Du ſeyn!“ ſiel ihm We⸗ ſtold ins Wort, und erhob ſich ebenfalls von ſei⸗ nem Stuhle, und fuhr mit immer eindringenderem ernſterem Tone fort—„Menſchlich ſollſt Du handeln! Gottes Gebote ſollſt Du ehren! ſollſt die Gefahr ermeſſen, in der Deine Frau ſchwebt!“ Halb ſpottend, halb trotzig erwiederte Haſtebeck: „Davon ſteht in meinem Catechismus kein Wort.“ Weſtold. II. Theil. 3 34 „Aber in meinem,“ fuhr Weſtold in der höchſten und ernſteſten Bewegung fort—„in mei⸗ nem ſteht geſchrieben: Du ſollſt nicht toͤdten! Hoͤrſt Du's wohl? Du ſollſt nicht toͤdten! Ich meine, es iſt genug, daß Du ſchon ein Leben geopfert haſt!“— Haͤtte Weſtold die Wirkung bemerkt, die dieſe Worte auf ſeinen Freund machten: er wuͤrde erſchrok⸗ ken ſeyn. Aber er ſelbſt war durch ſeine Rede zu bewegt, als daß er aufmerkſam um ſich geſchaut haͤtte. Er ging in ungewoͤhnlicher Lebhaftigkeit auf und ab, und wiſchte ſich mit dem Taſchentuche die Schweißtropfen von der Stirn. Haſtebeck aber hemmte ploͤtzlich, wie gelaͤhmt, ſeine vorher ſo ra⸗ ſchen Schritte; es war, als wollten ihm die Knieen einknicken, waͤhrend ſeine Augen in furchtbares Be⸗ wegung nach Weſtold hinblitzten; ſeine Lippen bebten, und ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft hoch empor, bis er endlich, mit gewaltſamer Anſtren⸗ gung, doch hoͤchſt beklommener Stimme, die Worte ausſtieß:„Was ſoll das heißen? Weſtold! ſprich! ſprich es aus!“ —— —— 35 „So wiſſe denn:“ erwiederte Weſtold, tief bewegt—„Dein Pferd, das gute Thier, iſt todt! iſt wirklich todt! Ich habe hinuͤber geſchickt, und dieſe traurige Nachricht erhalten!“ „Mein Pferd?“ ſtammelte Haſtebeck. Doch ſchnell ſich wieder aufreißend aus ſeiner vorhe⸗ rigen, gewaltigen Erſchuͤtterung, fuhr er mit kraͤf⸗ tigerer Stimme fort:„Es taugte ſchon lange nichts mehr.“ „Freund!“ eiferte Weſtold—„um deſto mehr haͤtteſt Du es ſchonen ſollen! Das arme Thier! Du haſt es ſuͤndlicher Weiſe todt gejagt! nicht ab⸗ ſichtlich freilich; aber Dein wilder, leidenſchaftlicher Sinn hat es doch verſchuldet!— Willſt Du nun durch Deinen unverſoͤhnlichen Trotz vielleicht auch Deine Frau toͤdten?! Haſtebeck, belaſte nicht leichtſinnig und unbarmherzig Dein Gewiſſen mit einer ſchweren, centnerſchweren Schuld! Es muß ſchrecklich ſeyn, wenn man ſich den Tod eines Men⸗ ſchen, zumal ſeiner Frau, vorzuwerfen hat!“ Dieſe Worte ſchlugen wieder tief ein bei Ha⸗ ſtebeck.„Ach ja! das mag wohl ſeyn!“ ſeufzte 3* er, und ſtarrte dann eine Weile ſtill vor ſich hin, in das allerfinſterſte Nachdenken verſunken. „Beherzige das wohl!“ fuhr Weſtold in weicherem, freundlicherem Tone fort—„Es koͤnnte Dich vielleicht ſchrecklich gereuen, wenn Du bei Deinem Starrſinn beharren wollteſt.“ In Haſtebecks Mienen und Bewegungen verrieth ſich unverkennbar ein fortdauernder, hefti⸗ ger, innerer Kampf. Mit banger Erwartung blickte Weſtold nach ihm hin; und bis in das Innerſte ſeines Herzens war er durchdrungen von gutmuͤthi⸗ ger Freude, als Haſtebeck endlich mit kaltem, doch feſtem Tone ſagte:„Es ſey!— Ich will zu⸗ rüͤckreiſen— nach Hauſe.“ „Gott ſey gelobt!“ rief Weſtold aus, und faltete die Haͤnde uͤber der Bruſt zuſammen, wie zu einem Gebet.„Gott lohne Dir dieſen Entſchluß, und ſende Dir wieder Frieden in Deine Bruſt und er⸗ neute Freude in Dein Haus!“ Fortwaͤhrend duͤſter vor ſich hinſtarrend, ſchuͤt⸗ telte Haſtebeck ſchweigend und bitter laͤchelnd mit dem Kopfe. —— „Und wann willſt Du abreiſen?“ fragte We⸗ ſtold freundlich—„Ich will Dich fahren laſſen, mit meinen beſten Pferden.“ „Gut,“ antwortete Haſtebeck—„aber gleich, gleich muß es geſchehn! Je ſchwerer, je ungeheurer ein Entſchluß iſt, deſto vaſcher muß man ihn ausfuͤhren.— Laß mich die Nacht hindurch fahren! Die Nacht iſt das einzige, was mir zu⸗ ſagt!— In meiner Seele iſt ja auch Nacht— dunkle, ſtuͤrmiſche Geſpenſternach!—— We⸗ ſtold, Du biſt aber der abentheuerlichſte Schwaͤ⸗ tzer, den die Erde traͤgt! Was ſprachſt Du vorhin für verkehrte Worte von einem geſtuͤrzten Klepper!“ „Ei nun!“ erwiederte Weſtold—„ſie haben doch gefruchtet, und muͤſſen alſo wohl nicht ganz verkehrt geweſen ſeyn. Und iſt denn eines Thieres Leben nicht auch ein Leben, das aus der Hand des Allmaͤchtigen quoll? Und ſoll ſich der Gerechte nicht erbarmen ſeines Viehs?— Siehſt Du, lieber Bruder, drum will ich den Pferden, die Dich fahren ſollen, auch noch ein Futter geben laſſen; und dem Knechte werde ich ſagen, wo und wie lange er immer anhalten ſoll.“ Haſtebeck ſchien nichts hievon zu hoͤren, und ſagte alſo auch nichts dazu. Weſtold beſorgte die Vorbereitungen zur Reiſe, packte das Pachtgeld zu⸗ ſammen, und verſiegelte den Brief an die Graͤfin. Nach einer Stunde war der Wagen vorgefahren und alles hineingepackt. Haſtebeck fuhr mehrmals raſch mit der Hand über die Stirn, da er hoͤrte, daß alles fertig ſey. Doch kraͤftig richtete er ſich auf/ und griff nach Hut und Degen, als ob er in ein Gefecht eilen wolle. In unverkennbarer, heftiger Gemuͤthsbewegung, doch nur mit wenigen, herzli⸗ chen Worten, nahm er Abſchied. Auf die wieder⸗ holte, dringende Bitte Weſtolds und Augu⸗ ſtens, daß er ia bald ſchreiben moͤge, wie es mit Sophieen ſtehe, nickte er nur ſchweigend mit dem Kopfe, und ſtieg dann in den Wagen, der ſich bald gus den Augen der Zuruͤckbleibenden verlor. 39 Aber die Sorge um den theuern Freund und ſeine Gattin verloren Weſtold und Auguſte nicht aus den Herzen, vielmehr ſtieg ſie faſt mit je⸗ der Stunde; und als auch am fuͤnften Tage noch keine Nachricht da war, ſchrieb Weſtold an Ha⸗ ſtebeck, und beſchwor ihn bei ihrer alten Freund⸗ ſchaft, daß er ſein beaͤngſtendes Schweigen brechen, und ihm ſagen moͤchte, wie es in ſeinem Hauſe und in ſeiner Seele ſtehe. Hierauf kam, mit kaum leſer⸗ lichen Schriftzügen, folgende Antwort: „Wie haͤtte ich geſtern und vorgeſtern ſchreiben können! Kaum kann ich es heute! Ein Kind ſchrie mir entgegen, als ich hier ankam!— ich glaube, es war ein Maͤdchen. Sophie hatte ſchon kein Be⸗ wußtſeyn mehr! ſie phantaſirte, und ſchien mich nicht mehr zu kennen.— Jetzt liegt ſie im Sarge, und an ihrer Seite— das todte Kind——! Auch Sophiens Vater liegt gefaͤhrlich krank. Ich wollte, ich laͤge eben ſo!— Ich mag wenig⸗ ſtens hier nicht mehr leben. Ich habe um meine Verabſchiedung gebeten.— Sobald meine dringend⸗ ſten Geſchaͤfte abgethan ſind, will ich eine Seereiſe machen. Vorher beſuche ich Dich noch. Aber nur keine Beileids⸗Verſicherungen! weder ſchriftliche noch muͤndliche! Haſtebeck.“ Weſtold und Auguſte wurden beide tief erſchüͤttert bei dem Leſen dieſes kurzen, aber inhalt⸗ ſchweren Briefs. Gern waͤre Weſtold gleich hin⸗ geeilt zu ſeinem ungluͤcklichen Freunde, um ihn mit der herzlichſten Theilnahme in die Arme zu ſchlie⸗ ßen, und ihn mit ſich in ſeinen Familienkreis zu nehmen; aber er wußte, daß das gar nicht nach Ha⸗ ſtebecks Sinne geweſen waͤre: alſo blieb er, wie⸗ wohl in ſehr unruhiger Erwartung, zu Hauſe, und begnüͤgte ſich damit, die ungluͤckliche Angelegenheit einſtweilen nur mit ſeiner Frau zu beſprechen. Da⸗ neben ſann er unablaͤſſig auf vorbereitende Einrich⸗ tungen zur moͤglichſten Bequemlichkeit des erwarteten Gaſtes, damit ihm wohl werde bei einem, hoffent⸗ lich laͤngeren, Aufenthalte in Aarhorſt. 44 Etwa nach acht Tagen kam Haſtebeck an, mit Kleidern und Wechſeln verſehen zu einer langen, weiten Reiſe. Seine koͤrperliche Haltung war ge⸗ druͤckt, ſein Gang ſchlaff, die Farbe ſeines Geſichts krankhaft bleich; und in ſeinen Augen und Mienen lag der unverkennbare Ausdruck eines tiefen, finſtern Schmerzes. Weſtold und Auguſte erſchraken bei dem Anblick des ſo traurig veraͤnderten Freundes. Gern haͤtten ſie ihre warme Theilnahme gegen ihn ausge⸗ ſprochen, haͤtten, ihn zu troͤſten, ihm zu rathen verſucht; aber er wich jeder ſolchen Mittheilung und Herzensergießung mit entſchiedener Abſichtlichkeit aus, und wie er ſelbſt kein Wort uͤber ſein Schickſal und ſeine Gefuͤhle ſprach: ſo mußten auch Weſtold und ſeine Gattin daruͤber ein tiefes Stillſchweigen beobachten. Am meiſten wurden ſie ſeinetwegen bekuͤmmert„ ſeit Weſtold einmal am fruͤhen Morgen, noch lange zuvor, ehe der Tag anbrach, den ungluͤckli⸗ chen Freund ſchon in ſeinem Zimmer auf⸗ und ab⸗ gehen hoͤrte, und, als er ihm hieruͤber am Morgen ſeine Verwunderung mittheilte, die Antwort erhielt, daß er es ſo allnaͤchtlich treibe, weil aͤngſtende Traͤu⸗ me ihm kaum ein paar Stunden Schlaf vergoͤnnten, und beim Erwachen ſeine Einbildungskraft gleich ſo lebhaft beſchaͤftigt ſey, daß er unmoͤglich wieder einſchlafen koͤnne. Am Tage war ſeine vorzuͤglichſte Beſchaͤftigung, daß er die Charten faſt aller Welttheile, nebſt geo⸗ graphiſchen Lehrbuͤchern und Neiſebeſchreibungen, deren er einige gleich mitgebracht, und mehrere noch nachkommen ließ, eifrig ſtudierte. Selten ging er aus, und dann that er es gewoͤhnlich ſo insgeheim, daß ihn Weſtold nicht begleiten konnte. Auf ſol⸗ che Weiſe konnte weder ſein koͤrperlicher, noch ſein Gemuͤths⸗Zuſtand beſſer werden. Lange ſann Weſtold vergeblich daruͤber nach, wie dem Ungluͤcklichen wohl beizukommen, und durch welche Mittel er vielleicht aus ſeiner zerſtoͤrenden Verſtimmung herauszureißen waͤre. Unerwartet end⸗ lich fand ſich von ſelbſt ein ſolches Mittel, welches ihn auf eine wohlthaͤtige Weiſe aufreizte, und wieder fur andre, erheiternde Eindruͤcke empfänglich machte. 43 Der Fruͤhling hatte angefangen, die Erde wie⸗ der aufs ſchoͤnſte zu ſchmuͤcken. Wer hinausblickte ins Freie, ergoͤtzte ſich ſtaunend an der ungewoͤhn⸗ lich ſchnellen und ſchoͤnen Entwickelung des Pflanzen⸗ reichs; nur fuͤr Haſtebeck hatte alle die gruͤnen⸗ de und bluͤhende Herrlichkeit keinen Reiz, und er ſtarrte mit finſtern Blicken daruͤber hin, ohne etwas davon zu ſehen. Aber in einer ſeiner ſchlafloſen Naͤchte wurde ſein lebhafter Sinn fuͤr das Große und Schoͤne in der Natur aus ſeinem tiefen Schlum⸗ mer ploͤtzlich wieder aufgeregt.— Eine Waͤrme, wie ſie eigentlich nur dem Sommer gehoͤrt, hatte einen der erſten Maitage zu einem ſchwuͤhlen Gewit⸗ tertage gemacht. Immer finſtrer und drohender wurde der Abendhimmel. Um Mitternacht wurde auch der ruhigſte Schlaͤfer durch heftige Blitze und Donnerſchlaͤge aufgeſchreckt. Haſtebeck, ohne Hoffnung, wieder einſchlummern zu koͤnnen, ver⸗ ließ ſein ruheloſes Lager, warf ſich in ſeine Kleider, ſtellte ſich ans Fenſter, und ſchaute und horchte mit Wohlgefallen in den wilden Aufruhr der Natur hin⸗ gus. Und nachdem kaum einige Minuten ſo ver⸗ 43 gangen waren, ſtürzte, unter fuͤrchterlichem Krachen, aus der ſchwarzen Gewitterwolke ein großer Feuer⸗ klumpen nach dem Dache des hohen, graͤflichen Schloſſes hin, und an der ableitenden, eiſernen Stange in den Erdboden hinab.—„Prachtvoll! prachtvoll!”“ rief Haſtebeck, ſobald der erſte Ein⸗ druck des Schreckens voruͤber war; und bald darauf ſetzte er hinzu:„Wer da unten geſeſſen haͤtte, der waͤre alles Jammers auf einmal entledigt geweſen!* Seufzend ſtarrte er mit noch geblendeten Augen in die Finſterniß hinaus nach einer Wiederholung des furchtbar⸗ſchoͤnen Schauſpiels. Eine unruhige Bewegung wogte durchs ganze Haus und den Hof. Der alte Thorwaͤrter begann ein Sterbelied zu plaͤrren; der Verwalter befahl den Knechten, die Pferde anzuſchirren; der Schaͤfer oͤff⸗ nete die knarrenden Thore des Schaafſtalls; man ſchloß die Thuͤr des Spritzenhauſes auf; und We⸗ ſtold zerſchlug ſich mit dem Feuerſtahl wieder ein⸗ mal die Finger, um Licht zu erhalten, und war in Verzweiflung, daß das Kunſtſtuͤck ihm ſo wenig gelingen wollte, als der Koͤchin am Feuerheerde. 4 45 Ganz außer ſich vor Unmuth und Beaͤngſtigung, ſtolperte er endlich in Haſtebecks Zimmer, um dieſen um Huͤlfe zu bitten. Haſtebeck aber ſchaute unverwandt nach dem Blitzableiter hin und ſagte: „Gleich, gleich! Ich will es nur erſt noch einmal einſchlagen ſehn. Aber ich bin im Feueranſchlagen ſo ungeſchickt, wie Du, zumal wenn das Feuerzeug nichts taugt.“ 3 Das nahm Weſtold uͤbel in der aufgeregten Stimmung, in welcher er eben war. Eifrig erwie⸗ derte er daher:„Ich nehme es im Feuer⸗Anſchla⸗ gen gewiß mit Jedem auf, und ich will Den ſehen, der mehr auf ein gutes Feuerzeug haͤlt, als ich! aber es iſt ein Ungluͤck, was mich verfolgt, daß der Schwamm nie brennen will, wenn es gerade am noͤthigſten iſt!“ „Er iſt, jetzt wenigſtens, geſcheiter, als Du!“ antwortete Haſtebeck.„Geht das Gewitter, ohne Schaden zu thun, voruͤber: ſo kannſt Du Dein Licht fuͤglich ſparen; und zuͤndet ein Blitz: ſo kannſt Du ja zehn tauſend Lichter an einem ein⸗ zigen, brennenden Stalle anſtecken. Wozu alſo die unnuͤtze Muͤhe?“ „Schaͤme Dich, ſo zu freveln!“ ſagte We⸗ ſtold unwillig, und ging nach der Thuͤr, um an⸗ derwaͤrts beſſern Troſt zu finden. Doch da trat Auguſte, beide Kinder auf den Armen tragend, mit dem Verwalter ins Zimmer, der eine brennende Laterne in der Hand hielt. Gleich ſchlug Weſtold nun mit neuem Eifer auf den Feuerſtein los, und nach wenigen Schlaͤgen hielt er Haſtebecken den glimmenden Schwamm hin, um ſeine und ſeines Feuerzeugs Ehre zu retten.—„ Siehſt Du!“ ſprach er—„ſobald ich ſehn kann, geht es; nur im Dunkeln will es mir immer nicht gluͤcken.“— Hierauf kuͤßte er aufs herslichſte Auguſten und die Kinder, und ſtellte ihrer Aller weiteres Geſchick nun mit frommer Ergebenheit dem Himmel anheim. Das Gewitter tobte noch eine Weile fort, ohne daß jedoch ein Blitz zuͤndete, oder daß ein zweiter an der Ableitungsſtange hinabfuhr; aber in Haſte⸗ becks Seele hatte jener erſte den regen Sinn für das Mahleriſch⸗Schoͤne, und die glte Neigung, es 47 künſt leriſch nachzubilden, aufs neue entzuͤndet. Noch ehe die Freunde ſein Zimmer verließen, warf er ſchon in fluͤchtigen Umriſſen aufs Papier, was er mit Pinſel und Farben ſpaͤterhin ausfuͤhren wollte; und als er wieder allein war, ſtand er ſtundenlang am Fenſter, gefeſſelt von dem Anblick, wie zwiſchen einem alten, gothiſch verzierten Thurme und einer halb umgeſunkenen Tanne der Mond aufging, und das zerrißne, dunkle Gewoͤlk, das der Sturm in ſtetem Wechſel voruͤberfuͤhrte, mit ſeinem ſchoͤnſten Silberglanze beſtreute. Auch von dieſen hoͤchſt mah⸗ leriſchen Geſtaltungen warf Haſtebeck in der Nacht noch leichte Entwuͤrfe aufs Papier, und er brannte vor Verlangen, die Bilder zu mahlen, die aufs lebendigſte ſeine Einbildungskraft beſchaͤftigten. Sobald der Tag angebrochen war, eilte er in die naͤchſte Stadt, um ſich die noͤthigen Geraͤth⸗ ſchaften zum Oel⸗Mahlen zu verſchaffen; und ſo⸗ bald er alles beiſammen hatte, fing er an, mit ju⸗ gendlich warmem, kuͤnſtleriſchem Eifer, erſt eine Gewitter⸗ und dann eine Mondſchein⸗ Landſchaft zu mahlen; und ehe er dieſe noch vollendet hatte, ſchweifte er ſchon in manchen Zwiſchenſtunden durch die wilden Felſenthaͤler bei Aarhorſt, und jagte nach ſchoͤnen Baum⸗ und Felſen⸗ Parthieen zu neuen Bildern umher, wie der Jaͤger nach Faſanen und Rehen zu Feſttagsmahlen. „Nun iſt er gerettet!“ verkuͤndete Weſtold freudig Auguſten, und mit zweifacher Theilnahme betrachteten Beide, was der begeiſterte Freund auf Papier und Leinwand zauberte. Es war unverkenn⸗ bar, wie wohlthaͤtig dieſe küͤnſtleriſchen Beſchaͤfti⸗ gungen auf Haſtebecks Koͤrper⸗ und Seelen⸗ Zuſtand wirkten; doch jede, noch ſo leiſe, Beruͤhrung ſeiner Wunden warf ihn, auf kuͤrzere oder laͤngere Zeit, zuruͤck in ſeine finſtere Verſtimmung. „ Gluͤcklicher Menſch!“ redete ihn Weſtold eines Tages bei ſeiner Arbeit an—„ Welch eine unverſiegbare Quelle des Vergnuͤgens und des Tro⸗ ſtes muß Deine ſchoͤne Kunſt fuͤr Dich ſeyn!“ „Des Troſtes?“ fiel ihm Haſtebeck ins Wort—„Nun ja! wenn man eben dabei vergißt, daß die Welt, in der man die Kunſt treibt, eine Moͤrdergrube iſt: ſo kann ſie einen, fuͤr den Augen⸗ blick 49 blick wenigſtens, recht gluͤcklich machen! Aber was mahle ich denn anderes, als einzelne Fetzen eines bunten, hinfaͤlligen Kleides, womit die Natur ihre Millionen Grabſtaͤtten uͤberdeckt? Iſt denn die gan⸗ ze Erde etwas anderes, als ein unabſehbares, ewig gieriges Leichenfeld? Und iſt jeder Baum und jedes Felſenſtuͤck nicht ein Trauerdenkmal für— Gott weiß, wie viele— zerſtoͤrte Leben— von Menſchen oder von Thieren— das macht keinen großen Un⸗ terſchied, denn der Menſch iſt in der Wirklich⸗ keit nicht viel kluͤger, als das Thier, ſondern nur in ſeiner Einbildung, auch in der Regel nicht beſſer, ſondern boͤſer, und nur im Gefuͤhl ſei⸗ nes Elends und ſeiner Nichtigkeit laͤuft er ihm den Nang ab!“ Und indem er dies geſagt hatte, fuhr er, in einer wilden Bewegung, mit dem Pinſel, den er eben in dunkle Farben, zur Ausmahlung einer Felſengrotte 3 getaucht hatte, uͤber den blauen Himmel und die gruͤnen Baͤume ſeines Bildes hin, warf ihn dann, zuſammt der Palette, auf den Tiſch, und ſtuͤrmte zum Zimmer und zum Hofe hingus, um ſich den Weſtold. II. Theil. 4 ganzen uͤbrigen Theil des Tages nicht wieder ſehen zu laſſen. Erſchrocken ſtarrte Weſtold das braune Zick⸗ zack des wilden Pinſelſtrichs an; und in der guten Abſicht, den verderbenden Zeugen der ungluͤcklichen Laune ſeines Freundes ſchnell zu vertilgen, ehe er guftrocknete, wollte er ihn mit einem reinen, in Oel getauchten Pinſel hinwegwiſchen; allein da die Farben des Himmels und der Baͤume ebenfalls friſch aufgetragen und noch nicht trocken waren: ſo ver⸗ wiſchten ſie ſich aufs ſchlimmeſte durch einander, und jemehr er ſich bemuͤhte, das Verdorbene wieder gut zu machen, deſto aͤrger verdarb er es nur. Seine Unruhe hieruͤber wurde mit jeder Stunde groͤßer. Haſtebeck aber, als er das Ungluͤck ſah, ſchien es ſehr gering zu achten; und ſagte nichts dazu, als:„Du ſiehſt, meine Bilder ſind Toll⸗ koͤpfe, ſo gut, als ich. Laß uns unſre Launen und Flecken: ſie werden ſonſt nur ſchlimmer.“ Er ſtellte das Bild bei Seite, ohne wieder Hand daran zu legen, ruͤhrte auch Leinwand und Oelfar⸗ ben nicht wieder an, ſondern machte von jetzt an — —— 51 nur leichte Skizzen auf Papier, groͤßtentheils gar nicht, oder doch nur ſehr wenig kolorirt. Als Weſtold hieruͤber ſein Befremden aͤu⸗ ßerte, und ihn aufforderte, wieder in Oel zu mah⸗ len, und ſich Muͤhe zu geben, ein Meiſter zu wer⸗ den, wie Claude Lorrain und Waterlo, erwiederte er ruhig:„Einer von dieſen werden zu wollen, das wuͤrde mir auch im Traume nicht einfallen; allen⸗ falls eine Art von Salvator Rosa koͤnnte in mir ſtecken, wenigſtens zieht meine Neigung mich nach ſeinen wilden Kompoſitionen noch am meiſten hin; aber ſchwerlich moͤchte mein Talent auch bis zu ihm hinauf reichen, und ich mag den Verſuch dazu gar nicht weiter machen; ſondern mein Streben iſt jetzt nur, mein Auge in moͤglichſt ſchneller Auffaſſung mahleriſcher Gegenden zu uͤben, und mir, bei moͤg⸗ lichſter Treue, eine moͤglichſt leichte Manier der Dar⸗ ſtellung anzueignen, wie ich ſie auf meinen Reiſen brauchen werde, um in meiner Mappe bildlich auf⸗ zubewahren, was mir Mahleriſch⸗ſchoͤnes in der Natur aufſtoßen wird.“. So kam er aufs Reiſen uͤberhaupt, und dann 4* beſonders aufs See⸗Reiſen zu ſprechen. Als er nun anfing, dies in ſeiner wilden, eigenthuͤmlichen Herr⸗ lichkeit aussumahlen, konnte Weſtold ſich endlich einer gutgemeinten Abmahnung, die er lange auf dem Herzen gehabt hatte, nicht mehr enthalten. „Ach, Freund!“ ſprach er im liebreichſten Tone zu ihm—„bleib doch auf dem feſten Lande, und geh nicht aufs Meer! Bedenke doch, wie viele Mei⸗ len lang nur die Staaten unſers Monarchen ſind! Wie große Reiſen kann man nicht in dieſen ſchon machen! Und genuͤgen Dir dieſe nicht: nun ſo durchreiſe gans Deutſchland, von einem Ende zum andern! Lieber Himmel! ſchon das iſt ja eine ent⸗ ſetzliche Reiſe! Und biſt Du ganz reiſe toll: barm⸗ herziger Gott! wie unermeßlich groß iſt Europa! So geh nach Paris! nach Petersburg! nur nicht in die Tuͤrkei! Und doch zehnmal lieber will ich Dich ſehn nach Conſtantinopel reiſen, als uͤbers Meer! Der Menſch hat keine Floßfedern und keine Schwimm⸗ haut an den Fuͤßen; ſondern ſie ſind nur eingerichtet aufs Gehen: alſo gehoͤrt der Menſch auch nicht aufs Meer, ſondern aufs feſte Land! Ich werde 5³ nie wieder ruhig, wenn Du zu Schiffe gehſt, denn ich ſeh' es vorgus, und ich fuͤhl' es an jedem Herz⸗ ſchlage ſchon jetzt, daß es dort ſchlecht ablaͤuft mit Dir! Wer ſich ohne Noth in die Gefahr begiebt, kommt leicht darin um!“ Doch je aͤngſtlicher Weſtold abmahnte, deſto heller blitzte es in Haſtebecks Augen auf, und bei den letzten, tragiſch⸗prophetiſchen Worten des aͤngſtlichen Freundes ſprang er laut lachend vom Stuhle auf und im Zimmer hin und her.„We⸗ ſtold!“ rief er—„biſt Du eine Kindermuhme geworden? Und meinſt Du, Du willſt mich in Furcht jagen durch die Gefaͤhrlichkeit einer Seereiſe? Das iſt es ja eben, was mich am meiſten anzieht dabei! Mit der Gefahr waͤchſt fuͤr den Muthigen die Luſt in jeder Art von Kampf, ſey es im Duell, ſey es in der Schlacht, oder bei einer Seereiſe. Sollte ich immer hinrudern auf einer glatten, oder nur wenig vom Zephir gekraͤuſelten Flaͤche: warlich, ſo bliebe ich gleich auf dem Trocknen, oder ich kehrte wenigſtens, ſobald ich könnte, dahin zuruͤck, denn das würde mir wenigen, kurzen Spaß machen. Aber 54 ein ſturmbewegtes Meer, ein immer wechſelndes, wildes Aufſteigen und Umſtuͤrzen der ſchaͤumenden Wellen, die das hinfliegende Schiff jetzt einem Ab⸗ grunde entheben, und dann es wieder in einen geoͤffneten Todesrachen nach dem andern hinabzu⸗ ziehen ſuchen— und im Sturmgeheule das Rufen und Schreien und Fluchen der entgegenkaͤmpfenden Matroſen— ſieh, das muß eine Luſt ohne Gleichen ſeyn, und nach der hat es mich hingezogen, ſeit ich die erſte Beſchreibung einer Seereiſe las! Glaub' mir: das Meer, das Meer iſt mein Element; und ich wollte, mein Vater haͤtte mich aus Tertia gleich auf ein Schiff geſchickt! Ein Seemann haͤtt' ich werden muͤſſen, und von allen Reiſen waͤre eine Reiſe rings um die Welt mir die liebſte geweſen! Gebe der Himmel nur, wenn ich endlich hinaus kom⸗ me aufs Meer, daß ich es nicht unter meiner Erwar⸗ tung finde, wie es mir ſchon mit manchem Andern in der Welt gegangen iſt, ſondern daß es mich in der Wirklichkeit ganz ſo großartig, ſo furchtbar ſchoͤn und wild umſchaͤumt, und umbrauſt, und umraſt, wie ich mir es ſchon ſeit langer Zeit vorſtelle! Iſt 5⁵ das der Fall: Freund, ſo iſt von allen Reiſenden zu Lande und zu Meere keiner gluͤcklicher, als ich!“ Weſtold ſchuͤttelte immer bedenklicher den Kopf, und wurde ganz tiefſinnig uͤber dieſe ſeltſame Neigung ſeines Freundes, die der ſeinigen ſo ganz und gar entgegen geſetzt war. Haſtebeck aber ſchien ſeit dieſem Geſpraͤch aufs neue begeiſtert fuͤr ſeine großen Reiſeplaͤne, und eifriger, als jemals, betrieb er jetzt die mancherlei wiſſenſchaftlichen und kuͤnſtleriſchen Vorbereitungen dazu. Durch nichts wollte er ſich mehr ſtoͤren laſſen in der Verfolgung ſeines Zieles. Haſtebecks Geburtstag ruͤckte heran. We⸗ ſtold und Auguſte wuͤnſchten, einen heitern Feſt⸗ tag daraus zu machen; allein ſobald Haſtebeck dies merkte, erklaͤrte er ſich ſo ernſtlich dagegen, daß ſie ihm endlich mit Hand und Mund verſpre⸗ chen mußten, von jedem Verſuche dieſer Art gaͤnz⸗ lich abzuſtehen. Selbſt die Gluͤckwuͤnſche, womit 56 ſie ihn am Morgen jenes Tages begruͤßen wollten, wies er zuruͤck, indem er ſagte, es waͤre am Ende wohl beſſer geweſen, wenn er gar keinen Geburtstag haͤtte. Unbefangen erwiederte Auguſte:„Ei, wenn Sie den nicht haͤtten: ſo waͤren Sie ja gar nicht auf die Welt gekommen?“ Und finſtern Blicks gab er zur Antwort:„So meinte ich es eben.“ Auguſten that dieſe Aeußerung ſchmerzlich weh. Trotz ihres gegebenen Verſprechens, konnte ſie es ſich nicht verſagen, ein Paar kleine Kraͤnze von Lebensbaum und einigen Fruͤhlingsblumen zu winden, die ſie auf die Koͤpfchen der Kinder legte. Sie, die kleine Marie auf dem Arme, Weſtold, den kleinen Herrmann, gingen ſie dann in das Zimmer des Freundes, und hielten ihm die bekraͤnz⸗ ten, ſonntaͤglich geputzten Kinder hin. Im erſten „Augenblick wollte er ſchelten, weil das gegen ihre Verabredung ſey; aber Auguſte ließ ihm dazu kei⸗ ne Zeit, indem ſie ſcherzend ſagte, die Kinder waͤren an keine Verſprechen gebunden, und auf dieſe duͤrfe er alſo nicht zuͤrnen, daß ſie ihm ein Paar Feſtkraͤnze braͤchten. Und bei dieſen Worten fuͤhrte ſie Mariens kleine Hand hinauf zum Kranze, hob ihn von dem blonden Koͤpfchen, und reichte ihn dem ernſten Freunde hin, daß es gusſah, als ob das Kind es thaͤte. Weſtold ließ den kleinen Herrmann mit ſeinem Kranze das naͤmliche Kunſt⸗ ſtuͤck machen. Beide Kinder ſchauten dabei aus ſo hellen, freundlichen Augen um ſich her, und Ma⸗ rie, als ob ſie in den Scherz von ſelbſt mit eingin⸗ ge, laͤchelte ſo unwiderſtehlich hold, bald nach der Mutter, bald nach Haſtebeck hin, daß er nicht unterlaſſen konnte, die Kraͤnze anzunehmen, und beide Kinder dankend zu küſſen. Und je laͤnger er Beide, beſonders Marien, betrachtete, deſto mehr ſchmolz die angekuͤnſtelte Eishuͤlle von ſeinem Herzen; mit jedem Pulsſchlage war er wieder mehr und mehr der warm fuͤhlende Menſch von ehemals, ſo daß er das Kind endlich der Mutter vom Arme nahm, und es mit den zaͤrtlichſten Worten und Lieb⸗ koſungen uͤberſchuͤttete. Mit jeder Sekunde ſchien ſich ſeine Empfindung zu ſteigern. Bald druͤckte er das Kind an ſeine Lippen, bald hielt er es hoch vor ſich hin, und hing an ihm mit liebevollen, freude⸗ 58 trunkenen Blicken. Ploͤtzlich aber wurden ſie truͤb und truͤber, ja ſie ſchienen feucht werden zu wollen von einer Thraͤne. Endlich brach er in die Worte aus:„So ein Kind— ſo ein Kind— ſo einen Engel von einem Kinde hatte ich auch!— Gott im Himmel! und ich habe es nicht mehr!“ Und dann, mit ſchnell abgewendetem Geſicht, druͤckte er die Kleine wieder der Mutter in den Arm, und bat mit gebrochener Stimme, daß man ihm mit dem An⸗ blick der beiden Kinder nicht laͤnger das Herz zerrei⸗ ßen moͤchte.— So gereichte ihm abermals zum Schmerze, was ihn haͤtte aufheitern ſollen, und be⸗ truͤbt gingen die Freunde von ihm hinweg. Seit dieſem Tage wurde es immer auffallender, wie der Anblick der Kinder, beſonders Mariens, ihn immer ſinſterer verſtimmte. Den kleinen Herr⸗ mann, ob er gleich ſchon ſich recht erfreulich zu entwickeln begann, ſchien er am wenigſten zu beach⸗ ten, oder vielmehr ihn abſichtlich nicht beachten zu wollen, ja er warf uͤber ihn einmal die Aeußerung hin, der Junge haͤtte ganz wegbleiben ſollen aus der Welt. Dagegen hefteten ſich guf Marien oft unwillkührlich ſeine Blicke, und immer mit ei⸗ nem ſchweren Seußzer wendete er ſie endlich wieder von ihr ab. Und als er beide Eltern einmal, in ei⸗ ner Gartenlaube, in der vollen elterlichen Gluͤckſe⸗ ligkeit mit ihr koſen ſah, und von ihnen ihr Gluͤck preiſen hoͤrte, brach er in die Worte aus:„Sol⸗ ches Gluͤckes koͤnnte auch ich mich freuen! Und ich bin betrogen darum! Ich habe es verſchleudert, wie ein Wahnſinniger!“* Weſtold verſchwendete vergebens die freund⸗ lichſten Zuredungen an ihn. Er blieb bei der Selbſt⸗ anklage, daß er, wie ein Tollhaͤusler, mit ſeinem Lebensgluͤck gewirthſchaftet habe, und daß er ſelber der Moͤrder ſeines Friedens und ſeiner Freude ſey. „Ich muß fort! fort!“ ſetzte er hinzu—„um auf wildem Meere und in fremden Welttheilen zu vergeſſen, was in der Heimath mich quaͤlt!“ Er fing an, ernſtliche Anſtalten zu ſeiner Abreiſe zu machen, ig er verfaßte ſogar einen ſchriftlichen Aufſatz uͤber die Vertheilung ſeines Vermoͤgens nach ſeinem Tode, im Fall er von ſeiner Reiſe nicht zuruͤckkehren wuͤrde, und er 60 haͤndigte Weſtolden dies Papier, verſiegelt, zur Aufbewahrung ein. Außerdem aber wies er ihm noch eine anſehnliche Summe an, zur gaͤnzlichen Erhaltung einer alten Tageloͤhner⸗Wittwe, Na⸗ mens Anna Werner, in einem benachbarten Dorfe, und zur Ausſtattung und Unterſtüͤtzung ihrer Tcochter in einer nahe gelegenen, kleinen Stadt, wenn ſie ſich verheirathen, oder irgend in Noth kom⸗ men ſollte. Er bat Weſtolden hierbei dringend, daß er Beide nie aus den Augen verlieren, aber dieſes Geld ihnen immer auf eine Art moͤchte zukom⸗ men laſſen, welche ihnen niemals den Geber ver⸗ riethe. Weſtold konnte eine kleine Frage der Neugier nicht unterdruͤcken, um zu erfahren, welche Bewandt⸗ niß es mit dieſen Leuten habe? Schweigend aber, und ſehr verfinſterten Blicks, ſchüttelte Haſtebeck erſt nur mit dem Kopfe, und ſagte endlich nichts, als:„Laß uns davon abbrechen! Es betrifft eine ungluͤckliche, boͤſe Geſchichte!“ Als ſie am folgenden Tage zum Abendeſſen noch bei Tiſche ſaßen, trat der Jaͤger ins Zimmer, 61 der bei dem Grafen in der Reſidenz geweſen war, und wegen einiger Einrichtungen, die im Schloſſe beſorgt werden ſollten, eine Beſtellung zu machen hatte.— Hoͤflich fragte Weſtold nach dem Be⸗ finden des Grafen und der Graͤfin; und theilneh⸗ mend hoͤrte er, daß die Graͤfin bei der Entbindung von einer Tochter, dem Tode ſehr nahe geweſen, jetzt zwar um vieles beſſer, doch immer noch nicht außer Gefahr ſey, beſonders da ſie vor ein paar Tagen einen faſt toͤdtlichen Schreck gehabt habe. Mit bitterm Tone fragte Haſtebeck, ob der Herr Graf vielleicht ein wenig zu ſtark mit Champagner⸗ Flaſchen kanonirt habe?—„O nein!“ antwor⸗ tete der Jaͤger—„der Herr Graf waren gar nicht zu Hauſe, ſondern bei einem General auf einem Balle geweſen, waͤhrend beinahe das große Ungluͤck geſchehen waͤre.“ „Welches Ungluͤck denn?“ fuhr Weſtold fort zu fragen. Die Amme habe im Schlafe das Kind faſt er⸗ druͤckt, erzaͤhlte der Jaͤger. 62 „Erdruͤckt?“ ſchrie Haſtebeck auf—„Er⸗ druͤckt? Was fuͤr ein Kind?“ „Das kleine Comteßchen!“ erwiederte der Jaͤ⸗ ger, und fuhr fort, zu erzaͤhlen, daß die Frau Graͤfin nur durch einen gluͤcklichen Zufall das nahe Unglück nooch zur rechten Zeit entdeckt habe, daß das Kind ſchon ganz blau geweſen, und kaum ins Leben zu⸗ ruͤck zu rufen geweſen ſey. 4 In der heftigſten Bewegung war Haſtebeck von ſeinem Sitze aufgeſprungen, und hatte den Stuhl hinter ſich umgeworfen, ohne es zu bemerken. Mit wilden Blicken nach dem Erzaͤhler hinſtarrend, konnte er, mit beklommenem Athem, kaum die neuen Fragen heraus ſtoßen:„Lebt es auch noch? Iſt es gerettet? Iſt es auch friſch und geſund, wie vor⸗ her?“ Die ruhige, wiederholte Bejaung dieſer Frage ſchien einen Stein von ſeiner Bruſt herabzuwaͤlzen; doch der heftige Schreck, von dem er anfangs ergrif⸗ fen war, ſchien alsbald in einen lebhaften Zorn uͤber⸗ zugehen.„Wie leichtſinnig behandeln ſie das Kind!“ 63 rief er aus—„Gott im Himmel! wenn das Kind erdruͤckt worden waͤre!“ Raſchen Schrittes ging er zur Thuͤre hinaus und nach ſeinem Zimmer; und hoch erſtaunt uͤber die ſchreckliche Wirkung, welche die Erzaͤhlung des Jaͤ⸗ gers auf ihn gemacht hatte, ſahen die Freunde ihm nach, und ſchuͤttelten ſeufzend die Koͤpfe, wie am Bet⸗ te eines Gefaͤhrlichkranken. Der Jaͤger ſelbſt zog ſich betreten zuruͤck. Als ſpaͤterhin Weſtold zu Haſtebeck ins Zimmer trat, hatte dieſer eben einen Brief an den Grafen geſiegelt, und bat um die moͤglichſt ſchnellſte Befoͤrdernng deſſelben auf die Poſt. Weſtold ver⸗ ſprach, daß das am naͤchſten Morgen ſogleich durch einen Boten geſchehen ſolle, und Haſtebeck, der jetzt um vieles ruhiger war, reichte ihm dankbar die Hand fuͤr dieſes Verſprechen. Das machte Weſtolden Muth zu der Frage: „Aber, lieber Freund, wie konnteſt Du ſo unge⸗ heuer„ ſo uͤber alle Maaßen ergriffen ſeyn und auf⸗ brauſen bei der Erzaͤhlung des Jaͤgers? Wie ſoll ich 64 mir nur Deine ſo uͤbertriebene Theilnahme an dem graͤflichen Kinde erklaͤren?“ Haſtebeck konnte einige Verwirrung, in die ihn dieſe Frage verſetzte, nicht verbergen; doch bald ge⸗ faßt, erwiederte er:„An dem Leben dieſes Kindes haͤngt gewaltig viel! Stirbt es eher, als die Graͤfin: ſo faͤllt das ungeheure Vermoͤgen, das der Graf um theuern, ſchrecklich theuern Preis erheirathet hat, an ihre Verwandten zuruͤck! die Glaͤubiger des Grafen ſind dann betrogen, und er iſt ein ganz ver⸗ lorner Menſch!“— Hierauf brach er das Geſpraͤch ab, und auf ſeine Verſichrung, daß er muͤde ſey, und ſich zeitig niederlegen wolle, entfernte ſich We⸗ ſtold von ihm, ohne weitere, laͤſtige Fragen. Lange nachher aber hoͤrtee Weſtold ihn noch in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgehen, und am frů⸗ hen Morgen trat er Weſtolden ganz und gar rei⸗ ſefertig entgegen, und bat ihn um Pferde und Wa⸗ gen bis zur naͤchſten Poſtſtation, aber nicht in der Richtung nach dem eere hin, ſondern wieder nach der Reſidenz, wo er hergekommen war. Er ſagte, daß ihn eine dringende Angelegenheit erſt noch ein⸗ mal „» 65 mal dorthin zuruͤckrufe; ſobald dieſes beendet ſey, werde er ſeine große Reiſe antreten. Den Brief an den Grafen nahm er, als nun unnuͤtz geworden, zuruͤck.— Es war ein ſtuͤrmiſches, kaltes Wetter, und er ſchien nicht wohl zu ſeyn. Auguſte mollte ihn daher durchaus nicht reiſen laſſen; doch keine Vor⸗ ſtellung und keine Bitte konnte ihn bewegen, auch nur einen halben Tag noch laͤnger zu bleiben. Eine unverkennbare, innere Unruhe trieb ihn unaufhaltſam hinweg; er ließ nicht nach mit Gegen⸗ bitten, bis Weſtold in den Hof hinunter rief, daß ein Wagen angeſpannt werden ſolle. Sobald dies geſchehen und der Koffer darauf gepackt war, griff Haſtebeck nach ſeinem Hute, und reichte dann Weſtolden und Auguſten zum Abſchiede, mit einem ernſten, feſten Blicke, die Hand. Beide waren in der ſchmerzlichſten Be⸗ wegung, Beide wollten dem theuern Freunde noch das Herzlichſte, wozu ſie ſich gtrieben fuͤhlten, in Worten und Umarmungen ausdruͤcken; aber er ließ ſie dazu nicht kommen; er riß ſich gewaltſam von Weſtold. II. Theil. 5 66 ihnen los, und eilte ſo ſchnell nach dem Wagen, daß ſie ihm nicht nachkommen konnten; und ſtumm, 4 faſt ohne einen Ruͤckblick nach ihnen, fuhr er davon. „Heißt das ein Abſchied auf Leben und Tod?2 klagte Auguſte bei der Ruckkehr in's Zimmer. „Wie leicht kann es ſeyn, daß wir ihn nie wieder⸗ ſehn! und ohne ein herzliches Wort iſt er davon ge⸗ gangen! ohne auch nur eins hoͤren zu wollen! Iſt das recht? Iſt das freundſchaftlich?“ „Un freundſchaftlich iſt es gewiß nicht von ihm gemeint!“ antwortete Weſtold.„Er mag das Abſchiednehmen uͤberhaupt nicht leiden, und wenn er am bewegteſten iſt, gerade am allerwenigſten. Das iſt ſeine Weiſe nun einmal ſo. Wenn ſie der meinigen auch nicht zuſagt: ſo kann ich ſie wenig⸗ ſtens nicht uͤbel deuten.“* Er hielt ein Weilchen inne; aber mit einem ſchweren Seufzer und hoͤchſt niedergeſchlagenem Tone fuhr er dann fort:„Wenn nur uͤbrigens alles mit ihm waͤre, wie es ſeyn ſollte! Wenn er nur nicht nach außen ſo verſchloſſen— nicht innerlich in ſei⸗ nem ganzen Weſen ſo zerſtoͤrt waͤre!— Vertraͤgt 67 1 „ſich ſolche hartnaͤckige Verſchloſſenheit mit alter, 4 treuer Freundſchaft? Setzt eine ſolche innere u. ruhe— ach, wie ſchwer wird mir das auszuſpre⸗ chen!— nicht ein ſchrecklich belaſtetes Gewiſſen voraus? Was hat er gethan— was hat ver⸗ brochen, das ihn dem Herzen ſeines Freundes, das ihn ſeinem ſonſtigen Frohſinne ſo traurig entfremdet? Kann ich ihn noch meinen Freund nennen, der ſeit langer Zeit ſchon ſo ſtumm neben mir ſtand? Darf ich Den als Menſchen noch achten, deſſen Bewußt⸗ ſeyn ſich mir ſo ſchuldbelaſtet gezeigt hat?2 Err verſtummte mit thraͤnendem Auge. Furcht⸗ bar laſtete die herzzerreißende Befuͤrchtung auf ihm, daß er über kurz oder lang durch irgend eine boͤſe Nachricht, welche den Schluͤſſel zu dem unerklaͤrli⸗ chen, verſtoͤrten Weſen ſeines, ihm ſchon halb ent⸗ fremdeten, Freundes gaͤbe, werde erſchreckt werden. Er zitterte vor dem Boͤſen, was er erfahren wuͤrde, und in manchem ſtillen Gebete flehte er zu Gott, daß es nur nichts Unwuͤrdiges ſeyn moͤge, denn die⸗ ſen Schmers zu ertragen, traute er ſelbſt ſich nicht Muth und Kraft genug zu. 5* 68 Mitten in dieſen niederſchlagenden Betrachtun⸗ 4 gen erinnerte er ſich des Auftrags von Haſte beck, für die Erhaltung der alten Anna Werner und die etwa noͤthige Unterſtüͤtzung ihrer Tochter zu ſor⸗ gen. Es erſchien ihm als eine heilige Pflicht, ſich dieſes Auftrags recht bald zu entledigen, wenn er auch von dem dazu angewieſenen Gelde noch nichts erhoben hatte. Am erſten Tage, da er Zeit dazu hatte, fuhr er daher nach den bezeichneten Orten, um jene Perſonen aufzuſuchen, und mit eignen Au⸗ gen zu ſehen, was ſie beduͤrfen, und wie ſie am zweckmaͤßigſten zu unterſtuͤtzen ſeyn moͤchten. An der Anna Werner fand er eine alte, ſchwache, unfreundliche Frau. Als er ſie nach ihrer Lage zu befragen anfing, prahlte ſie, daß ſie hohe, vornehme Freunde in Menge habe, die große Stuͤcke auf ſie hielten, und es ihr an nichts fehlen ließen, ſo daß ſie, wenn ſie ſonſt Luſt dazu haͤtte, alle Tage herrlich und in Freuden leben, und ſich in Sammt und Seide kleiden koͤnnte, ſo gut, wie ihre bild⸗ ſchone Tochter. Da ſie aber endlich hoͤrte, daß der Unbekannte, der vor ihr ſtand, den Auftrag 69 habe, für ihre bisherige, monatliche Unterſtützung Sorge zu tragen, begann ſie plöͤtzlich zu klagen, daß ſie oft Mangel leide, und kaum wiſſe, wo ſie einen Biſſen Brodt hernehmen ſolle. Nach genaue⸗ rer Unterſuchung fand Weſtold, daß die Wahr⸗ heit zwiſchen ihren beiden Ausſagen grade in der Mitte lag, und daß die Unterſtützung, welche ſein Freund ihr zukommen ließ, ihren Beduͤrfniſſen und Verhaͤltniſſen vollkommen angemeſſen war. Auf ſeine ernſtliche Ermahnung, daß ſie künftig weder albern prahlen, noch undankbar klagen ſolle, fing ſie ploͤtzlich an zu weinen, und entſchuldigte ſich mit der Schwachheit ihres Kopfes, woran das Herzeleid über ihre Kinder Schuld ſey.„Baue nur Keiner auf Kinder!“ war der Denkſpruch, den ſie faſt in jeder Minute mit grollendem Tone wiederholte. Weſtold freagte ſie, ob ſie denn, außer ihrer Tochter Catharine, noch mehr Kinder habe? Ihre Antwort war, ſie habe noch einen Sohn ge⸗ habt, in der heiligen Taufe Gottfried, vom gan⸗ zen Dorfe aber gewoͤhnlich Stoͤrenfried genannt, weil er, von Kindesbeinen an, ein toller, zaͤnkiſcher 70 Junge geweſen ſey; der Vater habe aber viel auf ihn gehalten, und immer gemeint, daß aus dem einmal ein rechter Kerl werden muͤſſe; er ſey dann auch ſehr ſchnell in die Hoͤhe geſchoſſen, ſo daß er ſich ſchon im achtzehnten Jahre habe buͤcken muͤſſen, wenn er durch die Thuͤre gegangen ſey; da habe es dann nicht fehlen koͤnnen, daß er fruͤhzeitig unter die Soldaten geſteckt, und weil er gut leſen und ſchreiben gelernt, bald Gefreiter und dann Unterof⸗ fizier geworden ſey; und zuletzt ſetzte ſie ſehr wohl⸗ gefaͤllig hinzu: wenn er am Leben geblieben waͤre, wuͤrde er es gewiß noch bis zum Feldwebel gebracht haben. „Und Der iſt todt?“ fuhr Weſtold fort zu fragen. Und die Alte fuhr fort zu erzaͤhlen von ih⸗ rem großen Gottfried, daß er, als ein pfiffiger, brauchbarer Kerl, mit einem vornehmen Offizier weit, weit in die Welt hinaus habe auf Werbung gehen müſſen, daß er auf dieſem Poſten als ein recht⸗ ſchaffener Soldat fuͤr ſeinen Koͤnig eine Menge der ſchoͤnſten Rekruten zuſammengefiſcht, aber von ei⸗ nem ſolchen Halunken, einem lockern Geſellen, dem 71 er bei einem Glaſe Wein ſchon das Handgeld glück⸗ lich in die Taſche und den Soldatenhut auf den Kopf practiſirt, auf der Stelle todt geſchlagen ſey; dar⸗ üͤber habe der Vater ſich zu Tode gegraͤmt, und noch auf dem Sterbebette geſchworen, daß ſein Gottfried gewiß noch würde Feldwebel geworden ſeyn, wenn er nicht vor der Zeit haͤtte ins Gras bei⸗ ßen muͤſſen— ſie aber bleibe dabei, es muͤſſe Kei⸗ ner auf Kinder bauen, denn ehe man es ſich verſaͤhe, waͤren ſie aus der Art geſchlagen, oder todt, wenn man auch alle Haͤnde uͤber ihnen ausgebreitet ge⸗ habt habe. Auf Weſtolds Frage, ob ihre Tochter Ca⸗ tharine denn aus der Art geſchlagen ſey, und was ſie hierunter verſtehe, antwortrte ſie erſt ganz erbit⸗ tert:„Bekuͤmmert ſie ſich denn wohl um mich? Iſt es ihr nicht einerlei, ob ich lebe, oder ob ich umkomme? Folgt ſie wohl irgend einem Menſchen, ſeit ihr Bruder todt iſt, der ihr immer den Daumen aufs Auge druͤckte, und ſie manchmal abwalkte, wenn ſie heimlich auf den Tanzboden gelaufen, oder wenn ſonſt etwas vorgefallen war?“ 72 Als Weſtold nun aber weiter nach der Toch⸗ ter forſchen wollte, aͤnderte die Alte ploͤtzlich die Sprache, lobte die Tochter uͤber die Maaßen, ſagte, daß ſie das huͤbſcheſte Maͤdchen nicht allein im Dorfe, ſondern auch weit und breit geweſen ſey, daß ſie mehr als einen Faͤhndrich und manchen noch vornehmern Herrn haͤtte zum Manne bekommen koͤnnen„ wenn ſie nur haͤtte Ja ſagen wollen; und daß ſie jetzt eben wieder einen Braͤutigam von hohem Stande habe, welcher durchaus nicht wolle, daß ſie ſich fernerhin als Dienſtmaͤdchen vermiethe, und der ſie mit den praͤchtigſten Kleidern ausſtaffirt habe, wie eine Edel⸗ dame. Weſtold freute ſich ſehr uͤber die Nachricht von Catharinens naher Verſorgung durch eine vortheilhafte Heirath, und ſagte, daß er fur dieſen Fall den Auftrag habe, eine anſtaͤndige Ausſtattung zu beſorgen. Da nickte die Alte ihm freundlich grinſend zu, und mit einem widerlichen Tone, der ſchalkhaft ſeyn ſollte, verſicherte ſie, daß ſie ſchon merke, von was fuͤr einem ſchmucken, lieben Herrn dieſer Auftrag komme. Und als Weſtold, aus Furcht, ———,— — daß das Incognito ſeines Freundes gefaͤhrdet werden koͤnne, zu der Nothluͤge griff, daß eine alte, from⸗ me Dame dieſe Großmuth ausuͤben wolle, gab ſie, noch ſchalkhafter, als vorher, zur Antwort:„Ganz recht! Ich verſtehe es ſchon! Eine alte Dame mit Stiefeln und Spornen, und mit einem Degen unter der Saloppe! Ja, ja! ſo war er des Abends manchmal zu ihr geſchlichen, daß ihn Niemand er⸗ kennen ſolle; und weil ſie noch ein junges, dummes und ſchuͤchternes Ding war, und ſich vor ihm fuͤrch⸗ tete: ſo verſprach er ihr anfangs heilig, daß er ſie heirathen wolle, und nachmals wenigſtens, daß er ſie ausſtatten werde, wie eine Prinzeſſin, wenn ſie einen Andern heirathete. Na, ſo mag er dann nur tuͤchtig herausruͤcken, der loſe Schelm! Wir kennen ihn ſchon!