3 1 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— * Leihybibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo 4. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Feſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.* — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Fff. „„„=„ 3„„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Leiſhmutte, ver⸗ ſſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zuum Erſatz des Ganzen vergp flichtet. 3 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen erkes, ſo iſt I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indenn Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe —— BVer Tiger von Tanger. Hiſtoriſcher Roman von * b Paul Dupleſſis. . Deutſch von 1 Dr. Emil Steinmann. Peſt, Wien und Leipzig, 1858. Hartleben's Verlags⸗Expedition. Der Saal von Rewgate. W. heutzutage das große Gefängniß von London, das berühmte und berüchtigte Newgate ſieht, wer mit philanthro⸗ piſcher Freude die ſo ſauber gehaltenen, weiß getünchten, be⸗ wundernswürdig gelüfteten Zellen der Gefangenen, die geräu⸗ migen Höfe und die bequem und zweckmäßig eingerichteten Krankenſtuben beſucht, von denen man ſagt daß die reich⸗ ſten Hoſpitäler wohl daran thun würden, ſie nachzuahmen, wer ſich berufen fühlte, die intelligente und menſchenfreund⸗ liche Disciplin zu ſtudiren, welche in dem Innern des Ge⸗ fängniſſes herrſcht, der würde ſich ſehr irren, wenn er glaubte, daß im Jänner 1685— der Zeit, zu welcher unſere Erzäh⸗ lung anhebt— Newgate irgend welche Aehnlichkeit mit dem gehabt habe, was es in unſeren Tagen geworden iſt. Das alte Zucht⸗ und Gefangenhaus, ſo wie es ſeit ſeiner Erneuerung nach dem großen Brande von 1666 bis zu ſei⸗ nem vollſtändigen Umbau im Jahre 1685 exiſtirte, war ein umfangreiches und maſſives Bauwerk. Das Hauptgebäude bildete die Südſeite von Newgate⸗Street und reichte bis an die öſtliche Spitze des Platzes der Kirche zum heiligen Grabe gegenüber. Einer der Flügel, der kleinſte, zog ſich nördlich Der Tiger von Tanger. I. 1 von dem eigentlichen Thore hin, da wo gegenwärtig Giltſpur⸗ Street⸗Compter ſteht und der von dem eigentlichen Gefäng⸗ niſſe getrennte Folterhof oder Preſſyard lag hinter dem, was heutzutage Phönix⸗Court iſt. Die auf der Südſeite gelegene Hauptfagade bot den gleichzeitig traurigen, ſtrengen und impoſanten Anblick einer furchtbaren Maſſe von dieſen Mauern, die von rohen Stei⸗ nen aufgeführt, von Rauch geſchwärzt und vom Regen be⸗ ſchmutzt waren. Das dadurch unangenehm berührte Auge folgte hier den plumpen Umriſſen der maſſiven Simſe und der doppelten Reihe von Gittern, welche die gähnenden Oeff⸗ nungen der Fenſter ohne Glasſcheiben ſchützten. Eine düſtere Vorhalle mit ihren verroſteten Ketten und ihrer ſchwerfälligen eiſernen Thür, eine oben an der Mauer angebrachte Sonnen⸗ uhr, welche die Beſtimmung zu haben ſchien, die Stunden der Gefangenſchaft noch langſamer erſcheinen zu laſſen, ver⸗ vollſtändigten den düſtern Eindruck, welchen dieſes verhäng⸗ nißvolle Gebäude auf das Gemüth des Beſchauers machte. Die weſtliche Seite des Gefängniſſes dagegen bot zu der ſo eben beſchriebenen einen eigenthümlichen Gegenſatz. Eine dreifache Reihe von toscaniſchen Säulen verlieh ihm eine Phyſiognomie, die, wenn auch nicht geradezu heiter war, doch mit ſeiner Beſtimmung durchaus nicht in Einklang ſtand. In den zwiſchen den Säulen befindlichen Niſchen ſtanden Statuen und— dies war ein ſpecifiſch engliſcher Beweis von Humor— die ſchönſte und größte dieſer ſteinernen Figuren ſtellte die Göttin der Freiheit vor. Dos Innere des Gebäudes entſprach ſeinem Aeußern auf würdige Weiſe. Seine unglücklichen Bewohner waren je nach den pecuniären Hilfsmitteln, über welche ſie verfügten, in drei verſchiedene Quartiere getheilt. —2—₰—,— Die Herrenſeite— the masters' side— enthielt die Reichen; die gemeine Seite— the common side— die Bett⸗ ler, und die auf den Folterhof gehenden Gebäude waren ſpe⸗ ciell für die politiſchen Verbrecher beſtimmt. Die Geſetze, unter welchen damals die Bewohner von Newgate ſtanden, waren weit entfernt, die vollkommene Re⸗ gelmäßigkeit darzubieten, welche ſie ſpäter erlangt haben, und ſelbſt die zügelloſeſte Phantaſie wäre nicht im Stande, ſich die Phyſiognomie dieſes großen Gefängniſſes gegen das Ende der Regierung Carls II. zu denken. Am 30. Jänner 1685 gegen zwei Uhr Nachmittags überließen ſich in einem niedrigen vier Fuß tief unter dem Niveau der Straße angelegten mit einer flachgewölbten Decke verſehenen Saale die der common side zugewieſenen Gefan⸗ genen beiderlei Geſchlechts ihren widerwärtigen Amüſements. Dieſer halb unterirdiſche Raum, den die Schließer die „Loge“ und die Gefangenen das dry room oder den»Saal“ nannten, war eigentlich das Wirthshaus oder noch beſſer ge⸗ ſagt die Trinkſtube der armen Gefangenen. Man ſtieg auf einer ſchmalen Treppe hinunter, welche in den ſteinernen Saal— stone hall— oder das gemein⸗ ſame Sprechzimmer führte. Die unſauberen Weſen, welche damals in dieſem feuch⸗ ten und düſtern Aufenthaltsorte verſammelt waren, boten einen unbeſchreiblichen Anblick dar, bei welchem das Phanta⸗ ſtiſche dem Häßlichen den Rang ſtreitig machte. Ein dichter, beizender Rauch aus hundert brennenden Tabakspfeifen füllte den Raum und entzog beim erſten Ein⸗ tritt den Blicken des Ankommenden das ſeltſame Schauſpiel, welches ihn erwartete. Einige dünne Lichter in dem Thon des Erdbodens befe⸗ 4 ſtigt, aus welchem die hier heimiſchen Künſtler Leuchter knete⸗ ten, und ein großes, in dem Camin brennendes Steinkohlen⸗ feuer waren gleichſam rothe Punkte ohne Strahlen inmitten dieſer abſorbirenden Atmoſphäre.. Heiße ekelerregende Düfte von ſchlechtem Branntwein und eben ſo ſchlechtem Bier beleidigten den Geruchsſinn auf's Empfindlichſte und erregten Uebelkeiten in jedem Magen, der ſie noch nicht gewöhnt war. Das Gemälde ließ nichts zu wünſchen übrig. Selbſt Rembrandt hätte dieſer hölliſchen Beleuchtung keinen Effect weiter hinzugefügt und ſogar die krankhafte Phantaſie eines Goya wäre der wahnſinnigen Wirk⸗ lichkeit dieſer gleichgiltigen Gruppen nicht gleichgekommen. Wie ſollen wir die unglaubliche Verſchiedenheit der Trach⸗ ten ſchildern, womit die Bewohner dieſer von Menſchenhän⸗ den erbauten Hölle bekleidet waren? Stickereien, feines Tuch, Spitzen und Lumpen zeigten ſich hier dicht neben und unter einander und bildeten die ſchreiendſten Gegenſätze. Der bet⸗ telnde Vagabund ſtieß den ausſchweifenden Stutzer bei Seite. Die ſcandalös geputzte Straßendirne ließ ihren von den Däm⸗ pfen des Alkohols ſchwer gewordenen Kopf auf den Knien der alten Zigeunerin ruhen, deren fleiſchloſer Körper und ſchwarzbraune Haut durch die Löcher ihres buntſcheckigen har⸗ lekinartigen Mantels hindurch zum Vorſchein kam. Geſchrei, Läſterungen, empörende unfläthige Worte, aber im reinſten Rothwälſch, kreuzten ſich nach allen Richtungen hin und bildeten ein mißtönendes Concert, wie es dieſes betäu⸗ benden Pandämoniums wohl würdig war. Wenn es einem Beobachter vergönnt geweſen wäre, in dieſe Höhle einzudringen, ſo würde unter allen dieſen vom Laſter unwiderruflich gebrandmarkten Elenden eine einzige v — ½ 3 5 Perſon ſeine Aufmerkſamkeit erregt und wenn auch nicht ſeine Sympathie, doch wenigſtens ſeine Neugier erweckt haben. Es war dies ein junger Mann von achtundzwanzig Jah⸗ ren, mit gleichgiltigem, kaltem Geſicht und übermüthiger, ſtol⸗ zer Miene. An die Wand gelehnt ſchien er durch den Gedan⸗ ken an die traurige Umgebung, in welche ihn ſein böſes Schickſal verſetzt hatte, iſolirt zu werden. Seine Kleider von dunkler Farbe und grobem Stoff bildeten durch ihre Sauberkeit einen auffallenden Gegenſatz zu den ſchmutzigen Lumpen ſeiner Unglücksgefährten und ver⸗ riethen von ſeiner Seite wenigſtens einen gewiſſen Grad von Selbſtachtung. Von Zeit zu Zeit furchte ein beinahe unbemerkbares Runzeln ſeiner dichten Augenbrauen ſeine Stirn und verlieh ſeiner Phyſiognomie den vorübergehenden Ausdruck einer gleichzeitig verhaltenen und ſchmerzlichen Wuth. Bald aber — mochte es nun Anſtrengung eines mächtigen Willens, oder Schwäche, oder Leichtſinn ſeyn— verrieth ſein Geſicht nichts weiter als Ergebung oder Gleichgiltigkeit. Die Betrachtungen des Unbekannten wurden ſehr bald durch einen Vorfall unterbrochen, der des Ortes, an welchem er ſich befand, würdig war. Eine Frau, mit flammendem Auge, verworrenem Haar und an ihrer ganzen Perſon das unauslöſchliche Siegel ihres ehrloſen Standes tragend, kam mit taumelndem Schritt auf ihn zu und ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals während ſie mit der linken Hand ihm ein mit Branntwein gefülltes Glas an die Lippen hielt. »Nun, mein ſchöner Herr,« ſagte ſie in heiſerem, trun⸗ kenem Tone zu ihm,„dein feines Ausſehen hat mein Herz 6 bezaubert. Komm, ſetz Dich zu mir; Du ſollſt mein Ritter ſeyn.« Und die That auf das Wort folgen laſſend, näherte die widerliche Creatur ihren Mund der Wange des jungen Man⸗ 4 nes, dieſer aber ſtieß ſie mit eben ſo viel Widerwillen als Brutalität zurück, während er dabei zugleich einen energiſchen Fluch murmelte. 3 Berauſcht von dem im Unmaße genoſſenen Branntwein und nicht im Stande, ſich auf den Füßen zu halten, verlor die Elende das Gleichgewicht und ſchlug ſchwerfällig auf den Boden nieder. »Hilfe! Hilfe!« heulte ſie mit weithin hallender Stimme, welche das Getöſe des Trinkgelages übertäubte. Auf dieſen Ruf verließen die Gefangenen ihre Plätze und ₰ umringten das auf dem Boden liegende Frauenzimmer und den jungen Mann, der neben ihr ſtand. »Warum habt Ihr Ketly geſchlagen, Ihr Feigling?« fragte Einer, ein junger Menſch von kaum ſechzehn bis ſieb⸗ zehn Jahren, aber durch das Laſter ſchon verthiert.»Auf die Knie, Elender! Auf die Knie vor meiner Ketly! Gleich bitte ſie um Verzeihung, oder beim Henker, ich ſtoße Dir mein Meſſer in die Gurgel!« Der Unbekannte gab weiter keine Antwort, als daß er mit ſtolzer Verachtung die Achſeln zuckte. Dieſe Geberde erbitterte den jungen Banditen vollends. »Alſo auf dieſe Weiſe willſt Du dein Verbrechen wieder gut machen?« hob er in wüthendem Tone wieder an;„der Strick, an welchen man mich hängt, ſoll ſiebenmal zerreißen, wenn ich Dich nicht auf der Stelle erwürge!« 3 V 4 Zwei Schritte zurückprallend nahm der gräßliche junge — 3 5 Menſch einen Anlauf wie eine Tigerkatze und ſtürzte ſich uf ſeinen Gegner. »Hurrah, braver Jack!« riefen zwanzig Gefangene auf einmal, entzückt über das Amuſement, welches dieſer gewalt⸗ thätige Auftritt ihnen zu gewähren verſprach. II. Der Saal von Newgate. (Fortſetzung.) Ehe noch der auf ſo wilde Weiſe angegriffene junge Mann daran gedacht hatte, ſich zur Vertheidigung bereit zu machen, packte einer der Gefangenen Jack beim Kragen und ſchleuderte ihn drei Schritte vor ſich hin auf den Boden des Kerkers und rief: »Dieſer kleine Jack würde, wenn man nicht Ordnung hielte, den ſo ausgezeichnet anſtändigen Charakter unſerer Verſammlungen in Zügelloſigkeit verwandeln.— Donner⸗ wetter, wir ſind weder plumpe Laſtträger noch elende arme Ladendiener. Wir ſind Gentlemen!— Jack, wenn Du Dir noch ein einziges Mal einfallen läßt, für dieſe verrückte Ketly Partei zu nehmen, ſo haue ich Dich durch, daß Du genug haben ſollſt. Was Euch betrifft, mein Herr,« fuhr der Red⸗ ner zu dem ſtummen Verächter der Reize Ketly's gewendet fort,„ſo habt Ihr Euch eines Mangels von Höflichkeit gegen eine Dame ſchuldig gemacht und deswegen eine Geldſtrafe verwirkt. Laßt daher zehn Pinten Gin bringen und euer Ver⸗ gehen ſoll Euch nachgeſehen werden. Aber das iſt noch nicht Alles. Wenn ich nicht irre, ſo ſeyd Ihr erſt heute Morgen Gaſt von Newgate geworden. Nun aber verlangt der Ge⸗ 4 brauch, daß Ihr euren Willkommen, eure buona mancia bezahlt. Das wären auch zehn Pinten. Zweimal zehn iſt zwanzig.“« Der Mann, welcher ſoeben dieſe Friedensbedingungen geſtellt, konnte fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt ſeyn. Sein Geſicht war plump geformt, ſeine Wangen waren roth und rund, ſein Mund unverhältnißmäßig groß und ein joviales Lächeln ſchien fortwährend ſeine dicken Lippen zu umſpielen. Er ſtand im Rufe eines der geſchickteſten, verwegenſten und ganz beſonders luſtigſten Diebe des vereinigten Königreiches. In ſeinen verlornen Augenblicken betrieb er das regelmäßige Gewerbe eines Fleiſchergeſellen. Man nannte ihn den„freund⸗ lichen Roſe.