☛—‿ — a, Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und — beträgt: für uchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswüärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Dieſenisen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. „9 —— — Von der Verfaſſerin der Ourika. — — Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von M. Tenelli. Erſtes Baͤndchen⸗ * 2 Gotha.. Hennings'ſche Buchhandlung. ——— du Vinleitung. Jch mußte nach Baltimore zu meinem Regi⸗ mente, das zu den franzoͤſiſchen Truppen gehoͤrte, welche im amerikaniſchen Kriege kaͤmpften. Um ſchneller an den Ort meiner Beſtimmung zu ge⸗ langen, ſchiffte ich mich in Lorient auf einem zum Kriege ausgeruͤſteten Kauffahrer ein. Außer mir waren noch drei Paſſagiere auf dem Schiffe. Ei⸗ ner unter dieſen erregte auf den erſten Blick meine innigſte Theilnahme. Es war ein ſchoͤner junger Mann; ſein geiſtvolles, aber blaſſes Geſicht, das Schwermuͤthige, welches in ſeinem Auge, in ſei⸗ nem ganzen Weſen, in den wenigen Worten, welche er ſprach, vorherrſchte, erweckte mein Mit⸗ gefuͤhl und— meine Neugier. Doch ſchien der Schweigſame wenig geneigt dieſer zu genuͤgen, wenn gleich ſein duͤſter in ſich gekehrtes Weſen nichts Abſtoßendes hatte. Im Gegentheil, das Wohlidelen ſchien allein fortzuleben in einer Seele, Hin welcher der Gram jedes andere Gefuͤhl ertoͤdtet 1* GuwWdwANE hatte. Gleichguͤltig gegen die Außenwelt erwar⸗ tete der junge Mann weder Vergeltung noch Vortheil aus dem, was er Andern leiſtete; eine ſolche Fuͤgſamkeit aber, eine ſolche Selbſtverlaͤug⸗ nung als Erzeugniß des Ungluͤcks hat ungemein viel Nuͤhrendes, und floͤßt mehr Mitleid ein, als die laute Klage. Ich ſuchte mich dem Trauernden zu naͤhern, aber ohne Erfolg, wenn gleich das gemeinſame Schiffsleben an ſich, ſchon die Menſchen enger zuſammenruͤckt und eine gewiſſe Vertraulichkeit erzeugt.— „Setzte ich mich zu ihm, oder redete ich ihn an, ſo beantwortete er meine Fragen; betraf das Geſpraͤch allgemeine Verhaͤltniſſe des geſelligen Lebens, ſo gieng er wohl darauf ein und ſprach manche ſinnige Bemerkung aus. Beruͤhrte ich aber Gegenſtaͤnde des innern Lebens, ſprach ich don der Macht der Leidenſchaften, von Seelenluſt und Seelenpein, und ich that es nicht ſelten in der Abſicht, des Leidenden Herz zu erſchließen, ſo ſtand er auf, brach das Geſpraͤch kurz ab, oder es ergoß ſich uͤber alle Zuͤge ſeines Geſichts eine ſo unendliche Wehmuth, daß ich ſelbſt abbrechen mußte.., e Jeder andere Menſch haͤtte mir vollkommen mit dem genuͤgt, was ich an dem Fremden bisher zu *. ewTAN 5 N beobachten Gelegenheit fand. Er beſaß viel Eigen⸗ thuͤmlichkeit des Geiſtes, er faßte Alles auf nicht gewoͤhnliche Weiſe auf, weil niemals die Eigen⸗ liebe ſein Urtheil leitete.— Ich habe nie einen — unbefangeneren Menſchen geſehn. Das Ungluͤck ſchien ihn der Außenwelt gaͤnzlich entfremdet zu haben; er war gerecht aus Unpartheilichkeit, und unpartheliſch aus Gleichguͤltigkeit. Jedes Wort des jungen Mannes verrieth ſeine hohe Bildung, aber waͤhrend der ganzen Reiſe ſah ich nie ein Buch in ſeiner Hand.— Nichts, ſo ſchien es, fuͤllte die lange Muße des Seelebens aus. Auf einer Bank am Hinter⸗ theile des Schiffes ſitzend, ſtarrte er ſtundenlang in das Meer hinein und verfolgte mit duͤſtern Blicken die Furchen, welch⸗ das Fahrzeug in das Waſſer ſchnitt.—— Eines Tages ſagte er zu mir: Sehen ei nur, welch treues Bild des Lebens! Auch wir ziehen ja muͤhſam in dies Jammermeer des Lebens unſere Furchen, welche ſich bald hinter uns ſchlie⸗ ßen.— Wie duͤrfen Sie, erwiederte ich, in 3 Ihren Jahren die Welt in ſo duͤſtern Farben er⸗ ſchauen?— Man iſt ſehr alt, entgegnete er, . wenn man hoffnungslos lebt.— Kann denn die Hoffnung nicht wiederkehren? fragte ich. Nim⸗ mer antwortete er, nein niemals, und indem er WWM mich recht traurig anblickte, fuͤgte er hinzu: ich weiß es wohl, Sie haben Mitleid mit mir, ich erkenne es dankbar, aber ich kann Ihnen dennoch nicht mein Herz erſchließen; o wuͤnſchen Sie es auch nicht, mir iſt nicht zu helfen, ach! ſelbſt ein Freund iſt mir unnuͤtz. Darauf wendete er ſich ab und gieng fort. Wenige Tage darauf, ſuchte ich den Faden dieſes Geſpraͤchs wieder anzuknuͤpfen. Ich er⸗ zaͤhlte ihm etwas aus meinem Jugendleben, und wie eines Freundes Rath mich einſt vor großer Verirrung bewahrte. Ich moͤchte wohl, fuͤgte ich hinzu, Ihnen heute das ſeyn, was jener Freund damals mir war. Der junge Mann faßte treu⸗ herzig meine Hand. Sie ſind ſehr' gut, ſagte er, ja unendlich gut, aber Sie wiſſen nicht, was Sie fordern. Sie wollen mir eine Wohlthat er⸗ zeigen, aber Sie wuͤrden mir nur wehe thun. Große Schmerzen beduͤrfen nicht der Mittheilung.— Die Seele, die ſolches Leid zu ertragen vermag, genuͤgt ſich ſelbſt. Nur der Dulder, der noch hofft, findet Troſt in fremder Theilnahme. Wozu unheilbare Wunden beruͤhren! Fuͤr mich giebt es kein Leben mehr— ich bin geſtorben, ich bin todt.— Er ſtand auf, und gieng. Nachdem er einige Zeit unruhig auf und ab gegangen, ſetzte er ſich am andern Ende des Schiffes nieder. ve 7 8 Ich verließ meinen Platz, um ihm denſelben ein⸗ zuraͤumen, denn es war ſeine Lieblingsſtelle, auf welcher er nicht ſelten die Naͤchte zubrachte. Wir befanden uns damals oͤſtlich von den Azoren, unter einem wunderherrlichen Himmels⸗ ſtriche, wo die Paſſatwinde wehen. Unbeſchreib⸗ lich ſchoͤn ſind die Naͤchte in jenen tropiſchen Ge⸗ genden; der glaͤnzende Sternenhimmel ſpiegelt ſich ſo hell und klar in dem ruhigen Ocean ab, daß man, wie Miltons Erzengel, in dem Mittelpunkt des Weltalls zu ſtehen waͤhnt, und mit Einem Blicke die ganze Schoͤpfung uͤberſchaut. Mein junger Reiſegefaͤhrte betrachtete eines Abends dies praͤchtige Schauſpiel. Der Unend⸗ liche, begann er, iſt uͤberall, dort ſieht man ihn, hier fuͤhlt man ihn, dabei deutete er auf das Firmament und auf das Herz. Und doch wie dunkel, fuhr er fort, wie geheimnißvoll! wer vermag ihn zu faſſen? Nur der Tod giebt uns den Schluͤſſel dieſes Raͤthſels, er wird uns einſt Alles erſchließen— oder auch Alles vergeſſen laſ⸗ ſen.— Alles vergeſſen laſſen— wiederholte er lang⸗ ſam und ſeine Stimme zitterte.— So freveln⸗ den Gedanken koͤnnen Sie unmoͤglich Raum ge⸗ ben, ſagte ich. Nein, rief er aus, nein, wer koͤnnte bei dem Anblick dieſes Himmels an Got⸗ tes Daſeyn zweifeln.— Er iſt und lebt! Auf 8 MMGMT alle Weſen hat er das Fuͤlthorn ſeiner Gnade aus⸗ gegoſſen, ſeine Guͤte iſt unendlich, aber auch Menſchenſatzungen ſind allgewaltig und dieſe ſind die Quelle unſaͤglicher Leiden.— Die Alten ver⸗ ſetzten das Fatum in den Himmel, auf der Erde wohnt es.— Die geſellſchaftliche Ordnung, des Menſchen Schoͤpfung, iſt das unerbittliche, un⸗ beugſame Schickſal.— Bei dieſen Worten gieng er ſort.— Auf ſolche Weiſe draͤngte mich der Fremde jedes Mal, wenn ich ihm naͤher zu kommen ſuchte, ſanft zuruͤck; ſein, dem Troſte unzugaͤngliches, edles und wohlwollendes Herz war des Gluͤckes unfaͤhig, wohl aber vermochte es zu begluͤcken.. n⸗ Unſere Fahrt war gluͤcklich beendet, wir ſtie⸗ gen in Baltimore ans Land. Der junge Reiſende Heerſuchte mich, ihn als Freiwilligen in meinem Re⸗ gimente anzuſtellen. Unter dem Namen Cduard ward er in die Regimentsliſte eingetragen, den⸗ ſelben fuͤhrte er in dem Schiffsregiſter. Der Feld⸗ zug begann und ich hatte bald Gelegenheit zu be⸗ merken, daß Eduard ſein Leben muthwillig wagte, wie ein Menſch der ſterben will. Ich zitterte fuͤr ihn, denn ich geſtehe, daß ich mich immer inniger zu ihm hingezogen fuͤhlte, und dies Opfer des Ungluͤcks mit herzlicher Liebe umfaßte. Ich ſagte ihm zuweilen: Ihr Leben kenne ich nicht, b * 1 wohl aber Ihr Herz; Sie wollen mir Ihr Innres nicht erſchließen, auch bedarf ich Ihres Zutrauens nicht, um Sie zu lieben; nur ausge⸗ zeichnete Seelen kennen den tiefen Schmerz; der gewoͤhnliche Menſch fuͤhlt oberflaͤchlich und ge⸗ woͤhnlich. Ein anderes Mal ſagte ich ihm: iſt es denn ſo ganz unmoͤglich, Ihnen wohlzuthun? Thraͤnen traten in ſein Auge. Laſſen Sie mich, ich kann, ich mag mich nicht wieder mit dem Leben aus⸗ ſoͤhnen. Am folgenden Tage griffen wir ein am Stul⸗ kill belegenes Fort an. Eduard an der Spitze einer kleinen Schaar nahm die Schanze mit dem Degen in der Fauſt; ich ließ ihn nicht aus den Augen, eine geheime Ahnung ſagte mir, daß er ſich dieſen Tag anberaumt haͤtte, um den Tod zu ſuchen und zu finden. In der That ſahe ich ihn einſtuͤrmen auf die Reihe der feindlichen Sol⸗ daten, welche die innern Werke des Forts muthig vertheidigten. Beſchaͤftigt mit dem Gedanken, den Freund zu ſchuͤtzen, dachte ich wenig an mich ſelbſt und erhielt einen Schuß, der ihm zugedacht ſchien. Ich ſank; Eduard hob mich von der Erde auf, trug mich auf ſeinen Armen aus dem Getuͤmmel, verband meine Wunden und meinen Kopf ſtuͤtzend er⸗ wartete er ungeduldig die Ankunft des Regiments⸗ 1 X* v Arztes. Nie hab ich auf einem Geſichte die verſchie⸗ denartigſten Gefuͤhle ſo lebendig ausgedruͤckt geſehn, als auf dem ſeinigen. Der Schmerz, die Be⸗ ſorgniß, die Dankbarkeit, ſpiegelten ſich in ſeinen Zuͤgen ſo treu und kraͤftig ab, daß dieſes aus⸗ drucksvolle Geſicht haͤtte koͤnnen einem Maler zum Studium dienen. Als der Wundarzt den Ausſpruch that, daß meine Wunde nicht toͤdtlich ſey, ſchoß ein Thraͤ⸗ nenſtrom aus Eduard's Augen, er druͤckte mich an ſein Herz. Ich waͤre eines zweifachen Todes ge⸗ ſtorben, ſagte er. Von dieſem Tage an, verließ Eduard mich nicht mehr; ich blieb lange krank; er pflegte mich mit unermuͤdetem Eifer, und errieth den kleinſten meiner Wuͤnſche. Immer ernſt, ſuchte er den⸗ nooch mich zu zerſtreuen; er fuͤhrte nicht ſelten den Scherz herbei, theilte aber nie die Froͤhlich⸗ keit, die ſein Witz erzeugt hatte. Oft las er mir vor, er fuͤhlte mit Sicherheit das heraus, was meine Leiden lindern konnte; es lag ſo viel Klares, Ruhiges, Zartes in ſeinen Aufmerkſamkei⸗ ten, daß ich die Sorgfalt, die er mir bewies, nur mit dem ſtillen, ſanften Zauberwalten der Frauen vergleichen kann. Eduard beſaß dieſe, dem Weibe eigenthuͤmliche, gaͤnzliche Hingebung, welche das eigene Ich in den Gegenſtand unſrer Liebe uͤber⸗ wwMa 1 1 traͤgt. Deſſen ohngeachtet, blieb mein dankbarer Freund in ſich gekehrt und verſchloſſen, doch nahm meine Neugier taͤglich ab und ich fuͤrchtete weit mehr ihn zu betruͤben, als ich wuͤnſchte, ſein Geheimniß zu erforſchen; lag doch ſeine Seele offen vor mir da. Nie gab es ein edleres Herz, ein erhabeneres Gemuͤth, einen liebenswuͤrdigeren Charakter; die Feinheit ſeiner Sitten, die gebildete Sprache deuteten genugſam an, daß er in hoͤhern Zirkeln gelebt hatte. Der gute Geſchmack bildet unter denen, die ihn beſitzen, ein geheimes gemein⸗ ſames Band; ich konnte nicht begreifen, wie ich dem Freunde nicht fruͤher begegnet war, ſo ſehr war ich uͤberzeugt, daß er zu den Kreiſen gehoͤrte, in welchen ich gelebt hatte. Ich ſprach dieſe Bemerkung eines Tages aus, und dieſe einfache Aeußerung fuͤhrte die laͤngſt erſehnte Mittheilung herbei. Ich kann Ihnen nichts mehr abſchlagen, ſagte er; aber verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen von meinen Leiden ſpreche, ich werde an Sie ſchreiben, Sie ſollen den Ungluͤcklichen, deſſen Le⸗ ben Sie auf Koſten des Ihrigen erhalten haben, kennen lernen. Bald bereuete ich, dieſen Beweis der Dank⸗ barkeit meines armen Freundes angenommen zu haben, denn er verfiel nach wenigen Tagen wieder in die tiefſte Schwermuth. Ich bat ihn, ſeine 1 2 GowxT NAN Arbeit zu unterbrechen. Nicht doch, ſagte er; es iſt Pflicht, und ich will ſie erfuͤllen. Einige Tage ſpaͤter trat er in mein Zimmer, mit einem fein geſchriebenen Hefte in der Hand. Nehmen Sie dieß, ſprach er: ich habe mein Verſprechen erfuͤllt, und Sie werden ſich nicht mehr beklagen, daß es keine Vergangenheit fuͤr unſere Freundſchaft gab. Leſen Sie dieſe Papiere, aber ſprechen Sie mir nie von deren Inhalt, ſuchen Sie mich auch heute nicht auf, ich muß auein ſeyn; der Menſch, fuͤgte er hinzu, haͤlt ſeine Erinnerung fuͤr unausloͤſch⸗ lich, und dennoch erwachen viele neue bittre Schmerzen in ſeiner Bruſt, wenn er die Bilder der Vergangenheit an ſich voruͤberziehen laͤßt. Bei dieſen Worten verließ Eduard das Zimmer, und ich las die folgenden Blaͤtter. Ich bin der Sohn eines berühmten Parlements⸗ Advocaten aus Paris; meine Familie ſtammt aus Lyon, und mehrere Generationen hindurch haben meine Vorfahren ehrenvoll die höheren Aemter ver⸗ waltet, zu welchen der Bürgerſtand gelangen kann. Mein Großvater fiel als ein Opfer ſeines Pflicht⸗ eifers, im Jahr 1748, da Lyon durch eine Epidemie verheert wurde; in ſeiner dankbaren Vaterſtadt wurde ſein geprieſener Name gleichbedeutend mit den Wor⸗ ten: Muth und Ehre. Mein Vater wurde ſchon frühzeitig dem Studium der Rechtswiſſenſchaft be⸗ ſtimmt; er zeichnete ſich bald aus, ward Advocat, und ſtand in ſo großem Anſehen, daß es üblich wurde, keine wichtige Sache ohne Zuziehung ſeiner Meinung zu entſcheiden. Er war