—⸗.--—-— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f — ꝗ--——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 net.— Pf. 3 3— „„„ 3„„ n„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen A der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d 9„—..--.-—.-.- 8 4 2 5 4 — —— Ber CTiger von Tanger. Fünfter Theil. Das Marmorherz. Hiſtoriſcher Roman von Paul Dupleſſis. Deutſch von Dr. Emil Steinmann. Peſt, Wien und Peipzig, 1858. Hartleben's Verlags⸗ Expedition. —— J. Ein vereitelter Ueberfall. Wahrend Percy Kirke im Begriff ſtand, ſeinen Anſchlag gegen Suſannen auszuführen, war die Armee Monmouth's, nachdem ſie einen großen Theil des Tages, der ein Sonntag war, mit Anhören der religiöſen und kriegeriſchen Ermah⸗ nungen ihrer Prediger zugebracht, abermals in der Mitte der ſogenannten Schloßwieſe verſammelt. Um eine improviſirte Kanzel herum, auf welcher Ferguſ⸗ ſon in rothem Rock, großen Reitſtiefeln und mit dem Degen an der Seite heftig ſprechend und geſticulirend ſtand, dräng⸗ ten ſich ſechstauſend Mann Fußgänger und Reiter in einem ungeheuren Kreiſe und Alle horchten, unbeweglich und ſchwei⸗ gend, weder Auge noch Ohr von dem Prediger verwendend. Ein zweiter Kreis, der noch zahlreicher war als der erſte, verdichtete ſich um einen neuen Kern. Er beſtand aus den Müttern, Frauen, Schweſtern, Töchtern und Kindern de⸗ rer, welche in einigen Stunden die königliche Armee angreifen ſollten, eben ſo wie aus einer ſehr großen Anzahl waffenfähiger Männer, welche bitter beklagten, daß ſie nicht eine Muskete, eine Pike oder eine Senſe hatten auftreiben können, um ihren Freunden und Verwandten auf das Schlachtfeld zu folgen. An dem Fuße der Kanzel Ferguſſon's bemerkte man eine Gruppe von etwa zwölf Perſonen, die von den übrigen Zu⸗ Der Tiger von Tanger. V. 1 2 — hörern durch einen gewiſſen Zwiſchenraum getrennt waren. Es waren dies die vornehmſten Anführer der Inſurgentenarmee, Monmouth, Lord Grey, Boyſe, Wade, Goodenough und einige Andere. Murray befand ſich nicht unter ihnen. Der alte Repu⸗ blicaner war, um ſo viel als möglich die Augenblicke zu ge⸗ nießen, die er noch bei ſeiner geliebten Tochter zuzubringen hatte, mit ihr in den Reihen der Menge ſtehen geblieben, welche die Soldaten des Prätendenten umgab. Ganz nahe bei Luchy ſtand in ehrerbietiger und beinahe anbetender Haltung ein hagerer langer Mann, der kein anderer war als unſer Freund, der Dichter Cornwell. Mehre hundert Fackeln beleuchteten mit ſeltſamem Lichte dieſen Auftritt von weſentlich puritaniſchem Charakter, der ſeit der Auflöſung der Armee Cromwell's faſt ganz aus dem Rah⸗ men der engliſchen Landſchaften verſchwunden war. Mittlerweile ſchlug es auf dem Thurme der Parochial⸗ kirche von Bridgewater eilf Uhr. Monmouth gab nun Fer⸗ guſſon ein Zeichen, welches der ungeſtüme Redner ſah und verſtand. „Ich komme zum Schluſſe,« rief er augenblicklich,„und entlehne meine letzten Worte der von dem Herrn ſelbſt einge⸗ gebenen Schrift. Vertheidiger der heiligen Sache, Heerſchaar des eiferſüchtigen Gottes, wir werden gegen die Truppen eines verabſcheuungswürdigen Feindes marſchiren. Der Starke, der Gott, der Ewige weiß ſelbſt und Israel wird erkennen, ob es aus dem Geiſt der Empörung geſchieht und um ein Verbrechen gegen den Ewigen zu begehen. In dieſem Falle rette uns heute nicht, o Ewiger! Wenn es aber dein Befehl iſt, auf weilchen wir marſchiren, ſo verleihe uns den Sieg.“ 3 »Amen!« riefen gleichzeitig die tauſend Stimmen der Armee und des Volkes. Die Armee und Soldaten wußten, daß das Ende von Ferguſſon's Predigt das Signal zum Auf⸗ bruch ſeyn würde. Der Kreis löſte ſich daher ſofort auf. Die Truppen formirten ſich pelotonweiſe und begannen, von ihren Offizieren geführt, die Schloßwieſe zu verlaſſen, um nach dem Thore der Stadt zu marſchiren, welches Suſanne einige Stunden vorher paſſirt hatte. 4 Dieſe Bewegung konnte nicht mit vollkommener Ordnung ausgeführt werden. Alle aus der Umgegend von Bridgewater und den nahegelegenen Grafſchaften herbeigekommenen Frauen, die ihre Männer, Väter, Brüder und Söhne vor der Schlacht noch einmal ſehen und umarmen wollten, ſtürzten ſich in die Reihen, in welchen dieſe geliebten Perſonen marſchirten, und von dem Schloſſe bis an den Wall hönte man nichts als Schluchzen und Klagen, untermiſcht mit Ermahnungen, ſich tapfer zu halten, und Segenswünſchen. Unter allen dieſen von dem Schmerz des Abſchieds er⸗ füllten Geſichtern zeigte ſich das von dem Scheine der Fackeln beleuchtete des Oberhauptes der Inſurrection den Blicken dieſer Menge, deren Abgott es war, ganz beſonders traurig und niedergeſchlagen. Selbſt die Kinder, welche ſich auf die Fuß⸗ ſpitzen hoben, um ihn vorüberreiten zu ſehen, bemerkten die⸗ ſen unruhigen, bekümmerten Ausdruck. Jeder Zuſchauer dachte über die Urſache davon nach und glaubte ſie errathen zu ha⸗ ben, wenn er ſie aus ſeinen eigenen Gedanken und Ahnun⸗ gen ſchöpfte. »Sieh nur, Mutter,« ſagte ein junges Mädchen,„ſieh nur, wie traurig er iſt der gute Herzog— das Herz möchte einem brechen.« »Das macht, weil das ſeinige ſo gut iſt, mein Kind. * 4 Er denkt an das Blut, welches ſein armes Volk für ihn vergießen wird. Ach, wenn Jacob dem König Monmouth gliche!« „»Vielleicht liegt der Grund ſeiner Traurigkeit auch darin, daß er ſich von ſeiner ſchönen lieben Lady Wentworth hat trennen müſſen,« wendete eine junge Frau ein.»Man ſagt, er liebe ſie ſo ſehr.« »Ja, ja, er weiß nicht, was aus ihr geworden iſt, ſeit⸗ dem ſie ihn eines Morgens in Taunton verlaſſen hat,« unter⸗ brach eine alte Bäuerin.»Deswegen iſt er ſo betrübt.⸗ »Vor noch drei Tagen hätte ich ihm ſagen können, wo ſie war,« ſagte ein etwa ſechzigjähriger Landmann, indem er ſich in das Geſpräch miſchte. »Ha!“ riefen die ſämmtlichen Frauen welche bis jetzt daran theilgenommen,»wo war ſie denn?« »In den weſtlichen Gegenden von Somerſetſhire. Sie durchritt ſie in Männerkleidern und auf einem Pferde, wel⸗ ches flog wie der Wind. An der Thür jeder Hütte machte ſie Halt, ſtieg vom Pferde und ging hinein, um die Feldarbeiter zu beſuchen und mit ihnen zu ſprechen. Sie meldete ihnen die Ankunft des guten Herzogs und lud ſie ein, ſich zu ihm zu be⸗ geben, um mit ihm den papiſtiſchen Tyrannen zu bekämpfen, und wenn ſie ihr antworteten, daß ſie dies gern thun wür⸗ den, aber keine Waffen hätten, gab ſie ihnen Geld, um deren zu kaufen. Ha! wenn wir die Armee des Onkels Jacob ge⸗ ſchlagen haben werden und König Monmouth allein und un⸗ angefochten auf ſeinem Throne ſitzt, dann wird Lady Hen⸗ riette eine ſtolze Königin ſpielen.« »Aber unglücklicherweiſe iſt der Herzog verheirathet, wie Ihr wißt.« »Was thut das? Iſt denn die Scheidung umſonſt da?⸗ 5 „»Das iſt wahr,“« antworteten alle Frauen.„Es lebe die Königin Henriette!« In dieſem Augenblicke kam Sir Charles Murray mit Lucy und Cornwell vorüber. Er hörte dieſen Ausruf. »Es wird weder einen König noch eine Königin geben,« murmelte er dumpf vor ſich hin.»Weit entfernt, dem kecken und ſelbſt ſicheren Eroberer zu gleichen, der einem Throne zu⸗ eilt, erinnert dieſer arme Herzog vielmehr an das Opfer, wel⸗ ches wider Willen vor dem Opferprieſter einherſchreitet. Wenn man ihn ſieht,« ſagte der gelehrte Cornwell,„ſo ſollte man ihn für einen jener Helden Homer's halten, denen ein zürnender Gott den Panzer abriß, um ſie wehrlos dem Schwerte ihres Feindes preiszugeben.“ »Möge dein Vergleich richtig ſeyn, Cornwell,« ſagte Sir Charles Murray,»möge der Unglückliche durch das Schwert umkommen und nicht durch das Beil des Henkers!« Beinahe die ganze Armee hatte das Thor von Bridge⸗ water paſſirt. Sir Charles drückte ſeine Tochter, welche ihren Schmerz muthig niederkämpfte, feſt an ſich und ſagte dann: „»Wenn Gott nach ſeiner unerforſchlichen Abſicht uns den Sieg verleihet und mich am Leben läßt, ſo werde ich Dir morgen Nachricht von mir geben, mein Kind; wenn er uns dagegen zur Niederlage verurtheilt hat, dann— verzeihe mir, Lucy, daß ich es Dir ſage— dann hoffe ich, daß ich ſo wiel geſcheiterte Hoffnungen nicht überleben werde.⸗ „Denkt an mich, mein Vater, und ſuchet nicht den Tod, wenn Gott ihn Euch nicht ſendet— verſprecht Ihr es mir?« Murray ſchwieg einen Augenblick lang, ehe er antwor⸗ 4 tete, dann wendete er die Augen gen Himmel und ſagte in gepreßtem Tone: 6 »Wohlan, ja, mein Kind, ich werde Dir dieſes letzte Opfer bringen. Es wird das größte von allen ſeyn. Mögen wir dereinſt nicht bereuen, Du, daß Du es verlangt, ich, daß ich es gewährt habe.⸗ Der Greis umarmte zum letzten Mal ſeine Tochter und eilte mit jugendlich kräftigem Schritt der Armee nach. Noch ehe eine Viertelſtunde verging, befand er ſich ſchon an Mon⸗ mouth's Seite an der Spitze der erſten Infanteriecolonne welche gegen den ſchwarzen Graben vorrückte. Der Weg, welchen Fitzgerald's Schweſter eingeſchlagen, war wegen ſeiner geringen Breite für eine Armee nicht gang⸗ bar. Die Inſurgenten waren deshalb genöthigt, einen Umweg von mehr als ſechs Meilen zu machen, um Feversham’s Lager zu erreichen, und die Straße, welche ſie verfolgten, heißt noch heute War lane oder der Kriegsweg. Dieſer Umweg nahm viel Zeit weg und es war daher bereits ein Uhr Morgens, als ſie in der Mitte der ſumpfigen Ebene vor der Chauſſée ankamen, welche den erſten zum Ab⸗ fließen des Waſſers angelegten Graben überbrückte. Sie paſſirten dieſen Graben ohne Hinderniß und nahmen, ſtets das tiefſte Schweigen beobachtend, die Richtung nach dem Langmoor Rhine. Dieſe Julinacht, welche trotz ihrer kurzen Dauer ſo viele Menſchen von dem Eiſen und dem Feuer niederſchmettern ſehen ſollte, bot einen außerordentlich poetiſchen Anblick dar. Die ganze Umgegend war von den Strahlen des Voll⸗ mondes und dem hellen Glanze des Nordlichtes überflutet. Die nächſten Anhöhen der von dieſem doppelten Scheine be⸗ leuchteten Landſchaft zeichneten ſich mit eigenthümlicher Schärfe, und ſelbſt der wenige Schatten, der dieſes helle Licht unter⸗ 7 brach, ſteigerte noch die Harmonie des Gemäldes, ohne die Li⸗ nien desſelben allzuſehr abzuſtumpfen. Aber die Decoration wechſelte, ſobald man in den Sed⸗ gemoor hineinkam. Der Nebel, welcher ſich bei Sonnenunter⸗ gang aus den Moräſten erhoben, hatte jetzt den höchſten Grad ſeiner Dichtigkeit erreicht. Der ſchärfſte Blick konnte nur auf wenigeSchritte Entfernung die Gegenſtände unterſcheiden und weithin erloſchen alle Formen und Farben in einer feuchten warmen Atmoſphäre und gleichförmigen Tinte. Dieſer dem von den Inſurgenten beabſichtigten Ueberfall ſo günſtige Umſtand konnte ihnen auch verderblich ſeyn, weil er ihnen nicht geſtattete, in dieſer tiefen Dunkelheit die rechte Richtung mit Sicherheit zu verfolgen. Dies war zum Unglück für ſie auch ſehr bald der Fall. Kaum hatten ſie jenſeits des ſchwarzen Grabens einige hun⸗ dert Schritte zurückgelegt, ſo bemerkten ſie, daß ſie ſich verirrt hatten. »Elender!« rief Sir Charles Murray dem Führer zu, welcher neben ihm hermarſchirte,„ich gebe Dir fünf Minuten Zeit, um den richtigen Weg wiederzufinden. Wenn Du nach Verlauf dieſer Zeit den guten Weg noch nicht wiedergefunden haſt, ſo ſteche ich Dich nieder. Wade, ſtelle Dich auf die an⸗ dere Seite dieſes Dummkopfes, dieſes Verräthers vielleicht; wir wollen ihn Beide ſcharf überwachen.“ „»Mein Offizier,« antwortete der Führer ruhig,»ich zweifle, daß mein Tod dieſen fürchterlichen Nebel ver⸗ ſcheucht.⸗ „Geduld, Sir Charles« ſagte Monmouth,„beunruhigt das Gemüth dieſes Mannes, deſſen Blick ſchon ſo unſicher iſt, nicht durch eure Drohungen noch mehr.“ 8 »Der König hat Recht,« murmelte Ferguſſon,„und nach meiner Meinung ſollte Jeder, der den Sieg des Befreiers von England wünſcht, ſich enthalten, unſere Verlegenheiten noch zu vermehren.« Murray wollte antworten, als Wade ſich zu ſeinem Ohre neigte und zu ihm ſagte: »Ich kenne den Mann, der uns führt alter Freund; er iſt ein ehrlicher Burſche.« »Du bürgſt mir für ihn, Wade?« fragte der Pu⸗ ritaner. »Ja, ich bürge Dir für ihn, Murray. Laſſen wir ihm Zeit ſich zu beſinnen.« »Es ſey, ich werde mit ſo viel Geduld warten, als Gott mir ſchenken wird.« Während ſo Monmouth's Armee auf dem Sedgemoor umherirrte, war Lucy, von Cornwell begleitet, in die Hütte zurückgekehrt, welche ſie ſeit ihrer Ankunft in Bridgewater mit ihrem Vater bewohnt hatte. Das arme NMädchen ward von der ſchmerzlichſten Un⸗ ruhe gefoltert. Wohl erhob ſie ihre Seele zu Gott und er⸗ klärte ſich bereit, demüthig Alles hinzunehmen, was ſein Wille über ſie verhängen würde— ihre chriſtliche Reſignation ſchwand aber bald vor den moraliſchen Qualen, deren Beute ſie war.: »Mr. Cornwell,“« ſagte ſie plötzlich zu dem Dichter, »Ihr habt Euch, ſeitdem ich Euch kenne, gegen mich ſtets gut und gefällig gezeigt. Ihr habt auf Lord Lisle's Bitten Euch dazu verſtanden, auf das friedliche Leben zu verzichten, wel⸗ ches Ihr in der Hauptſtadt führtet, um hierherzugehen und mir Nachrichten von unſerem edlen Freunde zu bringen. Ihr habet, indem Ihr dies thatet, Euch nicht geſcheut Euch ernſten — ———— — 9 Gefahren auszuſetzen, die Euch gleichwohl bekannt waren, ehe Ihr von London abreiſtet. Alles dies macht mir Muth, Euch um einen abermaligen Dienſt zu bitten, der gefährlicher, aber auch größer iſt als alle, welche Ihr mir bis heute ge⸗ leiſtet.« „Sprechet, geehrte Miß— ich werde mich nur zu glück⸗ lich ſchätzen, Euch zu gehorchen,« entgegnete Cornwell. Lucy ſchien zu zögern und er fuhr daher mit bebender Stimme fort: „Warun ſcheut Ihr Euch, mir eure Befehle zu erthei⸗ len? Seyd Ihr nicht meine Muſe, meine einzige und heilige Muſe? Kann der Dichter etwas dem Engel verweigern, von welchem er alle ſeine Begeiſterungen empfängt? Sprecht, Miß Luch, ſprecht.« „Es iſt ſehr natürlich, daß ich ſo zögere,« ſagte Mur⸗ ray's Tochter,„denn das, was ich von Euch verlangen will, kann Euch in Todesgefahr bringen.« „»Was iſt es denn, geehrte Miß?« fragte Lucy's poeti⸗ ſcher Diener nicht ohne plötzliche und lebhafte Gemüthsbe⸗ wegung. »Ich würde Euch, mein werther Freund, ewig dankbar ſeyn, wenn Ihr Euch an den Ort begeben wolltet, wo jetzt die Schlacht geliefert werden ſoll.« „»Was ſoll ich denn dort? Mein Gott, was oll ich denn dort?« rief Cornwell ängſtlich. „Ihr ſollt mir Nachrichten von meinem Vater— und — warum ſoll ich es nicht geſtehen?— auch von Lord Henry Lisle bringen. Denn ſehet Ihr, Mr. Cornwell, es iſt mir un⸗ möglich, noch eine Stunde in dieſer entſetzlichen Ungewißheit zu verleben. Es iſt mir jeden Augenblick, als hörte ich die beiden Klingen zuſammenklirren. Ha! wenn ſie ſich in der 10 Finſterniß der Nacht begegneten! Wenn mein Vater und Henry einander, ohne es zu wiſſen, gegenüberſtünden!« »Aber das iſt ja unmöglich,« rief der Dichter raſch. »Wenigſtens iſt es außerordentlich unwahrſcheinlich.« »Unmöglich? Unwahrſcheinlich? Warum ſollte denn die⸗ ſes furchtbare Unglück nicht geſchehen? Wäre es wohl das erſte Mal, daß ſo etwas ſich ereignete?« »Ach, Miß, verlanget von mir, was Ihr wollt, aber nur nicht, daß ich mich mitten in dieſes Gemetzel hineinbegebe, in dieſes Blut, welches in dieſem Augenblicke den Wahlplatz überſchwemmt!« »Ich bitte Euch, ſchweigt, Mr. Cornwell! Ihr macht mich ſchaudern.— Und da Ihr mir meine Bitte abſchlaget, wohlan, ſo werde ich ſelbſt gehen— lieber will ich dieſe Schreckniſſe ſehen, als daran denken.« Indem Luchy dieſe Worte ſprach, eilte ſie nach der Aus⸗ gangsthür der Hütte. Cornwell ſtellte ſich ihr in den Weg. »Nein, Miß, Ihr werdet nicht gehen— ich werde ge⸗ hen!“ rief er mit unerwarteter Entſchloſſenheit.»Glaubt Ihr, ich hätte mich aus Feigheit ſo eben geweigert, mich nach dem Sedgemoor zu begeben? Nein, tauſendmal nein! Der Grund liegt darin, daß ich einen unüberwindlichen Abſcheu vor Blut⸗ vergießen habe. Das Funkeln des Stahles, der in meinen Augen leuchtet, macht mich ohnmächtig! Aber deswegen dürft Ihr nicht glauben, daß ich ein Feigling ſey. Und der Beweis, daß ich keiner bin, iſt, daß ich gehe— ja, ich gehe, ich werde bald wiederkommen. Ihr dagegen verlaſſet dieſen Ort nicht. Erwartet mich hier— ich werde nicht lange weg ſeyn— Ihr wißt, wie ich laufe— auf unſerer Reiſe von Taunton nach 11 Bridgewater folgte ich im Schritte dem Trabe eures Pferdes.“ Der arme Teufel gab einen Beweis von der ungeheuer⸗ ſten Selbſtüberwindung, indem er verſprach, ſich auf das Schlachtfeld zu begeben. Seine moraliſche Kraft war erſchöpft; er keuchte und ſchwieg. Luch faßte ihn bei beiden Händen und richtete einen von Dankbarkeit und Ermuthigung erfüllten Blick auf ihn. „Ich wußte wohl,“ ſagte ſie in ihrem liebkoſendſten Tone,„daß Ihr mir dieſen neuen Beweis von Selbſtauf⸗ opferung geben würdet, Mr. Cornwell. Aber ſo dürft Ihr nicht gehen— wartet einen Augenblick.« Lucy ging in das zweite Gemach, welches ihr als Schlaf⸗ zimmer diente, und erſchien ſofort wieder, indem ſie in jeder Hand eine große Sattelpiſtole trug. „Dieſe Waffen gehören meinem Vater,“«ſagte ſie.»„Nehmt ſie, damit, wenn man Euch angreift—«⸗ Cornwell trat zwei Schritte zurück. »Niemals, Miß, niemals!« rief er. „»Dann laſſe ich Euch auch nicht gehen,« ſagte Lucy ent⸗ ſchloſſen.„Ich will nicht, daß Ihr wehrlos der Gefahr gegen⸗ überſteht, welche Euch vielleicht begegnen könnte.“ „Entfernet dieſe Waffen von mir— ich beſchwöre Euch.« „Gut, Mr. Cornwell, aber bedenket wohl, wenn irgend eine Urſache eure Rückkehr verzögerte, ſo würde ich glauben, daß Ihr getödtet worden ſeyet, weil Ihr nichts hattet, um Euch zu vertheidigen.“ 3 »Ach, Miß, warum ſprecht Ihr unaufhörlich von mei⸗ nem Tode?« 12 »Und ich würde mich dann ſelbſt nach Weſton⸗Zoyland begeben, um zu erfahren—« „Gebt die Piſtolen her, Miß,« unterbrach ſie Cornwell mit reſignirter Miene.»Da Ihr es durchaus wollt, ſo muß ich ſie wohl nehmen, wenn dies das einzige Mittel iſt, um Euch abzuhalten, ſelbſt dorthin zu gehen. Lebt wohl, Miß— doch nein, auf Wiederſehen! Bittet Gott, daß er mich in ſei⸗ nen heiligen Schutz nehme.“ Der vorſichtige Säugling der Muſen, wie er ſich ſelbſt nannte, ergriff die Piſtolen mit außerordentlicher Behutſam⸗ keit und verließ die Hütte, welche der unglücklichen Lucy ein vorübergehendes Aſyl gewährte. Einige Minuten ſpäter eilte er querfeldein in der Richtung nach dem Sedgemoor. Obſchon er verſichert hatte, daß die Furcht ein ihm unbekanntes Ge⸗ fühl ſey, ſo verließ er doch nicht ohne die größte Angſt die hell erleuchtete Atmoſphäre, welche die Ebene zwiſchen Brid⸗ gewater und den Moräſten bedeckte, um in den dichten ſchwar⸗ zen Nebel einzudringen, welcher ſchwerfällig auf ihrer feuchten Oberfläche laſtete. Plötzlich hörte er hinter ſich galoppirende Hufſchläge und zitterte an allen Gliedern, als er in dem Schatten die ſchwarzen Umriſſe eines auf ihn zukommenden Reiters er⸗ kannte. „Wer da?« rief ihm eine Stimme zu, deren ſanfter, wohlklingender Ton kein Kind erſchreckt haben würde. „Gut Freund!« antwortete er mit vor Angſt halb er⸗ ſtickter Stimme. 1 „Wo willſt Du hin?« „»Wo ich hin will?« „Ja.“ „Warum fraget Ihr mich darnach?« A, 13 „Weil ich mich verirrt habe, und weil Du, wenn Du dahin geheſt, wo ich hin will, mich führen ſollſt.« „Und wo wollt Ihr denn hin?« „Ich möchte mich zur Armee des Königs begeben.“ „»Welchen Königs?« „Des Königs Monmouth.“ „Da will ich allerdings auch hin!« rief Cornwell mit einem Freudenſchrei. „Kennſt Du den Weg?« „Ja.“ „Nun ſo ſteige hinter mir auf das Pferd und zeige mir den Weg, den ich reiten ſoll.« „Sehr gern, aber wenn ich auf das Pferd ſteigen ſoll, ſo müßt Ihr mir einſtweilen dieſe Piſtolen halten.⸗ Der Reiter nahm die Waffen, welche Cornwell ihm bot, und dieſer ſchwang ſich mit einem Satze auf das Pferd. „Hier ſind eure Piſtolen. Nehmet Sie wieder zurück.« „Nein, behaltet ſie.« „Wie? Ich ſoll ſie behalten? Aber ich habe deren jc auch in meinen Holftern. Nehmt die eurigen zurück.“ „Wenn ich Euch bitte, ſie zu behalten, ſo liegt der Grund darin, daß ich meiner Hände bedarf, um mich auf dem Pferde zu halten.“. Plötzlich ſtieß Cornwell einen lauten Ruf der Ueberra⸗ ſchung aus. „Ach, mein Gott! ach mein Gott!« rief er. „Was fehlt Euch denn, Freund?« „Ihr ſeyd ja ein Frauenzimmer!“ „Nun, und was iſt weiter dabei?« „Was weiter dabei iſt?— O nichts— aber ich wun⸗ dere mich, daß Ihr, ein Frauenzimmer, hier ſeyd, in dieſem 14 — Nebel, in der 1. an einer Stelle, wo man ſich mit großer Erbitterung ſchlagen wird.— Pentheſileia, Clorinde und Gildippe hätten es allerdings auch nicht anders gemacht. Wendet Euch links.— Da, hier iſt die Chauſſée, welche über den ſchwarzen Graben führt. Ich höre Geräuſch. Hor⸗ chen wir.⸗ »Ich ſpanne eure Piſtolen.— Es iſt klüger.⸗ »Aber Ihr werdet doch nicht ſchießen?« »Warum nicht, wenn es ſeyn muß?« »Dann laſſet mich erſt abſteigen.“« »Steiget ab, wenn Ihr wollt— auch habe ich Euer ohnedies nicht mehr nöthig.⸗ Cornwell ſprang vom Pferde. »Hier ſind eure Piſtolen— diesmal nehmet ſie; aber nehmet Euch in Acht— ſie ſind geſpannt.⸗ »Reicht ſie mir ſo, daß ich ſie am Kolben faſſen kann.⸗ »Hier, hier.— Wenn alle Soldaten des Königs Mon⸗ mouth Euch gleichen, dann iſt er allerdings zu beklagen.⸗ »Tyrtäus kann nicht Achilles ſeyn,« murmelte der Poet, indem er die Piſtolen zurücknahm. Der Reiter oder vielmehr die Amazone ritt in ſcharfem Trabe davon. Ihr Pferd hatte kaum hundert Schritte zurück⸗ gelegt, ſo hörte Cornwell ſie das Wort„Soho« mit Stimmen im Dunkeln wechſeln. »Das iſt Monmouth's Armee ſagte er;„ich habe nichts zu fürchten.“ Er redete die Nachhut an und ward in Folge der Pa⸗ role, die er ſo eben erfahren, wie ein Bruder empfangen. Von den Soldaten erfuhr er, daß man ſich verirrt hätte und nachdem man beinahe eine halbe Stunde in der Ebene aufs Gerathewohl umhergeirrt war, hätte man ſo eben den Weg — e— — Seee 15 wiedergefunden. Man hätte den Langmoor Rhine paſſirt und würde nun bald mit dem Feinde handgemein werden, den man, weil er auf dieſen Angriff nicht gefaßt war, mit leichter Mühe zu vernichten hoffte. »Wißt Ihr,« fragte Cornwell die Soldaten, welche ihm dieſe Angabe machten,„daß Percy Kirke's Lämmer ſich er⸗ würgen laſſen werden, ohne ſich zu vertheidigen?« »Kirke's Regiment ſchläft in dieſem Augenblick eben ſo wie das Churchill's oder verdaut den gegohrenen Aepfelwein von Weſton⸗Zoyland, in welchem ſie ſich ſeit länger als vier⸗ undzwanzig Stunden betrunken haben. Sie werden aus ihrer Trunkenheit oder aus dem Schlafe blos erwachen, um in den Tod hinabzuſtürzen.“ »Dann,“ ſagte Luch's Bote,»werden alſo die, welche an der Spitze der Angriffscolonne marſchiren, nicht mehr Ge⸗ fahr laufen als wir Andern?« »Welche Gefahr ſollen ſie denn laufen? iſt ein zum Tod betrunkener Feind wohl zu fürchten? Aber wo wollt Ihr denn hin, Freund?« „»Ich will Sir Charles Murray aufſuchen. Wahrſchein⸗ lich marſchirt er an unſerer Spitze.« »„Ja wohl; dieſen alten Löwen muß man ſtets in den vorderſten Reihen aufſuchen.“ Cornwell war nicht vollkommen von der Genauigkeit der Verſicherungen überzeugt, die man ſo eben gemacht. Er ſagte ſich, daß die Gefahr wahrſcheinlich da, wo der Zuſammenſtoß begänne, größer ſeyn würde als bei der Nachhut. Er hatte aber ſeiner Muſe, wie er Lucy nannte, verſprochen zu ſehen, was ihrem Vater begegnen würde, und er war, trotz ſeiner Angſt und Furcht, entſchloſſen, Wort zu halten. Deshalb begann er den Schritt zu verdoppeln, und wenn Cornwell den Schritt verdoppelte, ſo ging es dann ſehr raſch, denn die Natur ſchien ihm Stelzen anſtatt der Füße verliehen zu haben. Er erreichte die Vorhut um ſo raſcher, als die ganze Armee durch ein unvorhergeſehenes Hinderniß aufgehalten worden war, und näherte ſich einer Gruppe, welche augen⸗ ſcheinlich aus den Anführern der Inſurrection beſtand. Wenig⸗ ſtens mußten Monmouth und Murray hier ſeyn, denn, ihre wohlbekannte Stimme hatte ſo eben ſein Ohr berührt. „Verdammniß!“ ſagte der Sohn Carls II.,»wie kommt es, daß keiner von unſern Spionen, keiner von unſern Kundſchaftern von dem Vorhandenſeyn dieſes dritten Grabens geſprochen hat? Auf dieſe Weiſe in dem Augenblick aufgehal⸗ ten zu werden, wo man den Sieg ſchon in den Händen hat! Was ſollen wir nun thun?« „Das fraget Ihr, gnädigſter Herr?« entgegnete Mur⸗ ray in ſehr ſchroffem Tone.»Mir ſcheint, daß es hier nur Eins zu thun gibt. Wir müſſen die Chauſſée ſuchen und fin⸗ den, welche auf die andere Seite dieſes Rhine führt, ganz beſonders aber beobachte man die größte Ruhe und Stille, wo nicht, ſo werden wir Alle bis auf den letzten Mann nie⸗ dergehauen. Uebrigens,“ ſetzte er leiſe hinzu,„»wäre es Wahnſinn, noch zu hoffen, unſere Feinde zu überrumpeln. Wir müſſen uns jede Minute darauf gefaßt halten, ein bluti⸗ ges, erbittertes Treffen, Mann gegen Mann, zu liefern.⸗ „Ein Treffen Mann gegen Mann!s rief Cornwell, deſſen Finger krampfhaft die Drücker ſeiner beiden Piſtolen berührten. Sofort krachten die Schüſſe los. „Für wen ſeyd Ihr?« rief eine Stimme von der an⸗ dern Seite des Buſſex⸗Rhine. —· 8 17 8»Füͤr den König!« antwortete mit heller, wohlklin⸗ gender Stimme ein Reiter der Inſurgentenarmee, indem er bis an den Rand des Grabens ritt. »Für welchen König?« antwortete man. 4»Für den König Monmouth,« antwortete der kühne 8 Reiter, in welchem Cornwell ſeine Gefährtin erkannte. Und mit einſtimmigem, begeiſtertem Ruf wiederholten 3 tauſend Stimmen: „»Für den König Monmuth!« 8 Ein Schweigen folgte, deſſen Dauer ſchwierig zu be⸗ ſtimmen geweſen wäre, denn in der Erwartung deſſen, was kommen würde, pochte auch das Herz der Tapferſten mit ge⸗ waltigen Schlägen und drängte jeden andern Gedanken in den Hintergrund. II. Der Rampf. Ungefähr zwanzig Musketenſchüſſe fielen auf der andern Seite des Buſſer⸗Rhine und die Armee der Inſurgenten hörte, wie die Reiter, welche dieſe Schüſſe abfeuerten, raſch nach verſchiedenen Richtungen davongaloppirten. Es waren dies die berittenen Vorpoſten, welchen Su⸗ ¹ ſanne vor einigen Stunden begegnet war. Der Knall von 3 Cornwell's Piſtolen hatte ihnen die Nähe der Inſurgenten ver⸗ rathen und ſie hatten ihren Carabiner mehr in der Abſicht abgefeuert, das königliche Lager zu allarmiren, als um einige Kugeln dem Feinde zuzuſenden, den ſie nicht ſahen. Dann ga⸗ loppirten ſie theils nach dem Quartier Churchill's, theils nach Chedzoy, wo das Regiment Dumbartons lag, theils endlich Der Tiger von Tanger. V. 2 — 18 nach Weſton⸗Zoyland, um Feversham und Perch Kirke zu be⸗ nachrichtigen. 1 „Es iſt klar,« ſagte Murray zu Monmonth und zu den Anführern, welche horchten und ſich mit einander unterredeten, 9 pes iſt klar, daß wir in wenigen Augenblicken die ganze Ar⸗ lc mee Jacobs von York auf dem Halſe haben werden. Wir dürfen nicht auf dieſer Seite des Grabens bleiben. Wir ha⸗ je ben viel mehr Lanzen als Musketen und es wäre Wahnſinn h von uns, hier die Infanterie Churchill's zu erwarten, welche unſere Reihen decimiren würde, während ſie ſelbſt gegen un⸗ v ſere Kugeln gedeckt wäre. Marſchiren wir daher längſt dieſem te Graben hin. Wir können nicht verfehlen, bald auf die Chauſ⸗ ſée zu ſtoßen, welche uns geſtatten wird, den Graben zu ſt paſſiren.⸗ ſe Wade, Hoodenough, Buyſe und Grey, welche raſch vom F Piferde geſtiegen waren, und an der von den Anführern ge⸗ pflogenen Berathung theilgenommen hatten, traten Murray's R „Anſicht bei. O h„Auch ich bin ganz dieſer Meinung,“ ſagte Monmouth. „Vorwärts, meine Herren, wir haben keine Zeit zu verlieren w — vorwärts!“« vo Deer Herzog lenkte ſein Pferd ſchon rechts und würde in zehn Minuten an der Chauſſée angekommen ſeyn, welche Fitz⸗ ſa gerald's Schweſter paſſirt hatte, als Ferguſſon das Wort er⸗ greifend rief: eu „Links, Sire; links iſt die rechte Richtung!« an „Kennt Ihr denn den Weg?