—---—--::— 9 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3. Cantion. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Biche’s, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betragt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Mk.— Pf. „ 3 2⸗ 3 „—„ 3„—„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Lerslane eni Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Tiger von Tanger. Neunter Theil. Die blutigen Aſſiſen. Hiſtoriſcher Roman von Paul Dupleſſis. 58. Deutſch von . Dr. Emil Steinmann. . e Peſt, Wien und Leipzig, 1859. Hartleben's Verlags⸗Expedition. J. Eine Nacht der Liebe. Wahrend bei dem Geräuſch der Tritte, die auf den Stufen der Treppe hallten, der Abbé Caetano und William * einen Blick der Unruhe und Beſorgniß wechſelten, ſagte Su⸗ ſanne, ohne einen einzigen Augenblick lang ihre Kaltblütigkeit zu verlieren, zu der eben ſo ruhig gebliebenen Tochter des Pu⸗ ritaners: »Behaltet Lucian bei Euch, meine Schweſter.« Dann wendete ſie ſich zu dem ehrwürdigen Prieſter und zu dem treuen Diener und fuhr fort: »Wir wollen Miß Luch's Zimmer verlaſſen und in den Salonzurückkehren.« Die beiden alten Freunde des Hauſes gehorchten ohne Zögern und die Irländerin ſchloß die Thür hinter ſich zu und ſagte, indem ſie entſchloſſen auf die große Eingangsthür des Salons zuging: »Nun mögen Jeffreys oder Perch Kirke wagen bei mir zu erſcheinen, um ihre gewöhnlichen Gewaltthätigkeiten auszuüben! Wehe Ihnen! Ich werde dem Erſtern zeigen, daß es eine Zeit gibt, wo man die Geſetze mit Füßen treten kann, und eine Zeit, wo man ſie reſpectiren muß— dem Andern aber, daß ſeine Dictatur ſchon fern von uns iſt.“« Der Tiger von Tanger. IX. 1 2 . Plötzlich entſchwand der Ausdruck von Zorn und Dro⸗ hung aus Suſannens Zugen und ein Ausruf wahnſinniger Freude entrang ſich mit Ungeſtüm ihrer Bruſt. »Mylord Lisle!l« rief ſie, indem ſie ſich, nachdem ſie eine Secunde gezögert, in die Arme des Capitäns der„Cher⸗ cheuſe« warf, der in dieſem Augenblick mit Cornwell eintrat. Beinahe in demſelben Augenblick öffnete ſich die Thür des Schlafzimmers mit Geräuſch und zwei Stimmen riefen wie aus Einem Munde: »Lucy!« »Henry!« Die eine dieſer Stimmen aber klang voll und ſonor, die andere dagegen matt und wie von niederſchmetternder Ge⸗ müthsbewegung erſtickt. Dieſe letztere Stimme war die Lucy's. Als dieſe Namen deſſen hörte, den ſie ſo lange erwartet, war ſie, von unwiderſtehlicher Gewalt getrieben, ihm entgegengeflogen. Fitzgerald's Schweſter, welche der Tochter des Purita⸗ ners den Rücken zukehrte, begriff was dieſe that, ohne ſie zu ſehen. Sie entfernte ſich ſchnell und freiwillig von Lord Lisle, der nun Lucy in die Arme ſchloß, welche er geöffnet, um Su⸗ ſanne darin zu empfangen. S Taumel — eo Während die beiden Liebenden ſich in ſüß umſchlungen hielten, betrachtete Cornwell die Irländerin, den Abbé und William mit triumphirendem Blick. »Na,“ rief er,„heute habe ich ſie wohl auch in Ge⸗ fahr gebracht? Indem ich Lord Henry bei Lord Churchill auf⸗ zuſuchen ging und dann an einer der mir bezeichneten Thü⸗ ren von Whitehall wartete und ihn dann eiligſt hierherfühkte, habe ich Miß Lucy wahrſcheinlich ins Verderben geſtürzt, nicht = 3 wahr? Doch was ſage ich wahrſcheinlich? Es iſt ganz ge⸗ wiß, daß ſie ſterben wird, diesmal aber wird es wenigſtens nicht vor Schmerz geſchehen! Nur die Freude, das Glück werden ſie tödten. Und mir, nicht Euch, verdanken ſie dieſen ſüßen Augenblick. Eine ſolche Scene kann nur in Verſen er⸗ zählt werden. Ich werde ſie erzählen. Glaubt Ihr denn, daß die Umarmungen des Ulyſſes und der Penelope, als ſie ſich nach ihrer langen Trennung wiederſahen, würdiger waren als dieſe, durch Homer unſterblich gemacht zu werden? Nein, ganz gewiß nicht!— Hal nun werde ich alſo endlich das ſchöne Hochzeitsgedicht ſingen können, welches ich vor drei Jahren begonnen und welches ich in dieſem ſelben Salon Miß Lucy eines Tages, wo ſie ſehr niedergeſchlagen war, vorzu⸗ declamiren begann, um ſie ein wenig zu zerſtreuen. Ich kann es auswendig. Höret!« »Kommt, Maſter Cornwell,« unterbrach ihn Suſanne. „»Kommt mit uns.“ Der Poet war aber einmal im Zuge und gehorchte nur noch dem unwiderſtehlichen Hange, ſeine Verſe zu declamiren. »Du, der Du den Helikon bewohneſt, o Sohn Ura⸗ nias,« fuhr er fort, indem er ſeine hartnäckigen Worte mit einer rhythmiſchen Geberde begleitete,„»Du, der Du die zärt⸗ liche Jungfrau dem Gatten zuführeſt, o Hymen, o—⸗ Die Irländerin, welche ſah, daß jede weitere mündliche Aufforderung vergeblich ſeyn und daß Cornwell nicht darauf achten würde, ergriff ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Salon hinaus, indem ſie dem Abbé und William winkte, ebenfalls zu folgen. Einen Augenblick ſpäter bewegten Henry und Lucy ihre jungen ſchönen Häupter, die, ſeitdem ſie ſich ſo eng * 8 4 umſchlungen hielten, zwei Blumen an einem Zwillingsſten⸗ gel glichen. Ohne ſich loszulaſſen, tauchten die beiden Liebenden ihren berauſchten Blick Eins in die Seele des Andern und fühlten vor Wonne ſchaudernd, welche unermeßliche und un⸗ verbrüchliche Liebe ſie für einander hegten. »Diesmal, Henry, werden wir einander nicht mehr ver⸗ laſſen, nicht wahr?« murmelte Lucy mit einem Lächeln, welches durch die bittere Erinnerung an die Abweſenheit zu einem wehmüthigen gemacht ward. »Niemals, nein, niemals wieder, mein angebeteter En⸗ gell« antwortete Lord Lisle, indem er die Geliebte wieder an ſeine Bruſt drückte.»Immer noch ſo ſchön,« ſagte Henry mit zärtlicher Bewunderung,»aber vielleicht noch rührender— wenigſtens bläſſer.« „»Mir ſcheint es, als ſey deine Geſtalt noch größer und ſtärker geworden, Henry. Wie braun Du auch gewor⸗ den biſt!«. „» Aber deswegen darfſt Du mich nicht weniger lieben, Lucy.« »Ach, ich liebe Dich deswegen wo möglich nur um ſo mehr.« »Weißt Du, Geliebte, was mich ſo braun gemacht hat?« „Ich weiß es, Freund. Du biſt ſo gut!⸗ »So gut? Sage lieber, ſo verliebt in Dich. Kann ich vielleicht ohne Dich leben? Ich habe Dich in allen jenen Län⸗ dern geſucht, die von der glühenden Sonne beſchienen werden, wo man brennende Luft athmet. Wie litt ich, wenn ich dachte, daß die Sclaverei Dich in dieſem verzehrenden Klima in ihren harten Feſſeln gefangen hielte!« 5 »Und mittlerweile befand ich mich in dieſem friedlichen Aſyl, wo die Jahre meiner Kindheit verfloſſen ſind! Suſanne hatte mich gerettet und hierhergeführt.« »Hal laß mich ihre Hände mit Thränen des Dankes bethauen! Wo iſt ſie? wo iſt ſie?« Henry und Lucy ſahen ſich um und bemerkten nun erſt, daß ſie allein waren. »Waruͤm hat ſie ſich entfernt?« fragte der junge Mann. »Du darfſt Dich nicht darüber wundern, mein Freund,« antwortete die Tochter des Puritaners.„Sie iſt ein ſo edles und gutes Herz!« 3 »Ja,« ſagte Lord Lisle,»ſie hat ſich aus Zartgefühl entfernt und ihre Freunde mit fortgenommen. Sie wird ge⸗ fürchtet haben, durch ihre Gegenwart unſern erſten Herzens⸗ ergießungen ein Hinderniß zu bereiten. Ich bin ihr dankbar dafür. Ich fühle, daß unſer Vertrauen ein innigeres und ſü⸗ ßeres ſeyn wird. Ich fühle, daß meine Lucy, wenn ſie mir die Geſchichte ihrer Seele während dieſer drei Ewigkeiten der Trennung erzählt freier und zutrauensvoller ſeyn wird.“ »Dieſe Geſchichte, Henry, läßt ſich in drei Worten er⸗ zählen.“ »Wie reizend müſſen dieſe drei Worte ſeyn!— Wie lauten ſie, Lucy?« Die Tochter des Puritaners richtete ihre Augen gen Himmel und murmelte in ſanft bewegtem Tone: »Lieben, hoffen, beten!« »Mich lieben,« ſagte Lord Lisle, indem er Luch's Haar mit ſeinen Lippen berührte. »Ja, Henry, und dann deine Rückkehr erwarten, und dann wieder für Dich beten, welche Abſichten auch Gott mit uns haben, welche Stunde oder welchen Ort er auch zu unſe⸗ rer Wiedervereinigung hier auf Erden oder in jenem Leben beſtimmt haben mochte.« „Hier, an dieſer ſelben Stelle, Lucy— erinnerſt Du Dich noch?— ſchwuren wir, einander ewig zu lieben! Welche Prüfungen aber mußten wir beſtehen, ehe wir den glücklichen Tag erlebten, der uns heute beſchieden iſt!« Lucy ſenkte, anſtatt zu antworten, das Haupt, und zwei Thränen rannen ihr an den Wangen herab. Die Erinnerung an die furchtbaren Ereigniſſe, welchen ſie beigewohnt, erwach⸗ ten düſter und traurig in ihrer Seele. »Verzeihe mir meine unklugen Worte, mein armer En⸗ gel,« ſagte Henry in zärtlichem Tone.»Anſtatt dieſe düſteren Gedanken von Dir zu entfernen, ſcheine ich einen wehmüthi⸗ gen Genuß darin zu finden, ſie herbeizurufen.« .„Einen wehmüthigen Genuß! Das iſt das rechte Wort, Henry. O, wie oft habe ich in meinen wachen Träumen ſie in langer, düſterer Reihe vor meinen geſchloſſenen oder offe⸗ nen Augen vorüberziehen ſehen!« „»Mein Gott! Welch ein verhängnißvolles Geſchenk iſt die Erinnerung! Lucy, weißt Du, welche von dieſen entſetzlichen Erinnerungen für mich die grauſamſte iſt? Die, welche meine zerriſſene Seele durch die furchtbarſten Martern zurückruft, welche ich jemals empfunden, ich, der ich doch die Beute ſo vieler Schmerzen geweſen bin? Du wagſt nicht Dich auszu⸗ ſprechen, nicht wahr?« „Du haſt Recht, Henry; ich wage nicht eine ſolche Aufzählung zu beginnen.« 7 »Du thuſt wohl daran, meine Freundin. Du würdeſt vor allen Dingen von dem Juſtizmord geſprochen haben, der an meiner Mutter verübt ward. Wohlan, Lucy, jene Erin⸗ nerung war es aber nicht. Die namenloſe Qual, welche ich meine, empfand ich erſt heute vor acht Tagen. Als ich mit dem kleinen Schiffe, welches mir gehört, in Lyme anlangte, begab ich mich ſofort nach dem Grabe der Märtyrer—« „»Nach meinem Grabe.« 4 „»Leider ja. Der Capitän Clifford vom»St. Dunſtans— „»Suſanne hatte ihn beauftragt, Dich in den engliſchen Colonien des atlantiſchen Meeres aufzuſuchen. Um Dich zu beſtimmen, deine Nachforſchungen einzuſtellen und nach Eng⸗ land zurückzukehren, meldete er Dir meinen angeblichen Tod. Ach, bedecke nicht ſo dein Geſicht mit den Händen! Ich bin ja da!— Ich bin nicht todt— umarme mich!— Und dann, mein Freund, glaube nicht, daß ich ſchuld an der fal⸗ ſchen Nachricht ſey, die man Dir mitgetheilt. Weit entfernt davon wollte ich es durchaus nicht zugeben. Ich ſtellte mich an deine Stelle.— Ich fühlte, daß ich vor Jammer und Herzleid geſtorben wäre, wenn Jemand mir ein Grab gezeigt und geſagt hätte: Hier unter dieſem Stein liegt Lord Henry Lisle!— Suſanne war es, welche verlangte, daß die Sache auf dieſe Weiſe verabredet würde.« »Suſanne hat dies gethan und ſoeben erſt nannteſt Du ſie ein gutes und edles Herz!« „»Und ich bin bereit, ſie nochmals ſo zu nennen. Nein, Henry, Du darſfſt ihr deswegen nicht zürnen. Du wäreſt ungerecht, wenn Du Dich von einem Gefühl des Zornes gegen ſie hinreißen ließeſt. Nicht blos Treue und Selbſtverläugnung . 8 ſind die Eigenſchaften, welche dieſes auserwählte Gemüth ſchmücken, ſondern auch Vorſicht und Klugheit.⸗ »Verlangte denn die Klugheit, daß ſie mich in ſo ent⸗ ſetzliche Verzweiflung ſtürzte?« »Ja, mein theurer Henry.« »Ja? Warum denn?« »Aber bedenke doch, daß ich nicht hier in meiner voll⸗ ſtändigen Abgeſchloſſenheit lebte und daß meine beiden Verfol⸗ ger, Jeffreys und Percy Kirke, mich todt und im Grabe der Märtyrer glaubten. Wie grauſam es auch ſeyn mochte, Dir zu ſagen, ich hätte aufgehört zu leben, ſo entſchied Suſanne ſich doch dafür, weil ſie auf den Capitän des„St. Dunſtan« nur ein mittelmäßiges Vertrauen ſetzte. Sie hat mir zwanzig⸗ mal wiederholt, daß ſie lieber ſelbſt nach Amerika reiſen und Dich aufſuchen, als irgend Jemanden das Geheimniß meines Lebens anvertrauen würde. Der Gedanke an Jeffreys, an Kirke, ſelbſt an den König, beunruhigte ſie unaufhörlich.⸗ Luch ſchwieg einige Augenblicke und heftete einen bitten⸗ den Blick auf den Geliebten. „»Nicht wahr, Suſanne iſt nicht ſtrafbar?« hob ſie wie⸗ der an, beſeelt von dem innigen Wunſche, ihren Geliebten zu überzeugen und ihre Freundin von aller Schuld reinzuwaſchen. Henry drückte Luch's Hände mit leidenſchaftlicher Zärt⸗ lichkeit. »Da die Freude, Dich wiederzuſehen, dem Schmerz, den ich empfand, gleichkommt, ſo verzeihe ich ihr, die mich ge⸗ zwungen hat, dieſe Hölle zu durchwandern, um mich ſodann in dieſes Paradies zu führen. Dennoch aber, Luch,“« ſetzte Lord Lisle in ernſtem Tone hinzu,„gibt es noch etwas, was ich Suſannen und William noch weniger verzeihen werde.« — 9 „Und was iſt dies?« unterbrach ihn Lucy.»Mein Gott, Henry, wie dein Geſicht ſich plötzlich verdüſtert! Du er⸗ ſchreckſt mich— ſprich ſchnell.« „Es bekümmert mich tief, Lucy, Du kannſt es mir glau⸗ ben, ſchon wenige Augenblicke, nachdem Gott mich auf ſo unausſprechliche Weiſe beglückt, von ſolchen Dingen mit Dir ſprechen zu ſollen. Aber laß mich doch noch um eine letzte Er⸗ klärung bitten. Warum— ich weiß, daß Du nicht dafür kannſt und ich würde mich ſogar nicht wundern, wenn Du von dem, was ich Dir ſagen werde, gar keine Kenntniß hätteſt.« „Iſt es denn ein Verbrechen, Henry? Ich würde dies in der That aus deiner Miene ſchließen, wenn Du nicht ſoeben erſt den Namen Suſannens und Williams genannt hätteſt. Alſo ſprich, ich bitte Dich darum.« „Warum hat man dieſen unglücklichen treuen Cornwell drei Jahre an jenem leeren Grabmal zubringen laſſen?« „Cornwell hat dieſes Grab drei Jahre lang bewacht, Henry? Was ſagſt Du?« „Etwas, was unglücklicherweiſe wirklich geſchehen— etwas, was nur grauſam genannt werden kann, weil es durch nichts nöthig gemacht ward. Ich danke aber Gott von ganzer Seele, daß Du es nicht einmal geahnt haſt. Ich werde mit William darüber ſprechen und ihm meine ganze Unzufrie⸗ denheit darüber zu erkennen geben. Eben ſo werde ich ſie auch Suſannen nicht verſchweigen.« »Henry, willſt Du mir erlauben, Dich um eine Gunſt zu bitten?« fragte Lucy, indem ſie wie eine unwiderſtehlich Bittende die Hände faltete. — 10 »Ich ſehe wohl, wo Du hinaus willſt, Lucy, aber kann ich Dir wohl etwas abſchlagen, beſonders jetzt?« »Willſt Du damit ſagen, daß Du mir ſpäter etwas ab⸗ ſchlagen wirſt?« fragte die Tochter des Puritaners mit einem kaum bemerkbaren Lächeln, welches aber dem Geliebten be⸗ wies, daß wohl wieder eine ſanfte Heiterkeit auf die Lippen ſeiner geliebten Luch ſich herabſenken könne, und daß ſie ſich nicht zu einem düſtern und nie wieder zu beſchwichtigenden Schmerze und Jammer verurtheilen würde. »Ich werde niemals ſo wahnſinnig ſeyn, mich der Freude, Dir zu gehorchen, zu berauben, ſo lange ich mich nach deinen leiſeſten Wünſchen einem Willen zu unterwerfen häbe. Sage mir daher, welche Gunſt Du von mir verlangſt. oder vielmehr, welchen Befehl Du mir zu ertheilen haſt.⸗ »Ich würde mich ſehr freuen, wenn Du mir verſprächeſt, Suſannen und William keine Vorwürfe zu machen. Ich weiß, wie ſehr Beide Dich lieben und wie untröſtlich ſie ſeyn wür⸗ den, einen ſtrengen Verweis verdient zu haben. Maſter Corn⸗ well— Maſter Cornwell hat ihnen verziehen. Sey daher nicht unerbittlicher als er. Es wäre unrecht und wir würden uns undankbar zeigen, wenn wir ſie mit unfreundlichem Blick betrachten wollten. Sie haben ſo viel für Dich gethan und ganz beſonders für mich.« Luch begann nun Alles zu erzählen, was die Irländerin unternommen hatte, um ihr zu Hilfe zu kommen und ſie zu retten. In ihrer exaltirten Dankbarkeit vergaß ſie keinen Ne⸗ benumſtand jener ſo zahlreichen Beweiſe von Selbſtverläug⸗ nung und gefiel ſich darin, das Porträt, welches ſie bis jetzt nur ſkizzirt, vollſtändig auszuführen. »Was dieſen guten William betrifft,« fuhr ſie fort,„ſo 11 iſt es wahrhaft unmöglich, ein vollkommneres Herz zu fin⸗ den als das ſeinige. Du haſt meinen Garten noch nicht geſe⸗ hen, Henry. Wenn ich ihn Dir werde gezeigt haben, ſo wirſt Du ganz gewiß die Geſchicklichkeit, Sorgfalt und Geduld des Mannes loben, der ihn für mich in Ordnung hält. Dieſer Mann aber iſt William, ja, mein alter William iſt mein Gärtner. Komm, Henry, komm. Es iſt herrlicher Mond⸗ ſchein; gehen wir in den Garten hinunter. Du kannſt ihn jetzt ſo gut ſehen wie am hellen Tage, und wenn Du ihn ge⸗ ſehen haſt, dann wirſt Du gewiß nicht wieder daran denken, William auszuſchelten. Er iſt es, der meine gezwungene Ein⸗ ſamkeit mit einer Menge reizender Blumen bevölkert hat, Freundinnen aller Stunden, die mir unaufhörlich von Dir und von deiner Rückkehr erzählten.— Komm, komm!« Luch faßte ihren Geliebten bei der Hand und führte ihn nach ihrem Zimmer. Sobald ſie dasſelbe betreten hatten, zündete ſie eine Kerze an und leuchtete damit umher. »Hier wie in dem Salon,“« fuhr ſie fort,„ſind alle Ge⸗ räthſchaften dieſelben geblieben und haben auch den Platz be⸗ halten, den ſie bei Lebzeiten meiner Mutter einnahmen. Su⸗ ſanne hat es ſo gewollt. In der That, Henry, es iſt unmög⸗ lich, Dir in einem einzigen Tage den Schatz von Zartgefühl zu ſchildern, den die Seele unſerer Freundin birgt. Er iſt in der That unerſchöpflich. Hier iſt auch mein kleiner Betaltar. Wir haben Gott noch nicht für das Glück gedankt, welches er uns heute ſpendet. Das iſt nicht recht von uns, Henry. Beten wir! beten wir!« Die beiden jungen Leute knieten nieder und ein kurzes inbrünſtiges Gebet ſtieg von ihren Lippen zum Himmel empor. . 12² „Hal⸗ ſagte Lord Lisle, indem er ſich wieder erhob und von dem kleinen Altar die Blumen wegnahm, welche Lucy darauf gelegt, als ſie aus dem Garten heraufkam,„hier ſind die Freundinnen, von welchen Du vorhin ſprachſt.« »Du ſiehſt, daß ich die Wahrheit redete, Henry. Alle haben mir in ihrer geheimnißvollen Sprache erſt heute von Dir erzählt. Du erinnerſt Dich wohl noch der Klagen der armen Ophelia?« »Ja wohl, ja wohl,« antwortete Henry, indem er Luch mit thränenfeuchtem Blick betrachtete,»„hier iſt ihr Rosmarin, hier ſind ihre Stiefmütterchen und hier ſind auch die deinen, meine ſüße Braut. Du verſchönerſt Alles, was Du berühreſt, Lucy, ſelbſt die Poeſie, ſelbſt die Blumen Gottes. Du verlei⸗ heſt dem Gebet einen Wohlduft, gleich den Heiligen, welche den Thron des Ewigen umgeben. Indem Du dieſen Rosma⸗ rin und dieſe Stiefmütterchen hierherlegteſt, haſt Du unſere Liebe zu heiligen gewußt— Du haſt ſie unter die Obhut Gottes geſtellt und Du ſteheſt, er hat Sorge getragen, mich zu Dir zurückzuführen. Die Zukunft, die uns erwartet, birgt nur noch Glück für uns.«— »Gott erhöre Dich, mein Henry. Doch komm, wir wol⸗ len uns ein wenig in den Garten ſetzen. Dieſes Zimmer und mein Garten machen den ganzen Raum aus, den ich während dreier Jahre des Schmerzes und der Erwartung bewohnt habe.⸗ Indem Henry ſeine Schritte nach der Thür der Treppe lenkte, welche in den Garten führte, blieb er plötzlich vor einem Seſſel ſtehen. „»Was iſt das für ein Kind?« fragte er mit dem Aus⸗ druck des Erſtaunens. »Das iſt mein lieber, kleiner Lucian, mein Pathe, der Sohn der armen Suſanne,“« antwortete Lucy zärtlich.„Der 13 liebe kleine Engel hat ſich in dieſen Seſſel geſchmuggelt, um zu ſchlafen. Er iſt heute wacker umhergeſprungen und müde geworden. Deine glückliche Ankunft hat unſere Gedanken ſo⸗ ausſchließlich in Anſpruch genommen, Henry, daß weder ſeine Mutter noch ich an ihn gedacht haben. Und er iſt hier einge⸗ ſchlafen. Ich werde ihn ſogleich zu Bett bringen.⸗ Während Lucy dies ſagte, hatte Lord Lisle die kleine Hand des Knaben ergriffen und in die ſeine gedrückt, dann ließ er ſie ſanft wieder fallen und ſagte in düſterem Tone: „Armes Kind, armes Kind ohne Vater!— Ha, Percy Kirke! Percy Kirke!« »Percy Kirke weiß nichts von dem Daſehn dieſes Kna⸗ ben, Henry,« ſagte Lucians Pathe,»und wüßte er es auch, ſo glaube ich doch, ſein ganzer Wille ihn anzuerkennen— nemlich vorausgeſetzt, daß er dieſen Willen hätte— würde an dem Haſſe ſcheitern, den er der Mutter einflößt. Du kennſt, mein Freund, die unbeugſame Energie von Suſan⸗ nens Charakter. Wohlan, denke Dir, daß Alles, was Du von dieſer Energie weißt, als Schüchternheit betrachtet wer⸗ den kann, wenn man es mit den furchtbaren Aufwallungen von Wuth vergleicht, in welche Suſanne geräth, ſobald ſie nur den Namen Perchy Kirke ausſprechen hört. Die Zeit, welche ſonſt jeden Schmerz mildert, ſcheint den ihrigen durch die Erinnerung an ihr Unglück noch zu ſteigern. Oft habe ich bemerkt, daß ſie über furchtbaren Racheplänen brütete—«⸗ »Sie wird nicht nöthig haben, ſie auszuführen, Luch,« entgegnete Lord Lisle mit ſeltſamer Betonung und fuhr dann, ehe noch Luch, in deren Zügen ſich plötzliche Unruhe malte, derſelben Worte leihen konnte, fort: »Vergeſſen wir die ſo ſchwarze Vergangenheit, meine Angebetete, und gehen wir, da Du mir dieſes Glück ange⸗ boten haſt, hinab in deinen Garten, um unter deinen Blumen zu weilen—« Einen Augenblick ſpäter nahmen die Liebenden in der grünen Laube ſitzend, wo wir die einſame Luch ſchon einmal geſehen, Hand in Hand ihr ſüßes Geſpräch wieder auf und berauſchten ſich in dem tauſendmal wiederholten Geſtändniß ihrer Liebe. Auf die Syntheſis des erſten Augenblickes folgte die Analyſe des Glückes und Lucy gefiel ſich darin, ihrem endlich wiedergekehrten Freund ausführlich jene innere Geſchichte des Herzens zu erzählen, die ganz aus geträumten Freuden. wirk⸗ lichen Schmerzen und flüchtigen Empfindungen beſtand, welche ewige Erinnerung zurücklaſſen— reizenden Kleinigkeiten, welche das liebende Ohr mit Wonne vernimmt, wenn es die geliebte Stimme iſt, die ſie erzählt. Während Lucy ſprach, warf der Mond, der an dem unbegrenzten Himmel glänzte, ſeine Strahlen durch das Laub⸗ werk, wie während des Tages die Sonne gethan, und ſein auf das Haar der ſchönen Jungfrau fallendes Licht milderte noch mehr die ſchon ſo zarte Farbe desſelben. Henry betrachtete und horchte in ſtumme, keuſche Extaſe verſenkt, ohne auf die Stunden zu achten, welche raſch und be⸗ glückt dahinflogen. Mittlerweile war die Morgendämmerung am öſtlichen Horizont heraufgeſtiegen. Lord Lisle bemerkte es und erhob ſich, indem er in traurig⸗wehmüthigem Tone ſagte: »Der Tag bricht an. Ich habe verſprochen, heute Mor⸗ gen bei Mylord Churchill zu erſcheinen und ich muß mich ſo⸗ fort zu ihm begeben.« 15 »Aber ich werde Dich im Laufe des Tages wiederſehen, nicht wahr, Henry?« fragte Lucy.»Nicht wahr, Du ver⸗ ſprichſt mir, wiederzukommen? Wie dringend auch die Ge⸗ ſchäfte ſeyn mögen, die Du nach ſo langer Abweſenheit zu beſorgen haſt, ſo wirſt Du ganz gewiß deiner armen Einſied⸗ lerin einen Augenblick widmen können, nicht wahr?« Henry war ſichtlich verlegen, welche Antwort er geben ſollte. Lucy heftete ihren feuchten, innigen Blick auf ihn. »Es ſteht,« ſagte ſie,»nicht in deiner Macht, mir die Gedanken zu verbergen, welche deine Seele bewegen, Henry. Sieh, in dieſem Augenblick ſchon ſehe ich, daß Du die Beute eines dumpfen Schmerzes biſt, deſſen Urſache Du mir zu ver⸗ ſchweigen verſuchſt. Was iſt es denn, Henry?— Sprich, ich bitte Dich darum. Fehlt es Dir an Vertrauen zu deiner Lucy?« »Es bekümmert mich, liebe Freundin,« antwortete er, viin dieſem Augenblick weiter nichts als die Ungewißheit, in der ich bin, ob ich heute wieder zu Dir werde zurückkehren können.« „Aber warum weißt Du das nicht, Henry?« „»Es iſt möglich, daß ich noch heute nach Holland ab⸗ reiſe.« »Du reiſeſt ab, Henry, Du verläſſeſt mich ſchon wie⸗ der? Ach, warum haſt Du mir dann geſagt, daß wir uns niemals wieder trennen würden?« »Geſtern Abend, Lucy, als ich deinen Tod beweinte, als mein liebeleeres Herz nur von Haß erfüllt war, als meine Seele nur Rache brütete, verſprach ich der Prinzeſſin Anna und Mylord Churchill, nach Holland zu gehen.« »Aber wann?“ 16 . »Der Tag und die Stunde meiner Abreiſe ſind dem Er⸗ meſſen dieſer beiden Perſonen anheimgeſtellt worden.« »Alſo wenn ſie ſagen: Geht, ſo würdeſt Du heute noch gehen, Henry?« „»Ja, Lucy.« „Ach, mein Gott!⸗« »Fürchte nichts mehr, theure Angebetete! Die Zeit der Prüfungen iſt ganz gewiß vorüber. Die Stunde des La hinas hat geſchlagen.« »Sage, was Du willſt, Henry; es wird Dir nicht ge⸗ lingen, mich wieder zu beruhigen. Nein, wenn Du fern biſt, kann ich nicht glücklich ſeyn.« »Aber dieſe Abweſenheit wird nur kurze Zeit dauern, Luch! Alſo, Muth, Muth!« Während die beiden Liebenden ſo mit einander ſprachen, hatten ſie ihre Schritte wieder nach dem Hauſe gelenkt. In Luch's Zimmer angelangt, trennten ſie ſich nicht ohne aber⸗ malige Aufwallung ihres Schmerzes, und Henry ging, indem er ſich raſch von Soho Fields entfernte, mit ſchnellen Schrit⸗ ten nach der Wohnung des Lord John Churchill. II. Der Snadenſtoß. Henry athmete mit voller Lunge die friſche Morgenluft. Es war ihm, als hätte er drei Jahre lang gar nicht gelebt und als finge er jetzt, wo er wieder angefangen zu lieben, auch erſt wieder an zu ſehen, zu fühlen, zu begreifen und zu denken. „Aber,“ ſagte er bei ſich ſelbſt, während er ſo durch die Straßen von London dahinſchritt,„darf ich denn eigentlich Lucy auch auf nur wenig Stunden verlaſſen, nachdem Gott ſie mir wiedergegeben hat? Ahl unglückliches Verſprechen! Wird Lord Churchill ſich jetzt wohl dazu verſtehen, mir mein Wort zurückzugeben? Und übrigens, kann ich es ihm wohl wieder abverlangen? Würde ich, wenn ich dies thäte, nicht mit dem kindiſchſten Leichtſinne handeln? Nein, nein, man darf den Muth nie verlieren und übrigens ſchwebt Luchy heute in keiner größern Gefahr als geſtern. Suſanne hat ſie drei ganze Jahre zu ſchützen und zu ſichern gewußt, deshalb wird ſie ihre wirk⸗ ſame Sorgfalt ihr auch noch einige Wochen lang widmen können.« Eine halbe Stunde nachdem er das Haus in Soho Fields verlaſſen, erreichte er Churchill's Hotel, welches etwa nur hundert Schritte weit von Whitehall entfernt ſtand. Wie kurz auch dieſe Entfernung war, ſoffe fand die Prin⸗ Der Tiger von Tanger. IX. zeſſin Anna, welche Lady Churchill leidenſchaftlich liebte und der es unmöglich geweſen wäre, lange entfernt von ihr zu bleiben, doch, daß ihre liebe Favoritin am Ende der Welt wohnte. Henry wollte eben in das Hotel hineingehen, als er einen Wagen mit dem königlichen Wappen vor dem Thore halten ſah. Es dauerte nicht lange, ſo kam eine wunderſchöne Dame aus Churchill's Wohnung und ſtieg in den Wagen, der, von vier kräftigen Pferden gezogen, davonfuhr. Als der Wagen an dem jungen Manne vorüberkam, war es ihm, als ob zwei junge Damen, die darin neben ein⸗ ander ſaßen, ihn auf flüchtige aber anmuthige und freundliche Weiſe grüßten. Er erkannte in ihnen ſofort die Prinzeſſin Anna und Lady Churchill. Es dauerte nicht lange, ſo ward Henry bei dem nach⸗ maligen Herzog von Marlborough vorgelaſſen und von ihm aufs freundlichſte empfangen. „Wir ſind dieſe Nacht fleißig geweſen,“ ſagte Churchill zu ihm,»und Ihr könnt nicht blos die Briefe, welche eine Menge weltliche Standesperſonen an Wilhelm von Oranien ſchreiben und ihn auffordern, eine Landung in England zu be⸗ wirken, mit nach dem Haag nehmen, ſondern ich werde auch, mein junger Freund, Euch die Botſchaft übergeben, welche von den ſieben Biſchöfen unterzeichnet worden, die Jacob der Zweite ſo wahnſinnig geweſen iſt, geſtern in den Tower zu ſchicken. Eure Miſſion wird unermeßliche Reſultate haben, My⸗ lord Lisle.“ „Ich werde ſie mit Muth und Eifer erfüllen, General,« ant⸗ wortete Lady Lucy's Geliebter,„aber erlaubt mir, Euch zu ſagen, 19 als ich geſtern Abends Euch mein Wort gab, war ich weit ent⸗ fernt, die ernſten Beweggründe zu ahnen, welche meine Gegen⸗ wart hier nothwendig machen würden.« »Ihr tretet zurück, Mylord!« rief Churchill mit unver⸗ kennbarem Verdruß. »Habt Ihr denn nicht gehört, was ich ſoeben ſagte, Ge⸗ neral?« hob Henry wieder an.„»Ich erklärte ja, daß ich die von mir übernommene hohe Miſſion erfüllen würde. Ja, My⸗ lord, ich werde ſie mit Eifer und Treue erfüllen. Ich hoffe nur, daß Ihr dagegen meine theuerſten Intereſſen überwachen werdet. Ich hoffe—« »Wie könnt Ihr daran zweifeln, Mylord?« unterbrach ihn Churchill lebhaft. »Wir verſtehen uns nicht, General. Glaubt nicht, daß ich als gewöhnlicher Bittender hier ſtehe, der die Hand aus⸗ ſtreckt, um ſeinen Lohn zu verlangen, ehe er noch die Arbeit ge⸗ liefert hat! Nein, ich verlange von Euch einen Dienſt, der wich⸗ tiger iſt, als die größten Belohnungen, mit welchen die ſtegen⸗ den Parteien den überhäufen können, der ihnen auf die glück⸗ lichſte und glänzendſte Weiſe gedient hat.« „Sprecht,« entgegnete Churchill mit etwas verlegener Miene. »Ihr habt General, mehr als einmal euer Mitleid mit dem Schickſal meines väterlichen Freundes Sir Charles Mur⸗ ray zu erkennen gegeben,« hob Lord Lisle mit edler Dreiſtig⸗ keit wieder an.»Ihr habt ſeinen Muth und ſeine Tugend be⸗ wundert, wenigſtens ſagtet Ihr dies geſtern Abend, als unſer Geſpräch auf die Inſurrection der weſtlichen Grafſchaften kai.