ſchon bejahrt, als er eine Frau heirathete, die er längſt geliebt hatte; ich ward der Eltern ein⸗ ziges Kind. Mein Vater wollte mich ſelbſt erziehen; als ich 10 Jahr alt war, verließ er demnach Paris, zog mit meiner Mutter nach Lyon, und widmete ſeine Zeit und ſeinen Fleiß meiner Bildung. In einigen Stücken genügte ich meinem ſorgſamen Vater, in andern nicht. Ich lernte mit Leichtigkeit, aber ich machte keinen Gebrauch von dem Erlernten. Still, 14. aods ſchweigſam, verſchloſſen, häufte ich in meinem Kopfe Kenntniſſe an, die mir nutzlos waren, und lebte nur in meinen Träumen. Ich liebte die Einſamkeit, ſah gedankenvoll in das Abendroth hinein; Tagelang hätte ich ſitzen können auf dem kleinen Sandhügel, der die Halbinſel begränzt, auf welcher Lyon gebaut iſt, ver⸗ ſunken im Anſchauen der beiden Flüſſe, die hier ihre Gewäſſer vermiſchen. Mein Denken, mein Leben, floß mit den Wellen dahin. Ließen mich die Eltern von dem Lieblingsplatze abrufen, ſo ging ich zu Hauſe, und ſetzte mich wieder willig an die Arbeit. Es ſchien, als ob ich zwei Leben lebte, ſo verſchieden waren meine Gedanken von meinen Beſchäftigungen. Ließ ſich mein Vater mit mir ins Geſpräch ein, ſo antwortete ihm nur mein Gedächtniß. Meine Mutter bemühete ſich nicht ſelten, meine Seele durch Liebe zu erwär⸗ men; ich umarmte die Gütige, aber ich fühlte, daß dieſe Zärtlichkeit nicht mein Herz ausfüllte. Mein Vater beſaß in der Auvergne zwiſchen Bosn und Saint⸗Etienne, Eiſenhämmer und ein Landhaus. Dort pflegten wir zwei Monate des Jahres zuzubringen, uund immer ſchien mir die lang erſehnte köſtliche Ferien⸗Zeit zu ſchnell dahin geſchwunden. Die Lage des Orts war reizend; der Fluß, wel⸗ cher das Hammerwerk trieb, ſtürzte rauſchend von hohen Felſen herab, bildete unterhalb der Hütte ein großes Waſſerbecken, dann aber verlor er ſich zwi⸗ ſchen zwei hohen, mit Fichtenſtämmen bewachſenen Bergen. Unſer Wohnhaus war klein; es lag ober⸗ halb des Hüttenwerks, an der andern Seite des Wegs, und war ohngefähr auf der Drittelhöhe des Berges erbaut. Rings umher war dieſe ſtille Woh⸗ — —, 15 nung mit einem alten Fichtenwalde umgeben; nur ein kleines Blumen⸗Gärtchen, von welchem man die Ausſicht auf die Hüttenwerke, auf die Berge und auf den Waldſtrom hatte, ſtieß daran. Das Dorf lag eine Viertel⸗Meile weit entfernt, am Ufer des Stromes, und alle Morgen zogen die Hüttenarbeiter an unſerm Gärtchen vorüber, wenn ſie zum Hammer gingen. Dielſchwarzen rußigen Geſichter, die kümmer⸗ liche Kleidung dieſer Leute, contraſtirten wunderlich mit ihrer Luſtigkeit, ihren muntern Liedern, ihren frohen Tänzen und ihren buntbebaͤnderten Hüten. Dieſer Eiſenhammer war hier auf dem Lande das für mich, was zu Lyon mir der kleine Sand⸗ hügel und die majeſtätiſche Rhone waren. Ja, die Bilder des lebendigen Treibens, wie die der Ruhe, verſetzten mich in eine ſehnſüchtige Traumwelt. An recht dunklen Abenden konnte ich mich nicht losreißen von dem wunderſamen herrlichen Anblick, deſſen ich im Garten genoß. Dann erſchien der Eiſenhammer in ſeiner ganzen Pracht, die rieſigen Feuerſäulen, die aus dem hohen Ofen empor ſchoſſen, erleuchteten die⸗ ſen einzigen Punkt des Bildes mit dunkelrothem Lichte, auf welchem alle übrigen Gegenſtände ſich wie ſchwarze Schatten abzeichneten; die ab und zugehenden Arbei⸗ ter mit ihren ſpitzigen Gabeln ſchienen mir die Teufel dieſer Hölle. Feuerſtröme floſſen außerhalb, dunkle Rie⸗ ſenſchatten thei ten die furchtbaren Wellen, und trugen, ſo ſchien es, auf ihren Zauberſtäben grauſige Feuer⸗ klumpen mit ſich fort, die unter ihren Händen ſich in andere Formen geſtalteten. Die Mannichfaltigkeit und der Wechſel dieſer Gruppen, dieſes furchtbare Lichtmeer, auf einen Punkt 16 rT der Landſchaft ausgegoſſen; der Mond, der hinter den Wäldern aus zerriſſenem Wolkenſchleier hervorglänzte, und die Kronen der ſchlanken Fichtenſtämme verſil⸗ berte; dies alles entzückte mich ungemein. Wie durch einen Zauber war ich an dieſe Stelle gefeſſelt, und wenn man mich davon abrief, erwachte ich gleichſam aus einem Traum. Ungeachtet dieſes Hanges zur Schwärmerei, wa⸗ ren mir die Spiele der Kindheit nicht fremd, doch nur das Gefährliche konnte mich ergötzen. Ich erklimmte die ſteilſten Felſen, ich erkletterte die hoͤchſten Bäume; mir war es immer, als müßte ich ein fremdes, mir ganz unbekanntes Ziel erreichen. Ich geſellte wohl auch andere Kinder zu meinen Spie⸗ len, aber ſie mußten mir als Untergebene gehorchen, und ich ſetzte meinen Ruhm darein, ſie an Kühnheit zu übertreffen. Oft verbot ich ihnen auch zu folgen, denn das Gefühl der Gefahr verlor ſeinen Reiz für mich, wenn ich ſie mit Andern theilte. Ich hatte mein vierzehntes Jahr erreicht, und nicht geringe Kenntniſſe erlangt; doch ſie blieben mir nutzlos wie früher. Mein Vater verzweifelte bereits, in mir den Geiſtesfunken anzufachen, ohne welchen jede Erkenntniß wie ein todter Schatz da liegt, als ein, dem Anſcheine nach, geringfügiger Umſtand die bisher ſtumme Saite meines Herzens erzittern, und in mir ein neues Leben aufgehen ließ. Ich ſprach vorhin von meinen Spielen. Es gewaͤhrte mir eine beſondere Luſt den Fluß zu überſchreiten, 1 p a — indem ich von einem, über die ſchäumenden Wellen Andor ragenden Steine zum andern ſnrang. Oft, nicht zufrieden auf dieſe Weiſe von einem Ufer zum andern zu gelangen, trieb mich die Luſt an dem gefahrvollen Spiele ſtromauf⸗ oder ſtromab⸗ wärts. Die Gefahr war groß, denn in der Naͤhe des Eiſenhammers ſtürzte der gefaßte Waldbach ſich heftig brauſend auf die ſchweren Hämmer und auf die Räder des Mühlwerks. Eines Tages ſprach ein Knabe, der nur einige Jahre jünger war als ich, und meinem Spiele zuge⸗ ſehen hatte: dein Kunſtſtück iſt ſo ſchwer nicht. Ver⸗ ſuche es, entgegnete ich. Der Knabe ſpringt, gleitet aus und verſchwindet in den Wellen. Ich hatte keine Zeit mich zu beſinnen; ich ſtürze ihm nach, klam⸗ mere mich feſt an ein Felsſtück und erfaſſe glücklich den Knaben den der Strom mir zuführt. Wir wa⸗ ren beide nahe bei den Mühlrädern, und meine Kräfte ſchwanden, als man uns zu Hülfe eilte. Als wir in Sicherheit waren, brach ich in Thränen aus. Mein Vater und meine Mutter liefen herbei, und küßten den Geretteten. Freudig wallte mein Herz auf, als ich an dem ihrigen lag; den folgenden Tag, als ich meine Bücher zur Hand nahm, war mir es, als ob ich ganz neue Sachen läſe; ich verſtand, was ich bisher nur gelernt hatte; das Große begeiſterte, das Gute rührte mich. Der herrliche Geiſt, der aus jedem Worte meines Vaters hervorleuchtete, fiel mir auf, als ob ich ihn zum Erſtenmal reden hörte; eine neue Welt hatte ſich mir erſchloſſen, der Schleier, der meine Seele umnebelt hatte, war zerriſſen. hältniſſe aus, und er wußte ihn zu zügeln. )FJetzt ſchlug mein Herz freudig, wenn die Mutter mich umarmte, jetzt erſt verſtand ich ihren ſanften Liebes⸗ blick. Alſo ſchießt ein junges Baͤumchen, das lange kränkelte, fröhlich empor; es treibt himmelan die kräftigen Aeſte, und der Gärtner ſtaunt über die Schönheit ſeiner Blätterkrone; die Wurzel des Bau⸗ mes traf endlich den Boden, der ſeiner Natur ange⸗ meſſen; ſo hatte auch ich den Boden gefunden, auf welchem ich gedeihen konnte, ich hatte mein Leben für ein anderes geopfert. Von dieſem Augenblicke an hörte ich auf, Kind zu ſeyn. Mein Vater, durch den glücklichen Erfolg ſei⸗ ner Anſtrengungen nur ermuthigt, eröffnete mir neue Felder der Erkenntniß, er lehrte mich das Gefühl auf Thatſachen anwenden, und bildete alſo mein Herz und meine Urtheilskraft. Die Bildung, ſagte er oft, beſteht nur in zwei Dingen: wiſſen und fühlen. Die Geſetze waren mein Hauptſtudium, aber durch die Art, wie mein Vater mir dieſe Lehre vortrug, umfaßte ſie gar viele andre. Die Geſetze wurden für die Menſchen gemacht, und ind zeit⸗ und ſitten⸗ gemäß; das Bedürfniß erzeugte ſie. Als Gefaͤhrtinnen der Geſchichte löſen die Geſetze alle Schwierigkeiten, erleuchten ſte jedes Dunkel, ſie ſind klar für den flei⸗ ßigen Forſcher, und enthalten keinen W derſpruich für den, der ſie verſteht. Mein Vater war nicht nur ein geiſt⸗ und kennt⸗ nißreicher Mann, er beſaß auch ungemein viel Lie⸗ benswürdigkeit; ſein Verſtand reichte in jedem Ver⸗ Hand⸗ habte er auch nicht den ſeichten Wortwitz, ſo beſaß er doch in hohem Grade den, welcher der Vernunft ent⸗ ſprudelt. Der Gegenſatz des Richtigen zum Falſchen iſt faſt immer komiſch, und mein Vater lehrte mich das lächerlich zu finden, was unhaltbar iſt.— Ein ſicheres Mittel, mich vor unrichtigen Begriffen zu ſchützen und dieſe Gefahr von mir abzuwenden.— Ach, wohl iſt's gefährlich, wohl iſt's unheilbringend, wenn man die Leidenſchaft bei Schätzung der Güter dieſes Lebens walten läßt, ſelbſt dann noch, wenn reine Grundſätze und geſunde Vernunft uns leiten. Wer kann das Boͤſe haſſen, ohne das Gute ſchwärme⸗ riſch zu lieben!— Sind aber die ſtarken Gefühle wohl geeignet für des Menſchen ſchwaches Herz?— Ach, dieſer augen⸗ blickliche Ueberreiz, dieſes allzulebendige Leben führt Schmerz und Tod herbei.— Leer und öde wie eine Ruine zerfällt das arme Herz in Staub. — Dieſe Betrachtung machte ich freilich damals nicht.— Die Welt erſchien meinen Augen ein gren⸗ zenloſer Ocean. Ruhm, Bewunderung, Glück, wollte ich erringen; doch bewegten ſich dieſe ſchönen Träume nicht außer⸗ halb der Schranken des mir angewieſenen Wirkungs⸗ kreiſes. Wohl war mir ein edler Beruf geworden. Ich ſollte der Schutz der Bedrängten, der Rächer der Unſchuld, die Geißel des Verbrechens werden. In meinen Träumereien, die jetzt minder unbe⸗ ſtimmt wurden, erſann ich mir allerlei Fälle, in wel⸗ chen ich glänzend und ſiegend auftrat— ich erdichte Unglück und Unbill, um als Vermittler und Retter dazwiſchen treten zu können. Die Veränderung in meinem Charakter hatte in⸗ deſſen keine Veränderung in meiner Lebensweiſe zur Folge gehabt. Wie in den Tagen meiner Kindheit ſuchte ich die Einſamkeit auf; ich weiß nicht, warum ſes mir läſtig war, mit Leuten zu verkehren, die al⸗ lerdings ſehr achtbar waren, aber von welchen nicht Einer dem Ideale entſprach, welches ich mir geſchaf⸗ ſen, und welches nur mein Vater erreichte. In dem ſtillen häuslichen Kreiſe unſers Hauſes war ich glück⸗ lich; ſo lange ich mit meinem Vater und mit meiner Mutter allein war, befand ich mich wohl, aber ſo⸗ bald ein Fremder dazwiſchen trat, ſchlich ich davon, ſchloß mich in meinem Zimmer ein, und lebte dort in der Welt, deren Schöpfer ich war. Meine Mutter war eine geiſtreiche, ſanfte und verſtändige Frau; ſie hing feſt an den einmal her⸗ kömmlich angenommenen Ideen, ſie gefiel ſich viel⸗ leicht etwas zu ſehr in ungewöͤhnliche Meinungen, ver⸗ theidigte ſie aber durch neue und treffende Gründe. Das lange Zuſammenleben mit meinem Vater und die Gewohnheit ihn zu lieben, hatte ihre Exiſtenz gleich⸗ ſam zum Wiederſcheine der Seinigen gemacht, aber weil beide nicht ſelten gleicher Meinung bei verſchie⸗ dener Anſicht waren, ſo brachte dieſer wunderſam un⸗ harmoniſche Einklang Leben und Geiſt in ihre Un⸗ terhaltung. Nur über einen einzigen Punkt ſah ich ſie uneinig, und ſehe leider jetzt ſehr deutlich ein, daß meine Mutter recht hatte. Mein Vater verdankte ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Ruhm als Sachwalter vorzüglich ſeiner tiefen Menſchenkenntniß. Er pflegte zu ſagen, daß oft ein Blick, den er in das Herz der Partheien ge⸗ worfen, ihn richtiger, als die Aktenſtücke bei Feſt⸗ ſtellung ſeiner Meinung in Streitſachen geleitet hätten. Dieſen durchdringenden Scharfblick wollte er gleich⸗ ſam auf mich vererben, und die ſtille Zurückgezogen⸗ heit, in welcher wir lebten, war eine abſichtlich zu dieſem Zweck gewählte. Es ſollte nach meines Va⸗ ters Meinung, plötzlich der Vorhang aufrauſchen und ich mit einem Male die Bühne der großen Welt vor mir offen liegen ſehn.— Es muß dieſes Schau⸗ ſpiel viel mehr Eindruck auf den Menſchen machen, der es alſo mit einem Male ſieht, als auf denjeni⸗ gen, der ſich allmaͤhlich an denſelben gewöhnt hat, der nur nach und nach die Laſter und die Lächerlichkeiten der Welt kennen lernt; folglich ſchon abgeſtumpft für dieſe Eindrücke iſt.— Mein Vater wollte mich erſt dann in die Welt einführen, wenn er die Ueberzeu⸗ gung hegen durfte, daß mein Sinn für das Gute entſchieden, mein Beobachtungsgeiſt reif, meine Grund⸗ ſätze feſt wären. Er hatte in ſeiner Jugend das Glück gehabt, Ehre und Vermögen des Marſchalls d'Olonne in ei⸗ nem berühmten Rechtsſtreite zu retten. Die Verhält⸗ niſſe und Annäherungen, welche dieſes Geſchäft her⸗ beigeführt hatte, gründeten unter den beiden Män⸗ nern eine Freundſchaft, welche ſich ſeit dreißig Jah⸗ ren bewährt hatte. Ungeachtet der Verſchiedenheit ihrer Schickſale und Lebensverhältniſſe, war ihre innige Freundſchaft immer unverändert geblieben. 