f. 1 1 1 1 41 Li Leihbibliochek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfänanahmne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe künterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wir! 1 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für d hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 1 Mt.— 5 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der 6 behen auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wahrend der Herzog von Monmouth in der St. Petersca⸗ pelle im Tower von London beigeſetzt ward, und Jeffreys ſo ſchnell ſeine Pferde laufen konnten nach Wincheſter, der Haupt⸗ ſtadt von Hampſhire, fuhr, wo er beſchloſſen hatte, ſeine blu⸗ tigen Aſſiſen zu eröffnen, herrſchte der Obergeneral der könig⸗ lichen Armee, Percy Kirke, in den Grafſchaften des Weſtens auf despotiſchere Weiſe, als er jemals in ſeiner Feſtung Tan⸗ ger gethan. An demſelben Tage, wo Lucy und Suſanne aus Bridge⸗ water entflohen waren, hatte Kirke, von ſeinen Offizieren und ſeinem Adjutanten Lord Henry Lisle begleitet, die Stadt von ſeinen auf ſeinen Befehl herbeigeeilten»Lämmern“ beſetzen laſſen.»Durchſucht die Häuſer,« hatte er zu ihnen geſagt, denn er trug ſich im Herzen mit einer Hoffnung, die nicht in Erfüllung gehen ſollte,„und erinnert Euch, daß nicht blos Männer an dem Aufſtande theilgenommen haben, ſondern daß auch eine große Anzahl Frauen dabei betheiligt geweſen ſind. Nehmt daher alle Perſonen feſt, welche Euch verdächtig erſcheinen. Geht!« Der Tiger von Tanger. VII. de Die Lämmer bedurften kaum eines ſolchen Befehls. Sie ſtießen einen Freudenſchrei aus, ſtürzten nach allen Richtun⸗ gen davon und nahmen Alle feſt, welche mit Recht oder Un⸗ recht im Verdacht ſtanden, auf irgend eine Weiſe mit dem Aufſtande zu thun gehabt zu haben. Schon am Abend zählte die Parochialkirche von Weſton Zoyland, die man in ein Gefängniß verwandelt, nicht weni⸗ ger als fünfhundert Gefangene, unter welchen man mehr als achtzig Verwundete zählte. Als man bei der Rückkehr ins La⸗ ger nach Sonnenuntergang dem Obergeneral meldete, wie reich die Ernte ausgefallen war, fragte er raſch: „»Sind auch Frauen darunter?« „Ja, General.“ „»Wie viel?« »Ungefähr zwanzig.“ „Sind ſie jung und hübſch?« »Einige, General.“ „»Laßt uns ſehen!« rief Percy Kirke, deſſen Geſicht von unheimlicher Freude ſtrahlte, indem er ſich zugleich nach ſeinen Offizieren und ſeinen Adjutanten herumdrehte.»Meine Herren, und Ihr beſonders, Mylord, werdet mich hoffentlich auf dieſem Beſuche begleiten, nicht wahr?« Alle beeilten ſich dieſer Aufforderung zu gehorchen, aber Keiner that es eifriger als Henry. „Sehr gern, General,“« ſagte er, indem er ſeinem Chef folgte. Während man ſich nach der Dorfkirche begab, pochte Lord Lisle's Herz gewaltig. Er wußte noch nicht gewiß, ob es Luch gelungen war, aus Bridgewater zu entfliehen, oder ob ſie ihr beſcheidenes Aſyl nur verlaſſen hatte, um in der Stadt 3 ein anderes zu ſuchen. Dieſe Ungewißheit erweckte in ihm die düſterſten Gedanken. „Hal« ſagte er bei ſich ſelbſt,„wehe Percy Kirke, wenn Sir Charles Tochter ſich unter den Gefangenen befindet! Er muß ſterben, ehe er Hand an ſie legt.« Der Beſuch der Kirche fand bei Fackelſchein ſtatt. Man zwang alle Männer und alle Frauen, ihr Geſicht zu zeigen. Mehrmals ſchrie man auf dem Boden liegenden Gefangenen zu, ſie ſollten aufſtehen, um dieſe traurige Muſterung zu paſ⸗ ſiren; aber die Unglücklichen antworteten nicht, ſelbſt als man die Aufforderung unter Fußtritten wiederholte. Sie waren todt. Kirke machte, als er die Kirche verließ, ein wildes, mür⸗ riſches Geſicht. „Ihr ſcheint ſehr heiter zu ſeyn, Mylord,« ſagte er mit leiſer, gedämpfter Stimme zu Henry Lisle. „Heiter?« entgegnete dieſer.„Dies iſt vielleicht nicht das rechte Wort. Ich bin vielleicht nicht mehr ſo in Gedanken ver⸗ ſunken, als ich es noch vor wenigen Augenblicken war— das iſt Alles. Was wollt Ihr ſagen, General? Das Geſicht des Menſchen kann nicht immer denſelben Ausdruck bewahren. Als ich dieſes in ein Gefängniß verwandelte heilige Gebäude betrat, war ich ſehr traurig, ſehr niedergeſchlagen und dage⸗ gen ſtrahlte Freude aus euren Augen. Jetzt habt Ihr eure Heiterkeit verloren und ich meine Niedergeſchlagenheit.⸗ „Die Urſache, welchedieſe beiden entgegengeſetzten Wirkun⸗ gen hervorgebracht hat, iſt eine und dieſelbe, nicht wahr, Mylord?« „Das iſt allerdings wahrſcheinlich, General.« »Es iſt ſogar gewiß, Mylord. Dies macht zwei Partien, die Ihr heute gewinnet. Ihr ſeyd wirklich glucklich im Spiele, aber Ihr wißt, daß wir quitte ou double ſpielen.« „»Ich weiß es, Generol, und ſeyd überzeugt, daß Ihr * 4 an mir immer einen ehrlichen freimüthigen Spieler finden wer⸗ det, der, um einen ſolchen Einſatz zu vertheidigen, ſtets wach bleiben wird. Und wenn der Obergeneral der königlichen Armee in dieſer Angelegenheit nicht an die Stelle meines Nebenbuhlers tritt, ſo hoffe ich—« Kirke runzelte die Stirn und ſagte in ernſtem Tone: „Ah, Mylord, Ihr werdet mir wenigſtens die Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, daß ich bis jetzt von keinem Mittel Gebrauch gemacht habe, welches meiner Perſon fremd gewe⸗ ſen wäre. Ichhabe den Kampf als Mann gegen Mann und nicht als Chef gegen einen Untergebenen begonnen, und ganz gewiß habt Ihr geſehen, daß ich meinen Gegner von Lincoln's Inn Fields zu reſpectiren gewußt habe. Und nun auf Wiederſehen morgen, Mylord, denn ich glaube doch nicht, daß Ihr mit mir und meinen lieben Gefährten von Tanger zu ſoupiren wünſchet.« 1 Der Adjutant des Nachfolgers Feversham’s antwortete nicht ſogleich auf dieſe indirecte Einladung. Seine Augen hef⸗ teten ſich auf die des Obergenerals. Er ſah in denſelben einen unermeßlichen, aber muthigen und ſo zu ſagen ehrlichen Haß. Dann brach er dieſes kurze Schweigen und ſagte: „Ihr habt Recht, General, ich würde das Souper aus⸗ ſchlagen, da Ihr aber ſo eben den Obercommandanten der königlichen Armee vor dem Manne habt zurückweichen laſſen, welcher die Klinge mit mir gekreuzl hat, ſo wißt Ihr, daß es elwas gibt, was ich ſehr gern annehmen würde.« „Ja, ja, ich verſtehe,« entgegnete Perey Kirke,»aber nur ein wenig Geduld! Ich verſpreche Euch, daß der Augen⸗ blick nicht fern iſt, wo ich Euch dieſe Satisfaction geben werde. Indeß wird dies nicht eher geſchehen als—« 5 Henry s Nebenbuhler ſtockte plötzlich und begann zu lä⸗ cheln, als er ſah, daß ſein Adjutant ſeinen Gedanken verſtan⸗ den, ohne daß er ihn ausgeſprochen hatte. „Ehe dieſer Augenblick kommt,“« ſagte Lord Lisle mit dumpfer Stimme,»wird Percy Kirke aus ſeiner von meinem Degen durchbohrten Bruſt ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht haben.« „Weder vorher, noch ſpäter, Mylord, obſchon Ihr eine furchtbare Klinge ſchlagt, wie ich gern anerkenne. Auf mor⸗ gen alſo, Lieutenant, auf morgen!« Percy Kirke hatte dieſe letzten Worte mit lauter Stimme ausgeſprochen, und nachdem ſich die beiden unverſöhnlichen Feinde mit allem Anſchein von Courtoiſie getrennt hatten, gingen ſie jeder ſeines Weges, um ſich mit einem und demſel⸗ ben Gegenſtand zu beſchäftigen. Dennoch aber, ſey es daß er ob ſeines eigenen Vergnü⸗ gens auf dieſen traurigen Gegenſtand zurückkam, ſey es, daß er die Aufmerkſamkeit ſeiner Waffengefährten von dem ablen⸗ ken wollte, was zwiſchen ſeinem Adjutanten und ihm ſo eben geſchehen, wenn ſie dies vielleicht an einigen bis zu ihren Ohren gedrungenen Worten errathen hatten, ſagte Kirke, in⸗ dem er ſich mit ſeinen Gäſten nach dem Hauſe begab, welches ihm der Graf von Feversham bei ſeiner Abreiſe nach London überlaſſen: „Dieſe Kirche in Weſton Zoyland iſt eine koſtbare Vor⸗ rathskammer! Wir müſſen ſie ſorgfältig unterhalten, um den 8 Bedürfniſſen der militäriſchen und den noch weit größeren der Civiljuſtiz zu genügen. Mein vortrefflicher Freund, der Ober⸗ richter, wird mir für dieſe zartſinnige Aufmerkſamkeit großen Dank wiſſen. Dieſer gute Jeffreys, dieſer liebe Georg, wie wird ſein Herz in Freude ſchwimmen, wenn er erfährt, daß ich ihm eine ſo reichliche Reſerve aufbewahre, und daß er mit vollen Händen aus dieſem Menſchenteiche ſchöpfen kann!« In ſeine Zimmer zurückgekehrt, ließ er ſofort den Solda⸗ ten rufen, dem er einige Stunden vorher Cornwell übergeben, nahm ihn bei Seite und fragte ihn: »Was iſt aus deinem Gefangenen geworden?« »Er iſt entflohen, General.« »Ha! Ich hoffe doch, daß es mit deiner Zuſtimmung geſchehen iſt?« »Ja, und auch mit der euren, General.⸗ »Und haſt Du ihm Jemand nachgeſchickt?« »Ich würde ihm ſelbſt gefolgt ſeyn, wenn der Degen⸗ ſtich, den mir euer Adjutant verſetzt, mir nicht die furchtbar⸗ ſten Schmerzen verurſachte. Deshalb habe ich den Auftrag an Colman und Bell weiter gegeben.“ » Und biſt Du dieſer Beiden ſicher?« „»Wie meiner ſelbſt, General.« »Trotz ſeines dummen Geſichtes iſt er doch ſehr ver⸗ ſchmitzt, dieſer Cornwell.« „Gleichviel, ich ſtehe dafür, daß er in Colman und auch in Bell ſeinen Meiſter finden wird.« »Lieber wäre es mir geweſen, wenn Du einen oder zwei Mann ohne Uniform, beſonders nicht in der Uniform des Regimentes, verwendet hätteſt. Cornwell wird auf dieſe Weiſe leichter bemerken, daß man ihm nachſchleicht.« „»Ihr habt Recht, General; auch wollte ich ihm Jeman⸗ den anders als einen Cameraden von mir nachſchicken und glaubte ſchon meinen Mann gefunden zu haben. Zuletzt aber mußte ich doch auf Colman zurückkommen, dem ich Bell bei⸗ gegeben habe, weil während Colman wiederkehren wird, um uns zu ſagen, wo dieſer Cornwell ſitzen geblieben iſt, Bell ihn im Auge behalten wird.“ „Und wann glaubſt Du, daß Colman wiederkommen wird?« „Ach, General, Ihr fragt mich mehr, als ich weiß. Ich habe zu Colman geſagt: Du wirſt ihm folgen bis an's Ende der Welt und erſt wenn Du ihn irgendwo Halt machen ſiehſt, wirſt Du zurückkommen, um mir zu ſagen, wo er Halt ge⸗ macht hat. Bin ich euren Inſtructionen nicht gut nachgekom⸗ men, General?« „Ja, mein Junge, ja. Sobald Colman wieder da ſeyn wird, verfehle nicht, mich ſofort davon in Kenntniß zu ſetzen. Wenn er ſeine Sache gut gemacht hat, ſo ſollt Ihr alle Drei eine gute Belohnung erhalten.“ „Sehr ſchön, General; aber wenn er nun unverrichteter Sache zurückkommt?« „»Dann müßt Ihr Beide Spießruthen laufen und Bell wird auch nicht frei ausgehen.“ „Schön, mein General; dann werden wir alle Drei uns lieber eine gute Belohnung ausbitten.“ „»Dies wünſche auch ich, aber jetzt geh und laß Dich verbinden.« Der Soldat grüßte militäriſch und entfernte ſich, wäh⸗ rend der General ſich zu ſeinen Offizieren begab, die blos noch auf ihn warteten, um ſich zu Tiſche zu ſetzen. Während dieſe Unterredung zwiſchen Percy Kirke und ſeinem Soldaten ſtattfand, wechſelte Lord Lisle ebenfalls einige raſche Worte mit dem alten William. »Alſo,« ſagte Henry,„Du biſt überzeugt, lieber William, daß man Cornwell mit Willen hat entſchlüpfen laſſen, und daß man ihm Jemand nachgeſchickt hat?« 8 »Ich bin deſſen ſo gewiß, Mylord,« antwortete der treue Diener des Schlachtopfers von Lauſanne,»daß ich deſ⸗ ſen nicht gewiſſer ſeyn kann. Ich ſage Euch nochmals, mir ſelbſt machte man den Antrag, Cornwell nachzuſchleichen. Ueber euer Ausbleiben unruhig, trieb ich mich in dem Lager umher. Ein Soldat des Generals Kirke redete mich an und ſagte, er habe einen ziemlich ſchwierigen Auftrag erhalten, da er aber durch Euch verwundet worden, ſo ſähe er ſich in die Unmöglichkeit verſetzt, ihn auszuführen. Ich that, als ob ich Euch nicht kenne und auf dieſe Weiſe gelang es mir, noch mehr von ihm zu erfahren. Er erzählte mir, was am Mor⸗ gen in Bridgewater in der Wohnung einer jungen Dame ge⸗ ſchehen ſey, die, wie ich ſogleich merkte, keine andere als Miß Lucy Murray geweſen ſeyn konnte. Er fragte mich, ob ich Luſt hätte, die Fährte eines Gefangenen zu verfolgen, den er den Befehl hätte ausdrücklich deshalb entfliehen zu laſſen, da⸗ mit man ihm, ohne daß er etwas davon wüßte, nachſchleichen laſſen könnte. Er würde, ſagte der Soldat, einen ſeiner Ca⸗ meraden mit dieſer Miſſion beauftragen, aber er ſähe nur Soldaten in Uniform, an die er ſich wenden könnte, und die Uniform ſchien ihm ein ſehr nachtheiliger Umſtand zu ſeyn, wenn es ſich darum handle, Jemanden zu verfolgen, ohne deſſen Aufmerkſamkeit zu erwecken.⸗ „Aber, William, dieſen Auftrag hätteſt du annehmen ſollen!« rief Lord Lisle.„Haſt Du nicht ſofort begriffen, daß man dieſen ungluͤcklichen Cornwell blos in der Hoffnung lau⸗ fen ließ, ihn ohne Umweg und in gerader Linie ſich nach dem von Miß Lucy gewählten Aſyl, nach dem Zufluchtsort bege⸗ ben zu ſehen, den Lady Wentworth für Sir Charles Murray bereitet hat, und wo ſeine Tochter wieder mit ihm zuſammen⸗ treffen ſoll?« 5 — * 9 „»Das habe ich allerdings vollkommen begriffen, mein geehrter Herr und Gebieter, aber konnte ich wohl fort, ohne Euch erſt davon in Kenntniß zu ſetzen? Und dann habe ich mir geſagt, daß es immer noch Zeit ſeyn würde, mich auf den Weg zu machen, ſobald Ihr wieder da ſeyn würdet. Ich habe mir geſagt, daß ein Mann auf einem guten Pferde Leute, die zu Fuße gehen ſehr bald einholen und überholen kann.“ »Aber weißt Du auch gewiß, ob Cornwell zu Fuße fort iſt?« »Ja, Mylord. Ich wollte mich überzeugen, ob wirklich er es wäre, den man auf dieſe Weiſe laufen ließe. Deshalb näherte ich mich Kirke's Zelte, in welches ich den Soldaten nach meiner Weigerung, ſeinen Auftrag zu äbernehmen, hatte treten ſehen, und verſteckte mich in das Gebüſch. Es dauerte nicht lange, ſo ſah ich eine lange Geſtalt wie eine Schlange ſich auf dem Graſe von dem Zelte hinwegwälzen, während die drei Soldaten von Tanger— der, welcher mit mir geſpro⸗ chen, und noch zwei andere— ihm lachend zuſahen, ohne daß er etwas ahnte.« »Und dann, William? was haſt Du dann noch ge⸗ ſehen?⸗ „Ich ſah Mr. Cornwell, als er ungefähr dreihundert Schritte von dem Zelt hinweg gekrochen war, ſich in die Höhe richten und pfeilſchnell davoneilen. Die drei Soldaten ließen ihn lange laufen; als ſie ihn aber ungefähr tauſend Schritte entfernt ſahen, begannen zwei von ihnen, die wahr⸗ ſcheinlich den von mir zurückgewieſenen Auftrag übernommen hatten, ihrerſeits zu laufen und ich muß ſagen, daß ſie rann⸗ ten wie der Wind.« »O, Cornwell läuft gut,« ſagte Henry, wie um ſich ſelbſt zu beruhigen. 10 „»Ich glaube aber, die Soldaten laufen wenigſtens eben ſo ſchnell als Mr. Cornwell.« „»Wie langeiſt es her, daß ſie fort ſind?« fragte Lord Lisle. »Es war ungefähr fünf Uhr Nachmittags und es ſind demnach jetzt vier Stunden verfloſſen, ſeitdem ſie laufen oder gehen.“ »Gott ſey geprieſen!« rief Henry,»„dann brauchen wir noch nicht zu verzweifeln. Du wirſt eins meiner Pferde neh⸗ men, William, und wenn es unter Dir ſtürzen ſollte, ſo mußt Du morgen gegen Mittag in dem Aſyl anlangen, in welches Sir Charles Murray ſich geflüchtet hat, und wo Miß Lucy ſich ohne Zweifel bei ihm einfinden wird. Du wirſt ihnen ſagen, daß ſie an dieſem Orte nicht mehr in Sicherheit ſind, daß ſie ihn ſofort verlaſſen müſſen, und daß das Beſte, was ſie thun können, iſt, ſich nach Taunton zu begeben, daß ſie dort verborgener ſeyn werden als ſonſt wo, wenn ſie die Gaſtfreundſchaft eines alten katholiſchen Prieſters annehmen wollen, der dort in der größten Zurückgezogenheit lebt. Sage Sir Charles, daß dieſer würdige Diener Gottes die Tugend ſelbſt iſt und daß er in ihm einen Freund, einen Bruder fin⸗ den wird, der ſeinen Glauben und den ſeiner Tochter reſpec⸗ tirt. Der ſtrenge Puritaner fürchte nicht, einen Mann, der einer andern Religion angehört als er, um ein Aſyl zu bitten. Er denke an Miß Lucy. Dieſe muß gerettet werden. Wenn er allein wäre, könnte er ſich weigern, da er aber ſein Kind in Sicherheit zu bringen hat, ſo muß er annehmen. Sobald Du ihn dazu beſtimmt haben wirſt, mache Dich mit ihm und Miß Lucy auf den Weg nach Taunton, welchen Ort Ihr während der Nacht zu erreichen ſuchen werdet. Geh und ſattle ein Pferd, während ich an den Abbé Caetano, den menſchen⸗ freundlichen Prieſter, ſchreibe, von welchem ich ſo eben ſprach.* II. Mine gegen Mine. (Fortſetzung.) William gehorchte und Henry begann einige Zeilen an den würdigen Joſe Caetano zu ſchreiben. Dieſer Geiſtliche, der im Jahre 1661 mit der Königin Katharina von Bra⸗ ganza, Gemalin Carl II., nach England gekommen, war nur kurze Zeit am Hofe geblieben. Er hatte ſein Leben Andern nützlicher und Gott angenehmer zu machen gedacht, wenn er ſeine Arbeiten auf einen weniger glänzenden Schauplatz ver⸗ legte. Er hatte, ſeinem eigenen Ausdruck zufolge, den Wein⸗ ſtock, den der Herr ihm anvertraut, beſcheiden, aber muthig gepflegt. Er war es, den Lady Lisle, als ſie ſich entſchloſſen ihren Sohn die Religion wechſeln zu laſſen, beauftragt, das Kind in den Lehren der katholiſchen Religion zu unterrichten. Der gute Prieſter hatte die junge Seele auf dieſen großen Act würdig vorbereitet und ſich ſeiner ganzen Miſſion mit ſo viel Herzensgüte, Sanftmuth und Salbung entledigt, daß er ſich aus dem Kinde einen Freund gemacht, welcher auch, nachdem er ein Mann geworden, ſeine Zuneigung nicht ver⸗ läugnet hatte. Die Umſtände und die Zufälle des Lebens noch mehr als ſein Wille hatten ihn nach Taunton geführt, der republi⸗ kaniſchſten Stadt Englands, welche den alten Sitten der 1² Rundköpfe noch am eifrigſten anhing. So groß aber iſt die Macht der Tugend und der anſpruchsloſen Menſchenliebe, daß ſchon kurze Zeit, nachdem der Abbé Caetano ſich in der puri⸗ taniſchen Stadt niedergelaſſen, er die Achtung und bald auch die Freundſchaft aller derer erworben, welche Gelegenheit ge⸗ habt hatten, ſich ihm zu nähern. Zu der Zeit des jetzigen Stadiums unſerer Erzählung ward er daher von der ganzen Einwohnerſchaft verehrt, welcher er ſich jedoch faſt niemals zeigte. Henry war mit ſeinem Briefe kaum fertig, als William auch ſchon wieder eintrat, um ihm zu melden, daß er bereit ſey aufzubrechen. Lord Lisle gab dem treuen Diener den Brief, ſchärfte ihm nochmals Alles ein, was er ihm bereits vorher geſagt, denn es handelte ſich um Lucy's Rettung, und verabſchiedete ihn dann. William galoppirte davon, trabte die ganze Nacht hindurch und hielt am nächſtfolgenden Tage gegen Mittag an der Thür von Winter's Hauſe, nachdem Suſanne und Lady Wentworth nur wenige Augenblicke vorher es verlaſſen hat⸗ ten, um ſich nach London zu begeben. Der alte Bauer kam ihm enigegen. Lumley und Ports⸗ man, die durch die Gefangennehmung des Herzogs von Mon⸗ mouth und des Lords Grey zufriedengeſtellt worden und den alten Mann durch den Tod ſeines Sohnes Gilbert für hinrei⸗ chend geſtraft erachteten, hatten ihn wieder in Freiheit ſetzen laſſen. „»Was wünſchet Ihr, Herr?« ſagte er in traurigem Tone zu William. Es wohnt ein alter Edelmann und ſeine Tochter hier bei Euch, mein Freund,“ entgegnete der Reiter, indem er vom Pferde ſtieg. ——— em er er 13 „Bei mir wohnt weder ein Edelmann noch ſeine Toch⸗ ter,« entgegnete Winter.„Ich wohne allein in meiner arm⸗ ſeligen Hütte, ſeitdem man mir meinen Sohn umgebracht hat.« „Ich bin nicht ein Soldat derer, welche dieſen Mord begangen haben, lieber Freund, und Ihr könnt Vertrauen zu mir haben.“ „Das iſt wohl möglich. Ich finde ſogar, daß Ihr ein gutmüthiges Geſicht habt. Aber ich ſage Euch nochmals, ich habe Niemanden bei mir. Ich bin allein, unbedingt allein und Ihr könnt euern Weg weiter fortſetzen, denn ich kann weder Euch noch eurem Pferde etwas geben.“ „Dennoch aber iſt es unmöglich, daß ich mich irre, lie⸗ ber Freund. Es iſt dies ganz gewiß das Haus, welches ich von Lady Wentworth ſelbſt habe bezeichnen hören.“ „Von Lady Wentworth? Kennt Ihr ſie?« „Ja wohl, aber noch beſſer kenne ich den alten Herrn, der mit ihr bei Euch angelangt iſt. Er iſt an der Stirn ver⸗ wundet. Ich habe die Pferde geſattelt, auf welchen ſie von Weſton Zoyland aufgebrochen ſind.* „Von Weſton Zoyland?⸗ wiederholte Winter.»Und wer hat ſie in Weſton Zoyland empfangen?« „Lord Henry Lisle, der mein Herr iſt.« „Alles dies kann ſehr wahr ſeyn. Aber ich ſage Euch nochmals, ich habe Niemanden geſehen. Dennoch reitet noch nicht fort. Ich habe Euch ſchen geſagt, euer Geſicht gefällt mir. Ich werde ein Glas Bier für Euch und einen Metzen Hafer füur euer Pferd holen. Wenn Ihr Beide Euch geſtärkt habt, könnt Ihr dann euern Weg weiter fortſetzen.— Wie heißt Ihr denn?« „William.« „»Nun gut, Maſter William, erwartet mich hier einen Augenblick.« Indem Winter dieſe Worte ſprach, warf er ohne wei⸗ tere Umſtände die Thür dem alten Diener vor der Naſe zu. Ungeduldig erwartete dieſer die Rückkeyr des ſeltſamen Man⸗ nes. Es dauerte einige Augenblicke, ſo knarrte die Thüre der Hütte abermals in ihren Angeln und der Herr der Wohnung erſchien wieder auf der Schwelle. Er brachte aber weder Bier noch Hafer. 4 „Ihr nehmt mir, Maſter William,“ ſagte er,„die Vor⸗ ſicht, die ich ſo eben gebrauchte, nicht übel. Ihr könnt eintre⸗ ten. Sir Charles Murray und Miß Lucy erwarten Euch. Kommt herein, ich werde euer Pferd in den Stall bringen.* Es war noch keine Minute vergangen, ſo ſah William ſich in Gegenwart des Puritaners und ſeiner Tochter, welcher er raſch und oft durch Fragen unterbrochen Alles mittheilte, was ſeit ihrer Abreiſe ſowohl in Bridgewater als im Lager der königlichen Armee geſchehen war, und als er die gedul⸗ dete Flucht Cornwell's und die Gefahr erzählt hatte, welche dieſer läſtige Freund den beiden Flüchtlingen bereitete, ſagte Sir Charles Murray mit ernſter Miene: „Wenn die Stunde nicht übel gewählt wäre, Dir einen Vorwurf zu machen, meine Tochter, ſo würde ich mich ver⸗ ſucht fühlen Dir den unglücklichen Einfall zu verweiſen, den Du vor einigen Wochen vor dem Pranger von Newgate hat⸗ teſt. Ach, wenn Du mir Gehör geſchenkt hätteſt, ſo wäre die⸗ ſer Cornwell nicht durch deine Vermittlung in Freiheit geſetzt worden und wir könnten heute ruhig in unſerem Aſyl bleiben.* „»Mein Vater!« murmelte Luch, indem ſie die Augen 15 en niederſchlug,„habt Ihr mich nicht ſelbſt gelehrt, daß man— 2 eine erwieſene Wohlthat niemals bereuen ſoll?«: ei⸗„Du haſt Recht, mein Kind; wie kann es mir einfallen, u. Dir einen ſo unbegründeten Vorwurf zu machen, während n⸗ Du mir ſo ernſte zu machen hätteſt.“ er„O mein Vater, ich bitte Euch, ſprecht nicht ſol⸗ ng„Ja, ja, jetzt iſt nicht die Zeit zu ſprechen; es iſt jetzt ler die Zeit zu handeln, meine Tochter. Wir müſſen dieſes Aſyl unverweilt verlaſſen. Aber wo ſollen wir hin? Wo ſollen dr⸗ wir hin?« re⸗„Nach Taunton,“ ſagte William. ch.„»Nach Taunton!« riefen Sir Charles Murray und ſeine S Tochter wie aus Einem Munde.»Iſt das wirklich euer Ernſt, am William? Das iſt ja der allerletzte Ort auf der Erde, wo wir zer ein Aſyl ſuchen könnten.⸗ te,„Wenn ich den Namen der Stadt Taunton genannt ger habe, ſo iſt es auf Lord Henry Lisle’s Geheiß geſchehen, aber ul⸗ auch ich bin damit vollkommen einverſtanden.⸗ che„Weißt Du aber denn nicht, mein guter William, wie gte ſehr wir, meine Tochter und ich, in Taunton bekannt ſind? Und dann weißt Du auch wohl, wie compromittirt wir den ſind.« er⸗„Ich ſoll Euch zu dem Abbé Joſe Caetano bringen.“ den„Zu dem Abbé Caetano!« rief der Puritaner mit einer at⸗ Anwandlung von Zorn;„»wer wagt mir ſo etwas vorzu⸗ ie⸗ ſchlagen?« etzt„Euer beſter Freund, Lord Henry Lisle.⸗ ſyl„Nimmermehr.« „Mein Vater,« ſagte Lucy in bittendem Tone,„»ver⸗ weigert weder um euret⸗ noch um meinetwillen dieſes Aſyl, welches der Himmel uns bietet. Uebrigens würden wir auch nirgend ſo in Sicherheit ſeyn wie bei dem Abbé Caetano.“ „Das verſtehe ich nicht recht, meine Tochter,“ ſagte Murray mit gebrochener Stimme.„»Ich, der ich Dich in das Unglück geſtürzt, habe nicht das Recht ein Aſyl zu verſchmä⸗ hen, wo Du in der That in vollkommener Sicherheit wohnen kannſt. Wollte man aber glauben, der Abbé Caetano werde jemals einwilligen, Sir Charles Murray und ſeine Tochter zu empfangen, ſo würde man ſich auf ſeltſame Weiſe täuſchen. „Ich habe einen Brief in der Taſche, den Lord Henry Lisle, mein geehrter junger Herr, an ihn geſchrieben. Das Haus des Abbé ſteht Euch bereits ſo gut wie offen.« „Nun, mein Vater?« ſtammelte Lucy. „Gehen wir, meine Tochter, und ſuchen wir ein Aſyl bei einem Prieſter der Religion, gegen welche meine Camera⸗ den und ich zu den Waffen gegriffen haben und die wir aus England vertreiben wollten.« III. Die Stadtmaus und die Feldmaus. Ehe noch die Nacht vollſtändig eingebrochen war, glaubte Cornwell von der Höhe eines Hügels zwei Soldaten zu ſehen, welche ihm nachliefen. „Hal« rief er,„meine Flucht iſt entdeckt worden und man verfolgt mich! Doch ſie ſind ja zu Fuße wie ich und wenn holen, ſo will ich in ihnen die Söhne des Boreas —-ÿy yʒ— ſie mich ein und der Orithyia erkennen. Wenn ich durch ſo vieles Laufen und die Aufregung der Nacht und des Tages nicht ſo erſchöpft —-— A us bte en, und enn eas — — ——-— 17 wäre, ſo würde ich Euch zeigen, meine kleinen Lämmer, mit welchem Läufer Ihr zu thun habt. Doch gleichviel, es bleibt mir noch genug Kraft übrig, um einen großen Zwiſchenraum zwiſchen Euch und mir zu bewahren. Jetzt bricht die Nacht ein— ich werde Euch in dem günſtigen Dunkel zu entwiſchen wiſſen, denn ich ſehe ſchon, Ihr laufet nicht auf den Aehren, ohne ſie zu zerknicken, und nicht auf dem Waſſer, ohne die Sohle eurer Füße zu benetzen. Ihr gleicht durchaus nicht der Camilla Virgil's: Nec teneres cursu laesisset aristas— Celeres nec tingeret aequore plantas.« Während der Dichter auf dieſe Weiſe ſeine claſſiſchen Erinnerungen wach rief und die Poeſie mit der Wirklichkeit, Camilla mit Lucy, vermiſchte, ſetzte er ſeinen Lauf in ſüdlicher Richtung weiter fort. Es ward Nacht, aber die Schatten derſelben wurden bald wieder durch die Strahlen des Vollmonds verſcheucht. Dieſer Schein war Cornwell ſehr unangenehm und es wäre uns leicht, ganze Seiten blos mit den Ausrufungen anzufül⸗ len, die er den griechiſchen und lateiniſchen Muſen entlehnte, um»Phöbus und ſein feindſeliges Licht« zu verwünſchen. Als der Tag wieder anbrach, ſah unſer Flüchtling die beiden Soldaten noch genau in derſelben Entfernung wie am Abend vorher. »Das ſind wirklich vortreffliche Läufer,« ſagte er bei ſich ſelbſt, indem er ſich ſetzte, um auszuruhen.»Ha, ſie ma⸗ chen es wie ich, ſie ruhen auch dort untenthinter dem Gebüſche aus. Nun ſteht nicht mehr daran zu zweifeln, daß man mich nicht verfolgt, ſondern mir blos folgt.— Aber zu welchem Zwecke? Auf dieſe Frage ſind nicht zwei Antworten möglich, ſondern nur eine einzige. Percy Kirke hat mir dieſe beiden Der Tiger von Tanger. VII 2 18 Spürhunde nachgeſchickt, weil er vermuthet, daß ich mich ſo⸗ fort wieder zu den ausgeflogenen Vögeln begeben werde. Ja, ſo iſt es, das iſt klar. Wohlan, wartet nur, meine Lämmer, ſchafft Euch noch flinkere Beine an, denn ich werde Euch et⸗ was weit führen und durchaus nicht an den Ort, an welchem Ihr eure Beute zu finden gedenkt.⸗ Indem Cornwell dieſe Worte ausſprach, erhob er ſich und begann in nördlicher Richtung weiter zu gehen. „»Ich werde bis nach Bath und wenn es ſeyn muß bis nach Briſtol laufen,“ fuhr er fort,„und mich nach der vor⸗ maligen Beſitzung der Lady Wentworth nicht eher begeben, als bis ich überzeugt bin, dieſe Hunde von Lämmern von der richtigen Spur abgebracht zu haben.“ Am Abende dieſes Tages und nachdem er von dem Au⸗ genblicke an, wo er einen andern Weg eingeſchlagen, gegen dreißig engliſche Meilen zurückgelegt, langte Cornwell in Bath an. Dieſe ſchöne Stadt war damals weiter nichts als ein Marktflecken. Ein Haufen von vier⸗ oder fünfhundert armſeli⸗ gen Häuſern innerhalb des Umkreiſes einer alten Mauer, wel⸗ che die Römer an dem Ufer des Avon errichtet. Schon zur Zeit dieſer Eroberer Britanniens aber war Bath wegen ſei⸗ ner Mineralquellen berühmt, deren Ruf zur Zeit unſerer Ge⸗ ſchichte natürlich noch weit höher geſtiegen war. Die Stadt ſah von allen Punkten des Königreiches die Kranken zu ihren heilſamen Quellen herbeieilen und mehr als einmal hatten die Könige von England hier ihren Hof gehalten. Uebrigens war Bath ſchon ſeit mehren Jahrhunderten der Sitz eines wichtigen Bisthums, und der Leſer hat ſchon auf dem Schaf⸗ fot des Herzogs von Monmouth den Prälaten kennen ge⸗ ——.—,—„ — — .„» h ſo⸗ Ja, imer, ) et⸗ lchem ſich ß bis vor⸗ geben, n der Au⸗ gegen ell in s ein :mſeli⸗ „ wel⸗ on zur en ſei⸗ rer Ge⸗ Stadt nihren hatten prigens 3 eines Schaf⸗ nen ge⸗ 19 kernt, der dieſe Diöceſe dirigirte— den ehrwürdigen und muthigen Ken. Das Gerücht von den militäriſchen Executionen, die den vorigen Abend auf dem Sedgemoore ſtattgefunden, und die Nachricht von der Gefangennehmung Monmouth's am ſelben Morgen war ſchon ſeit einigen Stunden bis nach Bath ge⸗ drungen. Der Biſchof Ken, der ſich unter den Erſten be⸗ fand, welche dieſe Ereigniſſe erfahren, hatte ſich ſofort ent⸗ ſchloſſen, nach London zu reiſen. In ſeinen Gedanken und ſeinen chriſtlichen Abſichten war der Zweck dieſer Reiſe ein doppelter. Er wollte den König um die Ermächtigung bitten, dem gefangenen Herzog in ſeinen letzten Augenblicken zur Seite zu ſtehen, was wir ihn auch bereits haben thun ſehen, und dem König den beklagenswerthen Eindruck und die Ab⸗ neigung gegen ſeine königliche Perſon ſchildern, welche durch die maßloſe Grauſamkeit ſeiner Armee in den weſtlichen Graf⸗ ſchaften erweckt werden mußte. »Ich ſterbe vor Hunger,“« ſagte Cornwell bei ſich ſelbſt, als er die Hauptſtraße der Stadt betrat,»obſchon aber jetzt Badezeit iſt und die Lebensmittel daher in Ueberfluß vorhan⸗ den ſeyn müſſen, ſo werde ich mich wohl hüten, in einer die⸗ ſer elenden Herbergen etwas zu eſſen zu verlangen. Ich habe keinen Penny in der Taſche und man würde nicht verfehlen, mich für einen fliehenden Rebellen zu halten. Nein, nein, gehen wir ſtracks zu dem Biſchof. Wenn ſein Kammerdiener zugegen iſt, ſo bin ich gerettet. Er iſt ein ſo guter Freund, dieſer Grosby. Dichter wie ich, wird er ſich der Zeit erinnern, wo wir in unſerem armſeligen Dachſtübchen in London unſere Verſe drechſelten.« Einige Augenblicke ſpäter ſtand Cornwell vor Grosby, der ihn an ſeine Bruſt drückte. * „Aber wie ſiehſt Du denn aus, mein lieber Freund?⸗ rief der Kammerdiener, der allen Stolz bei Seite ſetzend ſeinen ehemaligen Stubenburſchen immer noch als ſeines Gleichen betrachtete;„wie ſiehſt Du aus? Biſt Du mager geworden! Seit wie lange haſt Du denn nicht gegeſſen, lieber Camerad?⸗ „Seit geſtern, mein Freund, ſeit geſtern. Auch bin ich nahe daran umzuſinken— trotz der moraliſchen Kraft, die mich bis jetzt aufrecht erhalten.« WVarte einen Augenblick, ich will Dir aus der Küche etwas holen, was Dir wieder Kräfte geben ſoll.“ Cornwell ſetzte ſich und wartete ungeduldig auf Grosby’s Rückkehr. „Wenn es mir nur,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„gelungen iſt, die Lämmer von der richtigen Fährte abzubringen. Als ich hier ins Haus trat, ſah ich mich um, bemerkte ſie aber nicht mehr. Ha, in der Stadt verliert man die Spur eines Menſchen leichter als im freien Felde und auf der Heerſtraße. Wie will ich eſſen und ſchlafen! Morgen werde ich mich wieder auf den Weg machen und wenn dieſe nichtswürdigen Schur⸗ ken mir immer noch folgen können, ſo will ich ſie für beſſere Läufer als Euryales und Niſſus ſelbſt erklären.