— — ————.-—--—== Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 9 von.. 8 2 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und eſebedingungen. 8 1;.. 6 ſ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe Lines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſpo den angenommen.— p 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3— ſf 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und f beträgt: 3— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:— 3————————— 4 8 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— A 5 „ 3„„„ 3„=, ,, 4„=—„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. † 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 8 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aaufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8—=—y———. BDer CTiger von Tanger. Hiſtoriſcher Roman von Paul Dupleſſis. 4 Deutſch von Dr. Emil Steinmann. 6 Zweiter Theil. Peſt, Wien und Leipzig, 1858. Hartleben's Verlags⸗Expedition. gehe gen, vern len, zige von lung ſich z Der alle Puritaner. Iwei Monate ſind ſeit dem Tode Carls II. verfloſſen. Der Herzog von York, ſein Bruder, regiert unter dem Namen Jacob II. und England beginnt ſchon die Uebel zu ahnen, welche die Zukunft ihm aufſpart. Die Oppoſition, welche durch die Reſtauration beinahe vernichtet worden, hebt wieder das Haupt empor und bildet durch anonyme Flugſchriften und durch geheime Zuſammen⸗ künfte das Vorſpiel zu den großen parlamentariſchen Kämpfen. Die Whigs ſchließen ihre Reihen dichter, zählen ihre Streiter und machen ſich ſchweigend kampffertig. Ehe wir jedoch in das geheime Leben der politiſchen und religiöſen Parteien eindrin⸗ gen, welche England bald in einen ungeheuern Kampfplatz verwandeln und ſeinen Boden mit Blut überſchwemmen ſol— len, müſſen wir das Meer überfliegen und den Leſer eine ein⸗ zige Nacht in ein freies Land, in die Schweiz, verſetzen. In einem beſcheidenen Landhauſe, ungefähr eine Stunde von Lauſanne entfernt, fand ein Auftritt ſtatt, deſſen Entwick⸗ lung zu unſerer Erzählung in genauer Beziehung ſteht. Am 5. April 1685 gegen ſechs Uhr Abends befanden ſich zwei bejahrte Männer, der eine ſitzend, der andere ſtehend, Der Tiger von Tanger. II. 1 vor einem hell und luſtig praſſelnden Feuer von Tannenholz in dem Salon der kleinen Wohnung. Der erſte der beiden Männer, der nemlich, welcher ſaß, ſchien ungefähr ſechzig Jahre zu zählen. Seine breite hohe Stirn, ſein tiefer, gedankenvoller Blick verriethen einen unge⸗ wöhnlichen Verſtand. Die ſtrengen Linien ſeines Geſichtes be⸗ rechtigten zu der Vorausſetzung, daß ſeine Lippen ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr gelächelt. Der gewöhnliche und vor⸗ herrſchende Ausdruck ſeiner Phyſiognomie war der einer un⸗ beugſamen Strenge. Nichtsdeſtoweniger bewies der Blitz, welcher von Zeit zu Zeit ſein graues Auge erleuchtete, daß dieſer Mann hinter ſeinem marmornen Geſicht eine noch glühende Seele barg. Das Geſicht des andern Mannes, der ungefähr von demſelben Alter war wie der erſte, bot dem Studium nur geringe Schwierigkeiten. Man las darin wie in einem auf⸗ geſchlagenen Buche. Es verrieth Rechtſchaffenheit, Herzens⸗ güte und bis auf das Aeußerſte getriebene Hingebung, erman⸗ gelte aber eines erhabeneren Ausdruckes vollſtändig. Er hieß William und ſtand ſeit vierzig Jahren im Dienſte des Mannes mit der ernſten, ſtrengen Miene, welcher kein Anderer war, als der bekannte Lord Lis e, einer der tapfer⸗ ſten Offiziere und treueſten Anhänger des Protectors Cromwell. In dem Augenblick, wo unſere Erzählung beginnt, hielt Lord Lisle, der vor einem mit vielen Papieren und entſiegel⸗ ten Briefen bedeckten Tiſche ſaß, in ſeinen Händen ein Minia⸗ turbild von ovaler Form, welches er mit großer Aufmerkſam⸗ keit betrachtete. William, der hinter ſeinem Herrn ſtand, ſchaute dieſem über die Schulter und ſchien in dieſem Schauen ein ganz eigerthümliches Vergnügen zu finden. 3 Es dauerte jedoch nicht lange— mochte nun die Auf⸗ merkſamkeit des alten Dieners zu lebhaft werden, um ſich noch länger Schweigen auflegen zu laſſen, oder mochte vielleicht das lange Schweigen ſeines Herrn ihm peinlich werden— ſo begann William, geſtützt auf das durch lange und treue Dienſte erworbene Vorrecht der Vertraulichkeit, das Geſpräch. „»Mein Gott, Mylord,“« rief er, indem er bewundernd die Hände faltete,„wie ſchön iſt doch Miß Lucy Murray!« Dieſer Ausruf hatte auf Lord Lisle's Antlitz einen Aus⸗ druck von Zufriedenheit zur Folge, der bei ihm eben ſo viel bedeutete wie bei Andern ein heiteres Lächeln. »Nicht wahr, William? Wohlan, wenn man dem, was mein alter Freund Murray mir ſchreibt, Glauben ſchenken darf, ſo ſteht dieſes Gemälde dem Original noch weit nach. Nun aber kann man dieſer Verſicherung vollen Glauben bei⸗ meſſen, denn Murray legt auf die Geſchenke der Natur ſehr geringes Gewicht, und in dem ganzen Laufe ſeines Lebens iſt keine— ich will nicht ſagen Lüge— ſondern ſogar keine Uebertreibung über ſeine Lippen gekommen. Ja, Luch iſt ein anbetungswürdiges Geſchöpf! Ich habe noch niemals die Ge⸗ walt der Liebe kennen gelernt aber dennoch ſcheint es mir, als wenn ich, wenn ich jung und frei wäre, von einer ſo idea⸗ len Vollkommenheit ſelbſt über alle Maßen hingeriſſen werden könnte. Iſt es nicht wahr, William, daß ein junger Mann kein Blut in den Adern haben müßte, wenn er gegen ſo viel Anmuth, Reiz und Schönheit gleichgiltig bleiben wollte?« »Ich bin überzeugt, Mylord, daß euer geehrter Sohn, Sir Henry, eure Meinung iheilt.⸗ »Ich hoffe es, ohne daß ich es zu glauben wage.⸗ »Ich verſtehe Euch nicht, Mylord.“ »Was,“ rief der Lord mit einer Lebhaftigkeit, die ihm * 3 ſonſt nicht eigen war„Du verſtehſt nicht, daß mein Sohn, wenn er Lucy liebte, gerettet wäre?« »Was verſteht Ihr unter dem Worte gerettet, My⸗ lord? Wird Sir Henry denn von einer Gefahr bedroht?« »Von der größten aller Gefahren, von der Gefahr, ſeine Seele zu verlieren! Komm, mein guter alter William,« fuhr Lord Lisle fort,»ſetz Dich hierher zu mir. Weigere Dich nicht, ich befehle es Dir! Mein Herz iſt voll, es will ſich Luft ma⸗ chen. Seit vielen Jahren gewohnt, mich vom Unglück verfol⸗ get zu ſehen, kann ich das Glück, die Freude nicht ertragen. Die Freude thut mir weh.« » Und ſeyd Ihr heute glücklich, Mylord?« fragte der alte Diener in einem Tone, welcher ſeine innige und zärtliche An⸗ hänglichkeit an ſeinen Herrn verrieth. »Ja, ja, William! Gott ſcheint endlich ſich meiner ſtillen Ergebung und meiner Leiden zu erbarmen. Von allen Seiten erhalte ich gutgh, frohe Nachrichten. Auf dieſe guten Nachrich⸗ ten werden wir ſogleich wieder zurückkommen, William, denn ſie intereſſiren auch Dich perſönlich. Vor allen Dingen aber ſprechen wir von meinem Sohn. Niemand kennt beſſer als Du, William, die ängſtliche und eiferſüchtige Zärtlichkeit, welche ich für dieſes theure Kind, den einzigen Sprößling mei⸗ nes Geſchlechtes, empfinde. Von allen Schmerzen, welche dem Verbannten in das fremde Land folgen, hat ſich ganz beſon⸗ ders einer meiner bemächtigt, der Gedanke, daß mein Sohn, der verhängnißvollen Zärtlichkeit ſeiner Mutter überlaſſen, meiner Religion— der wahren Religion— entſagt habe, daß er Papiſt geworden ſeyn möchte. Wie viele Nächte habe ich in fieberhafter, grauſamer Schlafloſigkeit zugebracht! Wie viele bittere Thränen habe ich nicht vergoſſen, wenn ich an dieſes furchtbare Unglück dachte! Uebrigens konnte es nicht — 10 11..„ — ohn—, My⸗ eine uhr icht, ma⸗ fol⸗ gen. alte 5 anders ſeyn. Seine Mutter war zu überzeugt in ihrem Irr⸗ thum, um ihn nicht ihren Sohn theilen zu laſſen Die große Tugend der Mutter mußte das Kind ins Verderben ſtürzen. Vergebens ſuchte Murray, mein treuer und ergebener Freund, den Einfluß der Mutter zu bekämpfen und meinen armen Henry zu retten. Zwiſchen einem Fremden und ſeiner Mutter konnte Henry nicht lange ſchwanken. Wohlan, noch heute habe ich nicht alle Hoffnung verloren. Warum ſollte mein Sohn, der mittlerweile ein Mann geworden und im Stande iſt, die Dinge ſelbſt zu ſehen, ſelbſt zu ſtudiren und zu verglei⸗ chen, warum ſollte mein Sohn, wenn er endlich einſieht, auf welchem unrichtigen und beklagenswerthen Wege er ſich befin⸗ det, nicht den ſtrafbaren Glauben abſchwören, welcher der Unerfahrenheit ſeiner Jugend aufgedrungen worden?« »Ach, Mylord,“« ſagte der alte William, welcher ſelbſt ein eifriger Puritaner war,„der Einfluß, welchen Lady Lisle auf Sir Henry ausübt, iſt ſo groß, daß ich eure Hoffnung nicht zu theilen wage— es müßte denn ein Wunder geſche⸗ hen ſeyn.« »Und wer ſagt Dir denn, verſtockter Sünder, der Du die Macht Gottes in Zweifel zu ziehen wagſt, wer ſagt Dir denn, daß dieſes Wunder nicht ſtattfinden werde?« unterbrach ihn der Verbannte lebhaft.»Es bereitet ſich ſchon vor und die Vorſehung ſcheint es beſchloſſen zu haben. Dieſe Briefe Murray's erwecken in mir Hoffnungen, welche ſich ganz gewiß verwirklichen werden. Henry und Lucy lieben einander, wie Du weißt, ſeit ihrer Kindheit. Ihre Vermälung war mit mei⸗ ner und Sir Charles Murrays' Zuſtimmung beſchloſſen. Lady Lisle hatte, ehe ſie in die Vermälung willigte, die Königin ſprechen und das Project der Billigung dieſer Fürſtin und der ihres Gemals Carl Stuart unterbreiten wollen. Murray ward 6 mit ſeiner Tochter nach Whitehall gerufen. Er ging hin. Der alte Shakeſpeare hat geſagt:»Gebrechlichkeit, dein Name iſt Weib.« Eben ſo könnte man auch ſagen:»Nachgiebigkeit, deine Mutter iſt die Liebe zu unſern Kindern!« Aber noch an demſelben Abend, wo die Unterredung ſtattfand, ward der Stuart von der Krankheit ereilt, welche ihn fünf Tage ſpäter hinwegraffte. Unter ſeiner Regierung nun konnte man allen⸗ falls die Tochter eines Puritaners mit einem jungen papiſti⸗ ſchen Offizier vermälen. Damals war es nicht wahrſcheinlich, daß vielleicht ſchon am Morgen nach einer ſolchen Vermälung der Gatte aufgefordert werden würde, den Degen gegen den Vater ſeiner Gattin zu ziehen. Aber die Zeiten haben ſich ge⸗ ändert. Seit der Thronbeſteigung Jacobs von York ſind alle jene entfernten Gefahren in drohende Nähe herangerückt, und Murray will ſeine Tochter meinem Henry nur dann geben, wenn er der katholiſchen Religion entſagt. Er ſchreibt mir, daß er die erſte günſtige Gelegenheit benutzen wird, um einen großen Schlag zu führen. Möge er gelingen! Und wie werde ich Luch ſegnen, wenn ihre Tugend und Schönheit ein ſolches Wunder zu Stande bringen! Lady Lisle's Einfluß auf meinen Sohn iſt groß, ich gebe dies zu, aber hat Gott nicht zu den Menſchen geſagt: Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen, um deinem Weibe anzuhangen?« »Möge Gott eure Wünſche erhören, Mylord,“« ſagte William,»„dann wird auch mein innigſter Wunſch erfüllt ſeyn. Meinen jungen Herrn Sir Henry wieder auf dem richtigen Wege und als Miß Lucy's Gatten zu ſehen, dies wäre das größte Glück für meine ganze noch übrige Lebenszeit.⸗ »Uebrigens werden Murray und Lucy nicht allein zu kämpfen brauchen,« fuhr Lord Lisle mit noch größerer Leb⸗ haftigkeit fort.„Ich werde auch zur Stelle ſeyn, wir werden 7 Beide dort ſeyn, mein guter William; ja, ja, unſere fünfund⸗ zwanzigjährige Verbannung naht ihrem Ende. Bald, in einem Monat, in einigen Tagen vielleicht werden unſere Füße, die müde ſind, ſich auf fremder Erde hinzuſchleppen, endlich wie⸗ der den heimiſchen Boden betreten.« »Mylord, Mylord! mein geliebter Herr!« rief der alte Diener mit unausſprechlicher Bewegung,»wenn Ihr dieſer glücklichen Veränderung in unſerer Lage nicht ganz gewiß ſeyd, ſo bitte ich Euch, nicht weiter zu ſprechen. Laßt meinen Augen nicht eine ſo berauſchende Hoffnung leuchten. In meinem Alter, Mylord, weiß man ſich in ein ſicheres Unglück zu fügen, aber man iſt ohne Kraft gegen eine grauſame Täuſchung, denn man hat nicht Zeit zu warten. Mylord, mit gefalteten Händen, auf meinen Knien bitte ich Euch, ſagt mir die Wahr⸗ heit, die ganze Wahrheit! Kann ich hoffen, daß ich noch ein⸗ mal bei den Meinen auf dem friedlichen Kirchhof meines hei⸗ matlichen Dorfes ruhen werde? »William,« ſagte Lord Lisle mit einem Gemiſche von Feierlichkeit und Zärtlichkeit,»„Gott hat Dich zu meines Glei⸗ chen und deine Treue hat Dich zu meinem Freunde gemacht. Wenn der Schöpfer aller Dinge Dich einmal zu ſich rufen wird, dann wird deine ſterbliche Hülle in der Gruft meiner Familie die wohlverdiente Ruheſtätte finden. Doch ſprechen wir nicht vom Tode, von Trennung! Wir haben durch ge⸗ nug Leiden und Verzweiflung das Recht erkauft, uns bei dem Gedanken unſeres nahen Triumphes zu freuen.⸗ »Unſeres Triumphes, Mylord?⸗ »Ja, William, unſeres Triumphes und des Triumphes Englands. Die Stunde wird ſchlagen, wo unſer ruhmreiches und ſtolzes Vaterland aufhören wird, ſich von Frankreich auf ſchimpfliche Weiſe in's Schlepptau nehmen zu laſſen und um 8 die ſchmachvolle Unterſtützung Ludwigs XIV. zu betteln. Bald werden wir unſern Rang in der großen Familie der Natio⸗ nen wieder einnehmen, bald wird unſere durch den Verrath und die Feigheit der Stuarts geſchändete und in den Staub getretene Fahne in demſelben Glanze ſtrahlen wie in den ſchö⸗ nen Tagen des Protectorats Cromwell' s.⸗ »Ich bitte Euch, Mylord, redet aus! Wer ſoll der Ret⸗ ter Englands ſeyn?« »Ich habe Alles geſagt, was mir zu ſagen möglich war,“ entgegnete der Verbannte.„Trotz des unbegrenzten Vertrauens, welches ich zu Dir habe, mein guter William, i*ſt es mir doch nicht geſtattet, dieſe vertrauliche Mittheilung vollſtändig zu machen. Uebrigens erwarte ich jeden Augenblick Briefe von großer Wichligkeit. Ich wundere mich ſogar, daß ſie noch nicht eingetroffen ſind. Ich zittere bei dem Gedanken, daß einer davon in unrechte Hände gekommen ſeyn könnte. Mein guter William, Du mußt durchaus heute noch einmal nach Lauſanne zurückkehren und Dich nochmals überzeugen, daß kein Brief, der an meine Adreſſe lautet, auf der Poſt liegt. Fühlſt Du Dich noch kräftig genug, um dieſen Weg zu machen? Wenn ich nicht ſeit heute Morgen ſo ſehr an meinen alten Wunden litte, ſo würde ich Dir gern dieſe Anſtrengung erſparen.« Lord Lisle ſprach noch, als ein furchtbarer Windſtoß das ganze Haus erſchütterte, während zugleich praſſelnder Regen an die Fenſter ſchlug. »Ha,« fuhr der Lord fort,»welch ein fürchterliches Wetter! Doch gleichviel, mein armer William, Muth! Nimm einen guten Mantel um und mache Dich ſo ſchnell als mög⸗ lich auf den Weg.« »Mylord,“« ſagte der Diener, ohne ſich von dem Seſſel 9 zu rühren, auf welchem er dem Befehle ſeines Herrn zu Folge Platz genommen,„ich weiß nicht, wie ich Euch für die Be⸗ weiſe von Güte danken ſoll mit welchen Ihr mich überhäuft. Obſchon ich die Wichtigkeit vollkommen begreife, welche Ihr darauf legt, daß eure Briefe nicht lange auf der Poſt liegen bleiben, ſo werde ich Euch nichtsdeſtoweniger gehorſamſt um die Erlaubniß bitten, mich heute Abend nicht nach Lauſanne begeben zu dürfen.⸗ Bei dieſer Antwort betrachtete Lord Lisle ſeinen Diener mit einem Erſtaunen welches an Verblüfftheit grenzte. Es war dies in der That ſeit vierzig Jahren das erſte Mal, daß der treue Diener einem Befehle ſeines Herrn Widerſpruch entgegen⸗ ſetzte. Dennoch aber die unabänderliche, unzweifelhafte Treue und die vorgerückten Jahre Williams in Erwägung ziehend, ſagte er in ganz ſanftem Tone zu ihm: »Kannſt Du Dich vor Regen, Schnee und Wind fürch⸗ ten, alter Freund, wenn es ſich vielleicht um das Schickſal Englands handelt?« »O, Mylord,« rief William mit bewegter Stimme, viſt es möglich, daß ein ſolcher Gedanke Euch in den Sinn komme! Ich ſollte ein wenig Mühe und Anſtrengung fürch⸗ ten, wenn es gilt, Euch nützlich zu ſeyn, Euch zu gehorchen? Ihr ſolltet doch längſt wiſſen, Mylord, daß ich auf einen einfachen Wink von Euch bereit bin, mein Leben auf’s Spiel zu ſetzen und zu opfern.« »Nun, was hält Dich dann aber ab, William, ſofort nach Lauſanne zu gehen, wie ich Dich gebeten habe?« Der alte Diener zögerte einen Augenblick und ſchien dann den Widerwillen zu überwinden, welchen die Beantwortung dieſer Frage in ihm erweckte. 10 »Die Furcht, Mylord,« ſagte er in dumpfem Tone. »Die Furcht hält Dich ab, William? Und welche ſind die Geſahren, die Dich ſchrecken? Welchen Gefahren kann dein Gehorſam Dich ausſetzen?« »Mich, für meine Perſon, keiner. Aber, Mylord, wenn ich heute Abend dieſen Weg mache »Nun rede doch aus! Du ſagteſt: Wenn ich heute Abend dieſen Weg mache— nun?« & »So kann ſich leicht irgend ein Zufall ereignen, der mich abhält, heute Nacht wieder nach Hauſe zu kommen.« »Was hätte dies weiter zu bedeuten? Ich werde deine Dienſte bis morgen ſehr leicht entbehren können.⸗ »Ja, Mylord, aber dieſe Nacht?« »Nun, dieſe Nacht werde ich ſchlafen, und von unſerer nahen Rückkehr nach England träumen. Dies wird ein ſehr ſanfter Schlaf ſeyn, William.« Lord Lisle betrachtete, während er dieſe Worte ſprach, ſeinen Diener mit aufmerkſamem Blicke. »William,« fuhr er nach einer kurzen Pauſe den Kopf emporwerfend fort,„es iſt klar, daß in Dir etwas Seltſames, vorgeht, was Du nicht geſtehen willſt. William, ich will es wiſſen— ich bitte Dich, mir die ganze Wahrheit zu ſagen.⸗ »Verzeihet mir mein Zögern, Mylord. Ich wollte Euch eine Störung erſparen ſobald Ihr Euch aber herablaßt mich zu bitten, daß ich ſprechen ſoll, ſo muß ich gehorchen.* »Erkläre Dich ohne Furcht, William. Ich bin zu ſehr an das Unglück gewöhnt, als daß eine einfache Störung große Gewalt über mich hätte. Was gibt es?« »Der vortreffliche Herr Müller, Bürgermeiſter von Lau⸗ ſanne, hat mich perſönlich aufgefordert, auf meiner Hut zu ſeyn und euer Leben, Mylord, ſorgfältiger als je zu überwachen. — unn 11 Er theilte mir mit, daß man geſtern Abend zwei fremde Rei⸗ ſende von verdächtigem Ausſehen ſich hat um eure Wohnung herumtreiben ſehen. Herr Müller läßt ſie heute Morgens ver⸗ gebens ſuchen. Ich beſchwöre Euch daher, Mylord, entfernet mich in dieſem Augenblicke nicht von eurer Perſon.⸗ Williams Mittheilung ſchien auf den Verbannten keinen Eindruck zu machen, und ein beinahe unbemerkliches, verächt⸗ liches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. »Ich werde ſchon morgen zu dieſem vortrefflichen Herrn Müller gehen, um ihm für die Sorge zu danken die er für meine Sicherheit trägt,« ſagte er mit vollkommen ruhiger Stimme.„»Mittlerweile, William, mach Dich auf den Weg. und ſey unbeſorgt.« »Entſchuldigt mich, Mylord, wenn ich auf meiner Bitte beharre. Eine Ahnung ſagt mir, daß Ihr am Vorabend eines ſchweren Unheils ſtehet!« »Ich glaube nicht an Ahnungen, William. Dieſes Wort iſt ein Erzeugniß des menſchlichen Stolzes; wir haben es blos erfunden, um unſere Schwächen zu verbergen. Was könnte ich übrigens fürchten? Niemand mit Ausnahme des Bürgermei⸗ ſters Müller kennt mich in der hieſigen Gegend unter meinem wahren Namen. Für alle Anderen bin ich Mr. Burton, ein alter gelehrter Engländer, der ſehr zurückgezogen lebt, ſich mit irdiſchen Dingen in keiner Weiſe beſchäftigt, Niemanden etwas zu Leide thut und als echter Philoſoph ruhig erwartet, daß der Tod endlich ſeiner langen Laufbahn ein Ende machen werde. Was kann ich alſo fürchten? Habgierige Miſſethäter? Jeder kennt die Mittelmäßigkeit meines Vermögens.« »Aber, Mylord,“ rief William ſeinen Herrn unterbre⸗ chend,„habt Ihr nicht gehört, daß mehre eurer vormaligen Parlamentscollegen in der letztvergangenen Zeit in ihrem Exil ermordet worden ſind, ohne daß man ihre Mörder zu entde⸗ cken vermocht hätte? Und dennoch waren ſie ebenfalls auf ihrer Hut geweſen und hatten überdies nicht, wie Ihr in einer in ganz Europa bekannt gewordenen Flugſchrift gethan, die ſchändliche Handlungsweiſe des Oberrichters der King's Bench öffentlich gebrandmarkt. Man behauptet, Mylord, daß Jeffreys, dieſer Tiger in Menſchengeſtalt, wie Ihr ſelbſt ihn nennet, eine Beleidigung niemals vergißt oder verzeiht. Zum zweiten Male, mein Gebieter, beſchwöre ich Euch auf meinen Knien; ſo lange man die beiden verdächtigen Fremden, welche ſich geſtern in der Nähe eures Hauſes umhergeſchlichen haben, nicht entdeckt und befragt hat, geſtattet mir, daß ich eure Sicherheit überwache und Euch ſo zu ſagen gleich eurem Schatten zur Seite ſtehe.« 5 »Weißt Du wohl, William.« antwortete Lord Lisle, allmälig ungeduldig werdend,»„daß ich, wenn Du dabei be⸗ harren ſollteſt, meinen Wunſch nicht zu erfüllen, endlich wider meinen Willen zweifeln müßte, ob deiner Hartnäckigkeit nicht eben ſo viel Trägheit als Beſorgniß für mein Leben zu Grunde liegt?« Bei dieſem indirecten Vorwurf ward der arme alte Diener ſchnell nacheinander mehrmals roth und blaß, dann verneigte er ſich vor ſeinem Heren und entfernte ſich ohne zu antworten. Noch waren nicht drei Minuten vergangen, ſo erſchien William mit großen Stiefeln angethan, den Kopf mit einem breitkrämpigen Hut bedeckt und mit einem langen dicken Stock in der Hand wieder vor ſeinem Herrn. »Mylord,“« ſagte er,„ich erwarte eure Befehle. Nur erlaubt mir, Euch zu bitten, während meiner Abweſenheit Niemanden zu öffnen. Euer Haus liegt ſo einſam und ſo ent⸗ 13 fernt von jeder andern Wohnung, daß Euch Niemand zu Hilfe kommen könnte.« »Du vergiſſeſt, William, daß dieſe Fremden, wenn ſie auch von ſchlimmen Abſichten gegen mich beſeelt wären, doch nur ihrer Zwei ſind. Wenn man aber auf ſeiner Hut iſt, ein paar vortreffliche, doppelläufige Piſtolen zur Hand hat und ein wenig Muth beſitzt, ſo kann es kaum eine Gefahr geben.« »Aber der Verrath, Mylord?⸗ »Bin ich nicht, wie ich Dir nochmals ſage, gewarnt und auf meiner Hut?— Auf Wiederſehen, William. Eben hat das Unwetter ein wenig nachgelaſſen. Beeile Dich daher, Dich auf den Weg zu machen. Sey überzeugt, mein armer Freund, wenn es ſich nicht um die Intereſſen unſeres ſchönen Englands handelte, ſo würde ich mich um keinen Preis dazu verſtehen, Dich unter ſolchen Umſtänden zu einem langen und beſchwer⸗ lichen Wege zu nöthigen. Auf baloiges Wiederſehen, William, auf baldiges Wiederſehen!« Der Diener wollte antworten, da er aber fühlte, daß ihm die Thränen in die Augen traten und er ſich ſcheute, ſeine Bewegung ſehen zu laſſen, ſo ſenkte er den Kopf und ent⸗ fernte ſich ſchweigend. Es war jetzt acht Uhr Abends und die Nacht ſchon lange hereingebrochen. II. Das Blutpfand. Während der alte William ſich mit ſo großem Wider⸗ ſtreben auf den Weg nach Lauſanne machte, fand ein gräßlich rührender Auftritt— wenn man ſich dieſes Ausdrucks bedie⸗ nen darf— nicht weit von ihm ſtatt und rechtfextigte ſeine Ahnungen vollkommen. In der ärmlichen, zu dieſer Zeit gerade leer ſtehenden Brethütte eines Ziegenhirten, die ungefähr drei Büchſenſchüſſe weit von Lord Lisle's Wohnung ſtand, ſaßen zwei Männer vor einem kümmerlichen Feuer von dürren Aeſten, welche ſie auf dem feuchten Boden übereinandergehäuft hatten. Nicht weit von dieſen Männern ſah man die Ueberreſte einer frugalen Mahlzeit— mehren Stücken Brot und Käſe. Drei leere Flaſchen, deren entkorkte Hälſe einen ſtarkea Spiritusgeruch entweichen ließen, bewieſen jedoch, daß ſie in dem Getränk einen Erſatz für die ungenügenden Speiſen ge⸗ ſucht, aus welchen ihre Abendmahlzeit beſtanden hatte. Dieſe beiden Männer— alte Bekannte des Leſers— waren Fitzgerald und James, ſein Bruder. Seit einigen Minuten war ein düſteres Schweigen an die Stelle eines kurz vorher noch ſehr lebhaften Geſpräches getreten. Beide ſchienen in tiefe Betrachtungen verſunken zu ſeyn. an en 15 James war der Erſte, welcher die Unterhaltung wieder anknüpfte. »Bruder,“ ſagte er, indem er auf Fitzgerald einen lan⸗ gen Blick heftete, welcher gleichzeitig Liebe und Trauer zu er⸗ kennen gab,»vergebens ſuchſt Du, um mich zu täuſchen, die Wolken zu verſcheuchen, welche deine Stirn umdüſtern. An⸗ ſtatt dieſes gezwungenen Lächelns, welches deinen Mund um⸗ ſpielt, würde ich lieber Thränen ſehen. Liebſt Du mich denn nicht mehr, mein lieber Fitzgerald, daß Du Dich vor mir ver⸗ birgſt und deinen Kummer allein tragen willſt?« »Schweig, undankbarer Knabe,“ entgegnete der Irlän⸗ der,»Du läſterſt!« »Aber dennoch, Bruder, wenn Du mich liebteſt, ſo würdeſt Du keine Geheimniſſe vor mir haben, ſondern mir die Urſache deiner Traurigkeit mittheilen.⸗ »Findeſt Du nicht, daß meine gegenwärtige Lage und die That, die ich im Begriff ſtehe zu vollführen, ernſt genug ſind, um mein Schweigen und meine Düſterheit zu rechtfer⸗ rigen? Bedenke doch, James, daß binnen wenigen Minuten Lord Lisle unter meinem Dolche fallen ſoll, daß ich mich bin⸗ nen hier und morgen wieder in den Händen der Juſtiz befin⸗ den kann. »Ja, Bruder, ich weiß, daß Du große Gefahren läufſt, aber ich kenne auch deinen unbezähmbaren Muth zu gut, um zu⸗ zugeben, daß nur die Furcht vor einer Gefahr, wie groß ſie auch ſeyn möchte, Dich ſo niederbeugen könnte. Ich ſage nochmals, mein Bruder, Du verbirgſt mir deinen innerſten Gedanken.⸗ »Nun ja,« rief der Irländer in heftigem Tone,„Du haſt es errathen, ein grauſamer Schmerz foltert mir das Herz. Vor der Hand, James, genüge Dir dieſes Geſtändniß. 16 Dringe nicht weiter in mich, ich beſchwöre Dich. Ich leide an einem unheilbaren Uebel— an einem lebel, welches deine ungeſtümen Fragen nur verſchlimmern können; brechen wir davon ab. Welch' ein furchtbarer Windſtoß! Die Dämonen der Hölle ſind für uns— dieſer Sturm iſt für uns von außerordentlichem Nutzen. Er macht die Umgegend einſam und wird uns, wenn die blutige That vollführt iſt, geſtatten, die Flucht zu ergreifen, ohne bemerkt oder verfolgt zu werden. Alſo vorwärts, James, gehen wir.« Fitzgerald erhob ſich, begann mit fieberhaften und un⸗ regelmäßigen Schritten die ſchmale Hütte zu durchſchreiten, deren ſchlechtgefügte Breter den Wind hereinpfeifen ließen, und wendete ſich plötzlich wieder zu ſeinem Bruder. »Nun, mein lieber James,« hob er wieder an.»wollen wir gehen?« »Ja, wir wollen gehen,« ſagte der junge Mann, indem er ſich entſchloſſen erhob,„wir wollen gehen. Aber laß mich Dir es im Voraus ſagen— ich habe Dich errathen, Bruder. Im Grunde deines Herzens— deſſen bin ich gewiß— erhebt ſich ein Vorwurf gegen mich. Du ſagſt bei Dir ſelbſt, ich ſey ein Feigling. weil ich Dir bis jetzt noch nicht die Unterſtützung gewährt, welche Du ein Recht hatteſt, von mir zu erwarten. Du ſagſt, daß ich bei unſern beiden vorhergegangenen Unter⸗ nehmungen, wenn auch nicht gleichgiltiger, doch wenigſtens unthätiger Zuſchauer geblieben bin, während Du die ganze blutige Arbeit verrichteteſt. Und Du fürchteſt— davon bin ich feſt überzeugt— daß ich Dich in meinem Herzen verachte, daß ich Abſcheu vor Dir empfinde. Nicht wahr, ſo iſt es? Ja, ſo iſt s— Du wirſt nicht nein ſagen! Wohlan, Du irrſt Dich, Bruder. Komm, reiche mir deine Hand— dieſelbe, welche den tödtlichen Streich geführt hat. Siehe, ich drücke ſie ches Kon arm hielt Wol dein dieſe will mal welch wahr en 17 ſie in die meinigen; ſiehe, ich küſſe ſie. Kann das Blut, wel⸗ ches an deinen Händen klebt, mich hindern, Dich zu lieben? Komm, mein guter Bruder, komm, wir wollen uns um⸗ armen!« Fitzgerald und James ſanken einander in die Arme und hielten ſich einige Augenblicke lang feſt umſchloſſen. „»Ja,“ ſagte dann der ältere der beiden Brüder,»welche Wohlthat haſt Du mir erzeigt, James! Wie danke ich Dir für deine freundlichen Worte! Du kannſt nicht glauben, wie ſehr dieſelben mir das Herz erleichtert haben.⸗ „Dies iſt noch nicht Alles,« hob James wieder an,„ich will Dir auch einen Beweis geben, daß ſie wahr ſind. Dies⸗ mal nemlich werde ich deine Stelle vertreten. Ich bin es, welcher Lord Lisle tödten wird. Du biſt es zufrieden, nicht wahr?« »Ach, armer Knabe, Du weißt nicht, was Du ver⸗ langſt! Nein, nein!« »Ja doch, ſage ich Dir. So lange ich nicht eins der von Jeffreys bezeichneten Opfer niedergeſtreckt habe, werden die Gedanken dieſes Abends immer wieder in Dir auftauchen, und ich liebe Dich zu ſehr, um Dich durch meine Schuld un⸗ glücklich zu wiſſen. Alſo nicht wahr, Du biſt mit mir einver⸗ ſtanden?« Fitzgerald ſchien anfangs auf dieſe furchtbare For⸗ derung antworten zu wollen. Sey es nun aber, daß die Kraft ihm gebrach, ſey es, daß er noch nicht recht wußte, ob er die blutige Mitwirkung, welche James ihm anbot, anneh⸗ men ſollte— kurz, er begnügte ſich mehrmals langſam den Kopf zu ſchütteln. »James!« rief er nach kurzem Schweigen,»gehen wir.« Der Tiger von Tanger. II. 2 »Nicht eher, als bis ich dein Verſprechen habe!« Fitzgerald zähmte die fieberhafte Aufregung, deren Beute er war, und blieb plötzlich vor ſeinem Bruder ſtehen.« »Du willſt es,« ſagte er in dumpfem und beinahe un⸗ verſtändlichem Tone;»Knabe, Knabe! Du kennſt noch nicht die Qualen, welche Du Dir bereiteſt. Indeſſen, wer weiß. Vielleicht kann dein großmüthiges Opfer, indem es Dir er⸗ laubt, mich immer zu lieben, und Dich abhält, mich zu ver⸗ achten, für deine Zukunft nützlich ſeyn. Wohlan, es ſey, Ja⸗ mes! Du ſollſt die blutige Arbeit dieſer Nacht verrichten.— Gehen wir!« Eine Viertelſtunde ſpäter pochten Fitzgerald und ſein Bruder an Lord Lisle's Thür. Der Lord hatte nach William's Weggange ſich wieder vor ſeinen mit Papieren bedeckten Tiſch geſetzt und angefan⸗ gen, bald einige derſelben durchzuleſen, bald wieder das Mi⸗ niaturbild zu betrachten, auf welchem die ſanften, reizenden Züge der ſchönen Lucy Murray treu wiedergegeben waren. Als er die Schläge an der Thür ſeines Hauſes erdröh⸗ nen hörte, fuhr er unwillkürlich zuſammen. William konnte es nicht ſeyn, welcher ſchon zurückkam, denn dieſer hatte den Schlüſſel zur Hausthüre ſtets bei ſich. Einen Augenblick lang dachte er an die Befürchtungen, welche ſein alter treuer Diener gegen ihn ausgeſprochen und die ihn, ſeitdem er allein war, nicht eine einzige Secunde lang beſchäf⸗ tigt hatten. Er ſtand auf, legte die Papiere und das Porträt in eine alte mit Eiſen beſchlagene Truhe von Eichenholz, verſchloß dieſelbe und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. Dann lenkte er ſeine Schritte nach einem in dem Winkel des Zimmers ſtehenden Schrank, nahm aus demſelben zwei über ſteckt rocke reitu Vorz thore derſel ein D zu we ten B ſonder Stimt land d welche warten beiden und m ( rald u Feuer Geſchic ſerer C & en Beute nahe un⸗ och nicht er weiß. Dir er⸗ zu ver⸗ ſey, Ja⸗ dten.— und ſein wieder ungefan⸗ das Mi⸗ eizenden aren. erdröh⸗ ückkam, bei ſich. „welche die ihn, beſchäf⸗ in eine erſchloß Winkel en zwei 19 große doppelläufige Piſtolen, ließ die Schlöſſer ſchnappen, überzeugte ſich aufmerkſam von ihrem vortrefflichen Zuſtande, ſteckte eine in jede der beiden Seitentaſchen des großen Ueber⸗ rockes, welchen er anhatte, und nachdem er alle dieſe Vorbe⸗ reitungen und Vorſichtsmaßregeln getroffen, durchſchritt er ein Vorzimmer und näherte ſich mit feſtem Tritt dem Eingangs⸗ thore des Hauſes in demſelben Augenblick, wo der Klopfer an derſelben neue Schläge erdröhnen ließ. „»Wer iſt da?⸗ fragte er laut. »Freunde,« antwortete man von draußen. »An welchem Zeichen ſoll ich ſie erkennen?« »Es wird ſeyn wie ein Zeichen in deiner Hand und wie ein Ding, das vor deinen Augen hängt, um deine Erinnerung zu wecken.« Lord Lisle ließ dem, welcher dieſen Vers aus dem zwei⸗ ten Buche Moſes herſagte, nicht Zeit, zu Ende zu ſprechen, ſondern fuhr ſelbſt mit vor Bewegung und Freude zitternder Stimme fort:»Weil der Herr uns gezogen hat aus Egypten⸗ land durch die Kraft ſeines Armes.« Und er öffnete mit jugendlicher Eile die Thür, durch welche Fitzgerald und James in das Haus eintraten. »Sehyd willkommen, Ihr Ueberbringer der ſo lange er⸗ warteten guten Nachricht,« fuhr der Lord fort, indem er den beiden Irländern die Hand reichte.„Kommt, meine Freunde und meine Gäſte, kommt und ſetzet Euch an meinen Herd.« Einen Augenblick ſpäter plauderten Lord Lisle, Fitzge⸗ rald und ſein Bruder, in dem Zimmer vor dem kniſternden Feuer ſitzend, lebhaft von den Dingen und Menſchen, deren Geſchichte und Thaten einen großen Theil de r Fortſetzung un⸗ ſerer Erzählung ausmachen werden. »An den bibliſchen Worten, die Ihr ſo eben geſprochen,⸗ ſagte der Puritaner zu dem älteſten der beiden Brüder,„habe ich ſogleich erkannt, daß Ihr zu den Unſeren gehört, und mich beeilt, Euch meine Thür als Waffengefährten zu öffnen, welche morgen unter derſelben Fahne marſchiren werden wie ich. Aber kommt Ihr nicht auch noch in einer beſondern Ei⸗ genſchaft zu mir? Seyd Ihr nicht mit einer beſondern Miſſion an den alten Patrioten Burton beauftragt?« »Dies da,“« antwortete Fitzgerald, indem er dem Lord die Hälfte eines Ringes überreichte,„wird eure Frage beant⸗ worten und Euch ſagen, daß Ihr uns gegenüber euern wah⸗ ren und ehrenvollen Namen wieder annehmen könnt.« Lord Lisle öffnete, anſtatt zu antworten, ſeinen Ueber⸗ rock, bei welcher Bewegung ſeine Gäſte die Kolben der beiden furchtbaren Piſtolen ſahen. Dann nahm er aus ſeiner Weſten⸗ taſche einen kleinen goldenen Gegenſtand, welchen er aufmerk⸗ ſam mit dem zuſammenhielt, den man ihm ſo eben übergeben. Die beiden Bruchſtücke paßten vollkommen an einander und bildeten durch ihre Vereinigung einen einzigen gleichförmigen Ring. „Redet, Sir,“ ſagte er zu Fitzgerald,„ich höre Euch.* „»Wie Ihr wißt, Mylord, haben, ſeitdem der leichtſinnige Carl II. todt iſt und ſein verhaßter Bruder den Thron ein⸗ genommen hat, die Uebel, welche auf dem armen England laſteten, ſich verhundertfacht. Jacob von York verfügt über die Finanzen ohne Zuſtimmung des Unterhauſes; er befehligt das ſtehende Heer, deſſen Waffen gegen alle Freiheiten der Nation gekehrt ſind, und geht mit dem Plane um, die Staats⸗ religion zu ſtürzen, um an ihrer Stelle die papiſtiſche trium⸗ phiren zu laſſen. Fortwährend von katholiſchen Prieſtern um⸗ geben, wohnt er in dem Palaſte von St. James und bei of⸗ fenen er, i freys Ludn dernd Stua Obſch laſten barer wärti Verbe Eurog mache Verſa ſich b Argyle vornel Fletch John Fergu dieſen ſeres wie ich Ich bit Namer bis zu gegen hört, i ders d freys n „ ochen,⸗ »habe id mich öffnen, den wie ern Ei⸗ Miſſion n Lord beant⸗ nwah⸗ Ueber⸗ beiden Veſten⸗ ffmerk⸗ ggeben. er und migen Euch.* ſinnige en ein⸗ igland t über fehligt n der taats⸗ trium⸗ n um⸗ bei of⸗ 21 fenen Thüren der Meſſe bei. Die Gerechtigkeitspflege ſchändet er, indem er dem Großſiegelbewahrer Guildford einen Jef⸗ freys zum Gehilfen an die Seite ſetzt. Von dem übermüthigen Ludwig XIV. abhängig. ſieht England vor Entrüſtung ſchau⸗ dernd ſeine von Frankreich penſionirten und unterſtützten Stuarts dem Auslande ſeine theuerſten Intereſſen opfern. Obſchon die ſchmachvollen Uebel, welche auf dieſem Lande laſten, in der nächſten Zukunft noch zahlreicher und furcht⸗ barer zu werden drohen, ſo iſt dennoch das Maß auch gegen⸗ wärtig ſchon voll. Deshalb haben die edlen und muthigen Verbannten, welche die Reſtauration in verſchiedene Länder Europa's zerſtreut hat, beſchloſſen, der Sache ein Ende zu machen. Vor einigen Tagen haben ſie in Amſterdam eine Verſammlung abgehalten. Der Herzog von Monmouth hat ſich bei derſelben eben ſo eingefunden als der Herzog von Argyle, und außerdem ſind noch von verſchiedenen Orten die vornehmſten engliſchen und ſchottiſchen Anführer, Andrew Fletcher, Sir Patrick Hume, Lord Grey, Richard Humbold, John Aylotte, Nathaniel Wade, Richard Goodenugh, Robert Ferguſon ꝛc. erſchienen. Und wenn es mir erlaubt iſt, neben dieſen berühmten Vorkämpfern in den politiſchen Wirren un⸗ ſeres Jahrhunderts einen ſo unbekannten Soldaten zu nennen wie ich bin, ſo will ich hinzufügen, daß auch ich dabei war. Ich bin noch zu jung, Mylord, und habe meinen beſcheidenen Namen Fitzgerald noch zu wenig ausgezeichnet, als daß er bis zu Euch gedrungen ſeyn könnte. Wenn aber mein Haß gegen Alles, was nahe oder entfernt zu Jacob von York ge⸗ hört, in euren Augen ein Anſpruch ſeyn kann, wenn beſon⸗ ders der unauslöſchliche Wunſch, den nichtswürdigen Jef⸗ freys mit Füßen zu treten—« »Seyd Ihr vielleicht,« ſagte plötzlich Lord Lisle, wel⸗ 22 cher bis jetzt den Irländer mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit angehört und ohne ihn unterbrechen zu wollen,»ſeyd Ihr vielleicht jener Fitzgerald, welcher vor einigen Wochen des Nachts dieſen Jeffreys in den Straßen von London ſo empfindlich gezüchtigt hat?