22 rrdr rrr Gleichgeſtimmtheit der Seelen iſt das einzige wahre Gut des Lebens. Ein regelmäßiger Briefwechſel nährte dieſe Freundſchaft; keine Woche verging, in welcher mein Vater nicht Briefe vom Marſchall d'Olonne erhielt. Es herrſchte das innigſte Ver⸗ trauen unter ihnen. In das Haus dieſes Mannes wollte mein Vater mich einführen, ſobald ich das zwanzigſte Jahr erreicht haben würde; dort ſollte ich die große Welt kennen lernen, und die Geiſtesfähig⸗ keiten erlangen, in deren Beſitz er mich gerne ge⸗ ſehen hätte. Meine gute Mutter war andrer Mei⸗ nung, und widerſetzte ſich dieſem Vorhaben. Wir wollen uns nicht über unſern Stand erheben, hörte ich ſte nicht ſelten zu meinem Vater ſagen. Warum willſt du Eduard in eine Welt führen, die nicht die Seinige iſt, und die ihm unſer ruhiges Stillleben verleiden könnte. Der Sachwalter, entgegnete mein Vater, muß überall zu Hauſe ſeyn, kein Rang, kein Stand, keine Menſchenklaſſe darf ihm fremd bleiben; er muß im Voraus vertraut ſeyn mit der glatten Abgeſchliffenheit der höchſten Stände, um nicht durch ſie getäuſcht zu werden. In der vornehmen Welt erlerne er Gewandheit des Ausdrucks, Reinheit der Sprache, Feinheit des Scherzes, hier die zarte Schick⸗ lichkeit, und jene Geſchmacks⸗Lehre, die zwar keine beſtimmte Regeln giebt, gegen welche man aber doch nicht ungeſtraft verſtoßen darf. Alles, was du da ſagſt, iſt wahr, erwiederte die Mutter, doch ich ge⸗ ſtehe, mir wäre es lieber, daß Eduard allen die⸗ ſen Sachen fremd bliebe, und glücklich würde, doch nur in dem Umgang mit ſeines Gleichen vermag er dies zu werden. Among unequals no Society Can sort! Das Cieat iſt richtig, antwortete mein Vater; aber der Dichter deutet hier nur auf moraliſche SGleich⸗ heit, und in dieſem Punkte bin ich mit ihm einver⸗ ſtanden, und habe das Recht es zu ſeyn. Freilich wohl, ſagte meine Mutter, aber Marſchall d'Olonne gehört zu den ſeltenen Ausnahmen. Laß uns die her⸗ gebrachten geſellſchaftlichen Convenienzen ehren, laß uns bewundern die Hierarchie der Staͤnde; ſie iſt acht⸗ bar. Weiſet ſie uns nicht auch unſern Platz an? dieſen wollen wir behaupten; es iſt immer unbehaglich, den angewieſenen zu verlaſſen. Solche Geſpräche fielen oft vor, und ich geſtehe, daß der Wunſch, eine neue Welt zu ſehen, und eine gewiſſe geheime Ahnung, mich zur Parthei des Vaters geſellten: Ich wünſchte ſehr ſehnlich zwanzig Jahr alt zu ſeyn, um Paris und das Haus des Marſchalls d'Olonne kennen zu lernen. Ich übergehe die beiden Jahre, die bis zu dieſem Zeitraum noch verfließen ſollten. Ernſte Studien beſchäftigten meine Zeit. Die Rechtslehre, Mathe⸗ matik, alte und neue Sprachen, füllten alle Stun⸗ den meiner Tage aus; aber ungeachtet dieſer trocknen Arbeiten, die wohl hätten können meinem Geiſte eine andere Richtung geben, blieb ich dennoch ſo, wie die Natur mich geſchaffen hatte, und ſo wie ich wahrſchein⸗ lich ſterben werde. Mit meinem zwanzigſten Jahre ttand ich in der Er⸗ wartung des größten Glückes; die Vorſehung aber ſandte 24 re mir den bitterſten Schmerz. Ich verlor meine Mut⸗ ter. Wir waren im Begriff, nach Paris abzurei⸗ ſen, als ſie in eine Krankheit verfiel; dieſer folgte ein ſechsmonatlicher Zuſtand der Schwäche. Sanft entſchlummerte ſt ſie in den Armen meines Vaters; ſie ſegneté, ſie tröſtete mich. Gott hat ſich ihrer und meiner erbarmt; er erſparte ihr den Schmerz, mich unglücklich zu ſehen, und mir die Qual, ihr Herz zu zerreißen; ſie ſahe mich nicht in jene Schlinge fal⸗ len, welche ſie, die Verſtändige, längſt erkannt hatte, und gegen welche ſie vergebens mich zu ſchützen, be⸗ müht geweſen war. Ach! darf ich es ausſprechen, daß ich mich nach dem Frieden zurück ſehne, den ich verloren habe? Würde das ruhige Daſeyn, welches die Verklärte mir anwünſchte, für mich erträumte, beglücken? Nein, gewiß nicht, glücklich kann ich nicht mehr werden; aber der Schmerz, der in meinen Herzen wohnt, iſt mir lieber als alle jene gemeinen Freuden der Welt, ja, dieſer theure Schmerz wird der Stoſz meiner letzten Lebenstage ſeyn; wie er die Luſt und das Glück meiner Jugend war. In meinem dreiund⸗ zwanzigſten Jahre beſitze ich auf der Welt nichts mehr, als Erinnerungen. Immerhin, mein Leben iſt abgeſchloſſen, und ich mache keine Anforderung an die Zukunft. In den erſten Augenblicken ſeines Schmerzes ent⸗ ſagte mein Vater der Reiſe nach Paris. Wir zogen nach Forez, unſerm Landhauſe, wo wir uns zu zer⸗ ſtreuen gedachten, wo wir aber überall das Bild der Beweinten wieder fanden. O. wie bitter iſt der 3 Tren⸗ ¹ ——— — Trennungsſchmerz des Todes: Jeden Augenblick fühlten wir den unwiederbringlichen Verluſt, den wir erlitten hatten, wir fühlten ihn ſelbſt dann, wenn wir ihn zu vergeſſen wähnten. Jetzt immer allein meinem Vater gegenüber, bherrſchte in unſern Unterhaltungen eine gewiſſe Trockenbeit und Kälte. Die Mutter war die Vermittlerinn zwiſchen ihm, dem ſpſtematiſchen Denker, und mir, dem ſchwärmenden Träumer ge⸗ weſen; wir hatten bis dahin uns freundlich ohne har⸗ ten Abſtoß berührt, ſie hatte gleichſam einen ſanften Uebergang zwiſchen zwei grellen Farben gebildet. Jetzo, da ſie nicht mehr da war, fühlten wir zum erſten Male mein Vater, und ich, daß wir zwei waren, und daß wir in unſern Ideen nicht immer übereinſtimmten. Im Monat November reiſten wir nach Paris. Mein Vater trat in das Haus eines Bruders meiner Mutter, des Herrn d'Herbelot ab, der General⸗Päch⸗ ter und ſehr reich war. Er beſaß ein ſchönes Haus an der Chauſſee d'Antin, in welchem er uns überaus gaſt⸗ freundlich aufnahm. Er gab uns große Diners, führte mich ins Schauſpiel, auf Bälle, und zeigte mir alle Merkwürdigkeiten von Paris.„Aber ich war nur bo⸗ gierig den Marſchall d'Olonne kennen zu lernen, und der war in Fontainebleau, von wo er erſt in vier⸗ zehn Tagen zurück kommen ſollte. Die Zeit vergieng unter fortwährenden Feſtlichkeiten. Mein Oheim er⸗ ließ mir keine Art von Erluſtigungen; da gabs Gaſte⸗ reien aller Art, Schauſpiel und Concert; unter den verſchiedenſten Geſtalten wurde die Freude mir vor⸗ G. geführt. Ich war ſchon der Hauptſtadt ſatt und müde, als mein Vater ein Billet vom Marſchall 2 26 GWrwrur AT d'Olonne erhielt, der ihm ſeine Rückkehr anzeigte, und ihn zum Mittagseſſen einlud. Bringe unſern Eduard mit, ſchrieb er, und dieſer Ausdruck rührte mich tief. Ich muß weitläufiger von dieſem erſten Beſuche im Hotel d'Olonne ſprechen, weil er einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck auf mich machte. Ich war der Pracht gewohnt vom Hauſe meines Onkels her, aber der ganze Luxus im Hauſe des ſehr reichen General⸗Päch⸗ ters war ſehr verſchieden von der edlen Einfachheit, welche im Hotel des Marſchalls herrſchte. Hier ſchmückte die Vergangenheit die Gegenwart: Fami⸗ lienbilder, welche hiſtoriſche, dem Vaterland theuere Namen trugen, prangten faſt in allen Zimmern, alte ſtatlich geputzte Kammerdiener meldeten die Fremden. Ein gewiſſes Ehrfurchts⸗Gefühl erfaßte mich, als ich das große Haus durchlief, in welchem ſchon meh⸗ rere Geſchlechter gelebt hatten, Männer, die dem Gluck und der Gewalt mindeſtens eben ſo viel Ehre gemacht hatten, als jene ihnen erwies. Ich erinnere mich ſehr deutlich, bis auf den kleinſten Umſtand, dieſes erſten Beſuchs, ſpäterhin verwiſchte ſich das Alles in eine einzige Erinnerung; aber da⸗ mals beobachtete ich mit lebhafter Neugier alle die Gegenſtände, von welchen mein Vater mir ſo oft ge⸗ ſprochen hatte, und die Geſellſchaft, von welcher faſt täglich die Rede geweſen war. Es befanden ſich etwa fünf oder ſechs Perſonen im Salon. Der Marſchall ſtand am Kamin und ſprach; als wir eintraten, ging er meinem Vater ent⸗ gegen, und faßte ſeine beiden Haͤnde. Mein Freund, 1 — — / rrrer 27 ſagte er, mein Herzensfreund, ſind Sie endlich da? Sie bringen mir den Eduard? Wiſſfen Sie, lieber Eduard, daß Sie jetzt in dem Hauſe des Mannes ſtehen, der unter allen Menſchen Ihren Vater am innigſten liebt, ſeine Tugenden hoch ſchätzt, und ihm ewige Dankbarkeit ſchuldig iſt? Ich antwortete: daß man mich frühe ſchon an die Güte des Herrn Mar⸗ ſchalls gewöhnt habe. Hat man Ihnen auch geſagt, fragte er, daß ich Ihr Vater werden ſollte, wenn das Schickſal Ihnen nicht den Ihrigen erhalten hätte? Ich bedurfte ſolches Unglücks nicht, um mit dem Ge⸗ fühle der Dankbarkeit vertraut zu werden, antwor⸗ tete ich. Der Marſchall nahm von dieſen wenigen Worten Gelegenheit, mir Lobſprüche zu ertheilen. Wie brav! ſägte er, wie ſchön! Geiſt und Verſtand, ſpricht ſich in dieſen Zügen aus. Er wußte wohl, daß er durch dieſes Lob meines Vaters Herz erfreuete. Man ſetzte das, bei unſerm Eintritte, abgebrochene Geſpräch fort; ich hörte die Namen der Perſonen, unter welchen ich mich befand; es waren Alle ausge⸗ zeichnete Männer, berühmt im Gebiete der Wiſſen⸗ ſchaft, unter ihnen auch ein Engländer, ein bekann⸗ tes Mitglied der Oppoſition. Man ſprach, ich erin⸗ nere mich deſſen, von der Criminal⸗Verfaſſung Eng⸗ lands, und von der Inſtitution der Jury. Es er⸗ faßte mich, gern geſtehe ich es, eine Art Stolz, als ich ſah, wie bei dieſen intereſſanten Erörterungen meines Vaters Meinung als eine Vielgeltende beſon⸗ ders in Betracht gezogen wurde. Man hörte ihn mit Aufmerkſamkeit, mit Ehrfurcht. Die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes ſchien ihn plötzlich höher geſtellt zu ha⸗ hen, als die, zu denen er ſprach; ſein ſchönes wei⸗ ßes Haar gab ſeiner Rede Anſehen, Kraft und 2* 28 MNN Würde. Die Mode erheiſchte damals, England zu preiſen. Der Marſchall d'Olonne hatte die Seite der Frage, aufgefaßt, welche der engliſchen Inſtitu⸗ tion günſtig iſt und diejenigen Anweſenden, welche die entgegengeſetzte Meinung ergriffen, hatten ſich nicht ſonderlich vortheilhaft aufgeſtellt, um ihren Satz zu vertheidigen. Mein Vater ſtellte augenblick⸗ lich die Frage in das rechte Licht; er bezeichnete die Jury als ein ehrenwerthes Monument der alten Germaniſchen Sitte, und zeigte das Walten des Geiſtes der Erhaltung, welcher den Engländern eigen⸗ thümlich und ihre Ehrfurcht für die vergangenen Zeiten an dem Daſeyn jener Inſtitution, welche ihnen von ihren Vorfahren faſt in demſelben Zuſtande über⸗ liefert worden, in welchem ſie dieſelben noch heute beſitzen; zugleich zeigte er in dem Syſtem unſrer Rechtsverfaſſung das vervollkommnende Werk der Ci⸗ viliſation.— „Unſere obrigkeitliche Verfaſſung, ſagte er, grün⸗ det ſich auf Ehre und Anſehn, die beiden wichtigen Hebel der Monarchieen.— Die Diener des Geſetzes ſtehen da, als eine Prieſterſchaft, welcher obliegt, die Moralität in dem äußeren Leben der Geſellſchaft auf⸗ recht zu halten— ſie erkennen nichts über ſich, als die Diener der Religion; dieſe wachen über das innre Leben derſelben, und bekämpfen hier das Uebel am wahren Ur⸗ quell, aus welchem es entſprang.— Mein Vater ver⸗ theidigte ſelbſt die Käuflichkeit der Aemter, welche der Britte ſtets angriff.— — O wohl bewundernswerth iſt die Einrichtung, fagte er, durch welche man dahin gelangt iſt, theuer 1 —%— wreer 29 zu verkaufen das Recht, jeder Lebensfreude zu ent⸗ ſagen, um der ſchwerſten Pflicht zu leben. Nein! wir dürfen uns nicht ſelbſt verläſtern. Eine Staatseinrichtung, welche die Mols, Lamoignon, d'Ag⸗ neſſeau erzeugt hat, braucht keine andere zu benei⸗ den,— und wenn die engliſche Jury ſich durch Ge⸗ rechtigkeit ihrer Urtheilsſprüche auszeichnet, ſo ge⸗ ſchieht es nur, weil die Claſſe der Staatsbürger, aus deren Mitte dieſe gewählt wird, ſich durch Aufklaͤ⸗ rung und Rechtlichkeit hervorthut. In England be⸗ ruht demnach die Gerichtsverfaſſung auf den Indivi⸗ duen, bei uns hebt die Verfaſſung die Einzelnen her⸗ vor. Uebrigens ſchloß mein Vater, glaube ich, daß unſere Inſtitutionen weniger unſern überſeeiſchen Nachbarn anpaſſend ſeyn würden, als die eigenen— und das iſt natürlich— die Nationen ſchaffen ihre Geſetze, dieſe ſind ja Kinder der Sitten, Erzeugniß der Volksthümlichkeit— und ſind ſo innig mit den Nationen verwachſen, daß dieſe früher ihre Freiheit, ja früher ihre Namen, als ihre Geſetze einbüßen. Ich bin überzeugt, daß der Ausdruck— des Siegers Geſetze anerkennen, einen tiefern Sinn hat, als man gewöhnlich dieſer Redensart bei⸗ legt.— Es iſt der höchſte Grad der Eroberung da⸗ durch anzudeuten. Die Normannen, welche in Eng⸗ land beinahe ſchon die Sprache erobert hatten, haben dort niemals die Geſetze erobern können. Der Inhalt dieſer Geſpräche war ernſt, aber er ſchien es doch nicht.— Nicht die Seichtigkeit er⸗ zeugt die Leichtigkeit in der geſelligen Unterhaltung, 30 4 re wohl aber iſt es jene Klarheit, die gleich dem Blitz⸗ ſtrahl, die Dunkelheit plötzlich erhellt.— Als ich meinen Vater vorhin ſprechen hörte, erkannte ich, daß es nichts Piquanteres giebt, als die ſchlichte Vernunft eines geiſtvollen Mannes. Ich habe mich ſo weitläuftig über dieſen erſten Beſuch im Hotel d'Olonne ausgelaſſen, um Ihnen zu zeigen, wie mein Vater in dieſem Hauſe ſtand. War es nicht natürlich, daß es mir wohlgefiel, an einem Orte, wo ich in Andern, meine Achtung, meine Liebe für den Vater wiederfand?