— Doch es kommt Jemand— es iſt Grosby— ich rieche ſchon den Duft eines Rinderbratens.« Cornwell's Geruchſinn hatte ihn auch nicht getäuſcht. Der Kammerdiener trat ein und trug in einer Hand einen großen gefüllten Bierkrug und in der andern eine zumfang⸗ reiche Schüſſel mit einem tüchtigen Stück Rinderbraten und einer Pyramide von Kartoffeln, die in England ſchon lange geſchätzt wurden, ehe ſie in Frankreich bekannt waren. „Iß und trink, lieber Freund,« ſagte der Kammerdie⸗ Küche 8sby's ungen Als ich aber eines ſtraße. wieder Schur⸗ beſſere voch es in den äuſcht. einen mfang n und n lange merdie⸗ ner,»vor allen Dingen aber beeile Dich. Es thut mir leid, aber Du mußt in einigen Minuten wieder fort.« „Ich muß in einigen Minuten wieder fort, Grosby? Kann ich denn nicht hier ſchlafen?« „In Abweſenheit des Biſchofs werden keine Fremden über Nacht beherbergt.“ „Ach!« rief Cornwell, indem er einen ungeheuren Biſſen in den Mund ſteckte,»ach, es iſt immer noch wie im Horaz. Wenn die Feldmaus endlich genießen will, muß ſie auf ein⸗ mal wieder den Schmaus verlaſſen und ſich raſch wieder auf die Beine machen.“ „Was willſt Du, mein Freund?« ſagte der Kammer⸗ diener.„»Man muß die Schläge des Schickſals eben ſo ſtoiſch zu ertragen wiſſen, wie dieſer ländliche Philoſoph. Und hier ſind ſie unvermeidlich. Es iſt bereits Befehl zum Anſpannen gegeben. Mylordreiſt nach London. Da eres ſehr eilig hat und übrigens die Nächte jetzt viel friſcher ſind als die Tage, ſo ſind wir entſchloſſen, unſere Reiſe ohne Verzug zu beginnen.⸗ „Ah, Du machſt alſo auch die Reiſe mit? „»Nun, glaubſt Du denn, der Biſchof könne meiner ent⸗ behren?« „»Wie glücklich Du biſt, Grosby!— Wie wohl befindeſt Du Dich! Gib mir dein Geheimniß, damit ich es einſt eben ſo machen kann wie Du, um auch glücklich zu werden.“ „O lieber Freund,« entgegnete der Kammerdiener, „mein Geheimniß iſt ſehr einfach. Ich habe es aus dem Horaz geſchöpft.« „Aus dem Horaz?“« rief Cornwell, der drauf los aß, daß er beinahe erſtickt wäre,»aus dem Horaz? Aber ich habe ja nie ſo etwas darin gefunden, ich, der ich ihn doch auswen⸗ dig weiß!« „O, die Worte, die vier Worte, welche dieſes Geheim⸗ niß in ſich faſſen, haſt Du zehntauſendmal geleſen, aber darin weiter nichts geſehen als Worte. Du biſt kein praktiſcher Mann, Cornwell. Nein, Du verſtehſt nichts von den Wirk⸗ lichkeiten des Lebens!« „Ich beweiſe Dir in dieſem Augenblicke das Gegentheil,« ſagte der platoniſche Bewunderer Lucy’s, indem er den Reſt des Bieres in ſeine Kehle hinuntergoß.»„Aber alle deine ſchö⸗ nen Reden ſagen mir nicht, worin das koſtbare Geheimniß beſteht, welches Du ſo gut zu benutzen gewußt haſt.« „Accedes siccus ad unctum!« citirte Grosby in pathe⸗ tiſchem Tone. „Beim Pollux, das iſt wahr!« rief Cornwell.»Acce- des siccus ad unctum! Wohlan, ich geſtehe zu meiner Schande, daß ich in dieſen Worten niemals den tiefen Sinn geſehen habe, welchen Du mir ſo eben darin geoffenbaret. Armer, ſchließe Dich an einen Reichen an.⸗ »Unglücklicher! Du verſuchſt dieſe Worte zu überſetzen, die doch unüberſetzbar ſind. Verſuche niemals, ſie aus der Sprache des Horaz in eine andere zu übertragen, ſonſt ver⸗ lierſt Du meine Achtung oder ich verläugne Dichl« „Du haſt ganz Recht, Grosby. Dergleichen Parfums darf man nicht aus einem Gefäß in das andere füllen wollen. Ich werde nicht wieder in einen ſolchen Fehler verfallen und dennoch werde ich nicht weniger deine Achtung verlieren.« „Warum denn, mein vortrefflicher Cornwell?« „Weil ich, wie ich Dir offen geſtehe, das Leben der Feldmaus dem ihrer zarten Freundin bei weitem vorziehe.« „Deswegen wirſt Du meine Achtung nicht verlieren, Cornwell,« entgegnete der egoiſtiſche Grosby.»Ha! wenn Alle, die Dir gleichen, ſich reiche Freunde machen und ſich in — 23 fette Häuſer einſchleichen wollten, was würde dann denen übrig bleiben, die ſich, wie ich, die Mühe nehmen, die in den Worten der Alten verborgenen Dinge auszuklügeln? Wohlan, mein Freund, Du biſt fertig mit Eſſen und Trinken. Nun mußt Du uns verlaſſen.“ „Euch verlaſſen? Schon?« „Haſt Du denn nicht gehört, was ich Dir ſo eben ſagte? Ich reiſe ja nach London.“ „Welchen Weg nehmt Ihr?« „Da Mylord, der Biſchof, erfahren hat, daß der Her⸗ zog von Monmouth an der Grenze der Grafſchaften Dorſet und Southampton gefangen genommen und nach Ringwood geführt worden iſt, ſo hat er befohlen, daß man die ſüdöſt⸗ liche Straße einſchlage.“ „Dann reiſt Ihr alſo in der Richtung nach dem New Foreſt?« „Ja. In wie fern kann es aber Dich intereſſiren, welche Straße wir nehmen?« „Wie viel Wagen nehmt Ihr mit?« »Drei.“ „Mein lieber Grosby, vielleicht könnteſt Du mir einen großen Dienſt leiſten.« „Sehr gern, mein lieber Bruder, wenn es in meiner Macht ſteht. Was wünſcheſt Du? Sprich!« „Könnteſt Du mir nicht in einem der Wagen Mylords ein ganz kleines Winkelchen anweiſen?« „Ich werde ſehen, ob ich deinen Wunſch befriedigen kann. Komm mit mir.« 3 Als die beiden Freunde in den Hof des Hotels traten, waren die drei Wagen, von welchen Grosby geſprochen, ſchon beladen und jeder mit vier kräftigen flämiſchen Pferden be⸗ ſpannt. Die engliſche Ariſtokratie gab zu jener Zeit dieſen Thieren den Vorzug vor den einheimiſchen Pferden, denn dieſe hatten damals ſehr wenig Aehnlichkeit mit dem, was ſie ſpäter in Folge der arabiſchen Kreuzungen geworden ſind. Der Kammerdiener, welcher Cornwell einen Augenblick verlaſſen, erſchien bald wieder, um ihm zu melden, daß er ein Plätzchen für ihn gefunden, und ließ ihn in den von den Die⸗ nern beſetzten dritten Wagen ſteigen. Einen Augenblick ſpäter nahm auch der Biſchof in ſeiner bequemen Carroſſe Platz und man fuhr ab. Am nächſtfolgenden Tage gegen Mittag, als man ſich in der Nähe des New Foreſt oder neuen Waldes an der weſtli⸗ chen Grenze von Hampſſhire befand, ſteckte Cornwell den Kopf zum Wagenſchlage heraus, ſah ſich nach allen Seiten um, und da er von dem, was er fürchtete, nichts bemerkte, ſo ſtieg er ab und nahm Abſchied von ſeinem Freund Grosby. Nachdem unſer Dichter die Wagen ſich hatte entfernen laſſen, ſchritt er auf eine Hütte zu, die in einiger Entfernung von der Straße ſtand, und da er die Thür offen fand, ſo trat er ohne weitere Umſtände ein. „Wer ſeyd Ihr?« fragte ihn eine rauhe Stimme,„und warum kommt Ihr ſo zu mir herein, ohne anzupochen und ohne Euch zu melden? Wiſſet, daß ich die Spione nicht mehr fürchte! Ich bin allein, ganz allein, und jetzt, wo man mir nur noch mein Leben nehmen kann, bleibt, wie Ihr ſehet, meine Thür offen.“ „»O, ich bin ein Freund,“ entgegnete Cornwell,„und ich kenne Euch recht wohl, ohne Euch jemals geſehen zu haben.« „Was mich betrifft,« entgegnete Winter mit düſterer Miene,»ſo kenne ich Euch nicht. Es liegt mir auch ſehr wenig dara Ruh Frei gen Fra wen bei der Fei füg an 25 daran, Euch kennen zu lernen, und ich bitte Euch, mich in Ruhe zu laſſen.“ „Ihr ſeht ganz aus wie ein alter Misanthrop, lieber Freund, und ich werde Euch gern wieder euern ſchwarzgalli⸗ gen Betrachtungen überlaſſen ſobald Ihr mir zwei oder drei Fragen beantwortet haben werdet.« „Laßt eure Fragen hören. Ich werde ſie beantworten, wenn es mir beliebt.“ »Ihr habt einem alten Herrn und zwei jungen Mädchen bei Euch ein Aſyl gewährt, nicht wahr, mein Freund?« „Wenn ich Jemanden ein Aſyl gewährt habe ſo liegt der Grund darin, daß es mir ſo beliebt hat.« »Ihr antwortet, lieber Freund, als ob Ihr es miteinem Feinde zu thun hättet.« „Oder mit einem Zudringlichen, könntet Ihr hinzu⸗ fügen.“ „Und dennoch bin ich ein Freund, und zwar ein treuer, anhänglicher Freund derer, die Ihr bei Euch verſteckt haltet.* „Das iſt wohl möglich, aber was geht es mich an? Wie lauten eure anderen Fragen?⸗ „Ihr habt ja die erſte noch nicht beantwortet. Habt Ihr nicht einen alten Herrn und eine junge Dame bei Euch aufgenommen und haltet ſie noch in eurem Hauſe oder an ir⸗ gend einem andern Orte verborgen?« „Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich jetzt allein bin.⸗ „Was iſt denn aus Sir Charles Murray und Miß Lucy, ſeiner Tochter, geworden?« „Warum fragt Ihr mich nicht auch, was aus dem Her⸗ zoge von Monmouth, und Lord Grey, und Lady Wentworth, und Miß Suſanne— und aus Gilbert, meinem Sohne Gil⸗ bert, geworden iſt?« 3 26 „»Ich ſehe wohl, daß Ihr einen großen Kummer im Herzen tragt, lieber Freund; da ich aber die Urſache desſel⸗ ben nicht kenne, ſo kann ich Euch auch keinen Troſt bieten.“ „»Und wer verlangt denn das? Weiß ich vielleicht nicht, daß dieſe Schmerzen untröſtlich ſind?« »Wohlan, da Ihr ſelbſt leidet, ſo habt auch Mitleid mit dem Schmerze Anderer. Ich fühle mich ſehr unglücklich, daß ich Sir Charles und ſeiner Tochter nicht meine Dienſte anbieten kann. Saget mir, wo ſie ſind, damit ich mich ihnen zur Verfügung ſtelle.« Winter ſah Cornwell aufmerkſam an, als ob er hätte errathen wollen, mit was für einer Menſchennatur er zu thun habe. Das Reſultat dieſer Muſterung ſchien unſerem Dichter nicht günſtig zu ſeyn, denn der alte Bauer nahm ihn beim Arme, führte ihn bis an die Schwelle ſeiner Thuͤr und ſagte: „Ihr wollt wiſſen, wo Sir Charles Murray und ſeine Tochter hingegangen ſind, nachdem ſie ſich entſchloſſen hatten, meine Wohnung zu verlaſſen?« „»Ja mein Freund, ich werde Euch ſehr dankbar ſeyn, wenn Ihr es mir ſagen wollt.« „Dieſe Straße haben ſie eingeſchlagen,« fuhr Winter fort, indem er mit der Hand nach Oſten zeigte;»ſie müſſen jetzt ſchon in Wincheſter ſeyn. »Ah, alſo nach Wincheſter haben ſie ſich begeben?« »Ja, nach Wincheſter, wie Ihr ſagt.« „Dann frage ich Euch nicht, bei wem ſie ein Aſyl zu ſuchen gegangen ſind. Ich kenne bereits den Ort ihrer Zu⸗ flucht, und gehe ſie dort aufzuſuchen. Lebt wohl, mein Freund!«. „»Lebt wohl, Herr; glückliche Reiſel« ſagt Winter, deſ⸗ ſen Geſicht beinahe einen heiteren Ausdruck angenommen hatte, 27 im als er Cornwell mit großen Schritten in der Richtung fort⸗ ſel⸗ gehen ſah, die er ihm ſo eben angedeutet.»Geh nur, Freund, . geh nur immer zu. Du wirſt nicht Gefahr laufen, Sir Char⸗ ht, les Murray und Miß Lucy in Schaden zu bringen, ſo lange Du Dich mit jedem Schritte von ihnen entferneſt.“« eid Der Dichter hatte in der That begonnen mit ſeinem 2 gymnaſtiſchen Schritt auf der Straße nach Wincheſter weiter ſte zu wandern, von welchem Orte er nur noch durch die unbe⸗ ten deutende Entfernung von zwoͤlf bis vierzehn engliſchen Meilen getrennt war. tte„Ich habe ganz gewiß richtig gerathen,« ſagte er bei un ſich ſelbſt.»Ja, ganz gewiß haben Sir Charles und ſeine ter Tochter ſich zu Lady Alice Lisle geflüchtet. Ich muß daher ii ohne Zeitverluſt zu Lady Lisle gehen, wenn ich Miß Lucy ſe⸗ - hen will.— Gehen wir dahin. Ich kann es jetzt ohne Gefahr ine thun, denn die Lämmer haben meine Spur ſicherlich ver⸗ en. loren.« n Bei der Annäherung an Wincheſter drehte Cornwell ſich * noch einmal herum, und ſah einige hundert Schritte hinter ter ſich zwei Bauern zu Pferde, die in kurzem Trabe ebenfalls auf die Stadt zuritten. Er warf einen gleichgiltigen Blick ſen auf ſie. „»Ich muß geſtehen, daß das Glück mir günſtig geweſen iſt. Vielleicht wäre es mir niemals gelungen, dieſe beiden Sol⸗ zu daten Kirke's von der Fährte abzubringen, wenn Grosby zu⸗ mir nicht einen Platz in einem der Wagen ſeines Herrn ein⸗ ein geräumt hätte. Ja, ja, es waren feine Spürnaſen, aber mein guter Stern hat mich doch gerettet und nun ſteht es mir frei, eſ. zu gehen, wohin es mir gut dünkt, ohne daß ich die Perſon, die ich liebe, in Todesgefahr bringe. Was iſt denn das dort für ein Anſchlagzettel, vor welchem ſo viele Leute ſtehen blei⸗ ben? Sehen wir einmal nach.« Bei ſeiner langen Geſtalt konnte Cornwell mit leichter Mühe über die Köpfe der Leſer hinweg Kenntniß von dem In⸗ halte des Anſchlagzettels nehmen. »Ah,“ ſagte er, indem er ſich wieder entfernte,„jetzt werden Alle, die den Rebellen ein Aſyl gewähren, des Hoch⸗ verraths und des Todes ſchuldig erklärt. Ohne Zweifel iſt es Jeffreys ſelbſt, der dieſen Befehl ausgeſonnen und abgefaßt hat. Die arme Lady Lisle! Daß ſie ſich nur nicht fangen laſſe! Durch mich kann ſie auf keinen Fall in Gefahr kommen. Ich bin kein Rebell. Ich werde ſie daher aufſuchen. Wenn, wie ich glaube, Sir Charles und Miß Lucy bei ihr ſind, ſo werde ich mich bemühen, ihnen einen Zufluchtsort ausfindig zu machen, wo ſie Niemandes Leben in Gefahr bringen. Wenn ſie nicht dort ſind, wo ich ſie zu finden hoffe, ſo werde ich mich dann wieder aufmachen, um ſie zu ſuchen, nachdem ich mir einige Tage Ruhe gegönnt, deren ich im höchſten Grade bedarf. Ich werde dreimal vierundzwanzig Stunden lang die Maxime des Horaz und Grosby's:„Accedes siccus ad unctum« in praktiſche Anwendung bringen.« Nachdem Cornwell dieſen Entſchluß gefaßt, erkundigte er ſich nach der Wohnung der Lady Lisle und begab ſich da⸗ hin. Er ward mit großer Güte und Freundlichkeit empfangen, fand aber, wie der Leſer ſchon vorausgeſetzt haben wird, hier weder den alten Puritaner noch ſeine Tochter, und tröſtete ſich über dieſe getäuſchte Erwartung dadurch, daß er drei Tage lang ein ruhiges, bequemes Leben führte. Mittlerweile und während Cornwell den Anſchlagzettel geleſen, waren die beiden Reiter, die er für Bauern gehalten, und die in der That ländliche Kleidung trugen, auch nach 29 Wincheſter hineingekommen, abgeſtiegen und den Schritten des Dichters gefolgt. Sie hatten geſehen, daß er in das Haus der Lady Lisle eintrat und nicht wieder herauskam. »Bell,« hatte Colman geſagt,„»ſteige ſchnell wieder zu Pferde und kehre mit verhängtem Zügel nach dem Lager zu⸗ rück. Du wirſt dem General Alles ſagen, was Du geſehen haſt. Ich bleibe hier und behalte unſern Mann im Auge. Mag es ſeyn, welches es wolle— Haar oder Feder— einiges Wild wird es ganz gewiß bei Lady Lisle zu fangen geben.« IV. Die Gefangennehmung. Am 17. Juli 1685 plauderten zwei junge Männer, je⸗ der mit einer Serviette in der Hand und mit weintrunkenem Auge— was hinreichend verrieth, daß ſie ihre Mahlzeit und das darauffolgende Trinkgelage noch nicht beendet— mit einander auf dem Balcon des Hotels zum goldenen Einhorn dem größten Etabliſſement dieſer Art, welches Wincheſter beſaß. Die Bürger, welche unten auf der Straße vorübergin⸗ gen, wagten kaum die Augen nach den beiden Männern em⸗ porzuheben, oder ſuchten ſich ſo nahe als möglich an den Häuſern hinzuſchleichen, ſo ſehr fuͤrchteten ſie von ihnen be⸗ merkt zu werden. Die beiden Zecher ſchienen ſtolz zu ſeyn auf die Furcht, welche ihr Anblick einflößte. Aber dieſer Stolz hatte bei Je⸗ dem einen anderen Charakter. Der größere der beiden Männer, der, welcher der Herr 30 zu ſeyn ſchien, richtete ſich noch höher auf und warf auf die ſchüchternen Paſſanten einen übermüthigen Blick des Haſſes und des Zornes. Gleichzeitig zog ſeine Lippe ſich empor wie die des Tigers, welcher eine Beute wittert, und zeigte eine Doppelreihe von Zähnen, welche geſchaffen zu ſeyn ſchienen, Menſchenfleiſch zu zerreißen. Der kleinere beſaß einen mehr beſcheidenen Stolz, wenn man ſich dieſes Ausdrucks bedienen kann. Er bückte ſich über⸗ dies ſo, daß ſeine Stirn kaum die Schulter ſeines Begleiters erreichte, auf welchen er einen von Bewunderung erfüllten Blick heftete.. »Wie dieſe armen Teufel Euch fürchten, Mylord,« ſagte er mit einem Lächeln, welches ſchon an und für ſich eine ge⸗ ſchickte Schmeichelei war. „»Was,“ antwortete der, an den dieſe Worte und dieſes Lächeln gerichtet waren, was kann mir die Furcht nützen, die ich dieſen erbärmlichen Menſchen einflöße? Zum Glück für ſie kann ich nur kurze Zeit in ihrer Stadt verweilen. Ich bin blos wegen einer perſönlichen Angelegenheit hier, die es mir jedoch zu einer öffentlichen umzugeſtalten und auf geſchickte Weiſe mit dem Aufruhr der weſtlichen Grafſchaften in Verbin⸗ dung zu bringen beliebt. Ich werde Dir darüber einige Worte ſagen, Freund Birch, nemlich ſo viel als Du zu wiſſen brauchſt, um in dieſem kleinen Drama die Rolle, die ich Dir beſtimme, zu verſtehen und zu ſpielen. Wir wollen jedoch vorher erſt noch eine Flaſche ausſtechen und bis auf unſer nächſtes Gelag zum letzten Mal anſtoßen.« Jeffreys— der Leſer hat ihn bereits erkannt— kehrte in das Zimmer zurück, wo die Tafel ſervirt war, an welcher er drei ganze Stunden geſeſſen, und indem er die Flamme einer ungeheuren Bowle Punſch ſchürte, in welche der Kellner ³G&E„ ☛ 6 d —„,— 2 wenn über⸗ eiters ullten ſagte e ge⸗ dieſes „die ir ſie bin mir hickte bin⸗ Borte uchſt, nme, erſt zelag ehrte lcher mme Uner 31 zwei Flaſchen Rum von der kürzlich durch Cromwell eroberten. verühmten Antille gegoſſen hatte, rief er mit ſchwerer, ſchon lallender Zunge: »Möge die Flamme des Scheiterhaufens bald dieſe ver⸗ haßte Alice Lisle eben ſo verzehren, wie die Flamme, die in dieſem Gefäß kniſtert, dieſe Fluſſigkeit verzehrt! Trinken wir, Freund Birch, trinken wir auf den Scheiterhaufen der Lady Lisle. Es ſterbe in den Flammen und auf dem Scheiterhaufen die Gattin des nichtswürdigen Pasquillanten, welcher gewagt hat mich zu beleidigen! Es ſterbe die Mutter dieſes Carabi⸗ niers, der eines Abends vor Whitehall mir mit flachen Klingenhieben gedroht hat. Alſo, Birch, ſtoßen wir an! Was, deine Hand zittert? Iſt es der Wein, oder iſt es die Furcht, die ſie ſo zittern macht?« „»Es iſt der Wein!“ beeilte ſich der unglückliche Advocat zu ſagen, der ſich von Furcht ergriffen fühlte.„Es iſt der Wein! Heute, Jim, haſt Du mich beſiegt.« Ein triumphirendes Lächeln zeigte ſich auf Jeffreys' Ge⸗ ſicht. Birch hätte ihm in der That nichts ſagen können, was ihm angenehmer geweſen wäre. Er ſchlang den Arm um den Hals des liſtigen Schmeichlers und zog ihn an das Fenſter. „Haſt Du noch Verſtand genug?« fragte er ihn,»be⸗ ſitzeſt du noch genug Klarheit des Geiſtes, um zu verſtehen, was ich Dir ſagen werde?« „O, antwortete Birch,»obſchon ich nicht heute gegen Dich habe kämpfen können, unvergleichlicher Zecher, ſo bin ich doch nicht zum Tode betrunken! Du kannſt ſprechen, geliebter Jim. Du wirſt in mir ein aufmerkſames Ohr und ein deinen beredten Worten offenes Verſtändniß finden.“ „»Es handelt ſich nicht um Beredtſamkeit, Freund Birch. Es handelt ſich um Rache, aber um furchtbare, exemplariſche, 32 mit einem Worte, meiner würdige Rache. Siehſt Du dort unten links jenes Haus, welches durch die weiße Farbe ſeiner Fagade und ſeine Umriſſe gegen die ſchwarzen Hütten abſticht, von welchen es umgeben iſt?« »Ja, ich ſehe es.« »Dort wohnt ſiel« rief Jeffreys mit furchtbarer Be⸗ tonung. „»Wer denn?« »Nun ſie, Lady Alice Lisle, die Mutter von Henry Lisle 3 und die Gattin von John Lisle.“ »Nun, antwortete Birch,„was willſt Du damit ſagen?« 1 »Dieſe Frau muß mein werden und von Dir verlange ich ſie.⸗ 4 „»Wie kann ich ſie Dir geben?« »Höre mich an. Du wirſt Dich nach einem Rebellen er⸗ kundigen und wenn Du ihn gefunden haſt, ſo wirſt Du ihn durch Drohungen von Strick und Galgen in Furcht jagen. Plötzlich und ohne Uebergang wirſt Du vor ſeinen Augen eine Hoffnung auf Pardon und Gnade erglänzen laſſen.“ »Unter welcher Bedingung, Mylord?« »Unter der Bedingung, daß er die Herrin dieſes weißen Hauſes um ein Aſyl bitte.« »Ich verſtehe. Des Hochverraths angeklagt, wird dann Lady Lisle vor eurem Tribunal erſcheinen müſſen, Mylord.“ »Und ſie wird verurtheilt werden, Birch; verurtheilt, lebendig verbrannt zu werden.« »Ja, das iſt in der That eine bewundernswürdige Com⸗ bination, o großer, geliebter Jim! Aber wirſt Du mir einen Einwand erlauben?« fragte ſchüchtern der beſcheidene Bundes⸗ genoſſe des großen Richters. dort ſeiner ſticht, r Be⸗ Lisle damit lange en er⸗ mihn agen. a eine beißen dann ord.* theilt, Com⸗ einen indes⸗ 33 »Einen Einwurf?« wiederholte Jeffreys, indem er die Stirn runzelte. »Ich wollte ſagen, eine Frage,« ſtammelte der Advocat, indem er die Stimme noch tiefer ſenkte. »Nun ſo laßt dieſe Frage hören, Maſter Birch.⸗ »O, wenn Du Dich erzürnſt, Jim, ſo thue ich ſie gar nicht.— Lieber will ich fortan ſchweigen wie ein furchtſamer Untergebener, als mit der Freimüthigkeit eines Freundes ſprechen.« »Ich habe Dir aber befohlen zu ſprechen!« heulte Jef⸗ freys.»Alſo wirſt Du ſprechen oder nicht?« »Ich gehorche Dir, geliebter Jim.— Ich dachte nem⸗ lich, ob es nicht vielleicht beſſer wäre, eine ſchöne Summe zu verdienen, von Lady Lisle ein tüchtiges Löſegeld zu ver⸗ langen—« »Als ſie lebendig zu verbrennen, nicht wahr, Du Dummkopf?« unterbrach ihn Jeffreys mit grimmigem Lä⸗ cheln.»Du könnteſt mir gleich hunderttauſend Pfund Ster⸗ ling geben— verſtehſt Du mich?— hunderttauſend Pfund Sterling, ſo würdeſt Du mir damit noch nicht den hundertſten Theil des Vergnügens bezahlen, welches Du mir durch dieſen Loskauf der Qualen und Martern rauben würdeſt, welche ich dieſer Frau vorbehalten habe.« Bircch ſenkte von wirklicher Furcht ergriffen die Blicke 2 Boden. In dieſem Augenblick ging der Soldat, der es übernom⸗ men, Cornwell zu überwachen, auf der Straße vorüber. Da er es bald überdrüſſig geworden war, für einen Bauer ange⸗ ſehen zu werden, ſo hatte er ſeine Verkleidung bei Seite gewor⸗ Der Tiger von Tanger. VII. 3 34 fen und ſeine Uniform wieder angelegt. Jeffreys erkannte ihn, als er ihn ſah, daher ſofort wieder. „»In der That,“« rief er,»ich irre mich nicht. Das iſt ein Soldat von dem Regimente von Tanger, eins von Perch Kirke's Lämmern. Was zum Teufel macht denn dieſer Menſch hier? Ganz gewiß treibt er ſich nicht umſonſt in Wincheſter herum. Man laſſe ihn heraufkommen!— Wir werden in unſerm Geſpräch ſpäter weiter fortfahren, Maſter Birch.⸗ Einen Augenblick ſpäter ſtand Colman vor Jeffreys. »Wer hat mich rufen laſſen?« fragte er, indem er den Richter und den Advocaten mit dreiſtem Blicke muſterte. „»Na, Freund,“ rief Jeffreys in ſtolzem Tone,»Du wirſt mir das Vergnügen machen, deine Eiſenfreſſermiene ein wenig abzulegen. Wir ſind hier nicht in Tanger und ich, der ich mit Dir ſpreche, ich bin kein gewöhnlicher Bürger, ver⸗ ſtehſt Du mich?« „Sol« rief der Soldat, indem er in ein lautes Geläch⸗ ter ausbrach;„wer ſeyd Ihr denn?« „Ich bin Lord Jeffreys, der Oberrichter von King's Bench!« ward ihm in nachdrücklichem Tone geantwortet. „»Iſt mir nicht bekannt,« antwortete trocken der Sol⸗ dat, auf welchen dieſe pomphafte Phraſe durchaus keinen Ein⸗ druck machte. Jeffreys begriff ſofort, daß er einen falſchen Weg einge⸗ ſchlagen und machte ſchnell Kehrt. »Dieſe verteufelten Lämmer meines vortrefflichen Freun⸗ des Percy Kirke,« ſagte er in ſanftem Tone,»ſind und blei⸗ ben doch immer dieſelben. Und ich liebe ſie ſo! Gern möchte ich mit dem ganzen Regiment anſtoßen, ich, der ich ſo vielmal mit meinem lieben Percy angeſtoßen habe!“ Sol⸗ Ein⸗ inge⸗ reun⸗ blei⸗ öchte Amal 35 Von allem was Jeffreys ſo eben geſagt, hatte nur Eins den Soldaten frappirt und ſeine Aufmerkſamkeit lebhaft erregt. »Ihr ſeyd der Freund des Generals?« fragte er. »Ja wohl, ſein intimer Freund, ſein Jugendfreund!« rief der Oberrichter.»Und die Lämmer ſelbſt ſind ihm nicht mehr zugethan als ich, dieſem geliebten Barca.⸗ »Barca?— Ihr kennt den General unter dieſem Na⸗ men, Sir?« fragte der Soldat lebhaft. »Wiel ob ich ihn unter dieſem Namen kenne! Kennt man denn in einer und derſelben Familie nicht ſeinen Bruder unter dem Lieblingsnamen, der ihm gewöhnlich von den Eltern und Freunden beigelegt wird?« »Da Ihr den Capitän Barca, ich wollte ſagen den Ge⸗ neral Percy Kirke liebt, ſo iſt kein Grund vorhanden, daß ich Euch nicht auch lieben ſollte,« ſagte Colman mit freimüthiger Offenheit.»Und da Ihr ſoeben ſagtet, daß Ihr mit dem gan⸗ zen Regiment anſtoßen würdet, ſo ſtoßet mit mir an, der ich der Repräſentant des Regiments bin, und trinken wir auf die Geſundheit des Generals.« »Dieſes Anerbieten nehme ich um ſo lieber an,« rief Jeffreys, als ich Dich blos in dieſer Abſicht habe heraufkom⸗ men laſſen— obſchon auch, um mich bei Dir nach ihm zu er⸗ kundigen, den wir Alle lieben.« »Herr Oberrichter,« entgegnete Colman faſt mit Rüh⸗ rung,»ich bin ein Tölpel und Grobian, daß ich den Reſpect gegen Euch ſo aus den Augen geſetzt habe. Ihr müßt mir verzeihen—« »Dir verzeihen, mein Freund? Ich habe Dir ja nichts zu verzeihen. Es war auch von mir unrecht, daß ich »Wohlan, dann müſſen wir einander beiderſeitig verzei⸗ hen. Auf die Geſundheit des Generals!« & * 36 Die Gläſer wurden mehrmals gefüllt und geleert, wäh⸗ rend dabei gerufen ward: „»Auf die Geſundheit des Capitäns Barca!« »Auf die Geſundheit des Generalmajors Percy Kirke!« „»Auf die Geſundheit des Siegers von Sedgemore!« »Auf die Geſundheit des Mannes, der unſer Aller Freund iſt!« In den kurzen Zwiſchenräumen dieſer wiederholten Toaſte wurden die herzlichſten Händedrücke zwiſchen den Zechern aus⸗ getauſcht und ehe noch das letzte Glas geleert war, beſtand die herzlichſte Zuneigung zwiſchen dem Tiger und dem Lamm. „Kirke hat Dich hergeſchickt, nicht wahr, mein Freund?« ſagte Jeffreys zu Colman. „Ja wohl; würde ich ſonſt hier ſeyn?« „Welchen Auftrag hat er Dir denn gegeben?« „O, das iſt eine drollige Geſchichte! Ich weiß aber nicht, ob ich ſie Euch erzählen kann.“ „Warum nicht? Haſt' Du vielleicht kein Vertrauen zu mir? Und glaubſt Du, daß mein Freund Percy Kirke Bedenken tragen würde, ſie mir mitzutheilen?« »Ihr ſeyd der vom König hierhergeſendete Richter, nicht wahr?« fragte der Soldat, deſſen Zögern ſich zu mindern ſchien. „Ja, um gemeinſchaftlich mit dem Obercommandanten der königlichen Armee zu handeln, um mit ihm darüber zu wachen, daß die Rebellen, die Euch angegriffen und eure Ca⸗ meraden getödtet haben, nicht dem rächenden Schwerte des Geſetzes entrinnen, und um mit eben ſo ſchwerer Strafe die heimzuſuchen, welche es wagen werden, dieſen Rebellen eine Zufluchtsſtätte zu gewähren.“ oäh- kel« Aller oaſte aus⸗ tand mm. nd?« nicht, en zu enken nicht dern anten 37 »Ah, alſo zu dieſem Zwecke ſeyd Ihr hierhergeſchickt, Herr Oberrichter?« »Ja, mein Freund. Du ſiehſt alſo, daß meine Dienſt⸗ pflichten in mehren Punkten ganz dieſelben ſind, wie die deines Generals.“ Der Soldat ſchien einen Augenblick lang nachzudenken, dann näherte er ſich wie einen plötzlichen Entſchluß faſſend dem Fenſter und gab Jeffreys ein Zeichen, daß er dasſelbe thun möchte. »Ihr ſehet dort unten links das weiße Haus, nicht wahr, Herr Oberrichter?⸗ ſagte er, indem er bedeutſam mit den Augen blinzelte. »Ja, ich ſehe es,« antwortete Jeffreys, deſſen Herz ge⸗ waltig klopfte;„und was iſt damit?« »Was damit iſt? In dieſem Hauſe ſteckt ein Rebell.« »Woher weißt Du das?« rief der Oberrichter mit einem heiſern Gebrüll wilder Freude. »Woher ich es weiß? Nun, ſeit vier ganzen Tagen und Nächten habe ich nicht aufgehört, dieſe Thür zu überwachen, damit mein Mann nicht etwa unbemerkt das Haus verlaſſe—«⸗ »Alſo haſt Du einen Verdächtigen hineingehen ſehen?« »Ihr nennet dieſen Menſchen einen Verdächtigen und fraget mich, ob ich ihn in dieſes Haus habe gehen ſehen? Es iſt ja ein wirklicher Rebell, der größte Rebell, den es geben kann, und ich folge ihm auf Befehl des Generals ſchon von Weſton Zoyland an. Ihr könnt Euch nicht denken, welchen Weg er mich achtundvierzig Stunden lang hat machen laſſen. Und wißt Ihr auch, weshalb ich Euch dies alles ſage? Um einen meiner Cameraden zu rächen, den ein gewiſſer Adju⸗ tant Namens Lord Henry Lisle in der Wuth verwundet hat.« 38 „»Wenn er erfahren wird, daß ſeine Mutter verhaftet iſt, wird er nicht wenig erſchrecken, denn Ihr müßt wiſſen, daß die Herrin jenes weißen Hauſes, die, welche Rebellen beherbergt, die Mutter eben dieſes Lord Lisle iſt!« Jeffreys wollte nichts weiter hören. Er riß heftig in die Klingel und ſobald der Wirth des Hotels ehrerbietig vor ihm er⸗ ſchien, rief er: »Benachrichtigt den Commandanten der Miliz von Win⸗ cheſter, daß er mich in ſeiner Wohnung erwarten ſoll, da⸗ fern er es nicht vorzieht, meine Befehle hier zu empfangen. Meldet mir ſeine Antwort, ſobald Ihr ſie empfangen habt. Geht!« V. Die Gefangennehmung. (Fortſetzung.) Der Wirth des Gaſthauſes»zum goldenen Einhorn« machte ſtolz, und zugleich zitternd, eine ſo furchtbare Perſo⸗ nage in ſeinem Hauſe zu haben, eine tiefe Verbeugung und zog ſich zurück. Dann faßte Jeffreys den Soldaten bei beiden Händen und rief mit ſchmeichleriſcher Geberde: »Du biſt ein ganz vortrefflicher Junge. Ich habe noch nie etwas für Dich gethan und gleichwohl machſt Du mir eine ſo große Freude. Sey jedoch unbeſorgt, ich hebe Dir eine ſchöne Belohnung auf. Wenn man wirklich einen Rebel⸗ len in dieſem Hauſe findet, ſo ſollſt Du zufrieden mit mir ſeyn. Es gibt Leute, ſiehſt Du, für welche ich viel gethan habe, denen ich noch alle Tage viel Güte erzeige, und die dennoch nicht dankbar dafuͤr ſind.“ in rn rſo⸗ und den noch mir Dir bel⸗ mir han die 39 Indem der Oberrichter dieſe Worte ſprach, wendete er den Kopf ein wenig nach Birch hin und heſtete auf ihn einen ſchielenden Blick, der in der That furchtbar war. Der ſchlaue Stammgaſt des Wirthshauſes„zur rothen Kuhs errieth vollkommen die Geſinnung, welche durch dieſen Blick ausgedrückt ward. Er begriff, daß darin noch mehr Schmollen als Groll lag, und daß ſelbſt dieſe ſchlechte Laune ſich bald in Folge des unermeßlichen und unerwarteten Glü⸗ ckes zerſtreuen würde, welches ſeinem würdigen Gönner ſo eben zugeſtoßen. Er beſchloß deshalb einen großen Schlag zu führen. »Wenn ich Mylords Mißfallen erregt habe, weil ich meinem Freunde Jim einen freundſchaftlichen Rath gegeben,« ſagte er mit gut geſpielter Würde,„wenn Mylord glaubt ſich über mich zu beklagen zu haben, wohla an, dann bin ich bereit, nach London zurückzukehren.« »Wer ſpricht denn davon, daß Du nach London zurück⸗ kehren ſollſt, Dummkopf?« rief Jeffreys in ſeinem gröbſten Tone, indem er ſich mit großen Schritten dem Advocaten näherte.»Bei der Hölle! das fehlte blos noch, um deiner Dummheit und meiner Wuth die Krone aufzuſetzen. Alſo, Du willſt nach London zurückkehren? Bei den Furien der Hölle, ich weiß nicht was mich abhält, Dir mit dieſer Flaſche den Schädel einzuſchlagen!« »Schlag zu, aber höre mich an,« ſagte der Advocat, indem er ſich zwang zu lachen. »Ich höre— was haſt Du zu ſagen?« »Daß ich den Namen, den Du mir ſo eben gegeben, verdiene, daß ich ein Dummkopf bin, daß nichts bornirter ſeyn kann als meine Idee, Lady Lisle gegen ein Löſegeld los⸗ zulaſſen, anſtatt ſie lebendig zu verbrennen.⸗ 40 »Na, ſiehſt Du es endlich ein?— Wohlan, ich verzeihe Dir— komm und umarme mich.« Birch warf ſich in Jeffreys Arme und die beiden wein⸗ ſeligen Herzen ſchlugen an einander. »Freund,s ſagte der Oberrichter dem Advocaten ins Ohr, während er ihn umarmt hielt,„Freund, bedaure nicht das Gold der Lady Lisle. Ich verſpreche Dir in der nächſten Zeit zahlreiche und reichliche Ernten. Bedenke daher, daß es wichtig iſt, gleich von Anfang an furchtbaren Schrecken ein⸗ zuflößen. Selbſt wenn mein Haß den Tod der Lady Lisle nicht forderte, würde ſchon die heilige Politik uns rathen, ſie nicht zu ſchonen. Durch das Beiſpiel gewarnt, wird man die Gerechtigkeit fürchten und den Preis der Begnadigung und die Nothwendigkeit, ſie zu erkaufen, beſſer fühlen. In der That, je mehr ich daran denke, deſto thörichter finde ich es, daran gedacht zu haben, dieſe Alice Lisle zu ſchonen.