Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. 4 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 11. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 13 offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe einez. geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zei.*s Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. bet⸗ 4 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Vinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 3 für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 NMr. Pf. 1 Mr 50 Ff. 2 Mr— Ff. , 3„„„„=„„—„ 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Hieldüigen⸗ welche die⸗ *¹ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8UCH- NR. 11.890.385 —— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 0II 215 B01 T 11 890 385 9 4 — L ſe ein Freund ——— vont — X.G. Sber bard — X¼ X Orskter Jheil. 6 Alle in der R engerſchen 8 uchh andlung.) 1823. n Weſ Weſtold nd ſein Freun d. Erſter Theil. Weſtold. I. Theil. 1 4 Weſold, der freundlichſte, froͤmmſte Advokat der Stadt, vielleicht im ganzen Lande, ſaß eben ufzend an ſeinem Aktentiſche: da ſtuͤrmte ſein ugendfreund, der Regimentsquartiermeiſter Hg⸗ tebeck, von jeher der Wilde genannt, die Treppe erauf und zur Thuͤre herein. Handſchlag und Kuß zaren von beiden Seiten herzlich und freudig, wie in aherer Zeit. Waren ſie gleich jahrelang getrennt jeſen, und hatten ſie auch keinen regelmaͤßigen der lebhaften Briefwechſel unterhalten: ſo lieb⸗ en doch die Maͤnner einander noch, wie ſonſt die zuͤnglinge es thaten. Auch erkannten ſie einander uf den erſten Blick, denn ihr Aeußeres war wenig feraͤndert. Weſtold, kaum von mittlerer Groͤße, och von feinem, regelmaͤßigem Gliederbau, blaſſen, voch freundlichen Geſichts, und mit der vorgeboge⸗ 1* 4 nen Naſe und dem ſtark zuruͤckweichenden Kinn an des Neapolitaniſch⸗Eutiniſchen Tiſchbeins Cha⸗ racteriſtik der anſpruchloſen Gutmuͤthigkeit erinnernd, war in Mienen und Bewegungen noch ganz der Alte, nur daß der Blick aus ſeinen großen, blauen Augen faſt ſchwaͤrmeriſch⸗ ſchwermuͤthig, und ſeine Haltung etwas gebuͤckter geworden war, als ſonſt. Dagegen Haſtebeck/ groß, kraͤftig, ungebeugt, ungewoͤhnlich lebhaft in jeder Miene und Bewegung ſeines Koͤrpers; das ſonn everbrandte Geſicht ſcharf gezeichnet in allen ſeinen Zuͤgen, aber von der Spitze der hohen Stirn bis hinab zum baͤrtigen, runden Kinn, maͤnnlich edel in Form und Ausdruck; etwas ernſter, faſt finſter geworden die Blicke der ſchwarz⸗ braunen Augen, die unter den ſtarken, dunkeln Augenbraunen, bei jeder Aufregung ſeines lebhaf⸗ ten Gemuͤths, wilde Blitze hervorſchoſſen. So ſtanden ſie jetzt, nach langer Trennung, ploͤtzlich wieder einander gegenuͤber, und die Freude des Wiederſehens war bei Beiden gleich groß.— Vom frohen Aufjauchzen und herzlichen Willkom⸗ menheißen kam es endlich zum Fragen und Erzaͤhlen. 2 5 „Ich kehre eben von einer Geſchaͤftsreiſe zurück”“ nahm Haſtebeck das Wort,„und ich bin zehn Meilen umgereiſt, lieber Herzensfreund, vorzuͤglich um dein Ehegluͤck einmal zu ſehen, und um dir zu zeigen und zu ſagen, daß mein alter Liebesſchwin⸗ del nun aus dem Kopfe heraus iſt, und daß ich wieder geſund, friſch und freudig bin, wie ehemals, ehe mein Unſtern mich und Dorotheen Langhof mit Liebesfaͤden zuſammen ſpann.“ „ Dacht ich's doch immer,“ ſagte Weſtolb— nund ich denke, ich habe es dir auch geſchrieben, daß die Zeit, die alles heilt, auch deine Liebeswun⸗ den— ℳ Aber Haſtebeck ließ ihn nicht ausreden. „Hohle der Teufel deinen Gemeinplatz!“ rief er aus—„die Zeit hat's warlich nicht gethan! Ich liebte Dorotheen fuͤr's ganze, ganze Leben. Dieſe Liebe, die mich faſt um Leben und Verſtand gebracht haͤtte, ſie waͤre nie aus meiner Seele ge⸗ kommen! NMit in die Ewigkeit haͤtte ich ſie hinuͤber getragen! Dorothee war der einzige Liebesenget für mich in der Welt! Sie ſollte es mir auch blei⸗ 1 42 ———— 6 ben!— Seit der liſtige Schelm von Oheim ſie aus meinen Armen entfuͤhrt, und einem Andern, den ſie verabſcheute, zur Beute uͤberliefert hatte, war meine Liebe nicht ſchwaͤcher, nur duͤſtrer geworden! Ich hatte ihr laͤngſt die Schwaͤche verziehn, mit der ſie ſich von mir hinwegreißen ließ; und ich ſchwur der Ungluͤcklichen eine ewige Liebe und Trauer!“ „Solche Schwuͤre ſollte man nicht thun⸗“ ſagte Weſtold. Doch raſch erwiederte Haſtebeck:„Wer ſie halten kann, mag ſie thun! Ich konnte und wollte ſie halten der Ungluͤcklichen! Und warlich, ich haͤtte ſie ihr gehalten! Aber, Weſtold, ſie iſt gluͤcklich! gluͤcklich!— gluͤcklich an der Seite des ſonſt Verabſcheuten!“— Er ging mit großen Schritten im Zimmer auf und gb. Weſtold folgte ihm mit ungewiſſen Blicken, weil er nicht wußte, ob er den Freund wirklich fuͤr geheilt, oder noch fuͤr krank halten ſolle. Endlich fragte er mit milder Stimme:„Woher weißt du es, daß ſie gluͤcklich an ſeiner Seite iſt?“ 7 „Von Sophien Brink, des Arztes Toch⸗ ter, ihrer Verwandtin, die bei ihr geweſen, und die Herrlichkeit mit angeſehen hat.— Und, daß du ßt: Sophie iſt nun meine Braut!“ zeſtold war nicht wenig erſtaunt uͤber dieſe rtete Rachricht. Er wollte ſich freuen, aber onnte es nicht. Sein herzlicher Gluckwunſch klang faſt, wie eine Beileidsbezeugung.„Gott gebe dann, daß guch du nun recht gluͤcklich wirſt! ſetzte er, halb ſeufzend, hinzu. „O, das werd'’ ich gewiß!“ erwiederte Haſte⸗ beck—„ia, ich bin es ſchon! Ich bin es mehr— tauſendmal mehr, als ich ſeit Jahren hoffen konnte! — Manches, manches aus meinem Leben lag mir ſchwer auf dem Herzen— warlich, centnerſchwer! — ich konnt' es nicht abwaͤlzen, ſo ſehr ich mich auch dagegen ſtemmte!— O, es koͤnnen einem boͤſe Dinge durch den Weg laufen, ohne daß man ſelbſt boͤſ iſt, oder Neigung zum Boͤſen hat!— Aber nun iſt alles gut! alles Boͤſe vergeſſen! Das ſchoͤnſte Maͤdchen weit und breit iſt meine Braut! Ich werde ein glͤcklicher, ein uͤberglücklicher Ehemann!“ 2 —; 8 Weſtold fragte beklommen, was ihm denn Boͤſes durch den Weg gelaufen ſey? „Davon ein andermal— oder auch niemals!“ ſiel ihm Haſtebeck ins Wort.„Fuͤr dich, du fromme Seele, du Titular⸗Advokat„ der eige. ein geborner Prieſter iſt, taugt ſo was nicht! Lur ſchreckhaft iſt den muß man keine Geſpenſterge⸗ ſchichten erzaͤhlen! Lieber meinen Handel mit So⸗ phien will ich dir mittheilen.— Sieh, der hat ſich ſonderbar gemacht. Ich gewann ihre und ihres Vaters Aufmerkſamkeit und Zuneigung zuerſt da⸗ durch, daß ich, bei Gelegenheit einer Geſchaͤftsreiſe nach Frankfurt am Main, dem Franz Lang hof, Dorotheens Bruder, einem unbeſonnenen jun⸗ gen Menſchen, zur Rettung aus einer ſehr boͤſen Lage behuͤlflich ward. Zwar erfuhren ſie nie, und ſollen auch nie erfahren, um welchen boͤſen, un⸗ glücklichen Preis das geſchah— jg, ich moͤchte, daß ich ſelbſt es nicht mehr wuͤßte!— doch da ſie„ als nahe Verwandte, ſehr lebhaften Antheil an dem Schickſal des jungen Menſchen nahmen, und ſie mir meine Hülfe um ſo hoͤher anrechneten, da ſie damals ——— —— — ———— 9 noch nicht wußten, daß eigentlich nur meine Liebe zu ſeiner Schweſter mich zu dem, was ich that, getrieben hatte: ſo bezeigten ſie ſich ſo dankbar und gaſtfreundſchaftlich gegen mich, daß ich nach und nach auteger Hausfreund wurde. Jahrelang ſah t nichts Anziehendes für mich, als dat ne Berwandtin war. Ich wußte nicht, daß ſie ſe. ge⸗ ſcheit ſey, wenigſtens beachtete ich es n. 3 das zog mich zu ihr hin, daß ich mit ihr von To⸗ rotheen ſprechen konnte. Ach, was waren das ehemals füͤr ſelige— ſpaͤterhin fuͤr unſelige Stunden! Wie habe ich gejauchzt! Wie habe ich getobt vor ihr! Durch ſie erfuhr ich ja die Ungluͤcksgeſchichte Dorotheens!— Du weißt, wie ſtumm und hoffnungslos ich Dorotheen jahrelang liebte, weil ſie reich war, und meine Bewerbung um ſie als Eigennutz erſcheinen konnte!— Endlich wollte ich aber doch an mein Ziel! Um ihres Oheims willen nahm ich die Regimentsquartiermeiſter⸗Stelle an, die mir durch einen hohen Goͤnner angetragen wurde; ich warf Pinſel und Palette hinweg, und gab mein heiteres, ſchoͤnes Kuͤnſtlerleben auf, denn Alles, Alles ſollte mir Dorothee verguͤten und erſetzen! Doch wenig fehlte, ſo waͤre aus meinem Schaͤferſpiel ein Trauerſpiel geworden! Glaub' es mir: Eines Abends, als ich mich ihr ſchriftlich entdeckt, und mich, aus Mißverſtehen i ihrer jung fraͤulichen Schuͤchternheit, von ihr verſchmaͤht waͤhnte— war lich, da rettete nur der Zufall mein Leben, vaß der Kraͤmer, von dem ich mir Pulver fuͤr mein Piſtol holen wolite, eines Familienfeſtes wegen ſeinen Laden um eine Viertelſtunde fruͤhen verſchloſſen hatte, als ſonſt. Haͤtte er das nicht gethan: ſo waͤre der Abend mein letzter geweſen In der Nacht war ich dem Wahnſinne nahe! So furchtbar war ich erſchuͤttert von hoffnungsloſer Lieb und von vermeintlicher Beſchaͤmung!— Hier verſagte die Stimme dem Erzaͤhler. E fuhr mit der Hand am Geſicht hinunter in heftigen Bewegung, und ging mit ſtaͤrkeren Schritten in Zimmer hin. Weſtold ſchlug die Haͤnde zuſammen, und ſagte dann mit bewegter Stimme:„Gelobt ſen Gott, der dich rettete vom Verderben!“ 11 „ Pah! Jugend⸗Tollheit!“ erwiederte Ha⸗ ſtebeck, und fuhr dann ruhiger fort: „Ich floh ſie nun einige Zeit; ich wollte ſie nie wiederſehen; aber ſie zog mich wieder zuruͤck. in ihren Zauberkreis; und als ich ihr nun ſagte, daß ich ſie fliehen muͤſſe, wenn ich nicht untergehen wolle in immer erneutem, leidenſchaftlichem Schmerz —— da, da,— o Weſtold, welch eine unver⸗ geßliche Stunde war das!— da legte ſie, verſtum⸗ mend und erroͤthend, einen Brief ihres Oheims in meine Hand, aus welchem ſich ergab, daß ihr Herz mir gehoͤrte, wie das meine ihr; daß ſie mich jahrelang im Stillen geliebt hatte, wie ich ſie; daß ſie dem Oheim ſchon laͤngſt bekannt hatte, ſie koͤnne um meinetwillen dem reichen Vetter ihre Hand nicht geben, obgleich meine Liebe damals noch ſtumm gegen ſie geweſen war!— O„We⸗ ſtold, was war das fuͤr eine Stunde! Fuͤr einen ganzen Himmel voll uͤberirdiſcher Seligkeit haͤtte ich ſie nicht hingegeben! Ich war aus einer finſtern Hoͤhle mit einem Zauberſchlage in ein Tempe voll duftender Blumen und flötender Nachtigallen ver⸗ — 12 ſetzt! Ich ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen im Uebermaaß mei nes Entzuͤckens; ich ſprang auf, um ſie ans Herz zu druͤcken, als die Meine! und ſie beſiegelte es mi dem zaͤrtlichſten Kuſſe, daß ſie es ſey!— O haͤtt doch unſer Leben geendet in dieſer Stunde, nach der keine ſchoͤnere kommen konnte— der nur zu bald ſo boͤſe folgten!—— Daß ich's kurz mache: Wit verlebten noch einige ſehr ſchoͤne Tage, und blickten mit gleichem Entzuͤcken in eine Zukunft voll der hoͤchſten Gluͤckſeligkeit in unzertrennlicher Vereini⸗ gung!— Aber— aber—— es war ein Traum, der ſchnell zerrann!— Sie mußte zu dem Oheim! Wir trennten uns unter unzaͤhlbaren Thraͤnen! Iht Bruder mußte uns faſt gewaltſam auseinander rei⸗ ßen. Ach, wir ahnten es wohl, daß es auf immen war!“. Abermals verſtummte der Erzaͤhler, ſo daf Weſtold mitleidvoll ſeine Hand ergriff, und kaun die Worte:„O du armer Freund!“ uͤber die Lippen bringen konnte. Nach einer kleinen Pauſe fuhr Haſtebech abermals fort:„Ihr naͤchſter, ſehnſuchtsvoll von 13 mir erwarteter, Brief ſtuͤrzte den ganzen Prachtbau meines Glucks in kloͤgliche Truͤmmern. Der Ohein hatte ſie eingeſchuͤchtert, wie ein gejagtes Neh, wi⸗ eine Taube, uͤber welcher der Geier ſchwebt. Jede Zeile ihres Briefes war der Ausdruck des troſtloſe⸗ ſten Schmerzes. Sie warf es ſich als ein Vergeher vor, ohne Vorwiſſen ihres Oheims mir ihr Her⸗ aufgeſchloſſen, ihre Hand zugeſagt zu haben! O, w mußte man ſie gepeinigt haben! Sie beſchwor mie bei meiner Liebe, ihr Wort ihr zuruͤck zu geben!“¹. „ Und du thateſt das?“ fragte Weſtold. „Ja!“ antwortete Haſtebeck—„ ich tha es, voll Verzweiflung, voll Grimm, voll Stolz!— Die Verzweiflung ſtuͤrzte mich zu Boden; der Stolz erhob mich wieder. Ich konnte nicht betteln um ihre Treue. Ein erbetteltes Gluͤck konnte fuͤr mich keins ſeyn. Ich beſchloß, meinem Mißgeſchick zu trotzen; und ich kaͤmpfte kraͤftig gegen meinen Schmerz. Ich ſuchte mir einzubilden, daß ſie todt ſey, um zu ver⸗ geſſen, daß es ſchlimmer war als waͤre ſie todt.— Ich warf mich mit Eifer in meine neue Bahn, uͤber⸗ nahm Geſchaͤfte, die mir eigentlich zuwider waren, 1 1 1 4 4 n A. 8 4. 4— —— 2 ————————— —— —y und ließ mich in mancherlei Verhaͤltniſſe ein, nut um mich gewaltſam von mir ſelbſt abzuziehen.— So verſtrichen einige Monathe, in denen ich von Do⸗ rotheen nichts erfuhr, als daß ſie mit dem Oheim und mit ihrer aͤltern Schweſter eine ſogenannte Zer⸗ ſtreuungsreiſe zu den Verwandten nach Danzig habe machen muͤſſen. Dieſe Nachricht erfuͤllte mich, widen Willen, mit Unruhe. Ich kraͤnkelte. Mein Arzt ſchickte mich in die boͤhmiſchen Baͤder. Wieder ge⸗ ſtaͤrkt an Leib und Seele, doch noch gaͤnzlich unge⸗ wiß uͤber die weitere Wendung von D oroth eens Schickſal, war ich, auf dem Ruͤckwege nach meiner „Heimath, nach Dresden gelangt. Es war Sonn⸗ tag. Ich ging, gegen Mittag, in die katholiſche Kirche, wie ich mir vorſagte, der Muſik wegen, eigentlich aber nur, weil ich mit Dorotheen zehn Monath früher, noch im gluͤcklichſten Zeitpunkt unſrer Liebe, kurz vor der grauſamen Trennung von ihr, um die nemliche Stunde dort geweſen war. Jetzt ſtand ich einſam und duͤſter im Menſchenge⸗ draͤnge, und dachte nur an ſie und damals, ohne nach der Muſik zu hoͤren, oder nach den Altarbil⸗ *. dern zu ſchauen. Ohne Abſicht„ ohne nach einem Menſchen zu ſuchen, war mein Blick nach den dicht gedraͤngten Reihen betender Frauen gerichtet. Da begegnen mir endlich einmal, zweimal und oͤfter noch, halb forſchende, halb ſchuͤchterne Blicke aus zwei großen, ſchwermuͤthigen Augen, die ſich jedes⸗ mal zum Boden ſenken, wenn die meinigen ihnen begegnen. Es that mir einen Stich ins Herz, ohne daß ich noch wußte, warum. Aber jetzt kommt eine kleine Bewegung unter die Zwiſchenſtehenden. Ich kann endlich das ganze Geſicht, das mich ſo ſonder⸗ bar feſſelte, ſehn; und ploͤtzlich faͤhrt es mir, wie ein Blitz, durch die Glieder! ich glaube, Dorotheen zu ſehn; nur in ſchmerzlich veraͤnderter Geſtalt! ab⸗ gebleicht die ſchoͤnen Roſen ihrer Wangen; zu trau⸗ rigem Ernſte geworden das unſchuldige Laͤcheln ihres Mundes; und verloſchen in duͤſterer Kaͤlte der zau⸗ beriſche Glanz ihres ſchoͤnblauen Auges! Ich ſtarrte hin, wie nach einer Zaubererſcheinung! Endlich wurde mir's klar, daß es Dorotheens Schwe⸗ ſter war, die ich ſah! Mir war wunderbar zu Mu⸗ the. Dennoch entging es mir nicht, daß ſie von 14 16 mir nicht erkannt ſeyn wollte. Das verrieth ſich in ihren unruhigen Bewegungen in dem moͤglichſten Abwenden ihres Geſichts, und in dem immer tiefe⸗ ren Niederſchlagen ihrer Augen. War es boͤſes Ge⸗ wiſſen— oder war es Schmerz uͤber mein und Dorotheens Geſchick?— Ich wußt' es nicht, und konnt' es nicht ergrunden.— Aber unbeweg⸗ lich ſtand ich, und ſtarrt' ich hin nach dem blaſſen Nonnengeſichte, in dem ich, wie durch eine Flor⸗ Maske, das Bild meiner Heiligen, meines holden Engels der Liebe erblickte. Es erfullte mich mit Pein und mit Wonne zugleich, wie die Erſcheinung einer geliebten Todten! Es wollte mich forttreiben in jedem Augenblick, und hielt mich doch feſt auf meine Stelle gebannt, wie ein uͤberirdiſcher Zau⸗ ber!— Endlich war die Meſſe geendet, und An⸗ daͤchtige und Gaffer draͤngten ſich den Ausgaͤngen zu. Es ward mir ſchwer, meine Erſcheinung im Auge zu behalten. Ich wollte, ich haͤtte ſie gleich verloren: ſo haͤtte ich den widrigen Anblick ihres Oheims nicht gehabt, des Feindes meiner Liebe, des heuchleriſchen Tyrannen der armen Dorothee, des ————— 17 es Zerſtoͤrers meines ganzen, damaligen Lebens⸗ ans und Lebens⸗Gluͤcks! Krampfhaft ballte ſich neine Hand zur Fauſt, als ich die kalte, ſuͤßliche, vornehm thuende Geſtalt erblickte! Auch Doro⸗ heens Schweſter ſchien mir entweiht zu wer⸗ den durch ſeine Beruͤhrung, als Beide ſich einander naͤherten, er ihr den Aem bot, und ſie ſich von ihm oortziehen ließ durch das dichte Gedraͤnge.— Ich ber forſchte nur nach Dorotheen, zitternd in hoffnung und Furcht zugleich. Aber ich erforſchte ſe nirgends! Es waren lauter fremde Geſichter, die ch ſah; und daruͤber waren mir unvermerkt auch die beiden bekannten entſchwunden. Ich ſah dieſe nicht wieder, und mochte ſie auch nicht wieder ſehn. Aber meinen Lohnbedienten ſchickt' ich auf Kund⸗ ſchaft in ein paar Gaſthoͤfe; und durch ihn erfuhr ih, daß der Oheim, nur von Dorotheens Schweſter und deren Kammerjungfer begleitet, ange⸗ ommen und gleich nach Tiſche abgereiſt ſey.— Wo war nun Dorothee? Was war aus ihr auf die⸗ ſer Zerſtreuungsreiſe geworden? Dieſe Fragen rief ſch mir raſch nach einander zu. Eine boͤſe Ahnung Weſtold, I. Theil, 2 18 fuhr mir durch den Kopf! Der Schrecken, mit dem ſie mich erfuͤllte, ließ mich fuͤhlen, was mir Do⸗ rothee noch war, und welch eine thoͤrichte Hoff⸗ nung mich bis jetzt noch, ohne daß ich mir es geſte⸗ hen wollte, geaͤfft hatte! Ich warf meine Sachen in den Koffer, und reiſte Tag und Nacht meiner Heimath zu. Ich flog zu Sophien— o, das war ein boͤſer, boͤſer Tag!“— Eine lange Pauſe erfolgte jetzt. Haſtebeck war auf's aͤußerſto bewegt. Faſt zaghaft, fragte Weſtold endlich:„Und was war es denn?“ Finſter erwiederte Haſtebeck:„Was es war? Kannſt du Dir es nicht denken? Aus war es! Aus war nun Alles! Die Nachricht von Dorotheens Verheirathung in Danzig war es!— Liſtig hatten ſie das Opferlamm hingefuͤhrt an den Altar. Sie feſſelten es mit Blumengewinden; ſie betaͤubten es mit Feſtgeſaͤngen; es durfte ſich nicht ſtraͤuben, und konnte nicht entfliehen: und ſo ſiel es dem Opfer⸗ meſſer des Prieſters anheim!— doch, kein Wort mehr dgvon!“— 19 Weſtold ehrte ſchweigend den Schmerz ſeines Freundes. Sie gingen lange ſtumm miteinander im Zimmer auf und ab. Spaͤt erſt erinnerte Weſtold ſich wieder, wo⸗ von die Erzaͤhlung Ha ſtebecks ausgegangen war. „„Aber du wollteſt mir ja eigentlich deine Geſchichte mit Sophien erzaͤhlen?“ unterbrach er endlich die aͤngſtliche Stille. „Ja ſo!“ erwiederte Haſtebeck, wie aus einem ſchweren Traume erwachend—„Nun, wie ich dir ſchon geſagt habe: ich ſprach immer mit ihr von nichts, als von Dorotheen— in welchem Maaße ſie wohl ungluͤcklich oder gluͤcklich ſeyn moͤch⸗ te; ob ſie mich wohl noch liebe, oder vergeſſen habe? Darum drehten ſich faſt alle meine Geſpraͤche mit Sophien, und ſie war gutmuͤthig und wohlwol⸗ lend genug gegen mich geſinnt, um mich geduldig, ja theilnehmend anzuhoͤren. Wie es aber wirklich um Dorotheen ſtehe, das konnt' ich immer nicht erfahren.— Eines Tages uͤberraſchte mich Sophie mit der Neuigkeit, daß ſich eine ſehr ſchoͤne Gele⸗ genheit gefunden habe, nach Danzig zu reiſen, und 2* 8 7 d.*5 —— · 3 — daß ſie faſt Luſt habe, Dorotheen mit ihrem Beſuche zu uͤberraſchen. Das brachte mich in die lebhafteſte Bewegung. Ich ließ nicht ab, ſie mit Bitten zu beſtuͤrmen, bis ſie mir ihr Wort gab, die Neiſe zu machen. Und nun war von nichts die Rede, als wie ſie Dorotheens Herzenszuſtand in Be⸗ ziehung auf mich und auf Den, dem man ſie in die Arme geſchleudert hatte, erforſchen ſolle. Sophie machte mir freilich die vernünftige Einwendung, daß alle dieſe Nachforſchungen doch zu keinem Heile fuͤr keinen von uns Beiden fuͤhren koͤnnten, da Doro⸗ thee doch auf immer fuͤr mich verloren ſey. Gott weiß, was ſie alles noch ſagte; es mochte alles recht vernuͤnftig ſeyn; aber es machte keinen Eindruck auf mich. Ich gluͤhte nur von dem Verlangen, Dorotheen wiſſen zu laſſen, daß meine Liebe zu ihr auch die furchtbarſte Feuerprobe, zu welcher das Schickſal mich verdamm: hatte, ſiegreich beſtanden habe. Ich wollte wiſſen, ob auch ihre Liebe aͤchter Art geweſen ſey. Fand es ſich ſo: dann ſollte So⸗ phie ihr ſagen, ich werde ihr treu bleiben bis in den Tod, und die Liebe zu ihr habe mich zu dem 24 feſten Glauben an ein Jenſeit bekehrt, wo ich, ſie wieder mein nennen zu koͤnnen hoffe. Indem ich Sophien beſchwor, dies Dorotheen zu ſagen, küßte ich mehrmals den Haarring an meinem Finger, den ich in einer ſchoͤnen Stunde, als Zeichen ihrer treuen Liebe, von ihr empfangen hatte.„Sagen Sie ihr“— ſtammelte ich,„„daß dieſer Ring mein liebſtes Kleinod iſt, und daß ich an ihre fortdauernde Liebe glaube, ſo oft ich ihn anblicke.“ Und dann, aufgeregt wie ich war, umarmte ich S ophien, drückte den waͤrmſten, ſturmiſchſten Kuß auf ihre Lippen, und bat ſie, daß ſie ihn Dorotheen ſo geben ſolle in meinem Namen.— Es war das erſte⸗ mal, daß ich, ſeit der Trennung von Dorotheen, wieder einen weiblichen Mund kußte. Erſt nachher, als ich Sophiens hocherroͤthetes Geſicht ſah, ſiel mir das ein, und ich ſetzte zu dem Geſagten hinzu: „„Sie wird mir dieſen Kuß nicht fuͤr eine Untreue anrechnen.“— Sophie erroͤthete noch meht, und verſtummte auf lange Zeit. Endlich ſagte ſie klein⸗ laut:„Wenn es ſich nun aber anders faͤnde? Wenn Sie von ihr vergeſſen waͤren? Wenn es ihr gleichgil⸗ tig, dielleicht gar unlieb waͤre, daß Sie mit dem Rin⸗ ge noch ſo eine Abgoͤtterei trieben?“—— Das ſchnitt mir, wie ein Meſſer, in's Herz.„Pfui!“ rief ich—„dann wuͤrde er meinen Finger verunehren! dann wuͤrde er mich zum Narren ſtempeln!“ Ich riß ihn gewaltſam vom Finger, und preßte ihn in Sophiens Hand.„Iſt es ſo, wie Sie fuͤrchten:“ ſprach ich—„ſo geben Sie ihr ihn zuruͤck! oder gehen Sie an den Strand, und werfen Sie ihn in's Meer!— Aber iſt es anders, iſt es, wie mein Glaube an Dorotheens Herz mir ſagt: ſo laſ⸗ ſen Sie ihn auf's neue durch einen Kuß von ihrer Lippe weih'n, und ſchwoͤren Sie ihr in meinem Na⸗ men, daß er mich bis ins Grab begleiten, und daß nie ein anderer an meine Hand kommen ſoll!"“— So trennten wir uns.“ „Nun? und was brachte ſie Dir fuͤr Nachricht zurück?“ fragte Weſtold. „O, recht luſtige!“ antwortete Haſtebeck bitter—„Sophie hatte Recht gehabt. Sie fand Dorotheen ſeelengluͤcklich in den Armen ihres Gemahls, koſend mit einem holden Ebenbildchen — ——— . 23 von ihm in der Wiege. Bei Nennung meines Na⸗ mens laͤchelte die gluͤckliche Frau ſo unbefangen, als wenn von einer abgethanen, galanten Ballbekannt⸗ ſchaft die Rede waͤre. Als ihr Sophie meinen Ring zeigte, entriß ſie ihr ihn, und warf ihn, als einen unangenehmen Zeugen ihrer bereuten, vorma⸗ ligen Thorheit, zum Fenſter hinaus in den Fluß hinab.— Ich biß die Zaͤhne zuſammen bei dem ruͤhrenden Bericht, auf ſo ſchonende Weiſe ihn Sophie auch vortrug.„Nun warlich,“ ſagte ich endlich:„der Eheſtand ſcheint ein vortreffliches Mittel zu ſeyn, ein krankes Herz von romanhafter Liebe zu heilen! Laͤßt die gluͤckliche Frau es nicht vielleicht auch mir anrathen?“ Unbefangen hatte ich dieſe Worte hingefaſelt. Aber es entging mir nicht, wie ſie auf Sophien wirkten, wie ſte ihr eine gluͤhende Roͤthe ins Geſicht trieben, und in welche ununterdruͤckbare Bewegung ſie das Maͤdchen verſetzten. Ich ſah ſie betroffen an. Zum erſtenmal erkannt' ich in ihren Augen den Ausdruck eines Ge⸗ fuͤhls gegen mich, das mehr als mitleidige Theil⸗ nahme war. Ich ſtatrte ſie betroſfen an. Es war mir, als riefe eine Stimme vom Himmel mir zu: „Das Maͤdchen liebt dich!“ Verworren ſprang ich auf, und rannte erſt ans Fenſter, und dann ans Clavier, auf dem ich einige tolle, unharmoniſche Griffe that. Schnell wandte ich mich wieder nach Sophien, um ihr, ich weiß nicht mehr was, zu ſagen. Da ſah ich, daß ſie die Hand vor's Geſicht hielt, um vor mir zu verbergen, daß ſie weine. „Was iſt Ihnen?“ fragte ich betroffen; aber ich erhielt keine Antwort; und je eifriger ich nach der Urſach ihrer Thraͤnen fragte, deſto unaufhaltſamer rollten ſie uͤber ihr ſchoͤnes Geſicht. Endlich, da ich immer ſtuͤrmender in ſie drang, ſagte ſie wit troſtlo⸗ ſem Schmerze:„Ach, verlaſſen Sie mich! Kommen Sie nie wieder in unſer Haus! Wollte Gott, Sie haͤtten es nie betreten!—„Was ſoll das heißen?“ fragt' ich mit feſtem Tone, und griff nach einer ihrer Haͤnde. Aber ſie entriß ſie mir ſchnell, und ſprang auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Ich hielt ſie zuruͤck; ich beſchwor ſie, zu bleiben.„Nein!“ erwiederte ſie—„ich ertrage es nicht mehr, mit Ih⸗ nen von dieſer ungluͤcklichen Geſchichte zu ſprechen, — — 23 die noch mein eignes Ungluͤck wird!“— Sie wollte hinaus zur Thuͤr; aber jetzt war es mir ploͤtzlich klar, daß ſie mich liebe, und ich ſchlug meinen Arm um ſie, waͤhrend ich mit der andern Hand die Thuͤre zudruͤckte.„„Maͤdchen!“ rief ich—„dort hab' ich ein Herz verloren! Haͤtt' ich das Deinige dafuͤr ge⸗ wonnen: ſo bluͤhte mir wohl ein neues Gluͤck!⁰— „Ach, nein! nein!“ ſchluchzte ſie leiſe—„Sie koͤnnen ja keine Liebe erwiedern! Sie lieben ja blos Dorotheen!“—„O!“ rief ich,„die Liebe iſt zur Thorheit geworden„von der Du mich bald gaͤnzlich heilen wirſt; denn mein Stolz lehnt ſich ſchon dagegegen auf!"„— Siehſt du, Freund„ ſo machte ſich's! So ſchloſſen wir unſern Bund. Mit einer Glut der Liebe, die nicht ohne Erwiedrung bleiben konnte, und wie ſie Dorothee mir nie gezeigt, auch in den gluͤcklichſten Stunden nicht ge⸗ zeigt hatte, ſchloß mich Sophie endlich in ihre Arme. Ich war ein neugeborner Menſch. Fuͤr ein unſeliges Phantom, an dem ich bisher gehangen, hielt ich auf einmal ein leibhaftes, ſchoͤnes Bild der Liebe in meinen Armen!— Ich zog ſie noch in der nemlichen Stunde hinuber in's Zimmer ihres Vaters. Er gab uns ſeinen Segen. Nach wenigen, hoͤchſt gluͤcklichen Tagen trat ich, fuͤr einen Officier meines Regiments, eine noͤthige Geſchaͤftsreiſe an; und ſo bald ich nun nach Hauſe komme, feire ich meine Hochzeit! Weſtold, du haſt vor Zeiten meine Liebes noth geſehen: begleite mich, und ſieh' nun aguch mein Liebes gluͤck!“ Statt der Zuſage, auf welche Haſtebeck hoffte, ſchuͤttelte Weſtold bedenklich den Kopf, und ſagte endlich mit einem ſchweren Seufzer:* „Freund! das hat ſich raſch gemacht! raſcher, als es wohl gut iſt!“ „Nun ja!“ fuhr Haſtebeck auf—„ſo mußt' es auch ſeyn! Raſch hab' ich alles gethan mein Lebelang. Raſch muß die Kugel fliegen, welche den fliegenden Vogel treffen ſoll! Raſch fliegt der Blitz, noch raſcher der Sonnenſtrahl zur Erde her⸗ ab! Raſch muß auch der Wuͤrfel geworfen ſeyn, wenn die Güge goͤttin winkt. Komm nur mit mir, und ſieh' Sophien! Ich gebe Dir mein Pferd, und meinen Reitknecht laſſe ich mit der Poſt nach⸗ kommen.“ Als er das ſagte, ſiel ihm erſt ein, daß er an der Hausthuͤr ungeduldig vom Pferde geſprungen, und ins Haus geeilt war„ohne etwas uͤber die Pferde zu beſtimmen. Er trat ans Fenſter, und ſah, daß Martin, ſein Reitknecht, die Pferde noch auf dem freien Platze langſam herum füͤhrte. Er wollte ſie in den Gaſthof ſchicken. Weſtold ſagte aber: „„Der Wirth hat Stallung im Hofe fuͤr deine Pfer⸗ de; und bei mir iſt Platz fuͤr Dich und Deinen Neit⸗ knecht, wenn gleich mein Hausweſen um ein kleines Maͤdchen reicher geworden iſt. Du wirſt ſchon vor⸗ lieb nehmen, wie Du uns findeſt.“ Sogleich wurde Martin in den Hof geſchickt, und die beiden Freunde gingen Hand in Hand in's Familienzimmer, damit Haſtebeck den unſchaͤtz⸗ baren Kronjuwel: die Erbprinzeſſin Marie, und die regierende Fuͤrſtin Auguſte kennen lerne. So nannte ſie Haſtebeck ſchon im vorgus, nach Weſtolds liebeſeligen Andeutungen. . — ½% õö 5 5 ——————— 2 8. ————— —— —— —— 28 Mit gleichem Triumphe zeigte Weſtold dem Freunde die Gattin und das Kind, wie der Gattin den Freund. Er freute ſich von ganzem Herzen der freundlichen Vertraulichkeit, mit welcher Auguſte den unerwarteten Gaſt, wie einen alten Freund, be⸗ gruͤßte, ſo wie des unverkennbaren Wohlgefallens, mit welchem Haſtebeck das angenehme, heitere Geſicht und die ganze Wohlgeſtalt Auguſtens be⸗ trachtete, und mit ihr ſprach. „Gluͤck zu!“ rief dieſer endlich, indem er Bei⸗ den mit Waͤrme die Hand reichte—„Solche Ehen werden im Himmel geſchloſſen. Aus dieſen zwei Augenpaaren blickt ja lauter Gutes und Liebes in uͤberſchwenglicher Fuͤlle!”“ „Nun ja! ja! wir haben uns herzlich lieb! noch ſo lieb, wie im Brautſtande!“ erwiederten Beide, und Einer ruͤhmte dem Andern das Beſte nach. Bald aber ging Weſtold froh bewegt in das Lob ſeines Freundes uͤber; und als Haſtebeck ihn hieruͤber 29 einen Aufſchneider ſchalt, wurde er immer beredter, und hob es hoch heraus, daß dies der Held und Freund ſey, der ſich auf der Univerſitaͤt einmal fuͤr ihn, der vom Burſchen⸗Comment nicht das minde⸗ ſte verſtanden, mit einem argen Renomiſten geſchla⸗ gen, und alſo, ihm zu Liebe, Leib und Leben„ ja ſelbſt die ewige Seligkeit, auf's Spiel geſetzt habe. Zum Gluͤck“ ſetzte er hinzu— erfuhr ich's erſt, als Alles vorbei war, denn ſonſt waͤre ich an dem Duell geſtorben, ohne es ſelbſt einmal mitzumachen, aus lauter Angſt fuͤr den Freund, wie fuͤr den Feind. 4 „Lumpersi!“ ſiel ihm Haſtebeck in's Wort, „nicht des Erwaͤhnens werth! Aber ich habe ihm deſto mehr zu danken. Waͤr er nicht geweſen, und haͤtte mich nicht geleitet und gelenkt, wie ein Men⸗ kor: ich haͤtte kein Jota gelernt, haͤtte meinen Wech⸗ ſel immer in den erſten vier und zwanzig Stunden verwuͤrfelt, und Geſundheit und Leben verjubelt und verſchleudert, wie alten, unnützen Erbſchaftplunder. Kein Menſch konnt' es begreifen, wie der kleine David ſo viel uͤber mich großen Goliath vermochte; — —— aber darin lag's eben, daß er ein kleiner David war, und noch dazu einer, der ſich gar nicht auf's Schleu⸗ dern, ſondern nur auf's Singen verſtand.— Er hat doch noch ſeinen herrlichen Tenor?— Waͤr er ein degengewandter Kerl geweſen: hundertmal haͤtt' ich mich mit ihm geſchlagen, wenn er mich von meinen Tollheiten abzumahnen verſuchte; aber eben ſeine Wehrloſigkeit war ſein Talisman gegen meine Kampfluſt, und ſeine Froͤmmigkeit trug dann immer uͤber meine Suͤndhaftigkeit den Sieg davon. Wir ſpielten foͤrmlich verkehrte Welt. Das Lamm hatte den Baͤr unter der Zucht.“ Sie reichten und ſchuͤttelten einander die Haͤnde auf fortbeſtehende, treue Freundſchaft. Auguſte freute ſich von ganzem Herzen, den Freund ihres Mannes kennen zu lernen; doch verſaͤumte ſie auch nicht, mitten zwiſchen die freundlichſten Reden hoͤfli⸗ che Entſchuldigungen einzuſtreuen uͤber die Kinder⸗ ſachen, die auf Tiſch und Sopha lagen, und uͤber die Fenſtervorhaͤnge, die ſchon vorige Woche haͤtten abgenommen werden ſollen, wenn Mariechen nicht etwas unpaͤßlich geweſen waͤre. Nun erſt 31 ſchaute Haſtebeck unwillkuͤhrlich an den Fenſter⸗ Vorhaͤngen hinauf, und ſagte:„Ah, ich ſoll wohl nur ſehen, wie viel weißer die Ihrigen, als die meinigen ſind? Und von Weſtold wiſſen ſie wahr⸗ ſcheinlich, daß in meinem Zimmer alles, wie Kraut und Nuͤben, burch einander liegt? Ihre Entſchul⸗ digungen ſind gewiß ein ſatyriſcher Anhang zu ſei⸗ nen ſonſtigen moraliſchen Vorleſungen." A uguſte lächelte; Weſtold aber betheuerte, daß es ſeine liebe Frau ganz ehrlich gemeint habe, denn ſie ſei die Reinlichkeit und Ordnung und Wirthſchaftlich⸗ keit ſelbſt. Einem ſolchen Lobe Ehre zu machen, wollte ſie auch vor dem willkommenen Gaſte lieber die Rolle einer Martha, als einer Maria, ſpielen; und nach⸗ dem ſie nur das Noͤthigſte zum Ruhme ihres Kindes geſagt hatte, wie es ſie und den Vater ſchon ſo ge⸗ nau kenne, ihnen zulaͤchle, wenn ſie ſich ſeiner Wiege naͤherten, und ihnen mit den Augen folge, wenn ſie ſich wieder entfernten, und dabei ſo fromm ſey bei Tag und bei Nacht: ſo gab ſie es dem Vater auf den Arm, und ging hinaus, um fuͤr's Abend⸗ brod zu ſorgen. Nun beſtaͤtigte und betheuerte Weſtold, mit voller Waterfrende, die ſaͤmmtlichen Ausſagen ſeiner Frau, liebkoſte das Kind, faſt wie die Mutter ſelbſt es that, und fragte den Frennd ernſthaft um ſeine Meinung wegen der oftmaligen, melancholiſchen Befuͤrchtigung ſeiner Frau, daß ſie den Engel wohl verlieren wuͤrden, well er fuͤr ſein Alter ſchon gar zu klug und für dieſe Welt viel zu gut ſey. Mit laut ſchallendem Gelaͤchter rief Haſte⸗ beck:„Wahrlich, ihr ſeid Beide nicht geſcheit. Aber ich wette, ich werde eben ſo ein Narr, wie du, und halte mein naͤchſtes kleines Wechſelbalg eben⸗ falls fuͤr ein Wunderkind. Haͤtt' ich's nur erſt! und wuͤrd es Sophien nur recht aͤhnlich!— Bruder, du mußt ſie ſehen! Reite mit zur Hochzeit!“ Das aber mußte ihm Weſtold rund abſchla⸗ gen, erſtlich weil er fuͤrchtete, der wilde Haſte⸗ beck habe auch nur wilde Pferde, und zweitens, weil er in einigen Tagen einen gerichtlichen Termin hatte, bei dem er durchaus nicht fehlen durſte. Um deſto dringender bat er den Freund, recht lange bei ihm 33 ihm zu bleiben—„wenigſtens ein Paar Wochen“ meinte er, damit ſie ſich einmal wieder recht aus⸗ plaudern, und mit einander die umliegenden Gegen⸗ den und einige Honoratioren beſuchen koͤnnten. „Biſt du im Traume?“ ſiel ihm Haſtebeck in's Wort.„Mein Urlaub geht zu Ende; vorigen Sonntag bin ich ſchon zum drittenmal aufgeboten! Die Hochzeitkuchen werden heute vielleicht ſchon ge⸗ backen! Morgen fruͤh muß ich fort, ich mag wollen, oder nicht.