— Mir fielen die Worte der Mutter ein: Sich über ſeinen Stand erheben! und fand ſie bedeutungslos. Nichts war mir fremd in dieſem Hauſe, ja ich fand mich bei dem Marſchall d'Olonne behaglicher als bei mei⸗ nem Oheim Herbelot. Eine gewiſſe Einfachheit und Zwangloſigkeit machte mir das Haus des Marſchalls zum väterlichen.— Ach! bald ſollte es mir noch theurer werden. Natalie iſt noch in Fontainebleau, ſagte der Mar⸗ ſchall zu meinem Vater— ich erwarte ſie erſt heute Abend zurück. Sie werden ſie etwas gewachſen fin⸗ den.— Erinnern Sie ſich wohl der Zeit, wo Sie behaupteten, daß ſie keiner Andern ähnele, dabei aber mehr als jede andere gefallen würde?— da⸗ mals war ſie neun Jahr.— Wohl erinnre ich mich deſſen, ſagte mein Vater. Schon damals verſprach die Frau Herzogin v. Nevers das zu werden, was ſie jetzt iſt.— Ja, antworte der Herr v. Olonne— ſie iſt allerliebſt, aber ſie will ſich nicht wieder ver⸗ 1 —— heirathen, und das iſt, was mich ſehr betrübt.— Ich ſchrieb Ihnen noch davon letzthin— Sie beſteht auf ihrer Meinung, und vermag ihren Widerwillen nicht zu beſiegen.— Mein Vater antwortete Einiges darauf, und wir gingen.— Ich verdenke es der Herzogin nicht, ſagte mein Vater, als wir hinaus wa⸗ ren. Im zwölften Jahre wurde ihre Ehe geſchloſſen, und nur am Altar ſah ſie den Gatten, der, wie ich höre, ein ſo vortreffliches Mädchen nicht verdiente. Der Herzog v. Nevers ſtarb auf ſeinen Reiſen. Mit zwanzig Jahren Wittwe, frei, jung, ſchön, kann die Herzogin ohne Zwang über ihre Hand gebieten, und hat Recht, wenn ſie nichts übereilt, verſtändig prüft und ſich nicht ein zweites Mal dem Ehrgeiz zum Opfer darbringt. — Ich ſprach heftig gegen die Kindereien.— Ich mißbillige ſie, wie du, erwiederte mein Vater, aber der Gebrauch hat dieſem Mißbrauch Anſehn ver⸗ ſchafft. Am folgenden Tage ſah ich zum erſtenmale die Herzogin v. Nevers.— O mein Freund, woher ſoll ich die Farben nehmen, um Ihnen dieſes Bild zu malen? Wäre ſie nichts als ſchön, nichts als liebrei⸗ zend, ſo ließen ſich wohl noch Ausdrücke finden, um dieſe himmliſche Frau zu ſchildern. Wie aber ſoll ich das Unbeſchreibliche beſchreiben, wie Ihnen das herr⸗ liche Ganze hinſtellen, was an ihrer Erſcheinung un⸗ widerſtehlich war. Bei ihrem erſten Anblicke fühlte ich mich befangen, ich ahnte mein Geſchick, es war mir klar, daß ich ſie lieben müſſe.— Es durchdrang dies Engelsbild meine ganze Seele, und ich fühlte, daß es ſo ſeyn müſſe. Eine unbeſchreiblich ſelige Empfindung erfaßte mich; verſchwunden war die Herzensleere, die Sehnſucht, die ſo lange ſchon mein Herz erfüͤllt hatten.— Ich hatte das Geſuchte ge⸗ funden, ich war glücklich.— Sagen Sie mir nichts von Unklugheit, nichts von Wahnſinn— ich weiß Alles, ich vertheidige mich nicht, ich bezahle die Kühn⸗ heit, ſie zu lieben, mit meinem Leben— und fühle keine Reue. Tief im Innerſten meines Herzens liegt ein Schatz von ſüßer Seligkeit begraben, und der bleibt mir bis an den Tod.— Das Schickſal hat mich von ihr getrennt.— Ich war nicht ebenbürtig mit ihr.— Um die Meinige zu werden, hätte ſie ſich ernie⸗ drigen müſſen, der Hauch des Tadels hätte ihr ſchö⸗ nes Leben verdunkekt.— Aber ich habe ſte geliebt, wie nur ich ſie lieben konnte, und ich werde für ſie ſterben, da nichts in der Welt mir das Leben zur Pflicht macht. Dieſer erſte mit der Herzogin verlebte Tag, dem ſo viele andere folgen ſollten, ließ gleichſam eine leuchtende Spur in meinem Gedächtniß zurück. Sie ſprach an dieſem Tage viel mit meinem Vater, und legte in alles was ſie ſprach, jene unendliche Anmuth, die nur ihr eigen war. Er ſollte ſich der Lehren er⸗ innern, die er ibr früher gegeben, ſie wiederholte ſie ihm; aber in ihrem Munde, und ſo ausgeſpro⸗ chen ſchienen es neue, ſchönere Gedanken zu ſeyn.— Mein Vater ſelbſt äußerte dieſe Bemerkung, und man ſprach nun von dem Reize, den das Wort dem Gedanken verleiht. 3 Alles, meinte mein Vater, iſt ſchon in der Welt geſagt worden, aber die Art des Sagens iſt etwas Unerſchöpfliches.— Die Herzogin ging auf dieſes Geſpräch ein. Ich meines Theils, ſagte ſie, bin miß⸗ trauiſch von Natur, ich traue minder dem Worte, als dem Tone der Stimme, und dem Geſicht des Sprechenden. Dabei traf ihr Auge das meinige, ich erroͤthete, ſie ſah es und lächelte. Sie mochte in dem Augenblicke auf meinem Angeſichte die Beſtäti⸗ gung der Wahrheit ihrer Behauptung finden. Von nun an beſuchte ich täglich das Hotel d'Olonne. Von Natur verſchloſſen, bedurfte ich nicht der Ver⸗ ſtellung, meinem Vater gegenüber, da er auch nicht den leiſeſten Argwohn von meiner Leidenſchaft hatte. Er glaubte, es gefiele mir wohl im Hauſe des Mar⸗ ſchalls, weil ſich dort ſtets ein Kreis geiſtreicher Men⸗ ſchen verſammelte, und freuete ſich meiner fleißigen Beſuche. Gewiß fehlte es meinem Vater weder an Scharfſinn noch an Beobachtungsgeiſt, aber er war über das Alter der Leidenſchaften hinaus. Einbil⸗ dungskraft hatte er nie beſeſſen, die Ehrfurcht, wel⸗ che der höchſte Stand gebietet, das Convenienzgefühl war in ihm ſo rege, als Pflichtgefühl, Religions⸗ und Ehrgefühl.— Auch ich empfand, daß ich mich lächerlich machen würde, wenn ich meine Liebe zur Herzogin verrieth, und aus dieſem Grunde verſchloß ich tief im Herzen eine Leidenſchaft, die mit jedem Tage heftiger aufwallte. Ich weiß nicht, ob es Frauen giebt, die ſchoͤner ſind als Natalie, aber wohl weiß ich, daß ich nie eine ſolche Fülle des Liebreizes in Einem Weſen ver⸗ 2 X* rrs H einigt ſah.— Feinheit des Verſtandes, Einfachheit des Herzens, Würde in der Haltung, Anmuth und Seele in jeder Bewegung. In jeder Umgebung war ſte die erſte, und nirgends erregte ſie Neid. Sie beſaß jene entſchiedene Ueberlegenheit, die Niemand zu beſtreiten wagt, die jede Nebenbuhlerſchaft aus⸗ ſchließt.— War es doch, als ob wohlthätige Feen ihr Lieblingskind mit allen ihren Gaben, ihrem Him⸗ melszauber, ausgeſtattet hätten. Tief in die Seele drang der Ton ihrer klangvollen Stimme, und er⸗ zeugte nie gefühlte Seligkeit. O mein Freund, was liegt an dem Leben, wenn man das Gefühl genoſſen, welches dieſe Frau in mir erwecket hat— könnte denn ein ewiglanges Leben mir das Glück dieſer Liebe erſetzen? Meiner Stellung zu den Perſonen dieſes Kreiſes war es angemeſſen, daß ich mich nur ſelten in das Geſpräch miſchte.— Der Marſchall warf mir wohl zuweilen, aus gütiger Rückſicht zu meinen Vater, meine Schweigſamkeit vor, und dann widerſtand ich nicht immer der Luſt, der Herzogin zu zeigen, daß auch in mir eine Seele wohne, die vielleicht nicht un⸗ werth ſey, die ihrige zu erkennen; aber gewöhnlich ſchwieg ich— ſie wollte ich ſehen, ſie hören.— Mit eigenthümlicher Wolluſt ſog ich jeden Ton, den ſie ſprach, in mich hinein, ich errieth das Wort, welches ihr Mund ausſprechen würde, mein Gedanke ergänzte den ihrigen, auf ihrem Geſicht ſpiegelte ſich meine Empfindung ab, ich errieth ſie immer, und doch war ſie mir immer neu. Eine der angenehmſten Genüſſe, welche das geſel⸗ lige Leben uns bereitet, iſt unſtreitig der, welcher uns die Gewißheit gewährt, daß eine gleichgeſtimmte Seele uns ganz verſteht.— Ich bemerkte bald, daß die Herzogin fühlte, wie keines ihrer Worte für mich verloren war.— Selten richtete ſie das Wort, faſt immer das Geſpräch an mich. Ich ſah, daß ſie es vermied, Gegenſtände zu berühren, die mir fremd⸗ und von einer Welt zu ſprechen, welche nicht die Meinige war. Sie leitete das Geſpräch auf Littera⸗ tur, ſie ſprach von Frankreich, Lyon oder von der Au⸗ vergne. Sie befragte mich über unſere Berge, wollte wiſſen, ob Urfe's Beſchreibungen richtig wären. Es war mir ängſtlich, wenn ſie ſich alſo mit mir beſchäf⸗ tigte. Auch die jungen Leute, welche die Herzogin umgaben, waren ungemein artig gegen mich, und ich fühlte mich dadurch gerade unwillkührlich verletzt; ich hätte weniger Höflichkeit auf ihrer Seite, oder mehr von der Meinigen gewünſcht.— Eine namen⸗ loſe Befangenheit ergriff mich jedes Mal, wenn ich mich bemerkt ſah, ich wollte ja nichts als Natalie ruhig hören, ſie ſchweigend bewundern. Unter den jungen Leuten, welche ſich um die ſchöne Herzogin drängten, und ſich täglich im Hotel d'Olonne einfanden, waren zwei, welche meine beſondere Auf⸗ merkſamkeit anregten; der Herzog v. C. und der Prinz Enrichemont. Letzterer gehörte zum Hauſe Bethüne, und ſtammte vom großen Sully ab. Er war unermeßlich reich, ſtand in ſehr gutem Rufe, und es war mir bekannt, daß der Marſchall d'Olonne ihn ſich zum Schwiegerſohn wünſchte.— Ich weiß nicht, was an dem Fürſten auszuſetzen, aber auch nicht, was an ihm zu loben wäre. Ich hatte kürzlich ein neues Wort in dem Kreiſe, den ich beſuchte, er⸗ 36 GwVrmr lernt, und wollte es auf den Prinzen anwenden. Seine Formen waren claſſiſch. In allem was er ſprach, war der Ausdruck zierlich und wohlgewählt, und doch fehlte ſeinen Worten die Seele; er verrieth überall nur die ſorgſame Erziehung, die ihm gewor⸗ den, und die Geſchliffenheit des Weltmanns. Dieſe erlernte Manier erſtreckte ſich auf Alles, ſelbſt auf Dinge, wo die Anwendung derſelben kaum möglich ſchien. Der Prinz Enrichemont faßte gewiß jedes Mal in den ſchicklichſten Ausdrücken das Urtheil ab, wel⸗ ches er über eine große Handlung oder über einen großen Fehler abgeben ſollte. Aber der Enthuſias⸗ mus ſelbſt war bei ihm erkünſtelt. Er ſprach von Gefühlen, und empfand ſie nie. Seine Leidenſchaft ließ kalt, ſein Scherz ernſt, denn nur die Wahrheit trifft, das Herz erkennt nur das an, was vom Her⸗ zen kömmt. Lieber war mir der Herzog v. C. mit ſeinen vie⸗ len Fehlern. Unbedachtſam, ſpöttiſch, leichtfertig in ſeinen Reden, unvorſichtig in ſeinen Scherzen, liebte er dennoch das Gute, und ſein Geſicht war der treue Spiegel ſeiner Empfindungen. Dieſe wechſelten zwar ſehr ſchnell bei ihm; tiefer Eindrücke war der Leicht⸗ bewegliche nicht fähig, aber er hatte doch eine Seele und dies reicht aus, um die der andern zu ver⸗ ſtehn.. 1 Er betrachtete das Leben, ſo ſchien es, als einen luſtigen Feiertag, denn er lebte nur dem Vergnügen.— Immer in Bewegung, legte er beſondern Werth auf Eile, als ob er die wichtigſten Angelegenheiten ¹ zu beſorgen haͤtte. Faſt immer kam er zu ſpaͤt, und doch war er in funfzig Menuten von Verſailles nach Paris gefahren. Die Uhr in der Hand, trat er ein, erzählte ſofort eine drollige Geſchichte, oder Gott weiß welchen Schwank, und Alles lachte. Großmüthig und prachtliebend legte der Herzog keinen Werth, weder auf das Geld noch auf das Le⸗ ben. Und wenn er auch Beides nicht ſelten bei Ver⸗ anlaſſungen wegwarf, die ſolches Opfers wohl ſehr unwerth waren, ſo geſtehe ich doch zu meiner Schande, daß ich mich beſtochen fühlte durch dieſe Art Ver⸗ achtung der Güter, welche die Welt als die höchſten ſchätzt. Es ſteht einem Manne wohl an, wenn er nie Hinderniſſe anerkennt, und man kann ſich des Gedankens nicht erwehren, daß der, welcher ſo luſtig hin ſein Leben bei einem Pferderennen, ſein Ver⸗ mögen beim Spiele auf eine Karte ſetzt, nicht auch Beides noch viel froher, bei ernſterer Gelegenheit, wa⸗ gen würde. Mir ſagte demnach die großartige Ele⸗ ganz des Herzogs v. C. mehr zu, als die etwas ge⸗ zirkelten Manieren des Prinzen Enrichemont, Beide aber waren auf gleiche Weiſe gütig gegen mich. Die Freundlichkeit des Marſchalls d'Olonne hat mich in ſeiner Geſellſchaft auf eine Art hingeſtellt, die mir mein untergeordnetes Verhältniß ſo wenig fühlbar machte, als möglich. In den erſten Tagen hatte ich faſt nie an daſſelbe gedacht, jetzt erſt begann es mich zu drücken. Ich beſtritt das unbehagliche Gefühl durch Vernunftgründe, beſſer aber ſchützte mich da⸗ gegen das Andenken an die Herzogin. Es war mir leicht meiner zu vergeſſen, wenn ich an fie dachte, und ich dachte unaufhörlich an ſie. Eines Tages hatte man viel über das Freund⸗ ſchaftsopfer der Frau v. B. geſprochen, welche Tag und Nächte am Krankenlager ihrer vertrauten Freun⸗ din, der Frau v. d'Anville, die an den Pocken ſchwer darnieder lag, zubrachte. Die Anweſenden hatten der Reihe nach, das Benehmen der Frau v. B. belobt, und es waren bei dieſer Gelegenheit mehrere andere Züge muſterhafter Freundſchaft angeführt worden.— Ich ſtand nahe vor dem Kamine, unfern des Stuhls der Herzogin.— Beſitzen Sie keine ſolche Freundin? fragte ich.— Ich habe eine mir ſehr theuere, ant⸗ wortete ſie, an der Schweſter des Herzog v. C., von Kindheit auf ſind wir eng verſchwiſtert, aber ich be⸗ ſorge ſehr, mich auf lange Zeit von ihr getrennt zu ſehen; ihr Gatte, der Markis C., iſt Geſandter in Holland, ſie iſt ſeit ſechs Monaten im Haag.— Aehnelt ſie ihrem Bruder? fragte ich. Durchaus nicht, entgegnete Natalie. Sie iſt eben ſo ruhig, als er wild iſt. Ja, dieſe Trennung, fuhr ſie fort, iſt mir ſehr ſchmerzlich, ich bedarf der Freundin ſehr, ſie iſt meine Vernunft, ich habe mich nie darum bekümmert, mir eine andere zuzulegen, und da bin ich nun jetzt in Zweifel über Alles, und unfähig mich zu irgend Etwas zu entſchließen.— Bei Ihnen hätte ich dieſe Unentſchloſſenheit nicht vermuthet, bemerkte ich.