“ Weſtold erblaßte und verſtummte bei dieſer ſchalkhaften Rede der Alten, und, jeden Augenblick befuͤrchtend, daß ſie den Namen ſeines Freundes laut ausſchreien werde, wußte er ſich nicht anders zu helfen, als daß er ihr augenblickliches Stillſchwei⸗ gen gebot, und die ernſthafte Drohung hinzuſetzte, 74 daß weder ſie noch ihre Tochter jemals einen Heller weiter bekommen werde, wenn ſie gegen ihn, oder gegen irgend Jemanden jemals wieder ſo albernes Geſchwaͤtz triebe. Hierauf erhob aber die Alte ihre Stimme noch ungleich lauter, als zuvor, indem ſie betheuerte, kein Menſch in der Welt ſolle ihr das Reden verbie⸗ ten, und der gottesvergeſſene Boͤſewicht, der ihr unſchuldiges Kind ſo ſchaͤndlicher Weiſe belogen und betrogen habe, muͤſſe ſie fortwaͤhrend erhalten, wie er es bis jetzt gethan, und ihrer Tochter muͤſſe er eine Ausſtattung geben, ſo praͤchtig, als ſie es nur verlangen werde, und wenn das nicht naͤchſtens ge⸗ ſchaͤhe, damit das arme Ding endlich eine ehrliche Frau werde: ſo wolle ſie ſelbſt mit ihrer Kruͤcke in die Reſidenz humpeln, und dort vor einem großen General, der auf ihr Cathrinchen große Stuͤcken halte, einen Fußfall thun, und nicht ruhen, bis der verruchte Menſch Geld uͤber Geld gezahlt, und zum oͤffentlichen Scandal an den Pranger geſtellt ſey. Gaͤnzlich verzweifelnd an dem gluͤcklichen Aus⸗ gange eines ferneren Wettkampfes mit einer ſolchen 2 75 Rednerin, ja fuͤrchtend, daß er mit jedem weiteren Worte das Uebel nur aͤrger machen werde, zog ſich Weſtold ganz ſtill zuruͤck, achtete des kreiſchenden Nachrufens der Alten nicht, und ſchuͤttelte den Staub von ſeinen Fuͤßen, als er ihre Huͤtte hinter ſich hatte. So bitter auch, nach dieſem Auftritte, ſeine Verſtimmung uͤber den erhaltenen Auftrag war, ſo blieb er doch bei dem Vorſatze, ihn nach beſtem Wiſ⸗ ſen und Gewiſſen auszurichten; aber mit wahrem Schaam⸗Erroͤthen uͤber die ungluͤckliche Verirrung ſeines Freundes, ſchlug er die Haͤnde zuſammen, und rief ein Mal nach dem andern aus:„Was fuͤr ei⸗ ne boͤſe, boͤſe Geſchichte!”“— Mit ſchwerem Herzen fuhr er nach der Stadt, in welcher Catharine ſich aufhalten ſollte. Nach und nach lebte indeſſen die Hoffnung in ihm auf, daß dieſe vernuͤnftiger und von beſſeren Sitten ſeyn werde, als die Mutter, weil er des feſten Glaubens war, das in dem ſchoͤnen Koͤrper auch eine ſchoͤne Seele wohnen muͤſſe. Er rechnete alſo mit Zuver⸗ ſicht darguf, durch ſie auf die rohe, gemeine Mut⸗ 76 ter wirken zu koͤnnen, ſo daß alles friedlich und an⸗ ſtaͤndig abgethan werden koͤnne. Hoͤchſt erwuͤnſcht war ihm die Laͤnge des We⸗ ges, den er, bis hin zu ihrem Wohnorte, zuruͤck zu legen hatte, weil er dadurch Zeit gewann, ſich wie⸗ der diejenige ganz ruhige Stimmung und Haltung zu eigen zu machen, welche er noͤthig zu haben glaub⸗ te, um das ſchoͤne Maͤdchen mit aller ihr ſchuldigen Schonung und Zartheit zu behandeln. Noch lange zuvor, ehe er an's Stadtthor kam, war er daher ſehr vollkommen mit ſich einig, nicht nur, wie er ſie begruͤßen, anreden, und die Unterhandlung mit ihr einleiten, ſondern dieſe auch geſchickt fortfuͤhren und beendigen wollte, um ſich ſowohl ihr, als guch ihres Braͤutigams Vertrauen— im Fall er auch deſſen Bekanntſchaft machen wuͤrde— zu erwerben. Als er in den Gaſthof gelangt war, fand es ſich aber, daß er ſich mit ſeiner ganzen Vorbereitung eine durchaus unnuͤtze Muͤhe gegeben hatte, indem die Catharine Werner ſchon ſeit einiger Zeit wieder ausgewandert war, ohne daß Jemand wußte, wohin; ja bei naͤheren Erkundigungen nach ihrer —— 77 Perſoͤnlichkeit und ihrem gefuͤhrten Lebenswandel, ergab es ſich unwiderſprechlich, daß die ſchoͤnen Re⸗ den, welche er an ſie hatte richten wollen, bei ihr gar ſchlecht angebracht geweſen waͤren. Alle Ausſagen uͤber ſie ſtimmten nemlich auf's vollkommenſte darin uͤberein, daß ſie nicht nur keinen Braͤutigam habe, ſondern auch wohl ſchwerlich einen bekommen werde, weil ſie eine hoͤchſt ſchaamloſe, luͤderliche Dirne ſey, die man, ohne ihr Unrecht zu thun, zu dem heillo⸗ ſeſten Auswurf ihres Geſchlechts zaͤhlen muͤſſe. Weſtold ſchauderte zuruͤck vor dem Bilde, das man ihm von der Catharine Werner entwarf. Gar zu gern haͤtte er ſich eingebildet, ſie ſey eine ganz andere Perſon, als die, welche er ſuchte; doch leider mußte er ſich ſagen, daß dies unmoͤglich ſey. — Mit tiefer Betrübniß ſetzte er ſich in den Wagen, um nach Aarhorſt zuruͤck zu fahren. Es war ihm ein furchtbarer Gedanke, daß ſein Freund, mehr oder weniger, das moraliſche Verderben dieſes Geſchoͤpfes koͤnne verſchuldet haben, und mit den duͤſterſten Far⸗ ben malte er fich den qualvollen Seelenzuſtand deſſel⸗ ben aus, wenn ein ſolcher Vorwurf, wie er nach allen 78 Umſtaͤnden kaum bezweifeln konnte, auf ſeinem Ge⸗ wiſſen laſtete. Doch ſo ſtreng er auch das vermeint⸗ liche Vergehen Haſtebecks verabſcheute: ſo em⸗ pfand er doch ungleich mehr Mitleid, als Unwillen gegen ihn; und damit der Ungluͤchliche nicht in Au⸗ guſtens Meinung ſinken moͤge, nahm er ſich vor, die ganze, ungluͤckliche Geſchichte vor ihr auf das ſorgfaͤltigſte zu verbergen. Zu ſehr indeſſen mit ſich uneins, wie er, unter ſo unerwarteten Umſtaͤnden, ſich weiter in Abſicht ſeiner beiden Pflegebefohlnen benehmen ſolle, und in der Hoffnung, daß Haſtebeck das feſte Land noch nicht verlaſſen haben werde, fragte er dieſen in einem aͤngſtlich ſchonenden Briefe um naͤhere Vorſchriften, und addreſſirte den Brief an den Kaufmann, der Haſtebecks Geldangelegenheiten beſorgte, mit der beigefaͤgten Bitte, ihn eiligſt nach dem Ha⸗ fen zu uͤberſenden, wo der ungluͤckliche Reiſende ſich einſchiffen werde. Weſtold fuͤrchtete, daß er vielleicht erſt nach mehreren Wochen werde eine Antwort erhalten koͤn⸗ nen; ſehr groß war daher ſein Erſtaunen, als er 79 ſchon mit umgehnder Poſt einen Brief von dem weit entfernt geglaubten Freunde erhielt, worin ihm dieſer ſchrieb: „Der Menſch denkt, und Gott lenkt!— Statt nach einem andern Welttheile, bin ich fuͤr's erſte nur in das Haus des Grafen gezogen! Meine Reiſe iſt aufgeſchoben, wenigſtens auf ein Jahr, vielleicht auf zwei— kurz, ich weiß nicht, auf wie lange. Schiltſt Du mich einen Narren: ich muß es mir gefallen laſſen! Ich ſelbſt ſchelte mich mitunter ſo! Aber ich kann nicht anders.— Mit den beiden Weibsbildern brauchſt Du Dich nicht weiter zu befaſſen; ich kann es nun ſelbſt. Die Alte iſt unklug, und die Tochter ſcheint durch⸗ aus ins Verderben rennen zu wollen. Ich glaube, Keiner, Keiner haͤtte ſie davon zuruͤck halten koͤn⸗ nen! das ſoll mein Troſt ſeyn, wenn auch ich es nicht kann! Gruͤße und kuͤſſe Deine Frau und Deine Kinder in meinem Namen! Und halte ſie feſt, feſt, feſt in Deinen Armen! Haſtebeck.“ 80 Die letzten Zeilen waren doppelt und dreifach unterſtrichen.— Weſtold war, wie aus den Wolken gefallen, beim Leſen dieſes Briefes. Uner⸗ klaͤrlich war ihm Haſtebecks Thun und Weſen. —„Was ſoll ich von ihm denken?“ ſagte er zu ſich ſelbſt—„Iſt er unſchuldig an dem Verderben des Maͤdchens? Oder iſt er ein Gewiſſenloſer, der ohne Neue neben einer Ungluͤcklichen hinſchreitet, die er in den Staub warf?— Und erſt ein ſo unaufhaltbares Streben nach dem Meere hinaus, und dann auf ein Mal der Beſchluß, die lange erſehnte Reiſe wenig⸗ ſten auf Jahr und Tag noch aufzugeben! Und ſtatt deſſen zieht er ims Haus des Grafen, von dem er mindeſtens oft hoͤchſt zweideutig ſprach!— Die Seele eines Freundes ſoll ein offenes Buch ſeyn, worin man ungehindert leſen kann, was darin geſchrieben ſteht; aber die Seele dieſes Frrundes iſt ein Buch voller Geheimniſſe und Raͤthſel, und mit ſieben Sie⸗ geln verſchloſſen, um mir jeden freien Einblick zu verwehren! Iſt das— iſt das auch ein Freund? ein wahrer, ein echter Freund?“ Als 81 Als er ſo zu ſich ſelbſt geſprochen hatte, entdeck⸗ te er erſt auf der Nuͤckſeite des Briefes noch eine fluͤchtige Nachſchrift, welche alſo lautete: „Noch eins! Endlich hat auch die Graͤfin Deinen Contract unterzeichnet! Gluͤck zu! Nun iſt Deine Lage geſichert, auch wenn ſie ſterben ſollte! Ich athme nun noch einmal ſo frei, als zuvor!“ Es war Weſtolden, als ſollte dieſe kleine Nachſchrift die beſchaͤmende Antwort auf ſein vorhe⸗ riges Selbſtgeſpraͤch ſeyn, denn ſie war ihm ein neuer Beweis von Haſtebecks warmer, freund⸗ ſchaftlicher Theilnahme an ſeinem Geſchick.— „Wenn ich ihn auch nicht immer verſtehe:“ ſchloß er ſein Selbſtgeſpraͤch—„ſo will ich wenigſtens nicht irre werden an ihm, ſondern dem Freunde ver⸗ trauen, als Freund.“ Aus dieſen, theils niederſchlagenden, theils wohlthuenden, Betrachtungen wurde Weſtold Weſtold, II. Theil. 6 82 ploͤtziich durch die unerwartete Nachricht von dem Tode des Schulmeiſters aufgeregt, ſo daß er auf lange Zeit faſt nur mit der Sorge fuͤr deſſen Hinter⸗ bliebene beſchaͤftigt war. Bei der Leiche dieſes armen Familienvaters wein⸗ ten ſechs Kinder, von denen vier noch gaͤnzlich un⸗ verſorgt und huͤlfsbeduͤrftig waren. Fuͤr zwei der⸗ ſelben konnten nahe Verwandte ſorgen, und thaten es endlich auf Weſtolds Anmahnungen auch. Lenchen hoffte, ſich als Dienſtmaͤdchen irgendwo ihr Brodt zu erwerben; aber eins von den vieren blieb dann doch noch unverſorgt; und Alle ſchluchz⸗ ten in tiefer Betruͤbniß uͤber Den, welcher huͤlflos äbrig bleiben muͤſſe, und ſahen in banger Erwartung der verhaͤngnißvollen Entſcheidung aus dem Munde der beiden reichen Vettern entgegen, die unter ihnen waͤhlen und ſo die Schickſals⸗Looſe vertheilen ſollten. Da trat Weſtold, freundlichen Blicks und mitleidigen Herzens, zwiſchen die Weinenden, reichte liebreich Einem nach dem Andern die Hand, ſagte Jedem ein frommes, troͤſtliches Wort, und nachdem er ſie, der Reihe nach, aufmerkſam be⸗ 4 83 trachtet hatte: das bildſchoͤne Lenchen, zwei an⸗ dere, ebenfalls ſehr wohlgebildete Knaben, und den juͤngſten von Allen, den blaſſen, blatternarbigen und kraͤnklichen Lebrecht: da blieben auf dieſem, dem Unanſehnlichſten von Allen, ſeine Blicke endlich haften, ihr Ausdruck wurde immer vaͤterlich⸗lieb⸗ reicher, und, des Knaben beide Haͤnde faſſend, ſagte er dann zu ihm:„Dich will ich mit mir neh⸗ men, lieber Lebrecht; und wenn Du fromm und fleißig biſt, Dich nicht verlaſſen, bis Du Dir ein⸗ mal ſelbſt Dein Brodt erwerben kannſt. 1 Und zu Lenchen gewendet, fuhr er dann fort:„Auch Du ſollſt mit wir kommen, gutes Lenchen, und unter der Obhut meiner Frau bleiben, bis ſich ein anderes anſtaͤndiges Unterkommen fuͤr Dich findet, das Dir vielleicht lieber, oder nuͤtzlicher iſt.“ So war die Noth aller vier Waiſen auf einmal geendet, und ihre Kummer⸗Thraͤnen waren in Freu⸗ den⸗ und Dankes⸗Thraͤnen verwandelt. Ihre Bloͤ⸗ digkeit verſchloß ihnen zwar faſt gaͤnzlich den Mund; aber ihre Blicke und Mienen druͤckten deſto ſprechen⸗ der ihre frohen, guten Gefuͤhle und Vorſaͤtze aus. 6* 84 Auch als ſie endlich von einander Abſchied nahmen, geſchah es nur mit wenigen, einfachen Worten; doch man ſah, daß Jedes das Andere herzlich lieb hatte, und daß Keines noch etwas von dem Zwiſte wußte, den es vielleicht noch geſtern oder heute mit dem Andern gehabt, oder von der Narbe, die Ei⸗ ner vom Andern, im jaͤhzornigen Kampfe, zum Andenken fuͤrs ganze Lehen erhalten hatte.„So iſt's recht!“ ſagte Weſtold—„ So iſt die echte, kindliche Geſchwiſterliebe. Sie zuͤrnt leicht; aber ſie verſoͤhnt ſich auch eben ſo leicht. Sie achtet, im Guten und im Boͤſen, gleich wenig auf das, was ſie giebt, wie auf das, was ſie empfaͤngt. Darum iſt ihre Rechnung immer ausgeglichen, ohne daß ſie auf Vergeltung des Guten hofft, oder das Boͤſe mit dauerndem Zorne ſtraft.“— Lenchen und Lebrecht wurden auch von Auguſten liebreich empfangen, und ſie gab ihnen freundlich, wie Weſtold es wuͤnſchte, Sitz und Stimme mit an ihrem Tiſche, als ob es ihre eigenen Kinder waͤren. In einer ſtillen Abendſtunde aber, als Weſtold ſie unbefangen fragte, ob ſie ſich des —˖‧‧Z˖COQ·OñañOñ’ęOůFõñ’— 8⁵ neuen Zuwachſes an ihrem Tiſche nicht freue, er⸗ wiederte ſie ihm offenherzig, daß dies an ſich wohl nicht der Fall ſey, da ihre Verpflichtungen, ihre Sorgen und ihr Aufwand hiedurch nicht unbedeu⸗ tend vermehrt wuͤrden, daß ſie jedoch ſeinen Wuͤn⸗ ſchen hierin gern nachgebe, wenn der Himmel ihnen nur Wohlſtand genug verleihe, außer ihrer Marie und dem Herrmann, auch noch zwei ganz frem⸗ de Waiſen zu naͤhren, zu kleiden, und weiterhin zu verſorgen. „Liebe Auguſte,“ ſagte Weſtold hierauf, mit mild uͤberredendem Tone—„nenne die armen verwaiſten Kinder nicht fremd! Jede huͤlfsbedürf⸗ tige Waiſe hat, nach meiner Meinung, ein heiliges Necht des Anſpruchs an den naͤchſten Nachbar, der ſie ernaͤhren kann, wie die Natur jede ſchwache, rankende Pflanze an den naͤchſten Baum, der ſie halten kann, verwieſen hat, ohne daß der Baum erſt fragen darf, ob die kleine Pflanze auch wohl ſei⸗ nes Geſchlechtes ſey? Eigentlich ſollte es gar nicht noͤthig ſeyn, große, beſondere Waiſenhaͤuſer anzu⸗ legen, wie zum Beiſpiel in Halle der foomme Au⸗ 86 guſt Herrmann Franke that; ſondern jedes Haus eines wohlhabenden Mannes ſollte ein natuͤr⸗ liches kleines Waiſenhaus fuͤr die naͤchſten, huͤlfsbe⸗ duͤrftigen Kinder ſeyn! Es jammert mich ſehr, daß es ſo nicht iſt! Ich werde die ganze Welt zu dieſem meinem Glauben auch nicht bekehren koͤnnen; allein fuͤr meine Perſon will ich ihn wenigſtens durch die That bekraͤftigen, ſoviel mir der Himmel Gelegenheit und Kraͤfte dazu giebt. Und Du, liebe Auguſte wirſt mit mir gewiß hierin gleich geſinnet ſeyn, und nicht etwa fuͤrchten, daß es uns an Brodt fuͤr unſre Pflegkinder fehlen werde. Wo viel Kinder ſind, iſt viel Segen, wie ein altes Spruͤchwort ſagt. Uns aber hat der Himmel den Segen von unſern Feldern ſchon voraus gegeben: laß uns ihn alſo den armen Kindern nicht vorenthalten, die eben eines Theils davon beduͤrftig ſind!“ „O nein! nein!“ ſagte Auguſte, mit fort⸗ geriſſen von dem Strome ſeiner menſchenfreundlichen Beredtſamkeit.„Moͤge der Himmel uns vor jeder Art von Hartherzigkeit und Geiz bewahren! Ich bin gern geneigt, Deines Glaubens zu ſeyn, und 87 wenn es auch die ganze Welt nicht waͤre. Auch wird Lenchen uns ſehr nützlich ſeyn bei der Aufſicht uͤber die beiden Kleinen. Sie hat einen heitern und freundlichen Sinn, und die Kinder werden ſich ge⸗ wiß bald an ſie gewoͤhnen; ja ſie ſcheinen ſchon jetzt mit Vergnuͤgen hin zu horchen, wenn ſie ihnen mit ihrer huͤbſchen Stimme ein Liedchen vorſingt. Aber daß Du aus den drei Knaben, zwiſchen denen Du die Wahl hatteſt, grade den Lebrecht heraus griffeſt, das wundert mich. Jeder von den andern Beiden waͤre mir ungleich lieber geweſen, als dieſer, der ſo dumm und ſtumm daſitzt, wie ein Taubſtum⸗ mer, und an dem auch gar nichts Huͤbſches und Einnehmendes iſt! Selbſt ſein Name iſt haͤßlich.“ „Ich hoffe,“ gab Weſtold ruhig zur Ant⸗ wort.„Du wirſt, bei naͤherer Pruͤfung, auch dar⸗ uͤber mit mir einverſtanden ſeyn, daß ich gerade den Lebrecht fuͤr Deine muͤtterliche Pflege aus⸗ waͤhlte, da er vor allen ſeinen Geſchwiſtern eine recht gute Mutter— ſo eine, wie Du biſt— am meiſten bedarf. Sieh, liebe Auguſte, die ſchoͤ⸗ nen, die geiſtreichen, die liebenswuͤrdigen Kinder 88 finden ihr Unterkommen gar leicht, denn ein guͤnſti⸗ ges Geſchick hat ihnen einen Empfehlungsbrief auf die Stirn geſchrieben, der Jeden für ſie beſticht. Solche Kinder zu ſich zu nehmen, iſt oft ein ſehr geringes Verdienſt, da man es leicht mehr um ſei⸗ net⸗ als um ihretwillen thut, und durch einen ſol⸗ chen Akt der Wohlthaͤtigkeit mehr empfaͤngt, als giebt. Aber der armen haͤßlichen, ſtumpfſinnigen, unliebenswuͤrdigen Kinder ſich liebevoll anzunehmen — das iſt verdienſtlich, iſt chriſtlich, und menſch⸗ lich im hoͤheren Sinne des Worts. Was koͤnnen ſolche arme Kinder dafuͤr, daß die Natur ſie ſo ſtief⸗ muͤtterlich ausſtattete? Iſt es nicht ſuͤndlich und grauſam, deshalb an ihnen, die der Theilnahme ſo ſehr beduͤrfen, theilnahmlos vorüber zu gehn, und das unrecht, was die Natur, mit ihrem falſch ge⸗ richteten, blinden Bildungstriebe, bewußtlos ihnen anthat, durch eine Geringſchaͤtzung und Liebloſig⸗ keit, deren man ſich bewußt iſt, noch zu ver⸗ mehren? Sollen, im Gegentheil, gute Menſchen, echte Chriſten es ſich nicht zur Pflicht machen, die armen Verwahrloſten mit ihrem Geſchick, ſo viel es 89 moͤglich iſt, zu verſoͤhnen, und aus dem verſchuͤch⸗ terten, ungluͤcklichen Geſchoͤpf ein lebensfroheres zu bilden? Je mehr die Natur ein unſchuldiges Kind verwahrloſte, deſto heiliger ſind ſeine Rechte an die Liebe und das thaͤtige Mitleid der Menſchen. Ach, ich wollte, ich haͤtte die Gabe, blinde und taub⸗ ſtumme Kinder zu unterrichten und zu erziehen! Wie gluͤcklich wuͤrde mich das machen, trotz der großen Muͤhſeligkeit eines ſolchen Unternehmens! Solcher ungluͤcklicher Kinder Lehrer— die ſind es, vor allen Andern, von denen in der Bibel ſteht: ſie werden leuchten, wie des Himmels Glanz; denn ſie ſchaffen die armen Geſchoͤpfe erſt zu Menſchen um, und machen, daß dem Blinden in ſeiner lan⸗ gen, aͤußeren Nacht ein inneres, ſchoͤnes Licht auf⸗ geht, nnd daß in der Bruſt des Taubſtummen eine Aeols⸗Harfe ſchoͤner und heiliger Gefuͤhle erklingt. O, Auguſte, auf ſolchem Wege baut man ſich am ſicherſten eine Stufe in den Himmel hinein!“ Er konnte vor Bewegung nicht weiter ſprechen, und ſtand auf, doch ohne die Abſicht, hinweg zu gehn. Auguſte aber glaubte das, und rief ihm 90 zu:„O, geh nicht hinweg, lieber Weſtold, ohne mir zu vergeben, daß ich vorhin ſo lieblos ſprach, und hilf mir, ſo gut werden, wie Dues biſt! Und dem armen Lebrecht will ich eine zaͤrtliche Mutter ſeyn, als ob er ſchoͤn, wie ein Engel, waͤre: das gelobe ich Dir mit Hand und mit Mund!“ Freudig druͤckte Weſtold ſie an ſeine Bruſt, und küßte mit dankbarer Innigkeit die Lippen, die dies ſchoͤne Angeloͤbniß ausſprachen. Sie hatten einander nie herzlicher geachtet und geliebt, als in dieſem ſchoͤnen Augenblicke. und aus der Umarmung ihres Gatten eilte A u⸗ guſte in Lebrechts Schlafkammer, der ſich eben niedergelegt und ſein Abendgebet verrichtet hatte. Liebreich bog ſie ſich uͤber ihn hin, ſtreichelte ihm die bleichen, welken Wangen, und ſagte ihm, daß ſie ſeine treue Mutter ſeyn wolle. Und wie der uͤber⸗ raſchte Knabe ſie mit ſeinen blaſſen, aber ehrlichen Augen ſo dankbar anſah, und ſie freudig anlaͤchelte, aber auch im Laͤcheln noch den Ausdruck einer lei⸗ denvollen Schwaͤche in ſeinen Mienen behielt: da wurde ihr Herz von dem allerinnigſten Mitleid er⸗ 91 griffen, und eine Thraͤne ftel aus ihrem Auge nieder auf ſeine klopfende Bruſt, und mit einem muͤtterlich⸗ zaͤrtlichen Kuſſe beſiegelte ſie, was ſie ihm verſpro⸗ chen hatte. Und als ſie ihm ſchon eine gute Nacht gewuͤnſcht, und noch einmal zum Abſchiede die Hand gegeben hatte, fiel es ihr auf, daß er etwas niedrig mit ſeinem Kopfe lag; und, ſich innerlich Vorwuͤrfe machend, daß ſie ſein Lager ſo kaͤrglich ausgeſtattet, eilte ſie hinweg, ihm noch ein Kopfkiſſen zu holen, und legte es ihm dann ſorgſam unter den Kopf, wie es eine zaͤrtliche Mutter ihrem geliebteſten Kinde thut. Mit einem guten Bewußtſeyn kehrte ſie dann zu ihrem Gatten zuruͤck, und ſagte:„Lieber Weſtold, ich bin vollkommen verſoͤhnt mit Deiner Wahl. Ob der Knabe Verſtand hat, weiß ich zwar noch nicht, denn ich habe noch nichts, als wenige, einzelne Worte von ihm gehoͤrt; aber daß er gut und ehrlich, und nicht ohne Gefuͤhl iſt, das habe ich in ſeinen Augen, wenn ſie gleich nichts weniger, als ſchoͤn ſind, geleſen. Auch zweifle ich an der Herſtellung ſeiner Geſundheit nicht. Reinere Luft, und nahr⸗ 92 haftere Koſt, als ſeines Vaters enge Schulſtube und kaͤrgliche Kuͤche ihm gewaͤhren konnten, ſollen ihn hoffentlich bald ſtaͤrken, und ihm ein friſcheres An⸗ ſehen geben.“ „Und ſein wachſendes Vertrauen zu uns“ ſetz⸗ te Weſtold hinzu—„wird dem armen, bloͤden Knaben endlich ſchon die Zunge loͤſen. Laß uns ihn mir mit Frenndlichkeit und Milde behandeln, und wenn er fehlt, nicht zu ſtreng ſeyn! Und auch mit ſeinem Namen wieſt Du Dich allmaͤhlich verſoͤh⸗ nen, denn wenn er gleich ein wenig altmodiſch iſt, und nicht ſo ſchoͤn klingen mag, als mancher neumo⸗ diſche Noman⸗Name: ſo hat er doch einen recht ſchoͤnen Sinn; denn lebe recht! ſoll doch hei⸗ ßen: lebe, wie es ſich gehort— wie Du es vor Gott und Menſchen verantworten kannſt! Ich mei⸗ ne, ein Name, der einem das fleißig ins Gedaͤcht⸗ niß ruft, iſt ein ganz vortrefflicher Name!“ „Ach ja! ja!“ erwiederte Auguſte—„Ich gebe Dir gern auch hierin Recht. Und nichts, gar nichts mehr iſt mir an dem Knaben zuwider; ja 93 ich danke Dir jetzt dafuͤr, daß Du ihn gerade auswaͤhlteſt, und in unſer Haus brachteſt!"— So loͤſ'te ſich die Abneigung, die ſie, nach dem erſten Eindrucke, gegen den armen Knaben empfand, in das allerreinſte Wohlwollen auf. Und daß dieſes nicht eine voruͤbergehende, oder gar blos angekuͤn⸗ ſtelte Aufwallung war, das beſtaͤtigte ſich in ihrem Benehmen gegen ihn, je laͤnger er in ihrem Hauſe war, immer mehr; ja Weſtold fand in der Folge manchmal Veranlaſſung ſie zu warnen, ihn nicht, aus uͤbergroßer Sorgfalt, zu verzaͤrteln und zu ver⸗ ziehn. Ihrer Beider Vorherſagungen aber, daß ſei⸗ ne Geſundheit ſich beſſern, und ſeine Zunge ſich loͤ⸗ ſen werde, trafen, zu ihrer großen Freude, vollkom⸗ men ein. Er bekam nach und nach ein immer blü⸗ henderes Anſehen, wurde geſpraͤchig, ohne vorlaut zu ſeyn; und mit ſeinem zunehmenden koͤrperlichen Wohlſeyn und froherem Muthe entwickelten ſich auch ſeine Verſtandeskraͤfte auf eine erfreuliche Weiſe. Kurz, er wurde ein immer wuͤrdigeres und theureres Glied in dem kleinen Familienkreiſe; und die Liebe zu ihm, die anfangs nur aus dem menſchenfreund⸗ 94 lichen Mitleiden mit ſeiner Huͤlfsbeduͤrftigkeit ent⸗ ſprang, wurde nach und nach immer ehrenvoller fuͤr ähn, als gerechte Anerkennung ſeiner guten Eigen⸗ genſchaften und ſeiner liebevollen, treuen Dankbar⸗ keit gegen ſeine Wohlthaͤter. Auch Lenchen machte ihren Pflegeeltern durch das ſittſamſte. Betragen und die dankbarſte Dienſtfertigkeit recht viele Freude; nur hoͤrte ſie, noch ehe ein Jahr verging, ſchon auf, ihre Haus⸗ genoſſin zu ſeyn. Bernhard nemlich, der junge Muͤllerburſche, legte vor Lenchen und ihren Pflegeeltern das Geſtaͤndniß ab, daß er ſchon in der Knabenzeit recht gut ſchreiben gelernt, daß er aber Lenchen ſeit langer Zeit ſehr lieb gehabt, und nur, um ſie taͤglich zu ſehen, und um dahinter zu kom⸗ men, ob ſie nicht Storks Braut ſey, bei ihrem Vater Schreibſtunde genommen habe. Nun Stork verſchollen war, bewarb er ſich eifrig um Lenchens Hand, und ſobald ſie ihn ihrer gegenſeitigen Nei⸗ gung verſichert hatte, erklaͤrte er ſich bereit, nach der Reſidenz zu reiſen, und den Grafen um die Auf⸗ ſcher⸗Stelle in der Aarhorſter Muͤhle, welche erle⸗ 95* digt werden ſollte, zu bitten. Da gedachte We⸗ ſtold der wiederholten Aufforderung Haſtebecks, ſich nur an ihn zu wenden, wenn dem Grafen ein Wunſch oder eine Bitte vorgetragen werden ſolle. Er gab dem ſchuͤchternen Bernhard alſo einen Brief an Haſtebeck mit, worin er dieſem die An⸗ gelegenheit des Muͤllers aufs dringendſte empfahl. Und der Erfolg war uͤber Erwartung erwuͤnſcht. Der gluͤckliche Braͤutigam brachte einen Erbpachts⸗Ver⸗ trag mit, der nicht nur ihm und Lenchen, ſon⸗ dern auch ihren Kindern und Kindeskindern, bei Fleiß und guter Wirthſchaft, eine hoͤchſt erwuͤnſchte Lage ſicherte... Lenchen erhielt nun an Bernhard einen ſehr rechtlichen und thaͤtigen Gatten, und ſie wur⸗ de eine eben ſo gute Gattin und Hausfrau und Mut⸗ ter. Beide hatten einander herzlich lieb, und ſie lebten eine ziemliche Reihe von Jahren in faſt unun⸗ terbrochner, haͤuslicher Ruhe und Zufriedenheit, bis ein weit greifendes, boͤſes Geſchick auch ſie nicht un⸗ beruͤhrt ließ. 4 96 Sobald Lenchen die Schwierigkeiten der erſten Einrichtung ihres Geſchaͤfts uͤberwunden ſah, erbot ſie ſich, ihren Bruder Leberecht zu ſich zu neh⸗ men, und fuͤr ſein weiteres Fortkommen zu ſorgen. Weſtold uͤberließ Auguſten die Entſcheidung; allein dieſer war der Knabe, deſſen gluͤckliche Gene⸗ ſung von langer Kraͤnklichkeit ſie als ihr Werk anſe⸗ hen konnte, hierdurch ſo lieb geworden, daß ſie ihn nicht von ſich laſſen wollte. Weſtold freute ſich deſſen aufs innigſte, und die beiden Geſchwiſter er⸗ kannten Auguſtens möͤtterliche Geſinnung aufs dankbarſte; aber am lebhafteſten war und blieb doch Lenchens Verehrung gegen Weſtold, als den Ketter ihres Seelenfriedens; und je gluͤcklicher ſie ſich an Ber nhards Seite fuͤhlte, deſto mehr ſchauderte ſie vor der Gefahr zuruͤck, in welche die Verirrung mit dem ſchmaͤhlichen Stork ſie fru⸗ her gebracht hatte. „ In 97 2 In einem ſehr herzlichen Briefe hatte Weſtold ſeinem Freunde fuͤr die wohlthaͤtige Dienſtfertigkeit gedankt, mit der er auch Bernhards und Len⸗ chens gluͤckliche Lage gegruͤndet hatte. Er erhielt keine Antwort darauf, denn Haſtebeck war, wenn er nicht einen beſondern Anſtoß dazu hatte, ein ſehr unordentlicher Briefſchreiber. Weſtold, der das wußte, rechnete ihm daher auch ſein Stillſchweigen nicht übel an, und wurde dadurch nicht irre an ſeiner Freundſchaft. Als ein Monat nach dem andern vergangen war, hoffte Weſtold auch gar nicht mehr auf eine Ant⸗ wort. Um ſo froher wurde er daher uͤberraſcht, als endlich ein ſtarker Brief mit Haſtebecks Hand⸗ ſchrift ankam, angefangen im Angeſicht des Rhein⸗ falles bei Schafhauſen, und beendigt und zur Poſt gegeben in Zuͤrich. Mehrere Blaͤtter waren mit be⸗ geiſterten Schilderungen erhabener Naturſcenen ge⸗ füͤllt. In wenigen Zeilen erzaͤhlte er dann, daß er die ſchoͤne Reiſe mit der graͤflichen Familie angetre⸗ ten habe, mit dem Grafen allein aber fortſetzen wer⸗ de, waͤhrend die Graͤfin nebſt Kind und Dienerſchaft, Weſtold. II. Theil. 7 98 gemeinſchaftlich mit einer befreundeten Familie, zur— Wiederherſtellung ihrer erſchuͤtterten Geſundheit, ein Landhaus am Zuͤricher See bewohnen wolle. Jauch⸗ zend verkündigte er, daß er mit dem Grafen ganz Italien bis an die aͤußerſte Spitze von Sicilien durch⸗ ſtreifen werde, daß er alſo fuͤrs erſte nicht die Nord⸗ ſee und den atlantiſchen Ocean, wohl aber das Adria⸗ tiſche und das Mittellaͤndiſche Meer ſehen und be⸗ ſchiffen werde. Mit einem gewichtigen Schwure ver⸗ ſprach er, daß das erſte Glas Wein, was er auf einem Schiffs⸗Verdeck und am Krater des Aetna an die Lippen bringen werde, auf ihre beiderſeitige Freundſchaft geleert werden ſolle. Und am Schluſſe des Briefes ſetzte er noch vertraulich hinzu, daß er in Sicilien den Grafen wahrſcheinlich verlaſſen, und einen Abſtecher nach einer und der andern griechi⸗ ſchen Inſel machen, und von da aus vielleicht ein Paar egyptiſchen Pyramiden und den Cataracten des Nils einen Beſuch abſtatten werde, daher er ſeine frühere Bitte in Abſi chi der alten Wittwe des Ta⸗ geloͤhners Werner und ihrer luͤderlichen Tochter wieder erneuerte, und ihm außerdem noch ein Paar 99 Auftraͤge, welche ſeine Vermoͤgensverhaͤltniſſe betra⸗ fen, ertheilte. Noch war Weſtolds Seele lebhaft mit dem Inhalte dieſes Briefs beſchaͤftigt, als er, zu ſeiner großen Verwunderung, ſchon einen zweiten erhielt, der folgenden Inhalts war: „unterlaß nur Alles, um was ich Dich neulich bat! Ich kann ſchon wieder ſelbſt dafuͤr ſorgen.— Nur einen einzigen, freudetrunkenen Blick habe ich in den Garten von Ober⸗Italien gethan! Da faßte mich, wie mit Zaubermacht, eine hypochon⸗ driſche Grille, der ich nicht widerſtehen konnte, und zog mich ploͤtzlich wieder ruͤckwaͤrts auf meiner wunderſchoͤnen Reiſebahn. Der Graf verfolgt ſie nun allein; ich aber begleite die Graͤfin nach Deutſch⸗ land zuruͤck. Sie meint, daß die Luft in der Schweitz, die aller Welt zuſagt, ihr nicht zuſage. Wir ge⸗ hen wahrſcheinlich auf ihre Guͤter in Pohlen. Aus bloßem Vorurtheil oder Eigenſinn will ſie nicht nach Aarhorſt. Ich denke aber, ich berede ſie mit der Zeit noch hierzu. Sorge nur, daß der Gaͤrtner den Garten recht gut im Stande erhaͤlt! 7*. ——-—— 100 Laß in die engliſchen Parthieon hier und da ein Urnchen und ein Altaͤrchen mit einem empfindſamen Inſchriftchen hinklecken! Das iſt Waſſer auf ihre Mühle! Und wo ein altes Wappen iſt, das laß friſch uͤberpinſeln!—— Aber, Sapperment! bin ich nicht ſelber zum Pinſel geworden? Welch eine Inſtruction! Warlich, der Teufel fuͤhrt mich am Narrenſeil! Meine ſchoͤne, ſchoͤne Reiſe aufzugeben — eine Tollheit, eine Tollheit iſt es! aber freilich eine menſchliche! Ich kann mich ihr nicht entſchlagen!“ Drt und Tag, da der Brief geſchrieben war, fehlten, wie gewoͤhnjich; und eben ſo wenig fand ſich eine Angabe, wohin eine Antwort zu addreſſiren waͤre. Weſtold, der an Geſchaͤfts⸗Ordnung ge⸗ woͤhnt war, mochte ein ſolches Verſehen uͤberhaupt nicht leiden; und doppelt unangenehm war es ihm bei dieſem Briefe, weil er die Hoffnung, daß die Graͤfin, und mit ihr der raͤthſelhafte, theure Freund, bald nach Aarhorſt kommen koͤnne, ſehr lebhaft er⸗ griff, und wegen der Verſchoͤnerung der engliſchen Garten⸗Parthieen noch einige gusfuͤhrlichere Vor⸗ —— ——— 101 ſchriften zu erhalten wuͤnſchte. In dieſer Bedraͤng⸗ niß nahm er ſeine Zuflucht zu ſeinem Nachbar Haß⸗ ler, der freilich ein guter Pomolog, aber nichts weniger, als ein Kunſtkenner, war. Dieſer em⸗ pfahl ihm einen ehrbaren Toͤpfermeiſter in der Stadt, der gar zierliche, altmodiſch geſchnoͤrkelte, Dinger verfertigte, die er Urnen nannte, und mit denen er ſeine glaſurten Stubenoͤfen zu kroͤnen pflegte. Mit dieſem nahm der unerfahrne Weſtold nun Abrede; und ehe ein Monath verſtrichen war, ſtanden ein halbes Dutzend Altaͤrchen und Urnchen, deren Fuß⸗ geſtelle achteckig waren, nach dem Muſter des Wind⸗ thurms von Athen, ſymmetriſch auf ein paar Na⸗ ſenplaͤtzen aufgeſtellt; alles, um ſehr maͤßigen Preis, hoͤchſt muͤhſam aus gelben Ofen⸗Kacheln und Ge⸗ ſimſen zuſammengeſetzt und verkittet; und der ehr⸗ ſame Toͤpfermeiſter ſchwur Stein und Bein, daß ihm das nicht leicht Einer nachmachen werde, und daß er mit Haus und Hof dafuͤr ſtehe, ſeine Glafur ſey unverwuſtlich, und koͤnne jede Feuer⸗ und Waſſer⸗ Probe beſtehn. — 102 Nach langer, verſtaͤndiger Wahl wurden als⸗ dann paſſende Sentenzen angeſchrieben, und ſo wurde denn, wie Weſtold meinte, dem aͤſtheti⸗ ſchen Sinne der Graͤfin volle Genuge gethan. Und da auch ſchon die alten Wappen am großen Hofthor und am Haupt⸗Portal des alten Schloſſes von ei⸗ nem kunſterfahrnen Maurer mit allerlei grellen Far⸗ ben beſtrichen waren, ſo daß ſie uͤberaus hell und freundlich aus dem alten, grauen Mauerwerk her⸗ vorſtrahlten ⸗ ſo war Weſtold hoch erfreut, Alles gluͤcklich vollbracht zu haben, und ſah der Ankunft der Graͤfin und ſeines Freundes um deſto froher ent⸗ gegen. Doch ein Monath und ein Jahr nach dem andern ging hin, und immer blieb dieſe Hoffnung unerfuͤllt! Weſtol d brach in manche Klage gegen Auguſten aus, ehe er ſich ſtill darein ergeben konnte, den theuren Freund ſeines Herzens nicht von Zeit zu Zeit bei ſich ſehn, und gaſtfreundſchaft⸗ lich bewirthen zu koͤnnen. Je gluͤcklicher Alles in ſeiner Bewirthſchaftung des Gutes und in ſeinem Familienkreiſe von ſtatten ging, deſto mehr ſehnte — — 103 er ſich danach, den Gründer ſeines jetzigen Lebens⸗ glücks auch zum Zeugen deſſelben zu machen. Aber mehrere Jahre vergingen, ehe dieſe Freude ihm wie⸗ der werden ſollte. Doch dies war nur die kleinere Probe der Geduld, auf welche das Schickſal ihn ſtellte. Die ungleich groͤßere mußte er in Abſicht ſeiner Sehn⸗ ſucht nach einer Anſtellung als Prediger beſtehn. Es wurde zwar bald genug auf einem andern Gute der Graͤfin eine Pfarre erledigt, allein bei dieſer fand ſchon eine aͤltere Anwartſchaft ſtatt; und der Pfar⸗ rer in Aarhorſt, ein unwürdiger, hagerer Geizhals von etwa funfzig Jahren, genoß, trotz ſeiner Unwür⸗ digkeit und Hagerkeit, eine ſehr dauerhafte Geſund⸗ heit.— Es gehoͤrte daher ganz die ſchwaͤrmeriſche Glut frommer Begeiſterung, welche Weſtolds Seele durchdrang, dazu, um ihn nicht lau werden zu laſ⸗ ſen in dem Streben nach ſeinem hoͤheren Ziele. Leicht haͤtte dies geſchehen können, durch die Vortrefflich⸗ keit der Lage, in welcher er ſich als Pachter von Aarhorſt befand. Sein Geſchaͤft wurde ihm lieber, 8 1 1 — — 104 je mehr Kenntniß er darin erlangte;; und es verſetzte ihn nach und nach in einen Wohlſtand, der ſeine eigentlichen Anſpruͤche an aͤußeres Gluͤck weit uͤber⸗ ſtieg. Zwar blieb er einfach, wie er es ſonſt gewe⸗ ſen war, in ſeiner Lebensweiſe; er gewoͤhnte ſich nicht an neue, koſtbare Beduͤrfniſſe, und nimmer wurden Vornehmthuerei und Schwelgerei einhei⸗ miſch in ſeinem Hauſe; aber ſeiner Frau geſtattete er gern die Einrichtung eines huͤbſchen Putzzimmers; und Menſchen und Thieren in ſeinem Hauſe und auf ſeinem Hofe goͤnnte er eben ſo gern, ſo weit es moͤglich war, ein behagliches Wohlſeyn. Es wurde zuvorkommende Gaſtfreundſchaft bewieſen gegen Je⸗ den, der uͤber ſeine Schwelle trat: gegen den armen Bothen, der einen Brief brachte, wie gegen den wohlhabenden Nachbar, der ihn mit ſeinem Beſuche erfreute; auch liefen Auguſten im Hofe die Huͤh⸗ ner, im Dorfe die Pathchen entgegen, und eifrig fuͤllte ſie Waͤſchſchrank und Räͤucherkammer, und immer hielt ſie einen Nothpfennig in Bereitſchaft, um Dem und Jenem eine heimliche Freude bereiten, oder fremder Noth gleich ſelbſt abhelfen zu koͤnnen, — — 1 105 wenn etwa ihr Mann nicht zugegen war—— al⸗ 2 les, alles, wie Haſtebeck ihm, bei ſeinem erſten Beſuche in Aarhorſt, das Leben und Weben auf ei⸗ nem geſegneten Pachthofe geſchildert hatte. Kurz, ſein ſogenanntes Fegefeuer war fuͤr ihn ein vollkom⸗ men behaglicher Zuſtand geworden, und Tauſende wuͤrden es fuͤr einen hoͤchſt wünſchenswerthen Him⸗ mel guf Erden erklaͤrt haben; denn er haͤtte nicht blos ein wohlhabender, er haͤtte ein reicher Mann werden koͤnnen, wenn er alle Vortheile, die ſich ihm darboten, haͤtte gewinnſuͤchtig benutzen wollen, und wenn er ſeinen Ueberfluß, ſtatt ihn aufzuhaͤufen, nicht oft mit vollen Haͤnden an Huͤlfsbeduͤrftige aus⸗ geſtreut haͤtte. Viele tadelten ihn deshalb; Vielen war er ein Gegenſtand des Neides; ihm aber war und blieb— bei allem Dankgefuͤhl fuͤr die Rettung aus ſeiner vorigen, traurigen Lage— ſein jetziges Ge⸗ ſchaͤft doch nur ein Umweg— wenn auch ein ſehr anmuthiger— nach ſeinem wahren, heiligen Ziele; er machte Haſtebecks Hoffnung, daß er uͤber der Annehmlichkeit ſeines Fegefeuers den erſehnten Him⸗ mel wohl vergeſſen werde, gaͤnzlich zu Schanden; 106 und bis ins reifere maͤnnliche Alter hinein blieb die endliche Erfuͤllung ſeiner jugendlichen, ſchwaͤr⸗ meriſchen Sehnſucht ſein unvertilgbarer, inniger Wunſch.—— Unterdeſſen wuchſen ſeine Tochter Mari e und ſein Pflegeſohn Herrmann immer froͤhlicher auf. Beide waren ſehr liebenswuͤrdige Kinder, aber hoͤchſt verſchieden von einander durch aͤußere und innere Eigenthümlichkeit: Marie, ein blauaͤugiges, blon⸗ des Maͤdchen, von einer Sanftheit und Froͤmmig⸗ keit, daß man die Tochter Weſtolds keinen Au⸗ genblick in ihr verkennen konnte; dagegen Herr⸗ mann, ein dunkelgelockter, ſchwarzaͤugiger Knabe, voll Geiſt und Leben in jeder Miene und Bewegung, bei dem ſchon im fruͤheſten Alter der kecke Muth oft zum Uebermuth ward. Doch ſo ſehr Weſtold auch in Marien ſein koͤrperliches und geiſtiges Ebenbild erkennen und lieben mußte, und ſo ſehr die Natur, die ſich m Herrmann entfaltete, auch von der ſeinigen abwich, ja ihn oft unwillig, oft hoͤchſt be⸗ ſorgt um ihn machte: ſo wuchs der Knabe, in wel⸗ chem er ſchon die theure, unvergeßliche Schweſter 107 lieben mußte, doch immer feſter in ſein Herz hinein; ja die Aengſtlichkeit, mit der ihn oft die Waghalſig⸗ keit des Knaben erfuͤllte, erhoͤhte noch ſeine Theil⸗ nahme an ihm, und nicht ſelten, wenn er am un⸗ willigſten gegen ihn geweſen war, druͤckte er ihn, üͤberraſcht und verſoͤhnt durch ein treffendes Wort, aufs herzlichſte an ſeine Bruſt. Es machte ihm Freude, in ſeinen Erholungs⸗ ſtunden von Beiden der Lehrer zu ſeyn, wie er es auch von dem ſtillen, verſtaͤndigen Lebrecht war; doch da er, bei dem fortſchreitenden Alter der Kin⸗ der, neben ſeinen vielen Wirthſchaftsgeſchaͤften nicht Alles mehr zu leiſten im Stande war, nahm er zwar einen geſchickten jungen Mann als Lehrer in ſein Haus, allein er ſelbſt behielt ſich den Unter⸗ richt in Religions⸗ und Sittenlehre vor, weil hierin kein Anderer ihm genuͤgend vom Herzen zum Herzen ſprach, und nach wie vor blieb die Erziehung der Kinder ſein Hauptgeſchäͤft.— Nach jahrelanger Unterbrechung war ſein Brief⸗ wechſel mit Haſtebeck, der ſich noch bei der Graͤ⸗ ſin in Polen aufhielt, wieder ein Mal aufs neue an⸗ 108 geknüpft, und mit warmer Lebendigkeit ſchilderte er ihm die Eigenthuͤmlichkeiten ſeiner Tochter und ſei⸗ ner beiden Pffegeſoͤhne, und ſein Leben und Lehren mit ihnen. Kaum war indeſſen der Brief auf die Poſt gegeben: ſo gereute es ihn, gerade hiervon dem unglücklichen Freunde, der Frau und Kind mit ei⸗ nem Schlage verloren hatte, ſo viel geſchrieben zu haben, weil er meinte, daß er die Wunde des armen, kinderloſen Wittwers dadurch aufs neue aufreißen werde. Doch, zu ſeiner groͤßten Ueberraſchung, er⸗ hielt er eine Antwort, welche faſt nichts als ein Ruͤck⸗ hall ſeiner vaͤterlich frohen Herzensergießungen war, nur alles kuͤrzer, kraͤftiger, mitunter etwas ſonderbar, ausgedruͤckt, wie es Haſtebecks Art und Weiſe war. Es ſchrieb ihm dieſer nemlich, daß auch er ein Kindes⸗Narr geworden ſey, indem ſeine Haupt⸗ Thaͤtigkeit und Sorge ſich ebenfalls um ein Kind drehe, das er obenein, als ein graͤfliches, mit ganz beſonders ſaubern Fingern anzugreifen ha⸗ be, ſo daß er manchmal daruͤber lachen, manch⸗ mal faſt des Teufels werden moͤge. Begeiſtert ſetzte er aber hinzu, daß Seraphine ein ſchoͤnes, hei⸗ 109 teres, und tief fuͤhlendes Maͤdchen ſey, wie er ſonſt noch keines geſehen, daß er ſich anfangs zwar uͤbe ihren romanhaften Namen geaͤrgert, aber auch mi dieſem ſich laͤngſt verſoͤhnt habe, weil ſie wirklich ei⸗ ne Art von Engel in Menſchengeſtalt ſey. Am Schluſſe verſicherte er noch, er werde nicht ruhen, bis er die Graͤfin dahin gebracht habe, nach Deutſch⸗ land zuruͤck zu kehren, und einige Zeit in Aarhorſt zu verweilen, damit er dem treuen Freunde ſeinen klei⸗ nen Abgott zeigen koͤnne. Weſtold war außs innigſte erfreut uͤber dieſen Brief.—„O, nun iſt alles gut!“ rief er Au⸗ guſten zu—„Er wird zu uns kommen! und er wird endlich wieder, als ein heitrer, gluͤcklicher Menſch, in Reihe und Glied mit uns ſtehen! Er hat aufs neue etwas lieben gelernt! Er liebt ein Kind! ein unſchuldiges Kind! Die Natur behaup⸗ tet ihre alten, heiligen Rechte auch an ihm! Es feiert ſein Hers den alten, ſchoͤnen Triumph uͤber ſeinen wiederſpenſtigen Kopf, und uͤber den finſtern Groll der ſeit langer Zeit in ihm ſpukte!“ 110 Endlich erſchien in Aarhorſt die Gräfin mit Se⸗ raphinen, mit einer franzoͤſiſchen Erzieherin der⸗ ſelben, und mit einer armen, verwittweten Jugend⸗ freundin, die ſeit einigen Jahren ihre Geſellſchafte⸗ rin, und jetzt Seraphinens Muſiklehrerin war. Außerdem war eine anſehnliche Dienerſchaft in ihrer Begleitung, und ſo war das alte, lange veroͤdet ge⸗ weſene Schloß mit einem Male wieder bevoͤlkert, wenn auch eben nicht freudig belebt. Die Graͤfin, nicht allein von hoͤchſt zartem, ſchwaͤchlichem Koͤrper, ſondern auch in der Regel von duͤſterer, krankhaft gereitzter Seelenſtimmung, hielt ihre Umgebungen faſt ununterbrochen in einer aͤngſtlichen, beklemmenden Stille befangen. Selbſt der freundliche Engel Seraphine glich mit ſeiner angebornen Froͤhlichkeit groͤßtentheils einer Pſyche mit gebundenen Fluͤgeln, und ihre Jugendzeit war verduͤſtert, wie eine ſchoͤne Fruͤhlingslandfchaft, wel⸗ 111 cher ein zwiſchentretender, dunkler Mond den hellen Sonnenſchein entzieht. 1 Nicht allein Weſtolds Kinder, ſondern auch er ſelbſt und Auguſte fuͤhlten ſich vom erſten Au⸗ genblick an, der Graͤfin gegenüber, ſehr verlegen, wenn ſie gleich wiederholt verſicherten, daß ſie eine vortreffliche Dame zu ſeyn ſcheine, Weſtold auch bald aus einigen ihrer Aeßerungen ſchloß, daß ſie ungewoͤhnlich religioͤſen Sinnes ſeyn müͤſſe, was ſeine Hochachtung gegen ſie ungemein ſteigerte. Aber nur zu bald fuͤhlten ſich Alle, ungeachtet ihrer groͤß⸗ ten Beſcheidenheit und Aufmerkſamkeit, in eine ſol⸗ che Ferne von der Graͤfin und ihren naͤchſten Umge⸗ bungen zuruͤckgedruͤckt, daß es war, als haͤtte ſich eine tiefe Kluft zwiſchen dem großen Schloſſe und der kleinen Pachterwohnung aufgethan. Alles in dieſer befand ſich in einer unangenehmen Spannung. Erſt als Haſtebeck nach einigen Tagen ein⸗ traf, kehrte ein froheres Leben bei Alt und Jung zu⸗ ruͤck. Nahm er gleich ſeine Wohnung in dem Schloſ⸗ ſe, um ganz als ein Glied des dortigen Kreiſes zu leben: ſo gehoͤrte er doch noch mit ganzem Herzen 112 den alten Freunden an, und brachte einen großen Theil jedes Tages bei ihnen zu. Seine geſellſchaftli⸗ che Form war, bei dem jahrelangen Umgange mit der Graͤfin, etwas abgeſchliffner geworden, allein ſeine Offenheit und Biederkeit hatten dabei nichts verlo⸗ ren, und ſeine urſpruͤngliche Heiterkeit war jetzt weit ſeltener, als bei ſeinen letzten Beſuchen, getruͤbt. Als die Herzen der alten Freunde ſich genuͤgend uͤber ſich ſelbſt und dazwiſchen auch über Seraph i⸗ nens hinreißende Liebendswuͤrdigkeit ausgeſprochen hatten, konnte es nicht fehlen, daß auch die Graͤfin der Gegenſtand eines laͤngeren Geſpraͤchs zwiſchen ihnen wurde. Weſtold meinte, ſie muͤſſe, trotz ihrer uͤbrigen Vortrefflichkeit, wohl einen hohen Grad von Adelſtolz beſitzen, denn in ihrem Thun und Weſen ſey etwas ſo ſehr Entfernendes gegen ihn und die Seinigen, daß keiner von ihnen es, ohne ganz beſondere Veranlaſſung, wagen werde, ſich ihr wieder zu naͤhern. „So iſts recht!“ erwiederte Haſtebeck— „Haltet Euch Alle fern von ihr, damit Ihr ja nicht zudringlich erſcheint, oder Euch etwas gegen ſie —᷑—᷑—ÿ—ꝛ—x˖:˖:·:õ:˖·—̃ñ— 113 ſie vergebt, denn dem Vornehmeren gegenuͤber muß man am allerſorgfaͤltigſten ſein Recht und ſeine Ehre zu bewahren ſuchen! Uebrigens haltet ſie nicht fuͤr ſchlimmer, als ſie iſt! Legt ihr Anſichten und For⸗ men, an die ſie, von ihrer fruͤhſten Jugend auf, gewoͤhnt iſt, ja die ſie faſt mit der Muttermilch hat einſaugen muͤſſen, nicht allzu uͤbel aus! Wir Alle, auf ihrer Stelle geboren und erzogen, wuͤrden es vermuthlich machen, wie ſie es macht. Und Du vor Allen, Weſtold, mnßt wiſſen, daß nicht Jedermann ein ſolcher Ausbund von Beſcheidenheit und chriſtlicher Milde ſeyn kann, als Du es biſt!