— 3 . ibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: au 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der kleine Hafen Lyme war im Jahre 1685 unſtreitig eine der elendeſten Städte Englands. An einer wilden, rauhen, fortwährend von den wüthenden Wogen gepeitſchten Küſte er⸗ baut, zählte dieſe Stadt, die eher den Namen eines bloßen Marktfleckens verdient hätte, nicht über zweitauſend Einwohner. Jeder Induſtrie fremd und jedes gewinnbringenden Ab⸗ ſatzweges beraubt, lebten dieſe Einwohner blos von dem Er⸗ trage des Fiſchfanges. Rauhe Seeleute mit einer wild that⸗ kräftigen Seele in unſcheinbarer Hülle, hatten ſie kaum Kennt⸗ niß von den ernſten Ereigniſſen, welche von Zeit zu Zeit das vereinigte Königreich erſchütterten, und lebten, ſo zu ſagen, außerhalb der Civiliſation. Für die Küſtenfahrer war Lyme die ganze Welt, für Matroſen, welche Reiſen nach andern Welttheilen machten, war ſie das Neſt, wo ihre Jugend ver⸗ floſſen war, der Leuchtthurm, auf den während ihrer mühe⸗ vollen und abenteuerlichen Laufbahn ihr träumeriſcher wehmü⸗ thiger Blick ſich heftete; das Aſyl, in welches ſie, nachdem ſie einige Erſparniſſe vor ſich gebracht, zurückkehrten, um hier ein chriſtliches und von ihren Freunden geachtetes Grab zu ſinden. Man darf ſich nicht wundern, daß eine Bevölkerung, die Der Tiger von Tanger. IV. 1 2 ſo ſelten durch große Ereigniſſe in Bewegung geſetzt ward, eine lange Erinnerung an die bewahrte, welche, durch weite Zwiſchenräume getrennt, in ihren Mauern geſchehen waren. Der zufällige Beſuch, den die Bewohner von Lyme von dem Herzog von Monmouth— es war dies nun ſchon einige Jahre her— bei ſeiner Rückkehr von dem Continent nach England erhalten, diente noch im Jahre 1685 während der Winternächte zum Thema der Unterhaltung. Die an die rauhe Zuneigung ihrer rauhen Männer ge⸗ wöhnten Frauen ſprachen mit unbegrenzter und ſtets unver⸗ minderter Bewunderung von der Leutſeligkeit, den bezaubern⸗ den Manieren und der anbetungswürdigen Eleganz des Soh⸗ nes Carls des Zweiten und der ſchönen Luchy Walters. Was die Männer betraf, ſo erinnerten ſie ſich, daß der junge Her⸗ zog trotz ſeines ein wenig weibiſchen Aeußern, trotz ſeiner klei⸗ nen weißen Hände, trotz ſeines ſchlanken, geſchmeidigen Wuch⸗ ſes ſie, ſo herkuliſch ſie auch zu ſeyn ſchienen, beim Wettlauf und im Ringen überwunden hatte; deshalb hielten ſie ihn auch in ganz beſonderer Achtung. Am 11. Juni 1685 bot der kleine Hafen Lyme einen ungewohnten Anblick dar. Obſchon ſeit länger als einer Stunde der Tag angebrochen war, ſo ſprachen doch die auf dem ſogenannten Cob, einem plumpen von rohem Stein und ohne Mörtel zur Zeit der Plantagenets erbaueten Hafen⸗ damme, verſammelten Fiſcher unter einander ſehr lebhaft und ſchienen keineswegs ſich anzuſchicken, in See zu ſtechen. Und dennoch waren ihre Boote in vollkommen ſegelfer⸗ tigem Zuſtande, die Sonne ging ſtrahlend am Horizonte auf und Alles verkündete einen ſchönen, der Arbeit günſtigen Tag. Dieſe Unthätigkeit der Fiſcher ließ ſich nur durch die Vorausſetzung erklären daß ihr Gemüth außerordentlich auf⸗ 5 — 3 geregt ſey. Und in der That wurden ſie auch von dem Ein⸗ fluß einer ungeheuer großen Neugier beherrſcht. Drei ungefähr anderthalb Meilen von Lyme vor Anker liegende Schiffe zogen nemlich alle Blicke auf ſich und wa⸗ ren Gegenſtand aller Geſpräche. Dieſe Schiffe, von welchen das eine mit zweiunddreißig Kanonen und die beiden andern jedes mit zehn armirt waren, trugen weder Flagge noch ein ſonſtiges Abzeichen; dennoch aber verrieth ihre Bauart unbeſtreibar, daß es Kriegsſchiffe waren. »Was meint Ihr dazu, alter Jack?« fragte ein Neuling, indem er ſich an einen Greis von etwa ſechzig Jahren wendete, deſſen glänzende pergamentgelbe Haut, ſchwielige Hände und von zwei ungeheuren Narben zerfetztes Geſicht von ſchweren und zahlreichen Dienſtleiſtungen erzählten. »Ich will mich zu Tode peitſchen laſſen,« antwortete Jack dem Neuling,„wenn ich ein Wort von dieſer ganzen Sache verſtehe. Wenn wir Krieg mit Frankreich oder Hol⸗ land führten, dann allerdings hätte das plötzliche Erſcheinen dieſer Kartätſchenſpucker einen Sinn. Die Kaper ſind ſo dreiſt. ſo unverſchämt. Jetzt aber in Friedenszeiten drei Kriegsſchiffe auf dieſe Weiſe vor einem Hafen erſcheinen zu ſehen, ohne daß ſie ihre Ankunft durch den gewöhnlichen Salutſchuß verkün⸗ digen, ohne daß ſie ihre Flagge aufhiſſen, das iſt etwas ſo mit allem Herkommen in Widerſpruch Stehendes, daß man nicht einmal eine Vermuthung ausſprechen kann.“ „Ganz vorzüglich ſonderbar, alter Jack, iſt der Umſtand, daß die Zollbeamten, welche ſich auf die Schiffe begeben ha⸗ ben, um ſie zu unterſuchen, nicht wiederkommen.« »Ach, ſolche Leute kommen unglückſeliger Weiſe immer wieder! Was zum Teufel ſollte man auch mit ihnen machen? Ha!— Jetzt paſſirt etwas Neues!— Aufgepaßt!« * Ein unwillkkürliches und allgemeines Murmeln der Ueberraſchung von den zahlreichen auf dem Cob ſtehenden Gruppen übertäubte die Stimme des alten Matroſen. Sieben Boote ſtießen von dem größten der Schiffe ab und ruderten auf den Hafen zu. Jedes dieſer Boote war mit Bewaffneten angefüllt, deren Musketen im Sonnenſchein fun⸗ kelten, ſeltſamer Weiſe aber bemerkte man keine Uniform un⸗ ter ihnen. „Bei dem Oreizack des tropiſchen Gottes,« rief Jack mit lauterer Stimme,»das iſt ja, als ſtünde man auf der Schild⸗ kröteninſel!— man ſollte meinen, es käme da eine Bande Flibuſtier gerudert!“ 3 Da die meiſten Bewohner von Lyme eben ſo wenig wuß⸗ ten, wer der tropiſche Gott als was die Schildkröteninſel war, während ſie zugleich von der Exiſtenz der Flibuſtier nicht die leiſeſte Ahnung hatten, ſo glaubten ſie gewiſſermaßen einen Zauberſpruch zu hören und ſie drängten ſich um den al⸗ ten Jack, indem ſie ihn baten, ſich näher zu erklären. „Jetzt iſt nicht Zeit, lange Geſchichten zu erzählen,“ entgegnete der alte Seemann kurz.„Wir wollen lieber ſehen, was vorgeht.“ Während der alte Jack mit einem Fernrohr, welches man ihm ſo eben geliehen, nach den auf den Cob zurudern⸗ den Booten ausſchaut, wollen wir unſer Vorrecht als Ro⸗ mandichter benutzen, um den Leſer auf das größte dieſer drei Schiffe zu führen, deren ſeltſame und verdächtige Erſcheinung die Einwohner von Lyme ſo neugierig und unruhig machte. Vor allen Dingen bemerken wir, daß dieſes Schiff der „Helderenbergh« heißt, daß es als Fregatte getakelt iſt und ein guter Segler zu ſeyn ſcheint. Sodann wollen wir in ſeine Wände von Holz und Eiſen eindringen und vor allen — 5 Dingen in das Gemach treten, welches auf dergleichen Schif⸗ fen den techniſchen Namen des Conferenzzimmers führt. Dieſes Gemach, welches auf den meiſten Kriegsſchiffen ſehr ſchmucklos und einfach iſt, bietet am Bord des„Helde⸗ renbergh« einen ungewohnten Luxus dar. Koſtbare Tapeten bedecken die Nacktheit der Bretwände, feine Baſtmatten liegen auf dem Fußboden; Möbels von faſt weibiſcher Eleganz vervollſtändigen die Geſammtheit des Gemäldes— man ſollte meinen, das Boudoir einer reichen coketten Prinzeſſin zu ſehen. In dieſem Gemach oder Salon befinden ſich zwei Per⸗ ſonen— eine junge Dame und ein junger Mann. Dieſe bei⸗ den Leute bilden ein reizendes und ungemein gut zuſammen⸗ paſſendes Paar. An beiden gewahrt man dieſelbe anmuthige Haltung, dieſelbe Schönheit des Geſichts, dieſelbe Lebhaftigkeit des Blickes. Ein ſcharfſinniger Beobachter würde überdies in den Augen der jungen Dame einen Abglanz jener göttlichen Flamme wahrgenommen haben, welche ein auserleſenes Ge⸗ müth verräth. Der junge Mann, welcher ſchon ſein dreißigſtes Jahr zurückgelegt hatte hieß der Herzog von Monmouth— ſeine Gefährtin, welche kaum zwanzig Jahre zählte, war die Baro⸗ nin von Nettelſtedt, Henriette Wentworth, eine der reichſten und edelſten Erbinnen, welche das vereinigte Königreich zählte. „Wohlan, mein lieber James,“ ſagte Henriette, indem ſie ihre Worte mit ſanftem Lächeln begleitete,„Ihr habt euern Rubicon überſchritten, nun müßt Ihr Euch zum Cäſar ausrufen laſſen.« „Meine angebetete Henriette,« antwortete der Herzog, indem er die junge Dame mit dem Ausdruckunausſprechlicher 6 Zärtlichkeit betrachtete,»wie wollt Ihr, daß ich ruhig und kaltblütig ſey, während mich der Gedanke quält, daß das Mißlingen eines verwegenen, tollkühnen Unternehmens Euch ins Verderben ſtürzen würde? Ihr kennet meinen Onkel hin⸗ reichend, um zu wiſſen, daß Ihr, wenn Ihr ihm in die Hände fallet, weder Gnade noch Barmherzigkeit von ihm zu erwar⸗ ten hättet und zwar um ſo weniger, als er bald erfahren würde, daß es mir nur durch eure edelmüthige und freigebige Unterſtützung möglich geworden iſt, gegen ihn in die Schran⸗ ken zu treten. Habt Ihr nicht alle eure Diamanten verkauft und Euch aller Beſitzthümer, über die Ihr verfügen konntet, entäußert um dieſe Schifſe zu miethen, Waffen zu kaufen und die zu meiner Expedition nöthigen Leute zu bezahlen? Seht, Henriette, ſelbſt wenn das Glück meine Bemühungen begün⸗ ſtigte und mir eine Krone auf die Stirn drückte, ſo würde ich immer noch nicht im Stande ſeyn, Euch die Schuld der Dankbarkeit zu bezahlen, die ich gegen Euch uͤbernommen.* „O wenn Ihr König ſeyn werdet, Sire,« antwortete die junge Dame mit heiterem Lächeln,„dann werdet Ihr von dem Vorrecht Gebrauch machen, welches die Königswürde gibt. Ihr werdet dem Beiſpiel eurer Vorgänger folgen, Ihr werdet undankbar ſeyn— „Wenn ich König ſeyn werde!« wiederholte der Herzog langſam,„»o Henriette— ich liebe Euch mit ſo reiner Liebe, eure Seele iſt jetzt ſo ſehr ein Theil der meinigen, daß ich eine unwürdige Handlung zu begehen glauben würde, wenn ich Euch einen einzigen meiner Gedanken verſchwiege. Wohlan, Henriette, ich muß Euch geſtehen, ich gäbe die Hälfte meines Lebens darum, wenn ich mich nicht mit dieſem thörichten und furchtbaren Unternehmen befaßt hätte. O ſehet in dieſer Reue nicht einen Beweis von Schwäche! Goit iſt mein Zeuge, rete von urde Ihr roog ebe, eine ich lan, ines und ieſer uge, 7 daß, wenn er in ſeiner unendlichen Güte mir nicht Euch in den Weg geführt hätte, ich heute von Feuer, Ungeſtüm, Un⸗ geduld und Muth erfüllt ſeyn würde. Aber—« „Redet aus, Herzog,— ich verſtehe Euch nicht.“ „Aber,« fuhr Monmouth fort,»das Glück, welches ich Euch verdanke— und ich ſpreche von einem Glück wie noch nie ein Menſch ein gleiches erfahren— hat mich das Nichts und die Eitelkeit der menſchlichen Größe einſehen gelehrt. Nur für Euch allein leben, Henriette, das iſt der einzige Wunſch meines Herzens. Wenn ich König ſeyn werde, ſagtet Ihr ſo eben. Wohlan, vorausgeſetzt daß die Wechſelfälle dieſes Bürgerkrieges meinen Degen in einen Scepter verwandeln, welchen Vortheil würde ich davon haben? Würde ich Euch öͤfter ſehen? Würdet Ihr mich mehr lieben? Nein, nein, im Gegentheile. Umgeben von Schmeichlern, in Anſpruch genom⸗ men durch die Leitung der Angelegenheiten dieſes Königreichs, würde ich mir ſelbſt nicht mehr gehören. Ich würde unſeren langen Plauderſtunden entſagen müſſen, jenen wonnigen, himmliſchen Stunden, wo wir ohne mit dem Munde zu ſpre⸗ chen neben einander ſitzend, unſere Hände in einander ruhen laſſend, den Träumen unſerer Seelen nachhängen. Ich würde jener wonnigen Gemüthsruhe entſagen müſſen, welche mir mein Ueberdruß und meine Verachtung der Welt gibt! Noch iſt es Zeit, Henriette; geben wir unſere ehrgeizigen Pläne auf— „Denkt Ihr wirklich daran, James?« rief die junge Dame, indem ſie ihren Geliebten unterbrach.»Jetzt zurück⸗ treten hieße Euch auf immer entehren.“ »Was liegt mir an hohen Ehren,« entgegnete Mon⸗ mouth kalt,„dafern mir nureure Liebe bleibt!— Und dann, Henriette, übertreibt Ihr auch die Tragweite unſeres Rückzu⸗ 8 ges. Ein General wird nicht für einen Feigling erklärt, weil er einen Contremarſch macht, anſtatt ſich tollkühn dem Feinde entgegenzuſtürzen. Wenn wir jetzt nach Holland zurückſegeln, ſo geben wir nicht ein Schlachtfeld auf— wir fliehen nicht vor einer Armee. Die Mitwirkung, auf welche wir rechne⸗ ten und die für das Gelingen unſerer Schilderhebung unum⸗ gänglich nöthig war, iſt ausgeblieben und wir verſchieben da⸗ her die Ausführung unſeres Planes auf eine ſpätere Zeit.— Das iſt Alles. Niemand wird meine Handlungsweiſe tadeln.“ So wie Monmouth ſprach, bedeckte immer größere Bläſſe Henriettens Wangen. Ihr ſtürmiſch wogender Buſen, ihr gepreßter Athem, der Ausdruck von ängſtlicher Spannung, der auf ihrem reizenden Antlitz lag, alles dies verrieth deutlich die Gemüthsbewegung, deren Beute ſie war. „»O, mein geliebter Herzog,« hob ſie nach kurzem Schweigen an,»eure Unſchlüſſigkeit entzückt mich und ſoltert gleichzeitig mein Herz. Wenn Ihr, der Ihr Ruhm und Kampf ſo hoch ſtellt, der Hoffnung auf einen Thron entſaget und bei der Ausſicht auf einen Sieg kalt und gleichgiltig bleibt, dann müßt Ihr mich in der That lieben, wie noch nie ein Mann auf Erden geliebt hat!« »Aber das iſt— wenigſtens möchte ich es nicht glau⸗ ben— doch nichts Neues für Euch—« »Nein, nein, James— ich glaube an die Unermeß⸗ lichkeit eurer Liebe. Aber mit Verzweiflung erfüllt mich der Gedanke, daß dieſe Liebe eure Seele weich macht anſtatt ſie zu erheben— unterbrecht mich nicht, lieber Herzog, denn ich weiß nicht, ob ich ſpäter die Kraft haben werde, das zu ſa⸗ gen, was ich hinzufügen will. James, die grenzenloſe An⸗ hänglichkeit, welche ich für Euch empfinde, iſt nicht ein ge⸗ meines Gefühl— ſie verblendet mich nicht in Bezug auf eure 9 Eigenſchaften. Ich ſehe Euch und ich liebe Euch mit euren Unvollkommenheiten, euren Mängeln. Nun will ich Euch nicht verhehlen, James, daß in Euch eine Schwäche, eine Trägheit, wenn Ihr es ſo lieber nennen wollt, liegt, welche eure glänzenden Eigenſchaften verdunkelt und eurem Ruhme ſchadet. Jetzt, wo Ihr jung ſeyd, machen der unwiderſteh⸗ liche Zauber eurer Perſon, die Lebhaftigkeit eures Geiſtes, die Diſtinction eurer Manieren Euch bei aller Welt geſucht und geliebt. Man bewundert Euch nicht blos wegen deſſen, was Ihr ſeyd, ſondern ganz beſonders wegen deſſen, was Ihr zu wer⸗ den verſprecht— man erwartetgroße Dingevon Euch. Wohlan, James, ich will nicht, daß Ihr dieſe allgemeine Erwartung täuſcht, daß Ihr hinter dem Rufe zurückbleibt, den man Euch im Voraus zugeſteht. Endlich, James, vergeßt auch nicht, daß der Tod Carls des Zweiten, eures Vaters, Euch um euer ganzes Vermögen gebracht und keinerlei pecuniäre Hilfsmittel übrig gelaſſen hat. Ich, die ich Euch ſo genau kenne, als ob eure Gedanken zuerſt in meinem Gehirn entſtän⸗ den, ich kenne eure gründliche Gleichgiltigkeit gegen den Reich⸗ thum vollkommen. Mit dem Haupt auf dem Blocke und be⸗ reit, vor Gott zu erſcheinen, würde ich als Märthrin der Wahrheit euer ſo leicht verwundbares Zartgefühl eure ſo ſel⸗ tene Uneigennützigkeit laut verkünden. Aber leider, James, ſeyd Ihr von Feinden umringt, die nach eurem Untergang trachten und Ihr wißt noch nicht wie leicht das Volk irre zu leiten iſt. Ich wage nicht, die Verleumdungen zu vermu⸗ then, die man erfinden wird, um Euch zu ſchaden.«*) *) In der That ſchrieb Don Pedro de Ronquillo, ſpaniſcher Geſandter am engliſchen Hofe, zu derſelben Zeit indem er von der Verbindung des Herzogs von Monmouth mit Lady Henriette Wentwokih ſprach:»Er iſt gegenwärtig ſo von 10 Bei dieſen letzten Worten, welche Lady Wentworth auf beinahe unverſtändliche Weiſe ſprach, bedeckte eine lebhafte Röthe Monmouth's Stirn. Er wollte das Wort ergreifen, aber die junge Dame wehrte es ihm mit würdevoller Geberde. »Seht, James,« fuhr ſie mit bezauberndem Lächeln fort,»jetzt ſchon ſteht Ihr im Begriffe, Euch bei mir gegen eine ſo abgeſchmackte und beleidigende Vorausſetzung zu ver⸗ theidigen, daß ſie nicht einmal euer Mitleid verdient.— Wie würde es aber erſt ſeyn, wenn Ihr anſtatt der freundſchaft⸗ lichen und ergebenen Stimme, welche in eurer Gegenwart mehr denkt als ſpricht, jene gewaltige Stimme des Volkes hörtet, deſſen Brüllen ein Königreich erfüllt! Mein Geliebter, Ihr ſeyd von menſchlichen Leidenſchaften, von irdiſchen In⸗ tereſſen nicht ſo frei, als Ihr zu ſeyn glaubt. Es liegt in Euch zu viel Edelſinn, zu viel Feuer zu viel Tugend, als daß euer Herz für einen ſchönen Ehrgeiz unempfindlich bleiben könnte. Noch ein letztes Wort, James. Ich wäre außer mir, wenn Ihr glaubtet, daß die Lauheit eurer Liebe mir allein die Kraft gäbe, eine ſolche Sprache gegen Euch zu führen. Ha! Ihr werdet niemals den Muth erfahren, den ich in die⸗ ſem Augenblicke aufbieten muß, um mich nicht für eure Ideen zu erklären, um nicht vor Euch auf die Knie niederzuſinken und zu ſtammeln:»James, unſere Liebe bietet uns Erſatz für Alles— kommt, laßt uns fliehen— verlaſſen wir die Welt auf immer— genießen wir in Frieden, ohne uns der Ver⸗ gangenheit zu erinnern, ohne an die Zukunft zu denken, das Glück, welches der Himmel uns gewährt.« „Henriette!« rief Monmouth, indem er den ſchlanken, zuckenden Körper ſeiner edlen Geliehen mit Entzücken an ſeine *. Mitteln entblößt, daß er nt dieſer Dame hat ein Ver⸗ hältniß anknüpfen müſſen, aur leben zu können.« . 7 * — ——— 11 Bruſt drückte,„Henriette, verzeihe einen Augenblick der Schwäche, denn dieſe Schwäche hatte ihren Grund nur in einem Uebermaße von Liebe! Ja, Henriette, Du haſt Recht — jetzt zurücktreten, hieße mich entehren, es hieße den nichts⸗ würdigen Verleumdungen, welche die Legitimität meiner Ge⸗ burt, die Heiligkeit meiner Liebe in Zweifel ziehen, einen Schein von Grund geben. Höre Du mich nun meinerſeits an, Freun⸗ din. Wenn Dir daran liegt, daß ich während des Kampfes königlich tapfer ſey, daß weder Täuſchung, noch Verrath, noch ſelbſt Niederlage eine Wolke auf meiner Stirn hervor⸗ rufen; wenn Dir daran liegt, daß ich auf der Höhe des Glü⸗ ckes wie des Unglücks bleibe daß mein Name, welches mein Schickſal auch ſeyn möge, für immer in der Geſchichte ſtrahle, dann, Henriette, mußt Du mir ein letztes Opfer bringen, das größte von allen—« „»Sprich, ſprich, Monmouth.« 1»„Ich verlange, Henriette, daß Du von heute an auf⸗ hörſt, meine Gefahren zu theilen, dein Schickſal an das meine zu feſſeln! O weine nicht ſo— ohne Zweifel habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Ich will nicht etwa, Henriette, daß Du am Tage meines Triumphes oder meiner Niederlage fern ſeyeſt von meinem Throne oder von meinem Schaffot— nein! nein! ſondern blos daß Du während des Kampfes fern bleibſt. Wenn das Schickſal geſprochen hat, wenn man mich den Betrieger oder König Monmouth nennen wird, dann, aber erſt dann werde ich Dich wieder ſehen. Du wirſt mich lehren, wie man ſtirbt oder wie man herrſcht. Ich weiß wohl, Henriette, und ich ſage es nochmals, daß ich da ein unermeßliches Opfer von Dir verlange, aber bedenke die furcht⸗ bare Unruhe, welche mir deine Gegenwart inmitten der Ge⸗ fahr verurſachen würde! Unabläſſig mit der Sorge für deine 2 * 12 Sicherheit beſchäftigt, nur an die Gefahren denkend, welche Dir drohen könnten, würde ich unfähig werden, mich mit den ernſten Intereſſen zu beſchäftigen, welche in meinen Händen ruhen. Ich wäre, Gott verzeihe es mir, im Stande, die Schlacht zu verweigern, vor dem Feinde zu fliehen, wenn ich eine Niederlage für möglich hielte, denn es würde ſich für mich nicht blos darum handeln, meinen Kopf und meine Krone zu verlieren, ſondern es würde ſich auch darum han⸗ deln Dich zu verlieren, Dich, die Seele meines Lebens. Des⸗ halb, Henriette, wirſt Du nach Holland zurückkehren und da⸗ ſelbſt bleiben, bis das Los der Waffen einen Monarchen oder einen Abenteurer aus mir macht. Wenn Du meine ge⸗ rechte Bitte zurückweiſeſt, Henriette, dann ſteht mein Entſchluß unwiderruflich feſt. Binnen einer Stunde kehrt der Helderen⸗ bergh nach Amſterdam zurück und ich mit ihm.« Es war an dem Mienenſpiel der jungen, reizenden Dame deutlich zu ſehen, daß ein heftiger Kampf in ihrem Herzen ſtattfand. Monmouth, der vor ihr kniete, betrachtete ſie mit leidenſchaftlicher Bewunderung. »Nun, Henriette?« murmelte er nach ziemlich langem Schweigen. Lady Wentworth wollte antworten, als ſie auf ein leichtes Klopfen draußen an der Thüre des Conferenzzimmers den Herzog ſanft aufhob und in einem Tone, in welchem ſich zugleich Wonne und Schmerz ausſprachen, ſagte: „Ich werde gehorchen, James, ich werde, gehorchen, aber vergiß nicht, daß, wenn die Wechſelfälle des Krieges dem guten Rechte untreu werden, wenn Du deinem Muthe zum Opfer fallen ſollteſt, ich dich dann nicht überleben, ſondern Dir ins Grab nachfolgen werde!« 4 44 17 8. 2 8 13 Der Herzog drückte ſeine Geliebte abermals ans Herz⸗ bezwang ſich dann mit gewaltiger Anſtrengung, um ſeinen gewohnten kaltblütigen Ton wieder annehmen zu können, und rief:»Herein.“ Sofort öffnete ſich die Thür und ein eigenthümliches Individuum trat in das Conferenzzimmer. Das, was gleich von vornherein die Aufmerkſamkeit auf den neuen Ankömmling lenkte, war die außerordentliche Magerkeit ſeines Körpers und die unverhältnißmäßige Länge ſeines Wuchſes. Er glich. ſo zu ſagen, einer Schlange, die ſich auf wunderbare Weiſe aufrecht und im Gleichgewicht erhielt. Dieſer Vergleich drängte ſich dem Beobachter um ſo mehr auf, als der flache Kopf, die niedrige Stirn, der gelbe und gallſüchtige Teint, die kleinen durchbohrenden Augen und der magere Hals des Mannes eine auffallende Aehnlichkeit der Geſtaltung mit dem obern Theile einer Natter hatte. Sein Geſicht war, wie wir bereits geſagt, gelb und gall⸗ ſüchtig, mit Puſteln bedeckt und verſchwand zum Theil unter einer ungeheuern Perrücke von fahler Farbe. Seine Schul⸗ tern waren abgerundet und ſein ringförmiger, ſchleppender, dem der Hyäne gleichender Schritt, näherte ihn unmerklich dem Ziele, welches er erreichen wollte. Dieſer Mann war der Schotte Ferguſſon, der geheime Agent Jacobs II., jener Elende, den Dryden in ſeiner be⸗ rühmten Sathre unter den Zügen des Judas geſchil⸗ dert hat. Er neigte ſich tief vor dem Herzog von Monmouth, rich⸗ tete einen demüthigen Gruß an die junge Lady Wentworth und ergriff das Wort, ohne zu warten, bis man ihn fragte. „Gnädlgſter Herr,“« ſagte er,»alles iſt zur Ausſchiffung bereit und man erwartet blos die Befehle Ew. Hoheit.«⸗ 14 „Sehr gut. Und wie ſteht es mit Thomas Dare? Haſt Du von ihm gehört?« „Mehr noch als dies, gnädigſter Herr! Er iſt wieder da. In der Nacht ans Land geſetzt, hat er heute Morgens wieder an Bord kommen können. Er bringt uns die beſten Nachrichten.« „Wer iſt dieſer Thomas Dare, lieber Herzog?« fragte Lady Wentworth, welche, als ſie Ferguſon erblickte, ein ge⸗ wiſſes inſtinctartiges Gefühl von Widerwillen nicht unter⸗ drücken konnte. „Thomas Dare, theure Lady, iſt ein ehemaliger An⸗ führer der Miliz von Taunton. Obſchon gewaltthätig, roh und ohne alle Bildung hat er in dieſer Stadt ſelbſt während ſeiner Verbannung einen ſehr großen Einfluß bewahrt und er kann uns ſehr nützlich ſeyn. Und worin, lieber Ferguſſon, be⸗ ſtehen die Nachrichten, welche Thomas Dare gebracht hat?« „Sie ſind, wie ich nochmals verſichere, gnädigſter Herr, vortrefflich. Die Perſonen— und es befinden ſich ſehr an⸗ geſehene darunter— welchen Thomas eure Ankunft anver⸗ traut hat, haben alle einen außerordentlichen Enthuſiasmus gezeigt und geſchworen, für den Triumph eurer Sache ihren letzten Schilling und ihren letzten Blutstropfen zu opfern. Nach den Erkundigungen, welche er eingezogen, zweifelt er keinen Augenblick, daß, ſobald als Ew. königliche Hoheit ge⸗ ruhen wird, den Fuß ans Land zu ſetzen, der ganze Adel der Grafſchaft ſich in Maſſe erheben und Euch entgegenkommen werde. Vor allen Dingen, gnädigſter Herr,« fuhr der Schotte fort, während Lady Wentworth und der Herzog einen be⸗ redten, von Hoffnung erfüllten Blick wechſelten,„vor allen Dingen, gnädigſter Herr, wünſchte ich das Manifeſt, welches 15 unmittelbar, nachdem die Landung ſtattgefunden haben wird, veröffentlicht werden ſoll, Ew. königlichen Hoheit zur Geneh⸗ migung und Unterſchrift vorzulegen.« „Ah, dieſes Manifeſt, nach welchem ich Euch ſchon ſo lange vergebens gefragt habe, Ferguſſon?« „»Ja, gnädigſter Herr, und zu deſſen Abfaſſung ich blos deshalb ſo lange Zeit gebraucht habe, weil ich wünſchte, daß es möglichſt vollkommen ſeyn möchte. Uebrigens iſt Ew. kö⸗ nigliche Hoheit mehr der Verfaſſer desſelben als euer unter⸗ thänigſter Diener, denn ich habe eigentlich nur die Worte ge⸗ ſammelt, welche Ew. Hoheit ſelbſt geſprochen. Ein Ruf zu den Waffen an Alle, welche das Gedeihen und die Größe Eng⸗ lands, die Freiheit des Gewiſſens, den Triumph der prote⸗ ſtantiſchen Religion, die Herrſchaft der Gerechtigkeit und die Achtung vor dem Geſetze wollen.“ „Leſt dieſes Manifeſt einmal vor, Ferguſſon.“ „Sehr gern, gnädigſter Herr,« antwortete der Spion, indem er mit vollkommen gut geſpieltem Eifer einen großen Bogen Papier auseinanderſchlug, den er in der Hand hielt. „Ihr erlaubt, Henriette,« ſagte der Herzog, welcher auf ein huldreiches Zeichen der Zuſtmmung von der jungen Dame Ferguſſon aufforderte, Platz zu nehmen und ſich an⸗ ſchickte, ihn zu hören. „Gnädigſter Herr.« ſagte der Schotte, indem er das Mannſcript offen in der Hand hielt,„ich wäre untröſtlich, wenn dieſes Manifeſt nicht die Sanction Eurer Hoheit er⸗ hielte, denn Eure beſten Freunde, das heißt Grey, Fletcher, Anthony, Buyſe und Wade, welche Kenntniß davon genom⸗ men haben, ſind davon ganz begeiſtert. Sie finden die Form und den Inhalt vollkommen— übrigens lautet es folgender⸗ maßen.