« „»Ja, Mylord, und nur durch ein Wunder bin ich ſei⸗ ner Rache entgangen.« »O, dann iſt euer Name bis zu mir gedrungen! Und ich freue mich, Euch die Hand drücken zu können, denn ſehet Ihr, dieſer Mann hat das Blut meiner beſten Freunde ver⸗ goſſen— Ruſſel, Eſſex, Sidney.« »Sie werden bald gerächt ſeyn, Mylord. In unſerer Verſammlung zu Amſterdam haben wir Alle einmüthig be⸗ ſchloſſen, daß ſobald als möglich eine Landung in England bewerkſtelligt werden ſoll. Das vollſtändigſte Gelingen wird dieſes auf die Befreiung Englands gerichtete Unternehmen krönen. Die Lords, welche die Ausſchließungsbill mit ſo viel Muth und Klugheit aufrecht erhalten haben, ſind bereit, ihre Vaſallen zu bewaffnen, die Nation iſt auf das Aeußerſte ge⸗ bracht, ganz England erwartet uns und ſeufzt nach uns. Die Berichte von John Wildman und Henry Danvers laſſen kei⸗ nen Zweifel darüber. Um aber die letzten Maßregeln zu tref⸗ fen, haben wir Alle gefühlt, daß Ihr uns unentbehrlich ſeyd. Ich bin zum Abgeſandten an Euch auserſehen worden und habe meinen jüngern Bruder als Reiſegefährten mitgenom⸗ men. Mein Auftrag iſt ein doppelter. Er beſteht darin, Euch von den von euren in Holland geſammelten Freunden gefaß⸗ ten Beſchlüſſen zu unterrichten, und dann Euch einzuladen, Euch unverzüglich zu ihnen nach Amſterdam zu verfügen. Des erſten Theiles meines Auftrages habe ich mich ſo eben entle⸗ digt: ob J er ſic ren u dreißt mein Welt züchti ſchnel in der ſeinen Anſto ſchmet Milite gleicht Und d fen— das iſ Ihr n undzn welche theil n tigen, Euren hunde wieder ren bi zudrüc Wiege ſen; e ufmerk⸗ „» ſeyd Wochen don ſo ich ſei⸗ il Und an ſehet de ver⸗ unſerer hig be⸗ ngland wird nehmen ſo viel t, ihre eſte ge⸗ 3. Die en kei⸗ u tref⸗ ſeyd. n und enom⸗ Euch gefaß⸗ laden, . Des entle⸗ 23 digt und es bleibt mir nun nur noch übrig, Euch zu fragen, ob Ihr bereit ſeyd abzureiſen.« »Ob ich bereit bin abzureiſen?« rief der Lord, indem er ſich erhob.„Ob ich bereit bin, nach England zurückzukeh⸗ ren und dieſe Stuarts zu ſtürzen, wie ich ſchon vor fünfund⸗ dreißig Jahren gethan, dieſe fluchwürdige Familie, welche mein edles unglückliches Vaterland ſo tief in der Achtung der Welt heruntergebracht hat? Um dieſen Jacob von York zu züchtigen, dieſen Großadmiral, welcher in der Abſicht, deſto ſchneller auf die feindliche Flotte Jagd zu machen, ſein Schiff in den Wind drehen läßt und ſeine ſchlafſüchtige Feigheit dann ſeinem Kammerdiener aufbürdet!— Um dieſen Stein des Anſtoßes der letztvergangenen fünfundzwanzig Jahre zu zer⸗ ſchmettern! Um dieſen durch die Teſtacte von allen Civil⸗ und Militärämtern ausgeſchloſſenen Papiſten auszurotten, welcher gleichwohl den uſurpirten Thronder großen Nation einnimmt! Und das iſt noch nicht Alles, meine jungen Freunde!— Stra⸗ fen— mich rächen— mein Land wieder aufrichten— nein, das iſt nicht Alles. Noch andere Beweggründe drängen mich. Ihr wißt nicht und werdet niemals erfahren, was eine fünf⸗ undzwanzigjährige Verbannung ſagen will. Die Verbannung, welche die Zeit nicht zu mildern vermag, und die im Gegen⸗ theil mit den Jahren, welche jeden andern Kummer beſchwich⸗ tigen, immer unerträglicher wird! Ja, ich bin einer von den Euren. Ich kommel ich kommel Ha! nach einem Vierteljahr⸗ hundert der Leiden und des Elends ſoll ich mein Vaterland wiederſehen! Ich werde ſterben auf dem Boden, wo ich gebo⸗ ren bin, und die Hand meines Sohnes wird mir die Augen zudrücken. In der Nacht, wo ich ihn verließ, lag er in ſeiner Wiege; ich faßte ihn in meine Arme, ich bedeckte ihn mit Küſ⸗ ſen; er weinte, der arme Kleine, und ich hatte nicht einmal 24 Zeit, ihn zu tröſten. Ich mußte fort, ich mußte fliehen, ich mußte in die Verbannung eilen. Er iſt nun erwachſen— er iſt gut, er iſt ſchön, er iſt erfüllt von Muth und Ehre.— Nur,— ach, beklaget mich!— dient er Jacob von York. Seine Mutter hat, um ihn zu retten, ihn, den Sohn eines Richters Carls II., bewogen, die Religion zu wechſeln und ihn auf den Pfad des Unglücks gedrängt. Ich werde ihn aber davon wieder abzulenken wiſſen.— Wann werden wir uns aufmachen?« Die Gemüthsbewegung des alten Verbannten war ſo lebhaft, daß er, als er dieſe letzten Worte geſagt hatte, ſich niederſetzen mußte. Fitzgerald hatte, während Lord Lisle ſprach, ſeinen Bru⸗ der mehrmals und auf die bedeutſamſte Weiſe angeſehen. Die⸗ ſer Blick, in welchem ſich die unbeugſamſte Entſchloſſenheit ausſprach, war anfangs eine Mahnung und eine Bitte ge⸗ weſen, bald aber ein Befehl, zu handeln und zuzuſtoßen, ge⸗ worden. Seh es nun aber, daß James an die Piſtolen dachte, welche er in den Taſchen des Lord geſehen, oder ſey es viel⸗ mehr, daß er in dem Augenblick, wo er ſein Probeſtück als Meuchelmörder ablegen ſollte, zögerte— kurz, er blieb un⸗ beweglich, gerade als ob er daͤs furchtbare Signal, welches ihm gegeben ward, weder geſehen noch verſtanden hätte. Fitzgerald's Geſicht umdüſterte ſich, ſeine Stirn runzelte ſich, ſeine Lippen zuckten und ſeine auf James gehefteten Augen ſprachen einen bittern Vorwurf aus. Mit krampfhafter Hand faßte er den Griff des an ſeinem Gürtel hängenden Dolches. Es war augenſcheinlich, daß er ſich anſchickte, den argloſen Greis niederzuſtoßen, als er in die un ner mi ſell tür und det ges das kan kan Die men werd eine näch ſchor hält. als d eine zimm innen neben hen, ich — er hre.— York. in eines n und werde werden var ſo te, ſich Bru⸗ u. Die⸗ ſenheit be ge⸗ a, ge⸗ achte, viel⸗ k als d un⸗ elches nzelte Augen einem ß er er in 25 dieſem leichten und feigen Verbrechen durch James Geberde und Stimme gehemmt ward. »Mylord,« ſagte der junge Irländer, indem er ſich ſei⸗ nem Wirth näherte,„die Nachrichten, welche mein Bruder mir ſo eben mitgetheilt hat, und die Hoffnungen, welche die⸗ ſelben in Euch erweckt haben, ſind die Urſache eurer ſehr na⸗ türlichen, aber vielleicht zu ſtarken Gemüthsbewegung. Ruhe und Schlaf werden eure Kräfte wieder ſtärken. Morgen wer⸗ det Ihr friſch und munter ſeyn und wir können uns mit Ta⸗ gesanbruch auf den Weg machen.« »Ja, mein Freund, Ihr habt Recht. Die Freude und das Glück ermüden; ich werde verſuchen ob ich ſchlafen kann. Aber Ihr, wie werdet Ihr die Nacht zubringen? Ich kann Euch nur ein einziges Bett anbieten, das meines alten Dieners, welcher wahrſcheinlich erſt morgen Früh wiederkom⸗ men wird. Ich werde Euch hinführen.« »Das iſt nicht nöthig, Mylord,« ſagte Fitzgerald,„wir werden an dem Feuer ſitzen bleiben. In unſerm Alter hindert eine auf dieſe Weiſe zugebrachte Nacht durchaus nicht, den nächſtfolgenden Morgen friſch und munter zu ſeyn.« »Wohlan, thut wie es Euch beliebt, wenigſtens aber ſchonet nicht die alten Weine, welche dieſer Schrank ent⸗ hält. Mit einem Worte, meine Herren, betrachtet mein Haus als das eure.« Lord Lisle drückte den beiden Brüdern die Hand, öffnete eine Thür, durch welche man aus dem Salon in das Schlaf⸗ zimmer gelangte, drückte die Thür hinter ſich zu, ohne ſie von innen zu verſchließen, und legte ſeine Piſtolen auf einen oben neben dem Bette ſtehenden Tiſch, was aber durchaus kein Be⸗ weis von Mißtrauen gegen ſeine dermaligen Gäſte, ſondern 26 eine Gewohnheit war, die er ſchon ſeit langer Zeit zu befol⸗ gen pflegte. Einige Minuten ſpäter lag er in ſeinem Bett und rief den Schlaf herbei der vor dem Summen ſo vieler neuerweck⸗ ter Erinnerungen und Hoffnungenzufliehen ſchien, welche an den geſchloſſenen Augen des Greiſes das wieder lebendig gewor⸗ dene Geſpenſt der Vergangenheit und die blendenden Bilder der Zukunft vorüberſchweben ließen. So lange als noch ein Geräuſch von Tritten oder be⸗ rührten Möbeln ſich in Lord Lisle's Zimmer hören ließ, verhielt ſich Fitzgerald unbeweglich. Seine Füße waren wie an die Diele gewurzelt und ſeine Augen auf die Thür geheftet, durch welche der alte Puritaner verſchwunden war. 3 Allmälig jedoch verſtummte dieſes Geräuſch und man hörte nichts mehr als Lord Lisle's gleichmäßigen Athemzug. Fitzgerald näherte ſich auf den Zehen ſeinem Bruder und ſagte leiſe zu ihm: „»Du haſt alſo dein Verſprechen vergeſſen? Und dennoch hatte ich Dich nicht um das gebeten, was Du mir freiwillig anboteſt! Dein Verſprechen war ſonach gar nicht ernſt ge⸗ meint.« »Du irrſt Dich, Bruder,« antwortete James in einem Tone, der noch nicht ganz frei von innerer Bewegung war. „Nun, warum führteſt Du dann nicht den Stoß, als ich Dir winkte?« „Warum? Ich weiß es nicht. In der That, ich war weit entfernt zu glauben, daß man ſo ſehr zittere, wenn man im Begriff ſteht, mit kaltem Blute einen Menſchen zu lödten, der ſich nicht vertheidigt.⸗ »Ach, James, ich ſehe, daß ich nicht Unrecht hatte, Du war venn n zu „Du 27 ſcheueſt Dich vor mir, vor mir, der ich nicht zittere, wenn es ſich darum handelt, einen Wehrloſen niederzuſtoßen.« »Ach, Bruder, habe Mitleid mit mir! Du glaubſt alſo, weil ich gleich beim erſten Male Mangel an Muth gezeigt habe, ſo werde ich mein ganzes Leben lang ein feiges Herz, einen ungeſchickten Arm und eine ſchwache Hand haben?⸗ »Nun gut, ſo gehe und bemühe Dich vor allen Dingen, ihn mit einem einzigen Stoße zu tödten.« James lenkte, den Dolch in der Hand und von Fitzgerald gefolgt, der ihn beobachtete, ſeine Schritte nach Lord Lisle's Schlafgemach. Beide legten gleichzeitig das Ohr an den dünnen Breter⸗ verſchlag, der ſie von ihrem Schlachtopfer trennte. Das regel⸗ mäßige Geräuſch ſeines Athemzuges ließ ſich deutlich mitten unter dem Pfeifen des Windes und dem Praſſeln des Regens vernehmen, welcher auf das Dach und an die Fenſterläden des Hauſes anſchlug. »Er ſchläft,« murmelte Fitzgerald,»geh.« James legte die Hand an den Schlüſſel, drehte ihn leiſe in dem Schloſſe um und öffnete die Thür ein wenig. Ein auf dem Tiſche, auf welchem die Piſtolen lagen, ſtehendes Nacht⸗ licht beleuchtete mit gedämpftem Schimmer das bleiche Antlitz des Greiſes, deſſen ſtrenger Ausdruck durch glückliche Träume gemildert zu werden ſchien. Von der Hand Fitzgerald's kaum bemerkbar berührt, wendete James den Kopf nach ſeinem Bruder herum, wie um ihm zu ſagen, daß er nicht an ihm zweifeln ſolle, warf einen raſchen Blicke auf ſeinen Dolch und näherte ſich dem Bett. Gerade in dieſem Augenblicke ward raſch und laut an die Hausthür gepocht. III. Der Capitän Barca. Lord Lisle fuhr aus dem Schlafe empor, ergriff ſeine Piſtolen, ſpannte ſie, ſetzte ſich in die Höhe und richtete die Mundung der drohenden Läufe auf die vor ſeinem Bette ſte⸗ henden beiden Männer. „Was iſt das für ein Lärm? Was vnch Ihr hier? Was wollt Ihr von mir?« ſagte er mit drohender Stimme. Während der Lord ſich auf dieſe Weiſe mit der ganzen Behendigkeit und Entſchloſſenheit der feurigſten Jugend in Vertheidigungszuſtand ſetzte, trat Fitzgerald raſch vor ſeinen Bruder, um ihn mit ſeinem Körper für den Fall zu decken, daß Lord Lisle Feuer gäbe. In demſelben Augenblicke ließ das Pochen, welches man kurz vorher an der Hausthür vernommen, ſich von Neuem hören, aber diesmal mit vermehrter Heftigkeit. »Mylord,“« ſagte Fitzgerald,„der Lärm, den Ihr höret, erklärt Euch unſere Anweſenheit in eurem Schlafzimmer. Wir kamen, um Euch zu fragen, was wir machen ſollen. Soll man dem Pocher öffnen?« »Ah, verzeiht, meine Freunde!« ſagte der Lord, indem er ſeine Waffe wieder auf den Tiſch legte.»Geht wieder in das Wohnzimmer; ich werde mich ankleiden und dann werden wir mit einander berathen, was wir zu thun haben.“ mär Feue ſagte Man⸗ Gege ich D man euem öret, Wir man ndem der in erden 29 Fitzgerald und James entfernten ſich der an ſie ergan⸗ genen Aufforderung gemäß. Sobald ſie die Thür des Schlafzimmers wieder hinter ſich zugemacht hatten, ſagte der älteſte der beiden Brüder: »Wir müſſen der Sache ein Ende machen. Alles dies beginnt ſich lächerlich in die Länge zu ziehen. Wir wollen ſehen, wer da anpocht. Wenn es nur ein einziger Mann iſt, ſo werde ich raſch mit ihm fertig werden und dann zurückkommen, um den guten Lord zu expediren. Was Dich betrifft, ſo entbinde ich Dich deiner Beihilfe und werde auch in Zukunft deiner Dienſte zu entbehren wiſſen.« Ohne weiter die Erklärungen anhören zu wollen, welche James ſich anſchickte, ihm zu geben, ging Fitzgerald mit ra⸗ ſchen Schritten nach der Eingangsthür des Hauſes und fragte mit verhaltenem Zorne: »Was wollt Ihr?« »Habt die Gefälligkeit zu öffnen,«⸗ antwortete ihm eine männliche wohlklingende Stimme von außen. „»Wer ſeyd Ihr?« »Ein vom Regen und Schnee durchnäßter Wanderer.⸗ »Geht weiter, hier iſt kein Platz für Euch.« »Ich verlange weiter nichts als einen Stuhl beim Feuer.« »Nein, ſage ich Euch; geht eures Weges.« »Iſt es Euch lieber, wenn ich die Thür einſchlage?« Fitzgerald wendete ſich zu ſeinem Bruder herum und ſagte ihm in's Ohr: »Ich werde öffnen.— Kaum eingetreten muß dieſer Mann todt niederſtürzen, denn es wäre möglich, daß ſeine Gegenwart Lord Ligle rettete. Ich nehme die Vorwürfe, die ich Dir ſoeben gemacht, zurück. Halte deinen Dolch bereit und vergiß nicht, wenn ich Dich nemlich erſt noch daran erinnern muß, daß Suſanne in Jeffreys' Händen iſt, und daß Schande und Entehrung ihr droht, wenn Lord Lisle uns entrinnt.« »Ich bin bereit,« antwortete James.»Du kannſt öffnen.« Die Thüre drehte ſich in ihren Angeln. Ein Mann von hohem Wuchſe mit einem breitkrämpi⸗ gen Hute auf dem Kopfe, in einen umfangreichen, ſchwarzen Mantel gehüllt, unter welchem breite Schultern und ein blan⸗ ker Degenknopf ſichtbar waren, erſchien auf der Schwelle. Er that einen Schritt vorwärts, faßte mit jeder ſeiner Hände wie mit einer eiſernen Zange die beiden Brüder an den Ellbogen, drehte ſie mit wunderbarer Leichtigkeit herum, ſtieß die Thür hinter ſich zu und ſagte in befehlendem Tone zu ihnen: „Geht voran, ich folge Euch.⸗ Fitzgerald und ſein Bruder gehorchten wie von einem überlegenen Willen beherrſcht, wie von einer übernatürlichen Macht bezwungen. Der Fremde entledigte ſich, indem er den Fuß in das Wohnzimmer ſetzte, mit ſtolzer Ungezwungenheit ſeines vom Regen durchweichten Hutes und Mantels und warf ſie auf einen Stuhl. Dann und ohne, wie es ſchien, auf die jungen Männer zu achten, die er doch für ſeine Wirthe halten mußte, näherte er ſich dem Feuer und wärmte ſich einige Augenblicke daran, indem er die Hände nach der Flamme ausſtreckte. So von dem röthlichen phantaſtiſchen Scheine beleuchtet, ſchien er ſich ſelbſtgefällig und mit Fleiß von dem Blicke der beiden Brüder muſtern zu laſſen, welche, indem ſie ihn be⸗ trachteten, weniger Grund finden mußten, ſich über ihre ſo eben an den Tag gelegte ſeltſame Unthätigkeit zu wundern. Der neue Ankömmling maß ungefähr fünf Fuß fünf Him gral ches ſende mein Stul Herr valier gen? ich in gelebt ern nde 31 Zoll und ſeine breiten Schultern ließen die geſchmeidige Kraft ſeines Wuchſes hervortreten. Seine von dem Feuer beleuchte⸗ ten Hände zeigten ihre ſchönen, muskelſtarken Formen und trotz des Büffelwamſes, womit ſeine Bruſt bekleidet war, trotz der hohen Stiefel, in welchen ſeine Beine ſtaken, verriethen alle ſeine Bewegungen die ſeltenſte Geſchmeidigkeit in Verbin⸗ dung mit rieſiger Kraft. Sein ſchwarzes Haar, ſein Geſicht, von anmuthig ovaler Form und ſtolzem Profil, ließ, obſchon es gebräunt war wie das eines Arabers, auf ein Alter von höchſtens dreiunddreißig Jahren ſchließen. Das Merkwürdigſte an ihm aber und was ihn vor allen andern Menſchen auszeichnete, waren ſeine Augen, deren gelb⸗ liches mit grünen Streifen durchmiſchtes Grau unwillkürlich und ſofort an das Auge des Tigers erinnerte. Plötzlich richtete er ſich auf, wendete ſich zu den in eini⸗ ger Entfernung unbeweglich daſtehenden Irländern und be⸗ trachtete ſie mit kaltem, keckem und ironiſchem Blicke. »O,« ſagte er mit zweifelhafter Ruhe, vich hätte gethan wie ich Euch ſagte. Die Gefahr, beim Einſchlagen einer Thür um's Leben zu kommen, iſt auch nicht größer, als unter freiem Himmel von einer Waſſerhoſe oder in einer Schneewehe be⸗ graben zu werden. Alſo in der Schweiz, in dem Lande, wel⸗ ches ſich das gaſtfreieſte der Erde nennt, ſenden bei einem ſolchen Wetter an der Thür warten! Ach, mein Gott, ich ſagte ja, ich verlangte weiter nichts als einen Stuhl und Feuer für dieſe Nacht. Ihr zürnet mir wohl, meine Herren? Wohl weil ich auf ſo ungenirte und gerade nicht ca⸗ valiermäßige Weiſe hier eingetreten bin? Was wollt Ihr ſa⸗ gen? Ihr müßt mich entſchuldigen. Seit fünfzehn Jahren ziehe ich in der Welt herum und habe mit Türken und Mauren gelebt. Meine Manieren ſchmecken ein wenig nach dieſem ver⸗ läßt man einen Rei⸗ wünſchten Leben, wie Ihr ſehet. Uebrigens bin ich aber ein ganz guter Kerl, wovon Ihr Euch bald überzeugen werdet wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, Euch zu ſetzen und es zu machen wie ich.« Der Mann, welcher dies ſagte, ſchob einen Seſſel an das Feuer, ſtreckte ſich darein, indem er ſeinen Degen zwiſchen die Beine nahm, legte ſeine geſtiefelten Füße auf die großen eiſer⸗ nen Feuerböcke, auf welchen große praſſelnde Holzſcheite lagen, und forderte durch eine Bewegung ſeiner Hand Fitzgerald und Jannes auſ. in in ſiaor Nähe Platz zu anan thun ſollten, als die Thür des Schlafzimmers f öffnete und Lord Lisle in das Wohnzimmer trat. Seine unter dem Vordertheile ſeines Rockes verborgene Hand ließ errathen, daß er ſeine gewohnten Vorſichtsmaßre⸗ geln getroffen hatte. Bei dem Anblicke des Lords erhob ſich der Fremde, ging ihm einen Schritt entgegen und ſagte, während ein freundliches und zugleich würdevolles Lächeln ſeinen Mund umſpielte: „Ihr ſeyd, wie ich mit Vergnügen bemerke, der Herr dieſes Hauſes. Ich bedaure ſehr, Euch ohne Zweifel im Schlafe geſtört zu haben. Doch wem habe ich das Glück zu verdanken, daß ich nicht dieſe Nacht auf der in einen reißenden Strom verwandelten Heerſtraße umzukommen brauche?« „Ich heiße Burton. Ich bin engliſcher Bürger und habe niemals die Gaſtfreundſchaft dem verweigert, der mich fried⸗ lich darum gebeten hat, aber Ihr werdet zugeben, mein Herr, daß euer Eintritt hier— „Ein wenig unbeſu war— das läßt ſich nicht läug⸗ 33 nen. Ich ſchiebe aber die Schuld auf das fürchterliche Wetter, welches draußen tobt.« »Ich weiß nicht, ob das Wetter den feindlichen Angriff entſchuldigen kann, womit Ihr das Haus bedrohlet; gewiß aber iſt, daß Ihr nicht hereingekommen wäret, wenn an der Stelle dieſer jungen Männer ich euren Ruf beantwortet hätte.« Ein ſeltſames, Zweifel verrathendes Lächeln flog über das Geſicht des Mannes im Büffelwamms. »Da dem ſo iſt und Ihr übrigens Drei gegen Einen ſeyd, warum verſucht Ihr dann nicht mich wieder hinauszu⸗ werfen?« fragte er in keck nachläſſigem Tone. „Warum ich Euch nicht wieder hinauszuwerfen ſuche?« wiederholte der alte Puritaner mit ruhiger Würde.„Weil Ihr an meinem Herde ſitzet, weil Ihr jetzt mein Gaſt ſeyd, weil Ihr mir aus dieſem Grunde heilig geworden ſeyd.⸗ »Na, das ſind ſchöne und edle Worte! Nachdem ich dieſe gehört, nehme ich keinen Anſtand zu erklären, daß ich Unrecht hatte, und ich bin überzeugt, daß nun Alles ver⸗ geſſen iſt. Um unſern Frieden zu beſiegeln, werdet Ihr mir eure Hand reichen, Mr. Burton, und ſie mir um ſo lieber geben, als ich eurer Landsmann bin.⸗ Es lag ſo viel Freimuth, Offenheit und beinahe Gutmü⸗ thigkeit in der Geberde und Stimme ſeines Gaſtes, daß Lord Lisle die ihm dargebotene Hand ohne Zögern ergriff. »O, Ihr ſeyd alſo auch Engländer?« ſagte er.„Ja, dann iſt ganz gewiß Alles vergeſſen. Ich freue mich, in einer und derſelben Nacht drei meiner Landsleute bei mir empfangen zu können. Doch wem habe ich die Ehre, meine Gaſtfreundſchaft zu gewähren?« Der Tiger von Tanger. II. „Dem Capitän Barca. Seit einem Jahre, nemlich ſeitdem der letzte König von Großbrittanien in Folge der von dem Unterhauſe verweigerten Geldbewilligungen die Station Tan⸗ ger an der nordafrikaniſchen Küſte aufgegeben und die Garni⸗ ſon, zu deren Offizieren ich gehörte, zurückgerufen hat, habe ich Europa durchzogen.“ „Dann habt Ihr alſo unter dem bekannten Oberſt Percy Kirke gedient?« unterbrach Lord Lisle. „Ja, Sir. Der Name dieſes Offiziers iſt alſo auch bis zu Euch gedrungen?« 1 „Ach leider! Wem wäre dieſer blutige Name unbe⸗ kannt?« Wer den Capitäu in dieſem Augenblick aufmerkſam be⸗ trachtet hätte, würde vielleicht bei dieſen Worten des Lords ein faſt unbemerkbares, krampfhaftes Zuſammenziehen ſeiner ſchwarzen Augenbrauen wahrgenommen haben. „»Aber Ihr werdet wenigſtens zugeben,« antwortete er dann mit anſcheinender Gleichgiltigkeit,»daß der Oberſt Kirke ſich bis jetzt nur den Feinden Englands furchtbar ge⸗ macht und daß, wenn Blut an ſeinen Händen klebt, er das⸗ ſelbe in dem Kriege gegen die Mauren vergoſſen hat.“ 2„Das iſt allerdings wahr, Capitän. Iſt er ſeinem Re⸗ gimente nach London gefolgt?« „Nein, Sir. Wie ich, iſt er ſeit der Aufgabe von Tan⸗ ger auf Reiſen. Ich glaube indeſſen, daß er bald nach Eng⸗ land zurückkehren wird Was mich betrifft, ſo habe ich keinen andern Wunſch als nach einer Abweſenheit von fünfzehn Jahren in mein Vaterland zurückzukehren. Ich bin, wie Ihr ſehet, leicht an Gepäck, aber erfüllt von Hoffnung. Ich habe nichts als meinen Degen, aber ich glaube daran.“ „Verzeihet, Capitän. Kann ich, ohne mich einer Indis⸗ Frei mög nen 35 cretion ſchuldig zu machen, Euch fragen, welche Pläne Ihr für die Zukunft habt?« fragte Lord Lisle Zögern. »Meine Pläne, Sir? Ach, weiß ich wohl ſelbſt, worin ſie beſtehen?« antwortete der Fremde, welcher ſich Capitän Barca genannt hatte.„In allen Ländern der Welt, wenn man der Sohn ſeiner eigenen Werke iſt, wenn man keine angeſehene Familie hat, deren Schutz und Fürſprache man genießt, kommt man auf dem Pfade des Glückes und der Ehren nur langſam vorwärts. Dennoch aber habe ich in England einen Jugendfreund zurückgelaſſen, der ſich, wie ich hoffe, mei⸗ ner erinnern wird. Es mit einem gewiſſen wird mir leicht ſeyn ihn wieder aufzu⸗ finden, denn es gibt Niemanden, der ihn nicht kennte. Dieſer Freund heißt Jeffreys. Er iſt gegenwärtig Gehilfe des Groß⸗ ſiegelbewahrers und wird, wie man ſagt, dieſes Amt in näch⸗ ſter Zeit ganz allein übernehmen. Ihr ſehet ein, daß ich durch die Unterſtützung dieſes angeſehenen, einflußreichen Mannes—« Die Wirkung, welche dieſe letzten Worte auf Lord Lisle äußerten, war eben ſo raſch als entſcheidend. Er wendete dem, der ſie geſprochen, plötzlich den Rücken, legte die Hand auf Fitzgerald's Arm und zog ihn mit überwallender Eile mit ſich fort in ſein Schlafzimmer. Sobald ſie hier eingetre Lord zu dem Irländer und Tone: ten waren, wendete ſich der ſagte in kurzem, abgebrochenem »Ihr habt ihn gehört. Welche Schmach für mich, die Freunde eines Jeffreys in meinem Hauſe zu möge jedoch bleiben, weil er einmal da iſt. J nen Augenblick länger in der Nähe dieſes Ca empfangen. Er ch aber mag kei⸗ pitän Barca ver⸗ weilen. Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich mich noch mit dieſem Manne unterhielte, welcher blos nach England zu⸗ rückkehrt, um die Unterſtützung eines ſo feigen, ſo nichtswür⸗ digen, ſo blutgierigen Beſchützers zu erbetteln.— Ich werde mich unausgekleidet auf mein Bett werfen, Ihr und euer Bruder, da Ihr einmal die Nacht am Caminfeuer zubringen wollt, laßt dieſen Mann nicht aus den Augen. Für mich fürchte ich nichts— aber wer weiß? Der Verrath nimmt ſo viele Geſtalten an. Ich würde wach bleiben, wenn ich dazu kräftig genug wäre, aber wir müſſen uns morgen Früh bei guter Zeit auf den Weg machen und einige Stunden Ruhe ſind mir nach den lebhaften Gemüthsbewegungen, die ich heute erfahren, unumgänglich nothwendig. Ihr dagegen, mein Freund, gehet und wachet.« Als Fitzgerald wieder in dem Wohnzimmer erſchien, ſah er den Capitän und ſeinen Bruder am Feuer ſitzen und ver⸗ traulich an einem Tiſche plaudern, auf welchem mehre Fla⸗ ſchen verſchiedenen Weines neben einem halben Dutzend vene⸗ tianiſcher Gläſer ſtanden. James hatte ſie aus dem Schranke genommen, wel⸗ chen Lord Lisle ihm bezeichnet, als er ſich zum erſten Male von den beiden Irländern verabſchiedete. Uebrigens aber trank in dieſem Augenblick keiner der beiden neuen Freunde, ſondern ſie ſchienen in einem angefange⸗ nen Geſpräch fortzufahren. „Seyd Ihr überzeugt,« ſagte der vormalige Offtzier der Garniſon von Tanger,»daß dieſer gute alte Mann vollkom⸗ men bei Verſtande iſt?« „»Wozu dieſe Frage, Capitän?« „»Nun, bemerktet Ihr denn nicht, welch ein abſcheuliches Geſicht er plötzlich, ich weiß nicht weshalb, zog und mit wela ſt w au 37 cher Schnelligkeit er ſich entfernte und euern Cameraden mit ſich hinwegführte? Doch er hat ihn ja wieder losgelaſſen, denn da kommt er zurück.« »Was kommt weiter auf die Grillen dieſes alten Man⸗ nes an? Beſchäftigen wir uns lieber mit der Qualität ſeiner Weine als mit der ſeines Verſtandes. Was trinkt Ihr lieber, Capitän— Malvaſier, oder Tokayer, oder Cyperwein?« »Habt Ihr auch Peres da? Dieſen trinke ich am lieb⸗ ſten— wißt Ihr warum?« »Wahrſcheinlich weil er Euch am beſten ſchmeckt. Hier iſt welcher.« „»Das iſt nicht der einzige Grund.« »Nun, ſo ſagt mir's.⸗ James füllte drei Gläſer mit Pereswein. Der Capitän und er leerten jeder das ihrige; Fitzgerald, welchem das dritte angeboten worden, lehnte es ab. »Er iſt ganz vortrefflich!« riefen die beiden Trinker wie aus einem Munde. »Er erinnert mich an die Frauen Andaluſiens,⸗ fuhr der Capitän fort.»Ich habe auf meinen Reiſen bemerkt, daß, mit Ausnahme Spaniens, überall wo die Natur an trefflichen Weinen fruchtbar iſt, ſie keinen ſonderlichen Reichthum an vollendeten Schönheiten beſitzt.« »Frankreich, Griechenland, Italien und der Rhein könn⸗ ten aber doch eure Wahrnehmungen Lügen ſtrafen, Capitän. Indeſſen, wenn Ihr ſeit fünfzehn Jahren auf Reiſen ſeyd, ſo müßt Ihr alle Weine und alle Frauen der Welt kennen ge⸗ lernt haben, und ich fühle mich verſucht, Euch in dergleichen Dingen als eine Autorität zu betrachten. Welchen Frauen gebt Ihr vor allen, die Ihr geſehen, den Vorzug?« „Ich liebe ſie alle,« rief der Capitän, indem er ein zwei⸗ tes Glas Xereswein leerte. „Ohne irgend eine Bevorzugung?« »Ohne irgend eine Bevorzugung! denn alle verbergen unter ihrer erſten und urſprünglichen Geſtalt irgend eine Vollkommenheit, irgend einen unbekannten Reiz. Ich liebe ſie alle, die einen wie die andern! Und wenn es mir vergönnt wäre, einen ſeltſamen unerhörten Wunſch zu thun, ſo wollte ich, daß Gott die reinſten Strahlen des Himmels zu Metall verdichtete, daraus einen blanken Becher formte, darin alle Töchter Eva's in einem nur ihm bekannten Wein auflöſte und mich denſelben mit einem einzigen Zuge leeren ließe.⸗ „»Alle, Capitän?« fragte lachend Fitzgeralo, der ſich jetzt zum erſten Mal mit in das Geſpräch miſchte,»alle, ohne auch nur Arabella Churchill und Miſtreß Sedlay und die übrigen häßlichen Maitreſſen Jacobs II. auszunehmen?« „Selbſt mit dieſen würde ich dieſem Getränk vor den flüſſig gemachten Perlen Cleopatra's den Vorzug geben!« „Die Ideen welche man aus jenen Ländern der Sonne und der Poeſie mit zurückbringt,« hob Fitzgerald mit ſchmei⸗ chelhaftem Lächeln wieder an,»ſind in ihrem Weſen ſeltſam und ungewöhnlich, in ihrer Form ciſelirt und funkelnd, ge⸗ rade wie die Arbeiten arabiſcher Künſtler. Und da wir gerade von dieſen ſprechen— Ihr habt da, Capitän, an eurem Gür⸗ tel einen Dolch von wirklich wunderbarer Arbeit hängen.« »Nicht wahr?« antwortete der Glücksritter, indem er die Waffe, von welcher man ſprach, loshakte.»Sehet wie ſchön und feingearbeitet dieſe goldenen Verzierungen ſind! Be⸗ wundert die Zartheit dieſes Silberfiligranes! Was die Klinge betrifft, ſo hat ſie nicht ihres Gleichen. Sie ſchneidet Eiſen und Stahl, wie ein Raſirmeſſer den Kork ſchneidet. Es iſt dies ein wei⸗ 39 Geſchenk des Kaiſers von Marokko. Dieſer vortreffliche Mann beehrte mich mit ſeiner vertrauten Freundſchaft, und eines ſchönen Tages kam er auf den Gedanken, mich zum Paſcha zu machen und bei ſich zu behalten. Ich weigerte mich. Nun wünſchte er, daß ich wenigſtens ein Andenken von ihm mit⸗ nähme und ſchenkte mir dieſe koſtbare Waffe, auf welche er von einem in Fez anſäſſigen italieniſchen Künſtler die Inſchrift gra⸗ viren ließ, welche Ihr auf der Klinge leſet:„Der Sohn Ma⸗ homet's dem Capitän Barca.« »Ich ſpiele mit Euch um hundert Guineen gegen euern Dolch, wenn Ihr wünſcht,« ſagte Fitzgerald. »Beim Paradies des Propheten! Ihr führet mich da in gewaltige Verſuchung,« antwortete der Capitän,„denn warum ſoll ich es verſchweigen? Der Mangel an Geld zwingt mich, zu Fuß zu reiſen. Ich ſehe England ſich, ſo zu ſagen, von mir entfernen, oder ich nähere mich ihm wenigſtens mit der Langſamkeit einer Schildkröte, während ich doch Flügel haben möchte.⸗ »Bedenket auch,“« ſetzte Fitzgerald hinzu,„daß der Of⸗ fizier, welcher unter Jacob II. Dienſte nimmt, je höher ſein Rang wäre, deſto weniger eine ſolche Waffe behalten könnte. Euer Freund, Lord Georg Jeffreys, würde der Erſte ſeyn, der Euch riethe, Euch derſelben zu entledigen, denn der bigotte Papiſt, welcher gegenwärtig auf dem Throne des vereinigten Königreiches ſitzt, würde mit abergläubiſchem Mißfallen— doch was ſage ich, mit unüberwindlichem Abſcheu ein Ge⸗ ſchenk des ungläubigen Jüngers Mahomet's in den Händen eines ſeiner Generale ſehen.⸗ »Ja, ja, Ihr habt Recht,« entgegnete der Capitän Barca;„»Alles was Ihr da ſagt, iſt ſehr richtig und ſcharf⸗ finnig. Ihr wollt alſo, wie Ihr ſagt, hundert Guineen gegen dieſe Waffe ſetzen?« »Ich habe es geſagt und ich ſage es nochmals,« ent⸗ gegnete der Verſucher, indem er aus ſeiner Taſche eine gold⸗ gefüllte Börſe zog, welche der Leſer bereits aus den Händen des Oberrichters in die des Irländers hat übergehen ſehen. »Und übrigens,« fuhr Letzterer fort, wie um einen halbaus⸗ geſprochenen Gedanken zu vervollſtändigen,»übrigens iſt da⸗ mit nicht geſagt, daß Ihr verlieren müßt.« »Nun, ſo verſtehe ich's auch!« rief der Soldat plötzlich durch den Anblick dieſes Goldes entſchieden, welches ſeinem Ausdrucke nach ihm Flügel geben ſollte. Einen Augenblick ſpäter rollten Würfel, welche Fitzge⸗ rald angeblich in dem Schubfache eines Tiſches gefunden, in der That aber aus ſeiner Taſche genommen hatte, auf der Tafel zwiſchen den Gläſern und den leeren Flaſchen. Zwei oder drei Minuten lang ſchien das Spiel mit ziem⸗ lich gleichem Glück anzudauern. Endlich aber, nach einem von Fitzgerald gethanen glücklichen Wurf, ergriff der Capitän den Dolch und übergab ihn mit gleichgiltiger Miene ſeinem trium⸗ phirenden Gegner. »Ihr habt ihn gewonnen,« ſagte er;„nehmt ihn, er iſt euer. Ich verlange von Euch nun nur noch eine Gefälligkeit, nemlich mich ſchlafen zu laſſen. Ich bedarf deſſen, wie Ihr mir glauben könnt, ſehr.« »Ja, wir werden dasſelbe thun, denn die Nacht iſt ſchon bis zu ihrer Mitte vorgerückt.« Indem der Irländer dieſe Worte ſprach, ſah er ſeinen Bruder an und legte, ohne daß Barca etwas davon bemerkte, den Zeigefinger an den Mund. 0 SZͤ f†„ß 41 Der Capitän ſetzte ſich mit ſeinem Degen, wie er ſchon das erſte Mal gethan, wieder in ſeinen Seſſel, und ehe noch zehn Minuten vergangen waren, ſchlief er feſt und ruhig. IV. Der Mord. Fitzgerald ließ, die Augen auf eine in einer Ecke des Zimmers in ihrem Gehäuſe ſtehende Wanduhr heftend, mit dämoniſcher Geduld den Zeiger zwanzig Minuten— zwanzig Jahrhunderte— zurücklegen; dann richtete er ſich langſam, die beiden Ellbogen auf die Armlehnen ſeines Seſſels ſtützend, emvor und ſtrengte von Neuem ſein Gehör an, gerade wie ein wilder Indianer in den amerikaniſchen Wäldern, um ſich zu überzeugen, ob in, dem Hauſe auch Alles ſchliefe. Dieſes Lauſchen ſchien für ihn von einem zufriedenſtel⸗ lenden Reſultat begleitet zu ſeyn, denn er erhob ſich vorſichtig und neigte ſich zu dem Ohre ſeines Bruders. »Stelle Dich hinter dieſen Seſſel,“ ſagte er mit faſt un⸗ verſtändlichem Murmeln, indem er auf den Seſſel zeigte, in welchem der Capitän Barca ſchlief, als ob er, anſtatt Xeres⸗ wein, Opium getrunken hätte,„und wenn dieſer Mann auf⸗ wacht, aber blos wenn er aufwacht, ſo ſtoße ihm deinen Dolch in die Bruſt. Ich werde jetzt in dieſes Zimmer gehen, ſobald ich wieder herauskomme, wird Alles beendet ſeyn, und wir machen uns ſodann ſofort auf die Flucht.« »Aber warum wollen wir uns nicht ſofort dieſes da entledigen?« fragte James, indem er mit dem Kopfe auf den Glücksritter deutete;„dieſer iſt doch weit gefährlicher als der Andere.« »Ja, aber Du vergiſſeſt, daß, wenn Lord Jeffreys ent⸗ deckte, daß ſein Barca durch unſere Hände umgekommen, er vielleicht Luſt bekäme, ihn an unſerer Schweſter zu rächen. Ferner werde ich den alten Lisle mit dem Dolch des Capitäns erſtechen, und dieſe Waffe in der Wunde ſtecken laſſen. Wenn dann die Juſtiz ſich in die Sache miſcht, ehe wir uns weit genug entfernt haben, um vor ihr ſicher zu ſeyn, ſo wird der, deſſen Namen auf dieſer Klinge ſteht, für uns antworten.“ »Das iſt wahr! das iſt wahr!« murmelte James.„»Ich billige Alles, was Du ſo eben geſagt, mit Ausnahme eines einzigen Punktes. Ich habe Dir verſprochen, Lord Lisle mit eigener Hand zu tödten, und Du haſt deine Einwilligung dazu gegeben. Laß mich daher machen. Nimm den Poſten ein, wel⸗ chen Du mir bei dem Capitän anwieſeſt, und gib mir den Dolch, welchen Du ihm abgewonnen haſt. Ich werde in die⸗ ſes Zimmer gehen.« »Nimm Dich in Acht, Knabe,“ ſagte Fitzgerald immer noch in leiſem Tone.»Die Schwäche, die Du vorhin zeigteſt, ſey Dir eine Warnung. Du biſt viel zu aufgeregt, um eine feſte, ſichere Hand zu haben. Läſſeſt Du ihn aber einen ein⸗ zigen Schrei, einen einzigen Ruf ausſtoßen, ſo—« „»Fürchte nichts, Bruder,« unterbrach der junge Mann. »Ich werde deines Vertrauens würdig ſeyn.« »Nein, nein, James, bleibe hier. Deine moraliſche Mit⸗ ſchuld genuügt mir dieſes Mal.— Bleibe hier, ſage ich Dir.« »Wohlan, dann wird nichts geſchehen, denn ich bin ein⸗ für allemal entſchloſſen, mich in deinen Augen wieder zu Ehren zu bringen.⸗ James Geſicht, welches eine außerordentliche Aufre⸗ gung und einen unwiderruflich gefaßten Entſchluß verrieth, war ein überaus bedeutſamer Commentar zu ſeinen Worten. 43 Fitzgerald ſagte deshalb weiter kein Wort. Er reichte ſeinem Bruder den Dolch des Capitäns und zeigte mit der Hand auf die Thür des Schlafzimmers. James näherte ſich ihr mit drei oder vier Schritten, öff⸗ nete ſie und trat in das Schlafzimmer. Fitzgerald wartete mit verhaltenem Athem und in furchtbarer Angſt, während er mit emporgehobenem Dolche den ſchlafenden Capitän überwachte. Ein dumpfes, kaum hörbares Röcheln ließ ſich in Lord Lisles Schlafzimmer vernehmen. James erſchien mit verſtör⸗ tem Geſicht auf der Schwelle, winkte ſeinem Bruder und beide lenkten ihre Schritte ſchleunigſt nach der Ausgangsthür des Hauſes. Bei dem Geräuſch, welches ſie im Fliehen machten, richtete ſich der aus dem Schlafe emporfahrende Offizier in die Höhe und ſchaute ſich rings um, wie um ſich von dem, was vorging, Rechenſchaft zu geben. In demſelben Augenblicke zeigte ſich Lord Lisle, einen Dolch, den er aus ſeiner blutenden Bruſt geriſſen, in der Hand haltend, am Eingange des Wohnzimmers. »Sie haben mich ermordet, die Schurken!« ſagte er mit verlöſchender Stimme, und ließ ſich in einen Seſſel ſinken, während das Eiſen, welches er hielt, aus ſeiner Hand auf die Diele fiel. In der von einer ſolchen Flucht unzertrennlichen Ver⸗ wirrung war es den beiden Mördern nicht gelungen, die Thüre ſo raſch zu öffnen, wie ſie es gewünſcht hätten. End⸗ lich jedoch ging die Thüre auf und ſie ſtanden im Begriffe, ins Freie hinauszueilen, als eine furchtbare Hand einen von ihnen hinten beim Genick packte. So gefaßt und federleicht von der Erde emporgehoben, ward er mit drei Sprüngen in das Zimmer zurückgetragen. Windſtoß die Thür mit lautem Getöſe vor ihm zuſchlug. »Hier iſt einer der Elenden, welche Euch gemordet ha⸗ ben!« rief der Capitän Barca, indem er den bewußtloſen James zu Lord Lisle's Füßen auf die Diele niederwarf.