« »Allerdings iſt es wahr, Mylord, daß ich Euch die ganze . 20 . Sympathie zu erkennen gegeben habe, welche ich für dieſen hochherzigen Greis empfunden, und auch heute kann ich, wenn es Euch ſonſt Vergnügen macht, dieſelbe Verſicherung wie⸗ derholen.“ „Ja, General, dieſe neue und feierliche Verſicherung macht mir große Freude. Sie gibt mir die feſte Hoffnung, daß ich Euch geneigt finden werde, mir zu gewähren, was ich von Euch zu verlangen im Begriffe ſtehe.« Der junge Mann machte eine Pauſe und hob dann in einem Tone, der die Bewegtheit ſeines Gemüths verrieth, wieder an: „General, Ihr ſpracht geſtern auch in eben ſo freundli⸗ chen und theilnehmenden Ausdrücken von Sir Charles Mur⸗ ray's Tochter— erinnert Ihr Euch deſſen noch?« „Ob ich mich deſſen, was ich Euch von Miß Lucy geſagt habe noch entſinne? Ich hoffe, Ihr werdet Euch nicht über das Intereſſe wundern, welches ich an dieſem edlen und rührenden Opfer Kirke’'s und des ſchändlichen Jeffreys nehme.“ „Warum ſollte ich mich darüber wundern, General? Aber ſeyd Ihr immer noch überzeugt, daß ſie in ihrem Grabe ruht?« „Eure Ungläubigkeit beweiſt eure Liebe, mein lieber junger Freund.“ „Es handelt ſich weder um Ungläubigkeit noch um Glau⸗ ben. Es handelt ſich um Gewißheit, General. Nur erſt vor wenigen Augenblicken war ich bei Miß Lucy.“« „Ihr waret vor wenig Augenblicken bei Miß Lucy?⸗ „Ihr ſehet, General, wenn Ihr mir geſtern großes Ver⸗ trauen bewieſen, ſo iſt das, welches ich heute Euch zu erkennen 21 gebe, nicht weniger vollſtandig und unbedingt, denn Ihr müßt wiſſen, Miß Lucy lebt in tiefer Zurückgezogenheit bei jener jungen Irländerin, über welche Ihr ein ſo hartes und, wie ich verſichern kann, irriges und unverdientes Urtheil fälltet. Ihr begreift, wie wichtig es iſt, dieſes Geheimniß zu be⸗ wahren.« „Ja wohl begreife ich es. Sobald dieſe wunderbare Ge⸗ ſchichte bekannt würde, ware nichts im Stande, eure ſo wun⸗ derbar gerettete Verlobte dem ſichern Tode zu entreißen. Es würde nicht blos Percy Kirke ſeyn, der ſeine ſchändlichen Anſchläge weiter verfolgte. Dieſes Feindes würde ein Degenſtoß, wie Ihr ſie zu geben wißt, Euch bald entledigen. Aber Jeffreys! Dieſen mit dem Geſetz bewaffneten Mörder zu beſeitigen, wäre weit ſchwieriger. Jacob aber beſonders, der unverſöhnliche Jacob der Zweite, würde, ſobald er erführe, daß man ſeiner Rache dieſes Mädchen entzogen, welches Monmouth in Taun⸗ ton entgegenging und ihn als König begrüßte, nur von Beil, Strick und Scheiterhaufen träumen.« Ein kalter Schauer durchrieſelte Henry Lisle vom Kopf bis zum Fuße. »Ihr erfüllt mich mit Entſetzen!« rief er. »Wenigſtens ſeht Ihr, daß ich die Wichtigkeit eines ſol⸗ chen Geheimniſſes begreife.⸗ »Ich habe es Euch anvertraut, General, damit Ihr während meiner Abweſenheit Miß Lucy's Sicherheit über⸗ wacht, wenn dieſelbe bedroht werden ſollte.« »Ich werde, Mylord, Alles thun, was ich bei einer ſolchen Gelegenheit thun kann, doch hoffe ich, daß ich nicht Urſache haben werde, Euch, in dieſer Beziehung wenigſtens, das ganze Intereſſe zu beweiſen, welches ich an Euch nehme. 22 Bedauert indeſſen nicht, daß Ihr London verlaſſet. Nach mei⸗ ner Anſicht könnte eure Anweſenheit hier zuletzt ſehr leicht eure Verlobte in Gefahr bringen. Man würde eure häufigen Be⸗ ſuche in Sir Charles Murray's ehemaligem Hauſe ſehr bald bemerken. Das Publicum würde allerdings glauben, Ihr würdet durch Suſannen angelockt, gewiſſe intereſſirte Perſo⸗ nen aber könnten leicht Verdacht ſchöpfen und die Augen öffnen. Es beduͤrfte nur einer Unvorſichtigkeit, um Alles dem ſichern Untergang anheim zu geben. Reiſet noch heute. Alles fordert Euch dazu auf. Heiraten könnt Ihr Miß Luch jetzt doch nicht, Ihr müßtet ſie denn mit Euch in die Verbannung nehmen. Eure Vermälung würde, wenn ſie jetzt auch in dem abgelegenſten Dorfe des vereinigten Königreichs vollzogen würde, eine verderbliche, ja tödtliche Aufmerkſamkeit auf eure theure Einſiedlerin lenken. Ihre eigenthümlichen und rühren⸗ den Abenteuer würden bald in Aller Munde ſeyn und Jacob ſich der Unglücklichen ſofort zu bemächtigen wiſſen. Ihr ſeht daher, daß die Reiſe, welche Ihr unternehmt, weit entfernt, eure theuerſten Wünſche zu durchkreuzen, die baldige Erfül⸗ lung derſelben fördert. Wenn Ihr die Hand bietet, damit Jacob ſobald als möglich vom Throne geſtürzt werde, ſo dient Ihr eurer Liebe, und die Stunde eurer ſo ſehr herbeige⸗ wünſchten Vereinigung mit Sir Charles Tochter wird um ſo eher ſchlagen. Nach dem Triumphe Wilhelms, aber erſt dann, wird Miß Lucy ſich ohne Furcht am hellen Tage zeigen kön⸗ nen. Beſchleunigt daher dieſen Triumph mit allen euren Kräften. Romantiſche Umſtände haben einen Schiffscapitän aus Euch gemacht und Ihr beſitzt ein Schiff, welches ein ganz vortrefflicher Segler iſt. Mit dieſer Befähigung, fortwährend zwiſchen England und Holland hin⸗ und herzuſegeln, ohne Verdacht zu erregen, werdet Ihr natürlich und nothwendig der ſtehende Vermittler zwiſchen Wilhelm von Oranien und den Unzufriedenen, das heißt beinahe der ganzen Nation.“ Während Churchill ſprach, ſchien Lucy's Geliebter in tiefe Betrachtungen zu verſinken. Es war augenſcheinlich, daß er Alles, was Lord Churchill ihm ſagte, vollkommen richtig fand und er wollte eben laut ſeine Zuſtimmung dazu ausſpre⸗ chen, als der General wieder das Wort nahm. „Ja, es ſind in der That wichtige Dienſte, die Ihr auf dieſe Weiſe nicht blos England, ſondern auch der ganzen Welt leiſten werdet, Mylord. Sobald Wilhelm auf dem brittiſchen Thron ſitzt, wird unſer Vaterland aufhören, der demüthige Vaſall Frankreichs zu ſeyn, und das jetzt durch den Ehrgeiz Ludwig XIV. geſtörte Gleichgewicht von Europa wird auf dieſe Weiſe wieder hergeſtellt ſeyn. Ach, warum wendet Ihr Euch ſo hartnäckig von den Belohnungen ab, auf welche Ihr ein ſo unbeſtreitbares Recht haben werdet? Warum wollt Ihr nicht jener katholiſchen Religion entſagen, die nicht von jeher die eure geweſen, die nicht die eurer Verlobten iſt und die man Euch als Kind hat annehmen laſſen, indem man Euch dem Glauben eurer Väter untreu machte? Ihr müßt, My⸗ lord, meine Worte nicht mit ſolchem Stirnrunzeln anhören. Es iſt ein aufrichtiger Freund, der ſie zu Euch ſpricht. Wenn Ihr der Religion, die Ihr jetzt bekennt, treu bleibt, ſo baut Ihr zwiſchen Euch und der glänzenden Zukunft, die Euch lä⸗ chelt, eine unüberſteigliche Schranke auf.« »Genug, General,« unterbrach ihn Lord Lisle mit einer ſtolzen Geberde und indem er zugleich einen ruhigen, würdi⸗ gen Blick auf Churchill fallen ließ,„genug hierüber! Ihr würdet mir, wenn Ihr noch länger auf dem Ausdruck eures 24 Bedauerns beharrt, nur beweiſen, daß Ihr die Beweggründe meines gegenwärtigen Handelns nicht begriffen habt. Vor allen Dingen will ich die Befreiung meines Vaterlandes. Die Schmach, welche auf ihm laſtet, bedrückt auch meine Seele und deswegen zunächſt will ich, ſo viel an mir iſt, es der Tyrannei Jacob Stuart's entreißen helfen, um Wilhelm von Oranien an die Spitze zu ſtellen. Zweitens und was meinen Glauben betrifft, ſo bin ich der Meinung aller weiſen Katho⸗ liken und überzeugt, daß wir bei der Ausübung unſerer Reli⸗ gion eine beſſere Sicherheit haben, wenn das Geſetz ſie unter ſeinen Schutz genommen haben wird, und dies verſpricht uns die Toleranz des Proteſtanten Wilhelm. Um endlich Verbre⸗ chen zu ſtrafen und tödtliche perſönliche Beleidigungen zu rä⸗ chen, brauche ich nicht die Religion zu wechſeln. Warum ſollte ich den Uebertritt bewirken, den Ihr ſo ſehr zu wünſchen ſcheinet? Um ehrgeizigen Gedanken zu gehorchen? Dann habt Ihr meinen Worten nicht geglaubt, als ich Euch verſicherte, daß, indem ich dieſe Miſſion übernehme, meine Seele jedem ehrgeizigen Beweggrund vollkommen fremd bleibt. Nein, My⸗ lord, ich werde meinen Glauben nicht abſchwören. Ich werde mich nicht ſo zu einem Schauſpiel für die öffentliche Meinung machen. Es gibt, wie mich dünkt, in unſerer Zeit Scandal⸗ geſchichten genug, als daß ich die Zahl derſelben noch zu ver⸗ mehren brauchte. Zur Religion einer Partei am Vorabend ihres Sieges übergehen, wäre eine feige Abtrünnigkeit, deren ich nicht fähig bin. Wenn Gott mir jemals Miß Lucy zum Weibe gibt und wenn meine fromme Gattin mir Kinder ſchenkt, ſo werde ich ihr freiſtellen, ſie in ihrer Religion er⸗ ziehen zu laſſen. Die Lisle können dann dereinſt wieder in das öffentliche Leben eintreten, von welchem ich, ſobald meine Miſſion erfüllt iſt, mich zurückzuziehen gedenke. Lebt wohl, Mylord, ich begebe mich auf meine Goelette.“ Henry's Züge trugen, während er auf dieſe Weiſe ſprach, das Gepräge einer hohen, ſtolzen Würde. Lord Chur⸗ chill, der in der nahen Zukunft einen ſo hohen militäriſchen Ruhm erringen ſollte, näherte ſich dem jungen Mann und faßte ihn theilnehmend bei der Hand. »Eure Handlungsweiſe iſt zu edel und zu ſchön,« ſagte er mit bewegter Stimme,„als daß ich nochmals verſuchen ſollte, Euch zu einer anderen zu überreden. Geht denn und erfüllt eure ſegensreiche Miſſion mit der ſo ſeltenen Uneigen⸗ nützigkeit, auf welcher Ihr durchaus beharret. Hier ſind die Papiere, von welchen ich ſprach. Verwahrt ſie ſorgfältig und gebt ſie nur dem Prinzen von Oranien in ſeine eigenen Hände. Dhkvelt, den Ihr bei eurer Ankunft im Haag treffen und dem Ihr dieſen Brief hier zuſtellen werdet, wird Euch bei dem Prinzen einfuͤhren.“ In dieſem Augenblick trat Dr. Short bei Churchill ein, und näherte ſich mit triumphirender Miene. »Mylord,« rief er,„iſt die große Neuigkeit ſchon bis zu Euch gedrungen?« »Welche große Neuigkeit, mein lieber Short?⸗ »Die Entbindung der Königin!« »Die Königin iſt entbunden worden?« „»Ja, Mylord, von einem Prinzen.« „»Wann denn, dieſe Nacht?« „»Nein— ſo eben— dieſen Augenblick.« »Dieſen Augenblick? Sollte man vielleicht deswegen die Prinzeſſin Anna vor einer Stunde die Reiſe nach Bath haben antreten laſſen?« „»Was wollt Ihr damit ſagen, Mylord? Ich verſtehe Euch nicht.« »Ich frage, ob man die Prinzeſſin Anna hat abreiſen laſſen, um einen ſo intereſſirten Zeugen von dem Bett der Königin zu entfernen?« »Zweifelt Ihr vielleicht an der Ehrlichkeit Sr. Majeſtät des Königs, unſeres Herrn, Mylord?« fragte der Arzt mit einem leichten Anflug von Entrüſtung. 5 »Ich würde mir nicht erlauben, Doctor, einen ſolchen Zweifel zu äußern, ſelbſt wenn er mir in die Gedanken käme,« antwortete Churchill.„Mir ſcheint aber, daß die Ge⸗ burt eines Prinzen von Wales, eines präſumtiven Thron⸗ erben, mit der unzweifelhafteſten Notorität umgeben werden müßte, beſonders wenn der Nation alle Tage ſo gegründete Befürchtungen eingeflößt werden—⸗ »Was für Befürchtungen, Mylord?« »Was für Befürchtungen, Doctor? Ich will blos eine einzige erwähnen, die alle andern in ſich ſchließt— die Be⸗ fürchtung, daß man England einen König aufnöthige, wel⸗ cher Oberhaupt der anglicaniſchen Kirche iſt und dennoch ſich zu einem dieſer Kirche fremden Glauben bekennt.« »Daß Ihr doch gleich mit eurem Argwohn bei der Hand ſeyd!« rief Short.»Man wird das Kind in der Religion erziehen, welche es dem König, ſeinem Vater, gefallen wird ihm zu geben— darauf kommt mir wenig an. Die Haupt⸗ ſache für mich iſt, Jedem, der es hören will, zu verſichern, daß der kleine Prinz von Wales, der uns heute geboren worden, wirklich das Kind der Königin iſt, trotz der Zweifel, welche ſich von allen Seiten geltend zu machen beginnen.⸗ 27 »Ahl Man läugnet alſo wohl die Echtheit dieſer Geburt?« fragte Churchill. »Darauf mußte man wohl gefaßt ſeyn,« entgegnete der Doctor.»Was würde nicht von der blinden Leidenſchaft ge⸗ läugnet!⸗ »Da man aber auf ſolche Zweifel gefaßt ſeyn mußte. Doctor, warum hat man dann nicht die Geburt dieſes Kindes mit den authentiſchſten Beweiſen, den achtbarſten und unwi⸗ derleglichſten Zeugniſſen umgeben? Warum hat man nicht vor allen Dingen die Prinzeſſin Anna herbeigerufen?« »Ich hatte ihr den Brunnen von Bath verordnet und ſie iſt meiner Verordnung gefolgt.« »Sehr gut, Doctor; aber hat man die Oheime der Prinzeſſin von Oranien und der Prinzeſſin Anna in das Zim⸗ mer kommen laſſen? Waren Mylord Clarendon und Mylord Rocheſter bei der Entbindung gegenwärtig?« »Nein, General; Ihr wißt, daß dieſe beiden Herren gegenwärtig in Ungnade ſind.⸗ »Als Ihr nein ſagtet, Doctor, glaubte ich ſchon, Ihr hättet ſie auch in's Bad geſchickt.« Short konnte trotz der Vorſicht und Schüchternheit ſei⸗ nes Charakters nun ſeine Entrüſtung nicht länger bemeiſtern und er verließ eiligſt dieſes Haus, in welches er in der ein wenig kindiſchen Naivetät ſeiner Seele eine gute Nachricht zu bringen geglaubt, wenn er die Geburt des Prätendenten erzählte. Kaum hatte er die Thür hinter ſich geſchloſſen, als Chur⸗ chill ſich mit dem Ausdruck inniger Freude wieder zu Henry wendete. M »Das iſt der Gnadenſtoß,« ſagte er,„und der unglück⸗ liche Jacob verſetzt ihn ſich ſelbſt! Man konnte geduldig ſeyn, ſo lange man hoffte, daß ſein Tod die Prinzeſſin von Ora⸗ nien auf den Thron berufen und das Uebel mit ihm zugleich verſchwinden würde. Heute aber gewinnen die Dinge eine ganz andere Geſtalt. Das ſoeben geborene Kind— mag es nun echt oder untergeſchoben ſeyn— und ebenſo wie die Prin⸗ zeſſin Anna glaube ich, daß es untergeſchoben iſt— dieſes Kind, ſage ich, wird in den Grundſätzen Jacobs II. erzogen werden, aber dann wehe England! Nein, nein, das darf nicht geſchehen— das wird nicht geſchehen!« Indem Churchill auf dieſe Weiſe ſprach, ging er mit großen Schritten in dem Zimmer auf und ab, in welchem er ſich mit Henry befand. Plötzlich blieb er vor dem jungen Manne ſtehen und ſagte: „»Mylord, gebet mir die Papiere wieder, welche ich Euch vor wenigen Augenblicken zuſtellte. Das, was wir ſoeben erfahren, verdient einen Platz mitten unter den andern Neuigkeiten zu finden, welche ich dem Prinzen von Oranien melde. Er darf ſich in Bezug auf die Geburt ſeines vorgeblichen Schwagers nicht irren. Es iſt wichtig, daß er erfahre, wie die Sache zu⸗ gegangen iſt. Dies wird ihn wahrſcheinlich beſtimmen, ohne Verzug auf Mittel zur Ausführung der ſchon lange entworfenen Pläne zu ſinnen. Ja ja, je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr ſehe ich, daß dieſes Ereigniß uns zu den froheſten Hoffnungen berechtiget.« Churchill ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, erbrach einen der Briefe, welche Lord Lisle ihm ſoeben wieder zugeſtellt, und ſchrieb einige Minuten lang auf alle noch weiß gebliebe⸗ 29 nen Ränder. Dann faltete er den Brief wieder zuſammen, drückte abermals ſein Siegel darauf, übergab ihn wieder Lord Henry Lisle und ſagte: »Nun geht, mein Freund; zweifelhaft iſt der Erfolg jetzt nicht mehr, aber euer Eifer kann ihn beſchleunigen.« „General, ſeyd überzeugt, daß ich keines Spornes bedarf.“ Indem der Capitän der„Chercheuſe“ dieſe Worte mit furchtbarer Ruhe ſprach, ſteckte er die Depeſchen in die um⸗ fangreiche Taſche ſeines Rockes, drückte Lord Churchill die Hand und lenkte ſeine Schritte raſch nach der Themſe, wo er ein kleines Boot nahm, um ſich nach Sheerneß führen zu laſ⸗ ſen, einem an dem Fluſſe gelegenen Orte, wo ſeine Goelette ihn erwartete. Auf ſeinem Wege aus der Umgebung von Whitehall bis zur Londonbrücke war Henry Hunderten von Gruppen begeg⸗ net, welche ſämmtlich ſich von der Geburt des Prinzen von Wales unterhielten. Ueberall hörte er einen einſtimmigen Schrei der Entrü⸗ ſtung und Verwünſchung gegen den unnatürlichen Vater ſich erheben, welcher ſeine Töchter enterbte, um an ihrer Stelle ein untergeſchobenes Kind auf den Thron zu ſetzen. Man müſſe ihn, riefen tauſend Stimmen, nun ohne Erbarmen aus dem Palaſt der Tudors jagen. »Der Haß wächſt unaufhoͤrlich,« murmelte Henry, während er in ſeinem Boote den Fluß hinabſchwamm,»„der Haß des Volkes, der auf ſeinen Wogen die Revolutionen, dieſe Sturmfluten der Geſchichte, herbeiträgt. Ein Thron bricht zuſammen, ein anderer wird errichtet. Mitten unter dieſen inhaltſchweren Ereigniſſen wird meine Rache auf⸗ tauchen.« Während Lord Lisle ſo die Themſe hinabſchwamm, tra⸗ ten Jeffreys und Percy Kirke in Chiffinch's Wohnung zu Whitehall und geberdeten ſich vor dem einen Augenblick lang verblüfften Pagen wie durch einen Freund Verrathene. »Wir kommen Beide,“ rief der Lordkanzler,„um Euch die ſchwerſten Vorwürfe zu machen, Chiffinch. Wie könnt—« »Aber Du biſt und bleibſt doch ein eigenthümlicher Menſch, mein lieber Jim,« unterbrach ihn der Soldat von Tanger mit lauter Stimme.»Ich glaube, Gott verdamme mich, Du willſt gar Schonung gegen dieſen Verräther beob⸗ aachten! Meinetwegen thue wie Du willſt, ich aber werde ihn in einem andern Tone zur Rede ſtellen.« Perch Kirke näherte ſich mit dieſen Worten dem Pagen, der ihn bleich vor Zorn erwartete, und zeigte ihm ſein von Wuth verzerrtes Geſicht. „»Wo haltet Ihr,“« rief er in dumpfem Tone,„das Mäd⸗ chen verſteckt, welches ich liebe?« »Eure Worte und Geberden ſind von der Art, daß ich Euch gar nicht antworten ſollte,« ſagte Chiffinch. „Elender Wicht!“« heulte Percy Kirke,„Du wirſt mir ſagen, wo Du Lucy verſteckt hältſt, oder—« Jeffreys warf ſich zwiſchen die beiden Gegner und rief, ſich bald zu dem einen, bald zu dem andern wendend: „Beruhige Dich, Percy! Chiffinch, mein Freund, achte nicht auf ſeine Drohungen und Beleidigungen!— Nur die Wuth gibt ſie ihm ein. Du mußt freilich auch geſtehen, daß 31 Du uns Beide ein wenig zu ſehr hinter's Licht geführt haſt. — Das hatten wir an Dir nicht verdient. Du weißt wie ſehr unſer Bruder Percy dieſes Mädchen liebte— Du weißt, wie viel meinerſeits mir daranlag, ſie in meine Gewalt zu bekommen, wenn auch nicht um ſie zu lieben. Und Du ent⸗ zieheſt ſie eines ſchönen Tages unſern Augen und verſicherſt uns, ſie ſey geſtorben und begräbſt ſie, indem Du Percy Kirke ſeine Liebe und mir meine Rache raubſt. Sprich, Chiffinch, haſt Du das wirklich gethan? Antworte, mein Bruder, ant⸗ worte—« »Sobald ich verſtehen werde, werde ich auch antworten.⸗ »Er ſpielt noch den Unwiſſenden, der Elende!« hob Kirke wieder an.»Er verdiente— Ha! Nichtswürdiger! ich werde Dir zeigen, ob es Dir erlaubt iſt, Dich ſo zu verſtel⸗ len.— Alſo ſprich!— Wo hältſt Du Lucy verſteckt? Sey überzeugt, daß ich ſie finden werde, ſollte ich auch dein Concu⸗ binenhaus in Soho Fields mit Sturm nehmen.« »Hinaus mit Euch, Henkersknecht!« ſchrie Chiffinch außer ſich,„aber erſt höret, was ich Euch ſagen werde: Ich verſtehe nichts von euren Vorwürfen, von eurer Wuth, von euren Schmähungen— ich weiß nicht, was Ihr mit eurer Luch wollt.— Wenn Ihr dieſer eine Liebeserklärung zu machen wünſcht, ſo verfügt Euch an den Strand von Lyme. Sie ru⸗ het— Ihr wißt das eben ſo gut als ich— unter jenem Stein, den das Volk das Märtyrergrab nennt. Nachdem ich Euch dies geſagt merket meine letzten Worte: Unſer Trium⸗ virat beſteht von dieſem Augenblick an nicht mehr. Ihr wer⸗ det bald ſehen— für ſo mächtig Ihr Euch auch haltet— wer von uns Beiden bei dieſem Bruche das Meiſte verloren hat. Bleibe, Jim, Dir gilt das nicht!« 32 Percy Kirke entfernte ſich mit lautem Gelächter und in⸗ dem er rief: 3 „»Bewache dein Haus in Soho⸗Fields, denn ich ſage Dir im Voraus, dort werde ich ſie zuerſt ſuchen!« III. Das Geſetz Gottes und das Geſetz Englands. Eine Woche nach der Nacht der Sterne, des Wohlge⸗ ruchs und der Liebe, welche Henry und Lucy mit der Erzäh⸗ lung ihrer Leiden und in der Freude der Trennung zugebracht, ging eine ſchöne engliſche Goelette, auf deren Flagge mit ſchö⸗ nen, großen, ſchwarzen Buchſtaben der Name„La Cher- cheuse“ geſchrieben ſtand, in dem holländiſchen Hafen Hel⸗ vötsluys vor Anker. Dieſer kleine Hafen liegt ſechs Stunden ſüdweſtlich von Rotterdam und ſollte, obſchon damals ziemlich unbekannt, bald eine große Berühmtheit erlangen. Der Seemann, welcher die Goelette commandirte, nannte ſich Capitän Henry und fügte hinzu, er habe die Ab⸗ ſicht, ſein Schiff in dem Hafen liegen zu laſſen, während er ſich nach dem Haag begeben würde, um zu ſehen, ob er dort Handelsverbindungen anknüpfen könne. In der That reiſte er ab und ſchon am andern Morgen erſchien er bei dem Diplomaten Dykvelt, dem vormaligen ge⸗ heimen Agenten Wilhelms von Oranien in London, deſſen Bekanntſchaft der Leſer bereits bei Suſannen in dem Salon des kleinen Hauſes in Montagu Street gemacht hat. „»Mein Herr iſt in dieſem Augenblick beſchäftigt,« ant⸗ wortete der Diener, an den er ſich wendete. 0 3. »Wird das lange dauern?« »Höchſt wahrſcheinlich. Die Beſuche der Perſon, welche ſich bei ihm befindet, dauern ſtets ſehr lange.⸗ »Ich habe nicht viel Zeit übrig. Uebergebt daher euerm Herrn dieſen Brief. Ohne Zweifel wird er mich, wenn er ihn geleſen hat, eher empfangen.« Der Diener verſchwand mit dem Brief und ließ den Ca⸗ pitän in einem Vorzimmer zurück, welches mit einigen Frucht⸗ und Blumengemälden und einer Menge chineſiſcher und japa⸗ niſcher Porzellanſachen verziert war, die auf Schränken von Eichenholz aufgeſtellt waren. Die Hitze war erſtickend und um die Luft freier cireu⸗ liren zu laſſen, hatte man alle Thuͤren geöffnet und der Blick verlor ſich auf dieſe Weiſe in eine lange Reihe von Gemä⸗ chern, welche ſämmtlich mit Gemälden, Erzeugniſſen der Porzellaninduſtrie des himmliſchen Reiches und mit funkeln⸗ den, blank geputzten Kronleuchtern von Kupfer decorirt waren. Während der Capitän mit zerſtreutem Blicke dieſe Um⸗ gebung muſterte, ſah er im Hintergrunde der Reihe eine Thür ſich öffnen und zwei Männer langſamen Schrittes und leiſe mit einander ſprechend auf ihn zukommen. »Alſo,“« ſagte einer von ihnen,»alſo mein lieber Herr Dykvelt, der General Percy Kirke gehört zu den Unſern?« »Ja, mein lieber Fitzgerald.“ »Er wäre eine koſtbare Acquiſition, wenn man ſich auf ihn verlaſſen könnte.« „»Warum zweifelt Ihr an ſeiner Redlichkeit?« „Weil er einem der vornehmſten Anhänger Monmouth's dieſelben Eröffnungen machte und dann dieſe Partei verrieth.⸗ Der Tiger von Tanger. IX. 3 . 34 „Aber das iſt etwas ganz Anderes.“ „Meint Ihr?— Nun dann um ſo beſſer!— Ihr ver⸗ ſteht, daß das, was ich davon ſage—« „Ja, ja, ich verſtehe. Es iſt eure Treue, es iſt eure Hingebung für unſere große Sache, welche Euch veranlaßt, ſo zu ſprechen. Es iſt natürlich, daß Ihr die Anhänger zu ſehen wünſcht, welche zu uns kommen.“ „Welche ernſtlich und aufrichtig zu uns kommen. Alle, welche uns ihre Mitwirkung verſprochen, haben nicht gezö⸗ gert, entweder an Euch, mein lieber Herr Dykvelt, oder an Maſter Burnes oder an den Prinzen ſelbſt zu ſchreiben. Habt Ihr vielleicht ein ſchriftliches Verſprechen von der eigenen Hand des Generals Percy Kirke?« „Verſteht ſich!— Aber warum ſchüttelt Ihr ſo den Kopf, Fitzgerald?« „Weil ich Verrath wittere.— Iſt Euch die Handſchrift des Generals Kirke genau bekannt?« „Ja wohl,« ſagte Dykvelt zögernd, in deſſen Gemüth anmälig der Zweifel Raum gewann.„Ja wohl— dennoch werde ich dieſes Papier noch einmal genauer betrachten. Wir wollen es gemeinſchaftlich in Augenſchein nehmen, Fitzgerald, wenn Ihr die Handſchrift des Generals kennt.* „Ich kenne ſie vollkommen und ſtelle mich Euch zur Ver⸗ fügung.“ „Sehr ſchön! wir werden dieſe Beſichtigung vorneh⸗ men, ſobald ich wieder die Ehre haben werde, Euch zu ſehen. Fuͤr den Augenblick iſt es mir unmöglich, denn ich habe einen wichtigen Beſuch zu empfangen. Lebt denn wohl, mein lieber Fitzgerald. Doch apropos, ſchreibt Ihr vielleicht heute an eure Schweſter?« 35 „»Ja.« »Dann verfehlt nicht der liebenswürdigen Suſanne zu melden, wie zufrieden ich mit ihr bin. Sie möge ihre Thätig⸗ keit und Anſtrengungen verdoppeln. Der entſcheidende Augen⸗ blick naht. Jeffreys braucht jetzt wenig Ausſchweifungen, und Jacob nur noch wenig Thorheiten zu begehen, um das Maß vollzumachen. Auf Wiederſehen, lieber Freund!⸗ Der Irländer grüßte Dhkvelt und lenkte ſeine Schritte nach der Ausgangsthür. Als er an dem Capitän der„Cher⸗ cheuſe,« der Alles mit angehört hatte und ihn mit verwun⸗ derter Miene anſah, vorüberkam, ſenkte er den Kopf und be⸗ ſchleunigte den Schritt. »Das iſt Suſannens Bruder, der ſich gefährdet glaubt, weil ich ſeine Unterredung mit dem Herrn des Hauſes ange⸗ hört habe,« ſagte der Capitän bei ſich ſelbſt.„Wie verlegen ſchien er zu werden, als er mich ſah. Wenn er wüßte, wer ich bin und was ich hier thun will, ſo würden ſeine Befürchtun⸗ gen ſich bald zerſtreuen. Aber, wie ſeltſam! Suſanne beſchäf⸗ tigt ſich alſo mit Politik und Verſchwörung? Ich würde mich nicht wundern, wenn ſie es thäte, um die mirzugefügten Be⸗ leidigungen und meine Schmerzen zu rächen.« Henry ward in dieſem Selbſtgeſpräch durch den Diplo⸗ maten unterbrochen, welcher mit freundlichem Lächeln auf ihn zukam. »Ich fühle mich ſehr geehrt und glücklich,⸗ ſagte er, »Euch bei mir zu empfangen, Mylord. Eine Partie, wie groß ſie auch ſey, muß ſich immer freuen, wenn Männer wie Ihr ſich für ihre Intereſſen erklären und ihre Intelligenz und Energie zur Verfügung ſtellen.« »Ich danke Euch, mein Herr,« entgegnete Henry mit ’ 1 36 ernſter Höflichkeit,„für die ſchmeichelhaften Worte, die Ihr an mich richtet. Ihr habt den Brief von Mylord Churchill ge⸗ leſen und kennet daher die ganze Wichtigkeit der Depeſchen, deren Ueberbringer ich bin. Ueberdies wißt Ihr, mein Herr, daß mir befohlen worden iſt, ſie nur dem Prinzen ſelbſt zu übergeben. Wann werdet Ihr die Güte haben mich Seiner Hoheit vorzuſtellen?« „Noch heute, Mylord— in wenigen Augenblicken; eure Miſſion iſt eine von denen, deren Ausführung keine Verzöge⸗ rung geſtattet. Ehe wir uns jedoch nach dem Palaſt begeben, erlaubet, daß ich eine Frage an Euch richte. Sie iſt dem Ge⸗ genſtande, der uns Beide ſo lebhaft intereſſirt, nicht fremd.“ „Sprecht, mein Herr,« entgegnete Lord Henry mit ed⸗ ler Courtoiſie. Der Diplomat heftete einen ſchlauen, vorſichtigen Blick auf den jungen Mann und ſagte dann in wohlwollen⸗ dem Tone: „Kennet Ihr ſchon den Prinzen von Oranien? Wißt Ihr, was für ein Mann er iſt?« „Nein, mein Herr, ich kenne den Prinzen nicht. Ich weiß von ihm nur Eins, nemlich daß er von Gott beſtimmt zu ſeyn ſcheint, mein Vaterland zu retten. Dies genügt mir und es hat nicht mehr bedurft, um mich zu bewegen, die Miſſion zu übernehmen, welche die Prinzeſſin Anna und Lord Chur⸗ chill mir anvertraut haben.“ „Dieſe Worte ſind eines Bürgers, welcher die Größe ſeines Vaterlandes über Alles ſtellt, vollkommen würdig, aber ſie ſchreiben mir auch meine Pflicht gegen Euch vor, Mylord. Da ich wünſche, daß der Prinz eure ganze Sympathie er⸗ werbe, ſo werde ich Euch nicht eher zu ihm führen, als bis ich 37 Euch vorher einige nützliche Fingerzeige gegeben habe. Der Privatmann verdient in dem Prinzen von Oranien eben ſo ſehr ſtudirt zu werden als der Staatsmann. Erlaubt daher, daß ich in wenigen Worten Euch einen und den andern ken⸗ nen lehre.⸗ Dykvelt ſchob hierauf zwei Seſſel einander gegenüber, forderte Henry auf Platz zu nehmen und ſetzte ſich dann ebenfalls. »Welche Vorwürfe würde ich mir zum Beiſpiel nicht zu machen haben,« fuhr er fort,„wenn ich nicht vor allen Dingen Sorge trüge, Euch den peinlichen Eindruck zu erſpa⸗ ren, den Ihr nicht ermangeln würdet zu empfinden, Mylord, wenn Ihr den kalten Empfang ſehet, der Euch zu Theil wer⸗ den wird.« »Der Prinz von Oranien wird mich kalt empfangen?« fragte Henry raſch. »Ja, Mylord.« »Warum denn? Müſſen die Nachrichten, die ich ihm bringe, ihn nicht mit Freude erfüllen?« »An eurem Erſtaunen ſehe ich, daß ich klug gehandelt habe, indem ich darauf beſtand, Euch gewiſſe nähere Mitther⸗ lungen zu machen. Ja, Mylord, die Nachrichten, welche Ihr Seiner Hoheit bringt, ſind, nach den wenigen Worten, die mir Lord Churchill darüber ſagt, zu urtheilen, ganz vortrefflich. Der Empfang aber, den Ihr finden werdet, wird deswegen um nichts wärmer ſeyn. Trotz ſeiner angebornen ſtürmiſchen Leidenſchaften und lebhaften Empfindlichkeit verbirgt der Prinz ſeine Freuden, ſeine Schmerzen, ſeinen Neigungen und ſeinen Groll unter einem ruhigen undphlegmatiſchen Aeußern ſo gut, daß die Welt die Heftigkeit ſeiner Gemüthsbewegungen nicht 38 . ahnt und ihn für den unempfindlichſten aller Menſchen hält. Bei dem Anhören des glücklichſten Ereigniſſes verräth kein Anzeichen ſeine Freude. Meldet man ihm ein Unglück, eine Niederlage, ſo läßt er eben ſo wenig eine Spur von Beſtür⸗ zung oder Verdruß blicken, dies alles aber iſt nur Schein. Die, welche ihn genau kennen und in engere Berührung mit ihm kommen, wiſſen, daß unter dieſem Eis ein unauslöſchli⸗ ches Feuer brennt.