« 16 Ferguſſon machte unter dem Vorwand ſich zu ſammeln, in der That aber um Zeit zu gewinnen, eine kleine Pauſe. Ein faſt unbemerkbares Zittern der Augenlieder, ein eben ſo flüchtiger Asdruck von Unruhe, der wie ein Blitz aus ſeinen kleinen Augen zuckte, waren die einzigen Zeichen von Gemüths⸗ bewegung, welche ſeine Verlegenheit verriethen— Zeichen, welche Monmouth in ſeinem Vertrauen nicht bemerkte. Plötzlich zeigte ſich ein flüchtiges Lächeln der Freude auf dem Geſichte des Spions. Ein furchtbares durch die auf dem Verdeck verſammelten Inſurgenten ausgebrachtes Hurrah hallte durch die Lüfte. „»Es lebe der Befreier Monmouth! Es lebe die Hoch⸗ kirche!« riefen ſie mit Begeiſterung. »Herzog,“ rief Forguſſon lebhaft,„Euer königliche Ho⸗ heit erlaube mir, Euch einen Rath zu geben.« »Welchen Rath, Ferguſſon?⸗ »Den, dieſen Eifer und dieſe Begeiſterung eurer Anhän⸗ ger ſich nicht in nutzloſen Ausbrüchen verzehren zu laſſen. Die Ausſchiffung noch länger verſchieben, hieße die Entmu⸗ thigung in die Reihen eurer Freunde tragen.« »Ja, Sire, Ferguſſon hat Recht,“« beeilte ſich Lady Hen⸗ riette hinzuzufügen, denn ſie fürchtete das Zögern ihres Ge⸗ liebten und es lag ihr daran, ihn auf eine Weiſe zu compro⸗ mittiren, die es ihm nicht mehr möglich machte, zurückzutreten. Monmouth ſchwieg einen Augenblick lang und dachte nach. Es war augenſcheinlich, daß in dem Augenblick, wo er dem König Jacob dem Zweiten den Fehdehandſchuh in'’s Ge⸗ ſicht warf, alle Gefahren und Schwierigkeiten, von welchen ſein verwegenes Unternehmen ſtarrte, ſich in Maſſe ſeinem Geiſt aufdrängen und ihn mit Unruhe und Unentſchiedenheit erfüllten. de ko⸗ ern me wo »Nun, lieber Herzog?« fragte Henriette ungeduldig. »Wohlan! Der Würfel iſt gefallen! Ich gehorche.⸗ »Gehorchen, Sire? Dieſes Wort!« »Gibt den Zuſtand meines Gemüthes vollkommen wie⸗ der! Genug, Henriette— genug— ich beſchwöre Euch, kommt nicht wieder auf dieſen traurigen und feierlichen Gegen⸗ ſtand zurück. Wir haben ihn ſo eben vollſtändig erſchöpft.⸗ »Sire,« ſagte Ferguſſon,„das Rufen wird immer lau⸗ ter, der Enthuſiasmus unſerer Freunde hat ſeinen Gipfelpunkt erreicht.— Darf ich Befehl geben, daß man die Boote aus⸗ ſetze?« »Ja, thut das, mein lieber Ferguſſon.“ Der Schotte entfernte ſich in aller Eile, kehrte aber, als ob er ſich plötzlich anders beſänne, noch einmal zu dem Her⸗ zog zurück und legte ihm ſein Manifeſt vor. »Ach, gnädigſter Herr, beinahe hätte ich vergeſſen— eure Unterſchrift.« Monmouth ergriff aufgeregt und zerſtreut eine Feder und ſchrieb immer noch ſtehend ſeinen Namen unter die Procla⸗ mation. Ferguſſon ergriff begierig das Papier und entfloh ſo zu ſagen aus dem Conferenzzimmer. Eine halbe Stunde ſpäter ſtieg Monmouth, nachdem er von Lady Henriette Abſchied genommen, in das größte der be⸗ waffneten Boote, zeigte mit kummervoll ſchwerem Herzen, aber lächelndem Geſicht ſeinen Anhängern und Genoſſen die Küſte Englands und ſagte zu ihnen: »Dort, meine treuen, tapfern Freunde, werden wir zu ſiegen oder zu ſterben wiſſen.« Der Tiger von Tanger. IV. II. Die beiden Verräther. Als die ſieben bewaffneten Boote an die Spitze des Cob anſtießen, eilten die auf dem Hafendamme verſammelten Fi⸗ ſcher ihnen entgegen, denn die Neugier war in ihnen mächtiger als Furcht. 3 Monmouth war der Erſte, welcher den Fuß ans Land ſetzte. Nach ihm kamen Ferguſſon, dann Lord Grey, Wade, Fletcher. Die andern Verſchworenen ſtiegen in gedrängter Maſſe und durch einander aus den Booten. „»Meine Freunde,“« rief der Herzog, indem er durch einen Wink Schweigen gebot, daß ſeine Worte von Allen gehöͤrt werden möchten,„meine Freunde, danken wir dem Höchſten, der uns wohlbehalten und unverſehrt durch ſo viele Gefahren hindurch auf den Boden unſeres theuren Vaterlandes geführt hat. Das Wunder, welches uns den zahlreichen Kreuzern hat entrinnen laſſen, welche den Canal durchfurchen, iſt ein augen⸗ ſcheinliches und ſicheres Zeichen, daß Gott unſere heilige Sache beſchützt, daß er uns den Sieg verleihen wird.“ Nachdem Monmouth dies geſagt, kniete er nieder und ſprach mit entblößtem Haupte, die Stirn zur Erde neigend, ein kurzes und beredtes Gebet. Dann erhob er ſich wieder und zog den Degen. „Schmach über den Feigling, welcher zurückbleibt!« rief 1 er.„ tyrerr verläf lands eine e den F freiwi kräftis falſch ſiasm ſer Er des 3 empfä zog in Gefah bedeut deſſen, Triun Fraue Aller das L ne me ſich ein der M Cob 1 Fi⸗ htiger Land Vade, ngter einen gehört hſten, ahren führt n hat ugen⸗ Sache und d, ein r und « rief 19 er.„Ewige Ehre, ewiger Ruhm den Tapfern und den Mär⸗ tyrern, welche auf dem Schlachtfeld fallen werden.« „Und Fluch über den Verräther, welcher ſeine Fahne verläßt!« rief Ferguſſon mit lauter Stimme. »Es lebe der Herzog von Monmouth, der Befreier Eng⸗ lands!« riefen die Verſchworenen. Bei dem Namen des Herzogs von Monmouth durchlief eine elektriſche Bewegung die Gruppen der auf dem Cob ſtehen⸗ den Fiſcher und unmittelbar darauf erſcholl ein furchtbares freiwilliges Hurrah aus den biedern Herzen und umfangreichen kräftigen Lungen der Seeleute. Dieſe geräuſchvolle Demonſtration konnte unmöglich falſch gedeutet werden Sie verrieth einen fanatiſchen Enthu⸗ ſiasmus, eine unerſchütterliche, unwandelbare Hingebung. Die⸗ ſer Empfang rief auf dem Geſicht des geliebten Sohnes Carls des Zweiten ein ſtrahlendes Lächeln der Freude hervor. Leicht empfänglich und im höchſten Grade abergläubig, ſah der Her⸗ zog in dieſem Empfang nicht blos eine glücklich abgewendete Gefahr, ſondern auch vor allen Dingen eine glückliche Vor⸗ bedeutung. Von dem Cob bis zur Stadt Lyme war der Marſch deſſen, welcher ſich den Befreier Englands nannte, ein wahrer Triumphzug. Die Männer warfen ſich vor ihm nieder und die Frauen drängten ſich herbei, um nur ſeine Kleider anzurühren. Als der Zug auf dem Marktplatze ankam, lenkten ſich Aller Blicke nach dem Rathhauſe, wo ſchon eine blaue Fahne, das Banner des Präſidenten, wehte. Die Behörden von Ly⸗ me machten offen die Sache der Empörung zu der ihrigen. Monmouth war ſo eben in das Rathhaus eingetreten, um ſich einen Augenblick dem für ihn ermüdenden Enthuſiasmus der Menge zu entziehen, als ein Trommelwirbel unter einem * 20 der Fenſter des Saales, in welchem er ſich befand, ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog. »Was iſt das, lieber Lord?« fragte Grey. »Ich weiß es nicht, gnädigſter Herr.« »Nun ſo hören wir, Mylord.« Kaum hatte der Prinz dieſe Worte ausgeſprochen, als eine näſelnde Stimme das Schweigen unterbrach welches auf dem Platze herrſchte. Bei den erſten Worten, die an das Ohr des Herzogs ſchlugen, uberzog eine lebhafte Röthe ſein Geſicht und Zorn und Entrüſtung funkelten in ſeinem großen blauen Auge. „Verrath!« murmelte er, indem er ſich nach Lord Grey herumdrehte.»Man verhafte dieſen Menſchen, Mylord, oder es iſt um unſere Sache geſchehen— ſie iſt verloren—« Lord Grey wollte antworten, aber ein bedeutendes Bravogeſchrei zwang ihn, zu warten. Die Menge ſchrie wü⸗ thenden Beifall dem, was die näſelnde Stimme ſagte. »Sie hören, gnädigſter Herr.« „O das Volk!— das Volk!— wer kann jemals wa⸗ gen, ſich zu rühmen, es genau zu kennen?« fuhr der Herzog ſeufzend fort.»Doch gleichviel. Dieſes plumpe und nichtswür⸗ dige Manifeſt darf um keinen Preis über den Umkreis von Lyme hinauskommen. Wenn ein einziges Exemplar dieſes Pas⸗ quills in die Hände eines der Anhänger der Stuarts fiele, wenn ein einziges Exemplar nach London gelangte, dann bliebe uns weiter nichts übrig, als uns wieder nach Holland einzu⸗ ſchiffen. Welcher Mann von Geburt und Herz würde wagen, ſich unter unſere Fahne zu ſtellen, wenn ſie die Worte Ver⸗ leumdung und Meuchelmord als Wahlſpruch führt? Ich bitte Euch daher, Mylord, geht und holt mir ſo ſchnell als mög⸗ lich Ferguſſon her. Seine Abſichten ſind vortrefflich, aber das Feue den gen ment habe Mar des ſchri man zug halt Feu⸗ den verſt und ten Kön eine tor der gen Pro ſofo grei ſen kon mo „als delches n das e ſein großen s wa⸗ Herzog tswür⸗ is von 3 Pas⸗ 3 fiele, bliebe einzu⸗ vagen, e Ver⸗ h bitte 8 mög⸗ der das 21 Feuer ſeines Eifers, das Uebermaß ſeiner Hingebung verblen⸗ den ihn zuweilen und laſſen ihn in gefährliche Uebertreibun⸗ gen verfallen. Wie ſehr bereue ich jetzt, daß ich dieſes Docu⸗ ment unterzeichnete, ohne erſt Kenntniß davon genommen zu haben!« In der That war das, was Ferguſſon vorlas, das Manifeſt, welches wir den hinterliſtigen Schotten am Bord des Helderenbergh dem Herzog von Monmouth zur Unter⸗ ſchrift haben vorlegen ſehen. Dieſes Pasquill— denn einen andern Namen kann man dieſem hiſtoriſchen Actenſtück nicht geben— war in Be⸗ zug auf die Form eben ſo unedel, als in Bezug auf den In⸗ halt. Man las darin, der Herzog von York habe die große Feuersbrunſt in London angeſtiſtet, er habe mit eigenen Hän⸗ den Godfroy erwürgt, Eſſex muthwillig gemordet und den verſtorbenen König vergiftet. Wegen dieſer ungeheuerlichen und nichtswürdigen Verbrechen, beſonders aber um der letz⸗ ten Schandthat willen, ward der entſetzliche und grauſame Königs⸗ und Brudermörder Jacob für einen öffentlichen Feind, einen blutdürſtigen Tyrannen, Meuchelmörder und Uſurpa⸗ tor erklärt und dem zufolge die Acht über ihn ausgeſprochen. Die Beliebtheit des Herzogs von Monmouth mußte in der That eben ſo groß ſeyn, als der Haß, den die Nation ge⸗ gen den König hegte, tief und allgemein war, daß eine ſolche Proclamation der Partei des Herzogs von Monmouth nicht ſofort den Todesſtreich verſetzte. Es iſt heutzutage kaum be⸗ greiflich, wie Ferguſſon’'s verworfenes Machwerk auf die Maſ⸗ ſen einen ſo. ungeheuern und günſtigen Eindruck hervorhringen konnte. Dabei darf indeß nicht unbemerkt bleiben, daß Mon⸗ mouth in den Augen des Volkes immer der„»gute Herzog« war, der proteſtantiſche Herzog, der Verwaiſte, dem man ſeinen Thron geſtohlen, der Vertheidiger der Freiheiten Englands. Noch war ſeit dem Weggange Lord Grey's keine Viertel⸗ ſtunde verfloſſen, als er in den Saal des Rathhauſes zurück⸗ kehrte. Neben ihm ſchritt Ferguſſon. Die Veränderung, welche ſeit der Landung mit der Perſon des Spions vorgegangen war, machte ihn faſt unkenntlich. Er war nicht mehr der Mann mit dem ſchleichenden Gange, dem ſcheuen, unruhigen Blick und der ſo zu ſagen kriechenden Geberde, welchen der Leſer am Bord des Helderenbergh geſehen. Den Kopf über⸗ müthig zurückwerfend, mit ſtolz funkelndem Auge und kühner Miene geberdete Ferguſſon ſich wie ein Held und Sieger. Un⸗ erklärliches Räthſel des menſchlichen Herzens! Der Elende vergaß, berauſcht durch die erſten Erfolge des Unternehmens, welches er zu verrathen und zu Grunde zu richten ſich anhei⸗ ſchig gemacht, einen Augenblick lang ſeine verworfene Rolle und bildete ſich ein, beinahe einen König gemacht zu haben. Mit ruhiger beſonnener Miene näherte er ſich daher dem Her⸗ zog und ergriff mit feſter Stimme zuerſt das Wort: „Mylord Grey theilt mir mit, gnädigſter Herr, daß Eure Hoheit Allerlei gegen das Manifeſt zu erinnern findet, welches ich in eurem Namen veröffentlicht habe. Ew. Hoheit möge mir erlauben, daßich, abgeſehen von meiner Eigenliebe als Verfaſſer, eure Meinung nicht theile. Ich erkläre vielmehr, ich, Ferguſſon, der ehemalige Diener des Herrn, das ehemalige Haupt des College von Islington, der ehemalige berühmte Predi⸗ ger von Moorfields, der Theolog, deſſen Werke die Leuchte der Hochkirche ſind und ihren Ruhm ausmachen, ich endlich, Robert Ferguſſon, der von der ganzen Welt gekannte Patriot, der von ſeinen Freunden geliebteſte und von ſeinen Feinden gefürchtetſte Politiker— ich erkläre, daß dieſes Manifeſt, vom n man 1 glands. Viertel⸗ zurück⸗ welche gangen ihr der ruhigen hen der f über⸗ kühner er. Un⸗ Elende hmens, anhei⸗ e Rolle haben. m Her⸗ r, daß findet, Hoheit jebe als hr, ich, Haupt Predi⸗ Leuchte ndlich, atriot, feinden t, vom 23 praktiſchen Geſichtspunkte aus betrachtet, nicht mehr und nicht weniger als ein Meiſterwerk iſt. Wollte man auf andere Weiſe zu dem Volke ſprechen, ſo hieße dies ihm jedes Vertrauen zu unſerer Energie entziehen und dem Argwohn Thor und Thür öffnen. Jetzt iſt es nicht mehr erlaubt, die Reinheit und Fe⸗ ſtigkeit unſerer Abſichten in Zweifel zu ziehen. Der Backen⸗ ſtreich, den wir dem Uſurpator verſetzen, hat zwiſchen ihm und uns eine unüberſteigliche Schranke aufgerichtet. Eben ſo wie der berühmte Caſtilianer Ferdinand Cortez habt Ihr eure Schiffe verbrannt und Euch jeden Rückzug abgeſchnitten. Es bleibt Euch jetzt, wie Ihr vorhin ſelbſt verkündet, nichts weiter übrig als zu ſiegen oder zu ſterben.“« Der begeiſterte Ton, in welchem Ferguſſon dieſe Worte ſprach, ließ in Verbindung mit der Erinnerung an die ſo eben gehörten enthuſiaſtiſchen Acclamationen, womit das Vorleſen des Manifeſtes aufgenommen worden, Monmouth's Zorn wie auf einen Zauberſchlag ſchwinden. Das feurige, aber ſchwache Gemüth des Prätendenten ließ das Ereigniß der Gegenwart leicht auf ſich einwirken, und das Ereigniß gab in dieſem Au⸗ genblicke Ferguſſon Recht. „Treuer, ergebener Freund,« ſagte Monmouth, indem er Ferguſſon die Hand reichte,„ich fange allerdings an zu glauben, daß man, um dem rüſtigen Appetit des Volkes zu ge⸗ nügen, ihm etwas grobe Nahrungsmittel vorſetzen muß. Ich tadle euer Manifeſt nicht, dennoch aber wünſche ich, daß Ihr es unſern Parteigängern in London nicht eher zuſendet, als bis es die Sanction meiner anweſenden Freunde erhalten ha⸗ ben wird. Noch heute werden wir dieſen Gegenſtand be⸗ rathen.“ »Dieſe Mühe braucht ſich Ew. Hoheit nicht erſt zu ma⸗ chen,« ſagte Ferguſſon.„Das Manifeſt iſt bereits in London.“ 24 »Wie ſo, Ferguſſon?« »Wenn ich ſage in London, ſo übertreibe ich, gnädig⸗ ſter Herr— auf dem Wege nach London, ſollte ich vielmehr ſagen. Made hat dieſe Beſorgung übernommen und ſich des⸗ halb in der verwichenen Nacht an's Land ſetzen laſſen.« »Aber, Ferguſſon, dieſes Manifeſt hatte ja noch nicht meine Sanction erhalten. Deine Keckheit ſcheint mir ein we⸗ nig weit zu gehen.⸗ »Gnädigſter Herr,« rief der Verräther mit Nachdruck, »ein Unterthan, der mit Leib und Seele ſeinem König erge⸗ ben iſt— denn für mich ſeyd Ihr der einzige Souverain von England— darf, wenn es ſich um die Intereſſen ſeines Herrn handelt, ſich nicht durch die Furcht vor Ungnade zu⸗ rückhalten laſſen. Dafern euer Vorhaben nur gelingt, wovon ich feſt überzeugt bin— kommt mir wenig darauf an, ob ich geopfert werde. Der Herzog von Monmouth möge den Platz einnehmen, der ihm gebührt, und Ferguſſon wird es nicht ein⸗ fallen, ſich über die Undankbarkeit zu beklagen, womit man ſeinen Eifer, ſeine Bemühungen, ſeine grenzenloſe Hingebung belohnen wird, er wird die über ihn verhängte Ungnade mit Würde zu tragen wiſſen. »Ja, ja. Ferguſſon, ich weiß, daß Du mir vollkommen ergeben biſt,« ſagte Monmouth nach einer kurzen Pauſe,„ich weiß, daß ich auf Dich rechnen kann, wie auf mich ſelbſt; doch gleichviel; ein andermal thue einen ſo wichtigen Schritt nicht wieder, ohne mich zu Rathe zu ziehen. Es iſt dies nicht ein Befehl, ſondern vielmehr eine Bitte, welche ich an Dich richte.« Einige Stunden nach dieſer Unterredung bis zu Ein⸗ bruch der Nacht hatten ſich fünfzehnhundert Mann, das heißt beinahe die ſämmtlichen männlichen Bewohner von Lyme, in 25 die Armee des Herzogs aufnehmen laſſen. Ferguſſon hatte dreimal in der Kirche gepredigt und jedesmal hatte ſein hefti⸗ ges, leidenſchaftliches Wort den Enthuſiasmus ſeiner Zuhörer erweckt und Monmouth zahlreiche Kämpfer zugeführt. Der ermüdete Prediger begab ſich eben mit langſamen Schritten nach dem Hauſe zurück, welches er am Morgen auf ſo lange gemiethet, als ſein Aufenthalt in Lyme dauern würde, als ein leichter Schlag, den ihm Jemand auf die Schulter gab, ihn aus ſeinen Betrachtungen aufrüttelte und ihn bewog, auf ſeinem Wege ſtehen zu bleiben. Beim Schein der illuminirten Fenſter konnte Ferguſſon das Geſicht des Mannes ſehen, der ihn auf ſo ungenirte Weiſe zum Stehenbleiben bewog. Dieſes Geſicht war ihm vollſtändig unbekannt. »Was wünſcht Ihr, Sir?« fragte Ferguſſon in ſtolzem, ungeduldigem Tone. „Ich möchte gern einige Worte mit Euch ſprechen, be⸗ rühmter Vorkämpfer der guten Sache.⸗ »Ort und Zeit ſcheinen mir hierzu ſehr übel gewählt,« entgegnete der Schotte in ſchroffem Tone, denn es ſchien ihm, als läge in dem Ton des Unbekannten ein gewiſſer Ausdruck von Ironie und Spott. „Der Ort, das iſt möglich, von der Zeit aber kann es ſchwerlich gelten. Es iſt im Gegentheil dringend nothwendig, daß ich den ausführlichen Bericht über die heute ſtattgehabten Ereigniſſe unverzüglich nach London abſende und zugleich die andeute, welche ohne Zweifel morgen ſtatthaben werden. Nun aber iſt, ſo viel mir bekannt, Niemand mehr als Ihr im Stande, mich bei dieſer Arbeit zu unterſtützen. Ich habe zu eurer Einſicht das größte Vertrauen.« Bei dieſer von dem Unbekannten mit gebieteriſcher Iro⸗ nie gegebenen Antwort zuckte Ferguſſon zuſammen und heu⸗ chelte das größte Erſtaunen. „Ich verſtehe Euch nicht,« antwortete er, die Stimme ſenkend.»Seyd Ihr nicht recht bei Sinnen oder betrunken, Freund, daß Ihr auf dieſe Weiſe faſelt?« „Ich heiße Fitzgerald und bin auf Befehl unſeres vor⸗ trefflichen und gemeinſamen Freundes, des Oberrichters von King's Bench, Lord Jeffreys, an Euch geſendet.“ Ferguſſon erſchrak, als ob er einen elektriſchen Schlag bekommen hätte. Der Name Jeffreys rief ihn zum Bewußt⸗ ſeyn der Wirklichkeit zurück und zerſtreute den Rauſch ſeines Ehrgeizes augenblicklich. „Sprecht leiſer,« ſagte er,»ſprecht leiſer. Ihr waret mir allerdings angemeldet, ich erwartete Euch in Holland; warum ſeyd Ihr nicht nach Amſterdam gekommen? Aber Ihr antwortet mir ja nicht! Doch Ihr habt Recht. Wir werden ungeſtörter plaudern, wenn wir allein in einem wohlverſchloſ⸗ ſenen Zimmer beiſammen ſind. Folgt mir, indem Ihr Euch einige Schritte hinter mir haltet— man weiß nicht, was kommen kann und es wird gerathen ſeyn, wenn man uns nicht den Einen in des Andern Geſellſchaft ſieht.« „Gut,“ antwortete Fitzgerald,„ich werde thun wie Ihr ſagt. Geht voran; ich folge Euch.⸗ Fünf Minuten ſpäter waren die beiden Verräther wie⸗ der beiſammen. Ferguſſon ließ Fitzgerald in das innerſte Ge⸗ mach ſeiner Wohnung treten, ſchloß alle Thüren und erſuchte ihn dann, Platz zu nehmen. „Seyd kurz, lieber College,« ſagte er,„denn ich kann jeden Augenblick zu dem Herzog gerufen werden und es liegt mir, wie ich Euch nochmals ſage, ungeheuer viel daran, Alles dheu⸗ timme unken, 3 vor⸗ 's von Schlag wußt⸗ ſeines waret lland; r Ihr verden ſchloſ⸗ Euch was n uns e Ihr wie⸗ e Ge⸗ ſuchte kann liegt Alles 27 zu vermeiden, was geeignet wäre, auch nur einen Schatten von Verdacht an meiner Loyalität zu erwecken.« »Ich kann eure Vorſicht nur billigen, denn es handelt ſich in der That um euren Kopf.“ „Eben ſo wie um den euren, Freund Fitzgerald.“ „O was mich betrifft, ehrwürdiger Ferguſſon, ſo liegt mir ſehr wenig am Leben.« Dieſe Antwort ſchien auf den böſen Genius Monmouth's einen lebhaften Eindruck zu machen. Er erhob ſich oder er ſprang vielmehr von ſeinem Stuhle empor und ſtellte ſich zwi⸗ ſchen die Ausgangsthür und Fitzgerald. „Wißt Ihr auch etwas, lieber Freund?« ſagte er kalt⸗ blütig, indem er einen von Mißtrauen und Wildheit erfüllten Blick auf Fitzgerald heftete. „»Was dean, würdiger Ferguſſon?« „»Nichts Anderes, als daß, wenn Ihr des Lebens ſo überdrüſſig ſeyd, euer Wunſch nach Ruhe viel eher erhört werden kann, als Ihr vielleicht glaubt.« „»Meiner Treu, ich verſtehe Euch nicht.« „»Nehmt einen Augenblick lang an, Ihr hießet nicht Fitzgerald und wäret zufällig in den Beſitz eines furchtbaren Geheimniſſes gelangt und es fiele Euch ein, Nutzen davon zu ziehen— wißt Ihr, was dann geſchehen würde? Ich würde Euch eine Kugel durch den Kopf ſchießen.“ Indem Ferguſſon dies ſagte, zog er zwei lange Piſtolen, die in dem Gürtel ſtaken, an welchem ſein Degen hing, und ſtreckte ſie Fitzgerald entgegen. „Entſchuldigt, lieber Freund,« ſagte er,„aber, wie Ihr mir ſo eben ſehr richtig bemerklich machtet, es handelt ſich um meinen Kopf.— Nun werdet Ihr zugeben, daß ein ſolches Spiel meine ganze Aufmerkſamkeit verdient. Legt mir daher 51 28 ſofort die Beweiſe vor, durch welche eure Perſönlichkeit auf unwiderlegliche Weiſe feſtgeſtellt wird, oder ich ſchieße Euch nieder.« Trotz der drohenden Geberde Ferguſſon's blieb Fitzge⸗ rald vollkommen gelaſſen und gleichgiltig. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß Suſannens Bruder nichts am Leben lag, denn ſonſt hätte er— obſchon er die Gewißheit hatte, aus dieſer Gefahr unverſehrt hervorzugehen— gewiß nicht umhinge⸗ konnt, das unwillkürliche vorübergehende Gefühl von Furcht oder Ueberraſchung zu empfinden, welches der Inſtinct der Selbſterhaltung bei dem von einer Gefahr bedrohten Menſchen ſtets hervorruft. »Hier, mein kampfluſtiger und beredter Ferguſſon, iſt ein Brief von Lord Jeffreys ſelbſt,« antwortete er kaltblütig, indem er ein zuſammengefaltetes Blatt Papier aus ſeinem Wamſe zog. »Werft ihn mir her!« rief Ferguſſon. Fitzgerald gehorchte. Der ehemalige Prediger hob den Brief auf und beſah ihn mit der größten Aufmerkſamkeit, in⸗ dem er gleichzeitig verſtohlener Weiſe einige wachſame und argwöhniſche Blicke auf ſeinen Collegen warf. Nachdem Ferguſſon den Brief geleſen, hielt er ihn gegen das Licht und ſchien ein beſonderes geheimes Zeichen in dem Papier zu ſuchen. »Alles dies iſt vollkommen in Ordnung,« murmelte er, »und das Signalement dieſes Fitzgerald läßt nichts mehr zu wünſchen übrig— ich irrte mich.« Dann erhob er die Stimme und fuhr fort:„In der That, mein lieber Freund, empfanget meine Entſchuldigungen und erlaubet mir, Euch eine Bemerkung zu machen, nemlich die, daß man von Sin⸗ nen ſeyn muß, um ſolche Documente bei ſich zu tragen.« auf Euch ge⸗ gen⸗ denn dieſer nge⸗ urcht t der ſchen iſt ütig, inem — „Wie mir ſcheint, iſt es doch nicht ſo gar unſinnig, ehr⸗ würdiger Ferguſſon, denn wenn ich dieſe Documente nicht gehabt hätte, ſo hättet Ihr mich niedergeſchoſſen.“ „Na, was wollt Ihr damit ſagen? Daran wäret Ihr doch ebenfalls ſelbſt Schuld geweſen. Wie könnt Ihr mir ſagen, daß Ihr des Lebens überdrüſſig ſeyd? Leute von Ver⸗ ſtand wie Ihr und ich wiſſen ſich über die Vorurtheile zu er⸗ heben und werden des Lebens niemals überdrüſſig. Es gibt ſo viel Mittel, Gold zu verdienen, und das Gold verſchafft ſo viel Genüſſe—« »Ihr ſeyd ſehr zu beneiden, daß Ihr euer Glück in den Reichthum ſetzet,« ſagte Fitzgerald. „»Nun, Ihr arbeitet wohl um den Ruhm?« »Ach. ſchweigt doch mit dergleichen unnützen Reden!“ rief Suſannens Bruder nach kurzem Schweigen.»Es kann Euch wenig intereſſiren, zu wiſſen, worin die verſchiedenen Beweggründe beſtehen, welche uns beſtimmen, einen und den⸗ ſelben Weg zu verfolgen. Die Augenblicke ſind koſtbar, ver⸗ ſchwenden wir ſie nicht mit eitlen Worten. Die Hauptfrage, um welche es ſich handelt, iſt die: Auf welche Capacitäten zählt Monmouth? Worin beſteht ſein Feldzugsplan? Wer ſind die Dummköpfe, die ſich ſchon mit ſeiner Sache verbündet haben?« »Meiner Treu, mein lieber Mr. Fitzgerald,« antwortete Ferguſſon, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht,»Ihr thatet Unrecht daran, mir Schweigen außzuerlegen, als ich Euch ſo eben über eure Anſichten befragte. Die Verachtung, welche Ihr gegen den Reichthum an den Tag gelegt, hat eine eigenthümliche Wirkung auf mich hervorgebracht— ſie hat mir die Zunge gelähmt.« „Erklärt Euch deutlicher!« ſagte Suſannens Bruder. 30 „»Wenn das Gold keinen Reiz für Euch hat, ſo müßt Ihr nothwendig einen andern Beweggrund haben, denn nicht blos aus Liebe zur Intrigue oder aus Hingebung für ſein Vaterland entſchließt man ſich, eine ſo wenig ehrenvolle und dabei ſo gefährliche Rolle wie die eure zu ſpielen! Wer ſteht mir nun aber dafür, daß dieſer unbekannte Beweggrund nicht ein wüthender Fanatismus, eine unbedingte Hingebung an irgend eine hervorragende Perſönlichkeit iſt? Ich will Euch deshalb, wenn dem ſo ſeyn ſollte, nicht verſchweigen, daß ich durchaus nicht wünſche, mit Euch in nähere Verbindung zu treten. Die Fanatiker, mögen ſie ſeyn wer ſie wollen, haben einen harten Kopf, denn ſie beziehen Alles auf eine einzige Idee. Ihr könntet, ohne daß Ihr es wüßtet und ohne dabei eine böswillige Abſicht zu haben, mir bei Sr. Majeſtät Jacob dem Zweiten ſehr ſchaden und mich vielleicht auf immer com⸗ promittiren.« „»Dann ſeyd ohne Furcht, ehrwürdiger Ferguſſon,« rief Fitzgerald.»Ich ſollte mich einem der Großen der Erde wid⸗ men! Ich ſollte mich zum Trabanten eines dummen eitlen Menſchen machen, der mich ſchon allzuhoch zu ehren glauben wuürde, wenn er mich ſeinem ſchmutzigen Ehrgeize opferte! O nein, o nein! es iſt im Gegentheil Haß, und ich ſpreche von grimmigem, unverſoͤhnlichem Haß, den ich für die Gänſtlinge des Glückes empfinde, die in den durch Zufall unter ihre Herr⸗ ſchaft geſtellten Menſchen nur Sclaven oder blinde Werkzeuge ſehen!« „Gut, das nenne ich frei herausgeſprochen,« unterbrach ihn Ferguſſon mit ſchlauem Lächeln.„Nun kenne ich euren Beweggrund— es iſt die Rache!« „»Ja, es iſt die Rache!« fuhr Fitzgerald mit bebender 31 Stimme fort, veine furchtbare, unerbittliche, erbarmungsloſe Rache. Jetzt, Ferguſſon, beantwortet meine Fragen.“ „Noch ein Wort, lieber Freund. Liegt Euch weſentlich daran, daß Monmouth's Unternehmen ſofort ſcheitere? Es iſt doch wohl nicht der Herzog ſelbſt, über welchen Ihr Euch zu beklagen habt?« „Der Herzog iſt ein Narr und ich empfinde für ihn we⸗ der Sympathie, noch Zorn.— Aus den Ereigniſſen, welche ſeine Landung in England nothwendig hervorrufen muß, wird ohne Zweifel die durch mich ſo ſehr herbeigewünſchte Gelegen⸗ heit herbeigeführt werden. Deshalb intereſſirte ich mich für dieſes Unternehmen.