“ Das ſchlug Weſtolden ſehr nieder; aber er ergab ſich darein, weil es nicht anders ſeyn konnte. Traulich plauderten ſie fort bis zum Abend⸗ eſſen. Als ſie ſich ſchon dazu niedergeſetzt hatten, eilte Weſtold noch einmal hinweg, und kam dann zuruͤck mit einer Flaſche Wein in der Hand.„O, verzeih'!“ ſagte Auguſte, indem ſie zwei Wein⸗ glaͤſer holte—„ich hatt' es ganz vergeſſen, daß wir die noch haben, und eine holen zu laſſen, dar⸗ an habe ich auch nicht gedacht.“ „Nun, ich denke, hier haben wir was Beßres, als uns der Weinhaͤndler geſchickt haͤtte!“ erwiederte Weſtold. I, Theil. 3 Weſtold. Und mit freundlicher Wichtigkeit ſetzte er, gegen Haſtebeck gewendet, hinzu:„Es äſt ein Geſchenk von einem Manne, der was Gutes im Keller hat.“ „Nicht einen Tropfen trink' ich davon!“ un⸗ terbrach ihn Haſtebeck, dem es tief in der Seele weh that, den alten Freund in ſo beſchraͤnkter Lage zu finden, daß er nicht mehr, als eine einzige, ge⸗ ſchenkte Flaſche Wein im Keller hatte. Er blieb mit feſtem Tone bei der Weigerung, trotz alles Zure⸗ dens; doch mocht' er in Auguſtens Gegenwart nicht ſagen warum. Deſto eifriger beſtritt er ihre Selbſtanklage hinſichtlich ihrer Kochkunſt, und lobte, was zu loben war, nicht mit Worten allein, ſondern auch durch die That, indem er ſich das Aufge⸗ ſchuͤſſelte trefflich ſchmecken ließ. Immer mehr, je ſpaͤter der Abend wurde, ver⸗ tieften ſich die alten Freunde in frohes Geſpraͤch von der froͤhlichen Jugendzeit. Immer mehr thaten ihre Herzen ſich auf. Nur kaͤrglich war das Stüͤbchen mit ſeiner alten, dunkeln Tapete erleuchtet; aber in ihrem Innern war heller, glaͤnzender Sonnenſchein. 5 02 Sie ſaßen und ſprachen ſich, mit jeder Viertelſtun⸗ de, immer waͤrmer und vertrauter. Der wilde Ha⸗ ſtebeck wurde zum frommen Schwaͤrmer; der fromme Weſtold wurde zum froͤhlichen Schwaͤtzer. Eben in ſolchen Stunden mußte man Beide ſehen, um ſich das Naͤthſel erklaͤren zu koͤnnen, daß zwei, auf den erſten Anblick ſo wenig zuſammen paſſende, Menſchen einander mit ſo treuer Anhaͤnglichkeit liebten. Sie glichen zwei Wanderern, wovon der Eine ſeinen Weg immer hoch uͤber Berge und Felſen nahm, der Andere durch ein tiefes, ſtilles Thal ging, die aber Beide, auf einem Huͤgel, der tiefer war als die Berge, und hoͤher, als das Thal, in einem ſchoͤnen Tempel zuſammentrafen, um an einem und dem nemlichen Altar, opfernd, einander die Haͤnde zu reichen. Auguſte mußte, des Kindes wegen, ab⸗ und zugehen, und entfernte ſich endlich, da ſie der Ruhe bedurfte, ſtill in die Schlafkammer. Als Weſtold das bemerkte, war er beſorgt, daß ſie vor Haſte⸗ becks kraͤftiger Stimme nicht werde einſchlafen koͤnnen.„Komm wieder hinuͤber in meine Arbeits⸗ 3* ſtube!“ ſagte er—„da du morgen, leider, ſchon wieder fort mußt: ſo laß uns noch recht lange in die Nacht hinein plaudern. Druͤben kannſt du auch ſchreien, ſo laut du willſt, ohne Jemanden im Schlafe zu ſtören.“ Freundlich zog er ihn hinweg, und bat ihn, das Licht voran zu tragen, waͤhrend er ſelbſt, unbe⸗ merkt, die Flaſche und die Glaͤſer mitnahm; und nicht wenig freute er ſich ſeiner gelungenen Kriegs⸗ liſt, als er in ſeinem Zimmer, auf einem entfernt ſtehenden Tiſche, die Glaͤſer voll geſchenkt hatte, ohne daß Haſtebeck es bemerkte. Jetzt trank er ihm zu, indem er das andere Glas ihm hinreichte. „Auf unſere alte Freundſchaft und auf deine neue Liebe!“ rief er. Da konnte Haſtebeck nicht un⸗ terlaſſen, anzuſtoßen und auszutrinken. Und als das erſte Glas erſt an Ort und Stelle gebracht war, hatte es mit der Nachfolge der andern keine Noth, denn wenn eine Flaſche erſt angebrochen war: ſo meinte Haſtebeck, es muͤſſe ihr auch ihr volles Recht geſchehen, welches Recht hier aber gerade auf's Gegentheil zielte, nemlich auf gaͤnzliches Leer⸗ machen. 37 „ „Wie freuet es mich,“ ſagte Weſtold beim zweiten Glaſe—„daß der Wein ſo gut iſt, und daß ich ihn ſo vortrefflich anbringen kann. Meine Frau trinkt keinen, und allein mag ich ihn auch nicht trinken; aber mit einem Freunde, zumal mit einem, wie du, da trink' ich ihn wohl, denn er erfreuet ja des Menſchen Herz.“⸗ „„Und ſtaͤrkt auch den Koͤrper,“ ſetzte Haſte⸗ beck hinzu.„Du ſtehſt krank aus! Du ſollteſt taͤglich einige Glaͤſer zur Staͤrkung trinken. Haͤltſt du dir denn keinen im Keller?“. „Das iſt ja ein Luxusartikel;“ erwiederte* Weſtold—„drum iſt er ſo hoch beſteunert! Wer arm iſt, meinen die hohen Herren, braucht keinen zu trinken. Ein armer Aktenmenſch oder Gelehrter mag Waſſer trinken, wenn er nicht ein Bier⸗, oder gar ein Schnaps⸗Bruder werden will.”“ „Wie?“ ſiel Haſtebeck ein—„ biſt du denn arm? Werfen dir deine Akten denn nicht täg⸗ lich ein pagr Glaͤſer Wein gb? 38 Weſtold antwortete nichts, ſondern blickte ernſt zu Boden, und ſchuͤttelte nur leiſe mit dem Kopfe. Als Haſtebeck in ihn drang, ihm ſelbſt das dritte Glas einſchenkte, und ihn bei der alten Freundſchaft beſchwor, daß er offen und ruͤckhaltlos ſprechen ſolle mit dem treuen Freunde: da geſtand er endlich, daß er ſehr wenig verdiene, weil er zum Adrvokaten nicht tauge.„Und wenn ich auch den beſten Vorſatz habe,“ ſetzte er hinzu—„meinen Widerwillen gegen das Aktenweſen zu bekaͤmpfen: ehe ich mir es verſehe, verdirbt mir, immer wieder⸗ kehrend, ein alter, heiliger Traum alle Luſt und Laune dazu.“ „Was tauſend!“ rief Haſtebeck—„gibt es auch heilige Traͤume? Ich kenne nur luſtige, oder ſchreckliche— voll Jubel, oder voll Mord uno Todtſchlag!“ Er ſchob das Glas zuruͤck, und ſah in ſinſterer Zerſtreuung uͤber den Tiſch hinweg. „Nun, mein Traum iſt gewiß ein heiliger!“ nahm Weſtold wieder das Wort.„Gewiß, ein , , 9 00 recht heiliger!“ ſetzte er nach einem Weilchen hin⸗ zu, weil Haſtebeck immer noch zerſtreut vor ſich hin ſah.. „So laß doch hoͤren!“ ſagte dieſer nun, aus ſeiner Zerſtreuung erwachend, und das gefuͤllte Glas ſchnell gustrinkend. „Ich hatte ihn zum erſtenmale,“ nahm We⸗ ſtold das Wort—„als ich in das Haus meines lieben, unvergeßlichen Großvaters, des alten Pfar⸗ rers zu Muͤhlfeld, gekommen war. Ich traͤumte nemlich, daß ein freundlicher Hirt in einem ſchoͤnen Thale mir eine weite Felſenoͤffnung zeigte. Ich ging hinein, ohne zu wiſſen warum. Allein je weiter ich ging, deſto dunkler wurde es um mich her. Endlich befand ich mich in tiefer Finſterniß, und ich tappte aͤngſtlich an den rauhen Felſenwaͤnden hin, ohne Hoffnung, einen Ausweg zu finden. Auf einmal aber verbreitete ſich eine ſanfte Daͤmmerung in der Hoͤhle. Ein alter Einſiedler, in einem langen, ſchwarzen Gewande, mit einem langen, ſilber⸗ weißen Barte, ſtand vor mir, und reichte mir ein 2 hin, in ſchwarzem Bande, mit goldenem 5 Schnitt, wobei er, mit freundlichem Ernſt in ſei⸗ nem ehrwuͤrdigen Geſicht, mir andeutete, daß ich in dem Buche leſen ſolle. Ich eilte damit an den Ausgang der Hoͤhle. Es war eine Bibel. Ich fing an laut zu leſen; und je laͤnger ich las, deſto mehr Menſchen verſammelten ſich im Thale, um mir zu⸗ zuhoͤren; und es war mir, als ob ein Engel über mir ſchwebte, und mir die Worte zuflüſterte, die ich ſprechen ſollte. Drum ſah ich nach und nach nicht mehr in das Buch, ſondern nur nach den Zu⸗ hörern. Mein Mund aber war ein Bach geworden, der ununterbrochen floß, und unzaͤhlige Duͤrſtende erquickte. Ich ſprach immer fort, als ob ich noch laͤſe, und Alles horchte mir immer aufmerkſamer, immer geruͤhrter zu; und mich ſelbſt, als ich das ſah, ergriff eine ſo wehmuͤthige Begeiſterung, daß ich vor Wonne und Ruͤhrung endlich nicht mehr ſprechen, ſondern nur weinen konnte. Und daxuͤ⸗ ber erwachte ich.“ „Schon recht!“ ſiel ihm Haſtebeck in's Wort—„Dein Großvater legte den Traum nun dahin aus, daß Du vom Himmel ſelbſt zu ſinem — 4 4 — 41 Nachfolger beſtimmt ſeyſt, und er ſchenkte Dir am naͤchſten Weihnachtsfeſt eine ſchoͤne Predigerbibel mit goldenem Schnitt; und Du hielteſt Dich nun ſelbſt ſchon fuͤr einen Prediger, und bauteſt Dir ſeit der Zeit uͤberall Kanzeln.— Ich erinnere mich jetzt recht gut, daß Du mir das ſchon vor zehn Jahren erzaͤhlt haſt.“ „Nun, ſiehſt Du,“ fuhr Weſtold fort— „das iſt doch warlich ein heiliger Traum! Und immer von Zeit zu Zeit kommt er mir wieder, und verdirbt mir aufs neue meinen ganzen Advokaten⸗ kram, wenn ich eben einmal einen recht ernſtlichen Anlauf dazu genommen habe. Ich predige dann immer in Gedanken, und bin nicht im Stande, eine Feder anzuſetzen bei den Akten.“ Lriſer, als ob er fuͤrchtete, daß ihn jemand behorchen koͤnne, entdeckte er dem vertrauten Freunde nun ſeine Herzensmeinung uͤber den Unfug, der haͤuſig genug mit Recht und Gerechtigkeit, nicht allein von den Advokaten, ſondern mitunter auch von einem Richter, getrieben werde. Er ſing an, eifrig zu werden; doch Haſtebeck, der erſt kuͤrz⸗ — —— 42 lich gegen einen Schurken einen Prozeß verloren hutte, fuhr ihm mit den Worten dazwiſchen: „Nein, Bruͤderchen, daruͤber mußt Du ja nicht ſchelten, daß die ehrwuͤrdigen Prieſter der Gerechtig⸗ keit in ihren Unterſuchungen, Verhoͤren und Ur⸗ theln nicht ſelten die offenbaren Schelme, Schufte und Spitzbuben unter den Parteyen, im Gegenſatz der rechtlichen Leute/ eguͤnſtigen, und dieſen— ob ſie vor Aerger auch verzweifeln moͤchten— den Sieg, wo nicht ganz entreißen, doch uͤber die Ge⸗ buͤhr verzoͤgern und erſchweren. Loben und bewun⸗ dern mußt Du vielmehr, ob dieſer Thaten, die ehr⸗ wuͤrdigen Herren; denn eben dadurch nur koͤnnen viele von ihnen beweiſen, daß ſie nicht ganz dumm und ganz ſchlecht ſind. „Herr Bruͤderchen!“ ſiel Weſtold ihm er⸗ ſtaunt ins Wort. Aber Haſtebeck, friſch einſchenkend, fuhr in ſeiner Laune fort:„Was auf den erſten Blick frei⸗ lich, wie Unverſtand, Chicane, Ungerechtigkeit und moraliſche Verderbtheit, ausſieht, iſt— bei einem hellern Lichte beſehn— nichts als ein Ausfluß hoͤ⸗ herer Intelligenz und Tugendhaſtigkeit. Indem ſie nicht begreifen, oder begreifen wollen, was dem geſunden oder gemeinen Menſchenverſtande au⸗ genblicklich einleuchten muß, zeigen ſie ihren un⸗ gemeinen Verſtand, der ſich ſo leichten Kam⸗ pfes nicht gefangen gibt. Indem ſie rechtliche Leute um ihr Eigenthum bringen helfen, oder mit dem bitterſten Verdruß uͤberhaͤufen, geben ſie ihnen Ge⸗ legenheit, ſich in den ſchoͤnſten chriſtlichen Tugenden — zum Beiſpiel in der Maͤßigung, in der Geduld, in der Sanftmuth und im Entb ehren— zu uͤben, und dadurch kuͤnftig ein paar Stufen hoͤher im Him⸗ mel zu kommen, auch wohl einige Jahre fruͤher hin⸗ ein zu gelangen, als ſonſt etwa geſchehen waͤre; und endlich, indem ſie die Schufte und Schelme und Spitzbuben moͤglichſt aufrecht zu halten ſuchen, wollen ſie nicht etwa erſt darthun, daß ſie mit ihnen ſympathiſiren, ſondern ſie beweiſen dadurch nur, daß, wenn man ihnen auch alle moͤgliche gute Em⸗ pfindungen abſprechen koͤnnte, man ihnen doch die einer warmen Dankbarkeit zugeſtehen muͤſſe; denn Niemand hat groͤßern Anſpruch guf die Erkenntlich⸗ 44 keit der Prieſter der Gerechtigkeit und der Helfers⸗ helfer derſelben, als die Schelme, ohne welche Jene ganz uͤberfluͤſſig und gar nicht daſeyn wuͤrden.— Mit der Schonung der Schelme oder Spitzbuben ahmen ſie aber nur die Taktik der Jagdliebhaber nach. Um fortwaͤhrend etwas zu hetzen und zu ſchießen zu haben, huͤten dieſe ſich wohl, das Wild in ihrem Reviere durch allzu ernſtliche Verfol⸗ gung auszurotten, ſondern hegen es ſorgfaͤltig dar⸗ in, ja fuͤttern es ſogar, wenn es Noth thut. Und ſo bezieht auch mancher arge Schuft ſeine ſchoͤne Penſion.“ Weſtold meinte ernſthaft, der Staat, in welchem es dergleichen raͤudige Schaafe gaͤbe, müſſe ſuchen, ſie wegzuſchaffen. Allein Haſtebeck er⸗ wiederte bitter lachend in ſeinem Unmuthe:„Da ſag' ich mit Fallſtaff:„Den dicken Hans fort⸗ jagen, hieße, die ganze Welt fortjagen.— Ehe ich ſolche Selbſteorrectionen erwarte, will ich glauben, daß Muͤnchhauſen ſich ſelbſt an ſeinem Zopfe gus einer Grube gezogen hat.“ 45 Weſtold ſeufzte tief, und gab zu, daß dieſer Augiasſtall, und wenn auch ein neuer Herkules käme, ſchwerlich jemals ganz werde gereinigt wer⸗ den. Immer lebhafter ſchilderte er, wie ſehr der moraliſche Unrath, womit er bei ſeinen Brodtge⸗ ſchaͤften taͤglich umgeben ſey, ihn anekle. Endlich geſtand er, daß er tief in ſeinem Innern hoͤchſt un⸗ gluͤcklich und oft der Verzweiflung nahe ſey, wegen der fuͤr ſeinen Sinn durchaus nicht paſſenden Lage, in welche das Schickſal ihn geworfen habe.— Weſtold hatte nehmlich mit vielem Eifer Theologie ſtudiert; und das Ideal von irdiſcher Gluͤckſeligkeit, was ihm ſchon ſeit ſeinen Knabenjah⸗ ren als einzig wuͤnſchenswerth vorſchwebte, war kein anderes, als der Beſitz einer Landpfarre. Aber die Liebe ſchleuderte ihn weit von dieſem Ziele und ſeinem dort gehofften Gluͤcke hinweg. In dem Hauſe einer hochmuͤthigen Amtmaͤnnin, wo er Hauslehrer war, lernte er Auguſten, die Nichte derſelben, kennen. Aus dem Mitleid, wegen der gedruͤckten Lage, in welcher er dieſe ſah, ward allmaͤhlig eine unuͤberwindliche Liebe, die bald von Auguſten 2 8* 46 erwiedert, aber von der Amtmaͤnnin auch eben ſo bald entdeckt und verfolgt wurde. Es gab boͤſe Auf⸗ tritte fuͤr ihn, und noch boͤſere fuͤr Auguſten. Er ſah ihre Lage um ſeinetwillen noch verſchlim⸗ mert, und ſeine gutmuͤthige Gewiſſenhaftigkeit machte es ihm zur Pflicht, ihr alles, was in ſeinen Kraͤften ſtaͤnde, zum Opfer zu bringen, um ihr das Boͤſe zu verguͤten. So kam es, daß er ſich mit frohem Muthe entſchloß, noch ein Rechtsgelehr⸗ ter zu werden, als die Anitmaͤnnin, nachdem ſie von Freunden und Verwandten in die Enge getrieben war, eine ſolche Verwandlung ſeiner Perſon zur unerlaͤßlichen Bedingung ihrer Einwilligung ge⸗ macht hatte. Ein wohlhabender Verwandter ſetzte ihn in den Stand, noch ein paar Jahre ſtudieren zu koͤnnen. Er that es mit dem Eifer einer heiligen Verpflichtung, und mit der Ausſicht auf den Lohn der Liebe, die ihn das Widrige ſeiner neuen Lauf⸗ bahn ſollte vergeſſen machen.— Alles ging auch nach Wunſch. Schneller, als er erwartet hatte, fand er als Advokat ſein Brodt; Auguſte war ihm treu geblieben, wie Gold; ſie ward ſein Weib, und 47 verſetzte ihn in einen Himmel voll haͤuslichſtiller Gluͤckſeligkeit. Doch aus dem erſten Nauſche ſeiner Liebe ward allmaͤhlig eine ſtillere, gemaͤßigtere Empfin⸗ dung. Er ward wieder empfaͤnglicher fuͤr andere Eindruͤcke. Er fuͤhlte ſich, in Abſicht ſeiner buͤrgerli⸗ chen Verhaͤltniſſe, auf einen, ihm durchaus nicht zuſagenden, Standpunkt verſetzt. Doch kaͤmpfte er redlich nach ſeinen Kraͤften, dieſes druͤckende Gefuͤhl nicht uͤber ſich Herr werden zu laſſen. Er faßte den Gedanken, durch verdoppelte Anſtrengung ſich in einem Zeitraume von etwa zehn bis funfzehn Jahren ein Kapital zu erwerben, von dem er in ſtiller Un⸗ abhaͤngigkeit leben koͤnne. Er arbeitete daher„ trotz des entſchiedenſten Widerwillens, ein ganzes Jahr lang mit der uͤbertriebenſten Anſtrengung ſeiner Kraͤfte, aber nicht mit verhaͤltnißmaͤßiger Vermeh⸗ rung ſeiner Einkuͤnfte. Die Hauptwirkung war lei⸗ der blos die, daß er ſich zum traurigen Hypochon⸗ driſten geſeſſen hatte, deſſen Koͤrper⸗ und Geiſtes⸗ ſchmerz einander wechſelſeitig ſchaͤrften und vermehr⸗ ten. Nun konnte und durfte er nur noch wenig ar⸗ beiten, und ſelbſt das Wenige ward ihm zur immer unertraͤglichern Pein. Dabei verminderte ſich ſeine Einnahme; und ſtatt Kapitale zu ſammeln, gerieth er in Schulden, die, wenn auch nicht groß, doch fuͤr ihn hoͤchſt beunruhigend waren. Er fuͤhlte ſich gedruͤckt, als ob Erde und Himmel auf ſeinem Her⸗ zen laſteten. Auf der Bahn, die er ging, ſah er vor ſich unvermeidliches, immer ſchrecklicheres Ver⸗ derben, und zur Seite nirgends einen Ausweg, außer einen einzigen, ſtrafbaren, den zu waͤhlen er ein zu guter Gatte und Vater und ein zu from⸗ mer Dulder uͤberhaupt war. Das alles trug er, ſo weit es moͤglich war, ganz allein fuͤr ſich im Stil⸗ len; und ſo war einer der redlichſten, wenig An⸗ ſpruͤche an das Gluck machenden Menſchen, durch den verfehlten Weg zu demſelben, einer der un⸗ gluͤcklichſten geworden.— In der langen Nacht ſeines ſtillen Kummers war der unerwartete Beſuch des Regimentsquartier⸗ meiſters, ſeines vertrauteſten Jugendfreundes, ein heller, troͤſtlicher Mondesſtrahl, der ploͤtzlich durch dicke Wolken brach. Anfangs wollte er guch gegen Dieſen 49 Dieſen ſeinen tiefen Kummer verſchweigen, und er ſprach nur im Allgemeinen von ſeiner Abneigung gegen den Zank und Streit der Juriſterei, im Ge⸗ genſatz der friedlichen Thaͤtigkeit eines Landpfarrers, der er ſo gern geworden waͤre. Er kam auf ſeinen Jugendtraum, von dieſem auf ſeine ganze, frohe Jugendzeit, auf ihre beiderſeitige, jugendliche Freundſchaft und ihr treues Zuſammenhalten in Freude und Leid; endlich kam er auf ſeine Liebe, auf ſeinen Eheſtand und auf ſeine jetzige Lage. Der Wein loͤſte ſeine Zunge; er warf ſich mit ſeinem ganzen Jammer an des Freundes treue Bruſt, der ernſt genug fuͤhlte und handelte, wenn es Ernſt galt; und er ſchloß ſein Herz, deſſen ſchreckliche Gefuͤhle er ſelbſt ſeiner Gattin verbarg, ganz und unverhohlen vor dem ſtaͤrkeren Freunde auf. Haſtebeck war durch und durch erſchuͤttert von der Klage ſeines ungluͤcklichen Freundes. Er druͤckte ihm mit Heftigkeit die Hand, und rief, im Kampf mit ſeinen ſchmerzlichen Gefüͤhlen aus: „Du armer, armer Schelm! Preßt eine ſolche Fla⸗ ſche Wein Dir ein ſolches Lied aus! Was fuͤr froͤh⸗ Weſtold. I. Theil. 4 liche konnten wir ſonſt beim ſchlechteſten Kraͤtzer anſtimmen!“ Es wollte Weſtolden reuen, durch eine ſo traurige Herzensergießung den ſchoͤnen Wein ver⸗ dorben zu haben; doch da druͤckte ihm Haſtebeck noch feſter die Hand:„Nein, habe Dank fuͤr Dei⸗ ne Entdeckung! Und ſegne Gott den braven Mann, der Dir die Flaſche verehrte, die Dir endlich ein⸗ mal die Zunge geloͤſt hat! Soll man ſich immer nur luſtig trinken, wie jeder Narr es kann? nicht auch einmal, wenn Urſach dazu iſt, recht verzwei⸗ felt, um ſich keck und kruͤftig gegen den Daͤmon zu verſchwoͤren, der einen plagt?“ Er ſchenkte den Reſt der Flaſche in die Glaͤſer, und rief:„Stoß an, Weſtold! Der Teufel ſoll Deine Akten holen, und— wenn Du willſt— die ganze Juriſterei!“— Dann ſchalt er ihn aus, daß er bei dieſem letzten Trunk ein viel zu frommes Ge⸗ ſicht gemacht habe, und ſetzte endlich hinzu:„Du mußt Dich herausreißen aus der verdammten Lage! und zwar lieber heute, als morgen! Du gehſt ſonſt unter an Leib und Seele!“ Weſtold ſchuͤttelte wehmuͤthig mit dem Kopfe: „Wie kann ich das einzige Haus verlaſſen, was mir, wenigſtens nothduͤrftig, Schutz gegen Wind und Wet⸗ ter giebt? wo ich noch dazu von Weib und Kind, die den Schluͤſſel zum Fenſter hinausgeworfen ha⸗ ben, feſt eingeſchloſſen bin? Da ſprang Haſtebeck lebhaft auf:„Aber zum Henker! wenn es unter mir brennt, und ich bin eingeſperrt: ſo werfe ich das ganze Haus zum Fenſter hinaus, hinter dem Schluͤſſel her, damit ich ſelbſt nur mit hinguskomme und nicht ver⸗ brenne!“ Still laͤchelnd, wollte Weſtold eben fragen, wie man wohl eigentlich ein ſolches Kunſtſtuͤck anzu⸗ fangen habe, als von Haſtebecks lebhaften Geſti⸗ kulationen der Leuchter mit dem Lichte vom Tiſche flog, und ſie ploͤtzlich in dichter Finſterniß waren. Weſtold verſuchte, Feuer anzuſchlagen, doch Stahl, Stein und Schwamm verſagten ihm ihre Dienſte. Die Magd wollte er dazu nicht gern we⸗ cken, weil ſie, wie er meinte, einen ſauern Tag ge⸗ habt habe, und eines ruhigen Schlafs beduͤrfen 4* 3 werde. Er zerſchlug ſich mit dem Stahl lieber die Finger, daß er mehrmals faſt aufſchreien mußte vor Schmerz. Als Haſtebeck, der nur gleich weiter ſprechen wollte, dieſen ſeinen Nothſtand endlich be⸗ merkte, ſagte er:„Spare doch Deine Muͤhe! Die Flaſche iſt leer, und ſprechen koͤnnen wir ja im Dunkeln. Zufrieden mit dieſer Aeußerung, warf Weſtold das Feuerzeug hin; und ſie erinnerten ſich nun mit vieler Luſt, wie manche halbe Nacht ſie vor Zeiten in jugendlichem Frohſinn verplaudert hatten, wenn eben ihre Phantaſie lebhaft von irgend einem Ge⸗ genſtande ergriffen, und ihr einziges Stuͤckchen Licht abgebrannt war. Heute erneueten ſie die alte Ge⸗ wohnheit. Haſtebeck that einen entſetzlichen Schwur, Weſtold müſſe in eine andere Lage verſetzt werden, und wenn auch der leibhaftige Satan dagegen kaba⸗ lire. Er griff raſch umher nach einer Menge von Vorſchlaͤgen, die wohl gut gemeint, nur nicht aus⸗ fuͤhrbar waren. Weſtold hatte nichts zu thun, als zu widerlegen, und brach endlich in die Worte aus:„Meine Noth wird nur mit meinem Leben enden! Mir kann Niemand helfen, als der Tod! — Ich tauge nirgends hin, als auf eine ſtille Land⸗ pfarre; Du ſelbſt nannteſt mich ja heute, bald nach Deiner Ankunft, einen gebornen Prediger! Ach, wie trafſt Du mir mit den Worten in's Herz! Aber zu dem Glückshafen einer Landpfarre habe ich nicht gelangen koͤnnen: alſo bin ich nirgends auf meinem Paatze in dieſer Welt!“ Scheltend ſiel ihm Haſtebeck ins Wort: „Laß Dir doch nicht von einem Traume den Kopf verruͤcken!“ Ruhig antwortete Weſtold:„Das wolle Gott nicht! Mein Traum hat dieſe Neigung nicht erſt in mich hinein gebracht, ſondern die Neigung, die von jeher in mir ſchlummerte, hat ſich darin bildlich kund gethan, und mir dadurch nur geholfen, mein Inneres ſchneller und klarer zu erkennen.— Und kannſt Du um dieſer Neigung willen mich ta⸗ deln? Den Einen treibt ſein Sinn zum Schwerdte, den Andern zum Pfluge, den Dritten und den Hun⸗ dertſten oder Tauſendſten immer zu etwas anderem. . Du, zum Beiſpiel, wollteſt immer hinaus auf's Meer, wollteſt von Kindesbeinen an zu Schiffe gehn, um auf einer wuͤſten Inſel ein Robinſon zu werden, oder in Indien ein reicher Nabob.“ „Hoho!“ fuhr Haſtebeck daswiſchen,„ein Nabob gewiß nicht! eher ein Robinſon! Eigentlich wollte ich aber nichts, als nur das Meer, und zwar ein wildes, tobendes, brauſendes Meer! Doch, das iſt nun auch nichts! Im frommen Eheſtande ver⸗ dunſten dergleichen Wuͤnſche wohl! Ich haͤtte mich gar zu gern einmal mit den Meereswellen gebalgt.“ Weſtold ſchuͤttelte laͤchelnd mit dem Kopfe. Dann fuhr er fort: „Mich treibt mein Sinn, zu lehren, zu troͤſten, zu verſoͤhnen, wie die Lerche zu ihrem froͤhlichen Fruͤhlingsliede, die Nachtigall zu ihrem ſchwermuͤ⸗ thigen Nachtgeſange ſich getrieben fuͤhlt. Mich reitzt kein Ruhm, kein Gold, kein Geraͤuſch. Ein ſtiller Naturgenuß iſt mir lieber, als aller Prunk. Ich liebe den Menſchen, als Menſchen; ſeine aͤußern Verhaͤltniſſe kuͤmmern mich nicht; aber in ſein In- neres blick' ich gern, um den, millionenfach anders 1 5⁵ geſtalteten/ uͤberall doch ſich aͤhnelnden, ſeinen ho⸗ hen Urſprung beurkundenden, Geiſt, der darin ſich ſpiegelt, zu ſehen und zu bewundern. Jedes Menſchengemüth iſt ein edler Kriſtall; nur ſind die meiſten noch ganz roh, und eine große Menge iſt beſtaͤubt, beſchmutzt, zerkritzelt, zerſprungen im Laufe der Welt, durch boͤſes Beiſpiel, wilde Lei⸗ denſchaft, verkehrte Lehre, Verſunkenheit in Laſter und Schande. Und Hand anzulegen an die rohen oder beſchmutzten Kriſtalle, um aus ihnen, ſo viel als moͤglich, helle, ſchoͤne Spiegel der Gottheit zu bilden— welch' eine edle Beſtimmung! Auch das bloße, ernſtliche, redliche Wollen fuͤhrt ſeinen Lohn in ſich, wenn es auch vom Gelingen nur wenig ge⸗ kroͤnt wird.— Und mein Wille waͤre warlich ernſtlich und redlich!—— Und mein Brod bauete ich mir ſelbſt! Ich ſaͤete und erndtete ſelbſt! Die Erde, die Wolken, die Sonne wuͤrden unmittelba⸗ rer meine Wohlthaͤter! Die ganze Natur waͤre mir naͤher, heiliger!— Ich waͤre Landmann, ohne Bauer zu ſeyn, und ohne das Hoͤhere zu vergeſſen; ich waͤre Seelſorger, ohne mich dem Schlichtmenſch⸗ .·.. lichen zu entziehen! Und ſo umfaßte ich in meinem kleinen Kreiſe den Himmel und die Erde zugleich, wozu der Menſch, der wahre Menſch, recht eigent⸗ lich beſtimmt iſt, da der Schoͤpfer ihn ſo unverkenn⸗ bar in die Mitte zwiſchen Thier und Engel ge⸗ ſtellt hat.“ „Bruder!“ rief Haſtebeck aus—„bei mei⸗ ner armen Seele! Du biſt, du biſt ſchon ein Pre⸗ diger! Es giebt aͤchte Maurer auch ohne Schurz und Zeichen, und ſo auch Prediger ohne Mantel und Kragen. Predige nur zu! Ich hoͤre Dir, hol mich der Teufel! die ganze Nacht andaͤchtig zu.“ Aber gerade durch dieſe Auffoderung zum Wei⸗ terſprechen verſtummte Weſtold, und verſank in ſtilles Nachdenken. „Sollte der Morgen ſchon daͤmmern?“ fuhr endlich Haſtebeck auf—„Sieh, wie hell es jetzt iſt gegen vorhin!“ „Es iſt nicht heller geworden,“ erwiederte Weſtold—„unſere Augen ſind nur jetzt an die Dunkelheit gewoͤhnt, die uns, bei dem Verloͤſchen des Lichtes, wie eine egyptiſche Finſterniß erſchien.“ — —„So gewoͤhnt man ſich auch wohl an ein boͤſes Schickſal,“ fuhr er fort—„das einem anfangs unerträͤglich erſcheint. Wenn man nur Geduld hat: ſo verwandelt ſich unvermerkt auch die Nacht eines boͤſen Schickſals in Daͤmmerung, wenigſtens ſchein⸗ bar. Eben wollte er fromm und freundlich die An⸗ wendung auf ſich und ſeine Lage machen; allein Haſtebeck wurde durch die letzten Worte an eine Strophe ſeines alten Lieblingsliedes:„Freut euch des Lebens“ erinnert, und rief ploͤtzlich dazwi⸗ ſchen:„Nicht von der Geduld, ſondern von der Freundſchaft heißt es: „Sie wandelt Nacht in Daͤmmerung „Und Daͤmmerung in Licht.“ „Laß uns zu guter letzt den alten Gaſſenhauer noch einmal anſtimmen!“ Und laut fing er ſogleich die froͤhliche Weiſe an zu ſingen. Weſtold ſtimmte unwillkuͤhrlich mit ein; und als ſie an die letzte Strophe kamen, ſchlu⸗ gen ſie als Bruͤder traulich Hand in Hand, und Haſtebeck druͤckte ſie dem Freunde ſo herzhaft, als waͤr' es zum Abſchied auf Leben und Tod. ///— Q— Erſt als ihr Geſang geendigt war, höͤrten ſie, daß an der Hausthuͤr ſtark geklingelt wurde, was waͤhrend ihres Singens ſchon ein paarmal geſche⸗ hen war. Weſtold oͤffnete das Fenſter, und ſah, daß ein Wagen vor der Thuͤr hielt. Er rief hinun⸗ ter, wer da ſey? und eine weibliche, zitternde Stim⸗ me antwortete aus dem Wagen:„Biſt Du wirklich noch auf, Bruder?“ „Marie!“ ſtotterte Weſtold mit ungewiſſer Stimme, und machte eine Bewegung, als ob er zum Fenſter hinaus wolle. Dann wandte er ſich ploͤtzlich, ſtuͤrste, ohne auf Haſtebecks Fragen zu achten, zum Zimmer hinaus und nach der Haus⸗ thuͤr. Erſt als er lange an ihr geruͤttelt hatte, ſiel ihm ein, daß er einen Schluͤſſel brauche, um ſie zu oͤffnen. Er eilte daher auf ſein Zimmer zurück, und 59 nun brachte Haſtebeck ihn wenigſtens zu der Ant⸗ wort:„Marie iſt es! meine geliebte Schweſter!“ „Deine Schweſter?“ fragte Haſtebeck ver⸗ wundert—„ich denke, Du verlorſt deinen Vater wenig Tage nach deiner Geburt?“ „Nun ja!“ erwiederte Weſtold, wuͤhrend er noch nach dem Hausſchluͤſſel herum griff—„Sie iſt meine Stiefſchweſter, was den Vater betrifft; aber wir ſind von einer und der nemlichen guten, lieben Mutter, und wir haben uns immer ſo lieb gehabt, als waͤren wir auch von einem und dem nemlichen Vater.“ Jetzt hatte er den Schluͤſſel gefunden, und nun flog er wieder die Treppe hinab. Haſtebeck folg⸗ te ihm nach; und Martin, der Reitknecht, der noch wachte, um ſeinen Herrn beim Schlafengehen zu bedienen, als er den Tritt und die Stimme deſſel⸗ ben vernahm, ſtolperte ſchlateunken mit einem brennenden Lichte hinzu. Im Nu waren Haus⸗ und Wagenthuͤr geoͤff⸗ net. Die Schweſter ſank dem Bruder in die Arme. Lange hielten ſie ſich feſt umſchlungen, ſie ſchluch⸗ 60 zend, und guch er bis zu Thraͤnen geruͤhrt. Endlich riß ſie ſich los, ſtieg in den Wagen zuruͤck, und hol⸗ te ein ſchlafendes Kind, einen Knaben von andert⸗ halb Jahren. Weſtold, in geſchaͤftiger Eile, den Wagen auspacken, und alle Sachen einſtweilen auf den Hausflur tragen zu laſſen, bemerkte nicht, was ſeine Schweſter trug und ans Herz druͤckte; und als er endlich zu ihr auf den Hausflur trat, war auf einmal das Licht in Martins Hand erloſchen, und Alle ſtanden wieder im Dunkeln.„Toͤlpel!“ rief Haſtebeck:„Schaffe wieder Licht!“ Aber der Toͤlpel ſchlich ſtillſchweigend in den Hof, ohne wieder zu kommen. Nun tappte man die Treppe hinauf; man ging in Weſtolds Arbeitszimmer. Mit Haͤnden, die vor freudiger Ueberraſchung zit⸗ terten, wollte er auf's neue ſein Heil mit dem Feuer⸗ zeuge verſuchen. Haſtebeck verwünſchte die Unge⸗ ſchicklichkeit ſeines Reitknechts, daß er das Licht, ſtatt es heller zu putzen, ausgeputzt habe.—„Ach“ ſagte Weſtold ein wenig aͤrgerlich—„wenn er es ausgeputzt haͤtte, ſollte es mich nicht verdrießen; allein er blies es gus! Das war ein Spas am 61 unrechten Orte.“ Unmoͤglich koͤnne Martin ſol⸗ chen Spas gemacht und das Licht abſichtlich ausge⸗ blaſen haben, meinte Haſtebeck. Weſtold fo⸗ derte im Eifer ſeine Schweſter, die dicht dabei ge⸗ ſtanden habe, als Zeugin auf; dieſe aber verſi icher⸗ te, ſie wiſſe weiter nichts, als daß es erſt hell, und dann ploͤtzlich dunkel geweſen ſey, und ſie habe eigentlich Niemanden geſehn, als ihren geliebten Bruder.—„Das laͤßt ſich denken!“ ſagte Ha⸗ ſtebeck, und trieb nun den Freund, daß er, der Verlegenheit ein Ende zu machen, doch ſchnell die Magd wecken ſolle. Und da es Weſtolden jetzt ploͤtzlich einſtel, daß die Reiſende auch wohl etwas Speiſe und Trank bedurfen werde, that er es mit deſto dringenderer Eile und mit dem beſten Gewiſ⸗ ſen. Doch ſchneller, als er Licht bekommen konnte, eilte er wieder zuruͤck. Haſtebeck hatte der Angekommenen unter⸗ deſſen ſeinen Namen genannt, ſich ihr als den alten Freund ihres Bruders bekannt gemacht, und guch um ihren Namen gebeten, da er ein Kind auf ihrem ———— 2 62 Arme bemerkte. Sie ſagte, ſie heiße Schoͤnberg⸗ und komme von Frankfurt. „Schoͤnberg?— Frankfurt?“ wieder⸗ holte Haſtebeck mit einem ſonderbaren Tone— „Doch nicht Frankfurt am Main? Und We⸗ ſtold iſt Ihr Bruder?“ Ehe ſie noch antworten konnte, trat Weſtold wieder ins Zimmer, ſiel der Schweſter aufs neue um den Hals, und bemerkte nun auch das Kind auf ihrem Arme. Geruͤhrt fragte er:„ Du biſt Mut⸗ ter? Das iſt Dein Kind?“ „Ja!“ war ihre Antwort—„das iſt mein Herrmann. Ich habe ihn in der Taufe nach Dir nennen laſſen, mein theurer Bruder Herr⸗ mann!“ Und Weſtold rief frohlockend:„Wahrhaftig? Herrmann?— Nun ſieh! ich habe ſo gut an Dich gedacht, wie Du an mich! Meine Kleine heißt Marie.“ Und mit dieſen Worten nahm er der Mutter das Kind vom Arme, und druͤckte und kuͤßte es, als ob ſein Weib ihn eben damit beſchenkt haͤtte. 63 Das Kind fing an zu ſchreien. Die Mutter mußte ſich damit beſchaͤftigen, um es wieder zu be⸗ ruhigen. Jetzt konnte Haſtebeck mit Weſtold vin paar Worte ſprechen. „Von Frankfurt kommt ſie? Von Frank⸗ furt am Main? Und Frau von Schoͤnberg nennt ſie ſich?“ Ein hoͤchſt verwundertes„Warum nicht gar war die Antwort, die er erhielt. „Nun, zum Teufel, weißt Du denn das nicht?“ fuhr Haſtebeck fort zu fragen. „Seit drittehalb Jahren“ antwortete We⸗ ſtold halblaut—„weiß ich faſt nichts von ihr. Ein einzigesmal habe ich in der ganzen Zeit einen Brief von ihr erhalten blos mit Marie unter⸗ ſchrieben, und ohne Angabe eines Orts. Da ſchrieb ſie mir nichts, als daß ich ihretwegen ruhig ſeyn ſolle, daß ſie ein ſehr gluͤckliches Weib geworden ſey, und daß ich an ihrer ſchweſterlichen Liebe nicht zwei⸗ feln duͤrfe, wenn ſie auch noch einige Zeit verbor⸗ gen und entfernt von mir lebe.“ 64 „und der Kerl blies das Licht aus? abſicht⸗ lich?“ fragte Haſteb eck mit finſterm Blick, und in auffallender Verwirrung. Weſtold beſtaͤtigte das mit ruhigem Tone. Aber mit furchtbarer Hef⸗ tigkeit fuhr Haſtebeck jetzt auf:„Wo find' ich den Schurken? den Nichtswuͤrdigen? Ich muß mit ihm ſprechen!“ Mit raſchen Schritten wollte er nach der Thuͤr⸗ doch im Dunkeln rannte er erſt gegen einen Stuhl, dann gegen einen Tiſch, und machte ein Gepolter, daß Alle erſchraken, und das Kind noch heftiger zu ſchreien begann, als zuvor. Weſtold ergriff ihn beim Arm, um ihn zuruͤck zu halten, und beſchwor ihn, ſeinen Zorn zu maͤßi⸗ gen, und nicht in der Nacht noch das ganze Haus in Aufruhr zu bringen. „Schandſtreich ohne Gleichen!“ grollte Ha⸗ ſtebeck zwiſchen den Zaͤhnen, als er ſich endlich darein ergeben hatte, ſich wenigſtens fuͤr jetzt nicht weiter um ſeinen Reitknecht zu bekuümmern. We⸗ ſtold fuhr fort, ihn zu bitten, daß er eine Albern⸗ heit, eine Faſelei doch nicht ſo ſtreng nehmen moͤch⸗ 65* moͤchte; er halte den Martin fuͤr einen Eulen⸗ ſpiegel, meinte er, und einem ſolchen müſſe man ſchon mitunter etwas nachſehen.—„Ein ſauberer Eulenſpiegel!“ unterbrach ihn Haſtebeck—„vol⸗ ler Liſt und Raͤnke, und fuͤr Geld jeden Augenblick zu jedem Bubenſtuͤck bereit! Sieh Dir doch ſein verſchmitztes Galgengeſicht nur an!“ „Er iſt wohl erſt ſeit kurzem in Deinem Dienſtꝰ/ fragte Weſtold. „O, leider ſchon ſeit drei, vier Jahren! Ich weiß es ſelbſt nicht mehr, wie lange ſchon!“ gnt⸗ wortete Haſtebeck. „Ei, das wundert mich doch,“ erwiederte Weſtold,„wenn er ſo ſchlimm iſt, wie du ihn ſchilderſt! Indeſſen moͤcht' ich ihn doch nicht um ſein Brod bei dir bringen; und ich bitte dich alſo: vergib ihm den dummen Streich mit dem Lichte!