„Se⸗ het, ſeine Hand iſt noch roth von Blut. Wartet einen Augen⸗ blick, ich werde den andern ſehr bald eingeholt haben!« »O nein, nein, Sir,« murmelte der Verwundete im Tone der Verzweiflung,„verlaßt mich nicht! Ich ſterbe und es bleiben mir nur wenige Augenblicke, um Euch viel zu ſagen.“ »Ach, verzeihet, Sir! Ich dachte nur daran, Euch zu rächen, während ich Euch doch Hilfe leiſten muß. Laßt mich eure Wunde ſehen— ich verſtehe mich darauf— ich habe deren ſo viele geſehen.⸗ Der Capitän Barca ließ ſich vor Lord Lisle auf ein Knie nieder, öffnete ihm das Hemd und ſah zwei Zoll über dem Herzen eine breite klaffende Wunde, aus welcher das Blut hervorquoll. »Leinwand! Wo finde ich Leinwand?« fragte er den Verwundeten. »Dort in dem Schranke.« Der Capitän nahm ein leinenes Tuch, riß es in mehre Stücke, weichte davon eins in friſches Waſſer und legte es auf die Wunde. Das Blut ward dadurch geſtillt, oder floß wenigſtens nicht mehr ſo reichlich. »Ich habe noch weit ſchrecklichere Wunden geſehen und die, welche ſie empfangen hatten, leben heute noch,« ſagte er, indem er ſich bemühte, den Ausdruck ſeines Geſichtes mit ſeinen Worten in Einklang zu bringen. »Warum verſucht Ihr, mir Hoffnungen einzuflößen, die Der andere wollte ihm zu Hilfe eilen, als ein heftiger —x w gn den 45 Ihr ſelbſt nicht habt, Capitän?« unterbrach ihn der Purita⸗ ner.„Reden wir ſchnell von wichtigeren Dingen. O wie ſehr habe ich Euch um Verzeihung zu bitten! Ihr ſeyd ein braver, wackerer Soldat, ein großmüthiges Herz, ein ehrlicher Mann. Und ich hatte Verdacht gegen Euch, weil Ihr Euch als einen Jugendfreund von Jeffreys zu erkennen gabt, weil Ihr nach London zurückkehren wollt, um Euch unter ſeinen Schutz zu ſtellen. Ihr werdet aber meinen Argwohn leicht begreifen und mir ihn verzeihen, wenn Ihr erfahret, daß ich nicht Mr. Bur⸗ ton, wie man mich hier nennt, ſondern Lord Lisle bin.« »Lord Lisle?« wiederholte der Capitän,„der Waffenge⸗ fährte Cromwell’s? Der Richter Carls I.« »Ja, derſelbe, Capitän. Und die Rolle, die ich auf Er⸗ den geſpielt, würde mich nicht abhalten, mit ruhigem, heiterem Gemüthe zu ſterben, wenn mich nicht andere Urſachen zur Ver⸗ zweiflung gebracht hätten—« »O, Mylord, ſeht nicht etwa einen Vorwurf in den Worten, welche ich ſo eben geſprochen. Ich ehre in Euch den Waffengefährten des Protectors. Was den Richter Carls I. betrifft, ſo möge er überzeugt ſeyn, daß ich an ſeiner Stelle eben ſo gehandelt hätte wie er.⸗ »Iſt das wahr, Capitän?« hob der Verwundete in belebte⸗ rem Tone wieder an.„O ſchwöret mir, daß dies wirklich und wahrhaft euer Gedanke iſt, daß in euren Worten weder der Wunſch, meine letzten Schmerzen zu lindern, noch ein Mitlei⸗ den liegt, welches für mich in meiner Lage überflüſſig wäre ⸗ »Ich ſchwöre Euch bei meiner Soldatenehre, daß ich das, was ich Euch geſagt habe, auch denke.« »Dieſe Stuarts—« »Ich nehme mir nicht die Mühe ſie zu haſſen— ich be⸗ gnüge mich ſie zu verachten.« »Die Verachtung genügt nicht gegen das Uebel, gegen die Grauſamkeit, gegen die Schande, gegen die Verworfenheit. Man muß ſie auch zu bekämpfen und niederzuwerfen wiſſen.« »Das heißt, man muß dieſe Stuarts fortjagen?— O wenn die Gelegenheit ſich dazu darböte— wenn ſie gut wäre, ich meine damit vortheilhaft— dann würde ich ebenfalls nicht nein ſagen.« »Sie bietet ſich dar, Capitän— ſie iſt ſo wie Ihr ſie wünſcht.« „»Ich höre Euch, Mylord.« »Ich verlange von Euch keinen Schwur, das Geheim⸗ niß zu bewahren, welches ich Euch anvertrauen will. Doch ich drücke mich falſchaus, wenn ich ſage Geheimniß. enn Ihr auch dem Jugendfreunde, von welchem Ihr vorhin ſpracht, Alles wiedererzählet, ſo würdet Ihr ihm doch damit nichts Neues berichten. Von den beiden Böſewichtern, welche Jeffreys ab⸗ geſendet mich zu ermorden, befindet ſich der, welcher Euch entronnen iſt, im Beſitz gewiſſer Einzelnheiten in Bezug auf den Plan zu einer Landung in England. Er kennt Einige von denen, welche dieſe Landung unternehmen wollen. Ihr könnt daher dieſem großen Unternehmen, welches immer möglich bleibt, ſelbſt wenn Ihr dagegen wäret, keinen neuen Schaden zufü⸗ gen; wohl aber könnt Ihr Euch durch eine That ritterlicher Großmuth ehren. Eilet nach Holland, warnet den Herzog von Monmouth, den Grafen von Argyle, Lord Grey, den wackern Humbold und alle übrigen Verbannten. Sagt ihnen, daß Jeffreys und Jacob einen Theil ihrer Pläne kennen, damit ſie dieſelben abändern. In Zeiten von dem Verrath unter⸗ richtet, können ſie ihr Unternehmen immer noch zu einem glücklichen Ende führen. Ha, ſicher wäre dieſes glück⸗ —y— 70 6.0 2 2 3 —, ◻ 6( 47 liche Ende, wenn Wilhelm von Oranien ſich mit der Sache befaſſen wollte. Und jetzt, wo ich mich einer politiſchen Pflicht entledigt habe, erlaubet, da der ſaumſelige Tod mir noch einen Augenblick lang den Gebrauch der Sprache geſtattet, daß ich Euch noch um einen letzten Dienſt bitte. Nehmet dieſen Schlüſſel und öffnet jene eichene Truhe. Gut, ſo iſts recht. Nun nehmt alle dieſe Papiere und werft ſie in das Feuer.“« Der Capitän that, was Lord Lisle von ihm verlangte. Ein augenblicklicher heller Schein verbreitete ſich in dem Ge⸗ mach und beleuchtete ein letztes Lächeln auf dem Antlitz des ſterbenden Greiſes. Dann wendete er ſich nochmals zum Capitän. »Ich danke Euch von ganzem Herzen« fuhr er fort, in⸗ dem die Thränen der Dankbarkeit in ſeinen Augen zitterten. »Aber dies iſt noch nicht Alles. Höret mich an.— Dieſes Medaillon enthält ein Miniaturbild— es iſt das Bildniß eines jungen Mädchens— eines Engels, der Miß Lucy Murray. Ich ſollte Euch bitten, dieſes Porträt Lucy's ihrem Vater, Sir Charles Murray, dem Mitgliede des Unterhauſes. zuzu⸗ ſtellen. Aber Gott verzeihe es mir, ich habe nicht den Muth dazu. Uebergebt es meinem Sohne, Sir Henry Lisle— er möge es behalten, aber unter einer Bedingung. Er ſoll, um Lucy die Seine zu nennen, dem Dienſte Jacobs von York eben ſo entſagen, wie den politiſchen und religiöſen Ideen dieſer Stuarts!— Wenn er dabei beharren ſollte, ſo möge er vor Scham erröthend dieſes Bildniß dem jungen Mädchen zuſtellen und dabei zu ihr ſagen: Mein alter Vater hatte in dem Augen⸗ blicke, wo er unter dem Dolche Jacobs II. ſeinen Geiſt aushauchte, es mir gegeben, weil er glaubte, ich ſey wür⸗ dig, es zu beſitzen. Er hat ſich aber getäuſcht und ich gebe es 48 Euch daher zurück. Lebt wohl, mein edelmüthiger Freund! Möge mein Sohn durch Gott, durch Euch und durch Lucy gerettet werden!« V. Der Mord. (Fortſetzung.) Die letzten von Lord Lisle geſprochenen Worte waren kaum bis zu den Ohren des Capitäns gedrungen, ſo raſch war die Stimme des Unglücklichen immer matter geworden. Plötzlich ſank ſein Kopf an die Lehne des Seſſels zurück, ſein Athem ſtockte, ein röthlicher Schaum entquoll ſeinen entfärb⸗ ten Lippen und ſein Auge erloſch zwiſchen den offenſtehenden Augenlidern. Der rauhe Soldat, welcher dieſem langen Todeskampfe beiwohnte, ſchien einen Augenblick lang von Mit⸗ leiden ergriffen zu ſeyn. Er ergriff die ſchlaff herabhängende Hand des Greiſes, drückte ſie in die ſeine und ließ ſie dann wieder fallen. »Todt!« ſagte er traurig. Unbeweglich daſtehend betrachtete er eine Weile das edle Schlachtopfer, deſſen politiſches Teſtament und väterliche Wünſche er ſo eben empfangen. Dann, wie plötzlich ſich beſin⸗ nend, drehte er ſich herum und ſenkte ſeinen Blick auf die hin⸗ ter ihm ausgeſtreckt liegende Leiche des jungen James. Sein Auge gewann dabei einen eigenthümlichen Ausdruck von Wildheit. Mit der Spitze des Fußes hob er den Kopf der Leiche empor und ſtieß ihn dann mit der Geberde des Abſcheues und Widerwillens von ſich. ſein wie zend um dem ſeine aren aſch 49 »Ich habe in dieſem in ein Grab verwandelten Hauſe nichts mehr zu thun,« ſagte er.„»Uebrigens hat der Regen auf⸗ gehört und der Tag muß nun bald anbrechen. Alſo vorwärts, nach Lauſanne!« Er näherte ſich dem Stuhle, auf welchen er einige Stun⸗ den vorher ſeinen Hut und ſeinen Mantel geworfen. In dem Augenblick, wo er ſich dieſer Gegenſtände wieder bemächtigen wollte, bemerkte er, daß er etwas in der Hand hatte. Er warf die Blicke darauf und erkannte das Medaillon, welches Lord Lisle ihn beauftragt, ſeinem Sohne zuzuſtellen. Er näherte ſich einer Lampe, welche auf dem Camine brannte, und drückte, von unwillkürlicher Neugier getrieben, auf das mit einer Feder in Verbindung ſtehende Knöpfchen des Medaillons. Der Deckel öffnete ſich und der Capitän warf auf das Porträt einen Blick, welcher anfangs zerſtreut, un⸗ aufmerkſam und gleichgiltig, faſt augenblicklich darauf das größte Erſtaunen und die glühendſte Bewunderung zu erken⸗ nen gab. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo änderte der Ausdruck ſeines Geſichtes ſich wieder. »Ach was!« ſagte er mit ungläubigem Lächeln,„kann es wohl wirklich ein Weib geben, was ſo göttlich ſchon wäre, wie dieſe Laune der Kunſt?« Dann nachdem er mit geſteigertem Wohlgefallen das rei⸗ zende Bild von Neuem betrachtete, ſetzte er hinzu: »Wenn ein ſolches Wunder aber doch exiſtirt, nun dann, um ſo beſſer, denn dann iſt es für mich geſchaffen und wehe dem, der, ſo lange ich lebe, es zu beſitzen wünſcht.« Er ſchloß das Medaillon, ſteckte es in die Taſche, ſetzte ſeinen breitkrämpigen Hut auf, hüllte ſich in ſeinen Mantel, Der Tiger von Tanger II. 1 gefallen, noch gut aus der Scheide ging, warf einen traurigen und letzten Blick auf die Umgebung, welche er zu verlaſſen im Begriff ſtand, und ging aus dem Hauſe hinaus. Kaum war das Getöſe ſeiner Tritte in der Ferne ver⸗ hallt, als ein Fenſter des Wohnzimmers in Stücke brach und ein Mann mit einem Piſtol in der Hand hereinſprang. Es war Fitzgerald. Sein Geſicht war faſt eben ſo bleich als das des Greiſes und ſeines Mörders, welche beide leblos vor ihm ausgeſtreckt lagen. Er warf nach allen Seiten hin einen Blick, in welchem Erſtaunen ſich mit Wuth miſchte. »Fluch und Verdammniß!« rief er, ver iſt entflohen!« Er ſchleuderte ſein Piſtol auf die Diele, ſchritt raſch auf die Leiche ſeines Bruders zu, kniete neben ihr nieder und be⸗ gann ſie zu betrachten und vom Kopf bis zum Fuße zu beta⸗ ſten. Er ſchien die Beute eines angſtvollen Zweifels zu ſeyn, den er ſo bald als möglich aufklären wollte. „»Es iſt unmöglich!« murmelte er zitternd.„Er iſt nicht todt! Er kann es nicht ſeyn! Wie ſollte er ihn denn getödtet haben, dieſer nichtswürdige Mörder? Er hat ihn ja blos an der Thür von der Erde emporgehoben, er hat ihn ja mit dem De⸗ gen gar nicht berührt. Nein, nicht ein einziger Blutstropfen iſt zu ſehen!— Aber wie kalt er iſt! Biſt Du denn wirklich todt, mein Bruder? mein armes Kind? Suſanne wird Dich von mir wiederverlangen. Sie ſpielten und lachten ſo gern mit einander! Was ſoll ich ihr antworten? Warum habe ich Dich umbringen laſſen? Und dennoch— die Bruſt iſt unverletzt — der Leib ebenfalls— der Rücken auch— der Kopf des⸗ gleichen.— Ha! am Halſe iſt es! Hier ſind die blauen Spu⸗ ren von den Fingern des Henkers, von den Klauen des Ti⸗ gers! Und ich, elender Feigling, der ich bin! ich habe ihn verſicherte ſich, ob ſein Degen nach dem Regen, der darauf rauf rigen n im ver⸗ und leich blos hin in!« auf be⸗ eta⸗ eyn, nicht dtet der De⸗ iſt odt, von mit Dich letzt des⸗ pu⸗ Ti⸗ 51 nicht retten können. Aber ich werde ihn rächen. O, furchtbare Rache werde ich nehmen!« Auf dieſen erſten Aufſchrei des Schmerzes folgten ruhi⸗ gere und ſtummere Kundgebungen, die einen Zuſchauer ge⸗ rührt haben würden, ſelbſt wenn er mit allen Einzelnheiten des verbrecheriſchen Lebens des Irländers bekannt geweſen wäre. Immer noch neben dem lebloſen Körper des jungen Banditen kniend, neigte der Elende durch ſeine Bruderliebe immer noch Menſch geblieben, langſam ſein Geſicht auf das des Todten herab, küßte ihn auf die Stirn, auf die Wange, auf den Mund, wie ein Vater mit ſeinem Kinde gethan ha⸗ ben würde, und brach dann in dumpfes, halberſticktes Schluch⸗ zen aus. Das Grauen des Tages erhellte mit bleichem Schimmer die Fenſter und das Innere des Wohnzimmers, als Fitzge⸗ rald zu dem Bewußtſeyn der äußeren Welt zurückgerufen ward und ſeiner Verzweiflung Schweigen gebot. Das Feuer war ſchon lange in dem Camine erloſchen, und durch das zerbro⸗ chene Fenſter war die kalte Morgenluft in das Haus ge⸗ drungen. Plötzlich zuckte der Irländer zuſammen und alle ſeine Fähigkeiten ſchienen ſich in ſeinem plötzlichen auf den Körper des Lord Lisle gehefteten Blick zu concentriren. »Nein,« rief er,„es iſt keine Täuſchung meiner ermü⸗ deten Sinne! Nein, ich habe mich nicht getäuſcht. Dieſer Mann hat ſo eben eine Bewegung gemacht. Er i*ſt nicht todt.« Einige Secunden lang betrachtete Fitzgerald den Lord mit unverwandtem Blicke und ſtieß einen heiſeren Fre *. udenruf 52 4 aus, als er ſah, daß die Bruſt des Greiſes ſich in der That hob und daß ſein ſo eben erloſchenes Auge ſich wieder zu be⸗ leben begann. „Ha, wenn dies wäre!« rief der Irländer, indem er krampfhaft die Hände faltete,»o, wenn er nur auf eine Mi⸗ nute wieder zu ſich käme!« Der Elende that zwei Schritte, ſtellte ſich vor den Seſ⸗ ſel, auf welchem das Opfer lag und legte ihm die Hand auf das Herz. Das Organ des Lebens war nicht berührt worden und begann jetzt unter dem Impuls des Lebensſtromes wieder zu ſchlagen, der durch das kalte Tageslicht erweckt, von ſelbſt wieder ſeinen Kreislauf anfing. »Mylord,« ſagte er, indem er die Pulsſchläge ſtärker fühlte, als er hoffte,»Mylord, wacht auf, ſehet mich an!« Der Blick des edlen Greiſes blieb, nachdem er einige Augenblicke lang unſtät umhergeſchweift war, auf dem Manne haften, der vor ihm ſtand. „Wer ſeyd Ihr?« fragte er. „»Euer Rächer.« „Ihr?— Möörder, um mir vollends den Reſt zu geben, ſeyd Ihr zurückgekommen, nicht wahr?« „Ich?— Erkennet mich doch, Mylord, ich bin Fitzge⸗ rald. Hier liegt die Leiche meines Bruders, der im Kampfe mit eurem Mörder gefallen, mit dem Capitän Barca, dem Freunde jenes Jeffreys.“« „Entfernet Euch— Ihr flößt mir Entſetzen ein.⸗ „Das ſehe ich, Mylord. Das Blut, welches Ihr ver⸗ loren, hat Euch den Kopf geſchwächt. Die Gefühle von Wi⸗ derwillen, welche Ihr gegen mich zu erkennen gebet, zerreißen mir das Herz, aber ich entſchuldige ſie und verzeihe Euch. * 1 / d be⸗ mer Mi⸗ Seſ⸗ auf den eder elbſt rker n!« nige unne ben, tge⸗ mpfe dem ver⸗ Wi⸗ eißen Fuch. Deswegen bleibe ich doch euer ergebener Freund und werde nicht weniger euer Rächer ſeyn.« Während Fitzgerald dieſe Worte in dem tiefen und er⸗ greifenden Tone des Schmerzes und der Aufrichtigkeit ſprach, ergriff er Lord Lisle's Hand und küßte ſie ehrerbietig. Der Puritaner ſchien dadurch wankend gemacht zu wer⸗ den. Es war klar, daß der Zweifel in ſeine Seele gedrungen war. »Aber wo waret Ihr, während man mich mordete?⸗ murmelte er von ſchmerzlicher Ungewißheit gefoltert. »Ich verfolgte die Mitſchuldigen des Mörders, welche draußen warteten, um ihm im Nothfalle Hilfreiche Hand zu leiſten. Er iſt mir entronnen.⸗ »Was ſagt Ihr? Dieſer Freund des blutgierigen Jef⸗ freys! O, wehe mir, der ich meine Freunde nicht von mei⸗ nen Feinden unterſcheiden kann!« Fitzgerald's Auge ſchoß plötzlich einen unheimlichen Blitz. Er hatte den Dolch bemerkt, den der alte Lord aus ſeiner Bruſt gezogen, und neben einem Seſſel hatte niederfallen laſ⸗ ſen. Er hob ihn raſch auf, hielt ihn dem Greis vor die Augen und ſagte: »Seht. Mylord, ſeht! Kennt Ihr dieſes Eiſen?« »Es iſt dasſelbe, welches ich aus meiner Bruſt geriſſen!«⸗ »Wohlan, leſet dieſe Worte, welche auf der Klinge ſtehen. Wartet, ich will das Blut abwiſchen, welches ſie be⸗ deckt. Könnt Ihr jetzt leſen?⸗ »Der Sohn Mahomets dem Capitän Barca.« »Zweifelt Ihr noch?« »Nein— mein Gott, ich überlaſſe Euch die Sorge, mich zu rächen.“ „Ja, ich bin es, den Gott zum Werkzeug eurer Rache machen will, Mylord. Wollt Ihr mir behilflich ſeyn?« „Was ſoll ich thun?« „Hier iſt eine Feder, hier iſt Papier. Schreibt darauf: 3 Der Capitän Barca iſt es, der mich ermordet hat.« „Gebt her.« Fitzgerald hielt das Blatt Papier und Lord Lisle ſchrieb, durch die Entrüſtung einen Augenblick lang wie galvaniſirt, die Worte, welche ihm ſo eben vorgeſagt worden waren. „Nun ſchreibt euern Namen darunter, Mylord.« „Hier, mein Freund, rächet mich!— Dieſe Anſtren⸗ un gung hat mir vollends die letzten Kräfte geraubt. Lebt wohl. w Ihr werdet England ohne mich wiederſehen.“ 1 N „Und ohne meinen armen Bruder.“ w Der Greis ſank zuſammen und ſtieß ein letztes Röcheln ſi aus. Ein krampfhaftes Zittern bewegte ſeinen Körper, der kurz darauf unbeweglich blieb— er war todt. i- Den Blick begierig auf die Erklärung geheftet, welche er in der Hand hielt, ſtieß der Irländer ein wildes Triumph⸗ geſchrei aus. „Nun haben wir es mit einander zu thun, Capitän Barca!« rief er und eilte aus dem Hauſe. VI. Eine Mädchenlaune. Am Morgen des 1. Mai des Jahres 1685, das heißt ungefähr drei Wochen nach dem tragiſchen Tode des Lord Lisle, wogte eine dicht gedrängte zahlreiche Menge in der Nähe von Newgate herum, jenes furchtbaren Gefängniſſes, in welches wir den Leſer ſchon beim Beginne unſerer Erzählung einge⸗ führt haben. Es möchte Jedem, der den Beweggrund dieſes Zuſam⸗ menlaufes nicht gekannt hätte, ſchwer geweſen ſeyn, ſich dar⸗ über klar zu werden, denn er bot durchaus nichts Gleicharti⸗ ges dar und präſentirte keine Claſſe der Geſellſchaft ſpeciell. Man ſah Lords, Arbeiter, Kaufleute, Dienſtboten, vornehme Damen, Krämerinnen und Mägde. Kein politiſcher Ruf, kein Ausruf, welcher Enthuſiasmus oder Unwillen verrathen hätte, erhob ſich unter dem verworrenen Summen der Menge; wenn aber die Zungen Derer, aus welchen ſie beſtand, ſtumm wa⸗ ren, ſo verriethen dagegen ihre Geſichter ein und dasſelbe Gefühl, nämlich das der Neugier. Alle Hälſe reckten ſich in die Höhe, Aller Augen waren auf das große Thor von New⸗ gate geheftet und Jeder ſuchte das unheimliche Gebäude ſo ſchnell als möglich zu erreichen. Ein mit den engliſchen Sitten wenig vertrauter Fran⸗ zoſe, dem es nach großen Anſtrengungen gelungen wäre, den 4 6 von der Menge belagerten Ort zu erreichen, hätte ganz ge⸗ wiß ſeine Zeit und ſeine angewendte Mühe bedauert, wenn er etwa zwanzig Individuen beiderlei Geſchlechtes, an auf einer hohen Eſtrade ſtehende Pfähle angebunden, geſehen hätte und würde ſich in der ganz unrichtigen Meinung entfernt haben, daß er hier der Ausſtellung einiger zum Pranger Ver⸗ urtheilten beigewohnt habe. Von allen dieſen der Neugier des Publicums auf dieſe Weiſe preisgegebenen Perſonen war aber noch nicht eine einzige vor den Tribunalen erſchienen und mehre waren ganz gewiß an jedem Verbrechen vollkommen unſchuldig. Sie waren des Diebſtahls blos verdächtig und die Behörde bediente ſich eines ſehr bequemen, raſchen und wohlfeilen Mittels zur Vorunterſu⸗ chung, indem es die Angeſchuldigten der öffentlichen Beſchauung blosſtellte, damit ein Jeder mittheilen könnte, was er aus ihrer vergangenen Lebensgeſchichte wüßte. Am Fuße der Eſtrade ſtanden ein Sheriff und ein Ge⸗ richtsſchreiber— der erſte, um die Erklärungen anzuhören, die man vielleicht an ihn richtete, der zweite, um ſie ſofort zu Protokoll zu nehmen. Unter den auf ſo traurige Weiſe den öffentlichen Blicken preisgegebenen Unglücklichen befand ſich beſonders einer, wel⸗ cher die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer auf ſich zog und dies allerdings auch nicht ohne Grund. Sein langes fahles Geſicht, ſein Körper, der lang und hager war, wie der eines Wieſels, ſein linkiſches Anſehen, ſeine Unbeholfenheit, die ſich in ſeinen geringſten Bewegungen kundgab, ſeine groteske Haltung und ganz beſonders der un⸗ beſchreibliche Ausdruck ſeiner Larve— wir wagen nicht zu ſagen Geſicht, die fortwährend von einem nervöſen Zucken be⸗ wegt ward, welches die erſtaunlichſten und unerwartetſten — 57 Grimaſſen zum Vorſchein brachte, hatten ihn gleich von An⸗ fang an in den Augen der Menge zum Komiker der Ceremo⸗ nie geſtempelt. Jeder wollte das Wort an ihn richten. Auf alle mehr plumpen und abgedroſchenen als böswilligen und beleidigenden Interpellationen aber, die von allen Seiten auf ihn herabregneten, hob der hagere Mann die Blicke zum Him⸗ mel empor und begnügte ſich eine Strophe aus dem Horaz zu murmeln. Plötzlich ſenkte der Unglückliche, welcher ſeit der Stunde, welche ſeine Qual dauerte, ſich nicht herabgelaſſen hatte, auf die Neckereien der Menge zu antworten, einen Blick zur Erde und rief mit bewegter Stimme: »Dank, Mylady, für eure guten Worte! Gott wird Euch für euer Mitleid belohnen. Ja, ich ſchwöre bei meiner Seligkeit, daß ich rein von jedem Fehler und unſchuldig an jedem Verbrechen bin.“ »Seht, er ſpricht engliſch, dieſer feine Damenritter!« rief einer der Zuſchauer.»Seht, meine Freunde, wie ſehr wir uns täuſchten, als wir ihn für einen robuſten Patagonier hielten, der auf einem Eisberge vom Cap Horn nach London gekommen wäre. Ha, er ſpricht engliſch, der luſtige Kumpan. Alſo iſt Verachtung oder Stolz der Grund geweſen, aus wel⸗ chem er ſich bis jetzt geweigert hat, auf unſere freundlichen Anreden zu antworten. In der That wenn er bei ſeinem Schweigen beharret, ſo müſſen wir ihn ein wenig ſteinigen, damit er Lebensart lerne.“ Die Menge hätte dieſe plumpen Späße ohne Zweifel mit ſchallendem Gelächter aufgenommen, wenn ihre Anfmerkſam⸗ keit nicht durch die Anweſenheit der jungen Dame gefeſſelt worden wäre, an welche der lange, hagere, ſo zu ſagen durch⸗ 58 ſichtige, an den Pfahl gebundene Mann ſeinen Dank ge⸗ richtet hatte. 1 Wir müſſen hinzufügen, daß die ſeltene Schönheit der Unbekannten, die verführeriſche, anmuthige Beſcheidenheit ihrer Haltung, die bezaubernde Reinheit ihres Blickes und die Sanft⸗ heit ihres Lächelns allerdings einen hinreichenden Grund für die bewundernde Neugier abgaben, deren Gegenſtand ſie war. Sie ſtützte ſich auf den Arm eines ungefähr ſechzigjährigen Mannes, deſſen ernſte Miene und die dunkle Kleidung die glän⸗ zende ſtrahlende Jugend ſeiner Begleiterin nur um ſo mehr hervortreten ließen. Neben dieſer reizenden jungen Dame und ſie mit größter Sorgfalt gegen das ungeſtüme Andrängen der Menge ſchützend ſtand ein Lieutenant der Leibwache Sr. Majeſtät des neuen Königs Jacob II. 1 Dieſer junge Mann war in mehr als einer Hinſicht be⸗ merkenswerth. Sein gutes Ausſehen und die Eleganz und der Adel ſeiner Haltung wären auch ohne den Glanz ſeiner Uni⸗ form*) hinreichend geweſen, ihm überall die Blicke der Zu⸗ ſchauer zuzuwenden. Uebrigens iſt keine der drei Perſonen, welche hier auf der Bühne unſerer Erzählung erſcheinen, dem Leſer fremd und alle haben bereits, obſchon auf nicht erhebliche Weiſe, zu An⸗ fang unſerer Geſchichte figurirt. Der Mann von ſechzig Jah⸗ ren heißt Sir Charles Murray, die junge Dame iſt ſeine ge⸗ liebte Tochter Lucy und der Offizier heißt Henry Lisle. *) Ein zu jener Zeit lebender Geſchichtſchreiber ſagt in Bezug auf dieſe Leibgarde:»Ihre ſchönen Pferde, ihr koſtbares Ge⸗ ſchirr, ihre Küraſſe und Koller von Büffelleder mit Bändern, Sammt und Golddtreſſen verziert, machen in dem Park von Saint⸗James den ſchönſten Effect.⸗ v»— 59 Lucy, deren mitleidige Worte bis an das Ohr des in die Oden des Horaz ſo verliebten armen Teufels gedrungen wa⸗ ren, fühlte ihr ſchönes Antlitz erröthen, als der Dank des Letz⸗ teren Aller Blicke auf ſie lenkte. »Mein lieber Vater,« ſagte ſie mit gedämpfter Stimme, vich beſchwöre Euch, kommt dieſem Unglücklichen zu Hilfe. Ich kann es mir ſelbſt nicht erklären, aber eine innere Stimme ſagt mir, daß er, wie er verſichert, an jedem Verbrechen un⸗ ſchuldig und von jedem Fehler rein iſt.« »Meine Tochter,« entgegnete in ernſtem Tone der Pu⸗ ritaner,»Gott, welcher in den Herzen ſeiner Creaturen lieſt, hat allein das Recht, unwiderruflich einen Menſchen zu rich⸗ ten. Dennoch aber, wenn wir der Schwäche unſeres Verſtan⸗ des mißtrauend, nur auf ſichere unwiderlegliche Weiſe hin verdammen, ſo folgt daraus noch nicht, daß wir aus Laune freiſprechen ſollten. Laſſen wir die Gerechtigkeit ihren Gang gehen.⸗ Die ſchöne junge Dame ſenkte das Haupt und wagte nicht weiter in ihren Vater zu dringen. Ihr bittender, aus⸗ drucksvoller Blick begegnete ohne Zweifel zufällig dem Henry Lisle, welcher bei dieſer ſummen Sprache zuſammenzuckte, und indem er ſich zu Murray wendete, mit freundſchaftlicher Leb⸗ haftigkeit zu ihm ſagte: »Lieber Baronet, eure Vorwürfe ſind eben ſo an mich wie an Lucy gerichtet und ich theile ihre Meinung vollkom⸗ men. Von dem Augenblick an, wo ich dieſen Unglücklichen erblickte, glaubte ich auch ſofort an ſeine Unſchuld. Erlaubet mir hinzuzufügen, daß die Laune, welche einem Unglücklichen helfen will, nicht mehr Laune, ſondern eine gute That heißt. Nun aber iſt es nach meiner Meinung beſſer, Gefahr zu lau⸗ fen, daß man einem Unwürdigen eine Wohlthat erzeige, als 2 60 wenn man ein menſchliches Weſen, welches der Theilnahme und des Mitleids würdig iſt, leiden läßt.« »Das iſt ja auch meine Meinung, Sir Henry. Nur darf das Mitleid kein unüberlegtes ſeyn. In dieſem Falle zum Beiſpiel—« „Ich freue mich ſehr, Sir Charles, zu ſehen, daß Ihr meine Worte billigt,« rief der junge Mann ſchnell, indem er den Baronet unterbrach.„Habt die Güte mich hier einen Augenblick lang zu erwarten. Ich will, ohne Zeit zu verlieren, dem Sheriff meine Bürgſchaft anbieten.“ Nachdem der Gardeoffizier dieſe Antwort gegeben, welche ihm von Lucy einen bezaubernden Blick eintrug, entfernte er ſich in aller Eile, denn er fürchtete wahrſcheinlich, daß es ſei⸗ nem alten Freunde einfallen könne, ſich ſeiner Abſicht zu wi⸗ derſetzen. Henry Lisle war nur noch einen Schritt von der Stelle entfernt, wo der Sheriff ſtand und ſchon legte er die Hand an ſeinen Helm und ſchickte ſich an, auf die freundlichſte Weiſe zu lächeln, als eine kräftige Hand ſich etwas unſanft auf ſeine Schultern legte und ihn feſthielt. Der Gardeoffizier ſuhr zuſammen und drehte ſich mit drohender Schnelligkeit herum. Nichtsdeſtoweniger aber blie⸗ ben ſeine großen ſchwarzen Augen ruhig. Offenbar glaubte er, es handle ſich um ein Mißverſtändniß und erwartete, Ent⸗ ſchuldigungen zu hören. In dieſer Erwartung ſah er ſich jedoch vollſtändig ge⸗ täuſcht. Hätte Henry übrigens gewußt, daß der Mann, der ſich eine ſo verletzende Vertraulichkeit gegen ihn herausnahm, der ſchönen Lucy ſchon ſeit einer halben Stunde durch die Menge hindurch folgte, hätte er den verzehrenden Blick ſehen können, mit welchem er auf der jungen Dame verweilte, hätte ne 61 er die leidenſchaftlichen Ausrufungen gehört, welche jede Be⸗ wegung des anbetungswürdigen Geſchöpfes ſeinen Lippen ent⸗ lockte, ſo hätte er ſicherlich ſofort begriffen, daß die Handlung des Unbekannten eine Herausforderung, beinahe eine Beleidi⸗ gung war, und daß die Hand, welche ſo auf ſeiner Schulter laſtete, ſich darnach ſehnte, ſein Blut zu vergießen. Dieſe Umſtände aber waren dem Gardeoffizier unbe⸗ kannt. Deshalb blieb er zwei oder drei Sekunden lang bis zu einem gewiſſen Grade ruhig. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo überlief ihn ein Schauer des Zornes und ein Blitz der Wuth ſchoß aus ſeinen Augen. Das Geſicht ſeines Gegners rechtfertigte übrigens die in Henry Lisle's Geſinnungen ſtattgefundene plötzliche Verände⸗ rung vollkommen. Es war ein Mann in der Kraft und Blüthe der Jahre, von geſchmeidigem, aber kraftvollem Wuchſe. Seine Manieren waren übermüthig, der Ausdruck ſeines Geſichts verrieth Kühn⸗ heit und Arroganz. Was ſein halb bürgerliches, halb militä⸗ riſches Coſtüm betraf, ſo war es außerordentlich koſtbar, ob⸗ ſchon ein wenig theatraliſch, und würde ſich bei jedem Andern faſt lächerlich ausgenommen haben, während es ihm zu ſeinem ſtolzen, herausfordernden Weſen wunderbar gut ſtand. Er war es, der zuerſt das Wort ergriff. »Lieutenant, auf zwei Worte,« ſagte er in ironiſchem und gebieteriſchem Tone.„Euer galanter Eifer, dem von Miß Murray ausgeſprochenen Wunſche zu gehorchen, ſtört mich in meinen Plänen. Habt daher die Güte, wenn ich bit⸗ ten darf, euern Schritt nicht weiter zu verfolgen.⸗ Und ohne die Antwort des jungen Mannes abzuwarten, ſtieß der bizarre Unbekannte eine Gruppe vor dem Pranger ſtehender Neugieriger ohne weitere Umſtände auf die Seite und gelangte, ohne auf das Geſchrei und die Schimpfreden derer, die er beinahe über den Haufen geworfen, zu achten, in den reſervirten Raum, in welchem der Sheriff ſtand. „Sire“« ſagte er, indem er den Beamten leichthin be⸗ grüßte,»welches Verbrechens iſt dieſes traurige Skelett an⸗ geklagt? Ich wollte darauf wetten, daß es ſo gut wie keines iſt. Der arme Teufel trägt ganz gutmüthig die Strafe ſeines unvortheilhaften Aeußeren. Was braucht Ihr erſt ſein Acten⸗ ſtück zu ſuchen? Ich ſage Euch nochmals, daß dieſer Menſch unſchuldig iſt, das muß Euch genügen. Uebrigens reclamire ich ihn. Welche Bürgſchaft ſoll ich ſtellen?« Der durch den gebieteriſchen Ton und das ungewohnte Benehmen des Unbekannten aus der Faſſung gebrachte She⸗ riff ſtand einen Augenblick lang da, ohne zu antworten. „Nun, Sir,“ hob der Unbekannte in ſtolzem Tone wie⸗ der an,»Ihr laßt mich warten, wie es ſcheint.“ Diesmal aber ward es dem Beamten doch zu arg. Von ſeiner augenblicklichen Verblüfftheit zurückgekommen, warf er dem Unbekannten einen Blick zu, der viel Aehnlichkeit mit dem eines Bullenbeißers hatte, welcher ſich anſchickt, einen Feind bei der Gurgel zu packen, und dann ſchrie er mit einer Stimme, welche mit dem Blick vollkommen in Einklang ſtand, ihn an: „Wer ſeyd Ihr?« „Der Oberſt Percy Kirke.“ „Der Oberſt Percy Kirke!« wiederholte der Sheriff mit einem Erſtaunen, in welches ſich ein gewiſſer Grad von Er⸗ ſchrecken miſchte,»der Oberſt Perch Kirke, der Obercomman⸗ dant der engliſchen Truppen von Tanger?« Ein ſeltſames Lächeln theilte die Lippen des Oberſten. „Ja, der Kirke von Tanger,“ antwortete er.„Derſelbe mit Er⸗ an⸗ elbe 63 Kirke, welchen man mit Grund beſchuldigt, daß er keine an⸗ dere Autorität als die ſeiner eigenen Laune anerkenne; der Kirke der luſtigen Gelage und der blutigen Schlachten; der Kirke, deſſen eine Hand ſo viel Gold ausgeſtreut, und die andere ſo viel Blut vergoſſen hat. Ja, ich bin, wie man geſchrieben hat, jener unverſöhnliche und treue Barbar, welcher nicht zögern würde, ſeinen Kopf zu opfern, um das Leben eines Freundes zu retten, und der auch keinen Augenblick zögern würde, einen Feind bis zu den Stufen des Thrones zu ver⸗ folgen und zu erdolchen, ſelbſt wenn der königliche Mantel ſich zwiſchen ihn und ſeine Beute breitete! Jetzt, wo Ihr wißt, wer ich bin, Herr Sheriff, glaube ich, daß meine Bürgſchaft Euch genügend erſcheint und daß Ihr es nicht für nöthig hal⸗ ten werdet, meine Nerven erſt durch lange, überflüſſige For⸗ malitäten zu reizen.« »Es iſt unbeſtreitbar, Oberſt, daß euer hoher Grad und eure einflußreiche Stellung mir eine genügende Bürgſchaft für die ſofortige Freilaſſung des armen Wichtes ſind, den Ihr reclamirt, um ſo mehr, als keine ſehr ſchwere Beſchuldigung gegen ihn vorliegt,“ antwortete der Sheriff mit einer Freund⸗ lichkeit und einem Eifer, welche zeigten, wie ſehr er ſich ſcheute, den furchtbaren Oberſten ungeduldig zu machen.»Er iſt auf die Beſchwerde eines Garkochs feſtgenommen worden, der, weil er ihn fortwährend ſich in der Nähe ſeiner Bude herumtreiben ſah, ihn für einen Uebelthäter hielt. Indeſſen, Oberſt, glaubet meiner Erfahrung und trauet dieſem jungen Wichte nicht allzuſehr, denn es iſt kaum möglich, daß ein ſo ſcandalös magerer Menſch von Grund aus tugendhaft ſey.« Eine Minute ſpäter war der an den proviſoriſchen Pranger angebundene Unglückliche den Händen Kirke's übergeben. „Wie heißt Du?« fragte ihn der Oberſt. „Cornwell, gnädiger Herr.« „Gut— folge mir.“. Sobald der jämmerliche Cornwell und ſein Beſchü⸗ tzer das Geländer hinter ſich hatten, welches die Eſtrade um⸗ gab, ſahen ſie ſich von der neugierig herandrängenden Menge umringt. „Zurück, Halunken!« rief der Oberſt mit gebieteriſcher Stimme. Sofort bildete ſich ein freier Raum um ſie herum. Man hatte Kirke’'s Namen gehört und der Ruf des tollkühnen, über⸗ müthigen Glücksritters hatte ſich in London ſchon ſo verbrei⸗ tet und man erzählte ſich von ihm ſo ſeltſame und fürchter⸗ liche Geſchichten, daß auch der verwegenſte Haudegen jener Zeit ſicherlich nicht gewagt hätte, ſeinen Handſchuh auf⸗ zuheben. Während Oberſt Kirke mit dem Sheriff ſprach, hatte Lucy, erfreut über den Eifer, welchen Henry Lisle zeigte und über die bevorſtehende Freilaſſung des Unglücklichen, für wel⸗ chen ſie ſich ſo plötzlich intereſſirt, ihren Vater nach der Rich⸗ tung fortgezogen, welche der Gardeoffizier eingeſchlagen. Die erſte Perſon, welche Kirke, als er auf den für den Sheriff reſervirten Raum heraustrat, ſah, waren daher gerade der Puritaner und ſeine Tochter. Er ging ihnen entgegen und begrüßte Lucy mit ausge⸗ ſuchter Höflichkeit. „»Mylady,“ ſagte er, indem er ihr Cornwell vorſtellte, „Ihr habt die Güte gehabt, Euch für dieſen Menſchen zu in⸗ tereſſiren und ſofort ſind ſeine Feſſeln gefallen. Ich bedauere, daß die Erfüllung eures Wunſches mir ſo wenig Mühe geko⸗ ſtet und mir ſo wenig Hinderniſſe in den Weg geſtellt hat. 65 Seyd überzeugt, ſelbſt wenn Ihr das Unmögliche verlangt hättet, ſo würde ich Euch in gleicher Weiſe gehorcht haben.« Kirke zog nun eine Börſe aus ſeiner Taſche und bot ſie Cornwell. »Nimm das, mein Junge,« ſagte er zu ihm,»und be⸗ danke Dich bei Miß Lucy Murray für ihre Menſchenfreund⸗ lichkeit.« »Mylord, entgegnete Cornwell, indem er ſich tief vor dem Oberſten verneigte,»ich bekenne, daß ein ganzes Leben des Gehorſams und der Hingebung nicht hinreichen würde, um mich meiner Schuld gegen Miß Murray zu entledigen. Von dieſem Augenblick an gehöre ich ihr mit Leib und Seele, ich werde ihr Sclave. Was das Almoſen betrifft, welches Ihr mir anbietet, Oberſt, ſo bedarf ich deſſen nicht. Behaltet euer Gold, ich bin kein Bettler, ich bin ein Dichter.« Cornwell ſprach dieſe letzten Worte mit einer eben nicht ſehr nachdrücklichen, aber dennoch aufrichtigen und gefühlten Würde. Kirke betrachtete ihn mit ganz erſtaunter Miene, zuckte die Achſeln und warf, da er in kurzer Entfernung vor ſich einen Bettler gewahrte, dieſem ſeine Börſe zu. Was Sir Charles Murray und deſſen Tochter betraf, ſo war ihre Beſtürzung ſo groß und ſie waren auf das, was ihnen begegnete, ſo wenig vorbereitet daß ſie Beide noch nicht hatten das Wort ergreifen können. Der alte Puritaner, wel⸗ cher einſah, daß ein längeres Schweigen die Galanterie des Oberſten billigen hieße, entſchloß ſich jedoch bald, ſeine Mei⸗ nung auszuſprechen. »Sire,« ſagte er in kurzem Tone,„ich weiß nicht, wo⸗ her Ihr meinen Namen wißt, und es iſt dies, wenn ich nicht Der Tiger von Tanger. II. 5 66 irre, das erſte Mal, daß wir einander gegenüberſtehen. Wenn Ihr auf Antrieb der Menſchenliebe dieſem Unglücklichen zu Hilfe gekommen ſeyd, ſo billige ich euren Schritt; iſt es aber blos in der Abſicht geſchehen, dem Wunſche meiner Tochter zu genügen, ſo habt Ihr Euch einer Leichtfertigkeit, einer Incon⸗ ſequenz, ja ich möchte hinzufügen eines vollſtändigen Mangels an Lebensart und Tact ſchuldig gemacht. Ich bin euer ge⸗ horſamſter Diener, Sire. Komm, Lucy, koum!« Der Puritaner wollte ſich entfernen, der Oberſt aber vertrat ihnen den Weg. „Sire,“ ſagte er kaltblütig,»es iſt wahr, daß wir bis zum heutigen Tage einander fremd geweſen ſind, von heute an aber muß ich einen wichtigen Platz in eurer Exiſtenz ein⸗ nehmen. In einer Stunde, Sir Charles, werde ich bei Euch ſeyn. Unterbrecht mich nicht durch überflüſſige Weigerungen. In einer Stunde— ich ſage dies nochmals, Sir Charles— werde ich bei Euch ſeyn und weit entfernt, mich nicht hören zu wollen, werdet Ihr mich begierig ausfragen und jedes mei⸗ ner Worte mit der größten Aufmerkſamkeit anhören. Miß Lucy, genehmigt meine ehrerbietigſte Huldigung. Auf baldiges Wie⸗ derſehen— in einer Stunde.