— Leihbibliothek —. ſelben von mir geliehen, deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 1 3 von.— 3 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Seih- und Leſe ebedingungen. ¹. Offensein der Bihliotze. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche vei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird.. 1 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Büicher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————HO———— au Monat: 4 der.— Pf. 1 Wlr. 50 f. 2 Mk.— Pf. L. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer hum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen eer Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ auch dafür zu ſtehen haben. 8 2 . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d * b Ber Tiger von Tanger. Achter Theil. V Die blutigen Afſiſen. —,— 2 Hiſtoriſcher Roman „ Paul Dupleſſis. Deutſch von Dr. Emil Steinmann. Peſt, Wien und Leipzig, 1859. Hartleben's Verlags⸗Expedition. Der Menſchenkocher Es⸗ war um fünf Uhr Morgens. Heiterer Sonnenſchein beſtrahlte den Balcon der Herberge„zum weißen Hirſchs und warf die Schatten der beiden Gehängten ſauber und ſcharf auf die weiße Wand. In dem großen Saale lagen auf dem Fußboden und auf Sophas und Stühlen umher die Offiziere und die Courtiſanen, welche die Nacht hindurch gezecht und geſchwelgt, jetzt vom bleiernen Schlafe überwunden. Aber nicht Alles war ſo unbeweglich und ſchweigſam in der zum Hauptquartier der königlichen Armee umgeſtalteten Herberge. Während rings umher und weiterhin die Stadt Taunton nach einer Schreckensnacht traurig ſtumm und düſter erwachte, bereiteten Jeffreys, Kirke und Chiffinch an einem abgelegenen kleinen Tiſche ſitzend der unglücklichen Stadt einen neuen Tag des Entſetzens. „»Welch einen furchtbaren Appetit hat man doch zu die⸗ ſer Stunde, wenn man die ganze Nacht im Wagen und bei⸗ nahe ohne zu ſchlafen zugebracht hat!« ſagte der Oberrichter, indem er den aufgetragenen kalten Fleiſchſpeiſen und den von den Lämmern bei einigen reichen Bewohnern von Somerſet Der Tiger von Tanger. VIII. 1 2 geplünderten edlen Weinen tüchtig zuſprach.„Ja, an dieſem Tiſche bin ich glücklich, aber wie weit glücklicher würde ich noch ſeyn, wenn Du, mein lieber Percy, mein ſüßer Bruder, mein glorreicher Bundesgenoſſe, meiner Bitte Gehör ſchenkteſt.⸗ »„Ich habe es Dir ſchon geſagt, mein lieber Jim, ich kann nicht und ich habe Dir auch den Grund meiner Weige⸗ rung nicht verſchwiegen. Sey gerecht— nicht wahr, Du fin⸗ deſt meine Gründe giltig und ſtichhaltig?« »Nein, ganz gewiß nicht— ſo finde ich ſie nicht! Wie, um ein Mädchen zu verführen, welches Du durch tauſend an⸗ dere Mittel in deine Gewalt bekommen kannſt, nimmſt Du mir mein Gut, mein Eigenthum? Du bemächtigſt Dich dieſes Hauptes, welches ich mir ſtets bei allen Stipulationen unſeres Triumvirats reſervirt habe? Frage einmal Chiffinch— nicht wahr, Chiffinch, ich habe Recht und Kirke hat Unrecht?— Bei der Hölle, ſo ſprich doch, Chiffinch!« Der erſte Page des Königs ließ einen vorſichtigen Blick von dem Oberrichter nach dem General ſchweifen, ſchien ſich einen Augenblick zu ſammeln und ſagte dann in ernſtem Tone: „»Meiner Treu, lieben Freunde, ich geſtehe, daß ich es gern vermieden hätte, an dieſer Debatte theilzunehmen, denn von zwei Intereſſen, die mir gleich theuer ſind, fuͤrchte ich nothwendig eins zu verletzen. Der directen Interpellation des Lord Jeffreys gegenüber kann ich jedoch nicht länger bei mei⸗ nem Schweigen beharren. Ich will mich deshalb in dieſer Angelegenheit ausſprechen, aber nur unter einer Bedingung. Ihr werdet mir nemlich vorher Beide erklären, daß Ihr mich zum Schiedsrichter nehmet, und Euch auf eure Ehre verbind⸗ lich machet, Euch meinem Urtheil zu unterwerfen, möge es lauten, wie es wolle. Seyd Ihr damit einverſtanden?« »Chiffinch ſpricht goldene Worte,« rief Jeffreys,„und 3 ich nehme die Bedingung, die er uns ſtellt, in ihrem ganzen Umfange an. Ich hoffe, daß Ihr ſie auch annehmen werdet, General, obſchon Ihr weit weniger als ich ein Freund der geſetzlichen Formen ſeyd.« „»Gut, es ſey,« ſagte Kirke,»ich nehme die Bedingung an. Chiffinch entſcheide zwiſchen uns, aber vor allen Dingen möge er gerecht ſeyn oder—« „Oder,“ unterbrach ihn der Page,»Ihr werdet meinen Urtheilsſpruch als ungiltig betrachten, nicht wahr? Was klar und deutlich nichts Anderes heißt als daß, wenn ich mich gegen Euch erkläre, die Frage gerade auf demſelben Punkte ſtehen bleibt, wie vor meiner Entſcheidung, weun ſie nicht am Ende noch verwickelter wird.« Indem Chiffinch dieſe Worte ſprach, berührte er mit ſeinem Knie unter dem Tiſche das des Generals. „Nimm die Bedingung ohne alle Gegenbedingung an,« ſagte der Oberrichter zum General,»oder Du beweiſeſt, daß Du Hintergedanken hegſt.« „Nun gut, ja!« antwortete Kirke.„Chiffinch ſpreche ſein Orakel aus.« „Ich reſumire kurz die Thatſachen,« ſagte der Page in einem Tone, deſſen Bewegung ſich hinter einem Anſchein von Feierlichkeit verſteckte.»Percy Kirke läßt Sir Charles Mur⸗ ray, einen der Rädelsführer der Rebellion, feſtnehmen und ins Gefängniß werfen. Er liebt die Tochter ſeines Gefangenen und verſpricht ſich, ſie zu beſitzen, indem er ihr gegen ſchöne bare Küſſe die Begnadigung ihres Vaters verkauft. Jeffreys kommt dazu und reclamirt den alten Puritaner, weil, wie er ſagt, dieſer Mann ihm die grauſamſte aller Beleidigungen zu⸗ gefügt habe und deshalb ſein Eigenthum ſey. Wenn nun Percy Kirke ſich ſeines Gefangenen blos bedienen will, um 4 die Liebe ſeiner ſchönen Undankbaren zu erlangen, ſo kann er ja, nachdem er dieſen Gebrauch von ihm gemacht, ihn ſeinem Freunde Jeffreys immer noch ausliefern! Auf dieſe Weiſe laſ⸗ ſen ſich dieſe beiden Intereſſen auf die vollſtändigſte Weiſe mit einander ausſöhnen.“ »Was Du da ſagſt, mein lieber Chiffinch, iſt in der That erhaben und bewunderungswürdig,« rief Jeffreys. „»Allerdings kannte ich Dich als einen luſtigen, witzigen und verſchmitzten Geſellen, aber beim Bacchus, einen ſo tiefen Scharfſinn hätte ich Dir nicht zugetraut.— Komm, damit ich Dich umarme, Chiffinch, komm! Percy Kirke möge ſeine Luch genießen, indem er ihr die Begnadigung ihres Vaters verſpricht, und wenn ſeine Wünſche befriedigt ſind, mag er den alten Puritaner mir überliefern.« »Erlaubt. Mylord.⸗ unterbrach ihn Suſannens Anbeter ernſthaft,»erlaubt mir, ich bin noch nicht fertig. Wenn Ihr Euch über Sir Charles Murray zu beklagen habt, hat dann Perch Kirke vielleicht ſeinerſeits Grund, ihn zu loben? Mur⸗ ray hat Euch gezwungen, vor dem verſammelten Unterhauſe niederzuknien, um einen demüthigenden Verweis zu empfan⸗ gen. Ganz gewiß iſt dies für Euch ein keineswegs mittelmäßi⸗ ger Grund, ihn zu haſſen, aber iſt es nicht derſelbe Sir Char⸗ les Murray, welcher unſern gemeinſchaftlichen Freund, den Obergeneral der königlichen Armee, auf ſchimpfliche Weiſe aus ſeinem Hauſe gejagt hat? Ihr findet die Beleidigung, die Euch angethan worden, grauſamer als jede andere Belei⸗ digung. Es iſt dies auch ganz natürlich, denn man fühlt den eigenen Schmerz mehr als den Anderer. Ich aber, der ich bei dieſer Frage natürlich ganz kaltblütig bin, erkläre Euch, daß in meinen Augen die Percy Kirke angethane Beleidigung eben ſo ſchwer iſt als die, welche Ihr erfahren. Auf dieſe Gründe —— — 5 und Erwägungen geſtützt, lautet mein Ausſpruch: Percy Kirke behalte ſeinen Gefangenen und räche ſich an ihm nach ſeiner Bequemlichkeit und zu der ihm gelegenen Zeit. Ich habe geſprochen.« Kaum war Chiffinch fertig, ſo ſtand Jeffreys auf, warf ihm einen wüthenden Blick zu und verließ, unverſtändliche Worte murmelnd, das Zimmer. „Ihr ſeyd ein vortrefflicher Freund,“ ſagte ſofort Kirke, indem er dem Pagen die Hand bot,»ja, ein ſinnreicher und treuergebener Freund, Chiffinch! Ihr könnt auf mich rech⸗ nen, wenn ſich die Gelegenheit darbietet, Euch Gleiches mit Gleichem zu vergelten.“ „Ich verlange keine Dankbarkeit von Euch⸗ General. Was ich gethan, habe ich ohne eigennützige Abſicht und aus reiner Sympathie für Euch gethan. Unſere Geſchmacksrichtun⸗ gen haben zu viel Aehnlichkeit mit einander, als daß ich mich bei einem Streite zwiſchen Euch und dem groben Patron, der uns ſo eben verlaſſen, nicht ſofort auf eure Seite ſtellen ſollte. Wenn irgendwo von Liebe oder von einem Verliebten die Rede iſt, ſo ſchlage ich mich allemal zu dieſer Partei. „Das macht, weil Ihr ſelbſt verliebt ſeyd, Chiffinch. Sie iſt ſehr ſchön, eure Geliebte. Kommt, füllet euer Glas und trinken wir auf die Geſundheit der reizenden Suſanne.“ Die Gläſer wurden gefüllt, man ſtieß an und leerte ſie auf die Geſundheit der Irländerin. Der Wein, welcher über Kirke's Lippen floß, befeuchtete zugleich ein ſpöttiſches Lächeln und Chiffinch's Hand zitterte, als er das Glas an den Mund ſetzte. „Ich habe Euch Beſcheid gethan, General,“ ſagte er. „Nun iſt die Reihe an Euch. Ich trinke auf die Geſundheit der Einzigen, welche mit Suſannen in Bezug auf Schönheit 6 um den Vorrang ſtreiten könnte. Ich trinke auf das Wohl der ſchönen Miß Luchy; ich trinke auf die Erfüllung eurer ſüßeſten Wünſche.« »Dank, Chiffinch, Dank!« rief Percy Kirke, indem er ſein Glas leerte;„nicht wahr, ſie iſt ſchön?« »Miß Luchy iſt ein Königsbiſſen!« antwortete der Page. »Wenn Se. hochſelige Majeſtät Carl II., mein allergnädigſter Herr, noch lebte, ſo wäre dieſe junge Dame jetzt eine der vor⸗ nehmſten des Königreichs— wenigſtens hätte es nur von ihr abgehangen, es zu werden. Ich habe Euch ſchon einige Worte von der Liebe dieſes Fürſten zu der Tochter des alten Puri⸗ taners geſagt, habe aber Euch noch nicht begreiflich machen können, bis zu welcher Exaltation dieſe Liebe ging. Sind meine Worte Euch mißfällig, General, weil Ihr ſo die Stirn runzelt?«. „»Verzeihet dem Gefühle, welches ich empfinde, Chiffinch. Ich liebe zu ſehr, um nicht eiferſüchtig zu ſeyn, wäre es auch nur auf einen Todten!«— »O, Ihr habt durchaus nicht Urſache, es zu ſeyn— wenigſtens nicht auf den König Carl II. Ich ſage Euch wie⸗ derholt, mein allergnädigſter Herr hat Miß Lucy nur ein ein⸗ ziges Mal und dann auch nur auf einige Augenblicke und in Begleitung ihres Vaters geſehen. Ich ſage damit jedoch durch⸗ aus nicht, daß Ihr, wenn er am Leben geblieben wäre, nicht an ihm einen Nebenbuhler bekommen hättet, der noch furcht⸗ barer geweſen wäre, als Lord Henry Lisle, denn er ſagte wie⸗ derholt zu mir, Miß Lucy ſey geſchaffen, um einen Thron zu zieren— er könne in ihr durchaus nicht eine Maitreſſe ſehen, ſondern ſie ſey für ihn das Ideal einer Gattin.⸗ »Sagte König Carl II. dies wirklich zu Euch, Chiffinch?⸗ murmelte Kirke mit gedankenvoller Miene. 1 7 „Es ſind dies ſeine eigenen Worte, General, und Ihr werdet wiſſen, daß dieſer vortreffliche Fürſt ſich nicht ſo leicht vom Enthuſiasmus hinreißen ließ. Ich verſtehe ihn aber, denn es gibt in der Welt Dinge, welche ſelbſt die kälteſten Naturen in Flammen ſetzen. Die Schönheit und natürliche Reinheit Miß Lucy's gehören zu der Zahl dieſer Dinge. Ich bin auch nicht ſehr exaltirt aber dennoch weiß ich, daß—* „Ihr wäret wohl auch der Meinung eures hochſeligen Herrn, Maſter Chiffinch?« unterbrach ihn Percy Kirke in tro⸗ ckenem Tone und mit ſtolzer Stirn. „Warum nicht?« antwortete der Page dreiſt.„»Kann meine lebhafte Bewunderung der Schönheit, welche Ihr an⸗ betet, Euch in irgend einer Beziehung verletzen? Laſſet doch Andere über Miß Lucy in Extaſe gerathen, ſo viel ſie wollen, General. Ihr liebt ſie und erwerbet Ihre Gegenliebe. Euch iſt es ja ſo leicht, ihre Liebe zu erlangen und zu erhalten.“ „Meint Ihr?“ ſagte Kirke, indem er ſpöttiſche Gleich⸗ giltigkeit heuchelte;»wie muß ich denn dies anfangen?« „Miß Lucy liebt ihren Vater über alle Begriffe. Um daher ihre Liebe zu erlangen und zu erhalten, brauchtet Ihr weiter nichts zu thun als—« „Nun, Chiffinch, redet doch aus!⸗ „Nein, nein!“« rief der erſte Page des Königs, indem er ſich vom Tiſche erhob.»Ich bin von Sinnen— in der That— ich ſchweige. Ich liebe Euch zu ſehr, lieber College — Ihr könnt mir in einem gegebenen Augenblicke bei Sr. Majeſtät dem Könige Jacob II. zu nützlich ſeyn, als daß ich Euch zu gefährlichen Ideen verleiten ſollte. Laſſen wir dieſes vergebliche Hin⸗ und Herreden. Da kommt auch Mylord Jef⸗ freys wieder, der, wie es ſcheint, uns gute Nachrichten mitzu⸗ theilen hat, denn er ſieht ſehr heiter aus.⸗ In der That trat der Oberrichter wieder in das Cabi⸗ net, wo er eine Stunde vorher ſeine Bundesgenoſſen allein gelaſſen. Auf ſeinem Geſichte glänzte eine lebhafte Freude, über welche er ſich auch ſofort näher ausſprach. »Ich habe, meine lieben Freunde,“« ſagte er eintretend, „»ſo eben alle Vorbereitungen zur Eröffnung der Aſſiſen in Taunton getroffen. Da ich keine Zeit zu verlieren habe, ſo habe ich dieſe Eröffnung auf neun Uhr Vormittags feſtgeſetzt. Die Beſorgung dieſes Geſchäftes iſt übrigens nicht die einzige Urſache der frohen Stimmung, in der Ihr mich ſehet. Als ich mich nach dem Juſtizpalaſte begab, begegnete ich Birch. Das iſt ein Menſch, der eine wirklich beiſpielloſe Thätigkeit entwi⸗ ckelt. Erſt geſtern von mir hierher nach Taunton geſendet, hat er ſchon auf wirkſame Weiſe gearbeitet, ſich unter den Gefan⸗ genen umgeſehen und ſchon mehre Löſegelder ſtipulirt, unter welchen ſich beſonders ein ganz vorzüglich hohes befindet. Nun werde ich bald ein gewiſſes Landgut kaufen können, was ich mir ſchon wünſchte, als ich noch Student der Jurispru⸗ denz war. Es gehört nur noch ein wenig Geduld dazu. Es wird heute ein heißer Tag werden— kühlen wir uns daher ein wenig ab. Man ſchwitzt, wenn man mehre Stunden lang bei einem Tribunal den Vorſitz führt, auch wenn man es ſich noch ſo bequem macht.« Jeffreys ſchenkte ſich ein Glas Yereswein ein und trank es auf die Eröffnung der Aſſiſen; dann ergriff er wieder das Wort und ſagte: „Es iſt jetzt halb ſieben Uhr. Bis es neun Uhr wird, haben wir alſo noch viel Zeit vor uns. Was werden wir da⸗ mit machen? Ich habe eine Idee. Wenn Ihr nichts Beſſeres vorzuſchlagen wißt, ſo bin ich der Meinung, daß wir in Tom Boilman's Laboratorium einen Beſuch abſtatten.« 1 — 9 „In Tom Boilman's Laboratorium?“« wiederholte Chif⸗ finch erſtaunt.»Wer iſt das?« Jeffreys und Kirke wechſelten ein ſeltſames Lächeln. »General,« ſagte der Oberrichter,»Ihr könnt die Frage unſeres ehrenwerthen Freundes beſſer beantworten als ich.« „Tom iſt ein erbärmlicher Bauer, welcher für den Kö⸗ nig Monmouth die Waffen ergriffen hatte« ſagte Perey Kirke in nachläſſigem Tone.„Er ward ergriffen und ſollte gehängt werden. Ich bedurfte indeſſen Jemandes, welcher die Leichen der Hingerichteten viertheilte und die einzelnen Stücke, welche beſtimmt ſind an die Kirchthüren der Grafſchaft angenagelt zu werden, gehörig präparirte. Deshalb ſchlug ich ihm vor, mein Menſchenkocher zu werden, wogegen ich ihm das Leben zu ſchenken verſprach. Er nahm mein Anerbieten an und ſeit einigen Tagen betreibt er ſein Geſchäft in einem alten Hauſe, welches ganz allein vier⸗ oder fünfhundert Schritte von dem weſtlichen Thore mitten auf dem Felde ſteht. Die Einwohner der Dörfer und der Stadt, die ihn mit ungünſtigem Auge be⸗ trachten, haben ihm den drolligen Spitznamen Boilman oder Kocher gegeben. Das iſt die Geſchichte, mein lieber Chiffinch und Ihr wißt nun über Tom Boilman eben ſo viel als ich.« „»Aber ſie iſt entſetzlich eure Geſchichte, General!« „Ah, ſeht doch! Chiffinch ſpielt den Zartfühlenden,« rief Jeffreys lachend.»Aber dennoch bin ich feſt überzeugt, daß er mit uns kommen wird.« »Ihr irrt Euch, Mylord; ich werde nicht mitgehen.« »Wann werdet Ihr denn nach London zurückkehren, Chiffinch?« „In drei oder vier Tagen, Mylord, ſobald ich die hun⸗ dert Verurtheilten ausgewählt haben werde, welche der König Ihrer Majeſtät der Könign geſchenkt hat.« „Und was werdet Ihr dem König antworten, wenn er Euch nach den näheren Umſtänden der Art und Weiſe fragt, auf welche Tom Boilman zu Werke geht?« Chiffinch ſchwieg und ſeine Miene verrieth Unruhe. „Ihr wißt, wie leid es mir thun würde, Euch in Un⸗ gnade fallen zu ſehn, mein Freund,“« fuhr Jeffreys fort,„des⸗ halb fordere ich Euch in allem Ernſte auf, den General und mich nach dem Laboratorium des Menſchenkochers zu beglei⸗ ten. Uebrigens dürft Ihr Euch nicht einbilden, daß es dort, wie Ihr zu glauben ſcheint, etwas Furchtbares zu ſehen gebe. Ich verſichere Euch im Gegentheil, daß ſich Euch dort eine ſehr intereſſante und ſogar beléhrende Zerſtreuung bieten wird. Ich habe Ketch bereits benachrichtigt und er wird uns hier abholen, um uns auf dieſem Beſuch zu begleiten. Ich wuͤnſche ihn über die Verfahrungsweiſe zu Rathe zu ziehen, welche Tom in Anwendung bringt. Ich halte dieſelbe nämlich für mangelhaft. Die von ihm präparirten Cadaverſtücke, die ich auf dem Wege nach Taunton Gelegenheit gehabt näher zu be⸗ trachten, ſchienen mir nicht genug gegen raſche Verweſung ge⸗ ſchützt zu ſeyn. Jack Ketch's Küche iſt, wie mich dünkt, weit wiſſenſchaftlicher und beſſer.— Mein lieber Percy, weißt Du, ob Tom's Officin in dieſem Augenblicke mit Material verſehen iſt? Ich glaube, die Cadaver, welche ich ihm in dieſen letzten Tagen habe zuſtellen laſſen, hat er bereits conſumirt. Dann müſſen wir ihm neue ſchicken, denn es liegt mir viel daran, ihn in meiner Gegenwart operiren zu ſehen.“ „Wir brauchen ja blos die Leichname der beiden Rebel⸗ len herunternehmen zu laſſen, die an dem Schild der Herberge hängen—* „»Das wäre nicht genug, lieber Percy. Es liegt mir, ſage ich, daran, deinen Boilman in großartigem Maßſtabe — 11 operiren zu ſehen, und übrigens ermangeln noch eine Menge Dorfkirchen dieſer Beweiſe unſerer guten und raſchen Juſtiz. Wir müſſen ſie damit aufs Schnellſte decoriren. Wenn ich recht gezählt habe, gibt es auf der langen Straße, die ich ſo eben durchſchritten, ſiebzehn Gehängte ohne die Zwei, welche an dem Schild des„weißen Hirſches« hängen. Dieſe neun⸗ zehn Cadaver nehme man und transportire ſie zu Tom. Doch, da fällt mir ein, die Plätze, welche dadurch leer werden, dür⸗ fen dies nicht bleiben. Denken wir auf ein Mittel, dieſe Gal⸗ gen ſofort wieder zu garniren. Es verlangt dies das gute Beiſpiel ſowohl, als der heilſame Schrecken, den wir einzu⸗ flößen wünſchen.⸗ „Du brauchſt blos ein Wort zu ſagen, mein lieber Jim,“ antwortete der Soldat von Tanger.„»Von den fünfhundert Gefangenen, die ich von Weſton Zoyland nach Taunton ge⸗ führt, müſſen mir ungefähr noch hundert übrig bleiben, denn ich glaube nicht ſeit zwölf Tagen davon mehr als etwa hun⸗ dert conſumirt zu haben— ich biete ſie Dir hiermit an.« „Ich mache von deinem Anerbieten Gebrauch, lieber Freund. In meiner Eigenſchaft als richterliche Perſon habe ich jedoch Verbindlichkeiten, von welchen Du frei biſt. Ich kann Niemanden hängen laſſen, ohne ihn vorher verurtheilt zu haben. Deshalb müſſen wir den Ausgang der erſten Aſſi⸗ ſenſitzung abwarten. Ich werde ſie kurz machen. Mittlerweile befördere man die Cadaver zu Tom. Die Galgen werden bis Mittag leer bleiben. Es iſt dies zu beklagen, aber man muß ſich in die Nothwendigkeit zu fügen wiſſen. Gehen wir!« „»Wie wäre es, wenn ich meine Gäſte nun weckte?« ſagte Kirke zu Jeffreys.„Glaubſt Du, daß es angemeſſen ſey, ſie an unſerer Promenade nach Tom's Laboratorium theilnehmen zu laſſen?« 12 „»Durchaus nicht, durchaus nicht! Ich bin im Gegen⸗ theile neugierig zu ſehen, was für Geſichter dieſe hübſchen Mädchen ziehen werden, wenn ſie Boilman's Siedekeſſel ſehen.« Das Triumvirat begab ſich in den Saal und einige Augenblicke ſpäter waren die durch das Gelächter und die handgreiflichen Scherze Percy Kirke's und des Oberrichters aus dem Schlafe aufgeſchreckten Courliſanen auf den Füßen, und die Offiziere von Tanger brachten ihre durch die nächt⸗ liche Orgie ziemlich geſtörte Toilette in der Eile wieder in Ordnung. Männer und Frauen erfuͤhren bald, welchen Spazir⸗ gang man ihnen vorſchlug zu machen. Aille waren ſofort da⸗ mit einverſtanden. „In der That« rief Coralie,»Taunton iſt in ein wah⸗ res Paradies umgewandelt. Die Tage folgen auf die Nächte, die Nächte auf die Tage, die Feſte hören niemals auf und die Vergnügungen erneuen ſich unaufhörlich. Gehen wir.« In dieſem Augenblicke erſchien der Nachrichter der Stadt London. „Ich habe Dich rufen laſſen, Ketch,« ſagte Jeffreys, „damit Du uns zu Tom Boilman begleiteſt—« „Ich komme eben von ihm,“ unterbrach ihn der Henker trocken,»„und ich kann Euch verſichern, Mylord, daß dieſer Tom ein ganz dummer Menſch iſt, der auch nicht das Mindeſte verſteht.« „Dein Ketch bleibt doch immer derſelbe, lieber Jim. Er findet nichts gut, als was er ſelbſt macht,« ſagte Percy Kirke lachend. 4 „Wenn der Herr Obergeneral der königlichen Armee 13 mir ein einziges Mal die Ehre erzeigt hätte, meine Küche*) in Newgate zu beſuchen, ſo würde er vielleicht zugeben, daß ich das Recht habe, ſo zu ſprechen, wie ich eben gethan.“ Keich, welcher dieſe Worte in um ſo anmaßenderem Tone geſprochen, weil Perch Kirke ihm mit ſtolzer Verachtung den Rücken kehrte, wendete ſich von Neuem an den Ober⸗ richter. „Uebrigens, Mylord,« ſagte er,„glaube ich Euch im Voraus ſagen zu müſſen, daß Ihr Euch eine unnütze Mühe machen würdet, wenn Ihr Euch jetzt zu dieſem ſogenannten Boilman begeben wollet. Der Erbärmliche hat die ihm zuge⸗ ſendeten Materialien ſämmtlich verdorben. Er hat in dieſem Augenblicke nicht mehr als zehn Pfund Fleiſch womit er etwas Ordentliches machen könnte. Wenn Ihr ihn wollt arbeiten ſehen, ſo müßt Ihr ihm friſche Cadaver zuſenden.“ „Das wollen wir eben thun, mein würdiger Jack. Nimm eine Tragbahre, lege die ſämmtlichen Gehängten, die Du in der großen Straße ſehen wirſt, darauf und laß ſie nach Tom’s Laboratorium tragen. Wir werden uns ſofort dahin begeben.« *) Ein ſchmaler Gang führte nach einer Art großer Küche, wo zwei ungeheure Keſſel auf einem eigens dazu erbauten Herde ſtanden. Dieſen Ort nannte man Jack Ketch's Küche. Auf dieſem Herde und in dieſen Keſſeln kochte der Henker die geviertheilten Cadaver der als Hochverräther hingerich⸗ teten Verbrecher mit einer Miſchung von Oel, Pech und Theer, um ſie ſodann an die Stadtthore oder auf der Lon⸗ donerbrücke anzunageln⸗ Dieſe dem fünfundzwanzigſten Bande der British Review entlehnte Notiz wird den Leſer überzeugen, daß wir die Farben unſeres ſchon ohnehin ſo düſtern Gemäldes durchaus nicht zu ſtark aufgetragen haben. 3 „Aber die Eröffnung der Aſſiſen— habt Ihr die ver⸗ geſſen, Mylord?« „O durchaus nicht— wir haben vollauf Zeit.“ „Iſt es eine vollſtändige Operation, die Ihr ſehen wollt?« „Ja wohl.« „In dieſem Falle, Mylord, glaubet mir, daß es beſſer ſeyn wird, wenn Ihr die Sache bis nach der Sitzung ver⸗ ſchiebt.⸗ „Wohlan, es ſey! Du weißt beſſer als ich, wie viel Stunden zu dergleichen Arbeiten nöthig ſind. Ich werde deinem Rathe folgen. Wir wollen erſt nach der Sitzung zu Tom ge⸗ hen— Du wirſt Dich mittlerweile mit dem beſchäftigen, was ich Dir aufgetragen habe.“ „Ihr könnt Euch auf mich verlaſſen, Mylord.« Nachdem Jack Ketch dieſe Worte geſprochen, ging er ſtolz von dannen. „Wer will mich nach dem Juſtizpalaſt begleiten?« rief Jeffreys nun in triumphirendem Tone.»Ich ſtehe Euch da⸗ für, daß ich raſch zu Werke gehen werde. Und wenn Ihr je⸗ mals ſchnellere und ſummariſchere Urtheile habt ſprechen hö⸗ ren, als die ich fällen werde, ſo will ich verdammt ſeyn, nie wieder mit einem ehrlichen Manne ein Glas zu leeren.⸗ Eine Stunde ſpäter präſidirte der Oberrichter ſeinem Tribunal in der Mitte der vier Richter, die wir bereits in Wincheſter kennen gelernt haben. Nicht weit von ihm und durch ſeinen Anblick wie betäubt, ſaßen die Geſchwornen trau⸗ rig und niedergeſchlagen. Vor ihm in dem umfangreichen Saale ſtanden dreihundert Gefangene mit auf den Rücken ge⸗ bundenen Händen, von einer dreifachen Reihe Soldaten mit dem bloßen Säbel in der Fauſt bewacht. 15 Jeffreys erhob ſich. Er maß die Geſchwornen mit einem furchtbaren Blick, betrachtete die Gefangenen mit dem Aus⸗ druck des unverſöhnlichſten Haſſes und rief dann: „Ich ſage Allen, welche vor dem Tribunal erſcheinen im Voraus, daß es für ſie nur ein Mittel gibt, die Nachſicht und Milde der Richter des Königs zu erwecken. Dieſes Mittel beſteht darin, daß ſie ſich ſchuldig bekennen. Man laſſe einen Angeklagten vortreten.“ Zwei Lämmer führten einen Bauer aus der Umgegend von Sedgemoor vor. „Du haſt die Waffen für Monmouth ergriffen!« heulte der Oberrichter mit plötzlicher Wuth. „»Nein, Mylord, man hat mich in meinem Hauſe feſtge⸗ nommen.« „Man hat Dich mit den Waffen in der Hand feſtgenom⸗ men, Erbärmlicher! Erkennſt Du nicht die beiden Soldaten, welche Dich begleiten? Es ſind dies dieſelben welche Dich auf dem Schlachtfelde gefangen genommen haben. Nicht wahr, Lämmer?« „Ja,“« antworteten Kirke’s Soldaten. „Meine Herren Geſchwornen, ein Kopfnicken wird genü⸗ gen. Iſt der Angeklagte ſchuldig?« Die ſämmtlichen Geſchwornen verneigten ſich zum Zei⸗ chen der Bejahung. „Der Angeklagte iſt ſchuldig erklärt— man hänge ihn!« ſchrie Jeffreys.»Nun weiter! Ein Anderer! Machen wir ſchnell, damit wir fertig werden.“ Dieſelben Fragen, dieſelben Antworten, dasſelbe Verdict derſelbe Urtheilsſpruch wiederholten ſich neunundzwanzig⸗ mal. „Hal Ihr wollt Euch nicht ſchuldig bekennen!« ſchrie 16 der Oberrichter bei jeder neuen Verurtheilung.»Wohlan, wir werden ſehen, was eure hartnäckigen, unverſchämten Lü⸗ gen Euch helfen werden.« Nachdem die Lämmer den neunundzwanzigſten Verur⸗ theilten hinausgeſchleppt hatten, veränderte ſich die Scene. Die noch übrigen zweihunderteinundſiebzig Angeklagten erklärten ſich alle auf einmal ſchuldig. Jeffreys ſprang vor Freude von ſeinem Sitze empor. „»Nein,« rief er mit gräßlicher Ironie,»die Juſtiz darf niemals allzu raſch zu Werke gehen, denn ſie würde ſich dadurch der Gefahr ausſetzen, in beklagenswerthe Irrungen zu ver⸗ fallen. Deshalb verſchieben wix den Ausſpruch unſeres Ur⸗ theils auf morgen.“ Während die Unglücklichen ſich entfernten, neigte ſich Jeffreys zu dem Ohre eines der Richter und ſagte lachend zu ihnen: „»Wir werden morgen zweihundertunddreiunddreißig davon zum Tode verurtheilen. Wie der Gott Virgilius Maro’'s habe ich mein Vergnügen an der ungeraden Zahl. Doch apro⸗ pos, wollt Ihr vielleicht dieſe Damen, dieſe Herren und mich begleiten, um einige Verbrecher in Pech ſteden zu ſehen? Nicht wahr, Ihr kommt mit? Wohlan, meine Herren, wohlan, meine Damen, gehen wir!« Kaum war eine halbe Stunde verfloſſen, ſo hatten der Oberrichter und ſeine Geſellſchaft das Thor von Taunton hin⸗ ter ſich und gingen auf das Haus zu, welches Kirke zu Tom Boilman's Verfügung geſtellt. Es gab ein ziemlich großes Feld zu überſchreiten, um zu dieſem Hauſe zu gelangen. Dieſes Feld war kahl, unfrucht⸗ bar und öde. Ein einziger Baum, eine Eiche, ſtand ungefähr in der Mitte einige Schritte von dem Hauſe entfernt. Die —— — — 17 Neugierigen beſchleunigten ihren Schritt, denn es war ſehr ſchwül und große Regentropfen begannen zu fallen, während gleichzeitig immer raſcher aufeinanderfallende Donnerſchläge ſich hören ließen. Ungefähr bis auf Rufweite an der Eiche angelangt, ſa⸗ hen Jeffreys und ſeine Begleiter einen Mann, der ſich in dem dichten Laubwerk des Baumes verſteckte. Das Geſicht dieſes Menſchen war hager und verſtört, ſein Auge verrieth die Furcht ſeiner Seele und er zitterte bei jedem Donnerſchlag an allen Gliedern. „»Wer iſt dieſer Erbärmliche?« rief Coralie erſchrocken. „Es iſt Tom Boilman,“ antwortete Kirke.„Gott ver⸗ damme mich, der Kerl fürchtet ſich!« Kaum hatte der General ausgeredet, als ein furchtbarer Donnerſchlag unmittelbar hinter einem blendenden Blitz drein krachte. Männer und Frauen ſchloſſen unwillkürlich die Augen. Als ſie dieſelben wieder öffneten, ſahen ſie den Menſchenkocher ausgeſtreckt auf dem Boden liegen. Der Blitz hatte ihn erſchlagen. Ein unwillkürliches Zittern bemächtigte ſich ſelbſt der Muthigſten unter der Geſellſchaft. In dieſem Augenblicke ſchlug es auf der Kirche von Taunton drei Uhr. „Ich habe nur eben Zeit, die Herberge»zum weißen Hirſch« zu erreichen,« murmelte Percy Kirke.„Lucy muß ſchon dort ſeyn.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der General raſch in der Richtung der Stadt Taunton. Der Tiger von Tanger. VIII. 2 II. Todesverachtung. Sobald Perchy Kirke wieder die Vorſtadt von Taun⸗ ton erreicht hatte, hörte er überall Trommelwirbel ſich in das Grollen des Donners miſchen. Er begegnete wohl zwanzig Lämmern, welche, dem in Strömen herabſtürzenden Regen trotzend, mit lauter Stimme verkündeten, daß der Anführer der Rebellen, Sir Charles Murray, Punkt vier Uhr gehängt werden würde. Zufrieden mit der Thätigkeit und dem Eifer, womit ſeine Leute ſeine Befehle ausführten beſchleunigte er ſeine Schritte. Die Hoffnung, daß die Stimme der Soldaten bis zu den Ohren der in irgend einem unbekannten Aſyl verborgenen Lucy gedrungen ſey, die zuverſichtliche Erwartung, daß die unglückliche Tochter ihn ſchon in der Herberge»zum weißen Hirſch« erwarte, gaben ihm Flügel. „Ja, ja,“« ſagte er, indem er durch die öden Gaſſen eilte,„ja, ſie hat ſich ſchon in das Hauptquartier begeben; ſie erwartet, von den Qualen der Ungewißheit und Unruhe gefoltert, meine Rückkehr. Ach, warum dieſe Qualen? Weiß ſie nicht, daß ſie Alles über mich vermag, daß ein Wort von ihr hinreicht, um ihren Vater zu retten?« In dem grünlichgelben Auge des Soldaten von Tan⸗ ger, welches unwillkürlich an das Auge des Tigers erin⸗ 19 nerte, ſpiegelte ſich plöͤtzlich ein eigenthümlicher, zärtlicher Ausdruck. „»Theures, armes Kind,« murmelte er,»Lucy— meine angebetete Lucy!— In welchem herzzerreißenden Tone wird ſie mir ſchon von weitem zurufen:„General, rettet meinen Vater!«— Du allein, Lucy, biſt es, die ihn retten kann. Sprich ein Wort— ein einziges Wort!« Und ſein Herz klopfte von unausſprechlicher Hoffnung und er murmelte: „ Ja, ſie wird es ſagen, dieſes Wort.“ Den Eindrücken der äußern Welt in dieſem Augenblicke fremd, verſunken in ſeine ſtürmiſchen Gedanken und ſich ganz den Leidenſchaften hingebend, welche in ſeiner Seele einen furchtbareren Sturm heraufbeſchworen, als der des Himmels war, blieb Percy Kirke plötzlich ſtehen. „Aber würd ſie dieſes Wort auch ausſprechen wollen?« Seine Gedanken wagten nicht die Antwort zu dictiren, noch die Zunge, ſie in Worte zu kleiden. Sein Geſicht nahm blos einen Ausdruck von beſtialiſcher Wildheit an und zwi⸗ ſchen ſeinen zuſammengebiſſenen Zähnen ziſchten die Sylben hindurch: „Dann wehe ihr— wehe ihr!« Der Obergeneral der königlichen Armee trat hierauf raſch in die Herberge„zum weißen Hirſch.⸗ »Hat man nach mir gefragt? erwartet mich Jemand?« ſagte er kurz zu den beiden Schildwachen. »Nein, es iſt Niemand dageweſen, General, und es er⸗ wartet Euch Niemand.« »Niemand?— Welche Zeit iſt es?⸗ »Es hat auf der Kirche ſo eben halb Vier geſchlagen, General.« ** 20 „Man rufe Colman!« Indem Percy Kirke dieſen Befehl gab, ging er in ſein Zimmer hinauf, in welchem einen Augenblick ſpäter der von ihm verlangte Soldat erſchien. „Elender Dummkopf!“« rief er ihm wüthend zu;„wie haſt Du es denn angefangen, daß Du nichts ausgerichtet haſt?« „Von Anbruch des Tages an, General, bis jetzt haben die Tambours des Regiments die Stadt, die Vorſtädte und die Umgegend durchzogen. Selbſt in den abgelegenen Gaſſen und Winkeln hat man verkündet, daß die Hinrichtung um vier Uhr ſtattfinden würde. Es gibt in ganz Taunton kein Haus, vor welchem man nicht den Namen Sir Charles Murray’s und die Strafe, welche den Anführer der Rebellen erwartet, ausgerufen hätte.“ „Du ſchwatzeſt ſehr viel, Colman!« ſagte Kirke, welcher, die Blicke nach der Straße wendend, kaum hörte, was der Soldat ſagte. „Es thut mir leid,« antwortete der Soldat ruhig,»daß ich Euch, mein General, mit dem Bericht über das, was ich gethan habe, um Euch zu gehorchen, läſtig falle, aber ich bin noch nicht fertig.“ „Nun, was haſt Du mir noch zu ſagen?« „Daß ich noch eine halbe Stunde zu leben habe, wenn binnen dieſer Zeit die Tochter des Rebellen nicht kommt, um die Begnadigung ihres Vaters von Euch zu erbitten.