“ 4 „Und wenn nun dieſes Unternehmen, anſtatt zum Un⸗ tergange und zur Schmach des Herzogs zu führen, zu ſeinem Ruhme endete?« ſagte Ferguſſon langſam und beobachtete zu⸗ gleich die Wirkung, welche ſeine Worte auf Fitzgerald äußerten. „Dann,« antwortete dieſer,„würde ich meine Pläne aͤndern. Meine Rache würde dann nur um ſo raſcher ſeyn.“ „Sehr gut; höret mich nun mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit an, lieber Freund.« Ferguſſon ſchwieg einige Augenblicke und fuhr dann in lauterem Tone fort: „»Noch heute Morgen, mein lieber Fitzgerald, betrachtete ich das Unternehmen des Herzogs als eine lächerliche Thor⸗ heit, der heutige Tag aber hat meine Meinung in dieſer Be⸗ ziehung auf eigenthümliche Weiſe geändert. Ich beginne zu glauben, daß dieſe auf den erſten Blick ſo überſpannte Idee ſich wohl in eine ernſte Wirklichkeit verwandeln könnte. Ich lege mir bereits die Frage vor, ob ich nicht vielleicht, ohne es zu wollen, einen König gemacht habe. Ihr könnt gar nicht 32 glauben, welchen Zulauf wir von allen Seiten haben, wel⸗ chen Enthuſiasmus das Volk für den Sohn Carls II. an den Tag legt. Wenn alſo der Herzog ſiegen ſollte, begreift Ihr dann die Stellung, die ich dabei einnehmen würde? Ich wäre es, dem er ſeine Krone verdankt. Seht, Fitzgerald, es drängt uns nichts. Laſſen wir die Ereigniſſe ihren Gang gehen. Es wird, wenn der Herzog unterliegen ſollte, dann immer noch Zeit ſeyn, unſern Eifer zu zeigen. Wir laufen nicht Gefahr, uns zu compromittiren. Schreibt daher nicht nach London.« Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf Ferguſſon's Worte. Fitzgerald war es, der zuerſt das Geſpräch wieder begann. »Werthgeſchätzter und ehrwürdiger Ferguſſon,« ſagte er mit ſpöttiſcher Miene,»Ihr ſeyd ein wunderbarer Diplomat und verſteht die Angelegenheit mit unbeſtreitbarer Superiori⸗ tät zu tractiren. Wohlan, es ſey, ich werde nicht nach London ſchreiben. Ich werde warten, bis das Ereigniß deutlichere Umriſſe gewinnt; nur verlange ich ein Verſprechen von Euch.« »Welches, lieber Freund?« »Wenn der Herzog von Monmouth jemals den Thron Englands beſteigen ſollte, werdet Ihr Euch verbindlich ma⸗ chen, mir die drei Perſonen in die Hände zu liefern, die ich Euch dann bezeichnen werde?« »Ich ſchwöre es Euch! Ich ſchwöre es Euch bei meinem Intereſſe und bei meinem Ehrgeize.⸗ »Wann werde ich Euch wiederſehen?« »Ich werde es Euch zu wiſſen thun. Auf Wiederſehen, lieber Freund; ich freue mich, eure koſtbare Bekanntſchaft ge⸗ macht zu haben.“ Fer und lege lang fern raſc von der neh eine Aer wãt wü riet wel⸗ nden Ihr wäre rängt Es noch fahr, on.« ſon's ieder te er omat riori⸗ ndon chere von ehen, t ge⸗ 33 »Die Ehre iſt ganz auf meiner Seite, ehrwürdiger Ferguſſon.« Die beiden Verräther nahmen Abſchied von einander und Ferguſſon ergriff einen Leuchter und begleitete ſeinen Col⸗ legen bis an die Hausthür. Fitzgerald entfernte ſich, in ſeine Gedanken verſunken, langſam, ohne zu bemerken, daß eine Frau ihm in einer Ent⸗ fernung von ungefähr zwanzig Schritten folgte. Dieſe Frau, welche bei dem Heraustreten des Irländers raſch in den Schatten eines Thürgewändes getreten war, um von ihm nicht bemerkt zu werden, ſchien ihrer Kleidung nach der arbeitenden Claſſe anzugehören. Dabei aber bildeten die Eleganz ihrer Haltung, ihr vor⸗ nehmer Gang und die Anmuth ihrer geringſten Bewegungen einen ſo außerordentlichen und auffallenden Gegenſatz zu der Aermlichkeit ihres Coſtüms, daß ſie, wenn es Tag geweſen wäre, die Neugier der Menge gewiß auf ſich gezogen haben würde. Dieſe Frauengeſtalt war Niemand anders als Lady Hen⸗ riette Wentworth. „Der Tiger von Tanger. IV. 5 34 III. Zwietracht im Lager. Kaum waren ſeit Monmouth's Landung zwei Tage ver⸗ gangen, ſo waren die thörichten Hoffnungen des Verräthers Ferguſſon ſchon nicht mehr ohne Grund. Die Recruten kamen zu Hunderten an. Der Enthuſiasmus der benachbarten Be⸗ völkerung von Lyme wuchs mit jeder Stunde— der Herzog hatte eine Armee. Am 13. Juni Früh bot das Lager der Inſurgenten einen außerordentlich lebensvollen Anblick dar. Man hatte am Abend vorher erfahren, daß das rothe Regiment der Mi⸗ liz von Dorſetſhire und das gelbe Regiment von Somerſetſhire von Sir William Portman, einem durch ſeinen Fanatismus bekannten Rohaliſten, commandirt, ſich in Bridport vereinigt hätten und ſich anſchickten, gegen die Stadt Lyme zu mar⸗ ſchiren. 3 Der Herzog, welcher einſah, von welcher Wichtigkeit der Ausgang dieſes erſten Kampfes ſeyn wuͤrde, hatte ſeine ver⸗ trauteſten Freunde als Kriegsrath um ſich verſammelt, um mit ihnen den zu befolgenden Plan zu verabreden. Alle außer Lord Grey und Fletcher waren der Meinung geweſen, daß man der royaliſtiſchen Armee entgegenmarſchiren und die Of⸗ fenſive ergreifen müßte. Lord Grey, welcher zum Obercommandanten der Ca⸗ eit 3⁵ wallerie ernannt worden, hatte einen vortrefflichen Grund, um die allgemeine Meinung nicht zu theilen. Er wußte im Voraus, daß ſeine Soldaten unfähig waren, nicht blos einen ernſten Anprall zurückzuſchlagen, ſondern ſich auch nur über⸗ haupt im Sattel zu halten. Dieſe Soldaten, zum größten Theil Feldarbeiter, hatten ſich bis jetzt nur ihrer Ackerpferde bedient. Mit den erſten Anfangsgründen der ſchulgerechten Reitkunſt unbekannt und ſchwerfällig bekleidet, bildeten ſie ein wahrhaft groteskes Ganzes, welches ſicherlich nicht im Stande war, den königlichen Truppen die Spitze zu bieten. Der Schoͤtte Fletcher, Vicecommandant unter Lord Grey'’s Befehlen, hatte mit Recht den Ruf eines tapfern und geſchickten Anführers erworben. Weit mehr mit dem Kriege vertraut als die meiſten der Rebellen, war er der Meinung, daß man jetzt einen Kampf im offenen Felde nicht riskiren dürfe, ſondern hinter den Verſchanzungen bleiben müſſe, bis die Truppen beſſer geübt wären. »Meiner Treu, Mylord,“« ſagte er zu Lord Grey, nach⸗ dem die Berathung aufgehoben war,„da weder Ihr noch ich unſerer Meinung haben Geltung verſchaffen können, ſo bleibt uns nichts weiter übrig, als uns der Majorität zu un⸗ terwerfen und ein Auskunftsmittel zu ſuchen, welches unſerer Cavallerie erlaubt, ihren guten Willen nutzbar zu machen.⸗ »Das heißt aber nach dem Unmöglichen trachten, lieber Fleicher.« »Nein, Mylord, denn ich glaube dieſes Auskunfts⸗ mittel bereits gefunden zu haben.⸗ »Gebe Gott, daß Ihr Euch nicht täuſcht! Worin beſteht dieſes Mittel, Fletcher?« »Es iſt ein ſehr einfaches, Mylord. Es würde ſich ganz einfach darum handeln, die Pferde abzuzäumen, wenn man zum Angriffe bläſt. Was wollt Ihr ſagen, Mylord? Große Uebel verlangen große Heilmittel. Wenn unſere Reiter, auf dieſe Weiſe, wenn auch gegen ihren Willen, vorwärts gejagt, die königlichen Truppen nicht niederſäbeln, ſo werden ſie we⸗ nigſtens die Reihen derſelben in Verwirrung bringen und den Angriff unſerer Infanterie erleichtern. »Aber das hieße unſere Reiter wehrlos dem Tode in den Rachen jagen.« »„Je mehr ihrer fallen, Mylord, deſto beſſer wird es ſeyn. Was mich betrifft, ſo bedaure ich nur Eins, nemlich, daß ich nicht ein gutes Pferd habe, auf welches ich mich ver⸗ laſſen kann. Ich würde dann die Rolle des Schäferhundes geſpielt und unſere Heerde vorwärts gehetzt haben!« „Habt Ihr denn ein ſo ſchlechtes Pferd, Fletcher?« »Ein abſcheuliches Thier, Mylord— einen elenden Kar⸗ rengaul. Ich habe beinahe Luſt, den Angriff zu Fuße zu machen.« »Aber was hält Euch denn ab, mein Freund, ein beſ⸗ ſeres Pferd zu wählen? Es muß doch in dem ganzen Lager wenigſtens einige geben, welche leidlich ſind.« »So eben erſt habe ich ein ganz herrliches geſehen.“ „»Nun, warum nehmt Ihr es denn nicht?« »Und was würde der Beſitzer dazu ſagen, Mylord?« „»Was geht das Euch an?— Eine ſo kindiſche und un⸗ tergeordnete Rückſicht darf die Armee eurer koſtbaren Mitwir⸗ kung nicht berauben.« „Ihr ermächtigt mich alſo, Mylord, mich des Pferdes zu bemächtigen, von dem ich ſo eben ſprach?« „Ja, tauſendmal ja, lieber Fletcher!« »Mylord, ich danke Euch von ganzem Herzen. Ich eile, ohne Zeit zu verlieren, meinen Bucephalus aufzuſuchen. So⸗ 37 bald ich ihn gefunden habe, werde ich zu Euch zurückkehren, um das Weitere zu beſprechen.« Der Schotte entfernte ſich ſofort, und ließ ſeinen Gene⸗ ral mit ſeinen traurigen Betrachtungen beſchäftigt zurück, denn die Aufgabe, welche er übernommen, ging wirklich über die Grenzen des Möglichen hinaus und Lord Grey fürchtete nicht ohne Grund, daß eine ſchimpfliche Niederlage ſeinem Rufe einen verderblichen Schlag beibringen könnte. Kaum hatte Fletcher etwa hundert Schritte zurückgelegt, ſo gewahrte er den Gegenſtand ſeiner Wünſche. Es war ein prachtvolles ſpaniſches Pferd mit einem Schwanenhals, kräf⸗ tigem, ſchlankem Gliederbau, feurigem Auge, harten kleinen Hufen und ſchöner wallender Mähne. Es war geſattelt und ein Bauer hielt es am Zügel. »Freund,“« ſagte Fletcher zu dem Landmanne,„Du be⸗ kommſt eine halbe Krone, wenn dieſes ſchöne Thier binnen fünf Minuten an der Thür meines Zeltes ſteht.« »Ich verſtehe Euch nicht, mein Offizier,« antwortete der Bauer, indem er die Augen verwundert weit aufriß. »Ich nehme dieſes Pferd für mich.⸗ »Ihr nehmt dieſes Pferd für Euch?« wiederholte der Bauer, im höchſten Grade verblüfft;„es gehört ja Thomas Dare—« »Wenn auch, Thomas Dare kann ſich ein anderes ſuchen.« 4 3 »Und glaubt Ihr denn, Thomas werde ſich ruhig be⸗ ſtehlen laſſen?— Kennt Ihr denn nicht unſern zaſern Dare, mein Offizier? Er iſt ein wackerer Republicaner—. »Dann um ſo beſſer— er wird ſich der öffentlichen Sache zu opfern wiſſen. Doch wir haben nun genug Worte gemacht— ſattle dieſes Pferd ab und folge mir.« 38 Der gebieteriſche Ton des Schotten legte dem Bauer Schweigen auf, und dieſer ſchickte ſich an zu gehorchen. Schon hob er den Sattel, als eine neue Perſon auf dem Schauplatze erſchien und mit rauher vor Wuth halb erſtickter Stimme ſchrie: „Wer hat Dir erlaubt, Walter, mein Pferd anzu⸗ rühren?« tig,»und ich beeile mich hinzuzufügen, daß ich auf ausdrück⸗ lichen Befehl unſeres Generals, des Lord Grey, handle.“ „Was kümmern mich die Befehle des Lord Grey!« ſchrie Thomas Dare, denn der neue Ankömmling war in der That Niemand anders als der berühmte Demo⸗ krat von Taunton.»Bildet Mylord ſich vielleicht ein, daß er das Recht habe, mir zu befehlen? Das wäre noch beſſer. Daraus, daß er von ſeinem Vater einen vorneh⸗ men Titel geerbt hat, folgt noch nicht, daß er mehr gelte als ich. Alle dieſe Adeligen ſind doch Einer wie der Andere! Eitel, thöricht, übermüthig—« „Erlaubt, mein Herr,« unterbrach ihn der Schotte mit ſtolzem Phlegma,»eure Reden ſind von der Art, daß ſie ge⸗ gen die Subordination verſtoßen. Ihr würdet klüger handeln — wenigſtens iſt dies meine Meinung— wenn Ihr, dafern Ihr Grund zu haben glaubt, Euch zu beklagen, zu Lord Grey ginget und eure Beſchwerde anbrächtet, anſtatt die ganze Ar⸗ mee zu Zeugen eurer ſonderbaren Aufwallung zu machen.“ »Was? Ich ſollte mich zu Lord Grey begeben? Welche Lächerlichkeit! Wenn Grey mich zu ſprechen wünſcht, ſo kann er ſich zu mir begeben. Was Euch betrifft, Mr. Fletcher, ſo macht ſchnell, daß Ihr fortkommt, ſonſt—« „Ich habe es ihm erlaubt,« entgegnete Fletcher kaltblü⸗ gauer „Nun, ſonſt?« fragte der Schotte immer noch mit der⸗ ſelben Kaltblütigkeit. „Sonſt werde ich euren freiwilligen Rückzug in eine ſchimpfliche Flucht verwandeln. Ihr wagt mit mir, mit Tho⸗ mas Dare, von Subordination zu ſprechen! Ich weiß in der That nicht, was mich abhält, Euch zu beweiſen, wie wenig ich mir aus den Leuten mache, die meine Vorgeſetzten zu ſeyn glauben. Sind nicht alle Menſchen gleich? Stammen nicht alle Menſchen von einem gemeinſamen Vater ab? Alfo macht ſchnell, ganz ſchnell, daß Ihr fortkommt—« „Mr. Thomas Dare,“ ſagte Fletcher immer noch ruhig und unbeweglich,„ich kann nicht zugeben, däß ein grober, roher Menſch dasſelbe ſey, was ein gebildeter, wohlerzogener Menſch iſt. Was eure Drohungen betrifft, ſo liegt, wenn ſie mich vollkommen gleichgiltig laſſen, der Grund darin, daß ich mit meiner Perſon auf zwanzig Schlachtfeldern zu viel Be⸗ weiſe von meinem Muth gegeben habe um fürchten zu müſſen, daß man meine Mäßigung und meine Langmuth falſch deute. Fenſter einſchlagen, Magazine plündern, Häuſer in Brand ſtecken und während einer Emeute heulen und brüllen, das iſt eine Carrière, welche denen, die ſich ihr widmen, ſehr ſchlim⸗ me Gewohnheiten beibringt. Es macht ſie zu unverſchämten Raufbolden. Zum letzten Male alſo, Mr. Dare unſer Gene⸗ ral hat mich ermächtigt, euer Pferd zu nehmen und ich nehme euer Pferd. Wenn Ihr Einwendungen gegen dieſen Befehl zu machen habt, ſo bringt ſie an der rechten Stelle vor. Mich geht das weiter nichts an.« »Elender, niederträchtiger ſchottiſcher Bettelbube,“ rief Dare außer ſich vor Wuth.»Wenn Du Dich unterſtehſt, mein Pferd anzurühren, ſo laſſe ich meine Reitpeitſche auf deiner 40 Phyſiognomie herumtanzen. Heda, Freundel Tod dem diebi⸗ ſchen Schotten! Schlagt ihn todt! Schlagt ihn todt!⸗ Dieſe an die zahlreichen Soldaten und Offiziere, welche durch den lauten Wortwechſel herbeigelockt worden, gerichte⸗ ten Worte blieben ohne Wiederhall. Die würdige, ruhige Hal⸗ tung Fletcher's erwarb ihm im Gegentheil die Sympathie der Zeugen dieſes heftigen Auftritts. Als Thomas Dare ihm mit der heftigſten Beleidigung zu drohen wagte, welche einem Manne von Muth angethan werden kann, ward der Schotte furchtbar bleich, aber dies war das einzige äußere Merkmal, was ſeine Gemüthsbewegung verrieth. Immer noch ernſt und Herr ſeiner ſelbſt näherte er ſich langſam dem Pferde, der Urſache des Streites, und ergriff es am Zügel. »Platz da, Leute,« ſagte er zu der Menge gewendet,»heute iſt der Tag des Kampfes; meine Augenblicke ſind koſtbar.⸗ Bis dieſen Augenblick war Thomas Dare durch die Kalt⸗ blütigkeit ſeines Gegners zurückgehalten worden, ſobald er aber dieſen letztern ſich entfernen ſah, ohne daß dieſer die ihm angethane tödtliche Beleidigung rügte, glaubte er, dieſe Kalt⸗ blütigkeit ſey weiter nichts als Vorſicht, vielleicht ſogar Furcht, und um ſich den wohlfeilen und glänzenden Triumph, den der Zufall ihm darbot, nicht entgehen zu laſſen, ſtellte er ſich vor den Schotten und verſperrte ihm den Weg. »Elender!« rief er ihm zu,»Thomas Dare hat noch niemals ſein Wort gebrochen. Noch einen Schritt und ich ſchlage Dich in's Geſicht!« Und zugleich hob er ſeine Reitpeitſche. Fletcher ward aſchenbleich, ſetzte aber ſeinen Weg weiter fort. Der Demagog zögerte, eine unklare Ahnung lähmte ſeine dard eine Wuth. Eine ſolche Schwäche von Seiten eines Mannes, der im Rufe erprobter Tapferkeit ſtand. ſchien ihm nicht möglich. Dennoch aber ſah er die Blicke der Menge auf ihn geheftet und ſeine wilde Eigenliebe ſtieg bis zum Delirium. „»Nun, ſo empfange die Züchtigung, welche deine Hand⸗ lungsweiſe verdient, ſchändlicher Dieb!« rief er mit halber⸗ ſtickter Stimme. Die Reitpeitſche, mit welcher Dare bewaffnet war, pfiff durch die Luft. Ein unwillkürlicher Aufſchrei entſchlüpfte der Menge, aber ein anderer, der aus einer einzigen Kehle kam, über⸗ täubte den erſtern, ſo daß die Umſtehenden vor Furcht und Schrecken zitterten. Ein Schuß krachte und Thomas Dare wälzte ſich in ſeinem Blute. Der ſtolze Schotte hatte ihn nie⸗ dergeſtreckt. Fletcher's That war ſo raſch und unvermuthet geſchehen, daß Niemand ſich derſelben hatte widerſetzen können. Ein düſteres Schweigen folgte auf den Fall des wüthen⸗ den Demokraten und Fletcher faßte wieder das Pferd des Todten beim Zügel und entfernte ſich ruhig, ohne daß eine Stimme ihn anzuklagen wagte. Erſt eine Minute nach ſeinem Weggange begann die Menge ſich von ihrer Betäubung zu er⸗ holen. Nun aber hallten Worte der Rache von allen Seiten. Der blutige Tod Dare's verlieh, indem er ſein Unrecht ver⸗ geſſen machte, ſeinem Andenken eine unermeßliche Popularität, und übrigens war Dare ein Engländer, und ein Schotte, das heißt ein Ausländer, hatte ihn um's Leben gebracht. Man kennt den tiefgewurzelten Nationalhaß, welcher damals zwi⸗ ſchen England und Schottland beſtand. Es war noch keine Stunde verfloſſen, als zweitauſend Bewaffnete das Rathhaus, das zeitweilige Quartier des Her⸗ zogs von Monmouth, umringten und mit lautem Geſchrei die Auslieferung des Mörders verlangten. Mittlerweile ſchickten die im Lager befindlichen Schotten ſich an, ihren Landsmann zu vertheidigen und ihm— in der feſten Ueberzeugung, daß ſie unterliegen müßten— ein blu⸗ tiges Leichenbegängniß zu bereiten. Wären in dieſem Augenblick die Regimenter der Miliz von Dorſetſhire und Somerſetſhire angelangt, ſo läßt ſich nicht bezweifeln, daß ſie die Truppen des Befreiers von England mit leichter Mühe in die Flucht geſchlagen hätten. Es bedurfte der Gegenwart des guten Herzogs, wie man Monmouth nannte, um dieſen Aufruhr zu beſchwichti⸗ gen. Der Sohn Carls des Zweiten erklärte Fletcher ſeines Grades entſetzt und unfähig, wenn auch nur als Freiwilliger, in der Armee zu dienen, welche berufen war, die Ehre und Religion des Königreichs zu vertheidigen. Dieſes Urtheil, welches der engliſchen Empfindlichkeit Recht gab, aber auch zugleich den Schuldigen rettete, ward ſehr ſchlecht aufgenommen und erweckte eine furchtbare Frage, welche vor dem gemeinſamen Intereſſe einen Augenblick lang in den Hintergrund getreten war. Sie bewog die Einen, ſich für die Republik und die Andern, ſich für eine liberale Mo⸗ narchie zu erklären, ſo daß es von nun an in der Armee zwei getrennte Lager gab. Am Abend dieſes für Monmouth's Hoffnungen ſo ver⸗ derblichen Tages hatten Fitzgerald und Monmouth eine lange Conferenz mit einander, die eben ſo wie die erſte zu keinem unmittelbaren Reſultat führte. Am nächſtfolgenden Tage ſoll⸗ ten die Feindſeligkeiten beginnen, und obſchon Ferguſſon und ein College die Sache des Herzogs ſchon jetzt als ſehr gefähr⸗ 3 Her⸗ rei die chotten in der in blu⸗ Miliz h nicht ngland s, wie wichti⸗ ſeines illiger, re und lichkeit ward Frage, k lang n, ſich e Mo⸗ ee zwei d ver⸗ lange keinem ge ſoll⸗ n und gefähr⸗ 43 det betrachteten, ſo beſchloſſen ſie doch, ehe ſie einen entſchei⸗ denden Entſchluß faßten, den Ausgang des erſten Treffens zu erwarten. Am nächſtfolgenden Tage, den 14. Juni, nahm Lord Grey Abſchied von dem Herzog von Monmouth, um gegen den Feind zu marſchiren. Wade ſollte ihn mit fünfhundert Mann Infanterie unterſtützen. „»Herzog,“ hatte Lord Grey geſagt, als er von Mon⸗ mouth Abſchied nahm,„nur mit bangem Herzen gehorche ich dem Befehl, den Ihr mir gegeben habt, Bridport anzugrei⸗ fen. Es iſt, wenn der Himmel nicht ein Wunder thut, un⸗ möglich, daß meine Cavallerie einen ernſten Angriff aushalte. Ich bitte Gott nur um Eins, nemlich daß er mich dieſen Kampf nicht überleben laſſe.« „Mein lieber Lord,« hatte der Herzog geantwortet,»ich muß mich der Ungeduld der Armee fügen, welche die ſofortige Eröffnung der Feindſeligkeiten verlangt, aber ich verwünſche für meine Perſon dieſe gefährliche Ungeduld ſelbſt. Was euern Angriff auf Bridport betrifft, ſo halte ich dieſen jedoch nicht für ſo gefährlich, als Ihr glaubt. Bedenket, daß Ihr nur mit unerfahrenen Milizen zu thun haben werdet, und dann wird auch Wade da ſeyn, um Euch zu unterſtützen.“ Vier Stunden nach dieſer Unterredung langte das kleine Expeditionsheer vor der Stadt Bridport an und machte in halber Kanonenſchußweite vor den verfallenen Wällen Halt, welche dieſen Ort vertheidigten. Es dauerte nicht lange, ſo rückten mehre Milizen aus der Stadt aus und Lord Grey's Truppen entgegen. „»Lieber Wade,« ſagte Letzterer,„ſehet nur wie dieſe Leute hinter einander her marſchiren, ohne Tirailleurs und ohne Vorhut. Man ſollte von Weitem glauben man ſähe eine 44 Proceſſion herannahen. Ach wenn wir nur hundert Mann ge⸗ 3 Han übte Truppen hätten!« weic V„»Allerdings wünſchte ich das auch, Mylord, aber wir nun 3 haben ſie einmal nicht. Wie lauten eure Befehle?« eilig »Ich werde den Feind mit meiner Cavallerie umgehen Flue und ihn dann in der Flanke angreifen. Ihr dagegen werdet ſo marſchiren, daß Ihr ihm den Rückzug abſchneidet und ihn wär zwiſchen zwei Feuer bringt.« weſe „Ihr wollt einen Kampf mit einem Cavallerieangriff beginnen?« rief Wode erſtaunt. Har „»O, ich weiß wohl, daß dies in jedem andern Falle eine gut thörichte Verwegenheit ſeyn würde, aber bemerket wohl, Bei Wade, daß meine Pferde nicht an's Feuer gewöhnt ſind. Das Krachen eines länger andauernden Musketenfeuers würde auß hinreichen, ſie in die Flucht zu jagen. Die einzige Art und Pnsd Weiſe, ſie nutzbar zu machen, beſteht daher darin, daß man ſich ſie anwendet, wie man ſich früher der Mauerbrecher bediente, geri um Breſche zu machen.« »Leider habt Ihr Recht, Mylord,« ſagte Wade, indem Unf er die Achſeln zuckte.»Was meine Infanterie betrifft, ſo hoffe Tru ich, obſchon ſie auch viel zu wünſchen übrig läßt, doch Nutzen davon ziehen zu können.« den Wie gering auch die Meinung des Lord Grey von ſeiner der Cavallerie war, ſo war ſie doch immer noch beſſer als dieſe ſchi Cavallerie ſelbſt, wie der Ausgang ſehr bald lehrte. Bei den wa erſten Schüſſen, welche aus den feindlichen Reihen fielen, wollten die Pferde nicht mehr vorwärts und ihre Reiter be⸗ bri gannen, ohne allzuviel Unzufriedenheit mit dieſem Ungehorſam rich zu verrathen, Kehrt zu machen und langſam die Flucht zu ergreifen. Sd Vergebens warf ſich Lord Grey mit dem Degen in der in ge⸗ wir gehen derdet d ihn agriff eine vohl, Das pürde und man hente, ndem hoffe utzen ſeiner dieſe i den telen, be⸗ orſam bt zu n der 45 Hand mitten unter ſie und drohte, den Erſten, der zurück⸗ weichen würde, niederzuſtechen. Der paniſche Schrecken ſtieg nun immer höher und das, was anfangs blos ein etwas eiliger Rückzug war, verwandelte ſich bald in wilde Flucht. Ohne Wade’s Infanteriſten, welche muthig fochten, wäre es um Monmouth's Expeditionscorps geſchehen ge⸗ weſen. Endlich nach einem ziemlich lächerlichen zweiſtündigen Handgemenge zogen ſich die Milizen von Bridport in ziemlich guter Ordnung zurück und die übrige Infanterie ahmte dieſes Beiſpiel nach. Die Entrüſtung der bei Lyme lagernden Armee war außerordentlich, als man die Cavallerie in wilder Unordnung in das Lager zurückkehren ſah. Zweitauſend Stimmen erhoben ſich drohend und verlangten, daß Lord Grey vor ein Kriegs⸗ gericht geſtellt werde. Der unglückliche Lord hatte ſich nicht getäuſcht. Die Unfähigkeit und Feigheit der unter ſein Commando geſtellten Truppen fiel auf ihn ſelbſt zurück. Die Geſchichtſchreiber jener Zeit haben größtentheils den ungünſtigen Eindruck getheilt, welchen damals die Arm ee der Rebellen empfand, aber dennoch hatte Lord Grey dieſe ſchimpfliche Niederlage vorausgeſehen und vorhergeſagt und war ganz gewiß nicht verantwortlich dafür. Noch an demſelben Abend reiſte Fitzgerald als Ueber⸗ bringer eines ausführlichen, von Ferguſſon abgefaßten Be⸗ richtes nach London ab. Es hatte eben Mitternacht geſchlagen und die in tiefem Schlafe liegende Stadt Lyme ruhte von den gewaltigen Er⸗ regungen dieſes beklagenswerthen Tages aus, als einer von 46 den Adjutanten Monmouth's leiſe an die Thüre ſeines Zim⸗ mers pochte. Monmouth's Stimme, welche„»Herein« rief, bewies, daß der Befreier Englands noch wachte. „Gnädigſter Herr,« ſagte der Adjutant, indem er ſich ehrerbietig vor dem Sohne Carls II. verneigte,»ich bitte Ew. königliche Hoheit, mich zu entſchuldigen, wenn ich zu dieſer Stunde vor Euch erſcheine. Es ſteht aber eine Frau unten, welche ſo hartnäckig darauf beſteht, bei Euch vorgelaſſen zu werden, daß ich nicht gewagt habe, ſie fortzuweiſen, denn dieſe Frau verſichert hoch und theuer, daß ſie Ew. Hoheit eine Mittheilung von der größten Wichtigkeit zu machen habe — eine Mittheilung, von welcher das Schickſal der Armee abhänge.⸗ „Kennt Ihr dieſe Frau?« „Ich weiß es nicht, gnädigſter Herr.« „Ihr wißt es nicht? Was wollt Ihr damit ſagen?« „Ich will damit ſagen, gnädigſter Herr, daß ihr Geſicht ſo in ihren Mantel verborgen iſt, daß ich nicht im Stande geweſen bin, ihre Züge zu ſehen. Uebrigens muß ich geſtehen, daß ſie ſich mit ſeltener Eleganz ausdrückt, daß ſie zu der guten Geſellſchaft zu gehören ſcheint und daß der Ton ihrer Stimme ein überaus ſanfter und gleichwohl bezaubernder und gebietender iſt.« 8 Monmouth dachte einen Augenblick nach, dann wendete er ſich zu dem Adjutanten und ſagte: „Laßt dieſe Frau ein! Ich darf keine Warnung ver⸗ nachläſſigen.« Zwei Minuten ſpäter ſtanden Monmouth und die Unbe⸗ kannte einander allein gegenüber. 3 Es war der Herzog, welcher zuerſt das Wort ergriff. 4 Zim⸗ wies, r ſich eEw. dieſer nten, n zu denn voheit habe lrmee & eſicht tande ehen, u der ihrer und ndete * ver⸗ 47 „Madame,“ ſagte er, indem er ſich mit würdevoller Galanterie verneigte,„meine Minuten ſind gezählt. Habt die Güte, mir ſo kurz als möglich den Beweggrund zu erklären, welcher mir die Ehre eures Beſuches verſchafft. Es handelt ſich, wie man mir geſagt hat, um eine wichtige Mittheilung, welche das Schickſal der Armee betrifft.⸗ Die Unbekannte ſchlug, anſtatt zu antworten, langſam die Capuze zurück, welche ihr Geſicht verhüllte. „Henriette! meine geliebte Henriette!