« »Ja, ja,« ſagte Birch, von den von Zeffreys ausge⸗ ſprochenen Gründen lebhaft betroffen und ſich diesmal auf⸗ richtig zu ſeiner Meinung bekennend,»ja, ich begreife es jetzt; wenn ich einen reichen Verurtheilten an den Scheiterhaufen der Lady Lisle erinnern werde, ſo wird er einſehen, daß ich nicht ſcherze, und er wird ſich beeilen, den ganzen Inhalt ſei⸗ nes Geldkaſtens in meine Hände zu ſchütten. Welch ein erha⸗ benes Genie iſt das deine, o mein Jim! Ich werfe mich nie⸗ der vor Dir und ſollte deine Fußſtapfen küſſen.« Die abgöttiſchen Worte des Advocaten Birch wurden durch die Ankunft des Commandanten der Miliz von Winche⸗ ſter unterbrochen. Dieſer war ein kleiner alter Mann, Namens James Fraſer. Ehemals zur Partei der Cavaliere gehörend, verab⸗ ſcheute er ſyſtematiſch Alles, was von nahe oder von fern den chef den the 41 früher dem großen Protector ergebenen Familien angehörte, und man hatte ihn ſeit der Schlacht auf dem Sedgemore oft bedauern hören, daß die Stadt, deren Miliz er comman⸗ dirte, von dem Schauplatz des Bürgerkrieges zu weit entfernt ſey, als daß die beſiegten und flüchtigen Rebellen hier eine Zuflucht ſuchten. Er hätte, wie er oft ſagte, ſehr gewünſcht, einige dieſer Elenden in den Händen zu haben, um ihnen eine ſchlimme Viertelſtunde zu bereiten. Dieſer Mann verſtand ſich daher gleich auf das erſte Wort ganz vortrefflich mit Jeffreys. »Ihr habt mich rufen laſſen, Mylord Oberrichter,« ſagte er zu Jeffreys, indem er ihn mit freundlichem Lächeln begrüßte.»Darf ich fragen, was mir dieſe Ehre verſchafft?« »Ja, Sir,« antwortete Jeffreys in anmaßendem Tone, vich habe Euch rufen laſſen, um Euch zu ſagen, daß der Dienſt der Miliz hier mit beklagenswerther Nachläſſigkeit aus⸗ geübt wird. Ich ſehe nur zu gut ein, daß Se. Majeſtät ſehr weiſe gehandelt hat, die regulären Truppen gegen die Rebel⸗ len zu ſchicken. Hätte er ſich den Milizen der Grafſchaften an⸗ vertraut, ſo würde der Herzog von Monmouth, weit entfernt, den Kopf durch Henkershand zu verlieren, ohne Zweifel als Sieger gegen die Hauptſtadt marſchirt ſeyn.« »Mylord,“« rief der kriegeriſche James Fraſer, indem er ſich aufrichtete,„Mylord, dieſe Vorwürfe weiſe ich mit Entrü⸗ ſtung zurück. Sie ſind—⸗ »Sie ſind verdient, Sir, denn es gibt Rebellen in Win⸗ cheſter.« „»Rebellen in Wincheſter?« rief der alte Cavalier mit dem Blick und im Tone des höchſten Erſtaunens. »Ja, Sir, Rebellen, die Ihr friedlich bei den Verrä⸗ thern wohnen laßt, die ihnen eine Zufluchtsſtätte gewähren.⸗ 42 »Wo ſind ſie?« »In jenem Hauſe, welches Ihr von hier ſeht.« »In jenem weißen Hauſe dort? Bei Lady Lisle?« »Ganz recht.“« »Wartet einen Augenblick, Mylord Oberrichter, und Ihr werdet bald ſehen, ob die Miliz von Wincheſter vor der Erfüllung ihrer Pflichten zurückweicht.« James Fraſer verließ raſch das Gaſthaus„zum golde⸗ nen Einhorn« und noch war keine halbe Stunde vergangen, ſo ſah Jeffreys von ſeinem Balcon aus zahlreiche Milizen das Haus der Lady Lisle umzingeln, mit wüthendem Geſchrei hineindringen, bald darauf wieder herauskommen und eine alte Dame von ehrwürdigem Aeußern und einen langen ha⸗ gern Mann mit ſich fortſchleppen. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß es Henry's Mut⸗ ter und der Dichter Cornwell war. Während man die Beiden in das Stadtgefängniß führte, verlangte Jeffreys Papier, Feder und Tinte und nachdem er ſchnell einen Brief geſchrieben, den er mit ſeinem Petſchaft verſiegelte, ſagte er zu dem Soldaten, indem er ihm den Brief übergab:— »Du wirſt dies ſofort dem General Percy Kirke über⸗ bringen. Die Sache iſt ſehr eilig, ſchone daher dein Pferd nicht!« golde⸗ ngen, eilizen eſchrei d eine n ha⸗ Mut⸗ ührte, em er ſchaft Brief über⸗ Pferd VI. Die Stimme der Pllicht. Colman, der ſich durch Jeffreys' gebieteriſches Weſen imponiren ließ und ſah, wie alle Welt ſich beeilte, ſeinen Be⸗ fehlen zu gehorchen, hatte ebenfalls nicht gezögert, dasſelbe zu thun und ſich mit dem Briefe des Oberrichters an den General Percy Kirke auf den Weg nach Weſton Zoyland gemacht. So wie er auf der Heerſtraße von Wincheſter nach Sa⸗ lisbury und von dieſer letztern Stadt nach Bridgewater wei⸗ ter kam, wunderte er ſich, nicht Bell nach Wincheſter mit einer bedeutenden Anzahl Lämmer zurückkehren zu ſehen, die beauf⸗ tragt wären, Alles über die Klinge ſpringen zu laſſen oder feſtzunehmen, was ſich in dem Hauſe vorfände, in welches Cornwell ſich geflüchtet hatte. »Denn,“ ſagte er bei ſich ſelbſt, während er ſein Pferd immer weiter traben ließ,„denn der General kann ja nicht wiſſen, daß das was er thun wollte, ſo eben von ſeinem Freund, dem Oberrichter, bewirkt worden iſt. Ganz beſon⸗ ders weiß er nicht, daß man in dieſem weißen Hauſe weiter Niemanden gefunden hat, als eine alte Frau und dieſen Lüm⸗ mel, den ſeine langen Beine diesmal aber doch nicht vom Galgen retten werden. Ah, da iſt der Kirchthurm von Weſton Zoyland! Ganz gewiß hat Bell im Lager bleiben müſſen. 44 Jedenfalls weiß der Capitän Barca, daß die ſchöne Sulta⸗ ben nin, die er verfolgt, nicht mehr in Wincheſter iſt.« Ma V Als er ſich der Heide, auf welcher die Zelte der könig⸗ lege lichen Armee aufgeſchlagen worden, bis auf zwei⸗ oder drei⸗ delt hundert Schritte genähert hatte, ſah er eine große Bewegung unter den Truppen. Man kam, man ging, man belud Kar⸗ ren, man führte Munitionswagen herbei. ich »Ah,“ ſagte er,„das Lager wird aufgehoben! Wohin find wird man es denn nun verpflanzen?« Als er bei ſeinen Cameraden angelangt war, fragte er: »Was gibt es denn hier?« Dir »Du ſiehſt es wohl— wir treffen unſere Anſtalten zum Abmarſch und Du kommſt gerade zur rechten Zeit zurück, um Kir Dich mit uns nach Taunton zu begeben.« »Ah, da biſt Du ja, Colman!“ rief ein Soldat, indem ich, er ſich von der Gruppe Cameraden entfernte, mit welchen er Ger plauderte.»Warum haſt Du deinen Poſten auf dieſe Weiſe verlaſſen?« 8 wei »Ich finde es noch ſonderbarer, daß Du dieſe Frage dieſ an mich richteſt! Warum biſt Du denn nicht nach Wincheſter eine zurückgekommen?« wel „Weil es der General nicht angemeſſen gefunden hat, mich dahin zurückzuſchicken.« »Was hat ihn denn auf andere Gedanken gebracht? Weißt Du es, Bell?⸗ »Ja, ich weiß es, aber ich weiß auch, daß ihm daran ich lag, daß Du den Menſchen, der uns ſo ſehr zum Laufen ge⸗ nöthigt, nicht aus den Augen verlöreſt.« »O, ich ſtehe Dir dafür, daß ich ihn in guten Händen zurückgelaſſen habe! Wenn ihn aber der General lebendig zu haben wünſcht, ſo muß er ihn möglichſt raſch von ſeinem lie⸗ noch Sulta⸗ könig⸗ drei⸗ egung Kar⸗ Vohin te er: nzum „um 45 ben Freunde, dem Lord Oberrichter, reclamiren. Dieſer Mann ſcheint mir nicht viel Spaß zu verſtehen und die Ange⸗ legenheiten, bei welchen es ſich um Strick und Galgen han⸗ delt, werden durch ihn ſicherlich nicht in die Länge gezogen.“ „»Ha, was iſt denn geſchehen? Erzähle es mir, Colman.* „Ich werde Dir es ſogleich ſagen, Bell, aber erſt muß ich einen Brief an den General beſtellen. Wo werde ich ihn finden?« »In ſeinem Hauſe im Dorfe.« »Sage, Bell, willſt Du nicht mit mir gehen? Ich habe Dir viel zu erzählen— komm mit.⸗ Die beiden Lämmer machten ſich auf den Weg nach Kirke’'s Wohnung in Weſton Zoyland. »Jetzt, wo wir allein ſind,« fuhr Colman fort,»hoffe ich, daß Du mir ſagen wirſt, da Du es weißt, warum der General Dich nicht nach Wincheſter zurückgeſchickt hat.« »Weil es nicht nöthig war, daß ich dahin zurückkehrte; weil in demſelben Augenblick, wo ich ihm ſagen wollte, wo dieſer Cornwell, der ſich einen Dichter nennt und den ich einen Hirſch nenne, eingekehrt ſey, er erfuhr, daß die Perſon, welche er ſucht, in Taunton und nicht in Wincheſter iſt.« »Ah ſol! und deshalb marſchiren wir alſo nach Taun⸗ ton?« »Nun, zweifelſt Du vielleicht daran?« »Nein, ich kenne den Capitän Bareg zu genau, als daß ich nur einen Augenblick daran zweifeln ſollte.« »Du begreifſt, daß neben dieſem eigentlichen Grunde noch ein Vorwand vorhanden iſt.⸗ »Und worin beſteht dieſer Vorwand?« »Wir werden die Stadt Taunton züchtigen, weil ſie die 46 erſte iſt, die den König Monmouth anerkannt und procla⸗ mirt hat.« »Ahl« ſagte Colman lachend,»Du biſt alſo wohl ſeit for deiner Rückkehr der Vertraute des Generals geworden? Wo⸗ ſind her kennſt Du den geheimen Beweggrund, der ihn veranlaßt, etn uns nach Taunton zu führen?« wei „O, ich habe es auf ſehr einfache Weiſe erfahren. Bei ſie meiner Rückkehr ins Lager und als ich ihm über das, was Mo wir Beide ausgerichtet, Meldung machen wollte, begegnete ab⸗ ich bei ihm einem Gefangenen, den man ihm ſoeben zugeführt ken hatte. Dieſer Gefangene war zehn oder zwölf Meilen von und hier in der Nähe von Taunton feſtgenommen worden. Denke Dir, daß es nichts Drolligeres geben kann als dieſen Men⸗ ſchen. Schon der Anblick des Generals hatte ihn in die lächer⸗ lichſte Furcht verſetzt. Er ſagte, er hieße Saldlers, er ſey ein ten wackerer, ehrlicher Schneider, Jedermann kenne ſeine Werk⸗ wil ſtatt„zur ſilbernen Schere« in Taunton und ſicherlich werde Niemand gegen ihn die Stimme erheben. Kaum hatte der General gehört, daß dieſer Saldlers aus der„ſilbernen ſch Schere« von Taunton war, ſo ſagte er mit der durchaus vor nicht ſanften Miene, welche Du an ihm kennſt, zu ihm: Da ſch Du von Taunton biſt, ſo mußt Du einen der vornehmſten 12 Anführer der Rebellen, Sir Charles Murray, kennen?— ſich Ja, ich kenne ihn, antwortete Saldlers mit zitternder Stimme. g — Du mußt auch ſeine Tochter Miß Luchy kennen, die, welche tra dem Herzog von Monmouth die Bibel und die Fahne über⸗ reicht hat?— Ja, die kenne ich auch, ſagte der Schneider wieder.— Weißt Du, wo ſie ſich verſteckt halten?— Nein, hat General.— Das iſt nicht gut für Dich! rief Barca. Wenn Fn Du es gewußt und mir geſagt hätteſt, ſo hätte ich Dich be⸗ 38 gnadigt, während Dich nun nichts vom Galgen retten kann. procla⸗ ohl ſeit 2 Wo⸗ anlaßt, n. Bei , was gegnete geführt n von Denke Men⸗ lächer⸗ ſey ein Werk⸗ werde tte der bernen rchaus n. Da hmſten n?— timme. welche e über⸗ hneider Nein, Wenn dich be⸗ kann. — Ich weiß, wo ſie ſind, unterbrach die ſilberne Schere. — Nun, wo denn?«— Saldlers zögerte.— Man führe ihn fort und knüpfe ihn auf, ſagte Percy Kirke ruhig.— Sie ſind in Taunton, ſtammelte der Schneider.— Das iſt ſchon etwas, aber wo halten ſie ſich in Taunton verſteckt?— Das weiß ich nicht— ich bin aber allen Beiden begegnet, während ſie ſich nach Taunton begaben. Sie waren von einem alten Manne, wahrſcheinlich ihrem Diener, begleitet. Das Haus aber, welches ſie gewählt haben, um ſich darein zu flüchten, kenne ich nicht.— Man knüpfe ihn auf! rief der General, und diesmal war es nicht blos Spaß.⸗ »Und der Kerl ward wirklich gehängt?« »Verſteht ſich, und wir marſchiren nun nach Taunton.« „Gut, Murray's Tochter mag ſich nur gut verſteckt hal⸗ ten, wenn ſie nicht unſere Sultanin für einen Tag werden will.« »O, mag ſie ſich verſtecken, wie ſie will, wir werden ſie ſchon finden.“ 1 Während Bell auf dieſe Weiſe ſeinen Freund Colman von dem unterrichtete, was während ſeiner Abweſenheit ge⸗ ſchehen, und er ihm die geheimen Urſachen des Abmarſches der königlichen Armee nach Taunton offenbarte, unterredeten ſich William und Henry Lisle mit einander über denſelben Ge⸗ genſtand, indem ſie zugleich in aller Eile ihre Reiſeanſtalten trafen. »Ja, mein geehrter Herr,« ſagte der alte Diener,„ich habe in dieſem Gehängten den Schneider Saldlers erkannt, jenen Unglücklichen, der Sir Charles Murray, Miß Lucy und mir in dem Augenblick begegnete, wo wir Taunton erreicht hatten. Wie ich höre, iſt er zwei oder drei Stunden darauf 48 feſtgenommen und zu dem General Percy Kirke geführt worden.« »Aber haſt Du auch Erkundigungen eingezogen und weißt Du, ob er von dieſer Begegnung etwas geſagt hat?« »Ja. der Elende hat, in der Meinung, ſich dadurch das Leben zu retten, dem General geſagt, daß Sir Charles und ſeine Tochter ſich in dieſem Augenblick in Taunton befänden.« »Ha, dann iſt es alſo gewiß, daß dies die eigentliche Urſache unſeres Abmarſches nach dieſer Stadt iſt.« »Ganz recht, Mylord, dies iſt die eigentliche Urſache, oder, richtiger geſagt, die einzige, welche den General beſtimmt hat. Und wenn ich an die Beleidigung denke, die ihm von Sir Charles in London vor noch nicht zwei Monaten ange⸗ than worden, zittere ich, wenn ich an die Rache denke, die er an ihm nehmen wird, wenn euer ehrwürdiger Freund in ſeine Hände fällt! Und Miß Lucy, das arme Mädchen!“ Indem William dieſe Worte ausſprach, begleitete er ſie mit einer Geberde, welche die Bedeutung verrieth, die er ihnen gab. Er bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und ſchüt⸗ telte wiederholt den Kopf. »Schweig, William, ſchweig!« rief der junge Mann mit einem gewiſſen Grade dumpfen Zornes;„verwandle Dich nicht auf dieſe Weiſe in einen Unglücksvogel.« »Ach, Mylord, Ihr wißt, ich würde mein Blut darum geben, daß keine meiner Befürchtungen in Erfüllung gehe.« »Es wird auch keine davon in Erfüllung gehen, das kannſt Du mir glauben. Ich werde ihn eben ſo wenig verlaſ⸗ ſen als ſein Schatten.« »Aber ſeyd Ihr nicht ſein Adjutant, Mylord, und kann er Euch nicht entfernen, ſobald es ihm beliebt, indem er Euch fern von Taunton einen Befehl auszuführen gibt?⸗ geführt en und at?« rch das es und nden. entliche irſache, ꝛſtimmt m von ange⸗ die er und in & er ſie ihnen ſchüt⸗ nn mit hnicht darum e. s , das verlaſ⸗ kann Euch 49 »Du würdeſt Recht haben, wenn Kirke ein anderer Mann wäre— aber in ſeiner tollkühnen Tapferkeit fürchtet er nicht, ſondern wünſcht ſogar, daß ich Miß Lucy's Schande beiwohne. Es liegt ihm daran, mir Trotz zu bieten und zu ſehen, ob ich ſie ihm aus den Händen reißen werde, ſobald er ſie einmal gepackt hat. Der Unglückliche! Gott ſelbſt macht ihn blind. Indem er ihn anreizt, ſo viel Uebermuth zu dieſem Haß zu ge⸗ ſellen, will Gott Lucy durch mich retten, Kirke ins Verderben ſtürzen und ſeine Grauſamkeiten durch meinen Degen ſtrafen.« »Wißt Ihr auch gewiß, Mylord, daß Ihr es mit einem ſo offenen und redlichen Feinde zu thun habt, als wofür Ihr dieſen erklärt? Ich, wenn Ihr mir erlaubt es Euch zu ſagen, ich zweifle, daß er in einem gegebenen Augenblicke nicht ge⸗ wiſſe Mittel in Anwendung bringe—« »Nein, William, nein; ich bin deſſen, was ich da ſage, ge⸗ wiß. Percy Kirke hat mir ſelbſt geſagt, daß er den Kampf Mann gegen Mann und nicht als Chef gegen den Untergebe⸗ nen angenommen hat, und ich glaube an ſein Wort, weil ich an ſeinen Haß glaube.« »Möge Gott Euch erhören, Mylord!« »Biſt Du bereit, William, und können wir aufbrechen?« »Ja, Mylord, ich habe Alles in Bereitſchaft geſetzt und wir können uns der Armee anſchließen, die ſich nun bald in Marſch ſetzen wird.« Henry Lisle und der treue Diener verließen das Haus, welches ſie in Weſton Zoyland bewohnt hatten. Beide zu Pferde näherten ſie ſich der Heide von Sedgemoor, durch die Gaſſen des Dorfes hindurch, als ſie dem Obergeneral der königlichen Truppen begegneten. »Ah, Mylord,« rief Percy Kirke ſofort,„ich freue mich Der Tiger von Tanger. VII. 4 50 Euch zu ſehen. Eben wollte ich Euch benachrichtigen laſſen, daß ich einen Augenblick mit Euch zu ſprechen habe.⸗ »Ich bin bereit eure Befehle zu empfangen, General.« »Ich habe Euch keinen Befehl zu geben, Mylord, ſon⸗ dern Euch blos einige Zeilen aus einem Briefe mitzutheilen. den ich vor wenigen Augenblicken von dem Oberrichter My⸗ lord Jeffreys erhalten habe.« »Von dem Oberrichter!« rief Lord Lisle erſtaunt. »Ja, von ihm ſelbſt. Und glaubet mir, Mylord, es thut mir ſehr leid, Euch dieſe Mittheilung machen zu müſſen. Wenn Lord Jeffreys ſein Verlangen nicht in officieller und dabei höchſt dringlicher Weiſe an mich richtete, ſo würde ich mich. wie ich aufrichtig verſichere, enthalten haben, ſeinen Auftrag auszurichten.⸗ „»Wie unheilvoll die Nachricht, die Ihr mir geben wollt, auch ſeyn möge, ſo bitte ich Euch doch zu ſprechen, General. Sprechet raſch— ich höre Euch.“ »Nein, ich werde nicht ſprechen, Mylord, ich werde le⸗ ſen.— Ich werde Euch die Euch intereſſirende Stelle aus dem Briefe des Oberrichters vorleſen.« ihn dar mic wei ma bre Ich ger VII. Die Stimme des Rechtes. Kirke zog nun den Brief aus der Taſche, welchen Colman ihm überbracht, und las mit lauter Stimme: »Saget auch, General, und ich bitte Euch inſtändig darum, ſaget eurem Adjutanten, Lord Henry Lisle, daß ich mich genöthigt geſehen habe, ſeine Mutter verhaften zu laſſen, weil dieſelbe ſich der Beherbergung eines Rebellen ſchuldig ge⸗ macht hat. Lord Henry Lisle wird wiſſen, daß dies ein Ver⸗ brechen des Hochverrathes iſt, auf welchem Todesſtrafe ſteht. Ich werde daher genöthigt ſeyn, Lady Alice Lisle, die ich gern geſchont hätte, zum Feuertode zu verurtheilen. Lord Henry Lisle möge ſich unter ſeinen Freunden umſehen, ob es nicht einige darunter gibt, welche mächtig genug ſind, um bei dem Könige die Begnadigung ſeiner Mutter auszuwirken. Außerdem wird ſie unfehlbar binnen hier und einigen Tagen verbrannt.“ Henry war wie vom Donner gerührt, dann ſtreckte er plötzlich die Hand aus und entriß dem Generale den Brief. »Laßt ſehen!« rief er in kurzem, gellendem Tone. Bei jeder andern Gelegenheit würde der Soldat von Tanger vor Zorn geſchäumt und den Degen aus der Scheide geriſſen haben, jetzt aber blieb er kalt und unbeweglich. »Ich bringe die Ungebührlichkeit dieſes Benehmens auf 5² Rechnung eures Schmerzes und entſchuldige Euch, Mylord,⸗ ſagte er in vollkommen ruhigem Tone. Lord Lisle nichts von dem, was Kirke geſprochen hatte, ſo tief war er in das Leſen der von Jeffreys geſchriebenen Worte verſenkt. »Das iſt ſchändlich!« murmelte er.»Das ſchreit nach Rache, und dieſer Schrei wird früher oder ſpäter zum Him⸗ mel dringen!— Hier, General, hier iſt der Brief eures Freundes. Es muß Euch daran liegen, dieſes ſchöne Anden⸗ ken an eine ſo herrliche Freundſchaft zu bewahren.« Percy Kirke nahm den Brief, den ſein Adjutant ihm hinhielt, zurück, ſteckte ihn in ſeine Piſtolenholftern, aus wel⸗ chen er ein anderes zuſammengefaltetes Papier nahm, und ſetzte dann in phlegmatiſchem Commandotone hinzu: „»Lieutenant, wenn Ihr Euch vor allen Dingen mit der Rettung eurer Mutter beſchäftigen zu müſſen glaubt, ſo ſtelle ich Euch frei, es zu thun. Hier iſt ein Urlaub auf unbeſtimmte Zeit, den ich für Euch ausgefertigt habe. Er iſt von meiner Hand unterzeichnet. Wenn Ihr davon Gebrauch machen zu müſſen glaubt, ſo thut es. Wenn Ihr vorzieht zu bleiben, ſo bleibt. Ich habe blos gewünſcht, daß dem Kriegsgeſetze ge⸗ genüber Alles nach Vorſchrift zugehe.« Der General reichte ſeinem Adjutanten den Urlaub und galoppirte davon. Sobald er das Hauptcorps ſeiner Truppen erreicht hatte, die ihn auf der Heide von Sedgemoore erwar⸗ teten, rief er einen ſeiner Soldaten herbei. »Haſt Du meine Befehle ausgeführt?« fragte er ihn. »Ja, General. Hier liegen auf zwei Wagen die, welche nicht gehen können, und hier zu eurer Linken, zwiſchen den beiden Compagnien des Regimentes Dumbarton, befinden ſich die, welche noch gut zu Fuße ſind.⸗ kord, ⸗ hatte, ebenen nach Him⸗ eures Inden⸗ t ihm 8 wel⸗ n, und nit der o ſtelle timmte meiner hen zu den, ſo tze ge⸗ b und ruppen erwar⸗ hn. welche n den den ſich 5³ Kirke näherte ſich, einer nach der andern, den beiden Gruppen, welche man ihm mit dem Finger bezeichnete. Es waren dies die Gefangenen, die man vorher in der Kirche von Weſton Zoyland eingeſperrt gehalten. Etwa dreißig von ihnen, die mehr oder weniger ſchwer verwundet, und deren Wunden nicht verbunden waren, hatte man auf zwei ſchlechte Wagen geworfen, deren Stöße den Unglücklichen, die ſie zu dem fer⸗ nen Galgen trugen, wiederholte Schmerzensrufe auspreßten. Ungefähr vierhundert andere waren in einer langen Reihe aufgeſtellt und zwei und zwei an einander gekettet. Der Markt, für welchen man dieſes menſchliche Schlacht⸗ vieh beſtimmte, war noch weiter als der Galgen für die, de⸗ ren Wunden ſie zur Sclavenarbeit in den Colonien untauglich machten. Dieſer furchtbare Anblick, von welchem die Soldaten, die nicht in der Schule von Tanger erzogen worden, mitleidig die Augen abwendeten, ſchien Percy Kirke’s barbariſches Gemüth zu er⸗ heitern. Als er die Gefangenen beſichtigt hatte, ertheilte er Befehl zum Abmarſch und ſofort machte ſich die ganze Armee mit den beſiegten Anhängern Monmouth's in der Mitte auf den Weg nach Taunton. Obſchon durch die ſchwerfälligen Wagen, auf welchen die Verwundeten lagen, in ihrem Marſche aufgehalten, wa⸗ ren ſie doch ſchon weit von Sedgemoore, als Henry Lisle, der ſein Pferd nach deſſen eigenem Gutdünken gehen ließ, dort ankam. Das Geſicht des jungen Gardelieutenants bot einen ſchmerzli⸗ chen Anblick dar. Seine gerunzelte Stirn, ſein düſteres Auge, ſeine krampfhaften Lippen, ſein bleiches Geſicht verkündeten den furchtbaren Sturm, der ſein ganzes Seyn erſchütterte. Seine Seele war in der That eine Beute der ſchmerzlichſten Ungewißheit. Sollte er nach Wincheſter gehen und Lucy der 54 zügelloſen Keckheit, dem wilden Haſſe, der verhaßten Liebe Percy Kirke's preisgeben? Oder ſollte er nach Taunton ge⸗ hen und in dieſem Falle Lady Lisle wehrlos der Macht des unverſöhnlichen Jeffreys überlaſſen, dieſes Jeffreys, welcher fürchtete— ſein Brief verrieth das ausreichend— den Sohn nicht der Hinrichtung der Mutter beiwohnen zu ſehen? »Mein Gott!« rief er plötzlich in herzzerreißendem Tone, »mein Gott! hat wohl jemals ein Menſch ſich in einer ſo ent⸗ ſetzlichen Lage befunden? Welchen Entſchluß ich auch faſſen möge, ſo muß ich eines der beiden Weſen, welche mir auf der Welt die theuerſten ſind, meine Mutter oder Lucy, opfern.— Ich muß wählen!— Welches Verbrechen habe ich begangen, mein Gott, welche Miſſethat habe ich zu büßen, daß mir eine ſolche Wahl geſtellt wird? Doch, was ſpreche ich von Wahl? Nein, hier kann es keine Wahl zu treffen geben. Wenn mir Zögern erlaubt wäre, ſo hätte Gott nicht gewollt, daß eines ſeiner Geſchöpfe in eine ſolche Alternative verſetzt würde. Da ich mich zwiſchen meine arme alte geliebte Mutter und die Per⸗ ſon geſtellt ſehe, die meine Braut war, ſo darf ich nicht ein⸗ mal zögern! Ich habe keine Wahl! Die Stimme der Pflicht und die Stimme der Dankbarkeir, der kindlichen Liebe, rufen mir zu: Kind, rette deine Mutter! Verſuche wenigſtens ſie zu retten! Sie hat Dich unter ihrem Herzen getragen, ſie hat Dich an ihrer Bruſt genährt; ſie hat Dich, als Du noch klein und hilflos warſt, mit ihren Liebkoſungen überhäuft! Sie hat einen Mann von Ehre aus Dir gemacht. Du ſiehſt wohl, Du kannſt ſie nicht dem Scheiterhaufen preisgeben, welchen Jeffreys bereits entzündet, Jeffreys, der hölliſche Feind der ganzen Familie!« Henry ſprach, ohne es zu wiſſen, dieſe Worte laut und weinend. Der alte William, welcher ebenfalls ſchluchzend ne⸗ ie hat klein 1Sie wohl, elchen d der t und ad ne⸗ 55⁵ ben ihm herritt, brach plötzlich das Schweigen, welches er bis jetzt beobachtet. „»Ha, das iſt edel, das iſt ſchön, was Ihr da ſagt, Mylord,« ſagte er mit vor Bewegung zitternder Stimme, „aber werdet Ihr mir erlauben, mein geehrter Gebieter, Euch auf etwas aufmerkſam zu machen, worauf Ihr nicht geachtet habt?« „Sprich, mein guter William.“ »Anſtatt den Weg nach Wincheſter einzuſchlagen, folgt Ihr ja dem, der nach Taunton führt.« Henryhielt ohne ein Wortzu entgegnen ſofort ſein Pferdan und heftete einen langen, fragenden Blick auf ſeinen Begleiter. „Alſo, William,« ſagte er in vorwurfsvollem Tone „Du findeſt, daß ich wohl daran thue, Miß Lucy Murray der Gnade des wilden Percy Kirke preiszugeben?« „»Ach, Mylord, wie könnt Ihr ſolche Worte an mich richten?« antwortete der alte Mann, indem er eine Geberde ſchmerzlicher Ueberraſchung machte.»Hätte wirklich ein ſol⸗ cher Gedanke in mir entſtehen können?« »Nun, warum ſchenkſt Du mir dann Beifall?« „»Ich ſchenkte dem Entſchluſſe Beifall, den Ihr gefaßt hattet, Mylady Lisle, eurer geehrten Mutter, zu Hilfe zu eilen.« »Es iſt gut, William, es iſt gut. Aber ſage mir, iſt iſt es nicht möglich, Lucy zu retten und dann meiner Mutter zu Hilfe zu eilen?« Ehe noch der alte Mann Zeit hatte zu antworten, riß Lord Lisle die Klinge aus der Scheide, ſchwenkte ſie über dem Kopf und ſetzte, der königlichen Armee nachſprengend, ſein Pferd in Galopp. »Elender Feigling, der ich bin!« rief er,»warum iſt dieſer Gedanke mir nicht ſchon vorher gekommen? Ja, ſo iſt es! ſo iſt es! Percy Kirke, Du mußt ſterben! Rufe deine Lämmer zu deiner Hilfe herbei— ſie ſollen mich nicht abhal⸗ ten, Dich umzubringen! Vorwärts, mein gutes Pferd, vor⸗ wärts!« William begriff, was ſein Herr machen wollte, ohne ſeine Worte verſtanden zu haben. Er machte eine verzweifelte Anſtrengung, ſtieß ſeinem Pferd die Sporen in die Flanken und warf ſich Henrh in den Weg. Der Zuſammenprall der beiden Reiter war ſo heftig, daß der alte Diener und ſein Pferd zehn Schritte weit geſchleudert wurden und ſich im Staube der Straße wälzten. Lord Lisle ſprang von ſeinem Pferde und eilte auf William zu. »Haſt Du Schaden genommen, mein Freund?« fragte er ſofort. »Nein, Mylord,« antwortete der treue Diener, indem er ſich aufraffte. »Aber warum begingeſt Du auch eine ſolche Thorheit?« »Ich bin es nicht, der eine ſolche Thorheit beging, My⸗ lord. Verzeihet mir, daß ich es Euch ſage, Mylord.⸗ »Biſt Du von Sinnen?« rief der junge Mann mit zorn⸗ flammendem Blick.»Nach deiner Meinung bin ich alſo ein Narr, weil ich Percy Kirke umbringen will.⸗ »Tödtet mich, Mylord,« antwortete William muthig, »aber ich wiederhole nochmals: Ja, es war eine Thorheit, welche Ihr ſo eben begehen wolltet, und um Euch daran zu hindern, würde ich nicht zögern, mich nochmals einem ſichern Tode preiszugeben. Wie, Ihr wollet einen General mitten un⸗ ter ſeiner Armee angreifen? Selbſt wenn er ſeinen Soldaten Befehl gäbe, einen Kreis um Euch Beide zu ſchließen, um eurem Duell beizuwohnen: glaubt Ihr, daß, wenn er Euch 57 erläge, ſeine Lämmer Euch ruhig ziehen laſſen würden, nach⸗ dem Ihr den Anführer getödtet, den ſie vergöttern? Nein, tauſendmal nein, ſie würden Euch niedermetzeln! Und was würde dann aus Mylady Lisle, eurer Mutter, werden? Ihr wäret todt und überließet ſie den Händen des Oberrichters. O, ich weiß recht wohl, daß Ihr Euch vor dem Tode nicht fürchtet, aber denket einen Augenblick nach. Wird wohl, wenn Ihr nicht mehr lebt, eure Mutter, die dann keinen Vertheidi⸗ ger mehr hat, dem Scheiterhaufen entrinnen können, welchem Jeffreys ſie mit aller ſeiner Macht entgegentreibt?« »Aber Lucy! Luch!« rief Henry, indem er Hände und Augen zum Himmel erhob. »Laſſet mich nach Taunton gehen, Mylord— ich werde über Miß Lucy wachen— ich werde Euch täglich Nachricht von Allem geben, was ihr begegnet, und wenn ſie in drohen⸗ der Gefahr ſchwebt, nun gut, dann werdet Ihr kommen. Jetzt aber begebt Euch ſofort nach Wincheſter und rettet eure Mutter.« »Nun, ſo reite Du nach Taunton, William, und halte die Verſprechungen, die Du mir ſo eben gegeben. Wache über Lucy und gib mir von Allem Nachricht.« „Ich werde es thun, Mylord, rechnet auf mich.« Henry und William ſtiegen wieder zu Pferde und mach⸗ ten ſich, der Herr auf den Weg nach Wincheſter, der Diener auf den nach Taunton. VIII. Die Friſt. Es war ungefähr zwei Uhr Nachmittags, als Henry in Wincheſter ankam. Mehrmals hatte er Luſt einen der Vor⸗ übergehenden zu fragen: Wo iſt jetzt Mylady Lisle?— Aber er wagte es nicht. Er fürchtete, daß ihn die Bewegtheit ſeiner Stimme und der Schrecken, den ihm die Antwort bereiten würde, zu einem Gegenſtand der Neugier und Aufmerkſamkeit machten. Dennoch aber hatte er Eile, Alles zu erfahren, und be⸗ gab ſich daher in das Haus ſeiner Mutter. Die Eingangs⸗ thür war blos angelehnt. Er ſtieß ſie auf und trat in das Innere. Die Zimmer waren leer. Dieſe kalte Einſamkeit, die⸗ ſes düſtere Schweigen erfüllten die Seele des jungen Mannes mit jener ſchauerlichen Oede, mit welcher den bereits vater⸗ loſen Sohn der aus dem Hauſe herauskommende mütterliche Sarg erflll. Henry wollte wieder hinauseilen, als er auf einmal eine ſchwache Stimme hörte, welche fragte: „Wer iſt da?« Er kehrte wieder um und trat in ein kleines Gemach, aus welchem er die Frage vernommen hatte. Hier fand er eine alte kranke Magd, welche ihn in ſeiner Kindheit gewartet hatte. enrh Vor⸗ Aber einer eiten nkeit be⸗ ngs⸗ das die⸗ nnes ater⸗ liche eine nach, einer 59 „»Ach!« ſagte die arme Frau, indem ſie vergebens ſich⸗ von ihrem Sitze zu erheben ſuchte,„ſeyd Ihr es, mein geehr⸗ ter Gebieter? Ach! ach!« »Wo iſt meine Mutter?⸗ „»Vor dem Tribunal, wohin ihr ſämmtliche Leute des Hauſes gefolgt ſind.« Lord Lisle eilte wieder auf die Straße hinaus und trat zehn Minuten ſpäter in den Juſtizpalaſt, indem er ſich mit großer Mühe durch die dichte Menge hindurchdrängte, welche alle Zugänge anfüllte. In dem Saale angelangt, wo vor vier Stunden die allzuberüchtigten Aſſiſen des Weſtens eröffnet worden, ſah er zuerſt Jeffreys, welcher bei dieſem Tribunal den Vorſitz führte. Zwei Richter ſaßen zu ſeiner Rechten, zwei zu ſeiner Linken— alle vier waren von ihm ſelbſt gewählt und am Morgen dieſes Tages von London angelangt. Die Arroganz des Präſidenten und die knechtiſche Ge⸗ ſinnung, die ſich in dem Geſicht ſeiner Beiſitzer malte, waren von der ſchlimmſten Vorbedeutung. Der den Magiſtratsperſo⸗ nen, den Geſchwornen, den Advocaten, den Angeklagten und den Zeugen vorbehaltene Raum war von einer Spalier Miliz⸗ ſoldaten umgeben. Henry, welcher ſo ſehnlich ſich ſeiner Mutter zu nähern wünſchte, ſah ſich durch dieſes unüberwindliche Hinderniß aufgehalten. Er hob ſich nun auf die Fußſpitzen und ſuchte Lady Lisle mit den Augen. Dieſe füllten ſich mit Thränen, als er die alte würdige Dame vor dem Tribunal in ruhiger, edler Haltung ſitzen ſah, während ſie ihre Richter mit feſtem, klarem Blick betrachtete und ihr ergrautes Haar über das bleiche, ha⸗ gere Antlitz auf ihre ſchwarze Kleidung herabfiel. Die Sitzung war in dieſem Augenblick auf einige Zeit aufgehoben und während die Richter und die Menge ungedul⸗ 60 dig die Rückkehr der Geſchwornen erwarteten, welche ſich ſeit einer halben Stunde an den Ort ihrer Berathung zurückgezo⸗ gen hatten, erhob ſich ein tauſendſtimmiges Geflüſter und Ge⸗ murmel von allen Punkten des umfangreichen Saales. Henry lauſchte. »Das was ſo eben geſchehen,« ſagte ein neben ihm ſtehen⸗ der alter Mann,»iſt etwas Unerhörtes, was in den gericht⸗ lichen Annalen ganz gewiß bis jetzt noch nicht vorgekommen iſt! Wiel! eine Jury, die mit einem auf Nichtſchuldig lau⸗ tenden Verdict kommt, wieder fortzuſchicken und ſie zu zwin⸗ gen, ihre Berathungen von Neuem zu beginnen!« »Und auf welche Weiſe hat er ſie fortgeſchickt und mit welchen beleidigenden Worten!« antwortete mit gedämpfter Stimme der Nachbar, an welchen der Greis ſich gewendet hatte.. „In der That nach den vortrefflichen Gründen, welche der Vertheidiger der Lady entwickelte,« murmelte eine dritte Stimme,»ſehe ich nicht ein, wie die Jury auch ein anderes Verdict fällen könnte.« »Das iſt wahr, der Advocat hat etwas vorgebracht, was ſich unmöglich widerlegen läßt. Um die Angeklagte zu verurtheilen, müßte die bei ihr gefundene Perſon der Rebel⸗ lion angeklagt und überwieſen ſeyn. Wo aber iſt denn dieſe Perſon? Man zeigt ſie uns nicht einmal und ſie ſcheint gar nicht vernommen worden zu ſeyn.