“ Das aber verſchwieg er, aus Schonung, dem Freunde, daß die Graͤfin ihn ſchon ſeit Jahren, we⸗ gen ſeiner Prediger⸗Grille, fuͤr einen Thoren, und ſeit ihrem erſten Spaziergange im Garten, wegen der glaſurten Urnchen und Altaͤrchen, fuͤr einen Einfaltspinſel hielt.— Beim Erblicken dieſer laͤ⸗ cherlichen, architectoniſchen Suͤndenboͤcke, hatte ſie die Haͤnde zuſammengeſchlagen vor aͤſthetiſchem Schrecken und Abſcheu; und ein raſcher Befehl zur gaͤnzlichen Vertilgung dieſer ungluͤcklichen Zierrathen, Weſtold. II. Theil. 8 114 wollte ſchon uͤber ihre Lippen fliegen, als ihr einſiel, daß Haſtebeck ſie erſt noch ſehen, belachen, und ſelbſt mit zur Zerſtoͤrung verdammen ſolle. Als Haſtebeck aber das naͤrriſche Zeug, wie er es nannte, in Geſellſchaft der Graͤfin ſah, lachte er zwar mehrmals laut auf; allein mit ernſthafter Miene erklaͤrte er bald nachher, daß es hart ſeyn wuͤrde, den dienſtfertigen Bau⸗Herrn dieſer laͤcherlichen Ge⸗ ſtaltungen durch ein mißbilligendes Zerſtoͤren derſel⸗ ben zu beſchaͤmen; und als die Graͤfin ihr beleidig⸗ tes Kunſtgefühl, als ſeine Schuͤlerin in der Land⸗ ſchafts⸗Mahlerei, geltend machen wollte, erklaͤrte er den ganzen Schloßgarten, mitten in der Umge⸗ bung einer ſo großen, mahleriſchen Natur, fuͤr eine recht arge, aͤſthetiſche Narrheit, bei der es auf ein paar laͤcherliche Zuthaten mehr oder weniger nicht ankomme.— Auf dieſe Weiſe brachte er es dahin, daß die naͤrriſchen Kunſtſtuͤcke ſeines Freundes unan⸗ geruͤhrt blieben, aber die Graͤfin betrat jenen Theil des Gartens nicht wieder; und als ſie obenein noch die Entdeckung machte, daß auch bei der Anfaͤrbung der glten ſteinernen Wappen uͤber dem Hofthore und 115 der Schloßthuͤre, durch Auftragung falſcher Farben, ſehr arge heraldiſche Schnitzer gemacht worden wa⸗ ren: ſo nahm das Vorurtheil, was ſie gegen We⸗ ſtold gefaßt hatte, eher zu, als ab. Die Kluft zwiſchen beiden Haͤuſern wurde immer groͤßer. Am meiſten hierbei zu bedauern waren die Kin⸗ der, beſonders Seraphine. Mochte ſie noch ſo viel koſtbares Spielwerk, mochte ſie auch zehnmal mehr und zehnmal ſchoͤnere Kleider haben, als die Nachbarkinder gegen ihr uͤber: ſo mußte ſie dieſe doch, ſo oft ſie eins am Fenſter oder uͤber den Hof ſpringen ſah, um ihr froͤhliches Zuſammenleben und Scherzen und Spielen beneiden; und fortwaͤhrend ſehnte ſie ſich hin zu ihnen, und nimmer wollte ſie es begreifen lernen, daß es ſich— wie ihre Erzieherin ihr vorpredigte— fuͤr ſie nicht ſchicke, ſich ihres Lebens und ihrer Jugend zu freuen, wie die Pach⸗ terkinder, oder der ſanften Marie es zu ſagen, wie 8* 116 gut ſie ihr, ohne jemals ein Wort mit ihr geſpro⸗ chen zu haben, ſchon durch das bloße Zunicken durch die Fenſterſcheiben geworden ſey. Dieſe Predigten der Erzieherin konnten von keiner Wirkung bei Seraphinen ſeyn, nicht al⸗ lein, weil ſie ihrer Neigung und ihren Wuͤnſchen durchaus nicht zuſagten, ſondern auch weil Haſte⸗ beck, an welchem Seraphine mit wahrhaft kindlicher Liebe hing, ihr wiederholt grade das Ge⸗ gentheil vorpredigte. Es war nemlich ein Hauptziel ſeines Strebens bei der Erziehung Seraphinens, ihren Blick auf Menſchen und Menſchenleben frei von jeder vorgefaßten Meinung zu erhalten, und je⸗ dem Keim von adlichem Stolz und Vorurtheil, der ihr eingeimpft werden ſollte, mit allen Waffen uͤber⸗ legener Beredtſamkeit, die ihm zu Gebote ſtanden, entgegen zu arbeiten. Und beſonders ſeit ſie in Aar⸗ horſt waren, wiederholte er ihr bei jeder ſchicklichen Gelegenheit, es gebe ihr nicht den mindeſten Werth, daß ſie die Tochter einer Graͤfin, und in Sammt und Seide gekleidet ſey, und ſie duͤrfe ſich uͤber die Kinder des Pachters, wenn ſie auch, aus beſondern, 117 zufaͤlligen Gründen, fuͤr jetzt, oder auch fuͤr immer, keinen Umgang mit ihnen haben ſolle, in thoͤrichter Einbildung doch durchaus nicht erheben. Weſtold, der auf einem Spaziergange einmal zufaͤllig ſolche Lehren mit anhoͤrte, erſchrak nicht allein daruͤber, als uͤber etwas Gefaͤhrliches in Beziehung auf das Verhaͤltniß ſeines Freundes zu der graͤflichen Familie, ſondern mißbilligte ſie auch, als ungehoͤrig, ja ungerecht, nach dem Ausſpruche der Bibel:„Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt!“ welchen er auch auf die Standes⸗Vorrechte einer Graͤſin angewendet wiſſen wollte. Als er in⸗ deſſen Haſtebecken unter vier Augen ſeine Unvor⸗ ſichtigkeit und ſein Unrecht begreiflich machen wollte, ſchuͤttelte dieſer mit dem Kopfe, und brach das Ge⸗ ſpraͤch raſch mit den Worten ab:„Laß mich! Ich weiß wohl, was ich thue.“ Weſtolds Prophezeiung, daß ſeines Freun⸗ des Ketzereien uͤber kurz oder lang zu den Ohren der Graͤfin gelangen und ihr unfehlbar mißfallen wuͤr⸗ den, ging nur zu bald in Erfuͤllung. Die franzoͤſi⸗ ſche Erzieherin war dahinter gekommen, und hielt ½ 118 es fuͤr eine verdienſtliche Pflicht, die Graͤfin davon in Kenntniß zu ſetzen, und ihren Schutz gegen ſolche boͤſe Einwirkungen auf Seraphinen in Anſpruch zu nehmen, da ſie ſelbſt ſich an den großen deutſchen Baͤren nicht wagte. Als die Graͤfln aber, nach ziemlich langem, verlegenem Zoͤgern, endlich ernſthaft anſetzte, die⸗ ſen Gegenſtand mit ihm zu beſprechen, und er ihr, zur Rechtfertigung ſeines Verfahrens, unter anderm auch ſagte, daß Seraphine vielleicht einmal ihr Gluͤck mehr in der Liebe eines Buͤrgerlichen, als eines Barons oder Grafen finden koͤnne: da uͤberzog ihr ſonſt ſo blaſſes, feines Geſicht eine ploͤtzliche Roͤ⸗ the, und ſie war, vor großer, innerer Verwirrung, nicht im Stande, ihm etwas zu erwiedern. Sie fluͤchtete in ein anſtoßendes Kabinet; er hoͤrte, daß 1 ſie weinte; und voll Erſtaunen fragte er ſich ſelbſt, was das bedeute? Er hatte keine Antwort, oder er wollte keine Antwort hierauf haben. Aber mit bedenklichem Kopfſchuͤtteln ging er ſtill hinweg; und als ihm Weſtold bald nachher auf dem Hofe begegnete, * 4 119 und ihn nach der Urſach ſeiner auffallenden Verſtim⸗ mung fragte, gab er zur Antwort:„Asmodi goͤnnt mir nirgends eine ruhige Staͤtte! Meines Bleibens wird hier wohl nicht lange mehr ſeyn.“ Doch Asmodi ſchien das nicht zu wollen.— Ehe noch Haſtebeck und die Graͤſin nach jenem Geſpraͤch ſich wieder ſahen, und ehe noch Jeder mit ſich einig daruber geworden war, wie er vor dem Andern die fruͤhere Unbefangenheit, ſcheinbar we⸗ nigſtens, behaupten wolle, ereignete ſich ein Zufall, der, bei aller ſeiner Gefaͤhrlichkeit, doch das Gute hatte, daß er ihrer augenblicklichen Verlegenheit ein ſchnelles Ende machte, indem er ihren Empfindungen zunaͤchſt eine andere, unruhige Richtung gab. Indem Haſtebeck die Schloßtreppe hinabeilen wollte, um ſich im Freien zu zerſtreuen, hing ſich Seraphine an ſeine Hand, und bat ihn, ſie mit⸗ zunehmen auf ſeinem Spaziergange. Aber er war in der Stimmung, allein ſeyn zu wollen, und es war zum erſten Male, daß er ſeinem Lieblinge eine ſolche Bitte abſchlug. Bei den Gedanken, die eben ſeinen Kopf durchkreuzten, konnte es für einen 120 Verſuch gelten, die Naͤhe des holden Kindes ent⸗ behren zu lernen. Seraphine huͤpfte hierauf zu der Graͤfin, die eben ihre Augen getrocknet hatte„ und ſchmeichelte dieſer alsbald den Entſchluß zu einem Beſuche des Gartens ab. Hier erzaͤhlte Seraphine, daß Haſtebeck ihre Bitte zuruͤckgewieſen, weil er habe allein ſeyn wollen. Stumm hinhorchend nach die⸗ ſem Geſchwaͤtz, füͤhlte die Graͤfin, daß ein ſtilles, ungeſtoͤrtes Alleinſeyn in dieſer verraͤtheriſchen Stunde auch ihr Beduͤrfniß ſey.„Springe ein wenig fuͤr dich allein umher!“ ſagte ſie freundlich, indem ſie Seraphinens Hand loßließ; und einſam ging ſie, durch die ſchattigſten Gaͤnge, ohne daß ſie ſelbſt es bemerkte, nach der entlegenſten Gegend des Parks. Zum erſten Male ſah ſich Seraphine im Garten unbeachiet, in unbeſchraͤnkter Freiheit, zu thun und zu laſſen, was ihr gut duͤnkte. Wie ein gefangen geweſenes Reh, huͤpfte ſie, leichten, froͤh⸗ lichen Muthes, von Strauch zu Strauch, von 1 Blume zu Blume, bald die Wege entlang, bald uͤber die Beete und die Raſenplätze hin. Herrmann, 124 der eben hinter der Umzaͤunung des Gartens vor⸗ beigehen wollte, blieb lauſchend ſtehn, und ſah mit ſteigender Verwunderung, daß das vornehme Kind ſo munter und leichtfuͤßig ſcherzen konnte, wie er ſelbſt, und Marie und Lebrecht. Gar zu gern haͤtte er ſich zu ihr geſellt, um die froͤhliche Luſt des Augenblicks mit ihr zu theilen; aber die feſte Umzaͤunung, und, zehnmal mehr noch, die ſtrenge Entfernung von ihr, welche ihm ein fuͤr allemal zum Geſetz gemacht war, hielten ihn zuruͤck. Er mußte ſich mit der Freude des ſtillen Hinſchauens nach ihr aus ſeinem Hinterhalte begnuͤgen. Doch ein Viertelſtuͤndchen ſpaͤter, als Ha⸗ ſtebeck an der nemlichen Stelle voruͤber ging, hatte die Scene ſich gewaltig veraͤndert. Er hoͤrte aus dem Garten ein lautes, immer dringenderes Ge⸗ ſchrei um Huͤlfe, und beim erſten Hinhorchen er⸗ kannte er deutlich Herrmanns Stimme. Er eilte, ſo ſehr er konnte, durch die naͤchſte Thuͤr in den Garten, nach der Gegend, woher das Geſchrei kam. Es leitete ihn zu dem großen Baſſin, aus deſſen Mitte ſich ein glaͤnzender Waſſerſtrahl erhob. 122 Schon aus der Ferne ſah er, daß Herrmann, tief im Waſſer ſtehend, mit beiden Armen ein Kind umſchlang, das er, unvermoͤgend es ganz heraus⸗ zuziehen, wenigſtens zum Theil uͤber der Waſſer⸗ flaͤche zu halten ſtrebte. Haſtebecks erſter Gedan⸗ ke war, daß es Marie ſey, mit der Herrmann ein unvorſichtiges Spiel getrieben habe, bei dem ſie üͤber den ſteinernen Rand des Baſſins in das Waſſer geſtuͤrzt ſey. Doch die naͤchſte Minute ſchon ließ ihn deutlich Seraphinens todtblaſſes, bewe⸗ gungslos zum Waſſer hinabhangendes Geſicht erken⸗ nen; und mit einem Schrei des furchtbarſten Ent⸗ ſetzens ſtürzte er hinzu, ſprang in die Flut, riß das bewußtloſe Kind aus Herrmanns Armen an ſein Herz, an ſeine Lippen hinauf, und rief ihm mit den ſchmerzlichſten Jammertoͤnen zu, daß es ſeine Augen oͤffnen, und wieder zum Leben erwachen ſolle. Voll Verzweiflung, daß ſein Rufen umſonſt war, legte er es jetzt auf den Rand des Baſſins, ſtieg im Nu ſelbſt hinauf, nahm es abermals auf ſeine Arme, und eilte damit, in athemloſer Haſt, zum Garten hingus, dem Schloſſe zu, Zur rechten Zeit noch ſiel ihm ein, daß er der Graͤfin den erſten, furchtbarſten Schrecken erſparen muͤſſe, und daß Weſtold mit Eifer die Schriften uͤber die Behandlung Scheintodter ſtudirt habe. Zu ihm hin eilte er alſo mit ſeinem ſcheintodten Lieb⸗ linge, legte ihn ſorgſam in Mariens Bett, ſetzte alles zur ſchnellſten Huͤlfsleiſtung in Thaͤtigkeit, und jagte Boten nach Arzt und Apotheke in die Stadt. Wenige, angſtvolle Minuten nur noch, da wurden die angewendeten Bemuͤhungen Weſtolds und Auguſtens ſchon durch einige Zeichen des wiederkehrenden Lebens belohnt; und als die Graͤfin, zitternd und zagend, ans Bette wankte, konnte Seraphine ihr ſchon die Haͤnde entgegenſtrecken, und ihr ein freundliches Wort zur Beruhigung zurufen. Die Stunde des troſtloſeſten Jammers wurde nun zur Stunde der allerhoͤchſten, innigſten Freude. Haͤtten Haſtebeck und die Graͤftn es noch nicht gewußt, wie unendlich theuer und unentbehrlich zu ihrem Gluͤck ihnen Seraphine war: ſo wuͤrde dieſe Stunde es ihnen kund gethan haben, in welcher des 124 Kindes ſcheinbarer Tod und zuruͤckgekehrtes Leben ihnen, im ſchnellen Wechſel, den hoͤchſten Grad der Verzweiflung und des Entzuͤckens bereitet hatten. Beide uͤberhaͤuften es mit den allerzaͤrtlichſten Lieb⸗ koſungen, und waren gluͤcklich über die Maaßen in den erwiedernden Liebkoſungen des geretteten, lieb⸗ lichen Kindes. Noch wußte Niemand, und am wenigſten die Graͤfin, den eigentlichen Hergang der Begebenheit. Sobald Seraphine ſich hinlaͤnglich dazu erholt hatte, erzaͤhlte ſie, daß ſie ein paar Mal auf einem ſchmalen Brette, welches von dem Rande des Baſ⸗ ſins nach der Fontaine hinuͤber gelegt war, hin und her gegangen ſey, um abgepfluͤckte Blumenblaͤtter in den aufſteigenden Waſſerſtrahl zu werfen, und mit den aufſpruͤhenden Tropfen in die Höhe ſteigen zu ſehn, daß ſie aber, in der beſten Freude hierüber, auf dem naſſen Brett ausgeglitten, ins Waſſer ge⸗ ſtuͤrzt, und dann bald um ihr Bewußtſeyn gekom⸗ men ſey. Von neuem wurde die Graͤfin aufs heftigſte von der Vorſtellung ergriffen, in welcher furchtbaren Ge⸗ 125 fahr Seraphine geſchwebt, und wie der Troſt und die Freude ihres eignen Lebens auf das ſchreck⸗ lichſte zerſtoͤrt worden waͤre, wenn das geliebte Kind nicht noch zur rechten Zeit einen Retter gefunden haͤtte. Unter einem Strome von Thraͤnen ſprach ſie dieſes in wenigen, doch hoͤchſt ruͤhrenden Worten aus, ſo daß alle Umſtehende gleichfalls zu Thraͤnen geruͤhrt wurden.„O, Haſtebeck!“ ſprach ſie endlich im uͤberſtroͤmenden Gefuͤhle des Dankes— „Retter ihres und meines Lebens! Was waͤre aus mir geworden, wenn Sie nicht unſer Schutzengel geweſen waͤren!“ „Ich? Ich?“ erwiederte Haſtebeck— „Ich habe das Wenigſte gethan. Ich nahm ſie ja nur dem Herrmann aus den Armen, und trug ſie hieher; und Weſtolds und Auguſtens ver⸗ ſtaͤndiger Rath und unermuͤdliche Thaͤtigkeit riefen ſie ins Leben zuruͤck.— Aber wo iſt denn der Kna⸗ be?“ ſetzte er alsbald, im Zimmer umher blickend, hinzu, und verſchwand dann durch die ſchnell geoͤff⸗ nete Thuͤr. 126 Mit den Worten des lebhafteſten Dankes reichte die Graͤſin Weſtolden die Hand, und umarmte ſie Auguſten, Beide ihrer lebenslaͤnglichen, waͤrm⸗ ſten Verpflichtung verſichernd. Auch Seraphine ſtreckte ihren Wohlthaͤtern die Haͤnde freundlich ent⸗ gegen, und dankte ihnen mit Wort und Blick; und da ſie hoͤrte, daß ſie in Mariens Bette liege, ³ reichte ſie, in freudiger Aufregung, guch dieſer die Hand, und zog ſie, zu einem dankbaren Kuſſe, nach ſich hin. Aber jetzt ſtuͤrmte Haſtebeck wieder ins Zim⸗ mer, mit Herrmann an der Hand, der nur, halb wider Willen, ſich mit fortziehen ließ.— „Hier, hier iſt der Retter!“ rief Haſtebeck— „Dieſem, dieſem gebuͤhrt unſer Dank! Er war Seraphinens Schutzengel. Er ſah ſie ins Waſſer ſtuͤrzen, und arbeitete ſich durch den dichten, ſtachligen Zaun, und ſprang ihr nach ins Waſſer, und hielt ihren Oberkoͤrper ſo lange daruͤber empor, bis ſein Geſchrei mich zur Huͤlfe herbeigerufen hatte! Da ſeht, wie er ſich Geſicht und Haͤnde und Kleider zerriſſen hat, im Durchbrechon des Zauns! Ohne ihn waͤre Seraphine unausbleiblich des Todes geweſen!“ Alle ſchauten geruͤhrt nach ihm hin, und ſahen, wie er verwundet war und geblutet hatte. Die Graͤ⸗ ſin druͤckte ihn, aufs neue weinend, an ihr Herz, zog ihren koſtbarſten Ring vom Finger, und beſchenkte ihn damit, und ſagte zu ihm:„Biſt Du ein Mal in irgend einer Noth oder Gefahr: ſo wende Dich an mich, wie an eine Mutter! Ich will dann fuͤr Dich thun, ſo viel ich nur vermag!“— Sie fuͤhrte ihn ſelbſt zu Seraphinen, daß ſie ihm danken ſolle. Und als Dieſe nun einander die Haͤnde reichten, und Se⸗ raphine es in der Naͤhe ſah, wie ſehr Herr⸗ manns Hand verwundet war, druͤckte ſie, in ra⸗ ſcher Aufwallung des Mitleids und der Dankbarkeit, einen Kuß darauf, und bat ihn, daß er ihr nicht boͤſe ſeyn moͤge. Ehe der betroffene Knabe aber et⸗ was zu erwiedern vermochte, riß ihn Haſtebeck aufs neue an ſich, hob ihn mit ſtarken Armen an ſeine Bruſt hinauf, und ſagte:„Junge! braver Junge! Laß Dich herzen und küſſen guch von mir! Lange habe ich Dich nicht recht leiden moͤgen! ohne 128 Deine Schuld! Ich bitte Dir das jetzt ab! Von heute an habe ich Dich lieb, als ob Du mein eige⸗ ner Sohn waͤreſt! In dieſer verhaͤngnißvollen Stunde haſt Du Dein Daſeyn gerechtfertigt! Was waͤre aus uns geworden, wenn Du nicht waͤreſt! Wunderbar— Wunderbar ſind die Verkettungen der menſchlichen Schickſale!“ Tief bewegt küßte er nochmals den Knaben, ſchob ihn dann in Weſtolds und Auguſtens Arme, und ging mehrere male, raſchen Schrittes, im Zimmer auf und ab. Schnell wandte er ſich dann zu S eraphinen, ergriff ihre Hand, liebkoſete ſie zaͤrtlich, und ſchalt auf den Gaͤrtner, der das ver⸗ fuͤhreriſche Brett, beim Oeffnen des Waſſerrohrs am Morgen, hatte uͤber dem Waſſer liegen laſſen. Als aber Seraphine, vegen der Unvorſichtig⸗ keit, darauf hin und her gelaufen zu ſeyn, ſich ſelbſt anklagte, ſiel ihr die Graͤfin in's Wort, um ſich einen bittern Vorwurf daruͤber zu machen, daß ſie Seraphinen im Garten ſich ſelbſt uͤberlaſſen habe; und Haſtebeck unterbrach die Graͤſin wieder mit der Selbſtanklage, daß er an gllem Ungluͤck Schuld ſey/ walter das koſtbarſte Pferd mit dem ſchoͤnſten Sat⸗ telzeug, das aufzutreiben war, kaufen, und machte dem überraſchten Haſtebeck ein Geſchenk damit. Da er es nicht ausdrücklich verſchworen hatte, ſich eins ſchenken zu laſſen: ſo nahm er dankend an, was er nicht zuruͤckweiſen konnte, und wurde von nun an des froͤhlichen Reitſchuͤlers ruͤſtiger Lehrer. Weſtold ſchüttelte bedenklich den Kopf, ſo⸗ wohl über die Koſtöarkeit des Geſchenks, als auch Aber den dabei beabſichtigten Zweck.—„Haſte⸗ beckl“ ſagte er—„das iſt ein Pferd und ein Reit⸗ zeug, wie es die Graͤfin fuͤr ihren Gemahl nicht koſtbarer haͤtte kaufen koͤnnen! Das iſt mir ein auf⸗ fallendes Geſchenk! Jedem, der es ſieht, muß es auffallen! Sey auf Deiner Hut, Haſtebeck!— Aber vor Allem bitte ich Dich— reite vorſichtig mit dem Jungen! Sorge, daß kein Unglück ge⸗ ſchieht! Du weißt es, daß er mein Augapfel iſt!“ „Pah!“ erwiederte Haſtebeck—„was ſind der Graͤfin ein paar Haͤnde voll Gold mehr oder we⸗ niger! Sie hat des Zeugs ja weit mehr, als ſie braucht! Wenn ſie es mitunter zum Fenſter hinaus Weſtold, 11. Theil⸗ 10 146 wirft: wem kann da etwas auffallend ſeyn?“ Aber der ſinſtre Blick, mit dem er das ſprach, ſtrafte den leichten Ton, den er anzunehmen verſuchte, Luͤgen. Heitrer ſetzte er hinzu:„Wegen Deines Augapfels ſey unbeſorgt! Der ſoll ein tuͤchtiger Reiter werden, ohne daß er den Hals bricht, oder daß ſonſt ein Un⸗ gluͤck geſchieht.“ Dennoch waͤre nach einiger Zeit durch Herr⸗ manns Neitkunſte faſt eins geſchehn! G Er machte ſeinem Stallmeiſter Ehre, wenn er im Sattel ſaß, und war gewandt und furchtlos in der Behandlung ſeines Pferdes, doch verfuͤhrte ihn die jugendliche, unbedachte Luſt zu mancher gefaͤhr⸗ lichen Keckheit. Als er das erſte Mal, weil Ha⸗ ſtebeck eben nicht aufgelegt geweſen war, ihn zu begleiten, die Erlaubniß, allein auszureiten, erhal⸗ ten hatte, traf er, bei der Ruͤckkehr, mit Sera⸗ phinen, die nach dem Garten gehen wollte, am Schloßthore zuſammen. Augenblicklich ſetzte er ſei⸗ ne Spornen in Bewegung, um Parade zu machen mit ſeinem Pferde! Doch ein raſcher Sprung, welchen es hierbei machte, ſetzte Seraphinen, —- ÿ— 147 die dem Reiter eben freundlich zunickte, ſo in Gefahr und Schrecken, daß ſie, im ſchnellen Znruͤckfliehen, üͤber einen Eckſtein ſtolperte, und ſich, im Fallen, an einem andern Steine eine tiefe Wunde dicht uͤber dem Auge ſchlug. Im Nu hatte ſich Herrmann hinunter vom Pferde geſtuͤrzt, und das betaͤubte Maͤdchen in die Hoͤhe gerichtet, waͤhrend deſſen ſein Pferd von ſelbſt den Weg nach dem Stalle hin ging. Er ſah ihr her⸗ abrinnendes Blut! Er klagte ſich ſelbſt wegen ihrer Verwundung an! Er band ihr ein Tuch um die Stirn, und fuͤhrte ſie ſorgſam nach dem Schloſſe. Hier an der Thuͤr hoͤrte er die erſten Worte von ihr, welche ihm ſagten, daß ſie ſich ſattſam erholt habe, und daß er ſie nicht weiter begleiten ſolle. In heftiger Bewegung ging er von ihr hinweg, zaͤumte ſein Pferd ab, und ſchlich dann auf ſeine Kammer, wo er ſich, uͤber Kopfſchmerz klagend, voll tiefſter Betrubniß aufs Bette warf. Niemand war Zeuge jenes Auftritts geweſen, und er hatte, auch ohne ein Verſprechen darüber erhalten zu ha⸗ ben, das Vertrauen zu Seraphinen, daß ſie 10* ihn nicht als den Veranlaſſer ihres Falles anklagen werde. Zwar ſchwebte eine freie Selbſtanklage immer auf ſeinen Lippen, denn Reue uͤber ſeine Unbeſon⸗ nenheit, und inniges Mitleid mit S eraphinen trieben ihn gewaltſam, ſich hieruͤber laut auszuſpre⸗ chen; allein die Vorſtellung, wie die Graͤftn, wie ſein Pflegvater, wie Haſtebeck ſein Geſtaͤndniß aufnehmen wurden, verſchloß ihm vor Jedermann den Mund. Er fuͤrchtete, daß Alle ihm ihre Liebe entziehen wuͤrden, und daß er das Vergnügen des Reitens auf lange Zeit werde einbuͤßen, vielleicht ſein Pferd auf immer weggeben muͤſſen, wenn man erfuͤhre, welcher gefaͤhrlichen Unbeſonnenheit er ſich ſchuldig gemacht habe. Stundenlang ſchwebte er zwiſchen Hoffnung und Furcht, bis ihm nach und nach die Gewißheit ward, daß Seraphinens Verwundung nicht gefaͤhr⸗ lich, und daß ſie ſelbſt durchaus nicht zur Verrä⸗ therin an ihm geworden ſey. Nun war er voll der lebhafteſten Freude und Dankbarkeit! Er gab ſich ſelbſt das Wort, nie wieder ſo unvorſichtig zu ſeyn, und S eraphinens großmuͤthige Verſchwiegenheit, 149 ſo lange er lebe, nicht zu vergeſſen. Er ſing an, zu uberlegen, ob er wohl ſo leicht davon gekommen ſeyn würde, wenn Marien dieſer Unfall begegnet waͤre; und es war ſeine Ueberzeugung, daß dieſe, bei aller Gutmuͤthigkeit und ſchweſterlicher Liebe zu ihm, ſchwerlich beſonnen und ihrer Zunge genug Herr geweſen ſeyn wuͤrde, ſeine Verſchuldung unver⸗ rathen zu laſſrn. Dieſe Betrachtung ſtellte augen⸗ blicklich Seraphinen ungleich hoͤher, als Ma⸗ rien, in ſeiner Seele, und wurde der Grundſtein einer immer entſchiedeneren Hinneigung zu jener. Als am folgenden Tage ſein lebhafter Wunſch, Seraphinen zu ſehen, in Erfuͤllung ging, machte der Anblick des Verbandes ihrer Wunde ihm einen ſo beklommenen Athem, daß er ſie nicht anzureden vermochte. Freundlicher, als gewoͤhnlich, reichte ſie ihm die Hand, und zum erſten Male in ſeinem Leben küßte er, ohne es gewollt zu haben, ihre Hand. Beide, ohne ſich ihre Gedanken mitzutheilen, erin⸗ nerten ſich, wie ſie ihm einmal, als dem Retter ih⸗ res Lebens, aus Dankbarkeit die ſeinige gekuͤßt hatte; Beide erroͤtheten, beim Begegnen ihrer Blicke, 150 und ſchweigend wußte Jeder den Blick und das Er⸗ roͤthen des Andern zu deuten.— Seit dieſer Zeit waren ſie, wie durch ein unſichtbares, magiſches Band, naͤher mit einander verbunden. Sie betrach⸗ teten einander mit groͤßerem Wohlgefallen, als ſonſt. Jeder war dem Andern der liebſte Geſpiele geworden; doch Niemand bemerkte das„ denn die Aufmerkſam⸗ keit der aͤltern Glieder in dem traulichen Kreiſe zu Aarhorſt hatte eben eine ganz andere, ernſte Nich⸗ tung genommen. Die Augen der Graͤfin ſchwammen nicht ſelten in Thraͤnen. Haſtebeck verſank aufs neue in tiefe, finſtre Verſtimmung. Mit Bekümmerniß blickte Weſtold nach Beiden hin. Unerwartet rief Haſtebecken eine Geſchaͤfts⸗ Angelegenheit des Grafen auf ein paar Tage nach einer benachbarten Stadt. Am Mittag bekam die Graͤfin einen Brief, zog ſich in ihr entlegenſtes Zim⸗ —— —— mer zuruͤck, und ließ Weſtolden gegen Abend, unter einem ſchicklichen Vorwande, zu ſich einladen. Sie war, unverkennbar, in einer großen Ge⸗ müthsbewegung, als er zu ihr ins Zimmer trat. Zutraulich reichte ſie ihm jedoch die Hand; und nach einer kurzen Einleitung, in welcher ſie ihn ihres groͤßten Vertrauens zu ſeiner Redlichkeit und verſtaͤn⸗ digen Erfahrenheit in Rechts⸗Verhaͤltniſſen verſichert hatte, ließ ſie ihn ſich gegenüberſetzen, und ſagte mit gedaͤmpfter, doch feſter Stimme:„Ich habe, nach vielfaͤltiger, ernſter Ueberlegung, und nach langem, ſchwerem Kampfe, einen wichtigen Ent⸗ ſchluß gefaßt; und Sie, lieber Weſtold, ſollen mir ihn ausfuͤhren helfen, oder wenigſtens die Ein⸗ leitung zu der Ausfuͤhrung machen!“ Beklommen athmend, hielt ſie hier einige Augen⸗ blicke inne, in welchen Weſtold ihr im voraus jede moͤgliche Dienſtleiſtung zuſagte. Dann fuhr ſie, mit tief niedergeſchlagenen Augen, zu ſprechen fort: „Ich will— ich muß mich trennen von meinem Gemahl! und zwar gans— auf immer— in un⸗ umſtoͤßlicher, gerichtlicher Form! Ich bin ſchon ſeit langen Jahren ſeine Gemahlin nicht mehr, und will ſo auch nicht mehr heißen.— Eine Ehe, wie die unſrige, ward nicht im Himmel geſchloſſen, und kann alſo, ohne Verſuͤndigung, nach weltlichen Rechten wieder aufgehoben werden.— Unterſtü⸗ tzeen Sie mich hiebei, lieber Weſtold, Sie, der Sie Advokat waren, und fortwaͤhrend der redlichſte Mann auf Erden ſind— unterſtützen Sie mich mit Ihrem Rath und mit Ihrer Feder! ½ Weſtold, ſo ſehr betroffen er auch war, ſam⸗ melte ſich doch nothduͤrftig, um die Frage zu thun, ob der Graf auch in Abſicht ihres Entſchluſſes mit ihr einverſtanden ſey? Lebhaft aufblickend, erwiederte ſie:„Er iſt es für den Augenblick noch nicht; ja er hat ſogar jetzt eben den Einfall gehabt, mich zur Ruͤckkehr zu ſich einzuladen, und den Ton des zaͤrtlichen Gatten und Vaters anzuſtimmen; aber er wird ſich wohl bereit⸗ willig zur Trennung erklaͤren, wenn ich einen guten Preis beſtimme, um welchen ich entſchloſſen bin, meine Freiheit zu erkaufen.“ 1 153 Weſtold wollte den ausgeſprochenen, zaͤrtli⸗ chen Gefuͤhlen des Grafen das Wort reden; doch die Graͤfin untrrbrach ihn in ſteigender Bewegung: „O, ſagen ſie mir nichts von dem zaͤrtlichen Gat⸗ ten⸗ und Vater⸗Herzen dieſes leichtſinnigen, herz⸗ loſen Wuͤſtlings! Leider, gab es eine Zeit, wo ich Thoͤrin genug war, ihn zu lieben; allein er hat mich nie, nie, nicht einen Augenblick geliebt! Nur kurze Zeit vor und nach unſrer Vermaͤhlung heuchelte er— und zwar ſchlecht genug— daß er mich liebe, um gleich nachher in den Armen ver⸗ worfener Buhlerinnen mein Gold zu vergeuden! Selbſt unſre Tochter hat er nie geliebt, denn er hatte ſich einen Sohn gewuͤnſcht! Vom Tage ihrer Geburt an, warf er daher nur gleichgiltige, oft finſtre Blicke nach ihr hin! Nie hat er ſie einer Lieb⸗ koſung gewuͤrdigt! Ja ich habe ihn, mehr als ein Mal, auf Blicken ertappt, in welchen ſich eine un⸗ verkennbare Verhoͤhnung meiner Zaͤrtlichkeit gegen das liebliche, unſchuldige Kind ausſprach!“ Hier verſagte der Graͤfin die Stimme, und große Thraͤnentropfen rollten uͤber ihr ergluͤhtes b — — —— 154 Geſicht hinab. Dann, ſich gewaltſam zu faſſen ſu⸗ chend, fuhr ſie mit ruhigerem Tone fort: „Ich will ihm eine anſehnliche Jahres⸗Rente ausſetzen, von welcher er ſtandesmaͤßig leben kann. Aber weiter geht ihn mein Vermoͤgen und die Ver⸗ waltung meiner Guͤter, dann nichts mehr an; ſo wenig, als die Erziehung Seraphinens.— Schreiben Sie ihm das, lieber Weſtold! Sie! Sie! Ich kann und mag es nicht!“ Mit warmer, ungeheuchelter Theilnahme be⸗ theuerte Weſtold, daß er keine Muͤhe und kein Opfer ſcheuen werde, wodurch er ihr wahrhaft nuͤtz⸗ lich werden, und mit Sicherheit auf ihr Lebensgluͤck hinwirken koͤnne.„Aber“ ſetzte er behutſam hinzu —„bin ich wohl der Mann, der Ihnen in dieſer ungluͤcklichen Angelegenheit am nützlichſten ſeyn kann? Sollte nicht Haſtebeck, der ſo viel uͤber den Herrn Grafen vermag— 2 Hier hielt er inne, mitten in ſeiner Frage, weil es ihm nicht entging, in welche Verwirrung die Graͤſtn gerieth, ſobald er Haſtebecks Namen nannte. Er fühlte, daß er einen Fehlgriff gethan —— ———— 155 hatte, und ſchlug beſchaͤmt die Augen nieder, um das Erroͤthen der Graͤfin nicht zu ſehn. „Nein, lieber Weſtold,“ nahm die Graͤfin, nach einer aͤngſtlichen Pauſe, wieder das Wort— „Haſtebeck kann und darf in dieſer Angelegenheit nichts thun, eben weil er uns— weil er ihm, will ich ſggen— meinem Gemahl zu nahe ſteht. Ein Dritter, ein Fremder muß zwiſchen uns treten! Jeder Andere eher, als Haſtebeck! Nicht ein Mal berathſchlagen moͤchte ich mit ihm. Ein An⸗ derer koͤnnte das wohl; nur ich nicht; ich nicht!“ Weſtold hielt die letzten Worte fuͤr einen Wink, daß er die Sache mit Haſtebeck beſprechen ſolle, und erwiederte:„Ich werde Alles reiflich überlegen, Frau Graͤfin, und dann rathen und thun, nach meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen.“ „Und iſt mein Zweck erreicht:“ ſagte ſpaͤterhin die Graͤfin—„bann ſoll mir erſt recht wohl werden in Aarhorſt. Erſt unter Euch, ihr guten Menſchen, habe ich begreifen gelernt, was wahres, ſtilles Le⸗ bensgluͤck iſt! Ich bin hier von manchem Vorurtheil geheilt worden, und ihr habt mich uͤberzeugt, daß 156 es ſichrere Fuͤhrer zum Tempel des wahren Gluͤcks, als Rang und Reichthum, giebt. Dafür gehoͤrt euch ewig mein waͤrmſter, herzlichſter Dank!“ Warm kuͤßte Weſtold die Hand, die ſie ihm hinreichte, und ſagte ihr, im Abſchiednehmen, noch manches Wort der herzlichen Theilnahme an ihrem Mißgeſchick. Da wurde die Graͤfin tief geruͤhrt, und mit ihr wurde es auch Weſtold, und im Ueberſtroͤ⸗ men ſeines innigen Mitgefuͤhls verirrte er ſich zu den begeiſterten Worten:„Muth! Muth, edle, ungluck⸗ liche Frau! Ihrem tief verwundeten Herzen wird ſein Lohn nicht fehlen! Eine neue, eine ſchoͤnere—“ Er wollte ſagen, eine neue, ſchoͤnere Sonne werde ihren Lebenspfad noch erhellen, wenn das jetzige Sturmgewoͤlk verweht ſey, wobei er ſich kein beſonderes Ereigniß, kein beſtimmtes Gluck, hoͤch⸗ ſtens ihre Freude an Seraphinens kuͤnftigem Lebensgluͤck, dachte; allein die Graͤin— eine be⸗ ſondere, geheime Verwundung im Herzen fuͤhlend, und wider Willen nach einem beſtimmten Gluͤcks⸗ ziele ſchuͤchtern hinblickend— deutete Weſtolds Worte anders; und fuͤrchtend, daß er laut ausſpre⸗ 157 chen, wenigſtens unverkennbar andeuten werde, was ſie ſich ſelbſt nicht ohne Erroͤthen zu ſagen vermochte, ließ ſie ihn nicht ausreden, ſondern unterbrach ihn ſchnell mit dem erſchrockenen Ausruf:„Um des Himmels willen, Weſtold! was denken Sie! Sprechen Sie ſo etwas nicht aus! Ich will ja nur eine Verbindung aufgeloͤſ't ſehen, deren ſchmaͤhliche Entheiligung mich ſchon ſeit Jahren mlt Abſcheu er⸗ fuͤllt hat!“ Der betroffene Weſtold, ſtatt ſchnell etwas zu erwiedern, wodurch er dem Geſpraͤch eine andere Wendung gegeben haͤtte, rief ſich in Gedanken nur zuruͤck, was er hatte ſagen wollen, und erwiederte dann frei und ehrlich:„Die Frau Graͤfin ſcheinen meine Worte anders gedeutet zu haben, als— „O nein! o nein!“ unterbrach ſie ihn raſch —„deuten ſie nur die meinigen nicht falſch!— Aber genug fuͤr heute! Unſer Geſpräch hat mir ſchon Kopfſchmerz gemacht!“ ſim n Sie war in einer ſo auffallenden Verlegenheit, weil ſie fuͤhlte, ſich verrathen zu haben, daß ſte bei Weſtolds Abſchiede, um ihm nur ihr gluͤhen⸗ des Geſicht zu entziehen, ſich nach der Klingelſchnur wandte, und ihre Kammerfrau herbei klingelte. Weſtold, den jede Verlegenheit eines Andern mit verlegen machte, war froh, als er das Zimmer hin⸗ ter ſich hatte, und unablaͤſſig verarbeitete er in ſei⸗ nem Kopfe das eben gehabte, verfaͤngliche Geſpraͤch.— Am andern Nachmittag ging er Haſtebecken weit entgegen auf dem Wege nach der Stadt. Auf einem Huͤgel ausruhend, im Schatten eines dichten Gebuͤſches, erwartete er ihn, hielt den raſchen Rei⸗ ter dann durch einen freundlichen Zuruf an, und la⸗ dete ihn zu ſich auf den beſchatteten Raſenſitz ein. Froh üͤberraſcht, ſprang Haſtebeck ſogleich vom Pferde, band es an einen Baum, und ſetzte ſich unbefangen, zu traulichem Geplauder uͤber die Kin⸗ der in Aarhorſt, neben Weſtold hin. Doch die⸗ ſer leitete das Geſpraͤch alsbald auf die Graͤfin, und theilte dem Freunde den von ihr erhaltenen Auf⸗ trag mik. In raſcher Bewegung fuhr Haſtebeck auf. „Scheiden!“ rief er—„ ſcheiden will ſie ſich laſ⸗ ſen?! Auf keinen Fall darf ſie das! Weſtold, Laß Dich nicht dom Satan plagen, zu einer ſolchen Verhandlung die Hand zu bieten!“ Weſtold betheuerte, daß er nichts weniger, als geneigt hiezu ſey, und bat um guten Rath, wie er aus der Klemme, in welche der Antrag der Graͤ⸗ fin ihn gebracht, ſich losmachen koͤnne? „Lavire nur noch ein paar Tage!“ ſagte Ha⸗ ſtebeck jetzt mit ruhigerem Tone—„Das Wetter aͤndert ſich wahrſcheinlich unterdeſſen bei der Graͤfin. — Im Vertrauen geſagt: der naͤchſte Poſttag bringt ihr gewiß einen ungewoͤhnlich zaͤrtlichen Brief von dem Grafen, worin er ſie einladet, wieder bei ihm in der Stadt zu leben.“ „O!“ antwortete Weſtold—„ein ſolcher Brief iſt geſtern ſchon gekommen, und ſcheint eben, den Entſchluß der Graͤfin zur Reife gebracht zu haben.“ Haſtebeck horchte hoch auf, rieb ſich dann die Stirn, und ſagte unmuthig vor ſich hin:„Ein Fehlſchuß alſo!— Es iſt tief hinein boͤſe! tiefer, als ich dachte!“ 160 Weſtold verſtand nicht, wie dieſe Worte ei⸗ gentlich gemeint waren, und erwiederte darauf, daß es, nach den Andeutungen der Graͤfin uͤber die Le⸗ bensweiſe ihres Gemahls, freilich boͤhe um ihr ge⸗ genſeitiges Verhaͤltniß ſtehe, daß ſie wohl eine un⸗ gluͤckliche Frau zu nennen, und es ihr daher ſchwer⸗ lich zu verdenken ſey, wenn ſie ſich loszumachen ſu⸗ che von einem ſolchen Gemahl. Lebhaft ſprang Haſtebeck von ſeinem Sitze auf.„Was wird ſie gewinnen durch einen ſol⸗ chen Schritt?“ ſprach er eiffig—„Wird ſie gluͤck⸗ licher dadurch werden? Durchaus nicht! viel un⸗ gluͤcklicher noch, als jetzt!“ „Mir kommt es aber vor,“ erwiederte We⸗ ſtold mit geda3ͤmpfter Stimme—„ ais traͤume ſie ein wenig von einem neuen, künftigen Gluͤcke!”“— Nach einer kleinen Pauſe ſetzte er hinzu:„Haſte⸗ beck, ich meine, Du haſt es ganz in Deiner Hand, Herr von Aarhorſt zu werden.“ Da ſeufzte Haſtebeck tief auf, ſchlug ſich gegen die Stirn, und ſagte mit bitterm Tone: „Meinſt Du wirklich?“. Nun n 129 ſey, weil er Seraphinen nicht, wie ſie gebeten, auf ſeinem Spatziergange mit ſich genommen habe. „Es war eine ungluͤckliche Minute!“ ſetzte er hinzu —„Ich war uneins mit mir ſelbſt! ich wollte allein ſeyn— ich wollte gar—“ Doch ploͤtzlich hielt er inne, denn ſein unruhiges Auge hatte ſich unwill⸗ kuͤrlich nach der Graͤfin gerichtet, und er ſah, daß ihre Blicke tief zu Boden gerichtet waren, und daß eine hohe Roͤthe ihr Geſicht wieder überzog, wie bei ſeinem heutigen Geſpraͤch mit ihr. Er vermochte nicht, ſeine Rede zu enden. Jetzt trat der Arzt in's Zimmer, und half durch ſein plötzliches Erſcheinen Haſtebecken und der Graͤfin wieder zu freiem Athem. Er fand Sera⸗ phinens Zuſtand nicht im mindeſten bedenklich; da ihr Blut aber noch in einer fieberhaften Bewe⸗ gung, und da obenein Regenwetter eingetreten war: ſo gab er die Vorſchrift, daß ſie das Bette nicht verlaſſen ſolle, bis er, bei wiederholtem Beſuche, die Erlaubniß dazu gegeben habe, und daß fuͤrs erſte nicht daran gedacht werden duͤrfe, ſie in's Schloß hinuͤber zu bringen. Weſtold. II. Theil, 9 8 130 So kam es, daß Seraphine noch ein paar Tage als Gefangene in Weſtolds Wohnung blei⸗ ben mußte, und daß der wichtigſte Theil der Be⸗ voͤlkerung des großen Schloſſes faſt ununterbrochen in der kleinen Pachterwohnung war. Es konnte nicht fehlen, daß etwas Beſchaͤmen⸗ des fuͤr die Graͤſin hierin lag. Eine Familie, der ſie bisher eine entſchiedene Abneigung gezeigt hatte, war auf ein Mal ihre Wohlthaͤterin, die Retterin ihres ganzen Lebensglückes geworden, und alle Glie⸗ der derſelben wetteiferten fortwaͤhrend in dem Beſtre⸗ ben, ſich ihr gefaͤllig und dienſteifrig zu zeigen, und zwar mit einer ſo ungezwungenen Freundlichkeit und Anſpruchloſigkeit, daß man wohl ſah, es geſchah alles aus der reinſten, uneigennüͤtzigſten Abſicht, ohne Hinblick auf Verdienſtlichkeit und Dank. An⸗ fangs blos aus Pflicht⸗ und Schicklichkeits⸗Gefühl, knuͤpfte die Graͤfin von Zeit zu Zeit mit Weſtol⸗ den und Auguſten ein Geſpraͤch an, oder plau⸗ derte auch mit den Kindern; doch allmaͤhlich, je un⸗ befangener die Sprechenden nach und nach wurden, deſto beſſer wurde die Unterhaltung, und nicht lan⸗ 131 ge, ſo wurde es fuͤr die Graͤſin ein immer anziehen⸗ deres Vergnuͤgen, den Mann, welchen ſie fuͤr einen Thoren und Einfaltspinſel gehalten hatte, in ſeiner Eigenthuͤmlichkeit mehr und mehr kennen zu lernen; ja endlich, im Laufe der Zeit, kam es ſogar dahin, daß es ihr ein Bedüͤrfniß ward, ſich mit ihm uͤber das Hoͤchſte und Heiligſte, was es fuͤr den denken⸗ den, beſſeren Menſchen giebt, zu unterhalten. Sie hatte endlich einſehen gelernt, daß man ein ſchlechter Gartenkünſtler und Wappenkenner, und doch ein ſehr verſtaͤndiger, unterrichteter, tieffuͤhlender Mann und trefflicher Erzieher ſeyn koͤnne. Sie war edel und gradſinnig genug, das Unrechte ihres fruͤheren Vorurtheils und Benehmens einzugeſtehen, und jetzt durch entgegenkommende Freundſchaftlichkeit gut zu machen. Ja ſie wurde ſogar mit Weſtolds ſchwaͤrmeriſchem Verlangen, ein Prediger zu werden, mehr, als irgend Jemand, verſoͤhnt, und die Be⸗ friedigung ſeines ſehnlichen Wunſches wurde guch ihr lebhafter Wunſch. Haſtebeck feierte durch dieſe Anmerkung des Werths ſeines Freundes einen ſeiner ſchoͤnſten Tri⸗ 9* —— — ——— ——— =——— umphe. Doch am gluͤcklichſten fuͤhlten ſich, bei dieſer Veraͤnderuug der Verhaͤltniſſe, die Kinder, und unter dieſen wieder am allergluͤcklichſten Se⸗ raphine. Sie durfte endlich ein freies, geſchwi⸗ ſterliches Leben mit ihnen führen, und erſt von jetzt an genoß ſie ein wahres, heiteres Jugendgluͤck. Fuͤr Herrmann that ſich nach einiger Zeit noch eine neue, beſondere Freudenbahn auf. Schon laͤngſt hatte ſich in dem reifenden, muthigen Knaben die Luſt geregt, Pferde zu beſteigen, und ſich im Neiten zu uͤben; doch Weſtolds vaͤterlich⸗zaͤrtliche Aengſtlichkeit hatte den Zeitpunkt, wo dieß geſchehen ſollte, immer weiter hinausgeſchoben. Nur verſtoh⸗ len ſchwang ſich der Wildfang dann und wann, mit, Huͤlfe eines Knechtes, auf einen Acker⸗Gaul. Auf ſeine Bitten warf ſich Haſtebeck endlich zum Ver⸗ mittler auf; als er aber zu dieſem Zwecke, We⸗ ſtolds Pferde zu muſtern anfing, fand es ſich, daß 133 die Staͤlle, der Zahl nach, uͤberreichlich, doch dem Werthe und den Kraͤften der Thiere nach, gar er⸗ baͤrmlich beſetzt waren. Haſtebeck erhob einen gewaltigen Laͤrm uͤber die Elendigkeit und das Alter der meiſten, aufgeſtell⸗ ten Pferde.„Deine Schaaf⸗ und Rinderheerden“ ſchalt er auf ihn los—„ſind in ſo trefflichem Zu⸗ ſtande; aber was fuͤr jaͤmmerliche alte Klepper, was für ſteifbeinige, lahme Krippenſetzer ſtehen hier in den ſchoͤnen Pferdeſtaͤllen! Von zehnen iſt kaum eins des Futters, und neune ſind nur des Todt⸗ ſtechens werth!“ Mit einem verlegenen Laͤcheln zuckte Weſtold die Achſeln, und erklaͤrte, daß es freilich keine uͤber⸗ muͤthigen, ſchoͤnen Parade⸗Pferde, aber doch lau⸗ ter ſehr gute Thiere, ohne alle Tuͤcken und ge⸗ fuͤhrliche Wildheit waͤren, die es ſich ihr Lebelang haͤtten ſauer werden laſſen. „Die aber jetzt nichts mehr tangen fiel ihm Haſtebeck ins Wort—„und glſo fortgeſchafft werden müſſen!“ —-— —õõ—— 134 „Aber wohin denn?“ eiferte Weſtold dage⸗ gen, mit einem Tone, dem man es anhoͤrte, daß er aus der Tiefe ſeines bewegten Herzens kam—„Wer wird ſich denn der armen Thiere erbarmen, wenn ich es nicht thue? Soll ich ſie hingeben an gefuͤhllo⸗ ſes Volk, das, fuͤr kaͤrgliches, unzureichendes Fut⸗ ter, volle, oft uͤbervolle Arbeit von ihnen verlangt, und wenn ſie nicht vollbringen koͤnnen, was ihnen liber Gebuͤhr zugemuthet wird, unbarmherzig mit der Peitſche, und wenn die armen Thiere erſchoͤpft niederſtuͤrzen, und die Kraͤfte zum Wiederaufſtehen nicht haben, kannibaliſch mit dem Knuͤppel auf ſie losſchlägt?— Wenn die reifen und unreifen Na⸗ turforſcher, Anatomen und Chirurgen, zu ihren nuͤtzlichen und unnützen Unterſuchungen, Tauſende von unſchuldigen Thieren mit ihren unbarmherzigen Meſſern zerſchneiden und toͤdten: ſo iſt ihre Grau⸗ ſamkeit doch gering gegen die, welche den meiſten armen Pferden wiederfaͤhrt! Faſt kein ſchoͤneres und nützlicheres Thier iſt aus der Hand des Schoͤpfers hervorgegangen, als das Pferd! und keines wird von dem Menſchen ſo undankbar behandelt, oft ſo — Q⏑⅓ʒÿ——jj— ——————— ——— 135 grauſam gemißhandelt, als das Pferd! Was hat es fuͤr eine edle Geſtalt! Wie maͤßig iſt es! wie gehorſam! wie bereitwillig zur Arbeit! Was leiſtet es dem Menſchen fuͤr unzaͤhliche, unbezahl⸗ bare Dienſte! Es verrichtet ihm den groͤßten, be⸗ ſchwerlichſten Theil des Feldbaues; es bringt von Stadt zu Stadt, und von Land zu Land die Waaren⸗ laſten des Kaufmanns; es bringt den Reiſenden an ſein entferntes Ziel; ſelbſt in das Schlachtgewuͤhl traͤgt es den Krieger, und verſpritzt ſein Blut in Kaͤmpfen, deren Grund und Ziel ihm gleich fremd ſind!— Und was thut ihm der Menſch dafuͤr? Nur den geringſten Theil des erarbeiteten Lohnes giebt er ihm zu ſeiner Nahrung, oft bei weitem ſo viel nicht, als, es eigentlich bedarf. Sporn und Peitſche müſſen die Ueberbietung ſeiner Kraͤfte be⸗ wirken. Die Thorheit und die Gewinnſucht hetzen es im grauſamen Wettlaufe halb oder auch ganz zu Tode! Iſt es noch jung und ſchoͤn: ſo wird es, als die Puppe der Eitelkeit, gepflegt und geſtreichelt; aber je mehr ſeine Kraͤfte ſchwinden, deſto gering⸗ ſchaͤtziger und haͤrter wird es behandelt! Je mehr es 136 Schonung bedürfte, deſto weniger wird ihm Schonung vergoͤnnt! Und das ſchoͤne Thier, das fruͤher die Luſt eines Fuͤrſten war, ſinkt oft ſchnell zum verhungerten Laſtthiere hinab, das end⸗ lich im Uebermaaß ſeiner Anſtrengung niederſtuͤrzt, und unter den Mißhandlungen eines rohen Knechtes ſein immer qualvolleres Leben aushaucht!— O, was fur eine entſetzliche Sündenrechnung haͤtte das Pferd am Throne Gottes dem Menſchen vorzu⸗ halten!“ Das anfaͤngliche, ironiſche Laͤcheln auf Haſte⸗ becks Geſicht war nach und nach in Ernſt uͤberge⸗ gangen, bei Weſtolds ernſter Rede. Von ſeinem eignen Gewiſſen an manche Mißhandlung ſeiner Pferde gemahnt, erwiederte er mit ungewoͤhnlich ruhigem Tone:„Du magſt im Ganzen Recht haben, Weſtold; aber Du nimmſt es doch zu tragiſch! Ein Mann muß nicht empfindſam thun!“ „Empfindſam thun?“ ſiel ihm Weſtold eif⸗ rig in's Wort.—„Nenne menſchlich empfinden nicht empfindſam thun! Sieh her, ehe Du ſo uͤber mich abſprichſt!“ Und als er dieß geſagt hatte, 137 führte er Haſtebecken bald zu dieſem, bald zu jenem verdorbenen Pferde, erzaͤhlte die Unglücks⸗ geſchichte deſſelben, wie das eine von einem wilden Junker auf der Jagd, das andere auf der Parforce⸗ Reiſe eines Fuͤrſten ruinirt worden ſey, und in was fuͤr grauſame Haͤnde es gekommen ſeyn wuͤrde, wenn er es nicht aus Barmherzigkeit gekauft haͤtte. „Aber“ nahm Haſtebeck endlich wieder das Wort—„was haſt Du denn fuͤr einen Be⸗ ruf, ein Pferde⸗Spital anzulegen, um die Suͤnden vornehmer Leute gut zu machen?“ „Mich jammern die armen Thiere!