« rief der Herzog, indem er auf ſie zueilte. Ein langes Schweigen folgte auf dieſe Erkennung. Monmouth hielt die Geliebte umſchlungen und vermochte nur mit Mühe ſeine Thränen niederzukämpfen. „Henriette,« hob er endlich im Tone ſanften Vorwurfs wieder an,»hältſt Du ſo deinen Schwur? Haſt Du mir nicht geſchworen, daß Du den„Helderenbergh« nicht eher verlaſſen würdeſt, als bis dieſes Schiff wieder das Geſtade Hollands berührt? Willſt Du zu den ſchweren Sorgen meiner Stellung auch noch die grauſame Ungewißheit und furchtbare Angſt geſellen, welche mir dein Aufenthalt in dieſem Lande verurſa⸗ chen würde, welches bald durch den entſetzlichſten und unver⸗ ſöhnlichſten aller Kriege, den Bürgerkrieg, mit Blut über⸗ ſchwemmt werden wird. Im Namen des Himmels, Henriette, im Namen unſerer Zukunft, im Namen unſerer Liebe, flüchtet Euch, ohne einen Augenblick zu verlieren, an Bord des„Hel⸗ derenbergh«. Morgen würde es vielleicht zu ſpät ſeyn. Ich habe heute Abend erfahren, daß der Sohn und Erbe Monk'’s, der Herzog von Albemarle, in einigen Stunden den Angriff auf Lyme eröffnen wird. Auf den Knien bitte ich Dich daher, Henriette, fliehe! fliehe!« »Mein edler James,« ſagte die junge Dame mit ge⸗ 48 dämpfter aber feſter Stimme,„höret nun auch mich. Ich habe einen unwiderruflichen Entſchluß gefaßt, einen Entſchluß, von welchem mich nichts abwendig machen kann.« »Und worin beſteht dieſer Entſchluß, Henriette?« »Darin, England nicht wieder zu verlaſſen! Mein ge⸗ liebter Herzog, verſuchet nicht, meinen Entſchluß zu beſiegen, es wäre verlorene Mühe. Das einzige Zugeſtändniß, welches ich eurer zärtlichen Beſorgniß machen könnte, beſteht darin, Euch zu verſprechen, daß ich mich ſo viel als möglich von dem Kampfe entfernt halten, daß ich mich ſo wenig als möglich zeigen und vor der Gefahr fliehen werde.« »Deswegen würdet Ihr derſelben dennoch fortwährend ausgeſetzt ſeyn, theure Seele, wenn auch eure Gegenwart für unſere Sache nützlich wäre.« »Sie iſt mehr als nützlich, James; ſie iſt nothwendig. Und der Ausdruck tiefer Traurigkeit, der auf eurem Geſicht lag, als ich eintrat, beweiſt mir, wie ſehr ich Recht hatte, dies zu denken und ſo zu ſprechen.« »Ihr irrt Euch, Henriette, ich bin nicht traurig.« »Der Ausdruck Traurigkeit, den ich gebraucht habe, iſt auch vielleicht nicht der richtige, ich hätte vielmehr ſagen ſol⸗ len Verzweiflung. Ich bitte Euch, James, verſuchet nicht mir zu verhehlen, was in Euch vorgeht. Ihr wißt recht wohl, daß dies ein vergebliches Bemühen wäre. Ich kenne Euch zu gut, als daß Ihr Hoffnung haben könntet, Euch mir gegenüber auf erfolgreiche Weiſe zu verſtellen. Feurig, ungeſtüm, erfüllt von Muth auf dem Schlachtfelde, ſeyd Ihr ſchwach und un⸗ ſchlüſſig, wenn Ihr fern von dem Gefecht Euch in eurem ſtil⸗ len Zimmer befindet. Die Niederlage eurer Truppen in Brid⸗ „port hat alle eure Entſchlüſſe wankend gemacht— Ihr ge⸗ der Ich hluß, u ge⸗ egen, lches arin, dem glich rend t für idig. eſicht dies ,, iſt ſol⸗ mir daß gut, über füllt un⸗ ſtil⸗ brid⸗ ge⸗ 49 denkt zu fliehen— Ihr gedenkt nach Holland zurückzukehren. Um Dir aber dieſe Schmach zu erſparen, James, bin ich hier. Um Dich bei deinem unfréiwilligen Schwanken aufrecht zu erhalten, o mein Herzog, mein König, wünſche ich die Mög⸗ lichkeit zu beſitzen, jedesmal, wo Du nöthig haben wirſt, daß die Stimme der Ehre zu Dir ſage: Vorwärts! an deiner Seite zu ſeyn. Du kannſt Dich jetzt nur noch auf einen Thron ſetzen. Und dann iſt dies auch noch nicht Alles— ich bin noch um etwas Andern willen hier. Ich komme, um Dir zu ſagen, nicht um Dich zu entmuthigen, ſondern im Gegentheil, um Dich anzufeuern, ich komme, um Dir zu ſagen, daß Du ver⸗ rathen biſt.“ »Verrathen, Henriette! was ſagſt Du?« „Ja, James, Du biſt verrathen. O, ich bin während dieſer drei letzten Tage nicht unthätig geblieben. Ich habe, ohne Beſchwerden und Anſtrengungen zu ſcheuen, an deinem Triumph, an deinem Ruhme gearbeitet.« »Schon ſeit langer Zeit,« fuhr Henriette nach einer kurzen Pauſe fort,„empfand ich gegen Ferguſſon ein unüber⸗ windliches Gefühl des Widerwillens. Es lag mir daran, mir eine auf Gründen beruhende Meinung von ihm zu bilden. Ich habe ihn belauſcht, ich bin ihm ſchweigend und beharrlich nachgeſchlichen und ich habe die feſte Ueberzeugung erlangt, daß dieſer Menſch ein Nichtswürdiger iſt, ein Judas, der ſei⸗ nen Herrn und Meiſter an ſeine Feinde ver kauft.« »Habt Ihr Beweiſe von Ferguſſon's Verrath?« fragte der Herzog raſch. »Poſitive Beweiſe allerdings nicht, mein lieber James. Ferguſſon iſt in ſeinem fluchwürdigen Handwerk zu geſchickt, um jemals Waffen gegen ſich ſelbſt zu liefern.« Der Tiger von Tanger. IV. 50 »Aber, Henriette, worauf gründet Ihr denn eure An⸗ klage?« „Auf tauſend Einzelnheiten, welche, wenn ich ſie Euch berichtete, unbedeutend erſcheinen würden, die aber für mein liebendes Herz niederſchmetternde Enthüllungen geweſen ſind.* „Die Unruhe und die edle Freundſchaft, welche Ihr für mich hegt, meine angebetete Henriette,« entgegnete Mon⸗ mouth lächelnd,»verblendet Euch. Ferguſſon iſt im Gegen⸗ theil der treueſte, der eifrigſte aller meiner Diener.“ Lady Wentworth wollte antworten, als leiſe an die Thür gepocht ward. Unmittelbar darauf trat Lord Grey in das Zimmer des Herzogs. „Ha, James iſt gerettet!« murmelte Henriette.»Lord Grey's edles Wort wird mir helfen ihn bewegen, als König zu handeln.“ IV. Ein Erfolg. Lady Henriette Wentworth hatte ſich nicht getäuſcht. Lord Grey lag daran, die Niederlage, welche er am Tage erlitten, wieder gutzumachen und die erſten Worte, welche er ſprach, waren Worte des Krieges. „Gnädigſter Herr,“« ſagte er,»ein Spion, der in die⸗ ſem Augenblick eingetroffen iſt, meldet mir, daß der Herzog t von Albemarle heute Morgen an der Spitze von viertauſend 1 Mann aufgebrochen iſt. Wenn er nicht unterwegs Halt ge⸗ macht hat, ſo kann er jetzt von Lyme nicht mehr weit ſeyn. uſcht. Tage he er 1 die⸗ erzog uſend lt ge 51 Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Euch dieſe wichtige Nachricht ſofort mitzutheilen, denn vielleicht wird Eure Hoheit es für angemeſſen erachten, ſofortige Maßregeln zu ergreifen.“ »Eure Nachrichten, Mylord, ſtimmen mit denen über⸗ ein, welche ich bereits von anderer Seite erhalten habe. In⸗ deſſen danke ich Euch deshalb für euren Eifer nicht weniger. Was würdet Ihr in einem ſo ernſten Falle an meiner Stelle thun? O fürchtet nicht, Einfluß auf mich zu äußern, mein lie⸗ ber Grey! Mein Entſchluß iſt ſchon gefaßt. Ich wünſche blos zu wiſſen, ob wir Beide eine und dieſelbe Anſchauungsweiſe haben.⸗ »Ich, gnädigſter Herr, wuͤrde, ohne zu zaudern, dem Feinde entgegenmarſchiren. Wenn wir nach unſerm heutigen Mißgeſchick die Schlacht annehmen, anſtatt ſie zu bieten, ſo iſt es um den moraliſchen Muth unſerer Armee geſchehen! Sie wird dann kein Vertrauen mehr, weder zu ihren Anführern noch zu ſich ſelbſt haben. Zum Glück hat der Ruf Eurer Ho⸗ heit durch unſere erſte Niederlage nicht leiden können, aber nichtsdeſtoweniger ſcheint mir dringend nöthig, daß Ihr Euch ſo ſchnell als möglich in eigener Perſon vor dem Feinde zeigt.« »Ich bin hocherfreut, lieber Lord, über die vollkommene Uebereinſtimmung unſerer Anſichten. Laſſet Appel ſchlagen; wir werden ausrücken.« Kaum hatte Lord Grey ſich entfernt, um Monmouth's Befehle ausführen zu laſſen, als Lady Wentworth ſich in die Arme ihres Geliebten warf und mit bewegter Stimme rief: »Hal daran erkenne ich meinen James, der, ſobald man ihm den Feind zeigt, ohne eine Secunde zu zaudern, ge⸗ rade auf ihn losmarſchirt! So liebe ich Dich, mein ſchöner Ritter! Welche Schönheit wird der deinen gleichen, wenn deine Stirn mit dem königlichen Diadem umgürtet ſeyn wird, welches ein Schurke Dir geraubt. O, laß mich dieſes geliebte Haupt küſſen, welches bald das geheiligte Haupt des Königs ſeyn wird!« Monmouth hatte niemals die Kraft gehabt, den ehrgei⸗ zigen Mahnungen ſeiner verführeriſchen Geliebten zu wider⸗ ſtehen. Sie verſtand ſeinem Gelüſt nach ſouveräner Größe ſo gut zu ſchmeicheln, daß er in ihrer Nähe und unter der Ein⸗ wirkung ihres Blickes und ihres Wortes ſeinen Muth ſtets mit ſeinen Hoffnungen wachſen fühlte. Sobald ſie ſich aber entfernte und ſein ſchwankendes Gemüth ſich den aufſteigen⸗ den Schwierigkeiten ſeines Unternehmens allein gegenüber ſah, ließ er ſich bald von Zweifel und Entmuthigung gefan⸗ gen nehmen. Sie kannte recht wohl die Macht ihrer Gegen⸗ wart, ebenſo wie die Gefahren ihrer Abweſenheit, und eben deshalb hatte ſie nicht nach Holland zurückkehren und den Herzog ſich ſelbſt überlaſſen wollen. „Gott erhöre Dich, meine edle Henriette! Er laſſe die Prophezeiungen in Erfüllung gehen, welche dein ſchöner Mund ausſpricht,« ſagte Monmouth, während ſeine Stirn und ſeine Schläfe noch unter Lady Wentworth's Küſſen pulſirten und alle dieſe glänzenden Verheißungen einer hohen Zukunft ihm noch in den Ohren klangen. Dann ſetzte er mit träumeriſcher Miene und in dumpfem Tone hinzu: „Eine Krone! o eine Krone! Schon bei dem bloßen Ge⸗ danken daran fühle ich alle meine Glieder beben und mein ſchwellendes Herz droht die enge Bruſt zu ſprengen.⸗ Lady Wentworth begann plötzlich zu ſchaudern und in plötzlich traurigem Tone ſagte ſie: „»Vielleicht thue ich Unrecht, Euch, gnädigſter Herr, nach +—,—/„—· lein ach 53 dieſer Krone hinzudrängen, welche das Schickſal Euch beſchie⸗ den. Wenn Ihr König ſeyd, werdet Ihr vielleicht das König⸗ thum zu ſehr lieben um noch in eurem Herzen Platz für mich zu haben.— Ach, lieber wollte ich ſterben, als von dieſem furchtbaren Unglück mich treffen laſſen.« »Weißt Du nicht, Geliebte,« ſagte Monmouth, indem er ſie an ſein Herz drückte,„weißt Du nicht, daß wenn ich die Krone wünſche, es blos um deinetwillen geſchieht, Henriette?« »Und ich meinerſeits, James, antworte: Gott erhöre Dich! Was mich betrifft, ſo erbitte ich von ihm nur eins, nemlich daß Du mir im Glück eben ſo treu ſeyeſt als ich Dir im Unglück ſeyn werde.⸗ Die Sonne ſpiegelte ſich ſchon in den Wogen des klei⸗ nen Hafens von Lyme, als Lady Wentworth das Zimmer d Herzogs verließ. »Auf Wiederſehen, James,« ſagte ſie, indem ſie von ihm Abſchied nahm.»Seyd meinetwegen nicht in Unruhe. Ich werde mein Verſprechen gewiſſenhaft halten. Ich werde aus Liebe zu Euch klug und vorſichtig ſeyn. Auf Wiederſehen— auf Wiederſehen!« Eine Stunde ſpäter ſetzte Monmouth's Armee von den Segenswünſchen der ganzen Bevölkerung von Lyme begleitet ſich in Marſch. Lord Grey, der ſich ſeiner düſteren Gedanken nicht er⸗ wehren konnte, ritt neben dem Herzog. »Theurer und treuer Freund,« ſagte Monmouth zu ihm, »verbannet dieſe Schwermuth und Niedergeſchlagenheit! Kann nicht auch der beſte Feldherr geſchlagen werden? Ich für mei⸗ nen Theil fühle mich heute Morgen von einer Kraft und Energie beſeelt, welche mir von der günſtigſten Vorbedeutung 54 zu ſeyn ſcheint. Ich wollte wetten, daß wir, noch ehe der heu⸗ tige Tag zu Ende iſt, eine glorreiche Revanche genommen ha⸗ ben werden.« »Es iſt nicht die Erinnerung an die Niederlage, die ich geſtern erlitten, was mich ſo niedergeſchlagen macht, gnä⸗ digſter Herr,« entgegnete Lord Grey mit gedämpfter Stim⸗ me,»denn dieſe Niederlage war unvermeidlich—« „Nun was iſt ſonſt der Grund eurer Traurigkeit?« »Ach, gnädigſter Herr, Ihr verlanget da ein furchtba⸗ res Geſtändniß von mir.« »Ein furchtbares Geſtändniß?« wiederholte Monmouth erſtaunt;„ich begreife Euch nicht, Mylord— erklärt Euch deutlicher.«— Grey zögerte, endlich jedoch ſchien er einen Entſchluß zu faſſen. „Ja, ja,« murmelte er,»ich muß durch die Scham, welche dieſes Geſtändniß mir bereiten wird, meinen unfreiwil⸗ ligen Fehler büßen.« Er näherte hierauf ſein Pferd dem Monmouth's noch mehr und fuhr fort: „Gnädigſter Herr, ich ſpreche zu Eurer Hoheit, als ob ich vor Gott ſtünde, das heißt mit vollſtändiger Offenheit— mit einer Offenheit, welche wenig Menſchen im Stande wären nachzuahmen.„Gnädigſter Herr, ich bin ein Feigling!« »Was ſagt Ihr, lieber Grey?« rief Monmouth lebhaft. »Ich ſage, gnädigſter Herr, ich bin ein Feigling! O unterbrechet mich nicht. Ja, ich fuͤrchte mich auf dem Schlacht⸗ feld. Bei dem Pfeifen einer jeden Kugel ſchnürt mir ein ent⸗ ſetzlicher Schmerz das Herz zuſammen und das Blut erſtarrt mir in den Adern. Und dennoch, gnädigſter Herr, fürchte ich den Tod nicht. Dennoch hat mich noch Niemand vor dem Feinde fliehen ſehen und wird dies auch nie ſehen. Meine Feigheit iſt ein angebornes Gebrechen— ein Phänomen der Natur—* „Ihr ſcherzet, lieber Grey, Ihr ſcherzet.“ „Wollte Gott, daß dem ſo wäre, gnädigſter Herr! In zwanzig Duellen habe ich mit dem Degen in der Hand thörich⸗ ter und leichtſinniger Weiſe mein Leben aufs Spiel geſetzt. Das Funkeln des Stahls macht keinen Eindruck auf mich, aber das Krachen des Geſchützes erſchüttert mich in tief⸗ ſter Seele.« Lord Grey machte eine Pauſe, dann fuhr er, während die edelſte Aufrichtigkeit aus ſeinen Augen leuchtete, fort: „Gnädigſter Herr, ich muß mich Euch ſo zeigen, wie ich bin. Ich darf Euch meine Tugenden eben ſo wenig verbergen, als meine Fehler, denn in den ſchwierigen Augenblicken, wel⸗ chen wir jetzt entgegengehen, iſt es dringend nothwendig, daß Ihr den eurer Diener, welcher unter eurer Partei den erſten Rang einnimmt, genau kennet. Wenn der Himmel mir nicht den Muth auf dem Schlachtfelde gewährt hat, ſo hat er mich zum Erſatz dafür mit einer Eigenſchaft begabt, welche bis zu einem gewiſſen Grade das aufwiegt, was ich ſo eben mein Gebrechen nannte. Ich bin durchdrungen von dem Gefühl der Pflicht und von der Achtung vor meinem Gewiſſen. Die Pflicht, gnädigſter Herr, iſt die mächtigſte Triebfeder meines Lebens. Ehe ich mein Wort breche, ehe ich mich den Vorwürfen meines Gewiſſens ausſetze, will ich lieber unter den grauſamſten Mar⸗ tern ſterben. Es iſt die Stimme der Pflicht, welche in dieſem Augenblicke durch meinen Mund zu Euch ſpricht. Ich hätte einen Treubruch zu begehen und mich eines Mißbrauchs des Vertrauens ſchuldig zu machen geglaubt, wenn ich, da ich ein⸗ mal an euer Geſchick gekettet bin, mich Euch nicht ſo gezeigt hätte, wie ich in der That bin. An Euch, gnädigſter Herr, iſt 56 es jetzt, zu beurtheilen, auf welche Weiſe Ihr von meinem gu⸗ ten Willen, von meiner Hingebung nützlichen Gebrauch machen könntet.« »Lieber Lord,« entgegnete Monmouth in gerührtem Tone,»ich hielt Euch bis jetzt für ein edles, gutes Herz, aber nun weiß ich, daß eure Geſinnung eine wahrhaft erhabene iſt. Eure Freimüthigkeit ſtellt Euch in meinen Augen noch höher und verdoppelt das Vertrauen, welches ich ſchon in Euch ſetzte. Da wo die größte Gefahr ſeyn wird, dahin werde ich Euch ſchicken. Der phyſiſche Muth iſt zu gewiſſen Stunden un⸗ ſicher und unzuverläſſig, die Pflichttreue aber ſtrahlt ſtets in unvermindertem Glanze.« Der Herzog bot hierauf Lord Grey ſeine Hand und die⸗ ſer drückte ſie mit inniger Dankbarkeit in die ſeinen. Es war beinahe drei Uhr, als die Tirailleurs von Mon⸗ mouth's Armee ſich auf die Avantgarde zurückzogen und da⸗ durch die Nähe des Feindes ſignaliſirten. Der Herzog ſetzte ſein Pferd ſofort in Galopp und durch⸗ ritt, von ſeinem Stabe begleitet, die Reihen der Soldaten. Für jeden Anführer hatte er ein ermunterndes Wort, für jeden Kämpfer ein Lächeln oder einen freundlichen Blick. Lauter, begeiſterter Zuruf begrüßte ſeine Gegenwart überall. Die Meldungen der Spione Monmouth's waren— was ſelten der Fall zu ſeyn pflegt— hinter der Wahrheit zurückgeblieben. Die Streitmacht des Herzogs von Albemarle betrug über viertauſend Mann und er hatte mehr als ſechs Kanonen. Der Ort, wo die beiden Armeen auf einander ſtießen, hieß Axminſter. Es war ein von ſchmalen und mit dicken Hecken eingefaßten Hohlwegen durchſchnittenes Terrain. Monmouth traf raſch ſeine Dispoſition. Er beſetzte ſeine Straßen, poſtirte ſeine beſten Schützen längs den Hecken und 57 die vier Geſchütze, welche er beſaß, auf zwei Anhöhen. Lord Grey's Reiterei erhielt Befehl dieſe improviſirten Batterien zu bewachen und zu vertheidigen. Nachdem dieſe Dispoſitionen getroffen waren, begann das Gefecht. Der Beginn der Feindſeligkeiten war dem Herzog von Albemarle günſtig. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo hielt das raſche, gut unterhaltene und mörderiſche Feuer der im Hin⸗ terhalt liegenden und durch die Hecken gedeckten Scharfſchützen den Feind in ſeinem Vordringen auf und führte in ſeinen Rei⸗ hen eine gewiſſe Unentſchiedenheit herbei. „»Mylord,“ rief Monmouth, indem er ſich nach Lord Grey herumdrehte, der auf einen Augenblick ſeine Reiterei ver⸗ laſſen hatte, um ſich auf Befehl des Herzogs zu dieſem zu be⸗ geben,»jetzt iſt der Augenblick da wo Ihr Revanche nehmen müßt— folgt mir!« Monmouth gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte begleitet von Lord Grey, deſſen ruhiges lächelndes Geſicht zu der Bläſſe, die es bedeckte, einen ſeltſamen Gegenſatz bot, mit tollkühner Verwegenheit einem feindlichen Bataillon ent⸗ gegen. Dieſe That des Herzogs war ſo unſinnig und aller her⸗ gebrachten Kampfgewohnheit ſo entgegengeſetzt, daß Albe⸗ marle's Soldaten, alsſie ihn ſo mitten unter ſie hineinſprengen ſahen, nicht einmal daran dachten, auf ihn zu ſchießen, ſon⸗ dern ganz verdutzt ſtehen blieben. „Lieben Freunde,« rief Monmouth mit lauter Stimme, welche das kaum hundert Schritte weiterhin knatternde Klein⸗ gewehrfeuer übertäubte,„meine Freunde, ich bin es, euer guter Herzog, euer Bruder, ich der Vertheidiger der Hoch⸗ kirche, ich, Monmouth, der dieſes Thrones beraubte König, ich, der ich Euch immer ſo ſehr geliebt und den auch Ihr ein⸗ 58 mal liebtet! Was habe ich denn gethan, um eure Zuneigung und Achtung zu verlieren? Nieder mit den Waffen, Kinder! Wenn die Stimme eures Königs nichts über Euch vermag, ſo hört wenigſtens die der Ehre! Wenn Ihr treuloſe Untertha⸗ nen ſeyd, ſo ſeyd wenigſtens gute Engländer. Legt die Waffen nieder, Kinder, ſage ich Euch, Ihr fechtet gegen die Freiheit, gegen die Religion, gegen Euch ſelbſt. Ihr zögert? Dann hätte ich mich alſo getäuſcht? Ihr ſeyd alſo nicht jene Bewohner von Exeter, welche mich früher, als ich wiederkehrte, um den Fremd⸗ ling zu beſiegen, mit ſo vieler Begeiſterung empfingen? Wer weiß? Ihr ſeyd vielleicht verkleidete Conſtabler des elenden Jeffreys. Dann mordet mich, denn ich werde nicht fliehen. — Schießt, ſage ich Euch! Es gibt Geld zu verdienen!« Nachdem der Herzog dieſe Worte geſprochen, breitete er die Arme aus, und bot ſeine nackte Bruſt den Kugeln der Milizen dar. Ein lang anhaltender Ruf der Bewunderung und Liebe begrüßte dieſe ſtolze, erhabene Geberde und eine Minute ſpä⸗ ter trug das in Unordnung um Monmouth verſammelte Ba⸗ taillon ihn triumphirend auf den Schultern. „Wohlan, Kinder,“ fuhr der Herzog fort,„wenn man ſeinen Irrthum auf ſo edle Weiſe erkennt, ſo iſt man auf dem beſten Wege, ihn wieder gut zu machen. Formirt Euch daher wieder in Reih und Glied und folget mir.« Dieſer Befehl ward ſofort ausgeführt und Monmouth rückte an der Spitze dieſes Bataillons, welches wenige Augen⸗ blicke vorher gegen ihn kämpfte, vor, um das Centrum von Albemarle's Milizen anzugreifen. Monk's Sohn war nicht lange unſchlüſſig. Vollkommen überzeugt, daß, wenn Monmouth's ſo beliebte Stimme bis zu den Ohren der Soldaten dränge, welche er commandirte, ◻ ú gung ider! g, ſo rtha⸗ affen iheit, hätte von kemd⸗ Wer enden ehen. reitete der Liebe ſpã· Ba⸗ man †dem daher nouth ugen⸗ von mmen bis zu dirte, alle ohne Widerſtand ſich unter die Fahnen ſeines Gegners ſchaaren würden, ließ er zum Rückzuge blaſen und verließ eiligſt das Schlachtfeld. So wie Albemarle ſich zurückzog, riß in ſeiner Armee eine immer ſichtbarer hervortretende Unordnung ein. Seine Milizen riſſen theils vor Furcht, theils vor Reue ihre Unifor⸗ men vom Leibe und warfen ſie nebſt ihren Waffen mitten auf die Straße. Wenn Monmouth anſtatt ſich mit dem Ruhme und der Beute zu begnügen, welche dieſer Kampf ihm ein⸗ brachte, den Feind verfolgt hätte, ſo iſt nicht daran zu zwei⸗ feln, daß er ſich ohne Schwertſtreich der wichtigen Stadt Exeter bemächtigt haben würde. Zum Unglück für ihn aber glaubte er, ſeine Truppen wären noch nicht geübt genug, um einen ſolchen Platz re⸗ gelrecht zu beſitzen. Wie theuer ſollte er dieſen Irrthum bezahlen! Es war am fünfzehnten Juni Abends, als der Befreier den Sieg von Exeter errang. Am achtzehnten Früh— gerade eine Woche nach ſeiner Landung in Lyme— erſchien er vor den Thoren von Taunton, wo, wie er wußte, ein großer Theil der Einwohner für ihn Partei nahm. Taunton beſaß zu der Zeit unſerer Erzählung eine weit grö⸗ ßere Bedeutung als jetzt und war eineder reichſten und blühendſten Städte Englands. Ihre Einwohner rühmten ſich eine Gegend zu bewohnen, wo Milch und Honig flöße, und in der That ward der Fremde, der den zierlichen Thurm der St. Maria Mag⸗ dalenenkirche beſtieg, von Bewunderung beim Anblick des herr⸗ lichſten und fruchtbarſten Thales betroffen, welches das ver⸗ einigte Königreich im Jahre 1685 beſaß. So weit das Auge reichte, ſah man nichts als herrliche Obſtgärten, fette Wieſen und herrliche Getreidefelder und unzählige befeſtigte 60 Schlöſſer und ſchöne Landhäuſer ſtiegen von allen Seiten empor. Die Bewohner von Taunton waren nicht blos wegen ihrer Wohlhabenheit, ſondern auch wegen ihrer heldenmüthi⸗ gen Tapferkeit bekannt. Zweimal von Goring belagert und von Blake vertheidigt— demſelben, welcher ſpäter ein be⸗ rühmter Admiral ward— hatte die Stadt Taunton dieſe bei⸗ den furchtbaren Prüfungen ruhmvoll beſtanden. Weder Feuer noch Hungersnoth hatten ſie zu unterwerfen vermocht. Seit der Thronbeſteigung Carls II., als die Reſtaura⸗ tion die Begeiſterung ganz Englands erweckte, hatten die Be⸗ wohner von Taunton jedes Jahr den Tag gefeiert, an welchem die königliche Armee genöthigt worden war, die Belagerung aufzuheben. Dieſe kühne Manifeſtation hatte in Whitehall ſo viel Furcht und Groll erweckt, daß auf Befehl des Königs die Gräben der Stadt ausgefüllt und die Mauern abgetragen wurden. So war Taunton— der Geburtsort Murray's— als am Morgen des achtzehnten Juni Monmouth vor dieſer Stadt erſchien. Die Armee des Befreiers war nicht wieder zu erken⸗ nen. Zwei Tage waren hinreichend geweſen, um ihr eine ganz andere Erſcheinung zu geben, als die, welche ſie in Lyme dar⸗ bot. Ihre feſt und regelmäßig geſchloſſenen Reihen, ihr ſicheres Auftreten und ihre Evolutionen hätten glauben machen können, daß ſie nicht aus Seeleuten, kleinen Handelsleuten und Bauern und Feldarbeitern, ſondern aus Veteranen zuſammenge⸗ ſetzt ſey. Auch darf man nicht vergeſſen, daß dieſe Armee ſeit zwei Tagen die Feuertaufe empfangen und einen Sieg erfoch⸗ ten hatte. beiten degen üthi⸗ und n be⸗ 2 bei⸗ Feuer 61 Die Vorhut war noch über fünfhundert Schritte von Taunton entfernt, als das ſüdliche Thor der Stadt ſich öffnete und ein Zug weißgekleideter Jungfrauen aus demſelben zum Vorſchein kam. Dieſe anmuthige Deputation kam, um den Herzog von Monmouth zu bewillkommnen und ihm die Schlüſſel der Stadte zu überreichen. Bei dieſem unerwarteten Anblick verklärte ſich das Ant⸗ litz des Herzogs. Der Empfang, der ihm bereitet ward, über⸗ traf alle ſeine Hoffnungen und verſicherte ihn einer koſtbaren Mitwirkung. Es war augenſcheinlich, daß die Väter, welche ſich nicht ſcheuten, auf dieſe Weiſe ihre zarten Töchter dem furchtbaren Zorne Jacobs II. auszuſetzen, auch wenn die Stunde des Handelns ſchlüge, nicht zögern würden, ſich bei einem Kampfe auf Leben und Tod zu betheiligen. Der Herzog von Monmouth ſprang behend vom Pferde und ging den Hut in der Hand allein den Jungfrauen entgegen. Die ſonntäglich gekleideten und alle grüne Reiſer— das neue Symbol der volksthümlichen Sache— auf den Hü⸗ ten tragenden Bewohner von Taunton erhoben einen lauten, begeiſterten Freudenruf. Als jedoch der Herzog vor der Spitze des Jungfrauenzuges anlangte, hörte das Rufen auf und es trat lautloſe Stille ein. Ein junges Mädchen von ideater Schönheit trat nun aus der Reihe ihrer Gefährtinnen hervor und näherte ſich vor Gemüthsbewegung und Scham erröthend mit unvergleichlicher Grazie dem Herzoge. „Gnädigſter Herr,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme, de⸗ ren bebender Wohllaut zum Herzen drang,»„man hat mir die unverdiente Auszeichnung erwieſen, Eurer Hoheit dieſe Bibel 62 und dieſe Fahne überreichen zu dürfen. Geruhet ſie im Na⸗ men der treuen Stadt Taunton anzunehmen.⸗ Der Herzog ergriff die reichgeſtickte Fahne von blauer Seide, welche ihm die Jungfrau überreichte, entfaltete ſie be⸗ geiſtert und rief: »Wenn Gott, wie ich überzeugt bin, die Gebete ſeiner Engel erhört und ihre Bemühungen ſegnet, ſo muß dieſe Fahne mich zum Triumphe führen und der Sache der Reli⸗ gion und der Freiheit den Sieg verleihen.« Dann ergriff er die Bibel, berührte ſie ehrerbietig mit den Lippen und fuhr fort: „»Ich bin gekommen, um die in dieſem Buche enthalte⸗ nen Wahrheiten zu vertheidigen und um ſie, wenn. es nöthig iſt, mit meinem Blute zu beſiegeln.« Ein lang anhaltendes Hurrah erſcholl aus den Reihen der Armee und den Gruppen der Bewohner von Taunton. Die Begeiſterung hatte ihren Gipfelpunkt erreicht, alle Herzen waren gerührt, alle Augen waren feucht. »Junge Freundin,“« fuhr der Herzog fort, als das Schwei⸗ gen einigermaßen wieder hergeſtellt war,„ich möchte gern den Namen der keuſchen und ſchönen Glücksbotin kennen, welche die tapferen Töchter von Taunton mir entgegenſenden, denn ich werde dieſes Namens fortan in allen meinen Gebeten ge⸗ denken.« Das durch die Blicke der Menge eingeſchüchterte junge Mädchen zögerte zu antworten, als ein Mann von hohem Wuchſe und ſchroffen, ſtrengen Zügen auf Monmouth zukam und das Wott ergriff. »Dieſes Mädchen iſt meine Tochter, gnädigſter Herr,⸗ ſagte er.„Eben ſo wie ihr Vater hat ſie im Voraus der gu⸗ A alte⸗ öthig eihen lton. erzen ‚wei⸗ nden elche denn 1 ge⸗ unge ohem ikam dr. gu⸗ 63 ten Sache der engliſchen Hochkirche ihr Leben zum Opfer ge⸗ bracht.« „Sir Charles Murray!« rief Monmouth mit freudiger Bewegung.»Da ſeyd Ihr endlich, mein edler Freund— mein Vater.