— Sein leibliches Porträt will ich Euch nicht erſt malen. Ihr werdet ihn ſogleich ſehen und euer Auge wird in einem Augenblick mehr verſtehen, als ich Euch mit langen weitſchweifigen Worten ſagen könnte. Das, worauf ich eure ganze Aufmerkſamkeit lenken will, iſt der moraliſche Charakter, das Genie Wilhelms. Die Natur hat ihn freige⸗ big mit allen Eigenſchaften begabi, welche den großen Staats⸗ mann machen, und ſeine Erziehung hat ſie noch entwickelt. Als ſein Verſtand ſich erſt zu erſchließen begann, ſah er ſich ſchon als vater⸗ und mutterloſe Waiſe dem Haß derdamals allmäch⸗ tigen Oligarchie der Provinzen preisgegeben. Aber das Volk liebte ihn und betrachtete ihn als ſein rechtmäßiges Ober⸗ haupt. Sein geſundes Urtheil und ſein ſtarker Wille wußten von dieſer zweifelhaften Stellung frühzeitig Nutzen zu ziehen. Umringt von Fallſtricken, in welchen jeder andere Jüngling ſeinen Untergang gefunden hätte, lernte Wilhelm mit feſtem und klugem Schritte ſeinen Weg gehen. Lange zuvor, ehe er das Mannesalter erreicht hatte, wußte er ein Geheimniß zu bewahren, die Neugier durch eine trockene und vorſichtige Antwort abzufertigen und ſeine Leidenſchaften unter der Maske unerſchütterlichen Ernſtes zu verbergen. Seit Octavian hat die Welt keinen ſo frühreifen Staatsmann geſehen. Die ge⸗ ſchickteſten Diplomaten wunderten ſich über die gediegenen Be⸗ merkungen, welche dieſer ſiebzehnjährige Prinz über die öffentlichen Angelegenheiten machte, und ihre Verwunderung ſtieg noch höher, als ſie einen jungen Mann in Situationen, welche ihn zu gewaltthätigen Demonſtrationen verleiten konn⸗ ten eine Ruhe bewahren ſahen, welche eben ſo unerſchütter⸗ lich war als die ihrige. Mit achtzehn Jahren ſaß er unter den Gründern der Republik ſo ernſt, ſo klug und eben ſo weiſe wie der älteſte von ihnen. Die Manieren des holländi⸗ ſchen Adels entbehren, wie Ihr wißt, Mylord, jener Grazie, welche den franzöſiſchen Edelmann in ſo hohem Grade aus⸗ zeichnet und welche jetzt auch in der ariſtokratiſchen Geſellſchaft Englands bemerkbar zu werden beginnt. Wilhelm iſt durch und durch Holländer. Er gilt für unfreundlich ſelbſt unter ſei⸗ nen Landsleuten, und die Fremden finden ihn ſchroff. Wiſſen⸗ ſchaft, Künſte und Literatur intereſſiren ihn wenig. Er hat ſich niemals auf andere Studien gelegt als auf die, welche den Menſchen zu großen und wichtigen Dingen befähigen, und ſchon von ſeiner Kindheit an machte es ihm Vergnügen, über Fragen des Völkerrechtes, der Finanzen und des Krieges ſpre⸗ chen zu hören. Wenn er in der Geomerrie nicht weiß, was dazu gehört, um einen Halbmond oder ein Hornwerk zu conſtruiren, ſo verſteht und ſpricht er dagegen außer der hol⸗ ländiſchen ſo viel lebende Sprachen, daß er ſich ohne Dolmet⸗ ſcher mit den italieniſchen, ſpaniſchen, franzöſiſchen, deutſchen und engliſchen Geſandten und Agenten unterreden kann, und wenn er jemals in Verlegenheit kommen ſollte, ſo wäre es ihm leicht, das Lateiniſche zu Hilfe zu nehmen. Und dieſe Kenntniß von Sprachen hat er ſich durchaus nicht aus einer kindiſchen Philologen⸗Eitelkeit zu eigen gemacht. Ihr werdet ſelbſt zuge⸗ ben, daß keine Kenntniß nützlicher für einen Fürſten iſt, deſſen 40 Leben der Organiſation großer Staatenbündniſſe und dem Commando von aus verſchiedenen Nationen zuſammengeſetz⸗ ten Armeen gewidmet iſt.⸗ Dhkvelt machte eine kurze Pauſe, während welcher er mit ſichtlichem Wohlgefallen die Wirkung beobachtete, welche das übrigens wahre und treue Porträt, welches er von dem Fürſten, dem er mit der unverbrüchlichſten Treue ergeben war, entwarf, auf Lord Lisle äußerte. Zufrieden mit ſich ſelbſt und ſeinem Zuhörer hob er bald darauf wieder an: »In ſeinem einundzwanzigſten Jahre, zu einer Zeit des Unglücks und der Gefahr, ſtellte man Wilhelm an die Spitze der Regierung. Mit dreiundzwanzig Jahren war er in ganz Europa berühmt als Soldat und Politiker. Er hatte die Par⸗ teiungen im Innern ſeines Landes niedergeworfen. Er ſah ſich an der Spitze einer mächtigen Coalition, und auf den Schlacht⸗ feldern hatte er ſtets mit Ehren, wenn auch nicht allemal mit Erfolg, gegen einen der geſchickteſten Feldherren jener Zeit ge⸗ kämpft. Seine Schlachten zeigen ihn allerdings nicht als gro⸗ ßen Taktiker, wohl aber geben ſie ihm ein Recht auf den Ti⸗ tel eines großen Mannes. Keine Widerwärtigkeit hat ihn je⸗ mals auch nur auf einen Augenblick ſeiner Feſtigkeit und des vollſtändigen Beſitzes ſeiner Geiſteskräfte beraubt. Er weiß ſeine Niederlagen mit ſo wunderbarer Schnelligkeit wieder gut⸗ zumachen, daß er, ehe ſeine Feinde noch ihr Te Deum geſun⸗ gen haben, bereit iſt, den Kampf von Neuem zu beginnen. Deshalb hat auch das Unglück ihn niemals um die Achtung und das Vertrauen ſeiner Soldaten gebracht.⸗ „Ich weiß es,« unterbrach Lord Lisle,»„und dieſe Ach⸗ tung und dieſes Vertrauen verdankt der Prinz zum großen Theile ſeiner perſönlichen Tapferkeit. Ich weiß, daß er bei dem 41 Angriff ſtets der Erſte und beim Rückzuge der Letzte iſt. Einer ſeiner Waffengefährten, von dem ich dieſe Thatſache erzählen hörte, ſah ihn mit von einer Kugel durchbohrtem Arme und mit blutbedecktem Küraß dennoch keinen Fuß breit zurückwei⸗ chen und im dichteſten Kugelregen ſeinen Hut in der Luft ſchwenken. Ich kenne den Ausſpruch des großen Condé, ſeines berühmteſten Gegners. Nach der Erklärung dieſes franzöſiſchen Helden hat ſich der Prinz von Oranien an dem blutigen Tage von Senef in allen Dingen gezeigt wie ein alter General, während er ſich zugleich der Gefahr preisgegeben hat, wie ein junger Soldat. Ich weiß endlich, daß dieſer tollkühne Muth bei Seiner Hoheit um ſo auffallender iſt, als er im Gegenſatze zu einer ſehr ſchwächlichen phyſiſchen Organiſation ſteht.« Henry Lisle hatte gleich bei ſeinem erſten Erſcheinen einen guten Eindruck auf den Diplomaten gemacht; durch ſeine Bewunderung des Muthes vom Prinzen von Oranien aber erwarb er ſich Dhkvelt's Geneigtheit vollſtändig. »„In der That, Mylord,“ ſagte der Holländer lebhaft, »Ihr werdet die Zahl ſeiner Freunde vermehren. Ihr ſeyd würdig, in den engen Cirkel ſeiner Vertrauten einzutreten, und Ihr werdet in denſelben eintreten, darauf gebe ich Euch mein Wort. Wenn Ihr wüßtet, wie cordial und freimüthig er ſeyn kann wie gern er die Freuden der Tafel verlängert und an den heiterſten Converſationen theilnimmt!— Wenn Ihr ihn kennen gelernt haben werdet, dann wird es nicht blos Achtung ſeyn, was Ihr für alle ſeine hohen und ſeltenen Eigenſchaften empfindet— Ihr werdet Euch auch nicht ent⸗ halten können, ihn wegen ſeines vortrefflichen Herzens und ſeines Gemüthes zu rühmen. Seine Gemalin, die Prinzeſſin Maria, wird Euch ebenfalls eine ehrfurchtsvolle Anhängig⸗ 42 keit einzuflößen wiſſen, und es wird Euch kaum möglich ſeyn, Euch nicht ihrem Dienſte zu widmen. Sie iſt ſo edel und ſo gut! Ihre Vermälung mit dem Prinzen ſchien anfangs weder dem einen noch dem andern Theile ein großes häusliches Glück zu verſprechen. Es hatten dabei nur politiſche Rückſichten den Ausſchlag gegeben. Es war durchaus nicht wahrſcheinlich, daß eine tiefe Zuneigung jemals zwiſchen einem ſchönen, gu⸗ ten und von Natur intelligenten, aber unwiſſenden und ein⸗ fachen ſechzehnjährigen Mädchen und einem anſcheinend kal⸗ ten, zurückhaltenden Manne entſtehen könne, der ſich nur mit Staatsangelegenheiten beſchäftigte und, obſchon kaum erſt achtundzwanzig Jahre alt, doch in der That in Folge ſeiner ſchwachen Geſundheit älter war, als ſein Schwiegervater.⸗ Dykvelt ſchwieg, ließ einen Blick in dem Zimmer umher⸗ ſchweifen, in welchem er ſich mit Lord Lisle befand, und hob dann in ſehr leiſem Tone wieder an: »Es läßt ſich auch nicht läugnen, daß der Prinz eine Zeit lang ein nachläſſiger Ehemann war, und ſich durch an⸗ dere Frauen verlocken ließ. Sich ſeiner Verirrungen ſchämend, bemühte er ſich, ſie verborgen zu halten, aber die Prinzeſſin kannte die Untreue ihres Gemals recht wohl. Spione und Ohrenbläſer, die durch Mariens Vater, den vortrefflichen Jacob II., ermuthigt wurden, ſuchten auf alle mögliche Weiſe die Eiferſucht und den Zorn der getäuſchten Gattin rege zu machen. Dieſe Bemühungen aber waren vergebens. Die Prin⸗ zeſſin trug ihren Kummer mit einer Sanftmuth und einer Ge⸗ duld, die ihr endlich Wilhelms Dankbarkeit und Achtung er⸗ warb. Gegenwärtig ſind ſie einander mit wechſelſeitiger Zu⸗ neigung ergeben und leben in der vollſtändigſten Eintracht.— Dennoch— 43 »Dennoch?« wiederholte Henry, als er ſah, daß Dyk⸗ velt ſich abermals unterbrach. »Ich wollte ſagen,« hob der Diplomat wieder an,„daß zwiſchen den beiden Gatten auch heute noch eine Urſache zur Entfremdung vorhanden iſt. Aber gerade am heutigen Tage ſoll auch dieſe beſeitigt werden und zwar durch die Vermittelung des hochwürdigen Gilbert Burnet, des Beichtvaters der Prinzeſſin. Ich muß Euch geſtehen, Mylord, wenn Burnet's Vermittelung zwiſchen dem Ehemann und der Gattin nicht von glücklichem Erfolge begleitet iſt, ſo können alle unſere Anſtrengungen England der Tyrannei Jacobs II. zu entreißen, ſehr leicht voll⸗ kommen fruchtlos bleiben.«. »Aber um was handelt es ſich denn?« fragte Henry Lisle begierig. »Ihr kennet die engliſche Conſtitution,« antwortete Dyk⸗ velt.»Ihr wißt, daß, wenn die Prinzeſſin Marie Königin von England wird, ihr Gemal deßwegen nicht König wird. Darin liegt die große Schwierigkeit. Der Prinz, als ehrgeiziger Po⸗ litiker, mit weitausſehenden Unternehmungen beſchäftigt, denkt nur mit Widerwillen daran, daß er unter der Regie⸗ rung ſeiner Gemalin in der Regierung des Vereinigten Kö⸗ nigreichs keinen Platz finden wird, der ſeiner würdig iſt, und daß er keine andere Macht ausüben kann, als welche die Kö⸗ nigin ihm nach ihrem Belieben zugeſteht. Dieſer Gedanke ver⸗ anlaßt, wie ich mehrmals bemerkt habe, ihn oft, jedes Pro⸗ ject einer Landung in England mit eigenthümlicher Kälte zu betrachten.« »Das, was Ihr mir da mittheilt, ſetzt mich durchaus nicht in Erſtaunen, mein Herr,« ſagte Lord Lisle.»Wenn 44 man, wie Wilhelm von Oranien, das Bewußtſeyn ſeines Ge⸗ nies beſitzt—« „»Ha!l wie wahr ſprecht Ihr, Mylord!« rief Dhkvelt; „doch hoffen wir, daß Burnet's Intervention eine glückliche Löſung herbeiführen werde. Und nun wo Ihr den Mann, an welchen eure Miſſion lautet, genau kennt, ſo kommet mit mir, um ihm eure vertraulichen Depeſchen zu überreichen.« Einige Augenblicke nach dieſer Unterredung wurden die beiden neuen Freunde, nachdem ſie ſich in den Palaſt des Statthalters begeben, bei Wilhelm eingeführt, dem Dykvelt den jungen Lord vorſtellte, indem er dem Prinzen zugleich laut ſagte, welche Achtung der vertraute Bote Churchill's ihm bereits eingeflößt. Der Statthalter empfing Henry mit noch größerer Kälte, als worauf dieſer in Folge der ihm von dem Diplomaten ge⸗ gebenen Winke gefaßt war, und begann, ohne daß irgend ein Eindruck ſich auf ſeinem Geſicht verrathen hätte, die verſchie⸗ denen Briefe zu durchlauſen, welche Lord Lisle ihm übergeben hatte. Während er las, betrachtete ihn Henry mit jenem Ge⸗ fühl hoher Neugier, welche in uns durch die Nähe von Per⸗ ſonen erweckt wird, von welchen die Geſchicke der Nationen abhängen. Wilhelm von Oranien, der damals in ſeinem ſiebenund⸗ dreißigſten Jahre ſtand, ſchien weit älter zu ſeyn. Sein nicht ſehr hoher Wuchs war ſchlank und hager und ſeine ganze Er⸗ ſcheinung ſchwächlich. Er hatte eine breite, hohe Stirn eine krumme Naſe, die einem Adlerſchnabel glich, und ſein durch⸗ bohrender Blick erinnerte ebenfalls an den des Königs der Vögel. Sein ſcharfgeſchnittener Mund, ſeine bleichen, hagern, — ——/·, 45 von Unruhe und Krankheit tiefgefurchten Wangen harmonir⸗ ten in ihrem Ausdruck mit dem ſeiner düſteren und gedanken⸗ vollen Augenbrauen. Es war mit einem Worte etwas Stren⸗ ges und Feierliches ſeiner ganzen Perſon aufgeprägt. Nachdem er die Lectüre, die ihn einige Augenblicke lang beſchäftigt, beendet, hob er die Augen zu Lord Lisle auf und wollte ihn anreden, als eine Thur ſich öffnete und eine ſchöne junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, reich, obſchon mit großer Einfachheit gekleidet, hereintrat.— Wilhelm wendete ſich ſofort von Henry ab und ging der Dame entgegen. »Tretet näher, Madame,« ſagte er in ernſt⸗ſanftem Tone zu ihr.„Ihr ſeyd hier durchaus nicht im Wege. Erlau⸗ bet, daß ich Euch Mylord Lisle vorſtelle, welcher uns nebſt mehren anderen Briefen ein Billet von unſerer lieben Schwe⸗ ſter, der Prinzeſſin Anna, überbringt. Mylord Lisle hat ſie erſt vor wenigen Tagen in Whitehall geſehen.« Die Tochter Jacobs II. hieß den jungen Mann, der ſich ehrfurchtsvoll vor ihr verneigte, mit einer anmuthigen Ge⸗ berde willkommen und ſagte: „»Es wird mir eine große Freude ſeyn, mich mit Lord Lisle unterhalten und von ihm Mittheilungen über meine ge⸗ liebte Anna hören zu können, wenn er mir ſpäter einige Augen⸗ blicke widmen will.« Henry beeilte ſich zu erklären, daß er bereit ſey, dem Wunſche der Prinzeſſin zu genügen. Dieſe aber ſchenkte ihm nur ſehr flüchtige Augenblicke. Sie ſchien von einem Gedanken eingenommen zu ſeyn, der ſie augenſcheinlich faſt ausſchließlich beſchäftigte. Deshalb wun⸗ derten Lord Lisle und Dykvelt ſich auch nicht, als ſie ſahen, 46 daß ſie ihre Hand auf den Arm des Prinzen von Oranien legte und ihn in eine Fenſterbrüſtung führte. Als ſie ſich weit genug entfernt zu haben glaubte, um nur von Wilhelm gehört zu werden, heftete ſie einen Blick der Zärtüchkeit, der Achtung und der hingebenden Treue auf ihn und murmelte in leiſem, ſanftem Tone: »Eure Hoheit ſieht mich in großes Erſtaunen verſetzt.« »Warum, Madame?« »Mein Beichtvater hat mir ſo eben geſagt, daß, wenn ich den Thron Englands beſteige, Ihr nicht König ſeyn werdet.« „»Gilbert Burnet iſt ein unvorſichtiger Schwätzer.« »Nein, nein, das iſt er nicht. Ich frage Euch blos, ob er die Wahrheit geſprochen hat.« „»Die hat er allerdings geſprochen.« „Und ich, ich ſage, daß er ſich irrt, und daß auch Ihr, mein theurer, geehrter Gemal, Euch irrt. Das kann ja nicht ſeyn.« 3 »Aber es iſt ſo, ſage ich Euch nochmals, Madame.« »Nun gut, ich will glauben, daß zwiſchen dem Geſetz Englands und dem Geſetz Gottes dieſer Unterſchied beſtehe. Vor wenigen Augenblicken noch war ich weit entfernt, es zu ahnen.“ »Iſt es möglich?« unterbrach ſie Wilhelm, von einer Gemüthsbewegung ergriffen, welche ſeine ganze moraliſche Kraft nicht zu zügeln vermochte. „Ich hoffe doch, daß Ihr nicht an meinen Worten zwei⸗ felt? Uebrigens werden meine Zweifel wenn ſie wirklich beſte⸗ hen, doch verſchwinden, denn ich ſchwöre Euch, daß Ihr ſtets ⸗ der Herr ſeyn werdet. Sobald ich den Thron beſteige— mein Beichtvater hat mir geſagt, wie ich dabei zu Werke zu gehen habe— ſobald ich den Thron beſteige, werde ich das Parla⸗ ment veranlaſſen, Ew. Hoheit nicht blos den Titel König zu verleihen, ſondern Euch auch die Adminiſtration des König⸗ reichs zu übertragen.⸗ Sie ſchwieg, von der freudigen Bewegung überraſcht, die ſie auf dem Antlitz des Prinzen ſich knugoben ſah, und fuhr dann ſanft lächelnd fort: »Ich verlange dagegen von Euch nur Eines. Eben ſo wie ich das Gebot befolgen werde, welches der Frau befiehlt, ihrem Manne zu gehorchen, eben ſo werdet Ihr das befolgen, welches dem Manne beſiehlt, ſein Weib zu lieben.« Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, verließ ſie erröthend vor Freude das Zimmer. Wilhelm kam nun wieder auf Lord Lisle und Dbkvelt zu und ſagte mit zitternder Stimme und funkelnden Augen: »In einigen Wochen werden wir in England landen, meine Herren. In einigen Wochen wird das Geſchick der Welt eine andere Wendung nehmen.⸗ III. Der nnterirdiſche Gang. Vier Monate waren verfloſſen, ſeitdem Wilhelm von Oranien, von nun an gewiß, daß er König werden würde, wenn er ſiegte, den Entſchluß gefaßt hatte, eine Landung in England zu unternehmen. Umfangreiche Anſtalten hierzu wurden in Holland mit Vorwiſſen und im Angeſicht von ganz Europa getroffen. Nur Jacob II. wollte nicht die Augen öffnen, um das Ziel zu ſehen, welches ſein Schwiegerſohn ſich ſteckte. Verge⸗ bens hatte Carillon geſprochen, vergebens hatte der Geſandte Ludwigs XIV. im Namen ſeines Herrn Beiſtand angeboten — der verblendete Stuart ward durch dieſe Warnungen nur zum Zorne gereizt und empörte ſich gegen den Gedanken, von dem franzöſiſchen Monarchen beſchützt zu werden. Zu der Zeit dagegen, wo ſein Thron in keiner Gefahr ſchwebte, wo ſein Volk unterwürfig war, wo das Parlament ſich beeilte, allen ſeinen Wünſchen zuvorzukommen, wo die aus⸗ wärtigen Mächte ihm gegenüber an Courtoiſie wetteiferten, hatte er ſich bis zum bezahlten Seclaven Frankreichs erniedrigt. Und heute, nachdem er durch eine lange Reihe von Tho⸗ renſtreichen und Grauſamkeiten ſeine Nachbarn, ſeine Unter⸗ thanen, ſeine Soldaten, ſeine Matroſen, ſeine Kinder ent⸗ 49 fremdet, wo er ſich keine andere Zuflucht gelaſſen als den Schutz Frankreichs, überließ er ſich einer Anwandlung von Uebermuth und beſchloß, ſeine Unabhängigkeit auf eigene Fauſt zu behaupten. Jene Unterſtützung, die er, während er ſie gar nicht bedurfte, mit ſchimpflichen Thränen der Dank⸗ barkeit angenommen, wieser jetzt, wo ſie ihm unentbehrlich war, mit Verachtung zurück. Er war unterwürfig geweſen, wäh⸗ rend er ſich mit gutem Rechte empfindlich und würdevoll zei⸗ gen konnte, und ward ſtolz und undankbar, als ſein Ueber⸗ muth ihm Spott und Verderben bereiten mußte. An einem der letzten Abende des Octobermonats im Jahre 1688 ſah er in einem Salon von Whitehall Fevers⸗ ham, Churchill und Kirke mit einander plaudernd beiſammen⸗ ſtehen. „»Was ſagt Ihr, meine Herren,“ rief er, indem er ſie unvermuthet anredete,„was ſagt Ihr zu den Prätenſionen meines guten Bruders von Frankreich? zu ſeinen eigenthümli⸗ chen Prätenſionen? Er hat ganz gewiß vortreffliche Eigen⸗ ſchaften; aber findet Ihr nicht, daß Schmeichelei und die Eitelkeit ihm den Kopf verdreht haben?« »Sire,« antwortete der Graf von Duras mit einem Muthe, der ihm als vollendeter Hofmann ſonſt nicht eigen zu ſeyn pflegte,„wenn Ihr dem demüthigſten und treueſten eurer Unterthanen geſtattet, frei herauszuſprechen— ⸗ »Sprecht, ſprecht, mein lieber Feversham.« »Ich unterſtehe mich Ew. Majeſtät zu ſagen, daß ich an Eurer Stelle annehmen würde—« „»Was denn? Den übermüthigen Schutz Ludwigs XIV.? Ach, ſchweigt doch, Herr Graf. Das iſt nicht euer Ernſt. Nimmt man auf dieſe Weiſe Intereſſe an meiner Ehre? Bin Der Tiger von Tanger, IX. 4 4 — 50 ich denn ein Kind oder ein Dummkopf, daß Andere die Pflicht zu haben glauben, für mich zu denken? Soll ich mich in den Augen der ganzen Welt durch ein Protectorat beſchimpfen laſſen, welches ich nicht verlangt habe! Was meint Ihr, Churchill? was meint Ihr, Percy Kirke? Habe ich nicht recht daran gethan, die Anerbietungen des Königs von Frankreich zurückzuweiſen? Iſt wohl Grund vorhanden, ſie anzunehmen? — Von welcher Art ſind die Gefahren, von welchen man ſpricht? Haben ſie wohl die mindeſte Begründung?« 3„Ich finde,« antwortete Lord Churchill,»daß Ew. Maje⸗ ſtät vollkommen Recht hat. Ihr thut wohl daran, Sire, daß Ihr nicht auf die triegeriſchen Warnungen Ludwigs XIV. und ſeiner Agenten hört, denn es iſt nicht ſchwer zu errathen, warum dieſer Fürſt derlei abgeſchmackte Gerüchte verbreiten läßt. Er hofft dadurch Ew. Maieſtät zu ſchrecken und Sie zu veranlaſſen, ſich auf die Seite Frankreichs zu werfen und bei ſeinen unzähligen und ungerechten Streitigkeiten und Zänke⸗ reien die Partei dieſes Landes zu nehmen.⸗ „Verſteht ſich!— Das nenne ich klug und mit Ein⸗ ſicht geſprochen. Uad Ihr, Perey Kirke, welche Meinung heabt Ihr!⸗ „Ich, Sire?— Ich gehe noch ein wenig weiter als Mylord Churchill. Wären auch alle dieſe Gerüchte wahr und ſollte Wilhelm von Oranien auch ſo wahnſinnig ſeyn, eine Lan⸗ dung an der Küſte dieſes Königreichs zu verſuchen, ſo würde euer Thron deswegen nicht weniger unerſchütterlich feſt ſte⸗ hen. Ich bin kein Schmeichler und ich will von Eurer Maje⸗ ſtät nicht ſagen, es gäbe keine Unzufriedenheit in England. Von der Unzufriedenheit aber bis zur Empörung iſt es noch weit. Reiche und hochgeſtellte Leute ſind nicht ſo leicht geneigt⸗ 51 ihre Stellung, ihr Vermögen und ihr Leben ſo ohne Weiteres zu riskiren. Wie viele vornehme Whigs führten eine ungemein laute Sprache, als Monmouth noch in Holland war. Und dennoch ſchlug ſich faſt nicht ein einziger hervorragender Mann zu ihm, als er die Fahne der Empörung aufpflanzte.“ »Verſteht ſich,« unterbrach ihn Jacob mit blödſinnigem, grimmigem Gelächter.»Die, welche mit ihm gemeinſchaftliche Sache machten, waren weiter nichts als ein Haufen Lumpen⸗ geſindel, mit welchem Ihr kurzen und guten Prozeß gemacht habt, General. Ich rechne abermals auf Euch, Percy Kirke, und auf Euch, Churchill, wenn der Herr Gemal meiner Toch⸗ ter jemals wagen ſollte— doch nein, doch nein— in der That, ich ſpreche von dieſen langweiligen Geſchichten ſo viel, daß man endlich ſagen wird, ich glaube daran. Und dennoch iſt gar nichts daran— nein, es iſt nichts daran—⸗ Indem Jacob dieſe Worte ſprach, entfernte er ſich, nach⸗ dem er Churchill und Kirke einen lächelnden und Feversham einen ſchmollenden Blick zugeworfen. Der Soldat von Tanger ſchickte ſich eben an die Galle⸗ rien von Whitehall zu verlaſſen, als Jeffreys mit ſüßfreund⸗ licher Miene auf ihn zukam und ihn in ein für den Augenblick leeres Zimmer führte. »Ihr ſteht in hoher Gunſt, General,“ ſagte er zu ihm, »und deswegen kennt Ihr eure frühern Freunde nicht mehr, ganz beſonders die, welche mit jedem Tage näher daran ſind, in Ungnade zu fallen.⸗ »Die Kälte, welche ich ſeit einigen Monaten gegen Euch an den Tag gelegt, Mylord,« antwortete Kirke im Tone der Zuruckhaltung,„hat ihren Grund durchaus nicht in der Ver⸗ * 5² minderung eures Anſehens bei Seiner Majeſtät. Ihr müßt wiſſen, daß dergleichen Urſachen keine große Einwirkung auf meine Entſchlüſſe äußern. Wenn Ihr übrigens glaubet, daß ich etwas für Euch thun kann, ſo ſagt es mir und ich werde keine Mühe ſcheuen— „Es wäre vergeblich, General. Ich geſtehe Euch, daß ich keine große Anſtrengung machen werde, um mich auf einem Platze zu behaupten, der mir alle Tage eine neue Verletzung der Geſetze abnöthigt. Ja, ich bin es müde, jeden Tag ein Opfer zu bringen, welches größer iſt als das, welches man mir den Tag vorher abverlangt. Ich weiß in der That nicht, auf welches Ziel der König losarbeitet, aber ich fürchte ſehr, daß er ſich ins Verderben ſtürzen werde, ehe er dieſes Ziel er⸗ reicht. Es iſt ein ſehr ſchwieriger und ſteiler Weg, der zur ab⸗ ſoluten Macht führt, und Jacob II. gehört nicht zu der Zahl derer, die ihn zu erſteigen wiſſen.“ »Ich überlaſſe Euch euren ſcharfſinnigen Betrachtun⸗ gen, Mylord,“ ſagte der Glücksritter nachläſſig zu dem Lord⸗ kanzler. „»Alſo,« entgegnete Jeffreys, indem er Kirke am Arme feſthielt,»alſo iſt wohl zwiſchen uns Alles ſo gut wie aus, Percy? Der Soldat wendete das Geſicht ab, gab aber keine Antwort. „Wohlan,“ fuhr der Großſiegelbewahrer mit bewegter Stimme fort und ohne den Arm des Generals loszulaſſen, ich muß, alſo wohl jener alten Freundſchaft entſagen, die vor ſo vielen Jahren in der Schule von Weſtminſter begonnen ward. Ich hatte gehofft, ſie wüͤrde unverbrüchlich ſeyn. Ich hatte ſo viel für Dich gethan, Percy, ich hatte Dir meine Zu⸗ neigung auf ſo unzweideutige Art bewieſen, daß ich glaubte. Dich von einem Vergehen zurückhalten zu müſſen, welches Dir hätte verderblich werden können.« »Du brauchteſt ja nur die Augen zu ſchließen.« »Das konnte ich nicht. Ganz London würde die Sache erfahren haben.« »Nun und— 2* »Und dann wäre ich genöthigt geweſen, ſtreng gegen Dich zu verfahren.« »Weil ich ein Haus erbrochen? Weil ich ein Mädchen entführt?« »Nach deiner Anſicht iſt dies wohl nichts? Ach, Perchy, wir leben jetzt nicht mehr in den ſchönen Tagen deiner Dicta⸗ tur im Weſten. Damals freilich warſt Du Herr und konnteſt die heiligſten Geſetze mit Füßen treten und deine Launen an deren Stelle ſetzen. Gegenwärtig aber und in dieſer Haupt⸗ ſtadt biſt Du ein einfacher Bürger, der den unbedeutendſten Polizeivorſchriften ſo gut unterworfen iſt wie jeder Andere.⸗ »Habt Ihr mich blos deshalb hierhergeführt, um mir eine Moralpredigt zu halten, Mylord?« ſagte Kirke trocken. » Und haltet Ihr mich für einen jener armen Teufel, mit wel⸗ chen Ihr ſo gut umzuſpringen wußtet, als Ihr noch den Vor⸗ ſitz im Gerichtshofe von Kings Bench führtet? Ihr könnt mir nur Mitleid einflößen, wenn Ihr ſo fortwährend das Geſetz im Munde führt. Dieſe ſo plötzliche Liebe zur Gerechtigkeit und Billigkeit iſt eine erlogene, denn Ihr empfindet ſie nicht.⸗ »Was, General! Wie, Perch Kirke, Ihr beleidigt mich auf dieſe Weiſe!« 54 . Jeffreys war nahe daran, ſich das Geſicht mit den Hän⸗ den zu verhüllen, die Erinnerung an den Ort aber, an wel⸗ chem er ſich hier befand, hielt ihn noch davon zurück. „Nein, niemals,« ſagte er in leiſem Tone,»niemals hätte ich geglaubt, daß einige von einem Wahnſinnigen ge⸗ ſprochene Worte mir ſolchen Schmerz bereiten könnten. Jetzt ſehe ich erſt ein, wie ich dieſen Mann liebte! Ich wußte es noch nicht. Selbſt die geſtählteſte Seele hat irgend eine Schwäche. Dieſe Freundſchaft war der ſchwache und verwund⸗ bare Punkt meiner Seele.« „»Mylord,« unterbrach ihn Percy Kirke,„die Komödie, die Ihr hier ſpielt, iſt Euer und meiner unwürdig. Beenden wir ſie, wenn es Euch beliebt. Ich beharre— dies ſage ich Euch im Voraus— bei meiner unverbeſſerlichen Leichtgläubig⸗ keit in Bezug auf eure Liebe zu dem Geſetz. Nein, nein, nicht aus den Gründen, welche Ihr angebt, habt Ihr Euch meinen Abſichten auf Sir Charles Murray s Tochter widerſetzt, Ihr habt bei dieſer Gelegenheit nicht als Juſtizminiſter oder als oberſter Wächter der Geſetze gehandelt, Ihr habt Euch einfach als Maſter Chiffinch's Freund und demüthiger Diener er⸗ wieſen.« „Was ſagt Ihr, General?« fragte Jeffreys, indem er das tiefſte Erſtaunen heuchelte. „Wie? Ihr verſteht wohl nicht, was ich ſagen will? Wohlan, dann will ich es Euch erklären. Ihr hättet mich thun laſſen, was ich gewollt hätte, wenn Ihr nicht von die⸗ ſem unverſchämten Kammerdiener den poſitiven Befehl erhal⸗ ten hättet, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Läugnet nur nicht! Es wäre vergeblich. Ihr habt dieſen Be⸗ fehl erhalten und ihm auf feige Weiſe gehorcht. Wir kennen 5⁵ Beide die wahnſinnige Liebe, mit welcher dieſer Chiffinch der ſchönen Suſanne zugethan iſt; wir wiſſen, bis zu welchem Grade er ſich knechtiſch in die Launen dieſer gebieteriſchen Schönheit fügt.— Beherrſcht von ihrer romanhaften, fixen Idee, die Heldin zu ſpielen, hat Suſanne ihre Nebenbuhlerin unter ihren Schutz genommen. Sie will, koſte es was es wolle, Miß Luch Murray gegen die ganze Welt vertheidigen. Sie wird Chiffinch ihren Willen aufgenöthigt haben und Chif⸗ finch hat ſeinerſeits Euch den Befehl ertheilt, Euch zwiſchen Lucy und mich zu werfen. Iſt das klar und deutlich?« »Nein, es iſt nicht klar. Alles, was Ihr da ſagt, iſt nicht wahr!« entgegnete Jeffreys zögernd. »Ihr wagt zu läugnen, aber Ihr thut es mit zitternder Stimme und euer ſonſt ſo ſtolzer Blick, Mylord, iſt unſicher und ſucht den Boden. Wie, wenn Ihr nicht die Schranke vor Euch gehabt hättet, welche der Wille des erſten Pagen eurem Haſſe ziehet, hättet Ihr die Tochter des Puritaners in ihrem Aſyl friedlich leben laſſen? Das macht einem Andern weiß! Seyd Ihr wohl der Mann, der ſeine Racheſchwüre vergißt? Hattet Ihr nicht geſchworen, daß der Name dieſes Todfein⸗ des, der Euch eines Tages zwang, vor dem Unterhauſe nie⸗ derzuknien, bis auf den letzten Träger desſelben vernichtet werden ſollte? Und heißt der unverletzliche Schützling Suſan⸗ nens nicht Lucy Murray? Uebrigens nehmt Euch in Acht, daß Ihr, indem Ihr Euch dieſes Mädchens bemächtigt, nicht die Geſetze verletzet, gegen welche Ihr eine ſo plötzliche und ſeltſame Zärtlichkeit an den Tag legt. Lucy bleibt wegen des Antheils, den ſie an der Empörung des Weſtens genommen, immer noch zum Tode oder zur Deportation verurtheilt. Das durch Euch und durch euern Herrn, Jacob Stuart, gemachte Verbannungsgeſetz ſchwebt immer noch drohend über ihr. Sie kann ſich nicht öffentlich zeigen. Aber Ihr wißt, wo ſie iſt. Ihr braucht blos die Hand auszuſtrecken, um ſie zu faſſen. Und dennoch bleibt ihr unthätig! Woher kommt Euch denn dieſe Zahmheit, dieſe Milde, die ſich ſelbſt wundert, ſich auf einmal in eurer Seele zu ſehen? Chiffinch hat ſie Euch einge⸗ pflanzt, ſage ich. Ihr ſehet alſo wohl, Ihr habt mich dieſem Chiffinch geopfert, Chiffinch, dem allerdings das Ohr des Königs ſtets offen ſteht. Ich begreife, daß es nicht anders kommen konnte. Ihr habt eurem Ehrgeiz vor unſerer Freund⸗ ſchaft den Vorzug gegeben. Dann aber kommet nicht und nennet mich euren Freund. Murmelt mir nicht ſchöne Redens⸗ arten von unſerer Jugendfreundſchaft vor. Verſichert lieber Chiffinch eurer Treue und Anhänglichkeit. Er kann daran glau⸗ ben. Was mich aber betrifft, ſo iſt es aus damit. Hal ich liebe ja auch, und meine Liebe iſt kein Gegenſtand, welchen ich dieſer oder jener elenden Rückſicht auf Vermögen und Stel⸗ lung opferte. Ja, ich liebe Lucy und bin bereit, mein Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, um ein Lächeln, einen Blick von ihr zu gewinnen. Aber ich bin überzeugt, meine Beſtändigkeit wird durch einen noch ſüßeren Preis be⸗ lohnt werden. Dieſes Glück werde ich nur mir ſelbſt verdan⸗ ken. Nicht mit eurer Hilfe, ſondern trotz Euch, werde ich es erringen. Und damit, Mylord, habe ich die Ehre, Euch guten Abend zu wünſchen.