« fragte ihn der alte da Puritaner. „Ja wohl, Sir Charles. Bei dem Blitzen der Carabi⸗ die nerſchüſſe, die wir ſo eben vernommen, ſah ich hier links ganz deutlich den Kirchthurm von Weſton⸗Zoyland. Nun werdet der 19 Ihr wiſſen, daß die Chauſſée, welchen wir ſuchen, beinahe ge⸗ rade dieſem Dorfe gegenüberliegt.« »Nun ſo ſchwenken wir links, meine Gerteme ſagte Monmouth zu denen, welche ihn umgaben, und rief dann mit lauter Stimme ſeinen Infanteriſten zu: »Meine Freunde, folget mir! Endlich werden wir auf jenen Feind ſtoßen, der ſo viel Schranken zwiſchen ſeine Feig⸗ heit und euern Muth zu legen gewußt hat.⸗ Einen Augenblick ſpäter rückte die ganze Armee in der von dem Agenten Jacobs II. angegebenen Richtung wei⸗ ter vor. Aber nachdem ſie über eine Viertelſtunde marſchirt war ſtieß ſie immer noch auf keinen Uebergang und es begannen ſelbſt in den Gemüthern der Unbefangenſten Zweifel gegen Ferguſſon zu erwachen. Dieſer beſtand laut darauf, daß man beharrlich dieſe Richtung weiter verfolge. Dann neigte er ſich zu Monmouth's Ohre und flüſterte ihm einige Worte zu. »Ihr habt Recht, Ferguſſon,« rief der Herzog,»und ich werde ſofort eure Idee in Ausführung bringen, denn ſie iſt vortrefflich.⸗ Dann wendete Monmouth ſich zu Lord Grey und ſagte: »Mylord, ſteigt raſch wieder zu Pferde und rückt mit eurer ganzen Cavallerie voran. Sobald Ihr an der Chauſſés anlangen werdet, paſſirt Ihr den Graben und verhindert, daß der Feind ſich an dieſer Stelle feſtſetze.⸗ Lord Grey ſprengte mit den fünfzehnhundert Reitern, die er commandirte, raſch voran. Mittlerweile hörte man anfangs entfernten, aber mit je⸗ der Minute näherkommenden Trommelwirbel. 20 Plötzlich hörte derſelbe auf und es herrſchte wieder Schweigen. „Einen Anfang hat dieſer Graben vielleicht,« ſagte Lord Grey zu Goodenough, der neben ihm ritt,„aber ich zweifle, daß er ein Ende habe. Saget mir doch, Freund, ſcheint Euch nicht, als wenn er immer ſchmäler würde? Doch ſchauet! Steht da nicht auf der andern Seite eine lange Reihe von Soldaten in Schlachtordnung?« „Ihr müßt ſehr ſcharfe Augen haben, Mylord, um in einem ſolchen Dunkel etwas zu erkennen! Was mich betrifft, ſo ſehe ich nichts, unbedingt nichts.“ Plötzlich krachte von demſelben Punkte, welchen Lord Grey ſoeben bezeichnet, eine furchtbare Musketenſalve. Ueber hundert Mann ſtürzten todt oder verwundet von den Pferden. Der Reſt des Trupps gerieth in wilde Verwirrung und begann nach allen Seiten hin die Flucht zu ergreifen. „Endlich haben ſie die Chauſſée gefunden,“ rief Mon⸗ mouth,„aber ohne Zweifel iſt ſie beſetzt. Eilen wir ſie zu neh⸗ men, denn es iſt ein ſtrategiſcher Punkt, der für den Angriff eben ſo wichtig iſt, als für die Vertheidigung.“ Die vier⸗ oder fünftauſend Mann, welche die Sache des Prätendenten zu der ihren gemacht, rückten raſch vor, in der Dunkelheit und dem Nebel durch das Feuer der königlichen Infanterie geleitet, welche fortfuhr, auf einen Feind zu ſch ie⸗ ßen, der in der Finſterniß verſchwunden war. Als man an dem Ort des Blutbades ankam, ſtießen An⸗ führer und Soldaten ein Wuthgeſchrei aus, denn ſie ſahen, daß keine Chauſſée an dieſer Stelle vorhanden war. Tauſende Stimmen erheben ſich, um Ferguſſon zu fluchen, und das Wort „Verräther“ entſchlüpfte mehr als einem Munde. „Ueberlaſſen wir die Schmähworte den Weibern und 21 handeln wir als Männer!« rief in dieſem kritiſchen Augen⸗ blicke Der, welchem alle dieſe Verwünſchungen galten.»Mö⸗ gen die Feigen fliehen, aber die Tapfern mögen ſich freuen, denn jetzt hat ihre Stunde geſchlagen!« Ferguſſon's Kühnheit legte den Wüthendſten Schweigen und Reſpect auf, und da Monmuth ſo eben Feuer commandirt hatte, ſo begann eine lebhafte Fuſillade. Ueber drei Viertel⸗ ſtunden flog der Tod von einer Seite des Buſſer⸗Rhine nach der andern. Mittlerweile war einige Augenblicke nachdem die erſten Carabinerſchüſſe von den berittenen Vorpoſten abgefeuert worden, Lord Henry Lisle, der von ſeiner Runde zurückkehrte, an dem Zelte Percy Kirke's erſchienen, um dieſen von dem was vorging in Kenntniß zu ſetzen. „Hat der Generalmajor das Alarmſignal gehört, welches ſo eben von unſeren Vedetten gegeben worden?« hatte er einen der Soldaten gefragt, welche ringsum das Zelt bewachten. „Ich weiß es nicht, Lieutenant,« hatte der Soldat ge⸗ antwortet. „Dann muß er ſofort benachrichtiget werden— wenn er ſchläft, ſo muß man ihn aufwecken— ich werde zu ihm hineingehen.“ »Ihr könnt nicht eintreten— weder Ihr noch ſonſt Jemand—« „»Ihr waget nicht dem Generalmajor zu melden, daß die königliche Infanterie in dieſem Augenblicke mit den Inſurgen⸗ ten handgemein geworden iſt! Wißt Ihr, daß Ihr Alle, ſo viel Ihr deren ſeyd, eine furchtbare Verantwortlichkeit auf Euch nehmet?— Es handelt ſich für Euch um nichts mehr und nichts weniger, als morgen vielleicht erſchoſſen zu werden.“ 22 „Nun dann werden wir immer noch einige Stunden länger gelebt haben,« antwortete pflegmatiſch der Soldat, welcher ganz beſonders die Thür des Zeltes bewachte. „Was wollt Ihr damit ſagen?« fragte Lord Lisle. „Ich will ſagen, daß ich mich lieber morgen erſchießen, als in dieſem Augenblicke niederſtechen laſſen will.⸗ „»Laſſet mich paſſiren— wir haben nun ganz unnütze Worte gewechſelt.« „Ihr müßt uns erſt alle Zwanzig tödten, ehe Ihr hinein⸗ kommt. Wir handeln blos unſerer Inſtruction gemäß. Percy Kirke's Adjutant entfernte ſich nun von dem Zelte und lenkte ſeine Schritte nach dem Innern des Dorfes Weſton⸗Zoyland. „Da ich vergebens verſucht habe, meinen unmittelbaren Vorgeſetzten zu ſprechen,« ſagte Henry bei ſich ſelbſt,„ſo will ich verſuchen, ob ich bei unſerm Obercommandanten vor⸗ gelaſſen werde. Vielleicht habe ich bei Feversham mehr Glück — dafern er nemlich nicht ebenfalls Befehl gegeben hat, alle Störung von ſeinem Schlafe entfernt zu halten. Man muß geſtehen, daß die Intereſſen Seiner Majeſtät Jacobs II. in gu⸗ ten Händen ſind!« Der junge Mann hörte auf mit ſich ſelbſt zu ſprechen, ging langſamer, legte dann die Hand an die Stirn, wie um ſchmerzliche Gedanken darin zuſammenzupreſſen, und ſagte: „Warum gehe ich, dieſe Leute zu warnen? Warum laſſe ich nicht den Zufall ganz allein dieſen Streit entſcheiden, ohne der Sache nach der einen oder der andern Seite den Aus⸗ ſchlag geben zu helfen? Gibt es nicht auf jener andern Seite Weſen, welche mir ebenfalls theuer ſind? Luch! Lucy! Wo iſt ſie jetzt?— Wird Cornwell ſie auch angetroffen haben?— Und Sir Charles Murray! Ohne Zweifel befindet er ſich bei der Armee der Inſurgenten. In dieſem Augenblick greift er uns an!— O mein Gott, gib, daß ich ihn retten kann!“ Indem Lord Lisle auf dieſe Weiſe ſeine Gedanken laut ausſprach, war er vor dem Hauſe angekommen, welches der Obergeneral der königlichen Armee bewohnte. Es war das ſchönſte des ganzen Dorfes Weſton⸗Zoyland, womit jedoch nicht geſagt ſeyn ſoll, daß es auch nur im Entfernten einer jener Wohnungen glich, welche der Architekt, Wren zu derſel⸗ ben Zeit in London für die Ariſtokratie oder den reichen Bür⸗ gerſtand der City in ſo großer Anzahl erbaute. Das Haus war indeſſen umfangreich und das war für Feversham die Hauptſache. Seiner Gewohnheit gemäß hatte er auf den Bagagewagen der Armee ein vollſtändiges koſtba⸗ res Mobiliar mitgenommen und auf ſeinen Befehl ward das Haus, welches er gewählt, binnen wenigen Stunden in eine nicht blos bequeme, ſondern ſogar elegante Wohnung ver⸗ wandelt. Der Fußboden war mit friſchen Binſenmatten be⸗ deckt und leichte bunte chineſiſche Tapeten bedeckten die Nackt⸗ heit der Mauern. Beſonders die Spiegel waren nicht vergeſſen worden. Man hatte deren überall angebracht und die ſinn⸗ reiche Art und Weiſe, auf welche dies geſchehen, bewies, daß der Herr des Ortes ſich nicht blos von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht liebte. Da Henry an Feversham's Thür nur eine Schild⸗ wache ſah, ſo glaubte er, dieſer General hielte weniger auf ungeſtörten Schlaf als Percy Kirke, aber er irrte ſich. Man würde ihm unbedingt den Eintritt verweigert haben, wenn nicht der Donner des Musketenfeuers, welches zwiſchen den beiden Armeen ſo eben begonnen, Turenne's Neffen aufge⸗ weckt hätte. 24 Er klingelte ſeinem Kammerdiener. „Was höre ich da, Champagne?« fragte er, indem er ſich mit Mühe auf einen Ellbogen aufrichtete. „»Musketenſchüſſe, Herr Graf.« „Und wer feuert ſie ab?« „Das weiß ich nicht, Herr Graf.⸗ »Du weißt es nicht? Du weißt es nicht? Das erſte Mal, Champagne, wo Du mir dieſe Antwort, die ich nun ſchon ſeit zwanzig Jahren von Dir hören muß, wiedergibſt, ſchicke ich Dich nach Frankreich zurück.— Hörſt Du?— Jetzt wieder! Geh raſch und erkundige Dich nach den Urſa⸗ chen dieſes fürchterlichen Spectakels. Es iſt unglaublich— ſie werden mich nicht ſchlafen laſſen.— Nun ſo geh doch, Champagne, geh doch, wohin ich Dich ſchicke!« „Es wäre überflüſſig, Herr Graf. Unten ſteht ein Offi⸗ zier, der Euch zu ſprechen wünſcht und der eben über dieſes Schießen Auskunft geben wird.« „Nun, warum haſt Du ihn nicht ſchon heraufgeſchickt?« „Ihr ſchliefet, Herr Graf.« „»Na, ich ſehe ſchon, daß Du doch etwas bei mir lernen wirſt,« ſagte Feversham.„»Zu Gunſten dieſer Antwort ver⸗ zeihe ich Dir, Champagne, die, welche Du mir vorhin gabſt. Geh und hole mir dieſen Engländer.“ Champagne ging Lord Lisle zu melden, daß der Ober⸗ general der Armee Seiner Majeſtät des Königs Jacob II. ihn erwarte. Dann kehrte der Diener in Begleitung des Lieute⸗ nants der königlichen Garde ſofort in das Schlafzimmer ſeines Herrn zurück. Dieſer war wieder feſt eingeſchlafen. „»Ihr ſehet, Herr Lieutenant,« ſagte Champagne zu Lord Lisle, indem er auf Feversham zeigte, deſſen Bruſt durch einen ruhigen, regelmäßigen Athemzug ſanft gehoben & 25 ward,„»Ihr ſehet, daß mein Herr eben ſo gut als ſein Onkel, der Marſchall von Turenne, beim Donner des Geſchützes zu ſchlafen verſteht.⸗ „Weckt ihn,« ſagte Henry zu dem Diener. „Ich werde mich wohl hüten,« antwortete dieſer. „Aber das iſt doch etwas zu ſtark!« rief der junge Mann mit lauter vor Zorn bebender Stimme. Feversham ſchlug die Augen auf und heitzte ſeinen Blick auf den Lieutenant. „Hal ſeyd Ihr es, Mylord?« ſagte er.»Wohlan, was habt Ihr mir über dieſes verwünſchte Schießen zu melden? Was hat es zu bedeuten?« „Es ſind die von Monmouth commandirten Inſurgen⸗ ten, welche in dieſem Augenblick eure Armee angreifen, General.« »Ha, die Wahnſinnigen!« murmelte Feversham.»Wie können ſie die Nacht wählen, um einen ſolchen Spectakel zu machen, mich im Schlafe zu ſtören— doch, was ſage ich!— mich zu zwingen aufzuſtehen! Sie ſollen mir es theuer be⸗ zahlen! Champagne— gib mir meine Pantoffeln.— Wohl⸗ an— lege meine Kleider zurecht. Ich werde die anziehen, welche geſtern von Paris angekommen ſind. Bringe auch meine Stiefel.— Klingle und befiehl dem Reitknecht, Marga⸗ rethen zu ſatteln Ihr, Lieutenant, laßt alle meine Leute auf⸗ ſitzen.— Gehet, ich folge Euch.« Eine halbe Stunde ſpäter war Graf Feversham endlich mit ſeiner Toilette fertig. Der Knoten ſeiner Cravatte hatte beinahe die Hälfte dieſer Zeit in Anſpruch genommen und die andere Hälfte hatte er gebraucht, um ſich in den Spiegeln ſeines Schlafzimmers zu bewundern. »Brechen wir auf,« ſagte er zu ſeinen Begleitern, nach⸗ 26 dem er ſich auf ſein Lieblingsroß Margarethe geſchwungen; „vorwärts!— es iſt die höchſte Zeit!« Er ſtieß ſeiner feurigen Stute die Sporen in die Flanken und ſie flog pfeilſchnell davon. Das ganze Regiment folgte ihm mit dem Getöſe eines Wirbelwindes. Als er an Kirke’s Zelt vorüberkam, ſah er eine einzige Schildwache, welche den Eingang hütete. „Wo iſt der Generalmajor?« fragte er. „Er iſt fort mit den Lämmern,« antwortete der Sol⸗ dat,„und wenn er jetzt auf Monmouth's Bauern geſtoßen iſt, dann wehe dieſen!« „Welchen Weg hat er genommen?s „»Nach der Ebene auf der andern Seite des Buſſer Rhine, auf der Chauſſée zu eurer Linken, Herr General.“ „Links, meine Freunde! Galopp! wir werden dieſen Unſinnigen, welche Percy Kirke jetzt von vorn angreift, in die Flanke fallen. Ich hoffe, Ihr werdet ihnen zeigen, daß es nicht gut gethan iſt, den ſchlummernden Löwen zu wecken!« Einige Minuten ſpäter fand ein gewaltiger Zuſammen⸗ ſtoß von Menſchen und Pferden ungefähr zweihundert Schritte von der Stelle ſtatt, wo Monmouth, Murray, Wade, Buyſe und die unter ihrem Befehl ſtehenden Truppen gegen Kirke und Churchill fochten. Dieſer Zuſammenſtoß ward durch die Begegnung der königlichen Reiterei mit den Trümmern der zur Inſurgenten⸗ armee gehörigen Cavallerie herbeigeführt, welche es Lord Grey gelungen war, wieder zu ſammeln. Es war der Gna⸗ denſtoß für dieſen bunt zuſammengewürfelten Trupp, der auf Acker⸗ oder Karrengäulen ſaß. Er zerſtreute ſich abermals, aber diesmal für immer. Feversham galoppirte auf das Centrum der Inſurgen⸗ 81& ☛ en⸗ 27 ten los und faßte es, wie er ſchon vorher erklärt hatte thun zu wollen, in der Flanke. Was Lord Grey betraf, ſo ſtieg er vom Pferde, hob eine lange Pike auf, auf welche er zufällig getreten, und lenkte ſeine Schritte raſch nach dem Punkte, wo der Kampf am wüthendſten tobte, wo man das fortwährende Knallen der Schußwaffen, das Klirren des Eiſens und das Geſchrei und die Verwünſchungen hörte, welche von den Kämpfern ausgeſtoßen wurden. Hier war es, wo die Bauern von Somerſetſhire, durch disciplinirte Truppen von ſo vielen Seiten zu gleicher Zeit an⸗ gegriffen, den heldenmüthigſten Widerſtand leiſteten. Mit ihren furchtbaren Senſen und ſtarken ſchweren Piken bewaffnet, hielten ſie Alle entfernt, welche mit blanker Waffe auf ſie ein⸗ dringen wollten, und tödteten die Pferde und die Reiter, welche ſich in der Hoffnung, ihr unerſchütterliches Bataillon zu ſprengen, auf ſie warfen. Mit jeder Musketenſalve vermin⸗ derte ſich aber ihre Zahl. Dennoch ſchloſſen ſich ſofort die Reihen wieder und bo⸗ ten eine allerdings ſchmälere, aber immer noch undurchdring⸗ liche Fläche dar. Außer dieſem compacten Kampfe gab es noch eine Menge vereinzelte Kämpfe, förmliche Duelle. In dieſem Dunkel, wel⸗ ches ſelbſt die einander zunächſt befindlichen Körper iſolirte, diente der Geſichtsſinn nur in ſeltenen Zwiſchenräumen. Zuwei⸗ len erkannte man ein Geſicht, wenn der mit dem Tode hervor⸗ zuckende Blitz eines Musketen⸗, Carabiner⸗ oder Piſtolen⸗ ſchuſſes die in der Nähe befindlichen Gegenſtände beleuchtete. Am häufigſten aber, wenn die Degen zweier Gegner ſich im Dunkel begegneten, fragten dieſe einander um zu wiſſen, ob der Kampf fortzuſetzen oder einzuſtellen ſey. 28 Zwei Klingen waren ſich eben auf dieſe Weiſe begegnet und es wurden zwiſchen einem Reiter und einem Fußgänger raſch folgende Fragen und Antworten gewechſelt: „Für wen ſeyd Ihr?« „Für den König Jacob!— Und Ihr?« „Ich kann wohl ſagen, gegen wen ich bin, aber nicht für wen ich bin.“ „Dies ſagt mir nicht, ob Ihr ein Freund oder ein Feind ſeyd.“« 4 „Wenn Ihr für Jacob von York ſeyd, ſo können wir nicht Freunde ſeyn. Wir müſſen uns daher ſchlagen.⸗ „Sir Charles! Ihr ſeyd Sir Charles Murray?« rief der Reiter, indem er vom Pferde ſprang. „Henryl Ihr ſeyd es, Lord Henry Lisle!“ „Ja, ich bin es— ich bin es! Ha, danken wir dem Himmel, welcher erlaubt hat, daß wir uns auf dieſe Weiſe erkennen. Doch kommt, bleibt nicht länger auf dieſem Schau⸗ platze des Gemetzels. Der Mann, für welchen Ihr kämpfet, iſt nicht würdig, daß Ihr für ihn ſterbet. Kommt, damit ich Euch in Sicherheit bringe.“ 1 „Ich kämpfe nicht für für einen Menſchen, ich kämpfe vielmehr für eine Idee und werde ſie nicht durch meine Flucht werrathen.«— „Denket an Lucy, mein Vater!« Bei dieſen letzten von Lord Lisle geſprochenen Worten entrang ſich ein ſchmerzlicher Seufzer der Bruſt des alten Pu⸗ ritaners. „Ich danke Euch, mein edler junger Freund, aber ich kann, ſelbſt um mich Luch zu erhalten, nicht die Hilfe anneh⸗ men, welche Ihr mir anbietet. So eben habe ich bei dem Feuerſchein dieſer furchtbaren Salve einige meiner Freunde geſehen, welche noch Widerſtand leiſten. Ich eile ihnen beizu⸗ ſtehen, damit ſie die letzten Tropfen ihres Blutes ſo theuer als möglich verkaufen.— Lebt wohl, Henry— Seyd Lu⸗ cy's Bruder, da Ihr nicht ihr Gatte habt ſeyn wollen.« „»Der Schmerz iſt ungerecht. Er allein hat vielleicht aber das Recht, es zu ſeyn— ich ſchweige daher, mein Vater.« „»Lebt wohl, mein Sohnz ſeyd nächſt Gott der Beſchützer meines armen Kindes.“ Murray ſtürzte ſich ſchon dem heldenmüthigen Bataillon der Bauern von Somerſetſhire entgegen, als er auf einmal einen ſchwachen Schrei ausſtieß und ſchwer auf den feuchten Boden der Haide niederſchlug. „Seyd Ihr verwundet, Sir?« fragte ihn Henry erſchro⸗ cken, indem er ſich zu ihm herabneigte. Er bekam keine Antwort. Er legte nun die Hand auf das Herz des Greiſes. Das Organ des Lebens ſchlug noch. Dann befuͤhlte er vorſichtig mit den Fingerſpitzen die Glieder, den Körper und den Kopf ſeines alten Freundes. Schaudernd fühlte er, daß die Schläfe naß war. Es war augenſcheinlich Blut, was er berührte. Er befühlte abermals das Herz— die Pulsſchläge desſelben hatten weder an Zahl noch an Kraft ſich vermindert. Schon ergriff Henry den Körper des alten Puritaners, um ihn auf ſein Pferd zu ſetzen, als eine Stimme ihm die Worte ins Ohr flüſterte: »Mylord, Ihr bedürft einiger Beihilfe bei der großmü⸗ thigen That, welche Ihr im Begriff ſeyd zu üben. Steiget immer auf— ich werde Euch Sir Charles dann hinauf⸗ reichen.“ „Ich nehme eure Hilfe an, denn Ihr ſeyd ein Freund. Wie iſt euer Name?« 30 „Ich gehöre zu der Zahl derer, weiche Euch Dank ſchul⸗ dig ſind, Mylord. Ich bin Cornwell.“ „Cornwell? Nun, habt Ihr Lucy geſehen? Wo iſt ſie? Iſt ſie in Sicherheit?« rief Henry ungeſtüm. „Ja, ich habe ſie geſehen. Sie iſt in Bridgewater und, wie ich glaube, in Sicherheit. Sie iſt es, die mich hierherge⸗ ſchickt hat, um ihr Nachricht von ihrem Vater und Euch zu bringen. Ich weiß nicht, ob ich den Muth haben werde, Ihr das Unglück zu berichten, welches ihrem Vater zuge⸗ ſtoßen iſt.“« „Geht wieder zu ihr, mein Freund, aber ſagt Ihr nichts von dem, was Ihr ſo eben erfahren. Sir Charles Murray iſt nur verwundet. Seine Wunde kann nicht gefährlich ſeyn und es wäre daher überflüſſig, Miß Lucy zu beunru⸗ higen.“ „Aber was ſoll ich ihr ſagen, Mylord?« „Es iſt keine Zeit zu verlieren. Sagt ihr, ihr Vater ſey in Sicherheit, denn in der That wird er ſich binnen wenigen Minuten an einem Orte befinden, wo er keinerlei Gefahr läuft. Ich ſteige auf— faßt Ihr Sir Charles und verſuchet ihn bis zu mir heraufzuheben.“ Cornwell gehorchte und nach wenigen Augenblicken trennten ſich der junge Lord und der arme Poet im Dunkeln, nachdem ſie einander die Hand gedrückt. Wenige Schritte von der Stelle, wo dieſe Auftritt ſtatt⸗ gefunden, fand eine ergreifende Scene ſtatt. Monmouth hatte beinahe zwei Stunden lang muthig zu Fuße und mit einer Pike in der Hand in der erſten Reihe der Bauern und Taglöhner von Somerſetſhire und Dorſetſhire gekämpft. Endlich der Ermüdung weichend, hatte er ſich ein —— 8 31 wenig auf die Seite zurückgezogen. Grey geſellte ſich beinahe ſofort zu ihm. »Sire,« ſagte er,»eure Abweſenheit iſt ſchon von den für eure Sache noch fechtenden Männern bemerkt worden. Kommt, um ſie durch Anſprache und Beiſpiel zu ermuthigen. Ihr habt dieſe ganze Nacht wie ein König gehandelt— der anbrechende Tag muß Euch ſiegen oder als König ſterben ſe⸗ hen. Kommet—« »Nein, Wylord, laſſet mich noch einige Augenblicke ver⸗ ſchnaufen, dann werde ich mit Euch in den Kampf zurückkeh⸗ ren. Aber, ich bitte Euch, geſtattet mir Zeit, erſt ein wenig wieder zu Kräften zu kommen. Hal wenn ich ein Pferd hättel« »Was wolltet Ihr damit machen?« fragte Grey unru⸗ hig.»Bedenket, daß, wenn Ihr das Schlachtfeld verließet, ſo lange einer von denen, die für Euch zu den Waffen gegriffen, noch auf den Füßen ſteht und dem Feinde Widerſtand leiſtet, Ihr Euch mit unauslöſchlicher Schmach bedecken würdet!« »Ich werde, Mylord, eben ſo gut als Ihr der Stimme der Pflicht zu gehorchen wiſſen. Und wenn ich ein Pferd ver⸗ lange, ſo geſchieht es blos, um noch mehr Feinde tödten zu können, ehe ich ſelbſt ſterbe— um als Held und als König zu ſterben!« »Euer Wunſch ſey Euch gewährt, Sire,« ſagte eine Stimme, welche in der ſchwarzen Nacht zitterte und weinte. »Hier iſt ein Pferd, welches keine Ermüdung kennt. Beſteigt es und wenn Ihr nicht ſiegen könnt, ſo ſterbet wenigſtens als Held und als König.« Monmouth ſchwang ſich auf das Pferd und galoppirte blitzſchnell auf und davon. 32 „Der Feigling!« rief Lord Grey, indem er dem Fliehen⸗ den nacheilte. „Der Unglückliche!« rief im Tone der Verzweiflung Lady Henriette Wentworth, welche mitten unter dem blutigen Gemetzel wie vom Donner gerührt ſtehen blieb. III. Die Orgie auf der haide. Als der erſte Schimmer der Morgendämmerung den Nebel durchbrach und den Sedgemoor beleuchtete, bot ſich dem Blicke ein impoſantes, aber zugleich herzzerreißendes Schau⸗ ſpiel dar. Eine Gruppe von einigen hundert hartnäckigen Kämpfern, durchgängig aus muthigen Bauern von Somer⸗ ſetſhire und Bergleuten von Mendix beſtehend, zeigte ſich mit⸗ ten auf der blutgetränkten Ebene. Um ſie herum war die Haide mit Menſchen⸗ und Thierleichen bedeckt, unter welchen ſich die ländliche ſchmuckloſe Kleidung des Landmannes mit den glän⸗ zenden grellen Farben der militäriſchen Uniformen miſchte. „Zurück!“« ſchrie Feversham, ſobald er ſehen konnte, wie die Sache ſtand.»Dieſe Wahnſinnigen haben faſt kein Pulver mehr— ihr Feuer wird immer matter. Man entferne ſich von ihren Senſen und ihren Piken— die Kanonen werden dieſer fluchwürdigen Hartnäͤckigkeit bald ein Ende machen. Man laſſe die Artillerie vorrücken.« Die von dem Obercommandanten der königlichen Armee befohlenen neuen Dispoſitionen wurden raſch getroffen und es dauerte nicht lange, ſo zerriſſen die Stückkugeln die Reihen dieſer bis jetzt undurchdringlichen Phalanx und die Kartätſchen beendeten, was die Kugeln ſo gut begonnen. 33 So lange ſie noch ſtanden, riefen die Männer von Eiſen: »Munition! Um Gottes willen! ſchafft uns Munition!« »Es lebe König Monmouth!« war der letzte Ruf, der fich ihrem treuen Munde entrang, als ſie tödtlich getroffen niederſanken. So wie die blutige Arbeit des Geſchützes ihren erwünſch⸗ ten Fortgang hatte, entfaltete ſich ein immer ſanfteres Lächeln auf den Lippen Feversham's und ſeine Hand griff immer häufiger an den Knoten ſeiner Cravate, um ſich zu überzeu⸗ gen, daß derſelbe nichts von ſeiner Eleganz verloren habe. „»Mylord,“ ſagte er zu Churchill, der ſich ſo eben bei ihm eingefunden,„ich habe Euch und den Generalmajor rufen laſſen. Ich bin Euch für euren Eifer verbunden. Könnt Ihr mir ſagen, wo unſer Freund Percy Kirke iſt?« »Da kommt er herangaloppirt,« antwortete Churchill in kaltem, zurückhaltendem Tone. »Ich freue mich, Euch endlich zu ſehen,« ſagte Fevers⸗ ham zu Kirke, als dieſer ſein Pferd anhielt.„»Ich begann ſchon ein Unglück zu fürchten. Ihr habt dieſe Nacht ſo wacker gear⸗ beitet, General, daß ich bedauerte, Euch nicht zu der Stunde hier zu ſehen, wo man nur noch mit verſchränkten Armen die⸗ ſem angenehmen Schauſpiele beizuwohnen braucht. Uebrigens wollte ich Euch auch zum Frühſtück einladen.— Ihr nehmet meine Einladung Beide an, nicht wahr? Ich danke Euch für die Ehre, welche Ihr mir erzeiget, Mylord Churchill. Und Ihr, General, darf ich auf Euch rechnen?« »Ganz beſtimmt,« antwortete Kirke.„Ich nehme dieſe Einladung um ſo lieber an, Herr Graf, als ich mich nicht blos nach einem Frühſtück, ſondern auch nach einer Wohnung umſehen wollte.« Der Tiger von Tanger. V. 34 „So? Was habt Ihr denn mit eurem ſchönen mauri⸗ ſchen Zelt gemacht, General?« fragte Feversham raſch. „Mit meinem Zelt? Dieſes exiſtirt nicht mehr. Man mel⸗ dete mir, daß es in Brand gerathen ſey. Ich eilte ſogleich hin und komme eben davon wieder. Ich fand an der Stelle, wo es früher ſtand, weiter nichts als einen Aſchenhaufen und in die⸗ ſer Aſche die Gebeine eines menſchlichen Körpers, die wiederum durch den Sturz der benachbarten Bäume, welche das Feuer ebenfalls verzehrt, zerſchmettert waren.* 3 „Es iſt dies eine von den Unannehmlichkeiten, die im Kriege nur allzuhäufig vorkommen,“ ſagte Feversham phleg⸗ matiſch.»Man muß ſich darein zu fügen wiſſen. Was mich be⸗ trifft, General, der ich Egoiſt bin, ſo beklage ich den Unfall⸗ der Euch da betroffen hat, nicht allzuſehr, denn er verſchafft mir die ſehr angenehme Gelegenheit, Euch eine Wohnung in meinem Hauſe anzubieten. Nach dem Frühſtuͤck werde ich ſie Euch zeigen und mich freuen, wenn ſie Euch zuſagt. Kom⸗ met denn, meine Herren. Wir ſind heute ſehr früh aufgeſtan⸗ den und ich glaube, der Appetit wird Euch eben ſo wenig feh⸗ len als mir. Eben hat der letzte Soldat des Prätendenten die Königswürde Monmouth's angerufen. Das Stück iſt aus. Kommet! Man wird die königliche Leiche unter den Todten ſuchen und wenn man ſie nicht findet, ſo wird man ſich bemü⸗ hen, den Mann ſelbſt in dem Loch zu entdecken, welches er ſich gegraben haben wird. Kommet! Dennoch aber darf man nichts vergeſſen. Ich ſehe nicht mehr als fünfzehnhundert bis zweitauſend Leichen vor uns liegen. Es muß daher eine große Anzahl dieſer Böſewichter, beſonders in der Richtung von Bridgewater, entronnen ſeyn. Die Cavallerie mag daher zur Verfolgung aufbrechen. Ihr, meine Herren, werdet die Güte 35 haben, mich zu begleiten. Ich hoffe, mein franzöſiſcher Koch wird heute Wunder thun.« Mittlerweile war die Sonne aufgegangen und hatte die letzten Spuren von dem Sumpfnebel zerſtreut. Die Atmo⸗ ſphäre war durchſichtig und vergoldet. Alles lachte an dem blauen Himmel, ein leichter Wind bewegte die Binſen der drei Rhines, welche die umfangreiche Ebene durchfurchten, und auf dieſer Haide, welche während der Nacht ein Schlachtfeld geweſen, fand ein zugleich burlesker und tragiſcher Auf⸗ tritt ſtatt. Gleich mit Tagesanbruch hatte ſich das Gerücht von dem Siege der königlichen Armee bei allen Pächtern der Umgegend verbreitet und ſie hatten ſich ſofort mit den Maßregeln be⸗ ſchäftigt, die ſie zu nehmen hatten, um nicht die Kriegskoſten bezahlen zu müſſen, das heißt um nicht von den ſiegreichen Soldaten ausgeplündert zu werden, welche ſehr geneigt wa⸗ ren, Alle, deren Keller und Vorrathskammern ihnen gut ver⸗ ſehen zu ſeyn ſchienen, als Feinde zu betrachten. Das Klügſte war, dem Cerberus einen Honigkuchen in den Rachen zu wer⸗ fen, um ihn abzuhalten, Alles zu verſchlingen. Deshalb ward von den Pächtern der benachbarten Dör⸗ fer beſchloſſen, auf gemeinſchaftliche Koſten eine reſpectable Anzahl von Fäſſern Bier und Aepfelwein, einige hundert Schinken, eben ſo viele Hühner, ein Dutzend Hammel und drei magere Kühe herbeizuſchaffen und alles dies großmüthig der auf dem Sedgemoore lagernden königlichen Infanterie zum Be⸗ weis des Antheils anzubieten, den die guten und treuen Un⸗ terthanen des Königs Jacob an dieſem Siege nähmen. Es wurden ſofort Wägen requirirt und der Zug bewegte ſich langſam und majeſtätiſch nach Feversham s Lager, wo er mit donnerndem Beifallsgeſchrei bewillkommnet ward. * 36 Binnen einigen Augenblicken waren die Wägen abgela⸗ den. Die Fäſſer wurden ſchnell auf Geſchützlaffetten gelegt. Die Kühe erſchlug man mit Flintenkolben, die Hammel wur⸗ den mit der blanken Waffe angegriffen und den Hhnern und Enten drehte man die Hälſe um. Die ungeſtümſten, ſchauer⸗ lichſten Gelüſte entzündeten ſich, als ob ein Hauch der Hölle ſie aus der Erde hervorgetrieben, und die Orgie begann— eine ungeheuerliche, ſcheußliche Orgie, welche nach Blut und Aepfelwein roch und in welcher Roaſtbeef mit Gehängten ab⸗ wechſelte. In der That wurden, während man die Bratſpieße drehte, auch zugleich Galgen errichtet und während man ganze Hammel auf die um ungeheure Feuerbecken herum aufgepflanz⸗ ten Piken ſpießte, hing man Gefangene an die auf der Haide errichteten Galgen. Das Stöhnen der Gemarterten und der Geſang der wilden Zecher miſchten ſich mit einander und erzeug⸗ ten ein diaboliſches Concert, bei deſſen Anhören ſich das Haar auf dem Kopf emporſträubte. „Heda, Peters, hänge ihn doch bei den Füßen auf.