“ erwieder⸗ te Weſtold—„Gott hat mir Ueberfluß an Ha⸗ fer und Heu geſchenkt: wie ſollte ich mich nicht des einen und des andern ungluͤcklichen Pferdes erbar⸗ men? Es iſt ſündlich genug, daß ein treues, ab⸗ gelebtes Thier, von dem Herrn, dem es jahrelang die wichtigſten Dienſte leiſtete, dem es vielleicht Freiheit und Leben im Schlachtgewuͤhl rettete, ſo ſelten fuͤr den Reſt ſeines Lebens ein Gnadenbrodt erhaͤlt, wie der bekannte Schimmel Friedrichs des Großen!— Warlich, ſchon durch dieſe Dank⸗ 138 barkeit und Barmherzigkeit hat der große Koͤnig be⸗ wieſen, daß er, im Grunde ſeines Herzens, ein beſ⸗ ſerer Chriſt war, als mancher Froͤmmler, der ihn als einen Freigeiſt verketzerte!“ So kamen ſie ab von den Pferden, wie es Weſtolds Wunſch war, und ſprachen lange von Friebrich dem Großen, deſſen eifrige Lobredner ſie Beide waren. Haſtebeck aber konnte es nicht vergeſſen, daß er in keinem Stalle ein Pferd gefunden hatte, was fuͤr Herrmann zum Reiten paſſend geweſen waͤre; doch kaum hatte er ſich ein Mal hierüber vor der Graͤfin ausgeſprochen, als dieſe ihm den Auftrag gab, auf ihre Koſten ein ſolches Pferd zu kaufen, was dann auch ſehr bald geſchah. In dem Maaße, als Herrmann üuͤber dieß Geſchenk aufiauchzte, war Weſtold daruͤber er⸗ ſchrocken, weil er darin die groͤßte Gefahr fuͤr ſeinen geliebteſten Pflegeſohn ſah. Um ihn wenigſtens nicht Haſtebecks wilder Leitung hingegeben zu ſehn, machte er ſogleich zur Bedingung, daß er ſelbſt Herrmanns Lehrer in der ſchweren Kunſt — Q,———— — — — ⁰—— 139 des Reitens ſeyn wolle; und zum erſten Male in ſeinem Leben machte er den Verſuch, ein Prahler zu werden, indem er, um alle Einwendungen gegen ſeine Lehrmeiſterei abzuwehren, bedeutende Worte uͤber ſeine Erfahrung und Geſchicklichkeit im Reiten fallen ließ. Aber als er dieſe nun in einer Lehrſtunde wirklich zeigen ſollte, machte man die Entdeckung, daß dieſes und jenes Stuͤck von Herrmanns und Weſtolds Reitzeugen entwendet und nirgends auf⸗ zuſinden war. Weſtold wollte nicht viel aus die⸗ ſen Verluſten machen; Herrmann indeſſen, der jetzt von nichts traͤumte und ſprach, als vom Reiten, ließ nicht ab, danach zu ſuchen, und daruͤber zu gruͤbeln und zu klagen, bis man bald dieſen, bald jenen Mitbewohner des Hofes in den Verdacht der Unredlichkeit nahm. Sobald aber Weſtold auf dieſe Weiſe irgend Einen anklagen hoͤrte, widerſprach er aufs eifrigſte, und betheuerte die Unſchuld deſſel⸗ ben. Endlich indeſſen reichte ſeine Beredtſamkeit nicht mehr aus, einen armen Teufel von Knecht von einem allgemein gefaßten Verdachte zu retten; und Hgſtebeck wollte ſich nicht mehr abhalten laſſen, 140 dem vermeintlichen Diebe zu Leibe zu gehen. Da wurde Weſtold immer unruhiger mit jeder Minute, wie Jemand, den ein boͤſes Gewiſſen plagt. Endlich ſtand ihm der helle Angſtſchweiß auf der Stirn! Er zog den Freund bei Seite, oͤfnete in einer entfern⸗ ten Kammer einen verſchloſſenen Kaſten, zeigte ihm die verſteckten Reit⸗ Geraͤthſchaften, und geſtand ihm, daß er ſelbſt der Entwender geweſen war, um die gefährlichen Reit⸗Verſuche noch moͤglichſt lange zu verſchieben, und Herrmanns Pferd vorlaͤufig nur von dem ſattelfeſten Verwalter reiten zu laſſen, und auf dieſe Weiſe zu erfahren, ob es auch nicht zu muthig ſey. Haſtebeck lachte laut auf, daß ſein, ſonſt ſo frommer Freund, aus lauter vaͤterlicher Liebe und Angſt, ſich ſelbſt und ſeinen Liebling beſtohlen hatte. Er verſprach ihm ein ſchonendes Stillſchweigen; doch machte er zur Bedingung, daß Herrmann nun keinen Augenblick laͤnger die Freude des Reitens entbehren ſolle. ——— —&N—3 141 „Nun gut!“ ſagte Weſtold, mit einem ſchweren Seufzer—„aber ich waſche meine Huͤnde in Unſchuld, wenn ein Ungluͤck geſchieht.“ Ziemlich kleinlaut verkündigte er ſeinem Reit⸗ Schuͤler, daß das Vermißte ſich in ein paar Winkeln wieder gefunden habe, und gab Befehl zum Satteln des neuen Goldſuchſes und ſeines eigenen ſchwarzen Kleppers, worüber Herrmann hoch aufſprang in jugendlicher Luſt. Endlich hatten Beide die Roſſe beſtiegen, und zwar Beide mit klopfenden Herzen, wiewohl aus ſehr verſchiedenen Anregungen des raſch bewegten Blutes. Im langſamen Schritte ging es zum Hofe hinaus, den Schloßberg hinunter, und durch das Dorf. Das Schrittreiten ſey die Hauptkunſt, be⸗ hauptete Weſtold, wie beim Tanzen die Menuet, und jeder Anfaͤnger muͤſſe daher ja das Schrittreiten recht aus dem Grunde lernen, ehe er ans Traben, oder gar ans Galoppiren denken duͤrfe. Sein ſeli⸗ ger Großvater, ſetzte er hinzu, ſey auch nie anders, als im Schritt, nach ſeinem Filiale geritten, ja Kö⸗ nig und Kaiſer ritten, bei feierlichen Einzuͤgen in 142 Reſidenzen oder eroberte Feſtungen, eben nichts anderes; und es characteriſire einen Studenten oder Kornet gleich als ſehr leichtſinnig, unbeſonnen und unbarmherzig, wenn er mit Peitſche und Sporn ein ehrliches deutſches Pferd zu einem engliſchen Renner machen wolle. Und dieſen ehrbaren Grundſaͤtzen ge⸗ maͤß, hatte Herrmann ſeine Spornen muͤſſen zu Hauſe laſſen, und die gefaͤhrliche Peitſche, die er unbemerkt mitgenommen hatte, mußte er in einen ſeiner Stiefeln ſtecken, damit er keinen Unfug damit treiben koͤnne. Nachdem unter ſolchen Verhandlungen etwa eine Viertelſtunde hingegangen war, verſicherte Herr⸗ mann, er verſtehe nun das Schrittreiten aus dem Grunde, ſowohl er, als ſein Pferd koͤnnen es nicht laͤnger aushalten, und er wünſche daher, ein wenig zu galoppiren. Waͤhrend ſich Weſtold anſchickte, ſeinem Schuͤler das Ungehoͤrige dieſes Antrags auseinander zu ſetzen, ließ dieſer ſeinem muntern Pferde ſchon, halb willkuͤhrlich, halb unwillkührlich, den Zuͤgel ſchießen, hielt ſich feſt im Sattel, ſo gut er es ver⸗ 143 ſtand, und jagte, froͤhlich und guter Dinge, ſeinem Lehrer weit und immer weiter voraus, ſo aͤngſtlich dieſer ihm auch nachſah und nachrief, daß er halten ſolle. Nach wenigen Minuten war der Wagehals hinter einer entfernten Waldecke verſchwunden, und Weſtold, mit ſeinem alten Rappen, in einem kur⸗ zen, ſchwerſaͤlligen Trabe nachfolgend, machte ſich ſchon auf das Aeußerſte gefaßt. Er fuͤrchtete nichts Geringeres, als daß er ſeinen Liebling mit gebroch⸗ nem Genick am Boden finden werde. Doch end⸗ lich, als er die Waldſpitze erreicht hatte, ſah er, in weiter Entfernung, den Wildfang auf einer Wieſe, die groͤßtentheils von Baͤumen eingeſchloſſen war, ſein Pferd in einem regelloſen Zickzack umhertum⸗ meln, ſah ihn mit der Peitſche, bald nach dem Pferde, bald nach den Baͤumen, bald nur in die Luft hinein hauen, und hoͤrte ihn dazu laut jauchzen vor fröͤhlichem Uebermuth. „Herrmann! Herrmann!“ rief We⸗ ſtold ihm endlich zu—„Biſt du es, oder biſt du es nicht? Wofuͤr ſoll ich dich halten? Was faͤngſt du fuͤr Streiche an?“ 144 „Ei, ich bin Herrmann!“ erhielt er zur Antwort—„und ich ſpielte eben die Herrmans⸗ ſchlacht, von der du mir neulich erzaͤhlteſt. Meine Peitſche war mein Schwerdt; und die Baͤume waren die roͤmiſchen Legionen.“ „Und daruͤber konnteſt du den Hals brechen,“ eiferte Weſtold—„und ich dazu, wenn mein Rappe toll geworden, und mit Deinem Fuchſe um die Wette gelaufen waͤre!“ Er ordnete ſogleich die Heimkehr an, und er⸗ zaͤhlte eine Menge von Unglücksfällen, die unbeſon⸗ nenen Reitern, ſeit Abſalons Haͤngenbleiben an einem Eichbaume, begegnet waͤren. Von einer zwei⸗ ten Lehrſtunde, nach dieſer erſten, gefahrvollen, wollte er nichts hoͤren. „Warlich! haͤtte ich es nicht verſchworen, mir wieder ein Pferd zu kaufen:„ ſagte Haſtebeck, als er dies hoͤrte—„ſo thaͤt ich es jetzt, um Dich mit Deiner Stallmeiſter⸗Noth aus dem Sattel zu heben.“ Herrmann hoͤrte dieſes Alles mit gro⸗ ßer Betruͤbniß; aber die Graͤfin ſchlug ſich zum zwei⸗ ten Male ins Mittel, ließ heimlich durch den Ver⸗ walter Nun die Bahn eines ſolchen Geſpraͤchs ein Mal gebrochen war, verſicherte Weſtold unverholen, Au guſte habe es ſchon lange gemerkt, er ſelbſt ha⸗ be es ſeit einiger Zeit auch wohl geahnet, und ſey ſeit geſtern, durch manches, der Graͤfin entſchluͤpfte, verraͤtheriſche Wort, uͤberzeugt worden, daß ſie eine ernſtliche Liebe zu Haſtebeck im Herzen trage, und er zweifle ſeit geſtern auch nicht, daß ſie feſten Willen genug haben werde, ſich uͤber das Vorur⸗ theil ihres Standes hinweg zu ſetzen, und dem Manne, den ſie liebe, die Hand am Altare zu reichen. Unruhig rieb ſich Haſtebeck die Haͤnde. „Ei!“ ſagte er ſpoͤttiſch—„das waͤre ja ein wah⸗ res Prachtſtuͤck von einer Mesaillance!”“ Weſtold meinte, viele mißriethen freilich, aber doch nicht alle, die Graͤfin ſey eine verſtuͤndige Frau, uund habe geſtern ſelbſt gemeint, daß ſie in Aarhorſt von manchem Vorurtheil geheilt ſey. Ungeduldig unterbrach ihn Haſtebeck mit den Worten:„Ich will nicht hoffen, daß Du im Ernſt an eine ſolche Heirath denkſt?“ Weſtold, II. Theil. 11 162 „Wenn ſie ſich ſcheiden laͤßt, und ihr euch ge⸗ genſeitig liebt: warnm nicht?“ antwortete We⸗ ſtold. Mit ernſtem Blick und Ton nahm Haſtebeck jetzt das Wort:„Ich— noch ein Mal lieben und heirathen?! Kennſt Du den Namen Dorothee nicht mehr? Haſt Du Sophien vergeſſen?— Bewahre mich Gott vor der Suͤnde, das Geſchick noch eines Weibes an das meinige knuͤpfen zu laſ⸗ ſen!— In dieſer meiner Hand iſt kein Heil! Un⸗ heil— Unheil nur! Ich mag kein zweites Weib damit ins Verderben ziehn!“ Weſtold meinte, das ſey eine hypochondriſche Grille, doch ſein Herz werde wohl Herr daruͤber werden, denn die Grauͤfin ſey eine achtungs⸗ und liebenswerthe Frau. „O ja!„ſetzte Haſtebeck hinzu—„die iſt ſie, in vielem Betracht, trotz mancher Fehler. Es waͤre wohl mit ihr zu leben!— Und Sera⸗ phine“— hier ſchlug er freudig die Haͤnde zu⸗ ſammen—„Seraphine duͤrfte mich dann Vater 163 nennen, und ich ſie Tochter! O Gott! herrlich waͤre das!"——„Aber“ ſuhr er nach einer Pauſe⸗ finſter vor ſich hin blickend, fort:„„es kann, es darf nicht ſeyn! Es waͤre eine Undankbarkeit gegen den Grafen! Es waͤre eine Verfuͤndigung an mei⸗ nem eigenen Herzen, in welchem fortwaͤhrend das Bild Dorotheens thront!— Laͤchle hierüber, Weſtold! Oder lache mich auch als einen Thoren aus! Thue das, ſo viel Du willſt! Ich will Dir zugeben, daß Du Urſach dazu haſt; aber anders wird es darum doch nicht mit mir!— Such' ich mich— wenn auch nicht des Gedankens an ſie— doch der Sehnſucht nach ihr, noch ſo ſehr zu ent⸗ ſchlagen, und ſtehe ich auch monatlang in dem Wahne, ich ſey endlich getroͤſtet uͤber ihren Verluſt: ehe ich mir es verſehe, traͤume ich eine ganze Nacht hindurch von ihr, wie wir uns, nach langem, ver⸗ geblichem Suchen, endlich unvermuthet wieder ſin⸗ den, wie wir die Schmerzen unſrer langen, grauſa⸗ men Trennung uns dann klagen, wie wir uns ge⸗ gegenſeitig die Untreue abbitten und vergeben, die ſie aus Schwachheit, ich aus Unbeſonnenheit be⸗ 11* 164 ging, und wie wir nun auf ein Mal Eins im An⸗ ſchauen des Andern gluͤcklich und uͤbergluͤcklich, bis zum Weinen vor Wehmuth und Frende, ſind!— Ach, Weſtold! Es iſt immer ein herrlicher, uͤber⸗ ſchwenglich ſeliger Traum; als haͤtte der holdeſte von allen Engeln mir ihn ſelbſt auf die Stirn ge⸗ kuͤßt!— Aber wenn ich dann erwache, und allmaͤh⸗ lich begreife, daß ich nur getraͤumt habe, und daß es ein Traum war, der nie in Erfuͤllung gehen kann: o, wie verfluch' ich dann die duͤrre Gegenwart und mein unſeliges Geſchick! Gleich einer giftigen Natter in meiner Bruſt, nagt, mit geſchaͤrftem Schmerz, dann das Gefuͤhl in mir, daß ich unwiederbringlich um mein erſehnteſtes, ſchoͤnſtes Lebensglück betrogen bin! und auf lange, lange hinaus bin ich dann wie⸗ der nichts, als ein finſtrer Grillenfaͤnger und Ge⸗ ſpenſterſeher!“ Bei den letzten Worten ging er in raſcher Bewegung nach ſeinem Pferde, um es vom Baume abzubinden, und als Weſtold ihm dahin nachfolgte, ſagte er zu ihm:„Tadle mich, verſpotte mich nun, als einen traͤumeriſchen Thoren: nur ſprich mir von keiner Heirath mehr!“ 165 „Wie koͤnnte ich Dich um Deines Traumes willen verſpotten?!“ antwortete Weſtold— „Hab' ich Dir nicht ſelbſt von einem oftmaligen Traume erzaͤhlt, der mir vor Zeiten manchmal alle Luſt an meinem Advokatenkrame verdarb? „Ich erinnre mich;“ ſagte Haſtebeck— „und der Gott der Traͤume raͤcht ſich an mir, daß ich Dich damals einen Thoren ſchalt. 2 „Laß das gut ſeyn!“ unterbrach ihn Weſtold —„Du dauerſt mich von ganzer Seele; und ich begreife es, daß Du von keiner zweiten Heirath wiſſen willſt. Aber ſprich! was ſoll aus der Graͤfin werden?“ „Nichts!“ erwiederte Haſtebeck raſch, in⸗ dem er das Pferd wieder los ließ—„ Nichts ſoll aus ihr werden! Sie muß bleiben, was ſie iſt: des Grafen Flankenborn Gemahlin!— Ließe ſie ſich ſcheiden von ihm, und ſie traͤumte von einer neuen Verbindung nach der freien Wahl ihres Her⸗ zens, und es würde aus dieſer nichts— und es kann und darf ja nichts daraus werden—: o, dann waͤre ſie zehnmal ungluͤcklicher, als jetzt! Getaͤuſchte 166 Hoffnung, gekraͤnkte Liebe, beleidigter Stolz— das alles wuͤrde furchtbar auf ſie einſtuͤrmen!— Ich koͤnnte dann nicht bei ihr bleiben! aber ich koͤnnte mich auch nicht von Seraphinen trennen! Das müßte zu unglücklichen Auftritten fuͤhren!— Drum nein, nein! nur keine Scheidung! die braͤchte nur zehnfaches Unheil auf ihr— vielleicht auf unſer Aller Haupt!“ Die ſtuͤrmiſche Bewegung, in welche Haſte⸗ beck bei dieſen Worten gerathen war, daͤmpfte ſich allmaͤhlich erſt ab, als er, auf Weſtolds Frage, wie der geſtrige Antrag der Graͤfin auf gute Weiſe abzulehnen ſey, hieruͤber nachzuſinnen begann. Mit ruhigem Tone hob er nach einer langen Pauſe an:„Das ganze Ungluͤck, daß Ihre Neigung ſich bis zu meiner unbedeutenden, buͤrgerlichen, ungeregelten, baͤrenhaften Perſon verirrt hat, iſt blos in ihrer jahrelangen Zuruͤckgezogenheit von dem Geraͤuſche der großen Welt zu ſuchen. Mangel an Zerſtreuung, ungeſtoͤrtes phantaſtiſches Bruͤten, und Langeweile kuppeln in läͤndlicher Einſamkeit leicht Menſchen zuſammen, die eigentlich nicht zuſammen 167 gehören! Ehe man es ſich verſieht, iſt da ein Teu⸗ felsding von einem empfindſamen Roman angeſpon⸗ nen, der im Grund und Boden nichts taugt! Stecke einen wilden Californier mit einer empfindſamen eu⸗ ropaͤiſchen Prinzeſſin jahrelang auf einer wuͤſten In⸗ ſel zuſammen: und ſie werden endlich eine Art von Liebespaar!— Alſo: das Leben auf dem Lande muß ein Ende haben! Sie muß in das Geraͤuſch der großen Welt zurück!“ 3 „Aber das will ſie ja nicht!“ wendete We⸗ ſtold ein—„wenigſtens zu dem Grafen will ſie ja durchaus nicht zuruͤck!“ „Sie muß und wird es wollen, wenn es recht angefangen wird.“ erwiederte Haſtebeck.—„Es ſoll mich nicht irre machen, daß der erſte Verſuch verungluͤckt iſt. Ich haͤtte es denken koͤnnen.— Ich muß eine ſtaͤrkere Mine ſpringen laſſen. Ein gluͤck⸗ licher Zufall kommt mir zu Huͤlfe. Der Graf hat ſich, bei einem Sturz vom Pferde, den Kopf und den rechten Arm nicht unbedeutend beſchaͤdigt. Ich reite ſogleich nach der Stadt zurück, um ihm eine 168 Staffette zu ſchicken. Lavire Du unterdeſſen, ſe gut Du kannſt!“ Und als er das geſagt hatte, nahm er fluͤchtig Abſchied von Weſtold, ſchwang ſich aufs Pferd, und trabte raſch den Weg zuruͤck, den er gekom⸗ men war. Mit nicht zu verbergender Unruhe hoffte die Graͤfin den ganzen Abend auf Haſtebeck. Es war für Weſtolden eine ſchwere Rolle, ihr zu ver⸗ ſchweigen, daß er den Freund ſchon geſehn, eine noch ſchwerere, am andern Morgen mit ihr zwecklos über die Summe zu berathſchlagen, welche ſie dem Grafen, als Jahres⸗Rente, bieten laſſen wollte. Am Mittag kam Haſtebeck an. Die Graͤſin war befangener, als je; Haſtebeck ſchweifte un⸗ ruhig umher; Weſtold ſah ſich gezwungen, Ent⸗ wuͤrfe zu dem Schreiben an den Grafen zu machen. — 169 So gingen langſam zwei Tage hin, in denen Keinem recht wohl ward. Endlich ſprang Haſtebecks Mine. Mit einer Staffette kam ein Brief, im Namen des Grafen von dem Secretair deſſelben geſchrieben, mit der Nachricht, daß der Graf, in Folge eines Sturzes mit dem Pferde, bedenklich darnieder liege, daß man die Folgen davon noch nicht berechnen koͤnne, daß aber den Grafen auf das lebhafteſte nach ſeiner Gemahlin verlange, von deren liebevoller Pflege er einzig und allein ſeine Wiederherſtellung hoffe. Die Graͤfin las es, war betroffen, und ſchwank⸗ te zwiſchen wollen und nicht wollen; doch bedurfte es nur weniger Worte von Haſtebeck, welcher er⸗ klaͤrte, daß wenigſtens er noch heute abreiſen wer⸗ de, um in ihr das Gefuͤhl der Pflicht, einem Leiden⸗ den beizuſtehen, uͤber den Unwillen wegen vielfaͤltig erlittener Kraͤnkungen, die Oberhand behalten zu laſſen. Sie erwartete nichts Geringeres, als daß die letzte Stunde des Grafen nicht mehr fern ſey; ſie wollte ſich ſelbſt das Zeugniß geben koͤnnen, ihn wenigſtens in dieſer nicht verlaſſen zu haben; ſie 170 wollte Boͤſes mit Gutem vergelten, theils, weil der Tod verſoͤhnt, theils auch vielleicht, weil ſie glaubte, in Haſtebecks Augen durch eine ſo edle Pfiicht⸗ treue zu gewinnen.— Sie gab Befehl zum Ein⸗ packen ihrer Sachen, um am folgenden Morgen die Reiſe antreten zu koͤnnen. Weſtolden gagte ſie unter vier Augen, daß er ſeine Briefentwuͤrfe ver⸗ brennen, und ihre dahin gehoͤrigen Geſpraͤche ver⸗ geſſen moͤge, was dieſer ihr ſehr gern verſprach.— Es that ihm freilich weh, die argloſe Graͤſtn ſo ganz gegen ihre Neigung geleitet zu ſehen, und es beun⸗ ruhigte faſt ſein Gewiſſen, hiervon ein Mitwiſſer zu ſeyn; doch die feſte Ueberzeugung, daß ihre Entfer⸗ nung von Aarhorſt wirklich nothwendig ſey, um un⸗ glücklichern Folgen der Verirrung ihres Herzens vorzubeugen„ ließen ihn einverſtanden bleiben mit ſeines Freundes eigenmaͤchtigem Plane. Haſtebeck hatte beſchloſſen, der Graͤfin vor⸗ anzureiſen, um mit dem Grafen im voraus ein ernſtes Wort uͤber ſeine Lebensweiſe und das noͤthige Benehmen, zur Verhuͤtung einer Eheſcheidung, zu ſprechen. Mehr als jemgls that es ihm weh, das ——— —.— — 2à 171 herrliche Aarhorſt zu verlaſſen, und von ſeinem treuen Freunde zu ſcheiden. In der letzten Stunde noch nahm er ihn an die eine, Seraphinen an die andere Hand, ging mit ihnen auf den naͤchſten Huͤgel, um ſich noch ein Mal des Anblicks der rei⸗ chen Ausſicht ins Thal zu freuen, begruͤßte noch manchen ſchoͤnen Platz im Garten, und ging zuletzt auch bei dem Baſſin voruͤber, in welchem Sera⸗ phine faſt ihren Tod gefunden haͤtte.„Schade, daß Herrmann nicht hier iſt!“ ſagte er— „Hier haͤtte ich den braven Jungen gern noch ein Mal ans Herz gedruͤckt!— Vergiß ihm nie, Se⸗ raphine, was er fuͤr Dich gethan hat, auch wenn es Dir noch ſo wohl geht in der Welt, und wenn Du noch ſo weit entfernt von ihm biſt!“ „Gewiß nicht! gewiß nicht!“ erwiederte Se⸗ raphine, und hing ſich feſter an des Fuͤhrers Hand. Und kaum hatte ſie das geſagt: ſo trat Herrmann ihnen entgegen, und Haſtebeck riß ihn an ſeine Bruſt, und Seraphine reichte ihm ihre Hand, und ſtammelte ihm, ſo gut ſie es ————— 172 vermochte, einige dankbare Worte zu. Dann gingen ſie Alle nach dem Schloßhofe zuruͤck. Haſtebeck war bewegt, und faßte alles ins Auge, als ſaͤhe er es zum letzten Male, ſo daß We⸗ ſtold endlich zu ihm ſagte:„Nun, Du wirſt doch nicht auf immer von hier ſcheiden? Wir werden uns in hoffentlich vergnuͤgt wieder ſehn?“ „Wer kann voraus im Buche des Schickſals leſen?“ antwortete Haſtebeck. Sie waren jetzt in der Naͤhe der Ecke des Schloſſes, bei welcher der Gewitter⸗Ableiter in dem Boden befeſtigt war. Haſtebeck blickte, langſa⸗ mer gehend, danach hin, und blieb dann, ernſt ſin⸗ nend, ganz ſtehen. Weſtold weckte ihn endlich aus der Verſunkenheit ſeiner Gedanken durch die Frage:„Gewiß denkſt Du eben der furchtbaren Gewitternacht, in welcher Du den Blitzſtrahl an der Stange hinab fahren ſah'ſt?“ „Wie alle Mal, wenn ich hier voruͤber gehe.“”“ antwortete Haſtebeck—„Und immer kommen mir auch meine damaligen Worte in den Sinn: „Wer da unten geſeſſen haͤtte, der waͤre alles Jam⸗ mers auf ein Mal entledigt geweſen!“ Ach, wie manchmal nachher, wenn ein Gewitter heraufzog, kam mir wohl der Gedanke in den Kopf, dort mich hin zu ſtellen, und ein Gottesgericht uͤber mich zu verhaͤngen!“ Fragend blickten Herrmann und Sera⸗ phine, mißbilligend blickte Weſtold nach ihm hin. Er ſagte nichts weiter, ſondern wendete ſich nach der Schloßthuͤr; aber das unbedachte, verhaͤng⸗ nißvolle Wort war uͤber die Lippe geflogen, und war nicht zuruͤckzubringen, ſo wenig als ein ſchwir⸗ render Pfeil, der ohne Ziel nur in die Luft fliegen ſollte, doch, wider den Willen des Schützen, ſeine Richtung nach einer Menſchenbruſt nimmt.— Nach einer Viertelſtunde riß Haſtebeck ſich los von Allem, was er liebte in Aahorſt, ſchwang ſich aufs Pferd, und jagte davon. Weſtold und Auguſte und die Kinder ſahen ihm mit betruͤbten Augen nach, und Alle vereinigten ſich in dem lauten Wunſche, daß er recht bald wiederkehren moͤge. Am andern Morgen waren die Zuruͤckgebliebe⸗ nen, zum Abſchiednehmen, bei der Graͤſin verſam⸗ 174 melt. Sie ſagte Allen ein herzliches, geruͤhrtes Le⸗ bewohl; und als Herrmann zu ihr trat, ſchenkte ſie ihm noch eine ſchoͤne, goldene Uhr, kuͤßte ihn auf die Stien, und erneute die Verſicherung, daß es ihr zur groͤßten Freude gereichen werde, ſein Lebensgluͤck zu befoͤrdern, wo und wie ſie es irgend koͤnne. „Ohne Dich“ ſetzte ſie hinzu—„haͤtte ich ja kin⸗ derlos von hier und von der Welt ſcheiden muͤſſen!“ Lange hielten ſich Seraphine und Marie weinend umarmt, und kuͤßten einander, wie zaͤrtliche Schweſtern. Jetzt wollten auch Seraphine und Herrmann von einander Abſchied neh⸗ men, aber ſie reichten ſich nur die Haͤnde, ohne ſprechen zu koͤnnen, vor ſteigender Wehmuth. Da ſagte die Graͤfin:„Nun, ich meine, dem Retter Deines Lebens kannſt Du wohl einen Abſchiedskuß geben.“ Und ſie kuͤßten ſich, gluͤhend vor Verwir⸗ eung, und ſo ſchuͤchtern, daß kaum die Lippen ſich beruͤhrten; doch der electeriſche Schlag, der durch Beider Nerven fuhr, ward von Beiden in gleichem Maaße gefuͤhlt. Seraphine ſing an, lauter zu ſchluchzen; und Herrmann ſah ſich, mit leuch⸗ * V V V b N 175 tenden Augen, raſch um nach Weſtold, und die Bitte ſchwebte ihm auf den Lippen:„Laß mich mitreiſen, Vater!“ aber er wagte es nicht, ſie aus⸗ zuſprechen; und wie der Wagen dahin rollte, war ihm zu Muthe, als waͤre es nun auf immer aus mit ſeiner ſonſt ſo friſchen, lebendigen Jugendluſt. Er wollte durchs Hofthor gehen, um in der Ferne wenigſtens noch die Staubwolke des Wagens zu ſehn; allein der Stein, auf welchem Sera⸗ phine, durch ſeine Schuld, ihre Stirn blutig ge⸗ ſchlagen hatte, hemmte ploͤtzlich ſeinen Schritt, da⸗ mit er ihr noch ein Mal in Gedanken die Schmerzen abbaͤte, die er ihr verurſacht, und fuͤr die freundliche Schonung ihr noch ein Mal dankte, mit welcher ſie ſeine Unbeſonnenheit ſo ſtandhaft verſchwiegen hatte. Von dem Steine zog es ihn fort nach dem Baſſin im Garten. Da ſtand und ſas er bald hier, bald dort an dem ſteinernen Rande, ſchaute unruhig hinab in die klare Flut, und es fehlte manchmal wenig, daß er, verloren in der Erinnerung, wie er Seraphi⸗ nen rettete, noch ein Mal hinabſprang in den kla⸗ 176 ren Spiegel, in welchen ſein eigenes Bild ihn hin⸗ unter zu winken ſchien. Eine innere Unruhe, der er keinen Namen zu geben wußte, trieb ihn lange hin und her, ließ ihn die gewohnten Jugendſpiele mit Lebrecht und Marien verſchmaͤhen, und machte ihn fuͤrs erſte ſelbſt gleichgiltig gegen ſein liebes Roß. Nach und nach aber verwiſchten Zeit und jugendlicher Sinn auch bei ihm die lebhaften Eindruͤcke der Trennung von Seraphinen, und er war wieder froh, un⸗ befangen und ſorglos, wie ſonſt.— Ein Brief von Haſtebeck ſtillte endlich auch, wenigſtens zum Theil/ Weſtolds theilnehmendes Verlangen nach einer beruhigenden Nachricht uͤber die Verhaͤltniſſe des graͤflichen Ehepaars und Ha⸗ ſtebecks. Dieſer ſchrieb ihm nemlich, der Graf benehme ſich jetzt vorſichtiger und rückſichtvoller, als ſonſt, die Graͤſin ſcheine ſich in ihr Schickſal gefun⸗ den zu haben, und um ſie aufzuheitern und den Ge⸗ danken an eine Ruͤckkehr in eine laͤndliche Einſam⸗ keit in ihr nicht aufkommen zu laſſen, habe er den Beſchluß einer gemeinſchaftlichen Reiſe nach Wien zu 177 zu Stande gebracht, und naͤchſtens werde die ganze Caravane nach Muͤnchen aufbrechen, um dort erſt Verwandte der Graͤſin zu beſuchen, und dann uͤber die Tyroler Alpen nach der alten Kaiſerſtadt hin zu klettern. Er freute ſich im voraus des vielen Se⸗ henswerthen auf dieſer Reiſe, vergaß aber doch nicht, am Schluſſe noch zu erwaͤhnen, daß die alte Anna Werner todt, und daß ihre luͤderliche Tochter ganz verſchollen ſey, daß Weſtold aber, wenn er von dieſer Kunde bekommen ſollte, ſich ihrer anneh⸗ men moͤge, laut fruͤherer Abrede. Weſtold war nach dem Leſen dieſes Briefes von einer großen Sorge befreit, denn das Schickſal der Graͤfin, und Haſtebecks verfaͤngliches Ver⸗ haͤltniß zu ihr, hatte ihn lange beunruhigt.— Je gluͤcklicher und ſorgenloſer er ſich nun von allen Seiten fuͤhlte, deſto heiliger erſchien ihm die Verpflichtung, auch zum moͤglichſten Wohlſeyn An⸗ derer nach ſeinen Kraͤften beizutragen, und fremde Noth, die ihm bekannt wurde, zu lindern, ſo ſehr er es im Stande war. Weſtold. II. Theil. 12 178 Das Jahr 1805, in welchem eine ungeheure Theurung des Korns Einzelne unverhaͤltnißmaͤßig bereicherte, Tauſende aber faſt den Hungertod ſter⸗ ben ließ, gab ihm vielfaͤltige Gelegenheit zur thaͤti⸗ gen Bewaͤhrung ſeiner Geſinnungen. Er haͤtte zu jener Zeit Gold auf Gold haͤufen koͤnnen in ſeinem Kaſten; doch er zog es vor, die Noth einer großen Anzahl von Armen in Aarhorſt und in manchem be⸗ nachbarten Dorfe in Freude zu verwandeln. So viel er miſſen konnte von den großen Vorraͤthen auf ſeinen Kornboͤden, gab er den Unbemittelten zu maͤ⸗ ßigem Preiſe, und den hungernden Armen umſonſt. So ließ er freilich eine, fuͤr ihn in dieſem Maaße nie wiederkehrende Gelegenheit zur anſehnllchen Er⸗ hoͤhung ſeines Wohlſtandes, faſt gaͤnzlich unbenutzt, und manche ſeiner reichen Nachbaren verlachten ihn deshalb, als einen Thoren; allein Hunderte fegneten ihn, als ihren Wohlthaͤter und Retter; ſein Name wurde mit Achtung von Tauſenden genannt; und die Anerkennung ſeines uneigennützigen, gutthaͤtigen Benehmens wurde ihm ſelbſt von manchem Ruchlo⸗ ſen gezollt. N Verſchuldete oder unverſchuldete Noth, und nei⸗ diſcher Groll uͤber den Geitz oder die Schwelgerei der Neichen, hatten manchen Leichtſinnigen und Boͤſen in jener Zeit zum Diebe und Mordbrenner gemacht. In vielen Staͤdten und Dorfern erſcholl Geſchrei des Unmuths und Aufruhrs, und Banden von Raͤubern ſetzten mehr als eine Provinz in Schrecken. Auch in der Umgegend von Aarhorſt zerſtoͤrte hier und da eine angelegte Feuersbrunſt anſehnliche Ritterguts⸗ höͤfe mit Vieh und koſtbaren Vorraͤthen allerlei Art. Aus ſpaͤteren Kriminal⸗Unterſuchungen uͤber einige Raubgeſellen ergab ſich, daß in jener Zeit der ehe⸗ malige Verwalter Stork, laͤngſt zum Landſtreicher herunter geſunken, endlich ſich einer Bande von Mordbrennern angeſchloſſen, und dieſer, bei einer gemeinſchaftlichen Berathung, den Vorſchlag gethan hatte, Weſtolds Staͤlle und Scheuren in Brand zu ſtecken. Es war dieß ſein erſter Verſuch, Rache an dem Manne zu nehmen, der ihn, wie er meinte, von Aarhorſt vertrieben, und die ſchmaͤhlichen Plaͤne, die er mit Lenchen gehabt, vereitelt hatte. Da er jeden Winkel in Aarhorſt genau kannte: ſo 12* ——————— 1 erbot er ſich, der Anfuͤhrer bei dieſer Greuelthat zu ſeyn, von der er, durch Beraubung des unbewohnten Schloſſes waͤhrend der Verwirrung beim Brande, viele Beute verſprach. Doch als mehrere Boͤſewich⸗ ter auf dieſen Vorſchlag ſchon ohne Einwendung ein⸗ gingen, trat einer aus ihrer Mitte auf ein Mal da⸗ gegen auf, erzaͤhlte, wie Weſtold ihm ſelbſt Gu⸗ tes gethan und der Wohlthaͤter von hundert Armen geworden ſey, und er that einen graͤßlichen Schwur, daß er mit eigner Hand Den niederſtoßen wolle, der es wagen werde, einem ſolchen Armenfreunde auch nur den mindeſten Schaden zuzufuͤgen. Er zog, in⸗ dem er dieſen Schwur that, ein großes Meſſer aus der Scheide, hielt es mit kraͤftiger Fauſt empor, und richtete einen furchtbaren Blick auf den erſchro⸗ ckenen Stork. Nun beſtaͤttigten mehrere Naubge⸗ ſellen ſeine Ausſagen über Weſtolds Wohlthaͤtig⸗ keit; es wurde ein anderer Hof zum Flammenopfer beſtimmt; und Stork mußte ſeinen Racheverſuch bis zu einer andern, ſpaͤteren Gelegenheit verſchieben. Der lange Friede, deſſen das noͤrdliche Deutſch⸗ land ſich gefreut hatte, ſchien ſchon in jenem Jahre ſein Ende erreichen zu ſollen. Der Eine wunſchte, der Andere fuͤrchtete den Krieg; Weſtold ſah ihm, mit frommer Ergebenheit in die Fuͤgungen des Him⸗ mels, doch nicht ohne mancherlei Beſorgniſſe, ent⸗ gegen. Da ſprengte eines Tages ein raſcher Reiter in den Hof, und der freudige Ausruf:„Haſtebeck! Haſtebeck!“ flog in Weſtolds Familienkreiſe ploͤtzlich von Munde zu Munde. Waͤhrend der Va⸗ ter und die Mutter ihn umhalſeten und kuͤßten, hin⸗ gen die Kinder jauchzend an ſeinen Armen. Der truͤbe Herbſttag wurde fuͤr Alle ein Feſttag, wie ſie lange keinen gehabt hatten. Haſte eck freute ſich, beim Betrachten der Kin⸗ der, wie Herrmann zum Jünglinge, Marie zur Jungfrau emporbluͤhte, und wie Lebrecht dem ——— 182 Vater ſchon uͤber den Kopf gewachſen war. Es gab des Fragens, des Erzaͤhlens unendlich viel. Auguſte fragte, ob die Graͤſfin, Marie fragte, ob Seraphine nachkäme? Herrmann ſchwieg, horchte jedoch mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit hin; und die verneinende Antwort, welche er⸗ folgte, ſchlug Keinen ſo ſehr nieder, als ihn. Haſtebeck berichtete, daß der ausgebrochene Krieg zwiſchen Oeſterreich und Frankreich ſeine Rei⸗ ſe⸗Caravane aus Wien verſcheucht, und daß die dro⸗ hende Bewegung der preußiſchen Armee ihn nach Aarhorſt getrieben habe, um die alten Freunde noch einmal im Schutze des Friedens zu ſehn, und um, Namens der Graͤſin, wegen Verpflegung der Trup⸗ pen, die durchmarſchiren koͤnnten, Abrede zu nehmen.. Hierdurch bekam die Unterhaltung bald eine ernſtere Richtung. Um dieſer ein ſchnelles Ende zu machen, erzaͤhlte Haſtebeck jetzt von einer Samm⸗ lung von wilden Thieren, die er in der Stadt, wo er ſein letztes Nachtquartier gehabt, geſehen habe, und hoͤchſt lebendig fing er an von einem großen, 183 majeſtaͤtiſchen Loͤwen zu erzaͤhlen und ihn zu ſchil⸗ dern, wie er, in der Regel, ſtill und ernſt in ſeinem Gitterkaſten liege, aber zur Zeit des Fuͤtterns in wil⸗ der Unbaͤndigkeit aufſpringe, mit gluͤhenden Augen um ſich ſchaue, und zornig bruͤlle, und ſo auf ein⸗ mal in der furchtbaren Herrlichkeit des großen, wil⸗ den Raubthieres daſtehe. Alle horchten mit Auf⸗ merkſawkeit nach dieſer Schilderung hin; doch Herr⸗ mannen ergriff ſie bei weitem am ſtaͤrkſten, und in auflodernder Lebendigkeit beſtuͤrmte er erſt Ha⸗ ſtebecken, ihn auf der Ruͤckreiſe mitzunehmen bis in jene Stadt, und dann Weſtolden, die Erlaubniß hierzu zu geben. Haſtebeck erkläͤrte ſich augen⸗ blicklich bereit, die Bitte zu gewaͤhren, und unter⸗ ſtuͤtzte ſie auch bei dem aͤngſtlichen Freunde, ſo daß die Sache in wenigen Minuten abgemacht war.— Herrmann war außer ſich vor Freude, daß er einen Loͤwen ſehen, und endlich einmal meilenweit in die Welt hinaus reiten ſollte, wonach er ſich ſchon lange geſehnt hatte. Unter vier Augen ſprachen Weſtold und Ha⸗ ſtebeck noch viel über Herrmann. Weſtold 184 verzweifelte daran, einen Prediger, oder doch einen ſtillen Landmann aus ihm machen zu koͤnnen, ſo wie Haſtebeck an ein Kuͤnſtler⸗Genie in ihm eben⸗ falls nicht glanben wollte. Beide waren vernünftig genug, der Zeit und ſeiner Neigung nicht vorgreifen zu wollen; doch war Haſtebeck ſehr entſchieden der Meinung, es ſey hohe Zeit, ihn, zu weiterer Ausbildung, auf eine höhere Schulanſtalt zu brin⸗ gen. Weſtold entgegnete, daß er hiezu, ſo ſchwer ihm die Trennung auch ſeyn werde, ſchon entſchloſ⸗ ſen ſey; nur habe er die Confirmation des Knaben erſt in Aarhorſt geſchehen laſſen wollen; allein die wiederholte, haͤmiſche Frage des Pfarrers nach einem Taufſcheine des Knaben habe ihn ſo in Verlegenheit geſetzt, daß er die Unterhandlung abgebrochen und noch nicht wieder angeknuͤpft habe.— Mit tiefer Betruͤbniß ſprach er ſich daruͤber aus, daß der arme Knabe, was ſeine Herkunft betreffe, ſo verloren in der Welt daſtehe, wie ein Baſtard, was ihm noch manche bittre Kraͤnkung und Zuruͤckſetzung zuziehen koͤnne; und eben ſo bitter beklagte er es, daß er ſelbſt noch nicht den großen, lange gehegten Wunſch ſei⸗ — 185 nes Herzens habe in Erfuͤllung gehen ſehen, um ſelbſt ſeine Kinder, an heiliger Staͤtte, zur innigeren Ver⸗ einigung mit der großen Gemeinſchaft der Chriſten, ſegnend einweihen zu koͤnnen. Haſtebeck hatte ihn, ſtill ſitzend in einer Ecke des Sopha's, und finſter vor ſich hinſehend, lange ſprechen laſſen, ohne ihn zu unterbrechen. Plͤtzlich aber ſtand er in lebhafter Bewegung auf, und ſagte: „Mit der Pfarre mußt Du ſchon noch Geduld ha⸗ ben, denn das laͤßt ſich nicht erjagen; aber Deiner Sorge mit Herrmann will ich ein Ende machen. Gieb ihn mir ganz und gar mit! Er ſoll unter meinen Augen ein treffliches Gymnaſium beſuchen, und von einem würdigern Geiſtlichen konfirmirt wer⸗ den, als Euer alter Geizhals hier iſt.— Deinen Lebrecht behalte bei Dir! Der wird ein guter Landwirth werden, und Dir bald nuͤtzlich ſeyn! Aber der Herrmann muß in die Welt hinaus! Ver⸗ traue mir ihn getroſt an! Er iſt Dein Neſte, er iſt Seraphinens Lebensretter geweſen: ich werde ehrlich fuͤr ſein Beſtes ſorgen.“— Er rief Augu⸗ ſten herbei; und mit ſtuͤrmiſcher, ſiegender Beredt⸗ 3 186 ſamkeit bekaͤmpfte er die vielfachen Bedenklichkeiten und Einwendungen, die ihm entgegen geſtellt wur⸗ den, bis er die Genehmigung ſeines Vorſchlags er⸗ reicht hatte. Jetzt wurde auch Herrmann herbeigerufen, und ihm verkündigt„ was uͤber ihn beſchloſſen war. Einen Augenblick ſtand er, wie verſteinert, vor Ue⸗ berraſchung; dann blitzte, im Hinblick auf Haſte⸗ beck, die lebhafteſte Freude aus ſeinen Angen; dann ſah er wieder voll Bangigkeit nach ſeinen treuen Pfle⸗ geeltern hin. Endlich flog er Einem nach dem An⸗ dern an den Hals, und ergoß ſich in Dank, und that Geluͤbde ewiger, unveraͤnderter Kindesliebe.— Am folgenden Tage verplauderten Haſtebeck und Weſtold abermals unter vier Augen eine ſtille Abendſtunde, und theilten einander mit, was Jeder auf dem Herzen hatte. Da vertraute Haſtebeck dem Freunde, daß mit der Graͤfin, tief in ihrem Innern, eine große Veraͤnderung vorgegangen ſeyn muͤge; ſie ſcheine die Liebe zu ihm, ergeben in ihr Geſchick, niedergekaͤmpft zu haben; nur leider, ——y 187 wie er glaube, mit Waffen, uͤber die er ſich nicht freuen koͤnne. Als Weſtold Naͤheres zu wiſſen wuͤnſchte, erzaͤhlte Haſtebe ck, ſchon in Muͤnchen ſey die Graͤfin, durch ihre dortigen Verwandten, in einen Kreis von hoͤchſt fanatiſchen Katholiken gezogen, und von dort aus an einen aͤhnlichen in Wien uͤberliefert worden, dem ſie ſich nach und nach immer entſchiedener hin⸗ gegeben habe; ſie ſey, geblendet von der Neuheit und dem außeren Schimmer des katholiſchen Got⸗ tesdienſtes, eine immer fieißigere Beſucherin deſſel⸗ ben geworden; ſie habe auf ihrem Schreibtiſche ein Cruciſix aufgeſtellt, über ihrem Bette ein Madonnen⸗ bild aufgehangen gehabt; ja ſie habe gegen Sera⸗ phinen ſchon manches Wort hingeworfen, daß die katholiſche Kirche doch wohl den richtigeren Weg zum Himmel zeige, und daß Luther, ſo gut er es auch mit ſeinen Zeitgenoſſen gemeint haben moͤge, ſie doch wohl auf einen Irrweg gefuͤhrt habe. „Ach, das thut mir leid! ſehr leid!“ ſagte Weſtold—„Um die Ruhe ihres Herzens zu er⸗ kaufen, hat ſie die Freiheit ihres Geiſtes hingegeben! 188 Ich kann ſie nur bedauren, die arme, unglückliche Frau! Unter erwuͤnſchteren Lebensverhaltniſſen waͤre ſie gewiß eine treue Lutheranerin geblieben!— Aber wie ging es weiter, lieber Freund?“ „Ihr ganzes Streben“ erwiederte Haſtebeck —„war nun nach Nom gerichtet. Dort haͤtte ſie wahrſcheinlich, ohne Scheu, ihren Uebertritt zum Pabſtthum erklaͤrt. Fuͤr ihre Perſon haͤtte ſie das thun moͤgen, wenn ſie durchaus ihr Heil nur in ei⸗ nem ſolchen Schritte fand! Der Graf wuͤrde dazu gelacht haben; und auch ich haͤtte ſie darin nicht ſtoͤren duͤrfen und wollen. Aber ich konnte nicht wiſſen, welchen Einwirkungen Seraphine dann hiingegeben, ob ſie meiner Leitung nicht ganz ent⸗ riſſen worden waͤre! Da war eine ſchnelle Ruͤckkehr in die Heimath dringend nothwendig; der ausbre⸗ chende Krieg gab mir den erwuͤnſchteſten Vorwand dazu: und ſo ruhte ich dann nicht, bis wir wieder auf proteſtantiſchem Boden waren.— Hoffentlich vergeht ihr in unſrer guten, geſunden Luft der ka⸗ tholiſche Schwindel wieder.“ „Das gebe Gott!“ ſagte Weſtold, und ſetzte, faſt betend, die Worte Luthers hinzu: „Erhalt' uns, Herr, bei Deinem Wort!“ Und ſteur' des Pabſt und Tuͤrken Mord!“ „Mit den Tuͤrken“ unterbrach ihn Haſte⸗ beck—„hat's keine Noth mehr; aber gepaͤbſtelt wird immer noch viel! Doch Gluͤck zu! An der ab⸗ geſtumpften Lüderlichkeit, an der nervenſchwachen Verkehrtheit, und an der gewinnluſtigen Scheinhei⸗ ligkeit moͤgen die Paͤbſtler ihr Kunſtſtuͤck machen! Was iſt daran gelegen, ob ſolches Volk proteſtan⸗ tiſch oder katholiſch thut? Verworfen oder jaͤmmer⸗ lich iſt es hier, wie dort. Der alte Luther wuͤr⸗ de ſich am wenigſten daruͤber gehaͤrmt haben, wenn ſolche Glaubenshelden ihm untreu geworden waͤren, wie wir ſie gewoͤhnlich zum Pabſtthum uͤberlaufen ſehn! Aber argloſe, unverdorbene Scelen, wie Seraphine, ſoll man nicht verblenden oder ver⸗ locken!— Warlich, ich bin kein intoleranter Menſch, kein Kirchenlaͤufer, kein blinder Lutheraner; ja ich bin nichts weniger, als ein Katholikenfeind; aber wollte die Graͤfin mir Seraphinen zu einer Ro⸗ 190 ſenkraͤnzlerin machen, ihre geſunde Vernunft gefan⸗ gen nehmen mit ſtarren Ketten eines blinden Glau⸗ bens: das gaͤbe einen Kampf zwiſchen ihr und mir, der ihr theuer zu ſtehen kommen koͤnnte!“ Er ging in heftiger Bewegung auf und ab, und Weſtold freute ſich eines Eifers, den er dem wilden Freunde nie zugetraut hatte. Er ſelbſt ſing an, immer lebendiger uͤber den hellen Geiſt und die Thatkraft Luthers zu ſprechen; dann berechnete er, daß binnen zwoͤlf Jahren ſchon das dritte Jahr⸗ hundert ſeit dem folgenreichen Beginnen der Refor⸗ mation abgelaufen ſey, und mit der froͤmmſten In⸗ nigkeit ſetzte er hinzu:„O, wenn ich nur dann wenigſtens an mein Ziel gelang bin! Was fuͤr ein hohes Feſt wird dieſe Saͤcularfeier werden! Wenn ich dann, als ein berufener Diener des Herrn, ſein Wort von der Kanzel verkuͤndigen kann: wie freudig will ich es, im Geiſte unſers Kuthers, thun! Wie andaͤchtig mit meiner Gemeinde ſein treffliches Lied ſingen, das Lied aller Lieder: „Ein’ feſte Burg iſt unſer Gott! 191 „Ja wohl!“ ſiel Haſtebeck ein—„ein wunderherrliches Lied! Schon um dieſes Liedes willen koͤnnte ich dem Luther nicht untreu werden! Ich will es an dem großem Feſte auf Deiner Orgel ſpielen, und alle Regiſter dazu ziehn, daß Deine Gemeinde daruͤber erſtaunen ſoll! Es muß klingen, als wenn die Engel vom Himmel mit hineinpoſaun⸗ ten in die praͤchtigen Akkorde!“ Und indem er dieß ſagte, ſtellte er ſich ans For⸗ tepiano, ſpielte zu Weſtolds Geſange die herzer⸗ hebende Melodie, mit ſo uͤberkraͤftigem Aufſchlag, das mehr als eine Saite davon zerriß, doch ohne daß er es beachtete, oder nur bemerkte. Als ſie geendet hatten, reichte ihm Weſtold die Hand, und ſagte:„Ich halte Dich beim Wort, daß Du dann mein Orgelſpieler biſt.“ „Nun ja,“ erwiederte Haſtebeck, einſchla⸗ gend—„wenn wir noch leben und geſund ſind— und ich nicht etwa eine Wallfahrt nach Witten⸗ berg, nach der Wartburg, oder nach Worms mache, um auf einer dieſer wichtigen Stellen das große Feſt zu begehen.“ „Das ſind drei merkwuͤrdige W!“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort—„Hmindoͤs fuͤr die blinden Paͤbſtler, die genug Ach und Weh daruͤber ge⸗ ſchrieen haben!“ Einen Augenblick laͤchelte Weſtold uͤber die⸗ ſen Einfall, dann umarmte er den theuern Freund ſo innig, als er es jemals gethan hatte, und ſagte zu ihm:„Wie freue ich mich dieſes Geſpraͤchs mit Dir! Nun erſt laſſe ich mit voller Zuverſicht den Herrmann mit Dir ziehn. Nun erſt bin ich dar⸗ üͤber getroͤſtet, daß ich ſeine Confirmation nicht ſel⸗ ber leiten kann. Seit dieſer ſchoͤnen Stunde weiß ich: Du wirſt es ernſt nehmen, nicht allein mit ſei⸗ nem Wiſſen und mit ſeinem aͤußeren Gluͤck, ſondern auch mit ſeinem inneren Heil. So nimm ihn dann, und leite ihn, wie Du es fuͤr gut halten wirſt.“ „Bravo!“ unterbrach ihn Haſtebeck, und druͤckte ihm feſt die Hand—„Ich denke, es ſoll Dich nicht gerenen, ihn mir anvertraut zu haben. Auch —˖O⏑Q⏑Oñõę:—— 193 Auch will ich ſorgen, daß er nicht mehr daſteht, als waͤre er nur in die Welt hineingeſchneit.“— Gewaffnet mit dieſem guten Vertrauen, behaup⸗ tete Weſtold, trotz ſeiner großen Aengſtlichkeit wegen moͤglicher Gefahren, und trotz ſeiner ganz vaͤterlichen Liebe zu Herrmann, eine vollkommen ruhige Haltung bei der Trennung von ſeinem Lieb⸗ linge. Auguſte aber zerfloß in Thraͤnen dabei, nicht ſowohl, als waͤr' es ein Abſchied auf Leben und Tod, als vielmehr der Wendepunkt zwiſchen dauern⸗ dem Lieben und ſchnoͤdem Vergeſſen.„Herrmann! Herrmann!“ gagte ſie, und umarmte ihn wei⸗ nend—„Hoͤre nie auf, unſer zu ſeyn, wenn Du auch nicht mehr bei uns biſt! Sind wir auch nur Deine Pflegeeltern geweſen: haben wir Dich doch mit voller elterlicher Liebe geliebt! Vergiß das nie, und hoͤre nie auf, unſer Sohn zu ſeyn!