“ „Dummkopf, weiß ich vielleicht nicht ſchon, was Du mir da ſagſt? Glaubſt Du, ich habe vergeſſen, daß Du an demſelben Galgen aufgeknüpft werden ſollſt?« „Ihr laſſet mich nicht ausreden, General.« „Nun ſo rede aus, Dummkopf.“ 21 „Ich wollte Euch ſagen, General, wenn Ihr vielleicht einen Befehl zu geben habt, deſſen Ausführung nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit beanſprucht, ſo braucht Ihr nur zu ſprechen. Ich bitte um den Vorzug. Es iſt dies die einzige Bitte, die ich an Euch ſtelle, ehe ich ſterbe. Dann kann ich, wenn ich meinen Geiſt aufgebe, doch ſagen, daß meine letzten Minuten eben ſo wie mein ganzes Leben nur Euch gewidmet geweſen ſind.« Percy Kirke war an die unbedingte und blinde Hinge⸗ bung ſeiner Lämmer ſo ſehr gewöhnt, daß Colman’s Worte ihm nicht die mindeſte Ueberraſchung bereiteten. „Ou triffſt es gut,« ſagte er mit zerſtreuter Miene und indem er immer noch auf die Gaſſe hinausſah.»Da ſie durch⸗ aus nicht kommen will, ſo wirſt Du Dich ins Gefängniß be⸗ geben und mir ihren Vater hierherführen. Nimm ein Dutzend von deinen Cameraden mit und vergiß nicht, daß, wenn Je⸗ mand, wäre es auch Mylord Jeffreys ſelbſt, Hand an Sir Charles Murray legen wollte, Du dieſen Jemand ohne wei⸗ tere Umſtände niederzuſtoßen haſt.« „Gut, mein General. Verlaßt Euch auf mich!« rief Colman freudig, indem er ſeine Schritte nach der Thür lenkte. 8 „Laß auch O'Brien, Nicolay und Barry benachrich⸗ tigen, daß ich ſie hier erwarte. Man wird ſie in Tom Boil⸗ man's Laboratorium finden, wenn ſie nicht ſchon von dort zurückgekehrt ſind.«— »Hier kommen dieſe Herren. Sie kommen mit den Da⸗ men, welche vorige Nacht hier ſoupirten, die Treppe herauf,« antwortete Colman, indem er ſich über das Geländer beugte. „»Sage ihnen, ſie ſollen hereinkommen, führe die Damen 22 in den Speiſeſaal und beeile Dich dann, Sir Charles Mur⸗ ray zu holen.“« Der Soldat entfernte ſich und es dauerte nicht lange, ſo traten die drei Offiziere in das Zimmer, in welchem Kirke ſi ſich befand. „Kommt, meine Freunde,“ rief der General, indem er ihnen die Hände entgegenſtreckte.»Ich werde Euer vielleicht beduͤrfen, und möchte gern wiſſen, ob ich auf eure Hilfe rech⸗ nen kann.« „»Hal! Wie es ſcheint, zweifelſt Du an uns, Percy?« ſagte O'Brien mit beleidigter Miene. „Ja, wenn ich an das denke, was ich vielleicht in eini⸗ gen Augenblicken von Euch verlange.« „ Und was fragen wir weiter nach dem, was Du von uns verlangſt?« entgegnete Barry;„»habe ich Dir nicht ſchon hundertmal bewieſen, daß ich vor nichts zurückſchrecke, wenn es ſich darum handelt, Dir zu dienen?« „Und ich— kann ich nicht dasſelbe ſagen?« ſetzte Nico⸗ lay hinzu. „Ihr liebet mich alſo immer noch ſo, wie in Tanger?⸗ „Ich finde dieſe Frage beleidigend und antworte gar nicht darauf,« murmelte O'Brien mit dumpfer Stimme und indem er ſich abwendete. »Ich auch nicht!« ſagten die bedden Andern gleichzeitig. »Die Entrüſtung, in der ich Euch ſehe, meine Freunde, gereicht mir zur großen Freude, denn ſie lehrt mich, daß ich noch auf Euch rechnen kann—« »Aber Perchy,« unterbrach ihn O'Brien, der ſeinen Zorn nicht länger bemeiſtern konnte,„wirſt Du mit deiner Einleitung bald fertig ſeyn? Du haſt irgend einen Schlag aus⸗ zuführen, das verſtehen wir vollkommen; aber wozu ſo viele 23 und ſo kluge Umſchweife? Vielleicht weil wir in England ſind? Für uns iſt England, wie wir alle Tage beweiſen, ja gerade ſo wie Tanger. Das Geſetz kann für Andere exiſtiren, für uns gibt es keines.— Alſo ſprich.— Du zögerſt? Wie es ſcheint, überſteigt dein Project die menſchliche Kühnheit— »O, nicht ganz,« antwortete Kirke mit ſtolzem Lächeln, ſetzte aber unmittelbar darauf hinzu: »Würdet Ihr Jacob II. um meinetwillen verrathen?« „»Warum nicht?— Erkläre Dich näher.“ „Ihr habt geſehen, daß ich in Tanger einen vollſtän⸗ digen Harem beſaß, liebe Freunde. Die ſchönſten Mädchen aller Nationen Europas, Aſiens, Afrikas ſchmückten ihn. Aber nicht eine einzige davon habe ich länger als einige Tage ge⸗ liebt. Jetzt dagegen empfinde ich eine Liebe, die grenzenlos iſt und, wie ich fühle, nur mit meinem Leben enden wird— ich liebe Sir Charles Murrays Tochter.⸗ „»Des Mannes, den Du im Begriff ſtehſt hängen zu laſſen?« 1 »Er wird nicht ſterben, wenn er es nicht will; er wird nicht ſterben, wenn ſeine Tochter einwilligt—« „»Deine Maitreſſe zu werden?« „»Nein, mein Weib.« O Brien, Nicolay und Barry brachen alle gleichzeitig in ein fürchterliches Gelächter aus. Kirke richtete ſich vor ihnen empor wie eine Flamme. „Alſo auf dieſe Weiſe,« ſchrie er wüthend,»„auf dieſe Weiſe nehmt Ihr den Ausdruck meines Schmerzes auf? Auf dieſe Weiſe empfanget Ihr Percy Kirke's furchtbares Ge⸗ heimniß? Und Ihr nanntet Euch ſo eben meine Freunde? Und Ihr wagt hier vor mir ſtehen zu bleiben? Nein, Ihr ſollt mein Geheimniß nicht von hier mit fortnehmen. Nein, Ihr ſollt mich — — — ——⸗—⸗—⸗—⸗—x—xxy — 24 nicht hinter dem Rücken auslachen wie Ihr ſo eben mir ins Geſicht gethan. Ihr werdet alle Drei ſterben, oder mich um⸗ bringen.— Ziehet die Klingen, Ihr Schurken! Ihr ſollt ſe⸗ hen, daß die meinige ſchon nach eurem elenden Blute dürſtet!« 1 Die drei Offiziere wurden ſofort ernſt und ſtumm. Ru⸗ hig nahmen ſie die Beleidigung hin, welche ihr General ihnen ins Geſicht ſchleuderte, und keiner von ihnen legte die Hand an den Griff des Degens, während der des vor ihnen ſtehen⸗ den Generals ſie alle Drei auf einmal bedrohte. »Du ſiehſt, Percy, daß Keiner von uns eine Bewegung macht, um den Tod zu fliehen, den Du in der Hand hältſt,« ſagte O' Brien mit vollkommener Ruhe.„»Durchbohre uns die Bruſt, weil es dein Wille iſt— hier iſt ſie— ſtoß zul« »Nur keine Komödie, Ihr Gaukler!« heulte Kirke.„Zie⸗ het, ſage ich Euch, ziehet!« f »Nein,« antwortete Nicolay,„wir ziehen unſern De⸗ gen nicht gegen Dich, wir bewahren dn Polnazr für Dich.« »Freund,« ſagte Barry, indem er die Hand ausſtreckend auf den General zuging,»verzeihe uns unſer Gelächter. Es mußte Dir widerwärtig erſcheinen, weil Du litteſt. Vergiß un⸗ ſer Unrecht; unſer Eifer ſoll es wieder gut machen. Was willſt Du. daß wir thun? Sprich.« Bei dieſen freundſchaftlichen Worten, bei den brüderli⸗ chen Geberden ſeiner Waffengenoſſen fühlte Perch Kirke ſeine Wuth ſich allmälig legen. Er ließ ſich durch die unerſchütter⸗ liche Mäßigung rühren, welche dieſe drei Männer ihm bewie⸗ ſen, deren unbezähmbaren Muth er kannte. Er ſteckte ſeinen Degen in die Scheide und reichte ihnen die Hände. „O Brien, Nicolay, Barry,« ſagte er mit vor Bewegung zitternder Stimme,„»Ihr habt mir oft große Beweiſe von 2⁵ Freundſchaft und Auſopferung gegeben, aber niemals, nein, niemals einen einzigen, der eurer jetzigen Handlungsweiſe gleichkäme. Ich geſtehe, ich hätte Euch derſelben nicht für fä⸗ hig gehalten. Ihr habt Mitleid mit mir gehabt, denn Ihr habt begriffen, daß ich von Sinnen war— ja von Sinnen! Wie konnte ich in eine ſolche Wuth gerathen, daß Ihr über mich lachtet, weil ich in der That das lächerlichſte Zeug von der Welt ſchwatzte. Perch Kirke will Stellung, Ehre, Ver⸗ mögen der Liebe eines jungen Mädchens opfern, der Tochter eines Rebellen, von deren Einwilligung er nicht einmal Ge⸗ wißheit hat. Aber dieſe ſo lächerliche Sache, meine Freunde, iſt leider auch ſehr traurig— das könnt Ihr mir glauben.⸗ »Was, Percy,« rief O'Brien plötzlich,»Dir treten die Thränen in die Augen! Ich bitte Dich, Freund, ſuche deine Energie wieder zu gewinnen, damit wir nicht auch die unſere verlieren. Wir werden ihrer bedürfen, wenn ich nem⸗ lich richtig errathe, was Du von uns verlangen willſt. Alſo, ſage uns was wir zu thun haben.⸗ »Nein, noch nicht, O'Brien, aber Ihr ſollt es bald er⸗ fahren, wenn— wenn ich eurer Hilfe bedarf. Mittlerweile wiſſet, daß ich der Gefahr, der ich Euch vielleicht auffordern werde zu trotzen, mit Euch trotzen werde und in noch höherem Grade als Ihr.⸗ »Genug, genugl rechne auf uns.« »Sir Charles Murray wird binnen wenigen Augenbli⸗ cken hierher gebracht werden,« ſagte Kirke, indem er von den drei Offizieren begleitet das Zimmer verließ. Ich geſtehe, und wenn Ihr nochmals über mich lachtet, ich wünſchte nicht, daß er hier mit Coralien und ihren Genoſſinnen zuſammenträfe. Kommt, meine Freunde und helft mir mich von dieſen Gäſten 26 befreien, die geſtern noch Werth hatten und morgen vielleicht wieder zurückgerufen werden.⸗ Der Soldat von Tanger trat in den großen Saal der Herberge aus welchem man auf den Balcon gelangte und in welchem das lange Feſt des Bacchus und der Venus gefeiert wurde, welches mit der Ankunft der königlichen Armee in Taunton begonnen hatte. Die Guirlanden und Blumenkränze, mit welchen die Gäſte ſich Abends das Haar ſchmücken ſoll⸗ ten, hingen ſchon an den Wänden und der ſtets ſervirte Tiſch war zum Imbiß mit Obſt, Kuchen und Wein bedeckt. Kirke, welcher den Wirth des„weißen Hirſches« hatte rufen laſſen, um ihm zu befehlen, die Blumen und den Tiſch verſchwinden zu laſſen, ſtand auf dem Punkte, den ſchönen Courtiſanen anzukündigen, daß die Zechgelage vor der Hand ihr Ende erreicht hätten, als er vor Erſtaunen plötzlich ver⸗ ſtummte. Er erblickte nemlich Suſannen, die auf der Thür⸗ ſchwelle ſtand. Er ging ſofort auf ſie zu. Die Irländerin erſparte ihm die Hälfte des Weges und ſtand bald in der Mitte des umfangreichen Saales. Sämmtliche Frauen wichen von unwillkürlichem Reſpect ergriffen ſofort auf die Seite und hefteten ihre Blicke auf die Eintretende. Die Königin der Courtiſanen, die eiferſüchtige Coralie, fühlte ſich verdunkelt und ward bleich. Suſannens Schoͤnheit war aber auch dieſes Triumphes würdig. Selbſt bleich, aber gleich dem Alabaſter, welcher ein inneres Licht ſchirmt, und mit von fieberhaftem Glanze ſtrah⸗ lenden Augen, ſtellte ſie ſich vor Percy Kirke, der wie ange⸗ wurzelt ſtehen blieb. »Ich hätte niemals geglaubt,« rief Coralie mit plötzlich 27 gellendem Gelächter,„ich hätte niemals geglaubt, daß der furchtbare Kirke ſo leicht einzuſchüchtern wäre!« Der General zitterte vor unterdrückter Wuth, als er die ſpöttiſche Bemerkung der Courtiſane hörte. „Was wollt Ihr hier?« rief er der Irländerin zu. »„Ich komme ſeit drei Wochen zum zweiten Mal, um eure Ehre zu retten,« entgegnete Fitzgerald's Schweſter,»und heute habe ich meine Vorſichtsmaßregeln getroffen— ich fürchte nicht, daß Ihr mich wieder mit derſelben Muͤnze be⸗ zahlet, wie in Weſton Zoyland.« »Zur Sache! zur Sache! Was wollt Ihr von mir?« »Ich bitte um Verzeihung, General— ich bin nicht hierhergekommen, um zu antworten, ſondern um zu fragen.“ Kirke wendete ſich mit erheuchelter Gleichgiltigkeit zu Nicolay. „»Capitän,« ſagte er,»laßt zwei Lämmer herauf⸗ kommen.« Dann wendete er ſich wieder zu Suſanne und fuhr fort: »Nun, meine Schöne, könnt Ihr weiter ſprechen, aber ich rathe Euch, eure Zunge zu überwachen. Es könnte, wenn Ihr dieſen weiſen Rath nicht befolgt, Euch leicht ein Unglück begegnen.« »Ich werde meine Zunge überwachen, General. Wenn Euch in meiner Rede etwas verletzt, ſo werden es nicht meine Worte ſeyn, ſondern die Wahrheit, die darin liegt.⸗ Suſanne machte eine kurze Pauſe, wie um ſich Zeit zu geben, die Gemüthsbewegung zu überwinden, welche ſie zu überwältigen drohte. Dann hob ſie mit ruhiger Stimme wieder an: 1 »General, Ihr habt ſeit Tagesanbruch unter Trommel⸗ wirbel und lautem Geſchrei verkünden laſſen, daß Sir Char⸗ les Murray heute Nachmittag um vier Uhr gehängt werden ſolle. Offenbar iſt dies geſchehen, um Miß Luch Murray hier⸗ herzulocken—« „»Wer hat Euch das geſagt?« „»Niemand, aber ich weiß es.« »Ihr ſeyd eiferſüchtig, Suſanne,« ſagte Kirke mit einem dünkelhaften Lächeln, welches mehr an die ihn umgebenden 1 Frauen, als an die Irländerin gerichtet war. »Es ſcheint Euch zu viel Vergnügen zu machen, an meine Eiferſucht zu glauben, als daß ich Euch dieſe Täuſchung rau⸗ ben möchte, General. Nehmet daher an, daß ich durch ſie ge⸗ warnt worden ſey— ſetzet ſogar voraus, daß auch ſie es ſey, welche Lucy verhindert hat, ſich hierher zu begeben—« „Sie wird alſo nicht kommen?« rief Kirke mit unwill⸗ kürlicher Ueberſtürzung. „»Nein, ich bin an ihrer Stelle gekommen— ich bin ge⸗ kommen, um Euch zu ſagen, was Lord Lisle mich beauftragt hat, an Euch auszurichten. Ich beſchwöre Euch daher, mich ſchweigend und ehrerbietig anzuhören, denn ich bin hier der Herold eines Mannes von Herz, eines Soldaten, eines Offi⸗ ziers wie Ihr, eines Gegners, der Euch ſchon einmal gegen⸗ übergeſtanden und Euch als echter Edelmann den eurer Hand entfallenen Degen zurückgegeben hat. Lord Lisle iſt krank und bettlägerig. Der Beilhieb, den Mylord Jeffreys der armen Lady Lisle hat verſetzen laſſen, hat auch die Seele ihres un⸗ glücklichen Sohnes getroffen. Er iſt jetzt nicht im Stande den Degen zu führen, und deshalb bittet er Euch und ich be⸗ ſchwöre Euch im Namen eurer Soldatenehre zu warten, ehe Ihr Hand an ſeine Verlobte legt, bis er im Stande iſt ſie zu vertheidigen.« „»Ha, Närrin,« rief Kirke mit widerlichem Gelächter, — 29 „was für eine verteufelte Geſchichte erzählt Ihr uns da? Und was verlangt Ihr von mir? Seit wann ſteht ein Obergene⸗ ral mit ſeinem Adjutanten auf gleicher Stufe?« „Lord Lisle iſt nicht mehr euer Adjutant. Er hat dem König ſeine Demiſſion eingeſendet. Ihr ſehet, daß Euch nicht einmal der eitle Vorwand mehr bleibt, den Ihr ſo eben anführtet. Hier iſt ſein Handſchuh, den ich Euch hinwerfe, und im Namen meines edlen Ritters erkläre ich Euch für einen er⸗ bärmlichen Feigling, wenn Ihr dieſes Pfand nicht aufhebt!«. Indem Suſanne dieſe Worte ſprach, hatte ſie den Uni⸗ formhandſchuh des Lieutenants der königlichen Carabiniere keck vor Percy Kirke's Füße hingeſchleudert. Der wilde Soldat von Tanger ſtieß ihn mit der Spitze ſeines Stiefels von ſich. „Werfet das da hinaus!« ſagte er zu den beiden Läm⸗ mern, welche auf Nicolay's Ruf erſchienen waren.»Und neh⸗ met Euch in Acht, Suſanne, daß ich nicht Befehl gebe, mit Euch dasſelbe zu thun. Ich verzeihe Euch blos, weil ich eure ungan sieenanon kenne.« »Und wer verlangt denn eure Verzeihung? Ich mag ſie nicht— hört Ihr wohl, Perey Kirke? Die hinter eurem heuchleriſchen Gelächter dumpf grollende Wuth wird mir nie⸗ mals Schweigen gebieten!— Ich ſage Euch, daß Ihr ein Feigling ſeyd, und ich war weit entfernt zu ahnen, daß ich mit meinem Zorn ein ſo erbärmliches Weſen träfe, wie Ihr ſeyd, als ich Euch aus Sir Charles Murray's Hauſe ja⸗ gen ließ.« »Das habt Ihr gethan?« rief Kirke mit einem Gemiſch⸗ von Wuth und Erſtaunen. »Ja, ich. Ihr habt Euch das wohl niemals gedacht, Ihr ſcharfſinniger Geiſt?« 30 Der General ſchritt raſch auf Suſanne zu, packte ſie mit ſeiner eiſernen Fauſt beim Handgelenk und fragte: „Welches hölliſche Mittel habt Ihr angewendet?« „» Das iſt mein Geheimniß.« „Sagt es, oder Ihr müßt auf der Stelle ſterben.« »Nein, ich ſage es nicht.« Percy Kirke ſchleuderte die Irländerin mit brutaler Ge⸗ berde den beiden Lämmern zu. „Schleppt ſie fort!« ſtammelte er mit vor Wuth erſtick⸗ ter Stimme,»und hänget ſie. Die eiſerne Stange des Her⸗ bergsſchildes diene ihr als Galgen. Coralie, komm, meine Schöne, komm, um Dich an dem letzten Röcheln dieſer unver⸗ ſchämten Zigeunerin zu weiden. Komm, ſie ſoll mich zum letzten Mal beleidigt haben. Geht, meine Kinder, und macht ſchnell.⸗. Suſanne, welche von den Lämmern ſofort gepackt ward, warf einen ſtolzen Blick des Haſſes auf den Soldaten von Tanger.. „Ha, Dank!« rief ſie;„da dem ſo iſt, da ich keine der Perſonen, die ich liebe, habe retten können, ſo tödte mich, tödte mich Perch Kirke! Auf dieſe Weiſe befreiſt Du mich von dem entſetzlichſten aller Zweifel.⸗ Der Ausdruck des Geſichts, des Blickes, der Geberde, der Stimme Suſannens war, als ſie dieſe Worte ſprach, ſo ſeltſam, ihr ganzes Weſen war von einem ſo unerwarteten und ergrei⸗ fenden Pathos durchdrungen, daß alle Zuſchauer dieſes Auf⸗ tritts von einem unwillkürlichen Schauer ergriffen wurden. Jeder erwartete eine furchtbare Entwickelung. „Und worin beſteht dieſer Zweifel?« fragte der Gene⸗ ral, indem er ſich wie von einer geheimnißvollen Macht getrie⸗ ben der Irländerin näherte. 31 „Ach, frage mich nicht, Unglücklicher.« „»Sag' mir's, Suſanne.« »Ich glaube unter meinem fluchbeladenen Herzen das Kind meines Henkers ſich regen zu fühlen.« „Haltet ein, Elende, haltet ein!« heulte Kirke erblei⸗ chend den Lämmern zu, welche Suſannen fortſchleppen woll⸗ ten. Seine erſchrockenen und aufgeregten Gäſte in dem Saal zurücklaſſend, wo ſein wilder Zorn auf ſo unerwartete Weiſe durch Suſannen beſiegt worden, zerrte Kirke die Irländerin in das Zimmer, wo er einige Augenblicke vorher die Treue und Hingebung ſeiner Waffengenoſſen auf die Probe geſtellt hatte. Sobald er die Thüre geſchloſſen, heftete er auf das Opfer ſeiner verzehrenden Leidenſchaften einen Blick, in wel⸗ chem ſich die bitterſte Ironie kund gab. »Glaube wenigſtens nicht,« rief er in einem Tone, wel⸗ cher verächtlich zu ſeyn ſuchte,„daß ich dem, was Du mir ſo eben geſagt, Glauben beimeſſe.“« »Ihr glaubt es.⸗ „»Nein!— Es iſt das ein Mittel, welches die Frauen ſo leicht anwenden können.« „Wollte Gott, daß ich mich täuſchte!« »Uebrigens, wenn ein Mädchen ſo viel Liebhaber ge⸗ habt hat wie Du, meine vagabundirende Abenteuerin, wie kann ſie mit gutem Gewiſſen zu einem derſelben ſagen: Du biſt der Vater meines Kindes?« »Ihr ſprecht vom Gewiſſen? Steigt in das eure hinab und fragt es.« »Es antwortet mir, daß Chiffinch und Henrh meine glücklichen Nebenbuhler find.« „Ihr lügt und Ihr wißt, daß Ihr lügt!«. „Chiffinch?— deſſen bin ich allerdings nicht gewiß, aber der ſchöne Lisle— haſt Du mir nicht ſelbſt geſagt, als Du in Weſton Zoyland in mein Zelt kamſt, um ihn vor Roſe’s Dolch zu retten, daß er dein Geliebter ſey? Und ſogar— ich habe es nicht vergeſſen— erklärteſt Du, Du ſeyeſt ſtolz dar⸗ auf ſeine Maitreſſe zu ſeyn.« Suſanne ſenkte beſtürzt die Augen, aber die Niederlage dieſer energiſchen Natur dauerte nur eine Secunde. Sie rich⸗ tete ſich ſofort feſt wieder auf. „Ich weiß nicht,« ſagte ſie mit dem Ausdrucke der Wür⸗ de,»welch ein unglückliches Verhängniß mich damals ſolche Worte ausſprechen ließ. Vielleicht ſprach ich ſie, weil ich Henry Lisle mit einer unermeßlichen und unbeſiegbaren Liebe zugethan war, wie ich dies noch bin; weil ich damals wie jetzt— wenn ich deſſen würdig wäre— ſein Weib, ſeine Maitreſſe, ſeine Sclavin ſeyn, ihm mit einem Worte mit Leib und Seele, gleichviel unter welchem Namen, hätte angehören wollen. Aber ich ſchwöre es Euch bei meinem Seelenheile, ich habe Euch belogen— „Aber Suſanne,“ ſagte Kirke in ſpöttiſch gutmüthigem Tone,„überlege es Dir doch ein wenig. Du ſiehſt, daß ich gegen Dich ſanft und nachſichtig bin. Welchem Manne, der ſeine Sinne beiſammen hat, denkſt Du dies glauben zu ma⸗ chen?« „Kein Anderer als Ihr könnte mir glauben. Ihr, Percy Kirke, der nichtswürdige Verräther aus dem Zelte von We⸗ ſton Zoyland.“ „Deine Schimpfreden beweiſen mir weiter nichts, als daß die Lügnerin von Weſton Zoyland heute die Wahrheit ſpricht.« —— 33 „»Es iſt mir leicht, noch einen andern Zeugen aufzuru⸗ fen, und den Ihr vielleicht nicht verwerfen werdet?« »So? Nun, dann bin ich neugierig ihn kennen zu ler⸗ nen; nenne ihn.« »Es iſt das Menſchenherz.⸗ »Die Stimme des Blutes, willſt Du ſagen, nicht wahr? Verfällſt Du auch in dieſe gemeinen Redensarten, Suſanne?« »Nicht Percy Kirke iſt es, mit dem ich von der Stimme des Blutes ſprechen würde. Ich ſage und wiederhole: das Menſchenherz.“« »Nun dann erkläre deine Räthſel.« »General, was bin ich zu thun hierher gekommen?« »Ihr wollt mir eine Herausforderung von Lord Lisle überbringen, glaube ich.⸗ »Und ferner?« »Und ferner wellt Ihr mich in ſeinem Namen erſuchen, ſeine Verlobte nicht eher anzurühren, als bis er im Stande iſt, ſie mit dem Degen in der Hand zu vertheidigen.« »Nun und?« »Was willſt Du mit deinem„nun und« ſagen?« „»Warum, zu welchem Zwecke habe ich das gethan?« »Nun, wahrſcheinlich, um deinem Geliebten gefällig zu ſeyn?« »Ihr glaubt alſo, es gäbe auf der Welt ein Weib, wel⸗ ches ſein Leben auf's Spiel ſetzen würde, um die Braut ſeines Geliebten rein zu erhalten? Ihr glaubt, daß, wenn ich Lord Lisle's Maitreſſe wäre, ich Miß Lucy Murray ſchon mehrmals euren Händen entriſſen hätte, damit ſie würdig bleibe, ſeine Gattin zu werden? Ihr glaubt, daß ich jung, ſchön, geliebt, die Arme meines Geliebten nur verlaſſen würde, um meine Der Tiger von Tanger. VIII. 3 34 verhaßte Nebenbuhlerin gegen Euch zu beſchützen?— O, wie viel mehr würde ich ſie dann ihrem Untergange, ihrer Schande, Guch zuſchleudern!⸗ »Ihr ſeyd nicht ſehr höflich, Suſanne,“« unterbrach ſie Kirke lachend. 0. „Höflich gegen Euch, Percy Kirke! höflich gegen Euch, Capitän Barca!⸗ Suſannens Abſicht, indem ſie dem General dieſen letzten Namen gab, ward von dieſem nicht bemerkt, wohl aber ſah er deutlich den Ausdruck von unverſöhnlichem Haß, welchen das Geſicht der Irländerin annahm, indem ſie dieſen Namen ausſprach. „Wißt Ihr, Suſanne,“ ſagte er,„daß jenes Menſchen⸗ herz, welches eure Lippen ſo gut anzurufen wiſſen, mir in eurer Bruſt nicht eben ſtark zu ſchlagen ſcheint? Wie ſcheint Ihr den Mann zu haſſen, den Ihr den Vater eures Kindes nennt!« „Später einmal wird Euch mein Haß erklärlich werden.* „So lange ich aber den Grund dieſes Haſſes nicht weiß, beweiſt er mir, daß Alles, was Ihr jetzt mit ſo ſchönen und pathetiſchen Geberden declamirt habt, ohne Zweifel ſehr gut erfunden ſeyn kann, ſicherlich aber nicht wahr iſt. Ja, jetzt, wo ich meine Kaltblütigkeit wieder gewonnen habe, ſehe ich, was Ihr damit meintet, als Ihr mir ſagtet, Ihr hättet eure Vorſichtsmaßregeln getroffen. Suſanne, Ihr habt mich mit dem ganzen Witz und mit der ganzen Keckheit getäuſcht, welche Euch in ſo hohem Grade characteriſiren.“ „»Warum habt Ihr mich dann den Händen eurer Sol⸗ daten wieder entriſſen?« „Ihr wißt— die Ueberraſchung— eine ſo unerwar⸗ tete Mittheilung— es iſt ja noch Zeit.“ 1 3⁵ »Laßt die unverſchämte Zigeunerin aufknüpfen, welche nicht fürchtet, Euch mitten unter euren Courtiſanen, Traban⸗ ten und Henkersknechten zu trotzen! Tödtet mich, wenn Ihr es wagt!⸗ JlII. Ropf und herz unbeugſam. Zorn, Verachtung, Entrüſtung, beleidigter Stolz, Haß, Kühnheit, ein gewiſſer Entſchluß, den Tiger auf's Aeußerſte zu treiben, machten Fitzgerald's Schweſter herrlich anzuſchauen. Ihre Lippen, welche die trotzigen Worte ausgeſprochen, vi⸗ brirten, ihr Auge flammte unter den zuckenden Brauen. Das Geſicht war noch bleicher, als da ſie Henry'’s Handſchuh vor Kirke’s Füße geworfen, aber groß, gewaltig und unerſchro⸗ cken zeigte ſie ſich des Gegners würdig, den ſie vor ſich hatte. »Wie ſchön biſt Du ſo, meine Suſanne!« rief Percy Kirke.»Was ſprichſt Du von Tödten? Lieber will ich Dich leben laſſen, damit Du die Königin unſerer Feſte ſeyeſt! Ich will Dir ſelbſt die Krone wieder aufſetzen. Coralie iſt ſchön, aber wie tief ſteht ſie unter Dir an Geiſt und Witz, wenn Du geiſtreich und witzig ſeyn willſt. Du biſt ſchön, auch wenn Du es nicht ſeyn willſt— Du biſt es ſelbſt in dieſem Augenblick, wo Du mir einen ſo wilden Blick zuwirfſt. Komm, Suſanne, komm; ich liebe Dich.« Der Soldat von Tanger näherte ſich, indem er dieſe Worte ſprach, der Irländerin um einen Schritt und breitete die Arme aus. Sie prallte raſch zurück, fuhr mit der Hand in den Bu⸗ ſen und zog ſie ſofort wieder heraus. * 36 „General,“ ſagte ſie,»haltet Euch fern. Seht Ihr dieſes Fläſchchen? Ich habe es von einer Frau geerbt, welche muthig zu ſterben wußte. Es enthält ein tödtliches Gift. Thut noch einen Schritt und ich trinke es! Ihr kennt mich hinrei⸗ chend, um zu wiſſen, daß ich nicht zogern würde.«“ Percy Kirke war einen Augenblick lang unſchlüſſig, dann näherte er ſich Suſannen abermals und ſagte: „Ich will, daß Du lebſt, und ich werde Dir dies ſchnell aus den Händen zu winden wiſſen.“ Suſanne ſetzte das Fläſchchen an den Mund. Percy Kirke blieb ſtehen. „Du allein auf der Welt,« murmelte er ärgerlich,»Du allein zwingſt mich alſo, deinen Worten, deinen unbedeutend⸗ ſten Geberden zu gehorchen? Du lügſt aber wieder, denn es iſt in dieſem Fläſchchen nicht mehr Gift enthalten als—« „Verſuche noch einen Schritt zu thun,« unterbrach ihn Suſanne,„und Du wirſt ſehen.⸗ In dieſem Augenblick ward an die Thür gepocht. Kirke ging zu öffnen und ſah ſich Bell gegenüber. „General,« ſagte der Soldat,„ich komme Euch zu mel⸗ den, daß Colman mit dem alten Rebellenanführer Sir Charles Murray eingetroffen iſt. Er läßt fragen, ob er ihn hierher zu Euch bringen ſoll.« „Nein, hierher nicht; wo iſt er?« „Er iſt in dem Balconſaale.« „Ich werde hingehen. Du, Bell, komme hierher. Siehſt Du dieſe junge Dame? Du wirſt ſie bewachen und bis zu meiner Rückkehr nicht aus den Augen laſſen. Sie darf unter keinem Vorwand von hier fort, das merke Dir.“ 4 „Gut, gut, General. Nur über meine Leiche würde es ihr möglich ſeyn von hier wegzukommen.“ . 37 Der Obercommandant der königlichen Armee ging raſch die Treppe hinunter, trat in den Speiſeſaal und ſah hier einen hochgewachſenen, ſchlichtgekleideten Greis, der mit ruhi⸗ ger gefaßter Miene mitten unter den Offizieren und Frauen ſtand, deren neugierige Blicke auf ihn geheftet waren. Er erkannte ſofort Sir Charles Murray. Er wollte ihn anreden, als ein Soldat auf ihn zukam und in ehrerbietigem Tone zu ihm ſagte: „General, von den dieſen Morgen verurtheilten neun⸗ undzwanzig Rebellen hat man ſiebzehn gehängt. Man hätte deren noch zwei an die eiſerne Stange des Herbergsſchildes hängen können, aber Mylord Jeffreys hat befohlen, dieſen Galgen leer zu laſſen. Er hat geſagt, daß er dieſen brauchen würde.« »So, Mylord Jeffreys hat das befohlen und geſagt?« rief Percy Kirke.»Und ſeit wann empfängt man hier Befehle und hört auf die Worte eines Andern als ich bin? Schon gut, wir werden dieſe Rechnung ausgleichen.« »Ich für meine Perſon bin den Befehlen des Oberrich⸗ ters weder gehorſam noch ungehorſam geweſen, General. Ich komme blos, um zu fragen, was mit den noch übrigen zwölf Verurtheilten werden ſoll?« »Man hänge ſie und laſſe mich in Ruhe!« rief Percy Kirke, indem er dem Soldaten den Rücken kehrte. Dann nä⸗ herte er ſich Sir Charles Murray. Der alte Puritaner verlor, als er den Befehl vernahm, der von dem Freunde Jeffreys mit ſo großer Gleichgiltigkeit gegeben ward, ſeine Kaltblütigkeit ſofort. »Ich finde den General Kirke wieder,“« rief er mit hef⸗ tiger Entrüſtung und indem er auf ihn zuſchritt,„ich finde ihn wieder, während er mitten in einem Zechgelag Todes⸗ 38 urtheile unterſchreibt. Das Schauſpiel, welches ich ſoeben vor Augen hatte, macht, daß ich mich darüber nicht wundere. Ueberall in dieſer unglücklichen Stadt ſind Galgen errichtet. Ich habe deren ſiebzehn gezählt, die mit ihrer gräßlichen Bürde belaſtet waren! Es iſt gut, General— Jacob Stuart wird zufrieden mit Euch ſeyn— Jeffreys wird Euch um eure Werke beneiden. Und dennoch arbeitet auch er ſehr gut. Auf allen Straßen ſtehen Karren, welche geviertheilte Leichname nach den empörten Städten bringen. Menſchenköpfe werden ſelbſt in den kleinen Dörfern an die Kirchenthüren genagelt! Es iſt das eine Nachahmung der Feſte des Serails. Der Ge⸗ danke geht von Euch aus, nicht wahr, General? Ihr habt ja in Marocco gelebt. Aber, bei meiner Ehre, Jeffreys iſt eine plumpe Natur— er liebt nur den Geruch des Blutes und des Weines. Er verſteht nicht wie Ihr die Wohlgerüche des Orients und das Gelächter der Frauen damit zu miſchen. Eine balſamiſche Atmoſphäre, mit Blumen bekränzte Stirnen, Zechgelage und Courtiſanen vor Hinrichtungen und Cadavern! In der That, das iſt gut, das iſt ſehr gut, General.« Lucy's Vater ſchwieg einige Augenblicke, während ihn Alle erſtaunt anſahen und ihm zuhörten und Percy Kirke zum erſten Male in ſeinem Leben betroffen und verlegen zu ſeyn ſchien. In feierlicherem Tone und Hände und Augen gen Him⸗ mel erhebend, hob der Greis wieder an: „»O Gott, verleihe deinem Diener die Kraft und die Gabe der Weiſſagung, wie Du ſie Daniel verlieheſt; mache, daß ich dieſe Becher, dieſe Krüge, dieſe fluchbeladenen Tafeln umſtoße, daß ich dieſen Männern und dieſen Frauen ſage, der Augenblick ſey da, wo Du das Ende ihrer verlöſchenden Herr⸗ ſchaft beſtimmt haſt.— Bald wied England frei ſeyn.«, 39 Das einige Zeit verhaltene Gelächter entrang ſich ſchon den Lippen Coraliens und ihrer Genoſſinnen und ein ſeltſa⸗ mes Geflüſter durchlief die Offiziere des Regiments von Tan⸗ ger, als plötzlich Perey Kirke aus ſeinem düſteren Hinbrüten zu erwachen ſchien und in kurzem Tone mit gebieteriſcher Ge⸗ berde den unbeugſamen Beſiegten unterbrach, indem er rief: „»Man entferne dieſe Tiſche, dieſe Guirlanden, dieſe Blu⸗ men und laſſe Sir Charles Murray und mich allein.“ Männer und Frauen entfernten ſich auf dieſen Befehl, der keinen Widerſprnch duldete. Die Stimme des Generals erhob ſich abermals. „»Capitän Barry,« ſagte er,„»befehlt, daß man mit allen Hinrichtungen einhalte. Geht!« Fünf Minuten ſpäter ſchloß ſich die Thür des Saales und der Sieger und ſein Gefangener ſahen ſich mit einander allein. »Sir Charles,« hob Kirke nach kurzem Schweigen an, sich will nicht verſuchen, Euch meine Gemüthsbewegung zu verbergen. Ihr habt eine Saite angeſchlagen, welche in mei⸗ nem Herzen noch vibrirt, die niemals aufgehört hat zu vibri⸗ ren. Auch ich träume die Befreiung Englands; auch ich bin, wie Ihr wiſſet, bereit, für England dieſen Degen zu ziehen—« »Den Ihr ihm ſoeben in die Bruſt geſtoßen!« »Daran ſeyd Ihr ſchuld, Sir Charkes; aber glaubt mir, dieſer Fehler läßt ſich wieder gut machen. Ihr habt mich grau⸗ ſam beleidigt, ohne Grund.“ »Ohne Grund— mein Gott!« rief der Greis, indem er ſeine zitternden Hände faltete und den Blick gen Himmel richtete. »Worin der Grund auch beſtehen möge, ſo kenne ich ihn 40 nicht, werde ihn aber bald erfahren. In allen Dingen mich zum Extrem hinneigend und nur der Stimme meiner Leiden⸗ ſchaften gehorchend, habe ich mich in die Reihen eurer politi⸗ ſchen und religiöſen Feinde geworfen. Und Ihr wißt, wer der Mann iſt, der am meiſten dazu beigetragen hat, Euch den Sieg zu entreißen— der eurer Sache den größten Schaden zugefügt hat.« »Freund der engliſchen Freiheit, Ihr gefallt Euch darin, an die Wunden zu erinnern, die Ihr ihr beigebracht habt.“ „Aber ich will auch an den tugendhafteſten ihrer Ver⸗ theidiger erinnern. Hört mich an, Sir Charles. Ich habe Euch verſtanden. Ihr ſeyd der letzte jener unbeugſamen Bür⸗ ger, welche von dem Gedanken Algernon Sidney's gelebt haben. Als echter Engländer wollt Ihr die von euren Vor⸗ vätern überlieferte ſtarke Conſtitution. Vor allen Dingen Bür⸗ ger, Gegner Cromwell's, Feind Carls II. und Jacobs II., träumt Ihr einen König, der der Erwählte des Volkes und ſein erſter Beamter iſt. Ihr hattet Brüder an Genie und Kühnheit. Der Tod, der ſie alle niedergeworfen, ſteht jetzt auch vor Euch und Ihr habt das mit ihnen vor mehr als einem Jahrhundert begonnene Werk der Befreiung noch nicht vollendet. Das wiederhergeſtellte Königthum bedrückt noch England und auf eurem Körper, in welchem heute eine freie Seele wohnt, wird morgen geknechtete Erde ruhen.« „Das weiß ich leider nur zu gut,« murmelte Lucy's Vater,„und wenn ich auch mit heiterer Stirn in das Grab hinabſteige, ſo wird mein Herz deswegen nicht weniger von Schmerz zerriſſen.“ Percy Kirke ſchien von der unwillkürlichen Entmuthi⸗ gung unter welcher ſich die Stirn des edlen Greiſes beugte, tief ergriffen zu werden. 1 41 „Ja,« rief er,»ich verſtehe eure Verzweiflung; wenn aber ſich Jemand fände, der zu Euch ſpräche:„Die von Euch geträumte Zukunft könnt Ihr noch ſehen. Warum ſeufzet Ihr über ſo viel vergoſſenes Blut, über alle dieſe Gräuel des Bür⸗ gerkrieges? Hat Gott nicht zu den Nationen geſagt: Ihr wer⸗ det eure Freiheit gebären, wie ein Weib Kinder gebiert— unter Schmerzen, Aechzen und Blut? Wer weiß nicht, wie vorübergehend und unbeſtändig Jacobs Sieg iſt? Man ändert die Sitten eines Volkes nicht mit derſelben Leichtigkeit, wie man einer Armee ein Grab öffnet. Aber gibt dieſer Sieg, wie kurz auch ſeine Dauer ſeyn möge, deswegen heute weniger den Tod? Die Tage, welche kommen, werden beſſer ſeyn. Der furchtbare Feind des Papismus und Ludwigs XIV., Wilhelm von Oranien, ſteht, ſein Auge auf England heftend, an den Geſtaden Hollands. Jeder, der ſein Lager durchwandert hat, weiß, daß auf das erſte Signal, welches von dem entgegen⸗ geſetzten Strande ausgeht, Wilhelm an dieſem landen wird. Die engliſche Freiheit wird an ihm eine Zuflucht finden, denn König, wenn er will, in Holland, wird er in England nur Statthalter ſeyn! Wohlan, Sir Charles, der Mann, der dies ſagt, iſt gefunden und dieſer Mann bin ich. Fliehen wir nach Holland. Ihr ſeyd mit Monmouth unterlegen, mit Wilhelm werden wir ſiegen.