« „Nein, ich hänge ihn lieber am Halſe auf.“« „Dummkopf, ich rede von deinem Entrich. Den Men⸗ ſchen hänge am Halſe und das Thier bei den Pfoten.⸗ Und dieſe entſetzlichen Späße machten die Runde in den Gruppen der Soldaten, welche ſich in Köche und Henker ver⸗ wandelt hatten. Jedesmal, wo man eine Tonne einſchlug, tanzten Kirke’s Lämmer eine groteske Runde um das Faß herum, welchem ein dichter breiter Strahl von Flüſſigkeit ent⸗ ſtrömte. Der Eine ließ das Bier in ſeinen Helm laufen und leerte dieſen auf einen Zug. Dem Andern geſiel es, die Heldenthaten eines Baſſom⸗ 37 pierre zu erneuern, indem er ſeinen Stiefel füllte und ihn in zwei oder drei Abſätzen austrank. Ein anderer, der noch gieriger und kühner war, hielt den Mund muthig an die Oeffnung des Faſſes und empfing einige Minuten lang den ganzen Strahl in ſeine umfangreiche Gurgel. Gargantua wäre auf dieſe gewaltigen, britiſchen Ma⸗ gen ganz gewiß eiferſüchtig geworden. In gewiſſen Augenblicken hatte die Haide weit mehr Aehnlichkeit mit einem Jahrmarkt als mit einem Schlachtfeld. Man tanzte hier, man trank, man ſang und ſpielte und die Glocken von Weſton⸗Zoyland und von Chedzoy miſchten ihr Freudengeläute in dieſes ſeltſame ungeheure Getöſe. An ihrer ernſten Phyſiognomie und an ihrer zurück⸗ haltenderen Manier erkannte man die Generale und Offtziere, welche ſchweigend die Gruppe der Soldaten durchſchritten. Nach ihrem Frühſtück, wo das Küchengenie Frankreichs alle Hilfsquellen der Kunſt erſchöpft hatte, ſetzten Feversham, Churchill und Percy Kirke ſich unter eine hundertjährige Eiche, die mitten in dem weiten Raume ſtand, welcher zwiſchen dem Buſſex Rhine und dem Langmoor Rhine lag. Die drei Zecher erholten ſich, auf umgeſtürzten Seſſeln ſitzend, von den Be⸗ ſchwerden der Nacht und des Frühſtücks, indem ſie mit einem etwas ſchweren Blicke den Ausſchweifungen der ſiegreichen Armee zuſahen. Churchill ſchien gegen das Schauſpiel, welches ſich ſeinen Augen darbot, ziemlich gleichgiltig zu ſeyn. Kirke war augen⸗ ſcheinlich in Gedanken verſunken. Nur Feversham fand ein ziemlich lebhaftes Vergnügen daran, welches er auch nicht zu verhehlen ſuchte. Feversham galt füreinen ſanften, gutmüthigen Menſchen, aber ſein Charakter war ſchwach und übrigens hatte er in der Schule ſeines berühmten Verwandten, des Eroberers der Pfalz, allerdings nicht die Kunſt zu ſiegen, wohl aber die Kunſt zu verwüſten gelernt.»Der Soldat muß ſich amüſiren,“ ſagte er oft. Nun aber amüſirte ſich in dieſem Augenblick der Sol⸗ dat auf der Haide von Sedgemoor und Feversham ließ ihn gewähren. Während er mit zerſtreuten Blicken den Ausſchweifungen ſeiner luſtigen Kampfgenoſſen zuſah, bemerkte er eine gewiſſe Aufregung auf der Chauſſée, welche den Langmoor Rhine durchſchnitt. Soldaten, welche von Bridgewater zurückkehrten, hatten einen Mann von der Armee Monmouth'’s, der in dem dichten Geröhricht dieſes Grabens lag, entdeckt und trieben ihn nach dem Lager, indem ſie mit Steinen nach ihm warfen, als ob er ein im Bade überraſchtes Reh geweſen wäre. Der arme Teufel lief mit der Behendigkeit des liebens⸗ würdigen Thieres, welches uns dieſen Vergleich an die Hand gegeben hat. Unglücklicherweiſe, ſey es, daß die Angſt ihn blind machte, ſey es, daß er keine guten Augen hatte, ſey es end⸗ lich, daß der Langmoor Rhine ihm unmöglichzu paſſiren ſchien, lief er, indem er dieſem den Rücken wendete und konnte folglich nicht verfehlen, den Soldaten des Königs in die Hände zu fallen. Dies geſchah auch in der That. Eins von Kirke's Läm⸗ mern, welches auf dem Graſe liegend verdaute, ſtreckte das Bein aus, ſo daß unſer Flüchtling darüber ſtolperte und fiel. Als er wieder aufſtehen wollte, ſah er ſich unter den Soldaten und konnte weiter nichts thun, als mit halb erſtickter Stimme ſchreien: „Ich ergebe mich, edler Krieger!— Beim heiligen Georg! Ihr wiegt mehr als das Pferd von Troja! Ich ergebe mich — man führe mich zu dem unüberwindlichen Feversham.“ Kirke’s Lamm erhob ſich langſam. „Meiner Treu,“ ſagte er,„wir werden nicht lange zu gehen haben. Ich ſehe ihn dort unter der Eiche ſitzen. Deine Rechnung wird ſehr bald abgeſchloſſen werden— der Gene⸗ ral liebt ſchnelles Verfahren.“ Feversham hatte ſeit dem Beginn dieſes Auftritts nicht aufgehört dem Gefangenen mit den Augen zu folgen und mehr als einmal über ſeine ungeheuern Sprünge gelächelt. Es befand ſich aber in ſeiner Nähe ein Zuſchauer, der ein noch weit lebhafteres Intereſſe an dem Gefangenen zu nehmen ſchien, welcher von dem Lamme nach dem Ort geführt ward, wo die drei Generale ſaßen. Dieſer Zuſchauer war Percy Kirke. Er ſtand raſch auf und ging, ohne Feversham, der ihn lachend fragte, wohin er ſo ſchnell ginge, zu antworten, ſchnell auf Cornwell zu und bewog ihn in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten von der Eiche ſtehen zu bleiben. „Ich irre mich nicht,« ſagte er in kurzem Tone zu ihm, „Du biſt wirklich der arme Schlucker, den ich vor Newgate vom Pranger erlöſte.⸗ „Ich bin,« antwortete Cornwell mit Würde„jener Dichter, den man verhaftet, weil er Hunger hatte und für den in der That Euer Gnaden Caution bot. Es iſt keine Schande Hunger zu haben. Auch Homer hatte oft— ⸗ „»Sprechen wir von Miß Lucy Murray und laſſen wir Homer bei Seite. Du mußt ihr Aſyl kennen.“ „Ja, ich glaube es wenigſtens.“ „»Wo iſt es?« „Dante verlegt es in den vierten Kreis der Hölle, ich aber glaube vielmehr, daß ihr göttlicher Genius im ſie⸗ benten Himmel wohnt.« 40 »Willſt Du mich vielleichtzum Beſten haben?« rief Kirke, indem er die Stirn runzelte.»Ich frage Dich, wo Miß Luchy Murrayh ſich verborgen hält? Antworte, Du mußt es wiſſen!« »Nein, ich weiß es nicht,« ſtammelte Cornwell mit zö⸗ gernder Stimme und unverkennbarer Gemüthsbewegung. »Dann höre mich: Leben und Freiheit, wenn Du mir ſagſt, wo ſie iſt— den Strick, wenn Du es nicht geſtehſt!« „»Das heißt, Euer Gnaden gibt mir die Wahl zwiſchen der Schande und dem Tod.— Ich wähle den Tod!“ „Iſt das dein letztes Wort?« »Ja,“ ſagte Cornwell laut, indem er zugleich kaum die Lippen bewegend leiſe hinzuſetzte: »Es wird immer noch Zeit ſeyn, den Ernſt dieſer ſtolzen Antwort zu mildern.⸗ „Ja, ſagſt Du?— Wohlan, dann brauche ich nur den Grafen von Feversham machen zu laſſen,« hob Kirke wieder an und ſetzte darauf zu ſeinem Lamm gewendet hinzu:»Führe ihn zum Obergeneral.« „»Wer biſt Du?« fragte Feversham den Dichter, ſobald dieſer vor ihm ſtand. »Ein verirrter Poet,« antwortete der Gefangene.„Ihr werdet wiſſen, daß Diana die Muſe des Nachdenkens iſt. Wäh⸗ rend der vergangenen Nacht ſtrahlte die keuſche Göttin in einem ſolchen Glanze, daß ich mich in ihre Betrachtung ver⸗ ſunken auf der Haide zu lange verweilte, und wenn die Nachwelt dabei eine Ballade gewonnen hat, ſo habe ich dage⸗ gen meine Freiheit verloren.⸗ »Ich werde geneigt ſeyn zu glauben, daß Du ein Dichter biſt,« antwortete Feversham lächelnd,»denn ein Soldat hätte nicht mit dieſer wunderbaren Behendigkeit fliehen können, welche auf große Uebung ſchließen läßt.« — — 41 „Gnädiger Herr,« entgegnete Cornwell ein wenig ver⸗ letzt,»Ihr vergeßt, daß der tapfere Achilles, Homer's Schil⸗ derung zufolge, auch für ſehr leichtfüßig galt.« „Es ſey,« antwortete Feversham nachläſſig.»Du biſt Achilles. Achilles wird gehängt werden.“ Und er winkte einigen Soldaten, die eben etwa zwan⸗ zig Schritte von der Eiche entfernt, unter welcher er ſaß, die letzte Hand an einen Galgen legten. „In dieſem Falle, General,« ſagte Cornwell mit kläg⸗ licher Miene,„nehme ich eure erſte Vorausſetzung an. Glau⸗ bet, ich ſey ein wenig prahleriſch und behandelt mich wie einen Helden ohne Bedeutung.“ „Es thut mir leid, Dir dein Verlangen abſchlagen zu müſſen, denn ich würde dadurch meine Soldaten eines ange⸗ nehmen Schauſpiels berauben. Du wirſt Dich ſehr hübſch aus⸗ nehmen, wenn Du an einem Stricke baumelnd tanzeſt.« »Ich laufe ziemlich gut,« murmelte Cornwell mit halber Stimme,„aber ich tanze ſehr ſchlecht.⸗ In dieſem Augenblicke rannte ein Pferd, welches ſich los⸗ geriſſen, raſch über die Heide und ſetzte mit einem Sprunge über den Langmoor Rhine. Einer der Soldaten Kirke's, der auf der Chauſſée ſtand, packte das Pferd bei der Mähne und führte es, nicht ohne daß es ſich heftig ſträubte, auf die an⸗ dere Seite des Grabens zurück. „Da Du ſo gut läufſt,« hob Feversham an,„ſo biete ich Dir ein Mittel, dem Strick zu entrinnen.« „»Wenn es ſich blos um den Gebrauch meiner Beine han⸗ delt, General, ſo bin ich gerettet.« „Ich ſchlage Dir vor, mit dem beſten Läufer unſerer Armee um die Wette zu laufen.“ „»Ich nehme dies Anerbieten an.« 42 „»Aber der Beſiegte wird gehängt.“ „Zum Teufel! da heißt es alſo in der That Sieg oder Tod. Indeſſen, ich habe Vertrauen zu meinen Beinen. Man öffne die Schranken, General!« Feversham ſagte einem Offizier einige Worte in's Ohr. die Trommeln wirbelten, die Trompeten ſchmetterten eine lu⸗ ſtige Fanfare und binnen wenig Augenblicken ſtand die kö⸗ nigliche Armee, einen Halbkreis formirend, auf der Heide, mit der Front nach dem Langmoor Rhine gewendet.. Cornwell betrachtete alle dieſe Bewegungen mit unruhi⸗ gem Blick. Von Zeit zu Zeit ſtreichelte er ſeine Beine und klopfte ſie freundſchaftlich. „Wohlan,“ ſagte er zu ihnen,„Ihr berget Cornwell und ſein Glück— ich verſpreche Euch eine Ode, wenn Ihr mir das Leben rettet.« „Man führe Margarethen vor!« ſagte Feversham. „Wer iſt Margarethe, General?« fragte Cornwell in demüthigem Tone. 4 „Margarethe iſt der Renner, mit welchem Du um die Wette laufen wirſt.« „»Alſo eine Atalante!« „Die aber nicht goldene Aepfel ſchmauſt, ſondern einem Metzen Hafer den Vorzug gibt.⸗. „»O Himmel, ein Pferd!“ „Dasſelbe, welches ſo eben über den Langmoor Rhine ſetzte.« Dem armen Cornwell fingen die Knie an zu zittern. »Ach, Miß Lucy,« murmelte er,»wer wird Dir nun Nachrichten von deinem Vater bringen? Wie wirſt Du die Qualen der Ungewißheit ertragen?« 43 Eine Thräne der Wehmuth rollte langſam über die Wange des Dichters herab. In dieſem Augenblick führte man Margarethen herbei. Sie ſchlug aus und bäumte ſich heftig, und zwei Stallknechte vermochten nur mit der größten Anſtrengung ſie bei der Mähne zu halten.. „Meine Herren,« ſagte Feversham zu den Offizieren, welche um ihn herumſtanden,»die Wetten können beginnen. Ich halte zehn Guineen auf Margarethen.« „Ich,« ſagte ein Lieutenant von den blauen Füſelieren, vich wette einen Schilling auf dieſen magern Renner. Er hat ungeheure Läufe.“ „Eine Krone auf die Stute.« „Einen Penny auf den Mann.“ „Ein Glas Aepfelwein auf ihn.« »Ein Glas Ale auf ſie.« Lautes Gelächter begleitete die Ankündigung dieſer Wetten. Die Stallknechte machten mittlerweile Margarethen fer⸗ tig und rieben ihr einige Körner Ingwer unter den Schwanz. Ein wehmüthiges Lächeln umſpielte Cornwell’'s Lippen. Man ſah an der Richtung ſeines unſicheren Blickes, daß ſeine Gedanken wo anders weilten. In der That lag er jetzt, in ſeiner wahrſcheinlich letzten Stunde, zu den Füßen ſeiner Muſe, der reinen und idealen Luch, welche er ſich ſo eben ge⸗ weigert zu verrathen, um ſich zu retten. Geheimnißvolle Töne entſchlüpften den Lippen des armen Poeten. Es waren Verſe, vielleicht ſeine letzten. Mitten unter dieſen kriegeriſchen Phyſiognomien bot die träumeriſche Cornwell's einen intereſſanten Gegenſatz. Es lag 44 etwas Anziehendes in ſeiner Häßlichkeit und etwas Abſtoßendes in der brutalen Schönheit der Offiziere der königlichen Armee. „Ruhe, meine Herren!« rief Feversham.»Man wird die Renner neben einander ſtellen.“ Die Stallknechte führten Margarethen, welche vor Un⸗ geduld ſchnaubte, vor die Front der Armee. Zwei Soldaten ſchüttelten Cornwell. Er ſeufzte, als ob er aus einem ange⸗ nehmen Traum erwachte. Dann ſtellte er ſich neben das Pferd. „Edles Thier,« ſagte er, indem er ihm den muskelſtar⸗ ken Hals ſtreichelte,»Du wirſt auf deinen Fluͤgeln mein Leben davontragen.“ Margarethe antwortete durch ein freundſchaftliches Wiehern. „Laßt ſie los,« rief Feversham,„und Gott gebe der guten Sache den Sieg!« Margarethe rannte in geſtrecktem Galopp davon. Corn⸗ well nahm den Schritt an, welchen man gegenwärtig den gymnaſtiſchen nennt. „Ein Hurrah füͤr Margarethen!« riefen die Offiziere und ſofort erhob ſich ein dreifaches furchtbares Geſchrei, von Händeklatſchen begleitet, von der Fronte der Armee. Margarethe that vor Schrecken einen Seitenſprung. Sie war in dem Augenblicke an dem Rande des Langmoor Rhine. Als ſie den breiten Graben erblickte, that ſie einen abermali⸗ gen Sprung. Ermüdet aber durch den erſten, und da ſie auch übrigens keinen Anlauf hatte nehmen können, fiel ſie mitten in den Langmoor Rhine hinein und verſchwand in einem Stru⸗ del von ſchmutzigem Waſſer. „Meine Herren, bleibt ſtehen,« rief Feversham;»es iſt ein Kirchthurmrennen. Wir dürfen nichts weiter als Zuſchauer 45 ſeyn. Margarethe iſt ſchlecht geſprungen; wir werden gleich⸗ ſehen, wie der leichtfüßige Achilles ſpringen wird.“« Alles verſtummte und Aller Blicke richteten ſich auf Cornwell, welcher mit unerſchuͤtterlicher Kaltblütigkeit und be⸗ wundernswürdiger Regelmäßigkeit lief. Man ſah Margare⸗ thens Kopf, welche vergeblich ſich bemühte, ſich aus dem Gra⸗ ben herauszuarbeiten. Als Cornwell am Graben des Langmoor Rhine ange⸗ langt war, blieb er ein wenig ſtehen und ſtieg dann langſam hinein, indem er ſich an das Geröhricht feſthielt. Bald ſah man nur noch ſeinen Kopf und auch dieſer verſchwand end⸗ lich vollſtändig. „Sie werden Beide erſaufen!“ riefen die Offiziere. »Das iſt ihre Sachel« antwortete Feversham;»Ruhe und Aufmerkſamkeit!« Eine oder zwei Minuten lang hörte man weiter nichts als das Plätſchern des Waſſers. Es war offenkundig, daß in dem Bett des Longmoor Rhine ein heftiger Kampf ſtattfand, aber der Sedgemoor ſenkte ſich an dieſer Stelle, ſo daß es den Soldaten nicht möglich war zu ſehen, was in dem Graben vorging. Endlich kam Margarethe mit einem wüthenden Sprunge aus dem Graben heraus und erſchien auf dem entgegen⸗ geſetzten Ufer. Sie war mit Schlamm und Binſen bedeckt, welche ſie mit einer Art grüner Decke ſchmückten. „»Margarethe ſiegt!“ riefen die Soldaten. „»Der arme Teufel iſt in dem Waſſer umgekommen,“ ſagte Feversham. Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich dem Blicke der Armee ein eigenthümliches Schauſpiel darbot. Die grüͤne Decke, welche auf Margarethens Rücken lag, hob ſich 46 langſam, ein Menſchenkopf lugte darunter hervor und es war bald leicht zu erkennen, daß das Pferd einen Reiter trug. Sofort knallten Musketenſchüſſe und ein Kugelhagel fiel einige Schritte von Cornwell nieder. Er ſtieß einen Freudenruf aus, als er daran ſah, daß er außerhalb Schußweite war und daß er keine Gefahr mehr lief. „Ich bin nicht Achilles— nein, ich bin es nicht!« rief er lachend.»Achilles hätte trotz ſeiner leichten Füße dem Po⸗ lyphem nicht entrinnen können. Nur Ulyſſes war ſinnreich ge⸗ nug, um wieder aus der Höhle hervorzugehen und ſich den Händen des blutdürſtigen Ungeheuers zu entreißen. Es lebe Ulyſſes Cornwell! Ich will ſeinen Ruhm in einer Dithyrambe beſingen, welcher ſelbſt John Dryden Beifall ſchenken wird, wenn ich ſie ihm in Willi's Kaffehhauſe vorleſe.« Während er dies ſagte, duckte er ſich auf die Croupe des Pferdes nieder. Sein mit gelblichem Schlamme bedecktes Haar vermengte ſich mit der gelben Mähne Margarethens, welche, durch den Knall der Musketen zu neuer Eile angeſpornt, bald am Horizont verſchwand. „In der That,« ſagte Feversham zu den Offtzieren, „man darfden Poeten nicht trauen. Dieſer hat uns richtig zum Beſten gehabt, wir werden uns aber an dieſem Baſtard von Monmouth wieder rächen. Es ſollen ſogleich hundert Mann zu Pferde ſteigen und ſich nach allen Richtungen zerſtreuen. Noch ehe es Nacht wird, muß der gute Herzog unſer Gefan⸗ gener ſeyn.« „Es verfolge den König Monmouth wer Luſt hat,“« murmelte Percy Kirke;„ich habe einen andern Fang zu machen. Ueberlegen wir die Mittel, uns unſerer ſtolzen Puri⸗ tanerin zu bemächtigen. Noch vor Mitternacht muß die ſchöne Lucy meine Gefangene ſeyn!« „ 44 Er rief eins ſeiner Lämmer und ſagte zu ihm: „Der Mann, welcher dem ſehr naiven Grafen von Fe⸗ versham ſo eben dieſen guten Streich geſpielt hat, flieht augen⸗ ſcheintich nach Bridgewater zu. Seine burleske Erſcheinung wird ohne Zweifel die Aufmerkſamkeit der ganzen Stadt auf ſich ziehen. Man wird ihm nachlaufen und auf dieſe Weiſe die Straße erfahren, wo er abſteigt, eben ſo wie das Haus, in welches er gehen wird. Dieſes Haus möchte ich kennen lernen. Du wirſt daher ein Pferd nehmen und raſch nach Bridgewa⸗ ter reiten. Wenn Du nicht im Laufe dieſes Nachmittags mit dieſer Nachricht zurückkehrſt, ſo haſt Du es mit Perch Kirke zu thun.« Das Lamm machte den militäriſchen Gruß und ent⸗ fernte ſich. IV. Die Flucht der Anführer. Während die Soldaten heldenmüthig ſtarben, hatten die Anführer die letzte Stunde der Nacht benützt, um nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen zu entfliehen. Das Verſchwinden Mon⸗ mouth's hatte das Signal zu dieſer Flucht unter denen gege⸗ ben, welche ſeit dem Beginn des Kampfes in ſeiner Nähe ge⸗ fochten hatten. „Nun, Freund Wade, und Ihr, Goodenough,“ hatte Ferguſſon mit leiſer Stimme geſagt,„gedenkt Ihr noch lange hier zu bleiben? Ich muß Euch nemlich, wenn Ihrs noch nicht wißt, ſagen, daß unſer hoher Herr Reißaus genommen hat. Ich werde dasſelbe thun. Kommt Ihr mit? Wollt Ihr, daß wir 48 mit einander den nächſtgelegenen Punkt der Südküſte zu er⸗ reichen ſuchen?« »Aber wißt Ihr auch gewiß, daß der Herzog fort iſt?« fragte Wade. »Ja, ſage ich und noch viele Andere mit ihm. Selbſt Sir Charles Murray hat es für räthlich geachtet ſich aus dem Staube zu machen.« „»Murray hat die Flucht ergriffen!« riefen im Tone des Erſtaunens Wade und Goodenough gleichzeitig. „Verſuchet ihn zu rufen, und wenn er Euch antwortet, ſo will ich mich niederſchießen laſſen, wie der letzte dieſer Dummköpfe, welche den Kampf immer noch hartnäckig fort⸗ ſetzen,« murmelte Ferguſſou.. .„»Nun ſo wollen wir auch gehen.« ſagte Goodenough. Und damit verließen die drei Anführer das Schlachtfeld und nahmen den Weg nach dem Süden. In gerade entgegengeſetzter Richtung floh Monmouth mit der ganzen Schnelligkeit des kräftigen Thieres, welches er der Hingebung ſeiner Geliebten verdankte. In dem Augenblick, wo Lady Wentworth es ihm gege⸗ ben, ward er von allen Quglen der Verzweiflung gepeinigt. Die gewiſſe Niederlage, die verlorene Krone, der ſchreckliche blutige Tod im Finſtern, ohne daß ein einziges Auge ihn mit Muth, Adel und Schönheit fallen ſah, oder die Gefangenſchaft unter dem unerbittlichen Jacob, die Beendigung der Gefäng⸗ nißqual durch das Beil des Henkers— alle dieſe düſteren Bilder, alle dieſe entſetzlichen Gedanken zogen vor ſeinen Augen vorüber und beſchäftigte ſeinen Geiſt ſo vollſtändig, daß er nicht einmal die geliebte Stimme Henriettens erkannte. Jetzt floh er ſcheu mit ſchwindelndem Hirn und dem hellen Schein des Mondes fluchend. 49 Sein feuriges Roß, welches ihn einem wahrhaft könig⸗ lichen Tod entgegentragen ſollte, ſpornte er und beſchleunigte ſeinen Lauf, deſſen Ziel der ſchmachvolle Tod des Feiglings war. Nach einer Stunde dieſes wahnſinnigen Galopps machte er auf einer Anhöhe Halt, um ſein Pferd verſchnaufen und ſeinen Blick in der weiten Gegend rings umher ſchweifen zu laſſen. Die graue Hülle, welche den Sedgemoor bedeckte, zeigte ſich ihm im Süden und während er ſich fragte, ob dies wirk⸗ lich die fluchbeladene Ebene ſey, wo ſeine glänzenden Zukunfts⸗ träume in nichts zerronnen waren, ſah er einzelne Blitze durch den Nebel zucken. Es waren dies die letzten Schüſſe der Par⸗ teigänger, welche er verließ. »Ha,“ ſagte er,»ich habe noch keinen weiten Weg zu⸗ rückgelegt.« 5 Er ſtand im Begriff weiter zu fliehen, als er den Galopp eines Pferdes vernahm. »Man verfolgt mich!« murmelteer.„Doch es iſt nur ein einziger Reiter und ich habe ja noch meinen Degen an der Seite. Uebrigens wird mein Pferd ſich auch nicht ſo leicht ein⸗ holen laſſen. Das Beſte wird daher ſeyn weiter zu fliehen—« Er ſchickte ſich eben an, ſein Pferd wieder in Galopp zu ſetzen, als eine ihm bekannte Stimme an ſein Ohr ſchlug. »Halt, Sire! Wartet! Ich bin es, Grey! Euer treueſter Freund! Wartet!« rief die Stimme. Monmouth erkannte ſie und wartete. »Sire,“ ſagte Lord Grey, indem er den Hut abnahm, „»lieber wäre es mir geweſen, Euch ſterben als das Schlacht⸗ feld verlaſſen zu ſehen; da Ihr es aber für angemeſſen erachtet Der Tiger von Tanger. V. 4 50 habt, ſo zu handeln wie Ihr gethan, ſo bin ich auch hier. Ich war bei Euch. als die Zukunft Euch lächelte; ich mache daher auch auf die Ehre Anſpruch, noch an eurer Seite zu ſeyn, wenn dieſe Zukunft verdunkelt und die Gegenwart ſo traurig iſt.“ „Ich danke Euch, Mylord,“ antwortete Monmouth mit zerſtreuter Miene. Indem er dieſe lakoniſche Antwort gab, ſtieß er ſeinem Pferde die Sporen in die Flanken und galoppirte weiter. Grey that dasſelbe. V Die beiden Flüchtlinge ritten ſo weiter bis gegen ſechs Uhr Morgens. Sie waren nun über zwanzig engliſche Meilen von Sedgemoor entfernt. „Wenn Ihr mir Vertrauen ſchenken wolltet, Sire,“ ſagte plötzlich Monmouth's Begleiter,„ſo würdet Ihr zwei Rathſchläge befolgen, welche ich um Erlaubniß bitte, Euch geben zu dürfen.“ „Sprechet, Mylord, ich höre Euch. Worin beſteht der erſte dieſer Rathſchläge?“ „Ihr würdet, glaube ich, Sire, wohlthun, wenn Ihr das blaue Band und die Inſignien des St. Georgenordens verbergen wollet, die, wie ich fürchte, nicht verfehlen würden, Euch kenntlich zu machen.“ „Ihr habt in der That Recht, mein lieber Grey, tauſend⸗ mal Recht!« rief Monmouth.»Warum habe ich nicht ſelbſt ſchon daran gedacht? Welche Unklugheit!« Während er dies ſagte, riß er raſch das blaue Band und das St. Georgenkreuz, welches er von König Carl II. erhalten, von der Bruſt und ſteckte es in die Taſche. „Euer erſter Rath iſt ſehr gut, lieber Freund ſagte er zu Grey,„und Ihr ſehet, mit welchem gelehrigen Eifer ich ihn befolgt habe. Worin beſteht der zweite, Mylord?« er 51 »Möchtet Ihr denſelben ebenfalls ohne Zögern befolgen, Sire, denn ich halte ihn für noch beſſer.« »Nun, ſo ſprechet!« 3 »Wir werden,« hob Lord Grey im Tone feſter Ueber⸗ zeugung wieder an,„nun bald an dem Ufer des Canals von Briſtol ſeyn. Nun wäre meine Meinung die, daß wir den Lauf unſerer Pferde noch beſchleunigten, um dort anzulan⸗ gen, ehe noch eine Nachricht von der Schlacht auf dem Sed⸗ gemoor bis dorthin gedrungen iſt. Wir würden dann eine Barke miethen und ſofort nach Wales hinüberſteuern. Ihr kennet dieſes Land, Sire. Ihr wißt, wie wildromantiſch es iſt und wie leicht es dort iſt, ſich zu verbergen. Die Thätigkeit der Regierung macht ſich dort nur auf ſehr matte Weiſe fühl⸗ bar und zwar wegen der weiten Entfernung und der eigen⸗ thümlichen Schwierigkeit der Communicationen. Es würde uns leicht ſeyn, dort zu bleiben, ohne beläſtigt zu werden und ein ſicheres Aſyl zu finden, wo wir, ohne etwas dem Zufall zu überlaſſen, den gelegenen Augenblick wählen können, auf den Continent zu gelangen.« »Alles, was Ihr da von dem Lande Wales ſagt, iſt unbeſtreitbar richtig, mein lieber Lord,« entgegnete Monmouth. »Wir könnten ohne große Mühe dort den Reſt unſeres Lebens zubringen, ohne daß wir von dem Haſſe des Uſurpators Ja⸗ cob etwas zu fürchten brauchten. Aber bedenket Eins, mein Freund. Wenn ein Verbannter dort auch lange in Sicherheit leben kann, ſo kann er doch nicht von dort entkommen, ohne die größten Gefahren zu laufen. Sehet den weiten Weg, den wir früher oder ſpäter zu machen haben würden, um den Continent zu erreichen, mögen wir abſegeln von irgend wel⸗ chem Küſtenpunkte dieſes Fürſtenthumes wir wollen.— Nein, nein, Mylord, glaubet mir— gehen wir nicht dorthin. Wir * können etwas Beſſeres thun. Wir müſſen jetzt unſere Richtung nach Südoſt nehmen— wir müſſen die Eichen von New⸗ Foreſt erreichen.“ „Aber, Sire,« antwortete Grey,„habt Ihr auch an die unermeßlichen und neuen Gefahren gedacht, welche wir zu beſtehen haben, um bis in dieſen Wald zu gelangen?« „Ich verhehle ſie mir nicht; aber wenn wir denſelben entrinnen, wie ich zuverſichtlich hoffe, ſo werden wir mit leich⸗ ter Mühe bis an die Küſte der Grafſchaft Southampton ge⸗ langen, von wo wir mit weit größerer Ausſicht, wohlbehal⸗ ten anzukommen, nach Holland abreiſen können. Wollt Ihr mich nicht begleiten, Mylord?« „Eure Majeſtät iſt alſo entſchloſſen, dieſe gefährliche Reiſe zu unternehmen?« „Ja, meine traurige Majeſtät iſt dazu vollſtändig ent⸗ ſchloſſen. Sie wird vielleicht unter jenen alten Eichen, die ich ſo oft bewundert, in einem der Reviere, welche Lady Went⸗ worth gehören, irgend eine Wildſchützenhütte finden, wo ſie ihr geächtetes Haupt niederlegen kann. Kommt Ihr mit, Mylord?« „Da Ihr dieſen Weg nehmet, Sire, ſo muß ich denſel⸗ ben auch gehen. Ich allein erſetze Euch jetzt eure ganze Leib⸗ wache. Wie ſollte ich nicht dahingehen, wo mein König hin⸗ geht?« antwortete Grey mit ſanftem, wehmüthigem Lächeln. Dieſer Pair von England, welcher die höchſten Staats⸗ ämter bekleidet hatte und deſſen hohe Geiſtesfähigkeiten alle Welt kannte, war während ſeines Aufenthalts in Holland einer der vertrauteſten Freunde Monmouth's und verbannt wie er geweſen. Er hatte in Amſterdam und in Brüſſel in vertrauter Freundſchaft mit dem Herzog und Lady Wentworth⸗ gelebt, und ſeine Meinung war von entſcheidendem Gewicht 53 für den Entſchluß geweſen, welchen man in Bezug auf eine Landung in England gefaßt. So lange als das Unternehmen, deſſen Oberhaupt Mon⸗ mouth war, einige Ausſichten auf Erfolg hatte, hatte ſich der edle Lord darin gefallen, in ſeinen Beziehungen zu dem Her⸗ zog, der ſich in Taunton zum König ausrufen laſſen, alle Ehrfurcht und Ehrerbietung zur Schau zu tragen, welche ein Unterthan ſeinem Souverain ſchuldig iſt. Dieſe Handlungsweiſe hielt Grey für angemeſſen, um Monmouth dadurch zu veranlaſſen, ſeine Rolle ernſt zu neh⸗ men, mit einem Worte, wirklich den König zu ſpielen. Die ehrerbietige Nachgiebigkeit, welche er jetzt dem armen Beſieg⸗ ten bewies, hatte ihren Grund nicht blos in der edlen, zarten Geſinnung ſeines Herzens. Sein Zweck war vielmehr immer noch, Monmouth daran zu erinnern, daß er zum König aus⸗ gerufen worden, und daß er, wenn er in die Hände ſeines Feindes fiele, auch als König zu ſterben wiſſen müſſe. Sobald die beiden Flüchtlinge den Entſchluß gefaßt hatten, Hampſſhire oder die Grafſchaft Southampton zu erreichen, zö⸗ gerten ſie auch nicht weiter, in eine Gegend einzudringen, wo ſich die Kunde von der Niederlage der Inſurgenten auf dem Sedge⸗ moor bereits verbreitet hatte. Sie trugen Sorge, während dieſes ganzen langen Sommertages die Städte, Dörfer und Flecken ſo viel als möglich zu meiden. Uebrigens bot die Sache durchaus keine unüberſteiglichen Schwierigkeiten dar. Es war noch nicht lange her, daß dieſe ganze Gegend von dem Laufe des Avon in Wiltſhire an bis an die ſüdlichen Küſten der Grafſchaft Southampton anſtatt der fruchtbaren Felder und volkreichen Ortſchaften, welche man heute hier ſieht, weiter nichts darbot, als einen einzigen unendlichen Wald. Mon⸗ mouth und Grey begegneten auf dieſen kürzlich erſt urbar ge⸗ machten Feldern mehr wilden Damhirſchen als Menſchen, die ſich den Feldarbeiten widmeten. „Dieſe faſt vollſtändige Einſamkeit in einem ſolchen Au⸗ genblicke iſt in der That ſeltſam,« rief der Begleiter des gu⸗ ten Herzogs,»und ich geſtehe, daß ich ſehr Unrecht daran⸗ gethan habe, eure Meinung dieſen Morgen zu beſtreiten, Sire. Hier ſtoßen wir ſchon auf die erſten Bäume von New⸗Foreſt, und noch iſt uns keine Patrouille der Milizen von Somerſet begegnet. Es iſt dies in der That unglaublich, und wenn ich Jacob der Zweite wäre, ſo würde ich den Commandanten dieſer Milizen, dieſen vortrefflichen Sir William Portman, wegen dieſer erſtaunlichen Wachſamkeit ſcharf zur Rede ſtellen. Uebrigens iſt es ein Glück, daß wir nicht verfolgt werden, denn unſere armen Pferde können kaum noch fort. Sie haben auch in der That ſeit der vergangenen Nacht Ungeheures lei⸗ ſten müſſen. Ha! Da kommen zwei Bauern auf uns zu. Wir müſſen ſie befragen— vielleicht können ſie uns nützliche Auf⸗ ſchlüſſe geben.