« 8 Roſe verband mit dieſen koſtbaren Eigenſchaften des Geiſtes auch eine unbeſtreitbare und noch niemals beſtrittene Muskelſtärke. Seine Erfahrung und Gewandtheit in der edlen Kunſt des Boxens war ſprichwörtlich und hatte ihm außer zahlreichen Guineen auch die Ehre erworben, drei furchtbare Gegner todt auf dem Platze zurückgelaſſen zu haben. Wir brauchen daher kaum hinzuzufügen, daß der glückliche Roſe ſich in Newgate bei ſeinen Mitgefangenen einer unbegrenzten Autorität erfreute. Einige auf ſeinen Ruhm und ſein Re⸗ nommé Neidiſche murmelten allerdings, daß die ihm bis jetzt beſchiedene Strafloſigkeit einen ſehr ſchweren Verdacht gegen 3 5 ſeine Moralität rechtfertige. War es wohl möglich ſagten dieſe eiferſüchtigen Zungen, daß ein ſolcher Mann, wenn er nicht einen geheimen Vertrag mit der Polizei abgeſchloſſen hätte, ſo alt geworden wäre, ohne gehängt worden zu ſeyn? Bildete er nicht unter den Stammgäſten von Newgate eine unerhörte. Ausnahme, ein noch nie dageweſenes Phänomen? — 6 9 Es ließ ſich nicht bezweifeln, trotz ſeines gutmüthigen, offenen Geſichtes hatte Roſe ſicherlich ſchon oft als Vermittler zwiſchen ſeinen Cameraden und der Juſtiz gedient und den Galgen von Hyde⸗Park, Corner und Tyburn oft Zierden geliefert. 3 Dieſe übelwollenden, ſchlau im Dunkeln verbreiteten Muthmaßungen hatten aber noch niemals gewagt, in Gegen⸗ wart der furchtbaren Fäuſte des Athleten an's Tageslicht zu treten. Auch galten ſie bei ſeinen zahlreichen Freunden für grundloſe Verdächtigungen und niedrige Verleumdungen, die einer ernſten Widerlegung gar nicht würdig ſeyen. Dennoch konnte man bemerken, daß der Blick des be⸗ rühmten Boxers ſich niemals auf die Perſon heftete, mit wel⸗ cher er eben ſprach, und ein aufmerkſames Auge hätte hinter der Maske von Offenheit und Gutmüthigkeit, hinter welcher er ſein Geſicht verbarg, wohl Liſt und Treuloſigkeit zu erkennen vermocht. Roſe's Worte waren von allen anweſenden Gefangenen mit Ausnähme des frühreifen Jack mit lärmendem Enthuſias⸗ mus aufgenommen worden. »Ja wohll ja wohl! Gin her!s ſchrien ſie einſtimmig. „Man bringe zwanzig Pinten Gin! Der neue Ankömmling ſoll leben! Er gehe freudig im Leben einher und beſteige fröh⸗ lich den Galgen!« Der, welcher auf dieſe Weiſe mit ſo einſtimmiger Accla⸗ mation begrüßt ward, runzelte die Stirn, ließ einen verächt⸗ lichen und dreiſten Blick auf den Cirkel fallen, der ſich um ihn her ſchloß, und nahm endlich das Wort. »Meine Herren,“ ſagte er in feſtem und ſpöttiſchem Tone,„ich fühle mich durch euren wohlwollenden Empfang außerordentlich geehrt. Unglücklicherweiſe aber erlauben meine 10 Mittel mir nicht, euren Durſt zu befriedigen, denn ich habe keinen Penny in der Taſche.« Dieſe ſo beſtimmte Erklärung brachte in den Geſinnun⸗ gen der Umſtehenden ſofort eine Umwandlung hervor. Die St üſterten ſich, die Augen funkelten vor Zorn und zum Zeichen der Freundſchaft ausgeſtreckte Hände ch und verwandelten ſich in drohende Fäuſte. Jack näherte ſich wieder verſtohlen dem Beleidiger Ket⸗ ly's. die Würfler und Kartenſpieler gaben ihre Partien auf und Alles verkündete einen nahen und heftigen Sturm. „Ein wenig Geduld, meine Herren, wenn ich bitten darf,« rief Roſe, deſſen Stimme und Geberde den Tumult beherrſchten. Dann drehte er ſich wieder zu dem herum, den er ſchon einmal gerettet. „»Geehrter Herr,« fuhr er fort,„die Naivetät eurer Antwort beweiſt eurerſeits eine außerordentliche Unerfahren⸗ heit in den Dingen des Lebens. Seinen Willkommen nicht bezahlen zu wollen, wenn man die Ehre hat, in Newgate aufgenommen zu werden, das iſt noch nicht dageweſen! Woll⸗ tet Ihr bei dieſem Vorſatze beharren, ſo würdet Ihr Euch dadurch unerhörten und unzähligen Unannehmlichkeiten aus⸗ ſetzen. Auch bin ich überzeugt, daß Ihr es nicht werdet ſo auf's Aeußerſte kommen laſſen. Ich bin überzeugt, daß wir uns endlich verſtändigen werden. Habt vor allen Dingen die Güte, wenn ich bitten darf, meine Fragen zu beantworten. Wie heißt Ihr? Welches iſt der Grund eurer Verhaftung?« Der Unbekannte zögerte. Nichtsdeſtoweniger dauerte der Zweifel über den Entſchluß, den er zu faſſen hatte, bei ihm nur einen kurzen Augenblick. Sey es, daß er die Nutzloſigkeit jedes Widerſtandes begriff, oder ſey es, daß Roſe's autoritä⸗ tiſcher Ton ihm imponirte, kurz er ging auf das Verhör ein. — 8* 8 — 11 „»Ich heiße Fitzgerald,« antwortete er,„und bin Irlän⸗ der. Weil ich nicht den ſtrafbaren Muth gehabt, meine Fa⸗ milie Hungers ſterben zu laſſen, bin ich nach Newgate ge⸗ bracht worden.« „Das heißt mit andern Worten, Ihr habt auf der Heer⸗ ſtraße gearbeitet, nicht wahr?« „In vergangener Nacht brach das Unglück über mich herein,« fuhr der Irländer mit dumpfer Stimme fort.„Seit achtundvierzig Stunden hatte ich meinen letzten Schilling aus⸗ gegeben; ſeit vierundzwanzig Stunden duldete mein armer Bruder und meine kleine Schweſter alle Qualen des Hungers. — Ich irrte wie ein Wahnſinniger in den Straßen Londons umher, bis ich endlich bei der Biegung um eine Ecke einem elenden Trunkenbold begegnete. Seine mit Gold angefüllten Taſchen klirrten jedes Mal, wo er taumelte. Der Anblick die⸗ ſes Menſchen, welcher ſoeben binnen wenigen Stunden ohne Zweifel eine weit größere Summe verthan, als ich bedurfte, um die armen theuren Kinder ihren Leiden zu entreißen, erinnerte mich gewaltſam an das Entſetzliche ihrer Lage. Ein Schwindel bemächtigte ſich meiner. Ich vergaß eine Minute lang allen Stolz. Mit geſenkter Stirne und vor Scham glühenden Wangen erniedrigte ich mich zu betteln. Der Nichtswürdige aber verſtand nicht blos mein Elend nicht, ſondern beleidigte mich auch noch in meinem Unglück. Er be⸗ handelte mich als einen Landſtreicher und hob den Stock gegen mich. Dies war für mein ſchon ſo furchtbar aufgeregtes Ge⸗ müth zu viel, eine blutige Wolke umflorte meine Augen, ich ſtürzte mich auf ihn, und nachdem ich ihn gepackt und halb todt gewürgt, ſchleuderte ich ihn zehn Schrite weit von mir hinweg. In demſelben Augenblick kam eine Patrouille vorbei, 12 und da Edward Heming's Laternen noch brannten, ſo ward ich feſtgenommen und verhaftet.⸗ Die Gefangenen, welche ſich bis jetzt bei der Erzählung des Irländers vollkommen gleichgiltig verhielten, brachen bei dem Namen Edward Heming in ein faſt einſtimmiges Geſchrei aus und eine Flut von Flüchen und Verwünſchungen über den Erfinder der erſten und damals noch ganz neuen Beleuch⸗ tung Londons erhob ſich von allen Punkten des umfangrei⸗ chen Gemaches. »Aber,“ ſagte Roſe,„ehe Ihr euern Trunkenbold zehn Schritte weit fortſchleudertet, hattet Ihr ihm wohl die Taſchen ausgeräumt und die euren gefüllt?« „Ich bin kein Dieb,« entgegnete der Irländer kurz. »Ah, das ſoll heißen, daß er uns ſeinen Willkommen nicht bezahlen will!« riefen mehre drohende Stimmen. »Ich kann beim beſten Willen nicht, denn ich verſichere Euch nochmals, meine Herren, daß ich keinen Penny beſitze.⸗ Dieſe Erklärung ward mit lautem Wuthgeheul aufgenom⸗ men und es war klar, daß man von Drohungen ſehr bald zu Thätlichkeiten übergehen würde. Auch diesmal ſtellte Roſe ſeine Autorität zwiſchen den jungen Mann und ſeine Mitgefangenen. »Ehrenwerthe Herren,« rief er mit ſeiner Donnerſtimme, „»von dem Augenblicke an, wo ich mich verſtanden habe, der Dolmetſcher eurer Declaration bei Mr. Fitzgerald zu ſeyn, habt Ihr nicht mehr das Recht, an der Discuſſion theilzu⸗ nehmen. So lange ich mein Verdict noch nicht ausgeſprochen habe, iſt es eure Pflicht, ein ſtrenges Stillſchweigen zu beob⸗ achten. Ich habe daher die Ehre Euch zu erklären, daß ich den Erſten, der es ſich einfallen läßt ſich in dieſe Debatten zu mi⸗ 13 ſchen, tüchtig und nachdrücklich züchtigen werde. Jetzt nehme ich mein Verhör wieder auf.« Der furchtbare Boxer drehte ſich wieder nach Fitzgerald herum, den er freundlich lächelnd anſah.. „Könntet Ihr uns,“ hob er an,„— denn es kann ſich Gelegenheit darbieten, von dieſer Auskunft Nutzen zu ziehen— vielleicht den Namen des Trunkenbolds nennen, deſſen Taſchen ſo gut mit Gold verſehen ſind, und der ſich gegen Euch auf ſo ſtrafbar unwürdige Weiſe benommen hat?« „Ja, mein Herr, das kann ich.« »Und wer iſt er?« „Georg Jeffreys, der Oberrichter von King's Bench.“ „Lord Georg Jeffreys!« wiederholte Roſe, indem er jede dieſer ſchrecklichen Sylben auf ſeltſame Weiſe betonte;»an Myllord Jeffreys habt Ihr Euch vergriffen, Unglücklicher!« Dieſe Worte Roſe's verhallten vollſtändig in dem furcht⸗ baren Getöſe, welches ſich in dem Augenblicke erhob, wo Fitz⸗ gerald den Namen Jeffreys ausſprach. Man tanzte, man ſprang, man tanzte vor Freude, man lachte laut und wie halb wahnſinnig und der Irländer ſah ſich plötzlich von einer Menge der Gefangenen, Männer ſowohl als Frauen, um⸗ ringt, welche ihn küßten und ihm die Hände drückten. Mitten unter dieſem fürchterlichen Tumulte hörte man abgeriſſene Ausrufungen, welche ſo ziemlich einen und denſel⸗ ben Sinn hatten. „Ehre und Ruhm ſey ihm!« »Er hat heldenmüthig gehandelt!« „Jeffreys hat alſo endlich einmal ſeine Hiebe be⸗ kommen!« „Der Oberrichter von King's Bench hat ſeinen Mann 14 gefunden. Hoch lebe unſer Freund Fitzgerald, der ihn in den Koth geſchleudert hat! Er hat dabei nur einen Fehler be⸗ gangen, nemlich den, daß er ihn nicht ſogleich todtgeſchla⸗ gen hat.“ III. Ein Wiederkauf. Als der durch Fitzgerald's letzte Worte hervorgerufene Tumult ſich wieder ein wenig gelegt hatte, erhob Roſe, auf deſſen Geſicht das Lächeln, ſeine gewöhnliche Maske, ſchon eine kurze Beſtürzung wieder verdrängt hatte und welcher einen plötzlichen Entſchluß gefaßt zu haben ſchien, abermals die Stimme. »Hochgeehrter Camerad,« ſagte er, indem er den Ir⸗ länder mit einem gewiſſen Grad von Reſpect begrüßte,„»Ihr könnt jetzt überzeugt ſeyn, daß euer mit Ehren in die Annalen von Newgate eingetragener Name nicht der Vergeſſenheit an⸗ heimfällt. Ihr macht gleich zum Anfange eurer Carriere einen Angriff auf Jeffreys in eigener Perſon. Das iſt ſchön, das iſt erhaben. Ich bin überzeugt, daß im gegenwärtigen Augenblicke ganz London ſich mit Euch und eurem Muthe beſchäftigt— ganz London klatſcht Euch mit ſeinen fünfhunderttauſend Händen Beifall. Denn ſehet Ihr, dieſer nichtswürdige Beamte wird von allen Parteien verwünſcht— Whigs, Tories, Anglikaner, Papiſten, Presbyterianer, Edelleute, Bürger, Bauern, Reiche, Arme— alle verabſcheuen ihn. Wer weiß, ob Ihr nicht ohne es zu wiſſen, eine politiſche Perſon geworden ſeyd. Ich wette Zehn gegen Fünf, daß ehe noch dieſer Tag endet, die ſchönſten Damen und die berühmteſten Maler der Hauptſtadt um die —— 15 Ehre bitten werden, Euch vorgeſtellt zu werden— die erſtern, weil ſie begierig ſind, eure Züge zu ſchauen, und die zweiten, um dieſelben der Bewunderung künftiger Jahrhunderte zu überliefern. Wer iſt denn euer Pathe, Ihr Glückskind?« Der excentriſche Redner machte eine kurze Pauſe und hob dann in verändertem Tone wieder an. „»Kommen wir, lieber College,« ſagte er,„wieder auf die erſte Frage, auf die Bezahlung eures Willkommens zu⸗ rück. Wie mir ſcheint— und ich ſpreche hier blos im Intereſſe eures Ruhmes— könnet Ihr nicht wie ein gewöhnlicher Ge⸗ fangener handeln. Vergeßt nicht, daß die Geſchichtſchreiber und die Dichter die Schilderung eurer letzten Augenblicke bis auf die ſpäteſte Nachwelt bringen werden. Handelt daher ſo, daß Ihr ſie durch eine Großmuth verherrlicht, welche der Hel⸗ denthat, die Euch an den Galgen bringen wird, würdig iſt. Bier und Branntwein muß in Strömen fließen! Newgate muß durch ein großes Zechgelage die ausgezeichnete Ehre feiern, Euch in ſeinen Mauern zu beſitzen, Euch unter ſeine Berühmtheiten zu zählen.« Die Gefangenen nahmen dieſen letzten Vorſchlag des Redners mit langandauerndem Hurrahgeſchrei auf. „Mein Herr,“ antwortete der Irländer, indem er ſich zu Roſe wendete, den er angehört, ohne ihn zu unterbrechen, aber nicht ohne zu wiederholten Malen augenſcheinliche Be⸗ weiſe von Ungeduld und Aerger zu geben,„mein Herr, er⸗ laubet mir, indem ich Euch für eure Lobſprüche danke, dieſel⸗ ben zugleich zurückzuweiſen. Ich erkläre laut und auf meine Ehre, daß nur der Zufall mich mit dem Oberrichter zuſammen⸗ geführt, daß es mir nie vorher eingefallen iſt, einen Angriff auf ſeine Perſon machen zu wollen. Ich habe Euch die Wahr⸗ heit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit geſagt. 16 Ich füge hinzu,— ſollte ſelbſt dieſes Geſtändniß meine zu⸗ fällige und unverdiente Popularität in eine ungerechte Miß⸗ billigung verwandeln,— daß ich, ſobald ich vor dem ehren⸗ werthen Beamten erſcheine, kein Mittel unbenutzt laſſen werde, um ihm meine Unſchuld zu beweiſen.« »Kein Wort weiter, Unkluger, der Ihr ſeyd!« unter⸗ brach ihn Roſe lebhaft.