« Während der ganzen Zeit, wo Percy Kirke ſprach, gab Sir Charles Murray's Geſicht auch nicht die mindeſte vor⸗ übergehende Freude zu erkennen. Streng und unerſchütterlich wendete er das Geſicht ab und machte eine abwehrende Geberde. »Nein,« ſagte er,»ich verlange nichts von Euch und nehme auch nichts von Euch an.« 42 Die Augenbrauen des Generals runzelten ſich und ein unheimlicher Blitz leuchtete in ſeinem Auge. „Das heißt die Hand Gottes zurückſtoßen!« rief er. „Die blutige Hand, welche Ihr mir bietet, verdient die⸗ ſen Namen nicht,« antwortete Murray, deſſen Lippen ſich zum Zeichen der Verachtung und des Widerwillens emporzogen. „Und dieſer Gott, welcher heute meiner Stirn den Stempel des Todes aufgedrückt hat, wird auch ohne mich ſein Volk be⸗ freien.⸗ „»Was wagt Ihr zu ſagen, unglücklicher Fanatiker?« „Ich ſage: den Menſchen kann man tödten, die Idee aber lebt.“ „Nicht immer. Der Hauch des ſiegenden Despotis⸗ mus hat zuweilen die Idee ſammt dem Menſchen dahinge⸗ rafft.« „»Ja, aber es geſchah, um ſie weiter in Zeit und Raum auszuſäen. Wißt Ihr nicht, daß der Sturm, indem er den Baum entwurzelt, fruchtbaren Samen über die ganze Erde ausſtreut?« 1 „Man kann dieſen Samen erſticken.« „Hat man vielleicht den erſtickt, welchen der Sturm des Todes, der von Golgatha herabwehte, über die Welt aus⸗ ſtreute? Nein, er hat Wurzel geſchlagen unter den Völkern und dieſe Wurzeln haben, um in fruchtbaren Boden zu drin⸗ gen, den alten römiſchen Granit geſprengt.“ „Welche Aehnlichkeit aber beſteht zwiſchen euren Empö⸗ rungen und dem Tod Chriſti?* „Brauche ich Euch erſt zu ſagen, daß jeder Menſch, der mit einem edlen, großen Gedanken ſtirbt, ein Wohlthäter ſei⸗ nes Geſchlechts iſt? Je höher Ihr das Opfer ſtellt, um es zu tödten, deſto mehr Freunde begrüßen es mit Blick, Geberde Kn 43 und Stimme und jeder Tod wird mit Wucher belohnt, wenn ein ganzes Volk ruft: Es iſt ſchön, ſo zu ſterben!“ »Ich höre hier nur die Stimme des Bürgers und nicht die des Vaters. Eure Tochter—« „Meine Tochter wird, wenn das Leben ihr eine Schmach⸗ werden ſoll, eben ſo zu ſterben wiſſen wie ich.⸗ »Aber warum rettet Ihr ſie nicht und Euch mit ihr? Sie werde mein Weib!« „Euer Weib! Ach niemals wird der Tod, in wie ent⸗ ſetzlicher Geſtalt Ihr mir ihn auch vor Augen haltet, mir ſo viel Schrecken und Entſetzen einflößen wie dieſer Gedanke.« Percy Kirke ſtieß ein Gebrüll der Wuth und des Schmerzes aus. Die Adern ſeiner Stirn ſchwollen auf ſeine Augen wurden blutroth und ſeine Fäuſte ballten ſich. „Fluch und Verdammniß!« heulte er, indem er auf den unbeweglichen alten Puritaner zuſtürzte.»Ha, Ihr wollet ſelbſt in dieſer letzten Stunde nicht, daß eure Tochter mein Weib werde, daß ſie meinen Namen trage! Nun, bei allen Furien der Hölle, eure Tochter ſoll meine Maitreſſe ſeyn! Sie wird den Namen tragen, den Ihr ſo eben jenen Frauen gabt, welche das Geräuſch ihres Gelächters, ihrer Lieder und ihrer Küſſe mit den letzten Wehklagen der Sterbenden miſchten.⸗ »Wohlan,“ ſagte mit ſtoiſcher Ruhe und übermenſch⸗ lichem Lächeln Luch's ungluͤcklicher Vater,„»der unerſchrockene Percy Kirke ſcheint nicht das ſichere Aſyl zu kennen, welches der Tod gegen die Schande gewährt!— Und doch hatte ich Recht— Ihr übertrefft noch Jeffreys. Allein ſehet, General, ich intereſſire mich zu ſehr für euren Ruhm, als daß ich Euch nicht Gelegenheit geben ſollte, ihn noch zu vermehren. Jeffreys erſchreckt allerdings die Städte durch die zerſtückelten Cada⸗ ver, welche er in ſo reichem Maße unter ſie austheilt, aber 44 ſeine Wuth entbehrt des Scharfſinnes, der Intelligenz und der Wahl. Ihr könnet etwas Beſſeres thun. Höret mich an. An dem Tage von Dunbar war ich neunzehn Jahre alt. O, wenn Ihr wüßtet, wie damals mein Herz ſchon bei dem Namen der Freiheit pochte! Mein Herz in Dunbar!— Zur Zeit der Schlacht von Worceſter war ich zwanzig Jahre alt. Ich be⸗ gann Cromwell zu verſtehen und dennoch kämpfte ich für ihn.— Mein Kopf in Worcheſter!— Bei der Einnahme von Tedah—« Sir Charles Murray ward durch einen heiſern Ausruf der Freude unterbrochen. Es war Percy Kirke, welcher dieſen Ruf ausſtieß, als er plötzlich die Thür ſich öffnen und Lucy in die Arme ihres Vaters ſtürzen ſah. IV. Der vergiflete Becher. Vater und Tochter hielten ſich lange umſchlungen. Welche Feder vermöchte zu ſchildern, welcher herzzerreißende Schmerz und welche bittere Freude in dieſer Umarmung lag?« Sir Charles Murray's Seele ward durch die Thränen ſeiner Tochter nicht erweicht, ſondern ging triumphirend hervor aus dieſer gefahrvollen Prüfung. „Ich rechnete auf Dich, mein Kind,« ſagte er, ſobald er ſeine erſte Gemüthsbewegung überwunden hatte,»und ich ſagte eben dem General, daß Du gerade ſo wie ich zu ſterben wiſſen würdeſt, wenn man Dir jemals zwiſchen Tod und Schande die Wahl ließe. »Und Ihr habt Recht daran gethan, mein Vater,* ant⸗ 45 wortete Lucy, indem ſie ſich von Sir Charles Murray's Bruſt emporrichtete.„Die Gnade, ſtets Deiner würdig zu bleiben, um welche ich Gott ſo inbrünſtig angefleht, dieſe Gnade hat Gott. dies fühle ich, mir gewährt. Aber vielleicht will er nicht, daß Ihr ſterbet, mein Vater, und deshalb laſſet mich an ſeiner Güte nicht verzweifeln. O, wenn Ihr wüßtet— ja durch ſeinen offenbaren Willen habe ich ſo eben ein Geheimniß erfahren— ein Geheimniß, welches, wie ich überzeugt bin, den Haß des Generals beſänftigen und ſeinen Rachedurſt be⸗ ſchwichtigen wird.“ Indem Lucy dieſe Worte ſprach, drehte ſie ſich nach Percy Kirke herum. Anfangs ſchwieg ſie und ſenkte die Augen zu Boden, als ob ſie die geeignetſten Worte ſuchte, um den Mann zu rühren, von welchem das Leben ihres Vaters ab⸗ hing. Würdevoll in ihrer edlen Haltung und im Zauber rei⸗ ner Jungfräulichkeit ſtrahlend, eher dem Redner ähnlich, wel⸗ cher zu rühren trachtet, als dem Bittenden, welcher auf die Knie niederſinkt, erinnerte ſie an die Antigone des Sopho⸗ kles, welche die Eumeniden zu Gunſten des Oedipus anfleht. Ehe ſie noch die Lippen geöffnet hatte, war Percy Kirke bewegt und überzeugt. Der berauſchte Blick des Soldaten von Tanger ruhte auf dem Antlitz Lucy's, in welchem mit männ⸗ lichem Muthe und chriſtlicher Ergebung ertragene Leiden und⸗ Beſchwerden ihre Spuren zurückgelaſſen, auf ihrem goldblon⸗ den nachläſſig im Nacken aufgebundenen Haar, auf den herr⸗ lichen Umriſſen ihres Halſes und ihrer Schulter, mit einem Worte auf jener engelgleichen Schönheit, deren Anmuth alle Bewegungen regelte, ſelbſt die des Schmerzes. »Ich weiß nicht, was Ihr mir mittheilen wollt, Miß Lucy,« ſagte Percy Kirke ihr zuvorkommend,»aber verban⸗ net die Bewegung, in der ich Euch ſehe und die Ihr Euch 46 vergebens bemüht zu verbergen. Um das Leben eures Va⸗ ters zu retten, bedarf es nur wenig. Erkennet dann, daß die Beleidigung, die mir durch ihn angethan worden, unverdient war und macht ſie wieder gut.« „Das komme ich auch eben zu thun, General.“ antwor⸗ tete die Tochter des Puritaners.„Höret mich Beide an. Ich befand mich in dem ſichern Aſyl, welches ich ſo glücklich gewe⸗ ſen bin zu finden. Eine Perſon, zu welcher ich vollkommenes Vertrauen habe, hatte mich dringend erſucht, darin zu blei⸗ ben, bis ſie wiederkäme. Sie ging aus, um für unſere theuer⸗ ſten Intereſſen zu wirken und verſprach mir noch vor vier Uhr wiederzukommen. Ich ſah ſie aber nicht wieder erſcheinen. Außer mir vor Angſt wegen der Verkündung eures Todes, mein Vater, die ich den ganzen Tag hindurch wiederholen hö⸗ ren, brachte ich nun den Plan in Ausführung, den ich ſeit dieſem Morgen gefaßt, und verließ das Haus, um hierherzu⸗ eilen. Kaum hatte ich es verlaſſen, ſo begegnete ich William, dem treuen William, der eben nach Hauſe zurückeilte. Seine Miene war verſtört, ſeine verwundete Hand blutete. Er hielt mich auf und bat mich, ihm einen Augenblick Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Er hätte, ſagte er, mir ein Geheimniß von der größten Wichtigkeit mitzutheilen, welches meine Bitte um das Leben meines Vaters bei Euch, General, mächtig unterſtützen würde. Ich hörte ihn an. Gleich durch ſeine erſten Worte er⸗ fuhr ich etwas, was ich bisher noch nicht gewußt— den Be⸗ weggrund, wegen deſſen mein Vater, nachdem er Euch meine Hand bereits zugeſagt, ſein Wort wieder zurücknahm. Ich be⸗ ſitze jetzt nicht die nöthige Gemüthsruhe und übrigens iſt auch jetzt nicht der geeignete Augenblick in umſtändliche Einzelnhei⸗ ten einzugehen. Wiſſet daher in kurzen Worten, mein Vater, daß der General Percy Kirke nicht blos nicht der Mörder eures Freundes Lord John Lisle iſt, ſondern daß er im Ge⸗ gentheile das edle Opfer von Lauſanne gerächt und einen ſei⸗ ner Mörder umgebracht hat.« »Was ſoll das heißen?« rief Percy Kirke im höchſten Grade erſtaunt und überraſcht.»Hat man mich vielleicht ange⸗ klagt, Lord John Lisle's Mörder zu ſeyn?« »Spielet nicht den Erſtaunten, General,« unterbrach ihn Sir Charles Murray im Tone der Entrüſtung,„und Du, meine Tochter, wiſſe, daß Alles, was Du mir ſagen kannſt, nicht das peremtoriſche Zeugniß eines materiellen Beweiſes entkräften wird, einer—« »Von Lord John Lisle geſchriebenen und unterzeich⸗ neten Erklärung, wollt Ihr ſagen, mein Vater, ich weiß es.⸗ »Nun, iſt ſie vielleicht falſch und will man mich die Handſchrift meines alten Freundes kennen lehren?« »Allerdings hat Lord Lisle dieſe Erklärung geſchrieben und unterzeichnet, aber— o höret mich, ich bitte Euch inſtän⸗ dig darum, geliebter Vater. Der Bruder des Mörders, den Ihr umbrachtet, General, kam nach eurem Weggange wie⸗ der in Lord John Lisle's Haus zurück. Der unglückliche Greis athmete noch, aber ſeine Gedanken waren ſchwach, ſein Ver⸗ ſtand beinahe erloſchen. Der Böſewicht zeigte ihm den Dolch, der ihm in die Bruſt geſtoßen worden. Auf dieſem Dolch ſtand der Name des Capitäns Barca. Dieſen Namen trug der General auf ſeiner Reiſe nach Lauſanne. Was den Dolch betraf, ſo hattet Ihr ihn, wie ſich ſpäter ergab, an demſelben Abend im Spiele verloren. Dieſer Waffe hatten ſich die Mör⸗ der ohne Zweifel bedient, um den Verdacht auf einen Andern zu lenken. Verſteht Ihr nun, mein Vater?— Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich ausſpreche. Mein Gemüth iſt ſo unruhig. Der unglückliche Lord hat dann die Worte geſchrieben: Der 48 Capitän Bareg iſt mein Mörder, hierauf hat er ſeine Na⸗ mensunterſchrift beigefügt und iſt geſtorben.« »Aber, meine Tochter, warum hat William uns dies nicht ſchon früher geſagt? woher weiß er es? Von wem hat er dieſe unwahrſcheinliche Geſchichte?« 1 „Erſt ſeit einer Stunde kennt er ſie, mein Vater. Und in der That, Ihr werdet geſtehen, daß in der Art und Weiſe, auf welche er die nähern Umſtände dieſes Verbrechens erfah⸗ ren, das Walten der Vorſehung ſich nicht verkennen läßt. Er ging auf der Straße an der Herberge»zum engliſchen Wappen« vorüber, als er in dieſes Haus denſelben Men⸗ ſchen, der ihm auf der Straße von Lauſanne eure Briefe geraubt, den vermuthlichen Mörder des Lord John Lisle ein⸗ treten ſah. Er folgte ihm in das Haus und ging hinter ihm die Treppe hinauf. Der Mann öffnete ein Zimmer und ging hinein. William eilte in das Zimmer nach und packte ihn beim Kragen, um ihn wegen des Todes ſeines Herrn zur Rede zu ſtellen. Der arme alte Mann aber hatte ſeine Kräfte zu hoch⸗ angeſchlagen. In dem Kampfe, welcher folgte, verſetzte ſein Feind ihm einen Dolchſtich durch die Hand, warf ihn zu Bo⸗ den, kniete ihm auf die Bruſt und ſagte:„Du folgſt mir überall hin und Du willſt mich umbringen, weil Du in mir den Mörder des Lord John Lisle ſiehſt.— Wohlan, ja ich bin es, und wenn Dir daran liegt, ſo will ich Dir die Geſchichte die⸗ ſer Expedition erzählen.« Hierauf theilte er ihm mit empören⸗ der Keckheit einen vollſtändigen Bericht über das mit, was Ihr, mein Vater, und Ihr, General, bereits wißt. Dann zeigte er ihm den Dolch, auf welchem der Name des Capitäns Barca eingravirt iſt und ſetzte hinzu:»Freue Dich, denn ich habe Dir ein große Ehre angethan, indem ich dein Blut mit derſelben Waffe vergoſſen habe, welche deinen Herrn getödtet —3 99 49 hat. Zur Erkenntlichkeit dafür wirſt Du mir einen kleinen Dienſt erweiſen. Geh und ſuche den General Percy Kirke auf, der Niemand anders iſt als der Capitän Barca. Sage ihm in meinem Auſtrage, daß ich der Bruder des armen Knaben, den er in Lauſanne ermordet, und die Urſache bin, daß er von Sir Charles Murray aus deſſen Hauſe ver⸗ wieſen ward, weil ich dieſem durch ein unſchuldiges junges Mädchen die Erklärung des Lord John Lisle zuſendete. Sage ihm ganz beſonders, daß ich ihm früher oder ſpäter mit die⸗ ſem ſelben Dolch das Herz durchbohren werde.— Nachdem er dieſe Worte geſprochen, entflieht er und läßt den durch den Kampf und Blutverluſt ermatteten armen alten William liegen.« Als Lucy mit ihrer Erzählung fertig war, machte ſie eine Pauſe und ließ ihren feuchten Blick von ihrem Vater auf Percy Kirke ſchweifen, welche Beide einander erſtaunt anſahen. »Wohlan, mein Vater,“ fuhr ſie fort,»wohlan, Ge⸗ neral, hatte ich nicht Recht, als ich ſagte, daß in allem dieſen der Finger Gottes deutlich zu ſehen iſt, und werdet Ihr nach dieſer Enthüllung noch fortfahren einander zu haſſen?« Ein längeres Schweigen folgte auf dieſe Worte. Percy Kirke brach es zuerſt. »Ich haſſe euren Vater nicht, Miß Lucy,« ſagte er in ernſtem, obſchon ſanftem Tone,„und ich habe ihn auch nie⸗ mals gehaßt. Wenn meine Verſicherung eines Beweiſes be⸗ dürfte, ſo würde ich Sir Charles Murray's eigenes Zeugniß anrufen. Fragt ihn, Miß Lucy, welche Anerbietungen ich ihm gemacht habe, ſeitdem wir Beide allein hier ſind. Er hat ſie mit einem Ausdruck des Haſſes und der Verachtung zurückge⸗ Der Tiger von Tanger. VIII. 4 50 wieſen, den ich mir jetzt erklären kann. Ich war in ſeinen Augen ein Meuchelmörder, der feige Meuchelmörder eines Greiſes, ſeines Freundes!— Die Sache hat ſich jedoch für ihn eben ſo aufgeklärt, als für mich. Eure himmliſche Stimme, Miß Lucy hat, indem ſie mir die verborgene Urſache ſo vieler blutigen Beleidigungen offenbart, ihm zugleich ſeinen Irr⸗ thum gezeigt. Er verzeihe mir meine Aufwallungen gegen ihn, eben ſo wie ich ihm das Unrecht verzeihe, welches er an mir begangen.« Indem der General dieſe Worte ſprach, näherte er ſich dem alten Puritaner und bot ihm die Hand. »Vergeſſen wir die Vergangenheit,« ſagte er zu ihm. „Ich kann, ich will Euch retten. Seyd Ihr nun damit einver⸗ ſtanden, Sir Charles?« Sir Charles Murray aber ſchlug in die dargebotene Hand nicht ein. Er blieb kalt und unbeweglich und heſtete auf Percy Kirke einen Blick, in welchem ſich ruhige, aber un⸗ überwindliche Entſchloſſenheit ausſprach. „Ich will gern glauben,« antwortete er in ruhigem Tone,„daß im Dunkeln eine hölliſche Intrigue gegen Euch geſponnen worden iſt und daß ich dadurch getäuſcht worden bin. Aber ſeyd Ihr deswegen weniger ein Mörder? Hat die Hand, welche Ihr mir bietet, nicht ſo eben erſt das Vater⸗ land niedergeſchlagen, welches ein verhaßtes Joch abzuſchüt⸗ teln ſuchte? Nein, nein, General, ich mag nichts von Euch. Anſtatt mir ſolche Opfer zu bringen, ſparet Euch lieber für die reichen Belohnungen auf, welche Jacob Stuart Euch füͤr ſo viel vergoſſenes Blut gewähren wird.« »Wer weiß beſſer als Ihr, welche Beleidigungen mich bewogen haben, in ſeinem Dienſte zu bleiben?« 1 51 »Seit wann aber rächt ſich ein Mann von Ehre für eine perſönliche Beleidigung an ſeinem Vaterlande?« Lucy ſenkte mit bekümmerter Miene das Haupt. Sie fühlte ihre letzten Hoffnungen ſchwinden und ihr Herz brechen, aber die kindliche Bewunderung, welche ein ſo hoher Muth ihr einflößte, bewog ſie, ein ehrerbietiges Schweigen zu beobachten. Mit thränenvollen Augen und in der furchtbaren Erwartung deſſen, was nun kommen würde, flüchtete ſie ſich in die Arme ihres Vaters. Was Percy Kirke betraf, ſo ergrimmte ſich ſeine despo⸗ tiſche Natur über dieſen Widerſtand und dieſe wiederholten Zurückweiſungen. Beinahe hätte ſie ſich mit einem neuen Ausbruch von Wuth gegen die unbeugſame Logik des alten Puritaners erhoben, in welcher er nur fanatiſche Arroganz und unüberwindliche Hartnäckigkeit ſah. Aber Lucy war da und ihr Blick, ihr Hauch, ſchon ihre Gegenwart hielten den zornmüthigen Tyrannen im Zaum. Er faßte ſich und in einem Tone, der faſt wie eine Klage lautete, ſagte er zu ihr: »Beruhigt Euch, Miß Lucy. Ihr ſehet, daß auch ich ru- hig bin. Ich könnte es nicht ſeyn, aber ich fühle, daß von Euch eine geheimnißvolle Kraft ausgeht, welche auf mich die⸗ ſelbe Wirkung äußert, wie Davids Harfe auf den armen Saul. Dieſe Kraft löſcht meinen gerechteſten Zorn aus. Dieſe Kraft und dieſer Wohlklang beſchwichtigen mein Gemüth, welches man zu reizen und zu verdüſtern bemüht iſt. Miß Lucy, ich gebe Euch hier einen unwiderleglichen Beweis von meiner Liebe. Euer Vater hatte mir eure Hand zugeſagt— er nahm ſein Wort wieder zurück— Ihr wißt warum— an ſeiner Stelle hätte ich eben ſo gehandelt. Jetzt aber weiß er, daß er ſich irrte. Warum gibt er mir nicht heute zum Lohn : 2* 5 D für ſo viel Selbſtverläugnung das zurück, was ich abermals von ihm verlange, deſſen ich würdig bin— eure Hand, Miß Murray?« „»Niemals wird der Name, den Ihr da ausſprechet, mit dem eines Knechtes Jacobs und Jeffreys' vereinigt werden!« rief der unbeugſame Greis, indem er aus ſeiner ſcheinbaren Ruhe erwachte. „Mein Vater, ach, was thut Ihr!« murmelte Lucy ſchwankend und mit matter Stimme. Kirke hatte bei den erſten Worten des alten Puritaners die Hand auf die Bruſt gelegt, wie um die Schmerzen zu be⸗ ſchwichtigen, die er in ſeinem Innern fühlte. „Dieſer Mann iſt von Sinnen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt. „Doch gleichviel, möge es Wahnſinn oder unüberwindlicher Stolz ſeyn— nun iſt es genug.« Ruhig und düſter lenkte er ſeine Schritte nach der Thür, öffnete ſie und rief mit einer Stimme, welche das Haus durch⸗ hallte wie ein Donnerſchlag: „»Capitän O'Brien, ſeyd Ihr da?« „Ja, General.« antwortete der Offizier, welcher mit Barry und Nicolay in dem Parterrezimmer war. „»Kommt herauf,“ rief Perch Kirke wieder,»kommt herauf und bringt einige Soldaten mit!« Einen Augenblick ſpäter trat O'Brien von vier Läm⸗ mern begleitet in den Saal. „»Capitän,« ſagte der Obercommandant der königlichen Armee,»laßt dieſen Rebellenanführer ergreifen und führt ihn auf die Gaſſe vor dieſen Balcon. Dann werdet Ihr meine Befehle erwarten, um ihn an der Eiſenſtange des Aushäng⸗ ſchildes aufzuknüpfen.« 1 53 Luch entriß ſich den Armen ihres Vaters und warf ſich Perch Kirke zu Fäßen. »Gnade, General, Gnade!“ rief ſie, indem ſie die Hände bittend zu ihm emporſtreckte. Der Soldat von Tanger blieb kalt vor dieſem durch⸗ bohrenden Ruf. »Wir werden ſogleich über dieſe Gnade ſprechen, Miß Lucy,« antwortete er mit gräßlicher Ruhe, dann ſetzte er zu O Brien und den Lämmern gewendet hinzu:»Gehet!« »Erinnere Dich deines Verſprechens, meine Tochter,« rief Murray mit trotz ſeiner Willensſtärke zitternder Stimme. „»Auch als den Tigern des Circus vorgeworfene Märtyrin bleibe würdig deines Vaters, würdig deines Gottes.« »Ich will mit Euch ſterben, mein Vater!« Indem Luchy dieſe Worte ſprach, wollte ſie dem alten Puritaner nacheilen, der eben von den Soldaten fortge⸗ ſchleppt ward. Percy Kirke packte ſie am Arme und hielt ſie zurück. Die Thür des Saales ſchloß ſich. Mittlerweile hatte die in dem obern Stockwerk in dem Zimmer des Generals gefangen gehaltene Suſanne den Ruf Kirke's gehört, als derſelbe dem Capitän O Brien befahl zu ihm heraufzukommen. »Was geht denn unten vor?« fragte ſie Bell, der ſie nicht aus den Augen ließ,„und warum ſchreit der Gene⸗ ral ſo?« Der Soldat näherte ſich der Treppe, neigte ſich über das Geländer und horchte eine Weile. Dann kehrte er lachend in das Zimmer zurück. »Der Streich iſt gut,« ſagte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend.„Ha, der Capitän Barca, der Capitän Barca! 54 Daran erkenne ich ihn! Welch ein Mann, mein Gott, welch ein Mann! Auf der ganzen Erde würde man vergebens ſeines Gleichen ſuchen. Es iſt nicht wohlgethan, ihn zum Beſten ha⸗ ben zu wollen, denn er weiß die Widerſpenſtigen zu zwingen. Welch ein Mann! Er hat ſtets Mittel bereit, um das, was er unternimmt, auch durchzuſetzen. Manchmal freilich iſt dieſes Mittel nicht das zarteſte— aber dann iſt es um ſo beſſer. Ha, welch ein wunderbarer Mann und wie ſtolz iſt man, ſich ihm widmen zu können!« »Ich habe Euch gefragt, was unten vorgeht,« rief Su⸗ ſanne ungeduldig,„und Ihr antwortet mir mit euern Lita⸗ neien zu Ehren eures würdigen Patrons.⸗ »Was unten vorgeht, wollt Ihr wiſſen?« antwortete der Soldat.„Ich habe es Euch ja ſchon geſagt— ein guter Streich, ein ſehr guter Streich!« „Erkläret Euch deutlicher.⸗ »Die Tochter des alten Rebellenanführers iſt unten mit dem General eingeſchloſſen—« »Und mit ihrem Vater?« fragte die Irländerin raſch. »Nein, jetzt nicht mehr. Der General hat ein vortreffli⸗ ches Mittel gefunden, um ſich des Alten zu entledigen und die Tochter bei ſich zu behalten. Man führt ihn jetzt vor die Her⸗ berge. Der Capitän O Brien ſoll die Befehle des Generals erwarten, ehe er ihn aufknüpfen läßt. Der alte Puritaner kann ſicher darauf rechnen, daß ſein letztes Brot gebacken iſt, wenn ſeine Tochter nicht für ihn bezahlt. Und wenn Ihr wünſchet, daß ich Euch Alles ſage, ſo fürchte ich, daß er, wenn auch dieſes Löſegeld für ihn bezahlt iſt, dann doch nochgehängt wird. Nicht wahr, dieſer Streich iſt nicht ſchlecht?« Bell unterbrach ſich plötzlich und ſah Suſannen mit er⸗ ſtaunter Miene an. 3 5⁵ „»Nun,“« rief er,»was fehlt Euch denn auf einmal? Wie bleich Ihr werdet! Iſt Euch unwohl geworden? Ach ja, ich ſehe ſchon, was es iſt. Ich habe es nicht recht gemacht, Euch zu ſagen, daß der General ſich mit einem hübſchen Mäd⸗ chen eingeſchloſſen hat. Es iſt dies eine Dummheit, die ich da begangen habe. Wenn er es erfährt, ſo kann ich mich nur in Acht nehmen. Aber Ihr werdet ihm nichts ſagen, nicht wahr, meine Schöne?« Suſanne gab keine Antwort. Während der Soldat ge⸗ ſprochen war ſie in tiefe Betrachtungen verſunken. Die Bläſſe ihres Geſichtes, ihre Augenbrauen, die ſich mit eigenthümlicher Beweglichkeit bald zuſammenzogen, bald wieder ausbreiteten, ihr bald düſterer bald funkelnder Blick, ihre bebenden Lippen, das unarticulirte Murmeln, welches dieſelben hören ließen, die fieberhafte Aufregung, deren Beute ihr ganzes Weſen war, verriethen ſichtbar, daß zwei entgegengeſetzte Ideen in ihr kämpften. Bell deutete dieſe leidenſchaftlichen Kundgebungen aber⸗ mals falſch. »Ja“ ſagte er,»ich habe wirklich verdient, daß man mich aufhängt. Meine verwünſchte Zunge hat Euch in dieſen Zuſtand verſetzt. Woran dachte ich nur, daß ich Euch ſo etwas mittheilte? Was brauchte ich auf dieſe Weiſe eure Eiferſucht rege zu machen?« »Wohlan, ja, ich bin eiferſüchtig!« rief plötzlich Su⸗ ſanne, indem ſie auf den Soldaten einen langen, beſtrickenden Blick heftete, der ihm durch und durch ging.»Ja, ich bin eiferſüchtig— und da der General mich auf dieſe Weiſe hin⸗ tergeht und Andere liebt, ſo ſollte ich— doch nein nein, ich bin von Sinnen— ſo darf ich mich nicht an ihm rächen. Und übrigens ſeyd Ihr Soldaten ihm viel zu ſehr ergeben, und zu 56 ſehr ſeine kriechenden Sclaven, als daß Ihr wagtet, die Augen zu einer ſeiner Maitreſſen zu erheben.« Bell taumelte wie ein Trunkener. Suſannens Worte trieben ihm das ganze Blut in das Herz zurück, welches ſo heftig pochte, daß er einen dumpfen Schmerz darin empfand. Seine verſtörten Blicke ſuchten die Irländerin und begannen von einem unheimlichen Feuer zu erglühen. »Laſſet mich hinaus, damit ich ihn mit Vorwürfen über⸗ häufel« rief Suſanne, indem ſie auf die Thür zueilte. »Ich kenne nur meine Inſtruction,« ſagte Bell mit zit⸗ ternder Stimme;„ich habe dem General verſprochen, daß Ihr nur über meine Leiche hinweg dieſes Zimmer verlaſſen ſolltet— ich werde mein Wort halten.« Während der Soldat dies ſagte, hatte er Suſannen ge⸗ faßt. Die nothwendige Berührung ſeiner Hände mit ihrem Körper ſchien das Blut in ſeinen Adern in Feuer zu verwan⸗ deln. Die Irländerin riß ſich von ihm los und maß das Zim⸗ mer mit großen Schritten. »Er will mich nicht hinauslaſſen,« ſagte ſie bei ſich ſelbſt.»Ich muß aber hinaus!— Ohne Zweifel ſchläft Henrh jetzt.— Die Natur ſtärkt ſeine Kräfte durch einen wohlthätigen Schlaf. Dieſer Schlaf muß unterbrochen wer⸗ den. Henry muß die entſetzliche Gefahr wiſſen, in welcher Lucy ſchwebt. Ohne Zweifel wird er kaum den Degen halten können, aber es iſt beſſer, er ſtirbt mit von Kirke's Klinge durchbohrter Bruſt, als wenn ihm das Herz durch die Ver⸗ zweiflung zerriſſen wird. Und wer wird ihn benachrichtigen, wenn ich es nicht thue?— Und wie ſoll ich ihn warnen, wenn ich dieſes Zimmer nicht verlaſſen kann? Ich muß alſo hinaus. Aber ſoll mir ein Verbrechen den Weg bahnen? Doch, was kommt darauf an! Gibt es wohl gegen von der 57 Hölle ausgeſpieene Henkersknechte eine Waffe, die nicht er⸗ laubt wäre?« Suſanne blieb plötzlich vor einem Tiſche ſtehen, auf wel⸗ chem ein Glas und eine Flaſche Xereswein ſtanden. Sie füllte das Glas, ſetzte es an den Mund, trank einen Schluck, hielt es eine Zeitlang in den Händen, beſah dann die Flüſſigkeit gegen das Licht, bewegte die Lippen, als ob ſie von dem edlen Getränk Vergeſſenheit ihres tödtlichen Kummers erwartete, dann ſetzte ſie den Becher auf den Nebentiſch, ſchritt auf den Soldaten zu und vollendete durch einen abermaligen Blick die Niederlage des Unglücklichen. »Findeſt Du mich ſchön, mein ſchöner Soldat?« fragte ſie ihn. Der Soldat faltete die Hände und hob ſie hoch empor. »Willſt Du mich lieben?« fuhr die unwiderſtehliche Sy⸗ rene fort. Bell ſank auf die Knie nieder. »Wohlan, dann erhebe Dich und trinke auf unſere Liebe.⸗ Sie führte den ſeiner Sinne nicht mehr mächtigen Sol⸗ daten an den Tiſch, bot ihm das Glas mit gebieteriſchem Lä⸗ cheln und rief: »Trink, trink auf meine Schönheit die ich Percy Kirke nehme und Dir gebe!« Der Soldat leerte den Becher auf einen einzigen Zug, taumelte und ſchlug ſchwerfällig auf die Diele nieder. »Nun bin ich freil« murmelte Suſanne.„Möge Kirke mögen Alle, die ihn lieben, auf gleiche Weiſe ſterben! Eilen wir nun zu Henry, beſchleunigen wir unſern Schritt, denn ich habe keinen Tropfen Gift mehr übrig.« Und mit dieſen Worten eilte ſie aus der Herberge„zum weißen Hirſch« hinaus. V. Die moraliſche Corkur. Sobald Luchy ihres Vaters beraubt ſich allein mit Percy Kirke eingeſchloſſen ſah, begriff ſie, daß es keine Hoff⸗ nung mehr für ſie gäbe, und daß der Tod ihre einzige Zu⸗ flucht ſey. „»Mein Gott,« murmelte ſie,»ich bitte Dich nur um eine Gnade. Verleihe mir die Kraft, meinen Vater ſterben zu ſehen und ich werde auch Deiner würdig zu ſterben wiſſen— würdig ſeiner und würdig Henry's.« Nachdem ſie dieſes kurze, inbrünſtige Gebet geſprochen, fühlte ſie, daß ihr Muth ſich zur Höhe der Gefahr erhob. Eine Energie, die ſie noch niemals empfunden, ſchien ſie zu ſtärken, ſo wie das heilige Oel, mit welchem die Prieſter die jungen Chriſtinnen ſalbten, die man in den römiſchen Circus ſchleppte, ſie gegen die Zähne und Klauen des Tigers waff⸗ nete. Aber leider war es kein Tiger, ſondern Percy Kirke, mit dem Lucy es zu thun hatte. Während Murray's Tochter ihre Seele zu Gott erhob, ging der Obercommandant der königlichen Armee mit großen unregelmäßigen Schritten in dem Saale auf und ab. Von Zeit zu Zeit entrang ſich ein wildes Gebrüll, mit dumpfen Flüchen untermiſcht, ſeiner heiſern Bruſt. Bald brach ſeine Wuth furchtbar und drohend über Alle los welche ihm Wi⸗ 59 * derſtand zu leiſten wagten, die nicht vor ſeinem Willen nieder⸗ knieten, die ſeine Launen nicht anbeteten, bald zeigte er ein ſpöttiſches Lächeln, das noch gräßlicher war als ſeine Wuth. »Gott verdamme mich!“ rief er.„Es hätte nicht viel daran gefehlt, ſo hätte Kirke ſich in einen girrenden, ſchmach⸗ tenden Seladon verwandelt! Bei der Hölle! ich dachte ſchon daran, einen Hirtenſtab aus meinem Degen zu machen, dann hätte ich meine Lämmer an den blumigen Ufern eines Fluſſes auf die Weide geführt— hal hal ha! Feigling, der ich war, Feigling, der ich von großen Geſchicken träumte, und mich durch ein Weib auf meinem Wege feſthalten ließ! Jetzt aber Liebe, Ehrgeiz, zügelloſe Leidenſchaften, glühende Töchter der Seele, die ihre Mutter verzehren, ich werde Euch alle befrie⸗ digen!« Zehnmal war er an Lucy vorübergekommen, ohne ſie auch nur zu ſehen. Indem er dieſe letzten Worte ſprach, blieb er plötzlich vor ihr ſtehen. »Ihr ſollt der ſchönſte Diamant des Altars ſeyn, den ich meinen Leidenſchaften errichte, Lucyt« ſagte er in hei⸗ terem Tone. Dann begann er wieder und zwar raſcher als vorher auf⸗ und abzugehen. »Knecht Jacobs und Jeffreys'!« heulte er wie ein zum Tode verwundetes Thier.»Und den Mann, der mir dieſe Be⸗ leidigung ins Geſicht warf, habe ich am Ende eines Strickes. Ich brauche nur ein Zeichen zu geben und ſeine freche Stimme erlöſcht auf ewig in ſeinem fluchwürdigen Munde. Allmächtig ſeyn und ſich zur geeigneten Stunde, nach ſeinem Willen, ſei⸗ ner Bequemlichkeit zu rächen— ſeine Rache zu tragen, wo⸗ hin man will— hier durch den Tod, dort durch Liebkoſun⸗ gen ſtrafen— ha! Wonne der Götter!— Tödten und lie⸗ ben— lieben und tödten— ha, dieſe Worte hallen unauf⸗ 60 hörlich in meinen Ohren. Knecht Jacobs!— Aber dieſen Herrn, den er mir gibt, gedenke ich ja ſchon zu ſtürzen— Knecht Jeffreys'— dieſer alte Starrkopf brauchte ja nur ein Wort zu ſagen, und ich trat den Oberrichter, der nun morgen Großkanzler von England ſeyn wird, mit Füßen. Der Patriot Sir Charles Murray hat es ſo gewollt—⸗ Percy Kirke blieb an dem Fenſter ſtehen, ſchaute auf die Gaſſe hinab und ſchwieg. Er hatte den alten Puritaner geſehen und bei dieſem Anblick umſpielte ein häßliches Lächeln ſeine Lippen. Lucy errieth, was die Freude des Tyrannen er⸗ weckte und in der tiefſten Seele ergriffen, ging ſie raſch auf das Fenſter zu, an welchem der General ſtand. Dieſer ſah ihre Bewegung, gebot ihr durch eine Geberde ſtehen zu bleiben und ſagte: »Noch nicht! noch nicht! Es iſt noch nicht Zeit für Euch, an dieſes Fenſter zu kommen. Ich werde es Euch ſagen, wenn der Vorhang aufgeht, wenn die Perſonen des Stücks auf der Buͤhne erſcheinen. Bis dahin bleibet auf eurem Platze.“« Lucy gehorchte, und während eine neue Anwandlung von Wuth Percy Kirke in den Saal umhertrieb und er ſtumm zwiſchen der Eingangsthür und der des Balcons hin⸗ und her⸗ ſchritt, hob Luch die Augen gen Himmel und murmelte: »O großer, barmherziger Gott! Die heiligen Legenden erzählen uns, daß Du oft die reißenden Thiere beſchwichtigt haſt, welchen deine Märtyrer zur Beute vorgeworfen wur⸗ den. So beſchwichtige auch, allmächtiger Gott, die Wuth die⸗ ſes Mannes, rette meinen Vater, rette mich, wenn es dein göttlicher Wille iſt.« Das leichte und kaum bemerkbare Geräuſch, welches die Lippen der Tochter des alten Puritaners machten, indem ſie dieſe Worte ſprach, drang dennoch bis zu Kirke’s Ohren. ——j„ 61 Er hatte von dem, was Luch ſagte, nichts verſtanden, aber er hatte es errathen. Er kam auf ſie zu und ſagte in plötzlich ſanftem Tone: „Ihr betet? Ihr betet für euren Vater, niht wahr?« »Ja, General.« »Und auch für Euch?« »Auch für mich.« »Warum wendet Ihr Euch an Gott?« »Weil er allein allgütig und allmächtig iſt.⸗ »Das kann wahr ſeyn, aber es gibt Werkzeuge, welche ſeinen Willen ausführen.« »Ja, General, die Engel.« »Nun, warum ruft Ihr denn nicht den mächtigſten, den ſchönſten dieſer Engel an? Warum fordert Ihr denn nicht Euch ſelbſt auf, Euch und euren Vater zu retten?