“ Herrmann gelobte das, und nahm Abſchied von Allen, mit zerriſſenem Herzen, als ein liebender Sohn und Bruder; und in der tiefſten Betruͤbniß ritt er neben Haſtebeck von Aarhorſt hinweg. Oft noch ſah er ſich ſehnſuchtsvoll danach um, und als Weſtold, II. Theil⸗ 13 194 auch die letzte Thurmſpitze ſeinen Blicken entſchwun⸗ den war, that er einen tiefen Seufzer, und ſprach lange kein Wort. Eine Menge neuer Gegenſtaͤnde nahmen nach und nach Herrmanns Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Er hoͤrte auf zu ſeufzen, und fing wieder an zu ſprechen. Er ſah den großen, majeſtaͤtiſchen Loͤwen, und hing, mit freudefunkelnden Blicken, an jeder ſeiner wilden Bewegungen. Die kleineren, zahmeren Thiere, eine Menge der ſeltenſten Voͤgel, mit dem bunteſten, ſchoͤnſten Geſieder, wuͤrdigte er kaum eines fluͤchtigen Blicks. Die fratzenhaften Affen waren ihm ein Greuel. Von dem Loͤwen konnte er ſich kaum tren⸗ nen, und hoͤrte nicht auf, von ihm zu ſprechen. Endlich ſah er die große Stadt, die das Ziel ſeiner Reiſe war. Er verlor ſich in immer erneutem Betrachten und Staunen. Aber jetzt ritten ſie in 195 das offne Thor eines großen, praͤchtigen Hauſes; dann noch wenig Minuten: und er ſtand vor der uͤberraſchten Graͤfin, vor der freudig erſchrockenen Seraphine. Die Graͤfin hieß ihn, mit einer Guͤte, die faſt muͤtterlich war, willkommen. Se⸗ raphine ſagte nur wenige Worte; aber er ſah ihr Laͤcheln, ihren freundlichen Blick; und als ſein Auge unwillkuͤrlich auf die kleine Narbe ihrer Stirn ge⸗ richtet war, ſah er an dem hoͤheren Roth, das ploͤtz⸗ lich ihre Wange uͤberzog, daß der unſichtbare, zarte Faden ihres geheimen Einverſtaͤndniſſes unzerriſſen geblieben war. Er fuͤhlte, mit hochklopfendem Her⸗ zen, daß ſeine Wangen eben ſo vernehmlich zu Seraphinen ſprechen muͤßten, als die ihrigen zu ihm. Der Graf war in Geſellſchaft, und kehrte erſt lange nach Mitternacht zuruͤck. Alſo auch erſt am folgenden Tage konnte Haſtebeck ihm den Knaben vorſtellen. Er that es unangemeldet. Sie traten in eine Reihe von Zimmern, zum Theil noch weit glaͤnzender ausgeſtattet, nur nicht ſo ſorgfaͤltig in Ord⸗ nung gehalten, als die Zimmer der Graͤfin. Koſt⸗ 13 ½ 196 bare Buͤcher in koſtbaren Einbaͤnden, treffliche Kupferſtiche und Landcharten lagen auf Tiſchen und Stühlen umher, vermiſcht mit mancherlei optiſchen und phyſikaliſchen Inſtrumenten, ſeltenen Erzſtufen und Kriſtallen, deren buntes Durcheinander von der unſtaͤten Beſchaͤftigungsweiſe ihres Beſitzers zeugte. Der Graf, ein Mann noch in den beſten maͤnn⸗ lichen Jahren, eben bei der Morgen⸗Chocolate die neueſten Zeitungen durchblaͤtternd, lag, im ſaubern Morgenanzuge, auf dem Sopha ausgeſtreckt. Selbſt in dieſer nachlaͤſſigen Zwangloſigkeit konnte man den Mann aus der vornehmen Welt in ihm nicht ver⸗ kennen. Zwar waren die Spuren einer verdorbenen Nacht noch in der Abſpannung ſeiner Geſichtsmus⸗ keln ausgedruͤckt; aber beim Anblick der Hereintre⸗ tenden ploͤtzlich aufgeregt, theilte die Lebendigkeit ſeines großen Auges den ſchoͤnen Formen ſeines Ge⸗ ſichts auch neues Leben mit; und die angenehmſte Freundlichkeit umſchwebte ſeinen Mund, indem er ſich aufrichtete, um die Kommenden zu begruͤßen. „Willkommen, lieber Haſtebeck!“ ſagte er mit einem leichten Tone, der zwiſchen wahrer, — 197 freundſchaftlicher Vertraulichkeit und graͤflichem We⸗ ſen ziemlich die Mitte hielt. Dann ſeinen Blick raſch auf Herrmann wendend, redete er dieſen hoͤflich mit den Worten an:„Ah, gewiß der junge Graf Stern? Ihre Frau Tante hat mir ſchon Ihren Beſuch angekündigt.“ Und mit beſonders verbindlicher Art bot er ihm einen Sitz auf dem Sopha an. Herrmann wurde feuerroth wegen dieſes Irrthums; doch ehe er noch etwas darauf erwiedern konnte, nahm Haſtebeck ſchon in einem ſcherzen⸗ den Tone das Wort:„Ein junger Graf ſoll er ſeyn? Nun, wer weiß, was noch aus ihm wird? Bis jetzt kann ich ihn aber nur noch als den Neffen und Pflegeſohn meines Freundes Weſtold praͤſentiren.“ „OQuelle idée!“ rief der Graf, ſich von dem Knaben abwendend, und mit ploͤtzlich ſtreng vor⸗ nehm gewordenem Geſicht und hochaufgeworfenem Kopfe Haſtebecken anblickend.„Warum ſagten Sie mir das nicht gleich beim Eintreten?“ „Ich wollte einen Verſuch machen,“ antwortete Haſtebeck, indem er den Grafen ſcharf anſah— „ob Sie nicht von ſelbſt in dem braven Burſchen den Retter Seraphinens erkennen würden? Der iſt er! Ohne ihn lebte Seraphine nicht mehr!“ „Aha!“ ſagte der Graf, ſich auffallend zu⸗ ſammen nehmend, um ſeine vorherige Unfreundlich⸗ keit wieder gut zu machen—„Der iſt's! Er heißt jg wohl Herrmann? Nicht wahr?“ Herrmann beiaete das mit den Worten: „Ich heiße Herrmann Weſtold, wie mein Pflegevater.“ „Gut! recht gut! ¹ erwiederte der Graf, etwas zerſtreut. Sehr freundlich fuhr er dann fort:„Du haſt Dich brav benommen bei der Geſchichte mit dem Baſſin. Man hat Dich mir auch ſonſt gelobt. Ich freue mich, Dich ein Mal zu ſehn.“ Und in⸗ dem er dieß ſagte, legte er ſeine Hand erſt an des Knaben Kinn, ſtrich ihm dann die Haare von der Stirn zuruͤck, und ſah ihn mit Wohlgefallen an. 199 „Was denkſt Du ein Mal zu werden!“ fragte er dann raſch. Herrmann antwortete, das wiſſe er ſelbſt noch nicht. Dann nahm Haſtebeck das Wort, und ſagte, er ſolle fuͤr jetzt nur eifrig fortfah⸗ ren, Schulwiſſenſchaften zu treiben; wenn er was Tüchtiges gelernt habe, werde das Weitere ſich ſchon finden. Der Graf nickte beifaͤllig zu dieſer Erklaͤrung. Er fuͤhrte Herrmannen ins Nebenzimmer, da⸗ mit er dort einige koſtbare Kupferwerke durchblaͤttern ſolle, und er ſelbſt unterhielt ſich alsdann mit Ha⸗ ſtebeck in einer Sprache, von welcher Herrmann nichts verſtand. Endlich ſagte Haſtebeck zu Herrmann: „Bedanke Dich bei dem Herrn Grafen! Er erlaubt es, daß Du hier in ſeinem Hauſe unter meiner Auf⸗ ſicht bleibſt.“ Der Graf beſtaͤtigte das mit freundlichen Wor⸗ ten; und als Hermann ihm danken wollte, ſah er ihm lange ernſt ins Geſicht; es traten ihm Thraͤ⸗ nen in die Augen, und dann gab er ihm einen Kuß, und ſchob ihn ſanft nach der Thuͤr. ——— — — — — Auf Haſtebecks Zimmer fragte Herrmann, warum der Graf ihn wohl ſo lange angeſehen, und dann beinahe geweint habe?—„ Das will ich Dir ſagen.“ antwortete Haſtebeck—„Er hat Deinen Vater ſehr gut gekannt, und Dein Geſicht erinnerte ihn lebhaft an ſeinen Freund. Aber laß Dir ge⸗ gen Niemanden etwas merken, daß ich Dir dieß ge⸗ ſagt habe:7* Herrmann verſprach es.— Noch an dieſem Tage wurde für ihn ein Zimmer eingerichtet, nahe bei denen, welche Haſtebeck bewohnte. Am fol⸗ genden Tage wurde er von dem Vorſteher eines Gymnaſiums geprüuͤft; und mit dem beſten Eifer beſuchte er dieß dann, und wendete auch zu Hauſe ſeine Zeit gut an, um etwas Tuͤchtiges zu lernen. Er wurde in der Schule geliebt, wie in dem graͤfli⸗ chen Hauſe. Aber ſo gut es ihm in der großen Stadt auch ging: ſo vergaß er doch Aarhorſt nicht, und unterhielt mit ſeinem ehemaligen Pflegevater einen Briefwechſel, der für die Erhaltung ſeiner Herzens⸗ Reinheit von der größten Wichtigkeit war. 201 Haſtebeck wollte auch Kunſtſinn in ihm we⸗ cken, und ging von Zeit zu Zeit mit ihm in den Bilderſaal des Grafen, der viele treffliche Arbeiten großer Meiſter enthielt. Herrmann gaffte und freute ſich, wie es von ſeinem Alter und von ſeiner Fremdheit im Tempel der Kunſt zu erwarten war. Auffallend zog ihn indeſſen ein großes, duͤſter gehal⸗ tenes Bild an, welches einen, am flachen Ufer eines ſtürmiſchen Meeres ausgeſtreckt daliegenden, todten Ritter zeigte.—„Junge, das freut mich,“ ſagte Haſtebeck—„daß dieß Bild Dir ſo vorzuͤglich gefaͤllt. Ich haͤtte das kaum erwartet, da es durch nichts weniger als ein ſchoͤnes Kolorit, oder ſonſt etwas in die Augen Fallendes, beſticht. Aber Du haſt es richtig herausgefuͤhlt, daß dieß, in manchem Betracht, das Hauptſtück der ganzen Sammlung iſt. Die Erſindung iſt hoͤchſt einfach, aber Alles iſt großartig, in harmoniſchem Ernſte, und mit meiſterhaftem Pinſel ausgeführt; und die ſtarre Ge⸗ ſtalt des todten, bleichen Ritters macht, im Gegen⸗ ſatz des ſturmbewegten Meeres und des ſchweren Wcoorkenhimmels, einen ergreifenden Eindruck.— 202 Sieh nur die praͤchtigen Meereswellen! Es iſt mir manchmal, als haͤtte der brave Künſtler ſie recht eigens fuͤr mich gemahlt.“ Ein anderes Mal, als er den Knaben wieder mit begeiſterten Blicken an dem Bilde hangen ſah, rief er ihm zu:„In Dir ſteckt ein Künſtler! das ſeh' ich! Nur kann ich noch nicht aus Dir klug wer⸗ den, ob das Hiſtoriſche oder das Landſchaftliche in dem ſchoͤnen Bilde Dich anzieht. Sag' es ein Mal grade heraus: Was moͤchteſt Du werden? Ein Raphael, oder ein Waterlo?“ Da erwiederte Herrmann raſch:„O, nein! kein Mahler moͤchte ich werden, ſondern ein Ritter, der ſo gepanzert gegen den Feind ginge und kaͤmpfte, um als ein Held zu ſiegen, oder zu fallen. So oft ich hier ſtehe, iſt es mir, als riefe eine Stimme mir zu: Dulce et decorum est, pro patria mori.“ Haſtebeck ſah ihn mit großen Augen an, und begann, mit ihm daruͤber zu ſtreiten, ob der Ritter ſeinen Tod im Kampfe, oder bei einem Schiffbruche gefunden habe, und dann von den hochgehenden MWellen aufs Ufer geſchleudert ſey. Herrmann widerlegte das, indem er auf den Griff des Schwerdtes zeigte, der neben der rechten Hand des Ritters, bei genauerer Unterſuchung, ziemlich deut⸗ lich zu erkennen war. Haſtebeck konnte ſeine Meinung nicht durchfuͤhren, und hoͤrte verwundert, mit welcher Begeiſterung der Knabe von Caͤſar, Epaminondas und andern Helden des Alter⸗ thums ſprach. Seit der Graf dieß von Haſtebeck gehoͤrt hatte, mußte Herrmann oͤfter, immer oͤfter, und endlich regelmaͤßig alle Tage, zu dem Grafen kom⸗ men, und es war unverkennbar, daß dieſer ihn im⸗ mer lieber gewann, weit lieber, als er damals Se⸗ raphinen hatte.— Unterdeſſen rückte das verhaͤngnißſchwere Jahr 1806 der Entwicklung ſeiner großen Begebenheiten naͤher. Immer begeiſterter ſtand Herrmann vor dem bedeutungsvollen Bilde; und als ihn die Graͤ⸗ fin einmal ſo traf, und uͤber ſeine Neigung zum Sol⸗ datenleben mit ihm ſprach, faßt' er ſich endlich ein Herz, und bat ſie flehentlich, daß ſie ihm dazu ver⸗ 204 helfen moͤchte, mit in den Krieg gegen die Franzoſen ziehen zu duͤrfen. Schon wollte die Graͤfin dieſe Bitte eine Thor⸗ heit nennen, als ihr einſiel, was ſie ihm zu Aar⸗ horſt, im dankbaren Gefuͤhl fuͤr die Rettung Se⸗ raphinens, geſagt und verſprochen hatte. Wie ein heiliges Geluͤbde, erſchienen ihr jetzt ihre dama⸗ ligen Worte; die lebhafte Erinnerung an jene raſche That des Knaben gab ihr den Glauben, daß eine Heldenſeele in ihm wohne; und ſo gab ſie ihm die freundliche Antwort, ſie wolle ſehn, was ſich fuͤr ihn thun laſſe. Angelegentlich fragte ſie Haſtebecken um Rath.„Ei!“ ſagte dieſer—„In dem Burſchen ſteckt ein trefflicher Huſar! Er reitet ſchon jetzt mit ſeltner Dreiſtigkeit und Gewandtheit; und daß er auch, wenn es gilt, kuͤnftig die Klinge zu gebrauchen wiſſen wird, das, denke ich, blitzt aus jedem ſeiner Blicke heraus. 5 „Gut!“ erwiederte die Graͤin—„ich halte ſeine vorherrſchende Neigung fuͤr einen Wink vom Himmel. Wer weiß, wozu er berufen iſt? Laſſen 205 Sie uns dann Anſtalt machen, daß er in ein Regi⸗ ment kommt?“ „Als was aber?“ antwortete Haſtebeck,— „Um Gemeiner zu werden und es etwa bis zum Wachtmeiſter zu bringen? Dazu iſt ſeine Erriehung zu vornehm geweſen.— Um ihn in die Offtzier⸗ Reihe zu bringen? Dazu moͤchte die Geburt des ar⸗ men Schelms ſich wohl zu ſehr in zweideutigem Dun⸗ kel verlieren. Er mag aus gutem, adlichem Blut entſproſſen ſeyn; aber wo iſt der Stammbaum, mit dem es erwieſen werden kann?“ Auf die wiederholten Fragen der Graͤfin, was unter ſolchen Umſtaͤnden wohl zu thun ſey, um das Unrecht, was das Schickſal dem armen verwaiſ'ten Knaben angethan, wieder gut zu machen, erwiederte Haſtebeck endlich:„Sein Gluͤck waͤre fuͤr im⸗ mer gemacht, wenn der Graf ſich entſchloͤſſe, ihn foͤrmlich zu adoptiren und ihm ſeinen Namen zu ge⸗ ben; und wenn Sie, Frau Graͤfin, den Retter Sera⸗ phinens muͤtterlich genug liebten, hiezu Ihre Ein⸗ willigung zu geben.“ 206 Die Graͤfin war uͤberraſcht, doch nicht auf eine nen, ſagte ſie:„Wenn ich ihn auch muͤtterlich genug liebte: wird der Graf ihn auch lieb genug b1⸗ ben, ſo einen Schritt zu thun? Haſtebecks Auge blitzte bei dieſer Frage der Graͤfin lebhaft auf.„Der Graf liebt ihn ſehr.“ war ſeine Antwort—„Auch hat er ſich lange einen Sohn gewünſcht, damit ſein Name nicht durch den verhaßten Lehnsvetter allein, ſondern auch in beſon⸗ derer Abſtammung, oder wenigſtens Nachfolge, von ihm ſelbſt, auf die Nachwelt gebracht wuͤrde. Ich weiß, wie lebhaft dieſer Wunſch ihn ſchon ſeit langer Zeit beſchaͤftigt; und ich glaube daher, Ihnen ſeine Sie mir den Auftrag geben, dieſe Angelegenheit ernſtlich zu betreiben.”“ Er konnte dieſe Zuſage leicht thun, denn der Graf hatte ſich ſchon von ſelbſt hiezu geneigt erklaͤrt und wuͤnſchte nur, daß von der Graͤfin die Verhand⸗ lung hieruͤber ausginge. Leichter, als man erwartete, hatte ſich das nun gemacht. unangenehme Weiſe. Nach einigem, ernſtem Beſin⸗ Einwilligung im voraus zuſagen zu koͤnnen, ſobald 207 Die Graͤfin verlangte zwar noch einige Tage Bedenkzeit, die ihr Haſtebeck auch ohne Einwen⸗ dung zugeſtand; doch ſchon am folgenden Tage, als ſie Seraphinen gefragt hatte„ob ſie wohl Herrmannen zu ihrem Bruder haben moͤchte, und dieſe ihr ein hochfreudiges Ja geantwortet, und ſie dann mit Bitten beſtürmt hatte, ihr dieſe Freude nicht laͤnger vorzuenthalten— da ließ die Graͤfin Haſtebecken zu ſich rufen, theilte ihm ihren fe⸗ ſten Entſchluß mit, und beauftragte ihn, die Sache mit dem Grafen in Ordnung zu bringen. Das war bald geſchehen. Der Graf ſuchte um die landesherrliche Genehmigung nach, und ſobald er dieſe erhalten hatte, bemuͤhte er ſich um eine An⸗ ſtellung für Herrmann in einem Huſaren⸗Regi⸗ mente, und gab dann, zur Feier der geſchehenen Adoption, ein großes Gaſtmahl, bei welchem Herr⸗ mann die Ehrenſtelle zwiſchen dem Grafen und der Graͤſin bekam, die Beide ihn nun S ohn nannten, und als ſolchen mlt Liebkoſungen uͤberhaͤuften. Alle waren ungewoͤhnlich heiter und fuͤhlten ſich in ihren gegenſeitigen Verhaͤltniſſen ungleich 208 wohler, als zuvor. Der Graf erkannte es dankbar, daß die Graͤfin ſeinem Wunſche ſo willig entgegen gekommen war; und faſt noch mehr fühlte ſich die Graͤfin ihrem Gemahl verpflichtet, weil ſie der Meinung war, daß er nur, um ihr ſich gefaͤllig zu zeigen, den Lebensretter Seraphinens mit ſeinem edlen Namen beſchenkt habe. Auch Hg⸗ ſtebeck wurde, als der Vermittler, von Beiden doppelt geehrt! und man ſah, daß er mit der vollſten Genugthuung ſich des Werks, das er zu Stande ge⸗ bracht, freute. Aber von Allen die Glüͤcklichſten waren doch Herrmann und Seraphine. Die ſchoͤnen Namen Bruder und Schweſter, mit denen ſie einander jetzt rufen durften; und die gewonnene Freiheit, es jetzt laut zu bekennen, wie herzlich lieb ſie einander hatten, ſchien ihre hoͤchſten Wuͤnſche be⸗ friedigt zu haben. Aus jedem ihrer Blicke, wenn ſie ſich anſahn, glaͤnzte ein heller Freudenſtrahl, und jedes ihrer Worte war ein Dollmetſcher ihrer frohen Gefuͤhle.— Als die Graͤfin ihnen ihre Zufrieden⸗ heit mit ſolcher geſchwiſterlicher Zuneigung bezeigte, ver⸗ 209 verſicherten ſie Beide einſtimmig, daß ſie einander ſchon lange ſo lieb gehabt haͤtten; und in dem Rau⸗ ſche ſeiner unſchuldigen Freude bekannte Herrmann jetzt, daß er die Narbe an Seraphinens Stirn verſchuldet, und daß Seraphine dieß, troß aller Schmerzen, ſtandhaft verſchwiegen habe, um ihm jeden Vorwurf daruͤber zu erſparen. „Ei, ei!“ ſagte die Graͤfin, halb empfindlich, halb liebevoll zu Seraphinen—„Haͤtte ich doch nicht gedacht, daß Du hinter meinem Ruͤcken ein Geheimniß haben moͤchteſt!“ Sie ſah Beide mit anfmerkſamen Blicken an, und ob ſie gleich nichts weiter ſagte: ſo war es doch nicht zu verken⸗ nen, daß ſie ſeit dieſem Augenblick von der Geſchwi⸗ ſterliebe des funßzehnjaͤhrigen Knabens und des zwoͤlf⸗ jaͤhrigen Maͤdchens eine andere Anſicht nahm, als bisher.— Der Graf konnte ein frohes Laͤcheln nicht unterdruͤcken; und Haſtebeck, der es be⸗ merkte, ergriff, heitern Geſichts, ſein Weinglas, ging damit zu dem Grafen, fluͤſterte ihm etwas ins Ohr, das dieſer mit beifaͤlligem Nicken beantwortete; Weſtold, II. Theil. 14 210 und Beide ſtießen dann die Glaͤſer an, doch ohne laut zu ſagen, worauf.— „ Ganz ohne trübes Gewoͤlk war indeſſen keines weges fuͤr Herrmannen der blaue Himmel ſeines Gluͤcks. Haſtebeck hatte es uͤbernommen, We⸗ ſtolden von dem großen Gluͤcke ſeines Neffen zu be⸗ nachrichtigen. Eine vorherige Anfrage, ob der Oheim mit dieſem Gluͤckswechſel auch einverſtanden ſey, hatte er fuͤr ganz uͤberfluͤſſig gehalten; und er unterließ ſie, um eine deſto freudigere Ueberraſchung zu bewirken, wenn alles ſchon zu Stande gebracht waͤre. Als er daher jetzt ſeinem Freunde die große Neuigkeit mittheilte, ſetzte er, am Schluſſe des Briefes, mit großer Zuverſicht hinzu:„Du ſag⸗ teſt mir, als Du mir den Knaben anvertrauteſt, ich ſolle ihn leiten, wie ich es fuͤr gut halten werde. Ich ſagte Dir dagegen, ich wolle ſorgen, daß er nicht mehr daſtehe, als waͤre er in die Welt geſchneit. So hoffe ich dann, Bruderherz, mein Wort mit Ehren geloͤſ't zu haben, und Du wirſt mit mir jubi⸗ liren, daß das ſo uͤber Erwarten gegluͤckt iſt!“ 211 In Abſicht dieſes Jubilirens hatte Haſtebeck ſich gaͤnzlich verrechnet. Die Anſicht, welche We⸗ ſtold und die Seinigen von der Standeserhoͤhung und von der bevorſtehenden Laufbahn Herrmanns nahmen, war eine durchaus niederſchlagende. Der theure Knabe, an dem ſie fortwaͤhrend mit der herz⸗ lichſten elterlichen und geſchwiſterlichen Liebe hingen, ſchien ihnen jetzt auf ein Mal ſo weit entruͤckt, daß ihre Arme ihn nie wieder wuͤrden erreichen koͤnnen; ſie fuͤrch⸗ teten, daß ſein Herz ihnen gaͤnzlich werde entfremdet werden; und auf der Laufbahn, die man ihn hatte erwaͤhlen laſſen, ahneten ſie nichts, als Gefahr und Ungluͤck fuͤr ihn.— In ſeiner Antwort an Ha⸗ ſtebeck ſchrieb Weſtold unter Anderm Folgendes: „Ich will und kann Dir es nicht ſchildern, wie ſchmerzlich wir uns gekraͤnkt fuühlen, daß Du den Knaben ſo gaͤnzlich haſt losreißen laſſen von unſern Herzen! Hatte ich nicht, als der Bruder ſeiner unvergeßlichen Mutter, die naͤchſten und natuͤrlich⸗ ſten Anſpruͤche der Blutsverwandtſchaft auf ihn? Hat meine Frau ihn nicht von ſeinem dritten Jahre an gehegt und gepflegt, bei Tag und bei Nacht, 14* wenn er geſund oder krank war, wie die allerzaͤrtlich⸗ ſte Mutter? Bat ſie ihn nicht noch beim Abſchiede mit ſchmerzlichen Thraͤnen, daß er unſer bleiben moͤge?— Und nun iſt er nicht mehr unſer! Er hat die Eltern gewechſelt, wie Kleidungsſtücke. Frei⸗ lich hat er ungleich reichere, vornehmere erhalten, als wir ſind; aber werden die vornehmeren ihn guch ſo herzlich und ausdauernd lieben, als wir?: — Ich ſoll mit Dir jubiliren uͤber ſein unerwartetes Gluͤck? Wie koͤnnte ich das! Ich kann nur trauern uͤber ſeinen gefaͤhrlichen Sprung aus unſerm ſchlicht buͤrgerlichen Kreiſe in einen graͤflich vornehmen hin⸗ auf. Moge er vorſichtig gehen, und nicht gleiten auf dem getaͤfelten, glatt gebohnten Boden!— Reichthum und vornehmes Weſen machen nicht ein Mal immer aͤußerlich gluͤcklich! wie ungleich ſel⸗ tener vollends innerlich! In welchem hohen Grade gefaͤhrden ſie die Reinheit des Herzens und des Wandels; und wie viel ſchoͤne Tugenden ſcheitern unrettbar an jenen hohen, ſchillernden Klippen! Und das, das iſt es, was mich am meiſten bekuͤm⸗ mert!„Was huͤlfe es dem Menſchen,“ ſteht ge⸗ ☛αᷣ̈—2 22 2 213 ſchrieben in der heiligen Schrift—„wenn er die ganze Welt gewoͤnne, und naͤhme Schaden an ſeiner Seele?!“— Und ein Bild iſt der Wen⸗ depunkt ſeines Schickſals geworden! Phantaſtiſche Eindrücke beim Anſchauen eines Bildes haben ihn, ſtatt beſonnener Ueberlegung, ſeine kuͤnftige Lebens⸗ bahn waͤhlen laſſen! O, das mißfaͤllt mir ſehr! Und kaum kann ich mich enthalten, mit meiner Frau die Befuͤrchtung zu theilen, daß dieſes Bild, welches nur einen duͤſtern Himmel, ein ſtuͤrmiſches Meer, und einen einſamen Leichnam zeigt, von ſchlimmer Vorbedeutung iſt, und auf einen traurigen Ausgang hinweiſ't!— Gebe Gott, daß dieſe herzzerreißende Befuͤrchtung ſich nicht beſtaͤtigen moͤge!“— Theilte Haſtebeck auch nicht dieſen ganzen Brief Herrmannen mit: ſo war das, was er ihm daraus vorlas, doch mehr als hinreichend, ihn tief zu betruͤben; und dieſer Kummer mitten in ſei⸗ nem neuen Gluͤcke war die beſte Lobrede ſeines guten, unverdorbenen Sinnes und ſeiner warmen, dankba⸗ ren Liebe zu Denen, die ſich jetzt ſo bitter durch ihn gekraͤnkt fuͤhlten. Er eilte augenblicklich guf ſein 214 Zimmer, und ſchrieb einen langen Brief nach Aar⸗ horſt, der, wie an Weſtolden und Auguſten, ſo auch an Marien und Lebrechten gerichtet war. Jede Zeile war der unverſtellte Ausdruck der tiefſten Betruͤbniß und der herzlichſten Liebe. Er betheuerte, daß ſeine fruͤheren Pſtegeeltern ihm ewig die theuerſten und liebſten bleiben werden; er bat flehentlich, daß ſie ihm ihre Liebe nicht entziehen moͤchten; und er gelobte mit den heiligſten Betheu⸗ rungen, daß er aus allen Kraͤften ſtreben wolle, der⸗ ſelben immer wuͤrdig zu bleiben. Erſt als dieſer Brief auf die Poſt gegeben war, wurde ihm wieder leichter ums Herz. Mit dem un⸗ geduldigſten Verlangen ſah er der Antwort entgegen; aber der Strom großer Begebenheiten riß ihn ſchnell und weit von ſeinem bisherigen Schauplatze hinweg; ſchneller, als er erwartet hatte, mußte er ſich von Seraphinen, von Haſtebeck, und von ſeinen graͤflichen Eltern trennen, wobei Schmerz und Freu⸗ de hart neben einander in ſeinem Herzen thronten; und erſt nach vielen Monaten kam des geruͤhrten N 1 215 Weſtolds vaͤterlich liebevolle Antwort in ſeine Haͤnde. Die preußiſche Armee war den Franzoſen an der Saale hinauf entgegen geruͤckt. Herrmann gluͤhte vor Verlangen, ihr dorthin nachzufolgen; doch um erſt eingeuͤbt zu werden im Gebrauch ſeiner Waffen und in der Behandlung ſeines Pferdes, erhielt er Be⸗ fehl, ſich nach einer ziemlich entfernten Stadt zu begeben, wo mehrere junge Mannſchaft zum Feld⸗ dienſt geſammelt und vorbereitet wurde. So entging er dem herben Schickſale, Zeuge der ungluͤcklichen Schlachten von Jena und Auerſtädt zu ſeyn; und unentmuthigt konnte er dem weiteren Verlaufe des Krieges entgegen ſehn. Die Beſtuͤrzung, welche das ſchnelle Vordrin⸗ gen des ſiegtrunkenen, uͤbermuͤthigen Feindes uͤber das ganze Land und die Hauptſtadt verbreitete, ver⸗ ſchaffte ihm, wider Erwarten, das Gluͤck, Serg⸗ 216 phinen, die Graͤſin, und Haſtebecken noch ein Mal zu ſehen; aber es war kein frohes Wiederſehen! Sie eilten nach dem entfernteſten Gute der Graͤfin in Polen, und trafen mit ihm auf ſeinem Eilmarſch nach den entlegenen Gegenden, wo die Truͤmmern der preußiſchen Armee geſammelt wurden, in einem kleinen Staͤdtchen zuſammen. Die hellen Thraͤnen rannen uͤber Seraphinens Geſicht bei Herr⸗ manns Marſchbericht.—„Ach Herrmann!“ ſagte die Graͤfin—„haͤtte ich Deinem Wunſche doch nicht nachgegeben! Was ſoll aus Dir werden in dieſem hoffnungsloſen Kampfe?!“ „Ein tuͤchtiger Menſch, hoffe ich.“ fuhr Ha⸗ ſtebeck kraͤftig dazwiſchen, um dem Weinen und Klagen, wo moͤglich, ein Ende zu machen.„In ſtrenger Schule lernt man etwas. Die Preußen muͤſſen jetzt ſchweres Lehrgeld zahlen; aber ſie werden auch ſich ſchlagen lernen.— Nur unverzagt drauf los, Herrmann! Es wird ſchon wieder beſſer werden, als es jetzt iſt.“ Mochte Haſtebeck, im Grunde ſeines Her⸗ zens, auch nicht ganz die muthige Hoffnung haben, 217 die er hier ausſprach: die beabſichtigte Wirkung auf Herrmann ging deshalb doch nicht verloren. Er uͤberſtand ohne Klage den neuen Trennungsſchmerz, und unverzagt verfolgte er die ihm vorgeſchriebene Bahn. Mit unruhig klopfendem Herzen ritt er in das erſte, kleine Gefecht; ſchon mit ruhigerer Haltung nahm er an der Schlacht bei Eylau Theil, und fuͤhlte ſich gehoben, durch die Vorſtellung, daß er mit zu dem Haͤuflein gehoͤre, das hier ſo tapfer dem Feinde Widerſtand leiſtete; dann mit dem freudigſten Muthe ſtand er ſpaͤter, in der Schlacht von Friedland„ auf ſeiner Stelle, und erndtete manches lobende Wort von dem Rittmeiſter ſeiner Schwadron. Doch eine eingreifende, ausgezeichnete That zu thun, wie es der Wunſch und die Hoffnung ſeiner jugendlichen Einbildungskraft war, ward ihm ſo wenig, als tauſend andern jungen Kriegern, vom Schickſale vergoͤnnt; und ein ſchnell folgender, ungluͤcklicher Friedensſchluß ſetzte fuͤrs erſte auch dem kraͤftigſten Thatenlauf ein unerwünſchtes Ziel. Sobald die Ruhe nothduͤrfrig herſteſtellt war, verſammelte die graͤfliche Familie ſich wieder in der 218 Hauptſtadt. Spaͤterhin erhielt Herrmann, auf Anſuchen des Grafen, ſeinen Abſchied. Ein Lieu⸗ tenants⸗Patent war der Lohn ſeines bewieſenen ju⸗ gendlichen Eifers. Auf der Ruͤckreiſe nach der Reſidenz machte er einen bedeutenden Umweg uͤber Aarhorſt, und ver⸗ wandtlte dort die lange Bekuͤmmerniß um ihn in die lebhafteſte Freude. Man ſtaunte, wie er gewachſen, und zum kraͤftigen Juͤnglinge heran gereift war. Und als nun Alle ſich nach und nach uͤberzeugten, daß er, trotz der Veraͤnderung ſeiner aͤußern Ver⸗ haͤltniſſe, innerlich noch ganz der vorherige, ihnen mit voller Herzlichkeit ergebene Sohn und Bruder war, verſoͤhnten ſie ſich allmaͤhlich mit der Wendung, welche ſein Schickſal genommen hatte, und freuten ſich theilnehmend ſeiner Ausſichten auf weiteres Gluͤck. Endlich eilte er in die Hauptſtadt, wo er von der graͤflichen Familie mit offnen Armen empfangen wurde. Alle freuten ſich aufs lebhafteſte ſeiner gluͤck⸗ lichen Ruͤckkehr; am meiſten vielleicht Seraphine, gllein grade ſie ſprach am wenigſten ihre innere 219 Freude aus, denn waͤhrend einer faſt zweijaͤhrigen Trennung war ſie dem jungfraͤulichen Alter bedeu⸗ tend naͤher gerückt, und halb verſchuͤchtert ſtand ſie jetzt dem bluͤhenden Juͤnglinge gegen uͤber, den ſie zwar Bruder nannte, fuͤr den ſie aber doch keine un⸗ befangene Schweſter ſeyn konnte. 1 Herrmann, in ſeiner unſchuldigen und be⸗ ſcheidenen Unerfahrenheit, hielt ihre Zurückhaltung gegen ihn fuͤr Gleichgiltigkeit, ja endlich ſogar fuͤr Verachtung, daß er, ohne etwas von Bedeutung gethan, ſelbſt ohne eine Narbe davon getragen zu haben, aus ſeiner kurzen, kriegeriſchen Laufbahn zuruͤck gekehrt war. Das erfuͤllte ihn, bis ins In⸗ nerſte ſeiner Seele, mit Schmerz und Beſchaͤmung. Als daher, nach Jahr und Tag, Oeſtreich einen neuen Kampf mit dem Unterdruͤcker und Verwuͤſter Europa's begann, als Doͤrnberg, Schill und der ritterliche Herzog von Braunſchweig mit ihren kieinen Haufen gegen den Uebermaͤchtigen auftraten, um unter ihren Panieren eine kampfluſtige, deutſche Jugend zu verſammeln, da war Herrmann raſch entſchloſſen, ſich den kecken Streitern anzuſchließen, um dem Zorne uͤber das Ungluͤck ſeines Vaterlandes endlich Raum zu geben, und entweder Seraphi⸗ nens Achtung zu gewinnen, oder unterzugehen in einem ehrenvollen Kampfe. Aber Haſtebeck, dem er ſich anvertraute, hielt ihn, mit der ganzen Macht ſeines Anſehens, zuruͤck von einem nutzloſen Beginnen.„Spare Deine Kraͤfte!“ ſagte der vaͤterliche Freund zu ihm—„Es kommt vielleicht eine Zeit, wo ſie bedeutungsvoller anzuwenden ſind! Fuͤr jetzt ſuche nur immer mehr zu lernen, damit Du nicht als ein bloßer Gluͤckspilz in der Welt daſteheſt, ſondern als ein brauchbarer, kenntnißreicher Mann, der ſich durch etwas noch Werthvolleres, als einen zufaͤlligen Grafentitel und großen Geldkaſten, Achtung erwirbt!“ Auf dieſe Art erhielt der Thaͤtigkeitstrieb und der Ehrgeiz des Jünglings eine andere, wurdige Rich⸗ tung. Er machte, mit Huͤlfe ſeiner guten Geiſtes⸗ anlagen und eines anhaltenden, oft eiſernen Fleißes, die erfreulichſten Fortſchritte in alten und neuen Sprachen und in den gewoͤhnlichen Schulwiſſenſchaf⸗ ten. Mit gleichem, ruͤhmlichem Eifer beſuchte er 221 dann die Horſaͤle der neu errichteten, aufbluͤhenden Univerſitaͤt. Er reifte mit raſchen Schritten dem Zeitpunkte entgegen, wo er eine ehrenvolle Laufbahn im Dienſte des Staats, wozu ihm die glaͤnzendſten Ausſichten eroͤffnet waren, beginnen ſollte. Der Graf beobachtete mit dem groͤßten Wohl⸗ gefallen Herrmanns Fortſchreiten in gruͤndlichen Kenntniſſen, und ſeine ſchoͤne Gewoͤhuung an aus⸗ dauernde, zweckmaͤßige Thaͤtigkeit. Je ernſter ihn ſelbſt mitunter ein Ruͤckblick auf ſein eigenes, wenig benutztes Talent, auf ſeine wild vergeudeten, beſten Jahre, und auf ſein ganzes, verwuͤſtetes Leben, ſtim⸗ men mochte, deſto erfreulicher war ihm die ſchoͤne Richtung, welche die kraͤftige Lebendigkeit des treff⸗ lichen Juͤnglings nahm, den er feierlich zu ſeinem Sohne hatte erklaͤren laſſen. Er baute auf ihn große Plaͤne des erneuten Glanzes ſeiner Familien⸗Linie, die, ohne dieſe Adoption, mit ihm ausgeſtorben waͤre. Er ſing ſchon an, Mittel und Wege vorzube⸗ reiten, ihm im diplomatiſchen Fache eine Anſtellung zu verſchaffen, da es ſein lebhafteſter Wunſch war, ihn mit der Zeit mit einem glaͤnzenden Geſandtſchafts⸗ 222 poſten beehrt zu ſehn. Um ihm auch die ſelbſtſtaͤndi⸗ gen Vermoͤgensmittel zu ſichern, die ihm hiezu noͤ⸗ thig ſeyn wuͤrden, hatte die Graͤfin, durch Haſte⸗ becks Vermittelung, laͤngſt eingewilligt, daß Herrmann nach ihrem Tode einen großen Theil ihrer polniſchen Guͤter, zu einem Majorat beſtimmt, erhalten ſolle, wenn nicht eine gegenſeitige Neigung ihn und Seraphinen zu Gatten, und dann Bei⸗ de gemeinſchaftlich zu Erben des ganzen, muͤtterlichen Vermoͤgens machen ſollte.— Daß die Eltern dieß wünſchten und hofften, das blieb aber noch ein tie⸗ fes Geheimniß vor Herrmann und Seraphi⸗ nen, weil der Kopf des fleißigen Juͤnglings nicht vor der Zeit mit Heirathsgedanken, zum Nachtheil ſeines Studirens, angefuͤllt werden, auch ihre ge⸗ genſeitige Neigung, bei reiferem Alter, ſich ganz ohne fremdes Zuthun entwickeln ſollte. Der Graf und die Graͤfin, welche durch eigne, traurige Er⸗ fahrung daruͤber belehrt waren, in welchem hohen Grade eine eheliche Verbindung, nicht von eigner Neigung und Wahl, ſondern nach fremder, conven⸗ tioneller Beſtimmung geſchloſſen, das Leben verbit⸗ tern koͤnne, wollten wenigſtens ihre Kinder vor aͤhn⸗ lichem Ungluͤck bewahren. Und ſo kam es dann, daß Seraphine, mit voller Willens⸗Freiheit, mehr als eine Bewerbung um ihre Hand zuruͤck⸗ weiſen durfte, ohne daß ihr dabei irgend zu⸗ oder abgerathen wurde. Die Graͤfin freute ſich einſtweilen der Genug⸗ thuung, daß ihr Gemahl, ſeit jenen gemein chaftli⸗ chen Verabredungen uͤber Herrmanns dereinſtige, ſelbſtſtaͤndige Verhaͤltniſſe, S eraphinen einer un⸗ gleich freundlicheren Aufmerkſamkeit wuͤrdigte, als in fruͤherer Zeit. Je mehr ſie zur Jungfrau herauf wuchs, und je bezaubernder der Bluͤthenkelch ihrer Schoͤnheit ſich zu entwickeln begann, mit deſto groͤ⸗ ßerem Wohlgefallen betrachtete der Graf ſie nach und nach. Im Laufe der Zeit ſchien es, als wolle er das Unrecht, das er ihr ſonſt durch ſeine Kaͤlte ange⸗ than, auf jede Weiſe wieder gut machen. Er uͤber⸗ haͤufte ſie mit den koſtbarſten Geſchenken und den zaͤrtlichſten Liebkoſungen; er ließ ſich zu den groͤßten Aufmerkſamkeiten und Schmeichelreden gegen ſie herab, welche der Graͤſin manchmal faſt ungezie⸗ 224 mend zu ſeyn ſchienen; ja endlich verirrte er ſich ſo⸗ gar ein Mal bei einem Glaſe Champagner, in Se⸗ raphinens und Haſtebecks Gegenwart, zu der Aeußerung, er moͤchte lieber ihr Braͤutigam, als ihr Vater ſeyn. Aber kaum hatte er das geſagt: ſo erhob ſich Haſtebeck, mit wild zornigem Blick, von ſeinem Stuhle; er ergriff mit beiden Haͤnden die zwei Flaſchen, die auf dem Tiſche ſtanden, und ſchleuderte ſie durch das oſſen ſtehende Fenſter auf die Straße hinab; und mit den Worten:„Der Wein raſ't aus Ihnen!“ fuͤhrte er Seraphinen. zum Zimmer hinaus, unbekuͤmmert um den raſch aufflammenden Zorn des Grafen, der ihm gern einen Blitz nachgeſchleudert haͤtte, aber gluͤcklicher weiſe kein Jupiter war.— Seit jenem Vorfall war eine merkliche Span⸗ nung zwiſchen Haſtebeck und dem Grafen einge⸗ treten, und es war nicht abzuſehen, zu welchem jaͤ⸗ hen Umſturz ihrer Verhaͤltniſſe dieß in Kurzem ge⸗ fuͤhrt haben wuͤrde, wenn nicht, in ſchneller Folge, ein wichtiges Ereigniß nach dem andern ihre Auf⸗ merk⸗ merkſamkeit gefeſſelt, und nach andern Seiten hin gerichtet haͤtte.— Der Tag der Rache und der Befreiung Deutſch⸗ lands daͤmmerte herauf mit blutrothem Morgenſtrahl. Die klaͤglichen Truͤmmern der franzoͤſiſchen Armee flo⸗ hen, von den Ruſſen verfolgt, ihrer Heimath zu. Mit dem hoͤchſten Jubel vernahm man die Kunde hiervon auch in dem graͤflichen Hauſe, und das Beduͤrfniß freu⸗ diger Mittheilung draͤngte den gegenſeitigen Groll zuruͤck. Alles war durchglüht von der einen, gro⸗ ßen Hoffnung, daß die Nemeſis endlich Den errei⸗ chen werde, welchem der Fluch von Millionen laͤngſt auf der Ferſe gefolgt war.— Mitten zwiſchen dieſe folgenreichen, welthiſto⸗ riſchen Tagesneuigkeiten draͤngte ſich unerwartet ein Brief Weſtolds, mit der Nachricht von dem Tode des Pfarrers zu Aarharſt, und mit der angelegent⸗ lichen Bitte, daß der Graf und die Graͤfin nun das alte, ihm ſchriftlich gegebene Verſprechen, zur Voll⸗ endung ſeines Gluͤcks auf dieſer Welt, in Sefälhung gehen laſſen moͤchten. Weſtold. II, Theil. 15 226 Haſtebeck ſorgte mit dem Feuereifer der treu⸗ ſten Freundſchaft, daß alles hiezn Noͤthige moͤglichſt ſchnell und zweckmaͤßig eingeleitet wurde.— Alles ging auch aufs Beſte von Statten. Fruͤher, als man erwartet hatte, kam ein abermaliger, hochfreu⸗ diger, dankerfuͤllter Brief von Weſtold, worin er meldete, daß er ſeine Pruͤfung vor der geiſtlichen Behoͤrde gluͤcklich beſtanden, daß ſeine ganze Ge⸗ meinde mit großer Erbauung ſeine Probepredigt an⸗ gehoͤrt habe, ihn mit liebevoller Zuſtimmung als ih⸗ ren kuͤnftigen Seelſorger anerkenne, und daß er im Junius ſein Amt antreten werde. Als gluͤcklicher Hausvater, fuͤgte er noch hinzu, daß die Herzen ſeines braven Pflegeſohnes Lebrecht und ſeiner lieben Tochter Marie ſich in Liebe zu einander gefunden haͤtten, daß die Weihe ihres Buͤndniſſes am Altare ſeine erſte geiſtliche Amtsverrichtung ſeyn werde, und daß Lebrecht dann, der ein ſehr un⸗ terrichteter und thaͤtiger Landwirth geworden ſey, mit der zu hoffenden Einwilligung der Gutsherrſchaft, an ſeiner Statt in den Pachtvertrag eintreten ſolle. Er pries fich gluͤcklich über alle Maaßen, daß er end⸗ —O—— —— lich an dem lange erſehmen Ziele ſtehe, er pries es als eine beſondere, wunderbare Gnadenfuͤgung Gottes, daß ſeine Freude mit der Freude des befreiten Vaterlandes zuſammentreffe, und in voller Begeiſterung gelobte er„ durch uner⸗ muͤdliche Sorge fuͤr das Seelenheil ſeiner Gemeinde, ſeines hohen Berufs ſich moͤglichſt wuͤrdig zu machen. Haſtebeck, ſo unwillig er in fruͤherer Zeit auch manchmal die Prediger⸗Grille ſeines Freundes beſtritten hatte, nahm jetzt den allerfreudigſten An⸗ theil an der endlichen Befriedigung jenes frommen Wunſches. Er ſchrieb Weſtolden den frohſten und herzlichſten Gluͤckwuͤnſchungsbrief.„Du,“ ſagte er darin—„Du wirſt mit vollen Ehren auf Deiner Stelle ſtehn! Du haſt Deinen wahren, inneren Beruf zum geiſtlichen Hirten Deiner Heerde bewaͤhrt! Denn Du haſt bewieſen, durch das Auf⸗ geben Deines Pachtvertrags, daß es Dir nicht um ihre Milch und ihre Wolle zu thun iſt, ſondern um etwas Hoͤheres.— Moͤge der Himmel Deine Be⸗ muͤhungen ſegnen, und Dich noch recht lange Freude genießen laſſen an Kindern und Kindeskindern!— 15* 228 Sage dem Braut⸗Paare, daß ich zur Hochzeit kom⸗ men werde, und wenn ich hundert Meilen weit rei⸗ ſen muͤßte.”“— Unterdeſſen hatte Friedrich Wilhelm ſeine Reſidenz nach Breslau verlegt, und den Aufruf zu den Waffen ergehen laſſen, der, wie ein electriſcher Schlag, ſein ganzes Volk durchdrang. Tauſende eilten, freudigen Muths, dem großen Befreiungs⸗ kampfe entgegen. Wie haͤtte Herrmann nicht das Nehmliche thun ſollen?— Augenblicklich war er entſchloſſen dazu. Haſtebeck rief ihm ein kraͤfti⸗ ges Bravo zu; der Graf und die Graͤfin gaben ihre Einwilligung. Seraphine nickte ihm Beifall zu, konnte aber kein Wort uͤber die Lippen bringen, und wandte ſich ab, ihr feuchtes Auge zu verbergen. Der Gedanke an ſie, war das, was Herrmanns Herz unaufhoͤrlich beſchaͤftigte. Der Tag ſeiner Abreiſe ruͤckte heran. Kein phantaſtiſches Anſchauen eines Bildes hatte jetzt noch Antheil an ſeiner Kampfluſt. Sie war diesmal die Frucht eines ernſten, heiligen Pflichtgefuͤhls. Doch ſtel ihm, an einem der letzten Tage, ploͤtzlich ein, das ie 8 229 Bild noch ein Mal zu betrachten, das zu ſeinem er⸗ ſten Feldzuge die naͤchſte Veranlaſſung gegeben hatte, und er ging unbefangen nach dem abgelegenen Bilderſaale.. Kaum hatte er die Thur geoͤffnet und war einen Schritt hineingetreten: ſo ſtand er, wie zur Bild⸗ ſaͤule geworden, mit beklommenem Athem ſtill. Vor dem Bilde mit dem todten Ritter ſah er auf dem Fußboden eine knieende, betende Geſtalt, aufgeloͤſ't in Schmerz und Thraͤnen, als laͤge vor ihr ein wirk⸗ licher, geliebter Leichnam. Ihr Schluchzen hatte ſie gehindert, das Oeffnen der Thuͤre zu hoͤren. Als aber Herrmann unwillkürlich den Namen Se⸗ raphine mit bebenden Lippen ausſprach, wandte ſie erſchrocken das troſtloſe Geſicht auf einen Augen⸗ blick nach ihm um, und die holde Geſtalt ſank dann in ſich ſelbſt zuſammen, wie in voͤlliger Aufloͤſung ihrer Beſinnung und Kraft. Sie aufzuhalten, daß ſie nicht gaͤnzlich umſinke, eilte Herrmann zu ihr hin, kniete dicht neben ihr nieder, ſuchte ſie aufzurichten, und fragte, in 230 nicht zu verbergender Verwirrung:„Woruͤber wei⸗ nen Sie, theure Seraphine?“ Erſt nach einer dringenden Wiederholung dieſer Frage, antwortete ſie, mit kaum hoͤrbarer Stimme: „Ich weine um meinen Bruder! Ich wollte fuͤr ihn beten; aber der Schmerz uͤberwaͤltigte mich, beim Anblick dieſes todten Kriegers! Ach, es iſt, wenn man es lange anſieht, ein ſchreckliches Bild!“ „Und Sie weinten um mich?“ fuhr Herr⸗ mann fort zu fragen; aber ihre Antwort waren nur neu hervorſtuͤrzende Thraͤnen.— „Ach, Seraphine!“ rief er da, überwaͤl⸗ tigt von ſeinem, bisher gewaltſam unterdruͤckten Ge⸗ fuͤhl fuͤr ſie—:„Wie glüͤcklich machen mich dieſe Thraͤnen! aber auch wie unglüͤcklich zugleich! Wie ſoll ich die Trennung von Ihnen ertragen? Sie, Sie ſind mein Alles, mein ſteter Gedanke, mein Leben! Ohne Sie gibt es kein Gluͤck fuͤr mich in der Welt!“ „Hoͤren Sie auf!“ unterbrach ſie ihn aͤngſtlich —„Verleiten Sie ein ſchwaches Maͤdchen zu keiner Antwort, die ihre Eltern vielleicht mißbilligen wür⸗ r 231 den! Wenn Sie mich wirklich lieb haben: ſo ver⸗ laſſen Sie mich!“ Da druͤckte Herrmann mit Heftigkeit ihre zitternde Hand an ſeine Lippen, ſprang dann auf, und ſtürzte, kaum ſeiner bewußt, zum Saale hin⸗ aus, auf ſein Zimmer, und ging, in ſtürmiſcher Unruhe, unter mancherlei leidenſchaftlichen Ausru⸗ fungen, auf und ab. Haſtebeck, der das in ſeinem nahen Zimmer hoͤrte, eilte zu ihm hin, und fragte, was ihm ſey? Einen Augenblick verſuchte Herrmann, den Sturm ſeiner Seele zu unterdruͤcken, um zu ver⸗ ſchweigen, was ihm begegnet war; allein er ver⸗ mochte das nicht, weil der Aufruhr in ihm zu uͤber⸗ maͤchtig war. Er konnte es nicht laſſen: er warf ſich an des vaͤterlichen Freundes Bruſt, und theilte ihm mit, was ſich in dem Bilderſaale ſo eben zuge⸗ tragen hatte. „Nun, Gott ſey Dank!“ unterbrach ihn end⸗ lich Haſtebeck, halb lachend, halb gerührt— „Gott ſey Dank, daß Ihr endlich zum Durchbruch gekommen ſeyd! Wenn Moskau nicht abgebrannt, * die halbe Welt nicht aufs neue in Kriegsaufruhr ge⸗ rathen waͤre: ihr haͤttet Euch wohl ewig im Verber⸗ gen Eurer Liebe zerquaͤlt!— Komm mit, braver Jun⸗ ge! Das ſoll auf der Stelle ins Reine gebracht werden!“ Er zog den erſtaunten Jüngling mit fort bis ins Zimmer der Graͤfin; er holte Seraphinen mit ihren verweinten Augen hinzu, und ſagte dann: „Nun, Frau Graͤftn, iſt es Zeit, Ihren Segen zu ſpenden. Endlich hat ſich das ſproͤde Paar zu⸗ ſammen gefunden, wie wir es laͤngſt gewuͤnſcht und gehofft haben.“ Muͤtterlich liebevoll ſtreckte die Graͤfin ihre Haͤn⸗ de den geliebten Kindern entgegen. Jedes von ih⸗ nen bedeckte eine der muͤtterlichen Haͤnde mit Kuͤſſen und Thraͤnen. In ſchoͤner Verwirrung ſtanden ſie da, legten das Geſtaͤndniß ihrer gegenſeitigen Liebe ab, und ſchloſſen in einer hochſeligen Umarmung, unter den Segenswuͤnſchen der Graͤfin und Haſte⸗ becks, auf ewig den heiligen Bund ihrer Herzen. Der Graf ſas waͤhrend deſſen am Spieltiſche im Kaſino. Spaͤt Abends, als er nach Hauſe kam, 233 bat das junge Paar, in Haſtebecks Begleitung, auch ihn um ſeinen Segen.„Das iſt raſch gegan⸗ gen, in meiner Abweſenheit!“ ſagte er mit ſtrengem Ton und finſterm Blick. „Seyn Sie nicht empfindlich!“ nahm Haſte⸗ beck das Wort—„Wir Alle waren ja uͤber die Verbindung des jungen Paares laͤngſt einig, und Ihrer Einwilligung gewiß. Alſo iſt ja kein eigen⸗ maͤchtiger Schritt geſchehn.“ „Jch koͤnnte mich aber wohl anders beſonnen haben!“ erwiederte der Graf—„Wer aͤndert nicht im Laufe der Zeit ſeine Anſichten, ſeine Plaͤne, ſei⸗ ne Empfindungen?“ Raſch ſagte Haſtebeck:„Koͤnnten Sie auf⸗ gehoͤrt haben, das Gluck Ihrer Kinder zu wuͤnſchen?“ „O, nein!“ war des Grafen eben ſo raſche Antwort—„aber iſt es denn nur auf dieſe Art zu begruͤnden?“ Jetzt ſtuͤrmten die Kinder mit den Verſichrungen ihrer gegenſeitigen Liebe, und mit den dringendſten Bitten auf ihn ein. Seraphine wußte ſo ſieg⸗ 234 keich zu ſchmeicheln, daß des Grafen Stirn nach und nach entrunzelt ward. Haſtebeck erinnerte ihn nochmals an ſeine, ſchon laͤngſt ausgeſprochene Genehmigung einer dereinſtigen Verheirathung des jungen Paares: und ſo konnte der Graf faſt keine Einwendung mehr machen. Er ſchloß das junge Paar in ſeine Arme, und ſagte bewegt:„Seyd gluͤcklich!— gluͤcklicher, als—— Hier hielt er ploͤtzlich inne. Man ſah in ſeinem Geſicht, daß er in ſeinem Innern einen ſchweren Kampf beſtand. Er winkte ſchweigend mit der Hand nach der Thuͤr, und ſchweigend verließen ihn Ha⸗ ſtebeck und das betroffene, liebende Paar. . . Noch einen liebeſeligen Tag verlebten Herr⸗ mann und Seraphine miteinander. Sie ge⸗ noſſen ihn in ſeiner ganzen, himmliſchen Herlichkeit, freudig verwundert, daß ſie die Namen Brud er und S chweſter guf ein Mal gegen noch ſuͤßer klingende hatten vertauſchen koͤnnen. Je unerwarte⸗ ter ſolch Gluͤck ihnen zu Theil geworden war, deſto hoͤher und einziger erſchien es ihnen. Je naͤher die Trennungsſtunde daran graͤnzte, deſto inniger hiel⸗ ten ſie jetzt ſich noch umſchlungen, und traͤumten vom ſchoͤnen, noch glücklicheren Wiederſehn. Wollte ſie Wehmuth wegen des nahen Scheidens uͤberſchlei⸗ chen: ſo raffte Herrmann ſich kraͤftig zuſammen, und ſagte:„Weine nicht! Zage nicht, Geliebte! Ich gehe ja, um den Frieden erkaͤmpſen zu helfen, der uns auf immer gluͤcklich machen ſoll!