— In meine Arme, Sir Charles— kommt in meine Arme!« Der Prätendent und der Puritaner hielten ſich lange umſchloſſen. Bei dem Anblick dieſes rührenden Schauſpiels kannte die Begeiſterung der Bewohner von Taunton keine Grenzen mehr und man hörte nichts als ein enthuſiaſtiſches tobendes Freu⸗ dengeſchrei. Ein einziger Mann unter dieſer ſo froh erregten Menge blieb kalt und finſter. Es war Ferguſſon. Er bereute, ſeinen Bericht an Jeffreys zu früh abgeſchickt zu haben. V. Verrath und Treue. Die beiden erſten Tage, welche Monmouth in der Stadt Taunton zubrachte, war ein einziges ununterbrochenes Feſt. Die freudetrunkenen Einwohner konnten ſich an ihrem gelieb⸗ ten Herzog nicht ſattſehen und der Befreier Englands ver⸗ ſchwendete aus Furcht, ſeiner Popularität zu ſchaden, wenn er ſich dieſem allgemeinen Eifer entzöge, die koſtbare Zeit da⸗ mit, daß er die ſich unaufhörlich erneuernden Deputationen empfing, welche von allen Seiten bei ihm eintrafen. Nur mit Mühe gelang es ihm, eine Stunde für Sir Charles Murray zu erübrigen. 64 Was Ferguſſon betraf, ſo wurden, je höher ſeine Furcht ſtieg, ſeine Kundgebungen von Eifer und Treue in demſelben Grade lebhafter. Er lief in den Straßen herum, ſchwang ſein langes Rapier und rief wie ein Beſeſſener: »Sehet mich an, Freunde. Ihr habt von mir ſprechen hören. Ich bin Ferguſſon, der berühmte Ferguſſon, auf deſſen Kopf eine ſo bedeutende Summe geſetzt worden!« In ſeinem Quartier angelangt, nahm der nichtswürdige Schotte bedeutende Quantitäten ſtarker Getränke zu ſich, um ſeine Angſt zu vertreiben und ſich Muth zu machen. Am Abend des neunzehnten Juni erſchien einer der Ad⸗ jutanten Monmouth's bei dem Verräther und meldete ihm, daß der Herzog ihn ſo bald als möglich zu ſprechen wünſche. Ferguſſon that, obſchon dieſer Befehl ihn in ungewöhn⸗ liche Aufregungverſetzte, als ob er mit freudigem Eifer gehorchte. Nichtsdeſtoweniger hätte der Herzog, wenn er ihn, als er vor ihm erſchien, aufmerkſam angeſehen hätte, nicht umhin ge⸗ konnt, die Unruhe und Bläſſe ſeines Geſichts zu bemerken. »Lieber Freund,« ſagte er zu ihm, indem er ihn durch eine Geberde aufforderte Platz zu nehmen,„ich habe viel mit Euch zu ſprechen.“ »Ich höre Euch, gnädigſter Herr,«antwortete der Schotte, indem er ſich demüthig verneigte. »Ich muß geſtehen,« fuhr Manmouth fort,„daß die Art und Weiſe, auf welche man mich in Taunton empfangen, meine ehrgeizigen Hoffnungen übertroffen hat. Mupray hatte die Stadt bewundernswürdig zu meinen Gunſten eingenommen. Den⸗ noch aber iſt ein Umſtand vorhanden, welcher, wie ich Euch nicht verſchweigen kann, mir Stoff zum Nachdenken gibt und mich ſehr beunruhigt.« 0ç& 65 »Und was iſt dies, gnädigſter Herr?« fragte Ferguſſon mit unſicherer Stimme. »Unter den zahlreichen Kämpfern, welche ſich unter mei⸗ ner Fahne ſchaaren,“ hob Monmouth wieder an,„»ſehe ich keinen, welcher dem Adel angehörte. Dennoch verſichertet Ihr mir, Ferguſſon, in Holland, daß bei meiner Landung in Eng⸗ land die ganze Whig⸗Ariſtokratie ſich wie ein Mann zu mei⸗ nen Gunſten erheben würde. Worin liegt der Grund der Gleichgiltigkeit, welche ſie heute für meine Sache an den Tag legt?« Bei dieſer Frage des Herzogs verſchwanden alle Be⸗ fürchtungen des Verräthers und ein hölliſches Lächeln flog raſch wie eine vom Sturme gepeitſchte Wolke über ſein Ge⸗ ſicht. Er hielt ſeine Beute. Sein Opfer konnte ihm nicht ent⸗ rinnen— es hatte ſich ihm ſo eben ſelbſt in die Hände ge⸗ liefert. „»Gnädigſter Herr,« antwortete er in feſtem Tone, veure eigene Handlungsweiſe iſt der Grund, welchem Ihr die Lauheit des Adels zuzuſchreiben habt. Wenn Ihr geruht hät⸗ tet, meine Rathſchläge in Erwägung zu ziehen und ihnen Ge⸗ hör zu ſchenken, ſo würde dieſer Abfall, über welchen Ihr Euch beklagt, nicht geſchehen ſeyn. Eure Hoheit hat es vor⸗ gezogen, den Eingebungen Murray's zu folgen. Ihr habt den treuloſen Rathſchlägen, den eigennützigen Wünſchen der Re⸗ publicaner, welche für den Augenblick gemeinſchaftliche Sache mit Euch machen, williges Gehör geſchenkt.« „»Was ſagſt Du, Ferguſſon?« „Ich ſage, gnädigſter Herr, daß, wenn Ihr keck den Titel angenommen hättet, der Euch gebührt, nemlich den Titel als König von England, jetzt der ganze Adel des Ver⸗ Der Tiger von Tanger. IV. 5 66 einigten Königreiches unter eurer Fahne ſtehen würde. Wenn nemlich, gnädigſter Herr, wie Ihr erklärt, Jacob II. Uſur⸗ pator iſt, ſo werdet Ihr allen euren Pflichten untreu, wenn Ihr die Krone länger auf ſeinem Haupte laſſet. Diejenigen, welche Jacob II. vertheidigen, ſchlagen ſich für die einzige Perſon, welche wagt, ſich den legitimen und einzigen König zu nennen. Sie erfüllen ihre Pflichten als treue Unterthanen. Den Degen für eure Sache ziehen, gnädigſter Herr, heißt ſei⸗ nen Kopf für eine unbekannte Regierung auf's Spiel ſetzen, welche, man weiß nicht durch welchen Vertrag, der noch nicht exiſtirt, gegründet werden ſoll. Es iſt nicht zu verwundern, wenn Männer von hohem Range und bedeutendem Vermögen ſich entfernt von einem Unternehmen halten, welches ein gan⸗ zes Syſtem, deſſen Erhaltung für ihre Intereſſen ſo wichtig iſt, zu vernichten droht. Macht Ihr dagegen eure unbeſtreit⸗ baren Rechte auf die Krone geltend, und verkündet Ihr die⸗ ſelben laut und ohne Rückhalt, ſo befreiet Ihr den Adel von der Furcht ſeine Vorrechte zu verlieren und er betrachtet die Sache nur noch als eine Frage des Erbrechts zwiſchen zwei Prinzen.« Ferguſſon hatte, ſo wie er ſeine Argumente entwickelte, ſeiner Stimme einen immer höher ſteigenden feierlichen Aus⸗ druck geliehen. „Sire,“ ſetzte er nach längerem Schweigen hinzu, wäh⸗ rend deſſen ſein durchbohrender Blick mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit die verſchiedenen Gemüthsbewegungen verfolgt hatte, welche ſich auf dem Geſichte ſeines Schlachtopfers ſpie⸗ gelten,»Sire, es gilt zu wählen zwiſchen dem ſtrahlenden Ti⸗ tel Majeſtät und dem brandmarkenden Namen eines Aben⸗ teurers.« Bei dieſen mit Nachdruck und Sicherheit geſprochenen enen 67 letzten Worten fühlte Monmouth aus ſeinem Gemüthe auch den letzten Schatten des Argwohns entweichen, den er gegen Ferguſſon gefaßt, ſeitdem Lady Henriette Wentworth verſucht hatte, ihn vor dieſem verderblichen Rathgeber zu warnen. Der Mann, welcher auf dieſe Weiſe ſeinem Ehrgeize ſchmei⸗ chelte, konnte kein Verräther ſeyn, ſondern handelte vielmehr wie der treueſte und eifrigſte der Freunde des Prätendenten. Der Herzog erhob ſich von ſeinem Stuhle und ging mehrmals in dem umfangreichen Saale auf und ab, in wel⸗ chem dieſe Scene des Verrathes ſtattfand. Dann blieb er plötz⸗ lich vor dem Schotten ſtehen. „Ja, mein guter, mein edler, mein treuer Seſ Du haſt Recht,« rief er mit bebender Stimme.»Ein König iſt immer König. Keine menſchliche Rückſicht kann ihn bewe⸗ gen, dieſen Titel aufzugeben, den er von Gott hat. Ich habe Unrecht, ſehr Unrecht daran gethan, auch nur einen Augen⸗ blick den dringenden Bitten Murray's nachzugeben. Gebe der Himmel, daß es nicht ſchon zu ſpät iſt, meinen Fehler wie⸗ der gut zu machen. Ich will, daß morgen bei Tagesanbruch meine Anerkennung auf öffentliche feierliche Weiſe ſtattfinde. Willſt Du, Ferguſſon, die Anordnungen trefſen, welche dieſe politiſche Ceremonie nöthig macht?« „»Wenn Eure Hoheit geruhet als König mir zu befehlen, werde ich ſtets Mittel finden, Euch zu gehorchen.⸗ »Nun gut, die Sache iſt alſo abgemacht, Ferguſſon. Morgen mit Tagesanbruch werde ich zum König ausgerufen.«. »Ja, Sire, morgen bei Tagesanbruch.« Hierauf nahm Ferguſſon Abſchied vom König. »Ha,“ ſagte der Verräther bei ſich ſelbſt, indem er ſich znit raſchem Schritte von Monmouth's Wohnung entfernte, »nun bin ich der Strafloſigkeit gewiß. Wenn Monmouth’s ⁵ 68 Plan gegen alles Erwarten gelingt, ſo bin ich es, der ſeine Stirn mit dem Diadem umgürtet hat. Scheitert er, ſo wer⸗ den die Maßregeln, die ich ihm anrathe und die Decrete die ich ihn zu erlaſſen bewegen werde, Jacob II. mit Freude er⸗ füllen und mir eine freigebige Belohnung eintragen. In der That, das Glück lächelt meinen Bemühungen. Um ſelbſt die fürchterlichſten Hinderniſſe zu beſiegen, bedarf man weiter nichts als Geduld und Kühnheit.“ Zwölf Stunden nach der ſo eben mitgetheilten Unterre⸗ dung, das heißt am zwanzigſten Juni Morgens, ward Mon⸗ mouth auf dem Marktplatze von Taunton zum Könige ausge⸗ rufen und ſeine Anhänger ſchrien ihm begeiſterten Beifall zu. Um die Verwirrung zu vermeiden, welche der Name dor neuen Majeſtät hätte hervorrufen können, wenn man ſie ebenfalls Jacob(James) II. genannt hätte, gab man ihr den ſeltſamen Titel König Monmouth. 3 Am Tage nach dem, an welchem dieſes wichtige Ereigniß ſtattgefunden, erließ König Monmouth drei mit ſeinem Sie⸗ gel verſehene Proclamationen. Die eine derſelben erklärte Ja⸗ cob II. zum Verräther an dem Vaterlande und beſtimmte den Preis, welchen Der erhalten ſollte, der ſeinen Kopf bringen vürde. Dieſe von Ferguſſon abſichtlich höchſt tactlos und per⸗ ſid abgefaßten Proclamationen ſchienen nur beſtimmt zu ſeyn, dem unklugen Unterzeichner derſelben die Verachtung der recht⸗ ſchaffenen und beſonnenen Leute zuzuwenden. Monmouth hatte, ſtolz auf ſeinen Triumph, ſo eben ſein Gefolge verabſchiedet, um einen Augenblick Ruhe zu genießen, als der dienſtthuende Thürſteher— denn der Herzog beſaß ſchon einen gewiſſen Hofſtaat— ihm den Beſuch des alten Puritaners meldete. Sir Charles Murray hatte von Monmouth gleich beim eim 69 Einzuge des Letzteren in die Stadt Taunton die Ermächtigung erhalten, jede beliebige Stunde des Tages und der Nacht bei dem Herzoge zu erſcheinen. Als der neue König den Namen des ſtrengen Puritaners hörte, konnte er ſeine Unzufriedenheit nur mit Mühe verheh⸗ len. Da er nichtsdeſtoweniger durch allzu ſchwarze Undank⸗ barkeit ſich die republicaniſche Partei in der Perſon eines ihrer vornehmſten Anführer zu entfremden fürchtete, ſo gab er Be⸗ fehl, Lucy's Vater einzulaſſen. Bei dem erſten Blicke, den Monmouth auf ſeinen Be⸗ ſuch warf, gewahrte er, daß ſeine Befürchtungen gegründet waren, und daß Sir Charles Murray nicht mehr als erge⸗ bener Freund ſondern im Gegentheile als unverſöhnlicher Feind zu ihm kam. Dennoch aber hütete er ſich wohl, die feindſeligen Geſinnungen merken zu laſſen, welche auch in ihm erwachten. Mit lächelndem Munde näherte er ſich Sir Char⸗ les und bot ihm die Hand. „»Seyd willkommen, mein Vater, ſagte er in freundli⸗ chem Tone zu ihm. Murray trat, anſtatt dieſem huldreichen Empfange zu entſprechen, zwei Schritte zurück und antwortete in ernſtem. bekümmertem Tone: „Gnädigſter Herr, wenn Ihr das Unglück hättet, mein Sohn zu ſeyn, ſo ſtündet Ihr in dieſem Augenblick vor einem Richter.“ König Monmouth that, als wenn er dieſe Worte nicht hörte und fuhr fort zu lächeln. „Welches Unglück iſt Euch begegnet, lieber Murray?« hob er in liebreichem Tone wieder an,„Ihr ſcheint ſehr auf⸗ geregt und unruhig. Redet ſchnell, ich beſchwöre Euch! Ihr 70 kennt meine unverbrüchliche Anhänglichkeit an Euch— nichts was Euch betrifft, kann mir gleichgiltig ſeyn—⸗ „In der That, gnädigſter Herr, iſt mir ein großes Un⸗ glück zugeſtoßen, ein Unglück, welches leider auf ganz Eng⸗ land zurückfällt.« „Ich verſtehe Euch nicht, Sir Charles,« ſagte Mon⸗ mouth mit einem Anflug von Kälte;»erklärt Euch deut⸗ licher.« »Ich bitte um Verzeihung, gnädigſter Herr. Ihr ver⸗ ſteht mich recht gut,« rief Murray, indem er Monmouth ſcharf anſah, ſo daß dieſer gezwungen war, ſeinen Blick zu ſenken. „»Richtet Euch empor, gnädigſter Herr! Habt wenigſtens den Muth, eure üble That—« „Sir Charles Murray,« unterbrach ihn Monmouth ungeduldig und ſtolz,»„da Ihr den Freund verläugnet, ſo ver⸗ geßt nicht, daß Ihr vor eurem König ſteht.« „Ihr mein König? Nein, gnädigſter Herr, nein, tau⸗ ſendmal nein— Ihr ſeyd nicht mein König.⸗ „Sir Charles, nehmt Euch in Acht!« »Schon Drohungen, Herzog! Doch in der That, ich mußte mich darauf gefaßt machen. Ihr fühlt Euch ſchon zu ſtrafbar, um nicht gewaltthätig und heftig zu ſeyn. Es iſt ſo bequem, ſeine Schande hinter einer erheuchelten Entrüſtung zu verbergen.“« „Sir Charles! Sir Charles!« „Ereifert Euch nicht unnützer Weiſe, gnädigſter Herr,« fuhr Murray fort,»euer Zorn würde an meinem Gewiſſen ohnmächtig zerſchellen. Hört vielmehr, was ich Euch noch zu ſagen habe.« 4 Monmonth— ſey es, daß er ſich ſcheute, die Sache allzuweit zu treiben, ſey es, daß er den Puritaner noch wie⸗ — „——..— 8—,,,,,—+& — 71 der für ſich zu gewinnen hofſte, oder ſey es vielmehr, und dieſe Vorausſetzung ſcheint die wahrſcheinlichſte zu ſeyn, daß er von der unbeugſamen kalten Würde ſeines Gegners be⸗ herrſcht ward— ſenkte das Haupt und ſchwieg. Lucy's Vater machte eine kurze Pauſe, dann ergriff er wieder das Wort. „Mein Herr Herzog,“ ſagte er,»es liegt mir daran, in dieſer Unterredung— ohne Zweifel der letzten, die wir mit einander haben werden— klar darzulegen, von welcher Art meine Stellung Euch gegenüber in Zukunft ſeyn muß. So lange, als eure Fahne in Achtung des Geſetzes, die Gleichheit der Bürger, die Vertheidigung der anglicaniſchen Religion zum Wahlſpruch haben wird, werde ich tapfer und treu an eurer Seite fechten, denn Ihr werdet dann in meinen Augen immer noch der Befreier Englands ſeyn. Aber— dies merket wohl, wenn ich bitten darf— aber wenn jemals ein voll⸗ ſtändiger Triumph eure Bemühungen krönt und Ihr auf dem gefährlichen Wege, den Ihr betreten, beharrend, eure Stirn noch fortwährend mit dem Diadem umgürtet— von dieſem Tage an werdet Ihr in Murray einen raſtloſen und unver⸗ ſöhnlichen Feind finden. Jetzt, gnädiger Herr, bleiben mir nur noch wenig Worte hinzuzufügen. Es iſt die letzte Mah⸗ nung eines ehrlichen Mannes, den Ihr auf ſo unwürdige Weiſe hintergangen habt.“« Der Puritaner ſchwieg einige Secunden lang und hob dann in einem Tone, der zugleich tiefe Ueberzeugung und verletzte Empfindlichkeit verrieth, wieder an: „Herzog von Monmouth, es gibt im Leben feierliche Stunden, wo der Herr, in ſeiner unendlichen Güte, in die reinen und biedern Seelen einen Strahl ſeines göttlichen, unfehlbaren Geiſtes fallen läßt, Stunden, wo unſer von klein⸗ 7² lichen irdiſchen Leidenſchaften freier Geiſt die Geheimniſſe der Zukunft ſchaut! Glaubt mir, gnädigſter Herr, es iſt die Stimme des gerechten und barmherzigen Gottes, welche in dieſem Augenblick durch meinen Mund zu Euch ſpricht. Wenn Ihr, durch einen beklagenswerthen Ehrgeiz getrieben, den Degen blos mit Rückſicht auf eure perſönlichen Intereſſen zieht, ſo wird euer Vorhaben nicht gelingen, ſo werdet Ihr die Ehre umſonſt geopfert haben. Eine furchtbare Kata⸗ ſtrophe wird das Ende eurer kurzen und blutigen Laufbahn bezeichnen. Des Stolzes ſchuldig werdet Ihr in euren theuer⸗ ſten und innigſten Gefühlen verhöhnt und gedemüthigt wer⸗ den. Um euren Kopf zu erhalten, den Ihr auf allzu ſtolze Weiſe erhoben, werdet Ihr genöthigt ſeyn ihn zur Erde bis in den Staub niederzubeugen. Aber dieſe letzte und größte Schmach wird ihn dennoch nicht vor dem Beile des Henkers ſchützen.— Herzog, ſehet in meinen Worten weder Haß noch Zorn. Ich bin weiter nichts als das Werkzeug, deſſen Gott in ſeiner Barmherzigkeit ſich bedienen will, um Euch zu ret⸗ ten. Zum letzten Male beſchwöre ich Euch auf den Knien, gnädigſter Herr, öffnet eure Augen dem Lichte, ſehet den Abgrund, der zu euren Füßen gähnt, ſtoßet nicht die treue Freundeshand von Euch, die Euch zurückhalten will!« Murray hatte, indem er dieſe letzten Worte ſprach, in der That das Knie vor Monmouth gebeugt, welcher mit todt⸗ bleichem Geſichte und zornfunkelnden Augen eine Beute der gewaltſamſten und widerſtreitendſten Gefühle zu ſeyn ſchien. Endlich ſchien der neue König einen Entſchluß zu faſſen. Er bot dem Puritaner die Hand und ſagte in gütigem, ſanf⸗ tem Tone: »Murray, ich kann Euch die Heftigkeit eurer Sprache nicht übelnehmen, denn ſie hat ihren Entſtehungsgrund in der — ͤSͤ S Xdhe 2 73 Uebertreibung eines edlen Gefühls. Eben ſo iſt es mir un⸗ möglich, die bedeutenden Dienſte zu vergeſſen, welche Ihr mir geleiſtet habt. Ich werde Euch dafür ewig dankbar ſeyn. Was eure Prophezeiungen betrifft, Sir Charles, ſo erlaubt mir, denſelben keinen Glauben beizumeſſen. Niemals— da⸗ von ſeyd überzeugt— niemals werde ich, der König von England, den geheiligten Charakter herabwürdigen, mit wel⸗ chem ich bekleidet bin. Von welcher Art auch die Unglücks⸗ fälle, die mich treffen können, ſeyen, worin auch die Enttäu⸗ ſchungen, welche mir die Zukunft vorbehält, beſtehen mögen, ſo werde ich immer auf der Höhe meiner Geburt zu bleiben wiſſen. Mein Unglück wird, wenn das Schickſal ſich gegen mich erklärt, mein Ruhm ſeyn. Auf Wiederſehen, lieber Murray! Die herausfordernden Worte, welche euren Lippen entfallen ſind, habe ich ſchon vergeſſen und gedenke nur noch der Beweiſe von Hingebung und Eifer, welche Ihr mir ſo oft gegeben.“ Indem Monmouth dies ſagte, bot er dem alten Purita⸗ ner die Hand und es koſtete Sir Charles große Ueberwin⸗ dung, ſie nicht in die ſeinigen zu drücken. Er verneigte ſich ſchweigend und beeilte ſich das Zim⸗ mer zu verlaſſen, denn er fühlte ſich unbehaglich gegenüber der liebreichen Leutſeligkeit des neuen Königs. Nach dem Weggange des unbeugſamen Puritaners ver⸗ ſank Monmouth in langes träumeriſches Hinbrüten. Endlich richtete er den gedankenvoll auf ſeine Bruſt herabgeneigten Kopf wieder empor. »Wenn Murray dennoch Recht hätte,« murmelte er, »wenn ſeine Vorherſagungen ſich verwieklichen ſollten? In die Macht des Uſurpators Jacob zu fallen— Henrietten nie⸗ mals wiederzuſehen— ha, das wäre ſchrecklich— Henriet⸗ 74 ten nicht wiederzuſehen, ſage ich— dieſe Qual wäre aller⸗ dings unerträglich, wenn ſie andauern ſollte— aber ſie wird nicht lange dauern. Die Hände Jacobs von York werden ihr ſchnell ein Ende machen.“ Ein Schauer durchrieſelte den Herzog. „Sterben, während ich noch ſo jung bin, während das Leben für mich ſo ſchön ſeyn kann!“ fuhr er langſam fort, als ob dieſer Gedanke ſich ihm bis jetzt noch nie aufgedrun⸗ gen hätte;»ſterben, und welchen Tod? Den furchtbarſten, den die Phantaſie ſich denken kann. Der grauſamen Neugier der rohen Menge zum Gegenſtand zu dienen, die Hand des Henkers auf den Schultern zu fühlen und dann— ha, ich ſchaudere— das heißt nicht einmal ſterben, das heißt den Tod tauſendmal erleiden!« Der neue König ſchüttelte hierauf lebhaft und wieder⸗ holt den Kopf, als ob er einen ihm läſtigen Gedanken ver⸗ bannen wollte. Bald gewann ſein trübes Auge ſeine gewohnte Lebhaftigkeit wieder, ſeine Bläſſe verſchwand und der bis jetzt ſo düſtere Ausdruck ſeines Geſichtes ward ſtolz und ſtrahlend. Dank dieſer Beweglichkeit des Geiſtes, welche einen der hervorragendſten Züge ſeines Charakters ausmachte, ſah er ſchon eine neue Zukunft. „Ja, ja, mein Vorhaben wird gelingen, ich werde Kö⸗ nig ſeyn,« hob er mit lauter Stimme an.„»Mein eigentliches Daſeyn hat noch gar nicht begonnen. Bis jetzt habe ich nur die feierliche Stunde erwartet, welche mich an meinen Platz ſtellen, mich für meine Verbannung rächen und meinem edlen Ehrgeiz eine glänzende und erhabene Laufbahn öffnen ſoll. Murray iſt ein alter Narr, ein Schwärmer, der hinter pomp⸗ haften, hohlen Redensarten die Ueberſpanntheit ſeines Geiſtes verbirgt. Ich ſoll mich von der republicaniſchen Partei ins 3 G kla 75 Schlepptau nehmen laſſen!— Ein niedlicher Rath, den er mir da gibt, fürwahr! Wohlan, ich habe wohl daran gethan, mit ihm zu brechen. Welchen Dank bin ich ihm auch im Grunde genommen für die Hingebung ſchuldig, die er mir bis jetzt gezeigt? Keinen; denn dieſe Hingebung galt nicht meiner Perſon, ſondern blos der Sache, für welche er kämpft. Er ſah in mir nur ein mächtiges Werkzeug, einen nützlichen Bun⸗ desgenoſſen, weiter nichts.— Und ſelbſt im ſchlimmſten Falle, wenn das Los der Waffen ſich gegen mich erklärt, wenn ich beſiegt werde, bleibt mir dann nicht immer noch der ruhm⸗ volle Ausweg, mich auf dem Schlachtfelde tödten zu laſſen? Das iſt wenigſtens ein ſchöner und raſcher Tod!— Man fällt wie vom Blitze getroffen und läßt einen in der Geſchichte geachteten Namen zurück. Je mehr ich mir die Sache über⸗ lege, deſto mehr muß ich mich über meinen Bruch mit Mur⸗ ray freuen und mir Glück dazu wünſchen.« Einmal auf dieſe Weiſe wieder mit ſich ſelbſt einig wollte Monmouth einen Augenblick Ruhe genießen, aber ver⸗ gebens ſuchte er einzuſchlummern. Das ſtolze, ernſte und überzeugte Wort des alten Puri⸗ taners hallte immer noch in ſeinen Ohren und ließ ſeine Augen ſich nicht ſchließen. Er bot ſeine ganze Energie auf, um ſich dieſer moraliſchen Tortur zu entziehen— eine un⸗ überwindliche Ahnung ſagte ihm, daß der Puritaner nicht ein wahnſinniger, ſondern ein wahrhafter Prophet ſey. Das Erſtaunen der Stadt Taunton war groß und all⸗ gemein, als man noch an demſelben Abend erfuhr, daß Mon⸗ mouth ſeiner Armee ſoeben Befehl ertheilt habe, ſich bereit zu halten, ſchon den nächſtfolgenden Tag ins Feld zu rücken. Dieſer plötzliche Entſchluß, welcher mit den kürzlich er⸗ klärten Abſichten des Befreiers, ſeine Truppen einem Zuſam⸗ 76 menſtoß im offenen Felde nicht eher preiszugeben, als bis ſeine Soldaten, oder vielmehr ſeine Recruten, mehr an die Füh⸗ rung der Waffen gewöhnt ſeyn wuͤrden, in ſo offenem Wi⸗ derſpruch ſtand, gab zu tauſend Muthmaßungen Anlaß, von denen die einen eben ſo irrig waren als die andern. Der eigentliche Beweggrund, welcher den neuen König zu dieſem wichtigen Entſchluſſe veranlaßte, war ganz einfach eine fie⸗ berhafte Ungeduld, welche ſich ſeit ſeiner Unterredung mit Murray ſeiner bemächtigt hatte. Er hatte Eile— wie man dies bei ſchwachen Gemüthern oft ſieht— der Gefahr entgegen⸗ zugehen, welche er fürchtete. Am nächſtfolgenden Morgen bei Tagesanbruch ſetzte Monmouth's Armee, die jetzt aus ſechstauſend Mann Infan⸗ terie und beinahe fünfzehnhundert Mann Reiterei beſtand, ſich in der Richtung der Stadt Bridgewater in Bewegung. Man ſprach allerlei von einem Angriffe, der gegen Briſtol verſucht werden ſollte, wo Monmouth zahlreiche Anhänger hatte. Wenn Briſtol in die Gewalt des neuen Königs fiel, ſo war ſeine Sache halb gewonnen, denn außer dem Nimbus, den dieſe glänzende Waffenthat ihm bereiten mußte, erlaubte der Beſitz einer ſo wichtigen und reichen Stadt dem Herzog auch, ſeine Truppen auf beſſeren Fuß auszurüſten und ge⸗ währte ihm beinahe unerſchöpfliche Geldmittel. Weit entfernt, den Sohn Carls II. wegen ſeiner Ueber⸗ eilung zu tadeln, lobten ihn ſeine Parteigänger faſt ohne Aus⸗ nahme. Als Monmouth am nächſtfolgenden Morgen, auf einem prachtvollen feurigen Roſſe ſitzend, welches er mit unnachahm⸗ licher Grazie und Gewandtheit tummelte, au demſelben Markt⸗ platz erſchien, wo er öffentlich zum König ausgerufen wor⸗ — einem Hahm⸗ Karkt⸗ wor⸗ — 77⁷ den, begrüßte ihn die Menge mit ſtürmiſchem und lautem En⸗ thuſiasmus. Umſonſt verſuchte der Herzog, dieſen glänzenden Em⸗ pfang durch ein Lächeln zu beantworten. Er empfand eine ſo unüberwindliche Niedergeſchlagenheit, daß es ihm trotz ſeiner Bemühungen nicht gelang, den Ausdruck ſeines Geſichts den Umſtänden anzupaſſen. »Ach,« murmelte Sir Charles Murray, welcher ſchon zu Pferde ſitzend ſich anſchickte der Vorhut zu folgen,»ach, gebe Gott, daß ich mich irre, aber es iſt mir, als läſe ich in dem Antlitz dieſes unglücklichen Herzogs mit blutigen Zügen die Worte geſchrieben:„Schmach und Tod!« VI. Der Vorabend der Schlacht. Es war am fünften Juli. Zwei Wochen waren verfloſ⸗ ſen, ſeitdem Monmouth Taunton verlaſſen und kein entſchei⸗ dendes Ereigniß hatte während dieſer vierzehn Tage ſtatt⸗ gefunden. Das von Churchill beunruhigte Befreiungsheer hatte, an⸗ ſtatt Briſtol anzugreifen, die koſtbare Zeit mit unnützen Mär⸗ ſchen und Contremärſchen verſchwendet. Der neue König zeigte in ſeiner Handlungsweiſe eine beklagenswerthe Unentſchieden⸗ heit. Nachdem er die Abſicht kundgegeben, gegen London zu marſchiren, war er am fünften Juli wieder in Bridgewater, einer Stadt in Somerſetſhire, welche er ſchon zehn Tage früher beſucht. Es hatte eben auf der Parochialkirche die Mittagsſtunde geſchlagen. Monmouth, der ſich in ein Zimmer des Schloſſes 78 Bridgewater zurückgezogen, welches früher eine königliche Reſi⸗ denz war, zog forſchend eine auf dem Tiſch vor ihm ausgebreitet liegende Karte zu Rathe, als Lord Grey vor ihm erſchien. „»Willkommen, Mylord,“ rief der Herzog indem er ihm raſch entgegenging.»„Die widerſtreitendſten Gedanken ver⸗ dunkeln und ermüden meinen Geiſt. Ich bedarf des Rathes eines wahren Freundes.“ „Leider, Sire,« antwortete Lord Grey in traurigem Tone,»ſehet in mir einen Unglücksboten. Ich komme um Eurer Majeſtät eine furchtbare und beklagenswerthe Nachricht mitzutheilen.« 3 „Sprecht, Mylord, ich bin auf Alles gefaßt.“ „Die Armee des Grafen Archibald exiſtirt nicht mehr— der tapfere Rumbold iſt enthauptet, Ayloff gefangen genom⸗ men und nach London gebracht worden.« „Ha, lieber Grey, was ſagt Ihr? und der hochherzige Argyle, was iſt aus dieſem geworden?« „Was aus allen edlen und erhabenen Herzen wird, die ſich ſelbſt hingeben, um ihr Vaterland zu retten.« »Argyle iſt auf dem Schaffot geſtorben, nicht wahr?⸗ „Ja, Sire, auch er iſtin Edinburgenthauptet worden.“ „Ha!« murmelte Monmouth, indem er ſich das Ge⸗ ſicht mit den Händen bedeckte. Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf dieſen Ausruf des Herzogs. Er war es, der zuerſt wieder das Wort ergriff. „»Alſo,« ſagte er,»Argyle's Armee iſt vernichtet und wir dürfen nicht mehr auf eine uns zu Statten kommende Di⸗ verſion zählen. Der Uſurpator Jacob kann nun ſeine ganze Truppenmacht gegen uns verwenden.