⸗ Lucy begriff, daß der Kampf begann, und gleich dem Athleten, der in die Schranken tritt, raffte ſie alle ihre Kraft und ihren ganzen Willen zuſammen. Verſchmähend, die Frage, die in ihren Augen eine Verruchtheit war, zu beantworten, begnügte ſie ſich ihre Kleider zuſammenzunehmen, wie um mit Anſtand zu fallen, und heftete auf den erſtaunten Kirke einen ruhigen, muthigen Blick. Der Soldat von Tanger muſterte ſie eine Minute lang mit einer Ruhe, die um ſo ſchrecklicher war, als ſie weniger erheuchelt ſchien. Er nahm ſich augenſcheinlich Zeit und ſuchte mit Geduld die ſchwache Stelle des Schildes, mit welchem ſein Opfer ſich deckte. Seine Wuth legte ſich allmälig vor der unerſchütterlichen Sanftmuth Lucy's, und ſein wieder frei und hellgewordener Geiſt geſtattete ihm, mehr Methode in ſeinen Angriff zu le⸗ 62 gen. Er beſchloß Ueberredung anzuwenden und wollte die Seele erobern, ehe er Hand an den Körper legte. »Wie, Miß Lucy,“« ſagte er mit einem Wohlwollen, welches ſie durchaus nicht erwartet hatte,„nur erſt vor we⸗ nigen Augenblicken warft Ihr Euch mir zu Füßen, und ver⸗ langtet mit einem Ausbruche von Verzweiflung die Begnadi⸗ gung eures Vaters. Woher kommt dieſe Reſignation, und— erlaubt mir es Euch zu ſagen— die anſcheinende Gleichgil⸗ tigkeit, die ich jetzt an Euch wahrnehme? Habet die Güte, dieſes hartnäckige Schweigen zu brechen, welches ich mir nicht erklären kann.« „»Wenn ich ſchweige,« antwortete Luch,»ſo liegt der Grund davon darin, daß ich die Zweckloſigkeit des Bittens eingeſehen habe.“ »Ihr kommt Euch alſo mir gegenüber vor wie die fa⸗ belhafte Andromeda, die vor dem Ungeheuer, das ſie zerrei⸗ ßen ſoll, an ihren Felſen gefeſſelt iſt.« „Dieſer Vergleich iſt mir nicht eingefallen, General, aber er iſt richtig und ich mache ihn zu dem meinigen.« „Ich bin alſo in euren Augen ein unerbittlicher Ty⸗ rann?« »„Ja, General.“ »Und Ihr wagt mir das zu ſagen?« „Ich bin entſchloſſen zu ſterben, und Gott wird mir die Kraft ſchenken, wahr und aufrichtig zu ſeyn.« »Euer Muth wäre erhaben, Miß Lucy, wenn Ihr al⸗ lein hier wäret, aber euer Vater ſteht auch da— dort un⸗ ten zwiſchen meinen Soldaten, die nur auf ein Zeichen von mir warten, um ihn vom Leben zum Tode zu befördern. Ver⸗ dient euer Muth wirklich dieſen ſchönen Namen? Sollte man 1 63 ihn nicht vielmehr Härte und Gefühlloſigkeit nennen? Doch nein, Ihr liebt dieſen Greis mit einer erhabenen Liebe—⸗ Lucy ſenkte den Kopf und zwei Thränen rollten über ihre Wangen. Ein eigenthümliches, von ihr nicht bemerktes Lächeln zuckte über Kirke's Geſicht. 3 »Weinet nicht, Miß Luch, weinet nicht,« ſagte er in ſanftem Tone.»Ich werde niemals den Befehl zur Hinrich⸗ tung eures Vaters geben. Vergeſſet meine wahnſinnige Wuth, der ich mich ſo eben noch hingab—« Die arme Lucy hob, als ſie dieſe Worte hörte, ihre Stirn wieder empor und ſah den General an. Sie bebte vor Erſtaunen und Freude, als ſie ſah, daß der Ausdruck ſeines Geſichtes die Worte, die er ſo eben geſprochen, nicht Lügen ſtrafte. »Hal“ rief ſie die Hände faltend,„Gott ſey geprieſen, daß er euer Herz gerührt hat, General. Nun kann ich vor Euch auf die Knie niederfallen, nun kann ich Euch um die Begnadigung meines Vaters bitten. Ich weiß, daß nun mein Gebet erhört werden kann— möge es erhört werden!“« »Aber es iſt ja ſchon erhört, Miß Luch, und Ihr wißt es. Ich habe Euch ſo eben geſagt, daß der Befehl, euren Va⸗ ter hinzurichten, niemals aus meinem Munde kommen wird. Ich werde dem Verſprechen, dem Schwure, den ich Euch leiſte, nicht untreu werden.« Luchy ſank wieder auf die Knie nieder. »Sehd geſegnet, General!« rief ſie;„aber ſetzet eurer Milde, eurer Güte die Krone auf. Laſſet uns fliehen, geſtat⸗ tet, daß wir uns Beide nach Holland einſchiffen oder nach ir⸗ gend einem anderen Lande der Welt, dafern es nur keines iſt, welches dem König Jacob gehört.« Wie kurz auch die Secunde war, welche zwiſchen 64 dieſer Bitte und Percy Kirke's Antwort verſtrich, ſo erwartete Lucy dieſe doch mit der ſchmerzlichſten und angſtvollſten Spannung. »Freuet Euch, Miß Lucy,« ſagte der General.„Ich ſelbſt werde über eure Flucht wachen und alle Geſahren ent⸗ fernen, welche ſie hemmen oder weniger ſicher machen könn⸗ ten. Bleibt nicht ſo vor mir knien, erhebt Euch, Miß Lucy.« Lucy erhob ſich, faßte Kirke's Hände, neigte ihren Kopf auf dieſelben und drückte ſie an ihre Lippen. »Ihr ſeyd ein edler Soldat, ein großmüthiges Herz!« murmelte ſie in der Aufwallung ihrer Dankbarkeit.„Euer Zorn iſt gefährlich, aber er iſt nicht unverſöhnlich. Eure hohe Seele läßt ſich leicht beſchwichtigen. Dies iſt das Kennzeichen der größten Charaktere, der ſchönſten Gemüther. General, Ihr müßt vergeſſen, was mein Vater zu Euch geſagt hat. Der Zorn, der Schmerz war es, was durch ſeinen Mund ſprach Er wird zu Euch zurückkehren, er wird Euch die Hand bieten, ſobald er erfährt—« »Ach, Miß Lucy, möchtet Ihr Euch nicht täuſchen. Das Gemüth eures Vaters iſt ein unbeugſames!— Doch gleich⸗ viel— ich werde ihn retten— ich werde ihn retten— ſei⸗ nem eigenen Willen zum Trotze.« »Es iſt ſchön, was Ihr da ſagt, General!« unterbrach ihn Lucy, ohne ihre Hände zurückzuziehen, welche Percy Kirke in den ſeinigen gefaßt hielt.»Ja, Ihr ſeyd wirklich ein edler Menſch.« » Und der ſich erinnert, daß er einmal euer Gatte werden ſollte, Lucy. Was ich heute für Euch thue, bin ich Euch ſchuldig. Entfernt Euch nicht von mir, Lucy; Ihr laufet keine Gefahr. Ich liebe Euch, ich liebe Euch immer, aber meine Achtung iſt noch größer als meine Liebe.« 1 65 »Kommt, General, kommt und ſaget euren Soldaten, daß ſie mir meinen Vater zurückgeben ſollen.« »Wir werden ſogleich hinuntergehen, Lucy— augen⸗ blicklich, augenblicklich.— Aber warum fliehet Ihr mich ſo? Flöße ich Euch vielleicht dasſelbe Gefühl von Widerwillen ein wie eurem Vater? Ihr antwortet mir nicht, Miß Lucy. Die Beweiſe von Dankbarkeit, welche Ihr mir ſo eben gabet, wa⸗ ren alſo nicht aufrichtig— dies ſehe ich nur zu wohl ein.« »Wie könnt Ihr das glauben, General? Wallte Euch nicht mein ganzes Herz entgegen, als Ihr Euch gegen mich, gegen meinen Vater ſo gütig zeigtet— und wie könnt Ihr Euch jetzt wundern, wenn ich Euch bitte, mich ihm und ihn mir wiederzugeben?« »Ich begreife eure Ungeduld vollkommen, Lucy, aber wir dürfen auch die Klugheit nicht aus den Augen ſetzen. Laſ⸗ ſet mich alle Maßregeln treffen, welche die Rettung eures Va⸗ ters und die eure ſichern ſollen. Ich werde zwei meiner Offi⸗ ziere rufen, deren Mitwirkung ich mir ſchon geſichert habe. Sie werden nach Lyme abgehen— dies iſt der nächſte und übrigens auch der bequemſte Hafen, der, wo wir die ſchnell⸗ ſten und ſicherſten Hilfsmittel finden werden. Es liegen jetzt dort eine Menge Schiffe, welche auf die Verurtheilten warten, die nach den amerikaniſchen Colonien transportirt werden ſol⸗ len. Meine Freunde werden hoffentlich keine große Mühe ha⸗ ben, ſich ein Schiff zu verſchaffen, welches uns nach Holland bringt.« Lucy bebte, von ſchmerzlichem Erſtaunen ergriffen, zu⸗ räck. Die letzten Worte des Generals deuteten ihr nur zu klar den Preis an, den er für ſeine verſprochenen Dienſte zu for⸗ dern im Begriffe ſtand. Ihre Hoffnungen verſchwanden und Der Tiger von Tanger. VIII. 5 66 ſie bereute bitter, ſich ihnen hingegeben zu haben. Mußte ſie nicht den Mann kennen, den ſie vor ſich hatte? Mußte ſie nicht wiſſen, daß hinter dieſer ſcheinbaren Großmuth ein Falſſtrick lag, und hatte er übrigens nicht ſo eben noch von ſeiner ver⸗ hängnißvollen Liebe geſprochen? Sie hatte ſich allerdings in dieſem Augenblicke von ihm entfernt, aber hätte ſie wohl auch nur ein einziges Wort anhören ſollen, nachdem ihr der Gene⸗ ral ſo deutlich zu verſtehen gegeben, daß er ſeinen Heirats⸗ projecten noch nicht entſagt hatte? Alle dieſe Betrachtungen durchzuckten raſch das Gemüth Luch's und verſetzten ſie in eine Verzweiflung, die ſie jetzt kaum die Kraft hatte zu überwinden. Sie fühlte ſich beinahe ent⸗ waffnet. Das unverhoffte Glück, ihren Vater gerettet zu ſe⸗ hen und die Furcht, ihn wieder zu verlieren, hatten ihr die Hälfte ihres Muthes geraubt. »Ihr wollet mit uns nach Holland fliehen, General?« fragte ſie mit zitternder Stimme. »Nun, hattet Ihr es denn nicht errathen, Lucy?« „Ich geſtehe, daß ich nicht daran gedacht hatte,« ant⸗ wortete ſie; dann ſetzte ſie zögernd hinzu:„Warum wollt Ihr auf dieſe Weiſe eure brillante Stellung aufgeben?« »Um Euch zu folgen, Lucy! Um Euch zu folgen bis ans Ende der Welt; um Euch zu lieben und um Euch an allen Orten zu dienen, die Ihr bewohnen werdet, wären es auch glühende Wüſten oder eiſige Steppen. Doch nein, nein, der Gott, den Ihr ſo eben anflehtet, legt meiner Liebe nicht ſolche Prüfungen auf. Wir gehen nach Holland und dort finden wir, wie ich vor wenigen Augenblicken euerm Vater ſagte, Wilhelm von Oranien, mit dem wir bald zurückkehren werden, um England wieder zu erobern. Die Stellung, die ich heute aufgebe, läßt ſich nicht mit der vergleichen, die ich 1 morgen einnehmen werde. Lucy, meine angebetete Lucy, eine Herzogskrone werde ich auf eure reizende Stirn ſetzen! Wie herrlich werden die rothen Funken der Rubinen und das Feuer der Diamanten zu dem Golde deines Haares ſtehen, o meine Geliebte! Ich verlange von Dir nur Eins— daß Du mich deinen Vater retten läſſeſt— denn, Luch, Du biſt mir ver⸗ ſprochen, Du hatteſt ſchon deine Hand in die meine gelegt und Dich bereit erklärt, mein Weib zu werden.— Auf welche Weiſe dieſe Ausſichten wieder unvermuthet zerſtört wurden, wißt Ihr ſo gut als ich. Man klagt mich plötzlich eines ſchänd⸗ lichen, nichtswürdigen und feigen Verbrechens an und euer Vater weiſt mich aus ſeinem Hauſe, aus eurer Nähe!— Ich frage Euch, Lucy welcher Mann würde ſich an meiner Stelle nicht für einen ſolchen Schimpf gerächt haben? Ich habe die Partei eures Vaters niedergeworfen und beſiegt, Miß, und mich zu allerlei Barbareien hinreißen laſſen— ihn aber habe ich geſchont und mir gleich vorgenommen, ihn zu reiten. Ich habe ihm die Freundeshand geboten— Ihr habt ſelbſt geſe⸗ hen, wie er mich zurückgeſtoßen, wie er mich beleidigt, auf wahnſinnige Weiſe beleidigt hat. Und dennoch will ich noch jetzt, bezaubert durch euren Blick, getrieben durch meine Liebe und durch mein Verhängniß, welches mich zu eurem Sclaven gemacht, Sir Charles Murray heute retten, ich will ihn mor⸗ gen glorreich und triumphirend nach London zurückführen, von wo Jacob Stuart ſeinerſeits entflohen ſeyn wird. Leget daher eure Hand in die eures Gatten, Miß Lucy, und bege⸗ ben wir uns ſo mit einander zu eurem Vater.« »Er würde mir fluchen!« rief Lucy außer ſich, indem ſie noch weiter zurücktrat. »Alſo weigert Ihr Euch ihn zu retten?« „O, mein Gott!« rief Luch, indem ſie wieder in Thrä⸗ -» 68 nen ausbrach,„warum, General, warum habt Ihr mir ſolche Hoffnungen eingeflößt, wenn Ihr mir ſie auf ſo grauſame Weiſe wieder rauben wollt?« »Bin ich denn Schuld an dem Schlage, der euern Vater treffen wird, und ſeyd Ihr es nicht ſelbſt, die Ihr nicht wollt, daß er lebe? Ha, Ihr fürchtet, ſagt Ihr, daß er Euch fluche, wenn Ihr einwilligt, mein Weib zu werden! Iſt das der wirk⸗ liche und wahre Grund eurer Weigerung? Ihr wiſſet wie ich bemerke, auf ſehr geſchickte Weiſe zu ſchweigen, aber ich brauche Euch nicht erſt zu fragen, um zu wiſſen, woran ich mich in Bezug auf eure geheimen Beweggründe zu halten habe. Euer Wille geſchehe denn,— euer Vater wird ſterben!« »Er ſoll ſterben!« rief Luch, ihrer Sinne nicht mehr mächtig,»er ſoll ſterben! an einem Galgen— wie ein ge⸗ meiner Verbrecher!« * Sie brach in lautes Schluchzen aus. »Erbarmet Euch, General, erbarmet Euch meiner!« fuhr ſie mit matter Stimme fort.„Den Muth, den ich be⸗ durfte, um ſolche Schläge zu ertragen, beſaß ich ſo eben; Ihr raubtet ihn mir, indem Ihr mir das Leben meines Vaters verſpracht. Es wäre unrecht von Euch, wenn Ihr es mit Fleiß gethan hättet. Ich fühle, daß der Schmerz mich ver⸗ nichten wird. Höret meine Stimme, während ſie noch zu eurem Ohre dringt. Ich habe noch genug Kraft um zu ſterben, aber nicht mehr genug, um meinen Vater ſterben zu ſehen. Wenn Ihr ein Opfer haben müßt, ſo nehmt mein Leben und rettet das ſeine.“ »Ich ſollte Euch tödten, Miß Lucy— Euch ſollte ich tödten? Ich ſollte das ſchönſte Werk Gottes vernichten?« »O General, lächelt nicht ſo— Ihr erſchreckt mich.« 69 »Ihr müßt mich in der That ſehr haſſen, da mein Lä⸗ cheln Euch ſo viel Furcht einjagen kann.“ »Nein, ich haſſe Euch nicht, General, da meine ganze Hoffnung auf Euch beruht, aber ich würde ſelbſt das Lächeln der Engel entſetzlich finden, wenn ſie einer ſolchen Angſt und Verzweiflung gegenüber lächeln könnten. Das Leben— das Leben meines Vaters!⸗ »Zum letzten Male, Miß Lucy, ſage ich Euch, daß es nur von Euch abhängt, Sir Charles Murray zu retten. Sagt ein Wort— macht eine Geberde.« Lucy bedeckte das Geſicht mit den Händen und ihr Schluchzen verdoppelte ſich. Der rührende Anblick des auf dieſe Weiſe durch ihn gemarterten Mädchens ſchien auf den Soldaten von Tanger keinen Eindruck zu machen. Er ſah, daß die Kräfte der Unglücklichen zu Ende waren, und er hielt den Augenblick für geeignet, ſeine Anſtrengungen zu verdoppeln und einen entſcheidenden Schlag zu führen. »Geliebte des Lord Henry Lisle,« ſagte er, indem er die Hand nach dem Balcon ausſtreckte,„aus dieſem Fenſter könnt Ihr den Mann ſterben ſehen, welchen Ihr Euch weigert zu 1 retten.« »O mein Gott! mein Gott! gib mir einen glücklichen Gedanken ein!« ſtammelte Luch. Percy Kirke that einige Schritte und ſah hinaus auf die Straße. »Hal« rief er, von einer Ueberraſchung betroffen, die er nicht verhehlen konnte,»Jack Ketch ſteht mit dem Strick in der Hand neben meinem Gefangenen. Wer hat ihn hierherge⸗ ſchickt? Vielleicht Jeffreys? Wehe dem Oberrichter, wenn er ſich auf dieſe Weiſe in meine Angelegenheiten miſcht!« 70 Lucy ſchauderte bei dieſen Worten des Generals und eilte an das Fenſter. Kirke hatte die Wahrheit geſprochen, ſie wäre beinahe ohnmächtig niedergeſunken, als ſie den furchtbaren Henker von London mit dem Strick in der Hand neben ihrem Vater ſtehen und, wie es ſchien, mit Ungeduld ein verſprochenes Sig⸗ nal erwarten ſah. Der Schrecken, welcher Lucy durch den Anblick des Hen⸗ kers und ihres Vaters eingeflößt ward, entging Perch Kirke keineswegs und er ſuchte ihn ſofort zu ſeinem Vortheil zu be⸗ nutzen. »So eben ſagtet Ihr, Miß Lucy,« hob er an,„euer Vater ſolle am Galgen ſterben, wie ein gemeiner Verbrecher. Ihr könnt ihm von hier zurufen: Ich konnte Dich retten, al⸗ ter Mann, dem ich das Leben verdanke und der Du immer gut gegen mich geweſen biſt,— ich konnte Dich retten, aber ich wollte nicht! Und die Antwort, die er Euch darauf gibt, und ſein letzter Segen wird in dem Röcheln ſeines Todeskam⸗ pfes beſtehen, welches zu Euch dringen wird.« Luchy, welche dieſe Worte gehört hatte, ohne ein Auge von ihrem Vater und Jack Ketch zu verwenden, drehte ſich nun nach Perch Kirke herum. Die Thränen, welche ihre Augen ſo eben noch vergoſſen, hatten aufgehört zu fließen; ihre Bruſt ward nicht mehr durch Schluchzen gehoben. In ihrer Haltung und auf ihrem Antlitz ſah man die ſchmerzerfüllte Ruhe des chriſtlich gebrachten Opfers. Niemals hatte Kirke ſie ſo ſchön, ſo unnachahmlich groß geſehen. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo ſchien dieſe Schönheit, dieſe Größe, dieſe moraliſche Erhebung ſich noch zu ſteigern und einen wahrhaft erhabenen Ausdruck zu gewinnen. Sie ging dem Manne, der das Leben ihres Vaters in den Hän⸗ 1 den hatte, einen Schritt entgegen und heftete auf ihn ihre Augen, in welchen ein göttlicher Strahl von Adel und Würde leuchtete. »General,« ſagte ſie,»Ihr nanntet vor wenigen Augen⸗ blicken einen Namen, der meinem Herzen tief eingegraben iſt. Ja, ich liebe Lord Henry Lisle— ja, ſo eben noch war mein innigſter Wunſch, dereinſt ſein Weib zu werden. Aber Ihr er⸗ bietet Euch, meinen Vater zu retten, wenn ich einwillige, Euch meine Hand zu reichen. Ich zögerte, weil ich fürchtete— und ich fürchte es noch— daß mein Vater mein Opfer nicht gut⸗ heißen würde. Mein Zögern iſt zu Ende. Der Anblick des ne⸗ ben meinem Vater ſtehenden Henkers hat mit meinem Herzen auch meinen Willen gebrochen. Ich hoffe, daß Gott und Lord Lisle mir meinen Meineid verzeihen werden, und daß mein Vater mir nicht fluchen wird. Hier iſt meine Hand, General. Nehmt Ihr ſie nach dem was ich ſo eben geſagt, noch an?« Der Soldat von Tanger ſtürzte ſich auf Lucy's Hand und bedeckte ſie mit Küſſen, während Lucy die Augen gegen Himmel wendend murmelte: »Und nun, da mein Vater gerettet iſt, laß mich ſterben, mein Gott, ehe das Opfer erfüllt wird.« »Komm,“ rief der General, indem er ſich aufrichtete; „komm an mein Herz, Percy Kirke's Weib, die er durch den Schmerz erobert, die er aber in ewiger Wonne an ſeinem Her⸗ zen wiegen wird. Denken wir von nun an nur an das Glück! Komm!— Es bewohne wer da wolle die gemäßigten Him⸗ melsſtriche der Liebe— ich kenne nur die heiße Zone! Aber erſchrick nur nicht ſo! Wenn Du, Geliebte, in meinem Ge⸗ müth bis jetzt nur furchtbare Stürme geſehen haſt, ſo wirſt Du nun auch bezaubernde Ausſichten entdecken. Komm an 72 mein Herz, welches nur noch für die Liebe ſchlägt. Wenn der Ehrgeiz wieder darin zurückkehrt, ſo wird es blos geſchehen, um der Partei deines Vaters wieder aufzuhelfen, Lucy, deines Vaters, mit welchem wir aus dieſem Lande des Todes ent⸗ fliehen wollen!⸗ Der Obercommandant der königlichen Armee eilte an die Thür des Saales, öffnete ſie und rief: »Barry! Nicolay! hierher!« Die beiden Offiziere traten ein. »Freunde, die Stunde, wo eure Treue ſich bewähren ſoll, hat geſchlagen! Seyd Ihr bereit?« »Wir ſind es,« antworteten Beide wie aus einem Munde.. »Nun dann, Nicolay, ſteige zu Pferde und reite nach Lyme. Es ſind blos vierzehn Meilen bis dahin. Miethe ein Schiff, gleichviel ob groß oder klein, dafern es nur heute Nacht noch unter Segel gehen kann. Nun ſchnell, daß Du fort⸗ kommſt!« Nicolay entfernte ſich und Percy Kirke ſuhr zu Barry gewendet fort: »Du,« rief er,„geh hinunter und ſage O'Brien, er ſolle mit Sir Charles Murray heraufkommen. Gehl!« Kirke ſtieß den Capitän faſt zur Thür hinaus und kehrte mit ſchnellen Schritten zu Luch zurück, als dieſe, welche am Fenſter ſtand, ſich mit beſtürzter Miene herumdrehte. »Jeffreys!« rief ſie,„Mylord Jeffreys iſt unten! Er droht meinem Vater! Er ſpricht mit dem Henker!« Indem Lucy dieſe Worte ſprach, ſank ſie ohnmächtig nieder. Perch Kirke ſprang auf ſie zu, richtete ſie empor und rief: 73 „Ertnamm Dich, meine Lucy! Ich werde deinen Vater retten, ſelbſt Jeffreys zum Trotz!« Er drehte ſich bei dem Geräuſch der ſich öffnenden— Thür herum und ſah Henry Lisle der mit dem Degen in der Hand auf der Schwelle ſtand. 4 VI. Der Kitter Gottes. Sey es, daß eine allzu mächtige Gemüthsbewegung ſein ganzes Seyn erſchütterte, ſey es, daß er noch an den Folgen der Krankheit litt, in welche ihn das Entſetzen über die Hin⸗ richtung ſeiner Mutter geſtürzt— kurz Henry ſchien, während ſein Geſicht ſich mit tödtlicher Bläſſe überzog, ſich auf ſeinen Degen ſtützen zu müſſen, um ſich auf den Füßen zu halten. Bei ſeinem Anblick erloſchen die weicheren Gefühle, die vielleicht in Percy's Herzen wohnten, mit einem Male und die angeborne und in der Schule von Tanger ausgebildete Wildheit ſeines Charakters machte ſich ſofort wieder geltend. Er ſchleuderte Henry einen unverſöhnlichen Blick des Haſſes zu und rief mit gellendem Gelächter: »Nehmt Euch in Acht, Mylord, daß Ihr nicht fallet!« Zugleich ſetzte er die ohnmächtige Luch in einen Lehn⸗ ſeſſel und fuhr dann fort: »Ihr taumelt ja förmlich, Mylord! Muß ich Euch viel⸗ leicht auch ſtützen? Warum, zum Teufel, ſeyd Ihr denn auf⸗ geſtanden? Mein Speiſeſaal iſt keine Krankenſtube.“ »Du haſt Recht, Feigling— ſie iſt ein Grab!« »Ha, das Geſpenſt ſpricht!« „»Es tödtet auch.« Indem Lord Lisle dieſe Worte ſprach, ſchritt er mit flammendem Blick, knirſchenden Zähnen und wankendem Tritt auf den General zu. „»Vorwärts! Ziehet!« rief er. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich ziehen ſoll,« antwortete Percy Kirke in beleidigend verächtlichem Tone. »Du fürchteſt Dich wohl?« »Nein, Du dauerſt mich!« »Ziehe oder ich ohrfeige Dich, elender Knecht Jacobs und Jeffreys',« »Hal Du mußt ſterben, Frecher!« heulte der Soldat von Tanger, indem er mit wüthender Geberde den Degen zog. Die beiden Feinde legten ſich aus. Kaum hatte Henry's Klinge die ſeines Gegners berührt, ſo richtete dieſer ſich empor. »Gott verdamme mich! Es wird ein Kampf ſeyn!« rief er, indem er ſeine Kaltblütigkeit plötzlich wieder gewann, »und ich, der ich fürchtete, daß es ein Opfer ſeyn könne— ich ſehe mit Vergnügen, Mylord, daß ſchon der Anblick Miß Lucy's Euch eure Kräfte wiedergegeben hat. Sehet ſie wohl an! Möget Ihr nun ſterben oder leben, ſo ſehet Ihr ſie jetzt zum letzten Male, denn ſie iſt nicht mehr euer, ſie iſt jetzt die Braut Perch Kirke's.« »Die Braut eines Todten kann ſie nicht ſeyn!« rief Henry mit dem Fuße ſtampfend. Kirke antwortete dieſem Appell und die Klingen kreuzten ſich von Neuem. Die beiden Kämpfer kannten einander ſchon. Jeder von ihnen kannte die Gewandtheit, die Geſchicklichkeit, die Geſchmei⸗ digkeit, die Kraft des Andern. Sie brauchten daher nicht, um 1 75 ſich zu ſondiren, ſich außerhalb der Menſur zu halten, ſich mit in einem ernſten Kampfe ſehr gefährlichen Finten zu befaſſen, ſondern konnten ſofort friſch und muthig drauflosgehen. „Ihr ſeyd in der That ein bewunderungswürdiger Fech⸗ ter,« ſagte Kirke, während er die furchtbaren raſchen Stöße parirte, welche Henry nach ihm führte.„Welche Eleganz! welche Kraft! Wer ſollte einem Kranken ſo etwas zutrauen! Aber mäßigt Euch doch ein wenig mehr— Ihr werdet eure Kräfte erſchöpfen. Gott verdamme mich! Sie wachſen im Ge⸗ gentheile und verdoppeln ſich— Und wenn man bedenkt, daß alle dieſe Anſtrengungen zu nichts führen und daß ich Lucy, meine Lucy behalten werde!« Lord Lisle verhielt ſich ſchweigend. Er ſchien weder Per⸗ cy Kirke's Gelächter noch ſeine Spottreden zu hören. Seine ganze fieberhafte Aufmerkſamkeitwar in ſeinem Willen, zu tödten, concentrirt. Aus ſeinem Auge und aus der Spitze ſeines De⸗ gens ſchienen Funken zu ſprühen. Indem er gleichzeitig den ganzen Körper ſeines Gegners bedrohte, kehrten das Auge und die Degenſpitze doch unaufhörlich nach Kirke's Herzen zurück. „Ihr könnt machen, was Ihr wollt, ſie wird doch mein!« hob der General wieder an,„und da ich mich ſehne, ſie in meine Arme zu ſchließen, ſo wollen wir der Sache ein Ende machen, wenn Ihr es erlaubet. Pariret!« Percy Kirke, welcher bis jetzt nach der in Tanger ge⸗ bräuchlichen ſpaniſchen Art gefochten, unbeweglich auf einem und demſelben Platze geſtanden und die Stöße ſeines Gegners nur unter Zurückbeugen des Oberkörpers parirt hatte, be⸗ gann plötzlich ſeine Angriffsmethode zu ändern und focht nach deutſcher Weiſe. »Ha!s rief er, indem er mit der Schnelligkeit des Ti⸗ 76 gers die Stellung wechſelte,„das war ſehr gut parirt!— Dennoch aber habt Ihr nicht wie ich unter Turenne gegen die Deutſchen gefochten. Ihr ſeyd zu jung, um dieſe Erfah⸗ rung beſitzen zu können. Gleichviel— und wenn Ihr ein noch beſſerer Fechter wäret, Lucy bekommt Ihr doch nicht!« Mit dieſen Worten wechſelte der General abermals die Angriffsmethode und ſtürzte ſich nach Art der italieniſchen Fechter auf ſeinen Gegner, aber nur, um auch dieſen Angriff wieder mit vollendeter Geſchicklichkeit vereitelt zu ſehen. »Ihr lächelt und Ihr habt ein Recht dazu,« ſagte er mit kaum verhehltem Aerger.»Doch, Ihr ſeyd müde— wollt Ihr eine Pauſe machen?« »Nicht ich habe dieſe verlangt— ich bewillige ſie Euch aber.« Der General drehte ſich ohne zu antworten nach dem Fenſter und ſah auf die Straße hinunter. Dann wendete er ſich wieder zu Henry. »Eure Ankunft hier wäre beinahe die Urſache eines gro⸗ ßen Unglücks geworden,« ſagte er zu ihm.„Ich wollte hin⸗ untergehen, um Sir Charles Murray den Händen des Ober⸗ richters zu entreißen, als Ihr erſchient und mir den Weg ver⸗ tratet.⸗ »Eilet ihn zu befreien und kommt dann wieder.« »Das iſt nicht mehr nöthig. O'Brien und Barry haben ihn gegen Jeffreys und Jack Ketch zu vertheidigen gewußt. Sie führen ihn zu mir und ſeiner Tochter zurück. Ich werde alſo Luch den Preis ihrer Liebe bezahlen können.« »Die moraliſche Tortur, welche Ihr dieſem armen Kinde vereitet, wird Euch zu nichts Zeſhri haben, elender, feiger Henkersknecht!« 77 »Ich ſehe mit Vergnügen, daß Ihr wieder zu Athem ge⸗ kommen ſeyd, Mylord. Achtung!« Plötzlich ward mit Geräuſch die Thür aufgeriſſen und die Offiziere des Obercommandanten der königlichen Armee traten mit Sir Charles Murray ein. Etwa zwanzig Soldaten verſchiedener Grade folgten ihm. Unter dieſen mit Uniformen bekleideten Männern war es leicht, Jeffreys, Chiffinch und Jack Ketch an ihrer Civilkleidung zu erkennen. Mitten unter dieſer tumultuariſchen dichtgedrängten Gruppe ſtand Suſanne und erwartete nur den günſtigen Augenblick, um auf Lucy zuzu⸗ eilen. »Man trenne dieſe Herren,« rief der Oberrichter den Offizieren des Regiments von Tanger zu, indem er auf Kirke und Lord Lisle zeigte. »Wenn ſich Jemand unterſteht, dieſen Befehl ausführen zu wollen, ſo iſt er ein Kind des Todes,« entgegnete der Ge⸗ neral, indem er ſeine Untergebenen mit ſtolzem Blick muſterte. »Und übrigens, was denkt denn der Oberrichter, daß er hier⸗ her kommt, um Befehle zu geben? In der Mitte meiner Ar⸗ mee bin hoffentlich ich Herr. Wenn der Oberrichter vielleicht daran zweifelt, ſo bin ich bereit, ihn von ſeinem Irrthum zu überzeugen.« »Ihr gebt da, General, den unter eurem Befehle ſtehen⸗ den Offizieren ein ſehr beklagenswerthes Beiſpiel. Uebrigens wundere ich mich nicht mehr über das, was draußen vorgeht,. wenn dergleichen Regelwidrigkeiten hier ſtattfinden. Eure Of⸗ fiziere haben gewagt, einen der bekannteſten Anführer der Re⸗ bellenarmee meinen Händen zu entreißen. Ich komme, um Euch aufzufordern, ihn mir wieder herausgeben zu laſſen. Dann könnt Ihr meinetwegen eure Kopfabſchneiderei fortſetzen, ſo lange Ihr wollt und mit wem Ihr wollt.« 78 »Ich werde die Erlaubniß, welche mir der Lord Ober⸗ richter auf ſo freundliche und artige Weiſe gewährt, benutzen« antwortete Kirke.„Ich werde fortfahren mich zu ſchlagen— dies iſt aber das Einzige, worauf mein Gehorſam ſich beſchrän⸗ ken wird. Sir Charles Murray dagegen werde ich ihm nicht wieder herausgeben.« »Ihr unterſtehet Euch!« ſchrie Jeffreys. »Ja wohl, Mylord, ich unterſtehe mich. Sir Charles Murray iſt mein Gefangener— ich habe ihn feſtnehmen laſſen. Wenn ich nicht hier wäre, ſo könntet Ihr ihn beſtra⸗ fen ſo lange ich aber zugegen bin, ſteht ſeine Beſtrafung nur mir allein zu.« »Nun und warum laßt Ihr dieſelbe nicht ſofort voll⸗ ziehen?« »Ihr ſehet doch, daß ich beſchäftigt bin. Habet ein we⸗ nig Geduld, Mylord. Morgen werde ich Euch das Vergnügen machen, welches Ihr kaum erwarten zu können ſcheint. Mitt⸗ lerweile habt die Güte, Euch ruhig zu verhalten. Ich will Euch Zeuge unſeres Zweikampfes ſeyn laſſen. Ihr werdet ſehen, daß dies eine ſehr angenehme Zerſtreuung und daß Lord Ligle ein Mann iſt, der ſeine Klinge zu führen verſteht.⸗ Jeffreys, den Kirke's Offiziere ſchon mit erbitterten und drohenden Blicken betrachteten, fand es angemeſſen, hierauf nichts zu entgegnen. Er verhielt ſich unbeweglich und ſtumm und ſchickte ſich wie Alle, die mit ihm eingetreten waren, an, dem Schauſpiele beizuwohnen, welches ſein College ihm ver⸗ ſprach. Was den General betraf, ſo näherte er ſich Sir Charles Murray und ſagte in höflichem Tone: »Sir Charles, Ihr könnet eure väterliche Sorgfalt eurer Tochter widmen, die bei dem Anblick des Henkers, den der ¹ Oberrichter vor dieſe Fenſter geführt hat, ohnmächtig gewor⸗ den iſt.“ »Iſt es wirklich blos der Anblick Jack Ketch's, der mein Kind in dieſen Zuſtand verſetzt hat?« entgegnete der alte Pu⸗ ritaner in ſtrengem Tone.„General, es iſt eines Mannes, eines Soldaten nicht würdig, ein ſchwaches junges Mädchen zu martern. Einer Tochter ihren dem Henker überantworteten Vater zu zeigen, iſt ein feiges, nichtswürdiges Verbrechen, wel⸗ ches um Rache zum Himmel ſchreit!« » Und dieſe Rache ſoll ihm werden, Sir Charles— deſ⸗ ſen ſeyd gewiß!« rief Henry. »Wir werden ſogleich ſehen, ob es eure Hand iſt, deren Gott ſich bedienen will, Mylord,« entgegnete Percy Kirke la⸗ chend, dann wendete er ſich zu den Offizieren und fuhr fort: »Ich ſehe da eine Dame unter Euch, meine Herren! Sie möge herkommen und Sir Charles ſeine Tochter wieder zum Bewußtſeyn bringen helfen.« Suſanne trat aus der Gruppe der ſie umgebenden Män⸗ ner hervor. »Ah, Ihr ſeyd es!« rief Percy Kirke erſtaunt.„»Wie ſeyd Ihr denn herausgekommen?« »Aus meinem Gefängniß? Ihr werdet es erfahren, wenn Gott Euch nicht durch Lord Lisle's Degen ſtraft.“« »Es iſt gut, meine Schöne. Wir werden eure Rechnung unverweilt zur Ausgleichung bringen. Jetzt gehet zu Miß Lucy. Ich werde Euch ſcharf im Auge behalten.« »Werdet Ihr das auch können, General? Ihr ſeyd ja ſehr beſchäftigt.« Henry wendete ſich zu den Offizieren. »Habt Ihr vielleicht noch eine Dame unter Euch, meine Herren?« fragte er.„Wenn eine da iſt, ſo bittet ſie, mir ihre 1 8 3 8 3 80 Kleider zu leihen. Euer General ſchwatzt wie ein altes Weib — Achtung!« rief er ſodann Perey Kirke zu und begann ſeinen wüthenden Angriff von Neuem. Einen Augenblick lang glitzerten die beiden Klingen kalt und funkelnd auf einander, wie zwei verliebte Nattern, die ſich im Sonnenſcheine umeinander ſchlingen. Bald aber wurden die Blicke der beiden Kämpfer feuriger, ihr Athem keuchte, der Schweiß rieſelte ihnen von der Stirn und heiſere Rufe und dumpfes Stöhnen entrang ſich ihrer Bruſt. Es trat ein Augenblick ein, wo ihre blinde Wuth alle Grenzen überſchritt. Zehnmal drangen ſie in den von ihren Degen gezogenen funkelnden Kreis, drehten die Klingen um, und ſchlugen einander mit den Knöpfen der Hefte ins Geſicht. Plötzlich ſtieß Henry einen Schrei der Verzweiflung aus. Perey Kirke's Degen hatte ihm den rechten Arm durchſtoßen. Der Vater der Lämmer kam raſch auf ihn zu und flü⸗ ſterte leiſe: „Lucy iſt mein!⸗ Dann ſprang er wieder zurück und legte ſich wieder aus. Ein freudiges Murmeln ließ ſich unter den Offizieren des Regiments von Tanger hören, welche mit athemloſer Span⸗ nung den verſchiedenen Stadien dieſes barbariſchen Duells ge⸗ folgt waren und zwanzigmal für das Leben ihres angebeteten Anführers gezittert hatten. »Ruhe, Ihr Herren!s rief der General ihnen zu.»Kein Wort, keine Geberde des Zornes oder der Theilnahme, möge geſchehen, was da wolle! Ihr könntet dieſen Ritter der ſchö⸗ nen Unterdrückten leicht einſchüchtern.« »Dieſen Ritter Gottes, Percy Kirke, denn Gott ſelbſt hält noch den Degen in meiner Hand!« 81 Lord Henry Lisle ſprach noch dieſe Worte in lautem, feierlichem Tone. Luey hörte ihn, ſchlug die Augen auf, ſah Henry mit dem Degen in der Hand vor Kirke und ihren Vater neben ſich, Suſannen neben dem Seſſel kniend, weiterhin Jeffreys, Jack Ketch, die in einem Kreiſe um die Fechtenden herumſte⸗ henden Offiziere, und es war ihr, als ſey Alles nur ein furcht⸗ barer Traum. Allmälig jedoch erwachte das Gefühl der Wirklichkeit wieder in ihrer Seele, und es dauerte nicht lange, ſo hatte ſie eine klare Wahrnehmung deſſen, was um ſie hervorging. Nun begriff ſie alles. »Jeffreys iſt hier,« dachte ſie mit Entſetzen.»Wenn auch Percy Kirke unterliegt, ſo iſt mein Vater dennoch verloren. Wenn Henry ſtirbt, dann wehe! wehe!« Mittlerweile dauerte das Duell noch fort, wenn man nemlich einem nun ofſenbar ungleich gewordenen Kampfe die⸗ ſen Namen geben kann. Rings um Henry herum war der Fußboden mit dem Blute überſchwemmt, welches ſeiner Wunde entſtrömte, und ſchon mehrmals war er auf dieſer klebrigen Fläche ausgeglitten. Seine Bewegungen waren weniger leb⸗ haft geworden, ſein Arm gehorchte nicht mehr ſeinem Willen, und nur der Anblick der knienden und betenden Luch hielt noch ſeine Kräfte aufrecht. »Wie mir ſcheint, führt Gott euern Degen nicht mehr, Mylord!« rief Kirke lachend.„Senkt ihn und ich laſſe Euch das Leben.