— Es iſt gar leicht, ſagte ſie, ſeine Fehler in Geſellſchaft zu verbergen. Da trägt faſt Jedes ein Kleid von gleichem Schnitt und von gleicher Farbe, die vorüberziehenden Beſchauer haben nicht Zeit zu bemerken, daß die Leute verſchiedene Geſichter ha⸗ ben. Da danke ich dem Himmel, erwiederte ich, daß ich wie ein Wilder aufgewachſen bin; denn mir er⸗ 1 ſcheint die Welt nicht in ſo langweiliger Gleichför⸗ migkeit, im Gegentheil, ich wundere mich oft darüber, daß kein Menſch dem Andern gleiche.— Das macht, ſagte ſie, weil Sie Zeit haben, wenn man aber in funfzig Minuten von Verſailles nach Paris herbrau⸗ ſet, wie iſt's möglich, daß man etwas mehr als die äußere Hülle betrachte.— Wenn man der Herzogin Natalie begeg et, ſollte man, nach meiner Meinung ſtill halten— erwiederte ich.— Das war Galante⸗ rie, ſprach ſie.— Ach! Sie ſind vom Gegentheile überzeugt, rief ich. Natalie antwortete mir nicht, ſte wandte ſich ab, und begann ein Geſpräch mit an⸗ dern Perſonen der Geſellſchaft. Ich war den ganzen Abend unruhig, mir ſchien es, als ob ein Jeder mein Geheimniß errathen müſſe. Am folgenden Tage befand mein Vater ſich unwohl, wir ſollten bei dem Marſchall d'Olonne ſpeiſen, und um mich nicht einer Freude zu berauben, wollte mein gütiger Vater dieſer Einladung folgen. Auch erſchien er munteren Geiſtes; mehrere Fremde äußerten laut bei Tiſche ihre Bewunderung. Dieſer Mann, hörte ich einen unter ihnen ſagen, würde in England zu den erſten Stellen gelangen. Man blieb ziemlich lange beiſammen; endlich ging die Geſellſchaft auseinander, mein Vater blieb der Letzte. Beim Abſchiede bat der Marſchall, ihn den folgenden Tag wieder zu beſuchen.— O mein Gott! es gab keinen folgenden Tag mehr für ihn.— Als wir durch den Vorſaal gingen, ſagte mir mein Vater: mir iſt nicht recht, er ſtützte ſich auf A o mich, und ſank ohnmächtig in meine Arme. Die Diener ſprangen hinzu, der Marſchall ward gerufen, der Kranke im angrenzenden Zimmer auf ein Ruhe⸗ bett gelegt.— Man wandte allerlei Mittel an, ihn ins Leben zurückzurufen. Die herbeigeilte Herzo⸗ gin ordnete Alles ſelbſt mit Geiſtesgegenwart und Umſicht an. Der Hauschirurg kam, und da der Ohn⸗ mächtige noch immer beſinnungslos da lag, ſchlug er einen Aderlaß vor.— Wir erwarteten Tronchin, den die Herzogin hatte rufen laſſen. O wie war ſie ſo unendlich gut!— Wie ein tröſtender Engel herab⸗ geſtiegen aus Himmelshöhen, erſchien ſie mir am Siechbett meines Vaters. Sie hatte ſeine eiskalte Hand gefaßt, und wollte ſie in den ihrigen erwär⸗ men.— Wie war es mäöglich, daß das Leben auf ſolchen Ruf nicht gehorchte?— Es war Alles ver⸗ gebens.— Tronchin kam und gab keine Hoffnung. Der Aderlaß führte die Beſinnung auf einige Augen⸗ blicke zurück. Mein Vater ſchlug das brechende Auge auf, ſein Blick ſuchte mich, und ſchmerzliche Sorge lag deutlich in den Zügen des blaſſen Geſichts. Der Marſchall d'Olonne verſtand ihn, er faßte ſeine Hand.— Seyn Sie unbeſorgt, Freund meines Herzens, Eduard mird mein Sohn.— Noch ein leuchtender Strahl durchzuckte das Auge des Sterbenden, dann ſchloß es ſich auf ewig— das Leben war entflohn, mein Va⸗ ter war nicht mehr.— Unmöglich iſt es, Ihnen den Schmerz zu ſchildern, der ſich meiner Seele bemäͤch⸗ tigte. Ich ſank hin auf die theure Leiche, mir ſchwan⸗ den die Sinne und mit ihnen das Gefühl meines Jammers. 1 Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem andern Zimmer; der Gegenſtand des Schmer⸗ zes war meinen Augen entrückt, ich glaubte einen ſchweren Traum geträumt zu haben. Die Herzogin ſtand weinend mir zur Seite. Der Marſchall ſagte mir: Mein theurer Eduard Ihnen bleibt noch ein Vater. So war es denn kein Traum, Alles Wahr⸗ heit, Alles dahin!— Centnerſchwer drückte der na⸗ menloſe Jammer auf mein Herz; bittere Thränen entflohen meinen Augen, ohne die grauſe Laſt zu lindern. Vir blieben lange ſtumm bei einander, ich dankte es ihnen, daß Keines mich zu tröſten unternahm. Endlich brach der Marſchall das lange Schweigen. Ich habe meinen beſten Freund verloren.— Er ver⸗ dankt Ihnen, antwortete ich, den letzten Troſt. Eduard, entgegnete er, von heute an vertrete ich die Stelle desjenigen, welchen der Himmel Ihnen entzog. Sie bleiben im Hauſe, ich habe bereits die nöthigen Befehle ertheilt. Sie ſollen meines Neffen Zimmer bewohnen. Ich habe den Abbé Tercier zu Ihrem Oheim geſchickt, daß er ihn in Kenntniß ſetze von dem Unglücke, welches uns betroffen. Lieber Eduard, ich bin weit entfernt, Ihnen die gewöhnlichen Troſtgründe anzuführen, aber ihr Vater war Chriſt, auch Sie ſind es. Wir ſehen uns wieder, eine beſ⸗ ſere Welt vereinigt uns Alle.— Meine Thränen floſſen. Mein armes, armes Kind, fuhr er fort, und ſchlang ſeinen Arm um mich, ich möchte Dich trö⸗ ſten und bedarf ſelbſt des Troſtes. Es folgte nun wieder ein langes Schweigen.— Gern hätte ich dem Herrn von Olonne einige Worte des Danks geſagt, aber ich vermochte es nicht, ich konnte nur weinen.— Es geſellte ſich aber doch dem herben Schmerze ein milderes Gefühl bei. Ich fand Troſt in Nataliens Thränen; ich habe mir einen Vorwurf über dieſe Empfindung gemacht, doch konnte ich ſie nicht ver⸗ bannen. Sobald ich mich allein auf meinem Zimmer be⸗ fand, ſank ich auf meine Knie und betete zu Gott, oder richtiger geſagt: ich betete zu meinem verklärten Vater. Er hatte ſeine lange Laufbahn ruhmvoll und tugendhaft vollendet, ich begann die meinige unter Stürmen. Bei ſeinen Lebzeiten ſchon war ich abge⸗ wichen von dem Pfade, den ſein weiſer Rath mir vorgezeichnet hatte, was ſollte nun aus mir werden, da ich mein eigner Führer, und der eigne Richter meines Handelns war? Ich verhehlte ihm zwar die Schwächen meines Herzens, aber er ſtand doch als rettender Schutzgeiſt da; er war meine Kraft, er meine Vernunft, meine Beharrlichkeit, Alles, Alles verlor ich mit ihm. Was werde ich der Welt ſeyn ohne ſeine Stütze, ohne ſein Anſehn? Ich bin nichts, nur durch ihn war ich Etwas; er iſt dahin, und ich bleibe zurück, wie ein vom kräftigen Stamme abge⸗ fallener Zweig, ein leichtes Spiel der Winde. So dachte ich, und meine Thränen floſſen aufs neue. Erinnerungen aus meiner Knabenzeit gingen an mir vorüber; zum zweiten Male beweinte ich den Tod meiner Mutter, denn alle unſere Leiden ſind mit einander verkettet, der letzte Schmerz erweckt die früheren. In ſo trübe Gedanken verſunken, blieb ich lange regungslos, in gänzlicher Abſpannung liegen; war es 1 doch, als wäre meine Seele gänzlich von mir gewichen, da ſchlug ich zufällig die Augen auf und erblickte ein Bild, Nataliens Bild— o unwürdiger Sohn! ich ſah es, und vergaß meinen Vater!— Was war ſie mir denn? daß die bloße Erinnerung an ſie das Anden⸗ ken des bitterſten Leides verdrängen durfte? O mein Freund! ewig werde ich Reue fühlen über ein Verge⸗ hen, deſſen Bekenntniß ich Ihnen ſchuldig war, und welches ich Ihnen freimüthig ablege. Nein! das Ge⸗ fühl des Schmerzes über den Tod meines Vaters war nicht innig genug. Wohl beweinte ich ſein Beiſpiel, ſeine Tugend, das Andenken an den Entſchlafenen zerriß mein Herz, und ich hätte gern tauſend Mal mein Leben hingegeben, um das ſeinige zu erkaufen; aber wenn ich Natalien ſah— ſo drängte dennoch ſich ein Gefühl ſüßer Wonne in meine Bruſt ein. Mein Vater hatte in ſeinem Teſtamente den Wunſch ausgeſprochen, an der Seite meiner Mutter zu ruhn. Ich beſchloß, ſeine Ueberreſte dorthin zu geleiten; die Angebetete wollte ich verlaſſen, meine Schuld abzu⸗ büßen und mich dafür zu beſtrafen, daß ich in ihrer Nähe mich ſo frevelhaft glücklich gefühlt hatte. Mein Vater hatte mir geboten einige Angelegenheiten, die ihm als Vormund der Kinder eines Freundes zur Beſorgung oblagen, zu ordnen; ich wollte ſofort dieſen Pflichten Genüge leiſten, dann aber eiligſt zurückkeh⸗ ren, und freudig ſchlug mein ſtrafbares Herz bei dem Gedanken des Wiederſehns, bei dem Gedanken, daß ich mit ihr dann unter einem Dache wohnen, ſie täg⸗ lich, ſtündlich ſehen würde. Den Tag vor meiner Abreiſe mußte der Mar⸗ ſchall in Verſailles zubringen. Ich ſpeiſete allein mit der Herzogin und dem Abbs Tercier. Seit funfzig Jahren wohnte dieſer Abbé bereits im Hauſe des Herrn v. Olonne, deſſen Erzieher er geweſen. Die Familie hatte ihm ein ziemlich einträgliche Pfründe zugewendet; dabei fungirte er als Hauscaplan, und war ein ſo treues altes Möbel des Salons, als die mit Gobelins beſchlagenen altväteriſchen Ottomannen und Armſtühle, welche denſelben ſchmückten. Die Zeit hatte das Leben des alten Mannes ſo innig mit dem der Familie Olonne verwebt, daß des Hauſes Intereſſe, Ruhm und Gluck das Seinige war. Er kannte kein anderes; dabei aber waren ſeine Gefühle ruhige Kinder einer, durch funfzigjährige Abhängig⸗ keit abgekühlter Einbildungskraft. Der Abbé war gutmüthig und gefällig; er war zu jeder Zeit be⸗ reit, eine Partie Schach zu ziehen, oder Dame zu ſpielen, er wickelte der Herzogin Seide ab, und wenn der Koch nichts verſehen hatte, legte er gewiß Nie⸗ manden etwas in den Weg. Am Tage vor meiner Abreiſe ſetzte der Abbé, als er ſah, daß die Herzogin keines ſeiner kleinen Talente in Anſpruch nehmen wollte, ſich in einen Armſeſſel und ſchlief ein. So war ich denn gleichſam allein der Theuren gegenüber— ich hätte müſſen glücklich ſeyn, aber ich füͤhlte mich nur unendlich ver⸗ legen. Ich wagte nicht, die Augen aufzuſchlagen und ſprach kein Wort. Sie unterbrach endlich das Schwei⸗ gen: Wann wollen Sie morgen reiſen? fragte ſie. Um fünf Uhr, antwortete ich, vor Anbruch des Ta⸗ ges, denn geht dieſer hier über mich auf, ſo feſſelt er mich und ich komme nicht fort.— Wann werden Sie zurück ſeyn?— Ich muß den Auftrag meines —— Vaters ausrichten. In vierzehn Tagen, muß nach mei⸗ ner Anſicht Alles fertig ſeyn.— Es fehlt ja nicht an Zeit, die Tage werden mir lang genug erſcheinen.— Werden Sie nach Forez gehen?— Auf dem Rück⸗ wege vielleicht, ich will mich aber dort nicht aufhal⸗ ten.— Sehnen Sie ſich denn nicht, den Ort wieder zu ſehen? Die Gegend, wo wir die Kindheit verlebten, pflegt angenehme Erinnerungen in uns zu erwek⸗ ken.— Ich habe keine Erinnerungen mehr.— Ru⸗ fen Sie ſie zurück, meinetwegen zurück. Erzählen Sie mir die Geſchichte Ihrer frühern Jahre, jetzt da Sie meines Vaters Sohn ſind, muß ich Ihr gan⸗ zes Leben kennen.— Ich habe Alles vergeſſen, mir ſcheint es, als lebte ich erſt ſeit zwei Monaten.— Die Herzogin ſchwieg einen Augenblick, dann fragte ſie, hat denn das Treiben der Welt ſo ſchnell die Vergangenheit aus Ihrem Gedächtniß verwiſcht?— Ach nicht die Welt! rief ich aus; ſie aber ſuhr fort: Da bin ich nicht wie Sie, ich blieb bis zu meinem ſiebenten Jahre bei der Großmutter in Favrange, einem alten Schloſſe in Limouſin, und jede einzelne Kleinigkeit aus jener Zeit ſteht mir noch vor dem Sinn. Ich ſehe noch die alten hochſtämmigen Kaſta⸗ nienbäume vor dem Schloſſe, noch die mächtig hohen, mit Eichenholz ausgetäfelten gothiſchen Säle, mit Tro⸗ phäen geſchmückt, wie zur alten Ritterzeit. Man hängt an ſolchen Orten, wie an alten Freunden, und ihrem Andenken reihen ſich alle die Eindrücke an, die man zu jeder Zeit empfing.— Das glaubte ich auch ehemals, antwortete ich; aber jetzt weiß ich weder was ich denke, noch was ich bin.— Natalie erröthete. Nach einer Pauſe ſprach ſie: Suchen Sie in ihrem Gedächt⸗ 46 rreru niſſe, und ſollten auch die Gefühle jener Zeit ver⸗ wiſcht ſeyn, ſo finden Sie doch wohl noch die Bege⸗ benheiten. Wenn Sie wollen, daß ich Ihrer in der Ferne gedenken ſoll, ſo müſſen Sie mich ſchon ein we⸗ nig mit den Umgebungen bekannt machen, unter wel⸗ chen ich Sie mir denken ſoll. Nun verſuchte ich, der Herzogin die Geſchichte meiner Kinderjahre zu erzählen, ſo wie Sie, mein theuerer Freund, dieſelbe zu Anfang dieſes Heftes ge⸗ funden haben. Sie hörte mir aufmerkſam zu, und ich ſah eine Thräne in ihrem Auge glänzen, als ich von der Veränderung ſprach, welche in mir vorgegan⸗ gen, wie ich des Knaben Retter wurde. Im Fortgange meiner Erzählung bemerkte ich, daß meine Erinnerungen nicht ſo ganz erloſchen wa⸗ ren, als ich anfangs wähnte, ja es trat manches erſt jetzt recht klar hervor, was ich früher unbeachtet ge⸗ laſſen hatte. Die Träume meiner Jugend waren gleichſam in Erfüllung gegangen. Das Gefühl, wel⸗ ches mich jetzt beſeelte, hatte die Räthſel gelöſet, und jene leeren Trugbilder meiner Phantaſie waren nun verkörpert in's Leben getreten. Der Abbé erwachte, als ich am Schluſſe meiner Erzählung war. Einen Augenblick ſpäter kam der Marſchall von Verſailles zurück. Er und ſeine Toch⸗ ter nahmen am Abend Abſchied von mir. Der Herr von Olonne empfahl mir Eile und verſicherte mir, daß 2 er während meiner Abweſenheit an mich denken würde. Ich fragte nicht, in welcher Art. Die Herzogin ſagte nichts, ſie ſah mich an, und ich glaubte Theilnahme ¹ in dieſen Blicke zu leſen. Wohl bedauerte ich, daß unſere heutige Unterredung geſtört worden, und doch war ich deſſen froh. Ich habe ihr nichts geſagt, ſie kann mich unmöglich errathen, dachte ich. Denn der Gedanke, daß die hohe Frau meine Leidenſchaft durch⸗ ſchauen könnte, war mir peinlich, weil mit meinem Geheimniß die Hoffnung auf ſehr glückliche Tage verloren gehn mußte. Nunmehr erfüllte ich die traurige Pflicht, die ich mir auferlegt hatte. Auf der Reiſe trat der Herzo⸗ gin Bild in den Hintergrund meiner Seele zurück. Nur das Andenken meines verklärten Vaters be⸗ ſchäftigte mich. Die Liebe geſellt oft den Begriff des Todes zu dem des Glückes, läßt beide Hand in Hand gehen, aber dann meint ſie nicht den Tod im düſtern Leichenſchmucke, deſſen Bild mich jetzt umgab, ſie denkt an den ſtillen Genius der Ewigkeit, der das Unebene ausgleicht und die Herzen vereint.