„Ihr wollet euern Ruhm verdunkeln, ohne daß es Euch etwas nützt. Ihr wollt Jeffreys eure Un⸗ ſchuld beweiſen! Ihr wollt Mitleid in ihm zu erwecken ſuchen? Das iſt mehr als Wahnſinn, das iſt die größte Dummheit!— Anſtatt Euch in überſpannten Hoffnungen zu wiegen, deren Nichterfüllung zu ſchimpflicher Schwäche führen würde, faſſet vielmehr eure Lage kaltblütig ins Auge. Sie iſt eine verzwei⸗ felte. Niemals hat Jeffreys Jemanden Gnade angedeihen laſ⸗ ſen. Er wird Euch nicht blos zum Galgen verurtheilen laſſen, ſondern auch ſein Urtheil mit den größten Beleidigungen und den wüthendſten Schimpfreden würzen. Jede Verurtheilung kommt nur mit gräßlichem Hohngelächter aus dem Rachen dieſes Tigers im Hermelingewande. Wenn die eingeſchuchterte Jury ihm ſeine Beute zugeworfen hat, zittert er an allen Gliedern vor Freude, wenn er an den Genuß denkt, den die Hinrichtung ihm bereitet. Sich im voraus an dem morgenden Tage ergötzend, ſchildert er dem Verurtheilten den ihm bevor⸗ ſtehenden Todeskampf; er zeigt ihm die empörte, lärmende Menge, den unerbittlichen Henker, das ſchwarze gegen den Himmel abſtechende Gerüſt des Galgens. Er läßt ihm das Knarren des von den Zuckungen des Verurtheilten geſchüttel⸗ ten Galgens hören, das Knacken ſeines brechenden Genickes— er erklärt ihm mit der ausführlichſten Sorgfalt die nachein⸗ ander folgenden Schmerzen des Hängens, die nach ſeiner Mei⸗ nung durch die Qual des Erſtickens zu raſch beendet werden. 5 3 — — — “ 3 3 Dann, wenn das von dieſer gräßlichen Beredſamkeit er⸗ ſchreckte Opfer bleich wird und ohnmächtig niederſinkt,. dann kennt Jeffreys' Freude keine Grenzen mehr. Er zittert vor wollüſtigem Behagen auf ſeinem Richterſtuhl und ſeine Freude macht ſich in unzuſammenhängenden Ausrufungen und piumpen täppiſchen Geberden Luft. Er iſt trunken, er iſt wahnſinnig vor wilder Freude. Dies iſt der Mann, mein Freund, den Ihr zu euren Füßen niedergeworfen und welcher berufen iſt, über euer Schickſal zu entſcheiden. Glaubt Ihr nicht eben ſo wie ich, daß euer Untergang gewiß ſey?« Der Irländer hatte den Redner mit einer Kaltblütigkeit angehört, die ſich nicht einen einzigen Augenblick lang verleug⸗ net hatte. Seine Stirne war ruhig geblieben, ſein Blick gleich⸗ giltig, ſein Mund unveränderlich. Roſe, welcher nicht aufge⸗ hört hatte, ihn verſtohlen zu beobachten, konnte bei dem An⸗ blick dieſer unerſchütterlichen Ruhe nicht umhin, eine Bewe⸗ gung der Ueberraſchung blicken zu laſſen. Dieſe Ueberraſchung Roſe's ward beinahe Freude, als Fitzgerald ihm mit majeſtätiſcher Ruhe die einfachen Worte zur Antwort gab: »Wir werden ſehen!« Es trat ein kurzes Schweigen ein, welches Jack ſich be⸗ eilte zu unterbrechen. Der junge Bandit hatte dem Irländer das leichtfertige Benehmen Ketlh's und die Züchtigung, die er von dem Borxer erhalten, noch nicht verziehen. Als er daher bemerkte, daß die Geduld der Herren der Common side zu Ende ging, beeilte er ſich die Entwicklung zu beſchleu⸗ nigen. »Den Willkommen! den Willkommen!« ſchrie er, indem Der Tiger von Tanger. I. 2 7 18 er ſich weislich von Roſe entfernt hielt;„den Willkommen oder die Ceremonie!« »„Ja wohl, den Willkommen oder die Ceremonie!« heul⸗ ten die Gefangenen. Unter der Ceremonie verſtand man das Durchprügeln des Unglücklichen, dem ſeine Armuth oder ſein Geiz nicht geſtatteten, ſeine Mitgefangenen bei ſeiner Ankunft mit Branntwein zu tractiren. Bei dem gewaltigen Geſchrei ſeiner Cameraden glaubte Roſe, er würde, wenn er ſich nochmals einmiſchte, Gefahr laufen, auf nutzloſe Weiſe ſeine Autorität zu compromittiren und entfernte ſich daher. Was Fitzgerald betraf, welcher begriff, daß jeder Wi⸗ derſtand unmöglich ſey, ſo verſchränkte er die Arme, zuckte leicht die Schultern und ſprach mit verächtlich emporgezoge⸗ nem Munde nichts weiter als das Wort: „»Halunken!« Die Verworfenſten unter den Verworfenen, ſelbſt die, welche kein menſchliches Gefühl mehr zu beſitzen ſcheinen, be⸗ wundern immer noch den Muth. Das Uebermaß ſeiner Keckheit war es auch in der That, was den Irländer rettete. Eine Art Herkules, welchem Roſe ſo eben ein paar Worte in's Ohr geflüſtert, kam auf ihn zu. Dieſer Mann mit langem ſchwarzen Barte, unheimlichen Zuͤgen und zerlumpter Kleidung legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter und ſagte in rauhem Tone zu ihm: »Mein wackerer Camerad, wenn man wie Du der Ge⸗ fahr ſo ſtolz in’s Antlitz ſchaut, dann kann man kein elender Geizhals ſeyn. Was hält Dich ab, dem gerechten Verlangen der Geſellſchaft zu entſprechen?« „Die Armuth.« nie nmen heul⸗ das ſein kunft tubte ffahr tiren 19 „Gut, ich glaube Dir, aber kannſt Du nicht wenigſtens über deinen Körper verfügen? Warum willſt Du ihn nicht verkaufen?« „»Meinen Körper ſoll ich verkaufen?« antwortete Fitz⸗ gerald mit einem Gemiſch von Ueberraſchung und Staunen, welches ſeine Umgebung zu einem ſchallenden Gelächter reizte. „»Ich verſtehe Euch nicht. Habt die Güte, Euch zu erklären.« „»Aber mir ſcheint doch,« hob der Zerlumpte wieder an, »als hätte ich mich in ſo gutem Engliſch ausgedrückt, als es ein Profeſſor von Weſtminſter thun könnte. Dein Leben ge⸗ hört dem Geſetz, weil dieſes der Stärkere iſt; biſt Du aber einmal gehängt, ſo iſt die Schuld ausgeglichen und Du trittſt in dieſelben Rechte ein, deren jeder Dummkopf ſich erfreut, der albernerweiſe an irgend einer Krankheit in ſeinem Bette geſtorben iſt. Wenn Du reich ſtirbſt, ſo ſteht es Dir frei, deine Leiche anſtändig begraben zu laſſen; als Bettler dagegen kannſt Du ſie an einen Arzt verkaufen, welcher um ſeiner Studien willen Cadaver ſucht. Jeffreys hat allerdings den Preis dieſer Waare bedeutend heruntergebracht, denn ſeitdem er auf dem Richterſtuhl von King's Bench ſitzt, iſt der Markt fortwährend reichlich damit verſehen. Doch gleichviel, Du biſt jung und gut gewachſen, und kein Arzt wird ſich weigern, Dir fünfzig Pfund Sterling für deine ſterbliche Hülle zu zahlen.« An der Miene des Irländers konnte man leicht die Zweifel ſeines Gemüthes errathen. Er wußte in der That nicht, ob er das Spielzeug einer barbariſchen und grauſamen Myſtification ſey, oder ob man wirklich im Ernſte mit ihm geſprochen. Roſe riß ihn beinahe ſofort aus ſeiner Ungewißheit. »Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,»wenn Ihr, wie ich nicht zweifle, großmüthigerweiſe von dem Auswege, welcher —õ— ſich eurer Freigebigkeit darbietet, Gebrauch macht, ſo bin ich bereit, Euch ſofort zehn Guineen vorzuſchießen.« Die That auf das Wort folgen laſſend, nahm der Boxer die genannte Summe aus einer ſeiner Taſchen und bot ſie Fitzgerald. 38 4 Dieſer zögerte einen Augenblick, ergriff darauf die Gold⸗ ſtücke warf ſie den Gäſten der Common side zu und rief: »Hier iſt mein Willkommen, meine Herren. Nun aber wehe dem, der mich noch ferner in meiner Ruhe ſtört.« Die, an welche dieſe Worte gerichtet waren, hörten ſie nicht. Bei dem Anblick der auf den Boden rollenden Guineen hatten ſie ſich darauf geſtürzt, um ſie aufzaheben, und ſchlugen ſich mit einer Erbitterung gleich Hyänen, die ſich ein Stück Fleiſch ſtreitig machen. Eine oder zwei Minuten lang war es eine unnennbare Verwirrung und man hörte nichts als er⸗ ſticktes Geſchrei, dumpfe Schläge, ſchmerzliches Aechzen und Ausrufungen der Wuth. »Liebe Kinder,« rief endlich Roſe, als er ſah, daß der Kampf immer ernſter und grimmiger ward,„es iſt Zeit, dieſen Poſſen ein Ende zu machen. Sie werden langweilig— hört auf und begebt Euch auf eure Plätze. Habt Ihr mich gehört? Ich ſage nicht gern etwas zweimal! Nehmt Euch in Acht, meine Geduld beginnt zu Ende zu gehen.« Der athletiſche Boxer wartete vergebens einige Secun⸗ den lang die Wirkungen ſeiner Ermahnungen ab. Die Käm⸗ pfenden achteten nicht darauf. „»Zum Teufel!« murmelte er zwiſchen den Zähnen, »wenn man der Wuth dieſer Tollhäusler nicht Einhalt thäte, ſo wären ſie im Stande, ſich bis auf den letzten Mann zu erwürgen, was die Richter bei den nächſten Aſſiſen in keine Newgate zu ſeyn. Thue deine Pflicht!« 21 kleine Verlegenheit bringen würde. Alſo Freund Roſe, be⸗ denke, daß Du die Ehre haſt, einer der vier Partner*) von IV. Ein Wiederkauf. (Fortſetzung.) Während der ſeltſame Friedensſtifter dieſe Worte mur⸗ melte, ergriff er eine Peitſche mit biegſamem Stiel und einem geflochtenen, mit zahlreichen Knoten verſehenen Lederriemen, ſtürzte ſich dann mitten unter die Menge hinein und begann blindlings darunter hinein zu fuchteln. Dieſe Intervention hatte vollſtändigen Erfolg und die Balgenden ließen augenblicklich von einander ab. Nur aber gab der Angriff des Partners, anſtatt ihre Wuth zu beſchwich⸗ tigen, derſelben blos eine andere Richtung. Durch ein und dasſelbe Intereſſe vereinigt, ſtürzten ſie ſich auf den gemein⸗ ſamen Feind. Der Angriff der Banditen war ein ſo einmüthiger, daß Roſe, davon überraſcht, ihm nicht ausweichen konnte. »Lieber Freund,“ rief er Fitzgerald zu, welcher ein we⸗ nig beiſeite getreten war, und mit ruhigem Ekel dieſe gewalt⸗ *) Vier Gefangene waren unter dem Namen Partner inſtruirt, bei dem Oeffnen und Schließen des Gefängniſſes behilflich zu ſeyn, die verſchiedenen Abtheilungen zu überwachen, die zum Tragen von Feſſeln verurtheilten Gefangenen anzuketten, einem jeden ſeine Portion Nahrungsmittel auszutheilen und unter ihren Cameraden auf einen gewiſſen Grad von Anſtand zu ſehen. b0 dort gleich neben Euch— zah ihn 1 in bringen mich um.⸗ Glocke erſcholl in dem ober Stockwerke Innd faſt augenblick⸗ lich ſtürzte ſich eine Wolke von Schließern mit ſchweren kurzen Stöcken bewaffnet von der drapxe herab in das unterirdiſche Gemach. Fünf oder ſechs auf den Kopf getroffene Gefangene ſtürzten betäubt zu Boden, und die Ruhe war wie durch Zauberei wieder hergeſtellt. »Marſch, Ihr Geſindel!« ſagte der oberſte der Schlie⸗ ßer,„gleich wieder in den ſteinernen Saal hinauf! Was Euch betrifft, Partner, ſo erſtattet euern Bericht.« »Mein Herr,« antwortete Roſe mit theatraliſcher Ge⸗ berde,»meine Pflicht iſt, unter meinen Cameraden die Ord⸗ nung aufrecht zu erhalten, aber nicht ſie zu verrathen! Seyd üͤberzeugt, daß, wenn nicht mein Leben bedroht geweſen wäre, ich ganz gewiß nicht meine Zuflucht zu der Lärmglocke genommen hätte.« 4 „Ich werde eure Weigerung dem Director des Gefäng⸗ niſſes melden.« »Meinetwegen meldet ſie dem Teufel, wenn Ihr Luſt habt! Was mache ich mir daraus? Lieber will ich mir von dem Henker an dem Halſe herumſpielen laſſen, als ein elen⸗ der Angeber werden!« Die Miene, die Geberde und der Ton des Boxers er⸗ weckten Fitzgerald's Aufmerkſamkeit. Er folgte einige Augen⸗ blicke lang mit ſeinen Blicken dem Manne, welchen man den Partner genannt, und nachdem er mit dieſer raſchen Muſte⸗ rung fertig war, ſagte er bei ſich ſelbſt: der 23 2 „Dieſer Mann iſt ein Spion.“ Der Steinſaal, ſo genannt, weil ſich in der Mitte des⸗ ſelben ein großer viereckiger Stein befand, auf welchem man den Verurtheilten die Feſſeln abſchlug, ehe man ſie zum Gal⸗ gen führte, diente den Gefangenen, welche ſich einige Bewe⸗ gung machen wollten, zum Verſammlungsort. Fitzgerald, welcher durch die von Roſe vorgeſchoſſenen zehn Guineen von den Zudringlichkeiten ſeiner Cameraden befreit worden, ging für ſich allein in dem umfangreichen Saal auf und ab, als ein Unbekannter, vom Kopf bis zum Fuße ſchwarz bekleidet und mit einer Perrücke à la Lud⸗ wig XIV. ihn in ſeinen Betrachtungen ſtörte, indem er das Wort an ihn richtete. „Mein Freund,“« ſagte er, indem er dieſe Worte mit freundlichem Lächeln begleitete,»Ihr ſeyd es, welcher den Namen Fitzgerald führt, nicht wahr?« „Ja, der bin ich.« „»Der Fitzgerald, welcher Lord Jeffreys beinahe ſeine ſämmtlichen vierundzwanzig Rippen eingeſchlagen hätte?« »Ja wohl, ſage ich Euch, was iſt weiter dabei? Aber wer ſeyd Ihr denn?« »Ich bin Jonathan Hutchins, der Arzt.“ „So, nun was wollt Ihr von mir?« »Ich will Euch beſichtigen, ehe ich euern Cadaver kaufe.« Der unglückliche junge Mann verrieth kein Zeichen von Gemüthsbewegung. »Entſchuldigt,« antwortete er höflich und mit feſter Stimme,„ich hatte dieſen Umſtand vergeſſen und dachte nicht mehr an euren Beſuch. Wünſcht Ihr, daß ich mein Wams ausziehe?« 24 »Allerdings würdet Ihr mich dadurch verbinden, lieber Freund. Beim Aeskulap!