« »Und ich werde Dir das deine entreißen, ſobald der Augenblick da ſeyn wird, Feigling, der Du lachſt, weil deinem Gegner die Kräfte verſagen.⸗ Der Tiger von Tanger. VIII 82 „»Es wäre eine Sünde,« heulte Percy Kirke,„dieſe An⸗ maßung ungezüchtigt zu laſſen. Dieſem Unverſchämten muß man ſeinen eigenen Degen um die Ohren herumſchlagen.“ Der Soldat von Tanger ſchlug mit einem trockenen Stoß Lord Lisle's Degen auf die Seite und ſtreckte ungeſtüm die Hand aus, um das Heft zu packen, faßte aber blos das Handgelenk ſeines Gegners. Henry faßte mit einer letzten gewaltigen Anſtrengung die Klinge ſeines Degens mit der linken Hand in der Mitte, nahm ſie aus der rechten, wendete die Spitze gegen Kirke und ſtieß ſie ihm tief in die Bruſt. Der übermüthige Despot ſtürzte ſchwerfällig auf den Fußboden nieder. 1 Lucy, Suſanne und Murray eilten auf Henry zu. Wäh⸗ rend der Greis ihm die Hand drückte und Luch ihn umarmt hielt, drehte die Irländerin mit einer Aufwallung von Enthu⸗ ſiasmus und Liebe ſich zu den Offizieren und Jeffreys herum, welche den Körper ihres Generals umringten, und rief ihnen zu: „Nun was ſagt Ihr dazu, Ihr Herren? Iſt er nicht wirklich der Ritter Gottes?« „Nein,« antwortete der Oberrichter, indem er ſich der Gruppe näherte, deren Mittelpunkt Henry bildete.»Nein! denn er hat ſeine Mutter nicht retten können, er wird auch nicht ſeine ſchöne Braut und eben ſo wenig den Vater dieſer Braut retten! Komm her, Ketch! faſſe dieſen Rebellenanfüh⸗ rer und führe ihn hinunter.« Der Henker näherte ſich Sir Charles Murray und faßte ihn am Kragen. „»Nun, Mylord,“ fuhr Jeffreys fort,»Ihr verſucht ja nicht einmal den Vater eurer Lucy zu vertheidigen. Ha, Fluch und Verdammniß! Er wird ohnmächtig! Bei der Hölle, 1 83 nun kann ich ihn nicht auf friſcher That der Empörung gegen das Geſetz ertappen!« Erſchöpft durch den ſo lang andauernden und erbitter⸗ ten Kampf gegen einen Feind wie Percy Kirke, hatte Henry Lisle in der That das Bewußtſeyn verloren. Suſanne ſetzte ihn in den Seſſel, in welchem einige Augenblicke vorher Lucy gelegen hatte. Jeffreys erhob abermals die Stimme und ſagte ſich zu den Offizieren wendend: »Meine Herren, jetzt wo Niemand mehr an eurer Spitze ſteht, welcher Euch der Autorität des Geſetzes zuwiderlaufende Befehle ertheilt, hoffe ich, daß Ihr mir beiſtehen werdet, um dem Geſetz Gehorſam zu verſchaffen. Laßt Soldaten heraufkom⸗ men und dieſe junge Dame feſtnehmen. Sie hat, wie Ihr wiſſet, dem Rebellen Monmouth bei ſeinem Einzuge in Taunton eine Bibel und eine Fahne überreicht. Das Geſetz verurtheilt ſie zur Deportation nach den transatlantiſchen Colonien. Man bringe ſie nach Lyme, wo ſie auf dem erſten Fahrzeuge, wel⸗ ches nach Amerika unter Segel geht, eingeſchifft werden wird.⸗ Einen Augenblick ſpäter war Luch mit roher Gewalt von ihrem Vater hinweggeriſſen und ward von zwei kräftigen Soldaten fortgeſchleppt. »Sehet, was für ein gutes, weiches Herz ich habe,⸗ rief Jeffreys, während man Lucy aus dem Saale hinaus⸗ ſchleppte.„Ich hätte ſie recht gut der Hinrichtung ihres Va⸗ ters beiwohnen laſſen können. Wohlan, meine Herren, wir, die wir nicht dieſelben Gründe haben, um dieſes Schauſpiel zu fliehen, wir können in den Logen des erſten Ranges Platz nehmen. Stellet Euch auf dieſen Balcon. Ich gehe mit Ketch und dem Verurtheilten hinunter.« — — 84 Alle gehorchten der Aufforderung Jeffreys mit Aus⸗ nahme Suſannens, welche neben Henry auf den Knien liegen blieb und ſeine Hände mit ihren Thränen benetzte. Mittlerweile waren Murray, Jeffreys und Ketch auf der Straße angelangt, die mit einer Menge Soldaten und Volk angefüllt war, welches die ſchon ſeit dem frühen Morgen von allen Tambouren des Regiments von Tanger verkündete Hin⸗ richtung mit anſehen wollten. Als der Henker dem alten Puritaner den Strick um den Hals gelegt hatte, näherte ſich der Oberrichter dem edlen Schlachtopfer ſeines Haſſes. »Nun, mein guter Murray,« ſagte er mit teufliſchem Hohne»findeſt Du, daß ich mich für die häßliche Viertel⸗ ſtunde, die Du mir in dem Unterhauſe bereitet, gut abfinde? Ich glaube, ich habe dieſe Partie ziemlich gut geſpielt. Aber ſage mir, ich glaube gar, Du zitterſt, mein lieber Stoiker? Darf wohl ein Mann wie Ihr, Sir Charles, vor dem Tode zittern?« Der alte Puritaner ſtreckte mit ſtolzer Ruhe die Hand aus. »Ich werde Euch, Mylord,“« ſagte er,»noch einmal die ſchönen Worte meines Freundes Algernon Sidney wiederho⸗ len und ich habe ein Recht, ſie auszuſprechen. Fühlet meinen Puls und ſeht, ob er ſchneller ſchlägt als gewöhnlich.— Nein, Gott iſt mein Zeuge, daß ich als Bürger mit Hoffnung und Freude im Herzen ſterbe, denn ich laſſe Euch dem König Jacob— er wird Euch bewahren.— Euer Name iſt eine vollendete Schmach und Ihr ſeyd eines jener koſtbaren Werk⸗ zeuge, deren die Vorſehung ſich bedient, um die Geduld der Völker zu ermüden.« 1 — 85⁵ „»Du biſt heute ſehr langſam!« rief Jeffreys dem Hen⸗ ker zu. Empfindlich gegen dieſen Vorwurf verrichtete Jack Ketch ſchnell ſein Amt und einen Augenblick ſpäter hauchte Lucy’s Vater den letzten Seufzer auf. VII. Auf offener See Vierzehn Tage nach Sir Charles Murray’s Tode und dem Zweikampf zwiſchen Henry und Kirke lagen in demſelben Hafen von Lyme, wo die zweite Abtheilung dieſer Erzählung begann, nicht weniger als ein Dutzend kleine Schiffe, eine Anzahl, welche die Einwohner, ſo weit ſie zurückdenken konn⸗ ten, hier noch niemals beiſammen geſehen hatten. Es war dies die eiligſt ausgerüſtete Flotte, auf welcher die Anhänger Mon⸗ mouth's, die der Obergeneral der königlichen Armee und der Oberrichter Jeffreys nicht hatten hinrichten laſſen, nach den amerikaniſchen Colonien geſchafft werden ſollten. Achthunderteinundvierzig dieſer Unglücklichen waren ohne Unterſchied durch einander in den Raum dieſer Schiffe ge⸗ pfropft, wo bald Alles Krankheit, Verpeſtung und Tod ſeyn mußte, wie in dieſen unterſeeiſchen Gefängniſſen jetzt ſchon Alles Finſterniß und Verzweiflung war. Es waren bereits alle Dispoſitionen getroffen, um Nach⸗ mittags unter Segel zu gehen und die Capitäne warteten nur auf das Signal, um den Anker zu lichten. Dieſes Signal ſollte von einem ziemlich armſeligen auf dem Quai ſtehenden Hauſe ausgehen, durch deſſen eines Fen⸗ ſter hindurch die Fiſcher, welche am Waſſerrande hingingen, 86 zwei Männer an einem Tiſche ſitzen, eſſen, trinken und plau⸗ dern und mit den Augen verſchiedene Papiere durchlaufen ſehen konnten, die zwiſchen den Schüſſeln, den Flaſchen und den Gläſern auf dem Tiſche lagen. Dieſe beiden Männer waren Jeffreys und Birch— Letz⸗ terer dienſtfertiger und freimüthiger als je, Erſterer mit ver⸗ klärtem Geſicht und von der Freude des Triumphes ſtrahlen⸗ dem Auge. »Nun, Freund,“« ſagte der Herr zu dem Diener,„was ſoll ich Dir, mein lieber Birch, für dieſe Nummer der Londo⸗ ner Zeitung geben, welche Du mir ſoeben gebracht? Sprich, fürchte keine Weigerung.« »Ich bitte den ſehr ehrenwerthen Lord Großkanzler von England nur um Eins.⸗ »Na, wirſt Du denn gar nicht aufhören, mir meinen neuen Titel ins Geſicht zu werfen?« unterbrach ihn Jeffreys mit verſtelltem Zorne und indem er that, als ob er Birch ein Glas an den Kopf werfen wollte. »Ich bitte,« hob der Advocat mit hochherzigem Muthe wieder an,„ich bitte den Lord Siegelbewahrer nur um Eins — um die Fortdauer der Freundſchaft, welche mein geliebter Jim mir bewieſen.« »Ich werde Dich ſtets lieben, mein vortrefflicher Birch!« rief Jeffreys gerührt;„ja, immer. Wenn ich bedenke, daß Du Dir dieſes Zeitungsblatt verſchafft und mir mit ſo vieler Aufmerkſamkeit ſofort zugeſtellt haſt, dann muß ich darin einen Beweis von wirklicher Freundſchaft ſehen. Weißt Du auch, daß unſer allergnädigſter König ſich ebenfalls gut benommen hat? Haſt Du ſeine Ausdrücke wohl beachtet? Unmittelbar nach der Mittheilung, daß ich zum Baron von Wem und zum Siegelbewahrer ernannt worden, ſetzt die Zeitung in geeigne⸗ ¹ ten Ausdrücken hinzu, daß dieſe Ehren der Lohn für die gro⸗ ßen und treuen Dienſte ſind, welche ich der Krone geleiſtet. Schau her— hier ſteht es!« „Ich habe es ſchon geleſen, aber gebt nur her— ſo etwas kann man zweimal leſen.« Birch ergriff das Zeitungsblatt und las laut und jedes Wort nachdrücklich betonend die Zeilen, wo Jacob II. ſeine Dankbarkeit gegen Jeffreys zur Kenntniß der Welt brachte. »Sey einmal ganz offen, Birch!“« rief ſich mit ſichtbarer Genugthuung die Hände reibend der Mann, welchen wir von nun an den Lordkanzler von England nennen werden, sſey offen und fürchte nicht mich zu tadeln, wenn Du ange⸗ meſſen findeſt, es zu thun. Findeſt Du, daß ich mein Schiff⸗ lein gut geſteuert? Findeſt Du, daß ich unſere großen und klei⸗ nen Angelegenheiten als geſchickter Lootſe geleitet habe?« »Ihr ſeyd erhaben geweſen, Herr Baron.« »Ja, dieſer Meinung bin ich faſt ſelbſt, obſchon dein Ausdruck mir ein wenig übertrieben zu ſeyn ſcheint.« »Mein Ausdruck iſt einfach, wie die Wahrheit.« »Vielleicht haſt Du Recht. Ja, ich bin erhaben geweſen — ich habe Lady Lisle köpfen laſſen; ich habe Sir Charles Murray aufknüpfen laſſen; ſeine Tochter ſteckt im Raume eines dieſer Schiffe, welche hier vor uns liegen; der ſchöne Henry Lisle iſt, ich weiß nicht wo, verſenkt in die Verzweif⸗ lung, die ich ihm bereitet, bis ich ihn vollends tödte— das wäre alſo die Rache.— Ferner haſt Du mir heute Morgen be⸗ richtet, auf welche Weiſe Du Dich der von mir ertheilten Auf⸗ träge entledigt haſt. Du haſt gewiſſen armen Teufeln von reichen Leuten, die ich Dir bezeichnete und die, wie es ſcheint, keinen Geſchmack an dem Strange finden, auf ehrliche Weiſe vierzigtauſend Pfund Sterling ausgepreßt— vierzigtauſend 88 Pfund— das iſt ein ſchöner Pfennig. Mit weniger als der Hälfte hiervon werde ich jenes Landgut kaufen, von welchem ich ſo oft geſprochen und nach welchem ich ſeit ſo langer Zeit trachte. Und welch einen Keller kann man ſich für die andere Hälfte anlegen, Birch! Wie wollen wir trinken! denn Du wirſt immer mein lieber Zechgenoſſe ſeyn. Vierzigtauſend Pfund Sterling! Das wären alſo die materiellen Genüſſe. Jetzt macht mich der König zum Baron von Wem und zum Miniſter, indem er mir das große Siegel gibt. Das wäre für den Ehrgeiz.— Und wenn man bedenkt, daß ich Alles dies erreicht habe, ohne mir viel Mühe zu geben, ohne mich allzu⸗ ſehr zu ermüden und indem ich mir dabei ſogar noch Zeit zu andern ziemlich lebhaften Vergnügungen genommen habe! Ja, Birch, ich laſſe jede falſche Beſcheidenheit bei Seite— ich nehme dein Wort an— ich bin erhaben!— Aber ich bin auch glücklich, ja ich ſcheue mich nicht es zu bekennen— mein Glück kommt meinem Genie oft zu Hilfe. Willſt Du ein Bei⸗ ſpiel davon hören? Jener losgelaſſene Teufel Percy Kirke ſtand auf dem Punkte, mir den alten Puritaner zu entreißen, an deſſen Tod mir eben am meiſten gelegen war. Dadurch aber ſchadete er mir zugleich in der Meinung des Königs, denn wie Du weißt, habe ich Se. Majeſtät beſtimmt, ihm das Obercommando der Armee in den weſtlichen Grafſchaften zu geben.— Zum Glück aber bekommt er gerade in dem Augen⸗ blick, wo er ſeine Dummheiten in Ausführung bringen wollte, einen tüchtigen Degenſtich von jenem andern Tollhäusler, mei⸗ nem geliebten Henry Lisle. Und nun bin ich Kirke los.« »Der General iſt alſo todt?« fragte Birch erſtaunt.„Ich hatte doch erzählen hören, er würde wieder aufkommen.⸗ »Ja, er wird wieder aufkommen, wenn man den Aerz⸗ ten und ganz beſonders einem gewiſſen Hutchins glauben 1 89 darf, der ſich rühmt, ihn ganz gewiß wieder auf die Beine zu bringen. Ich wollte blos ſagen, daß mein Glück mich gerade im gelegenen Augenblick von dieſem Hinderniß befreit hat.« Der Oberrichter ſchwieg. Birch ſchenkte ſich und ſeinem Tiſchgenoſſen wieder ein, nahm das Glas in die Hand und erhob ſich. »Ich fordere Dich auf, mein lieber Jim,« rief er,„mit mir die folgende Geſundheit zu trinken: Auf das Genie und das Glück des Lordkanzlers von England!« Jeffreys ſtand auf, ſtieß mit dem Advocaten an und beide Freunde ſchrien mit einem faſt wahnſinnig zu nennenden Ausbruch von Freude: »Auf das Genie und das Glück des Lordkanzlers von England!« Der Baron von Wem begann, im innerſten Herzen ge⸗ rührt, unter den auf dem Tiſche liegenden Papieren zu ſuchen. Er nahm eins davon in die Hand und ſagte mit bewegter Stimme: »Freund, ich wäre ein Elender und Undankbarer, wenn ich nicht auf eine unſer Beiden würdige Weiſe deine guten Geſinnungen gegen mich, deine Anhänglichkeit an mich und deine ausgezeichneten Dienſte anerkennte, welche Du mir lei⸗ ſteſt. Ich bin ſo zufrieden mit Dir, daß ich es laut verkünden muß. Wenn ich bedenke, daß William Penn, indem er Taun⸗ ton verläßt, um nach London zurückzukehren, den Ehrendamen der Königin kaum zweitauſend Guineen mitbringt, dann ſteigt meine Bewunderung für Dich noch höher!« »Ja,“ unterbrach ihn Birch,„es läßt ſich nicht läugnen, daß dieſer Quäker eine beklagenswerthe Schwäche an den Tag gelegt hat. Wenn man ſolche Aufträge übernimmt, muß man ſich mit ſtoiſcher Feſtigkeit waffnen. Wenn ich über das Löſe⸗ 90 geld der jungen Mädchen von Taunton zu unterhandeln gehabt hätte, welche Monmouth entgegengegangen ſind, ſo hätte ich den Ehrendamen der Königin ganz gewiß die ſiebentauſend Pfund Sterling gebracht, die ſie verlangten.« »Und,“ ſagte Jeffreys lachend,„»Du würdeſt auch noch obendrein etwas für Dich herausgequetſcht haben. Na, Birch, nimm mir das nicht übel— es iſt mein Spaß. Ich bin über⸗ zeugt, daß Du nichts von dem Golde behältſt, was Du für mich ein⸗ caſſirſt, und eben um deine Ehrlichkeit und Rechtſchaffenheit anzuerkennen, übergebe ich Dir dies hier.« »Was iſt denn das für ein Papier, Mylord?« fragte Birch mit funkelnden Augen, indem er zugleich die Hand aus⸗ ſtreckte. „Lies.* »Ein Geſchenk von hundert Deportirten!« »Eben ſo bedeutend, ſiehſt Du, wie das der Königin. Maria von Modena und Du, Freund, Ihr ſeyd die beiden begünſtigtſten Empfänger. Was der König für ſeine Gemalin gethan hat, habe ich für Dich thun wollen, Birch. Sieh dar⸗ aus, ob ich Dich liebe, Dich, den einzigen Tiſchgenoſſen, den ich noch habe, denn Perch Kirke, den ich trotz ſeines Unrechts immer noch liebe, wird wahrſcheinlich ſobald noch nicht wieder mit mir anſtoßen. Und Chiffinch iſt in dieſem Augenblick halb närriſch vor Liebe und denkt kaum ans Trinken. Er ſollte jetzt hier mit uns zu Tiſche ſitzen!— Was macht er denn jetzt? Er gab vor, er wolle die Einſchiffung der Deportirten der Kö⸗ nigin überwachen. Aber das glaube ich nicht. Ich bin über⸗ zeugt, daß er ſeine Zeit damit zubringt, überall die ſchöne Su⸗ ſanne zu ſuchen, welche mit Henry Lisle verſchwunden iſt und ſich mit dieſem, man weiß nicht wo, verſteckt hält.« Jeffreys ward durch die Ankunft des erſten Pagen des 1 91 Königs unterbrochen, welcher mit bleichem Antlitz und erloſche⸗ nem Blick auf die beiden Freunde zukam. »Mylord,“ ſagte er,„was ich zu thun hatte, habe ich gethan. Nachdem mein Geſchäft beendet iſt, kehre ich nach London zurück. Habt Ihr mir einen Auftrag zu ertheilen? Ich würde ihn mit Vergnügen übernehmen.“ 3 „Ihr wollt fort, Chiffinch? Ihr wollt jetzt ſchon fort?« »Sobald die Pferde angeſpannt ſeyn werden.« »Aber ſo wartet doch bis zum Abend— dann können wir zuſammen reiſen.⸗ »Es thut mir leid, euern Wunſch nicht erfüllen zu kön⸗ nen, Mylord— ich habe von Lyme und dem ganzen Weſten nun genug geſehen. Ich reiſe ſofort ab.« »Wollt Ihr auf etwas wetten, Chiffinch?« »Worauf, Mylord?«„ »Daß Suſanne in London iſt.« »Das kann wohl ſeyn, aber beſtimmt weiß ich es nicht.⸗ »Ihr ſpielt den Unwiſſenden, Chiffinch. Ihr wißt aber weit mehr von der Sache, als Ihr ſagen wollt. Das geht mich indeſſen weiter nichts an. Lebt wohl denn— ich wünſche Euch glückliche Reiſe.« »Lebt wohl, Mylord— lebt wohl, Maſter Birch!« Mit dieſen Worten lenkte der erſte Page des Königs ſeine Schritte nach der Thür, als dieſe ſich öffnete und ein Menſch von häßlichen, falſchen Geſichtszügen hereintrat. Er trug eine Jacke von grobem blauen Tuch und einen getheer⸗ ten Hut. Bei ſeinem Anblick gerieth Jeffreys in großen Zorn. »Ihr wünſcht wohl ſehr unter Segel zu gehen, Capi⸗ tän Clifford,« rief er,„daß Ihr hierher kommt und mich ſo⸗ gar bei meiner Mahlzeit ſtört? Kehret auf euer Schiff zurück 92² und wartet bis ich das Signal gebe. Eure ganze Arbeit be⸗ ſteht darin, daß Ihr den Anker lichtet und eure Segel ſpannt. Meine Arbeit dagegen iſt weder ſo kurz noch ſo leicht. Erlaubt daher, daß ich ſie beende. Dann könnt Ihr eure Reiſe antre⸗ ten. Seyd Ihr damit einverſtanden, Sir?« Der Capitän Clifford, welcher von dem Charakter des Oberrichters, beſonders ſeit der Ankunft desſelben in den Grafſchaften des Weſtens, viel hatte erzählen hören, nahm dieſe Worte mit unerſchütterlicher Ruhe hin und ſagte dann in beſcheidenem Tone: „»Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Mylord, daß ich geſtört habe, aber ich mußte es thun. Meine Pflicht als treuer Unterthan Sr. Majeſtät des Königs Jacob und meine An⸗ hänglichkeit an Euch führen mich hierher. Ihr werdet daraus ſchon ſchließen, daß es ſich nicht um meine Abreiſe handelt. Es handelt ſich— es handelt ſich— um etwas Anderes.“ Bei dieſen Worten warf Clifford einen Seitenblick auf Birch und Chiffinch. Jeffreys verſtand die Bedeutung dieſes Blickes und ſo⸗ fort errathend, daß dieſer Menſch im Begriff ſtand, Jeman⸗ den zu verrathen, ihm vielleicht einen Feind in die Hände zu liefern, beeilte er ſich zu ſagen: „Nun ſprecht, Capitän, Ihr könnt es immerhin in Ge⸗ genwart dieſer Herren thun— ich habe kein Geheimniß vor ihnen.“ „»Nun denn, was ich Euch mitzutheilen habe, iſt Folgen⸗ des, Mylord. Ihr habt an Bord des„St. Dunſtan,« den ich commandire, ein junges Mädchen geſchickt— Ihr wißt, jene hübſche Blondine, die ſo viel weint und die Ihr Lucy nennet.— —— 93 »Nun, und was iſt's mit ihr?« rief Jeffreys vor Unge⸗ duld zitternd. „»Wohlan, wiſſet, daß, ſobald es dunkel ſeyn wird, Je⸗ mand ſie entführen ſoll.« »Seyd Ihr von Sinnen, Maſter Clifford? Wer würde das wagen? Steckt Ihr vielleicht mit dem kecken Verbrecher unter einer Decke?« »Das verſteht ſich von ſelbſt, Mylord,« antwortete der Capitändes„St. Dunſtan,“ indem er mitſeinen kleinen grauen Augen blinzelte. „»Aber wer iſt denn dieſer Bandit?« »Ja, meiner Treu, das weiß ich ſelbſt nicht recht. Es iſt ein junger Mann als Matroſe gekleidet, oder ich ſollte viel⸗ mehr ſagen verkleidet, denn er iſt eben ſo wenig Matroſe, als ich ein vornehmer Herr bin. Uebrigens mangeln ihm die Gui⸗ neen nicht. Er hat davon ganze Taſchen voll, und wenn er mir welche gibt, ſo iſt es allemal eine Handvoll.⸗ »Was, er gibt Euch Guineen und Ihr nehmt ſie?« ſagte Jeffreys in ſtrengem Tone. »Aber, Mylord, würde er wohl Vertrauen zu mir ge⸗ faßt haben, wenn ich mich geweigert hätte? Hätte er dann nicht vielleicht einen andern Plan entworfen, der ihm geglückt wäre? Denkt Euch, er will mit zwei Mann in einem kieinen Boote, ſobald es dunkel ſeyn wird, an dem»St. Dunſtan« an⸗ legen. Ich habe ihm verſprochen, beizulegen und ihn zu er⸗ warten.“ »Ich weiß ſchon was es iſt! Ich weiß ſchon was es iſt!« rief der Baron von Wem wüthend.»Es kann Niemand wei⸗ ter ſeyn als jener Satansſohn, Lord Lisle ſelbſt! Alſo iſt er von den Wunden, die Kirke und ich ihm beigebracht haben, ſchon hinreichend wieder geneſen, um einen ſolchen Streich zu 94 unternehmen? Warte, mein verliebter Freund, ich werde Euch einen Strich durch die Rechnung machen.— Vo ſegelt Ihr hin, Capitän? Nach New⸗Jerſey in Nordamerika, nicht weit von New⸗York, nicht wahr?« »Ja, Mylord.⸗ Jeffreys begann mehre Papiere durchzuſuchen, welche auf dem Tiſche lagen. Ohne Zweifel fand er bald, was er ſuchte, denn er drehte ſich wieder zu dem Capitän herum und ſagte: »Gut, gut, kehret auf euer Schiff zurück. Ich weiß, was zu thun iſt. Die Flottille wird erſt ein oder zwei Stunden nach Einbruch der Nacht unter Segel gehen.“ »Aber, Mylord,“« wendete der Capitän ſchüchtern ein, „es iſt eigentlich nicht gebräuchlich, während der Nacht in See zu ſtechen.« „»Diesmal wird man eine Ausnahme machen, Maſter Clifford.— Geht und erwartet meine Befehle.« Der Seemann ging aber nicht, ſondern blieb mit geſenk⸗ tem Blick und in verlegener Haltung vor Jeffreys ſtehen. »Habt Ihr mir vielleicht noch etwas zu ſagen, Sir?⸗ fragte ihn Jeffreys ungeduldig und in rauhem Tone. »Wie mir ſcheint,« antwortete der Capitän des„St. Dunſtan,« ohne die Augen vom Boden zu erheben,„verdient mein Pflichteifer—« »Abermals eine Hand voll Guineen, wollt Ihr ſagen? Nein, Sir, Ihr habt weiter nichts gethan als eure Pflicht. Wenn Ihr anders gehandelt hättet, ſo hätte ich Euch an der großen Raa eures Schiffes aufknüpfen laſſen. Kehret dahin zurück und zwar ohne weitere Widerrede, oder ich werde Euch die Goldſtücke, die Ihr ſchon für eure ſtrafbare Gefälligkeit 1 95 erhalten, zu beſchneiden wiſſen. Gehet und ermangelt nicht, auf eurem Schiffe zu ſeyn, wenn ich dasſelbe inſpicire.« Der Capitän Clifford ließ ſich diesmal den Befehl, ſich b zu entfernen, nicht wiederholen. Er ging mit geſenktem Kopf und beſchämter Miene. »Komm, mein lieber Birch,« ſagte Jeffreys nun zu ſeinem würdigen Agenten,„komm mit— ich verſpreche Dir Stoff zum Lachen.— Lebe wohl Freund Chiffinch; glückliche Reiſe!« „»Ich bleibe,« antwortete der Page. »Ahl“« rief der Baron von Wem,„»Ihr habt alſo wohl keine ſo große Eile mehr?⸗ »Ich habe mir die Sache uͤberlegt. Da eure Abreiſe nach London ſo nahe bevorſteht, ſo werden wir die Reiſe gemein⸗ ſchaftlich machen, Mylord.« »Aber wie lange Zeit habt Ihr gebraucht, um Euch zu entſcheiden! Indeſſen, ſpät iſt beſſer als niemals. Wenn Ihr auch Luſt habt zu lachen, ſo kommt mit.⸗ „Sehr gern, Mylord, ich folge Euch,« und mit ſich ſelbſt ſprechend, ſetzte der Page hinzu:„Lord Henry Lisle iſt in Lyme— Suſanne muß folglich auch hier ſeyn. Ich werde ihr ſchon zu begegnen wiſſen.« Während Jeffreys, Birch und Chiffinch ſich auf den Weg machten, um nach dem Ausdruck des Lordkanzlers von England Stoff zum Lachen zu ſuchen, fand in der Cajuüͤte des Capitäns Clifford am Bord des„St. Dunſtan ein thränenvol⸗ V ———V—V—V—V— ler Auftritt ſtatt. Lucy ſaß auf einem Stuhle und Henry kniete vor ihr. Die Unglückliche hielt den Hals des jungen Mannes umarmt und neigte ihr Haupt auf das ihres Geliebten, der, den rech⸗ 96 ten Arm in der Binde tragend, den linken um den Leib des jungen Mädchens geſchlungen hatte. Beide, ſo jung, ſo ſchön und ſo unglücklich, überließen ſich der bittern Wolluſt ihrer Thränen, die ſich auf ihren Wangen miſchten. „»Henry,“ ſagte Luey ſchluchzend,»Henry, Du mußt es wiſſen! Als Du mit dem Degen in der Hand in jene Hölle eintrateſt, wo ich mich mit Percy Kirke befand, hatte ich eben meine Einwilligung gegeben, ihm dereinſt meine Hand zu reichen, ſein Weib zu werden, ſobald wir den Boden von Holland betreten würden. Ich bin Deiner nicht mehr wurdig, Henry!« »Sprich nicht ſolche Worte, Lucy,« murmelte Lord Lisle.„Sprich ſie nicht, wenn Du mir nicht das Herz brechen willſt. Du erinnerſt mich daran, daß auch ich Dich in Taun⸗ ton verließ, um nach Wincheſter meiner Mutter zu Hilfe zu eilen.« »Ach, Du würdeſt Dich aber niemals dazu verſtanden haben, eine Andere zu heiraten, ſelbſt wenn Du dadurch deine Mutter häͤtteſt retten können, nicht wahr nicht, Henry?« »Ich bin nicht wie Du, meine theure Luchy, in dieſe furchtbare Alternative verſetzt geweſen. Wer weiß, ob ich nicht eben ſo gehandelt haben würde, wie Du. Sprich daher nicht weiter davon, meine Geliebte. Der Gedanke, daß Du Perey Kirke hätteſt angehören können, wenn ich ihn nicht niederge⸗ ſtreckt hätte, berührt mich zu ſchmerzlich.« »Aber, Henry, das iſt noch nicht Alles, was ich Dir zu ſagen habe. Ja, es iſt wahr, daß ich einwilligte, das Weib des Generals zu werden, dafern er meinen Vater rettete— meinen armen Vater!« Luch konnte vor Jammer nicht weiter ſprechen. 97 Sie nahm ihre Hände von dem Halſe ihres Geliebten, um das Schluchzen zu beſchwichtigen, welches ihr die von den grauſamſten Schmerzen zerriſſene Bruſt zu ſprengen drohte. Henry betrachtete ſie mit bekümmerten Blicken, ohne zu wa⸗ gen, ſie durch Worte tröſten zu wollen. Seine Umarmung aber ward feſter und zärtlicher, und ſeine Lippen tranken von den Wangen des armen Kindes die Thränenſtröme, die aus ihren Augen floſſen. Als Lucy endlich wieder ſprechen konnte, hob ſie an: »Ach, ich ſchwöre es Dir, Henry, und es wäre unrecht von Dir, wenn Du das, was ich Dir ſagen werde, in Zweifel ziehen wollteſt.« »Wie, Lucy, ich ſollte ein einziges der Worte bezwei⸗ feln, welche aus deinem Munde kommen? Was habe ich Dir gethan, daß Du mir das ſagſt?« »Verzeihung! Verzeihung, lieber Henry!« »Was willſt Du mir mittheilen?« »Daß ich beſchloſſen hatte, zu ſterben, ehe ich Percy Kirke’'s Weib würde. Sobald mein Vater gerettet geweſen wäre, hätte ich mir das Leben genommen. Ich hatte Gott ſchon um den Muth gebeten, es zu thun, und Gott hat in ſei⸗ ner Güte mir ihn gewährt.« »Lucyl theure Lucy! Gott will, daß Du lebeſt! Man iſt auf Erden nicht immer unglücklich. Nach den Prüfungen kommt der Lohn. Je ſchmerzlicher die erſten ſind, deſto ſüßer i*ſt der letztere. Wenn es kein Verbrechen für uns iſt, in die⸗ ſem Augenblicke das Wort Glück auszuſprechen, ſo laß' mich Dir es ſagen, Lucy: wir werden dereinſt noch glücklich ſeyn.« »Glücklich! glücklich!« wiederholte Lucy kopfſchüttelnd. »Ach, Henry, um dies zu werden müßteſt Du den entſetzli⸗ Der Tiger von Tanger. VIII. 7 98 chen Tod deiner Mutter und ich den meines Vaters vergeſſen. Iſt das aber wohl möglich? Mein Gott— iſt das wohl möglich?« »Dieſe furchtbaren Erinnerungen werden allerdings nie⸗ mals aus unſeren Herzen entſchwinden, nein, niemals, aber dennoch wird die Zeit ſie allmälig mildern.« »Das glaube ich nicht, Henry. Nur ein einziger Ge⸗ danke vermag meinen herzzerreißenden Jammer allmälig zu beſchwichtigen. Es iſt der, daß mein Vater und deine Mutter, Freund, jetzt vom Himmel, in welchem ſie von ſo vielen chriſt⸗ lich ertragenen Schmerzen ausruhen auf uns herabſchauen.« »Du haſt Recht, Lucy. Ja, dein Vater und meine Mut⸗ ter ſchauen auf uns herab und ſegnen uns.« »Nicht wahr, mein Henry? Wie ſollte ich auch ohne ſie und ohne ihre Fürbitte bei Gott allen den furchtbaren Gefah⸗ ren entrinnen, die mich noch umgeben?⸗ »Du wirſt ihnen entrinnen, ſey deſſen gewiß, meine An⸗ gebetete!— Vielleicht haben wir allerdings noch einige Prü⸗ fungen zu beſtehen, aber mit dem Gebete deines Vaters, Luch, und dem meiner Mutter werden wir, ihre armen hier zurück⸗ gelaſſenen Kinder, triumphiren. Fühlſt Du nicht ſchon ihre ſchützende Gegenwart, da wir mit einander weinen und uns lieben können, ohne daß künftighin irgend etwas unſerer Liebe in den Weg treten könnte? Wir dürfen uns ſagen, daß wir uns lieben—« Berauſcht durch Lucy's Athem ſchwieg Lord Lisle. Luch hörte auf zu weinen. Ihre eine Secunde vorher gen Himmel gerichteten Blicke ſuchten ſich und begegneten ſich. »Luch, o meine Lucy, ich liebe Dich!« »Henry, ich liebe Dich!« 99 Ein neuer Rauſch führte ein abermaliges Schweigen herbei. »Rette mich, Henry, und ich fühle es, wir können noch glücklich ſeyn.« »Dieſe Nacht, meine Geliebte, werde ich Dich aus die⸗ ſem ſchwimmenden Gefängniß befreien. Ich habe es Dir ſchon geſagt: Ich habe den Capitän des»„St. Dunſtan« gewonnen. Er wird mich auf offener See erwarten. Fürchte nichts— ich werde in einem Boote kommen— ich habe zuverläſſige Leute— und während der elende Jeffreys ſich des Gedankens erfreuen wird, daß Du als niedrige Sclavin verkauft werden ſollſt, werde ich Dich in einem ſichern Aſyl verbergen, wo ich Dich lieben, wo ich Dich kniend anbeten werde.« Lucy wollte antworten, als Capitän Clifford in ſein Zimmer trat, welches er gegen eine Erkenntlichkeit von etwa hundert Guineen dem jungen Lord Lisle zur Verfügung ge⸗ ſtellt hatte. »Entfernt Euch, Sir,« ſagte er zu Henry,„und ver⸗ laßt das Schiff ſo ſchnell als möglich. Lord Jeffreys will, ehe er das Signal zum Aufbruche gibt, die Flottille inſpiciren. Und Ihr, Miß, geht hinunter in das Zwiſchendeck zu den anderen Gefangenen.“ Lucy machte eine Geberde des Entſetzens und klammerte ſich an Henry an.— 4 »Geh, mein guter Engel, geh,« ſagte der junge Mann, indem er ſeinem Geſichte einen Ausdruck von Feſtigkeit gab, der ſeinem Herzen fehlte.»Wir müſſen dem Capitän gehor⸗ chen; er hat Recht, er iſt klug. Der Oberrichter darf auch nicht den leiſeſten Verdacht faſſen. Alſo, Capitän, heute Nacht!« »Ja wohl, Sir, gegen eilf Uhr.⸗ 100 »Hier ſind hundert Guineen, Capitän. Sobald Miß Lucy in mein Boot herabgeſtiegen ſeyn wird, bekommt Ihr noch tauſend.« »Gut, gut. Ihr ſeyd in der That ſehr freigebig, Sir. Ich werde mich dafür erkenntlich zu zeigen wiſſen.« Und während der Capitän Clifford den jungen Lord nach der an der Schiffswand hängenden Leiter und die zit⸗ 1 ternde Lucy nach der Luke des Zwiſchendecks führte, murmelte er zwiſchen den Zähnen hindurch: 1»Ha! Mylord Jeffreys, Ihr habt meine Mittheilung ſo aufgenommen! Wohlan, ich diene Dem, der am beſten zahlt, und werde daher dieſes junge Mädchen dieſem jungen Manne geben.“ Die beiden Waiſen trennten ſich, nachdem ſie einen Blick der Wehmuth und Hoffnung gewechſelt. Als Henry den„St. Dunſtan«verlaſſen hatte, ließ er ſich in einem Boote an's Land rudern und durchſtrich in ſeiner Matroſenverkleidung die Quais, welche mit zahlreichen Gruppen bedeckt waren, die aus den Fiſchern des Ortes und aus den Eltern und Freunden der in den Schiffen zuſammengeſchichteten Unglücklichen beſtanden. Dieſe Pilgrime der Familie und der Freundſchaft wa⸗ 5 ren herbeigeeilt, um einen leider vergeblichen Verſuch zu ma⸗ chen, noch einmal die Perſonen zu ſehen, die man ihrer Liebe entriß. In ihrer Hoffnung ſich getäuſcht ſehend, fluchten ſie Jef⸗ freys mit leiſer Stimme. Drei Compagnien des Regiments von Tanger waren auf dem Hafendamme aufgeſtellt, um im Nothfalle die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es war dies indeſſen eine überflüſſige Vorſichtsmaßre⸗ 1 101 gel der durch den Oberrichter eingeflößte Schrecken reichte ſchon hin. Lord Lisle verſchwand bald in einer der ſchmalen, ſteilen Gaſſen, aus welchen die Stadt Lyme beſtand, und trat in ein Haus, welches ſo gelegen war, daß man von dem Fenſter die Ausſicht auf den Hafen, die in demſelben liegende Flottille und die Biegungen des Fluſſes auf zwei bis drei Meilen weit hin⸗ aus hatte. Suſanne und William kamen ihm entgegengeeilt. »Nun, Mylord, iſt Alles verabredet?« »Ja. meine liebe Suſanne— ja, mein alter, treuer William, wir werden ſie retten. Doch ſtellen wir uns an das Fenſter. Das Ungeheuer läßt in dieſem Augenblicke ſeine Schlachtopfer die Muſterung paſſiren. Er will ſich ſelbſt über⸗ zeugen, ob für die lange Marter der Ueberfahrt die nöthigen Maßregeln getroffen ſind. Die Sonne neigt ſich zum Unter⸗ gange. Das Signal zum Aufbruche wird bald gegeben wer⸗ den. Wir dürfen den„St. Dunſtans nicht aus den Augen ver⸗ lieren.« Henry, Suſanne und William ſtellten ſich demgemäß ans Fenſter. Sie ſahen ein Boot mit drei Mann, welches von einem Schiff zum andern fuhr. Henry, der mit einem Fernrohr verſehen war, erkannte Jeffreys, Birch und Chiffinch und nannte ihre Namen mit dem lauten Ausdruck des Zornes und der Verachtung. „»Chiffinch iſt mit dabei, ſagt Ihr, Mylord? Da irrt Ihr Euch wohl. Dieſer Menſch iſt allerdings ſchlecht, aber nicht grauſam.“ »Sehet ſelbſt, Suſanne.« Die Irländerin nahm das Fernrohr, ſah hin und ſagte, indem ſie es Henry zurückgab: 102 »Ihr habt Recht, Mylord. Er iſt es wirklich— der Elende!« Es vergingen einige Minuten, während welcher Lord Lisle mit Hilfe ſeines Fernrohrs unausgeſetzt Alles beobach⸗ tete, was ihn bei dem Schauſpiel, welches er hier vor Augen hatte, intereſſiren konnte. »Ha!« rief er plötzlich,„da iſt das kleine Boot, welches mich zu dem»St. Dunſtan« bringen ſoll. Es legt da unten an, links in dieſer kleinen Bucht.— Sehet Ihr es, Suſanne?« „Ja, Mylord.« »Die beiden Ruderer ſteigen ans Land. Sie ſetzen ſich, Sie erwarten mich.— Es ſind wackere Leute.