— Vor einem Sarge aber ſchaudert die Liebe zurück. In Lyon fand ich meine lieben Rhoneufer, meine ſüßen Träume wieder, und Nataliens Bild füllte wiederum meine ganze Seele aus. Ich war nun weit von ihr, durfte nun nicht fürchten mich zu ver⸗ rathen, und gab mich nun ganz der Leidenſchaft hin. Meine Liebe nahm meinen Charakter an. Nur ei⸗ nes Gedankens fähig, ganz verſunken in eine einzige Erinnerung, lebte ich abermals in meiner, in der von mir erſchaffenen Welt, die ſo verſchieden von der wirklichen war.— Ich ſah die Geliebte, ich hörte ihre Stimme, ich athmete den Duft ihres ſchö⸗ nen Haares, es traf mich ihr Blick, ich erzitterte in 48 8 GVANTAN fuͤßer Liebesluſt, und heiße Wonnezähren entrannen meinen Augen, während dieſes ſeligen Traumes. So verlebte ich viele Tage in nutzloſer Unthäͤtig⸗ keit; ich war jeder Arbeit unfähig, zu jedem Ge⸗ ſchäfte untauglich. Jede Beſchäftigung hätte mich ja von ihr abgezogen, und wenn gleich ich wohl wußte, daß meine Rückkehr nach Paris von der Beendigung meiner hieſigen Angelegenheiten abhing, ſo vermochte ich dennoch nichts abzuthun; ich verſchob Alles auf den folgenden Tag, ich erbettelte mir Stunden um ſolche der namenloſen Wonne zu opfern, ungeſtört an die Geliebte denken zu dürfen. Wenn Jemand ins Zim⸗ mer trat, wunderte er ſich, daß ich verdrießlich auf⸗ blickte, wie man pflegt, wenn ein überläſtiger Stö⸗ rer uns bei dringenden Geſchäften unterbricht; dem Anſcheine nach, ſaß ich freilich unthätig da, aber ich war beſchäftigt mit der einzigen Sache, die Bedeutung für mich hatte,. Zwei Monate waren auf dieſe Weiſe verſtrichen. Endlich waren meines Vaters Aufträge beſorgt, und ich verließ Lpon. Mit Entzücken ſah ich Paris und das Hotel d'Olonne wieder, aber die Freude ſollte nicht von Dauer ſeyn. Ich erfuhr, gleich nach mei⸗ ner Ankunft, daß die Herzogin in zwei Tagen nach Holland hin abreiſen wollte, um die Frau von C. im Haag zu beſuchen. Ich war nicht Herr meines Gefühls; es war mir unmöglich, meine Traurigkeit zu verbergen, auch ſchien mir es, als ob die Herzo⸗ gin ſelbſt nicht heiter wäre. Sie ſprach wenig, bei⸗ nahe gar nicht mit mir, es lag etwas Gezwungenes in ihrem Weſen, ſie ſchien mir kalt und gaͤnzlich um⸗ . Sge⸗ . ¹ 1 — — gewandell. Da ich keinen Grund dafür erſiunen konnte, war ich troſtlos darüber. Nach ihrer Abreiſe war ich ungemein betrübt. Es machte mir keine Freude mehr, meinen Träumen nachzuhängen; ich ſuchte Zerſtreuung außerhalb, ich ging aus, ich wollte vergeſſen. Der Gedanke, daß ich der Herzogin mißfallen habe, ohne doch zu erra⸗ then wodurch, quälte mich unabläſſig. Der Marſchall ſchrieb die Niedergeſchlagenheit, in welcher er mich ſah, dem Schmerze über den Verluſt meines Vaters zu.. unſer Unglück, ſagte er mir eines Tages, hat meine Tochter ſehr hart getroffen, ſie hat ſich noch nicht von dem Schlage erholt, ſie iſt gar zu traurig und leidend ſeit jener Zeit; ich hoffe, die Reiſe ſoll ihr wohlthun. Holland iſt im Frühling ſehr ſchön, die Frau v. C. ſoll häufig kleine Ausflüge mit ihr machen, der Anblick neuer Gegenſtände ſoll, denke ich, ſie zerſtreuen. Dieſe wenigen Worte verſetzten mich in neue Angſt. Wie? ſeit des Vaters Tode, wäre ſie nieder⸗ geſchlagen? Was hatte ſich denn ſeit jener Zeit er⸗ eignet, was hatte ich ihr ſeit jener Zeit gethan? und doch war ſie gegen mich gerade nicht mehr wie ſonſt. Das dem aſſo war, wußte ich gewiß, weiter aber auch nichts, und das eben brachte mich zur Verzweiflung. Mit ſeiner gewohnten Güte war der Marſchall bemüht, mir Zerſtreuungen aller Art zu verſchaffen. 3 Er trieb mich ins Schauſpiel zu gehen, er wollte, daß ich alles Merkwürdige, das mich nur einiger⸗ maaßen anreizen könne, ſähe. Er befragte mich über das, was ich geſehen hatte, er unterhielt ſich mit mir wie ein Vater mit ſeinem Sohne, und mich zum Vertrauen zu ermuthigen, ſagte er mir, daß dieſe Unterhaltungen ihm Freude machen, daß er durch meine Bemerkungen und in meinen Anſichten ſich wieder verjüngt fühle. Wenn auch der Herr v. Olonne nicht Miniſter war, ſo hatte er doch einen bedeutenden Wirkungs⸗ kreis. Als vertrauter Freund des Herzogs v. A. trauete man ihm größeren Einfluß zu, als er beſaß, und als er je willens geweſen war, ſich anzueignen. Aber die hohen Stellen, welche er bekleidete, ſetzten ihn in den Stand, wichtige Dienſte leiſten zu können. Er war Gouverneur der Guienne, und die ganze Provinz wendete ſich an ihn.— Vormittags ſahe er eine Menge Menſchen bei ſich; vier Tage in der Woche hatte er zu ſeiner Correſpondenz beſtimmt, die ſehr ausgebreitet war. Er hielt zwei Secretärs, die in einem ſeiner Zimmer arbeiteten, ich mußte oft bei ihm in dem Cabinet bleiben, wo er ſelbſt ſchrieb.— Er ſprach mir offen und ohne Rückhalt, von den Angelegenheiten, die ihn eben beſchaͤftigten; er ließ mir auch wohl einen Aufſatz über irgend ein ge⸗ heimes Geſchäft anfertigen, oder ich mußte No⸗ ten über ſolche Gegenſtände aufſetzen, die er keinem Andern vertrauen wollte. Ich hätte ſehr undankbar ſeyn müſſen, wenn ſolcher Vorzug mir nicht höchſt ſchmeichelhaft geweſen wäre. Ich wußte wohl, daß ich meinem Vater dieſe Güte des Marſchalls ver⸗ dankte, aber deshalb durfte ich nicht minder erkennt⸗ lich ſeyn. Ich war bemüht, ſo vielen Vertrauens mich wuͤrdig zu beweiſen, und der Herr von Olonne ſagte mir dann wohl mit einem Tone, der mich lebhaft an mei⸗ nen Vater erinnerte, daß er mit mir zufrieden ſey. Es iſt eine beſonders angenehme Empfindung ſich bequem zu fühlen, Perſonen gegenüber, die höher ſtehen als wir. Man findet ſich aber nicht alſo be⸗ haglich, wenn das Gefühl unſers untergeordneten Weſens uns antritt, man findet ſich eben ſo wenig wohl, wenn man bemerkt, daß man jenes Gefühl ver⸗ loren hat; nur dann, wenn die Höherſtehenden es uns vergeſſen laſſen, wird unſere Stellung zu ihnen be⸗ quem. Dieſe Gabe des Wohlwollens und der Freund⸗ lichkeit beſaß der Marſchall im höchſten Maaße. Er flößte immer Hochachtung, niemals Furcht ein. Er durfte ſo ſicher ſeyn, in Abſicht des ihm gebührenden Ehrfurchttributs, daß er gefahrlos, unbegrenzte Nach⸗ ſicht üben konnte. Er wußte wohl, daß man ſie nicht mißbrauchen würde, und daß ihm gegenüber das Ge⸗ fühl der Hochſchätzung ſich unaufgefordert Jedermann aufdrängte. Täglich fühlte ich mich mehr und mehr zu dieſem ſeltenen Manne hingezogen, er aber ſchien ſich meiner gänzlichen Ergebenheit zu freuen. Zuweilen ging ich zu meinem Oheim Herbelot, und fand daſelbſt noch immer jenes luſtige Treiben, welches mich ſchon bei meiner Ankunft in der Haupt⸗ ſtadt ſo widrig angeſprochen hatte. Mein Onkel be⸗ griff nicht, wie ich mich wohl befinden könnte in den ſteifen Cirkeln des Hotel d'Olonne. Ich aber ſtellte im Stillen Vergleiche zwiſchen den beiden ſo verſchie, 3*¾ wrrre denen Häuſern an. Hier herrſchte ein geraͤuſchvolles Toben, fortwährend ein tolles Lärmen, ein ewiger Taumel, man lebte nur, um ſich zu erluſtigen, und ein Tag, der nicht in Ergötzlichkeiten verbracht wurde, ſchien ein verlorener zu ſeyn. Zerſtreuungen wurden da als erſte Lebensbedürfniſſe betrachtet, es war als ob ein ſtill verlebter Tag endlos ſeyn müſſe. Ein Heer gefälliger Schmeichler, ein Schwarm von Tiſch⸗ genoſſen trieb in Herrn Herbelot's Salon umher und huldigte ſeinen Neigungen. Sie beherrſchten ihn mit unumſchränkter Gewalt, und waren die dürftige Stütze ſeiner Schwäche. Er traute ſich ſelber nie eine Meinung zu, immer bedurfte er der Freunde Zeugniß und Autorität. Alle ſeine Reden begannen mit den Worten: Luceval und Bertheney ſagen, Lu⸗ ceval und Bertheney behaupten; und Luceval und Bertheney ſtürzten meinen Oheim in alle Thorheiten eines verderblichen Aufwandes, in alle Abgeſchmackt⸗ heiten eines verkehrten und ſinnloſen Lebens. In die⸗ ſem Hauſe wurde der Spaß ernſt, der Ernſt ſpaß⸗ haft betrieben. Es ſchien, als müſſe man in jedem Augenblicke dieſes raſch⸗ und jüngſterworbenen Ver⸗ mögens genießen, ſo wie der Geizhals jeden Augen⸗ blick ſeinen Mammon betaſtet, um ſich zu überzeugen, daß er ihn noch hat. Wie ganz anders war das Alles im Hauſe des Marſchalls v. Olonne, wo das Beſitzthum der Ehre und des Reichthums ſo alt war, daß man kaum mehr ſich daran erinnert fühlte. Der Marſchall dachte nie an den Genuß, welchen der Beſitz des Goldes verſchafft, aber immer an die Pflichten, die er auf⸗ erlegt. Hier gab es wohl auch fleißige Beſucher, hier auch tägliche Tiſchgenoſſen, aber dieſe waren meiſten⸗ theiks ärmere Verwandte des Hauſes. Da ſah man einen Neffen des Marſchalls, einen wackern Marine⸗ offizier, der nach Paris gekommen war, den Lohn ſeiner Dienſte einzufordern, da war ein alter, mit Wunden bedeckter Krieger, der das wohlverdiente Ludwigskreuz nachfuchte, da fand man die ehemaligen Adjutanten des Marſchalls, oder auch wohl einen Grenznachbar— da den Sohn eines verſtorbenen Freundes. Für die Erſcheinung jedes Einzelnen war ein edker Grund anzuführen. Ein jeder wußte wa⸗ rum er da war, und der Hausherr erſchien wie der gemeinfame Vater aller derer, die gekommen waren, ſich unter ſeinen freundlichen Schutz zu begeben. Auch Männer, die ſich durch Geiſt und Talent auszeichneten, waren gern geſehen in dieſem Hauſe, und galten darin nach Verdienſt, denn der beſſere Geſchmack, die Liebe zum Schönen und Guten ergriff in dieſem Kreiſe ſelbſt diejenigen, welchen ſolche nicht angeboren war. Um dies zu bewirken, muß der Hausherr ſelbſt ein Vorbild des edleren Geſchmacks ſeyn, und ein ſolches war der Herr von Olonne. Ich bin der Meinung, daß der gute Geſchmack überhaupt nicht Etwas ſo leichtes und oberflächliches ſey, als man gewöhnlich glaubt; es gehört gar Vieles dazu, ihn auszubilden. Feingefühl des Geiſtes, Fein⸗ gefühl des Herzens, Sinn für das Schickliche, ein gewiſſer richtiger Takt, in dem ſich Alles natürlich und ungezwungen bewegt. Auch manches Zufällige übt mächtigen Einfluß auf Ton und Geſchmack aus⸗ Geburt, Vermögen, Zierlichkeit und Großartigkeit 54 e in der Lebensweiſe.— Man muß dabei durch hohe Geiſtkraft ſeinen Verhältniſſen überlegen ſeyn, denn auch in den glücklichſten bewegen wir uns dann leicht und bequem, wenn wir ſie beherrſchen.— Den Marſchall von Olonne und die Herzogin von Nevers konnte das Unglück treffen, aber nie konnte Miß⸗ geſchick ſie erniedrigen.— Solche Seelen be⸗ haupten ſtets ihren Rang. 4 Die Herzogin wurde täglich zurück erwartet, und mein Herz ſchlug freudig dieſem Wiederſehn entgegen. Getrennt von ihr konnte ich nicht lange glauben, daß ich ſte beleidigt hätte, ich fühlte ja, wie unendlich ich ſie liebte, fühlte, daß ich mit Freuden mein Leben geopfert hätte, um ihr einen trüben Moment zu er⸗ ſparen, und war am Ende wohlüberzeugt, daß ſie nicht unzufrieden mit mir ſeyn könnte, weil ſie kein Recht dazu hatte. Ihre Rückkehr benahm mir lald dieſen Wahn. 115 Schon an demſelben Abend fand ich Frau von Nevers ernſt und kalt wie früher; ſie ſprach kaum zwei Worte mit mir, und nicht ein einziges Mal traf mein Blick den ihrigen. Später fand ich ſelbſt ihre ganze Lebensweiſe verändert, ſie fuhr faſt jeden Abend in Geſellſchaft, oder wenn ſie zu Hauſe blieb, waren viel Fremde bei ihr. Seit vierzehn Tagen war ſie bereits wieder in Paris, und noch nicht Ein Mal hatte ich mich ihr allein gegenüber geſehen. Eines Abends, nach Tiſche, ſetzte ſich die Geſell⸗ ſchaft zum Spiele. Die Herzogin unterhielt ſich mit einer Dame, welche nie eine Karte nahm. Als aber nach einer Viertelſtunde die Fremde ſich empfahl, ent⸗ zückte mich der Gedanke, daß ich nun allein mit der Herzogin bleiben würde.— Nachdem Natalie die Dame bis zur Thür begleitet hatte, kehrte ſie um, ging einige Schritte auf mich zu, wendete ſich dann aber plötzlich ab, und ging an das andere Ende des Salons, wo ſie hinter dem Stuhle ihres Vaters Platz nahm, und in deſſen Karte ſah.— Ich war entrüſtet.