“ Kirke verneigte ſich tief vor der jungen Dame, begrüßte den Puritaner mit Höflichkeit und entfernte ſich raſch, wäh⸗ rend Lucy mit unruhigem Blicke unter der Menge herum⸗ ſuchte, ob ſie nicht eine Uniform der königlichen Leibgarde erblickte. Kaum hatte Kirke einige Schritte gethan, ſo fühlte er ſich durch einen derben Schlag auf die Schulter getroffen. Es war Henry's Hand, die ihn auf dieſe Weiſe berührte. „»Ah, Ihr ſeyd es! Sehr gut, ich erwartete Euch!« ſagte der Oberſt.„ 3 ören mei⸗ luch, Wie⸗ rüßte wäh⸗ rum⸗ garde 67 »Ihr hättet nicht auf mich warten ſollen, Sire, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Miß Lucy zu beleidigen!« „Ihr wünſchet alſo eine Erklärung?« »Eine Erklärung?« wiederholte der junge Mann lang⸗ ſam.„»Wißt Ihr wohl, Sir, daß dieſes Wort in meinem Ge⸗ müth einen ſehr beleidigenden Zweifel an eurer Ehre erweckt?« „Welchen Zweifel, Sire, wenn ich fragen darf?« „Ich weiß nicht, ob der Mann, der mit mir ſpricht, wirklich jener bekannte Oberſt Kirke von ſo blutigem Rufe iſt, oder ob ich nicht vielmehr einem Betrüger gegenüberſtehe. Kirke ſollte einen Soldaten, einen Offizier des Königs belei⸗ digen und dann von Erklärung ſprechen? Nein, nein, Sire, Ihr ſeyd nicht Kirke, Ihr ſeyd ein Unverſchämter, der eine ſeine Kräfte überſteigende Rolle ſpielen will und der durch die Spitze eines Degens bedroht, ſich nur zu Klücklich ſchätzt, wenn er, um ſein Leben zu retten, eine Traat Stockprüͤgel auf den Rücken laden kann.« Während Henry Lisle mit flammendem Blick, zitternder Stimme und an allen Gliedern von krampfhaften Zuckungen geſchüttelt, auf dieſe Weiſe ſprach, überzog eine fahle Bläſſe die Wangen ſeines Gegners. Bald jedoch gewann der Oberſt ſeine ganze Kaltblütig⸗ keit wieder und betrachtete den jungen Mann mit ſpöttiſcher Miene. »Euer Scharfſinn iſt wirklich bewundernswürdig, Sire,« ſagte er.„Nein, ich bin nicht Kirke, denn wenn ich Kirke wäre, ſo würde mein Rang mich verhindern, Euch die Gurgel ab⸗ zuſchneiden und es liegt mir ungeheuer viel daran, mir dieſes Vergnügen zu verſchaffen.« »Nun wohlan,“ rief der Gardeofſizier,„kommt, Sir. 68 Fünfhundert Schritte von hier kenne ich einen Ort, wo Nie⸗ mand uns in der Converſation unterbrechen wird, welche Ihr geneigt ſeyd mir zu gewähren.“ Die beiden Männer verneigten ſich gegen einander, drängten ſich durch die Menge hindurch und ſchritten einer an der Seite des andern in der Richtung von Lincoln's⸗Inn⸗ Fields davon. VII. Der Zweikampf. Lincoln's⸗Inn⸗Fields war zu der Zeit unſerer Erzählung ein ungeheuer umfangreicher, beinahe ganz öder Raum, mit Ausnahme der Mitte, wo ſich die berüchtigteſten und unver⸗ ſchämteſten Gaukler, Bettler und Poſſenreißer des vereinigten Königreiches verſammelten. Doch geſchah es in der Regel erſt kurz vor Einbruch der Nacht, daß dieſe zigeunerartige Bevöl⸗ kerung ſich ihren Spielen und ihrer Induſtrie widmete. Der von Henry Lisle bezeichnete Ort, auf welchem er ſeinen Streit mit dem Oberſt auszumachen gedachte, war da⸗ her, wie man ſieht, ſehr gut gewählt. Zehn Minuten genügten den beiden Gegnern, um den Platz zu erreichen. Unterwegs ward kein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt. „Sire,« ſagte endlich der Gardeoffizier, das Schweigen brechend,„wenn es Euch beliebt, einen Augenblick auszuru⸗ hen, ſo ſtehe ich zu Befehl. Dieſe Bäume, welche uns den Blicken der wenigen Spazirgänger entziehen, dieſer feſtgetre⸗ tene Boden, welcher ſich für die Unterhaltung, welche wir lung mit nver⸗ igten - erſt evöl⸗ m er r da⸗ den ihnen beigen zzuru⸗ s den getre⸗ e wir 69 vorhaben, ganz vortrefflich eignet, dieſer Raſen, der im Noth⸗ fall ſehr gut als Bett dienen kann, vereinigen alle wünſchens⸗ werthen Vorzüge. Hättet Ihr vielleicht die Güte, Euch eures Wamſes zu entledigen?« „Um ſo lieber, Lieutenant,« antwortete Kirke mit einer erzwungenen Ruhe, welche durch das Feuer ſeines Blickes Lü⸗ gen geſtraft ward,„um ſo lieber, mein Herr, als ich dieſelbe Bitte an Euch richten wollte, denn es iſt ein ernſter, unver⸗ ſöhnlicher, tödtlicher Kampf, welcher ſtattfinden ſoll, nicht wahr? Ich habe niemals begriffen, wie man den Degen zu einem bloßen Spielzeuge herabwürdigen kann. Ein Zweikampf iſt kein alltägliches Vergnügen, ſondern die höchſte Wolluſt— iſt das nicht auch eure Meinung?« „»Oberſt,« antwortete Henry Lisle mit einer Gleichgil⸗ tigkeit, welche der ſeines Gegners gleichkam,„ich glaube, eine Vorleſung über den Zweikampf wäre jetzt nicht am rechten Orte. Die That iſt hier den Worten vorzuziehen. Alſo legt Euch aus und Gott ſey eurer Seele gnädig!⸗ Indem der junge Mann dies ſagte, warf er erſtens ſei⸗ nen leichten Paradeküraß und dann ſein Koller von Büffel⸗ leder von ſich. Dann riß er ſeinen Hieber aus der Scheide und legte ſich aus. „»Meiner Treu, Sir,« hob Kirke ruhig wieder an, wäh⸗ rend er ſein Wams aufheftelte,»ich bin nicht ſo ganz begie⸗ rig, Euch den Garaus zu machen, als Ihr zu ſeyn ſcheint, Euch meiner zu entledigen. Ich gehöre durchaus nicht zu jener Gattung von hungrigen Vielfraßen, die ſich ohne Weiteres auf die erſte beſte Speiſe ſtürzen, welche der Zufall ihnen bie⸗ tet. Ich gehöre zu der Schule Epikur's und bin ein Gourmand, der mit Ueberlegung und Bewußtſeyn genießt, denn die Nah⸗ rung verſtehen und ſie richtig ſchmecken, heißt beinahe ſie poe⸗ 70 tiſch machen. Nun aber will ich Euch nicht verſchweigen, Sire, daß ich bei einem Zweikampfe dasſelbe Raffinement entwickle wie bei allen andern Genüſſen des Lebens. Eben ſo wie ich, wenn man mir eine Schüſſel aufträgt, die Zuſammenſetzung derſelben zu kennen wünſche, eben ſo wünſche ich, wenn ich Jemanden die Ehre erzeige, mich mit ihm zu ſchlagen, zu wiſſen, was er eigentlich werth iſt. Einen Lumpen tödtet man nicht wie einen nobeln Mann, einen Feigling nicht wie einen Tapfern, einen Faſelhans nicht wie einen ernſten Gegner. Wollte man anders handeln, ſo würde man ſich der Gefahr ausſetzen, auf gefräßige Weiſe ein Gericht zu verſchlingen, wel⸗ ches mit Sammlung genoſſen zu werden verdient, oder auch eine alltägliche und fade Speiſe langſam zu genießen, die im Gegentheil ſo ſchnell als möglich und ohne weiter darüber nachzudenken, hinuntergeſchluckt werden muß. Seyd Ihr nun das ſchmackhafte oder das fade Gericht? Dies iſt der Punkt, über welchen ich mir Aufklärung zu verſchaffen wünſche. Ha, Ihr verrathet Ungeduld! Das iſt ein ſchlimmes Zeichen. Der ſtarke und ſeiner Sache ſichere Mann weiß in der Regel zu warten. Fürchtet Ihr denn, daß euer ungeſtümer Muth er⸗ kalte, daß euer ſchöner Zorn entſchwinde und Euch dann der nöthigen Spannkraft beraube? Und dann bedenket noch et⸗ was, mein junger Freund, nemlich daß Ihr, aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach— ich will nicht ſagen, Gewißheit, um nicht all⸗ zu anmaßend zu erſcheinen, obſchon dieſes Wort meinen Ge⸗ danken beſſer ausdrücken würde— daß Ihr, ſage ich, aller Wahrſcheinlichkeit nach binnen hier und einer Viertelſtunde nur noch eine Leiche ſeyn werdet. Zum Teufel, wenn man dem Tode ſo nahe iſt, ſo hat man immer etwas zu ſagen, einige Aufträge zu ertheilen, gewiſſe Verfügungen zu treffen. Genirt Euch mir gegenüber durchaus nicht. Ich bin ſehr gefällig und vel⸗ auch im über nun inkt, Ha, Der zu 71 dienſtfertig. Ich errathe eure Gedanken. Ihr fürchtet. daß Miß Lucy Murray euren Verluſt nicht ertragen könne. Beru⸗ higt Euch, denn ich mache mich anheiſchig, in ſehr kurzer Zeit die Lücke auszufüllen, welche euer Tod in ihrer Exiſtenz zur Folge haben werde. Ich habe geſprochen und erwarte eure Antwort.« Während Oberſt Kirke ſprach, hatte Henry Lisle, ſich auf den Knopf ſeines Degens ſtützend, vollkommene Unbeweg⸗ lichkeit und vollkommenes Schweigen bewahrt. Ohne das Funkeln ſeines Blickes hätte man ihn für eine Bildſäule hal⸗ ten können. Als aber ſein Gegner Lucy's Namen nannte, da ward die Flamme ein Blitz und die anſcheinende Gefühlloſigkeit verwandelte ſich in krampfhaftes Zittern. Dennoch aber hielt er es nicht für angemeſſen, den furchtbaren Krieger von Tanger zu unterbrechen und er ließ ihn daher in aller Ruhe in ſeiner inſolenten eigenthümlichen Rede fortfahren. „Sire« ſagte er endlich, als Percy Kirke ſchwieg,„Ihr müßt eine ſehr geringe Meinung von meinem Muthe haben, daß Ihr mir einen ſolchen Vortrag haltet. Glaubt Ihr denn, daß ich gleich jenen trägen Stieren, welchen man Raketen auf den Rücken wirft, um ſie zu reizen und zum Kampfe anzuſtacheln, erſt Beleidigungen ins Geſicht geſagt haben muß, um mich daran zu erinnern, daß ich einen Degen an der Seite trage? Wenn dies eure Meinung iſt, Oberſt, ſo müßt Ihr ein ſehr ſchlechter Beobachter ſeyn. Uebrigens wird der Ausgang, wie ich feſt überzeugt bin, Euch bald beweiſen, wie ſehr Ihr Euch geirrt habt. Jetzt jedoch Artigkeit gegen Artigkeit, denn eine Gefälligkeit erfordert die andere und es liegt mir daran, keine Verbindlichkeiten gegen Euch zu haben. Ihr habt ſoeben die Güte gehabt mir zu verſprechen, meinen letzten Willen zu er⸗ 72 füllen. Ich dagegen frage Euch: Gibt es vielleicht etwas, Oberſt Kirke, was, wenn ich Euch werde getödtet haben, eure ewige Ruhe ſichern kann? Ich bin gern bereit es zu thun. Ihr müßt nothwendig viel begangene Ungerechtigkeiten wieder gut⸗ zumachen haben. Sprecht Euch daher offen aus— meine Börſe, meine Sorgfalt, meine Mühe, alles bin ich bereit eurer Rehabilitation zu widmen.« Während der junge Gardeoffizier ſprach, fuhr Kirke ge⸗ mächlich fort, ſich ſeiner Oberkleider zu entledigen und warf von Zeit zu Zeit auf Henry Lisle einen Blick, welcher Befrie⸗ digung verrieth. »Meiner Treu, junger Mann,“ rief er,»eure Antwort macht mir unendliches Vergnügen! Ihr ſeyd ein wackerer und galanter Offizier. Nehmt daher nicht übel, was ich noch hin⸗ zufügen will. Ich bereue jetzt, daß ich Euch hierher auf den Kampfplatz gefolgt bin und dafern Ihr nur— keine Ent⸗ ſchuldigung— ſondern eine ganz einfache Erklärung— wie wir Duellanten ſagen— an mich richten wollt, ſo ziehe lich mein Wams wieder an und entſage dem Kampfe.— Mein Vorſchlag ſetzt Euch in Erſtaunen? Allerdings gebe ich zu, daß er ein ſehr ungewöhnlicher iſt, aber Ihr müßt auch bedenken, daß Percy Kirke nicht Jedermann gleicht. Ich habe durch genug vergoſſenes Blut das Recht erworben, mich nachſichtig zu zeigen, wenn mich die Luſt dazu anwandelt. Alſo gebt eine einfache Erklärung und gehen wir dann Jeder ſeines Weges.“ An der Röthe, welche die Stirn des jungen Mannes überzog, an dem Funkeln ſeiner Augen, an dem kurzen krampf⸗ haften Ton ſeiner Antwort hätte man leicht errathen können, welche gewaltige Willenskraft er aufbot, um ſich innerhalb der Grenzen der Mäßigung und des Anſtandes zu halten. „»Oberſt,« ſagte er,„ich betrachte euern Vorſchlag als —— ——., 2———.,— 73 das, was er iſt— als einen kecken Scherz und beeile mich hinzuzufügen, daß ich, wenn er ernſt gemeint geweſen wäre, ihn mit tiefer Entrüſtung zurückgewieſen hätte.“ „»Warum das, Lieutenant? Seyd Ihr denn ein Tiger an Wildheit und Blutdurſt?« fragte Kirke, indem er wieder in ſeinen ſpottiſchen Ton verfiel. „»Keineswegs, Oberſt Kirke. Gott, welcher mich hört, iſt mein Zeuge, daß ich, um nicht das Blut meines Nebenmen⸗ ſchen zu vergießen, vor keinem Opfer zurückweichen würde— vor keinem, ausgenommen vor dem meiner Ehre. Ihr habt aber, Oberſt, einen geheiligten Namen ausgeſprochen, der mich unverſöhnlich macht, denn dieſer Name iſt dadurch, daß Ihr ihn ausſprecht, in meinen Augen entweihet worden, und ich empfinde darüber einen Schmerz, der mein innerſtes Herz verwundet.« „Ha, alſo hatte ich mich doch nicht getäuſcht!« unter⸗ brach ihn Kirke mit einem Ausdruck von Grauſamkeit, welcher ſein Geſicht vollſtändig umwandelte. »Alſo Ihr liebt Lucy auf ſo gewaltige Weiſe? Nun, ich liebe ſie auch, ich liebe ſie, wie ich noch niemals geliebt habe. Seht, da weicht eure ſchöne Kaltblütigkeit von Euch! Gott verdamme mich! Ihr knirſcht mit den Zähnen, Ihr ſtampft vor Wuth mit den Füßen! Lucy ſoll leben! Unſer Kampf ver⸗ ſpricht ein herrlicher zu werden! Seyd Ihr bereit, Sire? Zeßt bin ich es, der Euch erwartet!« Henry Lisle ließ dieſe Aufforderung nicht zweimal an ſich ergehen. Die beiden Gegner fielen gleichzeitig aus und die Klingen klirrten zuſammen. Einige Secunden lang war es jedoch nicht ſowohl ein Klirren, als vielmehr ein Raſcheln oder Schaben zu nennen. Die Finten waren ſo fein, die Angriffe ſo dicht und die Pa⸗ 74 raden ſo raſch, daß Zuſchauer, die nicht in die Fechtkunſt ein⸗ geweiht geweſen wären, geglaubt haben würden, daß die Kämpfer ſich wechſelſeitig ſchonten und daß gar keine Gefahr vorhanden ſey. Für Sachverſtändige dagegen war es klar, daß der erſte Stoß, welchen einer der beiden Gegner bekam, verhängnißvoll und tödtlich ſeyn mußte. VIII. Der Zweikampf. (Forkſetzung.) Kirke war der Erſte, welcher wieder das Wort ergriff. „Meiner Treue, Sire,“« ſagte er, indem er einen Schritt zurücktrat,»ich muß in der That geſtehen, daß ich bis auf den heutigen Tag noch keinen Fechter von eurer Stärke ken⸗ nen gelernt habe und es iſt mir unmöglich, Euch die Freude zu ſchildern, welche ich darüber empfinde. Bei Gott, das war eine ſchöne Parade! Erlaubt mir— jetzt finde ich mich dafür ab— ich hatte aber euren Angriff vorausgeſehen. Ihr ſcheint Euch zu wundern, daß ich nicht ſogleich nachſtoße. Glaubt Ihr denn, ich errathe nicht die Schlinge, welche Ihr mir legt? Wirklich, Ihr drängt mich nicht ſchlecht. Es iſt mir nun nicht mehr möglich, unſere Unterhaltung durch liebenswürdige Re⸗ den zu erheitern. Ihr verdient meine ganze Aufmerkſamkeit! Auf mein Wort, es koſtet mir alle nur erdenkliche Mühe, Euch zu lödten, aber ich werde Euch tödten!« Kirke hatte dieſe letzten Worte kaum ausgeſprochen, als er plötzlich ein Wuth⸗ und Schmerzgebrüll ausſtieß, denn Henry Lisle's Degen hatte ihn in die Schulter getroffen. So⸗ fort ging eine ſeltſame und urplötzliche Veränderung mit der ganzen Perſon des Oberſten vor. Seine Augen wurden blut⸗ roth, ſein Schnurbart ſträubte ſich drohend empor, ſeine wei⸗ ßen Zähne knirſchten, ein heiſeres Gebrüll gleich dem des Ti⸗ gers entrang ſich ſeiner Bruſt und ſein Geſicht, welches alle blutgierigen Inſtincte des reißenden Thieres mit den Strahlen der menſchlichen Intelligenz zurückſpiegelte, war furchtbar und erhaben anzuſchauen. Was Henry Lisle betraf, ſo mußte er mit einer uner⸗ hörten Charakterſtärke begabt ſeyn, denn nichts verrieth an ihm noch Zorn. Von dem Augenblick an, wo ſein Eiſen das ſeines Feindes berührte, gewannen ſeine bei Lucy's Namen einen Augenblick lang verſtörten Züge wieder ihre frühere Ruhe und Heiterkeit. Dennoch aber wäre für einen wahrhaft ſcharfſinnigen Beobachter die von dem jungen Mann entfaltete Ruhe furcht⸗ barer anzuſehen geweſen als die wilde Wuth, welche jetzt der Oberſt blicken ließ. Es lag in dieſer Ruhe etwas zugleich Un⸗ verſöhnliches und Verhängnißvolles, welches nach Tod und Untergang ſchmeckte. Es war als wenn Henry Lisle, ehe er ſein Opfer ſchlachtete, es mit innerer Sammlung verurtheilt hätte, er ſchien nicht der Leidenſchaft zu gehorchen, ſondern einen Urtheilsſpruch zu vollziehen. Dieſe zweite Phaſe des Kampfes dauerte anderthalb Minuten— eine Ewigkeit— und endete vollſtändig zu Kir⸗ ke's Nachtheil. Sein durch eine Parade ſeines Gegners ihm aus der Hand gedrückter Degen flog zwanzig Schritte weit von ihm hinweg. Henry Lisle war mit drei Sprüngen an der Stelle, wo die Klinge lag, hob ſie raſch auf, wendete ſich zu dem Ober⸗ ſten, welcher vor Ueberraſchung und Demüthigung wie ange⸗ wurzelt auf ſeinem Platze ſtand, und überreichte ihm mit einer Verbeugung ſeinen Degen. „Das iſt ein Unfall, der Jedem begegnen kann,« ſagte er mit kalter Höflichkeit zu ihm.»Nehmt, mein Herr, und fan⸗ gen wir wieder an.« An dem ſeltſamen Ausdrucke, der ſich auf Kirke's Geſicht malte, war es leicht zu errathen, daß ein gewaltiger Kampf in ihm ſtattfand. In der That machten Wuth, Bewunderung⸗ Rachedurſt und eine unwiderſtehliche Sympathie ſich eins nach dem andern, ja vielmehr faſt gleichzeitig, den Sieg in ſeinem Herzen ſtreitig. Er empfand gleichzeitig Luſt, den Gardeoffizier zu erdol⸗ chen und zu umarmen. „Sire,« antwortete er endlich,„ich war, wie ich geſtehe, als ich Euch hierherfolgte, weit entfernt zu ahnen, mit wel⸗ chem Gegner ich es zu thun hätte. Ich kann dem Zufall nicht genug danken, daß er mich mit Euch zuſammengeführt hat. Ihr ſeyd meiner würdig. Seyd verſichert, wenn ich eure wun⸗ derbare Gewandtheit, eure ſeltene und bewundernswürdige Kaltblütigkeit vorausgeſehen hätte, ſo würde ich Euch vorhin nicht den Vorſchlag gemacht haben, den Kampf ruhen zu laſ⸗ ſen. Dennoch aber bin ich nichtsdeſtoweniger überzeugt, daß ich, wie ich ſchon vor wenigen Augenblicken die Ehre hatte, Euch zu erklären, Euch endlich doch tödten werde. Nur fühle ich mich ein wenig ermüdet und werde Euch um Erlaubniß bitten, ein wenig ausruhen zu dürfen.« „Keine Minute, Oberſt, keine Secunde,« antwortete Henry mit eiſigem Phlegma.»Ha! das ſetzt Euch wohl in Erſtaunen. Verſteht wohl, Percy Kirke, daß mein Kampf mit Euch nicht ein alltäglicher Kampf, nicht ein Duell iſt, wie man deren ſo viele ſieht. Unzeitige Eigenliebe, heftige Aufre⸗ gung, Blutdurſt, das Bedürfniß zu tödten, ſind nicht das, was mich leitet. Ich will, daß Ihr ſterbet, Oberſt, nicht weil Ihr mich auf wahnſinnige Weiſe beleidigt habt, ſondern weil ich mich vor Euch fürchte. O, wenn ich meiner nicht ſo ſicher wäre, wie ich es bin, wenn ich nicht unter Gottes Beiſtand mit Euch fertig zu werden gedächte, ſo würde ich ein ſolches⸗ Geſtändniß ganz gewiß nicht thun. Ich fürchte Euch, Oberſt, weil Ihr kein gewöhnlicher Menſch ſeyd, weil ich, ich will nicht ſagen an eure Liebe, wohl aber an eure unſinnige Leidenſchaft für eine Perſon glaube, deren Name nur noch von euren ſchon bleichen und durch die Annäherung des Todes entfärb⸗ ten Lippen genannt werden darf. Gott iſt mein Zeuge, daß ich vollſtändigen, unbedingten Glauben an die Tugend und Reinheit dieſer Perſon habe, daß niemals der Gedanke an einen von ihr ausgehenden Verrath mein Gemüth beunruhigt hat; aber ich habe auch die feſte Ueberzeugung, daß Percy Kirke vor keinem Mittel, ſelbſt vor dem äußerſten nicht, zurück⸗ treten würde, um eine ſo heilige Unſchuld zu beſudeln. Ich⸗ habe die Ueberzeugung, daß, wenn ich Euch leben ließe, eure Verworfenheit eine unüberſteigliche Kluft zwiſchen dem Glück und mir befeſtigen würde. Deshalb— ich ſage es Euch noch⸗ mals— muß ich gegen Euch ohne Erbarmen, ohne Mitleid⸗ ſeyn. Ich muß auf immer euren Namen aus dem Buche der Lebenden ſtreichen. Alſo, legt Euch aus, Oberſt, legt Euch aus und vergeſſet nicht, daß ich mit unverſöhnlicher Begier die Vortheile benutzen werde, welche die Vorſehung mich würdi⸗ gen wird, mir über Euch zu geben. So lange als eure Hand den Griff eures Degens hält, ſo lange ich Euch, ohne der Ehre eines Edelmannes untreu zu werden, Euch das Leben entreißen kann, ſo lange wird die Spitze meines Degens den Weg zu eurem Herzen ſuchen.« „Gut!« rief Kirke mit wirklichem und von aller Prah⸗ lerei freiem Enthuſiasmus,»das nenne ich gut geſprochen! Der Himmel und die Hölle werden mit einander handgemein! Denn Ihr ſcheint mir ein Seraph zu ſeyn, ſchöner, junger Mann, und in mir erkenne ich einen wirklichen und wahrhaf⸗ ten Teufell Es muß ein furchtbar ſchöner Kampf werden! Alſo, keine Schonung mehr, kein Mitleid, keine Großmuth, ſondern Blut, nur Blut! Ha, es iſt lange her, daß mir kein ſolcher Schmaus beſchieden geweſen iſt.« Dieſer zweite Gang unterſchied ſich von dem erſten darin, daß kein Wort weiter zwiſchen den Kämpfenden ge⸗ wechſelt ward. Kirke entwickelte eine wahnſinnige, furchtbare Wuth, Henry Lisle dagegen einen verhaltenen, aber unbe⸗ grenzten Ingrimm, denn ſeitdem der junge Mann Luchy's An⸗ denken angerufen, hatte ſich der Zuſtand ſeines Gemüthes voll⸗ ſtändig verändert und die Leidenſchaft miſchte ſich nun in das, was er als ſeine Pflicht betrachtete. Eine Zeit lang herrſchte vollkommene Gleichheit zwiſchen den beiden Gegnern, dieſelbe Kraft, dieſelbe Gewandtheit, der⸗ ſelbe Muth! Es dauerte jedoch nicht lange, ſo zeigte ſich auf dem weißen Hemd des Gardeofftziers ein kleiner Blutflecken — Kirke hatte ihm die Bruſt geſtreift. Nun trat Henry Lisle aus ſeiner anſcheinenden Ruhe heraus. Ein Schrei, der nichts Menſchliches hatte, verrieth, daß er es aufgab. ſich noch länger zu verſtellen. Die unge⸗ ſtümen Triebe ſeines feurigen Temperaments gewannen über ſeine feine, edelmänniſche Bildung die Oberhand und er ließ ſeinen ganzen Zorn hervorbrechen. Was Kirke betraf, ſo miſchten ſich heiſere Freudenrufe in das Pfeifen ſeines Athems— er war der Tiger im Kampf mit dem Löwen. — Eine entſcheidende Entwicklung ſchien nahe bevorzuſtehen, als ein unvorhergeſehener Vorfall den Kampf noch einmal unterbrach. Lucy Murray erſchien in heftiger Aufregung und mit von Furcht verſtörten Zügen auf dem Kampfplatz und rief in flehendem Tone: „»Ums Himmels willen, Ihr Herren, haͤltet ein!« Die beiden durch dieſe Erſcheinung einen Augenblick lang aus der Faſſung gebrachten Gegner ſtanden unbeweglich, bald aber maßen ſie ſich wieder mit herausforderndem Blick und ſiürzten mit verdoppelter Wuth auf einander los. Jeder wünſchte, durch die Gegenwart der jungen Dame angefeuert, ſeinem Feinde den Garaus zu machen. Es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß, wenn Sir Charles Murray, welcher Lucy folgte, nicht zeitlich genug gekommen wäre, um ſich ſeinerſeits einzumiſchen, dieſer Zuſammenſtoß ein tödt⸗ licher geweſen wäre. Das vormalige Mitglied des Unterhauſes ſtellte ſich jedoch kühn zwiſchen Kirke und Lisle und ſagte in ernſtem Tone der Autorität: »Meine Herren, dieſer Zweikampf kann nicht ſtattfinden. Stecket eure Degen in die Scheide. Eben ſo wie ich, eure Ab⸗ ſichten ahnend, Euch gefolgt bin, eben ſo rufe ich Euch jetzt wo ich den Grund eures Zwiſtes errathe, zu: Dieſer Kampf darf nicht ſtattfinden und wird nicht ſtattfinden. Wenn Ihr Euch blos erwürgtet, um einem eitlen Vorurtheil zu genügen, um die Mode mitzumachen, oder auch um Euch in eurem Müßig⸗ gange eine Zerſtreuung zu machen, ſo wäre dies ohne Zwei⸗ fel ein Unrecht und eine Schande, aber dennoch hätte ich in dieſem Falle nicht das Recht, mich eurer Thorheit zu wider⸗ ſetzen. In dieſem Augenblick jedoch, meine Herren, handelt es 80 ſich um die Ehre meiner Tochter, das heißt um das, was mir auf der Welt das Theuerſte iſt. Deshalb erkläre ich im Namen meiner väterlichen Autorität, daß, ſollte ich ſelbſt Ge⸗ walt anwenden und das Opfer eurer blinden Wuth werden, ich Euch dieſen Kampf nicht weiter werde verfolgen laſſen. Nur keine lügenhafte Ausreden!— ſie wären vergeblich und eurer unwürdig.— Ich weiß nicht worin euer illuſoriſcher Vorwand beſteht, aber ich weiß, was der wirkliche Grund Eures Zwiſtes iſt. Alſo, meine Herren, ſetzet Euch nicht der Gefahr aus, die Mörder eines Greiſes zu werden, ſondern ſtecket den Degen in die Scheide.“ Kirke und Henry Lisle zögerten und beobachteten einan⸗ der ſchweigend. Henry war der Erſte, welcher das Wort ergriff. „Sir,“« ſagte er, indem er ſich an Murray wendete und Miß Luch anſah, welche verlegen und zitternd die Augen nie⸗ derſchlug.»Sir, Ihr ſeyd in einem großen Irrthum befangen, es handelt ſich keineswegs um eure Tochter. Mein Gegner hat mich einzig und allein aus dem Grunde gefordert, weil er die Duelle leidenſchaftlich liebt und lange keine Ehrenſache gehabt hat. Es iſt ein Unglück, daß der Zufall mich ihm in den Weg geführt hat, aber es liegen in der Stellung des Menſchen ein⸗ mal gewiſſe Forderungen, welchen er ſich nicht entziehen kann. Dieſer Herr gehört eben ſo wie ich der engliſchen Armee an. Sein Rang iſt ſogar ein weit höherer als der meine; es iſt mir daher unmöglich, rein unmöglich ihm die Satisfaction zu verweigern, welche ervon mir verlangt. Ich bitte Euch daher, Sir Charles, ich beſchwöre Euch im Namen unſerer alten Freundſchaft, im Namen der Zärtlichkeit, welche Ihr mir ſtets bewieſen, laſſet mich meine Pflicht thun.“ „Eure Pflicht Henry!« unterbrach ihn der alte Puritaner und nie⸗ gen, hat die habt Weg ein⸗ ann. an. es iſt n zu aher, alten ſtets taner 81 mit einer Heftigkeit, die ihm ſonſt nicht eigen zu ſeyn pflegte, „alſo ſetzt Ihr eure Pflicht darein, den Namen meiner Toch⸗ ter, den Namen Lucy den nach Scandalgeſchichten hungern⸗ den Zeitungsſchreibern preissugeben! O, Henry Lislel Henry Lisle! eine ſolche Antwort hätte ich von Euch niemals er⸗ wartet!« Wenn Oberſt Kirke ſich auch noch nicht in dieſes Ge⸗ ſpräch gemiſcht hatte, ſo ließ er doch nichtsdeſtoweniger durch die Ungeduld, welche ſich in ſeinen Zügen ausſprach, errathen, wie ſehr er wünſchte, den Kampf wieder aufnehmen zu kön⸗ nen. Kaum aber hatte Sir Charles Murray den Namen des Gardeoffiziers ausgeſprochen, als in dem Geſicht und den Zü⸗ gen des vormaligen Tyrannen von Tanger eine außerordentliche Veränderung vorging. Jede Spur von Zorn verſchwand aus ſeinen Augen, die gewaltſam angeſpannten Muskeln ſeines Geſichtes erſchlafften und ein Ausdruck von aufrichtigem Mitleiden, von wirklichem Schmerz umdüſterte ſeine Stirn. „Sir,“ rief er, indem er ſich ſeinem Gegner raſch einen Schritt näherte,„ſeyd Ihr der Sohn des Lord Lisle, des Freundes Cromwell's und eines der Richter Carls I.2⸗ „Ja, Sir,« antwortete ſtolz der junge Mann, welcher in dieſer Frage eine neue Beleidigung zu ſehen glaubte. »O dann kann dieſer Kampf in der That nicht ſtattfin⸗ den!« rief Kirke und fuhr, als der junge Mann ihn betroffen anſah, fort: „Ich laſſe Euch darüber ſelbſt entſcheiden. Die Hand, welche dieſen Degen hält, vertheidigte noch vor kurzem euren Vater. Dieſe Hand tödtete einen ſeiner Möͤrder.⸗ Der Tiger von Tanger. II. 6 „Was ſagt Ihr?— was ſagt Ihr?— mein Vaterl!—⸗ „Iſt todt!« antwortete Kirke in dumpfem Tone. Henry Lisle wollte ſprechen, aber dieſer ſo unerwartete Schlag ging über ſeine Kräfte. Er ſchloß die Augen und ſank in Murray's Arme. IX. Die Jugendfreunde. Wenn die moraliſche Erſchütterung, welche Henry Lisle erfahren, zu heftig war, als daß er derſelben hätte widerſte⸗ hen können, ſo kamen doch ſeine ſeltene Energie und ſeine ungewöhnliche Charakterſtärke ihm bald zu Hilfe und machten den Beiſtand unnöthig, welchen Murray und Lucy ſich an⸗ ſchickten, ihm zum leiſten. Er ſchlug die Augen wieder auf und richtete ſich in die Höhe. Seine ganze Seele ſprach wieder aus ſeinem Blick, ſein Wille aus ſeinen Geberden. „Sir,“ rief er ſich zu Kirke wendend, in einem Tone, dem er Feſtigkeit zu geben ſuchte, deſſen Zittern aber tiefe Be⸗ wegung verrieth,„bin ich nicht das Spielwerk eines Traumes? Habt Ihr mir wirklich ſo eben geſagt, mein edler Vater, Lord Lisle, ſey ermordet worden und Ihr ſeyet Zeuge ſeiner letzten Augenblicke geweſen?« „Ja, Sir, ſo iſt es,« antwortete der Oberſt im Tone aufrichtigen Mitleids. „Aber dann, Sir,“« fuhr der junge Mann fort,„wie kommit es, daß Ihr noch lebt, wenn Ihr, wie Ihr ſagt, für Lord Lisle Partei genommen habt? Ich begreife nicht Lisle erſte⸗ ſeine chten an⸗ n die ſein Cone, Be⸗ mes? Lord ezten Tone „wie ſagt, nicht wie ein Mann von euren Jahren, von eurer Kraft und eurem Muthe zwiſchen elenden Mördern und einem edeln Greiſe ſtehen und wie dieſer Greis dann unterliegen kann. Habt Ihr denn die Flucht ergriffen, Oberſt Kirke? Dann ſeyd Ihr ein Feigling! Habt Ihr Euch mit den Mördern verſtän⸗ digt? In dieſem Falle ſeyd Ihr der Mitſchuldige derſelben und einer von Lord Lisle's Meuchlern!« Der junge Gardeoffizier hob, nachdem er dieſe Worte mit einer erzwungenen Ruhe geſprochen, welche durch die Bläſſe ſeines Geſichtes und das Zittern ſeiner Hände vollſtän⸗ dig Lügen geſtraft ward, ſeinen Degen wieder auf und näher⸗ te ſich dem Oberſten. »Wohlan, ich erwarte eure Antwort, Sir,« fuhr er fort; „muß ich Euch züchtigen? Muß ich Euch verachten?« Bei dieſer furchtbaren Frage, bei dieſer unerbittlichen, herausfordernden Alternative ſtieß Kirke einen dumpfen Ruf des Zornes aus und ließ einen Blick unverſöhnlicher Wildheit auf den jungen Mann fallen. Dieſe drohenden Symptome eines nahen Sturmes dauer⸗ ten jedoch nicht lange, denn faſt ſofort gab die bewegliche Phyſiognomie des Soldaten abermals aufrichtiges Mitleid zu erkennen und in auffallend ſanftem und wirklich wohlklingen⸗ dem Tone ergriff er das Wort. »Mylord,« ſagte er,„es wäre ſehr unfreundlich von mir, wenn ich euren Verdacht übel deuten und eure wahn⸗ ſinnigen Anklagen ernſt nehmen wollte. Der furchtbare Schlag, der Euch getroffen, hat euer Urtheil verdunkelt. Euer Verſtand iſt wankend geworden— es konnte nicht anders ſeyn. Ver⸗ paren wir auf ſpätere Zeit und wenn Ihr ruhiger ſeyn wer⸗ det, Erklärungen die Ihr in dieſem Augenblickweder anhören, noch begreifen könntet. Es genüge Euch zu wiſſen, daß, als ꝛe 84 das Verbrechen begangen ward, ich in tiefem Schlafe lag, daß ich, leider zu ſpät erwachend, den beiden Mördern eures edlen Vaters nacheilte und daß einer von ihnen todt in meinen Händen blieb.“ „Und dieſe Mörder, wer waren ſie?« unterbrach ihn der junge Mann heftig. „Landsleute, Engländer! Wenigſtens gaben ſie ſich da⸗ füͤr aus, als ich ſie bei meiner Ankunft in Lord Lisle’s Hauſe ſah, in welchem ich ſie bereits vorfand. Dennoch aber zweifle ich, daß ſie mir die Wahrheit geſagt haben. Der Nationaltypus ihrer Geſichter, ihr unverkennbarer Accent bringen mich jetzt auf die Vermuthung, daß dieſe beiden Elenden geborene Ir⸗ länder waren.“ „Aber ihre Namen— ihre Namen? „Die kenne ich nicht, Mylord.“ „Wie, ſeyd Ihr denn nicht auf den Einfall gekommen, die Taſchen deſſen zu unterſuchen, den Ihr getödtet zu haben vorgebt? Dieſer Menſch mußte doch gewiſſe Papiere bei ſich haben, welche ohne Zweifel hinreichend geweſen wären, ſeine Perſönlichkeit feſtzuſtellen und Euch ſeinem Mitſchuldigen auf die Spur zu bringen. „Allerdings, Mylord, bin ich nicht auf dieſen Einfall ge⸗ ommen. Aber was wollt Ihr ſagen? Man nimmt ſo leicht die Gewohnheiten ſeiner Stellung an, daß Ihr mir dieſe Nachläſſigkeit nicht übel nehmen dürft. Seitdem ich nem⸗ lich einen hohen Rang in der Arme bekleide, habe ich auf die Beute meiner Opfer verzichtet— es iſt dies ein Gewinn, den ich meinen Dienern überlaſſe; dennoch aber zweifle ich, daß dieſes Verſehen von meiner Seite eurer künftigen Rache nach⸗ theilig ſeyn werde. Es iſt durchaus nicht wahrſcheinlich, daß dieſe Wichte Papiere bei ſich führten, welche geeignet geweſen lag, ures inen der da⸗ dauſe veifle ypus jetzt e Ir⸗ men, haben ei ſich ſeine nauf all ge⸗ leicht dieſe nem⸗ uf die „ den daß nach⸗ ), daß eweſen 8⁵ wären, ſie zu compromittiren. Wenn man eine ſolche Expe⸗ dition antritt, ſo trägt man gerade nicht Sorge, ſein Signa⸗ lement zurückzulaſſen.« „Aber, Oberſt, Ihr müßt doch während eures an Aben⸗ teuern ſo reichen Lebens einen gewiſſen Scharfblick, eine ge⸗ wiſſe Erfahrung erlangt haben, Ihr müßt die Menſchen, be⸗ ſonders die Blutmenſchen, kennen. Wer waren nun nach eurer Meinung dieſe ſchändlichen Mörder meines Vaters? die Scher⸗ gen einer im Verborgenen ſchleichenden Gewalt, oder gemeine Diebe und Räuber?« »Dieſe Frage habe ich auch mir ſelbſt ſchon vorgelegt,“« antwortete Kirke mit gedankenvoller Miene.»Nun aber habe ich die feſte Ueberzeugung, daß dieſe Irländer nicht gemeine Uebelthäter waren. Nein, nein— das waren ſie gewiß nicht. Der ältere von ihnen ſchlug mir eine Würfelpartie vor und zog, als ich mich dazu bereit erklärte, einen ſchweren mit Gold gefüllten Beutel aus der Taſche.« „Nun und eure Meinung, Oberſt?« »Iſt, daß dieſe Schurken auf Befehl eines Andern ge⸗ handelt haben. Sie waren der gegenwärtige Arm eines ent⸗ fernten Willens.“ Bei dieſer im Tone feſter und inniger Ueberzeugung aus⸗ geſprochenen Antwort ward Henry Lisle bleich und ſagte in dumpfem, faſt unverſtändlichem Tone: »Ha, mein Gott, befreie mich von dem gräßlichen Arg⸗ wohn, der ſich meinen Gedanken aufdringt! Soll ich nicht blos meinen Vater verloren haben, ſondern auch meinen Kö⸗ nig verachten müſſen! Soll ich Lord Lisle nur unter der Be⸗ dingung rächen, daß ich einen mit Fluch beladenen Namen in der Geſchichte zurücklaſſe? Nein, nein, das iſt unmöglich! Seine Majeſtät Jacob II. iſt ſtreng und unerbittlich, 86 aber gerecht. Der Schmerz verwirrt meine Gedanken. Mein re⸗ Gott, mein Gott, erbarme Dich meiner!« we Bo Während der junge Mann dieſe Worte ausſprach oder richtiger geſagt murmelte, beobachtete Sir Charles Murray ihn mit neugierigem Blicke. Ein Lächeln der Zufriedenheit, H des Triumphes umſpielte die Lippen des Puritaners. Dennoch un aber liebte das vormalige Mitglied des Unterhauſes Lord Lisle w mit brüderlicher Zuneigung, mit unbegrenzter Freundſchaft, mn und die Nachricht von ſeinem tragiſchen Ende hatte ihn ge⸗ le troffen wie ein Donnerſchlag. ge „Wohlan, Muth gefaßt, Lieutenant,“ ſagte Kirke, in⸗ 15 dem er dem jungen Manne ſeinen Küraß und ſeinen Büffel⸗ 9 koller reichte,„kleidet Euch an, dann wollen wir gehen. Wenn le die Luſt, unſere Sache zum Austrag zu bringen, Euch ſpäter* 1 wieder anwandelt, ſo brauche ich wohl nicht erſt zu ſagen, daß nt Ihr mich ſtets zu euren Befehlen finden werdet. Heute könn⸗ ſ tet Ihr mir die größten Beleidigungen ins Geſicht ſagen— ſe ich würde nicht darauf achten.“ 1n Henry Lisle hörte, ſich ganz ſeinem Schmerze hingebend, 2 nicht einmal dieſe Worte. Er zog mechaniſch ſein Büffelwams t an, ſchnallte ſeinen Küraß um, warf ſein Bandelier über die 6 Schultern und entfernte ſich ohne zu antworten. 8 Sir Charles Murray und Lucy beeilten ſich ihn einzu⸗ 6 holen und Kirke begann, ihnen in einer Entfernung von eini⸗ in gen Schritten zu folgen. n. „In der That,“« ſagte der Oberſt bei ſich ſelbſt,„ich ſo muß geſtehen, daß mein Zuſammentreffen mit Henry Lisle a wenigſtens etwas Eigenthümliches iſt. Ich bin ein zu großer d Skeptiker, um nicht abergläubiſch zu ſeyn und übrigens habe 3 ü ich bemerkt, daß die Ereigniſſe faſt ſtets meine Ahnungen n „ ffel⸗ benn äter daß önn⸗ 87 rechtfertigen. Wenn ich nun nicht irre, ſo kann die Art, auf welche ich mit vem Verlobten der anbetungswürdigen Lucy Bekanntſchaft gemacht, nur auf eine einzige Weiſe gedeutet werden und dieſe ſagt, daß Einer von uns Beiden durch die Hand des Andern umkommen muß, daß wir berufen ſind, uns früher oder ſpäter die Gurgel abzuſchneiden— es iſt dies wirklich ſchade, denn in der That, dieſer junge Mann gefällt mir. Alles an ihm verräth etwas Ungewöhnliches und Auser⸗ leſenes. Niemals habe ich bis auf den heutigen Tag einen ſo geübten und gewandten Fechter kennen gelernt! Sein Degen thut es in der That dem meinen gleich. Welche wunderbare Geſchicklichkeit, welche herrliche Kaltblütigkeit! Lucy liebt ihn leidenſchaftlich, darauf wollte ich ſchwören. Lucy liebt ihn! Was habe ich geſagt? Nein, Lucy liebt ihn nicht— ich will nicht, daß ſie ihn liebe!— Fluch und Verdammniß!— Lucy ſollte eine andere Liebe erhören als die meine? Das darf nicht ſeyn! Ich fühle bei dieſem Gedanken alle Furien der Hölle in meiner Seele toben. Lucy darf nur mir, nur mir allein gehö⸗ ren. Wehe dem, der mir ſie ſtreitig macht! Um dieſen an Schönheit und Anmuth unvergleichlichen Juwel zu beſitzen werde ich vor nichts zurückbeben, nicht einmal vor dem Ver⸗ brechen! Wie hat ſich nur dieſe plötzliche und unauslöſchliche Leidenſchaft meiner bemächtiee Ich weiß es nicht.— Bei dem bloßen Anblick von Lucy's Bildniß fühlte ich, wie mein Blut in Feuer und Flamme gerieth. Ohne Zweifel ſtand es in mei⸗ nem Schickſal geſchrieben! Noch hatte ich Lucy nicht geſehen, ſo liebte ich ſie ſchon bis zum Wahnſinn und war eiferſüchtig auf jeden Nebenbuhler. Welch' eine ſeltſame Organiſation iſt die meine! Doch ich thäte unrecht daran, wenn ich mich dar⸗ über beklagen wollte! Ich leide, wenigſtens aber lebe ich und wenn ein Degen⸗ oder Dolchſtich mich in das Grab ſtürzt, ſo 88 werde ich wenigſtens den Becher des Daſeyns bis auf die Hefe geleert haben. Gleich dem muthigen Zecher, welcher nach einem wilden Gelag und ehe er unter die Tafel ſinkt, am Morgen einen Blick der Verachtung auf ſeine ſchon ſeit dem Abend vorher ſchlafenden Genoſſen wirft, werde ich, wenn der Tod ſich meiner bemächtigt, die bedauern, welche ich auf Erden zurücklaſſe!