« fuhr der Arzt fort, indem er die ein wenig magern aber wunderſchön geformten Glieder des Irländers betaſtete,»ich habe ſelten einen Menſchen geſehen, der ſo trefflich gebaut geweſen wäre, wie Ihr. Welch ein Thorax! Wie herrlich entwickelt iſt der Bruſtkaſten! Welches herrliche Muskelſyſtem! Auch euer innerer Bau muß ein Muſterbild von anatomiſcher Vollkommenheit ſeyn. Mein Freund, mit einer ſolchen Conſtitution und bei einem nüchternen, mäßigen Lebens⸗ wandel wäret Ihr hundert Jahre alt geworden. Ha, welch 1 ſchöne trockene und in Spiritus geſetzte Präparate werde ich von den Organen eines ſolchen Subjectes machen. Ja, alles was ich hier ſehe, iſt in der That unbezahlbar. Ich bin aber ein großer Narr, daß ich Euch dies alles ſage. Dennoch hoffe ich, daß Ihr mich nicht für meine Offenheit ſtrafen und mir keinen übertriebenen Preis abverlangen werdet. Alſo ſagt, mein werther Herr, was iſt eure Forderung? Ich bin in Ge⸗ ſchäften gern ſo rund und kurz als möglich. Ich verabſcheue alles lange Hin⸗ und Herreden und mäkle niemals. Zum Un⸗ gläck halten meine pecuniären Mittel mit meinem guten Wil⸗ len nur nicht immer gleichen Schritt. Alſo, wie viel ver⸗ langt Ihr?⸗ „»Fünfzig Guineen, mein Herr.« »Fänfzig Guineen? Das iſt ein wenig theuer, aber Ihr ſeyd ſie in der That werth. Dann muß ich auch noch fünf Guineen dem Henker geben, damit er Euch auf geſchickte Weiſe und ſo hängt, daß euer Cadaver nicht zu ſehr darunter leidet. Doch gleichviel, ich gehe auf eure Forderung ein. Es bleibt uns nun weiter nichts übrig, als unſern Contract zu unter⸗ zeichnen. Ich habe ihn im Voraus niedergeſchrieben und mich darauf beſchränkt, zum Einrücken der zu beſtimmenden Summe P 25 Platz zu laſſen. Wünſcht Ihr davon Kenntniß zu nehmen? Ich will ihn Euch vorleſen.« „Ich verlaſſe mich auf euer Wort, mein Herr.« „»Uebrigens bezahle ich baar, das verſteht ſich von ſelbſt.“« »Aber dennoch,« fuhr der Verkäuſer kaltblütig fort, „gibt es eine Bedingung, an welche Ihr, wie ich wetten wollte, nicht gedacht habt und welche unſern Handel null und nichtig machen kann.“ „O was das betrifft, lieber Freund, ſo bin ich ganz un⸗ beſorgt. Ich bin einer der beſten Kunden von Newgate und beſitze in dieſer Art von Verträgen einen ungemeinen Scharf⸗ blick. Nicht wahr, Roſe,« fuhr der Arzt fort, indem er ſich zu dem Partner des Gefängniſſes wendete, der ſich ſo eben den beiden Sprechenden genähert und Fitzgerald's Einwurf ge⸗ hört hatte,»nicht wahr, in dergleichen Geſchäften iſt meine Erfahrung eben ſo unübertrefflich, als meine Rechtſchaffenheit tadellos iſt?« »Ich beſtreite weder die eine noch die andere, mein lie⸗ ber Mr. Hutchins,« entgegnete der Boxer.„»Nichtsdeſtoweni⸗ ger ſcheint mir auch unſer Freund Fitzgerald mit ſo ausgezeich⸗ netem Urtheil begabt zu ſeyn, daß ich gern die Gründe wiſſen möchte, auf welche er ſeinen Einwurf gegen die Giltigkeit eures Vertrages ſtützt.« „»Die Sache iſt ſehr einfach. Ich finde es ſeltſam, daß man mir meinen Körper abkauft, bevor die Jury ihr Urtheil über mein Schickſal gefällt hat. Wer ſagt Euch, daß ihr Aus⸗ ſpruch mich von der gegen mich erhobenen ungerechten An⸗ klage nicht vielleicht freiſpricht?« „»O, was den Ausgang eures Prozeſſes betrifft, ſo bin ich ohne Furcht,« rief der Arzt lachend.»Lord Jeffreys ſollte einem Menſchen verzeihen, der ihn ſo übel tractirt hat? Das 26 wäre ja das Unmöglichſte, was es geben könnte! Freund Fitz⸗ gerald, euer Zweifel gereicht eurer Ehrlichkeit mehr zur Ehre als euer Scharfſinn. Ich bin bereit den Contract zu unter⸗ zeichnen.⸗ Der Irländer dachte eine halbe Minute lang nach. »Mr. Hutchins,« ſagte er,„je mehr ich an die mir zu Gebote ſtehenden Ausſichten auf Rettung denke, deſto mehr bin ich von dem glücklichen Ausgange meines Prozeſſes überzeugt. Es widerſtrebt meinem Rechtlichkeitsgefühl, eure Anerbietungen anzunehmen, ohne gewiſſe Bedingungen zu geſtatten.« »Nun, ſo laßt hören,« unterbrach Roſe mit einem Ge⸗ miſch von Ungeduld und Unruhe. »Anſtatt mir fünfzig Guineen zu bezahlen,“ fuhr Fitzge⸗ rald wieder zu dem Arzte gewendet fort,„»ſollt Ihr mir nur fünfundzwanzig geben. Dabei aber werdet Ihr es auf die Gefahr meiner Freiſprechung ankommen laſſen und wenn man mir, anſtatt mich zu hängen, die Freiheit wieder gibt, ſo ſtehen Euch dann keine Gegenanſprüche an mich zu, ſondern ich bleibe der rechtmäßige Beſitzer der mir von Euch im Voraus bezahlten fünfundzwanzig Guineen.«. »Das iſt ein goldener Handel, den Ihr mir da vor⸗ ſchlagt, mein Lieber,« rief Hutchins lebhaft,„ein Handel, auf den ich ſehr gern eingehe.« Der Arzt zerriß den mitgebrachten Contract, zog dann ein Tintenfaß, eine Feder und ein weißes Blatt Papier aus der Taſche, ſchrieb den Contract in der von Fitzgerald angedeute⸗ ten Weiſe nochmals nieder, überreichte ihn dann dem Gefan genen und ſagte: »Laſet und unterzeichnet.« Der unglückliche Irländer warf einen raſchen Blick auf das Papier, ergriff ſodann die Feder und ſchrieb mit feſter, * —ℳS—S———,, —, 27 ſicherer Hand ſeinen Namen unter die aufgeführten Bedin⸗ gungen. „Hier ſind die fünfundzwanzig Guineen,« ſagte Hutchins. „Ich danke, Sir. Kann ich, ohne eine Indiscretion zu begehen, Euch wohl bitten, mir einen großen Dienſtzu leiſten?« „Ihr werdet mich dadurch nur verbinden, mein Freund, denn ich weiß ohnehin nicht, wie ich mich für die außeror⸗ dentliche Delicateſſe eures Verfahrens gegen mich dankbar be⸗ zeigen ſoll. Sprecht, was wünſcht Ihr?« „Daß Ihr, ohne eine Minute zu verlieren, zwei armen Kindern, welche dem Hungertode nahe ſind, dieſe fünfzehn Pfund Sterling zuſtellt, denn zehn von den fünfundzwanzig bin ich Mr. Roſe ſchuldig.“ „Erlaubt, theurer Freund,« unterbrach der Boxer, in⸗ dem er ſich an Fitzgerald wendete,»Ihr ſeyd mir eilf Pfund ſchuldig. In Newgate betragen die Intereſſen zehn Procent per Tag. Bemerket auch wohl, wenn ich bitten darf, daß ich eigentlich das Recht hätte, eine kleine Mäklergebuͤhr für meine Vermittelung bei eurem Geſchäfte mit dem ehrenwerthen Mr. Hutchins zu verlangen. Eure Ehrlichkeit hat mir aber ſo ge⸗ fallen, daß ich auf dieſen legitimen Anſpruch gern verzichte.« „Hier ſind eure eilf Pfund, Mr. Roſe,« antwortete der Irländer.»Jetzt noch zwei Worte, lieber Doctor, wenn ich bitten darf.« Fitzger ald verabſchiedete ſich von Roſe durch ein flüch⸗ tiges Kopfnicken, ſteckte ſeinen Arm in den des Arztes und lenkte mit ihm ſeine Schritte nach der am wenigſten beſuch⸗ ten Stelle des Steinſaals. „Mein ſehr achtungswerther Mr. Hutchins,« ſagte er zu ihm,„hier ſind vierzehn Guineen. Eilt damit ſo raſch als möglich nach Whitehorſe Lane, nicht weit von Whitechapel⸗ 28 Road, in das Haus, welches zum„großen Sanct⸗Georg« heißt. Dort fragt nach einem jungen Manne und einem jun⸗ gen Mädchen, James und Suſanne. Dies ſind meine Ge⸗ ſchwiſter. Ohne Zweifel ſind ſie, wie ich Euch nochmals ſage, dem Hungertode nahe. Gebet ihnen in meinem Namen dieſe vierzehn Guineen. Saget ihnen, daß ſie damit ſparſam umge⸗ hen ſollen; aber ſaget ihnen ja nicht, auf welche Weiſe ich zu dieſem Golde gekommen bin. Indeſſen könnt Ihr ihnen ver⸗ ſichern, daß ich es auf rechtmäßige Weiſe erworben habe. Aber nun geht, mein lieber Hutchins, geht raſch.« Der Arzt drückte dem jungen Manne die Hand, ver⸗ neigte ſich zum Zeichen der Zuſtimmung und entfernte ſich ſchweigend. Zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte Hutchins ſich gerührt. V. Tiger und Fuchs. Roſe hatte ſich nicht getäuſcht, als er zu Fitzgerald ſagte, daß in ganz London von nichts geſprochen würde, als von ſeiner That. Der Anfall, deſſen Opfer der Oberrichter von King's Bench beinahe geworden wäre, erregte allgemeine Auf⸗ merkſamkeit. Jeder beſprach dieſes Ereigniß von ſeinem Ge⸗ ſichtspunkte aus und zog daraus dieſe oder jene Schlüſſe, ſtimmte alle Welt in dem Bedauern überein, daß bendig aus dieſer Gefahr hervorgegangen war. Als daher am Tage nach ſeiner Einlieferung in Newgate der Irländer vor der Jury erſchien, war Weſtminſter Hall von einer dichtgedrängten Menſchenmenge angefüllt. nur Jeffreys le⸗ 4 29 In der erſten Reihe der Zuſchauer bemerkte man Hutchins. Die Sicherheit, welche der Angeklagte am Tage vorher kundgegeben, hatte endlich doch Zweifel in dem Gemüth des Arztes erweckt und er war nahe daran, ſeinen Vorſchuß von fünf⸗ undzwanzig Guineen als ein ziemliches Wageſtück zu betrachten. Seine Unruhe dauerte indeß nicht lange. Kaum befand ſich Fitzgerald dem Oberrichter Jeffreys gegenüber, ſo redete dieſer ihn mit einer unerhörten Heftigkeit und Brutalität an, geſtattete ihm nicht, ſich weiter zu erklären oder zu vertheidi⸗ gen, ſondern befahl, weil der Verbrecher ja auf friſcher That ertappt worden ſey, den Geſchwornen, ſich ſofort zurückzuzie⸗ hen um zu berathen. Fünf Minuten waren kaum verfloſſen, ſo ſprach der Vormann der Jury in nachdrücklichem Tone das Wort„Schul⸗ dig« aus, und der Angeklagte hörte ſich zum Tode verur⸗ theilen. Nach Newgate zurückgebracht, wurde Fitzgerald, deſſen unerſchütterliche Kaltblütigkeit ſich keinen einzigen Augenblick verleugnet, in den fürchterlichſten Kerker des Gefängniſſes geſperrt. Dieſer Kerker, eine unterirdiſche enge Zelle, hieß— und niemals war ein Name beſſer gewählt— der»ſteinerne Schrank.« Er diente den zur Todesſtrafe Verurtheilten, welche man als gefährlich betrachtete, zum letzten Aſyl. Wenn es einem unſichtbaren Zuſchauer vergönnt gewe⸗ ſen wäre, dem Todeskampfe des Gefangenen beizuwohnen, ſo wäre er von Erſtaunen über den Anblick der Veränderung ergriffen worden, welche ſeit ſeiner Entfernung aus dem Ge⸗ richtshofe in ihm vorgegangen war. Die ſtolze, verächtliche Gleichgiltigkeit, welche er ſo —— 30 eben noch vor ſeinen Richtern gezeigt, war einer vollſtändi⸗ gen Entmuthigung und Verzweiflung gewichen. Es ward klar, daß er ſich bis jetzt hinter einer trügeriſchen Maske verſteckt und daß er in Wirklichkeit ſo ſeyn mußte, wie er ſich in der Einſamkeit ſeines Kerkers zeigte. Von Zeit zu Zeit jedoch ſchien er ſeine Schwäche über⸗ winden zu wollen. Sein Blick erſtrahlte von einem unheimli⸗ chen Glanze, von ſeinen bleichen, krampfhaft verzerrten Lip⸗ pen fielen unzuſammenhängende Redensarten, die unvollkom⸗ mene Ueberſetzung ſeiner düſteren Gedanken. »Auf ſo dumme Weiſe zu unterliegen,« murmelte er, „»während ich meine Thatkraft auf ſo nutzenbringende Art hätte verwenden können! Fluch und Verdammniß! Ich muß ſterben und die beiden armen Kinder ohne Stütze zurücklaſſen. Ja⸗ mes!— Suſannel— Beſonders Suſanne! Was ſoll ohne mich aus ihr werden, wenn ſie allen Eingebungen der Ar⸗ muth, allen Zufällen des Lebens preisgegeben iſt? Mutter! Mutter! An deinem Sterbebette hatte ich Dir verſprochen, deine Stelle bei ihr zu vertreten, und nun ſoll ich auch ſchon ſterben! Wenn ich gehängt bin, ſo wird ſie die Maitreſſe ir⸗ gend eines vornehmen Herrn, irgend eines Kammerdieners des Königs werden! Fluch, Fluch und Verdammniß!« Und Fitzgerald's Geſicht, welches einen Augenblick durch dieſe brüderlichen Befürchtungen geadelt ward, nahm bald wieder einen Ausdruck wilder Bosheit an und die haſſenswer⸗ theſten menſchlichen Leidenſchaften malten ſich darin eine nach der anderen. »Muß ich mich denn darein ergeben?« fuhr er fort. »Muß ich denn dieſen gräßlichen Tod als die Züchtigung für meine wahnſinnigen Träume hinnehmen? Nein, zum Teufel, nein! Die Reſignation iſt die Tugend der Schwachen oder der +‿8—, 13 —-„Hͤ——2„„S ———,— — 31 Dummköpfe. Es gibt keine kritiſche Lage, möge ſie dem An⸗ ſcheine nach auch noch ſo verzweifelt ſeyn, aus welcher der energiſche und kühne Menſch nicht zu ſeinem Vortheile hervor⸗ ginge, dafern ihm der Zufall nur ein wenig zu Hilfe kommt. Ich bin ja ſchon auf ſo rauhen und ſo blutigen Wegen ge⸗ wandelt!— Ha, wenn ich Jeffreys ſehen, wenn ich nur eine halbe Stunde mit ihm ſprechen könnte! Da ſollte man ſchöne Dinge ſehen! Aber welches Mittel,“« ſchrie er mit heiſerer Stimme, indem er die ſchweren Ketten ſchüttelte, mit welchen er belaſtet war,„welches Mittel ſtünde mir zu Gebote, um den Oberrichter hierher in dieſen Kerker zu locken? Soll ich ſagen, ich hätte wichtige Enthüllungen zu machen? Dann wird er eines ſeiner untergeordneten Werkzeuge ſchicken. Soll ich ihn unm eine Unterredung bitten laſſen? Würde wohl ein Mann wie er ſich um eines armen Teufels willen, wie ich bin, be⸗ mühen? Dennoch aber muß ich ihn ſehen— ja, es muß ge⸗ ſchehen!