« »Geduld! Geduld, ſage ich Euch! Dieſer Cornwell wird nichts dabei verlieren, wenn er wartet.« »Cornwell?« ſagte Henry bei ſich ſelbſt.»Iſt es denn dieſer Unglückliche, welcher ſich zu meiner Mutter geflüchtet hat und die Urſache ihrer Verhaftung geworden iſt?« »Uebrigens,« hob der alte Mann wieder an,„ſelbſt ſeit ezo⸗ Ge⸗ nry den⸗ icht⸗ men lau⸗ vin⸗ mit pfter ndet lche ritte eres acht, e zu bel⸗ dieſe gar vird denn chtet 61 dann, wenn dieſer Cornwell ſchuldig wäre, wie kann man eine Frau wegen einer That, die mehr Lob als Tadel ver⸗ dient, auf den Scheiterhaufen ſchicken?« Plötzlich trat allgemeines Schweigen ein, denn die Stimme des Thürſtehers verkündete den Wiedereintritt der Geſchworenen. Sie erſchienen in der That, nahmen ihre Plätze ein und nachdem der Vormann ſich erhoben, erklärte er die Angeklagte für nichtſchuldig. Jeffreys ſprang ſofort wüthend von ſeinem Sitz auf und ſchrie mit funkelnden Augen, drohender Geberde und ſchäu⸗ mendem Munde: »Alſo, Geſchworene, die ſich wahrſcheinlich treue Unter⸗ thanen Seiner Majeſtät des Königs von England nennen, wa⸗ gen am hellen lichten Tage gegen die königliche Autorität zu complottiren? Sie ſcheuen ſich nicht, die Rebellion zu unter⸗ ſtützen, indem ſie Die, welche Rebellen beherbergen und ſie der gerechten Strenge der Geſetze entziehen, für unſchuldig erklä⸗ ren. Schon gut, die Gerechtigkeit wird ſich die Sache über⸗ legen! Sie wird ſehen, ob ſie vor einem ſolchen Verbrechen, vor einem ſo ſtrafbaren Beginnen das Haupt ſenken ſoll. Ich habe, Geſchworene. Euch dies ſchon einmal geſagt, als Ihr, vor dieſer Wiederholung, wagtet, die Angeklagte nichtſchuldig zu erklären. Worauf, wenn ich fragen darf, gründet Ihr denn eine ſo verabſcheuungswürdige Erklärung?— Iſt vielleicht das offenkundig begangene Verbrechen nicht vorhanden? Meine Herren Geſchworenen, ich will Euch gern als verirrte Gemü⸗ ther betrachten, aber Ihr begreift, daß meine Nachſicht Gren⸗ zen haben muß. Ich will, ehe ich die Stimme gegen Euch er⸗ hebe und Euch ſelbſt vor dieſe Schranken ſtellen laſſe, noch einen letzten Verſuch machen und Euch ein letztes Mittel an die 62 Hand geben. Kehret in euer Berathungszimmer zurück und überlegt Euch die Sache reiflicher. Saget Euch, daß, wenn bei Eröffnung einer ſo wichtigen Seſſion, wenn es ſich darum handelt, eine ſo verbrecheriſche Schilderhebung zu ſtrafen und mit heilſamem Schrecken Alle zu erfüllen, die ſich verſucht füh⸗ len ſollten, ein ſolches Beiſpiel nachzuahmen, ſagt Euch, daß nichts mehr zu beklagen ſey als ein ſolches Mitleiden wie das, welches Euch verleitet hat, zwei nimmermehr zu rechtfertigende Ausſprüche zu fällen.— Gehet jetzt und wenn Ihr wieder⸗ kommt, ſo erkläret die Angeklagte für ſchuldig. Nur unter dieſer Bedingung kann ich den Zorn des Königs und das Schwert der Gerechtigkeit von Euch abwenden.“ Nachdem Jeffreys dieſe Worte mit wilder Geberde her⸗ vorgeſchrien, ſetzte er ſich und die Jury zog ſich abermals zurück. Das eingeſchüchterte Publicum wagte nicht mehr das leiſeſte Murmeln der Mißbilligung hören zu laſſen. Was Henry betraf, der eine Beute der gewaltſamſten Entrüſtung war, ſo war er noch unſchlüſſig, welche Haltung er einem ſo unerwarteten Ereigniß gegenüber einnehmen ſollte. Ein Diener ſeiner Mutter näherte ſich ihm in dieſem Augenblick und übergab ihm ein Stück Papier, auf welchem die einfachen Worte geſchrieben ſtanden: „»Was auch geſchehen möge, Mylord, ſo bleibet ruhig und hütet Euch, eurem gerechten Zorne Raum zu geben. Thut nichts, was geeignet wäre, die Bemühungen zu hemmen, welche eure Freunde machen werden, um eure Mutter zu retten.* Lord Lisle durchlief dieſe Zeilen mit den Augen. Es war ihm, als ob die Handſchrift ihm nicht unbekannt wäre, aber in ſeine ſchmerzlichen Gedanken verſunken, achtete er weiter 8— und n bei arum und füh⸗ daß das, gende ieder⸗ unter das her⸗ rmals c das umſten altung ſollte. dieſem elchem ruhig Thut umen, ter zu s war aber weiter 63 nicht auf die Buchſtaben, ſondern ward mehr von dem Sinn der Worte betroffen. „»Ich habe alſo Freunde, welche über meine Mutter wa⸗ chen?« dachte er.„Wohlan, faſſen wir Muth und war⸗ ten wir.« Noch waren nicht zehn Minuten verſtrichen, als Jeffreys, der ſich in ſeinem Seſſel wie ein Beſeſſener geberdete und von der unbezwinglichſten Ungeduld gefoltert zu werden ſchien, ſich raſch erhob und zu dem Thürſteher gewendet dieſem zuſchrie: »Saget dieſen Geſchworenen, daß ſie meine Langmuth mit ihren unendlichen Berathungen erſchöpft haben. Saget ihnen, daß ich nicht begreife, wie ſie in einer ſo einfachen Sache überhaupt einer Berathung bedürfen. Saget ihnen, daß ſie auf der Stelle wiederkommen ſollen. Wo nicht, ſo hebe ich die Sitzung auf und laſſe ſie die ganze Nacht in ihr Zimmer einſperren!« Der Thürſteher gehorchte und einen Augenblick nach ſei⸗ nem Weggange aus dem Gerichtsſaale ſah man die Geſchwo⸗ renen wieder in denſelben zurückkehren. Alle dieſe Männer, deren Muth und Freiſinnigkeit die liberalen Inſtitutionen des Landes die Ehre und das Leben ihrer Mitbürger anvertraut hatten, gingen mit geſenktem Haupte einher. Die Furcht vor Jeffreys Drohungen ſchien in ihnen ſelbſtſtändiges Urtheil, Willen und Bewußtſeyn vernichtet zu haben. Ganz beſonders ihr Vormann bot einen kläglichen An⸗ blick dar. Er ſchlich niedergebeugt von ſeiner Schande einher gleich den Verdammten Dante's unter ihrem bleiernen Man⸗ tel. Als er ſich an der Spitze ſeiner Collegen näherte, um das dritte Verdict zu verkünden, war ſein Geſicht todtenblaß, ſeine Stirn triefte von Schweiß, ſein Blick war unſicher, ſeine Kniee 64 ſchlotterten und mit krampfhaft zitternder Lippe ließ er die fünf Worte hören: „Ja, die Angeklagte iſt ſchuldig.« „Weckt ſie auf,« rief Jeffreys, indem er mit dem Finger auf Lady Lisle zeigte, die in der That eingeſchlafen war; „weckt ſie auf, damit ſie den gerechten Ausſpruch vernehme, der ſie ſchuldig erklärt.« Der Thürſteher berührte die Angeklagte an der Schulter und ſie ſchlug die Augen auf. „Stehet auf,“ ſagte der Oberrichter zu ihr. Lady Lisle erhob ſich. „Vormann der Geſchwornen,“« fuhr Jeffreys fort, „machet der Verbrecherin das endliche Reſulial e eurer weiſen und muthigen Berathungen bekannt.« Der Unglückliche, dem dieſe blutige Ironie in's Geſicht geſchleudert ward, beugte ſich noch tiefer und wiederholte ſeine feige Erklärung. Lady Lisle machte keine Geberde der Ueberraſchung und ihr edles Antlitz verrieth nicht die leiſeſte Bewegung. Sie hob die Augen gen Himmel und ſagte weiter nichts als: „Wie Gott will!« In dieſem Augenblick begegnete Jeffreys Blick dem Hen⸗ ry's und ein boshaftes Lächeln zuckte über das Geſicht des Oberrichters. Er hörte— oder that vielmehr blos ſo— die Meinung der neben ihm ſitzenden Richter an, wendete ſich dann zu dem Publicum und ließ ſein Lächeln und ſeinen Blick, aus welchem die Freude des Triumphes leuchtete, zwiſchen Lady Lisle und ihrem Sohn hin⸗ und herſchweifen. „Im Namen des Königs,“ ſagte er,»„und auf die freie Erklärung der Geſchwornen von Southampton hin verurtheilt die inger war; hme, zulter fort, veiſen seſicht cholte g und e hob Hen⸗ t des inung u dem elchem e und 2 freie rtheilt 65 das Tribunal Mylady Alice Lisle zum Tode. Dieſe Strafe wird durch das Feuer ſtattfinden. Das ſo eben verkündete Ur⸗ theil wird noch heute Abend in Vollzug geſetzt werden.« »Gott beſchütze und ſegne den König!« rief Lady Lisle. »Fluch und Verdammniß!« rief Henry dumpf vor ſich hin.„So lange ich lebe, ſoll dieſes Urtheil nicht vollzogen werden.« Eine Hand legte ſich behutſam auf den Arm des jungen Mannes und eine Stimme murmelte ihm in's Ohr: „»Faßt Euch Mylord, und habt die Güte mir zu folgen.« 1 Der junge Gardelieutenant drehte ſich raſch herum. »Ach. Ihr ſeyd es, Suſanne?« rief er.»Was wollt Ihr von mir? Wohin und warum ſoll ich Euch folgen?« »Ihr müßt mir zu Mylord Ken, dem Biſchof von Bath und Wells, folgen, um durch ſeine Vermittlung und die der Geiſtlichkeit von Wincheſter einen Aufſchub der Vollziehung des Urtheils zu erhalten, welches Ihr ſo eben vernommen habt— einen Aufſchub, der Euch Zeit gibt, den König zu ſprechen und durch eure Bemühung und die eurer Freunde die Begnadi⸗ gung eurer Mutter zu erlangen.« „»Laßt mich ſie wenigſtens umarmen, ehe man ſie in das Gefängniß zurückbringt,« entgegnete Henry. »Nein, nein; Mylord Ken ſteht im Begriff wieder in den Wagen zu ſteigen, um in ſeine Diöceſe zurückzukehren. Ihr habt keinen Augenblick zu verlieren; kommet!« Ohne auf die Antwort Henry's zu warten, der in dieſem Augenblick einen Blick unausſprechlichen Kummers auf ſeine Mutter heftete, faßte Suſanne ihn bei der Hand, drängte die Menge, welche Lady Lisle betrachtete und ihren Muth und Der Tiger von Tanger. VII. 5 66 ihre Seelengröße bewunderte, auf die Seite und führte den jungen Lord aus dem Aſſiſenſaal und zu dem Juſtizpalaſt hinaus. Während die Irländerin und Lord Henry Lisle ſich zu dem ehrwürdigen Prälaten begaben, war Jeffreys in ſeinen Wagen geſtiegen und hatte ſich in aller Eile nach dem Hotel „zum goldenen Einhorn« fahren und hierher ſofort den Hen⸗ ker rufen laſſen. 3»Mein lieber Ketch,« ſagte er zu ihm,»heute Abend werden wir unſere große Eröffnung ſpielen. Es iſt ſchon ſpät und Du haſt nur eben noch Zeit, um mitten auf dem Markt⸗ platze den Scheiterhaufen für Lady Lisle errichten zu laſſen. Glaubſt Du binnen hier und einer Stunde damit fertig ſeyn zu können?« »Binnen hier und einer Stunde, Mylord? Das iſt frei⸗ lich ein wenig kurz. Doch gleichviel. Ich werde bereit ſeyn und verſpreche Euch, mich nicht eine einzige Minute zu ver⸗ ſpäten.« »Bereit ſeyn iſt noch nicht Alles, Ketch. Man muß nicht blos ſich fertig halten, etwas zu tzun. ſondern man muß es auch wirklich thun.« „»O, ſeyd unbekümmert, es wird Alles beſorgt werden.⸗ „Ich verlange aber etwas Prachtvolles, einen Scheiter⸗ haufen, der eines Königs würdig iſt. Bedenke, Ketch, bedenke, daß dies unſere erſte Gaſtrolle iſt, die wir hier geben. Es wäre beklagenswerth, wenn wir ſie nicht gut ſpielen ſollten. Wincheſter, London, Gnalandad die Welt halten ihre e lugen auf Flamme dieſes Scheiterhaufens meinänslgenten bis in(den Hin⸗ tergrund der geheimſten Verſtecke leuchten, wo ſich verhaßte Re⸗ bellen verborgen halten. Dieſe Flamme muß das verſtockte Herz —., ‚—— den alaſt ch zu einen Hotel Hen⸗ Ibend ſpät karkt⸗ aſſen. ſeyn frei⸗ und ver⸗ nicht uß es den.« eiter⸗ denke, 1. Es llten. n auf aß die Hin⸗ e Re⸗ Herz 67 der Verräther, welche ihnen ein Aſyl gewähren, mit Entſetzen erfüllen. Dieſes Entſetzen muß von der Art ſeyn, daß ſie ſelbſt herbeikommen und ſich beeilen, ihre vertrauteſten Freunde der Gerechtigkeit auszuantworten. Du ſiehſt, wie viel auf deine Geſchicklichkeit ankommt, mein lieber Jack, und ich hoffe, daß Du mein Vertrauen nicht täuſchen wirſt.« »Ihr ſollt zufrieden ſeyn mit mir, Mylord,« entgegnete Ketch in ſtolz gleichgiltigem Tone.»„Es iſt dies nicht meine erſte Arbeit.« »Nun ſo gehe. Spare keine Koſten. Der Staatsſchatz beſtreitet den Aufwand des Feſtes.⸗ Als der Henker ſich entfernte, wäre er beinahe an Lord Ken angerannt, der in Begleitung des Biſchofs von Winche⸗ ſter und der Geiſtlichkeit der Cathedrale in den Salon trat, wo Jeffreys den Nachrichter der Stadt London empfangen hatte. Der ehrwürdige Greis, welcher mit Ketch auf dem Schaffot des Herzogs von Monmouth geſtanden, erkannte ihn ſofort und machte zurückprallend eine unwillkürliche Geberde des Widerwillens. Der Henker antwortete durch einen frechen, unverſchäm⸗ ten Blick und entfernte ſich. »Ach, Mylord,“ ſagte Ken, indem er ſich dem Ober⸗ richter näherte,»ich habe, indem ich den Mann ſah der eben fortging, errathen, daß die Sache ſchon ſehr weit vor⸗ gerückt iſt. Dennoch hoffe ich, daß Se. Gnaden der Lordbi⸗ ſchof von Wincheſter, dieſe Herren und ich nicht zu ſpät kom⸗ men, um—« »Welche wichtige Angelegenheit verſchafft mir denn die Ehre eures Beſuches, Mylords?« antwortete Jeffreys, deſſen mürriſche Miene bewies, daß er inſtinctartig die Urſache er⸗ 68 rieth, welche dieſe hohen Würdenträger der anglicaniſchen Kirche zu ihm führte. „Wir kommen,“ hob der Biſchof von Bath und Wells wieder an,»nicht um Mylady Lisle's Begnadigung, ſondern um einen Aufſchub der Vollſtreckung des Urtheils zu verlan⸗ gen, welches Ihr über ſie gefällt habt.“⸗ „Dieſes Urtheil iſt gerecht, Mylord, und die Gerechtig⸗ keit muß ihren Lauf haben.“ „Ich bin nicht hierhergekommen, um uͤber dieſes Urtheil zu disputiren, Mylord Oberrichter, ich komme, um Euch in meinem Namen, im Namen der hier mit anweſenden Herren und— ich wage es zu glauben— im Namen der ganzen anglicaniſchen Geiſtlichkeit zu bitten, zwiſchen eurem Urtheils⸗ ſpruch und der Vollſtreckung desſelben die Zeit verſtreichen zu laſſen, welche nöthig iſt, um die königliche Gnade ſprechen zu laſſen, wenn dieſelbe es angemeſſen erachtet. Glaubet Ihr, Mylord, daß wir damit eine übertriebene Forderung, ein in⸗ discretes Verlangen an Euch richten?« „»Mylord,“ ſtammelte Jeffreys ſichtlich verlegen,»ich würde mich ſehr freuen, eurem Wuͤnſche gemäß verfahren zu können— aber—*. „Ich habe den König erſt geſtern verlaſſen,« unterbrach ihn Ken,„und vor meiner Abreiſe die Ehre gehabt, mit Sr. Majeſtät eine ganze Stunde lang zu ſprechen. Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn ſein Herz nicht der Milde zugeneigt wäre.“ Ein eigenthümliches Lächeln umſpielte die Lippen des Oberrichters. „Alſo, Mylord,“ ſagte er zu dem Biſchof von Bath und Wells,„Ihr glaubet, daß Se. Majeſtät, weit entfernt, mir einen Vorwurf daraus zu machen, es mir Dank wiſſen 69 wird, wenn ich die Friſt bewillige, die Ihr mir die Ehre er⸗ zeigt von mir zu verlangen?« „Ich würde glauben, dem König eine unverzeihliche Beleidigung zuzufügen, wenn ich Euch nicht mit einem unbe⸗ dingten Ja antwortete.« „Wohlan, Mylord,“ entgegnete Jeffreys, indem er ſich bemühte, ſeiner Phyſiognomie einen Ausdruck von Freude zu geben,„da dem ſo iſt, ſo zögere ich nicht, um Euch ange⸗ nehm zu ſeyn, einige der ſtrengen Verbindlichkeiten hintanzu⸗ ſetzen, welche mir durch die Umſtände geboten werden. Möge eure Hoffnung ſich nicht täuſchen. Ihr wiſſet, daß der Ernſt der Conjuncturen oft die beſten Fürſten zwingt, der Gute ih⸗ res Herzens Schweigen zu gebieten.“ »Mylord, von eurer Courtoiſie hoffte ich dies,« ſagte Ken.„»Wie viel Tage Friſt gewähret Ihr uns?« »Beſtimmet Ihr ſelbſt die Zahl der Tage,« antwortete Jeffreys,„vergeſſet aber, wenn ich bitten darf, nicht, daß meine Functionen mich anderwärts hinrufen, und daß ich jetzt erſt den Anfang einer amtlichen Rundreiſe mache, die wahrſcheinlich ziemlich lange dauern wird.« »Wohlan,“ ſagte Ken,»„arrangiren wir die Dinge zum Beſten aller Intereſſen. Lord Henry Lisle braucht einen gan⸗ zen Tag, um ſich nach London zu begeben, und eben ſo lange um zurückzukommen, und Euch die Begnadigung ſeiner Mut⸗ ter zu melden. Es kann leicht geſchehen, daß er Se. Majeſtät nicht gleich bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt zu ſprechen bekommt. Dies alles erwägend, Mylord Oberrich⸗ ter, glaube ich, daß ich eure Güte nicht mißbrauche, wenn ich um eine Friſt von fünf Tagen bitte.⸗ »Fünf Tage— das iſt viel, Mylord! Es iſt mir aber zu angenehm, euren Wunſch erfüllen zu können, als daß ich die Zeit, welche Ihr für nöthig erachtet habt, auch nur um eine Stunde kürzen möchte. Es iſt alſo der Lady Lisle eine Friſt von fünf Tagen bewilligt.« »Empfanget den Ausdruck unſerer lebhafteſten Dank⸗ barkeit, Mylord,« ſagten die einflußreichen Petanten, die von Jeffreys einen ſolchen Aufſchub erlangt hatten, indem ſie ſich entfernten. Birch ſtand draußen und wartete ungeduldig auf das Fortgehen der Biſchöfe. Sobald das Zimmer wieder leer war, trat er ein. »Mylord, Mylord,“« rief er, wie von Extaſe ergriffen, vich komme ſo eben aus dem Juſtizpalaſt— ich bin ſo lange dort geweſen, als Ihr den Vorſitz bei dem Tribunal führ⸗ tet; erlaubt mir, Euch zu ſagen, daß Ihr herrlich und be⸗ wunderungswürdig geweſen ſeyd! Ihr ſeyd doch unvergleich⸗ lich, Mylord!« „Maſter Birch, laßt mich in Ruhe, wenn es Euch be⸗ liebt.« „»Wie, Mylord?“ ſtammelte der Advocat erſtaunt. Jeffreys warf ihm einen mitleidigen Blick zu und nach⸗ dem er ihn einen Augenblick lang gemuſtert, bot er ihm die Hand.„»Verzeihe mir, Birch, ich bin ein wenig hitzig. Aber warum nennſt Du mich auch fortwährend Mylord? Sollte man nicht meinen, es zerreiße Dir den Mund, wenn Du »Jim« oder»lieber Freund« ſagen ſollſt? Wenn Du mir Dinge zu ſagen haſt, die mir angenehm ſeyn können, ſo thuſt Du es allemal mit einer wahrhaft abſcheulichen Plumpheit. Es ſcheint, als wäreſt Du ein Schmeichler und ich ein Dumm⸗ kopf, welcher mit offenem Munde die gröbſten Lobſprüche hinnimmt und ſie mit Wolluſt verſchluckt. Begreifſt Du, daß mich das ärgern muß?⸗ „—2„„—,, 1 80A½—₰2 g„—, „Ja, ich begreife es, mein lieber Jim, ja, mein guter Jim, Du haſt Recht. Um Dir meine Bewunderung auszudrü⸗ cken, hätte ich Dich jetzt nicht Mylord nennen ſollen. Es iſt gewiß, daß dieſes Wort meinen Enthuſiasmus abgekühlt hat — es iſt gewiß, daß ich Dir nicht geſagt habe, was ich Dir ſagen wollte. Wie oft habe ich das Wort des Aeſchines über Demoſthenes geleſen. Du weißt: was wäre es denn, wenn Ihr das Wunder ſelbſt gehört hättet? Wohlan, dieſes Wort verſtehe ich heute, denn ich habe Dich gehört, mein lieber Jim.“ »Du biſt ſehr freundlich, mein vortrefflicher Birch, aber Du würdeſt noch zufriedener mit mir ſeyn, wenn Du mich jetzt gehört hätteſt, als ich den Biſchöfen von Bath und Win⸗ cheſter eine Friſt von fünf Tagen in Bezug auf die Hinrich⸗ tung der Lady Lisle gewährte.« »Wie?« rief Birch erſtaunt,»Du haſt eine Friſt be⸗ willigt?« »Ja, und ich habe da einen Meiſterſtreich ausgeführt, mein Freund. Man beſchuldigt mich der Grauſamkeit. Deine Freundſchaft würde vergebens es mir verſchweigen wollen— ich weiß es. Wohlan, ſie mögen nur gehen und den König um Lady Lisle's Begnadigung bitten! Sie mögen nur gehen! Wenn ſie dieſe Begnadigung erlangen, ſo mache ich mich an⸗ heiſchig, mich an Lady Lisle's Stelle verbrennen zu laſſen.— Der König wird ſich weigern und ich werde die Friſt bewil⸗ ligt haben. Es wird dann klar ſeyn, daß meine Hand ge⸗ zwungen iſt zu thun was ſie thut. Ich werde alle Freuden der Rache und alle Ehre der Nachſicht genießen— ich werde mir überdies mächtige Freunde unter der anglicaniſchen, von der Torypartei ſo geachteten Geiſtlichkeit gemacht haben. Das kleine Opfer, welches ich heute gebracht, wird mir das Wohl⸗ 72 wollen meiner Collegen im Oberhauſe erwerben, wenn ich Großkanzler von England ſeyn werde!— Wohlan! Wie fin⸗ deſt Du das? bin ich nicht als Politiker noch weit größer denn als Redner? Aber— was fehlt Dir?« »Es iſt das alles recht ſchön, aber ſehr unklug,“ ſagte Birch unruhig. »Warum denn?« »Wenn der König nun begnadigt? Trotz aller deiner Verſicherungen kann Jacob II., wenn ihm tüchtig zugeredet wird, ſich doch erweichen laſſen. Und wenn er dieſe erſte Be⸗ gnadigung gewährt, dann können wir unſerer Hoffnung, von den reichen Angeklagten ein tüchtiges Löſegeld zu erpreſſen, nur immer Lebewohl ſagen. Die Furcht wird dadurch gleich von vorn herein zerſtreut werden.⸗ »Du biſt von Sinnen, Birch!— Wiſſe, daß der König mir dieſe Frau verſprochen hat!« IX. Die Vergeltung. Henry Lisle hatte, ehe er ſich auf den Weg nach Lon⸗ don machte, ſeine Mutter zu ſehen gewünſcht und in Folge der Verwendung des Biſchofs Ken, ſo wie des ganz unge⸗ wohnten Hanges zur Milde und Nachgiebigkeit, wovon Jef⸗ freys beſeelt zu ſeyn ſchien, ward der junge Gardelieutenant bei der Gefangenen vorgelaſſen. »Gelobt ſey Gott, der Dich zu mir ſchickt, mein Sohn!« rief Lady Lisle, als ſie den jungen Mann eintreten ſah, den ſie mit ihren Armen umſchlang und an ihre Bruſt drückte. »Ich habe Dir ſo viel zu ſagen! Ich habe Dir ſo viele wich⸗ „„.„—³ ·„ tige Aufträge zu ertheilen, ehe ich ſterbe— und ich habe nur noch ſo wenige Augenblicke zu leben.« »Nein, Ihr werdet nicht ſterben, meine Mutter— Ihr werdet wenigſtens heute Abend noch nicht ſterben. Eine Friſt, auf welche vielleicht— oder auf die vielmehr ohne Zweifel eure ganze Begnadigung folgen wird—« Was ihr Sohn ſagte, ſchien keine Freude in Lady Lisle zu erwecken. Ihr Geſicht verrieth nur tiefes Erſtaunen. »Wie, meine Mutter, hat der Oberrichter Euch von die⸗ ſer Friſt noch nicht in Kenntniß ſetzen laſſen?« fragte Henry. »Nein, Du biſt der Erſte, von dem ich ſie erfahre, mein Sohn.“ »Ha, daran erkenne ich den Haß dieſes Jeffreys!« »Ohne Zweifel hat er Dir das Vergnügen laſſen wol⸗ len, mich davon zu benachrichtigen.“ »Euer edles Gemüth will niemals die ſtrafbaren Be⸗ weggründe der Dinge ſehen, liebe Mutter. Doch laſſen wir Jeffreys und die Beweggründe ſeiner Handlungen. Er hat Euch eine Friſt von fünf Tagen bewilligt. Dafür müſſen wir Gott danken, denn nun habe ich Zeit, nach London zu eilen den König zu ſprechen, ihn um eure Begnadigung zu bit⸗ ten, liebe Mutter— ſie zu erlangen— man hat mir ſchon Hoffnung gemacht, daß ich ſie erlangen werde.⸗ »Und es iſt keine falſche Hoffnung, die man Dir da ge⸗ macht hat, Henry. Der König iſt vielfach verleumdet wor⸗ den. Und da wir eben von der Urſache der Dinge ſprachen, ſo will ich bemerken, daß die der Verleumdung nicht ſehr ſchwer zu ermitteln iſt. Es iſt durchaus nicht zu verwundern, daß ein katholiſcher König, der über ein proteſtantiſches Volk regiert, alle Tage zur Zielſcheibe der ungerechteſten Anklagen 74 gemacht wird. Was aber auch ſeine Feinde ſagen mögen, Jacob II. iſt gut— er wird mich begnadigen—« „»Das hoffe ich auch, liebe Mutter, obſchon ich weit ent⸗ fernt bin, deine Meinung von der Güte des Königs zu theilen.« »Halt ein, mein Sohn, Du weißt, daß ich nur mit dem größten Mißvergnügen Alles anhören könnte, was Du über einen ſolchen Gegenſtand hinzufügen könnteſt. Ich habe Dir es geſagt. Meine feſte Ueberzeugung iſt, daß das Herz des Königs ſo gut iſt wie irgend eins. Er kann Anwandlungen von übler Laune haben— das läugne ich nicht— aber iſt er kein Menſch?— Er wird mich begnadigen, weil er gut und weil mein Verbrechen vielleicht ſeines Mitleids nicht un⸗ würdig iſt.« »Euer Verbrechen, meine Mutter? was ſagt Ihr da?r »Ich gebe meiner That den Namen, den das Geſetz ihr gibt.« »Das Geſetz erleidet auf Euch keine Anwendung— dieſer unglückliche Cornwell, dem Ihr ein Aſyl gewährt, iſt kein Rebell.⸗ „»Das weiß ich nicht, mein lieber Sohn, aber man muß ſich auf Alles gefaßt machen. Eine Krankheit, eine Reiſe oder irgend eine andere Urſache kann den König in die Unmöglich⸗ keit verſetzen, Dich zu empfangen und die Bitten deiner kind⸗ lichen Liebe anzuhören. In Folge eines Umſtandes, der mit dem königlichen Willen Jacobs II. gar nichts zu ſchaffen hat, iſt es möglich, daß meine Begnadigung nicht eintrifft. Dann muß ich ſterben und wenn ich einen katholiſchen Prieſter ver⸗ langen werde, daß er mir in meinen letzten Augenblicken zur Seite ſtehe, wird Jeffreys mir einen ſchicken, den er ſelbſt ge⸗ wählt haben wird. Ganz gewiß werde ich ihn mit Dankbar⸗ AQ roCW 0&& 75 keit annehmen. Dennoch aber und ſo lange noch Zeit iſt, möchte ich, wie ich geſtehe, die Sorge für mein Seelenheil den Händen eines Geiſtlichen anvertrauen den ich ſelbſt gewählt haben würde, zu dem ich das Vertrauen beſäße, welches den Sünder drängt, ſeine ganze Seele zu den Füßen eines Die⸗ ners des Allerhöchſten auszuſchütten. Ich habe deshalb an den Abt Joſe Caetano gedacht. Er flößt mir vorzugsweiſe von allen katholiſchen Prieſtern, die ich kenne, jenes Vertrauen ein, von welchem ich ſo eben ſprach. Ich bin überzeugt, daß er auf meine erſte Bitte herbeieilen würde, um mir die letzten Tröſtungen unſerer heiligen Religion zu ſpenden. Könnteſt Du nicht, mein Sohn, ehe Du nach London abreiſeſt, einen ſchnellen und zuverläſſigen Boten nach Taunton abſenden, der dieſen würdigen Prieſter von meinem Wunſche in Kennt⸗ niß ſetzt?« Der Streich, welcher Henry durch dieſes Verlangen ſeiner Mutter verſetzt ward, traf ihn bis in die innerſte Seele und erfüllte ihn mit der ſchmerzlichſten Unruhe. Mit ſeltenem Muthe und erhabener Selbſtverläugnung hatte er ſeiner Mut⸗ ter die Geliebte geopfert. Um ihr ohne Verzug zu Hilfe eilen zu können, hatte er Lucy einer Gefahr ausgeſetzt gelaſſen, deren furchtbare Größe er ſeit einem Augenblicke nur noch beſſer verſtand. Dennoch aber hatte er nicht die Hoffnung ver⸗ loren, dieſes junge angebetete Weſen von der Schmach zu retten, mit der es durch die boshafte Hartnäckigkeit des Ober⸗ commandanten der königlichen Truppen bedroht ward. Er hatte Lucy dem Manne anvertraut, der nach ſeiner Meinung der geeignetſte war, um ſie vor dieſer furchtbaren Gefahr zu ſchützen, und jetzt verlangte ſeine Mutter plötzlich, der armen Flüchtlingin dieſe letzte Stütze, dieſen ſichern und ergebenen Beſchützer zu rauben, ſie bat ihn, den Abbé Caetano, welcher 76 in Taunton allein ſeine Hand zwiſchen Lucy und Percy Kirke hielt, nach Wincheſter kommen zu laſſen! Konnte Henry ſeiner Mutter verweigern, Alles aufzubieten, um den frommen Wunſch der Verurtheilten zu erfüllen? Hätte er ſich, wenn er dieſe Bitte zurückgewieſen oder die Erfüllung derſelben auch nur im mindeſten vernachläſſigt hätte, ſich nicht eines namenloſen Ver⸗ brechens ſchuldig gemacht? und hatte er dagegen andererſeits nicht das Recht, wenn auch nicht Sir Charles Murray und ſeiner Tochter das Aſyl zu verſchließen, welches er ihnen ver⸗ ſchafft, doch wenigſtens dieſem Aſyl das zu rauben, worin die größte Sicherheit desſelben beruhte, die Gegenwart des Abbé Caetano?« Von dieſer Art waren die Gedanken, welche Henry’s Gemüth beſtürmten und beunruhigten, während ſeine Mutter ſprach. Was er auch thun mochte, ſo ward er zum Verbrecher. Verhängnißvolle Alternative des Schmerzes und der Ver⸗ zweiflung, die durch eine Mutter, ohne daß ſie es wußte, ih⸗ rem Sohne geſtellt ward. „Ich kann ihr nicht einmal ſagen,« dachte Henry,„daß Sir Charles und Miß Lucy bei dem Abbé Caetano ſind, denn ſie würde ſofort errathen, daß ich es bin, der ihnen dieſes Aſyl verſchafft hat, und ſie würde verzweifeln, wenn ſie er⸗ führe, daß meine Liebe zu dieſem Mädchen feuriger und uner⸗ meßlicher iſt als je.« „Nun, mein Sohn, Du antworteſt mir nicht. Woher rührt das Zögern, welches ich Dich in dieſem Augenblicke ver⸗ rathen ſehe? Siehſt Du vielleicht einige Gefahr für den Abbé Caetano in dieſer Reiſe, die allerdings die Aufmerkſamkeit un⸗ ſerer Feinde auf ihn lenken kann?« Henry ſtand im Begriffe dieſen ſo plauſibeln Vorwand, 77 welchen ſeine Mutter ſelbſt ihm lieferte, im Fluge zu erhaſchen und auf dieſe Weiſe den Wunſch zu bekämpfen, den die Ver⸗ urtheilte ausgeſprochen. Sein biederes Gemüth aber verwarf eine ſolche Lüge ſofort wieder. Er ſagte ſich, es ſey nicht der Abbé Caetano, den Lady Lisle's Ruf in Gefahr bringen würde, ſondern die auf ihn gelenkte Aufmerkſamkeit und die Kenntniß, welche Kirke ſehr bald von den zwiſchen dieſem Geiſtlichen und der Familie Lisle beſtehenden freundſchaftli⸗ chen Beziehungen erlangen würde, könne den wilden Solda⸗ ten von Tanger geraden Wegs in Lucy's Aſyl führen. »Es geht ein eigenthümliches Phänomen in Dir vor, Henry,“« ſagte Lady Lisle in feſtem Tone,„und ganz gewiß verſchweigſt Du mir etwas. Du leideſt, ein gewaltiger Schmerz bedruͤckt Dich. Was fehlt Dir, mein theurer Sohn? Du ſchweigſt immer noch. Sage es mir frei heraus— nicht wahr, Du glaubſt, daß Du in dieſem Augenblicke einen vergeblichen Schritt bei dem Könige thuſt? Wohlan, mein Sohn, thue ihn nicht. Du wirſt einigen Freunden, die gern ihre Bitten mit den deinigen vereinen würden, viel Mühe und Kummer berei⸗ ten. Mit ihnen vereinigt wirſt Du dein Vorhaben glücklich beenden, das ſage ich nochmals, aber was iſt im Grunde ge⸗ nommen damit gewonnen? Man wird mir nur einen Reſt von einem unruhig bewegten Leben erhalten. Sieh, ich bin alt und hinfällig, und wenn Gott mich einmal abrufen will, ſo iſt es vielleicht Widerſetzlichkeit gegen ſeinen Willen, wenn Du Se. Majeſtät den König, unſern Herrn, bitteſt, mich zu begnadigen. Was fehlt mir armen alten, zum Feuertode ver⸗ urtheilten Chriſtin jetzt noch? Weiter nichts als ein frommer Beichtiger. Ja, mein lieber Sohn, Du hatteſt Recht, als Du zögerteſt. Du brauchſt nicht erſt nach London zu gehen, um 78 meine Begnadigung zu holen. Geh lieber nach Taunton und hole meinen Beichtiger.« »Ich werde ihn durch eine ſichere Perſon holen laſſen, meine Mutter,« rief Henry lebhaft bewegt,„und wenn ſich kein materielles Hinderniß ſeiner Reiſe in den Weg ſtellt, ſo bin ich überzeugt, daß der Abbé Caetano in zwei Tagen bei Euch ſeyn wird. Was mich betrifft, liebe Mutter, ſo reiſe ich noch dieſen Augenblick nach London ab und wenn der König ſo gut iſt, wie Ihr ſagt, ſo werde ich noch vor Ablauf der Euch bewilligten Friſt mit eurer Begnadigung wieder hier ſeyn.« Lady Lisle und Henry hielten ſich lange umarmt, dann rief die unglückliche Mutter, die Stimme erhebend: »Du biſt ſehr gut gegen mich, mein Sohn. Möge Gott Dich ſegnen, wie ich Dich ſegne!« Henry entriß ſich den Armen ſeiner Mutter und eilte aus dem Gefängniſſe hinaus. Einige Minuten ſpäter war er bei Suſannen, welche ihn mit Ungeduld erwartete. Sie woll⸗ ten mit einander nach London abreiſen und ſchon waren die Pferde an den Wagen angeſpannt, der ſie dahin bringen ſollte. Die rührige Irländerin hatte dies alles beſorgt. Auch wäre Henry, der von ſo vielfachen widerſtreitenden Empfin⸗ dungen beſtürmt ward, dazu gar nicht fähig geweſen. In Bezug auf die Scene, welche vor einigen Tagen in dem Hauſe zu Bridgewater ſtattgefunden, war es zwiſchen Lord Lisle und Suſannen noch zu keiner Erklärung gekom⸗ men. Die wenigen Augenblicke, welche ſie einander geſehen, ſeitdem die Hingebung Suſannens ſie bewogen, nach Win⸗ cheſter zu eilen, waren den Schritten gewidmet worden, welche nöthig waren, um die Friſt und die Erlaubniß zu erlangen, und ſſen, ſich , ſo bei e ich önig der hier dann Gott eilte r er voll⸗ mdie igen Auch ffin⸗ in chen om⸗ hen, Vin⸗ 79 welche dem Sohne die Kerkerthüren der Mutter geöffnet hatten. Wenn Percy Kirke's Schlachtopfer, die unglückliche Su⸗ ſanne, eine Erklärung wünſchte und erwartete, ſo hatte ſie ſich ohne Zweifel geſagt, daß ſie die Gelegenheit dazu wäh⸗ rend des langen Beiſammenſeyns auf der Reiſe von Win⸗ cheſter nach London finden würde, welche Henry und ſie al⸗ lein und Seite an Seite während einer ganzen Nacht und des ganzen nächſtfolgenden Tages zu machen im Begriffe ſtanden. Was Henry betraf, ſo empfand er dumpfe Gewiſſens⸗ biſſe, dieſes muthige, junge Mädchen, welches ihm ſo viel glanzende Beweiſe von Liebe und Treue gegeben und die recht wohl mehr unglücklich als ſtrafbar ſeyn konnte, ſo hart be⸗ handelt zu haben. Er fühlte in ſich gleichſam eine Stimme erwachen, welche ihm Vorwürfe darüber machte, daß er im⸗ mer noch Suſannens Dienſte annahm, ohne ſie vorher um Verzeihung für die ſo verletzenden Ausdrücke gebeten zu ha⸗ ben, welche er an ſie gerichtet, ſo wie für die ſo grauſame Art und Weiſe, auf welche er ihr begegnet. Deshalb hatte er ſich auch gleich nach ſeinem Weggange aus dem Gefängniſſe ſeiner Mutter vorgenommen, die Frage ſofort zur Sprache zu bringen. »Suſanne,“« ſagte er zu der jungen Irländerin, die ihm mit einer ernſten und traurigen Miene entgegenkam, welche einen auffallenden Gegenſatz zu dem unwillkürlichen Lächeln bildete, das früher ihre Lippen jedesmal umſpielte, ſo oft ſie dem jungen Gardelieutenant begegnete,»Suſanne, wir wer⸗ den uns trennen.