⸗ „Seyd klug, Mylord,“ unterbrach ihn Monmouth, in deſſen Gemüth die Hoffnung zurückzukehren begann.»Lieber Grey,“ fuhr er in leiſem Tone fort,„»„wenn wir anſtatt dieſe Leute über das auszufragen, was die Milizen der Grafſchaft, in welcher wir ſind, oder in der, in welche wir zunächſt kom⸗ men, machen, ein geſchicktes Mittel fänden, dieſe Dorfbewoh⸗ ner zu bewegen, ihre Kleider mit den unſrigen zu vertauſchen, ſo glaube ich, daß wir ein gutes Geſchäft machen würden. Sucht dieſe Unterhandlung anzuknüpfen, Mylord. Es wird Euch gelingen, denn Ihr ſeyd ein erfinderiſcher Kopf.« „O Sire, wenn Ew. Majeſtät mir nur dergleichen Miſſionen aufträgt, ſo werden ſie mir nur wenig Gelegenheit 5⁵5 geben, mein diplomatiſches Genie leuchten zu laſſen. Das iſt ja zu leicht!« „Dieſer Meinung bin ich nicht, lieber Freund« antwortete Monmouth.„Ich glaube im Gegentheile, daß es ſehr ſchwer ſeyn wird, dieſe Leute zu dieſem Tauſche zu bewegen. Unſere Kleider ſind allerdings hundertmal mehr werth als die ihrigen, aber in eben dieſem ungeheuren Unterſchiede des Werthes liegt die Schwierigkeit. Würdet Ihr nicht, wenn ſich plötzlich Jemand erböte Euch eine Guinee für einen Penny zu geben, Euch die Sache zweimal überlegen, ehe Ihr darauf einginget? Würdet Ihr nicht fürchten, daß das Gold unecht ſey? So werden auch dieſe Leute die Gefahren fürchten, welche ſich an Uniformen wie die unſeren knüpfen.« „»Ihr werdet ſehen, Sire, daß Ihr vergeſſen habt, eine Haupttriebfeder, die Habgier, in Anſchlag zu bringen.« Mittlerweile kamen die Bauern immer näher, und ſchie⸗ nen den beiden Flüchlingen geradezu entgegen zu gehen. Als ſie noch etwa dreißig Schritte entfernt waren, ſahen der Herzog und der Lord, daß einer davon ein Greis von ſechzig Jahren, der andere ein junger Mann von etwa dreißig Jahren war. Der Greis verdoppelte plötzlich den Schritt, ergriff, als er nahe genug herangekommen war, Monmouth's Pferd am Zügel, ſah den Prinzen einige Secunden lang mit aufmerkſa⸗ men Blicken an, erhob dann die Stimme und ſagte: „Ich hatte mich nicht geirrt. Obſchon euer Bart ſehr raſch weiß geworden, gnädigſter Herr, ſo ſehe ich doch noch, daß Ihr der Herzog von Monmouth ſeyd. Gott, der mir den Gedanken eingegeben, will ohne Zweifel Euch retten. Doch kennt Ihr mich denn nicht? Ich bin der alte Winter, der ehe⸗ malige Pächter der Lady Wentworth, meiner geehrten Her⸗ rin. Dies da iſt mein Sohn Gilbert. Ihr müßt abſteigen 56 gnädigſter Herr— um ſo mehr, als das arme Thier ja kaum noch fort kann. Jetzt, wo es einmal ſtehen geblieben iſt, wird es ſchwerlich im Stande ſeyn, ſich wieder in Bewegung zu ſetzen. Von dem Pferde des Herrn, der Euch begleitet, läßt ſich ſo ziemlich dasſelbe ſagen. Steigt daher Beide ab. Gilbert und ich werden dieſe armen Thiere abſchirren und ſie dann laufen laſſen. Mag aus ihnen werden, was Gott will. Ihr, gnädigſter Herr, kommet mit eurem Begleiter in unſere Woh⸗ nung. Wir werden Euch ſo zu verbergen wiſſen, daß weder die Milizen von Sir William Portman, noch die von Mylord Lumley Euch finden ſollen.« Die Freude hatte Monmouth bis jetzt noch nicht erlaubt, das Wort zu ergreifen; die letzte Bemerkung des ehemaligen Pächters aber führte ihm die wirklichen Umſtände ſeiner Lage ſofort wieder vor Augen. »Ich habe Dich recht wohl erkannt, mein vortrefflicher Winter,“« ſagte er,„und auch Dich, mein guter Gilbert. Ich danke Euch, daß Ihr daran gedacht, daß ich eure Dienſte nöthig haben könnte. Aber ſaget mir, iſt das unglückliche Treffen auf dem Sedgemoore in dieſer Gegend ſchon be⸗ kannt?« »Ob es bekannt iſt, gnädigſter Herr! Schon ſeit meh⸗ ren Stunden, denn dergleichen Nachrichten verbreiten ſich mit der Schnelligkeit des Sturmes. Sir William Portman hat auch ſogleich mit den Milizen von Somerſet einen Cordon ge⸗ bildet, der ſich von dem Meere bis in den Norden von Dor⸗ ſetſhire zieht, und Lord Lumley hat, von zahlreicher Miliz von Suſſex begleitet, ſo eben Detachements nach allen Rich⸗ tungen hin ausgeſendet. Ich ſage Euch aber nochmals, gnä⸗ digſter Herr, dies braucht Euch nicht zu beunruhigen, weder Euch noch euren Freund. Es wird jetzt ſchon Nacht und wir * 57 werden daher Zeit haben Euch in einen guten Verſteck zu bringen.« Während Winter ſprach, waren Monmouth und Grey von den Pferden geſtiegen. Die beiden Landleute ließen die Thiere laufen, nachdem ſie ihnen Sattel und Zaum abgenommen. Eben wollten ſie dieſe Gegenſtände in dem undurchdringlichen Gebüſche verber⸗ gen, als Monmouth ihnen Einhalt that.. „»Man weiß nicht,« ſagte er,„was geſchehen kann. Es iſt nicht unmöglich, daß ich Piſtolen gebrauche— ſelbſt in dem ſicherſten Verſteck. Laßt mich daher die nehmen, die in dieſen Halftern ſtecken.«⸗ Er fuhr mit den Händen hinein, und zog ein ſchönes Paar Piſtolen und mit demſelben einen Brief ohne Adreſſe heraus. »Dies da,“ ſetzte er hinzu, indem er den Brief in die Taſche ſteckte,„wird mir vielleicht den Namen des großmü⸗ thigen Freundes ſagen, der mir in der vergangenen Nacht das Leben rettete, indem er mir ſein Pferd überließ.— Nun könnt Ihr den Sattel und Zaum verſtecken, Winter.« Nachdem dies geſchehen war, machten die beiden Flücht⸗ linge und ihre Retter ſich auf den Weg, und erreichten nach Einbruch der Nacht eine ziemlich geräumige Hütte, an deren Wänden zwei Jagdgewehre hingen und deutlich verriethen, daß der alte Mann und ſein Sohn außer den Feldarbeiten auch ein wenig dem Vergnügen der Wilddieberei oblagen. »Ich bitte um Verzeihung, gnädigſter Herr, daß ich Euch in eine ſo ärmliche Wohnung führe. Wenn Lady Wentworth das ſchöne Schloß, welches wir da oben auf der Anhöhe ſehen würden, wenn es Tag wäre, nicht verkauft hätte, ſo würde ich Euch in dieſer ſtattlichen Wohnung haben 58 ausruhen laſſen, ehe ich Euch an den unzugänglichen Ort bringe, wo Ihr die Nacht zubringen ſollt.“« „Ja,« murmelte Monmouth das Haupt ſenkend,»was Winter da ſagt, iſt nur zu wahr. Henriette hat auch dieſe ſchöne Beſitzung verkauft und mit derſelben die Bäume, in deren Rinde ich unſere verſchlungenen Namensbuchſtaben ein⸗ ſchnitt. Ach, warum hat ſie ſich ſo vieler Reichthümer be⸗ raubt? Warum hat ſie durch Veräußerung aller dieſer von ihren Ahnen geerbten Güter ſo viel Gold zuſammengebracht? Um eine ſchimpfliche Niederlage zu bezahlen— um vielleicht das Mitleid eines Henkers zu erkaufen und um ihn für ſeine Geſchicklichkeit zu belohnen, wenn er mich auf den erſten Streich tödtet.“ „Sire,« ſagte Lord Grey, welcher mit Unruhe die Spu⸗ ren von Entmuthigung verfolgte, welche ſich deutlicher als jemals in Monmouth's Zügen malten, viſt jetzt wohl der Augenblick, Euch ſolcher Niedergeſchlagenheit hinzugeben, wenn der Himmel ſelbſt Euch auf ſo offenkundige Weiſe ſeinen Beiſtand leiſtet?« „»Ach, Grey, mein lieber Grey!« antwortete Monmouth, „wenn Ihr mich zuweilen nahe daran ſeht, zu erliegen, ſo iſt der Grund davon der, daß ich einen zweifachen Schmerz, eine zweifache Verzweiflung, einen zweifachen Tod in mir trage, und dies iſt für einen einzigen Unglücklichen zu viel.⸗ „Muth, Sire, Muth!« ſagte Grey, indem er dem Sohne Carls II. die Hand drückte.„Die Zukunft gehört Gott, und der Menſch darf ſeinem Willen nicht widerſtreben. Hier bieten zwei Männer, arm an Geiſt und einfältig an Herzen, die er Euch entgegengeſendet, Euch Obdach und Speiſe, welche Ihr ſeit nun fünfzehn Stunden habt entbehren müſſen. —y— — 59 Dies iſt ein Beweis, daß Gott Euch erhalten will, daß er Euch mit ſeiner Hand behütet, um—« „»Ha, ich zittere zu erfahren warum!« unterbrach ihn Monmouth mit krampfhaftem Beben und beinahe erlöſchender Stimme. Er berührte kaum die frugale Mahlzeit, welche Winter für ihn und für Lord Grey auftrug. Dann erhob er ſich, zog ſich in einen Winkel des Zimmers zurück und winkte den alten Pächter zu ſich. „Ich möchte Euch noch um einen Dienſt bitten,“ ſagte er zu ihm.»Euer Sohn iſt mit mir von ziemlich einerlei Sta⸗ tur, und ſeine Kleider würden mir daher wohl paſſen. Glaubt Ihr, daß er ſich dazu verſtehen werde, ſie gegen die meinigen auszutauſchen?« »„Ihr braucht es blos zu wünſchen, gnädigſter Herr, und es ſoll augenblicklich geſchehen,« antwortete der Greis, der, indem er ſich ſodann zu Gilbert wendete, zu dieſem ſagte:»Komm her, mein Sohn, zieh deine Kleider aus und gib ſie dem gnädigſten Herrn. Du wirſt dafür die ſeinen neh⸗ men, und wenn Lumley oder Portland Dich ſo gekleidet fin⸗ den, ſo läßt Du Dich ohne Widerſtand gefangen nehmen, und wenn unter den Milizen Dich Niemand kennt, ſo wirſt Du Dich für den Herzog von Monmouth ausgeben, auch wenn man Dich auf der Stelle erſchießen oder aufknüpfen ſollte.« „Ja, mein Vater,« antwortete Gilbert. Einen Augenblick darauf war der von Monmouth vor⸗ geſchlagene Tauſch bewirkt und der Herzog folgte, nachdem er verſchiedene Gegenſtände aus den Taſchen der Kleider genom⸗ men, die er ausgezogen, mit Lord Grey dem alten Winter, der ſeine Schritte nach dem Walde lenkte. 60 Gilbert blieb, mit den ſchönen Kleidern des Herzogs an⸗ gethan, in der Hütte zurück. Kaum waren nach dem Weggange des Pächters und der beiden Flüchtlinge zehn Minuten vergangen, als eine Ab⸗ theilung Milizen in die Wohnung des ehemaligen Pächters der Lady Wentworth eindrang. Sey es nun, daß Gilbert voll⸗ kommen die Rolle verſtand, die er zu ſpielen hatte, ſey es, daß er ſich die Gefahr, welche er in der That lief, nicht ver⸗ hehlte, kurz als er die Milizen eintreten ſah, erſchrak er ent⸗ weder wirklich oder verſtand es, mit überraſchender Wahr⸗ heit des Ausdruckes zu heucheln. Lumley's Soldaten ließen ſich dadurch täuſchen. »Da iſt er! da iſt er!« ſchrien die erſten Zehn, indem ſie ſich mit der ganzen ungeſtümen Wuth einer hungrigen Meute auf Gilbert⸗Monmouth warfen. »Ich habe ihn zuerſt feſtgenommen!« rief eine Art Her⸗ kules, indem er den jungen Landmann an ſeinem feinen Spi⸗ tzenhalstuch packte, als wenn er ihn erwürgen wollte,„ich muß die fünftauſend Pfund Sterling bekommen.« »Nein, Du haſt ihn nicht zuerſt gefaßt— ich war es vielmehr!“« heulte ein kleiner, unterſetzter, flinker Kerl, indem zer den Herkules von der Seite anſchielte;„mir gebührt die verſprochene Belohnung!« »Sie gebührt weder dem Einen noch dem Andern!« ſchrie ein dritter Prätendent.»Ich habe ihn zuerſt geſehen und erkannt— mir gebühren die Guineen des Parlaments!« „Du ſcheinſt mir ein dreifacher Narr zu ſeyn, Freund, wenn Du glaubſt, daß das Parlament für Dich eine ſo große Summe bewilligt habe.« „»Nun, warum ſoll ich dies nicht eben ſo gut glauben als Du?« ——— ——— 61 »Ruhe!“ rief der Herkules,„Ruhe! Das Decret ſagt, daß die fünftauſend Pfund Sterling dem Erſten gegeben wer⸗ den ſollen, welcher den Häuptling der Rebellen feſtnehmen würde. Nun bin ich aber der, welcher ihn zuerſt feſtgenom⸗ men hat, und folglich bin auch ich der, welchem das Ober⸗ und Unterhaus dieſe Belohnung beſtimmt haben. Wenn übri⸗ gens Einer dies läugnen will, ſo ſchlage ich ihn auf der Stelle todt.“ »Nun, ſo ſchlage mich todt, denn ich läugne es! Du weißt recht wohl, daß ich vor Dir hier eingedrungen bin und noch eher als Du geſchrien habe: Da iſt er! Da iſt der Her⸗ zog von Monmouth!« Es war der kleine, unterſetzte Kerl, welcher auf dieſe Weiſe ſprach. Plötzlich ſchlug er ſich auf die Stirn, machte eine Geberde, um Schweigen zu gebieten, und ſagte mit einem gewiſſen Grade von Feierlichkeit: »Höret mich an, Cameraden, ich habe eine Idee. Wir ſind hier unſer Zehn, die wir den armen Gefangenen an Haa⸗ ren, am Kragen, am Halstuch, an den Armen, an den Bei⸗ nen halten. Dies thut ihm weh, wenigſtens incommodirt es ihn. Wir wollen ihn daher ſelbſt fragen, wer derjenige von uns iſt, der ihn zuerſt feſtgenommen, und ſobald er es geſagt haben wird, iſt die Sache abgemacht und Niemand kann wei⸗ tere Anſprüche erheben. Man wird wiſſen, woran man ſich zu halten hat.« »So iſt es recht, fragt ihn!« riefen fünfzig Stimmen. »Wenn man den Gefangenen fragen will,« wendete ein kluger Kopf ein,»ſo ſcheint mir, daß man ihm zunächſt die Frage vorlegen ſollte, ob er auch wirklich der Herzog von Monmouth iſt. Denn wenn er es nicht iſt— Ihr verſteht 62 mich— was würde es dann dem Einen oder dem Andern von Euch nützen, ihn zuerſt feſtgenommen zu haben?« »Das iſt wahr! das iſt einleuchtend!« rief man in den letzten Reihen der Gruppe, welche ſich um Gilbert drängte. Der kleine, hitzige Redner wendete ſich hierauf mit er⸗ heuchelter Ehrerbietung zu Winter's Sohne und fragte: „Gnädigſter Herr, nicht wahr, Ihr ſeyd wirklich Se. königliche Hoheit, der Herzog von Monmouth?« »Ich werde Euch der Wahrheit gemäß antworten, wenn Ihr mir verſprecht, mir nichts Uebles zuzufügen,« ſagte Gil⸗ bert, der unter den Händen, die ihn beim Kragen gepackt hielten, kaum Athem zu ſchöpfen vermochte. »Darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, gnädigſter Herr. Wir werden Euch mit aller Rückſicht behandeln, welche eurer hohen Geburt und eurem Unglück gebührt. Geſteht alſo, Ihr ſeyd— „»Der Herzog von Monmouth, leider ja!« unterbrach Gilbert mit gutgeſpielter Verzweiflung.»Was könnte es mir nützen, es zu läugnen? Kennen mich nicht mehre von Euch ſchon ſeit langer Zeit?« „Er geſteht es, er geſteht es! Er ſagt, daß er es iſt!« riefen vor Freude zitternd Alle, die ein Recht auf die fünf⸗ tauſend Pfund Sterling zu haben glaubten. »Nun, gnädigſter Herr,« fuhr der kleine Sprecher fort, „werdet Ihr auch vielleicht noch die Güte haben, uns zu ſagen, wer von uns der Erſte geweſen iſt, der die Ehre gehabt hat, ſeine Hand an eure erlauchte Perſon zu legen.« Gilbert begriff als kluger Kopf ſofort, daß er, wenn er Allen die Hoffnung auf Gewinn nähme, um die Gewißheit desſelben einem Einzigen zu geben, er auch ſofort ihnen ihre —,—õ— ʒᷓ; „——nͤ— 63 Beſonnenheit zurückgeben würde. Deshalb hütete er ſich wohl, dieſe Urſache der Zwietracht zu entfernen. „»Nehmt es mir nicht übel, Ihr Herren, und ganz be⸗ ſonders Ihr, mein Freund,« ſagte er mit bewegter Stimme und trauriger Miene,»aber ich kann mich noch nicht über dieſe Frage ausſprechen. Ich erſchrak, als ich Euch ſah, ſo ſehr, mich entdeckt zu ſehen, daß ich wirklich nicht weiß, wer von Euch mich zuerſt erkannt und feſtgenommen hat.⸗ »Na, ſehet mich einmal an,« ſagte der Herkules in ver⸗ drießlichem Tone»ſehet mich ordentlich an, mein Herr Ge⸗ fangener— nicht wahr, Ihr erkennt in mir den, welchem rechtmäßigerweiſe die Summe gebührt, die dem verſpro⸗ chen worden, der Euch feſtnehmen würde?« »Ich kann in der That keine beſtimmte Erklärung ab⸗ geben.« »Laßt doch das Zeugniß dieſes Mr. James Crofts bei Seite,« ſagte Einer zu dem Herkules;„ich werde Dir das meine geben, wenn Du willſt— natürlich aber wirſt Du mich dafür bezahlen.« »Wie viel verlangſt Du.« „»Wir wollen theilen.« „Die fünftauſend Guineen?« „»Ja.“ »Kein übler Vorſchlag, das muß ich ſagen!« »Mir ſcheint er gut zu ſeyn,« ſagte ein Dritter, indem er ſich in das Geſpräch miſchte.»Und wenn Du willſt, ſo werde auch ich ſagen, daß Du es biſt, der den Herzog zuerſt ergriffen. Auf dieſe Weiſe wirſt Du zwei Zeugen haben und wir theilen dann das Geld unter uns Drei.« »Ich will auch dabei ſeyn— ich werde auch Zeuge— dann geht das Geld in vier Theile.« 64 »Warum nicht gleich in fünftauſend?« ſchrie der Her⸗ kules mit höhniſchem Gelächter.»Laßt mich in Ruhe. Ich habe die Prämie gewonnen und es iſt nicht meine Abſicht, ſie mit irgend Jemandenzutheilen. Ich werde ſie ganz allein für mich behalten.« »Hal ſprichſt Du ſo? Gut, dann werde ich gegen Dich zeugen.« Der kleine Sprecher neigte ſich zu dem Ohr deſſen, wel⸗ cher ſo eben geſprochen und ſagte dann leiſe zu ihm: »Bezeuge, daß ich es geweſen bin, und ich gebe Dir drei Viertheile.« »Nein, nein,“ rief ein Milizſoldat, der ſich bis jetzt vergebens bemüht, bis zu dem Gefangenen zu gelangen und irgend einen Zipfel ſeiner Kleider faſſen zu können,„es iſt gar Niemand der Erſte geweſen. Wir Alle, die wir hier ſind, haben gleichzeitig den Herzog feſtgenommen und folglich beſi⸗ zen wir Alle ein gleiches Recht auf die Prämie, ſie muß ge⸗ theilt werden.« Mittlerweile hatte ſich ſeit ungefähr einer Stunde rings⸗ umher das Gerücht verbreitet, daß der Herzog von Monmouth in der Hütte des alten Winter gefangen genommen ſey. Bald kam dieſes Gerücht auch zu den Ohren der Anführer der bei⸗ den Milizen, welche beauftragt waren, alle Wege und Stra⸗ ßen zwiſchen der Grafſchaft Dorſet und der Grafſchaft Sout⸗ hampton zu bewachen. Lord Lumley und Sir William Port⸗ man beeilten ſich daher ſogleich, ſich an Ort und Stelle zu begeben, um ſich von der Thatſache zu überzeugen und den 6 Gefangenen zu ſehen. Sie langten in der Hütte gerade in dem Augenblicke an, wo der Vorſchlag gemacht ward, die fünftauſend Pfund Ster⸗ ling zu theilen. Lord Lumley ſtieß die dichte Gruppe, welche —— 65 um Gilbert herumſtand, ohne Weiteres auf die Seite und warf einen raſchen Blick auf den Gefangenen. »Wenn das Parlament,« rief er mit einem Ausbruch von Zorn, indem er ſich zu den Leuten herumwendete, welche die ganze Hütte füllten,„wenn das Parlament eine Prämie von fünftauſend Stockhieben bewilligt hätte, ſo hättet Ihr ſie allerdings verdient, Ihr Dummköpfe!— Wie viel ſeyd Ihr denn Euer hier?« »Fünfzig, General,s antwortete der Sergent, welcher das Detachement commandirte. »Fünfzig!« wiederholte Lumley langſam, indem er den Kopf ſchüttelte,„und unter dieſen fünfzig Spießbürgern iſt auch nicht ein einziger, der den Herzog von Monmouth auch nur vom Anſehen kennte? Doch was ſage ich, es iſt nicht ein⸗ mal ein Einziger darunter, welcher einen Bauer von einem vornehmen Herrn, einen Lümmel von einem Prinzen zu unter⸗ ſcheiden weiß. Zurück Alle, ſo viel Ihr deren ſeyd! Zurück!« Die Milizen gehorchten und Gilbert blieb mitten in der Hütte allein ſtehen. Lumley näherte ſich ihm und fragte in drohendem Tone: »Wer biſt Du?« »Ihr wißt es, Mylord,« antwortete Winter's Sohn, in⸗ dem er ſich mit einer gewiſſen angebornen Würde auf⸗ richtete. »Wenn ich es wüßte, ſo würde ich Dich nicht fragen, ſondern mich begnügen, Dich ohne Weiteres aufknüpfen zu laſſen. Wer biſt Du? frage ich Dich nochmals.« »Ich bin der Herzog von Monmouth.« »„Willſt Du das vielleicht mir weiß machen, mir, der ich ſo lange mit dem Herzog umgegangen bin?— Denke ein we⸗ Der Tiger von Tanger. V. 5 3 66 nig an Dich ſelbſt; ſage, wo er ſich verſteckt hält und das Le⸗ ben ſoll Dir geſchenkt ſeyn.— Sage, wo iſt er?« »Er ſteht vor Euch.« »Man ergreife dieſen Menſchen und hänge ihn an dieſe Eiche. Man wird ſpäter ermitteln, wer er iſt.« Lumley's Befehle wurden ohne den geringſten Aufſchub vollzogen. Einige Augenblicke, nachdem ſie gegeben worden, bezahlte Gilbert mit ſeinem Leben ſeinen blinden Gehorſam gegen ſeinen Vater und ſeine Hingebung für einen Mann, deſſen Andenken von den Bewohnern der weſtlichen Grafſchaf⸗ ten ſo hoch in Ehren gehalten ward. Der heldenmüthige junge Mann ſtarb an einem der Aeſte der ungeheuern Eiche hängend, welche die Hütte ſchirmte, in der er geboren und aufgewachſen war. »Jetzt, wo dieſer falſche Monmouth den Preis ſeines Betrugs bezahlt hat,« ſagte der Anführer der Miliz von Suſ⸗ ſex zu ſeinen Leuten,„gilt es, den echten zu ſuchen und zu fin⸗ den. Weit kann er nicht ſeyn, denn Alles läßt mich glauben, daß er es iſt, der mit dieſem Gehängten die Kleider gewechſelt hat. Nehmet daher Alle Fackeln und durchſuchet den Wald. Wenn irgend ein Gebüſch zu dicht iſt, um hineinzudringen, ſo ſteckt es in Brand. Durchſucht Alles aufs Genaueſte. Kriecht unter die Felſen und in die Spalten derſelben hinein, vergeßt auch nicht die hohlen Bäume zu unterſuchen. Noch ehe es Mitternacht wird, müßt Ihr den echten Monmouth gefun⸗ den haben. Da Ihr Alle auf dieſe Entdeckung ausgeht, ſo ſollen die fünftauſend Pfund unter Euch getheilt werden. Ihr ſeyd Euer fünfzig und folglich bekommt jeder von Euch hun⸗ dert Pfund. Ich ſollte meinen, dies wäre ein anſtändiger Lohn für eine Jagdpartie bei Fackelſchein. Alſo vorwärts!« Es dauerte nicht lange, ſo brannten fünfzig Fackeln und Le⸗ 67 das ganze Detachement ſetzte ſich von großen Spürhunden be⸗ gleitet in Bewegung. Da jedem Milizſoldaten daran lag, ſeinen General zufrieden zu ſtellen und ganz beſonders die hun⸗ dert Pfund zu verdienen, ſo that er auch gewiſſenhaft ſein Möglichſtes. Dennoch aber gelangte man zu keinem Reſultat, wie gering es auch geweſen wäre. 3 Weit entfernt, blos bis Mitternacht zu dauern, wie Lumley gehofft, war übrigens dieſe Jagdpartie, wie er ſie nannte, bei Tagesanbruch noch nicht zu Ende⸗ Dennoch aber wurden die Nachforſchungen nicht aufgegeben. Indem der Commandant der Miliz der Grafſchaft Suſſer und Sir Wil⸗ liam Portman ihre Leute an den geeigneten Stellen poſtirt zurückließen, machten ſie ſich trotz ihrer Ermüdung gegen Mor⸗ gen auf den Weg nach Winter's Hütte. Sie wollten hier aus⸗ ruhen und ganz beſonders bei Tageslicht die Kleider des jun⸗ gen Mannes beaugenſcheinigen, den ſie bei Einbruch der Nacht hatten aufknüpfen laſſen. Als ſie vor der Eiche anlangten, welche die Stelle des Galgens vertreten, ſahen ſie keine Leiche mehr an derſelben. »Was auch die Urſache ſeyn möge, aus welcher dieſer Cadaver von dem Aſte, an dem erhing, entfernt worden iſt, ſo iſt mir dieſes Verſchwinden doch jedenfalls ſehr unangenehm,« ſagte Lord Lumley.„Ich bin überzeugt, daß eine neue Beſich⸗ tigung dieſer Kleider uns klar dargethan haben würde, ob Grund vorhanden iſt, unſere Nachforſchungen fortzuſetzen oder ob wir ſie einzuſtellen und nicht weiter daran zu denken aben. In der That, wenn Monmouth ſich in der Umgegend verſteckt hält, ſo muß ſein Aſyl ein ſehr geheimes und undurchdringli⸗ ches ſeyn, doch ruhen wir vorher einen Augenblick aus.« Die beiden Commandanten traten in die Hüte und ſofort bot ſich ihren Blicken ein herzzerreißender Anbiick dar. Auf * 68 einem ärmlichen Bette, welches in einer Ecke des größten Ge⸗ machs ſtand, lag die Leiche ihres Schlachtopfers ausgeſtreckt, noch mit dem reichen Coſtüm bekleidet, welches der junge Mann in dem letzten Augenblick ſeines Lebens getragen. Neben dem Bett kniete ein Greis auf dem Boden und hielt ſchluchzend die Hand des Todten in der ſeinen. Der Eintritt der beiden Commandanten vermochte nicht den unglücklichen Vater ſeinem tiefen Schmerze zu entreißen, wohl aber ward er durch ihre Barbarei daraus aufgerüttelt. „Warum habt Ihr dieſe Leiche von dem Baume genom⸗ men, an welchem ſie hing?« fragte Lumleh in rauhem Tone. Winter erhob ſich langſam ohne die Augen von dem blei⸗ chen Antlitz ſeines Sohnes abzuwenden, und ſagte mit dumpfer Stimme: „Warum ich ſie von dem Baume genommen habe? Du haſt ſie gehört, dieſe Frage, gerechter Gott im Himmel! Man fragt mich, warum ich dieſe Leiche vom Baume genommen habe. Wirſt Du, allmächtiger Gott, dieſe Menſchen nicht auch einſt darum fragen, warum ſie den Unglücklichen daran ge⸗ hängt haben? Und was werden ſie Dir antworten? Sie wer⸗ den Dir antworten— denn vor deinem Antlitz muß der Menſch die Wahrheit ſprechen, auch wenn er ſelbſt nicht will — ſie werden Dir antworten, daß ſie ihn gemordet haben, weil er groß, edel, hochherzig, muthig und treu gehandelt hat. Und Du wirſt ſeine Henker ſtrafen, o mein Gott!« Dann drehte er ſich zu den Generalen herum, die, von einem unwillkürlichen Schauer ergriffen, vor ihm zurückwichen, und ſagte in kalt ruhigem, feſtem Tone zu ihnen: „»Ihr habt meinen Sohn gemordet, mordet nun auch mich, denn ich bin es, der in dieſer Nacht Seine königliche Hoheit den Herzog von Monmouth verſteckt gehalten und ihm 69 dieſen Morgen zur Flucht verholfen hat. Ja, er iſt gerettet! gerettet! Ihr könnt nun eure Nachforſchungen einſtellen oder fortſetzen— es kommt weiter nichts darauf an, denn er iſt ſchon weit, ſehr weit von hier. Was mich betrifft, der ich ihm die Mittel zur Flucht verſchafft habe, ſo ſtehe ich hier— macht mit mir, was Ihr wollt!« Der Greis, der beinahe ſeinen Schmerz vergaß, frohlockte, als er das Geſicht Lumley's und Portman's noch mehr Ent⸗ täuſchung als Zorn ausdrücken ſah. Aber es koſtete ihm ſelbſt vor dem lebloſen Körper ſeines Sohnes geradezu Mühe ſeine Freude nicht laut werden zu laſſen, als er den Anführer der Milizen von Suſſex zu ſeinem Begleiter ſagen hörte: „Commandant, eure Meinung vorbehalten, haben wir jetzt nur Zweierlei zu thun— das Erſte iſt, den würdigen Vater des Betriegers, deſſen Leiche hier liegt, ebenfalls aufzu⸗ hängen, und das Andere, uns mit unſern Truppen, jeder nach ſeiner Seite, zurückzuziehen.« Sir William Portman ſtand ſchon im Begriff, dieſem Vorſchlag beizutreten, als draußen ſich plötzlich ein lautes Geſchrei vernehmen ließ. Es rührte von den Soldaten her, welche einen Menſchen geführt brachten, den ſie im Walde um⸗ herirrend gefunden. »Ha,“« rief Lumley dem Gefangenen zu, ſobald er ihn erblickte,„Ihr ſeyd alſo auch hier, Mylord? Sir William, ich habe die Ehre, Euch den ſehr berühmten Commandanten der Cavallerie des Königs Monmouth, Lord Grey, vorzu⸗ ſtellen, den einzigen Edelmann, der ſich nicht geſcheuet hat, ſich unter dieſes Geſindel zu miſchen. Wir müſſen, Sir Wil⸗ liam, Mylords Leben mit der größten und thätigſten Sorg⸗ falt überwachen— es iſt uns dies von hoher Stelle ausdrück⸗ lich eingeſchärft worden.“ 70 »Es liegen,« antwortete Lord Grey,»ohne Zweifel ſehr blutige Drohungen in dieſen wohlfeilen, ausgedroſchenen Hohnreden, welche Ihr da gegen mich ſchleudert, Mylord, aber ſie rühren mich nicht, dies kann ich Euch verſichern. Es thut mir durchaus nicht leid, in eure Hände gefallen zu ſeyn. Die Wirklichkeit des Unglücks iſt weniger ſchrecklich, als ſeine Ungewißheit.“ »Ihr waret alſo nicht gewiß, daß es Euch gelingen würde, Euch zu retten, Mylord?⸗ fragte Lumley. »Vielleicht hätte ich die Küſte erreichen und mich nach dem Continent einſchiffen können; da ich indeſſen einmal euer Gefangener bin, ſo möge der Wille Gottes geſchehen!« Lumley dachte einen Augenblick nach, nahm dann Port⸗ man bei Seite und ſagte zu ihm: »Bemerket Ihr, daß Mylord Grey ſeine Kleider noch trägt? Es iſt folglich klar, daß der Genoſſe ſeiner Flucht allein die ſeinigen gegen die des Sohnes dieſes alten Mannes ver⸗ tauſcht hat. Wer kann aber dieſer Begleiter Grey's anders geweſen ſeyn, als Monmouth? Seyd überzeugt, Sir William, das, was dieſer alte Mann ſo eben ſagte, iſt nicht wahr— blos ſein Schmerz gab ſeinen Worten einen ſolchen Ausdruck von feierlicher Wahrheit, aber er bediente ſich dieſes Schmer⸗ zes, um uns zu täuſchen. Nein, Monmouth hat dieſe Gegend noch nicht verlaſſen. Wenn er ſie verlaſſen hätte, ſo wäre Lord Grey ihm gefolgt. Er muß noch ganz in unſerer Nähe ſeyn— ſuchen wir ihn daher— er kann uns nicht entrin⸗ nen— Seine Majeſtät König Jacob der Zweite wird uns unſere Ausdauer hoch anrechnen, beſonders wenn ſie von Er⸗ folg gekrönt iſt. Uebrigens gibt es ein ſicheres Mittel zu wiſ⸗ ſen, ob meine Vorausſetzungen in der That richtig ſind. Ver⸗ laſſet dieſe Hütte, Sir William, geht um dieſelbe herum und 71 haltet dann euer Ohr dicht an die Ritze dieſes verſchloſſenen Fenſters. Wenn das, was ſtattfinden wird, nicht ſtattfindet, ſo bin ich ein Dummkopf.