— Wer an etwas Anderes glaubt, als an den Ge⸗ nuß, iſt ein blödſinniger Dummkopf. Jetzt bedarf ich Gold und zwar viel Gold!— Ich habe Unrecht daran gethan, auf meinen Reiſen die Schätze, die ich von Tanger mitnahm, auf thörichte Weiſe zu verſchwenden. Warum habe ich Unrecht gethan, ſo zu handeln? Weil ich heute keine Guinee mehr in der Taſche habe? Das iſt ein ſehr kindiſches, meiner unwür⸗ diges Räſonnement! Habe ich nicht Vergnügen gehabt, indem ich auf dieſe Weiſe mein Gold wegwarf? Ja!— Nun, dann habe ich auch Recht gethan!« Kirke beſchleunigte, indem er dieſen Monolog vor ſich hin murmelte, ſeinen Schritt, um Lucy und ihren Vater ein⸗ ziholen, welche, wie er bemerkte, ihre Schritte nach einem Wagen lenkten, der vor dem Hotel Cardigan hielt und ſie zu erwarten ſchien. In der That drehte ſich der Puritaner, ſobald als ſeine Tochter in dem Wagen Platz genomühen, nach dem Oberſten herum und ſagte in kalt höflichem Tone zu ihm: »Ich hoffe, Sir, daß Ihr mir die Ehre erzeigen wer⸗ det, mich nach meiner Wohnung zu begleiten. Ich wünſche, wie ſchmerzlich es mir auch ſeyn mag, die Schilderung der letzten Augenblicke meines edlen Freundes Lord Lisle zu hören und zu erfahren, was ſeine letzten Worte geweſen ſind.« „Seine letzten Worte beſtanden darin, daß er mir auf⸗ trug, Euch auf's Schleunigſte aufzuſuchen, Sir Charles Mur⸗ ——— 89 ray,« entgegnete Kirke in ernſtem Tone.»Eure Einladung i*ſt daher überflüſſig. Ich habe Lord Lisle geſchworen, ſeinen letzten Willen zu erfüllen. Deshalb ſagte ich auch vorhin vor Newgate, als Ihr mich auf ſo ritterliche Weiſe verabſchiede⸗ tet, zu Euch, daß Ihr mich binnen Kurzem bei Euch ſehen und dann meine geringſten Worte mit unruhiger Begier an⸗ hören würdet.« Kirke ſchickte ſich eben an, in den Wagen zu ſteigen, als eine vierſpännige Carroſſe ſo raſch um die Ecke des Hotels Cardigan bog, daß Sir Charles Murray's Kutſcher raſch ſein Geſpann rückwärts gehen laſſen mußte, um nicht von ſeinem Sitze herabgeworfen zu werden. „Warum verſperrt Ihr auf dieſe Weiſe die öffentliche Straße, Ihr Lümmel?« ſchrie ein rieſiger Lakai, der auf der Carroſſe hintenauf ſtand.»Zurück, Schurke, oder ich ſchleu⸗ dere Euch in den Rinnſtein!« „Zum Teufel!« rief Kirke,„das iſt ja eine Art und Weiſe, die Leute zu behandeln, wie man ſie nur von den vor⸗ nehmſten Perſonen des Königreiches erwarten ſollte! Wenn wir die Lakaien auf dieſe Weiſe unſere Rechte ſich anmaßen laſſen, ſo ſetzen wir uns der Gefahr aus, ſie ſpäter ſelbſt zu verlieren. Ha! Lucy wird bleich! Lucy ſtößt einen Angſtruf aus!— Wuth und Furien! Wehe dem Herrn dieſes unver⸗ ſchämten Dieners!« Mit dieſen Worten nahm Kirke einen Anlauf, ſtürzie ſich dem glänzenden Geſpann entgegen, packte eines der Pferde bei der Naſe und drängte es mit ſolcher Gewalt zurück, daß es ſich bäumte und überſchlug. Gleichzeitig erhob ſich die Stimme des Oberſten gebiete⸗ riſch und in ſchallendem Tone. 90 »Ha, wer Ihr auch ſeyd,« rief er zu der Perſon oder den Perſonen gewendet, welche in dem Wagen ſaßen,»„wenn Ihr Frauen ſeyd, ſo halte ich Euch für unverſchämte Courti⸗ ſanen, ſeyd Ihr aber Männer, für feige Emporkömmlinge. Alſo ausgeſtiegen, meine Damen oder meine Herren— aus⸗ geſtiegen, oder ich ſtürze ohne weitere Umſtände dieſe ſchöne Carroſſe um, deren Beſitz Euch ſo lächerlich arrogant macht.* Kirke ſprach noch, als ein mit einer ungeheuern Per⸗ rücke bedeckter Kopf ſich an dem Schlage zeigte. Gleichzeitig ließ ſich eine Stimme hören, welche die Wuth in eine Art Brüllen verwandelte. „Teufelsſohn, frecher Bube, Galgenſtrick, hochverräthe⸗ riſcher Rundkopf,« ſchrie dieſe Stimme,„»Du ſollſt mich nicht lange rufen! Ich ſteige aus.— Wehe, wehe Dir!— Hol⸗ lah, John, William, laßt den Tritt herunter, damit ich die⸗ ſen unverſchämten Hund in der Nähe ſehe, daß ich ſein Sig⸗ nalement abnehme! Du, Lewis, laufe ſchnell, einen Conſtab⸗ ler zu holen. Ganz gewiß handelt es ſich hier um ein Com⸗ plott! Gut, gut! Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ Die durch das Geſicht Kirke's, deſſen Zorn in Wuth übergegangen war, erſchreckten Bedienten beeilten ſich nicht ſehr, den Befehlen ihres Herrn zu gehorchen. Sie ſahen einander unentſchloſſen an und bewahrten eine kluge Unbe⸗ weglichkeit. „Du willſt ausſteigen? Du willſt mich in der Nähe ſehen?« hob Kirke wieder an.»Du ſollſt nicht die Hilfe dei⸗ ner Leute bedürfen, um Dir dieſes Vergnügen zu verſchaffen — ich fühle mich nur zu geehrt, Dir die Hand bieten zu können.« Und den Worten die That folgen laſſend, öffnete der Oberſt den Wagenſchlag, packte den Mann mit der großen 91 Perrücke beim Arme und riß ihn mit ſolcher Gewalt aus dem Wagen, daß der Unglückliche auf den ſchmutzigen Boden hin⸗ ſtürzte wie ein Waarenballen, den man über den Bord eines Schiffes wirft. Erſt angeſichts der Gefahr, in welcher ihr Herr ſchwebte, entſchloſſen ſich die Diener, ſich einzumiſchen, benahmen ſich aber dabei auf ſehr kluge Weiſe. „Um Gottes willen, Sir,« rief einer von ihnen auf Kirke zueilend„nehmt Euch in Acht! Euer Kopf ſteht auf dem Spiel. Es iſt Lord Jeffreys, der Oberrichter von King’s Bench, den Ihr auf dieſe Weiſe mißhandelt.« „Jeffreys!« rief der Oberſt, deſſen Zorn verſchwand wie auf einen Zauberſchlag,»Jeffreys zu meinen Füßen, während er in meinen Armen liegen ſollte! Der arme Georg! Ich habe ihn nicht erkannt! Georg, komm, umarmen wir uns! Wie freue ich mich, Dich wiederzuſehen!« Der von ſeinem Sturze noch betäubte Oberrichter be⸗ trachtete ſeinen Gegner mit gleichzeitig drohender und erſtaun⸗ ter Miene. „Ich bin Perecy Kirke— der Oberſt Percy Kirke— der Freund deiner Kindheit, mein wackerer Georg!“ „»Percy Kirke, Du!« wiederholte Jeffreys.»Ja, ja — Du biſt es! Ich hätte Dich ſchon an deiner Handlungs⸗ weiſe erkennen ſollen. Umarme mich, mein armer Percy— umarme mich— Du biſt mein einziger Freund, den ich liebe!« Der Oberſt und der Oberrichter ſanken einander in die Arme und hielten ſich lange und zärtlich umſchloſſen. Die Diener ſahen dieſem Auftritte mit unbeſchreiblicher Verblüfftheit zu. Es war dies das erſte Mal, daß ſie ihren Herrn einen Schimmer von Gefühl verrathen ſahen. . 92 „Komm, ſteige in meinen Wagen, Percy,“ ſagte Jef⸗ freys hierauf. „Ich kann nicht, mein lieber Georg, ich bin bei einem Freund.« „Bei wem denn?« fragte der Oberrichter.»Du ſprichſt von dieſem Menſchen, von dieſem Murray? Ach Percy, Percy! frequentire, wenn es Dir Zerſtreuung gewährt, die aller⸗ ſchlechteſte Geſellſchaft in der erbärmlichſten Kneipe, aber laß Dich niemals mit Leuten dieſer Art ein. Dieſer Murray iſt ein Verſchwörer, ein Böſewicht, ein Rebell, ein faules Eil Laß uns fort von hier.« Der Puritaner verrieth bei dieſer namenloſen Beleidi⸗ gung weder Schwäche noch Zorn. Er gab ſeinem Kutſcher einen Wink, weiter zu fahren, wendete ſich dann zu dem Oberrichter und ſagte in kaltem Tone zu ihm: „Myloord, Ihr müßt ſelbſt geſtehen, daß Ihr kein Gluͤck mit mir habt. Wenn ich Euch nicht auf den Knien ſehe, ſo ſehe ich Euch im Kothe ſchwimmen. Oberſt Kirke— ich habe ſeuer Wort— auf baldiges Wiederſehen!« Während der ganzen allerdings ſehr kurzen Zeit, welche der ſo eben geſchilderte Auftritt gedauert, hatte Henry Lisle, in ſeine ſchmerzlichen Gedanken verſunken, nichts bemerkt. Erſt der Name Jeffreys erweckte ihn aus ſeiner Unempfindlichkeit. »Jeffreys!« murmelte er;»welch ein Lichtſtrahl— o, mein unglücklicher Vater— ſchlafe ruhig in deinem Grabe — ich glaube deinen Mördern auf der Spur zu ſeyn— ich werde Dich rächen!« v X. Das Triumvirat. Eine halbe Stunde nach ihrer Begegnung ſaßen Kirke und Jeffreys vor einem mit Flaſchen beſetzien Tiſche, und plauderten freundſchaftlich mit einander. Es war in dem Hotel und in dem Cabinet des Oberrichters ſelbſt, wo dieſe Converſation ſtattfand. Jeffreys hatte ſeinen Dienern aus⸗ drücklichen Befehl ertheilt, keinen Beſuch vorzulaſſen, ſondern Jedermann abzuweiſen. »Mein vielgeliebter Georg,« ſagte der Oberſt, indem er ſeinen Gaſt mit zärtlichem Blick betrachtete,»Du kannſt Dir nicht die Freude denken, welche mir unſer Wiederſehen berei⸗ tet. Denn ſiehſt Du, Jeffreys, Du biſt der einzige Menſch, den ich wahrhaft geliebt habe, den ich noch liebe. Deswegen aber bilde Dir nicht etwa ein, daß ich deine Fehler nicht kenne, daß ich gegen deine Laſter blind bin— nein, nein, ich ſehe um Gegentheile ein, daß Du ein verabſcheuungswürdiges We⸗ ſen biſt, daß dein Herz von Stein keines edeln Gefühles fähig iſt, daß Du für Gold und Ehrenſtellen ohne Zaudern deine Seele verkaufen würdeſt. Ja, alles dies weiß ich, und dies iſt es gerade, was Dir meine Liebe und meine Zuneigung er⸗ worben hat. Um ſo, wie Du thuſt, die Unpopularität und den Haß der Menge zu ſuchen, muß man mit einem männ⸗ lichen Charakter, mit einem überlegenen Geiſte begabt ſeyn. 94 Wenn ich ein Mann von der Feder wäre, ſo wäre ich auch ein Jeffreys, und wenn Du einen Degen trügeſt, ſo würdeſt Du ein Kirke ſeyn. Zwiſchen deinem Charakter und dem meinigen beſteht eine auffallende Aehnlichkeit. Du beſitzeſt den morali⸗ ſchen Muth— ich den des Blutes— aber wir treiben alle Beide die Verwegenheit bis zu ihren äußerſten Grenzen; wir empfinden Beide eine gleiche Verachtung gegen die Menſchheit, wir ſind Beide über die Vorurtheile des großen Haufens weit erhaben.“ Der Oberſt leerte ein großes Glas Bordeauxwein, drückte Jeffreys zum zwanzigſten Male die Hand und fuhr dann fort: „Kinder unſerer Werke, haben wir Beide uns durch Elend und Schande durchgeſchlagen, den Pfad des Glückes mit Mühe erklettert und ſind zuſammen am Ziele angelangt. Gegenwärtig beugen ſich die verwegenſten vor Jeffreys' Zunge und vor Kirke's Degen. Du erinnerſt Dich noch, Georg, der mühſamen Anfänge unſerer Jugend— welche Entbehrungen, aber auch welche ſchöne Träume! Wie oft haben wir, durch eine geizige und mißtrauiſche Wirthin aus unſerer armſeligen Wohnung vertrieben, die Nacht damit zugebracht, daß wir in den Straßen Londons umherirrten! Wohlan, die Gerechtigkeit verlangt zu ſagen, daß wir, während wir vor Kälte und Hun⸗ ger zitterten, dennoch durch Hoffnung und Glauben über dem Elend ſchwebten. Wir fanden eine grimmige Wolluſt, einen fie⸗ berhaften Genuß in dem Gedanken an die furchtbare Rache, welche wir nehmen würden, ſobald die Stunde gekommen wäre. Denn niemals, dieſe Gerechtigkeit müſſen wir uns wi⸗ derfahren laſſen, haben wir an unſerer Zukunft gezweifelt. Eines— wir waren damals noch ſehr jung— wir kamen aus der Schule von Weſtminſter— eines Tages— es iſt 95 dies eine mir theure Erinnerung— wandelten wir an dem Ufer der Themſe und bewunderten dieſen ſchönen Fluß. Wir ſagten uns, daß er an ſeiner Quelle weiter nichts ſey als ein Bach, und verglichen unſern jungen Ehrgeiz mit der entſte⸗ henden Themſe— einem ſchmalen Waſſerfaden, aus welchem ein Meer wird.»Aber,“ ſagte ich,„der Bach iſt rein und das Meer iſt ſchmutzig,« und ich zögerte und hätte, indem ich das Auge auf die unermeßliche Zukunft heftete, wankend gemacht, aber nicht verführt, in meinem kindiſchen Sinne gewünſcht, jene ferne Größezu erreichen und dabei doch dem Schmutze fremd zu bleiben, durch den man ſich hindurchſchlagen mußte, um dorthin zu gelangen. Du warſt klüger. Du lächelteſt über meine Bedenklichkeiten— ich hatte damals Bedenklichkeiten — und indem Du mir die Flotten und die Reichthümer zeig⸗ teſt, mit welchen die Fläche dieſer Fluſſes bedeckt war, ſagteſt Du zu mir:„»Siehe dieſe glänzenden Zierden! Verdecken ſie nicht den Schmutz jener Wellen, welche in ihrem Laufe ſowohl durch das Waſſer des Himmels als durch den flüſſigen Koth ihrer Geſtade angeſchwellt worden ſind?« „»Du ſprichſt ja wie ein morgenländiſcher Dichter!« rief Jeffreys»Ich weiß nicht, ob ich dies jemals zu Dir geſagt habe, aber ich verſtehe Dich. Du willſt ſagen, daß wir ein und dasſelbe Zielhatten, aber daß Du, ſchwach und kleinmüthig, damals vor den Mitteln zurückbebteſt, welche ich als nothwen⸗ dig erkannte. Ja, ich habe oft daran gedacht. Ich bot Dir damals die Hand und ſagte zu Dir:„»Was kommt auf die Mittel an? Der Erſte, der von uns das Ziel erreicht, wird dem andern behilflich ſeyn.« »Ja. ja, ſo iſt es,« unterbrach ihn Kirke.„An dieſen Schwur habe ich ſpäter oft gedacht. Er hat mir meinen Rang erſteigen helfen, er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Doch zum Teufel! bilde Dir nicht etwa ein, Georg, daß ich in dieſem Augenblick zu dem Oberrichter von King's Bench, zu dem einflußreichen Beamten ſpreche, welcher mir nützlich ſeyn kann. Wenn Dir ein ſolcher Gedanke einkäme, dann wäreſt Du nicht mehr der Georg von ſonſt, der Georg von der Schule von Weſtminſter; Du wäreſt ein thörichter Empor⸗ kömmling, ein ſchäbiger, lächerlicher Spießbürger, um den ich mich nicht mehr kümmern würde, als um einen Stroh⸗ halm. Ich würde mich ganz gewiß ſehr freuen, durch Dich an’s Ziel zu gelangen, aber ich bedarf dazu eigentlich Nieman⸗ des. Ich weiß wie man einen Thoren angreift. Ich gehöre nicht zu denen, welche mühſam ihre Furche ſich ziehen und ſich im Geleiſe hinſchleppen.“ „Bei den Furien der Hölle, das nenne ich gut geſpro⸗ chen!« rief Jeffreys mit freudigem Enthuſiasmus!„ich finde in Dir den ſtolzen Buben von Weſtminſter wieder; ich errathe den Tiger von Tanger. Percy, mein ungeſtümer Percy, ich werde für Dich weder der thörichte Emporkömmling noch der lächerliche Spießbürger ſeyn. Ich werde dein alter Jim ſeyn. — Unſer Bund iſt unauflöslich.— Ich kann Dir gar nicht die Freude ſchildern, welche deine Anweſenheit in London mir verurſacht. Höre mich nun deinerſeits und Du wirſt ſehen, ob Du auf meine Freundſchaft rechnen darfſt oder nicht.« Der Oberrichter von King's⸗Bench füllte ſein und Kirke's Glas mit feurigem ſpaniſchen Wein und ſtürzte den Inhalt des ſeinen auf einen Zug hinunter. „Mein treuer Percy,“ ſagte er dann in düſter melan⸗ choliſchem Tone,„ich bin nicht glücklich. Unterbrich mich nicht. Ich weiß deine Antwort im Voraus. Da ich von ſo niedriger Herkunft bin, ſo muß ich mich glücklich ſchätzen, ſo ſchnell und ſo hoch geſtiegen zu ſeyn. Was dies betrifft, ſo geſtehe ich, daß pro⸗ finde athe ich der ſeyn. nicht driger I und 9, daß 97 ich mich nicht zu beklagen habe, und zwar um ſo weniger, als die Zukunft, wenn ich es richtig anfange, mir einen noch weit größeren Glanz vorbehält. Auch— glaube mir— iſt es nicht der allgemeine Haß und Abſcheu, deſſen Gegenſtand ich bin, welchereinen Schatten in mein Leben wirft und meine Sonne verdunkelt— im Gegentheil— der Haß der Menge heftet ſich ſtets an die, welche ſie beherrſchen, und dient nur dazu, ihre Ueberlegenheit zu conſtatiren. Was mich traurig macht, Percy— oder richtiger geſagt, was mich traurig machte, war der Umſtand, daß ich keinen Menſchen hatte, auf den ich mich unbedingt verlaſſen konnte— einen Men⸗ ſchen, der mich auf's halbe Wort verſtände, und während er meines Gleichen bliebe, doch auch mein Werkzeug zu ſeyn wüßte. Ich bin der Kopf, aber ich brauche einen Arm. Percy, ich ſage Dir nochmals, Du kommſt gerade zur rechten Zeit.— Chiffinch, der erſte Page Sr. Majeſtät, hat allerdings mit mir ein Schutz⸗ und Trutzbundniß geſchloſſen, aber Chiffinch wird den Schlauen ſpielen, die größte Hälfte der Beute für ſich behalten wollen und, wenn ich in ernſte Gefahr gerathe, mich in meiner Bedrängniß feigerweiſe verlaſſen. Er iſt mit einem Worte ein unverſchämter Bube, der, wenn er morgen in Ungnade fiele, nicht ſich ſelbſt wieder aufzurichten wüßte, denn er beſitzt durchaus keinen Muth oder Werth. Du, Percy, Du allein vereinigſt in deiner Perſon alle Eigenſchaften, welche ich ſuche. Du biſt tapfer, verwegen, unbeugſam. Dein eiſer⸗ ner Wille hat ſich niemals gebeugt— niemals haſt Du dein Wort gebrochen. O, ich bin Dir mit aufmerkſamem Auge ins ferne Land gefolgt, ich kenne Dich, Percy, als ob wir einan⸗ der niemals verlaſſen hätten, wie ich Dich kannte, als wir noch Kinder waren und mit einander litten und hofften. Wenn Der Tiger von Tanger. II. 7 98 Du Oich verbindlich machſt, Percy, mein zweites Ich zu werden, mir zu dienen— wie ich Dir dienen werde— mir in mei⸗ nem Ehrgeiz, in meinen Leidenſchaften und in meiner Rache förderlich zu ſeyn dann ſage ich Dir: Uns beiden gehört das Königreich England!“ Jeffreys ſah, nachdem er dieſe letztern Worte mit fieber⸗ hafter Aufregung geſprochen, ſeinen Freund forſchend an und erwartete ſeine Antwort. Kirke ſchien, ſeinen funkelnden Blicken und ſeinen ſinnlich geöffneten Lippen nach zu urtheilen, in eine berauſchende Ex⸗ taſe verſunken zu ſeyn. „Ja, ja,« rief er nach einer Pauſe,„uns Beiden, Georg, gehört das Königreich England! Bei der Hölle— ich ſehe eine erhabene, glänzende Orgie, welche die Erinnerungan die ſchönſten Tage des römiſchen Verfalles auf immer verwi⸗ ſchen wird. Unſer Bankettſaal iſt das vereinigte Königreich, unſere Diener ſind die Lords des Oberhauſes, unſere Courti⸗ ſanen die ſtolzen, anmaßenden Edeldamen!— Gib mir die Armee, Jeffreys, gib mir die Armee und ich verſpreche Dir die unbedingteſte Strafloſigkeit! Wehe der Macht, mag ſie ſeyn, welche ſie wolle, welche meine Soldaten, meine Läm⸗ mer, wie ich ſie in Tanger nannte, anzugreifen wagt!— Ich glaube nicht an die Ideen, ſondern erkenne nur die Kraft an. Die Politiker ſind alte Weiber, welche ſich einbilden, daß ſie die Welt immer mit demſelben Geſchwätz in Bewegung ſetzen können. Ich werde ihnen zeigen, wie ſehr ſie ſich irren!— Jeffreys Lordkanzler von England und Kirke Obergeneral der Armee! Ha, welch eine erhabene Combination!— Welche ſchöne Tage werden über England aufgehen! Ha, ich ſehe⸗ wir haben Beide eine und dieſelben Ideen über die Freund⸗ ſchaft, welche ein gemeinſames von zwei egoiſtiſchen Willens⸗ den, nei⸗ ache das ber⸗ und nlich Ex⸗ den, — ich agan erwi⸗ reich, durti⸗ r die Dir g ſie Läm⸗ — Ich ft an. aß ſie ſetzen 11— eneral Welche ſehe, eund⸗ illens⸗ 4 99 äußerungen auszubentendes Gut, aber nicht ein uneigennützi⸗ ger Kampf von wechſelſeitigen Opfern iſt.— Ha, welche Freude, endlich einen Freund zu erkennen, deſſen Herz ſoſchön im Einklang mit dem meinen ſchlägt! Jetzt, Jim, wollen wir wieder auf das zurückkommen, was uns betrifft, auf das Bündniß oder den Pact, wenn Dir dieſer Name lieber iſt, welchen Du mir vorſchlägſt. Bei meiner Soldatenehre, bei den ſo traurig verfloſſenen Tagen unſerer Jugend ſchwöre ich Dir, daß ich treu und hingebend ſeyn werde bis zum Tode— daß deine Feinde die meinen ſeyn ſollen, daß ich deine Rache zur meinen machen werde. Wenn Du jedoch ein Haupt treffen wollteſt, welches mir theuer wäre, dann, Jim, würde ich es Dir frei herausſagen, aber Dich nicht verrathen. Es würde ein Kampf zwiſchen uns Beidenſtattfinden, aber dieſer Kampf — verſtändigen wir uns daruͤber im voraus— könnte nichts an unſerer Freundſchaft ändern. Wenn ich Dir deine Beute entreiße, ſo wirſt Du deswegen keinen Groll gegen mich he⸗ gen; wenn Du den Sieg über mich davonträgſt, ſo werde ich keinen üblen Hintergedanken gegen Dich bewahren. Du wirſt der Gewandteſte und ich der Glücklichſte geweſen ſeyn— das iſt Alles! Biſt Du mit dieſen Bedingungen einverſtanden, dann gib mir die Hand. Der Tiger und der Löwe ſind ver⸗ bündet; wehe dem armen Einhorn!« „Ja wehe dem Einhorn!« wiederholte Jeffreys mit einer Exaltation, welche der des Oberſten gleichkam,»ſeine Zeit iſt vorüber. Von nun an iſt das Wappen Englands ein Richterhermelin mit einem Bandelier umgürtet.« »Und Trotz ſey dem geboten, der Böſes davon denkt,« ſetzte Kirke hinzu, indem er dieſen Scherz mit einem ſtolzen, herausfordernden Lachen begleitete. Es trat ein kürzes Schwei⸗ * 100 gen ein. Die beiden Freunde richteten, beide in Gedanken ver⸗ ſinkend, einen forſchenden Blick auf die Zukunft. Jeffreys war der Erſte, welcher wieder das Wort ergriff. »Perch,“ ſagte er,„wir müſſen nun unſere Batterien aufpflanzen und uns über unſere Schritte und Angriffe ver⸗ ſtändigen, damit wir keinen Fehler begehen. Der weſentlichſte und wichtigſte Punkt iſt, Dich bei dem König angenehm zu machen. Biſt Du katholiſch?« „Ich,« entgegnete der Glücksritter,»ich gehöre allen Religionen, ſogar der Mohamet’ 8.« „Ja, zwiſchen Dir und mir; in den Augen Seiner Ma⸗ jeſtät aber mußt Du unbedingt der römiſchen Kirche⸗ angehö⸗ ren; Du mußt ſogar im Glauben ſehr eifrig ſeyn—« „Zum Teufel! das verſteht ſich von ſelbſt. Nur, vielge⸗ liebter alter Fuchs, ſcheint es mir, als wählteſt Du einen ſchlimmen Moment zur Erörterung dieſer Fragen. Laß mich erſt wieder kaltblütig werden.« 8 „»Gut,“« ſagte Jeffreys,„Du haſt Recht. Dieſe Fragen wollen ausführlich und reiflich erwogen ſeyn. Wir werden ihnen unſern Abend widmen— „Bei der Göttin Venus! ich weiß nicht, ob ich heute Abend frei ſeyn werde,“« ſagte Kirke. Eine Wolke flog über die Stirn des Oberrichters. „Was, Georg, Du ärgerſt Dich wohl bei dem Gedan⸗ ken an mein Glück?« fuhr der Abenteurer lachend fort; „fürchte nichts, Georg. Die Natur hat mich mit Fähigkei⸗ ten begabt, welche umfaſſend und mächtig genug ſind, um mir zu geſtatten ohne Furcht, daß das Eine das Andere beein⸗ trächtige, die Pflicht mit dem Vergnügen zu vereinigen.“ r⸗ 101 „Es iſt, Kirke, nicht deine Liebe, welche mir unangenehm iſt, wohl aber der Gegenſtand derſelben. Lucy Murray iſt es, welche Du liebſt, nicht wahr?« »Ja, Lucy, die keuſcheſte und anbetungswürdigſte Jung⸗ frau des Königreichs England; Lucy, das Muſterbild der ab⸗ ſoluten Schönheit, Lucy, welche kein Dichter würdig iſt zu beſingen. Ja, Lucy iſt es, die ich liebe! Und wenn ich mich dieſes Wortes bediene, ſo geſchieht es, weil ich keinen andern Ausdruck kenne, der meinen Gedanken wiedergäbe, denn das, was ich für dieſes Wunder ohne Gleichen empfinde, iſt ein Gefühl, welches den übrigen Menſchen unbekannt iſt, ein Ge⸗ fühl, welches nur der wilde Soldat von Tanger im Stande iſt zu empfinden. In welcher Beziehung aber, wenn ich fra⸗ gen darf, hat Lucy dein Mißfallen erweckt? Welche Beſchwer⸗ den haſt Du gegen ſie vorzubringen? was haſt Du ihr zum Vorwurf zu machen?« „Daß ſie die Tochter ihres Vaters iſt,« rief Jeffreys in grimmigem Tone,»ihres Vaters Sir Charles Murray.« »Murray iſt dein Feind?« »Mein Feind? O nein!« antwortete Jeffreys mit ſtei⸗ gender Wuth;„das hieße ihm zu viel Ehre erweiſen! Die Schlange, welche, im Schatten verſteckt, Dich in die Ferſe ſticht, wenn Du an ihr vorübergehſt, ohne ſie zu ſehen, iſt nicht dein Feind, ſondern ganz einfach ein ſchädliches, gefähr⸗ liches und feiges Thier, welchem die Natur niedrige, boshafte Triebe verliehen hat und welches dieſen Trieben gehorcht.« „»Ich verſtehe! Murray hat Dich wahrſcheinlich im Dun⸗ keln angegriffen. Irgend ein aus ſeiner Feder gefloſſenes Pamphlet wird ſich Dir in den Weg geſtellt und beinahe dei⸗ nen Sturz herbeigeführt haben.« 10² Jeffreys zögerte, ehe er wieder das Wort nahm Endlich machte er eine gewaltige Anſtrengung und ſagte in dumpfem Tone: „Iſt denn das Gerücht meiner Schmach nicht über das Meer gedrungen, daß Du nicht weißt, warum ich dieſen Er⸗ bärmlichen verabſcheue? Weißt Du nicht, Percy, daß ich, der gegenwärtige Oberrichter von King's Bench, ich, den man vielleicht bald den Lordkanzler von England nennen wird, weißt Du nicht, daß ich auf den kecken und unverſchämten Antrag eines Mitgliedes des Unterhauſes verurtheilt worden bin, vor dem Parlament niederzuknien? Niederzuknien, hörſt Du?— und es demüthig um Verzeihung zu bitten? O, dieſe Erinnerung ſetzt mein Blut in Flammen, ſie iſt der drückende Alp meiner Nächte, der fixe Gedanke meiner Tage. Jenes Mitglied, deſſen Antrag mich ſo tief erniedrigte—«⸗ „»War Sir Charles Murray!—« „»Du haſt es geſagt, Kirke; es war Charles Murray— der Vater des Mädchens, welches Du liebſt. „»Wohlan, was kommt aber weiter darauf an?« fuhr Kirke fort.»Der Vater hat Dich beleidigt— räche Dich an dem Vater. Was aber ſeine Tochter betrifft, ſo kann keine menſchliche Macht ſie meiner Leidenſchaft entreißen.“ Eine ziemlich lange Pauſe folgte auf dieſe Antwort Kir⸗ kes. Jeffreys war es, der die Unterhaltung wieder an⸗ knüpfte.. »Allerdings, beim Lichte betrachtet,« ſagte er,„wer weiß, ob nicht deine Liebe, mein wackerer Perch, meiner Rache förderlich ſeyn kann!— Thor, wahnſinniger blinder Thor, der ich war! Warum habe ich nicht eher daran gedacht? Ja, mein wackerer Kirke, liebe Lucy, liebe ſie mit jener Wuth, mit jener Extaſe, ich möchte beinahe hinzufügen, mit jener Wi ma ſol 103 Wildheit, welche ſchon mehre deiner Eroberungen berühmt ge⸗ macht haben!— Niemals, ſicherlich niemals würde ich eine ſolche Rache wiederfinden!« „Glaubſt Du?« fragte der Oberſt mit ſpöttiſcher Miene. „Wer ſagt Dir, Georg, daß Lucy meine Eigenſchaften nicht würdigen wird, daß ich ſie nicht glücklich machen werde?« „Wer mir das ſagt? Dein Charakter und ihre Tugend. O, ehe ich meine Hand nach Sir Charles ausſtrecke, um ihn in vie Ewigkeit zu ſchleudern, will ich ihn noch lange genug leben laſſen, damit er alle Qualen und alle Demüthigungen em⸗ pfinde, welche der Fall ſeines theuern Kindes⸗ ſeiner Lucy, auf die er ſo ſtolz iſt, ihm bereiten wird. Dieſe Puritaner beſitzen einen Stolz, von welchem man ſich keinen Begriff machen kann. Der Todeskampf der alten Schlange ſoll ein furchtba⸗ rer, ein unerhörter ſeyn. Setze deine Pläne durch, Kirke, er⸗ ringe den Sieg und mein eifrigſter Wunſch iſt erfüllt. Nur wiſſe Eines, nemlich wenn Du Dich damit begnügſt, zu den Füßen deiner Schönen zu ſeufzen, wenn Du die gewöhnlichen Mittel anwendeſt, wenn Du dem ausgetretenen Pfade ge⸗ wöhnlicher Anbeter folgſt, dann wirſt Du den Sieg nicht er⸗ ringen. Dieſe junge Dame iſt kein ſchwaches Kind; ihre ſchlanke, anmuthige Hülle birgt ein tapferes, ſtolzes Herz. Ha, die Töchter der Puritaner— Du kennſt ſie noch nicht. Kalt, heuchleriſch und ſtets ſich beherrſchend, finden ſie ein boshaftes Vergnügen daran, mit den Gefühlen zu ſpielen, welche ſie ein⸗ flößen. Vergiß nicht, was ich Dir prophezeie— Lucy wird Dich lächerlich machen, Lucy wird Deiner ſpotten.“ „Niemals!“« rief Kirke heftig,»„niemals!“ Der Oberrichter wollte antworten, als auf einmal an die Thür des Cabinets gepocht ward. 104 »Bei den Tugenden Roſe's, meines liebenswürdigen Henkers,“ ſagte er, indem er die Stirn runzelte,»ich glaube, meine Diener haben meine Befehle vergeſſen. Welcher Zudring⸗ liche wagt jetzt vor mir zu erſcheinen?« Jeffreys hatte noch nicht ausgeredet, als die heftig auf⸗ geſtoßene Flügelthür ſich öffnete und der Beſucher eintrat. „Chiffinch!« rief Jeffreys, indem er Kirke einen ver⸗ ſtohlenen Blick zuwarf, und beeilte ſich dem erſten Pagen Sei⸗ ner Majeſtät entgegenzueilen.»Meiner Treu, mein lieber Chiffinch, Ihr hättet zu keiner gelegeneren Zeit kommen kön⸗ nen. Ich habe Euch einen neuen Verbündeten, ein anderes Ich vorzuſtellen— Mr. Chiffinch, Oberſt Percy Kirke— Oberſt Kirke, Mr. Chiffinch, erſter Page Seiner Majeſtät des Königs Jacob II.« Die beiden Männer verneigten ſich ſchweigend gegen ein⸗ ander und maßen ſich mit verſtohlenen Blicken. »Meine Herren, ſetzen wir uns,« fuhr der Oberrichter fort.»Das Triumvirat iſt beiſammen— eröffnen wir die Sitzung.« XI. Die Verlobung. Während Jeffreys und Kirke in Geſellſchaft von Chiffinch ſich dem Zauber der Erinnerung hingaben und auf blutiger Baſis die von ihnen geträumte Zukunft aufbauten, fand ein Auftritt ganz anderer Art in einem Hauſe von ziemlich ſchö⸗ nem Aeußern ſtatt, welches in Soho Fields ſtand und deſſen Fenſter auf umfangreiche Gärten gingen, in welchen jetzt tie⸗ fes, balſamiſches Dunkel herrſchte. Dieſes Haus gehörte Sir Charles Murray und hier wohnte das vormalige Parlamentsmitglied, wenn es in Lon⸗ don anweſend war. Der Salon, in welchem Henry Lisle, Lucy und ihr Vater beiſammen ſaßen, war mit der ſtrengſten Ein⸗ fachheit decorirt. Sir Charles Murray hatte die Hauptſtadt des vereinigten Königreichs blos verlaſſen, um Cromwell ins Feld zu folgen, und nach der Reſtauration, um ſich nach Taunton in der Grafſchaft Somerſet zu begeben, deren Reprä⸗ ſentant er beinahe während der ganzen Regierung Carls II. geweſen war. Er hatte ſich daher nicht einmal theilweiſe jener ſtarren damaligen puritaniſchen Erziehung entledigt, wie es ſein unglücklicher Freund Lord Lisle in Folge des längeren Verkehrs gethan, den er mit den Menſchen und den Künſten des übrigen Europa unterhalten. Auch ſah man in dem Salon, in welchen wir den Leſer 106 jetzt einführen, keines jener Luxusgeräthe, die den Ein⸗ fluß verriethen, welchen die Sitten, die Gebräuche und der Genius Frankreichs damals auf die Geſchmacksrichtungen und die Moden des engliſchen Adels und Bürgerſtandes aus⸗ übten. In Verbindung mit glattem Leder erſetzte das alte Eichenholz, beraubt ſeiner koſtbaren Sculpruren, die ihm in den Augen der Alterthumsfreunde der Gegenwart einen ſo ho⸗ hen Werth verliehen, überall das vergoldete Holzwerk und den holländiſchen und franzöſiſchen Sammt. Dennoch war durch dieſe Einfachheit in dem Mobiliar des Salons weder der Ueberfluß noch der Comfort ausgeſchloſ⸗ ſen. Man ſah ſogar in dieſem ernſten Enſemble einige aller⸗ liebſte, friſche und naive Einzelnheiten, welche die Kälte we⸗ niger fühlbar machten und die Anweſenheit und ſorgende Thä⸗ tigkeit einer jungen Dame verriethen. 4 So ſtand zum Beiſpiele auf einem maſſiven an die Wand gerückten Tiſche dem Fenſter gegenüber eine Vaſe mit Nareiſſen und Nelken neben einer großen geſchriebenen Bibel. Dieſes koſtbare Buch war aufgeſchlagen und das auf dieſe Weiſe ſicht⸗ bare Blatt war ſtatt des Randes mit fein gemalten bunten Blumen und grünen Ranken eingefaßt. Man errieth, daß die Hand, welche die Vaſe neben das Buch geſtellt, ein Vergnü⸗ gen darin gefunden hatte, die Blumen Gottes zu denen der Kunſt zu geſellen. Es ſaßen, wie ſchon erwähnt, drei Perſonen in dieſem Salon— Henry Lisle, Sir Charles Murray und Miß Lucy. Ihr Kummer, der bei Allen faſt gleich lebhaft und tief war, gab ſich auf verſchiedene Weiſe kund. Der alte Puritaner betrauerte mit über der Bruſt ge⸗ kreuzten Armen, gerunzelter Stirn und in ernſte, wehmüthige und liar loſ⸗ ller⸗ we⸗ Thä⸗ band iſſen ieſes ſicht⸗ nten ß die gnü⸗ 1 der eſem Miß tief t ge⸗ thige 1⁰7 Betrachtungen verſunken, ſeinen alten, auf ſo grauſame Weiſe hinweggerafften Waffengefährten, aber weniger düſtere Schim⸗ mer, welche von Zeit zu Zeit über ſein Geſicht zuckten, und ſein Auge, welches plötzlich zu funkeln begann, verriethen, daß die Nachricht von Lord Lisle's Ermordung nicht das Ein⸗ zige war, was ſeine Gedanken beſchäftigte. Lucy, welche unbeweglich und ſchweigend daſaß, weinte vor ſich hin. Die einzige Bewegung, die man ſie machen ſah, beſtand darin, daß ſie ihr Tuch an die Augen drückte. Da ſie die⸗ ſelben aber unaufhörlich nach Henry Lisle wendete, ſo kamen die hartnäckigen Thränen, welche ſie verdunkelten, bald wie⸗ der zum Vorſcheine und ſie mußte ſie abermals trocknen. Was den Sohn des edeln Opfers von Lauſanne betraf, ſo überließ er ſich, das Geſicht mit beiden Händen bedeckend und indem er ſein Schluchzen vergebens zu unterdrücken ſuchte, ganz ſeiner düſtern Verzweiflung. Von Zeit zu Zeit hob ein ſchwerer Seufzer ſchmerzlich ſeine Bruſt; dann nahm er die Hände von den Augen weg und warf einen Blick gen Him⸗ mel, welcher von Gott eine Rache zu verlangen ſchien, die er noch nicht wußte, wen ſie ereilen ſollte. Dieſes Schweigen, welches ſchon ſeit der halben Stunde dauerte, wo Murray, Henry und Luch in den Salon einge⸗ treten waren und ſich geſetzt hatten, um den Beſuch des Oberſten Kirke zu erwarten, dieſes lange Schweigen ward endlich durch⸗ die Stimme eines Dieners unterbrochen, welcher, die Thür ein wenig öffnend, zu dem Hausherrn ſagte: »Es iſt ein Mann da, welcher mit Sir Charles Mur⸗ ray unter vier Augen zu ſprechen wünſcht.« „»Wer iſt es?« fragte Sir Charles. „Ich weiß es nicht. Er will ſeinen Namen nicht nennen.⸗ »Wie ſieht er aus? Wie alt iſt er ungefähr?« 108 „Es iſt ein Mann von ungefähr ſechzig Jahren. Seine Kleidung iſt beſcheiden, ſein Ausſehen niedergeſchlagen und ſanft.« „Gut, ich komme,“ ſagte Sir Charles.»Apropos,« ſetzte er zu dem Diener hinzu,„hat man, wie ich ſo eben befohlen, zu Lady Lisle geſchickt, um ihr zu melden, daß ihr Sohn und ich ſie ohne Verzug hier erwarten?« „»Ja, Mylord,“ entgegnete der Diener,„Mylady hat geantwortet, daß ſie ſogleich kommen würde.“ „»Nun denn Muth gefaßt, mein theurer Henry, Muth, beſonders in Gegenwart eurer Mutter, die wir erſt auf dieſen furchtbaren Schlag vorbereiten und dann aufrecht halten und tröſten müſſen, wenn er ſie getroffen haben wird. Ich laſſe Euch einen Augenblick mit Luch allein, um zu ſe⸗ hen, was der Mann von mir will, welcher mich zu ſprechen verlangt.“« Sir Charles verließ das Zimmer und ſchloß die Thür hinter ſich. Sobald die beiden jungen Leute, die einander gegenüber ſaßen, allein waren, ſuchten ihre Blicke ſich unwillkürlich und wurden durch Thränen verdunkelt, als ſie ſich begegneten. In demſelben Augenblicke hob Henry, wie um ein Schluchzen zu erſticken, ſeine beiden Hände raſch nach dem Geſichte empor. Bei dieſem Anblicke erhob ſich Lucy, ſetzte ſich neben den jungen Mann und faßte ſeine beiden Hände in die ihren. „Ich will,« ſagte ſie in ſanft wehmüthigem Tone,»ich will nicht verſuchen, Euch über ein ſo furchtbares Unglück zu tröſten, Mylord— ich will blos mit Euch weinen.“ „»Mylord!— Ihr nennet mich Mylord, Lucy,« unter⸗ brach ſie Henry Lisle im Tone ſanften Vorwurfs.»Was habe Seine und 08, eben äß ihr y hat Nuth, t auf frecht wird. zu ſe⸗ rechen Thür nüber h und n. n ein ) dem en den „ich ück zu unter⸗ 3 habe 109 ich Euch denn gethan, daß Ihr in einem ſolchen Augenblicke meinen Namen vergeſſet, um mich Mylord zu nennen?« „Es iſt dies jetzt euer Titel, Henry,« hob die junge Dame in liebenswürdig unterwürfigem Tone wieder an. „Ja, Lucy, es iſt der Titel, den man mir leider heute gewährt*) und der noch lange und ſo oft ich ihn werde aus⸗ ſprechen hören, mich an den ſchrecklichen Tod meines Vaters erinnern wird. Dies iſt aber nicht der Grund, weshalb er mich, von Euch ausgeſprochen, unangenehm berührt, ſondern weil er in eurem Munde einen kalten Klang hat und Ihr ihn An⸗ dern überlaſſen ſolltet.« „Verzeihet mir, Henry, ich hatte Unrecht. Und den⸗ noch,“« ſetzte Lucy hinzu, während ſie züchtig erröthete,»ver⸗ geßt nicht, daß die frommen Ehefrauen in den heiligen Bü⸗ chern, wenn ſie von ihren Männern ſprechen, ſie ihre Herren und Meiſter nennen.« »Liebe Lucy,« murmelte der junge Lord, indem er die Hände des poetiſchen Kindes an ſeine Lippen drückte,„liebe Lucy, wie danke ich Euch für die Worte, welche Ihr ſo eben geſprochen! Ach, möchte Gott uns erhören und unſere heißen Wünſche in Erfüllung gehen laſſen! Er iſt mein Zeuge, daß, abgeſehen von allen irdiſchen Rückſichten, der Tod meines un⸗ glücklichen Vaters mich mit unermeßlichem, tiefem und bren⸗ nendem Schmerze erfüllt. Aber ich kann es ohne Scheu ſagen, die traurigſten Ahnungen durchzucken unaufhörlich mein Ge⸗ müth, ſeitdem ich die erſchütternde Nachricht empfangen habe. Ich fürchte, daß dieſe Kataſtrophe den beklagenswertheſten *) Alle von Cromwell ertheilten Pairspatente wurden nach der Reſtauration annullirt, und nur aus Gefälligkeit ließ man. den Titel Mylord denen, welche ihn unter den Protector getragen hatten. 110 Einfluß auf unſere beabſichtigte Verbindung habe und ihr ein ſchwer zu beſiegendes Hinderniß bereite.⸗ „Warum denn, Henry?« fragte Lucy erbleichend und mit zitternder Stimme.„Mlche ünde haſt Du, ein ſolches Unglück zu fürchten?« 2 »Ach, weiß ich es wohl felbſt⸗ Der Wille meines Va⸗ ters, welcher trotz ſeiner Entfernung ſtets geachtet und befolgt ward, wird nicht mehr thätig ſeyn, um mir jenes Glück zu gewähren, deſſen Verwirklichung ich ſchon ſeit langer Zeit er⸗ warte. Meine Mutter— „Aber Lady Lisle iſt ja ſelbſt an den Hof gegangen, um die Einwilligung des Königs und der Königin zu erbitten, und hat ſie erlangt. Habt Ihr dies meinem Vater und mir nicht ſelbſt geſagt, Henry? und ſind wir, Sir Charles Murray und ich, nicht an demſelben Abende zum Könige gerufen worden, —& 4 5/ 21.