« »Trennen, Mylord?— Der Wagen, der uns nach Lon⸗ 80 don bringen ſoll, wartet ja ſchon, und die Pferde ſtampfen vor Ungeduld.* „Ich werde allein reiſen, Suſanne.“ »Ihr wollt allein nach London reiſen, Mylord?« rief die Irländerin, deren Antlitz von düſterem Schmerz ver⸗ ſchleiert ward. „Ich bitte Euch, höret mich an, Suſanne. Gott iſt mein Zeuge, daß eure Geſellſchaft auf dieſer Reiſe mir eine Linde⸗ rung, wo nicht ein Troſt für meinen entſetzlichen Jammer wäre. Ich ſtehe aber im Begriffe Euch um einen neuen Dienſt zu bitten, um einen neuen Beweis der treuen Anhänglichkeit, von welcher Ihr mir ſchon ſo viele Beweiſe gegeben. Ich habe das Vertrauen zu Euch, daß Ihr mir dieſen Dienſt nicht ver⸗ weigern werdet, trotz der abſcheulichen Beleidigungen, die ich Euch angethan.⸗ »Was ſprecht Ihr von Beleidigungen, Mylord?— Sagt vielmehr, ſagt ſchnell, was ich für Euch thun kann, und ich werde kein Opfer ſcheuen, eure Wünſche zu erfüllen.“ »Suſanne, Ihr müßt Euch nach Taunton begeben.“ »Ich muß mich nach Taunton begeben?« „Ich weiß wohl, ich hätte nicht ſagen ſollen: Ihr müßt, ſondern ich bitte Euch.“ »Es handelt ſich jetzt nicht um die Art und Weiſe, auf welche Ihr euern Wunſch ausgeſprochen habt, Mylord, ſon⸗ dern um die Sache ſelbſt. Der Mann, der mich entehrt hat, befindet ſich in dieſem Augenblickin Taunton, undich bin noch nicht geſchickt, an ihm die glänzende Rache zu nehmen, die ich an ihm nehmen will. Wenn ich dazu bereit bin, werde ich ihn ſehen.“ „»PerchKirke iſt mehr mein Feind als der eure, Suſanne. In dieſem Augenblick denkt er nicht an Euch. Er ſucht und verfolgt nur Miß Lucy. Seine Leidenſchaft für die Tochter des pfen rief ver⸗ mein inde⸗ nmer dienſt hkeit, habe ver⸗ ie ich 81 alten Puritaners, und ſein Haß gegen mich nehmen alle ſeine Gedanken in Anſpruch—« »Sollte Miß Luch ſich in Taunton verborgen halten?« „»Ja, Suſanne.« »Und Ihr ſchicket mich ihr zu Hilfe?« »Ihr werdet ſie beſchützen, während Ihr zugleich den wichtigen Auftrag vollzieht, den ich Euch ertheilen werde.« »Ha, Dank, Mylord!« rief Suſanne mit ſtrahlendem Antlitz.»Nun ſehe ich, daß die Worte, die Ihr mir in Brid⸗ gewater ſagtet, nur aus eurem Munde kamen, aber daß euer Herz nichts davon wußte. Worin beſteht der wichtige Auf⸗ trag, den Ihr mir ertheilen wollt?« »Meine Mutter wünſcht den Abbé Caetano zu ſprechen, damit er ihr in ihren letzten Augenblicken zur Seite ſtehe, wenn ich nicht ihre Begnadigung beim König auswirken kann. Der Abbé Caetano wohnt in Taunton. Allerdings hätte ich Jemand anders als Euch zu ihm ſchicken und ihn von dem Wunſche meiner Mutter in Kenntniß ſetzen laſſen können, aber Ihr werdet ſogleich einſehen, daß ich nicht den Erſten Beſten zu ihm ſchicken kann. Ihr werdet ſehen, welches unbeſchränkte Ver⸗ trauen ich zu der Perſon haben muß, die ich wähle, damit ſie bei dieſer Miſſion meine Stelle vertrete.« Lord Lisle unterbrach ſich und heftete auf die Irländerin einen Blick, der bis in die letzten Tiefen ihrer Seele zu drin⸗ gen ſuchte, und hob mit ſichtlicher Selbſtüberwindung wie⸗ der an: »Wenn ich Euch jemals durch einige meinen Lippen— wie Ihr ſo gut ſagtet— entfallene Worte beleidigt habe, ſo müßt Ihr verzeihen und vergeſſen, Suſanne, denn heute zu dieſer Stunde will ich Euch den größten Beweis von Ver⸗ trauen und Achtung geben, der in meiner Macht ſteht. Su⸗ Der Tiger von Tanger. VII. 8² ſanne, bei dem Abbé Joſé Caetano halten ſich in dieſem Augen⸗ blicke Sir Charles Murray und ſeine Tochter verborgen!« Die Irländerin bot mit vor Freude feuchtem Blick, aber dennoch mit traurigem Antlitz und mit edler Einfachheit der Geberde und des Ausdrucks Lord Lisle die Hand. „»Ich danke Euch, Mylord, denn ich verſtehe. Verlaßt Euch auf mich. Ich werde mit Klugheit zu Werke gehen. Nie⸗ mand ſoll erfahren, daß der Abbé Caetano Taunton verlaſ⸗ ſen hat, und während ſeiner Abweſenheit, wenn er es für nothwendig erachtet, werde ich über Miß Lucy wachen. Wie lautet die Adreſſe dieſes edlen und guten Prieſters?« „Er wohnt der Herberge„zum weißen Hirſch« gegenüber. Steigt ein, liebe Suſanne, und macht Euch auf den Weg.« »Wohlan, Mylord, ich verſichere Euch, dadurch, daß Ihr mich nach Taunton ſchickt, habt Ihr noch beſſer gewählt, als Ihr glaubt. Ich bin klüger als Ihr. Ich ſoll in den Wa⸗ gen ſteigen— mein Gott! ich ſoll mit lautem Pferdegetrappel und Wagengeraſſel in der Stadt anlangen, wohin Ihr mich ſchickt?— Würde es mir dann wohl möglich ſeyn, ohne die öffentliche Aufmerkſamkeit zu erregen, mich in die Wohnung des Abbé Caetano zu begeben? Nein, nein, ich mache die Reiſe zu Pferde, und wenn ich in der Nähe von Taunton angelangt bin, laß ich das arme Thier laufen. Morgen mit Einbruch der Nacht betrete ich dann die Stadt zu Fuße. Ihr dagegen ſteigt in den Wagen und eilet nach London— wenn meine Anweſenheit in Taunton nicht nöthig iſt, ſo bin ich in drei Tagen in der Hauptſtadt. Sobald Ihr dort anlangt, be⸗ gebt Euch zu Mylord Feversham und zu Mylord Churchill. Dieſe ſind es, die Euch bei dem König unterſtützen werden. Vor allen Dingen aber ſucht Maſter Chiffinch auf, denn dieſer wird Euch Zutritt beim Könige verſchaffen.« — 8⏑ 2 20o—ͤ 75 lugen⸗ 1. aber it der erlaßt Nie⸗ herlaſ⸗ 3 für Wie nüber. J. ⁵ „ daß vählt, Wa⸗ rappel mich he die hnung Reiſe elangt abruch gegen meine drei , be⸗ rchill. erden. dieſer X. Die Milde des Rönigs. Lange erſt nach Einbruch der Nacht langte Henry in London am Tage nach dem an, wo die Friſt für die zum Feuer⸗ tode verurtheilte Lady Lisle erlangt worden war. Er beeilte ſich ſofort nach Whitehall ſich zu begeben, in die Wohnung, welche Chiffinch in einem der Flügel des Pa⸗ laſtes inne hatte, und dieſer Beſuch war abermals ein großes Opfer, welches er ſeiner Mutter brachte, denn er hegte gegen den erſten Pagen Seiner Majeſtät die gründlichſte Verachtung. Der Page empfing Lord Henry Lisle ſofort und kam ihm mit freundlichem Lächeln entgegen. »Mylord,“ ſagte er zu ihm,»ich weiß, warum Ihr hier ſeyd. Ich erwartete Euch. Miß Suſanne, die nun bald Miſtreß Chiffinch ſeyn wird, hat mir, als ſie vor drei Tagen London verließ, das Verſprechen abgenommen, Euch ſoviel in meiner Macht ſteht, zu unterſtützen, denn ſobald wir die Nachricht von der Verhaftung eurer Mutter erhielten, waren wir auf den Ausgang des Prozeſſes gefaßt. Ihr könnt auſ mich rechnen, Mylord. Es liegt mir zu viel daran, mich Miß Suſanne angenehm zu machen, als daß mir der Schritt, den ich unternehmen will, nicht gelingen ſollte. Glaubet aber nicht, daß derſelbe ſo leicht ſey. Ich verſichere Euch indeſſen nochmals, es wird mir gelingen, Euch eine Audienz bei dem König zu verſchaffen. Schon morgen müßt Ihr den Grafen * 84 von Feversham und Mylord Churchill ſprechen. Dieſe beiden Herren ſtehen bei dem König ſehr gut angeſchrieben und kön⸗ nen ſehr viel für Euch thun. Sie mögen Euch den Weg bah⸗ nen und immer ein gutes Wort für Euch einlegen, und wenn dies geſchehen, ſo werdet Ihr von dem König empfangen werden. Ich werde mich jetzt gleichzu Seiner Majeſtät begeben und noch heute Abend anfangen, ihn zu Gunſten der Lady Lisle zu bearbeiten. Wo wollet Ihr, daß ich Euch übermor⸗ gen ſpreche, Mylord?« 3»Wieder hier, wenn Ihr es erlaubt, Maſter Chiffinch.⸗ „»Ich bin es gern zufrieden, Mylord.« »Zu welcher Stunde ſoll ich kommen?« »Abends gegen neun Uhr.« »Wie, ſo weit ſchiebt Ihr dieſe Unterredung hinaus? Bedenket doch, daß von den fünf Tagen Friſt ſchon ein gan⸗ zer verſtrichen iſt. Uebermorgen Abend ſind deren nur noch zwei übrig und von dieſen zwei Tagen brauche ich einen, um mich nach Wincheſter zu begeben—« »Das weiß ich Alles recht wohl, Mylord, aber noch beſſer weiß ich, welche Ideen der König von der Nothwen⸗ digkeit einer unerbittlichen Juſtiz hat. Seine Majeſtät will mit einem und demſelben Schlage die Empörung züchtigen. welche einen Theil ſeines Königreichs umgeſtürzt und al⸗ len jenen vorbeugen, die man in der Zukunft verſuchen könnte. Glaubt mir daher, ehe Ihr den König ſprecht, laßt ihn zu euren Gunſten geneigt machen und bedient Euch zu dieſem Zwecke des ganzen Einfluſſes eurer Freunde, ganz beſonders deſſen Churchill's und Feversham's. Chiffinch begleitete Henry Lisle bis an die Thür ſeiner Wohnung und ſobald er dieſelbe wieder geſchloſſen, mur⸗ melte er: eiden kön⸗ bah⸗ wenn ngen geben Lady mor⸗ ich.«* aus? gan⸗ noch um noch wen⸗ will igen. dal⸗ ichen techt, dient inde, einer mur⸗ 8⁵ »Ha, mein ſchöner Carabinier, Du läſſeſt Dir ein⸗ fallen, mir Suſannens Herz ſtreitig zu machen! Geh und ſieh, wer Dir Audienzen verſchafft— ich thue es gewiß nicht. Ich werde Suſannen ſagen, daß ich Alles gethan, Alles verſucht habe, daß ich beinahe in Ungnade gefallen wäre und daß alle meine Bemühungen vergeblich geweſen ſeyen. Mittlerweile wird ein Tag nach dem andern vergehen, Lady Lisle wird verbrannt werden, und ich werde es vermieden haben, mich mit dieſer gefährlichen Angelegenheit zu beſchäftigen— denn gefährlich iſt ſie, weil ich den König erzürnen und mir vielleicht Mylord Jeffreys entfremden würde, welcher gegenwärtig in ſo hoher Gunſt ſteht. Alſo Jeder für ſich und Gott für Alle.« Chiffinch ſchwieg und da er gerade an einem Spiegel vor⸗ überkam, ſo warf er einen ſelbſtgefälligen Blick hinein, mu⸗ ſterte ſich lächelnd vom Kopf bis zum Fuße, ſtrich ſich dann das Kinn und den Schnurbart und ſagte: „Riskire ich wohl etwas, wenn ich mich von dieſer Sache fernhalte? Suſanne liebt mich! Die Hoffnung, mein Weib zu werden, hat ihr ganzes früher ſo verächtliches We⸗ ſen umgewandelt. Bei dem erſten Worte, als ich ihr meine Hand antrug, rief ſie: Ja, Suſanne iſt ehrgeizig. Ich höre fortan auf, ihr demüthiger Sclave zu ſeyn. Sie wird nicht weiter darauf achten, daß es mir nicht gelungen iſt, eine Au⸗ dienz für den Lieutenant Lisle zu erlangen. Wenn ſie mir auch ſchmollt, ſo iſt ſie doch zu gewandt und zu klug, um lange zu ſchmollen.“ Chiffinch hatte ſeit Suſannens Einwilligung, Miſtreß Chiffinch zu werden, ſehr ſchnell die Farbe der Geſundheit und mit dieſer auch ſeinen ganzen Dünkel wieder gewonnen. Es war zu ſpät, um einer der angeſehenen Perſonen, 86 die er zu ſprechen wünſchte, einen Beſuch zu machen. Deshalb begab ſich Lord Lisle in ſeine Wohnung undbrachte eine ſchlaf⸗ loſe Nacht zu. Am nächſtfolgenden Tage, ſobald es ſchicklicherweiſe geſchehen konnte, begab er ſich nach dem Hotel des Grafen von Feversham und ward nach Verlauf von etwa einer Stunde bei dieſem vorgelaſſen. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich Euch habe warten laſſen, mein junger Freund,“ ſagte der berühmte Sieger vom Sedgemoore.»Mein Kammerdiener kleidete mich eben an.« »Mylord, Ihr kennt das entſetzliche Unglück, welches meine Mutter zu ereilen droht.« »Ich weiß, daß ſie unzweifelhaft verurtheilt werden wird.« „Das iſt ſie ſchon, Mylord. Der Feuertod ſoll ihrem tugendhaften Leben ein Ende machen.“ »Ach, leider ſetzt mich dies nicht in Erſtaunen. Dieſer Jeffreys geht gar ſo raſch in's Zeug.— Aber beruhigt Euch, Mylord. Ich werde mit dem König ſprechen und wir werden die Begnadigung eurer Mutter erlangen. Die tauſend Pfund Sterling, welche Ihr mir habt zuſtellen laſſen—«⸗ »Die ich Euch habe zuſtellen laſſen, Mylord?« rief Henry, außer ſich vor Erſtaunen. »Na, verſtellt Euch nur nicht. Dieſe That beweiſt eure kindliche Liebe. Ich wollte eben ſagen, daß dieſe tauſend Pfund Sterling nicht überflüſſig ſeyn werden. Ich werde ſie unter die Leute vertheilen, welche ſich in der nächſten Nähe des Königs befinden und oft durch ein einfaches Wort viel thun können.« he H halb glaf⸗ veiſe afen iner Fuch omte mich ches rden drem ieſer kuch, rden fund rief eure ſend e ſie kähe viel 87 „»Auf welchem Wege ſind denn dieſe tauſend Pfund Euch zugegangen, Mylord?« „O, ganz direct— ſeyd unbeſorgt— durch dieſelbe Perſon, der Ihr ſie zugeſtellt habt, durch die junge ſchöne Irländerin, Miß Suſanne— Henry ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. „Wieder waltet hier Suſannens fürſorgende Hand,“ ſagte er bei ſich ſelbſt.„Doch, das iſt ein Darlehen, und bei der erſten Begegnung muß ich ihr dieſe tauſend Pfund wieder⸗ erſtatten.“« „Ich werde den König noch heute ſprechen und es wird ſich Alles zu eurer Zufriedenheit geſtalten,« ſagte Feversham, indem er ſich erhob, wie um Lord Lisle anzudeuten, daß ſein Beſuch nun lange genug gedauert habe. „Wann kann ich denn wiederkommen, Mylord?« fragte Henry. »Morgen— im Laufe des Tages— zu jeder beliebigen Stunde, mein Freund. Ich bin überzeugt, daß ich Euch eine gute Antwort zu geben haben werde.“« Lord Lisle entfernte ſich mit hoffnungsvollem Herzen. Sobald Graf Feversham allein war, klingelte er ſeinem Kam⸗ merdiener. „»Champagne,« ſagte er zu ihm,»was gibt man mir heute zum Frühſtück? Haſt Du Dich darnach erkundigt?« „Hier iſt die Speiſekarte, Herr Graf,« antwortete der Diener, indem er ein Papier auseinanderfaltete und ſeinem Herrn überreichte. „Es iſt gut, Champagne— man ſervire.« Turenne's Neffe lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück und begann mit halbgeſchloſſenen Augen und verklärtem Geſicht über die Gerichte nachzudenken, die man ihm ſerviren würde, 88 ohne ſich weiter um die Verſprechungen zu kümmern, die er Henry ſoeben gegeben. Was dieſen betraf, ſo eilte er zu Lord Churchill, der aber, wie man ihm, als er an der Wohnung desſelben an⸗ klopfte, meldete, von London abweſend war und erſt den übermorgenden Tag zurückerwartet ward. Der Muth drohte ihm zu entſinken, als er dieſe ſchlimme Mittheilung vernahm. Er begriff unwillkürlich, daß er auf Churchill ganz vorzugsweiſe zählen müſſe. »Trotz ſeiner zahlreichen Laſter,⸗ ſagte er bei ſich ſelbſt, viſt Mylord John doch ein tapferer Soldat und muß ganz gewiß dieſen Percy Kirke verachten und verabſcheuen, welcher das Kriegerhandwerk durch ſeine barbariſche Grauſamkeit ſchändet, und dieſen Jeffreys, welcher einer ſiegreichen Armee folgt wie ein Aasgeier.⸗ An dieſem Tage und dem nächſtfolgenden beſuchte der unglückliche Sohn der Verurtheilten noch mehre Perſonen, die bei Hofe ſehr gut angeſchrieben ſtanden, unter andern auch Lord Clarendon, den Bruder der erſten Gemalin des Königs und Onkel der Prinzeſſin von Oranien und der Prinzeſſin Anna. 1 Ueberall ward er gut aufgenommen, überall machte man ihm die eifrigſten Verſicherungen der Theilnahme und gab ihm die ſchönſten Verſprechungen. Dennoch aber waren die Gönner, an deren Wiederſehen ihm am meiſten lag, Fe⸗ versham und Chiffinch.. Als er gegen zwei Uhr Nachmittags bei dem Erſten ſich wieder anmelden ließ, antwortete ihm Champagne, die Thür nur ein wenig öffnend, der Herr Graf ſchlafe und er könne um keinen Preis ſich einfallen laſſen, ihn zu wecken. Lord Lisle beſtand auf ſeinem Wunſche. —9— — mme auf ebſt, ganz lcher nkeit 89 »Ach, Mylord,“« antwortete der Kammerdiener,„wir ſind hier nicht im Lager und ich muß hier meine Inſtructionen weit mehr reſpectiren als in Weſton Zoyland, wo Ihr Euch trotz meiner Bitten nicht ſcheutet, den Schlaf meines Herrn zu ſtören.“ Indem der treue Champagne dieſe Worte ſprach, ſchlug er Henry die Thür vor der Naſe zu. »In der That,« ſagte Henry bei ſich ſelbſt, indem er verächtlich den Mund verzog,»das iſt ein Mann, der ſein Geld im Schlafe verdient. Laſſen wir ihn ſchlafen, den Elen⸗ den! Ach, das Unglück! das Unglück! Wie flieht man dieſe Peſt! Da die Männer meines Standes mir untreu werden, wohlan, ſo muß ich zu einem Diener meine Zuflucht nehmen! Chiffinch liegt viel daran, ſich Suſannen angenehm zu ma⸗ chen und er wird mir daher treulich dienen.« An dem beſprochenen Tage, zu der verabredeten Stunde begab er ſich mit zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebendem Gemüth zu dem erſten Pagen des Königs. Chiffinch empfing ihn mit niedergeſchlagener Miene. »Ach, lieber Lord,« ſagte er zu ihm,„Ihr ſeht in mir einen in der That tiefbetrübten Menſchen. Ich habe den Kö⸗ nig auf das Inſtändigſte gebeten, Euch zu empfangen, aber er iſt unbeugſam geblieben. Ach, wie ſchlecht belohnt man meine langen, treuen Dienſte! Beklagt mich, beklagt mich, Mylord!« Henrhy entfernte ſich verzweiflungsvoll. »Hals« ſagte er bei ſich ſelbſt, indem er mit großen Schritten in dem St.⸗James⸗Park auf⸗ und abging,„um meine Mutter zu retten, hätte ich mich gern dazu verſtanden, die Gefälligkeit dieſes Verworfenen anzunehmen, ihn öffentlich als meinen Wohlthäter anzuerkennen. Jetzt werde ich mich 90 nicht mehr in dieſe Schmach zu fügen brauchen. Aber meine arme Mutter— ſie wird ſterben! Nein, ſie wird nicht ſter⸗ ben— ich werde den König ſprechen. Um bis zu ihm zu drin⸗ gen, bedarf ich keinen Beſchützer. Ich brauche mich nicht ein⸗ führen zu laſſen— ich werde mich ſelbſt einzuführen wiſſen. — Morgen iſt Empfang in Whitehall und ich werde mich dorthin begeben. Wir wollen ſehen, ob Jemand mich hindern ſoll, den König anzureden.⸗ Henry ward in ſeinem Alleingeſpräch durch eine Hand unterbrochen, die ſich vertraulich auf ſeine Schulter legte, während gleichzeitig eine männliche Stimme zu ihm ſagte: »Ah, Ihr ſeyd es, Mylord? Ich freue mich Euch zu begegnen! Ich habe erfahren, daß Ihr geſtern bei mir gewe⸗ ſen ſeyd und es thut mir leid, daß ich nicht zugegen geweſen bin, denn ganz gewiß habt Ihr wegen eurer Mutter mit mir ſprechen wollen. Ganz London kennt und beklagt gegenwärtig dieſe bedauerliche Angelegenheit. Um der Achtung, die ich für Euch hege, und um des Haſſes und der Verachtung willen, welche Jeffreys mir einflößt, werde ich für Euch und für Lady Lisle Alles thun, was in meinen Kräften ſteht. Ihr wollt den König ſprechen, nicht wahr?« »Endlich,« rief Henry, indem er die ihm dargebotene Hand drückte,»endlich höre ich wahre, freimüthige und auf⸗ richtige Worte. Ich bin auch aufrichtig und freimüthig, wenn ich ſage, daß ich von dem tapfern Churchill keine andern er⸗ wartete. Ja, Mylord, ich wünſche den König zu ſprechen.« »Morgen Abend iſt Empfang in Whitehall.« „»„Ich weiß es, Mylord, und gedenke mich dabei einzu⸗ finden.« »Gut, ich gebe Euch mein Soldatenwort, daß Ihr Ja⸗ cob den Zweiten ſprechen werdet.« 91 „»Ach, Mylord, wenn ich Euch eher begegnet wäre, ſo wären mir viele Schmerzen erſpart worden.“ »Es iſt noch nicht zu ſpät, um eure Mutter dem grim⸗ migen Jeffreys zu entreißen, Mylord. Auf alle Fälle werden wir Alles thun, was menſchenmöglich iſt. Morgen werde ich auf meinem Poſten ſeyn.« „Und ich werde nicht auf mich warten laſſen. Morgen alſo, Mylord!« Der morgende Tag kam ſehr ſchnell herbei. Abends von acht Uhr an erfüllte die glänzendſte Geſellſchaft die Salons und Gallerien von Whitehall. Die junge und ſchöne Königin Maria von Modena beehrte, umgeben von allen ihren Ehren⸗ fräuleins, dieſen Empfang mit ihrer Gegenwart. Sie ſaß in dem Zimmer, durch welches man in das Cabinet des Königs gelangte. Mitten unter ihrem weiblichen Gefolge ſah man nur einen einzigen Mann. Dieſer, der etwa vierzig Jahre zählen konnte, war weder durch ſeinen mittlern Wuchs, noch durch ſein rundes Geſicht, noch durch ſeine ziemlich gewöhnliche Miene ausgezeichnet. Was aber dennoch die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit ihm zuwendete, war die eigenthümliche Erſchei⸗ nung ſeines Aeußern, ſein brauner Rock ohne Knöpfe und ſeine übrigen Kleider, die durch ihre übertriebene Einfach⸗ heit den ſeltſamſten Gegenſatz zu den reichen Toiletten bilde⸗ ten, welche ihn umgaben. Nichts aber lenkte die Blicke der Anweſenden mehr auf ihn, als der breitkrämpige Hut von dunkler Farbe, den er ſelbſt vor der Königin, die in dieſem Augenblick mit ihm ſprach, auf dem Kopfe behielt. Es war dies der Quäker William Penn, der vor fünf Jahren die berühmte nach ihm genannte Colonie Pennſylva⸗ nien gegründet hatte. Seit Kurzem nach England zurückge⸗ 92 kehrt, erfreute er ſich der ganzen Gunſt Jacobs des Zweiten. und um dieſe Gunſt, deren er ſich übrigens bediente, um den Mitgliedern ſeiner harmloſen Secte das Wohlwollen des Kö⸗ nigs zuzuwenden, ſich zu erhalten, war er bereit, ſehr große Opfer zu bringen, ja ſogar die heiligſten Geſetze der Moral und der Humanität zu vergeſſen.« »Ja, mein lieber Mr. Penn,« ſagte Maria von Modena leiſe zu ihm,„man wird ſämmtliche Anhänger Monmouth's nach den Antillen und nach Nordamerika ſchaffen und dort vérkaufen. Der König hat mir hundert dieſer Verurtheilten zum Geſchenk gemacht, Ihr, die Ihr eben aus Amerika zu⸗ rückgekehrt ſeyd, welche Summe glaubt Ihr, kann ich durch dieſen Verkauf gewinnen?« »Hundert, ſagſt Du?« antwortete der Quäker, der, um den Geſetzen ſeiner Secte zu gehorchen, alle Menſchen mit Du anredete.»Wenn Du von dieſer Zahl die abziehſt, welche während der langen Ueberfahrt an Hunger und Krankheit ſterben, ſo kannſt Du auf einen Nettogewinn von tauſend Guineen rechnen.« 3 »Wie, nicht mehr?« entgegnete die in ihrer Erwartung getäuſchte Königin;»das iſt ja gar nichts, und dennoch ſind es lauter auserleſene Leute— alle jung und ſtark!« »Es iſt augenſcheinlich, daß, je beſſer die Qualität der Waare iſt, deſto höher auch der Preis ſeyn wird, den man dafüͤr bezahlt.⸗ »Meine liebe Sophie,“ ſagte Marie von Modena zu einer ihrer Ehrendamen,„»gebt doch einmal Maſter Chiffinch, der an der Thüre des Cabinets des Königs ſteht, einen Wink. Ich möchte ihm einige Worte ſagen.« Einige Augenblicke ſpäter ſtand der erſte Page vor der Königin. 93 „Maſter Chiffinch,« ſagte ſie,»wißt Ihr vielleicht, wie viele Tage Lord Jeffreys noch in Wincheſter bleiben wird?« »Nein, das weiß ich nicht, Majeſtät.« „Ich halte Euch in dieſer Beziehung nicht für ſo unwiſ⸗ ſend, als Ihr ſcheinen möchtet. Auf alle Fälle ſchreibet ihm, daß er ſich nicht allzulange in dieſer Stadt aufhalten ſoll. Er möge ſich beeilen nach Somerſetſhire, ganz beſonders nach Taunton zu kommen, um ſich mit dem mir zugeſtandenen Ge⸗ ſchenk an Verbrechern zu beſchäftigen. Vergeßt nicht ihm zu ſagen, daß ich mich hinſichtlich einer zufriedenſtellenden Wahl in Bezug auf Jugend und Geſundheit unbedingt auf ihn ver⸗ laſſe. Ich will, daß die Verurtheilten leicht und vortheilhaft verkäuflich ſeyen, wenn man ſie in Jamaika feilbietet.« „Eurer Majeſtät Befehl wird treulich befolgt werden,“ ſagte Chiffinch, indem er ſich tief vor der Königin verneigte, und ſtellte ſich dann wieder wie ein eiferſüchtiger Hund ganz nahe an die Thür des königlichen Cabinets. In dieſem Augenblick trat Lord Henry Lisle ein, ver⸗ neigte ſich ehrerbietig vor Maxien von Modena und der Gruppe ihrer Frauen, näherte ſich dann dem Pagen und fragte ihn: „Könnt Ihr mir vielleicht ſagen, ob Lord John Chur⸗ chill ſchon da iſt?« »„Ja, Mylord, er iſt gegenwärtig in dem Cabinet des Königs.“ „Ich danke Euch, Sir.« Indem Henry dieſe Worte ausſprach, ſtellte er ſich neben ein Camin, ungefähr zehn Schritte von der durch Chiffinch ſo gut bewachten Thür entfernt. »Ha, das iſt der junge Offizier, deſſen Mutter in Win⸗ cheſter verbrannt werden ſoll,« ſagte die Ehrendame, welche von der Königin ſoeben Sophie genannt worden war. 94 »Und deſſen Braut Du in Amerika verkauft zu ſehen wünſcheſt entgegnete die, zu welcher Sophie geſprochen. „»Nun und?— Läſſeſt Du nicht auch Andere verkaufen?« »Das ſtelle ich nicht in Abrede, dieſe ſind aber wenigſtens nicht die Bräute von Unglücklichen, deren Mütter man ver⸗ brennt.« »O Du ſpielſt die Gefühlvolle— an meiner Stelle wür⸗ deſt Du eben ſo handeln wie ich.« Nachdem Sophie dieſen Pfeil auf ihre Genoſſin abge⸗ ſchoſſen, winkte ſie William Penn, welcher jetzt nicht mehr mit der Königin ſprach, und als der Quäker ſich ihr näherte, ſagte ſie zu ihm: 4 „Ihr wißt, mein lieber Mr. Penn, daß der König uns ſämmtliche rebelliſche junge Mädchen überlaſſen hat, welche Miß Lucy Murray begleiteten, als dieſe dem Herzog von Mon⸗ mouth eine Fahne und eine Bibel überreichte.« »Ja, ja, der König hat mir geſagt, daß Ihr ihn dazu gezwungen habt.« »Gezwungen? Das kommt darauf an. Uebrigens kön⸗ nen wir doch eben ſo gut etwas bekommen, als Andere. Ihr wißt, daß dieſe Mädchen nun alle in Taunton feſtgenommen und ins Gefängniß geworfen worden ſeyn müſſen. Sie werden über das Meer transpprtirt und verkauft werden, dafern es nemlich ihre Eltern nicht vorziehen, uns ein gutes Löſegeld zu bezahlen. Wir glaubten, Sir Francis Warre von Heſtercombe, den Tory⸗Repräſentanten von Bridgewater, mit dieſer Unter⸗ handlungbeauftragen zu können. Dieſer aber ſpielt den Bedenk⸗ lichen und lehnt es ab, ſich mit dieſer Sache zu befaſſen. Des⸗ halb frage ich Euch, mein vortrefflicher Maſter Penn, ob Ihr nicht geneigt ſeyd, uns aus dieſer Verlegenheit zu ziehen? Könntet Ihr nicht mit den Eltern dieſer jungen Rebellinnen ehen en?« ſtens ver⸗ wür⸗ abge⸗ mit ſagte uns elche Non⸗ dazu koͤn⸗ Ihr umen erden n es d zu mbe, nter⸗ denk⸗ Des⸗ Ihr hen? nnen 9⁵ ſprechen und von ihnen eine anſtändige Summe erlangen, die wir auf circa ſiebentauſend Pfund Sterling feſtſetzen? Wie mir ſcheint, ſind unſere Anſprüche durchaus nicht übertrieben.“ »„Ja, ja,« antwortete Penn,»Du ſtellſt Dir die Sache ziemlich leicht vor. Siebentauſend Guineen, das iſt ja eine un⸗ geheure Summe. Indeſſen, ich will mich mit der Sache be⸗ faſſen, wenn Ihr mich ermächtigt, ganz nach meinem Gut⸗ dünken zu verfahren. Gilt es?⸗ »Ja. Nur die, deren Väter zu den Waffen gegen den König gegriffen haben und deren Güter folglich confiscirt werden, ſollen nach Jamaika, nach Neu⸗England oder nach New⸗Jerſey geſchafft und dort verkauft werden. Alſo wir ſind mit einander einig, nicht wahr? Und Ihr werdet nicht ver⸗ geſſen Maſter Penn, daß Luch Murray zu der Zahl dieſer mit gehört.« 3 In dieſem Augenblick kam Churchill aus dem Cabinet Jacobs II. heraus und die erſte Perſon, die er ſah, war Henry. »Ah ich freue mich, Euch ſogleich zu begegnen. Tretet ſchnell ein; Se. Majeſtät erwartet Euch. Ich wünſche von ganzem Herzen, daß eure Bitten von Erfolg begleitet ſeyn mö⸗ gen. Aber hoffet nicht allzuviel,« fuhr er fort, indem er die Hand auf die Marmorplatte des Camins legte.»Dieſer Stein iſt nicht härter als das Herz des Königs.« Lord Lisle drückte Churchill die Hand und trat in das Cabinet Jacobs II. Der künftige Herzog von Marlborough nahm den Platz ein, den ſein junger Schützling ſo eben verlaſſen, und wartete, bis er wieder aus dem Cabinet des Königs herauskommen würde. Er brauchte nicht lange zu warten. Kaum waren zehn 96 Minuten verſtrichen, ſo öffnete ſich wieder die Thür des Cabi⸗ nets und Henry erſchien wieder in der Gallerie. Sein Geſicht war bleich wie das eines Todten und die furchtbarſte Ver⸗ zweiflung malte ſich darin. »Nun?« fragte Churchill, obſchon er die Antwort vor⸗ ausſah, denn er las in dem Geſicht des jungen Mannes deut⸗ lich, was geſchehen war. „»Was Ihr mir ſo eben ſagtet, Mylord, iſt nur zu wahr, meine Mutter muß ſterben.« „Das iſt aber entſetzlich. Ihr werdet großen Muth be⸗ dürfen, mein Freund.“ »Gott wird mir ihn vielleicht geben. Ich habe gerade noch Zeit, meine Mutter noch einmal in meine Arme zu ſchlie⸗ ßen. Lebt wohl, Mylord Ich werde nicht vergeſſen, daß Ihr der Einzige waret, der mir in meinem Unglück die Hand bot.⸗ Und Henry ging mit geſenktem Haupte und ſich nur durch ſeine Willenskraft noch aufrecht haltend, die große Treppe des Palaſtes hinunter und wollte den Hof durchſchreiten, als er in der Vorhalle ſich plötzlich Suſannen gegenüber ſah. „Ihr kommet von dem König, Mylord,“« ſagte die Ir⸗ länderin,„und ich brauche Euch nicht nach dem Ergebniß eurer Audienz zu fragen. Ich ſehe euer Geſicht und dies ge⸗ nügt mir. Ich komme jedoch zur rechten Zeit— nein, Ihr dürft noch nicht verzweifeln. Eine innere Stimme ſagt mir, daß dieſer nichtswürdige Chiffinch bei dem König nichts für Euch gethan hat. Er glaubt ſich meiner Perſon ſicher— aber er irrt ſich, der Elende! Mylord, erwartet mich hier am Fuße dieſer Treppe— wartet eine Stunde lang, wenn es nöthig iſt. Dieſe Stunde könnt Ihr noch in London zubringen und morgen ein Pferd mehr zu Tode reiten, um die Begnadigung eurer Mutter nach Wincheſter zu bringen.⸗ der 97 „Die Begnadigung meiner Mutter, Suſanne? Ach, lei⸗ der kann nichts mehr ſie retten!« „Ihr weigert Euch wohl alſo, mich zu erwarten?« »Nein, Suſanne, geht; ich werde hier auf Euch warten.« Suſanne eilte nach Chiffinch's Wohnung und ließ ihm ſagen, er ſolle ſofort zu ihr kommen. Fünf Minuten ſpäter war der verliebte Page bei ihr. „Höret mich an, Sir,« ſagte ſie, indem ſie mit gebiete⸗ riſcher Geberde ihn bewog ſtehen zu bleiben.»Ihr habt das Verſprechen, welches Ihr mir gegeben, nicht gehalten— Ihr habt dem König kein Wort zu Gunſten des Lord Lisle und ſeiner Mutter geſagt.« »Ich ſchwöre Euch, Suſanne— „»Wer verlangt denn, daß Ihr ſchwöret? Kenne ich Euch vielleicht nicht? Habt Ihr Euch nicht oft gegen mich gerühmt, daß Ihr mit dem König machen könntet, was Ihr wolltet? Wenn der König Lady Lisle nicht begnadigt hat, ſo iſt folglich die Urſache davon die, daß Ihr es nicht gewollt habt. Wohlan, merket die Worte, die ich Euch ſagen werde:— Wenn Lady Lisle ſtirbt, ſo werde ich niemals euer Weib— wird ſie da⸗ gegen begnadigt, ſo ſchenke ich mich Euch. Was antwortet Ihr?« „»Was ich antworte, Suſanne?« rief der Page zitternd und wie außer ſich;„das fragt Ihr mich? Noch ehe eine halbe Stunde vergeht, ſoll Lord Lisle die Begnadigung ſeiner Mut⸗ ter erlangt haben!— Erwartet mich hier.« »Nein, am Fuße der großen Treppe!« rief Suſanne ihm zu, während ſie ſo ſchnell als ihre Füße ſie tragen woll⸗ ten, forteilte;»Ihr werdet mich dort bei Lord Lisle finden.« Noch war keine Viertelſtunde verfloſſen, als Chiffinch Der Tiger von Tanger VII. 7 98 eiligſt an dem von der ſchönen Irländerin bezeichneten Orte erſchien und mik einer einladenden Geberde ſagte: „Habt die Güte mir zu folgen, Mylord. Der König er⸗ wartet Euch.« Der junge Mann eilte dem erſten Pagen Sr. Majeſtät nach und durchſchritt mit ihm die Gemächer. Als er vor dem König erſchien, ſank er unwillkürlich auf die Knie nieder. „Mylord,“ ſagte Jacob II. mit ſanfter Miene zu ihm, vich habe ſeit eurem Weggange viel an Euch gedacht— ja ich habe viel an Euch gedacht. Eure kindliche Liebe hat mich gerührt, ja ſie hat mich lebhaft gerührt. Ferner iſt Lady Lisle, eure Mutter, eine gute Katholikin, und dann finde ich auch, offen geſtanden, meinen Oberrichter ein wenig zu ſtreng, ja in der That ein wenig zu ſtreng. Aber wartet, Mylord, wartet — ein König muß Milde und Nachſicht üben und ich werde es thun.⸗ Der Monarch ſetzte ſich an ſeinen Tiſch, ſchrieb einen Brief, den er mit ſeinem königlichen Siegel verſchloß, und übergab ihn dann Henry, indem er ſagte: „Ja, Mylord, Ihr habt mich erweicht— ich ſage noch⸗ mals, der Ausdruck eurer kindlichen Liebe hat Lady Lisle von dem Flammentod gerettet. Nehmt dieſen Brief und gebt ihn Jeffreys— er ſtürzt den Scheiterhaufen, welchen eure Mut⸗ ter beſteigen ſollte.