“ Portman begab ſich auf den Poſten, welchen Lumley ihm angewieſen. „Geht Alle hinaus,« ſagte hierauf Letzterer zu den Mili⸗ zen, welche ihm Lord Grey zugefuͤhrt hatten,»entfernt Euch aber nicht weit, und während Ihr den Schmerz dieſes Grei⸗ ſes achtet, überwacht ihn gleichwohl von der Schwelle der Thür. Mylord Grey wird bei ihm bleiben, bis wir ſie Beide weiter führen.« Nachdem Lumley dieſe Worte geſprochen, verließ er ebenfalls die Hütte. Sobald die beiden Gefangenen ſich allein ſahen, näher⸗ ten ſie ſich einander und drückten ſich die Hand. »Wie hat man Euch fangen können, ohne auch zugleich den Herzog zu entdecken?« fragte Winter. „»Wir waren nicht mehr an dem Orte, an welchen Ihr uns gebracht hattet.« „Warum habt Ihr ihn verlaſſen?« »Schon in der Nacht ließ mich König Monmouth allein und da ich ihn dieſen Morgen nicht wiederkommen ſah, wie er mir verſprochen, und weil ich kein Geräuſch mehr hörte, machte ich mich wieder auf den Weg nach der Küſte. Ich kam aber nicht weit, ſo ward ich gefangen.« »Hat er Euch geſagt. wo er hinginge?« »Ja, an einen Ort, den er allein kennt, in ein Aſyl, wo er, wie er ſagte, die ſüßeſten und glücklichſten Stunden ſeines Lebens zugebracht hat.« Der Greis und Lord Grey ſchwiegen oder ſprachen von andern Dingen. Portman, welcher Alles gehört hatte, mel⸗ 72 dete es ſogleich Lord Lumley und die Nachforſchungen began⸗ nen wieder hartnäckiger als vorher. Man brauchte nur Ge⸗ wandtheit mit Geduld zu vereinigen, dann mußten dieſe Be⸗ mühungen gelingen, denn jetzt wußte man ja gewiß, daß das, was man ſuchte, auch in der That noch vorhanden war. Was aber machte Monmouth, während man ihn ſo wie ein wildes Thier verfolgte und um ihn zu entdecken, die ſinn⸗ reichſten und zugleich grauſamſten Mittel anwendete, während das Feuer vergebens einen Theil des Waldes verzehrte, um den Beſiegten zur weitern Flucht zu nöthigen? Zitterte der Ueberwundene vom Sedgemoore, das Opfer, welches Jacob der Zweite ſeinem Haſſe verſprach, mit einem Worte der Kö⸗ nig Monmouth in irgend einer finſtern Höhle, indem er die Vergangenheit beweinte, ſich unter die Gegenwart beugte und die Zukunft fürchtete? Nein, Henriettens Geliebter lebte durch die Erinnerung, durch die Hoffnung vollſtändig wieder auf. Es war ſeine plötz⸗ lich wiedererwachte Liebe, die allen traurigen Gedanken, alle Befürchtungen aus dem Herzen des Flüchtlings verbannt und ihn verklärt hatte. Während die hundertjährigen Eichen von der Flamme verzehrt um ihn herum niederſtürzten, drückte James von Monmouth ſeine Lippen auf jeden Buchſtaben von Henriettens Namen, der auf einem Granitfelſen im Hintergrunde einer friſchen Grotte eingegraben war. In dem Jahre, welches ihre Liebe entſtehen ſah, waren der Herzog von Monmouth und Henriette Wentworth, um ihre unerſchöpfliche Zärtlichkeit von der Welt zu iſoliren und in eine abſolute unzugängliche, Allen unbekannte Einſamkeit zu führen, auf den Gedanken gekommen, eine natürliche Grotte durch die Kunſt vervollſtändigen zu laſſen. Zu dieſem Zwecke —.— — 73 hatte man einen ziemlich breiten Bach in ein anderes Bett ge⸗ lenkt, ſo daß er wie ein durchſichtiger Vorhang über den Ein⸗ gang der Grotte herabfiel, deſſen mit Stalaktiten geſchmückte Granitwände mit Diamanten beſäet zu ſeyn ſchienen. Wenn die Sonne mehr als die Hälfte ihrer Bahn durchlaufen hatte und ſich gegen den Horizont hinabneigte, drangen ihre Strah⸗ len, indem ſie ſchräg durch den Waſſerfall fielen, in die Grotte und erfüllten ſie mit prismatiſchem Glanze. Dann gefiel Henriette ſich darin, ihren Kopf abwechſelnd in jede der ſieben leuchtenden Streifen zu tauchen, um, wie ſie lachend ſagte, niemals dieſelbe zu ſeyn und ihrem entzück⸗ ten Anbeter unaufhörlich neu zu erſcheinen. Die Grotte hatte keinen Eingang, und es wäre jedem Andern als dem jungen Herzog und ſeiner Geliebten unmög⸗ lich geweſen hineinzugelangen. Wenn ſie einige Stunden an dieſem zauberiſchen Orte zubringen wollten, näherten ſie ſich Arm in Arm dem geliebten Aſyl, berührten eine ſilberne Fe⸗ der und ſofort ſtürzte der auf die Seite gewendete Waſſerfall eine Fluten ſeitwärts von dem Granitbogen hinab und ließ eine hohe Oeffnung ſichtbar werden, durch welche die Lieben⸗ den nun eintreten konnten. Dasſelbe Geheimniß diente ihnen, um aus der Grotte wieder herauszugelangen. Hierher hatte Monmouth als er Lord Grey verließ, ſich geflüchtet und lachte jetzt in dieſem undurchdringli⸗ che nAſyl Lumley's, Portman'’s, ihrer Soldaten und ihrer Spurhunde. Während er ſich ſo in die ſüßeſten Erinnerungen ſeines Lebens verſenkte und die bezauberndſten Hoffnungen in ſeine Seele zurückkehren ließ, berührte ſeine Hand, als er ſie in die Taſche ſeiner Bauernjacke ſteckte, einen Brief. Er zog ihn heraus. Es war der, welchen er in ſeinen Piſtolenholſtern 74 gefunden. Er öffnete ihn mechaniſch, las ihn und ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus. »Hal« rief er,»Feigling, der ich bin! Ich habe Hen⸗ riettens Pferd genommen und ſie, indem ich floh, einem tau⸗ ſendfachen Tode preisgegeben! Nichtswürdiger, der ich bin! Henriette iſt blutend auf einem Schlachtfeld gefallen, welchem ich entflohen bin.— Schande! Schande über mich! Jacob Stuart, freut Euch! Ruft eure Henker herbei! Hier bin ich!« Zehn Minuten ſpäter ſtürzten ſich Lumley's und Port⸗ man's Soldaten auf Monmouth, der im Walde umherirrte, und banden ihm die Hände. V. Der Doppelritt. Wir erſuchen den Leſer, einen Augenblick den Gang der Ereigniſſe zurückzu verfolgen und mit uns auf das Schlachtfeld von Sedgemoore zurückzukehren, welches nach ſeinen blutigen Epiſoden und in ſeiner traurigen Geſammtheit im Dunkel der Nacht begraben lag. Als Cornwell es verlaſſen, um ſich zu Luch zu begeben — welchen Plan der Poet aber damals nicht ausführen konnte, weil er, wie wir wiſſen, mit Margarethe um die Wette laufen mußte und mit ihr den Langmoor Rhine paſſirte— lenkte Henry Lisle, indem er Sir Charles Murray in ſeinen Armen hielt, ſein Pferd ein wenig aufs Gerathewol durch die Dunkel⸗ heit hindurch. Bald jedoch erkannte er bei dem Scheine des Musketen⸗ feuers den Weg, ritt über die Chauſſée und kam dann auf die Ebene jenſeits des Buſſer Rhine. —— 75 Hier ſah er einen großen hellen Schein vor ſich in der Rich⸗ tung des Dorfes Weſton Zoyland, nach welchem er ſich bewegte. »Ha!« rief er, indem er ſein Pferd anhielt,„auf einem ſo hell erleuchteten Wege kann ich nicht in das Dorf hineinge⸗ langen. Man könnte mir nachſchleichen und dann würde das Aſyl, welches ich meinem armen verwundeten Freund beſtimme, keine Sicherheit mehr darbieten. Es wird beſſer ſeyn wenn ich einen Umweg mache—« Er entfernte ſich von dem erleuchteten Theile der Ebene und ritt wieder in den Schatten hinein, in der Abſicht, die Haide zwiſchen dem Buſſer Rhine und Weſton Zoyland zu paſ⸗ ſiren, welchen letztern Ort er durch ein abgelegenes Gäßchen zu erreichen gedachte, um auf dieſe Weiſe in die Wohnung zu gelangen, welche er in dem Dorfe hatte. Kaum waren zwei oder drei Minuten verfloſſen, ſo hörte er Schritte hinter ſich. Er machte Halt und horchte. Das Ge⸗ räuſch hatte aufgehört. Er ritt daher weiter; es dauerte je⸗ doch nicht lange ſo ließen die Tritte, ſo leicht ſie auch ſeyn mochten, ſich wieder hören. »Das iſt ein Spion,« murmelte er.„Ich darf nicht zö⸗ gern— ich werde ihm ſogleich etwas näher ins Auge ſchauen und wehe ihm!« Er ſtieg ab, während er denbewußtloſen alten Puri⸗ taner immer noch in den Armen hielt, und legte ihn dann ſanft auf die Erde nieder. Hierauf zog er ſeinen Degen aus der Scheide und ging raſch auf die Stelle zu, von welcher er das Geräuſch der Tritte vernommen. Es dauertenicht lange, ſo ſaher auf dem durch die Feuersbrunſterleuchteten Nebel ſich die ſchwar⸗ zen unſichern Umriſſe eines Mannes und einer Frau abheben. »Es ſind zwei neugierige Landleute, welche haben ſehen wollen, was vorgeht,« dachte er.»Aber eine Indiscretion 76 könnte Sir Charles ins Verderben ſtürzen und mich mit ihm. Ich muß daher dieſe Zudringlichen entfernen.« Er ſchwang ſeinen Degen und lief auf die Beiden zu. »Wir ſind zwei Frauen, Sir,« ſagte eine gleichzeitig ſanfte und feſte Stimme zu ihm. »Zwei Frauen?« unterbrach ſie Lord Lisle erſtaunt. »Ja, Sir, zwei Frauen— die Männertracht meiner Be⸗ gleiterin hat Euch vielleicht getäuſcht, ſie iſt aber Weib eben ſo wie ich und eben ſo wie ich iſt ſie ſehr unglücklich. Wir wiſſen nicht, wohin wir indieſer entſetzlichen Nacht fliehen ſollen und kamen eben mit Vertrauen zu Euch— ſcheucht uns daher nicht fort, ſondern reicht uns lieber eine helfende Hand.⸗ »Dieſe Hand, Madame,“ antwortete Henry in freund⸗ lichem Tone,»würde ich Euch— Gott iſt mein Zeuge!— in jedem andern Augenblick ſofort gereicht haben, ohne Euch eine Secunde warten zu laſſen— aber jetzt kann ich nicht.— Nein — es iſt mir unmöglich.« So wie Lord Lisle ſprach, entfernte ſich die Perſon, welche ſo eben noch ihn um ſeinen Beiſtand angefleht hatte, von ihm, und obſchon der junge Mann ihr Geſicht nicht ſehen konnte, ſo errieth er doch an ihrer Geberde, daß in ihr eine außer⸗ ordentliche Gemüthsbewegung vorging. Er glaubte, dieſe würde in ihr durch den Schmerz, ſich zurückgewieſen zu ſehen, und durch die Furcht erweckt, welche ſo viele Gefahren ihr einflößten. »Fluchet mir nicht,« fuhr er fort.»Wenn ich blos mein Leben auf's Spiel zu ſetzen brauchte, um Euch beizuſtehen, ſo ſeyd überzeugt, daß ich keinen Augenblick lang zögern würde. Ein Leben aber, welches koſtbarer iſt als das meine, nimmt in dieſem Augenblick alle meine Sorgfalt in Anſpruch. Dennoch habt Ihr wohl noch Zeit. Die Soldaten ſind auf dem Schlachtfelde zu ſehr beſchäftigt, um das Dorf 77 zu durchſtreifen. Begebt Euch auf der großen Landſtraße in dasſelbe. Pocht an die Thür des erſten beſten Hauſes.— Als Frauen werdet Ihr in einem Hauſe von Weſton Zoyland leicht ein Aſyl finden, denn Niemand wird fürchten ſich dadurch zu compromittiren, daß er Euch aufnimmt. Ihr ſeyd nicht Feinde des Staats Ihr habt nicht die Waffen gegen den König Jacob den Zweiten und für den Herzog von Monmouth geführt. Thut was ich Euch ſage; es iſt das Beſte, es iſt das Einzige was Ihr thun könnt.— Sehet dort unten dieſen hellen Schein. Nach dieſer Seite müßt Ihr eure Schritte lenken. Ihr werdet den Eingang in die große Gaſſe ſehr leicht finden.“« Ein dumpfes Aechzen— ein erſticktes Schluchzen unter⸗ brach Henry. Es ward durch die von den beiden Frauen aus⸗ geſtoßen, welche ſchon einmal das Wort ergriffen. »Nein,“« ſagte ſie plötzlich, indem ſie ſich Henry nä⸗ herte,„nein, ich werde nicht nach der Seite hingehen, wo dieſer Feuerſchein leuchtet. Hundertmal lieber will ich mich im Schatten verbergen! Wenn Henry Lisle einiges Vertrauen zu dem Weſen hat, welches auf der ganzen Erde mit der größten Hingebung an ihm hängt, ſo wird er geſtatten, daß wir, meine Begleiterin und ich, ihm folgen. „»Wer ſeyd Ihr?« fragte der junge Mann mit dem größ⸗ ten Erſtaunen. „Ach,« murmelte mit einer Stimme ſo leiſe, daß ſie nicht gehört ward, die Perſon, an welche dieſe Frage gerichtet war,„ach, er kennt mich nicht einmal mehr!« Dann ſetzte ſie laut hinzu:»Ich bin das arme Mädchen, gegen welches Ihr immer ſo gütig geweſen ſeyd,— Mylord— ich bin Su⸗ ſanne— „»Suſanne!— Aber wie kommt Ihr hierher?« „Ich begreife, Mylord, daß meine Gegenwart an einem 78 ſolchen Orte Euch in Erſtaunen ſetzen muß. Ich werde Euch ſpäter ſagen, warum ich gekommen bin. Jetzt würde dies zu viel Zeit in Anſpruch nehmen und alle eure Sorgfalt wird, wie Ihr uns ſo eben ſagtet, durch ein Leben in Anſpruch ge⸗ nommen, welches koſtbarer iſt als das eure und wahrſchein⸗ lich in Gefahr ſchwebt. Mein Gott, ſollte Miß Lucy ebenfalls die Unklugheit begangen haben, hierherzukommen?« »Miß Luch iſt es nicht, Suſanne— es iſt ihr Vater. Kommt, ja kommt! ohne Zweifel iſt es Gott, der Euch hier⸗ herſendet— kommt, Ihr könnt mir nützlich ſeyn—« »Wohlan, Madame,“ ſagte Suſanne zu ihrer Beglei⸗ 1 terin,„folgen wir Lord Lisle. Er iſt der biederſte und edel⸗ ¹ müthigſte aller Menſchen— Ihr ſeyd gerettet.⸗ »Mylord,“ ſagte die Unbekannte,„euer Name, den ich ſo eben gehört, läßt in mein Herz die Hoffnung— zurück⸗ V kehren, die ſchon daraus entwichen war. Ich vertraue mich eurer Ehre an— verberget mich, ehe der Tag anbricht— denn wenn ein einziger ſeiner Strahlen unter dieſen ſiegreichen Soldaten eures Königs mein Antlitz trifft, ſo kann mich dann nichts mehr ſeiner Rache entreißen— Mylord, ich bin Lady Henriette Wentworthl⸗ V»Lady Henriette Wentworth!« ſagte Henry in dum⸗ pfem Tone;»ach, nennt dieſen Namen nicht ſo laut. Kommt,. ich will Euch auf einige Tage in Sicherheit bringen. Dann werden wir den Eingebungen folgen, welche Gott uns mitt⸗ lerweile ſchicken wird. Ehe ich aber Euch Beiden meine Hilfe gewähre, muß ich Euch um eure bitten. Kommt, Lady Hen⸗ 3 riette— folgt mir, Suſanne.⸗ Einen Augenblick ſpäter hob Henry den immer noch be⸗ wußtloſen Sir Charles Murray an den Schultern empor und Fitzgerald's Schweſter faßte ihn bei den Füßen, Henriette er⸗ 79 griff auf Henry's Bitten ſein Pferd am Zügel und Alle mach⸗ ten ſich nun, von der Dunkelheit geſchützt, wieder auf den Weg. Es dauerte nicht lange, ſo erreichte man die Thür eines Hauſes von leidlichem Ausſehen. »Hier iſt der Ort,« ſagte Lord Lisle.„Pocht an, Su⸗ ſanne. Nur zwei Schläge und ganzleiſe.⸗ Die Irländerin pochte an und es dauerte nicht lange, ſo drehte ſich die Thür in ihren Angeln. Die Perſon, welche öffnete, war ein alter Mann, der vom Kummer noch tiefer niedergebeugt zu ſeyn ſchien, als von den Jahren. Der Leſer kennt ihn übrigens ſchon— es war der alte treue Diener, welchen wir bei Henry's Vater in Lauſanne geſehen. »Mein guter William,“ ſagte der junge Lord zu ihm, vich bringe Dir einen unſerer beſten Freunde, Sir Charles Murray. Du ſiehſt, in welchem Zuſtande er ſich befindet!— führe das Pferd raſch in den Stall und gib ihm Hafer, ſattle es aber nicht ab. Sobald Du damit fertig biſt, komm wieder zu mir, ich werde Deiner bedürfen.« William ergriff Murray's Hand, führte dieſelbe ehrer⸗ bietig an die Lippen und küßte ſie, dann ging er die Befehle auszuführen, welche er ſo eben empfangen. Einige Augenblicke ſpäter war er wieder in dem Zim⸗ mer, wo Lucy's Vater auf einem Bett ausgeſtreckt, die eifrige Pflege Henry's der Lady Wentworth und Suſannens erfuhr. Die Wunde des alten Puritaners war unterſucht worden und Lord Lisle hatte mit großer Freude geſehen, daß ſie leicht war. Eine Kugel hatte die Schläfe nachdrücklich geſtreift, ohne jedoch die Arterie zu verletzen. Sir Charles' Ohnmacht war nur durch den ſcharfen Druck auf dieſen ſo empfindlichen Theil herbeigeführt worden und hätte vielleicht nicht über eine halbe Stunde gedauert, wenn nicht die Kräfte des alten Waffenge⸗ fährten Cromwell's durch die außerordentlichen Anſtrengungen der vorhergegangenen Tage vollſtändig erſchöpft geweſen wären. Lady Wentworth zog aus einer der Taſchen ihres Mie⸗ ders von braunem Tuche eine Flaſche mit Salzgeiſt, öffnete ſie und hielt ſie dem Ohnmächtigen an die Naſe. Bald ſah man ſeine Bruſt ſich kräftiger heben, ſeine bleichen Wangen gewan⸗ nen wieder die Farben des Lebens und ſein Auge öffnete ſich. Er ließ anfangs einen unſicheren Blick auf den Perſonen um⸗ herirren, welche ſein Bett umſtanden, aber es dauerte nicht lange, ſo ſpiegelte ſich in dieſem Blicke die wiedererwachte Seele und die wieder ihre Thätigkeit äußernde Intelligenz. »Ha, Ihr ſeyd es, Henry! Du biſt es, William— Dank, meine Freundels ſagte er mit matter Stimme. Dann wendete er ſich zu Henrietten: »Dank auch Euch, Mylady, die Ihr mich ſo theilneh⸗ mend pfleget, daß es mir ſcheint, als könnte meine arme Luchy ſelbſt nicht mehr thun. Aber warum iſt Lucy nicht bei mir?— Wo iſt ſie?« „In Bridgewater,« antwortete Suſanne. »In Bridgewater! Ha, es iſt wahr! Ja, jetzt beſinne ich mich— aber ich, wo bin ich denn?« »Bei mir, mein Vater,“ ſagte Lord Lisle. „»Bei Euch? Aber wo denn?— An welchem Orte?« „In dem Dorfe Weſton Zoyland.« »Weſton Zoyland— ha, jetzt beſinne ich mich— die Schlacht, wer hat ſie gewonnen? Ha! Sie iſt noch nicht been⸗ det!— Höret Ihr dieſe Schüſſe?— Ich fühle mich wieder beſſer, ich fühle mich wieder ſtark— laßt mich auf die Haide des Sedgemoor zurückkehren, damit ich unter meinen Freun⸗ 81 den kämpfe, damit ich ſie durch das Beiſpiel eines alten Sol⸗ daten anfeuere, der nicht zurückweicht, damit Niemand ſagen könne: Murray iſt entflohen— ich kann auch fliehen!« Indem der Greis dieſe Worte ſagte, ſetzte er ſich auf dem Bette in die Höhe. »Und dann,“ ſetzte er hinzu,»will ich nicht, daß der Mann, in deſſen Namen und in deſſen Intereſſe dieſes hoch⸗ herzige Volk der weſtlichen Grafſchaften zu den Waffen ge⸗ griffen hat, ich will nicht, daß dieſer Mann ſich feiger⸗ weiſe rette und die Tapfern verlaſſe, welche jetzt für ihn ſterben.« Lady Wentworth bedeckte das Geſicht mit den Händen und die Thränen rannen ihr durch die langen, ſchmalen Fin⸗ ger. Henry gewahrte ſofort die Wirkung, welche die letzten Worte auf Monmouth's Geliebte äußerten und er ſuchte ein Mittel, um ſeinen alten Freund abzuhalten, in den furchtbaren, obſchon gerechten Schmähungen fortzufahren, deren Heftig⸗ keit und Bitterkeit wahrſcheinlich ſich noch immer höher ſtei⸗ gerten. Henriette ließ ihm jedoch nicht Zeit dazu. »Sir Charles Murray,« ſagte ſie plötzlich zu dem Ver⸗ wundeten, dem ſie ſo eben hilfreiche Hand geleiſtet und der ihr auf ſo rührende und gerührte Weiſe gedankt,„bleibt ru⸗ hig auf eurem Bette liegen. Der hochherzigſte Muth wird Wahnſinn, wenn er den Menſchen einem zweckloſen Tod ent⸗ gegentreibt. Ich ſage Euch aber, euer Tod, wenn Ihr jetzt ginget, um ihn auf der Heide des Sedgemoor zu ſuchen, wäre vollſtändig nutzlos. Die unerſchrockenen Bauern der Grafſchaf⸗ ten, welche den Herzog von Monmouth zum Könige ausge⸗ rufen, haben jetzt keinen einzigen Anführer mehr an ihrer Spitze und die letzten dieſer mit dem Löwenmuthe alter ver⸗ Der Tiger von Tanger. V. 6 82² ſuchter Soldaten kämpfenden Landleute hauchen in dem Augen⸗ blicke, wo ich ſpreche, ihren Geiſt aus. Die Anführer—« „Ihr ſeht alſo,« unterbrach ſie Murray mit bebender Stimme,»daß auch ich gehen und ſterben muß, da die, welche ich der Feigheit anklagen wollte, als Tapfere geſtor⸗ ben find.“ »Nein, ſie ſind geflohen wie Feiglinge, Sir Charles.« „Sie ſind geflohen— wer hat Euch das geſagt?« „Ich habe es ſelbſt geſehen.« „Wie, Wade iſt auch geflohen?« „»Ja, Sir Charles.⸗ »Goodenough?« „Ja.“ „»Lord Grey?« „»Ja.« „Der Herzog von Monmouth?« »Leider auch er.“ „Und Ihr ſelbſt hättet ſie das Schlachtfeld verlaſſen und fliehen ſehen?« „Ja, ich war, ohne erkannt zu werden, mitten unter ihnen, als ſie flohen.“ „Aber wer ſeyd Ihr?« „Ich bin Henriette Wentworth.« „Hal ich beklage Euch, Mylady. Ihr ſeyd ſehr un⸗ glücklich.« „Ja, ſo unglücklich, Sir Charles, daß ich ſterben möchte, wenn ich nicht noch eine große Pflicht auf Erden zu erfüllen hätte.« „Welche Pflicht, Mylady?« „Den in Taunton ausgerufenen König, wenn er in 83 Jacobs II. Hände fällt, zu lehren, auch als König zu ſterben.⸗ »Ich will Euch dieſe edle Hoffnung nicht rauben, My⸗ lady, aber ich theile ſie nicht.« Ein kurzes Schweigen trat ein, während deſſen die ver⸗ ſchiedenen Perſonen des ſo eben erzählten Auftrittes ſich jede in ihre düſtern Gedanken verſenkte. Der alte Puritaner ergriff zuerſt wieder das Wort. »Wenn die Frauen ihre Pflichten auf ſo hochherzige Weiſe zu erfüllen wiſſen,« ſagte er,„ſo wäre es eine Schmach, wenn die Männer die ihrige vergäßen. Die Schlacht iſt noch nicht beendet. Freunde, welche die Waffen nur ergriffen ha⸗ ben, weil ſie wußten, daß ich an ihrer Seite kämpfen würde, kämpfen noch gegen einen disciplinirten Feind, und ſie haben nicht einmal einen Anführer, deſſen Stimme ihren heldenmü⸗ thigen Widerſtand leiten könnte. Laßt mich zu ihnen gehen.«⸗ Indem Sir Charles Murray dieſe Worte ſprach, ſtieg er mit gewaltiger Anſtrengung von dem Bett herunter, auf welches er einige Minuten vorher gelegt worden. Lady Wentworth ging auf ihn zu und faßte ihn mit edler Vertraulichkeit bei der Hand. »Sir Charles,“ ſagte ſie zu ihm,„wenn ich eure Worte ſoeben richtig verſtanden habe, ſo habt Ihr eine Tochter.— Sie iſt in dieſem Augenblicke in Bridgewater, und wenn ich mich recht entſinne— ich glaube nicht, daß ich mich irre— ſo war ſie es, welche dem Herzog bei ſeinem Einzuge in Taun⸗ ton die Bibel und die Fahne überreichte, welche dieſe Stadt ihm ſchenkte.⸗ »Ja,« murmelte der Greis,„das iſt nur zu wahr.« »Ich begreife, wie ſchmerzlich dieſe Erinnerung Euch jetzt iſt, Sir Charles, und kann Euch deswegen nicht tadeln.« 83 8⁴ fuhr Lady Henriette fort,»aber ich erſehe daraus, daß Ihr Euch die Gefahren, welche Miß Lucy drohen, nicht verhehlt. — Nun ſcheint mir aber, als hättet Ihr nur noch eine ein⸗ zige Pflicht zu erfüllen. Während eine Stimme Euch auffor⸗ dert, mit euren Freunden zu ſterben, fordert Euch eine an⸗ dere, wenigſtens eben ſo ſtarke und eben ſo laute, auf, für dieſes euer Kind zu leben, welches von den Henkersknechten Jacobs von York nun bedroht wird, weil es Euch gehorcht hat. Zwiſchen dieſen beiden Stimmen, zwiſchen dieſen beiden Pflichten habt Ihr zu wählen, Sir Charles; ſehet zu, ob Ihr Euch für einen ohne Zweifel edlen, aber ſicherlich unnützen Tod entſcheidet, oder vielmehr für ein für die Rettung eures Kindes ſo koſtbares, ſo unumgänglich nöthiges Leben. Befra⸗ get vor Gott euer Gewiſſen und antwortet.« Sir Charles Murray neigte, durch dieſe ſanften und eindringlichen Worte gerührt, ſein Haupt auf Lady Went⸗ worth's Hand und ſagte mit leiſer Stimme:„»Ich werde le⸗ ben, Mylady.« »Ha!“ rief Henry,»gelobt ſey Gott, der Euch dieſen väterlichen Entſchluß eingegeben!« »Segnen wir auch Mylady, welche das Werkzeug war, deſſen er ſich bediente,« ſagte Murray, der, indem er ſich zu Lord Lisle wendete, hinzufügte:»Aber es iſt nicht genug, einen ſolchen Entſchluß zu faſſen— es handelt ſich jetzt auch darum, ihn auszuführen, und hierin liegt eben die Schwie⸗ rigkeit. Vielleicht dauert es nicht mehr lange, ſo werden Fe⸗ versham's Soldaten in dieſe Wohnung eindringen und es wird mir nichts nützen, mich zu entſchließen, am Leben zu bleiben, denn ſie werden ſich ſicherlich nicht des Vergnügens berauben, mich umzubringen.« »Ich hatte nicht zwiſchen mehren Aſylen zu wählen, Sir N 85⁵ Charles,« ſagte Sir Henry,„und ſelbſt wenn mir dieſe Wahl freigeſtanden, hätte ich Euch dennoch hierhergebracht. Wenn Ihr Euch nicht ſehr weit vom Sedgemoor entfernen könnet, ſo glaube ich, Ihr ſeyd hier in größerer Sicherheit als ſonſt wo in der Umgegend. Ich würde Euch gern eine Zuflucht bei meiner Mutter in der Grafſchaft Southampton in Wincheſter anbieten, wohin ſie ſich ſeit einigen Tagen begeben hat, aber Beweggründe von außerordentlicher Wichtigkeit, die ich Euch noch mittheilen werde, zwingen mich, dieſer Idee zu ent⸗ ſagen.⸗ »Wenn es mir erlaubt wäre,« unterbrach Lady Went⸗ worth,»Euch ein Aſyl anzubieten, Sir Charles, ſo würde ich ſagen, Ihr ſolltet mit mir kommen, denn ſobald ich mich mit einiger Ausſicht, den Truppen und den Spähern Jacobs von York zu entrinnen, mich von hier entfernen kann, werde ich mich beeilen, es zu thun.« »Habt Ihr einen ſichern Ort, Mylady?« fragte Lord Lisle,»wohin unſer ehrwürdiger Freund ſich flüchten könnte?« »Ja, einen ſo ſichern Ort, daß ſelbſt Jeffreys und alle ſeine Häſcher nicht im Stande ſeyn würden, Jemanden zu entdecken, den ich an dieſem Orte verborgen halte.⸗ »Es iſt doch nicht die nach dem Weſten führende Straße, welche man zu verfolgen hat, um nach dieſem Aſyl zu ge⸗ langen?« »Nein, Mylord, es iſt im Gegentheil die öſtliche.⸗ »O dann um ſo beſſer, denn die andere iſt jetzt nicht gangbar. Vom Sedgemoor an bis Bridgewater und Taun⸗ ton werden nun noch viele Tage lang alle Straßen und Wege unaufhörlich von den königlichen Truppen durchſtreift werden. Aber darf ich, Mylady, vielleicht nach dem Orte ſelbſt fragen, 86 wo ſich das Aſyl befindet, welches Ihr Sir Charles Murray anbietet?« »Es befindet ſich an der weſtlichen Grenze der Graf⸗ ſchaft Southampton, am Saume des New⸗Foreſt, bei treu ergebenen Landleuten, welche ein Haus bewohnen, das zu meinem ehemaligen Beſitzthum gehörte.« 4 »Dieſe Gegend,“« ſagte Henry,„iſt gut gewählt, und ich würde mich ſehr freuen, wenn Sir Charles euer Anerbieten annähme, Mylady.« »Ich würde es ſofort mit der innigſten Dankbarkeit an⸗ nehmen,« antwortete Murray auf dieſe indirecte Frage, „»wenn ich nicht Lucy allein, verlaſſen und ohne Schutz in Bridgewater zurückließe.« »Glaubt Ihr denn, Sir Charles, daß ich Miß Lucy nicht in meine Obhut nehmen würde?« rief der junge Offizier. »Ich hoffe, daß ein für mich ſo beleidigender Zweifel niemals in eurem Gemüth erwacht iſt! Sobald Ihr meine Wohnung verlaſſen haben werdet, um Euch in das Aſyl zu begeben, welches Mylady Euch bietet, werde ich nach Bridgewater eilen, Miß Lucy aufſuchen und mit ihr die Maßregeln treffen, welche ſie in den Stand ſetzen, Euch nachzukommen, ſobald ſie es ohne Gefahr wird thun können. Damit ich Niemanden nach dem Hauſe zu fragen brauche, welches ſie bewohnt, weil dies eine unheilvolle Aufmerkſamkeit auf ſie lenken würde, ſo ſagt mir, wo ich ſie finden werde.« Während Henry ſprach, ſchien der alte Puritaner zwi⸗ ſchen der Aufmerkſamkeit, die er ihm widmen wollte, und den Betrachtungen getheilt zu ſeyn, die er an ſich ſelbſt zu ſtellen dachte. Dennoch wollte er antworten, als Suſanne das Wort ergriff. ———/· 87 »Ich werde Euch zu Miß Lucy führen, Mylord,“ ſagte fie.»Ich weiß, wo ſie wohnt.« »Wer iſt dieſes junge Mädchen?« fragte Sir Charles Murray, indem er Fitzgerald's Schweſter aufmerkſam anſah. »Himmel!« rief er, indem er plötzlich auf die junge Irlän⸗ derin zueilte,»wie iſt es möglich, daß ich Euch nicht wieder⸗ erkannt habe, Miß? Ich habe Euch nur ein einziges Mal in meinem Leben geſehen und nur einige Worte mit Euch ge⸗ wechſelt, aber es geſchah dies bei einer ſo erhabenen Gele⸗ genheit, daß ich niemals wieder hätte das Antlitz des Engels vergeſſen ſollen, welcher meine Tochter gerettet hat. Suſanne, da die Vorſehung Euch hierherſendet, ſo will ſie ſich offenbar auch Eurer nochmals bedienen, um Lucy zu retten.— Wenn Ihr mir verſprecht, mit Lord Lisle vereint ſie in euren Schutz zu nehmen ſo gehe ich mit Zuverſicht von hier fort. Sagt, verſprecht Ihr es mir?« »Indem ich mich ſoeben gegen Mylord erbot, ihn zu Miß Lucy nach Bridgewater zu führen, dachte ich ſchon an die Rettung eurer Tochter, Sir Charles.« Der alte Mann wendete ſich gegen Lady Wentworth, zeigte ihr Suſannen und ſagte: »Ich ſtand im Begriff, meine Tochter den Armen des nichtswürdigſten Mannes zu überantworten, als dieſes junge Mädchen in Folge einer plötzlichen unerwarteten Enthüllung kam, um mich an meinem Verbrechen zu verhindern, welches ich mein ganzes Leben lang beweint haben würde. Ihr be⸗ greift, Mylady, welches Vertrauen mir ihre Gegenwart hier einflößt. Nun bin ich bereit, Euch zu begleiten, wenn Ihr es angemeſſen erachtet, daß wir noch vor Tagesanbruch auf⸗ brechen.« »Ob ich es angemeſſen erachte, Sir Charles? O ganz gewiß! Denn wenn wir noch zögerten, ſo müßten wir die nächſtfolgende Nacht abwarten, um uns auf den Weg zu ma⸗ chen, und Gott allein weiß, wie verhaßt mir dieſe Verzöge⸗ rung ſeyn würde.