“ Am andern Morgen riß er ſich ſchnell aus ihren Armen, damit ihre Thraͤnen ihm 1s nicht mehr noch zerriſſen, als es vom eignen Schmerze ſchon zerriſſen war. Duͤſter in ſich gekehrt, doch feſten Muths trat er dann in die Reihen der Krieger, und gab Keinem an kraͤftiger Kampfluſt etwas nach.— Von Zeit zu Zeit gab er noch Nachrichten von ſeinem Marſche; doch ohne ſein Verſchulden kam endlich kein Brief mehr von ihm. Soeraphinens zaͤrtli⸗ che Seußer folgten ihm nach; und ihr Morgen⸗ 236 wie ihr Abendgebet flehte den Himmel um Schutz fuͤr ihn an.— Das erſte große Schlachtgewitter hatte ſich auf der Ebene von Lützen mit ſeinen hunderttauſend Blitzen und Donnern entladen. Tauſende waren ge⸗ fallen, ohne einen freudigen Siegesruf gehoͤrt zu haben. Unter der Zahl der ſchwer Verwundeten war auch ein junger Graf Flankenborn auf⸗ gefuͤhrt. Die Schreckensnachricht war Seraphinen nicht lange zu verbergen. Doch in der furchtbaren Nacht der Verzweiflung, von welcher ihr Herz jetzt ergriffen war, daͤmmerte ploͤtzlich ein Strahl der Hoffnung auf. Der Graf erhielt die Nachricht, daß ſein Vetter, der einzige Sohn ſeines reichen, verhaßten Oheims, des Beſitzers der großen Flan⸗ kenbornſchen Lehngüter, mit ins Feld gezogen ſey. Dieſer junge Vetter konnte alſo der Verwun⸗ dete ſeyn, und man brauchte noch nicht um Herr⸗ mannen zu verzweifeln. Dem ſchrecklichen Schwanken zwiſchen Furcht und Hoſfnung ein moͤglichſt ſchnelles Ende 237 zu machen, und Seraphinen, im ungluͤcklichſten Falle, wenigſtens den traurigen Troſt zu gewaͤhren, ihren Geliebten noch einmal, oder doch ſein Grab, zu ſehn, entſchloß die graͤfliche Familie ſich zu dem Wagſtuͤck, eine Reiſe nach dem Kriegsſchauplatze zu machen. Aber an die Elbe gelangt, befanden ſie ſich bald in der peinlichen Lage, weder vorwaͤrts noch ruͤckwaͤrts zu koͤnnen, und in einem kleinen Staͤdt⸗ chen verweilen zu müſſen. Nach vielen, vergebli⸗ chen Verſuchen eine ſichre Nachricht zu erhalten, ward ihnen endlich die voͤllige Gewißheit, daß nicht Herrmann, ſondern der Vetter ſchwer verwun⸗ det und bereits geſtorben ſey. Seraphine dankte mit Freudenthraͤnen dem Himmel fuͤr die Erhaltung des Geliebten.. Auch die Graͤfin und Haſtebeck athmeten nun wieder frei auf; aber ungleich lebhafter, als dieſe, war der Graf von jener Nachricht ergriffen. Er jauchzte uͤber den Tod des Vetters, deſſen Geburt ihn um die Ausſicht auf die Erbſchaft der alten Lehn⸗ guͤter ſeiner Familie gebracht hatte. Alles kam jetzt darauf an, zu verhuͤten, daß der Vater des Ver⸗ 238 ſtorbenen nicht, um einen neuen Erben zu erhalten, noch einmal heirathete, wie er es vor vierundzwanzig Jahren gethan hatte/ blos um dem Grgfen die ge⸗ hoffte, reiche Erbſchaft zu entziehn. Unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden hielt es daher der Graf fuͤr hoͤchſt noͤthig, ſich mit dem Vet⸗ ter, wo moͤglich, zu verſoͤhnen, und ihm, un⸗ ter dem Vorwande, ihm ſein Beileid uͤber den Verluſt des Sohnes zu bezeigen, einen Beſuch zu machen, was ſeit dem Jahre 1789 nicht geſche⸗ hen war. Erſt in der Mitte des Junius, waͤhrend des Waffenſtillſtandes, konnte der Graf die Reiſe antre⸗ ten, die ihm ſo wichtig war. Da man die Reſi⸗ denz vor einem feindlichen Ueberfall nicht ſicher hielt, waͤhlten die Andern unterdeſſen einen Aufenthaltsort/ der entfernter von dem großen Feuerheerde des Krie⸗ ges lag. Nach Aarhorſt wagten ſie am wenigſten zu gehn, weil ſie erfahren hatten, daß auch jene Gegenden von ſeitwaͤrts ſtreifenden Feinden beruͤhrt worden waͤren.— Weſtold zaͤhlte ſchon mit frommer Freude die Tage bis zu ſeiner Antrittspredigt und zur Trauung ſeiner Kinder. Aber vor dem Eintritt dieſes erſehn⸗ ten Feſtes war es ihm beſchieden, noch ſehr boͤſe Auftritte zu erleben die ſeine Freude ploͤtzlich auf eine grauſame Weiſe ſtoͤrten. Sein erſter Schrecken war die Nachricht, daß die Muͤhle, in welcher Len⸗ chen wohnte, von einem Haufen von Feinden uͤberfallen und ſchonungslos ausgepluͤndert war. Der verworfene Stork hatte ſie, mit dem Ver⸗ ſprechen, ihnen reiche Beute zuzuweiſen, von der Landſtraße ab, in das entlegene Thal gefuͤhrt. Wie durch ein Wunder nur, war Lenchen dem ſchmaͤh⸗ lichen Schickſal entgangen, was der Boͤſewicht ihr zugedacht hatte. In der Wuth uͤber das Mißlingen dieſes Plans, ſtieß er dem Muͤllerburſchen, der ihr zur Flucht behuͤlflich geweſen war, das Bajonet eines der Feinde in die Bruſt. Mit Schaudern hatte Weſtold dieß eben er⸗ fahren, und er wollte ſchon Sorge tragen, den Aus⸗ gepluͤnderten Troſt und Unterſtuͤtzung zu ſenden, 240 als gegen ihn ſelbſt ein aͤhnliches, noch furchtbare⸗ res Ungewitter heraufſtuͤrmte. Um auch an ihm Rache zu nehmen, eilte Stork, in Begleitung der Pluͤnderer, auf den Schloßhof; und nachdem ſie ſich in Wein berauſcht, fingen ſie ſchon an, Stuben⸗ und Schrankthuͤren aufzubrechen, in ungezaͤhmter Raub⸗ und Zerſtoͤ⸗ rungsluſt. In dieſem Augenblick kam ein feindlicher Offi⸗ zier, ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem baͤrtigen, wildkriegeriſchen, doch edel gebildeten Ge⸗ ſicht, nebſt einigen Dragonern, in den Hof geritten, und verlangte Fourage fuͤr ſein Bataillon, das am ſolgenden Tage in eine nahegelegene Stadt einruͤcken ſollte. Weſtold eilte ihm entgegen, erklaͤrte ſich bereit zu jeder moͤglichen Lieferung, und bat nur um Schutz gegen die Pluͤnderer. Der Offizier verſtand und ſprach deutſch; und ein Knecht erzaͤhlte ihm von Storks moͤrderiſcher Schandthat in der Mühle. Erzuͤrnt eilte der Ofſtzier nun ſogleich mit gezogenem Saͤbel ins Haus, und mit dem Ausruf:„Du willſt . 241 willſt ein Deutſcher heißen?“ hieb er den Boͤſewicht nieder, und jagte die Pluͤnderer davon. Ein Schrei des Entſetzens durchflog das ganze Haus; der Offtzier aber ſagte jetzt ruhig, mit wenigen Worten, was an Hafer, Stroh und Heu geliefert werden muͤſſe, und ging dann, um ein Frühſtuͤck zu nehmen, mit Weſtold ins Familien⸗ zimmer, dem er zuredete, ein Glas Wein mit zu trinken, um ſich von den eben erlebten Schreckniſſen zu erholen. Als Weſtold dies that, ſing der Of⸗ ſizier an, uͤber allerlei mit ihm zu plaudern. So fragte er endlich auch, ob das Gut Aarhorſt und das große Schloß dem Koͤnig gehoͤre, oder wem ſonſt?— Kaum hatte Weſtold den Namen Flankenborn genannt: ſo wiedetholte der Offi⸗ zier, wild aufblickend:„Flankenborn? Flan⸗ kenborn? Der im Jahre 90 in Frankfurt auf Wer⸗ bung ſtand? Wo iſt der Schurke?“ Betroffen bejaete Weſtold die erſte Frage, und ſetzte hinzu, daß der Graf in der Hauptſtadt wohne. Doch er hatte noch nicht gusgeredet, da ſchleuderte der Offizier das volle Glas, das er eben Weſtold. 11I. Theil. 16 242 an den Mund fuͤhren wollte, auf den Boden, und mit den Worten:„Verflucht ſey jeder Tropfen, den ich hier getrunken habe!“ ſprang er auf vom Stuhle, und hing in der zornigſten Bewegung den abgelegten Saͤbel wieder an die Seite. Erſchrocken ſtaunte Weſtold ihn an, und ſuchte nach beſaͤnftigenden Worten.„Still!“ rief der Ofſtzier im zornigſten Tone—„Jetzt lautet's anders zwiſchen uns! Nicht umſonſt will ich in das Suͤndenneſt des Boͤſewichts gekommen ſeyn!“— Er riß das Fenſter auf, rief einen Unteroffizier ins Zimmer, und gab ihm, franzoͤſiſch ſprechend, in der leidenſchaftlichſten Bewegung, den Befehl, ſchnell die Fourage aufladen und abfahren zu laſſen; dann die Pferde und das Nindvieh alles vom Hofe weg⸗ zutreiben oder niederzuſchießen, und den ganzen Hof, Haus bei Haus, in Brand zu ſtecken.— Betaͤubt und zitternd fragte Weſtold, ob er richtig verſtan⸗ den habe? Ohne ihm zu antworten, befahl der Of⸗ ſtzier ſeinem Untergebnen, die erhaltenen Vorſchrif⸗ ten guf ſchnellſte und puͤnktlichſte zu vollziehen, d 243 Der Unteroffizier entfernte ſich. Weſtold brach in troſtloſe Klagen aus, und flehte um Scho⸗ nung. Lebrecht, Auguſte und Marie, die hinzu gekommen waren, thaten das Nemliche. Aber in geſteigertem Zorne wies der Ofſizier jede ſolche Bitte zurück.„Nein!“ rief er—„Den Schurken will ich, ohne Erbarmen, wenigſtens an ſeinem Ei⸗ genthum zuͤchtigen! und wehe ihm, wenn der Teu⸗ fel ihn ſelbſt einmal in meine Hand giebt! Seit drei⸗ undzwanzig Jahren duͤrſte ich nach Nache an ihm! Endlich iſt die Stunde dazu da!— Er war es, der mir meinen ganzen Lebensplan zerſtoͤrte! Er ließ mich, auf ſchaͤndliche Art, meiner Freiheit be⸗ rauben, machte meinen Beſchuͤtzer zum Moͤrder, mich zum Flüchtling, zum Verbannten/ der nie ſeine Heimath, ſeine Freunde, ſeine Geſchwiſter wieder ſehen durfte, und der— o, verfluchenswerthes Ge⸗ ſchick!— jetzt gegen ſeine Landsleute fechten, und ſein Vaterland verwuͤſten helfen muß!“ Weſtold entgegnete ihm, daß er und die Seinigen von allem dieſem doch nichts verſchuldet häͤtten, und daß das Vieh und die Vorraͤthe in den 16* 244 Scheunen und auf den Boͤden nicht des Grafen, ſondern ſein und der Seinigen Eigenthum waͤren. Weinend und Haͤnde ringend beſtaͤtigten das die An⸗ dern. Alles umſonſt!„Ihr ſeyd ſeine Creaturen!“ war die zornige Antwort.—„Wie der Herr, ſo der Diener! Wer weiß, was Ihr ihm fuͤr Schur⸗ kereien habt ausuͤben helfen!“ Alle betheuerten nun einſtimmig, daß ſie den Grafen nie geſehen haͤtten, und Weſtold ſetzte endlich, nach vielen andern, vergeblichen Betheu⸗ rungen, hinzu, daß er Advokat geweſen, und ohne alles ſein Zuthun durch einen treuen Jugendfreund, Namens Haſtebeck, auf dieſe Stelle verſetzt ſey. „Wer? Wer?“ rief ploͤtzlich der Offizier, mit ſtarrendem Blick—„Haſtebeck ſagt Ihr? Von was fuͤr einem Haſtebeck ſprecht Ihr?“ „Von dem ehemaligen Regimentsquartiermei⸗ ſter,“ war Weſtolds Antwort. Der Offizier ſchlug die Haͤnde zuſammen im al⸗ lerhoͤchſten Erſtaunen.„Iſts moͤglich?“ rief er— „Von dieſem Haſtebeck ſpraͤcht Ihr? Den haͤttet Ihr gekannt? Der waͤre Euer Freund gewe⸗ 245 ſen?— Doch nein! nein! Ihr luͤgt! Ihr wollt mich uͤberliſten! Beweiſt mir, daß Ihr mich nicht hin⸗ tergehen wollt! Ihr ſollt mir ſonſt ſchwer fuͤr den Mißbrauch dieſes Namens buͤßen!“ „Kennen Sie ſeine Handſchrift?“ fragte Weſtold. „„Sollten Sie ſein Bild wohl kennen?“ fragte Auguſte, und erzaͤhlte, daß er ſelbſt fuͤr ſie es habe malen laſſen. Ohne auf ſeine Antwort zu warten, zogen ſie ihn mit ſich fort nach Weſtolds Schreibzimmer, und zeigten ihm Haſtebecks Bild.—„Er iſt's! Er iſt's!“ ſchrie der Offizier, und ſtreckte, wie zu einer Umarmung, die Arme nach dem Bilde empor —„O, ſagt, wenn Ihr ihn kennt, wenn er Euer Freund war, was wurde aus ihm nach jener ſchreck⸗ lichen Geſchichte? Konnte er ſich noch retten? Oder fiel er dem Beile des Henkers anheim?“ Ehe er noch eine Antwort erhalten hatte, warf er ſich auf einen Stuhl, bedeckte mit beiden Haͤnden ſein Geſicht, und fing an zu ſchluchzen, und Klage⸗ 246 toͤne auszuſtoßen, wie ein Verzweifelnder. Die Umſtehenden mußten ihn faſt für wahnſinnig halten. „Hier iſt ſein letzter Brief!“ ſagte Weſtold. Ohne darnach hin zu ſehen, rief Jener:„Sein Abſchiedsbrief! O, Himmel! Er hatte mein Schwager werden ſollen, und wurde durch mich ins Verderben geſtuͤrzt!“ Endlich hoͤrte und begriff er, daß Haſtebeck lebe, und Weſtolds treueſter Freund ſey; und ſein vorheriger Schmerz ging in das hoͤchſte Erſtau⸗ nen und Jauchzen uͤber. Jetzt hoͤrte er auch den wilden Tumult auf dem Hofe: das Bloͤcken des Rindviehes, das aus den Staͤllen getrieben wurde, das Heulen der Knechte und Maͤgde, die Stroh in das Schloß tragen muß⸗ ten zum Brande. Kaum hatte er einen Blick durchs Fenſter gethan: ſo riß er es auf, und donnerte uͤber den Hof:„Halt! Halt! Hoͤrt auf!“— Er rief den Unterofftzier herbei, nahm alle ſeine vori⸗ gen, verderblichen Befehle zuruͤck, und drohte mit der ſtrengſten Strafe, wenn irgend ein Stuͤck Vieh fortgeführt, irgend ein Schabe zugefüͤgt würde. ie 1. 24⁷ — Ein allgemeiner froher Dankruf toͤnte durch das Zimmer und durch den Hof.—„Da der brave Haſtebeck Euer Freund iſt:“— ſagte der Offi⸗ zier—„ſo muͤßt auch Ihr brave Leute ſeyn, und kein Satan ſoll mich verfuͤhren, Euch irgend in Schaden oder Gefahr zu bringen.“ Biederherzig reichte er jetzt Weſtolden und Auguſten die Hand, und bat ſie, ihm, als einem rauhen, unglücklichen Krieger, die Angſt, die er ihnen gemacht, zu verzeihen. So furchtbar er zuvor geweſen war: doch konnte Keiner mehr mit ihm zuͤr⸗ nen; und beruhigt gingen Alle, bis auf Weſtold, hinweg, um die Soldaten zu bewirthen, und auf dem Hofe Alles wieder in Ordnung bringen zu laſſen. Der Offtzier las jetzt Haſtebecks neueſten Brief an Weſtold, und üuͤberzeugte ſich immer mehr daraus, daß Beide die allervertrauteſten Freun⸗ de waren, und daß er hier mit einem der treſflich⸗ ſten Menſchen zu thun habe. Er druͤckte Weſtol⸗ den, wie einen Freund, an die Bruſt, und bat ihn, unn bei einem geſelligen Glaſe Wein ihm recht viel 248 von Haſtebecks weiteren Schickſalen und jetziger Lage zu erzaͤhlen. Sie gingen Hand in Hand wieder ins andere Zimmer, ſtießen die Glaͤſer an auf Ha⸗ ſtebecks Wohl, und Weſtold erzaͤhlte, ſo gut er es, nach ſo erſchuͤtternden Auftritten, noch ver⸗ mochte, von dem Leben und Thun ſeines Freundes. Am meiſten war der Ofſtzier d aruͤber erſtaunt, daß Haſtebeck in ſo naher Verbindung mit dem Grafen ſtehe. Von ſeinem eignen Schickſal erzaͤhlte er dann Folgendes: „Ich bin Franz Langhof, der Bruder der ungluͤcklichen Dorothee, die fruͤher Haſtebecks Braut war. Ich ſollte, nach dem Willen des nem⸗ lichen Oheims, der Dorotheen eigenmaͤchtig an einen Andern verkuppelt hatte, gegen meine Nei⸗ gung Kaufmann werden. Um mich ſolcher Willkuͤhr zu entziehen, verließ ich, etwa achtzehn Jahr alt, das Schreibpult, woran ich gefeſſelt war, nannte mich Student Lange, und ging luſtig in die Welt hinein. Ich wuͤnſchte, ein Landwirth zu werden; und ein anderer Verwandter, der am Rhein ein be⸗ deutendes Gut beſaß, ſollte mir hierzu behuͤlflich - N 249 werden.— Zu meinem Ungluͤck ließ ich mich ver⸗ leiten, über Frankfurt am Main zu reiſen; und Haſtebeck, den ich dort zufaͤllig traf, beredete mich, noch einige Tage laͤnger zu bleiben, um die Feierlichkeiten bei der Kroͤnung Leopolds des Zwei⸗ ten zu ſehn. Ein wunderſchoͤnes, junges Maͤdchen, das ich, gleich am zweiten Morgen meines dortigen Aufenthalts, auf der Bank eines oͤffentlichen Spa⸗ zierganges ſitzen ſah, bezauberte mich dermaaßen, daß ich am dritten und vierten Tage wieder hinging, erſt vor ihr vorbeidefilirte, und dann mich hinter ei⸗ nem nahen Gebuͤſch verſteckte, um unbemerkt meine Augen an dieſem Engel, der immer mit einigen Kindern ſpielte, zu weiden. Als ſie am vierten Tage nach der Stadt zuruͤckging, und ich ihr in ei⸗ niger Entfernung nachfolgen wollte, rief mich ein junger Mann in Civilkleidung zuruͤck, und ſetzte mich, in einem befehlhaberiſchen Tone, daruͤber zur Rede, daß ich ſchon ſeit drei Tagen das Maͤdchen belauſche, und nun ihr nachfolge. Ich verantwortete mich keck; und als er mir foͤrmlich verbieten wollte, mich auf jener Stelle wieder ſehen zu laſſen, ſchalt ich ihn 2⁵0 einen Narren, that einen Schwur, daß ich alle Ta⸗ ge wiederkehren werde, hob meinen Stock in die Hoͤhe, und ſtellte mich ihm ſchlagfertig gegenuͤber, weil ich glaubte, daß er mich angreifen wuͤrde. Statt deſſen, rief er mir blos zu, meine Unverſchaͤmtheit ſolle mir theuer zu ſtehen kommen, und mit einer drohenden Bewegung der Hand eilte er, weil meh⸗ rere Leute ſich uns naͤherten, in einen Seitenweg. Am folgenden Tage regnete es faſt unaufhoͤrlich; deſſen ungeachtet ging ich, um meine Furchtloſig⸗ keit zu zeigen, meinen gewoͤhnlichen Weg, traf in⸗ deſſen weder das ſchoͤne Maͤdchen, noch ſah ich mei⸗ nen Gegner.— Abends, als ich vor der Thuͤr mei⸗ nes Wirthshauſes ſtand, trat eine huͤbſche, leicht⸗ fertige Dirne zu mir, und ſagte, ich moͤchte mit ihr kommen, es wolle ein ehemaliger Schulkamerad mit mir ſprechen. In argloſer Neugier, und weil ich eben Langeweile hatte, folgte ich ihr. Sie fuͤhrte mich in ein entlegenes Wirthshaus. Mein Freund, hieß es, ſey noch ein Mal ausgegangen, werde aber bald wiederkommen. Ich fand andere, luſtige Geſell⸗ ſchaft. Man ſpielte, man trank. Ich ließ mich be⸗ 251 reden, das Nemliche zu thun. Endlich war mein Geld verſpielt, Schon halb berauſcht, wollte ich nach Hauſe gehn, um anderes zu holen. Die Wir⸗ thin wollte mich nicht fortlaſſen, bis ich meine Zeche bezahlt haͤtte. Da trat ein langer Menſch zu mir, der in einen blauen Mantel gehuͤllt war, druͤckte mir einige Dukaten in die Hand, und ſagte, ich ſolle nur bleiben, und mein Gluͤck weiter: verſuchen. Aufs neue fing ich an, den Aufforderungen zu Spiel und Trunk nachzugeben, bis ich ſo berauſcht war, daß ich nicht mehr wußte, was mit mir vorging.— Am andern Morgen, als ich erwachte, fand ich mich in einer fremden, ſchlechten Kammer, auf einem Strohſack liegend, mit einer blauen Soldatenjacke bekleidet; und auf einem hoͤlzernen Stuhle lag mein Hut, mit einem Federbuſche geſchmuͤckt.„Was Teufel, iſt das?!“ rief ich mit lauter Stimme, im Aufſpringen von meinem Stohſacke. Allein im nehm⸗ lichen Augenblicke ſtand ein preußiſcher Unterofftzier vor mir, deſſen gebieteriſche Reden darauf hinaus⸗ liefen, daß ich ſein Rekrut ſey, und geſtern Abend zehn Dukaten Handgeld von ihm angenommen habe. Mein wuͤthendes Gegenreden half mir nichts; und um das Maaß meines Grimmes voll zu machen, erſchien nach einiger Zeit ein Offizier, in welchem ich ſogleich meinen Gegner von der Promenade er⸗ kannte, der nun ſeinen Hohn mit mir trieb, und mich das ganze Gewicht ſeiner Gewalt uͤber mich fuͤhlen ließ. Es war der verruchte Graf Flanken⸗ born, dem der Teufel es noch eintraͤnken moͤge, was er gegen mich geſuͤndigt hat!“ Weſtold ſchlug unwillig die Haͤnde zuſammen. Der Erzaͤhler ſtampfte ſein Glas auf den Tiſch, daß es faſt zerſprang, und ging einige Mal wild im Zim⸗ mer umher. Als er ſich etwas beruhigt hatte, fuhr er fort: „Ich wurde nun mit mehreren Ungluͤcksgenoſſen, meiſt luͤderlichem Geſindel, zuſammengeſperrt. Da nahm ich zur Liſt meine Zuflucht. Drei Tage lang ſpielte ich den luſtigen Kerl; und am Abend des Kroͤnungstages ließ ich fuͤr alle meine noch uͤbrigen Dukaten Wein und Brandtwein holen. Alles wur⸗ de, dem neuen Kaiſer zu Ehren, trunken; und ſo gluͤckte es mir, in einem unbewachten Augenblicke 253 zu entſpringen, und unter dem Schutze des Tau⸗ mels, in welchem ganz Frankfurt mit Tauſenden von Fremden war, unbemerkt in mein entlegenes Dachſtuͤbchen im Gaſthofe zu gelangen. Ich wendete den groͤßten Theil der Nacht dazu an, in einem langen Briefe an Haſtebeck„ was mir begegnet war, zu erzaͤhlen, und ihn um Rath und Huͤlfe zu bitten. Am fruͤhen Morgen ſchickte ich den Brief fort, zog mich an, und ſetzte mich ruhig zum Fruͤhſtuͤck nieder, weil ich der thoͤrigten Mei⸗ nung war, die Werber wuͤßten nicht, wo ich wohne, und duͤrften ſich auf meinem Zimmer auch nicht an mir vergreifen. Doch in dieſem Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤr. Wuͤthend trat der Unterofftzier mir entgegen, ſchalt mich einen ſchurkiſchen Deſerteur„ drohte mir, mich krumm ſchließen zu laſſen, und faßte mich bei der Bruſt, mich fortzuſchleppen. Als ich mich zur Wehre ſetzte, ſchlug er mit dem Stocke auf mich los; allein wuͤthend faßte ich dieſen, zer⸗ brach ihn, und warf ihm das abgebrochene Stück ins Geſicht. Nun hieb er mit ſeinem Seitengewehr nach mir, ſtreifte aber, weil ich zuruͤckſprang, nur 254 unbedentend meinen Arm. Als er einen zweiten Hieb nach mir thun wollte, ſtuͤrzte Haſtebeck— mein Schutz⸗ und ſein Straf⸗Engel— auf ihn zu, ſiel ihm in den Arm, rief mir auf Franzoͤſiſch zu, ich ſolle eilen, uͤber den Rhein zu kommen, und kaͤmpfte fortwaͤhrend mit meinem wuͤthenden Geg⸗ ner. Ich ſprang in die Kammer, um, ſtatt des zerhauenen, einen andern Nock anzuziehen. In dieſem Augenblick hoͤrte ich einen Fall und einen Schrei. Als ich in die Stube zuruͤck trat, lag der Unteroffi⸗ zier blutend am Boden.„Fort! fort!“ ſtammelte mir Haſtebeck zu, und ſtieß mich zur Thuͤr hin⸗ aus. Ich flog die Treppen hinunter. Auf dem düͤ⸗ ſtern Hausflur begegnete mir Flankenborn, der die Treppe hinauf eilte. Er erkannte mich nicht; ich entkam glüͤcklich aus der Stadt und uͤber den Rhein. Um mich gegen weitere Nachforſchungen und Ver⸗ folgungen zu ſichern, wurde ich, unter dem Namen Lancof, franzoͤſiſcher Soldat; alle Feldzuͤge machte ich mit; bei Marengo wurde ich Offtzier; und die Rachluſt, mit der ich mich bei Jena auf die preußiſchen Offtziere und Unteroffiziere ſtürzte, brachte mir, als dem ſiegreichen Wuͤrger meiner Landsleute, dieſen Ordensſtern ein. Aber in jeder ernſten Stunde ſeußze ich uͤber mein Geſchick, und fluche dem Boͤſewicht, der mich in dieſe blutige, ver⸗ haßte Laufbahn ſtieß.“ Der ungluͤckliche Krieger, doppelt erhitzt von Wein und Erzahlen, riß jetzt den Saͤbel von ſeiner Seite, warf ihn zur Erde, und brach in immer hef⸗ tigere Verwuͤnſchungen ſeines Schickſals aus, das ihn zwinge, in einem Kriege, wie der gegenwaͤrtige, gegen eine Armee kaͤmpfen zu muſſen, wie jetzt die preußiſche ſey; und er ſchwur, daß er ſeinen Tod ſuchen werde in der naͤchſten Schlacht.„Zu welchem Teufel bin ich geworden!“ klagte er endlich ſich ſelbſt an—„Haͤtte Haſtebecks Bild mich nicht noch zur rechten Zeit anderes Sinnes gemacht: welche Schandthat haͤtte ich hier begangen an Euch braven, unſchuldigen Menſchen!“— Er warf ſich mit Hef⸗ tigkeit an Weſtolds Bruſt, und erſt als er ſich da recht ausgeweint hatte, wurde er nach und nach ru⸗ higer, ſo daß er wieder mancherlei erzaͤhlte, und un⸗ ter anderm auch, ſeine Schweſter Dorothee ſey, 256 nach der Ausſage eines Danziger Kaufmanns, den er in Dresden kennen gelernt, mit ihren Kindern, aus Furcht vor den Schrecken einer Belagerung, ſchon laͤngſt aus Danzig gefluͤchtet, habe ſich erſt nach Hamburg begeben gehabt, von da aber ſey ſie, ſeit Davonſts Einzuge, nach Ottenſen bei Altona gefluͤchtet.— Nach einer Stunde befahl er, ſein Pferd vor zu fuͤhren, und nachdem er noch einige Zeilen an Haſtebeck geſchrieben und We ſtolden eingehaͤndigt hatte, nahm er, wie ein aiter Freund, Abſchied von Weſtolden und deſſen Familie, ver⸗ ſprach, wieder zu kommen, wenn es irgend moͤglich waͤre, und ritt, tief geſenkten Hauptes, an der Spitze ſeiner Dragoner langſam zum Hofe hinaus. Ploͤtzlich hielt er aber unter dem Thore ſein Pferd an, und forderte ein Stuͤck Kohle. Als es ihm gereicht wurde, ſagte er:„Ich muß dem Grafen doch eine Viſitenkarte zuruͤck laſſen.“ Und mit großen und dicken, ſchwarzen Buchſtaben ſchrieb er an einen der Thorfluͤgel:„Capitaine Langhol“ und dane⸗ ben die Umriſſe eines Säͤbels. Ganz n3 257 Ganz erſchoͤpft ging Weſtold jetzt nach ſeinem Zimmer, um ſich zu erholen von den erſchuͤtternden Auftritten, die er erlebt hatte. Als er aber hinein getreten war, und Haſtebecks Bild erblickte, ſtand wieder lebendig vor ſeiner Seele, was ihm Langhof erzaͤhlt hatte. Mit thraͤnenden Augen ſchaute er das Bild an, und brach dann in die Wor⸗ aus:„O, du armer, nngluͤcklicher Freund! Wie ſchrecklich ſind mir nun ſo viele Deiner finſtern Bli⸗ cke, und ſchweren Seußzer, und raͤthſelhaften Worte erklaͤrt! Ein Menſchenmord iſt es, was Dir, wie Du einmal ſagteſt, ſchwer, zentnerſchwer auf dem Herzen liegt, und was Du nicht abwaͤlzen kannſt, ſo ſehr Du Dich auch dagegen ſtemmſt! Ach, daß ich Gnade und Frieden fuͤr Deine Seele vom Himmel erflehen koͤnn⸗ te, du ſchuldbelaſteter, und dennoch mir ſo theurer Freund!“ Weſtold. II. Theil. 17 258 Seine ſchmerzliche Empſindung uͤberwaͤltigte ihn. Troſtlos rang er die Haͤnde gen Himmel; und nicht lange, ſo wurde er von einem heftigen Schwin⸗ del ergriffen, dem alsbald ein leichter Schlagfluß folgte, ſo daß er ploͤtzlich zu Boden ſank, und lange nicht wußte, wie ihm geſchehen war. Als nach ei⸗ niger Zeit Auguſte ins Zimmer trat, hatte er ſich ſchon ſehr wieder erholt; um ſie nicht zu aͤngſtigen, verſchwieg er ihr lange, was ihm eben begegnet war; allein ſo ſehr er auch ſtrebte, ſich aufrecht zu erhalten: ſo erlag er endlich doch den allzuheftigen Erſchuͤtterungen jenes Tages und den fortwaͤhrenden Bekuͤmmerniſſen uͤber Haſtebecks ungluͤckliche That. Er wurde von einem Nervenſieber befallen, und war Monathe lang ſo krank und ſchwach, daß an den Antritt ſeines Amts, zu ſeiner großen Be⸗ truͤbniß, nicht zu denken war. Dieſe neue, truͤbe Pruͤfungszeit, welche We⸗ ſtold, ſchon ganz nahe an dem lange erſehnten Zie⸗ le, zu beſtehen hatte, wurde zu Ende des Julius, auf eine unerwartete Weiſe, durch Herrmanns Ankunft erheitert, der blaß, doch froͤhlichen Sin⸗ — 8——— 2ðł— 259 nes, die Bruſt mit dem eiſernen Kreuz geſchmuͤckt„ aus dem Wagen ſtieg, welchem ein Bedienter mit ſeinem Huſarenpferde zur Seite ritt. Er war am zwanzigſten Mai, gleich beim Anfange der Schlacht bei Bautzen, ſchwer, doch nicht toͤdtlich, durch ei⸗ nen Schuß in den linken Arm verwundet, und in eine nahe gelegne Stadt in Boͤhmen gebracht wor⸗ den, wo er gute Pflege fand. Als der Waffenſtill⸗ ſtand eingetreten und ſein Wundſieber uͤberſtanden war, ſchrieb er an Seraphinen, daß er nur ei⸗ nen ganz leichten Streifſchuß erhalten habe; doch ſein Brief ging verloren, und von beiden Seiten blieb man ohne Nachricht. Hierdurch beunruhigt, auch des Lebens unter fremden Menſchen uͤberdruͤ⸗ ßig, machte er ſich, ſobald ſeine Wunde es einiger⸗ maaßen erlaubte, auf den Weg nach Schleſien, und gelangte, in kleinen Tagereiſen, auf einem großen Umwege nach Aarhorſt, wo er mit offnen Armen der Liebe empfangen ward. Er hatte gehofft, hier gewiſſe Nachrichten von der graͤflichen Familie zu erhalten, fand ſich aber von dieſer Seite ganz getäͤuſcht. Es war ſeine Ab⸗ 47* 260 ſicht geweſen, nach wenigen Tagen weiter zu reiſen, um ſeine Geliebte aufzuſuchen. Er hatte vollauf Zeit hierzu, und konnte ſich, ohne Pflichtverletzung, immer weiter von der Armee entfernen, da es immer wahrſcheinlicher wurde, daß er einen ſteifen Arm behalten, und daß ſeine kriegeriſche Laufbahn, wo nicht ganz, doch wenigſtens fuͤr den diesjaͤhrigen Feldzug beendigt ſeyn werde. Seine Wunde war indeſſen durch die Reiſe aufs neue verſchlimmert, und der herbei⸗ gerufene Wundarzt erklaͤrte, daß in den naͤchſten vier bis acht Wochen an kein Weiterreiſen zu denken ſey, weil ſonſt leicht der Fall eintreten koͤnne, daß der ganze Arm abgeloͤſt werden muͤſſe. So war er auf laͤngere Zeit feſtgehalten in Aar⸗ horſt, und er wurde dort auf das allerliebevollſte und ſorgſamſte gepflegt. Aber der Anblick des ſtillen Lie⸗ besgluͤcks, deſſen das dortige Brautpaar ſich erfreu⸗ te, ſteigerte nur ſeine Sehnſucht nach Seraphi⸗ nen. Er ſchrieb dieß an ſie, und auch an den Gra⸗ fen, gab jedem der beiden Briefe ſeine ihm gehoͤrige Aufſchrift, und ließ ſie an verſchiedenen Poſttagen 261 abgehen, damit, wenn wieder einer davon verloren ginge, doch der andere vielleicht an ſein Ziel kaͤme. Beide gingen erſt in die Reſidenz, wurden von dort, nach einigem Aufenthalt, weiter geſchickt, und der Graf erhielt den ſeinigen auf dem Gute des alten Vetters, den der Gram uͤber den Tod des Sohnes ſchon aufs Sterbebette geworfen hatte, wie Sera⸗ phine den ihrigen in der entfernten Stadt erhielt, wo ſie mit der Graͤfin und Haſtebeck noch verwei⸗ len mußte. Beide Briefe bewirkten bei den Empfaͤn⸗ gern den Entſchluß, den noch beſtehenden Waffen⸗ ſtillſtand zu einer ſchnellen Reiſe nach Aarhorſt zu benutzen; doch die Bewegungsgruͤnde und Zwecke hiebei waren bei Beiden ſehr verſchieden! Sera⸗ phine wollte dem Geliebten durch ihre Ankunft ein hohes Feſt der gluͤcklichſten Liebe bereiten; dagegen der Graf wollte das Band dieſer Liebe um jeden Preis wieder zerreißen, denn die nahe Ausſicht auf den Beſitz der großen Lehnguͤter des ſterbenden Vetters, wodurch er auf ein Mal unabhaͤngig von ſeiner Ge⸗ mahlin wurde, hatten ihn einen neuen Lebensplan faſſen laſſen, an dem ſeine verierte Einbildungskraft 262 mit der vollen Glut eines leidenſchaftlichen Juͤng⸗ lings hing.— . Weſtold war unterdeſſen ſo weit hergeſtellt, daß der Tag ſeiner Antrittspredigt auf den letzten Sonntag vor dem Ablauf des Waffenſtillſtandes feſt⸗ geſetzt werden konnte. Im Pfarrhauſe hatte er alles ſauber einrichten laſſen, und ſchon acht Tage vorher wollte er fuͤr ſeine Perſon dort einziehen, um in un⸗ geſtoͤrter Stille ſeine Predigt auszuarbeiten, waͤhrend Auguſte bis zur Hochzeit der Kinder noch in der Pachterwohnung bleiben und der Wirthſchaft vorſte⸗ hen ſollte. Der erſehnte Tag ſeines Einzugs in das Pfarr⸗ haus war gekommen; ſein Studierzimmer war ſchon faſt ganz eingerichtet; eben wollte er noch ſein lieb⸗ ſtes Eigenthum, das Bild der geliebten Schweſter, hinſchaffen laſſen. Es war ſchon ſeit laͤngerer Zeit in einen großen, vergoldete kahmen gefaßt, und war jetzt vorſichtig auf eine Trage gelegt, und mit 4 einem großen, weißen Tuche bedeckt. Neben den Traͤgern hergehend, und mit der rechten Hand das unbefeſtigte Tuch an dem Bildrahmen feſthaltend, 263 damit der Wind, der ſich eben erhoben hatte, es nicht aufhoͤbe und hinabwerfe, war Weſtold eben ans Hofthor gelangt, als er dicht vor ſich, unter der Woͤlbung des Thors, einen ſtattlichen Mann zu Pferde erblickte, der ſein Pferd anhielt, um an dem Thorfluͤgel, wie es faſt jeder ankommende Fremde that, Langhofs unleſerlich gewordene Inſchrift zuſammen zu buchſtabiren. „Was ſoll das heißen? Wer hat das angeſchrie⸗ ben?“ fragte der Fremde mit gebieteriſchem Tone die ſtillſtehenden Traͤger. Hoͤflich gruͤßend antwortete Weſtold:„Es heißt: Capitaine Langhof. Er ſelbſt hat es an⸗ geſchrirben, und auch den Saͤbel daneben gezeichnet.“ „Langhof?“ wiederholte der Fremde hoͤchſt betroffen, und ſchien noch eine Frage thun zu wol⸗ len. Allein in dieſem Augenblicke riß ein heftiger Windſtoß das Tuch, weil Weſtold es beim Gruͤ⸗ ßen loßgelaſſen hatte, von dem Bilde hinweg. Das erſchrockne Pferd des Fremden baͤumte ſich hoch auf. Als er es beruhigt, und das Bild einen Augenblick angeſchaut hatte, fragte er haſtig:„Was iſt das 264 fuͤr ein Bild?“ und heftete immer forſchender ſeine Augen darauf. „Es iſt das Bild meiner Schweſter— als Leiche gemahlt.“ antwortete Weſtold mit einem ſchweren Seußzer.. „Und wer ſind Sie?“ war die neue, beklom⸗ mene Frage des Fremden, der nun, unruhigen Blicks, bald nach Weſtold, bald nach dem Bilde ſchaute. Eben hatte dieſer erwiedert:„Ich heiße We⸗ ſtold“— als der Traͤger das Tuch herbei brachte, und vom Staube rein ſchuͤttelte, um es wieder uͤber das Bild zu breiten. Das Pferd wurde aufs neue ſcheu, warf ſich herum, und der erſchrockne Reiter, als ob ein Geſpenſt ihn und ſein Pferd zuruͤckgeſcheucht habe, jagte durchs Dorf, ſeinem langſam nachfol⸗ genden Wagen entgegen, und fuhr eilig den Weg zuruͤck, den er, aus weiter Ferne, erſt hergekom⸗ men war. Der ſtattliche Fremde war der Graf Flanken⸗ born. Er war gekommen, Herrmannen mit ſich auf das Gut des todtkranken Vetters zu nehmen, 2 A 265 um ihn von Seraphinen zu entfernen, und ihn dahin zu bringen, ihr zu entſagen. Furcht und Entſetzen trieben ihn von Aarhorſt zuruͤck an das Sterbebette des Vetters, und erſchuͤtterten ihn ſo maͤchtig, daß er ſchon entſchloſſen war, das junge Paar nicht weiter zu ſtoͤren.— Leider aber aͤnderre er nur zu bald dieſen Entſchluß! Weſtold ahnete nicht im mindeſten, wer der neugierige Fremden geweſen war. Mit undefange⸗ ner Verwunderung ſah er ihm nach; doch da er ihn aus den Augen verloren hatte, dachte er faſt nicht mehr an ihn, weil ſeine ganze Seele von dem er⸗ reichten Gluͤcke erfuͤllt war, wonach er ſo lange ge⸗ ſtrebt hatte. Der geringſte Tageloͤhner aus Aarhorſt war ihm, als ein Glied der Gemeinde, die ihm nun anvertraut war zu Lehre und Troſt, zehnmal wichti⸗ ger, als der vornehmſte Fremde. Den aͤrmſten Kindern, die ihm entgegenliefen, reichte er freund⸗ lich die Hand; und wenn ihre Eltern ſie, als zu dreiſt, zuruͤckhalten wollten, ſagte er, daß ſie das nicht thun moͤchten, denn ſelbſt Chriſtus habe 266 ja geſagt:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht!“ War auch von ſeiner Krankheit noch eine merkli⸗ che Koͤrperſchwaͤche zuruͤck geblieben: ſo war ſein Geiſt doch ungeſchwaͤcht, und ſehr lebhaft aufgeregt. In ein paar Tagen war ſeine Predigt fertig, ob er gleich nicht ſelten, ergriffen von dem Gtdanken an die Neuheit ſeiner Lage, vom Arbeitstiſch aufſtand, und bald mit Freude, bald mit Ruͤhrung, jetzt ſein trau⸗ liches Stuͤbchen betrachtete, und vor allem das Bild des theuern, ungluͤcklichen Freundes, dem er ſo vieles Gluͤck zu verdanken hatte, jetzt an das Fenſter trat, um unter demſelben den kleinen Garten, und daneben den Kirchhof mit ſeinen Grabſteinen, und das heilige Gotteshaus ſelbſt, beſchattet von den ſchoͤnen, großen Linden, zu beſchauen. Alles trug den Stempel einer einfachen Genügſamkeit und gott⸗ geweihten Stille, die ſeinem Sinne auf das vollkom⸗ menſte zuſagte.— So oft er die Kirchthuͤr erblick⸗ te, erinnerte er ſich lebhaft, als ob es erſt geſtern geſchehen waͤre, ſeines erſten, ſchwaͤrmeriſchen Gan⸗ ges in die Kirche und auf die Kanzel. Er dachte an die wunderbare Rettung Lenchens; und mit der frommen Hoffnung, dem Himmel noch mehrere ver⸗ irrte Seelen zu retten, ſetzte er ſich aufs neue an den Tiſch, und ſchrieb, mit mancher Thraͤne im Auge, nieder aufs Papier, was das bewegte Herz, und der Geiſt, von dem er getrieben war, ihm eingaben.— Der Himmel ſelbſt ſchien ſeine Freude an ihm zu haben, und die hoͤchſte Fuͤlle des Gluͤcks abſicht⸗ lich uͤber ihn auszuſchutten, um die naͤchſten Tage noch zu den allerglücklichſten ſeines Lebens zu machen. Was haͤtte ihn mehr erfreuen koͤnnen, als die Ankunft Haſtebecks, der mit der Graͤfin und Seraphinen eines Abends in den Schloßhof fuhr? Wer haͤtte die beiden, treuen Freunde aber noch an hoch aufwallender Freude uͤbertreffen koͤnnen, als Herrmann und Seraphine, die, nach ſo langer, verhaͤngnißſchwerer Trennung, ſich endlich wieder in den Armen hielten, und die entzůckteſten Kuͤſſe und Worte der Liebe mit einander wechſelten? Selbſt die in ſich gekehrte Graͤfin, hell angeleuchtet 268 von ſolchen glaͤnzenden Freudenſtrahlen, ſchien das halb erſtarrte Herz noch ein Mal erwaͤrmt zu fuͤhlen, und auf einen Augenblick zu vergeſſen, daß ſolches Gluck, wie ſie hier vor ſich ſah, ihr ſelbſt nie zu Theil geworden war. Als nach dem erſten Freudenrauſche des Wieder⸗ ſehens ein ruhigeres Beſinnen bei Weſtold zuruͤck⸗ gekehrt war, und er die tiefen Furchen finſtern Ern⸗ ſtes auf Haſtecks Stirn erblickte, ſiel ihm Lang⸗ hofs Erzaͤhlung ploͤtzlich wieder ſchwer aufs Herz. Ein kalter Schauder rieſelte durch ſeine Gebeine bei dem Gedanken, daß dieſe Furchen die Hieroglyphen ſeyen, mit welchen das ſchwer belaſtete Bewußtſeyn des Freundes es ihm auf die Stirn geſchrieben habe, was fuͤr eine unſelige That er gethan. Weſtold mußte das Zimmer verlaſſen, um zu verbergen, von welchen ſchrecklichen Vorſtellungen ſeine Seele ge⸗ quaͤlt war. Er eilte hinaus ins Dunkel der Nacht. Dort unter den glaͤnzenden Sternen, den tauſend⸗ mal tauſend, ruhig ihre Bahnen hinwandelnden Zeu⸗ gen der Allmacht und der Alles umfaſſenden Liebe des Gottes, der das Groͤßte, wie das Kleinſte, 269 mit ſeinen Vaterarmen umſchließt, und vor deſſen unendlich hoher Erhabenheit der ſchwache Menſch mit ſeinen guten und boͤſen Thaten kaum, wie ein Son⸗ nenſtaͤubchen im Weltall, erſcheint— dort unter dem ſchoͤnen, ſtillen Sternenhimmel kehrte der Geiſt der Ruhe auch in Weſtolds Herz zuruͤck. Er ſah die unſelige That des Freundes nur als das Spiel eines ungluͤcklichen Zufalls, und als reichlich abge⸗ büßt an durch eine faſt lebenslaͤngliche Gewiſſensqual; und ſeine Gefuͤhle loͤſ'ten ſich allmaͤhlich auf nur in Mitleid und Liebe. Zur moͤglichſten Schonung des ungluͤcklichen Freundes, nahm er ſich vor, es als ein Geheimniß mit ins Grab zu nehmen, daß er um jene unglückli⸗ che Geſchichte wiſſe, und ihm daher auch gaͤnzlich zu verſchweigen, daß Langhof bei ihm geweſen ſey. Er ſagte ſeiner Frau und den Kindern, daß ſie je⸗ nen Namen vor Niemandem nennen moͤchten, und er ließ am andern Morgen ganz früh die Ueberbleib⸗ ſel der Kohlenſchrift an dem Thorfluͤgel vertilgen.— Mit der ruhigſten Heiterkeit freute er ſich nun wieder der Anweſenheit ſeines Freundes.— 270 Nach ein paar Tagen erhielt Haſtebeck von dem Grafen einen Brief, der, etwa vor vierzehn Tagen geſchrieben, nach der Stadt, wo Haſtebeck in den letzten Monaten gewohnt hatte, addreſſirt, und von dort erſt nach Aarhorſt weiter befoͤrdert wor⸗ den war. Er ſing an, ihn in Gegenwart des frohen Kreiſes ſtill fur ſich zu leſen, drückte ihn aber bald in unverkennbarer, leidenſchaftlicher Bewegung in der geballten Fauſt zuſammen; und, ohne ein Wort zu ſprechen, ging er, nach kurzem Verweilen, auf ſein Zimmer. Weſtold, der ihm arglos dahin nachfolgen wollte, fand ſeine Thuͤr abgeriegelt, hoͤr⸗ te ihn bald einzelne Fluͤche, bald ein furchtbar klin⸗ gendes Lachen ausſtoßen, und ging, ohne ſich ihm kund zu geben, ſtill wieder davon. Etwa nach einer Stunde kam Haſtebeck zu der Geſellſchaft zuruͤck, ſcheinbar luſtig, aber, un⸗ verkennbar, nur auf eine gezwungene Weiſe, und oft, wenn er ſich vergaß, ploͤtzlich in das finſterſte Schweigen verſinkend. Am’ andern Morgen ging er zu der Graͤfin ins Schreibzimmer, wo ſie eben allein war.„Frau 27 Graͤfin,“ redete er ſie mit ruhigem, doch feſtem To⸗ nean—„Iſt es noch Ihr feſter Wille, Sera⸗ phinen und Herrmannen ſich heirathen zu laſſen, und unter allen Umſtaͤnden dem jungen Paa⸗ re eine anſtaͤndige Lage zu ſichern, wenigſtens ſo lange, bis Herrmann ſich zu einer eintraͤglichen Stelle empor gearbeitet hat?— Lieben Sie Beide hiezu genug, und waͤren ſie fuͤr ſich ſelbſt ge⸗ neigt, das Nehmliche fuͤr ſie zu thun, ganz abgeſehen davon, daß Ihr Gemahl es wuͤnſchte, und daß Sie glauben, fuͤr Seraphinen, als fuͤr Ihre Tochter, und fuͤr Herrmannen, als fuͤr Ihren Adoptiy⸗ ſohn, ſorgen zu müſſen?“ t Die Graͤfin war ſehr verwundert uͤber dieſe Fragen, trug indeſſen kein Bedenken, ſie alle unbe⸗ dingt zu beigen, wofuͤr Haſtebeck ihr dankbar die Hand reichte, und ſie als eine edeldenkende Frau pries. Dann fuhr er fort:„Es iſt ein Sturm gegen das junge, unſchuldige Paar im Anzuge, vor dem es nur durch ein ſchnelles Hineinſegeln in den Hafen der Ehe ein fuͤr alle Mal Schutz finden moͤchte. 272 Ich kann und darf mich hieruͤber nicht naͤher erklaͤ⸗ ren, und ich wuͤnſche, um unſerer Aller Ruhe wil⸗ len, daß Ihnen dieß Raͤthſel nie geloͤſt werde; aber bei Allem, was mir heilig iſt, betheure ich Ihnen, daß ich es fuͤr dringend noͤthig erachte, durch eine ſchnelle Verheirathung der jungen Leute allen Teu⸗ feleien, die ſchon gegen ihre Verbindung im Werke ſind, ein ſchnelles Ende zu machen. Ich bitte Sie alſo um Ihre Einwilligung, das junge Paar am Hochzeittage von Weſtolds Kindern ebenfalls an den Traualtar treten zu laſſen. Dieſen Schritt vor Ihrem Gemahl zu verantworten, nehme ich, ich ganz allein auf mich, voll ruhiger, furchtloſer Zuverſicht.“ Mit ſteigender Spannung hatte die Graͤfin dieß Alles gehoͤrt. Sie wuͤnſchte freilich, Naͤheres zu wiſſen, um Haſtebecks Antrag ſorgfaͤltig pruͤfen zu koͤnnen; allein ſeine wiederholten Verſichrungen, daß er ihr nicht mehr ſagen koͤnne und duͤrfe, und daß er nicht redlicher fuͤr Seraphinens und Herrmanns bedrohte Ruhe zu ſorgen wiſſe, be⸗ ſtimmten ſie endlich, ſich ſeinem Antrage vertrauen⸗ voll 273 voll zu fuͤgen, und die Einwilligung zur ſchnellen Verheirathung des zaͤrtlichen Paares zu geben. In welche freudige Bewegung hiedurch der gan⸗ ze Kreis, in welches namenloſe Entzuͤcken aber das Brautpaar bei dieſer Nachricht gerieth, ſo unver⸗ muthet ſchon am Ziele ſeiner, noch weit entfernt ge⸗ glaubten Vereinigung zu ſeyn, noͤchte ſchwer zu ſchildern ſeyn. Die Sonne des ſchoͤnſten Gluͤcks leuchtete glaͤnzender, als jemals, auf das Tempe von Aarhorſt herab; und ſelbſt der unwillkührliche Seufzer, der manchmal die Bruſt der Graͤftn hob, ſo wie das ſinſtere Sinnen, in welches dann und wann Haſtebeck verſank, waren nur leichte Ne⸗ belwoͤlkchen, die fluͤchtig voruͤberzogen, ohne den ſchoͤnen, blauen Himmel merklich zu truͤben. Drei Tage nach jenen Verhandlungen war der feierliche und gluͤckliche Feſttag, an welchem We⸗ 5 ſtold als Prediger eingefuͤhrt wurde, und dann die beiden Brautpaare ſegnend mit einander verband. Die Kirche war uͤberfuͤllt von Menſchen, Ein⸗ heimiſchen und Fremden, die zum Theil bloß muͤßige Neugier herbeigezogen hatte, den Mann zu ſehen Weſtold. II. Theil. 18 274 und zu hoͤren, der auf ſo ungewoͤhnlichem Wege zur Kanzel gelangt war. Seine Predigt war einfach und prunklos, aber uͤberall von hellem Geiſte und war⸗ mem, tiefem Gefuͤhl zeigend; und aus der Art, wie er ſeinen Gegenſtand aufgefaßt und behandelt hatte, wie aus der Herzlichkeit des Tones, mit welchem er ſprach, ergab ſich ein wahrhaft frommer, nicht froͤmmelnder, Sinn. Selbſt Die, welche blos, um zu gaffen, gekommen waren, hoͤrten immer auf⸗ merkſamer zu, und fuͤhlten ſich wahrhaft erbaut. Trotz der großen Menſchenmenge, herrſchte bis zum Schluſſe die andaͤchtigſte Stille, und von allen Seiten waren immer geruͤhrter und ehrfurchtsvoller die Bli⸗ cke, von Alt und Jung, nach ihm hingerichtet. Es war nur eine Stimme daruͤber, daß ſeit Menſchen ge⸗ denken, weit und breit, keine ſolche Predigt gehal⸗ ten worden ſey; Viele meinten, wenn es uͤberall ſol⸗ che Prediger gaͤbe: ſo wuͤrde wohl nicht über die Leerheit der Kirchen geklagt werden; und der obere Geiſtliche, der ihn dann feierlich am Altare fuͤr den nunmehrigen Seelſorger der Gemeinde erklaͤrte, gab ihm das Zeugniß, daß ihn, wie Wenige, ein wah⸗ 275 rer, innerer, heiliger Beruf zum Diener des Worts gemacht, und ſchloß mit der Verſicherung, daß er nie einer Gemeinde freudiger Gluͤck gewuͤnſcht habe zu einem neuen Prediger, als dieſer, vor welcher er eben ſpreche. Und doch ſollte die Achtung gegen Weſtold, und die Erbauung der Verſammlung noch bedeutend geſteigert werden. Die Rede, welche er bei der Ein⸗ weihung der beiden Brautpaare hielt, war der Triumph ſeiner einfachen, herzlichen Beredtſamkeit. Die eine der Braͤute war ſeines beſten Freundes Lieb⸗ ling, die andere war ſeine Tochter; die beiden jun⸗ gen Maͤnner waren ſeine Pflegeſoͤhne geweſen; einer von ihnen war Lenchens Bruder, der andere ſei⸗ ner verklaͤrten Schweſter Sohn— das alles hatte ſein Herz ſo ergriffen, daß er mit einer Waͤrme und Begeiſterung ſprach, die auch das kaͤlteſte Herz ſei⸗ ner Zuhoͤrer ergriff, und die Gefuͤhlvolleren zu einem ſo hohen Grade der froͤmmſten Ruͤhrung erhob, wie ſie ihn noch nie empfunden hatten.