« Lord Lisle ergriff begierig den Brief, küßte die Hand, welche ihm denſelben reichte, eilte freudetrunken nach der Treppe, ſprang dieſelbe hinab und ſank in Suſannens Arme, die er beinahe in einer zehnmal wiederholten Umarmung er⸗ drückt hätte. Unter der magnetiſchen Berührung ſeiner Lip⸗ pen, welche er ihr auf Haar, Stirn, Augen, Wangen und Orte g er⸗ jeſtät auf ihm, — ja mich Lisle, auch, ja in dartet verde einen und noch⸗ e von dt ihn Mut⸗ Hand, h der Arme, ag er⸗ r Lip⸗ und 99 Mund drückte, taumelte die Irländerin und wäre berauſcht von dieſem Hochgefühl zur Erde geſunken, wenn der junge Mann ſie nicht feſt in ſeinen Armen gehalten hätte. „»Geretiet! ſie iſt gerettet, und Ihr, Suſanne,« rief Lord Lisle endlich zwiſchen zwei Küſſen,„Ihr habt ſie dem Tode entriſſen! Owie kann ich Euch jemals eine ſolche Freudevergelten!« „»Indem Ihr mich immer ſo umſchlungen haltet, Henry!« ſtammelte Suſanne kaum ihrer Sinne mächtig. Sie ward plötzlich aus dieſer Ekſtaſe aufgerüttelt. Eine Hand, welche nicht die Henry's war, faßte ſie am Arme. Sie wendete den Kopf herum und ſah Chiffinch, der ſie mit furcht⸗ barem Blick betrachtete. »Was wollt Ihr von mir?« fragte ſie entſchloſſen. „Daß Ihr euer Verſprechen erfüllt, wie ich das meine erfüllt habe,« ſagte der Page mit einer Stimme, welche vor Wuth, Eiferſucht und Liebe zitterte. „ Sobald Lady Lisle der Freiheit wiedergegeben ſeyn wird.« „Ihr zweifelt alſo wohl?⸗« »Nein, aber ich wünſche Augenzeugin zu ſeyn, wenn Mutter und Sohn ſich umarmen. Es iſt dies ein Schauſpiel, welchem ich beiwohnen will! Gehen wir, Mylord, gehen wir.« Suſanne ſprang in den Wagen Henry's, der ſie an dem Gitterthor von Whitehall erwartete. »Nach Wincheſter, ſo raſch die Pferde laufen können!« rief Henry dem Kutſcher zu, indem er zugleich neben der ſchö⸗ nen Irländerin Platz nahm. »Gerettet!— meine arme Mutter iſt gerettet!— ſaget Suſanne, es iſt doch nicht etwa Alles nur ein Traum?« rief Henry immer noch wie berauſcht, indem er die Hand des ſich an ſeine Schulter lehnenden Mädchens drückte. * 100 „»Nein, Mylord, ich fühle da an eurer Bruſt den Begna⸗ digungsbrief, den der König Euch an Jeffreys mitgegeben hat.⸗ „Und dieſen Brief verdanke ich Euch, Suſanne! Ohne Euch würde ich ihn niemals erhalten haben! In welcher ent⸗ ſetzlichen Verzweiflung befände ich mich jetzt ohne Euch. Ich wäre auch nach Wincheſter zurückgekehrt, aber wie entſetzlich wäre die Nachricht geweſen, die ich hätte überbringen müſſen, während ich jetzt, Dank Euch, Suſanne, ſchon von weitem ru⸗ fen werde: Ihr ſeyd gerettet, meine Mutter! Der König iſt gut! der König iſt gnädig! er ſchenkt mir euer Leben! Hier, meine Mutter, iſt die Perſon, welche eure Begnadigung aus⸗ gewirkt hat!— Dann werde ich Euch, Suſanne, der guten, frommen, alten Frau vorſtellen und Ihr werdet von ihr ge⸗ ſegnet werden, wie ich Euch ſegne.« »Ach, das iſt zu viel Glück für das Wenige, was ich ge⸗ than, und wenn wir nicht in dieſes dichte Dunkel gehüllt wä⸗ ren, ſo würdet Ihr ſehen, wie verlegen ich bin, Mylord,« mur⸗ melte die Irländerin mit zitternder Stimme. Es trat ein ziemlich langes Schweigen ein, während Henry und Suſanne die immer ſchnelleren Schläge ihres Her⸗ zens fühlten. Neben einander ſitzend, Eins an das Andere ge⸗ lehnt, mit voller Bruſt die laue, balſamiſche Luft der Juni⸗ nacht athmend, ließen ſie ſich von dem ungeſtümen Galopp zweier kräftiger Roſſe dahintragen. Plötzlich ſtießen ſie gleichzeitig einen lauten Schrei aus. Die Achſe des Wagens war gebrochen und er ſtürzte um. Keins von Beiden hatte jedoch durch den Sturz Schaden genommen und Suſanne war faſt eben ſo ſchnell wie Henry wieder auf den Füßen. „Steigen wir zu Pferde, Mylord,“« ſagte die Irländerin gna⸗ at.* Ohne ent⸗ Ich tzlich iſſen, mru⸗ g iſt Hier, aus⸗ uten, r ge⸗ h ge⸗ wä⸗ mur⸗ prend Her⸗ e ge⸗ Juni⸗ alopp aus. aden denry 101 entſchloſſen,„und ſetzen wir unſern Weg reitend weiter fort. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Aber wie wollt Ihr das machen, Suſanne?« »O, ſorgt nicht um mich! Ich habe in meiner Kindheit oft Pferde geritten, die weder Sattel noch Zaum hatten. Uebrigens werden wir in dem nächſten Dorfe finden, was wir brauchen. Es handelt ſich um höchſtens drei oder vier Meilen.« „Es muß wohl geſchehen,« ſagte Henry, indem er die Pferde von dem Wagen abſpannte.»Wir haben weiter keine Wahl. Aber wie ermüdet müßt Ihr ſeyn, da Ihr ſchon ſo viel Tage auf der Reiſe zugebracht habt, während—« »Beklaget mich nicht, Mylord. Das was andere Frauen ermatten würde, ſteigert meine Kräfte. Ich bin keine verzär⸗ telte, in einem Salon erzogene Zierpuppe, die von der furcht⸗ ſamen Sorgfalt einer Mutter vor jedem rauhen Lüftchen be⸗ huͤtet wird. Allerdings,« fuhr ſie mit geſenkter Stimme fort, »allerdings hätte ich unſere Reiſe lieber ſo fortgeſetzt, wie wir ſie begonnen hatten— aber es iſt, wie Ihr ſagtet, Mylord, wir haben keine andere Wahl.« Während ſie ſo ſprach, hatte ſie ſich mit Hilfe des um⸗ geſtürzten Wagens, deſſen ſie ſich als Steigbügel bediente, und ohne auch nur die Hilfe ihres Reiſegefährten in Anſpruch zu nehmen, auf eines der beiden Pferde geſchwungen. Henry ſetzte ſich auf das andere, und dann trabten ſie Beide raſch davon. Henry betrachtete beim Schein der Sterne noch oft den unbeſtimmten Schattenriß der Irländerin, die ſo auf dem un⸗ geſattelten Pferde entlang trabte wie die nächtliche Erſcheinung einer volksthümlichen Ballade. Aber er war doch nun frei von der entnervenden Berührung Suſannens und ſeine Wil⸗ lenskraft trat wieder in ihre Rechte. 102 „Ach, Suſanne!« rief er plötzlich und er fuͤhlte, daß er erröthete,»verachtet mich nicht. Haltet mich nicht für ein kaltes, vergeßliches und feiges Herz! Wie kommt es, daß ich Euch noch nicht in Bezug auf eure Reiſe nach Taunton be⸗ fragt habe? Ich weiß es ſelbſt nicht.« „Das iſt nicht zu verwundern, Mylord. Die ſo uner⸗ warteterweiſe erlangte Begnadigung eurer Mutter, die Euch anfänglich verweigert worden, hat euer ganzes Denken in Anſpruch genommen und zwar mit Recht.« Indem Suſanne dies ſagte, ſprach ſie ſicherlich nicht Alles aus, was ſie dachte. „»Habt Ihr den Abbé Caetano nach Wincheſter geführt, Suſanne?« „Er iſt jetzt bei Lady Lisle, Mylord.“ „Wie wird er ſich freuen, der wuͤrdige Mann, wenn er die Begnadigung meiner Mutter und die Milde des Königs erfährt! Und Lucy, Suſanne?« „»Miß Luch ſchwebt in keiner größeren Gefahr, als da der Abbé Caetano in Taunton war,« antwortete die treue Botin Henry's mit etwas zögernder Stimme. „Euer Ton klingt ſehr ſeltſam, Suſanne; was wollt Ihr ſagen? Seyd offen, ich bitte Euch inſtändig darum. Fürch⸗ tet nicht mir Angſt zu machen. Meine Mutter iſt gerettet und nun kann ich ja nach Taunton eilen. Alſo ſprecht, liebe Freun⸗ din—« „Wohlan, Mylord, wiſſet denn, daß ich, als ich nach Einbruch der Nacht in Taunton anlangte, mein Pferd, wie ich Euch ſchon vorher geſagt, laufen ließ. Zu dieſer noch nicht weit vorgerückten Abendſtunde wären in gewöhnlichen Zeiten alle Kaufläden noch offen geweſen. Jetzt aber waren ſie alle geſchloſſen, ſo groß iſt die Angſt und der Schrecken in dieſer „daß r ein iß ich n be⸗ uner⸗ Euch en in nicht ührt, nn er önigs ls da treue wollt Fürch⸗ t und rreun⸗ nach wie nicht Zeiten e alle 103 unglücklichen Stadt, in welcher der nichtswürdige Kirke herrſcht. Da ich durchaus Niemanden begegnete, ſo konnte ich auch keine Erkundigung nach der Herberge zum„weißen Hirſch“ einziehen, welcher gegenüber das von dem Abbé Cae⸗ tano bewohnte Haus ſteht. Ich begann nun die Straßen zu durchwandern, und ſo viel es mir in der Dunkelheit mög⸗ lich war, die Schilder der Häuſer zu muſtern. So hatte ich eine halbe Stunde zugebracht, als ich an der Biegung der Straße einem alten Manne begegnete.»„Sir,“« ſagte ich ſofort zu ihm,»ich danke dem Himmel, der Euch mir entgegenſen⸗ det. Fremd in dieſer Stadt, weiß ich mich nicht zurecht zu fin⸗ den. Hättet Ihr vielleicht die Güte, mir zu ſagen, wo die Herberge, zum weißen Hirſch“ iſt?« „Die Herberge zum weißen Hirſch!« rief der alte Mann erſchrocken, indem er einen Schritt zurückprallte. Gleich dar⸗ auf aber näherte er ſich mir wieder, ſah mir genau in's Ge⸗ ſicht und hob in ſanftem Tone wieder an:„Wie, mein Kind, Ihr, die Ihr ſo ſchön und ſo jung ſeyd, was wollt Ihr in der Herberge zum»weißen Hirſch«? Nein, es iſt unmöglich, daß Ihr eine jener Unglücklichen ſeyd, welche dort Tag und Nacht mit Kirke und ſeinen Offizieren trinken, tanzen und ſingen.« „Und das habt Ihr mir noch nicht geſagt, Suſanne!« rief Henry im Tone des Vorwurfs. „Was hätte es Euch nützen können, es eher zu wiſſen, Mylord? „Erzählet weiter, Suſanne, erzählet weiter.« Die Irländerin fuhr in ihrer Erzählung weiter fort: „Der Ausruf des Abſcheus, der mir entſchlüpfte, er⸗ warb mir ſofort die Geneigtheit des guten alten Mannes. „»Ihr ſehet,« fuhr er fort,»Ihr hattet wohl Recht, zu ſagen, daß Gott mich Euch entgegengeſendet, meine Tochter. Fremd 104 in dieſer Stadt wäret Ihr ohne Zweifel, wenn Ihr mich nicht getroffen hättet, in dieſe Laſterhöhle gegangen, um darin ein Nachtlager zu ſuchen. Gern wollte ich Euch bei mir aufneh⸗ men, aber—«»O macht Euch keine Mühe,« antwortete ich,»ich könnte euer Anerbieten doch nicht annehmen. Ich komme nicht nach Taunton, um zu ſchlafen! Und wenn ich Euch ſo eben fragte, mir die Herberge zum„weißen Hirſch« zu zeigen, ſo geſchah es nicht, um dort ein Nachtlager zu ſuchen. Ich habe nicht einmal etwas in dieſer Herberge zu thun, ſon⸗ dern blos in der Nachbarſchaft derſelben.«„Vielleicht kann ich Euch nachweiſen, was Ihr ſuchet, mein Kind,“ ſagte der alte Mann.— Dieſer Mann flößte mir, ich wußte ſelbſt nicht weshalb, unbedingtes Vertrauen ein. Der ſanfte Ton ſeiner Stimme, ſein hohes Alter, der Haß, den er gegen Kirke und deſſen Offiziere an den Tag gelegt, ermuthigte mich, ihm, wenn auch nicht den Zweck meiner Miſſion mitzutheilen, doch wenigſtens den Ort zu nennen, an welchen ich mich begeben ſollte. Eine ſehr natürliche Vorſicht hielt aber meine Lippen noch geſchloſſen.—»Entſchuldigt mein Schweigen, Sir⸗⸗ antwortete ich;„es hat für Euch nichts Verletzendes.— Wei⸗ gert Euch indeß nicht, mir die Herberge„zum weißen Hirſch⸗ zu zeigen. Indem Ihr meine Bitte erhört, werdet Ihr mir den größten Dienſt leiſten, den ein Menſch auf dieſer Welt dem andern leiſten kann.— Ihr werdet dazu beitragen eine Seele zu retten.«—„Das hättet Ihr mir gleich ſagen ſollen, meine Tochter,« entgegnete der alte Mann lebhaft.»Der Abbé Caetano wird Euch nicht von der frommen That abwendig machen, die Ihr im Begriffe ſteht zu üben.«—»Der Abbé Caetano? Ihr ſeyd der Abbé Caetano?« rief ich.—»Ja, der bin ich, meine Tochter.«—»Ja, ja, mein Vater, Gott ſelbſt hat uns an ſeiner Hand einander entgegengeführt. Ich licht ein neh⸗ rtete Ich ich « zu hen. ſon⸗ kann der nicht einer und hm, doch eben ppen ir,⸗ Wei⸗ eſch⸗ den dem Beele neine Abbé endig Abbé „Ja, Gott Ich 105 komme, um Euch zu Lady Lisle zu holen, welche von Jef⸗ freys verurtheilt in Wincheſter hingerichtet werden ſoll. Lord Henry Lisle beauftragt mich auch, mit Sir Charles Murray und Miß Lucy zu ſprechen.“— Einen Augenblick ſpäter ward ich durch eine Hinterthür, die auf ein ſchmales Gäßchen her⸗ ausführte, in das Haus des Abbé Caetano eingelaſſen und Sir Charles drückte mir die Hände, und William küßte ſie, und Miß Lucy ſchloß mich in ihre Arme.“ „Wir Alle lieben Euch, Suſanne,« ſagte Henry,„ſeyd Ihr nicht unſer Schutzengel? Aber, mein Gott, welcher Ge⸗ fahr iſt Luch mit ihrem Vater dort ausgeſetzt?« „Sie behaupten Alle, daß gerade dieſe nahe Nachbar⸗ ſchaft ſie bis jetzt vor den Nachforſchungen Kirke’s geſichert hat, denn ich will Euch nicht verſchweigen, Mylord, daß der Obercommandant der königlichen Armee angefangen hat, die Häuſer von Taunton durch ſeine Lämmer durchſuchen zu laſſen.« „Sobald meine Mutter aus Jeffreys Händen erlöſt iſt, eile ich nach Taunton. Morgen Abend hoffe ich dort zu ſeyn—* „Ihr werdet Euch ſelbſt denken, Mylord, daß ich nicht fortgegangen wäre, wenn ich nicht die tödtlichſten Befürchtun⸗ gen in Bezug auf den Erfolg eurer Schritte bei dem König gehegt hätte.«. „Ja, in der That hat Gott Euch den Gedanken eingege⸗ ben, nach London zu kommen, Suſanne.« Die Bruſt der Irländerin hob ſich.* „Gott und auch meine Liebe,« dachte ſie bei ſich ſelbſt, „meine Liebe, die ich leider nicht überwinden kann.“ „Ihr werdet mit mir nach Taunton kommen, nicht wahr, Suſanne?« 106 „»Warum fragt Ihr, Mylord? Glaubt Ihr denn, daß ich die Abſicht habe, mich in Wincheſter von Euch zu trennen?« „»Ihr habt aber doch Maſter Chiffinch verſprochen, nach London zurückzukehren?« „Chiffinch! Was ſprecht Ihr von Chiffinch?— Exiſtirt Chiffinch überhaupt?⸗ Bei den erſten Strahlen des Morgens, welche Suſan⸗ nens Geſicht beleuchteten, ſah Henry mit kaum verhehlter Freude ein ſtolz verächtliches Lächeln die Lippen ſeiner Reiſe⸗ gefährtin umſpielen, als ſie den Namen des erſten Pagen des Königs ausſprach. Als die beiden Reiſenden in Guildford anlangten, nah⸗ men ſie friſche Pferde und ſetzten mit erneuertem Eifer ihren Weg nach Wincheſter weiter fort, wo ſie um vier Uhr Nach⸗ mittags anlangten, nachdem ſie ſeit dem vorigen Abend gegen fünfzig engliſche Meilen zurückgelegt hatten. Da ſie ſich geraden Weges nach dem Gefängniſſe bega⸗ ben, in welchem Lady Lisle ſich befand, ſo ritten ſie über den Marktplatz. Als ſie denſelben erreichten, ſahen ſie ſich genö⸗ thigt, den Schritt ihrer Pferde zu zügeln, denn eine zahlreiche Menge bedeckte den angeheuern Raum, der ſich von einer Reihe Häuſer nach der andern ausbreitete. Auf der Mitte des Marktes ragte, von einer dreifachen Linie von Milizen umſchloſſen, ein hoher Scheiterhaufen em⸗ por, auf deſſen Gipfel Jack Ketch ſtand, und an einige hier erſichtliche Vorrichtungen die letzte Hand legte. „»Warum runzelt Ihr ſo die Stirn, Mylord?“ fragte Suſanne mit gedämpfter Stimme.»Muß man nicht vielmehr lachen, daß ſo viele Mühe und Arbeit umſonſt aufgewendet iſt? Ich gäbe ſonſt etwas darum, wenn ich binnen hier und einer Stunde dem Auftritt beiwohnen könnte, der zwiſchen den beiden Hyänen Jeffreys und Ketch ſtattfinden wird, wenn ſie erfahren, daß man ihnen ihre Beute entreißt. Und dieſe Zuſchauer, welche begierig ſind, einen lebenden Menſchen vom Feuer verzehrt zu ſehen, ſie werden ſich beſtohlen glauben. Hö⸗ ret nur dieſe Elenden!“ In der That wurden in dieſem Augenblick von der un⸗ geduldigen Menge tauſend Fragen und tauſend Antworten ge⸗ wechſelt. „Alſo in einer Stunde, nicht wahr, wird das Schau⸗ ſpiel ſtattfinden?« „Ja. „Ach, das iſt noch lange! Man läßt das Publicum ſtets viel zu lange warten.« »Ach, liebe Freundin,« ſagte eine andere Stimme,„»für die arme Sünderin wird die Zeit immer noch viel zu raſch vergehen. Sie iſt eine gute und wackere Dame, welche den Unglücklichen viel Gutes gethan hat.“ „Das iſt wohl möglich und ich will es gar nicht in Ab⸗ rede ſtellen, aber ſie iſt ja eine Papiſtin! Die Papiſten ſollte man alle verbrennen.“ „Dann müßte man ja den König auch verbrennen.« „»Nun, wer hätte denn etwas dagegen?— Glaubt Ihr denn, daß er noch lange auf dem Throne bleiben werde? Dann täuſcht Ihr Euch ſehr!« Henry und Suſanne ritten weiter und langten bald im Gefängniſſe an. Der Schließer, welcher Lord Lisle erkannte und übrigens ihn ſagen hörte, er bringe die Begnadigung der Verurtheilten, beeilte ſich den Kerker zu öffnen, in welchem Alice, neben ihrem Beichtiger ſitzend und ſchon von ihm vor⸗ bereitet, in friedlicher Ergebung die Stunde des Todes er⸗ wartete. 108 Ihr Sohn ſtürzte auf ſie zu, indem er ihr den Brief des Königs zeigte, faßte ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, in ſeine Arme und drückte ſie weinend an ſeine Bruſt. „»Dies iſt der Begnadigungsbrief, den der König dem Lord Henry Lisle gegeben,« ſagte Suſanne zu dem Abbé Caetano, der ſie erkannt hatte und ſanft lächelnd auf ſie zukam. „Nun, mein Sohn,“« rief Lady Lisle,„zweifelſt Duviel⸗ leicht immer noch an der chriſtlichen Milde des Königs, unſers Herrn? Gott iſt mein Zeuge, daß ich keine Klage gegen unſern vielgeliebten Monarchen hätte lautwerden laſſen, wenn er mich, wie dies ſein Rechtwar, den Flammen überantwortet hätte. Ich freue mich über meine Begnadigung nur deshalb, weilſie Dir be⸗ weiſt, Henry, daß ich mich nicht geirrt hatte, als ich von den Tugenden des Königs ſprach, und indem ich Dich in der Ehr⸗ furcht und in den Geſinnungen erzog, welche jeder gute Eng⸗ länder gegen das königliche Haus der Stuarts und beſonders gegen den König Jacob II. hegen muß. »Ich freue mich geſtehen zu können, meine Mutter, daß ich mich geirrt hatte. Ja, der König iſt gut— anfangs hatte er mich abgewieſen, aber bald änderte er ſeinen erſten Entſchluß, und ich ſage es mit großer Freude, ich hörte Worte der Rührung aus ſeinem Munde, als er mir dieſen Begnadi⸗ gungsbrief zuſtellte. Doch erlaubet, meine Mutter, daß ich Euch dieſes junge Mädchen, Miß Suſanne, vorſtelle. Sie iſt es, wie ich in aller Wahrheit ſagen kann, welche das Herz des Königs zur Milde geneigt gemacht hat.“ „Das Herz des Königs darf nicht erſt zu dem geneigt gemacht werden, was ſein angeborner Hang iſt, mein Sohn,« entgegnete Lady Lisle mit der Miene unüberwindlicher Ueber⸗ zeugung. 109 Indem die unbeugſame Royaliſtin dieſe Worte ſprach, heftete ſie einen langen zweifelnden Blick auf Suſannen. Henry begriff ſofort, daß die ſtrenge Chriſtin Zweifel in Bezug auf das Verhältniß ſetzte, welches zwiſchen ihm und dieſem ſo ſchönen jungen Mädchen beſtehen konnte. „Miß Suſanne,“ beeilte er ſich zu ſagen,»wird näch⸗ ſtens mit Zuſtimmung des Königs Maſter Chiffinch, denerſten Pagen Sr. Majeſtät, heiraten. Dies erklärt Euch den Ein⸗ fluß, den ſie auf die Entſcheidung des Königs hat äußern können, meine Mutter.« „Es iſt,« fügte der Abbé Caetano hinzu,»dasſelbe mu⸗ thige Mädchen, welches die ernſteſten Gefahren beſtanden hat, um mich von Taunton zu holen und zu Euch zu führen, Mylady.“ Lady Lisle's Geſicht nahm nun einen Ausdruck von Güte und Zärtlichkeit an und ſie näherte ſich Suſannen, um ihr ihre Dankbarkeit zu bezeigen, als die junge Irländerin plötzlich auf die Knie niederſank. „Ich wäre glücklich, euren Segen zu empfangen, My⸗ lady,« ſagte ſie mit bewegter Stimme zu Lady Alice, welche durch dieſe freiwillige Demüthigung tief gerührt ward. Während Henry's Mutter die Hände emporhob und die Worte des Segens über das Haupt der Irländerin aus⸗ ſprach, bewegten ſich die Lippen dieſer auf kaum bemerkbare Weiſe. „»Möge,“« ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„das, was ich fuͤr Lady Lisle gethan, meinem Bruder Fitzgerald zur Sühne an⸗ gerechnet werden. Möge der Segen der Gattin, der nun auf mir ruht, Gott bewegen, daß er dem Mörder des Gatten ver⸗ zeihe!« Als Suſanne aufgeſtanden war und Lady Alice ihren 110 Platz auf der hölzernen Bank des Gefängniſſes wieder einge⸗ nommen hatte, bemerkte Henry, daß er auf einige Augen⸗ blicke fortgehen würde, um den Oberrichter aufzuſuchen, ihm den Brief des Königs zu übergeben und ihn um Entlaſ⸗ ſung der Gefangenen zu erſuchen. Als er in der Herberge„zum weißen Hirſch« erſchien, war Jeffreys eben vom Tiſche aufgeſtanden und machte ſich bereit, ſich in Birch's Begleitung nach dem Marktplatze zu begeben. Als der Oberrichter den jungen Mann in das Zimmer treten ſah, wo er eben geſpeiſt hatte, konnte er eine Bewe⸗ gung der Ueberraſchung und Furcht nicht unterdrücken. Sie entging weder dem Advocaten noch Lord Henry Lisle, aber binnen wenigen Secunden war er wieder im Beſitz ſeiner gan⸗ zen gewohnten Arroganz. „Was wünſcht Ihr von mir, Mylord?“ ſagte er zu Henry in einem Tone, dem er Feſtigkeit zu geben ſuchte. „Ich wünſche Euch, Mylord, den Begnadigungsbrief zu uͤberreichen, den der König in ſeiner Milde meiner Mutter zu gewähren geruht hat,« antwortete der junge Offizier mit ruhiger Würde. Jeffreys' Geſicht ward purpurroth und er mußte, um nicht umzuſinken, ſich an den Tiſch halten. Dieſer Zuſtand dauerte aber nur einen Augenblick. Mit mächtiger Willenskraft wußte der Oberrichter ſeine Wuth zu zügeln und die Flüche und Schimpfworte zu unterdrücken, die ihm in Maſſen aus dem Herzen auf die Zunge ſtiegen. „Laßt dieſen Brief ſehen,“« ſagte er, indemer die ſeltſam zitternde Hand ausſtreckte. Lord Lisle übergab ihm den Brief. Beſtürzt und mit finſterem Blick betrachtete Jeffreys ——„n am 111 aufmerkſam das Siegel, zerriß dann mit raſcher zorniger Be⸗ wegung das Couvert, ſchlug den Bogen auseinander und las. Es dauerte nicht lange, ſo erheiterte ſein Geſicht ſich wieder und ein beinahe unbemerkbares Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Ihr habt Recht, Mylord,“« ſagte er mit einem gewiſ⸗ ſen Grade von Leutſeligkeit,»der König iſt erfüllt von Milde und Güte. Sein hier ausgeſprochener königlicher Wille ent⸗ reißt eure Mutter den Flammen. Ich werde mich beeilen, die Befehle des Königs in Ausführung zu bringen.“ „Kommt, Mylord,“ rief Henry mit kindlicher Ungeduld, „kommt mit mir, um meiner Mutter die Thüren ihres Ge⸗ fängniſſes öffnen zu laſſen.“ Jeffreys machte eine freundliche Geberde. „Ich muß vorher,« ſagte er,„gewiſſen unerläßlichen Formalitäten genügen, Mylord. Dennoch aber wird alles mit angemeſſener Beſchleunigung geſchehen, darauf gebe ich Euch mein Wort. Kehret zu eurer Mutter zurück und meldet ihr, daß man ihr in ſpäteſtens einer Stunde die Thüren des Gefängniſſes öffnen wird.« „Ich verlaſſe mich auf Euch, Mylord, und erwarte Euch in einer Stunde.“« Jeffreys verneigte ſich und Henry entfernte ſich, nachdem er die Verbeugung erwiedert. Einen Augenblick ſpäter war der freudetrunkene Sohn wieder bei ſeiner Mutter und erzählte ihr die verſchiedenen Wirkungen, welche der Brief des Königs auf den Oberrichter geäußert hatte— erſtens ſeine verhaltene Wuth, dann ſeine heuchleriſche Sanftmuth und ſein falſches Lächeln, ſobald er ſich überzeugt hatte, daß der Name Lisle weit entfernt war, Gegenſtand des Haſſes Seiner Majeſtät zu ſeyn. 112 Während Lord Henry Lisle, ſeine Mutter, Suſanne und der Abbé Caetano ſich auf dieſe Weiſe mit einander in dem Gefängniß unterhielten, begann aufder Kathedrale das Sterbe⸗ glöckchen zu läuten. „Gott ruſt eine Seele zu ſich,« ſagte der Abbé Caetano „Bitten wir für ſie, meine Kinder.“ „Ja, beten wir,« antwortete Lady Lisle. Der Abbé, die geprüfte chriſtliche Dulderin, Henry und Suſanne knieten nieder und ſprachen ein leiſes Gebet. Plötzlich öffnete ſich die Thuͤr des Kerkers und der In⸗ ſpector des Gefängniſſes trat ein. „Habt die Güte mir zu folgen, Mylady⸗ ſagtes er zu Lady Lisle. „Kommt, athmen wir die Luft der Freiheit, meine Mutter.“ „Und ſegnen wir im Licht der Sonne den König, unſern Herrn, mein Sohn.“ „Und preiſen wir Gott, den Herrn der Könige,“ ſetzte der Abbé Caetano hinzu. Alle gingen hinaus und fanden an der Thür eine Abthei⸗ lung Milizen. „Stellt Euch in die Mitte dieſer Soldaten, Mylady,“ ſagte der Inſpector.»Ich habe Befehl, Euch ihnen zu über⸗ antworten.« „Wo gehen wir denn hin?“« fragte Henry erſtaunt. Ein Mann, den er, wie er ſich ſogleich erinnerte, vor einer Stunde bei Jeffreys geſehen und der Niemand anders war, als der Advocat Birch, näherte ſich ihm und ſagte: „Wir gehen nach dem Marktplatz, Mylord.“ „Nach dem Marktplatz!« rief Henry Lisle im Tone der Entrüſtung.»Und zu welchem Zweck?« 2i⸗ ber 113 „Um den Begnadigungsbrief des Königs zu vernehmen, den der Lord Oberrichter auf demſelben Platze, wo Lady Lisle’s Scheiterhaufen ſtehen ſollte, dem Volke vorleſen wird.« »Gehen wir, mein Sohn,« ſagte die energiſche Lady Lisle.»Es iſt gerecht und gut, daß die Gnade des Königs öffentlich an derſelben Stelle verkündet werde, wo ſeine Ge⸗ rechtigkeit nur zu oft genöthigt iſt Strenge zu üben.⸗ Man ſetzte ſich in Bewegung und einige Augenblicke ſpä⸗ ter langte man auf dem Marktplatze an. Der Scheiterhaufen war verſchwunden und an der Stelle, wo Henry und Suſanne ihn geſehen, erhob ſich ein von einer dreifachen Linie von Milizen umgebenes Schaffot. Auf den Bretern dieſes unheimlichen Gebäudes ſtand Jack Kelch mit dem Beile in der Hand in der Attitude eines infernaliſchen Halbgottes. Jeffreys, der ebenfalls auf den erſten Stufen der ver⸗ hängnißvollen Treppe ſtand, hielt einen aufgeſchlagenen Bo⸗ gen Papier in der Hand und folgte mit dem Auge Lady Lisle, die mit der ſie umgebenden Gruppe auf ihn zukam. Sobald die edle Frau die Linien der um das Schaf⸗ fot herum aufgeſtellten Soldaten erreicht hatte, rief der Ober⸗ richter mit lauthallender Stimme: »Man laſſe Mylady Lisle in den innern Raum treten.« Henry wollte ſeiner Mutter folgen, aber Jeffreys erhob abermals die Stimme. »Mylady Lisle ſoll allein in dieſen Raum treten,⸗ ſagte er.„Ihr Beichtvater kann ihr jedoch folgen.« Der Oberrichter ſchwieg, ließ einen triumphirenden Blick über die Menge ſchweifen und warf Lord Lisle ein ſpöttiſches Lächeln zu. Der Tiger von Tanger. VII. 114 Henry verſuchte, von ſchwarzer Ahnung erfaßt, die Linie der Milizen zu durchbrechen. „»Gehorche, mein Sohn, und bleibe, wo Du biſt,“ rief Lady Lisle ihm mit ruhiger Würde zu. Der junge Mann gehorchte und ſeine Mutter begab ſich, von dem Abbé Caetano begleitet, in den von den Soldaten eingeſchloſſenen Kreis. „Ihr waret verurtheilt, lebendig v Mylady,“« ſagte Jeffreys, ſobald ſie den Fuß des Blutgerüſtes erreicht hatte.»Danket der Gnade des Königs, welche Euch vor dem Flammentode bewahrt. Höret den Wortlaut ſeines ſouverainen Willens, von welchem ich im Begriff ſtehe Euch und das Volk in Kenntniß zu ſetzen.“ Und mit lautſchallender Stimme verlas der Oberrichter den nachfolgenden lakoniſchen Brief: „Mein Wille iſt, Mylord, daß Mylady Lisle nicht den Ihr werdet ſie enthaupten erbrannt zu werden, Flammen überantwortet werde; laſſen. „Jacob.« „Und nun, Mylady Lisle, beſteiget dieſes Blutgeruͤſt und ch die Gnade des Königs gemilderte Strafe. erleidet eure dur heilte, indem „Es lebe der König!« rief die edle Verurt ſie mit feſtem Schritt hinaufſtieg. „Fluch über ihn!« murmelte Lord Lisle, indem er ohn⸗ mächtig in Suſannens Arme ſank. den oten und afe.«* ndem ohn⸗ XI. Die Erweckung. Acht Tage nach Lady Lisle's Enthauptung befanden ſich in einem Hauſe der Stadt Taunton, welches von dem des Abbé Caetano durch eine Entfernung von etwa hundert Schritten und ungefähr zehn dazwiſchenſtehende Häuſer ge⸗ trennt war, ein junger Mann und ein junges Mädchen. Der junge Mann lag in einem ungeheuer großen Bett von maſſiven Formen, deſſen Kopfende der engliſchen Sitte gemäß an der breiteſten Wand des Zimmers ſtand, ſo daß zu beiden Seiten des Bettes viel Raum übrig war. Ganz nahe in einem großen mit grober Schnitzerei verzierten hölzernen Seſ⸗ ſel ſaß das junge Mädchen. Der übrige Raum des Zimmers ward durch einige Stühle von altem Eichenholz, mit portugieſiſchem Leder über⸗ zogen, und einige andere, eben ſo einfache und plumpe Ge⸗ räthſchaften in Anſpruch genommen. Auf einem dieſer Möbels, einer ſchwerfälligen Bank mit Rückenlehne, lagen ein Helm, ein Degen, ein Küraß, ein Büf⸗ felkoller und die übrigen Beſtandtheile der koſtbaren Uniform eines Offiziers der königlichen Carabiniere. Dieſe Waffen und Kleidungsſtücke gehörten Lord Lisle, welcher in dem Bette lag und bei welchem Suſanne wachte. Es war Nacht. Ein kleiner holländiſcher Armleuchter * 116 von polirtem Kupfer ließ von oben den Schein ſeiner weißen Wachskerzen herabfallen und beleuchtete auf geheimnißvolle Weiſe das wehmutherregende Schauſpiel. Henry ſchlief, aber an ſeinen ſich von Zeit zu Zeit run⸗ zelnden Augenbrauen und zitternden Lippen errieth man, daß ſein Schlaf von quälenden Träumen beunruhigt ward. „Wie er leidet!« ſagte Suſanne bei ſich ſelbſt, indem ſie ſich jedesmal über ihn neigte, wenn eine dumpfe, unarticulirte Klage dem Munde des Unglücklichen entſchlüpfte.»Wie er leidet, mein armer Patient!« Dann erhob ſie die Stimme und rief zu wiederholten Malen:„Mylord!— Mylord!— Mylord Henry! Henry!« Und dabei drückte ſie ihm die Hände. Lord Lisle blieb jedoch unbeweglich wie ein Todter oder bewegte ſich in ſeinem fieberhaften Schlaf, antwortere aber nicht. „Ach,“« fuhr die Irländerin fort, ver hört mich nicht. er fühlt nicht den Druck meiner Hand! Und ſeit einer Woche habe ich von ihm noch kein Wort und keinen noch ſo leichten Beweis erhalten können, daß er noch durch ein Intereſſe. durch eine Leidenſchaft, durch einen Wunſch am Leben hängt. Vielleicht liegt der Grund darin, daß ich ihm noch nicht ge⸗ ſagt habe, was ich ihm ſagen ſollte. Ich muß es noch einmal verſuchen.“ Und Suſanne neigte ſich, als ſie an irgend einem Anzei⸗ chen zu ſehen glaubte, daß Henry nicht ſchliefe, ſich abermals über das Antlitz des jungen Mannes und rief, einen hundert⸗ ſten Verſuch machend: „Ich bin es, die Euch ruft, Mylord— ich, Suſanne!« Der Kranke blieb immer noch ſtumm und unbeweglich. „O mein Gott!« murmelte Fitzgerald's Schweſter,„ſo⸗ nichts. Ach, wir wollen ſehen, ob der eines andern weiblichen Weſens ihn auch kalt, gleichgiltig und unempfindlich laſſen wird.* Und Suſanne näherte ihren Mund wieder Henry's Ohr. »Lucy iſt es, die mit Euch ſpricht, Freund— eure Luch,« ſagte ſie mit zitternder Stimme, indem ſie zugleich einen Blick der ängſtlichſten Spannung auf Lord Lisle's Ge⸗ ſicht heftete. Nichts verrieth, daß er gehört, daß er verſtanden hätte. Ein flüchtiger Ausdruck von Freude erglänzte in den Augen der Irländerin, die ſich jedoch ſofort wieder wehmüthig ver⸗ ſchleierten. »Ha, es iſt Unrecht von mir,« fuhr ſie fort,„ein ſol⸗ ches Gefühl in meinem Herzen erwachen zu laſſen. Möge Miß Luch kommen! Möge ſie ihrerſeits verſuchen, Henry wieder zum Leben zurückzurufen; möge es ihr gelingen— ich hoffe, daß Gott mir den Muth und die Kraft geben wird, mich dar⸗ über zu freuen.« In dieſem Augenblick drehte ſich die Thür langſam in ihren gutgeölten Angeln und Hutchins trat ein. »Nun, Miß Suſanne, wie geht es dieſe Nacht mit unſe⸗ rem Kranken?« ſagte er in leiſem Tone, indem er ſich dem Bett näherte. »Ihr ſehet es, Doctor. Er iſt immer noch in demſelben Zuſtande, weder beſſer noch ſchlechter.« »Das wundert mich durchaus nicht, Miß. Es iſt dies ein Uebel. gegen welches die Medicin nichts auszurichten ver⸗ mag, wenn ſie nur gewöhnliche Mittel anwendet. Ihr ſeyd ſelbſt Zeuge, daß ich, ſeitdem Ihr mich von London herbeige⸗ rufen, Alles gethan und Alles verſucht habe, und dennoch gar mein ihm ins Ohr gerufener Name erinnert ihn an 118 habe ich keine entſchiedene Beſſerung herbeiführen können. Wir haben einen andern Weg einſchlagen müſſen, und wir haben wohl daran gethan, wie Ihr bald ſehen werdet. Dieſe Reiſe von Wincheſter nach Taunton geſtattet uns, einen gro⸗ ßen Schlag auszuführen. Ja, er wird uns gelingen, wenn es wahr iſt, wie Ihr mir geſagt habt, daß Lord Lisle die ſchöne Miß Murray mit ſo großer Leidenſchaft liebt. Wird Miß Lucy heute Nacht kommen?“ „Ich hoffe es, Doctor. Der gute Abbé Caetano hat nun wahrſcheinlich ihren Vater beſtimmt, ſie hierher zu führen oder wenigſtens ſie unter der Führung dieſes würdigen Prie⸗ ſters hierherkommen zu laſſen.« „Hat der Abbé auch Miß Lucy von dem unterrichtet, was ſie hier thun ſoll?« „Ich habe mit dem Abbé nicht einmal davon geſpro⸗ chen, Doctor; es war nicht nöthig. Seyd überzeugt, daß Miß Lucy, kaum in dieſes Zimmer eingetreten, von ſelbſt thun wird, was Ihr von ihr wünſchet. Horcht! Es kommt Je⸗ mand— es iſt William, der eben ſo wie Ihr einen Schlüſſel zur Hausthür hat. Wahrſcheinlich kommt er mit denen, welche wir erwarten.