— Sie ſind noch eher da, als beſtimmt ward. Aber mein Gott, wie ſpät wird die Flottille unter Segel gehen! Die Sonne iſt ſchon hinunter und Jeffreys und ſeine würdigen Freunde ſind immer noch auf dem»King James«, dem Schiffe, welches dort unten an der Spitze des Hafendammes liegt. Den„St. Dunſtan“ ha⸗ ben ſie noch gar nicht inſpicirt. Es wird vollſtändig Nacht ge⸗ worden ſeyn, wenn man in See ſticht.— Hal endlich verfü⸗ gen Sie ſich an Bord des Schiffes, auf welchem meine arme Luch ſich befindet. Jeffreys ſteigt die Leiter hinauf. Er betritt das Deck. Er ſpricht mit dem Capitän, aber es wird immer finſterer— ich kann nichts mehr unterſcheiden.« Henry legte ſein Fernrohr auf den Tiſch und wendete ſich zu Suſanne und William herum. „»Ich werde mich zu meinen Leuten und meinem Boot begeben,« ſagte er.»Ihr wißt, meine Freunde, daß Ihr mich hier erwarten ſollt. Ihr habt es mir verſprochen und ich ver⸗ laſſe mich auf Euch. Bei der hochgehenden See wird Lucy⸗ ſehr müde werden. Bereitet Alles, was nöthig iſt, um ſie zu empfangen.« 103 Bei dieſen Worten entfernte ſich Lord Lisle. Am Hafen angelangt, ſah er alle Schiffe, die bereits die Anker gelichtet und die Segel geſpannt, ſich in Bewegung ſetzen. Er lenkte ſeine Schritte raſch nach der Stelle des Ufers, wo die beiden Fiſcher und das Boot ihn erwarteten, deſſen er ſich verſichert, um Lucy's Befreiung ins Werk zu ſetzen. Mittlerweile und ſeitdem er das Haus verlaſſen, in wel⸗ chem William und Suſanne zurückgeblieben waren, ward Letztere, indem ſie mit großen Schritten auf⸗ und abging und dumpfe, unverſtändliche Worte murmelte, von einer jener Anwandlungen von Zorn und Entrüſtung ergriffen, in welche der Anblick des Böſen ihr energiſches, edles Gemüth allemal verſetzte. „William, nicht wahr, ich kann mich auf eine Stunde entfernen? Länger werde ich durchaus nicht ausbleiben.“ „Aber warum wollt Ihr fort, Miß Suſanne?« „Warum ich fort will? Ich will dieſem feigen Chiffinch ſagen, was ich von ſeiner Handlungsweiſe denke. Ich wäre ſelbſt ein Feigling, wenn ich ihm nicht begegnete, wie er es verdient. Wie kann er Jeffreys auf dieſer Fahrt begleiten und wagen, noch an mich zu denken? Ja, ich will gehen— in ſpäteſtens einer Stunde bin ich wieder da. William.“* Indem Suſanne dieſe Worte ſprach, eilte ſie auf die Gaſſe hinaus und nach dem Hafendamm, an deſſen Seite eine breite Treppe angebracht war, die als Ausladungsplatz diente. Sie hatte geglaubt, daß hier das Boot anlegen würde, auf welchem Jeffreys, Birch und Chiffinch ſich befanden. Als ſie hier anlangte, befragte ſie die Fiſcher, welche — ——— —ꝛ—— ͦ— —— 104 traurig und düſter die Flotie ſich entfernen und allmälig in dem durchſichtigen Dunkel der Auguſtnacht verlieren ſahen. Sie erfuhr von ihnen, daß der Oberrichter und die Freunde, die ihn begleiteten, noch nicht zurückgekommen wären. »Aber warum bleiben ſie ſo lange?« fragte ſie. „Ja, das wiſſen wir nicht,« antwortete ein alter Ma⸗ troſe.»Wir ſahen blos vor länger als einer halben Stunde das Boot den»St. Dunſtan“ verlaſſen und wieder nach dem »King James« zurückkehren, den ſie doch ſchon inſpicirt hatten. Doch ſehet— da kommen ſiel Bald werden ſie an's Land ſteigen. Ach, das Meer, das Meer, welches ſo viele wackere Leute verſchlingt, läßt dieſe Böſewichter entrinnen!« Einen Augenblick ſpäter ſtieg Jeffreys unter dem Vor⸗ tritt eines Matroſen, der eine Schiffslaterne trug, und von dem Advocaten und dem Pagen gefolgt, die Stufen des ſtei⸗ nernen Dammes hinauf. Suſanne berührte Chiffinch am Arme. Er drehte ſich raſch herum und hätte, als er ſie bei einem Strahl der Schiffs⸗ laterne erkannte, ihren Namen beinahe laut genannt. Die Ir⸗ länderin aber hielt den Finger auf den Mund. Der Page ver⸗ ſtand dieſes Zeichen und ſchwieg. »Verlaßt eure Begleiter und kommt mit.“ Sie zog ihn auf die Seite, während Jeffreys und Birch ihren Weg weiter fortſetzten, und nahm ſchon eine zürnende Haltung an, um ihn zur Rede zu ſtellen, als er ſie bei der Hand faßte und in eiligem Tone zu ihr ſagte: »Ach, Suſanne, wenn Ihr wüßtet, wie ſehr ich Euch zu ſprechen gewünſcht habe! Welch ein glücklicher Gedanke von Euch, daß Ihr mich hier aufſucht! Wenn ich gewußt hätte, 105 wo ich Euch finden könnte, ſo hätte ich Euch ſchon längſt auf⸗ geſucht.« »Eure Liebesbetheurungen ſind jetzt am ganz unrechten Orte. Brechen wir davon ab und ſagt mir lieber—« »Durch eure Ungeduld bringt Ihr mich um die koſtbare Zeit. Nicht wahr, um eilf Uhr ſoll Lord Lisle ſich an Bord des „»St. Dunſtan« einfinden?« »Wer hat Euch denn das geſagt?⸗ „Ich weiß es.« »Aber was kann Euch auf alle Fälle daranliegen?« »Es liegt mir viel daran, daß Lord Lisle ſich mit Miß Lucy vermält. Wenn er ſie zur Frau hat, ſo kann er dann nicht mehr fortwährend Euch in ſeiner Nähe haben.« »Unverſchämter! Und wohl wegen des Intereſſe, welches Ihr an ihm nehmet, ſeyd Ihr mit an Bord des„St. Dunſtan« gegangen, um Euch an Miß Lucy’s Qualen zu weiden?« »Ich habe Lord Jeffreys blos begleitet, um Mittel zur Rettung dieſer unglücklichen jungen Dame ausfindig zu machen.« »Ihr ſeyd ein elender Spion, Maſter Chiffinch. Ihr wollt mich aushorchen, um meine Antworten dem elenden Jeffreys zu hinterbringen.« »Ich bin kein Spion, Suſanne. Ich bin blos ein Eifer⸗ füchtiger, ſage ich Euch. Ich möchte Miß Lucy retten, damit ſie mich von Lord Lisle befreit.« „Man wird ſie auch ohne Euch retten.« „»Ich ſehe wohl, Ihr wißt nicht—« »Was?« „Daß Miß Luch nicht mehr auf dem»St. Dunſtan« iſt.« „O mein Gott! Wo iſt ſie denn?« „»Am Bord des»King James«, wohin Jeffreys ſie vor ———. —,———O—O—⸗⸗xxx:y-ͤ— 106 dem Aufbruch der Flottille hat bringen laſſen. Der Capitän⸗ Clifford hatte Lord Lisle verrathen und ſein Geheimniß dem Oberrichter mitgetheilt. Miß Lucy ſollte nach New⸗Jerſey ge⸗ bracht werden, nun aber ſchickt man ſie auf dem»King Ja⸗ mes« nach Jamaica. Sie wird dieſes Land jedoch niemals erblicken, ſondern unterwegs in dieſem verpeſteten Zwiſchen⸗ deck ihren Geiſt aufgeben. Und Ihr, Suſanne, werdet Lord Lisle nun nicht mehr verlaſſen. Hier übergebt ihm das— es iſt ein Blankett von Jeffreys. Er hat es mir zu einem ganz anderen Zwecke gegeben, aber es macht nichts aus. Es iſt viel Geld, was ich Euch da gebe, Suſanne. Ich hätte damit irgend einem reichen Verurtheilten ſeine Begnadigung verſchaffen können und—« »Ja, ja, ich verſtehe— gebt her!« »Uebergebt es Lord Lisle und er möge ſich beeilen.“ Die Irländerin ergriff das Papier, welches Chiffinch ihr bot, und eilte ſo ſchnell ſie konnte nach dem Punkte des Ufers, welchen Henry ihr vor einer Stunde gezeigt und wo das Boot angelegt hatte, welches ihn nach dem St. Dunſtan bringen ſollte. Sie ſah Niemanden am Ufer, als ſie jedoch ihre Blicke nach der Mündung des Fluſſes lenkte, glaubte ſie ein ſich ent⸗ fernendes Fahrzeug zu bemerken. Sie rief ihm ſo laut, als ſie konnte, nach, daß es wieder umkehren ſolle, aber man hörte ſie nicht. Der ungeſtüme Wind, welcher wehte, ließ ihren Ruf ungehört verhallen. Nun lenkte ſie ihre Schritte eiligſt nach dem Hauſe, wo William ſie erwartete, ergriff hier eine Feder, ſchrieb einige Worte auf das Papier, welches Jeffreys Unterſchrift trug, wendete ſich dann zu Henry's altem Diener und ſagte zu dieſem: ¹ ————— 107 „Gebt mir das ſämmtliche Geld, welches Ihr noch hier habt.« Als der über dieſes Verlangen nicht wenig erſtaunende Diener zögerte, öffnete ſie ſelbſt eine Lord Lisle gehörige Scha⸗ tulle, nahm einen mit Guineen gefüllten Beutel heraus, ver⸗ ließ das Haus und kehrte außer Athem nach dem Hafendamme zurück, auf welchem noch einige Fiſcher und Matroſen beiſam⸗ men ſtanden. „Wer von Euch will mich an Bord des»„King James“ bringen?« fragte ſie, ſich mitten unter ſie ſtellend. Niemand antwortete. »Ich gebe zwanzig Pfund Sterling für das Boot, wel⸗ ches mir dieſen Dienſt leiſtet.« Nun waren gleich zwanzig Matroſen bereit und einige Augenblicke ſpäter trug ein auf den ſchäumenden Wogen da⸗ hintanzendes Boot Suſannen und ihre Selbſtverläugnung der hohen See entgegen. „Es iſt ein Gluͤck für ſie, daß der Wind gerade von der günſtigſten Richtung herkommt.« ſagte einer der am Lande gebliebenen Seeleute,»„ſonſt würde ſie den»King James« nimmermehr erreichen.« „»Uebrigens war dieſes Schiff auch das letzte, welches unter Segel ging,“ ſetzte ein Anderer hinzu.„Jeffreys hat es ſo lange aufgehalten.« „O, mir iſt nicht bange um ſie,« ſagte ein Dritter, Sie wird das Schiff ſchon erreichen. Die Ruderer, welche ſie füh⸗ ren, kennen das Meer.« Und ſie kannten es in der That. Dank ihrer Kraft und ihrer Erfahrung holte das Boot, wiewohl nur durch uner⸗ hörte Anſtrengung der Ruder, den»King James« ein. 108 Auf Suſannens Wunſch rief ein Matroſe das Schiff an.— „»Wer ſeyd Ihr?« fragte man vom Bord,„und was wollt Ihr?« »Werft uns ein Tau zu!« rief die Irländerin;„wir bringen Euch einen Befehl von Mylord Jeffreys.« Bei Nennung dieſes furchtbaren Namens gab der Capi⸗ tän Befehl beizulegen und das Boot ruderte ganz nahe an das Schiff hinan. »Nehmt Euch in Acht,« ſagte einer der Ruderer, als er Suſannen aufſtehen ſah. Dieſe aber ergriff, ohne zu antworten, das herabhän⸗ gende Tau, kletterte mit der Behendigkeit eines Schiffsjungen die Wand des Schiffes hinauf und ſprang auf das Deck. »Laßt Miß Lucy Murray herartonuen« ſagte ſie zu dem betroffenen Capitän. „»Warum?« »Damit ich ſie wieder ans Land bringe. Hier iſt der Befehl, den Mylord Jeffreys mir dictirt und den er eigenhän⸗ dig unterzeichnet hat.« „»Laßt ſehen!“« rief der Schiffscapitän, auf deſſen Geſicht ſich plötzlich ein gewiſſer Zweifel kundgab. „»Leſet,« ſagte Suſanne mit ſcheinbarer Ruhe. Der Capitän des»King James“ näherte ſich einer La⸗ terne und las aufmerkſam den Befehl, welchen Suſanne ihm überreicht hatte. „Ich bin,« ſagte Suſanne leiſe,„über dieſe Gnade, welche Mylord Jeffreys mir auf vieles Bitten gewährt, zu 4 hoch erfreut, als daß ich nicht dankbar, und erlaubet es mir zu ſagen, Capitän, erkenntlich dafür ſeyn ſollte. Ich habe drei⸗ oder vierhundert Pfund Sterling bei mir. Ich habe ſie mitge⸗ bracht, um ſo viel in meiner Kraft ſteht, die Pflege und gute 109 Behandlung zu vergelten, die Ihr meiner Schweſter während ihres kurzen Aufenthaltes am Bord eures Schiffes ohne Zwei⸗ fel habt angedeihen laſſen.« Der Capitän forderte Suſannen auf, mit in ſeine Cajüte zu kommen, öffnete hier ein Schubfach, nahm einige Papiere heraus, verglich die Unterſchrift des Blanketts mit der. wo⸗ mit Jeffreys eine Menge Deportationsbefehle vollzogen, wen⸗ dete ſich ſodann wieder zu der Irländerin und ſagte: »Ich zweifle nicht mehr. Wo ſind die Guineen, von wel⸗ chen Ihr vorhin ſpracht?« Suſanne zeigte die Börſe, mit welcher ſie ſich verſehen. Der Capitän ging hinaus und erſchien einige Augen⸗ blicke ſpäter wieder in Begleitung Lucy's. Die beiden jungen Mädchen ſtürzten einander in die Arme und hielten ſich lange umſchloſſen. Der rauhe Seemann trocknete ſich bei dieſem rührenden Schauſpiel eine Thräne mit der umgewendeten linken Hand, während er die rechte Suſannen reichte. Dieſe legte ihre Börſe hinein. Zehn Minuten ſpäter ſchwammen Sir Charles Murray's Tochter und Fitzgerald's Schweſter, mit einander in dem Boote ſitzend, dem Ufer zu.— Sie langten hier in demſelben Augenblicke an, wo zwei Matroſen aus einem andern Boote ſtiegen, welches ebenfalls von der hohen See zurückkehrte. Suſanne ward bei dieſem Anblicke von einer bangen Ahnung durchzuckt. „»Kommt Ihr von dem„St. Dunſtan?« fragte ſie in un⸗ ruhigem Tone. „»Ja. 110 „Was habt Ihr mit dem jungen Manne gemacht, den Ihr dorthin gebracht habt?⸗ „Er iſt an Bord geblieben.“ „»Er iſt an Bord geblieben!« riefen Lucy und Suſanne gleichzeitig in herzzerreißendem Tone. „»Ja, der Capitän ſagte ihm, der Lord Oberrichter habe die junge Dame, die er ſuche, auf ein anderes Schiff der Flot⸗ tille bringen laſſen und er ſchrie uns ſodann zu, wir könnten an's Land zurückkehren, denn er werde nun die Reiſe nach Ame⸗ rika mitmachen.« Eben brach der Tag an. Lucy und Suſanne ließen ihre Blicke hinausſchweifen nach dem offenen Meere. Es war nur noch ein einziges Segel in Sicht— die ganze übrige Flottille war verſchwunden. Beide blieben unbeweglich ſtehen, hielten ſich feſt an der Hand und betrachteten weinend den tiefen Ocean und den leeren Horizont. 4 VIII. Das Grab der Märturer. Ueber ein Jahrhundert lang nach den blutigen Tagen der Aſſiſen des Weſtens ſah der Seefahrer welcher dem klei⸗ nen Hafen Lyme zuſteuerte, oder ſich davon entfernte, von dem Meere aus auf der Höhe des wildromantiſchen Strandes, ungefähr eine Wegſtunde gegen Oſten von dem armſeligen Städtchen entfernt, einige plumpbehauene Steine ohne Mör⸗ tel auf einander gelegt, die ein Grabmal darzuſtellen ſchienen. 111 Dieſe Steine, welche ſpäter durch die immer mehr Land vom Strande hinwegſpülenden Meeresfluten verſchwunden ſind, wurden lange von der unwiſſenden Bevölkerung dieſer Küſtenſtriche in hohen Ehren gehalten. Man nannte ſie„das Grab der Märtyrer« und erzählte allerlei rührende Geſchich⸗ ten von den beiden Heiligen, deren Gebeine der Volksſage nach unter dieſen Steinen ruhten. Auch ſagte man, dieſes Grabmal ſey viele Jahre lang von einer Art Eremiten bewacht worden, einem armen Wahn⸗ ſinnigen, deſſen Haar man nach geheimnißvollen Schmerzen plötzlich hatte weiß werden ſehen, während er zugleich den Verſtand verlor. Man kannte in dieſer Gegend noch einige Verſe von dem Liede, welches er Tag und Nacht an dieſem Grabe geſungen und in welchem von einem heldenmüthigen Greis und einem eben ſo ſchönen als unglücklichen jungen Mädchen die Rede war, deſſen Seele die Engel, ihre Brüder, in den Schooß Gotkes zurückgetragen hatten. In mehren dieſer in dem Gedächtniſſe des Volkes zurück⸗ gebliebenen poetiſchen Fragmente, welche die Mütter ihren Kindern vorſangen, wenn ſie auch dieſen den Abſcheu vor einer tyranniſchen Regierung einprägen wollten, kamen wie⸗ derholt gleich einem hartnäckig klagenden Refrain die Namen Sir Charles und Lucy vor. Am Tage nach einer ſtürmiſchen Nacht, ſetzte man hin⸗ zu, hatte man auf dem Strande umhergeſtreut die Breter ge⸗ funden, von welchen der einſame Hüter des Märtyrergrabes ſich in der Nähe ſeiner theuern Todten eine elende Hütte ge⸗ baut hatte. Was ihn ſelbſt betraf, ſo glaubte man, daß ein gewal⸗ tiger Windſtoß ihn in das Meer geſtürzt habe, denn man ſah ihn nicht wieder und Niemand hörte jemals etwas von ihm. In dieſe unter den Schiffern und Matroſen an den Kü⸗ ſten von Devonſhire und Dorſetſhire weit verbreitete Sage miſchten ſich, wie in allen Erzählungen dieſer Art, eine Menge Entſtellungen und Unwahrheiten, die Hauptſache aber be⸗ ruhte, wie der Leſer ſogleich ſehen wird, in vollkommener Wahrheit. 3 Am 1. Juni 1688, nicht ganz drei Jahre nach den von uns zuletzt erzählten Ereigniſſen, gelang es einer ſchönen Goe⸗ lette, die aus offener See kam und welche ein heftiger Süd⸗ weſtſturm an den Klippen der Küſte zu zerſchellen drohte, durch die Geſchicklichkeit und Kühnheit ihres Manövrirens ſich in den Hafen von Lyme zu flüchten. Als ſie am Hafendamme vor Anker ging, brach eben die Nacht ein. Die Zollbeamten begaben ſich ſofort an Bord. „Wie heißt euer Schiff?« fragte der erſte Beamte den Capitän. „Die„Chercheuſe“, antwortete der Capitän. „Wem gehört es?« „Mir.« „Wie heißt Ihr?« „Man nennt mich den Capitän Henry. „Ihr ſeyd Engländer?« „Ja, ein echter Engländer.“ „Wo kommt Ihr her?« „Von allen jenſeits des atlantiſchen Meeres gelegenen engliſchen Colonien?« „Aber welches war die letzte, die Ihr berührt habt?⸗ „Jamaica.« 113 »Mit dieſem kleinen gebrechlichen Fahrzeug habt Ihr die Reiſe nach den Antillen gemacht?« „Ich würde meine Rückkehr in einer Schaluppe bewirkt haben, wenn ich nicht meine gute Goelette gehabt hätte.“ »Das iſt eure Sache. Beſteht eure Ladung aus Zucker und Colonialwaaren?« „Ich bin mit bloßem Ballaſt gefahren.« „»Das iſt ſeltſam. Die Zuckerproduction iſt doch bedeu⸗ tend geſtiegen, ſeitdem Mylord Jeffreys Sorge getragen hat, ſo viel Sclaven nach den Colonien zu ſchicken.« Der Capitän der„Chercheuſe« heftete auf den Oberzoll⸗ beamten einen zürnenden Blick, in welchem eine ſo ſtolze und furchtbare Entrüſtung flammte, daß der Beamte ihn nicht aushalten konnte. „Soll das vielleicht heißen, daß Ihr Mylord Jeffreys Handlungsweiſe gutheißt, Sir?« rief der Capitan mit dem Ausdruck mühſam verhaltenen Zornes. „Ich!« rief der Zollbeamte, indem er raſch den Kopf wieder emporrichtete und dem Capitän ins Geſicht ſah,»ich ſollte dergleichen Nichtswürdigkeiten gutheißen! Ach, Capitän, für wen ſehet Ihr mich an? Ich ſehe wohl, daß Ihr aus Amerika zurückkommt und deshalb will ich die Beleidigung, die Ihr mir zufügt, weiter nicht rügen. Wenn Ihr alle un⸗ ſere Colonien bereiſt habt, ſo müßt Ihr ziemlich lange abwe⸗ ſend geweſen ſeyn. Deshalb könnt Ihr auch nicht wiſſen, wie ſehr Alle, die den abſcheulichen Abſichten unſeres Tyrannen dienen, von der ganzen Nation verabſcheut werden und wie ſehr man ganz beſonders dieſen Jeffreys verwünſcht. Ihr nanntet Euch ſo eben einen echten Engländer; glaubet mir, daß ich auch einer bin. Maßt Ihr Euch vielleicht, weil ich noch im Der Tiger von Tanger. VIII. 8 114 Amte bin, das Recht an, mich auf dieſe Weiſe zu beleidigen?« Seyd überzeugt, daß ich mein Brot auf andere Weiſe zu ver⸗ dienen wiſſen werde, wenn es Jacob Stuart undſeinen nichts⸗ würdigen Helfershelfern vielleicht beliebt, mich von meinem Poſten zu entfernen. Vom Norden bis zum Süden, vom Oſten bis zum Weſten ſind alle treuen Anhänger der Hoch⸗ kirche von ihren Stellen vertrieben worden, weil ſie ſich nicht dazu verſtehen können, die Hände einem Despoten zu leihen, welcher unſere theuerſten Freiheiten zu vernichten ſucht, der Mylord Rocheſter und Mylord Clarendon, ſeine beiden Schwä⸗ ger, von ihren hohen Aemtern entfernt, weil ſie nicht ihren Glauben abſchwören wollen, um ſich zu dem ſeinigen zu be⸗ kennen; welcher, um zu verhindern, daß ſeine Tochter, die Prinzeſſin von Oranien, nach ihm auf den engliſchen Thron gelange, einzig deshalb, weil ſie eine treue Anhängerin des anglicaniſchen Glaubensbekenntniſſes iſt, die Königin für ſchwanger ausgibt und ſie ganz gewiß einen Prinzen von Wa⸗ les gebären laſſen wird— ein untergeſchobenes Kind, deſſen man ſchon zur Stunde der erheuchelten Geburtswehen der angeblichen Mutter habhaft zu werden wiſſen wird und aus dem man ſchon jetzt einen papiſtiſchen König zu machen ge⸗ denkt, der das begonnene Werk weiter fortführt. Und wißt Ihr, wie Jacob Stuart es anfängt, um ſeine ungeheuerlichen Pläne durchzuſetzen? Er hat eine hohe Commiſſion ernannt, die mit der willkürlichſten Vollmacht bekleidet iſt und ihre Sitzungen in Witehall in der Wohnung Chiffinch's, ſeines ſchamloſen Pagen, hält, und wen glaubt Ihr wohl, wen er zum Präſidenten dieſes fluchwürdigen Tribunals ernannt hat? — Jeffreys! Ferner zieht er, allen Geſetzen des Königreichs entgegen, in Honuslow, dicht vor den Thoren von London, eine zahlreiche Armee zuſammen, deren Commando er dem 115 Grafen von Feversham gibt. Hierher beruft er jenen grauſa⸗ men, wilden Percy Kirkemit ſeinen Lämmern, und mit all die⸗ ſen Vorkehrungen noch nicht zufrieden, läßt er auch nock täg⸗ lich zahlreiche Trupps irländiſcher Soldaten nach England kommen. Aber Gott iſt zu gerecht, um ihn nicht endlich noch zu ſtürzen.« Der Zollbeamte, welcher dieſe lange Rede in einem Athem und mit wüthender Zungenfertigkeit gehalten, ſchwieg, um ſich ein wenig zu erholen; ſeine Haltung, Geberde und der Ausdruck ſeines Geſichts aber verriethen noch, nachdem er aufgehört hatte zu ſprechen, daß er ſeine Gedanken mit der größten Aufrichtigkeit kundgegeben. Der Capitän der Goelette, deſſen Zorn ſehr bald in Er⸗ ſtaunen und dann in eine Freude übergegangen war, die er ſich nicht die Mühe nahm zu verhehlen, bot dem Redner die Hand und ſagte in theilnehmendem Tone: „Vergeſſet die übel angebrachte Frage, die ich vorhin an Euch richtete, Sir, und empfanget meinen Dank für die Worte, welche Ihr mich habt hören laſſen. Es ſind die erſten, welche bei meiner Rückkehr in mein Vaterland an mein Ohr ſchlagen und ſie entſprechen auf bewundernswürdige Weiſe dem Haß, der in mir gegen mehre der Männer kocht, deren Namen Ihr mir genannt. Sie ſind von glücklicher Vorbedeu⸗ tung und ich hoffe—« Der Capitän zögerte, als ob er fürchtete, zu viel zu ſagen. Dieſes Zögern entging nicht dem Zollbeamten, der darin ein Anzeichen von Mißtrauen zu bemerken glaubte. „O, Sir,“« rief er mit verletzter Miene,»Ihr könnt immer ſprechen! Von uns habt Ihr nichts zu fürchten! We⸗ der meine Collegen noch ich ſind Spionevon Whitehall. Meine 116 Worte haben Euch vielleicht überraſcht, aber bedenkt, daß Ihr mich erſt dazu gereizt habt. Uebrigens habe ich damit nur faſt buchſtäblich das wiederholt, was uns ſeit einigen Monaten der Schulmeiſter und der Pfarrer von Lyme ſo oft geſagt haben. Ich habe mir ihre Worte gemerkt, weil ſie voll⸗ kommen meine Gedanken wiedergeben. Uebrigens würden Euch dieſe Worte weniger in Erſtaunen ſetzen, wenn Ihr an⸗ ſtatt Seereiſen zu machen, England zu Fuße durchwandertet. Ihr würdet dieſe Worte von einem Ende des Königreiches zum andern, in den Städten wie auf dem Lande, in den Pa⸗ läſten der großen Herren wie in der Hütte des Armen verneh⸗ men. Doch lebt wohl, Sir, es wird ſpät. Morgen Früh wird die Behörde eure Papiere viſiren. Die Formalitäten werden, da Ihr keine Ladung habt, nicht lange dauern und Ihr könnt dann bleiben oder weiter gehen, wie es Euch beliebt.“« Kaum hatten die Zollbeamten das Schiff verlaſſen, ſo rief der Capitän ſeinen Steuermann. „Matthew,“« ſagte er,»morgen wenn die Witterung es erlaubt, werdet Ihr wieder unter Segel gehen und mich bei Sheerneß an der Mündung der Themſe erwarten. Ich für meine Perſon werde zu Lande nach London reiſen. Habt Ihr mich verſtanden?« „Ja, Capitän.« „»Jetzt laßt ein Boot ausſetzen und mich durch zwei Mann nach dem Hafendamme rudern.« Dieſer Befehl ward raſch ausgeführt und einige Augen⸗ blicke ſpäter betrat der Mann, der ſich den Capitän Henry genannt, nachdem er über den Hafendamm hinweggeſchritten war, einen ſchmalen Fußſteig, der ſich öſtlich vom Hafen nach 117 der Höhe des Strandes hinaufſchlängelte, und näherte ſich mit großen Schritten dem Grabe der Märtyrer. Der furchtbare Wind, der auf dieſen Höhen brauſte, die durch nichts vor der Wuth des Sturmes geſchützt wurden⸗ war dennoch nicht im Stande, den ſchnellen Schritt des jun⸗ gen Mannes zu zügeln. Er ſchien den rings um ihn entfeſſel⸗ ten Elementen keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und wenn er von Zeit zu Zeit ſtehen blieb und das Haupt neigte, ſo geſchah es mehr unter der Wucht ſeiner Gedanken als in Folge des Sturmes. Wenn die fliehenden Wolken zuweilen einige Secunden lang die Strahlen des Mondes auf den nächtlichen Wanderer fallen ließen, ſo hätte man ſehen können, wie er ſeine unaus⸗ ſprechliche Wehmuth und düſtere Entmuthigung verrathendes Antlitz bald zur Erde herabneigte, bald wieder, von neu er⸗ wachender Hoffnung beſeelt, gen Himmel richtete. „Nein,“ murmelt er ſeinen Weg fortſetzend,„nein, Lucy iſt nicht todt. Eine innere Stimme ſagt es mir. Aber dieſes Grab!— dieſes Grab, von welchem man mir jenſeits des at⸗ lantiſchen Oceans erzählt hat! Es kann ſich vielleicht hier um eine einfache Aehnlichkeit des Namens handeln. Jeffreys würde niemals erlaubt haben, daß man Sir Charles Murray's zer⸗ ſuckelte Glieder wieder ſammele, um ihnen eine chriſtliche Be⸗ ſtattung in demſelben Grabe zu gewähren, welches Lucy's ſterb⸗ liche Hülle aufgenommen hätte. Dieſer erhabene Troſt würde das Ungeheuer ſeinen Opfern ganz gewiß nicht gelaſſen haben. Doch vorwärts! Wenn der Sturm den geheimnißvollen Hüter des Grabes der Märtyrer genöthigt hat, die Anhöhe zu verlaſſen, ſo werde ich bald wiſſen, woran ich mich zu halten habe. Mein Gott, gib, daß es ein der Begründung entbehren⸗ des Volksmärchen ſey.“ Plötzlich blieb der Capitän der Goelette ſtehen und legte ſeine Hand auf das heftig ſchlagende Herz. Er hatte beim Licht eines ſofort wieder entſchwundenen Mondſtrahles das Grabmal geſehen, welches er ſuchte. Bei dieſem Anblick entſchwanden alle Hoffnungen, die er bis jetzt noch gehegt. Ein unwillkürliches Schluchzen, welches er nicht unterdrücken konnte und welches im Wind verhallte entrang ſich ſeiner Bruſt. 6 „Ach, leider! Luch ruhet wirklich hier!« ſagte er, indem er raſch auf das Grabmal zuſchritt. Plötzlich blieb er abermals ſtehen. Er glaubte durch das Brauſen des Sturmes hindurch den Ton einer Menſchenſtimme zu hören. Er horchte und überzeugte ſich bald, daß er ſich nicht ge⸗ irrt hatte. Leiſe Klagetöne ließen ſich in der Nähe des Grab⸗ mals vernehmen. Es klang wie ein Lied, welches eine Amme ihrem Säug⸗ ling vorſingt, um ihn in Schlaf zu lullen. „Ruhet in Frieden,“ lautete der Geſang,»ſchlafet, edlen Vater und fromme Tochter! Wenn das Brauſen des Sturme eure Gebeine erbeben macht und eure Seele aufweckt, ſo fürch⸗ tet doch nichts, Ihr theuren Dahingeſchiedenen. Nicht Jeffreys iſt der Urheber dieſes Brüllens! Ja, Miß Lucy, zittert nicht. Es iſt der Sturm, der an den Steinen rüttelt, die Euch ſchir⸗ men. Es iſt nicht Percy Kirke, der die Arme nach Euch aus⸗ ſtreckt um Euch zu faſſen. Euer Aſyl iſt unverletzlich. Ihr hat tet ein anderes, als Ihr noch unter uns lebtet, und wenn Ihr uns nicht verlaſſen hättet, ſo hättet Ihr Euch zu Lord Lisle s Liebe flüchten können. Sein tapferer Degen wußte Euch zu ſchützen! Kirke drohte Euch vergebens. Lord Lisle zog mit der Spitze ſeines Degens einen Zauberkreis um Euch, welchen der 119 Anführer der Lämmer nicht zu überſchreiten wagte. Aber er iſt fort, weit fort über das Meer, und Ihr, die Ihr ſo viele zermalmende Schmerzen ertragen, Ihr ſeyd dieſem letzten Schmerz unterlegen. Ihr ruhet unter dieſen kalten harten Steinen, während er ohne Zweifel Euch in fernen Ländern ſucht.— Dereinſt wird auch er das Grab der Märtyrer be⸗ ſuchen. Ha, wie wird euer Schatten ſich freuen, wenn er ihn hier knien fühlt, aufdieſer Erde, weinend und denStein küſſend, der Euch von ihm trennen wird. Bis dieſe hohe Freude Euch beſchieden ſeyn wird, werde ich, euer armer Dichter, bei Euch wachen und wenn ich ſterbe, dann— die Fiſcher von Lyme haben mir verſprochen, mir dieſen letzten Dienſt zu leiſten— dann werde ich in ein Grab gelegt werden, welches man ne⸗ ben dem euren graben wird.“« In dieſem Augenblicke trat der Mond hinter den Wolken hervor und beleuchtete die Höhe des Strandes mit ſeinem blei⸗ chen Glanze. 1 Der Capitän der„Chercheuſe« ſah nun deutlich den Mann, der ſich auf dieſe Weiſe mit den Todten unterhielt, und ging mit gerührtem Blick und offenen Armen auf ihn zu. Dieſe freundſchaftliche Geberde ſchien aber die Perſon, an die ſie ge⸗ richtet war, nicht zu beruhigen. »Wie mir ſcheint, Sir,« ſagte der Hüter des Grabmals, „»wählet Ihr eine ſeltſame Stunde, um das Grab der Märtyrer zu beſuchen. Es iſt dies eine Wallfahrt, die ich in einer ſolchen Nacht noch von Niemanden habe unternehmen ſehen. Wer ſeyd Ihr?« „»Wie, mein guter Cornwell, kennſt Du mich denn nicht mehr?« fragte der Neuankommende, indem er dem Eremiten immer noch die Arme entgegenbreitete. „»Mylord Lisle!« rief der Poet von freudigem Erſtaunen 120 ergriffen.„»Mylord Lisle! Wie war es möglich, daß ich Euch nicht ſogleich erkannte. Ach, Ihr müßt meinem armen gequäl⸗ ten Kopfe verzeihen. Wenn ich nur einen Augenblick lang nach⸗ gedacht hätte, ſo würde ich ſofort begriffen haben, daß nur Ihr allein auf der Welt in einer ſo furchtbaren Nacht hierher⸗ kommen konntet.⸗ Indem Cornwell dieſe Worte ſprach, faßte er Henry's Hand, um ſie zu küſſen. »Nein, nein, in meine Arme! Komm in meine Armel Deine Treue hat Dich mir zum theuerſten Freunde gemacht.« »Ach, wie erfreuet Ihr mich, daß Ihr ſo mit mir ſpre⸗ chet! Wißt Ihr, daß andere Leute mich für wahnſinnig halten, weil ich hier bei dieſem Grabmal bleibe und weil ich mir dieſe kleine Hütte gebaut habe, welche Ihr hier zwanzig, Schritte von uns ſeht?« »Laß dieſe kalten Herzen ſagen, was ſie wollen, mein Freund, und wenn meine Dankbarkeit und Liebe für Dich Werth haben, ſo wiſſe, daß Du ſie durch deine Treue auf im⸗ mer erworben haſt. „Dies iſt ſeit drei Jahren der erſte Augenblick v von Freude, der mir wird,« ſagte Cornwell, indem er Lord Lisle mit ehrerbietiger Zärtlichkeit die Hand drückte. Dann wendete er ſeine Augen mit wehmüthigem Lächeln nach dem Grabmal und fuhr fort: „Ich habe immer geglaubt, daß der Engel, welcher unter dieſen Steinen ruht, ſich eurer Gegenwart hier erfreuen würde. Er liebte Euch während ſeines Verweilens hinieden ſo ſehr. Leider aber wird nicht einmal eure Gegenwart, nicht einmal eure ſeinen Namen rufende Stimme ihn unter uns zurückführen. Henry, der in der Haltung des Mitleids und des 121 Schmerzes die Blicke auf Lucy's Grabmal heftend und mit thränenvollen Augen daſtand, hörte nur mit Zerſtreuung, was der Poet ihm ins Ohr murmelte. Er ſchien bitteren Gedanken nachzuhängen. „Deine ſo guten und ſo freundſchaftlichen Worte erfüllen mich mit Schmerz, mein lieber Cornwell,« ſagte er plöͤtzlich⸗ „Indem ich hierherkam, hatte ich noch ich weiß nicht was für eine unklare Hoffnung. Ich glaubte, die Sage von dem Grabe der Märtyrer ſey mehr poetiſch als wahr. Ich wollte den Ere⸗ miten befragen, der, wie man mir ſagte, dieſes heilige Grab⸗ mal bewachte, und indem ich das Meer durchſchiffte, um mich nach Lyme zu begeben, war ich weit entfernt zu ahnen, daß Du dieſer Eremit ſeyeſt. Wenn ich dies hätte ahnen können, wäre ich ſchon ſeit zwei Monaten von meinem Unglück über⸗ zeugt geweſen.« „Wie, Mylord,“ unterbrach ihn Cornwell erſtaunt, „erſt ſeit zwei Monaten habt Ihr von dem Grabe der Mär⸗ tyrer ſprechen hören? Dann habt Ihr alſo keinen meiner Briefe erhalten?« „Keinen, mein Freund.« „Und dennoch habe ich eine große Anzahl an Euch ge⸗ ſchrieben. Jedesmal, wo ich, nachdem ich das letzte Lied ge⸗ ſungen, welches ich auf das Unglück Sir Charles Murray’s und Miß Luch's gedichtet, in die kleine Stadt hinunterging, um meine Lebensmittel für den nächſten Monat einzukaufen, ging ich in das Haus des Geiſtlichen und ſchrieb Euch, Ihr ſolltet nach England zurückkommen, weil die, welche Ihr jen⸗ ſeits des Meeres ſuchtet, nicht dort ſey, ſondern leblos hier ruhe. Ich weiß gewiß, daß alle meine Briefe nach den Colo⸗ nien abgegangen ſind. Wie kommt es, daß auch nicht ein einziger davon in eure Hände gelangt iſt?« 122 „Du würdeſt Dich nicht wundern, mein Freund, wenn Du wüßteſt, was für ein Leben ich ſeit drei Jahren geführt habe. In New⸗Jerſey angelangt, erkundigte ich mich nach allen Schiffen, welche Deportirte an dieſe von dem Mutterlande ſo weit entfernten Geſtade gebracht hätten. Ich ging in das In⸗ nere hinein und ſuchte alle Wohnungen auf, wo, wie ich er⸗ fuhr, einige dieſer Unglücklichen gekauft worden waren. Um ſchneller aus einer Colonie in die andere zu gelangen, ver⸗ dingte ich mich als Matroſe an Bord mehrer Fahrzeuge. Mei⸗ nen Familiennamen hatte ich abgelegt. Es dauerte nicht lange, ſo hatte ich mir die nöthige ſeemänniſche Uebung und Erfah⸗ rung erworben. Eines Tages bot ſich mir Gelegenheit dar, eine Goelette zu kaufen. Ich hatte die Summe, die ich mit nach dem„St. Dunſtans genommen, um das Löſegeld für meine arme Lucy zu bezahlen, noch bei mir und verwendete einen Theil davon auf die Erwerbung dieſes Schiffes. Sofort über⸗ nahm ich das Commando meiner Goelette und konnte mich nun ungehindert nach allen Gegenden begeben, wo die leiſeſte Spur mich vermuthen ließ, daß ich meine unglückliche Lucy wiederfinden würde. Alle dieſe Kreuz⸗ und Querzüge aber waren leider vergebens, da ſie ja aufgehört hatte zu leben.“ „Aber durch wen wurdet Ihr denn vor zwei Monaten von ihrem traurigen Schickſal unterrichtet?« „Ich war in Jamaica. Es iſt dies von unſeren Colo⸗ nien die, welche die größte Anzahl von jenen Deportirten er⸗ halten hat, und ich ſtellte nach allen Richtungen hin auf die⸗ ſer Inſel die genaueſten und unermüdlichſten Nachforſchungen an, obſchon natürlich vergebens. Eines Tages begegnete ich dem Capitän Clifford vom„St. Dunſtan.