— Die beiden Braͤute, die Graͤfn, Auguſte, Lenchen zer⸗ floſſen in Thraͤnen; auch Haſtebeck war auf das 18* tiefſte erſchuͤttert, und der ungetheilte, begeiſterte Beifall, welchen ſein Freund eingeerndtet hatte, war ein hoher Triumph fuͤr ihn ſelbſt. Alle umarmten mit der herzlichſten Innigkeit, nach geendigter Feier⸗ lichkeit, den vaͤterlichen Redner, der nun, im Ueber⸗ maaße ſeines Gefühls, nur noch Thraͤnen ſtatt der Worte hatte. Und als er endlich, um ſich zu erholen, erſt noch einmal nach ſeiner ſtillen Wohnung zuruͤck ging, aber den glatten Fußſteig zwiſchen den gruͤnen Grab⸗ hügeln und grauen Leichenſteinen, da ſtanden dicht⸗ gedraͤngt zu beiden Seiten Hunderte von Menſchen, um ihn noch ein Mal zu begruͤßen; und die Kinder ſchauten freundlich zu ihm hinauf, waͤhrend ihre Mätter nicht aufhoͤren konnten, ihn laut zu preiſen, und die Greiſe entbloͤßten ehrfurchtsvoll ihre kahlen Scheitel, und die Jungfrauen fluͤſterten einander leiſe ſein Lob zu.— 3 Wunderbar, und unendlich verſchoͤnt, waren die ſeligen Traͤume in Erfuͤllung gegangen, in die er ſich, bei ſeinem erſten Beſuche des Kirchhofs, ſitzend unter einer der maieſtaͤtiſchen Linden, hatte von den 277 Geiſterſtimmen einwiegen laſſen, die uͤber ihm in den Blaͤttern liſpelten. Das hohe und doch demüthige Gefuͤhl ſeines Gluͤcks ging, als er auf ſein einſames Zimmer gekommen war, in ein frommes Dankgebet uͤber. Und als kurz darauf Haſtebeck zu ihm trat, und ſeine freudige Theilnahme in vielfach wiederhol⸗ ten, ſtuͤrmiſchen Umarmungen und Haͤndedrücken und Lobpreiſungen ausſprach, dankte ihm Weſtold nochmals auf das innigſte, als dem Urheber ſeines Gluͤcks, und ſetzte endlich hinzu:„Wohl habe ich eine lange Pruͤfungszeit zu beſtehen gehabt, und ich bin ſpaͤt erſt an mein Ziel gelangt; aber dennoch, wenn Gott mich noch heute abriefe von der Welt: koͤnnteſt Du mit dem beſten Gewiſſen auf meinen Grabſtein ſchreiben laſſen:„Hier ruht ein Menſch, der endlich ſo gluͤcklich wurde, daß er unmöoͤglich noch gluͤcklicher werden konnte auf Erden, und der daher in dem feſten Glauben ſtarb, daß ihm nur der Him⸗ mel etwas noch Seligeres bieten koͤnne.““ 278 Die beiden neuvermaͤhlten Paare verlebten hoͤchſt gluͤckliche Tage. Lebrecht und Marie bewegten ſich munter in dem uͤbernommenen, großen Haus⸗ halte, und konnten freilich nur ſeltener eine ruhige Minute zu traulichem Gekoſe erhaſchen; allein deſto froher füͤhlten ſie ſich auch bei jedem zufaͤlligen Be⸗ gegnen in dem Kreiſe ihrer Thaͤtigkeit, und ſchon ein freundlicher Blick und ein fluͤchtiger Haͤndedruck war ihnen ein ſchoͤner Lohn fuͤr ſtundenlange Muͤhe und Arbeit. Herrmann und Seraphine aber glichen zwei unzertrennlichen Sympathie⸗Voͤgeln, dicht ne⸗ ben einander ſitzend in einer ſchoͤnen Laube von Ro⸗ ſen und Myrten, ſtets in Gemeinſchaft von einem Zweige zum andern flatternd, alles gemeinſchaftlich ſuchend oder meidend, im unbeſiegbaren Gefuͤhle, daß ein ſolches, fortwaͤhrendes, nahes Beiſammen⸗ ſeyn die unerlaͤßliche Bedingung, wie ihres Gluͤckes, 279 ſo auch ihres Lebens ſey.— Je mehr ihre unerwar⸗ tete Vereinigung ſie uͤberraſcht hatte, ſo daß ſie im⸗ mer noch mitunter ſich fragten, ob ihr Gluͤck auch ein wirkliches, und nicht ein bloßer, ſuͤßer Traum ſey, deſto feſter ſchienen ſie es halten zu wollen. Es war, als beſchliche ſie, mitten in ihrer Gluͤckſeligkeit, manchmal ein aͤngſtliches Gefuͤhl, eine bange Ah⸗ nung, vergleichbar einem fernher kommenden Kla⸗ getone in tiefer, naͤchtlicher Stille, nach welchem er⸗ ſchrocken ein ruhiger Wanderer hinhorcht, weil er fuͤrchtet, daß es der Nothruf eines Ungluͤcklichen ſey. Aber ein herzliches Wort, ein zaͤrtlicher Kuß ſcheuchte bei Beiden den aͤngſtlichen Gedanken eben ſo ſchnell wieder hinweg, als er gekommen war; und es war Herrmannen manchmal zu Muthe, als moͤchte er zum Himmel hinauf rufen, ob ſich ein Gott wohl mit ihm meſſen koͤnnte an überſchwengli⸗ cher Seligkeit?— Der Waffenſtillſtand war geendigt. Die Heere der Freunde und Feinde zogen in raſchen Bewegun⸗ gen hin und her, zu immer entſcheidenderen Kaͤm⸗ pfen. Eine Nachricht nach der andern vom Wieder⸗ 280 ausbruch der Feindſeligkeiten lief ein. Man wollte ſelbſt auf den Hoͤhen bei Aarhorſt fernen Kanonen⸗ donner gehoͤrt haben.— Herrmanns Auge blitzte hell auf bei dieſen Nachrichten. Seraphine, ſo aͤngſtlich beſorgt ſie ſonſt um ſeine noch offene Wun⸗ de war, dankte dem Himmel jetzt, daß ihr junger Gatte ſie hatte, und eben dadurch zum ruhigen, ge⸗ fahrloſen Bleiben im Arme der Liebe geswungen war.— Eines Tages, gegen Abend, hatte die Graͤfin ſich an ihren Schreibtiſch geſetzt; Haſtebeck hat⸗ te Weſtolden, ſeiner Geſundheit wegen, zu ei⸗ nem Spaziergange beredet; Herrmann und Se⸗ raphine ſaßen in einer Laube des Gartens, und laſen einander, abwechſelnd, Goͤckings Lieder zweier Liebenden vor. Da fuüͤhrte ein Bedienter einen Boten in die Laube, der Herrmannen einen Brief uͤberbrach⸗ te, aber mit dem Bedienten gleich wieder von dan⸗ nen ging, um Haſtebecken aufzuſuchen, an den er einen gleichen Auftrag hatte. 281 Beide Briefe waren vom Grafen ſchon vor meh⸗ reren Tagen geſchrieben, und, wegen befuͤrchteter Un⸗ terbrechung des Poſtenlaufs, einem reitenden Boten uͤbergeben, der aber, wegen der hin⸗ und herziehen⸗ den Armeen, Tagelang hatte ſtill liegen und ſich endlich auf großen Umwegen nach Aarhorſt durch⸗ ſchleichen muͤſſen. Herrmann glaubte, eine Ant⸗ wort auf ſeine und Seraphinens Bitte um den vaͤterlichen Segen zu ihrer ſchnellen Verheirathung in den Haͤnden zu haben, und fing an, den Brief unbefangen vorzuleſen. Der Graf hatte aber, als er ihn ſchrieb, jene ſchriftſichen Bitten noch nicht erhalten gehabt, und ahnete damals noch nicht das Mindeſte von einer ſo ſchnellen Verbindung des jun⸗ gen Paares. Die erſte Seite des verhaͤngnißſchweren Briefs ſprach in ſehr liebevollen Ausdruͤcken die vaͤterliche Theilnahme wegen Herrmanns Verwundung, nebſt der lebhafteſten Freude dar uͤber aus, daß er nun den weiteren Gefahren des immer furchtbareren Krieges enthoben ſey. Die zweite Seite aber war folgenden, ſchrecklichen Inhalts: 282 „Auch in meinen Verhaͤltniſſen iſt eine ſehr wichtige Veraͤnderung eingetreten. Mein alter Vet⸗ ter iſt todt. Ich bin der Erbe ſeines bedeutenden Privat⸗Vermoͤgens und der alten Flankenborn⸗ ſchen Lehngüter, was ich alles ſeit vierundzwanzig Jahren, als fuͤr mich verloren, betrachten mußte. Hierdurch habe ich endlich eine glaͤnzende Unabhaͤn⸗ gigkeit erreicht, und kann Feſſeln von mir werfen, die mich ſeit dreiundzwanzig Jahren gedruͤckt haben. Der Plan meines kuͤnftigen Lebensgluͤcks iſt gemacht, und ich werde raſch zur Ausfuͤhrung ſchreiten.— Auch Dir, geliebter Sohn, ſoll ein glaͤnzendes, gluͤckliches Loos fallen. Nur ein Opfer mußt Du mir bringen, das Dir anfangs vielleicht ſchwer fal⸗ len wird, wofuͤr ich Dir aber reichen Erſatz verſpre⸗ che. Du mußt die Verbindung mit Seraphinen gufgeben!“— Ein Ausruf des Schreckens unterbrach hier das Leſen.„Gott im Himmel! was heißt das?“ ſtam⸗ melte Seraphine, und in Thraͤnen ausbrechend umſchlang ſie mit beiden Armen den zaͤrtlich gelieb⸗ -— -— 283 ten Gatten, als wolle ſie ihn feſthalten, daß er ihr nicht entriſſen werden koͤnne. Herrmann, ſo erſchrocken er auch war, ſuchte ſich maͤnnlich zu faſſen, und ſagte:„Sey doch ruhig, liebſte Seraphine! Mag geſchehen, was will: unſer gluͤckliches Loos iſt ja entſchieden. Du biſt und bleibſt die Meine! Nur der Tod kann uns auseinander reißen!“ Als er das geſagt hatte, druͤckte er, wie zur Be⸗ ſtegelung ſeiner Worte, einen feſten, innigen Kuß auf ihren Mund.— Ach, ſie ahneten nicht, daß es der letzte war!— Dann fuhr er, wiewohl mit beklommenem Athem, laut zu leſen ſort: „Seraphine kann und darf die Deine nicht werden!— Es iſt noͤthig, daß ich mit Dir hier⸗ uͤber ſpreche. Eile daher, nach Empfang dieſes Briefes, ſo ſchnell Du kannſt, zu mir! Laß Dich von Niemandem halten! Von Niemandem: er ſey, wer er wolle, und er ſage Dir, was er wolle! Befolge puͤnktlich dieſen meinen vaͤterlichen Befehl! Ich habe dringenden Grund und volles Recht, Dir 284 ſo zu befehlen; denn wiſſe— doch ſage hiervon noch Keinem etwas—. Hier hoͤrte Herrmann auf, laut zu leſen. Noch einige Sekunden las er, mit furchtbar ſtar⸗ ren Augen, ſtill fuͤr ſich. Dann flogen ſeine Blicke, wie Flammenpfeile, nach Seraphinen; aber ſcheu wendete er ſie ploͤtzlich wieder zuruͤck von ihr. Sein ganzes Geſicht war der Ausdruck eines furcht⸗ baren Entſetzens; ein ſchrecklicher, innerer Kampf hob ſeine Bruſt in gewaltſamen Stoͤßen auf und nie⸗ der. Er ſchien ſprechen zu wollen, und brachte nur unverſtaͤndliche, abgebrochne Laute hervor! „Barmherziger Gott! was iſt Dir?“ rief Se⸗ raphine, und wollte ihn aufs neue mit ihren Ar⸗ men umſchlingen. Aber da ſprang er in krampfhaft wilder Bewegung auf, ſie zuruͤckweiſend, daß ſie ihn nicht beruͤhren ſolle.—„Fort! fort! Ungluck⸗ liche!“ ſtammelte er, mit kaum verſtaͤndlichem Tone —„Nie darfſt Du mich Ungluͤcklichen wieder um⸗ armen!“ „Die Gattin den Gatten nicht?“ ſchluchzte Seraphine. 28⁵ „Nein! es iſt Suͤnde!“ entgegnete ihr Herr⸗ mann, und bedeckte mit beiden Haͤnden ſein Ge⸗ ſicht,„ſchmaͤhliche, ſchauderhafte Suͤnde! Fuͤr uns iſt alles, alles verloren!“ Und in troſtloſer Ver⸗ zweiflung rang er dann bald die Haͤnde gen Himmel, bald ſchlug er ſich mit der Fauſt gegen die Stirn. Seraphine beſchwor ihn, ſie nicht laͤnger mit dunkeln Worten zu quaͤlen, ſondern auszuſpre⸗ chen, was er ſo unerklaͤrbar andeute, und wenn es auch das Schrecklichſte waͤre. „Ich kann nicht!“ war ſeine ſchmerzliche Ant⸗ wort—„Ich kann es nicht ausſprechen! Es iſt allzu entſetzlich!“ Er machte eine Bewegung, hinweg zu eilen, und ſtand wieder ſtill; ſchien jetzt ſeinen Arm nach Seraphinen ausſtrecken zu wollen, und fuhr dann, wie von einem innern Schauder ergriffen„ ploͤtzlich wieder zuruͤck.„Hinweg! hinweg!“ rief er endlich laut ſchluchzend; und ohne ſich nach Se⸗ raphinen noch einmal umzuſehen, ſtuͤrzte er fort gus ihren Augen. 2⁸6 Vergeblich rief Seraphine ihm im baͤngſten Klagetone ſeinen Namen nach. Troſtlos weinend ſank ſie auf die Bank, auf der ſie noch vor wenigen Minuten an ſeiner Seite ſo glücklich geſeſſen hatte. Da gewahrte ihr bethraͤntes Auge, wenige Schritte weit von der Laube, den ungluͤcklichen Brief auf dem Boden. Haſtig hob ſie ihn auf, um noch zu leſen, was Herrmann ihr verſchwiegen hatte. Doch kaum hatte ſie es gethan: ſo wurden ihre Blicke noch ſtarrer, als Herrmanns Bliccke ge⸗ weſen waren, und mit einem Schrei des Entſetzens, fing ſie an zu wanken, und ſtuͤrzte dann beſinnungs⸗ los auf den Boden hin. Sie hatte nemlich noch folgende Zeilen geleſen: „Wiſſe, geliebter Herrmann, daß Du nicht blos mein Adoptiv⸗Sohn, ſondern daß Du mein wirklicher Sohn biſt! Muͤndlich werde ich Dir dieß Naͤthſel erklaͤren, und Dich zum Vertrauten noch eines andern Geheimniſſes machen, das ich Dir, zur Schonung einer dritten Perſon, hier noch nicht mittheilen kann.“ 287 Als die Ungluͤckliche aus ihrer langen Ohnmacht erwacht war, ſah ſie erſt verſtoͤrt um ſich her ohne zu wiſſen, was mit ihr geſchehen war. Der Anblick des ungluͤcklichen Briefes brachte ihre Beſinnung zu⸗ ruͤck, und mit dieſer das Gefuͤhl der furchtbarſten Zerſtoͤrung ihres ganzen Lebensgluͤcks. Mit zittern⸗ der Hand ergriff ſie ihn, und ſtarrte noch ein Mal hinein, ob wirklich das Schreckliche darin ſtehe, was ſie geleſen zu haben glaubte. Es ſtand, leider, noch eben ſo da!„Graͤßliches Geſchick!“ rief ſie jetzt voll Verzweiflung aus—„Wo ſoll ich mich ver⸗ bergen— vor ihm— vor der Welt— ach, vor mir ſelbſt! Der mich als ſeine Gattin umarmt hat, der iſt mein Bruder! mein wirklicher Bruder! Wie ſoll ich die Schmach abwaſchen, die mich bedeckt? Wie kann ich mich reinigen von der Suͤnde, die mich bedeckt? Mir bleibt nichts uͤbrig, als der Tod!“ Krampfhaft druͤckte ſie den Brief zuſammen mit ihrer zitternder Hand; und ploͤtzlich, als fürchtete ſie, daß ihn Jemand ſehen koͤnne, verbarg ſie ihn tief an der ſtuͤrmiſch klopfenden Bruſt.„Niemand 288 darf Dich ſehen, du ſchreckliches Blatt!“ fuhr ſie fort zu ſprechen—„Hier liege, Du giftige Natter, und ſtich nur immer tiefer, immer toͤbtlicher, bis in das brechende Hers!“ Sie wankte von dannen, ohne ein Ziel zu ha⸗ ben. Abſichtslos war ſie in die Naͤhe des Baſſins gekommen. Als ſie es erblickte, eilte ſie mit ſchnel⸗ len Schritten danach hin, als nach einem geoͤffneten, winkenden Grabe. Doch ſtarr vor ſich hinaus ſchauend, ſah ſie jetzt, jenſeit deſſelben, den ungluͤck⸗ lichen Herrmann, der dort eben mit raſchen Schritten voruͤberging, nach dem Schloßhofe hin. Der unerwartete Anblick der ſonſt ſo geliebten Ge⸗ ſtalt erfuͤllte ſie mit einem neuen Schauder; und als fuͤrchtete ſie, von ihm verfolgt zu werden, floh ſie nach der entgegengeſetzten Seite, in die entfern⸗ teſte Wildniß des Parks. Troſtlos irrte ſie dort lange umher, bis ſie er⸗ ſchoͤpft unter einer alten, breitaſtigen Linde nieder ſank, wo ſie, bald klagend, bald betend, ſtunden⸗ lang auf dem feuchten Raſen ſas. Sie hoͤrte mehr⸗ mals das Rufen ihres Namens, ſie erkannte auch Haſte⸗ 289 Haſtebecks Stimme; aber ſie antwortete nicht darauf, ſondern ſie weinte nur heftiger, und hielt die Haͤnde nur feſter vor ihr Geſicht gedruͤckt. Die Abenddaͤmmerung ging endlich ploͤtzlich in tiefe Dunkelheit uͤber, weil ſchwere Gewitterwolken im ſchnellen Fluge heraufzogen, und den Himmel bedeckten. Ein heftiger Wirbelſturm brauſte durch den Hain. Immer hellere Blitze und lautere Don⸗ ner ließen ſich vernehmen. Bei dem erſten, heftigeren Schlage hob Seraphine zum erſten Male wieder das Haupt empor, und flehte zum Himmel hinauf, daß ein Blitz ihrem ungluͤcklichen Daſeyn ein ſchnel⸗ les Ende machen moͤchte. Und ploͤtzlich, als ob Je⸗ mand ihr einen Rath ins Ohr gefluͤſtert haͤtte, nickte ſie ein paar Mal mit dem Kopfe, wie zu einer Be⸗ jaung, ſprang heftig auf, und eilte, ſo ſehr ſie konn⸗ te, nach dem Eingange des Gartes zuruͤck.— Unterdeſſen war in dem Schloſſe Alles im ſchreck⸗ lichſten Aufruhr.— Sobald Haſtebeck von ſei⸗ nem Spaziergange zuruͤck gekehrt war, wurde ihm Weſtold. II. Theil. 19 290 des Grafen Brief eingehaͤndigt, den er ſchnell aufriß⸗ und in welchem er Folgendes las: „Der ſonſtige Feind meines Glücks iſt todt; und ich bin nun der Beſitzer eines Vermoͤgens, das, nach einem geringen Anſchlage, weit uͤber eine halbe Million Thaler betraͤgt. Meiner frommen Gemah⸗ lin ſoll nun ſehr bald die Freude werden, ſich von mir geſchieden zu ſehn. Mein ganzes, unaufhaltſa⸗ mes Streben iſt jetzt nach einem Ziele gerichtet. Erreiche ich das: ſo bin ich vollkommen gluͤcklich. Sie kennen es. Mein voriger Brief hat es ſchon vertrauenvoll gegen Sie ausgeſprochen. Ich bitte Sie, Haſtebeck, ſtoͤren Sie nicht, ſondern beguͤnſtigen Sie meine Abſicht! Dann will ich fromm, wie ein Lamm, und zeitlebens gegen Sie dankbar ſeyn.— Der erſte Schritt, der gethan werden muß, iſt der: Herrmannen augenblicklich von Seraphinen zu trennen. Es iſt mir unertraͤglich, ihn noch in ihrer Naͤhe zu wiſſen. Ich habe ihm befohlen, ſo⸗ gleich zu mir zu kommen. Ich bitte Sie dringend, zu ſorgen, daß er mir gehorcht! Gleich! gleich! Er darf nicht laͤnger dort bleiben!— Braͤchten Sie 291 irgend eine Stoͤrung in meinen Plan: es wuͤrde mich raſend machen, Haſtebeck! Ich muß an mein Ziel! Alle Schaͤtze der Welt haben ſonſt keinen Werth fuͤr mich! Beherzigen Sie das, Haſtebeck! Vergeſſen ſie nicht, daß ich es bin, der Sie vom Schaffot gerettet hat; und bedenken Sie, daß es fortwaͤhrend in meiner Gewalt ſteht, Ihrem Schick⸗ ſale eine furchtbare Wendung zu geben, wenn Sie mich ernſtlich gegen ſich aufbringen!“ Mit den Zaͤhnen knirſchend las Haſtebeck die⸗ ſen Brief, riß ihn dann mitten durch, und warf ihn voll bittrer Verachtung auf den Boden. Nachdem er ein paar Mal ſchweigend im Zimmer auf und ab gegangen war, ſtellte er ſich an ſeinen Schreibtiſch, und ſchrieb, mit fliegender Feder, folgende Zeilen als Antwort: 1Aus Ihrem ſaubern Plane konnte, und durfte, und ſollte nichts werden! Ihre Machinationen kommen zu ſpaͤt! Die Drohung, zu welcher Sie ſich erniedrigt haben, verachte ich nur.“ 19* 292 Er faltete den Brief zuſammen, gab ihn dem Boten, und ſagte dieſem, er moͤge damit zuruͤck reiten, ſo eilig er koͤnne. Nun wollte er mit Herrmann, mit Serag⸗ phinen ſprechen. Man wies ihn in die Laube, wo Herrmann den Brief erhalten hatte. Niemand war da noch zu ſehn. Haſtebeck eilte durch die Hauptgaͤnge des Parks, rief, ohne eine Antwort zu erhalten, Herrmanns und Seraphinens Na⸗ men, ging eben ſo vergeblich nach dem Schloſſe, und hoͤrte endlich von einem Bedienten, daß Herr⸗ mann vor nicht langer Zeit an das Zimmer der Graͤfin gegangen, aber nach kurzem Beſinnen vor der Thuͤr wieder umgekehrt, und nach ſeinem eignen Zimmer gegangen ſey.— Lebrecht berichtete, daß Herrmann, mit ſeiner Huſaren⸗Uniform be⸗ kleidet, in großer Verſtoͤrung ihn gebeten habe, ſein Pferd zu ſatteln, und ihm in den Sattel zu helfen, weil er den linken Arm beim Aufſteigen nicht brau⸗ chen konnte. Auf alle Fragen erſt nur mit einem ſtummen Kopfſchuͤtteln antwortend, habe er endlich, als er ſchon im Sattel geſeſſen, mit verzweiflungs⸗ 293 vollem Tone geſagt:„Leb' wohl, Lebrecht! Mit meinem Gluͤck iſt es auf immer aus! Du ſiehſt mich nie wieder!“ Hierauf den Zuͤgel mit der rech⸗ ten Hand faſſend, war er zum Schloßhofe hin⸗ ausgejagt. So raſch er konnte, warf Haſtebeck ſich auf ſein Pferd, um dem ungluͤcklichen Fluͤchtlinge nach⸗ zujagen. Ungewiß, welchen Weg er einſchlagen ſolle, ließ er ſich von einem Wanderer, der ihm be⸗ gegnete, auf einen Weg weiſen, welchen ein Reiter, von Aarhorſt kommend, eingeſchlagen habe. Aber nach einer Stunde hatte Haſtebeck nicht Herr⸗ mann, ſondern nur den zuruͤckreitenden Briefboten eingeholt; und nach nochmaliger Verfolgung einer ganz falſchen Spur, wobei er ſein Pferd faſt zu To⸗ de jagte, war er, durch vieles Hin⸗ und Herreiten, endlich in der Richtung, die er nahm, ſo irre gewor⸗ den, daß er ſich, mit einbrechender Dunkelheit, wie⸗ der dicht vor Aarhorſt befand, von wo er Meilen weit entfernt zu ſeyn glaubte. So kam er, unverrichte⸗ ter Sache, in das Schloß zurüuck. Hier fand er Alles in der groͤßten Beſtuͤrzung, weil das Gewitter jetzt immer furchtbarer heraufzog, und von Seraphinen immer noch keine Spur zu finden war. Alles klagte; Alles weinte; die Graͤfin rang in der qualvollſten Ungewißheit und Angſt ihre Haͤnde gen Himmel. Vergeblich ſuchte ſie zu ergruͤnden, was fuͤr eine ungluͤckliche Bot⸗ ſchaft das junge Paar koͤnne von einander geriſ⸗ ſen haben. Jetzt wollte Weſtold ihr ein religioͤſes Troſt⸗ wort ſagen; doch mit Bitterkeit wies ſie ihn zuruͤck, und ſagte, daß ſein Troſt ihr nichts helfen koͤnne, und ſchloß ſich dann in ihr Kabinett ein, wo man ſie, faſt vernehmlich, beten hoͤrte. Da trat eine Magd ins Zimmer, und ſagte, ſie habe aus einem der hinteren Schloßfenſter geſehen, daß unten in einem Winkel eine weiße Geſtalt ſitze; aber ſie wiſſe nicht, ob es ein Geſpenſt, oder die junge Graͤfin ſey. Indem man noch die Magd naͤ⸗ her befragen wollte, riß die Graͤfin die Thuͤr ihres Kabinetts auf, und rief mit begeiſtertem Tone:„Es 295 iſt kein Geſpenſt! Es iſt Seraphine! Mein frommes Gebet iſt erhoͤrt!“ Sie ergriff die Magd beim Arme, und befahl ihr, ſie zu fuͤhren. Alles folgte in geſpannter Er⸗ wartung nach. Sie traten aus dem Schloſſe in die Dunkelheit hingus, ohne Sturm und Regen, die ihnen entgegen ſchlugen, zu achten. Sie bogen um eine Ecke des Schloſſes; ein ſtarker Blitz erhellte die Szene; ſie ſahen im fernen Winkel die weiße Geſtalt. Mit einem lauten Schrei des Schreckens ſtuͤrzte Haſtebeck Allen voraus, denn es war an der Gewitterſtange, wo die Geſtalt zu ſehen war, und im Augenblicke hatte er die furchtbare Bedeu⸗ tung ihrer Wahl dieſer Ruheſtelle errathen. „Seraphine!“ rief er—„Sind Sie wahnſinnig geworden?“ und er ergriff ihre rechte Hand, um ſie hinweg zu ziehn. Aber ihr linker Arm war mit dem umgewundenen Schawl feſt an die Ge⸗ witterſtange gebunden, um nicht davon wanken zu können; und mit matter Stimme ſagte ſie:„Laßt mich! Laßt mich! Stoͤret das Gottesgericht nicht! 296 Ich hoffe, nun bald meines Jammers entledigt zu ſeyn! Mein Retter kommt ſchon naͤher und naͤher.“ . We Dolchſtich fuhren dieſe Worte in Ha⸗ ſtebecks Herz. Sie waren ein furchtbarer Wieder⸗ hall ſeiner eignen Worte, die er, vor Jahren, ein⸗ mal in ihrer Gegenwart, beim Anblick des Blitzab⸗ leiters, geſagt hatte. Sie ſtraften ihn jetzt grauſam für ſeine damalige, unbedachtſame Aeußerung. Jeder bat, und beſchwor ſie, ihren Arm ent⸗ feſſeln zu laſſen, und mit ins Schloß zu gehn. Ha⸗ ſtebeck ſchwur ihr, daß ihr Gluͤck ungefaͤhrdet ſey, wenn auch der Graf es zu ſtoͤren verſuche. Aber die Unglückliche ſtoͤhnte, es ruhe eine unvertilgbare Schmach auf ihr, die nur durch den Tod abgebuͤßt werden koͤnne. Umſonſt ſagte ihr Weſtold, daß es Sünde ſey, Gott ſo zu verſuchen, da Blitz und und Donner, in furchtbarer Annaͤherung, immer ſchneller auf einander folgten. Die Ungluͤckliche fuhr fort, zu verſichern, daß eine Schuld auf ihr laſte, die ſie unmoͤglich uͤberleben koͤnne. Da warf die geaͤngſtete Graͤfin ſich neben ihr auf die Kniee nieder, zog ein kleines Crucifix aus ih⸗ 297 6 rem Buſen, hielt es Seraphinen zum Küſſen hin, und ſagte:„Arme Verirrte! Komm, und folge mir endlich in den Schooß einer Kirche, die Dir fuͤr jede Miſſethat, die Du reuig dem geweih⸗ ten Prieſter bekennſt, eine vollkommne Abſolution verſpricht! Gelobe mir das in dieſer furchtbaren Stunde der Pruͤfung: und ich verſpreche Dir Ruhe fuͤr Deine Seele: es ſey auch, was es ſen,; das 2 Dich quaͤlt! „Halten Sie ein!“ unterbrach ſie Haſtebeck mit Heftigkeit—„Wohin verirren Sie ſich?— Mißbrauchen Sie nicht Ihr znateta zis eß bei einer Ungluͤcklichen!“ Aber mit gleicher depee deede die Graͤ⸗ fin:„Hinweg, ihr Alle mit dem kalten Vernunft⸗ glauben! Draͤngt Euch nicht laͤnger zwiſchen Mut⸗ ter und Tochter!“ 9 „Ach, ſtreitet Euch nicht um mich!”“ jammerte jetzt Seraphine dazwiſchen—„Wiſſet dann: Mein Gatte iſt meines Vaters wir klicher Sohn! Mein wirklicher Bruder iſt mein Gatte gewor⸗ 298 den! Von ſolcher Schmach kann keine Kirche mich reinigen!“ Ein allgemeiner Ausruf des Entſetzens ertoͤnte. Die Graͤfin und Weſtold riefen, wie mit einer Stimme:„Herrmann— des Grafen wirklicher Sohn?“ 4 „Alſo das iſts?“ rief Haſtebeck erſchrok⸗ ken; und in ſtuͤrmiſcher Eile,— denn eben folgte einem blendenden Blitze nach wenigen Sekunden ein krachender Donnerſchlag— aufs allerdringendſte bat er jetzt die Graͤfin, ſich mit den Uebrigen nur eine einzige Minute zu entfernen. Er ſchwur, daß er einen Talismann habe, Seraphinens Ver⸗ zweiflung gaͤnzlich zu heben; nur müſſe er eine ein⸗ zige Minute allein, ohne daß ein Anderer ihn hoͤre, mit ihr ſprechen. Da wankte Weſtold zuruͤck, und Alle die Andern folgten ihm, nur nicht die Graͤfin, die Se⸗ raphinens Hand um keinen Preis loslaſſen wollte, um mit ihr erſchlagen zu werden, wenn ein Blitz niederfuͤhre. Haſtebeck beſchwor ſie bei dem Le⸗ ben Seraphinens und bei ihrem eigenen Lebens⸗ 299 glück, nur auf wenige Augenblicke ſich zu entfernen. Aber je dringender er bat, deſto feſter hielt ſie mit der einen Hand die Tochter, waͤhrend ſie ihr mit der andern von neuem das Crueiſix hinhielt, und ſagte:„Kaum hatte ich vorhin das heilige Bild an meine Lippen gedruͤckt und zu ihm gebetet: ſo kam uns die Kunde, wo wir Dich zu ſuchen haͤtten.“ „Nun dann:“ rief Haſtebeck mit furchtba⸗ rem Tone—„ſo kann ich nicht anders! ſo iſt es meine Schuld nicht, wenn ich einer ungluͤcklichen Frau ihre letzte, troͤſtliche Taͤuſchung raube!— Hoͤren Sie nicht her, Frau Graͤfin! Du aber, horch auf, Seraphine! und der Blitz des Herrn vernichte mich und Dich, wenn ich nicht Wahrheit rede! Horch auf, Seraphine! Deine Ehe iſt mit keiner Blutſchande befleckt! Wie haͤtte ich ſie ſonſt zugeben koͤnnen! Herrmann iſt des Grafen Sohn! Aber Du— Du biſt des Grafen Tochter nicht— Du biſt der Graͤfin Tochter nicht— Du biſt— ach, komm an mein Herz! laß Dir von den ſchrecklichen Blitzen meine heißen Thraͤnen zeigen— ach, Du biſt meine, meine, meine und So⸗ 300 phiens Tochter!— Und nun— als Dein Vater befehle ich Dir jetzt: Komm augenblicklich hinweg von dieſer ſchrecklich gefahrvollen Stelle!“ Da ſchrie die Graͤſtn wie eine Wahnſinnige auf, daß er luͤge. Haſtebeck aber, ohne ihr etwas zu erwiedern, riß den umgewundenen Shawl von Se⸗ raphinens Arm, die keinen Widerſtand mehr lei⸗ ſtete, und halb betaͤubt nur ſtammelte:„Sie, mein Vater?“ „Ja! ja! ich Dein Vater!“ jauchzte jetzt Haſtebeck, indem er ſie, hinwegeilend von der Ge⸗ witterſtange, zuͤrtlich kuͤßte, und ſie nun nach ihrem Zimmer halb fuͤhrte, halb trug—„Endlich, end⸗ lich nenne ich Dich laut meine Tochter—“ fuhr er fort—„meine theure, geliebte Tochter! Und wenn Die nun Dich verſtoͤßt, die Du bisher Mut⸗ ter nannteſt: o, ſo haſt Du doch jetzt den rechten Vater gefunden, der Dich unausſprechlich liebt, und Gut und Blut mit Dir theilt in jeder Noth und Ge⸗ fahru— Sie konnte nur einzelne Laute des aller⸗ hoͤchſten Erſtaunens erwiedern. Bebend folgten die Graͤfin und Weſtold, geführt von Auguſten 301 und Lebrechten nach.— Mehrere Leute wollten behaupten, ſie haͤtten bald nachher einen Blitz an der Stange hinabfahren geſehen.— Jeder erſchrak, der Seraphinen jetzt im Zimmer ſah. Die furchtbare Qual, an der ſie meh⸗ rere Stunden lang gelitten, und endlich der Sturm und Regen, dem ſie, in leichter Sommerkleidung, nur zu lange ausgeſetzt geweſen war, hatten die ſonſt ſo ſchoͤne, bluͤhende Frau faſt zu einer Leiche entſtellt, und in einen Grad von Erſchoͤpfung verſetzt, daß man nicht genug eilen konnte, ſie entkleiden und zu Bette bringen zu laſſen. Sogleich ſanken ihre Au⸗ gen zu, und ſie ſchien ſchnell zu entſc=hlummern.— Haſtebeck war eben mit Weſtolden nach ſeinem Zimmer gegangen, als die Graͤfin ihn bitten ließ, noch einmal in das ihrige zu kommen. Sie hatte die durchnaͤßten Kleider gewechſelt, und ſich er⸗ ſchoͤpft auf ein Ruhebett geworfen, ein Tuch vor die weinenden Augen gedruͤckt. DOhne außzuſehen, ſtreckte ſie dem Eintretenden eine Hand entgegen, und ſagte mit zitternder, doch freundlicher Stimme:„Haben Sie Dank, lieber 302 Haſtebeck, daß Sie ein Mittel erſannen, die Un⸗ gluͤckliche von der Gewitterſtange zu entfernen!— Es war freilich ein ſchreckliches Mittel, das mir beinahe das Herz erdruͤckte! Aber nicht wahr: es iſt nicht ſo, wie Sie dort ſagten? Nicht wahr: Seraphine iſt meine, meine Tochter?— Wie koͤnnten Sie ſo viele Jahre lang ſich und Ihr Kind zu einer ſolchen ſtraͤflichen Betruͤgerei hergege⸗ ben haben, um mich, die Ihre nur zu warme Freun⸗ din war, endlich durch die Enthuͤllung des Betrugs, mit einem furchtbaren Schlage zu vernichten?“ Sie hatte ſich aufgerichtet bei den letzten Wor⸗ ten, und ſah Haſtebecken mit angſtvollen Blicken an. Als er aber ſchwieg, und immer ſchwieg, ſo dringend ſie auch ihre Fragen wiederholte: da ſank ſie, vom Uebermaaß des Schmerzes uͤberwaͤltigt, mit dem Geſicht auf das Ruhebett, brach in das gllerheftigſte Weinen aus, und klagte mit herzzerrei⸗ ßendem Jammer:„Barmherziger Gott! ſo hab' ich dann weder einen redlichen Freund, noch eine Toch⸗ ter! Betrogen und kinderlos ſteh' ich da, und bin nun aͤrmer, als die aͤrmſte Bettlerin!“ 7 303 „Gott weiß,“ ſagte Haſte beck jetzt, tief er⸗ ſchuͤttert—„wie ſchwer ich daran gegangen bin, Sie durch dieſe Entdeckung zu betruͤben! Ich wollte ſie nur Seraphinen, als ein Geheimniß, ins Ohr fluͤſtern, um ſie aus der ſchrecklichſten Verzweif⸗ lung und Todesgefahr zu befreien! Aber Sie ſelbſt — Sie ſelbſt zwangen mich, in Ihrer Gegenwart auszuſprechen, was in ſo furchtbarer Stunde das einzige Mittel zu Seraphinens Rettung war! In jeder Sekunde, da ich noch zoͤgerte, konnte ein Blitz ſie und uns Alle zerſchmettern!“ „Und ſo durchbohrten Sie mir das Herz! ſeufzte die Graͤfin.—„Aber“ fuhr ſie bald darauf fort—„ich muß nun Alles wiſſen! Alles: Erklaͤ⸗ ren Sie mir es naͤher, das furchtbare Raͤthſel!““ „„Das kann ich Ihnen jetzt freilich nicht verwei⸗ gern.“ erwiederte Haſtebeck—„Hoͤren Sie mich dann mit Faſſung an!— Sie und meine Frau wur⸗ den, bald nacheinander, jede von einer Tochter ent⸗ bnnden. Meine Frau ſtarb ſogleich nach der Ent⸗ bindung. Auch Ihrem Tode, Frau Graͤfin, ſah man jede Stunde entgegen; doch ſtatt Ihrer ſtarb * 304 Ihr Kind. Im Augenblick, da die Amme Ihrem Gemahl dieſe Nachricht uͤberbracht hatte, trat ich zufaͤllig in ſein Zimmer. Ich fand ihn in einer Be⸗ ſtürzung, die ich Ihnen nicht ſchrecklich genug ſchil⸗ dern kann.“ „Nun ja,“ unterbrach die Graͤfin mit Bitter⸗ keit den Erzaͤhler—„An dieſe ſeine Beſtuͤrzung will ich glauben, denn wenn ich, ohne ein Kind zu hinterlaſſen, geſtorben waͤre: haͤtte er faſt mein ganzes Vermoͤgen meinen Verwandten uͤberlaſſen muͤſſen!“ „ Das laſſe ich unbeſtritten und unzu⸗ gegeben,“ erwiederte Haſtebeck—„genug, der Graf war aͤußerſt beſtuͤrzt üͤber den Tod Ihres Kin⸗ des; und das traurtge Ereigniß mußte Ihnen, we⸗ nigſtens fürs erſte, verheimlicht werden, um Ihr eigenes Leben nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. „Eine eigne Teufelei des Schickſals!“ ſagte ich— „Mein Kind, das ich nicht ſehen mag, weil es mich an eine Verbindung erinnert, die ich nur verwuͤn⸗ ſchen kann, lebt! und das Ihrige, an deſſen Le⸗ ben Ihnen ſo viel lag, iſt todt!“ Da warf ſich der der Graf an meinen Hals, und beſchwor mich, ihm mein lebendes Kind zu geben, und an deſſen Stelle ſein todtes zu nehmen. In meiner damaligen, faſt an Verruͤcktheit graͤnzenden, Verſtimmung war mir das eben recht. Auch konnte der Graf ſehr Großes von mir verlangen, weil, ſeit Jahren, eine ſehr große, ſchwere Verpflichtung gegen ihn auf mir lag. Augenblicklich trafen wir die noͤthigen Verabredun⸗ gen. Die Amme meines Kindes wurde mit einer Hand voll Gold zum Schweigen gebracht. Die Am⸗ me des Ihrigen wurde auf der Stelle entlaſſen, und die bisherige Wehemutter durfte das Haus ebenfalls nicht wieder betreten. Es war Abend, und die Am⸗ me meines Kindes trug es ſogleich in Ihr Haus, und brachte mir das todte dafuͤr zuruͤck, das ich am fol⸗ genden Tage mit in den Sarg meiner Frau legen ließ. Dann hieß es, Ihr Kind habe nur in einer langen Ohnmacht gelegen, und ſey wieder erwacht. Es wurde nach der beſtochenen Amme geſchickt, und ſie blieb nun in Ihrem Hauſe die Ernaͤhrerin des nemlichen Kindes, das ihr zuvor in dem meinigen anvertraut geweſen war. Kein Menſch ahnete den Weſtold. II. Theil, 20 306 geſchehenen Tauſch; und Sie, Frau Graͤfin, wa⸗ ren freilich eine betrogene Mutter, aber es war ein Betrug, der das Gluͤck Ihres Lebens machte, und den ich daher fuͤr keine Suͤnde halten konnte.“ „Ach,““ unterbrach hier die Graͤfin wieder die Erzaͤhlung—„wenn ich den Betrug nie erfahren haͤtte: wie gluͤcklich waͤre ich geblieben; aber nun— nun iſt es ſchrecklich!“ „Warlich,“ fuhr Haſtebeck fort—„ich habe das Gefuͤhl Ihres muͤtterlichen Gluͤcks, faſt zwanzig Jahre lang, mit Hintenanſetzung meines eignen vaͤterlichen Gluͤcks geehrt; und der Himmel weiß, daß ich Ihnen und Ihrem Gemahl dadurch ein Opfer gebracht habe, deſſen Groͤße und Schwere oft meine Kraͤfte faſt uͤberſtieg!— Gleichgiltig, faſt mit Haß in der Seele, hatte ich das Kind von mir gegeben, und bald darauf die Stadt verlaſſen, mit dem Vorſatze, es nie wieder zu ſehn. Aber die Na⸗ tur behauptete auch an meinem Herzen ihr altes, hei⸗ liges Recht, und ſtrafte mich bitter fuͤr ſolchen Fre⸗ vel. Ich war in der ſinſterſten Verſtimmung hieher zu Weſtold geflohen, und bereitete mich ernſtlich * 0 07 — zu großen Seereiſen vor. Da weckte der Anblick von Weſtolds Kindern das ſchlummernde Vatergefuͤhl in meinem Herzen auf; und je mehr ich ſtrebte„ es gewaltſam zu unterdruͤcken, deſto uͤbermaͤchtiger er⸗ fuͤllte es nach und nach mein ganzes, inneres Weſen. Es glich dem befruchteten Blutstropfen in dem be⸗ brüͤteten Adler⸗Ei, der im Verborgenen ſich allmaͤh⸗ lich entwickelt und waͤchſet, und ſich immer wunder⸗ barer ausbildet zum jungen Adler, welcher endlich die Schaale ſeines Gefaͤngniſſes ſprengt, und bie Flügel regt, zum kuͤnftigen Fluge nach der Sonne hinauf.— Der Tag, als ich die Nachricht hoͤrte, daß die Amme Ihr Kind faſt erdrückt habe, war der Zeitpunkt, wo füͤr mein vaͤterliches Gefuͤhl die harte Schaale, die es bis dahin gefangen hielt, zerſprang. Ich zitterte fuͤr meines weggegebenen Kindes Leben. Ich konnte mich nicht laͤnger enthalten, es wieder zu ſehn. Statt nach der Meeresküſte, reiſte ich nach der Reſidenz zuruͤck. Mit hoch klopfendem Herzen ſah ich mein Kind wieder, und durfte es nicht mehr mein nennen! Um es wenigſtens taͤglich zu ſehn⸗ und es, wenn Sie abweſend waren, mit voller Va⸗ 20* * . 2 308 terliebe herzen und kuͤſſen zu koͤnnen, mußte der Graf es einleiten, daß ich in Ihrem Hauſe eine Wohnung bekam. Weil ich mich von dem geliebten Kinde nicht trennen konnte, gab ich meine Seereiſe auf; ich kehrte, von unbezwinglicher Sehnſucht nach dem holden Kinde ergriffen, aus Ober⸗Italien zu Ihnen nach der Schweitz zuruͤck, und reiſte, ſtatt nach Griechenland, mit Ihnen nach Polen; und ich war und blieb ſo uͤberallhin Ihr treuer Begleiter, wurde wenigſtens des theuren Kindes Erzieher, deſ⸗ ſen Vater ich nicht heißen durfte, und fuͤhrte die ſchwere, mir oft unertraͤgliche Rolle ſtandhaft und ehrlich durch bis auf den heutigen Tag. Ich haͤtte es bis an meinen Tod gethan, und wenn es mir ſelbſt meine Sterbeſtunde noch erſchwert haͤtte, waͤre die Entdeckung des treu bewahrten Geheimniſſes nicht das einzige Mittel zur Beruyigung und Rettung Seraphinens geweſen. Auch habe ich meine Verpflichtung gegen den Grafen ſo gut, als gar nicht, verletzt, denn er will— ſchwindelnd von dem Gluͤcke ſeiner großen Erbſchaft— nicht laͤnger fuͤr Seraphinens Pater gelten! Ergriffen ſeit eini⸗ 309 ger Zeit von einer unſeligen Leidenſchaft zu der bluͤ⸗ henden Jungfrau, die als Kind ihm faſt zuwider geweſen war, ſprach er ſchon in ſeinem vorigen Brie⸗ fe an mich deutlich ſeine Begier aus, ſie zur Stief⸗ mutter ihres Geliebten zu machen! und da rum be⸗ trieb ich neulich ſo angelegentlich die ſchnelle Verhei⸗ rathung des jungen Paars.“ „Abſcheulich! abſcheulich!“ rief die Graͤftn aus—„Und Herrmann iſt des Grafen Sohn?“ „Der Graf ſelbſt“ antwortete Haſtebeck— „ſcheint es ausgeſagt zu haben: ſo kann ich uim nicht widerſprechen!“ 16 „Genug! genug!“ erwiederte die Graͤfin— „Ich kann und mag nichts mehr hoͤren! Zuviel ſtuͤrmt auf mich ein!— Leben Sie wohl, Ho⸗ ſtebeckl“— Es war Ihr Entſchluß, nicht ihn, nicht Se⸗ raphinen, nicht Herrmannen, noch weniger den Grafen, wieder zu ſehn. Sobald Haſtebeck ſie verlaſſen hatte, gab ſie Befehl, Alles noch in der Nacht zu ihrer Abreiſe vorzubereiten. Am frühen 310 Morgen wollte ſie Aarhorſt verlaſſen, ohne von Je⸗ mandem Abſchied zu nehmen, und zu ihren Ver⸗ wandten nach Muͤnchen fliehn.— Haſtebeck war froh, daß die Graͤfin ihn uͤber Herrmann nicht weiter befragte. Das Gewitter hatte ausgetobt. Er eilte nach ſeinem Zimmer, um endlich auszuruhen von den erſchoͤpfenden, koͤrperli⸗ chen Anſtrengungen und geiſtigen Erſchuͤtterungen des Abends. Aber noch war ihm keine Ruhe be⸗ ſchieden, denn dieſer Nacht war es vorbehalten, die dunkelſten und geheimſten Blaͤtter aus der Geſchichte ſeines Lebens aufrollen, und es laut zur Sprache kommen zu laſſen, was er, eine lange Reihe von Jahren hindurch, mit Ausnahme des Grafen, vor Jedermann als das tiefſte Geheimniß bewahrt hatte. Als er in ſein Zimmer kam, trat ihm Weſtold gleich mit der Aurede entgegen:„Ach, wie lange biſt Du ausgeblieben! Es iſt ſchon ſpaͤt; aber ich ⸗ NX 311 8 konnte nicht von dannen gehn, ohne erſt noch mit Dir unter vier Augen zu ſprechen. Ich will nichts ſagen von dem Crucifix und der verheißenen Abſolu⸗ tion der Graͤfin: davon ein ander Mal—; aber, um Gotteswillen, ſage mir: Habe ich recht gehoͤrt? Der Graf ſoll Herrmanns Vater ſeyn?“ Ein langer, ſchwerer Seufzer hob Haſtebecks Bruſt hoch empor. „Du ſchweigſt?“ fuhr Weſtold nach einigen Sekunden fort—„So iſt es wahr? Der Graf war ſchon fruͤher verheirathet? Mit meiner Schwe⸗ ſter?— Aber ihr Gatte, erzaͤhlte ſie ja, habe Schoͤnberg geheißen, und ſolle in einem Duell gefallen ſeyn? Barmherziger Gott! Sollte ſie be⸗ trogen worden ſeyn?“ Ein neuer, noch ſchwererer Seufzer, als kurz zuvor, war Haſtebecks Antwort. Er ſah We⸗ ſtolden eine Weile mit ernſten, unbeweglichen Blicken an; ſeine Geſichtszuͤge waren, wie verſtei⸗ nert im Ausdruck eines ſinſtern, mit tiefem Mitleid gepaarten Schmerzes, und unbeweglich ſtand er lan⸗ ge da, das Haupt vorn über gebeugt, wie eine, 312 Unheil verkuͤndende Bildſaͤule. Langſam erhob er dann ſeine Arme„legte die Haͤnde auf ſeines Freun⸗ des Schultern, und ſagte ausdrucklos und kalt: „Es iſt ſchon ſpaͤt. Wir verderben uns die ganze Nacht! Ich daͤchte, wir ließen das ruhen bis mor⸗ gen, oder ein andermal. „Sey nicht grauſam!“ antwortete Weſtold mit dringendem Tone—„Wie kann ich ſchlafen, ehe ich Alles von Dir gehoͤrt habe, was Bezug auf das Schickſal meiner trefflichen, unvergeßlichen Schweſter hat?— Mir ahnet etwas Boͤſes, ſehr Boͤſes! Aber auch das Schrecklichſte ſollſt Du mir nicht verſchweigen! Alles muß ich wiſſen! Ehe habe ich keine Ruhe.“ „Und meinſt Du,“ ſprach Haſtebeck nach⸗ druͤcklich—„daß Du dann wiiſt ſchlafen koͤn⸗ nen? Ich meine das Gegentheil. Laß es alſo!“ Als Weſtold aber immer mehr in ihn drang, ſo daß er nicht laͤnger ausweichen konnte, hob er an:„Ach, da muͤßte ich eigentlich weit ausholen, und die ſchlimmſte Begebenheit meines Lebens— — eine ungluͤckliche Geſchichte aus Frankfurt— er⸗ zuͤhlen. Die wuͤrde Dich ſehr, ſehr erſchrecken.“ „Ich weiß ſie ſchon!“ ſagte Weſtold, nach einigem Zoͤgern—„Ein Zufall brachte den Mann„ welchen Du retteteſt, vor einiger Zeit hierher— „Langhof?“ fuhr Haſtebeck lebhaſr auf —„Und er erzaͤhlte Dir— 2 Weſtold beigete es, und mußte nun ſelbſt erſt den Erzaͤhler machen von Allem, was er von Lan g⸗ hof wußte. Hierdurch aufs hoͤchſte aufgereizt, nahm endlich Haſtebeck den Faden auf, und theilte dem harrenden Freunde Folgendes mit: „Du willſt es, und laͤſſeſt nicht ab, in mich zu dringen: ich muß alſo endlich einen Schleier luͤften, den ich, um Deiner Ruhe willen, fuͤr im⸗ mer unangeruͤhrt laſſen wollte. Waffne Dich dann mit Standhaftigkeit, um auch das Boͤſe mit maͤnn⸗ licher Faſſung zu vernehmen, und verſchließ es dann verſchwiegen in Deiner Bruſt! Der Graf hatte, in der Hoffnung auf die reiche Erbſchaft ſeines, erſt jetzt geſtorbenen Vetters, toll. gewirthſchaftet, und ſein, nicht unbetraͤchtliches, 314 vaͤterliches Vermoͤgen ſchon im Jahre 1790 faſt alle gemacht. Seine aͤrgſte Tollheit war aber die ge⸗ weſen, daß er, geblendet von den gläͤnzenden Ideen und Beſchluͤſſen der erſten Helden der Revolution in Frankreich, vor Jedermann, und ſo auch vor ſeinem reichen, ariſtokratiſchen Vetter, den enthuſiaſtiſchen Lobredner jener Revolution machte, und Freiheit und Gleichheit im Munde fuͤhrte, wie ein Iakobiner. Er erbitterte hierdurch ſeinen Vetter, der ihn ſonſt ſehr lieb gehabt hatte, nach und nach ſo ſehr, daß ihn dieſer endlich nicht mehr ſehen wollte, und, um ihm künftig auch ſeine Lehnguͤter und ſein anderes Vermoͤgen zu entziehn, ob er gleich eigentlich ein Weiberfeind war, ſich im vierzigſten Jahre noch zu einer Heirath entſchloß, worauf er dann auch bald Vater eines Sohnes wurde, deſſen Geburt dem Gra⸗ fen nun mit einem Schlage alle Hoffnung auf die große Erbſchaft nahm. Er ſtand auf Werbung in Frankfurt, ſollte dort aber eben abgeloͤſt werden, denn er hatte um ſeinen Abſchied gebeten, und wollte naͤchſtens nach Paris gehen, um dort, als Revolutionsheld, ſein * Heil zu verſuchen. Unſer General, der auch ein Verwandter von ihm war, und einen Heirathsplan fuͤr ihn gemacht hatte, war durch jenen Entſchluß des Grafen hoͤchſt beunruhigr, und ſchickte mich mit dem Auftrage nach Frankfurt, ihn davon abzubrin⸗ gen, ſeine oͤkonomiſchen Angelegenheiten zu ordnen, und ihn zur Verheirathung mit der reichen Erbin zu beſtimmen, von der man wußte, daß ſie ihn liebe. Ich kam nach Frankfurt, und war bemuͤht, ihn im Sinne des Generals zu bearbeiten, fand ihn aber dem Heirathsplane, wenigſtens fuͤrs erſte, hoͤchſt ab⸗ geneigt, weil ihm die reiche Erbin perſoͤnlich ganz gleichgiltig war, und er ſich eben auf einer Prome⸗ nade in ein ſchoͤnes, unbekanntes Maͤdchen vergafft hatte, deren Bekauntſchaft zu machen, ſein eifrigſtes Streben war. Ich konnte das nicht hindern; auch war mir fuͤr den Augenblick ein ſolches Intermezzo in ſeinem bisherigen Thun und Trachten nicht ganz unwillkommen, weil es ihn von andern Ausſchwei⸗ ſungen nicht nur, ſondern auch von dem ungluͤckli⸗ chen Einfalle, nach Paris zu gehen, zuruͤck zu brin⸗ gen ſchien. Ich rechnete darauf, daß ſein neueſter * 316 Liebesroman nicht von ernſterer Art und laͤngerer Dauer ſeyn werde, als glle fruͤheren, und daß Geld⸗ noth ihn uͤber kurz oder lang doch zu der Heirath ge⸗ neigt machen wuͤrde. Ich nahm ſeine damalige Ver⸗ liebtheit daher anfangs ſo leicht, daß ich mich ſogar, am Kroͤnungstage Leopolds des Zweiten, auf ein halbes Stuͤndchen zur Rolle ſeines Schildknappen her⸗ gab, indem ich, im dichten Gedraͤnge auf der Straße, ſeinem Winke gemaͤß, einen Knaben, der eigentlich unter der Obhut ſeiner Dame ſtand, in Schutz nahm und aus meinem Fenſter den Kroͤnungszug mit an⸗ ſehen ließ.— Du wirſt Dich dieſer Scene noch aus der Erzaͤhlung Deiner Schweſter erinnern?“”“ „Iſts moͤglich?“ unterbrach ihn Weſtold— Die Du ſeine Dame nennſt, war alſo wirklich meine Schweſter? Meine arme, unglückliche Schweſter? Und Du ſelbſt warſt behülflich, ſie in ſein Netz zu ziehen?