« William trat in der That ins Zimmer, aber er war allein. „Nun, warum ſind Sir Charles Murray, Miß Lucy und der Abbé Caetano nicht mit Euch gekommen?« fragte Suſanne. „Wir wollten alle zuſammen fortgehen,« antwortete der alte Diener,„als Maſter Cornwell ins Haus kam.“ „Das iſt ein großes Unglück,« rief Suſanne.„»Was denkt Ihr davon, Maſter William?« — 8A ————— —8½ 8— war 119 „Was ich davon denke, Miß? Ach leider nichts Gutes. Man hat dieſen Unglücklichen, fürchte ich, blos losgelaſſen, um ſeine Spur zu verfolgen. Er iſt ſchon die unfreiwillige Urſache von Lady Lisle's Tode. Ihr werdet bald ſehen, daß er auch hier irgend ein nicht wieder gutzumachendes Unheil anrichtet.“ »Aber Maſter William,« rief Suſanne lebhaft,»dann müßt Ihr ſoſort zu dem Abbé Caetano zurückkehren und un⸗ ſere Freunde alle auffordern, ihr Aſyl zu verlaſſen, welches mir nun durchaus nicht mehr ſicher zu ſeyn ſcheint. Sie mö⸗ gen hierherkommen und hier ihre Wohnung nehmen. Hier ſind ſie vor einem Handſtreiche des Oberrichters oder Percy Kirke's geſichert.« „Das wollen ſie meinem Rathe zufolge auch thun. Ich bin blos vorausgegangen, um zu ſſehen, ob die Straße frei wäre. Wir haben verabredet, wenn ich nicht zurückkäme, ſo ſollte der Abbé mit Miß Lucy nachfolgen, während Sir Char⸗ les ſich mit Maſter Cornwell unterhielte. Erſt nach meiner Rückkehr und wenn ich ihn abgelöſt haben werde, wird er ſelbſt nachfolgen. Ich übernehme die Aufgabe, Maſter Corn⸗ well nach Weſtindien zu ſchicken, um dort Miß Lucy zu ſuchen. — Ich gehe nun— Ihr werdet mich wiederſehen, ſobald es mir gelungen ſeyn wird. uns von dieſem gefährlichen Freunde zu befreien.“ Indem William dieſe Worte ſprach, näherte er ſich dem Bette ſeines Herrn, faßte ihn bei der Hand, küßte dieſelbe ehr⸗ erbietig und innig und verließ dann das Haus in demſelben Augenblick, wo der Abbé Caetano es mit Sir Charles Mur⸗ ray's Tochter betrat. Beide näherten ſich, als ſie in das Zimmer traten, ſofort 120 dem geliebten Kranken, knieten an ſeinem Bette nieder und begannen mit rührender Inbrunſt zu beten. Das Gebet Lucy's war länger als das des ehrwürdigen Dieners Gottes. Während ſie noch die Stirn mit den Hän⸗ den bedeckend den Kopf an den Rand des Bettes lehnte war der Prieſter aufgeſtanden. Nachdem er den, welchen er noch als Kind zu dem katholiſchen Glauben bekehrt, geſegnet, redete er Suſannen und Hutchins an und fragte den Arzt, wie es mit ſeinem Kranken ginge und ob er noch Hoffnung auf bal⸗ dige Geneſung hege. »Meine Aufgabe verſchwindet vor der dort knienden jungen Dame, Sir« antwortete Hutchins, indem er mit dem Finger auf Lucy zeigte.»Eine höhere Macht hat ſie mit wirk⸗ ſameren Mitteln gewaffnet, als die ſind, über welche ich ver⸗ füge. Auf ſie habe ich mein ganzes Vertrauen geſetzt und wenn ich mich nicht irre, ſo werdet Ihr einem jener Wunder beiwohnen, welche den Prieſter und den Arzt, die doch Beide auf ſo verſchiedenen Standpunkten ſtehen, mit gleichem Er⸗ ſtaunen erfüllen. Treien wir jedoch in das Nebenzimmer, von wo aus wir Alles ſehen können, ohne durch unſere Gegen⸗ wart die geheimnißvollen Kräfte zu ſtören, welche ohne Zwei⸗ fel unter ſolchen Umſtänden thätig ſind. Indem Hutchins dies ſagte, ging er in das Nebenzim⸗ mer, wohin ihm der Abbé Caetano und Suſanne nachfolgten. Sie ließen die Thür offen und harrten im Dunkeln ſtehend, was geſchehen würde. „Eine innere Stimme ſagt mir, daß eure Hoffnung ſich verwirklichen werde, Doctor,« murmelte der gute Prieſter leiſe,„denn niemals hat Gott, um eine ſchlafende Seele wachzurufen, ſich einer engelgleicheren Stimme bedient als der, von welcher er in dieſem Augenblicke Gebrauch macht.« il 121 „Aber niemals wird auch die Natur eine ſo ſympathiſche Kraft in Thätigkeit geſetzt haben,« antwortete der Arzt, der ſtets geneigt war, jede Erſcheinung, deren Urſachen er ſich nicht erklären konnte, auf materielle Kräfte zurückzuführen. „Wenn Henry, der gegen meine Stimme taub blieb, der Lucy's antwortet,« dachte Suſanne, welche die Hand auf das ſtürmiſch klopfende Herz drückte,„ſo wird nur die Liebe das Wunder bewirkt haben.« Während ſo dieſe drei Zuſchauer je nach ihren Gedan⸗ ken und Leidenſchaften ihre Vermuthungen über den Auftritt ausſprachen, welcher vor ihnen ſtattfinden ſollte, hatte Lucy den Kopf emporgehoben und heftete, immer noch an dem Bett kniend, einen durch Thränen verdunkelten Blick auf das bleiche Antlitz des jungen Mannes. Von Zeit zu Zeit, wie um beſſer zu ſehen, trocknete ſie ſich die Augen, aber faſt un⸗ mittelbar darauf drangen die Thränen von Neuem hervor und ließen ihren hartnäckigen Schleier zwiſchen die Liebende und das verdunkelte Bild des Geliebten fallen. Plötzlich erhob ſie ſich, ergriff Lord Lisle's Hand und drückte ſie ſanft in ihre beiden. Eine leichte, flüchtige Röthe ſchien ſofort die Wangen und die Lippen des Kranken mit der Farbe des Lebens zu überhauchen. „»Hal« rief Lucy, deren Auge von einem Strahl der Freude und Hoffnung erglänzte,»iſt es möglich? Mein Gott, iſt es wahr? Irre ich mich auch nicht? Sehet doch ſelbſt, Herr Abbé. Scheint Euch Henry jetzt nicht weniger bleich zu ſeyn, als vor wenigen Augenblicken?« Murray's Tochter wendete ſich nach dem Manne herum, den ſie fragte und den ſie noch in ihrer Nähe glaubte. Da ſie ihn aber nicht ſah, ſo richtete ſie, ohne weiter an den würdi⸗ 122 gen Prieſter zu denken, ihren Blick auf den Gegenſtand, der ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Nach einigen Augenblicken neigte ſie ſich, wie vorher Suſanne gethan, zu Henry's Ohr und ſagte leiſe und in einem Tone, der aus den Tiefen der Seele kam: „Henry, mein theurer Henry!« „Lucy,« murmelte ſofort der junge Mann, ohne die Augen zu öffnen und wie im Traume ſprechend:»Lucy!— Biſt Du es endlich?« „Ja, ich bin es, mein Freund.“ „Ach, wie lange habe ich auf Dich gewartet und wie lange biſt Du geblieben! Hörteſt Du denn nicht, Lucy, wie ich Dich in meiner Noth rief? Doch Du biſt nun da, Gott iſt gut!— Du kommſt um mich zu tröſten, nicht wahr?« „Ich komme, um mit Dir zu weinen, Henry.“ Bei dieſen Worten umſpielte ein von unendlicher Weh⸗ muth erfülltes Lächeln die Lippen des Unglücklichen. „Ja,“ ſagte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend,»ſie iſt es wirklich! Sie kommt um mit mir zu weinen, denn ſie weiß, daß mein Schmerz nicht getröſtet werden kann.“ „Henry, theurer Henry, ſprich nicht ſo mit geſchloſſenen Augen.“ „»Mit geſchloſſenen Augen, ſagſt Du, Lucy? Habe ich ſie denn geſchloſſen? Ich ſehe Dich ja, ich ſehe Dich ganz deut⸗ lich. Wie ſchön Du biſt! Wie gut Du biſt! Wie Du weinſt, meine Lucy— und, was ich nie für möglich gehalten hätte, deine Thränen thun mir wohl!⸗ „Die Lebenskräfte gewinnen wieder die Oberhand— die Thätigkeit des Gehirns wird immer klarer— noch eine Anſtrengung und er iſt gerettet,« ſagte Hutchins. „Die Seele ſteht auf dem Punkte, ſich von der irdiſchen Hülle freizumachen. Sie wird ſiegreich aus dieſem ſchon ſo langen und ſo ſchmerzlichen Kampfe hervorgehen. Bitten wir Gott, daß er ihren Sieg vollſtändig mache!“ entgegnete der ehrwuüͤrdige Caetano. „O wie er ſie liebt! wie er ſie liebt!« murmelte die Ir⸗ länderin, indem ſie ihre Thränen zu verbergen ſuchte.»Wenn man bedenkt, daß ein Kuß, ein einziger Kuß dieſer kalten Puritanerin ihn heilen wurde! Ha, wird man ſie bitten müſ⸗ ſen, ihm dieſen Kuß zu geben— dieſen Kuß, der mich tödten wird?« Lucy, die vollkommen Allem fremd war, was außer ihr und Henry vorging, neigte ſich zu dem Manne herab, der ihr Verlobter geweſen, und drückte ihre Lippen auf ſeine Stirn, während gleichzeitig ihre langen Locken mit ihren gol⸗ denen Ringen das Antlitz dieſes armen Kranken ſtreiften. Die Wirkung dieſer doppelten Liebkoſung war eine augenblickliche. Henry ſchlug die Augen auf und ſetzte ſich in dem Bett in die Höhe. Zuerſt ließ er den erſtaunten Blick eines Menſchen, der aus einer langen Ohnmacht erwacht, in dem ganzen Zimmer umherſchweifen, dann heftete er ihn auf Lucy und ſeine ganze Seele ſchien daraus hervorzuleuchten. Suſanne wollte auf ihn zu ſtürzen. Hutchins hielt ſie zu⸗ rück und ſagte in raſchem, leiſem, aber eindringlichem Tone: „Hütet Euch, Euch in dieſem Augenblicke zu zeigen. Euer Anblick würde ihn zu ſehr und zu plötzlich an das furcht⸗ bare Schauſpiel der Hinrichtung ſeiner Mutter erinnern. War⸗ tet, bis er Euch ruft.« „Ich ſoll warten bis er mich ruft, Doctor?« entgegnete Suſanne mit einer Ergebung, die ſtärker war als ihre Liebe. „Ach, wird er ſich wohl auch nur erinnern, daß ich überhaupt exiſtire, ſo lange Miß Lucy bei ihm iſt?« 124 „»Wenn Ihr ihn liebt, ſo beklagt Euch nicht darüber. Laſſet ihn weinen, laſſet ihn lange und viel weinen. Um die⸗ ſen Preis wird er ſeine Geneſung erkaufen.« Mittlerweile hatte Henry Luchy's beide Hände ergriffen, drückte ſie an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit Küſſen und benetzte ſie mit Thränen. Dann hob er die Augen zu Lucy auf. „Du weißt, o meine theure Seele,« ſagte er ſchluch⸗ zend, als ob er eine angefangene Unterredung fortſetzte,„Du weißt, daß man mir meine Mutter genommen und ſie umge⸗ bracht hat, nicht wahr? Du weißt, welches unwürdige Spiel man mit mir getrieben, mit welcher Barbarei man mich hin⸗ tergangen, welche Hoffnungen man mir gemacht und mit wel⸗ chem Donnerſchlag man ſie wieder vernichtet hat. Jeffreys! Jeffreys! Gott wird ihn einſt in meine Hände geben! Aber wirſt Du es wohl glauben, Lucy, daß der König ſelbſt in dieſer Sache die Rolle eines nichtswürdigen Heuchlers geſpielt hat? Suſanne wird es Dir erzählt haben. Nicht wahr, Lucy, ſie hat es Dir erzählt?« „Ich habe Miß Suſanne noch nicht geſprochen, Henry, aber ich habe von dem Abbé Caetano und von William er⸗ fahren, auf welche Weiſe ſie ſich für Dich aufgeopfert hat, und mein Herz iſt erfüllt von Dankbarkeit gegen ſie. Ich habe Dir es aber ſchon geſagt, Henry; ich bin gekommen, um mit Dir zu weinen. Erzähle mir daher ſelbſt alle deine Schmer⸗ zen, ubergehe keinen derſelben mit Stillſchweigen. Schütte deine ganze Seele vor deiner Freundin aus und laß uns mit einander weinen. Du biſt noch ſchwach— lehne deinen Kopf hierher auf meinen Arm— fuürchte nicht mich zu ermüden. So iſt es gut. Nun ſprich, ich höre Dich— Du weißt mit welchem Intereſſe.« Lord Lisle verſank, anſtatt die Erzählung zu beginnen, 12⁵5 welche Lucy von ihm verlangte, allmälig in tiefes Hinbrüten. An den Falten ſeiner Stirn, an der Starrheit ſeines Blickes ſah man, daß er Erinnerungen zu erneuern ſuchte, deren Zu⸗ ſammenhang und Aufeinanderfolge ihm entſchlüpft war. „Nein, ich habe nicht den Verſtand verloren,« ſagte er plötzlich,„nein, ich irre mich nicht— es iſt eine Lücke in meinen Gedanken und in meiner Exiſtenz eingetreten. Um der Liebe willen, die ich nicht einen einzigen Tag lang aufgehört habe für Dich zu hegen, meine Lucy, hilf mir mich beſinnen. Wo bin ich jetzt?« „In Taunton, Henry.“ „In Taunton?— Aber Wincheſter— ich habe alſo Wincheſter verlaſſen? Wann und wie aber?— Warum?— Wo iſt Suſanne? Lucy, wo iſt Suſanne?« »Hier bin ich, Mylord!« rief die Irländerin, indem ſie auf das Bett zukam. „Ihr habt mich gewartet und gepflegt, meine arme Suſanne,“« ſagte Henry, indem er Fitzgerald’s Schweſter die Hand reichte.»Das iſt recht von Euch— Ihr ſeyd eine treue, ergebene Freundin. Wie habe ich mich auch nach eurem Anblick geſehnt! Wie ſtarb meine Mutter?« „Sie konnte nur auf eine Weiſe ſterben. Sie ſtarb, wie ſie gelebt hatte— heldenmüthig! „Eure Mutter iſt als Chriſtin geſtorben, Henry,« ſagte der Abbé Caetano, indem er ſich mit Hutchins ebenfalls⸗ näherte. „Ja, ja, ich entſinne mich,« unterbrach ihn Lord Lisle. „Auf dem Blutgerüſt ſtehend und ſchon von den Händen des Henkers ergriffen, ſegnete ſie noch dieſen verworfenen Jacob Stuart!— Was ging denn dann mit mir vor?« 126 „Ich ließ Euch nach Hauſe bringen, Mylord,« antwor⸗ tete die Irländerin. „Nach Hauſe?— In das Haus meiner Mutter?« »Ja, Mylord.« „Wie kommt es denn, daß ich jetzt in Taunton bin?⸗ „Der Arzt befahl mir, Euch hierherſchaffen zu laſſen,⸗ ſagte Suſanne, indem ſie zugleich mit einer Handbewegung auf Hutchins deutete. »Warum denn?« „Um die Wiſſenſchaft durch den Arzt unterſtützen zu laſſen, welcher nach Gott der Mächtigſte iſt.⸗ „Und wer iſt dieſer Arzt?« „»Die Liebe.⸗ Henry betrachtete Suſanne mit erſtaunter Miene. „Ja, Mylord,“« fuhr die Irländerin mit bewegter Stimme fort,»der Mann der Wiſſenſchaft, den ich von Lon⸗ don kommen ließ, um Euch in Behandlung zu nehmen, ſah bald ein, daß er nicht im Stande wäre, eure durch den Schlag, der eure Mutter getroffen, betäubte Seele wieder zu erwecken. Er geſtand mir, daß ſeine ganze Wiſſenſchaft an der Unermeßlichkeit des Uebels ſcheitern würde und fragte mich, ob Ihr nicht in eurem Herzen eine Liebe trüget, die eben ſo tief ſey als euer Schmerz. Ich antwortete ihm, daß in Taunton eine junge Dame wohne, welche Ihr mehr liebtet als eure Mutter—« „Mehr als meine Mutter?« rief Henry, indem er das Haupt beugte als ob die Wucht der Reue ihn niederdrücke. „Ja, Mylord, mehr als eure Mutter, denn um eurer Verlobten würdig zu bleiben, habt Ihr ſie ſtets der hochge⸗ ehrten Frau geopfert, die Euch unter ihrem Herzen ge⸗ tragen.“ 8 mn. 0 0/ „Und Ihr, Suſanne, habt mich in Miß Luch's Nähe gebracht?« „Die Wiſſenſchaft hatte erklärt, daß nur Miß Luchy's Stimme mächtig genug ſeyn würde, um eure Seele aus dem Abgrund heraufzurufen, in welchen euer Schmerz ſie verſenkt — konnte ich daher wohl zögern?« „Ihr ſeyd ein edles Herz. Suſanne.⸗ „Und ich ſchmeichle mir, daß es mir auch nicht ganz an Scharfſinn mangelt, denn ich ſah ſofort ein, daß Doctor Hutchins das einzige wirkſame Mittel errathen und bezeichnet hatte.« „Alſo,« ſagte Henry, indem er ſich zu Luch wendete, „Du biſt es, geliebter Engel, der dem unglücklichen Irrſinni⸗ gen den Verſtand und das Bewußtſeyn wiedergegeben hat? Ich hätte es ſofort errathen ſollen, als ich bei meinem Erwa⸗ chen Dich an meiner Seite und mit zärtlicher Sorgfalt bei mir wachen ſah.« Lord Lisle ſchwieg einen Augenblick, faßte Lucy’s Hand und betrachtete ſie mit zugleich ſanftem und wehmüuͤthigem Ausdruck. „Lucy,« ſagte er zu ihr in einem Tone unausſprechli⸗ cher Zärtlichkeit,„ich hätte einige Worte mit Dir unter vier Augen zu wechſeln. Erlaubſt Du mir, unſere Freunde zu bit⸗ ten, uns einen Augenblick allein zu laſſen?⸗ „Thue wie Dir beliebt, Henry,« antwortete Luch mit liebenswürdiger Einfachheit. Der Prieſter, der Arzt und Suſanne hatten die Frage und die Antwort gehört. Die beiden Erſten zogen ſich mit unwillkürlicher Ehrerbietung in das Nebengemach zurück, in welchem ſie ſich ſchon einmal befunden, und die Irländerin 128 folgte ihnen mit geſenkter Stirn, während ihr Gemüth von den Qualen der Eiferſucht gefoltert ward. »Lucy, meine Geliebte,« ſagte Lord Lisle, ſobald er ſich mit der Tochter des Puritaners allein ſah,„verzeihe mir, wenn ich Dich noch nicht nach dem Befinden deines Vaters gefragt habe. Lebt er immer noch ſicher in dem Hauſe unſe⸗ res würdigen Freundes, des Abbé Caetano?« „Bis jetzt ſind wir noch nicht beunruhigt worden, Henry. Wahrſcheinlich in Folge des Umſtandes, daß unſer gütiger Wirth ſich zu derſelben Religion bekennt, wie der König Ja⸗ cob Stuart, iſt man nicht auf den Einfall gekommen, daß er flüchtige Rebellen bei ſich verborgen halten könne. Darin hat bis jetzt unſere Sicherheit gelegen. Ich verſchweige Dir indeſ⸗ ſen nicht, Freund, daß mein Vater und ich im Begriff ſtehen, das Haus des Abbé Caetano zu verlaſſen, weil ſich dieſer unglückliche Cornwell darin eingefunden hat.« »Daran thut Ihr ſehr wohl, Lucy,« rief Lord Lisle unwillkürlich ſchaudernd.»Alſo dieſelben Menſchen, welche meine Mutter gemordet, haben Cornwell freigelaſſen? Seyd überzeugt, daß hinter dieſer Nachſicht irgend eine blutige Schlinge verborgen iſt. Was Du mir übrigens hier mittheilſt, läßt mich wünſchen, meinen Plan um ſo ſchneller in Ausfüh⸗ rung bringen zu können.— Ich hoffe, daß Du Dich damit eben ſo einverſtanden erklären wirſt, wie dein Vater— Ihr ſeyd Beide geächtet. Man ſucht mit der Hartnäckigkeit des Verbrechens euer Aſyl, welches Gott bis jetzt verborgen ge⸗ halten hat. Aber wir müſſen dieſes Land des Blutes und des Todes verlaſſen. Wir müſſen nach Holland gehen. Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich noch länger einem König diente, der mir meine unſchuldige Mutter geraubt und ſie mit dem Begnadigungsbriefe, mit dem er mich belog, dem Henker an — u 129 überliefert hat. Ich werde ihm daher meine Entlaſſung ein⸗ reichen, um Perey Kirke gegenüber, deinem Verfolger, frei zu ſeyn. Dann kann ich dieſen wilden Soldaten fordern, wenn er mir zu ſeinem Unglück in den Weg kommt. O, fürchte nicht für mein Leben, Lucy. Nein, ſo lange ich Dich vertheidige, hat Kirke keine Ausſicht, mich zu beſiegen.« Lord Lisle ſchwieg einen Augenblick, dann fuhr er, Lucy an ſich drückend, mit ſteigender Wärme fort: »Lucy, als ich eines Tages, um Dir zu folgen, meine Mutter verlaſſen wollte, wußteſt Du mich durch eine Geberde, durch ein Wort zu der großen Pflicht des kindlichen Gehor⸗ ſams zurückzuführen. Ich entſagte Dir, dem Glück meines ganzen Lebens, um dem gekrönten Henker treu zu bleiben, den Lady Lisle ihren König nannte und der zu ihrem Mörder ward. Die Ermordung meiner Mutter hat mir meine Freiheit zurückgegeben— ich biete Dir von Neuem meine Hand und mein ganzes Seyn, Luch— ich biete Dir mein Herz, welches nur für Dich geſchlagen— ich biete Dir mein Denken, zu welchem Du mich wieder erweckt haſt. Nur das Schickſal hatte Dir dies Alles während einiger kurzen Wochen geraubt. Mein freier Wille gibt es Dir heute zurück. Sage, geliebte Seele, nimmſt Du es an?« Lucy legte ihre beiden Hände auf's Herz heftete ihren feuchten Blick auf Lord Lisle und ſagte: »Ich nehme es mit um ſo größerer Freude an theurer Henry, als ich Dich ſelbſt darum bitten wollte. Ja, ſobald ich Mylady Lisle's beklagenswerthen Tod erfuhr, begriff ich, daß Du nicht mehr im Dienſte des Königs bleiben würdeſt, und was könnte Dich dann die Einwilligung oder Nichtein⸗ willigung dieſes Mannes kümmern? Und— und— warum Der Tiger von Tanger. VII. 9 130 ſollte ich es Dir verſchweigen, das, was Du mir ſoeben ge⸗ ſagt, Henry, wird viel dazu beitragen, den Kummer meines Vaters zu lindern. Ach, wenn Du wüßteſt, wie ſehr er Dich liebt, wie hoch er Dich achtet, dieſer edle Greis! Ganz gewiß würdeſt Du nicht gleichgiltig gegen die Freude ſeyn, welche Du ihm bereiten wirſt.* „Ich, Lucy, ſollte gleichgiltig ſeyn gegen die Freude, welche ich deinem Vater bereiten will? Wo iſt er? Warum iſt er noch nicht bei uns, damit ich ihn wieder um deine Hand bitten kann? Der Abbé Caetano iſt hier— er liebt mich auch, dieſer ehrwürdige Mann Gottes! Und mit welchem Lobe ſpricht er von Dir! Ach, Lucy, meine angebetete Lucy, wie weit entfernt war ich zu glauben, daß der entſetzliche Schmerz üͤber die Ermordung meiner Mutter durch den Ton deiner Stimme, durch den Blick deines Auges, durch die Beweiſe deiner Zärtlichkeit ſo gemildert werden könnte! Ich bin ſo glücklich, daß ich einen Vorwurf in meinem Herzen erwachen fühle; ich fürchte—* „Da kommt mein Vater, Henry,“« ſagte Lucy, indem ſie ihren Arm um den Hals ihres Verlobten ſchlang;»ich will, daß er gleich durch unſern Anblick ſein Glück er⸗ fahre.« Die Thür öffnete ſich und William trat mit verſtörter Miene ein. „Was fehlt Dir?« rief ihm Lord Lisle entgegen, wäh⸗ rend gleichzeitig der Abbé, der Doctor und Suſanne bei dem Geräuſch herbeieilten, welches der Eintritt des alten Dieners verurſachte. „Was mir fehlt? Ach, Mylord, ich habe Euch ein gro⸗ 131 ßes Unglück zu verkünden: Dieſer Cornwell iſt ein räudiger Hund, den man ohne Erbarmen todtſchlagen ſollte.« »Aber warum denn? Was iſt geſchehen? So ſprich doch!“— „»Das Haus des Abbé Caetano iſt von Kirke's Lämmern umzingelt und ſie ſchicken ſich eben an hineinzudringen, um ſich Aller zu bemächtigen, die ſie darin finden.« „»Mein Vater! mein armer Vater!« rief Lucy, indem ſie nach der Thür eilte. »Laßt ſie nicht fort!« rief Lord Lisle allen übrigen im Zimmer Anweſenden zu. Der Prieſter, der Arzt und der alte Diener ſtellten ſich Murray's Tochter in den Weg, aber Suſanne kam ihnen noch zuvor, indem ſie eiligſt an die Thür ſprang und Lucy auf⸗ hielt. »Gehet nicht hin, gehet nicht in dieſe Schlinge!« rief ſie.»Sehet Ihr denn nicht, daß man es auf Euch abgeſehen hat? Bleibet hier; ich werde zu Kirke gehen.« Suſanne führte hierauf Murray's Tochter zu Lord Lisle zurück, und ehe ſie ſich entfernte, um ihren großmüthigen Ent⸗ ſchluß auszuführen, ſah ſie ihre Nebenbuhlerin weinend ihr Haupt an Henry's Bruſt bergen. XII. Die Gefangennehmung des Puritaners. Suſanne verſuchte erſt zu der Thür hinauszugehen, wel⸗ che in das ſchmale Gäßchen führte, von welchem wir bereits geſprochen. Kaum aber hatte ſie den Kopf hinausgeſteckt, ſo fuhr ſie wieder zurück. Eine Menge Soldaten, welche Fackeln in den Händen trugen, bewachten ſo zu ſagen jedes Haus. „Percy Kirke hat ſeine Vorkehrungen getroffen,« dachte die Irländerin.»Das Gäßchen wird von Gärten eingefaßt und man hat gefürchtet, daß die Fliehenden über die Mauern dieſer Gärten klettern, anſtatt unmittelbar aus dem umzingel⸗ ten Hauſe zu entrinnen— wir wollen ſehen, ob die Haupt⸗ ſtraße freier iſt—⸗ Suſanne lenkte ihre Schritte ſofort nach der Vorder⸗ thür, legte das Ohr an das dicke Eichenholz, hörte kein Ge⸗ räuſch von der andern Seite, öffnete und ging hinaus. Vor dem Hauſe war die Straße in Dunkel und Schwei⸗ gen gehüllt, etwa hundert Schritte weiter jedoch nach der rech⸗ ten Seite hin beleuchtete ein heller röthlicher Schein die ſtei⸗ nernen Fagaden, während ſich zugleich ein dumpfes Gemur⸗ mel von verworrenen Stimmen hören ließ. S ●☚ 133 Die unerſchrockene Schweſter Fitzgerald's ging ſogleich in der Richtung des Lichtſcheines und des Geräuſches weiter. Es dauerte nicht lange, ſo konnte ſie ſehen und hören. Etwa fünfzig Lämmer ſtanden anſtatt in Zwiſchenräumen wie in dem engen Gäßchen mit den Fackeln in der Hand alle auf einem einzigen Punkte zwiſchen der Herberge„zum weißen Hirſch« und dem Hauſe des Abbé Caetano beiſammen, ſo daß dieſe beiden Häuſer vollſtändig beleuchtet wurden. Auf dem Balcon der Herberge neigten ſich einige elegant l⸗ gekleidete Frauen mit Blumen im Haar und das Glas in der ts Hand aufmerkſam und neugierig vorwärts, um zu ſehen, wer ſo aus dem von den Lämmern durchſuchten Hauſe gegenüber her⸗ In auskommen würde. es Kirke ſtand mit Dreien ſeiner Offiziere mitten unter die⸗ ſen Frauen. Bei dem Schein der Fackeln ſah Suſanne, die te ſich in der Vertiefung einer nahen Thür verborgen hielt, die ßt grimmigſte Freude auf dem Geſichte des Obercommandanten en der königlichen Armee leuchten. Der Tiger erwartete die Beute, welche ſeine Treiber aufzuſuchen gegangen waren. Er glaubte t⸗ ſchon jenes ſo ſehnſüchtig begehrte und ſeit ſo langer Zeit ver⸗ folgte unſchuldige Weſen in ſeinen Klauen zu halten. Das Bild, welches Suſanne vor Augen hatte, ward 85 durch eine furchtbare Erſcheinung vervollſtändigt. An der eiſer⸗ nen Stange, an welcher das Schild des»weißen Hirſchen« 4 hiing, drehten die Leichen zweier Gehängten, an deren Füßen ele von Zeit zu Zeit die Muskete des ſchildwachtſtehenden gleich⸗ ch gailtigen Soldaten anſtreifte, ſich langſam und ſchauerlich um ei ihre eigene Axe. 45»Wird man denn gar nicht wieder aus dieſem Hauſe 1 V herauskommen?« rief plötzlich Percy Kirke, der des Wartens 134 überdrüſſig war.»Braucht man denn eine ganze Nacht, um einen alten Mann und ein junges Mädchen feſtzunehmen? Ich werde dieſen Bell und dieſen Colman noch aufknüpfen laſſen, damit ſie flinker ſeyn lernen.“ „Wißt Ihr, General, daß eure Ungeduld weder liebens⸗ würdig noch galant iſt?« ſagte eine der Frauen, die neben dem Soldaten von Tanger auf dem Balcon ſtanden.»Es iſt wirklich ein Wunder, daß dieſe Lucy eure ganzen Gedanken ſo ausſchließlich in Anſpruch nimmt.« „Ihr werdet ſie ſogleich ſehen, meine ſchöne Coralie,« entgegnete Percy Kirke mit zerſtreuter Miene,»und Ihr ſollt dann ſelbſt euer Urtheil über ihre Schönheit ſprechen.“ „Aber, General, man ſagt, Ihr hättet einen Nebenbuh⸗ ler und zwar einen glücklichen Nebenbuhler,« antwortete die junge Frau mit ſpöttiſchem Lächeln. „Dann wehe ihm! Wehe ihm und ihr, wenn Ihr die Wahrheit ſprecht!« „Verbannet doch dieſe düſteren Gedanken, mein ſchöner Sultan,“ rief in verändertem Tone die Courtiſane, welche Percy Kirke ſo eben Coralie genannt.»Macht nicht auf dieſe Weiſe die Liebe zum Gegenſtande ſchmerzlicher Thränen und grimmigen Zornes! Kommt, ſtoßt an und trinket! Kommt und laßt mich eure Stirn mit ſo viel Kronen ſchmücken, als Ihr Siege errungen habt!— Kommt!— Hab ich denn auf⸗ gehört ſchön zu ſeyn? Sind meine ſo eben noch von euren Küſſen purpurroth gedrückten Lippen jetzt einem leeren Becher gleich, ohne Wohlgeruch, ohne Geſchmack? Ihr Undankbarer wollet nicht mehr in meinem ſchwarzen Haare wühlen? Wie! Um eines Weſens willen, welches Euch flieht, verſchmähet 13⁵ Ihr alle anderen Frauen? Ihr weiſet die Blumen zurück, die ich Euch biete?— Habt Ihr denn den Ausſpruch Mahomets vergeſſen, den Ihr meinen Genoſſinnen und mir ſo oft wie⸗ derholt: Um den auf die Erde verbannten Menſchen zu trö⸗ ſten, hat Allah die Frauen und die Wohlgerüche er⸗ ſchaffen.“ Trotz aller dieſer Anſprachen ſeiner herausfordernden wollüſtigen Gefährtin blieb Percy Kirke ſtumm, kalt und gleichgiltig. In dieſem Augenblick fand unter den vor der Wohnung des Abbé Caetano ſtehenden Soldaten eine große Bewegung ſtatt. Das auf die Thür, zu welcher die Soldaten herauszu⸗ kommen begannen, geheftete Auge des Generals erglänzte von einer unheimlichen Flamme. „Ha!« murmelte er mit dumpfer Stimme.»Da ſind ſie! da ſind ſie!« Ein alter Mann, den zwei Lämmer, Colman und Bell, beim Kragen gepackt hielten, erſchien auf der Schwelle des Hauſes des katholiſchen Prieſters. Es war Sir Charles Murray. Der alte Puritaner zeigte eine ruhige, ſtolze Miene, und ſein Gang war würdevoll. Cornwell kam hinter ihm mit verſtörtem, er⸗ ſchrockenem Antlitz, betäubt durch das Geſchrei und Gelächter, welches an ſein Ohr ſchlug. Die Rotte, welche die beiden Gefangenen in ihrer Mitte ſchleppte, ſchritt uͤber die Straße und machte unter dem Bal⸗ con Halt. „Iſt das euer ganzer Fang?⸗ rief Percy Kirke in ge⸗ reiztem Tone. 1 „Wir haben das ganze Haus vom Keller bis zum ober⸗ 136 ſten Boden durchſucht,« antwortete Colman,»aber weiter nichts gefunden, als dieſe beiden Galgenvögel.⸗ „Fluch und Verdammniß!“ heulte Kirke;»werde ich ſie denn niemals in meine Gewalt bekommen?« „Sollen wir eine Quantität Stroh in dieſer Spelunke anbrennen, General?« fragte Bell.»Der Rauch würde die Andern, wenn noch welche darin ſind, bald aus ihren Löchern hervortreiben.« „Nein,« antwortete der Vater der Lämmer,„man fahre aber fort alle Ausgänge des Hauſes zu bewachen. Was die beiden Gefangenen betrifft, ſo führe man den Greis ins Ge⸗ fängniß und laſſe den Andern zu mir heraufkommen.« Die Soldaten gehorchten dieſen drei Befehlen— einige blieben auf ihrem Beobachtungspoſten, andere machten ſich, von Bell angeführt, mit Sir Charles auf den Weg nach dem Gefängniß, und Colman ging Cornwell bei dem Kragen mit ſich ſchleppend in die Herberge„zum weißen Hirſch“ hinein. Mittlerweile hatten Percy Kirke und ſeine Tiſchgäſte den Balcon verlaſſen und waren in den Speiſeſaal zurück⸗ gekehrt. „Der Menſch, den man uns bringt, iſt ein Dichter, meine Damen,“ ſagte Percy Kirke, deſſen üble Laune beinahe ganz verſchwunden zu ſeyn ſchien,„und überdies iſt er auch der platoniſche Anbeter der ſchönen Luch. Verlanget einige Verſe auf ſie und Ihr werdet ſehen, wie reich die Quelle iſt, aus welcher ſie fließen.« »Nein, keine Verſe auf dieſen fleckenreinen Engel,« un⸗ terbrach ihn Coralie.»Euer Kummer, General, unterhält uns in ſeiner ſtummen Sprache genugſam uͤber dieſes widerwärtige 137 Thema. Wenn euer Gefangener ein Dichter iſt, ſo möge er die Liebe und ihre Freuden, die Wolluſt und ihre Wonne, den Wein und den Rauſch beſingen. Wenn er ſich weigert, ein lu⸗ ſtiges Tafellied zu dichten, wenn er in eine weinerliche Pſal⸗ modie über die jungfräuliche Liebe verfällt, ſo hänge man ihn auf.“ „O nein, deswegen nicht!« rief Kirke, indem er eine der Roſen in dem Kranze Coraliens entblätterte.»Ein Jäger ſchießt ſeinen Hund nicht nieder, weil er vor einem andern Wild ſtehen geblieben iſt als dem, welchem die Verfolgung eigentlich gilt. Dieſer Cornwell iſt ein vortrefflicher Jagdhund. Er hat Mylord Jeffreys und mir ſchon zweimal zu einem ganz vortrefflichen Fang verholfen— Lady Lisle in Wincheſter und Sir Charles Murray, der eben jetzt vor euren Augen feſtge⸗ nommen worden iſt. Er verdient daher zu leben und er ſoll leben.« »Ja., ich verſtehe,« entgegnete Coralie, ver ſoll leben, weil er endlich, wenigſtens hofft Ihr es, vor dem ſchönen Wilde ſtehen bleiben wird, welches Ihr mit einer Ausdauer verfolget, die leider eines beſſern Erfolgs würdig wäre. Ich weiß nicht warum, General, aber ich fürchte, daß Ihr niemals Hallali blaſen werdet.« „Da irrt Ihr Euch, ſchöne Spötterin. Noch ehe dieſer Tag zu Ende iſt, wird Lucy in meiner Gewalt ſeyn.« „Hal« rief die eiferſüchtige Courtiſane in ſichtlicher Un⸗ ruhe,»wie werdet Ihr es denn anfangen, eure unzähmbare Puritanerin zu bändigen?« „Das iſt mein Geheimniß,« antwortete Percy Kirke und drehte ſich dann nach Cornwell herum, der ſchon ſeit einigen Secunden im Zimmer ſtand. 138 „Ah, Du biſt es?« ſagte er in freundlichem Tone zu ihm, „Du biſt es, mein berühmter Dichter? Muß ich Dir denn ſtets unter Umſtänden begegnen, die es rechtfertigen würden, wenn ich Dich ſofort aufknüpfen ließe? In Newgate, in Bridgewa⸗ ter, in Taunton— überall ſpielt dasſelbe Stück. Wie es ſcheint, iſt es dein Schickſal, den Galgen zu verdienen, und das meinige, Dich davor zu bewahren.“ „Werdet Ihr mich auch heute wieder davor bewahren, General?« fragte Cornwell mit einer kläglichen Miene, welche die ſäm mtlichen Zuſchauer bewog, ein lautes Gelächter anzu⸗ ſtimmen. 3 „Ja,« antwortete Kirke mit anſcheinender Offenheit. „Warum thue ich es? Frage mich nicht darnach, denn ich weiß es ſelbſt nicht.« „Ich weiß es, General;“« entgegnete der arme Schelm, der wieder ein wenig Muth zu faſſen ſchien. „Ahl Du weißt es?« ſagte Percy Kirke die Stirn run⸗ zelnd, denn er glaubte, ſeine treuloſen Abſichten ſeyen durch⸗ ſchaut und entdeckt.„Wohlan! Was veranlaßt mich denn, Dich ſtets zu ſchonen? So ſprich doch!« „Ihr ſchont mich, General,« antwortete Cornwell, in⸗ dem er würdevoll den Kopf emporrichtete und mit der Hand eine feierliche Geberde machte,»Ihr ſchont mich, weil Ihr unwillkürlich fühlt daß Plato die Wahrheit geſprochen hat. Ihr waget nicht ein Haar auf meinem Haupte zu krümmen, weil für Euch wie fuͤr jenen unſterblichen Geiſt der Dichter etwas Höheres und Geheiligtes iſt.