« Einige Augenblicke ſpäter ritten Sir Charles Murray und Lady Wentworth auf zwei guten Pferden, welche Lord Lisle ſich ſchnell zu verſchaffen gewußt, im Galopp davon und nahmen die Richtung nach Oſten. Sobald ſie ſich entfernt hatten, warf Henry ſich eben⸗ falls auf ſein Pferd, reichte Suſannen, die ſich hinter ihn ſchwang, die Hand, und ſchlug mit ihr die Straße nach Bridge⸗ water ein. Henry hatte ſein Pferd in die Hauptgaſſe von Weſton Zoyland gelenkt, an deren Ende man einen hellen Schein ſah. »Warum nehmt Ihr nicht den Weg, auf welchem wir in euer Haus gelangten, Mylord?« fragte Suſanne in einem Tone, der einen gewiſſen Grad von Unruhe verrieth. »Er würde uns zu viel Zeit wegnehmen,s antwortete Henry.»Der Tag wird bald anbrechen, und wir haben keine Minute mehr zu verlieren. Dies iſt der Grund, aus welchem ich den kürzeſten Weg wähle.« Das Pferd war an den letzten Häuſern des Dorfes vor⸗ über und kam nun in das freie Feld. Einige Augenblicke ſpä⸗ ter ſahen ſich die beiden nächtlichen Reiſenden ungefähr noch fünfzig Schritte von dem Herde der Feuersbrunſt entfernt, welche ſie ſchon mehrmals von weitem geſehen hatten. »Aber,“ rief Percy Kirke's Adjutant plötzlich,„wenn ich mich nicht irre, ſo iſt dies die Stelle, wo das Zelt des Gene⸗ ralmajors ſtand.« »Ja wohl iſt es die Stelle, es iſt das Zelt, welches ſo eben vollends niederbrennt. Und gleichwohl ſtand es vor 89 kaum einer Stunde noch vollkommen unverſehrt da. Ich war darin, um den Generalmajor von dem Angriff der Rebellen in Kenntniß zu ſetzen. Wie es ſcheint, war er in ſeinem Zelte, aber ich konnte ihn nicht zu ſehen bekommen, denn man ſagte mir, ich müßte mich, ehe dies geſchehen könnte, mit zwanzig ſeiner Lämmer auf Leben und Tod ſchlagen, und in der That intereſſire ich mich für ihn zu wenig, als daß ich mich um ſeinetwillen einer ſolchen Gefahr ausſetzen ſollte. Ich zog es daher vor, ihn in aller Ruhe in ſeiner Höhle die Orgie fort⸗ ſetzen zu laſſen, welche er ohne Zweifel darin feierte. Aber was fehlt Euch denn, Suſanne? Wie Ihr zittert!— Euer ganzer Körper bebt!— Fürchtet Ihr, die Ihr doch ſo uner⸗ ſchrocken ſeyd, über einen Theil des Schlachtfeldes zu reiten? — Aber nehmt Euch in Acht! Ihr werdet fallen! Haltet Euch feſt an mich. Hier iſt die Chauſſee des Buſſer Rhine.— Mit welcher Erbitterung ſie ſich immer noch ſchlagen, dieſe ſich ſelbſt überlaſſenen Bauern! Ich ſollte auch auf meinem Poſten ſeyn! Doch, ich werde ſchon einen Grund finden, um meine Abweſenheit von dem Schlachtfelde zu erklären, im Fall ſie bemerkt werden ſollte. Uebrigens habe ich dieſe Nacht auch ge⸗ nug geleiſtet, und wenn ich nicht geweſen wäre, ſo hätte der Graf von Feversham ſie vollſtändig in ſeinem Bett zugebracht. Als ich mich mit ihm an der Spitze der königlichen Cavallerie auf die Ebene begab, kam ich wieder an dem Zelt des Gene⸗ ralmajors vorüber. Er hatte ſich endlich entſchloſſen, es zu verlaſſen, um ſeine Lämmer gegen Monmouth zu führen. Er wird auf dieſe Weiſe von einer Orgie des Weines und der Liebe zu einer Orgie des Blutes geeilt ſeyn. Aber Suſanne, wenn Ihr Euch nicht beſſer auf der Croupe zu halten wiſſet, ſo werde ich Euch in den Sattel ſetzen und eure Stelle einneh⸗ men. Auf dieſe Weiſe werde ich wenigſtens Euch verhindern 90 8 können, herunter zu fallen und Euch vielleicht ernſthaft zu be⸗ ſchädigen. Aber ich dächte, Ihr weintet, Suſanne!« Lord Lisle drehte ſich um und näherte ſeine Augen denen des jungen Mädchens, um in dem Dunkel, welches noch herrſchte, zu ſehen, ob ſie wirklich weinte. Er hatte ſich nicht geirrt und Suſanne hielt mit feuchten Wangen und keuchender Bruſt nur mühſam das Schluchzen zurück, welches ſich ihr möglich zu entringen drohte. Henry fühlte in ſeinem Herzen ein gewiſſes Mitleid mit dieſem ſtum⸗ men Schmerz erwachen. Mit unwillkürlicher Bewegung ſchlang er ſeinen Arm um den Hals der armen Betrübten, näherte ihre Stirn ſeinen Lippen und drückte einen Kuß darauf. »Ihr leidet, Suſanne,« ſagte er zu ihr, während ihre Athemzüge ſich miſchten,»Ihr leidet an einem großen Schmerze und ich ſehe es ſchon, Ihr verberget mir die Urſache dieſes Schmerzes. Wollt Ihr denn, Suſanne, bei dieſem Schweigen beharren, welches, wenn es nicht gebrochen wird, mir wird glauben machen, daß Ihr zu mir nicht das Vertrauen beſitzet, welches ich zu Euch habe?« Sey es nun, daß die junge Irländerin ſich ſcheute, Lord Lisle ein ſchmerzliches Geſtändniß zu machen, ſey es, daß ſie die Tröſtungen, die ihr geſpendet wurden, zu ſüß fand, um ſie ſo bald zu unterbrechen— kurz ſie ſchwieg und der, wel⸗ cher ſie auf ſo theilnehmende Weiſe fragte, ſah ſich genöthigt, ſich wieder in dem Sattel herumzudrehen, ohne auch nur ein Wort der Entgegnung vernommen zu haben. Das kräftige Thier, welches Henry und Suſannen trug, war immer rüſtig weiter geeilt, während der junge Mann ſich bemüht hatte, das Geheimniß der von ſeiner Begleiterin ver⸗ goſſenen Thränen zu durchdringen. Es hatte die ganze Ent⸗ fernung zurückgelegt, welche den Buſſer Rhine von dem Lang⸗ 91 moor Rhine trennte; es hatte die Chauſſée dieſes letztern Gra⸗ bens paſſirt und galoppirte nun auf den ſchwarzen Graben zu. Von Zeit zu Zeit ſchlug eine matte Kugel zu den Hufen des Pferdes in das Heidekraut hinein. Zuweilen bemerkten ſie auch einen Flüchtling, welcher Bridgewater zu erreichen ſuchte und, ſich ver folgt glaubend, ſeitwärts ſprang und gefliſſent⸗ lich das tiefſte Dunkel aufſuchte. Bei dergleichen Vorkommniſſen, beſonders wenn es raſch eine menſchliche Geſtalt vorübereilen ſah, die ſofort wieder in der Nacht verſchwand, erſchrak das Pferd und machte irgend eine unerwarteteheftige Bewegung. Dann drückte Suſanne immer noch ſchweigend und weinend den Leib des kühnen Reiters noch feſter in ihre Arme und ihre ſich auf Henry's Bruſt kreuzen⸗ den Hände fühlten unter dieſem Drucke das Herz des jungen Mannes ſtürmiſch ſchlagen. Allmälig hörten ihre Thränen auf zu fließen und viel⸗ leicht die geheime Urſache, welche ihr dieſelben auspreßte, ver⸗ geſſend, ließ ſie ihr ganzes Weſen von der magnetiſchen Strö⸗ mung durchdringen, welche das unter ihren Händen klopfende Herz in ſie ergoß. Drang die Hoffnung, geliebt zu werden, der Glaube, es vielleicht ſchon zu ſeyn, vielleicht endlich in ihre Seele? Glaubte ſie, daß die unermeßlichen Dienſte, welche ſie Lord Lisle geleiſtet, dieſes edle Gemüth gerührt hätten, und daß die, welche ſie ihm noch zu leiſten im Begriff ſtand, ihr Bild den Gedanken des Mannes, den ſie anbetete, eingraben und dar⸗ aus ein anderes bis jetzt ſiegreiches Bild verwiſchen würden? Oder ward dieſe energiſche Natur auch noch von anderen ſchwieriger zu definirenden Gefühlen bewegt? Wer könnte ſa⸗ gen, was in der Seele dieſer ſeltſamen Nebenbuhlerin vor⸗ ging, welche auf dieſe Weiſe einem Mädchen, welches ſie ge⸗ 92² liebt wußte, den Geliebten zuführte, für deſſen Beſitz ſie tau⸗ ſendmal ihr eigenes Leben hingegeben hätte? Was Henry betraf, ſo kämpfte er vergebens gegen die heißen Gefühle, welche die längere Berührung mit dem jungen Mädchen in ihm erweckte, deren wunderbare Schönheit das Herz der kälteſten Männer gerührt und ſogar das eines Chif⸗ finch gefeſſelt hatte. Der Wille des jungen Offiziers ſträubte ſich gegen den gewaltigen Zauber dieſer zufälligen Umarmun⸗ gen und um der Niederlage ſeiner Tugend zu entrinnen, fühlte er die Nothwendigkeit, den Kampf zu fliehen. Deshalb ſtieß er ſeinem Pferde die Sporen in die Flan⸗ ken und beſchleunigte den Lauf des ſchnaubenden Thieres über die Ebene. Sobald er aus dem Nebel des Sumpfes heraus war, füͤhlte er ſich behaglicher. Er kam nun in die helle Atmoſphäre hinein, welche auf der Ebene zwiſchen dem Sedgemoor und Bridgewater ruhte, und ſchon vor dem erſten Schimmer des anbrechenden Tages zu erbleichen begann. So wie das Dunkel, welches den Reiter und ſeine Ge⸗ fährtin von der übrigen Natur zu iſoliren und ſie einander deſto mehr zu nähern ſchien, ſich zerſtreuete, fand Lord Lisle es gerathen, ein Schweigen zu brechen, welches ſie Beide zu ſehr ihren eigenen Gedanken überließ. »Suſanne,“ ſagte er plötzlich,„Ihr verſpracht mir vor⸗ hin, mir zu ſagen, warum Ihr in das Lager der königlichen Armee gekommen wäret. Wollt Ihr euer Verſprechen halten?« »Ja, Mylord, ich bin bereit.« »Nun ſo ſprecht, Suſanne.« Sie zögerte. »Es iſt alſo wohl ein Geheimniß, welches Euch Ueber⸗ swindung koſtet, mir anzuvertrauen, Suſanne?« 93 »Ja, Mylord.« »Ich ſehe ſchon, ich habe euer Vertrauen verloren.« »Das, was Ihr mir da ſagt, Mylord, iſt nicht recht Allerdings zögere ich Euch zu antworten— aber ich bin über⸗ zeugt, daß Ihr an meiner Stelle auch zögern würdet, wie ich.« »Ihr reizt meine Neugier, Suſanne.⸗ »Dies iſt nicht die Abſicht, in welcher ich gezögert habe zu ſprechen, ſondern weil es ſich darum handelt, Euch etwas— da Ihr es einmal wiſſen wollt— mitzutheilen, was ich für Euch gethan habe.⸗ »In dieſer Nacht?« »Ja, Mylord, zu Anfang dieſer Nacht.⸗ »Dies wundert mich nicht, Suſanne. Ihr habt mich daran gewöhnt, Euch ſo gegen mich handeln zu ſehen und ſeyd überzeugt, daß Ihr es nicht mit einem Undankbaren zu thun habt.« »Ihr ſeyd ſehr gütig, Mylord, aber Ihr ſeyd mir für das, was ich für Euch gethan durchaus nichts ſchuldig. Es hing nicht von mir ab, es nicht zu thun.⸗ Bei dieſer naiven Antwort ergriff Sir Henry die Hand, womit Suſanne ſich an ſeine Bruſt feſthielt und drückte ſie in die ſeine. »Welch herrliches Gemüth!« murmelte er. Dann ſetzte er laut hinzu:„Erzählet mir dieſen neuen Dienſt, meine gute Suſanne.« Die junge Irländerin ſammelte ſich einen Augenblick und begann mit beinahe zitternder Stimme: »Vor vier Tagen befand ich mich in meinem kleinen Salon in Montagu⸗Street— da wo Ihr mich einmal be⸗ ſuchtet, wenn Ihr Euch deſſen noch entſinnet, Mylord.« 94 »Ja wohl, ja wohl; ich entſinne mich deſſen, Sujanne. Ihr hattet mich zu Euch gerufen, um mir einen großen Dienſt zu leiſten, doch was ſage ich? mehre wichtige Dienſte!« »Wiederholt nicht immer dieſes Wort, Mylord. Es iſt ſchon genug, es einmal geſagt zu haben.⸗ »Alſo wollt Ihr mich abhalten, dankbar gegen Euch zu ſeyn, Suſanne? Ihr wollt nicht, daß ich Euch liebe?« »Ach.“« ſtammelte Suſanne in unverſtändlichem Tone. »Wohlan, ich werde nicht mehr von dieſen Dienſten ſprechen, welche Ihr mir fortwährend leiſtet, aber ſetzt mich wenigſtens von dem in Kenntniß, welchen Ihr mir dieſe Nacht erwieſen habt.« »Ich gehorche Euch, Mylord. Ich war alſo in meinem Salon in Montagu⸗Street, als Chiffinch eintrat. O, wenn Ihr wüßtet, wie traurig und niederſchlagen er jetzt iſt, dieſer arme Page! Ich weiß nicht, ob er vielleicht bei dem König in Ungnade gefallen iſt—« »Nein, Suſanne, er iſt traurig, weil er bei Euch in Ungnade gefallen iſt.« »O, bei mir iſt er niemals in Gnade geweſen.« »Das glaube ich. Auch würde es mich ſehr ſchmerzen, wenn ich das Gegentheil vorausſetzen müßte.« »Ha, Dank, Mylord! Ihr denket alſo wohl zuweilen an mich?⸗ G »Ich folge blos eurer Aufforderung, Suſanne. Habt Ihr mir nicht an dem Tage, wo Ihr die Heirath Miß Lucy's mit dem Generalmajor Percy Kirke rückgängig machtet, mit euren eigenen Worten geſagt: erinnert Euch zuweilen Suſan⸗ nens bis zu dem Tage, wo Ihr ihr abermals begegnen wer⸗ det. Als Ihr mir dies ſagtet, hattet Ihr mich von Verzweif⸗ lung gerettet— wir werden ſehen, aus welcher neuen Ge⸗ ———— 9⁵ fahr Ihr mich heute, wo ich Euch abermals begegnet bin, wieder gerettet.⸗ »Von dem Tode!« rief Suſanne mit der ganzen Auf⸗ wallung einer tiefen und wahren Leidenſchaft,„ja, Mylord, ich habe Euch dieſe Nacht vor einem ſichern und entſetzlichen Tode bewahrt,— Jeffreys hatte eine ſeiner Creaturen in das Lager geſendet— die Hand des Meuchelmörders hatte im Schatten bereits den Dolch gehoben, der dieſes Herz durch⸗ bohren ſollte, welches ich jetzt unter meiner Hand ſchlagen fühle.« »Auf welche Weiſe habt Ihr denn das Verbrechen er⸗ fahren, welches auf mein Leben abzielte?« „»Ich ſchloß es aus einigen Worten, welche Chiffinch fal⸗ len ließ, denn Chiffinch erzählt, wenn ich mir Mühe nehme ihn zu fragen, mir Vielerlei und ſagt mir Alles, was ich wiſſen will. Dennoch aber war er diesmal ſehr vorſichtig und zurückhaltend. Ich bemerkte bald, daß ich von ihm nur halbe Mittheilungen über das erlangen würde, was Jeffreys gegen euer Leben beabſichtigte und zwar weil er ſelbſt Euch gern todt wiſſen würde, denn er iſt eiferſüchtig auf Euch.⸗ »Wer?— Chiffinch iſt eiferſüchtig auf mich?« rief Henrh erſtaunt,„mein Gott, warum denn?⸗ »Weil er behauptet, ich liebte Euch.⸗ »Hal und das behauptet er wirklich?« fragte der junge Mann mit einer Lebhaftigkeit, welche er ſofort bereute, denn kaum war dieſe Frage ſeinen Lippen entfallen, als er die Hand des jungen Mädchens, welches ſchwieg, ſchüchtern ſein Herz in einem Augenblicke drücken fühlte, wo das Pferd, wel⸗ ches ſie Beide trug, im Schritt ging und wo Alles ihm bewies, daß dieſer Druck ein freiwilliger geweſen war. 96 Vergebens ſagte er ſich, daß vielleicht kein Mann an ſeiner Stelle ſich genug in der Gewalt gehabt hätte, um ſich unter gleichen Umſtänden einer ſolchen Frage zu enthalten, und daß im Grunde genommen ſeine Worte für einen bloßen Scherz gelten könnten— er bereute nichtsdeſtoweniger ſie geſprochen zu haben. Die Liebe, welche Suſanne für ihn empfand, war für ihn vielleicht unmöglich, unſichtbar, aber noch niemals hatte ein ſeinem Munde entfallenes Wort der verführeriſchen Ir⸗ länderin glauben machen können, daß er dieſe Liebe bemerkt habe und daß er ſie duldete. Jetzt dagegen ſchien ihm, als ob ſeine Stellung dem jungen Mädchen gegenüber eine weſentlich andere geworden wäre. Er wußte von nun an, welchen Preis Suſanne für ihre Hingebung zu erhalten hoffte, von welcher er ſo große und ſo häufige Beweiſe erhielt. Konnte er, der ſo bieder, ſo redlich war, aber Dienſte annehmen, die er niemals vergelten konnte, ohne eine ſchmachvolle Feigheit zu begehen, ohne Luch in Verzweiflung zu ſtürzen— Lucy, die Freundin ſeiner Kindheit, den Engel der Träume ſeines Jünglingsalters, die Liebe und den Schmerz ſeiner Jugend. Und dennoch— unbe⸗ greiflicher Egoismus der Eitelkeit ſelbſt in den erhabenſten Ge⸗ müthern! ſeltſame Nachgiebigkeit des menſchlichen Gewiſſens — dennoch ſchien es Lord Henry Lisle, als wenn Suſannens Geſtändniß etwas unbeſchreiblich Bitterſüßes hätte. Dieſes junge Mädchen, welches mitten unter allen Gefahren, deren ihre Tugend unaufhörlich ausgeſetzt war, ſich rein zu erhalten gewußt hatte, war ſie nicht durch die Liebe gerettet worden, die er ihr eingeflößt hatte? Dieſe Liebe war alſo heilig und er konnte das Geſtändniß derſelben hören, ohne daß er in ſei⸗ nem Herzen das angebetete Bild der Tochter des alten Puri⸗ 97 taners zu verhüllen brauchte. Hätte er übrigens Suſannen zurückgeſtoßen, ihr die Hoffnung geraubt, welche ſie ohne Zwei⸗ fel hegte, dereinſt ihre Zärtlichkeit belohnt zu ſehen, hätte er dann nicht Lucy ſelbſt gefährdet, zu deren Wohlergehen die Intelligenz, die Thätigkeit, der Muth der ſchönen Irländerin auf ſo einflußreiche Weiſe beitragen konnten? Nachdem dieſe Betrachtungen ſich raſch nach einander ſeinen Gedanken aufgedrängt hatten, brach Henry wieder das Schweigen, welches dem von Suſannens Hand auf ſeine Bruſt ausgeübten Druck gefolgt war. »Ihr ſagtet mir alſo,« hob er wieder an,„daß Ihr von Chiffinch nur halbe Mittheilungen erhalten hättet—« »Ja, aber er hatte mir genug geſagt, um mich auf die rechte Spur zu bringen. Einer von meinen Emiſſären— denn ich habe deren auch— frühſtückte mit dem Manne, welchem Jeffreys den blutigen Auftrag ertheilt, Euch zu erdolchen, und erfuhr von ihm alle Einzelnheiten, an deren Kenntniß ihm gelegen war. Ich reiſte dann von London ab, kam in Brid⸗ gewater an und ſprach Miß Lucy, welche mir die Mittel gab, bis in das Lager auf dem Sedgemoore zu gelangen, und we⸗ nige Augenblicke nach meiner Ankunft ſchon ward der Mann, der Euch hatte morden wollen, mit auf dem Rücken gebunde⸗ nen Händen zu Jeffreys zurückgeſchickt.« »Durch wen denn, Suſanne?« »Durch Percy Kirke.« »Durch Percy Kirke?« rief Henry Lisle in einem Tone, welchem man anhörte, daß er es bedauerte, ſeinem Todfeind etwas zu verdanken zu haben. »O, Ihr ſeyd ihm für das, was er da gethan, keinen Dank ſchuldig. Er that es weil er Euch für beinen Degen Der Tiger von Tanger. V. 98 aufzuſparen gedenkt, weil er behauptet, daß euer Blut für je⸗ des andere Eiſen als das ſeinige geheiligt iſt.« „Eben deshalb, Suſanne, bin ich dem Generalmajor großen Dank ſchuldig,“ ſagte Kirke's Adjutant in ruhigem Tone, dann ſetzte er hinzu: »Wo habt Ihr denn den Generalmajor geſprochen, Su⸗ ſanne? Aber was fehlt Euch denn? Das krampfhafte Zittern, welches Euch vorhin anwandelte, ſcheint wiederzukehren. Seyd Ihr durch etwas erſchreckt worden? Es wird ja jetzt Tag und Ihr habt nichts mehr zu fürchten.— So ſind wir— ſo kön⸗ nen wir nicht nach Bridgewater hineinreiten. Wartet einen Augenblick.— Nein, nein, ſpringt nicht hinunter— der Zu⸗ ſtand von Schwäche, in welcher Ihr Euch befindet, geſtattet Euch nicht es zu thun— ich ſteige ab—«⸗ Henry ſprang leichtfüßig auf die Erde, faßte dann Su⸗ ſannen in ſeine Arme und hob ſie ebenfalls herunter. Dann forderte er ſie auf, neben ihm herzugehen, führte ſein Pferd am Zügel und näherte ſich ſo der Stadt, von welcher er nur noch etwa hundert Schritte entfernt war. Einige Augenblicke ſpäter traten Beide in die Hütte, in welcher Miß Luch Murray eine Nacht der Angſt und des Ent⸗ ſetzens zugebracht hatte. le⸗ VI. 3 Ein Lamm als Verräthfer. Jede Minute dieſer Nacht des Wartens und Harrens war für Lucy mit der Langſamkeit eines Jahrhunderts, unter folternder Unruhe und unerträglicher Angſt vergangen. Bei jedem Geräuſch, welches draußen ſich hören ließ, war ſie bald vor Hoffnung, bald vor Furcht ſchauernd, nach der Thür der beſcheidenen Hütte geeilt, welche ſie bewohnte. »Iſt es Cornwell?« fragte ſie ſich.»Ja, diesmal muß er es ſeyn. Was wird er mir melden? Den Sieg oder die Niederlage meines Vaters, Ha! was rede ich von Sieg und Niederlage? Iſt mein Vater wohl überhaupt noch am Leben? O, mein Gott, welche Prüfungen legſt Du deinem ſchwachen Geſchöpf auf! Aber nein, es iſt nicht Cornwell. Sollte ihm ebenfalls ein Unglück zugeſtoßen ſeyn? Bin ich beſtimmt, alle meine armen Freunde umkommen zu ſehen?« Dann, nachdem ſie zwei oder drei Schritte auf dem Wege gethan, der als Gaſſe an ihrer Hütte vorüberführte, und nachdem ſie ſich, indem ſie zum hundertſten Mal rechts und links geſchaut, überzeugt, daß ihr Bote noch nicht da war, kehrte ſie in das Zimmer zurück, ſetzte ſich einen Augenblick auf einen der hölzernen Stühle, ſprang dann plötzlich wieder auf und ging mit fieberhafter Aufregung in dem Zimmer auf und ab. * 100 »Mein Vater! mein Vater!« murmelte ſie.»Jetzt liegt er blutend niedergeſtreckt, mit verwundeter Bruſt, mit von dem Blei durchbohrter Stirn, denn er wird nicht geflohen ſeyn, ſebſt wenn alle Anhänger Monmouth's und Monmouth ſelbſt das Schlachtfeld verlaſſen haben ſollten. Und mein Vater iſt nicht das einzige Weſen, für welches ich zittere. Henry! Henry! O geſegnet ſey, wer mir ſagen wird, daß er gerettet iſt! Die⸗ ſen Wunſch kann ich wohl ausſprechen. O mein Gott, es iſt ein Freund, für welchen ich dieſes Gebet an Dich richte. Henry kann nun niemals mein Gatte werden, aber er ſoll leben! Ich bete nur für ſein Leben, mein Gott! Sein Herz gib wem Du willſt, wenn Du beſchloſſen haſt, es mir zu nehmen.« Dieſe Wünſche, dieſe Bitten, dieſe Gedanken, ſo erfüllt von chriſtlicher Entſagung und göttlicher Selbſtverläugnung, waren kaum in Lucy's Seele entſtanden und von ihren Lip⸗ pen ausgeſprochen, als ſie ſich bei dem Geräuſch der Tritte Henry's und Suſannens umdrehte, welche in das vorderſte Zimmer der Hütte traten. Als Lucy die Beiden zuſammen eintreten ſah, ward ſie von einer unwillkürlichen Unruhe ergriffen. Es war ihr, als wenn ſie den, für deſſen Leben ſie eben ſo innig zum Himmel gefleht, lieber todt wiſſen, als an der Seite dieſes ſo ſchönen und muthigen Mädchens ſehen möchte, welches, indem ſie ſich ſelbſt den furchtbarſten Gefahren ausgeſetzt, ihn gerettet hatte.. Dieſer eiferſüchtige Gedanke, den ſie gleichzeitig fühlte und verdammte, durchzuckte jedoch nur ihr Gemüth. Sie wußte ſofort ihn, wenn auch nicht zu verbannen, doch we⸗ nigſtens zu beherrſchen und ihre ganze Seele wendete ſich et⸗ was Anderem zu. 101 »Mein Vater?« rief ſie, indem ſie den Eintretenden ent⸗ gegeneilte;„bringt Ihr mir Nachrichten von meinem Vater?« »Er lebtl« antwortete Lord Lisle raſch und freudig. Die beiden Geſpielen, die beiden noch vor kurzer Zeit Verlobten reichten einander die Hand, ſahen ſich eine halbe Secunde lang an und ſanken ſich dann in die Arme, jedes durch den Blick des Andern bezaubert, beide durch gleiche und plötzliche Allgewalt zu einander hingezogen. Aber es war nur ein Blitz von Liebe, eine unwillkür⸗ liche und ſchnelle Ueberraſchung gleich dem elektriſchen Strome, der ſie hervorgebracht, nnd Suſanne, welche die Hand an die Augen gelegt und das Geſicht abgewendet hatte, brauchte nicht lange von dieſer Umarmung zu leiden, welche ſie ſchmerzlich fühlte, ohne ſie zu ſehen. Lucy entriß ſich mit einem gewiſſen Grade von Haſt den Armen Henry's. »Er lebt, ſagt Ihr?« murmelte ſie mit noch vor Be⸗ wegung zitternder Stimme;„aber er iſt verwundet, er iſt viel⸗ leicht dem Tode nahe, denn wenn er das Schlachtfeld leben⸗ dig verlaſſen hat, ſo muß man ihn wider Willen und ohne ſein Vorwiſſen, während einer Ohnmacht oder in einem ähn⸗ lichen Zuſtande davon entfernt haben.⸗ »Ihr kennet euren Vater genau, Lucy. Das, was Ihr da ſagt, iſt beinahe in jeder Beziehung richtig.⸗ »Mein Vater iſt alſo dem Tode nahe, Henry?« »Nein, das ſage ich nicht— ich ſage blos, daß man ihn in bewußtloſem Zuſtande von dem Schlachtfelde ent⸗ fernt hat.« »Dann iſt er alſo verwundet?« »Ja, aber ſehr leicht.« »Täuſchet Ihr mich auch nicht?« »Ich ſchwöre Euch auf meine Ehre, daß dies die reinſte Wahrheit iſt, und zum Beweis füge ich hinzu, daß Sir Char⸗ les Murray jetzt zu Pferde ſich einem Orte naht, wo er gegen alle Gefahr geſchützt ſeyn wird, ſo lange er denſelben nicht verläßt.« »Ha! Gelobt ſey Gott, welcher geſtattet, daß mir un⸗ ter ſo vielen Qualen noch dieſer Troſt beſchieden iſt!« Lucy ſchwieg und heftete auf Lord Lisle einen Blick, der die Antwort in ſeinen Augen leſen wollte, ehe ſie aus ſeinem Munde käme. »Und Ihr, Henry,“ fragte ſie,„ſeyd Der geweſen, der meinen Vater gerettet hat, nicht wahr?« Der junge Mann zögerte einen Augenblick, betrachtete dann ſeinerſeits Lucy mit freudeſtrahlendem Blick und ſagte: »Ja, ich war es. Nicht wahr, Lucy, das wundert Euch nicht? Nicht wahr, Ihr hofftet, daß Gott mein und vielleicht auch euer innigſtes Gebet erhören würde?« »Ja, Henry, Ihr irret Euch nicht. Ich habe Gott ſo oft gebeten, nicht blos meinen Vater zu retten, ſondern ihn auch durch Euch zu retten.« »O, Dank, Dank, meine Schweſter!« murmelte Lord Lisle, indem er Lucy die Hand drückte. »Aber,« fuhr Lucy fort,»Ihr ſagt mir nicht, wie Ihr ihn gerettet habt. Erzählet mir doch dieſe näheren Umſtände. Ihr wißt, wie ſehr ich mich freuen werde, ſie kennen zu lernen.« Henry erzählte wie in der Finſterniß ſein Degen den des alten Puritaners berührt, wie er ihn erkannt, wie der ſtolze Greis trotz ſeiner Bitten in das Handgemenge zurückge⸗ kehrt war, um mit ſeinen Freunden zu ſterben; wie er dann von einer Kugel getroffen ward, die ihn nur leicht verwun⸗ —+——,—„ 103 dete, ihm aber doch die Beſinnung raubte; wie er ihn dann mit Cornwell's Hilfe auf ſeinem Pferd aus dem Kampfgetüm⸗ mel hinweggeführt; wie er Suſannen und Lady Wentworth begegnet und wie Murray mit dieſer eines beſſeren Glückes ſo würdigen Dame fortgeritten war. Dann in ſeiner Erzählung weiter zurückgehend, erzählte er ihr von Suſannen, welche mit ihm den Körper des Ver⸗ wundeten bis in das Haus getragen, das er in Weſton⸗ Zoyland bewohnte, und plötzlich die Hand der ſchönen Ir⸗ länderin ergreifend, welche ſie ihm ohne Widerſtand und mit einer gewiſſen trägen Fügſamkeit überließ, legte er ſie in die Luch's. »Ihr könnt ſie ihr drücken, Lucy,« ſagte er.„Erken⸗ net in ihr eure Freundin. Sie iſt ein edelmüthiges, warmes und treues Herz. Und ich rechne auf ſie, um Euch einen gro⸗ ßen Dienſt zu erweiſen.— Iſt es nicht wahr, Suſanne, daß ich von eurem Eifer erwarten kann, was ich von Euch erbit⸗ ten werde?« »Sprecht, Mylord,« ſagte Suſanne bleich und die Au⸗ gen auf den Boden heftend;„redet, es iſt ſo gut als wäre es ſchon gethan.“ »Es würde ſich darum handeln, Euch mit Cornwell zu vereinigen, um Miß Lucy bis zu ihrem Vater zu geleiten. Ihr kennet den Ort, oder Ihr habt Lady Wentworth ihn bezeich⸗ nen hören, wohin ſie ſich zurückziehen wollte— an der weſt⸗ lichen Grenze der Grafſchaft Southampton, an dem Saume von New⸗Foreſt.« »Ich weiß, ich weiß, Mylord,« antwortete Suſanne in dumpfem Tone,„aber es thut mir leid—« Es iſt mir jetzt unmöglich, Bridgewater und die Umgegend zu verlaſſen— ich muß ſogar in das Lager zurückkehren—« 10⁴4 »Ihr wollt in das Lager zurückkehren? Und was wollt Ihr denn dort machen?« Suſanne ſtand da wie die antike Minerva, ſchweigend mit geſenkten, abgewendeten Augen. »Es iſt gut, Suſanne,« ſagte Henry gleichzeitig ver⸗ wundert und verletzt,„es iſt gut— ich werde ſchon Jemand anders finden, der eure Stelle vertreten kann.⸗ Eine Thräne zeigte ſich an Suſannens Augenlied und rann langſam ihre Wange herab. Ihre Lippen ſah man kaum ſich bewegen. »Es ſey,« ſtammelte ſie mit kaum hörbarer Stimme, ves ſey; da er es will, ſo werde ich auf meine Rache verzich⸗ ten— für den Augenblick— ſpäter, bald, werden wir ſe⸗ hen. Mylord,“ ſetzte ſie die Stimme erhebend hinzu,„verzei⸗ het mir, daß ich Euch nicht ſogleich gehorchte, als Ihr ſpra⸗ chet. Ich hatte ſehr ernſte Beweggründe, um zu bleiben. Doch da Ihr es wünſchet, ſo werde ich gehen und Miß Lucy bis zu ihrem Vater führen.⸗ »O mein Gott, Cornwell würde für Miß Lucy's Be⸗ gleitung vollkommen hinreichend geweſen ſeyn,« ſagte der junge Mann mit ſtolzem Lächeln.„Ihr dürft Euch keinen Zwang anthun.« »Ach,« ſagte Suſanne,»ſelbſt meine ſchmerzlichſten Opfer werden mit Verachtung zurückgewieſen.« 3 Ihr Geſicht nahm einen ſolchen Ausdruck von Traurig⸗ keit an, daß Lord Lisle Mitleid mit ihr hatte und ſich beeilte zu ihr zu ſagen: »Wohlan, ja, Suſanne, ich nehme euer Anerbieten an, Ihr werdet die Reiſe mitmachen. Luch, wo iſt Cornwell?« »„Ich weiß es nicht, Henry. Ich habe ihn geſtern Abend gebeten, nach dem Sedgemoore zu gehen und Erkundigung 8 105 über die dort ſtattfindenden Vorgänge einzuziehen und mir Kunde von meinem Vater und von Euch zu bringen. Er hat nach dem, was Ihr mir ſelbſt ſagt ſeine Miſſion treu und muthig erfüllt. Was aber iſt aus ihm geworden, dem Un⸗ glücklichen, und ſoll ich mir ſeinen Tod vorzuwerfen haben? Das wäre ſehr grauſam!« Kaum hatte Lucy dieſe Worte geſprochen, als Cornwell in die Hütte ſtürzte. Seine Kleider trieften noch vom Waſſer und ſein Geſicht, ſein Haar und ſeine Hände waren mit Koth bebeckt. Trotz des komiſchen Anblicks, den der Poet in dieſem Aufzuge gewährte, zeigte er doch eine triumphirende Miene. »Da bin ich!« rief er,„und obſchon Lord Lisle's An⸗ weſenheit mich vermuthen läßt, daß Ihr von eurem geehrten Vater bereits mehr erfahren habt, als ich Euch von ihm ſagen kann, ſo bin ich doch nicht weniger ſtolz darauf, Kirke und ſeine Lämmer, Feversham und ſeine ganze Armee zu Narren gehabt zu haben.