« Fitzgerald ſchwieg. Sein ſtarrer Blick, ſeine von Falten durchfurchte Stirn, ſeine gänzliche Unbeweglichkeit verriethen mehre Minuten lang, von welchen tiefen und ſchmerzlichen Betrachtungen er gefoltert ward. Plötzlich klirrte ein Schlüſſel im Schloſſe. Bei dieſem Ge⸗ räuſche nahm der Unglückliche, ſeine ganze Willenskraft auf⸗ bietend, ſofort eine andere Miene an. Die zuſammengezoge⸗ nen Muskeln ſeines Geſichts erſchlafften, das Feuer ſeines unruhigen, fieberhaften Auges erloſch, ſeine ſo eben noch von Wuth und Ingrimm verſtörten Züge nahmen einen reſignir⸗ ten und gleichgiltigen Ausdruck an, welcher wohl im Stande geweſen wäre, ſelbſt den ſcharfſinnigſten und mißtrauiſchſten Beobachter zu täuſchen. Es dauerte nicht lange, ſo drehte ſich die maſſive Thür 32 in den verroſteten Angeln und Roſe erſchien, eine Blendla⸗ terne in der Hand tragend, vor dem Verurtheilten. »Nun, mein armer Freund,« ſagte er,»„Ihr ſehet, daß ich mich nicht getäuſcht hatte. Jeffreys der Richter hat Jeffreys den Trunkenbold gerächt. Ich begreife in der That nicht, daß Ihr Euch auch nur einen Augenblick lang über das Schickſal täuſchen konntet, welches Euch erwartete. Uebrigens ſcheint es, als wäre eure Haltung vor dem Ge⸗ richtshofe ganz vortrefflich geweſen, wenigſtens hat ſich ein ſolches Gerücht in Newgate verbreitet. Dies nimmt mich je⸗ doch nicht wunder. Gleich von dem erſten Augenblicke an, wo ich Euch geſehen, flößttet Ihr mir ganz beſondere Achtung ein. Ich bin überzeugt, daß Ihr eure kurze, aber glänzende Laufbahn durch einen Tod werdet zu beſchließen wiſſen, der eures großen Herzens würdig iſt. Man behauptet, daß mehre Damen am Hofe die Abſicht haben, eurer Hinrichtung beizu⸗ wohnen. Ich rathe Euch daher, einige Sorgfalt auf eure Toilette zu verwenden, und verſpreche Euch einen ausgezeich⸗ neten Erfolg.« »Empfanget meinen ganzen Dank für euern wohlwollen⸗ den Beſuch und guten Rath, Mr. Roſe,« antwortete der Ir⸗ länder mit vollkommen ruhiger Stimme.»Aber wie habt Ihr denn bis zu mir gelangen können?« »Weil ich einer der vier Partner von Newgate bin.⸗ „»Ganz richtig. Während einiger Secunden des Schweigens lenkte Roſe das ganze Licht ſeiner Blendlaterne auf Fitzgerald's Geſicht, welches vollkommen unverändert blieb. Endlich nahm der Boxer wieder das Wort. »Gleichviel,« ſagte er lächelnd,„ich bin zufrieden.⸗ »Womit denn?« fragte der Verurtheilte, indem er eben⸗ 33 la⸗ falls lächelte, als ob die Heiterkeit ſeines Beſuchers einen ge⸗ wiſſermaßen anſteckenden Einfluß auf ihn ausübte. het,»Nun, gereicht es uns nicht Allen zur Ehre? Kann der nicht ganz Newgate ſtolz darauf ſeyn? Wenn Jeffreys erfah⸗ der ren wird, mit welcher unbeugſamen Feſtigkeit— doch, was ng ſage ich!— mit welcher erſtaunlichen Gleichgiltigkeit Ihr die te. Stunden, die Euch noch von dem Galgen trennen, zubringet, Be⸗ dann wird er ſchäumen vor Wuth!« ein„»Wie ſoll er dies denn aber erfahren?« fragte Fitzgerald, je⸗ indem er ſich gleichſam bemuühte mit ſeinem Blick in Roſe's n, Seele zu leſen. ng»Nun werde ich denn nicht etwa oben davon ſprechen? de Und glaubt Ihr denn, daß die Schließer es nicht dem Diret⸗ er tor des Gefängniſſes erzählen werden, von welchem es dann re Jeffreys wieder erfahren wird?« u⸗»Na, meinetwegen mag man es ihm ſagen oder ver⸗ re ſchweigen. Ich kümmere mich ſehr wenig um die Meinung h⸗ dieſes Dummkopfes.“ „Dieſes Dummkopfes? Ihr nennt ihn einen Dummkopf? n. Er iſt vielmehr ein Tiger!« r⸗„Ja, das iſt wahr, er iſt ein Tiger, aber das hält ihn yr nicht ab auch ein Dummkopf zu ſeyn.« „»Was veranlaßt Euch denn, ihn auf dieſe Weiſe zu 8 beurtheilen?« „Ja, das iſt mein Geheimniß, und ich behalte es für mich. Nur ſo viel will ich Euch ſagen, Mr. Roſe, wenn Ihr jemals 1 ſagen hört Jeffreys ſey boshaft, aber geſchickt; ein Säufer, aber intelligent; er habe ein wildes und grauſames Herz, aber einen klugen Kopf: dann antwortet denen, welche dieſe Mei⸗ nung ausſprechen, daß Fitzgerald der Gehängte ſie abge⸗ Der Tiger von Tanger. I. 3 34 ſchmackt fand; daß in ſeinen Augen dieſer Jeffreys nichts wei⸗ ter war als ein Gemiſch von Grauſamkeit und Dummheit und daß Fitzgerald ſeine Gründe hatte dies zu denken. Doch ich raube Euch eure Zeit, mein lieber Mr. Roſe, und ich ſelbſt bedarf der Ruhe. Lebt wohl, lebt wohl, mein guter Mr. Roſe, lebt wohl.« Nachdem der Irländer dieſe Worte geſagt, lehnte er ſeinen Kopf an die Wand, ſchloß die Augen und bekümmerte ſich nicht mehr um ſeinen Beſucher. Was Roſe betraf, ſo rührte er trotz des ſo beſtimmt ausgeſprochenen Abſchieds, den er erhalten, ſich nicht von der Stelle. Er ſchien die Un⸗ terredung noch weiter fortſetzen zu wollen, gleichzeitig aber auch verlegen zu ſeyn. »Schlaft Ihr ſchon, lieber Fitzgerald?« fragte er nach einem Augenblick des Schweigens. Der Verurtheilte öffnete die Augen und ſagte in ſchrof⸗ fem Tone: »Was, Ihr ſeyd immer noch da, Roſe? Ich träumte ſchon ſehr angenehm und nun weckt Ihr mich wieder auf. Was wollt Ihr von mir? Hatte ich Euch nicht gebeten, mich in Frieden zu laſſen?« »Ich gehe, lieber Freund, ich gehe.« »Das iſt mir in der That ſehr lieb.« »Nur wünſchte ich, ehe ich ewigen Abſchied von Euch nehme, ſehr, Euch zu umarmen. Man behauptet, daß der Knuß eines Menſchen, welcher gehängt werden ſoll, Glück bringe.« „Nun gut, ſo umarmet mich und gehet dann.“« »Und dann,“ fuhr Roſe fort, indem er immer noch un⸗ beweglich auf ſeinem Platze verharrte,„wäre es mir nicht 2* ſp unlieb, eine nähere Erklärung über das zu hören, was Ihr mir ſo eben ſagtet— Ihr wißt ſchon über Jeffreys.⸗ „»Nehmt an, ich hätte nichts geſagt und laßt mich in Ruhe.« »Unmöglich, lieber Freund. Ich bin unglücklicherweiſe ſo wunderlich, daß, wenn ich einmal auf die Spur eines Ge⸗ heimniſſes gebracht bin, dann gar nicht eher wieder an etwas Anderes denken kann, als bis ich meine Neugier befriedigt habe. Nun will ich Euch nicht verbergen, daß eure Art und Weiſe, Euch über Jeffreys auszuſprechen, mich ſehr neugierig gemacht hat.« „Doch iſt die Sache ſehr einfach.« 3 „Sehr einfach? Meint Ihr, der Oberrichter hätte Euch begnadigen müſſen, um nicht in euren Augen für einen Dummkopf zu gelten?« 2 »Das iſt wohl möglich, mein Freund,« antwortete Fitzgerald nachläſſig. „»Aber iſt das wirklich euer Ernſt?« „Sehe ich denn aus, als ob ich ſcherzte?« »Nein, aber Ihr müßt doch eure Gründe haben, ſo zu ſprechen. Worin beſtehen dieſelben?« Fitzgerald antwortete nicht. Die Aufregung, welche Roſe's Fragen in ihm erweckten, war ſo groß, daß er, um ſie nicht durch äußere Zeichen zu verrathen, eine wunderbare Willenskraft entwickeln mußte. Roſe hätte, wenn er darauf geachtet hätte, das Klopfen ſei⸗ nes Herzens hören können, aber dennoch bewahrte ſein Ge⸗ ſicht einen Ausdruck vollkommener Ruhe. „Ah,“ dachte er,„ich habe richtig gerathen! Es iſt we⸗ der das Intereſſe noch die Neugier, welche Roſe veranlaßt *⁴ 36 haben, in meinen Kerker herabzuſteigen. Dieſer Mann hat einen Auftrag zu erfüllen.— Er iſt meine letzte Hoffnung. Ein Wort zu viel oder zu wenig und ich bin verloren!« »Lieber Freund,« hob nach einer Pauſe der Boxer wie⸗ der an, als er ſah, daß der Irländer fortfuhr zu ſchweigen, »eure Hartnäckigkeit, mir nicht ausführlich zu antworten, be⸗ weiſt nicht viel zu Gunſten eurer Herzensgüte. Es iſt dies eine große Undankbarkeit gegen die Dienſte, die ich Euch geleiſtet, und ich hätte von Euch mehr Erkenntlichkeit erwartet.« »Und ich von Euch weniger Grauſamkeit,« rief Fitzge⸗ rald im Tone ſchmerzlichen Vorwurfs.»Schämt Ihr Euch nicht, die wenigen Stunden, die ich noch zu leben habe, zu eurem Nutzen ausbeuten zu wollen und durch kindiſche Reden zu beläſtigen? Iſt es denn einem Verurtheilten nicht einmal vergönnt, frei über ſeine letzten Augenblicke zu verfügen? Ich ſoll binnen wenigen Stunden vor Gott erſcheinen und bedarf daher der Sammlung und des Gebetes. Doch was nützt es, von Mitleid mit einem Herzen zu ſprechen, welches ſo verſtockt iſt, wie das eure?« fuhr der Gefangene in noch heftigerem Tone fort.»Das wäre verlorene Mühe. Ihr ſteht immer noch da, mit der Laterne in der Hand. Ihr weigert Euch fortzugehen. Ich ſoll Euch durchaus ſagen, was Ihr wiſſen wollt. Wohl⸗ an, ja, ich habe ernſtlich geſprochen. Ja, ich habe Gründe zu dem, was ich geſagt habe. Ich hatte einen Plan entworfen, deſſen Ausführung— und ſie war untrüglich— Zeffreys, wenn er mich in ſeinen Dienſt genommen hätte, zur bedeutend⸗ ſten Perſon des Königreichs England gemacht hätte. Jetzt Euch dieſen Plan auseinanderzuſetzen und mich in unver⸗ ſtändliche Einzelnheiten darüber auszulaſſen, dies wäre mir unmöglich. Die Zeit würde mir dazu fehlen. Lebt wohl, Roſe! Ins Himmels Namen, ſtöret meine Ruhe nicht weiter.⸗ 144 * * 37 Diesmal gehorchte der Partner und verließ den Kerker ſogar mit auffallender Schnelligkeit. „Das Spiel iſt begonnen,« murmelte Fitzgerald, ſobald er Roſe ſich mit raſchen Tritten hatte entfernen hören.»Ich bin überzeugt, daß binnen hier und einer Stunde Lord Jef⸗ freys ſich herablaſſen wird, mir einen Beſuch zu machen. Aber dann heißt es gut ſpielen!— Indeſſen an Geſchicklich⸗ keit mangelt es mir nicht und übrigens habe ich auch die ſchönſten Karten in der Hand. Alſo, nur keine Unruhe wei⸗ ter— der Sieg iſt mein!« VI. Tiger und Fuchs. (Fortſetzung.) Die auf dem Antlitz des Unglücklichen raſch wechſelnde Bläſſe und Röthe verrieth den Sturm ſeines Gemüthes und ſtrafte die Ruhe, welche er ſich ſelbſt heuchelte, auf unverkenn⸗ bare Weiſe Lügen. Bei jedem unklaren fernen Geräuſch, welches er zu hören glaubte, erzitterte er an allen Gliedern. Seine durch das Warten erhitzte Einbildungskraft ließ ihm Jeffreys mit ſpötti⸗ ſcher, barbariſcher, unerbittlicher Miene auf der Schwelle ſeines Kerkers erſcheinen, oder vielleicht verſchmähte der Oberrichter es ſogar, einen Schritt zu dem Verurtheilten zu thun, der ſein Heil in einer ſo verbrauchten Liſt ſuchte. Die Stunden verfloſſen langſam und eiſig, ohne daß die geringſte Spur von einem nahe bevorſtehenden Ereigniß den Muth des Gefangenen aufrecht erhalten und ſeine Hoffnung genährt hätte. Dieſe lange Vereinſamung, dieſe Verſchmähung, 38 welche er nicht erwartet hatte, brachten ſehr bald in ihm eine tiefe Reaction hervor. Seine fieberhafte, erkünſtelte Energie ſchwand, ſeine Hoffnung erloſch, auf ein Nebermaß von Auf⸗ regung folgte vollſtändige Abſpannung— er fühlte ſich be⸗ ſiegt, ohne gekämpft zu haben. Plötzlich fiel ein heller Lichtſtrahl in das Dunkel des Kerkers. Fitzgerald beſaß, obſchon er dadurch ſofort wieder in die größte Aufregung verſetzt ward, nichtsdeſtoweniger ſo viel Geiſtesgegenwart, daß er die Blicke auf den Boden heftete und die Haltung eines Schlafenden annahm. Beinahe in demſelben Augenblick ſchlugen die Töne einer lauten Stimme an ſein Ohr. »Elender Bettler, nichtswürdiger Schurke, niederträchti⸗ ger Bandit, Räuber, Mörder, verworfener Sohn des Teufels!« heulte dieſe Stimme, welche viel Aehnlichkeit mit dem Brüllen eines wüthenden Stiers hatte,„hat deine Faulheit noch nicht mit dem ewigen Schlafe genug, den Du nun bald genießen wirſt? Kannſt Du deine letzte Stunde nicht beſſer an⸗ wenden?« Ein ziemlich heftiger Stoß, welcher den Irländer an die Hüfte traf, begleitete dieſe Worte. Der Eintretende hatte zu ſeinen niedrigen Schimpfworten auch thätige Beleidi⸗ gung geſellt und dem Verurtheilten einen Fußtritt verſſetzt. Fitzgerald richtete ſich ſo weit auf als ſeine Ketten es er⸗ laubten, und heftete dann einen funkelnden Blick auf ſeinen Angreifer. »Feigling,« rief er,„wenn ich frei wäre, ſo hätteſt Du dieſe Beleidigung ſchon mit deinem Leben gebüßt. Wer biſt Du? Ah, Ihr ſeyd es! Richter und Henker in einer Perſon! Ah, das hätte ich von Euch erwarten können. Nicht wahr des er in viel eftete Töne ichti⸗ 8l« üllen nicht eßen 39 Ihr kommt, um Euch an meinen letzten Qualen zu weiden? Doch nein, ich irre mich,“ fuhr der Irländer mit höhniſchem Gelächter fort,„nein, es iſt ein gutes Gefühl, welches Euch hierherführt, es iſt das Mitleid. In der That, Mylord, Ihr erzeigt mir zu viel Ehre. Ich weiß nicht, wie ich mich für eine ſolche Herablaſſung, für eine ſolche Güte dankbar beweiſen ſoll. Das Intereſſe, welches Ihr an mir zu nehmen geruhet, rührt mich zu Thränen und vergebens ſuche ich Worte, um Euch meine ganze Dankbarkeit zu beweiſen. Ich kann keine Worte finden—« „Schweig, frecher Vagabund, ſchweig, Bandit!« ſchrie der Oberrichter.„»Du weißt nicht, ſagſt Du, wie Du mir deine Dankbarkeit beweiſen ſollſt? Warte wenigſtens, ehe Du ſie kundgibſt, ſchamloſer Halunke, bis der Henker Dir einen Vorgeſchmack von den Genüſſen verſchafft haben wied, welche Dir vorbehalten ſind. Wenn Du die Folter überſtanden haben wirſt, wenn deine zuckenden Glieder nur noch eine unförmliche Maſſe von zerbrochenen Knochen und zerquetſchtem Fleiſch dar⸗ bieten werden, dann wird es Dir erlaubt ſeyn, mich ganz nach Belieben zu ſegnen. Meine Gegenwart ſetzt Dich in Er⸗ ſtaunen? Wohlan ja, ich will Dir es nicht verhehlen— wenn auch dieſes Geſtändniß deine Eitelkeit kitzeln ſollte, ich habe nicht dem Wunſch widerſtehen können, in der Nähe eines ſol⸗ chen Taugenichts, wie Du biſt, zu ſeyn Die abgefeimteſten Banditen des Königreiches ſind durch meine Hände gegangen und ich habe unter ihnen nicht einen einzigen gefunden, der in Bezug auf Frechheit und Verſtockheit mit Dir verglichen werden könnte. Nun aber endlich biſt Du in die Gewalt der Gerechtigkeit gerathen, elender Taugenichts! Morgen wird die Geſellſchaft von Dir befreit ſeyn, denn morgen wirſt Du am Galgen hängen.