“ „Ich hatte keine Ahnung davon,“ erwiederte Haſtebeck,„daß es Deine Schweſter war, denn der Name Deines Stiefvaters, den ſie fuͤhrte, war mir, leider, ganz unbekannt. Auch hielt ich an je⸗ 317 nem Tage die ganze Sache noch nicht fuͤr ſo ernſt⸗ haft. Erſt am andern Morgen erkannt' ich, daß ſeine Neigung bereits zu einer Leidenſchaftlichkeit ge⸗ ſteigert war, die kein Mittel zur Erreichung ihres Zieles verſchmaͤhte, und Alles, was ſich ihr hin⸗ dernd in den Weg ſtellen wuͤrde, ruͤckſichtlos, und unbekuͤmmert um die Folgen, niederzutreten be⸗ teit war. Aus dem Briefe, den ich von Langhof, mit der Nachricht ſeiner Flucht aus dem Werbehauſe, erhielt, wurde ich hieruͤber erſt, zu meinem großen Schrecken, belehrt. 1 Ihm ſelbſt war das damalige Werbeſyſtem und deutſche Soldatenweſen eigentlich ein Greuel; ja er haßte die Uniform ſogar, und er ging daher auch, wenn er nicht im Dienſt war, ſtets in Civilkleidung; aber Eiferſucht und Rache hatten ihn verleitet, ein Kunſtſtuͤck, wie es damals nicht ungewoͤhnlich war, an Langhof probiren zu laſſen. Sobald ich durch jenen Brief davon benachrichtigt war, eilte ich zum Grafen, donnerte ihm das Unwürdige, ja Schaͤnd⸗ liche ſeines rachſuͤchtigen Streichs ins Ohr, und droh⸗ te ihm mit einer augenblicklichen Anzeige aller Um⸗ 1 ſtaͤnde bei dem General, oder im⸗Nothfall ſelbſt beim Koͤnig, wenn er nicht augenblicklich alle etwanigen Nachforſchungen unterdruͤckte, bis ich den jungen Menſchen, deſſen Wohl mir aͤußerſt am Herzen liege, da er der Bruder meiner geweſenen Braut ſey, aus der Stadt entfernt, und in Sicherheit gebracht wuͤß⸗ te. Er war tief beſchaͤmt; und im Gefuͤhl der Schlechtheit ſeiner Handlung, auch vielleicht aus Furcht vor dem General und dem Koͤnig, nahm er Worte von mir hin, die er unter andern Umſtaͤnden nicht ungeahndet wuͤrde gelaſſen haben. Er ſchickte ſich auf der Stelle an, den Unteroffizier, der bereits die Anzeige von der Deſertion gemacht hatte, auf eine falſche Spur zu leiten, damit ich Zeit gewoͤnne, den unbedachtſamen Juͤngling wenigſtens aus ſeinem Gaſthofe aufs ſchnellſte zu entfernen. So ſehr ich konnte, eilte ich dorthin, aber der Unterofſizier war mir ſchon zuvor gekommen. Be⸗ reits auf der Treppe hoͤrte ich ſein Toben. Ich ſtuͤrz⸗ te ins Zimmer, als er eben mit ſeinem Saͤbel einen wuͤthenden Hieb nach Langhof thun wollte, deſſen Rock ich ſchon, von einem fruͤheren Hiebe, wie ich Fd vermuthete, zerhauen ſah. Ich ſiel dem Unteroffi⸗ zier— Werner hieß der Ungluͤckliche— in den Arm; wir ſtießen uns einige Augenblicke kaͤmpfend hin und her bis er zu Boden ſtuͤrzte. Meine rechte Hand war uͤber der ſeinigen mit im Gefaͤß des Saͤ⸗ bels, ſo daß dieſer, von mir miit gefaßt, und, weil ich der ſtaͤrkere war, mehr meiner, als ſeiner Will⸗ kühr Preis gegeben war. In der Wuth des Kam⸗ pfes ſtieß ich den Saͤbel, mit dem er einen Andern hatte niederhauen wollen, aus aller Kraft nach ihm ſelber hin! Und ſiehe, als er niedergeſtuͤrzt war, ſpritzte das Blut aus der Pulsader der rechten Seite ſeines Halſes gegen mein Geſicht und meine Hand! Beſtuͤrzt ſprang ich zuruͤck, ſtieß Langhofen raſch zur Thüre hinaus warf den Saͤbel weg, hielt ein Tuch auf d de des Blutenden, und verſuchte, ihn außzuri⸗— Jetzt trat der Graf ins Zim⸗ mer, der g atte, daß der Unterofſtzier ſchon hier ſeyn w Er hatte Langhofen, der ihm guf dem d Hausflur begegnet war, wohl er⸗ kannt, abe indert fliehen laſſen, und gethan, gls ob er i ſaͤhe. Nun theilte er meine ſtei⸗ gende Beſtuͤrzung, denn der Verwundete, nachdem er nur noch die Worte:„Ach, meine arme Mut⸗ ter!“ geſtammelt hatte, ſiel in Zuckungen und desroͤcheln.— In furchtbarer Verzweiflung ſtarrt ich den Sterbenden an, deſſen letzte Worte mir das Herz zerriſſen, und mir in den Ohren geklungen ha⸗ ben, mein ganzes uͤbriges Leben hindurch!— Jetzt faßte mich der Graf an der Schulter, und ſchuͤttelte mich, daß ich zur Beſinnung kommen ſollte.„Das hat Langhof— oder vielmehr Lange— ja recht— der Deſerteur Lange hat es gethan!“ hoͤrte ich jetzt den Grafen ſagen.—„Nein, ich, ich habe es gethan; und ich bin Ihr Arreſtant!“ war meine Antwort.—„Beſinnen Sie ſich!“ ſagte er, mit nachdruͤcklichem Tone—„Der ent⸗ ſprungene Deſerteur hat es gethan Sie traten eben ins Zimmer, als der unglückliche Streich geſchehen war; und waͤhrend Sie dem Verwundeten zu Huͤlfe eilen wollten, entfloh der Thaͤter.— So iſts! Be⸗ ſinnen Sie ſich, Haſtebeck, und prechen Sie nicht etwa anderes, tolles Zeug, wenn Jemand kommt, und wenn weitere Nachfrage geſchieht!“ Jetzt 321 Jetzt verſtand ich ihn, und ſuchte mich zu faſ⸗ ſen. Er wiſchte mit ſeinem eigenen Taſchentuche as Blut von meinem Geſicht und von meiner Hand, wiederholte mir, wie ich mich benehmen, und was ich ausſagen ſolle, um allen Verdacht von mir ab⸗ zulenken, ordnete dann die Verſchließung der Haus⸗ thuͤr und eine lange dauernde Nachſuchung nach dem Deſerteur im Hauſe an, und traf hernach, bei al⸗ lem Anſchein des groͤßten Eifers, den Deſerteur und ſeyn ſollenden Moͤrder außzufinden, grade ſolche Anſtalten zu ſeiner Verfolgung, daß er vollkommen Zeit und Raum behielt, uͤber den Rhein zu entflie⸗ hen.— Kurz, er wußte Alles ſo geſchickt einzu⸗ leiten, daß ich kaum als Zeuge ein einzigesmal eine Ausſage zu thun hatte, und daß auch Der, auf welchen aller Verdacht gewaͤlzt wurde, volle Biit zum gaͤnzlichen Verſchwinden bekam. War nun gleich der Graf eigentlich der Urheber meiner ungluͤcklichen That geweſen, und mußte ich ihn daher auch auf der einen Seite bitter als Denje⸗ nigen haſſen, der eine Blutſchuld auf meine Seele gewaͤlzt hatte, die fortwaͤhrend mit Centnerſchwere Weſtold. II. Theil. 21 322 auf mir lag: ſo mußte ich es ihm doch auf der an⸗ dern Seite hoch anrechnen, daß er mich mit dem edelſten Eifer und der kluͤgſten Beſonnenheit von der geſetzlichen, ſchweren Strafe gerettet hatte, der ich, ohne ſein Dazwiſchentreten, unfehlbar anheim ge⸗ fallen waͤre. So kam es, daß neben dem fortdau⸗ ernden Grolle gegen ihn, ein unvertilgbares Dank⸗ gefuͤhl in meinem Herzen wohnte, und daß ich ſeit jener Zeit mich fuͤr verpflichtet hielt, immer gegen ihn zu handeln als ein Freund, wenn ich ihn im Herzen auch oft haſſen mußte, wie ein erbitterter Feind. Dies iſt der Maaßſtab, nach dem Du mein Benehmen gegen ihn zu beurtheilen haſt.— Mit doppeltem Eifer nahm ich mich, nach je⸗ ner Begebenheit, ſeiner Angelegenheiten an. Ich reiſte eilig nach Weſtphalen, um dort den Verkauf ſeines letzten Gutes zu betreiben. Er hatte nun ſei⸗ nen Abſchied erhalten, und trieb mich, daß ich ihm Geld ſchicken mußte, weil er, ſeiner Geliebten zu Eh⸗ ren, erſt nach dem Rhein, dann nach Franken reiſte, und ſich bei Frankfurt einen ordentlichen Haushalt einzurichten anfing. 323 Als ich dorthin zurück gekommen war, um ſein Schuldenweſen in Ordnung zu bringen, war er nicht gegenwaͤrtig. Nach einigen Tagen kam er, ſtaubbedeckt, mit Neitpeitſche und Spornen, in mein Zimmer geſtuͤrzt, wollte von meinen Rechnun⸗ gen nichts wiſſen, ſondern war voll von ſeiner Liebe, ſagte mir, daß er auf dem Punkte ſtehe, der aller⸗ gluͤcklichſte Menſch zu werden, und bat mich, ihm, zu einer wunderlichen Spielerei— zu einem theatra⸗ liſchen Scherze, wie er vorgab— meinen Bedien⸗ ten, der ein gewandter, geſcheiter Kerl ſey, auf ei⸗ nen oder ein paar Tage zu uͤberlaſſen. Ich konnte ihm die unbedeutende Bitte nicht abſchlagen; un⸗ terließ jedoch nicht, meinem Bedienten noch unter vier Augen zu ſagen, daß er ja nichts Ungebuͤhrli⸗ ches thun ſolle. Als er zuruͤckkam, ſagte er, daß er ein wenig bei einer kleinen Komoͤdie habe mitſpielen muͤſſen. Spaͤterhin, in der Reſidenz, als er einmal betrunken war, geſtand er mir, daß er die Rolle eines Pfaffen geſpielt, und den Grafen, gegen ſehr gute Bezahlung, mit einem allerliebſten Madchen kopulirt habe.”“ 21* — 324 Hier ſprang Weſtold erſchrocken ven ſeinem Stuhle auf, und rang, unter dem wiederholten Ausrufe:„O Du arme, ſchaͤndlich betrogene Schweſter!“ die Haͤnde, voll des unausſprechlichſten Jammers, zum Himmel auf. Lange waͤhrte es, ehe er ſich wieder ſo weit gefaßt hatte, ſein Verlangen nach der Fortſetzung der ungluͤcklichen Erzaͤhlung zu aͤußern. Haſtebeck fuhr dann in zornigem Tone fort:. „Was half es, daß ich mit einem Schlage auf den Ruͤcken des Buben mein ſpaniſches Rohr zerſchlug? Der ſchaͤndliche Streich war gefchehn! Er erfuͤllte mich mit neuem, bitterm Unwillen ge⸗ gegen den Grafen; und mein innerſtes Gefuͤhl trieb mich eigentlich, ſeiner Geliebten die Augen daruͤber zu oͤffnen, wie frevelhaft ſie hintergangen worden ſey; aber der Fluch der ſchweren Verbindlichkeit ge⸗ gen ihn, der auf mir lag, hielt mich davon ab! Wie konnt' ich feindſelig ſtoͤrend in das Leben des Mannes eingreifen, der meine Blutſchuld verheim⸗ licht hatte? Das band meine Zunge, und hemmte 1 325 meine Schritte gegen ihn, in dieſem, wie in mehre⸗ ren Faͤllen!— Als ſein erſter Liebesrauſch verraucht, und der Reſt ſeines Vermoͤgens, den er ſich noch groͤßer ge⸗ dacht hatte, aufgezehrt war, bequemte er ſich, auf den Heirathsplan des Generals einzugehen. Er reiſte hin und her, bald zu der reichen Braut, bald zu der Geliebten zuruͤck, die ſich fuͤr ſeine angetraute Gattin hielt. Endlich mußte ich ihm, auf meinen perſoͤnlichen Kredit, zehntauſend Gulden auftreiben. Er gab ſie der Geliebten, um ſie wenigſtens gegen bittre Armuth zu ſchuͤtzen, und riß ſich auf immer los von ihr. Nach einiger Zeit fand ich in einer Zei⸗ tung die ruͤhrende Nachfrage einer verlaßnen Frau nach ihrem Manne. Ich erkannte ſogleich, daß er darin gemeint war. Aus wahrer Barmherzigkeit, um wenigſtens ihrem vergeblichen, qualvollen Hof⸗ fen ein Ende zu machen, ſchrieb ich ihr, mit ver⸗ ſtellter Handſchrift, daß ihr Mann in einem Duell gefallen ſey. Eine beſſerez Wohlthat war ihr kaum nooch zu erweiſen.— 326 Der Graf ſchob ſeine Vermaͤhlung ſo weit hin⸗ aus, als er konnte„ weil er ſie nur mit dem groͤßten Widerwillen that. Sie war noch nicht vollzogen, als ich Dich zum erſten Male in Deiner Advokaten⸗ noth beſuchte. 1 Als da nun in der Nacht Deine Schweſter an⸗ kam, mein Bedienter bei ihrem Anblick, aus Furcht, von ihr erkannt zu werden, das Licht ausblies— als ſie ſich mir von Schoͤnberg nannte, was, wie ich wußte, der angenommene Nahme des Gra⸗ fen geweſen war, da daͤmmerte, zu meinem entſetz⸗ lichſten Schrecken, ſchon die Ahnung in mir auf, daß ſie die betrogene Geliebte des Grafen ſey. Ihre Erzaͤhlung am andern Tage beſtaͤtigte mir, leider, jene Ahnung! Es erfullte mein Herz mit wahrer Hoͤllenpein, in der Betrogenen nicht allein, wider mein Erwarten, eines der edelſten, wuͤrdigſten Wei⸗ ber, ſondern obenein die Schweſter meines geliebte⸗ ſten, ſchon mit eigner Noth kaͤmpfenden, Freun⸗ des zu ſehn; und faſt raſend machte mich der Ge⸗ danke, daß ich ſelbſt hier und da mit eingegriffen habe in ihr unglückliches Geſchick! Laut häͤtte ich ⸗. 327 des ſchrecklichen Betruͤgers Nahmen ausſchreien und verfluchen moͤgen, um dem Toben meines Bluts nur etwas Luft zu machen; aber ich mußte abermals die Sünde Deſſen verſchweigen, der die meinige ver⸗ heimlicht hatte. Auch fuͤhlte ich, daß ich Euch nur das Herz noch mehr zerreißen wuͤrde, wenn ich eine Unvorſichtigkeit dieſer Art beginge. Ich hielt, um Eurer Ruhe willen, die ſtrengſte Geheimhaltung deſſen, was ich wußte, fuͤr meine allerheiligſte Pflicht: ich draͤngte alſo alle die furchtbaren Gefuͤhle, die mich beſtuͤrmten, gewaltſam in meine Bruſt zuruͤck, und ſtritt mit verzweiflungsvoller Heftigkeit gegen Dich, als Du in dem Briefe mit der Todesnach⸗ richt meine, zu ſchlecht verſtellte, Handſchrift errie⸗ theſt! O, es war eine der boͤſeſten, fuͤrchterlichſten Stunden meines ganzen Lebens, an die ich noch heute nicht ohne Schauder zuruͤck denken kann! Als ich nach Hauſe gekommen war, jagte ich dem Grafen, der zur Braut gereiſt war, einen Brief nach, worin ich ihm ſchrieb, ich wolle die fuͤr ihn er⸗ borgten zehntauſend Gulden von meinem eignen Ver⸗ moͤgen zuruͤckzahlen, aber er muͤſſe ſeine Conven⸗ 328 tions⸗Heirath aufgeben, wieder Dienſte nehmen, und den gemißhandelten Engel, der meines beſten Freundes Schweſter ſey, wirklich heirathen, um, wenn auch arm, doch als ein ehrlicher Mann vor Gott und vor ſich ſelbſt dazuſtehn; und ich ſetzte die furchtbarſten Drohungen fuͤr den Fall hinzu, wenn er dieß nicht thaͤte.— Ich ſchrieb Dir deshalb mit Zuverſicht, daß Deine traurende Schweſter ge⸗ wiß noch gluͤcklich werden ſolle, und daß ich ihren Witwenſchleier weghexen werde.— Aber der Graf war, als er meinen Brief erhielt, eben, Tages zu⸗ vor, vermaͤhlt! In der Meinung, daß Deine Schwe⸗ ſter ſchon durch mich von ſeiner Betruͤgerei unterrich⸗ tet ſey, und in der Furcht, daß ſeine Schandthat von ihr oder von Dir, als ihrem juriſtiſchen Bru⸗ der, gerichtlich werde zur Sprache gebracht werden, ſchrieb er nun, unter ſeinem wahren Nahmen, an Deine ungluͤckliche Schweſter, ſtellte ſich ihr darin als einen reuigen Suͤnder dar, entſchuldigte ſich mit ſeiner leidenſchaftlichen Liebe zu ihr und mit der Zer⸗ rüttung ſeiner Vermoͤgensumſtaͤnde, und beſchwor ſie bei ihrer ſonſtigen Liebe zu ihm, ſeiner großmu⸗ 329 thig zu ſchonen. Und das— das war der Brief, der Deiner unglücklichen Schweſter das Herz brach, weil er ihr, aufs unerwartetſte, kund that, wie ſchaͤndlich ſie betrogen worden war!“ Hier ſtuͤrzten Beiden, dem Erzaͤhler, wie dem Zuhoͤrer, die bittern Thraͤnen aus den Augen, und gemeinſchaftlich klagten ſie noch uͤber das Mißgeſchick und den fruͤhen Tod der herrlichen, ſo ſchrecklich ge⸗ mißhandelten Frau!. „Sieh!“ ſagte Haſtebeck endlich—„ſo mußte ich ſelbſt, trotz meiner guten Abſicht, den Blitz, der Deine arme Schweſter vollends zerſchmet⸗ terte, auf ſie hinleiten! Ach, dieſe Vorſtellung iſt unnd bleibt eine der ſchwaͤrzeſten von allen die mich quaͤlen!“ Weſtold, ſo ergriffen er ſelbſt war, wollte ihm etwas zur Beruhigung ſagen aber Haſtebeck ließ ihn nicht ausreden.„Nein, nein!“ ſagte er, mit furchtbarem Blick und Tone—„das muß ſo mir mir ſeyn, und wird auch nicht anders mit mir werden! Seit dieſe Hand mit Menſchenblut beſu⸗ delt wurde, verfolgt mich faſt bei Allem, was ich thue, ein Fluch. Tief habe ich meine ungluͤckliche That bereut, habe fuͤr die Mutter und die Schweſter des Getoͤdteten— die alte Anna Werner und ihre Tochter— nach Moͤglichkeit geſorgt, auch ſonſt vielen Menſchen beigeſtanden in Noth und Gefahr, mit Rath und mit That. Aber meine Schuld iſt nicht gebuͤßt, wie ſie es, nach menſchlichen und goͤttlichen Geſetzen, ſeyn ſollte! Blut ſcheint Blut zur Suͤhne haben zu muͤſſen. Weil das bei mir nicht geſchehen iſt: ſchein' ich, als ein vom Gluͤck Ge⸗ aͤchteter, einem boͤſen Daͤmon anheim gefallen zu ſeyn, der mich auf allen Schritten und Tritten mei⸗ nes Lebens— dan wichtigeren wenigſtens— tuͤckiſch verfolgt! Darum gelingt mir ſo ſelten etwas Gu⸗ tes, und es wird leicht Boͤſes daraus! Die Ca⸗ tharina Werner iſtw, ſeit ſie die erſte Hand voll Geld von mir bekam, ungeachtet aller meiner Vor⸗ kehrungen, ſie von einem unrechtlichen Lebenswandel abhalten zu laſſen, ein gaͤnzlich verlornes Geſchoͤpf geworden!— Deiner herrlichen Schweſter bereitete ich, grade durch meine eifrige Bemühung für ihr Glück, nur einen ſchnellen Tod!— Als ich So⸗ * 331 phien am Altare die Hand reichte, dachte ich mie Schauder an das Blut, womit ſie beſpritzt geweſen war: und ich ſturzte auch Sophien in ein fruͤhes Grab!— Das Einzige, was mir bis jetzt gelungen zu ſeyn ſcheint, iſt Deine und der Deinigen Verſetzung hieher nach Aarhorſt; aber wie lange wirſt Du auch ruhig bleiben in der Lage, die Dich jetzt be⸗ gluckt?— Mit der Leitung von Herrmanns Schickſal, indem ich es dahin brachte, daß ſein Va⸗ ter ihn adoptirte, glaubte ich ein Meiſterſtuͤck ge⸗ macht, und durch ſeine ſchnelle Verheirathung mit Seraphinen meinen Bemühungen fuͤr Beider Gluͤck die Krone aufgeſetzt zu haben; aber wie wird es enden mit Ihnen? Gute Feichen fuͤr ſie ſeh⸗ ich nicht am Himmel! Fuͤhrte ein einziges, vor Jahren von mir ausgeſprochenes, unvorſichtiges Wort nicht Seraphinen heute an die Gewitter⸗ ſtange? Und durchbohrte das Wort, womit ich ſie aus der drohenden Gefahr zog, nicht der Graͤfin das Herz?— Sieh, Freund, ſo will es mein boͤſes Geſchick! Wundre Dich nun nicht mehr, wenn Du faſt immer auf meiner Stirn eine finſtre Schrift er⸗ 332 blickſt, wie ſie auf Kains Stirn ſtand, und wenn ein ſinſtrer Geiſt nicht ſelten in meiner Rede weht! Auf meinen keichenſtein kannſt Du einmal ſchrei⸗ ben:„Hier liegt ein Menſch, der, ohne boͤſe zu ſeyn, viel Boͤſes that, oder doch veranlaßte, und der dadurch ſo ungluͤcklich wurde, wie man es nur werden kann, und ſich daher kaum noch vor dem Teuufel und der Hoͤlle fuͤrchtete, weil er ſchon auf Erden eine Hoͤlle mit ſich im Buſen herumtrug." Das Schickſal ſchien Haſtebecks bange Ah⸗ nungen raſch in Erfuͤllung gehen laſſen zu wollen. Ehe ihm Weſtold noch etwas auf ſeine ſinſtre Rede erwiedern konnte, hoͤrten ſie eine unruhige Bewegung im Schloſſe. Einen Augenblick danach hinhorchend, ſagte Weſtold:„Herrmann iſt wohl wieder gekommen, und die Bedienten laufen hin und her?“ —„Das kann ich kaum glauben!“ erwiederte Ha⸗ ſtebeck.—„Wenn ſonſt nur kein Ungluͤck geſchehn — 2—2222 2 — 333 iſt! Mit der Graͤſin vielleicht! Ich hoͤre viel Hin⸗ und Hergehen bei ihr.“ Er ging, um ſich zu erkundigen, und hoͤrte von einer Kammerfrau, daß Seraphine krank ſey. Er eilte nach ihrem Zimmer. Sie lag in der heftigſten Fieberhitze, und bald klagte ſie uͤber uner⸗ traͤglichen Kopfſchmerz, bald verfiel ſie in Phanta⸗ ſieen, die fuͤr die Anweſenden um ſo aͤngſtigender waren, da ſie faſt von nichts ſprach, als von dem Bilde mit dem todten Ritter, und von einem Blitze, der bald auf ſie hernieder fliegen werde. Kam ſie aber zu einem ruhigen Bewußtſeyn: ſo reichte ſie freundlich ihre Hand bald Haſtebecken, bald der Graͤſin, ſagte Beiden gleiche Worte der Liebe, und wurde ſo der verſoͤhnende Engel„ der Beiden wohl that, mitten in ihrem Kummer und Schmerz. Weinend ſaß die Graͤfin neben dem Bette, ganz wieder die zaͤrtliche Mutter, die ſie ſonſt geweſen war. Sie gab Befehl, die Koffer von ihren Reiſe⸗ wagen wieder abzupacken, und Haſtebeck ſchrieb einige Zeilen an ihren Arzt, und jagte einen reiten⸗ den Bothen damit nach der Stadt. Er hatte die Abſicht gehabt, ſich mit Tages Anbruch wieder aufs Pferd zu ſetzen, und zu verſu⸗ chen, ob er nicht wenigſtens dem Wege, welchen Herrmann genommen, auf die Spur kommen — * 334 koͤnne. Jetzt hielt ihn aber die bange Beſorgniß um Seraphinen ſo gefeſſelt, daß es ihm unmoͤglich war, ſich von Aarhorſt zu entfernen. Statt deſſen, ſchrieb er zwei gleichlautende Briefe an Herrmann, mit der Nachricht, daß er keinesweges Seraphi⸗ nens wirklicher Bruder ſey, und daß er daher ei⸗ ligſt zu ihr zuruͤckkehren ſolle. Dieſe beiden Briefe gab er zwei Bedienten, mit der Vorſchrift, auf zwei verſchiedenen Straßen nach dem Schauplatz des Kriegs zu reiten, und Herrmanns Regiment außzuſuchen, bei dem er wahrſcheinlich zu finden ſeyn werde.— Nur zu bald mahnte Kanonendonner aus der Ferne die beiden Bothen, ſo raſch vorwaͤrts zu eilen, als ihre Pferde zu laufen vermochten. Der Arzt kam, und aͤußerte ſich ſehr bedenklich uͤber Seraphinens Zuſtand. Ein zweiter Arzt, der herbei geholt wurde, aͤußerte ſich eben ſo. Furcht und Hoffnung behaupteten im ſchnellen Wechſel die Oberherrſchaft uͤber die Herzen Derer, die mit der liebevollſten Sorgfalt das Krankenbett umſtanden. Die Graͤfin ließ ſich nur zu gern und zu leicht durch jeden Schimmer einer ſcheinbaren Beſſerung taͤuſchen. Gern war ſie jetzt bereit, auf den Nahmen Mutter Verzicht zu thun, wenn Die nur am Leben erhalten wuͤrde, welche ſie muͤtterlich fortlieben mußte: es mochte ihre Tochter ſeyn, oder nicht. Haſtebeck — „„ — S S 1.— 13 22 8₰ dagegen gab ſich nur ſelten einer erheiternden Hoff⸗ nung hin. Er durchſchaute mit richtigem Blick die Gefahr, in welcher die geliebte Kranke ſchwebte; und haͤtte er dieſe auch nicht geſehn: er wuͤrde den⸗ noch, in dem Sinne ſeiner letzten, finſtern Aeußerun⸗ gen gegen Weſtold, als ein Leichhuhn an ihrem Bette geſeſſen und geſeufzt haben:„Sie ſtirbt!“ Und wollte er, um Troſt zu ſuchen, an die Bruſt des treuen, frommen Freundes eilen: ſo ſah er mit Schaudern, wie ſchrecklich die endliche Enthuͤllung des ſchmaͤhlichen Geſchickes, dem die herrliche Schwe⸗ ſter hatte erliegen muͤſſen, auf Koͤrper und Geiſt des zaͤrtlichen Bruders gewirkt hatte; und ſo oft er ſein blaſſes Geſicht, und ſeinen erloſchenen Blick, und ſeine hinfaͤllige, ganz zuſammen gebrochene Geſtalt mit einiger Aufmerkſamkeit betrachtete, mußte er, wider Willen, in ſeinem Innern ſeufzen:„Auch Dieſer ſtirbt!“ So waren, in ewiger Laͤnge, mehrere qualvolle Tage verſtrichen, als eines Abends langſam ein Wa⸗ gen in den Hof fuhr. Als der Knecht die Pferde anhielt, rief er, es moͤchte Jemand zum Helfen kommen, er braͤchte einen verwundeten Offizier. Lebrecht ſturzte zuerſt hinzu; bald darauf ſtanden auch Haſtebeck und Weſtold an dem Wagen. Der Verwundete hatte das Geſicht mit Tuͤchern um⸗ 336 wunden, und war mit einem Mantel bedeckt.— „Herrmann! Herrmann!“ riefen ihm Alle, halb mit Schrecken, halb mit Freude, entgegen. Doch in der naͤchſten Minute ergab es ſich, daß es nicht dieſer, ſondern Langhof war, der alles auf⸗ geboten, und nicht Schmerzen noch weiten Weg ge⸗ ſcheut hatte, um als Verwundeter in Weſtolds Familienkreiſe eine menſchenſteundliche⸗ ruhige Ver⸗ Pflegung zu finden. Voreilig und unvorſichtig war die Nachricht, erſt, daß ein verwundeter Offitzier angekommen, und gleich darauf, daß es Herrmann ſey, bis zu der Kranken gedrungen. So gefaͤhrlich ſie hierdurch auf⸗ gebeist worden war, ſo gefaͤhrlich wurde ſie gleich Harauf durch den Widerruf jener frohen Botſchaft niedergeſchlagen. Ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich ſeit dieſer Stunde immer auffallender. Fuͤhlten ſich nun gleich Alle, und beſonders auch Haſtebeck, auf eine ſehr ſchmerzliche Art getaͤuſcht, als man ſah, daß der Angekommene nicht Herr⸗ mann war: ſo wurde Langho f doch ſehr menſchen⸗ freudlich in Weſtolds Familie aufgenommen, und das gegenſeitige Erkennen zwiſchen ihm und Haſte⸗ beck war ſo freudig und ſo traurig zugleich, daß mit ihnen die Umſtehenden guf das tiefſte erſchuͤttert wurden. Lang⸗ hiebe, eine Wunde im Geſicht und am rechten Arme; er war blaß und hinfaͤllig; aber die Freude, den Mann noch ein Mal wieder zu ſehen, der ihm vor dreiundzwanzig Jahren, um ſo theuern Preis, ſeine Freiheit erkauft hatte, regte ihn auf, als ob er noch ein lebensfroher Juͤngling waͤre, wie in jener Zeit:; und ſein Mund floß uͤber von den aufrichtigſten Ver⸗ ſicherungen ſeiner unveraͤnderten Anhaͤnglichkeit und Dankbarkeit. Haſtebeck aber konnte nicht muͤde werden, in das eine, von den umgewundenen Tuͤ⸗ chern frei gebliebene, ſchoͤne Auge des verwundeten Kriegers zu ſehn, welches Dorotheens Augen ſo geſchwiſterlich aͤhnlich war. Er ſprach mit ihm groͤßtentheils nur von ihr; und die naͤchſte Nacht fuͤhrte ihm wieder ein Mal den ſchoͤnen Traum von ihr vor die Seele, der ſich durch ſein Leben zog, wie der Beſuch eines wolthaͤtigen, maͤhrchenhaften En⸗ gels, der von Zeit zu Zeit unverſehens in die Huͤtte eines Armen tritt, und eben ſo unverſehens wieder verſchwindet. Als Haſtebeck am folgenden Morgen einige Zeit am Bette der Kranken verweilt„ und es dann, noch hoffnungsloſer, als geſtern, verlaſſen hatte, eilte er wieder zu Langhof, und vertraute ihm, unter Vergießung heißer Thraͤnen, die Befuͤrchtung, Weſtold. II. Theil. 22 Langhof hatte, von einem kraͤftigen Saͤbel⸗ —jjjj— daß die Kranke ohne Rettung verloren ſey. Da brach Langhof, ergriffen von dem troſtloſen Schmerze des Freundes, endlich in die Worte aus:„Ach, wie grauſam iſt der Todesengel im Aufſuchen der Opfer, die ihm fallen ſollen! Wie winkt er mit ſei⸗ ner unerbittlichen Hand ſo oft nach dem ſchoͤnſten, blüͤhendſten Leben hin, waͤhrend er vor Denen unbekuͤmmert voruͤbergeht, die ihn ſuchen! Wie manchmal habe ich ſelbſt ihn im Schlachtgewuͤhle ge⸗ ſucht! In meinem letzten Gefecht glaubt' ich gewiß, mein Ziel zu erreichen, und dennoch lebe ich noch! — Ich hatte mit meinen Leuten eine Batterie zu de⸗ cken, an der unſerm General viel gelegen war. Meh⸗ rere Angriffe von Fußvolk hatte ich gluͤcklich zuruͤck⸗ geſchlagen, als durch einen kleinen Haufen von feind⸗ lichen, tollkuͤhnen Reitern ein neuer geſchah. Ihnen Allen jagte ein Offizier voran, der ſchon den linken Arm in einer Binde trug, und ſein erhitztes, ſchnau⸗ bendes Pferd, mit freiem Zuͤgel, gerade auf unſre Kanonen loßſtuͤrzen ließ. Die Kugelſaat, die ihm entgegen gedonnert wurde, ſcheuchte ſein Pferd fuͤr einen Augenblick zuruͤck; aber mit dem Rufe:„Sieg und Tod!“ warf er es mit der rechten Hand herum, ſchwang dann ſeinen Saͤbel hoch empor, und ſtuͤrzte von neuem auf die Batterie los. Die Kanoniere ent⸗ flohen! ſelbſt meine Reiter ſchienen von einem pani⸗ ——/—·O—OCQ———— ſchen Schrecken ergriſten zu ſeyn. Da warf ich mich dem tollkuͤhnen Anfuͤhrer der Stuͤrmenden entge⸗ gen. Ein paar Mal trafen ſich unfere Klingen, ohne daß wir einander beſchaͤdigten. Aber im Au⸗ genblicke, wo mein Saͤbel in ſeine Bruſt drang, fiel der ſeinige auf meinen Kopf und Arm und blutend ſtuͤrzten wir Beide dicht neben einander auf den Bo⸗ den. Als er hoͤrte, daß ich einige deutſche Worte uͤber den Verluſt der Batterie ſprach, nickte er mir freundlich zu.—„Braver Kriegskamrad! ℳ ſagt ich—„ſteht es ſchlimm mit Dir?„—„Nicht ſo, wie ich es wuͤnſchte!“ ſtoͤhnte er mir zu— „Ich ſuchte einen ſchnellen Tod. Gieb mir ihn noch! aber mit meinem eigenen Saͤbel!"— So ſchwach er war, reichte er mir doch ſeinen Saͤbel zu. Da druͤckte ich ihm, wie einem Freunde, die Hand, ſagte ihm ein troͤſtliches Wort, ſo gut ich es vermoch⸗ te, und gab ihm meinen Saͤbel zum blutigen An⸗ gedenken, wie ich den ſeinen behielt, als wir wegge⸗ tragen wurden, um verbunden zu werden.— Ach, warum nahm nun der Tod nicht lieber mich, oder jenen Verzweifelten, ſtatt des beklagenswerthen Opfers, das er ſich hier auserſehn zu haben ſcheint In ſeiner tiefen Betruͤbniß hatte Haſtebeck freilich nur halb hingehoͤrt nach dieſer Erzaͤhlung; doch waren ihm die Worte uͤber den Umtauſch der 22* Saͤbel nicht entgangen. Als er nun bald darauf im Zimmer auf und ab ging, ſiel ihm der Suͤbel, der in einem Winkel ſtand, zufßaͤllig in die Augen, und unbefangen griff er danach, um ihn, abſichtslos, anzuſehn. Doch kaum waren ſeine Blicke auf den Griff des Saͤbels geheftet: ſo ſtieß er einen lauten Schrei des Schreckens aus, denn er ſah, daß es Herrmanns Saͤbel war, den er in der Hand hielt.„Ungluͤckli⸗ cher!“ rief er Langhofen zu—„Welch ein theures Leben haſt Du wahrſcheinlich vernichtet!“ „Wen denn? Wen?“ fragte Langhof betroffen. Als er nun hoͤrte, daß ſein Gegner der Sohn des Grafen Flankenborn ſey, wollte er erſt ſei⸗ nen Ohren nicht trauen; da er aber die Beſtaͤtigung vernahm, ſprang er auf von ſeinem Schmerzensla⸗ ger, jauchzte und taumelte hin durch das Zimmer, wie ein Trunkener, riß Haſtebecken den Saͤbel aus der Hand, und beſah ihn, als ob auch ih m die Kennzeichen daran bekannt waͤren, und brach in wil⸗ de, ſchreckliche Freude daruͤber aus, daß er den Zer⸗ ſtörer ſeines Lebensgluͤcks, wenn auch nicht ſelbſt, doch wenigſtens in ſeinem Sohne, blutig geſtraft habe. „Und mit ihm uns Alle! auf die ſchrecklichſte Weiſe!“ unterbrach ihn Haſtebeck, mit beben⸗ — der Stimme. Aber der Racheduͤrſtige hoͤrte das nicht, und pries, bald betend, bald fluchend, das wunder⸗ bare Geſchick, das ihm den Sohn ſeines Feindes entgegen gefuͤhrt habe. Den Schmerz der Umſtehen⸗ den ſah er nicht eher, bis er, erſchoͤpft von uͤbertriebe⸗ ner, leidenſchaftlicher Anſtrengung, wieder auf ſein Lager geſunken war.— Haſtebecks naͤchſter Gedanke war, den ſchwer verwundeten Herrmann außzuſuchen, obgleich Langhof behauptete, daß das ein nutzloſes Be⸗ muͤhen ſeyn werde. Aber indem ſie eben noch dar⸗ uͤber ſprachen, wo Herrmann wohl zu finden ſeyn koͤnne, kam Marie mit der Schreckensbot⸗ ſchaft ins Zimmer, daß Seraphinens Zuſtand ploͤtzlich ſehr ſchlimm veraͤndert zu ſeyn ſcheine. Athemlos eilte Haſtebeck an das Bette der heißge⸗ liebten Tochter, die mit gebrochenem Auge ſchon ih⸗ ren Todeskampf beſtand, und nichts mehr von ſei⸗ nem betruͤbten, zaͤrtlichen Zuruf ihres Namens ver⸗ nahm. Haͤtte er weinen und beten koͤnnen, wie Au⸗ guſte, und Marie, und die Graͤſin, die auf ih⸗ ren Knieen neben dem Sterbebette lag: er waͤre gluͤcktich geweſen, im Vergleich mit dem Zuſtande, in welchem er ſich befand. In thraͤnenloſer, ſtum⸗ mer Verſtoͤrtheit ſtand er neben der fruͤh zerknickten, ſchoͤnen Blume, die ſeit langen Jahren ſeines truͤben —— ——— 342 Lebens hoͤchſte, faſt einzige Freude geweſen war; und mit einem Schmerzgefuͤhl, als ob eine zertruͤmmerte Welt gegen ſeine Bruſt ſüüszte ſtammelte er endlich: „Sie iſt todt!“ Selbſt im hoͤchſten Grade des Troſtes bedärftig, verſuchte doch Weſtold, dem ungluͤcklichen Freun⸗ de ein Wort des Troſtes zu ſagen, und zog ihn mit Bruderarmen an ſeine hochathmende Bruſt. Doch ohne die Umarmung zu erwiedern, ſagte Haſtebeck zu ihm:„Still doch! ſtill! Es mußte ja ſo kom⸗ men! Ich kenne mein Geſchick.— Gieb acht: auch Herrmann iſt todt! vielleicht ſchon begra⸗ ben!“— Er fragte jetzt auch gar nicht mehr, ob Herrmann geſtorben ſeyn moͤge, ſondern nur noch, wann und wo?! Die Graͤfin druͤckte Seraphinen die ſchoͤnen Augen zu, die nun ausgeleuchtet hatten, wie zwei untergegangene Sterne. Auch einen Kuß druͤckte ſie noch auf den Mund, der, in ſeiner jetzigen Blaͤſſe, einer verblichenen Roſe glich, und auf immer ver⸗ ſtummt war, wie eine zerriſſene Saite.— Keine andern, als Haͤnde der Liebe, durften die theure Lei⸗ che berühren; und Auguſte ſorgte, daß ſie im Sarge mit einem Kranze von weißen und rothen Ro⸗ ſen geſchmuͤckt ward, wie fruͤher Weſtolds un⸗ gluͤckliche Schweſter. —4— — —— 343 Als dieß eben geſchehen war, kam einer der aus⸗ geſandten Briefboten zuruͤck. Haſtebeck eilte ihm entgegen, und ſtarrte ihn, mit vorgehaltenen Haͤnden und feuchten Augen, einige Sekunden ſchweigend an. Auch der Bote hatte den Muth nicht, zu ſprechen. —„Wo liegt er begraben?“ ſtammelte Haſte⸗ beck dann, mit weicher, gebrochner Stimme.— „Er wuͤnſchte, hier begraben zu werden.“ erwiederte traurig der Diener.„Der Wagen mit dem Sarge wird bald hier ſeyn.“— Aus der Heftigkeit, mit welcher Haſtebeck bei dieſen Worten bebend zu⸗ ſammen fuhr, ſah man, daß er doch noch auf die Erhaltung Herrmanns, ohre ſich deſſen bewußt zu ſeyn, gehofft haben mußte, ſo beſtimmt er auch von ſeinem Tode geſprochen hatte. Der Diener erzaͤhlte, daß er den Verwundeten erſt am dritten Tage nach dem Gefecht in einer klei⸗ nen Stadt aufgefunden habe; als er ſich den Brief vorleſen laſſen, ſey ſein Geſicht ſehr freundlich erhei⸗ tert worden; er habe den Brief noch mit ſchwacher Hand an die Lippen gedruͤckt, aber bald, im Gefuͤhl ſeines herannahenden Todes, geſagt, er werde Se⸗ raphinen nie wieder ſehn, und wenn auch ſie ſter⸗ ben ſollte, ſo moͤchte man ihren Sarg neben den ſei⸗ nigen ſtellen; nach wenigen Stunden ſey er dann, in Folge eines neuen Blutverluſtes gus ſeiner Wun⸗ ———— 344 de, geſtorben.— Leiſe mit dem Kopfe nickend, und wie im Traume, ſagte Haſtebeck:„Amen! Amen! Gut ſo! Der grauſame Tod hat Barm⸗ herzigkeit an ihnen geuͤbt! Er hat die Ungluͤcklichen, die der zaͤrtliche Vater auseinander riß, in ſeinem dunkeln Reiche wieder vereinigt! Braucht doch nun Einer nicht um den Andern zu weinen!“— Still und ſtumm ſaß er dann auf einer Stelle, bis der Wagen mit dem Sarge kam, den man zur Rechten von Seraphinens Sarge, in dem ſchwarz ausge⸗ ſchlagenen, kerzenhellen Saale aufſtellte. Die allgemeine Trauer hatte neue Nahrung er⸗ halten. Alles war verſunken in der allertiefſten Be⸗ truͤbniß. Selbſt Langhof war erſchüttert, und bat Lebrechten dringend, ihn nach der naͤchſten Stadt, wo ein Lazareth war, bringen zu laſſen, weil er es nicht laͤnger aushalten koͤnne in einem Kreiſe, zu deſſen erneuter Trauer er die naͤchſte Ver⸗ anlaſſung gegeben habe. Beim Abſchiede bat er Haſtebecken mit bittrer Seibſtanklage, ihm den vorgeſtrigen, wilden Ausbruch rachſuͤchtiger Scha⸗ denfreude zu verzeihn, und ihn nicht zu haſſen, bei der Trauer uͤber den Todten. „Beruhige Dich daruͤber!“ antwortete ihm Haſtebeck—„Ich ſehe in Dir nur ein Werkzeug —————— — —— der Vorſehung, und nie werde ich Dorotheens Bruder haſſen koͤnnen.“— 159 Der folgende Tag war zur Beiſetzung der Suͤrge in die Familiengruft der Graͤfin unter der Kirche be⸗ ſtimmt. Vorher waren ſie, geoͤffnet, vor dem Alta⸗ re aufgeſtellt, Seraphinens Leiche mit dem Kranze von Roſen, Herrmanns Leiche mit ei⸗ nem Lorbeerkranze geſchmuͤckt. Hunderte weinten bei dem Anblick des ſo fruͤh dahin gerafften, jungen Paares. Selbſt die fremdeſten Zuſchauer waren ge⸗ rührt, und ſangen voll wehmuͤthiger Andacht das Sterbelied mit. Haſtebeck aber ſaß ſtumm und bewegungslos, wie zu Stein geworden, dicht neben Seraphinens Sarge— ein Bild des herzzerrei⸗ ßendſten Kummers. 26 Weſtold, der ſich, aller Abmahnungen un⸗ geachtet, nicht hatte wollen zuruͤckhalten laſſen, ſeine heutige, allzu erſchuͤtternde Amtspflicht zu erfuͤllen, wankte jetzt, langſamen Schrittes, vor den Altar, tief zu Boden das blaſſe, auffallend entſtellte Geſicht geneigt. Er vermochte nicht, hin zu blicken nach den Todten, die er auf der nemlichen Stelle vor Kurzem erſt zur Heiligung ihres Bundes der Liebe geſegnet hatte, und die er heute, in ihren engen Saͤrgen, ſegnen ſollte zu ihrem Eingange in das Land des ewigen Friedens!— 346 Zitternd erhob er die gefallteten Haͤnde uͤber der Bruſt; zitternd ſtammelte er einige Worte des from⸗ men Gebets, das er ſprechen wollte; noch zittern⸗ der verſuchte er, ſie zu wiederholen— da verſagte ihm ploͤtzlich die Stimme; es ſchien dunkel zu werden vor ſeinen Augen; er wankte, und ſtreckte die Haͤn⸗ de aus, als ob er ſich irgendwo anhalten wolle. Schnell ſprang Haſtebeck zu ihm hin, daß er nicht falle; und in ſeinen Armen endete ein aberma⸗ liger, toͤdtlicher Nervenſchlag das Leben ſeines ge⸗ liebteſten Freundes, des frommen Prieſters des Herrn, deſſen Geſicht nun, wie verklaͤrt, noch ſeine Freude auszudruͤcken ſchien, daß ſein entfeſſelter Geiſte von ſo heiliger Staͤtte ſich zu einem hoͤheren Leben em⸗ por ſchwang. Unter lauten Klagen ſtuͤrzten Auguſte, Ma⸗ rie und Lebrecht hinzu. Wenigſtens noch einen einzigen Laut der Liebe wuͤnſchten ſie von dem Theuren zu hoͤren. Aber ſein frommer Mund war ſchon auf immer verſtummt, und ſein Herz voll Liebe ſchlug ſchon nicht mehr! Er war eines ſeligen Todes ge⸗ ſtorben, mitten in ſeinem heiligen Beruf, ohne vor⸗ hergegangenen Krankheitsſchmerz und Trennungs⸗ kummer, und das Gewiſſen rein, gleich einem kri⸗ ſtallenen Spiegel. Mit einem unausſprechlichen Ge⸗ fühl der Liebe und der Trauer druͤckte Haſtebeck 34⁷ ſeinen Abſchiedskuß auf die Lippen des Todten, blick⸗ te dann raſch, wie im Trotze der Verzweiflung, zum Himmel auf, und ſprach mit erſchuͤtternder Stimme: „Richter uͤber den Sternen! Nun haſt Du Alles! mein Liebſtes! Nun kannſt Du mir nichts mehr nehmen!“— Weſtolds Sarg war nach drei Tagen unter einer der majeſtaͤtiſchen Gottesacker⸗Linden in die Erde geſenkt, und zwar auf der naͤmlichen Stelle, wo er bei ſeinem erſten Beſuche von Aarhorſt auf dem gruͤnen Raſen geſeſſen, und ſo ſelig getraͤumt hatte.— Die Graͤfin ſchickte ſich an, auf immer Aarhorſt zut verlaſſen, um in kloͤſterlicher Stille das harte Mißgeſchick ihres verfehlten Lebens zu betrauern. Um noch ein gutes Werk zu thun, ſorgte Haſte⸗ beck, daß ſie Lebrechten und Marien auf im⸗ mer eine gute Lage ſicherte. Dann riß er ſich ge⸗ waltſam von Aarhorſt los, um in der Reſidenz ſeine Vermoͤgens⸗Angelegenheiten zu ordnen, und dann Europa auf immer zu verlaſſen. Als er eben aus der Reſidenz wieder abreiſen wollte, traf der Graf dort ein. Das unerwartete Begegnen von Beiden glich dem Gegeneinanderflie⸗ gen von zwei heißen, feindlichen Kugeln, die, halb 348 zutſammengedruͤckt im harten Stoße, ſchnell ermattet mit⸗ und nebeneinander zu Boden fallen. Der Graf ſchaͤumte vor Wuth, bei Haſtebecks Anblick, uͤber die eigenmaͤchtige Verheirathung ihrer Kinder. Haſtebeck aber donnerte ihm entgegen, daß Beide, als die unſchuldigen Opfer ſeiner zuͤgel⸗ loſen, frevelhaften Leidenſchaftlichkeit, gefallen waͤren, und mit ihnen Weſtold, wie fruͤher ſchon Werner und die ſchaͤndlich betrogene Marie. Er ſchalt ihn einen fuͤnffachen Moͤrder, und rief ihm mit furchtba⸗ rem Tone zu, daß Herrmann, nach der Rache⸗ goͤttin Willen, von Langhofs Hand gefallen ſey. Wie niedergeſchmettert von einem ſtrafenden Blitze, ſtuͤrzte der Graf auf den Sopha, vor dem er geſtanden hatte, zerraufte in graͤßlicher Verzweiflung ſein Haar, und verfluchte laut ſein Geſchick und ſich ſelbſt.— Er hatte Seraphinen, wie ein ju⸗ gendlicher Wuͤſtling, Herrmannen aber, wie ein zaͤrtlicher Vater geliebt! Beide ſah er ins Grab geſtuͤrzt durch ſeine Schuld! Und daß ſein un⸗ gluͤcklicher Brief den geliebten Sohn gerade gegen Langhofs toͤbtlichen Saͤbel getrieben hatte, das zermalmte ſein Innres bis auf den tiefſten Grund! Der ruͤckſichtloſe Frevler, deſſen einziger Goͤtze bis⸗ her ſein ungezuͤgelter Sinnentrieb geweſen war— der bisher die Tugend fuͤr eine Thorheit, den Glau⸗ ben an Gott und Vorſehung fuͤr einen maͤrchenhaften Wahn gehalten hatte— er erblickte jetzt einen furcht⸗ baren Sinn in der Verkettung ſeiner erſten, folgen⸗ reichen Frevelthat mit dem blutigen Tode ſeines ge⸗ liebten, aber in fuͤndlicher Umarmung erzeugten, Sohnes— und mit einem Schauder, der ſein in⸗ nerſtes Mark durchbebte, faßte er zum erſten Male den Gedanken: Es iſt ein Gott! ein hoher, ewiger Richter, der mit ſtrenger Waage die guten und die boͤſen Thaten der Menſchen waͤgt, und fruͤh oder ſpaͤt ſie lohnet oder ſtraft!— Wie vernichtet in ſei⸗ nem Innern, rieſ er aus:„Ich bin elend! elend guf immer! Mein gewonnener Reichthum iſt mir nun nichts! nichts! denn ich kann die geliebten Tod⸗ ten damit nicht wieder erwecken, und den Fluch nicht hinwegwaͤlzen, der auf meinem Leben liegt!⁰— Er vermochte nicht mehr, zu Haſtebecken aufzublicken; und als dieſer ihn in ſolcher innern Zer⸗ ſtoͤrung, allen Furien eines qualvollen Bewußtſeyns anheim gefallen, erblickte, verſtummte ſeine ſtra⸗ fende Rede; und Die in flammendem Haß und Zorn auf einander geſtoßen waren, Die ſchieden ſtill und tief gebeugt von einander; und der ſchwere Seuf⸗ zer, der ſich der Bruſt eines Jeden entwand, ver⸗ trat bei Jedem das ſchwere Abſchiedswort.— Ohne ſich weiter durch etwas aufhalten zu laſ⸗ ſen, eilte Haſtebeck nun, faſt immer mit ge⸗ 350 ſchloßnen Augen in die Ecke ſeines Wagens gedruͤckt, der Nordſee zu.— In der Kirche zu Ottenſen ward ihm endlich der lange gehegte Wunſch gewaͤhrt, Dorotheen noch einmal wieder zu ſehen. Der Gaſtwirth, bei dem er eingekehrt war, zeigte ſie ihm dort. Er ſelbſt haͤtte ſie ſchwerlich herausgefunden aus den hundert ſrem⸗ den Geſichtern, zwiſchen denen ſie war. Die Bluͤ⸗ the ihrer Schoͤnheit war vor der Zeit verwelkti In jeder ihrer Mienen, in jedem ihrer tief geſenkten Bli⸗ cke glaubte er zu leſen, wie traurig und duͤſter ihr Eheleben geweſen ſeyn muͤſſe. Ein Bild des tiefſten Kummers trat in ſeiner Seele an die Stelle des ſon⸗ ſtigen, engelſchoͤnen Traumbildes. Eine neue Trauer erfuͤllte ſein Herz! Als der Gottesdienſt geendet war, ſtellte er ſich, vor der Kirchthuͤr, neben Klopſtocks Denkmal, und dachte mit Seufzen, wie begeiſtert er, in den gluͤcklichen Tagen ihrer Liebe, aus des unſterblichen Dichters Selmar und Selma ſeiner Doro⸗ thee vorgeleſen hatte: „Selma, ich ſterbe mit Dir! Den Schmerz ſol Selma nicht fuͤylen, Daß ſie ſterben mich ſieht!“ Dicht neben ihm ging jetzt langſan Dorothee vorüͤber, ohne ihn zu erkennen, oder zu beachten! , ——— —— — 351 Wenig fehlte, daß er ihre Hand ergriff. Nicht mehr, um zu koſen mit ihr, wie in den Jahren der bluͤhen⸗ den Jugend, wohl aber, um ihr, aus der Fuͤlle des tief bewegten Herzens, Worte des Mitleids und der Trauer zu ſagen, um ſich noch einmal recht aus⸗ zuweinen an ihrem Herzen, waͤre er ihr gern in ihre Wohnung nachgefolgt; aber er fuͤhlte, daß er in dem Gemuͤth der Ungluͤcklichen nur ein geſchaͤrftes Gefuͤhl ihres Ungluͤcks aufregen wuͤrde, wenn er ſich ihr zu erkennen gaͤbe, und ſie an die ſchoͤne Zeit ihrer gluͤck⸗ lichen Liebe erinnerte. Jeden Wunſch dieſer Art kaͤmpfte er alſo nieder; und nur ſeine bethraͤnten Blicke und ſeine fröͤmmſten Wuͤnſche begleiteten ſie, bis ſie an der Thuͤr ihrer Wohnung verſchwand. Leiſe ſeufzte er ihr nach:„Selma! Selma! ich moͤchte ſterben mit Dir!“ Gaͤnzlich abgeſchloſſen war nun ſeine Rechnung mit Allem, was er geliebt hatte. Der ſonſt ſo hoch flammende Berg ſeines Herzens war zum ſchwarzen Krater geworden, voll kalter„ trauriger Aſche.— Am Strande von Cuxhaven ſah er endlich das Meer, das alte Ziel ſeiner wilden, jugendlichen Traͤu⸗ me und Wuͤnſche! Von einem ſchwuͤlen, duͤſtern Himmel uͤberſpannt, lag es, in weiter Ausdehnung, dunkel und ruhig vor ſeinem weit hinausſtarrenden Auge, gleich riner ungeheuren, geheimnißvollen Ta⸗ fel, welche er um das Raͤthſel ſeines kuͤnftigen Ge⸗ ſchicks befragte, ohne eine Antwort zu erhalten. „Biſt auch Du geſtorben,“ ſprach er—„du ſonſt ſo bewegliches, unbezaͤhmbares, lautbruͤllendes Ungeheuer? Haſt Du keine Stimme fuͤr mich?“ Ein ſtarker Weſtwind weckte die ſchlummernden Wellen, gab ihnen laute und immer lautere Stim⸗ me, und warf ihnen hohe, fluͤchtige Kronen von Millionen weißer Perlen auf die emporſteigenden Haͤupter.„Das ſind die Stimmen und die Geiſter meiner Lieben!“ ſagte Haſtebeck mit hochklopfen⸗ der Bruſt—„Sie rufen und winken mir mit tau⸗ ſend Toͤnen und Zeichen der Liebe!“— Mit dem erſten, abſegelnden Schiffe verließ er Europa. Pfeilſchnell durchſchnitt es bei ſeinem Aus⸗ laufen die Wellen! Aber nur ſeine Truͤmmern wur⸗ den endlich an eine ferne Kuͤſte geworfen; und das Reer, wonach Haſtebeck ſich ſo lange geſehnt hatte, wurde ſein Grab. Ende des zweiten und letzten Theils. Hatle, gedruckt bei Leopold Baͤntſch. ——— — fn