—— . “ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von... Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ü 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurü wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 9 he Buches wird von Tages iſt zu 24 Stun⸗ gegennahme entſprchende Summe ckgabe von mir zurückerſtattet für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mkr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 1 2 Ber Tiger von Tanger. 8——— Hiſtoriſcher Roman von Paul Dupleſſis. Deutſch von Dr. Emil Steinmann. 4 Ddritter Theil. Peſt, Wien und Keipzig, 1858. Hartleben'’s Verlags⸗Expedition. —n Sperber und Caube. (Fortſetzung.) Wahrend Kirke noch ſprach, hatte Lucy ſchon ihre Hände aus den ſeinigen losgemacht und ſich von dem furchtbaren Gaſte einige Schritte entfernt. Er bemerkte dieſe Bewegung. »Wie es ſcheint, Miß Lucy,« ſagte er mit finſterer Miene, »wie es ſcheint, flöße ich Euch großen Widerwillen ein, da Ihr Euch auf dieſe Weiſe von mir in dem Augenblicke ent⸗ fernt, wo ich Euch mittheile, was ich für euren Vater gethan habe.« »Ihr irrt Euch, Oberſt,« ſtammelte Lucy zitternd. »Wenn ich geſagt haben werde, was ich noch für ihn thun will, ſo werdet Ihr vielleicht von euren ungerechten Vor⸗ urtheilen gegen mich, gegen den wilden Commandanten von Tanger, wie man mich nennt, zurückkommen, denn Ihr haltet mich wahrſcheinlich für einen habgierigen Glücksritter, welcher ſei⸗ nen Degen jeder Sache widmet, mag ſie gut oder ſchlecht ſeyn, nicht wahr? Ich kann doch nicht glauben, Miß Lucy, daß Ihr deswegen Groll gegen mich hegt, weil ich mit Lord Henry Lisle die Klinge gekreuzt habe?« Der Tiger von Tanger. III. 2 — »Ich hege kein Vorurtheil und keinen Groll gegen Euch, Oberſt, und wäre dies auch der Fall geweſen, ſo wäreich doch ſchon davon zurückgekommen, da ja Ihr es ſeyd, dem ich zu verdanken habe, dieſe Nacht nicht von einem ſo entſetzlichen Unglück betroffen worden zu ſeyn,« ſagte Murray's Tochter, welche ihre thränenvollen dankbaren Blicke abermals auf Kirke heftete, obſchon ſie ſich ernſt und würdevoll von ihm ent⸗ fernt hielt. »Ich habe mich vielleicht getäuſcht, Miß Lucy,« ſagte der Oberſt in ſanftem, traurigem Tone.„Der Grund davon liegt in dem geringen Vertrauen, welches ich zu mir habe, während ich bei Euch und wenn ich mit Euch ſpreche, an meinen unglücklichen Ruf denke. Ach, der Ehrgeiz iſt die Ur⸗ ſache von gar ſo vielen Fehlern. Dieſe Fehler aber, Miß Lucy, würdet Ihr mir verzeihen, wenn Ihr nicht ein ſo reines und makelloſes Weſen wäret; Ihr würdet ſie mir verzeihen, wenn euer Herz jemals den Ehrgeiz hätte kennen lernen. Wie ſolltet Ihr auch jene ewige Schlafloſigkeit des Willens kennen lernen, während welcher der Menſch ſeinen Blick nur auf ein einziges Ziel heftend nach demſelben emporklettert, ſey der Weg wel⸗ cher er wolle. Doch erſchrecket nicht, Miß Lucy. Mein Ehrgeiz iſt dies nicht. Und ſoll ich es Euch ſagen? Oft habe ich mich dabei ertappt, daß ich über mich ſelbſt lache. Wie oft habe ich, mit dem Auge die Gipfel des Atlasgebirges meſſend, an einem ſchönen Morgen angefangen, den weſtlichen Abhang dieſes Ge⸗ birges zu erſteigen. Ich ſagte mir, daß, wenn ich auf einer Spitze angelangt wäre, welche noch kein menſchlicher Fuß be⸗ treten hätte, es ſchön ſeyn müßte, um mich herum zu meinen Füßen die Wüſte, das mittelländiſche Meer, Spanien, den atlantiſchen Ocean zu ſehen. Kaum aber hatte ich meinen Weg unermeßlicher Liebe liebte. 2 3 einige Stunden lang verfolgt, ſo ließ ich mich durch eine Quelle oder eine Blume, auf die ich an der Bergwand ſtieß, zerſtreuen und anfhalten. Und ich ſtieg dann nicht weiter hinauf. Dies, Miß Lucy, iſt die Geſchichte meines ganzen Lebens. Ich habe mich ſtets angeſtrengt und ermüdet, ohne ein Reſultat zu errei⸗ chen. Kaum dreiunddreißig Jahre alt, fühlte ich mich daher ſchon bejahrt; ich erinnerte mich, daß ich ein Vaterland hatte und daß die Tage meiner Kindheit darin nicht allzu unglücklich vergangen waren. Ich beſchloß daher, dahin zurückzukehren. — Als ich mein Vaterland wiederſah, fühlte ich, daß meine Seele neues Leben gewann. Als ich die Frauen meines Vater⸗ landes wiederſah, gewann ich die Ueberzeugung, daß Cir⸗ caſſien, dieſe Wiege der menſchlichen Schönheit, nicht die ſchön⸗ ſten beſäße. Aber hoch über allen ſtrahlte eine. Als ich ſie ſah, ſagte ich mir, daß, wenn ſie in den Gärten Mahomets erſchiene, alle Auserwählten ſich von ihrem ſeidenen Lager erheben wür⸗ den, um ihr ihre goldenen Becher darzubieten und vor ihr nie⸗ derkniend zu ſchwören, daß der Prophet gelogen und daß Gott eine Tochter habe.“ Der Soldat von Tanger machte eine Pauſe Die Schultern mit einem weißen weiten Burnus bedeckt, deſſen Falten ſich ſeiner ſtolzen Haltung und Geberde an⸗ ſchmiegten, in ſeinem durch ſeinen orientaliſchen Reichthum und ſeine Excentricität ſo merkwürdigen Coſtüm, mit einem Geſicht, welches durch tiefe Gemüthsbewegung noch bleicher geworden, als durch die ſchlaflos verbrachte Nacht, mit fun⸗ kelnd feuchtem Blick, mit harmoniſcher Stimme— herrlich zu ſehen und zu hören— berauſchte er ſich immer mehr und mehr in dem Anblick des Weſens, welches er mit wahnſinniger, 4 Lucy fühlte zitternd und befangen ſeinen glühenden Blick wie einen unheimlichen, unüberwindlichen Zauber auf ihr laſten. »Seit meinen Jünglingsjahren,« hob nach einigen Se⸗ cunden der Glücksritter wieder an,»habe ich in jenem bren⸗ nenden Himmelsſtriche gelebt, wo die Jugend des Menſchen durch das Feuer der Leidenſchaften ſo ſchnell ausgetrocknet wird, wo Wolluſt und Liebe in der Luft ſchwimmen. Wohlan, Miß Lucy, ich ſage Euch in der Wahrheit, dort hat die Liebe nicht einen einzigen Tag lang mein Gemüth beunruhigt. Meine erſte Leidenſchaft ſollte in Lauſanne geboren werden. Höret mich an— es iſt eine ſeltſame und verhängnißvolle Geſchichte, die ich Euch erzählen will. Ich befand mich bei einem edeln Verbannten, bei dem Freunde eures Vaters. Seiner vom Eiſen des Meuchlers durchſtoßenen Bruſt entquoll ſein Lebensblut. Noch einige Augenblicke und das Leben mußte in ihm erlöſchen. Dieſer Greis ſprach in ſeinem letzten Delirium von einem jun⸗ gen Mädchen. Aus ſeinen nur noch geſtammelten Worten hörte ich, daß ſie ſchön und rein war. Die Worte des Sterbenden ſchufen in mir ein neues Daſeyn. Sie offenbarten mir in meiner Seele Geheimniſſe welche ich vor dieſem feierlichen Auftritt darin noch nie geahnt. Ich begriff, daß ich zum erſten Male ein weibliches Weſen liebte, welches ich nicht kannte. Ich begriff daß ihr Anblick meine Liebe noch ſteigern würde. Ich ſah ſie wirklich und meine Liebe iſt grenzenlos. Der Greis ſprach ſter⸗ bend einen Namen aus, der noch jetzt in meinen Ohren hallt. Er murmelte: Lucy!« „Das iſt mein Name““ rief das junge Mädchen er⸗ ſchrocken und ſchaudernd. „Der ſüßeſte aller Namen!« „»Mein Gott!“ 5 »O, ſagt ein Wort, Lucy, ein einziges Wort der Hoff⸗ nung, und ich mache aus meinem Namen einen funkelnden und ruhmreichen Namen, den jedes Weib mit Stolz tragen würde. Ein Wort von Euch, Lucy, und ich rette euren Va⸗ ter vor Jeffreys' Wuth!— Wie, Ihr bleibet ſtumm! Ihr zittert und taumelt. Warum werdet Ihr deshalb ſo unruhig, meine innigſt Geliebte? Sehet, Luch, ſehet dieſes Medaillon — es hat mich noch niemals verlaſſen, ſeitdem ich es habe. Sagt mir blos, daß ich es behalten ſoll, daß Ihr mir es gebet, und in drei Tagen iſt euer Vater in Holland vor jeder Gefahr geſchützt.« Die arme Lucy näherte ſich, von einer unüberwindlichen Bewegung unwillkürlicher Neugier getrieben, Kirke um einen Schritt und betrachtete das Medaillon. „»Mein Bildniß!« ſagte ſie;„wie kommt Ihr dazu? O gebt es mir zurück, Oberſt!« „»Nur mit meinem Leben ſoll man es mir entreißen!« ſagte Kirke in kaltem Tone, indem er zugleich das Bildniß wieder in ſeinem Buſen barg und im Tone anmaßender Härte ſagte: „»Alſo, was ich auch gethan habe und was ich auch noch bereit ſeyn mag zu thun, um Euch meine Liebe zu bewei⸗ ſen, ſo kann ich von Euch doch kein Wort und keine Geberde erlangen, die nicht ein Zeugniß eures Haſſes gegen mich wäre! Wohlan, ich entferne mich, um jedenfalls den eifrig⸗ ſten eurer Wünſche zu erfüllen. Dennoch aber will ich, in⸗ dem ich gehe, Euch nicht in tödtlicher Ungewißheit laſſen. Ich bin beſſer, als man mich gewöhnlich macht, und überdies liebe ich Euch. Sagt eurem Vater, daß er die Friſt, die ich für ihn gewonnen habe, benützen kann. Er möge abreiſen. Ich 4 6 werde ſeine Flucht überwachen und ſie beſchützen. Ich behalte mir nur eine Rache vor, und dieſe ſoll mir Niemand rau⸗ ben. Ich werde den Mann tödten, der mie eure Liebe ent⸗ zieht. Ich werde ihn umbringen, jenen glatiwangigen Damen⸗ ritter, der den ſüßen Namen Henry Lisle trägt. Lebt wohl, Miß Luchy, oder vielmehr auf Wiederſehen!« Kirke lenkte ſeine Schritte nach der Thür, ging aber nicht hinaus. Er wünſchte vorher die Wirkung zu ſehen, welche ſeine letzten Worte auf Lucy äußern würden. Dieſe Wirkung war eine furchtbare. Die Kräfte des armen Mädchens waren erſchöpft. Sie ward bleich, taumelte und ſah ſich, um nicht niederzuſinken, genöthigt, ſich auf ein Zimmergeräth zu ſtützen. Dieſes Geräth war eben jener Tiſch von altem Eichen⸗ holz, auf welchem noch die handſchriftliche Bibel lag, von welcher ſchon früher die Rede geweſen. Der Anblick dieſes Buches, des heiligen Zeugen der Schwüre, welche Lucy und Henry wenige Tage vorher ge⸗ wechſelt, ſchien dem jungen Mädchen eine plötzliche und geheim⸗ nißvolle Kraft mitzutheilen. Sie richtete ſich auf. Ein unerwartetes Gepräge der Ruhe verdrängte auf ihrem Antlitz den Ausdruck der Angſt und Verzweiflung, welcher noch ſo eben darauf zu ſehen ge⸗ weſen. Sie richtete auf Kirke einen feſten entſchloſſenen Blick und wendete ſich mit ſtolzer, edler Geberde zu ihm. „Oberſt,« ſagte ſie mit feſter Stimme,»Ihr habt mir ſo eben verſprochen und geſchworen, daß mein Vater während der nächſten drei Tage in keiner Gefahr ſchwebe und daß Ihr ſeine Abreiſe decken würdet, wenn er es angemeſſen fände, London oder England überhaupt zu verlaſſen. Dies iſt wahr⸗ —— 7 ſcheinlich ein ernſtes Wort, welches Ihr mir da gegeben, Oberſt, und, nicht wahr, ich kann auf euren Schwur rechnen?« „Wie könnt Ihr daran zweifeln Miß?« antwortete Kirke, welcher die Hoffnung in ſeinem Herzen wieder erwa⸗ chen fühlte und ſich Lucy näherte.»Habe ich es Euch nicht in dem Augenblick verſprochen, wo Ihr mich mit der ver⸗ letzendſten Härte zurückſtießet? Doch was! eure Geberde be⸗ fiehlt mir, mich von Euch entfernt zu halten?— Ha, Grau⸗ ſame!— Doch gleichviel, ich ſchwöre es nochmals, ich werde euern Vater retten, möge kommen was da wolle.« „»Es möge kommen was das wolle, Oberſt?« „»Ja, Lucy.« „Gut, Sir.— Jetzt erlaubet mir, daß ich eine andere Frage an Euch richte. Ihr wollt Lord Henry Lisle umbrin⸗ gen, wie Ihr mir geſagt habt. Iſt die Waffe, deren Ihr Euch zu dieſem Zwecke zu bedienen gedenkt, das Meſſer des Verräthers oder vielmehr der Degen des Soldaten?“ „Lucy, Ihr mißbrauchet die Liebe, welche Ihr mir ein⸗ flößet, auf ſeltſame Weiſe.« »Wohlan, Oberſt, eure Entrüſtung beruhigt mich wie⸗ der. Ich ſehe ſchon, Auge in Auge und mit dem Degen in der Hand werdet Ihr Lord Henry Lisle angreifen. Wohlan, Sir, thut es. Macht einen zweiten Verſuch und ſehet, ob er Euch beſſer gelinge als der erſte.« Der Zorn, welcher einen Augenblick lang die Blicke des ſurchtbaren Oberſten entflammt hatte, verloſch wie auf einen Zauberſchlag und wich der aufrichtigſten Bewunderung. „»Bei Percy Kirke's Degen!“ rief er, indem er ſich vor Lucy auf die Knie niederwarf,„noch nie habe ich Euch ſo ſchön geſehen, Lucy; ſo liebe ich Euch!« »Ich höre meinen Vater kommen, Oberſt!— Stehet auf! Sir Charles Murray iſt kein händelſüchtiger Raufbold, aber dennoch würde er Euch umbringen, wenn er Euch ſo vor mir knien ſähe. Stehet auf, ſage ich.⸗ Kirke gehorchte. In demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thür des Zim⸗ mers und Luch ſagte zu dem in Begleitung eines alten Man⸗ nes eintretenden Sir Charles Murray: »Mein Vater, hier iſt der Oberſt Kirke, welcher mit Euch von einem wichtigen Dienſte ſprechen will, den er bereit iſt, Euch zu leiſten.⸗ II. Die Cochter Jephtah's. Während der drei Wochen, die ſeit Sir Charles Mur⸗ ray's Unterredung mit dem Oberſten verfloſſen waren, hatte erſterer nur mit tiefem Kummer den Gedanken ertragen, von Kirke geſchützt zu werden. Zwanzigmal des Tages waren ihm die Worte eingefallen, welche dieſer Mann, indem er ihn verließ, zu ihm geſagt hatte: »Bis zu meiner Rückkehr habt Ihr nichts von Jeffreys zu fürchten, ſelbſt wenn er eure Briefe an Lord Lisle ſchon in den Händen hätte.« Und bei jeder Rückerinnerung fühlte er gleichſam einen Gewiſſensbiß, daß er, wenn auch unfreiwillig, dieſen Dienſt hinnahm, welchen ein politiſcher Feind ihm leiſtete. Es war 9 dies für ihn eine fortwährende Demüthigung, deren er ſich zu entledigen eilte. Als er den Oberſten in ſeiner Wohnung antraf, glaubte er, dieſer ſey gekommen, um den Preis dieſes Dienſtes von ihm zu verlangen, als er aber die Worte vernahm, welche Lucy an ihn richtete, begriff er, daß Kirke, um ihn noch mehr zu feſſeln, ihm eine neue Wohlthat aufzwingen wolle. Ohne genau zu wiſſen, worin dieſe Wohlthat beſtünde, errieth er ſie doch unklar und empfand im Voraus eine un⸗ willkürliche Scheu davor. »Ihr kommt,« hob er in kaltem Tone zu dem Oberſten an,„Ihr kommt, um mir mitzutheilen, daß euer Freund, der Oberrichter, jene auf der Landſtraße von Lauſanne ge⸗ raubten Briefe in ſeinem Beſitz hat. Ich weiß dies ſchon, Sir; aber was ich noch nicht weiß und daher zu wiſſen wünſche, iſt der Beweggrund des Beſuches, mit welchem Ihr mich beehrt.“ »Ich habe ihn ſo eben Miß Lucy mitgetheilt,« antwor⸗ tete Kirke, indem er einen herausfordernden Blick quf den alten Mann warf, welcher mit Murray eingetreten war, „und ich würde ihn Euch ebenfalls mittheilen, wenn wir allein wären. Dieſe Wiederholung wäre indeſſen überflüſſig, da ja eure Tochter Euch mit zwei Worten von Allem unter⸗ richten kann. Ich entferne mich, Sir, und werde die Ehre haben, mich vor Ablauf von drei Tagen wieder vorzuſtellen.“« Dann näherte er ſich Murray und ſetzte mit geſenkter Stimme hinzu: „»Es wäre vollkommen vergeblich, Sir Charles, einen Verſuch zur Abreiſe zu machen, bevor Ihr mich wieder geſe⸗ hen habt. Bleibt ganz r hig zu Hauſe, bis ich Euch ſage: Ihr könnt London ea Dieſer Rath würde, wenn Ihr 10 ihn befolgt, Euch retten— laßt Ihr ihn dagegen unbeachtet, ſo ſeyd Ihr verloren.⸗ Der Oberſt grüßte, indem er laut ſagte: »Auf Wiederſehen, Sir Charles Murrny, und Ihr, Miß Lucy, faſſet Muth und verlaßt Euch auf mich.« Sobald Kirke ſich entfernt hatte, wendete ſich der alte Puritaner zu dem bejahrten Manne, der mit ihm einge⸗ treten war, und ſagte: »Mr. John Wildman, ich ſtehe ſogleich zu Dienſten. Ich will nur ein Wort mit meiner Tochter ſprechen.⸗ »Thut das, Sir Charles,« antwortete der Mann, an welchen das Wort gerichtet war.»„Erlaubt jedoch, daß ich mich. während Ihr mit Miß Lucy ſprechet, tmit frommer Lectü e be⸗ ſchäftige. Wie kurz auch die Beſchäftigung ſey, welch ſich mit der heiligen Schrift macht, ſo iſt ſie doch e für den Menſchen nützliches und Gott angenehmes Werk.“ John William hatte ſich, während er dieſe Worte ſprach der auf dem Tiſche liegenden Bibel genähert, dieſelbe in die Hand genommen und ſich damit in eine Ecke des Zimmers geſetzt. Murray nahm ſeine Tochter beim Arm und führte ſie nach der entgegengeſetzten Seite hin. »Was hat Dir denn der Oberſt Kirke geſagt?« fragte er ſie. »Lord Jeffreys habe Papiere, die Euch auf tödtliche Weiſe compromittirten, in den Händen, mein Vater. Der Oberrichter habe Euch ſchon in vergangener Nacht wollen feſt⸗ nehmen laſſen; er Kirke, aber habe es noch ſo weit gebracht, daß alle Schritte gegen Euch noch dreimal vierundzwanzig Stunden lang aufgehoben bleiben ſollten. Der Oberſt fügte 11 hinzu, Ihr müßtet bis dahin London und ſelbſt England ver⸗ laſſen. Er verſpricht, eure Abreiſe zu ſchützen.“ „Gut, meine Tochter, davon werden wir in einigen Stunden wieder ſprechen. Du, Lucy, mußt Dich jetzt auf einen großen Act vorbereiten, welcher, wie ich hoffe, noch heute vollzo⸗ gen werden wird. Lady Lisle und ihr Sohn befinden ſich in dieſem gegenwärtigen Augenblick in Whitehall. Sie wollen Jacob von York um ſeine Zuſtimmung zur Vermälung Henry's mit Dir bitten. Du begreifſt, mein Kind, daß weder Henry noch weit weniger ich dieſe Zuſtimmung für nothwen⸗ dig gehalten haben. Nur Mylady Lisle beſtand unbedingt dar⸗ auf. Obſchon ich von der Weigerung des Stuarts habe ſpre⸗ chen hören, ſo ſcheint es mir doch unmöglich daß er auf ver⸗ neinende Wei antworte. Lord Henry Lisle iſt ihm hinreichend ergeben, ſeitdem ſeine Mutter ihn noch als als Kind zu ihrem beklagenswerthen Glauben bekehrt hat. Geh daher, meine Tochter, und bereite Dich durch Nachdenken und Gebet auf das heilige Sacrament vor, welches Du heute empfangen wirſt Ich werde, ſovat ich Dich den Händen deines Gatten Gefahren ich aueu n ife, von mir trennen, ſo würdet Ihr mir etwas zumuth was über meine Kräfte ginge,“ ſagte Lucy in bittendem Te ne.„O laßt mich mit Euch gehen! Die Nachricht von meiner bevorſtehenden Vermälung mit Henry hätte mich in jedem andern Falle mit Freude erfüllt— aber heute, mein Vater! O, laßt mich Euch begleiten. Nach unſerer Rückkehr werdet Ihr mich mit Henry vermälen— „»Gott verhüte, meine theure Tochter, daß ich Dir wegen deſſen, was Du mir da ſagſt, einen Vorwurf machel« ant⸗ 4 12 wortete Sir Charles Murray traurig, indem er Lucy's Hände in die ſeinen drückte.»Ich danke Dir im Gegentheil dafür von Herzen. Wenn aber jemals dein kindlicher Gehorſam gegen meine gerechten Wünſche mir angenehm geweſen iſt, Lucy, und mich alle Tage veranlaßt hat, Gott zu bitten, daß er Dich ſegne, ſo bedenke, daß ich heute mehr als jedes andere Mal wünſche, daß Du thuſt, was ich von Dir verlange, und beſonders, daß Du es mit Freuden thuſt. Bedenke, meine Toch⸗ ter, daß ich Dich, ohne einen Tag zu verlieren, gegen die Ver⸗ folgungen des Oberſt Kirke ſichern muß, denn ſiehe, obſchon die Furcht, mir Schmerz zu bereiten, Dich bewogen hat, Schweigen zu bewahren, ſo fürchte ich doch, daß dieſer rauhe Soldat, welcher nichts achtet, Dir irgend eine Beleidigung zu⸗ gefügt habe.«— »Mein Vater—« »O, ich weiß, daß Du ſie mit edler Enttüſtung und mit dem Muthe zurückgewieſen haben wirſt, den ich an Dir kenne. Aber ſie wird Dir auch zugleich begreiflich gemacht haben, wie dringend nothwendig der Abſchluß deiner Vermälung mit Lord Henry Lisle ir perſönliche Tapferkeit und der Rang den er in der 3 chen Leibgarde einnimmt, ma⸗ chen ihn ganz vorzüglich ge t e Dich gegen jede Gefahr zu ſchützen. Geh, Lucy, geh— der cch und bete, mein Kind.« Murray führte ſeine Tochte bis zu einer der Thüren des Zimmers, welches ſie verließ; dann ging er ſtracks auf den Mann, zu der mit ihm eingetreten war und der immer noch in ſeiner Ecke ſitzend ganz in die Loctüre verſunken zu ſeyn ſchien, welche er vor einigen Augenblicken begonnen. Dieſer Mann, welchen der alte Puritaner John Wild⸗ man genannt, ein Name, der übrigens in dieſer Erzählung 13 ſchon erwähnt worden, war der wenn auch nicht angeſehenſte, doch wenigſtens einflußreichſte Agent der Partei, welche im Dunkeln den Sturz Jacobs II. betrieb. Er war ein Greis von wenigſtens ſiebzig Jahren, von hohem Wuchſe, mager wie ein Einſiedler und mit im höchſten Grade abgetragener Kleidung. Sein graues Auge leuchtete aus den tiefen Höhlen, welche Ermattung, vielleicht auch Mangel zu verrathen ſchienen, und vervollſtändigte den ſeinem langen hageren Geſichte aufgeprägten Ausdruck von Fanatismus. Zwanzig Jahre früher hatte er in der Armee des Par⸗ laments gedient und bei dieſer Gelegenheit zum erſten Male Sir Charles Murray’s Bekanntſchaft gemacht. Im Gegen⸗ ſatze zu dieſem aber hatte er ſich in den Feldzügen als Agita⸗ tor weit mehr hervorgethan denn als Soldat. Auch hatte er ſehr bald das Waffenhandwerk wieder aufgegeben um ſich Be⸗ ſchäftigungen zu widmen, welche ſeinem Charakter beſſer zu⸗ ſagten. Todfeind der Monarchie hatte er bei einer langen Reihe von Verſchwörungen zuerſt gegen den Protector und dann gegen die Stuarts die Hand mit im Spiele gehabt. Mit dieſem Fanatismus aber hatte er auch ſtets eine kluge Sorge für ſeine eigene Perſon in Verbindung zu bringen gewußt und keine Jury war jemals im Stande geweſen, ihn auf friſcher That des Hochverraths zu ertappen. Niemand ver⸗ ſtand beſſer als er, Andere zu gefährlichen Unternehmungen durch Reden aufzureizen, welche, wenn ſie ſpäter vor den Tribu⸗ nalen wiederholt wurden, ganz unſchuldig oder höchſtens zwei⸗ deutig erſchienen. Seine Schlauheit war ſo groß, daß er, ob⸗ ſchon er fortwährend conſpirirte und von der Regierung auf'’s Schärfſte überwacht ward, doch die Gefahr immer zu vermei⸗ den gewußt hatte und die ſcharfblickendſten ſeiner politiſchen 14 Glaubensgenoſſen hatten ſchon ſeit langer Zeit prophezeit, daß er nachdem er zwei Generationen von Mitſchuldigen auf dem Blutgerüſt fallen geſehen, Mittel finden würde, ganz friedlich im Bette zu ſterben. Mr. John Wildman,“ ſagte Sir Charles zu ihm, „»aus welchem Keller oder aus welcher Dachkammer kommt Ihr? Welche Nachrichten habt Ihr mir mitzutheilen, daß Ihr Euch endlich entſchloſſen habt, dem Auge der Juſtizbeamten zu trotzen? Redet, was macht man in Holland? Es iſt wohl Alles vereit? Gedenkt man denn dort noch nicht, ſich einzuſchiffen und unter Segel zu gehen?« Der Greis richtete die Augen von ſeinem Buche empor und heftete ſie auf Murray, aber er beantwortete keine der Fragen, die an ihn gerichtet wurden. 4 „Ich weiß ſchon,“ fuhr der Puritaner fort„daß Mon⸗ mouth und Argyle verabredet haben, auf zwei verſchiedenen Punkten des vereinigten Königreichs zu landen. Aber welche ſind dieſe Punkte? Argyle geht nach Schottland, dies weiß ich; wo aber wird Monmouth ans Land ſteigen, in Lyne oder in Dorſetſhire? hierüber habe ich noch keine beſtimmte Nachricht erhalten kölinen und doch iſt es für mich von der größten Wichtigkeit, ſie ſobald als möglich zu bekommen. Sagt, Wild⸗ man, ſeyd Ihr zu mir gekommen, um mir dieſen Auſſchluß zu geben?“ Der alte Mann erhob ſich, ſchritt auf den Tiſch zu, legte die aufgeſchlagene Bibel auf denſelben, hielt die Finger auf das geöffnete Blatt und richtete ſeine Blicke auf Sir Char⸗ les Murray. Wenn ein Zuſchauer dieſem Auftritte beigewohnt hätte, ſo würde er aus Wildman's begeiſterter Miene geſchloſſen ha⸗ ben, daß derſelbe nicht ein einziges von den Worten verſtanden 15 aß habe, welche Sir Charles Murray zu ihm ſagte, und die, wel⸗ em che er gleich darauf ausſprach, würden in dieſer Voraus⸗ ich. ſetzung keine Aenderung herbeigeführt haben. „Die Geſchichte der Tochter Jephtah's iſt eine wunder⸗ m, bare Geſchichte,« ſagte er in langſamem, feierlichem Tone.»Wel⸗ mt che ernſte und erhabene Lehre würde ſie uns nicht geben, wenn hr wir ſie zu verſtehen wüßten!— Sir Chares Murray, wollt zu Ihr, daß wir ſie miteinander leſen und darüber nachdenken?« les»Ich kenne ſie,« ſagte der alte Puritaner mit einem fen Gemiſch von Erſtaunen und Ungeduld.»Und übrigens, wenn ich ſie auch noch niemals geleſen hätte, ſo würde es mir doch vor ſehr unzeitig erſcheinen, in dieſem Augenblicke davon Kenntniß der zu nehmen. Es handelt ſich jetzt um ganz andere Dinge.“ . vs handelt ſich um ganz andere Dinge, Sir Charles? on⸗ Sagt Ihr das wirklich? Wie, jener Vater, der ſeine Tochter ꝛen nach dem Siege opfert; jene Tochter, welche auf den Berg geht, che um mit ſtiller Ergebung ihre Jungfrauſchaft zu beweinen ch; und dann ohne Widerſtreben ihre Bruſt dem Meſſer des Opfer⸗ in prieſters darzubieten, ſagen dieſe Euch und eurer Tochter nichts? icht Dringt euer Fleiſchesauge ſo wenig in die Lehren ein, welche ten der Herr ſeinen Propheten für Euch eingegeben hat?⸗ ld⸗»Ach, Wildman,“« unterbrach ihn Murray kurz,»„mir zu ſcheint, der Augenblick ſey zu ernſt, um unſere Zeit mit über⸗ flüſſigen Worten zu vergeuden. Ich frage Euch nach Mitthei⸗ gte lungen über das große Project, welches wir im Begriff ſtehen auf in Ausführung zu bringen, und Ihr antwortet mir—« ar⸗„Ich antworte Euch,« rief Wildman in heftigem Tone, .„wie ich Euch antworten muß! Ihr wünſcht ohne Zweifel, tte, daß dieſes große Unternehmen gelinge, nicht wahr? Wohlan, ſo thut denn Alles, was in eurer Macht ſteht, um Euch die⸗ 16 ſes Gelingens zu ſichern. Verſäumet keines der Mittel, welche Gott in eure Hände gibt, um dieſen Jacob Stuart zu ſtürzen und unſerer heiligen Sache den Sieg zu verſchaffen.« »Nun,« antwortete der alte Puritaner mit Wärme, „bin ich vielleicht nicht bereit, mein ganzes Blut zu vergießen, um dieſes Reſultat herbeizuführen?« »Hunderttauſend Andere können ebenſo ſprechen, wie Ihr, und wenn es ein Anderer als Miß Lucy's Vater wäre, welcher mir eine ſolche Antwort gäbe, ſo würde ich zu ihm ſagen: Gut, Gott verlangt von Euch nichts weiter. Das Opfer eures Lebens genügt; für Euch aber, Sir Charles Murray, i*ſt dieſes Opfer nicht der hundertſte Theil von dem, was Ihr thun müßt, um zu dieſem Triumphe zu gelangen, denn wenn Ihr auch all euer Blut vergießt, ſo kann dies uns den Sieg nicht ſichern, während der Herr dieſen Sieg in eure Hände gegeben hat, dafern Ihr Euch dazu verſteht, ſeine Befehle zu erfüllen.⸗ »Was wollt Ihr damit ſagen, Wildman?« „Es war der Oberſt Percy Kirke, welcher vorhin das Zimmer verließ, nicht wahr?⸗ „Ja. „Er war bei Miß Lucy und ſprach mit ihr von Liebe, nicht wahr?« „»Wildman!« „Anſtatt Euch gegen mich zu erzürnen, höret lieber meine Worte mit Ehrerbietung an, Sir Charles. Es iſt der Herzog von Monmouth, es ſind alle unſere durch den ver⸗ ſtorbenen und durch den gegenwärtigen König verbannten Freunde, es iſt das ganze Land, welches durch meinen Mund zu Euch ſpricht. Alle rufen Euch an, ſie von dieſer verhaßten Regierung zu befreien und ihnen die Tage des Glückes wieder⸗ zugeben; ſie ſagen Euch, daß Ihr allein mehr ausrichten könntet, als ſie Alle zuſammen! Wißt Ihr denn nicht, daß der Mann, welcher ſich von hier entfernte, zum Anführer der Truppen beſtimmt iſt, welche Befehl erhalten werden. gegen uns zu marſchiren, ſobald Monmouth's Landung bewirkt worden ſeyn wird? Wißt Ihr nicht, daß er ganz beſonders jene furchtbaren von Tanger zurückgekehrten Soldaten com⸗ mandiren wird, welche er ſeine Lämmer nennt und welche ihm blindlings gehorchen würden, ſelbſt wenn er ſie in den Abgrund der Hölle zu führen ſuchte? Begreift Ihr nicht, daß. wenn dieſer Mann, anſtatt an der Spitze ſeiner regulären kriegsgeübten Truppen gegen uns zu kämpfen dieſelben gegen Jacob von York führte, ihm nichts zu widerſtehen vermöchte und unſer Triumph geſichert ſeyn würde?« »Alles, was Ihr da ſagt, iſt ſehr wahr, Mr. John Wildman,“ ſagte Sir Charles in ruhigem Tone,»aber ich ſehe nicht, daß Gott, um mich eurer Worte zu bedienen, es in meine Macht gegeben hätte, dieſe Dinge auszuführen.⸗ »Die Wege der Vorſehung ſind geheimnißvoll und uner⸗ gründlich und der Menſch iſt unwiſſend und blind, Sir Char⸗ les. Bemühen wir uns indeſſen, ſie kennen zu lernen. Ant⸗ wortet mir einmal: Hat Oberſt Kirke bei Euch nicht um Miß Lucy's Hand angehalten?« 1 „»Ja, allerdings.“ »Und was habt Ihr geantwortet?« »Waren wohl zwei Antworten möglich?« »Ganz gewiß nicht. In unſerer gegenwärtigen Lage konnte es deren nicht zwei geben. Ich ſehe ſchon, Ihr habt ſein Verlangen bewilligt.⸗ Der Tiger von Tanger. III. 18 „»Nein, ich habe es zurückgewieſen.“ John Wildman runzelte die Stirn, ſenkte den Kopf und ſchien einen Augenblick lang von tiefem Erſtaunen betrof⸗ fen zu werden. Dann aber erwachte er gleichſam wieder aus dieſer Betäubung und rief: „Ha, um ſo beſſer! Durch dieſe Weigerung wird ſeine Leidenſchaft nur um ſo höher geſteigert werden. Wartet— ja— ja. Ein Mann von ſeinem Charakter zieht ſich deswe⸗ gen noch nicht zurück. Man muß nur verſtehen, ihm unſere Bedingungen aufzulegen. Was werdet Ihr thun, wenn er wiederkommt?« „Ich werde mich abermals weigern,« „Dies wird nicht geſchehen, dies ſage ich Euch, Sir Charles! Es wird nicht geſchehen, nein, tauſendmal nein! Wenn Euch bewieſen ſeyn wird, daß Ihr dadurch, daß Ihr eure Tochter dem Oberſten Percy Kirke gebt, in den Stand geſetzt werdet, eine große Revolution durchzuführen; wenn Ihr Euch ſagt, daß es in eure Hand gegeben iſt, England zu retten, nein, dann werdet Ihr nicht die Hand Gottes zurück⸗ ſtoßen, welche ſich augenſcheinlich hier einmiſcht. Nein, Ihr werdet nicht wollen, daß wir Alle Euch eines Tages fluchen! Ihr werdet nicht wollen, daß durch eure Schuld England ſo tief in der Achtung der Nationen ſtehen bleibe, wenn es durch einen einzigen Act eures Willens ſich aufrichten und wieder ruhmreich und mächtig werden kann. Verlangt denn Gott viel⸗ leicht, daß Ihr eure Tochter nach einem errungenen Siege erwürgen ſollt? Nein. Wie viel nachſichtiger und barmherzi⸗ ger iſt er gegen Euch! Nicht wie die Tochter Jephtah's iſt eure Tochter beſtimmt, einen blutigen Opfertod zu ſterben. Weit entfernt, weit entfernt davon, wird ſie glücklich und geſegnet 1 8 Sir ein! Ihr and denn d zu rück⸗ Ihr hen! d ſo urch leder viel⸗ Siege erzi⸗ eure Weit egnet 19 leben, weil ſie ſich dazu verſtanden hat, ihren Vater, ihr Vaterland und ihre Religion zu retten und aufzurichten.« John Wildman ſchwieg und blieb vor Murrah ſtehen, wie um eine Antwort zu erwarten. Luch's Vater ſchwieg und begnügte ſich, mehrmals den Kopf zu ſchüͤtteln. An ſeiner traurigen Miene, an ſeinem ern⸗ ſten Blick war es leicht zu ſehen, daß John Wildman's Worte bis zu einem gewiſſen Punkte Eindruck auf ihn gemacht hatten. »Sir Charles Murray,“ hob der alte Verſchwörer wie⸗ der an, der bei Verſammlungen, wo anklagende Zeugen ge⸗ gen ihn auftreten konnten, überaus klug und zurückhaltend, ſich in politiſchen Unterredungen unter vier Augen dagegen ſtets muthig und kühn zeigte,»Sir Charles Murray, Ihr verlangtet von mir vorhin, eure Kenntniß in Bezug auf den Punkt, auf welchem das große Unternehmen jetzt ſteht, zu vervollſtändigen. Hier iſt ein Brief, den der Herzog von Mon⸗ mouth ſelbſt an Euch richtet. Ihr werdet daraus erſehen, daß der Graf von Argyle mit einer Flottille von drei mit Waffen, Munition und Proviant beladenen Schiffen binnen hier und acht bis zehn Tagen nach der weſtlichen Küſte von Schottland unter Segel gehen ſoll; daß der Herzog von Monmouth mit drei andern Schiffen und einem noch bedeutenderen Kriegsma⸗ terial ſechs Tage nach Argyle's Abreiſe Holland verlaſſen und mit den vornehmſten engliſchen Verbannten und in Begleitung einiger Schotten, unter andern eures Freundes Fletcher von Saltoun, in Lyme landen wird. Ich will Euch jedoch noch etwas ſagen, was dieſer Brief verſchweigt. Beiden Expeditio⸗ nen mangelt es an Geld. Mich auf die Verſprechungen unſe⸗ rer Freunde und unſerer Anhänger, welche in England leben, verlaſſend, hatte ich dem Herzog von Monmouth und ſeinen Anhängern die Zuſendung einer Summe von ſechstauſend Pfund Sterling verſprechen zu können geglaubt. Ich habe aber nichts empfangen und folglich auch nichts abſenden können. Der Herzog hat dieſen Ausfall dadurch gedeckt, daß er ſeine und Lady Henriette Wentworth's Juwelen verpfändet hat. Ich weiß nicht, Sir Charles, was Ihr von einer ſolchen Expedi⸗ tion denket, deren Anführer genöthigt ſind, zu dergleichen Auskunftsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen. Was mich betrifft. ſo habe ich keine gute Meinung davon, denn ohne Geld gibt es keine Soldaten und ohne Soldaten gibt es keinen Sieg. Und wenn man dennoch bedenkt, daß alle dieſe Befürchtungen ſich zerſtreuen, daß alle dieſe Gefahren verſchwinden würden, wenn Ihr wolltet! Wenn man bedenkt, daß ein einziges Wort von Euch, Sir Charles, uns eine Armee geben kann, welche mehre hunderttauſend Pfund Sterling nicht zu ſchaffen ver⸗ möchten! Und dieſes Wort, o Ihr werdet es ſprechen, Sir Charles!“ „Es wird niemals über meine Lippen kommen!“ rief der alte Puritaner;„nein, niemals! Genug davon! Brechen wir ab!« „Ha, was ſehe ich!« rief der Schwärmer mit plotzlicher Heftigkeit und ergreifendem Pathos.»Wie viele Todte liegen auf den Gefilden! Wie roth iſt überall die Erde! Und dieſe Bäche, dieſe Flüſſe, iſt es denn nicht Waſſer, was in ihrem Bett fließt? Nein, es iſt Blut! Ihr alle, o meine muthigen Freunde, ſeyd unter den Kugeln der Lämmer des wilden Percy Kirke gefallen. Erhebt Euch von dem blutgetränkten Boden, auf welchen Ihr in die Bruſt getroffen hingeſtreckt worden; ich habe ein Geheimniß, ſchwarz wie die Hölle, ſft 21 — eurem entrüſteten Ohr anzuvertrauen, o meine theuren Tod⸗ ten. Charles Murray iſt es, der Euch getödtet hat— o, erwürgtes Vaterland— Charles Murray iſt es, welcher das Meſſer geführt hat. Dieſer ungläubige Richter Israels hat ſich geweigert, ſeine Tochter zu opfern, um Euch den Sieg zu geben, o meine Brüder! um dich zu retten, o mein Va⸗ terland!