« Lord Lisle, Lucy und Suſanne mußten trotz der ſo ver⸗ ſchiedenen Gedanken, welche ſie beſchäftigten, wohl oder übel Cornwell's Erzählung und die von ihm improviſirte Epopöe anhören, welche ſeine Heldenthaten dieſes Morgens beſang. Nach ſeiner Meinung boten weder die von Homer, noch die im fünften Buche der Aeneide beſchriebenen Spiele etwas dar, was mit der von ihm entwickelten Kühnheit, Gewandtheit, Schlauheit, Behendigkeit und Kaltblütigkeit verglichen werden konnte. Er war nicht mehr der beſcheidene Cornwell vom vori⸗ gen Tage, er glich dem Recruten am Tage nach ſeinem erſten Siege, er gebot faſt Aufmerkſamkeit, während er die Dithy⸗ rambe ſang, die er ſchon auf ſeinen eigenen Ruhm gedichtet. Endlich gelang es Lord Lisle ihn zu unterbrechen. »Ich freue mich ſehr,« ſagte er zu ihm,„daß Ihr, 106 wenn die Gelegenheit ſich darbietet, ein wahrer Centaur, ein Reiter von ſo ſchneller Unerſchrockenheit ſeyd. Ich werde die⸗ ſen Muth und dieſe Gewandtheit zu benützen wiſſen— höret mich.« Er ward ſelbſt durch einen Soldaten unterbrochen, wel⸗ cher plötzlich in das vorderſte Gemach der Hütte trat. Durch die ein wenig geöffnete Thür hindurch erkannte er in ihm einen Soldaten Kirke's und hielt es für gerathen, ſich nicht zu zei⸗ gen, ſondern lieber zu warten, um zu ſehen, was es zu thun geben würde. »Heda! Iſt Niemand hier?« rief die rauhe Stimme des Lammes, welches Niemand anders war, als derſelbe Soldat, den Kirke zu Cornwell's Verfolgung abgeſendet hatte. »Cornwell, geht und ſprecht mit ihm,« ſagte Lord Lisle zu dem Poeten,»und ſchickt ihn fort.« »Mir ſcheint es, Mylord,« entgegnete der Sohn der Muſen, indem er drei Schritte zurücktrat,»„als wäre es räth⸗ licher, wenn eine von dieſen Damen ginge.« Henry ſchleuderte Cornwell ſchon einen zornigen Blick zu, als Suſanne auf die Thür zuſchritt, dieſelbe öffnete und ge⸗ rade auf den Soldaten zuging, indem ſie zu ihm ſagte: »Wer ſeyd Ihr? Was wollt Ihr?« »Ha!« rief der Soldat, ohne dieſe Fragen zu beantwor⸗ ten,»was ſehe ich? Ihr ſeid hier, meine Schöne! Zum Teufel, das hätte ich nicht erwartet!— Ihr ſeyd es jedoch nicht, die ich jetzt ſuche, obſchon ich mich ſehr freue, Euch begegnet zu ſeyn. Saget mir gefälligſt, denn Ihr gehört zu unſern Freun⸗ den, wo ſich jetzt jenes lange Gerippe von Hallunken oder je⸗ ner lange Halunke von Gerippe— wie Ihr wollt— verſteckt hält, welches ſich jetzt mit dem beſten Pferde des Grafen von Feversham aus dem Lager flüchtete und ſich wahrſcheinlich 107 hierher begeben hat? Ich will dem Grafen Feversham ſein Pferd zurückbringen und drei Fliegen mit einer Klatſche ſchla⸗ gen, denn Ihr werdet auch mitkommen.« »Ich weiß wirklich nicht, was Ihr wollt, mein guter Mann; geht eures Weges!« entgegnete Suſanne ſtolz. »Was, Ihr wißt nicht, was ich will? Kommt nur mit, man wird ſich die Mühe nehmen, es Euch zu erklären. Mitt⸗ lerweile zeigt mir euren würdigen Genoſſen.« Indem der Soldat dies ſagte, faßte er Suſanne am Arme, zog ſie mit ſich nach dem Hinterzimmer, ſtieß die Thür mit einem Fußtritt auf und ſah ſich nun Lord Lisle gegenüber, der ſich vor Lucy geworfen hatte. »Ha!« rief er mit beleidigendem Gelächter,„Ihr hier, mein Offizier? Ihr habt nicht übel gewählt! Sie ſind ſehr hübſch, die beiden Dirnen. Meiner Treu, wenn man mir die Wahl zwiſchen ihnen ließe, ſo nähme ich ſie alle Beide.« »Unverſchämter!« ſagte Lord Lisle mit dumpfer Stimme und vermochte kaum an ſich zu halten. »Ich kenne nur Eine davon, wenn aber das Sprichwort: Gleich und gleich geſellt ſich gern, wahr iſt, ſo kann die Blonde nicht weniger werth ſeyn, als die Brünette.« »Elender,« rief Lord Lisle ſeines Zornes nicht mehr mächtig und indem er zugleich den Degen aus der Scheide zog, »Elender, Du wirſt ſterben!« »Das iſt wohl möglich, wenn Ihr ſtark genug ſeyd, mich zu tödten,« ſagte der Soldat, indem er ſich ruhig auf der Defenſive hielt.„»Mein Tod aber wird, wenn er ſtattfin⸗ det, nicht verhindern, daß dieſe Brünette da eine Nacht mit dem Generalmajor in ſeinem Zelte zugebracht hat—« Lord Lisle ſenkte den Degen, welcher den Soldaten 108 ſchon mit dem Tode bedrohte, und drehte ſich nach der todten⸗ bleich daſtehenden Irländerin herum. »Iſt es wahr, was er da ſagt, Suſanne?« ſagte er in dem unerbittlichen, wild aufgeregten Ton eines Mannes, eines Richters, den man von einem an ihm ſelbſtbegangenen Verbre⸗ chen in Kenntniß ſetzt. Suſanne ſchwieg. »Ihr ſehet wohl,« hob der Soldat wieder an,»daß, wenn Ihr, nachdem Ihr mich in die Nothwendigkeit verſetzt habt, mich gegen Euch zu vertheidigen, mich tödtet, dies doch nur geſchehen wird, weil ich die Wahrheit geſagt habe, denn ſie läugnet nicht— übrigens möchte es ihr auch ſchwer wer⸗ den. Wir Zwanzig, welche wir das Zelt des Generals bewach⸗ ten, würden alle da ſeyn, um es zu beſtätigen. Und übrigens wißt Ihr es ja auch ſelbſt, mein Offizier, denn als Ihr er⸗ ſchienet, war Befehl gegeben, Niemanden einzulaſſen. Als Ihr kamet, hatte dieſes Téte-A-téte ſchon ziemlich vier Stunden gedauert. Die Gefälligkeiten, welche ſie dem General erwie⸗ ſen, gehen mich allerdings nichts an, wohl aber geht es mich etwas an, daß dieſe Dirne höchſt wahrſcheinlich das Zelt in Brand geſteckt hat, um die Kleinodien des Generals zu ſteh⸗ len. Ich ſehe mich daher genöthigt, ſie mit ins Lager zu füh⸗ ren— zugleich mit dem Pferd des Grafen von Feversham, welches Ihr mir auch wieder zuſtellen werdet— Ihr dort!« Während Cornwell, an welchen dieſe letzten Worte ge⸗ richtet waren, ſich hinter den groben Vorhängen des Bettes zu verſtecken ſuchte, ſtand Lord Lisle vor Suſannen. Noch niemals hatte ein getäuſchter Liebhaber, noch niemals hatte ein betrogener Ehemann ſich in einer entrüſteteren, drohen⸗ deren Weiſe vor die Geliebte oder die untreue Gattin geſtellt. Liebte denn Lord Lisle Suſannen? Es iſt dies nicht 109 * wahrſcheinlich, aber er hatte einmal für den Augenblick gewiſ⸗ ſermaßen die Rolle eines Schutzengels auf ſich genommen. Er war auf die verführeriſche Irländerin nicht eiferſüchtig, wie man gewöhnlich eiferſüchtig auf eine Geliebte iſt. Er war eiferſüchtig auf die Reinheit des jungen Mädchens, als ob dieſe Reinheit ſein Werk und gewiſſermaßen ſein Eigenthum geweſen wäre. Und überdies war in ſeinen Augen dieſe treue und ſtarke Begleiterin, welche er Lucy ſo gern gegeben, hinfort dieſes keuſchen Weſens unwürdig, und nur mit Abſcheu hätte er die Hand der Maitreſſe eines Kirke den Saum von Miß Lucy Murray's Gewand berühren ſehen. »Suſanne,“« ſagte er,„was habt Ihr zu antworten?« »In Gegenwart dieſes Elenden nichts!« rief ſie, indem ſie ihr tiefbekümmertes Antlitz emporrichtete. »Entferne Dich!« rief Henry dem Soldaten zu.. »Ihr wißt wohl nicht, mein Offizier,« ſagte das Lamm mit hämiſchem Lächeln,„daß es auf der Welt nur einen Mann gibt, der ſich rühmen kann, unſeren Rücken geſehen zu haben, wenn er zu uns geſagt hat: Entferne Dich. Ihr wißt wohl, daß Ihr dieſer Mann nicht ſeyd.« Der Soldat legte ſich aus und fuhr fort: „»Ihr ſeht—« Er hatte nicht Zeit auszureden. Lord Lisle's Degen durchbohrte ihm die Schulter und der ſeine entſank ſeiner Hand. »Ich hatte allerdings davon ſprechen hören,« fuhr er mit halbem Lächeln fort,»aber ich glaubte es nicht. Man behauptete, es exiſtire ein einziger Menſch, der mit dem Degen in der Hand einen Kampf gegen Percy Kirke unentſchieden halten koͤnne, und dieſer Menſch wäret Ihr. Jetzt ſehe ich, 110 daß man die Wahrheit geſprochen hat. Es iſt nicht möglich, mit Euch zu kämpfen. Ich habe meine Pflicht thun wollen— Ihr habt Euch mir in den Weg geſtellt— ich entferne mich.⸗ »O nein!« rief Lord Lisle.„Du wirſt vielmehr hier bleiben, bis ich es für gut finde, Dich gehen zu laſſen.« Das Lamm taumelte plötzlich und ſchlug ſchwerfällig zu Boden. »Ha,« murmelte er,„welche unerträgliche Schmerzen! Und wie danke ich Euch, daß Ihr mir erlaubt, hier zu bleiben!« »Ja, ja, bleib hier. Ich werde Dich ſogleich ins Lager zurückbringen und Dich ſelbſt dem General wieder zu⸗ führen.“ »O, ſeyd eben ſo menſchenfreundlich. Mylord, als Ihr tapfer ſeyd, und ſagt dem General nichts von den dummen Streichen, die ich hier begangen habe!« »Gut, wir werden ſehen. Mittlerweile bleibt hier lie⸗ gen,“ ſagte Henry zu dem Soldaten, und wendete ſich dann zu Suſannen.„Was Euch betrifft, Miß,« ſetzte er in einem Tone hinzu, welcher ſtreng klingen ſollte, aber von innerer Gemüthsbewegung zitterte,„ſo habt die Güte, in dieſes an⸗ dere Zimmer zu gehen. Ich habe Euch eine Erklärung abzu⸗ verlangen und es liegt mir daran, Euch zu hören, ehe ich weitere Entſchlüſſe faſſe. Kommt Ihr auch mit, Miß Lucy, und auch Ihr, Cornwell, Ihr werdet nicht überflüſſig ſeyn.« Alle gingen in das Hinterzimmer und der verwundete Soldat blieb in dem vorderſten zurück. Er lag auf dem Bo⸗ den ausgeſtreckt und ſchien durch ſeine Schmerzen gleichſam vernichtet zu werden, ſobald aber die Thür des Schlafzim⸗ mers ſich geſchloſſen hatte, nahm ſein Geſicht plötzlich einen andern Ausdruck an; ſeine Augen öffneten ſich, er ſah ſich 111 um, überzeugte ſich horchend, daß auf der andern Seite der dünnen Bretwand lebhaft geſprochen ward, und daß man ſich ſehr wenig mit ihm beſchäftigte. Dann wälzte er ſich, wie von krampfhaften Schmerzen gefoltert, nach der Hausthür, öffnete dieſelbe leiſe, richtete ſich auf, rannte ſchnell hinaus, ſprang auf ſein Pferd und zulopditte in der Richtung nach dem Lager davon. Mittlerweile hatte Henry, den die gegen Suſanne erho⸗ bene Anklage, wenn auch nicht gleichgiltig laſſen, doch wenig⸗ ſtens nicht über alle Maßen hätte aufregen ſollen, die größte Mühe, das krampfhafte Zucken zu bemeiſtern, welches ſeinen ganzen Körper durchrieſelte. Bald ließ er auf das arme Mädchen, welches in demü⸗ thiger, reſignirter Haltung vor ihm ſtand, einen kalten, ſpöt⸗ tiſchen Blick falen, bald— wenn er bedachte, daß dieſelben Arme, welche auf dem Wege vom Sedgemoore nach Bridge⸗ water ihn ſo ſüß umſchloſſen gehalten, nur wenige Stunden vorher mit Percy Kirke dasſelbe gethan, runzelte er die Stirn und ſein Auge ſchoß Zornblitze. »Ihr habt vorhin meine Frage nicht beantwortet, Miß,“ ſagte er in eiſigem Tone zu Suſannen;»wollt Ihr ſie jetzt beantworten? Iſt es wahr, daß Ihr die Nacht in Perecy Kirke's Zelt zugebracht habt?« »Ja,“ antwortete die Irländerin in dumpfem Tone. »Ja! Und nun werdet Ihr mir wahrſcheinlich auch ſagen wollen, Ihr hättet es gethan, um mich zu retten!« rief Lord Lisle in einem Tone, in welchem ſich Hohn und Entrü⸗ ſtung miſchte. »Ja, Mylord, ich wage allerdings dies zu ſagen,« antwortete Suſanne, indem ſie ſich von dem Tone deſſen, der ſie fragte, ſelbſt verletzt und entrüſtet aufrichtete.„Ja, ich 112 that es, um Euch zu retten, und ich rufe Gott und Miß Luch zu Zeugen an, daß ich hier die ſchlichte, die reine Wahrheit ſagel« »Und abermals um mich zu retten wolltet Ihr wohl auch ſoeben in das Lager zurückkehren?« fragte Henry, ver⸗ ächtlich den Mund verziehend. 3 »Nein, ſondern um mich für das entſetzlichſte aller Ver⸗ brechen zu rächen, um den Nichtswürdigen zu erdolchen, der ſich nicht ſcheute, mir eine Schlinge zu legen, um den Schänd⸗ lichen zu tödten, der mich entehrt und gebrandmarkt hat, mich, die ich kam, um ſeine Ehre zu retten! Ich wollte dieſen Percy Kirke opfern, der mich eurer Liebe, Mylord, auf immer unwürdig gemacht hat.« »Meiner Liebe unwürdig! Ha, in der That, Percy Kirke hat Euch meiner Liebe unwürdig gemacht? Seyd Ihr denn derſelben jemals würdig geweſen?« rief Lord Lisle mit grau⸗ ſamem Gelächter. Dann drehte er ſich zu Luch herum.„»Miß Lucy,« fuhr er fort, indem er ſich bemühte, wieder in ruhi⸗ gem, gefaßtem Tone zu ſprechen,„dieſe Unglückliche iſt von Sinnen, laſſen wir ſie. Die Dienſte einer Gefallenen könnt Ihr nicht annehmen. Schon ihre Anweſenheit in eurer Nähe vergiftet die Luft, welche Ihr athmet. Cornwell, wo iſt das Pferd, auf welchem Ihr entflohen ſeyd?« »Hier in der Nähe,« entgegnete der Poet. »Gut, ich werde Miß Lucy das meinige geben, und Ihr werdet ſie— allein, verſteht Ihr wohl?— zu ihrem Vater begleiten; ſie wird Euch ſagen, wo er iſt. Wir müſſen aber einen Frauenſattel herbeiſchaffen.« »Ich habe einen, Henry, mit welchem ich von Taunton hierhergekommen bin,« antwortete Lucy. „»Wo iſt er?« 113 »In dem Vorderzimmer.« »Nun, ſo wollen wir ihn holen.« Alle, mit Ausnahme Suſannens, welche wie vom Don⸗ ner gerührt und unempfindlich für Alles, was um ſie her vor⸗ ging und geſprochen ward, daſtand, begaben ſich in das Zimmer, wo der Sattel ſich befand. »Ha!“« rief Henry,„»Kirke's Soldat iſt fort!— dann iſt keine Minute zu verlieren. Ich eile in das Lager. Ich muß dieſen Soldaten einholen oder die aufhalten, welche man viel⸗ leicht ſchon abgeſendet hat, um ſich Euer zu bemächtigen, Lucy. Ich bedarf daher meines Pferdes ſelbſt. Ihr, Cornwell, nehmt eins von denen, welche herrenlos auf dem Felde und in den Gaſſen umherlaufen, und macht Euch mit Miß Luch ſofort auf den Weg zu ihrem Vater.« VII. Das leere Neſt. Indem Lord Henry Lisle dieſe Worte ſprach, ſchwang er ſich auf ſein Pferd und galoppirte davon, nachdem er Lucy noch mit zärtlicher Geberde ein Lebewohl zugewinkt. Die arme Suſanne würdigte er nicht einmal eines Blickes. Kirke's Sol⸗ dat hatte beinahe eine Stunde Vorſprung vor Henry. Als er im Lager ankam, fand er die Armee unter den Waffen und im Kreiſe auf der Heide des Sedgemoores aufgeſtellt. Er miſchte ſich unter eine Gruppe leicht Verwundeter, welche außer Reih und Glied ſtanden, um eben ſo wie die übrigen ihrer Cameraden der wichtigen Ceremonie beizuwohnen, welche ſtattfinden ſollte. Der Graf Feversham ritt von ſeinem Stabe Der Tiger von Tanger. V. 8 114 begleitet, an der Front der Regimenter hinab und ſtellte den Truppen den General vor, welcher nach dem Befehle des Königs ſein Nachfolger im Obercommando ſehn ſollte. Dieſer Nachfolger war Perch Kirke. Feversham wünſchte der königlichen Armee Glück, einen ſolchen Anführer an ihrer Spitze zu haben. Nach ſeiner Er⸗ klärung mußte ſie ſtolz darauf ſeyn und es dem König Dank wiſſen, daß er eine ſolche Wahl getroffen. Was ihn ſelbſt beträfe, ſetzte er leiſer und zu dem engeren Kreiſe ſeiner Offi⸗ ziere ſprechend hinzu, ſo habe Se. Majeſtät Jacob II. geruht, die geringen Dienſte, die er ihm geleiſtet, vorauszuſehen und die Gnade gehabt, ihn zu ermächtigen, die Armee, ſobald die Rebellen beſiegt ſeyn würden, zu verlaſſen und nach London zurückzukehren, um hier aus der Hand des Monarchen die Belohnungen zu empfangen, deren er, Feversham, in ſeiner Beſcheidenheit ſich unwürdig fühlte. Nachdem die Vorſtellung beendet war, löſten die Reihen ſich auf und Jeder kehrte in ſein Zelt zurück. Der von Lord Henry verwundete Soldat ſah Percy Kirke mit Feversham die Richtung nach dem Dorfe Weſton Zoyland einſchlagen, und ging daher raſch ebenfalls dahin, um ſich den beiden Genera⸗ len in den Weg zu ſtellen. Was er hoffte, geſchah— ſein ehemaliger Oberſt ſah ihn und winkte ihm zu folgen. Ein Reiſewagen erwartete den Grafen Feversham an der Thür des Hauſes, welches er bewohnte. Er ſtieg in das bequeme Fuhrwerk, ohne erſt in das Haus zu gehen, und nachdem er ſich behaglich auf den Kiſſen zurechtgeſetzt, ergriff er Kirke's Hand, der am Schlage ſtehen geblieben war. »General,« ſagte er zu ihm,»ich habe aus meinem Zimmer nur meine eigenen Möbeln entfernen laſſen. Alles Uebrige werdet Ihr noch in demſelben Zuſtande finden, in ₰— 2 115 welchem Ihr es geſehen. Nehmt Alles während eures Aufent⸗ haltes hier in Gebrauch; mein Tapezirer wird es ſpäter fort⸗ ſchaffen. Ihr werdet Euch allerdings hier nicht ſo wohl befin⸗ den wie in eurem ſchönen Zelt, aber dennoch werdet Ihr ziemlich bequem die Frauen und Töchter der Rebellen empfan⸗ gen können, welche zu Euch kommen werden, um Gnade für ihre Angehörigen zu erbitten. Adieu, General!« Graf Feversham belächelte ſeinen letzten Einfall ſelbſt, griff an den Knoten ſeines Halstuches und befahl dem Kut⸗ ſcher, den Wagen in Bewegung zu ſetzen. »Komm!“« rief unmittelbar darauf Kirke dem Soldaten zu, welcher in einer Entfernung von einigen Schritten vor ihm ſtehen geblieben war. Der General und der Soldat traten in das Haus. »Nun,« ſagte Erſterer,„was haſt Du mir zu melden?« Der Soldat erzählte alles, was er geſehen, geſagt und gethan, und zeigte zum Beweis ſeiner Wahrhaftigkeit und ſei⸗ nes Eifers auf ſeine Wunde. »Da haſt Du blos bekommen, was Du verdienſt,« ent⸗ gegnete Percy Kirke mit ſtrenger Miene.»Ha, Du ſchlägſt Dich mit dieſem Manne!— Wenn Du ihn getödtet hätteſt. ſo hätte ich Dich auf der Stelle erſchießen laſſen, um Dich, zu lehren, die Hand an etwas zu legen, was mir gehört.« Der Soldat ließ den Kopf hängen. Er faßte den Sinn, welchen Kirke in das Wort„gehören« legte, ganz falſch quf. »Dummkopf,« fuhr der General fort,„der auf dieſe Weiſe die Taube und ihren Geliebten warnt, anſtatt einfach meine Befehle auszuführen! Ich ſollte— doch es handelt ſich in dieſem Augenblick darum, deine dummen Streiche wieder gutzumachen. Du wirſt mir nach Bridgewater folgen, ummir * —— — 116 das Haus zu zeigen, wo Du alle dieſe niedlichen Dummheiten begangen haſt.⸗ Einige Minuten ſpäter verließ Percy Kirke, von etwa zehn Offizieren ſeines Regiments von Tanger und von dem zerknirſchten Lamme begleitet, zu Pferd das Lager von Zoy⸗ land, um ſich nach Bridgewater zu begeben, von deſſen Zu⸗ ſtand er ſich, wie er geſagt, mit eigenen Augen überzeugen wollte. Anderthalb Meilen vom Lager, das heißt auf der Mitte des Weges, begegnete er Lord Henry Lisle. »Ha!s rief er ihm ſchon von weitem zu,„»ich freue mich Euch zu ſehen, Mylord. Da Ihr es ſchon dem allgemeinen In⸗ tereſſe ſchuldig zu ſeyn geglaubt habt, die rebelliſche Stadt zu beſuchen, ſo werdet Ihr nun die Gefälligkeit haben uns auf der Promenade, welche wir dahin zu machen gedenken, als Führer zu dienen. Kommt an meine Seite.« »„Sehr gern, General,« antwortete der junge Mann, der ſofort ſeinen Entſchluß faßte und ſein Pferd neben das ſei⸗ nes Chefs lenkte. Lord Lisle hatte, als er auf den Trupp ſich ihm nähern⸗ der Offiziere zueilte, ſofort Percy Kirke und nicht weit von dieſem den Soldaten erkannt, den er verwundet hatte. Der furchtbare Abenteurer mußte daher alles wiſſen, was in der von Lucy bewohnten Hütte vorgegangen war, und die furcht⸗ barſte Wuth mußte in ihm kochen. Henry machte ſich darauf gefaßt, und war ſchon entſchloſſen, jede Beleidigung mit Ge⸗ walt zurückzuweiſen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mit den Kriegs⸗ geſetzen in Conflict zu gerathen, deren unbeugſame Strenge er wohl kannte. Die ungewöhnliche und in dieſem Falle ſo augenſchein⸗ lich erheuchelte Artigkeit, deren Percy Kirke ſich ſo eben ge⸗ gen ihn bedient, hatte ihn auf eigenthümliche Weiſe überraſcht, aber gleichzeitig ihn auch ermahnt, auf ſeiner Hut zu ſeyn. Er fragte ſich, was wohl eine ſo außerordentliche Ver⸗ änderung in dem heftigen Charakter dieſes Mannes habe her⸗ vorbringen können, welcher gewohnt war, ſich Alles vor ihm beugen zu ſehen und wodurch ſeine Wuth ſo plötzlich gezähmt und in anſcheinende Sanftmuth verwandelt worden ſey. Die Antwort auf dieſe Fragen ward ihm durch eine ge⸗ wiſſe Offenbarung der Liebe, vielleicht der hellblickenden in⸗ nern Anſchauung gegeben, deren Macht in ihm durch die Kenntniß, die er von der Leidenſchaft Kirke's für Murray's Tochter hatte, verdoppelt ward. Er ſah nun deutlich alles, was gegen ihn in der Seele ſeines Nebenbuhlers vorging, und er verſtand in den geheim⸗ ſten Falten ſeines Herzens zu leſen. »Dieſer Mann,« ſagte er bei ſich ſelbſt,„verſpricht ſich, mich mit ſeiner Hand zu tödten. Er hat ſich deſſen in Gegen⸗ wart dieſer unglücklichen Suſanne gerühmt; er ſpart mich ſei⸗ nem Degen auf. Mein Tod aber würde für ſeinen Haß nur wenig ſeyn, wenn er mir nicht vor meinem letzten Seufzer noch den Hohn ins Geſicht ſchleudern könnte, daß er auch Lucy entehrt hat. Ich muß ſie daher überwachen, und da Percy Kirke mich auffordert, mit ihm die Stadt zu beſuchen, wo ſie i*ſt, ſo werde ich dieſer Einladung folgen, denn dort werde ich ihm und ihr deſto näher ſeyn.⸗ Während Lord Lisle in Begleitung der rauhen Offiziere des Regiments von Tanger und des Obergenerals der königli⸗ chen Armee weiter nach Bridgewater ritt, hatte Lucy ihre letz⸗ ten Reiſeanſtalten getroffen, und erwartete Cornwell, welcher gegangen war, um ein Pferd für ſeine Muſe, einen Sattel für ſich zu ſuchen, denn leider hatte Margarethe keinen, und dem 118 Poeten, dieſem vom Zufall geſchaffenen Centaur, lag durch⸗ aus nichts daran, während des noch übrigen Tages die Rei⸗ terkünſte des Morgens zu wiederholen. Was Suſannen betraf, ſo war ihr Gemüth vollſtändig die Beute eines der entſetzlichſten Stürme, welche den Men⸗ ſchen treffen, aufregen und martern können. Seit mehr als einer Stunde, nachdem Henry die Hüͦtte verlaſſen, hatte ſie noch keinen zuſammenhängenden Satz aus⸗ geſprochen. Nur gebrochene Worte und im Tone des tiefſten Schmerzes oder des wildeſten Zornes hervorgeſtoßene Ausru⸗ fungen waren ihren bleichen Lippen entſchlüpft. Bald ging ſie mit raſchen Schritten durch die beiden Zimmer, indem ſie laute Verwünſchungen ausſtieß, weinte, ſchluchzte, mit den Zähnen knirſchte und durch die Heftigkeit ihrer Verzweiflung die arme Lucy erſchreckte, welche nicht ein⸗ mal zu verſuchen wagte, ſie zu tröſten. Bald verſank ſie in vollſtändiges Schweigen und zwar ohne allmäligen Uebergang, plötzlich, augenblicklich und un⸗ erwartet. Seit einigen Augenblicken ſtand ſie ſo mit dem Rücken an eine der dunnen Säulen des Bettes gelehnt. Körper, Ge⸗ ſicht und Haltung zeigten den Ausdruck und die Unbeweglich⸗ keit einer Bildſäule der Reſignation. Lucy näherte ſich ihr ermuthigt mit einer Geberde ſanf⸗ ten Mitleids und wollte ſie bei den Händen faſſen. Suſanne zog ſie aber raſch zurück und trat auf die Seite. »Laßt mich!« rief ſie.»Beſudelt Euch nicht durch meine Berührung— Ihr reine, Ihr fleckenloſe Jungfrau.⸗ Lucy trat zurück und ward bleich vor dem grimmigen Blicke, den Fitzgerald's Schweſter auf ſie warf. Mit trockenem, düſterglühendem Auge, zuckender Lippe 119 und krampfhaft an allen Gliedern zitternd ſtand Suſanne da und gewährte einen furchtbaren Anblick. »Ja, ja,« murmelte ſie,„es iſt genug Selbſtaufopferung — und ich bin in der That zu gut dafür bezahlt! Wehe aber, wehe der erbarmungsloſen Seele! wehe dem ſteinernen Her⸗ zen, welches ſich nicht geſcheuet, mir auf dieſe unwürdige Weiſe zu begegnen! Ha, man läßt ſich nicht einmal herab, auf mich zu hören, wenn ich ſpreche— oder das, was ich ſage, geht nur aus dem Munde einer Lügnerin hervor! Ich bin von Sinnen, weil ich mich nicht ſeiner Liebe für unwür⸗ dig gehalten ehe— ehe, ich eine Verlorene ward— welche die Luft vergiftet, die eine Andere athmet. Nein, es gibt nichts mehr, worin ich mit ihr verglichen werden könnte. Wartet, wartet, Mylord!« Suſanne machte eine kurze Pauſe. Ein unverſöhnliches Lächeln umſpielte ihre Lippen. » Und wenn ich ſie nun auch fallen ließe,« fuhr ſie fort, „»wenn ich ſie Kirke in die Hände lieferte, dann, dann— Ich möchte wohl wiſſen, ob er ihr auch ins Geſicht lachen würde, wenn ſie ihm von ihr angethaner unvermutheter Ge⸗ walt erzählen wollte.«. Sie ſchwieg wieder, ſchien zwei oder drei Secunden lang nächzudenken und wendete ſich dann wieder zu Luch, die ſie mit ſeltſamem Mitleid betrachtete. »Was denkt Ihr davon,“« ſagte ſie zu ihr,»„Ihr Engel an Reinheit?« »Ach, wie Ihr leidet, meine gute Suſanne!« murmelte Murray's Tochter, deren Auge thränenfeucht wurde. Suſanne heftete einen ſtarren Blick auf ſie und ſchien plötzlich gerührt zu werden. 12⁰ »Wie gut iſt ſie! O mein Gott, wie gut iſt ſie!« rief ſie. »Aber wer hätte auch das Herz, Euch etwas Uebels zuzufü⸗ gen, Miß Lucy?« Indem ſie dieſe Worte ſprach, ergriff ſie die Hände des jungen Mädchens und küßte ſie mit Inbrunſt. Luch hob ſie auf, zog ſie an ihre Bruſt und hielt ſie einige Secunden lang feſt umſchloſſen. »Es liegt mehr Gerechtigkeit als Güte in dem Gefühl, welches mich zu Euch drängt, Suſanne,« ſagte ſie zu ihr. „Weiß ich vielleicht nicht, wie unſchuldig Ihr an dem entſetz⸗ lichen Unglück ſeyd, welches Euch getroffen? Weiß ich vielleicht nicht, für wen Ihr geſtern in Feversham s Lager ginget und was Ihr dort thun wolltet?« »O nicht wahr, er iſt ſehr undankbar?« unterbrach ſie Suſanne, indem ſie die Augen gen Himmel richtete,„denn um ihn zu retten, habe ich mich ins Verderben geſtürzt. Wenn ich nicht für ſein Leben gezittert hätte, wenn ich nicht den Dolch von ſeiner Bruſt hätte abwenden wollen, wäre ich dann wohl hingegangen? Und wie kam ich noch zur rechten Zeit! Der Mörder iſt wieder zurück nach London geſendet worden, zu Dem, der ihm den Auftrag gegeben.⸗ »Ja, Suſanne, ich habe niemals auch nur einen Au⸗ genblick lang an Euch gezweifelt. Ihr müßt jedoch Lord Lisle verzeihen. Die Lebhaftigkeit ſeiner Vorwürfe beweiſt Euch. wie ſehr er Euch geneigt iſt. Dieſer Gedanke muß die Bitter⸗ keit eures Kummers lindern.« »Und das ſagt Ihr mir, Miß Luch?« rief Suſanne. »Ja, es iſt wirklich wahr, Ihr ſeyd ein Engel.« »Ach leider nein, aber wohl kann ich einem ſo großen und ſo unverdienten Schmerze wie dem euren mein innigſtes Mitgefühl widmen,« antwortete Lucy mit edler Einfachheit. 121 »Aber dennoch wißt Ihr, daß ich ihn liebe— ich habe es Euch geſagt— ich habe es Euch wiederholt— ich habe Alles verſucht, um Euch ſein Herz zu entreißen.⸗ »Leider ja, ich weiß es. Und wenn Ihr mir es auch nicht geſagt hättet, ſo hätte ich es errathen.« »Aber ich liebe ihn nicht mehr. O nein,« murmelte die Irländerin die Stimme ſenkend. »Sagt das nicht, Suſanne.— Es iſt dies das erſte Mal, daß ich Euch der Wahrheit untreu werden höre.« »Nun, wenn ich ihn auch noch liebe, bin ich nicht ſeiner unwürdig? Und dann verdient dieſe Liebe nichts mehr als euer Mitleid. Sie kann Euch keinen Augenblick lang mehr unruhig machen.« Luch ſchwieg. »Ihr ſchweigt, Miß Lucy?« hob Suſanne in traurigem Tone wieder an.„»Ihr findet wahrſcheinlich, daß ich Recht habe; Ihr findet, wie er, wie ich, daß ich ſeiner unwürdig bin. Ich nehme dieſes Urtheil hin und beuge mein Haupt. Ja ich bin unwürdig, jemals ſein Weib zu werden. Alles, was ich Euch geſtern hier ſagte, als ich Euch erklärte, ich würde Euch ſein Herz, ſeine Hand, ſeinen Namen ſtreitig machen, ſelbſt wenn Mylady Lisle und Se. Majeſtät der König Jacob II. zugeſagt, ihn Euch zum Gatten zu geben,— alles dies müßt Ihr vergeſſen, Miß Lucy. Es ſind eitle Worte— es ſind entſchwundene Träume. Wenn ich aber ſeiner Liebe unwür⸗ dig bin, ha! dann fühle ich mich— und zwar Dank meinem Unglück mehr als je— ſeiner Freundſchaft würdig. Deswe⸗ gen that er unrecht daran, mich ſo zurückzuſtoßen, wie er vor⸗ hin that. Er hätte ſich ſagen ſollen, daß um ſeinetwillen die arme Suſanne ſich ins Verderben geſtürzt hat, er hätte ihr 122 die Hand bieten ſollen wie einer Freundin, deren Treue fortan unverbrüchlich iſt.« »In ſeinem Namen biete ich Euch die Hand, Suſanne,⸗ ſagte Lucy mit freundlicher, theilnehmender Geberde. »„Ich nehme die Hand an, welche Ihr mir bietet, Miß Lucy,« antwortete die Irländerin, indem ſie ihre Thränen trocknete,„und ich drücke ſie mit Dankbarkeit. Da Ihr mich aber eurer Freundſchaft würdig erachtet, ſo muß ich mich auch als Freundin zeigen, das heißt, ich muß, anſtatt blos ſo zu ſprechen, zu weinen und mich zu beklagen, vielmehr handeln und Euch retten.— Cornwell iſt fortgegangen, um ein Pferd zu holen?« »Ja, Suſanne.⸗ »Er bleibt lange aus. Es wäre unklug, noch länger zu warten.— Dieſer ſcheußliche Percy Kirke iſt, durch ſeinen Soldaten in Kenntniß geſetzt, jetzt ſchon ohne Zweifel auf dem Wege nach Bridgewater. Wir müſſen fliehen— unverweilt fliehen. Wo iſt das Pferd, auf welchem Cornwell ſich aus dem Lager geflüchtet?« »Es ſteht draußen am Hauſe angebunden.“ „»Wir wollen dieſes Pferd ſatteln und uns lofort auf den Weg machen.« »Ich werde alles thun was Ihr wollt, Suſanne. 