“ „Ach, was kuͤmmert mich das ausgeblaſene Licht!“ ſeufste Haſtebeck, und ſtuͤtzte die Fauſt gegen die Stirn. Weſtold begriff ihn nicht, und verwuͤnſchte den Wein, der ſeinen Freund in eine ſo boͤſe Stimmung verſetzt habe.— Weſtold. I. Theil. &᷑ 66 Das Kind war unterdeſſen ruhig geworden, und Weſtold wandte ſich nun mit freundlichem Tone an die Schweſter:„Alſo Frau von Schoͤnberg heißeſt Du? In Deinem Briefe nannteſt Du Dich blos ein gluͤckliches Weib. Das biſt Du doch noch?“ Mehrere Sekunden vergingen, ehe ſie die Faſ⸗ ſung zu einer Antwort gewann. Haſtebeck mur⸗ melte unterdeſſen vor ſich hin:„Nun, es gibt ja viele Schoͤnbergs. Es iſt ein oft vorkommender Nahme.“ Endlich ſeufzte Marie mit halb erſtick⸗ ter Stimme ein leiſes:„Nicht mehr!“ Erſchrocken, wiederholte Weſtold dieſe Wor⸗ te, und wollte eben theilnehmend weiter fragen. Da trat die Magd mit Licht ins Zimmer, und er ſah, daß ſeine Schweſter in Trauerkleidern war.— „Du biſt Wittwe““ fragte er betroffen; und ſtatt der Antwort ſtuͤrzte ſie in ſeine Arme, und weinte laut an ſeiner Bruſt. Haſtebeck ging unterdeſſen mit großen Schritten in dem kleinen Zimmer auf und ab, und murmelte mehr als einen Fluch zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen. 67 Allmaͤhlig gewann Marie wieder neue Faſ⸗ ſung, um ſich aufzurichten; und mit den Worten: „Das iſt nun mein ganzes Gluͤck!“ druͤckte ſie das Kind an ihr Herz. Mit ſanfter Trauer, in die der Ausdruck der ſeligſten Liebe ſich verſchmolz, blickte ſie ſtill darauf nieder. Weſtold ſtand ihr, ebenfalls ſtumm, gegenuͤber, und hing mit freundlich wehmuͤthigen Blicken an der ſchoͤnen, theuren Ge⸗ ſtalt. Und auch Haſtebeck blieb ploͤtzlich ſtehen, ſtarrte ſie mit großen, verſchlingenden Blicken an, und unterbrach endlich die lange Stille mit den Worten:„Beim Himmel! das leibhaftige, große Madonnenbild von Raphael in Dresden! Und der Junge!— wahrhaftig auch Der ſieht einen ſo ernſt und bezaubernd an, wie ein Ra⸗ phaelſcher Engel!— Waͤr' ich ihr Mann: der Teu⸗ fel ſoll mich holen, wenn ich geſtorben waͤre!“ Dann fuhr er fort, mit noch groͤßern Schritten auf und ab zu gehen, als vorher. Doch die Geſchwi⸗ ſter bemerkten wenig oder nichts hiervon, weil ſie zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt waren. 5 68 Endlich legte das Kind ſeinen Kopf an den Hals der Mutter, um zu ſchlafen. Marie ent⸗ ſchuldigte ſich, daß ſie mitten in der Nacht noch ins Haus gekommen ſey. Sie hatte wollen in einem Gaſthofe uͤbernachten, allein der Lohnkutſcher, der ſie aus der naͤchſten Stadt heruͤberfuhr, zeigte ihr ihres Bruders Haus, und da er luſtig darin ſingen hoͤrte, uͤberredete er ſie, hier gleich abzuſteigen. Weſtold freute ſich des Zufalls, der ihm die un⸗ verhoffte Freude noch in der Nacht verſchafft hatte, und fuͤhrte Marien nun hinweg, um ihr eine Ruhe⸗ ſtelle anzuweiſen; aber erſt auf dem Wege ſiel ihm ein, daß ihm fuͤr dieſe Nacht kein Bette weiter zu Gebote ſtaͤnde, als ſein eignes und das fuür Haſtebeck be⸗ ſtimmte. Unbedenklich ernannte er dies letzte zu dem ihrigen, uͤberließ ſie der Ruhe, deren ſie bedurfte, und eilte dann zu Haſtebeck zuruͤck, um ſein eig⸗ nes Bett dieſem abzutreten. Allein Haſtebeck wollte von Schlaf und Bette jetzt nichts mehr hoͤren, ſondern ſchritt immer noch, wie ein Held im Trauer⸗ ſpiel, auf und ab.„Hab' ich ſie ins Haus hereinge⸗ ſungen:“ ſprach er mit einem ſonderbaren Lachen f 69 —„ſo iſt nichts billiger, als daß ich ihr auch mein Bett abtrete.— Wunderbar genug! Haͤtte ich nicht den Einfall gehabt, noch tief in der Nacht zu ſin⸗ gen, wie ein Student: ſo waͤre ſie in einen Gaſt⸗ hof gefahren, ich waͤre in aller Fruͤhe abgereiſt, und haͤtte ſie nicht kennen gelernt!— Es gibt ſonder⸗ bare Verkettungen im Menſchenleben!— Bruder, ich muß ſie naͤher kennen lernen! ich bleibe noch einen oder ein paar Tage.“ Freudig ſiel Weſtold ihm um den Hals, und wollte noch ein Geſpraͤch uͤber die Schweſter an⸗ knuͤpfen. Doch Haſtebeck riß ſich von ihm los, und trieb ihn mit den Worten von ſich:„Verlaß mich, Bruderherz! Ich mag heute kein Menſchen⸗ geſicht mehr ſehen; und hoͤren mag ich noch weni⸗ ger! Es klingt mir Alles, wie Hoͤllenmuſik!“ Halb laͤchelnd, halb den Kopf ſchuͤttelnd uͤber dieſe ſeltſame Aeußerung, wollte Weſtold eben das Zimmer verlaſſen, als ſie das Hofthor oͤffnen, und dann Pferde⸗Getrappel unter dem Fenſter hoͤrten. ———— 70 „So ſpaͤt in der Nacht!“ ſagte Weſtold— „Ei, was mag das ſeyn?“ Er wendete ſich nach dem Fenſter; doch ſchneller noch hatte es Haſtebeck ſchon aufgeriſſen, und ſchrie hinunter:„Was haſt du vor, Martin? Wo willſt du hin?“ Aber der Reiter gab keine Antwort, ſondern galloppirte im hellen Mondſchein eilig davon. „Wie? dein Martin?“ fragte Weſtold hoͤchſt verwundert,„das iſt ja nicht moͤglich.“ Und da er hoͤrte, daß eben Jemand das Hofthor von in⸗ nen wieder zumachen wollte, rief er mit lauter Stimme hinunter, wer denn ſo ſpaͤt hinweg geritten ſey? Mit ſchlaͤfrigem Tone antwortete der Knecht des Hauswirths hinauf:„Der fremde Reitknecht. Er hat im letzten Quartier etwas liegen laſſen; und ich ſoll morgen fruͤh ſeinem Herrn das Pferd fuͤttern und ſatteln. 2 „Ein naͤrriſcher Spas!“ ſagte Weſtold, in⸗ dem er das Fenſter verließ. „Wahrlich! Spas auf Spas!“ rief Haſte⸗ beck, und warf das Fenſter zu, daß es klirrte. „Erſt das Licht ausgeblaſen! und dann zum Teufel 71 geritten Bliebe er am naͤchſten Galgen doch häͤn⸗ gen, der Bube!““ „Wir wollen ihm nachſetzen laſſen!“ rief Weſtold—„Ein Pferd einzubuͤßen, iſt doch kei⸗ ne Kleinigkeit! „O, ein Dieb iſt er nicht!“ erwiederte Ha⸗ ſtebeck—„trotz ſeines ſpitzbübiſchen Geſichts! Die Furcht jagt ihn fort! Sein Ritt wird wohl mit dem Ausblaſen des Lichts im Zuſammenhange ſtehn!“ „Ei, du mein Gott!“ ſagte Weſtold be⸗ troffen—„ein ſolcher Tyrann wirſt du doch nicht ſeyn, ihn um ſo einer Kleinigkeit willen— „Kleinigkeit?“ fuhr Haſtebeck mit Zorn in Blick und Gebehrden auf. Doch ſchnell ſich faſ⸗ ſend, ſagte er gleich mit veraͤndertem Tone:„ Geh, Weſtold! Es iſt Mitternacht! Ich will nun hier in deinem Armenſtuhle ausruhen. Kein Wort weiter!“ Er warf ſich in den Stuhl, und ſchloß die Au⸗ gen zu. Zoͤgernd ging Weſtold hinaus; doch draußen höͤrte er alsbald, daß ſein Freund wieder 72 in heftiger Bewegung ſprach. Zuruͤckkehrend oͤſtnete er daher die Thuͤre wieder mit der Frage:„Riefſt Du mich nicht?“ „Ich bin ja ſtumm, wie ein Fiſch!“ erwiederte Haſtebeck. „Ei, ich hoͤrte doch deine Stimme; und ſehr laut!“ wendete Weſtold ein. „Nun, ſo werde ich wohl etwas geflucht ha⸗ ben!“ ſagte Haſtebeck. Weſtold zog ſich ſtill zuruck, und ſeußzte fuͤr ſich mit bedenklichem Kopfſchüͤtteln:„Das iſt kein guter Abendſeegen!“ Der Schlaf ſchloß endlich Aller Augen; doch Weſtold war fruͤh wieder auf, und lauſchte an der Kammer ſeiner Frau, ob ſie noch nicht wache, um von ihm die unerwartete Ankunft Mariens in der vergangenen Nacht vernehmen zu koͤnnen. Bei 73 dem erſten Geraͤuſch, das er hoͤrte, flog er zu Au⸗ guſten, und ſchuͤttete die Freude und die Weh⸗ muth ſeines Herzens vor ihr aus. Aufs theilneh⸗ mendſte hoͤrte die Gattin die unerwartete Neuigkeit mit an; aber ſehr bald regte ſich in ihr die Sorg⸗ lichkeit der Hausfrau, die nun gar vielerlei bedachte, was anzuordnen und einzurichten ſey. Sie waͤre von dem Bette, wo ſie ſchon aufgerichtet ſaß, au⸗ genblicklich raſch aufgeſprungen, haͤtte die heiligere Mutterpflicht ſie nicht zuruͤckgehalten; denn die klei⸗ ne Marie lag eben trinkend an ihrer Bruſt. We⸗ ſtold, der noch traulich plaudern, noch einen Her⸗ zensgenuß haben wollte, mochte von Wiethſchafts⸗ einrichtungen in dieſer Stunde nichts hoͤren, und eilte fort, um ſeine Gattin noch auf andere Weiſe zu uͤberraſchen und zu feſſeln. Wie ein Dieb, ſchlich er in die Schlafkammer ſeiner Schweſter, die noch in tiefem Schlafe lag, und nahm ihr, ohne daß ſie es bemerkte, den ſtill erwachten Knaben von der Seite. Liebkoſend eilte er dann mit ſeinem Raube an das Bett ſeiner Gat⸗ tin, und legte ihr ihn, der kleinen Marie gegen⸗ 74 uͤber, an das Herz. Liebevoll ſchlug Auguſte den Arm, wie um das eigne, auch um das fremde Kind, das an ihr mit großen Blicken hinauf ſah. Weſtold faltete die Haͤnde uͤber ſeiner Bruſt, vor Entzuͤcken uͤber den Reitz dieſer Gruppe; aber aus Auguſtens Augen ſuuͤrzte ploͤtzlich ein Strom von Thraͤnen; denn der fremde Knabe in ihrem Arm erinnerte ſie mit unbezwinglichem Schmerze ploͤtzlich an den eignen, den ein fruͤher Tod ihr entriſſen hatte. Auch ohne daß ſie ſprach, verſtand We⸗ ſtold ihre Thraͤnen, und ehrte einige Minuten lang ſchweigend ihren Schmerz. Dann fiel er zaͤrtlich um ihren Hals, und ſagte:„Weine nun nicht mehr! es muͤßten denn Freudenthraͤnen ſeyn! Sieh, nun ſind wir ja mit einenmale reich. Der Herr⸗ mann iſt ein herrlicher Junge, und ſo gut wie unſer. Ich will ſein Vater ſeyn; ſo iſt er ja mein Sohn und auch Deiner!— Du ſollſt ſehen, wie die Arbeit— auch die widrigſte— mir nun wieder leicht ſeyn ſoll, da ich fuͤr eine Wittwe und Waiſe zu ſorgen habe; denn ſicher ſind ſie ohne Vermoͤgen, und haben nun keinen Helfer, als mich.“ —— „Guter Mann!“ ſeufßzte Auguſte— wenn Deine Kraͤfte nur ſo ſtark waͤren, als Dein Wille gut iſt! Du wuͤrdeſt dabei zu Grunde gehn. Aber ſey ruhig! Ich und Marie wollen guch ſchon Hand ans Werk legen!“ Sie theilte ihm den Plan zu einer Unterrichts⸗ anſtalt in weiblichen Arbeiten mit, den ſie lange ſchon im Kopfe gehabt hatte, und nun mit Huͤlfe ihrer Schwaͤgerin leichter auszufuͤhren hoffte. Doch jetzt that die Thuͤr ſich auf, und Marie, die ſehr bald erwacht war und ihr Kind vermißt hatte, trat mit an das Bett. Mehr noch, als die Gruppe hierdurch vergroͤßert wurde, vergroͤßerte ſich die Bewegung der Herzen. Freude„ Schmerz und Liebe verſchmolzen ineinander wie Erd und Him⸗ mel im Purpurglanz eines warmen Sommerabends Doch als die Liebe endlich die Oberhand behielt vermißte Weſtold noch den geliebten Freund und er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dieſer einſam und freudenlos in einem entfernten Stuͤbchen waͤre, waͤhrend hier Arm um Arm und Liebe um Liebe ſich ſchlang. 76 Naſchen Schrittes ging er zu Haſtebeck, der aus Langeweile in einem Aktenſtoß blaͤtterte.„Theu⸗ rer Bruder!“ rief er ihm zu—„die Liebe bauet druͤben einen Triumphbogen, an dem nur der Schlußſtein noch fehlt. Der ſollſt Du ſeyn! Komm, und hilf uns laͤcheln vor Wehmuth, und weinen vor Freude! Du findeſt eine ſolche Stunde ſo leicht nicht wieder.“ 3 Finſtern Blicks ſchuͤttelte Haſtebeck mit dem Kopfe, ohne zu antworten. Da begann Weſtold, um ihn zu uͤberreden, die Szene in der Schlafkam⸗ mer ſeiner Frau mit warmer Begeiſterung naͤher zu beſchreiben; und in dem feſten Glauben, daß das ſeine Wirkung nicht verfehlt haben koͤnne, ergriff er Haſtebecks Hand, um ihn mit fortzufuͤhren. Doch dieſer zog raſch, wenn auch nicht unfreund⸗ lich, ſeine Hand zuruͤck, und ſagte:„Um keinen Preis! Das muͤrde nicht taugen, wenn ich mich euren Ruͤhrungen und Umarmungen mit hingeben wollte. Ich will hart und kalt und ſtumm ſeyn und bleiben, wie ein Stein. Die elektriſchen Liebesfun⸗ ken, die in euren Herzen nur einen wohlthaͤtigen 2. 77 Waͤrmeſtoff unterhalten, koͤnnten bei mir eine gehei⸗ me Pulvermine entzuͤnden, die uns Alle in die Luft ſprengte!“— „Ey, das wolle Gott nicht!“ erwiederte We⸗ ſtold—„Wie kaͤme auch in Freundes Herz eine Pulvermine!— Haſt Du vielleicht etwas gegen meine Schweſter?“ 3 Da ſprang Haſtebeck auf, als ob er plätzlich mit Schwerdt oder Lanze angegriffen wuͤrde. Ich etwas gegen ſie haben? Verdammt ſey Jeder, der gegen ſie was hat! Ich will ein Schurke ſeyn, wenn mir nicht im Vergleich mit ihr, alle Weiber— Doch nein! Du haſt auch ein treffliches Weib; und ich werde bald eines haben!— Hoͤre, Bruderherz, ihre Geſchichte muß ich wiſſen! das heißt, ihre gan⸗ ze Liebes⸗ oder Heirathsgeſchichte bis auf den heuti⸗ gen Tag! Laß Dir von ihr Alles erzaͤhlen! wahr und genaul ich bleibe noch hier, und Du mußt es mir dann haarklein wiedererzuͤhlen! Hoͤrſt u?¹¼— „Was intereſſirt Dich denn ſo ſehr an ihr? fragte Weſtold;„Du biſt doch ſonſt eben nicht neugierig. 78 „Nun— ℳ antwortete Haſtebeck—„Wer ſelbſt allerlei Liebesfahrten gehabt hat, den intereſſirt ja ſo etwas wohl; und dann— ſie iſt ja deine Schweſter— meines beſten Jugendfreundes Schwe⸗ ſter! Alles, was ſie betrifft, muß mir daher hoͤchſt wichtig ſeyn.— Am beſten iſt es: ich bin dabei, wenn ſie erzaͤhlt, und hoͤre es ſelbſt mit an.“ Weſtold meinte, ſein Freund waͤre ſeiner Schweſter doch wohl zu fremd, als daß es ſie nicht verlegen machen ſollte, in ſeiner Gegenwart ſo die Freude als den Schmerz ihres Herzens in einer um⸗ ſtaͤndlichen Erzaͤhlung auszuſprechen.„Je wahrer und je tiefer ein Verluſt noch die Bruſt bewegt, deſto ſtummer pflegt wohl vor einem Fremden die Lippe daruͤber zu ſeyn!“ ſchloß er ſeine Einwendung. Haſtebeck mußte ihm dies zugeben; doch fand er bald einen Ausweg, und ſagte:„Ich muͤß⸗ te ſie hoͤren koͤnnen, ohne daß ſie mich ſaͤhe, waͤh⸗ rend ihrer Erzaͤhlung.— Ich koͤnnte zum Beiſpiel, wenn Du ſie hierher braͤchteſt und hier erzaͤhlen lie⸗ ßeſt, da im Nebenzimmer inkognito zuhoͤren. Die 79 Thuͤr duͤrfte nur ein ganz klein wenig geoͤffnet ſeyn.“ Nach einigen Einwendungen und Fragen, die Haſtebeck aber kurz zuruͤckwies, verſprach We⸗ ſtold, den Wunſch ſeines Freundes moͤglichſt bald zu erfuͤllen; und ohne weitlaͤuftige Einleitungen ge⸗ lang es ihm, daß ſchon am Nachmittag Marie— freilich mit vielen Unterbrechungen ſchmerzlicher Nuͤckerinnerung— ungefaͤhr Folgendes erzaͤhlte: „Unſer Onkel in Franken, in deſſen Hauſe ich mich, wie ihr wißt, nicht wohl befinden konnte, reiſte, im September 1790, zu der bevorſtehenden Kaiſerkroͤnung, aus lauter Langeweile„ nach Frankfurt; und da er ſeine Kinder mitnahm, die dort einer Aufſicht bedurften: ſo mußte guch ich die Reiſe mitmachen, ob ich gleich lieber zu Hauſe in der laͤndlichen Einſamkeit geblieben waͤre. Die Stadt wimmelte von Fremden, allein ich fuͤhlte mich ſehr einſam dort; denn ich war aus meinen haͤuslichen Geſchaͤften herausgeriſſen; wir hatten und wir machten dort keine Familien⸗Bekanntſchaf⸗ ten, und der Onkel war vom Morgen bis zum 80 Abend auf Kaffeehaͤuſern und in Spielgeſellſchaften. Hoͤchſt ſelten fuͤhrte er mich einmal ins Schauſpiel⸗ haus. Faſt meine einzige, angenehme Zerſtreuung war taͤglich ein Spaziergang mit den Kindern an die freundlichen Ufer des Mains. So kam es, daß ich ein paar Tage vor der Kroͤnungsfeierlichkeit— es war am acht und zwanzigſten September— im Schatten eines kleinen Gebuͤſches die Kinder ausru⸗ hen ließ. Der aͤlteſte Knabe wollte wiſſen, wie und warum die Kroͤnung geſchehe. Ich erzaͤhlte ihm, was ich erſt kuͤrglich daruͤber geleſen hatte; und bei dieſer Gelegenheit kramte ich auch mein bischen Ge⸗ ſchichtsweisheit uͤber die merkwuͤrdigſten deutſchen Kaiſer aus, und ruͤhmte ihm den neuen Kaiſer, Leopold den zweiten, und ſprach endlich auch von dem alten deutſchen Ritterthum, mit meiner gewohn⸗ ten Vorliebe. Gott weiß, wie unbefangen ich das alles ſprach, und wie groß daher mein Schreck war, als auf einmal ein junger, ſchoͤner, ſehr ſauber ge⸗ kleideter Mann, von noch nicht dreißig Jahren, der nicht weit von mir im Gebuͤſche geſeſſen und mir zu⸗ gehoͤrt hatte, vor mich hintrat, und mir mit einer Menge 81 Menge von Schmeicheleien für die vielfache Beleh⸗ rung, die auch er durch mich erhalten habe, dankte. Ich ſtand auf, und ſuchte das angeknuͤpfte Geſpraͤch zu endigen, allein der Unbekannte wußte mich im⸗ mer in eine neue Unterhaltung zu verwickeln, und nach und nach unvermerkt feſtzuhalten. Doch nicht lange, ſo that ich ernſtlich, was ich nur konnte, um ihn los zu werden; denn aus ſeinem Geſicht, ob ich es gleich, ſeiner Schoͤnheit wegen, wider Willen mit Wohlgefallen betrachten mußte, ſchreckte mich etwas an, das wahrſcheinlich in einem gewiſ⸗ ſen Ausdruck ſeiner Blicke lag, deren Dreiſtigkeit oft ſehr gegen die Feinheit und Beſcheidenheit ſeiner Worte abſtach— ein Etwas, das ich zwar nicht zu nennen und zu bezeichnen wußte, wohl aber als gefahrbringend erkannte. Ich ſagte ihm daher, daß ich nicht laͤnger bleiben koͤnne; ich nahm Abſchied von ihm; als er ſich erbot, mich zu begleiten, ver⸗ bat ich dies ſogar, ſo ernſtlich ich nur konnte, ohne unhoͤflich zu ſeyn. Alles war umſonſt! ich konnte ihn nicht loswerden; er ging mit bis an unſre Hausthuͤr; und der Onkel, der am Fenſter geſtan⸗ Weſtold. I, Theil.„ 6 82 den, und ihn bemerkt hatte, machte mir ſo em⸗ pfindliche Vorwuͤrfe uͤber dieſe Begleitung, daß ich mich faſt vor mir ſelbſt ſchaͤmte, und auf den Unbe⸗ kannten recht ernſtlich boͤſe ward. „Ich waͤhlte am folgenden Tage eine andre Stunde und Gegend zu meinem Sypatziergange; nichts deſto weniger ſtand der Unbekannte ploͤtzlich, als die Kinder eben ein wenig vorausgelaufen waren, wieder neben mir. Ich war noch nicht ſiebzehn Jahre alt, und voller Schuͤchternheit; ich wußte mir daher nicht anders zu helfen, als daß ich ihn gufs aͤngſtlichſte beſchwor, mich zu verlaſſen, und nie wieder zu begleiten. Er wollte den Grund mei⸗ ner außerordentlichen Aengſtlichkeit wiſſen, und ſchwur, daß er nicht eher von meiner Seite gehen koͤnne, als bis er hieruͤber eine befriedigende Aus⸗ kunft erhalten habe. Ich konnte keine Luͤge erfin⸗ I den, und ſah mich alſo in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt, ihm offenherzig die ungerechte Behandlung des Onkels mitzutheilen. Er fragte nach meinen Verhaͤltniſſen in dem Hauſe deſſelben, er bezeigte mir in den lebhafteſten Ausdruͤcken ſein Bedauren 83 wegen des mir zugefuͤgten Verdruſſes, und verſicher⸗ te, daß er um dieſen Preis auch ſein groͤßtes Gluͤck nicht haͤtte erkaufen moͤgen. So war ich daruͤber⸗ daß ich nicht mit ihm ſprechen duͤrfe, unvermerkt in ein langes Geſpraͤch gerathen. Die Annaͤherung an das Thor, durch welches ich zuruͤck in die Stadt gehen wollte, ließ mich erſt einſehen, wie lange wir zuſammen geplaudert und uns unterhalten haben mußten. Ich erſchrak davor, und bat ihn— jetzt ſchon etwas vertraulicher— mich augenblicklich zu verlaſſen und nie wieder anzureden. Er that einen Seufzer, ſagte mir aber ein ſchnelles Lebewohl, und küßte ehrerbietig meine Hand. Aus reiner Dank⸗ barkeit und Frende uͤber meine Befreiung, druͤckte ich ihm mit argloſer Herzlichkeit die ſeinige. Kaum aber that ich das: ſo war es, gls ob eine neue Fackel in ſeinen Augen angezuͤndet würde; er zog meine Hand aufs neue an ſeinen Mund, um ſie mit leidenſchaftlichen Kuͤſſen zu uͤberdecken; und da ich mich nun äͤngſtlich losriß, bat er wieder mit einem ſo unwiderſtehlichen Tone, ihm dieſen Ungeſtuͤm zu verzeihen, daß ich mir im Herzen faſt einen Vor⸗ G 6» 7, ubo ho A 19 z 2, 84 wurf machte, ſo unfreundlich gegen ihn geweſen zu ſeyn. „So jung und unerfahren ich auch noch war: ſo ſagte mir doch eine innere Stimme, daß ich alle Vorſicht anwenden müͤſſe, wenn ich nicht in einen Handel verwickelt werden wolle, der mir vielleicht viel Unruhe und Noth bringen koͤnne. Ich that das Geluͤbde, faſt gar nicht mehr das Haus zu verlaſ⸗ ſen, und wenn ich dem Unbekannten jemals wieder begegnete, keine zehn Worte mit ihm zu ſprechen, und keine von meinen Fingerſpitzen von ihm beruͤh⸗ ren zu laſſen. Kaum war ich mit mir hieruͤber einig, und trat zufaͤllig ans Fenſter: ſo ſah ich, daß der Unbekannte voruüͤber ging, und mich aufs ehrerbie⸗ tigſte gruͤßte. Ich dankte ihm gar nicht, vor Schreck, ſondern verließ eilig das Fenſter, und hielt mich den ganzen Tag davon entfernt. „Doch alle meine Vorſicht ſollte mir nichts helfen. Der Tag der pomphaften Feierlichkeiten war gekommen. Der Onkel ging, um nicht genirt zu ſeyn, auch heute allein aus, und uͤberließ es mir, die drei Kinder nach dem Hauſe zu bringen, wo er — —— ein Fenſter für uns gemiethet hatte, um den pracht⸗ vollen Aufzug zu ſehen. Wir hatten uns in unſerm Gaſthofe ein wenig verſpaͤtet; die Hauptſtraßen wa⸗ ren ſchon uͤberfüllt mit Menſchen, ſo daß wir uns an mehrern Stellen durch das Gedraͤnge kaum hin⸗ durchwinden konnten. An meiner linken Hand hatte ich Emilien, an der rechten den kleinen Eduard, den auf der andern Seite auch Fritz, ſein aͤlterer Bruder, anfaſſen mußte. Auf dieſe Weiſe waren wir Alle zwar beieinander; allein unſer Vorwaͤrts⸗ kommen war auch dadurch ſehr erſchwert, und ehe wir es uns verſahen, waren wir, bei aller Vorſicht, mehrmals auseinader geriſſen. So geſchah es denn auch, daß in einem entſetzlichen Gedraͤnge, das durch einige Wagen entſtand, Fritz uns auf ein⸗ mal entſchwunden war, und in dem Augenblick, da ich mich ſuchend umwenden wollte, Emilie zu Boden geworfen wurde, und, trotz unſres Geſchrei⸗ es, in der Gefahr war, von einem Rade gefaßt zu werden. „In dieſem ſchrecklichen Augenblicke, da ich nicht helfen, ſondern nur einen Schrei des Ent⸗ 86 ſetzens ausſtoßen konnte, ward Emilie ploͤtzlich in die Hoͤhe geriſſen, und da ſie, blutend und halb ohnmaͤchtig, nicht im Stande war, zu gehen, von ihrem Retter auf dem rechten Arme durchs Gedraͤn⸗ ge getragen. Mit ſeiner linken Hand zog er mich und Edugrd fort, und brachte uns gluͤcklich in eine nahe Seitengaſſe, die mit Menſchen nicht über⸗ füllt war. Hier wollte ich in das erſte das beſte Haus, am jſuͤr Emilien zu ſorgen. Ihr Retter wendete mir ein, daß Niemand zu Hauſe ſeyn wer⸗ de, und daß wir uns nicht weit von unſerm Gaſt⸗ hofe befaͤnden. Und jetzt erſt ſah ich, daß Emi⸗ liens Retter mein wohlbekannter Unbekannter war. „Ich erſchrack bei dieſer Entdeckung, daß mir auf einige Augenblicke die Kraft zum Weitergehen genommen war; allein er eilte mit raſchen Schritten vorwaͤrts, und ich mußte ihm folgen. Dem mein dankerfuͤlltes Hers, wie einem, vom Himmel ge⸗ ſandten Engel, huldigte, den fuͤrchtete ich zugleich, als meinen gefaͤhrlichen Verfolger! Den ich hatte fliehen wollen, dem mußte ich jetzt willig zur Seite 4ℳ 87 ₰ gehen, um ihn in die Einſamkeit unſrer Wohnung zu fuͤhren!— 4 „Endlich kamen wir an unſer Ziel. Das ſonſt ſo geraͤuſchvolle Haus war, wie ausgeſtorben. Nur ein einziges Dienſtmaͤdchen und ein Hausknecht waren da. Alle Uebrige, Junge und Alte, waren von Neugier und Schauluſt mit in den allgemeinen Strom geriſſen. Ich wollte, daß ein Wundarzt ge⸗ holt wuͤrde, allein Niemand hatte Zeit dazu, und man meinte auch, daß Keiner zu ſinden ſeyn moͤch⸗ te. So hatte ich alſo durchaus keinen andern Hel⸗ fer, als den gefuͤrchteten Unbekannten! „Er trug Emilien auf ihr Bett, wo ſie bald ſich zu erholen anſing. Er wuſch ihre Kopf⸗ wunde, die zum Gluͤck nicht von Bedeutung war; er holte Waſſer, Eſſig und Wein; er lief nach der Apotheke, um Spiritus zu hohlen. Seine Thaͤtig⸗ keit und Theilnahme war unermuͤdlich, und in jeder Minute legte er mir eine neue Verpflichtung auf. „Als er nach der Apotheke gegangen war, und Emilie ſich zum erſtenmale wieder allein aufrichte⸗ te im Bette, ſchöpfte ich guch zum erſtenmale wie⸗ 88 der frei Athem, und ſah mit Beſonnenheit um mich her. Da erſt vermißte ich unſern Fritz, und erin⸗ nerte mich, daß er ſchon von mir getrennt geweſen war, als Emilie niederſtel. Ein neuer Schreck überſiel mich! Ich dachte mir den Knaben ebenfalls niedergeworfen, und dann rettungslos zertreten und uͤbergefahren. Haͤnderingend ſtuͤrzte ich unſerm Helfer entgegen, ſobald er zuruͤckkam, und ſchluchz⸗ te ihm meine neue Angſt entgegen. „Mit ungeſtoͤrter Faſſung bat er mich, daß ich außer Sorgen ſeyn moͤchte, und er verpfaͤndete ſein Ehrenwort, nicht eher zu ruhen, bis er den Knaben gefunden habe. Dann gab er mir den Spiritus, ſagte mit wenig Worten, wie ich Emilien weiter behandeln ſolle, und flog davon. So ſollte er wie⸗ der eine neue Verpflichtung auf mich laden! Einen Augenblick zitterte ich davor; allein meine Angſt we⸗ gen des Knaben war ſo groß, daß ich in meiner Seele das Geluͤbde that, dem Unbekannten, ohne alle Furcht vor ihm ſelbſt, oder vor dem Onkel,— ewig meine Dankbarkeit zu widmen, wenn er mir nur den Knaben rettete.— Es verging noch eine aual⸗ 89 volle halbe Stunde. Doch da trat unſer Wohlthaͤter mit freudeglaͤnzendem Blick ins Zimmer, verkün⸗ digte mir, daß er den Knaben gefunden und unter guter Obhut in ein Haus, wo viel zu ſehen ſeyn werde, gebracht habe; und zum Beweis, daß er mich nicht taͤuſche, zeigte er mir einige Worte, die Fritz ihm, zu meiner Beruhigung, in die Schreib⸗ tafel hatte ſchreiben muͤſſen. „Durchdrungen vom lebhafteſten Danke, er⸗ griff ich ſeine Hand, und druͤckte ſie an meine Bruſt, und an meine bethraͤnten Augen, die ſtatt der Zunge ſprachen. Ich hatte nur das eine, jedes andere verdraͤngende, Gefuͤhl, daß er dem Knaben das Leben gerettet, und mich von einer Angſt, wie ich ſie noch nicht empfunden, erloͤſt habe. Er haͤtte in dieſem Augenblicke mich kuͤſſen umarmen, ganz zu ſeiner Beute machen koͤnnen, denn ich haͤtte jeden Widerſtand fuͤr eine Suͤnde der Undankbarkeit gehal⸗ ten; allein er that von allem dem nichts; er erwie⸗ derte kaum den Druck meiner Hand, und eilte nur an E us Bett, um zu ſehen, wie ſie ſich be⸗ finde, eSorge für ſie mit mir zu theilen.— »⸗ .. Dieſer Augenblick wurde entſcheidend fuͤr mein Herz. Meine bisherige Furcht vor ihm war nun verſchwun⸗ den; und zu dem Gefuͤhle der allerwaͤrmſten Dank⸗ barkeit geſellte ſich noch ein unbefangenes Vertrauen und eine recht aufrichtige Achtung gegen ſeinen Charakter. „Auch Emilien gewann er ſehr ſchnell fuͤr ſich. Er verſtand am beſten, ihr die Umſchlaͤge zu machen; ſelbſt den Thee mußte er ihr eingießen, kalt machen und hinreichen, weil ich bei allem zit⸗ terte, was ich that. nuEndlich wollte Emilie ſchlummern, und ich ging mit ihm ins Nebenzimmer, wo Eduard ſpielte. Hier beſprachen wir uns ungeſtoͤrt uͤber das gehabte Abentheuer. Er erzaͤhlte mir, daß Fritz, nachdem er kaum von mir losgeriſſen war, und mich aus den Augen verloren hatte, durch die Verwech⸗ ſelung eines Fremden, der ihm ſagte, ſein Vater erwarte ihn in einem der gegenuͤberſtehenden Haͤuſer⸗ mir foͤrmlich entfuͤhrt geweſen, aber auch von jenem Fremden, nach eingeſehenem Irrthum, wieder auf die vorige Stelle zuruckgebracht, und dort, im Ver⸗ I —— 91 trauen, daß man ihn nicht werde unaufgeſucht laſ⸗ ſen, ſorgſam an der Hand gehalten und beſchuͤtzt worden ſey.— Mitten in meiner Freude uͤber die glückliche Rettung der Kinder, ſiel mir erſt wieder der Zweck unſers vorherigen Ausgehens ein, den ich uͤber der gehabten Angſt ganz vergeſſen hatte. Mit dem aufrichtigſten Bedauern ſah ich, daß unſer Wohlthaͤter ſchon einen großen Theil der Feierlich⸗ keiten um unſertwillen verſaͤumt haben mußte, da ſeit Emiliens Fall ſchon ein paar Stunden ver⸗ gangen waren. Ich bat ihn inſtaͤndigſt, uns ſein Vergnuͤgen nicht laͤnger zum Opfer zu bringen„ da ich mit Recht vorausſetzte, daß er der Kronang we⸗ gen vielleicht weit hergekommen ſey. Er leugnete das letzte, aber, wie ich deutlich ſah, blos um das uns gebrachte Opfer zu verkleinern; er betheuerte, daß er, mich zu verlaſſen augenblicklich bereit ſey, wenn ſeine Gegenwart mich im mindeſten belaͤſtige, daß er aber keinesweges nach den oͤffentlichen Feier⸗ lichkeiten noch einen Schritt gehen werde, und daß er mich uͤberhaupt nicht ohne Unruhe verlaſſen koͤn⸗ ne, weil Emilie vielleicht noch Huͤlfe beduͤrfe, „ — 92 Das alles ſagte er mit einer Sanftheit, Beſcheiden⸗ heit und Zuruͤckhaltung, deren ich ihn bei unſern erſten Geſpraͤchen gar nicht fuͤr faͤhig gehalten hatte. Ich konnte ihn alſo nicht weiter gehen heißen; und er lohnte fortwaͤhrend mein Vertrauen durch das alleranſtaͤndigſte Betragen. „Die eine Bedenklichkeit ſiel mir noch aufs Herz, ob der Onkel nicht aufs neue, aus Miß⸗ trauen, den polternden Alten ſpielen werde, wenn eer in dem Retter ſeiner Kinder meinen Begleiter von neulich ſaͤhe. Mein Gaſt errieth dieſe Bedenklich⸗ keit aus meinen Blicken und aus ein paar einzel⸗ nen Worten, die mir entſchluͤpften, und ſagte mir zur Beruhigung, der Onkel habe geſtern Abend, in einem oͤffentlichen Hauſe, beim Spiel gute Be⸗ kanntſchaft mit ihm gemacht, ohne ihn wiederzuer⸗ kennen, und werde gewiß nicht erzuͤrnt ſeyn, ihn heute, unter ſolchen Umſtaͤnden, hier zu finden. „Dies beruhigte mich vollkommen, und mit voͤllig leichtem Herzen ſetzte ich nun die Unterhaltung mit meinem Geſellſchafter fort. Jetzt zum erſtenmale fragte ich nach ſeinem Namen. Er nannte ſich 8 93 Berg, gab vor, blos zu ſeinem Vergnügen auf einer Reiſe begriffen zu ſeyn, ließ mich aber gleich damals merken, was er mir bald nachher geradezu geſtand, daß er eigentlich einen andern Namen habe, ſich aber, wegen eines ungluͤcklichen Duells mit einem vornehmen jungen Manne, vielleicht auf lange Zeit verborgen und von ſeinen Verwandten und ſeinem eigentlichen Wohnort entfernt halten muͤſſe.— Er entwickelte hierauf eine Gabe der Unterhaltung, wie ſie mir noch nie vorgekommen war; ich entdeckte an ihm eine Menge von Kenntniſſen; er ſprach fertig franzoͤſiſch und engliſch, und uͤberall blickte aus ſei⸗ nem Benehmen hervor, daß er eine ſehr ſorgfaͤltige Erziehung genoſſen, und ſeine geſellſchaftliche Bil⸗ dung in den beſten Kreiſen der vornehmen Welt er⸗ halten hatte. Mit ruhigem Wohlgefallen heftete ich meine Blicke auf ſein ſchoͤnes, geiſtvolles Geſicht, gleichwie mein Verſtand ſich an ſeinen Geſpraͤchen ergoͤtte. Und Verſtand und Sinne machten nun ein Buͤndniß gegen mein argloſes, dankbares Herz! Die Eindruͤcke dieſes merkcudigen Tages waren unvertilgban 94 „Als Emilie erwachte, ſorgte er wieder mit der vorigen Aufmerkſamkeit fuͤr ſie. Dann ging er, um den Fritz zu hohlen. Er blieb laͤnger aus, als ich erwartet hatte. Unterdeſſen kam der Onkel zu⸗ ruͤck, und hoͤrte unſre gehabten Gefahren, ſo gut er heute hoͤren konnte; denn er hatte, dem deutſchen Kaiſerhauſe zu Ehren, noch mehr, als gewoͤhnlich, getrunken. Berg, der endlich den Fritz wohlbe⸗ halten brachte, wurde von dem Onkel zehnmal als Freund und Wohlthaͤter umarmt, und aus Dank⸗ barkeit zum Eſſen und zu einer Partie. Piket einge⸗ laden. Ob das gleich ziemlich langweilig ausfiel, ſo machte es mir doch eine ſo große Freude, daß ich dem Onkel, aus inniger Dankbarkeit, alle Augenbli⸗ cke die Hand kuͤßte. „Auch dem Onkel machte ſich Berg ſo mna nehm, daß er nicht nur unſer taͤglicher Gaſt ſeyn, ſondern mich und die Kinder auch auf unſern Spa⸗ ziergaͤngen begleiten mußte, damit— wie der Onkel meinte— den Kindern nicht wieder ein Ungluͤck be⸗ gegne, und kein zudringlicher Geſellſchafter ſich an 3 mich haͤnge. Auf dieſe Art waren wir nicht nur mehrere Stunden des Tages uns ganz ungeſtoͤrt uͤberlaſſen, ſondern wir hatten auch fortdauernd ein kleines Geheimniß hinter dem Ruͤcken des Onkels. Das knüpfte gleich uns naͤher an einander, als ſonſt vielleicht geſchehen waͤre; und, was das wichtigſte war, es bereitete mich darauf vor, auch ein wich⸗ tigeres Geheimniß zu haben und zu bewahren, was meiner ſonſtigen Sinnesart und Unbefangenheit gar nicht angemeſſen war. 1 „Es waren ſchoͤne Tage, auf die ich, ohne Reue, noch jetzt gern zuruͤckblicke. Es tobte zwar kein Sturm einer aufflammenden Leidenſchaft in meinem Herzen, wohl aber war es bewegt und im⸗ mer bewegter, wie eine aufknoſpende Blume, vom ſanften Fruͤhlingshauche. Schoͤner, als jemals, er⸗ ſchien mir die Natur, und am allerſchoͤnſten der Freund, an deſſen Hand ich ſie betrachtete. Daß ich auch ihm ſo erſchien, war mir vollkommen be⸗ wußt. Ich las es in jedem ſeiner Blicke, ich er⸗ rieth es aus allem, was er that und ſprach, nuch wenn es an ſich das gleichgiltigſte war. Dies 96 ſchoͤne Ahnen und Fuͤhlen einer unſchuldigen Liebe und Gegenliebe machte mich ſo gluͤcklich, daß ich fuͤr einen Himmel ſelbſt mir keine ſchoͤnern Gefuͤhle haͤtte wuͤnſchen koͤnnen. Ich glaubte an einen ewi⸗ gen, ſchoͤnen Fruͤhling, und dachte an keine Som⸗ merglut und Gewitterwolken voll Blitze und Hagel! „unſer Aufenthalt in Frankfurt naͤherte ſich ſeinem Ende. Es war mir, als ob ich aus Elyſium wieder in eine Alltagswelt zuruͤckkehren ſollte. Aufs hoͤchſte war ich daher entzuͤckt, als mich Berg mit der unerwarteten Nachricht uͤberraſchte, daß vir noch eine Reiſe in die nahen Rheingegenden achen wuͤrden, die mehrmals der Gegenſtand un⸗ s Geſpraͤchs und meiner Sehnſucht geweſen en. „Berg hatte nehmlich bei einer Flaſche Rhein⸗ u, dem der Onkel immer mehr Geſchmack abge⸗ n, dieſem geruͤhmt, wie noch ungleich ſchoͤner herrliche Wein auf ſeinem vaterlaͤndiſchen Bo⸗ in Hochheim, Ruͤdesheim und auf dem hannisberge ſchmecke, und ihn dadurch ſo Enthuſiasmus gebracht, daß eine Reiſe in jene Gegen⸗ — Gegenden auf der Stelle verabredet wurde. Anfangs war nur von ihnen Beiden allein die Rede geweſen, und Berg, um keinen Verdacht zu erregen, hatte geaͤußert, ich koͤnne ja wohl unterdeſſen mit den Kindern in Frankfurt zuruͤckbleiben. Endlich aber, wie zu erwarten war, gerieth der Onkel wegen der Kinder in Angſt, und entſchloß ſich, uns mitzu⸗ nehmen, ohne zu ahnen, daß der ganze Reiſeplan blos um meinetwillen angelegt war. „So hatte ich dann die unbeſchreibliche Freude, die von der Natur ſo geſegnete und poetiſch ge⸗ ſchmuͤckte Gegend zu durchreiſen, und noch dazu an der Seite eines Mannes, der mir unvermerkt ſchon ſo lieb und unentbehrlich geworden war, daß mit ihm eine Wuͤſte mir angenehm, ohne ihn ein Tem⸗ pe mir gleichgiltig geweſen ſeyn wuͤrde. „Vom fruͤhen Morgen bis zum ſpaͤten Abend waren wir nun faſt ununterbrochen bei einander. Nur die Stunden, wo Berg dem Onkel bei ſeiner Flaſche Geſellſchaft leiſten oder Piket mit ihm ſpie⸗ len mußte, gingen fuͤr uns verloren. Dafuͤr hatten wir deſto ſchoͤnere, wenn er allein bei einer Flaſche Weſtold. I. Theil.