« Als John Wildman dieſe letzten Worte ſprach, ſtreckte er ſeine langen hageren Hände mit der Geberde des Fluches gegen den alten Puritaner aus und eilte aus dem Hauſe. Als Lucy's Vater ſich allein ſah, öffnete er den Brief, der ihm ſoeben übergeben worden. Er war in der That von Monmouth's Hand. Er las darin nichts weiter, als was der Agent der Verbannten ihm bereits geſagt, außer daß der Herzog ihn in etwa vierzehn Tagen in Lyme wiederzuſehen hoffte. Er zerriß den Brief in ganz kleine, winzige Stücke und ſtreute ſie zu ſeinen Füßen, dann näherte er ſich der Bibel und begann das Blatt zu leſen, welches Wildman aufge⸗ ſchlagen. Seine Augen fielen auf den Vers: »Seine Tochter aber ſprach: Mein Vater, haſt Du dei⸗ nen Mund aufgethan gegen den Herrn, ſo thue mir, wie es aus deinem Munde gegangen iſt, nachdem der Herr Dich gero⸗ chen hat an deinen Feinden, den Kindern Ammon.« »Ich habe nichts verſprochen,« murmelte er.»Dies kann alſo keine Anwendung auf mich erleiden. Und dennoch kann ich mir nicht verhehlen, daß zwiſchen der Geſchichte Jephtah's und der meinen eine ſeltſame Aehnlichkeit beſteht. Doch nein, nein! ich kann nicht! Und übrigens iſt Wildman 8 ein Wahnſinniger. Würde Percy Kirke wohl ſelbſt um Lucy's willen ſich dazu verſtehen, für uns zu kämpfen?« Der edle Greis ſchwieg und ſeine Stirn neigte ſich ge⸗ dankenvoll und bekümmert auf ſeine beiden Hände. III. Reden und handeln iſt zweierlei. Seit dem Tode Carls II. hatte Whitehall eine ganz an⸗ dere Phyſiognomie angenommen. Es war nicht mehr der ga⸗ lante, lachende, tolle Hof Ludwigs XV. von Frankreich. Er erinnerte vielmehr an den des düſtern, fanatiſchen Sohnes Carls V. Auf eine ſtrafbare religiöſe Gleichgiltigkeit war ein allzugroßer Eifer für das römiſche Dogma gefolgt. Unter dem König Carl paradirten die Höflinge mit einem übertriebenen Skepticismus, und unter dem König Jacob heuchelten ſie eine 3 Inbrunſt der Andacht, welche eines Märtyrers würdig gewe⸗ ſen wäre. Die exemplariſcheſte Frömmigkeit ſchien die Fanfa⸗ ronaden und Bonmots der kurz vorher noch durch den Herrn und ſeinen Beifall ermuthigten Irreligioſität verdrängt zu haben. Dies war wenigſtens der Anblick, den die Dinge ober⸗ flächlich darboten. Der unparteiiſche Beobachter, welcher ſie genauer geprüft hätte, würde ſehr bald bemerkt haben, daß alle dieſe frommen Aeußerlichkeiten nur ein heuchleriſcher Schleier waren, unter welchem ſich alltäglich tauſend Intri⸗ guen der ſchlimmſten Art entſpannen und abwickelten. Es waren im Grunde dieſelben Laſter, dieſelben Zügel⸗ —— 23 loſigkeiten, nur mit der Lüge bedeckt, welche ſie noch wider⸗ wärtiger machte, und dieſes düſtere Gemälde ward nicht ein⸗ mal durch eine noch junge Königin von auffallender Schön⸗ heit erheitert. Maria von Modena verbrachte, von einem zahl⸗ reichen Schwarm junger und reizender Ehrenfräulein umge⸗ ben, ihre Tage damit, daß ſie Thränen der Entrüſtung weinte, weil ihr bigotter Gemal ihr eine Maitreſſe Sedlay vorzog, welche weder jung noch ſchön war. Was Jacob II. betraf, ſo hatte er die Befürchtungen mehr als gerechtfertigt, welche er der Nation einflößte, als er als Vicekönig von Schottland ein ſo großes Vergnügen daran fand, die unglücklichen Covenanter auf die grauſamſte Weiſe martern und hinrichten zu ſehen, und dennoch war die Nation weit entfernt, die ganze verborgene Schmach dieſer Regierung zu kennen, welche ſo kurz nach ihrem Beginne ſchon wieder enden ſollte. In dieſem auf ſolche Weiſe umgeſtalteten Whitehall ge⸗ währte ſelbſt Chiffinch nicht mehr einen verletzenden Gegenſatz durch ſein unverſchämtes Gelächter. Er war traurig und nie⸗ dergeſchlagen, und es war nicht blos ſeine unglückliche Liebe zu Suſannen, welche bei ihm dieſe eigenthümliche Umwand⸗ lung herbeigeführt hatte. Chiffinch hatte eine ernſte Miene und würdevolle Haltung annehmen müſſen, weil der König ſeit einiger Zeit beſtimmt hatte, daß ſein erſter Page an ge⸗ wiſſen Tagen der Woche ein Comité von frommen Perſo⸗ nen empfinge, welche beauftragt waren, die Intereſſen der Religion zu äberwachen. Dieſe neuen Functionen hielten indeſſen Chiffinch nicht ab, nach wie vor Katharine Sedley mittelſt der geheimen Treppe und die vornehmſten Perſonen des Königreichs und 24 die fremden Geſandten mittelſt der großen Treppe des Pala⸗ ſtes in das Zimmer Jacobs II. einzuführen. Gegen die Mitte des Monats Mai 1685 hatte er eines Tages eben den franzöſiſchen Geſandten in das Cabinet des Königs eingeführt, als ein neuer Ankömmling erſchien und ebenfalls Se. Majeſtät zu ſprechen verlangte. „»Das iſt in dieſem Augenblick unmöglich, Mylord,“ ent⸗ gegnete der Page.»Der König ſpricht gegenwärtig mit Herrn von Barillon.“ „Dann hätte ich es im Gegentheile gar nicht beſſer tref⸗ fen können,« entgegnete der Neuangekommene in zuverſichtli⸗ chem Tone.»Meldet mich nur an— ich nehme Alles auf mich!« Chiffinch öffnete die Thür des königlichen Cabinets und rief mit lauter Stimme: „»Lord John Churchill!« Der Mann, welcher dieſen Namen trug, konnte unge⸗ fähr ſechsunddreißig Jahre zählen. Er hatte eine impoſante Geſtalt, einen ſchönen Kopf, liebenswürdige und gewinnende, aber dabei würdevolle Manieren. Als Bruder Arabella's Churchill, einer der erſten Maitreſſen Jacobs II., hatte er an dem Liebhaber ſeiner Schweſter einen eifrigen Gönner gefun⸗ den. Dreizehn oder vierzehn Jahre früher hatte er ſich unter Condé und Turenne darauf vorbereitet, ſpäter den Namen Marlborough zu erwerben und berühmt zu machen. „Nun, mein lieber John, da biſt Du ja wieder!“ ſagte der König, indem er Churchill die Hand reichte, während die⸗ ſer ſich ehrerbietig verneigte.»Du hätteſtgar nicht zu gelegenerer Zeit kommen können, wirklich, Du hätteſt gar nicht zu gelege⸗ nerer Zeit kommen können. Eben ſprach ich mit Herrn von —· 8—— 2 ⸗ 25 Barillon von Dir und deiner Geſandtſchaft nach Verſailles. Haſt Du Dich bei meinem lieben Couſin in meinem Namen bedankt? Ja, Ludwig XIV. iſt ein großer und edelmüthiger König. Ich ſage dies und wiederhole es, nicht weil Ihr hier ſeyd, Herr von Barillon, ſondern weil ich es denke. Ja, ein großer und edelmüthiger König. Geſtatte uns noch einen Augen⸗ blick, Churchill, dann ſtehe ich Dir zu Dienſten. Wir haben noch einige Worte zu wechſeln der Herr Geſandte und ich— blos noch einige Worte—« Jacob II. führte den Miniſter Ludwigs XIV. in eine Fenſterbrüſtung und ſagte in lebhaftem Tone zu ihm: »Alſo mein vielgeliebter Couſin hat in meine Forderung gewilligt— er hat eingewilligt?« »Ja, Sire; ich habe hier in meiner Taſche für fünfzehn⸗ hunderttauſend Francs Livres Wechſelbriefe auf London— das ſind hundertundzwölftauſend Pfund Sterling. Mein Herr ſchätzt ſich glücklich, Ew. Majeſtät dieſe kleine Summe anbie⸗ ten zu können und bedauert nur, daß es nicht in ſeiner Macht geſtanden hat, mehr zu thun.« »Hal das iſt ſehr gut, ſehr gut,« murmelte Jacob II. mit bewegter Stimme.„Es iſt um ſo beſſer, als ich noch nicht die ſiebenunddreißigtauſendfünfhundert Guineen vergeſſen habe, die er mir küͤrzlich gegeben. Und Ihr ſagtet mir ſoeben, Herr von Barillon, daß Ihr dieſe Wechſelbkiefe bei Euch habt; nicht wahr, Ihr habt ſie bei Euch?«⸗ »Da ſind ſie Sire,« ſagte Barillon, indem er dem Kö⸗ nig mit dem Ausdruck der tiefſten Ehrerbietung ein Packet überreichte.* Jacob II. band es mit zitternder Hand auf, ſah die Pa⸗ piere aufmerkſam durch und ſagte dann: 26 »Ah, dieſe Wechſel ſind nach Sicht auf Corniſh gezogen; das ſind ganz vortreffliche Papiere.“ Dann wendete er ſich mit Thränen der Freude und der Dankbarkeit in den Augen zu Barillon. „Nur euer Herr,“ fuhr er fort,»verſteht ſo groß, ſo edel zu handeln. Niemals werde ich mich dankbar genug da⸗ für zeigen können. Sagt ihm, daß meine Anhänglich⸗ keit ſo lange dauern wird als mein Leben— ſo lange als mein Leben, hört Ihr wohl?« „Ich kann ihm auch wohl ſagen, Sir,« fragte Ba⸗ rillon mit leiſer Stimme,„daß er Brabant und den Henne⸗ gau mit Frankreich vereinigen kann, ohne irgend welchen Ein⸗ ſpruch von der engliſchen Regierung befürchten zu müſſen.« Jacob II. verzog das Geſicht ein wenig. »Ich habe vergeſſen, Euch zu melden, Sir,“ hob der Geſandte wieder an.»daß mein Herr ſich in dieſem Au⸗ genblick noch anderweite Wechſelbriefe auf London zu ver⸗ ſchaffen ſucht— „Das iſt wirklich allzuviel Güte,« unterbrach ihn der König,»ja allzuviel Güte. Ich will nicht hinter ihm zurück bleiben. Schreibt ihm, daß er Brabant und Hennegau neh⸗ men könne. Die engliſche Regierung wird nichts dagegen ein⸗ wenden— nein, ſie wird nichts dagegen einwenden, denn ich bin Herr in meinem Hauſe, Herr Geſandter,“ ſetzte der kö⸗ nigliche Bettler ſtolz den Kopf emporrichtend hinzu,»und das Parlament wird mich nicht zwingen, etwas zu thun, was ich nicht thun will.— Nein, es wird mich nicht zwingen! Auf Wiederſehen, Herr von Barillon. Auf Wiederſehen!⸗ Der König geleitete den franzöſiſchen Geſandten bis an die Thür ſeines Cabinets, begrüßte ihn mit der Hand, wäh⸗ 27 rend er ſich entfernte und kehrte dann raſch zu Churchill zurück. »Nun, ſagte er in verdrießlichem Tone,»iſt ſie immer noch übermüthig und ſtolz, dieſe Sonne von Verſailles? Du haſt ſie in der Nähe geſehen. Was ſagſt Du dazu? Biſt Du zufrieden und wie iſt Ludwig XIV. Dir begegnet? Nicht gut, wie? Erzähle mir Alles, weil ich entſchloſſen bin, für ſeinen Geſandten gerade ſo viel zu thun, wie er für Dich gethan ha⸗ ben wird— aber durchaus nicht mehr. Ich bin ſeiner über⸗ müthigen Manieren überdrüſſig.« Jacob II. ließ Churchill keine Zeit zu antworten, ſondern fuhr fort: »Ich habe Dich zurückkommen laſſen, Churchill, weil ich meine Freunde bald nöthig haben werde. Höre mich an. Die Verbannten in Holland werden etwas gegen mich unterneh⸗ men. Argyle wird in Schottland an's Land gehen, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt, und Jacob Crofts, Monmouth ge⸗ nannt, bereitet ſich zu einer Landung in England vor. Ich habe Dich zurückkommen laſſen, Churchill, damit Du Dich an die Spitze deines Dragonerregiments ſtelleſt und mir dieſes Lumpengeſindel, ſobald es den Fuß an meine Geſtade geſetzt haben wird, ein wenig niederſäbelſt. Ganz beſonders empfehle ich Dir Crofts lebendig zu fangen— ich habe ihm noch ge⸗ wiſſe kleine Vergnügungen aufgeſpart.« In dieſem Augenblicke ließ Chiffinch's Stimme ſich aber⸗ mals vernehmen. Der erſte Page meldete den Geſandten von Holland. Der König winkte dem ſchweigenden Churchill, ſich zu entfernen, und redete dann den Eintretenden mit den Worten an: »Herr Arnold van Citters, ich muß geſtehen, daß mein Schwiegerſohn, der Statthalter, ſich in Bezug auf mich durchaus nicht loyal beträgt. Alſo, dieſer phlegmatiſche Wil⸗ helm von Oranien hat ſich nicht die Mühe genommen, Argyle und Monmouth abzuhalten, Schiffe auszurüſten, Waffen und Kriegsmunition zu kaufen, Soldaten auszuheben und was für Soldaten? Eine Bande Kehlenabſchneider, welche nur durch die göttliche Vorſehung verhindert wurden, mich und meinen Bruder Carl bei Gelegenheit des Kornhaus⸗Complottes um's Leben zu bringen. Sollte mein ſchweigſamer Schwiegerſohn mit meinen Feinden vielleicht unter einer Decke ſtecken? Macht auch euren Generalſtaaten, eurem Admiralitätsrath und euren Municipalmagiſtraten mein Compliment für die Sorg⸗ falt, welche ſie gezeigt, die Intereſſen eines Verbündeten und eines Freundes zu überwachen, ja eines Verbündeten und eines Freundes, denn ich verſtehe mich auf Marineangelegen⸗ heiten, und man wird mir niemals glauben machen, daß man mit Flotten wie die holländiſche nicht, wenn man ſonſt will, einige elende Barken anhalten, nehmen und entwaffnen könne.“ Nach dieſer mit großer Heftigkeit gehaltenen Tirade machte Jacob II. eine kurze Pauſe, nahm aber faſt ſogleich wieder das Wort. „Nun, Ihr antwortet mir ja nichts, Herr Arnold van Citters!« rief er.»So antwortet mir doch!⸗ „Ew. Majeſtät wird geruhen, zuzugeben, daß es mir ſchwierig geweſen wäre, ein einziges Wort zu ſagen, wenn ich Euch nicht auf unhöfliche Weiſe unterbrechen wollte,« ant⸗ wortete der holländiſche Geſandte in kaltem Tone.»Da Ihr mich jedoch fragt, Sire, ſo habe ich die Ehre zu antworten: Der Statthalter und die Generalſtaaten der vereinigten Pro⸗ 29 vinzen haben alles Mögliche gethan, um die Expedition des Grafen von Argyle zu verhindern, aber es iſt ihnen nicht ge⸗ lungen. Als man ſich ſeiner Flottille bemächtigen wollte, ging er unter Segel und—« „Er iſt unter Segel gegangen!« rief Jacob II. erſtaunt. „Wie kommt es, daß ich das noch nicht weiß?« „Ich habe ſo eben erſt Nachricht davon erhalten,« fuhr van Citters fort.„Ich füge hinzu, daß er in dieſem Augen⸗ blicke ſchon in Schottland gelandet ſeyn muß. Er würde noch einige Tage an der holländiſchen Küſte gewartet haben, wenn er nicht eben gefürchtet hätte, mit ſeiner Flottille feſtgenommen zu werden.“« „Ein Glück,« murmelte Jacob II., wie mit ſich ſelbſt ſprechend,„ein Glück, daß Maſter Archibald, zweiter Graf von Argyle, in Schottland Jemanden finden wird, der ein Wörtchen mit ihm ſpricht.— Und Crofts, genannt Mon⸗ mouth, wird man dieſen nicht abhalten, hierherzukommen, um ſich hängen zu laſſen?« ſetzte des König laut hinzu. „Ew. Maijeſtät kann verſichert ſeyn, daß die Behörden der Republik ihr Möglichſtes thun werden, um ſich einer ſol⸗ chen Thorheit zu widerſetzen.« Jacob wollte eben dem holländiſchen Geſandten antwor⸗ ten, als Chiffinch eintrat und ihm einige Worte ins Ohr ſagte. Der König gab ſeinem ſich wieder entfernenden Pagen ein Zeichen der Zuſtimmung auf die von ihm gethane Frage, verabſchiedete den ernſten Arnold van Citters und blieb einen Augenblick allein. Er benützte dieſe Zeit, um die Wechſelbriefe, welche Barillon ihm übergeben, in eine Caſſette zu ſchließen. 30 Kaum hatte er den Schlüſſel dazu wieder in ſeine Taſche ge⸗ ſteckt, ſo öffnete ſich die Thür des königlichen Cabinets und herein trat Chiffinch, gefolgt von Jeffreys und Kirke. IV. Reden und handeln iſt zweierlei. (Fortſetzung.) Der Soldat von Tanger hatte ſein orientaliſches Coſtüm abgelegt und trug jetzt dafür die glänzende Uniform eines Oberſten der engliſchen Infanterie. Jeffreys und Kirke be⸗ grüßten mit tiefer Verbeugung den König, welchem der Ober⸗ richter ſeinen Freund vorſtellte, indem er ſagte: „Sire, Ew. Majeſtät hat gewünſcht, den Oberſten Percy Kirke zu ſehen. Sobald als er von Mr. Chiffinch und mir von der hohen Gnade, welche Ew. Maieſtät ihm zu erzeigen beabſichtigt, unterricheet worden, hat er ſich beeilt, ſich hier einzufinden.« »Ah, Ihr ſeyd es, Oberſt Kirke!« ſagte Jacob II. mit einem Lächeln, welches er ſo freundlich als möglich machte, „ich freue mich ſehr, Euch zu ſehen— ich freue mich ſehr. Ich kenne Euch dem Rufe nach— ja, ja, ich kenne Euch. Ich bin euren Thaten in Tanger mit Vergnügen gefolgt. Wirklich, es muß mir zum Vergnügen gereichen, Euch ein Commando anzuvertrauen, denn Ihr macht eure Sache gut — ja, Ihr macht ſie wirklich gut! Als erſt Chiffinch und dann euer Freund Jeffreys Euch wegen eines gewiſſen Poſtens in Vorſchlag brachte, hatte ich ſchon an Euch gedacht— aber q» 8 Ihr waret nicht in London und ich geſtehe Euch, dies ärgerte mich— denn Ihr macht eure Sache ſehr gut, wirklich, Ihr macht eure Sache ſehr gut. Alſo, Oberſt, welchen Poſten würde ich Euch wohl anvertrauen können? Ihr ſeyd in die Sachen eingeweiht— ich habe Chiffinch ermächtigt, Euch von Allem zu unterrichten, wenn er es für angemeſſen hielte. Haſt Du es gethan, Chiffinch, ſag', haſt Du es gethan? Iſt der Oberſt Percy Kirke in unſere kleinen Angelegenheiten ein⸗ geweiht?« »Ja, Sire,“« ſagte der Page, indem er ſich verneigte. »Gut.— Da unſer treuer Freund Chiffinch ſo viel Vertrauen zu Euch hat, ſo kann ich deſſen auch haben, denn Chiffinch iſt ein Bürſchchen, dem es weder an Klugheit, noch an Witz, noch an Scharfſinn mangelt und er kennt die Men⸗ ſchen, als ob er ſie geſchaffen hätte. Jacob Crofts will uns alſo mit Krieg überziehen! Es handelt ſich darum, ihn gut zu empfangen. Gern hätte ich, lieber Oberſt, Euch das Ober⸗ commando der regulären Truppen veeliehen, welche ich, ſo⸗ bald es Zeit iſt, gegen ihn abſenden werde. Ich will aber, indem ich Jemanden dieſes Commando übertrage, zugleich damit eine alte Schuld der Dankbarkeit abmachen. Denn kein Menſch hat ein treueres Gedächtniß als ich, und wenn ich eine Beleidigung niemals vergeſſe, ſo bin ich auch andererſeits eines Dienſtes ſtets eingedenk. Warum ſollte ich Euch es nicht ſagen? Um vor zwanzig Jahren meine Rückkehr in das König⸗ reich meiner Väter zu erleichtern, verpfändete der Marſchall von Türenne, um mir Geld zu verſchaffen, ſein Tafelgeſchirr. Heute finde ich Gelegenheit, mich für dieſen Dienſt dankbar zu bezeigen und ich ergreife ſie mit Freuden. Deshalb werde ich das Obercommando Louis de Duras, Grafen von Fevers⸗ ham, geben. Ihr wißt, Oberſt, daß dies der eigene Neffe von dem großen Türenne iſt. Uebrigens müßt Ihr wiſſen, daß Ihr unter Feversham in der That der wirkliche Anführer der Truppen ſeyn werdet. Ich kenne ihn, ja, ich kenne ihn — er wird öfter ſchlafen als commandiren. An Euch wird es ſeyn, zu commandiren, und wiſſet, daß ich auf Euch rechne. Auf alle Fälle werdet Ihr euer Regiment von Tanger unter euren unmittelbaren Befehlen haben. Man nennt es, glaube ich, Kirke's Lämmer— ja ganz recht, die Lämmer des Oberſten Percy Kirke. Nun, alſo, Percy Kirke, kann ich auf Euch rechnen?« „»Wie auf euren treueſten Unterthan, Sire,« antwortete der Oberſt, indem er die Hand auf die Bruſt legte. »Gut, gut, Ihr werdet gegen alle dieſe Banditen ſcho⸗ nungslos verfahren, nicht wahr?« „Ew. Majeſtät kann auf mich rechnen.“ „»Apropos,“ ſetzte Jacob II. mit ſüßlicher Miene hinzu, „ich habe Euch noch etwas ganz beſonders zu empfehlen— ich empfahl es ſo eben auch Churchill, der mit ſeinem Drago⸗ nerregiment ebenfalls dabei ſeyn wird— nemlich daß Ihr Euch bemühet, Crofts lebendig zu fangen— Crofts, Ihr wißt doch, dieſes Kind des Zufalls, welches man auch Mon⸗ mouth nennt. Ja, Oberſt, ich muß ihn lebendig haben— lebendig, höret Ihr wohl, mein lieber Generalmajor?« Bei dieſem Titel, welchen Jacob II. dem zeitherigen Oberſten gab, verneigte ſich dieſer, indem er durch eine ſtumme Geberde dankte, während Chiffinch und Jeffreys einen Blick des Einverſtändniſſes und der Befriedigung wechſelten. „Ja, ich habe geſagt Generalmajor, und hier iſt das Patent, welches Euch dieſen neuen Grad und dieſen neuen 33 Titel verleiht, Percy Kirke. Ich hoffe, daß Ihr dieſe Gunſt zu verdienen wiſſen werdet, indem Ihr alle dieſe ſchändlichen Rebellen zermalmet. Vergeßt aber nicht, daß ich ihn leben⸗ dig haben will— denn ich habe für ihn gewiſſe kleine Ver⸗ gnügungen aufgeſpart.« Jacob wendete ſich plötzlich zu Jeffr reys und lächelte auf eigenthümliche Weiſe. »Nicht wahr, Mylord,« ſagte er.„Ihr werdet mir bei der Erfindung und Vorbereitung dieſer Vergnügungen mit an die Hand gehen?— Denn— hier können wir es wohl ſagen — der Talar des Großkanzlers von England würde Euch wunderſchön ſtehen und Ihr habt ihn noch nicht.« »Mein Muth, mein Eifer und meine Hingebung an den Dienſt Ew. Majeſtät,« antwortete Jeffreys mit erheuchelter Uneigennützigkeit,„halten mich bei der treuen Erfüllung mei⸗ ner ſchweren Pflichten aufrecht. Ich brauche nicht durch andere Beweggründe als dieſen dazu angeregt zu werden. Steis werde ich feſt und unbeugſam auf dem geraden Wege weiter wandeln. Auf welchen Poſten der Wille des Königs mich auch je berufen möge, ſo werde ich in ſeiner allmächtigen Hand weiter nichts ſeyn als ein Werkzeug, welches ſeine Wünſche zu errathen und ihnen zuvorzukommen weiß.« »So höre ich Euch gern ſprechen, Mylord,« ſagte Jacob II.»Ihr wißt, daß ich ein gutes Gedächtniß habe. Bei Gelegenheit werde ich Euch an eure eigenen Worte er⸗ innern.« »Ich werde ſie nicht vergeſſen, Sire, denn ſie ſind der Spiegel meiner geheimſten und aufrichtigſten Gedanken.« »Ich glaube Euch, Mylord; jetzt jedoch habt die Güte, Euch mit eurem Freunde, dem Generalmajor Percy Kirke, zu Der Tiger von Tanger. III. 3 34 entfernen. Haltet Euch Beide bereit, um auf das erſte Signal, welches ich Euch geben werde, handeln zu können. Argyle iſt, wie ich ſo eben erfahren habe, bereits von Holland abgeſegelt. Crofts wird nun auch nicht lange zaudern. Ich ſage Euch daher nochmals, haltet Euch bereit— doch, mein Gott, da hätte ich ja beinahe vergeſſen!— ſagt mir, General, ſagt, Ihr ſeyd doch guter Katholik? Chiffinch und Mylord Jeffreys haben ſich für eure vollkommene Rechtgläubigkeit verbürgt und ich zweifle nicht an ihrem Worte. Dennoch aber möchte ich aus eurem eigenen Munde hören, was daran iſt.« „Ich bin Katholik, Sire.“ „Nun gut, General, dann werde ich einige Fragen über die weſentlichen Punkte des von dem Concil von Nicäa ange⸗ nommenen Dogmas an Euch richten. Womit ſoll ich denn gleich anfangen?« Kirke, der augenſcheinlich die Geduld verlor, runzelte die Stirn, Jeffreys ward leichenblaß, nur Chiffinch bewahrte ſeine Kaltblütigkeit. „Sire,« ſagte er,„erlaubet mir Ew. Majeſtät zu erin⸗ nern, daß es zwei Uhr Nachmittags iſt und daß Sie gerade in dieſem Augenblicke eine Sache von der größten Wichtigkeit zu unterſuchen hat.“ „Alſo das Examen, welches ich anſtellen wollte, hältſt Du wohl nicht für nothwendig? und doch bin ich der Mei⸗ nung, daß der größere oder geringere Grad von Orthodoxie eines Oberoffiziers meiner Armee— indeſſen Du haſt Recht — wir können dieſes Examen ein andermal vornehmen. Hal⸗ iet Euch bereit, General, meine Fragen zu beantworten— geht, Ihr Herren, Du, Chiffinch, bleibſt da.⸗ —2àjy —yy 3⁵ Sobald als der Herr und Diener mit einander allein waren, ſagte erſterer: »Die Gräfin von Dorcheſter wird alſo kommen?« „Ich bitte Euch, Sire, nennt Mrs. Katharina Sedley nicht ſo. Ihr wiſſet, daß ſie dieſen Titel nicht will und Ihr wiſſet auch, wie viele Thränen Ihre Majeſtät die Königin ſchon deswegen vergoſſen hat.“ „»Ich glaube gar, Du fängſt an zu moraliſiren, Chif⸗ finch? Ich habe meine angebetete Katharina zur Gräfin von Dorcheſter ernannt— und ſie ſoll Gräfin von Dorcheſter ſeyn, ſelbſt wenn die Königin alle Thränen vergöße, die ſie überhaupt vergießen kann. Alſo, mein lieber Moralprediger, iſt die Grä⸗ fin denn da? Denn ich vermuthe, die wichtige Angelegenheit, von welcher Du ſo eben ſprachſt, iſt ein ſüßer Zwieſprach mit dieſem Engel.⸗ „»Sire, die Gräfin von Dorcheſter erwartet Euch aller⸗ dings in eurem Zimmer,“ ſagte Chiffinch, welcher that, als ob er ſehr fürchtete, ſeinem Herrn mißfallen zu haben.»Dies iſt es jedoch nicht, woran ich dachte, als ich ſo eben ſagte—« »Nun was iſt es denn?« rief der König mit kaum noch verhaltenem Zorne;»was iſt es denn? Wenn es nicht das iſt, warum haſt mich dann verhindert, den General Kirke zu examiniren?« »Sire, ich bitte Euch unterthänigſt, Euch zu erinnern, daß Ihr dieſe Stunde zu der Audienz beſtimmt habt, welche Ihr der Lady Lisle und ihrem Sohn, eurem Gardoofftzier, gewähren wolltet.« »Ach ja— das iſt wahr! Was wollen ſie denn? was verlangen ſie?« * 36 „Die Zuſtimmung Ew. Majeſtät zu der zwiſchen Lord Henry Lisle und Miß Lucy Murray projectirten Vermälung.« „Ganz recht; Henry Lisle,« ſagte der König langſam, „der Sohn des Königsmörders. Sein Vater hat ſeine Schuld bezahlt— und gut bezahlt, ja— mit dem Sohne bin ich nun quitt. Uebrigens iſt er auch auf den guten Weg zurückge⸗ kehrt— ſeine Mutter hat einen guten Katholiken aus ihm gemacht.— Aber warum will er ſich dann wieder mit dieſem ketzeriſchen Mädchen, mit dieſem puritaniſchen Schwiegervater einlaſſen?— Indeſſen, er könnte ſeine Frau vielleicht be⸗ kehren—« Jacob II. begann einige Secunden lang nachzudenken. Dann ſagte er wie ein Menſch, welcher zweifelt und unſchlüſ⸗ ſig iſt: »Nun, Chiffinch, was denkſt Du von dieſer Forderung des Lord Lisle und ſeiner Mutter? Würdeſt Du an meiner Stelle deine Einwilligung geben?« „Ich bitte Ew. Majeſtät ſich deſſen zu erinnern, was in der letzten bei mir abgehaltenen religiöſen Conferenz beſchloſſen worden iſt und Ihr werdet nicht nöthig haben, meine ſchwache Anſicht zu Rathe zu ziehen.« „Da haſt Du Recht, Chiffinch. Laß ſie eintreten.“ Lady Lisle und Henry traten in das Cabinet des Kö⸗ nigs, welcher, als er ſie erblickte, rief: „Was verlanget Ihr von mir? Ich ſoll ein durch unſere heilige Kirche verbotenes Bündniß autoriſiren? Für wen hal⸗ tet Ihr mich denn? Dieſe einfache Forderung iſt in den Augen der Religion ſchon ein Verbrechen, müßt Ihr wiſſen,— ja, ein Verbrechen!— Ich kann daher dieſes Bündniß nicht bil⸗ 37 ligen und es kann nicht ſtattfinden. Und welchen Augenblick wählet Ihr, um dieſes Verlangen an mich zu ſtellen!— Den Augenblick, wo die Glaubensgenoſſen eurer Schönen die Waf⸗ fen gegen mich erheben! Chiffinch, führe Mylady und Mylord wieder hinaus!« Indem Jacob II. dieſe Worte mit vollkommen aufrichti⸗ ger Entrüſtung ſprach, verließ er ſein Cabinet mit allem Un⸗ geſtüm, welches ſeine fünfundfünfzig Jahre ihm noch möglich machten und begab ſich in ſein Schlafzimmer. V. Eigennütziges Vertrauen. Nachdem Henry den Hof von Whitehall durchſchritten, ließ er ſeine Mutter in den Wagen ſteigen, der ſie hierherge⸗ bracht und wollte ſich eben ſelbſt neben ſie ſetzen, als der Wäch⸗ ter des äußeren Gitterthores auf ihn zukam und ihm einen Brief übergab. Ein junges Dienſtmädchen, ſagte er, habe ihn am vorigen Abende gebracht und da ſie keine Antwort darauf verlangte, ſo habe er geglaubt, ihn bis jetzt aufheben zu können. Der Gardeoffizier nahm den Brief und ſteckte ihn, ohne ihn zu öffnen, mechaniſch in ſeine Uniform. Dann ſtieg er in den Wagen, nachdem er dem Kutſcher befohlen, nach dem Hotel zu fahren, das er damals in Monmouthſquare be⸗ wohnte, welcher Platz damals einer der ſchönſten von Lon⸗ don war. Die Fahrt war eine ſehr traurige und das vollſtändigſte Schweigen würde zwiſchen Mutter und Sohn, die ſich beide ihren Gedanken überließen, geherrſcht haben, wenn nicht Lady Lisle, indem ſie plötzlich die Hand des jungen Mannes ergriff, der in einen um ſo tiefern Schmerz verſenkt war, als derſelbe ſich durch kein äußeres Zeichen kundgab, mit feſter Stimme zu ihm geſagt hätte: „Mein lieber Sohn, faſſe Muth! Gott ſendet uns einen Schlag nach dem andern, das iſt wohl wahr. Nachdem er zugelaſſen, daß man deinen armen Vater ermordete, verlangt er nun auch, daß Du deiner Braut entſagſt!« „Iſt es denn auch wirklich Gott, der es verlangt, meine Mutter?« unterbrach ſie Henry mit bitterem Lächeln und in kurzem Tone. »Nichts geſchieht ohne ſeinen Willen, mein Sohn,“ ant⸗ wortete Lady Lisle feierlich,»und Seine Majeſtät der König Jacob II. iſt hier nur ein Werkzeug in der Hand des Herrn. Bringe ihm daher freiwillig das Opfer deſſen, was Du für dein Glück hielteſt und ſprich zu ihm aus Grund deines Her⸗ zens jene Worte des ſtill ergebenen Chriſten: Dein Wille ge⸗ ſchehe, mein Got!“ Henry entgegnete kein Wort. Er machte ſanft ſeine Hand aus denen ſeiner Mutter los, kreuzte die Arme über die Bruſt und ſchloß die Augen. „Ich habe,« fuhr Lady Lisle in einem Tone fort, deſſen faſt männlicher Klang durch den Ausdruck der innigſten müt⸗ terlichen Zärtlichkeit gemildert ward,»ich habe gegen meinen Willen, gegen meine aufrichtige Ueberzeugung und einzig und allein, um Dir gefällig zu ſeyn, mein Sohn, einen Schritt ge⸗ than, der mir im höchſten Grade widerſtrebte. Ich ahnte, ohne es Dir zu ſagen, was uns jetzt begegnet iſt. Ich war über⸗ zeugt, daß der König ſeine Zuſtimmung verweigern würde, 4 — 39 weil ſein Glaube aufrichtiger und thätiger iſt, als der des hochſeligen Königs, ſeines Bruders. Und dennoch, Du haſt es geſehen, habe ich keinen Augenblick gezögert, ſelbſt zu kom⸗ men und Seine Majeſtät zu bitten, ſeine Einwilligung zu dei⸗ ner Vermälung zu geben. Ich hoffe, mein Sohn, daß Du mir dieſen Beweis von Hingebung nicht vergeſſen wirſt. Ich hoffe, Du wirſt nach dem, was geſchehen, einem Bündniß entſagen, welches fortan unmöglich iſt.“ „Ich ſollte Lucy entſagen, meine Mutter? O, niemals! niemals!« „Ich will Dich in deinem erſten Schmerze nicht ſtören, Henry; wenn er ſich aber durch ſeine Heftigkeit erſchöpft ha⸗ ben wird—« »O ſagt das nicht, Mutter! Wenn ich Lucy entſagen müßte, ſo würde mein Schmerz ſich in alle Ewigkeit nicht er⸗ ſchöpfen.⸗ „»Du biſt noch zu jung, mein Sohn, und haſt noch nicht genug gelitten, ſonſt würdeſt Du nicht ſolche Dinge ſa⸗ gen. Wenn Du ſo alt ſeyn wirſt, wie ich, und wenn Du je⸗ mals leideſt, was ich gelitten habe— Gott verſchone Dich mit ſolchen Prüfungen— dann, Henry, aber erſt dann wirſt Du einſehen, daß ſelbſt der Schmerz eine der Eitelkeiten der Menſchen iſt.“ Henry ſchwieg, und da bald darauf der Wagen vor der Wohnung der Lady Lisle hielt, ſo ſtiegen Beide aus und be⸗ gaben ſich in das Haus. „Ich werde,« ſagte Lady Lisle,»ſelbſt noch heute Abend zu Sir Charles Murray gehen, um ihm ſein Wort wieder zu geben und das unſere zurückzunehmen, mein Sohn. 4 40 „»Heute Abend, meine Mutter?« fragte der Gardeoffi⸗ zier in einem Tone, deſſen Zittern er zu verhehlen bemüht war.— »Ja, heute Abend acht Uhr werde ich hingehen. Ehe wir uns aber trennen, verſprich mir, daß Du nicht zu Charles Murray gehen willſt. Du biſt deinem Worte niemals untreu geworden, Henry.— Du verſprichſt es mir, nicht wahr?« »Ich kann Euch dieſes Verſprechen nicht geben, meine Mutter.« »Aber warum willſt Du Gefahren trotzen, denen Du unterliegen würdeſt? Ich ſelbſt bedarf meines ganzen Muthes, um dieſe peinliche Miſſion durchzuführen, denn Niemand weiß beſſer als Du, wie ſehr ich Lucy liebe. Das arme Kind!— Henry, ſiehe ſie nicht wieder— wenigſtens jetzt nicht. Ent⸗ muthige Dich nicht durch den Anblick ihrer Thränen. Du haſt gehört, was der König ſo eben ſagte. Die Feinde Sr. Ma⸗ jeſtät wagen die Waffen gegen ſeinen Thron zu erheben. Du wirſt genöthigt ſeyn, ſie zu bekämpfen. Henry, mein theurer Sohn, vermeide es, Dich zu Lucy's Vater zu begeben.⸗ »Ich ſage Euch nochmals, meine Mutter, ich kann Euch nicht etwas verſprechen, was, wie ich fühle, über meine Kräfte geht.« »Dann aber wirſt Du Dich wenigſtens nicht weigern, mir zu ſchwören, daß Du nicht vor mir zu Sir Charles geheſt.⸗ »Um acht Uhr wollt Ihr euern Beſuch machen, liebe Mutter?« „Ja, Henry.“ »Wohlan denn, ich werde nicht vor acht Uhr zu dem alten Freunde meines Vaters gehen. Ich verſpreche es Euch.⸗ 41 Henry drückte ſeiner Mutter die Hand, und begab ſich auf ſein Zimmer. Hier zog er die verſchiedenen Beſtandtheile ſeiner Uni⸗ form einen nach dem andern aus und warf ſie mit dumpfem Zorne auf Tiſche und Stühle. »Verwünſchte Uniform!« murmelte er,„wahre Sela⸗ venlivré! Alſo, wenn ein Menſch Dich trägt, ſo muß er unter deinem kalten Druck dem Klopfen ſeines Herzens Schweigen gebieten! Er kann nicht mehr die Genoſſin ſeines Lebens wäh⸗ len, und wenn er ſie, ehe er Dich angelegt, gewählt hat, ſo zwingſt Du ihn, ſobald er Dich anzieht, ſie wieder zu verſto⸗ ßen. Nein, das darf nicht geſchehen. Nein, es kann nicht ge⸗ ſchehen— lieber will ich Dich weit, weit von mir hinwegwer⸗ fen, elendes Kleid!« Indem Henry dieſe Worte ſprach, ſchleuderte er ſein Büffelkoller verächtlich auf den Fußboden. Ein Brief fiel her⸗ aus auf den Teppich. »Ah, dieſen Brief hatte ich ja ganz vergeſſen!« ſagte Henry, indem er ihn aufhob.»Von wem kann er ſeyn, und was will man von mir?« Er erbrach das Siegel, öffnete das Blatt und las Fol⸗ gendes: 1 »Wenn der Lieutenant Henry Lisle Vertrauen zu einem armen jungen Mädchen hat, welches er am letztvergangenen I. Februar vor Whitehall von der Grauſamkeit Jeffreys' zu retten ſuchte, wenn er andererſeits es nicht verſchmäht, ge⸗ wiſſe Intriguen kennen zu lernen, in welche er und Mylady Lisle, ſeine Mutter, eben ſo wie der Lord Oberrichter, Chif⸗ finch und Kirke verwickelt ſind, ſo möge er die Güte haben, 42 ſich morgen vier Uhr Nachmittags zu einem frugalen Imbiſſe in Montaguſtreet in dem Hauſe einfinden, welches der ſilberne Löwe heißt. Suſanne.“« „Suſanne?— Am letztvergangenen 1. Februar?« ſagte Lord Henry Lisle langſam bei ſich ſelbſt.»Ach ja, jetzt ent⸗ ſinne ich mich.— Das iſt jenes arme, ſchöne junge Mädchen, welches mir zurief, ich ſolle ihren Bruder retten, während die Conſtabler ſie auf Jeffreys Befehl nach Bridewell ſchlepp⸗ ten. Sie will, ſagt ſie, mir von Jeffreys, von Chiffinch, von Kirke erzählen—« Während Henry dieſe abgebrochenen Worte ſprach, hatte er eilig ein bürgerliches Coſtüm angelegt. Nicht lange darauf verließ er das Hotel, nahm einen Miethwagen und rief dem Kutſcher zu: „Montaguſtreet, Silberner Löwe. Fahre raſch, ich be⸗ zahle doppalt, wenn ich zufrieden bin.⸗ Die Pferde rannten mit außerordentlicher Schnelligkeit davon, und behielten dieſelbe in Folge der Peitſchenhiebe, welche der Kutſcher auf ſie herabregnen ließ, auch bei. Den⸗ noch aber ward Henry ungeduldig, und hüpfte auf dem Sitze des Wagens hin und her. der nach ſeiner Meinung ſich ver⸗ zweifelt langſam vorwärts bewegte. Endlich langte er an, ſprang aus dem Wagen, warf dem Kutſcher ein Goldſtück zu, und trat, ohne auf das Wie⸗ derherausgeben zu warten, in das Haus, deſſen Thür ſich übrigens vor ihm ſo zu ſagen von ſelbſt geöffnet hatte. Als er den Fuß auf die erſte Stufe der Teppe ſetzte, hob er die Augen auf und ſah oben ein junges ärmlich gekleidetes — ——, W 4 — —y —— 43 Mädchen, aber von idealer Schönheit, welches das friſcheſte und reizendſte Lächeln auf ihn herabſtrahlen ließ. Noch war er nicht bis auf die Treppe gelangt, ſo kam ihm die muthwillige Fee des Hauſes, welcher die Secunden des Wartens zu Jahrhunderten zu werden ſchienen, die Stufen herabgehüpft, oder vielmehr mit der Leichtigkeit eines Vogels herabgeflattert, faßte ihn bei beiden Händen und ſtieg dann mit ihm wieder hinauf. Bei der Ankunft der beiden jungen Leute auf dem Trep⸗ penvorplatze ließ Suſanne Henry's Hände los und machte ihm eine anmuthige Verbeugung. »Ich ſchäme mich in der That, mich ſo kindiſch gegen Euch benommen zu haben, Sir,“« ſagte ſie.»Aber deswegen dürft Ihr keine ſchlimme Meinung von mir haben. Wenn ich einen Fehler begangen habe, ſo iſt meine Freude daran ſchuld. Sie hat mir Flügel gegeben und mich Euch entgegenflattern laſſen. Sehet mich an— kennt Ihr mich noch, Sir?