« Indem Perch Kirke dieſe letzten Worte ſprach, kehrte er Jeffreys den Rücken, ging die große Treppe von Whitehall hinunter, verließ den Palaſt und lenkte ſeine Schritte raſch nach Soho Fields. Der Soldat von Tanger hatte recht gerathen und ſein 57 ehemaliger College des Triumvirats verdiente die Vorwürfe, welche ihm ſo eben gemacht worden. Nur in Folge des Ein⸗ fluſſes, den Chiffinch auf Jeffreys ausgeübt, hatte Lucy ſeit vier Monaten ruhig und ungeſtört in dem Aſyl leben können, welches Suſannens Selbſtverläugnung ihr verſchafft. Lucy war nicht blos wieder zum Leben erwacht, ſondern die in ihrer nächſten Umgebung lebenden Freunde ſahen auch, daß ſie wieder heiter und froh zu werden begann. Der geheim⸗ nißvolle Capitän der»Chercheuſe«, welche fortwährend von London nach dem Haag und von dem Haag nach London ſe⸗ gelte, hatte bei Lucy jeden Augenblick verlebt, welchen er der umfangreichen Verſchwörung abſtehlen konnte, zu deren rüh⸗ rigſten und eifrigſten Werkzeugen er gehörte. Auch dieſen Abend, während der Auftritt, den wir ſo eben erzählt, in Whitehall zwiſchen Kirke und Jeffreys ſtatt⸗ fand, war Henry Lisle bei Lucy. Sie ſaßen neben einander in dem Zimmer der ſchönen Geächteten und es war nicht blos die ziemlich empfindliche Kälte dieſes Herbſtabends, der ſie bewog, ſich ſo eingeſchloſſen zu halten. Seit eiiiger Zeit ging Lucy nemlich ſelbſt während der milden, ſommerhellen Tagesſtunde nicht mehr in den Garten hinunter. Sie fürchtete von einem kleinen Hotel aus geſehen zu werden, das man auf dem an das Haus, welches ſie bewohnte, ſtoßenden Platze erbaute. Dieſer bis jetzt freie Platz war im vergangenen Monat Juni von einer jungen Dame Namens Coralie gekauft worden. Sie hatte hier ſofort die Erbauung des eleganten Hau⸗ ſes anfangen laſſen, welches ſie, wie man ſagte, bewohnen ſollte, ſobald die Arbeitsleute die letzte Hand daran gelegt — 58 haben würden. Mittlerweile wurden in dem neugeſchaffenen Garten umfaſſende Arbeiten betrieben.. Dieſe Coralie galt für eine ſehr ſchöne Dame und Su⸗ ſanne, die ſie ein⸗ oder zweimal bemerkt, während ſie ſich von den Fortſchritten überzeugte, welche der von ihr unter⸗ nommene Bau machte, glaubte ihr ſchon irgendwo begegnet zu ſeyn. Doch konnte ſie ſich weder des Ortes noch der nä⸗ hern Umſtände dieſer Begegnung entſinnen und hatte ſich da⸗ her nicht weiter damit beſchäftigt. William hatte geglaubt, die künftige Naͤchbarin oft ziemlich lange an ihren Fenſtern verweilen und ihre Blicke mit hartnäckiger Ausdauer in den Garten der Geliebten Henry s werfen zu ſehen. Dieſe Beobachtungen hatte er Lucy mitge⸗ theilt und dieſe hatte es räthlich gefunden, eine Schranke zwi⸗ ſchen ſich und einer zudringlichen Neugier zu errichten, welche läſtig, ja vielleicht ſogar gefährlich werden konnte. Auf ihren Befehl war daher William ſeit mehren Tagen beſchäftigt, längs der Mauer, welche Suſannens Wohnung von der Coraliens trennte, eine große Anzahl tiefer Löcher zu graben, welche beſtimmt waren, eine doppelte Reihe von Pop⸗ peln aufzunehmen. „Auf dieſe Weiſe, Henry,“ ſagte Luch mit bezauberndem Lächeln,»können wir im nächſten Frühling unter unſern Blu⸗ men luſtwandeln und fortfahren unſer Glück vor Aller Augen verborgen zu halten.“ „Dann werden wir nicht mehr nöthig haben, es zu verbergen, meine theure Lucy,« antwortete Lord Lisle, indem er die Hände ſeiner Geliebten mit keuſcher Zärtlichkeit drückte. Lucy ſchüttelte den Kopf, wieum einen Zweifel auszudrücken. Henry, der ihren ſichern, ruhigen und feſten Charakter 59 kannte, hatte ſie von den Fortſchritten des wichtigen und ge⸗ fährlichen Unternehmens unterrichtet. Obſchon die Dinge in der That mit erſtaunlicher Schnelligkeit vorwärts gingen, ſo ſchien es der jungen Einſiedlerin doch, als ob ſie ſich mit tödt⸗ licher Langſamkeit hinſchleppten. „Der Prinz von Oranien wird noch nicht ſobald unter Segel gehen,« murmelte ſie;»es dauert ſehr lange.“ »Ach, meine theure Luch, wie Recht haſt Du! Wenn ich die Truppen, die Pferde, die Kanonen, die Lebensmittel, das unermeßliche Material, welches Wilhelm auf ſeine ſechs⸗ hundert Schiffe transportiren läßt, auf meine gute Goelette laden könnte, wie ſchnell ſollte dann Alles an den Geſtaden Englands anlangen, und wie raſch der verhaßte Stuart vom Throne geſtoßen werden! Aber er wird kommen und dann wirſt Du frei ſeyn. Dann wirſt Du weder Jeffreys noch Kirke zu fürchten brauchen, denn Gott wird ſie geſtraft haben. Dann werden wir mit einander in den Tempel Gottes treten, und meine geliebte Braut wird mein angebetetes Weib.“« »Wir müſſen Geduld haben, Henry,« ſagte mit einem tiefen Seufzer Lucy zu ihrem vor ihr knienden Geliebten. Aber kaum waren einige Secunden verfloſſen, ſo be⸗ gann Lucy, welche ſo eben zur Geduld ermahnt, wieder hun⸗ dert Fragen, die ſie ſchon hundertmal gethan. »Iſt denn ſchon die ganze Armee beiſammen, welche Wilhelm mitnehmen will? Hat er alle ſeine Kanonen und alle Schiffe geſammelt? Iſt er endlich bereit?« »Er iſt bereit, meine Lucy.« »Und wann wird er unter Segel gehen?« »Er wartet nur auf einen günſtigen Wind, um in See zu ſtechen.« 60 »Und biſt Du überzeugt, Henry, daß das Unternehmen gelingen werde?« »Nur der Wille Gottes kann dieſes Gelingen verhindern.“ »O, dann wird es gelingen, denn Gott, zu dem ich ſo in⸗ brünſtig bete, iſt mit meinem Henry.« »Theure Lucy!« »Wie glücklich wäre ich, wenn Du nicht wieder nach dem Haag abreiſteſt, mein Freund! Diesmal iſt es aber das letzte Mal, nicht wahr?« 3 »Ja, Lucy, das letzte. Doch deine Frage erinnert mich daran, daß ich Dich verlaſſen muß. Ich will mich an Bord meiner Goelette verfügen. Sey deswegen nicht traurig— bald werde ich wieder da ſeyn. Und übrigens bedenke, Lucy, es iſt unſere letzte Trennung. Nach meiner Rückkehr werden wir einander nicht wieder verlaſſen—« »Wohlan, gehe, Henry, auch diesmal wird es mir nicht an Muth fehlen.« Lord Henry Lisle drückte einen Kuß auf die Stirn ſeiner Braut und verließ bald darauf das Haus. Kaum hatte er ſich entfernt, als Percy Kirke in Soho Fields anlangte. Er ſah ſich einige Augenblicke um, als ob er fürchtete be⸗ merkt zu werden, dann ging er raſch auf das kleine Hotel der ſchönen Coralie zu. Vor der Thür angelangt, zog er einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete leiſe und ging hinein. Ein Mann ſchien ihn in der Hausflur zu erwarten. »Ah, Du biſt auf deinem Poſten, Colman, das iſt recht,« ſagte Kirke zu ihm.»Biſt Du mit deiner Arbeit weiter vorge⸗ rückt?« 61 »Ja, General.« »Wann wirſt Du damit fertig werden?« »Noch in dieſer Nacht. Ich würde ſchon fertig ſeyn⸗ wenn nicht der alte William beinahe den ganzen Tag in dem Garten auf derſelben Seite gearbeitet hätte. Ich mußte daher einſtweilen aufhören, um nicht ſeinen Argwohn rege zu machen?« »Und Du ſagſt, Du würdeſt in der nächſten Nacht fer⸗ tig werde⸗— „»Ja, General.« »Dann können wir alſo ungehindert und ohne Geräuſch⸗ in Miß Lucy's Garten gelangen?⸗ »Wie Ihr ſagt, General— ungehindert und ohne Ge⸗ räuſch. 4 »Es iſt gut, Colman. Geh und vollende dein Werk.« Mittlerweile waren zwei Männer dem General Percy Kirke gefolgt und hatten ihn in das Haus Corneliens gehen ſehen, welches an das Suſannens ſtieß. »Ach mein lieber Hutchins,« murmelte einer der beiden Männer,„wie erleichtert fühle ich mich! Als ich dieſen Mann nach Soho Fields gehen und dieſe Richtung nehmen ſah, glaubte ich, er ginge zu meiner Schweſter. Einen Augenblick lang zitterte ich vor Furcht und Schmerz, indem ich bedachte, daß Suſanne, das Haupt unter ihr Unglück beugend und in ihre Schmach willigend, ſich dazu verſtanden habe, Percy Kirke's Maitreſſe zu werden— die Maitreſſe des Mannes, der ſie entehrt hat!« Fitzgerald, denn dieſer war es, der ſich auf dieſe Weiſe ausſprach, ſetzte, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, hinzu: 62 „Die Maitreſſe des Mannes, der ihren Bruder umge⸗ bracht hat.“ Dann wendete er ſich abermals zu Hutchins und ſagte: „Aber könnt Ihr mir, lieber Freund, vielleicht ſagen, warum Percy Kirke in dieſes Haus geht?« „Nein, das weiß ich nicht, Fitzgerald.“ „Wie, Doctor, der Ihr London nicht verlaſſen habt, Ihr könnt mir nicht dieſen Aufſchluß geben?« „Ohne Zweifel werdet Ihr ihn mit leichter Mühe von eurer Schweſter erhalten.« „Das weiß ich wohl, aber ich hätte es gern auch jetzt ſchon erfahren. Was kommt übrigens auf die mehr oder we⸗ niger verdächtigen Anſchläge Percy Kirke's gegen Suſannen und Lucy weiter an? Er wird nicht Zeit haben, ſie in Aus⸗ führung zu bringen, mögen ſie beſtehen, worin ſie wollen. Noch dieſe Nacht wird er im Tower enden.— Dünkt Euch dies nicht ſehr wahrſcheinlich?« „Mir ſcheint es faſt gewiß zu ſeyn, aber gleichviel— mir wäre es lieber geweſen, Euch dieſen Mann auf andere Weiſe treffen zu ſehen. Durch die Rache, welche Ihr gewählt habt, lauft Ihr Gefahr, die große Verſchwörung ſcheitern zu machen, welche uns von Jacob und ſeinen Helfershelfern be⸗ freien ſoll.« „Nein, nein, mein lieber Hutchins; die Sache iſt ſchon zu weit gediehen. Jacob kann jetzt nichts mehr thun, was das Gelingen verhindern könnte. Helfet mir, wie Ihr mir verſprochen habt, dieſen Percy Kirke an den Galgen oder auf's Schaffot bringen, und ich werde meinerſeits mein Ver⸗ ſprechen halten.« 3 »Ach, Fitzgerald, es iſt nicht möglich, Euch zu widerſte⸗ hen. Mich überläuft ein Freudenſchauer, wenn ich nur daran denke. Ich ſoll das Gehirn des Tyrannen von Tanger, des blutdürſtigen Proconſuls des Weſtens unter mein Seecirmeſſer bekommen! Ich werde nachforſchen, worin der Grund liegt, wenn der Menſch ein Tiger iſt— ich werde es vielleicht ent⸗ decken. Ja, aber wißt Ihr auch gewiß, daß Maſter Chiffinch—⸗ „»Chiffinch wird Euch nach der Hinrichtung Percy's Ca⸗ daver zuſtellen laſſen— er hat es mir geſchworen bei ſeiner Liebe zu Suſannen.« „Ich glaube Euch— ich glaube Euch; wie dankbar werde ich Euch ſeyn, mein Freund!« »Ich freue mich im Stande zu ſeyn, ſo etwas für Euch zu thun, Hutchins, aber Ihr müßt mir auch beiſtehen. Man glaubt wahrſcheinlich, Kirke ſey, nachdem er Whitehall verlaſ⸗ ſen, nach Hauſe gegangen, und man wird wahrſcheinlich dort⸗ hin ſchicken, um ihn feſtnehmen zu laſſen. Man wird ihn nicht finden und er wird Wind von der Sache bekommen. Er wird fliehen, es wird ihm vielleicht gelingen, ſich einige Tage lang allen Nachforſchungen zu entziehen. Während dieſer Zeit wird die Landung und der Triumph Wilhelms von Oranien ſtatt⸗ finden und Percy Kirke ſtolzer wieder zum Vorſchein kommen als vorher. Das iſt es aber nicht, was ich zu erreichen wün⸗ ſche. Hutchins, eilet nach Whitehall und verlanget Chiffinch zu ſprechen. Laßt Euch nicht abweiſen. Sagt ihm, daß der General Percy Kirke in dieſem Hauſe iſt. Vergeßt auch nicht hinzuzufügen, daß es dicht an das Suſannens ſtößt. Ich ver⸗ laſſe mich auf ſeine Leidenſchaft und die plötzliche Eiferſucht, welche dieſe Nachricht in ihm erwecken wird. Wenn er viel⸗ leicht noch Anſtand genommen hat, mit dem Köͤnig zu ſpre⸗ chen, ſo wird er es nun unverweilt thun. Geht, Hutchins, geht ſchnell. Ich werde zu Suſannen hineingehen, und während ich mit ihr plaudere, Kirke durch das Fenſter überwachen, und mich bereit halten ihm zu folgen, wenn er wieder heraus⸗ kommt.« ſeiner Schweſter hinein und der Arzt machte ſich entſchloſſen auf den Weg nach Whitehall. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo ging er langſamer und endlich blieb er ganz ſtehen. »Ich ſoll Kirke ins Verderben ſtürzen?« murmelte er, als ob er einen ſeit mehren Augenblicken in ſeinem Innern begonnenen Monolog laut fortſetzte.»Warum thue ich es? Um ſeinen Cadaver zu bekommen. Aber was auch Fitzgerald ſagen möge, wenn Kirke's Originalbrief in die Hände des Königs fällt, ſo wird Jacob nicht blos den General beſtrafen, ſondern vielleicht auch das ganze Befreiungswerk vereiteln! Wie wenn ich nun dieſes rette, indem ich Percy Kirke rette? Ich würde ſeinen Cadaver einbüßen, aber als guter Engläan⸗ der gehandelt haben. Und dann iſt es ja auch nicht unmög⸗ lich, daß meine Tugend ihren Lohn finde. Ein Erſatz, den ich allerdings nicht ſuche, indem ich meine Intereſſen als Anatom meiner Pflicht als Bürger opfere, ein ganz herrlicher Erſatz kann mir werden. Ich wünſche Niemanden den Tod, aber wer weiß, ob Perey Kirke mir nicht Fitzgerald's Cadaver ver⸗ ſchafft, anſtatt daß Fitzgerald mir den Percy Kirke's liefert! Würde ich bei dieſem Tauſch verlieren? Vielleicht. Aber es iſt ſchon ſo lange her, daß ich ein Gelüſt nach dieſem guten Fitz⸗ gerald verſpüre.« Hutchins wechſelte mehrmals den Weg. Bald ging er 65 in der Richtung von Whitehall weiter fort, bald kehrte er nach dem kleinen Hauſe zurück, in welches Percy Kirke getre⸗ ten war. Dieſes Manöver dauerte einige Minuten, zuletzt aber trugen die Leidenſchaften des Bürgers über die des Anatomen den Sieg davon. Hutchins faßte einen definitiven Entſchluß, näherte ſich dem kleinen Hotel und pochte ganz leiſe an. Nach Verlauf eines Augenblicks öffnete man ihm und er ſah ſich Perch Kirke gegenüber. Mittlerweile und während der Arzt in ſeiner langen Unſchlüſſigkeit ſeine Märſche und Contremärſche ausgeführt hatte, ging Fitzgerald, nachdem er mit ſeiner Schweſter die gewöhnlichen Begrüßungen gewechſelt, ſofort auf das ein, was ihm zunächſt am Herzen lag. »Kannſt Du mir ſagen, Suſanne,⸗ fragte er die Ir⸗ länderin mit unruhigem Blick,„was Percy Kirke in das be⸗ nachbarte Haus lockt?« „ ercy Kirke!— In das benachbarte Haus?« »So eben habe ich ihn hineingehen ſehen. Sage mir da⸗ her, ob Du weißt, was ihn hineinlockt.« Suſanne antwortete nicht, das Erſtaunen machte ſie ſtumm. Bald jedoch faßte ſie ſich wieder, ſchlug ſich vor die Stirn und rief: »Ha, dieſe Coralie, dieſe Coralie, deren fliehendes und ungreifbares Bild ich in meiner Erinnerung nicht erhaſchen konnte, jetzt finde ich ſie wieder! Ja, in Taunton ſah ich ſie, an dem Tage, wo ich in die Herberge„zum weißen Hirſch« trat. Sie war die Königin der Gelage des Generals. Sie iſt ſeine Maitreſſe geblieben und er wird ihr dieſes Haus zum Ge⸗ ſchenke gemacht haben.⸗ Der Tiger von Tanger IX 66 „»Aber warum hat er dieſen Platz gewählt?« „Vielleicht hat ihn blos der Zufall hierhergeführt.— Deswegen iſt es aber eine nicht weniger ſchlimme Nachbar⸗ ſchaft. Ich werde mich ſobald ich kann von hier entfernen.“ „Ich freue mich, Dich ſo ſprechen zu hören. Ich hatte gefürchtet, meine arme Schweſter, daß Du endlich Zuneigung zu dieſem Manne faſſen würdeſt— wegen deines guten klei⸗ nen Lucian. „Lucian ſoll niemals einen ſolchen Vater haben— er ſoll niemals einen ſolchen Namen tragen!« „Mein Gott, wie erfreuſt Du mich, meine Schweſter! Deine Zuneigung zu Kirke würde, wenn ſie vorhanden gewe⸗ ſen wäre, mich zur Verzweiflung getrieben haben.“ „Ich hoffe, Du verlangſt nicht von mir zu ſchwören, daß ich ihn aus tiefſter Seele haſſe und verabſcheue.« „Wohlan, freue Dich!“ „Was ſoll auf einmal dieſe triumphirende Miene bedeu⸗ ten, mein Bruder? Worüber ſoll ich mich freuen?« „Ueber den Sturz Kirke's.« „Ueber den Sturz des Generals?« „Ja, Suſanne, noch heute Nacht wird er feſtgenommen und in den Tower gebracht werden. Morgen, denn Jacob geht ſehr ſchnell zu Werke, morgen wird er das Schaffot be⸗ ſteigen.* „Was ſogſt Du da? Erkläre Dich deutlicher. „Welche Freude! Und wie lange habe ich auf ihn ge⸗ wartet! Vielleicht hätte ich, wenn ich mein Leben hätte auf s Spiel ſetzen wollen, ihn mit meinem Dolche niederſtoßen kön⸗ nen. Aber was iſt das weiter? Ein auf dieſe Weiſe getroffe⸗ —½— 67 ner Feind ſtirbt, ehe man noch im Stande geweſen iſt, ihm die Freude zu erkennen zu geben, welche man empfindet, ihn ſter⸗ ben zu ſehen. Sein Todeskampf raubt ihm das Verſtändniß und man wird um den ſüßeſten Theil der Rache betrogen— während jetzt— ha, jetzt!— Sobald er in einem Kerker des Tower in Ketten geſchlagen iſt, wird mich Chiffinch zu ihm gelangen laſſen und dann werde ich ihm ganz in aller Gemächlichkeit während der noch übrigen Nacht und während des ganzen nächſtfolgenden Morgens, bis man ihn abholt, um ihn dem Henker zu überliefern, die lange Geſchichte mei⸗ nes Haſſes erzählen. Ich werde ihm ſagen daß ich Fitzgerald bin, der unverſöhnliche Bruder zwei ſeiner Schlachtopfer— Suſannens und James, von welchen er das eine entehrt, das andere gemordet hat. Wohlan, Schweſter, begreifſt du?— Erklärſt Du Dir nun meine triumphirende Miene?« »Ich begreife die Freude, welche eine ſolche Hoffnung Dir bereitet, Fitzgerald; aber Du ſagſt mir nicht, worauf Du dieſe Hoffnung gründeſt.« »Du nennſt es eine Hoffnung! Eine Gewißheit mußt Du ſagen, Suſanne! Unbedingte Gewißheit.⸗ »Es ſey. Aber was gibt Dir dieſe Gewißheit?« »Ahl hab ich es Dir nicht ſchon geſagt? Doch es iſt wahr— mein Gemüth iſt ſo unruhig. Höre alſo. Perchy Kirke gehört zu der großen Verſchwörung. Er hat an Wil⸗ helm von Oranien geſchrieben, um ihm zu ſagen, daß er ſich ihm zur Dispoſition ſtelle, daß der Prinz auf ihn rechnen könne, daß er ſich glücklich ſchätzen würde, ihm den Beiſtand ſeines Degens zu leihen, um England von einem Monarchen zu befreien, der ihm zur Schande gereiche, und andere An⸗ nehmlichkeiten derſelben Art. Wohlan, dieſen Brief, der ſich in e den Händen unſeres Freundes Oykvelt befand, habe ich die⸗ ſem geſtohlen und Chiffinch wird noch heute Abend dem Kö⸗ nige eine Abſchrift davon mittheilen.“ „Eine Abſchrift?« unterbrach ihn Suſanne, deren Auf⸗ merkſamkeit ſich zu verdoppeln ſchien. „Ja, eine genaue Abſchrift. Du kannſt Dir die Freude denken, welche der gute Jacob empfinden wird.“ „»Wenn er der Sache Glauben beimißt. Eine Abſchrift wird Zweifel in ihm übrig laſſen.« „Chiffinch wird ihm ſagen, daß er das Original geſe⸗ hen hat, und ſich erbieten, es Sr. Majeſtät vorzulegen. Dann wird man mich rufen und ich werde es dem König bringen.“ „Wo haſt Du es, Fitzgerald?⸗ „»Hier bei mir. Du kannſt Dir denken, daß ich mich nicht davon trenne.* „»Zeig es mir.«. Fitzgerald zog aus dem Ledergürtel, den er unter ſeinen Kleidern trug, ein Papier, welches er auseinanderſchlug und Suſannen vor die Augen hielt, ohne es jedoch aus den Hän⸗ den zu laſſen. Die Irländerin glaubte einen gewiſſen Grad von Mißtrauen in der Art und Weiſe zu ſehen, auf welche ihr Bruder ſie dieſe für ſeine Rachepläne ſo wichtige Schrift leſen ließ. Vielleicht hatte ſie nicht Unrecht. Sie ſtieß mit der Hand die Fitzgerald's zurück und wen⸗ dete das Geſicht hinweg. „Behalte deine Geheimniſſe für Dich,« ſagte ſie in ver⸗ ächtlichem Tone,„ich brauche ſie nicht zu wiſſen.“« „Warum ſagſt Du mir das? Warum dieſe Miene, Su⸗ ſanne?“ 69 „Du mißtraueſt mir.« „Ich mißtraue Dir nicht, meine geliebte Schweſter, aber ich will und kann dieſen Brief nicht aus meinen Händen geben.« »Nun gut, ſo ſtecke ihn wieder in deinen Gürtel.« »Du biſt grauſam, meine Schweſter. Warum ſprichſt Du ſo mit mir? Weißt Du nicht, daß Du mich dadurch tief betrübſt?« »Und Du gedenkſt ohne Zweifel mir eine große Freude zu bereiten, indem Du mir ein ſo ungerechtes Mißtrauen zu erkennen gibſt.« Fitzgerald ſtand einige Secunden lang unſchlüſſig da, ſeine Zweifel aber erreichten plötzlich ein Ende, als er Suſan⸗ nen die Thränen in die Augen treten ſah. »Hier, mein liebes Kind!« ſagte er in zärtlichem Tone. »Nimm; ich glaubte nicht, daß es Dich ſo tiefbetrüben würde. Nimm den Brief, da Du ihn ſelbſt in den Händen halten willſt, um ihn zu leſen. Nimm ihn. Wirſt Du ihnjetzt noch zu⸗ rückweiſen, wo ich ihn Dir anbiete?« »Ich ſollte ihn nicht annehmen. Doch gib nur her.⸗ Suſanne ergriff den Brief, näherte ſich damit einer Kerze und begann zu leſen. Fitzgerald verfolgte alle ihre Be⸗ wegungen mit der wachſamſten Aufmerkſamkeit. In dieſem Augenblick öffnete ſich plötzlich eine Thür und William trat in den Salon. Er näherte ſich mit verſtörtem Blick und offenem Munde der Irländerin, als er Fitzgerald erblickte, deſſen Geſicht von dem Licht der Kerze hell beleuchtet ward. Bei dem Anblick des Mannes der ihm auf der Straſte 70 von Lauſanne die Briefe geraubt hatte, welche Sir Charles Murray an Lord John Lisle geſchrieben, ſtieß der alte Die⸗ ner einen lauten Schrei der Ueberraſchung und des Ent⸗ ſetzens aus. „»Mörder! Mörder! Mörder meines edlen Gebieters!⸗ Indem William dieſe Worte ſprach, ging er auf Fitzge⸗ rald zu, während er zugleich mit dem Finger auf ihn zeigte und der Unglückliche entſetzt einen Schritt nach dem andern vor ihm zurückwich.— So gelangte Suſannens Bruder bis an das äußerſte Ende des Salons, ohne daß er auf den Gedanken gekommen wäre, dieſen ſchwachen Feind durch eine Handbewegung nie⸗ derzuwerfen. William aber war in dem entſetzten Auge des Körders kein Menſch, ſondern die Reue, die lebende Reue, welche mit furchtbar langſamem aber ſicherem Schritt auf ihn zukam.. Als Fitzgerald fühlte, daß er nicht weiter zurückweichen konnte, ſtürzte er ſich, ganz die Geiſtesgegenwart verlierend, auf die Thür, öffnete ſie und entfloh aus dem Hauſe. Nach Fitzgerald's Flucht blieb William einen Augenblick lang ſtehen und ſchien nicht zu wiſſen, welchen Entſchluß er faſſen ſollte, drehte ſich aber gleich darauf nach Suſannen herum, die das Geſicht mit den Händen bedeckend daſtand. „»Miß Suſanne, sſagteer,„ichbin noch gerade zur rechten Zeit gekommen, um Euch aus einer großen Gefahr zu erret⸗ ten. Dieſer Mann hatte Euch, wie ich ſehe, dieſen Brief zu leſen gegeben, den Ihr noch in der Hand haltet. Wie es ſcheint, iſt dies die Art und Weiſe, auf welche er zu Werke geht, um ſein Opfer deſto ſicherer zu tödten. Er iſt ein Mör⸗ der, ein Mörder von Profeſſion— Ihr ächzt und Ihr wei⸗ net. Ihr braucht keine Furcht mehr zu haben. Ihr habt geſe⸗ hen, wie er floh, als er mich erkannte.— Er wird nicht wie⸗ derkommen. Er möge fliehen! Ich habe keine Zeit ihn zu ver⸗ folgen. Es handelt ſich in dieſem Augenblick um etwas ganz Anderes. Es handelt ſich darum, Miß Lucy zu retten.“ „»Miß Luchy zu retten?« wiederholte Suſanne, indem ſie ihr in Thränen gebadetes Antlitz zeigte.»Iſt ſie denn in Gefahr?« 6 „»Wißt Ihr, wer ſich gegenwärtig in dem Hauſe be⸗ findet, welches kürzlich neben dem unſeren fertig gebaut worden?« »Ja, Percy Kirke; man hat es mir ſo eben mit⸗ getheilt.« »Ah!— Und wißt Ihr, was er hier machen will?« »Nein.« »Dann will ich es Euch ſagen. Es wird Euch bekannt ſeyn, daß ich Löcher grabe, um Pappeln zu pflanzen. Wohlan, ſeit geſtern ſchien es mir, während ich in einem dieſer tiefen Löcher ſtand, als arbeitete Jemand dicht neben mir ebenfalls in der Erde. Nach einiger Zeit hörte das Geräuſch auf. Heute Abend kehrte ich noch einmal in den Garten zurück und hörte wieder ganz deutlich dumpfe Schläge unter der Erde. Ich holte mir hierauf ein Bündel Aeſte, machte mir hiervon ein Schirm⸗ dach ganz dicht neben dem Loch und kroch mit meinem guten Meſſer bewaffnet unter die Aeſte hinein. Lange blieb ich ſo liegen. Endlich hörten die Schläge auf und es war mir, als wenn man Erde mit den Händen hinwegräumte. Plötzlich zeigte ſich ein Kopf oberhalb des Loches. Es war ein 72 Mann. Er’ ſah ſich im Garten und nach dem Hauſe hin rings um.—. Ich lauerte, um zu ſehen was er machen würde. Er ver⸗ ſchwand. Nun ſagte ich zu mir: Es iſt ein Dieb, der ſeinen Streich auszuführen gedenkt, wenn Alles im Schlafe liegen wird. Wir müſſen warten! Und ich wartete, aber nicht lange. Ein leichtes Geräuſch ſchlug abermals an mein Ohr und dies⸗ mal ſah ich zwei Menſchenköpfe aus dem Loche auftauchen. Dieſe Böſewichter begannen leiſe, ganz leiſe mit einander zu ſprechen und Ihr werdet gleich ſehen, daß ich ſehr bald den General Kirke und ſein Lamm Colman erkannte.—»Ihr ſehet, General,« ſagte Letzterer,„daß es ſehr leicht ſeyn wird.“ „Ja,“« antwortete Percy Kirke,„man wird ſie durch dieſe Oeffnung hindurchbringen können, ohne ſie zu verletzen. »Ganz gewiß; aber welches Glück, daß ich dieſes Loch gleich fertig fand, und welch ein fernerweites Glück, daß meine Arbeit noch nicht weiter vorgerückt war, als der alte William dieſes Loch grub, denn er wäre gerade auf meinen unterirdi⸗ ſchen Gang geſtoßen und Alles wäre dann entdeckt wor⸗ den.— Wollt Ihr, General, daß wir uns ans Werk machen?« 3 „Glaubſt Du denn,« entgegnete Kirke,»daß ich hier Deiner bedarf, Colman? Das iſt durchaus nicht der Fall. Du wirſt jetzt hinausgehen und mich auf der andern Seite des Square mit einem Wagen erwarten. Sobald ich in Miß Lucy's Zimmer kein Licht mehr ſehe und es wahrſcheinlich ſeyn wird, daß ſie ſchläft, werde ich hinaufgehen. Die Schlöſ⸗ ſer werden dem Werkzeug, welches Du mir verſchafft haſt, nicht lange Widerſtand leiſten. Jetzt, wo ich Kenntniß von der 73 Localität genommen, wollen wir uns wieder zurückziehen. Während Du gehen wirſt, um deinen Auftrag auszuführen, werde ich die Stunde erwarten. Alſo komm.« »Nachdem Kirke dies geſagt, tauchten ſie wieder unter, und ich, der ich mich wohl hütete, Miß Lucy nur ein einziges Wort von allem dieſen zu ſagen, ich bin ſofort hierher geeilt, um es Euch zu erzählen, da Lord Henry dieſen Abend wieder abgereiſt iſt.« »Du haſt wohl daran gethan, mein lieber William,« antwortete die Irländerin;„aber ſage mir, haſt Du das Loch nicht verſtopft?« »O, wie könnet Ihr mich erſt fragen? Ich habe ein Du⸗ tend kleine Blumenkaſten darauf geſetzt, die ich eben wieder in das Haus hereintragen wollte. Dies genügt für den Augen⸗ blick, aber Miß Lucy iſt hier nicht mehr ſicher. Wir müſſen ſie ſofort und ohne einen Augenblick zu verlieren anderswohin bringen.« „»Das iſt keine Frage, William. Wir müſſen ſogleich mit ihr fort.« »Aber wo ſollen wir ſie hinführen?« »Ohne weiteres Zögern zu Mylord und Mylady Churchill.« »Ganz recht.« E »Wir müſſen Lucy davon in Kenntniß ſetzen. Weißt Du, William, ob ſie ſchon zu Bett iſt?« „»Nein, ſie iſt es noch nicht.« »Gut, gehen wir dann zu ihr.⸗ Indem Suſanne dies ſagte, verbarg ſie den Brief, den Fitzgerald ihr bei ſeiner Flucht zurückgelaſſen, im Buſen und 74 lenkte ihre Schritte nach dem Zimmer der Tochter des Puri⸗ taners. In demſelben Augenblick aber öffnete ſich mit lautem Getöſe die Thür des Salons und Percy Kirke trat ein. Die Irländerin warf ſich muthig dieſer drohenden Erſcheinung ent⸗ gegen, während William in Luch's Zimmer eilte und hinter ſich die Thür verſchloß. Als Percy Kirke und Suſanne einander gegenüberſtan⸗ den, maßen ſie ſich mit einem Blick, in welchem ein ſeltſames Gemiſch von Haß und Keckheit lag. Bald aber wen⸗ dete der Soldat von Tanger die Augen von der unerſchrocke⸗ nen jungen Irländerin hinweg und ließ ſie in dem ganzen Zim⸗ mer umherſchweifen. „Was ſucht Ihr hier bei mir?« rief die Irländerin. „Ich ſehe euern Bruder nicht— und doch iſt er im Hauſe. Wo hat er ſich verſteckt?« „Was wollt Ihr von ihm?« „Ihm einen Brief entreißen, den er geſtohlen hat.“ »Wo?« „In Holland.« „Wem? „»Dem Agenten Dvbkvelt.“« „»Ihr braucht Fitzgerald nicht zu verfolgen. Er hat euern Brief nicht mehr. „ „»Wo iſt dieſer denn?⸗ „Ich allein weiß, in weſſen Händen er ſich befindet.“ „Nun, ſo ſagt es und vor allen Dingen gebt mir ihn zurück.“ „Das will ich thun, aber nur unter einer Bedingung.“ 7 c » Unter welcher? Sprecht.« »Ihr werdet mir auf eure Ehre ſchwören, daß Ihr für jetzt und alle Zukunft jeder Abſicht auf Miß Lucy entſagt.« »Nimmermehr!« »Dann wird der Brief, noch ehe es Mitternacht wird, dem König vorgelegt, und Ihr werdet dann das Weitere mit dieſem beſprechen.« »O, ich werde ihn früher haben.⸗ »Das wollen wir ſehen.