« Er hatte erſt vor Kurzem England verlaſſen und von ihm erfuhr ich, was man an der Küſte von Devonſhire in Bezug auf das Märtyrergrab 123 erzählte. Du kannſt Dir denken, mein Freund, daß ich ſofort auf mein Schiff zurückkehrte und nach meinem Heimatland zurückſteuerte. Vor zwei Stunden langte ſch in Lyme an und nun bin ich hier.« Indem Lord Lisle dieſe letzten Worte ſprach, kniete er an dem Grabmal nieder, lehnte ſeine Stirn an den Stein und ließ ſchweigend ſeine Thränen fließen. Dann erhob er ſich und murmelte: „Man behauptet, der Zweifel ſey ſchmerzlicher als die Gewißheit. Ich fühle, daß dies falſch iſt. Nur die, welche ſich ſchnell tröſten wollen, ſagen dies. Lieber wollte ich noch zwei⸗ feln, als die entſetzliche Gewißheit haben, welche mich in Ver⸗ zweiflung ſtürzt.« Henry ſchwieg und ſah Cornwell an, deſſen Geſicht von den Mondſtrahlen beleuchtet ward. „Weißt Du auch ganz beſtimmt,« hob er in eindringli⸗ chem Tone wieder an,„»daß Lucy geſtorben iſt und hier unter dieſen Steinen begraben liegt?« »Ach, Mylord, wie könnet Ihr dieſe Frage an mich richten?« »Nun, ſo erzähle mir, wie die Sache zugegangen, auf welche Weiſe und durch wen Lucy hier begraben worden iſt.« „Durch Miß Suſanne, welche ſie von dem Schiff zurück⸗ geholt hatte, auf welches ſie Jeffreys gebracht, nachdem er ſie von dem„St. Dunſtan“ hinweggeholt. Als Beide ans Land zu⸗ rückkamen, erfuhren ſie, daß Ihr mit nach Amerika ſegeltet. Schon zu Boden gedrückt von den entſetzlichen Gemüthsbewe⸗ gungen, welche ſie ſeit längerer Zeit zu ertragen gehabt, er⸗ lag die arme junge Dame dieſem letzten Schlage vollends. Sie ſtarb, Miß Suſanne erhielt von dem Oberrichter auf Maſter 124 Chiffinch’'s Verwendung die Erlaubniß, den zerſtückelten Leich⸗ nam Sir Charles Murray's von allen Orten, wo man ihn angenagelt, abnehmen zu laſſen. Dieſe Stücke ſetzte ſie ſorgfäl⸗ tig wieder zuſammen und bettete ſie mit Miß Lucy's ſterblichen Ueberreſten unter dieſe Steine, welche das Volk gegenwärtig das Grab der Märtyrer nennt.“ Cornwell und Henry weinten. Lord Lisle ſchüttelte plötzlich den Kopf und ſagte in ern⸗ ſtem, düſterem Tone. „Deine Selbſtaufopferung hat lange genug gedauert, mein Freund. Verlaß dieſen Ort, an welchen wir vielleicht zurückkehren werden, um mit einander zu weinen. Komm mit mir!« „Wo gehen wir hin, Mylord?s „Nach London.“ Die beiden Männer entfernten ſich, und als ſie an der Hütte vorbeikamen, welche Cornwell drei Jahre lang zum Ob⸗ dach gedient, ſahen ſie, daß der Sturm ſie zerſtört hatte. 125 IX Der ſchwarze Freitag. Eine Woche nach dem Beſuche Henry's bei dem Grabe der Märtyrer. Freitags am 8. Juni 1688, einem in der Geſchichte Englands unvergeßlich gewordenen Tage, befand ſich Suſanne ſchon früh in der Wohnung, welche Chiffinch in Whitehall inne hatte. Die Irländerin war noch wunderbarer ſchön, als da wir ſie drei Jahre vorher durch ihre Erſcheinung ſchon allen Her⸗ zen die Ruhe rauben ſahen. Die letzten Spuren der Kindheit und jene geheimnißvollen Uebergänge der Altersſtufen, welche die weibliche Natur oft erſt ſehr ſpät abzuſtreifen vermag, waren gänzlich verſchwun⸗ den und Fitzgerald's Schweſter ſtrahlte jetzt im ganzen Glanze des vollentwickelten Weibes. Chiffinch, der in ſtumme Betrachtung verſunken zu ihren Füßen ſaß, betete ſie an und Suſanne wies nicht mehr mit der früheren unverſöhnlichen Verachtuung die demüthigen und doch ſo glühenden Kundgebungen dieſer unbeſiegbaren Liebe zurück. Der Page hatte gewagt die Hand der Irländerin zu ergreifen und dieſe hatte ſie ihm ohne Widerſtand gelaſſen. Kühn gemacht berührte er mit ſeinen Lippen die feinen Finger, welche er mit beiden Händen umſchließen durfte, und 126 erhob ſodann die Augen zu der Geliebten empor, um zu ſehen, wie dieſe Liekoſung aufgenommen worden und ob ſie nicht den Unwillen der ſonſt ſo launiſchen Schönheit erregen würde. Das Gefühl, welches er ſich auf Suſannens Antlitz ver⸗ rathen ſah, ſchien ſeine Kühnheit noch zu ſteigern. Indem er von dem Tabouret herabglitt, auf welchem er ſaß, kniete er vor ſeinem Idol nieder und ſchaute ſchüchtern zu ihm empor. „Wie ſchön Du biſt! wie ſchön Du biſt!« murmelte er wie berauſcht,„und o wie liebe ich Dich! Ach, ich weiß, daß es ſchon zu viel Glück für mich iſt, Dir es ſagen zu können. Wenn DOu aber jemals das Verſprechen erfülleſt, welches Du mir ſeit drei Jahren gegeben, welcher Mann wird ſich dann glücklicher ſchätzen können als ich! Sage mir, Suſanne, willſt Du dieſem langen Zögern nicht endlich ein Ziel ſetzen? Soll es ewig dauern? Wirſt Du niemals einwilligen, mein Weib zu werden?« „Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich Euch dereinſt meine Hand reichen werde,“ antwortete Fitzgerald’s Schweſter, „und ſeyd deſſen überzeugt, ich werde mein Verſprechen halten.“ „Aber wann denn, meine angebetete Suſanne?« „Sobald Ihr ſelbſt alle eure Verſprechungen erfüllt haben werdet.“ „Ach, meint Ihr nicht, daß ich ſchon viel gethan habe?« „Ja, aber das Werk iſt noch nicht vollendet. Ihr müßt neue und noch größere Anſtrengungen machen. Ihr ſeyd der Freund und geheime College des Lord Jeffreys, welcher bei der hohen Commiſſion den Vorſitz führt. Ich finde, daß Ihr ihn zu ſchläfrig werden laſſet. Dieſer Mann iſt nicht mehr, was er war. Die königliche Gunſt und der Reichthum, den er ſich durch ſoviel Erpreſſungen erworben, haben ihn auf eigen⸗ thümliche Weiſe verweichlicht. Er muß ſich wieder ermuntern und eure Rathſchläge müſſen ihn unaufhörlich vorwärts trei⸗ ben.— Ferner ſteht Euch das Ohr des Königs offen und Ihr übt auf ihn einen um ſo größeren und ſicheren Einfluß, als eure Stimme gewiſſermaßen der Ausdruck aller ſeiner ge⸗ heimſten Gedanken iſt. Ermuthigt ihn daher immer mehr und mehr auf dem vortrefflichen Wege, den er betreten, und laſſet ihn ſeine Schritte immer mehr beſchleunigen.« „Eure Wünſche ſollen erfüllt werden, Suſanne,« unter⸗ brach ſie der erſte Page,„aber bedenket, daß es hierzu Zeit bedarf. Mittlerweile iſt euer Sohn, euer liebes reizendes Kind, euer kleiner Lucian— nur die unverbrüchliche Anhänglich⸗ keit, die ich gegen Euch hege, gibt mir den Muth dies zu ſa⸗ gen— euer unſchuldiger kleiner Lucian iſt mittlerweile immer noch ohne Namen und ohne Vater. Sprecht, Suſanne, wünſcht Ihr nicht, daß der liebe Kleine einen Namen und ei⸗ ner Vater bekomme?« Während Chiffinch dies ſagte, hatte Suſannens Antlitz ſich verdüſtert und der Schmerz ſeinen Schleier darüber ge⸗ worfen. Dieſe Wolke zerſtreute ſich aber faſt ſofort wieder und ein eigenthümliches Lächeln zuckte über die Lippen und in den Augen der jungen Mutter. »Das wird ſchon noch geſchehen,“« ſagte ſie mit träume⸗ riſcher Miene und als ob ſie im Stillen eine ſchon längſt in ihrem Herzen gewurzelte Idee liebkoſte. „Das wird ſchon noch geſchehen,« wiederholte Chiffinch, „ja es wird geſchehen, das hoffe ich auch, aber ſolltet Ihr nicht dieſe Stunde beſchleunigen, welche Ihr ohne Zweifel noch eher herbeiwuͤnſchet als ich?« »Ja, ich wünſche ſehnlich, daß ſie herbeikomme— das ſt ganz wahr, Maſter Chiffinch, aber höret mich, ich ſage es 128 Euch zum letzten Male. Ich bin Irländerin. Ich will, daß mein Vaterland in dem dreifachen Königreiche Großbritannien mit Schottland und England gleiche Rechte habe. Ich will, daß der Boden Englands aufhöre, im ungerechten Beſitze engliſcher Co⸗ loniſten zu ſeyn. Ich will, daß die früheren Beſitzer, meine Lands⸗ leute, wieder in das Beſitzthum zurückkehren, aus welchem eine nngerechte, gewaltthätige Eroberung ſie vertrieben hat.“ „Aber findet Ihr nicht, daß Tyrconnel, der neue Lord⸗ lieutenant, welcher auf Clarendon gefolgt iſt und für deſſen Ernennung ich mich namentlich verwendet, einen ziemlich drei⸗ ſten Ganggehet? Kaum hater die Regierungvon Irland übernom⸗ men, ſo befindet ſich auch ſchon die ganze engliſche Bevölke⸗ rung dieſer Inſel in der größten Beſtürzung. Schon haben mehr als fünfzehnhunbert Familien den St. Georgscanal paſſirt, um nach England zurückzukehren. Unter den Geheim⸗ räthen, den Richtern, Mayors, Municipalräthen und Frie⸗ densrichtern zählt man jetzt nur Creaturen dieſes Tyrconnel. Die, welche unter dem Vicekönig Clarendon noch als Herren in dem Lande regierten, beklagen ſich gegenwärtig in der Bitterkeit ihrer⸗Seele, daß ſie zur Beute und zum Gelächter ihrer Leibeigenen und ihrer Diener geworden ſeyen. Man zün⸗ det ihre Häuſer an, man treibt ungeſtraft ihre Heerden hin⸗ weg. Die eingebornen Soldaten, welche kürzlich durch Tyr⸗ connel unter die Fahnen gerufen worden, durchſtreifen plün⸗ dernd, verwüſtend und mordend das Land. Vergebens appel⸗ lirt der engliſche Proteſtant an das Geſetz. Die Richter, die Scheriffs, die Geſchworenen, die Zeugen— alle ſind Irlän⸗ der und verſtehen ſich mit einander, um ihre Landsleute und Glaubensgenoſſen vor Strafe zu bewahren. Höret, was die Coloniſten ſagen. Es bedarf, ſagen ſie, keiner neuen Parla⸗ mentsacte, damit der Boden andere Herren bekomme, denn 129 ſeit Tyrconnell’s Ankunftiſt in allen Beſitzfragen die Entſchei⸗ dung allemal zu Gunſten des Eingeborenen gegen den Englän⸗ der gefällt worden.“ Chiffinch machte eine Pauſe und ſah Suſannen an, als ob er Beifall und Dank von ihr erwartete. Ihr Schweigen und ihre Zurückhaltung machten ihn betroffen. »Seyd Ihr nicht zufrieden mit mir?« ſetzte er mit einer gewiſſen Unruhe hinzu. „Ja,“ antwortete ſie,»ich bin mit dem was in Irland geſchieht, ſo ziemlich zufrieden, aber Ihr wißt, daß dies nicht meine einzige Bedingung iſt. Außer der Befreiung meines Landes will ich auch den Triumph meiner Religion. Ich bin Katholikin und ich will, daß mein Glaube in England den Aberglauben der anglicaniſchen Kirche entthrone. An dem Tage, wo ich dieſen heiligen Sieg vollenden ſehe, an dieſem Tage werde ich euer Weib.“« »Ach, Suſanne, das was Ihr da verlangt, iſt ſehr ſchwer durchzuſetzen,« rief der Page beinahe entmuthigt;„es iſt vielleicht ſogar unmöglich. Und dennoch wißt Ihr, mit mell chem Eifer ich mich an's Werk gemacht habe, um Euch zufrie⸗ denzuſtellen. Ihr wißt, wie ich alle Gelegenheiten benutzt habe, um meine Rathſchläge in der Geſtalt von Beifall dem König in's Ohr zu flüſtern. Ihr kennt alle die falſchen Be⸗ richte, die ich ihm unaufhörlich erſtatte. Ihr wißt, mit wel⸗ cher Hartnäckigkeit ich in ſeinen Augen ſeine eigene Macht übertreibe. Wie oft habe ich nicht geſagt, daß er Recht habe, daß er königlich, chriſtlich und fromm handle, wenn er ſich bemühe, die Ketzerei in ſeinem Lande auszurotten, um die wahre Religion an deren Stelle zu ſetzen. Niemand, ſelbſt keiner der katholiſchen Prieſter, von welchen er umgeben iſt, Der Tiger von Tanger. VIII 9 8 130 hat ihn mehr als ich dazu gedrängt, alle Macht, die er als Oberhaupt der anglicaniſchen Kirche beſitzt, zum Sturze der⸗ ſelben anzuwenden. Ach. Suſanne, ſelbſt wenn der Wider⸗ ſtand, den die Biſchöfe Großbritanniens gegenwärtig Sr. Ma⸗ jeſtät entgegenſetzen, unüberwindlich wäre, hätte ich deswegen nicht weniger eure Hand verdient und Ihr ſeyd zu gerecht, um ſie mir nicht nach ſo großen und mühſamen Anſtrengun⸗ gen zu ſchenken.“ 4 „Meine Hand wird, wie ich nochmals ſage, Mr. Chif⸗ finch, nicht eher euer ſeyn, als an dem Tage, wo der Wider⸗ ſtand, von welchem Ihr ſprecht, überwunden ſeyn wird,« ent⸗ gegnete die Irländerin kalt.„Iſt er unüberwindlich, nun dann deſto ſchlimmer für Euch.“ „Wie, Suſanne,“« wendete Chiffinch in kläglichem Tone ein,»Ihr ſeyd alſo entſchloſſen, mich für die Thorheit und Starrköpfigkeit Anderer zu ſtrafen?« Fitzgerald's Schweſter gab auf dieſe verzweiflungsvolle Frage keine Antwort und der erſte Page Jacob II. hob wie⸗ der an: „„Ihr könnt ganz gewiß nicht behaupten, daß ich den Einfluß, den ich auf gewiſſe Perſonen beſitze, in dieſer ganzen Angelegenheit geſpart habe. Allerdings bin ich weit entfernt behaupten zu wollen, daß ich es ſey, der den König beſtimmt habe, vor einigen Tagen in der Londoner Zeitung jene»In⸗ dulgenzerklärung“ zu veröffentlichen, welche einzig und allein zu Gunſten der Katholiken erlaſſen worden, und worüber in dieſem Augenblicke von einem Ende Englands bis zum andern ein ſo wüthendes Geſchrei erhoben wird; wohl aber kann ich verſichern, daß ich es bin, der mit Hilfe des Pater Peter den König beſtimmt hot, die Verleſung dieſer Erklärung an zwei 131 aufeinanderfolgenden Sonntagen in allen Kirchen des ver⸗ einigten Königreiches anzuordnen. Wenn wir es ſo weit trei⸗ ben könnten, daß dieſe Verleſung von den proteſtantiſchen Kanzeln geſchehen müßte, ſo wäre dies die Abdankung der proteſtantiſchen Religion ſelbſt, die wir erlangt hätten. Un⸗ glücklicherweiſe aber iſt es, wie Ihr wiſſet, nicht ſo gekommen. Der Erzbiſchof von Canterbury und die Biſchöfe von St. Aſaph, von Ely, von Peterborough, von Bath und von Bri⸗ ſtol haben gewagt, an meinen Herrn eine gemeinſchaftliche Eingabe zu richten, in welcher ſie die Indulgenzerklärung ge⸗ ſetzwidrig nennen und hinzufügen, daß die Klugheit, die Ehre und das Gewiſſen ihnen verböten, an der feierlichen Veröf⸗ fentlichung dieſes Documents in dem Hauſe des Herrn und während des Gottesdienſtes theilzunehmen.“ „»Alle dieſe näheren Umſtände ſind mir bekannt,« unter⸗ brach ihn Suſanne.»Der Brief der Biſchöfe iſt im Druck erſchienen, ich habe ihn für einen Penny leſen können.« „Eben dieſe unermeßliche und dreiſte Publicität, welche man dieſem Briefe gegeben, hat den gerechten Zorn des Kö⸗ nigs noch mehr erweckt.« „Aber warum zertrümmert er nicht ohne Erbarmen das Hinderniß, welches dieſe Unſinnigen ihm in den Weg ſtellen?« „Wenn Se. Majeſtät euren Wünſchen gemäß handelt, darf ich dann hoffen, Suſanne, daß Ihr die von mir ſo ſehr herbeigeſehnte Stunde unſerer Vereinigung früher ſchlagen laßt?7. „Ja, Mr. Chiffinch; erſcheinen die ſieben Prälaten nicht heute vor der hohen Commiſſion?⸗ „Allerdings, meine angebetete Suſanne, und Ihr befin⸗ * 13² det Euch jetzt in demſelben Zimmer, wo binnen hier und zwei Stunden die hohen Commiſſäre ihre Sitzungen halten werden. Die Diener des Palaſtes erwarten nur meine Befehle, um die Tafel und die Seſſel außzuſtellen.“ „Ich ſehe wohl, daß ich mich entfernen muß,« ſagte Suſanne.„»Lebt wohl. Mr. Chiffinch, oder vielmehr auf Wie⸗ derſehen. Vergeßt nicht, daß ich auf die Strenge des Lord Jeffreys und eurer andern Freunde bei dem Tribunal reihne. Sobald Ihr ihre Entſcheidung erfahret, werdet Ihr mir ſie in meinem Hauſe in Soho⸗Fields mittheilen, wohin ich jetzt zurückkehre.« Suſanne lenkte, während Chifſinch ihr das Geleite gab, ihre Schritte nach der Thür, nicht ohne vorher dem verliebten Pagen noch einmal auf die verführeriſchſte Weiſe zugeläͤchelt zu haben. „Ha, Zauberin! Zauberin!« murmelte Chiffinch, ſobald er allein war.»Welche Narrenſtreiche zwingt ſie mich zu be⸗ gehen, ohne daß ſie etwas Anderes zu thun braucht, als ihren beſtrickenden Blick auf mich zu heften. Sie ewig zu lieben und meine Liebe unerwiedert zu ſehen, ach, das war alſo das Schickſal, welches mir die Zukunft an dem Tage, wo ich ihr begegnete, vorbehielt. Aber ſie wird mich noch lieben— ſie wird mich noch lieben, denn ich werde Alles thun, um ihre Liebe endlich zu gewinnen, ihre Liebe, das Trugbild meines Lebens, welcheß mir unaufhörlich wieder entſchwindet, wäh⸗ rend ich es ſchon zu beſitzen glaube. Diesmal aber bin ich gewiß, es zu erreichen. Um den Ausgang der Sitzung iſt mir nicht bange, denn nicht Jeffreys wird präſidiren, ſondern der König ſelbſt. Die Biſchöfe werden folglich verurtheilt werden. Er bereitet ſich dadurch ſeinen Untergang, mein allergnädig⸗ 133 ſter Herr. Aber was kommt darauf an, dafern ich nur Su⸗ ſannens Gatte werde? Vielleicht ſollte ich ihn warnen. denn mir iſt er ſtets ein guter Herr geweſen. Ihn warnen? Was könnte das nützen? Er würde mich doch nicht anhören und ich würde ohne Zweifel in Ungnade fallen. Und übrigens, wenn er zufällig ſeiner blinden oder gerade herausgeſagt ſei⸗ ner dummen Hartnäckigkeit Schweigen geböte und den Rath⸗ ſchlägen der Vernunft Gehör gäbe, ſo würde ich Suſannen ſich von mir entfernen ſehen. Nein, nein; ohne ſie kann ich nicht leben und wie groß auch ihre Kälte ſeyn möge, ſo fühle ich doch, daß ich ſterben müßte, wenn mir nicht mehr ver⸗ gönnt wäre, ihre bezaubernde Schönheit zu betrachten und zuweilen ihre Hand in der meinen zu halten. Ach Chiffinch, Chiffinch, zu deiner Strafe hat eine unbekannte Macht einen ſo demürhigen Sclaven aus Dir gemachtl« Der unglückliche Page würde noch lange Zeit gebraucht haben, um ſeine Schmerzen und Hoffnungen ſich ſelbſt zu er⸗ klären, wenn Jeffreys nicht eingetreten wäre und dadurch ſeinen Monolog unterbrochen hätte. „Nun, was fehlt Dir, mein armer Freund?« ſagte der Lordkanzler mit ſpöttiſchem Mitleid.»Du ſchweigſt? Ich er⸗ rathe die Urſache deines Kummers, denn ich glaube ſoeben den Wagen der grauſamen Suſanne vorüberfahren geſehen zu haben. Weißt, Du, Chiffinch, daß dieſe Sache ein wenig lange dauert? Wie, nach Allem, was Du für ſie gethan, biſt Du noch nicht weiter als am erſten Tage. Schon mit dem, was ſie während meiner Rundreiſe im Weſten von meiner Nachſicht und Gnade gegen Dich erlangt hat, hätte ich an deiner Stelle zum Ziele kommen wollen. Der ſonſt ſo entſchie⸗ dene Chiffinch hat ſich aber in einen ſchmachtenden Anbeter 134 verwandelt. Ich ſehe ſchon, ich muß deinen Namen der Mar⸗ tyrologie Cupido's anvertrauen. Man wird am Ende noch genöthigt ſeyn, Dich in's Irrenhaus zu ſperren.« Jeffreys begleitete dieſe Worte mit lautem Gelächter. Der erſte Page des Königs war jedoch durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt und nahm die Sache nicht gut anf. „Ihr müßt getrunken haben, ehe Ihr hierherkamt, My⸗ lord,« murrte er zwiſchen den Zähnen hindurch, indem er dem Baron von Wem einen grimmigen Blick zuwarf.»Hof⸗ fentlich aber habt Ihr noch ſo viel Verſtand übrig, daß Ihr begreifet, was ich Euch ſagen werde. Nach meiner Anſicht, Mylord, iſt es weit leichter, mit den unglücklichen Gefange⸗ nen abgepreßtem Gelde eine große Domäne zu erwerben, als das Herz eines Weibes wie Suſanne durch Geduld, Treue und Liebe zu erobern.« „Wie, Ihr werdet ja zornig und ſagt mir ſogar Belei⸗ digungen!« rief Jeffreys, ohne ſich aus ſeiner Ruhe bringen zu laſſen.»Und warum? frage ich Dich. Um unſchuldigen Scherzworte willen? Ach, mein armer Freund, dein Zorn ver räth mir deutlich, wie tief, wie gefährlich Du durch deine Lei⸗ denſchaft für die ſchöne Irländerin verwundet biſt. Du biſt ein Narr, denn wenn Du es nicht wäreſt, ſo würdeſt Du mir nicht eine ſolche Antwort gegeben haben wie die, welche ich ſoeben aus deinem Munde vernommen. Wie! Du, mein Freund, mein College des unauflöslichen Triumvirats, macht mir meinen kleinen Erwerb zum Vorwurf? Warum ahmſt Du meinen unverſöhnlichen Feinden nicht vollſtändig nach? Warum gibſt Du nicht wie ſie dem Landgute, welches ich ge⸗ kauft, den Namen Hakeldama, um damit auf jenen Acker anzuſpielen, welchen man für das von Judas Iſcharioth er⸗ 135⁵5 worbene Blutgeld kaufte? Geh, bereue, bekenne dein Unrecht und reiche mir zum Zeichen der Verſöͤhnung und des Friedens die Hand.“ „Es ſey,« antwortete Chiffinch, indem er die ihm dar⸗ gebotene Hand druͤckte,„es ſey, ich will deine Spottreden ver⸗ geſſen und um Dir zu beweiſen, daß ich nichts mehr auf dem Herzen habe, ertheile ich Dir eine brüderliche Warnung. Nimm Dich in Acht, mein lieber Jim; der König iſt nicht zufrieden mit Dir.« „Warum denn nicht?« fragte der Lordkanzler erbleichend. „Se. Majeſtät findet, daß Du nicht mehr der Mann biſt wie früher. Er behauptet, die Gunſtbezeigungen. mit welchen er Dich ſeit ſeiner Thronbeſteigung überhäuft, hätten dein Gemüth verweichlicht. Nur erſt heute Morgen ſagte er mir mit dem Ausdruck der Wehmuth, aber auch des Zornes, er wiſſe nicht, ob er ſich fernerhin noch auf Dich verlaſſen könne.“ „Aber in Bezug worauf ſagte er denn das?« unterbrach ihn der Baron von Wem immer unruhiger werdend. „In Bezug auf die Angelegenheit der ſieben Biſchöfe,« entgegnete der Page im Innern hocherfreut über die Wirkung, welche er auf den Präſidenten der hohen Commiſſion hervor⸗ brachte.»Und,“ ſetzte er in freundſchaftlichem Tone hinzu, „Du, der Du den König kennſt, Du weißt, daß dergleichen von ihm geſprochene Worte ſtets eine nahe bevorſtehende Un⸗ gnade bedeuten. Ich warne Dich daher ſo lange es noch Zeit iſt, Alles wieder gut zu machen—« „O, ſey unbeſorgt, wenn es ſich blos darum handelt. Noch heute wird alles wieder gutgemacht werden, und die Bi⸗ 136 ſchöfe laufen große Gefahr dieſe Nacht im Tower zu ſchlafen.⸗ »So iſt's recht,« rief Chiffinch freudig.»Endlich finde ich Dich wieder!— Doch, die Stunde des Beginns der Si⸗ tzung wird bald ſchlagen. Ich will Alles in Bereitſchaft ſetzen laſſen, um die hohe Commiſſion zu empfangen, dann werde ich mich in das Zimmer des Königs begeben, um ihm zu melden—⸗ E »Vergiß nicht, lieber Freund,« ſagte der Lordkanzler verſtohlen mit den Augen blinzelnd,»ihm einige Worte über meinen unveränderten und unermüdlichen Eifer zuzuflüſtern—«⸗ »Brauchſt Du mir das wohl erſt zu heißen?« entgegnete Chiffinch, indem er ſich raſch entfernte. Eine halbe Stunde nach dieſer Unterredung begann der hohe geiſtliche Gerichtshof ſeine Sitzung, bei welcher Jacob II. den Vorſitz führte. Der Erzbiſchof von Canterbury erſchien mit den andern ſechs Biſchöfen als Angeklagter. Wir wollen hier weder den Richtern noch den Angeklag⸗ ten auf allen ihren Fragen und Antworten folgen. Wir wol⸗ len blos ſagen, daß der Lordkanzler von England bei dieſer Gelegenheit den ganzen Eifer entwickelte, von welchem er be⸗ reits ſo viel Beweiſe gegeben, als er noch den Vorſitz im Ge⸗ richtshof der King's Bench führte. Wir wollen hier blos noch bemerken, daß der in den Präſidenten eines Gerichtshofes ver⸗ wandelte Monarch, über die Unbeugſamkeit der Angeſchuldig⸗ ten, die er vor ſein Tribunal geladen, erbittert, einen Ver⸗ haftsbefehl ausfertigen ließ und dem Lieutenant des Tower befahl, ſie in ſeinen Gewahrſam zu nehmen. Mittlerweile füllten ſich die Höfe von Whitehall und die an den Palaſt angrenzenden Straßen mit einer ungeheuern Menſchenmenge. Sogar die Themſe ward von einer unzähli⸗ gen Menge Boote durchfurcht, in welchen Tauſende von Per⸗ ſonen den Ausgang der Sitzung erwarteten. Plötzlich ſah man die ſieben Prälaten, von Wachen be⸗ gleitet, die in den Garten des Königs führende Treppe herun⸗ terkommen und in ein an den ſteinernen Stufen liegendes Boot ſteigen. Die hunderttauſend an beiden Ufern des Fluſſes ſte⸗ henden oder auf demſelben ſchwimmenden Zuſchauer begriffen ſofort, daß man dieſe hohen Würdenträger der anglicaniſchen Kirche in das alte Staatsgefängniß ſchickte. Nun kannte die Aufregung des Volkes keine Grenzen mehr. Ein lautes Geſchrei und Wehklagen erhob ſich und uberall, auf dem Lande wie auf dem Waſſer, warf man ſich auf die Knie, betete für die Biſchöfe und bat um ihren Se⸗ gen. Von Whitehall bis an die Londonbrücke fuhr die könig⸗ liche Barke zwiſchen zwei Reihen von Booten hindurch, in welchen tauſend Stimmen unaufhörlich riefen: »Gott ſchütze Euch, hochwürdige Herren!« Aber auch noch andere keckere Rufe ließen ſich verneh⸗ men, wie z. B.„Gott ſtrafe den Tyrannen!« und dergleichen. Als die Gefangenen an dem ſogenannten Verrätherthor anlangten, knieten die an demſelben ſtehenden Schildwachen vor ihnen nieder. „Segnet uns, Mylord,“ ſagte laut der Commandant des Poſtens, indem er ſeine Stirn unter die Hand des Prälaten neigte. Dann ſetzte er hinzu: „Dieſen unheilvollen Tag werden wir den ſchwarzen Frei⸗ tag nennen.“ 138 In einiger Entfernung von der Stelle, wo dieſer letztere Auftritt ſtattfand, ſahen zwei Männer demſelben zu. Ihre nachläſſige Kleidung war mit Staub bedeckt und es war an ihrem Anblick leicht zu errathen, daß ſie eine weite Reiſe ge⸗ macht hatten. Das Haar und der Bart des Einen von ihnen war lange vor der Zeit gebleicht— der Andere dagegen ſtand mit von der Sonne gebräuntem Teint groß, würdig und ſchön, in der ganzen Kraft der Jugend da. „»Was ſagt Ihr dazu, Mylord?« fragte der Mann mit dem weißen Barte ſeinen Begleiter, indem er auf die vor dem Prälaten knienden Soldaten zeigte. „Gott iſt gerecht und die Züchtigung nahet, Cornwell!“ In demſelben Augenblick legte ſich eine Hand auf die Schulter deſſen, welcher ſo eben geſprochen, und eine Stimme ſagte ihm ins Ohr: „»Mylord Henry, folget mir!“* 139 X. Rediviva. Lord Lisle fuhr zuſammen, als er die Stimme vernahm, welche jene wenigen Worte ſprach. Er drehte ſich raſch herum und erkannte den Abbé Caetano, obſchon dieſer nicht mehr ſein prieſterliches Gewand trug, und neben dem guten Prieſter den alten William. Dieſe drei Männer, die ſich ſo unerwartet unter dieſer leidenſchaftlich aufgeregten Menge wiederfanden, begriffen ſo⸗ fort, wie wichtig es für ſie war, ihre Freude durch kein äuße⸗ res Zeichen kundzugeben. Der Blick, den ſie unter einander wechſelten, ſagte übrigens Vieles eben ſo deutlich, als es durch Worte hätte geſchehen können. Dieſes vorſichtige Schweigen entſprach indeſſen dem Charakter Cornwell's eben ſo wenig, als ſeinen Gewohnhei⸗ ten. Als er William erkannte, ergriff er dieſen bei der Hand und öffnete ſchon den Mund, um mit einem großen Wort⸗ ſchwall ſeine freudige Ueberraſchung zu erkennen zu geben, als er in dieſer Aufwallung durch eine plötzliche Anrede des alten Dieners gehemmt ward. „Laßt mich und ſchweigt!« raunte William ihm leiſe und raſch zu,„und ſeyd nicht immer und überall das gefährlichſte und unbeſonnenſte Geſchöpf, welches es auf der Welt gibt.« 140 Der arme Hüter des Märtyrergrabes, der ſich durch den übeln Empfang, den man ihm angedeihen ließ, tief ver⸗ letzt fühlte, ſenkte traurig den Kopf. Henry ſah ſeinen Schmerz und bot ihm mit liebreicher Geberde die Hand. „Komm“« ſagte er zu ihm,»„folge mir und nimm Dir Williams Verweis nicht ſo zu Herzen. Er liebt Dich, ich weiß es—« „»Ach, Mylord, ich verſtehe ihn nur zu gut,« murmelte Cornwell mit niedergeſchlagener Miene.»Ich hätte beſſer ge⸗ than, wenn ich bei meinen geliebten, innig verehrten Todten geblieben wäre. Gott ſtraft mich dafür, daß ich ſie verlaſſen habe.“ Henry wollte von Mitleid ergriffen den Kummer des Dichters durch einige weitere Worte beſchwichtigen, ward aber daran durch den Abbé Caetano gehindert, welcher ihn am Arme faßte und ſich anſchickte, ſich mit ihm unter die Menge zu drängen. Es war dies aber kein leichtes Manöver. Anfangs be⸗ mühten ſie ſich vergebens, ſich aus der compacten Gruppe herauszuarbeiten, von der ſie umgeben waren. Lord Lisle, der ſehr bald ſah, daß gemäßigte Verſuche zu nichts führten, ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Freunde und durch ſeine unwi⸗ derſtehliche Kraft gelang es ihm bald, ſich und ihnen durch die dichtgedrängten Wogen der Menge einen Weg zu bahnen. Als ſie endlich eine Straße erreicht hatten, in welcher verhältnißmäßig viel weniger Menſchen waren, blieb der ehr⸗ würdige Prieſter ſtehen. „Laßt mich einen Augenblick ausruhen,“ ſagte er zu Henry, indem er ſich auf den Arm des jungen Mannes ſtützte. „Dieſer Kampf gegen die Menge hat mich ſehr angegriffen. 141 Ach, ich werde wirklich recht alt! Und die Gemüthsbewegung, welche euer Anblick in mir erweckt hat ebenfalls nicht wenig⸗ beigetragen, mir einen Theil meiner noch übrigen Kräfte zu rauben. Doch, woran denke ich, daß ich Euch fortwährend von mir vorrede! Was denke ich überhaupt, daß ich Euch hier aufhalte, anſtatt ſo ſchnell als möglich nach Soho Fields zu eilen. Vorwärts— jetzt bin ich nicht mehr müde— wir können uns wieder auf den Weg machen.“ Der Abbé, Henry, Cornwell und William ſetzten ihren Weg weiter fort und der gute Prieſter wendete ſich unterwegs abermals zu Lord Lisle. »Verzeihet mir, mein Sohn,“ ſagte er zu ihm,»daß ich mich noch nicht nach eurem Befinden erkundigt, daß ich noch nicht die mindeſte Frage über eure ſo lange Abweſenheit und über eure ſo glückliche Rückkehr an Euch gerichtet habe. Wundert Euch ſogar nicht, daß Ihr mich ſelbſt jetzt dieſen ſcheinbaren Fehler nicht wieder gutmachen ſehet. Es iſt nicht Gleichgiltigkeit,— nein, nein! der Grund iſt vielmehr der, daß mir daran liegt, Euch etwas mitzutheilen, was Ihr nicht erwartet, da Ihr Euch in Maſter Cornwell's Geſellſchaft be⸗ fandet, als ich Euch begegnete— eine ſehr glückliche, freu⸗ denreiche Mittheilung iſt es.“ In dieſem Augenblick näherte William, deſſen Geſicht, ſo wie der Abbé Caetano ſprach, eine immer lebhaftere Un⸗ ruhe verrieth, ſich dem alten Prieſter und fluſterte ihm einige Worte ins Ohr, während er zugleich einen mißtrauiſchen Blick auf Cornwell warf. „»Ich weiß, ich weiß, mein Freund,« antwortete der alte Prieſter.„»Seyd daher unbeſorgt, ich werde vorſichtig ſeyn, es wäre aber grauſam, nicht ſchon jetzt wenigſtens einen Zi⸗ 142 3* pfel des Schleiers zu heben. Sey unbeſorgt, ſage ich Dir, ich werde vorſichtig ſeyn.« Dann wendete der gute Abbé ſich wieder zu Henry und fuhr fort: »Beſchleunigen wir unſern Schritt, Mylord, beſchleuni⸗ gen wir unſern Schritt. Ha, wie ſchade, daß William und ich vom Alter und von ſo vielen ſchweren Schlägen, die uns getroffen, ſo niedergebeugt ſind! Man müßte nach Soho Fields rennen können— nach dem Hauſe— nach dem Hauſe, welches früher Sir Charles Murray gehörte.— Ha, welche Freude erwartet Euch dort, mein theurer Sohn— eine Freude, welche Gott ſelbſt in ſeiner unendlichen Güte Euch aufgeſpart hat! Kommt— wie wird die Herrin des Hauſes ſich freuen, Euch zu ſehen! Welch ein Glück für dieſen Engel, der Euch ſo lange erwartet und der alle Tage— denn ſein Mund nennt euern Namen alle Tage— verſicherte, daß Ihr wiederkommen würdet. Gott muß ihr dieſen Gedan⸗ ken eingegeben haben, denn Ihr ſeyd endlich wirklich dal« In vielen Umſtänden ſeines Lebens war Henry Lisle von den größten Gemüthsregungen bewegt worden, welche der Menſch empfinden kann, aber er erinnerte ſich nicht, jemals eine ſo gewaltige gefühlt zu haben wie die, in welche er durch die geheimnißvollen Worte des Abbé Caetano verſetzt ward. Es war ihm, als wenn die Wucht einer zermalmenden Freude ihn zu Boden drückte. Er wollte ſprechen, aber ſeine Zunge war wie gelähmt. Es war ihm, als wenn ſein Herz von Zeit zu Zeit aufhörte zu ſchlagen, um gleich darauf ſich wieder in ungeſtümere und unregelmäßigere Bewegung zu ſetzen. Der Kopf ſchwindelte ihm. Er fragte ſich, ob er in 143 Fieberwahnſinn befangen ſey, denn das, was in ſeiner Seele vorging, ſchien ihm unerklärlich. Er ſchloß die Augen vor dem unverhofften Glück, wel⸗ ches ſich vor ihm aufthat— er wagte noch nicht daran zu glauben. Wenn es ein Traum war, wie ſchmerzlich wäre es ihm geweſen, denſelben entſchwinden zu ſehen. Er ſchwamm in unausſprechlicher Wonne, und wie entſetzlich hätte ſeine Qual ſeyn müſſen, wenn ſein Zweifel ihn von Neuem in die Nacht ſeiner Verzweiflung hinabgeſtürzt hätte! Aber allmälig trug die Hoffnung in ihm den Sieg über den Zweifel davon. Er glaubte und gab ſich ganz ſeiner be⸗ rauſchenden Freude hin. „Ha, ich errathe! ich errathe!« ſagte er leiſe und mit zitternder Stimme zu dem guten Abbé.»Seyd vorſichtig— es iſt noch Tag— es ſind noch zu viel Menſchen um uns herum und ſehen uns an. Nennet ihren Namen nicht, denn es hören uns zu viele Ohren. Nennet ihn nicht, dieſen gelieb⸗ ten, dieſen geheiligten Namen, kommet vielmehr, kommt, meine geliebten Freunde— vorwärts! vorwärts!« Und mit dieſen Worten zog Henry, ohne weiter an das Alter zu denken, welches den Abbé Caetano und William hemmte, ſie raſch in der Richtung von Soho Fields weiter fort, als ein Mann, der ſchon ſeit einigen Augenblicken hinter ihm herging, Henry's Aufwallung ein wenig dämpfte, indem er ihn am Arme berührte. „Was wollt Ihr von mir, Sir?« ſagte der junge Mann, indem er ſich umdrehte.»Ah, Ihr ſeyd es, Mylord Churchill!« »Ja, ich bin es, Mylord Lisle,« antwortete der künf⸗ 144 tige Herzog von Marlborough,»und ganz gewiß zweifelt Ihr nicht daran, wie ſehr ich mich freue, Euch in dieſem Augen⸗ blick zu begegnen. Ich ſann aber nach, wer wohl das biederſte Herz, die edelſte Seele, der unverbrüchlichſte Nuth und der ſtärkſte Arm ſey, den ich jemals kennen gelernt, und auf ein⸗ mal ſehe ich Euch vor mir hergehen! Der Mann und— erlaubt mir, dies zu ſagen— der Freund, den ich ſuchte, ſeyd Ihr. Ehe ich aber das Geheimniß mittheile, welches ich Euch anzuvertrauen habe, und den Dienſt nenne, um welchen ich Euch zu erſuchen gedenke, laſſet mich in eurer Gegenwart eine Frage an dieſen würdigen Prieſter richten, der Euch be⸗ gleitet, und Ihr höret ſeine Antwort.