« „»Ja, Suſanne, ich erkenne Euch,* ſagte Henry von einem Zauber befangen, den er ſich ans einem füͤr ihn ſo ſchmerzlichen Tage nicht erklären konnte.»Ihr ſehd in der That die Perſon, welche meine Erinnerung mir zukückrief, als ich euren Brief zu Ende geleſen hatte und als ich mich hierher begab. 8 »O wie ſchön iſt es von Euch, daß Ihr gekommen ſeyd! Und wie freue ich mich, daß Ihr mich noch kennt! Ich wäre untröſtlich geweſen, wenn Ihr nicht, indem Ihr mich ſahet, geſagt hättet, wer ich bin, denn es wäre dies für mich ein Be⸗ weis geweſen, daß ich alle Mühe und Koſten für meine Toilette vergebens aufgewendet hätte. Sehet, ich habe dasſelbe Kleid und dasſelbe Tuch angelegt, welches ich an jenem Abend des * 44 erſten Februar trug, wo ich Euch zum erſten Male ſah und wo Ihr ſo gut gegen mich waret. Dieſe armſeligen Kleider liebe ich um Euretwillen, ich bewahre ſie, weil Ihr ſie berührt habt, während Ihr Jeffreys beinahe mit eurer flachen Klinge gezüchtigt hättet.⸗ Lord Lisle, der durch dieſes ſo naive Geſchwätz, durch dieſes Zwitſchern, welches in einer und derſelben Seeunde die ganze Scala perlenden Gelächters durchlief, wie bezaubert wor⸗ den, fühlte plötzlich bei Jeffreys' Namen alle ſeine ſchwarzen Gedanken ſich wieder auf ſeine umdüſterte Stirn ſenken. »Aber, mein Gott, was fehlt Euch denn, Sir Henry?« ſagte Suſanne.„Wie Ihr doch augenblicklich düſter geworden ſeyd! Warum denn? Habe ich Euch vielleicht unangenehm be⸗ rührt? Oder geſchieht es wegen deſſen, was ich Euch verſpro⸗ chen habe zu ſagen? Sobald Ihr gewarnt ſeyd, wird nichts leichter ſeyn, als alle verbrecheriſchen Machinationen dieſer Menſchen zu nichte zu machen. Aber ich bin wirklich wie von Sinnen— ich laſſe Euch da auf der Treppe ſtehen— tretet doch ein, tretet ein, Sir Henry!« Suſanne ſchob ſanft den Gardelieutenant in das Wohn⸗ zimmer, deſſen Thür angelehnt geblieben war. „Erwartet mich einige Minuten. Nehmt mittlerweile Platz, Sir Henry— ich komme ſogleich wieder.« Indem ſie dies ſagte, ſchloß ſie lachend die Thür hinter Lord Lisle, welcher ſich nun unter Geräthſchaften von fürſtli⸗ chem Luxus und geſchmackvollen Kunſtgegenſtänden allein ſah. Er konnte ſein Erſtaunen nicht beherrſchen, als er ſich von einer ſo großen Anzahl von Meiſterwerken umgeben ſah. „Bei wem bin ich denn?« murmelte er.»Alles dies kann doch nicht Suſannen gehören— dieſem ſo armſelig gekleideten 8 —,— —,— 2 * 45 jungen Mädchen!— Das ſtreift an's Romanhafte. Es iſt augenſcheinlich, daß Suſanne die Zofe irgend einer geheimniß⸗ vollen vornehmen Dame iſt.— Suſanne eine Zofe?— O nein, nein, ſie hat nichts weniger als die Haltung einer dienenden Perſon— warten wir— ich werde ja ſehen.« Er hatte nicht Zeit mehr zu ſagen. Suſanne kam wieder zum Vorſchein, aber diesmal in weißen Atlas gekleidet, mit rothen Blumen in ihrem rabenſchwarzen Haar. Ihr ſchwarzes Auge funkelte von muthwilliger Freude. Das bezauberndſte Lächeln theilte ihre Lippen und ließ ihre kleinen, wohlgeordne⸗ ten Zähne ſehen, welche weiß dahinter hervorſchimmerten, wie Milch in einem Korallenbecher. »O, ich bin es immer noch— es iſt immer noch Su⸗ ſanne!« ſagte ſie, indem ſie ſich mit gleichzeitig anmuthiger, ſtolzer und muthwilliger Geberde vor den jungen Mann hin⸗ ſtellte, welcher kaum ſeinen Augen traute.»Und wenn Ihr, Sir Henry, in mir durchaus zwei Suſannen ſehen wollet, welcher würdet Ihr wohl den Vorzug geben? Lord Lisle, auf deſſen Geſicht ſich ein kaum bemerkbares Lächeln gezeigt, ward ſogleich wieder ernſt und traurig. »Ich gebe der, welche mir zuerſt erſchien, den Vorzug,« ſagte er. »Alſo Suſannen der Bettlerin? Warum gebt Ihr dieſer den Vorzug?« »Die, welche ich ſehe, iſt eben ſo ſchön, aber—« »Redet aus, Sir Henry, redet aus— 8 »Ihr wollt es?« »Ganz gewiß! Redet! fürchtet nicht mir unangenehm zu ſeyn, denn wenn es um deſſenwillen iſt, was mein Bruder 2 46 mir geſtern ſagte, ſo habe ich meine Antwort ſchon in Bereit⸗ ſchaft und werde das Vergnügen haben eure Zweifel zu be⸗ ſeitigen.« „»Ich gebe der armen Suſanne den Vorzug, weil ſie mir reiner zu ſeyn ſcheint—⸗ „Ah da haben wir's alſo wieder! Ihr thut indeſſen wohl daran, zu ſagen: Sie ſcheint mir! Ihr würdet Unrecht gehabt haben, wenn Ihr geſagt hättet: Sie iſt! denn die reiche Su⸗ ſanne iſt eben ſo rein als ihre arme Schweſter. Und dann ſehet, wie undankbar Ihr ſeyd, da Ihr ja ohne die in Atlas gekleidete Suſanne nichts von den Gefahren wüßtet, welche Euch und den Euren drohen. Jene kleine Bettlerin von vor⸗ hin iſt es ganz gewiß nicht, welche Mr. Chiffinch, dem erſten Pagen Seiner Majeſtät des Königs Jacob II. mit Stolz be⸗ gegnen und von ihm alles erfahren würde, was die Perſonen betrifft, welche ſie liebt und denen ſie einen Dienſt erzeigen möchte.«. „»Ihr kennt alſo Chiffinch, Suſanne?« „Von ihm habe ich Alles was Ihr hier ſehet. O, es iſt das eine ſeltſame Geſchichte, die ich Euch ſpäter einmal erzäh⸗ len werde. Ja, ja, ich kenne ihn und dies iſt für Euch um ſo beſſer, Sir Henry.« „Und für Euch, mein armes Kind, um ſo ſchlimmer.« „»Alſo Sir, Ihr glaubt mir nicht? Ich bin alſo in euren Augen eine Lügnerin? Wenn ich Euch ſage, daß zwiſchen Chif⸗ finch und mir durchaus kein vertrautes Verhältniß beſteht; daß er die Stunden, welche er hier zubringt, zu meinen Füßen ſitzend gerade ſo verlebt wie dieſer kleine Schooßhund; daß, wenn ich mich herablaſſe, ein Wort an ihn zu richten, dies blos geſchieht, um ihn von einem gewiſſen Lieutenant der königlichen 47 Garde ſprechen zu machen oder um ihm Geheimniſſe abzu⸗ locken, die ich kennen will.« „»Ihr ſprecht in eurem Briefe von Jeffreys, von Chif⸗ finch und von meiner Mutter. Was habt Ihr mir zu ſagen?« »Wie haſtig Ihr doch ſeyd! und dann wenn ich geſpro⸗ chen habe, werdet Ihr mich ſofort wieder verlaſſen—« „Wenn meine Mutter wirklich in Gefahr ſchwebt ſo werdet Ihr mich auch gehen laſſen, Suſanne. Redet, ich bitte Euch!« „»Wohlan, ich hab' es Euch verſprochen und dann muß ich Euch wohl auch für die Freude belohnen, welche Ihr mir habt dadurch bereitet, daß Ihr zu mir gekommen ſeyd.“ Suſanne faßte die Hände des jungen Gardeoffiziers in die ihren und betrachtete ihn mit einem Blick faſt unverhoh⸗ lener Zärtlichkeit. „»Beginnen wir vom Anfang an,“ ſagte ſie.»Es iſt Euch wohl bekannt daß der Bürgerkrieg im Begriff ſteht, in England auszubrechen.« 5 »Das weiß ich wohl; ich habe es aus dem Munde des Königs ſelbſt—« »Wohlan, Mylord, in der Verwirrung, welche gewöhn⸗ lich während derartiger Kriſen herrſcht, hat Jeffreys, durch Chiffinch's Einfluß unterſtützt, ſich vorgenommen, von Jacob II. den Kopf eurer Mutter zu verlangen.“ „»Den Kopf meiner Mutter!— Suſanne, ſeyd Ihr auch wirklich bei Sinnen? Von wem habt Ihr dieſes furchtbare Ge⸗ heimniß?« »Von meinem zweibeinigen Hündchen— von Chiffinch.« „»Aber die Beweggründe— die Beweggründe zu einer ſolchen Forderung— wißt Ihr dieſe auch?« 48 »Eure Mutter trägt den Namen Lisle und Jeffreys hat geſchworen, dieſen Namen zu vernichten.⸗ »Aber ich trage ihn ja auch?« »Und es drohen auch Euch dieſelben Gefahren, Henry. O, verwehret mir nicht Euch ſo zu nennen,« ſetzte Suſanne hin⸗ zu, ohne den Ausdruck ernſter Traurigkeit zu verlieren, der ſich über ihr ſchönes Antlitz gelagert, ſeit dem ſie ihre vertraulichen Mittheilungen begonnen. »Dieſe Drohungen beunruhigen mich wenig und Jeffreys Haß kann mich in Bezug auf meine eigene Perſon auch nicht ſehr beſchäftigen. Was meine Mutter betrifft, ſo hält der Kö⸗ nig ſie in hoher Achtung.« »Darauf verlaßt Euch nicht, Henry.« »Chiffinch und Jeffreys werden ſich umſonſt bemü⸗ hen, denn in ein ſolches Verbrechen willigt Jacob II. gewiß niemals.« „»Wie zittere ich vor Furcht, wenn ich ſehe, wie Ihr Euch einer ſolchen Sicherheit hingebet. Der König wird Alles gewäh⸗ ren, was ſein erſter Page und ſein Oberrichter verlangen. Man wird Mylady Lisle in irgend eine geſchickt gelegte Schlinge locken; man wird ſie vor Gericht ſtellen, verurtheilen und umbringen.« „Ihr ſcheint dieſe Schünge zu kennen, Suſanne.« „Ja, Henry, ich kenne ſie.« »O redet, redet— meine Dankbarkeit—« »Eure Dankbarkeit! Was für ein häßliches, kaltes Wort! O wenn Ihr wollt, daß ich Euch mit Eifer diene, ſo ſprecht es niemals wieder aus! So lange Ihr mir blos von eurer Dankbarkeit ſprechen wollt, iſt es mir lieber, wenn Ihr ſchweiget. t * ) 1 „. 2 — 49 »Aber ſo ſprecht doch, Suſanne, ſo ſprecht doch!« »Sobald Monmouth mit ſeiner auseinandergeſprengten Streitmacht beſiegt ſeyn wird, will man, in welchem Winkel Englands Lady Lisle ſich auch befinden mag, flüchtige Rebellen zu ihr ſchicken. Sie iſt gut und mitleidig— ſie wird ihnen eine Zufluchtsſtätte gewähren. Das iſt es, worauf man war⸗ tet. Man wird ſie feſtnehmen und ſie wird, des Hochverraths überführt, mit dem Leben büßen. Zweifelt Ihr vielleicht im⸗ mer noch?« »O Dank, Suſanne! meine gute, ſchöne, theure Su⸗ ſanne!« »Dies iſt noch nicht Alles, Henry. Wenn Ihr in den Reihen der königlichen Truppen nicht tapfer genug kämpft, wenn Ihr trotz der Weigerung des Königs darauf beharret, Euch mit Miß Lucy zu vermälen—« »Ihr wißt alſo, was ſo eben in Whitehall geſchehen iſt?« »Ich wußte, daß es geſchehen würde— aber laßt mich ausreden. Wenn Ihr dem König ungehorſam ſeyd, ſo wird man dies eurer Mutter zum Verbrechen anrechnen und ſie wird dann für Euch Rede ſtehen müſſen.— Nun ſeyd Ihr gewarnt, Henry.— Ihr ſehet wohl, daß ich Grund dazu hatte, zu ſagen, daß es Euch leicht ſeyn würde, alle dieſe Machinatio⸗ nen zu vereiteln. Das nächſte Mal, wo Ihr mich wieder be⸗ ſucht, werde ich Euch noch andere Dinge ſagen. Es iſt jetzt ſieben Uhr, euer Gemüth iſt nun etwas ruhiger, wir wollen unſeren Imbiß einnehmen.« »Es iſt ſieben Uhr! Dann erlaubt, daß ich mich von Euch verabſchiede. Es muß durchaus geſchehen.« »Was, jetzt ſchon?« »Ja, ich ſage Euch, es muß durchaus geſchehen.« Der Tiger von Tanger. III. 4 „Ihr werdet aber wiederkommen?« „Ich ſchwöre es Euch!« Schritte nach Sir Charles Murray's Haus. VI. kehrte ſie in ihr Zimmer zurück. bares Lächeln umher. erfuͤllten Augen gen Himmel. nannte!« rem Tone. Henry verließ Suſannens Wohnung und lenkte ſeine Ein kleines Souper im Wirthshauſe„zur rothen Ruh«. Als nach der ein wenig eiligen Entfernung Henry's Su⸗ ſanne, die ihn bis an die Hausthür begleitet, ſich allein ſah, Auf ihrem gedankenvollen Antlitz irrte ein kaum bemerk⸗ »Hier ſaß er; künftighin werde ich keinen andern Platz haben als dieſen,« murmelte ſie, indem ſie ſich in den Seſſel niederließ, welchen Lord Lisle eingenommen. Dann faltete ſie leidenſchaftlich die Hände und richtete ihre von feuchtem Glanze „Wie ſchön er iſt, o mein Gott!« rief ſie mit überwal⸗ lendem Gefühl,»wie ſchön er iſt, wie gut, wie edel! Wie V faßte er meine Hand— wie ſah er mich an! wie ſanft war ſeine Stimme, als er mich ſeine ſchöne, ſeine liebe Suſanne Sie ſchwieg einen Augenblick und ſchien ſich an den letz⸗ ten Worten zu weiden, welche ſie ausgeſprochen. Dann wie⸗ derholte ſie dieſelben nochmals in langſamerem und ſanfte⸗ »Seine liebe Suſanne!« ſagte ſie.»Seine liebe Su⸗ ie 51 ſanne zu ſeyn! von ihm geliebt zu werden! o ich ſchauere vor Wonne, wenn ich nur daran denke!« 5 Nach dieſen harmoniſch geſprochenen Worten hörten die Lippen der Irländerin auf ſich zu bewegen. Die Finger ihrer beiden Hände löſten ſich, ihre ſchlanke Geſtalt lehnte ſich in den Seſſel zurück, alle ihre Glieder überließen ſich einer ſüßen Erſchlaffung und ihr ziellos ſchwebender Blick verrieth bald, daß ſie ganz in jene ſtrahlende Extaſe verſunken war, in welche die Seele eines ſechzehnjährigen Weſens ſich verſenkt, ehe die Sonne der Liebe an ihrem Horizont emporſteigt. So blieb ſie lange in ihre Gedanken, Träume und Hoff⸗ nungen verſunken und die Nacht war bereits hereingebrochen, als ſie durch die Stimme ihrer jungen Dienerin wieder zur Wirklichkeit des Lebens erweckt ward. »Mr. Chiffinch's Wagen erwartet Euch,« ſagte die Zofe. »Der Lakai behauptet, Ihr hättet Euch verſpätet und ſein Heerr werde ungeduldig.« »Welche Zeit iſt es denn?« fragte Suſanne. „»Es iſt eilf Uhr, wie Ihr ſeht.« »Erſt eilf Uhr! Und mein Hündchen wird ſchon unge⸗ duldig, weil es eine Stunde hat warten müſſen?« ſagte Su⸗ ſanne mit ſpöttiſcher Nachläſſigkeit.»O, wenn Niemand wei⸗ ter als er bei dem Souper wäre, ſo könnte er meinetwegen die ganze Nacht warten und ungeduldig werden, ſo viel er Luſt hätte. Ich muß aber ſeine Zechgenoſſen ſehen, ganz be⸗ ſonders muß ich ſie ſprechen hören und ſie im Nothfall dazu anreizen, denn ich habe Henry verſprochen, ihm, wenn er mich wieder beſucht, noch mehr zu ſagen, und eine innere Stimme ſagt mir, daß er nicht lange ausbleiben wird. Ich will nochmals verdienen, daß er mir die Hände drücke und .. 4 52² mich ſeine liebe Suſanne nenne. Ich will, daß alle Dienſte ihm von mir kommen, während alle Gefahren ihm von Miß Lucy kommen werden.« Bei dieſem Namen, welcher, ſeitdem ſie ſo mit ſich ſelbſt ſprach, zum erſten Mal ihren Lippen entfiel, zuckte Fitzgerald's Schweſter zuſammen. Ihr ſchwarzes Auge ſchleuderte einen unheimlichen Blitz und ihre Lippen zitterten. „Ich bin nicht eiferſüchtig!« ſagte ſie, in ihrem Allein⸗ geſpräch fortfahrend.»Warum ſollte ich es auch ſeyn? War⸗ um ſollte ich Miß Lucy haſſen? Henry wird ſich nicht mit ihr vermälen. Er kann ſich nicht mit ihr vermälen.— Aber er kann ſie immer lieben. Und mich, möge ich thun was ich wolle, mich wird er immer verſchmähen. O, wehe dann, wehe, Lucy! doch nein; Percy Kirke iſt da, wel⸗ cher Lucy auf immer Henry's unwürdig zu machen wiſſen wird! Dieſes Geheimniß habe ich Lord Lisle verſchwiegen. Ich mußte es ihm verſchweigen! Wenn er es erfährt, ſo wird es zu ſpät ſeyn, und ich habe dann von meiner Nebenbuhlerin nichts mehr zu fürchten. Henry kann Kirke nicht einmal zum Zweikampf herausfordern, denn ein Adjutant darf ſich nicht mit ſeinem General ſchlagen. Und ſeine Entlaſſung, um ſich dann zu ſchlagen, kann er auch nicht nehmen denn Mylady Lisle würde ſeinen Austritt aus der Armee mit ihrem Leben bezahlen. Ich habe alſo durchaus keinen Grund, eiferſüchtig zu ſeyn, und es wäre in der That ſchade um die Zeit, wenn ich ſie damit zubringen wollte, eine arme Beſiegte zu haſſen.« Einige Augenblicke ſpäter ſtieg Suſanne in den Wagen, der ſie an der Thür erwartete, und ward nach Whitechapel vor eine Taverne gefahren, welche dem Leſer bereits bekannt iſt. Als der Wagen hielt, ſtieg ſie aus und trat in das 53 Wirthshaus„zur rothen Kuh,« wo Jeffreys ſeine nächtlichen Orgien zu feiern pflegte.. Als ſie in das glänzend erleuchtete Zimmer trat, fand Suſanne hier eine ganz andere Geſellſchaft als die, welche der Leſer ſich erinnern wird, früher hier angetroffen zu haben. Weder der hinterliſtige ſchlaue Birch noch irgend ein anderer der gemeinen Advocaten, welchen der Oberrichter ge⸗ wöhnlich die Ehre vergönnte, ſich mit ihm zu berauſchen, war heute zugegen. Bei dem Erſcheinen Suſannens in ihrer weißen und rei⸗ chen Toilette erhoben ſich drei Männer und kamen ihr entge⸗ gen. Es waren dies Chiffinch, Jeffreys und Kirke. Jeder von ihnen hatte fur die ſchöne Eingeladene ein verſchiedenes Lächeln. Das Chiffinch's war demüthig, nieder⸗ geſchlagen und hingebend; das des Oberrichters anmaßend und gönnerhaft; das Kirke's verrieth die glühende exaltirteſte Bewunderung. Suſanne erfaßte mit einer Schnelligkeit und Sicherheit des Blickes, welche einer Herzogin von Whitehall Ehre ge⸗ macht haben würden, die ganze Bedeutung dieſes dreifachen Lächelns vollkommen; aber ſie fand es angemeſſen, nur einem davon zu antworten. Ehe noch einer der Gäſte ſie willkommen geheißen, warf ſie Jeffreys einen herausfordernden Blick zu und redete ihn in verächtlichem Tone an. »Was gebt Ihr Euch da für ein Air, Mylord?« ſagte ſie zu ihm.»Sind wir vielleicht zufällig noch in eurem Hotel oder in meiner Zelle zu Bridewall? Oder habt Ihr die Abſicht, den Auftritt von Whitehall nochmals zu beginnen? Die Zeiten 54 haben ſich geändert, das bedenket wohl, Mylord Oberrichter, und es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe beiden Herren ſich weigern werden, Euch als Conſtabler zu dienen. Uebrigens habe ich nur auf Mr. Chiffinch's Bitten mich dazu verſtanden, mich hier einzufinden, und ich erkläre ihm, daß ich mich ſofort wie⸗ der entferne, wenn ich auf beleidigende und anmaßende Weiſe empfangen werde.« Der Gedanke an Fitzgerald und an Henry Lisle, ſo wie der Wunſch, ſie zu rächen, waren ohne Zweifel dieſem Ausfalle nicht fremd. Suſanne antwortete nicht blos dem Manne, der bei ihrem Anblicke ein ſpöttiſches und verächtliches Wohlwollen zu erkennen gegeben, ſondern ſie entlud auch ihren Haß gegen den Gewaltigen, der ihrem Bruder ein geheimnißvolles Joch aufgelegt, welches ihr einen unwillkürlichen Schauder einflößte. Gleichzeitig verſuchte ſie dem Feind des jungen Gardelieute⸗ nants einen empfindlichen Schlag zu verſetzen und ihm einen Schrei der Wuth und des Schmerzes auszupreſſen. Wenn dies in der That die Abſicht der kecken Irlände⸗ rin war, ſo erreichte ſie ihr Ziel vollkommen und gleich mit dem erſten Schlage, denn Jeffreys ſtieß ein dumpfes Ge⸗ brüll aus. „Hal die Zeiten haben ſich geändert!« heulte er.»Dies werden wir ſogleich ſehen— noch dieſen Augenblick, Du freche unverſchämte Straßendirne!« Er konnte in ſeinen Schimpfreden nicht weiter fortfah⸗ ren, denn Kirke legte ihm die rechte Hand auf den Mund, während er ihn mit der linken im Genick packte. Indem er ihn ſo mit dieſer lebendigen Zange feſthielt, ſagte er: — —X—, 5⁵ „Ruhig, ruhig, mein lieber Jim. Warum ſträubſt Du Dich ſo? Um deines Beſten willen, aus Freundſchaft zu Dir, halte ich Dich ſo. Ich will nicht, daß Du den Läſterungen, welche Du ſo eben ausgeſprochen, noch anderweite hinzufuͤ⸗ geſt; deshalb ſchließe ich Dir den Mund. Aber dabei laß ich Dir die Ohren offen, damit Du meine Friedensvorſchläge hö⸗ ren kannſt. Dergleichen Schimpfreden zu einem Weibe von ſo vollendeter Schönheit zu ſagen, iſt ein förmliches Verbrechen, und Du wirſt Dich gebührend bei ihr entſchuldigen, oder die ganze Nacht zur Strafe in dieſem gezwungenen Zuſtande ver⸗ harren, wenn die junge Dame es verlangt.“ Suſanne wollte das Wort ergreifen als Chiffinch ihr zu⸗ vorkam. Er war bleich vor Wuth und zitterte an allen Gliedern. „General,« rief er.„»Ihr könnet Mylord Jeffreys los⸗ laſſen. Ja, ſage ich Euch, Ihr könnt ihn loslaſſen! Ich, Chiffinch, bin es, der es abwarten wird, ob er auch nur den kleinſten Theil ſeiner Drohungen gegen dieſe junge Dame aus⸗ zuführen wiſſen wird. Weder Lord Jeffreys noch ich ſind Män⸗ ner vom Degen. Wir werden daher nicht die Klinge kreuzen, wir werden uns nicht die Kehlen abſchneiden, aber wir haben andere Waffen und werden uns auf andere Weiſe ſchlagen. Wir werden ſehen, wer zuerſt den Andern über den Hau⸗ fen wirft und ihn vernichtet, während er ihn gleichwohl leben läßt.— Kommt, Suſanne, kommt. Weder Ihr noch ich werden uns mit dieſem gemeinen Menſchen an einen und denſelben Tiſch ſetzen.« „»Meiner Treu, da haſt Du, was Du verdienſt,« rief Kirke, indem er Jeffreys losließ, während Suſanne zum erſten Male, ſeitdem ſie einander geſehen, Chiffinch einen Blick zu⸗ warf, der frei war von Zorn, Verachtung oder Gleich⸗ giltigkeit. VII. Ein kleines Souper im Wirthshauſe„zur rothen Ruh«. (Fortſetzung.) Die Worte des erſten Pagen des Königs hatten auf Jeffreys dieſelbe Wirkung geäußert, wie das Waſſer auf das Feuer zu äußern pflegt. So wie ſie kurz gellend, kalt und be⸗ deutſam dem Munde des durch ſeine Liſt und Schlauheit all⸗ mächtigen Pagen entfielen, hatte der Zorn des Oberrichters ſich beruhigt und ſeine Augen waren unſtät und ſeine Geber⸗ den bittend geworden. Sobald er die Freiheit ſeiner Be⸗ wegungen und beſonders die des Wortes wieder erlangt hatte, näherte er ſich Chiffinch und ſagte zu ihm:— »Na, ich habe Unrecht gethan, ſehr Unrecht, ſo hitzig zu werden, ich gebe es zu— und ich bitte Euch, Chiffinch, mein guter Freund, mein treuer Bundesgenoſſe, dieſen ärgerlichen Vorfall zu vergeſſen. Was zum Teufel, eine erprobte Freund⸗ ſchaft wie die unſere darf nicht um einer ſolchen Kleinigkeit willen zerbrechen oder auch nur einen Riß bekommen—« »Um einer ſolchen Kleinigkeit willen,⸗ unterbrach ihn der Page.„Wirklich, das fehlte nur noch!« »Ach, ich bitte um Verzeihung, das i*ſt es nicht, was ich ſagen wollte.« »Ha! Der Oberrichter von King's Bench weiß alſo gar nicht einmal mehr, was er ſpricht!« 82 — 57 »Weil ich durch den Verdruß, den ich Euch bereitet, in⸗ Aufregung und Unruhe verſetzt worden bin, mein. vortreffli⸗ cher Chiffinch. Ja es iſt eine große Dummheit, die ich ſo eben begangen.— Eure Hand, mein Freund!«— „Lieber will ich ſie vertrocknen ſehen, als ſie Euch rei⸗ chen,“ ſagte der Page kalt. »Wie übelnehmiſch Ihr doch ſeyd, Chiffinch! Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr es in dieſem Grade wäret. Verehrte Dame, habt die Güte, zwiſchen uns zu vermitteln und den Frieden wieder herzuſtellen. Ich ſchwöre Euch, daß ich kein Wort von dem denke, was ich in einem Augenblick blinden Zornes geſagt. Es iſt dies weiter nichts als eine ſchlimme An⸗ gewohnheit von mir, deren ich mich, wie ich wohl einſehe, ent⸗ ſchlagen muß. Mein Beruf iſt daran Schuld. Ach, das Juri⸗ ſtenhandwerk, das Juriſtenhandwerk, dies verdirbt die feinſten Sitten!« Suſanne verfolgte ſeit zwei oder drei Minuten die⸗ ſen Auftritt mit immer höher ſteigendem Intereſſe. Als ſie die Bitte hörte, welche Jeffreys an ſie richtete, empfand ſie eine lebhafte Freude ohne ſich jedoch dieſelbe merken zu laſſen. Plötzlich näherte ſie ſich Jeffreys und betrachtete ihn mit einem Wohlwollen, welches man für aufrichtig hätte halten können, ſo vollkommen erheuchelt war es. „»Eure Hand, Mylord,“« ſagte ſie zu ihm. Dann reichte ſie ihre freigebliebene Hand dem Pagen und ſetzte hinzu: 3 „»Reicht Ihr mir die eure auch, Mr. Chiffinch.« So zwiſchen den beiden Männern ſtehend und einen wie den andern anlächelnd ſchien ſie die verkörperte Verſohnung zu ſeyn. 58 »Höret,« fuhr ſie dann zu Jeffreys gewendet fort,„ich bin geneigt, Mylord, Euch, nachdem ich ſelbſt Euch verziehen, auch mit Mr. Chiffinch wieder auszuſöhnen, vorher aber müßt Ihr Euch durch einen Schwur verbindlich machen, eine Bedingung zu erfüllen, die ich Euch auflegen werde.« »Ich ſchwöre im Voraus, ſie zu erfüllen!« rief Jeffreys. »O, wenn euer Ruf kein angemaßter iſt, ſo wird dies für Euch eine allzu milde Züchtigung ſeyn. Doch gleichviel. Ihr werdet nemlich euer mit Portwein oder Xeres gefülltes Glas ſo oft leeren, als ich meine Lippen an meinem Becher benetze oder auch ſo oft ich es Euch befehlen werde.« »Dieſe Bedingung nehme ich ſehr gerne an,« ſagte Jeffreys,„deshalb war es nicht nothwendig, mir einen Schwur abzuverlangen. Ihr ſeyd die Königin des Feſtes und als ſolche muß Euch ſtets gehorcht werden, wenn Ihr uns befeh⸗ len werdet zu trinken.« »Ich hoffe, daß dieſe Herren,« ſagte Suſanne zu Kirke und Chiffinch gewendet,»ſich demſelben Geſetz unter⸗ werfen.« »Wir ſind Alle eure treuen Unterthanen,“« entgegnete Kirke,„möchten wir auch eure geliebten Unterthanen ſeyn!« »Und Ihr, Mr. Chiffinch?« »Ihr wißt, Suſanne, daß euerm Willen gegenüber der meine nicht vorhanden iſt.« „Gut geſagt, Sir.— In dieſem Falle beweiſt es da⸗ durch, daß Ihr Mylord Jeffreys ſofort umarmt.« Der Page und der Oberrichter ſanken einander in die 59 Arme und drückten ſich mit dem ganzen Anſchein der wärm⸗ ſten Zuneigung. „»Na, na,“ rief Suſanne laut auflachend,»nun werden ſie einander gar erdrücken, dieſe grimmigen Freunde.— Zu Tiſche, meine Herren! Zu Tiſche!« Die Kellner des Wirthshauſes trugen das Souper auf. Es war Chiffinch, welcher die beiden andern Triumvirn be⸗ wirthete. Die auserleſenſten Weinſorten ſtanden auf dem Tiſche, eben ſo wie Alles, was die Gaſtronomie der damali⸗ gen Zeit an Meiſterwerken der Kochkunſt aufzuweiſen hatte. Es war ſchon ſpät und der Hunger der Gäſte daher kein kleiner. So zahlreich und ſo gut verſehen die Schüſſeln auch auf einander folgten, ſo wurden ſie doch niemals wieder fortgeſchickt, ohne daß man wenigſtens davon gekoſtet hätte. Die Flaſchen wur⸗ den unaufhörlich geleert und eben ſo unaufhörlich durch friſche erſetzt. 4 So lange die Bedienung der Tafel, welche beim Be⸗ ginn des Souper bedeutende Thätigkeit in Anſpruch nahm, die Gäſte nöthigte, den dienſtthuenden Kellner in der Nähe zu behalten, drehte die Converſation ſich um die Speiſen und Weine. Endlich jedoch war das Deſſert in geſchmackvoller Fülle und auf einem Bett von entblätterten Mairoſen, den erſten und wohlduftendſten des Jahres, aufgetragen. Ueber dibſer Blätterſchicht funkelten die ausgeſuchteſten und ſeltenſten Weine in dem Scheine der Wachskerzen, welche auf Leuchtern von böhmiſchem Kryſtall befeſtigt waren. Die Kellner verließen das Zimmer und die Gäſte konn⸗ ten nun allein ſich an dieſem Feſte für den Geſichts⸗ und Ge⸗ ruchsſinn weiden. 60 »Es gilt aber nicht blos zu ſehen und zu riechen, man muß auch koſten,« ſagte Suſanne.»Ihr habt mir vorhin Machtvollkommenheit über Euch verliehen, meine Herren. Hö⸗ ret mich daher an. Vor noch drei oder vier Monaten war ich ein unwiſſendes Kind, aus den Büchern aber, welche Mr. Chiffinch mir in die Hände gab, damit ich mir in meiner ge⸗ zwungenen Einſamkeit die Zeit vertreiben möchte, habe ich viel gelernt. So habe ich zum Beiſpiel geleſen, daß der rö⸗ miſche Gutſchmecker, welchem wir in dieſem Augenblicke nach⸗ ahmen, eine ganz allerliebſte und poetiſche Gewohnheit hatte. Er trank auf die Geſundheit ſeiner Geliebten ſo vielmal als ihr Name Buchſtaben enthielt. Allerdings bin ich die Geliebte keines von Euch, aber wohl bin ich eure Königin. Mein kö⸗ niglicher Name zählt ſieben Buchſtaben. Füllet und leeret da⸗ her eure Gläſer ſiebenmal. Trinket auf die Geſundheit der Königin Suſanne.⸗ Kirke, Jeffreys und hitinß gehorchten. Einige Augen⸗ blicke geſchah weiter nichts, als daß Flaſchen von Hand zu Hand gingen und Gläſer gefüllt und ſofort geleert wurden. um dann von neuem bis an den Rand gefüllt zu werden. »Wie Schade,« rief Suſanne, welche dem Gehorſam eines jeden ihrer Tiſchgenoſſen Beifall gezollt, ohne, aller Aufforderung ungeachtet, ſelbſt zu trinken,„wie Schade, daß der Menſch nicht immer in Ruhe und Frieden lebt! Wie ſchön wäre es, ſeine Tage unter ſo herrlichen Feſten verleben zu können! Und warum müſſen denn die Kriege und die Lei⸗ den, welche ſie nach ſich ziehen, dieſen ſo ſüßen Zeitvertreib ſtören?— Dieſer Argyle, dieſer Monmouth und alle ihre Anhänger, welche in dieſem Augenblick die Fahne des Bür⸗ gerkrieges unter uns erheben oder morgen erheben werden, 61 warum zerſchmettert Gott ſie nicht mit ſeinem Blitze, ehe ſie ihr abſcheuliches Verbrechen begehen?« „»Wenn Gott, o Königin, ſich mit dieſen Dingen be⸗ ſchäftigte, was bliebe dann mir mit meinem Degen zu thun übrig?« ſagte Kirke, indem er ſein Glas leerte. „»Und mir mit meinem Beil und meinem Strick?« ſetzte Jeffreys hinzu, indem er ebenfalls austrank. „Und mir, was würde mir es denn nützen, nach mei⸗ nem Belieben dem Ohr des Königs jedes Verdammungsur⸗ theil einzuflüſtern, welches er ſeinem Willen gemäß mit ſeinem Munde ausſprechen oder mit ſeiner Hand unterzeichnen ſoll?« ſtammelte Chiffinch ſchon ganz betrunken. „Ihr hofft daher wohl, lieben Freunde,« fuhr Suſanne fort,»Euch an Leichen, Blut und Thränen einmal ſo recht zu ſättigen!« „Ja wohl, die ſo lange erwarteten Tage werden end⸗ lich empordämmern!« murmelte Jeffreys, deſſen Zunge all⸗ mälig ſchwer ward, während ſeine Augen unſtät hin⸗ und herrollten. „»Wie glücklich ſeyd Ihr! Wie ſchoͤn muß es ſeyn, einen Feind in ſeiner Macht zu haben! ſein Schmerzgeſchrei zu hö⸗ ren! den warmen Duft ſeines dampfenden Blutes zu ath⸗ men!« rief Suſanne, indem ſie einen wachſamen Blick auf Jeffreys heftete. »Ja, das iſt ein göttliches Vergnügen!« antwortete der Oberrichter, deſſen Auge ſich an dem Scheine der Bilder ent⸗ flammte, welche die Irländerin ihm ſo eben vorgeführt. „Welche von euren Feinden ſind denn die, an welchen Ihr die raffinirteſte Rache zu nehmen gedenkt?« fragte Suſanne. 62 »Charles Murray! Charles Murray!« heulte Jeffreys, indem er ſogleich darauf hinzuſetzte:„Apropos, Freund Kirke, ich bin Dir großen Dank ſchuldig. Du haſt mich abgehalten eine große Dummheit zu begehen. Wo hatte ich nur den Kopf, als ich Charles Murray ſchon geſtern feſtnehmen laſſen wollte? Was für ein ſchlechter Rathgeber iſt doch der Zorn und welcher mächtigen Hilfe hätte ich mich beraubt! Wer kann ſicherer als er die Grafſchaften Somerſet und Dorſet aufwiegeln? Ganz Taunton wird ſich auf ſeinen Ruf erheben. Welch eine Ernte von Köpfen bereitet ſich da!— Kirke, nicht drei Tage ſind es jetzt, welche ich ihm auf deine Bitte gewährte, ſondern er möge in London bleiben, ſo lange er will, und es nur verlaſ⸗ ſen, um Taunton zu Monmouth's Gunſten rebelliſch zu ma⸗ chen! Und damit er keine Furcht mehr habe, damit die voll⸗ ſtändigſte Sicherheit ihn einſchläfere, damit er nicht etwa auf ungelegene Weiſe nach Holland oder anderwärts hin auswan⸗ dere, ſo gebe ich Dir hier alle jene Briefe, die mir ſeinen Kopf überlieferten, ohne daß eine einzige Jury in der ganzen Welt ſie mir hätte ſtreitig machen können. Ich gebe ſie Dir alle— gib ſie ihm wieder. Es iſt das ein unſchätzbares Ge⸗ ſchenk, welches Du ihm da machſt, und meiner Treu, wenn er Dir nicht ſeine blonde Luch dafür gibt, ſo iſt er ein Un⸗ dankbarer, der ſeines Gleichen ſucht.« »Nehmet, General, nehmet dieſe Briefe,« rief Suſanne eifrig.»Und möget Ihr für Rückgabe derſelben dieſe anbe⸗ tungswürdige Lucy erhalten.« »Ihr werdet ſie um ſo leichter bekommen, als Henry Lisle auf Befehl des Königs zurücktritt,« ſagte Chiffinch, der ſich auf einen Ellbogen aufrichtete, um ſogleich wieder nie⸗ derzuſinken. —— 63 »Jetzt, wo mir noch ein Schimmer von Verſtand übrig⸗ bleibt, mein lieber Jim,« ſagte Kirke,„benutze ich denſelben, um Dich zu verlaſſen.— Ich möchte mich nicht in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt ſehen, Dich umzubringen, wenn Du viel⸗ leicht verſuchen ſollteſt, mir dieſe Briefe wieder zu nehmen.“ Der Abenteurer erhob ſich und verließ das Zimmer. „Was ſind denn das für Briefe, Mylord?« fragte Su⸗ ſanne den Oberrichter,„und an wen ſind ſie adreſſirt?« „An wen ſie adreſſirt waren, willſt Du ſagen, meine ſchöne Suſanne,« antwortete der Oberrichter, deſſen Kopf und Körper ſich nicht mehr aufrechtzu halten vermochten.»Sie waren an den alten Königsmörder Lord Lisle adreſſirt, wel⸗ chem dein liebenswürdiger Bruder Fitzgerald ſie geſtohlen, nachdem er ihn umgebracht hatte.« »Was ſagſt Du, Ausgeburt der Hölle!« rief Suſanne, während Jeffreys unter den Tiſch ſank und nicht mehr hörte. „»O mein Gott, ich habe dieſen Menſchen zum Reden bringen wollen— ich habe wiſſen wollen— nun weiß ich! Ha, Fitz⸗ gerald Mörder! Mörder weſſen?— des Vaters Henry's!— O mein Gott, erbarme Dich meiner!« VIII. Die Schatten der Ahnen. Während Suſanne in ihrem Zimmer an das Glück dachte, von Lord Henry Lisle geliebt zu werden, und während ſie ſpäter bei dem kleinen Souper in dem Wirthshauſe zur„rothen Kuh«“ den Vorſitz führte, fand bei Sir Charles Murray einer jener erhabenen Auftritte ſtatt, wo die edelſten Leidenſchaften, von welchen der Menſch beſeelt ſeyn kann, mit einander kämpf⸗ ten, wo auserwählte Gemüther von gleicher Tapferkeit den furchtbarſten Qualen preisgegeben waren und durch über⸗ menſchliche Anſtrengung, blutig und zerriſſen, aber ſiegreich daraus hervorgingen. Bevor Henry Lisle, der, als wir ihn zuletzt ſahen, ſeine Schritte eiligſt nach Sir Charles Murray's Wohnung lenkte, daſelbſt angelangt war ſaßen der alte Puritaner und ſeine Tochter ſchon lange in jenem ſo einfach ausgeſtatteten Zim⸗ mer, in welches wir den Leſer bereits bei einer früheren Ge⸗ legenheit eingeführt haben. Nichts war um ſie herum verändert, nur würde ein mit allen gewöhnlich auf den Möbeln liegenden Gegenſtänden vertrautes Auge bald bemerkt haben, daß ein neuer dazu ge⸗ kommen war. Es war dies ein ſchöner Degen aus dem fünf⸗ zehnten Jahrhunderte. Er lag auf dem Tiſche von altem Ei⸗ chenholze nicht weit von der handſchriftlichen Bibel. Die Klinge 65 ſah man nicht, denn dieſe ſtak in der Scheide, der eiſerne Griff aber zeigte eine zugleich elegante und einfache Form. Schon ſeit mehren Minuten bewahrten Murray und ſeine Tochter, ihren Betrachtungen nachhängend, ein ſo tiefes Schweigen, daß man nichts hörte als den Schlag der Pen⸗ deluhr, dieſer damals noch faſt neuen Erfindung. Plötzlich ſtand der Greis, welcher nur die langſame Be⸗ wegung der Zeiger auf dem Zifferblatte verfolgt zu haben ſchien, auf, und begann mit auf die Hand geneigtem Haupte in dem Zimmer hin⸗ und herzugehen. »Dieſe Verzögerung verräth nichts Gutes,« murmelte er.»Während des Nachmittags ſollten Lady Lisle und ihr Sohn bei Jacob Stuart Audienz erhalten. Wie kommt es, daß Henry nach ſeinem Weggange von Whitehall nicht hier⸗ hergekommen iſt?