« Der Herzog machte abermals eine Pauſe, dann fuhr er in einem Tone, dem er vergebens Feſtigkeit zu geben ſuchte, fort:„Wenigſtens hoffe 79 ich, daß unſer unglücklicher Argyle geſtorben iſt, wie er ge⸗ lebt hat— tapfer und auf ſeiner loyalen Geſinnung be⸗ harrend.⸗ 3 „Ja, Sire. Seine letzten Tage ſind die eines Helden, ſeine letzte Stunde die eines Märtyrers und eines Heiligen geweſen.⸗ »Und iſt er mit dem Schwert hingerichtet worden?« „Nein, unter dem Beile der Jungfrau*) iſt ſein edles Haupt gefallen.« „In der That,« murmelte der Herzog nachdenklich, „dieſe Jungfrau iſt eine ſchöne Erfindung. Ihr tödtlicher Kuß ſchmettert das Opfer nieder. Mit dem Henker iſt das nicht der Fall. Zuweilen wird dieſer Verworfene von einem ſeltſa⸗ men beklagenswerthen Mitleid erfaßt, welches ſeine Hand zittern macht und dem Unglücklichen, deſſen Lebensfaden er zerſchneiden ſoll, einen grauſamen und langen Todeskampf be⸗ reitet. Iſt es nicht wahr, Mylord, daß man auf zur Ent⸗ hauptung Verurtheilte zuweilen mehre Streiche hat fallen ſe⸗ hen, ehe ſie den letzten Seufzer ausgehaucht haben?« Der eigenthümliche, zerſtreute Ton, in welchem Mon⸗ mouth dieſe Worte ausſprach, war Lord Grey in hohem Grade auffällig. Die abgebrochenen Worte des Prätendenten ver⸗ riethen auf nur zu klare Weiſe die düſtern Gedanken, von wel⸗ chen ſeine Seele bewegt ward. Grey dachte eben über ein Mittel nach, um ſich zu über⸗ zeugen, ob der Argwohn, der in ihm erwacht war, gegrün⸗ det ſey, als Sir Charles Murray in das Zimmer trat. Es war dies ſeit dem die Armee die Stadt Taunton verlaſſen, das erſte Mal, daß der Puritaner vor Monmouth erſchien. Bei ſeinem Anblick konnte der Herzog ſich eines gewiſſen *) Eine damals in Schottland gebräuchliche plumpe Art Guil⸗ lotine. 80 Gefühls von Ueberraſchung, la beinahe von Furcht nicht er⸗ wehren. Sein unruhiger Blick heftete ſich forſchend auf das Antlitz des Puritaners. Murray's ſtrenge Züge verriethen aber weiter nichts als Ruhe und Kälte. „Herr Herzog,“ ſagte er, indem er ſich vor dem neuen König tief verneigte,»ich bringe Euch eine wichtige Mit⸗ theilung. In dieſem Augenblick habe ich die gewiſſe Nachricht erhalten, daß die von Feversham erwarteten Verſtärkungen, noch heute anlangen ſollen. Späteſtens in einigen Stunden werden wir uns daher der geſammten königlichen Armee ge⸗ genüber ſehen. Jetzt iſt der Augenblick, gnädigſter Herr, wo ich eine Frage an Euch zu richten wünſche.“ „Erklärt Euch deutlicher, Sir Charles, aber faßt Euch möglichſt kurz.“ „Ich werde nur weniger Worte bedürfen, gnädigſter Herr.« „Wohlan, ſprecht; ich höre Euch.* „Welches Verfahren gedenkt Ihr einzuhalten, Herr Her⸗ zog?« fuhr Sir Charles Murray fort, indem er einen for⸗ ſchenden Blick auf Monmouth heftete. „Ich verſtehe Euch nicht, Sir Charles.⸗ „Um ſo beſſer, wenn Ihr die Wahrheit ſprecht; leider aber fürchte ich ſehr, daß Ihr auch diesmal die Abſicht habt, meine Leichtgläubigkeit zu mißbrauchen. Ich wünſche alſo zu wiſſen, gnädigſter Herr, ob Ihr die Schlacht annehmen werdet.“ „Iſt dies die Frage, die Ihr an mich zu richten wünſch⸗ tet, Sir Charles?« „Ja, gnädigſter Herr.“ „Dann iſt es mir nicht möglich, eure Neugier zu be⸗ friedigen.“ 81 »Warum, gnädigſter Herr, wenn ich fragen darf?« »Weil es die Pflicht eines Obercommandanten iſt, ſeine Pläne und Abſichten nur dann mitzutheilen und zu offenba⸗ ren, wenn dies zum Gelingen ſeiner Pläne dienen kann.⸗ Sir Charles Murray lächelte wehmüthig und ſchüttelte langſam den Kopf. »Gnädigſter Herr,“ hob er an,»ich darf das unver⸗ diente Mißtrauen, welches Ihr gegen mich zeigt, nicht übel⸗ nehmen, denn Ihr flößet mir ſelbſt ein ähnliches Gefühl ein. Beruhigt Euch, Herzog, ich bitte Euch darum, eure Aufwal⸗ lung würde nur dazu dienen, meine Gegenwart hier zu ver⸗ längern.« „»Sir Charles Murray, Ihr ſolltet aber wiſſen, daß ich nicht Herr meiner Zeit bin.« »Das iſt möglich, gnädigſter Herr, wohl aber gehört eure Zeit denen, welche für euern Triumph ihren Kopf aufs Spiel ſetzen. Zu dieſen gehöre ich nun— deshalb werdet Ihr mich anhören— ich will es.« Bei dieſem im Tone unerſchütterlicher Feſtigkeit ausge⸗ ſprochenen Worte ſchien Monmouth ſeinen Zorn losbrechen laſſen zu wollen; durch die ruhige und würdevolle Haltung des alten Puritaners aber im Zaume gehalten, begnügte er ſich, einige unverſtändliche Worte zu murmeln. „Gnädigſter Herr,« fuhr Sir Charles Murray fort, »als ich Euch ſo eben fragte, ob Ihr die Schlacht annehmen würdet, war meine Sprache die eines Weltmannes, beinahe die eines Höflings. Ich wagte nicht offen auf die Frage ein⸗ zugehen— ich that Unrecht daran. Was ich zu wiſſen wünſche, gnädigſter Herr, iſt, ob Ihr, wenn die Stunde des Kampfes ſchlägt, noch an unſerer Spitze ſtehen und uns, wenn es Der Tiger von Tanger. IV. 6 8² gilt, mit dem Leben einzuſtehen, nicht feigerweiſe verlaſſen werdet.“ „Elender!« rief Monmouth, indem er unwillkürlich dem alten Puritaner drohend einen Schritt näher trat,»„Elender, wie könnt Ihr Euch unterſtehen, gegen euren König eine ſolche Sprache zu führen? Bei meiner Ehre, wenn ich nicht euren blinden Fanatismus kennte, ſo ſolltet Ihr dieſe Belei⸗ digung mit eurem Blute büßen.“ Monmouth's Aufwallung ſcheiterte an der Unbeweg⸗ ſamkeit des Puritaners, der, ohne auf dieſe Drohung zu ach⸗ ten, in demſelben ruhigen und dreiſten Tone fortfuhr: „Mein Herr Herzog, ein Menſch, welcher fähig iſt, ſeine Schwüre einmal zu verrathen, iſt nicht mehr würdig, auch nur das geringſte Vertrauen einzuflößen. Dieſer Königstitel, den Ihr Euch beizulegen wagt, iſt eben die erſte Urſache der betrübenden Meinung, die ich jetzt von Euch habe. Euer frü⸗ herer Meineid läßt mich auch an euren künftigen Treubruch glauben. Wähnet nicht, gnädigſter Herr, daß Haß oder Rache mich beſeelen. Nein, nein, tauſendmal nein. Vor Gott, der mich hört und der einſt richten wird, kann ich Euch zuſchwö⸗ ren, daß in meinen Worten weder Galle noch Groll liegt. Gott iſt mein Zeuge, daß, wenn euer Tod für das Glück Englands unnütz wäre, ich Euch mit Freuden ſanft und ru⸗ hig dem Greiſenalter entgegengehen ſehen würde. Aber Gott weiß auch, gnädigſter Herr, daß ich, ehe ich Euch am Vorabend der Schlacht entrinnen ließe, Euch lieber mit meiner Hand er⸗ dolchte, denn eure Gegenwart und eure Beliebtheit kann uns noch den Sieg verſchaffen. Jetzt, gnädigſter Herr, wo ich Euch freimüthig von meinen Abſichten in Kenntniß geſetzt und meinen Plan geoffenbart habe, bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich zu entfernen.“ ſſen dem der, eine nicht elei⸗ veg⸗ ach⸗ ſeine auch titel, e der frü⸗ pruch Kache „ der hwö⸗ liegt. Glück d ru⸗ Gott abend id er⸗ n uns do ich bt und übrig, 83 Murray begrüßte abermals den vor Wuth bleichen Her⸗ zog, nickte Lord Grey leicht zu und entfernte ſich mit demſel⸗ ben gemeſſenen und ruhigen Schritt, mit welchem er eingetre⸗ ten war. „Sire,« rief Lord Grey nach dem Weggange des Puri⸗ taners,„ich habe die Langmuth Eurer Majeſtät bewundert.“ „Dieſer Murray würde ſeine Drohung ausführen,“ ſagte Monmouth nachdenklich und ohne auf Lord Grey's Bemerkung zu antworten;„ja, ich kenne ihn, er würde ſie ausführen.⸗ Auf den Obercommandanten der Reiterei des Präten⸗ denten äußerten dieſe Worte einen lebhaften Eindruck. „Ja, ich täuſchte mich nicht,« ſagte er bei ſich ſelbſt. „Murray hat richtig gerathen— ja, Monmouth denkt an Flucht. Aber auch ich werde wachſam ſeyn und ihn zu zwin⸗ gen wiſſen, ſeine Pflicht zu thun!« Der neue König, welcher, während Lord Grey ſich ſeinen Gedanken überließ, geſchwiegen hatte, drehte ſich hierauf zu ihm herum und ſagte in freundlichem Tone: „Mein edler Freund, kommt mit mir. Wir wollen die Armee Jacobs von York ſehen und erforſchen, welche Dispo⸗ ſitionen Feversham getroffen hat.« Eine Viertelſtunde ſpäter ſtand Monmouth von Lord Grey und den erſten Offizieren ſeiner Armee begleitet auf dem höchſten Thurme der Parochialkirche von Bridgewater. Von der Höhe dieſes viereckigen Thurmes, welcher noch ſteht, hatte man eine ungemein weite Ausſicht. Zunächſt ſah man eine ungeheure ſumpfige Ebene, deren durch das Austreten des Parret durchweichter Boden keiner Cultur fähig war. Dieſe unter dem Namen des Sedgemoor— des Binſenſumpfes— bekannte Ebene war von einer großen * 84 Anzahl breiter und tiefer Gräben durchſchnitten, welche Rhines genannt wurden und zum Abfluß des Waſſers dienten, um dieſes Terrain, welches man zur Zeit der Tudors mittelſt Käh⸗ nen paſſiren konnte, für Fußgänger practicabel zu machen. In der Mitte des Sedgemoores ſah man, Waſſerwogen ver⸗ gleichbar, die armſeligen und elenden Dörfer Weſton⸗Zoyland, Middlezoy und Chedzoy. Bei dem erſten Blick, den Monmouth auf die nun voll⸗ ſtändig vereinigte königliche Armee warf, zogen ſich ſeine Augen⸗ brauen zuſammen und ein Ausdruck von Zorn und Unruhe verdüſterte ſeine Stirne. „»Mylord,“ ſagte er, ſich zu Grey wendend,„leihet mir euer Fernrohr.— Ja, ich irre mich nicht,« fuhr er nach einiger Zeit fort, ves iſt wirklich das Regiment Dumbarton, welches bei Chedzoy ſich gelagert hat. Ich kenne dieſe Leute, weil ich ſie früher ſelbſt in's Feuer geführt habe. Es ſind Lö⸗ wen. Sie werden ſich bis auf's Aeußerſte ſchlagen und lieber bis auf den letzten Mann fallen, als ſich ergeben. Ja, wenn ich ſie bei mir hätte, dann würde ich nicht zögern, gegen London zu marſchiren!« „Um ſo beſſer für uns, wenn dieſe Leute ſo tapfer ſind, wie Ihr ſagt, Sire,“ rief Lord Grey in freudigem Tone, um den ſchlimmen Eindruck zu mindern, den Monmouth's Bemerkung geeignet war auf die anweſenden Offiziere zu äußern.»Um ſo beſſer, unſer Ruhm wird dann nur um ſo größer ſeyn.“ „Ja, ja, Ihr habt Recht, lieber Lord, unſer Ruhm wird dann nur um ſo größer ſeyn,“ wiederholte Monmouth mecha⸗ niſch und mit zerſtreuter Miene.„Hal die königliche Fahne weht mitten auf Weſton⸗Zoyland. In dieſem Dorfe hat alſo Feversham ſein Hauptquartier aufgeſchlagen.« „Man muß geſtehen Sire,« unterbrach Lord Grey aber⸗ ichen. ver⸗ land, voll⸗ ugen⸗ nruhe t mir nach arton, Leute, d Lö⸗ lieber wenn gegen ſind, im den erkung „»Um u.* mwird mecha⸗ Fahne at alſo y aber⸗ 8⁵ mals,»„daß Jacob II., indem er Feversham das Commando über ſeine Truppen übertragen, eine eigenthümliche Wahl ge⸗ troffen hat. Feversham beſitzt in Folge einer der ſo häufigen Launen der Natur alle Fehler, welche den vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften entgegengeſetzt ſind, die ſeinen berühmten Verwandten, den unſterblichen Turenne, auszeichneten. Nie iſt ein Menſch unfähiger als er geweſen, eine Armee anzuführen und nie wird einer unfähiger dazu ſeyn. Seine Anweſenheit an der Spitze der Truppen des Uſurpators wiegt das Eintreffen des Regiments Dumbarton für uns vollkommen wieder auf. Ich wollte meinen Kopf gegen ein Pferd verwetten, daß zur ge⸗ genwärtigen Stunde Feversham vor ſeinem dritten Frühſtück bei Tafel ſitzt, dafern er nemlich nicht in ſchwerfälligem, ſtumpf⸗ ſinnigem Schlafe die unzähligen Flaſchen Wein verdaut, welche e ſeit dieſem Morgen geleert hat, denn Feversham theilt, wie Ew. Majeſtät nicht unbekannt iſt, ſeine Zeit in zwei Theile und widmei einen davon dem Bett, den andern der Tafel.“ »Das iſt wahr, Mylord; wenn aber Feversham auch ſchläft, ſo wacht doch dafür ſein Lieutenant Churchill.« »John Churchill!« rief Grey mit gezwungenem Geläch⸗ ter;»das iſt allerdings ein zweiter gefährlicher Gegner, den wir zu bekämpfen haben werden, ein Mann, der ſein Leben damit zubringt, daß er Guineen wiegt und beſchneidet, der ſich nur mit der Sorge für ſeine Toilette beſchäftigt, denn ſeine vor⸗ theilhafte Perſönlichkeit bringt ihm mehr ein als das Amt eines Staatsſecretärs— ein Mann, der ſo gewandt zum Fenſter hinausſpringt, wenn man an die Thür des Boudoirs der Herzogin von Cleveland pocht.— Ha, in der That, Sire, ich begreife nicht, wie Ew. Majeſtät einem ſolchen Menſchen nur einen einzigen Augenblick lang Beachtung ſchenken können!⸗ 86 „Turenne, von welchem Ihr ſo eben ſpracht, hatte aber von Churchill's Talenten eine ſehr hohe Meinung. Mehrmals während des holländiſchen Feldzugs belobte er ihn öffentlich und ſagte ihm eine glänzende Zukunft voraus. Damals war Churchill kaum dreiundzwanzig Jahre alt.“« Bei dieſer Antwort Monmouth's biß Lord Grey ſich auf die Lippe und ſchwieg. Seine Bemühungen, den neuen König auf die Unklugheit ſeiner Worte aufmerkſam zu machen und ihn davon auzubringen, waren zu erfolglos, als daß er Luſt gehabt hätte, ſie noch länger fortzuſetzen. „Und ſeht Ihr dort zweihundert Schritte von Fevers⸗ ham Zelte am Rande jenes Grabens,“ ſetzte der Herzog mit ſchlecht verhehlter Gemüthsbewegung hinzu,»ſeht Ihr jene Fahne, in deren Mitte das Oſterlamm gemalt iſt? Das iſt die Fahne des kürzlich von Tanger zurückgekehrten Regiments. Percy Kirke iſt da, denn ſeine Soldaten nennt man die Läm⸗ mer!— Ganz gewiß, lieber Grey, wird das Treffen ein ſehr hitziges werden.“ Lord Grey ſchwieg. . Monmouth beſichtigte noch einige Minuten lang die Stel⸗ lung der königlichen Truppen, dann gab er Lord Grey mit bekümmerter Miene ſein Fernrohr zuruͤck und wendete ſich zu den übrigen Offizieren, die ihn begleiteten. „Meine Herren,“« ſagte er zu ihnen,„habt die Güte, mir in das Schloß zu folgen. Ein Kriegsrath wird ſich über die Maßregeln ausſprechen, welche der Ernſt der Umſtände uns ohne Verzug zu ergreifen befiehlt.“ Während Monmouth von ſeinem Stabe umgeben lang⸗ ſam über die Schloßwieſe ritt, auf welcher ſeine Armeelagerte, fand ein ergreifender Auftritt in einer ſchlichten Hütte von ———2 S aber nals tlich war auf önig und Luſt vers⸗ mit jene ſt die ents. Läm⸗ ſehr Stel⸗ mit h zu Güte, über tände lang⸗ gerte, von 87 Bridgewater zwiſchen Sir Charles Murray und ſeiner Tochter Lucy ſtatt. „Meine muthige edle Tochter,“ ſagte der Puritaner in einem zärtlichen Tone, der ihm ſonſt nicht eigen war,„»meine geliebte Lucy, ich fühle mich nicht ſtark genug, um Dir we⸗ gen deines Ungehorſams zu zürnen. Dennoch aber iſt es ſehr Unrecht von Dir, meinem ausdrücklichen Befehl zuwider Taunton verlaſſen zu haben.“ „Mein lieber Vater,“« unterbrach ihn Lucy ſanft,»ver⸗ zeihe mir meinen Fehler; aber wenn ich hätte länger von Euch getrennt bleiben ſollen, ſo wäre ich vor Unruhe wahnſin⸗ nig geworden.* 4 »Ich zittere, wenn ich an die Gefahren aller Art gedenke, welchen Du getrotzt haſt, um auf dieſe Weiſe mehre Meilen zurückzulegen, in dieſen Zeiten des Bürgerkrieges, allein auf den Heerſtraßen, die durch die fürchterlichſten Regengüſſe faſt grundlos geworden ſind.“ „Ich bin nicht allein gekommen, mein Vater.“ „Wer hat Dich denn begleitet, mein Kind?« „Unſer treuer Cornwell, mein Vater.“ „Da hatteſt Du allerdings einen mächtigen Beſchützer!« „Cornwell glänzt allerdings nicht durch ſeinen Muth, aber ſeine Treue iſt unerſchütterlich. Und übrigens, lieber Vater, ſelbſt wenn ich ihn nicht zu meinem Begleiter gehabt hätte, wäre ich doch gekommen. Es ſchien mir, als wenn Gott mich triebe hierherzugehen. Gegen die Gefahr, die man ſieht, kann man ſich ermannen; aber die, welche die Einbildungs⸗ kraft ſchafft, iſt unerträglich. „Ich gebe deine kindlichen Beſorgniſſe gerne zu, meine liebe Lucy, aber war es nicht hundertmal beſſer ſie mit Ergebung in Taunton zu ertragen, wo Du wenigſtens in Si⸗ 88 cherheit warſt, als hierher zu mir zu kommen. ſo zu ſagen an den Rand eines Schlachtfeldes? Haſt Du nicht begriffen, meine Tochter, daß deine Gegenwart hier für mich eine un⸗ erſchöpfliche Quelle von Befürchtungen und Beſorgniſſen wer⸗ den würde? Lucy, Du mußt ohne Verzug nach Taunton zu⸗ rückkehren. Dort bei unſern Freunden und Verwandten ver⸗ borgen, haſt Du nichts zu fürchten.⸗ „Ihr irrt Euch, mein Vater,« ſagte Lucy, indem ſie dieſe Worte mit engelgleichem Lächeln begleitete;»Taunton iſt im Gegentheile jetzt die Stadt Englands, wo ich am we⸗ nigſten in Sicherheit ſeyn würde, wenn Gott unſere Waffen nicht beſchützt. Der Herzog von Albemarle hat die Gnade gehabt mich in dem Bericht über den Einzug des Herzogs von Monmouth in Taunton auf ganz beſondere Weiſe zu erwähnen. Er ſchiebt mir ſogar eine ziemlich lange Rede unter, die ich bei Ueberreichung der Bibel und der Fahne an den Befreier gehalten haben ſoll. Ihr ſehet, mein Vater,« fuhr die junge Dame mit der Miene freudigen Triumphes fort,„daß ich eben ſo ſehr gefährdet bin, als Ihr.⸗ Treotz der ſanften Heiterkeit, welche das reizende Mäd⸗ chen zur Schau trug, war es doch leicht, an der Mattigkeit ihres Blickes zu errathen, daß ein nagender Schmerz langſam ihre zarte und gebrechliche Organiſation untergrub. Wenn der Name Henry Lisle niemals mehr über ihre Lippen kam, ſo war doch das Bild des jungen Mannes nichtsdeſtoweniger ihrem Herzen mit unauslöſchlichen Zügen eingegraben. Der Kummer des armen Kindes ward dadurch, daß er unter⸗ drückt war, nur um ſo heftiger und verderblicher. Was Sir Charles Murray betraf, ſo gewann er nach der erſten Bewegung von Betroffenheit, welche Lucy's Ant⸗ wort ihm verurſachte, ſeinen gewohnten Ernſt wieder und 89 wendete ſich zu ſeiner Tochter in einem Tone, welchen er ru⸗ hig zu machen ſuchte, der aber eine lebhafte Bewegung verrieth. »Lucy,« ſagte er,„Du verurſacheſt mir allerdings, ohne es zu wiſſen und ohne es zu wollen, den ſchwerſten Kummer, der jemals auf meinem Daſeyn gelaſtet hat.“ „Ich, mein guter Vater? warum denn?⸗ „Zum erſten Male in meinem Leben habe ich aufge⸗ hört, mit meinem Gewiſſen in Frieden zu ſeyn. Ich mache mir bittere Vorwürfe, mein geliebtes Kind, daß ich Dich un⸗ klugerweiſe auf einen gefährlichen und verhängnißvollen Weg gedrängt habe.“ „O mein guter Vater, ich beſchwöre Euch, ſprecht nicht ſo. Ich habe ſtets nach meinem eigenen Ermeſſen gehandelt — ich bin ſtets meinen perſönlichen Eingebungen gefolgt.⸗ „Ich danke Dir, Lucy, für deine großmüthige Lüge, aber vergebens verſucht deine kindliche Pietät mich zu täuſchen. Keine Ausflucht kann die Stimme meines Gewiſſens übertäu⸗ ben. Dieſe Stimme aber ruft mir zu, daß ich meiner Pflicht untreu geworden bin, daß der Mann der Partei in mir den Vater in den Hintergrund gedrängt hat. Lucy, ich bitte Dich wegen meiner Unklugheit um Verzeihung. Der Gedanke, Dich zur Rettung deines Vaterlandes beitragen zu ſehen, blendete und berauſchte mich. Ich glaubte oder wenigſtens bemühte ich mich es zu glauben, das, was ich von Dir verlangte, ſey mir durch die Pflicht geboten, während ich doch nur einer ſtrafbaren Anwandlung von Stolz gehorchte. Ich bitte Dich daher noch⸗ mals um Verzeihung für meinen Fehler.“ „O mein geliebter Vater ſprecht nicht ſo,« rief Lucy, in⸗ dem ſie den alten Puritaner umarmte.»Euch allein verdanke ich alles Glück, welches ich auf Erden geſchmeckt, Euch allein 90 werde ich, wenn Gott mich zu Gnaden annimmt, meine ewige Glückſeligkeit verdanken.“ Diesmal behauptete die Gemüthsbewegung des Purita⸗ ners über ſeinen eiſernen Willen die Oberhand und Lucy's ſchönen Kopf zwiſchen ſeine beiden Hände faſſend bedeckte er denſelben mit Küſſen und Thränen. Auf dieſen Ausbruch von Zärtlichkeit folgte ein ziemlich langes Schweigen. Murray ergriff zuerſt wieder das Wort. „Freude und Troſt meines Greiſenalters,⸗ ſagte er, in⸗ dem er Lucy mit liebendem Blick betrachtete,»möge der Him⸗ mel Dir das Glück gewähren, welches Du verdienſt, dann werde ich als der glücklichſte aller Menſchen ſterben.“* „Sterben? Ihr, mein Vater?« „Nun, ſtehen wir nicht aller Wahrſcheinlichkeit nach am Vorabend einer furchtbaren und entſcheidenden Schlacht? Du glaubſt doch nicht etwa, Kind, daß ich hinter meiner Pflicht zurückbleiben, daß ich die Gefahr fliehen werde? Warum ſollte ich dann nicht die Möglichkeit eines blutigen Hintritts anneh⸗ men? Es bekümmert mich hierbei weiter nichts, als der Ge⸗ danke, daß, wenn ich im Kampfe falle, Du dann ohne Ver⸗ theidiger, ohne Stütze zuruckbleibſt. Ich ſetze mein Vertrauen auf Gott. Gott wird einen ſeiner Engel nicht verlaſſen. Er wird dein Beſchützer, deine Stütze ſeyn.⸗ „Verbannt dieſen traurigen Gedanken, mein Vater, ich beſchwöre Euch!« rief Lucy, welcher die Thränen in den Augen ſtanden.»Das Unglück vorausſehen, heißt oft es her⸗ beilocken. Wer verſichert Euch, daß die Schlacht ſtattfinden werde? Und ſelbſt vorausgeſetzt, daß man handgemein würde, warum ſollt Ihr nicht geſund und unverſehrt aus dieſer Ka⸗ taſtrophe hervorgehen? Es iſt ja nicht das erſte Mal, daß Ihr einem Treffen beiwohnt? In eurer Jugend ſchon ſtürztet Ihr —y— —— 91 Euch mitten in das dichteſte Kampfgewühl. Euer Degen blitzte überall, wo die Gefahr am größten war— heute wird dem nicht mehr ſo ſeyn. Ihr könnt durch eure Rathſchläge nützlichere Dienſte leiſten, als durch euern Arm. Ein Degen tödtet einen Feind, zehn Feinde, wenn Ihr wollt, während ein zur rechten Zeit erlaſſener Befehl eine ganze Armee ver⸗ nichtet. Die Aufgabe der Anführer iſt nicht die des Soldaten. Ihr gehöret zur Zahl unſerer vornehmſten Anführer, mein Vater. Eure Pflicht iſt daher, ſorgfältig euer Leben zu ſchonen.« Sir Charles Murray wollte antworten, als ein Miliz⸗ ſoldat in die Hütte trat, ihn ehrerbietig begrüßte und ihm ein verſiegeltes Billet uͤbergab. „Ich danke Euch, Mr. Sadlers,« ſagte Murray, nach⸗ dem er von dem Inhalte des Billets Kenntniß genommen. »Ich werde der Aufforderung des Herzogs unverweilt Folge leiſten.« 1 „Wollt Ihr mir erlauben, Sir Charles,“ fragte der Milizſoldat, ein wackerer, ehrlicher Schneider von Taunton, eine Frage an Euch zu richten?« „Mit dem größten Vergnügen, mein lieber Mr. Sadlers.“ „Iſt es nicht eine Einladung zu dem Kriegsrathe, die ich Euch ſo eben überbracht habe?« „Ja, Sadlers; Ihr habt es errathen.“ „Nun, Sir Charles Murray, werdet Ihr für oder ge⸗ gen die Schlacht ſtimmen? denn die ganze Armee weiß bereits, daß es dieſe ernſte Frage iſt, welche eben in Berathung gezo⸗ gen werden ſoll.« „Es würde mir ſchwer ſeyn, Euch im Voraus meine Meinung zu erkennen zu geben. Sie wird ſich nach den Mit⸗ 92² theilungen und Aufſchlüſſen richten, die man mir machen wird.“ „Ja, das iſt wahr; Ihr habt Recht, Sir Charles. Wenn ich mir erlaubt habe, dieſe Frage an Euch zu richten, ſo liegt der Grund darin, daß auch ich eine Neuigkeit mitzutheilen habe. „Nun, ſo ſagt mir ſie ſchnell, Mr. Sadlers. Ihr wißt, daß man mich erwartet.« „O, es werden mir wenig Worte genügen. Wie auch der Beſchluß des Kriegsrathes ausfallen möge, ſo gedenken die Bauern der Sümpfe von Axbridge, welche ſich uns ange⸗ ſchloſſen haben, die königlichen Truppen anzugreifen. Nun werdet Ihr wiſſen, daß dieſe Bauern hartnäckige, fanatiſche und wilde Menſchen ſind. Nichts wäre jetzt im Stande, ſie von ihrem Entſchluſſe wieder abwendig zu machen. Selbſt unſer Souverain Monmouth würde nur ſeine Zeit vergeuden, wenn er ſich ihrem Plane zu widerſetzen verſuchte.“ „Aber das iſt eine gute Neuigkeit, die Ihr mir da mit⸗ theilt, Mr. Sadlers,« ſagte Murray. „O, das iſt gleich, Sir Charles. Wenn ich hätte ahnen können, daß unſer Feldzug ein ſo beſchwerlicher ſeyn und ſo lange dauern würde, ſo hätte ich Taunton nicht verlaſſen, ſondern wäre ganz ruhig in meiner Werkſtatt»zur ſilbernen Scheere“ ſitzen geblieben. Ach, ich habe ſehr unrecht daran gethan, dieſen Feldzug mitzumachen und werde mich glücklich ſchätzen, wenn ich mit heiler Haut wieder daheim ange⸗ langt bin.“ Der entmuthigte Sadlers begrüßte, nachdem er dieſe Worte mit einem kläglichen Blick auf ſeine zerlumpte Klei⸗ dung und ſeine durchlöcherten Schuhe begleitet, Sir Charles Murray, und entfernte ſich unter ſchweren Seufzern. 93 „Auf Wiederſehen, meine geliebte Lucy,« ſagte der Pu⸗ ritaner, indem er ſchnell ſein Büffelkoller anſchnallte.„»Sobald der Kriegsrath beendet iſt, werde ich mich beeilen, mich wieder hier einzufinden. Es iſt dringend nothwendig, daß wir über die von Dir einzuhaltende Handlungsweiſe einen Ent⸗ ſchluß faſſen.“ Kaum hatte Sir Charles Murray ſich hundert Schritte von ſeiner Wohnung entfernt, als eine Frau, welche nur auf ſeinen Weggang gelauert zu haben ſchien, hinter einer andern Hütte hervorkam und ihre Schritte nach der lenkte, in welcher Lucy ein vorübergehendes Aſyl gefunden. Dieſe Frauengeſtalt, welche, nach der Geſchmeidigkeit ihrer Tournüre und der Leichtigkeit ihres Ganges zu urthei⸗ len, noch jung ſeyn mußte, hatte den Kopf ſorgfältig durch eine Capuze verhüllt, ſo daß es unmöglich war, einen einzigen von ihren Zügen zu erkennen. An der Schwelle der Thüre angelangt, blieb ſie ſtehen und ſchien zu zögern. Dennoch faßte ſie bald einen Entſchluß, ſtieß die von Murray halb offen gelaſſene Thür auf und trat in die Hütte. Dieſe Frau war die Schweſter Fitzgerald's, die ſchöne, muthige Suſanne. VII. Die Rebenbuhlerinnen. Die von Lucy bewohnte Hütte beſtand aus einem in zwei Gemächer abgetheilten Parterre. Das erſte dieſer beiden Gemächer war ohne alle Möbel und diente als Küche und Speiſezimmer, das zweite war das Schlafgemach. In dieſem zweiten Zimmer befand ſich gegenwärtig die ſchöne Tochter des Puritaners auf einem plumpen Schämel ſitzend; ihr reizendes Haupt auf die Schultern geneigt und die Arme über der Bruſt verſchränkt, war Lucy in tiefes Hinbrü⸗ ten verſunken. Frei von dem Zwange, den die Gegenwart ihres Vaters ihr auflegte, überließ ſie ſich jetzt der ganzen Bitterkeit ihres Schmerzes. Thränen durchfurchten ihre Wangen, ihre Bruſt war ſchmerzlich erregt, Alles verrieth in ihr tiefe Verzweiflung. „Mein Gott,“« murmelte ſie,„verbanne aus meinem Ge⸗ müthe den verbrecheriſchen Gedanken, welcher es ohne Unter⸗ laß gefangen hält— den Gedanken an Selbſtmord. O, wie ſchön muß es ſeyn, den ewigen Schlaf zu ſchlafen! die Ruhe des Grabes zu genießen!