« Coralie und ihre Genoſſen, welche ſeit acht Tagen ſo viele von den wilden Soldaten von Tanger befohlene Hinrich⸗ 139 tungen mit angeſehen, Colman und die Offiziere des Regi⸗ ments, welche Kirke zur Ehre ſeiner Tafel zugelaſſen, glaubten, er werde durch die excentriſche Anrede des Gefangenen aber⸗ mals zur Wuth gereizt werden. Aber dies war nicht der Fall. Der General forderte alle ſeine Gäſte auf, ihre Gläſer zu fül⸗ len, ſchenkte ſelbſt deren zwei voll, überreichte eins Cornwell und rief, indem er ihm mit freundſchaftlicher Miene zu⸗ lächelte: „Du haſt Recht, mein Freund, Du biſt mir heilig. Nie⸗ mals werde ich mich des Todes des Dichters Cornwell ſchuldig machen; ſtoße mit mir an, leere dein Glas und ſey frei. Geh hin und ſinge zu den Füßen deiner Muſe! „Damit werde ich allerdings den Reſt meines Lebens zubringen, da Ihr die Gnade habt, mir es zu ſchenken,« antwortete der Dichter, indem er ſich verneigte. Dann fuhr er mit kaum verhehltem Lächeln und mit ſich ſelbſt ſprechend fort: „Er wird mir wieder durch ſeine Lämmer nachſchleichen laſſen, aber ſie ſollen ſich umſonſt bemühen. Weiß ich wohl, wo ſich dieſe arme geſcheuchte Gazelle verborgen hält? Ach, wenn ich es wüßte, ſo würde ich ſie ſofort von den Gefahren benachrichtigen, welche ihr drohen und ich würde die Spür⸗ hunde dieſes heuchleriſchen Kirke auf eine falſche Fährte brin⸗ gen, wie ich ſchon einmal gethan, indem ich über Bath ging, um mich von Bridgewater nach Wincheſter zu begeben.“ „Geh,“« ſagte Percy Kirke zu ihm,„geh, mein berühm⸗ ter Dichter, und vergiß nicht deinen Namen auf die Nachwelt zu bringen.“ „Mein Name wird ſchon von ſelbſt bis auf unſere letzten 140 Enkel kommen!« rief Cornwell mit zweifelhaftem Ausdruck, indem er zugleich den Speiſeſaal verließ. Der General rief nun ſofort Colman zu ſich und führte ihn auf die Seite. „Brauche ich,“« flüſterte er,„Dir erſt zu ſagen, daß Du die Schritte des Mannes, der ſich eben von hier entfernte, zu überwachen haſt?« „Nein, mein General, ich verſtehe.« „Gut. Eben bricht der Tag an. Du wirſt in der ganzen Stadt das Gerücht verbreiten, daß Sir Charles Murray, welcher dieſe Nacht gefangen genommen worden, heute Nachmittag um vier Uhr gehängt werden ſolle. Du wirſt die Sache ſo ein⸗ richten, daß dieſe Nachricht bis in die entlegenſten Wohnungen dringe.“« „Ja, General. Ich werde ſämmtliche Tamboure des Regi⸗ ments nehmen und dieſe Neuigkeit an hundert Orten der Stadt und der Umgegend während des ganzen Tages verkünden laſſen.« »Du wirſt es machen, wie es Dir gutdünkt— die Mit⸗ tel ſind deine Sache. Merke Dir aber wohl, wenn vor der genannten Stunde ſeine Tochter nicht von ſelbſt hierherge⸗ kommen iſt, um mich um Gnade für ihren Vater zu bitten, ſo wirſt Du mit dem alten Rebellenanführer an einen und denſelben Galgen gehängt.« „»Aber, General, wenn ſie nun nicht in Taunton iſt?« „Das iſt allerdings ſehr wahrſcheinlich, aber dennoch kann ſie die Stadt erſt ſeit einigen Stunden verlaſſen haben. Es bleibt alſo bei dem, was ich geſagt habe: Wenn Miß Lucy Murray nicht vor vier Uhr heute Nachmittag zu mir kommt, 141 um mich um Gnade für ihren Vater zu bitten, ſo iſt es um Dich geſchehen. Nun vorwärts, marſch!« Colman ſalutirte und entfernte ſich, während Kirke’s Gäſte ihre Orgie weiter fortſetzten. Mittlerweile und ſobald die Soldaten, welche beauf⸗ tragt waren, Sir Charles Murray in ſichern Gewahrſam zu bringen, ſich mit ihm auf den Weg nach dem Gefängniß von Taunton gemacht hatten, begann Suſanne, als ſie die Kata⸗ ſtrophe, die ſie gefürchtet, um einige Stunden hinausgeſchoben ſah, Sir Charles und ſeiner Escorte von weitem zu folgen. Von dem Dunkel der Nacht gedeckt, unterſchied ſie voll⸗ kommen bei dem Scheine der Fackeln, welche die Soldaten trugen, alle ihre Bewegungen und die des Gefangenen. Ja ſie verſtand ſogar einige von den Worten, welche die Sol⸗ daten unter einander wechſelten. So hatte ſie mehre hundert Schritte zurückgelegt, als ſie drei Männer, welche neben einander gingen, an der Gruppe, der ſie folgte, vorbeikommen ſah. „Es ſind Lämmer unſeres Freundes,« ſagte einer von ihnen zu ſeinen beiden Begleitern.»Sie führen einen Rebellen in's Gefängniß. Dieſer vortreffliche Percy ruht doch weder Tag noch Nacht. Der König wird zufrieden mit ihm ſeyn.« „Laſſen wir daher die Gerechtigkeit des Königs paſſiren, mein lieber Jim,« antwortete lachend der, an welchen dieſe Worte gerichtet waren. Hierauf entfernten ſich die drei nächtlichen Wanderer von den Soldaten und ſetzten ihren Weg weiter fort. „»Jeffreys,« rief Suſanne,»Jeffreys iſt hier. Er iſt es in Begleitung ſeines Freundes Birch. Welche Begegnung!« 142 Der erſte Gedanke der Irländerin, der ihr von un⸗ willkürlicher Furcht eingegeben ward, war, ſich zu verſtecken, um den furchtbaren Oberrichter vorbeizulaſſen. Gleich darauf aber ſchlug ſie ſich vor die Stirn und rief wie von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet bei ſich ſelbſt: „Wie, ich wollte mich verſtecken? Wie, ich wollte die⸗ ſen Menſchen fliehen den vielleicht Gott ſelbſt mir entgegen⸗ ſchickt?⸗ Was ſie ſo eben beſchloſſen, führte ſie auch auf der Stelle aus. „Wer iſt dieſe kecke Dirne?« rief Jeffreys, welchem Fitzgerald's Schweſter plötzlich den Weg vertrat.»Zurück, Satanstochter! wir haben nichts mit Dir zu ſchaffen— wir mögen Dich nicht!— Wie, Du weicheſt noch nicht zurück? Weißt Du noch nicht, wen Du vor Dir haſt?« „»O ja, Mylord, ich weiß es vollkommen. Ihr ſeyd der Oberrichter von Kings Bench— man nennt Euch Georg Jeffreys.« 4 „Wenn ich Dich nicht an deiner Stimme erkennte, ſo würde mir ſchon die Keckheit deines Handelns geſagt haben, wer Du biſt, Suſanne!« rief Jeffreys. „Braucht eure vertraulichen Redensarten gegen wen Ihr wollt, Mylord, aber ich erkläre Euch, daß ich ſie mir nicht gefallen laſſe.« „Gut, meine ſtolze Dame. Ich werde einen andern Ton anſchlagen. Was wollt Ihr von mir? Sagt es ſchnell, denn ich habe keine Zeit. Ich habe viele Geſchäfte zu beſorgen, ab⸗ geſehen von denen, welche Maſter William Penn, den ich die Ehre habe Euch hier vorzuſtellen, mir noch aufbürden wird.« den füh übt Si 143 „Ich werde kurz ſeyn, Mylord. Ich ſehe ſchon, Ihr habt den Mann, den Percy's Soldaten ſo eben ins Gefängniß führten, nicht erkannt.« „Ich habe ihn nicht einmal angeſehen. Was liegt mir übrigens daran zu wiſſen wer er iſt?⸗ „Es muß Euch ſehr viel daran liegen, Mylord. Es iſt Sir Charles Murray.« „Sir Charles Murray?« rief Jeffreys. „Ja, er ſelbſt, Mylord.« „Ha! Ich hoffe, daß Percy mir ihn überlaſſen wird.“ „Ich wußte wohl, daß dieſe Nachricht Euch intereſſiren würde Mylord. Ich ſagte mir, daß Kirke, indem er ſich die⸗ ſes Mannes bemächtigt hat, der Freundſchaft untreu gewor⸗ den iſt. War es nicht Sir Charles Murray, der Euch zwang, im Unterhauſe kniend Abbitte zu thun?⸗ Ein dumpfes Brüllen, welches ſich Jeffreys! Bruſt ent⸗ rang, verrieth Suſannen, daß ſie die verwundbare Stelle getroffen hatte. „Von nun an,“ fuhr ſie fort, als ob ſie den Schmer⸗ zensruf, den ſie dem Oberrichter ausgepreßt, nicht bemerkt hätte,»von nun an hat Kirke nicht das Recht, Sir Charles hängen zu laſſen. Dieſer Mann gehört Euch— gehet und be⸗ mächtigt Euch ſeiner.« „»Ich gehe, ich gehe, meine liebe Suſanne,“ ſagte Jef⸗ freys;„aber ſage mir, ich bitte Dich, warum intereſſirſt Du Dich ſo für meinen Haß, Du, die Du mich verabſcheuſt und weißt, daß Du von mir gehaßt wirſt?« „Ihr beſitzet nicht viel Scharffinn, Mylord, oder Ihr habt viel Worte zu verlieren. Begreift Ihr nicht den Beweg⸗ 144 grund, der mich treibt, oder warum verſtellt Ihr Euch, als ob Ihr ihn nicht kenntet?« »Ich verſtelle mich durchaus nicht, Suſanne. Ich frage Dich, weil ich Dir nicht traue.« „»Ah, nun ſo wiſſet, daß ich euern Haß gegen Sir Char⸗ les Murray theile. Wiſſet, daß ich in dem Strang eine zu ge⸗ linde Strafe für ihn ſehe.« »Aber warum? warum?« „Weil er Lucy's Vater iſt— Lucy's, meiner Neben⸗ buhlerin— Lucy's, die mir Lord Henry Lisle's Herz ge⸗ raubt hat.« »Ah, iſt das wahr? Daran hatte ich nicht gedacht!« rief der Oberrichter heftig, dann ſchlug er ein lautes Geläch⸗ ter auf und fuhr fort: »Armer Chiffinch! armer Chiffinch! Wie blind er iſt, der Unglückliche! Sagte er mir nicht eben erſt, er ſey über⸗ zeugt, von Dir geliebt zu werden, meine ſchöne Suſanne?« „Mylord, ich habe Euch ſchon früher geſagt, daß Ihr mich nicht Du nennen ſollt. Ich fühle mich dadurch verletzt und beleidigt.« »Ah, verzeihet einer alten Gewohnheit, Miſtreß Chif⸗ finch. Ich glaube immer auf dem Richterſtuhle oder in dem Wirthshauſe„zur rothen Kuh« zu ſitzen— dieſen beiden Or⸗ ten, wo mir unbeſchränkte Redefreiheit zuſteht. Aber in der That, Miſtreß Chiffinch, Du biſt ein gutes Mädchen und ich will Dich belohnen. Wenn Du auch zugleich ein wenig dein eigenes Intereſſe im Auge haſt, während Du Dich mit dem meinigen beſchäftigſt, ſo gebe ich Dir doch Dienſt um Dienſt zurück. Siehſt Du jenen Wagen dort unten gerade an der 4 145 Stelle halten, wo gegenwärtig die Lämmer ſind?— Wohl⸗ an, wenn Dir daran liegt, bei deinen verliebten Abenteuern nicht von deinem künftigen Ehemann geſtort zu werden, ſo komme dieſem Wagen nicht zu nahe.« „Was enthält er denn?« fragte die Irländerin raſch. „»Was er enthält, meine Liebe?— Deinen ſüßen Bräu⸗ tigam ſelbſt, Maſter Chiffinch in eigener Perſon und zwar in Begleitung deines tugendhaften Bruders.« „Chiffinch und Fitzgerald ſitzen in dieſem Wagen, My⸗ lord?« „Ich habe Dir es geſagt. Wenn Du wünſcheſt Dich ſelbſt davon zu überzeugen, ſo brauchſt Du nur hinzugehen.— Leb wohl, meine Schöne!« „Aber warum bleibt dieſer Wagen ſo unbeweglich?« „Ja, weiß ich es denn? Vielleicht benützen dieſe Herren, um die Koſten für ein Zimmer in einem Gaſthauſe zu erſpa⸗ ren, ihren Wagen zugleich als Schlafzimmer. Zum letzten Male ſage ich Dir: Lebe wohl, Miſtreß Chiffinch— Lebe wohl und Dank—« »Lebt wohl, Mylord!« antwortete die Irländerin. Indem ſie dieſe Worte ſprach, ſchlich ſie in dem Dunkel weiter bis an den Wagen, den Jeffreys ihr gezeigt. Der Tiger von Tanger. VII. XIII. CTreue und Selbſtverlängnung. Als Suſanne an dem Wagen anlangte, ſah ſie weder Kutſcher noch Lakai. Beide ſaßen ihren Durſt löſchend in ei⸗ nem Wirthshauſe, welches die Liebe zum Gewinn und das Bedürfniß der Umſtände die ganze Nacht hindurch offen hielt. Die ſich ſelbſt überlaſſenen Pferde ruhten von ihrem ohne Zweifel weiten Wege aus und athmeten mit Geräuſch. Suſanne näherte ſich ganz leiſe dem Schlag ſo weit, daß ſie, um ſich in dieſer Stellung zu erhalten, ſich auf das Hinterrad des Reiſewagens ſtützen mußte. Sie horchte und erkannte ſofort die Stimmen Fitzgerald's und Chiffinch's. Jeffreys hatte ſie alſo nicht belogen; aber was konnten dieſe beiden Männer einander zu ſagen haben, die vor Kur⸗ zem noch durch einen Haß getrennt wurden, den ſie ſich nie⸗ mals die Muhe genommen, einander zu verhehlen? Fitzgerald's Widerwille und Verachtung gegen den erſten Pagen des Kö⸗ nigs war allerdings gänzlich verſchwunden, ſeitdem dieſer ſich entſchloſſen hatte, Suſannen ſeinen Namen zu geben; aber es beſtand immer noch eine weite Kluft von dieſem negativen Gefühl bis zu der Vertraulichkeit, welche jetzt zwiſchen ihnen zu beſtehen ſchien. Die Urſache einer ſolchen Annäherung konnte nur eine außerordentliche ſeyn und die Irländerin ——— — 147 wünſchte ſehr ſie zu erfahren. Ihre Neugier ſollte bald befrie⸗ digt werden. „Wohlan,“ ſagte Fitzgerald zu Chiffinch,„»verſtändigen wir uns, ehe wir uns trennen. Ein ſolcher Feind iſt nicht leicht zu beſiegen. Ihn mit Gewalt angreifen, wäre ein ſchlechtes Mittel, denn die Gewalt iſt eben das, wodurch er glänzt, und übrigens, wenn er auch nicht für Degen und Dolch ſo ziem⸗ lich unverwundbar wäre, ſo wäre doch der Tod durch eine Stahlklinge für ihn viel zu ſchön, zu ſchnell und zu ſanft. Ich will etwas Anderes. Ich will, während er lebendig und gefeſſelt in ſeinem Kerker liegt, mich ihm gegenüberſtellen und ihn ſo lange, als es mir gefallen wird, unter meinen Füßen, unter meinen Händen, unter meinen Worten haben. Ich bin kein Feigling, Maſter Chiffinch— nein, gewiß nicht.— Aber vor allen Dingen will ich mich mit Muße rächen— mit Bequemlichkeit— langſam. Man müßte ein Säufer ſeyn wie Mylord Jeffreys, wenn man die Rache auf einen einzigen Zug hinunterſtürzen wollte. Wir dagegen— Ihr und ich— ſind zu große Sybariten, um ſie nicht ſchlürfen zu wollen, wie ſie geſchlürft zu werden verdient.« „Ihr wißt, mein lieber Fitzgerald,« unterbrach ihn Chiffinch,»Ihr wißt, wie ſehr ich alle dieſe Ideen theile, die Ihr da mit der Energie ausſprecht, welche Euch characteriſirt. Worin aber beſteht nach eurer Anſicht das Mittel, Percy Kirke auf den Punkt zu bringen, wo wir Beide ihn zu ſehen wünſchen?« „In der Liſt, mein lieber Chiffinch, in der Liſt!« „In der Liſt! in der Liſt! Das iſt ſehr gut geſagt, Fitz⸗ gerald, aber Ihr bleibt deswegen immer noch ſo unklar, wie Ihr von dem Augenblick an geweſen ſeyd, wo unſer Haß und * 148 unſere Rache ſich gegen dieſen Verworfenen verbündet hat. Uebrigens muß ich Euch geſtehen, daß ich uns zuweilen, Einen wie den Andern, ſehr verächtlich finde.⸗ „Verächtlich? Einen wie den Andern?« wiederholte der Irländer.„»Warum denn, Chiffinch?« „Warum? Weil wir uns vergeblich den Kopf anſtrengen⸗ um ein Mittel der Rache an dem Manne zu finden, der eure Schweſter, Fitzgerald, die ich zu meinem Weibe machen will, entehrt hat. Ach, wie ſchnell würde ich ihm die Gunſt des Königs abwendig machen, wenn ich nur einen plauſibeln Vor⸗ wand hätte!« 4 „Einen plauſibeln Vorwand, ſagt Ihr? einen plauſibeln Vorwand? Ich bin ja im Stande, Euch einen guten, wahren und haltbaren Grund an die Hand zu geben. Ich bin bereit, Euch zu beweiſen, daß ich nicht mehr undankbar bin, ſobald ich es nicht mehr für angemeſſen erachte.« „Nun gut, ſo ſprecht, Fitzgerald, ich bin ganz Ohr.« „»Ach, wenn ich nur einige Worte mit dieſem Percy Kirke wechſeln, wenn ich wie Ihr mich mit ihm zu Tiſche ſetzen und das Glas in der Hand mit ihm ſprechen könnte, wie zwei alte Freunde thun, wenn ſie einander ihre geheimen Ge⸗ danken offenbaren, ſich ihre liebſten Hoffnungen mittheilen und ſich mit ihren wechſelſeitigen Rathſchlägen unterſtützen.“ „Und was würdet Ihr ihm ſagen,?“ »Dinge, die er beſſer weiß als irgend Jemand— daß Sir Charles Murray's Tochter ſchön iſt, daß ihre Tugend und ihre Reinheit mehr dem Engel als dem Weibe angehören, daß glücklich vor allen Männern derjenige wäre, der von dieſem Mädchen geliebt, der ihr Gatte würde, ohne deswegen aufzu⸗ —— — 149 hören ihr Geliebter zu ſeyn. Ich würde ihm ſagen, daß, um ein ſolches Glück auf Erden zu erkaufen, mir kein Opfer zu groß erſcheine, daß, wenn ich ſein Bruder. ſein Freund, ſein College des Triumvirats Chiffinch— Kirke— Jeffreys. einen Augenblick lang die Hoffnung hätte, eine ſolche Liebe zu erobern, ich Glück und Ehre mit Füßen treten würde. Und ſeyd überzeugt, Chiffinch, dieſe Sprache gegen Percy Kirke unter vier Augen an einem mit gewählten Weinen beſetzten Tiſche würde durch ſein Ohr ſüßer, ſchmeichelnder und gefähr⸗ licher in ſein Herz hinabdringen, als der Malvaſier oder Port⸗ wein von ſeinem Gaumen in ſein Gehirn aufſteigt.* „Das iſt ſehr wahr, Fitzgerald, was Ihr da ſagt. Einem leidenſchaftlichen Manne das Lob des Weibes ſingen, welches er liebt, heißt ihm großes Vergnügen machen— ihm von dem unermeßlichen Werth ſeiner Eroberung erzählen, heißt einem bereits Bekehrten predigen.— Aber ſagt, wo wollt Ihr eigentlich damit hinaus?« „Glaubt Ihr, daß es ſo ſchwer ſey, ihn zu bewegen, an ir⸗ gend einem kleinen, wenig beſuchten Hafen der Küſte ein Fahr⸗ zeug bereit zu halten, auf welchem man zu einer gegebenen Stunde mit der angebeteten Luch und ihrem Vater, den man ihr zum Austauſch für ihre Liebe zurückgäbe, nach Holland flüchtete?« »Ja, ja,“ ſagte Chiffinch nachdenklich,„es handelt ſich darum, Perch Kirke zu einer Verrätherei zu verleiten. Die Idee iſt in der That nicht übel, aber ich glaube, ihre Ausfüh⸗ rung iſt unmöglich.« »Unmöglich?— und warum?« „»Charles Murray befindet ſich in Kirke's Händen. Wir 150 haben ihn ſo eben durch die Lämmer in's Gefängniß führen ſehen. Es iſt nicht mehr die ſchöne Lucy, welche ihre Bedingun⸗ gen ſtellen wird, ſondern Percy wird ihr die ſeinigen aufnö⸗ thigen. Sie wird ſich ihm hingeben, um die Begnadigung ihres Vaters zu erlangen, und er wird ſie zu ſeiner Maitreſſe machen. Stirbt Charles Murray dennoch, ſo wird er die Schuld auf irgend Jemand zu wälzen wiſſen. Jacob oder Jeffreys wird immer da ſeyn, um ihm den Rücken zu decken.« „Ich ſehe wohl, daß Ihr nicht wißt, wie weit die Liebe des Generals zu der jungen Puritanerin geht und welche un⸗ glaublichen Opfer er bereit iſt, ihr zu bringen. Ueberlegt Euch doch die Sache recht. Ich habe ſo eben den Namen Holland genannt. Glaubt Ihr, daß das zufällig geſchehen ſey? Durch⸗ aus nicht! Luch zum Weibe zu nehmen und mit ihr nach Holland zu flüchten— darin wird Kirke einen doppelten Vortheil ſehen— er wird ſeine Liebe zufriedengeſtellt haben, ohne feinen Ehrgeiz zu opfern. Schon längſt denkt er an Wil⸗ helm von Oranien und ſchwankt zwiſchen der Zukunft dieſes Fürſten und dem dermaligen König Jacob II. Es bedürfte— ſeyet deſſen ſicher— einer ſehr geringen Mühe, um ihn auf die Seite des Statthalters und des Verraths hinüberzu⸗ führen.“ Es trat ein kurzes Schweigen in dem Wagen ein, in welchem die beiden Feinde Percy Kirke's auf dieſe Weiſe mit einander plauderten. Chiffinch, welcher Fitzgerald mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit angehört, war, ſeitdem Suſannens Bruder aufge⸗ hört hatte zu ſprechen, in ſeine Betrachtungen zurückver⸗ ſunken. 151 „Ja, ja,“« ſagte er plötzlich, euer Gedanke iſt ſehr ſinn⸗ reich, Fitzgerald.— Durch den Banditen von Tanger alle Mittel zum Verrath vorbereiten zu laſſen und zu der Stunde, wo er im Begriff ſtünde, ſeine ſchönen Entſchlüſſe in Ausfüh⸗ rung zu bringen, ihn als Hochverräther auf friſcher That er⸗ tappen, ihn feſtnehmen und mit den Händen voll unwiderleg⸗ licher Beweiſe an den König abliefern—* „Und nicht wahr, Chiffinch* unterbrach ihn der Ir⸗ länder lächelnd,»Ihr wuͤrdet Euch gern anheiſchig machen, dem Könige jede Geneigtheit, ihn zu begnadigen, zu vertrei⸗ ben? „O, dergleichen Gelüſte ſind bei dem König ohnehin ſelten und wenn ſie zufällig auch einmal erwachen, ſo ſieht man ſie doch meiſtentheils ſchon im Keime wieder ſterben.“« „Verſprecht Ihr mir, Chiffinch, mich in den Tower zu führen, in den Kerker, in welchem Kirke in Ketten geſchla⸗ gen werden wird?« „O, das verſpreche ich Euch ſehr gern; aber wir haben ihn ja noch nicht. Ich behaupte, daß die Ausführung eures ſchönen Projects große Schwierigkeiten darbietet. Ja, wenn es ſich um nichts weiter handelte, als Lucy durch Kirke retten zu laſſen, ſo wäre dies etwas Anderes. Wird er aber wohl, ſelbſt um der Tochter zu gefallen, den Vater retten wollen, der ihm eine ſo grauſame Beleidigung zugefügt, der ihm die Thür gewieſen hat?« „Dies ſieht allerdings aus, als ob es ſetwas Anderes wäre, aber im Grunde genommen iſt es nichts Anderes. Ein Wort der Erklärung zwiſchen Kirke und Murray wird den Haß verſcheuchen, der gegenwärtig zwiſchen ihnen beſteht. Der 15² Puritaner wird dem Soldaten abermals die Hand ſeiner Tochter zuſagen und der Soldat wird wieder der Freund des Puritaners werden.« „Aber kennen Murray und Kirke das Wort, welches ein ſo großes Wunder wirken ſoll?« „Nein.⸗* „Nun, wer weiß es denn?« „Ich.« »Und werdet Ihr ſie davon in Kenntniß ſetzen?« „Ja, wenn es durchaus nothwendig iſt, daß ſie es wiſſen.“ „Wie werdet Ihr es ihnen denn mittheilen?« „Dem Obergeneral durch Euch, dem alten Puritaner auf einem anderen Wege.“ „Und wie lautet dieſes Wort?« »Ihr ſollt es erfahren, wenn es, wie ich nochmals ſage, unbedingt nothwendig iſt, daß Ihr es wiſſet.« „Gut, Fitzgerald, ich rechne auf Euch. Ich begebe mich zu dem General, wo ich Jeffreys und William Penn treffen werde. Wir haben uns gemeinſchaftlich mit den der Königin und ihren Ehrendamen gemachten Geſchenken an Deportirten, ſowie mit den Löſegeldern zu beſchäftigen, die von den jungen Mädchen von Taunton gefordert werden ſollen, welche Mon⸗ mouth die Bibel und die Fahne überreicht haben. Ihr wiſſet, daß Lucy Murray an der Spitze derſeiben ſtand. Da nun die Güter ihres Vaters confiscirt ſind und ſie folglich ihr Löſe⸗ geld nicht bezahlen kann, ſo habe ich Befehl, ſie nach Jamaica deportiren und dort verkaufen zu laſſen. Denkt Euch nur, Fitzgerald, die Freude, die wir haben werden, wenn ich die⸗ ————————— —=———— m———ᷓᷓy—— ſen Befehl in Gegenwart des verhafteten und geknebelten Percy Kirke ausführen laſſe.« „In der That, Freund Chiffinch, ich ſehe, daß Ihr Euch auf das Handwerk verſteht. Seitdem ich das Glück habe, eure Verdienſte zu würdigen, entdecke ich alle Tage deren neue an Euch. Ein junges Mädchen vor den Augen des Man⸗ nes, der ſich um ihretwillen ins Verderben geſtürzt hat, ein⸗ ſchiffen und ſie auf den amerikaniſchen Sclavenmarkt ſchicken, dies iſt eine raffinirte Rache, an die ich nicht gedacht hatte, eine glückliche Idee, welcher ich meinen vollen Beifall zolle.“ Chiffinch ſchien durch das Lob eines Kenners wie Fitz⸗ gerald geſchmeichelt zu werden. Er ergriff ihn bei der Hand und ſagte mit beſcheidenem Lächeln: „Ich werde mich nun zu Percy Kirke begeben. Ich werde noch heute Gelegenheit nehmen, mit ihm unter vier Augen zu ſprechen und gehe Euch mein Wort, daß ich mich dabei ſtreng an eure ſcharfſinnigen Rathſchläge halten werde. Wo und wann werden wir uns wiederſehen?« „Ich gehe ganz hier in der Nähe in die Herberge»zum engliſchen Wappen«. Dort könnt Ihr mich ſprechen, wenn Ihr meiner bedürft.« Als Suſanne dieſe letzten Worte hörte, entfernte ſie ſich raſch. Während der Kutſcher und der Lakai auf Chiffinch's Ruf herbeieilten und ihre Plätze wieder einnahmen, ſtieg Fitz⸗ gerald aus dem Wagen und das plumpe Fuhrwerk entfernte ſich von den trabenden Pferden gezogen in der Richtung zur Herberge„zum weißen Hirſch.« Suſanne kehrte nun raſch wieder um und redete ihren Bruder an, der ſie beim erſten Schimmer des erwachenden 154 Tages erkannte und einen Ruf der Ueberraſchung und Freude ausſtieß. „»Alſo nach Taunton muß man kommen, um Dich zu treffen, meine liebe Landſtreicherin?« ſagte er lächelnd und indem er ihr die Arme entgegenbreitete. „Bin ich es wirklich, welche Du hier ſuchſt?« fragte Suſanne, indem ſie ihren Bruder umarmte. „Ich kam nicht um Dich zu ſuchen, aber dennoch komme ich deinetwegen. „Ja, ja, um mich zu rächen, ich weiß es wohl, Fitzge⸗ rald. Ich habe die Unterredung gehört, die Du ſoeben mit Chiffinch hatteſt. Ich ſchenke deinen Projecten von ganzem Herzen Beifall, jedoch mit einer Ausnahme. Deine Rache falle auf Percy Kirke allein, aber Sir Charles Murray bleibe verſchont. Wirſt Du zögern, mir zu gewähren, was ich von Dir erbitte? Ich kann es kaum glauben. Nur unter dieſer Bedingung werde ich es anerkennen, daß die brüderliche Zärt⸗ lichkeit, von welcher Du mir ſo viele Beweiſe gegeben, in dei⸗ nem Herzen noch nicht erſtorben iſt. Du mußt mir Miß Lucy und ihren Vater retten helfen.«— „Aber, Suſanne,“« antwortete der Irländer mit ſicht⸗ licher Verlegenheit,»Du mußt es wiſſen, weil Du gehört haſt, was Mr. Chiffinch und ich mit einander ſprachen. Du verlangſt das Unmögliche, meine arme Schweſter.« „Wie kannſt Du mir eine ſolche Antwort geben, Fitz⸗ gerald! Du liebſt mich alſo nicht mehr?« „Eben ſo ſehr und wenn es möglich iſt, noch weit mehr, ſeitdem Du unglücklich biſt.“ „Wohlan, warum verweigerſt Du mir dann meine Bitte?« le 155 „Nicht ich bin es, ſondern die Umſtände ſind es, die ſie Dir verweigern, Suſanne. Glaube mir, gib dieſe Ideen von übermäßiger Selbſtverläugnung auf. Es wird Dir nicht ge⸗ lingen, dieſes junge Mädchen und dieſen alten Mann ihrem ſichern Untergange zu entreißen. Zu viele mächtige Intereſſen begehren ihn und arbeiten darauf hin und es wäre Wahn⸗ ſinn, zwei unwiderruflich Verurtheilten zu Hilfe kommen zu wollen.« „Unwiderruflich verurtheilt!« rief Suſanne mit edel⸗ müthiger Entrüſtung;»ich glaube nicht, daß ſie das ſind! Sir Charles Murray wird vielleicht unterliegen müſſen, ſeine Tochter aber werde ich retten trotz aller Damen der Königin und trotz der elenden Habgier dieſer Geſchöpfe! Ich werde ſie vor Jeffreys, ich werde ſie vor Kirke, ich werde ſie vor dem Sclavenmarkte von Jamaica retten. Und nicht blos ihr Leben werde ich vor dieſen furchtbaren Drohungen ſicherſtellen; ihre Tugend und Reinheit ſollen ebenfalls unberührt bleiben. Ich werde ſie fleckenlos und jungfräulich erhalten, um ſie dereinſt Henry zuzuführen.“ Suſannens Exaltation ließ ihr prachtvolles ſchwarzes Auge von neuem Glanze erſtrahlen und verlieh ihrer Schön⸗ heit einen unbeſchreiblich erhabenen Ausdruck. „Seltſames Weſen.“ rief Fitzgerald,»unbegreifliches Gemüth! Wie kannſt Du ſo ein inniges Vergnügen daran finden, Dir das eigene Herz zu zermalmen, um eine Neben⸗ buhlerin glücklich zu machen?« „Ich will Lucy's Glück nur, um das Henry's zu begrün⸗ den, um ihm eine dritte und letzte Verzweiflung zu erſparen. Ha, wenn Du Zeuge des unerhörten Auftrittes geweſen wäreſt, dem ich dieſe Nacht beigewohnt habe, dann würdeſt Du be⸗ 156 greifen, wie nothwendig Lucy ſeinem Leben, ſeiner Seele, ja ſogar ſeinem Verſtande iſt. Ihre Stimme brauchte ſich nur hören zu laſſen und der Wahnſinn, der grauſamer iſt als der Tod, floh weit hinweg von ihm.— O, wie liebt er ſie, Fitz⸗ gerald! wie liebt er ſiel« „Und Du, meine arme Schweſter, wie liebſt Du ihn! wie liebſt Du ihn! Dein unterdrücktes Schluchzen verräth mir deine grauſamen Martern. Warum, Suſanne, willſt Du nicht verſuchen, ſeine Liebe zu gewinnen? Er würde Dich lie⸗ ben, wenn er wüßte—« „Er wird wiſſen, er wird es einſt erfahren, aber dann werde ich aufgehört haben zu leben!« „Nein, meine Schweſter, meine Suſanne! Ich will und kann Dir nicht behilflich ſeyn ein ſolches Opfer zu bringen— niemals! niemals!« „Du willſt mich alſo tödten, ehe mein Stündlein gekom⸗ men iſt, Fitzgerald? Ich ſehe wohl, daß Du mich nicht ver⸗ ſtehſt. Höre mich, mein Bruder. Du haſt nicht viel zu thun, um mir Lucy retten und ſie rein erhalten zu helfen. So eben als ich den Soldaten folgte, welche Sir Charles in's Gefängniß führten, begegnete ich dem Oberrichter. Ich erin⸗ nerte ihn an den unſühnbaren Schimpf, der ihm vor dem Unterhauſe angethan worden. Ich ſagte ihm, daß der Gefangene Percy Kirke's ihm gehöre, ihm, Jeffreys, aber nicht dem General der königlichen Armee. Er verließ mich, um Murray ſeinem würdigen Collegen abzuverlangen. Wenn er ihn erhält, ſo werde ich verſuchen, ihn mit Gold und mit⸗ telſt des Einfluſſes zu beſtechen, den Chiffinch auf ihn hat, um Sir Charles loszukaufen. Vielleicht wird er den Mann, der ihm auf der ganzen Welt der Verhaßteſte iſt, lieber um's . 157 Leben bringen wollen, aber wenigſtens wird er dies thun, ohne ſich der Hoffnung auf Begnadigung zu bedienen, um Luch's Tugend zu vernichten. Nein, niemals wird Jeffreys auf den Gedanken kommen, durch eine Tochter und um den Preis ihrer Ehre das Leben ihres Vaters erkaufen zu laſſen, während Kirke—* „Eben deshalb wird der Oberrichter niemals Sir Char⸗ les Murray von Percy Kirke bekommen.“ „Das iſt wohl möglich— ich will ſogar zugeben, daß es wahrſcheinlich ſey. Aber verlaß Dich auf Jeffreys. Er wird den General, wie mächtig dieſer auch in der Mitte ſeiner Läm⸗ mer ſey, zu zwingen wiſſen, den Tod des Gefangenen zu be⸗ ſchleunigen. Iſt aber der Vater todt, ſo verliert Kirke— bemerke dies wohl— ſein mächtigſtes, vielleicht ſein einziges Mittel, die Tochter in ſeine Gewalt zu bekommen, um ſie ſei⸗ nen Abſichten zu opfern.“« „Aber bedenke, liebe Suſanne, daß auch ich dadurch mein mächtigſtes, vielleicht mein einziges Mittel verliere, mich an dem verhaßten Urheber deiner Schande zu rächen und—« Der Irländer ſtockte plötzlich, als ob er ſich ſcheute aus⸗ zureden. „Was fehlt Dir, Fitzgerald, und warum redeſt Du nicht aus?« fragte Suſanne, indem ſie ihn verwundert anſah. „Ich habe nichts weiter zu ſagen, meine Schweſter,“ ſtammelte Fitzgerald. „Nun ſo behalte auch dieſes Geheimniß für Dich allein, da ich nicht würdig bin, es zu kennen.« „Du biſt ungerecht, Suſanne.“ „Ich bin gedemüthigt, Fitzgerald.“ 158 „Dadurch daß ich ſchweige, meine Schweſter?« „Nun, iſt es denn in deinen Augen nichts und glaubſt Du, daß es mich nicht ſchmerzt, wenn ich fortwährend ſehe, daß Du ſo wenig Vertrauen zu mir haſt?« „Das Geheimniß, welches ich Dir heute verſchweige, iſt dasſelbe, welches ich mich früher weigerte Dir zu ſagen.“« „Dasſelbe?« „Ja. „Hal« rief die Irländerin mit einer ausdrucksvollen Geberde des Schmerzes und des Zornes,„Percy Kirke iſt es, der unſeren Bruder umgebracht hat!« 3 „Ja, Suſanne, Percy Kirke war es! Percy Kirke iſt der Mörder unſeres armen James!« Mit einem Schrei des Entſetzens warf Suſanne ſich in die Arme ihres Bruders. Während ſie ſchluchzend das Geſicht an Fitzgerald's Bruſt barg, drückte ſie dieſer feſter an ſich. „Wohlan,“« ſagte er in zugleich zärtlichem und ener⸗ giſchem Tone,„willſt Du mich noch hindern, den Mann zu verderben, welcher Dich entehrt und unſern James ermor⸗ det hat?« Suſanne richtete ſich langſam empor und ohne ſich erſt die Thränen zu trocknen, welche ihr Geſicht benetzten, ſagte ſie im Tone eines unerſchütterlichen Entſchluſſes: „Nein, Fitzgerald, nein, ich will Dich nicht hindern, den verworfenen Kirke ins Verderben zu ſtürzen. Wenn aber der Streich, den Du ihm bereiteſt, gleichzeitig Lord Henry Lisle treffen muß, ſo ſchiebe deine Rache noch auf.« „Nein, Suſanne; ich ſage Dir, ich kann deiner unbe⸗ greiflichen Laune nicht gehorchen.“ 4 159 „Ha, das iſt der Name, den Du meiner Bitte gibſt! Du biſt ſehr vergeßlich, Fitzgerald! Wie, Du haſt den Vater mei⸗ nes Henry ermordet, Jeffreys, dein Mitſchuldiger, hat ſeine Mutter enthaupten laſſen, und ich, ich, die ihn liebe bis zum Wahnſinn, ich ſollte geſtatten, daß der nichtswürdige Kirke ſeine Geliebte, ſeine Braut, ſeine Lucy entehre? Nein, nein, hoffe es nicht!— Habe ich Dir nicht geſagt, daß mein gan⸗ zes Leben die Sühne eines Verbrechens ſeyn würde. Hal warum haſt Du Lord John Lisle umgebracht?— Hätteſt Du dieſes Verbrechen nicht begangen, Bruder, dann hätte ich das Herz Henry's jedem Weibe ſtreitig gemacht; ich hätte ohne Erbarmen jede Nebenbuhlerin zermalmt, welche gedroht hätte, mir ſeine Liebe zu rauben. So aber, ſo büße ich dein Verbrechen, Fitzgerald.“ Suſanne ſchwieg einige Augenblicke, dann heftete ſie auf ihren niedergedonnerten Bruder einen Blick, in welchem ſich Spott und brennender Schmerz miſchten, während ſie mit dumpfer Stimme murmelte: „Ich würde ſein Herz jeder Nebenbuhlerin ſtreitig ge⸗ macht haben, ſage ich? Ich bin von Sinnen! Tröſte Dich, mein Bruder; nicht blos dein Verbrechen, ſondern auch Percy Kirke's Verbrechen hat mich der Liebe Henry's unwürdig gemacht.« „Und dieſen Mann hinderſt Du mich, zu verderben?“« „Suche ein anderes Mittel, aber wenn Du nicht willſt, daß ich ſterve, ſo laß die Lucy meines geliebten Henry unan⸗ getaſtet.« Ende des ſiebenten Cheiles. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. 4 — — ——— —— ——y=——* W fffffffffffffffſſffffintnſffſfſffſſ 19 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18