* Es lag eine ſo feierliche Autorität in Churchill’s Tone, daß Henry, der übrigens das Intereſſe, welches der General ihm ſeit dem Prozeß ſeiner Mutter bewieſen, nicht vergeſſen, ſich trotz ſeiner brennenden Begier, nach Soho Fields zu kom⸗ men, darein ergab, ihn anzuhören. „»Ich kenne den Abbé Caetano von Perſon und ſeinem Rufe nach,« fuhr Churchill fort,»und im vollen Vertrauen auf ſeine gewiſſenhafte Wahrheitsliebe frage ich ihn, ob er die religiöſe Handlungsweiſe Jacobs II. billigt.“ Der Prieſter ſah Churchill mit erſtaunter Miene an, gab aber keine Antwort. Nun redete Lord Lisle den ehrwür⸗ digen Geiſtlichen an und ſagte: „Ich bin weit entfernt, die Urſache zu durchſchauen, welche Mylord Churchill beſtimmt, dieſe Frage an Euch zu richten, aber Ihr könnt ſie in voller Sicherheit und ganz nach dem Antriebe eures Gewiſſens beantworten. Von welcher Art auch die Meinung ſey, welche Ihr ausſprecht, ſo wird ſie ein treues und rechtſchaffenes Ohr finden.⸗ — 145 „»Aber muß ich denn durchaus antworten?« fragte der gute Abbé, indem er die Augen niederſchlug und mit zögern⸗ der Stimme. „Es iſt dies für die Perſonen, welche Ihr liebt, wichti⸗ ger als Ihr glaubt, frommer Vater,« ſagte Churchill. »Nun denn, ſo will ich Euch meine Anſicht offen mit⸗ theilen,« murmelte der Abbé Caetano mit trauriger Miene. »Die katholiſche Religion iſt ſeit anderthalb Jahrhunderten in dieſem Lande geächtet. Furchtbare Geſetze gegen die Katholi⸗ ken figuriren in dem Criminalcodex und ſind in den letztern Zeiten auf unerbittliche Weiſe in Anwendung gebracht wor⸗ den. Die Teſtacte ſchließt von den bürgerlichen und militäri⸗ ſchen Aemtern Jeden aus, der nicht der Hochkirche angehört. Ihr werdet, Mylord, nicht hoffen, daß ich dieſe Dinge gut⸗ heißen ſoll. Nach meiner Anſicht iſt es natürlich und gerecht, daß Se. Majeſtät der König Jacob II. vollſtändige Toleranz für die heilige Religion zu erlangen wünſcht, zu welcher er das Glück hat ſich zu bekennen. Hierauf aber beſchränkt ſich die Billigung, welche ich unſerm allergnädigſten Souverän zuge⸗ ſtehe. In dem, was ſeine Handlungsweiſe in allen dieſen Religionsangelegenheiten betrifft, theile ich beſcheidentlich die Meinung unſeres heiligen Vaters, des Papſtes. Ihr wißt eben ſo gut als ich, wie ſehr Innocenz XI. die gewaltthätigen Schritte des Königs mißbilligt. Er fürchtet, und nach meiner Anſicht hat Se. Heiligkeit ganz Recht, daß Jacob II., weit entfernt, die Lage der Katholiken in ſeinem Königreiche zu verbeſſern, ſie nur noch ſchlimmer und unerträglicher mache. Die Toleranz, welche der König mit Gewalt erzwingen will, würde er durch ein wenig Geduld, Klugheit und Gerechtigkeit weit eher erreichen.⸗ Der Tiger von Tanger. VIII. 4 10 146 »Ich danke Euch aufrichtig, hochwürdiger Herr,« un⸗ terbrach ihn Churchill.»Die Worte, welche Ihr geſprochen, bilden nicht blos die Meinung eines guten und weiſen Katho⸗ liken, ſondern ſie bezeichnen auch den ehrlichen Mann. Ich ſage Euch nochmals meinen Dank.« Dann wendete der General ſich zu Henry Lisle und ſagte: „Wäret Ihr wohl ſo freundlich, mir ein paar Stunden von eurer Zeit zu widmen?« „Unmöglich, Mylord, es iſt mir in der That unmöglich.« „Erlaubet mir auf meiner Bitte zu beſtehen, mein jun⸗ ger, edler Freund.« „Es thut mir unendlich leid, Mylord, aber ich bin, wie ich wiederhole, genöthigt, Euch dieſe Bitte abzuſchlagen,“ antwortete der junge Mann mit kaum verhaltener Ungeduld. „Habt die Güte mich meinen Weg weiter fortſetzen zu laſſen.“« „»Wenigſtens aber werdet Ihr Euch nicht weigern, gleich hier zwei Worte unter vier Augen anzuhören. Gehen wir voran — dieſe Herren werden einige Schritte hinter uns folgen.⸗ „Dagegen habe ich nichts zu erinnern.“ Einen Augenblick ſpäter waren die beiden Sprechenden durch einen gewiſſen Zwiſchenraum von dem Prieſter, dem Dichter und dem alten Diener getrennt. „Wenn Churchill Euch beſchwört, mit ihm irgend wo⸗ hin zu kommen, Mylord, ſo liegt der Grund darin, daß er Euch Dinge von der größten Wichtigkeit mitzutheilen hat.« „Und wenn Henry Lisle, General, ſich hartnäckig wei⸗ gert, Euch zu folgen, ſo liegt der Grund darin, daß von dem, was er gegenwärtig thun will, ſein Leben abhängt.« „Ach, ich verſtehe,« entgegnete Churchill mit verächtli⸗ chem Lächeln.»Wenn ich recht verſtanden habe, was Ihr ſpracht, als ich Euch anredete, ſo geht Ihr nach Soho Fields, —— —j-—— 147 in das Haus, welches früher Sir Charles Murray gehörte, nicht wahr?« „Wenn Ihr es wißt, warum fragt Ihr mich dann?« antwortete Lord Lisle in ſtolzem Tone. „Alſo von dieſer Wallfahrt zu Cytheren hängt euer Leben ab?« „Mylord!“« rief Henry erröthend vor Zorn und Ent⸗ rüſtung. „Na, erzürnt Euch gegen mich— das fehlte noch! Geht denn, geht! Ich werde wohl einen andern Freund finden, der eben ſo wacker und recytſchaffen als Ihr, aber williger und eifriger iſt. Warum bleibt Ihr denn noch ſtehen und höret mich an? Geht doch und macht euren Beſuch bei der gegen⸗ wärtigen Beſitzerin des Hauſes, welches früher eurer Verlob⸗ ten gehörte.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Mylord?« „Na, das wißt Ihr doch?« „Erklärt Euch, ſage ich. Von wem ſprecht Ihr?« „Von der ſchönen Suſanne.“ „Suſanne iſt die gegenwärtige Beſitzerin des Hauſes?« „Des Hauſes, welches eurer liebenswürdigen und un⸗ glücklichen Braut gehörte. Ja, Mylord Lisle, ja ich weiß, daß dieſe Irländerin ſich ſehr eifrig und ſelbſtverläugnungsvoll gegen Euch gezeigt hat und ich begreife recht wohl, daß Ihr ihr dagegen mit ein wenig Liebe vergelten wollt. Da ich aber den Ernſt eures Charakters kannte oder wenigſtens zu ken⸗ nen glaubte, ſo dachte ich, Ihr würdet Euch verſtehen, mit John Churchill zu gehen und die wichtigen Mittheilungen zu hören, die er Euch anvertrauen will.— Verzeihet mir je⸗ doch— ich halte Euch auf, während eure Schöne Euch er⸗ wartet—« 148 „Ich bitte, Mylord, ein Wort der Erklärung. Sagtet Ihr mir nicht ſo eben, daß Suſanne gegenwärtig Sir Char⸗ les Murray's Haus beſitze?« „Nun, wußtet Ihr denn das nicht?« „Nein. Wie iſt ſie denn Beſitzerin davon geworden?“ „Wie? Nun, zum Henker! dadurch, daß ſie es ſich von Chiffinch, ihrem Geliebten, hat ſchenken laſſen.“ „Aber dieſer Chiffinch, wie iſt denn er in den Beſitz dieſes Hauſes gelangt?« „»Aber ſagt, wo kommt Ihr denn her, daß Ihr Ge⸗ ſchichten nicht kennt, welche die ganze Stadt weiß?« „Beantwortet meine Frage, Mylord; ich beſchwöre Euch darum.* „Nun, nachdem Jeffreys den alten Puritaner hatte auf⸗ knuͤpfen laſſen, ward das Haus, welches dieſer Anführer der Re⸗ bellen des Weſtens in Soho Fields beſaß, confiscirt. Der König ſchenkte es Chiffinch und Chiffinch verkaufte es an Suſannen für einen Kuß. Runzelt nicht ſo die Stirn, mein lieber Eiferſüch⸗ tiger. Der Kauf, ſagt man, geſchah auf Credit und man be⸗ hauptet ſogar, der arme Gläubiger ſey zur Stunde noch nicht bezahlt. Ihr wißt, böſe Zungen ſchwatzen viel.« „Und,“« fragte Henry in düſterem Tone,»Suſanne be⸗ wohnt jetzt dieſes Haus?« „Ja wohl,“ antwortete Churchill und fügte in mitleidi⸗ gem Tone hinzu:„Ich muß es ihr jedoch zu ihrer Ehre nach⸗ ſagen, daß ich überzeugt bin, ſie würde dieſes Haus nicht an⸗ genommen haben, wenn Miß Lucy am Leben geblieben wäre. „»Alſo, Mylord,« murmelte Henry, der nur mit äͤußer ſter Mühe einen Anſchein von Feſtigkeit zu bewahren ver⸗ mochte,»Ihr ſeyd alſo überzeugt, daß Miß Luchy todt iſt?⸗ — 149 „O, in dieſer Beziehung verlaſſe ich mich auf Jeffreys. Wenn auch der Schmerz eure unglückliche Verlobte nicht ge⸗ tödtet hätte, ſo würde Jeffreys ſchon für eine andere Urſache geſorgt haben. Das Ungeheuer— Perchy. Kirke hat es mir verſichert— das Ungeheuer hat Lyme nicht eher verlaſſen, als bis er Miß Lucy's Sarg in die Gruft hinabſinken geſehen, welche Suſanne ihr hatte graben laſſen—⸗ Henry ſenkte das Haupt. „O mein Gott, mein Gott!« ſagte er bei ſich ſelbſt, „mußte ich in meinem Herzen eine ſo göttliche Hoffnung wie⸗ der erwachen fühlen, um mich jetzt in einen ſolchen Abgrund des Schmerzes zurückgeſchleudert zu ſehen! Nein, nein, ich will nicht in dieſes Haus gehen, ich will dieſe Suſanne nicht wiederſehen. Ach, wer hätte das gedacht! Wer würde ge⸗ glaubt haben, daß ſie Lucy's Haus als den Preis ihrer Schande annehmen würde! Die ſonſt ſo keuſche und reine Wohnung iſt der Schlupfwinkel einer frechen Courtiſane ge⸗ worden. O Schmach, o Schmach! Nein, ich will meine Augen nicht dadurch beleidigen, daß ich ſie auf einem ſo verworfenen Geſchöpf ruhen laſſe. Ach, warum waren meine alten Freunde ſo eifrig bedacht, mich zu Suſannen zu führen! Wie es ſcheint, glauben ſie, die Dankbarkeit müſſe mich zum demüthigen Scla⸗ ven dieſes Weibes machen. Niemals werde ich ſie wieder⸗ ſehen—“ Während Lord Lisle's Seele von dieſen Gedanken des Haſſes und der Verachtung erfüllt ward, drehte er ſich raſch nach dem Abbé Caetano und gegen William herum. „Wenn Ihr mich zu ſehen wünſcht, ehe ich mich nach Hauſe begebe,“ rief er ihnen in kurzem Tone zu,»ſo werdet Ihr Euch bei Mylord Churchill nach mir erkundigen. Nehmt Maſter Cornwell mit Euch.« 150 William begriff, daß er gehorchen müſſe, that es aber nicht ohne unverkennbaren Aerger. „»Nun, ſo kommt,“ ſagte er zu dem armen Poeten, „kommt, da Mylord es mir befiehlt. Ich weiß aber in der That nicht, warum Ihr auf ſo undankbare Weiſe das Grab⸗ mal verlaſſen habt, in welchem wir Miß Lucy's Leiche beige⸗ ſetzt und welches Ihr unausgeſetzt zu bewachen verſprochen hattet. Es iſt ſehr unrecht, was Ihr da gethan habt.« Henry hörte den Vorwurf, welchen William an Corn⸗ well richtete, und wenn er noch einen Schimmer von Hoffnung gehabt hätte, ſo wäre dieſer doch nun in ihm erloſchen. »Ich bin bereit Euch zu folgen, Mylord,“« ſagte der Un⸗ glückliche zu Churchill. »Wohlan, mein junger Freund, nur Muth! Man muß ſich nicht auf ſolche Weiſe entmuthigen laſſen. Ihr ſeyd zu großen Dingen beſtimmt, wenn Ihr annehmet, was ich Euch antragen will. Wir werden uns jetzt nach Whitehall be⸗ geben— „Nach Whitehall!«rief Lord Henry Lisle.»Nimmermehr!« »Beruhigt Euch. Nicht der König iſt es, zu dem wir uns begeben. Ehe ich aber weiter etwas ſage, gebt mir euer Wort, daß das, was ich Euch ſage, niemals über eure Lip⸗ pen kommen wird. Ihr wißt, hoffe ich, daß jeder Antrag, der Euch durch mich gemacht wird, kein anderer als ein eh⸗ renhafter ſeyn kann.“ „Ihr könnt auf meine Verſchwiegenheit rechnen.“ „»Seyd Ihr der Tyrannei Jacobs und Jeffreys müde, Lord Lisle?« „»Ha, wenn es mir vergönnt wäre, Jacob von ſeinem Throne zu ſtürzen und Jeffreys unter meinen Füßen zu zer⸗ treten!« — 151 „Euer gerechter Haß kann wielleicht befriedigt werden.“ „»Wie denn?“ „Dadurch, daß Ihr die Krone Jacobs auf das Haupt Wilhelms von Oranien ſetzet. Würdet Ihr eine Miſſion an den Statthalter annehmen?“ „Ich bin bereit dazu. Sprechet, was habe ich zu thun?« „Folget mir— hier iſt der Palaſt— treten wir ein.« „Wo gehen wir hin?« „Zu der Prinzeſſin Anna, der zweiten Tochter des Kö⸗ nigs und jüngeren Schweſter der Prinzeſſin von Oranien.* Kaum war Henry, dem Churchill voranſchritt, durch einen geheimen Gang in den Palaſt getreten, als Cornwell ganz außer Athem vor der Thüre anlangte, hinter welcher die zwei Verſchworenen verſchwunden waren. „Hal« rief der Poet,„ich komme zu ſpät— nun muß ich warten, bis er wieder herauskommt. Ich werde, wenn es ſeyn muß, die ganze Nacht hier wachen, aber ich werde ihn ſehen!« Cornwell's Geduld und Eifer wurden nicht auf eine zu lange Probe geſtellt. Kaum war eine Stunde verfloſſen, ſo trat Henry wieder aus dem Palaſt heraus. Der Poet erkannte ihn trotz der immer mehr zunehmen⸗ den Dunkelheit, ſprang mit einem Satze auf ihn zu und rief: „»Miß Lucy lebt!« „»Lucy lebt?« „»Ja, ja, ja! Ich habe ſie ſo eben geſehen! Ach, Miß Suſanne und William ſind ſehr grauſam geweſen, daß ſie mir glauben machten, ſie ſey todt. Sie ſagen zu ihrer Entſchuldi⸗ gung, ſie hätten es gethan, weil ich ſie zwanzigmal in Gefahr gebracht hätte und auch diesmal ſicherlich Schuld an ihrem Verderben geweſen ſeyn würde, wenn ich gewußt hätte, daß ſie noch lebe. Kommt, ſie erwartet Euch.⸗ Während Cornwell ſprach, waren zwei Maänner, die ebenfalls aus dem Palaſte herauskamen, im Schatten ſtehen geblieben und hatten gehoͤrt, was er ſagte. Sobald ſie Lord Lisle geſehen hatten, entfernten ſie ſich mit ſchnellen Schritten. »Ha, mein lieber Perch!« rief einer von ihnen,„ich würde vor Scham ſterben, wenn ich mich nicht rächte.« »Räche Dich an Suſannen, wenn Du willſt, aber ver⸗ giß nicht, mein lieber Jim, daß Lucy für Dich geheiligt und unantaſtbar iſt. Sie gehört mir— ich habe ſie theuer genug bezahlt.« XI. Die Rosmarinblüthe. Der Gang der Ereigniſſe, deren Erzählung ſich unter den Augen des Leſers entwickelt, führt uns wieder in jenes Haus in Soho Fields, welches durch Sir Charles Murray's Niederlage und Tod in die Hände eines andern Beſitzers über⸗ gegangen war. Suſanne, die es gegenwärtig beſaß, hatte es ganz ſo gelaſſen wie es war, als Lucy und ihr Vater es be⸗ wohnten. Die Geräthſchaften waren nicht blos nicht durch neue erſetzt worden, ſondern auch alle an Ort und Stelle ge⸗ blieben. Trotz ihres Hanges zum Luxus und der dringenden Auf⸗ forderungen des erſten Pagen hatte die Irländerin der bereits vorhandenen Ausſchmückung der Zimmer nichts hinzugefügt. In dem Salon ſtanden noch der Tiſch und der Seſſel von al⸗ 153 tem Eichenholz; in dem Schlafzimmer das Bett, der Betſchä⸗ mel und das elfenbeinerne Crucifix, welches wir hier geſehen, als Lucy vor ihrer Abreiſe nach den weſtlichen Grafſchaften in dieſen Räumen weilte. Die ganze Wohnung beſaß noch denſelben Anſtrich von ſtrenger Einfachheit. Sie war gleichſam noch erfüllt von der heiligen Keuſchheit früherer Zeiten und es ſchien, als ob die neue Herrin ſie hätte würdig erhalten wollen, die Tochter des Puritaners aufzunehmen und zu ſchirmen. Nur eine einzige Veränderung war in einem Theile des Hauſes bewirkt worden. In der dem Garten des Hauſes zugewendeten Mauer war jetzt eine Thür angebracht, welche vor drei Jahren noch nicht vorhanden war. Von der durch dieſe neuerlich bewirkte Oeffnung erleuch⸗ teten kleinen Vorhalle führte eine Treppe in dasſelbe Zimmer, welches Lucy nach dem Tode ihrer Mutter bewohnt hatte. Dieſe Thür hatte offenbar den Zweck, daß die gegenwär⸗ tige Beſitzerin gleich aus ihrem Schlafzimmer in den Garten gelangen könnte, deſſen bedeutender Umfang durch eine unge⸗ fähr ſieben Fuß hohe Umfaſſungsmauer in zwei ungleiche Hälf⸗ ten getheilt war. Es ſchienen alle Vorkehrungen getroffen zu ſeyn, um die⸗ ſer Freundin der ſchattigen und duftigen Einſamkeit vollſtän⸗ dige Abgeſchloſſenheit und Ungeſtörtheit zu ſichern, denn die eben erwähnte Mauer verſchaffte ihr den ausſ ſchließlichen Ge⸗ nuß des ſchönſten Theiles des Gartens— deſſen, wo man die größten, dichteſt belaubten Bäume und die ſorgfältigſt gepfleg⸗ ten Blumen ſah. In dieſem reizenden, friedlichen Aſyl ſaß eine in Trauer gekleidete junge Dame in einer grünen Laube, während der ——— Abbé Caetano und William unter der um den Tower von London herum verſammelten Menge Lord Henry Lisle be⸗ gegnete. Die Sonne ließ an dieſem ſchönen Sommerabend ihre purpurnen Strahlen durch das Laubwerk fallen und auf dem Haar der ſchönen Einſiedlerin ſpielen. Es war als ob ein gol⸗ denes Diadem ihre Stirn umſchlöſſe, deſſen Glanz die Bläſſe ihres Geſichts noch mehr hervortreten ließen. 1 Schön und blond wie das Licht, weiß und unbeweglich wie der Marmor, den Blick auf der Fernſicht ihrer Erinne⸗ rungen ruhen laſſend, rührend wie der ſtandhaft ertragene Schmerz, ſaß ſie hier und träumte. Tiefe Schwermuth war ihren Zügen aufgeprägt, aber dieſe Schwermuth hatte mit der Verzweiflung eben ſo wenig gemein als mit der Ergebung. Sie glich vielmehr der unauf⸗ hörlich getäuſchten Erwartung, die dennoch nicht von ihrer unauslöſchlichen Hoffnung läßt. Um die junge Dame herum bewegte ſich ein kleiner Knabe. Lebhaft, roſig und friſch, mit großen, feurigen, aus⸗ drucksvollen, ſchwarzen Augen, die Stirn und die Schläfe von langen braunen Locken beſchattet, ſpielte er in dem Sand der Gänge und unter den Blumen, die er in Maſſen pflückte und in ſeiner kleinen Schürze ſammelte. „Mein lieber Lucian,“ ſagte plötzlich die ſchöne Träu⸗ merin zu dem Knaben,»Du biſt heute nicht ſehr artig. Die Blumen, welche der gute Gott wachſen läßt, darf man nicht auf dieſe Weiſe aus dem Boden reißen und zerzauſen.« Dann ſetzte ſie lächelnd hinzu:»Du biſt nun zwei Jahre und drei Monate alt, Lucian, und mußt daher verſtändig ſeyn. Nicht wahr, Du verſprichſt mir, dieſe armen Blumen nicht mehr auszureißen?« 1⁵5⁵ Der Kleine bewegte ſeine Hand abwechſelnd nach der duftigen Ernte, die er eingeſammelt, und dann nach der jun⸗ gen Dame. Er ſuchte ſeine Gedanken, die er auf dieſe Weiſe andeutete, durch Worte deutlicher zu machen. „Mama— Pathe—« ſtammelte er, indem er auf die junge Dame, die ihn ausgeſcholten, zukam. „Ja, ich verſtehe Dich— Du willſt ſagen, deine Mut⸗ ter habe Dir geſagt, Du ſolleſt dieſe Blumen für deine arme Pathe pflücken. Wohlan, gib ſie mir. Lucian näherte ſich und ſchüttete ſeine Schürze in den Schooß der jungen Dame aus. Er empfing dafür einen Kuß und kehrte zu ſeinen Spielen zurück. Die Pathe des Knaben betrachtete einen Augenblick lang die auf ihren Knien liegenden halb entblätterten Blumen und verſank dann wieder in ihr Hinbrüten. Sie würde in demſel⸗ ben lange verharrt haben, wenn ſie nicht durch die Wohlge⸗ rüche ermuntert worden wäre, die von den Blumen aufſtiegen. Sie ſchien plötzlich zu erwachen und murmelte leiſe: „Was wollt Ihr von mir, meine lieben Blumen, und was habt Ihr mir mitzutheilen?« Sie nahm hierauf einige Stengel zwiſchen ihre Finger und betrachtete ſie mit traurigem Blick. „Du blühender Orangenzweig,“« fuhr ſie fort,»Blüthe der Neuvermälten, wirſt Du jemals meine Stirn bekränzen? Ach, das ſteht kaum zuhoffen! Maßliebe, Dich frageich nicht.— Dein Ja würde mich nichts lehren und wenn Du nein zu mir ſag⸗ teſt, ſo würde ich Dir nicht glauben. Und Du balſamiſches Maiblümchen, Du, welches die Rückkehr des Glückes anzeigt, darf ich Dir glauben? Lieber will ich mit der klagenden Ophe⸗ lig ſagen: Da iſt Rosmarin— das iſt die Blume der Er⸗ innerung. Erinnere Dich meiner, mein Geliebter— und hier 156 ſind Stiefmütterchen— ſie bedeuten, daß Du an mich denkeſt.⸗ Indem ſie dieſe zärtlichen Worte ſprach, welche Shak⸗ ſpeare der Geliebten Hamlets in den Mund legt, drückte ſie den Rosmarin und die Stiefmütterchen an ihre Lippen, dann vegann ſie in Thränen auszubrechen. Als Lucian ſie weinen hörte, kam er zu ihr geſprungen und betrachtete ſie mit jener naiven Neugier der Kindheit, die ſtets aufmerkſam iſt auf äußere Kundgebungen, deren Urſa⸗ chen ihr nicht erklärlich ſind und die ſtets an dem Schmerz oder der Freude Anderer theilnimmt, ohne zu wiſſen weshalb. Mehr bedurfte es nicht für die arme Einſiedlerin, um ih⸗ ren Thränen Stillſtand zu gebieten. Sie trocknete ſich die Au⸗ gen, ſtand auf, faßte den Kleinen mit der einen Hand, wäh⸗ rend ſie in der andern einige der Blumen mitnahm. „Es wird ſpät,« ſagte ſie;„»komm, mein Engel. Wir wollen wieder ins Haus zurückkehren. Deine Mutter erwartet Dich ſicher ſchon längſt.“ Die junge Dame lenkte ihre Schritte nach der Treppe, die in ihr Schlafzimmer führte, und ſtieg die Stufen hinauf, indem ſie zugleich ihrem kleinen Boten dieſelben mit erſteigen half. In dem Zimmer angelangt, welches ſie gegenwärtig zu bewohnen ſchien, ging ſie auf den kleinen Altar zu, kniete vor demſelben nieder und betete, ohne die Hand des Knaben loszulaſſen. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, welche in den Salon führte, und Suſanne trat in das Zimmer. Die Be⸗ tende erhob ſich und drehte ſich nach ihr herum, indem ſie ihr den kleinen Lucian zeigte. „Hier iſt euer Knabe, liebe Freundin,“ ſagte ſie.»Er 157 wird in Wahrheit jeden Tag liebenswürdiger. Gebt ihm einen Kuß— er verdient es.“ Die gute Pathe begann nun zu erzählen, wie Lucian den Garten ſeiner ſchönſten Blumen beraubt, um ſie ihr zu ſchenken, und wie er ihr auf ſeine Weiſe geſagt, daß er dies gethan, um den Befehlen ſeiner Mutter zu gehorchen. „»Sehet,“« fuhr ſie fort,»hier iſt noch ein Ueberbleibſel von ſeinem Geſchenk, welches ich hier auf dem Altar nieder⸗ gelegt habe. Ich will dieſe Blumen zum Andenken an ihn aufheben.« b Nachdem die Irländerin ihren Sohn zärtlich geküßt, näherte ſie ſich dem kleinen Altar. „Rosmarin und Stiefmütterchen,« murmelte ſie mit ſanft wehmüthigem Lächeln.»Habt Ihr wirklich nur zum An⸗ enken an Lucian dieſe Blumen aufgehoben, liebe Freundin? Indem Suſanne dieſe Worte ſprach, heftete ſie einen zärtlichen Blick auf die Pathe ihres Sohnes. Dieſe ſchlug die Augen nieder und ſchien ſehr unruhig und verlegen zu werden „Warum,« fuhr ſie ihr die Hand drückend fort— „warum, meine Schweſter— Ihr habt mir erlaubt, Euch dieſen ſüßen Namen zu geben— warum äußert meine Frage eine ſolche Wirkung auf Euch? Wißt Ihr nicht, daß ich dieſe Liebe in meinem Herzen ausgelöſcht habe? Ich irre mich aber nicht— Ihr habt heute wieder geweint, Lucy.* „Leider ja, Suſanne.“ „Ihr glaubet alſo nicht mehr an die Güte Gottes, meine arme geliebte Schweſter?« „Ich habe den Glauben zu ihr noch keinen einzigen Au⸗ genblick verloren— das ſchwöre ich Euch, meine Schweſter aber—« Luch ſtockte. 158 „Aber,“ hob die Irländerin wieder an, indem ſie den Gedanken ihrer Freundin ergänzte,„aber Ihr findet, daß es recht lange dauert, nicht wahr? Er wird wiederkommen, er wird wiederkommen, und wenn er zurückgekommen ſeyn wird, dann werde ich mich mit Euch über das Glück freuen, welches endlich eure ſo langen und ſo ſchmerzlichen Prüfungen krönen wird.« „Wie kann ich jemals dankbar für alles ſeyn, was Ihr für mich gethan, Suſanne? Gibt es auf Erden eine Seele, welche der euren gliche? Ja, Ihr habt Grund, mir unaufhör⸗ lich zuzurufen: Gott iſt allmächtig, Gott iſt gut! denn er hat mir Euch geſendet, um die Stelle aller der theuern Weſen zu vertreten, die ich verloren habe. Wenn es die menſchliche Macht überſteigt, jemals die Wohlthaten Gottes zu vergelten, ſo fühle ich, Suſanne, daß es auch mir unmöglich ſeyn wird, für Euch etwas zu thun, was eurer Hingebung fuͤr mich gleich⸗ kommt.“ „Ihr irrt Euch, Luch.“« „Ha, ſprechet!“ rief die Tochter des Puritaners. „Es iſt noch nicht Zeit, es Euch zu ſagen, meine Schweſter.« „Suſanne,“ entgegnete Lucy in ernſtem Tone und mit dem Ausdruck des Vorwurfs,»Ihr weinet auch! Ach, es iſt unrecht von Euch, daß Ihr nicht zu mir dasſelbe Vertrauen habt, welches ich zu Euch habe. Was fehlt Euch? was ſoll ich fur Euch thun? Ihr ſchweigt und weinet.— Dennoch habt Ihr mir ſo eben geſagt, es ſtünde in meiner Macht Alles zu vergelten, was Ihr für mich gethan. Ihr haltet mich alſo wohl für ein ſehr feiges Herz, da Ihr dieſes Schweigen nicht brechen wollt?« „Ich habe Euch ſchon geſagt, daß es noch nicht Zeit iſt, 33 159 es zu brechen, meine Schweſter. Sobald der Augenblick, zu ſprechen, da ſeyn wird. werde ich ſprechen. Möge ich dann er⸗ langen, um was ich bitten werde.“ »Von wem? „Von Euch, Luch, und—« „Und von wem noch?« „»Von Lord Henry Lisle.“ „Mein Gott, was gibt es?« Es ließ ſich plötzlich eine Stimme an der Thür des Sa⸗ lons hören. Es war die Stimme Anna's, der treuen Zofe Suſannens. „Madame,“ rief die Zofe, ohne die Thür zu öffnen, ves iſt ein Mann unten, der mit Euch zu ſprechen wünſcht. Er ſagt, er habe es ſehr eilig.« Die Irländerin, welche froh war, den dringenden Fra⸗ gen Lucy's entrinnen zu können, beeilte ſich ſie zu verlaſſen und begab ſich zu dem Beſucher, den man ihr anmeldete. „Ah, Ihr ſeyd es, Capitän Clifford! rief ſie, ſobald ſie ihn erblickte.»Nun, ſeyd Ihr endlich Lord Lisle jenſeits des atlantiſchen Meeres begegnet? Habt Ihr ihm geſagt, daß er ſeine überflüſſigen und vergeblichen Nachforſchungen ein⸗ ſtellen ſoll? Habt Ihr ihm geſagt, daß Miß Lucy todt ſey und daß ihm nichts weiter übrig bleibe, als nach Europa zurück⸗ zukehren?— Redet doch! Antwortet doch!« „Ich habe den Auftrag, den Ihr mir ertheilet, gewiſ⸗ ſenhaft vollzogen,« entgegnete der Capitän des„St. Dun⸗ tan«,„und ich muß hinzufuͤgen, daß es mir nicht ohne Muͤhe endlich gelungen iſt, Mylord Lisle's Spur zu finden. Ihr werdet begreifen, daß es in ſolchen Ländern ſchwer hält, einen Men⸗ ſchen ausfindig zu machen, dem es beliebt den Namen zu wechſeln, und daß dieſe Schwierigkeiten ſich noch bedeutend 160 ſteigern mußten, weil Mylord Seemann geworden war und gegenwärtig Schiffscapitän iſt, gerade wie ich.“ „Was ſagt Ihr da, Maſter Clifford?« „Die einfache Wahrheit Madame. Ich vermuthe, daß er es gethan hatte, um raſcher und nach eigenem Belieben von einer Colonie zur andern zu gelangen, um Miß Lucy zu ſu⸗ chen. Nun werdet Ihr ſelbſt beurtheilen, ob es mir leicht ge⸗ worden iſt, eure Befehle auszuführen.“ „Gut, gut, Capitän. Ich werde mein Verſprechen hal⸗ ten und die Summe, die ich Euch verſprochen, ſoll Euch pünkt⸗ lich ausgezahlt werden. Wo ſeyd Ihr Mylord Henry Lisle begegnet?« „»In Jamaica, Madame.“* „Wann konmmt er denn zurück?« „Lord Lisle muß jetzt bereits in England angelangt ſeyn.* „»Woher wißt Ihr das?“« „Sein Schiff iſt ein weit beſſerer Segler als das meine und er iſt vor mir aufgebrochen.* „Ich danke Euch, Capitän. Sobald ich die Gewiß⸗ heit habe, daß Lord Henry wieder zurück iſt, ſollt Ihr mit mir zufrieden ſeyn.⸗ Suſanne ging raſch wieder zu Luch hinauf und vergaß in ihrer Aufregung, trotz einer ſeit drei Jahren unverbrüchlich beobachteten Gewohnheit, die Thür des Schlafzimmers hinter ſich zu ſchließen. Sobald ſie vor Luch erſchien, ſah dieſe ſogleich, daß et⸗ was Außerordentliches in ihr vorgegangen ſeyn müſſe. Lucy glaubte, daß die Aufregung Suſannens ihren Grund in dem von ihr gefaßten Entſchluß habe, endlich das hartnäckige 161 Schweigen zu brechen, welches ſie vor einigen Augenblicken beobachtet hatte. „Ach!« ſagte die unglückliche Waiſe bei ſich ſelbſt,„ach⸗ ich errathe den Gegenſtand ihres Verlangens nur zu wohl. Aber dieſer iſt das Einzige, was ich niemals den Muth haben werde ihr zu gewähren. Ach, jetzt ſollte ich Henry entſagen? Niemals! niemals! Ich habe es zweimal gethan, um das Le⸗ ben meines Vaters zu retten. Ha! muß ich denn unglücklich ſeyn? Muß ich etwas dieſem ſo treuen Herzen verweigern— dieſem Weſen, welches mich von Sclaverei errettet, nachdem es mich vor Schande bewahrt— dem ich ſo viele und ſo un⸗ ſchätzbare Dienſte verdanke! Ja, ich habe es errathen, ihre Unruhe, ihr Zögern verrieth mir, was ſie mir zu ſagen hat.“ Suſanne war in der That unruhig und zögerte, das Wort zu ergreifen. Während die ſo eben angedeuteten ſchmerz⸗ lichen Gedanken Lucy's Gemüth bewegten, ſagte ſich Fitzge⸗ rald's Schweſter ihrerſeits, daß es unklug von ihr ſeyn würde, der Tochter des Puritaners die Ankunft Lord Henry Lisle's in England ohne Weiteres mitzutheilen— daß ſie auf ein ſo ho⸗ hes Glück erſt vorbereitet werden müſſe, daß ſie vielleicht nicht die Kraft habe, eine ſolche Nachricht zu hören, ohne ſofort ohnmächtig niederzuſinken. „Sprich doch, Suſanne,“ ſagte Luchy endlich in reſignir⸗ tem Tone;»worin auch das Unglück beſtehen möge, welches mich treffen ſoll— verkünde es mir. Gott gebe mir die Kraft zu hören, ohne vor Schmerz zu ſterben, was Du mir zu ſa⸗ gen haſt.« „Was ſagt Ihr, meine theure Luch?« rief die Irlände⸗ rin.„Wie, hat mein Zögern ſo ſchwarze Gedanken in Euch erwecken können? Da dem ſo iſt, ſo höret mich aber ſeyd ſtark Der Tiger von Tanger. VIII. 11 16² und muthig. Das Glück, wenn es zu groß iſt und zu plötzlich kommt, thut weh wie der Schmerz. Was ich Euch ſagen will, meine Schweſter— Suſanne ſtockte plötzlich und ihre Züge verriethen leb⸗ hafte Unruhe. „Mein Gott, was höre ich!“ rief ſie.»Was iſt das für ein Lärm? Was geht denn in dem Salon vor?« Das Geräuſch, welches die ſonſt ſo muthige Irländerin erſchreckt hatte, ward durch einen heftigen Kampf, der in dem Nebengemach ſtattfand, und durch ein heiſeres Gebrüll verurſacht, welches von keinem Menſchen auszugehen ſchien und in welchem ſich Ueberraſchung, Schrecken, Zorn und Freude miſchten. Es war Cornwell, welcher dieſes Geſchrei ausſtieß, als er Lucy durch die nur angelehnte Thuͤr des Schlafzimmers erblickte und der ſich jetzt gegen William und den Abbé Cae⸗ tano wehrte. Der Hüter des Märtyrergrabes war mit den beiden alten Männern zugleich in das Haus gedrungen und mit ihnen in den Salon hinaufgegangen. Es gelang ihm ſich von ihnen loszureißen, und er kam auf die Tochter des Puritaners zugeſtürzt. „Hal« rief er, indem er ihr zu Fuüßen ſank und die Hände faltete,„»Ihr lebet, nun bin ich zufrieden! Ich verzeihe denen, die mich an euren Tod glauben gemacht haben— ich verzeihe ihre Grauſamkeit. Gott verzeihe ihnen. wie ich ihnen verzeihe. Ihr lebt! Ich küſſe den Saum eures Gewandes— ich berühre eure Hand. Ja, Ihr ſeyd es! Ihr lebet!— Ihr lebet!— Es war eine zeitweilige Verfinſterung— weiter nichts. Wenn eine Wolke unter einem Stern vorüberzieht, iſt — 163 dann der Stern deswegen todt und erloſchen?— Ihr lebet! Ihr lebet!« Dann ſprang er wieder auf, fuhr mit der Hand über die Stirn, wie ein Menſch, dem plötzlich etwas einfällt, und rief: „Aber er muß es auch wiſſen! er muß es auch wiſſen! Ich muß ſofort zu ihm eilen, um es ihm zu ſagen.“ „Henry iſt in London!« ſagte Luch mit der Miene der Ueberzeugung und mit ſtrahlendem Antlitz. „Ja,“ entgegnete Cornwell,„ja, er iſt in London! Vor zwei Stunden ſind wir Beide angelangt. Und Niemand,“ fuhr er fort, indem er einen Seitenblick auf den Abbé und ganz be⸗ ſonders auf William warf„und Niemand hat ihm bis jetzt geſagt, daß Ihr lebet. Er glaubt Euch todt und er leidet!— er leidet! Ha! wie leicht war es, ſeinen Schmerz in unaus⸗ ſprechuche Freude zu verwandeln!« Lucy ſank ohnmächtig in Suſannens Arme und Corn⸗ well ſtürzte auf die Straße hinaus. „Eilen wir ihr zu Hilfe!« rief William.„Bringet ſie ſo ſchnell als möglich wieder zur Beſinnung. Wir müſſen ſie weit von hier hinwegführen. Sie muß ſofort dieſes Haus verlaſſen, ſonſt kann noch ein furchtbares Unglück geſchehen. Sobald die⸗ ſer Menſch weiß, daß Miß Lucy lebt und daß ſie hier wohnt, iſt ſie verloren, wenn wir nicht in dieſer Stunde noch fliehen. „Ihr übertreibt die Gefahr, William,« antwortete Su⸗ ſanne, die eifrig um die Ohnmächtige herum beſchäftigt war. „Wenn ſich auch vermuthen läßt, daß dieſer unglückliche Cornwell eine neue Ungeſchicklichkeit begehe, welche Miß Lucy in Gefahr bringt, ſo iſt doch nicht wahrſcheinlich, daß dies gleich bei dem erſten Schritt geſchehe, den er aus dieſem Hauſe 164 thut. Wir werden daher Zeit haben, ſie in Sicherheit zu bringen—⸗ „Ich ſtehe für nichts,« unterbrach ſie William mit düſte⸗ rer Miene.„»Lieber wäre es mir, unſer Geheimniß in der Gewalt eines erklärten Feindes als in dem Beſitz dieſes Corn⸗ well zu wiſſen.« „Aber wir können Miß Luchy doch nicht in dieſem Zu⸗ ſtande fortſchaffen,« wendete die Irländerin ein. 3 „Ich bin der Meinung, daß wir ſie ſelbſt in dieſem Zu⸗ ſtande entfernen.“ „Es ſey, William!— Ihr ſtecket mit eurer Furcht endlich auch mich an. Befehlt, daß man den Wagen anſpanne.“ Der alte treue Diener gehorchte ſofort und die Anſtalten zur Abreiſe wurden ſo raſch als möglich getroffen. Dennoch aber war über eine Stunde Zeit vergangen, ehe man bereit war das Haus zu verlaſſen. Endlich jedoch ſchickte man ſich an, die Treppe hinun⸗ terzugehen und Lucy, die mittlerweile wieder zu ſich gekom⸗ men war, ergab ſich nicht ohne Schmerz darein, den Rath⸗ ſchlägen ihrer Freunde zu folgen, als plötzlich heftig und wie⸗ derholt an die Hausthür gepocht ward. Ende des achten Theiles. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. fffnffffſſffſſffiſnnfnnffrnfſffrſfffſſnnſſfffffnnfffffſnnſſfriſiſifſinnſſſn 8 9 1s 16 17 185