„ 98 feſt ſaß, oder einen Rauſch auszuſchlummern hatte, was haͤufig genug der Fall war, da er alle Sorten und guten Jahre durchprobiren wollte. „Wir hatten endlich den lachenden Rheingau moͤglichſt langſam zuruͤckgelegt. Der Johannisberg, der Koͤnig der Weinberge, ſollte das Ziel unſrer Neiſe ſeyn, und dann der naͤchſte Ruͤckweg nach Fran⸗ ken genommen werden. Mit Betruͤbniß, die wir einander jetzt ſchon mittheilten, ſahen wir das Ende unſerer Herrlichkeit herannahen; denn der Onkel, ſo gut ihm der Wein auch ſchmeckte, hatte das Reiſen ſatt, und ſchien auch zu ahnen, daß unſerm Beglei⸗ ter nicht er, ſondern ich die Hauptperſon ſey. „Jetzt kamen wir an den beruͤhmten Johannis⸗ berg, und ſtiegen hinauf nach dem Dorfe gleiches Namens, um uns von dem Schultheiß, deſſen Kel⸗ ler uns empfohlen war, fuͤr Geld nnd gute Worte einige Schoppen des ſchoͤnen Weines zu erbitten. Der Onkel war entzuͤckt uͤber das wuͤrzige Getraͤnk, und ich ſelbſt trank mit Vergnuͤgen ein paar Glaͤſer, bei denen wir den majeſtaͤtiſchen Strom zu unſern Fuͤßen ſegneten. Waͤhrend der Onkel noch ein paar 1 99 Sorten zu koſten hatte, und die Kinder des Ausru⸗ hens bedurften, ſtieg ich mit meinem theuren Ge⸗ fuͤhrten vollends den Berg hinauf. Schweigend ſa⸗ ßen wir ein Weilchen Hand in Hand und ſahen ſeufzend nach der Gegend, die wir durchreiſt hatten. Da kniete mein Freund ploͤtzlich vor mir nieder, druͤckte im Ausbruch der unbezwingbaren Leidenſchaft meine Haͤnde an ſeine Lippen„ und ſchwor, daß er ſeine uͤberſtroͤmenden Gefuͤhle nun nicht laͤnger bekaͤmpfen koͤnne, und durch den Ausſpruch von Liebe oder Haß, Vergebung oder Zorn von meinen Lippen endlich eine Entſcheidung uͤber Gluͤck oder Verzweiflung ſeines ganzen künftigen Lebens haben muͤſſe. „Ich war uͤberraſcht auf die äingſtlichſte und beſe⸗ ligendſte Weiſe zugleich. Ich ließ ihm willig meine Haͤnde; ich oͤffnete ſchon die Lippen, um ihm etwas zu erwiedern; da wurden wir durch das Geraͤuſch eines Gehenden aufgeſchreckt. Es war ein Moͤnch, der finſter grinſend auf uns zu kam, um neugierige Fragen an uns zu thun. Berg brannte vor Unge⸗ duld und Zorn. Ich bat, daß wir nach dem Dorfe 7* 100 zuruͤck eilen moͤchten; ich ſlehte, mich nur heute nicht mehr mit ſeinen Bitten zu beſtuͤrmen. Er ver⸗ ſprach mir das, unter der Bedingung, daß ich morgen gewiß uͤber ihn entſchiede; und er machte ſich anheiſchig, den Onkel dahin zu bringen, daß unſre Reiſe noch um ein ſchoͤnes Stuͤck verlaͤngert werde. Schweigend, mit einem zitternden Haͤnde⸗ druck, willigte ich ein. 4 „Sobald wir wieder in das Haus des Schul⸗ theiß gekommen waren, nahm er dieſen bei Seite, und beredete ihn, dem Onkel den Mund recht waͤß⸗ rig zu machen nach einer allerbeſten Weinſorte im Keller, die aber nicht auf dem Lande, ſondern zu Schiffe getrunken werden muͤſſe, und die er daher nur zu Waſſerfahrten von Bingen nach Koblenz hinunter hergebe, und zwar als Geſchenk fuͤr wackre Leute, damit ſie beim Anblick jedes alten Schloſſes auf ſeine Geſundheit tränken.— Der Schultheiß ſpielte ſeine Rolle vortrefflich, und der Onkel war zu begeiſtert von dem Ambroſia, das er ſchon genoſſen hatte, als daß er nicht haͤtte in die Falle gehen ſollen. Ich mochte das Kunſtſtuͤck nicht — —— 101 mit anſehn, und ſaß unterdeſſen mit den Kindern vor dem Hauſe unter einem Fruchtbaume. Da ſtürzte Berg auf einmal triumphirend auf mich zu, und verkuͤndigte mir, daß wir morgen, durch die roman⸗ tiſchſte Waſſerfahrt, unſrer Reiſe erſt noch die Kro⸗ ne aufſetzen wuͤrden.— Mein Herz bebte vor Freu⸗ de und Bangigkeit, und ohne etwas erwiedern zu koͤnnen, drückte ich den ſpielenden Eduard an meine Bruſt, und bog mich liebkoſend nieder auf ſein Geſicht, um die Glut zu verbergen, die das meinige uͤbergoß. „Der Schultheiß gab uns nun einige, von Berg gut bezahlte, Flaſchen des beſten Weins mit auf den Weg; wir uͤbernachteten in Bingen, wo wir erſt in der Dunkelheit ankamen; und am andern Morgen beſtiegen wir gluͤcklich ein Schiff, das den Rhein hinunter ging. „Ich war heute in einer ganz andern Welt, und ich ſelbſt war eine ganz Andere geworden. Die ſanft anſteigenden, weit von einander entfernten Ufer des majeſtaͤtiſchen Stroms, die uns in den vorigen Tagen freundlich und ſegenreich umgruͤn⸗ 10²2 ten, waren hier ploͤtzlich als hohe, zum Theil ſteile, Berge nnd Felſen ſehr nahe an einandergeruͤckt, und ſtarrten ernſt und trotzig mit ihren Schloͤſſern und finſtern Kloſter⸗ und Schloß⸗Ruinen uns an. Der mäͤchtige Strom, den wir geſtern noch, weit und prächtig ausgedehnt, in ruhiger Majeſtaͤt hingleiten ſahen, draͤngte ſich heute— ein gefeſſelter Rieſe— laut brauſend zwiſchen Felſen und über Klippen hin. Geſtern war die Gegend lachend und offen in weite Fernen hinaus; heute mit einemmale ſchauerlich ernſt, und oft ſo eng umſchloſſen, als ob vor und hinter uns kein Ausweg waͤre. Geſtern eine heitre Idylle; heute eine ſchauerliche Romanze, voll tra⸗ giſcher Anklaͤge. „Und ſo auch mein Herz!— Meine heitere Gluͤckſeligkeit, mein unbefangener Blick waren ent⸗ flohn! Beklommen war heute meine Bruſt, nieder⸗ geſchlagen und ſchüchtern mein Blick; ein einziger ängſtender Gedanke beſchaͤftigte unablaͤſſig meine Seele; ich ſprach lange faſt kein Wort, weil das eine, große Wort, was ich ausſprechen follte und wollte, den Weg uͤber meine Lippen nicht 103 finden konnte. Alle meine Gefuͤhle draͤngten mich dem wichtigſten Momente meines bisherigen Lebens entgegen, und dennoch zitterte ich vor ihm, weil ich wohl wußte, daß er über mein ganzes künftiges Leben entſcheiden würde. Auch nicht in ungeſtoͤrter Ruhe konnte ich daher die ernſte Pracht der mich umgebenden Natur genießen; aber was ich ſah, wurde von meiner Phantaſie heftiger ergriffen und verarbeitet, und ſteht daher hervortretender und le⸗ bendiger in meiner Erinnerung, als bei einem ru⸗ higern Beſchauen vielleicht der Fall geweſen ſeyn wuͤrde. „Mein Geliebter hatte aber nur Augen für mich und fuͤr nichts weiter. Wir waren den ganzen Tag gefeſſelt durch die Naͤhe des Onkels, der Kin⸗ der, oder der Schiffsleute. Dennoch unterließ er nicht, mich faſt unaufhoͤrlich durch ſeine Blicke an ſeine geſtrige Bitte zu erinnern, aber eben dieſe Blicke machten, daß ich die Gelegenheit zu einer Erklaͤrung eher mied, als ſuchte; denn ſeit geſtern verſchuͤchterte mich wieder die ſo lange unterdruͤckt geweſene leiden⸗ ſchaftliche Glut derſelben, die mich in den erſten 104 Tagen unſerer Bekanntſchaft ſo ſehr angeſchreckt hatte. Es lag fuͤr mich etwas Unheil weißagendes darin; daher, ſo ſehr ich auch fühlte, daß ich ihn liebte, war ich doch der Meinung, dieß Geſtaͤndniß nicht wagen zu duͤrfen. Unbeſchreiblich ſehnte ich mich nach dem Rathe einer muͤtterlichen Freundin. „Auf dieſe Weiſe war der groͤßte Theil des Tages und unſres Weges verſtrichen, ohne daß es weiter zu einer Erklaͤrung zwiſchen uns gekom⸗ men waͤre.— Der Onkel hatte unterdeſſen endlich auf das Wohlſeyn des Schultheiß zu Johannisberg getrunken, und war ſanft und ſelig bei der letzten Flaſche entſchlummert, als nach und nach die Ge⸗ gend ſich wieder freier und heiterer aufthat, und bald darauf Koblenz, das beſtimmte Ziel unſerer Waſſerfahrt, glaͤnzend im Scheine der Abendſonne, uns zur Seite lag. Die Schiffer hielten an, und einige Leute gingen ans Ufer. Berg meinte aber, wir wollten noch bleiben, um den Onkel in ſeinem Schlafe nicht zu ſtoͤren. Hierauf ſprach er einige Wor⸗ te mit dem Schiffsherrn, und ehe ich mir es verſah, war das Schiff wieder in voller Bewegung, um 105 weiter zu gehen. Um mich zu beruhigen, ſagte er laut zu mir, wir wollten, weil der Abend ſo ſchoͤn ſey, noch bis Neuwied hinunter fahren, das ganz nahe ſey. Leiſer ziſchelte er mir aber hinterher ins Ohr, auf dem Rhein ſolle und muͤſſe, meinem geſtrigen, ſtillſchweigenden Verſprechen gemaͤß, ſein Schickſal entſchieden werden, und er werde nicht landen laſſen, bis ich mich erklaͤrt habe.. „Da brach ich in einen heftigen Thraͤnenſtrom aus, und reichte ihm ſchweigend meine zitternde Hand. Er aber war ploͤtzlich in einen Entzüͤckten verwandelt, und ſagte, ſo koͤnne nur die Liebe, aber nicht der Haß oder der Zorn weinen; und jubelnd hob er die Kinder, die neugierig naͤher getreten wa⸗ ren, eins nach dem andern in die Hoͤhe, und druͤck⸗ te und kuͤßte ſie mit einem Ungeſtüm, daß ſie nicht wußten, ob ſie lachen oder weinen ſollten. Und dann rief er in den Strom hinab, er ſolle ſeine glat⸗ te Flaͤche in unaufhaltſame Wogen verwandeln, und uns ſtuͤrmend hinabreißen ins Meer, weit hinein in den Ocegn, an ein ſtilles Eiland, um dort zwei 106 gluͤckliche Menſchen, getrennt von der ganzen uͤbri⸗ gen Welt, au's duftende Ufer ſteigen zu laſſen. „Ueber dieſer lebhaften Scene war der Onkel erwacht, und nicht wenig daruͤber verwundert, daß wir Koblenz vorbeigefahren waren. Er verlangte, daß der Schiffer wieder ſtromauf fahren ſolle; und da dieſer ihn auslachte, und ihm den Rath gab, kuͤnftig die Zeit zum Ausſteigen nicht wieder zu ver⸗ ſchlafen, wurde er ſehr entruͤſtet. Berg, um ihn wieder guter Laune zu machen, ließ eine Laterne an⸗ zuͤnden, zwang ihm Piketkarten in die Hand, und verlor an ihn ein hohes Spiel nach dem andern. „Aber dadurch war das Uebel nur noch aͤrger gemacht. Berg hatte den Onkel freilich da rin ganz richtig beurtheilt, daß das Gewinnen beim Spiel, ob er gleich ſonſt nicht geitzig war, ihn leidenſchaft⸗ lich erfreute; allein dieſe Freude galt weit we⸗ niger dem erhaltenen Gelde, als der Ehre des geſchickten Spiels. Es beleidigte ihn alſo hoͤchſt empfindlich, als er heute endlich merkte, daß Berg abſichtlich an ihn verlor. Auf einmal ſtand er daher auf, warf die Karten ins Waſſer, und den Schiſfsleuten alles gewonnene Geld hin. * — — 107 Es fehlte nicht viel, daß es zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Gegner zu ſehr boͤſen Erklaͤrungen kam. „Wir langten ziemlich ſpaͤt in Neuwied an; es klang daher weniger boͤſe, als es gemeint war, als er Bergen, der auf morgen fruͤh einen Spa⸗ ziergang nach dem ausgegrabenen, alt⸗ roͤmiſchen Gemaͤuer vorſchlug, die Antwort gab, das werde ſich morgen ſinden, heute verlange ihn nur nach Ruhe. So bald indeſſen Berg das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, ließ er ſeinem Zorne freien Lauf, und erklaͤrte, er wiſſe recht gut, worauf der galante Herr es abgeſehen habe mit ſeinem abſichtlich ver⸗ lornen Gelde und mit der ganzen Reiſe.— Mir war zu Muthe, als ob ich eine recht arge Verbrecherin waͤre, und ohne einen Laut uͤber die Lippen bringen zu koͤnnen, half ich die Kinder entkleiden. „Scheltend verließ er das Zimmer, und ſchloß die Thuͤre hinter ſich zu. Nach einer Viertelſtunde kam er noch zorniger zuruͤck, und ſagte, nun wiſſe er beſtimmt, daß der Schultheiß von Johannisberg in ſeinem Leben keinen ſolchen Wein an Fremde verſchenke, und man habe dort, wie bei Koblenz, 108 ein nichtswuͤrdiges Schelmſtuͤck gemacht, um ihn am Narrenſeile noch einige Meilen weiter den Rhein hinunter zu fuͤhren, aber die Liebesjagd ſolle ein Ende haben, denn Pferde und Wagen waͤren ſchon beſtellt, und puͤnktlich um Mitternacht ſolle die RNuͤckreiſe nach Franken angetreten werden. „Ich war zu tief in meinem Innern gekraͤnkt, und zum Theil auch getroffen, als daß ich ein Wort zu meiner Rechtfertigung haͤtte vorbringen koͤnnen und moͤgen. Nicht um zu ruhen, ſondern nur, um mich im Stillen auszuweinen, warf ich mich im Nebenzimmer auf ein Bette bis Mitternacht. Ich wußte nicht, auf wen ich mehr zuͤrnen ſollte, auf den Onkel, der mir die entehrendſten Vorwuͤrfe ge⸗ macht, oder auf unſern Begleiter, der die Veran⸗ laſſung dazu gegeben hatte. „Als aber die Mitternachtſtunde gekommen war, der Wagen vorfuhr, und ich das Haus, die Stadt, die ganze Gegend hinter mir laſſen mußte, ohne den Veranlaſſer meiner Thraͤnen wenigſtens noch ein Lebewohl geſagt zu haben: da, da fuͤhlte ich es unausſprechlich tief, daß ich ihn uͤber alles 109 liebte; da bereuete ich es bitterlich, ihm eigenſinnig dieß Geſtaͤndniß vorenthalten zu haben; da ſchon er⸗ fuhr ich, daß wahre, warme Liebe ſich am heiligſten im Schmerze bewaͤhrt! „Es war eine unausſtehliche Reiſe. Der Onkel maulte, wenn er nicht ſchalt; und er hoͤrte nur auf zu maulen, um zu ſchelten. Er ſetzte das auch auf ſeinem Gute fort, doch quäͤlte es mich weniger, ſeit ich nicht mehr ununterbrochen in einem engen Rau⸗ me an ſeiner Seite ſaß, ſondern ihm den groͤß⸗ ten Theil des Tages ausweichen konnte.— Der groͤßte Schmerz, den ich ſtill in meinem Herzen trug, waͤre nach und nach vielleicht in eine ſanftere Trauer uͤbergegangen, und das Bild des verlornen Geliebten waͤre von der alles mildernden Zeit in eine duftige Ferne geruͤckt worden, in der es mein be⸗ thraͤntes Auge nicht mehr geblendet, ſondern nur, wie ein freundlicher Stern, mild angelaͤchelt haͤtte; doch ſo wollte mein Schickſal es nicht! „Eines Tages, da der Onkel, des ſchoͤnen Herbſtwetters wegen, mit den Kindern auf ein be⸗ nachbartes Gut gefahren war, und ich meinen ge⸗ 110 woͤhnlichen Spaziergang nach einem nahen Luſt⸗ waͤldchen diesmal allein machte, eilte ploͤtzlich ein Jaͤger mir mit ausgebreiten Armen entgegen, und umſchlang mich dann damit, daß ich nicht haͤtte entfliehen koͤnnen, wenn ich auch Faſſung und Gleichgiltigkeit genug gehabt haͤtte, es zu wollen. Ich erkannte den Geliebten, und war einer Ohn⸗ macht nahe. Er ſtürmte mit Klagen uͤber meine Flucht aus Neuwied, mit Betheurungen ſeiner hei⸗ ßen Liebe, mit Verwuͤnſchungen meines Oheims, und mit Schwuͤren, daß ich um jeden Preis die Seinige werden muͤſſe, auf mich Erſchrockne ein. Dabei ergluͤhten meine Wangen unter ſeinen Lieb⸗ koſungen, gegen die ich ganz vergeblich einen Kampf verſuchte, da Ueberraſchung und Liebe mit ihm im Bunde gegen meine Verſchaͤmtheit und Schuͤchternheit waren. Ich duldete, ich erwiederte nach und nach ſeine Kuͤſſe; ich geſtand ihm, daß ich ihn unausſprechlich liebe; und als ich mich end⸗ lich losreißen, er mich aber unter keiner andern Be⸗ dingung von ſich laſſen wollte, verſprach ich ihm, am folgenden Tage zur nemlichen Stunde wieder zu 111 kommen.— Verdamme mich, wer es kann, daß ich nicht aͤlter, nicht gleichgiltiger, nicht weiſer war! „Es war die entzuͤckteſte Stunde meines Le⸗ bens; aber kaum lag ſie hinter mir: ſo ſagte mir mein gutes Gefuͤhl, daß ich einer Wiederholung der⸗ ſelben nicht abſichtlich entgegen gehen duͤrfe. Lange vor der verabredeten Stunde heftete ich daher an den Baum, wo wir uns wieder treffen ſollten, einen Zettel, der nur ihm verſtaͤndlich ſeyn konnte, und ihm ſagte, daß ich nie wiederkommen koͤnne.— Nun aber trat er mir faſt taͤglich, unter allerlei Ge⸗ ſtalten, bald als Gaͤrtner, als Bauer, als Bettler verkleidet, in den Weg, und ziſchelte mir Worte, oder ſteckte mir Briefe zu, worin er mich aufs fle⸗ hentlichſte um eine zweite Zuſammenkunft bat. Selbſt bis unter die Augen des Onkels, einmal ſogar bis in mein Zimmer, in Gegenwart der Kinder, trieb ihn ſeine kuͤhne Liebe; und ich wurde vor Furcht, wie das enden ſolle, weder bei Tage noch bei Nacht mehr ruhig. Dabei fuhr der Onkel fort, mir das Leben unertraͤglich zu machen. Ich beſchloß daher, mich meinem geliebten Bruder in die Arme zu werfen, und bei ihm Schutz und Rath zu ſuchen. Ich bat den Onkel um die Erlaubniß, dieſe Reiſe zu machen; er gab ſie mir endlich auch; allein es mochte ihm kein Ernſt damit ſeyn, denn von einem Tage zum andern verweigerte er mir, unter ganz nichtigen Vorwaͤnden, Wagen und Pferde. Voll Verdruß hieruͤber, und immer mehr geaͤngſtet und gefaͤhrdet von meinem Geliebten und von meinem eignen Herzen, borgte ich von der Frau des Ver⸗ walters einiges Geld, um die RNeiſekoſten beſtreiten zu koͤnnen, und miethete einen Lohnkutſcher in der nahen Stadt, der mich hieher fahren ſollte. Der Onkel ſchalt mich anfangs wegen meines eigenmaͤch⸗ tigen Verfahrens nicht wenig aus, ließ mir indeſſen nicht nur meinen Willen, ſondern erlaubte auch ei⸗ nem Dienſtmaͤdchen, Anſtands halber, mit zu reiſen. „Am fruͤhſten Morgen warfen wir uns in den Wagen, und ich verſchloß ihn von allen Seiten, daß kein Voruͤbergehender hinein ſehen konnte. Als wir noch keine Meile weit waren, erklaͤrte meine Be⸗ 113 Begleiterin, daß ſie das Fahren unmoͤglich aushal⸗ ten koͤnne, und mich durchaus verlaſſen muͤſſe. Alle meine Vorſtellungen und Bitten waren vergeblich. Ich mußte ſie ausſteigen laſſen, und allein reiſen. Unaufhoͤrlich bat ich nun den Kutſcher, recht raſch zu fahren. Er that es auch, und ohne irgend ein anderes unangenehmes Ereigniß ging der Tag hin, ſo daß ich ſchon im ſichern Hafen zu ſeyn glaubte. „Endlich am ſpaͤten Abend hielt der Wagen gn einem einzelnen Hauſe ſtill, das, wie der Kutſcher ſagte, der Gaſthof ſey, wo wir uͤbernachten müß⸗ ten. Ich wurde die Treppe hinauf in ein allerlieb⸗ ſtes Zimmer gefuͤhrt, trefflich bedient, und eben ſo trefflich bewirthet; allein mich verlangte am meiſten nach Ruhe: ich legte mich daher ſo bald als moͤg⸗ lich nieder, und ſchlief drei volle Stunden laͤnger, als ich gewollt hatte, denn man hatte mich nicht geweckt, ſo dringend ich es guch am Abend beſtellt hatte. „Um deſto raſcher zog ich mich an, zur Fort⸗ ſetzung meiner Reiſe. Doch wer mißt mein Erſtan⸗ nen, als im Augenblicke, dg ich das Zimmer ver⸗ Weſtold. I, Theit. 8 d 114 laſſen wollte, mein Geliebter mir entgegentrat, und mich als gefangenen Gaſt in ſeiner Wohnung bewillkommte, und mich um Verzeihung bat, daß er meinem Kutſcher die Stelle auf dem Bocke abge⸗ kauft, und mich— ohne daß ich es bemerkte— nach einer entgegengeſetzten Richtung, als mein Streben war, wieder gegen Frankfurt hin, ge⸗ fahren habe. Zuͤrnend wendete ich mich ab von ihm, und ſagte, daß aͤchte Liebe ſo unedel nicht kraͤnken und quaͤlen koͤnne. Er erwiederte mir, er habe nur Liſt mit Liſt zu bekaͤmpfen geſucht; ich ſey lieb⸗ los entflohen, er ſey liebevoll mir nachgefolgt, um mich aufzuhalten; uͤber das Regelrechte habe er ſich hinweg ſetzen muͤſſen, wegen der beſondern Lage, in welcher er ſich beſinde. Daß er nicht ohne mich leben koͤnne, daß er mich beſitzen muͤſſe, um jeden Preis, habe er mir ſchon geſchworen; daß ich ihn innigſt liebe, habe ich ihm ſelbſt mit Worten, Kuͤſ⸗ ſen und Thraͤnen geſagt; und um uns Beide ganz gluͤcklich zu machen, brauche ich nur dem Zuge mei⸗ nes eignen Herzens zu folgen, und mich uͤber einige Vorurtheile und Herkoͤmmlichkeiten hinweg zu ſetzen. ——;—— ——— „Ich erklaͤrte ihm dagegen, daß ich ihn ewig haſſen und verabſcheuen wuͤrde, wenn er mir nicht augenblicklich meine Freiheit wieder gaͤbe, und daß ich weit von dem Leichtſinn entfernt ſey, mich uͤber irgend etwas hinweg zu ſetzen, was meiner Ehre und meinem guten Namen zu nahe traͤte. Wenn ſeine Liebe aͤchter Art, und ſeine Abſichten redlich waͤren, ſetzte ich endlich hinzu, ſo ſolle er mich un⸗ gehindert zu meinem Bruder reiſen laſſen, und mir in einigen Tagen dahin nachfolgen, um dort uͤber unſre Zukunft gemeinſchaftlich einen Entſchluß zu faſſen. „Nach einem kurzen Sinnen, waͤhrend deſſen er ſich unruhig die Stirn rieb, betheuerte er, daß er, ungluͤcklicher Verhaͤltniſſe wegen, in die Gegend, wo mein Bruder wohne, unmdoglich reiſen koͤnne. Er ſagte, daß er ſich ſelbſt das Wort gegeben habe, mich mit Gewalt hier nicht zuruͤck zu halten, und daß ich alſo in jedem Augenblick weiter reiſen koͤnne, wenn ich grauſam genug waͤre, ihn der ſchmerzlich⸗ ſten Verzweiflung Preis geben zu wollen; aber er ſchwor zugleich, daß ihm in dieſem Falle nichts uͤbrig 8* bliebe, als, ſich eine Kugel durch den Kopf zu ja⸗ gen, weil der Wahnſinn ſeiner Leidenſchaft ihn ſonſt in der naͤchſten Viertelſtunde hinter mir her jagen wuͤrde, um mich, wider ſeinen beſſern Willen, ge⸗ waltſam zuruͤck zu fuͤhren. „Troſtlos warf ich mich auf einen Stuhl, und weinte die bitterſten Thraͤnen. Auch er war in der heftigſten Bewegung, und ging im Zimmer einige⸗ mal auf und ab, ohne etwas zu ſagen. Endlich trat er raſch vor mich hin, ergriff meine Hand, und fragte mich, ob ich ihn warm genug liebe, um ihm das Opfer zu bringen, bis zu einer kuͤnftig moͤgli⸗ chen Ausgleichung ſeiner boͤſen Verhaͤltniſſe, in tie⸗ fer Verborgenheit, ohne irgend Jemandem unſern Aufenthalt zu verrathen, als ſeine Gattin mit ihm zu leben. Er ſetzte hinzu, er heiße von Schoͤn⸗ berg, er habe ein nicht unbedeutendes Vermoͤgen, und er wiſſe einen Prediger auf einem reichsritter⸗ lichen Dorfe, der uns, mit Genehmigung des Kir⸗ chenpatrons, der in Frankfurt ſein Freund gewor⸗ den ſey, gewiß ſogleich trauen werde. Dabei kniete er aufs neue vor mir nieder, beſtuͤrmte mich unwi⸗ 117 derſtehlich mit Klagen, Bitten und Liebkoſungen; und ſo rang er mir eine Einwilligung ab, zu wel⸗ cher ſchon die außerordentliche Lage, in welcher ich mich befand, mich haͤtte beſtimmen koͤnnen, wenn auch mein Herz mich weniger danach hingeneigt haͤtte, als dieß nothwendig der Fall ſeyn mußte. „Jauchzend ſprang er nun auf, nahm mir noch das heilige Verſprechen ab, daß ich in ſeiner Ab⸗ weſenheit keinen Verſuch zur Flucht machen wolle, warf ſich dann auf ein Pferd, und jagte davon. „Erſt am dritten Tage gegen Mittag kam er zurüͤck; bald darauf erſchien auch der Prediger, und verrichtete die Trauung. Meine Thraͤnen wurden im Hervorquellen weggekuͤßt, und einſam und ge⸗ räͤuſchlos feierten wir das unerwartete Feſt unſrer liebevollen Vereinigung. „Von meiner Ehe brauche ich weniger zu ſa⸗ gen, denn darauf kommt es ja nicht an, auseinan⸗ der zu ſetzen, wie ſie ausſiel, ſondern nur, wie es zuging, daß ich mich zu einer ſo ungewoͤhnlichen entſchloß, und daß ich nicht aus Leichtſinn oder Herzloſigkeit mich ſo lange vor meinen Verwandten 118 und Jugendfreunden verborgen hielt. Meinem ge⸗ liebten Bruder ſchrieb ich bald nach meiner Verhei⸗ rathung, zu ſeiner Beruhigung wegen meines Ver⸗ ſchwindens, daß ich ein gluͤckliches Weib ſey. Ihm allein durfte ich das, und auch nur damals, ſagen, und weiter nichts. Auch ſagte ich es mit voller Wahrheit, denn gluͤcklichere Flitterwochen hat viel⸗ leicht noch nie ein Weib gehabt, als ich ſie hatte. Wir bewohnten eins der ſchoͤnſten Landhaͤuſer in der Naͤhe von Frankfurt. Wir hatten einen großen, herrlichen Garten. Der Himmel ſelbſt ſchien durch monatlange, faſt ununterbrochne, milde Heiterkeit die Entzuͤckungen unſerer Liebe mit feiern zu wollen, ſo daß wir noch im weit vorgeruͤckten Spaͤtherbſt kleine Ausfluͤge bald da, bald dorthin, nach den be⸗ nachbarten ſchoͤnen Gegenden machen konnten. Mein Mann uͤberhaͤufte mich mit Geſchenken und Aufmerk⸗ ſamkeiten aller Art. Sein ganzes Weſen ſchien auf⸗ geloͤſt zu ſeyn in Liebe und in dem Beſtreben, mich gluͤcklich zu machen. Selten nur truͤbte ſich ſeine Stirn bei einem plöͤtzlichen, in ſich ſelbſt verſinken⸗ den Sinnen. Auch war das nur auf Augenblicke; 119 und ſo bald ich ihn fragte, was ihm ſey, verſicherte er, es ſey nichts, gar nichts, und er machte den kur⸗ zen Ernſt durch Verdoppelung ſeiner Zaͤrtlichkeit und Heiterkeit ſchnell wieder vergeſſen. „Doch die Flitterwochen gingen vorüber und mit ihnen meine heitre Glückſeligkeit; nie aber mei⸗ ne Liebe und mein gewiſſenhafteſtes Beharren im treuen Erfüllen der uͤbernommenen Verpflichtungen. „Die erſte, anhaltende Verſtimmung, in die er gerieth, wurde durch Briefe veranlaßt, die er er⸗ hielt. Er wies meine Fragen nach dem Inhalte der⸗ ſelben mit ſtrengem Ernſt zuruͤck, und meine herz⸗ lichſte Theilnahme uͤber ſeinen geheimen Verdruß oder Kummer nahm er mit Kaͤlte auf. Er verſchloß die Briefe ſorgfaͤltig in ſeinem Schreibtiſche, wozu er den Schlüſſel immer bei ſich trug; und er trieb ſein kraͤnkendes Mißtrauen ſo weit, mich einen foͤrmli⸗ chen, ſchrecklichen Eid ſchwoͤren zu laſſen, daß ich mir nie, und unter keinem Vorwand erlauben wolle, auch nur einen einzigen, fluͤchtigen Blick in irgend eins von ſeinen Papieren zu thun, wenn der Zufall mir vielleicht uͤber kurz oder lang eins offen unter 120 die Augen braͤchte. Auf die Thraͤnen, welche mir dieſe Erniedrigung wider Willen auspreßte, erwie⸗ derte er nichts, als daß meine und ſeine Gluͤckſelig⸗ keit ihm dieſe Vorſicht zur Pflicht mache, und daß mein unausbleibliches Ungluͤck die Folge der leiſeſten Verletzung meines Schwurs ſeyn werde. Neue Aeu⸗ ßerungen der leidenſchaftlichſten Liebe ſollten mir dieſe erſte bittre Stunde verguͤten, allein ſie hatte mir einen Dorn ins Herz gedruͤckt, der mich fort⸗ waͤhrend ſchmerzte, und mir es unmoͤglich machte, mit der bisherigen, argloſen Unbefangenheit und Heiterkeit meinem Geſchick mich hinzugeben. „Mehrere, zum Theil ſehr lange Reiſen, die mein Mann von Zeit zu Zeit machte, gaben mich nicht nur der ſtrengſten Einſamkeit Preis, indem ich, abgeſchieden von der Welt, faſt Niemanden, gls meine Dienſtmaͤdchen ſah, ſondern verurſachten mir auch ſchon dadurch einen fortwaͤhrenden, bittern Kummer, daß ich nie erfuhr, wodurch ſie veran⸗ laßt und wohin ſie gerichtet waren, und daß ich hoͤchſt ſelten nur einen Brief erhielt, nie aber einen ſchrei⸗ ben durfte, ſo groß guch mein Verlangen war, . 1 121 mich in meiner traurigen Einſamkeit wenigſtens ſchriftlich Jemandem, den ich liebte, mitzutheilen. Das ganze, geheimnißvolle Weſen meines Mannes erfuͤllte mich nicht nur mit einer fortwaͤhrenden Furcht vor boͤſen Schickſalen, die ploͤtzlich uͤber mich herein brechen koͤnnten, ſondern ſchmerzte mich auch aufs bitterſte, als Beweis eines kraͤnkenden Mißtrauens, das ich nicht verdiente. Wenn gegen⸗ ſeitige, vertrauenvolle Mittheilung, gegenſeitiges Aufſchließen des ganzen Herzens, zu gemeinſchaft⸗ licher Mitempfindung von Freude und Leid, eine der wichtigſten und heiligſten Eigenthuͤmlichkeiten des ehelichen Verhaͤltniſſes iſt: ſo konnte ich mit Recht wohl im Stillen daruͤber weinen, daß unſte Ehe, in dieſem Betracht, nie eine wahre Ehe geweſen war. Was indeſſen meinen geheimen Kummer aufs höoͤchſte trieb, war die Bemerkung, daß meinem Manne auch der rege, ſchoͤne Sinn fuͤr Vaterfreu⸗ den fehlte. Daß die Hoffnung, durch mich Va⸗ ter zu werden, ihn mehr verſtimmte, als erfreute, verzieh meine Liebe ihm wohl, weil ich darin nur einen Beweis ſeiner zaͤrtlichen Beſorgniß wegen mei⸗ 122 ner Erhaltung ſah; aber daß er den herrlichen Kna⸗ ben, als ich die gefahrvolle Stunde aufs gluͤcklichſte uͤberſtanden hatte, einen Augenblick nur liebevoll anlaͤchelte, und dann nur ſelten, und jedesmal nur mit finſterm Schweigen anſah, das zerriß mir das Mutterherz! Haͤtte irgend etwas meine treue An⸗ haͤnglichkeit an den theuren, rauſamen Mann zer⸗ ſtoͤren koͤnnen: ſo waͤre es dieſes geweſen! Doch ich konnte ihn nur bedauren, daß die Natur ihn fuͤr das ſchoͤnſte und reinſte aller Gefuͤhle, das mich fuͤr ſo vielen Kummer reichlich entſchaͤdigte, ſo un⸗ empfaͤnglich gemacht hatte.— Waͤre das Kind nicht mein Troſt, meine Feſſel an's Leben geweſen: wie haͤtte ich den Jammer tragen ſollen, der noch uͤber mich hereinbrach! „Mein Mann fing an, einen lebhaftern Brief⸗ wechſel, als jemals, zu fuͤhren, und wurde immer ernſter, in ſich gekehrter und gleichgiltiger gegen meine liebevollſten Aeußerungen. Manchmal nur war es, als ob er eine Ahnung meines Kummers habe, und Mitleid mit mir fuͤhle. Dann küßte er mich wohl mit der glten Zaͤrtlichkeit, und ſchwor — — 123 mir, daß er mich noch liebe; allein es war nur im⸗ mer ein Blitz in dunkler Nacht, der die Finſterniß dem geblendeten Auge deſto furchtbarer machte. Einmal ſtuͤrzte er ſogar auf ſeine Knieen vor mir nieder, ſagte mir, daß ich das trefflichſte Weib guf dem Erdboden und eines beſſern Schickſals werth waͤre, als er mir habe bereiten koͤnnen; und unter Vergießung heißer Thraͤnen— der einzigen, die ich ihn jemals vergießen ſah— beſchwor er mich, ihm liebevoll alles, alles zu verzeihen. „Endlich kuͤndigte er mir an, daß er eine wei⸗ te Reiſe vorhabe, und daß ich, bis zu ſeiner Zuruͤck⸗ kunft, in Frankfurt eine fuͤr mich gemiethete, be⸗ queme Wohnung beziehen moͤge, damit ich mehr unter Menſchen ſey. Zugleich haͤndigte er mir, zur ſorgfaͤltigen Aufbewahrung, eine Summe von zehn⸗ tauſend Gulden in Papieren ein, wovon ich die Zin⸗ ſen durch ein Handlungshaus, das er mir nannte, erhalten, und bis zu ſeiner Zuruͤckkunft zu meinen haͤuslichen Ausgaben verwenden ſollte, wenn mein baares Geld vielleicht nicht reichte. Dann mußte ich ihm alle Briefe und Zettelchen, die er jemals an mich geſchrieben hatte, herbei holen, und er verbrannte ſie alle, ſo daß mir auch nicht ein Buch⸗ ſtabe von ſeiner Hand uͤbrig blieb. Dieſes alles, und vorzuͤglich die auffallende Gewalt, die er ſich anthat, dieſen Maaßregeln den Schein von nichts bedeutender Zufaͤlligkeit zu geben, erfuͤllten mich mit der Ahnung irgend einer ungluͤcklichen Cataſtrophe. Zum erſtenmale drang ich in ihn, mir mitzutheilen, was er vorhabe; und da geſtand er mir, daß der erſte, ungluͤckliche Zweikampf, den er vor geraumer Zeit gehabt, und der ihn in ſo unangenehme Verhaͤltniſſe geſetzt habe, ihn vielleicht in einen zweiten, mit ei⸗ nem nahen Verwandten ſeines ehemaligen Gegners, verwickeln werde; doch ſetzte er zu meiner Beruhi⸗ gung hinzu, daß er die Sache noch, durch Vermit⸗ telung eines Freundes, guͤtlich abzuthun hoffe, und daß alles dann noch recht gut werden koͤnne. Er verbot mir, ihn durch Klagen zu quaͤlen. „Ich war verzweiflungsvoll auf den Sofa ge⸗ ſunken, mein Tuch vor die Augen gedruͤckt. Als ich nach einigen Minuten wieder aufblickte, ſah ich mich allein im Zimmer! Er war fort! fort, ohne — — einen Kuß, ohne einen Haͤndedruck zum Abſchiede! und nimmer kehrte er zuruͤck! Meine Verzweiflung, als ich ſeine Entfernung bemerkte, war ſchrecklich! aber was war ſie gegen das lange, vergebliche Hoffen auf ſeine Wiederkehr! gegen das uͤberhandnehmende Furchten, das er nie wieder kehren werde!— Ich war daran gewoͤhnt, oft lange ohne alle Nachricht von ihm zu ſeyn, und deshalb harrete ich auch lan⸗ ge geduldig auf einen Brief von ihm. Endlich aber konnte ich die ſchreckliche Ungewißheit nicht mehr ertragen. Ich ließ eine betruͤbte Anfrage, die aber nur ihm und ſeinen Vertrauteſten verſtaͤndlich ſeyn konnte, in mehrere Zeitungen rüͤcken. Da erhielt ich, von fremder Hand und ohne Namensunter⸗ ſchrift, einen Brief mit der lange gefuͤrchteten Schre⸗ ckensnachricht, daß mein Mann im Duell gefallen ſey, und daß ich, aus Schonung gegen achtungs⸗ werthe Menſchen, keine Nachforſchungen weiter, die doch unnütz ſeyn wuͤrden, verſuchen moͤchte. „Ich glaubte auf alles Schlimme, und auch auf dieſe Nachricht gefaßt zu ſeyn; dennoch er⸗ ſchuͤtterte ſie mich fuͤrchterlich. Ich hatte Hoffnung, 126 zum zweitenmale Mutter zu werden; jene Nachricht zerſtoͤrte auch dieſe Hoffnung, und brachte mich an den Rand des Grabes. Doch der Himmel erhielt mich fuͤr meinen Herrmann, und der erſte Ge⸗ brauch, den ich von meiner wieder hergeſtellten Ge⸗ ſundheit machen wollte, war der, daß ich in die lan⸗ ge entbehrte Umarmung meines geliebten Bruders eilte, um mein kummervolles Herz an dem ſeinigen zu troͤſten.”