« 40 Während Jeffreys den Verurtheilten mit dieſen Schmä⸗ worten überhäufte, betrachtete ihn dieſer mit der größten Aufmerkſamkeit. Der Lord⸗Oberrichter von King's Bench hatte damals ſein ſiebenunddreißigſtes Lebensjahr zurückgelegt. Seine gutge⸗ wachſene, obſchon ein wenig zu gedrungene Geſtalt maß nicht über fünf Fuß vier Zoll. Er hatte eine hohe Stirn, eine ge⸗ rade, feingeformte Naſe, ein auffallend ſanftes und ruhiges Auge, einen Mund, welcher Feſtigkeit des Willens verrieth. Die ovale Form ſeines edlen und ſchönen Geſichtes verkündete — welch eine lebende Lüge! welch ein ſeltſamer Contraſt! — Herzensgüte und Leutſeligkeit. So war Jeffreys wenigſtens in ruhigem Zuſtande; ſo zeigte er ſich, wenn er ſich von den Malern ſeiner Zeit, unter andern auch von Kneller, conterfeien ließ. Setzte aber der Zorn ſein Blut in Fammen, dann ging mit ihm eine vollſtändige, unerhörte und ſo ſeltſame Verän⸗ derung vor, daß, wenn nicht alle gleichzeitigen Schriftſteller des ſiebzehnten Jahrhunderts ſich einſtimmig über dieſe ab⸗ norme Erſcheinung ausſprächen, wir dieſelbe weder zu erwäh⸗ 8 nen wagen, noch ihr ſelbſt Glauben beimeſſen würden. War Jeffreys nemlich wüthend— und wüthende Auf⸗ regung war bei ihm zu einem gewiſſen chroniſchen Zuſtande geworden— dgnn hatte er mit einem an Körper und Geiſt geſunden Menſchen keine Aehnlichkeit mehr. Er war ein excen⸗ triſches, unerklärliches Phantom. Der Schall ſeiner Donner⸗ ſtimme, das Spiel ſeiner dichten Augenbraunen, die unge⸗ heure, fratzenhafte Beweglichkeit ſeines Geſichtes, das Unge⸗ ſtüm ſeiner Bewegungen, das fortwährende Zucken ſeiner Muskeln und endlich die unausſprechliche Wolluſt, welche ſich auf ſeinem Geſichte malte, wenn er ſich darin gefiel, durch 41 blutige Schilderungen die unglücklichen Angeklagten zu ſchre⸗ cken, welche vor ihm erſchienen, hatten ihn zu einem Gegen⸗ ſtand allgemeinen unwillkürlichen und abergläubiſchen Schre⸗ ckens gemacht. Wenn er auf der Straße einherging, wich Alles ſcheu vor ihm zurück und man kann heutzutage ſagen, daß die Natur, indem ſie dieſen furchtbaren Wahnſinnigen ſchuf, ſich auf eine noch ſchrecklichere und noch wahnſinnigere Schöpfung vorzubereiten ſchien, nemlich auf die Marat's. Sobald Jeffreys ſchwieg, beeilte ſich Fitzgerald das Wort zu ergreifen. „Mylord,« ſagte er mit feſter Stimme,»erlaubt mir eure Prophezeiung in Zweifel zu ziehen. Die Sonne des morgenden Tages wird nicht meinen Tod, ſondern meinen Triumph beleuchten. Morgen werde ich frei ſeyn, morgen werde ich Gold haben und man wird mich beneiden, denn morgen wird mir der Oberrichter von King's Bench ſeine Börſe, ſeine Unterſtützung, ich hätte beinahe geſagt, ſeine Freundſchaft anbieten.« „»Was ſagſt Du, Unverſchämter?« unterbrach ihn Jef⸗ freys mit einer Heftigkeit, die aber mehr affectirt als wirklich war.„»Ich ſollte Dir dergleichen Anerbietungen machen? Die Furcht vor dem Galgen verwirrt deinen Verſtand— Du raſeſt!« „Ihr wißt recht wohl, daß dies nicht der Fall iſt. Ihr wißt, daß ich mit vollkommener Beſonnenheit ſpreche und daß kein Hintergedanke von Furcht meinen Verſtand trüben kann. Jetzt habt die Güte, mir eure volle Aufmerkſamkeit zu ſchenken.« »Wie, ich ſollte mich herablaſſen, Dich anzuhören, elen⸗ der Straßenräuber?«„ »Herr Oberrichter, wie mir ſcheint, iſt eure Anweſen⸗ — 42 heit hier eine ſehr bedeutſame. Würdet Ihr Euch wohl die Mühe genommen haben, in meinen Kerker herabzuſteigen, wenn eure eigene Verworfenheit in Verbindung mit eurer ſeltenen Menſchenkenntniß Euch nicht den Nutzen ahnen ließe, den Ihr vielleicht von mir ziehen könnt? Höret daher auf, dieſe Wuth zu heucheln, welche auf mich durchaus keinen Ein⸗ druck macht, wohl aber der Klarheit unſerer Unterredung ſchadet. Ich beginne.« Die ſo ruhige und dreiſte Sprache des Verurtheilten äußerte auf Jeffreys eine eigenthümliche Wirkung. Anſtatt ſich abermals in Schmäh⸗ und Schimpfreden zu ergehen, lächelte er mit zufriedener Miene und rieb ſich freudig die Hände. »Eine ſo ſuperbe Unverſchämtheit rechtfertigt meine Vermuthung,« murmelte er.»Ein Menſch, der in einer ſol⸗ chen Lage dergleichen Reden gegen mich zu führen wagt, muß nothwendig irgend einer mächtigen Partei angehören und ich werde jedenfalls wichtige Aufſchlüſſe hören. Ich habe dem⸗ nach ſehr weiſe gehandelt, daß ich ſelbſt hierhergegangen bin. Roſe wäre einer ſo delicaten Aufgabe doch wohl nicht gewach⸗ ſen geweſen.⸗ Dann ſetzte er laut hinzu: »Wohlan, Schuft, erkläre Dich! Ich höre.« Fitzgerald ließ ſich das nicht zweimal ſagen.. »Mylord,« ſagte er,„ich kenne euren Scharfſinn zu gut, als daß es mir einfallen könnte, Euch hintergehen zu wollen. Ich werde daher mich ganz frei und unverhohlen gegen Euch ausſprechen. Nehmt mir die Freiheit meiner Worte nicht übel, denn ſie iſt eine Huldigung, welche ich eurer Ueber⸗ legenheit darbringe.« 43 „Zur Sache, zur Sache!« unterbrach ihn Jeffreys in rauhem Tone. 4 »Mylord,« hob der Irländer nach einer kurzen Pauſe wieder an,„Ihr könnt Euch nicht verhehlen, daß trotz der Gunſt, in welcher Ihr bei unſerem Monarchen, dem König Carl II., zu ſtehen ſcheint, und trotz der unermeßlichen Macht, welche Ihr in Folge eures Amtes ausübt, eure Stellung eine ſehr unſichere iſt. Von dem ganzen Königreich verabſcheut, von der Bevölkerung Londons gehaßt, von den Kleinen ge⸗ fürchtet, von den Großen verachtet, ſeyd Ihr unaufhörlich bedroht. Eure zahlreichen Feinde warten nur auf eine Gele⸗ genheit, auf einen Vorwand, um ſich Alle mit einem Male auf Euch zu ſtürzen. Ihr werdet Euch vertheidigen, ſagt Ihr? Gut, aber ſelbſt ein Rieſe, ſo unüberwindlich er auch gegen Einzelne ſeyn möge, kann nicht widerſtehen, wenn die Zahl ſeiner Feinde Legion heißt. Eure Anſtrengungen werden zu weiter nichts führen, als daß dadurch eure Niederlage um ſo vollſtändiger gemacht wird. Dieſer ſichere Sturz iſt es, vor welchem ich Euch retten will, Mylord.« »Eure Einleitung, beredter Fitzgerald, entbehrt durch⸗ aus nicht eines gewiſſen Schwunges,“ ſagte Jeffreys in unge⸗ wohnt ſanftem Tone,»geht aber nun zur Erzählung ſelbſt über.«. »Mylord,« fuhr der Verurtheilte fort»das einzige MNittel, ungeſtraft dem Gewitter trotzzubieten, beſteht darin, ſich ſo hoch zu ſtellen, daß man den Blitz unter den Füßen hat. Die Feinde, welche gegründete Hoffnung nähren, den Lord⸗Oberrichter von King's Bench zu ſtürzen, würden ſiche ganz gewiß nicht an ihn wagen, wenn er Großſiegelbewahrer und Lordkanzler von England würde.« Bei dieſen mit Feuer ausgeſprochenen Worten zuckte 44 Jeffreys zuſammen. Die plötzliche Röthe, welche ihm auf die Wange ſtieg, der hellere Glanz ſeiner Augen verriethen die tiefe Bewegung ſeines Gemüthes. Dennoch aber war dieſe Bewegung oder wenigſtens die äußeren Zeichen, welche ſie kundgaben, von kurzer Dauer. Das Geſicht des Oberrichters nahm beinahe ſofort den gewohnten Ausdruck von ſpöttiſchem Zweifel wieder an. „Alſo,« ſagte er,„Du biſt von Seiner Majeſtät beauf⸗ tragt, den Großſiegelbewahrer, den Lordkanzler von England zu ernennen, o allzuſpaßhafter Fitzgerald; und ich bin es, auf welchen Du dein Augenmerk gerichtet haſt, um ihm dieſen vielbeneideten Poſten zu verleihen?« „Spottet nicht, Mylord! Ja, ich, der unbekannte, der elende Fitzgerald, ich, der mit Lumpen bedeckte und halb ver⸗ hungerte und erfrorene arme Teufel, ich, der zum Galgen Verurtheilte, ich mache mich, wenn Ihr mir eure Unterſtü⸗ tzung verſprecht, verbindlich, Euch, ehe noch ſechs Monate vergehen, zum Großſiegelbewahrer und Lordkanzler von Eng⸗ land zu machen.« VII. Ciger und Fuchs. (Fortſetzung.) Während Fitzgerald ſo ſprach, beobachtete Jeffreys ihn auf's Aufmerkſamſte. Er ſuchte in ſeinen Zügen die Spuren des Wahnſinnes, den ſeine Sprache zu verrathen ſchien. Das Geſicht des Irländers aber verrieth, weit entfernt, auf Wahn⸗ ſinn ſchließen zu laſſen, im Gegentheil Schlauheit, Liſt und Intelligenz. 45 Der Oberrichter konnte in Folge dieſer aufmerkſamen Prüfung einen dumpfen Ausruf des Erſtaunens nicht unter⸗ drücken. „»„Ich komme nun, Mylord,“« fuhr Fitzgerald fort, ohne daß er ſich weiter mit dem Eindruck zu beſchäftigen ſchien, welchen er auf ſeinen furchtbaren Zuhörer machte,„ich komme nun zu den Enthüllungen, welche das, was ich bis jetzt ge⸗ ſagt, Euch nothwendig erwarten laſſen muß. Ich werde kurz ſeyn. Der einzige Freund, den ich auf Erden hatte, ein Lands⸗ mann, der eben ſo arm als unglücklich iſt, wie ich, hat mir kürzlich auf ſeinem Sterbebette zwei wichtige Geheimniſſe anvertraut. Das erſte bezieht ſich auf Lord Lisle, einen der Richter Carls I., und das zweite auf den Herzog von Mon⸗ mouth.« Bei dem Namen des Lord Lisle ward Jeffreys lei⸗ chenblaß. »Du weißt, wohin Lord Lisle ſich geflüchtet hat?« rief er in heftigem Tone. »Ja, Mylord, ich weiß es.« »Du kennſt den angenommenen Namen, unter welchem er ſeine Schande verbirgt?« »Ja, Mylord, ich kenne dieſen angenommenen Namen.« »Bei der Hölle, wenn Du etwa hoffſt mich zu täuſchen, mit meiner Leichtgläubigkeit zu ſpielen, mein Vertrauen zu mißbrauchen, dann ſollſt Du es ſchwer bereuen! Wenn Du lügſt, nichtswürdiger Schurke, ſo erwarten Dich die grauſam⸗ ſten Martern! Ich werde deinen Todeskampf auf noch nie dageweſene Weiſe verlängern laſſen, deine Schmerzen ſollen ſo furchtbar ſeyn, daß Du nach dem Galgen lechzen ſollſt, wie der Verdammte in der Hölle nach einem Tropfen Waſſer lechzt. Du ſollſt in die Hände der erfahrenſten Folterer des 46 Königreichs kommen; Du ſollſt mit geſchmolzenem Blei ge⸗ tauft werden, deine Schultern wird die Geißel des Henkers zerfleiſchen, deine verrenkten Glieder ſollen aufhören eine menſchliche Form zu haben, und dein furchtbares Ende ſoll die ganze Welt mit Entſetzen erfüllen!— Jetzt, wo Du weißt, was Dir beſchieden iſt, wenn Du mich zu hintergehen ſuchſt, bemühe Dich, meine Fragen offen und wahrheitgemäß zu be⸗ antworten.“ „»Mylord,« unterbrach ihn Fitzgerald in kaltblütigem Tone,„ich habe immer gehört, daß ein Handel für beide contrahirende Theile gleichmäßig bindend iſt. Nun aber ſehe ich nicht, daß Ihr in Rückſicht auf die Unannehmlichkeit, welche eine Lüge von mir zur Folge haben würde, auch die Vortheile erwähnt hättet, welche meine Ehrlichkeit und Wahr⸗ haftigkeit belohnen ſollen. Beſtimmen wir die Sache genau, wenn ich bitten darf. Wenn ich Euch nicht blos das Aſyl ent⸗ decke, in welchem Lord Lisle in Sicherheit lebt und Euch un⸗ geſtraft trotzbietet, wenn ich Euch auch noch durch den Tod des alten Puritaners für die blutige weitverbreitete Schmäh⸗ ſchrift räche, welche er von ſeinem Exil aus gegen Euch ver⸗ öffentlicht hat, werdet Ihr mir da das Leben ſchenken?« „Ja, Fitzgerald, bei meiner Ehre, dein Leben ſoll Dir geſchenkt werden!« „»Und auch die Freiheit, Mylord?« „Ja, auch die Freiheit, Halunke.“« »Mylord, nun bin ich bereit, die Fragen zu beantwor⸗ ten, welche Ihr an mich richten werdet.« „Von welchem Irländer haſt Du dieſes Geheimniß?« „Von Patrick O' Brien.“ „Was, Patrick O'Brien iſt todt?« „Ja, Mylord, euer treuer unglücklicher Emiſſär— 4 denn trotzdem, daß Ihr gut von ihm bedient wurdet, bezahl⸗ tet Ihr ihn doch ſehr ſchlecht— euer treuer und unglücklicher Emiſſär, ſage ich, iſt ermordet worden.“ „Ermordet?« wiederholte Jeffreys mit einem Gemiſch von Staunen und Schrecken. »Und von wem?« „Das weiß ich nicht. Die Hand, die ihn getroffen, hat den Streich im Dunkeln geführt, aber ich weiß woher das Meſſer kam, womit dieſe Hand ſich bewaffnete.« „»Ha! Und woher kam dieſes Meſſer?« »Von Holland, Mylord.« »Wo ſich gegenwärtig der Herzog von Monmouth und jener Auswurf von verbannten oder gefährdeten Revolutionä⸗ ren befindet. Gut, wir werden ſogleich wieder darauf zurück⸗ kommen. Kehren wir jetzt zu Lord Lisle zurück. Welche Mon⸗ archie iſt denn ſo niederträchtig und verworfen geweſen, die⸗ ſen Königsmörder aufzunehmen?« „»Lord Lisle konnte ſich nur auf republicaniſchen Boden flüchten. Er lebt in der Schweiz, in der Umgegend von Lau⸗ ſanne.« »Und wie nennt er ſich jetzt?