« Er näherte ſich der noch ſitzenden Lucy, legte ſeine Hand auf das Haupt des jungen Mädchens und ſagte: »Waffne Dich mit Muth, mein Kind. Ich fürchte, Du wirſt deſſen ſehr bedürfen.« »Der Muth mangelt mir nicht, mein Vater, und ich hoffe beſtimmt, daß Ihr Euch meiner nicht werdet zu ſchämen brauchen. Was auch Gott entſchieden haben möge, ſo werde ich mich ihm zu unterwerfen und mich des Vaters, der mich er⸗ zogen, würdig zu zeigen wiſſen. Ich erwarte Henry mit ruhi⸗ ger Faſſung.« In dieſem Augenblicke ward an die Hausthür gepocht. »O mein Gott, da kommt er!« ſtammelte Luch und drückte die Hand auf das plötzlich ſtürmiſch klopfende Herz. Lord Lisle trat in das Zimmer. Sein Geſicht war tod⸗ tenbleich; ſeine ſonſt ſo ungezwungene Haltung befangen Der Tiger von Tanger. III. 5 den Ihr uns da meldet, Mylord, nicht wahr?« ſagte Sir 66 und gedrückt. Es war augenſcheinlich, daß etwas Außeror⸗ dentliches in ihm vorging. „»Nun, da ſeyd Ihr ja endlich, Henry,« ſagte Murray, indem er ſich erhob und dem jungen Manne entgegenging. »Ich entſinne mich nicht, in meinem ganzen Leben eine Zeit des Wartens zugebracht zu haben, die mir ſo lange und ſo ſchmerzlich geworden wäre wie heute.— Wo kommt Ihr denn her, Henry?« »Meine Mutter wird Euch um acht Uhr ihren Beſuch machen, Sir Charles,“ ſagte Lord Lisle, welcher es vermied, direct auf die Frage des alten Puritaners zu antworten.„Ich wundere mich, daß ſie noch nicht da iſt.« „Aber Euch, Henry,“ hob Sir Charles wieder an, „was hielt Euch denn ab, eher zu kommen?« »Ich hatte meiner Mutter verſprochen, nicht vor ihr hier zu erſcheinen.« „Ah— und welchen Grund hatte ſie, Euch dieſes Ver⸗ ſprechen abzunehmen?« Henry ergriff Lucy's Hand und die ihres Vaters, ließ Beide niederſetzen und nahm zwiſchen ihnen Platz. „Sir Charles und Ihr, Lucy,« ſagte er, nachdem er ſich einen Augenblick lang geſammelt, in ernſtem langſamen Tone,„da meine Mutter noch nicht hier iſt, ſo muß ich wohl ſprechen. O, wie traurig ſind die Dinge, welche ich Euch mit⸗ zutheilen habe! Ich hatte Euch ſchon geſagt, Sir Charles, daß ich und meine Mutter heute bei dem König erſcheinen ſollten — wir ſind dort geweſen. Ach, wie ſind alle meine theuerſten Hoffnungen mit einem einzigen Schlage vernichtet worden!« „Es iſt alſo der Rücktritt von eurem gegebenen Worte, er 67 Charles Murray mit einer Stimme, welcher er Ruhe und Feſtigkeit zu geben ſuchte, während Lucy's Geſicht ſich mit plötzlicher Bläſſe bedeckte. Der junge Mann ſchien ſeinen ganzen Muth zuſammen⸗ zuraffen und fuhr fort: „»Wer hätte es jemals glauben können! Der hochſelige König, deſſen Andenken ich in meinem Herzen ſtets verehren werde, hatte ſeine Einwilligung zu meiner Vermälung mit Euch gegeben, Luch— ſein Bruder ſetzt ſich dagegen! Er zeigte ſich unerbittlich hart; er geſtattete uns nicht einmal, uns zu erklären, noch auch nur ein einziges Wort vorzubringen. Er verließ uns ohne Weiteres, während wir noch in der größ⸗ ten Beſtürzung und wie vom Donner gerührt in ſeinem Ca⸗ binete ſtanden. »Und hat er für ſeine Weigerung keinen Grund ange⸗ führt?« fragte Murray mit einer ruhigen Miene, welche Henry weit entfernt war zu erwarten. „»Ja, Se. Majeſtät deutete kurz politiſche und religiöſe Beweggründe an.« »Erklärt Euch beſtimmter, Mylord Lisle,« fuhr der alte Puritaner fort, welcher nun ſeine ganze Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte.»Bemühet Euch, mir wo möglich die Worte zu wiederholen, welche Jacob Stuart zu Euch geſpro⸗ chen hat. Es kommt etwas darauf an.« »Der König ſagte, daß ſchon das Begehren, mich mit eurer Tochter zu vermälen, in den Augen der Religion ein Verbrechen ausmache. Dann machte er uns Vorwürfe darüber, daß wir, um dieſes Verlangen an ihn zu ſtellen, einen unglück⸗ lichen Augenblick, nemlich den wählten, wo eure Glaubensge⸗ * 68 noſſen, Sir Charles, wider ihn zu den Waffen griffen. Dies ſind ſeine eigenen Worte.« »Ich danke Euch, Henry; nun weiß ich was ich wiſſen wollte,« unterbrach ihn Sir Charles Murray, indem er ſich erhob.»Alſo Jacob von York führt gegen eure Vermälung mit meiner Tochter zwei Urſachen der Unmöglichkeit an— meine Religion und meine politiſche Geſinnung, und er findet, daß jetzt nicht der geeignete Augenblick da iſt, um unſer ab⸗ weichendes religiöſes und politiſches Glaubensbekenntniß in nähere Berührung zu bringen. Ich bin ganz ſeiner Meinung, Henry. Das Ziel, welches ich zu erreichen ſuche, iſt, Euch ihm ganz zu rauben und zwar ſchon dieſe Stunde und ohne zu warten bis morgen, denn wer weiß, ob ich morgen noch leben werde.« „Ich bitte Euch, Sir Charles, verſuchet nicht einen Kampf zu beginnen, in welchem ich, möge ich nun beſiegt wer⸗ den oder Sieger ſeyn, ſo viel zu leiden haben werde.« „Und was gehen eure Leiden mich an? Schon die Schmach, mit welcher Ihr im Begriffe ſteht Euch zu bedecken, beſtimmt mich, Alles zu verſuchen, um Euch dieſem Jacob Stuart zu entreißen. Unterbrecht mich nicht, Mylord. Was ich in dieſem Augenblicke thue, habe ich eurem Vater verſprochen. Es iſt ein feierlicher und heiliger Schwur, den ich erfülle. Einen ſolchen Schwur, Henry, muß ein ehrlicher Mann ſtets halten, möge daraus für ihn hervorgehen, was da wolle.“ »Lucy! Lucy!« rief der junge Mann in herzzerreißendem Tone,„wenn Ihr die entſetzlichen Beweggründe kenntet, welche mich zwingen, Euch zu bitten mir mein Wort und mei⸗ 69 nen Schwur zurückzugeben, o dann würdet Ihr Mitleid mit mir haben!« »Iſt es möglich, Henry,« ſagte Lucy ſanft,„daß Ihr in den Worten meines Vaters eine Anſpielung auf das ver⸗ muthet, was hier in dieſem ſelben Zimmer vor einigen Tagen zwiſchen uns vorgegangen iſt? Ich rufe Gott zum Zeugen an, Mylord, daß mein Vater von dem Schwur, den Ihr mir ge⸗ leiſtet, keine Kenntniß hat.« „»Hal was ſind die Schwüre der Liebe neben denen, welche treue Freundſchaft dem Unglücke leiſtet!« rief der ſtrenge Puritaner.„Ich habe Lord Lisle, als er in die Verbannung ging, geſchworen, ſeinen Sohn zu überwachen; ich habe ihm einige Wochen vor ſeiner Ermordung verſprochen, eine letzte und gewaltige Anſtrengung zu machen, um dieſen ſelben Sohn zu retten— ich werde dieſen Schwur halten, dies ſage ich Euch nochmals. Der Kriegsruf wird erſchallen, Henry!— Gott ſey geprieſen, ich werde nicht ſterben, ohne Dich an mei⸗ ner Seite kämpfen geſehen zu haben. Zu meiner Linken ſtehend wirſt Du denſelben Platz einnehmen, welchen dein Vater in ſo vielen blutigen Gefechten einnahm.« »Haltet ein, Sir Charles! Bin ich denn nicht ſchon un⸗ glücklich genug?— Ach, Ihr wiſſet nicht, daß das Leben meiner Mutter für meine Treue gegen die Sache des Königs haftet!« »Kind, welches die Mutter auf Koſten ſeiner Ehre zu retten gedenkt, Kind, welches nicht weiß, daß dieſe Menſchen von keiner Vergebung wiſſen wollen und daß ihre Abſicht da⸗ hin geht, auch ſogar den Namen der Richter Carls J. aus⸗ zurotten!« 70 »Als Katholiken werden meine Mutter und ich lieber als Märtyrer denn als Abtrünnige ſterben.« »Du hatteſt eine andere Religion, Henry, ehe man deine Jugend betrog und—« „Sir Charles Murray, meine Mutter war es, welche mich bewog, mich zu dieſer Religion zu bekennen.« »Aber Lord Lisle, es geſchah gegen den Willen eures Vaters, deſſen lange, deſſen ewige Verbannung durch den Gedanken verbit⸗ tert ward, daß ſein Sohn die Religion der Selaven angenommen.« „Dies iſt ein Geſetz der Freiheit!« „»Nun ſo kämpfe für dieſe und nicht für die, welche ſie verletzt haben! Kämpfe für den Glauben Chriſti und nicht für den Jacobs von York. Du ſchweigſt!— Henry, wenn Du bei dieſer Religion beharrſt, in welcher deine Mutter un⸗ ter allen den Laſtern, von denen ſie umringt iſt, als ein Muſter der Tugend leuchtet, ſo klagſt Du das Andenken deines Vaters an, Du ſchändeſt ſein ganzes Leben, denn dein entge⸗ gengeſetztes Verhalten wird ſagen, daß nach deiner Anſicht das Leben deines Vaters nicht das eines ehrlichen Man⸗ nes war.“« 1 »Lucy, ich appellire an Euch!— Wenn ich die Gewiß⸗ heit habe, daß man meine Mutter umbringen würde, kann ich dann ſie dadurch verlaſſen, daß ich in ein anderes Lager übergehe?« »Nein, Henry, nein, das könnt Ihr nicht,« rief Luch mit Begeiſterung;„Ihr ſeyd Euch eurer Mutter ſchuldig. Mein Vater,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich Sir Charles Mur⸗ ray näherte,»öffnet mir eure Arme, denn ich habe nun auf Erden keinen andern Platz als eure Bruſt, wo mein von Schmerz zerriſſenes Herz ausruhen kann.“ ie Murray hielt ſeine Tochter lange in ſeiner Umarmung. Dabei aber verfolgte er zugleich mit ſeinem Blicke die Gefühle, welche ſich düſter und ſchnell nacheinander auf Henry Lisle's Geſicht malten. „Wohlan, meine Kinder,« rief er plötzlich,»Ihr ſeyd Eins des Andern würdig, edle rührende Opfer der Kindesliebe! Vor eurem beiderſeitigen Opfer vermag ich den Schrei mei⸗ nes bekümmerten Vaterherzens nur mit Mühe zu unter⸗ drücken.« Er ſchwieg. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo machte er ſich aus den Armen ſeiner Tochter los. „Henry,« ſagte er,»ich habe noch etwas mit Euch zu ſprechen. Wartet einen Augenblick.« Der Greis lenkte ſeine Schritte nach dem Tiſche, ergriff den darauf liegenden Degen und zog ihn aus der Scheide. Dann näherte er ſich, die Waffe eben ſo wie die Scheide in der linken Hand haltend, wieder dem jungen Manne, welcher ihm erſtaunt zuſah. Ehe er ihn noch ganz erreicht hatte, warf Luch ſich zwi⸗ ſchen ſie. »Ich errathe Euch, mein Vater!« rief ſie;»o ich bitte Euch, ſetzet dieſen entſetzlichen Kampf nicht länger fort, denn Henry könnte unterliegen.“ „Das iſt es nicht was ich will,« entgegnete Murray, indem er ſeine Tochter mit der Hand auf die Seite drängte. „Er würde meiner unwürdig werden, wenn er mir ſeine Mutter opferte,“ ſagte ſie. „Ja, nemlich wenn er ſie Dir oder der Liebe opferte. Glaubſt Du, daß ich einen ſolchen Soldaten und einen ſolchen Sohn lieber wollte als Du?« 84 72 Sir Charles Murray ſchwieg einige Augenblicke, dann wendete er ſich zu Henry und ſagte in feierlichem Tone: »Höret mich aufmerkſam an, letzter Sprößling des Hau⸗ ſes Lisle. Ihr wißt, daß im Jahre 1428 die Engländer bis in die Mitte Frankreichs eingedrungen waren. Wie es ſchien, hatte für dieſes Land die verhängnißvolle Stunde geſchlagen, wo eine Nation ſtirbt. Eine Jungfrau trat auf, ich nenne ſie nicht, denn ihr Name iſt eine Schande für England. Orleans ward befreiet und der Sieg ſchien ſich in dieſer Jungfrau zu verkörpern. In der Schlacht bei Patay kämpften ein Lisle und ſein Sohn neben einander. Plötzlich in dem dichteſten Kampfgewühl richtete ſich die ſchreckliche Geſtalt der Kriegerin vor ihnen auf. Sie hob den Arm empor, um den Sohn nie⸗ derzuſtrecken, der Vater wendete mit ſeinem Schwert den Streich ab und fiel ſelbſt tödtlich getroffen. Der Engel Frank⸗ reichs ließ einen mitleidigen Blick auf den jungen Mann fallen und ſchritt in ſeinem Befreiungswerke weiter. Das göttliche Schwert aber theilte, indem es das eures Ahns berührte, demſelben den Funken der himmliſchen Freiheit mit. Der Greis reichte es ſeinem Sohne und ſagte: Ich ſterbe, ſuche nicht mich zu rächen. Dieſer Krieg iſt ein Krieg der Ungerechtigkeit und des Verrathes. Nimm dieſe Waffe und ſie diene künftig in deinen Händen oder in denen deiner Nachkommen nur der Gerechtigkeit und dem in ſeiner Unabhängigkeit bedrohten oder in ſeiner Ehre verletzten Vaterlande. Laß die Könige ſelbſt ihre ehrgeizigen Zwiſtigkeiten ausmachen und ziehe dieſe Waffe nur in wahrhaft nationalen Kämpfen aus der Scheide; lebe wohll Und der junge Erbe trug den väterlichen Degen mit ſich fort— es war dieſer hier!« Murray, hielt indem er dieſe Worte pprach die Waffe ddeem jungen Manne hin, wie um ſie ihm näher zu zeigen. 4ʃ—— O8—̃ᷓ 88 — ð 828— 73 Der junge Mann ſtreckte von lebhafter Bewegung er⸗ griffen die Hand darnach aus. Der Puritaner hielt ihn durch eine Geberde zurück und fuhr fort: „„»Höret mich an. Ich will Euch nicht alle Die nennen, welche ſeit beinahe drei Jahrhunderten dieſe Waffe ſtets rein und makellos dem erhabenen Gelübde ihres erſten Beſitzers treu, einander überliefert haben. Ihr könnet ihre auf der Klin⸗ ge eingegrabenen Namen und den Tag ihres Todes ſelbſt leſen. Aber keiner von ihnen war eines ſolchen Erbtheils würdiger als ſein letzter Beſitzer, euer Vater, Mylord. In ſeinen Hän⸗ den glänzte es bei Tredah, bei Dunbar, bei Worceſter. Sobald aber der echte Bürger den ehrgeizigen Cromwell begriffen hatte, ſteckte er es wieder in die Scheide und ließ es beinahe zehn Jahre lang darin ruhen. Es verließ dieſelbe nicht eher wieder, als um ſich der Reſtauration der Stuarts zu wider⸗ ſetzen!« „O gebt mir die Waffe!« rief Henry. „Wartet noch einen Augenblick,« fuhr Murray fort. „Es ſind nun fünfundzwanzig Jahre her, als in einer ſtürmi⸗ ſchen Winternacht euer Vater an die Thür dieſes Hauſes pochte. Verbannt von Carl II., dem Bruder Jacobs von York, floh er den Boden ſeines Vaterlandes. Ehe er mir zum letzten Male die Hand drückte, zog er dieſen Degen unter ſeinem Man⸗ tel hervor, übergab ihn mir und ſagte: Behalte ihn bis zu dem Tage, wo Du es angemeſſen finden wirſt, ihn meinem Sohne zu geben. Dann ſage ihm, woher dieſes Eiſen ſtammt. Sage ihm, daß es eine heilige Waffe iſt, welche in ſeinen Händen zer⸗ brechen würde, wenn er ſich ihrer jemals bediente um die Sa⸗ che der Gerechtigkeit zu unterdrücken. Sage ihm beſonders, daß mein Fluch auf ihm ruhen würde, wenn er damit jemals 74 die Söhne jenes Königs vertheidigte, welche ich zum Tode ver⸗ urtheilte und die heute einen Preis auf meinen Kopf ſetzen.⸗ Der Greis ſchwieg und warf auf den beſtürzten jungen Mann einen Blick, in welchem ſtolze Begeiſterung gläͤnzte. „Letzter der Lisle,« rief er,„ich übergebe Dir das Ver⸗ mächtniß, welches mir anvertraut ward. Nimm dieſes Eiſen und eile, um damit deinen König Jacob Stuart. zu ver⸗ theidigen.« Vor gewaltiger Gemüthsbewegung zitternd ergriff der junge Ofſizier haſtig den ihm dargebotenen Degen. »Gebt ihn mir, o gebt ihn mir!« rief er.„Ja, da ſte⸗ hen die Namen und die Tage! Ich ſehe ſie kaum durch meine Thränen hindurch. Schatten meiner Väter, Ihr habet trium⸗ phirt! von heute an werde ich Euer, werde ich Deiner, Lucy, wieder würdig!« Luch warf ſich mit einer Bewegung, welcher ihr Wille gänzlich fremd war, in Lord Lisle's geöffnete Arme. Einen Augenblick lang hörte man nur ein verworrenes Geräuſch von Seußzern und Schluchzen. »Ja, ſo nehme ich Euch an, Henry!« rief Lucy mit Be⸗ geiſterung,„denn nicht um meinetwillen kehret Ihr zu dem Glauben zurück, welcher das erſte Band der Sympathie unſerer Kindheit war; nicht ich bin es, welcher Ihr eure Mutter opfert. O, ich ſagte Euch nicht Alles, was ich litt, aber ich wollte nicht, daß Ihr, um mich für mein ganzes Leben glücklich zu machen, eurer Mutter einen einzigen Schmerz bereiten, oder ſie einer einzigen Freude berauben ſolltet. Jetzt, wo Ihr, von den edelſten Beweggründen getrieben, zu mir zurückkehret, danke ich Gott und fühle mich ſo glücklich, daß ich nicht Worte finde, um es auszudrücken.⸗ „»Lucy, meine Verlobte, die nun bald mein Weib werden ſoll, ich hätte Euch alſo beinahe verloren! O was wäre ohne Euch aus mir geworden!« rief Henry, indem er Lucy mit zärt⸗ lichem Blick betrachtete. Dann wendete er ſich zu Sir Charles Murray und faßte mit kindlicher Liebe ſeine Hand. „Aber, mein Gott, war ich denn blind,“« rief er,„daß ich nicht die Schande ſah, welche ich auf mich und auf meinen Namen häufte? Seyd geſegnet, o Ihr, der Ihr mir die Augen geöffnet, der Ihr mich bei der Hand an die Stelle geführt habt, auf welcher früher mein Vater geſtanden.“ Lord Lisle ſchwieg einige Augenblicke. Eine leichte Wolke der Wehmuth flog über ſeine Stirn. „Dieſen Platz an eurer Seite werde ich jedoch nicht ein⸗ nehmen, Sir Charles. Es iſt genug, daß ich das Lager verlaſſe, in welchem ich diente. Ich werde nicht in ein anderes überge⸗ hen. Nein, nein, ich kann es nicht thun und ich werde es nicht thun. Mein Weib und meine Mutter in ein fremdes Land führen, dies iſt die dringendſte Pflicht, die ich zu erfüllen habe. Wenn Ihr in dem Kampfe, welcher beginnen wird, trium⸗ phirt, ſo werde ich in mein Vaterland zurückkehren. Ich fühle aber, daß fortan zwiſchen mir und dem öffentlichen Leben eine unüberſteigliche Schranke ſich errichtet.⸗ Nachdem Lord Lisle abermals einige Augenblicke lang geſchwiegen, ſetzte er in entſchloſſenem Tone hinzu: „Sir Charles Murray, ich nehme Miß Lucy's Hand an, wenn Ihr noch damit einverſtanden ſeyd, ſie mir zu geben.“ „»Ob ich damit einverſtanden bin, Henry, mein Sohn!« rief der Greis, indem er Lord Lisle in ſeine Arme ſchloß;„»ja 76 wohll und bald werde ich der Zukunft, möge ſie ſeyn welche ſie wolle, mit heiterer Stirn in's Antlitz ſchauen können.⸗ Die Stimme eines Dieners meldete: „»Mylady Lisle!« Und Henry's Mutter trat ins Zimmer. IX. Die Mutter. Bei Lady Lisle's Anblick ging nur Lucy ihr entgegen und bot ihre Stirn den Lippen der alten Freundin des Hauſes und empfing den liebreichen Kuß von ihr. Murray und Henry ſtanden unbeweglich und mit ge⸗ ſenkten Augen da. Es war nicht ein Gefühl von Furcht, noch weniger von Reue, was ſie bewog, dieſe kalte Zurückhaltung zu beobachten. Sie hatten vielmehr ſogleich begriffen, daß ein leiden⸗ ſchaftlicher Kampf beginnen würde, und Beide ſammelten ihren Muth und ihre Kraft, um ihn tapfer auszuhalten. Dabei aber bereitete ſich Jeder von ihnen auf verſchiedene Weiſe darauf vor. Sir Charles Murray trat gleich dem Jäger, welcher die Löwin auf ſich zukommen ſieht, deren Junges er geraubt, einen Schritt zurück, und es war klar, daß er entſchloſſen war den Kampf aufs Aeußerſte zu verfolgen. Was Henry's Haltung betraf, ſo verrieth ſie ebenfalls den feſteſten Entſchluß, hartnäckigen Widerſtand zu leiſten, aber man hätte vorausſagen können, daß er im Begriff ſtand, he A ſich auf eine gänzlich paſſive Rolle zu beſchränken, ſobald er die Nutzloſigkeit ſeiner erſten Anſtrengungen eingeſehen haben würde. Sir Charles Murray's und Henry's Unbeweglichkeit dauerte übrigens nur einen Augenblick. Beide machten es bald wie Lucy. Sie gingen Lady Lisle entgegen und wurden ſofort, indem ſie die Augen auf ſie richteten, von dem Ausdruck von Unruhe betroffen, der ſich auf ihrem Antlitz malte. Sie wun⸗ derten ſich indeß darüber nicht, ſondern brachten ihn auf Rech⸗ nung des Kummers, den ſie ſeit ihrem Beſuche in Whitehall empfinden mußte. Es dauerte nicht lange, ſo bemerkten ſie ihren Irrthum. »Entſchuldigt mich, Sir Charles,« ſagte ſie.»Ich würde zu der meinem Sohne angedeuteten Stunde gekommen ſeyn, wenn ich nicht genöthigt geweſen wäre, zu Hauſe zu bleiben, um einem außerordentlich peinlichen Auftritt beizuwohnen. In dem Augenblick, wo ich in den Wagen ſteigen wollte, um mich zu Euch zu begeben, erſchien ein Sheriff von mehren Con⸗ ſtablern begleitet, in meiner Wohnung.“ „»Wie? Schon?“« unterbrach Lord Lisle, welcher an die un⸗ heilvollen Verkündigungen gedachte, die Suſanne einige Stun⸗ den vorher gegen ihn ausgeſprochen.— „»Was ſagſt Du, mein Sohn?« fragte Lady Lisle lebhaft. »Du wußteſt alſo, was geſchehen würde? Warum haſt Du in dieſem Falle den armen William nicht gewarnt?« „William! Was iſt ihm denn begegnet, meine Mutter?« „Er iſt verhaftet und ins Gefängniß gebracht worden.“ »Und habt Ihr von dem Sheriff den Grund dieſer Ver⸗ haftung erfahren?⸗ 78 »Nein, mein Sohn. Der Polizeibeamte zeigte einen mit der Unterſchrift des Lord⸗Oberrichters verſehenen Verhaftsbe⸗ fehl vor und führte den treuen, unglücklichen Diener deines Vaters hinweg.“ »Obſchon Ihr es zu glauben ſcheint, Mutter,« ſagte Henry,»ſo war ich doch weit entfernt zu ahnen, was Ihr mir da ſagt, und dennoch empfindeich darüber nicht das min⸗ deſte Erſtaunen. Es iſt das eine erſte Warnung, welche Gott uns ertheilt. Wir müſſen ihr die ernſteſte Aufmerkſamkeit wid⸗ men, denn ſie beweiſt uns auf das Deutlichſte, wie verhaßt und verdächtig Alles, was zu unſerer Familie gehört, denen iſt, welche die Macht in den Händen haben.“ »Warum ſprichſt Du ſo, mein Sohn?«entgegnete Lady Lisle lebhaft.„Warte wenigſtens bis wir die Urſache der Verhaf⸗ tung Williams kennen. Sie kann einfach, natürlich und wohl⸗ begründet ſeyn.« »Wohlbegründet? Das iſt ſie allerdings. Sie gründet ſich auf den Haß, den man gegen uns hegt.« »Mein Sohn,“ ſagte die alte Lady ſich aufrichtend,„Ihr wißt, wie wenig ich dieſe heftigen und ungerechten Anklagen gegen eine Staatsgewalt liebe, welche wir reſpectiren müſſen.« »Ihr wißt auch, meine Mutter, daß dies das erſte Mal iſt, daß Ihr ſie aus meinem Munde höret und ich ſchwöre Euch, ich habe den vollwichtigſten Grund, dieſe Anklagen aus⸗ zuſprechen.« »Hüte Dich, dadurch ein Verbrechen an einem Fürſten zu begehen, welchem zu dienen Du die Ehre haſt.⸗ »Jacob II. iſt nicht mehr mein König,« murmelte der junge Mann in dumpfem Tone. —— et 79 „Mein Gott, was höre ich?« rief Lady Lisle indem ſie Augen und Hände gen Himmel erhob.»Gerechter Gott! iſt es möglich, daß Du mich ſo lange haſt leben laſſen, um mich zur Zeugin der Abtrünnigkeit meines Sohnes zu machen!* Nachdem die ſtrenge Lady dieſe Worte mit bewegter Stimme ausgeſprochen, ſetzte ſie ſich und ſenkte das Haupt, als ob ſie die zermalmende Laſtder Verzweiflung und Schmach kaum noch zu ertragen vermöchte. Ihre Augen aber blieben thränenlos, ſey es, daß ihr ſtolzes und feſtes Gemüth ſie hin⸗ derte, deren zu vergießen; ſey es, daß ſie, weil ihr noch an⸗ dere Waffen zu Gebote ſtanden, ihre Thränen für einen an⸗ dern Augenblick des ſich entſpinnenden Kampfes aufſparte. Plötzlich kniete Henry vor dem Seſſel nieder, in welchen Lady Lisle geſunken war und nachdem er den Degen, welchen Sir Charles Murray ihm übergeben und welchen er ſeit dieſem Augenblick fortwährend in der Hand gehalten, auf den Fußboden niedergelegt, ſagte er in ſanftem, wehmüthi⸗ gem Tone: „Fluchet mir nicht, meine Mutter. Rufet nicht den Zorn Gottes auf das Haupt eines Sohnes herab, welcher Euch über Alles liebt und verehrt. Wendet nicht ſo eure Blicke von mir ab— verſcheuchet den duͤſtern Zorn, der aus ihnen leuchtet; höret mich, ehe Ihr mich verdammet, meine Mutter.“ „Wenn Du willſſt, daß ich Dich anhöre, ſo nimm augen⸗ blicklich die Läſterung zurück, welche Du vorhin gegen deinen König ausgeſprochen.“ „Ich habe keine Läſterung ausgeſprochen, meine Mut⸗ ter. Ich habe rein und einfach eine wahre Thatſache ausge⸗ ſprochen. Ich habe von meinem Entſchluſſe geſprochen, wel⸗ 80 cher in meinem Geiſte und in meinem Herzen unwiderruflich feſtſteht.⸗ »Ich muß nicht verſtanden haben, oder Du haſt Dich nicht richtig ausgedrückt. Von welchem Entſchluſſe ſprichſt Du?« fragte Lady Lisle, indem ſie auf ihren Sohn einen Blick hef⸗ tete, der einen Mann von geringerer Feſtigkeit, als Henry be⸗ ſaß, wohl eingeſchüchtert haben würde. »Von dem Entſchluſſe meine Entlaſſung zu geben und aus der Armee zu treten, liebe Mutter.⸗ Der kalte, gebieteriſche Ausdruck, welchen Lady Lisle's Blick ſeit einigen Augenblicken gehabt, milderte ſich und mit beinahe ſchmeichelnder Stimme ſagte ſie zu ihrem Sohn: »Haſt Du auch über den Entſchluß, den Du, wie Du ſagteſt, gefaßt haſt, wohl reiflich nachgedacht? Weißt Du, daß der König, dem deine Anweſenheit unter ſeiner Garde und die Treue, welche Du ihm bis jetzt bewieſen, alle jene blutigen Erinnerungen vergeſſen gemacht haben, welche unſer Name in ſeinem Gemüth erweckt, nachdem Du deine Entlaſſung ge⸗ nommen, in Dir nur noch einen ungehorſamen und gegen ſei⸗ nen Willen rebelliſchen Unterthan ſehen würde? Haſt Du Dir geſagt, daß Du auf dieſe Weiſe Dich und deine Mutter in's Verderben ſtürzen willſt?« „Ihr würdet Grund haben, dieſe Befürchtungen auszu⸗ ſprechen, liebe Mutter, und ich erkenne an, daß ſie vollkom⸗ men gegründet wären, wenn ich, nachdem ich meine Entlaſſung gegeben, noch in England bleiben wollte.« »Und wo willſt Du denn hin?« »Nach Frankreich oder nach Italien, aber nicht allein.⸗ »Ha,“ ſagte Lady Lisle, indem ſie auf eigenthümliche 81 Weiſe lächelte,„und mit wem willſt Du denn auf dieſe Weiſe in die Verbannung gehen?« »Ich werde mit Euch gehen, meine Mutter.« „Und wer ſagt Dir, mein Sohn daß ich mich dazu ver⸗ ſtehen werde, mein Vaterland zu verlaſſen?« »Ich werde Euch um die hohe Gunſt bitten, einen Sohn zu begleiten, der für Euch ſtets die unbegrenzteſte Hingebung bewieſen, der Euch zu Liebe unter einem Könige Dienſte ge⸗ nommen, welcher ſeinen unglücklichen Vater fünfundzwanzig Jahre in der Verbannung hat ſchmachten laſſen, der, um Euch zu gehorchen, ſeine Religion aufgegeben und der heute noch bereit iſt. Euch alle Opfer der Welt zu bringen, nur nicht das ſeiner Ehre.“ » Und ſeiner Liebe, nicht wahr, mein Sohn? Warum ſagſt Du das nicht zugleich? Stehe auf, es hat keinen Sinn vor einer Mutter niederzuknien, welche Du auf dieſe Weiſe Andern opferſt.« Lady Lisle erhob ſich bei dieſen Worten von ihrem Seſ⸗ ſel und ließ auf ihren Sohn einen Blick fallen, der einen fe⸗ ſten Entſchluß verrieth. »Du kannſt,« fuhr ſie fort,»„gehen wohin Du willſt, und mitnehmen wen es Dir beliebt, aber davon ſey überzeugt, daß ich in England bleibe. Ich werde für Dich Rede ſtehen und wenn ein Opfer fallen muß, wohlan, dann werde ich da ſeyn.« 3 »Meine Mutter! meine theuere Mutter!« ſagte Henry, indem er ſich ebenfalls erhob,„»nein, eine ſolche Verzweiflung werdet Ihr mir nicht bereiten. Ihr werdet mitkommen, ja, Ihr werdet mitkommen. Ihr drohet mir zu bleiben, blos um mich zu ſchrecken, um mich zu zwingen, meinen Entſchluß wie⸗ Der Tiger von Tanger. III. 6 8² der aufzugeben, denn Ihr wißt wohl. daß nichts mich bewegen wird, ohne Euch abzureiſen, beſonders da ich weiß—= ſetzte der junge Mann hinzu, indem er die Stimme ſenkte und ſeinen Redeſatz unvollendet ließ. »Was weißt Du denn, mein Sohn?« rief Lady Lisle lebhaft, denn ſie fühlte mit dem Vertrauen des Triumphes auch das Bewußtſeyn ihrer Kraft wieder erwachen.»Was weißt Du? Die tauſend verleumderiſchen Gerüchte, welche von feindſeligen Zungen an dein ſtets offenes Ohr ſchlagen! Uebri⸗ gens was geht mich an, was Du weißt, oder was Du nicht weißt? Ich ſage Dir nochmals, mein Entſchluß iſt. gefaßt: was Du auch thun mögeſt, ich werde England nicht verlaſſen. In meinem Alter entſchließt man ſich nicht ſo, die Treppe eines Andern hinauf⸗ und herunterzulaufen. Tod um Tod— ich will ihn lieber da erwarten, wo ich bin, als ihn in der Ver⸗ bannung aufſuchen. Ich bleibe.⸗ Dann wendete ſie ſich von dem beſtürzten und augen⸗ ſcheinlich wankend gemachten Henry ab. »Sir Charles Murray.« fuhr ſie in einem Tone fort, welcher ihren Zorn und ihre Entrüſtung kaum zu verhehlen vermochte,»Gott iſt mein Zeuge, daß ich bis jetzt Euch in hoher und ganz beſonderer Achtung gehalten habe. Dieſe Achtung aber hätte beſſer angewendet werden können, wenn ich das, was vor meiner Ankunft hier vorgegangen iſt, recht begreife. Wie, eure ſo ſtrenge Religion, neben welcher die unſere nach eurer Meinung weiter nichts als ein der rohe⸗ ſten Heiden würdiger Aberglauben iſt, eure Religion geſtattet Euch alſo, in dem Herzen der Kinder die Liebe zu erſticken, welche Gott gegen ihre Eltern darein gepflanzt hat? Hütet Euch, daß ich nicht die Beweggründe unterſuche, welche Euch ——+%+H⏑— — ꝑ———— 4—— 2 83 bewogen haben, ſo zu handeln! Ich ſehe nur die That an und für ſich und erkläre ſie für eine haſſenswerthe.“ Sir Charles Murray, welcher bis dieſen Augenblick ein hartnäckiges Schweigen beobachtet und ſich bemüht hatte alle Bewegungen Henry's mit wachſamen Augen zu verfolgen, blieb bei dieſer letzten und heftigen Anrede eben ſo ſtumm und bewegungslos. Lady Lisle wendete ihm den Rücken, näherte ſich ihrem Sohne und ergriff ſeine Hand. „»Wohlan, Henry,“ ſagte ſie in wehmüthig ſanftem Tone zu ihm,„biſt Du noch immer entſchloſſen fortzugehen und mich der Rache eines mit Recht erzürnten Königs preiszugeben? Kannſt Du Dich mit dem Gedanken befreunden, Dich in einem fremden Lande in Sicherheit zu wiſſen, während deine Mutter hier mitten unter den Gefahren zurückbleibt, welche Du für ſie zu fürchten ſcheinſt? Dieſe Gefahren kennſt Du beſſer als ich. Sie ſcheinen ſo groß zu ſeyn, daß Du gar nicht wagſt, ſie mir zu offenbaren. Wenn Du davon ſprichſt, bedienſt Du Dich bloßer Andeutungen.“ „Ja, ſie ſind in der That groß,« murmelte Lord Lisle. »Nun und wirſt Du mich ihnen überlaſſen, Henry?« „»O meine Mutter, warum weigert Ihr Euch, mit mir abzureiſen?« „Ich habe es Dir ſchon geſagt, mein Sohn— ich bin alt. Laß mich hier ſterben. Laß mich hier vollends ſterben und bleibe bei mir. Willſt du das thun? Ja, Du willſt es. Ich wußte wohl, mein Sohn. daß dieſer grauſame Gedanke, mich zu ver⸗ laſſen, nicht in Dir entſtanden war, daß er Dir eingeflüſtert worden. Gib mir deinen Arm, mein Sohn. Wie ſtolz bin ich eine ſolche Stütze in meinem Alter zu haben! Gehen wir, * 84 Henry, gehen wirl! Gott wird Dich ſegnen. Er ſegnet ſtets die Kinder, die ein gutes Herz haben. Komm mit deiner alten Mutter, welche Dich wenigſtens an ihrer Seite ſehen wird, wenn Du in ihrer letzten Stunde im Begriff ſtehſt ihr das Auge zuzudrücken, welches Dich auf dieſer Erde nicht mehr ſehen ſoll.« Während Lady Lisle dieſe Worte mit bewegter Stimme murmelte, zog ſie Henry, der ihr nur noch ſchwachen Wider⸗ ſtand entgegenſetzte, nach der Thür. Sir Charles Murray ſah ein, daß es Zeit war ſich in's Mittel zu ſchlagen. Erfaßte raſch die auf dem Fußboden liegende Klinge in der Mitte und hielt den Griff zwiſchen Lady Lisle und Henry.. »Mylady,“ rief er,„»zwiſchen Euch und eurem Sohne erheben ſich entrüſtet zehn Generationen von Männern ohne Furcht und Tadel!« Die ſiegreiche Mutter, welche ſich ſchon über ihren Triumph freute, kehrte ſich gegen den alten Puritaner, wie eine unklug angegriffene Löwin. „»Was ſagt Ihr? Was thut Ihr? Was iſt's mit dieſem Degen?« rief ſie.»Ja, ich erkenne ihn! Aber was frage ich darnach? Wißt Ihr nicht, daß die Mutter, welche ihre bitten⸗ den Hände nach ihrem Sohne ausſtreckt, tauſendmal mächtiger iſt, als die ſtummen Schatten der Ahnen?« „Stumm, ſagt Ihr? Fragt die Geſchichte! Fragt euern Sohn, der ſo eben noch dieſen Degen in der Hand hielt und alle dieſe Namen las— Henry, hier iſt dein Degen, komm!« Der junge Mann ſchwankte, denn er war die Beute un⸗ ausſprechlicher Gemüthsbewegung. — — die nichts hat als ihre Bitten und ihre Thränen. Mein Sohn, * 85 Lady Lisle und Sir Charles Murray bemerkten Beide dies Zögern und Beide wollten ihn vollends beſiegen. „»Mein Sohn, mein Sohn, willſt Du, daß ich Dich auf den Knien bitte?« rief die Mutter.»O, ich befehle nicht. ich bitte. Gegen dieſen unerbittlichen Mann, gegen deine 8 Väter ſtehe ich allein, ich, die arme Frau, die arme Mutter, habe Mitleid mit mir!« „Deine Mutter lockt Dich der Schande entgegen, Henry. Kehre um! kehre um!« „Komm, mein Sohn, ich führe Dich zur Ehre. Komm und kämpfe für deinen Gott, für deinen König, für deine Mutter—« „In den Reihen der von Jacob von York beſoldeten Mörder ſeines Vaters.« „Das iſt leicht zu ſagen, nicht wahr? Aber iſt es wohl edel, einen König anzuklagen, der nicht da iſt, um zu ant⸗ worten: Du lügſt!« „Euer Sohn, Mylady, möge Euch ſelbſt ſagen, was er von meiner Anklage und von eurer Vertheidigung denkt.« „Du entfernſt Dich von deiner Mutter, mein Henry? — Nun ſo gehe— ich halte Dich nicht mehr!— aber ge⸗ denke meiner letzten Worte: Wir tragen einen verhängnißvol⸗ len Namen, den deine Flucht noch verhaßter machen wird. Ich werde das Blutgerüſt beſteigen— eine innere Stimme ruft es mir zu; aber ich werde Dich in Sicherheit wiſſen und dem Tod entgegenlächeln.“« „Meine Mutter,“« unterbrach ſie Henry in herzzerreißen⸗ dem Tone. 86 4 „Weibiſche Befürchtungen, welche der Mutter Ehre ma. chen, aber den Sohn erniedrigen würden!« rief Sir Charles. „»Nun, ſo gehe, ſo gehe, mein Sohn. Du wirſt in der Muße a deiner ruhigen Verbannung erzählen hören, daß deine Mutter mit kaltem Blute das Beil des Henkers betrachtete, welches ihr das Haupt vom Rumpfe trennen ſollte.« Henry hielt ſich die Hände vor die Augen und ſtieß einen halb erſtickten Schrei aus. „»Der Todeskampf deines Vaters war ein furchtbarer,« ſagte der alte Puritaner. »Du wirſt erzählen hören,« murmelte die Mutter mit verlöſchender Stimme,»Du wirſt erzählen hören, Henry, daß Lady Lisle noch auf der Folterbank ihren Sohn ſegnete, der ſie dahingebracht—« Indem ſie dieſe Worte ſprach, lenkte ſie gebeugt und keuchend ihre Schritte nach der Thür. Luch, welche ſeit dem Beginn dieſes Auftritts unbeweg⸗ lich und ſtumm und wie von Schrecken feſtgebannt dageſtan⸗ den hatte, machte plötzlich eine Geberde von erhabenem, en⸗ gelgleichem Ausdruck, wendete ſich zu dem jungen Manne, den ſie zu verlieren im Begriff ſtand, und rief: „Henry, folge deiner Mutter!