“ Unter Vergießung vieler Thraͤnen, die oft lange ihre Erzaͤhlung unterbrachen, vertraute Marie ih⸗ rem Bruder und ſeiner Gattin dieſe Geſchichte ihrer Schickſale. Die geruͤhrteſte Theilnahme dieſer ihrer beiden ſichtbaren Zuhoͤrer aͤußerte ſich lebhaft in ſympathetiſchen, mitleidvollen Thraͤnen und troͤſt⸗ lichen Verſicherungen, ihr durch geſchwiſterliche Liebe, ſo weit es moͤglich ſey, ihr ungluͤckliches 127 Schickſal vergeſſen zu machen. Es war ein unaus⸗ ſprechliches Gefuͤhl, mit dem vorzüglich der Bruder die Schweſter, die Schweſter den Bruder umarmte. Solch eine Trauergeſchichte hatte Weſtold nicht erwartet, ſonſt haͤtte der gutmuͤthige Mann ſeiner geliebten Schweſter die hoͤchſt ſchmerzliche Aufrei⸗ ßung ihrer Wunden noch lange nicht, am wenigſten an dieſem hohen Feſte ihres Wiederſehens, zuge⸗ muthet. Die ungluͤckliche Erzaͤhlerin war durch die⸗ ſe neue, lebhafte Vergegenwaͤrtigung ihres Schick⸗ ſals ungleich mehr angegriffen, als ſie ſelbſt erwartet hatte. Sie klagte uͤber heftigen Kopfſchmerz, und bedurfte einer Erholung; daher fuͤhrte Auguſte ſie mit ſorgſamer Liebe nach ihrem Zimmer, und redete ihr zu, ſich ein wenig auf ihr Bett zu legen. Weſtold begleitete ſie nicht, weil es ihm am Her⸗ zen lag, nun auch ſeinen Freund Haſtebeck im Nebenzimmer gleich zu ſehen. Auf dieſen hatte nemlich die Erzaͤhlung aͤußerſt lebhaft gewirkt. Schon bei der Schilderung der Angſt wegen der Kinder am Kroͤnungstage in Frankfurt hatte er ganz vergeſſen, daß er inkognito ſeyn wolle, war aufge⸗ 128 ſprungen, und hatte einen Fluch ausgeſtoßen, ſo daß die Erzuͤhlerin einige Augenblicke inne hielt, und Weſtold ihr zuziſcheln mußte, ſie moͤchte nur un⸗ befangen fortfahren, es ſey ſein vertrauter, redli⸗ cher Freund, der im Nebenzimmer ſich befinde, und deſſen Naͤhe ihr ja wohl nicht unangenehm ſeyn werde. Da Marie aus ihrer Geſchichte kein Ge⸗ heimniß mehr zu machen hatte, und der Freund ih⸗ res Bruders, ſchon als ſolcher, von ihr aufrichtig geehrt wurde: ſo ſetzte ſie ſogleich ihre Erzaͤhlung fort, und ließ ſich darin nicht ſtoͤren, als Haſte⸗ beck, beſonders gegen das Ende derſelben, es im⸗ mer oͤfter vergaß, daß er verborgen ſeyn wollte, und mehr als einmal raſch aufſprang, hin und herging/ und einzelne, unverſtaͤndliche Worte murmelte. Weſtold traf ihn noch in der lebhafteſten Bewegung, mit einem ſo finſtern Blick, als er noch nie an ihm geſehen hatte. 4 „Du guter, theurer Freund!“ redete We⸗ ſtold ihn an—„wie herzlich nimmſt Du Theil an dem ungluͤcklichen Schickſale meiner Schweſter! Daß mir, dem Bruder, mir, den uͤberhaupt das Un⸗ 129 Ungewoͤhnliche leicht anſchreckt, und jede fremde Noth mitpeinigt— daß mir das Herz zerriſſen iſt, und lange, lange vielleicht zerriſſen bleiben wird, bei einem Mißgeſchick, das mich ſo nahe angeht, das iſt nun wohl kein Wunder! Aber daß Du, der ewig Muthige, Luſtige, der ſeinem eignen Mißge⸗ ſchick immer ſpoͤttiſch ein Schnippchen ſchlug— daß Du nun ſo erſchuͤttert daſtehſt, wie ich Dich noch niemals geſehen habe— das uͤberraſcht mich und thut mir weh um Deinetwillen! Aber es thut mir auch wohl! und haͤtte ich es noch nie gewußt: ſo ſaͤhe ich es heute, was fuͤr ein Herz— was fur ein Bruderherz in Deiner Bruſt klopft, ob Du gleich manchmal thuſt, als ob es mit Erz umpan⸗ zert waͤre!“ „Bruder!“ rief Haſtebeck endlich, mit ab⸗ gewendetem Geſicht—„ich bitte Dich: Schwei⸗ ge! halte ſolche Reden nicht an mich! wenigſtens heute nicht! Denn glaube mir: es iſt der leibhaftige Satan, der ſie Dir eingiebt! ja, ja! der Satan! So fromm Du auch biſt: glaub' es mir: er treibt Weſtold, I. Theil. 9 130 ſein Spiel mit Dir, um ſich noch als Nachſpiel eine rechte Hauptteufelsluſt zu machen!“ Weſtold war gewoͤhnt an eine etwas excen⸗ triſche Manier ſeines Freundes; aber dieſe Worte und einige fruͤhere Aeußerungen machten ihn doch ſtutzig. Allerlei Gedanken flogen durch ſeinen Kopf; ſeine ſchwaͤchliche Reizbarkeit machte, daß er am ganzen Koͤrper zitterte, und mit beklommenem Athem fragte, was das heißen ſolle? Da ſchien Haſtebeck ſich uͤber ſich ſelbſt zu aͤrgern, und ant⸗ wortete:„Sey kein Narr! Du ſiehſt ja, daß mich der Wein ſchon dazu gemacht hat. Wozu ſollen ih⸗ rer zwei hier ſeyn?— Du haſt mir dieſen Mittag gar zu fleißig eingeſchenkt! Du haͤtteſt keinen Wein ſollen holen laſſen!“— So beruhigte er ſeinen Freund um etwas wieder. Als Haſtebeck aber ſeinen Mantelſack zu pa⸗ cken anſing, und auf die dringendſten Bitten, we⸗ nigſtens bis zum folgenden Morgen noch zu bleiben, unabaͤnderlich erwiederte, er muͤſſe fort: er wolle dem Lichtausblaſer nach, um ihm einen Lohn zu ge⸗ ben, an den er zeitlebens denken ſolle: da eilte We⸗ 131 ſtold hinweg, um Auguſten dies mitzutheilen, und ſie aufzufordern, daß ſie verſuchen ſolle, ob ih⸗ re Bitten vielleicht den Freund noch aufhalten koͤnn⸗ ten. Auguſte aber war noch in Mariens Zim⸗ met, und las eben erſchuͤttert den Brief mit der Nachricht von Schoͤnbergs Tode. Marie hat⸗ te ſich unterdeſſen aufs Bett geſetzt, und ſtuͤtzte be⸗ truͤbt den Kopf auf die Hand. Sobald daher We⸗ ſtold ins Zimmer trat, und Beide wieder in einem neuen Ausbruch des Schmerzes erblickte, vergaß er im Augenblick den eigentlichen Zweck ſeines Kom⸗ mens, und trat zu Au guſten, die ihm ſchweigend den Brief hinreichte. Er las ihn mit vieler Bewegung; und als er ihn geleſen, und wieder geleſen hatte, behieit er ihn doch immer noch in der Hand, und konnte die Blicke davon nicht abziehen. Die Bewegung ſeines Her⸗ zens ging in ein Sinnen und Forſchen ſeines Ver⸗ ſtandes uͤber; er ging ſchweigend mit dem Briefe zur Thuͤr hinaus; endlich ſchien er auf einmal ge⸗ funden zu haben, was er ſuchte, und ein foͤrmlicher Fieberſchauer ſchuͤttelte ſeine Glieder. Er mußte ſich, 9* 132 wankend, an der Wand anhalten, um bis zu Ha⸗ ſtebecks Zimmer zu kommen. In der Thuͤr blieb er ſtehen, um Kraft zum Sprechen zu ſammeln.„Haſtebeck!“ begann er endlich, mit kaum hoͤrbarer Stimme:„Du haſt Schoͤnbergen gekannt!“— Betroffen blickte Haſtebeck nach ihm hin, wendete ſich dann aber augenblicklich wieder um nach ſeinem Mantelſack, und ſagte gleichgiltig:„Ich kenne ihrer mehrere. Es iſt eine alte, bekannte Familie.“ „Du biſt bei ſeinem Tode geweſen!“ fuhr Weſtold noch beklommener fort—„Sage! Haſt Du meiner Schweſter kein Wort der Liebe und des Troſtes von ihm zu bringen?“ „Du faſelſt!“ rief Haſtebeck mit lauter, heftiger Stimme, ohne ſich umzuſehen.„Warlich, du faſelſt!“ „So ſage mir: was iſt das fuͤr eine Hand⸗ ſchrift?“ fuhr Weſtold wieder fort—„Der Brief hier— es iſt Deine Handſchrift, und— iſt ſie guch nicht—“ 1³3³3 „Und iſt ſie auch nicht!“ wiederholte Ha⸗ ſtebeck mit donnernder Stimme, wild aufſprin⸗ gend, und mit wuͤthender Gebehrde ſich gegen die Stirn ſchlagend.„Willſt Du mich raſend machen, Weſtold? Soll ich die Stunde verfluchen, da ich in Dein Haus trat?“ „O weh mir! weh mir und Dir! mußte ich das erleben!“ ſeufzte Weſtold, und taumelte, halb ohnmaͤchtig, in ſeine einſame Schlafkammer, und ſank erſchoͤpft auf einen Stuhl nieder, voll un⸗ ausſprechlichen Jammers, wie er ihn noch nie ge⸗ fuͤhlt hatte. Eine halbe Viertelſtunde lang mochte er ſo in troſtloſer Einſamkeit geſeſſen haben, da trat Au gu⸗ ſte, die ſchon vergeblich nach ihm gerufen hatte, athemlos in ſeine Kammer, und rief:„Was heißt das? Haſtebeck will eben das Pferd beſteigen! So ſpaͤt noch am Abend! und ohne Abſchied! Haſt Du dich mit ihm entzweit?“ Sie traten ans Fenſter, und ſahen den wilden Reiter die Straße hinab ſprengen.„Laß ihn!“ ſprach Weſtold—„Seines Bleibens kann hier 134 nicht ſeyn! Ihn treibt ſein Gewiſſen hinweg! Das iſt's! Das ſpornt und peitſcht ſein Roß!“— Er⸗ ſchrocken fragte Auguſte nach der Bedeutung die⸗ ſer Worte, und Weſtold fuhr fort:„Der Brief mit der Todesnachricht iſt von ihm! So verſtellt ſie auch iſt: ich erkenne ſeine Handſchrift doch darin. Er kennt den Moͤrder Schoͤnbergs alſo gewiß. Wer weiß: er iſt es wohl gar ſelbſt! Von jeher war er ja ein toller Duellant! Schrecklich, ſchrecklich, wenn es ſo waͤre! Wenn er, mein geliebter Freund, meine geliebte Schweſter zur Wittwe, und ihren Knaben zur Waiſe gemacht haͤtte!“ Dieſe Vorſtellung erſchuͤtterte ihn, als Freund und als Bruder, auf eine ſo ſchmerzliche Weiſe, daß Auguſte es fuͤr eine dringende Pflicht hielt, 4 alles aufzubieten, um ſie ihm, wo moͤglich, wieder zu benehmen. Wenn auch nicht mit vielen triftigen Gruͤnden, doch mit deſto zuverſichtlicheren Verſiche⸗ rungen, daß ſie unmoͤglich an eine ſo boͤſe That ſei⸗ nes Freundes glauben koͤnne, ſuchte ſie aufs eifrig⸗ ſte, ſeinen Verdacht zu entkraͤften. Den Grund, welchen er von der Aehnlichkeit der Handſchrift in 1 135 dem Briefe mit Haſtebecks Handſchrift hernahm, beſtritt ſie am lebhafteten, weil ſie wohl einſah, daß es ein bedenkliches Zeugniß gegen Haſtebeck ſeyn wuͤrde, wenn dieſe Aehnlichkeit zugegeben werden muͤß⸗ te. Sie leugnete ſie daher nicht nur gaͤnzlich ab, ſon⸗ dern gab ihm auch zu bedenken, daß ganz verſchiede⸗ ne Menſchen, zumal wenn ſie in eine und die nemli⸗ che Schule gegangen waͤren, ſich gar leicht aͤhnliche Schriftzuͤge angewoͤhnen koͤnnten. Sie fuͤhrte ſich ſelbſt als Beiſpiel an, und verſicherte, daß mehrere ihrer ehemaligen Schulfreundinnen, wenn ſie etwas ſchrieben, genau ſolche Kritzelbeine aufs Papier mach⸗ ten, als ſie ſelbſt.„Wenn Du nun“ ſetzte ſie hin⸗ zu—„von einer von Denen einmal einen Liebes⸗ brief ohne Namensunterſchrift, addreſſirt an irgend einen fremden Herrn, zu ſehen bekaͤmeſt, und Du wollteſt nun darauf hin, weil es meine Handſchrift waͤre und auch nicht waͤre, mich fuͤr die Schrei⸗ berin, und glſo fuͤr eine leichtſinnige, ungetreue Frau halten: waͤre das nicht himmelſchreiend von Dir?!“ 136 „Ei, das“ erwiederte Weſtold—„waͤre freilich ein ſuͤndlicher und unverzeihlicher Verdacht, denn Du, meine liebe Auguſte, biſt ja die Treue und die Tugend ſelbſt! Aber ich ſage dir: der Ha⸗ ſtebeck war leider immer ein arger Haudegen! Und was fuͤr Gruͤnde hatte er denn, daß er, ſtatt dieſen Morgen, wie es geſtern ſein Plan war, in aller Frühe abzureiſen, noch einen Tag zugab, um Ma⸗ riens Liebes⸗ und Heirathsgeſchichte mit anzuhoͤ⸗ ren? Das zeigte doch von einer gar zu auffallenden Theilnahme an ihrem Schickſale!“ „Und daruͤber kannſt Du dich wundern?“ ſiel ihm Auguſte ins Wort—„Iſt ſie nicht Deine Schweſter? Und iſt ſie nicht eine ungemein ſchoͤne Frau? Und Wittwe? Und Haſtebeck ein hoͤchſt lebhafter, noch ziemlich junger Mann? Kannſt Du dich da über ſeine lebhafte Theilnahme wundern?“ So war ſie unvermerkt auf eine Bahn gerathen, welche faſt alle Frauen gern verfolgen, nemlich guf die Bahn des Zuſammenkuppelns; und Au⸗ guſte verfolgte ſie um ſo eifriger, weil ſie dadurch einen neuen Stoff zu einem zerſtreuenden Geſpraͤch 137 erhielt, und es ihr ja hauptſaͤchlich darum zu thun war, ihren Mann, wie man ſagt, nur auf andere Gedanken zu bringen. Aber Weſtold war in ſeine, einmal gefaßten Gedanken leider ſo ſehr vertieft, daß er nichts, oder doch nur ſehr wenig, von dem hoͤrte, was Augu⸗ ſte ſprach, ſo daß er gar nicht wußte, wovon eben die Rede war, wenn er gleich manchmal mit dem Kopfe nickte, und dadurch ihre Anſicht zu billigen und ihre Fragen zu bejahen ſchien. Ohne in ihrer Entwickelung und in ihrer Freude daruͤber geſtoͤrt zu werden, entwarf ſie alſo einen recht gemuͤthli⸗ chen Heiraths⸗ und Gluͤckſeligkeitsplan, kraft deſſen Haſtebeck im Eheſtande allmaͤhlig zahm gemacht, Marie von ihrem Wittwen⸗Schmerze geheilt, und der kleine, fruͤh verwaiſete Herrmann mit einem rechtſchaffenen Stiefvater beſchenkt werden ſollte. Der Himmel ſelbſt ſchien es ſo zu wollen, meinte ſie, denn fuͤr eine ganz merkwuͤrdige Fügung muͤſſe es doch Jedermann erkennen, daß die Wittwe noch in ſpaͤter Nacht von dem luſtigen Junggeſellen ins Haus herein geſungen ſey; die naͤchſte Folge dgvon 138 waͤre ſchon ſein laͤngeres Verweilen bei ihnen gewe⸗ ſen; und waͤre er auch jetzt, in einem Anfalle von uͤbler Laune, weil er weder Wein noch Sticheleien in Abſicht ſeiner Handſchrift vertragen zu koͤnnen ſcheine, raſch davon geritten: ſo werde er doch ge⸗ wiß bald genug zuruͤckkehren, angezogen von dem Magnet der ſchoͤnen Wittwe, welcher er offenbar ſchon zu tief in die Augen geſehen habe, um ſie vergeſſen zu koͤnnen. Da Weſtold immer noch ſtumm vor ſich hin ſah, klopfte ihn Auguſte endlich auf die Schulter, und ſagte mit recht vergnuͤgtem Tone:„Gieb Acht! ſie werden ein Paar! und ehe ein Jahr hingeht, ma⸗ chen ſie Hochzeit.”“ „Ehe ein Jahr hingeht?“ ſiel ihr Weſtold ins Wort, der endlich aus ſeinem duͤſtern Sinnen und Bruͤten ein wenig erwacht war—„Sobald er nach Hauſe kommt, iſt die Hochzeit. Er meinte ja, daß die Kuchen dazu woyl ſchon gebacken waͤren.“ 139 „Sprichſt Du im Traume?“ fragte Augu⸗ ſte—„Oder an wen denkſt Du eben? Ich rede ja von Haſtebeck.— 4 „Nun, ich auch!“ erwiederte W eſtold.„Er wollte ja, daß ich mit ihm reiten ſollte, als Hoch⸗ zeitgaſt. Zuſammengefallen lag jetzt Auguſtens ſchoͤ⸗ nes Kartenhaus! umgeweht vom Hauche eines Wor⸗ tes! Im erſten Augenblicke mochte ſie wohl ein we⸗ nig aͤrgerlich ſeyn; im zweiten lachte ſie uͤber ſich ſelbſt, und ſchalt mit froher Laune auf ihren Mann, daß er ihr etwas ſo Wichtiges nicht ſchon geſtern Abend mitgetheilt, und daß er ſie, wer weiß, wie lange, habe ſprechen laſſen, ohne darauf zu hoͤren. Weſtold ſelbſt mußte laͤcheln uͤber das Miß⸗ verſtaͤndniß; und die heitere Stimmung, in welche er hierdurch verſetzt wurde, milderte nach und nach ſehr den Verdacht, den er gegen ſeinen alten Freund gefaßt hatte. Zwar fiel es ihm von neuem aufs Herz, daß dieſer ihm geſtern Abend, mit einem be⸗ ſonders bedeutenden, faſt ungluͤcksſchweren Tone geſagt hatte, es können einem boͤſe Dinge durch den 140 Weg laufen, ohne daß man ſelbſt boͤſe ſey, oder Neigung dazn habe; allein Auguſte fragte ihn, ob er wohl geſtern ſchon bei dieſen Worten und dem Tone, mit dem ſie Haſtebeck ausſprach, an einen Zweikampf gedacht habe? Da er dies unbe⸗ denklich verneinte, uͤberfuͤhrte ſie ihn, daß er ſelbſt erſt heute durch ſeine vorgefaßte Meinung ſich ver⸗ leiten laſſen, einen boͤſern Sinn in jene Worte zu legen, als eigentlich darin gelegen habe, und daß er hiermit ſeinem Freunde offenbar unrecht thue. Dieſe Vorſtellung machte einen lebhaften Ein⸗ druck auf ſein weiches, dem alten Freunde ſo warm ergebenes Herz. Unrecht wollte er ihm um keinen Preis thun. Wenigſtens mochte er ihn wegen ſei⸗ ner Heftigkeit in dem letzten Geſpraͤch, ſo wie wegen des Davonreitens ohne Abſchied, nicht anklagen, weil Haſtebeck ſich, wie er meinte, bei ſo boͤſen Verdachts⸗Aeußerungen in einem Zuſtande der Noth⸗ wehr befunden, und wenn der Verdacht ihn gar getroffen, ſich gewiß auf das allerſchmerzlichſte beruͤhrt gefühlt habe. Selbſt im ſchlimmſten Falle erſchien ihm Haſtebeck daher gls ein ſchwer Ver⸗ 141 wundeter, der in der Verzweiflung des Schmerzes Den, welcher unſanft ſeine Wunde beruͤhrt, und wenn es auch ſein Bruder waͤre, unſanft zuruͤckſtoͤßt, doch ihn deswegen nicht haßt. Weſtold rettete ſich hierdurch wenigſtens den Glauben an das freundſchaftliche Herz des Entflohe⸗ nen. Dieſer Glaube that ihm wohl; und er bemit⸗ leidete allmaͤhlig ſeinen Freund nur als einen Un⸗ gluͤcklichen, den ein boͤſes Verhaͤngniß wider Wil⸗ len zu einer boͤſen That hingeſtoßen habe. Unauf⸗ hoͤrlich verarbeitete er dieſen, ihm ſo wichtigen, Ge⸗ genſtand in ſeinem Kopfe; und obgleich nach ſeiner Anſicht und ſeinen Grundſaͤtzen ein Zweikampf einer der aͤrgſten moraliſchen Graͤuel war: ſo bemuͤhte er ſich doch jetzt Tag und Nacht, ſich allerlei ver⸗ wickelte Lagen und Verhaͤltniſſe guszudenken, die einen ſonſt rechtlichen Mann wohl zu einem Zwei⸗ kampf treiben, und auf dieſe Art zum Moͤrder mg⸗ chen koͤnnten. Er ſuchte endlich ſogar in Akten und Buͤchern nach Zweikampfgeſchichten umher; und da er in ſpaͤter Nacht noch eine derſelben las, worin guch von den Sekundanten der Duellanten 142 viel verhandelt wurde, ſiel ihm ploͤtzlich ein, daß Haſtebeck vielleicht nur jene untergeordnete Rolle geſpielt habe, wohl gar Schoͤnbergs Freund und Sekundant geweſen ſey, und nur leider den toͤdtlichen Stich von der Bruſt ſeines Freundes nicht habe abwehren koͤnnen. Je mehr er dieſen Gedan⸗ ken verfolgte, deſto erfreulicher wurde er ihm, und endlich auch immer wahrſcheinlicher.— Alles Blut war nun abgewaſchen von den Haͤnden ſeines Freun⸗ des, und ein unausſprechliches Verlangen, dieſe Haͤnde wieder traulich zu faſſen und an ſein Herz zu druͤcken, durchgluͤhte ihn. Er legte ſich nieder, konnte aber nicht ſchlafen, ſtand vor Tages Anbruch wieder auf, und ſing an, einen Brief an Haſtebeck zu ſchreiben, voll lauter Verſoͤhnung und Liebe. Alle Viertelſtunden ging er an die Kammerthuͤr ſeiner Frau, und horchte, ob ſie noch nicht erwacht ſey; und ſo bald ſie es war/ eilte er, mit ſchoͤner Freude auf ſeinem Geſicht, an ihr Bett, und theilte ihr ſeinen Gedanken mit, den er ganz, wie eine erhaltene Nachricht, behandelte. Und da Auguſte in ſeine Meinung nicht gehoͤrig 143 eingehen wollte, glaubte er, es liege nur an ihrer mangelhaften Vorſtellung von einem Zweikampf, und er fing daher an, ihr eine ſolche Halsbrecherei— ob er ſie gleich nur vom Hoͤrenſagen kannte— ſo lebendig zu beſchreiben, und zum Theil vorzumag⸗ chen, daß ſeine Frau ihn in den ungewohnten he⸗ roiſchen Gebehrden und Stellungen und Bewegun⸗ gen kaum erkannte, und ſich faſt vor ihm zu fuͤrchten anfing. Als er ſich von dieſer Anſtrengung erholt, und ſein Blut ſich wieder beruhigt hatte, vollendete er ſeinen Verſoͤhnungs⸗Brief, und ſchickte ihn auf die Poſt. Er wuͤnſchte, der Brief ſolle noch zur Hoch⸗ zeit Haſtebecks eintreffen, und es war ihm ein hoͤchſt wohlthuender Gedanke, daß ſein Freund an ſeinem großen Gluͤcks⸗ und Freuden⸗Feſte auch ein Feſt der Verſoͤhnung feiern, und ſeiner wieder mit der alten, unveraͤnderten Freundſchaft gedenken werde. Dieſe Hoffnung beſtaͤtigte ſich ihm auch auf die erfreulichſte Weiſe durch die Antwort, welche er von Haſtebeck erhielt, wenn ſie gleich nur ſehr kurz 144 war. Mit wenigen, kraͤftigen Worten ſchrieb dieſer ihm, daß es zwiſchen ihnen beim Alten bleibe, daß er ein uͤberſeliger Ehemann geworden ſey, und daß auch die traurende Marie, allen Teufeln zum Trotz, noch gluͤcklich werden muͤſſe.„Ich will nicht Haſtebeck heißen,“ ſchloß er den Brief— wenn ich ihren Witwenſchleier nicht weghepe! Weſtold that einen tiefen Seufzer. Um ihn, durch Verwicklung in ein laͤngeres Geſpraͤch, zu zerſtreuen, fragte ihn Auguſte:„Hat er viel⸗ leicht einen Bruder, mit dem er ſie zu verheirgthen denkt? „„Ja freilich! den hat er!“ antwortete We⸗ ſtold lebhaft; und ſanft leuchtete die Freude in ſei⸗ nem Geſicht bei dem Gedanken auf, daß ſeine Schweſter wohl ſeines beſten Freundes Schwaͤgerin werden koͤnne. Er theilte Auguſten mit, was er von den Verhaͤltniſſen des Bruders ſeines Freundes wußte, und immer gegruͤndeter und paſſender er⸗ ſchien ihm der Einfall ſeiner Frau. Endlich ſollte er ihr auch das Aeußere des wahrſcheinlichen, kuͤnf⸗ tigen Schwagers beſchreiben. Da fing er an, etwas zag⸗ 145 zaghafter zu mahlen, und ſeinen Pinſel moͤglichſt vorſichtig in die Farben zu tauchen; aber deſſen un⸗ geachtet ergab ſich ein Bild, das er endlich ſelbſt, Trotz aller Milde und Vorliebe, fuͤr etwas haͤßlich erklaͤren mußte. Doch meinte er, das werde Bei⸗ de, wenn ſie uͤbrigens Vertrauen zu einander faſſen koͤnnten, nicht abhalten, ſich zu heirathen. „Wenigſtens ihn wohl nicht!“ ſagte Au⸗ guſte etwas ſpoͤttiſch; und als Weſtold ſie nicht zu verſtehen ſchien, ſetzte ſie lebhaft hinzu, es ſey doch arg, daß die Maͤnner gewoͤhnlich Anſpruch auf Schoͤnheit bei den Weibern machten, die huͤbſcheſten Weiber hingegen oft mit den haͤßlichſten Maͤnnern vorlieb nehmen muͤßten.— Sie erklaͤrte das fuͤr un⸗ paſſend und unrecht, ſo daß ihrem Manne faſt ban⸗ ge ward, ſie koͤnne den ſchoͤnen Heiraths⸗ und Gluͤck⸗ ſeligkeits⸗Plan ſeines Freundes ſtoͤren wollen. Nun verſicherte ſie ihm zwar wiederholt das Gegentheil; allein die einmal gefaßte Befuͤrchtung verſchwand ſo ſchnell nicht wieder aus ſeiner Seele. Das zeigte ſich noch nach ein paar Tagen unverkennbar da⸗ durch, daß er, ohne beſondere Veranlaſſung, den Fa⸗ Weſtold. I. Theil. 10 146 den jenes Geſpraͤchs wieder aufnahm, und, als Frucht ſeines ſtillen Gruͤbelns uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand, auf einmal ſagte:„Es iſt wirklich ſo, wie Du neulich ſagteſt, liebe Auguſte, daß die ſchoͤn⸗ ſten Weiber manchmal die haͤßlichſten Maͤnner hei⸗ rathen; und es iſt auch ganz recht ſo, ja es muß faſt ſo ſeyn!— Die Natur ſelbſt arbeitet vor⸗ herrſchend in dem Manne auf Kraft, in dem Weibe auf Anmuth hin. Mars und Venuns ſind ihre wah⸗ ren Repraͤſentanten. Und dieſes Hervortreten von eigenthümlichen Gegenſaͤtzen in den beiden Geſchlech⸗ tern iſt eben das Meiſterſtuͤck des Schoͤpfers. Der Mann muß ſchaffen— das Weib behuͤten. Der Mann iſt der Schutz— das Weib die Zierde des Hauſes. Der Mann ſoll geruͤſtet ſeyn zum Kampfe — das Weib nur bereit zum Verſoͤhnen. Der Mann iſt der Stab, an den das Weil in der Gefahr ſich haͤlt— das Weib iſt der gruͤnende Zweig, der um die heiße Stirn des Mannes ſich kuͤhlend und loh⸗ nend zum Kranze windet.— Der Mann gleicht glſo einer Saͤule, die, um zu tragen, keiner glat⸗ ten, feinen Politur bedarf. Wenn ſie nur feſt, ſtark N N 147 und grade iſt: ſo erfuͤllt ſie ihren Zweck. Ob ſie ei⸗ nen korinthiſchen Blaͤtterſchmuck an ihrem Haupte hat, oder nicht, das iſt gleichgiltig in Hinſicht auf ihren ernſten Zweck. Aber das Weib gleicht der Vaſe, die eigentlich zur Zier aufgeſtellt iſt, und hoͤchſtens nur einen Labetrunk oder einen Strauß von Blumen umfaſſen ſoll. Da iſt die edle Form, die feine Maſſe, die glatte Oberflaͤche ungleich wich⸗ tiger, und wo das Eine oder das Andere verletzt iſt ſtoͤßt das Auge an.— Am paſſendſten aber, glaube ich, kann man ſagen: Das Weib iſt eine Blume— der Mann hingegen iſt eine Frucht. Bei der Frucht kommt es nicht auf die Schale an, ob ſie rauh oder unſcheinbar iſt, ſondern auf das Innere, auf den kuͤhlenden Saft, das nahrhafte Mark„ den wohl⸗ ſchmeckenden Kern. Bei der Blume aber faͤllt am erſten die mehr oder weniger ſchoͤne Form, der mehr oder weniger uͤppige Farbenſchmuck in die Sinne; entfernter liegt erſt der mehr oder weniger entzuͤcken⸗ de Balſamduft, und am allerentfernteſten die hei⸗ lende Kraft, die vielen inne wohnt. Und wenn der Kenner gleich die farbenloſe Nachtviole, die un⸗ 10* 148 ſcheinbare Muskathygeinthe, oder die prunkloſe Ka⸗ mille gehoͤrig zu wuͤrdigen verſteht: ſo wird der gro⸗ ße Haufe doch am erſten durch die prunkenden For⸗ men und Farben beſtochen; ungleich ſchneller aber weiß ſelbſt das Kind unter den Fruͤchten, ohne von ihrer Außenſeite ſich beſtechen oder abſchrecken zu laſſen, die ſuͤßeſte und wohlſchmeckendſte heraus zu finden. Und dieſer naͤmliche, richtige Sinn laͤßt auch das Weib bald am Manne die unſcheinbare, vielleicht gar zuruͤckſtoßende, Außenſeite uͤberſehen, wenn ſie nur weiß, daß etwas Wuͤrdiges innen wohnt; dahingegen der Mann die Anmuth, die Lieblichkeit, die ihm das Leben erſt ſchoͤn machen ſoll, am liebſten auch in einer anziehenden, aͤußern 4 Huͤlle erwartet und ſucht.— Wer, im Allge⸗ meinen, ihn deswegen tadeln wollte, wüͤrde die Natur ſelbſt tadeln, daß ſie den Mann und das Weib grade ſo gemacht hat, wie ſie ſind.”“ Auguſte gab ihrem Manne mit recht freudi⸗ gem Laͤcheln Beifall wegen dieſer Auseinanderſe⸗ tzung, nicht ſowohl, weil die Richtigkeit derſelben ihr beſonders einleuchtete, als vielmehr, weil ſie dn 149 ſah, daß er dadurch zerſtreut worden war, und weil ſie wußte, daß ihr Mann— als ein geborner Pre⸗ diger— nicht gluͤcklicher war, als wenn er von Zeit zu Zeit kleine Reden halten konnte, bei denen ihm Niemand widerſprach. Waͤhrend aller dieſer Verhandlungen, von de⸗ nen Die, um welche ſie ſich drehten, nicht die ent⸗ fernteſte Ahnung hatte und haben durfte, wurde vom Schickſal ein Schlag vorbereitet, der manche lachende Hoffnung zerſtoͤrte, wie ein Sturm eine Seifenblaſe verweht und zerſtaͤubt. So zieht, waͤh⸗ rend der Landmann, voll froher Hoffnung, ſeine Senſe zur Erndte ſchaͤrft„ unbemerkt die Hagelwolke herauf, die ſeine ſegenſchweren Halme zerſchläͤgt. Weſtold betrachtete ſeine geliebte Schweſter nach und nach wieder mit ruhigerer Frende. Nach⸗ dem die Ueberſpannung der erſten, erſchütternden 150 Auftritte voruͤber war, ſah ſie freilich ungleich blaͤſ⸗ ſer und ſchwaͤcher aus, als in den erſten Tagen, da die Freude des Wiederſehens und der Schmerz der lebhaft aufgeregten Erinnerung an die boͤſe Vergan⸗ genheit ihr Blut in einer ſtaͤten, ſteberhaften Bewe⸗ gung erhielten, und ihr einen taͤuſchenden Anſchein von Wohlſeyn gaben; allein ſie war wirklich auf dem Wege, ruhiger, froher und ſtaͤrker zu werden, denn ſie genoß das lange entbehrte Gluͤck ſtiller, lei⸗ denſchaftloſer Geſchwiſterliebe; und es war zu hof⸗ fen, daß dieſe, im ſchoͤnen Verein mit dem muͤtterli⸗ chen Gluͤcke, allmaͤhlig ein lindernder Balſam fuͤr ih⸗ re noch offne, blutende Wunde werden wuͤrde. Ihr Gemüͤth war gelaͤutert, gehoben in der harten Schule des Schickſals. Sie ſtand auf einer Stufe moraliſcher Gediegenheit, worauf ſie, wie Weſtold meinte, ohne die uͤberſtandenen Prufungen ſchwer⸗ lich gelangt ſeyn wuͤrde. Wenn er hinter ihrem Ruͤcken mit Auguſten von ihr ſprach, nannte er ſie faſt nicht anders, als die Herrliche, die Lei⸗ den⸗erprobte; und wenigſtens ſeine Phantaſie, wenn auch noch nicht ſein Herz, fing an, ſich in frommer Schwaͤrmerei mit ihrem Geſchick zu ver⸗ foͤhnen. Er meinte, ſie habe um den theuren Preis doch ein unſchaͤtzbares Kleinod erkauft. Und das wirkte auf ihn ſelbſt ſehr wohlthaͤtig zuruͤck. Er faßte neuen Muth, an ſeine Geſchaͤfte zu gehen; ſie wurden ihm wieder leichter, als ſie es ſeit langer Zeit geweſen waren. Er bekam wieder. mehr Vetrauen zu ſich ſelbſt und zu ſeinem Geſchick; und die Freude, die hieruͤber in Auguſtens und Mariens Augen glaͤnzte, ſtaͤrkte und hob ihn immer mehr. Um ein lange geſcheutes und aufgeſchobenes Ge⸗ ſchaͤft abzuthun, entſchloß er ſich auch zu einer klei⸗ nen Reiſe, die ihn auf einige Tage von ſeinem Hau⸗ ſe entfernte. Ungewoͤhnlich frohen Muthes nahm er Abſchied. Sein letztes Wort war:„Wir werden uns Alle gewiß geſund und wohl wiederſehen!“ Aber das war eine falſche Hoffnung. Die naͤchſte Poſt brachte Marien einen Brief. Nit unbefangener Neugier erbrach ſie ihn in Au⸗ guſtens Gegenwart. Doch ſobald ſie ihn aus dem 152 Umſchlage zog, ſielen ihr einige ſtark unterſtrichne Zeilen auf, die ſie in voller Argloſigkeit laut zu leſen anfing. Darin ſtand aber eine feierliche Beſchwoͤ⸗ rung, den Inhalt dieſes Briefs fuͤr immer geheim zu halten, und den Brief, ſo bald ſie ihn geleſen habe, zu verbrennen. Mitten im Leſen verſtummte ſie alſo, ſtarrte Auguſten einige Augenblicke mit unruhiger Bedenklichkeit an, nahm ein Licht, und ging auf ihr Zimmer. Selbſt unruhig geworden, folgte Auguſte ihr, etwa eine Viertelſtunde ſpaͤter, nach, mußte aber zuruͤckkehren, weil die Thuͤr von innen verſchloſ⸗ ſen war. Gleich vergebens wiederholte ſie dieſen Gang noch ein paar Mal. Auf die Bitte, daß Marie das Zimmer oͤffnen moͤchte, erfolgte blos ein kaum hoͤrbares„Gleich;“ allein die Thuͤr blieb verſchloſſen, wie ſie war. Endlich, als man den kleinen Herrmann lange in ſeiner Wiege ſchreien hoͤrte, ohne daß die Mutter ſich um ihn be⸗ kuͤmmerte, ward Auguſten ernſtlich bange, und ſie oͤffnete mit einem Hauptſchluͤſſel die Thuͤr. Da ſaß Marie, blaß und gram⸗entſtellt und leblos, wie ein Marmorbild, auf dem Fußboden, das Haupt rüͤckwaͤrts an die Wiege gelehnt, die thraͤnenloſen, ſtarren Augen unverwandt hinauf an die Decke ge⸗ heſtet. Sie bemerkte die Hereintretende nicht; ſie hoͤrte ja das Schreien ihres Kindes nicht mehr! Neben dem tief abgebrannten Lichte lag der todte Zunder des ungluͤcklichen Briefes, der ihr das Herz gebrochen hatte. Nur ein kleines Ueberbleibſel, das den Anfang von ein Paar Zeilen enthielt, lag un⸗ verbrannt neben der erſchlaften Hand, der es ent⸗ ſunken war. Durch ſtaͤrkende Waſſer brachte man Marien auf einige Augenblicke zum Bewußtſeyn zuruͤck. Sie klagte uͤber den allerheftigſten Kopfſchmerz, und uͤber einen ſchrecklichen Traum, den ſie gehabt ha⸗ be. Dann verfiel ſie in einen ſchlafaͤhnlichen Zu⸗ ſtand. Man rief einen Arzt; er erkannte die Vor⸗ boten eines heftigen Nervenſtebers. Ihr Zuſtand wurde mit jedem Tage bedenkli⸗ cher. In unaufhoͤrlichen Phantaſieen fuͤhrte ihr brennendes Gehirn einen wilden Zerſtoͤrungskrieg ge⸗ gen ſich ſelbſt. Immerwaͤhrend wollte ſie ſich und 154 ihr Kind zu einer Reiſe ſchmücken; oft aber, wenn ſie in den Wagen geſtiegen zu ſeyn glaubte, bat ſie den Kutſcher aufs ruhrendſte, ſie nirgends zum Ausſteigen zu noͤthigen, ſondern nur rund um die Welt mit ihr herum zu jagen, damit Niemand ihrer und ihres Kindes ſpotte. Als Weſtold zuruͤckgeeilt war, lag ſie ſchon ganz hoffnungslos, und erkannte ihn ſo wenig, als irgend Jemanden. Selbſt ihr Kind war ihr fremd geworden! „Barmherziger Gott!“ rief er haͤnderingend aus—„Was iſt das fuͤr ein Brief geweſen, der ihr einen ſo toͤdlichen Pfeil ins Herz gejagt hat!“ Zehmal las er die uͤbriggebliebenen, abgebrochenen Worte, um einen Zuſammenhang herauszubringen; aber es war unmoͤglich. Das einzige Troͤſtliche da⸗ bei war ihm die Ueberzeugung, daß es auf keinen Fall Haſtebecks Handſchrift war. Doch weſſen Handſchrift mochte es ſeyn? Welchen ſchrecklichen Inhalt mußte dieſer Brief gehabt haben? Dieſe Fragen wiederholte er ſich hundertmal, und nirgends fand er eine Antwort darauf. Unterdeſſen ruͤckte der Tod mit jeder Stunde naͤher zu Auguſtens Herzen. Verzweifelt kaͤmpf⸗ te die jugendliche Lebenskraft ihm entgegen! Doch weder ſie, noch die Kunſt des Arztes, noch der na⸗ menloſe Jammer und die heißen Thraͤnen We⸗ ſtolds und Auguſtens konnten ihr fliehendes Leben aufhalten. Der Tod feierte ſeinen kalten, graͤßlichen Triumph. Die Herrliche, die Leidener⸗ probte, dem Himmel und der Seligkeit ſchweſterli⸗ cher Engel fruͤh Entgegengereifte, warf ſchon in der Bluͤthe der Jahre die ſchoͤne, irrdiſche Hülle ab, um triumphirend, als ein ſchoͤnerer Engel, dem Staube dieſer kleinen, niedern Erde zu entfliehen. Pfuͤckt die ſchoͤnſten Fruͤhlingsroſen! flechtet ſie zum ſchoͤnen Kranze, weiß' und rothe bei einander, um die Stirn der Stilentſchlafnen, die der ſchoͤnſten Roſe glich!— Duͤrſtet euch, ihr holden Roſen? duͤrſtet euch nach Thaues Tropfen?— Ach, hier fallen heiße Thraäͤnen nur in eure Balſamkelche! Horcht ihr nach den Fruhllngsliedern, . 156— die im Garten euch umklangen?— Ach, hier ſchallen Trauertoͤne um die Fruͤhverlorne nur! Klagt ihr, daß ihr ſchon im Lenze eures Lebens ſollt verwelken?— Ach, das iſt das Loos des Schoͤnen, daß es, ſeine Heimath ſuchend, hier im Staube nicht kann weilen, ſondern lieber ſchnell verbluͤhet! Seht nur, ſeht die blaſſe Leiche, deren ſchoͤne Stirn ihr ſchmuͤckt!— Moͤchtet ihr am Feſtaltare lieber eine Braut umkraͤnzen, als im ſtillen, ſchwarzen Sarge welkend eine Todte ſchmuͤcken?— Ach, ihr koͤnnt nicht ſchoͤner ſterben, als bei dieſer Fruͤhgeſtorbnen, die, von Engeln fruͤh entfuͤhret, ſelbſt ein ſchoͤner Engel war. Sie lag wirklich im Sarge mit einem Kranze von weißen und rothen Roſen geſchmückt, die ſchoͤ⸗ ne, fromme Himmelsbraut; und in einer ſtilleren M 157 Stunde warf Weſtold die obigen Zeilen aufs Pa⸗ pier. Wie ein Kind, von der Mutter ſanft in die Wiege gelegt, laͤchelnd unter dem letzten Kuſſe die Augen ſchließt und entſchlummert, ſo laͤchelte auch ſie noch im Tode, als ob ein Engel ihren letzten Athemzug liebreich hinweg gekuͤßt haͤtte. So ließ Weſtold ſie noch mahlen, taͤuſchend aͤhnlich als Leiche, und auch das Bild ihres ehemaligen bluͤhen⸗ den Lebens vergegenwaͤrtigend, nur mit mattern Farben, in einem melancholiſchen Helldunkel, uͤber⸗ haupt in einem romantiſcheren Charakter, wie eine ſchoͤne Landſchaft, an einem ſchwuͤlen Sommer⸗ abend, im Mondenſchein gemahlt. Es war ein treffliches, je laͤnger man es anſah, deſto ergreifen⸗ deres Bild, und es blieb Weſtolden, ſein ganzes Leben hindurch, ſein heiligſtes Kleinod. Als der Sarg verſchloſſen werden ſollte, trug Auguſte den kleinen Herrmann hin, daß, wie ſie ſchluchzend ſagte, er noch einmal ſeine Mutter, und ſeine Mutter auch ihn noch einmal ſaͤhe; denn ſie konnte ſich des troͤſtlichen Gedankens nicht ent⸗ ſchlagen, eine Mutter muͤſſe, auch wenn ſie koͤrper⸗ 158 lich todt waͤre, und wenn ſie auch von der ganzen Welt nichts mehr wuͤßte und ſaͤhe, doch ihr Kind noch ſehen, zumal wenn es weinte bei ihrer Leiche. —„Weine!“ rief ſie daher—„weine, lieber Herrmann! Deine Mutter wird nun begraben, und Du ſiehſt ſie niemals wieder!“ Aber der Knabe weinte nicht, denn er wußte noch nichts vom Tode. Er erkannte ſeine Mutter ſogleich, und rief ſie in freudiger Bewegung, weil er glaubte, ſie ſchliefe nur. Da wankte auch Weſtold noch einmal in ſeinem troſtloſen Schmerze hinzu, kuͤßte ſtillſchwei⸗ gend zum letzten Abſchiede die kalten Haͤnde der ge⸗ liebten Todten, und nahm dann den Knaben auſ ſeinen Arm. Mit der groͤßten Liebe druͤckte er ihn an ſeine Bruſt, und kuͤßte ihn, gab ihn dann auch Auguſten zum Kuͤſſen hin, und ſprach:„Nun iſt er unſer! ganz unſer! nicht unſer Neffe, ſondern unſer Sohn! nicht Schoͤnberg mehr, ſondern Weſtold ſoll er heißen! Und ſo lange ich einen Biſſen Brodt fuͤr mich und mein anderes Kind ha⸗ be, ſoll er dieſem auch nicht fehlen 19 * Er ließ ſich nicht zuruͤckhalten von der ſchmerzli⸗ chen Begleitung des Sarges nach der Begraͤbniß⸗ ſtelle. Als der Prediger den Segen daruͤber aus⸗ ſprach, da draͤngte und trieb es Weſtolden mit faſt unwiderſtehlicher Gewalt, das Amt des Geiſtli⸗ chen zu uͤbernehmen, und laut von ſeinen Lippen ſtroͤmen zu laſſen das Lob der geliebten Todten, den bittern Schmerz ſeines Herzens, und die begeiſtern⸗ de Hoffnung eines ſeligen Wiederſehens jenſeit des Grabes. Ob das Uebermaaß ſeiner Empfindung ihm auch die Kraft laſſen wuͤrde, ſie laut mitzuthei⸗ len, dieß zu pruͤfen, ließ ſeine ſchwaͤrmeriſche Be⸗ geiſterung ihm nicht zu. Nur ſeine große Scheu vor allem theatraliſchen Aufſehenerregen, das ſei⸗ nem ſtillen, beſcheidenen Sinne ganz entgegengeſetzt war, hielt ſeine Zunge in Feſſeln. Aber lebendiger, als jemals, ſtand der Traum aus ſeinem Knaben⸗ alter vor ihm, und mit einem ſo tiefen Seufzer, als er ihn noch nie hieruͤber ausgeſtoßen hatte, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Hier, hier waͤre ich an meiner Stel⸗ le!