« »Ich werde Euch umbringen, Suſanne, wenn es ſeyn muß, aber nicht von dannen gehen, ohne den Brief mitzu⸗ nehmen.« »Nun, dann bringt mich um, denn Ihr bekommt ihn nicht.« »Suſanne, nehmt Euch in Acht!« »Thut, was Ihr thun wollt.⸗ Percy Kirke faßte ſie mit ſolcher Gewalt am Handge⸗ lenke, daß der Schmerz ihr einen lauten Schrei auspreßte. »Gebet mir dieſen Brief, ſage ich Euch,« fuhr er fort, und glaubte den Widerſtand, der ihm entgegengeſetzt ward, gebrochen zu haben. »Nein— dafern Ihr mir nicht euer Wort gebt.« »Ich gebe es Euch nicht.« »Dann bekommt Ihr auch den Brief nicht.« »Ihr trotzet mir? Wahnſinnige, die Ihr ſeyd! Wohl⸗ an, Ihr habt die Schuld nur Euch ſelbſt beizumeſſen, wenn—« »Wer hält Euch zurück? Tödtet mich, dann könnt Ihr den Brief ſuchen.« Der Soldat ſtieß einen dumpfen Ruf der Wuth aus, 76 ließ Suſannens Arm los und begann mit großen Schritten in dem Salon auf⸗ und abzugehen. Die Irländerin glaubte, er ſchwanke zwiſchen ſeinem Intereſſe und ſeiner Liebe. „Wohlan, General,“ ſagte ſie,„gebet Ihr mir euer Wort, Miß Lucy künftig in Ruhe zu laſſen?« „Wohlan, ich gebe es Euch, da ich nicht anders kann. Wo iſt der Brief?« „Habe ich euer Wort als Edelmann und Soldat, Percy Kirke?« »„Ich gebe Euch mein Wort als Edelmann und Soldat, Suſanne.« „Ihr werdet alſo nichts mehr gegen dieſe Unglückliche verſuchen, weder dadurch, daß Ihr zur Hausthür herein⸗ kommt, noch indem Ihr durch Löcher kriecht, die Ihr habt graben laſſen?« „Wer hat Euch geſagt?« „Weiß ich es? Habe ich in allen dieſen Punkten euer Wort?“« „Ja. Wo iſt der Brief?« „Das iſt noch nicht genug. Ihr werdet mir noch ſchwö⸗ ren, daß Ihr in Bezug auf die Anweſenheit Miß Luchy'’s bei mir das unverbrüchlichſte Geheimniß bewahren wollt.« „Ja, aber ich darf Euch dann nicht verſchweigen, daß Jeffreys Alles weiß.“ „Gut, gut. Dies beunruhigt mich weiter nicht. Werdet Ihr ſchweigen?« „Ja. Suſanne nahm den Brief aus ihrem Buſen und über⸗ gab ihn Percy Kirke. 77 »Ich habe euer Wort, General, ich bin ruhig. Hier iſt euer Brief. Nun könnt Ihr Euch entfernen.⸗ Der Glücksritter riß das Papier raſch aus einander durchlief es aufmerkſam mit den Augen, hielt es dann an's Licht und ließ es langſam und vollſtändig verbrennen. Dann ſagte er mit ſeltſamem Lächeln: »Ihr ſeyd ein Kind, meine arme Suſanne. Lucy iſt hier, nicht wahr?« Und Percy Kirke lenkte ſeine Schritte nach Lucy's Zimmer. Die Irländerin warf ſich ihm in den Weg und rief mit vor Entrüſtung bebender Stimme: »Und euer Wort als Edelmann und Soldat, General?⸗ » Und meine Liebe, Suſanne?— Wenn ich auch meine Augen fortan nicht mehr zu Euch erheben kann, ſo tröſte ich mich doch, dafern ich nur Lucy beſitze!« Indem der Soldat von Tanger dieſe Worte ſprach, rüt⸗ telte er heftig an der Thür. Das abgeſprengte Schloß fiel auf die Diele und Perch Kirke ſtürzte in Luch's Zimmer. Es war leer. Er eilte in den Garten und durchſuchte alle Winkel, aber es war Niemand da. F.. V. Der Abfall. Während der drei Wochen, die auf Luch's Flucht folg⸗ ten, und während Percy Kirke, von grimmiger Wuth gefol⸗ tert, alles Mögliche aufbot, um das neue Aſyl der Tochter des Puritaners zu entdecken waren die großen Ereigniſſe, welche der politiſchen Welt eine andere Geſtalt geben ſollten, ihrer Entwicklung raſch immer näher gerückt. Wilhelm von Oranien, welcher am erſten November mit ſechshundert Transport⸗ und fünßzig Kriegsſchiffen aus dem Hafen von Helvoetſluys ausgelaufen war, hatte am fünften im Hafen von Torkay, einige Meilen ſüdweſtlich von Lyme, Anker geworfen. Nachdem er von Etappe zu Etappe unter fürchterlichen Regengüſſen und dem Enthuſiasmus der ihm unterwegs zu⸗ ſtrömenden Bevölkerung bis nach Exeter gerückt war, hatte er in dieſer Hauptſtadt des Weſtens einige Tage Halt gemacht und eine Menge der reichſten und angeſehenſten Edelleute der benachbarten Grafſchaften hatten ſich bei ihm eingefunden. Während dieſe raſch in ganz England verbreiteten Nach⸗ richten vom Norden bis zum Süden mit Jubel und Wonne aufgenommen wurden, hatte Jacob in der Eile ſeine Trup⸗ pen zuſammengerafft und war bis nach Salisbury vorgerückt. 79 Wilhelm hatte, ſeinen Triumphzug fortſetzend, ſein La⸗ ger jetzt bei Arminſter, nördlich von Lyme, aufgeſchlagen. In dem Augenblick, wo wir dieſe Erzählung aufneh⸗ men, trennten nur noch ſechzehn oder ſiebzehn Meilen die Armee des Königs von der ſeines Schwiegerſohnes. Der letzte der Stuarts hatte ſein Hauptquartier in dem biſchöflichen Palaſt von Salisbury genommen und in einem der umfangreichen Säle dieſes alten Gebäudes am Morgen des 20. November diejenigen ſeiner Generäle um ſich ver⸗ ſammelt, auf welche er noch am meiſten rechnen zu können glaubte. Feversham, welcher den Oberbefehl über die königliche Armee führte, John Churchill, Percy Kirke und der Herzog von Grafton, Neffe des Königs, befanden ſich mit unter die⸗ ſer Zahl. Der Prinz Georg von Dänemark, Gemal der Prin⸗ zeſſin Anna, war ebenfalls zugegen. Letzterer war ein dicker Mann mit ſchläfrigem Geſicht, von welchem Carl II. ſagte: »Ich habe ihn nüchtern ſondirt, ich habe ihn betrunken ſondirt, aber mochte er betrunken oder nüchtern ſeyn, ſo habe ich niemals etwas in ihm finden können.« Er hatte die Gewohnheit, allemal wenn er eine Neuig⸗ keit hörte, auszurufen: » Est-il possible?« Dies war die einzige bemerkenswerthe Seite ſeiner Con⸗ verſation.. Jacob II. ging mittlerweile mit wankendem Tritt und unruhiger Miene unter dieſen Kriegern hin und her, von wel⸗ chen die meiſten ihm ihr Vermögen und ihre Stellung ver⸗ 8⁰ vankten. Bald vor dem einen, bald vor dem andern ſtehen bleibend, ſprach er mit ihnen allen, hörte ihre Antworten an und begann dann ſeine Promenade wieder mit Geberden und vor ſich hin gemurmelten Worten, welche die ganze Aufre⸗ gung ſeiner Seele verriethen. „Wer commandirt meine Avantgarde?“ ſagte er plötz⸗ lich zu dem Grafen von Feversham. „»Mylord Cornbury, Sire.* „Gut, der iſt mir ergeben. Er iſt der Sohn meines Schwagers, Mylord Clarendon. Seine Verwandtſchaft mit mir muß mich ſeiner Treue verſichern. Aber dennoch ſcheint es mir, Feversham, als wäre Cornbury noch ſehr jung für einen ſo wichtigen Poſten.⸗ „Ich habe ihm denſelben nur auf den Rath und auf das dringende Verlangen Mylord Churchill's übertragen, Sire.“ Jacob drehte ſich raſch nach dem Genannten herum und fragte in einem Tone, welcher eine unklare Befürchtung verrieth: 1 „Steht Ihr mir für Cornbury, Mylord?« „Wie für mich ſelbſt, Sire.⸗ „Dann bin ich beruhigt, mein lieber Churchill— ja, vollſtändig beruhigt.“* Indem er ſodann ſeinen Zügen einen wohlwollenden und freimüthigen Ausdruck zu geben ſuchte, fuhr er fort: „Wirklich, meine Herren, man muß mir den Argwohn verzeihen, der zuweilen in meinem Gemüth erwacht. Wenn Ihr wüßtet, was man Alles thut, um jeden Tag neue Zwei⸗ fel in mir zu erwecken. Ihr braucht deshalb gar nicht weit en 81 zu gehen. Fragt nur hier meinen treuen, geliebten Percy Kirke, welchen furchtbaren Verdacht man erſt ganz kürzlich mir gegen ihn beinahe eingeflößt hätte. Man zeigte mir die Abſchrift eines Briefes, den er an Wilhelm geſchrieben haben ſollte, um ihm ſeine Dienſte anzubieten, während er mich zu⸗ gleich darin einen Thoren und Tyrannen nannte. Man ver⸗ ſprach mir das Original dieſes Briefes vorzulegen, ſobald ich es verlangte, aber als ich es zu ſehen wünſchte, konnte man mir es nicht zeigen. Ich habe aber den Schelm, der mir dieſe Märchen aufgebunden, tüchtig ausgeſcholten. Nicht wahr, Percy Kirke, ich habe ihn tüchtig ausgeſcholten?« Der Mann, an den dieſe Frage gerichtet war, betrach⸗ tete Jacob II. mit kaltem Blick und ſagte in einem Tone, der von mühſam verhaltenem Zorne bebte: »Dieſer erbärmliche Chiffinch hätte vielleicht eine härtere Strafe verdient, Sire.« »Na, mein lieber Percy, beruhigt Euch, beruhigt Euch,« entgegnete der König.»Man muß ihm verzei⸗ hen. Man hatte ihn ſelbſt getäuſcht und das, was er that. that er aus Eifer und Treue gegen mich. Wenn Ihr mich lie⸗ bet, ſo werdet Ihr mir verzeihen. Damit iſt die Sache abge⸗ macht, nicht wahr, Perch?« »Ja, Sire, da Ihr es wünſchet,« antwortete der Sol⸗ dat von Tanger augenſcheinlich nahe daran, die Geduld zu verlieren. »Dann ſeht Ihr,“ ſuhr der König fort, indem er ſich hartnäckig an ſeine fire Idee anklammerte,„wenn ich Chif⸗ finch härter geſtraft hätte— wie ich nach eurer Meinung hätte thun ſollen— ſo hätte ich ſehr wahrſcheinlich den Eifer meiner andern treuen Diener abgekühlt, und Ihr wißt Alle, Der Tiger von Tanger IN. 6 — 82² ob ich ihrer bedarf. Wilhelm macht von gar ſo argliſtigen Mitteln Gebrauch, um alle meine Freunde und alle meine lieben Unterthanen von mir abwendig zu machen. Leſet nur ſein Manifeſt. Hat man jemals ein ſolches Gewebe von Lü⸗ gen, Schändlichkeiten und Abgeſchmacktheiten geſehen? Im Vergleich mit dieſem ſchändlichen Pasquill war Monmouth's Manifeſt ſehr unſchuldig zu nennen. Dieſes erweckte unter den ehrlichen, anſtändigen Leuten nur ein Gefühl— das der Verachtung. Mit welcher Perfidie weiß dagegen Wilhelm ſeine Anklagen gegen mich vorzubringen! Nach ſeiner Verſi⸗ cherung verletze ich alle göttlichen und menſchlichen Geſetze. Ich trete die Magna Charta der Freiheiten Englands mit Fü⸗ ßen. Ich handle nur nach meinem Kopfe. Alles dies iſt weit perfider, als wenn er mich, wie Jacob Crofts gethan, als Mörder und Mordbrenner behandelte. Und um der Schmach die Krone aufzuſetzen, wagt er— wagt er—« Hier ward die Stimme des Königs ſchwankend; ſein Geſicht nahm einen Ausdruck von echtem, tiefem Schmerz an, den noch Niemand auf ſeinem kalten, harten Geſicht wahrge⸗ nommen. Er unterbrach ſich zugleich in ſeiner unregelmäßigen Promenade und hielt beide Hände auf die Augen. „Er wagt,« murmelte er mit erſticktem Schluchzen, „anzudeuten, der Prinz von Wales, mein theurer, geliebter Sohn, dieſes unſchuldige, kleine Weſen, dieſer Engel Gottes, ſey nicht das Kind der Königin.“ „Wenn mein armer Henry Lisle hier wäre,“ dachte Churchill,„ſo könnte er dieſen König fragen, ob die zärtli⸗ chen Regungen des Gemüthes für ihn allein geſchaffen ſeyen. Er könnte ihm ſagen, daß andere Menſchen auch ein Herz — 83 haben, welches ſeine Grauſamkeit nur zu oft unerbittlich zer⸗ malmt hat.« Kaum war dieſe Betrachtung in Churchill's Gemuüth aufgetaucht, als ein Adjutant eintrat und den König fragte, ob er zwei Offiziere anhören wolle, welche ſeit dem geſtrigen Abend als Kundſchafter abgeſchickt worden ſeyen. Auf den Befehl des Monarchen, deſſen Geſicht ſofort wieder ſeinen harten, heimtückiſchen Ausdruck angenommen hatte, wurden die beiden Offtziere eingeführt. »Nun, Sir,“ ſagte er zu dem Erſten, der vor ihm er⸗ ſchien,„ich hoffe, daß Ihr mir gute Nachrichten bringt. Alle Wundergeſchichten, welche man von der martialiſchen Haltung der Truppen des Verräthers erzählt, ſind, denke ich mir, nichts als Fabeln. Ihr werdet, hoffe ich, mir nicht wie alle eure Cameraden, die vor Euch ausgeſendet worden, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten, von den ſchönen Küraſſen und den funkelnden Helmen der zweihundert engli⸗ ſchen Edelleute erzählen, welche, ich weiß nicht von welchem Macclesfield commandirt, flämiſche Pferde reiten und jeder von einem afrikaniſchen Neger begleitet ſind, der einen weiß⸗ gefiederten Turban auf dem Kopfe trägt. Ihr werdet mir auch nicht von der Schwadron ſchwediſcher Reiter erzählen, die mit den Fellen der Bären bekleidet ſind, welche ſie ſelbſt erlegt haben— und ebenſowenig von den einundzwanzig großen ehernen Kanonen Wilhelms und dem ſchönen Wahl⸗ ſpruch ſeiner Fahne: Ich werde die Freiheiten Englands und die proteſtantiſche Religion aufrecht erhalten! Aber ſprecht doch, Sir, ſprecht doch, welche Nachrichten bringt Ihr mir?« »Ich wünſchte, ich hätte Eurer Majeſtät gute zu mel⸗ 3 84 den, entgegnete der Offizier ein wenig verlegen;„unglück⸗ licherweiſe aber habe ich nur ſchlimme.“ „Est-il possible?« rief der Prinz Georg. „Das iſt ja, als ob man ſich verabredet hätte, mir nie⸗ mals etwas Erfreuliches mitzutheilen! Nun, ſo redet doch! Worauf wartet Ihr denn?« „Es hat zwiſchen einer Abtheilung der feindlichen Armee, die von einem ehemaligen Lieutenant eurer Garde comman⸗ dirt ward, und einem zu den Truppen Eurer Majeſtät gehöri⸗ gen irländiſchen Bataillon ein Treffen ſtattgefunden, und die Irländer ſind vollſtändig geſchlagen worden.« . Ha 1« rief Jacob mit unterdrücktem Aerger,»und kennt Ihr den Namen dieſes treubrüchigen Lieutenants?« „Er heißt Henry Lisle.“ „Est-il possible?« muͤrmelte der Gemal der Prinzeſſin Anna. „Es iſt gut, Sir,“ unterbrach der König den Offtzier kurz.»Es iſt gut— Ihr könnt gehen. Man laſſe den andern Kundſchafter kommen.* Der gerufene Offizier trat heran. „Und Ihr, mein Herr, was habt Ihr mir zu ſagen? Schlimme Dinge, ohne Zweifel, wie alle eure Cameraden? „Ach leider, Sire, habt Ihr ganz recht gerathen.« „Sprecht nur.« »Mylord Cornbury, welcher eure Vorhut commandirte iſt mit einer ziewlich großen Anzahl Soldaten zum Feind über gegangen.“* „Wißt Ihr auch gewiß, was Ihr da ſagt, mein Herr?“ rief Jacob vor Wuth zitternd. 8⁵ »„Ich habe es mit meinen eigenen Augen geſehen.« Prinz Georg rief abermals:„Est-il possible?“« und ſenkte den Kopf. Der König wendete ſich, ohne ein Wort zu entgegnen, von dem Offizier ab, der ihm dieſe beunruhigende Nachricht gebracht, und ging mit leichenblaſſem Geſicht, gerunzelter Stirn und zuſammengekniffenem Munde auf Churchill zu und ſtellte ſich vor ihn. 3 »Ihr wolltet für Cornbury ſtehen wie für Euch ſelbſt, Mylord,“« ſagte er im Tone bittern Vorwurfs.„Was ſoll dieſe Redensart bedeuten? Iſt ſie eine zweideutige? Muß man dieſelbe auf eine für eure Ehre nachtheilige Weiſe erklären? Oder habt Ihr Euch vielmehr geirrt und muß ich Euch wegen des Unheils beklagen, welches Ihr mir zufügt? Redet, My⸗ lord, redet!« Churchill blieb unbeweglich, bedurfte aber, um den Blick des Königs auszuhalten, ohne die Augen niederzuſchlagen, der ganzen kecken Geiſtesgegenwart, welche er in der Gefahr wie in der Lüge ſtets zu bewahren wußte. »Wenn Eure Majeſtät die übrigens ſehr ſeltene Gabe beſäße, eure Freunde von euren Feinden zu unterſcheiden,« ſagte er mit einem gewiſſen Stolz und indem er den in ſeinen edelſten Gefühlen Verletzten ſpielte,„dann würdet Ihr Euch enthalten haben, eine Frage an mich zu richten, welche meine unverbrüchliche Hingebung und Treue auf's Tiefſte be⸗ leidigt.« »Eben weil ich dieſe ſo ſeltene Gabe nicht beſitze,« ent⸗ gegnete Jacob mit noch geſteigerter Uebellaune,„bitte ich Euch zu antworten.« — 86 „Sire„⸗ rief Churchill, indem er ſeine lange Geſtalt emporrichtete und einen würdevollen Blick auf den König hef⸗ tete,„meine Handlungsweiſe wird bei der erſten Gelegenheit beſſer auf eure Fragen antworten, als ich thun könnte, wenn ich mich hier in den eifrigſten Betheuerungen meiner Anhäng⸗ lichkeit erſchöpfte.« Der König, der durch die ſtolze Haltung und nur müh⸗ ſam erheuchelte Entrüſtung des Mannes getäuſcht ward, wel⸗ chen es ihm beliebt aus dem Staube hervorzuziehen, glaubte an die Ungerechtigkeit des Argwohns, den er ſoeben gefaßt, und bereute, demſelben Ausdruck geliehen zu haben. „Es iſt gut, Mylord, es iſt gut,« ſagte er.„»Vergeſſet, was ich ſoeben ſagte. Ja, ich halte Euch für treu und zuver⸗ läſſig, aber nicht wahr, Ihr begreift meine ſchlimme Lage! Man muß ſich an die Stelle eines Monarchen ſtellen, der auf ſo unwürdige und feige Weiſe hintergangen und verrathen wird wie ich. Wer iſt es, der jetzt mein Königreich mit Krieg zu überziehen droht? Mein Schwiegerſohn. Wer iſt ſeine Mit⸗ ſchuldige? Meine Tochter, die als eine zweite Tullia die Rä⸗ der ihres Wagens von meinem auf ihrem Wege ausgeſtreckt liegenden Leichnam nicht hinweglenken würde. Welche Sol⸗ daten füllen das Lager meines Feindes? Meine Unterthanen, meine Lords, meine Edelleute, meine Freunde! Und dennoch haben die Hervorragendſten unter ihnen den Eid der Treue in meine Hände geleiſtet. Es gibt unter dieſen Ueberläufern mehre, welche mich auf muthige und loyale Weiſe gegen Mon⸗ mouth vertheidigt haben. Lumley und Portman, welche die⸗ ſen Verräther feſtnahmen und mir nach Whitehall brachten, befinden ſich heute bei Wilhelm und jetzt meldet man mir, daß Cornbury, mein Verwandter, ſich ebenfalls anſchickt, ſeinen 87 Degen gegen mich zu kehren. Wem ſoll ich mich noch anver⸗ trauen?« Jacob machte eine kurze Pauſe und begann wieder einige Augenblicke lang hin⸗ und herzugehen, dann ergriff er wieder das Wort. „»Seht, Ihr Herren,« ſagte er mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit zu den Generalen und Offizieren, die ihn umſtan⸗ den,„reden wir ganz frei heraus. Es iſt möglich, daß Einige von Euch aus Gewiſſensbedenken abgeneigt ſind, ſich für mich zu ſchlagen. Wohlan, wenn es deren unter Euch gibt, ſo mögen ſie es ohne Furcht ſagen. Ich bin bereit, ihre Patente zurückzunehmen. Aber ich beſchwöre Euch Alle als Edelleute, als Soldaten, nicht das ſchmachvolle Beiſpiel Cornbury's nachzuahmen.« Dieſe Worte ſchienen einen großen Eindruck auf die Per⸗ ſonen zu machen, an die ſie gerichtet waren. Alle, hauptſächlich aber Churchill, Percy Kirke und der Prinz von Dänemark ergoſſen ſich in den wärmſten Betheue⸗ rungen ihrer Treue und Anhänglichkeit. »Wohlan, meine Freunde, ich glaube Euch,« rief Ja⸗ cob ſie unterbrechend,„und ich freue mich, Euch zu glauben. — Jetzt, wo ich keinen Grund mehr habe, an Euch zu zwei⸗ feln, bin ich ruhiger. Begebt Euch jeder auf ſeinen Poſten und machen wir uns bereit, ſchon morgen den Herrn Gemal meiner Tochter anzugreifen. Jeder Tag führt ihm Kräfte zu, welche jeder Tag mir raubt. Wir müſſen dieſem anſteckenden Fieber des Verraths ein Ende machen, indem wir raſch einen großen Schlag führen.— Geht!« Alle entfernten ſich und der König, der ebenfalls bald 88 . darauf den biſchöflichen Palaſt verließ, beſuchte die verſchie⸗ denen Quartiere des Lagers in Begleitung Feversham’s, um ſich zu überzeugen, ob Alles bereit ſey zu der Schlacht, die er den nächſtfolgenden Tag zu liefern gedachte. Dieſe Muſterung nahm den größten Theil des Tages in Anſpruch und als ſie endete, war die Nacht ſchon ziemlich lange eingebrochen. Jacob II. kehrte in ſein Hauptquartier zurück, wünſchte dem Grafen von Duras gute Nacht, nahm eine kleine Mahl⸗ zeit ein und ging zu Bett. Während er ſich dem erſten Schlafe überließ, erſchien Percy Kirke in der Wohnung Churchill's und fragte ihn leiſe und ohne weitere Umſchweife: „»Wann werdet Ihr aufbrechen, lieber Freund?« „»Meine Pferde ſind geſattelt, Perch, und da Ihr da ſeyd, ſo können wir uns auf den Weg machen. Grafton und der Prinz Georg werden uns einholen. Sie verſpäten ſich ſtets, wißt Ihr. Wir können nicht auf ſie warten. Ge⸗ hen wir.« „Ich gehe nicht mit in das Lager Wilhelms,“« ſagte der Soldat von Tanger. Churchill trat einen Schritt zurück und betrachtete Kirke mit dem Ausdruck der Ueberraſchung, der getäuſchten Erwar⸗ tung und des Zweifels. »Ahl« ſagte er,„Ihr bleibt alſo bei Jacob? Ganz nach eurem Belieben, General.« »Nein, ich bleibe nicht bei Jacob, Mylord. Ein Brief ruft mich nach London— ich eile hin.“ „Ihr geht nach London? In einem ſolchen Augenblick?“ 89 »O,“ unterbrach ihn Kirke,„was Ihr mir ſagen wollt, weiß ich ſchon, denn ich habe es mir ſchon zwanzigmal ſelbſt geſagt. Ich weiß recht wohl, daß ich im Begriffe ſtehe, dem Ort, wohin meine Pflicht und mein Intereſſe mich rufen, den Rücken zu kehren. Aber was wollt Ihr ſagen, lieber Chur⸗ chill; die Liebe überlegt nicht.⸗ „»Die Liebe? Die Liebe iſt es, die Euch veranlaßt, nach London zu eilen?« 3 »Ja, mein Freund. Nicht wahr, Ihr könnt Euch eine ſo verdammliche Thorheit gar nicht denken? Ich füge mich in mein Geſchick, aber nicht ohne Murren. Erlaubt mir indeſſen Euch um einen Dienſt zu bitten. Es iſt unmöglich— wenig⸗ ſtens möchte ich dies glauben— daß meſmalusbleiben in dem Lager des Prinzen von Oranien nicht bemerkt werde. Ich bitte Euch daher, ihm zu ſagen, daß eine ſehr wichtige Pri⸗ vatangelegenheit mich auf einen einzigen Tag nach London gerufen hat und daß ich mich bei hm einfinden werde, ſobald ich dieſe Angelegenheit geordnet habe.« »Ich werde euren Auftrag beſtens ausrichten, Percy,« ſagte Churchill lächelnd,„aber nur unter einer Bedingung.« »Unter welcher?« »Ihr werdet mir ſagen, welche ſchöne Dame Euch nach London lockt. Sagt es, lieber Freund; nur kein halbes Ver⸗ trauen.« »Jetzt iſt es mir unmöglich zu ſprechen, Churchill! in der That unmöglich. Ich werde es Euch anvertrauen, ſobald Jacob vom Throne geſtüͤrzt iſt. So lange er aber zu ſeinem Henker ſagen kann: Tödte! ſo lange wird dieſes Geheimniß nicht über meine Lippen kommen.« — 90 „Nun gut— ich beſtehe weiter nicht darauf, mein lie⸗ ber Percy. Geht nach London, ich werde euren Auftrag an den Prinzen von Oranien ausrichten.« Die beiden Offtziere trennten ſich und noch war keine Stunde verfloſſen, ſo ſprengten Beide mit verhängtem Zügel auf entgegengeſetzten Straßen dahin. Jacob II. lag mittlerweile noch in tiefem Schlafe, als Feversham in ſein Zimmer trat und ihn weckte. „Was gibt es, Mylord?« „Ihr ſeyd auf feige Weiſe verlaſſen worden.“ „»Von wem denn?« „»Von Mylord Churchill.« »Ha, mein Gott! Und dieſe Betheuerungen! dieſe Ent⸗ rüſtung! dieſe beleidigte Würde! Ha, Komödie und Komö⸗ diant!« „Es iſt auch nicht der Einzige, welcher—* »Es gibt alſo noch mehr Verräther?« „Leider ja, Sire.“ „Wen denn noch?« „Percy Kirke!« „Ach, mein armer, mein treuer Chiffinch, wie werde ich dafür geſtraft, daß ich Dir nicht glaubte! Wer noch?« „»Der Herzog von Grafton.“ „»Mein Neffe!— Wer noch?« „»Der Prinz Georg.« „Est-il possible?— Der est-il possible iſt auch fort!« Ein wehmüthiges Lächeln umſpielte gleichzeitig die Lip⸗ pen Jacobs und Feversham's, verſchwand aber mit der Schnel⸗ ligkeit des Blitzes. 91 »Sire,“ hob in ernſtem Tone der Graf von Duras wie⸗ der an,„meine Pflicht nöthigt mich, Ew. Majeſtät zu ſagen, daß Ihr nicht mehr in Salisbury in der Mitte einer Armee bleiben könnt, deren vornehmſte Anführer zum Feinde überge⸗ gangen ſind. Eure königliche Perſon iſt hier nicht mehr ſicher. Ihr müßt nach London zurückkehren, Sire.« Jacob machte einige ſchwache Einwendungen, aber ſein durch die Ereigniſſe der vorhergegangenen Tage ſchon erſchüt⸗ terter Muth hatte den letzten Schlag erhalten. Er beugte das Haupt und ſagte in reſignirtem Tone: »Ich werde eurem Rathe folgen, Herr Graf. In mei⸗ ner Hauptſtadt werde ich mich beſſer vor Verrath zu ſchützen wiſſen. Laßt Ihr mittlerweile die Armee gegen London vor⸗ rücken. Von dort werde ich Euch ſchriftlich meine Befehle zu⸗ gehen laſſen.« Churchill war mittlerweile die ganze Nacht geritten. Als er in Wilhelms Lager ankam, und ehe er ſich zu dem Prinzen begab, ließ er ſich in Lord Lisle's Zelt führen. »Mylord,« ſagte er ihn umarmend zu ihm,»raſch zu Pferde und nach London! Kirke hat ſich geſtern Abends dort⸗ hin begeben. Er hat mir ſelbſt geſagt, daß es die Liebe iſt, die ihn nach der Hauptſtadt lockt. Lucy ſchwebt in großer Gefahr. Geht und rettet ſie. Ihr findet ſie in Whitehall bei der Prin⸗ zeſſin Anna, deren Obhut ich ſie übergeben habe. Alle nähe⸗ ren Erklärungen ſpäter! Geht, ich werde eure Abweſenheit bei dem Prinzen entſchuldigen. Gehet! Jede verſäumte Mi⸗ nute vermehrt die Gefahr, welche eurer Verlobten droht Geht!« Henry ſtieg zu Pferde und galoppirte die Straße nach London entlang. . 92 VI. Die Entführung. Achtundvierzig Stunden nach ſeinem Aufbruche von Sa⸗ lisbury kam Kirke, nachdem er mehre Pferde auf der durch den fortwährenden Regen grundlos gewordenen Straße todt⸗ geritten, bei einbrechender Nacht in London an. Er trug die Uniform eines gemeinen Soldaten ſeines Regiments und war von Colman begleitet. Ohne Zeit zu verlieren, eilte er nach Whitehall und warf ſich in Jeffreys Arme. „Mein lieber Jim,“« rief er, indem er den Lordkanzler an ſeine ſtarke Bruſt drückte,»„mein lieber Jim, welch einen Dienſt hat mir dein goldenes Herz geleiſtet! Um deines Brie⸗ fes willen verzeihe ich Dir alles Unrecht, welches Du an mir begangen. Ich werde wieder, wie in der Vergangenheit, der treueſte, der beſte, der zärtlichſte deiner Freunde.« „Und Du wirſt mich auch bei Wilhelm gegen alle meine Feinde vertheidigen, nicht wahr?« „Das verſteht ſich von ſelbſt. Wo iſt Lucy?« „Hier in dieſem Palaſte.“ „Was, mein ſüßer Jim! Du haſt, um mir einen ſolchen Dienſt zu leiſten, die Macht benutzt, welche Jacob Dir durch 93 ſeine Entfernung von London gelaſſen? Wie gut iſt das von Dir!« »Ich habe die Perſon, die Dich behext, nicht hierher ge⸗ bracht. Ich habe Dir einfach geſagt, daß ſie hier iſt.⸗ „Aber wie kommt ſie hierher? Warum i*ſt ſie hier? Führe mich ſofort zu ihr, Jim.⸗ »Das iſt für den Augenblick unmöglich, Percy. Habe ein wenig Geduld. Werde nur nicht gleich hitzig. Höre mich an. Seit einigen Tagen, und obſchon ſie außerordentlich vor⸗ ſichtig zu Werke ging, um nicht erkannt zu werden, bemerkte ich, daß Suſanne häufig in der Richtung nach den Gemächern der Prinzeſſin Anna vorüberging. Ich befragte Chiffinch. Er war ſtumm und ſchien nicht zu wiſſen, was ich ſagen wollte. Nun inſtruirte ich einen meiner gewandteſten Spione, und ward bald unterrichtet, daß eine junge Dame von bewunde⸗ rungswürdiger Schönheit eines Nachts zu Churchill gebracht worden ſey, und daß dieſer, ehe er zur Armee abgereiſt, ſie der Prinzeſſin Anna anvertraut habe. Alles ließ mich vermu⸗ then, daß dieſe junge Dame die ſey, welche Du ſo lange ver⸗ gebens geſucht. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo war es mir gar nicht mehr möglich, zu zweifeln. Ich erfuhr daß Chur⸗ chill's Schützlingin von Soho Fields entflohen ſey und deshalb ſchrieb ich Dir und forderte Dich auf, ſchnell an Ort und Stelle zu kommen.« Percy Kirke ſchien Jeffreys nicht mehr zu hören. Seine plötzlich verdüſterten Züge verriethen, daß ein dumpfer Zorn ſein Gemüth bewegte. Seine Hand ſpielte krampfhaft an dem Griffe ſeines Degens und unverſtändliche, unartikulirte Worte entſielen ſeinen von Ingrimm zuſammen⸗ gezogenen Lippen. 3 94 „Churchill! Churchill!« murmelte er endlich.»Elender Heuchler! Ich werde Dich nicht lange auf die Züchtigung warten laſſen, welche der Verrath verdient. Sey ſo nichts⸗ würdig wie Du willſt gegen Jacob Stuart, den Liebhaber dei⸗ ner Schweſter! Er kann Dich nicht ſtrafen. Aber ich! hal es iſt mir, als haßte ich ihn noch mehr als dieſen Henry Lisle, der— „Jetzt handelt es ſich nicht um Rache,“ ſagte Jeffreys in ſüßlichem Tone, indem er zugleich die Hand liebkoſend auf Kirke's Schulter legte.»Du mußt eher auf die Mittel denken, Dich Lucy's zu bemächtigen. Ich werde Dir dabei behilflich ſeyn, mein lieber Percy. und bin überzeugt, daß es uns Bei⸗ den gelingen wird. Aber laß mich auch ein wenig von mir mit Dir ſprechen. Du weißt, wie ſehr ich Dich immer geliebt habe. Dieſen Chiffinch, in Bezug auf welchen Du mich immer beſchuldigt haſt, daß ich ihm den Vorzug vor Dir gäbe, ver⸗ achte ich gründlich und mag ihn gar nicht wiederſehen.« „Das glaube ich gern,« unterbrach ihn der rauhe Sol⸗ dat mit bitterem Lächeln.»Sein Herr iſt jetzt nur noch dem Namen nach König.“* „Du biſt ungerecht, Percy. Nicht weil Chiffinch mir nicht mehr nützlich ſeyn kann, ziehe ich dich ihm vor. Du weißt es wohl. Sage mir, iſt Jacob deiner Anſicht nach un⸗ widerruflich verloren?« „Ja.⸗ „Ihr habt ihn wohl Alle verlaſſen?« „Alle, die ein Herz, einen Kopf, einen Arm haben. Ach, wie ſehr verdient er es! Wie hat er Alles gethan, was geſchehen mußte, um ſo weit zu kommen. Wenn er meinen Rathſchlägen Gehör geſchenkt hätte! Aber hören wohl Könige 9⁵ ſeiner Art auf den weiſen Rath ihrer Miniſter? Welch ein ſaures und undankbares Handwerk iſt doch das, Rathgeber eines verblendeten gekrönten Hauptes zu ſeyn! Ich ſage es Dir frei heraus, alter Freund, ich habe die Sache ſatt. Ich mag nicht mehr Lordkanzler ſeyn!— Ich wünſche fortan in ruhi⸗ ger Zurückgezogenheit zu leben. Du, freilich, ein unermüdlicher Mann des Degens, kannſt Dir nicht denken, wie herzlich ich mich ſehne, mich in eine ſtille, friedliche, ländliche Gegend zu⸗ rückzuziehen. Wie glücklich wäre ich, wenn ich unter dem la⸗ chenden friſchen Schatten meiner Bäume bald hin⸗ und her⸗ wandeln, bald mich ſchlafen legen könnte! Welch ein Glück, daß Jacob, indem er vom Throne ſtürzt, mir dieſe ſo längſt erſehnte ſüße Muße bereitet!