— Vergebens, o mein Gott, will ich mich demüthig Dir weihen! Die Natur i*ſt in mir ſtärker als die Pflicht; ich habe ſo viel gelitten, daß meine Ergebung eben ſo zu Ende iſt, wie mein Muth. Hab Erbarmen mit mei⸗ ———& ner Schwäche, o mein Gott! Schütze mich gegen mich ſelbſt!« Lucy's Gebet ward durch mehre leiſe und raſche Schläge unterbrochen, die an die Thuͤre ihres Zimmers gethan wur⸗ den. Raſch trocknete ſie ihre Thränen und erhob ſich. „Herein!“« rief ſie mit noch unſicherer Stimme. Die Thür öffnete ſich und Suſanne erſchien. Beim An⸗ blick der Schweſter Fitzgerald's empfand Lucy wie einen elek⸗ triſchen Schlag und prallte unwillkürlich einen Schritt zu⸗ rück. Ohne ſich die Eigenthümlichkeit dieſes Eindruckes, der durch nichts motivirt ward, erklären zu können, fürchtete ſie ſich. Was Suſannen betraf, die ſtrahlend von Schoͤnheit und Muth daſtand, ſo betrachtete ſie mit einer Bewunderung, die ſie durchaus nicht zu verhehlen ſuchte, das reizende Antlitz der Tochter des Puritaners. Wer Suſanne gekannt hätte, würde nicht gezögert haben, zu glauben, daß ſie ſich in ihrem Stolze glücklich fühlte, eine ſolche Nebenbuhlerin zu bekämpfen zu haben. Sie war es, welche die Unterredung begann. „Fräulein,“« ſagte ſie,„ich habe in einer Sache von der größten Wichtigkeit mit Euch zu ſprechen. Erwartet Ihr kei⸗ nen Beſuch? Könnt Ihr mir vielleicht eine Stunde widmen? Sind wir hier allein? Kann uns Niemand hören?« Dieſe Fragen erweckten in Lucy wieder alle jene Befürch⸗ tungen, welche, nachdem der erſte Augenblick der Ueberraſchung vorüber war, ſich einigermaßen zerſtreut hatten, und ohne von ſelbſt recht zu wiſſen was ſie that, näherte ſie ſich dem Fenſter. Dieſe Bewegung entging Suſannens Scharfſinn nicht; ein ſtolzes, ſpöttiſches Lächeln öffnete ihre korallenrothen 96 Lippen und ließ ihre elfenbeinweißen Zähne zum Vorſchein kommen. „O, ſeyd unbeſorgt,“ hob ſie in einem Tone an, welcher ein Gemiſch von Mitleid und Spott verrieth,»ich bin keine Abgeſandte von Jeffreys— ich bin nicht von dem Oberrichter von Kingsbench abgeſendet, um Euch zu der rührenden Bered⸗ ſamkeit Glück zu wünſchen, welche Ihr bei dem Einzuge James Croft's in Taunton bewieſen—⸗ „Von meiner Handlungsweiſe bin ich nur Gott und meinem Vater Rechenſchaft ſchuldig,“ antwortete. Lucy mit ruhiger Würde.»Iſt es mir nun vielleicht erlaubt zu fragen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen?« „Ha, Ihr kennet mich nicht?« ſagte die Fremde.»Euer Gedächtniß iſt nicht ſehr treu. Ihr habt mich ja ſchon einmal Abends am Gitterthor von Whitehall geſehen.“ „Heißt Ihr Suſanne?« fragte Lucy raſch, indem ſie ſich ihrer ſchönen Beſucherin näherte. „Ach, endlich erinnert Ihr Euch! Ja, ich heiße Su⸗ ſanne—« „Wenn auch euer Geſicht ſich ſo ziemlich wieder aus meiner Erinnerung verwiſcht hatte, ſo iſt wenigſtens euer Name meinem Herzen ſtets eingegraben geblieben.⸗ „Aber warum denn? Weil ich eure Vermälung mit Perch Kirke rückgängig gemacht habe? Ich habe Euch ja gar nicht verſchwiegen, daß ich dies nicht für Euch that. Ich mache daher heute eben ſo wenig Anſpruch auf Dankbarkeit als da⸗ mals. Es wäre vergebens, wenn Ihr mich fragen wolltet, wo⸗ durch meine Handlungsweiſe vor ſechs Wochen beſtimmt wor⸗ den iſt. Es iſt dies mein Geheimniß undich bewahre es. Was den Beweggrund betrifft, der mich heute zu Euch führt, ſo handelt 97 n es ſich um eine Perſon, die Euch theuer iſt, wenigſtens glaube ich— es handelt ſich nemlich um Lord Henry Lisle.“ 5 Beim Namen des Mannes, den ſie mit der ganzen keu⸗ e ſchen Inbrunſt ihrer Seele liebte, entrang ein ſchwacher Schrei ſich Lucy's Lippen und indem ſie ſich Suſanne, welcher dieſe d- Bewegung nicht entging, raſch näherte, ſagte ſie in aufgereg⸗ tem, aber immer noch ſanftem Tone: e 1„Wenn Ihr im Namen des Lord Henry Lisle hier ſeyd, 2 V dann heiße ich Euch zweimal willkommen. Lord Henry Lisle it hat Euch nur einen edlen Auftrag ertheilen können.⸗ n.„Nicht Henry hat mich zu Euch geſchickt, Miß Lucy,“ antwortete Suſanne mit beſonderem Nachdruck auf den Vornamen des Lieutenants der königlichen Garde,»wohl er aber iſt ſeine Perſon der Gegenſtand, worüber ich mit Euch al zu ſprechen wünſche. Nur keine heuchleriſchen Weigerungen, wenn ich bitten darf; Ihr müßt mich anhören denn Lord ich Lisle's Leben liegt in euren Häuden und ich will nicht, daß er ſterbe.“ zu⸗„Lord Lisle's Leben iſt bedroht?« rief Lucy, ohne den Eindruck verbergen zu wollen, den dieſe Nachricht auf ſie her⸗ us vorbrachte.„O, ſprechet, ſprechet!« ner„Wie liebt ſie ihn!« ſagte Suſanne langſam, indem ſie mit ſich ſelbſt ſprach. mit Ein mehre Secunden langes Schweigen herrſchte in gar der Hütte. Fitzgerald's Schweſter betrachtete ihre Nebenbuhle⸗ che rin abermals mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Lucy, die von der lebhafteſten Gemüthsbewegung beſtürmt ward, bat da⸗ bo⸗ Gott um Kraft, um das neue Unglück zu ertragen, welches ſie Hr. zu treffen drohte. den Die Irländerin nahm wieder das Wort. delt Der Tiger von Tanger. IV. 7 98 „»Miß Lucy,“« ſagte ſie,»wißt Ihr, wo Lord Lisle ge⸗ genwärtig iſt?« „Ja, ich weiß es. Lord Lisle befindet ſich in Fevers⸗ ham's Lager. Er gehört zum Generalſtabe der Armee Ja⸗ cobs II. Er iſt Adiutant des Generalmajors Percy Kirke.⸗ „Ha!“ rief Suſanne in ſpöttiſchem Tone,»Ihr ſtehet alſo im Briefwechſel mit ihm?« „Nein; es kann Euch jedoch wenig daranliegen, zu wiſ⸗ ſen, auf welche Weiſe ich dieſe nähern Umſtände erfahren habe,« antwortete Lucy in ſo ruhigem, feſtem Tone, daß Su⸗ ſanne darüber erſtaunte.„»Uebrigens,“ fuhr ſie fort,„begreife ich nicht warum, wenn, wie Ihr ſagt, Lord Lisle's Leben be⸗ droht iſt. Ihr die koſtbare Zeit mit eitlen Worten verliert. Habe ich vielleicht nach den Beweggründen eures Handelns gefragt? Nein; welcher Gefahr iſt Lord Lisle ausgeſetzt? Wie kann ich dieſe Gefahr beſchwören?« „Ihr habt Recht,« ſagte Suſanne, welche innerlich ge⸗ gen Lucy's moraliſches Uebergewicht ankämpfte. „Ich komme ohne Umſchweife zur Sache. Jeffreys hat beſchloſſen, ſich des Lord Lisle zu entledigen. Während der Schlacht, die nicht verfehlen kann, zwiſchen den Truppen des Königs Monmouth und denen des Königs Jacob ſtattzufinden, ſoll das Verbrechen vollbracht werden. Ein von dem Ober⸗ richter abgeſendeter Meuchelmörder ſchickt ſich bereits an, das edle Schlachtopfer niederzuſtoßen.“ „O mein Gott!« rief Lucy erbleichend.»Seyd Ihr von dem Beſtehen dieſes Complotts mit Gewißheit unter⸗ richtet?« „Mit der vollkommenſten Gewißheit.“ „Dennoch aber,« fuhr Lucy fort, indem ſie diesmal die Irländerin ſcharf anſah,»dennoch ſcheint es mir ſeltſam— v ie ———. 99 erlaubt mir dies zu ſagen— daß die Kenntniß dieſes beab⸗ ſichtigten Verbrechens bis zu Euch gedrungen iſt. Der Ober⸗ richter von Kingsbench wird doch nicht ſelbſt Euch dieſes blutige Geheimniß anvertraut haben?« „»Was kann Euch an der Quelle liegen, aus welcher ich dieſe Kenntniß geſchöpft habe?« unterbrach Suſanne ſie un⸗ geduldig.„Ich muß wiederholen, was Ihr mir ſo eben ſelbſt ſagtet. Verſchwenden wir die koſtbare Zeit nicht mit eiteln Worten.— Die Thatſache iſt da— dies muß Euch ge⸗ nügen.“ „»Da irrt Ihr Euch,« antwortete Lucy in feſtem Tone. »Es liegt mir im Gegentheil ſehr viel daran, zu wiſſen, woher Ihr die nähern Umſtände des gegen Lord Lisle angezettellen Complotts erfahren habt.« „»Aber warum?« „Verzeihet mir die Freimüthigkeit meiner Antwort— ich habe kein Vertrauen zu Euch.“ „Ihr habt kein Vertrauen zu mir?⸗ »Nein— und wie könnte es auch anders ſeyn? Euer Geſicht, welches Gott ſo ſchön geſchaffen, gibt, wenn Ihr mit mir ſprechet, Haß und Zorn zu erkennen.« Dieſe Antwort, deren Energie durch die Antwort gemil⸗ dert ward, mit welcher Lucy ſie ausſprach, ſchien auf Suſan⸗ nen einen tiefen Eindruck zu machen. „»O wie falſch habe ich dieſe Lucy beurtheilt!« ſagte ſie bei ſich ſelbſt.»„Ich hielt ſie für ein ſchwaches Kind, aber ſie iſt ein Mäͤdehen mit ſtarkem, tapferem Herzen. Wohlan, um ſo beſſer. Ihr Muth geſtattet mir, unverſöhnlich freimüthig und offen gegen ſie zu ſeyn.« Dann ſetzte ſie laut hinzu: »Miß Lucy, wenn Ihr wiſſen würdet, was ich von Euch * 100 erwarte, ſo würdet Ihr leicht an einen guten Zweck glauben. Was Euch aber vor allen Dingen von meiner Aufrichtigkeit überzeugen muß, iſt ein Geſtändniß, welches ich im Begriff ſtehe Euch zu machen.“ „Ich bin bereit zu hören.“ „Da Ihr mit einem ſo ſcharfſinnigen Geiſt begabt ſeyd, ſo kann Euch auch nicht unbekannt ſeyn, daß die Mehrzahl unſerer Handlungen uns durch einen geheimen Beweggrund eingegeben wird. Der Beweggrund nun, welcher mich zum Handeln beſtimmt, iſt die unermeßliche unbegrenzte Liebe, welche ich für Lord Henry Lisle fühle. Ich will ihn retten, weil ich ſeinen Tod nicht überleben könnte. Ich will ihn ret⸗ ten, weil, der Streich, der ihn träfe, auch mich in's Herz treffen würde! Ich will ihn retten, weil ich hoffe, daß ſeine immer höher ſteigende Dankbarkeit ſich früher oder ſpäter in Liebe verwandeln werde. Ihr ſehet, daß ich Euch an Frei⸗ müthigkeit nichts ſchuldig bleibe, Miß Murray. Ich entſchleiere Euch die verborgenſten Falten meines Herzens. Jetzt bleibt mir nur noch übrig, Euch zu ſagen, wer ich bin. Für die Müßiggänger, welche ihre Zeit dazu anwenden, daß ſie die Scandalgeſchichten der großen Stadt herumtragen, bin ich die Courtiſane Suſanne, die Maitreſſe Chiffinch's, des erſten Pagen Seiner Majeſtät des Königs. Für die Leute, welche den⸗ ken, ehe ſie urtheilen, für die beobachtenden und ernſten Ge⸗ müther bin ich ein Räthſel— ſie glauben weder an meine Verworfenheit, noch an meine Tugend. Für Gott. welcher mich hört, Miß Lucy, bin ich ein junges Mädchen, ſo tugend⸗ haft rein wie Ihr. Ich kenne recht wohl die unermeßliche Kluft, welche mich von Lord Lisle trennt, aber dies ſchreckt mich nicht. Mein Gewiſſen ſagt mir, daß kein Weib ihn glück⸗ licher machen könnte als ich, denn niemals iſt eine Liebe un⸗ 101 eigennuͤtziger geweſen als die meine. Henry'’s Glück iſt das Erſte und Höchſte, wornach ich trachte. Ich bin jung, ſchön, verſtändig— bald werde ich allen Anſprüchen zu genügen wiſſen, die man in meiner neuen Stellung an mich machen kann. Ich werde auf würdige Weiſe den Namen zu tragen wiſſen, den er mir geben wird— vielleicht werde ich demſel⸗ ben ſogar einen neuen Glanz verleihen. Bei Hofe können Dreiſtigkeit und Geiſt Anſpruch auf Alles machen. Wenn Henry, des thörichten Ehrgeizes, der unſinnigen Eitelkeiten der Welt überdrüſſig, ſich in die Ruhe einer ſtillen, abgeſchiede⸗ nen Exiſtenz zurückzuziehen wünſcht, ſo werde ich mich zu ver⸗ vielfältigen wiſſen, um ihm jene Geſellſchaft zu erſetzen, nach welcher er ſich in einem Augenblick von Langweile zuruͤckſeh⸗ nen könnte. Alle meine Gedanken, alle meine Handlungen werden darauf abzielen, ſein Glück vollkommen zu machen— ich werde ſein Weib ſeyn, ſeine Geliebte, ſeine Freundin, ſeine Sclavin.— Meine Sprache ſetzt Euch in Erſtaunen, Miß Lucy, nicht wahr? Ihr begreifet nicht die Keckheit eines Mädchens, welches aus dem Nichts hervorgegangen, eines Mädchens, welches einfach Suſanne heißt, und dennoch auf die Hand eines Lord Anſpruch zu machen wagt. Ihr vergeſſet aber, daß dieſer von Cromwell verliehene Lordtitel gegenwärtig ohne Werth iſt, und daß er den, der ihn tägt, größern Gefahren ausſetzt, als er ihm Gunſt⸗ und Gnadenbezeigungen eintragen kann. Und dann iſt ja Henry's Vermögen durchaus nicht außerordentlich. Wenn Ihr dies ruhig überlegt, Miß Luchy, ſo werdet Ihr mir endlich Gerechtigkeit widerfahren laſſen und zugeben, daß ich Henry um ſeiner ſelbſt willen und nicht aus Ehrgeiz liebe.“ Während der ganzen Zeit, wo Suſanne geſprochen, haue Lucy, ihren Blick auf den der Irländerin heftend, kein 10² Anzeichen von Beifall oder Mißbilligung gegeben. Die Hal⸗ tung der edlen Jungfrau war würdig und beſcheiden geblieben und keine ſchroffe oder unfreiwillige Geberde, nicht das min⸗ deſte Zucken hatte ihren Schmerz verrathen. Mit feſter Stimme antwortete ſie endlich der Schweſter Fitzgerald’s. „Jetzt,« ſagte ſie,„glaube ich Euch, Miß Suſanne— mein ungerechter Argwohn iſt verſchwunden. Ich ziehe die Ge⸗ fahr, in welcher der Freund meiner Kindheit ſchwebt, nicht mehr in Zweifel, nur kann ich mir eure Anweſenheit in Brid⸗ gewater nicht erklären. Warum ſeyd Ihr nicht ſchon bei Lord Lisle? Wenn Ihr nun zu ſpät kämet?— Ha, dieſer Gedanke iſt entſetzlich!« »Es hat nicht von mir abgehangen, Miß Lucy, ſchon in dem königlichen Lager zu ſeyn.“ „Nun, welches Hinderniß iſt Euch denn in den Weg ge⸗ kommen? Kann ich Euch in irgend einer Beziehung nützlich ſeyn? Habt Ihr mir nicht zu Anfange dieſer Unterredung ge⸗ ſagt, daß Henry's Leben in meinen Händen ſey? Erklärt Euch daher deutlicher— erklärt Euch—« „Das, um was ich Euch bitten will, iſt für Euch wenig, für mich viel, für Henry Lisle Alles. Euer Vater bekleidet einen wichtigen Poſten und ſteht bei Monmouth's Armee in großem Anſehen. Es wird Euch, wenn Ihr von dieſem Anſe⸗ hen Gebrauch machen wollt, ſehr leicht ſeyn, mich dieſe Nacht durch die Linien eurer Schildwachen hindurch zu bringen, ſo daß ich ungehindert in Feversham's Lager gelangen kann.“ »Es iſt Henry's guter Engel, der Euch dieſen Gedanken eingegeben hat,« ſagte Lucy.»Miß Suſanne, wenn Ihr Lord Lisle rettet, ſo bin ich Euch ewig dankbar.⸗ Indem Luch dieſe Worte ſprach, faßte ſie die Hände der n—— von 103 Irländerin in die ihren, drückte ſie zärtlich und brach durch den Schmerz überwältigt in Thränen aus. „Ha, das iſt zu viel!« rief Suſunne mit einer Aufwal⸗ lung, die aus dem innerſten Herzen kam.»Euer Edelſinn hat meinen ungerechten Zorn überwunden. Ihr begegnet mir wie einer Schweſter! Ihr ſprechet von Dankbarkeit, während ich mit Trotz und Spott auf den Lippen Euch feigerweiſe in eurem Unglück verhöhne! Lucy, überhäufet mich mit den härteſten Vorwürfen, ich habe ſie verdient, aber ich bitte Euch, zermal⸗ met mich nicht ſo unter der Wucht eurer Großmuth.« „Ihr glaubt unrecht an mir gehandelt zu haben, aber dies iſt nicht der Fall; das, was Ihr meine Großmuth nen⸗ net, iſt nur Gerechtigkeit,« antwortete Luch, indem ſie ihre Thränen trocknete. „O, es iſt vergeblich, daß Ihr meine Handlungsweiſe zu entſchuldigen ſucht,« rief Suſanne;»ſie verdient nur Ta⸗ del und Verachtung. Indem ich Euch meine Liebe für Lord Lisle ſchilderte, hatte ich die Abſicht, Euch das Herz zu zer⸗ reißen, denn ich kenne ſowohl die Anhänglichkeit, welche Ihr ſtets für ihn empfunden, als auch die Vermälungsprojecte, welche ſo lange Zeit zwiſchen Euch beſtanden und die ein un⸗ glückliches Zuſammentreffen von Umſtänden am Vorabend ihrer Verwirklichung zerſtört hat. Ich glaubte— wie ich noch glaube — daß eure Freundſchaft gegen Lord Lisle— einen andern Ausdruck wage ich nicht zu gebrauchen— von ihrer Lebhaf⸗ tigkeit nichts verloren hat. Ihr ſehet, Miß Murray, daß ich eine ſchlechte That beging. Meine Rechtfertigung, wenn irgend etwas meinen Schritt rechtfertigen kann, liegt darin, daß ich euren Charakter nicht kannte. Ich hatte mir von eurer Per⸗ ſon einen Begriff gemacht, der dem, welchen ich jetzt habe, vollſtändig entgegengeſetzt war. Ich ſah in Euch eine jener 104 ſtolzen, egoiſtiſchen Puritanerinnen mit Marmorherzen und un⸗ verſöhnlichem Stolze, welcher mit ſtolzer Verachtung auf die Frauen herabblickte, denen der Zufall eine der ihrigen unter⸗ geordnete Stellung angewieſen hat, und welche glauben, ſie allein ſeyen rein, ehrenwerth und tugendhaft, ihnen allein ge⸗ bühre alle Achtung und ſie allein verdienten alle Huldigung. Dieſe falſche Meinung, welche ich von Euch hatte, flößte mir den Wunſch ein, Euch zu ſehen und Euch zu demüthigen. Aber ich ſage nochmals: ich bin vollſtändig beſiegt.« Lucy wollte antworten, aber Suſanne ließ ihr nicht Zeit dazu. »Miß Lucy,“« ſagte ſie raſch, indem ſie ſich von dem Fenſter entfernte, an welchem ſie bisher geſtanden,»da kommt Sir Charles Murray. Es liegt mir daran, daß er mich nicht bei Euch finde. Sobald Ihr wieder allein ſeyn werdet, werde ich zurückkommen, um ſeine Antwort zu holen. Vergeſ⸗ ſet nicht, daß es ſich um Lord Lisle's Leben handelt.« Suſanne warf ihre Capuze wieder über den Kopf und verließ die Hütte ſchnell und beinahe in demſelben Augenblicke, wo der Puritaner eintrat. Sir Charles Murray war ſo in Gedanken vertieft, daß er Fitzgerald's Schweſter wohl ſah, aber nicht weiter auf ſie achtete. „Wohlan, mein Vater,“« fragte ihn Lucy ſofort, um einer Frage auszuweichen, die er übrigens gar nicht an ſie zu richten gedachte,»wie iſt die Entſcheidung des Kriegsrathes ausgefallen?« „So wie ſie ausfallen mußte, meine geliebte Tochter. Noch heute Nacht wird man einen Angriff auf Feversham s Truppen unternehmen. O, wenn mir nicht deine Anweſenheit in Bridgewater ſo große Beſorgniſſe einflößte, ſo hätte dieſer Bei 105 Beſchluß mir ſchon das ganze Feuer meiner ſchon ſo weit hin⸗ ter mir liegenden Jugend zurückgegeben.“ „Aber habt Ihr denn kein Vertrauen zu der Güte Got⸗ tes, mein Vater?«. „Unbegrenztes Vertrauen, mein Kind. Aber was willſt Du ſagen? Die menſchliche Natur iſt einmal ſchwach und eben meine Eigenſchaft als Vater iſt es, welche meinem Chriſten⸗ glauben Eintrag thut. Uebrigens iſt noch nichts verloren. Es find uns von mehren Seiten zu gleicher Zeit ganz vortreffliche Nachrichten zugegangen. Erſtens nimmt die Armee Ja⸗ cobs II. ein Terrain ein, welches für ihre Stärke viel zu aus⸗ gedehnt iſt. Es wird uns leicht ſeyn, ſie zu ſpalten. Ferner haben Feversham s Soldaten die Keller von Weſton⸗Zoyland ausgeplündert und große Maſſen von dem gegohrenen Aepfel⸗ wein getrunken, den dieſes Dorf erzeugt, ſo daß ſie in dieſem Augenblicke ſich zum größten Theil im Zuſtande vollkommener Trunkenheit befinden. Endlich hat Feversham beim Aufſtehen von der Tafel erklärt, er ſey vollkommen überzeugt, daß wir nicht die Abſicht hätten, ihn anzugreifen. Dann hat er ſich auf ſein Bett geworfen und ausdrücklich befohlen, ſeinen Schlaf bis zur Stunde des Soupers zu reſpectiren. Es iſt da⸗ her wahrſcheinlich, daß wir dieſe Nacht den Feind in dem Augerblick angreifen werden, wo er es am wenigſten erwar⸗ tet und ohne daß er darauf vorbereitet iſt uns zu empfangen. Der Kampf unter ſolchen Umſtänden kann und muß zu unſe⸗ rem Vortheile ausſchlagen. Unſere von Vertrauen und Eifer erfüllten Brüder ſchicken jetzt ihre Gebete zu Gott und warten mit fieberhafter Ungeduld und gutes Muthes darauf, daß die Stunde des Angriffs ſchlage.“ „Aber, mein Vater,“ ſagte Lucy,»die Nachricht, welche Ihr mir mittheilt, iſt alſo unſern Brüdern ſchon bekannt?« 106 „Allerdings, warum hätte man ſie verſchweigen ſollen? Hat nicht ein Jeder in dieſer feierlichen Stunde ſeine letzten Verfügungen zu treffen?« Aber dennoch,« fuhr Lucy, indem ſie die Augen ſenkte, fort,„ſcheint es mir, wenn der für dieſe Nacht beabſichtigte Angriff kein Geheimniß mehr iſt, faſt unvermeidlich, daß die Nachricht davon in Feversham's Lager gelange! Eine Indis⸗ cretion, ſelbſt wenn man nicht von Verrath ſprechen will— iſt eine Sache, die ſo leicht begangen wird.« „Deine kluge Bemerkung gefällt mir ſehr, liebe Toch⸗ ter,« ſagte der Puritaner,»denn ſie beweiſt mir, daß es Dir in einem Augenblicke der Gefahr nicht an Geiſtesgegenwart fehlen wird. Beruhige Dich jedoch. Brüder, auf welche wir zählen können, bewachen den ſogenannten ſchwarzen Graben und haben den ſtrengſten Befehl, Niemanden paſſiren zu laſ⸗ ſen. Da nun dieſer tiefe Graben die ganze Ebene durchſchnei⸗ det, ſo iſt es rein unmöglich, daß ein Verräther oder ein Feind unſerer Sache bis zu Feversham gelange.“ „»Aber dennoch haben die Leute, die Euch gemeldet ha⸗ ben, was bei unſern Feinden vorgeht, nothwendig, um ſich dieſe Aufſchlüſſe zu verſchaffen, die Möglichkeit haben müſſen, ſich in das feindliche Lager einzuſchleichen?« »Dieſe Leute hatten das Paßwort oder die Parole, mein Kind.“« „Ah ſo, es gibt eine Parole!« »Verſteht ſich, anders kann es nicht ſeyn.« „Und wie heißt dieſe Parole, mein Vater?« fragte Lucy mit einer Unruhe und Verlegenheit, welche dem Puritaner ganz gewiß nicht entgangen wären, wenn er weniger mit ſeinen auf andere Gegenſtände gerichteten Gedanken beſchäf⸗ tigt geweſen wäre. w 107 „Es iſt mir nicht erlaubt, ſie Dir mitzutheilen, Lucy,“⸗ antwortete er.„Uebrigens kann Dir auch wenig daran lie⸗ gen, ſie zu kennen.« „Im Gegentheile, lieber Vater, denn wenn ich wäh⸗ rend des Angriffs in die Hände einer Abtheilung unſerer Brü⸗ der fiele, die mich nicht kennen, ſo könnte dieſe Parole viele Verlegenheiten erſparen, weil ſie jeden Verdacht von meiner Perſon abwenden würde.“« „»Ja, Du haſt Recht, geliebte Tochter,« antwortete Murray, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht.—»Die Kenntniß dieſer Parole kann Dir in der That nützlich ſeyn⸗ Ich verlange daher blos, ehe ich ſie Dir mittheile, daß Du Dich mit einem Schwure verpflichteſt, ſie Niemanden zu offen⸗ baren.* Lucy zögerte; ein heftiger Kampf fand in ihrem Innern ſtatt; dennoch aber war ihr Entſchluß ſehr bald gefaßt. „Ich ſchwöre es, mein Vater,« murmelte ſie mit be⸗ wegter Stimme. „»Die Parole, mein Kind, iſt Soho. Jetzt gib mir dei⸗ nen Arm, Lucy. Es iſt heute Sonntag, wir müſſen uns zur Predigt begeben.“ „Es wird alſo gepredigt, mein Vater? Wo denn? In der Kirche?« „Nein, mein Kind, auf der Schloßwieſe. Unter freiem Himmel, im Angeſichte der ganzen Welt müſſen Die beten, welche für die wahre Religion zu fechten und zu ſterben gehen.« „»Mein Vater,« ſagte Lucy,»ich bitte Euch um Erlaub⸗ niß, noch einige Augenblicke allein bleiben zu dürfen. Ich er⸗ warte eine arme Frau, der ich einen Dienſt leiſten ſoll. Ich werde Euch ſehr bald einholen.« 108 Murray konnte kein Mißtrauen haben und verließ daher die Wohnung, ohne eine weitere Erklärung zu fordern. Fünf Minuten ſpäter ſtanden die beiden jungen Mädchen einander abermals gegenüber. „»Nun, Miß Lucy,« fragte Suſanne begierig,»iſt es Euch gelungen?« „»Leider la,« antwortete Lucy mit erſtickter Stimme,»es iſt mir gelungen. Ihr werdet vor Ende des Tages bei Lord Lisle ſeyn.« Ein eigenthümliches Lächeln umſpielte den Mund der Irländerin. »Hal ich hätte es ahnen können,« murmelte ſie.»Dieſe Seelengröße überſtieg die Grenzen des menſchlichen Edel⸗ muthes.« »Miß Lucy,« fuhr Suſanne mit erhobener Stimme fort, „die Gewißheit, daß Ihr eine gute That vollbringet, die Freude, einem edlen jungen Manne das Leben zu retten, müſ⸗ ſen Euch den Gedanken erträglich machen, daß ich bald bei Lord Lisle ſeyn werde. Alſo Muth, Miß Lucy, und bereuet eure großmüthige Vermittlung nicht.⸗ An der erſtaunten Miene der Tochter des Puritaners ſah Suſanne, daß ſie ſo eben ein unrichtiges Urtheil über ſie gefällt. „Miß Suſanne,“ ſagte Lucy in ſanftem Tone,»ich ver⸗ ſtehe Euch nicht. Welchem Beweggrunde meßt Ihr denn meine Traurigkeit bei?« „Einer ſehr natürlichen Eiferſucht, welche Ihr Euch ohne Zweifel ſelbſt nicht geſteht,« antwortete Suſanne zögernd. Die Irländerin hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſpro⸗ chen, als ſie dieſelben auch ſchon bereute. Die ſtrahlende Ent⸗ 109 rüſtung, wenn man ſich dieſes Ausdrucks bedienen darf, welche Lucy's Antlitz wiederſpiegelte, bewies augenſcheinlich, daß das Gefühl, welches man ihr zuſchrieb, von ihren Gedan⸗ ken und von ihrem Herzen fern war. Ohne daher Miß Mur⸗ ray Zeit zu laſſen, das Wort zu ergreifen, beeilte Suſanne ſich fortzufahren: „Verzeihet, verzeihet!« rief ſie.»Vergeſſet— ich be⸗ ſchwöre Euch— meine thörichten Worte. Ich beurtheilte Euch nach mir. Ihr müßt Nachſicht mit mir haben. Ach, bis jetzt bin ich auf meinem Wege nur der Nichtswürdigkeit, dem Egoismus und der Feigheit begegnet. Die Tugend, welche ich in Euch verkörpert vor mir ſehe, war mir unbekannt— ich verwechſelte ſie mit Heuchelei und Stolz.“ „Ihr habt eine zu gute Meinung von mir, Suſanne,⸗ ſagte Lucy,„denn dieſe Traurigkeit, deren Beweggrund Ihr ſuchet, geht gerade aus einem unverzeihlichen Fehler hervor, deſſen ich mich ſchuldig zu machen im Begriff ſtehe.« „Ihr eines unverzeihlichen Fehlers ſchuldig, Miß Mur⸗ ray— o das iſt unmöglich!« „»Damit Ihr noch zeitig genug, um Lord Lisle zu retten, in ſeine Nähe gelangen könnet, müßt Ihr die in unſerer Ar⸗ mee ausgegebene Parole wiſſen. Nun habe ich mich meinem hochverehrten Vater gegenüber eidlich verbindlich gemacht, dieſes Wort, welches er meiner Redlichkeit, meiner Treue an⸗ vertraut hat, Niemanden mitzutheilen. Ich ſtehe ſonach im Begriff, einen Meineid zu begehen, Suſanne! Begreift Ihr nun, daß ich Urſache habe traurig zu ſeyn?« „Lucy,« rief die Irländerin mit aufwallender enthuſia⸗ ſtiſcher Bewunderung,»Ihr ſeyd ein Engel. Ich fühle, daß durch eure Berührung meine Empfindungen ſich läutern, daß meine Seele ſich erhebt!— Wenn ich Henry nicht ſo glühend 110 liebte, wohlan, ſo würde ich Euch lieben. Aber retten wir ihn, retten wir ihn!— Dann werden wir ſehen!— Die Parole, Miß Lucy, wie lautet ſie?« „Die Parole iſt Soho,« murmelte Lucy mit wanken⸗ der Stimme,„und nun geht, lauft, eilt!« „Es ſind nur drei Meilen von Bridgewater bis Weſton⸗ Zoyland. Vor Einbruch der Nacht werde ich dort ſeyn!