“ Und indem er die gleichgiltig daſtehenden Zu⸗ ſchauer betrachtete, verglich er ſie in Gedanken mit 160 den geruͤhrten Zuhoͤrern in ſeinem Traume. Immer hergreifender ſtand die Vorſtellung in ſeiner Seele, wie er dieſe kalten Gaffer am Grabe in die Geſtalten ſeines Traumes umwandeln wollte, wenn er, als ein Prieſter des Herrn, vor ihnen ſtaͤnde, und vom Herzen zum Herzen uͤber Tod und Unſterblichkeit, uͤber den tiefſten Schmerz und die hoͤchſte Seligkeit zu ihnen ſpraͤche.— Die Todtenglocke klang aufs neue; ein Begraͤbnißlied erſchallte beim Verſenken des Sarges; in Weſtolds Seele aber ertoͤnten fortwaͤhrend die Worte:„ Ein Prieſter des Herrn!“ und alle andern Klaͤnge und Toͤne, die er hoͤrte, wa⸗ ren nur die Melodie dazu. Er ging hinweg aus dem Gedraͤnge, und ſang in frommer Begeiſterung, wie es der Geiſt ihm eingab, das Geluͤbde, ein Prie⸗ ſter des Herrn zu werden, und zu ver⸗ kündigen das Wort des Herrn. Er ſchwor es bei dem Schatten ſeiner Schweſter, er ſchwor es bei dem Glanze des Himmels, der ihn umgab!— Mit einem bethraͤnten, kummervollen Geſicht hatte er das Haus verlaſſen; mit einem ruhig laͤchelnden⸗ wie in Verklaͤrung glaͤnzenden, kehrte er zuruͤck. Au⸗ 161 Auguſte freuete ſich dieſes Wunders, ohne es ſich erklaͤren zu koͤnnen. Er aber ſchwieg, und behielt, was in ihm vorgegangen war, als ein heiliges Ge⸗ heimniß vor ſeinem Weibe, ſtill in ſeiner Bruſt. Nur ſeinem Freunde Haſtebeck, als er ihm die Ungluͤcksnachricht von Mgriens Tode ſchrieb, vertrauete er dies Geheimniß an, und bat ihn um Nath, wie er es anfangen ſolle, um an dies Ziel zu gelangen. Wenn er auch keine Hoffnung hatte, von Haſtebeck eine genuͤgende Antwort zu erhalten: ſo that es ihm doch ſchon wohl, vor irgend Jeman⸗ dem ſein Herz ausgeſchuͤttet zu haben uͤber die gluͤ⸗ hende Sehnſucht in ſeiner Seele nach einem ſchoͤnern und heiligern Ziele ſeiner Wirkſamkeit. Als er dieſen Brief fortgeſchickt hatte, konnte er mehrere Tage lang keine Feder anſetzen zu irgend einer Arbeit. Immer klang der Ton jener Herzens⸗ ergießungen in ſeiner Seele fort; der Anblick jeder Kirche, der entfernte Klang jeder Glocke, die Me⸗ lodie jedes frommen Liedes, nicht minder der Glanz des Himmels, der Lerche Triller, des Sturmes Brauſen, der Blumen Pracht— mit einem Worte: Weſtold. I, Theil. 11 162 die ganze Natur, die ihn uͤberall an den großen Geiſt erinnerte, deſſen Allmacht ſie verkuͤndet, erinnerte ihn auch an ſein Geluͤbde, ein Prieſter des Herrn zu werden, und laut zu verkuͤndi⸗ gen das Wort des Herrn. Da kam auf einmal ein Brief von Haſtebeck, worin dieſer ihm fluͤchtig, mit kaum liſerlichen Zů⸗ gen, ſchrieb: „Mord! Mord! ſchmaͤhlicher, teufliſcher Mord! habe ich geſchrieen beim Leſen Deiner Todesnach⸗ richt! Die Stirn habe ich mir mit der Fauſt faſt eingeſchlagen, vor bitterm, entſetzlichem Grimm! O, Fluch! Fluch uͤber den Suͤnder, der das that! und Fluch, Fluch uͤber—— 4 Hier folgten ein paar dick ausgeſtrichene Zeilen; dann hieß es weiter:„Schicke mir doch das uͤbrig gebliebene Stuͤck des moͤrderiſchen Briefs! Ich muß es ſehen! Jedes Wort, jeder Buchſtabe iſt mir wichtig!— O, du arme, arme, arme Marie! Nun, es wird ja fur einen ſolchen, gemißhandelten Engel einen Ort der Entſchaͤdigung geben!— At den Glauben halte Dich, du garmer, ſchaͤndlich be⸗ raubter Bruder!——— Aber fort, fort mit der Grille von Kanzel und Prieſterſchaft! Das iſt eine Schwindelei, die zu nichts führt. Indeſſen aus Dei⸗ nem Advokaten⸗Jammer mußt Du heraus! Du ſollſt ein Landmann werden, ein wohlhabender Mann! Das ſchwoͤr' ich Dir. Ich ſchaffe Dir eine große, treffliche Pachtung. Habe nur noch einige Zeit Geduld! Ich werde treiben, ſo ſehr ich kann, um es zu Stande zu bringen. Kurz: ich ſorge fuͤr Herrmann und fuͤr Dich. Haſtebeck.“ Ein ſolcher Brief konnte Weſtolden, in der Stimmung, in welcher er war, nur verwunden, nicht troͤſten. Auch konnte er ſich nicht entſchlie⸗ ßen, das Ueberbleibſel des verhaͤngnißvollen Briefs aus den Haͤnden zu geben. Er antwortete ſeinem Freunde nach einiger Zeit in einem hoͤchſt niederge⸗ ſchlagenen Tone, und er that es uͤberhaupt nur, um den ſtuͤrmiſchen Freund, falls es ihm damit Ernſt geweſen ſey, von dem Pachtungsplane abzuhalten. Er hielt beinahe den ganzen Brief nur fuͤr eine Pruͤ⸗ fung, ob er auch ſtandhaft bei ſeinem Vorſatze be⸗ 11* 164 harre? Dazu konnte er nur laͤcheln.— Zu der ent⸗ ſchiedenen Hinneigung ſeines Sinnes, und zu der ſchwaͤrmeriſchen Begeiſterung, womit er an ſeinem alten Lieblingswunſche hing, geſellte ſich ja noch in ſeiner Seele die Vorſtellung einer heiligen Ver⸗ pflichtung. Der allen Renſchen aufs gewiſ⸗ ſenhafteſte Wort hielt: wie haͤtte Den ſein Gewiſſen nicht mahnen ſollen, dem Him mel Wort zu hal⸗ ten, dem er ſich durch ein feierliches Angeloͤbniß ge⸗ weiht hatte? Er ſchrieb an die oberſte geiſtliche Behoͤrde des Landes, ſetzte ſeinen Gemüuͤthszuſtand mit unbefan⸗ gener Vertraulichkeit aus einander, und bat um eine Landpfarre, wenn auch nur mit mittelmaͤßigen Einküͤnften. Und dann ſtudirte er ein paar Wochen lang recht eifrig Theologie, wie er uͤberhaupt von Zeit zu Zeit immer that. Doch da kam auf ſeine Bittſchrift eine Antwort, die ihm nicht nur alle Hoffnung zur Erreichung ſeines Wunſches benahm, ſondern auch in einem hochfahrenden Tone ihn, wie einen gemeinen Thoren, behandelte. 165 Das ſchlug den armen Mann aufs Empfind⸗ lichſte nieder, und veranlaßte einen der duͤſterſten Abſchnitte ſeines Lebens. All ſein Ungluͤcksgeluͤhl — der Schmerz uͤber den Verluſt ſeiner Schweſter, der unbezwingliche Widerwille gegen ſeine Geſchaͤf⸗ te, die Verzweiflung uͤber die zunehmende Bedraͤngt⸗ heit ſeiner haͤuslichen Lage— alles war auf einige Zeit zuruͤckgetreten vor der immer lebhaſteren Be⸗ ſchaͤftigung mit ſeinem einen Lieblingswunſche. Nun er aber in dieſem auf eine ſo harte Weiſe geſtoͤrt wurde, nun ihm ſeine ſchoͤne Hoffnung vernichtet, ſein letzter Muth gebrochen war, nun druͤckten alle jene Ungluͤcksgefuͤhle mit erneueter und verdoppelter Wuth ihre giftigen Stacheln in ſeine Seele. Nun hoͤrte er nicht auf, zu ſinnen, woher der Blitz ge⸗ kommen ſey, der ſeine Schweſter niederſchlug; nun lag die Furcht vor den Arbeiten, die er enden ſollte und wollte, und nicht enden konnte, mit Cent⸗ nerlaſt auf ihm; nun ſah er ſeine buͤrgerliche Ehre vernichtet, ſein Weib und ſein Kind dem druͤckend⸗ ſten Mangel Preis gegeben, und alle Qualen der 166 Verzweiflung hereinbrechen uͤber ſein kleines, fried⸗ liches Haus! Haſtebecks fruͤhere Worte, daß er unterge⸗ hen muͤſſe an Leib und Seele, wenn er ſich nicht aus ſeiner Lage riſſe, ſchienen raſch in Erfuͤllung ge⸗ hen zu wollen, und kamen faſt nicht mehr aus ſeinen Gedanken. Eine traurige Hypochondrie bemaͤchtigte ſich ſeiner mit immer furchtbarerer Gewalt. Vergeb⸗ lich war ſein Streben, ihr entgegen zu kaͤmpfen. Er war ein Laokvon, von blutduͤrſtigen Schlangen umwunden, der klaͤglich enden mußte, wenn nicht ein Gott aus den Wolken ihm zu Huͤlfe kam. Tauſend ſchmerzlichen Quaalen füͤhlte er ſich, im ſteten Wechſel, Preis gegeben. Ueberall hin ver⸗ folgten ihn die bleichen Geſpenſter ſeiner verduͤſterten Einbildungskraft. In ſeinem Zimmer, glaubte er, nicht athmen zu koͤnnen, vor ſchwerer, beklemmender Luft. Ging er die Straßen entlang: ſo drohten die hohen Haͤuſer, uͤber ihn zuſammen zu ſtuͤrzen. Hat⸗ te er im Freien einige Augenblicke ruhig Athem geſchoͤpft: ſo ſchreckte ein aufflatternder Vogel, ein Windſtoß, der im Laube rauſchte, ihn plötzlich 167 wieder an, und gab ſeiner Seele die vorige, un⸗ glückſelige Stimmung. Da ſah er unter jedem Steine, ſelbſt unter dem blumenbeſaͤeten Raſen, ein giftiges Thier hervorlauſchen; da erſchien der ſtille Wald ihm als ein Heer von lauernden Rieſen; da ward der gruͤne Berg zum ungeheuren Grabhuͤ⸗ gel, und die leichten Wolkenſchatten, welche dar⸗ uͤber hinzogen, waren die Schatten der Erſchlagenen, die uͤber der Aſche ihrer Leiber einander noch zuͤr⸗ nend verfolgten; da rief jede Welle des Stromes ihm zu, daß er ein Verlorner ſey, und daß nichts ihn retten koͤnne, als ein Sturz in die Fluth, die eine Lethe ſeines Kummers ſeyn werde. So trieb ein unbezwingliches Gefühl den Armen aus ſeinem Zimmer hinaus in die offne Natur, und aus dieſer wieder zuruͤck in ſein Haus. Wie einer drohenden Todesgefahr angſtvoll zu entrinnen, warf er ſich dann oft an Auguſtens Hals, und bat ſie, ihn feſt zu umarmen, und nicht los zu laſſen, damit er nirgends ſtürbe, als bei ihr. Nicht aufheitern konnte ihn der Anblick der beiden geliebten Kinder, ſondern ſeinem Grame nur immer einen neuen 168 Stachel leihen, weil er ihnen nicht ſeyn konnte, was er ihnen zu ſeyn ſo lebhaft wuͤnſchte.— Au⸗ guſte ſah das, und blickte mit Schauder der naͤch⸗ ſten Zukunft entgegen. Mit jedem Tage mehrte ſich die haͤusliche Noth; immer hoͤher ſchlugen die Wel⸗ len des Mißgeſchicks uͤber ihrem Haupte zuſammen. — Doch der Himmel hatte ihren Untergang nicht beſchloſſen; und es erſchien unverhofft ein Retter in der Noth. Haſtebeck war es, der ploͤtzlich, wie ein Gott gus den Wolken, unter die Verzweifelnden trat. Das erſte, woruͤber er laut aufſchrie, war die trau⸗ rige Veraͤnderung ihrer Geſichter; doch ſein eignes war und blieb nicht wenig ſinſter. Deſſen ungeach⸗ tet eroͤffnete er ſeine Unterhandlungen mit einem kraͤf⸗ tigen Schwure, Weſtold müſſe durch ihn gluͤcklich werden, er moͤge wollen oder nicht. Auguſte hef⸗ kete hierbei hoffend ihren Blick an die Lippen des 169 Himmelsboten; Weſtold hingegen ſchlug den ſei⸗ nigen ſchuͤchtern zur Erde. 3 Haſtebeck ließ ſich nicht irren, ſondern ent⸗ faltete ſeinen, ſchon ſchriftlich erwaͤhnten, Plan, aus dem armen, kranken Advokaten einen reichen, fetten Pachter zu machen. Weſtold brachte dage⸗ gen eine Menge von Schwierigkeiten und Bedenklich⸗ keiten vor; Haſtebeck aber war gegen alles ge⸗ waffnet, und legte endlich mehrere Dokumente auf den Tiſch.„Hier,“ ſagte er—„ſind die noͤthi⸗ gen Wechſel, zur Tilgung Deiner Schulden, und zur Einrichtung Deiner neuen Wirthſchaft. Und da iſt der vollſtaͤndige Pachtkontrakt, vom Grafen Flankenborn ſchon unterſchrieben und unterſie⸗ gelt. Thue ein Gleiches: ſo iſt alles abgemacht!“ Aufs dankbarſte druͤckte Weſtold des Freundes Hand, ſchauderte aber kleinmuͤthig vor einem ſol⸗ chen Wageſtuͤck, wie er es nannte, zuruͤck. Da verſicherte Haſtebeck:„Das Gut Aarhorſt iſt eins der groͤßten und ſchoͤnſten im Lande, noch nie verpachtet geweſen, und wird Dich bei den Be⸗ dingungen, die ich fuͤr Dich gemacht habe, nicht 170 verderben laſſen, wenn auch mitunter ein Hagel⸗ ſchlag, eine Ueberſchwemmung, oder ein Maͤuſefraß kommt.“— Weſtold wandte ein, er werde auch bei der beſten Pachtung zu Grunde gehen, weil es ihm an der Kenntniß, wie an der Uebung, in einem ſolchen Geſchaͤft fehle. Doch Haſtebeck erwie⸗ derte:„Deine Frau hat bei ihrer Tante die innere Landwirthſchaft vom Grunde aus gelernt, und Dir iſt die Feldwirthſchaft auch nicht ganz fremd; aber fuͤrs erſte nimmſt Du Dir einen tuͤchtigen Verwal⸗ ter, bis Du ſelbſt ſo weiſe wirſt, wie Deine meiſten Herren Kollegen. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand dazu. Du ſollſt ſehen, wie leicht Du lernen wirſt erndten, fluchen und Gold machen, und noch einmal ſo viel eſſen, und zehnmal ſo viel trinken, als bisher. Unterſchreib nur, und mache Dich reiſefertig!“ Weſtold wandte nichts mehr ein, weil die kraͤftige Beredtſamkeit des Freundes ihn beſiegte, wenn auch nicht uͤberzeugte. Daher ſchuͤttelte er nur ſchweigend den Kopf, die ſinnenden Blicke wie⸗ 171 der gegen den Boden geheftet. Er hielt den ganzen Plan fuͤr durchaus unausfuͤhrbar, und wies ihn blos darum nicht ein fuͤr allemal zuruͤck, weil Haſte⸗ becks freundliche Theilnahme ihn ruͤhrte. Haſte⸗ beck, der uͤberall raſch an's Ziel ſtuͤrmte, hielt das fuͤr bloße Unentſchloſſenheit, und war weit davon entfernt, auf halbem Wege ſtehen zu bleiben. Er donnerte Weſtolden daher Schwur auf Schwur in's Ohr, daß er ein liebloſer Gatte, ein Rabenva⸗ ter, ein Selbſtmoͤrder ſey, wenn er die herrliche Gelegenheit, ſich und die Seinigen aus den verzwei⸗ feltſten Lagen zu retten, nicht ergriffe und feſthielte. Da brach Auguſten endlich das Herz. Schwei⸗ gend hatte ſie bisher allen Kummer getragen, und auch den leiſeſten Seufzer in Gegenwart ihres un⸗ gluͤcklichen Mannes unterdruͤckt. Jetzt aber uͤberwaͤl⸗ tigte ſie ihr Gefuͤhl. Mit einem Strome von Thraͤ⸗ nen hielt ſie Weſtolden die kleine Marie hin, und beſchwor ihn, ſie gegen eine Zukunft voll Noth zu ſichern, und ſchilderte ihm, wie ſie ſelbſt in die⸗ ſer traurigen Gegenwart mit nagenden Sorgen ihre 172 Tage vertraure, mit ihnen zu Bette gehe und wieder aufſtehe, und ganze Naͤchte ſchlaflos durchweine. „Hoͤrſt Du's? Hoͤrſt Du's?“ rief Haſtebeck mit kraͤftiger Stimme dazwiſchen.— Marie warf ſich ſchluchzend an Weſtolds Hals. Die Kleine lag mit ihrer laͤchelnden Wange an der ſeinigen. Er war bis in das Innerſte ſeines Herdens erſchuͤttert. Er konnte nicht mehr Nein ſagen. 4 Haſtebeck freute ſich des errungenen Siegs, und riß ungeduldig die ruͤhrende Gruppe entzwei⸗ und trieb Weſtolden fort, um Feder und Tinte zur Unterſchrift zu holen. Es vergingen einige Minuten, ohne daß We⸗ ſtold zuruͤckkehrte. Der eifrige Haſtebeck eilte ihm nach auf ſein Arbeitszimmer, und ſchalt uͤber die Ewigkeit ſeines Außenbleibens. „Ich kann nicht, ich darf nicht unterſchrei⸗ ben!“ ſagte Weſtold mit ſanftem, doch feſtem Tone—„Ihr habt mir das Herz zerriſſen; ihr koͤnnt es mir noch mehr zerreißen; ihr koͤnnt mich toͤdten, wenn ihr ſo fort fahrt; aber untreu könnt ihr mich mit ſelbſt und dem Himmel nicht machen! 173 Haſtebeck begriff ſogleich, wohin die letzten Worte zielten, und erwiederte mit ſtrengem Tone: „Du biſt vom Satan beſeſſen! Siehſt Du nicht, daß er Dich mit Deiner Froͤmmigkeit und Predigt⸗ wuth nur zum Narren hat, um Dich und Dein Weib ungluͤcklich zu machen?“ Ruhig antwortete Weſtold:„Es iſt kein Satan, ſondern ein ſchoͤner, ſeliger Engel, der mich im entſcheidenden Augenblicke vom Wanken zum Stehen, zum feſten, unerſchuͤtterlichen Stehen gebracht hat.— Ein Prieſter des Herrn zu werden, und laut zu verkuͤndigen das Wort des Herrn, das habe ich an Mariens offnem Grabe, bei dem Glanze des Himmels geſchworen. Ihr Bild hat mich an meinen Schwur gemahnt.“ Er zeigte hin nach der Wand, wo das Bild Mariens hing. Unwillig folgte Haſtebeck mit ſeinen Blicken der Hand des Freundes, und ſein Mund oͤffnete ſich ſchon zu einem neuen, ſcheltenden Worte. Doch als er das Bild der roſenumkraͤnzten Leiche ſah, verſtummten ploͤtzlich ſeine Lippen, und ſein ungeduldiges Zuͤrnen ging in ſtillen, tiefen Ernſt 174 uͤber. Immer finſtrer zogen ſich ſeine Augenbraunen zuſammen. Endlich rief er aus:„Was zeigſt Du mir das Bild? Ich habe ſie ja nicht gemordet! Dann warf er ſich auf einen Stuhl, und druͤckte die Hand gegen die Stirn, ohne auf Weſtolds Wor⸗ te, der ſich in Klagen uͤber den ploͤtzlichen Tod der geliebten Schweſter ergoß, etwas zu erwiedern. Auch Weſtold verſtummte endlich, und ging ſinnend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pauſe ſtand Haſtebeck auf, und ſagte mit ungewoͤhnlich ruhigem Tone: „Ich will Dich zu der Unterſchrift nicht zwingen. Man kann Unheil anſtiften, auch wenn man es am beſten im Sinne hat.— Aber grade auf dieſem We⸗ ge kaͤmſt Du vielleicht am erſten an Dein Ziel. Der Graf hat mehrere Pfarren zu vergeben. Wenn ich Dir die Ausſicht zu einer verſchaffte: unterſchriebeſt Du dann den Kontrakt?“ „Dann, o ja!“ erwiederte Weſtold— „Wie ſollte ich einen Weg zu meinem Ziele nicht einſchlagen?“ 175 Haſtebeck meinte, die vorlaͤufige Abrede we⸗ gen einer Pfarrſtelle ſey hinreichend, um den Kon⸗ trakt nun zu vollziehen; Weſtold aber wollte ſich zur Unterſchrift nicht eher verſtehen, bis er in der Hauptſache der Zuſicherung des Grafen gewiß ſey. Haſtebeck begann aufs neue zu ſtuͤrmen„ zu to⸗ ben; allein es half ihm nichts. Der Sturm, der hohe Fichten entwurzeln konnte, vermochte nicht, das ſchwache Rohr zu zerknicken.— Unerſchreckt ſtand der ſanfte Hirtenknabe David dem feindlichen Rieſen gegenuͤber.— Haſtebeck ward Feuer und Flamme, und jagte ohne Abſchied davon, wie bei ſeinem erſten Beſuche. Aber nach wenigen Minuten kam er zuruͤckge⸗ ſprengt, und als Weſtold das Fenſter oͤffnete, rief er hinauf, daß er ihm das uͤbriggebliebene Stuͤck des Ungluͤcksbriefes augenblicklich herunter bringen ſolle. Es war etwas ſo dringendes in ſeinem Tone, daß Weſtold ſeiner Forderung nicht widerſtehen konnte, und nach zwei Minuten ihm mit einem ſchweren Seufzer das Papier hinreichte. Nach ei⸗ nem fluͤchtig darauf gerichteten Blick, druͤckte Ha⸗ 176 ſtebeck es feſt zuſammen in der Hand, und wende⸗ te, mit einem unverſtaͤndlichen Fluche, ſein Pferd dem Stadtthore zu. Weſtold verlangte das Blatt zuruͤck; allein H aſtebeck ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und jagte wild davon. Obgleich betroffen uͤber dieſen Raub ſeines Freundes, ging Weſtold doch ruhig und ſchwei⸗ gend auf ſein Zimmer zuruͤck. Unüͤberwunden in der Hauptſache, ſtand er auf dem Kampfplatze, doch war er weit davon entfernt, Triumphlieder zu ſin⸗ gen. Auguſtens ſtummer Schmerz, die ſtarren, kummervollen Blicke, mit denen ſie auf die beiden Kinder hinabſah., waren Dolchſtiche in ſein Herz. Er war manchmal nahe daran, ſich einen liebloſen, unngtuͤrlichen Vater zu ſchelten; allein dann dachte er an Abraham, der im Gehorſam und Glauben an Gott mit eigner Hand ſeinen Sohn zum blutigen Opfer machen wollte, und den Gott zur rechten Zeit noch liebreich rettete von der großen, ſchreckli⸗ chen That; das hob und kraͤftigte aufs neue ſeinen Muth; und der Sonnenſtrahl, der unerwartet durch eine Wolkenoͤffnung flog⸗ und glaͤnzend ſein Auge be⸗ 177 beruͤhrte, war ihm ein Zeichen des Wohlgefallens, vom Himmel geſandt, und drang troͤſtlich und auf⸗ heiternd bis in ſein innerſtes Gemuͤth.— Nach wochenlangem, aͤngſtlichem Harren kam ein Brief von Haſtebeck, worin er ſchrieb, er habe nun auch die naͤrriſche, ſogenannte Hauptſache bei dem Grafen ins Reine gebracht; aber in das verdammte Haus, woraus er nun ſchon zwei Mal ohne Abſchied vertrieben ſey, wolle er keinen Fuß wieder ſetzen; ſtatt deſſen werde er puͤnktlich den Er⸗ ſten des naͤchſten Monats in Aarhorſt eintreffen, daher Weſtold ſich dort zur naͤmlichen Zeit ein⸗ ſtellen moͤge, um ſelbſt das Gut, ſo wie auch die neue Zuſicherung des Grafen zu ſehen, und dann entweder einzuſchlagen, oder als ein Narr von dan⸗ nen zu gehen, und ſich im ganzen Leben nicht wie⸗ der Haſtebecks Freund zu nennen.— Beigelegt war eine Anweiſung auf ein Handlungshaus, da⸗ mit es ihm nicht an Gelde fehlen ſolle, die Reiſe ungehindert und mit Bequemlichkeit zu machen. Weſtold ſchlug freudig dankbar den Blick in die Hoͤhe. Auguſte ſtand noch ungewiß, wie ſie Weſtold. I. Theil. 12 178 ihn deuten ſollte; und ſie war dem Umſinken nahe⸗ als ihr Mann erklaͤrte, er werde keinen Gebrauch von der Anweiſung machen. Als er indeſſen hinzu ſetzte, er wolle wohl zu Fuß bis Aarhorſt kom⸗ men, und die ganze Reiſe mit ſehr geringen Koſten beſtreiten, da verſtand ſie ihn erſt, und mit Freu⸗ denthraͤnen im Auge ſtuͤrzte ſie auf ihre Knieen nieder, und dankte dem Himmel, daß er ihrer Noth endlich ein Ziel geſetzt habe. Weſtold betete wenigſtens eben ſo inbrünſtig, wie Auguſte, obgleich in einem andern Sinne. Und dann ſanken ſie einander in die Arme, im frohen Vorgefuͤhl einer heiteren Zu⸗ kunft, und in dem wohlthuenden Bewußtſeyn, das Jedes in ſeiner Art hatte, die Feuerprobe des Miß⸗ geſchicks ehrenvoll beſtanden zu haben. Schon am folgenden Morgen nahm Weſtold von Weib und Kindern zaͤrtlich Abſchied und ſeinen Wanderſtab in die Hand, um die groͤßte Reiſe ſei⸗ 179 nes bisherigen Lebens— uͤber funßzehn Meilen weit — zu machen. Dieß Unternehmen ſchreckte ihn freilich nicht wenig an, als er ins Freie kam, und ruhiger daruͤber nachdachte; doch zu ſeinem Troſt ſielen ihm die Miſſionaͤre ein, die zur Heidenbekeh⸗ rung nach Oſtindien ziehen, und gluͤcklich an Ort und Stelle gelangen; ſo hoffte er dann aguch, wohl⸗ behalten bis Agrhorſt zu kommen. Und ſeine Hoffnung ging vollkommen in Erfuͤl⸗ lung. Bis auf den Verluſt einiger Kleinigkeiten, die er aus den Taſchen verloren, oder in den Wirthshaͤu⸗ ſern liegen gelaſſen hatte, kam er ohne irgend einen Unfall am vierten Tage bei guter Zeit in Aar horſt an. Waͤre es der Muͤhe werth geweſen, ihn zu beſteh⸗ len, oder waͤre es ihm moͤglich geweſen, ſich zu verir⸗ ren: ſo wuͤrde beides gewiß geſchehen ſeyn; denn gl⸗ len Landſtreichern, die ſich zu ihm geſellten, hoͤrte er, im Vertrauen auf ihre Wahrheitsliebe und Redlich⸗ keit, ihre erlogenen Ungluͤcksgeſchichten ab, und auf den Weg gab er nie Acht, weil er entweder in eifri⸗ gem Geſchwaͤtz oder in tiefen Gedanken ging. Aber zum Gluͤck taxirten die Schelme ihn immer für zu 12» 180 arm und unbedeutend; und die Graͤben zu beiden Seiten der Chauſſee, die ihn bis in die Naͤhe von Aarhorſt fuͤhrte, hinderten ihn, rechts oder links abzuſchweifen. Auf der letzten Meile aber fuͤgte es ſein Glücksſtern, daß er ſich an eine ganze Caravane von Bettelleuten aus einer nahen Fabrikſtadt an⸗ ſchließen konnte, die des naͤmlichen Weges zogen, und ihn vor jeder Verirrung bewahrten. Aus Mit⸗ leid und Dankbarkeit theilte er ihnen mit, was er aus ſeinem Beutel irgend entbehren konnte; und zur Entſchuldigung, daß es nicht mehr war, ſetzte er ihnen ſeine dermaligen Vermoͤgens⸗oder vielmehr Unvermoͤgensumſtaͤnde offenherzig auseinander, und tauſchte dagegen die ſchoͤnſten Bettlerbiographie⸗ en ein. Dicht vor dem Dorfe nahm er freundlich von ihnen Abſchied, und damit ſie nicht argwoͤhnen moͤchten, er ſchaͤme ſich ihrer, ſagte er ihnen, der vollkommenſten Wahrheit gemaͤß, daß er erſt ein wenig links abgehen wolle, um die Kirche zu be⸗ ſehen. 181 Ungleich mehr als das weithin ſchimmernde, große Schloß, zog ihn die kleine Kirche an. Das Herz ſchlug ihm hoͤher und hoͤher, je naͤher er ihr kam. Er ſetzte ſich unter eine der alten, majeſtaͤti⸗ ſchen Linden, die ſie umrauſchten, und ließ ſich in ſelige Traͤume wiegen von den Geiſterſtimmen, die uͤber ihm in den Blaͤttern lispelten. Sie klangen ihm, wie der erſte Weihgeſang zu ſeiner kuͤnftigen Beſtim⸗ mung. Heiliger, als irgend ein anderer, erſchien ihm dieſer heilige Boden. Er ſah ſich ſelbſt im Geiſte ſchon, umgeben von Weib und Kindern, und freundlich be⸗ gruͤßt von der harrenden Gemeinde, den glatten Fuß⸗ ſteig zwiſchen den gruͤnen Grabhuügeln und grauen Leichenſteinen nach der Kirtchthuͤr hinwallen, um als ein Prieſter des Herrn vor den Altar zu treten, auf die Kanzel zu ſteigen, und Belehrung und Troſt, Frieden und Segen auszuſpenden uͤber die andaͤchti⸗ gen Zuhoͤrer. Der letzte Strahl der untergehenden Sonne blitzte auf einmal hell auf im Abendduft, und mahlte mit glaͤnzenden Farben die Spitzen der Grabhügel, die Kanten der Leichenſteine, und die gothiſchen Zier⸗ 132 rathen der alten Kirche. Ein neues, wie von einem Zauberſtabe in ein hoͤheres Leben geruͤcktes, Bild üͤberraſchte den frommen Traͤumer. Als ob ihn un⸗ erwartet Jemand bei der Hand naͤhme, ſtand er auf, und ſchritt raſch nach der Kirche hin. Es war ihm, als muͤſſe die Thuͤr ſich ihm oͤffnen, die er nicht anders als fuͤr verſchloſſen halten konnte. Voll Vertrauen, wie Moſes mit ſeinem Stabe an den Felſen ſchlug, faßte er das Schloß der Thür; und ſiehe, ſie oͤffnete ſich, ohne daß er Jemanden in der Kirche erblickte. Ein heiliger Schauer ergriff ihn, als er hineintrat, in das duͤſtre, ſchweigen⸗ de Haus. Vom letzten Gottesdienſte ſtanden die Lieder noch an den Tafeln geſchrieben. Weſtolden war es, als ob ſie erſt eben ausgeſungen waͤren, und der letzte Ton der Orgel noch eben verklaͤnge. „Hier! hier! dieß iſt mein Ziel!“ ſagte er in Gedanken, ohne einen hoͤrbaren Laut, indem er an die Kanzeltreppe trat. Und als er, halb ſchuͤchtern, halb muthig, die Stufen hinanſtieg, flüͤſterte er leiſe:„Muß ich nicht ſeyn in dem, was meines 183 Herrn iſt?“— Und da er nun oben ſtand, und frei hinab ſchaute von der heiligen Stelle des Predi⸗ gers in den weiten, duͤſtern Raum, ſeitwaͤrts nach der Orgel und dem geſchmuͤckten Altar, und gegen⸗ uͤber nach den aufgehangenen Todtenkraͤnzen: da ging, wie getrieben von dem Geiſte, deſſen Sinn⸗ bild als weiße Taube uͤber ihm ſchwebte, was er ſo lebhaft empfand, in laute Worte uͤber.„Sey mir geſegnet!“ ſprach er—„du ſtilles, der Andacht ge⸗ weihtes Haus! du fromme Orgel, die nur zur Eh⸗ re des Herrn ertoͤnt! du feſtlicher Altar, der hoͤch⸗ ſten Feier des Chriſten geweiht! und ihr, ihr heili⸗ gen Todtenmahle, die ihr das Dieſſeit und Jenſeit mit zaͤrtlich trauernder Liebe umſchlingt! ſeyd mir alle, alle gegruͤßt und geſegnet! Hier, in eurer Mitte, iſt mein Ziel, Hier, in eurer Mitte, dank' ich dem Herrn, daß er mir Kraft gegeben, nicht zu wanken von meiner Bahn! Hier will ich ihm dienen, als ſein treuer, frommer Knecht, ſo bald er mich be⸗ ruft! Und nicht müde ſoll meine Zunge werden, ſein Lob zu verkuͤndigen, bis ſie, nach ſeinem heiligen Willen, im Tode verſtummt, und mein Leib dann 184 zu Staub zerfaͤllt in dem geweihten Boden, auf dem dieß Gotteshaus ſteht.“ Er ſprach's; und er wuͤrde, mit ſteigender Be⸗ geiſterung, noch mehr, und immer lauter und immer beredter geſprochen haben, haͤtte nicht ein unerwar⸗ tetes Geraͤuſch am andern Ende der Kirche ihn ge⸗ ſtoͤrt. Er glaubte, daß ihm ein Neugieriger nach⸗ geſchlichen ſey, um ihn zu belauſchen; und ſtill ging er ſogleich die Treppe hinab, zur Kirche hinaus, und uͤber den Kirchhof hinweg. In der Stimmung, in welcher er war, mochte er nicht nach dem Gute ge⸗ hen. Er mußte die Aeolsharfe ſeiner Begeiſterung erſt auszittern laſſen, ehe er gemeine Menſchenſtim⸗ men vernahm. Er mußte allmaͤhlig erſt herabkom⸗ men aus ſeiner hoͤheren, geiſtigen Welt, wenn ihm die wirkliche, alltaͤgliche Welt nicht gar zu widrig auffallen ſollte.— Der hochrothe Abendhimmel, der ihn anglaͤnzte, zog ihn auf einem gebahnten Wege weiter und weiter uͤber das Feld. Er haͤtte ſich vielleicht ſtundenweit von Aarhorſt wieder ent⸗ fernt, wenn ihm nicht ein Wagen begegnet waͤre, aus dem ihm ſein Name entgegen gerufen wurde. 185 Es war Haſtebeck, der ſich freuete, den wi⸗ derſpenſtigen Pachtungskandidaten ſchon zur Stelle zu finden. Doch bald nach den erſten, herzlichen Be⸗ gruͤßungen und Erwaͤhnungen des Zwecks ihrer Zu⸗ ſammenkunft, ſchalt Haſtebeck den beſcheidenen, anſpruchloſen Freund tuͤchtig aus, daß er zu Fuß gekommen war, und nicht von der Anweiſung Ge⸗ brauch gemacht hatte, um, wie ein wohlhabender Mann, angefahren zu kommen. Weſtold mein⸗ te, es ſey unrechtlich, auf fremde Koſten groß zu thun, und der innere Werth oder Unwerth des Men⸗ ſchen bleibe der nemliche, er moͤge mit einem Wan⸗ derſtabe, oder mit vier Englaͤndern angezogen kommen. „Halt!“ rief Haſtebeck—„Das war ein romantiſcher Fehlſchuß, der fuͤr einen Amtmann nicht paßt! In der wirklichen Welt kommt es bei zehntauſend buͤrgerlichen Verhaͤltniſſen gar ſehr dar⸗ auf an, ob man mit Stiefel und Sporn, mit be⸗ ſtaubten, oder blank gebuͤrſteten Schuhen einher⸗ tritt. Siehſt Du außerlich aus, wie ein gemeiner * 186 Menſch: ſo ſehn die ſogenannten vornehmen Leute Dich uͤber die Schultern an, und es achtet das ge⸗ meine Volk Dich nur, wie Seinesgleichen, und fragt den Teufel nach Deinem inneren hohen Men⸗ ſchen. Lerne das endlich begreifen, Weſtold! denn, warlich, es iſt hohe Zeit, daß Du auch vor dem vornehmen und dem geringen Volk um Dich her reſpectabel wirſt, und es nicht blos vor dem Richterſtuhl Deiner naͤhern Freunde und der chriſtli⸗ chen Tugendlehre bleibſt! Mache es endlich darnach, daß Dir nicht blos ein paar Dutzend empfindſame Herzen entgegen ſchlagen, ſondern daß auch die Ho⸗ noratioren in der Nachbarſchaft Dir, als einem Ih⸗ resgleichen, ihren Reverenz machen! Leider haſt Du freilich blutwenig Genie zum Vornehmthun; doch ich hoffe, dein Geldkaſten ſoll Dir ſchon Gewicht geben; und wenn Du auch einmal im Felde Miß⸗ wachs haſt: ſo ſollſt Du auf dem Wollſack Deiner veredelten Schaͤferei ſo ehrwurdig erſcheinen, wie der Parlaments⸗Herr in London auf ſeinem amtlichen. — Ja, ja! reich und rund mußt Du werden, Trotz Deiner tollen Genüuͤgſamkeit und Ehrlichkeit, wie 187 Hunderte es, Trotz ihrer Lüderlichkeit und Dumm⸗ heit, geworden ſind!“. Weſtold ſaß, wie auf Kohlen, beim Anhoͤ⸗ ren dieſer Lehren einer Lebensweisheit, die ſeiner Natur ſo ganz und gar nicht zuſagte. Gern waͤre er wieder zum Wagen hinausgeſtiegen, doch Ha⸗ ſtebeck ließ ihn nicht los; und da Beide noch von Niemandem im Dorfe geſehen waren: ſo hatte es, als ſie dort ankamen, das Anſehn, als ob ſie die ganze Reiſe zuſammen gemacht haͤtten, und Nie⸗ mand hielt Weſtolden fuͤr einen Fußgaͤnger. So war es Haſtebecken eben recht. Noch im Wagen fragte Weſtold mit herzli⸗ cher Theilnahme nach der Gattin ſeines Freundes. Haſtebeck lobte ſie mit Waͤrme, ruͤhmte auch ſein Ehegluͤck; nur meinte er, mit Dorotheen wuͤr⸗ de es, wenn auch nicht groͤßer, doch von einer an⸗ dern Art geweſen ſeyn/ denn Dorotheens Weib⸗ lichkeit und ſeelenvolle Innigkeit haͤtte etwas Eigen⸗ thuͤmliches gehabt, was er, außer ihr, bei keinem Maͤdchen und bei keiner Frau ſonſt gefunden habe. Doch mit ein paar Worteu brach er ploͤtzlich dies 188 Geſpraͤch ab, und fragte nach Weſtolds Gattin und Kindern. Weſtold ergoß ſich in liebevolle Berichte, und klagte uͤber nichts, als daß er uͤber acht Tage lang von ihnen getrennt ſeyn muͤſſe. Er begriff nicht, wie manche Ehemaͤnner und Vaͤter es mo⸗ nath⸗, ja jahrelang aushalten koͤnnten, getrennt von den Ihrigen zu ſeyn. Recht ſehr bedauerte er daher alle Kaufleute, welche zur Meſſe, und alle Potentaten und Soldaten, welche ohne Frau und Kinder zu Felde ziehen muͤſſen; aber ganz unbegreif⸗ lich war es ihm, wie Der und Jener ohne Noth, blos um eine ſogenannte Luſtreiſe zu machen, die Seinigen auf lange Zeit verlaſſen koͤnne. Er be⸗ hauptete, ſolche Menſchen müßten eine Art von Sparren haben, und daher zeige auch die Erfah⸗ rung, daß die Englaͤnder am allermeiſten dieſe Raſerei begingen, die bekanntlich ſehr oft am Spleen, bis zum Selbſtmorde, krank waͤren.— H aſtebeck hoͤrte mit guter Laune zu, und lachte mitunter laut auf uͤber den naiven Zorn des weltfremden Freundes. 189 Aber ploͤtzlich verſchwunden war Haſtebecks gute Laune, als Weſtold auf die Schilderung ſei⸗ nes haͤuslichen Gluͤcks, trotz Armuth und Nah⸗ rungsſorgen, eine wehmuͤthige Klage um den Ver⸗ luſt ſeiner Schweſter folgen ließ. Und als er vol⸗ lends das uͤbrig gebliebene Stuͤck von dem verbrann⸗ ten Briefe erwaͤhnte, da wurde Haſtebecks Blick ploͤtzlich finſter und faſt grimmig. Weſtold be⸗ merkte das indeſſen nicht, und fragte bald darauf unbefangen und vertraulich, ob er nicht den Plan gehabt habe, ihr altes, freundſchaftliches Band noch durch ein verwandſchaftliches feſter zu knuͤpfen? „Wie verſtehſt Du das?“ unterbrach ihn Ha⸗ ſtebeck. „Nun“ erwiederte Weſtold,„Du ſchriebſt mir ja einmal, daß meine Schweſter Marie noch gluͤcklich werden muͤſſe, und daß Du ihren Wittwenſchleier weghexen wollteſt? Da meinten meine Frau und ich, Du wollteſt ſie vielleicht mit Deinem Bruder verheirathen?“ „Mit meinem Bruder?“ fuhr Haſtebeck halb unwillig, halb lachend auf—„Mit dem . 190 Fratzengeſicht einen ſolchen Engel?”“—„ Aber* ſetzte er, nach einer kurzen Pauſe bitter hinzu— „ein ehrlicher Kerl mit einem Fratzengeſicht iſt frei⸗ lich millionenmal mehr werth, als ein Satan mit einer Adonis⸗Larve!“ Dann, mit abgewendetem Geſicht ſich in die Ecke des Wagens druͤckend, ſagte er:„Laß uns nicht mehr davon ſprechen!“ Ein Weilchen ſaß Weſtold ſtumm und ſin⸗ nend neben dem ſtummen Freunde; aber endlich mußte er es ausſprechen, was er lange auf dem Herzen gehabt hatte:„Ein paar Worte mußt Du mir doch noch erlauben, lieber Haſtebeck! Aus Deinem Benehmen und aus vielen Deiner Aeuße⸗ rungen ſeit dem Abend, als Du meine unvergeßliche Schweſter zu mir ins Haus hereinſangſt, muß ich ſchließen—“ „Nichts,“ ſiel ihm Haſtebeck raſch ins Wort—„nichts haſt Du zu ſchließen, als das unnuͤtze Geſpraͤch uͤber ſie! Laß ruhn, laß ruhn die Todten!