& »„Ja, ja, gelkebte Lucy, aber meine Mutter that dieſe Schritte während Lord Lisle noch lebte, und es war der König Carl II., es war die Königin Katharina von Braganza, welche die Gnade gewährten, die ſie von ihnen erbat. Heute hat ſich Alles geändert— wenigſtens fürchte ich es. Carl II. ſah, trotz ſeines Leichtſinns, und obſchon er ſich keine Mühe gab, um die verſchiedenen politiſchen und religiöſen Parteien, die in unſerem Lande exiſtiren, einander zu nähern, wenigſtens die Familienverbindungen, welche unter ihnen ſtattfanden, nicht mit Mißfallen. Unter Jacob II. aber gehen die Dinge einen andern Gang und Maria von Modena wird es nicht ſeyn, welche den rauhen Charakter des Königs, ihres Gemals, mildert. Und nun, meine theure, angebetete Lucy, wenn meine Mutter, die ſich ganz ihrem eifrigen Katholicis⸗ mus, ihren Ideen von unbedingtem, fanatiſchem Gehorſam geg ſche bin wil mi re or ein und olches 8 Va⸗ defolgt ück zu eit er⸗ n, um n, und r nicht iy und orden, it dieſe König ganza, erbat. ich es. h keine ligiöſen nähern, ihnen gehen a wird , ihres Lucy, holicis⸗ horſam 111 gegen nicht blos die Befehle, ſondern auch die leiſeſten Wün⸗ ſche ihres Königs widmet, vielleicht bemerkt, daß unſere Ver⸗ bindung Jacob II. mißfällig iſt, ſo wird ſie niemals darein⸗ willigen.« „»Das Ungluck, welches Euch getroffen, Henry, hat al⸗ len euern Gedanken eine düſtere Färbung gegeben,“ ſagte Luchy in zärtlichem Tone. „Ach, theure Freundin, wie ſehr wünſchte ich, daß ich mich irrte!« »Und Ihr irret Euch wirklich, mein Freund. Ihr ver⸗ geſſet, wie ſehr Lady Lisle mich liebt; Ihr vergeſſet beſon⸗ ders, welche unbegrenzte Zärtlichkeit ſie Euch immer bewieſen hat,—«, »Ach Lucy, eben dieſe mütterliche Zärtlichkeit iſt es was uns Beide unglücklich machen wird. Hat wohl meine Mutter, obſchon ſie wußte, welch entſetzlichen Kummer ſie ih⸗ rem verbannten Gatten bereite, gezögert, mich noch als Kind der Religion meines Vaters entſagen zu laſſen, um mich für die ihrige zu gewinnen? Hat ſie mich, wenn ich ſie nicht vor Kummer ſterben ſehen wollte, nicht gezwungen, in die Leib⸗ garde jener Fürſten zu treten, welche meinen Vater in die Verbannung getrieben haben?⸗ »Ja, Ihr habt vielleicht Recht, Henry« ſagte das lunge Mädchen, deſſen Thränen ſeit einem Augenblicke aufge⸗ hört hatten zu fließen, und welches ſeinen von ruhiger Feſtigkeit erfüllten Blick auf den des jungen Lord Lisle heftete,»eure traurigen Ahnungen werden ſich vielleicht verwirklichen.— Wenn dies der Fall wäre, wenn wir jemals durch den Willen eurer Mutter getrennt wärden—« Lucy ſchwieg und ſchlug die Augen nieder. Stark in ih⸗ rer Unſchuld und jungfräulichen Reinheit hatte ſie dennoch zu ſehr auf ihren Muth gerechnet. Sie wagte nicht den begon⸗ nenen Redeſatz zu vollenden. Henry Lisle ließ ſie nicht lange in dieſer gleichzeitig rei⸗ zenden und ſchmerzlichen Verlegenheit. „Ich habe Euch ſo eben, Lucy, für die ſüßen Worte ge⸗ dankt, welche Ihr ausſprachet,« ſagte er, indem er ſie auf die Stirn küßte.„Jetzt danke ich Euch für die, welche Ihr ſo eben gedacht, ohne ſie auszuſprechen. Wenn wir jemals durch den Willen meiner Mutter getrennt werden, was werden wir dann thun, nicht wahr? Dies war es, was Ihr dachtet, ohne daß Ihr es auszuſprechen wagtet, nicht wahr, Luchy?“ Das junge Mädchen neigte den Kopf, lehnte ihre Stirn an den blanken ſtählernen Küraß des Gardeoffiziers und mur⸗ melte leiſe: „Ja.« „Nicht zufällig und noch weit weniger um Euch Thrä⸗ nen auszupreſſen, meine vielgeliebte Lucy, habe ich dieſen Ge⸗ genſtand zur Sprache gebracht. Nein, ich wünſchte es ſchon ſeit längerer Zeit. Nur fehlte die Gelegenheit dazu. Deshalb habe ich mich beeilt, die zu benützen, welche ſich uns heute darbot. Ich habe ſie mit um ſo größerem Eifer ergriffen, Luch, als die Unterredung, welche wir jetzt mit einander ha⸗ ben, in Folge des Todes meines Vaters nothwendiger und dringender geworden war.”5 Lord Lisle machte eine kurze Pauſe, faßte den Kopf ſei⸗ ner ſchönen Verlobten, die ihre Stirn noch immer an ſeinen Küraß lehnte, zwiſchen ſeine beiden Hände, richtete ihn auf und ſah ihr mit innigliebendem Blicke in die Augen. „Wohlan, Lucy, was werden wir dann thun? fragte er mit vor Bewegung zitternder Stimme. gon⸗ rei⸗ 2 ge⸗ auf ar ſo zurch wir ohne Stirn mur⸗ Thrä⸗ Ge⸗ ſchon shalb heute iffen, r ha⸗ und of ſei⸗ ſeinen n auf fragte 113 „Was ich thun werde, weiß ich,« antwortete Lucy mit frommer Naivetät;„ich werde den Genoſſen, den Freund meiner Kindheit ſtets lieben, ich werde ſtets den Mann lieben, den mein Vater mir einſt vorſtellte, indem er zu mir ſagte: Meine Tochter, wenn Du dein achtzehntes Lebensjahr erfüllt haſt, ſo werden Lord Lisle und ich Dir Sir Henry Lisle, in deſſen Hand ich heute die deine lege, indem ich Gott bitte, eure Verlobung zu ſegnen, zum Gatten geben.“ „Welch bewundernswürdiges Gedächtniß!« rief Henry. „Es iſt das des Herzens, Mylord,« antwortete Lucy, indem ſie gleich darauf hinzuſetzte:»Verzeihet mir, Henry, dieſes Wort drängt ſich mir allemal von ſelbſt und faſt wider meinen Willen auf die Lippen, wenn ich an die Ehe denke, welche mein Vater mich als etwas ſo Ernſtes und Heiliges be⸗ trachten gelehrt hat. Doch ich habe eure Frage beantwortet, Henry. Ich habe Euch geſagt, was ich thun werde, wenn eure Mutter ſich unſerer Verbindung widerſetzen ſollte. Ich füge hinzu, daß niemals ein anderer Mann als Ihr mich ſein Weib nennen wird und daß ich lieber den grauſamſten Tod ſterben würde, als mich jemals mit einem Manne vermälen laſſen, welcher nicht Henry Lisle hieße.“ „»O dafür ſegne Euch der Himmel, Lucy!« »Aber Ihr, Henry, was würdet Ihr denn thun, wenn eure Mutter—* Henry Lisle antwortete nicht. In Lucy's Anſchauen ver⸗ ſunken, ſchien er ſich einer ſanften, keuſchen Extaſe hinzu⸗ geben. Die Hände des jungen Mädchens, welche er feſt in den ſeinen hielt, hatten durch ihre weiche, ſeidenartige Berührung dem Blute des jungen Mannes eine belebende Flamme und Der Tiger von Tanger. II. 8 114 ſeinen Nerven ein ſympathiſches Zittern mitgetheilt; das Bild ſeiner abweſenden Mutter hatte ſich in ſeiner Erinnerung all⸗ mälig verſchleiert, während das ſeiner Verlobten mit jeder Secunde größer und ſchöner ward und endlich, von einem ſtrahlenden Nimbus umgeben, ihm wie die verklärte Geſtalt eines Engels erſchien. XII. Die Verlobung. (Fortſetzung.) Die Maiſonne überflutete, indem ſie durch die Fenſter mit der lauen und von dem Dufte der Bäume und Blumen erfüllten Luft eindrang, den Salon mit ihrem Glanze, wäh⸗ rend ein auf die Blumenvaſe und die aufgeſchlagene Bibel fal⸗ lendes Strahlenbündel den Tiſch, auf welchem ſich dieſe Ge⸗ genſtände befanden, gleichſam in einen funkelnden Altar ver⸗ wandelte, der ausdrücklich die Beſtimmung zu haben ſchien, die heiligen Schwüre einer unſterblichen Liebe zu empfangen. Lord Lisle erhob ſich plötzlich, ſchlang ſeinen linken Arm um den Gürtel des jungen Mädchens und näherte ſich mit ihr dem Tiſche von altem Eichenholze. Bei dieſem angelangt, legte er die rechte Hand auf das heilige Buch und wendete ſich dann zu ſeiner von dem feierli⸗ chen Geſichtsausdrucke des jungen Mannes ganz ergriffenen Begleiterin. »Ich ſchwöre,« ſagte er mit feſter und geſammelter Stimme, ich ſchwöre, niemals eine andere Gattin zu haben, als Euch, Lucy. Dieſer Schwur aber, welchen zu halten mir 7zu leicht werden wird, iſt jedoch nur die Hälfte der Dinge, die m nſter imen wäh⸗ lfal⸗ Ge⸗ ver⸗ hien, ngen. Arm it ihr das eierli⸗ ffenen nelter aben, n mir e, die 115 ich bei mir beſchloſſen, während Ihr ſprachet. Ich ſchwöre auch, während ich mich Euch vermäle, den Willen meines Vaters zu erfüllen, ſelbſt wenn Mylady Lisle, meine Mutter, ſich dieſer Verbindung widerſetzen, ſelbſt wenn Se. Majeſtät der König Jacob II. ſich weigern ſollte, ſeine Zuſtimmung dazu zu geben.“ Lord Lisle hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als die Thür des Salons ſich öffnete, und Sir Charles Murray mit einer bejahrten reich gekleideten Dame hereintrat. Das Geſicht der Dame zeigte ſcharf⸗ und ſtolzmarkirte Linien. Es trug ein ſo entſcheidendes Gepräge von unbeugſa⸗ mer Feſtigkeit und Willenskraft, daß es auf den erſten An⸗ blick hart erſchien. Wenn man es jedoch mit wohlwollender Aufmerkſamkeit muſterte, ſo gewahrte man bald, daß dieſe Frau während ihres ſchon langen Lebens durch die ſüßen Re⸗ gungen der Seele mehr gelitten hatte, als durch ihre ehrgetzi⸗ gen Leidenſchaften, mit Einem Worte, daß ſie noch mehr ge⸗ liebt als gewollt hatte. Es war, als ſähe man den männli⸗ chen Kopf der ſechzigjährigen Eliſabeth, aber in ſeinem Aus⸗ drucke durch ich weiß nicht welchen durchſichtigen Wieder⸗ ſchein der Mutterliebe gemildert. Es war Lady Lisle. Hinter ihr und Sir Charles Murray folgte ein Greis mit bleichem hagerem Geſichte und trauriger, leidender Miene. Lady Lisle ſchritt, ſobald ſie ihren Sohn erblickte, ſo raſch auf ihn zu, als ihr Alter es geſtattete, öffnete die Arme und ſchloß ihn an ihre Bruſt. »Henry,“ ſagte ſie in Thränen ausbrechend,„ich ahnte, daß mich heute ein großes Unglück treffen würde. Ich eilte hierher, zu Sir Charles Murray und glaubte Dich ſchwer verwundet zu finden, denn das Gerücht Anes Duells mit einem 116 hochgeſtellten Offizier der königlichen Armee war faſt gleichzeitig mit der Botſchaft zu mir gedrungen, durch welche Sir Char⸗ les mich einladen ließ, hier zu erſcheinen. Ich komme hier an— Gott ſey gelobt, Du biſt geſund und unverſehrt, aber indem ich dieſes Haus betrete, begegne ich William, Lord Lisle's altem und treuem Diener, der während ſeiner langen Verbannung nicht von ihm gewichen iſt, und ich erfahre aus ſeinem Munde den furchtbaren Tod deines Vaters.“ „William!“ rief Henry Lisle, indem er auf den Ver⸗ bannungsgefährten ſeines Vaters zueilte,»och, mein armer Freund, umarme mich und laß uns mit einander weinen, während Du uns dieſe traurige Geſchichte erzählſt.« „Nein, Mylord, rühret mich nicht an, ſagte in trau⸗ rigem Tone der Greis, indem er die Hand ausſtreckte, wie um die Annäherung des jungen Mannes abzuwehren.»Ich bin einer ſolchen Ehre unwürdig, denn ich Unglücklicher habe meinen edlen Herrn umbringen laſſen.“ „»Du haſt ihn umbringen laſſen, William? Du warſt alſo bei ihm, als dieſes fluchwürdige Verbrechen begangen ward?⸗ „Ich ſtehe hier vor Euch, Mylord, und ich lebe. Schon dies muß Euch ſagen, daß ich fern von dem Hauſe war, als euer Vater dem Streiche des Mörders erlag— denn wenn, ich bei ihm geweſen wäre, ſo wäre ich eher geſtorben als er, oder hätte ihn gerettet.“ „Wo warſt Du denn? „In Lauſanne, wohin ich mich auf ſeinen wiederholten Befehl hatte begeben müſſen, um wichtige Briefe zu holen. Doch dies iſt gleich viel— ich klage mich deswegen nicht weniger an. Ich hätte bei ihm bleiben und ihm nicht gehorchen ſollen. Er hätte mich dann den nächſtfolgenden Tag fortgejagt, aber er wäre wenigſtens heute noch am Leben.⸗ 4 ner Va nal Als noe und er zu bre Lit eitig har⸗ hier aber Lord ngen aus Ver⸗ rmer nen, trau⸗ wie »Ich habe t alſo ürd?⸗ Schon , als wenn, ls er, holten Doch er an. n. Er ber er 117 William brach, während er dieſe Worte ſagte, in Thrä⸗ nen aus. „Was ſahet Ihr denn, als Ihr in das Haus meines Vaters zurückkamet?« fragte Henry. „»O Mylord, ehe ich noch eintrat, war ich ſchon bei⸗ nahe überzeugt, daß ein furchtbares Unglück geſchehen ſey. Als ich am frühen Morgen von Lauſanne zurückkam und nur noch einige Schritte vom Hauſe entfernt war, ward ich ſo unvermuthet und heftig von einem Menſchen angefallen, daß er mich niederwarf, ehe ich noch Zeit hatte mich zur Wehre zu ſetzen. Er entriß mir die Briefe, welche ich meinem Herrn brachte, und entfloh damit.⸗ „Sahſt Du das Geſicht dieſes Menſchen?« fragte Henry Lisle raſch. „»Ja, Mylord.« „Und würdeſt Du ihn wieder erkennen?« „Ja wohl, ganz gewiß— unter Tauſenden!« „Gut— erzähle weiter.« »Anſtatt ihn zu verfolgen,« hob William wieder an, „zog ich es vor in das Haus hineinzueilen. Hier bot ſich meinen Blicken ein furchtbares Schauſpiel dar. Mylord Lisle lag todt in einen Lehnſeſſel geſtreckt. Zu ſeinen Füßen lag ein junger Mann. Dieſer war auch todt, hatte aber keine Wunde erhalten, wäh⸗ rend mein armer Herr unmittelbar über dem Herzen eine klaf⸗ fende Wunde in der Bruſt hatte. Die Schränke waren geöff⸗ net und die daraus geraubten Weine von den Mördern getrun⸗ ken worden. Was mich aber mit Erſtaunen erfüllte und was ich mir noch heute nicht erklären kann, war der Umſtand, daß die Wunde eures Vaters verbunden geweſen war. Auf ſeinen Knien lag noch ein feuchtes Tuch, welches dazu gedient, das Blut zu ſtillen. Er ſelbſt war nicht im Stande geweſen, einen 118 Schrank zu öffnen und ganz beſondes ein Tuch zu zerreißen. deſſen Gewebe ſtark und feſt war. Wer konnte es geweſen ſeyn? Ich weiß es heute noch nicht. Dies war aber noch nicht Alles. Eine Truhe von altem Eichenholz, worin Mylord alle ſeine werthvollen Papiere verwahrte, war mit dem Schlüſſel geöffnet, ohne erbrochen worden zu ſeyn. Nun aber muß My⸗ lord ſelbſt dieſen Schlüſſel Jemanden gegeben haben, denn er allein wußte wo er ihn verwahrt. Alle dieſe Papiere ſcheinen verbrannt worden zu ſeyn, wenigſtens fand ich in dem Camin Papieraſche, die, wie Ihr wißt, leicht zu erkennen iſt. Nur konnte ich einen Gegenſtand nicht wieder ausfindig machen, den mein Herr erſt ſeit einigen Tagen erhalten und auf welchen er großen Werth legte. Es war dies ein Medaillon.“ Die Erzählung des alten William ward hier durch die Stimme eines Dieners unterbrochen, welcher die Thür öffnete und meldete: „Der Oberſt Percy Kirke.“ „Wenn der Mann, der ſo eben eintreten wird, der iſt, welcher Dir auf der Straße von Lauſanne jene Briefe abge⸗ nommen,“ ſagte Henry leiſe und raſch zu William,„ſo wirſt Du ſofort das Zimmer verlaſſen, ohne zu thun, als kennteſt Du ihn. Iſt er's dagegen nicht, ſo wirſt Du hier bleiben und ſchweigend Alles anhören, was er ſagen wird.“ „Ich werde in dem einen Falle ſo gut gehorchen wie in dem andern, Mylord,“« antwortete der alte Diener ehrerbietig. Der Abenteurer begrußte die Geſellſchaft leicht und un⸗ gezwungen, verneigte ſich vor Lucy am tiefſten und näherte ſich dann dem Gardeofftzier. „Mylord,« ſagte er in ernſthöflichem Tone zu ihm, „wie geht's mit eurer Wunde?« ßen, beſen nicht alle üſſel My⸗ n er einen amin onnte den lchen h die ffnete r iſt, abge⸗ wirſt unteſt n und bie in pietig. id un⸗ äherte ihm⸗ 119 „O ſehr gut, Oberſt. Und wie geht's mit der euren?« „Das war ja ein bloßer Ritz—« »Alſo gerade wie der meinige! Habt jedoch die Güte, Euch zu ſetzen. Oberſt. Ihr hattet mir nähere Angaben über den Tod meines Vaters verſprochen— wir erwarten ſie mit Ungeduld.« Henry beobachtete, während er dieſe Worte ſagte, William mit verſtohlenen Blicken, aber es verrieth ſich keine Bewegung in dem Geſicht des alten Dieners, welcher im Zimmer blieb. Kirke ergriff ſofort das Wort und erzählte ſeinen Zuhö⸗ rern Alles, was der Leſer bereits weiß. Er verſchwieg wei⸗ ter nichts als die politiſchen Mittheilungen, welche ihm der ſterbende Lord Lisle gemacht und erwähnte eben ſo nichts von dem Medaillon, welches Lucy's Porträt enthielt. Die Erzählung des Oberſten ſtimmte ſo gut mit Allem überein, was William einige Augenblicke vorher geſagt, daß es klar ward wie der Tag, daß Kirke in der That Alles ver⸗ ſucht hatte, um Lord Lisle zu retten und zu rächen. Sobald daher der Erzähler mit ſeinem Bericht fertig war, erhob ſich Henry Lisle und reichte ſeinem Gegner von Lincolns⸗Inn⸗Fields die Hand. „Oberſt,« ſagte er zu ihm mit edlem Freimuthe,„»ver⸗ zeihet mir meine beleidigenden Zweife!— nur der Zorn hatte ſie mir eingegeben. Empfangt den Ausdruck meiner ganzen Dankbarkeit. Dieſe Hand, welche ich Euch biete, iſt die eines Freundes, welcher Euch künftig treu und ergeben ſeyn wird.“ „Ich danke Euch für die Ehre, weſche Ihr mir erzeigt, Mylord, aber ich kann ſie nicht annehmen,« antwortete Kirke in gedämpftem Tone und indem er einen Schritt zurücktrat. »O ſehet nicht eine Beleidigung in dem, was nur ein Beweis von Achtung und Offenheit iſt. Ich habe meine eigenen 120 Grundſätze— es ſind vielleicht etwas wunderliche Grundſätze, aber ſie ſtehen unabänderlich feſt. Nein, um keinen Preis möchte ich die Hand eines Mannes drücken, während ich bei mir denken müßte, daß ich ſpäter mit dem Degen in der Fauſt ihm gegenüberſtehen werde. Es iſt dies, wie ich Euch noch⸗ mals wiederhole, keine Herausforderung, die ich an Euch richte, Mylord, ſondern nur eine Ahnung, der ich gehorche, eine Vor⸗ ſicht, die ich gebrauche— weiter nichts.« Der Oberſt wendete ſich, nachdem er dieſe Worte ſo ge⸗ ſprochen, daß ſie nur von Henry Lisle verſtanden werden konnten, zu dem Herrn des Hauſes. „»Sir Charles Murray,« ſagte er,»könnt Ihr mir vielleicht einige Minuten ſchenken? Ich möchte etwas unter vier Augen mit Euch beſprechen.« XIII. Forderung und Zurückweiſung. Einen Augenblick ſpäter ſahen Kirke und Sir Charles Murray ſich in dem Salon dieſes Letzteren allein. Einige Secunden lang beobachteten ſie ſich neugierig und verſuchten wechſelſeitig ihre geheimſten Gedanken zu errathen. Es war klar, daß dieſe beiden Männer keine Sympathie für einander empfanden, aber jeder von ihnen hatte einen ern⸗ ſten Beweggrund, ſich gegen den andern zuvorkommend zu zeigen. Der Freund des unglücklichen Lord Lisle trug dem Oberſten Rechnung für den Beiſtand, den er dem edlen Schlacht⸗ opfer geleiſtet, und Kirke's Liebe zu Murray's Tochter flößte ätze, Lreis )bei fauſt noch⸗ chte, Vor⸗ ge⸗ rden mir nter 121 ihm den lebhafteſten Wunſch ein, ſich dem alten Puritaner angenehm zu machen. »Sir Charles,« ſagte der Glücksritter, indem er zuerſt das kurze Schweigen brach,»als ich Euch ſoeben die letzten Augenblicke des unglücklichen Lord Lisle ſchilderte, habe ich Euch nicht Alles erzählt. Ich mußte vor andern Perſonen an Euch gewiſſe Aufträge verſchweigen, welche euer ſterbender Freund mir an Euch ertheilt hat. Ueberdies habe ich auch aus eigener Bewegung und in eurem alleinigen Intereſſe Euch wahrhaft wichtige Mittheilungen zu machen. Ich bitte Euch jedoch, ehe ich anfange, mir euer Ehrenwort zu geben, daß die Unterredung, welche wir mit einander haben werden, nur unter uns bleiben ſoll, daß Ihr niemals irgend Jemanden auch nur ein einziges Wort davon mittheilen werdet, daß Ihr endlich, wenn Ihr den Rath, den ich Euch geben werde, für nützlich erachtet, ihn fuͤr Euch allein benutzt.— Gebt mir euer Wort, Sir Charles, und ich beginne.“ „»Ich kann es nicht geben, Oberſt.« »Aber welche Gründe könnt Ihr zu einer ſolchen Wei⸗ gerung haben?« »Aus den von Euch geſprochenen Worten, Sir, geht hervor, daß eine Gefahr mir droht und daß dieſelbe auch über andere Perſonen hereinbrechen kann Wie könnt Ihr nun verlangen, daß ich ſchwören ſoll, mich ſchon heute verbindlich zu machen, andere Unglückliche, vielleicht Freunde, dieſer Ge⸗ fahr preiszugeben?« »Sir,« ſagte Kirke mit kaum bemerkbarem ſpöttiſchen Lächeln,„ich muß Euch ſagen, Ihr gehöret einer Schule an, die zu ehrlich iſt, um recht praktiſch zu ſeyn. Die Ehrlichkeit hat ihr Gutes, Sir Charles Murray, aber man muß ſie nicht mißbrauchen. Faſſen wir zum Beiſpiel den Fall ins Auge, von 122 welchem hier die Rede iſt. Ich erbiete mich unter der Bedin⸗ gung, daß die Sache unter uns bleibt, Euch gewiſſe Geheim⸗ niſſe mitzutheilen, deren Kenntniß in einem gegebenen Augen⸗ blick Euch und eure Tochter retten kann. Aber dabei wird Euch verboten, irgend Jemand Anderen zu warnen und mit Euch zu retten. Deshalb weigert Ihr Euch das Schweigen zu bewahren, welches ich von Euch verlange. Sagt mir, Sir, wenn ich nun in Folge eurer Weigerung ſchweige, wird dann dieſe Gefahr die Perſonen, an deren Rettung Euch ſo viel zu liegen ſcheint, weniger treffen? Gewiß nicht! Sie werden um⸗ kommen und Ihr habt dann freiwillig, ich möchte faſt ſagen muthwillig, Euch und eure anbetungswürdige Tochter mit in dieſen Sturz verwickelt, weil Ihr mir den ſo einfachen Schwur verweigert habt, den ich von Euch verlange.« Es lag in dem, was der Oberſt ſagte, eine ſo klare Logik und die von ihm angeführten Gründe waren ſo richtig und bündig, daß der ſtarre Puritaner davon lebhaft betroffen ward. »Ihr habt Recht. Oberſt,« hob er an.»Alles, was Ihr ſo eben geſagt, iſt vollkommen richtig. Es bleibt mir nun nichts übrig, als an eure Großmuth zu appelliren und ich verlange daher als eine Gefälligkeit, mich von der Nothwen⸗ digkeit, mein Wort zu geben, zu entbinden.« »Das kann ich nicht Sir. Schon wenn ich unter der von Euch angenommenen ausdrücklichen Bedingung eines abſo⸗ luten Geheimniſſes mit Euch ſpreche, begehe ich eine ſchwere Indiscretion. Dennoch aber bin ich, in Folge des Intereſſe, welches ich an Euch und Miß Luch nehme, nicht weniger be⸗ reit, Euch Mittheilungen zu machen. Nichts aber wird mich bewegen zu ſprechen, wenn ich nicht vorher euer Wort habe.« ——— —— din⸗ eim⸗ gen⸗ wird mit igen Sir, ann el zu um⸗ faſt hter chen lare htig ffen Ihr nun ich pen⸗ der bſo⸗ vere eſſe, be⸗ nich Bort 123 Es trat abermaliges Schweigen eiu. Kirke beobachtete mit zufriedenem Blicke auf Murray's Antlitz das allmälige Verſchwinden der Spuren des Zögerns. Was Sir Charles betraf, ſo war er, wenn er bedachte, daß der Oberſt ſeinen Freund Jeffreys auf öffentlicher Straße umarmte und von ihm ein Gleiches erfuhr, daß dieſe für einen Mann von dem Charakter des Oberrichters ſo außerordent⸗ liche Vertraulichkeit unzweifelhaft verrieth, daß Kirke ſich der ganzen Freundſchaft, des ganzen Vertrauens des Viceſiegelbe⸗ wahrers, des Mannes erfreute, welcher ſeit einiger Zeit das Ohr Jacobs II. für ſich einzunehmen gewußt, unwillkürlich von der wirklichen Wichtigkeit der Dinge überzeugt, welche Kirke ſich erbot ihm mitzutheilen. Wenn Sir Charles Murray anderſeits an die dem alten. William geraubten Papiere dachte, ſo vermuthete er, daß von dem bevorſtehenden Unternehmen Monmouth's die Rede ſeyn ſollte. Wahrſcheinlich wollte man ihm ſagen, daß es gefährdet ſey, was er übrigens ſchon argwohnte, und ihm rathen, es aufzugeben und ſich fern zu halten, was er aber nicht thun wollte, ſo lange er noch die mindeſte Hoffnung hatte, Ja⸗ cob II. vom Throne zu ſtoßen. Sir Charles Murray hatte daher das dringendſte Inter⸗ eſſe daran, auf genaue und ſichere Weiſe zu erfahren, bis zu welchem Punkte das Project einer Landung in England ver⸗ kauft und verrathen worden war, welche Gefahren denen drohten, die es ausführen würden, und welche Ausſichten auf Gelingen ihnen noch übrig blieben. „Ihr könnt ſprechen, Sir,« ſagte er in entſchloſſenem Tone zu dem Oberſten.»Ich gebe Euch das Wort, welches Ihr von mir verlangt.« »Ihr erfreut mich hoch, indem Ihr mir erlaubt, Euch⸗ zu retten, Sir Charles!« rief Kirke mit Wärme,»Euch zu retten— Euch und eure Tochter!— Ja, eure Tochter— erſtaunt darüber nicht. Miß Lucy ſchwebt in größerer Gefahr, als Ihr glaubt. Schon hätte der Kammerdiener Carls II., welcher ſich in dieſem Augenblick der ganzen Gunſt ſeines neuen Herrn erfreut, ſchon hätte der nichtswürdige Chiffinch ſie beinahe ins Verderben geſtürzt. Ihr zweifelt— ich ſehe es Euch an den Augen an— an dem, was ich Euch ſage. Habt Ihr euren heimlichen Empfang in Whitehall denn vergeſſen?« „Unſern heimlichen Empfang, Sir!« unterbrach ihn Murray von innerer Bewegung zitternd;„niemals, wiſſet, würde ich mich dazu verſtanden haben, meine Tochter nach Whitehall zu fuͤhren, wenn die Königin mich nicht ausdrücklich hätte rufen laſſen.« „Das Wort, welches ich ſo eben ausgeſprochen, darf Euch nicht verletzen, Sir Charles. Uebrigens thut auch das Wort nichts zur Sache. Nennet dieſen Empfang wie Ihr wollet, ich lege weiter kein Gewicht darauf. Das, worauf ich eure Aufmerkſamkeit lenken will, ſind vielmehr ſeltſame Um⸗ ſtände, von welchen euer Empfang begleitet geweſen iſt. Habt Ihr niemals darüber nachgedacht? Habt Ihr wirklich auch nur einen einzigen Augenblick lang geglaubt, daß die Königin Katharina von Braganza von eurem Beſuch in Kenntniß ge⸗ ſetzt geweſen ſey und Euch erwartet habe? Wenn Ihr an die Wahrheit dieſer Fabel geglaubt habt, die man blos erfunden, um Euch und euer unſchuldiges Kind in eine verruchte Schlinge, in eine Höhle zu locken, in welcher der jungfräulichen Reinheit eurer Tochter der Untergang bereitet worden wäre, wenn Ihr, ſage ich, an dieſe Fabel geglaubt habt, ſo ſeyd Ihr allzu gutmüthig geweſen, Sir Charles, ſo habt Ihr, ich ſcheue mich nicht es zu wiederholen, die Ehrlichkeit gemißbraucht!— Jenes 125 Diamantenhalsband, welches der König Miß Lucy um⸗ hing—« „Es iſt ſchon den nächſtfolgenden Tag verkauft und das daraus gelöſte Geld unter die Armen vertheilt worden,⸗ rief Sir Charles Murray, der ſeine Entrüſtung nicht länger be⸗ meiſtern konnte. „»Dieſes Halsband,« hob Kirke mit zitternder Stimme wieder an,»dieſes Halsband war eines jener gemeinen von Carl II. ſo oft angewendeten Mittel, um über leichtfertige Schönheiten zu triumphiren. Frömmigkeit und Glaube haben mich niemals verblendet, Sir Charles, und ich bin nicht ſehr geneigt, an das Walten der Vorſehung zu glauben, aber es gefällt mir, daß Gott dieſen Stuart noch an demſelben Tage heimgeſucht hatte, wo er mit dem Gedanken umging, ſeine ſchändende Hand an Lucy zu legen! O laßt ſie mich bei ih⸗ rem Namen nennen und ziehet nicht die mindeſte der Angaben in Zweifel, welche ich Euch hier mache. Ich habe ſie alle aus dem eigenen Munde des nichtswürdigen Chiffinch. Es ſind noch nicht zwei Stunden her, daß er ſie mir im Cabinete des Lord Jeffreys unter cyniſchem, lautem Gelächter erzählte. Kicke's Entrüſtung, indem er dieſe Worte ſprach, war keine erheuchelte. Der Zorn, der in ihm kochte, machte ſein Auge funkeln und ſeine Stimme zittern. Murray fühlte beim Anblicke dieſer glühenden Sympa⸗ thie für das Theuerſte, was er auf der Welt beſaß, für die Ehre ſeiner Tochter, den größten Theil ſeiner mißtrauiſchen Zweifel an dem Freunde des Oberrichters der King's Bench verſchwinden. Er näherte ſich ihm und bot ihm die Hand. »Ich bin Euch,« ſagte er,„dankbar für die Geſinnun⸗ gen, welche Ihr mir ſo eben über einen Gegenſtand kund ge⸗ geben, welcher mich empfindlicher berührt, als jeder andere, 126 Oberſt. Ihr habt aber bis jetzt blos von der Vergangenheit ge⸗ ſprochen— ſprechen wir nun von der Zukunft, wenn es Euch beliebt. Welche Gefahren können künftig meiner Tochter drohen?« „Ich werde ſie Euch ſogleich nennen, Sir Charles,* antwortete Kirke.„Damit Ihr ſie aber ſelbſt ſehen, fühlen und mit dem Finger berühren und ihnen ganz beſonders vor⸗ beugen könnt, ſo erlaubet, daß ich auf Gegenſtände über⸗ gehe, welche anſcheinend Miß Lucy fremd ſind, aber dennoch im genauen Zuſammenhange mit dem Glücke oder Unglücke ſtehen, welches ſie eines Tages treffen kann.“ Der Oberſt ſchwieg einen Augenblick und ſchien ſeine Er⸗ innerungen zu ſammeln. Es dauerte nicht lange, ſo ergriff er wieder das Wort. „Sir Charles,“ ſagte er,„während ich vor Lord Lisle kniend ihm das Tuch auf die Bruſt hielt, mittelſt deſſen ich ſein Blut zu ſtillen ſuchte, ſprach euer unglücklicher Freund mit mir. Er ſagte mir es ſind dies dieſelben Worte, deren er ſich bediente:— ich verlange von Euch keinen Schwur, das Geheimniß zu bewahren, welches ich Euch anvertrauen will. Doch ich drücke mich falſch aus, wenn ich ſage Geheimniß. Wenn Ihr auch dem Jugendfreunde, von welchem ich vorhin ſprach, Alles wiedereczähltet, ſo würdet Ihr ihm doch da⸗ mit nichts Neues berichten. Von den beiden Böſewichtern, welche Jeffreys abgeſendet mich zu ermorden, befindet ſich der, welcher Euch entronnen iſt, im Beſitze gewiſſer Einzeln⸗ heiten in Bezug auf den Plan zu einer Landung in England. Er kennt Einige von Denen, welche dieſe Landung unterneh⸗ men wollen, Ihr könnt daher dieſem Unternehmen, welches immer möglich bleibt, ſelbſt wenn Ihr dagegen wäret, keinen neuen Schaden zufügen; wohl aber könnt Ihr Euch durch —— eine wa Lor ten. Plẽ dem noc dieſ der Fre chen gen Fla Din raſe 127 eine That ritterlicher Großmuth ehren. Eilet nach Holland, warnet den Herzog von Monmouth, den Grafen von Argyle, Lord Grey, den wackern Humbold und alle übrigen Verbann⸗ ten. Sagt ihnen, daß Jeffreys und Jacob einen Theil ihrer Pläne kennen, damit ſie dieſelben abändern. In Zeiten von dem Verrath unterrichtet, können ſie ihr Unternehmen immer noch zu einem glücklichen Ende führen. Ha, wie ſicher wäre dieſes glückliche Ende, wenn Wilhelm von Oranien ſich mit der Sache befaſſen wollte— Dieſe Worte, eures ſterbenden Freundes habe ich aber keinem der Männer mitgetheilt, wel⸗ ſchen er ſie übermittelt wiſſen wollte. Sie mögen ſich im Ge⸗ gentheile beeilen, ihre Projecte auszuführen, und bei dem Flammenſchwerte des heiligen Georg, wir werden ſchöne Dinge zu ſehen bekommen!« Indem Kirke dieſe letzten Worte ſprach, erhob er ſich raſch und machte eine ſtolz herausfordernde Geberde. Murray's Stirn runzelte ſich leicht und ſeine Augen⸗ brauen rückten näher an einander. Der Oberſt bemerkte die Wirkung welche er auf Sir Charles geäußert, und hob wie⸗ der an: »Ihr werder mir erlauben, Sir Charles, dieſe kindi⸗ ſchen Narren und Wahnſinnigen zu verachten, welche vor der rechten Zeit ein Unternehmen verſuchen wollten welches heute unmöglich iſt!— So ſehr ich auch wünſche ſie auf einem Schlachtfelde vor mir zu haben, eben ſo ſehr werde ich mich bemühen, Euch davon zu entfernen. Deshalb habe ich Euch. und nur Euch und für Euch allein, die letzten Mahnungen des ſterbenden Lord Lisle mittheilen wollen. Durch euer Wort gebunden, könnt Ihr nun nichts verſuchen, um dieſen Hau⸗ fen von ungeduldigen Verbannten, welche den von dem Schick⸗ ſale beſtimmten Augenblick nicht abwarten können, einem 128 ſichern Untergange zu entreißen. Laßt ſie umtommen und hans Euch für die große, für die gute Gelegenheit auf. War⸗ „bis Wilhelm von Oranien ſich mit der Sache befaßt, wie euer unglücklicher Freund ſagte. Dann iſt es wahrſchein⸗ lich, daß wir in derſelben Reihe kämpfen werden, und ſehd überzeugt, es wird von unſerer Seite keiner großen Anſtren⸗ gungen bedürfen. Jacob von York wird vom Throne lallen⸗* wie eine reife Frucht vom Baume fällt.« Kirke ſchwieg einige Augenblicke, dann ſtellte Fr vor Murray und ſah ihn unverwandt an. „»Wohlan, Sir Charles,« ſagte er,„ſind dieſe Rath.- ſchläge gut und werdet Ihr ihnen folgen?« „Nein, Oberſt, es iſt zu ſpät,« antwortete der Puri⸗ taner ruhig. „Iſt es denn jemals zu ſpät, um eine Thorheit nicht anzufangen?« „Ich werde mich mit demſelben Vertrauen gegen Euch ausſprechen, Oberſt, mit welchem Ihr Euch gegen mich aus⸗ geſprochen habt. Es iſt zu ſpät, ſage ich nochmals, und ich will lieber auf einem Schlachtfelde ſterben, als auf dem Blut⸗ gerüſte.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?« „Ich will damit ſagen, daß in dem Augenblicke, wo wir ſprechen, euer Freund Lord Jeffreys wahrſcheinlich von mir geſchriebene und unterzeichnete Briefe in den Händen hat, von welchen ſchon der am wenigſten compromittirende hinrei⸗ chen wird, um mein Todesurtheil bei dieſem milden Nichter zur Folge zu haben.“ 1 „Ich kann Euch verſichern, daß Lord Jeffreys noch vor zwei Stunden kein derartiges von Euch herrührendes Papier in ſirt dor rri⸗ dier 129 in den Händen hatte. An wen waren denn dieſe Briefe adreſ⸗ ſirt?« »An Lord Lisle.« »Ihr wißt ja, daß ich auf ſeinen Wunſch alle derglei⸗ ſchen Papiere, die ſich bei ihm vorfanden, verbrannt habe.« »Es waren Briefe, die er noch nicht erhalten hatte und welche ſein Mörder ſeinem alten Diener auf der Straße nach Lauſanne abgenommen hat.« »Dadurch wird die Frage ja auf ganz merkwürdige Weiſe vereinfacht, Sir Charles!— Wenn es wahr iſt, daß Euch ein ſolcher Sphlag droht, und dies wird bald geſche⸗ hen, wenn es nicht ſchon jetzt der Fall iſt, ſo habt Ihr nur Ein Mittel zu eurer Rettung.« »Ja, ja, ich weiß es— den Kampf!« »Nein, denn Ihr würdet ganz gewiß unterliegen und eure Tochter wäre dann Jeffreys preisgegeben, der ſchon ſein Augenmerk auf ſie gerichtet hat.« »Selbſt wenn ich heute oder morgen feſtgenommen würde, ſo vermäle ich ſie von meinem Kerker aus mit Lord Henry Lisle. Ich hätte gewünſcht, daß dieſe Verbindung nur unter gewiſſen Bedingungen ſtattfände, aber man muß ſich in die Geſetze der Nothwendigkeit zu fügen wiſſen. Ich werde auf dieſe Weiſe Lucy einen Beſchützer zurücklaſſen, der ſie Jef⸗ freys; Wuth zu entziehen wiſſen wird.« »Das bezweifle ich. Indeſſen, es handelt ſich nicht darum, zu wiſſen, ob dieſer ſchöne Knabe mit ſeiner ganzen Fechtkunſt mächtig genug ſeyn wird ſie zu ſchützen. Es beſteht ein noch viel radicaleres Hinderniß, welches nicht geſtatten wird, daß er ihr Beſchützer werde. Lady Lisle wird zu der Vermälung ihres Sohnes nicht ihre Zuſtimmung geben.⸗ Der Tiger von Tanger. II. 130 „In Betracht eures erſt ſo kurzen Aufenthaltes in London, Oberſt, ſcheint Ihr mit der geheimen Geſchichte der Fami⸗ lien ziemlich vertraut zu ſeyn.“ „Allerdings habe ich in einigen Stunden mehr davon erfahren, als Andere in Jahren.“ „»Das ſcheint ſo.— Und welchen Grund hätte Lady Lisle zu ihrer Weigerung, trotz der zwiſchen ihr und mir ge⸗ wechſelten Worte?« „Se. Majeſtät der König Jacob II. will von dieſer Hei⸗ rath nichts hören.“ „Wer hat Euch dies geſagt?«„ »Chiffinch.“ Der Ausdruck von Schmerz, welcher ich plötzlich auf dem Antlitze dieſes Vaters ſpiegelte, deſſen letzte Hoffnung ſich auf dieſe Weiſe verdunkelte, hätte einen andern Mann als Kirke ſicherlich tief betrübt. Aufgeregt aber durch ſeine Leiden⸗ ſchaft für Lucy, verfolgte er den Sieg, den er ſchon in Hän⸗ den zu haben glaubte. „»Warum dieſe niedergeſchlagene, beinahe verzweifelte Miene?« fragte er Sir Charles.»Habe ich Euch nicht geſagt, daß ich ein Mittel hätte, Euch und eure Tochter zu rächen?« „Gott iſt mein Zeuge, Oberſt,« ſagte der alte Purita⸗ ner mit ſchmerzlicher Ruhe,»Gott iſt mein Zeuge, daß, wenn blos mein Leben auf dem Spiele ſtünde, ich nicht die mindeſte Anſtrengung machen würde, um es zu ſchützen. Aber die Ehre meiner Tochter iſt in Gefahr.— Worin beſteht das Rettungs⸗ mittel, von welchem Ihr ſprecht, Oberſt?«— „Laſſet mich, ehe ich antworte, Euch ſelbſt eine Frage vorlegen, Sir Charles. Ihr kennet wohl den Haß, welchen Lord Jeffreys gegen den Repräſentanten von Taunton hegt. auf deſſen Antrag er, Georg Jeffreys, damals Recorder von — wa bon ſich als den⸗ dän⸗ felte agt, n?« rita⸗ denn deſte Ehre ngs⸗ rage chen begt, 131 London, genöthigt ward, vor dem verſammelten Unterhauſe niederzuknien und einen ernſten Verweis zu empfangen?⸗ »Sein grimmiger Haß iſt mir eben ſo bekannt als der Schwur, den er gethan, an mir die eclatanteſte Rache zu nehmen.« »Und Ihr wiſſet wohl auch, daß er in dieſem Augen⸗ blicke allmächtig iſt?« »Ich weiß, daß er, kühn gemacht durch die unerklärliche Gunſt ſeines neuen Herrn, ganz nach ſeiner Willkür jedes Verbrechen verüben, es mit dem angeblichen Intereſſe des Staates und der Gerechtigkeit bedecken kann, und anſtatt Strafe dafür, nur neue Gunſt und neue Belohnungen erhält.« »Sir Charles, ich bewundere nun meinerſeits, wie genau Ihr in Alles eingeweiht ſeyd, was in der nächſten Um⸗ gebung des Königs und ſeines Oberrichters vorgeht.⸗ »Ich weiß,« fuhr Sir Charles Murray fort,„daß ge⸗ genwärtig kein Menſch im ganzen vereinten Königreiche ſtark genug wäre, um Jeffreys ſeinen Kopf ſtreitig zu machen, oder um ihm ein Opfer zu entreißen.« »Hier höret Ihr auf, die Wahrheit zu ſprechen. Es gibt einen Mann, allerdings einen einzigen, welcher Jeffreys ins Geſicht ſchauen, die Hand auf eine von ihm bereits be⸗ leckte Beute legen, ſie ihm entreißen und zu ſeiner brüllenden Wuth ſagen kann: Zurück und verhalte Dich ruhig!« „Da ſagt Ihr mir gerade nichts beſonders Neues. Die⸗ ſer Mann iſt der Herr des Tigers Jeffreys; es iſt Jacob Stuart.« »Nein, ich bin es!« »Ihr, Oberſt?