« Der junge Mann gehorchte. X. Ein Sieg als Morgengabe. Am Tage nach dem, wo Henry und Lucy, um Lady Lisle vor Verzweiflung zu retten, mit blutendem Herzen ein⸗ ander entſagt hatten, ging Sir Charles Murray, welcher ſich nicht ſchlafen gelegt, aufgeregt in ſeinem Zimmer auf und ab. Er ſagte ſich, daß dieſer Tag der letzte war, den er mit Si⸗ cherheit in London zubringen konnte. Alle ſeine wichtigeren Vor⸗ bereitungen zur Abreiſe waren getroffen. Er zog häufig ſeine Uhr zu Rathe und ſchien mit Ungeduld zu errathen, daß der Vormittag weit genug vorgerückt wäre, um zu beenden, was ihm noch zu thun äbrig blieb. Und dann dachte er an Lucy und die unſichere Zukunft ſeiner Tochter war der Gegenſtand ſeiner bekümmertſten Ge⸗ danken. Dieſem geliebten Kinde zunächſt waren es die für ihn ſo zweifelhaften Zufälle des Unternehmens, an welchem er einen ſo bedeutenden Antheil nehmen ſollte, was ſeine Gedan⸗ ken am meiſten in Anſpruch nahm. „Ich kann nicht zurücktreten,« ſagte er bei ſich ſelbſt, „und dennoch, ehe ich noch dieſen gewagten Kampf begann. kannte ich den Ausgang desſelben, als ob derſelbe ſchon heute ſtattgefunden hätte. Warum ſoll ich daher nicht ſtehen blei⸗ ben? Warum ſoll ich nicht alle meine Freunde warnen, die ich 88 zu dieſem Unternehmen verleitet? Warum ſoll ich ihnen nicht ſagen, daß es heute ein wahnſinniges Unternehmen iſt, weil es verrathen und verkauft iſt? Es wäre vielleicht noch Zeit!— Aber es iſt zu ſpät, um die zu benachrichtigen, welche von Holland herüberkommen. Uebrigens, wenn auch ein Wort von mir Alle retten könnte, ſo kann ich es ja nicht einmal aus⸗ ſprechen. Ich habe auf meine Ehre verſprochen zu ſchweigen. Und ſie verlaſſen, wäre nichtswürdige Feigheit. Nein, nein, ich habe einmal mein Wort gegeben und ich darf jetzt nur noch jene große Maxime vor Augen haben:»Thue was Du ſollſt, möge geſchehen was da wolle! Wer dieſem Wahlſpruch folgt, braucht der Schande und der Reue niemals ins Antlitz zu ſchauen. Alſo der Würfel iſt gefallen! Ich muß fort!— Glück⸗ lich die, welche dereinſt mit Wilhelm kämpfen werden, dem der Herzog von Monmouth den Weg bereitet.— Ha, der Oberſt Percy Kirke hat Recht. Der Oberſt Perey Kirke? Welch ein ſeltſamer Abenteurer iſt dieſer Menſch! Ha, wie viele Andere an meiner Stelle würden den Rathſchlägen, welche er mir gegeben, ein aufmerkſames Ohr leihen! Aber ſelbſt wenn ich es wollte, wäre es mir jetzt unmöglich die herrlichen Ausſichten und den vom Schickſal beſtimmten Tag des Prin⸗ zen von Oranien abzuwarten. Jeffreys, der meine Briefe in den Händen hat, pocht ſchon mit ſeinen grimmigen Schergen an meine Thür.— Ich muß fort— ich muß ſterben.— Sterben? Und Lucy? Was wird aus ihr werden? Edles Kind, wäre ſie nicht geweſen, ſo hätte ich Jacob Stuart einen tapfern Kämpfer entriſſen. Henry iſt hinfort verloren für mich, für ſie, für die Ehre, und um das Unglück voll zu ma⸗ chen, wird der Zufall uns vielleicht mit der blanken Klinge in der Hand einander entgegenführen.“ — —— 89 Es ſchlug ſieben Uhr und Murray verließ ſein Zimmer, um ſich in den Salon zu begeben, wo Luey ſich bald darauf ebenfalls einfand. An ihren bleichen, abgeſpannten Zügen, an ihren geſchwollenen und gerötheten Augen war leicht zu ſehen. daß ſie eben ſo wie ihr Vater eine ſchlafloſe Nacht zugebracht hatte. Nur hatte ſie, da ſie weniger ſtark war und mehr ver⸗ loren hatte als er, auch mehr gelitten. Nachdem ſie die Morgenbegrüßungen ausgetauſcht, be⸗ trachtete Sir Charles Murrahy ſeine Tochter mit ſchmerzlicher Aufmerkſamkeit. »Du ſiehſt es jetzt,« ſagte er;„ich hatte wohl Recht, als ich Dich aufforderte, Muth zu faſſen, mein Kind.“ »Und ich, mein Vater, hatte ich wohl Unrecht, als ich Euch antwortete, daß ich nicht verfehlen würde, es zu thun?« „Ja, Du warſt erhaben in deiner Selbſtverläugnung, meine Tochter. Aber heute beweinſt Du das Opfer, welches Du geſtern gebracht. Deshalb ſage ich Dir auch jetzt wieder: Faſſe Muth, Lucy, denn Du wirſt deſſen in den Tagen der Prüfung, welche nun folgen, bedürfen.« „Erinnert Euch, mein Vater,« antwortete Lucy in ſanf⸗ tem aber feſtem Tone,„der Schreckenstage des Kornhauscom⸗ plottes. Obſchon unſchuldig, waret Ihr damals doch genö⸗ thigt, Euch verborgen zu halten, um dem Verdacht zu ent⸗ fliehen, welcher den Tod zur Folge gehabt hätte. Verſtand ich nicht, obſchon damals noch ſehr jung, bei dieſer Gelegen⸗ heit einigen Muth und einige Klugheit zu zeigen?⸗ „Ja wohl, mein Kind; dein Verhalten war die Be⸗ wunderung Anderer und mein Stolz.“ „Wohlan, mein Vater, wenn Ihr noch einer grenzen⸗ 90 loſen Liebe und Hingebung bedürft, ſo denket an eure Tochter, für welche Ihr hiernieden Alles ſeyd und ſeyn werdet.« »Ich danke Dir, meine Tochter. Dieſe Liebe und Hin⸗ gebung nehme ich an— ich bin gezwungen, ſie anzunehmen. Ich habe gegenwärtig in London Niemanden, dem ich Dich anvertrauen könnte, während der unbekannte Gang der Er⸗ eigniſſe mich auf das Schlachtfeld führen wird. In einigen Stunden werden wir nach Taunton abreiſen. Dort biſt Du in der Mitte einer Bevölkerung, welche mich kennt und mich liebt, in Sicherheit. Und dann, mein theures Kind, habe ich noch eine Bitte an Dich zu richten.« Der alte Puritaner ſchien zu zögern. »Welche denn, mein Vater?« fragte ihn Lucy, ſanft in ihn dringend;„redet, ſeyd Ihr nicht im voraus überzeugt, daß ich Euch gehorchen werde, ohne daß Ihr einen Wider⸗ ſpruch aus meinem Munde vernehmet?« »Ich werde Dir ſogleich ſagen, um was es ſich han⸗ delt, vorher aber hole mir die beiden Stücke Seide, welche Du, wie Du mir ſagteſt, fertig geſtickt haſt, meine Tochter.« »Ich gehe, mein Vater,« antwortete Luch, indem ſie ſofort das Zimmer verließ. Als ſie nach Verlauf von wenigen Augenblicken wieder erſchien, trug ſie in ihren Händen eine Schachtel von gerin⸗ gem Umfange, welche ſie ihrem Vater übergab. Dieſer öff⸗ nete ſie und nahm zwei Stücke Seide heraus, welche er aus⸗ einanderſchlug. Das größere zeigte in ſeinen Farben und de⸗ ren Zuſammenſtellung eine genaue Nachahmung der Fahne und des Wappens von England. Nur war unter dem Wappen und der Deviſe der Name des Herzogs von Monmouth mit gol. denen Buchſtaben eingeſtickt. —— ſ—y— — —— 91 Das kleinere der beiden Stücke Seide war weiter nichts als ein Buchfutteral. Der Name des Sohnes Carls II. war ebenfalls darauf geſtickt. Murray ergriff die immer noch auf dem Tiſche liegende Bibel und wickelte ſie in das Futteral, welches ausdrücklich zu dieſem Behufe gemacht zu ſeyn ſchien, ſo genau paßte das Buch hinein. „»Meine Tochter,“ ſagte der alte Puritaner, indem er Lucy's Hand liebreich drückte,„die Anführer der Partei, welche weniger zu Gunſten des Herzogs von Monmouth als zur Vertheidigung der theuerſten, von Jacob Stuart bedroh⸗ ten Freiheiten Englands zu den Waffen greift, haben be⸗ ſtimmt, daß dem Anführer der Empörung, nemlich dem Her⸗ zog von Monmouth, bei ſeinem Einzug in Taunton eine Fahne und eine Bibel überreicht werden ſollen. Zwanzig Töchter der vornehmſten Bürger und angeſehenſten Familien ſollen ihm dieſe Fahne und dieſe Bibel überreichen. Auf Verlangen Aller biſt Du gewählt worden, um an der Spitze dieſer jungfräuli⸗ chen Deputation einherzugehen.“ „Mein Vater, um Gottes willen, erſparet mir dieſe Ehre!« rief Lucy, deren Antlitz noch bleicher ward, als es ſchon war.„Ihr wißt, daß ich faſt mein ganzes Leben in der ſtillen Häuslichkeit zugebracht habe, und ich geſtehe, daß we⸗ nig Gefahren mich ſo ſehr ſchrecken würden, als dieſe Nöthi⸗ gung, an der Spitze eines öffentlichen pomphaften Zuges ein⸗ herzugehen.“ „»Muß ich Dir erſt ſagen, mein Kind, daß ich dieſe Ehre durchaus nicht geſucht habe, ſondern daß ſie mir auf⸗ gedrungen worden iſt, und daß ich mich darein habe fügen müſſen? Ueberlege Dir's und antworte. Habe ich mich wei⸗ gern können?« Luch ſenkte mit reſignirter Miene das Haupt. „»Das iſt wahr, mein Vater,« ſagte ſie.»Es war Euch unmöglich, es zu verweigern. Ich werde das Verſprechen hal⸗ ten, welches Ihr gegeben. Ich werde dieſe Gegenſtände dem Herzog von Monmouth überreichen.« »Gehe, meine Tochter, und füge ſie dem wenigen Ge⸗ päck bei, welches wir mitnehmen.« Kaum war Luchy hinaus, ſo trat Percy Kirke, nachdem er ſich durch einen Diener hatte anmelden laſſen, herein und begrüßte Sir Charles mit freundſchaftlicher Geberde. Dann nachdem er ſich ihm genähert, ſagte er mit ausgeſuchter Höf⸗ lichkeit zu ihm: »Meine Anweſenheit bei Euch zu dieſer frühen Stunde darf Euch nicht Wunder nehmen, Sir Charles. Es iſt heute der letzte der drei Tage, welche ich von Lord Jeffreys bewil⸗ ligt erhalten. Die vollſtändige Sicherheit, deren Ihr Euch erfreuet habt, beweiſt Euch, daß ich ein ernſtgemeintes Ver⸗ ſprechen gegeben und daß Ihr Euch auf mich verlaſſen könnt. Ich komme jetzt, um zwei Fragen an Euch zu ſtellen. Die erſte wünſche ich einzig und allein in eurem Intereſſe zu thun.⸗ »Redet, Oberſt,« ſagte Sir Charles Murray in kaltem Tone. »Ich bitte um Entſchuldigung, Sir Charles,« entgegnete der Abenteurer lebhaft.»„Es liegt mir nicht viel daran, bei dem Titel meines Grades in der Armee genannt zu werden; wenn Ihr mir ihn aber geben wollt, anſtatt mich bei meinem — — 93 Namen zu nennen, ſo gebt mir, wenn ich bitten darf, den, welchen ich gegenwärtig beſitze.“« Murray verneigte ſich und ſagte mit zurückhaltendem Tone: „Sire, ich bin in das Geheimniß eures Avancements nicht eingeweiht. Sagt oder verſchweigt mir, je nachdem Ihr es angemeſſen findet, euren neuen Rang und euren neuen Titel. Es kommt mir wenig darauf an.“ „Ihr könntet Euch irren, Sir Charles; in vielleicht nicht langer Zeit werdet Ihr Gelegenheit bekommen, Euch zu überzeugen, daß mein neuer Grad und Titel für Euch von der größten Wichtigkeit ſind.« „Alles dies ſetzt mich von den Dingen in Kenntniß, welche Ihr mir mitzutheilen wünſcht, aber keineswegs von denen, welche Ihr zu wiſſen begehrt,« entgegnete der alte Puritaner in einem Tone, in welchem ſich eine leichte Ironie bemerklich machte. „Der Generalmajor Percy Kirke kommt, um ſich zu erkundigen, ob Ihr London vielleicht verlaſſen werdet, Sir Charles. Da er verſprochen hat, euren Rückzug zu decken, ſo möchte er von der Stunde unterrichtet ſeyn, welche Ihr ge⸗ wählt habt, eben ſo wie von der Straße, welche Ihr einzu⸗ ſchlagen gedenkt.“ „Eine offene Antwort auf die Frage, welche der Gene⸗ ralmajor Percy Kirke da an mich richtet,« ſagte Sir Charles Murray,»iſt gleichbedeutend mit unbegrenztem Vertrauen zu ſeiner Redlichkeit. Dennoch aber zögere ich nicht und erkläre, daß ich mich nach Taunton begeben werde.⸗ „Das iſt mir nicht lieb zu hören, Sir Charles. Ihr be⸗ harret alſo auf dieſem unglücklichen Project?« 94 »Allerdings, General, ich beharre darauf.« »Und dennoch gebt Ihr zu, daß niemals eine Schild⸗ erhebung wahnſinniger geweſen iſt, als die, bei welcher Ihr Euch da betheiligt.« »Niemand weiß dies beſſer als ich.« »Aber wer zwingt Euch denn, ſo kopfüber dem ſichern Verderben entgegenzuſtürzen? Könnt Ihr denn nicht nach Holland gehen?« »Wenn ich eine Menge von Freunden, die ich zu dieſem Unternehmen verleitet, verlaſſen wollte, ſo wäre dies ein Ver⸗ rath, zu dem ich, Gott ſey Dank, unfähig bin. Andererſeits aber kann ich, wie Ihr ſelbſt wißt, General, nun keinen Tag mehr in London bleiben. Was Ihr daher Wahnſinn nennt, iſt in der That nur Nothwendigkeit.⸗ »Sind es die Briefe, welche Jeffreys von Euch in den Händen hat, welche Euch dieſe Nothwendigkeit auflegen, Sir Charles?« »Iſt es nicht ganz einfach, General, daß ich, trotzdem ich beinahe Gewißheit habe, beſiegt zu werden, es dennoch vorziehe, es lieber auf dieſe äußerſte Gefahr ankommen zu laſſen, als mich gutwillig einem Jeffreys und einem Jacob auszuliefern? Auf dem Schlachtfelde ſterben iſt immer noch beſſer als auf dem Blutgerüſt.« »Sir Charles, hier ſind die Briefe, welche Euch auf ſo ernſte Weiſe compromittirten,« ſagte Kirke, indem er Murray ein Bündel Papiere überreichte. »Meine Briefe an Lord Lisle, General!« rief der Greis mit einer unwillkürlichen Anwandlung von Freude. »Dieſelben, Sir.«— * 95 Murray hatte das Packet geöffnet und durchflog mit begieriger und unruhiger Neugier die verſchiedenen darin ent⸗ haltenen Papiere, er ſchien ſogar ſie zu zählen. Kirke er⸗ rieth den Beweggrund dieſer genauen Prüfung mit leich⸗ ter Mühe. „»O, ich müßte mich ſehr getäuſcht haben,⸗ ſagte er, »wenn ſie es nicht alle wären, wenn auch nur ein einziger davon fehlte. Nun, irre ich mich? Ich begreife vollkommen, wenn ein einziger dieſer Briefe abhanden gekommen wäre und fehlte, ſo wäre es ein ſehr unbedeutendes Geſchenk, welches ich Euch da machte. Alſo, Sir Charles, ſind die Briefe alle da?« fuhr Kirke fort, in deſſen Gemüth ein unklarer Zweifel zu erwachen begann. „Ja, es ſind alle da!« ſagte endlich Murray, über deſ⸗ ſen Geſicht ein flüchtiges Lächeln zuckte.»Und Ihr gebt ſie mir. General?« „Ja, Sir.« „»Ohne Bedingung, General?« „Ohne Bedingung, Sir Charles. Ihr könnt ſie alle ver⸗ prennen, ehe wir in unſerm Geſpräch weiter fortfahren.“ XI. Ein Sieg als Morgengabe (Fortſetzung.) Einige Augenblicke, nachdem Kirke dieſe Aufforderung an ſeinen Wirth hatte ergehen laſſen, war auf Befehl Mur⸗ ray's eine angezündete Kerze herbeigebracht und das ganze ihm übergebene Bündel Briefe verbrannt worden. Als die Flamme, welche das letzte Blättchen verzehrte, erloſchen war, reichte der alte Soldat des Parlaments dem Soldaten von Tanger die Hand. »Ich werde,« ſagte er,„ſtets ein dankbares Andenken an das bewahren, was Ihr da gethan habt, General. Dies heißt edel gehandelt.⸗ 1 »Und das nimmt Euch von Percy Kirke Wunder, nicht wahr?« »Es wird mich mehr oder weniger Wunder nehmen, je nach dem, was Ihr mir noch zu ſagen habt, General, denn Ihr ſagtet vorhin, daß Ihr zwei Fragen an mich zu ſtellen hättet.« »Wir werden bald zu der zweiten kommen, Sir Charles. Wir haben jetzt jedoch mehr Zeit zum Plaudern, da Euch ja nun nichts mehr nöthigt, London eiligſt zu verlaſſen. Beharrt Ihr immer noch dabei, für die unmögliche Sache des — Herzogs von Monmouth zu den Waffen zu greifen? Mon⸗ mouth iſt, wie Ihr wohl wiſſen ſolltet, General, in meinen Augen weiter nichts als eine Fahne, welche man Jacob gegen⸗ über aufpflanzt. Hinter ihm ſehe ich die Geſetze, die Freihei⸗ ten, die Ehre, die Religion meines Vaterlandes! Von wel⸗ cher Seite mir auch ein Hoffnungsſchimmer, ſie retten zu kön⸗ nen, leuchte, ſo wende ich mich nach dieſer Seite hin. Jacob, welcher an alle dieſe ſo koſtbaren Güter die Hand legt, muß aufhören zu regieren.“ »Ihr wißt, daß mir an dieſem Jacob ebenfalls ſehr 1 wenig liegt und zwar um ſo weniger, ſeitdem ich von ihm eine b jener nichtswürdigen Schändlichkeiten kenne, welche die Ge⸗ ſchichte ſelbſt der letzten Nation der Welt ſchänden. Aber, Sir Charles, ich bin vor allen Dingen ein praktiſcher Mann und ich ſchlage nicht unmögliche Pfade ein, um das Ziel zu errei⸗ chen, auf welches ich losgehe. Wartet bis dieſe Pfade gang⸗ bar ſind. Bald werden ſie es ſeyn. Dann werden wir neben⸗ einander auf denſelben einherſchreiten. Ich ſag es Euch noch⸗ mals: Spart Euch für den Tag auf, wo Wilhelm von Ora⸗ nien, der an den Geſtaden Hollands lagert und aufmerkſam Alles verfolgt, was in England vorgeht, hier landen wird.« »Dieſen großen Tag kann ich nicht abwarten,« unter⸗ brach ihn Murray mit trauriger aber entſchloſſener Miene. »Ihr habt jetzt nicht mehr dieſelben Gründe anzuführen. Die Briefe, welche, weil ſie Euch tödtlich compromittirten, Euch zwangen, zu den hoffnungsloſeſten Rettungsmitteln eure Zu⸗ flucht zu nehmen, dieſe Briefe ſind nicht mehr vorhanden. Ihr könnt jetzt ganz ruhig in eurer Wohnung bleiben. s »„Ich ſollte ruhig in meiner Wohnnng bleiben in der furchtbaren, blutigen Stunde, wo meine theuerſten Freunde Der Tiger von Tanger. III. 7 — 98 mich vergebens an ihrer Seite ſuchen und wenn ſie mich nicht ſähen, zu einander ſagen würden:»Sir Charles Murray iſt todt! Beweinen wir ihn!— denn wenner noch lebte, ſo wäre er hier! Und ich ſäße feig und verrätheriſch in meinem Hauſe? Nein, nein, General— Ihr ſehet ſelbſt ein, daß Ihr da etwas Un⸗ mögliches von mir verlangt. Ich werde noch heute nach Taun⸗ ton abreiſen—« „»Und Miß Lucy, was werdet Ihr mit dieſer machen?⸗ »Meine Tochter folgt wir.« »Wie, Sir Charles, Ihr ſchaudert nicht vor dem Gedan⸗ ken zurück, auf dieſe Weiſe euer Kind den furchtbaren Gefah⸗ ren preiszugeben, die Euch umringen werden? „Gott wird über ſie wachen.« „Höret auf, Sir Charles, höret auf, Euch von dieſem Enthuſiasmus der Pflicht beherrſchen zu laſſen, den ich achte und bewundere, den aber der ruhige Verſtand nicht billigen kann. Schenket endlich dieſem letztern Gehör.« „»Und was ſagt er? Iſt es eure Stimme, General, die er leihen wird, um zu mir zu ſprechen?« „»Ja, Sir Charles. ja, es iſt meine Stimme, durch welche er Euch zuruft: Wenn Du Dich ins Verderben ſtürzen willſt, ſo iſt es unrecht, auch noch ein zweites Opfer mit Dir in den Abgrund hinabzureißen.“ „Ich habe Alles gethan und alles verſucht, um dieſer furchtbaren Nothwendigkeit auszuweichen und Lucy unter den Schutz—« 4 „Eines Mannes zu ſtellen, der ſich nicht damit befaſſen will!« unterbrach ihn Kirke mit verächtlicher, triumphirender Geberde. — n — 99 X „Die heiligſten Beweggründe haben Lord Hendh Lisle's Willen beherrſcht, General.« „»Von welcher Art auch dieſe Beweggründe gewäſen Feun mögen, ſo iſt die Thatſache doch nicht weniger vorhanden. Und dieſe Thatſache iſt eine niedrige Feigheit. Hier ſtehe ich, Sir Charles.— Das Weib, deſſen Zukunft mir durch einen dem Tode entgegengehenden Vater anvertraut wäre— hal Niemand ſollte ihr jemals eine Thräne auspreſſen und ich würde keinen Menſchen um die Erlaubniß bitten, mich mit ihr vermälen zu dürfen.« „Meine Tochter wird niemals das Weib eines Soldaten ſeyn, welcher für Jacob Stuart kämpft— eines Mannes, welcher im Begriff ſteht, gegen mich und meine Partei den Degen zu ziehen. Selbſt Lord Lisle gab ich ſie nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er aus der Armee träte.“ „Aus der Armee treten, für ſeine ganze noch übrige Le- benszeit den Degen in die Scheide zu ſtecken, während man noch einen ſtarken Arm, ein unerſchrockenes Herz und ein ehrgeiziges Gemüth beſitzt,« murmelte der Abenteurer mit dumpfer Stimme,„o, das wäre eine unmögliche Bedingung! Dem Krieger, der ſich ihr unterwürfe, bliebe dann weiter nichts übrig als ſich an das Spinnrad zu ſetzen. Allerdings iſt Lucy eine Omphale, welcher man wohl ein paar Monate lang den Degen zum Opfer bringen könnte, aber auf immer— o nein!« Kirke fuhr in lautem Tone fort: „Dieſe Bedingung hat wohl Lord Henry Lisle zuſagen können, aber wie groß auch meine Liebe zu Miß Lucy ſeh, ſo könnte ich ſie doch nicht unterſchreiben, Sir Charles.* »Euch habe ich ſie auch nicht geſtellt,« entgegnete der Greis mit kalter Würde.„Ich ſage es Euch, weil mir daran .* 100 liegt, gegen Euch offen und ehrlich zu ſeyn. Und warum ſollte ich dies nicht gegen einen Mann ſeyn, der ſich ſeit Beginn unſerer Beziehungen auf ſo noble Weiſe gegen mich gezeigt hat?« »Glaubet wenigſtens nicht,« rief Kirke, der bei dem inneren Kampfe, den zwanzig widerſtreitende Leidenſchaften in ſeiner Seele ſich lieferten, Sir Charles Murray's Worte gar nicht einmal gehört hatte,„glaubet wenigſtens nicht, daß ich mich weigere, weil ich Jacob II. unverbrüchlich ergeben wäre, weil ich ihm meinen Degen auf alle Zeit treu bewahren wollte! Ihr wiſſet, daß ich nur auf Wilhelm warte, um dem Stuart den Rücken zu kehren.« Murray ſammelte ſich einen Augenblick und heftete einen forſchenden Blick auf Kirke. »General,« ſagte er zu ihm,»worin beſteht denn jene namenloſe Schmach, mit welcher ſich, wie Ihr erfahren, Jacob von York in neueſter Zeit bedeckt hat?« »Ich meſſe allen jenen böswilligen Gerüchten, welche tagtäglich gegen dieſen Prinzen ausgeſtreut werden, nur ge⸗ ringen Glauben bei,« antwortete Kirke.»Mit dem aber, was ich Euch ſagen will, iſt es nicht ſo. Die Sache iſt geſtern ge⸗ ſchehen und ich habe ſie von Chiffinch ſelbſt. Jacob von York hat gegen eine baare runde Summe Flandern und Brabant an Ludwig XIV. verkauft. Corniſh bezahlt heute die durch den Käufer auf ihn gezogenen Wechſel. Chiffinch iſt beauf⸗ tragt das Geld zu erheben.“ »Und Ihr fahret fort, einem ſo nichtswürdigen Fürſten zu dienen, General?« „Was wollt Ihr ſagen, Sir Chasles? Was zum Teu⸗ fel ſoll ich denn beginnen, wenn ich ihn verlaſſe? Welchem⸗ 101 Fürſten oder welcher Sache ſoll ich meinen Degen widmen, wenn ich ihn dem Stuart entziehe? Dieſer Degen iſt niemals müßig geblieben. Die Ruhe iſt ihm verhaßt und anſtatt ſich darein zu fügen, hat er es ſtets vorgezogen, den Abenteuern nachzulaufen.« „Die Furcht, daß er bei den Zeiten, welche gegenwär⸗ tig im Anzuge ſind, unthätig bleihen werde, iſt eine ſehr chi⸗ märiſche, General. Ihr könnt ihn ſogleich nützlich machen. Wie gefährlich auch unſer Project ſey, kommet mit mir und kämpfet für uns.« 5 3 Es trat Schweigen ein. Sir Charles Murray ſtand ru⸗ hig und unbeweglich da und beobachtete den Generalmajor. Dieſer war die Beute einer fieberhaften Aufregung. Bald ging er mit großen Schritten auf und ab. bald blieb er ſtehen und ſtieß einen dumpfen Ruf aus. Der Bogen ſeiner Augenbrauen ſpannte ſich und erſchlaffte in einer und der⸗ ſelben Secunde und ſein Blick leuchtete abwechſelnd bald mild bald ſanft. Nachdem auf dieſe Weiſe eine Minute vergangen war, blieb er vor Sir Charles Murray ſtehen und ſagte in kurzem Tone: „Wenn ich für Euch kämpfe, wird Lucy dann mein Weib?« „Nein,« antwortete der alte Puritaner. Kirke that raſch einen Schritt zurück und rief mit zorn⸗ flammendem Antlitz: „Nein! Ihr ſagt nein! Aber was verlanget Ihr denn?« Sir Charles wollte antworten, als die Thür ſich öff⸗ nete und Lucy eintrat. Sie grüßte den Generalmajor mit zu⸗ rückhaltender Höflichkeit und näherte ſich ihrem Vater. 102 »Alles iſt bereit, mein Vater,« ſagte ſie in leiſem Tone. „»Man wartet nur noch auf euern Befehl, um den Wagen anzuſpannen.« »Sag, man ſolle anſpannen, mein Kind,« antwortete Sir Charles.»„Sobald dieſer Befehl ausgeführt ſeyn wird, folge ich Dir.« Luch entfernte ſich, nachdem ſie ſich abermals gegen den General verneigt. Während der wenigen Augenblicke, die ſie in dem Zim⸗ mer verweilt, war Kirke in ſeinen Betrachtungen verſunken geblieben. Die ſchlafloſe Nacht, welche ſie zugebracht, die Thränen, welche ſie vergoſſen, die tiefe Niedergeſchlagenheit, welche aus ihren Zügen ſprach, zeigte ſie dem Manne, deſſen ganze Gedanken ſie beſchäftigte, in einem neuen und rühren⸗ deren Lichte. Ihr einfaches aber geſchmackvolles Reiſecoſtüm verlieh andererſeits den jungfräulich reinen Umriſſen ihrer ganzen Perſon etwas Eigenthümliches und Pikantes, was ſie unter gewöhnlichen Umſtänden nicht beſaß. Ihr Anblick erweckte in Kirke's Herzen die furchtbare Leidenſchaft, die ihn beherrſchte, zu neuer Gewalt. Er fühlte ſeinen Zorn erlöſchen und ſeine Seele unſichtbar zu Luch's Väater hingezogen. »Höret noch ein letztes Wort,« ſagte er mit unwillkür⸗ lich zitternder Stimme zu dem alten Puritaner;„Ihr wißt beſſer als irgend Jemand, Sir Charles, daß eure Sache ver⸗ loren iſt. Ihr bekennet Euch beſiegt, noch ehe Ihr gefochten habt, und wenn Ihr den Soldaten eures Feindes die Spitze bietet, ſo geſchieht es blos aus dem exaltirteſten Pflichtgefühl und aus der übertriebenen Furcht, für einen Verräther zu gel⸗ 103 ten. Wohlan, Sir Charles, dieſen Sieg, der Euch unmög⸗ lich iſt, kann ich Euch geben. Ich verwandle eure ſichere Nie⸗ derlage in einen glänzenden Triumph. Die furchtbaren Regi⸗ menter von Tanger, die einzigen kriegsgewohnten Truppen, welche Jacob Euch entgegenſtellen kann und denen Ihr nicht widerſtehen würdet, ſelbſt wenn Ihr hunderttauſend Streiter unter euren Fahnen zähltet, wohlan ich führe ſie Euch zu, ich, ihr Oberſt, ihr Freund, ihr Vater, ihr Gott! Ich werfe auf dem Schlachtfelde ihren Degen und den meinen in die Wag⸗ ſchale des Schickſals und wir werden ſehen, von welchem Ge⸗ wichte er iſt! Sprechet nicht das Wort Verrath aus— wei⸗ ſet mich nicht nochmals zurück. Doch, was ich heute für Euch thue, bin ich, wenn Ihr es nicht annehmt, entſchloſſen, mor⸗ gen für Wilhelm von Oranien zu thun. Antwortet, Sir Char⸗ les Murray, nehmt Ihr an?« „Welche Bedingungen ſtellt Ihr, General?“« fragte der alte Puritaner. deſſen Herz gewaltig klopfte. „Ich ſtelle blos eine— eine einzige— die Hand eurer Tochter.“ Murray antwortete nicht. „Weigert Ihr Euch immer noch?« rief Kirke.»Findet Ihr die Morgengabe, welche ich eurer Tochter zubringe, nicht reich genug? Ich weiß es nicht, aber mir ſcheint, als hätte eine ſelbſt königliche Braut ſelten eine glänzendere empfangen.“ „Erwartet mich hier, General. Ich werde Euch ſogleich meine Antwort geben.“ Und indem Sir Charles Murray dieſe Worte ſprach, verließ er das Zimmer, in welchem Kirke allein zurückblieb. XII. Das Opfer. Nachdem Lucy ihren Vater verlaſſen, hatte ſie Befehl gegeben, die Pferde an den Reiſewagen zu ſpannen und war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Es war dies dasſelbe, welches ihre Mutter bewohnt hatte, die geſtorben war, als ihre Toch⸗ ter eben ihr fünfzehntes Jahr angetreten hatte. Von inniger Liebe zu der Hingeſchiedenen durchdrungen, hatte ſie ihren Va⸗ ter um dieſes Zimmer gebeten und es noch an dem Abende des Tages bezogen, wo die Leiche ihrer Mutter zur letzten Ruheſtätte gebracht worden. Sie hatte alle Geräthſchaften an demſelben Orte ſtehen laſſen, den ſie bei Lebzeiten der Perſon, die ſie ſo innig geliebt, eingenommen, und bei dieſem Arran⸗ gement war es auch geblieben, weil es ſie alle Stunden des Tages an die Verſtorbene erinnerte. Hier nähte und ſtickte Lucy's Mutter, als ſie noch lebte, hier ſaß ſie, um die heilige Schrift zu leſen und nachzudenken; hier vor dem Crucifix von vergilbtem Elfenbein kniete ſie nie⸗ der um zu beten und Gott um das Glück ihrer Tochter oder um Muth für ſie zu bitten, wenn er ihr ſchmerzliche Prüfun⸗ gen beſchieden hätte. Dieſe kindliche Erinnerung mußte natürlich durch die Gemüthsſtimmung, in der das junge Mädchen ſich befand, und 105 durch die ſchmerzlichen Ereigniſſe, welche um ſie herum ſich entwickelten und von welchen einige ſie ſchon mit ſo ſchmerzli⸗ chen Schlägen getroffen, ganz beſonders geweckt werden. In dem Augenblicke, wo ſie dieſes geheiligte Zimmer auf lange Zeit, vielleicht auf immer verlaſſen ſollte, fühlte ſie ſich von einem nagenden Schmerze ergriffen, der ſich zu allen ihren andern Schmerzen geſellte und das Maß derſelben ſo zu ſagen vollſtändig zu machen ſchien. Aber dennoch verrieth weder ihre Geberde noch der Ausdruck ihres Geſichtes, noch ſonſt etwas an ihr Verzweif⸗ lung. Neben dem, was Lucy Zartes und Schwaches, Gefühl⸗ volles und Liebendes im Herzen trug, neben dem Weiblichen, was durch die mütterliche Erziehung in ihr entwickelt worden, beſtand eine beinahe noch männliche Kraft, deren Keim von ihrem Vater entdeckt und durch kluge Sorgfalt weiter ausge⸗ bildet worden war. Sir Charles Murray's Tochter weinte allerdings wie ein Weib, aber ſie wußte auch zu denken und zu handeln wie ein Mann. Plötzlich ſank ſie auf den Betſchämel ihrer Mutter nieder, hob ihre Hände zu dem Crucifix empor und rief: „Mein Gott, empfange die Thränen, welche ich ver⸗ gieße und die ich Dir als dem höchſten Richter opfere, welcher die Prüfungen nach der Kraft der Geprüften bemißt, gib, daß mein Vater heute dieſem furchtbaren Jeffreys entrinne. Gib mir den Muth, der mir nöthig ſeyn wird, um die Uebel zu ertragen, mit welchen die kommenden Tage mich bedrohen— gib, daß ich ſtark genug ſey, um meinem Vater nützlich zu ſeyn, wenn er unterliegt. Aber ſie iſt gerecht und heilig, die Sache, welche er aufrecht hält und vertheidigt. O Herr, ver⸗ 106 leihe ihm den Sieg! Vor allen Dingen, guter Gott, gib, daß er nicht mit den Wafſen in der Hand auf dem Schlachtfelde meinem armen Henry begegne! Gib vielmehr, daß Henry— beſiegt— durch meinen Vater gerettet werde. Tödte mich, o mein Gott, wenn einmal ein Opfer fallen muß. Henry aber möge leben und mein Vater den Sieg gewinnen.« Sir Charles unterbrach, indem er die Thür des Zim⸗ mers öffnete, das Gebet ſeiner Tochter. Die letzten Worte hatte er jedoch gehört, und der Name Henry's, den er in das Gebet, welches Lucy für ſeinen Sieg ausſprach miſchen hörte, verſetzte ihn wieder ganz in das grauſame Zögern, welches er einen Augenblick vorher bei den letzten Worten, welche Percy Kirke geſprochen, überwunden hatte. Er näherte ſich Lucy, welche bei ſeinem Anblick ſich von ihrem Betſchämel erhob und ihrem Vater entgegenging, in⸗ dem ſie ſagte: »Ihr kommet um mich abzuholen, mein Vater, nicht wahr? Ich bin bereit, gehen wir.« »Ach leider nein, meine Tochter,« antwortete der Puri⸗ taner.»Ich weiß nicht einmal, ob wir heute noch abreiſen werden.« »Bedenket aber, mein Vater, daß es der letzte von Oberſt Kirke beſtimmte Tag iſt. Bedenket, daß ohne Zweifel noch vor Einbruch der Nacht Lord Jeffreys, wenn Ihr noch in London ſeyd, Euch verhaften laſſen wird— und mit jenen verhängnißvollen Briefen—⸗— »Dieſe exiſtiren nicht mehr, meine Tochter.« »Eure Briefe an Lord Lisle? Die, welche man William geraubt— die ſich bereits in den Händen des Oberrichters —9—— ¹ befanden— dieſe Briefe exiſtiren nicht mehr, ſagt Ihr?« rief Lucy mit freudiger Aufwallung. „Ich habe ſie ſo eben verbrannt— Du kannſt die Aſche davon noch ſehen.“ „Alle? Seyd Ihr auch überzeugt, va Ihr ſie alle ver⸗ brannt habt?« „»Ja, ich bin davon überzeugt, meine Tochter.“ „O, dann ſey Gott geprieſen! dann hat er einen Theil meines Gebetes ſchon erhört. Aber dieſe Briefe, wie ſeyd Ihr zu dieſen gekommen, mein Vater?« 3 „Der Oberſt— der Generalmajor Percy Kirke hat ſie mir gebracht.« „Er, mein Vater?« rief Lucy erſtaunt;„»er, der Freund des Lord Jeffreys?“ „Er iſt noch mehr unſer Freund als der des Ober⸗ richters.« Lucy blieb einen Augenblick lang in Gedanken verſun⸗ ken. Es war leicht zu ſehen, daß zwei widerſtreitende Empfin⸗ dungen in ihr kämpften— ihre Abneigung gegen den Feind des Mannes, den ſie liebte, und ihre Dankbarkeit für den, welcher ihrem Vater einen ſolchen Dienſt leiſtete. Das letzte Gefühl war es, welches die Oberhand behielt. „Ha,“ ſagte ſie,»Gott vergelte ihm, was er da ge⸗ than hat! Er hat ein edles Herz, und wenn er nicht ſchon fort wäre, ſo wäre ich zu ihm gegangen, um ihm zu danken, wie dies meine Pflicht iſt.“ „Der Generalmajor iſt noch im Empfangzimmer,« mur⸗ melte Sir Charles Murray zögernd. „Er iſt noch hier? Warum denn?« fragte Lucy, welche 108 beinahe unmittelbar darauf hinzuſetzte:„»Wohlan, mein Va⸗ ter, gehen wir zu ihm.« »Noch nicht, Lucy, noch nicht.— Ich habe vorher mit Dir zu ſprechen.« »Mein Gott, was fehlt Euch, mein Vater? Wie bleich Ihr ſeyd!— Iſt Euch unwohl? Setzt Euch.« Und Lucy trug mit liebender Beſorgniß einen Lehnſtuhl herbei und ließ ihren Vater darin Platz nehmen. Trotz der ungeheuern Anſtrengung, welche Sir Charles Murray machte, um ſeine Gemüthsbewegung zu beherrſchen, ward er von derſelben dennoch überwunden. Alle jene düſteren Bilder, welche John Wildman in ſeiner furchibaren Viſion zu ſchauen geglaubt, ſchienen an dem Blick des Parteianfüh⸗ rers vorüberzugehen, der für die blutige Niederlage der Sei⸗ nen verantwortlich war. Lucy war vor ihrem Vater niedergekniet und hatte ſeine beiden Hände in die ihren gefaßt. Ueber ihn geneigt und von ſchmerzlicher Unruhe gefoltert, betrachtete ſie ihn mit thränen⸗ vollen Augen. 8 »Mein Vater, mein Vater!“« ſagte ſie in troſtloſem Tone zu ihm,»o ſagt es mir, was fehlt Euch? Was kann Euch auf dieſe Weiſe beunruhigen? Mein Vater, Ihr, deſſen Muth ſo groß deſſen Standhaftigkeit ſo unüberwindlich iſt, welcher unerhörte Schmerz hat Euch heute ſo wankend gemacht? O, Ihr erfüllet mich mit Angſt und Schrecken, mein Vater! Antwortet mir— verhehlt mir nichts, ich kann Alles hören.« Der alte Puritaner richtete die Stirn empor. Ein Aus⸗ druck von unermeßlichem Schmerz verdrängte in ſeinem Blick —8 8 109 die Unruhe welche einen Augenblick lang darin zu leſen ge⸗ weſen. Er heftete ihn auf Luch's Antlitz und legte eine ſeiner Hände auf das Haupt des armen Kindes. „O Tochter Jephtah's,« ſagte er,»welche Prüfung er⸗ wartet Dich! Ich muß ſterben, wenn Du mein Verlangen zurückweiſeſt, und Du mußt Dich opfern, wenn Du darauf eingehſt.« „Ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt, mein Vater,“ rief Lucy mit feſter Stimme,»aber Eins verſtehe ich. Ich ver⸗ ſtehe, daß es in meine Macht gegeben i*ſt, eine große Schmach, eine ſchmerzliche Reue, eine große Gefahr— was weiß ich— von Euch abzuwenden. Habt Ihr denn glauben können daß ich nur einen Augenblick lang zögern würde? Redet— o redet, mein Vater!« „Ach. Du weißt nicht, was ich von Dir verlangen muß, mein Kind.«* „Wie entſetzlich es auch ſeyn möge, ſo ſagt es nur; ſagt es ſchnell, mein Vater. Ich will es lieber ſogleich wiſſen. O wenn Ihr wüßtet, wie dieſes Zögern mich martert!« „Ich würde ſelbſt dann noch zögern, meine Tochter, wenn dein Herz auch nicht von Liebe gegen Henry erfüllt wäre!« „Mein Gott, was wollt Ihr ſagen?« rief Lucyh, indem ſie die Augen ſchloß und die Hand auf den Buſen drückte. „Du haſt es errathen, meine Tochter.