“ Mit ruhiger, bittender Stimme fuhr Weſtold nach einigen Sekunden fort:„Du mußt etwas 191 Naͤheres von ihr oder von ihrem Manne wiſſen! Ich bin ihr Bruder, und wir Beide ſind alte, treue Freunde: iſt's da recht, gegen mich den Geheimniß⸗ vollen zu machen?“ 4 „„Was ſoll ich wiſſen?“ fuhr Haſtebeck leb⸗ haft, doch mehr ſchmerzlich, als zornig, auf— „Nichts! nichts! nichts!— Und wenn ich etwas wüßte: koͤnnt' ich nicht Urſache haben, daraͤber ſtumm zu ſeyn, wie das Grab?— Du weißt: was ich einmal will, oder nicht will, das will ich mit eiſernem Sinn! Alſo ſpare die unnützen Worte!— Und kann es denn nicht Faͤlle geben, wo man— mit dem beſten Gewiſſen— etwas aguch vor dem beſten Freunde verſchweigt?“ Weſtold wollte hiegegen doch noch eine Ein⸗ wendung machen, als es ihm, bei dem pruͤfenden Blick, den er eben in ſeine eigne Seele that, aufs Gewiſſen ſiel, daß er ſelbſt, vor Denen, die ihm die Liebſten auf der Welt waren, dies und, Jenes geheim halte: zum Beiſpiel vor ſeiner Frau die Groͤße des Opfers, welches er ihr durch ſeinen Ue⸗ bergang zu der Juriſterei gebracht— und vor ſeinem 192 Freunde den eben gethanen Gang in die Kirche und das Beſteigen der Kanzel, wovon er Niemandem etwas ſagen wollte.— Dieſe Selbſtbetrachtung verſchloß ihm den Mund zu einer weiteren Einwen⸗ dung; er unterdruͤckte ſelbſt den Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt draͤngen wollte, und ſaß ſtill ſin⸗ nend bis ans Ziel ihrer Fahrt.— Langſam ging es den Felſen hinauf, auf wel⸗ chem das alte, gothiſche Schloß und die weitlaͤufti⸗ gen Wirthſchaftsgebaͤude lagen. Weſtold wuͤrde, beim Anblick der alten Mauern und Thuͤrme, ge⸗ glaubt haben, als ein Gefangener in eine Feſtung gefͤhrt zu werden, wenn nicht ſein treueſter Freund ſein Begleiter geweſen waͤre. Die alten Wapenhel⸗ me uͤber dem Bogen des duͤſtern Eingangs, die Ue⸗ berbleibſel der halb verweſ'ten Raubvoͤgel an den Thorfluͤgeln, und das laute Gebell der ungeſchlach⸗ ten Hunde, welche dem Wagen entgegen ſprangen, erfuͤllten ihn mit Grauen und Widerwillen; und als er nun mit fluͤchtigen Blicken das große Vieleck des Hofes mit der Menge von Staͤllen und ungeheuren Scheuren aͤberlief, und an die Weitlaͤuftigkeit der Felder +ε—————— 193 Felder und Wieſen, und an das Heer von Arbeitern aller Art, die dazu gehoͤren mußten, dachte, von dem Allen er der Obervorſteher werden ſollte: da ward ihm bedenklicher zu Muthe, als Manchem, der auf einen hohen, wackligen Thron ſpringt. Es war ſein einziger Troſt, das er nicht in das große graͤfliche Schloß, ſondern in ein kleines, neueres Seitengebaͤude einzuziehen brauchte. Ein freundliches Zimmer war zu ihrem Em⸗ pfange ſchon bereit gehalten; aber ein hoͤchſt un⸗ freundliches Geſicht machte der Verwalter, dem das Ende ſeines Treibens ſchon angekuͤndigt war. Ha⸗ ſtebeck hatte vollauf zu thun, daß Weſtold dem Schelme nicht um den Hals ſiel, und ihm ausein⸗ ander ſetzte, wie unſchuldig er dazu komme, ihn gus ſeiner Stelle zu verdraͤngen. Haſtebeck uͤberreichte Weſtolden die ſchrift⸗ liche Verſicherung des Grafen, daß bei vorkom⸗ mender Gelegenheit auf ihn Ruͤckſicht genommen werden ſolle, wenn er ſeine Pachtung gegen eine Pfarre zu vertauſchen Luſt haben ſollte. Mit zittern⸗ den Haͤnden hielt Weſtold das ihm ſo wichtige Weſtold. I. Theil. 13 194 Blatt ans Licht; und er, der ſonſt faſt alles, auf Treu und Glauben, als wahr und richtig nahm, beſchaute und pruͤfte mehrere Minuten lang die Zuͤ⸗ ge der Unterſchrift und die Figuren des unterſiegelten Wapens, und verglich beides ſorgfaͤltig mit Nah⸗ men und Siegel des Pachtvertrages, ſo daß Haſte⸗ beck ſich des lauten Auflachens nicht erwehren konnte. Dann legte er es in den verſteckteſten Win⸗ kel ſeiner Brieftaſche; und mit naſſem, freudeglaͤn⸗ zendem Blick druͤckte er lange Haſtebecks Hand, wobei er aber nichts als die Worte ſtammeln konnte: „Habe Dank, mein treuer Freund! mein Wohl⸗ thaͤter! mein Himmelsbote!“— „Aber nun unterzeichne auch den Pachtver⸗ trag!“ ſagte endlich Haſtebeck—„Du ſiehſt⸗ der Graf iſt ein guter Katholik. Eh' er Dich in den Pfarr⸗Himmel einlaͤßt, mußt Du das Fegfeuer der Pachtung durchwandern, um Dich von den Schla⸗ cken der gottloſen Juriſterei zu reinigen.— Ich hof⸗ fe indeſſen, das Fegfeuer ſoll Dir gut bekommen, und Dich ſo geſund und luſtig machen, daß Du am 195 Ende gar nicht hinaus verlangſt, und auf den Pfarr⸗ Himmel Verzicht thuſt.“ Auf dieß Letzte mochte Weſtold gar nicht ant⸗ worten; nur das Worr, daß der Graf ein guter Katholik ſey, faßte er auf, und fragte, ob dieß ernſtlich zu verſtehen, und was der Graf von Cha⸗ rakter fuͤr ein Mann ſey? Haſtebeck wollte auf dieſe Fragen nicht ach⸗ ten; als Weſtold ſie aber angelegentlich wieder⸗ holte, antwortete er, mit einem Ausdruck ſonder⸗ barer Laune:„Ei, er iſt von Charakter ein gar vor⸗ nehmer Mann. Das Hervorſtechendſte in ſeinem Cha⸗ rakter iſt das, daß er gar keinen Charakter hat. Er kann heute ſo ſchlecht ſeyn, als er geſtern vor⸗ trefflich war, und morgen wieder gluͤhen für die Tugend, wenn ihm die Suͤnde anders Zeit dazu laͤßt. Ich habe ihn hundertmal ſchon bis in die tiefſte Hoͤlle verflucht; aber bei naͤherer Betrachtung muß ich ihn immer mehr bedauren, als verdammen; und je liebenswuͤrdiger er mir oft erſcheint, deſto mehr aͤrgert es mich, daß ich ihn nicht achten kann, ſondern faſt haſſen muß.— Kurz, ein Menſch, mit 13* 196 dem Du nicht verkehren kannſt und ſollſt, weil eure Naturen ſchlecht zuſammen paſſen wuͤrden. Haſt Du daher irgend ein Anliegen oder eine Beſchwer⸗ de ihm vorzutragen: ſo wende Dich nur an mich, als an ſeinen Geſchaͤftsfuͤhrer. Ich werde Dich ſchon vertreten auf wirkſame Weiſe: darauf kannſt Du mit Sicherheit rechnen. 1 Weſtold hoͤrte dieſe Schilderung mit beklom⸗ menem Athem an, und ſchuͤchtern that er dann die Frage:„Und katholiſch iſt er?“ „Leicht moͤglich, daß er es iſt, aber auch, daß er es nicht iſt;“ erwiederte Haſtebeck.„Was weiß ich es!“ „Nun, zu welcher Kirche haͤlt er ſich denn?“ fuhr Weſtold angelegentlich fort—„Das wirſt Du mir doch ſagen koͤnnen?“ „Freilich kann ich das!“ war Haſtebecks ſpoͤttiſche Antwort—„„ Zu gar keiner haͤlt er ſich! Du haſt alſo wenigſtens keinen Ketzerhaß vom ihm zu fürchten.“ Weſtold machte ſein bedenklichſtes Geſicht/ und ließ die Feder, mit der er hatte unter⸗ 197 ſchreiben wollen, aus der Hand fallen.„Wenn mein Pachtherr ein Solcher iſt:“ ſprach er— „ſo wuͤrde ja der Boden hier mich unter den Fuͤßen brennen!“ „Komm mir mit keinen Schwindeleien in die Quere!“ brauſte Haſtebeck auf.„Mache mir es doch nicht ſo furchtbar ſchwer, Dich und die Deinen in eine gluͤckliche Lage zu verſetzen!— Ueber⸗ dem— genau betrachtet, biſt Du nicht der Paͤchter des Grafen, ſondern ſeiner Gemahlin, denn ihr gehoͤrt Aarhorſt, und nicht ihm; und ſie iſt warlich fromm und zuͤchtig in dem Maaße, als er es nicht iſt. Sie wirſt Du hier wahrſcheinlich bald ſehen, aber ihn gewiß nie; denn ihn lang⸗ weilt das Landleben eben ſo ſehr, als ſie es liebt.“ „Mein Gott!“ ſeufzte Weſtold—„ alſo der Eine lebt hier, und der Andere dort? O, die ungluͤcklichen Menſchen 2 „Ei, du Thor!“ ſagte Haſtebeck lachend— „eben, um nicht ungluͤcklich zu ſeyn, trennen ſie ſich manchmal auf kürzere, oder auf laͤngere Zeit.“ 198 Weſtold nahm mit zoͤgernder Bewegung wie⸗ der die Feder in die Hand, doch ſtatt gleich zu un⸗ terſchreiben, that er an ſeinen Freund erſt noch die bedenkliche Frage, wie er eines ſo unchriſtlichen Herrn Geſchaͤftfuͤhrer ſeyn moͤge? Haſtebeck runzelte ſinſter die Stirn, und ſchien erſt gar nicht, oder nur in leidenſchaftlicher Bewegung antworten zu wollen. Doch er that ſich mit der ganzen Kraft ſeines Willens Gewalt an, ſeinen auflodernden Unwillen zu unterdruͤcken, und nachdem er einigemal im Zimmer lebhaft auf und ab gegangen war, gab er endlich, mit einem ge⸗ waltſam erkuͤnſtelt kalten Tone dem laͤſtigen Frager die Antwort:„Wahrlich, Dein Geſchwaͤtz uͤber Din⸗ ge, die nicht hierher gehoͤren, ſtellt mich auf harte Proben! Doch es mag darum ſeyn! Ich will bei Dir die Geduld nicht verlieren! Du ſollſt mich peinigen duͤrfen!— So ſage ich Dir dann, daß ich, im eigentlichen Sinne, durchaus nicht des Grafen Geſchaͤftsfuͤhrer bin, ſondern nur im Dienſt mei⸗ nes Koͤnigs ſtehe, und auch das nur, ſo lange es mir eben gefaͤllt.— Mit den Angelegenheiten des * 199 Grafen, den ich ſonſt nur obenhin als den lockerſten und zugleich geſcheiteſten Offizier unſers Regiments kannte, bekam ich zuerſt auf Veranlaſſung unſers Generals, der ſein Oheim iſt, zu ſchaffen.“— Hier hielt er einige Sekunden inne, dann fuhr er mit beklemmtem Athem, in ſteigender Bewegung fort:„Ein verhaͤngnißvoller Augenblick— ein Fall — ein Unfall— ein boͤſer Zufall, will ich ſagen, verwickelte mich in ein engeres Verhaͤltniß mit ihm! — In der unſeligſten Stunde meines Lebens reichte er mir eine ſchuͤtzende Hand— ob aus Großmuth, ob aus Leichtſinn: das geht mich nichts an!— und wenn er ein Teufel geweſen waͤre: er war mein Ret⸗ ter! und mit ſeiner Klaue konnte er mich nun hier⸗ hin und dorthin zerren, und die Zunge mir binden bis in's Grab! O Fluch! dreifacher, hundertfacher Fluch der unſeligen Stunde, die das herbeiführte! — Willſt du mich nicht auf immer hinweg treiben von Dir, Weſtold— iſt Deine eigne Ruhe Dir lieb: ſo hoͤre auf, mich zu quaͤlen mit allem unnuͤ⸗ tzen Geſchwaͤtz!“ * 200 Seine Lippen bebten; er konnte und mochte nicht weiter ſprechen. In raſcher Bewegung wen⸗ dete er ſich ab von Weſtold, ſchritt an's Fenſter, und ſtarrte mit ſinſterm Blick aus feuchtem Auge in den Abendhimmel hinaus, ohne zu ſehen, wie herr⸗ lich geroͤthet er war. Aber Weſtold ſah es, in⸗ dem er aͤngſtlich verſchuͤchtert dem Freunde nach⸗ blickte; und es ſtel ihm der ſchoͤne Sonnenuntergang des Tages ein, an welchem Haſtebeck fuͤr ihn in einem Zweikampfe ſein Leben aufs Spiel geſetzt hatte. Dieſe Erinnerung, und die Betrachtung, daß dieſer redliche Freund— von welcher Art ſeine Verwickelungen mit dem Grafen auch ſeyn moͤchten — tief in ſeinem Innern hoͤchſt bemitleidenswerth verwundet ſeyn muͤſſe, brachen ihm das Herz, ſo daß er keiner andern Empfindung weiter Raum gab, als der der dankbaren Liebe und des innigen Mit⸗ leids, und daß er nichts mehr wollte, als nur thun und laſſen, wie der ungluͤckliche Freund es wuͤnſchte. Alle ſonſtigen Bedenklichkeiten bei Seite ſetzend, trat er an den Tiſch, unterzeichnete mit gottergebe⸗ nem Vertrauen den Pachtvertrag, legte ihn ſchwei⸗ * 201 2 gend neben Haſtebeck auf das Fenſterbret hin, und ging dann hinunter auf den Hof, nicht ſowohl, um etwas zu ſehen, als vielmehr nur, um ſich und dem Freunde einige Friſt zu verſchaffen, ſich wieder in eine ruhige Stimmung zu verſetzen. Sehr glücklich erreichte er auch dieſe Abſicht. Bei ſeiner Ruͤckkehr ins Zimmer, trat ihm Haſte⸗ beck raſch entgegen, druͤckte ihm erſt nur ſchweigend die Hand, und ſagte dann mit ungewoͤhnlich milder Stimme:„Vertraue mir! Ich meine es gut mit Dir und den Deinen.“ Hierauf ſprach er weitlaͤuftiger über das Witth⸗ ſchaftsweſen des Gutes Aarhorſt, wobei er mit einer Menge von Belegen bewies, daß Weſtold, auch ohne fuͤrs erſte ein Mann vom Fache zu ſeyn, doch gewiß bei dieſer Unternehmung ſehr gut beſte⸗ hen werde. Auf ſolche Art fortwaͤhrend in ein leb⸗ haftes, doch unverfaͤngliches Geſpraͤch verwickelt, brachten ſie den Abend ohne weitere Stoͤrung hin, und erwachten am andern Morgen Beide in friſchem Wohlſeyn und ziemlich unbefangener Heiterkeit. 2* 202 Weſtold, deſſen gutmuͤthiger Sinn auch die Thierwelt mit freundlicher Zuneigung umfaßte, uͤber⸗ ſchaute jetzt mit Vergnuͤgen den Hofraum, der mit einem ganzen Heere von gefiederten und ungefieder⸗ ten, kleinern und groͤßern Hausthieren bevoͤlkert war, die bunt durch einander ſchritten, liefen und flatterten, und, miteinander ſpielend, zankend oder liebkoſend, alle ihr Futter fanden. Selbſt mit den ungeſchlachten Hunden befreundete er ſich allmaͤh⸗ lig. Und die Geſchaͤftigkeit von Knecht und Magd und Tagloͤhner, die alle gutes Muthes an ihr Tage⸗ werk gingen, und ihn, als ihren künftigen Brodt⸗ herrn, mit freundlicher Ehrerbietung gruͤßten, mach⸗ te heute einen ſehr angenehmen Eindruck auf ihn. Haſtebeck, der ſich dieſer Stimmung freute, trat zu ihm, und wuͤnſchte ihm Gluͤck dazu. „Ich denke an den Hof meines ſeligen Groß⸗ vaters;“ antwortete Weſtold—„da ſprangen auch Hund und Katze, Huhn und Lamm ſo froh durcheinander, und ich war mitten unter ihnen.“ „Nur war dort alles im verjuͤngten Maaßſtabe, im Vergleich mit dieſem Treiben hier!“ erwiederte * Haſtebeck—„Was iſt die Wirthſchaft und das Leben auf einem Pfarrhofe gegen das alles auf einem Hofe, wie dieſer hier! In welchem kleinlichen und eintoͤnigen Kreiſe bewegt ſich die Thaͤtigkeit— we⸗ nigſtens die aͤußere— eines armen, in ſeinem Frohſeyn und Handeln auf alle Weiſe gehemmten Pfarrers, waͤhrend ein Amtmann, der auf der rech⸗ ten Stelle iſt, und es recht anzufangen weiß, in ſteter, weitgreifender Wirkſamkeit ſich bewegt, und ſich durch und durch wohlfuͤhlt in ſeiner Haut!“ Und nun mahlte er mit den lebendigſten Zuͤgen den Haushalt eines wohlhabenden Amtmanns, der eine kleine Welt um ſich her in Bewegung erhaͤlt und ernaͤhrt, und aus vollen Scheuren und Boͤden ſein Vieh ſo gut fuͤttern laͤßt, daß man ihm augen⸗ blicklich die gediegene Wohlhabenheit des Herrn an⸗ ſieht— der daneben von ſeinem Ueberfluſſe noch tauſend Sperlinge und Maͤuſe und Millionen ande⸗ rer kleiner Freibeuter ſich taͤglich ſatt pluͤndern laͤßt, und dennoch Laſtenweiſe ſein Korn verſchickt, nicht allein in die nahe, hungernde Stadt ſondern auch weit uͤber Land und Fiuß und Meer, in weniger ge⸗ 204 ſegnete Gegenden, um dafuͤr Silber und Gold ein⸗ zutauſchen, womit er Freunde und Bekannte zur Zeit der Noth unterſtützt, ſich fuͤr ſeine frohen Ge⸗ lage große Vorraͤthe trefflicher Weine in den Keller ſchafft, und Kindern und Kindeskindern, in eine weite Zukunft hinaus, eine ſchoͤne Unabhaͤngigkeit ſichert! Und dann das Weſen und Treiben der ruͤh⸗ rigen, ſtattlichen Hausfrau, der auf dem Hofe alle Huͤhner und Tauben, und im Dorfe alle Pathchen bittend oder dankend entgegen flattern und laufen— ihr Regiment in Kinderſtube, Kuͤche und Milchkam⸗ mer— ihr ſchnelles Schelten auf Kind und Magd, und ihr eben ſo ſchnelles Verſoͤhntſeyn, und Wohl⸗ thun, und theilnehmendes Hinhorchen nach naher oder fremder Noth, mitten im thaͤtigſten Foͤrdern einer Arbeit, bei der jede Sekunde ihr koſtbar iſt— ihr Eifer, den Waͤſchſchrank und die Raͤucherkam⸗ mer zu fuͤllen, auch wohl, unter dem Titel eines Nothpfennigs, einen kleinen Geldſchatz zuſammen zu ſcharren, von dem der Mann nichts zu wiſſen ſcheinen muß, um mit vollen Haͤnden hier und da in der Stille wieder austheilen zu können— ihr freundliches und ſorgſames Erquicken und Bewirthen des armen Bothen, der einen Brief bringt, wie des Hausfreundes oder vornehmen Gaſtes, an deſſen Goͤnnerſchaft ihr etwas gelegen iſt— und endlich ihr ungeheures Kochen und Braten und Backen an allen Familien⸗ und Kirchen⸗Feſttagen, um nicht nur den Schwarm der geladenen Freunde und Ver⸗ wandten, nebſt Knecht und Magd und Dreſcher, ſondern auch alle, uneingeladen einſprechenden Gaͤſte ſich vollauf guͤtlich thun zu laſſen, und ſelbſt den Bettler an der Thuͤr fuͤr ſeinen heiſeren Geſang mit einem Stuͤck Kuchen zu erfreuen! Das alles mahlte Haſtebeck lebendig und naturgetreu aus, wie ein guter niederlaͤndiſcher Mah⸗ ler; und Weſtold nickte beifaͤllig zu dieſen Schil⸗ derungen, wiewohl es fuͤr ſeinen Sinn noch an⸗ ziehendere gab, die er auch gern, als Gegenſtuͤcke zu dieſen, entworfen haͤtte„ wenn Haſtebeck ihn nur dazu haͤtte kommen laſſen. Dieſer trieb aber zu einem weiten Spaziergange, um ihn eine fluͤchtige Ueberſicht der Felder und Wieſen, ſowohl des Haupt⸗Gutes, gls guch der dazu gehoͤrigen Vor⸗ 206 werke zu verſchaffen. Der herrſchaftliche Jaͤger, der uͤberall Beſcheid wußte, mußte ihr Fuͤhrer ſeyn. Weſtold fand des Staunens kein Ende. Hatten ihn, bei der Durchſicht des Pachtvertrages, die großen Summen angeſchreckt, welche er viertel⸗ jaͤhrig zahlen ſollte: ſo ermuthigte ihn jetzt dafuͤr der Anblick der vielen, unabſehlichen Breiten von fruchtbaren Feldern, die von nun an allen ihren Segen für ihn in die Scheuren ſpenden ſollten. Die Menge der ackernden Pferde, die Groͤße und Schoͤnheit der Heerden von Rindvieh und Schaafen gewaͤhrten ihm an ſich ſchon Freude; und der Ge⸗ danke, dieſe vielen und ſchoͤnen und nuͤtzlichen Thiere kuͤnftig ſein nennen zu koͤnnen, war ihm ſo außer⸗ ordentlich, daß er mehr als einmal an ſich ſelbſt die Frage that, ob alles auch wahr, und nicht blos ein taͤuſchender Traum ſey? Daneben ward er gaufs hoͤchſte uͤberraſcht durch die entzuͤckende Schoͤnheit der Gegend, die den Se⸗ gen der fruchtbaren Ebene mit der romantiſchen Abwechſelung eines Felſengebirges aufs gluͤcklichſte vereinigte. Aus mehreren Schluchten waldiger Ber⸗ 207 ge huͤpften die klarſten Baͤche uͤber Moos und Ge⸗ ſtein, oft in kecken Spruͤngen die lieblichſten kleinen Waſſerfaͤlle bildend, hinab in das wildeſte Felſen⸗ thal, einem rauſchenden Fluͤßchen zu. Da üͤber⸗ raſchte ein Geßneriſches Bild nach dem andern das umherirrende Auge, bis hinunter an den groͤ⸗ ßern, glatt hingleitenden Fluß uͤber den, faſt am Fuße des Schloßfelſens/ eine ſchoͤne, unaufhoͤrlich belebte Bruͤcke, in eine weite„ mit froͤhlichen Doͤr⸗ fern geſchmuͤckte, Ebene fuͤhrte. Weſtold, der etwas aͤhnliches noch nie geſehen hatte, glaubte, in die ſchoͤnſte Schweitzerlandſchaft, wo nicht in ein wirkliches Feenland, verſetzt zu ſeyn. Er wußte nicht, wo er am laͤngſten und liebſten haͤtte weilen moͤgen: in den eng umſchloſſenen, felſi⸗ gen Gruͤnden voll romantiſcher Schauerlichkeit, oder auf den freien Hoͤhen, mit den unermeßlichen, rei⸗ zenden Ausſichten. Er freute ſich mit ungewoͤhnli⸗ cher Lebhaftigkeit darauf, das, was er heute nur im Fluge geſehn hatte„ in Zukunft ruhig genießen zu koͤnnen; und nun war er voͤllig verſoͤhnt mit dem Plane ſeines Freundes. Es ſiel ihm, wie Schuppen, 208 von den Augen; und zum erſtenmale dachte er mit frohem Muthe auch an das neue Geſchaͤftsver⸗ haͤltniß, in das er treten ſollte. Am folgenden Tage fuhr Haſtebeck mit ihm zu einem Amtmann, Namens Haßler, in dem nachbarlichen Dorfe Koſtelnitz. Da wurde fuͤr Weſtold ein erfahrner Ober⸗Verwalter angenom⸗ men, und ihm fuͤr die Zukunft nachbarlicher Bei⸗ ſtand mit Rath und That zugeſagt. Die gaſtfreund⸗ ſchaftliche Bewirthung war vortrefflich; und We⸗ ſtold ſah ſehr bald, daß Haſtebeck die Zuͤge zu ſeiner geſtrigen Schilderung groͤßtentheils aus dieſem Hauſe entlehnt hatte, das fuͤr ein Muſterbild ſeiner Gattung gelten konnte. Er meinte auf dem Nuͤck⸗ wege, es gehe in dem Hauſe des Amtmanns, wie bei einem reichen Edelmanne zu. Allein Haſtebeck ſagte, da ſey doch ein bedeutender Unterſchied; die hohe Wohlhabenheit, gepaart mit echt buͤrgerlicher Sitte und laͤndlicher Gemuͤthlichkeit, ſey eben die Eigenthuͤmlichkeit des Amtmanns, und dieſe weiche weit ab von dem adlichen, angebornen oder ange⸗ kuͤnſtelten, vornehmen Weſen. Als 209 Als endlich Beide, Aarhorſt wieder verlaſ⸗ ſend, noch ein Stuͤck des Weges mit einander ge⸗ fahren waren, ſing Weſtold an„ mit der geruͤhr⸗ teſten Dankbarkeit von ſeinem Freunde Abſchied zu nehmen. Zaͤrtlich auf ſeine Weiſe, unterbrach ihn Haſtebeck mit den Worten:„Ich bitte Dich, halte das Maul, Bruderherz, oder ich laſſe den Wa⸗ gen umwerfen, daß Dir Hoͤren und Sehen und Danken wohl vergehen ſoll! Dein einziger Dank ſey der, daß Du ſuchſt, ein tuͤchtiger Landwirth und wieder ein vergnuͤgter, geſunder Menſch zu werden; und daß Du deiner Predigergrille nicht mehr nach⸗ haͤngſt, wie ein ſechzehnjaͤhriges, verliebtes Maͤd⸗ chen ſeinen romanhaften Traͤumen!— Ferner— vergiß das Boͤſe, was hinter Dir liegt!— alles! alles; alles! Der Menſch traͤgt das Geſicht nicht im Nacken, um rückwaͤrts, ſondern uͤber der Bruſt, um vorwaͤrts zu ſchauen, in die Welt hin⸗ ein, zwiſchen die Menſchen.— Das merke Dir! und uͤbrigens bleibt es mit uns beim Alten.“ Er hielt ernſten, feſten Blicks ſeine Hand hin; Weſtold legte die ſeinige zum feſten Drucke hinein, Weſtold. I, Theil. 14 219 und wollte noch etwas ſagen. Aber Haſtebeck verſchloß ihm mit einem lebhaften Abſchiedskuſſe den Mund, ſchob ihn zum Wagen hinaus, und fuhr dann im raſchen Trabe davon. Heiter, muthig und hoffnungsvoll, wie er lan⸗ ge nicht geweſen war, machte Weſtold ſeinen Nuͤckweg. Zwar haͤtte er auf Haſtebecks Ab⸗ ſchiedsrede wohl noch Einiges zu erwiedern gehabt; und unvergeſſen war es ihm auch, wie hartnaͤckig der alte Freund, gerade wo er reden ſollte, den Ge⸗ heimnißvollen ſpielte, und herriſch alle weiteren Er⸗ klaͤrungen zuruͤckwies; der einſame Wanderer ging daher manche Stunde, fragend und ſinnend, in tiefen Gedanken hin; allein er ſelbſt weckte ſich im⸗ mer wieder aus ſeinen Traͤumereien durch eine an⸗ genehmere Erinnnerung, oder durch einen Blick in die Zukunft auf. Dank und Vertrauen gegen den wohlmeinenden, wenn gleich raͤthſelhaften und eigen⸗ — ——— 211: willigen, Freund, behielten in ſeinem Herzen uͤber alle Zweifel und Gruͤbeleien die Oberhand, und be⸗ feſtigten in ſeiner Seele den Entſchluß, ehrlich und unbedingt zu halten, was er mit einem Handſchlage verſprochen hatte. Mit freudeglaͤnzendem Geſicht kam er nach Hauſe, und umarmte die Frau, und herzte die Kin⸗ der, als ob er jahrelang abweſend geweſen waͤre, und die brennenden Wuͤſten Syriens und die wilden Waͤlder am Miſſouri durchwandert haͤtte. Als ihm Auguſte, nach dem erſten Erguß der Freude, auch ſagte, wie ſehr ſie ſich um ihn geaͤngſtet habe holte er bogenlange, herrliche Briefe aus den Taſchen, die er ihr zur Beruhigung unterwegs in den Wirths⸗ haͤuſern geſchrieben, aber auf eine Poſt zu geben, vergeſſen hatte, und ſetzte muͤndlich den Troſt hinzu, daß er eine zweite Pruͤfung durch eine nochmalige Trennung, wie die eben uͤberſtandene, von ſeinem Schickſal nun nicht mehr fuͤrchte. Dann erzäͤhlte er— mit Ausnahme ſeines Be⸗ ſuchs der Kirche— von Allem, was er geſehen hatte, und was ihm begegnet war. Er beſchrieb 14* 212 mit Begeiſterung die herrlichen Gegenden bei Aar⸗ horſt; er ſprach mit Wichtigkeit von der großen Eintraͤglichkeit des Gutes; er verkündigte, daß ſein Loos geworfen ſey, daß er, ſein neues Geſchaͤft bal⸗ digſt anzutreten, verſprochen habe; und er zeigte ſo viel frohen Muth hiezu, und ſprach mit ſo heiterer Dankbarkeit von der verdienſtvollen Vorſorge ſeines Freundes, daß Auguſte dem Himmel nicht genug danken konnte fuͤr die gluͤckliche Veraͤnderung die mit dem ungluͤcklichen Hypochondriſten ſchon vorge⸗ gangen, und in einem hoͤheren Grade noch zu hof⸗ fen war. Er fuͤhlte ſich ungemein geſtaͤrkt durch die Reiſe, und beſtaͤtigte jetzt von freien Stucken Haſtebecks Meinung, daß das Leben und Weben in freier Luft ihm an Leib und Seele wohl thun, und ſo ſeiner bisherigen Noth von allen Seiten ein Ende machen werde. Zum erſtenmale wagte Auguſte jetzt die Frage, die ihr lange auf dem Herzen gelegen, aber noch nie uͤber die Lippen gekonnt hatte, ob nicht ſein ganzes bisheriges Geſchaͤft ihm, ſeiner Natur nach, ſehr zuwider geweſen ſey? Sie ſah ihn dabei mit einem aͤngſtlich liebevollen Geſicht an, und druͤckte ſeine Hand mit ihren beiden Haͤnden feſt an ihre Bruſt. Doch, wie er einmal gewohnt war, dieſe finſtere Nachtſeite ſeines Gefuͤhls vor ihr zu verbergen, um ihren Kummer nicht zur Qual zu machen, ſo that er ſich auch jetzt noch die moͤglichſte Gewalt an, und wich einer beſtimmten Antwort aus, ſo gut er konnte. Auch ſeinen überſtande⸗ nen Jammer ſollte ſie in ſeiner ganzen Groͤße nicht durchſchauen; und um ſie irre zu machen in ihrer Ahnung der Wahrheit, ſprach er mit dem unbefan⸗ genſten Muthe von den rückſtaͤndigen Arbeiten, die er noch vollenden mußte, ehe er mit Ehren aus ſeiner bisherigen Laufbahn abtreten konnte. 4 Auch vollendete er ſie ſchneller und leichter, als er es erwartet hatte, denn die Vorſtellung, daß es die letzten Muͤhſeligkeiten dieſer Art waͤren, gaben ihm neue Kraͤfte, wie den ermudeten Wanderer der Anblick des nahen Hüttchens, die das Ziel ſeiner Reiſe iſt, ploͤtzlich den Schmerz ſeiner wunden Fuͤße vergeſſen laͤßt.— Endlich hatte er alles, alles über⸗ wunden, und nun hob er, in ſtiller Einſamkeit, dankend ſeine Haͤnde gen Himmel„ daß er ſo wun⸗ derbar einem Labyrinth entruͤckt war„ aus dem je⸗ mals einen Ausgang zu ſinden, er noch vor wenig Monden gaͤnzlich verzweifelte. Aber unwillkuͤhrlich ward er nun auch gegen ſeine Frau zum Verraͤther ſeiner fruͤheren, unglücklichen Gefuͤhle. Der Tag der Abreiſe nach Aarhorſt růckte heran. Das erſte, fuͤr deſſen ſorgfaͤltigſte Eindax ckung Weſtold Sorge trug, war das Bild der roſenumkraͤnzten Leiche. Dann kamen auch die un⸗ bedeutendſten Geraͤthe ſeines Arbeitszimmers an die Reihe. Von keinem konnte er ſich trennen, ſo werth⸗ los ſie an ſich auch waren. Wie treuen Dienern, verſprach er ihnen, ſie nicht zu verſtoßen, wenn er auch reich genug werden ſollte, ſich hundertmal koſt⸗ barere anzuſchaffen. Nur eins ließ er unberuͤhrt, waͤhrend ſchon alles andere hinweggeraͤumt war, und zwar gerade das theuerſte und beſte von allen— ſeinen Schreibeſchrank. Auguſte, die ihn nur vergeſſen glaubte, ließ den Anfang machen, ihn auseinander zu ſchlagen. Als aber Weſtold ins Zimmer kam, und dieſe Arbeit ſah, rief er Augu⸗ ——— ſten im Augenblick zu:„Um Gotteswillen nicht! den Schrank mag ich nicht laͤnger haben, denn da würde ich immer und ewig die ungluͤckſeligen Akten⸗ ſoͤße noch zu ſehen glauben!“ Und auf Augu⸗ ſtens Frage, was er denn ſonſt üͤber den Schrank beſtimme, antwortete er raſch:„Am liebſten waͤre es mir, wenn er verbrannt, und ſeine Aſche in die Luft geſtreut würde. Doch das waͤre ſuͤndlich, da man einem Armen noch eine Freude damit machen kann. Verſchenke ihn alſo nur an den Erſten, den Beſten; aber ſage mir nicht, an wen, und erwaͤh⸗ ne ihn mir auch nie wieder!“ Ohne ein Wort zu erwiedern, ging Auguſte hinweg. Eine Viertelſtunde nachher traf ſie We⸗ ſtold au fihrem Zimmer in tiefer Betruͤbniß, und trat freundlich zu ihr, um ihr Muth zu der bevor⸗ ſtehenden Veraͤnderung einzuſprechen. Doch da fiel ſie, unter hervorſtuͤrzenden Thraͤnen, an ſeinen Hals, und konnte erſt lange keine Worte finden fuͤr ihren Schmerz. Endlich ſagte ſie ihm, daß er durch ſeine Aeußerung uͤber den Schreibſchrank ſie endlich fein Inneres habe durchſchauen laſſen, daß ihre 216 bange Ahnung ſeiner Unglucksgefuhle ploͤtzlich zur traurigen Gewißheit geworden ſey, daß ſie nun ein⸗ ſehe, er habe ſich blos um ihretwillen jahrelang an eine Folterbank geſchmiedet, und daß ſie untroͤſtlich ſey, ihm ſo viel Noth verurſacht zu haben, ohne daß ſie bisher ſie habe theilen, und künftig ſie ihm werde verguͤten koͤnnen.. „Beſtes Weib!“ unterbrach ſie Weſtold, und kuͤßte ſie auf die weinenden Augen—„Weine jetzt nichts mehr, als Freudenthraͤnen„ daß die boͤſe Zeit uͤberſtanden iſt! Was ich getragen habe, trug ich gern, denn es war ja der Preis, um den ich Dich errungen hatte. Daß es mir ſchwer wurde zu tragen, war nicht Deine Schuld, ſondern meine, oder vielmehr die Schuld meines eigenthüͤmlichen, unvertilgbaren Weſens.— Was waͤre meine Liebe zu Dir geweſen„ wenn ſie Dir keine Opfer haͤtte bringen moͤgen! Opfer, ſchwere Opfer zu bringen, iſt ja die eigenſte Seligkeit echter Liebe.— Glaub mir! in meiner tiefſten Noth habe ich Dich oft mit einem unendlich großen, heiligen Gefuͤhl ans Herz gedruͤckt, wie ich es, dem Gluͤck im Schooße, viel⸗ 217 leicht nicht gekonnt haͤtte.— Ich kann mir denken, daß das Gluͤck eine ſehr gefaͤhrliche Klippe fuͤr das Gemuͤth des Menſchen iſt. Es mag leicht eigenſin⸗ nig, uͤbermuͤthig, wuͤſt und kalt machen, und die ſchoͤnſten Keime des Guten erſticken, wie ein unun⸗ terbrochener Sonnenſchein den ſchoͤnſten Saamen und die Knoſpen der lieblichſten Blüthen und Fruch⸗ te verdorren macht.— Aber Noth lehrt be⸗ ten! das heißt: fromm ſeyn— den beſſern Theil ſeines Ichs rein und kraͤftig erhalten. Darum— wen der Herr lieb hat, den zuͤchtigt er.““ Sie hielten ſich lange umfaßt, zaͤrtlich und in⸗ nig, wie Braut und Braͤutigam; und Auguſte meinte, ihr ſollte faſt bange werden vor ihrem neuen glaͤnzenden Gluͤck. Da ſchuͤttete Weſtold endlich ſein ganzes Herz vor ihr aus. Er entdeckte ihr, was eigentlich das Ziel ſeiner Wuͤnſche und Hoffnungen ſey; und daß er, wie Haſtebeck ſich ausgedruͤckt, die Pachtung nur als ein ertraͤgliches Fegfeuer an⸗ ſehe, durch das er in ſeinen eigentlichen irrdiſchen Himmel zu gehen ſtrebe. Und, mit fortgeriſſen von ſeiner frommen Begeiſterung, und liebevoll dankbar 218 zurückblickend auf ſein hartes Dulden aus Liebe zu ihr, gab ſie ihm das heilige Verſprechen, ihm bei einer kuͤnftig möͤglichen Erreichung ſeines Lieblings⸗ wunſches auf keine Weiſe in den Weg zu treten. Der ganze Plan, der, in einer andern Stimmung, ſchon durch ſeine Ungewoͤhnlichkeit, ihre Mißbilli⸗ gung wahrſcheinlich erregt haͤtte, befremdete ſie jetzt kaum. Und ſo hatte Weſtold auch von die⸗ ſer Seite keinen Anſtoß zu fuͤrchten, und erblickte in Auguſtens unerwarteter Einwilligung ein neues Unterpfand des Himmels, daß er fromm und freudig ſein Ziel erreichen werde. „Was iſt dein Haſtebeck,“ ſagte Auguſte —„trotz ſeines vielen Fluchens und oft rauhen We⸗ ſens, fuͤr ein trefflicher, einziger Freund!“ Beide wetteiferten, ihn zu loben. Aber Auguſten ge⸗ nügte das noch nicht. Sie ſetzte ſich an ihres Man⸗ nes Schreibtiſch, und an dieſer ſeiner ehemaligen Marterbank ſchrieb ſie ſeinem Freunde einen kunſtlo⸗ ſen, aber deſto herzlicheren Brief, voll der waͤrmſten Dankſagungen. Und in dem Ueberſtroͤmen ihres Gefuͤhls fuͤgte ſie die angelegentliche Bitte hinzu, daß er ihnen ſein Bildniß ſchenken moͤchte, weil dies ihren dankerfüllten Herzen zur allergroͤßten Freude gereichen werde. „Da haſt Du eine Fehlbitte gethan!“ ſagte Weſtold, als er das las—„Das thut er ganz gewiß nicht; denn erſtens iſt er zu ungeduldig zum Stillſitzen vor einem Mahler, und dann wird ihm auch Deine ganze Bitte viel zu empfindſam klingen, als daß er Luſt haben ſollte, ſie zu erfuͤllen.”“ Doch Auguſte ließ ſich durch dieſe Einwen⸗ dungen, ſo gegruͤndet ſie auch waren, nicht irre ma⸗ chen, ſondern ſchickte den Brief unveraͤndert ab; und der Erfolg ließ es ſie nicht bereuen ihrem Ge⸗ füͤhle gefolgt zu ſeyn, wenn gleich ihr Mann eigent⸗ lich Recht gehabt hatte.* Unterdeſſen war Weſtold eingezogen in Aar⸗ horſt mit Weib und Kindern, und that redlich ſein Moͤglichſtes, ein tuͤchtiger Landwirth zu werden, 220 denn das hatte er ja ſeinem Freunde mit einem Handſchlage verſprochen, und ſein Wohlſeyn und ſeine Ehre hingen davon ab. Der Amtman Haßler in Koſtelnitz ſtand ihm nachbarlich bei mit Rath und That; der neue Verwalter verſtand ſich auf Feld⸗ bau und Viehzucht vortrefflich; und Auguſte zeigte ſich bald genug ganz auf ihrem Platze in dem inneren, weitlaͤuftigen Haushalte. So war alles gut beſtellt auf dem Felde und im Stalle. Weſtold lief uͤberall fleißig umher, und ſprach freundlich mit Knecht und Magd und Vieh. Doch mit der eifrigſten Vorliebe zog er daneben guch Blumen und veredelte er Baͤume, nicht allein in ſeinem, ſon⸗ dern auch in ſeiner Nachbarn Gaͤrten; ja ſogar bei ſeinen entfernteren Wanderungen trug er oft— wie es die Jahreszeit mit ſich brachte— Pfropfreiſer und Okulirknoſpen mit ſich herum, um im Vorbei⸗ gehen in offenen Gaͤrten, deren Beſitzer er nicht einmal dem Namen nach kannte, wilde Fruchtbaum⸗ ſtaäͤmmchen zu veredeln. Dann, beim Ausruhen, hielt er mitunter, Angeſichts der untergehenden Sonne und der reitzenden Ausſichten, gar begeiſterte Bergpredig⸗ 221 ten, voll Preis und Dank fuͤr den Segen der Fluren und fuͤr die gluͤckliche Wendung ſeines Geſchicks; und wenn er einen armen Felddieb überraſchte, warnte er ihn gutmuͤthig vor dem ſtrengen Verwal⸗ ter, und gab ihm Geld oder Arbeit, damit er nicht noͤthig haben ſolle, wieder zu ſtehlen.— Wie zum Lohne fuͤr ſein und Auguſtens eifriges Wandeln auf ihrer neuen Bahn/ wurden ſie nach einiger Zeit auf das allererfreulichſte durch ein wohlgetroffenes Bildniß Haſtebecks überraſcht. „Siehſt Du,“ rief Auguſte hochvergnuͤgt— daß ich Recht hatte, und nicht Du!