« „Das ſetzt Euch in Erſtaunen, wie ich ſehe. O, die Ge⸗ walt iſt es nicht, womit ich den Menſchen zähme, den Ihr 2 132 einen Tiger nennt, ſondern die Ueberredung. Er liebt mich, ich liebe ihn auch und ich bin, das weiß er, der einzige Menſch der ihn liebt. Das iſt es, was mir dieſen Einfluß über ihn verſchafft.« „»Aber alles dies ſagt mir noch nicht, worin jenes Ret⸗ tungsmittel beſteht, welches meiner Tochter und mir übrig bleibt.⸗ »Miß Lucy werde meine Gattin und ich decke Euch Beide mit einem unverwundbaren Schilde.« Auf der Stirn des Puritaners zeigte ſich plötzlich der Ausdruck ſtolzen Erſtaunens. Mit geſenktem Blick, das Ge⸗ ſicht von Kirke abwendend und mit einer Geberde, welche Weigerung ausdrückte, murmelte er: „Niemals!« „Dieſe Weigerung erwartete ich, Sir Charles, und ſie ſetzt mich weder in Erſtaunen, noch verletzt ſie mich. Ich will nicht nach den Beweggründen fragen. Ich verlange von Euch nur Eines und Ihr könnt meine Bitte nicht abſchlagen, nem⸗ lich die Bitte, daß Ihr eure heutige Weigerung als nicht defi⸗. nitiv betrachtet, ſondern mir geſtattet wiederzukommen, wenn ich es für angemeſſen erachten werde, eine neue Antwort zu holen.— Bis zu meiner Rückkehr habt Ihr nichts von Jef⸗ freys zu fürchten, auch wenn er eure Briefe an Lord Lisle ſchon in den Händen hätte.“ Murray ſtand unbeweglich und ſchweigend da. Der Oberſt grüßte ihn und entfernte ſich. brig deide der Ge⸗ elche d ſie will Euch lem⸗ defi⸗ bvenn ct zu Jef⸗ Lisle 1 4 XIV. Der geheime Agent. Drei Wochen nach dem Tage, an welchem Kirke und Jeffreys einander gefunden erſchien gegen Einbruch der Nacht ein Mann in dem Hotel des Oberrichters und verlangte ſofort bei ihm vorgelaſſen zu werden. Der Mann zeigte ſich kurz angebunden und dreiſt. Der Diener, an welchen er ſich gewendet, und auf welchen dieſes Benehmen ſeinen Eindruck nicht verfehlte, verneigte ſich vor ihm und ſagte: »„Ich weiß nicht, ob Mylord ſichtbar iſt. Aber nichts⸗ deſtoweniger erlaube ich mir die Frage, wen ich anmel⸗ den ſoll.« »Meldet das Schickſal,« antwortete der Unbekannte kalt. Der Diener machte große Augen und ſah den Unbe⸗ kannten aufmerkſam an. Er glaubte einen Wahnſinnigen vor ſich zu haben. »Nun,“« fuhr der Fremde in kurzem, ſtolzem Tone fort, s»habt Ihr mich nicht verſtanden? Ich glaube, Lord Jeffreys iſt nicht gewohnt, ſeine Geheimniſſe ſeinem Dienſtperſonale anzuvertrauen; ich habe geſagt, meldet das Schickſal— euer Herr wird's verſtehen.« Der Diener entfernte ſich murrend. Er war von Seiten derer, welche ſich in die Höhle des Oberrichters wagten, eine ſolche Sprache nicht gewöhnt. 134 Kaum war eine Minute verfloſſen, ſo kam er auch ſchon wieder zurück und ſagte zu dem Unbekannten, indem er ſich tief vor ihm verneigte: »Habt die Güte, mir zu folgen, Sir. Mylord erwar⸗ tet Euch.« Als die Thür des Cabinets ſich hinter dem Beſucher ge⸗ ſchloſſen hatte, drehte ſich der Oberrichter, der vor einem großen mit Papieren bedeckten Tiſche ſaß, nach ihm herum und ſagte in faſt liebkoſendem Tone: »Da biſt Du alſo wieder, Fitzgerald! Setze Dich; wir haben allerhand mit einander zu ſprechen.« Der Oberrichter beendete einen angefangenen Brief und ſtellte dann ſeinen Seſſel dem Stuhle des Irländers gegen⸗ über. »Ich habe heute Früh das Billet erhalten, durch wel⸗ ches Du mir deine Ankunft meldeteſt,« ſagte er.»Du mußt mir ſehr wichtige Nachrichten mitzutheilen haben, daß Du ohne meine Erlaubniß nach London zurückzukommen wagſt.« „»Ja, Mylord, ſehr wichtige Nachrichten.« »„In der That, Fitzgerald, ich kann Dir nicht verheh⸗ len, daß ich mit deinem Debüt ſehr zufrieden bin. Du haſt meine Erwartung übertroffen. Vor allen Dingen aber erzähle mir den Todeskampf deines letzten Opfers, des Lord Lisle. Hat er ſehr gelitten, der nichtswürdige Königsmörder? Haſt Du ihn wiſſen laſſen, woher der Streich kam, der ihn traf? Haſt Du Dich meines Namens als Marterwerkzeug bedient?« „»Mylord,“ entgegnete Fitzgerald in dumpfem und unſi⸗ cherem Tone,„ich war es nicht, der den Stoß gegen Lord Lisle führte.« »Wie, Du warſt es nicht?« wiederholte der Oberrich⸗ ter, indem er das größte Erſtaunen heuchelte;»Du biſt alſo 1 13⁵5 deinem Verſprechen untreu geworden? Welche Hand muß ich denn belohnen?« „Ich bin meinem Verſprechen nicht untreu geworden, Mylord, eben ſo wenig als Ihr, wie ich hoffe, dem euren untreu ſeyn werdet, wenn die Stunde kommen wird es zu halten. Ich hatte Euch Lord Lisle's Tod verſprochen, und Lord Lisle iſt nicht mehr— was könnt Ihr mehr wünſchen? Was die Hand betrifft, die Ihr, um mich eures Ausdruckes zu bedienen, zu belohnen habt, ſo ruhet ſie jetzt erſtarrt im Grabe.« „Hal und welcher Mann hatte denn die blutige Arbeit übernommen?“ „Es war kein Mann, es war ein Kind, ein Knabe— mein armer Bruder!« Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf dieſe Antwort des Irländers, welcher, den Kopf auf die Bruſt herabgeneigt, mit ſchlaff herunterhängenden Armen und düſterem Blick von tiefer Entmuthigung befallen zu werden ſchien. Ueberhaupt war die Veränderung, die in der Perſon des Mörders vorge⸗ gangen, ſeitdem ſein Bruder von Kirke's furchtbarer Fauſt erwürgt worden, eine wahrhaft außerordentliche. Jeder An⸗ dere als Jeffreys— der untrügliche Phyſiognomiker— würde gezögert haben, ehe er ihn bei ſeinem Namen gerufen hätte, denn er war nicht mehr zu erkennen. In weniger als fünf Wochen war der Elende um zehn Jahre älter geworden. Nicht ohne unwillkürliche Befriedigung überzeugte ſich der Oberrichter von den Verheerungen, welche der Schmerz in dieſem Menſchen angerichtet, der ihm früher ſo keck getrotzt, ihn ſo brutal beleidigt hatte. „Fitzgerald,« ſagte er in demſelben freundſchaftlichen beinahe ſüßlichen Tone, womit er die Converſation begon⸗ nen,»ich bin von der Freimüthigkeit deiner Antworten über⸗ ſic zeugt. Dieſe Freimüthigkeit und Offenheit verſichert mich dei⸗ ge ner künftigen guten Geſinnungen und geſtattet mir, an deine 4 Rechtſchaffenheit zu glauben. Ich wußte ſchon, daß Lord Lisle 3 Ol unter dem Dolche deines Bruders gefallen iſt— ich war von James tragiſchem Ende unterrichtet.“« nie »Was ſagt Ihr, Mylord?« rief der Irländer, auf den ve 6 die Worte des Oberrichters die urplötzliche Gewalt eines elek⸗ che triſchen Schlages äußerten.„»Ihr waret von James tragi⸗ an ſchem Ende unterrichtet? Dieſes furchtbare, entſetzliche Drama es war ja aber nur einem einzigen Menſchen auf der Welt be⸗ der kannt, dem, der es herbeigeführt!« To »Eben dieſer Menſch iſt es, von welchem ich dieſe Auf⸗ klc ſchlüſſe erhalten habe.⸗ lun Fitzgerald ſprang von ſeinem Stuhle auf und eilte auf li den Oberrichter zu, welcher ſeinen Seſſel unwillkürlich ein he wenig zurückſchob. We »Mylord, Mylord!« rief Fitzgerald mit ſtierem Blick de und keuchender Bruſt,»wo finde ich den Capitän Barca? iſt Redet doch— redet doch! Begreift Ihr nicht, daß Ihr, wenn die Ihr meine Frage unbeantwortet laßt, Euch ſelbſt der Gefahr da ausſetzt, von den Streichen eines Wahnſinnigen zu fallen? Mylord, beeilt Euch mir zu antworten! Wo finde ich den ihn Capitän Barca?« »In London!« rief Jeffreys mit einer Haſt, welche ſeine gen Furcht verrieth,„in London, Freund Fitzgerald!⸗ ter Der Oberrichter öffnete, nachdem er dieſe Antwort ge⸗ füh geben, langſam und wie ſpielend und aus Zerſtreutheit das ihn Schubfach ſeines Tiſches und ſteckte den Arm hinein. Sofort töt zuckte ein flüchtiges Lächeln der Befriedigung über ſein Ge⸗ sle 4 5 8 137 ſicht. Seine Hand hatte den Griff eines doppelläufigen Piſtols „gefaßt, welches er ſtets in ſeinem Arbeitscabinet bereit hielt. Nun gegen die Wuth ſeines Gaſtes geſchützt, beeilte der Oberrichter ſich das Geſpräch wieder anzuknüpfen. »Fitzgerald,« ſagte er kalt,»ein⸗ für alle Mal vergiß nicht, daß ich bei Andern alles Aufbrauſen und allen Zorn verabſcheue. Wenn ich Dir die Ehre erzeige, mit Dir zu ſpre⸗ chen, ſo will ich, daß Du mich mit ehrerbietigem Schweigen anhörſt. Wenn ich mich herablaſſe, Dich zu fragen, ſo wird es deine Pflicht ſeyn, mir zu antworten. Außerdem müſſen deine Lippen geſchloſſen bleiben. Sprechen wir jetzt von dem Tode deines Bruders. Es iſt dies ohne Zweifel ein ſehr be⸗ klagenswerther Fall, denn dieſer in deiner Schule erzogene junge Menſch wäre ohne Zweifel ein intereſſanter und nütz⸗ licher Mann geworden; indeſſen die Sache iſt einmal geſche⸗ hen und läßt ſich nicht ändern, weshalb es auch vergeblich wäre, wieder darauf zurückzukommen. Der, welchen Du ſei⸗ nen Mörder nennſt und den ich dagegen ſeinen Sieger nenne, der Capitän Barca, iſt einer meiner intimſten Freunde. Es iſt möglich, ja ſogar wahrſcheinlich, daß Du ihm an einem dieſer Tage begegneſt, wenn Du mein Hotel verläſſeſt oder dasſelbe betrittſt.⸗ »Euch mag die Hölle verſtehen, Mylord!« unterbrach ihn der Irländer mit vor Wuth erſtickter Stimme. »Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich die Unterbrechun⸗ gen nicht liebe,« fuhr Jeffreys ruhig fort.„Ich ſpreche wei⸗ ter: Wenn der Zufall Dich jemals mit dem Capitän zuſammen⸗ führt, ſo verlange ich blos, daß Du keine Gewaltthätigkeit an ihm verübſt— was Dir, im Vorbeigehen geſagt, übrigens einen tödtlichen Stoß eintragen würde— ſondern auch, daß Du ihm mit der Rückſicht begegneſt, welche Du ſeinem Range ſchuldig 138 biſt. Bei dem Spielzeuge meines Freundes Roſe, der Mann, den Du Barca nennſt, verdient durchaus nicht deinen Groll. Es hat ganz einfach eine Verwechslung, ein Mißverſtändniß ſtattgefunden. Und übrigens war es deine Sache, deine Vor⸗ ſichtsmaßregeln beſſer zu treffen. Indeſſen, da ich— wie ich Dir nochmals ſage— mit deinen Leiſtungen zufrieden bin, ſo wird man, wenn dieſes Ereigniß Dir ſo ſehr am Herzen liegt, Dir den Tod deines Bruders bezahlen. Wie hoch ſchlägſt Du die Dienſte an, welche dieſer junge Taugenichts, dieſes Teufelskind, dieſer frühreife Galgenſtrick, Dir hätte leiſten können?« Bei dieſer furchtbaren Frage des Oberrichters zuckte ein Ausdruck wüthenden Wahnſinns über das Geſicht des Irlän⸗ ders. Es war ein Blitz— der Donner blieb ſtumm. Im näch⸗ ſten Augenblicke nahm Fitzgerald in Folge der Herrſchaft, die er über ſich beſaß, eine demüthige, unterwürfige Haltung an und ſagte in ehrerbietigem Tone: »Mylord, verzeihet meinen Schmerz. Ich liebte James nicht blos wie einen Bruder, ſondern auch wie einen Sohn. Was den Preis ſeines Blutes betrifft, ſo werde ich nie mich dazu verſtehen, einen ſolchen anzunehmen. Ich hoffe blos, daß Ihr, Mylord, wenn ich jemals Eurer bedarf, Euch erinnern werdet, daß er in eurem Dienſte gefallen iſt. Nicht wahr, My⸗ lord, Ihr werdet Euch deſſen erinnern?« Die ſo plötzliche Veränderung, welche in der Haltung des Irländers vorgegangen war, ſchien anfangs Jeffreys in Erſtaunen zu ſetzen und ihm zu mißfallen. Die ſo vollſtändige und ſo plötzliche Unterwerfung dieſes mit ſo ſtürmiſchen und gewaltthätigen Gefühlen begabten Menſchen ſchien ihm völlig verdächtig. Dennoch aber fand in Folge der verächtlichen Mei⸗ nung, welche er von dem Menſchengeſchlechte hatte, der Ober⸗ inn, voll. dniß Jor⸗ ich , ſo jegt, Du eſes iſten ein län⸗ äch⸗ die an mes ohn. mich daß nern My⸗ tung 3 in dige und öllig Mei⸗ bber⸗ 139 richter dieſe außerordentliche Reſignation bald logiſch und ganz natürlich. »Dieſer Schuft hat Komödie geſpielt, um ſich theurer bezahlen zu laſſen,« dachte er;»„und übrigens, was frage ich weiter darnach? Fitzgerald,« fuhr der Oberrichter mit erho⸗ bener Stimme fort,„»es liegt mir daran. Dich für deinen Ge⸗ horſam zu belohnen. Alſo ſprich, was wünſcheſt Du?— Geld, ohne Zweifel.« 1 „Da Ihr darauf beſteht, Mylord, ſo wäre es unhöflich von mir, wenn ich mich weigern wollte.« „»Nein; dumm wäreſt Du.« 4 »Wohlan, Mylord, ich verlange weiter nichts, als daß Ihr mir den wahren Namen des Siegers meines Bruders nennet.« »Es iſt der Capitän Barca— Du weißt es ja.« »„Erlaubt, Mylord, Ihr ſagtet ſo eben: Der, welchen Du Barca nennſt,— dieſe Worte beweiſen augenſcheinlich, daß der Name Barca ein zufälliger Zuname oder ein Kriegs⸗ name iſt.« Der Oberrichter dachte nach, dann nach kurzem Schwei⸗ gen ſagte er: »Dein Wunſch ſoll erfüllt werden, Fitzgerald. Nur ſey eines Umſtandes verſichert, nemlich daß die Kenntniß dieſes Namens aus deinem Gemüth jeden noch darin verborgenen Gedanken an Rache verdrängen wird. Beſtehſt Du immer noch auf deinem Verlangen?« »Mehr als je, Mylord. Alſo der Capitän Barca heißt?« »Oberſt Kirke!« rief Jeffreys mit Nachdruck. „»Hal das hätte ich ahnen können!« murmelte Fitzgerald. 140 Eine ziemlich lange Pauſe folgte auf die Mittheilung des Oberrichters. „»Mylord,« ſagte der Irländer endlich, indem er ſich ſeinen Gedanken entriß,„ich hoffe, Ihr habt um des Oberſt Kirke willen nicht das Geheimniß zerriſſen, in welches ich mich hülle. Eben ſo wenig habt Ihr ihm wohl die Rolle ahnen laſſen, welche ich bei der Landung des Herzogs von Monmouth in England zu ſpielen berufen bin.« »Ich habe mit dem Oberſten von dieſer Landung ge⸗ ſprochen, aber keineswegs deinen Namen genannt. Noch nie⸗ mals habe ich einen meiner Agenten verrathen,— Fitzgerald — Du haſt durchaus nichts zu fürchten. Gehen wir nun auf andere Gegenſtände über. Worin beſtehen die ſo wichtigen Neuigkeiten, welche Dich bewogen haben, nach London zu⸗ rückzukehren, anſtatt nach Holland zu gehen, wie es verab⸗ redet war?« »Dieſe Nachrichten beziehen ſich eben auf Holland, My⸗ lord, und ſtehen mit der von den Exilirten angeſponnenen Verſchwörung im Zuſammenhange. Hier ſind gewiſſe Docu⸗ mente, deren ich mich bemächtigt habe. Lord Lisle an den ſie von Sir Charles Murray gerichtet waren, hat ſie nicht einmal erhalten. Ihr empfanget ſie ſonach ganz friſch. Dieſe Docu⸗ mente müſſen, wenn ich nicht irre, für Euch, Mylord, von großem Werthe ſeyn.« Fitzgerald zog ein Bündel Papiere unter ſeinem Wams hervor und überreichte es Jeffreys. Dieſer bemächtigte ſich ihrer raſch, breitete ſie aufſeinem Bureau vorſich aus und begann ſie mit freudiger Begier zu durchfliegen. Von Zeit zu Zeit ent⸗ rang ſich ſeinen Lippen ein unzuſammenhängender leidenſchaft⸗ licher Ausdruck. Er ſchien ſeine Opfer ſchon in den Händen zu unn ent⸗ afl⸗ 141— haben, er ſchwamm im Geiſte ſchon in einem Ocean von Blut. »Fitzgerald,« rief er, nachdem er auf dieſe Weiſe eine Viertelſtunde ſo zugebracht,»Du biſt nicht mit Gold aufzu⸗ wiegen! Ich will ein fanatiſcher Puritaner werden, wenn ich, nachdem Du deine Miſſion beendet haſt, deine Dienſte nicht königlich belohne! Es iſt kein Tag zu verlieren, anbe⸗ tungswürdiger Bandit; es iſt dringend nothwendig, daß Du augenblicklich nach Holland abreiſeſt. Die Gehirne gähren, die Köpfe ſind reif, die Stunde der Ernte iſt da. Schenke mir deine ganze Aufmerkſamkeit, Fitzgerald. In einem ſo kritiſchen, ſo feierlichen Augenblicke darf ich nicht vor der Furcht zurück⸗ beben, durch die Wiederholung meiner Worte die Zeit zu ver⸗ lieren. Du kannſt nicht zu gut unterrichtet, zu gut vorbereitet ſeyn, denn der geringſte Fehlgriff, das geringſte Zögern von deiner Seite könnte Alles gefährden, Alles verderben.⸗ »Ich höre Euch, Mylord— redet.« »Während Carl II. auf dem Continent umherirrte, lernte er in Haag Lucy Walters, eine junge Waliſerin, kennen, die ſehr ſchön, aber von ſehr beſchränktem Verſtande und von mehr als zweideutigen Sitten war. Dieſe ſehr gewöhnliche Lais war die Maitreſſe des königlichen Verbannten und ein Sohn war die Frucht dieſes Verhältniſſes.« »Ja, dies weiß ich, Mylord. Dieſes Kind hieß damals Jacob Crofts und Carl II. begann, trotz ſeines Leichtſinns und ſeines überwiegenden Egoismus, ſich ihm mit einer Liebe zuzuwenden, die bei ihm noch nicht ihres Gleichen gehabt hatte.« »Unterbrich mich nicht, Fitzgerald! Ich ſage nochmals, daß ich lieber etwas wiederholen, als einen weſentlichen oder auch nur nützlichen Punkt vergeſſen will! Ich fahre fort. Als 142 die Reſtauration erfolgte, kam der kleine Jacob, den ſein Va⸗ ter an den franzöſiſchen Hof geſchickt, wo er ſich in einen voll⸗ endeten Cavalier verwandelt, nach England und erſchien in Whitehall. Sein Glück nahm einen unerhörten Aufſchwung. In dem Palaſte wohnend, von Pagen umringt und ſo zu ſa⸗ gen ſeinen eigenen Haushalt habend, erfreute er ſich aller Auszeichnungen welche ſonſt nur den Prinzen von königlichem Geblüt vorbehalten waren. In ſeiner frühen Jugend ſchon mit Anna Scott, der Erbin der reichen und berühmten Fa⸗ milie der Buccleugh vermält, nahm er den Namen ſeiner Ge⸗ malin an und ward der Eigenthümer unermeßlicher Beſitzun⸗ gen. Kurz darauf ernannte ihn der König zum Herzog von Monmouth in England, zum Herzog von Buccleugh in Schott⸗ land, zum Ritter des Hoſenbandordens, Oberſtallmeiſter, Commandanten des erſten Leibgarderegiments und Kanzler der Univerſität Cambridge. »Ueberdies hatte man ihm ſchon, als er noch Knabe war, erlaubt, im Cabinet des Königs bedeckt zu bleiben, wäh⸗ rend die Seymours und Howards entblößten Hauptes da⸗ ſtanden. Bei dem Tode fremder Fürſten hatte er zur Trauer den langen Purpurmantel angelegt, den außer dem Herzog von York und dem Prinzen Rupert Niemand berechtigt war zu tragen. Alle dieſe Gunſtbezeigungen, welche ihn nothwendig verleiten mußten, ſich als legitimen Prinzen des Hauſes Stuart zu betrachten, verſchafften endlich unter dem Publicum dem Ge⸗ rüchte Glauben, daß Carl II., unbekümmert um ſeine Würde und ſeinen Ruhm, in ſeinem zwanzigſten Jahre ſich mit der ſchlauen, wenn auch gerade nicht geiſtreichen Lucy Walters legitim vermält habe, deren außerordentliche Schönheit ihn bezaubert und welche dieſe Vermälung zur erſten Bedingung ihrer Zärtlichkeit gemacht habe. Uebrigens bin ich ſelbſt 143 ga⸗ der Meinung, daß dieſe Vermälung wirklich ſtattgefunden oll⸗ hat.« in»Später, als Frankreich und England ihre Streitmacht ng. gegen Holland vereinigten, erhielt Nonmouth das Commando ſa⸗ über die auf den Continent geſendeten Hilfstruppen und erwarb Uer ſich hier den Ruf eines muthigen Soldaten und eines talent⸗ em vollen geſchickten Anführers. Bei ſeiner Rückkehr war er der von populärſte Mann des vereinigten Königreichs. Als er daher Fa⸗ während der Nacht in London einzog, ertheilte der Magiſtrat He⸗ den Nachtwächtern den Befehl, dieſes frohe Ereigniß in allen un⸗ Straßen der Stadt zu verkünden. Die ganze Einwohnerſchaft— don ſtand vom Schlafe auf, Freudenfeuer wurden angezündet, die btt⸗ Häuſer illuminirt, die Kirchen geöffnet und die Glocken ſtimm⸗ er, 3 ten ein fröhliches Geläute an. Wenn Monmouth reiſte, ſo ler ward er überall mit mehr Enthuſiasmus und mit nicht weni⸗ ger Pomp empfangen, als ein König, der ſein Königreich be⸗ be reiſt. Zahlreiche Cavalcaden von bewaffneten Edelleuten und ih⸗ Bürgern escortirten ihn von Schloß zu Schloß, die Bewoh⸗ da⸗ ner der Städte kamen ihm entgegengezogen und die Wähler eil⸗ ner ten herbei, um ihm ihre Stimmen zu Füßen zu legen. Durch alles og dies aber ward Monmouth der Kopf verdreht. Seine Anmaßung ar ging ſo weit, daß er nicht blos auf ſeinem Wappenſchild den Lö⸗ dig wen Englands und die Lilien Frankreichs ohne den Querbal⸗ 1 art ken trug, welcher nach den Geſetzen der Heraldik die Illegitimi⸗ He⸗ tät ſeiner Geburt bezeichnen ſollte, ſondern er verſtieg ſich ſo⸗ de gar dahin, daß er die Kranken anrührte um ihnen den Kropf der zu heilen. Gleichzeitig verſäumte er kein Mittel, um ſich die rs Liebe der großen Menge zu erwerben. Er hob die Kinder der hn Bauern aus der Taufe, nahm Theil an allen ländlichen Spie⸗ ng len und lief geſtiefelt mit um die Wette, während ſeine Mit⸗ kämpfer leichte Schuhe trugen. Endlich ward von der Im⸗ 144 popularität des Herzogs von York unterſtützt, Monmouth ſo furchtbar, daß der König ihn aus England entfernen mußte. Gegenwärtig ſetzt der junge Herzog am holländiſchen Hofe ſeine Erfolge weiter fort. Er iſt der abſolute Souverän der Mode, der Abgott der Frauen. »Die Waffe, welche gegen ihn in Anwendung zu brin⸗ gen— Fitzgerald— merke Dir dies wohl— iſt die Schmei⸗ chelei. Eben ſo wenig darſſt Du— dies iſt einer der wichtig⸗ ſten Punkte— verſäumen, Dir die Gunſt der Lady Hen⸗ riette Wentworth, der Begleiterin Monmouth's, zu erwerben. Wenn ich an die Tugend der Frauen glaubte, ſo würde ich Lady Henriette für die Perle ihres Geſchlechts erklären; da dieſer Glaube mir abgeht, ſo erkläre ich ſie für die heuchle⸗ riſchſte, gewandteſte und hinterliſtigſte aller Töchter Eva's. Auf jeden Fall iſt ſie keine gewöhnliche Perſon. Sey auf dei⸗ ner Hut. Ferguſſon, unſer Agent, wird Dir alle anderen Auf⸗ ſchlüſſe gewähren, deren Du vielleicht bedarfſt. Er iſt ein verworfener Bandit— ein ganz allerliebſter Junge von dei⸗ ner Art, der uns ſchon die ausgezeichnetſten Dienſte gelei⸗ ſtet hat. Ueberlaß Dich ihm nur halb und überwache ihn im Stillen. Noch ein letztes Wort, Fitzgerald— und dieſes letzte Wort wird, wenn ich nicht irre, Dir angenehm ſeyn. Du mußt Geld nöthig haben. Hier iſt eine abermalige Anweiſung über zweihundert Pfund aufden Banquier Corniſh. Nun alſo, Glück auf den Weg, liebenswürdiger Teufelsſohn und die Hölle nehme Dich in ihren Schutz. Vergiß nicht, daß Du, bevor noch eine Stunde um iſt, deine Reiſe angetreten haben mußt.« »Mylord,“ ſagte Fitzgerald, der trotz dieſes ſo beſtimmt ausgeſprochenen Abſchieds unbeweglich ſitzen blieb,„ich werde London nicht verlaſſen, ohne vorher meine Schweſter, meine geliebte Suſanne geſehen zu haben. O ereifert Euch nicht, 145 Mylord, dies iſt vollkommen überflüſſig. Ihr wißt, daß eure Flüche und Verwünſchungen mir keine Furcht einjagen. Mein Entſchluß ſteht unwiderruflich feſt. Ich ſage Euch nochmals, ich werdenicht eher abreiſen, als nachdem ich Suſanneumarmthabe.« »Was, verächtlicher Wurm? Du wagſt den Kopf em⸗ porzuheben?« »Genug, genug, Mylord!« unterbrach ihn der Irlän⸗ der in feſtem, entſchloſſenem Tone.»Ich weiß die Prädicate eures reichen Schimpfwörterbuches auswendig. Tretet mich mit Füßen— laßt mich aufhängen— ich mache mir nichts daraus, aber bürdet mir keinen Schmerz auf, der über meine Kräfte geht. Ihr wollt mir verwehren, Suſannen wiederzu⸗ ſehen! Das heißt beinahe mir verſtehen geben, daß Ihr ver⸗ rätheriſcher und feiger Weiſe unſerem Vertrag untreu gewor⸗ den ſeyd, denn es beſteht ein Vertrag zwiſchen uns, Mylord, das vergeßt nicht. Wäre Suſanne verloren, wäre ſie in den Abgrund des Verderbens geſtürzt, was bliebe mir dann, da auch James todt iſt, auf Erden noch zu thun?— Nichts— nichts!— Doch— ich irre mich— es bliebe mir noch übrig, mich zu rächen. Ha! Ihr wiſſet nicht, Mylord, weſſen ein zur Verzweiflung getriebener Menſch faͤhig iſt. Ich fühle, daß, wenn mein Zorn explodirt, er das ganze vereinigte Königreich mit Grauen und Entſetzen erfüllen wird. Wohlan, Mylord, Ihr ſchweigt— Ihr antwortet nicht? Wären meine Ahnun⸗ gen wahr? Hättet Ihr blos mit mir ſpielen wollen? Wäret Ihr eurem Worteuntreugeworden? Odannwehel wehel wehe!« »Jeffreys hat ſein Wort niemals gebrochen,« entgegnete der Oberrichter.»„Ich habe Dir verſprochen, ſo lange Du mir treu dienen würdeſt nichts gegen Suſannens Ehre zu unternehmen, aber ich habe mich nicht verbindlich gemacht, Der Tiger von Tanger. II. 10 146 ihr Hüter zu ſeyn. Dieſe Rolle würde mir, wie Du ſelbſt ge⸗ ker ſtehen wirſt, nicht zuſagen. Du kannſt Suſannen beſuchen— ko gut, es ſey— ich erlaube es Dir. Geh nach Montaguſtreet, ge nicht weit von Whitechapel, in den„ſilbernen Löwen«. und deine 4 un Wünſche werden erhört werden— dort wirſt Du deine Schwe⸗ un ſter finden. 4 »In welchem Tone ſagt Ihr mir das, Mylord?“« rief D Fitzgerald, welcher einen kalten Schweiß ſeine Stirn bedecken de fühlte.»Ha, ich fürchte— ich fürchte.— Auf Wiederſehen. M Mylord, auf Wiederſehen!« un Der Irländer erhob ſich raſch von ſeinem Stuhle und im eilte aus dem Cabinet des Oberrichters hinaus. St tht XV. vel 3 Das kleine haus in Montaguſtreet. ſeh 4 un Fitzgerald ging, als er das Hotel des Oberrichters ver⸗ lan ließ, außerordentlich raſch, kaum hatte er aber etwa hundert 1 zu Schritte gethan, ſo mäßigte er ſeine Schnelligkeit. Nachdem 3 wü der erſte Augenblick ſeiner Exaltation vorüber war, hatte er nachgedacht und dieſer innere Blick hatte bald ſeine Energie der vollſtändig gelähmt. Jetzt fürchtete er beinahe Suſannen wie⸗ 3 derzuſehen. der Mit welchem Recht konnte er, der Mörder, der Meuchler, wa ſeiner Schweſter Vorwürfe über einen Fall machen, der durch die Su Hilfloſigkeit, in welcher er ſie gelaſſen, wenn auch nicht gerechtfer⸗ tigt, doch wenigſtens motivirt ward, und ſelbſt wenn er ſein eige⸗ doe nes Gewiſſen ſo weit zum Schweigen brachte, daß er Worte fand, der um die ſtrafbare Schwäche des armen Kindes zu brandmar⸗ 8 Z. E —r ——,— 147 ken, wozu konnte denn ſeine Strenge führen? Zu nichts. Sie konnte nur dazu dienen, zu der Schande noch den Schmerz zu geſellen. Suſannens Zukunft, dieſe Zukunft, welche er glücklich und ehrenvoll geträumt, war deswegen nicht weniger auf im⸗ mer verloren. Unerklärliches Geheimniß des menſchlichen Herzens! Dieſer von jedem edelmüthigen Triebe entblößte Menſch dieſer Elende, der um zu Reichthum zu gelangen, weder vor Verrath noch vor Mord zurückbebte, fühlte für ſeine Schweſter die keuſche zunermeßliche Zärtlichkeit. die ſonſt nur eine Mutter zu fühlen im Stande iſt. Mit zitternder Hand hob er daher, als er an dem von Suſannen bewohnten Hauſe anlangte, den Klopfer der Haus⸗ thür. Zehnmal ſtand er im Begriff zu klopfen, und zehnmal verſagten ſeine zitternden Finger ihm den Dienſt. Endlich, beſiegt durch ſeine Gemüthsbewegung und ein⸗ ſehend, daß es ihm in der Aufregung, in welcher er ſich befand unmöglich ſeyn würde, ſeiner Schweſter Erklärungen abzuver⸗ langen beſchloß er, ehe er dieſer Unterredung entgegenginge, zu warten, bis er ſich wieder ein wenig beruhigt haben würde. Er entfernte ſich daher von der Thür und begann in der Straße hin⸗ und herzugehen. Jährend er ſo mit ungleichem und aufgeregtem Tritt in der ſchmalen, damals ſehr einſamen Montaguſtreet umherirrte, warf er ängſtlich neugierige Blicke auf die Wohnung, in der Suſanne ſich befand. Es war ein kleines Haus von, wenn nicht luxuriöſem, doch wenigſtens ſehr ſauberem und anſtändigem Ausſehen. In dem Parterre befand ſich der Laden eines Kürſchners und die⸗ 148 ſer Laden führte, wie Jeffreys geſagt, in der That die Ueber⸗ ſchrift:»Zum ſilbernen Löwen.« Zu jener Zeit waren die Häuſer der Hauptſtadt des ver⸗ einigten Königreiches noch nicht numerirt. Man hätte auch nicht viel dadurch gewonnen, wenn ſie dies geweſen wären, denn nur wenige Kutſcher, Lohndiener und Chaiſenträger konnten leſen. Man war daher gezwungen, von Zeichen Ge⸗ brauch zu machen, welche Jedermann verſtehen konnte. Die Kaufläden waren mit gemalten Schildern geziert, welche den Straßen ein eben ſo buntes als groteskes Anſehen ver⸗ liehen. Durch einen Spazirgang von einigen Minuten ein we⸗ nig erfriſcht lenkte Fitzgerald ſeine Schritte langſam nach der Thür, als eine Portchaiſe ſich vor ihm herbewegte und vor Suſannens Wohnung Halt machte. Ein äußerſt elegant ge⸗ kleideter junger Mann, deſſen unverſchämtes und blaſirtes Ge⸗ ſicht aber eine ſtürmiſche Vergangenheit verrieth, ſtieg aus der Sänfte, ergriff den Thürklopfer, ohne zu warten, daß einer der Träger ſich dazu verſtände, und klopfte wiederholt und heftig. Binnen wenigen Augenblicken öffnete ſich die Thür und der elegante junge Mann trat ein. Alles dies war ſo raſch vor ſich gegangen, daß Fitzge⸗ rald, anfangs durch dieſe Erſcheinung überraſcht, dann im in⸗ nerſten Herzen ergriffen, weder die Zeit noch die Kraft ge⸗ habt hatte, einen Entſchluß zu faſſen.. »Fluch und Verdammniß!« murmelte der Irländer, deſ⸗ ſen Blick einen furchtbaren Ausdruck von Wildheit annahm, »Fluch und Verdammniß! Nun verſtehe ich die Worte des Oberrichters— ſein gräßliches Lächeln iſt mir nun klar — Suſanne iſt verloren! Suſanne iſt entehrt!— Wehe ihr, wehe ihnen! wehe mir! Ihr Verführer kennt ohne Zweifel ber⸗ —,— 149 meine Verbrechen. Ja, er kennt ſie, denn er muß ein vertrau⸗ ter Freund von Jeffreys ſeyn. Wohlan, was liegt mir dar⸗ an? Wenn ich ein Mörder, ein Nichtswürdiger geworden bin, iſt es nicht eben deshalb geſchehen, um Suſannen zu ret⸗ ten? Das Blut, welches meine Hände befleckt, die auf mei⸗ nem Wege gefallenen Opfer beweiſen, daß meine Hingebung eine erhabene geweſen iſt! Ich bin aber ſehr einfältig, daß ich meine Handlungsweiſe in meinen eigenen Augen zu rechtfer⸗ ſtigen ſuche. Ich habe mich ja nicht zu entſchuldigen— ich habe zu ſtrafen! Ha, ſo groß meine Liebe geweſen iſt, ſo un⸗ verſöhnlich ſoll mein Zorn ſeyn!⸗ Schon lenkte Fitzgerald ſeine Schritte nach der Thür, als ein plötzlicher Gedanke ihn abermals bewog ſtehen zu bleiben. Er kehrte deshalb um und wendete ſich zu den Trägern der Sänfte, welche nicht weit von ihm ſtanden. »Lieben Freunde,« ſagte er zu ihnen,„wie mir ſcheint, hat euer Herr ſich gegen Euch eben nicht ſehr freigebig gezeigt. Eure von Schweiß triefenden Stirnen beweiſen ſeine Knau⸗ ſerei. Hier, nehmt dieſe zwei Kronthaler und trinkt ein Glas auf meine Geſundheit.“ Die beiden durch dieſe unerwartete Freigebigkeit über⸗ raſchten und erfreuten Sänftenträger verneigten ſich vor dem Irländer bis zur Erde und erſchöpften ſich in Betheuerungen ihrer Ergebenheit und Dankbarkeit »Ha, ich vergaß zu fragen,« hob Fitzgerald wieder an, „»wie heißt denn euer Herr?⸗ „cChiffinch,« antwortete einer der Träger. »Der erſte Page Sr. Majeſtät unſeres allergnädigſten Königs Jacob II.?« fragte der Irländer. „Ja wohl, derſelbe, gnädiger Herr.« 150 Fitzgerald nahm noch zwei Kronthaler aus der Taſche. »Ihr habt ja einen ſehr vornehmen Herrn,“ ſagte er. »In dieſem Falle habe ich Euch nicht genug gegeben— nehmt noch das da.« Die Sänftenträger verneigten ſich zum zweiten Male vor dem freigebigen Unbekannten, und der von ihnen beiden, welcher bis jetzt noch nicht geſprochen, ſagte: »Wenn Ihr. gnädiger Herr, vielleicht, wie ich glaube, Einiges über unſern Herrn zu wiſſen wünſcht, ſo braucht Ihr es nur zu ſagen. Wir ſind bereit Euch zu antworten.« »Was könnte mir das nützen?« entgegnete Fitzgerald, deſſen Herz gewaltig pochte.„Erſtens kenne ich ihn nicht per⸗ ſönlich und zweitens, was könntet Ihr mir wohl über ihn ſagen, was nicht ſchon aller Welt bekannt wäre? Wer wüßte in London nicht, daß der ehrenwerthe Chiffinch der ausſchwei⸗ fendſte, ſittenloſeſte Menſch des vereinigten Königreichs iſt? Daß er es ſich zum Scherze macht, die Frauen zu betriegen, die Männer zu überliſten und die keuſcheſten und am ſtreng⸗ ſten bewachten Mädchen zu entführen?« »Allerdings iſt unſer Herr ein fürchterlich ſchlechtes Subject,« ſagte der Sänftenträger mit ſtolzer, zufriedener Miene.„»Wenn er eben ſo freigebig wäre, als er verdorben iſt, ſo gäbe ich die Einkünfte meiner Stelle nicht für hundert Gui⸗ neen jährlich hin. Aber leider, er weiß uns für die viele Mühe, die wir haben, keinen Dank. Er ſtrengt uns auf das Aeußerſte an und thut als ob er unſere Anſtrengung nicht bemerkte. Dennoch aber haben wir ſeit einiger Zeit uns weniger zu be⸗ klagen, unſer Herr ſcheint nemlich ordentlich werden zu wollen.« »Das heißt, daß er das liederliche Leben ſatt hat.« ☛△— — 151 »O nein, gnädiger Herr, es iſt noch etwas viel Schlim⸗ meres— er iſt verliebt!« Ein tiefer Schmerz zerriß die Bruſt des Irländers, den⸗ noch aber beſaß er ſo viel Gewalt über ſich, daß er ein lautes Gelächter aufſchlug. 1 »Hal hal ha! Chiffinch verliebt! Das iſt ein wenig zu ſpaßhaft und zu unwahrſcheinlich!« rief er.»Und wer iſt die anbetungswürdige Schönheit, welche dieſes Wunder bewirkt hat? Ohne Zweifel eine Herzogin! Meiner Treu, ich gäbe gern eine Guinee darum, wenn ich dieſes wunderbare Ge⸗ ſchöpf nur einmal ſehen könnte.« „»Wir nehmen den Handel an, mein Camerad und ich.« „Ich nehme mein Wort nicht zurück. Wo werdet Ihr mir dieſe unvergleichliche Perle zeigen?« »Wir werden noch mehr thun, als ſie Euch zeigen, gnä⸗ diger Herr— wir werden Euch ihre Adreſſe geben. Auf dieſe Weiſe wierd es Euch möglich ſeyn ſie mit Muße zu ſehen.⸗ „Ich nehme euer Anerbieten an. Hier iſt die verſpro⸗ chene Guinee.« „»Und hier iſt die Adreſſe,« ſagte der Träger, indem er mit dem Finger auf die Thür des von Suſannen bewohnten Hauſes zeigte. „Aber,« fuhr Fitzgerald fort, deſſen bleiches Geſicht gegen die unbefangene Miene, welche er heuchelte, ſelt⸗ ſam abſtach,„aber, lieben Freunde, es iſt nicht genug, daß man weiß, wo das Neſt der Turteltaube ſich befindet, Ihr müßt mir auch noch angeben, auf welche Weiſe ich mich, ohne Furcht, mit Schimpf und Schande hinausgejagt zu werden, hineinſchleichen kann. Einige Nachweiſungen ſind mir daher nothwendig.« — 152 »Sprecht, Mylord, wir ſtehen Euch zu Befehl.« »Welche Stellung nimmt denn dieſe unvergleichliche Schönheit in der Welt ein?— Iſt ſie eine große Dame? ein Mädchen aus vornehmer Familie oder einfach eine Abenteuerin?« »Nichts von allem dieſen, Mylord, oder wenigſtens iſt dies meine Meinung und auch die meines Cameraden.« »So? und was denkt Ihr denn, dein Camerad und Ou?« »Daß es ganz einfach die Tochter irgend eines ehrſamen Bürgers der City iſt.⸗ »Ihr ſeyd ſchlaue Beobachter, meine Freunde.« »Was wollt Ihr ſagen, Mylord? Die Gewohnheit, bei unzähligen Liebesabenteuern behilflich zu ſeyn, bildet den Geiſt und öffnet den Verſtand.⸗ »Und iſt es ſchon langeher, daß dieſe keuſche Tochter eines ehrſamen Bürgers Mr. Chiffinch's Maitreſſe geworden iſt?« Bei dieſer Frage, welche Fitzgerald, trotz ſeiner Anſtren⸗ gungen, ruhig zu erſcheinen, mit zitternder, beinahe unver⸗ ſtändlicher Stimme ſprach, wechſelten die beiden Träger ein eigenthümliches Lächeln und ließen dann, nicht im Stande, länger ernſthaft zu bleiben, ihrer Heiterkeit freien Lauf. »Wir bitten Euch gehorſamſt um Verzeihung Mylord,« ſagte endlich derjenige der beiden Träger, welcher bis jetzt hauptſächlich das Wort geführt.»Es iſt dieſe Geſchichte aber eine ſo drollige und komiſche, daß wir nicht daran denken können, ohne vor Lachen berſten zu wollen.« »Wirklich?« ſagte Fitzgerald.„Nun, dann theilt mir doch das Abenteuer mit, damit ich auch eure Heiterkeit thei⸗ len kann.« »Nun denkt Euch nur, Mylord, wir, das heißt mein Camerad John und ich, ſind überzeugt, daß unſer Herr, Mr. Chiffinch, in dieſem Augenblicke der unglücklichſte Liebhaber —— die jetz du wie we ver nel Hã auf ſell den Stt heit zu! wiſ mel gen n 153 des ganzen Königreiches und daß ſein anſcheinendes gutes Glück eine Strafe des Himmels iſt. Seit einiger Zeit iſt er nicht mehr zu erkennen. Da neulich hatte er rothe Augen wie ein Menſch, welcher geweint hat, und ſeine Unruhe war ſo groß, daß er zu Fuße fortging, ohne daran zu denken, daß wir hier mit ſeiner Sänfte auf ihn warteten. Denkt Euch nur Chif⸗ finch, der zu den Füßen eines Weibes ſeufzt und weint! Es iſt wirklich, wie ich Euch ſage, zum Kranklachen!« So wie der Sänftenträger ſprach, ging in Fitzgerald's Zügen eine außerordentliche Veränderung vor. Seine Augen, die vorher von einem unheimlichen Glanze funkelten, leuchteten jetzt von einem unausſprechlichen Ausdruck der Freude. Seine durch den Schmerz zuſammengezogenen Muskeln dehnten ſich wieder aus und ſein Geſicht ward durch ein Lächeln verklärt, welches an Extaſe zu grenzen ſchien. »Dank, Dank, meine Freunde!“ rief er, alle Klugheit vergeſſend.»Da, hier habt Ihr noch etwas— nehmt! nehmt!« Der Irländer leerte den Inhalt ſeiner Börſe in die Hände der verblüfften Träger, dann eilte er freudetrunken auf das Haus zu, pochte dreiſt an und murmelte bei ſich ſelbſt: »Nein, nein; Suſanne kann nicht ſtrafbar ſeyn. Und dennoch, wenn ich mich täuſchen ſollte, dann wäre dieſer Streich für mich ein tödtlicher. Doch gleichviel— Ungewiß⸗ heit iſt mir nicht mehr möglich— es wäre jaum den Verſtand zu verlieren. Ich will die Wahrheit wiſſen und werde ſie wiſſen!