“« „Redet, mein Vater— ich will meines Unglückes gewiß ſeyn!« „Bedenke, Lucy,« ſagte Sir Charles Murray in lieb⸗ koſendem Tone und indem er ſeine theure Tochter an ſeine 110 Bruſt zog,„bedenke, mein armes Kind, daß Henry für Dich verloren iſt— unwiederbringlich verloren. Lord Lisle iſt hin⸗ fort ein Fremder für Dich— was ſage ich? Er iſt ein Feind für uns! Du weißt, daß er im Begriff ſteht, gegen deinen Vater, gegen deine Religion, gegen deinen Gott zu kämpfen. Dieſer Soldat Jacob Stuart's iſt ſeines Herrn würdig. Er iſt allen ſeinen Schwüren untreu geworden; er hat ſein Ge⸗ ſchlecht verläugnet; er hat den Degen ſeines Vaters von ſich geworfen— er wird den ſeinen ziehen, um dieſen König zu vertheidigen, welcher den edlen Verbannten hat ermorden laſſen, der dieſem unwürdigen Sohne, dieſem Menſchen ohne Herz das Leben gegeben hat.« Lucy richtete ihre Stirne empor, indem ſie zugleich vor ihrem Vater knien blieb.. »Ihr ſehet, ob ich Euch liebe, mein Vater,« ſagte ſie in ernſtem Tone,„da ich mich nach den von Euch ſo eben ausge⸗ ſprochenen Worten nicht von Euch entferne. Gelten dieſelben wirklich unſerm Henry? O, wie ungerecht ſind ſie dann und wie ſehr vermehren ſie meinen Kummer! Wie, mein Vater, habt Ihr ſo ſehr an mir zweifeln können, daß Ihr Euch genö⸗ thigt glaubt, ein ſolches Mittel bei mir in Anwendung zu bringen? Henry wollt Ihr herabwürdigen, dieſen ſo edeln, ſo guten, ſo hochherzigen jungen Mann, deſſen erhabenes Opfer Euch ſelbſt gerührt und eurem Munde enthuſiaſtiſche Worte der Bewunderung entlockt hat? So würdigt Ihr ihn herab, mein Vater, und warum? Um einen Mann zu erheben, deſſen blutiger Ruf die Männer des Blutes ſelbſt mit Schrecken er⸗ füllt— einen Glücksritter, deſſen Degen dem gehört, der ihn am beſten bezahlt, dem, der ihn am theuerſten kauft.« »Meine Tochter, ich muß Dir meinerſeits ſagen, daß 111 Du gegen den Generalmajor Percy Kirke ungerecht biſt. Du kannſt nicht läugnen und ſagteſt es vor wenigen Augenblicken ſelbſt, daß er ſich, ſeitdem wir ihn kennen, ſehr edel gegen uns gezeigt hat— und ich war ihm ſchon zu Dank verpflichtet, noch ehe er mich kannte. Um deinetwillen, um der Liebe zu Dir willen, entſagt er dem höchſten kriegeriſchen Glück; er opfert eine glänzende Zukunft, eine glänzende Gegenwart.“ „Wohlan, mein Vater, was habe ich zu thun und was befehlt Ihr mir?« ſagte Lucy, indem ſie ſich erhob. „Ich befehle Dir nichts, ich habe Dir nichts zu befehlen, mein Kind,« antwortete Murray, der ſich ebenfalls erhob, ſeine Tochter bei der Hand nahm und mit ihr auf das Cruci⸗ fix zuſchritt, indem er fortfuhr: „Was verlangteſt Du von dieſem Gott, zu welchem Du flehteſt, als ich in dein Zimmer trat, Lucy? Du bateſt ihn um Niederlage für meine Feinde, um Sieg für mich.— Wohlan, meine Tochter, dieſer gute Gott erhörte dein Gebet in demſel⸗ ben Augenblick, wo es, ein wohlduftender Opferrauch, zu ihm emporſtieg. Er ſendete mir einen Mann, ein von ihm erwähl⸗ tes Werkzeug— denn nichts geſchieht ohne ſeinen allwalten⸗ den Willen. Dieſer, ohne es ſelbſt zu wiſſen, von dem Gott der Schlachten geſendete Bote, brachte mir den Sieg, den ich bereits aufgegeben, und verlangte weiter nichts dafür, als deine Hand. Was ſoll ich ihm antworten?« „Mein Vater,“ ſagte Lucy,„ich bitte Euch, laßt mich eine Frage an Euch richten. Seyd Ihr denn ſo überzeugt, daß dieſer Mann den Sieg in der Hand hat, daß Ihr nicht zögert, euer Kind, welches Ihr ſo ſehr liebt, einem vielleicht trügeri⸗ ſchen Verſprechen oder einer Hoffnung zu opfern, welche leicht eine chimäriſche ſeyn könnte?« 112 „»Wenn dieſes Verſprechen und dieſe Hoffnung in mei⸗ nen Augen nicht gewiß wären, ſo würde ich Dich von dem Verlangen des Generals Kirke niemals in Kenntniß geſetzt haben.“ 3 „Höret mich an, mein Vater,« ſagte Lucy in einem Tone, deſſen Feſtigkeit durch Milde und Sanftheit gemäßigt ward.„»Seitdem ich die Mutter verloren, welche mich erzo⸗ gen, welche noch immer über mir wacht und mit ihrer un⸗ befinden, ſeitdem Gott mir meine Mutter genommen, habt Ihr mich bei der Hand gefaßt und im Leben weiter geleitet. Ihr habt eure Tochter zu eurer Freundin gemacht— Ihr habt ihr Geheimniſſe anvertraut, welche man oft Männern verſchweigt. Wohlan, mein Vater, dieſen Beweis von Ver⸗ trauen, den Ihr mir zwanzigmal bei weniger feierlichen Ge⸗ legenheiten gegeben, dieſen Beweis bitte ich mir auch heute zu geben. Saget mir, was Euch von der Verwirklichung der Verſprechungen des Generals Kirke ſo feſt überzeugt.« Murray antwortete nicht. Es war klar, daß er den größten Widerwillen empfand, Lucy die Urſachen anzuver⸗ ſicherten. »Wohlan, mein Vater,“ fuhr Lucy mit kalter Reſigna⸗ tion fort,„ich ſehe wohl, daß mir nichts übrig bleibt, als dem mir von Euch ertheilten Befehle zu gehorchen.« „»Lucy!« „»Lieber würde ich dieſes Opfer mit edler Selbſtver⸗ läugnung, mit Selbſtbewußtſeyn und freiwillig gebracht ha⸗ ben, aber Ihr wollt es nicht, mein Vater. Euer Wille ge⸗ ſichtbaren Gegenwart den Ort erfüllt, an welchem wir uns trauen, welche nach ſeiner Meinung den Sieg ſeiner Partei 4₰ 113 ſchehe. Ihr habt mir geſagt, daß meine Weigerung euern Tod zur Folge haben würde, dies genügt mir.“ »Theures, edelmüthiges Kind,« rief Murray,„Du ver⸗ dienſt Alles zu wiſſen, Du ſollſt Alles wiſſen, denn Du biſt das ſtarke Weib, von welchem die heilige Schrift ſpricht. Wir waren verloren, Lucy, das Project der Landung des Herzogs von Mon⸗ mouth und der Flüchtlinge von Holland iſt verkauft und verra⸗ then. Jacob und ſeine Miniſter und ſeine Generale kennen unſere Pläne und es iſt nur ein blutiges Poſſenſpiel, welches in den Grafſchaften des Weſtens aufgeführt werden wird. Es blieb mir daher weiter nichts übrig, als muthig mit den Waffen in der Hand zu ſterben, Gott aber hat in ſeiner Güte anders entſchieden. Er hat erlaubt, er hat gewollt, daß der Gene⸗ ralmajor Kirke Dich liebt, damit Du wie jene Eſther dein Volk retteſt. Dieſer Mann iſt gekommen, um ſeinen Degen dem Dienſte unſerer Sache zu widmen.⸗ »Iſt dieſer Degen aber denn ſo unbeſiegbar, ſo unwi⸗ derſtehlich, daß er allein den Dingen plötzlich eine andere Geſtalt gegeben hat?« rief Lucy. »Wenn blos dieſer Degen mir angeboten worden wäre,« entgegnete Sir Charles,„ſo hätte derſelbe allerdings keine ſo große Belohnung verdient.« „»Was bietet der Generalmajor Kirke dann noch?« »Seine Regimenter von Tanger! Dieſe regulären, kriegs⸗ geübten Truppen ſind ihm ſo blindlings ergeben, daß er ſie zu jeder Partei, die ihm beliebt, hinüberführen kann.“ »Der Generalmajor Kirke bleibt alſo noch vor der Hand in Jacobs Lager, wie?« »Ja,« ſagte der alte Puritaner, indem er unwillkürlich die Stimme und die Augen ſenkte. Der Tiger von Tanger. III. 8 114 »Und erſt in der Schlacht wird er ſeine Lämmer— ſeine Tiger, mein Vater, auf eure Seite hinüberführen?« „Ja, meine Tochter.“« „Dieſer Mann will, um ſein Verſprechen zu halten, den ſeinem Herrn geleiſteten Schwur mit Füßen treten?« „Was geht das uns an meine Tochter?« „Was es uns angeht, mein Vater? Das iſt ja ein Verrath!« „Die Frucht degſechen aber iſt ſo groß ſo glorreich, ſo wünſchenswerth— „Mag ſie ſeyn, wie ſie wolle, ſo werde ich nichtsdeſto⸗ weniger der Preis des Verrathes ſeyn. „Meine Tochter, höre mich an. Mäßige deine Entrüſtung. Geſtatte mir, Dir die Sache auseinanderzuſetzen. John Wildman hat mir, wie Du weißt, einen Beſuch abgeſtattet. Wir traten ein, als Du Dich mit Percy Kirke, dem damali⸗ gen Oberſten, jetzigem Generalmajor, in dem Empfangszim⸗ mer befandeſt. Wildman bemerkte ſeine Liebe zu Dir ſofort. Er ſprach mit mir davon, er prophezeite mir, was heute ge⸗ ſchieht.»Die Leidenſchaft, welche Gott in das Herz dieſes Mannes gepflanzt hat,“« ſagte er zu mir,»iſt ſo unüberwind⸗ lich, daß er Alles opfern wird, um Miß Lucy's Hand zu er⸗ halten.« Schenke ſie ihm, und der Sieg iſt unſer.« „Und auf den Rath eines John Wildman hin habt Ihr dieſen Entſchluß gefaßt, mein Vater?« 3 „Ich wies damals dieſe Rathſchläge mit Entrüſtung zu⸗ rück, und er ging mir fluchend aus meinem Hauſe.« „Wohlan, mein Vater, warum habt Ihr alſo euern Entſchluß geändert? Wie kann das, was in Wildman's ⸗ 115 Munde eure Entrüſtung erweckte, Euch in dem dieſes Pedc Kirke angenehm ſeyn?⸗ „»Wie dies zugeht, willſt Du wiſſen, meine Tochter?⸗ ant⸗ wortete Murray in dumpfem Tone.»Ach, ich habe viel gelitten, ſeitdem Wildman mich verließ! ſeitdem er die prophetiſchen Worte ausſprach, welche fortwährend Tag und Nacht, ich mag ſchla⸗ fen oder wachen, in meinem Ohre hallen.« „Und wie lauten denn dieſe ſo furchtbaren Worte, mein Vater?« „»Als ich ihm erklärte, daß ich niemals und möchte es ſeyn um welches Sieges willen es wollte, in deine Vermäh⸗ lung mit Percy Kirke willigen würde, rief er mit flammen⸗ dem Blicke, bebender Stimme und ergreifender Geberde: „Wie viele Todte liegen auf den Gefilden! Wie roth iſt überall die Erde! Und dieſe Bäche, dieſe Flüſſe, iſt es denn nicht Waſ⸗ ſer, was in ihrem Bette fließt? Nein, es iſt Blut! Ihr Alle, o meine muthigen Freunde; ſeyd unter den Kugeln der Läm⸗ mer des wilden Percy Kirke gefallen. Erhebt Euch von dem blutgetränkten Boden, auf welchen Ihr, in die Bruſt getrof⸗ fen, hingeſtreckt worden. Ich habe ein Geheimniß, ſchwarz wie die Hölle, eurem entrüſteten Ohre anzuvertrauen, o meine theuren Todten! Charles Murray iſt es, der Euch ge⸗ tödtet hat— o erwürgtes Vaterland— Charles Murray iſt es, welcher das Meſſer geführt hat. Dieſer ungläubige Rich⸗ ter Israels hat ſich geweigert, ſeine Tochter zu opfern, um Euch den Sieg zu geben, o meine Brüder! um Dich zu retten, o mein Vaterland!« Lucy ſank wieder auf ihre Knie nieder und rief unter lautem Schluchzen: „Mein Gott, meine Mutter, empfange dae Opfer, wel⸗ 116 ches ich durch mein Herz und durch mein ganzes Daſeyn bringe. Henry, mögeſt Du mir verzeihen!« Und nachdem ſie das geſagt, erhob ſie ſich und ging mit feſten Schritten auf den weinenden Greis zu. „Kommt, mein Vater, ⸗ſagte ſie mit göttlicher Ergebung, „Gott hat mir die Kraft gegeben, einzuwilligen. Er wird mich bis an das Ende der Prüfung aufrecht erhalten. Gehen wir jetzt zu dem Generalmajor Percy Kirke.« Einen Augenblick ſpäter legte Sir Charles Murray, mit ſeiner Tochter in das Empfangzimmer zurückgekehrt, Lucy’'s Hand in die des Soldaten von Tanger. XIII. Die Sühne. Am zweiten Tage nach dem, an welchem das Souper in der Taverne„zur rothen Kuh« ſtattgefunden, kamen zwei Männer, welche ſich nach dem von Suſannen bewohnten klei⸗ nen Hauſe begaben, von entgegengeſetzten Richtungen in Mon⸗ taguſtreet an und gingen einander entgegen, um bald darauf an einer uud derſelben Hansthür zuſammenzutreffen. Es war Chiffinch und Fitzgerald. Der Page ſah und erkannte den Irländer zuerſt und ſein Anblick machte auf den Mann, der ſeine Schweſter mit ſo wahnſinniger Leidenſchaft liebte, einen ſehr unangenehmen Eindruck. „Wird er denn alle Tage hierherkommen?« murmelte Chiffinch mit plötzlichem Zorne.„Vielleicht geht er gar mit 9e —, —— 117 dem Gedanken um, ſich hier feſtzuſetzen— das wäre in der That nicht übel. Die Stunden, welche ich bei Suſannen zu⸗ bringe, ſind ſchon nicht ſo angenehm, daß es noch eines Drit⸗ ten bedürfte, um mich dieſer bitterſüßen Freuden zu berauben. Ferner kann er auch nicht verfehlen, ſeiner Schweſter Rath⸗ ſchläge zu ertheilen, die mir durchaus nicht lieb ſeyn können. Trotz ihrer Unerfahrenheit iſt Suſanne ohnedies ſchon ziemlich unlenkſam und ſie braucht weiter keinen Rathgeber als mich. Ich werde ein Mittel erſinnen, um mich dieſes gefährlichen Zudringlichen zu entledigen. Ich beſitze gegenwärtig noch eine Waffe gegen ihn, deren ich mich mit Nutzen bedienen kann— ich kenne ſein blutiges Geheimniß. Ich war vorgeſtern Abend nicht ſo ganz ſinnlos betrunken, daß ich nicht die furchtbare Enthüllung gehört hätte, welche Jeffreys der ſchönen Suſanne machte, die dadurch wie vom Donner gerührt war.⸗ Chiffinch und Fitzgerald kamen, wie wir bereits bemerkt, gleichzeitig an der Thür des kleinen Hauſes an und Beide woll⸗ ten den eiſernen Klopfer ergreifen, während ſie einander mit feindſeligem Blicke betrachteten. „Ah, Ihr ſeyd es,« ſagte Chiffinch, indem er ſeine Hand raſch zurückzog.»Nehmt Euch in Acht! Ihr hättet mich bei⸗ nahe berührt!« „Mr. Chiffinch.“«rief Fitzgerald indem er vor Wuth bleich ward.„»Werdet Ihr mir wenigſtens die Urſache dieſer nieder⸗ trächtigen Beleidigung nennen?« Die Bewegung und die Worte des erſten Pagen waren unwillkürlich geweſen. Er ſah ſofort ein, daß er zu weit ge⸗ gangen war und fürchtete, daß eine ſo ſchwere, anſcheinend ganz muthwillige Beleidigung des Bruders ſeiner Geliebten 118 dieſe ihm noch abgeneigter machen wuͤrde, wenn ihr Bruder ſie davon in Kenntniß ſetzte. In der doppelten Abſicht, den zornmüthigen Irländer ſo viel als möglich zu beruhigen und ihn abzuhalten, zu ſeiner Schweſter hinaufzugehen, ſagte er daher zu ihm: „Entſchuldigt, Mr. Fitzgerald, ich hatte durchaus nicht die Abſicht, Euch zu beleidigen. Ich zog meine Hand, als Ihr die eure ausſtrecktet, blos zurück, weil ich vorgeſtern, als ich mit Mylord dem Oberrichter und Suſannen ſoupirte, Jef⸗ freys zu eurer Schweſter ſagen hörte, daß Ihr es ſeyd, der in Lauſanne den Schlag ausgeführt.“ „»Welchen Schlag? Was wollt Ihr domit ſagen, Sir?« »Es handelte ſich um die Ermordung des Lord Lisle.— Ihr begreifet daher—« Fitzgerald ließ Chiffinch nicht Zeit auszureden. „Ha!“ rief er mit wüthender Geberde,„Mylord Jef⸗ freys hat dies Suſannen geſagt!— erſtens hat er gelogen und dann— und dann ſoll er mir dieſe Lüge bezahlen!« Indem er dieſe Worte ſprach, entfernte er ſich mit ra⸗ ſchen Schritten in der Richtung des Strandes, und Chiffinch, der auf dieſe Weiſe Herr des Terrains blieb, ſtieg die Treppe hinauf und trat in Suſannens Zimmer. Schon ſeit länger als einer Stunde vor Chiffinch's An⸗ kunft ſtand die junge Irländerin, von einer fieberhaften Un⸗ geduld getrieben, jeden Augenblick auf, ging an das Fenſter, drückte das Geſicht an die Glasſcheibe und ſchaute hinaus. Dann, wenn ſie Niemanden kommen ſah, ſetzte ſie ſich wieder, um bald dieſelbe Promenade nach den Fenſtern ihres Zimmers zu machen, welches auf die Straße ging. Gerade in einem ſolchen Augenblick, wo ſie auf ihrem — — 8 — 119 Beobachtungspoſten ſtand, waren Chiffinch und Fitzgerald vor ihrer Thüre angelangt. Sie hatte ſie geſehen und auch den Fenſterflügel geöffnet. Die zwiſchen dem Pagen und ihrem Bruder gewechſelten Worte waren daher leicht bis zu ihr ge⸗ drungen. Sobald Fitzgerald den Pagen ſo raſch verlaſſen, hatte Suſanne ſich wieder geſetzt und erwartete mit jener furchtbaren Ruhe, welche dem Sturm vorangeht, den Un⸗ glücklichen, welcher, ganz erfreut über den ſo eben errungenen Sieg, im Begriff ſtand vor ihr zu erſcheinen. Uebrigens ſchien ein eigenthümliches und geheimnißvol⸗ les Phänomen die Seele der Irländerin mit tödtlichem Schlage getroffen zu haben. Nicht ganz zwei Tage hatten hingereicht, um eine unheilvolle Veränderung in ihrem ganzen Weſen her⸗ beizuführen. Seitdem Jeffreys, ehe er bis zur Bewußtloſig⸗ keit betrunken unter den Tiſch rollte, ihr das Geheimniß des Meuchelmordes in Lauſanne unbarmherzig ins Geſicht geſchleu⸗ dert hatte, ſeitdem ſie wußte, daß ihr Bruder der Mörder von Henry's Vater war, war ſie die Beute eines Schmerzes geworden, der ſich bald durch düſtere Niedergeſchlagenheit, bald durch wildes Delirium kundgab. Ihr bleiches Antlitz zeigte nicht mehr jenes wunderſchöne Oval, welches die Blicke Aller feſſelte und entzückte; ihre Wangen waren hohl; nur ihr Auge hatte ſein ganzes Feuer bewahrt, aber es war mehr das Fieber als das Leben, welches mit düſterer und verzeh⸗ render Flamme darin leuchtete. „Fitzgerald! Fitzgerald!“ rief ſie unaufhörlich,„was haſt Du gethan? o, was haſt Du gethan? Entſetzliches Unglück— und um meinetwillen hat er den Streich geführt! Um mich vor Schande zu retten, hot er mich in Verzweiflung geſtürzt! under 120 kommt nicht!— Und ich möchte ihn ſo gern ſehen!— Sollte er vielleicht ſchon Alles erfahren haben! Sollte der nichtswür⸗ dige Jeffreys ihm mitgetheilt haben, daß er mir deu Namen Deſſen genannt, welcher jenes furchtbare Verbrechen began⸗ gen hat. Ja, ſo muß es ſeyn— es iſt dies eine Grauſam⸗ keit, die eines Jeffreys würdig iſt. Es iſt klar— Fitzgerald wagt nicht mehr vor mir zu erſcheinen! Er flieht mich, wäh⸗ rend ich doch ſeiner bedarf.— Warum ſollte er auch kom⸗ men? Was kann er thun? Worin könnte er mir bei dem Plane, mit welchem ich umgehe, nützlich ſeyn? In nichts.— Und dennoch muß ich ihn ſehen.— O, ich werde ſchon erfah⸗ ren, wo er iſt und ich werde ihn aufſuchen, gleichviel wo— ſelbſt bei Jeffreys ſelbſt beim König Jacob, wenn ich er⸗ führe, daß er dort wäre.« So waren die Gedanken, welche Suſannen beſchäftigten, bevor ſie geſehen und gehört hatte, was vor ihrer Thür vor⸗ ging. Man kann ſich daher leicht ihre Gemüthsſtimmung den⸗ ken, während ſie Chiffinch's Eintritt erwartete. Ein zufriedenes Lächeln umſpielte die Lippen des erſten Pagen Seiner Majeſtät als er vor Suſannen erſchien, und mit einem Muth, der ihm ſonſt nicht eigen zu ſeyn pflegte, näherte er ſich ihr um ſie zu begrüßen. »Ah, da ſeyd Ihr ja,« ſagte ſie in kurzem Tone,„war⸗ um lächelt Ihr ſo? Wißt Ihr wohl, daß dieſes Lächeln mir verhaßt iſt? Ihr antwortet nicht? Gut, dann will ich es Euch ſelbſt ſagen. Ihr lächelt, weil Ihr ſo eben meinen Bruder von hier vertrieben habt.« 3 »Da ſeyd Ihr in einem großen Irrthum befangen, ge⸗ liebte Suſanne.⸗ »Mr. Chiffinch,« unterbrach ihn die Irländerin in ſtol⸗ 121 zem Tone,»Ihr wißt, daß dergleichen Ausdrücke mir aus eurem Munde ſehr unangenehm ſind. Ich bitte Euch daher, dergleichen nie wieder an mich zu richten.« „»Erinnert Euch, Suſanne, daß Ihr ſie mir geſtern Abend ausdrücklich für den Fall geſtattet habt, daß ich Euch auf wirkſame Weiſe bei Ausfüͤhrung der Pläne unterſtütze, mit welchen Ihr umgeht.⸗ »Bei Ausführung der Pläne, mit welchen ich umgehe? Kennt Ihr denn dieſelben auch nur?— Habe ich mich her⸗ abgelaſſen, ſie Euch mitzutheilen?« 1 »Aber Ihr habt mir doch geſagt, daß Ihr ſie mir mit⸗ theilen und meine Hilfe in Anſpruch nehmen würdet, wenn euer Bruder nichts zu ihrem Gelingen beitragen könnte.« »Das habe ich allerdings geſagt, und ohne Zweifel um mich zu zwingen, Euch zu meinem Bundesgenoſſen anzuneh⸗ men, habt Ihr Fitzgerald ſo eben von mir entfernt?« »Dieſe Beſchuldigung gleicht allen anderen, welche Ihr täglich gegen mich vorbringt— ſie iſt ungerecht.« »Sie iſt ungerecht! Habt Ihr ihm nicht ſo eben geſagt, daß ich Alles wüßte, was in Lauſanne vorgegangen iſt?« „Ja,« ſagte Chiffinch, welcher begriff, daß es ihm nicht möglich war zu läugnen.„»Aber ich ſehe nicht ein,« be⸗ eilte er ſich hinzuzufügen,„in welcher Beziehung dies euern Bruder hat abhalten können oder abhalten wird, Euch zu beſuchen—« »Ah, das ſehet Ihr nicht? Deſto ſchlimmer für Euch, denn dies beweiſt, daß Ihr es nicht achtet. Ich werde aber ſchon ihn aufzuſuchen wiſſen, wo er iſt, davon ſeyd über⸗ zeugt. Jetzt noch ein Wort ehe wir uns trennen—« »Wie, jetzt ſchon, Suſanne?« 122 »Ja, jetzt ſchon. Ihr habt mir geſagt, daß morgen die Vermälung des Generalmajors Kirke mit Miß Lucy ſtattfin⸗ det. Habt Ihr weitere Erkundigungen darüber eingezogen? Habt Ihr Percy Kirke geſehen? Wißt Ihr gewiß, daß die Feierlichkeit morgen vollzogen werden wird?« »Ja ich weiß es gewiß.« „»Wo und zu welcher Stunde?« „Bei Sir Charles Murray, Mittags zwölf Uhr.« »Gut, verlaſſet mich, Sir; ich muß ausgehen.« »Aber wo wollt Ihr denn ſo zeitig hingehen?« „Wo ich hingehen will, Mr. Chiffinch? Muß ich Euch denn Rechenſchaft von dem geben, was mir gefällt zu thun oder nicht zu thun? Verlaßt mich, ſage ich Euch.« Es lag in Suſannens Geberde und Stimme ſo viel Un⸗ muth und Entſchiedenheit, daß Chiffinch es räthlich fand zu gehorchen. Es war für ihn klar, daß er, wenn er nur noch einige Secunden lang ſich weigerte, ſchon morgen die koſtba⸗ ren Porcellangeſchirre und Spiegel, ſo wie die zerbrechlichen Möbels, welche das Zimmer ſchmückten und welche Suſanne ſich anſchickte, in Scherben und Stücke zu ſchlagen, wieder von Neuem würde anſchaffen müſſen. Deshalb ergriff er ſeinen Hut und machte ſich ſchleunigſt auf den Rückzug. XIV. Die Sühne. (Fortſetzung.) Sobald die ſchöne Irländerin allein war, rief ſie ihre Dienerin Anna und befahl ihr, einen Wagen zu holen. So⸗ bald dieſer erſchien, ſtieg ſie hinein und fuhr fort, nachdem ſie dem Kutſcher befohlen, ſie nach dem Strand vor das Ho⸗ tel des Oberrichters der King's Bench zu fahren. Noch hatte ſie keine halbe Meile zurückgelegt, als der Zweifel wieder in ihr vor Kurzem noch ſo feſtes und ſo entſchloſſeges Herz zu dringen begann. „»Ha!« rief ſie,„wenn Fitzgerald ſich bei ſeinem mäch⸗ tigen Mitſchuldigen verſteckt hält und mich nicht ſehen will, ſo iſt es klar, daß Jeffreys mich nicht vorlaſſen wird, oder wenn er mich vorläßt, ſo wird er mir ſagen, mein Bruder ſey nicht bei ihm. Und dennoch bin ich feſt überzeugt, daß Fitz⸗ gerald ſich in dieſem Augenblick bei dem Oberrichter befindet.« Plötzlich gewahrte ſie Chiffinch, welcher auf der Straße einherging. Suſannens Wagen hatte den Pagen eingeholt, welcher mit geſenktem Haupte und bekümmertem Blick die Häuſer entlang ſchritt. »Mr. Chiffinch! Mr. Chiffinch!« rief Suſanne, als ſie an ihm vorbeikam,„laßt den Wagen halten und ſteigt mit 124 bei mir ein. Sagt dem Kutſcher vorher, daß er dann nach dem ihm bereits angedeuteten Ziel weiter fahren ſolle.« Chiffinch gehorchte. Er war glücklich und hocherfreut wie ein Kind. Es war ihm, als wäre er in der Gunſt ſeiner unerbittlichen Geliebten einen großen Schritt weiter ge⸗ kommen. »Sir,« ſagte Suſanne zu ihm,„ich fahre zu Lord Jeffreys. Es liegt mir ſehr viel daran, bis zu ihm gelangen zu können, ohne vorher angemeldet worden zu ſeyn. Wenn ich allein hinginge, ſo wäre dies unmöglich, denn Mylords Diener würden es niemals erlauben. Ihr ſeyd von ihnen ge⸗ kannt, Mr. Chiffinch— ein Wort von Euch in dem Hotel des Oberrichters ausgeſprochen, wird eben ſo befolgt, als ob es ein Befehl des Hausherrn ſelbſt wäre. Mr. Chiffinch, ich rechne auf Euch. Ihr werdet mir Zutritt in Jeffreys' Cabinet verſchaffen, ohne daß ich angemeldet werde. Dies iſt eben der Grund, weshalb ich Euch mit in meinen Wagen habe ſteigen laſſen.« „»Und was wollt Ihr denn von ihm, Suſanne?“ fragte Chiffinch mit plötzlicher Uebellaune;„wozu dieſe geheime Un⸗ terredung? Warum wollt Ihr ganz beſonders zu ihm gelan⸗ gen, ohne daß er vorher weiß, daß Ihr ihn ſprechen wollt?« „»Ich habe Euch um eine Gefälligkeit gebeten, Mr. Chif⸗ finch, und Ihr antwortet mir nur durch Fragen,« ſagte Su⸗ ſanne in trockenem Tone.»Wenn es Euch nicht gelegen iſt, mir dieſe Gefälligkeit zu erzeigen, ſo ſteigt wieder aus und verlaſſet mich. Ich werde meinen Zweck auch ohne eure Bei⸗ hilfe zu erreichen wiſſen. Mit Gold, ſobald man blos einen Kam⸗ merdiener zu beſtechen hat, kommt man ſehr raſch vorwärts, Mr. Chiffinch.“ 12⁵ »Ich werde thun, was Ihr von mir begehrt, Suſanne,« gte der Page in demüthigem Tone, indem er zugleich die Pe des jungen Mädchens in die ſeine faßte. „»Dies iſt aber noch nicht Alles,« fuhr ſie fort.»Erſtens verſteht ſich von ſelbſt, daß Ihr nicht mit mir das Cabinet des Oberrichters betreten werdet. Zweitens will ich, daß Ihr mich im Vorzimmer bei ihm erwartet. Myllord Jeffreys iſt ein roher Barbar— es kann ihm leicht einfallen, mich zu mißhandeln, und es wäre mir daher lieb Euch in der Nähe zu wiſſen, damit ich Euch im Nothfalle zu Hilfe rufen kann.« »Ich werde in jeder Beziehung gehorchen,« murmelte Chiffinch, indem er Suſannens Hand küßte, welche dieſe ihm entzog, indem ſie ſagte: »Wir ſind zur Stelle— laßt uns ausſteigen.« Der dienſtthuende Lakai kam Chiffinch mit ehrerbietiger Miene entgegen. »Iſt Mylord zu Hauſe?« fragte der Page Jacobs II. »Ja, gnädiger Herr, aber es iſt Jemand bei ihm und er hat verboten, irgend Jemand vorzulaſſen, ſey es wer es wolle. Da Ihr es indeſſen ſeyd, gnädiger Herr. ſo will ich Euch anmelden.« „Ich habe nicht mit Mylord zu ſprechen,« antwortete Chiffinch.»Dieſe Dame wünſcht ihn zu ſehen.« „O, da ſie in eurer Begleitung kommt, gnädiger Herr,« ſagte der dienſtfertige Lakai, ſich abermals tief verneigend, „ſo werde ich die Ehre haben, ſie anzumelden.“ »Du brauchſt Dich nicht erſt zu bemühen— Madame wird allein hinaufgehen, ich will es.⸗ 126 „»Das iſt etwas Anderes, gnädiger Herr. Uebrigens glaube ich, Mylord wird es mir nicht allzu übel nehmen, daß ich die Dame bei ihm vorgelaſſen habe, ohne ſie ununeda Ich habe ſie ſchon früher hier geſehen und ich weiß, daß es ihr Bruder iſt, welcher jetzt mit Mylord ſpricht.« Suſanne wartete nicht länger. Sie ſtieg die Treppe hinauf und erſchien an der Thür des Salons, welcher auf den Vorplatz führte. Sie wollte ſie öffnen, aber es gelang ihr nicht. Der Riegel war von innen vorgeſchoben. Sie horchte nun und es war ihr, als hörte ſie ein zwiefaches keu⸗ chendes Athmen, aber ohne daß eine Stimme laut gewor⸗ den wäre. »Es iſt Fitzgerald, welcher ſeinen Racheplan ſchon in Ausführung bringt!“ dachte ſie.»Das iſt zu frühl er iſt zu un⸗ geduldig— ich muß ihm Einhalt thun.“ Die ehemalige Gefangene von Bridewell kannte auch die verſchiedenen Zimmer des von Jeffreys bewohnten Hau⸗ ſes. Sie ging daher ohne zu zögern an eine andere Thür, welche auf denſelben Vorplatz ging und in das Schlafzimmer des Oberrichters führte. Sie hob die Klinke und trat ohne Furcht in die Höhle des Tigers. Er war nicht darin. Sie ſetzte nun ihren Weg weiter fort, öffnete die Thür, welche aus dem Schlafzimmer in den Salon führte, und trat in dieſen Raum. Auch hier war Niemand. „Dort ſind ſie!« ſagte ſie, indem ſie ihre Schritte nach der Thür des Arbeitscabinets des Oberrichters lenkte. Ehe ſie öffnete, horchte ſie. Sie hatte ſich nicht geirrt. Es fand hier ein furchtbarer — — Kampf zwiſchen ihrem Bruder und dem Oberrichter ſtatt. Dieſer Kampf nahte übrigens ſeinem Ende, wie Suſanne bald an den Worten Fitzgerald's errieth, welche, von einem dumpfen Röcheln begleitet, bis zu ihr drangen. »Ah, endlich habe ich Dich unter meinen Knien, Elen⸗ der! Hal es hat Dir beliebt, alle Bedingungen unſeres Ver⸗ trages mit Füßen zu treten. Es hat Dir beliebt, gegen dein heiligſtes Verſprechen meine Schweſter, um deretwillen ich einwilligte, Dir zu dienen, einem deines Gleichen, dieſem elenden Chiffinch, in die Hände zu liefern. Ich habe das Blut vergoſſen, welches Du mir zu vergießen befahlſt, mein Schwur iſt erfüllt!— Was haſt Du aber mit dem deinen gemacht? Wo iſt Suſannens Ehre? Wo iſt ihre Unſchuld? Gib mir ſie wieder für das Blut, welches ich Dir gegeben habe. Du kannſt es nicht— Du mußt ſterben!« „Aber Du weißt ja,“ ſagte Jeffreys mit halb erſtickter, kaum verſtändlicher Stimme.»Du weißt ja, mein lieber Fitz⸗ gerald, daß Suſanne von Chiffinch in Ehren gehalten wor⸗ den, daß er ihr nur Wohlthaten erzeigt hat und—« »Das heißt, ſie hat verſtanden, ihn zu zwingen ſie in Ehren zu halten, und wenn ſie rein geblieben iſt, ſo iſt es gegen deinen Willen geſchehen. Aber es iſt nicht blos dieſe Bedingung unſeres Vertrages, welche Du verletzt haſt. Hat⸗ teſt Du mir nicht verſprochen, daß Suſanne niemals etwas von den Verbrechen erfahren ſollte, welche ich mich verbind⸗ lich machte, zu deinem Nutzen und um ſie zu retten, zu bege⸗ hen?— CElender, Erbärmlicher! Haſt Du nicht auch dieſen Artikel unſeres Vertrages zerriſſen? Haſt Du nicht Suſannen geſagt, daß ich es geweſen ſey, der Lord Lisle in Lauſanne gemordet? Wohlan, ſieh dieſen Dolch, es iſt derſelbe, der 88 ————————— 128 ihn getödtet hat, und es iſt auch derſelbe, den ich Dir in die Bruſt ſtoßen werde.« »Gnadel! Gnade!« ſtammelte Jeffreys halb todt vor Schrecken,„Gnade, mein Freund! Da Du weißt, daß ich das deiner Schweſter geſagt habe, ſo mußt Du auch wiſſen, daß ich betrunken war, als ich es ſagte. Und man tödtet nicht einen Betrunkenen, der ſich hat ein Geheimniß entſchlüpfen laſſen— denn ich bin ein Trunkenbold, ein erbärmlicher Trunkenbold!« „Ich ſage Dir, Du mußt ſterben, aber ich will meine Rache genießen. Du haſt mich zu viel leiden laſſen, als daß ich Dich auf einen einzigen Stoß tödten ſollte! Um deinet⸗ willen wage ich jetzt nicht mehr vor meiner Schweſter zu er⸗ ſcheinen. Deine Natterzunge iſt Schuld daran, daß ſie mir in dieſem Augenblick flucht und mich mit Entſetzen zurückſtoßen wird, wenn ſie mich ſieht.« Bei dieſen Worten öffnete Suſanne die Thür und ſtürzte in das Cabinet. »Niemals, niemals werde ich Dir fluchen, Fitzgerald!« rief ſie mit unausſprechlicher Bewegung,»und weit entfernt, Dich zurückzuſtoßen, öffne ich dir meine Arme. Laß deinen Mitſchuldigen leben, Fitzgerald, und komm an mein Herz, Du, der mich ſo ſehr geliebt hat!« Während Suſanne und ihr Bruder ſich umarmt hielten, war Jeffreys aufgeſtanden und hatte, nachdem er ſich ſeinem Schreibpult genähert, aus einem der Schubfächer das doppel⸗ läufige Piſtol genommen, welches ſtets geladen darin lag. Er ſpannte es und ſchlich ſich damit an Fitzgerald heran, der ihm den Rücken zukehrte. ——₰—9————— ———— AV 129 »Da ich mich nicht der Gefahr ausſetzen will, dergleichen Auftritte ſich alle Tage in meinem Hauſe erneuern zu ſehen.« murmelte er mit den Augen blinzelnd,„ſo will ich der Rache ein⸗ für allemal ein Ende machen. Es wird mir ſehr leicht ſeyn nachzuweiſen, daß der Bruder und die Schweſter blos hierher gekommen waren um mich zu ermorden.« Eben wollte er abdrücken, als Suſanne ſich vor ihn warf und Fitzgerald mit ihrem Körper deckte. »Es iſt wahrſcheinlich,« ſagte ſie mit männlicher Kühn⸗ heit,»daß Ihr, um dem Zeugen, welcher den Mord meines Bruders offenbaren wird, Schweigen aufzuerlegen, mich eben⸗ falls umbringen werdet, Mylord, nicht wahr?« »Das verſteht ſich von ſelbſt, mein ſchönes Kind!« ant⸗ wortete Jeffreys mit fürchterlichem Hohngelächter. »Ich will nicht von dem Dank ſprechen, den Ihr mir ſchuldig ſeyd, Mylord, mir, die ich Euch ſoeben das Leben ge⸗ rettet, aber wohl will ich Euch ganzeinfach das ſagen: Ich bin nicht allein zu Euch gekommen— euer guter Freund Chiffinch hat mich hieher begleitet. Er hat euren Leuten befohlen, mich heraufgehen zu laſſen, ohne mich vorher anzumelden. Außer⸗ dem wißt Ihr wohl, daß ich nicht hätte bis hierher gelangen können, ohne daß Ihr davon in Kenntniß geſetzt worden wäret. Chiffinch erwartet mich unten. Jetzt, Mylord, ſchießt mich nie⸗ der und ſendet Chiffinch meine Leiche. Dies wird nicht verfeh⸗ len, das Band eurer Freundſchaft feſter zu knüpfen und nach einem ſolchen Geſchenk, glaube ich wird er Euch bei ſeinem aller⸗ gnädigſten Herrn Jacob II. noch weit beſſere Dienſte leiſten.« Jeffreys ſenkte langſam ſeine Waffe und winkte Suſan⸗ nen und Fitzgerald, daß ſie ſich entfernen ſollten. Komm, mein Bruder, komm,“« ſagte die Irländerin, in⸗ Der Tiger von Tanger. III. 9 130 dem ſie dem Oberrichter einen Blick zuwarf, in welchem ſich das Mißtrauen noch mit dem Stolz des Triumphes miſchte, „komm. Wenn Du wüßteſt, was ich thun will und warum ich die Hilfe deines ganzen Genies in Anſpruch zu nehmen wünſchtel Komm.“ Suſanne zog Fitzgerald mit ſich fort. Als ſie an Chif⸗ finch vorüberkam, welcher ſie mit einer Ungeduld erwartete, die eines beſſern Lohnes würdig war, ſagte ſie: „Ich danke Euch, Mr. Chiffinch. Ihr könnt nun wieder euren Angelegenheiten nachgehen, verfehlt aber nicht, mich heute Abend zu beſuchen.« Sie ließ ihren Bruder in ihren Wagen ſteigen und ſetzte ſich neben ihn, nachdem ſie Befehl gegeben, ſie nach ihrer Wohnung zurückzufahren. Sobald Fitzgerald in dem Wagen, der raſch nach Montaguſtreet zurückrollte, allein war, zog er die geliebte Schweſter an ſeine Bruſt und betrachtete ſie mit dankbarem, zärtlichem Blick. »Du haſt es gemacht wie unſer theurer, unglücklicher James,“ ſagte er zu ihr.»Weit entfernt, mich zu verläugnen. haſt Du mir deine Arme geöffnet. Sey geſegnet dafür, meine Schweſter! Ha, Suſanne! Du kennſt nicht das Wunder, wel⸗ ches Du durch die einfache Kundgebung deiner meine Verbre⸗ chen überlebenden Schweſterliebe gewirkt haſt. Ich war ver⸗ loren, die Verzweiflung hatte mich wahnſinnig gemacht. Ich wollte Jeffreys und dann mich ſelbſt umbringen, weil meine erſchreckte Phantaſie mir meine Suſanne zeigte, wie ſie ihr Geſicht von mir abwendete und mich mit Abſcheu zurückſtieß. So opferte ich der Wuth eines Augenblickes den wunderbarſten — 131 Racheplan, den jemals ein Menſch entworfen, einen Plan der mit einem einzigen Schlage drei fluchwürdige Weſen, die drei Menſchen, welche uns das meiſte Uebel zugefügt, und die ſich anſchicken, uns deſſen noch mehr zuzufügen Jeffreys, Kirke und Chiffinch,— in die Hände des Henkers liefert. In⸗ dem Du mir deine Arme öffneteſt, haſt Du mich gerettet und Du haſt auch unſere Rache gerettet. Deswegen ſage ich noch⸗ mals: Sey geſegnet, o meine Suſanne!« »Jeffreys, Kirke, Chiffinch!