— Alſo die verachtet dich, ſagte ich mir, wo blieb jene ſchöne Freundlichkeit, die ſie mir da⸗ mals bewies, als ich den Tod meines Vaters be⸗ weinte? alſo nur um den Preis des herbeſten Schmer⸗ zes, war dieſe Wonne zu erkaufen? Damals floſſen ihre Thränen mit den Meinigen, jetzt zerreißt ſie ſchonungslos mein Herz! Zum erſten Male drängte ſich mir der Gedanke auf, daß die Herzogin mein Gefühl durchſchaut, und ſich dadurch beleidigt fühlte. Beleidigt? und weshalb? darf dieſe ſtille Anbe⸗ tung ſie verletzen? Sch fodere ja nichts, hoffe nichts⸗ wie darf ſie mir wehren, ſie anzubeten? Sie lie⸗ ben heißt leben, will ſie denn, daß ich ſterbe? In dieſem Augenblicke vergaß ich, wie ſehr ich ſelbſt gefürchtet hatte, daß ſie meine Leidenſchaft entdeckte, und wäre im Stande geweſen ihr Alles zu geſtehen, aus Verzweiflung über die ertödtende Kälte, mit wel⸗ cher ſie mich behandelte. Waͤre ich der Prinz Enrichemont, oder der Her⸗ zog v. C., ſagte ich mir, dann würde ich mich ihr zu nähern wagen dürfen, ich würde ſie zwingen, mir 56— Rede zu ſtehen, aber in meiner Stellung muß ich erwarten, bis ſie ſich mir nähert und die Schmach ruhig erdulden.— Doch nein, nein, ich will fort; da ſie mich verachtet, will ich ſie fliehen, dies Haus auf immer verlaſſen. Mag mein Vater hier auch durch ſein Anſehen, ſeinen Geiſt, ſeinen Ruf, an ſei⸗ nem Platze geſtanden haben, ich, der bedeutungsloſe unbekannte Menſch, habe hier keine Rechte, ich ver⸗ ſchmähe die Güte und Nachſicht, die nicht mir, nur dem Andenken eines Andern gezollt wird, ich ver⸗ ſchmähe ſie, wenn ſelbſt dieſer andere mein Va⸗ ter war. Das Spiel war zu Ende. Der Marſchall kam auf mich zu. Wahrlich, ſagte er, Eduard, Sie ſchei⸗ nen krank, feit einigen Tagen ſchon finde ich Sie ver⸗ ündert, und heute Abend ſehen Sie ganz hlaß.— Ich verſicherte, daß mir ganz wohl ſey, und ſah dabei die Herzogin an, die ſo eben den Kopf abgewendet hatte, um mit Jemanden zu ſprechen.— O hätte ich nur glauben können, daß ſie es wußte, wie viel ich um ſie litt, ich wäre minder unglücklich geweſen. An den folgenden Tagen ſchien die Herzogin mir weniger gemeſſen in ihrem Weſen, und ihr Blick war minder ſtreng, aber ſie blieb keinen Abend zu Hauſe, und wenn ich ſie ſo reizend, ſo wunderſchön und feſt⸗ lich geſchmückt hinfahren ſah, in die glänzenden Cir⸗ kel, wohin ich ihr nicht folgen durfte, ſo ergriff mich unnennbares Weh; ich ſah ſie von Bewunderern um⸗ ringt, ich ſah ſie froh, heiter, ruhig und glücklich, während mich die Sehnſucht und der Lebesgram tödteten... —2— Schon ſeit einiger Zeit war viel und oft die Rede von einem großen Balle bei dem Fürſten C. Die Herzogin war von vielen Seiten her gebeten worden, in einer ruſſiſchen Quadrille mit zu tanzen, der ſich die Fürſtin ſelbſt anſchließen wollte. Die Coſtüme waren reizend und prachtvoll. Die Quadrille kam zu Stande, ſie beſtand aus acht Paa⸗ ren, die Damen waren ſämmtlich jung und ſchön; unter den Herren befanden ſich der Prinz Enriche⸗ mont und der Herzog C.; letzterer war zu des Prin⸗ zen Verdruß, Nataliens Tänzer. Vierzehn Tage lang beſchäftigte dieſe Quadrille das Hotel d'Olonne.— Gardel kam alle Morgen, Proben zu halten. Kupfer⸗ werke und Reiſebeſchreibungen wurden durchblättert, um nicht gegen die Richtigkeit der Coſtüme zu ver⸗ ſtoßen.— Handwerker aller Art wurden hinbeſchie⸗ den, und in Thätigkeit geſetzt.— Es verdroß mich ſehr, die verſtändige Herzogin mit ſo kleinlichen Din⸗ gen beſchäftigt zu ſehen, zugleich aber geſtand ich mir, daß ich an des Herzogs Stelle der glücklichſte Menſch geweſen wäre. Dennoch war ich ungerecht genug, Stichelreden über den Leichtſinn im Allgemeinen aus⸗ zuſtoßen, und es regten ſich überhaupt in meinem Herzen ſo gemeine Gefühle, daß ich mich derſelben noch heute ſchäme. Ach es iſt fehr ſchwer, immer ge⸗ recht zu ſeyn, wenn man auf einer unteren Stufe der Geſellſchaft ſteht. Der über uns Stehende ver⸗ letzt uns faſt immer. Die Herzogin war nicht heiter, ſie hatte ſich be⸗ reden laſſen, aber ſie geſtand offen, daß ſie dieſer Ergötzlichkeiten müde ſey.— Der Balktag war in⸗ 3**½ 58 3 Drwwwde deſſen erſchienen, und Natalie trat ſchon um acht Uhr mit noch zwei oder drei andern Damen fertig angekleidet in den Salon.— Man ſollte die Qua⸗ drille noch einmal bei der Fürſtin probiren. Nie habe ich die Herzogin ſchöner geſehen als an dieſem Abend. Der ſchwarzſammtne, mit Diamanten geſchmückte Kopfputz bedeckte nur zur Hälfte ihr wunderprächtiges blondes Haar, ein langer goldge⸗ ſtickter Schleier wallte leicht und verrätheriſch um Hals und Schultern, ein rothſeidnes, mit Diaman⸗ ten beſetztes Mieder, ſchloß ſich dem reizenden Nym⸗ phenwuchſe an; die weißen Aermel umſchloſſen reiche Armbänder, das kurze Röckchen enthüllte den nied⸗ lichſten Fuß, den ein ſeid'nes, mit Gold zugeſchnür⸗ tes Stiefelchen leicht umſchloß. Es iſt nicht mit Wor⸗ ten zu beſchreiben, wie bezaubernd ſchön und anmu⸗ thig das holde Weſen in dieſer fremden Tracht, die dem Charakter ihres Geſichts, dem Liebreize ihrer For⸗ men ſo ganz eigenthümlich entſprach, daſtand.— Ich war meiner Sinne kaum mächtig, alle meine Pulſe zuckten fieberhaft, ich mußte mich an einen Stuhl lehnen. Natalie ſchien es zu bemerken, und ſah mich freundlich an. Dieſer Blick, nach dem ich ſo lange ſchon mich vergebens ſehnte, traf meine Seele, und verdoppelte die Schläge meines Her⸗ zens.— Wollen Sie nicht in's Theater gehen, fragte ſie mich; heute nicht, antwortete ich, mein Abend iſt ſchon ausgefüllt.— Es iſt erſt acht Uhr, entgegnete ſte— das wohl, erwiederte ich, aber Sie gehen ja aus. Natalie ſeufzte, und ſah mich recht wehmuͤthig an. Wie gern, ſagte ſie, bliebe ich. Sie ward gerufen, ging hinaus, und ich hörte ihren Wagen dahin raſſeln. — —— Hatte eine Fee mich mit ihrem Zauberſtabe be⸗ rührt, ich war ja nicht mehr ich, war ein Anderer⸗ ein gänzlich umgewandelter Menſch.„Wie gern bliebe ich“— ich hatte dieſe Zauberworte gehört, wirklich gehört, es war keine Täuſchung, ich hatte ihren Seuf⸗ zer, ihren Blick verſtanden. Bleiben wollte ſie für mich.— D es lag zu viel Wonne in dieſem Gedan⸗ ken, ich erlag der Laſt der Glückſeligkeit. Es trieb mich hinaus, ich lief von einem Zimmer in's an⸗ dere, ich erreichte den Bücherſaal; hier ſank ich erſchöpft auf einen Seſſel, ein Thränenſtrom er⸗ leichterte das Herz.— Bleiben wollte ſie, meinet⸗ wegen— aus Mitleid— ich wagte nicht, ein ande⸗ res Wort zu brauchen; aber ich ſah in jenen himm⸗ liſchen Blick, ich hörte den Engelston ihrer Stimme, ihr Seufzen, ich ſchwamm in einem Wonnemeer.— Von mir gewichen waren jene peinlichen Gefühle der Demüthigung, gefallen waren die Schranken, ich be⸗ griff nicht mehr, wie ich mich hatte unglücklich füh⸗ len können. Natalie fühlte ja..... ich durfte das Wort Liebe nicht ausſprechen, ich zweifelte, ich wollte zweifeln, denn mein Herz konnte das über⸗ ſchwängliche Glück nicht faſſen, ich mußte das Gefühl! dämpfen, ſo wie man das Auge ſchließt, wenn der Sonnenglanz es blendet.— Die Herzogin pflegte des Morgens in dem Bücherſaale, in welchem ich mich eben befand, zu verweilen. Einer ihrer Hand⸗ ſchuhe lag auf dem Tiſche, ich nahm ihn haſtig, küßte ihn mit Entzücken und benetzte ihn mit Wonnethrä⸗ nen; doch alſobald zürnte ich mit mir, ich hatte, ſo ſchien es mir, ein Heiligenbild frevelnd entweihet.— Vergieb du Himmliſche, rief ich aus, vergieb, daß ich dich zu ſehr liebe, nur dulden will ich für dich, 60 M nur anbeten, ich weiß es ja, daß ich nie glücklich ſeyn darf. — Lag aber denn auch wirklich in ihren Worten der Sinn, den mein Herz hinein legt, fuhr ich nach einer Pauſe fort; wäre ſie nicht abgerufen worden, ſo hätte ein Nachſatz vielleicht das Geſagte beſchränkt, wohl gar widerrufen. Mit der Ruhe kehrte auch der Zweifel zurück; dann erklang aber wieder der ſüße Ton ihrer Stimme tröſtend im Innerſten meiner Seele, ihn hielt ich feſt, ich fürchtete, daß er mir entriſſen würde, er war ja mein einziges Hoffen, mein einziges Glück, ich ſchloß ihn feſt in mich, ich, umfaßte ihn, gleichſam wie eine liebende Mutter ihr Kind umfaßt. 8 So verbrachte ich ſchlaflos die Nacht. Was ſollte mir auch der Schlaf, er hätte mich ja um das Gefühl meiner Seligkeit betrogen. Den andern Morgen lies der Marſchall mich in ſein Cabinet rufen. Sedermann dachte, er müſſe mein Glück auf meiner Stirn leſen, ich mußte meine Freude verbergen. Ich that es, aber ich war zerſtreut.— Die Maske wurde bald unnütz, denn ſchon zu Mittag, wo ich die Her⸗ zogin bei Tiſche ſah, wich die Freude von ſelbſt. Na⸗ talie vermied meine Blicke, und ſprach keine Silbe mit mir. Abends fuhr ſie in Geſellſchaft. An den folgenden Tagen war ſte wieder minder kalt, ich glaubte aber⸗ mals, daß ſie fühlte, wie weh ſie mir that— o ſie mußte mein Geheimniß durchſchaut haben. Ach nur Mitleid wollte ich ja, Mitleid ſchon wãre Troſt für niich geweſen. Ich hatte die Herzogin nie tanzen ſehen, und es wurde der Wunſch in mir rege, mich unbemerkt an — — — dieſem Schauſpiel zu weiden. Man durfte, wie be⸗ kannt, den großen glanzvollen Feſten als Zuſchauer beiwohnen. In den Sälen waren Bogen oder Ge⸗ rüſte für ſolche Zuſchauer erbaut; dieſe waren Leute zweiten und dritten Ranges, die keinen Autriti bei Hoffeſtlichkeiten haben. Es verdroß mich zwar, einen ſolchen Platz einneh⸗ men zu ſollen, und nur der Gedanke an Natalie konnte mich zu dem Entſchluß bringen, alſo mein un⸗ tergeordnetes Verhältniß vor aller Welt zur Schau zu ſtellen. Ohne eigentliche Anmaßung war es mir pein⸗ lich hier, meines Gleichen zur Seite zu treten. Ich dachte früh hinzugehen, um mir einen Platz zu wählen, an dem ich wenig geſehen werden konnte, und ver⸗ meinte, daß man mich in der Maſſe überſehen ſollte. Kurz, die Herzogin zu ſehen, überwog jede Bedenklich⸗ keit, und ich verſchaffte mir eine Einlaßkarte zu dem Feſte, welches der engliſche Geſandte gab, und welches die Königin mit ihrer Gegenwart verherrlichen ſollte. Die Gerüſte für die Zuſchauer waren in den Fenſter⸗ vertiefungen angebracht, und ich ſtellte mich neben einer Gardine, die mich verdeckte und erwartete ſo das Erſcheinen der Herzogin, nicht ohne Peinlichkeit, denn Alles was ich vorhergeſehen, traf zu. Kaum ſtand ich auf meinem Platze, ſo hatte ich auch ſchon Urſach meinen Entſchluß zu bereuen.— Die Sprache der Umſtehenden beleidigte mein Ohr. Die gemeinen trivialen, platten Bemerkungen dieſer Leute demüthig⸗ ten mich, als ob ich ſie zu vertreten hätte. Dies zu⸗ fällige Zuſammentreffen mit Leuten meines Stan⸗ des bewies mir, wie weit ich aus demſelben heraus⸗ getreten war. Dabei aͤrgerte ich mich üher mich ſelbſt, üͤber die Kleinlichkeit meiner Denkungsart, die mich ſo reizbar und ſo unduldſam gegen Jener Schwächen machte. Iſt denn, dachte ich, das wahre Verdienſt von den Manieren abhängig? und iſt es deiner nicht ganz unwerth alſo den Stand zu verläug⸗ nen, welchem du zugehörſt? Iſt dieſer Stand nicht ein achtbarer?— Warum dir einen andern wün⸗ ſchen? Die Herzogin trat eben in den Saal, wie ein hellleuchtendes Meteor an dieſem Glanzhimmel.— Da iſt die Antwort auf die Frage, dachte ich. Nein, ich wünſche nicht den höchſten Rang, des Ranges wegen, ſondern nur, weil er mich ihr zur Seite ſtellen würde. O mein Gott! Nur acht Tage ſolcher Se⸗ ligkeit! dann will ich gern ſterben.— Natalie gieng an dem Gerüſt vorüber, auf welchem ich ſtand, ohne mich zu bemerken, als der Herzog v. C. meiner anſichtig ward und mir lachend zurief. Ich trat an das Geländer vor, denn ich wollte mir es nicht merken laſſen, daß ich mich meines Platzes ſchämte. Die Herzogin trat beran.— Sie hier? fragte ſie.— Ja, antwortete ich, ich konnte der Luſt nicht widerſtehen, Sie tanzen zu ſehen, ich bin be⸗ ſtraft, Sie ſollten es nicht wiſſen.— Natalie ſetzte ſich auf die Bank zunächſt dem Gerüſt und fuhr fort, mit mir zu ſprechen. Uns trennte nur das Geländer, welches die Zuſchauer von den Gäſten ſchied, ein treffendes Bild der Schranken, die im Leben zwiſchen uns Kaüben. Der Geſandte kam dazu und fragte die Heriogit, 3 wer ich ſey. Es iſt, antwortete ſie, der Sohn des Herrn G. mit welchem Sie, wie ich mich erinnere, vor einem Jahre bei meinem Vater zu Tiſche waren.— Ganz recht, antwortete er, ich erinnere mich deſſen; ſelten⸗ iſt mir ein ſo heller Kopf vorgekommen. Darauf wandte er ſich zu mir: ich möchte faſt der Frau Herzogin ei⸗ nen Vorwurf machen, daß ſie mir nicht früher das Vergnügen machte, Sie bei mir einzuladen; ich bitte ſehr, verlaſſen Sie ihren unbequemen Platz und ſetzen Sie ſich zu uns.— Ich umgieng die Schranken und trat in den Saal. Der Stand des Sachwalters, fuhr der Geſandte fort, iſt in England einer der geachtet⸗ ſten, er führt zu Allem. Der jetzige Großkanzler Lord D... war früher Advocat, jetzt iſt er der erſte Mann im Staate. Der Sohn des Lords hat eine Dame geheirathet, welche Ihro Excellenz kennen, fügte er, ſich wieder an die Herzogin wendend, hinzu, ich meine Lady Sarah Benmore, die älteſte Tochter des Herzogs von Sunderland. Erinnern Sie ſich ihrer wohl noch? Sie behaupteten, daß Sie Ihnen ähnlich ſähe. Der Geſandte entfernte ſich. Sie ſind blaß Eduard, ſagte Natalie, was fehlt Ihnen? Er ſoll mit mir gehen, ſprach der Herzog v. C., ich will ſein Führer ſeyn— übrigens müſſen Sie tanzen. Der Prinz v. Enrichemont forderte eben die Herzogin auf und der Herzog C. zog mich mit ſich fort; wir gien⸗ gen in die Gallerie, wohin Alles ſtrömte, weil die Königin dort war. Der eigentlich gutmüthige Herzog C. hatte große Freude daran, mich auf dem Balle zu ſehen; er ſtellte mich vielen Menſchen vor, beſpottete aber gleich dar⸗ auf die, denen er mich vorgeführt hatte. Ich war unruhig, ich fühlte mich unbehaglich. Der Gedanke daß man ſich wundern könne mich hier zu ſehen, war mir peinlich und verkümmerte mir die Luſt des Hier⸗ ſeyns.