« »Burton. Er gibt ſich für einen alten Kaufmann aus, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen, hat nur einen ein⸗ zigen alten Diener um ſich und empfängt beinahe niemals Beſuche.« „»Was ſo viel heißt, als daß ein gegen ſeine Perſon un⸗ ternommenes Attentat ſo ziemlich unbemerkt vorübergehen und kein großes Aufſehen erregen würde.“ »Ihr habt meinen Gedanken vollſtändig begriffen, Mh⸗ lord.« »Und Du würdeſt bereit ſeyn, dieſen Act der Gerech⸗ tigkeit zu vollſtrecken, nicht wahr?« „Sobald ich einmal eure Creatur geworden wäre, würde es natürlich meine Pflicht ſeyn, Mylord, eurem leiſe⸗ ſten Wunſche blindlings zu gehorchen.« Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf dieſe Antwort Fitzgerald's. 4 Jeffreys überließ ſich mit ſtierem Blick, zuſammengezo⸗ genen Augenbrauen und gerunzelter Stirn tiefen Betrachtun⸗ gen. Er war indeß der Erſte, welcher das Geſpräch wieder aufnahm. „Elender Schurke,« ſagte er,»welche Bürgſchaft der Treue kannſt Du mir bieten? Nichts gibt mir Gewißheit, daß Du nicht die Abſicht haſt, mich an Lord Lisle zu verkaufen, eben ſo wie Du jetzt vorgibſt, dieſen Königsmörder mir aus⸗ zuliefern. Mit Schuften deiner Art kann man nicht vorſichtig genug ſeyn. Dir die Freiheit wieder geben und Dich mit Geld verſehen, heißt mich der Gefahr ausſetzen, von Dir zum Nar⸗ ren gehalten und ſpäter die Zielſcheibe deiner elenden Spott⸗ reden zu werden. Aber beim Teufel, noch Niemand hat Jef⸗ freys ungeſtraft geſpottet! Der Gedanke, daß ein Schurke wie Du mich zum Beſten haben könne, dieſer Gedanke reizt und erbittert mich. Er macht mir das Blut in den Adern ſieden. Nein, nein, Sohn des Teufels, ich werde Dich nicht loslaſſen! Wenn die Aufſchlüſſe, die Du mir gegeben, richtig ſind, ſo wird mich der erſte beſte Taugenichts von dem unverſchämten Pasquillanten befreien. Sind ſie falſch, nun dann biſt Du wenigſtens nicht der Strafe entronnen, welche deinen Ver⸗ brechen gebührt!« „Und euer Wort, Mylord?« ſagte Fitzgerald. „»Welches Wort, Bandit?« —, C—— ₰₰—„ OSD g„»„—,——+—„—— 49 »Nun, habt Ihr Euch nicht verbindlich gemacht, wenn ich Euch Lord Lisle auslieferte, mir Leben und Freiheit zu ſchenken?« Der Oberrichter ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf. »Deſto ſchlimmer fuͤr Dich, Dummkopf,« rief er,„wenn Du Dich in einer ſo plumpen Schlinge haſt fangen laſſen; Du hätteſt Dir nicht einbilden ſollen, ein Menſch zu ſeyn, der allen andern überlegen und ſeiner Mittel ſicher wäre. Ha, welch eine erbärmliche Rolle Du da gewählt haſt! Jeffreys' Heiterkeit war nicht von langer Dauer und ſchwand bald vor dem kalten, ironiſchen Blick, womit der Irländer ihn betrachtete. »Ach, Mylord,« ſagte der Gefangene in einem Tone, der zwiſchen Verachtung und Mitleid ſchwankte,„ich hätte nicht geglaubt, daß der Ruf, den Ihr genießet, auf ſolche Weiſe uſurpirt wäre und jeder Begründung entbehrte. Was, Ihr, der ſcharfſinnige Richter, der geübte Beobachter, der untrügliche Phyſiognomiker, Ihr überraſcht einen Menſchen in ſeinem Schlafe? Ihr plaudert mit ihm, Ihr fragt ihn nach eu⸗ rer Bequemlichkeit aus, und dann nachdem Ihr ſo vielvon ihm erfahren und es Euch leicht geworden, Euch eine Meinung über ihn zu bilden, ſeyd Ihr noch nicht einmal ſo weit, daß Ihr ſeine Maske lüften könntet? Dieſen ſchimpflichen Mangel an Worttreue, dieſen nichtswürdigen Verrath, auf welchen Ihr Euch ſo viel einbildet, hatte ich vorausgeſehen und erra⸗ then. Armer, armer Jeffreys! Ihr glaubtet ſchon mich in der Gewalt zu haben und einen Siegesruf anſtellen zu kön⸗ nen. Wie habt Ihr Euch da verrechnet! Die Beute iſt außer⸗ halb eures Bereichs; eure habgierigen Hände bewegen ſich vergebens, um einen Schatten zu faſſen. Was habe ich Euch Der Tiger von Tanger. I. 4 50 denn mit getheilt, Mylord? Das Aſyl, in welches Land Lisle ſich geflüchtet, den falſchen Namen, den er angenommen. Iſt das eine ſo wunderbare Entdeckung? Wißt Ihr nicht, daß Rumbold, Ayloffe, Lord Grey, Goodenough, Wade, der Graf von Argyle, Sir Patrick Hume, Sir John Cochrane und noch ſo viele Andere, die ich leicht nennen könnte, jetzt in Holland wohnen? nicht wahr? Nun, und was nützt Euch das? Alle dieſe Verbannten, mögen ſie es freiwillig ſeyn oder nicht, lachen über euern Haß und fluchen Euch ohne Gefahr. Wie viel würdet Ihr mir geben, wenn Ihr Den oder Jenen von ihnen in eurer Macht hättet? Eben ſo iſt es auch mit Lord Lisle. Fortwährend auf ſeiner Hut und von der helre⸗ tiſchen Regierung geſchützt, hat er von eurer Wuth nichts zu fürchten und trotzt allen euren Anſtrengungen. Ich, Mylord, ich allein beſitze ein ſicheres und untrügliches Mittel, um zu ihm zu gelangen, um ſein Vertrauen zu gewinnen. Ach, ich ſage es nochmals, armer Jeffreys, armer Jeffreys, wie un⸗ begründet iſt der Ruf eurer Schlauheit!« Fitzgerald ſchwieg, aber ein kurzes, ſpöttiſches Gelächter entſchlüpfte ſeinen Lippen und machte den verächtlichen Trotz ſeiner Worte vollſtändig. Was Jeffreys betraf, ſo blieb er beſtürzt und unbeweglich ſtehen. Dieſe Beſtürzung des Oberrichters war übrigens nicht zu verwundern. Gewohnt, alle Welt zittern zu machen, die Stirn der frechſten und verſtockteſten Verbrecher ſich demüthig neigen zu ſehen, mußte die unbegreifliche Keckheit dieſes Fitz⸗ gerald, der ihn ſo zu ſagen mit Füßen trat, ihn auf ganz eigenthümliche Weiſe überraſchen. Und dann war auch ſeine Wuth ſo groß, ſein Zorn ſo wahnſinnig, daß eben das Ueber⸗ maß desſelben die Wirkung lähmte. Beinahe eine halbe Minute verging, ehe er ſich fähig fühlte, die Unterhaltung wieder anzuknüpfen. Als er es that, geſchah es— ſey es nun, daß er fürchtete, durch die Heftig⸗ keit ſeiner Schmähreden zu verrathen, wie tief er ſich getrof⸗ fen fühlte, ſey es, daß er einen augenblicklich combinirten Plan verfolgte— mit leutſeliger Miene. »Beim Bacchus,“ ſagte er,„Freund Fitzgerald, Du haſt mir viel Spaß gemacht. Deine Eitelkeit hat Dich in die Schlinge geführt, welche ich Dir gelegt hatte. Ich wollte Dich zwingen, Dich ſo zu zeigen, wie Du wirklich biſt. Und in der That, es iſt mir mehr als gelungen. Jetzt kenne ich Dich, als ob ich das Unglück, oder das langweilige Vergnügen gehabt hätte, zwanzig Jahre in deiner vertrauten Freund⸗ ſchaft zu leben. Du gleichſt allen deinen Landsleuten. Du biſt ſchwatzhaft, ſtolz, großſprecheriſch und eitel. Wenn ich vielleicht einen Augenblick lang mit dem Gedanken umgegangen bin, deine Dienſte anzunehmen, ſo ſey verſichert, daß jetzt dieſer Gedanke fern von mir iſt. Ein Kerl wie Du hat nur ſo lange Werth, als er geſchmeidig, kriechend, knechtiſch und hingeben⸗ der Selave iſt. Du aber, mit deiner ſo ſehr am unrechten Orte angebrachten Eigenliebe, deiner lächerlichen Empfind⸗ lichkeit, deinen abgeſchmackten Anmaßungen, Du würdeſt noch unerträglicher ſeyn, als Du mir jemals nützlich werden könn⸗ teſt. Ja, ich geſtehe es, ich haſſe Lord Lisle; noch lieber aber als das Vergnügen, welches mir ſein Tod verurſachen würde, iſt mir der Zeitvertreib, den deine Hinrichtung mir verſchaf⸗ fen wird. Armer, armer Fitzgerald, welch ein trauriges und ſchmerzliches Erwachen wird auf deinen ſchönen Traum fol⸗ gen! Anſtatt Freiheit und Leben findeſt Du den Galgen!⸗ Während Jeffreys ſo ſprach, lächelte der Verurtheilte ſpöttiſch, aber dieſes Lächeln hätte etwas Gezwungenes. Fitz⸗ gerald begann in der That an ſeinem Triumphe zu zweifeln. * 52 Er dachte, daß der Oberrichter ebenſo wie der durch den Ge⸗ ruch des Blutes berauſchte Tiger wohl, indem er einen Cada⸗ ver witterte, Alles ſeinem gegenwärtigen Gelüſte, ſeiner in⸗ ſtinctartigen verworfenen Grauſamkeit opfern könnte. Des⸗ halb beeilte er ſich das Wort zu ergreifen. »Mylord,« ſagte er,„wenn ich träume, ſo muß mein Schlaf ein ſehr tiefer ſeyn, denn eure Stimme iſt nicht im Stande geweſen, ihn zu verſcheuchen. Ich ſehe mich immer noch und zwar mehr als je auf dem Wege der Freiheit und des Glückes.« »Deine Hartnäckigkeit, liebenswürdiger und ſinnreicher Taugenichts, beweiſt ganz einfach, daß Dir ſehr viel am Leben liegt.« »Nein, Mylord, ſie beweiſt, daß trotz der mittelmäßigen Meinung, die Ihr mir von eurer Intelligenz beigebracht, ich Euch doch nicht für ſo dumm und unſinnig halte, daß Ihr aus bloßem Muthwillen auf eure Ernennung zum Amte eines Lordkanzlers von England verzichten würdet.⸗ »„Ja, das iſt wahr! Ich hatte dein Anerbieten vergeſ⸗ ſen. Sprich, ſprich, großmüthiger Fitzgerald. Deine Worte amüſiren mich auf eine Weiſe, die ich nicht zu ſchildern vermag.⸗ »Mylord,“ hob Fitzgerald in ernſtem, beinahe feierli⸗ chem Tone wieder an,»ich habe einen Plan entworfen, deſ⸗ ſen Ausführung dem König, unſerm Herrn, ſo angenehm ſeyn würde, daß er dem Urheber desſelben nichts abſchlagen könnte. Geſtern ſind es ſechsunddreißig Jahre geweſen, daß Carl des Erſten Kopf auf dem Schaffot fiel und mehre ſeiner Richter leben noch! Glaubt Ihr, wenn Jemand zu dem Sohn des erlauchten Schlachtopfers ſagte:»Sire, ehe noch drei Monate um find, werden alle Mörder eures königlichen Va⸗ N —,— A 4 —,— ters die Strafe empfangen haben, welche ihrer fluchwürdigen Miſſethat gebührt!« glaubt Ihr, ſage ich, daß Carl der Zweite, trotz ſeines Leichtſinns und ſeiner Apathie, nicht bis in das innerſte Herz hinein von Freude erfüllt werden würde? Wohlan, Mylord, dieſes Verſprechen könnt Ihr geben, denn ich mache mich anheiſchig, es zu erfüllen.« »Du verlangſt alſo, zum Henker bei verſchloſſenen Thü⸗ ren ernannt zu werden? Du biſt ſehr ehrgeizig, Fitzgerald! König Carl der Zweite, mußt Du wiſſen, würde dem Gelin⸗ gen dieſes ſchönen Planes nicht einmal eine Vergnügungspar⸗ rie opfern. Meine Ernennung zu dem hohen Poſten eines Lordkanzlers iſt daher die unſicherſte, die es geben kann. Haſt Du nichts weiter hinzuzufügen?« Bei dieſer Frage, welche Jeffreys im Tone ſpöttiſcher Gleichgiltigkeit an ihn richtete, fühlte der Verurtheilte die Hoffnung beinahe in ſeiner Bruſt erlöſchen. Dennoch aber wehrte er ſich gegen ſein Unglück und beſchloß zu kämpfen bis ans Ende. »Mylord,« hob er wieder an,„ich theile eure An⸗ ſchauungsweiſe nicht. Gleichviel aber. Vielleicht gewinne ich Euch doch noch fuͤr meine Anſicht, denn ich habe noch nicht Alles geſagt.⸗ »Wirklich! Welch eine glänzende Phantaſie hat die Na⸗ tur Dir zum Geſchenk gemacht! Sprich nur weiter, lieber Teufelsſohn, ſprich weiter.« „Patrick O'Brien,« fuhr der Irländer fort,„hat mir das Mittel gegeben, ohne irgend welchen Verdacht zu erwe⸗ cken, bis in das Herz der Partei des Herzogs von Monmouth zu dringen. Ich kann dieſen Fürſten veranlaſſen, einen nicht wieder gut zu machenden Fehler zu begehen, eine Landung in England zu verſuchen, und bald werden er und alle jene 54 Verbannten, die ihm ſicherlich folgen, Euch in die Hände fallen!« »Genug, genug Bandit!« ſchrie Jeffreys.»„Wenn Du auf Politik zu ſprechen kommſt, dann hörſt Du auf amüſant zu ſeyn. Ich ſchenke Dir das Ende deines Berichtes. Bildeſt Du Dummkopf Dir denn ein, daß der Herzog von Monmouth verſuchen werde, ſeinen eigenen Vater zu entthronen? Ja, wenn der König todt wäre! Doch was nützt es hierüber wei⸗ ter mit Dir zu discutiren? Auf Wiederſehen! ruhmreiche Frucht des Galgens, auf Wiederſehen! Aus Rückſicht auf das kurze Verhältniß, welches zwiſchen uns ſtattgefunden, werde ich morgen deiner Hinrichtung beiwohnen. Ich werde die Güte ſogar noch weiter treiben, ich werde dem gefälligen Hen⸗ ker empfehlen, Dich an einen knotigen und feuchten Strick zu hängen, damit dein Todeskampf länger dauere. Auf dieſe Weiſe wirſt Du deinen ganzen Muth zeigen und deine ganze Grazie entwickeln können. Wenn Du morgen ſo ſchön tanzeſt, wie Du heute geſprochen haſt, ſo wird dein Erfolg ein unermeß⸗ licher ſeyn. Du wirſt die Herzen der liebenswürdigen und em⸗ pfindſamen Damen entzücken welche deinen Luftſprüngen bei⸗ wohnen werden. Alſo auf Wiederſehen morgen, liebenswür⸗ ger Sohn des luſtigen Irland!« Der Oberrichter lenkte ſeine Schritte ſchon nach der Thür des Kerkers und es war an der Feſtigkeit ſeines Schrit⸗ tes leicht zu ſehen, daß ſeine Entfernung keine verſtellte war, als Fitzgerald's Stimme, in deren Ton der Ausdruck, man wußte nicht ob der Gemüthsbewegung oder der Jronie lag, ihn bewog, den Kopf herumzudrehen. »Alſo Ihr gehet, Mylord?« rief der Verurtheilte,„Ihr gehet wirklich? Ihr haltet Euch für ſtark genug, um meiner entbehren, um eure Wuth ſelbſt auf Koſten eures Vortheils 55 befriedigen zu können? Ach, ich ſehe ſchon, Ihr wißt nicht was der König vor kaum acht Tagen im Parlament ſagte.“« „Und was ſagte denn der König?