« ſagte die Irländerin lang⸗ ſam und in gedämpftem Tone;»ja Du haſt Recht, dies ſind in der That unſere drei furchtbarſten Feinde— die welche, nach⸗ dem ſie unſere Vergangenheit gebrandmarkt, unſere Zukunft noch mehr bedrohen. Jeffreys hat unſer Unglück begonnen. Chiffinch iſt ihm dabei zu Hilfe gekommen und es iſt nicht ſeine Schuld, daß ich nicht heute eine Gefallene bin. Was Kirke be⸗ trifft, ſo verfolgt er einen jungen Mann, welcher edel, gut und großmüthig gegen mich geweſen iſt. Aber wir haben auch noch einen vierten Feind, Fitzgerald, deſſen Du Dich, hoffe ich, er⸗ innern wirſt, wenn der Augenblick dazu da iſt. Ich rede von dem Mörder unſeres Bruders.« »Du kannſt auf mich rechnen, Suſanne. Ich habe ihn nicht vergeſſen, das ſchwöre ich Dir, und an dem Tage, wo meine Rache die drei Männer trifft, welche wir ſo eben ge⸗ nannt haben, wird ſie auch über den Mörder unſeres armen Bruders hereinbrechen.“ »Und wann wirſt Du den Plan, der ſie in Roſe's Hände liefern ſoll, zur Ausführung bringen!“ „Ich warte mit Wachſammkeit darauf daß die Gelegen⸗ heit ſich dazu darbiete.⸗ »Glaubſt Du, daß ſie ſich morgen Vormittag darbietet?⸗ * 132 „Was denkſt Du, liebe Schweſter? Morgen Vormittag! Das iſt ja unmöglich! Nein, nein; vor der Landung des Her⸗ zogs von Monmouth wird nichts geſchehen uud kann nichts geſchehen.« „Das wäre dann zu ſpät.« „Wie, es wäre zu ſpät? Iſt es wohl jemals zu ſpät, ſich zu rächen? Die Rache gehört Gott, Suſanne, und er gibt ſie, wenn es ihm gefällt. Ihre Stunde beſchleunigen, heißt ſie ge⸗ fährden. Und übrigens, je ſpäter ſie kommt, deſto mehr hat ſie Zeit gehabt zu reifen und ſchmeckt dann deſto ſüßer.“ „»Das kann wahr ſeyn, Fitzgerald, und ich nehme mit Freuden die Hoffnung an, welche Du mir gibſt. Aber Eines möchte ich ſchon morgen thun— etwas, was unſere künftige Rache nicht verhindern, ihr vielleicht ſogar dienen und ſie auf alle Fälle beginnen würde.« „Was iſt dies, meine Schweſter?« „Du biſt es, mit dem ich mich zu berathen wünſchte, ehe ich mit irgend einem andern Menſchen davon ſpreche, obſchon Chiffinch ſich mir zur Dispoſition geſtellt hat, ohne auch nur zu wiſſen, was ich wünſchte. Abgeſehen davon aber, daß ich kein großes Vertrauen zu ihm habe, glaube ich auch an dein Genie noch mehr als an ſeine Macht.« »Nun, ſo ſage mir doch, was Du von mir zu erlangen wünſcheſt?« „»Die Verhinderung der Vermälung Kirke's mit Miß Lucy Murray.« Fitzgerald hüpfte auf dem Wagenſitze empor, wendete ſich raſch gegen Suſannen und betrachtete ſie mit beſtürzter Miene. — 133 „Du wünſcheſt,« ſagte er,„Du wünſcheſt, daß ich die Verheirathung des Generalmajors Percy Kirke mit der Toch⸗ ter des Verſchwörers Murray rückgängig mache?« »Ja, mein Bruder; weißt Du ein Mittel, um dieſen Bruch ſicher herbeizuführen?« Der Irländer antwortete nicht. Er ſchien in düſtere Be⸗ trachtungen zu verſinken. »Mir ſcheint, Fitzgerald,« fuhr Suſanne in überredendem Tone fort,„daß Ou bei deiner erfinderiſchen Phantaſie ſehr bald, wenn Du Dir die Mühe geben wollteſt, ein Mittel finden würdeſt, um dieſe Heirath zu hintertreiben.« »Sag es mir frei heraus, meine Schweſter,« ſagte Fitzgerald, deſſen Geſicht die grauſamſte Gemüthsbewegung und Unruhe verrieth,„habe Vertrauen zu mir. Es wäre allerdings ein furchtbares Unglück, aber wenn ich einmal davon betroffen werden ſoll, ſo ziehe ich vor, es ſchon jetzt zu wiſſen. Suſanne, liebſt Du den Generalmajor Percy Kirke?« XV. Die Sühne. (Fortſetzung.) Das Erſtaunen, welches ſo eben Fitzgerald empfunden, war nichts im Vergleich mit dem, welches ſich Suſannens bemächtigte, als ſie die Frage vernahm, welche ihr Bruder an ſie richtete. Dieſes Erſtaunen war indeſſen von kurzer Dauer und machte plötzlich einem ſchallenden Gelächter Platz, an welchem die überreizten Nerven des jungen Mädchens mehr ls ihr Wille. 2 Bruder, daß ich Dir faſt zürne,« ſagte Suſanne, indem ſie ſofort wieder ruhig ward,„weil Du durch deine ungereimten Fragen bei mir eine ſo unzeitige Heiterkeit erweckſt? Ob ich den Generalmajor Percy Kirke liebe?— Biſt Du von Sinnen oder iſt es wirklich dein Ernſt?⸗ „Weit entfernt Dich zu tadeln, ſchenke ich vielmehr dei⸗ nem Gelächter Beifall, Suſanne, denn es befreit mich von einer großen Angſt, indem es mir beweiſt, daß ich mich ge⸗ irrt hatte. Da Du indeſſen keine Liebe für Percy Kirke em⸗ pfindeſt, warum wünſcheſt Du dann ſo eifrig, daß ſeine Ver⸗ mälung mit Miß Lucy nicht ſtattfinde?« „Fitzgerald, ich bitte Dich, zwinge mich nicht, Dir meine Gründe anzugeben. Ohne Dich weiter mit dem zu beſchäfti⸗ N 135 gen, was ich von dieſer Heirath denken mag, vereitle ſie und Du wirſt mich glücklich machen. Sag, kannſt Du ſie vereiteln? willſt Du ſie vereiteln?« »Ich werde nicht nöthig haben, mir lange den Kopf zu zerbrechen, um ein Mittel zu finden, welches die Folge hat, daß Kirke aus Sir Charles Murray's Hauſe geworfen wird. Nein, dieſe leichte That würde mir keine große Anſtrengung koſten!— Ich brauche nur den Finger aufzuheben und der ſchreckliche, der unzähmbare Kirke wird aus dem Hauſe ge⸗ worfen wie ein noch rechtzeitig entdeckter Dieb, dem man, ehe man ihn hinauswirft, den Diamant entreißt, den er ſteh⸗ len wollte.« »Ha, Gott ſey gelobt!« rief Suſanne entzückt;„ich wußte wohl, daß ich nichts Beſſeres thun könnte, als mich an Dich zu wenden. Da Du es aber kannſt, Fitzgerald, ſo willſt Du es auch, nicht wahr?« „»Nein, Suſanne, ich will es nicht mehr. „»Du weiſeſt meine Bitte zurück, Fitzge 1828 »Ehe Du noch daran dachteſt, ſien an mich zu ſtellen, Suſanne, fühlte ich mich ſchon geſtern Abend gewaltig ver⸗ ſucht, Percy Kirke dieſen Streich zu verſetzen, der für ihn weit empfindlicher wäre als jeder andere; aber ich würde dadurch meine Rache zerſplittern, ich würde dadurch nur ein Herz treffen, während ich drei Köpfe fallen zu machen, drei Herzen zu zermalmen habe.“ „Ha!s ſagte Suſanne leiſe und wie mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend,„er wollte geſtern Abend, ohne mich nur geſehen zu haben, thun, um was ich ihn heute bitten wollte. Und jetzt, wo ich es von ihm verlange, will er es nicht mehr. Fitzge⸗ rald,“« fuhr ſie fort, indem ſie die Stimme erhob und ihre 136 thränenfeuchten Augen auf ihren Bruder heftete,„ich glaube nicht, daß es möglich wäre, Jemanden deutlicher zu ſagen, daß man nur Haß und Verachtung für ihn empfindet.⸗ »Wie! Du meinſt, ich haßte und verachtete Dich! Sey doch vernünftig, Suſanne, und verbanne dieſe irrigen Gedan⸗ ken. Du weißt wohl, daß Du ſtets meine geliebte und theure Schweſter biſt.« »Wenn dies der Fall iſt, ſo beweiſe es mir. Habe Ver⸗ trauen zu mir; begegne mir nicht wie einem Kinde, verſchweige mir nicht alles. Du haſt mir ſchon den Namen des Mörders unſeres Bruders verſchwiegen, ich habe dein Geheimniß ge⸗ achtet, ich habe eingeſehen, daß ſein Beſitz mir meine Kaltblü⸗ tigkeit rauben und mich unklug machen könnte, wenn ich mich jemals dem Manne gegenüber ſähe, welchen Du mir bezeich⸗ net hätteſt. Aber warum willſt Du mir auch verſchweigen, was Dich über Nacht in Bezug auf den Streich, den Du Kirke ſofort verſetzen konnteſt, anderen Sinnes gemacht hat? Was brauchteſt Du mir dann vor einigen Tagen jene Ver⸗ einigung unſerer Mittel und Kräfte vorzuſchlagen? Wie es ſcheint, biſt Du auch in dieſer Beziehung anderen Sinnes geworden.“ »„Ich bin darüber durchaus nicht andecen Sinnes geworden, Suſanne, denn ich werdeDir ſehr ernſte Dinge ſagen, die ich Dir vielleicht verſchweigen ſollte. Aber ich will ſie Dir ſagen, weil Du, wenn Du alles weißt, begreifen wirſt, daß es in hohem Grade kindiſch wäre, die Verheirathung Percy Kirke's mit Miß Murray zu verhindern.⸗ 4 „Sprich, Fitzgerald, ich höre Dich,« ſagte Suſanne, in⸗ dem ſie ihrem Bruder näher rückte.„Doch nein, warte einen Augenblick— da ſind wir an meiner Wohnung angelangt. 137 Gehen wir hinauf in mein Zimmer, wo wir ungeſtörter mit einander ſprechen können.“ Einen Augenblick ſpäter ſaßen der Irländer und ſeine Schweſter in aller Bequemlichkeit neben einander in dem klei⸗ nen Salon des Hauſes in Montaguſtreet. Fitzgerald nabm wieder das Wort. „Ich kann Dir nicht mehr verſchweigen, meine liebe Su⸗ ſanne, daß ich ein Werkzeug des Lord Oberrichters bin, oder wenigſtens, daß ich es ſo eben noch war. Als ſolches habe ich über die Mittel nachdenken müſſen, um zu den Verſchwörern zu gelangen, welche den König Jacob II. vom Throne zu ſtürzen ſuchen. Da ich mich weigerte, mich nach Holland zu begeben, weil ich in London bleiben wollte, um über Dir zu wachen, ſo habe ich hier zu machen geſucht, was ich dort ge⸗ than haben würde, um die Pläne, Projecte und ſo zu ſagen den täglichen Fortſchritt der Verſchwörung kennen zu lernen, deren nomineller Anführer der Herzog von Monmouth, deren wirklicher Anführer aber Sir Charles Murray iſt. Ich gedachte mich mit dieſem Letzteren bekannt zu machen, ſein Vertrauen zu gewinnen und mir bei ihm eine reichlich fließende Quelle koſtbarer Aufſchlüſſe zu eröffnen. Alles dies war mit Lord Jeffreys beſprochen und um alle Hinderniſſe, die mir in den Weg treten könnten, zu beſeitigen, hatte der Oberrichter ſogar auf mein Verlangen den alten William, einen Diener, von welchem nicht geſehen zu werden, ich ein Intereſſe daran habe, feſtnehmen und nach Newgate bringen laſſen. Bald er⸗ fuhr ich, daß Percy Kirke ſich ſterblich in Miß Murray ver⸗ liebt und um ihre Hand angehalten habe. Sein wohlbekann⸗ ter Ruf als ein Menſch, der weder Gott noch den Teufel fürchtet, die politiſche Partei, der er diente, ſeine freundſchaft⸗ 138 lichen BeziehungenzuJeffreys— alles dies machte ihn in den Augen des Puritaners Murray zu einem unmöglichen Schwiegerſohn. Und übrigens hatte die junge Dame einen ſchönen Geliebten, mit dem ſie ſogar ſchon verlobt und in den ſie ganz vernarrt war. Percy Kirke ward daher zurückgewieſen, trotz der Rath⸗ ſchläge John Wildman's, meines politiſchen Freundes und Collegen, nur mit dem Unterſchiede, daß er es aufrichtig zu meinen ſcheint. Sir Charles Murray aber, der auf den jungen Henry Lisle gezählt hatte, um ihn zum Gatten ſeiner Tochter zu machen, mußte bald auf dieſe liebgewonnene Idee verzich⸗ ten. Dennoch aber mußte die ſchöne Lucy einen Mann bekom⸗ men— mochte es koſten was es wollte. Percy Kirke kam wieder. Er war mittlerweile zum Generalmajor der engliſchen Armee befördert worden. Der unbeugſame Puritaner fühlte ſich jetzt weit freundlicher gegen ihn geſtimmt, die junge Dame überlegte klüglich, daß ſie bei der Wahl eines Gatten nicht zu ſchwierig ſeyn und nicht allzuviel Anſprüche machen dürfe, und willigte endlich, weil ſich nichts Beſſeres darbot, in Percy Kirke's hartnäckig wiederholtes Geſuch. Nun kam ich auf den Gedanken, dieſes ganze Glück eines Menſchen, den ich haſſe, über den Haufen zu werfen und ich beſchloß, es dahin zu brin⸗ gen, daß er mit Schimpf und Schande aus Sir Charles Mur⸗ ray’s Hauſe gejagt würde.« „Dann,* unterbrach ihn Suſanne,„haſt Du alſo wirk⸗ lich ein ſicheres, untrügliches Mittel in deiner Macht dieſe Hei⸗ rath rückgängig zu machen, ſobald Du nur willſt?⸗ 8 »Du haſt es geſagt, meine Schweſter; ein ſicheres. untrügliches Mittel, welches ich mich aber wohl hüten werde in Anwendung zu bringen. Er möge heirathen! Er möge hei⸗ rathen! Eben aus dieſer Heirath ſoll unſere furchtbare, herr⸗ 139 liche vollſtändige Rache hervorgehen!« rief Fitzgerald, indem er ſich erhob und mit großen Schritten in dem Zimmer auf⸗ und abging. Suſanne that ſich Gewalt an, um das Schweigen zu be⸗ wahren. Es gelang ihr ſich zu bezwingen und mit anſcheinender Ruhe ſagte ſie zu ihrem Bruder: „Sprich weiter, mein Freund, und ſage mir, wie und warum Du den Generalmajor geſchont haſt?« »Geſchont, Suſanne?— Geſchont, ich, ich habe den Generalmajor Kirke geſchont?« ſagte Fitzgerald entrüſtet. »Das iſt nicht gut, was Du da ſagſt, meine Schweſter, denn⸗ es iſt als ob Du mir ins Geſicht ſagteſt, ich ſey ein Feigling und ein Nichtswürdiger!« „Ich ſehe in der That nicht ein, warum Du Dich ſo erzürnſt, Bruder,“ entgegnete Suſanne in ſanftem Tone. „»Wenn irgend etwas fern von meinen Gedanken iſt, ſo iſt es die Abſicht, Dir auch nur den mindeſten Kummer zu verur⸗ ſachen!— Laſſen wir das Wort»geſchont«, ſage mir, warum Du Dich anders beſonnen haſt.« „»Geſtern Abends begab ich mich zu Sir Charles Mur⸗ ray, dem ich durch John Wildman vorgeſtellt werden ſollte, als dieſer, mich für einen dem Herzog von Momnouth mit Leib und Seele ergebenen Agenten haltend, mir ein Geheim⸗ niß vertraute, ein ſehr wichtiges Geheimniß, wie Du ſehen wirſt. John Wildman ſagte mir, der Generalmajor habe nicht ohne Bedingungen das erhalten, was er geſucht. Dieſe Be⸗ dingungen aber ſicherten das Gelingen von Monmouth's Un⸗ ternehmen und folglich auch das der Revolution welche Ja⸗ cob II. vom Throne ſtoßen ſoll. Anfangs ſprach er ſich nicht 140 deutlich aus, bald aber hielt er, überzeugt durch meine Be⸗ theuerungen, ganz beſonders aber durch die genaue Kenntniß, die ich von den geringſten Einzelnheiten des Unternehmens an den Tag legte, mich für eine Hauptperſon bei der beabſichtig⸗ ten Schilderhebung und ſagte mir in gedämpftem Tone, daß dieſes ſeit einiger Zeit ſo gefährdete Project ſo eben einen ſehr mächtigen Bundesgenoſſen erworben habe. Der Generalmajor Kirke,« ſetzte er hinzu,„wird bei dem erſten Zuſammenſtoß der königlichen Truppen mit Monmouth's Soldaten und dem bewaffneten Volk die furchtbaren, kürzlich erſt von Tanger zu⸗ rückgekehrten Banden auf die Seite der Inſurgenten hinüber⸗ führen und auf dieſe Weiſe kann der Sieg unſern Fahnen nicht entgehen. Begreifſt Du, Suſanne, begreifſt Du den Nutzen, der aus einer ſo unerwarteten Enthüllung zu zie⸗ hen war?« Fitzgerald ſchwieg und ſah ſeine Schweſter an, um die Wirkung zu beobachten, welche ſeine Worte auf ſie äußerten. Suſanne war ruhig, faſt gleichgiltig geblieben. »Wohlan,« fuhr Fitzgerald fort,„an deiner Miene ſehe ich, daß Du mich nicht verſtanden haſt. Ich werde Dir daher meine Gedanken und Pläne auseinanderſetzen. Ich ging zu Charles Murray in der feſten Abſicht, die Vermälung Percy Kirke's mit Miß Lucy zu hintertreiben. Das Geheimniß aber, welches Wildman mir anvertraute, bewog mich plötzlich, dieſe kleinliche Rache zu verſchmähen, um eine andere zu ver⸗ folgen, die meines Haſſes gegen Jeffreys, gegen Chiffinch und gegen Kirke würdig iſt. Höre mich aufmerkſam an, Suſanne, denn auch Du wirſt bei der Ausführung dieſes Projects deine Rolle ſpielen. Uebrigens iſt die Sache ſehr einfach und leicht zu begreifen. Kirke will alſo Jacob II. verrathen, aber dieſer — — 141 Verrath kann nicht vereinzelt bleiben; er kann nicht in einem einzigen Menſchen exiſtiren. Der, welcher ihm ſeine Thür öff⸗ net, muß Mitſchuldige haben. Der Generalmajor wird deren folglich auch haben. Seine intimſten Freunde unter den Offi⸗ zieren, welche die Regimenter von Tanger commandiren, wer⸗ den von ihm aufgefordert und bearbeitet werden. Dann wird es ſich darum handeln, zu gelegener Zeit den Arm auszuſtre⸗ cken und in dieſes Neſt von Verſchworenen hineinzufahren, ſie feſtzunehmen und einzeln zu verhören—« »Ja,“ ſagte Suſanne, indem ſie ihren Bruder unter⸗ brach,»ich verſtehe, daß Du auf dieſe Weiſe den Generalma⸗ jor in deiner Gewalt haſt und daß er, wenn er das Tribunal, vor welches Du ihn ſtellſt, verläßt, nur noch in die Hände des Henkers fallen kann— aber Jeffreys! aber Chiffinch! Was vermagſt Du denn gegen dieſe?« »Jeffreys, Chiffinch und Kirke bilden— Du weißt dies beſſer als irgend Jemand— unter ſich ein ſogenanntes Trium⸗ virat. Glaubſt Du denn, daß os ſehr ſchwer ſeyn würde, den Oberrichter und den Pagen zu den Mitſchuldigen des Solda⸗ ten zu machen? Ich mache mich anheiſchig, dieſe Mitſchuld— nicht blos die moraliſche, ſondern auch die factiſche Mitſchuld — bis zur Evidenz nachzuweiſen. Ich ſage Dir nochmals, daß ich dieſen Theil der Aufgabe auf mich nehme. Allerdings zähle ich dabei ein wenig auf deinen Beiſtand. Eine Perſon, welche Chiffinch zu ſeiner Maitreſſe hat machen wollen— der er ſein Vertrauen geſchenkt— die mit ihm und dem Ober⸗ richter in der Taverne»zur rothen Kuh“« ſoupirt— dieſe Perſon muß ganz gewiß viele Geheimniſſe beſitzen. Und ihre Ausſagen vor der Behörde—« »Fitzgerald, jetzt verſtehe ich. Zähle aber in Bezug auf 142 die Rolle, welche Du mir da zuweiſeſt, nicht auf mich— ich werde ſie nicht zu ſpielen verſtehen.«⸗ »Du verweigerſt mir alſo deinen Beiſtand, Suſanne?« »Ja, Fitzgerald, aber glaube nicht, daß es aus Feigheit des Herzens, aus Schwäche des Kopfes geſchieht. Ich ver⸗ ſtehe, daß man, gleichviel auf welchem Wege, eine Rache zu erreichen ſucht, welche ſo rechtmäßig iſt, wie die unſere. Aber ich kann Dir nicht folgen, weder auf dem Wege, den Du ein⸗ ſchlägſt, noch in der Sache ſelbſt, von welcher Du ſprichſt.« »Warum nicht?« »Erſtens weil Du dieſer Rache entſagen wirſt.« »O was das betrifft, ſo wird es nicht geſchehen. Ich werde ſie mit Dir oder ohne Dich verfolgen, aber ich werde ſie verfolgen.⸗ »Ich ſage Dir aber, daß Du darauf verzichten wirſt.« »Willſt Du mir dieſe Räthſel erklären, Suſanne?« »Du wirſt, ſage ich, dieſer umfaſſenden Rache entſagen, weil ſchon die Grundlage, auf welche Du ſie ſtellteſt, Dir ent⸗ gehen wird.« »Wie, hat Kirke nicht die förmliche Abſicht, Jacob II. zu verrathen? Und gehen Kirke's Abſichten nicht ſtets in Tha⸗ ten über?« fragte der Irländer. Kirke hat allerdings jetzt die beſtimmte Abſicht, ſeinen König zu verrathen, und dennoch wird er morgen bereit ſeyn, ihm mit dem ganzen Ungeſtüm und der ganzen Tapferkeit zu dienen, welche ihn characteriſiren.« »Ha, dann weißt Du alſo mehr als ich, liebe Suſanne,« ſagte Fitzgerald, indem er die Unruhe, welche die Sicherheit ſeiner Schweſter in ihm erweckte, hinter einem ſpöttiſchen Lä⸗ cheln zu verbergen ſuchte. 143 »Nein, nein,« ſagte die Irländerin in entſchloſſenem Tone,»„der Generalmajor Kirke wird ſeine Lämmer nicht zu der Partei Monmouth's hinüberführen.“ »Und der Grund deiner Prophezeiung, meine liebe Prophetin?« »Er wird kein Intereſſe dabei haben, es zu thun.« » Und ſeine Liebe zu Luch? Und ſein Wort, welches er Murray gegeben?« »Seine Liebe zu Lucy wird Haß und Wuth geworden ſeyn Was ſein Wort betrifft, ſo wird es ihm zurückgegeben werden. Du ſchweigſt, Fitzgerald, und fragſt mich nicht mehr. Weißt Du warum dies Alles geſchehen wird? Weil morgen Vormittag der Generalmajor mit Schimpf und Schande aus Sir Charles Murray's Hauſe vertrieben werden wird.« »Es gibt außer mir Niemanden auf der ganzen Welt, der die Macht hätte dies zu bewirken.« »Auch rechne ich deshalb auf Dich.« »Du thuſt Unrecht, Suſanne, Du thuſt Unrecht, auf mich zu rechnen. Auf eine ſo wunderliche Laune werde ich niemals eingehen und wegen einer ſo kleinlichen Rache meine Pläne durchaus nicht ändern.« „Es iſt hier weder von einer Laune noch von Rache die Rede, Fitzgerald, ſondern von einer Sühne!« ſagte Su⸗ ſanne in feierlichem Tone.»Höre mich an, mein Bruder. Du haſt den Vater des Lord Henry Lisle umgebracht.« Bei dieſen Worten entrang ſich ein dumpfes Aechzen der Bruſt des Irländers, welcher vor Suſannens Geberde und Wort die Augen niederſchlug. »Ich mache Dir keinen Vorwurf, Fitzgerald. Ich habe kein Recht, Dir einen zu machen.— Laß mich aber weiter 144 ſprechen, ohne mich zu unterbrechen. Du haſt Lord Henry Lisle’'s Vater umgebracht. Wohlan, ich liebe den Sohn deines Schlachtopfers— ich liebe ihn mit unermeßlicher Liebe. Ehe ich dein Verbrechen kannte, wollte ich Lucy, Henry's Verlobte, in Kirke's Arme ſchleudern. Es war ein unermeß⸗ licher Schmerz, den ich dem Manne, welchen ich liebe, bereiten wollte, aber ein nothwendiger Schmerz, der ihn von ſeiner Liebe zu Lucy heilen und ihn zu mir führen ſollte. Uebri⸗ gens gab auch meine Eiferſucht mir dieſen Rath. Heute aber kann von all' dieſem nichts mehr ſtattfinden. Ich bringe mein Herz zum Opfer dar. Ich weiß wohl, was ich leiden werde. Der Schmerz, Henry eines Tages Lucy den Vorzug vor mir geben zu ſehen, wird mich ſehr unglücklich machen. Wenig⸗ ſtens aber wird der Mann, den Du ſo grauſam in ſeinem Vater getroffen, nicht auch noch in ſeiner Geliebten getroffen werden. Nicht damit er ſich ihr einſt vermäle, bewahre ich ſie ihm rein. Ich hoffe, daß ſie niemals ſein Weib werden wird. Aber ich will nicht, daß er die furchtbare Marter er⸗ dulde, ſie in den Armen ſeines Feindes zu wiſſen Mein Ver⸗ halten, Fitzgerald, wird die Sühne deines Verbrechens ſeyn. Sage mir, mein Bruder, nicht wahr, Du willſt nicht, daß ich ſterbe? Und ich fühle es, ich werde ſterben, wenn Kirke dem armen Henry einen ſolchen Schmerz bereitet. Du ſiehſt alſo ein, es iſt nothwendig, daß Du dieſes Heirathsbündniß ver⸗ eitelſt.«* »Suſanne, liebe Schweſter, was verlangſt Du da von mir?« 4 »Ich will deine Reue beſchwichtigen und mich ſelbſt vor dieſem Gefühle bewahren.* »Ich kann nicht zu Sir Charles Murray gehen—« „»Warum nicht?« »Der Generalmajor könnte mir dort begegnen.« »Nun, und?« »Ich mag ihn in dieſem Augenblicke nicht ſehen,« mur⸗ melte Fitzgerald. »Aber von welchem untrüglichen Mittel ſprichſt Du? Kann ich vielleicht an deiner Stelle gehen?« »Ja— doch noch eia letztes Wort, Suſanne— ge⸗ liebte Schweſter— iſt dein Entſchluß unwiderruflich?« »„Ja, Fitzgerald.“« »Wohlan, Du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn, meine Schweſter. Auf morgen!« »Auf morgen, Fitzgerald!« XVI. Der Schimpf. London beſaß zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, noch nicht jenen Wald von Schornſteinen, welche ih⸗ ren dichten ſchwarzen Steinkohlenrauch fortwährend in die Atmoſphäre emporſteigen laſſen, ſo daß derſelbe gleichſam ein feſtes finſteres Gewölbe über der unermeßlichen Stadt bildet, die dadurch gewiſſermaßen in einen finſtern feuchten und kal⸗ ten Keller verwandelt wird. Die Maiſonne war glänzend und heiter über der Stadt aufgegangen und ſollte zwei ſehr verſchiedene Feierlichkeiten beleuchten: die Eröffnung des Parlamentes durch Jacob II. und die Vermälung des Generalmajors Kirke mit Miß Lucy Der Tiger von Tanger III. 10 146 Murray, die in der Kirche von Weſtminſter vollzogen wer⸗ den ſollte. Man traf daher in Whitehall, in den Gemächern Ja⸗ cobs II., eben ſo wie in Soho Fields, in Murray's Wohnung, die nöthigen Anſtalten für die Aufgabe, welche ein Jeder an dieſem Tage zu erfüllen hatte. Während Chiffinch in dem Zimmer des Königs die Staatsgewänder zurechtlegte, beantwortete er die Fragen ſei⸗ nes Herrn und bekämpfte auf geſchickte Weiſe mehr als Einen ernſten Einwurf. und wendete mehr als Eine Gefahr von ſei⸗ nen beiden Mitverſchworenen ab. »Alſo,« wiederholte der König zum zwanzigſten Male, »alſo heute führt er dieſen Meiſterſtreich aus?« »„Ja, Sire,« antwortete Chiffinch,„ja, Ew. Majeſtät hat erlaubt, daß dieſe Heirath vollzogen werde.« „Erlaubt?— erlaubt?— ja, aber Du weißt, unter welcher Bedingung.“ »„Der Generalmajor wird ſie halten, Sire. Ew. Maje⸗ ſtät kann davon überzeugt ſeyn. Er hat es mir auf ſeine Ehre geſchworen, und er iſt ein Mann, der ſeinem Schwur niemals untreu geworden iſt.« »O, in dieſer Beziehung,« murmelte der König in är⸗ gerlichem Tone,»in dieſer Beziehung iſt mein Entſchluß ge⸗ faßt. Wenn Percy Kirke die kleine Ketzerin, die er zur Frau nimmt, nicht binnen hier und drei Monaten bekehrt hat, ſo ſetze ich ihn ab— ja, dann ſetze ich ihn ab.« 3 „Zu dieſem äußerſten Mittel wird Ew. Majeſtät nicht zu ſchreiten brauchen. Ihr kennet die religiöſen Grundſätze des Generals Kirke.« t 147 »Du haſt ihm doch geſagt, Chiffinch, daß er ſich in Ci⸗ vilkleidung trauen laſſen ſoll? Ich will nicht, daß er in Uni⸗ form in Weſtminſter erſcheine. Was würde man ſagen, wenn man einen der höͤheren Offiziere meiner Armee die Tochter eines Murray in der Uniform ſeines Ranges heirathen ſähe? Es liegt mir ſehr viel daran, dieſes öffentliche Aergerniß zu vermeiden— es liegt mir ſehr viel daran, das merke Dir.« „»Der General wird eure Befehle nicht übertreten, Sire.« „»Du magſt ſagen, was Du willſt, Chiffinch, Du magſt ſagen, was Du willſt, ich ſehe dieſe Heirath durchaus nicht gern— nein, ich ſehe ſie in der That durchaus nicht gern⸗ Bedenke doch, daß Percy Kirke ſich jetzt, am Vorabende eines Feldzugs, vermälen will, und mit wem?— mit der Toch⸗ ter eines der thätigſten Verſchwörer, welche die Waffen ge⸗ gen meinen Thron ergreifen wollen!— Er komme nur nicht etwa um die Begnadigung des alten Puritaners von mir zu verlangen! Damit komme er mir ja nicht! Ich begreife in der That nicht, warum Jeffreys, ſein Jugendfreund, und welcher Einfluß auf ihn haben muß, ihn nicht abgehalten hat, eine ſolche Thorheit zu begehen.— Nein, ich begreife es wirklich nicht.« „Sire, der Generalmajor iſt nicht der Mann, den man abhalten kann etwas zu thun, was er ſich einmal in den Kopf geſetzt hat.« »Gut, gut, Du wirſt nicht vergeſſen, daß ich Jeffreys für Kirke’s Benehmen verantwortlich mache. Und auch Du, der Du ſie Beide ſo eifrig vertheidigſt, auch Dich mache ich verantwortlich für Alles, was Schlimmes in Folge dieſer 148 Heirath geſchehen kann. Ja, ich mache Dich dafür verant⸗ wortlich.« „»Dieſe Verantwortlichkeit nehme ich an, Sire. Aber ich laufe keine große Gefahr dabei. Ich bin im Gegentheile über⸗ zeugt, daß Ew. Majeſtät mit Ihrem Oberrichter und Ihrem Generalmajor zufrieden ſeyn wird, und wage zu boffen, Ihr werdet einen Blick der Güte auf mich fallen laſſen, der ich Euch dieſe beiden Diener nach eurem Herzen verſchafft habe.« „Gott höre Dich, Chiffinch!— Jetzt kleide mich an, damit ich dieſes Parlament eröffne, welches ich lieber zu allen Teufeln wünſchen möchte— ja, ja, zu allen Teufeln!« »Aber dennoch hat Ew. Majeſtät kaum Grund, ſich zu beklagen. Die Wähler haben Männer geſchickt, die Euch voll⸗ ſtändig ergeben ſind.« „Ja, ja, ich weiß, daß, wenn man einige wenige in Ab⸗ zug bringt, alle Andern. das heißt neun Zehntel der Parla⸗ mentsmitglieder, ganz vortreffliche Leute ſind. Ich weiß, wenn ich ſie ſelbſt zu wählen gehabt hätte, ſo hätte ich nicht beſſer thun können, aber deswegen bilden ſie nicht weniger ein Par⸗ lament. Und das Wort iſt eben ſo verhaßt, wie die Sache ſelbſt. Laſſen wir nur erſt Kirke dieſen Monmouth und ſeine Mitſchuldigen zermalmen, dann werden wir ſehen, was wir mit dieſen Parlamenten anzufangen haben, ja wir werden ſehen, was wir damit anzufangen haben. Mittlerweile kann ich ihnen doch heute ſchon eine gute Nachricht mittheilen— eine ſehr gute Nachricht, über welche ſich gleichwohl nicht alle freuen werden. Ich werde Ihnen ſagen, daß Argyle geſchlagen und gefangen iſt. Wann werde ich ihnen auch melden konnen daß Monmouth gefangen iſt?« 4 149 »Das wird bald geſchehen,« antwortete Chiffinch,„denn Gott hat beſchloſſen, Ew. Majeſtät eine glorreiche, glänzende und lange Regierung zu geben.« »Mein guter Chiffinch, ich danke Dir für deine Wünſche, denn ich ſehe darin weiter nichts als Wünſche. Dennoch aber hoffe ich, daß ſie in Erfüllung gehen werden, ich möchte Dich gern dafür belohnen können. Aber ich bin arm, Chiffinch, ich bin arm, das weißt Du. Das ganze Geld, welches Du bei Corniſh erhoben, iſt ſchon ausgegeben. Ich habe die Wähler bezahlen müſſen, die mir mein liebes Parlament ſo ganz nach meinem Sinne zuſammengeſetzt haben. Ich werde jedoch nicht immer arm ſeyn, Chiffinch, und ſpäter, Chiffinch, ſpäter ſollſt Du nichts einbüßen, daß Du gewartet haſt.“ „»Ich verlange nur Eins— das Wohl des Königs, mei⸗ nes Herrn, und das Glück, Eurer Majeſtät zu dienen, genügt „mir,« ſagte der Page, indem er ſich bemühte, ſeinen Zügen den Ausdruck der unbedingteſten Treue und Aufrichtigkeit zu geben.“ Jacob II., der keine große Luſt hatte, lange bei dem Capitel der von Chiffinch verdienten Belohnung zu verweilen, beeilte ſich das Geſpräch auf etwas Anderes zu bringen. »„Haſt Du,« ſagte er,»Lord Henry Lisle, meinen Garde⸗ lieutenant, in Kenntniß geſetzt, daß er ſich heute Abend zu mir zu verfügen habe?« „Ja, Sire.« 2 »Er wird nicht darauf gefaßt ſeyn, nicht wahr?« ſetzte Jacob II. mit einem zweideutigen Lächeln hinzu.»Er wird auf die kleine Ueberraſchung nicht gefaßt ſeyn, welche ich ihm bereite. Was ſagſt Du dazu, Chiffinch?« 150 »Es möchte für ihn ſchwer ſeyn, ſie zu errathen, Sire.⸗ »Ich muß geſtehen, Chiffinch, Du haſt oft ſehr gute Ideen— ja, ſehr gute Ideen. Die zum Beiſpiel, welche Lord Henry Lisle betrifft, iſt ganz vortrefflich— ja ganz vor⸗ trefflich.« Während der König ſo mit ſeinem erſten Pagen plau⸗ derte, hatte Luey— nachdem ſie vor dem Crucifix ihrer Mut⸗ ter ihre Seele zum Himmel erhoben und Gott angefleht, das freiwillige Opfer ihres Glückes anzunehmen, ſich weiß geklei⸗ det und in das Empfangszimmer oder den Salon begeben, wo ihr Vater ſich bald ebenfalls einfinden ſollte. Es war verabredet, daß ſie hier mit Wildman und eini⸗ gen Freunden der Familie Percy Kirke's Ankunft erwarten ſollten, um ſich dann, wenn alle beiſammen wären, in die Kirche von Weſtminſter zu begeben, um zur Trauungscere⸗ monie zu ſchreiten. Während Luchy ſo ihren Vater, die Freunde ihres Vaters und den Mann erwartete, der ihr Gatte werden ſollte, ſetzte ſie ſich an ein offenes Fenſter, vor welchem die großen Bäume des Gartens ihre von einem leichten Winde bewegten Gipfel hin⸗ und herſchaukelten. Wie an dem Tage, an welchem in demſelben Zimmer Henry und ſie ihre Schwüre ausgetauſcht, ließ die Sonne helle Strahlen durch das Laubwerk fallen, die Vögel ſangen ihre Liebeslieder, die Blumen ließen ihren durch den Maihauch erwärmten Wohlgeruch in die Luft emporſtei⸗ gen, aber alle dieſe Schönheiten der jungen Natur vermoch⸗ ten auf Lucy keinen Eindruck zu machen. Bleich, ſtarr und unbeweglich wie eine Figur von weißem Wachs ſah und hörte ſie nicht die Poeſie, welche rings um ſie her glänzte, rauſchte und duftete. 151 Es iſt aber leichter, den verlockenden Rufen der Natur zu entrinnen, als der Zudringlichkeit der Menſchen, und die arme Lucy ſollte dies erfahren. Ganz in ihre düſteren Gedan⸗ ken verſunken, hatte ſie nicht bemerkt, daß Jemand in den Salon eingetreten war und ſich ihr genähert hatte. „Ich bitte, Miß Murray, meine ehrerbietigſten Huldi⸗ gungen anzunehmen!s« ſagte eine Stimme, deren ſonderbarer Ton auf den Lippen des Ernſthafteſten ein Lächeln hervorge⸗ rufen haben würde. Lucy drehte ſich raſch herum und ſah den Poeten Corn⸗ well neben ſich ſtehen, der einige Wochen vorher durch ihre Vermittlung von dem Pranger erlöſt worden. „Miß Lucy Murray,“« fuhr der ſeltſame Menſch fort, „Horaz ſagt, die Dankbarkeit ſey eine Tugend, welche den Göttern angenehm iſt, und ſie iſt es, die ich mit der größten Sorgfalt in meinem Herzen cultivire. Ich komme, um Euch an dieſem feierlichen Tage die heißen Wünſche darzubringen, welche ich für euer Glück hege. Aber wie traurig iſt euer Antlitz— o traurig wie das des Lord Henry Lisle!« Lucy, welche den armen Dichter bis jetzt aus reiner Gutmüthigkeit ertragen, lieh ihm bei dieſen letzten Worten plötzliche Aufmerkſamkeit. Dennoch richtete ſie keine einzige Frage an ihn. Ihre plötzliche Bewegung aber war dem ma⸗ gern Dichter nicht entgangen. „Ja, ja,« hob er an, v»er iſt ſehr traurig, o, traurig bis zum Tode, der gute Lord Lisle. Ich habe ihn vor kaum einer Stunde verlaſſen. Ich wußte, daß Ihr Euch vermälen wolltet, geehrte Miß Lucy, und man hatte mir geſagt, daß es mit Lord Henry wäre. Dieſe Nachricht hatte mein Herz 4* * 152 erfreut. Außer der Dankbarkeit, die ich Euch ſchulde, und dem Vergnügen, welches ich demzufolge über Alles empfinde, was Euch Frohes und Glückliches begegnet, lag auch in dieſer Vermälung eines jungen Mannes und einer Jungfrau, Beide von ſo vollendeter Schönheit und ſo tugendhaftem Gemüth und edlem Charakter, wie Ihr und Lord Lisle, es lag darin, ſage ich, ein bewunderungswürdiges poetiſches Thema. Das begeiſterte, anmuthige, zärtliche und feierliche Epithalamium entſtand ganz von ſelbſt in meinem Kopfe und entquoll von ſelbſt meinen Lippen. Ich begann daher ein Epithalamium zu ſchreiben. Hier iſt es: Epithalamium auf Lucy und Henry. Denkt Euch nur, Miß Lucy Murray, daß ich im Begriff ſtand, es Lord Henry Lisle vorzuleſen. Er fiel mir aber ſogleich in das Wort und ſagte:„Für mich ſchreibe ein Sterbelied, mein Freund, denn ich werde das Leben nicht lange mehr ertragen. Was dein Hochzeitgedicht betrifft, ſo fürchte ich, daß Du es nicht einmal dadurch verwenden kannſt, daß Du ſtatt meines Namens den des Generals Kirke hineinſetzeſt, denn er iſt es, welcher heute ſich mit Lucy zu vermälen gedenkt, er möge es aber erſt thun, wenn ich ihn nicht umbringe!« »Mein Gott! was ſagt Ihr da, Mr. Cornwell?