« Percy Kirke ſchlug ein lautes Gelächter auf. Jeffreys ſah ihn verwundert an und ſagte dann im Tone eines empfindlich Verletzten: »Woher kommt Dir dieſe plötzliche Heiterkeit? Mir dünkt ſie— um keinen härtern Ausdruck zu gebrauchen— ganz am unrechten Orte zu ſeyn.« »Ich lache wider Willen, Jim, denn ich bin durchaus nicht nach London gekommen, um zu lachen! Aber ich glaube, Jacob ſelbſt, dem es doch jetzt nicht zu Muthe iſt, wie ich zu lachen, wäre nicht im Stande, Dir gegenüber ſeine Ernſt⸗ haftigkeit zu bewahren. Welch eine komiſche Ader Du doch beſitzeſt! Weißt Du doch, daß Du ſelbſt bei unſern kleinen traulichen Gelagen in der»rothen Kuh« nie mittheilſamer und heiterer geweſen biſt?— Alſo Du willſt nicht mehr Lord⸗ kanzler von England ſeyn? Wohlan, mein lieber Jim, es wird Dir erlaubt ſeyn, Dich von deinem Poſten zurückzuzie⸗ hen. Trotzdem aber zweifle ich ſehr, daß, wenn ich nicht mei⸗ — 96 nen ganzen Cinfluß aufbiete, Dich Wilhelm die ſüße Muße genießen laſſen wird, welche Du träumſt. Handle daher ſo, daß ich mich ſobald als möglich zu dem Prinzen von Oranien begeben kann, um ihm meinen Eifer und meine Anhänglich⸗ keit zu beweiſen. Dann kann ich auch Dir auf wirkſamere Weiſe dienen.“ „»Nun gut, ſo mache Dich ſofort wieder auf den Rück⸗ weg.“* „Du ſcherzeſt!« rief Kirke, indem er die Stirn runzelte. „»Nein, ich ſcherze durchaus nicht.“ „»Und Lucy?« „Ich habe ſie nicht vergeſſen. Ich werde mich ihrer be⸗ mächtigen und ſie bis zu deiner Rückkehr in ſicherem Gewahr⸗ ſam halten.“ „»Du haſt mich alſo blos kommen laſſen, um mit mir die Bedingungen eines neuen Bündniſſes feſtzuſtellen?« „Ich ſage Dir nochmals, Du biſt ungerecht, Percy.« „Nein, ich bin blos ſcharfſichtig, Jim. Doch darum han⸗ delt es ſich nicht. Ich werde nicht eher wieder abreiſen, als bis Luch ſich in meinen Händen befindet.« In dieſem Augenblick ward an die Thür des Zimmers gepocht, in welchem die beiden Freunde mit einander ſprachen. Jeffreys ging anſtatt»Herein!“ zu rufen nach der Thür und öffnete ſie nur ein klein wenig, damit, wenn viel⸗ leicht Jemand da wäre, welcher Percy Kirke kannte, dieſer nicht bemerkt werden möchte. Er ſah einen Kammerdiener des Königs, der unbeweg⸗ lich und traurig vor der Thür ſtand und wartete, bis ihm be⸗ fohlen würde einzutreten. 97 »Was gibt es Neues?« fragte Jeffreys. »Se. Majeſtät der König iſt wieder zurück« antwortete der Diener,„und läßt den Lordkanzler erſuchen, ſich bei ihm einzufinden.« »Gut gut, ich komme ſogleich.⸗ Jeffreys ſchloß die Thür, drehte ſich nach dem Soldaten von Tanger herum und ſagte: »Haſt Du gehört?« „»Ja.« »Ich wußte ſchon, daß er wieder kommen würde. Ein Courier hatte mir die Nachricht davon gebracht, die übrigens ſchon in ganz London bekannt iſt. Dieſe Rückkehr nimmt mich jedoch Wunder. Was meinſt Du dazu?« »Er mußte. Der unglückliche König konnte nicht mitten unter einer Armee bleiben, welche weiter keinen Anführer mehr hatte, als einen Feversham.« »Du wirſt mich hier erwarten, mein lieber Kirke, wäh⸗ rend ich mich zu dem König verfüge. Seh deshalb nicht unge⸗ duldig— ich werde Dich nicht zu lange warten laſſen, und ſollte er ſehr lange mit mir zu thun haben, ſo werde ich ſchon ein Mittel finden, um auf einen Augenblick entſchlüpfen zu können. Noch dieſe Nacht werden wir uns mit deiner Liebes⸗ angelegenheit beſchäftigen.⸗ »Nun ſo geh, da Du gehen mußt,⸗ antwortete Percy Kirke,»aber vergiß nicht, daß meine Geduld niemals ſehr groß geweſen iſt, und daß ſie beſonders in dieſem Augenblick noch ſchneller zu Ende gehen wird.⸗ »Du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn, Percy. Ich gebe Dir mein Wort darauf.« Der Tiger von Tanger. IX. 7 98 — Und dies ſagend verließ Jeffreys das Zimmer, welches er ſeit der Abreiſe Jacobs II. von Salisbury in Whitehall bewohnte, und begab ſich, indem er mehre lange Gallerien durchſchritt, zu dem König. Dieſer, deſſen Ankunft ſeit mehren Stunden erwartet worden, war ſchon von Lords und Biſchöfen, lauter Mitglie⸗ dern des Oberhauſes, umgeben.— An der Spitze der Staatsmänner ſtand Clarendon, Schwager des Königs und Vater des Verräthers Cornbury. In der erſten Reihe der geiſtlichen Pairs ſah man die ſieben Prälaten, welche am ſchwarzen Freitage in den Tower geſperrt und ſpäter von dem Gerichtshof von Kings Bench unter dem ſtürmiſchen Jubel einer unzähligen Volksmenge freigeſprochen worden waren. Dieſe hohen Perſonen waren in ihrer Eigenſchaft als Deputirte der Pairſchaft bei Jacob II. erſchienen. Sie waren beauftragt, ſofortige Einberufung des Par⸗ laments, Widerruf des den Katholiken bewilligten Dispenſa⸗ tionsrechtes und vollſtändige Amneſtie zu Gunſten derer zu verlangen, welche gegen den König zu den Waffen gegriffen hatten. Jeffreys kam gerade noch früh genug, um dieſe Forde⸗ rungen zu hören, welche der Erzbiſchof von Canterburh, im Namen aller ſeiner Collegen ſprechend, ſeinem Souverain mit gebieteriſcher Demuth vortrug. „Ich habe Euch rufen laſſen, Mylord,“ ſagte der König zu dem Juſtizminiſter,„um eure Meinung über die Conceſ⸗ ſionen zu hören, welche die hier anweſenden Pairs von mei⸗ ner königlichen Gnade zu erbitten wünſchen. Was meint der 99 Großſiegelbewahrer zu allem dieſen. Welchen Rath gibt mir der Lordkanzler von England?— Habe ich nicht in der eiteln Hoffnung, ein undankbares und rebelliſches Volk zufriedenzu⸗ ſtellen, ſchon zu viel gethan? Ihr wiſſet, Mylord, wie ſehr ich von jeher allen Arten von Zugeſtändniſſen abgeneigt gewe⸗ ſen bin, denn Zugeſtändniſſe waren es, was meinem Vater den Untergang bereitete. Ich bin ebenfalls zuweilen ſchwach genug geweſen, mich überreden zu laſſen, habe aber ſtets be⸗ merkt, daß die Zugeſtändniſſe nur dazu dienten, die Untertha⸗ nen noch dreiſter und begehrlicher zu machen. Dennoch erſchei⸗ nen mir die Umſtände zu ernſt, und ich will mich daher mit dem guten Rathe derer meiner Diener umgeben, zu welchen ich Vertrauen habe. Ja, zu welchen ich Vertrauen habe. Re⸗ det daher, Mylord.⸗ Jeffreys, welcher in der Unterredung, die er ſo eben mit Percy Kirke gehabt, das Handwerk eines Rathgebers gekrön⸗ ter Häupter verwünſcht hatte, begann in ſeinem Innern, aber diesmal mit verdoppelter Energie, den vorhin ausgeſprochenen Fluch zu wiederholen. Niemals vielleicht hatte er ſich in einer ſo kritiſchen Lage befunden. Wenn er rieth, die verlangten Conceſſionen zu be⸗ willigen, ſo zog er ſich unfehlbar die Abneigung eines Man⸗ nes zu, der vielleicht ſein Herr bleiben konnte und der ſich ſo eben auf ſehr kategoriſche Weiſe ausgeſprochen hatte. Rieth er dagegen zur Ablehnung der geſtellten Forde⸗ rungen, ſo konnte er nicht verfehlen, den furchtbaren Haß, mit welchem er ſchon von allen Claſſen der Bevölkerung be⸗ trachtet ward, noch zu ſteigern, und dann machte er die Schritte vergeblich, welche Perch Kirke bei den Anführern der ſiegreichen Partei zu ſeinen Gunſten verſuchen konnte. 100 . Dann hieß es:»Lebt wohl, Ihr Träume von Landleben, von ſtiller friedlicher Einſamkeit,« in welche Gemüther wie das ſeinige nach einem Leben ehrenvoller Arbeit ſich ſo gern zurückzuziehen wünſchen. Der gute Jim, der auf dieſe Weiſe zwiſchen Leidenſchaf⸗ ten, Furcht und widerſtreitenden Intereſſen hin⸗ und herge⸗ worfen ward, gewährte einen wahrhaft mitleiderregenden Anblick. Seine Angſt und Unentſchiedenheit würde das Herz des rechtſchaffenen Birch gerührt haben. Er war noch zu keinem Entſchluß gekommen, als ein Adjutant Fevershames mit dem König und ſeinen Miniſtern zu ſprechen verlangte.— Jacob ging in ſein Cabinet und empfing den Abgeſand⸗ ten des Obercommandanten ſeiner Armee. „Sire,“« ſagte der Offizier, nachdem er aufgefordert worden zu ſprechen,„der General beauftragt mich, Euch zu melden, daß er nicht mehr auf den Gehorſam der Armee rech⸗ nen kann. Nur die Irländer beobachten noch einige Manns⸗ zucht. Die Engländer und die Schotten, welche die große Mehrzahl der Regimenter ausmachen, laufen entweder aus⸗ einander und davon, oder drohen jeden Augenblick, ſich zu empören. Der General verlangt daher Befehle.« „Es iſt gut, ich werde ſie ihm ſofort ſchicken.“« Dann neigte er ſich zu Jeffreys. „»Ich werde ganz einfach dieſe treuloſen Truppen auflö⸗ ſen,“ ſagte er leiſe. „Ich habe Eurer Majeſtät noch eine andere Nachricht mitzutheilen,“ fuhr der Offizier fort.»Der General läßt mel⸗ 101 den, daß die feindliche Armee bis Salisbury vorgerückt iſt, und der Graf von Feversham glaubt, daß Wilhelm von Oranien binnen zwei Tagen in Windſor ſeyn wird.⸗ Der König machte eine zornige Geberde. »„Ihr könnt gehen,« ſagte er in kurzem, trockenem Tone zu dem Adjutanten. Dieſer gehorchte und Jacob zog die Klingel. Einen Augenblick ſpäter öffnete ſich die Thür der gehei⸗ men Treppe, welche nach Chiffinch's Zimmer führte, und der erſte Page trat ein. Der König ging ihm entgegen, faßte ihn liebreich bei der Hand und ſagte: »Es thut mir ſehr leid, daß ich Dir nicht geglaubt habe, mein armer Chiffinch— ja, es thut mir ſehr leid. Dieſer Percy Kirke iſt ein Elender— ja, Mylord,“ ſetzte er zu Jeffrey gewendet hinzu,„euer Freund iſt ein Elender.⸗ »Mein Freund, Sir?« antwortete der Lordkanzler.„Es iſt ſchon lange her, daß ich mit dieſem Verräther gebrochen habe.« »So, ſo!l Offen geſprochen, ich wünſche Euch dazu Glück, Mylord. Chiffinch, laß meiner Tochter Anna ſagen, daß ich ſie zu ſprechen wünſche.“« »Ach leider, Sire,« murmelte der Page den Blick zu Boden ſenkend,»„Ihre königliche Hoheit iſt abgereiſt, ſobald ſie erfuhr, daß Ew. Majeſtät nach London zurückkäme.« Die Stirn des Königs umwölkte ſich, ſeine Augenbrau⸗ nen zogen ſich zuſammen und in einem dumpfen Tone, in welchem mehr Zorn als väterlicher Schmerz lag, ſagte er: »Dieſer letzte Schlag fehlte nur noch. Auch Anna! 10² — Meine bevorzugte Tochter!— Sie iſt fort, ſie hat mich ver⸗ laſſen!⸗ Jacob richtete das Haupt wieder empor und fuhr mit bitter verächtlichem Lächeln fort: „Im Grunde liegt in dieſer Sache durchaus nichts Außerordentliches. Est-il-possible iſt fort und es iſt nicht mehr als natürlich, daß ſeine Frau ihm gefolgt iſt.« Nachdem er dieſe Worte geſprochen, verſank er einige Secunden lang in ſtilles Hinbrüten. Widerſtreitende Empfin⸗ dungen ſchienen in ihm zu kämpfen, aber dieſer innere Kampf war nur von kurzer Dauer. .„»Mylord,“ hob er plötzlich wieder an, indem er ſich zu Jeffreys wendete,„das Unglück drückt mich nieder und ich weiche der Nothwendigkeit. Begebt Euch zu den Pairs, welche mich in der benachbarten Gallerie erwarten, und ſagt ihnen in meinem Namen, daß ich Alles bewillige, was ſie von mir verlangen. Saget ihnen, daß ich einwillige, das Parlament unverzüglich zuſammenzurufen; daß ich das Dis⸗ penſationsrecht aufhebe; daß ich Alle amneſtire, welche die Waffen gegen mich ergriffen, ſogar Churchill, ſogar Perch Kirke, ſogar meinen Neffen, ſogar Cornbury.— Saget Clarendon, daß ich ihn für den Verrath ſeines unglücklichen Sohnes nicht verantwortlich mache, und zum Beweis fordert ihn auf, daß er ſich bereit halten ſoll, ſich als Commiſſär zu dem Prinzen von Oranien zu verfügen. Ja, ich will Com⸗ miſſäre an meinen Schwiegerſohn abſenden— Commiſſäre, welche unſere Angelegenheiten arrangiren ſollen. Geht, My⸗ lord, geht. Verlaßt während dieſer Nacht den Palaſt aber nicht und ſobald als Ihr Euch der Deputation entledigt haben 103 werdet, bringet mir das große Staatsſiegel. Ich werde es brauchen.⸗ Jeffreys entfernte ſich mit düſterer, unruhiger Miene. »Der König,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„verlangt mir das große Siegel ab. Will er es mir nehmen und bin ich ſonach in Ungnade gefallen? Ach wehe, wehe! Mittelſt dieſer Zuge⸗ ſtändniſſe will er ſeinen erſchütterten Thron wieder befeſtigen! — Er wird König bleiben!— Und ich, ich, ich werde nicht mehr Lordkanzler von England ſeyn!« Mittlerweile hatte ſich der König ſeinem Pagen genä⸗ hert und fragte, indem er ihm beinahe ins Ohr ſprach: »Haſt Du mein Billet erhalten und meinen Auftrag ausgeführt?« „»Ja, Sir. Herr von Barillon iſt bei mir— er hat Herr von Lauzun mitgebracht.« »Geh und hole ſie, Chiffinch. Du wirſt auch die Köni⸗ gin und den Prinzen von Wales hierherführen. Haſt Du meine Gemalin ſchon in Kenntniß geſetzt?« »Ja, Sir.⸗« „»Und ſie iſt einverſtanden?« »Ihre Majeſtät iſt bereit den Befehlen des Königs zu gehorchen.« „»Meiner Bitte, lieber Freund, meiner Bitte.— Geh und mach ſchnell; die Zeit drängt. Sage mir, ſind die beiden Barken bereit— ſind die Leute, welche Du gewählt haſt, zuverläſſig?« »Ja, Sir.« »Gut, gut, Chiffinch. Geh und beeile Dich.« Einige Augenblicke ſpäter waren die Königin, welche — 10⁴ den kleinen Prinzen von Wales auf dem Arme trug, Barillon und Lauzun in dem Cabinete des Königs beiſammen. „Herr von Lauzun,« ſagte Jacob II., indem er ſich zu dem franzöſiſchen Edelmann wendete,»man hat geſagt, euer Leben ſey außerordentlicher, als bei anderen Menſchen die Träume ſind. Der Dienſt, den Ihr die Güte haben wollt mir heute zu leiſten, wird noch das Wunderbare vermehren, welches ſich in Alles zu miſchen ſcheint, was Ihr berühret. Sagt, ich bitte Euch darum, wenn Ihr die Königin, meine Ge⸗ malin, und meinen theuern Sohn den Händen Ludwigs XIV., meines guten Bruders, überantwortet, ſagt ihm, wie dankbar ich im Voraus ihm für die Güte bin, die er ihnen erweiſen wird— und Ihr, Madame,« fuhr der König fort, indem er ſich zu der weinenden Fürſtin wendete,„faſſet Muth und be⸗ denket, daß wir für unſere heilige Religion leiden. Gott wird nicht immer ſtreng gegen uns ſeyn! Der Lohn folgt auf die Prüfung.— Kommt, mein theures Weib, umarmt mich und laßt mich die Stirn und den Mund unſeres armen Kindes küſſen. Nehmt es in eure gewiſſenhafteſte Obhut— es iſt nach mir König von England.“ Kaum war eine Viertelſtunde verfloſſen, ſo fuhr Marie von Modena in Begleitung Lauzun's und zweier ihrer Frauen die Themſe hinunter. Mittlerweile hatte Jeffreys, der zu dem König zurück⸗ gekehrt war, ihm das große Staatsſiegel eingehändigt und ſich dann auf ſeinen Befehl wieder aus dem Cabinete ent⸗ fernt. Zitternd aber vor Furcht, ſeinen Poſten zu verlieren, blieb der Lordkanzler an der Thüre ſtehen und horchte. Jacob II., der mit Chiffinch allein geblieben war, ſetzte ſich an den Tiſch, ſchrieb ſchnell einige Worte auf einen Bo⸗ 105 gen Papier, drückte dann das königliche Siegel darunter übergab die Schrift dem Pagen und ſagte: »Du wirſt dies noch heute Nacht an Feversham beför⸗ dern. Es iſt der Befehl die Armee aufzulöſen. Jetzt, mein armer Chiffinch, komm und umarme deinen Herrn, der ſich auf einige Zeit von Dir trennen wird.⸗ »Ihr geht, Sire?« rief der Page mit unverhohlenem Schmerz. »Ja, Chiffinch, ja, ich gehe. Was ſoll ich hier anfan⸗ gen ohne Armee, ohne Freunde— außer Dir— umringt von Verräthern und Feiglingen? Ich denke an meinen Vater. Mir würde man auch den Kopf abſchlagen. Ja, ich gehe, aber bald werde ich mit Freunden, mit einer Armee zuruͤck⸗ kehren— und dann werde ich wieder den Thron beſteigen, den man mir heute ſtiehlt.« »Alſo für Euch, mein gnädigſter Herr und Gebieter, habe ich dieſes zweite Boot in Bereitſchaft ſetzen laſſen?« »Ja, mein Freund, ich hatte es beſtellt, um auf alle Fälle gerüſtet zu ſeyn, und jetzt bin ich entſchloſſen, davon Ge⸗ brauch zu machen. Mit der Königin zugleich wollte ich nicht abreiſen, weil es, wenn wir nicht beiſammen ſind, viel ſchwie⸗ riger ſeyn wird uns zu erkennen.⸗ Indem der König dieſe letzten Worte ſprach, ging er mittelſt der geheimen Treppe in den Garten hinunter, durch⸗ ſchritt denſelben und ſtieg in das Boot. Die Ruderer ſtießen ab und es dauerte nicht lange, ſo ſchoß das kleine Fahrzeug wie ein Pfeil in der Mitte des Stromes dahin. Nun zog Jacob verſtohlen das große Staatsſiegel aus der Taſche und ließ es in den Fluß fallen. 106 »Undankbares und ungetreues Volk,« murmelte er. »Ich laſſe Dich, indem ich mich entferne, ohne Armee, ohne Regierung. Für deinen Verrath ſchenke ich Dir die An⸗ archie!« Während ſo der letzte der Stuarts der ewigen Verban⸗ nung entgegenſchwamm, war Jeffreys zu Percy Kirke zurück⸗ gekehrt. „Zittere vor Freude!« rief er ihm zu,»ſpringe vor Luſt, o Du Glücklichſter aller Liebenden Komm, der, welcher ſo eben noch König war, flieht jetzt weit hinweg von ſeinem Throne, den er Wilhelm hinterläßt. Komm, die Prinzeſſin Anna iſt auch abgereiſt, und nur noch einige Frauen befinden ſich in ihren Gemächern. Komm, Lucy iſt dort.« Während der Soldat von Tanger dieſe Worte hörte, durchrieſelte ein unwillkürlicher Schauer ſeinen ganzen Kör⸗ per. Er ſtand auf, that einige Schritte, um dem Lordkanzler zu folgen, blieb aber plötzlich ſtehen. „Warte ein wenig,« ſagte er,„ich fühle mich ſo beklom⸗ men— ich kann nicht Athem holen— wie ſeltſam! Jedes Mal, wo ich im Begriff geſtanden habe die Hand nach die⸗ ſem Mädchen auszuſtrecken, habe ich dieſelbe Empfindung ge⸗ fühlt— meine Ohren ſummen— mein Blick wird trübe—« »Nun, dann erhole Dich erſt, krankes Glückskind! Glück⸗ liche Natur, die nur durch die Annäherung des Vergnügens auf dieſe Weiſe in Aufregung geſetzt werden kann! Iſt Dir jetzt wieder beſſer?« „Ja, gehen wir,« murmelte Kirke mit noch vor Ge⸗ müthsbewegung zitternder Stimme, indem er Jeffreys nach⸗ eilte. Es war ſtockfinſtere Nacht in dieſem von den Stuarts verlaſſenen Palaſte der Tudors. Die beiden Räuber taſteten ſich durch die langen Gänge und dann folgten endloſe Zimmer auf andere Zimmer. Endlich blieb der Großſiegelbewahrer vor einer Thür ſtehen und drehte ſich nach Percy Kirke herum. »Hier iſt es!« ſagie er leiſe flüſternd, indem er den Fin⸗ ger auf den Mund legte. Ein leichtes Geräuſch ließ ſich in dem Innern des Zim⸗ mers hören. Percy Kirke, der ſich bereit machte, mit Liſt oder Gewalt hineinzudringen, blieb noch einmal ſtehen. Er horchte. Das Geräuſch hatte aufgehört und er hörte weiter nichts mehr als das Pochen ſeines Herzens und das Summen in ſeinen Ohren. Der Schluſſel ſtak im Schloß— man hegte alſo kein Mißtrauen. Der kecke Soldat öffnete und trat ein. Lucy ſaß in ſchwarzem Gewand und mit einem Trauer⸗ ſchleier über den Kopf vor einem kleinen Tiſche von Roſenholz — ihr ſchönes trauriges Antlitz ward von einer neben ihr ſtehenden Kerze beleuchtet. Als ſie Percy Kirke ſah, ſtieß ſte einen lauten Schrei aus und ſprang in die Höhe. Der ſchmale Tiſch ſtürzte um, das Licht verloſch und der Anführer der Lämmer hörte die Fliehende nach einem Zimmer laufen, deſſen Eingang er in unbeſtimmten Umriſſen vor ſich ſah. Er ſtürzte darauf zu, als die Thüre plötzlich vor ihm zugeſchlagen ward. Er rüttelte daran, riß ſie binnen wenigen Augenblicken aus den roſtigen Angeln und ſtürzte dann in das dunkle Zimmer. Plötzlich blieb er ſtehen. Sein Fuß hatte einen ausgeſtreckt auf der Diele liegenden Körper berührt. Er bückte ſich und befühlte denſelben mit den Händen. 108 . „»Lucy! meine Lucy!“« ſagte er in ſchmeichelndem Tone. „Wie? Mein bloßer Anblick iſt die Urſache daß Ihr ohnmäch⸗ tig werdet? O, kommet wieder zu Euch, Lucy! Ich werde Euch nicht ſtets einen ſo furchtbaren Schrecken einflößen. Immer noch leblos! Sie wird nicht wieder zu ſich kebmmen— mein Gott, mein Gott, was ſoll ich thun?« »Nimm ſie auf deine Arme und folge mir,« ſagte Jef⸗ freys.„Ich werde einen Wagen vorfahren laſſen und wir begeben uns ſofort—« 1 „»Zu Dir?« fragte Kirke. „»Nein, nein,« rief der Lordkanzler.„Ich werde nicht ſobald in meine Wohnung zurückkehren.« 1„»Wo ſollen wir denn hin?« „»Fahre nach dem Wirthshaus»zur rothen Kuhn. Ich werde Dich dort aufſuchen, ſobald ich die Kleider gewechſelt habe.« Einige Minuten ſpäter nahm ein Wagen Percy Kirke's beſinnungsloſes Opfer auf und rollte nach dem entfernten Stadttheile Whitechapel. 109 VII. Der Kohlenbrenner. Die Uhr von Whitehall ſchlug die zehnte Abendſtunde, als Jeffreys und Chiffinch, jeder von ſeiner Seite, in den Palaſt zurückkehrte. Der Lordkanzler begab ſich in aller Eile nach dem Zim⸗ mer, welches er hier zeitweilig bewohnte. „»Lewis,“ rief er ſeinem Kammerdiener zu,„ſchnell mein Coſtüm—« »Welches denn, Mylord? Das zum großen Empfange?« »Dummkopf! Du verdienteſt—« heulte Jeffreys, in⸗ dem er mit drohendem Blicke und wilder Geberde auf den armen Schelm zuſchritt. Plötzlich blieb er jedoch ſtehen und verfiel aus dem Zorn ſofort in freundliche Sanftmuth. »Ich liebe Dich indeſſen zu ſehr, als daß ich mich gegen Dich erzürnen ſollte, mein lieber guter Lewis,« fuhr er mit ſo ungewohnter Leutſeligkeit fort, daß der Diener ganz be⸗ troffen ſtehen blieb und nicht wußte, was er denken ſollte. Jeffreys bemerkte die Wirkung, welche er auf ſeinen Kammerdiener hervorbrachte. »Warum ſiehſt Du mich ſo an?« rief er.„Du wunderſt Dich wohl ſehr, wenn ich Dir ſage, daß ich Dich liebe? War⸗ 110 um ſollte ich Dich nicht lieben? Haben wir nicht einen großen Theil unſeres Lebens gemeinſchaftlich zugebracht? und haſt Du mir im Laufe ſo vieler Jahre nicht eine Menge Beweiſe von deiner Treue und Anhänglichkeit gegeben? Du mußt mir in der That ein ſehr böſes Herz, eine ganz verworfene Seele zu⸗ trauen, daß Du Dich ſo über die Freundſchaft wunderſt, wel⸗ che ich gegen Dich zu erkennen gebel« Jeffreys trocknete ſich bei dieſen letzten Worten eine Thräne. „»Mein Herr, mein guter Herr!« rief Lewis, der ſich von ſeiner Gemüthsbewegung hinreißen ließ.»Verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigt habe. Ich habe es gethan ohne es zu wol⸗ len! Das ſchwöre ich Euch!« Dann ſetzte er naiv hinzu: „Ihr ſeyd wohl ſehr unglücklich, Mylord, daß Ihr heute ſo gut ſeyd?« „Unglücklich, mein lieber Lewis? O nein, das bin ich nicht. Im Gegentheile, ich werde noch weit glücklicher ſeyn, als ich jemals geweſen bin. Und ich werde mein Glück mit Dir theilen. Du wirſt ſehen, wie zufrieden Du biſt, und was für ein gutes Leben Du führen wirſt. Ich bin ſicher, einer der Günſtlinge— Percy Kirke hat es mir verſprochen— einer der Günſtlinge des Königs Wilhelm zu werden.« „Des Königs Wilhelm!« unterbrach ihn der Kammer⸗ diener. „Ja, mein Freund, des Königs Wilhelm— denn Jacob hat abgedankt— Jacob iſt fort!« „Ah, nun verſtehe ich! Um dem neuen König entgegen⸗ zugehen, wollt Ihr euer Coſtüm anlegen nicht wahr, My⸗ lord?« . 111 »Du haſt recht gerathen, Lewis. Aber Wilhelm iſt noch nicht in London. Wenn er hier wäre, würde er mich ſchützen.⸗ »Ihr fürchtet alſo wohl, Mylord, daß man Euch etwas zu leide thue?« 6 »Ja, mein Freund— dieſer Londoner Pöbel iſt ſo grauſam, ſo blutdürſtig! Er iſt mehr zu fürchten, als ein rei⸗ zendes Thier— er haßt mich auf's Wüthendſte.⸗ »Ach, was Ihr da ſagt, Mylord, iſt freilich wahr. Und man könnte hinzufügen, daß es nicht blos der Pöbel iſt, der Euch verabſcheuet, auch die Reichen thun es. Dieſe jedoch würden Euch gehen laſſen. Wenn Ihr aber in die Hände des Pöbels fielet—« »Du ſiehſt alſo wohl, daß ich mich verbergen muß.⸗ »Ihr begebt Euch demnach nicht zu dem neuen König, Mylord?« »O ja, o ja, Lewis, aber jetzt noch nicht. Ich werde zu ihm gehen, wenn er von der Hauptſtadt Beſitz genommen hat. Mittlerweile werde ich mich verſtecken. Du wirſt mich verklei⸗ den—« »Ahl« ſagte der Diener, indem er ſich mit der Hand vor die Stirn ſchlug,„jetzt ſehe ich, was für ein Coſtüm Ihr von mir wünſchet. Ihr wollt Euch als Kohlenbrenner ver⸗ kleiden— hier! hier!« Während Lewis dies ſagte, trat er in ein kleines Cabi⸗ net, öffnete einen darin ſtehenden Koffer, nahm einen vollſtän⸗ digen Kohlenbrenneranzug heraus und legte ihn auf einen Seſſel neben ſeinen Herrn. »Ihr ſehet, Mylord,« ſagte er,„daß ich euren Inſtruc⸗ tionen treulich nachgekommen bin. Es befindet ſich unter die⸗ lord?« 112 . ſen Kleidern nicht ein einziges, welches neu wäre— alle ha⸗ ben ſchon Dienſte gethan. Sehet dieſen breitkrämpigen Hut. Seht, wie alt er iſt! Dasſelbe kann man, hoffe ich, von die⸗ ſer Jacke, dieſen braungrünlichen Beinkleidern und dieſen gro⸗ ben Wollenſtrümpfen ſagen. Werden aber dieſe ungeheuren Schuhe Euch nicht die Füße wunddrücken?“ „Nein, nein, mein Freund— hilf mir dies alles an⸗ ziehen.“ Einen Augenblick ſpäter betrachtete ſich der in einen Kohlenbrenner verwandelte Lordkanzler von England in einem Spiegel. Dieſe Muſterung ſchien ihn jedoch nur halb zu be⸗ friedigen, und er drehte ſich zu Lewis herum und fragte in zweifelndem Tone: „Glaubſt Du, daß man mich erkennen werde, mein Freund?« Der Diener betrachtete ſeinen Herrn vom Kopf bis zu den Füßen und ſagte dann: „Wißt Ihr, was ich an eurer Stelle thun würde, My⸗ „Nun, was würdeſt Du denn thun, Lewis?« „Ich würde mir die Augenbrauen raſiren.“ „Ich ſoll mir die Augenbrauen raſiren? Warum denn?⸗ „Weil ſie viele Leute zittern gemacht haben, und wenn ein einziger der Angeklagten, die jemals vor Euch geſtanden haben und zufällig freigeſprochen worden ſind, Euch begegnete, ſo würde er Euch ſicherlich ſchon an euren Augenbrauen er⸗ kennen.“* „»Du haſt Recht, Lewis— nimm ein Raſirmeſſer und entferne ſie.⸗ ⸗ 113 „»Wartet einen Augenblick, Mylord, ich will mir erſt die Hände waſchen. Der Kohlenſtaub, von welchem eure Kleider voll ſind, hat mir ſie geſchwärzt.“ »Waſche Dir ſie nicht und ſcheue Dich nicht, mir damit das Geſicht zu berühren. Um ſo beſſer, wenn Du es ſchwarz macheſt. Alſo, rafire mir dieſe verwünſchten Augenbrauen. Ich thue indeſſen unrecht daran, wenn ich ſie ſo nenne. Wie trefflich dienten ſie mir dazu, meinen Feinden Furcht einzu⸗ jagen!« 4 »Sie werden ſchöner, ſtärker und ſchrecklicher wieder wachſen, Mylord,« ſagte Lewis, indem er ſein Raſirmeſſer ſchärfte. Nachdem dieſe Operation bewirkt war, füllte ſich Jef⸗ freys ſeine umfangreichen Taſchen mit Guineen, gab davon zwei Hände voll ſeinem Kammerdiener, ſah ihn mit freundli⸗ chem Blicke an und ſagte: »Nimm— nimm, das iſt für Dich. Aber höre nun wohl, was ich ſage. Du haſt mir, mein lieber Lewis, noch einen letzten Dienſt zu leiſten. Du wirſt Dich auch verkleiden — gleichviel wie— dafern Du Dich nur recht unkenntlich macheſt. Am liebſten wäre es mir indeſſen, wenn Du Matro⸗ ſenkleider anlegteſt— Du wirſt ſogleich ſehen warum. Noch dieſe Nacht wirſt Du Dich an das Ufer der Themſe begeben. Hier wirſt Du Dir ein Boot verſchaffen, und einen oder zwei Matroſen, aber nicht mehr, dingen, welche ſich verbindlich ma⸗ chen, einen Kohlenbrenner nach Wapping zu fahren. Sobald Du dieſen Auftrag ausgeführt haſt, kommſt Du zu mir in das Wirthshaus»zur rothen Kuhs. Lewis knetete gleichſam die Guineen, mit welchen ſeine Hände gefüllt waren, verſprach vor Wonne weinend die Be⸗ Der Tiger von Tanger. IN 3 fehle ſeines Herrn ohne Verzug auszuführen und bereitete ſich ihm zu folgen. „Nein, nein, mein Freund,“ ſagte Jeffreys zu ihm,»wir dürfen nicht mit einander gehen. Laß mich zuerſt hinunter, Du wirſt das Haus nach mir verlaſſen.“ Der Pſeudo⸗Kohlenbrenner trennte ſich, indem er dies ſagte, von ſeinem Diener, erreichte die Straße und ſchlug nun den Weg ein, der am geradeſten nach Whitechapel führte. Während der Lordkanzler von England ſeine Verkleidung an⸗ legte, hatte Chiffinch, nachdem er den König ſich entfernen ſehen, ſich nach dem Wachtſaale begeben. Hier wendete er ſich an den dienſthabenden Capitän, welcher zufällig der Herzog von Northumberland, natürlicher Sohn Carls II., war, den der Leſer ſchon am Sterbebette ſeines Vaters geſehen. „Mylord⸗“ ſagte er zu ihm, indem er ihm den in einem verſiegelten Couvert enthaltenen Befehl zur Auflöſung der Truppen übergab,„der König beauftragt Euch, dieſen Brief unverweilt durch einen eurer Leute an den Grafen von Fevers⸗ ham befördern zu laſſen.“ Nachdem der Page das königliche Schreiben hatte ab⸗ ſenden ſehen, eilte er nach der Gallerie, wo er noch einige der Pairs anzutreffen hoffte, welche gekommen waren, um von Jacob II. die vorhin erwähnten Conceſſionen zu erlangen. Er traf deren in der That mehre, unter andern auch Clarendon und Rocheſter, die beiden Schwäger des Königs. Er führte ſie bei Seite und ſagte mit geheimnißvoller Miene: „Mylord, ich habe Euch ein Geheimniß von der größten Wichtigkeit anzuvertrauen. Wenn ich Recht daran thue, daß 115 ich es Euch mittheile, ſo verlange ich weder Lob noch Belohnung; thue ich Unrecht. ſo werdet Ihr mir aus Rückſicht auf meinen Beweggrund verzeihen. Ich habe in dieſem Augenblick nur ein Ziel im Auge, nemlich das, noch größeres Unheil zu ver⸗ hüten. Uebrigens ſage ich dieſes Geheimniß nur Euch dem treuen und ergebenen Verwandten meines Herrn. Ihr werdet in eurer Weisheit ſehen was damit zu thun iſt.« »Gott verdamme mich!« unterbrach ihn Rocheſter lä⸗ chelnd.„Ich glaube, Chiffinch bildet ſich zum Redner— Welch eine Einleitung!« »Lachet nicht, Mylord.« »Was gibt es denn? Sprich!