83 Die muthige Irländerin nahm den Frauenſattel, den Lucy ihr zeigte, legte ihn auf Margarethe, welche nun ſchnell auch den übrigen Theil ihres Geſchirres angelegt erhielt, dann wen⸗ dete ſie ſich zur Tochter des Puritaners und ſagte: »Setzt Euch in den Sattel, ich werde hinter Euch Platz nehmen.« Luey gehorchte dieſem Willen, der durch ſeine Energie den ihrigen mit fortriß, und das feurige Roß ſchnaubte, ſobald le — 22⏑+— 82& 123 es dieſe zwei leichten Körper auf ſeinem geſchmeidigen kräfti⸗ gen Rücken fühlte, vor Freude und ſchoß davon wie ein Pfeil. Die Bewohner von Bridgewater, welche es mit ſeiner doppelten reizenden Laſt vorüberjagen ſahen und denen die politiſchen Ereigniſſe und die ernſten Befürchtungen des Augen⸗ blicks noch Geiſtesgegenwart genug zurückließen, blieben ent⸗ züͤckt vor dieſer raſch vorüberfliegenden Erſcheinung ſtehen und folgten mit den Augen, ſo lange ſie konnten, der braunen Amazone und der blonden Reiterin, beide von ſo vollendeter Schönheit, deren goldenes und rabenſchwarzes Haar ſich oft im Lufthauche miſchte, wie die Strahlen der Sonne ſich von dem düſtern Hintergrund eines Gewitterhimmels abheben. Mittlerweile war Cornwell, der endlich ein geſatteltes und gezäumtes Pferd eingefangen, ganz ſtolz nach der vor Kurzem noch von Lucy bewohnten Hütte zurückgekehrt. Als er Margarethen nicht mehr an dem Ringe angebunden ſah, welchem er ſie ſelbſt befeſtigt, fühlte der arme Poet ſich von einem kalten Schauer durchrieſelt. »Sollten Kirke oder ſeine Abgeſandten da ſeyn?« ſtam⸗ melte er,»und ſollten ſie meine Stute mit fortgenommen ha⸗ ben?— Ha, ich zittere—« Er ſtieg ab, eilte in die Hütte hinein und ſah ſich raſch in den beiden Gemächern um. »Es iſt kein Frauenſattel mehr da— wahrſcheinlich haben ſie auf Margarethen die Flucht ergriffen. Wohlan, dann iſt keine Zeit zu verlieren. Ich muß, ſo raſch mein Pferd lau⸗ fen will, nach dem New⸗Foreſt reiten— ich weiß, wo ich ſie wiederfinden werde.« Er verließ die Hütte, um ſeinen Entſchluß auszuführen, als er ſich auf einmal Kirke und Henry gegenüber ſah. 124 Bei ſeinem Anblick leuchtete ein triumphirendes Lächeln aus Kirke’s Auge— tödtliche Bläſſe bedeckte das Geſicht des jungen Lord und er fuhr raſch, ohne es ſelbſt zu wiſſen, mit der Hand an den Griff ſeines Degens. Dieſe Bewegung entging weder dem General noch dem Dichter. Das Gefuhl, welches Erſterer empfand, machte auf ſeinen Lippen das Lächeln vollſtändig, welches in ſeinem Blick begonnen hatte, ſofort aber rief Cornwell ſich zu ihm wendend und ohne daß er ſeinem Adjutanten die mindeſte Beachtung zu widmen ſchien: »General, es thut mir leid Euch melden zu müſſen, daß Ihr zu ſpät kommen werdet. Die beiden ſchönen Vögel, die Ihr ſuchet, ſind ausgeflogen.« »Nimm dieſen Mann feſt und führe ihn ins Lager,“ ſagte Kirke zu ſeinem Lamm.„Du wirſt ihn bis zu meiner Rückkehr nicht aus dem Auge laſſen.« Dann neigte er ſich zu dem Ohre des Soldaten und ſagte:»Du läßt ihn entwiſchen und reiteſt ihm nach. Den Ort, an welchem er Halt machen wird, wirſt Du mir dann ſogleich zu wiſſen thun. Wenn Du Dich wieder ſo ungeſchickt benimmſt wie das erſte Mal, ſo wirſt Du erſchoſſen.« Der Soldat verneigte ſich und ging mit Cornwell fort. Kirke ſprang vom Pferde und ging in die Hütte, wohin ihm Henry ſchon vorangeſchritten war. »Ihr habt Euch umſonſt bemüht, General,« ſagte der junge Lord, auf deſſen Geſicht die Farben des Lebens wieder zum Vorſchein kamen. Es war dies eine augenſcheinliche Herausforderung. Kirke ſchien nicht zu begreifen. »Ein andermal, Mylord,« antwortete er kalt. »Ich habe mich nicht geirrt,« dachte Henry.»Er wird 125 ſich nicht eher mit mir ſchlagen, als bis er Lucy in ſeiner Ge⸗ walt hat. Ehe dieſe Stunde ſchlägt, wird ſeine Hand kalt und unthätig ſeyn.« Am Tage nach dem, wo dieſer Auftritt in Lucy's Hütte ſtattgefunden, traten die Tochter des Puritaners und ihre muthige Begleiterin gegen Mittag in eine andere ziemlich weit von Bridgewater entfernte, an den Grenzen der Grafſchaft Southampton am Saume des New⸗Foreſt ſtehende Hütte. Es war die ärmliche Wohnung, in welcher der Leſer ſchon dem Tode Gilberts und der Gefangennehmung des alten Winter beigewohnt hat. Dieſe beſcheidene Wohnung hatte ſeit einigen Stunden andere Bewohner bekommen. Sie befand ſich jetzt im Beſitz zweier Verbannter— eines alten Mannes und einer jungen Frau— Sir Charles Murray und Lady Henriette von Wentworth. Nachdem Vater und Tochter, die ſich auf ſo wunderbare Weiſe wiedergefunden, ſich lange an der unerwarteten Freude ihrer Wiedervereinigung gelabt hatten, ſtand Henriette, welche weinend in einer Ecke des Zimmers ſaß, auf, näherte ſich dem alten Puritaner und ſeiner Tochter und ſagte: »Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich Euch um euer Glück nicht beneide, aber wie gern hätte ich es getheilt, wenn ich nicht ſelbſt von ſo furchtbarem Unglück betroffen worden wäre.« »Was iſt Euch denn begegnet, Mylady?« fragte Su⸗ ſanne theilnehmend. »Der Herzog von Monmouth iſt heute Morgen, nur we⸗ nige hundert Schritte von dieſer Hütte entfernt, gefangen ge⸗ nommen worden. Die Kataſtrophe, welche meine Exiſtenz ver⸗ nichtet, begründet die Sicherheit der euren, meine Freunde. 126 Da der Herzog und Lord Grey feſtgenommen ſind, ſo wird man ſich nicht mehr auf dieſelbe erbitterte Weiſe mit dem Auf⸗ ſuchen der andern Flüchtlinge beſchäftigen. Ihr ſeyd durch die Gefangennehmung dieſer beiden Hauptperſonen beinahe ge⸗ rettet. Bleibet hier— Ihr werdet hier ſicherer ſeyn, als an⸗ derswo. Geſtern noch hätte ich Euch ein geradezu undurch⸗ dringliches Aſyl geben können, aber heute kennt es alle Welt. Tauſend Neugierige ſind bereits hineingedrungen und haben es entweiht. Es war eine Grotte.— Hal Warum hat mein geliebter James ſie verlaſſen! Er wäre jetzt nicht auf dem Wege nach London und bald in den Händen ſeines unver⸗ ſöhnlichen Onkels! O Gott! Wenn Du ihm einen Retter er⸗ weckteſt, dann wollte ich gern mein ganzes Leben lang auf den Knien vor deinen Altären liegen und Dir danken!— Doch welchen thörichten Hoffnungen gebe ich mich hin! Nie wird Jemand den unglücklichen Jacob von Monmouth vor dem Haſſe und der Rache Jacobs von York retten können.« »Wenn die Sache nicht unmöglich iſt,« unterbrach ſie Suſanne,„ſo kenne ich Jemanden, der ſich damit befaſſen wird—« »Wer iſt dieſer Jemand?« rief Lady Wentworth, indem ſie auf Suſanne zueilte. »Ich!« rief mit Begeiſterung die ſchöne Irländerin, welche zugleich Lucy bei Seite nahm und dann raſch und leiſe zu ihr ſagte:»Alles, was ich bis jetzt gethan, um Lord Lisle's Liebe zu verdienen, rechnet für nichts, Miß Lucy. Heute werde ich mich bemühen, ſeine Freundſchaft und ſeine Achtung zu verdienen. Ich will, daß alle die Unglücklichen, an welchen euer edler Geliebter, Lucy, einiges Intereſſe nimmt, einer nach dem andern ihre Stimmen erheben, um mich zu ſegnen. Lady Wentworth, welche Euch und eurem Vater ein Aſyl gewährt 127 und Euch der Wuth der grimmigſten Feinde entzieht, Lady Wentworth iſt eine dieſer Unglücklichen. Ich beginne mit ihr mein unermüdliches Werk der Hingebung und Aufopferung. — Ihr ſollt, ſobald es Zeit ſeyn wird, ebenfalls auf mich rechnen.“ Suſanne verließ Lucy und näherte ſich Henrietten. »Ich hab' Euch ſchon geſagt, Mylady,« fuhr ſie fort, „daß ich vielleicht auf Erden allein im Stande bin, den Herzog von Monmouth zu retten, wenn er noch gerettet werden kann. Sehet mich an. Es iſt keine Wahnſinnige, welche Ihr vor Euch habt. Wollet Ihr, daß wir den Verſuch machen?« »Ob ich es will!« rief Lady Wentworth mit überwal⸗ lender Dankbarkeit.„Was iſt zu dieſem Zwecke zu thun?« »Ihr müßt mit mir nach London reiſen.⸗ „Reiſen wir!« VIII. Einer zu viel. Während die Beſtegten von Sedgemoor einerſeits und Suſanne und Lady Wentworth auf dem Wege nach London ſind, können wir ihnen nach der großen Stadt voraneilen, wo wir mehr als einen Bekannten zurückgelaſſen haben, und tre⸗ ten vor allen Dingen in das Arbeitscabinet des Lord Jeffreys, der immer noch Oberrichter von Kingsbench iſt, aber nun bald— wenigſtens hofft er es— Großkanzler von England werden wird. Was fehlt ihm aber denn, dem lieben Jim? Wie ſeine Stirn ſich runzelt! Wie ſein Auge funkelt! Wie ſeine Fauſt 128 wiederholt auf ſein Schreibpult ſchlägt! Wie der eiſerne Bo⸗ gen ſeiner Lippen noch weit lautere Flüche ſchleudert als gewöhnlich! Und dies iſt noch nicht Alles. Es lebt in ihm ſicher⸗ lich noch etwas Anderes als Zorn— es iſt auch Unruhe, was ſich in ihm regt. Sieht er vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben ein unüberwindliches Hinderniß vor ſich aufſtei⸗ gen, oder wenigſtens eine Schwierigkeit, die ihn in ernſte Verlegenheit bringt? Was fehlt ihm denn, daß er ſich ſo ge⸗ berdet? Hören wir ihm zu, dann werden wir es bald er⸗ fahren. „»Bei allen Furien der Hölle!« rief er vor Wuth ſchäu⸗ mend,„was für ein elendes Geſindel ſind doch die Freunde! Nur Verräthereien kann man von ihnen erwarten, aber nie⸗ mals Dienſte. Dieſer Percy Kirke zum Beiſpiel, in welche ent⸗ ſetzliche Verlegenheit bringt er mich nicht mit ſeinen unzeitigen zarten Rückſichten! Sollte man, wenn man ſein Benehmen gegen Lord Henry Lisle betrachtet, nicht glauben, er ſey ein junges Mädchen, welches nur Milch fließen ſehen kann und bei dem Anblick von Blut in Ohnmacht fällt.« „Mir Roſe auf dieſe Weiſe zurückzuſchicken! Was ſoll ich jetzt mit ihm machen? Wie ſoll ich mich ſeiner entledigen? Man weiß, daß er in den empörten Grafſchaften feſtgenom⸗ men worden iſt. Man kang ihn daher im ſchlimmſten Falle als Rebellen zur Verantwortung ziehen. „Aber wie ſummariſch auch die Juſtiz ſeyn möge, ſo muß er doch vor mein Tribunal geſtellt werden, wäre es auch nur eine Minute lang.“ »Und wie ſoll ich ihn dann verhindern zu ſprechen? Man kann ihm doch keinen Knebel in den Mund ſtecken?“ 129 Jeffreys hörte auf zu ſprechen und fing an zu lächeln. Es war klar, daß dieſer Gedanke, einen Angeklagten zu kne⸗ beln, um ihn zu befragen, ihm bis zu einem gewiſſen Grade gefiel, dennoch aber verwarf er ihn ſofort wieder. »Nein, nein, das wäre ein erbärmliches Mittel,« fuhr er fort.„Man würde ſagen, Jeffreys ſcheue ſich, einem An⸗ geklagten mit Worten die Spitze zu bieten. Schlechte Witzma⸗ cher würden behaupten, ich nähme zu ſonderbaren Mitteln meine Zuflucht. Meine bis jetzt niedergeſchmetterten Feinde würden ſich wieder erheben und überall erzählen, daß ich der alleinigen Allmacht meiner Stimme, meines Blickes, meiner Geberden nicht mehr traue, daß ich nicht mehr an die untrüg⸗ lichen und vernichtenden Wirkungen meines Meduſenhauptes glaube. Sie würden behaupten, der König könne künftighin zwanzig Jeffreys ſchaffen, wenn er dem erſten beſten Juriſten einen Knebel in die Hand gebe. Und das wäre auch wahr und ich würde meinen Nimbus verlieren und—« Hier trat ein abermaliges Schweigen ein, während deſ⸗ ſen der Ausdruck von Verlegenheit auf Jeffreys; Geſicht ſich änderte. Zu jenem erſten Gefühl geſellte ſich jetzt eine Angſt, welche der Oberrichter vergebens zu überwinden ſuchte. »Es iſt nicht genug, Mittel zu verwerfen,« fuhr er fort, »man muß auch andere haben— ganz beſonders muß man ein gutes finden. Dieſer Roſe muß verſchwinden. Die Noth⸗ wendigkeit ſeines Todes kann keinen Augenblick lang zweifel⸗ haft ſeyn. Der Elende hat geplaudert, er würde wieder plau⸗ dern. Er muß alſo ſterben. Aber, beim Satan, gegen wen hat dieſer Roſe geplaudert? und wer hat Kirke von meinem Plane unterrichten können? Ha, das muß ich allerdings er⸗ fahren! Ich bin nicht abergläubiſch und gebe nichts auf Ah⸗ Der Tiger von Tanger. V. 9 130 nungen, aber ich fühle mich unwillkürlich von der Seite be⸗ droht, von welcher der Schlag kommt, der mich heute trifft. Ich werde mir's überlegen, ich werde mir's überlegen!“ Jeffreys' Geſicht verlor ſeinen Ausdruck von Angſt und gab plötzlich den heftigſten Haß zu erkennen. „»Roſe wird mir zurückgeſchickt,« rief er,„und dennoch läßt dieſer ritterliche Percy, wie er ſich nennt, Henry Lisle am Leben!« »Iſt es nicht klar, daß Henry Lisle und mit ihm zwan⸗ zig mächtige Beſchützer mir in die Arme fallen werden, ſobald ich Mylady Lisle habe feſtnehmen laſſen! Bei der Hölle, wenn es dem Sohne gelingt, mir die Mutter zu entreißen, dann, mein Freund Percy, mögt Ihr Euch nur zuſammennehmen der Ihr meine Lieblingspläne auf ſo verrätheriſche Weiſe durchkreuzt! Denken wir jedoch vor allen Dingen an's Noth⸗ wendigſte— und das Nothwendigſte iſt, den Vertrauten Roſe's kennen zu lernen und den, welcher dem Generalmajor Alles geſagt hat.« Einige Minuten ſpäter, gegen ſechs Uhr Abends, hielt Jeffreys Wagen an dem Thor des Gefängniſſes von Newgate und der Oberrichter von Kingsbench ward ſofort ehrerbietig zu Roſe geführt. Dieſer war auf Jeffreys Befehl vorläufig in einem ziem⸗ lich umfangreichen Gemach in Ketten gelegt worden, welches einen Theil von den Gebäuden bildete, welche auf den Folter⸗ hof gingen. Dieſer Theil des alten Gefängniſſes war, wie wir bereits zu Anfange dieſer Erzählung geſagt haben, ſpeciell für Staats⸗ gefangene beſtimmt. Roſe, der von zwei Soldaten des Regi⸗ ments von Tanger aus der Grafſchaft Somerſet nach London —,— 131 gebracht worden, konnte in den Augen der Beamten des Ge⸗ fängniſſes als ein politiſcher Gefangener betrachtet und als ſolcher fern von der Common side eingekerkert werden, die ihn in jedem andern Falle für ſich in Anſpruch genommen hätte. „»Ha, Mylord,“« rief er, als er den Oberrichter allein in den Kerker eintreten und die Thür hinter ſich ſchließen ſah. „Ha, Mylord, Ihr ſeyd ſehr gütig, daß Ihr euren alten, treuen Diener beſucht. Ich fürchtete einen Augenblick lang, daß Ihr nicht kämet und dennoch habe ich Euch ſo viel zu ſagen. Erlaubt jedoch, daß ich vor allen Dingen eine beſcheidene Frage an Euch richte. Warum bin ich hier, Mylord?« „Ich bewundere in der That deine Unverſchämtheit, Du Hund!« ſagte Jeffreys mit verbiſſenem Ingrimm.„Du fragſt mich, warum Du hier biſt, Elender? Wohlan, meine Ant⸗ wort wird kurz ſeyn und nicht auf ſich warten laſſen. Du biſt hier, um auf der Folterbank zu ſterben. Richte Dich ein we⸗ nig auf und ſchaue in den Hof. Siehſt Du dieſe Werkzeuge? Schon morgen wirſt Du Bekanntſchaft mit ihnen machen.⸗ »Ich,“« rief Roſe erſchrocken,„und warum denn?⸗ „Weil Du ein treuer Diener biſt, weil Du die Geheim⸗ niſſe, die ich Dir anvertraue, ſorgfältig bewahrſt. „Ach, Mylord, ich ſchwöre Euch, daß ich keinem Men⸗ ſchen etwas geſagt habe.« „Wie, Du haſt keinem Menſchen etwas geſagt? Percy Kirke hat alſo den Auftrag errathen, den Du im Lager ausführen ſollteſt?« »Nein, Mylord, errathen hat er ihn nicht; man hat ihm Alles geoffenbart.« „»Ha!l Und wer hat es ihm denn geoffenbart Te* * 13² »Die junge Irländerin, welche Ihr kennet— Suſanne — Fitzgerald's Schweſter.⸗ Erſtaunen und Wuth malten ſich abwechſelnd auf dem Geſicht des Oberrichters. »Hal ſie war es,« ſagte er,„die in dem Zelt des Ge⸗ neralmajors war, als er Dich binden ließ, um Dich hierher⸗ zuſchicken? Die Lämmer hatten mir wohl von einem jungen Frauenzimmer erzählt, aber ſie konnten mir nicht ſagen, wer ſie geweſen war.— Es war alſo Suſanne. »Ja, ſie ſelbſt.« »Und wer hatte ihr denn geſagt, was Du dort machen ſollteſt?« »Ich ganz gewiß nicht.⸗ »Das iſt wohl möglich, aber ihm hatteſt Du es geſagt.⸗ »Ach, Mylord,« murmelte Roſe in bittendem Tone,„ich beſchwöre Euch, ſie ſelbſt zu fragen und zu bedenken, ob ſie dieſes Geheimniß nicht zufällig einem ihrer Freunde mitgetheilt hat, welcher vielleicht indiscret geweſen iſt, denn ich für meine Perſon weiß, daß ich ſtumm geweſen bin wie ein Fiſch.⸗ Jeffreys ſammelte ſich. Einige Augenblicke lang ſpiegel⸗ ten ſich verſchiedene Leidenſchaften auf ſeinem Geſicht, allmä⸗ lig aber verſchleierten ſie ſich alle hinter der Maske verſchmitz⸗ ter Gutmüthigkeit. »Na, mein armer Roſe,« ſagte er in beinahe freundſchaft⸗ lichem Tone,„wir wollen jeder unſer Geſtändniß thun, denn ich ſehe wohl, daß jeder von uns in dieſer unangenehmen Sache einiges Unrecht begangen hat. Allerdings habe ich einige Worte davon zu einer Perſon geſagt, die ich Dir nicht zu nen⸗ nen brauche, aber was ich ihr geſagt habe, iſt nicht hinrei⸗ chend geweſen, um den Generalmajor vollſtändig zu unterrich⸗ 4 133 ten. Du haſt alſo deinerſeits auch etwas geſagt. Du wirſt eben ſo wenig als ich die Klugheit beſeſſen haben, unbedingt zu ſchweigen. Alſo thue nun deinerſeits ein Geſtändniß, denn ich habe, wie Du ſiehſt, mein Unrecht nun bekannt.⸗ Der ehemalige Portner von Newgate hatte Jeffreys, während er ſprach, aufmerkſam angeſehen. Er begriff das Manöpre ſeines furchtbaren Gegners und wußte die Schlinge zu meiden, die ihm gelegt ward. »Ich wußte wohl,« entgegnet„daß Ihr, Mylord, ein wenig geplaudert habt. Außerde äre das, was kürz⸗ lich im Zelte des Generalmajors vorging, für mich ein un⸗ durchdringliches Geheimniß geblieben, denn ich ſchwöre es Euch nochmals, ich habe Niemanden, keinem Menſchen, etwas ge⸗ ſagt.« »Das iſt dein Todesurtheil, welches Du da ausſprichſt, nichtswürdiger Lügner!« rief Jeffreys wüthend, die Rolle, welche er zu ſpielen verſucht, ſo leicht durchſchauet zu ſehen.« „Ich ſoll alſo um des Fehlers willen ſterben, den Ihr begangen habt, Mylord? eines übrigens ſehr unbedeutenden Fehlers?« »Ha, Du willſt wohl Liſt gegen mich gebrauchen, Du armer Dummkopf! Du wirſt ſehen, ob Dir dies gelingen wird. Höre mich indeſſen an, Du kannſt Dich noch retten. Ich will Dir eine Frage ſtellen, und wenn Du ſie aufrichtig beantworteſt, ſo will ich Dir das Leben ſchenken. Du weißt, daß ich gutmüthig bin— Du weißt, daß ich meine Verſpre⸗ chungen halte; Niemand weiß dies beſſer als Du. Es iſt noch nicht lange her, ſo haſt Du geſehen, wie ich mich gegen Fitz⸗ gerald benommen und in wie weit ich das Wort gehalten habe, 134 welches ich ihm gegeben habe. Wohlan, ich werde mich auf dieſelbe Weiſe gegen Dich benehmen, wenn Du aufrichtig und wahr biſt. Verſprichſt Du mir, die Wahrheit zu ſagen? Blos unter dieſer Bedingung ſoll Dir das Leben geſchenkt ſeyn.« »Ich werde ſie Euch ſagen, Mylord; Ihr könnt mich fragen.“ „Fitzgerald iſt es, mit dem Du von der Sache geſpro⸗ ſchen haſt.« Bei dieſer gan⸗ vorhergeſehenen Frage machte Roſe eine ſo plötzliche Be g, daß ſeine Kette klirrte, und er ſenkte mit kläglicher Miene den Kopf. »Du begreifſt, daß, wenn ich meine Frage mit dieſen Worten ſtellte, der Grund davon darin liegt, daß ich ſchon weiß, woran ich mich in Bezug auf viele Dinge zu halten habe.— Ich wollte Dir blos das Verdienſt eines Geſtänd⸗ niſſes laſſen, welches Dir wieder zu meiner Gunſt verhelfen kann.⸗ »Wohlan, ja, Mylord; ich habe mit Fitzgerald geſpro⸗ chen,« ſtammelte Roſe, ohne den Kopf emporzurichten.„Aber Ihr müßt mich entſchuldigen— wenn man betrunken iſt, ſo thut und ſagt man viele Dummheiten.« »Hal Du biſt alſo ein Säufer, Erbärmlicher!« rief Jeffreys und ſetzte, als er Roſe's ſtereotypes Lächeln bemerkte, ſogleich hinzu:„Beim Bacchus, ich glaube, dieſer Trunken⸗ bold ſpottet meiner! Warte, morgen ſollſt Du unter den furcht⸗ barſten Qualen dein Leben aushauchen.« Während der Oberrichter dieſe Drohung von ſich ſchleu⸗ derte, verließ er Roſe's Kerker und Newgate. Dann ſtieg er in ſeinen Wagen und befahl, ihn wieder nach Hauſe zurück⸗ zufahren. x —* — —* 135 »Fitzgerald! Suſanne!« ſagte er, während er raſch nach ſeinem Hotel rollte,»Fitzgerald und Suſanne! Ich werde mich wohl auf ganz entſchiedene Weiſe mit dieſen beiden Perſonen beſchäftigen müſſen!— Ich werde es ohne Verzug thun— mit Roſe aber iſt die Sache noch dringender. Vergebens drohe ich ihm. Was ſoll ich thun?« Kaum hatte er wieder in ſeinem Cabinet Platz genom⸗ men, als Lewis, ſein Diener, ihm meldete, daß der vormalige Nachrichter von London um die Gnade bitten ließe, von dem Lord⸗Oberrichter empfangen zu wer »Jack Ketch!« rief Jeffrey lebhaft;„laß ihn eintreten, Lewis. Ha!« fuhr er in bewegtem Tone fort, als der Diener ſein Cabinet verlaſſen hatte,»iſt es denn die Hölle, welche mir dieſen unerwarteten Bundesgenoſſen ſchickt und werde ich end⸗ lich dieſer Verlegenheit entriſſen werden?«. Als die Thür ſich abermals öffnete, um den ehemaligen Henker einzulaſſen, hatte Jeffreys die Gemüthsbewegung welche die Anmeldung dieſes Beſuches ihm verurſacht, überwunden Mit vollkommen ruhiger Miene beantwortete er nachläſſig und ohne ſich zu erheben die tiefe Verbeugung des Eintretenden. »Ach, da ſeyd Ihr, Meiſter Ketch,“« ſagte er zu ihm. »Welchem Umſtande verdanke ich die Ehre eures Beſuches?« »Erſtens meiner Reue, Mylord, meiner Reue darüber, daß ich Euch auf ſo thörichte Weiſe meine Entlaſſung gegeben, und zweitens dem innigen Wunſche, wieder in euern Dienſt zu treten.“ Jack Ketch, der genau den Eindruck beobachtete, den er auf den Oberrichter hervorbringen würde, glaubte, nachdem er die Art und Weiſe geſehen, auf welche man ihn empfing⸗ hinzufügen zu können: 136 »Ja, Mylord, ich komme um Abbitte zu thun und gleich⸗ zeitig wieder um das Amt zu bitten, welches ich, wenn man der öffentlichen Stimme glauben darf, mit einiger Auszeich⸗ nung bekleidet habe.« »Ihr wißt alſo, daß Roſe in Newgate ſitzt?« fragte Jeffreys in gleichgiltigem Tone und indem er zugleich eine di⸗ recte Antwort vermied. »Ja, Mylord, ich weiß es; aber ich wäre gekommen, wenn er ſich auch noch ſeiner vollen Freiheit erfreute.« »Ich nehme den druck eurer Reue gern an, Meiſter Ketch. Ich lobe denſelben ſogar, weil ich gute Geſinnungen liebe, wenn ſie auch etwas ſpät kommen. Was die Wiederver⸗ leihung eures Amtes betrifft, ſo wißt Ihr wohl, daß—« »Redet nicht aus, Mylord,« unterbrach ihn Jack Ketch, »redet nicht aus, ſondern habt die Güte mich noch einen Augen⸗ blick lang anzuhören. Ich habe das Vertrauen, daß das, was ich Euch zu ſagen habe, von einiger Bedeutung iſt, und ich wage zu hoffen, daß ich ſo glücklich ſeyn werde, Euch meine Meinung theilen zu machen.“« »Nun ſo redet, Meiſter Ketch,« ſagte Jeffreys, indem er mit der Miene eines Gelangweilten ſich in ſeinem Seſſel zurück⸗ lehnte,„aber faßt Euch kurz. Der Zeiger dieſer Uhr ſagt, daß ich Euch nur wenig Minuten zu ſchenken habe.« »Ich bedarf deren auch nur wenige, Mylord, was mich jedoch nicht abhalten ſoll, ſparſam damit umzugehen. Ich be⸗ ginne alſo. Vielleicht würde ich niemals daran gedacht haben, wieder vor Euch, Mylord, den ich ſchweigend und in der Ferne bewunderte— Ihr ſehet, daß ich offen bin— zu erſcheinen, wenn nicht die ernſten Ereigniſſe eingetreten wären, welche in +—,—— 137 dieſem Augenblick mein ganzes Vaterland beſchäftigen. Sobald ich aber erfuhr, daß der Herzog von Monmouth gefangen iſt, dachte ich ſogleich, daß Ihr meiner bedürfen würdet und ich kam hierher.— Zu allen Zeiten der Geſchichte, Mylord, be⸗ ſonders aber in Zeiten wie die unſere, iſt der Mann den das gemeine Volk den Henker, das Geſetz aber den Vollſtrecker ſeines Willens nennt in der That der Schlußſtein im Gewölbe der Geſellſchaft. Ganz beſonders iſt dies unbeſtreitbar, wenn dieſer Mann der hohen Aufgabe, die er zu erfüllen hat wirk⸗ lich würdig iſt. Dann vervollſtändig das Räderwerk der großen Maſchine, welches man die Staatsgewalt, die Regie⸗ rung nennt. Georg Jeffreys— erlaubt, Mylord— Georg Jeffreys kann Jack Ketch eben ſo wenig entbehren, als Seine Majeſtät Jacob der Zweite Georg Jeffreys entbehren kann. Und dann, vielleicht werdet Ihr an dieſem Zeichen mit Sicherheit erkennen, in wie hohem Grade ich berufen bin, das Amt zu bekleiden, um welches ich heute wieder anſuche— ſchon der Gedanke, daß ein Prinz von Geblüt enthauptet werden wird und daß ich nicht es ſeyn werde, der das Schwert des Geſetzes führt, verdreht mir den Kopf und raubt mir den Verſtand. Deshalb bin ich auch feſt entſchloſſen, wenn der Herzog von Monmouth ſein Verbrechen unter einer andern Hand büßt als der meinigen— dieſer Hand, die man dann ungerechterweiſe des Ruhmes beraubt haben wird, der ihr zu⸗ kommt— ſie an mich ſelbſt zu legen. Wohlan, Mylord, welche Antwort habe ich von Euch zu erwarten?« »Die einzige, welche es mir möglich iſt Euch zu geben,⸗ antwortete der Oberrichter mit vollkommen gut erheuchelter Gleichgiltigkeit,„und um ſie Euch zu geben, brauche ich nur den Ausſpruch zu vollenden, in welchem Ihr mich vorhin un⸗ Der Tiger von Tanger. V. 1 138 terbracht: Da das Amt, welches Ihr verlangt, von Roſe be⸗ kleidet wird, ſo iſt kein Grund vorhanden, es ihm zu nehmen, um es Euch zu geben.« „Bekleidet?— Ihr findet alſo, daß es bekleidet wird, dieſes Amt?« rief Ketch, indem er mit Ironie jede Sylbe des Wortes„bekleidet« betonte.„Ich glaubte, Mylord, man be⸗ kleidet ein Amt nur dann, wenn man die Functionen desſelben auf würdige Weiſe verſehe. Nun aber wißt Ihr doch, daß die⸗ ſer Mr. Roſe— ſchon ſein Name bringt mein Blut in Wallung — ein rein zufälliger Fee iſt. Ihr nahmt ihn blos als Nothnagel eines Tages, wo Ihr Eile hattet und wo ich in Folge einer von mir ſpäter bitterlich bereuten Grille mich weigerte, zu arbeiten. Ich habe, Mylord, eine viel zu hohe Meinung von Euch, als daß ich einen Augenblick lang glauben könnte, Ihr machtet das mindeſte Aufheben von die⸗ ſem elenden Stümper, mit welchem Ihr mich gewiß niemals vergleichen werdet.“ „Roſe mit einem Künſtler vergleichen wie Ihr ſeyd, mein berühmter Ketch, wäre allerdings eine Ungereimtheit, welche ich den Ignoranten überlaſſe, welche ihren Beruf und den Anderer nicht zu würdigen wiſſen,« antwortete Jeffreys ohne aus ſeiner erheuchelten ernſten Stimmung zu fallen.»Aber was hilft das Alles? Ich ſage Euch nochmals, daß das Amt, mag es nun gutbekleidet werden oder nicht, einem Andern gehört. Mein Gott, Ihr müßt doch wohl einſehen, daß ich Euch vor dieſem Andern hundert⸗ ja tauſendmal den Vorzug gebe, aber an das Unmögliche iſt Niemand gebunden. Die Stadt London bedarf nicht zweier Henker und wie leid es mir thut, ſo muß es den⸗ noch Roſe ſeyn, welcher dieſem Prinzen von Geblüt, dieſem Her⸗ zog von Monmouth, von welchem wir ſo eben ſprachen, den 139 Kopf vom Rumpfe trennt. Hal freilich, wenn Roſe nicht exi⸗ ſtirte, dann wäre es etwas Anderes und Ihr ſolltet dann ſo⸗ fort eure Stelle wieder einnehmen.⸗ So wie der Oberrichter ſprach, verdüſterten ſich die Züge des ehemaligen Henkers. Die ſonſt ſeinen Zügen aufgeprägte Stumpfheit wich dem Ausdruck einer unbezähmbaren Wild⸗ heit. Zu dem Ekel und Widerwillen, den ſein Anblick ge⸗ wöhnlich einflößte, geſellten ſich jetzt auch noch Furcht und Schrecken. »Ha!« ſagte er mit dumpfer Stimme,„wenn wir nur Beide in einem und demſelben Zimmer eingeſperrt wären!« Jeffreys hätte bei dieſer Antwort ſeine Freude beinah e hervorbrechen laſſen. Er hielt jedoch an ſich. »Dieſen Zeitvertreib kann ich Dir verſchaffen, wenn Du es wünſcheſt,« ſagte er nachläſſig und indem er plötzlich einen vertraulichen Ton annahm⸗ „»Wann? wie?s fragte der Henker raſch. „»Wann?— Sogleich. Wie?— Indem ich Befehl er⸗ theile, Dich mit ihm in Newgate in ein und dasſelbe Gefäng⸗ niß zu ſperren.« „Und dann?« ſagte Ketch, indem er einen durchbohren⸗ den Blick auf den Oberrichter heftete. „Das Uebrige iſt deine Sache.« „Aber die Juſtiz?« „Die Juſtiz? Bin ich nicht die Juſtiz? Uebrigens, ge⸗ ſetzt, die Juſtiz verurtheilte Dich zum Tode, iſt dann nicht immer ein Henker nöthig? Und da von zweien nur noch einer übrig iſt, ſo wird der König Dich begnadigen.“« »Laßt mich nach Newgate bringen, Mylord.« Eine Stunde nach dieſer Unterredung ſah Jack Ketch, von dem Sheriff Burder fortgeführt, ſich die Thore des alten Gefängniſſes öffnen und der Lord Oberrichter trat beinahe zu derſelben Zeit in die Taverne„zur rothen Kuh«, wo Chif⸗ ſinch, wie er dieſem hatte ſagen laſſen, ihn aufſuchen ſollte. * Ende des fünften Cheiles. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. * “ —j