« Kaum hatte Fitzgerald dieſe Worte vor ſich hingemur⸗ melt, als eine Magd ihm zu öffnen kam. Ohne weiter zu fra⸗ gen eilte er in die Hausflur hinein, ſtieß auf eine Treppe, er⸗ 154 ſtieg ſie in zwei Sprüngen und langte vor einer Thüre an, an welcher der Schlüſſel außen im Schloſſe ſtak. Ein Mur⸗ meln bewog ihn ſtehen zu bleiben, er horchte einen Augenblick lang, dann aber drehte er, ſich ſchämend oder auch vor Un⸗ geduld, raſch den Schlüſſel im Schloſſe um und trat ein. Es war ein cokett möblirtes Zimmer, in welches der Irländer trat. Die erſte Perſon, welche ihm in die Augen fiel, war Suſanne welche halb in einen umfangreichen Seſſel zurückgelehnt, mit einem reizenden kleinen Schooßhündchen ſpielte, welches auf ihren Knien lag. Zu den Füßen der ſchö⸗ nen Irländerin ſaß Chiffinch auf einem Kiſſen. Der erſte Page Sr. Majeſtät ſah ernſt und wehmüthig aus; Suſanne dage⸗ gen lachte. Fitzgerald's Anblick äußerte auf die Perſonen dieſer häuslichen Scene einen ſehr verſchiedenen Eindruck. Chiffinch ließ einen halb erſtickten Ausruf des Zornes hören und ſprang auf wie von einer Feder in die Höhe geſchnellt. Suſanne da⸗ gegen ſtieß einen Freudenruf aus und warf ſich in die Arme ihres Bruders. »Endlich,« ſagte ſie, indem ſie Fitzgerald's Geſicht mit Thränen und Küſſen bedeckte, vendlich biſt Du wieder da! Ach wenn Du wüßteſt, mein armer Freund, welche Qualen mir deine Abweſenheit bereitet hat! Bange Ahnungen marterten mich Tag und Nacht; ich glaubte Dich für mich auf immer verloren. Gott ſey gelobt!— Da biſt Du wieder— ja, Du biſt es wirklich! O, nun verlaſſe ich Dich nicht mehr. Du wirſt immer bei mir bleiben, nicht wahr? Mein Gott, wie glücklich bin ich! Aber was fehlt Dir denn?⸗ hob Suſanne nach kur⸗ zem Schweigen wieder an;„Du flößeſt mir Furcht ein. Es iſt als ob dein Blick den meinigen ſuchte und doch auch zugleich flöhe, als ob Du mich umarmen wollteſt und zugleich vor mir — entſetzt zurückträteſt! Sprich, ſprich, Fitzgerald, laß mich nicht in dieſer grauſamen Ungewißheit!« »Suſanne,“ ſagte der Irländer in ernſtem Tone,„unſere geſchwiſterlichen Herzensergießungen bedürfen keiner Zeugen. Die Anweſenheit eines Fremden hat für mich etwas Beengen⸗ des. Und übrigens, Suſanne, weiß ich ja auch noch nicht, bei wem ich mich in dieſem Augenblicke befinde.« »Bei wem Du Dich befindeſt, Fitzgerald? Bei wem an⸗ ders als bei mir? Doch ja, ich verſtehe dein Mißtrauen, ich errathe deinen Argwohn. Du kannſt Dir dieſes ſchöne Ge⸗ räth, dieſe koſtbaren Tapeten, dieſen Luxus, der mich umgibt, nicht erklären! O, Bruder, beruhige Dich. Deine Schweſter iſt nicht geſunken. Ich bin deiner Freundſchaft, deiner Liebe im⸗ mer noch würdig. Was dieſen Fremden betrifft, deſſen Gegen⸗ wart Dir unangenehm iſt, ſo iſt es Mr. Chiffinch, der erſte Page Sr. Maieſtät— Mr. Chiffinch, der Menſch, welcher von allen übrigen Menſchen der ganzen Welt am wenigſten Achtung verdient. Er gibt vor, mich bis zum Wahnſinn zu lieben— und dies könnte auch wahr ſeyn— aber ich ver⸗ achte ihn zu ſehr, als daß ich mich herablaſſen ſollte, ihn wie⸗ der zu lieben. Mr. Chiffinch, den Du hier ſiehſt, war früher, — es iſt noch gar nicht lange her— der Schrecken der Ehe⸗ männer und der Mütter. Auchbetrachtete ihn König Carl II. als ſeinen eifrigſten und nützlichſten Diener. Runzle daher nicht die Stirn, Fitzgerald. Wirf keine drohenden Blicke auf dieſen armen Chiffinch. Er iſt zu unglücklich und nicht gefährlich ge⸗ nug, um deinen Zorn zu verdienen! Beklage ihn auch nicht, denn er iſt es nicht werth. Betrachte ihn vielmehr wie irgend ein Möbel, wie eine Null, und beſchäftige Dich weiter nicht mit ihm. Du lächelſt. Du biſt wieder beruhigt— Du wirſt mich nicht verachten! Umarme mich, mein Bruder!« 1 öC— 156 Fitzgerald und Suſanne ſanken einander in die Arme. Chiffinch war es, der ihrem Entzücken ein Ende machte. Während Suſanne ſich mit ſo ſtolzer Verachtung aus⸗ geſprochen, hatte der durch dieſen Schlag niedergeſchmetterte ehemalige Page Carls II. düſteres Schweigen bewahrt. Erſt bei dem verächtlichen Blick, welchen Fitzgerald auf ihn fallen ließ, gewann er ſeine Kaltblütigkeit wieder. »Suſanne,« ſagte er mit vor Wuth zitternder Stimme, »eure Kühnheit hat die Grenzen meiner Schwäche überſchrit⸗ ten. Sie hat mich mir ſelbſt wiedergegeben. Erwartet von mir keine weitere Herablaſſung. Künftighin werde ich als Herr ſprechen und Gehorſam verlangen. Was euern ehrenwerthen Bruder, den tugendhaften Fitzgerald, betrifft, ſo hoffe ich, daß er bei unſerem Zwiſte eine vollſtändige Neutralität beobachten wird. Sonſt wehe ihm, denn ſeine Einmiſchung könnte ihm theuer zu ſtehen kommen. Auf baldiges Wiederſehen, Suſanne, auf baldiges Wiederſehen!« Chiffinch ſetzte ſeinen Hut auf und entfernte ſich wie ein ſchmollender Knabe und indem er die Thür hinter ſich heftig zuſchlug. Die Geſchwiſter waren nun allein. — —. ——— XVI. Engel und Dämon. Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf Chiffinch's eilige Entfernung. Fitzgerald hatte ſo viel Dinge zu verſchwei⸗ gen und Suſanne ſo viel Fragen zu thun, daß beide ſich erſt ſammeln mußten, ehe ſie die Unterredung begannen. Das junge Mädchen war die Erſte, welche das Wort ergriff. »Mein geliebter Fitzgerald,« ſagte ſie, indem ſie die Hände ihres Bruders in die ihren faßte,„deine ſo unvermu⸗ thete Ankunft hat mich in ſolche Aufregung verſetzt, daß ich bis jetzt vergeſſen habe Dich nach James zu fragen. Ich hoffe, daß der gute Knabe ſich wohl befindet. Warum haſt Du ihn denn nicht mitgebracht? Ich ſehne mich ihn zu umarmen. Wo iſt er, wann werde ich ihn ſehen?« Bei dieſer Frage, welche Suſanne mit einer Ruhe und Unbefangenheit that, welche bewies, wie weit ſie entfernt war, die ſtattgehabte Kataſtrophe, das blutige Drama zu ahnen, zuckte Fitzgerald zuſammen und bewahrte düſteres Schweigen. Obſchon er auf dieſe furchtbare Frage vorbereitet war, ſo machte ſie dennoch gewaltigen Eindruck auf ihn und raubte ihm alle Geiſtesgegenwart. »Haſt Du mich nicht verſtanden, Bruder?« hob Su⸗ ſanne mit erwachender Unruhe wieder an.»Aber was fehlt Dir? Warun dieſe verſtörte Miene, dieſe düſtere Stirn? O, 158 mein Gott, mein Gott! Es iſt James ein Unglück zugeſtoßen! James iſt todt!« Fitzgerald ſenkte die Blicke und antwortete nicht. »Er iſt todt,« wiederholte Suſanne;„ich ahne es— er iſt todt!— Aber ſprich doch, mein Bruder— ſprich doch!« »Meine gute Suſanne,“« ſagte endlich der Irländer mit zärtlicher Wehmuth,„wir ſind nur noch unſer Zwei auf Erden! Deine Ahnung täuſcht Dich nicht.— Unſer geliebter James ruht jetzt im Grabe.« Suſanne ſtieß einen durchbohrenden Schrei aus und ſank in die Arme ihres Bruders. »O, wie glücklich iſt ſie!« murmelte Fitzgerald mit einem gewiſſen Grade von Neid,„ſie kann noch weinen.« In der That ſchluchzte Suſanne laut. Erſt nach einer halben Stunde heftigen Weinens nahm die Trauernde das Geſpräch wieder auf. »Wie iſt denn dieſes Unglück geſchehen?« ſagte ſie. »Welcher Krankheit iſt unſer unglücklicher Bruder unter⸗ legen?« »Welcher Krankheit?« wiederholte der Irländer, indem er dieſe Worte mit einem unheimlichen und unfreiwilligen lauten Gelächter begleitete,„James iſt nicht in ſeinem Bette geſtorben, Suſanne.« »O Himmel, alſo ein Unfall?« »Nein, Suſanne, ſondern ein Verbrechen.« »Ein Verbrechen, ſagſt Du?— James iſt ermordet worden?« »Ja, ermordet— beinahe unter meinen Augen. Als ich ihm zu Hilfe eilte, glaubte ich ihn gerettet und er war nur noch eine Leiche.— O, ich habe viel gelitten, Suſanne; ich habe viel gelitten!« auf n! h 159 Fitzgerald ſendete, nachdem er dieſe Antwort gegeben, einen flehenden Blick gegen Himmel und fuhr dann mit gebro⸗ chener Stimme, ſo daß ſeine Schweſter, welche ſich ganz ihrem Schmerze hingab, ihn nicht hörte, fort: »O, mein Gott, ſchenke mir den Troſt der Thränen!« Ein abermaliges Schweigen, welches länger dauerte als das erſte, herrſchte in dem Zimmer der ſchönen Irländerin. Diesmal war es Fitzgerald, welcher wieder das Wort ergriff. »Suſanne,“ ſagte er, indem er ſeine Schweſter auf ſeine Knie niederzog,»Muth gefaßt! Wir haben nicht eher ein Recht, unſern unglücklichen Bruder zu beweinen, als nachdem wir ihn gerächt haben. Trockne deine Thränen und beant⸗ worte meine Fragen— hörſt Du mich, Suſanne?« »Ob ich Dich höre!« rief ſie laut,„ja wohl höre ich Dich, Fitzgerald!— Das Wort Rache hallt in meinem Herzen und hat mir eine Kraft offenbart, welche ich nicht kannte, welche ich noch nie in mir ahnte! Verſchweige mir keinen Um⸗ ſtand, fürchte nicht meine Empfindſamkeit zu heftigzuerregen!— Ich bin kein Weib mehr, Fitzgerald!— Ich bin eine verwun⸗ dete Löwin, welche ſich brüllend aufrichtet und ihrem erwürgten Kinde ein blutiges Leichenbegängniß bereitet! Nenne mir den Namen des Mörders, mein Bruder; nenne mir den Namen des Mörders!« »Haſt Du Vertrauen zu mir, Suſanne?« fragte Fitz⸗ gerald, ohne dieſe Frage zu beantworten.„Willſt Du meiner Klugheit und meinem Muth vertrauen?⸗ »Du biſt meine einzige Stütze auf Erden, Bruder. Was Du ſagſt, iſt gut geſagt— was Du thuſt, iſt wohl gethan.⸗ »Ich danke Dir, Suſanne, ich danke Dir. Ich verhehle Dir nicht, daß ich im Begriff ſtehe, deine Unterwerfung auf eine harte Probe zu ſtellen. Ich verlange nemlich, daß Du mir keine Erklärung weiter über das nicht wieder gut zu ma⸗ chende Unglück abverlangſt, welches uns heimgeſucht hat.« »Was Du da von mir verlangſt, Fitzgerald, geht über meine Kräfte. Von einer geliebten Perſon nicht wiſſen, auf welche Weiſe ſie die Erde verlaſſen hat, heißt ſie zweimal ver⸗ lieren. Die Phantaſie verirrt ſich in grauſame entſetzliche Ver⸗ muthungen— man denkt ſich den Todeskampf des Geſchiede⸗ nen vielleicht furchtbarer, als er geweſen iſt.“„ »Eben deine Phantaſie iſt es, welcher ich mißtraue, Suſanne,“ unterbrach ſie Fitzgerald.»Ein Ausbruch von Entrüſtung, den Du nicht zurückzuhalten vermöchteſt, ein unklu⸗ ges Wort, welches deinem Munde entführe, könnte meine Pläne und meine Hoffnungen auf immer gefährden. Es genüge Dir zu wiſſen, meine geliebte Schweſter, daß James als Opfer ſeines Gehorſams gegen einen der Großen der Erde gefallen iſt. Was willſt Du ſagen, Suſanne? Wir ſind elende. erbärmliche Pariahs; wir beſitzen weder Reichthum noch Macht, noch hohe Geburt— um zu leben, müſſen wir daher die Werkzeuge der Glücklichen ſeyn— Derer, welche Gold be⸗ ſitzen und uns beherrſchen.⸗ »Du haſt Recht, Bruder. Bewahre dein verhängnißvol⸗ les Geheimniß.“ ſagte das junge Mädchen langſam;»bewahre es, bis die Stunde der Vergeltung ſchlägt. Dann wirſt Du zu mir ſagen: Suſanne, hier ſteht der Mörder unſeres armen James. Dies wird mir genügen.« »Theure Schweſter,« hob Fitzgerald nach einer Pauſe wieder an,»es iſt während meiner Abweſenheit mit Dir eine Veränderung vorgegangen, die ich mir nicht erklären kann. Ich finde Dich nicht ſo wieder, wie ich Dich verlaſſen habe.« „»Wieſo, mein Bruder?« »Ja, es iſt eine vollſtändige Umwandlung, welche Dich raue, von nklu⸗ neine nüge als Erde ende, noch aher dbe⸗ vol⸗ ahre u zu men auſe eine unn. unkenntlich macht. Vergebens ſuche ich in Dir das naive und ſchüchterne Mädchen von ehedem. Dein Lächeln, früher ſo aufrichtig und ſo ſanft, hat einen Ansdruck von Dreiſtigkeit und Keckheit angenommen, der mich beſtürzt macht. Aber den⸗ noch, Suſanne, würde ich bei dem Andenken an unſere geliebte Mutter darauf ſchwören, daß Du immer noch jeder Achtung, jeder Huldigung würdig biſt. Deine Unſchuld iſt vielleicht ver⸗ ſchwunden, aber deine Rechtſchaffenheit iſt noch makellos und unverletzt.« »Bruder, deine Bemerkung iſt ſehr richtig,« ſagte Su⸗ ſanne niedergeſchlagen.„Was willſt Du ſagen? Ich werde Dir deine eigenen Worte wiederholen, die Du vor wenigen Augenblicken zu mir ſprachſt: Ich habe ſo viel gelitten! Ich habe ſo viel gelitten! O, Du ahneſt nicht die angſtvollen Stun⸗ den, welche meine Einſamkeit gequält haben. Ich habe begriffen, daß ein unbeugſamer Wille auf deinem Geſchick laſtete, daß eine höhere Gewalt über deinen Willen verfügte, daß man deine Thatkraft zum Nutzen von Intereſſen ausbeutete, welche nicht die deinigen waren. Chiffinch iſt es, der, um mich zu ſchrecken, um mir fühlen zu laſſen, wie ſehr ich in ſeiner Ge⸗ walt war, mich auf die Spur dieſer Entdeckung gebracht hat. Von dieſem Augenblick an iſt eine außerordentliche Umwäl⸗ zung in mir vorgegangen. Ich habe errathen, was ich nie⸗ mals geahnt hatte— die Bosheit der Welt! Ich habe die Ueber⸗ zeugung erlangt, daß der Schwache und der Arme früher oder ſpäter gezwungenermaßen die Beute des Starken und des Rei⸗ chen werden muß. Anfan sempfandich Furcht, große Furcht; als aber der erſte Augenblick der Ueberraſchung vorüber war, als der Schwindel, welcher mich blendete, theilweiſe verflogen war, wollte ich mir genaue Rechenſchaft von meiner Stellung geben Der Tiger von Tanger. II. 11 und ich begann das Leben zu ſtudiren. Ha! theurer Bruder, welch eine enttäuſchende Beſchäftigung! Wie warf ſie alle meine Ideen über den Haufen! Ich ſah, daß die von der großen Menge ſo beneideten Vornehmen, die ſo ſtolzen, von Schmeichlern umlagerten Günſtlinge der Mehrzahl nach nichts ſind, als Geſchöpfe ohne allen Werth! Chiffinch, den ſo Viele ſuchen, Chiffinch, den man anhört wie ein Orakel, weil er der Einzige iſt, der bei dem neuen König in hoher Gunſt ſteht, welcher die vornehmſten Edelleute des Königreiches wie ſeines Gleichen behandelt gab mir zuerſt das Bewußtſeyn des außer⸗ ordentlichen Unterſchiedes, welcher faſt ſtets zwiſchen dem Ver⸗ dienſt eines Emporkömmlings und der Stellung beſteht, die er in der Welt einnimmt! Wenn Du wüßteſt, Bruder, wie ſchwach alle die Günſtlinge des Glückes vor ihren niedrigen 1 Leidenſchaften daſtehen, dann würdeſt Du Dich verſucht füh⸗ len, ſie zu bemitleiden. Sobald ein unüberſteigliches Hinderniß ſich der Erreichung ihrer Wünſche entgegenſtellt, wenn ſie auf einen feſten, unerſchütterlichen Willen ſtoßen, dann werden ſie eben ſo demüthig und kriechend als ſie vorher ſtolz und an⸗ maßend waren. Mehr durch den Abſcheu, den Chiffinch mir einflößte, als durch eine kluge Berechnung geleitet, wies ich ſeine Huldigungen mit ſtolzer Verachtung, mit unüberwindlicher Hartnäckigkeit zurück. Was war die Folge davon? Daß dieſer gegen die Frauen von jeher ſo freche und boshafte Menſch mir gegenüber eine Hingebung, ja, eine Unterwürfigkeit zeigt, welche unverbrüchlich zu ſeyn ſcheint. Es wäre mir nicht mög⸗ lich Dir den Grad von Erniedrigung zu ſchildern, auf welchen er herabgeſunken iſt. Thränen und Schluchzen ſind in der Regel die Antwort auf meine unverſöhnliche Verachtung.⸗ Suſanne, deren Worte ſtolz und harmoniſch klangen, jele er eht, nes ßer⸗ ber⸗ die vie gen üh⸗ niß ſie 1 ſchwieg einen Augenblick, dann ſenkte ſie die Stimme und die Augen und fuhr fort: »Bruder, ich darf dir nichts verhehlen. Vor Dir denke ich laut wie ich ſpreche. Du mußt Alles erfahren! Ich erfuhr, geliebter Bruder, noch etwas, was ich ebenfalls noch nicht ge⸗ ahnt, nemlich, daß die Natur mich mit ungewöhnlicher Schön⸗ heit begabt hat, und daß die Schönheit ebenſo wie der Reich⸗ thum und die Macht eine furchtbare Waffe iſt. Wir werden daher in dem erbitterten Kampfe, den wir zu beginnen im Begriff ſtehen, nicht wehrlos ſeyn. Haſt Du, um aus der ge⸗ fährlichen Stellung, welche man Dir bereitet hat und welche Chiffinch mir angedeutet, herauszukommen, nöthig, ein Staats⸗ geheimniß zu wiſſen, oder die ſchwache Seite deiner Feinde, dei⸗ ner Verfolger zu kennen? Sprich, mein Bruder. Für ein Lä⸗ cheln von mir würde Chiffinch ſeinen ganzen Reichthum opfern — er würde ſich nur glücklich ſchätzen, wenn ich von ihm ver⸗ langte, daß er ſeinen Herrn verrathen ſolle.« Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf die Worte der jungen Irländerin, welche Fitzgerald mit wehmüthiger Be⸗ wunderung betrachtete. »Das Blut verläugnet ſich nicht,«dachte er.„Suſanne iſt nicht umſonſt meine Schweſter. Iſt es nicht vielmehr die Vor⸗ ſehung, welche mir zu Hilfe kommt? Doch nein, es iſt viel⸗ mehr die Hölle, welche uns verfolgt— die Fitzgeralds ſind ein Geſchlecht, auf welchem ein Fluch laſtet. Möge unſer Schick⸗ ſal ſich erfüllen! Ich vermag nichts dagegen; ich habe ge⸗ than, was der Kraſft eines Menſchen möglich war zu thun. Welches Reſultat habe ich erlangt? Den tragiſchen Tod meines Bruders, den moraliſchen Fall Suſannens, den Verluſt mei⸗ ner Ruhe und meiner Ehre!— Ich wäre ein Narr, ein Un⸗ ₰ ſinniger, wenn ich die Hilfe zurückwieſe, welche der Himmel * xcollen.« ſind zu Ende! Noch länger der Gnade eines Jeffreys preisge⸗ geben zu ſeyn, mich fortwährend in ſeinen Tigerklauen zu ſehen, dies iſt eine Oual, welche meine Hingebung und meinen Muth überſteigt. Ich muß um jeden Preis meine Unabhän⸗ gigkeitwiedergewinnen! Sobald ich einmal frei bin, gehört mir die Zukunft. Ich werde arbeiten, um meine Vergangenheit wie⸗ der gut zu machen,— ich werde Suſannen mit einem guten und rechtſchaffenen jungen Manne vermälen und dann ſoll von mir nicht mehr die Rede ſeyn. Ich habe dann meine Aufgabe hiernieden vollendet. Ich werde mich dann nur noch mit dem Heil meiner Seele beſchäftigen.« »Nun, Bruder,“ fragte Suſanne, welche mit unruhiger Spannung in den Zügen Fitzgeralds zu leſen ſuchte,„Du ant⸗ worteſt mir nicht. Zürneſt Du mir? Tadelſt Du meine Pläne? Weigerſt Du Dich, deine Bemühungen mit den meinen zu vereinigen?« »Nein, meine angebetete Suſanne,« rief Fitzgerald, indem er ſeine Schweſter zärtlich auf die Stirn küßte,„»nein, Suſanne. Ehe Du jedoch dieſen gefährlichen und verhängniß⸗ vollen Weg betrittſt, wünſche ich, daß Du ernſthaft und reif⸗ lich über die Schwierigkeit der Aufgabe nachdenkſt. Einem vorübergehenden Drange nachgeben hieße Dich in's Verder⸗ ben ſtürzen. Biſt Du auch von deiner Beſtändigkeit, deiner Feſtigkeit überzeugt? Fürchteſt Du nicht, daß ein zufälliges Mitleid Dich nicht im entſcheidenden Augenblick abhalte, die Verwirklichung unſerer Pläne zu verfolgen? Auf dem gefähr⸗ lichen ſchlüpfrigen Pfade, den wir zu betreten im Begriffe ſte⸗ hen, Suſanne, kann ein einziger Fehltritt den Tod zur Folge haben. Wir können nicht fallen, ohne in einen Abgrund zu oder die Hölle mir ſendet. Meine Kräfte und meine Geduld t 165 »Sey unbeſorgt, Bruder,« unterbrach ihn Suſanne, „ſo lange unſer James nicht gerächt iſt, ſo lange Du nicht deine Feſſeln gebrochen haſt, werde ich unbeugſam, unver⸗ ſöhnlich ſeyn.⸗ »Ach, Suſanne, leider iſt die frühzeitige Erfahrung, welche Du dem Unglücke verdankeſt, noch nicht vollſtändig. Du wirſt, wie ich überzeugt bin, ſtets ſtark und tapfer gegen Geſinnungen ſeyn, welche Dich mit Recht auf Verderbtheit und Bosheit ſchließen laſſen. Daran zweifle ich durchaus nicht. Wer aber verſichert mir, daß unter dieſen Mächtigen der Erde, von welchen Du mit ſo ſtolzer Verachtung ſprichſt nicht auch ein guter, edelmüthiger, zartfühlender und recht⸗ ſchaffener Mann ſeyn kann, welcher den Weg zu deinem Herzen finden wird? Das Unglück macht mich nicht unge⸗ recht— ich erkenne an, daß dieſe Ausnahmen exiſtiren.« Suſanne erröthete und ein anbetungswürdiger Ausdruck von züchtiger Scham ſpiegelte ſich auf ihrem Geſichte. »Fitzgerald,“ ſagte ſie mit bewegter Stimme,„wenn eine der Ausnahmen, welche Du ſo eben erwähnt, mir in den Weg käme, ſo würde ſie mich keiner Gefahr ausſetzen, denn dieſer gute, edelmüthige und rechtſchaffene Mann würde ganz gewiß nicht daran denken, die Achtung zu mißbrauchen, welche ich für ihn empfinde.« Das junge Mädchen ſchwieg, dann und ohne daß ſie ihren Bruder anzuſehen wagte, fragte ſie: »Haſt Du niemals von Lord Lisle ſprechen hören?« Dieſe Frage brachte auf Fitzgerald eine furchtbare Wir⸗ kung hervor. Todtenbläſſe bedeckte ſeine Wangen, krampfhaf⸗ tes Zittern ſchüttelte ſeinen Körper und er glaubte gleichſam eine Stimme aus dem Grabe zu hören. Die Gemüthsbewegung des Unglücklichen war ſo außer⸗ 166. ordentlich, daß Suſanne, obſchon ſie in ihre eigenen Gedan⸗ ken verſunken war, nicht umhin konnte, es zu bemerken. Sie ſchlang ihren Arm um den Hals ihres Bruders und fragte ihn mit forſchendem, unruhigem Blicke: — »Was fehlt Dir denn, lieber Fitzgerald?« »Es iſt mir unwohl. Suſanne. Doch, es wird ſchnell vorübergehen— ein kleiner Anfall von Schwindel— weiter nichts. Schon fühle ich mich wieder beſſer— o, es iſt nichts. Ich ſage Dir, ich habe mich ſchon wieder vollkommen erholt. Wovon ſprachen wir denn, Suſanne? Ha, jetzt fällt es mir ein— von Lord Lisle, dem alten Königsmörder— denn er hat ſeinen König gemordet— dieſer edle Lord!— Nein, ich kenne ihn nicht— ich habe ihn niemals geſehen— hörſt Du wohl? niemals!« »Ich ſpreche nicht von Lord Lisle, dem vormaligen Ge⸗ noſſen Cromwell's, ſondern von ſeinem Sohne, von Henry Lisle, dem Lieutenant in der königlichen Leibgarde. Das iſt ein Mann von edlem Herzen, Fitzgerald! Ohne zu wiſſen, wer ich ſey, ohne zu wiſſen, ob ich ſein Mitleid verdiente,— ſcheute er ſich nicht, ſich zwiſchen Jeffreys und mich zu ſtellen, als ich zum Könige wollte, um deine Begnadigung zu erfle⸗ hen. Der Oberrichter von King's Bench hegt ſeit jenem Abende den tödtlichſten Groll gegen ihn. Ich würde mich nach dem, was Chiffinch mir mitgetheilt hat, nicht wundern, wenn Jef⸗ freys dem armen jungen Manne zu ſchaden ſuchte. Wenn Du ihm nützlich ſeyn kannſt, Fitzgerald, wenn jemals der Zufall Dich in den Stand ſetzen ſollte, ihm Beiſtand zu leiſten, ſo. vergiß nicht, daß ich eine heilige Schuld der Dankbarkeit an ihn abzutragen habe. Ach, Henry Lisle gleicht nicht ſeinen Genoſſen! Er iſt die perſonificirte Rechtſchaffenheit und Her⸗ 167 zensgüte. Es herrſcht über ihn nur Eine Stimme. Alle Welt liebt und achtet ihn.« Während Suſanne ſich mit durch mädchenhafte Schüch⸗ ternheit gemäßigter Begeiſterung ſo über Henry Lisle aus⸗ ſprach, ſchaute Fitzgerald düſter und ſchweigend vor ſich hin. Jedesmal wo der Name des Sohnes ſeines Schlachtopfers an ſein Ohr ſchlug, zuckte er mit den Augen und ein Ausdruck des Schreckens und Schmerzes verzerrte die Muskeln ſeines Geſichtes. Endlich jedoch faßte er ſich gewaltſam, um nicht durch zu langes Schweigen den Argwohn ſeiner Schweſter zu erwecken. »Meine arme Suſanne,“« ſagte er, indem er das Zit⸗ tern ſeiner Stimme zu verhehlen ſuchte,„Henry Lisle hat für Dich gethan, was er für jedes andere hübſche Mädchen ge⸗ than haben würde. Was eine Vermittlung zwiſchen dem Ober⸗ richter und ihm betrifft, ſo wäre es Wahnſinn, wenn ich daran denken wollte. Jeffreys verzeiht niemals und vergißt keine Beleidigung. Wenn er die Abſicht hat, ſich an Henry Lisle zu rächen, ſo ſey verſichert, daß keine Vermittlung mäch⸗ tig genug wäre, um den Sohn des Königsmörders zu retten.« »Glaubſt Du?« unterbrach ihn Suſanne, indem ſie dieſe beiden Worte mit eigenthümlichem Lächeln begleitete;»gut, es ſey. Laſſen wir dieſen Umſtand bei Seite, und beſchäftigen wir uns vielmehr mit unſeren Plänen.“ Zwei Stunden ſpäter war die Nacht ſchon ziemlich weit vorgerückt und Fitzgerald nahm Abſchied von Suſannen. »Wann werde ich Dich wiederſehen?« fragte ſie ihn, indem ſie ihn bis an die Hausthür begleitete. »Morgen Früh, Suſanne.“ Der Bruder und die Schweſter umarmten ſich noch ein letztes Mal, ehe ſie ſich trennten, dann verließ Fitzgerald das Haus und Suſanne begab ſich in ihr Zimmer zurück. »Nun beginnt mein zweiter Kampf mit Jeffreys,⸗ ſagte der Irländer bei ſich ſelbſt, während er eilig die Straßen durchſchritt.„Er hat den erſten Sieg errungen, wir werden ſehen, wem der zweite zufällt. Was die Abreiſe nach Holland betrifft, ſo denke ich nicht daran. Suſannen in einem ſolchen Augenblicke zu verlaſſen, während ſie von der verhaßten Liebe eines Chiffinch bedroht wird, wäre ſchändlich. London zu verlaſſen, während der vorgebliche Capitän Barca, der Mör⸗ der meines Bruders, der verabſcheute Kirke, in der Haupt⸗ ſtadt angelangt iſt, dies wäre feig und hieße faſt, mich zum Mitſchuldigen des Mörders meines armen James machen. Ja, ja, ich werde bleiben! Wenn ich nicht die Gewalt für mich habe, ſo werde ich die Liſt anwenden. Da ich nicht Löwe ſeyn kann, ſo will ich Natter ſeyn. Der giftige Zahn der Natter iſt nicht weniger furchtbar, als die Klaue des Königs der Wüſte.« 1 Während Fitzgerald auf Suſannens Mitwirkung rech⸗ nend und durch Kirke's Anweſenheit aufgeregt, auf dieſe Weiſe keck den Kampfplatz betrat, ward Suſanne, nachdem ſie wie⸗ der in ihr Zimmer eingetreten, die Beute eines jener im Leben leider ſo häufigen innern Kämpfe, welche das Herz brechen und oft den Verſtand umdunkeln. Ihre heftig klopfende Bruſt, ihr kurzer, unterbrochener Athem, der Glanz ihrer ſchönen Augen verriethen auf energiſche Weiſe die Ungewißheit und die Zweifel, wovon ſie umlagert ward. Endlich erhob ſie ſich, einen Entſchluß faſſend, raſch von ihrem Seſſel, ſetzte ſich vor einen in der Ecke des Zimmers ſtehenden ſchön verzierten Schreibtiſch, und begann einen Brief — — —— wo 8 —— 169 zu ſchreiben. Sie bedurfte nur weniger Minuten, um ihn zu beenden. Dann, ſey es nun, daß ſie abermalige peinliche Gedan⸗ ken fürchtete, oder ſey es, daß ſie denſelben zuvorkommen wollte, brach ſie den Brief raſch zuſammen und ſiegelte ihn, ohne ihn nochmals zu leſen, klingelte dann ihrer Dienerin und übergab ihn dieſer. »Beſtelle dieſen Brief ſogleich und ohne einen Augen⸗ blick zu verlieren, meine gute Anna. Du bekommſt keine Antwort.« Die Dienerin gehorchte. Die Adreſſe des Briefes lautete: »An Lord Henry Lisle, Lieutenant in der Leibgarde Sr. Majeſtät des Königs.⸗ XVII. Sperber und Caube. Am Tage nach dem, wo Fitzgerald bei Jeffreys geweſen, ließ ſich ſchon beim erſten Morgenſchimmer ein lautes Pochen an der Thür des Hauſes vernehmen, in welchem Sir Charles Murray wohnte. Die aus dem Schlafe aufgeſchreckten Diener kleideten ſich ſchnell an und gingen, um ſich von der Urſache eines ſo frühen Allarms zu unterrichten. Es war der alte William, welcher den Herrn des Hauſes auf der Stelle zu ſprechen verlangte. Man öffnete ihm, indem man ihn aufforderte zu warten, bis Sir Charles aufſtehen würde. »Nein, nein, meine Freunde,“« ſagte er hartnäckig.„Laſ⸗ 170 ſet mich Sir Charles noch dieſen Augenblick ſprechen. Mag er noch ſchlafen oder nicht, ſo führet mich zu ihm, ich muß ihn ſprechen, ohnen einen Augenblick zu verlieren.“ Da die Diener immer noch zögerten, ſo ſetzte er in feſtem Tone hinzu: „Ich mache Euch für Alles, was geſchehen kann, ver⸗ antwortlich, wenn Ihr mich abhaltet, mit ihm zu ſprechen.“ Zwei Minuten ſpäter ward William in Sir Charles Murray's Schlafzimmer eingeführt. Der Hausherr war ſo⸗ eben erwacht. Auf ein Zeichen von ihm ſchloß ſich die Thür hinter dem treuen Diener des Lord Lisle, und die beiden Greiſe waren mit einander allein. „Du mußt mir etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen haben, da Du zu ſo früher Stunde kommſt. Sprich, mein Freund, ich höre Dich.“ „Ja, Sir Charles, Ihr habt es geſagt, es iſt in der That etwas ſehr Wichtiges. Als ich geſtern Abend ziemlich ſpät durch den Strand ging, ſah ich einen Mann aus einem Hotel kommen. Es war dies derſelbe, welcher mir auf der Straße von Lauſanne die Papiere raubte, die ich meinem ar⸗ men Herrn überbringen wollte. Dieſer Menſch lief wie ein Wahnſinniger und dennoch ſah ich ihn ſo deutlich, wie ich jetzt Euch ſehe. Ich erkannte ihn ſogleich und war darüber keinen Augenblick lang in Zweifel. Ich rannte ihm nach— er rannte wie der Wind— ich wollte ſchreien: Haltet den Mörder! aber die Stimme verſagte mir und übrigens wollte ich auch lieber laufen als ſchreien. Ich bin aber alt, nach zehn Minu⸗ ten ſchon hatte ich keinen Athem mehr und mußte ſtehen blei⸗ ben. Ich war wüthend über mich ſelbſt, daß ich mir ihn ſo hatte entrinnen laſſen, und war ganz untröſtlich. Plötzlich jedoch fiel mir etwas ein. Ich ward neugierig, zu wiſſen, * 53 4 171 wem das Hotel gehörte, aus welchem ich dieſen Menſchen hatte herauskommen ſehen. Ich kehrte nach dem Strand zu⸗ rück. Ich ſuchte lange. Endlich erkannte ich die Thür beſtimmt wieder zu welcher der Mörder herausgeſprungen war. Ich fragte zehn Vorübergehende nacheinander und Alle ſagten mir, daß dieſes Hotel dem Lord Jeffreys gehöre.« So weit hatte William erzählt, als Sir Charles Mur⸗ ray aus dem Bett ſtieg und ſich anzukleiden begann. Es war klar, daß er irgend einen Entſchluß gefaßt hatte. „Erzähle weiter,« ſagte er zu William, während er in ſeiner Toilette fortfuhr. „Ich begriff ſogleich,« hob der alte Diener wieder an, „daß die Papiere, welche ich mir rauben laſſen, ſich nun in den Händen eures Feindes befinden, Sir Charles, und ſobald der Tag anbrach, eilte ich hierher, um Euch davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen.“ „Dank, tauſend Dank, mein Freund,⸗ ſagte Murray⸗ indem er William die Hand drückte;»Du leiſteſt mir da einen ungemein wichtigen Dienſt. Und ſage mir, haſt Du dies auch deinem jungen Herrn mitgetheilt?« „Nein, Mylord war in dem Palaſt, wo er Wachdienſt hat, und wird erſt heute Morgen wieder nach Hauſe kommen. Uebrigens, Sir Charles, erſchien mir auch die Sache ſo ernſt, vaß ich auf jeden Fall vorgezogen hätte, ſie erſt eurer Erfah⸗ rung anzuvertrauen.“ „Du haſt Recht. Jetzt aber muß ich ſogleich mit Lord Henry Lisle ſprechen. Eile ihn zu holen. Wenn er noch nicht zu Hauſe iſt, ſo begib Dich nach Whitehall und ſage ihm, daß ich ihn erwarte und daß er ſo ſchnell kommen möge, als ihm möglich iſt. Doch nein, nein; alles dies würde zu lange o bitte ihn, dauern. Geh zu ihm und wenn er zu Hauſe iſt, ſ 172 mich zu erwarten. Ich werde vorerſt ſtracks nach Whitehall gehen.« William entfernte ſich, um den ihm gegebenen Inſtruc⸗ tionen zu gehorchen, und Murray klingelte, nachdem er mit dem Ankleiden fertig war, ſeinem Diener und befahl ihm, ſeine Tochter zu rufen. Nach wenigen Augenblicken bot Lucy in einem einfachen weißen Morgengewande ihre kindlich geneigte Stirn den Lip⸗ pen ihres Vaters dar. Der alte Puritaner drückte einen Kuß darauf und ſagte, indem er ſich bemühte, ſeine düſteren Gedanken zu verhehlen: „»Mein Kind, es iſt wahrſcheinlich, daß wir noch heute Morgen nach Taunton abreiſen. Mache Alles fertig, was wir zu dieſer Reiſe nöthig haben, da ſie aber geheim bleiben muß, ſo ſage den Dienern nichts davon.« Murray lenkte ſeine Schritte nun nach der Straße. Seine Tochter folgte ihm, ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Frage an ihn zu richten, mit einem unruhig zärtlichen Blick, bis er die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte. Lucy's ganzes Leben, ſeitdem ſie in ihrem zwölften Jahre ihre Mutter verloren, war ein fortwährend ſüßes Bemühen geweſen, ihrem Vater zu gehorchen und zu gefallen. Man konnte ſagen, daß das Glück dieſes edlen Greiſes ihr ſtetes Trachten war, und der blinde Gehorſam, den ſie ſoeben bewie⸗ ſen, war nur eine der tauſend Conſequenzen des von ihr ſich ſelbſt aufgelegten Geſetzes, nicht blos ſeine leiſeſten Wünſche ſtets zu erfüllen, ſondern ihnen auch ſo viel als möglich zu⸗ vorzukommen. Dennoch aber litt ſie nicht weniger lebhaft, wenn ſie an den gezwungenen Ausdruck des väterlichen Antlitzes dachte, 4 173 und ihre Unruhe und Angſt verrieth, daß ihm irgend ein ſchweres Unheil drohte. Es dauerte nicht lange, ſo begann ſie die von Murray befohlenen Anſtalten zu treffen, und nachdem ſie denſelben zwei Stunden gewidmet, ſtand ſie im Begriff ſie zu beenden, als an die Hausthür gepocht ward. Obſchon es jetzt auf den Straßen lebendig zu werden begann, ſo war doch die Stunde noch viel zu früh, als daß es ein der Familie fremder Beſucher hätte ſeyn können. Anfangs glaubte ſie, es ſey ihr Vater, und wollte ihm ſchon entgegengehen, ats ſie plötzlich in dem Zimmer, aus welchem man in die Hausflur gelangte, ſtehen blieb. Sie hatte eine Stimme gehört, welche ſie auf der Stelle erkannte. »Sagt Sir Charles Murray,“ ſagte dieſe Stimme zu dem Diener, welcher die Thür geöffnet hatte,„daß der Oberſt Percy Kirke ihn augenblicklich zu ſprechen verlangt, verſteht Ihr wohl? augenblicklich!« „Sir Charles Murray iſt nicht zu Hauſe,« antwortete der Diener. „Was, ſo früh ſchon iſt er ausgegangen? „Mein Herr iſt ſchon ſeit zwei Stunden fort. „So, ſo! Und wo kann ich ihn vielleicht treffen, um ihn zu ſprechen?« „Das weiß ich nicht. Er hat nicht geſagt, wo er hin⸗ gehen wollte.« „Aber dennoch muß ich ihn ſprechen, ich muß ihn durch⸗ aus ſprechen! Von der Schneligkeit, womit ich ihn zu ſpre⸗ chen bekomme, hängt ſein Wohl und Wehe ab. Erkundigt Euch bei ſeiner Tochter, ob ſie nicht weiß, wo er iſt.« Lucy hatte Alles gehört. Bei den letzten von Kirke ge⸗ 174 ſprochenen Worten trat ſie aus dem Zimmer heraus und ging dem Oberſten raſch entgegen. „Tretet ein, Sir, tretet ein!« rief ſie von ängſtlicher Be⸗ wegung ergriffen. Kirke fühlte, als er der jungen Dame in den Salon folgte, ſein Herz gewaltig ſchlagen. Einen Augenblick lang ſchien es dieſem ſonſt ſo kecken und mit übermenſchlicher Stärke begabten Manne, als wenn die Knie ihm zuſammen⸗ brechen wollten. Ein Zufall, an den er niemals zu glauben gewagt hätte, führte ihn unvermnthet mit Lucy zuſammen, mit Lucy im Morgengewande und unter Umſtänden, wo alle ceremoniöſe Kälte eines gewöhnlichen Empfanges nothwendig in den Hintergrund treten mußte. „Um's Himmels willen, Oberſt, welche Gefahr droht meinem Vater?« rief das arme Mädchen mit verſtörter Miene und an allen Gliedern zitternd.»„Ich habe gehört, was Ihr ſo eben in der Hausflur ſagtet. O verſchweigt mir nichts ls „Euerm Vater ſelbſt wollte ich es ſagen, Miß Lucy. Wißt Ihr, wo ich ihn finden kann?« „»Nein, ich weiß es nicht, Oberſt. Er iſt fortgegangen, ohne mir zu ſagen wohin. Indeſſen er muß nun bald zurückkom⸗ men. Erwartet ihn hier. Aber ſagt mir, ich bitte Euch, welche Gefahr drohet ihm?« „Eine große, eine unermeßliche Gefahr, Miß Lucy.« „»O mein Gott!« „Ja, warum ſollte ich es verhehlen? Ich komme ſo dhen von Lord Jeffreys. Ich habe die Nacht dort zugebracht, eine Nacht hitzigen Kampfes. Ich habe den Einfluß, der mir über ihn zuſteht, gebrauchen und mißbrauchen müſſen, um ihn ab⸗ zuhalten, euern Vater noch in dieſer Nacht feſtnehmen zu laſſen.“ — — —+— 2— 8à8 — „Aber wozu denn dieſer neue Mißbrauch der Macht?« fragte Lucy mit einem Gemiſch von Furcht und Entrüſtung. „Verzeihet mir, Miß Lucy, ich muß Euch geradezu ſagen, daß es diesmal kein Mißbrauch der Macht geweſen wäre. Einer der Spione des Oberrichters hat dieſem geſtern Abend Papiere überbracht, die er in Lauſanne geraubt hat. Dieſe Pa⸗ piere, die von euerm Vater unterzeichnet ſind, waren von ihm an Lord Lisle gerichtet und ich ſage Euch der ſtrengſten Wahr⸗ heit gemäß, daß dieſe Briefe auch in den Händen eines jeden andern Richters als Jeffreys ihren Verfaſſer auf tödtliche Weiſe compromittiren würden.* „Großer Gott, erbarme Dich mein!« murmelte Lucy, indem ſie, von ihrer Angſt überwältigt, auf die Knie nieder⸗ ſank und Augen und Hände zum Himmel emporhob. Bei dieſer raſchen Bewegung hatte ſich ihr langes Haar aufgelöſt und wallte in blonden Wogen über ihre Schultern und ihr weißes Morgengewand, ſo daß ſie an jene Fülle von Gold erinnerte, welche der griechiſche Künſtler an den olym⸗ piſchen Bildern zu Delphi und Athen auf ſo edle Weiſe mit dem Elfenbein zu vermälen mußte. „Gott wacht über Euch und über euern Vater, Lucy,“ ſagte der Glücksritter, der ſie aufhob, indem er ſie bei den Händen faßte, die ſie in ihrer Aufgeregtheit ihm überließ.»Ja, Gott iſt es, der mich geſtern Abend zu dem Oberrichter führte — Gott iſt es, welcher geſtattete, daß er mir jene Papiere und den bereits geſchriebenen Befehl zeigte, welchem zufolge Sir Charles Murray in der verwichenen Nacht feſtgenommen und ins Gefängniß gebracht werden ſollte— Gott iſt es, der mir den Gedanken eingab, dieſen Verhaftsbefehl zu zerreißen.« „Und er ſegne Euch dafür Oberſt,« rief Luch mit über⸗ 176 wallender Dankbarkeit und warf Kirke einen ſeelenvollen Blick zu. »Gott und meine Liebe zu Euch,« fuhr der Oberſt wie berauſcht fort,„haben mir über Jeffreys' blutdürſtige Abſich⸗ ten den Sieg verſchafft und mir die Kraft gegeben, ihm das Verſprechen abzunöthigen, dreimal vierundzwanzig Stunden lang keinerlei Schritte gerichtlicher Verfolgung gegen euern Vater zu unternehmen.“ Ende des zweiten Theiles. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. *