« »Der König iſt fort!« Die beiden Häupter der Familie Hyde waren wie ver⸗ ſteinert. Rocheſter rüttelte ſich jedoch bald aus ſeiner Betäu⸗ bung auf. »Was werden wir mit dieſem Geheimniß machen, Chif⸗ finch?« rief er.»Doch es gibt nicht zwei Wege, davon Ge⸗ brauch zu machen. Unſere Pflicht iſt, es ſofort den hier noch anweſenden Pairs des Reiches anzuvertrauen, damit wir ge⸗ meinſchaftlich über die Mittel nachdenken, welche zu treffen ſind, um der Anarchie vorzubeugen. Weißt Du, Chiffinch, wer dieſe Nacht der dienſtthuende Gardecapitän iſt?« »Der Herzog von Northumberland.« »Gut; ſage ihm, er möge hierherkommen.⸗ Während der Page den Sohn Carls II. zu holen ging, näherten ſich Rocheſter und Clarendon den Lords und Biſchö⸗ fen, welche ſich noch lebhaft in den Gallerien des Königs mit einander unterredeten, und theilten ihnen die große Neuigkeit von der Flucht des Königs mit. * 116 Alle gaben ihr Erſtaunen. ihre Furcht, ihren Schmerz oder ihre Freude, je nach dem Haß den ſie gegen Jacob II. ge⸗ faßt, oder nach dem Reſte von Anhänglichkeit zu erkennen⸗ welchen ſie noch dem entflohenen König bewahrten, als der Herzog von Northumberland eintrat. „»Mylord,“ ſagte Rocheſter ſogleich zu ihm,»Ihr wiſſet, daß ich von jeher eine der feſteſten Stützen der Sache des Kö⸗ nigs geweſen bin, aber. in dieſem Augenblick höre ich, daß der König fort iſt. Seine Majeſtät verſetzt uns durch ſeine Flucht in die größte Gefahr. Es gibt nur ein Mittel der allgemeinen Verwirrung zuvorzukommen, bis Graf Feversham uns mit Hilfe der Armee wirkſamen Beiſtand leiſten kann.“ „Es gibt keine Armee mehr,“ ſagte Chiffinch.„»Der von dem König vor ſeiner Abreiſe geſchriebene und unterzeich⸗ nete Befehl, ſie aufzulöſen, befindet ſich gegenwärtig ſchon in den Händen des Grafen von Feversham.“ Dieſe zweite Nachricht ſteigerte das Erſtaunen und die Entrüſtung der Verſammlung noch höher. „Dann iſt die Sache um ſo dringender!« rief Rocheſter indem er einen ruhigen feſten Blick über ſeine Collegen ſchwei⸗ fen ließ. Dann wendete er ſich gegen Northumberland. „Mylord,“ fuhr er fort,„wir dürfen nicht mehr zögern. Verſammelt eure Leute und erklärt Euch für Wilhelm von Oranien!“ Während der Gardecapitän, zu ſeinen Soldaten zurück⸗ gekehrt, dieſe mit dem größten Jubel erfüllte, indem er ihnen die Worte Rocheſter's mittheilte, verfaßten und unterzeichneten die Biſchöfe und die weltlichen Pairs eine Erklärung, in wel⸗ cher ſie ſagten, daß ſie, feſt an der Religion und an der Con⸗ 117 ſtitution ihres Landes hängend, ſich mit der Hoffnung ge⸗ ſchmeichelt hätten, daß ein neues von dem König berufenes Parlament allen Beſchwerden abhelfen und die Ruhe wieder herſtellen könne, daß aber dieſe Hoffnung durch die Flucht des Königs vereitelt worden ſey. Demzufolge ſeyen ſie entſchloſſen, ſich mit dem Prinzen von Oranien zu vereinigen, um die Freiheiten der Nation wiederherzuſtellen, die Rechte der Kirche zu ſichern und den Diſſidenten billige und angemeſſene Gewiſſensfreiheit zu gewähren. Hierauf ward unverweilt eine Deputation abgeſendet, um dem Prinzen von Oranien dieſe Erklärung zu überreichen, und die Pairs, welche ſich hierauf zu einer Art proviſoriſcher Regierung conſtituirten, begannen über die Mittel zu bera⸗ then, welche geeignet waren, dem Ausbruch von Unruhen vorzubeugen, denn man hatte ihnen gemeldet, daß bei der Nachricht von der Flucht des Königs die Straßen ſich mit einer tumultuariſchen Volksmenge zu füllen begannen. Chiffinch, der ſich etwas darauf einbildete, kein Mann der Politik zu ſeyn, benutzte einen gelegenen Augenblick und ſchlich ſich da⸗ von. Er wußte, daß Suſanne oft Lucy beſuchte, ſeitdem die arme Flüchtlingin von der Prinzeſſin Anna aufgenommen worden. Deshalb lenkte er in der Hoffnung, der Geliebten zu begegnen, ſeine Schritte nach dem von der jüngern Tochter Jacobs II. bewohnten Zimmer. Als er hier ankam, ſah er die Frauen der Prinzeſſin in der größten Aufregung und Beſtürzung. Sie hatten, erzählten ſie ihm, in dem von Miß Luch— in deren Geſellſchaft ſich, wie ſie gewiß wußten, Suſanne be⸗ funden— bewohnten Salon und Zimmer lautes Geſchrei ge⸗ 118 hört. Einen Augenblick lang durch die Furcht feſtgebannt, waren ſie dennoch bald zu Hilfe geeilt. hatten aber Niemanden, weder Luch noch Suſanne, geſehen. Der Salon und das Zim⸗ mer waren leer und Tiſche und Stuühle durch einander ge⸗ worfen. Sie verſicherten auch zwei Männerſtimmen gehört zu haben und einige der Frauen behaupteten, ſie hätten ganz deutlich das rauhe, furchterregende Organ des Lordkanzlers erkannt. 4 Kaum waren ſie mit dieſer Erzählung fertig, ſo erſchien plötzlich Henry Lisle vor ihnen und vor Chiffinch. Er war ganz außer Athem und mit Schweiß bedeckt. Sein Auge flammte, ſein Körper zitterte. „»Miß Lucy Murray iſt hier,« ſagte er in kurzem Tone zu dem Pagen.»Habt die Güte mich zu ihr zu führen.“ „So eben war ſie noch hier, aber ſie iſt verſchwunden.⸗ „Sie iſt verſchwunden?« „Ja, wahrſcheinlich iſt hier ein Verbrechen begangen worden.“ „Erklärt Euch deutlicher, Sir!« „Ich ſage, Mylord, Miß Luch iſt entführt worden.“ Ein Schrei unausſprechlichen Schmerzes und wilder Wuth entrang ſich Henry's Bruſt. „Ich frage Euch nicht durch wen,“ ſagte er.„Wo werde ich Percy Kirke finden?« „Kommt, Mylord, wir werden es hoffentlich ſogleich er⸗ fahren.“ „Ihr hoffet blos?« „Ich bin meiner Sache beinahe gewiß. Kommt. Jeffreys 119 iſt der Mitſchuldige des Räubers, möge dieſer feyn wer er wolle. Wir wollen Jeffreys befragen.“ Einen Augenblick ſpäter ſtürzten Chiffinch und Henry hinter ihm drein in das Zimmer, wo der Lordkanzler ſeinen Diener Lewis zurückgelaſſen hatte. Dieſer ſtand im Begriff ebenfalls fortzugehen, um die Befehle ſeines Herrn auszuführen. Er prallte erſchrocken vor Lord Lisle zurück, ſo furchtbar war das Geſicht des Letzteren anzuſchauen. „Wo iſt dein Herr?« fragte ihn Chiffinch. „Er iſt ausgegangen.“ „»Wohin?« „Das weiß ich nicht.« „Antworte oder Du biſt ein Kind des Todes!« rief Henry, indem er den Unglücklichen an der Kehle packte. „Ich ſchwöre Euch, daß ich es nicht weiß,“ entgegnete der Diener muthig. Henry packte Lewis feſter, ſo daß dieſer unwillkürlich den Mund öffnete und ſeine Augen mit Blut unterliefen. „Antworte, mein armer Lewis, antworte.“ ſagte Chif⸗ finch,»Du wirſt klug daran handeln. Mylord Lisle ſcherzt nicht.“« Jeffreys Diener gab durch eine Geberde zu verſtehen, daß er ſprechen wolle. Henry ließ ihn los und wartete. Lewis ſchwieg. „Wir müſſen dieſem elenden Wicht den Garaus machen,“ rief der Capitän der»Chercheuſe« mit wüthender Geberde. „Mylord iſt in der Taverne„zur rothen Kuh,« ſtam⸗ melte Lewis. 120 Lord Lisle eilte, ohne ſich darum zu kümmern, ob Chif⸗ finch ihm folge, aus dem Palaſt von Whitehall hinaus und in der Richtung von Witechapel weiter. Mit der Schnelligkeit des Panthers durchrannte er Charing Croß, Temple Bar, Fleetſtreet, flog wie ein Pfeil an der Paulskirche vorüͤber und erreichte Lombardſtreet. Kein Hinderniß hatte auch nur einen einzigen Augenblick lang ſeinen wüthenden Lauf in dieſen Straßen anhalten kön⸗ nen, wo ſich dennoch in dieſer Nacht ein ganzes tumultuariſch aufgeregtes Volk bewegte. An dem Eingang von Whitechapel angelangt, ſah er jedoch plötzlich eine unüberſteigliche Schranke vor ſich. Es war dies eine unzählige dichtgedrängte Menge, welche ihre ſtürmiſch aufgeregten Wogen in der ganzen Breite der Straße hin⸗ wälzte. Mitten unter dieſen Menſchenwogen befand ſich ein Mann, der gleich einer abgeriſſenen Schiffsplanke von dem Sturme des Volkes hin⸗ und hergeſchleudert ward. Tauſend Arme ſtreckten ſich aus, wie um ihn zu ergrei⸗ fen, tauſend Hände ſchienen begierig, ihn zu zerreißen, tauſend Stimmen heulten:„Schlagt ihn todt! Laßt ihn nicht ent⸗ rinnen. Er muß geviertheilt werden! Er muß an den Galgen! Es iſt beſſer, wenn wir ihm den Kopf abſchlagen! Nein, nein; hauen wir ihn in Stücke! Pflanzen wir ſeinen Kopf auf die Londonbrücke! Nageln wir ſeine Glieder an die Thore von Newgate, an den Galgen von Tybron!« Henry Lisle hob ſich auf die Fußſpitzen und ſah, daß es ein unglücklicher Kohlenbrenner war, dem dieſe Ausbrüche des Haſſes und der Wuth galten. Er wollte umkehren, um auf einem andern Wege nach der Taverne»zur rothen Kuh« zu gelangen, als er bemerkte. daß einer von Denen, welche am wüthendſten auf den Kohlen⸗ brenner losgingen, der Bruder Suſannens war und gleichzeitig glaubte er auch Cornwell und Colman neben Fitzgerald zu er⸗ kennen. Wie große Eile er auch hatte, das Ziel zu erreichen, nach welchem er trachtete, ſo hielt ihn doch eine unwillkürliche Neugier noch einen Augenblick zurück. Plötzlich ſtieß er einen Schrei der Ueberraſchung aus und Jeffreys Name entrang ſich ſeinem Munde. Nun alle ſeine Kräfte zuſammenraffend und ſich zu einer äußerſten Anſtrengung anſchickend, brach er ſich Bahn durch die dichtgedrängte Menge, ſtieß Alles, was ihm Widerſtand leiſtete, auf die Seite oder über den Haufen und legte end⸗ lich ſeine furchtbare Hand auf die Schulter des Kohlen⸗ brenners. Der Elende hatte bis jetzt mit einer gewiſſen verzweifel⸗ ten Erbitterung gegen die Uebermacht gekämpft, als er aber Lord Lisle vor ſich ſtehen ſah, ſchien er in ſich zuſammenzu⸗ brechen. Er ſtieß ein dumpfes Aechzen aus und murmelte dann in bittendem Tone: „»O mein Gott! Erbarmet Euch mein, Mylord! Ich bitte Euch nur um eine Gnade— entreißt mich den Händen dieſer Wüthenden und laßt mich in den Tower bringen! »Nein, nein, nein!« heulten tauſend Stimmen auf ein⸗ mal.„Schlagt ihn todt! ſchlagt ihn todt!« »Wo iſt die Tochter deines Schlachtopfers? Wo iſt Miß Lucy Murray?« rief Lord Lisle. 12² „»Werdet Ihr mich den Händen dieſer Wüthenden ent⸗ reißen, wenn ich es Euch ſage?« »Um Dich in den Tower zu ſchicken?« „»Ja, Mylord!« „»Wohlan, ſprich— es ſoll Dir hier Niemand ein Haar krümmen.“ »Miß Lucy iſt in der Taverne»zur rothen Kuh. „»Mit wem?« „»Mit Percy Kirke.« Nun begann ein furchtbarer Kampf in Henry's Inne⸗ rem. Sollte er ohne Verzug nach der Höhle eilen, wo Lucy jetzt vielleicht ſtarb und ihn vergebens zur Hilfe herbeirief, und ſeinem Wort untreu werdend, Jeffreys der Volkswuth preis⸗ geben? Oder ſollte er den Großkanzler in den Tower bringen und ſeine Verlobte, ohne ihr die Hand zu reichen, vielleicht unter Percy Kirke's Küſſen den Geiſt aufgeben laſſen? Doch der Zufall machte dieſem innern Kampfe bald ein Ende. Eine der Gardecompagnien, welche die in Whitehall noch verſammelten Pairs abgeſendet hatten, um in dieſer verhäng⸗ nißvollen Nacht die Ruhe aufrecht zu erhalten, erſchien auf dem Platze. Lord Lisle packte den falſchen Kohlenbrenner beim Kra⸗ gen ſeiner Jacke, ſtieß die wüthenden Feinde, die ihn umbrüll⸗ ten, zurück und ſchleuderte Jeffreys mitten unter die Soldaten! hinein, indem er ihnen zurief: „Da habt Ihr ihn! Schafft ihn in den Tower. Ihr haftet der beleidigten Geſellſchaft für ihn. Er darf nicht unter —— den Fauſtſchlägen des Pöbels ſterben!— Das Schwert des Geſetzes verlangt ihn! Raſch nach dem Tower!“ Die Soldaten nahmen den Feind des Volkes in ihre Mitte und ſetzten ſich in Marſch nach dem alten Staatsge⸗ fängniß. Sobald Henry Lisle den Lordkanzler gegen die Wuth des Volkes geſchützt ſah, ſetzte er ſeinen Weg nach der„Rothen Kuh“ weiter fort. Fitzgerald und Colman eilten ihm nach. Henry hatte ſich kaum entfernt, ſo warf ſich der Pöbel, der noch wüthender ward, als er ſich ſeine Beute entriſſen ſah, auf die Gardecompagnie. Die Soldaten konnten allerdings Jeffreys gegen den Tod ſchützen, aber ſie ſahen bald ein, daß ſie niemals nach dem Tower gelangen wuͤrden, wenn ſie nicht Verſtärkung er⸗ hielten. Plötzlich hörte man Trommelwirbel, der immer näher kam, und bald ſah man beim Schein von hundert Fackeln zwei Regimenter Miliz anrücken. Ein leerer Wagen rollte in der Mitte der Reihen. Die zurückgeworfene Menge mußte vor der Gewalt und den Lanzenſpitzen, die man ihr entgegenhielt, zurückweichen. Der kleine Trupp ward befreit. Man ließ Jeffreys in den Wagen ſteigen und konnte ſich endlich nach dem Gefängniß in Marſch ſetzen. Auf dieſem übri⸗ gens nicht langen Wege war die zahlreiche Escorte mehr als hundertmal genöthigt, Halt zu machen und zu mandoͤvriren, als ob ſie einen Cavallerieangriff zurückzuſchlagen hätte. Gleich dem wüthenden Meere, welches an die Wände 125 eines Schiffes anſchlägt, wälzte ſich die Menge unaufhör⸗ lich heran und ward unaufhörlich auf ſich ſelbſt zurückge⸗ worfen. Endlich ergab ſich der wilde Haufen, in ſeinem Haß und in ſeiner Rache getäuſcht, darein, den Wagen mit Wuthgebrüll zu verfolgen, und die Hände, die nicht mehr ſchlagen und zer⸗ reißen konnten, ſchwenkten Knüppel und Stricke vor den ſcheuen Blicken des Erbärmlichen. Als die Spitze der bewaffneten Colonne vor dem ſteiner⸗ nen Brückenthore erſchien, drehten ſich die ſchweren eiſenbe⸗ ſchlagenen Thore in ihren mächtigen Angeln, die Soldaten öffneten ihre Reihen, bildeten ein Spalier und der Wagen fuhr ſo geſchützt in den befeſtigten Raum hinein. Welche Vor⸗ ſichtsmaßregeln man auch getroffen hatte, um ſich dem Ein⸗ bruch des Volkes in das furchtbare Gebäude zu widerſetzen, ſo konnte man doch nicht verhindern, daß etwa zehn Indivi⸗ duen, von beiden Seiten durch die Menge gedrängt, zwiſchen die Truppen und die Brücke gepreßt, in dem Augenblicke, wo die Thorflügel ſich öffneten, wider ihren Willen mit in den Hof hineingeſchoben wurden. Unter dieſen unfreiwilligen Eindringlingen befand ſich auch der Advocat Birch. Als Jeffreys aus dem Wagen ſtieg, gewahrte er ihn beim Scheine einer Fackel, und ſein einen Augenblick vorher noch verſtörtes und angſterfülltes Geſicht ward von plötzlicher Freude verklärt. Unter allen dieſen grimmigen Blicken und ihm zugewen⸗ deten wüthenden Geſichtern erſchien ihm das Birch's wie das Licht des Leuchtthurms den Augen des Schiffbrüchigen, der nach dem Lande ſchwimmt. 126 Birch konnte ihn allerdings nicht retten, aber wohl konnte er zu ſeiner Rettung beitragen. Er konnte ſein Bote an Kirke, den angeſehenen Parteigänger des neuen Herrn von England, werden, an Perchy Kirke, der ſo eben Lucy aus ſei⸗ nen Händen empfangen. Er konnte ihm ſeine Bitten überbrin⸗ gen, er konnte das Band werden, welches die Einſamkeit ſei⸗ nes Kerkers mit der äußern Welt verknüpfte, er konnte einige Strahlen in ſeine Nacht hereinwerfen. Dank dieſem Freunde, welchen der Himmel ihm ſchickte, war der arme Gefangene nicht allein und ſich ſelbſt überlaſſen in den Schrecken der Einſamkeit, in dem lebendigen Grab, in welches man im Begriff ſtand ihn zu werfen. Hier kam ihm ein Tröſter entgegen, der ſicherlich ſeinen letzten Kampf lin⸗ derte, wenn der Tod nicht von ihm abgewendet werden konnte. Jeffreys in deſſen Gemüth dieſe Gedanken augenblick⸗ lich emporgetaucht waren, ſtürzte ſich mit ausgebreiteten Ar⸗ men ſeinem lieben Birch entgegen. „Mein Freund, mein edler und muthiger Freund,« rief er,„wie dankbar bin ich Dir, daß Du mir bis hierher ge⸗ folgt biſt! Dieſe Treue im Unglück beweiſt die ganze Erha⸗ benheit deiner Seele. Komm, Birch, komm an mein Herz! An ſeinem Klopfen wirſt Du fühlen, wie lebhaft deine ſchöne That mich bewegt.« Der Advocat prallte drei Schritte zurück und machte eine abwehrende Geberde. „»Na Menſch,“« ſagte er,„nehmt Euch doch in Acht. Ihr werdet mich mit eurem Kohlenſtaub beſchmutzen.“« Jeffreys ſtand unbeweglich mit ſlarrem Blick und offe⸗ nem Munde, die Arme immer noch geöffnet haltend da, wie ein Automat, dem die Federkraft plötzlich verſagt. »Da Ihr ſo erpicht auf ihn ſeyd, warum laßt Ihr ihn denn los?« fuhr Birch in inſolentem Tone zu den Soldaten fort, welche den Wagen umringten,„Ihr ſehet ja, daß er friedliche Bürger beläſtigt. Ich würde mich nicht hier herein⸗ geflüchtet haben, um aus dem Gedränge herauszukommen wenn ich gewußt hätte, daß ich hier einer folchen Unannehm⸗ lichkeit ausgeſetzt wäre. Alſo, Ihr Herren, nehmt euern Koh⸗ lenbrenner zurück.⸗ Dieſe letzten Worte ſchienen den Gefangenen aus ſeiner Betäubung aufzurütteln. »Er erkennt mich nicht! Er erkennt mich nicht,« rief er. „denn Birch könnte mich nicht auf dieſe Weiſe verläugnen.— Ja, ja, er kennt mich nicht! ich habe mich zu gut verkleidet. Das Auge des Haſſes iſt ſchärfer geweſen als das der Freund⸗ ſchaft.— Fitzgerald erkannte mich ſogleich. Doch ich verzeihe Dir, mein geliebter Birch, ich verzeihe Dir! Komm in die Arme deines Jim! Ha, dieſer erbärmliche Pöbel hat deinen Freund nicht wenig mißhandelt. Sein ganzer Körper thut ihm weh. Komm, Birch, komm und ſtütze die wankenden Tritte deines Freundes Jeffreys— denn ich bin Jeffreys, ich, den Du für einen wirklichen Kohlenbrenner hältſt.⸗ »O, ich weiß es längſt,« unterbrach ihn mit ſpöttiſchem Gelächter der bevorzugte Zechgenoſſe des ehemaligen Oberrich⸗ ters,»und Ihr täuſcht Euch ſehr, wenn Ihr glaubt, daß Ihr gut verkleidet ſeyd. Weil Ihr Euch die Augenbraunen wegraſirt habt, bildet Ihr Euch ein, daß man Euch nicht erkennen würde. Ha, dann hättet Ihr auch euer Hyänenmaul und euren Tigerblick vertauſchen müſſen, zum Unglück für 128 Euch war dies aber nicht möglich. Wenn ich Euch aber auch wiedererkenne, ſo kenne ich Euch doch deswegen nicht. Geht daher eures Weges und ſucht einen Andern, der ſich in eure Arme wirft. Ich thue es nicht.“ Jeffreys faßte ſich und wußte Wuͤrde genug zu bewah⸗ ren, um ſeinem frühern Schmeichler den Rücken zu kehren, ohne einen Vorwurf auszuſprechen. „Ich bin bereit Euch zu folgen,« ſagte er ruhig zu den Gefängnißbeamten, deren Neugier durch dieſen Auftritt nicht wenig gereizt worden war. „Führet Mylord in den Beauchamp⸗Thurm!« befahl der Oberconſtabler. „In den Beauchamp⸗Thurm!“ wiederholte Jeffreys mit einer Gemüthsbewegung, die er diesmal nicht bemeiſtern konnte.»Saß in dieſem nicht—* Der Gefangene ſtockte und ehe er noch ausreden konnte, ſagte der Lieutenant, das Wort ergreifend, in nachläſſigem Tone: „»Das Gedächtniß wird Euch wohl untreu, Mylord? Der Herzog von Monmouth ſaß darin. Der Beauchamp⸗ Thurm iſt nicht wieder bewohnt geweſen, ſeitdem der Prinz ihn verließ, um das Schaffot zu beſteigen. Ihr werdet daher das Vergnügen haben, ſeine Spur ſo zu ſagen noch ganz friſch zu finden.“ „Iſt es nicht möglich, mich anderwärts zu logiren?« fragte Jeffreys. „O nichts leichter als das, Mylord,“« ward ihm höflich zur Antwort gegeben.„Hier rechts ſteht der Blutthurm. Wollt Ihr vielleicht in dieſen geführt ſeyn?« — 129 »Nein, nein!« rief Jeffreys ſchaudernd. »Aber in das Gefängniß, in welches Ihr unſern ruhm⸗ reichen Algernon Sidney werfen ließet, werdet Ihr auch nicht wollen. Ich begreife euren Widerwillen, Mylord. Wohlan, dann wollen wir Euch in den weißen Thurm bringen.« Jeffreys warf, ohne ein Wort zu entgegnen, einen bit⸗ tenden Blick auf den Oberconſtabler. »Ihr lehnt auch dieſes letzte Quartier ab?« fuhr dieſer mit unverſöhnlicher Sanftmuth fort.»Ihr erinnert Euch wahrſcheinlich, daß der von Euch verurtheilte edle Ruſſell daraus herunterſtieg, um dem Henker überantwortet zu wer⸗ den. Euer Blick, Mylord, ſcheint mein Mitleid anzuflehen. Es wäre aber vielmehr das dieſer Mauern, um welches Ihr bitten ſolltet. Ich will gern ſchweigen, aber werdet Ihr wohl dieſe verhindern, zu ſprechen? Und ihre Stimme verſteht Ihr wahrſcheinlich beſſer als irgend Jemand, Doch wir können nicht die ganze Nacht hier ſtehen bleiben und würden noch bis zum jüngſten Tage hier ſtehen, wenn Ihr Euch die Zeit neh⸗ men wolltet, einen einzigen Kerker in dem Tower zu finden, in welchem nicht eines eurer Opfer geſchmachtet hätte.⸗ »Laßt mich in den Beauchamp⸗Thurm führen,« ſagte Jeffreys kurz. 1 Einige Minuten ſpäter ward der geſtürzte Miniſter des flüchtigen Königs in dasſelbe Gemach geführt, welches drei Jahre vorher der natürliche Sohn Carl II. bewohnt hatte, und der Schließer, welcher den allgemeinen Haß gegen den unerbittlichen Richter theilte, entfernte ſich, indem er ihn in tiefer Dunkelheit zurückließ. Jeffreys blieb lange auf einer und derſelben Stelle ſte⸗ Der Tiger von Tanger. IX. 9 130 hen und verſuchte mit ſeinen Blicken die ihn umgebende Fin⸗ ſterniß zu durchdringen. Allmälig drang die feuchte Kälte dieſer Winternacht, die zwiſchen dieſen kalten Steinmauern noch eiſiger war, ihm bis in das innerſte Mark und raubte ihm den Reſt ſeiner Kräfte. Seine Seele brach ſo zu ſagen in ſich zuſammen.. Er fing an ſich zu fürchten. Den Kopf zwiſchen beide Hände nehmend, begann er zu ſchluchzen wie ein Weib. Nach einigen Augenblicken hörten ſeine Thränen jedoch auf zu flie⸗ ßen. Er ließ ſeine Hände ſinken und begonn wieder in die ſchwarze Nacht hineinzuſtieren. Plötzlich ſchüttelte er den Kopf und machte die Geberde eines Menſchen, der ein widerliches Inſect von ſeinem Geſicht entfernt. Und mit von Furcht halberſtickter Stimme rief er: „»Man hat mich ohne Licht gelaſſen und dennoch ſehe ich Dich, Reue! Welche entſetzliche Geſtalt nimmſt Du an! Mag ich dieſe Phantome verſcheuchen wie ich will, ſie kehren immer wieder zurück. Da ziehen ſie wieder an mir vorüber — bleich— blutig— verſtümmelt— in Stücke gehackt! — Getödtet durch das Beil, den Strick, den Dolch, das Meſ⸗ er— ſie kommen näher— ſie bleiben ſtehen— ſie ſehen mich an. Ha, wie ihre Augen in dieſer entſetzlichen Nacht funkeln! Was wollt Ihr von mir? Verbrecher, ich mußte Euch verurtheilen! Nicht ich war es, der Euch ſtrafte, ſon⸗ dern das Geſetz. Sie heulen Alle auf einmal: Du lügſt! Du lugſt! Charles Murray, Alice Lisle, nicht ich habe Euch ge⸗ tödtet, ſondern der Vollſtrecker des Geſetzes, Jack Ketch, die⸗ ſer nichtswürdige Henker! Aber ich kenne eure Namen— 131 ich kenne alle eure Namen— Ihr braucht ſie mir nicht ſo ins Geſicht zu werfen. Ha, ich ſehe in der Verbannung weiß gewordenes Haar mit Blut befleckt— es iſt das deine, John Lisle— ein Dolch ſteckt in deiner Bruſt und Du ſagſt mir, dies ſey nicht das Eiſen des Geſetzes.— O Erbarmen! Er⸗ barmen!« Der Elende ſank, von unausſprechlicher Furcht geſchüt⸗ telt, auf die Knie nieder, faltete die Hände und verharrte einige Augenblicke in dieſer Stellung, wie um das Erbarmen Gottes anzuflehen. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo erhob er ſich wieder und ſagte in dumpfem Tone: »Ich gleiche dem Brudermörder Shakeſpeare's. Verge⸗ bens verſuche ich zu beten. Gott wendet ſich ab von mir und ich ſehe nichts als dieſe entſetzlichen Schatten. Wie viel ſind ihrer? Nein, ich kenne nicht eure Namen, ich kenne nicht die Namen Aller, die ich umgebracht habe— aber ſagt mir ſie nicht— nein, ſagt mir ſie nicht! Und dennoch nen⸗ nen ſie ſich— ſie geben ſich Alle einen einzigen Namen— Legion!« Jeffreys ſank erſchöpft auf die kalten Steinplatten ſeines Kerkers nieder und lag einige Augenblicke lang ausgeſtreckt auf denſelben, nur noch einen letzten Schimmer von Beſin⸗ nung bewahrend, als er Licht zu ſehen glaubte und eine Hand fühlte, die ihn anrührte. Er ermannte ſich und erkannte Jack Ketch in ſeinem nächtlichen Beſucher. Aufſpringen und ſich mit überwallender Freude in die Arme des Henkers werfen, war für ihn das Werk eines Augenblicks. »Na, ſo laſſe ich mir's gefallen, Mylord!« rief Ketch * 132 mit lauter Stimme und jovialer Miene.„Wißt Ihr, daß ich ſoeben für Euch zitterte?« »Du haſt für mich gezittert?— ſoeben?— Die Gefahr, welche mir drohte, iſt alſo vorüber? König Jacob iſt wohl zurückgekehrt?« „»Na, nal! Es iſt doch noch nicht ganz richtig wieder in eurem Oberſtübchen. Ich zitterte ſoeben für Euch, denn als ich hier eintrat, fand ich Euch hier, auf dem Boden liegend, beinahe leblos, und den Körper mit eiskaltem Schweiß bedeckt. Ich fragte mich, ob Ihr Euch fürchtetet.“ „»Ich mich fürchten?« ſagte Jeffreys, indem er verächt⸗ lich lächelte.»Du kennſt mich ſchlecht, Ketch— es war die Kälte, welche— „»Um ſo beſſer! Um ſo beſſer! Ich ſchenke Euch meine Achtung wieder, da es nicht die Furcht war. Und um Euch zu beweiſen, daß ich immer noch euer treuer Jack Ketch bin, ſo wollen wir mit einander dieſe beiden Flaſchen Xeres leeren.« Jeffreys näherte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, dem Tiſche, auf welchen der Henker beim Eintreten ein Licht und die beiden Flaſchen geſtellt hatte, von denen er ſprach. Sich einer derſelben bemächtigend ließ er den Kork knallen und goß den Inhalt in ſeine Kehle hinunter. „In einem einzigen Zuge und ohne Athem zu ſchöpfen!« rief Keich verwundert. Der Gefangene achtete nicht auf den Ruf der Verwun⸗ derung, den er dem Nachrichter entlockt, ſondern ſtrich ſich mit der Hand uber die Bruſt und ſagte: „Ha, wie das wärmt!« 133 Indem er dieſe Worte ſprach, ergriff er die zweite Flaſche und ſchickte ſich an ihren Inhalt ebenfalls hinabzu⸗ ſtürzen, als Ketch ihn am Arme faßte. „Ich habe Euch ſchon geſagt, Mylord, daß wir Beide ſie trinken wollen. Dieſe iſt für mich.« „Ach, Dich friert nicht, Jack. Laß ſie mir— ich bitte Dich.« „Ich habe auch Durſt.« »Warum haſt Du uns dann nur zwei gebracht?« »Nun, wie mir ſcheint, iſt das ſchon genug.« »Ja, für den erſten Durſt. Kannſt Du nicht noch einige kommen laſſen, Ketch?⸗ „»Es hat mir Mühe gekoſtet, dieſe beiden durchzu⸗ bringen.« »Na, das müßt Ihr nicht mir ſagen. Kenne ich vielleicht nicht deinen gewaltigen Einfluß auf Alles, was in den Ge⸗ fängniſſen der Hauptſtadt einen Schlüſſel trägt?« „Ich weiß es wohl, ich weiß es wohl. Aber dazu würde viel Gold nöthig ſeyn.« »Ich werde Dir deſſen viel geben— hier— hier— hier!«. Bei jedem dieſer drei letzten Worte nahm Jeffreys eine . Handvoll Guineen aus den umfangreichen Taſchen ſeiner Kohlenbrennerhoſen und warf ſie auf den Tiſch. Ketch be⸗ trachtete den Haufen Gold mit gierigen Blicken. »O, dafuͤr können wir allerdings ſehr viele unmögliche Dinge erhalten,“« ſagte er, indem er ſeine Taſchen in demſel⸗ ben Maße füllte, wie Jeffreys die ſeinigen leerte. 134 „»Geh,“ rief ihm der Gefangene zu, indem er ihn nach der Thuüͤr ſtieß.»Nein, nein, nimm dein Licht nicht wieder mit— bringe vielmehr noch eins— und dann Wein— Branntwein— Rhum— Während der Henker die Treppe hinunterging, ſetzte⸗ Jeffreys die Mündung der zweiten Flaſche an ſeine Lippen und trank ſie ebenfalls vollſtändig aus. Es dauerte nicht lange, ſo äußerte der Wein auf ihn ſeine gewöhnliche Wirkung, wenn er davon erſt zwei bis drei Flaſchen zu ſich genommen hatte. Er ward heiter, dreiſt, kühn. Mit dem Blute, welches raſcher und wärmer in ſeinen Adern kreiſte, erwachten auch wieder Muth und Hoffnung in ihm. Er ließ einen ironiſchen Blick in ſeinem Kerker umher⸗ ſchweifen und ſagte lachend: »Was zum Teufel hatte ich denn im Kopfe, als ich vor⸗ hin jene einfältigen Erſcheinungen zu ſehen glaubte? Welche ſonderbaren Gaukelbilder läßt doch ein nüchterner Magen in ein leeres Gehirn emporſteigen! Ha! da kommt Ketch wieder — wie geſchwind er iſt!« Ein Schlüſſel knarrte im Schloſſe und ein Mann trat ein. „»Ah,“« rief der Gefangene in übelgelauntem Tone,»Ihr ſeyd es, Martins? Seit wann verläßt denn der Küſter der St. Peterscapelle ſeine Sacriſtei, um die Gefangenen zu be⸗ ſuchen?« „»Als ich hörte, daß Ihr gefänglich eingebracht worden ſeyd,« antwortete Martins,»beeilte ich mich zu Euch zu ge⸗ hen, um Euch meine Dienſte anzubieten.“ „Eure Dienſte?— Von welcher Art ſind denn dieſe?2 135 „Ihr wißt es wohl, Mylord. Ich bin es, der unter den Steinplatten der St. Peterscapelle die Leichen der hinge⸗ richteten politiſchen Verbrecher beerdigt.“ „Wie?« unterbrach ihn Jeffreys, als ob er plötzlich aus dem Schlafe emporführe. „Ich begreife euer Erſtaunen nicht, Mylord. Wißt Ihr denn nicht mehr, daß Ihr gerade in dem Augenblick, wo ich den Herzog von Monmouth beiſetzte, in die Capelle kamt? Es waren zwei Frauen bei mir— eine junge Irländerin, glaube ich, und eine andere junge Dame, welche über der Leiche des Herzogs bitterlich weinte— wie, Mylord, das wißt Ihr nicht mehr?« „»O ja, o ja— ich weiß es noch, Dummkopf; wo willſt Du damit hinaus? Weiter! weiter!« »O, Ihr dürft Euch nicht erzürnen, Mylord. Was ich Euch ſagen will, kann Euch kein großes Vergnügen machen.⸗ »Na, ſo ſprich doch mit deinem Galgengeſicht!« »Mylord träumt, wie es ſcheint, immer vom Galgen, aber er wird nun Niemanden mehr hängen laſſen.« „Wer hat denn dieſen Schurken zu mir geſchickt? Mach daß Du fortkommſt, oder ich ſchlage Dir dieſe Flaſche auf deinem Schädel entzwei!« Jeffreys wollte ſeine Drohung ausführen, als Jack Ketch eintrat und in jeder Hand einen großen Henkelkorb trug, der mit großen und kleinen Flaſchen von allen Formen und Farben gefüllt war. »Uff!