— Während der Herzog ſich mit Jemand in's Geſpräch verwickelte, machte ich mich los von ihm, ich gieng in den Saal zurück, wo die Herzogin tanzte und ſetzte mich auf den Platz, wo ſie vorhin geſeſſen hatte. Das luſtige Balltreiben um mich her beſchäftigte mich nicht; ich dachte an das, was der Geſandte vorhin geſprochen. Wie glücklich pries ich jenes Land, wo dem Verdienſte alle Schranken offen ſtehen, wo dem Talente Alles möglich wird, wo man den an⸗ ſtrebenden Genies nie zuruft: bis dahin und weiter nicht!— Muth, Ausdauer, Nacheiferung, Alles muß bei uns untergehen in dem Abgrund der Unmöglich⸗ keit, die keine, auch nicht die größte Anſtrengung überſchreiten oder ausfüllen kann, der uns auf im⸗ mer vom Ziele abſcheidet. Selbſt die höchſte Gewalt kann die Schranken nicht zerbrechen, welche das Ta⸗ lent nicht aus dem Wege zu rücken vermag. Auch ihr ſind dieſe Hinderniſſe unüberſteiglich.— Welche Hinderniſſe?— o erröthe unwürdiger Knabe, ſchäme dich, undankbarer Sohn! das läſtige Hinderniß iſt der rechtliche, fleckenloſe, hochgeprieſene Name deines wak⸗ kern Vaters. Die Herzogin ſtand vor mir. Sie waren weit von hier, ſagte ſie.— Ja, antwortete ich, ich war jen⸗ ſeits des Meeres— ich will nach England, dahin wo nichts unmöglich iſt.— Dacht' ich's doch, ſagte ſie, daß ich Sie dort finden würde. Aber tanzen Sie denn nicht?— Ich fürchte, daß man es unſchicklich finden würde.— Weshalb? da Sie eingeladen ſind, wüßte ich nicht, was Sie abhalten ſollte, zu tan⸗ zen. Wen wollen Sie auffordern? ſetzte ſie lächelnd hinzu.— Ich wage nicht, Sie um einen Tanz zu bitten, ich fürchte, daß man es unſchicklich finde, wenn Sie mit mir tanzen.— Unſchicklich und wieder unſchicklich, ſagte ſie, Ihre Demuth iſt nichts als Stolz.— Ach, erwiederte ich, wären wir in England, ſo würde ich Sie auffordern. Natalie erröthete. Ich muß fort aus dieſer großen Welt, fügte ich hinzu— ſie iſt nicht für mich geſchaffen, ich fühle mich peinlich da⸗ rin, ich ſtehe vereinzelt da; ich will meinem Berufe leben. In den Gerichtsſälen wird Niemand fragen, weshalb ich dort bin. Ich will mein Amtskleid an⸗ ziehen und Rechtsſtreite durchführen. Wollen Sie mir Ihre Geſchäfte vertrauen? Sie ſollen ſehen, ich gewinne alle Ihre Proceſſe.— Erſt will ich ſehen, antwortete ſie, ob ich den gegenwärtigen gewinnen werde. Sie wollen alſo nicht mit mir tanzen?— Wer hätte da widerſtehen können? Ich faßte ihre Hand, dieſe Hand, die ich nie berührt hatte, und wir ſtellten uns zum Contretanz.— Ich bereuete aber dennoch bald meine Schwäche, mir ſchien es, als ob aller Augen auf mich gerichtet wären. In allen Geſichtern glaubte ich Verwunderung zu leſen, und die Luſt ſie zu ſehen, ihr ſo nahe zu ſtehen, ſie bei⸗ nahe in meine Arme zu ſchließen, wechſelte mit bit⸗ term Schmerz. Es folterte mich der Gedanke, daß ſie meinetwegen vielleicht Unſchickliches that, und ſich dem Tadel preis gab. Gegen das Ende des Contre⸗ tanzes näherte ſich uns der Marſchall v. Olonne, und ich ſah deutlich, wie ſein Geſicht plötzlich ernſt und finſter wurde. Die Frau von Nevers ſprach leiſe einige Worte zu ihm, und alſobald wurde er wieder 6 6 freundlich. Es iſt mir ſehr angenehm, ſagte er, daß der Geſandte Sie eingeladen hat— das iſt ſehr ar⸗ tig von ihm. Das hieß ſo viel als: Er hat es aus Artigkeit für mich gethan, und du biſt aus Gnade und Barmherzigkeit da. So verletzte mich Alles, und die freundliche Huld dieſes Mannes ſelbſt trug in ſich den Keim des Leidens und der Demüthigung meines Stolzes. Die quälendſten Betrachtungen verfolgten mich noch mehrere Tage nach dieſem Feſte, und ich war wohl ſehr entſchloſſen, nie einem ſolchen wieder beizu⸗ wohnen. Meine untergeordnete Stellung im Hauſe des Marſchalls, war mir viel weniger fühlbar. Es verſammelten ſich zwar dort auch ſehr vornehme Her⸗ ren, aber in dieſem Kreiſe war es doch noch möglich, Etwas durch ſich ſelbſt zu gelten, während dort mei⸗ ſtentheils nur der Name oder das Kleid den Mann auszeichnet.— Dahin gehen aber, um ſeine Infe⸗ riorität zur Schau zu tragen, ſchien mir eine jäm⸗ merliche Schwäche. Ich dachte an England. Wie groß ſchien mir jene Staatseinrichtung, welche den Geringſten wenigſtens durch Hoffnung erhebt.— Was hier, dachte ich— als lächerliche Thorheit er⸗ ſcheint, würde dort als das Ziel löblichen Strebens gelten— dort könnte ich die Herzogin von Nevers erſtreben.— Nur ſieben Lieues trennen das höchſte Glück von der Verzweiflung.— Wie freundlich, wie edel und liebreich war ſie neulich auf dem Ball. Sie beſtand darauf mit mir zu tanzen, um mich in meinen eigenen Augen zu erheben, um mich zu tröſten über das Viele, was mich beleidigte. Aber darf man einem Weibe, darf man von der Gelieb⸗ — ten ſolchen Schutz entlehnen? In dieſer verkünſtelten Welt iſt Alles verkehrt, oder beſſer geſagt: meine Leidenſchaft für ſie verſchob hier die natürlichen Ver⸗ hältniſee.— Dem Fürſten Enrichemont hätte die Herzogin keinen Dienſt erwieſen, wenn ſie ihn zum Tanz aufgefordert hätte. Er durfte auf dies Glück Anſpruch machen.— Ich dagegen— hatte keine, meine Liebe zu ihr iſt lächerlich. Dieſer Ge⸗ danke war mir bitterer als der Tod, aber er ver⸗ folgte mich ſo unabläſſig, daß ich nun begann, die Herzogin eben ſo ängſtlich zu vermeiden, als ich ſie früher eifrig aufgeſucht hatte; doch hatte ich nie Kraft mich gänzlich von ihr zu trennen, und das Haus, wie es wohl Pflicht geweſen wäre, ganz zu verlaſſen, um meinem Beruf ernſthaft zu folgen. Die Herzogin ſuchte dagegen mich dem Trübſinn zu entreißen, in welchen ſie mich verſunken ſah; ſie ſprach öfters mit mir, ſie blieb oft des Abends zu Hauſe, und ihre Gegenwart milderte nach und nach die Bitterkeit mei⸗ ner Gefühle. Einige Tage nach dem Balle bei dem engliſchen Geſandten, kam die Rede auf die Feſte im Allgemei⸗ nen. Man ſprach von Allen, und man führte die prachtvollſten und heiterſten an. Heiter! rief die Herzogin aus, ich habe auch nicht einem einzigen wirklich heiter beigewohnt; im Gegentheil, immer iſt es mir aufgefallen, daß ich da nichts als recht trüb⸗ ſinnige Leute fand, welche das Anſehen hatten, als wollten ſie irgend einem großen Kummer entfliehen. Ei, wer hätte vermuthen ſollen, daß die Herzogin von Nevers eine ſolche Bemerkung machen könnte, ſagte der Herzog von C. Wenn man ſo jung, ſo 6 8 rVVNAMN ſchön, ſo glücklich iſt, kann man da etwas anderes ſehen, als den Neid, den man erregt, oder die Be⸗ wunderung, die man einflößt? Ich ſah von Allen dem nichts, entgegnete ſie, und mein Auge iſt geſund; aber im Ernſt, finden Sie nicht auch, daß es in gro⸗ ßen Geſellſchaften immer traurig hergeht? Ich bin überzeugt, daß die Zerſtreuung nur ein Kind des Uuglücks iſt. Das Glück erſcheint nicht ſo ruhelos. Nun wir wollen, ſagte der Herzog lachend, beim nächſten Balle die Gäſte fragen. Ach! erwiederte Natalie, wenn das möglich wäre, ſo würden Sie viel⸗ leicht nicht wenig über die Antworten ſtaunen. Ich ill glauben, entgegnete der Herzog, daß ſich dort Unglückliche befinden, aber es ſind nur die, welche Sie, ſchöne Frau, zur Verzweiflung bringen. Sehen Sie, da iſt der Prinz, ich will ihn fragen, er ſoll Zeugniß ablegen. Der Herzog pflegte auf dieſe Weiſe immer der Unterhaltung durch Scherze eine andere Wendung zu geben, denn beobachten und urtheilen war für ihn eine allzu anſtrengende Arbeit; ſein Geiſt wie ſein Köorper konnte nicht lange ruhig auf einer Stelle bleiben. Ich legte mir auch die Frage vor: weshalb die Herzogin jene Bemerkung über die Feſte gemacht habe, während ſie doch die letzten ſechs Mo⸗ nate ſich ſo fleißig dabei eingefunden? Ich wagte nicht zu glauben, was ich darüber dachte, denn der Gedanke war zu beſeligend. Die folgenden Tage ſchien mir die Herzogin trau⸗ rig, aber ſie vermied mich nicht. Eines Abends ſagte ſie mir: Ich weiß, daß mein Vater an Sie gedacht hat, und daß er hofft, Ihnen eine vortheilhafte Stelle im Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten zu — —.— „ ſverſchaffen, Dadurch werden Sie leichte und ſichere Mittel erhalten, ſich auszuzeichnen, und zugleich in ſehr angenehme Lebensverhältniſſe treten. Gern, ant⸗ wortete ich, wäre ich dem Berufe meines Vaters ge⸗ folgt, doch mögen Sie und Ihr gütiger Vater über meine Zukunft gebieten. Wenige Tage darauf ſagte ſie mir wieder, Sie haben die Stelle erhalten, aber mein Vater wird Ihnen nicht lange darin nützlich ſeyn können. Wie! rief ich aus, ſo ware das Gerücht wahr? der Herzog von St. wirklich in Ungnade gefallen? Leider nur zu wahr, antwortete ſie, und ich glaube, daß mein Va⸗ ter ſein Schickſal theilen wird. Hoöͤchſt wahrſcheinlich wird er nach Favrange verbannt werden, und ich werde ihm dahin folgen. Großer Gott! rief ich aus, und in ſolchem Augenblicke ſprechen Sie mir von An⸗ ſtellung; wie wenig kennen Sie mich, wenn Sie mich fähig halten, eine Stelle anzunehmen, um Ihren Feinden zu dienen. Für mich giebt es jetzt nur eine Stelle in der Welt, und die iſt zu Favrange; dort geduldet zu werden, iſt der Inbegriff meines Ehr⸗ geizes. Bei dieſen Worten verließ ich ſte, und ging noch ganz bewegt in des Marſchalls Cabinet. Ich ſagte ihm Alles, was mein Herz fühlte, und das Seinige war davon gerührt. Er ſagte mir, daß der Herzog von St. wirklich in Ungnade gefallen ſey, und daß er, ohne je weder ſeine Gunſt, noch ſeine Macht getheilt zu haben, wohl nicht würde ſeinem Mißgeſchick entge⸗ hen. Ich hielt es für meine Pflicht, fügte er hinzu, ihm in einer Angelegenheit Beiſtand zu leiſten, wo ſeine Ehre auf dem Spiele ſtand. Ich bin ruhig, ich habe gethan was ich mußte, die Wahrheit wird frü⸗ her oder ſpäter ans Licht treten. Ich werde, mein lieber Eduard, Ihr Anerbieten annehmen, denn auch von Ihrem Vater hätte ich es angenommen. Sie möogen noch einige Tage hier bleiben, um einige für mich wichtige Geſchäfte zu beſorgen, welche man mir nicht die Zeit laſſen wird, abzuthun. Bleiben Sie jetzt gleich bei mir, ich will das Dringendſte ordnen, um fertig zu ſeyn; ich mag um nichts bitten, nicht einmal um Aufſchub. Der Verbannungsbefehl kam noch an demſelben Abend, und verbreitete Schmerz und Schrecken im Hotel d'Olonne. Der Marſchall gab mit der großten Ruhe die nöthigen Befehle; und indem er Jeden be⸗ ſchäftigte, hemmte er die nutzloſen Klagen. Der Herzog von C., der Prinz Enrichemont und die anderen Freunde des Hauſes eilten bei der erſten Nachricht dieſes Mißgeſchicks herbei. Der Marſchall hatte alle mögliche Mühe, den aufwallenden Eifer des Herzogs von C. zu zügeln, ſeine unbeſonnene Dienſt⸗ fertigkeit abzulehnen und ſeine heftigen Reden zu mäßigen. Der abgemeſſene Fürſt dagegen blieb in ſeiner Ruhe, fügte geſchickt ſeine Worte, und ſagte alles, was hier zu ſagen paſſend war. Deſſen ungeachtet verletzte mich, ich weiß ſelbſt nicht warum, jede ſeiner Aeußerungen. Zuweilen ſah ich bei ſeinen zierlichen wohlgeſchniegelten Phraſen die Herzogin an, und be⸗ merkte, daß ein leichtes Lächeln ihre Lippen um⸗ ſpielte, welches mir bewies, daß der wohlredende Prinz bei ihr eben ſo wenig Beifall fand, als bei mir. Einen noch unangenehmern Eindruck machte aber auf mich zu jener Zeit das unzarte Benehmen des Herrn Herbelot gegen den Marſchall. Mein Oheim hatte nämlich mit ihm ein Geſchäft zu verhandeln gehabt, welches die Provinz Guienne betraf.— Nach mancherlei Hin⸗ und Herſtreiten war mein Oheim ab⸗ gewieſen worden; nur noch einige ſtreitige Punkte blie⸗ ben zu berichtigen. Jetzt glaubte Herr Herbelot, der Moment ſey günſtig, die Sache nochmals aufzufaſſen; er that es, cabalirte, und erhielt den Sieg. Dies Verfahren kränkte mich tief.. Unterdeſſen ſtanden Ballen, Kiſten und Packereien aller Art auf den Vorſälen und Höfen des Hotels. Einige Frachtwagen mit Sachen und ein Theil der Dienerſchaft wurden vorangeſchickt. Den folgenden Tag verließ der Marſchall mit ſeiner Tochter und dem Abbé Tercier Paris. Alle Welt hatte ſich am Vorabend melden laſſen, nur ſeine Freunde hatte der Herr von Olonne angenommen. Ihm war die Schmähung der obern Gewalt verhaßt, wenn gleich ſie dermals an der Tagesordnung war. Er fand ein ehrfurchtsvolles Schweigen ſeiner Würde ange⸗ meſſener. Ich will ſeinem Beiſpiele folgen, aber ich zweifle nicht, daß Sie ſelbſt, mein Freund, damals haben laut ſprechen hören über des Marſchalls Ver⸗ bannung, als von einer großen Ungerechtigkeit, von einem gehäſſigen Mißbrauch der Gewalt. Ende des erſten Theils. 4 rr gedruckt in der Knick'ſchen Buchdruckerei.