“— Gern gab ihr dies Weſtold in der Freude ſeines Her⸗ zens zu, und Beide konnten ſich nicht muͤde ſehn an dem trefflich gemahlten ſprechend aͤhnlichen Bilde, und zeigten es auch den Kindern, daß ſie danach hinſchauen mußten, um ihrer Aller Freund und Wohlthaͤter von der fruͤheſten Jugend an ehren und lieben zu lernen. Eigentlich hatte aber doch Weſtold Recht ge⸗ habt, und nicht Auguſte. Das ſprach der Brief Haſtebecks, der dem Bilde beigegeben war, deut⸗ 222 lich genug aus. Er nannte Auguſtens gethane Bitte einen der aͤrgſten Streiche, die man ihm je⸗ mals geſpielt habe; er verſicherte, daß er halb toll geworden ſey beim Sitzen, und daß er es fuͤr eine Thorheit erklaͤren muͤſſe, ſeine Fratze irgendwo auf⸗ zuhängen, daß aber ſeine Frau ihm keine Ruhe ge⸗ laſſen habe mit ihrem Pantoffel, bis er ſich endlich gefügt und vor den Mahler hingeſetzt habe. Fuͤr die Zukunft verbat er ſich aͤhnliche boͤſe Streiche, und ſchwor, daß kein Koͤnig und Kaiſer ihn dazu brin⸗ gen ſolle, ſich zum zweiten Male ſo hudeln zu laſſen. Auguſte lachte aber nur ſeines Scheltens; und Weſtold hielt eine ſchoͤne Rede zum Lobe der herrlichen Kunſt, die dem Freunde den Freund, dem Braͤutigam die Braut ſo hoͤchſt erfreulich zu verge⸗ genwaͤrtigen vermoͤge, und Kindern und Kindeskin⸗ dern, um ſie fortdauernd zu Liebe, Dankbarkeit und Tugend zu ermahnen, die Züge laͤngſt entſchlafener Eltern in eine ferne Zukunft hinaus, aufbewahre.— Als eine recht feierliche Handlung behandelte er dann das Aufhaͤngen des Bildes, der Wand gegen⸗ über, an welcher das Bild Mariens hing. Hier die todte, ſchoͤne Schweſter! und dort der theure, ruͤſtige Freund! Mit wahrer Andacht ſtand er oft zwiſchen ihnen, und ſchaute abwechſelnd nach dem einen voll Wehmuth, und nach dem andern voll Dankbarkeit, nach beiden aber voll der allerinnig⸗ ſten Liebe. War ſein Herz von dem Glauben an Gott und Unſterblichkeit, oder von irgend einem re⸗ ligioͤſen Gefuͤhle lebhaft ergriffen: ſo ſtellte er ſich dem Bilde der frommen, zu Gott vorangegangenen Schweſter gegenuͤber, wie vor ein heiliges Altarbild; und war ihm in ſeinem Familien⸗ oder Geſchaͤfts⸗ Kreiſe etwas Beſonderes, Erfreuliches oder Uner⸗ freuliches, begegnet: ſo eilte er vor das Bild des treuen Freundes, als muͤſſe er es dieſem erzaͤhlen, um von ihm rege Theilnahme zu vernehmen in Freu⸗ de und Schmerz. Und an Mariens Todestage ſorgte Auguſte für einen Kranz von weißen Ro⸗ ſen, und an Haſtebecks Geburtstage fuͤr einen großen Kranz von friſchem Lebensbaum, um die theuren Bilder damit zu ſchmuͤcken.— 224 Unterdeſſen war der Sommer voruͤbergegangen, und der reiche Ertrag der Felder war gluͤcklich einge⸗ ſchichtet worden in die großen Scheuren. Ungleich mehr, als auf das Geld, das aus dem Erndte⸗Segen geloͤſt werden ſollte, freute Weſtold ſich auf das nahe Feſt, das er, nach altem, loͤblichem Herkommen, ſeinem Geſinde und den ſaͤmmtlichen Feldarbeitern nun zu geben hatte. Eben war von Haſtebeck ein wild jauchzender Brief angekommen, der die Nach⸗ richt enthielt, daß der gluͤckliche Ehemann die Hoff⸗ nung habe, auch ein gluͤcklicher Vater zu werden. Nun beſtuͤrmten ihn Weſtold und Auguſte mit den allerdringendſten Bitten, daß er durch ſeinen und Sophiens Beſuch ihr Erndtefeſt verſchoͤ⸗ nern moͤchte, bis er endlich nachgab, und zur be⸗ ſtimmten Zeit mit Sophien in Aagrhorſt eintraf. Weſtolds Haus war ein großer Tempel des Gluͤcks und der Freude geworden: in welchem ein Altar der Liebe neben dem andern ſtand. Trat Sophie gleich zum erſten Male in dieſen Kreis: ſo war ſie doch keine Fremde darin; und war ſie gleich gleich eine großſtädtiſche Frau, eine Art Weltkind, im Vergleich mit Auguſten: ſo fand ſie ſich doch, mit unbefangener Gewandtheit, in Sitte und Ton des laͤndlichen, gaſtfreundſchaftlichen Hauſes, und ihre lebendige Heiterkeit trug nicht wenig zu der allge⸗ meinen, geſelligen Freude bei. Der gluͤcklichſte von Allen aber war Weſtold; und Haſtebeck ſah mit der hoͤchſten Genugthuung, was aus dem verzagten, hypochondriſchen Advokaten fuͤr ein heiterer, beweglicher Landmann geworden war. Von ganzer Seele freute er ſich ſeines gelun⸗ genen Werks; und mit einem gefuͤhlvollen, faſt frommen Tone, der ihm ſonſt fremd war, antwor⸗ tete er auf Auguſtens freudige und dankbare Herzensergießungen:„Gott ſey tauſendmal gedankt! Da habe ich doch endlich einmal etwas Gutes ge⸗ than! etwas Gluͤckliches vollbracht!" Als ſie und Weſtold aber fortfahren wollten, ihn zu loben und ihm mit ſteigender Ruͤhrung zu danken, fuhr er, in ſeiner ſonſtigen Weiſe, ſchnell mit den Worten daswiſchen:„Haltet die Maͤuler, wenn ich nicht Weſtold. I. Theil, 15 226 davon laufen ſoll! Es iſt ja doch nur eine Pumpärei, was ich gethan habe!“ Mit der heiterſten Geſchaͤftigkeit half Weſtold das Feſt vorbereiten, wiewohl er dazwiſchen dem Freunde hunderterlei mitzutheilen und zu zeigen hat⸗ te, woruͤber dieſer ſich freuen, oder wozu er ſeinen Nath geben ſollte. Haſtebecks Hoffnung lebte immer mehr auf, daß Weſtold uͤbey der ſchoͤ⸗ nen Behaglichkeit in ſeinem Pacht⸗Fegefeuer den Kanzel⸗Himmel vergeſſen werde. Endlich begann das Feſt. In einem langen Zu⸗ ge brachten die ſaͤmmtlichen Feldarbeiter den ſchoͤn geſchmuͤckten Erndtekranz. Ein großer Schwarm neugieriger Gaffer hatte ſich angeſchloſſen, und Kei⸗ ner wurde zuruͤckgewieſen. Der Anführer des Zugs uͤberreichte den Kranz, und ſtotterte eine lange Rede her, vom Schulmei⸗ ſter verfaßt. Weſtold erwiederte ſehr herzliche Worte voll Dank, voll guter Wuͤnſche und Ermah⸗ nungen zu Fleiß und Wohlverhalten, und voll from⸗ mer Erinnerungen, gegen Den, von welchem al⸗ ler Segen komme, dankbar zu ſeyn in Gebet und chriſtlichem Wandel. Mit großer Aufmerkſamkeit hoͤrte ihm auch der Roheſte und Einfaͤltigſte zu, als ploͤtzlich, noch ehe die Rede geendet war, die allge⸗ meine Stille durch ein laut ausbrechendes Schluch⸗ zen unterbrochen wurde. Das ſchoͤnſte junge Maͤd⸗ chen des Dorfs, die Tochter des Schulmeiſters war es, auf welche Weſtold einen ſo unerwarteten, zu ſeinen Worten gar nicht im Verhaͤaͤltniß ſtehenden, Eindruck gemacht hatte. Sie ſchwankte mit vor die Augen gehaltenem Tuche durch die dichtgedraͤngte Menge, und verſchwand durch die offene Hausthuͤr. Es entſtand ein allgemeines Fluͤſtern und Fragen. Weſtold hoͤrte auf zu ſprechen, und der Anfuͤhrer des Zugs ſtimmte das Schlußlied an.— Haſte⸗ beck, ſtatt mitzuſingen, fluchte zwiſchen den Zaͤh⸗ nen:„Verdammte Naͤrrin mit Heulen! Ich wette: nun faͤngt aufs neue ſein alter Traum an, in ſeinem Kopfe zu ſpuken!“ 2 Um einem ſolchen Eindrucke ſchnell entgegen zu arbeiten, nahm er, als nach geendeter Feierlichkeit von dem Vorfalle die Rede war, ſogleich Weſtol⸗ den bei Seite, und ſagte zu ihm:„Siehſt Du! 45* 228 Verlohnt es ſich wohl der Muͤhe, daß ein geſcheiter Mann ſeine Perlen vor die Saͤue wirft? Das Volk weiß nie, was es hoͤrt und thut. Es heult ſo zur Unzeit, als es ungeſchlacht jauchzt. Der weiſeſte Redner gilt ihm grade ſo viel und ſo wenig, als die albernſte Poſtille.“— Weſtold erwiederte kein Wort. Zum Abendeſſen war der Schulmeiſter, als Ver⸗ faſſer der Erndtekranz⸗Rede, mit eingeladen. Er hatte auch ſeine Tochter mitbringen ſollen, aber ſie war nicht zu bereden geweſen, ohne daß er einen Grund davon anzugeben wußte. Der laͤndliche Tanz begann. Mit lautem Mißvergnügen vermißten die jungen Burſche die ſchoͤnſte Taͤnzerin. Weſtold, der das hoͤrte, redete dem Vater zu, noch einen Verſuch zu machen, ſie zum Kommen zu bereden. Durchdrungen von einer ſo beſonderen Ehre, ging der Schulmeiſter eilig nach Hauſe, ſagte Lenchen, der Herr Amtmann verlange ausdruͤcklich, daß ſie bei ſeinem Feſte mit gegenwaͤrtig ſeyn ſolle, und brachte ſie bald darauf mit auf den Tanzplatz. Aber Len⸗ chen war verſchuͤchtert nud verſtimmt, tanzte nur we⸗ — ͦ—————-—-— nig, und ſtand groͤßtentheils im entfernteſten, duͤ⸗ ſterſten Winkel, ſo ſtill und niedergeſchlagen, wie eine Kranke. Als Weſtold ſie fragte, was ihr waͤre, brach ſie wieder in einen Strom von Thraͤ⸗ nen aus, und antwortete nichts, als daß ſie es hier, in der Naͤhe anderer Menſchen, nicht ſagen koͤnne. Neugierig, zu erfahren„was das alles wohl zu bedeuten habe, ging Weſtold mit ihr ins naͤchſte Zimmer, und befragte ſie da freundlich uͤber die Ur⸗ ſach ihrer ſo auffallenden Erſchuͤtterung bei ſeiner heutigen, kurzen Rede. Da ſagte Lenchen, unter aͤngſtlichem Herzt een und Erröthen, nicht die Worte, d vhlene habe 46 haͤtten ſie ſo gewal⸗ tig bewegt, denn dieſe habe ſie in ihrer Beſtuͤrzung gar nicht verſtanden) wenigſtens wiſſe ſie ſich ihrer jetzt nicht mehr zu erinnern, ſondern blos das Hoͤ⸗ ren ſeiner Stimme ſen fuͤr ſie ſo unwiderſtehlich erſchütternd geweſen.— Hier ſtockte ſie wieder, und nur nach wiederholten, dringenden Auffoderungen zu einer naͤheren Erklaͤrung, ſetzte ſie, noch aͤngſtli⸗ cher, als vorher, hinzu, ſie ſey einmal recht nahe daran geweſen, die guten Lehren ihres Vaters und 230 ihrer ſeligen Mutter zu vergeſſen, und ſich auf im⸗ mer um die Ruhe ihres Gewiſſens zu bringen, da habe eine Stimme, die ihr Gott noch zur rechten Zeit geſchickt, ſie ploͤtzlich vom Rande des Ungluͤcks zurückgerufen und auf immer gerettet; die Stimme ſey ihr ſeit jener Zeit unvergeßlich geweſen, oft in der tiefſten Stille ihres Kuͤmmerchens habe ſie die⸗ ſelbe in ihren Ohren zu vernehmen geglaubt, was jedoch nur eine Einbildung geweſen ſey; allein heu⸗ te, als Weſtold die kleine Rede gehalten, habe ſie ganz und gar und in der vollkommenſten Wirk⸗ lichkeit jene Stimme wieder gehoͤrt. Weſtold that noch mehrere Fragen, um über dieſe ſeltſamen Aeußerungen einen naͤhern Aufſchluß zu erhalten; doch Lenchen hatte nur ein ſtummes, betruͤbtes Kopfſchuͤtteln zur Antwort. Blos das Eine ſagte ſie endlich noch, die Stimme habe ihr eines Abends, da weder Prediger noch Gemeinde in der Kirche geweſen, hoch von dem Gewoͤlbe der lee⸗ ren Kirche zugerufen. Weſtold wurde ſo feuerroth, wie das Maͤd⸗ chen. Haͤtte ſie den Muth gehabt, zu ihm hinauf 231 zublicken: ſie wuͤrde geſehen haben, daß ein Beicht⸗ vater ſo verlegen ſeyn kann, als ſein Beichtkind. Er bedurfte einer langen Pauſe, ehe er nach dem Tage fragen konnte, da jenes Ereigniß geſchehen ſey. Lenchen wußte ihn noch ganz genau; ſie ſagte, es waͤre der nemliche Tag geweſen, da er zum erſtenmale nach Aarhorſt gekommen ſey. Weſtold haͤtte viel darum gegeben, wenn ihn Jemand in dieſem Augenblick abgerufen haͤtte, denn er ſtand, wie auf Kohlen, und wußte doch das Wort zum Abbrechen des Geſpraͤchs nicht zu finden. Fuͤr den Augenblick hatte er keinen andern Gedan⸗ ken, als den der moͤglichſten Vorſicht, ſich nicht vor Lenchen zu verrathen. Allein bald ward er anderer Meinung, als er bemerkte, daß Lenchen auf dem Wege war, der phantaſtiſchen Vorſtellung eines ge⸗ ſchehenen wirklichen Wunders in ihrem Kopfe Raum zu geben. Da hielt er es für Pflicht, mit einem redlichen Geſtaͤndniß der Wahrheit hervorzu⸗ treten; und er fragte ſie, ob es denn nicht wirklich ſeine Stimme geweſen ſeyn koͤnne, die ſie damals hoͤrte?— Das würde ſie ſeit ſeiner heutigen Rede — —— —— — 232 ſelbſt glauben, gab ſie zur Antwort, wenn es nicht unmoͤglich waͤre, denn erſt uͤber eine halbe Stunde nach jenem wunderbaren Vorfalle habe ſie ihn mit dem Herrn Regimentsauartiermeiſter ins Dorf fah⸗ ren ſehen.— Nun vertraute ihr Weſtold, daß er fruͤher ſchon in der Kirche geweſen ſey, und weil er Niemanden darin geſehen, von einer inneren, unwi⸗ derſtehlichen Macht getrieben, die Kanzel beſtie⸗ gen, und mit lauter Stimme zu Gott gebetet habe. Waͤhrend er dieß erzäͤhlte, faltete Lenchen unwillkuͤhrlich ihre Haͤnde; und als er geendet hatte, nannte ſie ihn einen frommen Himmelsboten, und erbot ſich nun von freien Stuͤcken, ihm alles zu ent⸗ decken. Aus ihren abgeriſſenen Mittheilungen ergab ſich Folgendes. Vor Jahe und Tag, bei einem fluͤchtigen Be⸗ ſuch des Grafen in Aarhorſt, hatte Lenchen, nebſt mehrern jungen Maͤdchen, die Ehre gehabt, ihm einen großen Blumenkranz zu uͤberbringen, wo⸗ bei ihr die Auszeichnung widerfuhr, daß der Graf vor allen Andern mit ihr zu ſprechen anfing, ſie noch einmal zurückrief, als ſich der ganze Zug wieder entfernte, und ihr ſagte, ſie ſey zu huͤbſch, um eines Bauers Frau zu werden; ſie koͤnne wohl in der Stadt ein beſſeres Gluͤck machen, und er wolle ihr gern dazu behuͤlflich ſeyn. Eine Stunde nach⸗ her ſchlich ſich der Kammerdiener des Grafen um ihr Haus, und ſagte ihr am Fenſter, ſie wuͤrde ge⸗ wiß ein recht ſchoͤnes Gſchenk erhalten, wenn ſie noch einmal aufs Schloß zum gnaͤdigen Herrn kaͤme! er meine es gut mit ihr: ſie koͤnne bei der Frau Graͤfin einen ſchoͤnen Dienſt erhalten.— Aber mit gutem, natuͤrlichem Gefuͤhl warf das unverdorbene Maͤdchen das Fenſter zu, und ging den ganzen Tag nicht aus dem Hauſe.— Seit dieſer Zeit ſing aber des Kammersdieners guter Spiesgeſelle, Stork, der damalige Verwalter an, ein Auge auf ſie zu werfen; und ob ſie ihn gleich anfangs gar nicht lei⸗ den mochte: ſo machte er ſie ſich doch nach und nach durch wiederholte Schmeichelreden und allerlei Ge⸗ ſchenke immer geneigter, und verwickelte ſie endlich, mit Huͤlfe ihrer ſechzehn Jahre und ihres lebhaften, luſtigen Temperaments, hinter dem Nuͤcken ihres Vaters, in einen foͤrmlichen Liebeshandel. Und da er nun erfuhr, daß man ſeinen Unterſchleifen auf dem Gute auf die Spur gekommen ſey, und daß er vielleicht durch einen Pachter verdraͤngt werden wuͤr⸗ de, baute er auf Lenchen den Plan, ſich in ſei⸗ ner Stelle zu behaupten, oder ſie wohl gar uͤber kurz oder lang mit der des Pachters zu vertauſchen. Er verſicherte Lenchen, daß das unfehlbar glücken wuͤrde, wenn ſie ſich nur entſchließen wollte, auf einige Zeit in die Dienſte der Graͤſin zu treten, und dabei immer huͤbſch freundlich gegen den Grafen zu thun. Anfangs zuͤrnte Lenchen hieruͤber, als uͤber einen entehrenden Vorſchlag; aber der Schelm ließ ſich dadurch nicht abhalten, ihn zu wiederholen, und ihr das Gluͤck auszumahlen, wenn ſie, mit ſtaͤdtiſchem Putz geſchmuͤckt, und mit reichen Ge⸗ ſchenken des Grafen beladen, in kurzer Zeit zuruück⸗ kehrte, um als Frau Amtmaͤnnin von Aarhorſt zeitlebens mit Kutſche und Pferden einherzuſtolzieren. Dieſe lachenden Vorſtellungen, verbunden mit der Erinnerung an die außere Liebenswuürdigkeit und Freundlichkeit des Grafen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Lenchen zuͤrnte nicht mehr, ſondern dachte ſchon an die Noͤglichkeit der Ausfuͤhrung dieſes Plans; kaum hielten jungfraͤuliche Schuͤchternheit und Aengſtlichkeit ſie noch ab, ihre foͤrmliche Ein⸗ willigung zu geben; es bedurfte alſo nur noch weni⸗ ger Schritte verfuͤhreriſcher Ueberliſtung: ſo war ihr gutes, ſittliches Gefuͤhl vielleicht auf immer uͤber⸗ taͤubt, und ſie gab ſich leichtſinnig zu einer ungluͤck⸗ lichen und ehrloſen Rolle hin. Stork war pfiffig genug, dies zu begreifen; und ſein ganzes Sinnen und Trachten ging dahin, Lenchen auf der Bahn des Rechten immer mehr zum Wanken zu bringen, was ihm ſchon ein immer leichteres Spiel werden zu wollen ſchien. Nun hatte aber der Schulmeiſter von dem Lie⸗ beshandel ſeiner Tochter einige Kunde erhalten, hat⸗ te ihr daher alle Gemeinſchaft mit Stork verbo⸗ ten, und ließ ſie ſeit dieſer Zeit faſt nicht mehr aus den Augen. Lenchen hielt das fuͤr ungerecht; und ſo ſehr ſie ſonſt, das vierte Gebot zu halten, fuͤr Pflicht hielt: ſo war ſie doch gar nicht abgeneigt, 236 das ausdruͤckliche Verbot des Vaters zu uͤbertreten, ſobald ſich ihr die Gelegenheit dazu bieten wuͤrde. Bis dahin war es mit Lenchen ſchon gekom⸗ men, als an jenem, ihr ſo wichtig gewordenen Ta⸗ ge, ploͤtzlich in der Mittagsſtunde Stork in ihre Stube trat, und ohne daß er auf ſie zu achten ſchien, ihrem Vater verkuͤndigte, daß das herr⸗ ſchaftliche Kirchenſtuͤbchen ſchleunig ausgefegt, die Fenſter gewaſchen, das alte gepolſterte Kanapee nebſt den Stuͤhlen ausgeklopft und abgebuͤrſtet wer⸗ den müͤßten, weil dieſen Abend noch der Regiments⸗ quartiermeiſter mit dem künftigen Amtmann ein⸗ treffen werde, um morgen Schloß und Hof und Kirche als graͤflicher Commiſſarius in Augenſchein zu nehmen, und mit Strenge zu unterſuchen, ob uͤberall Ordnung und Reinlichkeit ſey. Der Schul⸗ meiſter wußte nicht, wo angefangen, wo geendet werden, wo Zeit und Haͤnde zu allem herkommen ſollten, da bis vier Uhr die geſammte Dorfiugend, und hernach noch Bernhard, ein Muͤllerburſche, zu einer Privatſchreibſtunde bei ihm war. Er rief nach der alten tauben Muhme, daß ſie Hand anle⸗ gen ſolle, weil Lenchen bis um vier Uhr mit dem Unterrichte der Maͤdchen zu thun habe. Da ſagte Stork, mit einem bedeutenden Blick auf Len⸗ chen, dieſe ſey ja jung und raſch, und werde mit allem ſchon fertig werden, waͤhrend der Vater dem Muͤller Schreibſtunde gaͤbe. Lenchen, die den Blick verſtanden hatte, beſtaͤtigte dieß; und ſo war alles nach Wunſch eingeleitet. Recht zu Statten kam ihnen noch, daß der Schulmeiſter unerwartet nach der Schreibſtunde ei⸗ nen Geſchäͤftsgang nach dem Filialdorfe machen mußte; ſie konnten alſo um ſo laͤnger vor einer Stoͤ⸗ rung ſicher ſeyn. Lenchen ging zur beſtimmten Stunde mit Beſen, Buͤrſte und Wiſchtuͤchern in die Kirche; und ſobald Stork unbeobachtet war, huſchte auch er hinein, und fand Lenchen recht ernſtlich im herſchaftlichen Stuͤbchen beſchaͤftigt. Er ſagte ihr, daß das eine unnutze Muͤhe ſey, denn die Herren würden ſich wenig um die Kirche bekům⸗ mern; aber daß ſeine Entlaſſung nun nahe ſey, das waͤre nur allzugewiß. Er machte ihr die bitterſten Vorwuͤrfe, daß ſie durch ihren Eigenſinn und ihre Unentſchloſſenheit es ſo weit habe kommen laſſen; er machte ihr begreiflich, daß es jetzt die hoͤchſte Zeit ſey, alles noch in ein gutes Geleiß zu bringen; er bewieß ihr aus einem Briefe des Kammerdieners, daß ſie im graͤflichen Hauſe mit offenen Armen wer⸗ de aufgenommen werden; er ſetzte ihr umſtaͤndlich auseinander, wie ſie dem Grafen das Verſprechen, worauf es ankam, abzuliſten habe, und brachte ſie ſo weit, daß ſie ſchon nichts mehr einwendete, als die entſchiedene Abneigung ihres Vaters gegen alle Vorſchlaͤge dieſer Art, indem ſie verſicherte, daß der alte, ſtrenge Mann es ihr nie erlauben werde, in die Dienſte der Graͤſin zu treten. Da nun der boͤſe Menſch ihr hierin nicht widerſprechen konnte: ſo that er ihr den ſchmaͤhlichen Vorſchlag, daß ſie heim⸗ lich das Haus ihres alten Vaters verlaſſen ſolle, und daß er ſelbſt ſie nach der Reſidenz begleiten und ſicher bis in das Haus des Grafen bringen wolle. Und gls er ſie nach und nach ſchon ſo weit verlockt hatte, daß ſie gegen dieſen Vorſchlag nichts mehr einwendete, ſondern nur zu weinen anfing: da be⸗ ſtürmte er ſie in dem ſtillen Gotteshauſe immer drei⸗ ſter mit ſeinen ſuͤndlichen Liebkoſungen, um ihr beſ⸗ ſeres Gefuͤhl immer mehr zu ertoͤdten. Und leider fehlte ihr ſchon faſt gaͤnzlich die innere, ſiegreiche Kraft eines noch ganz reinen Gemüths, ſich aufzu⸗ raffen gegen ſich ſelbſt und ihren Verfuͤhrer. Sie ſelkbſt konnte ſich nicht mehr retten; ſie ſank dem Leichtſinn, vielleicht ihrem gaͤnzlichen Verderben un⸗ widerbringlich in den Arm, wenn nicht, wie vom Himmel geſandt, ein unerwarteter Retter kam! Da hallte ploͤtzlich eine ernſte, feierliche Stim⸗ me durch die einſame, duͤſtere Kirche. Als ob Gott ſelber ihr warnende Worte zuriefe, klang ſie ihr. Der Fußboden unter ihr, die ſtarken Mauern, die ganze Kirche ſchien ihr zu ſchwanken, und den Ein⸗ ſturz zu drohen, wie von einem ploͤtzlichen Erdbeben bewegt. Zitternd vor Schreck bis im innerſten Mark ihrer Gebeine, fuhr ſie auf aus den Armen des Boͤ⸗ ſewichts.— Auch er hatte die Stimme gehoͤrt, und ſtand einige Minuten, wie angedonnert da. Ais er indeſſen Niemanden weiter hoͤrte und ſah, und nach der Lage des Kirchenſtüͤbchens ſich uber⸗ zeugte, daß er und Lenchen von keinem Lauſcher hatten bemerkt werden koͤnnen, geſetzt auch, daß Je⸗ mand in der Kirche geweſen waͤre: ſo war ſein erſter Laut nur ein Fluch uͤber die geſchehene Stoͤrung, und er verſuchte, die aufgeſcheuchte Taube aufs Neue in ſein Netz zu ziehen.— Allein das war von nun an ein vergebliches Bemuͤhen. Ohne ein Wort des Ab⸗ ſchieds, und unbekuͤmmert darum, ob Jemand drau⸗ ßen lauſchen werde, oder nicht, eilte Lenchen zur Kirche hinaus und in ihre ſtille Kammer. Da ſturz⸗ te ſie auf ihre Knieen nieder, und weinte bittere Thraͤnen der Reue uͤber die bisherige Verirrung ih⸗ res ſonſt ſo reinen, unſchuldigen Sinnes, und vor allem über die heutige, füͤndliche Entweihung des heiligen Gotteshauſes durch ſo ſtraͤfliche Berathſchla⸗ gungen. In ſcheußlicher Geſtalt ſtand Stork und ſein Beginnen jetzt vor ihr. Sie dankte Gott im inbrünſtigen Gebet für die wunderbare Rettung noch am Nande ihres gaͤnzlichen Verderbens; ſie gelobte mit reuigem Herzen, ſich nie wieder von dem Ver⸗ fuͤhrer umſtricken zu laſſen; und ſie hielt redlich Wort, denn was er ſeit jenem Tage auch noch ver⸗ ſuchte, das vorige Verhaͤltniß zwiſchen ihm und ihr wie⸗ wieder herzuſtellen: ſo gelang ihm das doch nie, und ſie war wieder das ſittſamſte, unſchuldigſte Maͤdchen im Dorfe, wie ſie bei weitem das ſchoͤnſte war.— Mit einem unausſprechlich gluͤcklichen Gefuͤhl hoͤrte Weſtold dieſen letzten Theil von Len⸗ chens Geſtaͤndniſſen an. Eine ſchoͤnere Verherrli⸗ chung des heutigen Feſtes konnte es fuͤr ihn nicht geben, als dieſe unerwartete Entdeckung, daß ſein erſter, zſchuͤchterner Tritt auf die Kanzel dem Him⸗ mel eine Seele gerettet hatte. Er erblickte darin mit frommer Ruͤhrung eine weiſe Fuͤgung der Vor⸗ ſehung; er erblickte mit heiligem Entzuͤcken darin ein unzweideutiges Zeichen des Himmels, daß er Wohlgefallen an ſeinem Beginnen habe; und heller und freudiger, als jemals, flammte ſeine Begeiſterung auf beim Hinblick nach ſeinem ernſten Ziele. Er nannte Lenchen ſeine liebe Tochter, ob ſie gleich kaum vierzehn Jahr jünger war, als er, und er gab ihr wahrhaft vaͤterliche Lehren. Im Hin⸗ weggehen kuͤßte das geruͤhrte Maͤdchen, ehe er es verhindern konnte, zweimal ſeine Hand; und in be⸗ Weſtold. I. Theil. 16 242 ſcheidner Verlegenheit druͤckte er dafuͤr den leiſeſten, unſchuldigſten Kuß auf ihre Stirn. „Glück zu!“ rief Haſtebeck, der eben, mit einem Glaſe Wein in der Hand, hinzu trat—„Gluͤck zu, Herr Bruder! Ich ſehe, daß Du auch ſpashaft wirſt, wie ein recht eingefleiſchter Amtmann! Ich gratulire recht ſehr! Nur Deine Frau laß ſo was nicht ſehn! Haͤtte Die nicht ſo gut kommen koͤnnen, als ich? Lenchen entfernte ſich mit ſchaamgeroͤtheten Wangen.— Wie ein kalter Hagelſchauer auf ein bluͤhendes Blumenbeet, ſchlugen jene Worte gegen Weſtolds fromm bewegtes Gemuͤth. Empfindli⸗ cher, als dieſe, traf ihn noch keine Aeußerung Ha⸗ ſtebecks, der in der beſten Abſicht, um ſeinen Freund vor phantaſtiſchen Ueberſpannungen zu be⸗ wahren, oft das Heiligſte entweihte, und roher that, als es ihm eigentlich ums Herz war.— „Pfui, Haſtebeck!“ erwiederte Weſtold— „„ kennſt Du deinen Freund nicht beſſer?“ 243 Haſtebeck wollte das Geſpraͤch fortſetzen, aber Weſtold verwies ihn auf morgen, und wich ihm dieſen ganzen Abend aus. —— „ Am andern Vormittag machten ſie bei dem ſchoͤnſten Herbſtwetter einen Spaziergang ins Feld. Da hob Weſtold an, aus voller Seele uͤber die geſtrigen Vorfaͤlle zu ſprechen, und vertraute dem Freunde Lenchens ganze Geſchichte. Unſchuldig fragte er unter andern dabei, ob der Graf wohl wirklich von der Art ſey, daß Stork berechtigt geweſen waͤre, eine ſo ſchlechte Meinung von ihm zu haben, als aus dem Plane mit Lenchen hervor⸗ ginge? „Ey, wie wollte er von der Art nicht ſeyn?“ erwiederte Haſtebeck bitter—„Der Mosje Stork iſt mehrmals in ſeinem Hauſe in der Reſi⸗ denz geweſen, und kennt ihn alſo wenigſtens vom Hoͤrenſagen.“ 16* X — 244 Hierauf aͤußerte Weſtold ein recht frommes Bedauren, daß gerade in den hoͤheren Staͤnden, die den niedrigern zu Muſtern dienen ſollten, doch nicht ſelten Sittlichkeit und Recht ſo leichtſinnig verhoͤhnt, und die wahre Menſchenwuͤrde ſo greulich geſchaͤndet werde. Haſtebeck ſagte kein Wort hierzu, ſondern ſtieß von Zeit zu Zeit nur, ungeachtet ſeiner grim⸗ migen Miene, einen Ton aus, der, wie Lachen, klungen ſollte. Erſt dadurch erhielt er die Sprache wieder, daß Weſtold meinte, er waͤre wohl gar nicht Pachter von Aarhorſt geworden, wenn die Vorſehung ihn nicht, gleich beim Eintritt ins Dorf, in die Kirche und auf die Kanzel geleitet haͤtte, um Storks Plan zu vernichten? „O, da hätte ich wohl, ſtatt der Vorſehung, fuͤr Dich ſorgen wollen!“ ſagte Haſtebeck— „Ich haͤtte ihn wohl zum Worthalten hingeißeln wollen, wenn ſo eine Prinzeſſin ihn zu einem Ver⸗ ſuch von Wortbruͤchigkeit haͤtte verleiten wollen!“ „Du ihn geißeln?“ fragte Weſtold mit hoher Verwunderung—„Du einen Mann von ſolchem Stand, und Rang, und Reichthum?“ A „Pah!“ antwortete Haſtebeck mit unge⸗ woͤhnlich ſtozem Tone—„was Stand! was Rang und Reichthum! Ich ſehe nur den Menſchen in ihm.— Haͤtte er ein ſchurkiſcher Fuchs ſeyn wol⸗ len: ſo waͤre ich ein grimmiger Wolf geweſen, und haͤtte ihm einen Rachen voll Zaͤhne gezeigt, vor dem er wohl haͤtte Scheu haben ſollen!“ Doch ſchnell abbrechend von dem Geſpraͤch uͤber den Grafen, begann Haſtebeck aufs neue, gegen die Eindruͤcke, welche die geſtrigen Vorfaͤlle in We⸗ ſtolds Seele zurückgelaſſen hatten, mit aller Kraft auf ſeine Weiſe zu kaͤmpfen, und uͤberhaupt einmal einen Hauptſturm gegen Weſtold s Anſichten von ſo manchen Dingen zu unternehmen; denn es aͤrger⸗ te ihn, daß ſelbſt am Erndtefeſte Weſtold zehnmal mehr an die Kirche, als an die vollen Scheuren ge⸗ dacht hatte, und er begriff wohl, daß der fromme Schwaͤrmer von ſeinen Lieblingsgrillen nie zuruͤck⸗ kommen wuͤrde, wenn er ſie ſelbſt jetzt, mitten im Eifer einer neuen, zerſtreuenden Beſchaͤftigung/ nicht fallen ließe. 246 Weſtold ließ ihn lange, ohne Widerſpruch, ſchelten und ſpotten; ließ ruhig in den Staub hinab ziehen, was ihm heilig und hoch vor dem begeiſter⸗ ten Blicke ſchwebte, bis Haſtebeck, in der Leb⸗ haftigkeit ſeines Wortfluſſes, ihm verkehrte An⸗ ſichten Schuld gab endlich ſogar ihn einen ver⸗ kehrten Kopf— einen Queerkopf nannte.— Statt Empfindlichkeit zu aͤußern, verzog ſich Weſtolds ernſtes Geſicht hierbei plöͤtzlich zu einem recht heitern Laͤcheln, denn ſie waren eben auf einen der hoͤchſten Punkte der Gegend gekommen, wo Weſtold an manchem ſchoͤnen Abend ſich hinge⸗ ſetzt oder gelegt hatte, um mit verkehrtem, oder we⸗ nigſtens queer liegendem, Kopfe die reiche Landſchaft zu uͤberſchauen, und durch dieſes Mittel die ganze Gegend, bis zur weiteſten Ferne hin, in einer zau⸗ berhaften Verſchoͤnerung zu erblicken. Nun that er ſeinem Freunde den Vorſchlag, ſich zu ſetzen, und ein Weilchen der herrlichen Aus⸗ ſicht zu genießen. Und nachdem ſie dieß einige Mi⸗ nuten gethan hatten, ließ er ſeinen Freund den Verſuch mit dem queerliegenden Kopfe machen, und 247 in kuͤnſtleriſch⸗enthuſiaſtiſche Freudenbezeugungen ausbrechen uͤber dieſe Verherrlichung der Anſicht: wie Formen und Farben nun veredelt und vergeiſtigt waren, wie ſelbſt die rauhe Naͤhe ſanfter erſchien, wie die weite Ferne, noch weiter zu fliehen ſchei⸗ nend, nun mit dem Himmel auf das zarteſte ver⸗ ſchmolz, und alles, auch das an ſich Widerſtreben⸗ de, ſich harmoniſch zum trefflichſten Gemaͤlde ver⸗ band. Ein wenig abſchweifend von ſeinem Ziele, hob Weſtold endlich an:„Laͤßt ſich hier nicht der Streit mancher Kuͤnſtler und Kunſtrichter, ob in einem Kunſtwerke die Natur blos treu nachgeahmt, oder ob ſie idealiſirt werden muͤſſe, mit einem einzi⸗ gen Fingerzeige entſcheiden? Der Landſchaftsmah⸗ ler, der mir, ſchlicht und treu, dieſe Ausſicht auf die Leinwand truͤge, wie ſie ihm erſcheint, wenn er ſich ihr gerade gegenuͤber ſetzt, koͤnnte, als ein gu⸗ ter, fingerfertiger Nachahmer, recht ehrenvoll auf ſeiner Stelle ſtehn, und mir mit ſeinem Bilde recht viele Freude bereiten; aber auf einer ungleich hoͤhe⸗ ren Stufe der wahren Kuͤnſtlerehre ſtaͤnde doch nur 248 der, welcher dieſe Landſchaft, ohne Falſches, Phan⸗ taſtiſches hinein zu tragen, in einer Verſchoͤnerung und Veredlung, wie wir ſie eben, mit queerliegendem Kopfe, bewundert haben, auf die Leinwand zauber⸗ te, und uns daher nicht blos Freude, ſondern wirk⸗ liches Entzuͤcken— einen Kunſtgenuß hoͤherer Art bereitete.— Beide Arten, die Natur aufzufaſſen und bildlich wieder zu geben, verhalten ſich gegen⸗ einander, wie Proſa und Poeſie. Der wahre, der hoͤhere Kuͤnſtler aber muß immer ein Poet ſeyn. Mag er Mahler, Bildhauer oder Dichter heißen: ihm wird in der Stunde der Weihe, was er bilden will, immer von ſelbſt in einer Art von Glorie er⸗ ſcheinen, wenn es auch urſpruͤnglich der Erde ent⸗ nommen iſt. „Ei, was predigſt Du mir denn das vor?“ ſagte Haſtebeck endlich etwas ungeduldig— „Ich meine, daß ich das ſo gut weiß, wie Du, wenn ich es auch nicht mit Worten, ſondern mit dem Pinſel darzuthun ſtrebe.“ Ohne ſich aber irre machen zu laſſen, fuhr We⸗ ſtold ungeſtoͤrt fort:„Was hier beim Genuß einer —— 249 ſchoͤnen Ausſicht wahrſcheinlich nur der verſtaͤrkte An⸗ drang der feinſten Blutkuͤgelchen im Auge, vermoͤge einer veraͤnderten Lage des Kopfs, bewirkt, das bringt die eigenthuͤmliche Anlage und Richtung mancher Koͤpfe, die man meinetwegen deshalb Queerkoͤpfe nen⸗ nen mag— auf aͤhnliche Weiſe als vorherrſchende Er⸗ ſcheinung, ohne aͤußeres Hinzuthun, hervor. Ihr in⸗ neres Auge ſieht Formen und Farben, die der gro⸗ ße Haufe mit kalter Nuͤchternheit als unbedeutend uͤberblickt, auf die anziehendſte Weiſe veredelt und vergeiſtigt. Was Tauſenden gemein erſcheint, ſtellt ſich ihnen in ſchoͤner Verklaͤrung dar, ſteigert in ihrer Vorſtellung ſich bis zum Heiligſten hinauf. Mit einem Wort: ſie ruͤcken die Erde dem Him⸗ mel, ſich ſelbſt der Gottheit naͤher, und ſind in ihrem ſchoͤnen Wahne, wenigſtens auf Augenblicke, unendlich gluͤcklicher, als der nuͤchterne Weiſe, der— ihr Weſen nicht begreifend— ſie berauſchte Thoren ſchilt.— Sag nun ſelbſt, Haſtebeck, ob es nicht das geſcheiteſte iſt, ſolche Koͤpfe ruhig ihr Weſen trei⸗ ben zu laſſen, da eine ſo entſchiedene Richtung der Natur ſich ſchwerlich umdrehen laͤßt, und da, wenn ———— dies moͤglich waͤre, die menſchliche Freiheit dadurch aufs zweckloſeſte und haͤrteſte in ihrer heiligſten Ei⸗ genthuͤmlichkeit geſtoͤrt werden wuͤrde?“ „Ich denke, das verſteht ſich von ſelbſt!”“ er⸗ wiederte Haſtebeck ganz arglos.— Aber nun ſprang Weſtold raſch an das Ziel ſeiner Rede. „So ſey auch gerecht gegen Deinen, wie Du meinſt, etwas queerkoͤpfigen, Freund, mein lieber Haſtebeck!“ ſagte Weſtold—„Ich zaͤhle mich nicht zu den poetiſchen Naturen im hoͤheren und weiteren Sinne; aber etwas Aehnliches muß doch wohl bei manchen, mir eigenthuͤmlichen, beſtimmten Richtungen meines Sinnes, die Dir und tauſend andern braven, vernuͤnftigen Menſchen fremd blei⸗ ben, zum Grunde liegen. Goͤnne mir alſo ungeſtoͤrt meine hohe Anſicht von der Wuͤrde eines Prieſters des Herrn und Lehrers des Volks! Laß mir den ſchoͤnen Glauben, daß man nicht immer beim Volke die Perle vor die Saͤue wirft, ſondern, daß ein frommes Wort, wie ein gutes Saamenkorn, Fruͤch⸗ te bringen kann, die in die Uinendlichkeit hinausrei⸗ chen! Schilt mich nicht einen Narren, daß ich mich — daruͤber freue, gerade im rechten Augenblicke von einer hoͤheren Macht auf unſre Kanzel geleitet zu ſeyn, um ein ſchwaches Maͤdchen aus den Klauen eines boͤſen Verfuͤhrers zu retten! Verlache mich um dieſer Freude willen nicht, geſetzt auch, daß, wie Du meinſt, die zufaͤllig erſchallende Stimme jedes Schelms, vielleicht eines Thieres ſogar, von der nemlichen Wirkung geweſen ſeyn koͤnnte!“ Er wollte noch mehr ſagen; aber raſch unter⸗ brach ihn H aſtebeck mit den Worten:„We⸗ ſtold! Faͤngſt Du aus lauter Froͤmmigkeit an, ein liſtiger Schelm zu werden? Laͤſſeſt mich hier mich niederſetzen, und die ſchoͤne Gegend beſchauen, um mir ein Netz uͤber zu werfen, in dem Du mich dann, als uͤberwunden, auslachen kannſt!— Nun, hier iſt meine Hand darauf: ich laſſe Dich von nun an un⸗ geſtoͤrt bei Deinem ſchoͤnen Glauben und Deinen hoch⸗ heiligen Anſichten; denn das ſehe ich wohl— Du biſt unheilbar mit Deiner traͤumeriſchen Grille!““ So endete er ſcherzend den langen Streit, und erneuerte ihn auch nie wieder; und die ſchoͤnen Tage des vergnuͤgten Beiſammenſeyns ſchwanden ihnen dahin, ohne irgend eine Stoͤrung.— Den ſcheidenden Gaͤſten wurde zur Bedingung gemacht, daß ſie im naͤchſten Jahre wieder das Erndtefeſt durch ihren Beſuch verherrlichen ſollten Sie gaben Beide willig dies Verſprechen; und in ſeiner luſtigſten Laune ſetzte Haſtebeck hinzu: „Aber wir kommen dann drei Mann hoch: mit ei⸗ nem kleinen Erbprinzen im Gefolge! Dann ſoll es noch vergnuͤgter hergehn, als diesmal!“ „So Gott will!“ ſagte Weſtold mit freund⸗ lich laͤchelndem Geſicht. „O, das wird er ſchon wollen!“ erwiederte Haſtebeck—„Und der Teufel und ſeine Groß⸗ mutter ſollen es uns nicht wehren!“— So ſprang er luſtig in den Wagen, ohne zu ah⸗ nen, in welcher veraͤnderten Stimmung er, fruͤher, als es zu erwarten war, wieder nach Aagrhorſt kommen werde, und welche ungluͤckliche Stoͤrung ſeiner haͤuslichen Glückſeligkeit ihm bevorſtehe. Ende des erſten Theils. Halle, gedruckt bei Leopold Baͤntſch. 11 12 14 15 16 8*X „ 2 4 4 — —