« ſagte er, indem er ſeine doppelte Bürde nieder⸗ ſetzte. 136 Dann warf er einen Blick auf den Gefangenen und den Küſter.„Was gibt es denn?« fragte er,„und warunm ſchreit und geberdet Mylord ſich ſo? Man ſollte in der That meinen, er führe noch den Vorſitz bei ſeinem Tribunal.⸗ »Wirf dieſen Hallunken hinaus!« rief Jeffreys ſeinem Freunde Jack Ketch zu, indem er zugleich auf den Küſter von St. Peter zeigte. »Erlaubt, Mylord,« antwortete der Henker.„Ehe ich den ehrenwerthen Maſter Martins zur Thür hinauswerfe, möchte ich gern erſt wiſſen, was ihm euern Zorn zugezo⸗ gen hat.« »Ich habe Dir geſagt, Du ſollſt ihn hinauswerfen! Dies muß Dir genügen!« heulte der Gefangene. »Wie leicht doch manche Menſchen ſich in dem Ort und der Zeit täuſchen!« murmelte Ketch, indem er die Augen gen Himmel richtete. Dann nach einer kurzen Pauſe hob er in dem ruhigen, würdigen Tone eines billigdenkenden Schiedsrichters zu dem Küſter gewendet an: „»Da Mylord mir nicht antworten will, ſo antwortet Ihr mir, Maſter Martins. Was wollt Ihr hier machen und warum hat Mylord ſich gegen Euch erzürnt?« »Er erzürnte ſich gegen mich, weil ich ihm in den höflich⸗ ſten Ausdrücken ſagte, er werde Niemanden mehr hängen laſſen. Was den Zweck meines Beſuchs betrifft, ſo beſteht derſelbe ganz einfach darin, daß ich Mylord meine Dienſte anzubieten wünſche. Es iſt noch ein vortrefflicher Platz unter dem Com⸗ muniontiſche in der Capelle und ich wollte Mylord fragen, ob er dort begraben zu werden wünſche.« 137 „Wie, ob ich dort begraben zu werden wünſche?« wie⸗ derholte Jeffreys mit tiefbewegter Stimme.„Was wollt Ihr damit ſagen?⸗ „Nun, rede ich denn nicht deutlich?« hob Martins wie⸗ der an.»Und liegt darin wohl etwas, was Euch erzürnen könnte? Eure Leiche wird unter jenem ſchönen Tiſche und ne⸗ ben einem Sohne des Königs ganz herrlich ruhen.“ „Ich bitte Dich, Freund Ketch, befreie mich von dieſer ſcheußlichen Beſtie!« ſchrie Jeffreys, welcher an⸗ fing zu zittern. „Entfernt Euch, Maſter Martins, Ihr ſehet, wie Ihr ihn beunruhigt,« ſagte der Henker leiſe zu dem Küſter.„»Ich verſpreche Euch, euer Geſchäft zu beſorgen— Ihr müßt nicht ſo rückſichtslos zu Werke gehen. Er glaubt noch nicht, daß er ohne Gnade verurtheilt ſiſt. Wenn er es erfahren wird, ſo wird er ſich ſchon beeilen, den ausgezeichneten Platz, den Ihr ihm ſo eben anbotet, zu belegen und zu bezahlen. Geht und verlaßt Euch auf mich.« Martins ging hinaus und Ketch ſchloß die Thür, dann rückte er zwei Stühle an den Tiſch, auf welchen er etwa drei⸗ ßig Flaſchen nach einander aufſtellte. Sobald der Gefangene dieſes ſah, erheiterte ſich ſein durch das Anerbieten des Küſters verdüſtertes Geſicht von Neuem.. Er ſetzte ſich vor den Tiſch. Ketch that dasſelbe und die Gläſer der beiden Freunde begannen ſehr bald ſich zu füllen, aneinander zu klirren und ſich mit wunderbarer Schnelligkeit zu leeren. „Ich hatte Euch noch nicht ordentlich geſehen, Mylord,« 138 ſagte plotzlich der Nachrichter,„aber jetzt, wo euer Geſicht vollſtändig von dem Lichte beleuchtet wird, finde ich Euch ſehr drollig.« „»Sehr drollig?— Warum denn, Ketch?« »Ich möchte Euch jetzt eurem Tribunal präſidiren ſe⸗ hen. Wie würdet Ihr es anfangen, die Angeklagten zu er⸗ ſchrecken und einzuſchüchtern? Sagt, Mylord, runzelt einmal die Augenbrauen, um ein wenig zu ſehen—« »Ketch, wie mir ſcheint, hat der Wein—« 1 „Die Eigenſchaft, die Gleichheit unter den Menſchen wieder herzuſtellen, Mylord!— Wohlan, trinken wir!« »Nun, ſo ſchenk ein.« Jeffreys leerte ſein Glas, ſetzte es auf den Tiſch und fuhr ſich mit den Fingerſpitzen über ſeine raſirten Augenbrauen. »Sie werden wieder wachſen, Ketch. Sie werden wie⸗ der wachſen.« „»Wißt Ihr, was mir einfällt?« »Nun, was denn?« »Daß Ihr heute ein wenig Aehnlichkeit mit Sim⸗ ſon habt.⸗ ¹ »Mit Simſon?« „»Ja, wenn eure Augenbrauen wieder gewachſen ſeyn werden, werdet Ihr die Philiſter erſchlagen, die Euch ſo ärgern.« „»Bravo, Freund! Bravo!— Schenke ein! Schenke ein!⸗ „Es fällt mir auch noch etwas ein, Simſon.⸗ »Nun, ſo ſage es doch.« „Wenn dieſe Philiſter blos von Euch todtgeſchlagen werden ſollen, ſo werden ſie ewig leben.« 139 »So? Und warum denn?« »Weil ich Euch binnen wenigen Stunden unter meinen Händen haben werde.« Der Gefangene ſprang mit einem Satze in die Höhe und heftete ſeine von der Furcht erweiterten Augen auf den Henker. „»Sprichſt Du im Ernſt, Ketch? Verſchweige mir nichts. Sey offen gegen deinen Freund! Iſt es wahr, was Du mir ſo eben ſagteſt?« »Ich ſchwöre bei meiner Seele, daß ich die reine und einfache Wahrheit geſagt habe. Ich habe den Befehl zu eurer Hinrichtung ſchon bei mir.« Jeffreys ſenkte den Kopf und ſchien einen Augenblick lang in tiefe Betrachtungen zu verſinken. Dann nahm er in ruhigem Tone wieder das Wort. »Da Du die Wahrheit ſagſt, ſo muß ich mich mit dieſem Martins beſprechen. Geh und hole ihn, Freund.« »Aber dazu wird ja noch Zeit ſeyn, wenn es wieder Tag iſt.“ »Nein, nein. Es liegt mir viel daran, meinen Platz ſo⸗ gleich zu belegen. Geh und hole Martins.« Ketch gehorchte. Sobald er hinaus war, zog Jeffreys den Pfropf aus einer ungeheuern Flaſche Rhum, hielt ſie dann zwiſchen das Auge und das Licht und ſagte mit trunkenem Lächeln: »Das iſt die Rettung! Wie viele Andere tödten ſich mit allen von der Hölle erfundenen Giften! Ich dagegen werde meine Zuflucht zu Euch nehmen, Thränen der Sonne! Ich werde 140 Zeit haben, Euch auszutrinken, ehe Ketch zurückkommt— und dann! Man ſchreibe meinen Namen neben den deinigen, un⸗ ſterblicher Clarence!« Indem Jeffreys dieſe Worte ſprach, ſtürzte er auf einen einzigen Zug den ganzen Inhalt der Flaſche hinunter und ſank auf den ſteinernen Fußboden nieder. Er war todt! IX. Suſannens Wunſch geht in Erfüllung. Während unter dem Wuthgeſchrei des Pöbels die Thore des Tower von London ſich hinter Jeffreys ſchloſſen, gab es in den andern Theilen der Hauptſtadt nicht weniger Gedränge, Lärm und Tumult. Die die ganze Nacht hindurch offenen Wirthshäuſer wim⸗ melten von Menſchen, welche tranken, ſprachen, zuhörten, be⸗ zahlten und weiter gingen, um anderswo wieder von Neuem zu beginnen. Die Taverne»zur rothen Kuh“ hatte auch ihren Antheil an dem Lärm und Gewinn dieſer Nacht. Das Vorderzimmer dieſes Wirthshauſes war mit Bier⸗ und Branntweintrinkern angefüllt, welche lebhaft unter ein⸗ ander die im Gange befindlichen ſeltſamen Ereigniſſe beſprachen. Die Abreiſe der Königin mit dem untergeſchobenen Kinde, die Flucht des Königs, die Verhaftung Jeffreys, die Einſetzung der proviſoriſchen Regierung, die Auflöſung der Armee, die von Augenblick zu Augenblick erwartete Ankunft Wilhelms, alle dieſe von der Volksſtimme unaufhörlich mit allerhand Entſtellungen begleiteten Gerüchte lieferten den Stoff zur Un⸗ terhaltung für die Mehrzahl der Gruppen. In einem kleinen Kern von Zechern, welche nicht weit von der Eingangsthür ſtanden, war jedoch auch in ziemlich 142 geräuſchvoller Weiſe die Rede von einer beſondern Thatſache, welche in dem Hauſe ſelbſt vorgefallen war. »Und von Whitehall habt Ihr ſie in eurem Wagen ge⸗ holt?« fragte einer der Gäſte einen Mann, der eine Peitſche in der einen und ein Glas Bier in der andern Hand, die Durchſichtigkeit und Klarheit der Flüſſigkeit bewunderte, ehe er ſie trank. »Ja, von Whitehall,« antwortete der Kutſcher.»Er ſetzte ſie ohnmächtig in meinen Wagen und ohnmächtig hob er ſie wieder heraus.« »Das arme Weſen! Iſt ſie ſchön?«. »Das weiß ich nicht. Damit ſie Niemand unterwegs er⸗ kennen ſollte, hatte ſie kluger Weiſe einen Schleier über den Kopf geworfen.« »Wer weiß? Sie hat ſich wieleicht ſogar eingebildet, daß man ſie, wenn ſie dieſe Poeſicht gebrauchte, überhaupt gar nicht ſähe.« »Nach eurer Meinung iſt ſie alſo ein Vogel Strauß?⸗ »Warum denn?⸗ »Nun, der Strauß glaubt auch, daß, wenn er ſeinen Kopf verſteckt, ſo daß er nichts ſieht, dann auch ihn Niemand ſehen könne.“ »Er iſt und bleibt doch ein Spaßvogel dieſer Peters!— Doch gleichviel, wiſſen möcht' ich's doch! Von Whitehall ent⸗ führt! Wer mag dies ſeyn?« »Vielleicht ein Ehrenfräulein der entflohenen Königin. Wie wäre es, wenn wir durch das Schlüſſelloch lugten! Wißt Ihr, Kutſcher, welches Zimmer man dem Räuber mit ſeiner Schönen angewieſen hat?« 143 »Nun, ſeht Ihr dieſe Thüre dort oben an der Treppe, uns gegenüber? Dort iſt er mit ſeiner Lucy hineingegangen, denn Lucy nannte er ſie.« In dem Augenblicke, wo der Kutſcher dieſe Worte ſprach und dieſe Aufſchlüſſe gab, ſtürzte Lord Lisle in die Taverne. Er hörte die Worte des Mannes, ſah die Richtung ſeiner Hand und war mit zwei Sprüngen die Treppe hinauf vor der Thür, welche die Gerechtigkeit Gottes ſo eben ſeiner Rache bezeichnet hatte. Hier bemächtigte ſich ein ſeltſamer und plötzlicher Schmerz ſeines Weſens. Sein ganzer Körper ſchauderte, ſein zerriſſe⸗ nes Herz blutete unter den ſcharfen Zähnen der Eiferſucht. Ein grauſamer, hölliſcher Schmerz bereitete ſeiner Seele ent⸗ ſetzliche Qual. Lucy retten— dies war ein Kinderſpiel für ſeinen Zorn und ſeinen Degen. Aber entriß er ſie rein oder beſudelt den Händen des wilden Percy Kirke? Er blieb wie eingewurzelt an der Thur ſtehen. Unbeweglich, mit geballten Fäuſten, verhaltenem Athem, über den geſchloſſenen Augen zuſammengezogenen Brauen, eingekniffenen Lippen und nichts als Ohr lauſchte er. Eine Stimme— es war die Percy Kirke's— ſagte: »Luch! O meine Lucy! Warum dieſe Thränen, dieſe Verzweiflung, dieſes hartnäckige Schweigen? Sehet, ich liege vor Euch auf den Knien. O, ſprecht ein Wort— ein einziges Wort! Sagt, daß Ihr mir verzeihet. Ihr wollt es nicht? Grauſam! Und dieſes verſchleierte Haupt! O, zeige mir deine göttliche Schönheit, deren Anblick meine Wonne ins Unend⸗ liche ſteigern wird. Was brauchſt Du Dich vor mir zu ſchä⸗ 144 men? Bin ich nicht dein Gatte? Nimm dieſen Schleier hin⸗ weg, Lucy; nimm ihn hinweg— es iſt eine Beleidigung für mich, ihn noch zu behalten, nachdem Du in meinen Armen geruht haſt.“ Ein furchtbarer Schrei entrang ſich Henry Lisle's Bruſt. Er riß den Degen aus der Scheide, nahm einen Anlauf und würde ohne Zweifel die dünne Thür aus den Angeln ge⸗ ſprengt haben, als ſie ſich plötzlich von ſelbſt öffnete. Percy Kirke erſchien auf der Schwelle mit dem Degen in der Hand und Henry mit einem Lächeln betrachtend, in welchem ſich Haß und Siegesfreude miſchten. „»Mylord,“« ſagte er,»ich erkannte an dieſem Schrei ſo⸗ fort Euch und ich öffne Euch. Tretet ein.« Lord Lisle that einen Schritt in das ſchwach von zwei Kerzen beleuchtete Zimmer und ſah das Opfer des Soldaten von Tanger wie in ſich zuſammengeſunken in einem Lehnſtuhl ſitzen. Das Haupt der Unglücklichen war mit einem ſchwarzen Schleier verhüllt, auf den ſie noch die Hände drückte. Erſticktes Schluchzen hob ihren Buſen. Sie ſchien von der Wucht der Schande und des Unglücks zermalmt zu werden. Als Henry den bewaffneten Percy Kirke vor ſich ſah, verbannte er alles Mitleid aus ſeinem Herzen. Er kreuzte die Arme, betrachtete ſeinen Feind mit ent⸗ ſetzlicher Ruhe und ſagte in einem Tone, deſſen tiefe Bewe⸗ gung durch den Willen beherrſcht ward. 145 „Eure Stunde hat geſchlagen, Sir. Ihr kommt nicht lebend aus dieſem Zimmer.« »Allerdings bin ich ſchon ſo gut wie todt, wenn eure Wünſche auf dieſelbe Weiſe in Erfüllung gehen, wie ich ſo eben die meinen habe in Erfüllung gehen ſehen,“ ſagte Kirke, indem er auf die nicht weit von ihm ſitzende arme Verzwei⸗ felte einen Blick warf, welcher einen unzweideutigen Commen⸗ tar zu ſeinen Worten lieferte. 3 Dann wendete er ſich zu Henry. „Nehmt Euch indeſſen in Acht, Mylord,“ ſetzte er hin⸗ zu.„Es iſt nicht das erſte Mal, daß Ihr den Wunſch zu er⸗ kennen gebt, mich ums Leben zu bringen. Ihr werdet ein we⸗ nig langweilig, ſcheint mir.“ „Ich bin jetzt nicht mehr ein Geſpenſt, welches ſo eben ſein Schmerzenslager verlaſſen hat. Heute werde ich meinen Degen zu halten wiſſen.“ „Suchet vor allen Dingen euren Mund zu halten.“ „»Legt Euch aus!« „Aber macht doch erſt dieſe Thüre zu, wenn Ihr nicht ein Publicum zu haben wünſchet.“ Henry ſtieß, ohne das Auge von Kirke wegzuwenden, mit der linken Hand die Thüre zu, welche angelehnt blieb, dann legte er ſich aus. Kaum hatten die beiden unverſöhnlichen Gegner die Klingen gekreuzt, als Fitzgerald und Colman, welche Lord Lisle ſo ſchnell ſie laufen konnten, nachgefolgt waren, in das Zimmer ſtürzten. Ohne ein Wort zu ſagen, ſtellte der Soldat ſich neben Der Tiger von Tanger. IX. 10 146 mit dem Degen in der Fauſt. »Hal ſehr gut, das wird ein Doppelkampf!« ſchrie Perchy Kirke. Indem er dieſen Ruf blutdürſtiger Freude ausſtieß, ſah er Fitzgerald an. Plötzlich ſenkte er die Spitze ſeines Degens und ſagte zu Henry gewendet: »Ihr nehmt alſo den Mörder eures Vaters zum Secun⸗ danten, Mylord?« »Den Mörder meines Vaters? Was ſagt Ihr?« »Ich ſage, was ich ſage; ich ſage, was ich geſehen habe — in Lauſannel« Lord Lisle ward durch dieſe Worte gewaltſam ſeinen ge⸗ genwärtigen Gedanken entriſſen und durch eine geheimniß⸗ volle und unwiderſtehliche Macht in die Vergangenheit zurück⸗ geſchleudert. Das Bild ſeines ermordeten Vaters tauchte vor ihm auf und verwiſchte für einen Augenblick das der geſchändeten Lucy. Er wendete ſich gegen Fitzgerald und heftete einen Blick auf ihn, als ob er in ſeiner innerſten Seele leſen wollte. Der Unglückliche ward unruhig— er begriff, daß der Degen des Sohnes das von ihm vergoſſene Blut des Vaters rächen würde. Er ſprang auf die Seite des Generals hinüber und ſagte ſchnell zu dem General und dem Soldaten: »Jetzt Drei gegen Einen! Tödten wir ihn, da er nichts von mir wiſſen will.« ſeinen General und Suſannens Bruder neben Henry, beide b b ——,— —— —.,— — 147 Lord Lisle achtete nicht auf die ſich ſteigernden Gefah⸗ ren, welche ſein Leben bedrohten. »Verhängniß! Verhängniß! Muß ich Suſannens Bru⸗ der umbringen!« murmelte er, indem er mit ſchmerzlichem, aber entſchloſſenem Blicke auf den Mörder von Lauſanne zu⸗ ging. Plötzlich trat ihm die Verſchleierte in den Weg. Sie hatte ſich von ihrem Seſſel erhoben, als Fitzgerald ſich auf die Seite der Gegner Henry's ſtellte. „Lucy,« ſagte er mit zitternder Stimme,»Lucy, laß mich den Mörder meines Vaters ſtrafen.— Dich werde ich ſpäter rächen.« Er hatte noch nicht ausgeredet, ſo hörte er einen lauten Ruf und ſah Fitzgerald auf den Fußboden niederſtürzen. Percy Kirke hatte ihm mit ſeinem Degen die Bruſt durchbohrt. »Dieſe Züchtigung war nicht eure Sache Sir,“ ſagte Lord Henry Lisle in ſtrengem, ſtolzem Tone.»Nur, euer Blut⸗ durſt—« „Ihr irrt Euch, Mylord,“ antwortete Kirke in ruhigem Tone.„Ich hatte auf dieſen Böſewicht eben ſo viel Recht als Ihr. Wenn er euern Vater ermordet hat, ſo hat er auch einen Brief, der mir den Tod bringen mußte, geſtohlen, um ihn dem König Jacob auszuliefern. Ich hätte ihn ſchon früher umgebracht, wenn ich gewußt hätte, daß er Suſannens Bru⸗ der iſt.« Er unterbrach ſich, als er die Verſchleierte, deren Schluchzen wieder begonnen hatte, ſich auf Henry's Hand herabneigen und dieſelbe durch ihren Schleier hindurch küſ⸗ ſen ſah. 148 »Vorwärts!« heulte er,„machen wir der Sache ein Ende.« Nachdem der Despot von Tanger dieſe Worte geſpro⸗ chen, legte er ſich gemeinſchaftlich mit ſeinem Soldaten gegen Lord Lisle aus. „Ihr nehmet die Hilfe dieſes Menſchen an?« fragte ihn Henry mit beleidigendem Lächeln. „Ja wohl, Mylord, ich nehme ſie an. Ihr wißt, daß es nicht aus Furcht geſchieht. Wenn Ihr drei oder vier Freunde, alle mit dem Degen in der Hand, an der Seite hättet und ich Euch Allen ganz allein gegenüberſtünde, ſo würde ich— das wißt Ihr wohl— deswegen nicht zurückweichen. Ich will aber der Sache mit Euch ſo ſchnell als möglich ein Ende ma⸗ chen, und deshalb nehme ich die Hilfe an, welche die Hölle mir ſendet. Dann werde ich doch nicht mehr die Küſſe zu ſehen brauchen, die man ſogar auf eure Hände drückt.“ Henry Lisle ſenkte den Degen und betrachtete den Gene⸗ ral und den Soldaten mit einem verächtlichen Blick. »Perchy Kirke,« ſagte er mit einer gewiſſen Wehmuth, die er nicht überwinden konnte,„die Redlichkeit, welche ich je⸗ desmal, wo Ihr die Klinge gegen mich gezogen, beobachtet, hat mich allerdings in Erſtaunen geſetzt, aber als Mann vom Degen mußte ich Euch achten. Dieſe Achtung war ein Schmerz für mich. Ich danke Euch, daß Ihr mich davon befreiet.« Der General wendete ſich zu ſeinem Soldaten, zeigte mit ſpöttiſchem Lächeln auf Henry und ſagte: „Entferne Dich, Colman— er fürchtet ſich.« „»Nein, nein, nein!« rief Lord Lisle.„Kommt alle Beide her! ich verlange es, und da Euch daran liegt, der Sache 149 ſchnell ein Ende gemacht zu ſehen, ſo ſoll euer Wunſch befrie⸗ digt werden.“ Er hob den Degen und einige Secunden lang fühlten ſeine geblendeten Gegner ihn an ihren Klingen, ohne ihm mi dem Blicke folgen zu können, ſo raſch waren ſeine Bewegungen. Es war der elektriſche Strahl, welcher tödtet und doch unſichtbar bleibt. Plötzlich ſtürzte Colman todt nieder, während gleichzeitig Percy Kirke's Degen bis an die Decke des Zimmers empor⸗ flog, um neben dem in ſeinem Blute auf der Diele liegenden Fitzgerald niederzufallen. „Hebe deinen Degen auf, Memme. und halte ihn künftig feſter!« ſchrie Henry dem Soldaten von Tanger zu.»Setze mich nicht wieder der Verſuchung aus, Dich zu ſtrafen, wäh⸗ rend Du ihn nicht mehr in der Hand haſt.« Percy Kirke bückte ſich gedemüthigt, aber mit Wuth im Herzen, um ſeine Waffe wieder aufzuheben. Schon hatte er ſie gefaßt und wollte ſich ſchrecklicher als jemals wieder vor ſeinem Feinde emporrichten, als Fitzgerald, ſich auf die linke Hand ſtemmend, ihm mit der rechten ſeinen Dolch bis an das Heft in die Seite ſtieß. Percy Kirke ſank neben ſeinem Mörder nieder, aber er war nicht todt. »Hier! hier, Percy Kirke!« ſtammelte der Irländer mit verlöſchender Stimme; ⸗betrachte dieſen Dolch! Kannſt Du noch die Inſchrift leſen, welche auf der Klinge eingegraben iſt? Ich werde ſie Dir vorleſen: Der Sohn Muhammeds dem Capitän Barca! Hier— ich gebe Dir ihn wieder.“ Fitzgerald machte eine letzte Anſtrengung und ſtieß Kirke den Dolch abermals mitten in die Bruſt. »Nun behalte ihn,“ ſetzte er hinzu,„ich brauche ihn nicht 150 mehr. Mein armer Bruder James, den Du ermordet haſt. iſt gerächt. Ich habe auch die Schmach meiner Schweſter ge⸗ rächt. Ich habe Jeffreys erkannt und dem Volke überliefert — ich kann nun ſterben und ich ſterbe zufrieden!« Der Irländer ließ den Kopf auf die Diele zurückſinken und gab ſeinen Geiſt auf. »Wenn ich nicht von der Hand eines ſo verworfenen We⸗ ſens ſtürbe,« murmelte Percy Kirke, indem er Henry einen flammenden Blick des Haſſes zuwarf,„ſo würde auch ich glücklich ſterben— denn ich habe Lucy beſeſſen!« Indem der Sterbende dieſe Worte ſprach, betrachtete er mit triumphirendem Blick den unbeweglich und düſter daſte⸗ henden Henry Lisle und die Verſchleierte, welche neben Fitz⸗ gerald niedergekniet war. »Du ſtirbſt glücklich!« rief ſie, indem ſie wild euhprang zu ihrem ſterbenden Ehrenräuber gewendet.»Du ſtirbſt glück lich, weil Du, wie Du ſagſt, Lucy beſeſſen haſt? Dieſe triege⸗ riſche Freude will ich Dir nicht mit ins Grab nehmen laſſen! Sieh mich an, Percy Kirke!« Sie riß ihren Schleier herunter. Es war Suſanne. Ihre Stirn, ihre Augen, ihr ganzes Haupt ſtrahlte. Kirke ſtieß ein Wuthgebrüll aus, während Henrh ſie in ſeine Arme faßte, an ſein Herz drückte und mit Thränen und Küſ⸗ ſen bedeckte. In dieſem Augenblick erſchien Lucy, welche den kleinen Lucian auf ihren Armen trug, im Zimmer. Der Abbé Caetano, Cornwell, Chiffinch folgten ihr auf dem Fuße. Lord Lisle, der in den Fiebertaumel ſeiner Freude ver⸗ * 151 ſenkt war, und übrigens mit dem Rücken nach der Thür ſtand, ſah und hörte nichts von dem Geräuſch, welches die Eintretenden machten. Suſanne entriß ſich ſeinen Armen, nahm Lucy, welche ſie ſchon beinahe berührte bei der Hand und ſtellte ſie ihrem von Glück berauſchten Geliebten vor. „Schön wie die Engel Gottes,s ſagte ſie»und eben ſo rein und jungfräulich wie dieſe! Sie iſt Euer würdig, Mylord, empfanget ſie aus meinen Händen. Lucy, leget euer Herz an das eures Geliebten, und laßt ſie an einander ſchlagen. Ihr habt Beide ſo viel gelitten, daß Ihr wohl verdienet, dies end⸗ lich von Gott zu erlangen. Ich danke ihm, daß er mich zu ſeinem Werkzeug erwählt hat.« Die Tochter des alten Puritaners übergab, anſtatt Su⸗ ſannen zu gehorchen, den kleinen Lucian den Händen Henry’s, ſchlang ihren Arm um den Hals ihres Geliebten und der Ir⸗ länderin, näherte ihre Stirnen der ihrigen und fing an zu weinen. Sie würden alle Drei lange in dieſer Stellung verharrt haben, wenn der dadurch allzuhart in's Gedränge gerathene Knabe nicht ongefangen hätte, mit Worten und Geberden in ſeiner kindiſchen Weiſe dagegen zu proteſtiren. Lucy löſte nun das ſüße Band, welches die Gruppe um⸗ ſchlungen hielt, und wollte vor Suſannen niederknien, als dieſe, ihre Bewegung ſehend, ſie davon zurückhielt. „Was wollt Ihr thun, meine Freundin?« rief ſie. „»Mein Gott, was wollt Ihr thun?« „Wohlan— nein, meine Schweſter, ich will es nicht thun, da es Euch betrübt,« antwortete Lucy. Dann wendete ſie ſich zu Lord Lisle und fuhr fort: 152 »Suſanne verglich mich ſo eben mit einem Engel Gottes. Wie weit eher als ich verdient ſie, daß man dies von ihr ſage? Hal wenn Du wüßteſt Henry, wenn Du wüßteſt!— Ich ſaß an einem Tiſche. Ein Licht ſtand vor mir. Suſanne, die einen Augenblick vorher neben mir ſaß, war in das Nebenzimmer gegangen. Die Thür öffnet ſich— Percy Kirke erſcheint— ich ſtoße einen Schrei aus, der Tiſch ſtürzt um, das Licht ver⸗ liſcht. Ich fliehe in das Nebenzimmer. Suſanne hat Alles be⸗ griffen. Sie ſchließt mit Gewalt die Thür, entreißt mir meinen Schleier, verhuͤllt ſich damit das Haupt— ſtößt mich hinter einen Vorhang, bläſt das Licht aus, welches das Zimmer er⸗ leuchtete, wirft ſich auf den Fußboden und thut, als ob ſie ohnmächtig wäre.— Es war Zeit.— Die zertrümmerte Thür fliegt auf, Kirke tritt ein, taſtet in der Dunkelheit um⸗ her, tritt auf Suſannens Körper, hält ſie für mich, nennt ſie bei meinem Namen, hebt ſie auf und verſchwindet mit ihr— Du ſiehſt wohl, Henry, daß ſie mich gerettet hat. Du ſiehſt wohl, daß ſie eher als ich den Namen eines Engels verdient.« Lucy warf ſich in die Arme der Irländerin. Dann nach einer Umarmung, durch welche ſie einen Theil ihrer Dankbarkeit auszudrücken verſuchte, hob ſie wie⸗ der an: »Aber was ſollte ich nach dem, was geſchehen war, thun? Sollte ich in den Gemächern der Prinzeſtin Anna blei⸗ ben? Mußte Kirke ſeinen Irrthum nicht bald bemerken und ſtand dann nicht zu erwarten, daß er ſofort vor Wuth ſchäu⸗ mend und nach Rache dürſtend zurückkommen würde? Ich mußte daher fliehen. Aber wo ſollte ich hin? Ich hatte keine Wahl. Ich nahm Lucian, der auf meinem Bette ſchlief, in meine Arme und eilte nach Soho Fields, in der Hoffnung, V dort William zu begegnen, der mich in irgend ein ſicheres Aſyl bringen könnte. Gott fügte, daß William zu Hauſe war. Ich erzähle ihm die entſetzliche Gefahr, der ich ſoeben entron⸗ nen, und wir ſchickten uns an, das Haus zu verlaſſen, um, gleichviel wo, eine Zuflucht zu finden, als Maſter Chiffinch eintrat. Er glaubte, ich ſey entführt worden. Als er hörte, daß Suſanne es ſey, verließ er uns ſofort wieder, um hierher⸗ zueilen. Und wir folgten ihm, weil er uns geſagt hatte, daß Du hier wäreſt.« „Suſanne,“« ſagte Lord Lisle tief geruͤhrt,„Suſanne, können wir, Lucy und ich, wohl jemals die wunderbaren Wohlthaten vergelten, mit welchen Ihr uns uberhäufet, ganz beſonders dieſe letztere— „Dieſe letzte und alle anderen,« antwortete die Irlän⸗ derin, deren Geſicht plötzlich todtenbleich ward,„könnt Ihr mit Wucher bezahlen— „O ſprecht, Suſannne!“ rief Henry.»Verlanget was Ihr wollt und Gott iſt mein Zeuge, worin auch euer Verlan⸗ gen beſtehen möge, ich werde es Euch gewähren!« Lucy taumelte. „Mit einer einzigen Ausnahme,“ ſetzte Lord Lisle in leiſem, wehmüthigem Tone hinzu. „Ich weiß, was Ihr meint, Mylord,« ſagte Suſanne mit ſchmerzlichem Lächeln.»Aber ich würde Euch heute nicht darum gebeten haben, ſelbſt wenn ich würdig geblieben wäre, es zu verlangen.“ Henry's Verlobte ſchien, als ſie dieſe Worte hörte, wie⸗ der zum Leben zu erwachen. Sie ergriff Suſannen bei beidee Händen und heftete einen Blick unendlichen Schmerzes auf ſie. Der Tiger von Tanger. IX. 11 154 »Verlanget, meine Schweſter, verlanget—« O, es iſt viel, ſehr viel, was ich von Euch zu verlan⸗ gen im Begriff ſtehe,« murmelte Lucians Mutter in ernſtem Tone,„und ich mag eure jetzige Aufregung nicht mißbrauchen. Ich bin, Mylord, die Schweſter des hier todt ausgeſtreckten, in ſeinem Blute liegenden Fitzgerald und Fitzgerald hat euern Vater umgebracht. Ich Lucy, bin Percy Kirke's Opfer. In den Adern des armen Knaben, den Ihr in euern Armen hal⸗ tet, Mylord, rollt daher ein Blut, welches Euch und meiner armen Luchy viel Böſes zugefügt hat. Dennoch aber ſagt mir: Wollt Ihr mich zur glücklichſten der Frauen machen? Ihr drücket mir die Hände— Ihr weinet— Ihr wollt mich da⸗ durch ermuthigen zu ſprechen Lord, Miß— Mylord und Mylady Lisle, nehmet meinen Sohn an Kindesſtatt an und gebt ihm euern Namen.« Henry und Lucy ließen bei dieſen Worten Suſannens Hände los und ergriffen die des Knaben, der lächelnd und weinend von Einem zum Andern blickte, je nachdem er Lächeln oder Thränen auf ihrem Geſicht zum Vorſchein kommen ſah. „»Liebes Kind! liebes Kind! Ob wir wollen, daß es unſer ſey? Wie habt Ihr daran zweifeln können, meine Schweſter?« rief die Tochter des Puritaners, indem ſie Lu⸗ cian in ihre Arme ſchloß. »Gott, der mich hört,« ſagte Henry zu der jungen Mut⸗ ter,»weiß, daß ich eure Bitte mit Freuden gewähre. Lucy und ich, wir nehmen dieſen lieben Kleinen an Kindesſtatt an. Dennoch aber laßt mich eine Frage an Euch richten, Suſanne. Warum wollt Ihr eux Kind nicht ſelbſt behalten, meine Freundin?« „»Weil ich ſterben will, Mylord.⸗ 155 „»Ihr wollt ſterben?⸗ „»„Kann ich wohl leben?— Höret mich an. So eben und während ich bei der Leiche meines Bruders kniete, habe ich das Gift getrunken, welches dieſe Phiole enthielt. Es iſt dasſelbe, welches Lady Wentworth mir gab. Ich that es, nachdem Percy Kirke tödtlich getroffen zurückſank. Ich konnte es thun, weil Ihr nun meiner nicht mehr bedurftet. Hier, Luch, nehmet dieſes Papier. Es iſt das Document, wodurch ich Euch euer ganzes Eigenthum zurückgebe, welches Maſter Chiffinch mir durch den König Jacob II. hatte ſchenken laſſen. Glaubet nicht, daß ich es jemals in der Abſicht angenommen habe, es für mich zu behalten. Ich habe es blos angenom⸗ men, um es Euchzu erhalten. William, welchem ich ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit meine Abſicht mitgetheilt, kann Euch die Wahrheit deſſen, was ich verſichere, beſtätigen.⸗ Die Irländerin machte eine Pauſe, dann hob ſie mit⸗ ten unter dem Schluchzen aller im Zimmer Anweſenden wieder an: „Lucy— Henry,« murmelte ſie mit einer Stimme, die immer ſchwächer ward,„nicht wahr, Ihr werdet meinen Lu⸗ cian lieben?« „Er wird unſer älteſtes Kind ſeyn, Suſanne,“ ſagte Lord Lisle. 3 „O Dank, Dank!— Umarmt mich noch einmal— Bringt mir Lucian. Mein theures Kind, mein Sohn, Du wirſt glücklich ſeyn bei deinem edlen Vater— bei deiner guten Mut⸗ ter.— Jetzt, Henry, Lucy— entfernt Euch. Laßt den Abbé Caetano, den ich dort ſehe, zu mir herantreten. Er ſteht ne⸗ ben William, neben Cornwell, neben Chiffinch, welche weinen.« Der ehrwürdige Prieſter näherte ſich. „Setzt Euch, mein Vater,« ſagte die Irländerin, indem ſie auf den Seſſel zeigte.— Der fromme Greis gehorchte und Suſanne kniete neben ihm nieder. »Betet für mich, mein Vater,« murmelte ſie ihm mit kaum vernehmlicher Stimme ins Ohr,»denn ich habe ein großes Verbrechen begangen. Höret mich an, mein Vater; Euch, der Ihr der Diener Chriſti ſeyd, muß ich anvertrauen, was ich Lucy und Mylord Lisle nicht habe ſagen wollen und nicht habe ſagen können. Ich habe mich vergiftet, mein Va ter, weil ich, nachdem ich Henry ſeine Verlobte rein erhalten zurückgegeben, fühlte, daß ich ihn zu ſehr liebte, um hienieden Zeugin ſeines Glückes zu bleiben. Saget mir, mein Vater ſaget mir, wird Gott mir verzeihen?« Niemand hörte, was der Prieſter Suſannen ant wortete. Seine Stimme ward durch die der öffentlichen Ausrufe übertäubt, welche dem anbrechenden Tage den Tod Jeffreys den Sturz der Stuarts und die Beſteigung des brittiſchen Thro nes durch das Haus Oranien verkündeten. Ende. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. „