« Suſanne verließ die Hütte und Lucy lenkte ihre Schritte nach der Schloßwieſe. Das Bild des geretteten Henry ge⸗ nügte kaum, um in dem Herzen des tugendhaften Mädchens den Schmerz zu beſchwichtigen, den ihr Meineid in ihr erweckte. VIII. Die höhle des Löwen. Während die ſechstauſend Bewaffneten, aus welchen die Armee der Rebellen beſtand, auf der Schloßwieſe die Vor⸗ träge ihrer Prediger anhörten, lagerten eine ungeheure Menge Bauern, die von allen Seiten her nach Bridgewater gekom⸗ men waren, um ihre Arme dem Dienſte des Königs Mon⸗ mouth zu widmen und die aus Mangel an Waffen nicht unter die Truppen des Prätendenten hatten aufgenommen werden können, in den ſchmalen, krummen Straßen der Stadt. Suſanne durchſchritt dieſe zahlreichen Truppen und hörte ſie alle in ihrer rauhen Sprache die Unthätigkeit bekla⸗ gen, zu welcher ſie verurtheilt waren, während Andere, Glückli⸗ chere ſich ſchon durch das Gebet darauf vorbereiteten, nochin der⸗ ſelben Nacht die Armee Jacobs, des»Papiſten“, anzugreifen. 111 »Ha,« ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„wenn ich Henry ſprechen und ihm Alles mittheilen kann, was ich höre, was ich weiß! Welchen Dienſt könnte er Feversham leiſten! Welche Beloh⸗ nung würde er von Jacob dem Zweiten erhalten! Und ich wäre dann die Urſache ſeines Glückes! Wohlan, ſobald ich Percy Kirke geſprochen haben werde, ſuche ich Henry auf— Percy Kirke iſt allerdings kein Heiliger, aber er iſt doch noch lange kein Jeffreys. Sein ſoldatiſcher gerader Sinn wird ſicherlich den Plan ſeines theuren Freundes verabſcheuen— er wird dieſen Mord verhindern. Ueberdies werde ich Henry warnen und er wird auf ſeiner Hut ſeyn— darum vor⸗ wärts!« Während Suſanne ſo mit ſich ſprach, gelangte ſie an eines der Thore von Bridgewater, welches von einigen Miliz⸗ ſoldaten bewacht ward. Das von ihr dem Commandanten des Poſtens zugeflüſterte Paßwort öffnete ihr den Durchgang. Außerhalb des Walles angelangt, ſah ſie die Ebene ſich ſo weit vor ihr hindehnen, als ihr Blick reichte. Es war ungefähr ſechs Uhr Nachmittags und die Juli⸗ ſonne ſtand noch ziemlich hoch über dem Horizont. Suſanne lenkte ihre Schritte nach Südweſt und nachdem ſie mit Hilfe ihrer Parole einige vorgeſchobene Poſten paſſirt, welche Mon⸗ mouth auf die Anhöhen des Terrains zwiſchen Bridgewater und dem Sedgemoor hatte ſtellen laſſen, gelangte ſie bald auf eine der ſchmalen langen Chauſſéen, welche ſich hoch über den ungeheuren Sumpf erhoben und ſelbſt zu Zeiten der Ueber⸗ ſchwemmungen die Communication der Dörfer Weſton⸗Zoy⸗ land, Middlezoy und Chedzoy unter einander und mit dem Feſtlande möglich machten. Es war in den letztvergangenen Tagen ſo viel Regen gefallen, daß die Chauſſée in dem beklagenswertheſten Zu⸗ 112 ſtande war und Suſanne fühlte trotz ihres Muthes, ihrer Behendigkeit und ihrer Kraft ſich doch bald ermüden. Ihre kleinen, glücklicherweiſe aber doch mit derben Stiefelchen be⸗ kleideten Füße ſanken bei jedem Schritt in den tiefen, zähen Schmutz hinein und die Anſtrengungen, welche ſie machen mußte, um ſie wieder herauszuziehen, verzögerten ihren Marſch auf ſehr beſchwerliche Weiſe. Während ſie mit ihrer gewohnten Energie gegen dieſes Hinderniß kämpfte, welches ſie weit leichter zu beſiegen gehofft, richtete ſie auch öfters die Augen in die Höhe und ſchaute vor ſich hin. Die Sonne war untergegangen und nach Weſten hin zeigte der Himmel einen breiten Gürtel von dunklem Pur⸗ pur, und auf dieſem prachtvollen Hintergrunde hoben ſich in ſchwarzen Umriſſen die Thürme der Dörfer ab, auf welche die Irländerin zuſchritt. Sie begriff, daß ſie dieſelben bald nicht mehr ſehen würde, denn ein dichter Nebel ſtieg von die⸗ ſen unermeßlichen Moräſten auf, ward mit jedem Augenblicke dichter und begann ſchon alle Formen unter ſeinem feuchten Leichentuche zu verhüllen und alle Lichter zu verlöſchen. Jedes andere Weib an Suſannens Stelle würde in einer ſolchen Lage den Muth verloren und ſich der Verzweif⸗ lung in die Arme geworfen haben; Fitzgerald’'s Schweſter aber, die durch die Liebe, welche ſie fur Henrh Lisle empfand, aufrecht erhalten und gehoben ward, fühlte ihre Kräfte ſich verdoppeln, wenn ſie bedachte, daß, wennſie nichtzeitlich genug käme, der edle junge Mann binnen wenigen Stunden unter dem von Jeffreys gelenkten Dolche fallen würde. Plötzlich ſah Suſanne den Weg, den ſie verfolgte, brei⸗ ter werden. Sie betrat nun eine umfangreiche Heide. „Dank ſey Gott!« rief ſie,»nun kann ich laufen.« Einige Augenblicke ſpäter langte Suſanne, ganz außer V 115 wo nicht, ſo treten wir zurück. Es wird Dir dann freiſtehen, deines Weges zu gehen. Golden, zünde einmal die Fackel an und laß uns ſehen, ob das Spiel den Einſatz werth iſt.« Einen Augenblick ſpäter warf eine angezündete Harz⸗ fackel ihren phantaſtiſchen Schein auf Suſannens Geſicht. Niemals und in keinem andern Falle ihres abenteuerli⸗ chen Lebens war ſie zugleich ſchöner und kühner erſchienen. Ihr großes ſchwarzes Auge funkelte vor Zorn, ihre Finger faßten krampfhaft den Griff ihres Dolches, den andern Arm hielt ſie, Kopf und Schultern zurückwerfend. ſtolz auf die Hüfte geſtemmt. Ihre ganze Haltung gab Trotz und vielleicht auch ein unwillkürliches Gefühl von Triumph zu erkennen, ſobald ſie die ſie umzingelnden Soldaten entzückt vor ihrer gebietenden Schönheit ſtehen ſah. „Noch nie habe ich ſo etwas geſehen,« rief mit Enthu⸗ ſiasmus der verwundeteReiter und ſetzte dann in einem Tone, in welchem ſich ein gewiſſer Grad von Ehrerbietung mit heiterer Zudringlichkeit miſchte, hinzu: „Hier, ſchöne Dame, habt Ihr auch meine andere Hand. Durchbohrt ſie auch, aber bezahlt mich mit ein wenig Liebe für das Blut, welches Ihr ſo ſehr zu vergießen liebt.« „Wenn der Generalmajor Percy Kirke nicht bei Zeiten gewarnt wird, dann wehe, wehe!« rief Suſanne, indem ſie an die Verzögerung dachte, auf welche ſie hier ſo unerwar⸗ teter Weiſe ſtieß und ohne daß ſie auf das hörte, was ihr junger und leidenſchaftlicher Bewunderer ihr ſo eben ge⸗ ſagt hatte. Dieſe Worte hatte ſie geſprochen, ohne ſie an die Män⸗ ner zu richten, welche ſie am Weitergehen hinderten. Es war gleichſam ein laut geſprochener Gedanke und Suſanne war * 116 weit entfernt, an die Wirkung zu denken, welche derſelbe ſo⸗ fort auf dieſe Soldaten äußerte. Kaum hatten ſie nemlich dieſe Worte vernommen, als⸗ die von Golden gehaltene Fackel wie von ſelbſt erlöſchte. Tie⸗ fes Dunkel umgab die Perſonen des Auftritts, den wir ſo eben erzählt. „Ihr kennt den Generalmajor Percy Kirke?« fragte einer der Reiter in leiſem Tone. „Ob ich ihn kenne!« antwortete Suſanne, welche aus der plötzlichen Veränderung, die in der Handlungsweiſe ihrer Angreifer ſtattgefunden, ſofort ſchloß, daß ſie von dieſem glücklichen Zufalle Nutzen ziehen köonne,—„ob ich den Ge⸗ neralmajor kenne! Wer ſollte ihn denn kennen, wenn ich ihn nicht kennte.— Ich bitte Euch blos um Eins, meine Herren, und wenn Ihr es thut, ſo verſpreche ich, Percy Kirke von dem, was ſo eben geſchehen, auch nicht ein Wort zu ſagen. Saget mir, wo ich ihn finden kann. Um dieſen Preis ſollt Ihr Verzeihung erlangen.« „Ich werde Euch hinfüͤhren,« ſagte in ſchüchternem Tone der für ſeine Dreiſtigkeit von Suſannen ſo hart ge⸗ ſtrafte Reiter. »Ich bin es zufrieden. Gehet voran— ich folge Euch,“« antwortete die Irländerin. Zehn Minuten ſpäter blieb der Soldat etwa dreißig Schritte entfernt von einem Zelte ſtehen, welches am Eingange des Dorfes in einem Garten mitten untereinigen großen Bäu⸗ men aufgeſchlagen war, welche es während des Tages gegen die Sonnenhitze ſchirmten. Der Soldat zeigte mit dem Fin⸗ ger darauf. „Dort iſt es,« ſagte er. Dann ſetzte er in beinahe bittendem Tone hinzu: —— . —— 117 „»Nicht wahr, meine Cameraden und ich können auf das Verſprechen rechnen, welches Ihr uns gegeben? Ihr werdet dem Generalmajor nichts ſagen?« „Ihr habt alſo wohl große Furcht vor ihm?« fragte Suſanne ihn ſpöttiſchem Tone. „Stellet mich der ganzen Armee Monmouth's gegenüber,“ antwortete der Soldat,»aber bewahrt mich vor dem Zorne Percy Kirke's.— Er iſt mein Oberſt geweſen und auch ich kann ſagen, daß ich ihn kenne.“ „Geht, mein Freund und ſeyd unbeſorgt— weder Ihr noch eure Cameraden habt etwas zu fürchten. Ich werde mein Wort halten.“ Der junge Mann entfernte ſich und Luch's Nebenbuh⸗ lerin lenkte ihre Schritte nach dem Zelte. Zwei Schildwachen ſtanden am Eingange dieſes militäriſchen Aſyls, welches der furchtbare Oberſt in Tanger hatte verfertigen laſſen und wel⸗ ches ſich durch ſeine Form und ſeine mauriſchen Verzierungen auszeichnete. „Kann ich den Generalmajor Percy Kirke ſprechen?⸗ fragte Suſanne eine der Schildwachen. Der Soldat wollte dieſe Frage beantworten, als zwei aus dem Innern des Zeltes hervortretende Offiziere ſich an der Thur zeigten. Es waren der Generalmajor ſelbſt und ſein Ad⸗ jutant Henry Lisle. Ihre Züge wurden vollſtändig durch den Schein einer Lampe beleuchtet, die auf einem Tiſche ſtand, auf welchem die Karte der weſtlichen Grafſchaften ausgebreitet lag. Suſanne erkannte ſie ſofort und hätte beinahe ihren Lip⸗ pen den ihrem Herzen eingegrabenen geliebten Namen ent⸗ ſchlüpfen laſſen. Sie faßte ſich jedoch und trat raſch in den Schatten. „Geht, Sir,“« ſagte Kirke zu Lord Lisle, v»erfüllt genau 118 die Befehle, die ich Euch gebe, und viſitirt ſorgfältig alle Vor⸗ poſten. Wir wollen eben ſo wachſam ſeyn wie Churchill und,« ſetzte er leiſe hinzu,„die Unfähigkeit unſeres Obercomman⸗ danten, des gutſchmeckeriſchen und ſchläfrigen Feversham, wieder gutmachen.« »Ha,“ murmelte Suſanne,„Gott ſey geprieſen! Er ge⸗ ſtattet, daß ich gleich zuerſt dem von Jeffreys bezeichneten Opfer begegne.« Kirke's Adjutant verließ das Zelt, nachdem er ſeinen Chef militäriſch begrüßt, und Suſanne ſchickte ſich an ihm zu folgen, als die Schildwache, an welche ſie einen Augenblick vorher das Wort gerichtet, ſie bei dem Arme zurückhielt. »Warum wollt Ihr denn wieder fort?« rief der Sol⸗ dat mit rauher Stimme;»hier iſt der General, nach dem Ihr ſo eben fragtet.« »Laßt mich los,« antwortete die unerſchrockene Suſanne, „»laßt mich los, ſage ich Euch.« »Ich laſſe Euch nicht eher los,« antwortete der Soldat, »als bis ich Euch den Händen meines Generals überliefert habe, Ihr Spionin. »Elender!« rief die reizbare Irländerin,„Du ſollſt deine Grobheit theuer bezahlen. Ich werde Percy erzählen, wie Du Dich gegen mich benommen und dann wehe Dir!« Dieſes Einſchüchterungsmittel, deſſen ſie ſich das erſte Mal mit ſo gutem Erfolge bedient, ſchlug in dieſem letzteren Falle vollſtändig fehl. »Der General,« antwortete die Schildwache in ſpötti⸗ ſchem Tone,»wird mich vielleicht in Arreſt bringen laſſen, weil ich Dich unſanft am Arme gefaßt, ganz gewiß aber ließe er mich Spießruthen laufen, wenn ich Dich, da Du ſo ſchön —— 119 biſt, fortließe, ohne Dich ihm vorgeſtellt zu haben. Wundere Dich daher nicht, daß ich Dich feſthalte.“ Der Soldat wendete ſich nun nach dem Eingange zum Zelte. „General!« rief er mit lauter Stimme,„General!« „Was will denn dieſer Lümmel?“« ſagte Kirke, indem er einige Schritte näher trat,»iſt denn Alarm geſchlagen worden? Iſt der Feind in Sicht?« „Nein, mein General,« antwortete die Schildwache, „ſo ſchlimm iſt es nicht. Dieſes junge Mädchen verlangte ſo eben erſt mit Euch zu ſprechen; ſobald ſie aber euern Adju⸗ tanten gewahrte, wollte ſie dieſem nachlaufen.“ „Suſanne!« rief Percy Kirke, indem er die Königin des Zechgelags in der„rothen Kuh⸗ erkannte,»wer zum Teufel führt denn Euch hierher? Weiß unſer Freund Chiffinch, daß Ihr ſo weit von London ſeyd? Doch, mag er es nun wiſſen oder nicht was geht das weiter mich an? Was frage ich nach dem Beweggrunde eurer Gegenwart hier? Ich finde Euch reizend; ſeyd willkommen in meinem Zelt— habt die Güte einzutreten.« „Nur unter einer Bedingung, General,“ entgegnete Fitz⸗ gerald's Schweſter. „Und unter welcher, ſchöne Suſanne!?« „Ich verlange, daß Ihr dieſen Elenden Spießruthen lau⸗ fen laßt,« ſagte die kecke Abenteuerin, indem ſie mit gebieteri⸗ ſcher Geberde auf die Schildwache zeigte. „»Was hat er Euch denn gethan?« „Er hat mich beleidigt, mich das Weib, zwei Schritte von dem Manne, deſſen Ehre ich ſo eben gerettet.“« „Es ſoll geſchehen, wie Ihr wünſchet, Suſanne,“ ant⸗ worte der Generalmajor, der, indem er ſich zu der Schild⸗ 120 wache wendete, in kurzem, bedeutſamem Tone hinzuſetzte,»Mor⸗ gen bei Tagesanbruch wirſt Du Dich bei mir melden.⸗ »Ich werde kommen, mein General,« ſagte der Soldat, indem er ſich mit ruhiger, reſignirter Miene wieder auf ſeinen Poſten ſtellte. Kirke ergriff hierauf Suſannens Hand und führte ſie in ſein Zelt. »Ihr habt, wie Ihr ſagtet, mir die Ehre gerettet?« fragte er in lebhaftem Tone.„Was bedeuten dieſe Worte? Iſt meine Ehre denn in Gefahr?⸗ »Ja, General, und zwar in großer Gefahr.“ »Erklärt Euch deutlicher, Suſanne.“ 3 »Ihr wiſſet, General, daß trotz des abgebrochenen Ver⸗ mälungsprojectes, welches zwiſchen Henry Lisle und Miß Lucy Murray beſtand, dieſe beiden jungen Leute einander immer noch mit tiefer und wechſelſeitiger Leidenſchaft lieben.“ „Ja, Suſanne, ich weiß es. Aber was hat meine Ehre mit der Geſchichte zu ſchaffen, welche Ihr mir da erzählt?« „Ihr werdet Euch auch erinnern, General, daß an dem⸗ ſelben Tage, wo eure bevorſtehende Vermälung mit der Ge⸗ liebten des Lord Lisle rückgängig ward, euer Nebenbuhler Euch in Whitehall forderte.« „Ob ich mich deſſen erinnere!« rief Kirke mit lauter Stimme;»ja wohl, ja wohl! Wir ſtanden im Begriff fort⸗ zugehen, um unſern Streit auszumachen, als der König uns Beide in ſein Cabinet rief und mir meinen Nebenbuhler zum Adjutanten gab.« »Nun, ſeyd Ihr nicht auch überzeugt, daß Lord Lisle ſeinerſeits dieſen Zwang nur mit dem größten Widerwillen erträgt? Seyd Ihr nicht überzeugt, daß er in ſeiner innerſten —— 121 Seele den Tag herbeiwünſcht, wo er endlich mit dem Degenin der Hand Euch gegenüberſtehen wird?« „Ha, könnte doch Gott mein Leben um alle die Stunden kürzen, welche mich noch von dieſem ſo ſehnlich herbeigewünſch⸗ ten Augenblick trennen!« „Es iſt ein furchtbarer Gegner, den Ihr da habt, nicht wahr, General?« fuhr Suſanne in eigenthümlichem Tone fort. „Ich erkenne es gern an,“« ſagte Kirke mit ſtolzer Ge⸗ berde.„Er iſt der einzige meiner würdige Gegner, dem ich je⸗ mals begegnet bin, ſeitdem meine Hand den Degen führt! Ich haſſe ihn eben ſo ſehr, als ich ihn bewundere und wenn er nicht von meiner Hand ſtirbt, ſo wird der Grund darin liegen, daß ich von der ſeinen falle.⸗ „Wohlan, höret mich, Percy Kirke! Dieſen furchtbaren jungen Mann, dieſen Eurer ſo würdigen Gegner, den Ihr Euch aufſpart, wird ein nichtswürdiger Meuchelmörder im Dunkeln niederſtoßen.“ „Was ſagt Ihr, Suſanne?« rief der wilde Soldat von Tanger im Tone der Entrüſtung. „Ich ſage die Wahrheit, General!— die einfache, ſchreck⸗ liche Wahrheit!« „Wer wagt auf dieſe Weiſe durch einen Dolch meinem Degen vorzugreifen?« „Jeffreys! Euer Freund Georg Jeffreys!« „Hal das hätte ich ahnen können!« rief Kirke, indem er die Hand an die plötzlich düſter gewordene Stirn legte. „Dieſer Name ſchreckt Euch und Ihr weicht zurück vor dem Oberrichter von Kingsbench, nicht wahr? Wißt Ihr was man ſagen wird, General? Man wird ſagen, daß Kirke, wenn er zufällig einem Feind begegnet, der eben ſo muthig und mit dem Degen in der Fauſt eben ſo furchtbar iſt als er, ſich vor 122 dieſem Feinde fürchtet, und daß er, um ſich ſeiner zu entledi⸗ gen, von der Waffe der Feiglinge Gebrauch macht.“ „Suſanne!— Ihr ſeyd von Sinnen!« 3 „»Man wird ſagen, daß Henry Lisle, nachdem er Euch eines Tages entwaffnet, Euch großmüthig euern Degen zurück⸗ gab, der zum erſten Mal euern von Schrecken gelähmten Hän⸗ den entfallen war. Man wird ſagen, daß Ihr, weil Ihr Euch nicht getrauet, einen entſchieden ungleich gewordenen Kampf wieder anzufangen, euern zu tapferen Gegner habt ermorden laſſen.« »Ha!« rief Kirke mit ſtolzem, verächtlichem Lächeln, »das ſoll man niemals ſagen. Wer wäre auch ſo wahnſinnig, dies zu behaupten? Wer wäre ſo blödſinnig, es zu glauben? Kennt man mich vielleicht nicht? O nein, man wird es niemals ſagen.“ »Aber doch wird man es ſagen. Und wißt Ihr, warum man es ſagen wird, General?« 1 „»Ich bin neugierig, es zu wiſſen— ſprecht!⸗ »Es iſt ein Mann, der in eurem Dienſte ſteht, welcher den Auftrag übernommen hat, euern Adjutanten zu er⸗ morden.“ „Ein Mann in meinem Dienſte! Seyd Ihr von dem, was Ihr mir da ſagt, auch überzeugt, Suſanne?⸗ »Ob ich davon überzeugt bin? Ich bin erbötig, es Euch auf der Stelle zu beweiſen.“ 2 »Nun gut, ich verlange es, ich will es— augenblicklich beweiſet es.« „»O, die Sache iſt auch in der That weit dringlicher, als Ihr glaubt. Noch heute Nacht ſoll Lord Lisle unter einem ſchmachvollen Eiſen, unter dem ſchimpflichſten aller Dolche, unter dem Meſſer des Henkers ſterben.“ ——4—, um „Aber Ihr verliert den Kopf, meine ſchöne Freundin, eure Sprache wird ſo unzuſammenhängend, daß ich Euch nicht mehr verſtehe. So eben noch ſollte Lord Lisle durch einen Mann ermordet werden, der in meinem Dienſte ſteht— jetzt iſt es der Henker, der ihn umbringen wird? Seyd Ihr denn krank, Suſanne?⸗ „Laßt euern Reitknecht rufen, General,« unterbrach ihn Suſanne mit ruhiger Sicherheit. Kirke näherte ſich dem Eingang des Zeltes und riefeiner der Schildwachen zu: »Man ſuche Robert und ſchicke ihn ſogleich zu mir.« Als Suſanne dieſen Namen nennen hörte, lächelte ſie und zuckte leicht die Achſeln. Einige Minuten ſpäter trat der Mann, den Kirke mit dem Namen Robert bezeichnet, in das Zelt des Generals. „Hier iſt mein Reitknecht,« ſagte Kirke, indem er ſich zu Fitzgerald's Schweſter wendete. „Habet die Güte, General,« antwortete dieſe,„ihm zu befehlen, daß er die Binde abnehme, welche beinahe die Hälfte ſeines Geſichts verbirgt.“ »Er iſt verwundet, Suſanne, und es wäre grauſam.“ „»So hat er zu Euch geſagt und Ihr ſeyd einfältig genug geweſen, es zu glauben.« „»Ich bitte um Verzeihung— Mylord, Georg Jeffreys ſagte mir, indem er mir dieſen Mann als einen ausgezeichne⸗ ten Diener empfahl, daß dieſe Binde eine große, kaum ge⸗ ſchloſſene Wunde bedecke. Ihr werdet ſelbſt einſehen, daß ich keinen Grund hatte, an dem Worte des Oberrichters zu zweifeln.« „In der That, General, Ihr mißbraucht das Recht, welches man hat, leichtgläubig zu ſeyn,« ſagte Suſanne in 124 ſpöttiſchem Tone.»Ich verſichere Euch, daß dieſer Mann keine Narbe im Geſicht hat. Befehlt ihm, dieſe Maske abzu⸗ nehmen.« 3 „»Thue, was dieſe Dame wünſcht, Robert,« ſagte Kirke in befehlendem Tone;»haſt Du nicht gehört? Willſt Du, daß ich ſie Dir durch ein halbes Dutzend meiner Lämmer ab⸗ reißen laſſe?« Der Mann, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, gehorchte zögernd und ſein plumpes, grobes Geſicht kam voll⸗ ſtändig zum Vorſchein. Es war auffallend häßlich, aber weder eine friſche noch eine alte Narbe darauf zu ſehen. „Wohlan, General, was ſagt Ihr dazu?« rief Suſanne in ernſtem Tone.„Ihr ſeyd betroffen! Ohne Zweifel glaubt Ihr, es handle ſich nur um eine Myſtification und euer edler Freund, der Oberrichter, habe ſich in einer Anwandlung von beſonders guter Laune einen ſchlechten Spaß mit Euch erlaubt. Darüber aber könnt Ihr Euch ſehr leicht Gewißheit verſchaf⸗ fen. Fragt dieſen Unverſchämten— er ſollte unter der Laſt ſeiner Beſchämung und gerechter Angſt die Augen niederſchla⸗ gen— aber ſehet, welche Anſtrengungen er macht, um Euch nicht ins Geſicht zu lachen.« Suſanne ſprach die Wahrheit. Sey es nun, daß Kirke’s Reitknecht den Auftritt ſpaßhaft fand und unüberwindliche Luſt zu lachen hatte, oder ſey es vielmehr, daß in Folge eines ſeltſamen Naturſpiels ſeinem Geſicht ein ewiges Lächeln auf⸗ geprägt war, kurz er ſah ganz ſo aus, als ob er ſeines Herrn ſpottete. Was dieſen betraf, ſo verieth ſeine ganze Haltung, daß ein entſetzlicher Zorn in ſeiner Bruſt kochte und es war klar, daß er Mühe hatte, an ſich zu halten. 125 „Ha!“« fuhr die Irländerin triumphirend fort,»Ihr glaubtet, ich ſey von Sinnen und ſtandet ſchon im Begriff, einen Arzt herbeizurufen um mich ihm zur Cur zu übergeben. Wohlan, höret auf das, was Suſanne, die Wahnſinnige, noch hinzufügen wird. Dieſer Mann heißt nicht Robert, ſondern Roſe— Roſe, Henker von London. Befragt ihn ſelbſt und⸗ ſehet, ob er, ſo unverſchämt er auch iſt, wagen wird, ſeinen Namen und ſeinen Stand zu läugnen.“ Kirke warf einen kalten unverſöhnlichen Blick auf ſeinen angeblichen Reitknecht und ſagte mit vor Wuth zitternder Stimme: „Iſt das wahr?“ „Ja, General,« entgegnete Roſe, denn es war wirklich⸗ unſer alter Bekannter von Newgate und Hydepark Corner. „Das iſt noch nicht alles,« fuhr Suſanne fort.»Ihr glaubt, dieſer Menſch ſey Euch überlaſſen worden um eure Pferde zu putzen? Kennt Ihr denn nicht Jeffreys Geſchenke? Er iſt in eure Nähe gebracht worden, um eure Ehre auf im⸗ mer zu verdunkeln, denn er hat den Auftrag erhalten und angenommen, Lord Lisle, euren Adjutanten, Lord Lisle, euren Feind, zu ermorden.“ „Iſt das wahr?« fragte der General wieder mit dem⸗ ſelben Blick und in demſelben Tone. „Ich habe meinem Patron, dem hochgeehrten Lord Jeffreys' gehorchen müſſen,« antwortete Roſe ruhig, ohne ſein hartnäckiges Lächeln abzulegen. „»Beruhigt Euch, General! Seyd klug!“ ſagte die Ir⸗ länderin in leichtſpoͤttiſchem Tone,»Ihr begreift, daß, um Euch auf dieſe Weiſe zu trotzen, dieſer Elende der Strafloſigkeit ſicher ſeyn muß. Er weiß, daß ſein Herr und Gönner hinter * ihm ſteht, und daß er von euerm Zorne nichts zu fürchten hat. Er weiß, daß er füͤr Euch geheiligt iſt.« „»Für mich geheiligt?« wiederholte langſam der furcht⸗ bare Abenteurer.»Das werden wir ſehen!— ich bin nur über die Art und Weiſe der Tortur unſchlüſſig, welche hier anzu⸗ wenden, oder vielmehr zu erfinden ſeyn wird—« Suſanne näherte ſich Kirke. „Ich kenne,« ſagte ſie leiſe zu ihm,„ein Mittel, welches Euch viel Kopfzerbrechen erſparen wird.“ „Worin beſteht es?« „Ich hätte,« fuhr Fitzgerald's Schweſter immer noch leiſe fort,„das, was ich Euch ſo eben mitgetheilt, nicht Alles erfahren können, wenn dieſer Roſe nicht geplaudert und My⸗ lord Jeffreys Vertrauen verrathen hätte. Schicket ihn zu dem Oberrichter zurück und gebt dieſem die ganze Sache anheim. „»Ihr habt hundertmalRecht, Suſanne,« murmelte Kirke, „»und jedes Wort, welches aus eurem Munde, kommt, beweiſt, daß Ihr eben ſo ſinnreich als ſchön ſeyd.« Der Generalmajor begleitete dieſe letzten Worte mit einem galanten Blick auf Suſannen und wendete ſich dann nach der Thür des Zeltes. »Man ſchicke mir zwei zuverläſſige Leute!« rief er den Schildwachen zu. Einen Augenblick ſpäter erſchienen zwei Soldaten des Regiments von Tanger vor ihrem geliebten und gleichzeitig ge⸗ fürchteten Anfuͤhrer. „Meine Lämmer,“« ſagte Kirke zu ihnen,»Ihr werdet ſofort dieſem Reitknecht die Hände anf den Rücken binden und ihn nach London zu Mylord Jeffreys transportiren. Dieſem werdet Ihr ſagen, daß Robert alle ſeine Geheimniſſe verkauft habe, daß ich dieſelben kenne und daß ich ihn um deswillen „„—, at. ht⸗ ber zu⸗ hes des ge⸗ erdet und eſem lkauft illen 127 wieder zurückſende. Geht, in zehn Minuten müßt Ihr auf dem Wege ſeyn.“ „Zu Befehl, General,“ antworteten die beiden Solda⸗ ten gleichzeitig. Und ſie gingen hinaus, indem ſie Roſe mit ſich fort⸗ führten. „Suſanne,“ ſagte Kirke, indem er zu dem vor Freude ſtrahlenden jungen Mädchen zurückkehrte,»Suſanne, indem Ihr Lord Lisle das Leben rettet, habt Ihr meine Ehre ge⸗ rettet. Ich danke Euch aufrichtig dafür. Aber ſagt mir, iſt es nicht wahr, daß Ihr Euch mehr darüber freuet, Lord Lisle das Leben, als mir die Ehre gerettet zu haben?⸗ „Ja, General, das iſt wahr,“« antwortete die ſchöne Ir⸗ länderin. „Warum intereſſirt Ihr Euch denn ſo ſehr für Lord Lisle?« Bei dieſer Frage zuckte ein Blitz der Eitelkeit aus Suſan⸗ nens Auge und ein unheilvoller Gedanke erwachte in ihrem Gemüth. „Ich intereſſire mich für Lord Henry Lisle. weil er mein Geliebter iſt,« antwortete ſie, als ob ſie durch dieſe Lüge ſich vor dem Generalmajor ein größeres Anſehen geben wollte. „Ha,« murmelte dieſer,„Ihr ſeyd Lord Lisle's Ge⸗ liebte?« „Ja, und ich bin ſtolz darauf es zu ſeyn.« Kirke machte eine Pauſe von wenigen Secunden, wäh⸗ rend welcher Suſanne, wenn ſie darauf geachtet hätte, geſe⸗ hen haben würde, wie die Augenbraunen des Soldaten von Tanger ſich zuſammenzogen, dann ſich wieder glätteten und gleich darauf ein Lächeln, in welchem etwas Unverſoöͤhnliches lag, über ſeine Lippen flog und ſeinen Blick entzündete. 128 »Dann brauche ich Euch nicht erſt zu fragen,« ſagte er, »ob Ihr, indem Ihr hierherkamet, auch den Wunſch hattet, euren glücklichen Geliebten zu beſuchen. Wartet, ich werde Euch zu ihm führen laſſen.« „Ihr ſeyd ein galanter Mann, General, und ich erwar⸗ tete dies von eurer Courtoiſie,“ ſagte Suſanne, ohne daß ſie ihre Freude zu verhehlen ſuchte. Kirke verließ das Zelt und wendete ſich zu der Schild⸗ wache, welche vor ungefähr einer Stunde die ſchöne Irlän⸗ derin abgehalten hatte. »Nicht wahr, Du ſollſt morgen Früh Spießruthen lau⸗ fen?« fragte er den Soldaten. „Ja, mein General.« „Ich erlaſſe Dir die Strafe, aber höre wohl, was ich Dir ſagen werde. Du wirſt zwanzig deiner Cameraden holen und mit denſelben mein Zelt umzingeln. Dann läſſeſt Du Nie⸗ manden hinein, nicht einmal Churchill, nicht einmal Fevers⸗ ham. Welches Geſchrei Ihr auch hören möget und ſelbſt wenn Ihr mich in Gefahr glaubet, werdet Ihr doch die ganze Nacht nicht hineinkommen— haſt Du mich verſtanden?« „»Ja, mein General.« Nachdem der General dieſe Worte geſprochen, kehrte er in ſein Zelt zuruck und ließ den Vorhang fallen, welcher den Eingang verſchloß. Dann heftete er einen glühenden Blick auf die erſtaunte Suſanne, horchte auf das Geräuſch, welches ſich draußen ver⸗ nehmen ließ, und hörte mit wilder Freude ſeine Lämmer, welche ſich ringsherum um ſeine Höhle aufſtellten. Ende des vierten Cheiles. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. 3 48 4 4 8