« rief Lucy, indem ſie auf einen Stuhl niederſank. »Wenn der Generalmajor Percy Kirke die Herausfor⸗ derung des Lord Lisle angenommen hat, ſo müſſen ſie in die⸗ ſem Augenblicke beſchäftigt ſeyn, einander die Kehle abzuſchnei⸗ den. Aengſtet Euch nicht ſo, geehrte Dame, bedenket vielmehr, daß es eine Ausſicht auf Rettung iſt, welche ſich Euch zeigt, denn ich habe ſogleich begriffen, daß Ihr den General nicht liebt. Freilich iſt dies ſehr ſchade, denn ich brauchte in der That nur den Namen Henry's mit dem Namen Kirke zu ver⸗ „ 1 — „———— — —,—,——, 153 tauſchen und mein Epithalamium köunte dann ſeinen Zweck ganz gut erfüllen. Höret mir einen Augenblick lang zu, es wird Euch zerſtreuen. Die Poeſie iſt dazu geſchaffen, kranke Gemüther aufzuheitern. Ihr wißt, welche Dienſte David dem König Saul in dieſer Beziehung leiſtete. Seht dieſe pracht⸗ volle Ode, welche mein Freund Dryden ſoeben auf das Ale⸗ xanderfeſt gedichtet hat und welche ganz London in dieſem Augenblicke ſchon auswendig weiß. Ich beginne gerade ſo wie Catull in ſeinem Epithalamium auf Julia und Mallius. Höret an: „»Du, der Du den Helikon bewohneſt, o Sohn Uranias, Du, der die zarte Jungfrau dem Gatten zugeführt, o Hymen Hymenäus, bekränze deine Stirn mit den Blüthen des dufti⸗ gen Majorans, nimm deinen feuerfarbenen Schleier; komm freudig herbeigeeilt mit deinen ſchneeweißen Füßen und den goldenen Sandalen—« Cornwell wollte unerbittlich weiter declamiren und Lucy, die ſchmerzlich mit dem Gedanken an die Nachricht von dem Duell Henry Lisle's mit Kirke beſchäftigt war, würde noch lange jenes verworrene Getöſe um ſich herum haben ſummen hören, welches die Verſe in dem Ohr erzeugen, wenn die Seele wo anders iſt, wenn Murray nicht durch ſeinen Eintritt den Poeten unterbrochen hätte. Er war von Wildman und dreien ſeiner Verwandten, angeſehenen Kaufleuten der Stadt London, begleitet. Der alte Puritaner ſchritt auf ſeine Tochter zu und drückte ihr liebreich die Hand, ohne das Schweigen zu brechen. Er fühlte, daß es keine Worte gab, um die Gefühle auszu⸗ drücken, welche in dieſem Augenblick die Seele Lucy's und die ſeinige bewegten. 154 Die vier Freunde, welche mit ihm eingetreten waren, begrüßten nach der Reihe die junge Dame und richteten an ſie jenes altherkömmliche Compliment, welches man jedem jungen Mädchen macht, welches im Begriff ſteht, ſich mit einem Mann von Ruf zu vermälen. Nur Wildman ſagte ganz leiſe zu ihr: »Das iſt ſchön, was Ihr heute thut, Miß Lucy. Gehet muthig bis an's Ende, Gott und euer Vaterland werden es Euch vergelten.“* Lucy hörte dieſe Worte mit geſenkten Blicken an und antwortete nicht. Ihre ganze Aufmerkſamkeit ſchien ſeit einem Augenblick ſich auf die Thür zu concentriren. Sie wendete unaufhörlich ihre Blicke darauf und zitterte unwillkürlich ſchon bei dem Ge⸗ danken, ſie ſich öffnen und Kirke eintreten zu ſehen. »Mein Gott! mein Gott!« ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„wenn dieſer Mann kommt, ſo wird er Henry getödtet haben. Und ich muß dann meine Hand in die ſeine legen— in die ſeine, von welcher er kaum erſt Henry's Blut abgewaſchen haben wird. O mein Gott, ich hatte Dich gebeten, die Prü⸗ fungen, welche Du mir ſchickeſt, nach meinen Kräften zu be⸗ meſſen. Ach leider fühle ich, daß ſie zu grauſam ſind und daß der Muth mir entſinken wird. Iſt wohl jemals einer Braut dieſe entſetzliche Lage beſchieden geweſen? Heiry, ich ſoll die Gottin deines Mörders werden! O mein Vater, wenn Du den neuen Streich kennteſt, welcher mich zu treffen drohet! Nein, ich kann ihn nicht davon ununterrichtet laſſen. Er wird unmöglich auf dem Vorhaben beharren, mich mit dieſem Manne zu vermälen, wenn er Henry umgebracht hat.« Lucy näherte ſich ihrem Vater und füͤhrte ihn ein wenig auf die Seite. 155 »Mein Vater,“ ſagte ſie zu ihm,»Henry ſchlägt ſich in dieſem Augenblicke mit dem Generalmajor. Ihr kennet Henry — wenn Percy Kirke den Kampfplatz verlaſſen kann, um ſich hierher zu begeben, ſo wird er Henry getoödtet oder doch wenigſtens tödtlich verwundet haben. Mein Vater, werdet Ihr auch ſeinem Mörder noch meine Hand ſchenken?« Ehe Murray noch Zeit hatte zu antworten, öffnete ſich die Thür und die Stimme eines Dieners meldete: „Der Generalmajor Percy Kirke!« Dieſer erſchien in dem Salon. Er trug elegante koſtbare Civilkleidung und hatte nicht einmal den Degen an der Seite. „Henry iſt todt! rettet mich, mein Vater!« rief Lucy, indem ſie ſich in Murray's Arme warf. Der Greis wendete ſich, indem er ſeine Tochter an ſeine Bruſt drückte, gegen Kirke und ſagte mit einer Gemüthsbewe⸗ gung, die er kaum zu beherrſchen vermochte: „»Welchen Ausgang hat der Kampf genommen, Ge⸗ neral?« „»Welcher Kampf, Sir Charles?« fragte Kirke mit er⸗ ſtaunter Miene. „Ich rede von dem Duell, welches Ihr heute Morgens mit Lord Henry Lisle gehabt.« „»Ah, Ihr wißt alſo, daß ich gefordert worden bin? Der Zweikampf hat nicht ſtattgefunden. Ich habe mich ge⸗ weigert.“« »Gott ſey gelobt!« rief John Wildman, welcher, indem er ſich hierauf zu Murray wendete, fortfuhr: „Die Stunde, uns nach Weſtminſter zu begeben, wird ſogleich ſchlagen, Sir Charles. Es iſt Zeit zu gehen,— ge⸗ hen wir.« 156 Der alte Puritaner näherte ſich ſeiner Tochter und faßte ſie zärtlich bei der Hand. »Lucy, mein Kind,“ ſagte er zu ihr in einem Tone, in welchem die Thränen des Herzens zitterten,„die Stunde des Opfers iſt da; bitte Gott, daß er Dich aufrecht erhalte bis ans Ende und vergiß niemals den erhabenen Zweck, welchen dieſes Opfer hat. Komm, meine Tochter.« Ein Diener trat in dieſem Augenblicke in den Salon und überreichte Sir Charles Murray einen Brief. »Du wirſt mir ihn ſpäter geben, mein Freund,« ſagte der Greis. »Die Ueberbringerin wartet. Sie ſagt, es ſey von der höchſten Wichtigkeit, daß Ihr dieſen Brief ſogleich leſet und zwar noch ehe Ihr das Haus verlaſſet.« »Vielleicht iſt er von Henry,« dachte Lucy, welche ihrem Vater zuflüſterte:»Leſet ihn, o ich bitte Euch, leſet ihn!« Murray erbrach das Siegel und las die folgenden Zeilen:— „»Wenn Ihr nicht noch heute Abend vor Verzweiflung ſterben, wenn Ihr nicht noch im Jenſeits ewig ein Verbrechen beweinen wollt, welches Ihr im Begriffe ſteht zu begehen, ohne es zu wiſſen, ſo laßt mich noch dieſen Augenblick einige Worte unter vier Augen mit Euch ſprechen, um Euch zu retten. Suſanne.“« „Suſanne? Wer iſt denn dieſe Suſanne?« murmelte Sir Charles Murray. „Geht, mein Vater, geht,« ſagte Lucy, welche eine unbeſtimmte Hoffnung in ſich aufdämmern fuͤhlte, leiſe zu ihm. 157 Bw„Entſchuldiget mich, Ihr Herren,“ ſagte Murray, zu der Geſellſchaft gewendet.»„Ich komme ſogleich wieder.« Der alte Puritaner verließ das Empfangszimmer, fand Suſannen in der Vorhalle und führte ſie auf ihren Wunſch in ſein Cabinet. Hier ſtellte ſich die Irländerin dem unwillkürlich ſeltſam aufgeregten Greiſe gegenüber. »Sir Charles Murray.« ſagte ſie zu ihm,„ich bin das arme Mädchen, welches Ihr am Abend des letztvergangenen erſten Februar, als Ihr den Palaſt von Whitehall verließet, ſich gegen Jeffreys und ſeine Conſtabler habt wehren ſehen. Ich bin jenes unglückliche Opfer, welches Lord Lisle gegen den Oberrichter zu vertheidigen ſuchte und für welches eure Tochter, Miß Lucy, Lord Lisle um ſeinen Schutz bat. Ich beſitze das Gedächtniß des Herzens, Sir Charles, und um mich für dieſe Wohlthaten dankbar zu bezeigen, komme ich Euch zu ſagen, daß Ihr die beabſichtigte Vermälung eurer Tochter mit dem Generalmajor Percy Kirke abbrechen müßt, wenn Ihr nicht geſonnen ſeyd, eure Tochter den Armen eines Meuchelmörders zu überliefern.« »Eines Meuchelmörders?« „Ja, eines Meuchelmörders.« „»Aber welchen Beweis habt Ihr dafür? Gebt mir den Beweis.“. „»Kennet Ihr Lord Lisle's Handſchrift?« »Wie, Henry iſt alſo im Kampfe gefallen, während Kirke doch ſo eben erklärte, er habe ſich geweigert, ſich zu ſchlagen?« „Es handelt ſich nicht um Lord Henry Lisle, ſondern 158 um deſſen Vater. Kennet Ihr die Handſchrift des in Lauſanne gefallenen Opfers?«* „Ob ich die Hand meines alten Freundes kenne, mit welchem ich mein ganzes Leben lang im Briefwechſel ge⸗ ſtanden?«— „»Nun, dann leſet dieſes da.« Mit dieſen Worten überreichte Suſanne dem alten Pu⸗ ritaner ein auseinandergefaltetes Blatt und er las mit ent⸗ ſetzter Stimme: „Der Capitän Barca iſt mein Mörder. Lord Lisle.« „Ihr wiſſet nicht, Sir Charles, und Ihr werdet mich fragen, wer dieſer Capitän Barca iſt, unter deſſen Dolche euer edler Freund gefallen iſt. Ihr würdet mir es nicht glau⸗ ben, wenn ich es Euch ſagte. Kehret daher in den Salon zu⸗ rück und richtet eure Frage an den Generalmajor Kirke.« Mit keuchender Bruſt und halb erſtickter Stimme ſtand Sir Charles Murray binnen zehn Seeunden, nachdem er Su⸗ ſannen verlaſſen, vor Kirke. „Habt Ihr jemals den Namen Barca getragen, Gene⸗ ral?« fragte er ihn. „Ja, Sir Charles.« „»Man hat Euch den Capitän Barca genannt?“ „Ich habe eure Frage ſchon beantwortet. Dieſem lako⸗ niſchen Ja füge ich hinzu, daß der Name Barca ein Beiname iſt, den meine Soldaten mir gegeben und den ich auf der Reiſe getragen, die ich nach der Aufgabe von Tanger durch Europa machte.« »Truget Ihr dieſen Beinamen auch während eurer Durchreiſe durch Lauſanne?« — e e . „Ja. »Bei Lord Lisle?« »Ja, ich habe ihn erſt bei meiner Rückkehr nach Eng⸗ land abgelegt.« »Sir,« rief Murray mit lauter Stimme und indem er mit plötzlicher und unerhörter Energie auf die Thür zeigte, „»verlaſſet augenblicklich mein Haus!« »Sir,“ ſagte Kirke mit furchtbarer Ruhe,„werdet Ihr Euch deutlicher erklären?« »Ich erkläre nichts. Ich ſage. Ihr ſollt mein Haus ver⸗ laſſen, um es nicht länger durch die Gegenwart eines Men⸗ ſchen wie Ihr, eines bluttriefenden, ſchändlichen, nichtswür⸗ digen Abenteurers zu beſudeln!« »Ha!“ rief Kirke, indem er mit der Hand nach der Seite fuhr,»„ha, Fluch über mich, ich habe meinen Degen nicht!« »Er würde Euch nichts gegen die Lakaien nützen, die Euch mit Schimpf und Schande hinauswerfen werden, wenn Ihr nicht von ſelbſt gehet. Entfernt Euch. Und wenn ich Euch nicht feſtnehmen laſſe, ſo geſchieht es, weil ich nicht die kin⸗ diſche Dummheit begehen will, dem Oberrichter Jeffreys einen ſeiner Mitſchuldigen in die Hände zu liefern. Entfernet Euch!« Kirke zuckte keine Miene. Nur ſein Auge ließ gleich dem des Tigers, der vor den Jägern zurückweicht, einen furchtba⸗ ren Blick auf die Zeugen ſeiner Schmach fallen. Ohne ein Wort zu ſprechen, ohne durch eine einzige Geberde die Wuth zu verrathen, welche in ihm kochte, entfernte er ſich ruhig, ſtolz und würdevoll. XVII. Racheſchwüre. Die Thür hatte ſich ſchon ſeit einigen Augenblicken hin⸗ 5 ter Kirke geſchloſſen, aber ſämmtliche Zeugen des ſo eben ſtattgehabten Auftrittes waren noch in ſtummes Erſtaunen verſenkt. Murray brach zuerſt das Schweigen. »O, meine Tochter!« rief er, indem er Lucy an ſein Herz drückte,»„ich bedarf deiner Verzeihung und bitte Dich zitternd darum.« „»Mein Vater, was ſagt Ihr? O redet nicht ſo!« unter⸗ brach ihn Lucy. »Ach unglückliches Kind, wenn Du wüßteſt, welchem Manne ich im Begriffe ſtand Dich in die Arme zu werfen!« Dann wendete er ſich zu Wildman und ſeinen Ver⸗ wandten. „Fragt mich nicht, meine Freunde,« fuhr er fort.»Es handelt ſich hier um ein furchtbares Geheimniß, welches ich . wenigſtens heute noch bewahren muß.⸗ „»Ich frage Euch nicht darnach, Sir Charles,« ſagte Wildman in ſchroffem Tone.„»Ich geſtehe ſogar, daß mir gar nichts daran liegt, es zu kennen. Es genügt mir zu wiſſen, daß Ihr die letzte, die einzige Hoffnung vernichtet habt, welche 1 e E 161 unſerer Partei noch übrig war. Unſerer Partei, ſagte ich? Dann nehme ich mein Wort zurück— ich gehöre nicht dazu und habe niemals dazu gehört. Ich mag nicht Mitglied einer Partei ſeyn, welche unter ihren Anführern ſo unpolitiſche Menſchen zählt, wie Ihr ſeyd. Und da mir durchaus nichts daran liegt, meinen Kopf umſonſt aufs Schaffot zu tragen, ſo ziehe ich mich zurück. Lebt wohl, meine Herren— lebt wohl, Sir Charles Murray!« Nachdem John Wildman dieſe Worte geſprochen, ent⸗ fernte er ſich. „Was mich betrifft,« rief Cornwell,„»ſo bin ich ganz erfreut über das, was ſo eben geſchehen, denn nun ſehe ich, daß mein Epithalamium ſo bleiben kann wie es iſt, und ganz gewiß werden wir es einſt noch ſingen. Wünſcht Ihr viel⸗ leicht, daß ich es Euch ſchon heute vorleſe?« Während Cornwell ſein Manuſcript aufſchlug, nahm Sir Charles Murray ſeine Tochter bei der Hand und ſagte zu ihr: „»Komm, Lucy, komm, damit wir dem Engel danken, der uns Beide rettet.« Lucy eilte, während ihr Vater nachfolgte, in das Ca⸗ binet, in welchem Suſanne einen Augenblick vorher zurückgeblie⸗ ben war. Es war Niemand mehr in dem Zimmer. Auf einem offen auf dem Schreibpult liegenden Blatt Papier ſtanden die Worte geſchrieben: „Da ich in Abſicht auf Euch nichts gethan habe, Miß Lucy, ſo kann ich euren Dank nicht empfangen und entferne mich. Mein Lohn iſt anderwärts. Wenn wir uns jemals von Angeſicht zu Angeſicht begegnen und uns ein und dasſelbe Der Tiger von Tanger. III. 11 4 ͤͤͤͤſſ ———— 162² Herz ſtreitig machen, ſo verlange ich von Euch nicht, daß Ihr Euch dann deſſen erinnern ſollt, was ich heute gethan habe. Bittet euern Vater, Lord Henry Lisle das Geheim⸗ niß, welches ich ihm anvertraut habe, zu verſchweigen. Suſanne.« Murray und Lucy ſahen, nachdem ſie geleſen hatten, einander erſtaunt an. »Wir haben keine Zeit, dieſes Geheimniß aufzuklären, meine Tochter,“« ſagte der alte Puritaner.„Wir müſſen ohne Verzug und noch dieſen Augenblick nach Taunton abreiſen. Ich werde anſpannen laſſen— beaufſichtige Du den Trans⸗ port der Sachen in den Wagen.“ Während Murray und ſeine Tochter ſich auf dieſe Weiſe anſchickten, ihr Haus in Soho Fields ſchleunigſt zu verlaſſen, hatten Kirke und Suſanne, nachdem ſie, ohne einander be⸗ merkt zu haben, herausgetreten waren, zwei verſchiedene Wege eingeſchlagen. Der Generalmajor hatte ſich zu dem Oberrichter von King's Bench begeben, und die von einem Diener angemeldete Schweſter Fitzgerald's trat in Lord Henry Lisle's Zimmer und ſah ſich dem jungen Manne gegenüber. »Beim Cupido,“« rief Jeffreys, als er Kirke in ſeinem Cabinet erſcheinen ſah,„beim Gott Cupido! Du biſt ſehr raſch, Freund Perey! Was, haſt Du die ſchne Lucy ſchon geheirathet?« b »Schweig mit dieſen ſchlechten Späßen— ſchweig!« heulte der Generalmajor. »Ha, mein Gott, was fehlt Dir denn?« rief plötzlich der Oberrichter,»ich hatte Dich nicht angeſehen. Was iſt 163 Dir denn begegnet? Noch niemals habe ich eine ſolche Bläſſe auf deinem Geſicht geſehen.« »Aber Du haſt auch noch nicht eine Schmach geſehen wie die meine! Wenn die Verdammten in der Hölle in dieſem Augenblick die Schmerzen erdulden, die ich empfinde, dann ſind ſie ſehr unglücklich!« Der Generalmajor, der ſeit ſeinem Eintritt das Cabinet des Oberrichters von King's Bench mit ſtürmiſchen Schritten gemeſſen hatte, blieb plötzlich vor ſeinem Freunde ſtehen. »Biſt Du mein Freund?« fragte er ihn plötzlich. „Ob ich dein Freund bin, Percy! Haſt Du denn Grund, daran zu zweifeln?ke »Nein, dann aber laß Murray ſofort verhaften!“ Jeffreys fuhr zuſammen und warf ſich mit dem Aus⸗ druck der größten Beſtürzung an die Lehne ſeines Seſſels zurück.. „Ich ſoll deinen Schwiegervater verhaften laſſen? Iſt das wirklich dein Ernſt, mein Freund?« „»Bei den Furien der Hölle!« rief der Soldat von Tan⸗ ger,»wird dieſe beleidigende Heiterkeit wohl ein Ende neh⸗ men, Mylord? Wollt Ihr mich zwingen, Euch mit meinen Händen zu erwürgen? Euch mit meinen Füßen zu zer⸗ treten?« »Und ich, General, frage Euch meinerſeits,“ ſagte Jeffreys, indem er ſich erhob,»ob ich Euch als einen Wahn⸗ ſinnigen, der Ihr in dieſem Augenblicke ſeyd, einſperren laſ⸗ ſen ſoll? Wenn Ihr Euch erklärt haben werdet, ſo werde ich ſehen, ob man über die Worte eines Unſinnigen zu lachen oder die eines Vernünftigen ernſthaft anzuhören hat. Redet! was wollt Ihr?« 164 „Was ich will? Habe ich es Euch nicht geſagt? Ich will, daß Ihr Sir Charles Murray feſtnehmen laßt.« „Gott verhüte, daß ich eine ſolche Thorheit begehen ſollte! Als ich ihn feſtnehmen laſſen wollte, verſtandet Ihr recht wohl, mir zu ſagen, daß ich ein Narr ſey. Ich habe der Vernunft Gehör geſchenkt. Warum wollt Ihr dies nicht ebenfalls thun?« „»Aber er iſt ein Rebell, ein Verſchwörer!« „»Nun, war er dies denn nicht ſchon, als Ihr verlang⸗ tet, daß er frei und ſicher in London bleibe?« „Aber er wird die Bevölkerung des Weſtens auf⸗ wiegeln!« „»O um ſo beſſer, tauſendmal beſſer!« „»Ich werde dem König ſagen, wie Ihr eure Pflicht er⸗ füllt.« »Nun, ſo geht doch hin— warum bleibt Ihr denn noch ſtehen? So gehet doch Whitehall iſt ja gar nicht weit! — Ha, Ihr rührt Euch immer noch nicht! Dennoch habe ich mich geweigert, euren Befehlen zu gehorchen, und Ihr er⸗ würget mich nicht mit euren Händen und Ihr zertretet mich nicht unter euren Füßen! Doch was ſehe ich? Thränen ſtehen in euern Augen, Percy!— Warum weinſt Du?— Freund, Du leideſt alſo? Du verſchweigſt mir etwas, Kirke! Die Gründe, welche Du mir angegeben, um Sir Charles Mur⸗ ray feſtnehmen zu laſſen, ſind zu kindiſch, ſie ſind Deiner un⸗ würdig? Du haſt deren noch andere, ſage ich Dir, welche Du mir verſchweigſt. Rede, mein Freund— vertraue die Urſachen deines Schmerzes deinem alten Jugendfreunde.— Was hat Murray Dir gethan?« 165 »Er hat mich aus dem Hauſe gejagt— ja, mit Schimpf und Schande aus dem Hauſe gejagt!« „Mein Gott, warum denn?« »Das weiß ich nicht.⸗ „»Wie! Er hat Dir alſo keine Erklärung darüber ge⸗ geben?« »Nein. Er hat ſich ſogar beſtimmt geweigert, mir eine ſolche zu geben. Wohlan, mein lieber Jim, weiſeſt Du meine Bitte immer noch zurück und willſt Du ihn nicht feſtnehmen laſſen?« „Der Zorn macht Dich blind, mein Freund. Glaube mir, gib dieſen unglücklichen Gedanken auf!« »Alſo Du biſt kalt und gleichgiltig gegen die Beleidigun⸗ gen, die mir angethan worden?« »Du haſt wirklich ein ſehr ſchlechtes Gedächtniß, Percy. Alſo Murray hat Dich aus dem Hauſe gejagt?— Reiche mir die Hand, Genoſſe derſelben Schmach! Hat er nicht auch mich gezwungen, das Knie vor ihm zu beugen? Und den⸗ noch habe ich, als ich ihn neulich ſchon in den Händen hatte, ihn nicht auf deine Bitte wieder laufen laſſen? Warum habe ich dies gethan? Weil er das koſtbarſte von allen Werkzeugen zu unſerm Glück iſt, und weil es unverzeihlich von uns wäre, es zu zerbrechen, ehe wir uns ſeiner bedient haben.— Ich bin geduldig und klug geweſen, ſey Du es auch, mein Freund. Was macht eine Verzögerung von einigen Tagen in einer ſolchen Angelegenheit weiter aus? Er hat Dich aus dem Hauſe gejagt, ſagſt Du? Wahrſcheinlich nicht, nachdem er Dir erſt ſeine Tochter gegeben. Wohlan, wenn ich⸗ ihn feſt⸗ nehmen laſſe, ſo entgeht Dir Lucy, denn der Vorwand, der mir geſtatten würde, ſie ebenfalls in's Gefängniß werfen zu . f, /4 Fähonen Kleider aus, 166 laſſen, iſt nicht leicht zu finden, während, wenn man ſie mit ihrem Vater abreiſen läßt, nichts leichter iſt, als Hand an ſie zu legen, ſobald die Empörung ausgebrochen ſeyn wird. Dann werde ich ſie Dir geben.« »O, ich werde ſie ſelbſt zu nehmen wiſſen!« rief Kirke, deſſen Auge von grimmiger Hoffnung funkelte. »Wohlan, ich ſehe ſchon,« ſagte Jeffreys,»Du wirſt allmälig wieder vernünftig. Ich wußte gleich, daß Du es endlich eben ſo machen würdeſt, wie ich.« »Gleichviel,« murmelte Kirke wie ſich beſinnend;„»wo⸗ her auch dieſer ſo unerwartete Schlag kommen möge, deſſen Urſache ich nicht errathen kann, ſo nehme ich heute Abend an, was ich dieſen Morgen verweigert habe. Ich fordere es ſogar. Dieſen jungen Lisle, möge er nun mit der furchtbaren Belei⸗ digung, welche mir zugefügt worden, etwas zu thun haben oder nicht, muß ich umbringen— noch heute—« »Wen willſt Du umbringen, Perch?« »Den Mann, welchen Lucy liebt, jenen jungen Garde⸗ offizier, den Sohn deines guten Freundes Lord Lisle!« „»Ah, jetzt ufſ Du deinerſeits ſcherzhaft. Ziehe dieſe mein lieber Kirke, ziehe ſie aus. Für den Dienſt, den ſie Dir geleiſtet haben, hätteſt Du beſſer ge⸗ than, das Geld, welches ſie Dich gekoſtet, zu erſparen. Geh, ziehe ſie aus, und wenn Du wieder deine Uniform angelegt haſt, ſo komm und hole mich ab, und wir wollen uns ſofort zum König begeben. Se. Majeſtät erwartet uns. Beim Her⸗ ausgehen von Whitehall kannſt Du deinen Nebenbuhler immer noch umbringen.⸗ Während Percy Kirke ſich von Jeffreys überreden ließ. richtete Lord Henry Lisle haſtige und anſcheinend unzuſam⸗ menhängende Fragen an Suſannen. Die ſchöne Irländerin hatte ſich geweigert, ſich zu ſetzen. Vor Bewegung zitternd, aber ruhig durch Willenskraft blieb ſie in beſcheidener, furcht⸗ ſamer und ehrerbietiger Haltung vor dem jungen Manne ſte⸗ hen, gleich einer Bittenden, welche Verzeihung für ein Ver⸗ brechen erflehet. Wie wenig Aehnlichkeit hatte ſie in dieſem Augenblicke mit der Suſanne von Montaguſtreet, die durch Henry's Beſuch ſo hoch erfreut, ſo wonnetrunken gemacht ward.. „Ihr kommet, um meinen Schmerz zu theilen,« ſagte Lord Lisle, als er ſie eintreten ſah.»Das iſt ſchön von Euch, Suſanne.« „»Ich komme nicht, um euren Schmerz zu theilen, My⸗ lord— wenn ich hier weiter nichts zu thun hätte, ſo wäre ich nicht gekommen, denn,« fuhr ſie die Stimme ſenkend fort, „wo wäre mein Recht, mit Euch zu weinen? Nein, Wylord, ich komme, um eurem Schmerz ein Ende zu machen, ich komme, um Euch eine große Freude zu bringen.« „Die Freudeiſt auf immer von mir gewichen, Suſanne.⸗ „»Das ſaget nicht, Mylord! Gott hat Euch nicht ver⸗ laſſen, denn er hat erlaubt, er hat gewollt, daß Miß Lucy’s Vermälung mit dem Generalmajor Kirke rückgängig gewor⸗ den iſt.« „»Suſanne! Suſanne! was ſagt Ihr da?s rief Henry, indem er auf ſie zueilte und ſie bei den Händen ergriff;„o redet, redet doch!« „Ich ſage Euch, dieſe Vermälung iſt rückgängig ge⸗ worden und wird nicht ſtattfinden— ſie kann nicht mehr ſtattfinden.⸗ 168 »Aber wie wollet Ihr, daß ich dies glaube? Woher wißt Ihr das? Wer hat es Euch geſagt?« »Ich habe Niemanden deswegen zu fragen gebraucht, Mylord. Wenn man etwas gethan hat, ſo fragt man nicht Andere, ob es gethan worden iſt!« »Wie, Suſanne? Ihr ſeyd Urſache, daß dieſe Heirath wieder rückgängig geworden iſt?« »Ja, Mylord, und ich bin auch Urſache, daß der Ge⸗ neralmajor Kirke mit Schimpf und Schande aus Sir Char⸗ les Murray's Hauſe gejagt worden iſt. Henry betrachtete Suſanne mit Augen, in welchen ſich noch ein Reſt von Zweifel mit einer Freude miſchte, welche er⸗ ſtaunt war, ſich entſtehen zu fühlen. Er wagte nicht an die Wirklichkeit des ſo unerwarteten Glückes zu glauben, welches man ihm verkündete, und dennoch wenn er nicht durch die zu⸗ rückhaltende Miene Suſannens abgehalten worden wäre, würde er in ſeiner überwallenden Dankbarkeit die Ueberbringerin der frohen Nachricht in ſeine Arme geſchloſſen haben. »Aber welches Mittel habt Ihr denn angewendet, Suſanne, um auf dieſe Weiſe den erbärmlichen Feigling zu ſtürzen, der ſich heute Morgen weigerte, ſich mit mir zu ſchlagen?« »Ein ſehr einfaches Mittel, Mylord, welches Ihr mir aber geſtatten werdet, zu verſchweigen. Fraget nicht weiter darnach, Mylord, denn es iſt mir unmöglich, mein Schwei⸗ gen hierüber zu brechen. Was das betrifft, was Ihr von der Feigheit des Generalmajors ſprecht, ſo iſt es der Zorn, der Euch dieſe Worte entlockt, Mylord. Percy Kirke hat ſich heute Morgen geweigert, mit Euch zu ſchlagen, weil er nicht euer Blut an der Hand haben wollte, die er im Begriff ſtand. 169 Miß Luchy Murray zu reichen. Seit einer Stunde aber und nachdem er aufgehört zu hoffen, eure Braut zu ſeiner Gat⸗ tin zu machen, denkt er an weiter nichts, als Euch zu tödten. Er wird Euch fordern— nun aber iſt die Reihe der Wei⸗ gerung an Euch.« »Wie, ich ſollte die Herausforderung dieſes Mannes nicht annehmen, Suſanne? Das hieße ja mich mit Schande bedecken! Vergebens würde ich zu meiner Entſchuldigung an⸗ führen, daß er meinem Vater in ſeinen letzten Augenblicken Beiſtand geleiſtet. Nein, nein, durch eine ſolche Weigerung würde ich mich ſelbſt des Rechtes berauben, einen Degen zu tragen.“ „»Der König erwartet Euch heute in Whitehall, nicht wahr, Mylord?« „Ja, Suſanne. Seine Majeſtät hat mir ſagen laſſen, ich ſolle nicht verfehlen, mich zu dem Empfange einzufinden, welcher auf die Eröffnung des Parlaments folgen wird.“ »Zur Vergeltung für das, was ich für Euch gethan, Mylord, verlange ich nur Eins, nemlich, daß Ihr, ſelbſt wenn Ihr noch in dieſem Augenblick gefordert würdet, jede feindſelige Bewegung mit dem Generalmajor vermeidet, be⸗ vor Ihr den König geſprochen habt.⸗ „Aber warum denn? Suſanne, Ihr ſcheint mehr zu wiſſen, als Ihr ſagen wollt. Sollte Chiffinch Euch vielleicht von dem Beweggrund in Kenntniß geſetzt haben, aus wel⸗ chem der König mich zu ſich rufen läßt?« „Ich muß ſchweigen, Mylord; was aber auch geſchehen möge, ſo gedenket eurer Mutter, welcher Ihr ſchon ſo große Opfer gebracht habt. Die, welche man noch von Euch ver⸗ ¹ 170 langen wird, ſind nichts im Vergleich damit.— Lebt wohl, Mylord. Denket zuweilen an Suſannen, bis zu dem Tage, wo Ihr ihr von Neuem begegnen werdet.« Die junge Irländerin entfernte ſich und Henry Lisle war wie bezaubert von der Würde, dem Adel und dem feinen Gefühl, welches ſie in dieſer Unterredung an den Tag gelegt. Nur der Gedanke an Lucy's Rettung konnte den Eindruck ſchwächen welchen Suſanne auf ihn hervorgebracht. Die Hoffnung, welche in ſein Herz zurückkehrte, konnte ihm jedoch nicht die Kraft geben, die unruhigen Gedanken zu verſcheuchen, welche der empfangene Befehl, ſich nach Whi⸗ tehall zu begeben, in ihm erweckte. »Warum will der König mich ſehen, mich ſprechen?⸗ ſagte er bei ſich ſelbſt.»Ich weiß nicht wie es kommt, aber ich habe eine ſchlimme Ahnung. Und dennoch fühle ich, daß keine Widerwärtigkeit, kein Unglück jemals groß genug wäre, um der Freude gleichzukommen, welche Suſanne mir ſo eben bereitet!— Lucy, welche ich verloren glaubte, gehört alſo nicht einem Andern— ſie kann mich noch lieben und mein Weib werden. Gott wachte, ohne daß wir es wußten, über unſerm Schwur. Er ſey geprieſen!« Eine Stunde ſpäter begegneten ſich drei Wagen in einer Straße in der Nähe von Whitehall. In einem derſelben be⸗ fanden ſich Murray und ſeine Tochter, welche London verlie⸗ ßen und in ſcharfem Trabe die nach dem Weſten führende Landſtraße gewannen; in dem zweiten ſaßen mit einander ſprechend Kirke und Jeffreys; in dem dritten befand ſich Lord Henry Lisle. Dieſe beiden letztern Wagen begaben ſich nach dem Pa⸗ laſt der Tudors, welcher jetzt die Wohnung der Stuarts ge. werde eure Stunde geduldig erwarten.“ worden, und der zwölf Jahre nach der Zeit, wo die hier von uns erzählten Ereigniſſe ſtattfanden, durch die Feuersbrunſt des Jahres 1697 faſt ganz in Aſche gelegt werden ſollte. Der Empfang, welcher an dieſem Tage in Whitehall ſtattfand, war ein ausſchließlich politiſcher. Nach dem Schluß der Eröffnungsſitzung des Parlaments hatten ſich alle JacobII. ergebenen Deputirten zu dem König verfügt. Es waren dies neun Zehntheile der Mitglieder des Unterhauſes und ziemlich alle Pairs des vereinigten Königreichs. Alle wetteiferten, Sr. Majeſtät dem König zu dem Siege Glück zu wünſchen, welchen er über den Aufſtand in Schottland davongetragen. Alle verſprachen ihm ihre thätigſte und voll⸗ ſtändigſte Mitwirkung, wenn ſich die Rebellion auch in Eng⸗ land zeigen ſollte. Während Jacob II. dieſe Ergebenheitsbetheuerungen mit ſichtlichem Wohlgefallen anhörte, war am andern Ende des umfangreichen Saales, in welchem dieſe Feierlichkeit ſtatt⸗ fand, Henry Lisle dem Generalmajor Kirke begegnet. „Ich hoffe, Mylord,“ ſagte der Letztere ſogleich in ge⸗ dämpftem Tone,„daß Ihr meine Weigerung von heute Mor⸗ gen als nicht empfangen betrachten werdet.« »Ah, Ihr habt Euch alſo anders beſonnen, General?⸗ antwortete der junge Mann mit einem Lächeln, in welchem ſich ein beleidigendes Mitleid ausſprach.»Mein Gott, ich ſtehe Euch zu Befehl. Ich habe oft gehört, daß auch der Ta⸗ pferſte ſeine ſchwachen Stunden hat. Wie es ſcheint, haben gewiſſe Naturen zu gewiſſen Augenblicken dergleichen Anwand⸗ lungen von Verzagtheit. Ich ſage Euch alſo nochmals, ich Dieſe verächtlichen Worte, welche Percy Kirke durchaus nicht erwartete, ſetzten ſein ganzes Blut in Wallung. »Nun gut, ſogleich, auf der Stelle,« ſagte er, ſich nur mit Mühe bemeiſternd.„So kommt doch, Ihr Mann, dem alle Stunden recht ſind.« Die beiden Feinde lenkten ihre Schritte ſchon nach der Thür, als ſie plötzlich durch Chiffinch aufgehalten wurden, der ſich ihnen entgegenwarf. Gleichzeitig ließ ſich die Stimme Jacobs II. beinahedicht an ihrem Ohre hören. »General⸗Lieutenant, folget mir,« ſagte der König, in⸗ dem er zugleich die Richtung nach ſeinem Cabinet einzuſchla⸗ gen begann. Kirke und Henry gehorchten.„ Dem König folgend in dem Zimmer angelangt, wo die⸗ ſer gewöhnlich arbeitete, fanden ſie hier Jeffreys der ſchon da war, während Chiffinch beinahe gleichzeitig mit ihnen eintrat. »Lieutenant,« ſagte Jacob II., indem er ſich zu Lord Lisle wendete,»ich bilde mir durchaus nicht ein, Euch etwas Neues mitzutheilen, wenn ich Euch ſage, daß die Grafſchaften des Weſtens auf dem Punkte ſtehen, eine ſtrafbare Schild⸗ erhebung gegen meine ſouveraine Autorität zu beginnen und die wahnſinnigen Anmaßungen Jacob Crofts', auch Herzog von Monmouth genannt, aufrecht zu erhalten. Nein, ich bilde mir dies durchaus nicht ein. Ich ſchicke mich an, mein Mög⸗ lichſtes zu thun, um in dem Blute der Rebellen die Feuers⸗ brunſt zu löſchen, welche ihr fluchwürdiger Wahnſinn entzün⸗ den wird. Hier ſteht der tapfere Perch Kirke, welcher mir in dieſem Falle die Stütze ſeines Armes und ſeiner Kriegserfah⸗ rung leihen will. Ich habe ihn zum Generalmajor der Trup⸗ — 173 pen ernannt, welche ich Jacob Crofts entgegenzuſenden ge⸗ denke und ich habe darauf gerechnet, Lieutenant, daß Ihr bereit ſeyn werdet, ihm als Adjutant zu dienen. Ja, ich habe auf eure Hingebung gerechnet.« »Sire, ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte Henrh ſich verneigend,„vaber—« »Hier gilt kein Aber, Mylord!« rief der König.»Ich habe beinahe eine Bitte an Euch ausgeſprochen. Das iſt ge⸗ nug. Jetzt befehle ich. Iſt Euch der ehrenvolle Poſten, den ich Euch da anweiſe, vielleicht zuwider, Mylord? Ihr habt vielleicht einen Groll gegen den Generalmajor, der beinahe eine für Euch beſtimmte junge Dame geheirathet hätte. Aber es iſt ihm nicht gelungen und Ihr ſeyd daher gegen einander quitt. Geht Ihr vielleicht mit dem Gedanken um, mir eure Entlaſſung anzubieten? Das wäre allerdings eine rühmliche That von einem treuen, eifrigen Unterthan, wenn es gilt, meinen Thron zu vertheidigen!— Uebrigens könnt Ihr ſie geben eure Entlaſſung, wenn Ihr es thun zu müſſen glaubt; gebt ſie, wenn Ihr dadurch die Vergangenheit eurer Familie wie⸗ der gut zu machen glaubt.«. „Sire,« ſagte der junge Mann, indem er den Kopf em⸗ porrichtete,»meine ganze Handlungsweiſe—⸗ „Ich weiß, ich weiß⸗« fiel ihm Jacob II. lebhaft in's Wort, Lich weiß, daß ſie bis jetzt treu und loyal geweſen iſt. Schaffet daher daß ſie es auch in Zukunft ſey; wo nicht, ſo habe ich die Mittel, um mich der Treue derer zu verſichern, welche ich in meinen Dienſt berufe.« Henry dachte in dieſem Augenblicke an Suſannens Worte. Er begriff, daß es ſich hier um das Schickſal handelte, welches ſeiner Mutter beſchieden war, wenn ſein Benehmen in den 174 Augen des Königs einen einzigen Augenblick lang zweifelhaft ward. »Ich nehme den Poſten an, auf welchen Ew. Majeſtät mich zu ſtellen geruht,« ſagte er mit wieder heiterer Miene. »Sehr ſchön,« ſagte Jacob II.»Ich erwartete dies von Euch, Lieutenant. Geht und bereitet Euch, dem Generalmajor Kirke eben ſo treu und eifrig zu dienen, wie Ihr mir zeither ſelbſt gedient habt. Was ihn betrifft, ſo wird er gegen Euch alle Rückſichten nehmen, die Ihr verdient.⸗ Henry verneigte ſich und zog ſich zurück. »Selbſt wenn das Leben meiner Mutter keine Gefahr liefe,« dachte er,„hätte ich annehmen müſſen. Lucy begleitete ihren Vater nach Taunton— Kirke kann mit ihr zuſammen⸗ treffen— dann werde ich in ſeiner Nähe ſeyn, um ihn zu überwachen.“ „»General,« ſagte Jacob II., indem er ſich zu Kirke wen⸗ dete,»ich bedarf in dieſem Augenblick aller meiner Diener. Ich wußte, daß Ihr und Lord Lisle, zwei Männer, deren Werth ich zu ſchätzen weiß einander die Gurgel abſchnei⸗ den wolltet. Ich habe geglaubt, daß, wenn ich Euch wechſel⸗ ſeitige Verbindlichkeiten und tägliche Beziehungen auflegte, Ihr aus Liebe zu mir euern Haß vergeſſen würdet. Habe ich mich getäuſcht? Sagt, habe ich mich getäuſcht?« »Gewiß nicht, nein, Sire,« ſagte Kirke in unſicherem Tone. 3 »Gut, ſehr gut. Jetzt, Ihr Herren, erlaubet, daß ich zu meinen lieben Mitgliedern vom Hauſeder Gemeinen zurückkehre. Bedenket, daß Jacob Crofts jetzt bereits unter Segel gegan⸗ gen ſeyn muß. Geht, und bereitet ſo viel an Euch iſt, das Nothwendige, um ihn würdig zu empfangen.« 175 Einige Minuten ſpäter gingen Kirke, Jeffreys und Chif⸗ finch die in den Garten führende geheime Treppe von White⸗ hall hinab. Jeffrehs ging zwiſchen den beiden andern Mitgliedern des unheimlichen Triumvirats und ſagte zu ihnen: »Du wirſt nach dem Weſten gehen, Percy. Siege auf dem Schlachtfelde. Sobald Du den Feind zermalmt haben wirſt, werde ich Chiffinch in London zurücklaſſen, um das Ohr des Königs zu bewachen, und Dir nachfolgen. Ich werde meine richterliche Rundreiſe in den von Dir beſiegten auf⸗ rühreriſchen Grafſchaften beginnen. Dann, meine Freunde, wird unſere Rache furchtbar und unerbittlich zu Tage treten, aber das in Strömen fließende Blut wird nur ein Nebending ſeyn in dieſem Hochgenuß. Auch Du, Percy, willſt deine Ge⸗ lüſte befriedigen. Gold für alle Drei, wieder Gold und aber⸗ mals Gold!— Hal wie ſehne ich mich, meinen Richterſtuhl zu beſteigen! Ich will, daß die Erinnerung an die Urtheile, die ich fällen werde, aus der entſetzten Erinnerung der Völker nicht ſogleich wieder verſchwinde.“ CEnde Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. ffffffffffffffffffſſſſſſſnſnſinſen 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19