« „Er ſagte: Dieſer Mann beſitzt weder Wiſſenſchaft, noch Verſtand, noch Manieren, dagegen aber mehr Unverſchämt⸗ heit als zehn Straßendirnen! Ja, das ſagte Se. Majeſtät und gleichzeitig lachte ſie über einen gewiſſen Beamten, wel⸗ cher gezwungen worden, vor dem Unterhauſe niederzu⸗ knien.“ „Schweig, Elenderl“ heulte Jeffreys, indem er ſich wieder gegen den Irländer wendete, wie um ihn zu ſchlagen. „O,“« hob dieſer an,»ich ſage dies ja durchaus nicht, um Euch zu erzürnen, Mylord! Im Gegentheile. Ich möchte Euch ſobald als möglich wieder in die Gunſt des Königs auf⸗ genommen, über alle eure Feinde triumphiren und ganz be⸗ ſonders vor eurem Tribunal jenen verhaßten Whig Sir Char⸗ les Murray ſehen, auf deſſen Antrag das Unterhaus Euch dieſe ſchimpfliche Buße zuerkannte.“ „Bei allen Furien der Hölle!« murmelte IJeffreys, indem er eine wüthende Geberde machte,»ich kann es kaum erwarten, dieſen unverſchämten Halunken an einem feſten Strick zwiſchen Himmel und Erde baumeln zu ſehen!« „Mit dem Strick, der mich erwürgt,« rief Fitzgerald, »erwürgt Ihr auch eure Zukunft. Ihr ſeyd ein Dummkopf!« Der Oberrichter warf einen letzten und unverſöhnli⸗ chen Blick auf den Irländer und verließ den„ſteinernen Schrank.« Was den Verurtheilten betraf, ſo ſtieß er einen heiſern Ruf der Verzweiflung aus und ließ ſeinen Kopf auf die feuch⸗ ten Steinplatten niederſinken, welche ihm als Kopfkiſſen dien- ten. Er fühlte ſich unwiderruflich verloren. VIII. Die Komodie in dem Wirthshaus„»zur rothen Ruh.« Ein Wagen von dunkler Farbe, an welchem keinerlei Verzierung die Neugier der Vorübergehenden erregte, erwar⸗ tete den Oberrichter vor dem Thore von Newgate. Jeffreys gab, indem er in das beſcheidene Fuhrwerk ſtieg, Befehl, ihn nach ſeinem Hötel zu fahren. Dann ließ er ſich auf die Kiſ⸗ ſen niederſinken, ſchloß die Fenſter und begann tief nachzu⸗ denken. Eine außerordentliche moraliſche Abſpannung, die Folge ſeiner Unterredung mit Fitzgerald, lähmte die gewohnte Energie ſeines Geiſtes. Die ſpöttiſche Stimme, die unerhörte, beiſpielloſe Kühnheit des Verurtheilten tauchten fortwährend wieder in ſeiner Erinnerung auf. Dieſe Erinnerung ward bald ſo heftig, daß Jeffreys nicht mehr daran dachte., ſich ihr zu entziehen. »Was würde man ſagen,“ dachte er,„wenn mag wüßte, daß ich, der Oberrichter von King's Bench, ganz auf⸗ geregt und unruhig bin, weil ich den unſinnigen Worten eines elenden halb verrückten Vagabunden Gehör geſchenkt habe! Der allererbärmlichſte Student der Rechte würde mir ins Geſicht lachen. Der obſcurſte aller Advocaten des König⸗ reichs würde ſich weigern, vor mir aufzutreten. Und dennoch muß ich zugeben, daß dieſer Fitzgerald ein merkwürdiger —x— — — 57 Menſch iſt! Wahnſinnig? Nein, das iſt er nicht, Vergebens treibt mich mein beleidigter Stolz, den Werth dieſes Menſchen zu leugnen. Die Stimme der Wahrheit, welche ſtärker iſt als die der Leidenſchaft, zwingt mich zu geſtehen, daß er ſehr ungewöhnliche Eigenſchaften beſitzt. Seine Idee, die letzten noch lebenden Richter Carls des Erſten in ihren Aſylen zur ge⸗ rechten Strafe zu ziehen, iſt wirklich ſinnreich und eines voll⸗ endeten Hofmanns würdig. Was die Landung des Herzogs von Monmouth in England betrifft, ſo wäre die Ausführung dieſes Planes, wenn der Herzog von York regierte, ein wah⸗ rer Genieſtreich. Vielleicht thue ich unrecht daran mich mit dieſem Fitzgerald nicht näher einzulaſſen. Aber was? mich* vor dieſem ſtolzen Banditen zu beugen, der mich auf ſo nieder⸗ trächtige Weiſe beleidigt, der mir ſo unverſchämt Trotz gebo⸗ ten hat— das wäre mehr als niedrig, das wäre feig! Ja, ja, ich werde mein Verſprechen halten, ich will, daß ſein To⸗ deskampf ein entſetzlicher ſey! Ha, welche Freude für mich, wenn er in ſeinen letzten Augenblicken noch ſchwach werden ſollte.« Zwei Stunden ſpäter ſaß Jeffreys in einem Zimmer des Wirthshauſes„zur rothen Kuh«in Whitechapel und über⸗ ließ ſich in Geſellſchaft von fünf oder ſechs gemeinen Advoca⸗ ten des unterſten Ranges einer wüſten Schwelgerei. Auf dieſe beklagenswerthe und unedle Weiſe beſchloß der Oberrichter in der Regel ſein Tagewerk. »Freund Birch,« rief während des Nachtiſches Jeffreys. vollſtändig betrunken, indem er ſich zu einem ſeiner Tiſchge⸗ noſſen wendete,„Freund Birch, die ausgezeichnete Weiſe, auf welche Du Dich heute Abend benommen haſt, verdient meine ganze Achtung. Dur ganz allein haſt ſechs Flaſchen Portwein getrunken— das iſt wirklich bewunderungswürdig. Abge⸗ 58 feimter Säufer, verfluchter Hund, ich beabſichtige Dir einen ausgezeichneten Beweis der ganz beſondern Achtung zu geben, welche dein ſchönes Verhalten mir einflößt. Verlange von mir, was Du willſt, Taugenichts; und der Teufel ſoll mir den Hals umdrehen, wenn ich deine Bitte zurückweiſe.« Der Zechgenoſſe, welchen Jeffreys ſeinen Freund Birch genannt hatte, zögerte. „»Man behauptet, göttlicher Zecher,« fuhr Jeffreys fort, »daß Du eine Menge Schulden haſt, und von einer ganzen Armee von Gläubigern belagert wirſt. Willſt Du, unver⸗ ſchämter Gauner, daß ich die zwei oder drei hartnäckigſten dieſer Meute hängen laſſe? Willſt Du? Sprich; ſo wahr ich lebe, ich werde es thun!« »Unglücklicher!« rief Birch erſchrocken,»laß Dir nicht eine ſolche Ungeſchicklichkeit einfallen. Ich würde ſie Dir in meinem ganzen Leben nicht verzeihen. Meine Gläubiger hän⸗ gen, dies hieße ja mir jeden Credit rauben! Welcher Liefe⸗ rant würde noch mit mir zu thun haben wollen, wenn man wüßte, daß ich meine Schulden durch Anweiſungen auf Jack Ketch bezahle, welche dieſer unter freiem Himmel in ſeinem Comptoir zu Tyburn einlöſt! Mein lieber Jim, ich beſchwöre Dich, laß meine Gläubiger in Frieden—« »Du willſt alſo durchaus nichts von mir annehmen?« rief Jeffreys wüthend.„Alſo, aus Hohn und nicht aus Freundſchaft nennſt Du mich deinen lieben Jim? Erbärmlicher Vagabund, nimm Dich in Acht. Schon morgen werde ich Dich als falſchen Zeugen, oder als erkauften Zeugen feſtneh⸗ men laſſen. Ha, wie will ich lachen, wenn Du vor mir er⸗ ſcheinſt! Ich werde Dich mit der rauhen Seite meiner Zunge ſo lecken, daß Du trotz deiner hölliſchen Unverſchämtheit ſtumm daſtehen ſollſt wie ein Fiſch.“ 59 „Liebenswürdiger Jim, geliebter Camerad,“ rief Birch, den Oberrichter unterbrechend,„deine Drohungen ſchrecken mich nicht, aber ſie zerreißen mir das Herz. Iſt es möglich, daß Du, der Du für die, welche das Glück deiner vertrauten Freundſchaft genießen und Dich genau kennen, ſo hoch über allen andern Menſchen ſtehſt, mit dem Gedanken umgehſt, deine unermeßliche Gewalt gegen mich zu mißbrauchen? Wenn Ihr, Mylord, mich daran erinnert, daß Ihr der Oberrichter von King's Bench ſeyd, ſo errichtet Ihr zwiſchen mir und Euch eine unüberſteigliche Schranke des Reſpects. Ihr tödtet dadurch meine Heiterkeit, meine frohe Laune, Ihr verwan⸗ delt mich aus einem luſtigen Zecher in einen langweiligen Höfling. Bei allen Teufeln, Du biſt ſchon als meines Glei⸗ chen ſtark genug, ohne daß Du nöthig haſt, Dich in deinen Hermelinmantel zu wickeln. Du weißt wohl, daß, wenn Dich die Luſt anwandelt uns etwas am Zeuge zu flicken, deine Beredſamkeit uns pulveriſirt, uns tödtet und zum Schweigen nöthigt. Du behaupteſt, ich wollte keine Gunſt von Dir an⸗ nehmen? Das iſt nicht wahr, das iſt durchaus nicht wahr!« »Nun dann, frecher Lügner, ſchamloſer Heuchler, warum haſt Du dann geſchwiegen?« fragte Jeffreys, indem er eine üble Laune affectirte, welche die Lobſprüche ſeines gewandten und niedrigen Zechgenoſſen ſchon vollſtändig zerſtreut hatte. »Weil ich fürchtete, deine unſchätzbare Freundſchaft zu mißbrauchen, Dich in die peinliche Alternative zu verſetzen, entweder zu geſtehen, daß Du Dich fürchteſt, oder eine Laſt auf Dich zu nehmen, welche für deine Schultern zu ſchwer iſt.“« »Ich mich fürchten, elender Hund? Ich ſollte unter der Laſt irgend einer Verantwortlichkeit ſchwanken? Du wagſt dergleichen Reden zu führen und Du gibſt vor, mein Freund 60 zu ſeyn? Ich ſpreche nur ein Wort, hörſt Du? Ich habe ge⸗ ſagt, daß ich Dir die Bitte gewähren würde, welche Du an mich richteſt, und bei den Hörnern des Teufels, ich nehme mein Wort nicht zurück. Sprich, ſprich, ſage ich Dir.« »Vielgeliebter Georg, beſtehe nicht darauf.« „Willſt Du reden, Spitzbube? Sprich, ſage ich Dir, oder ich ſchlage Dir eine Flaſche an dem Schädel entzwei.“ Ein unbemerkbares, triumphirendes Lächeln umſpielte die Lippen des Advocaten Birch. Was die andern Gäſte be⸗ traf, ſo beobachteten ſie die Manövers ihres Collegen mit gleichzeitig ſpöttiſcher und eiferſüchtiger Miene. »Bewunderungswürdiger und unwiderſtehlicher Jim,« entgegnete Birch,»ich gehorche. Die Sache iſt folgende. Uebermorgen ſoll vor deinem Tribunal ein Client von mir, ein gewiſſer Matthew Salers, erſcheinen—« „Ein Client von Dir? folglich ein Spitzbube.⸗ „Ja, Jim, ich gebe es zu, ein echter Spitzbube.⸗ »„Ohne Zweifel ein Fälſcher?« „»Ja, Jim, und ſogar ein renommirter Fälſcher.« „»Hat dieſer Matthew Salers nicht auch ein bischen gemordet?« „Das Gerücht mißt ihm allerdings einen Mord bei, aber, unter uns geſagt, er hat deren zwei begangen. Den⸗ noch muß ich hinzufügen, daß die Schlachtopfer Presbyterianer waren.« „Gut, er wird gehängt werden.« »Nein, durchaus nicht. Er wird vielmehr freigeſprochen werden.“ „Ein ſolches Ungeheuer ſollte man freiſprechen?« „Allerdings— ja noch mehr, Du wirſt ſogar die An⸗ klage fallen laſſen.« ò 61 „Ich!« ſchrie Jeffreys mit Donnerſtimme, indem er ſich von ſeinem Stuhle zu erheben ſuchte. „Ja, Du Georg, der König aller Zecher, Du, der un⸗ vergleichlichſte Juriſt, Du wirſt die vollkommene Unſchuld die⸗ ſes Matthew Salers proclamiren. „Bei der Hölle, ich werde das nicht thun!« „Dieſe Weigerung erwartete ich.« „Nun dann biſt Du ſehr dumm geweſen, eine ſolche Bitte an mich zu richten.“ „Ich wußte wohl, daß Du Dich fürchten würdeſt,« fuhr Birch fort,„daß Du vor einer ſolchen Verletzung der Geſetze zurückſchrecken, daß Du nicht wagen würdeſt, deiner Verant⸗ wortlichkeit ſo etwas zuzumuthen. Du ſiehſt wohl, daß ich Recht daran that, zu ſchweigen.— Dieſer wackere Jim, wenn er ſeine Kehle mit einem Glas Portwein befeuchtet hat, wenn die Dämpfe des Weines ihm zu Kopf ſteigen, bildet ſich auf mein Wort ein, er ſey der Herr des Weltalls und der Austheiler aller Gnaden, und könne ſich ungeſtraft über das Geſetz erheben. Da verſpricht er Berge und Wunder und ge⸗ berdet ſich als Allmächtiger, als Monarch. Ach, lieber Gott, meine Freunde, welch ein Prahlhans iſt unſer Jim allemal nach Tiſche!« So wie Birch weiter ſprach, verdrängte eine ſich immer mehr ausbreitende Bläſſe auf den Wangen des Richters die rothe Flamme des Zechgelages. Die Anſtrengungen, welche er verſuchte, um ſeine Trunkenheit zu verhehlen und kaltblü⸗ tig zu ſcheinen, verliehen ſeiner Phyſiognomie einen ſo furcht⸗ baren Ausdruck von Wuth und Grauſamkeit, daß ſein erſchro⸗ ckener Freund daran dachte, den Rückzug anzutreten. „O Dummkopf ohne Gleichen, welicher nicht einſieht, daß ich ſeiner ſpotte, daß ich mich über ihn luſtig mache!⸗ XN 62 ſagte Jeffreys langſam, indem er einen funkelnden Blick auf Birch heftete.»Du jammerſt mich! Du alter abgenützter Schwamm bildeſt Dir wohl ein, daß Du allein trinken kannſt — daß ich betrunken ſey!— ſchau her!« Indem Jeffreys dieſe Worte ſprach, ergriff er eine Flaſche Pereswein, leerte ſie vollſtändig in einen umfangrei⸗ chen Becher, ſetzte dieſen an die Lippen und leerte ihn bis auf den letzten Tropfen. »Jetzt,« fuhr er fort, indem er ſich wieder zu Birch wendete, welcher vor Bewunderung und Erſtaunen ganz ſtarr zu ſeyn ſchien,»wollen wir wieder auf deine Bitte zurück⸗ kommen. Ich habe Dir verſprochen, Dir die Gnade zu ge⸗ währen, um welche Du mich bitten würdeſt. Daher iſt es nothwendig, daß ich genau wiſſe, was Du wünſcheſt.« »Die Freilaſſung des genannten Matthew Salers, ſage ich nochmals.« „»Weiter nichts als ſeine Freilaſſung?« »Durchaus nichts Anders, edelmüthiger Jim.« »Gut, es ſey; morgen wird dein Client das Gefängniß verlaſſen, nur ſage ich Dir im Voraus, daß ich ihn ſofort nach Amerika werde einſchiffen laſſen, und daß es Dir nicht geſtattet ſeyn wird, ihn zu ſehen oder mit ihm in Mittheilung zu treten.« Bei dieſer Antwort des Oberrichters brachen alle übri⸗ gen Zecher in ein lautes Gelächter aus. Birch ſchien eben ſo unzufrieden als aus der Faſſung gebracht zu ſeyn. »Beim allmächtigen Gott, Jeffreys,« ſagte er nach einem kurzen Augenblick des Schweigens,„ich will verdammt ſeyn, wenn es in der ganzen Welt einen Mann gibt, welcher würdig iſt, in Bezug auf Scharfſinn mit Dir verglichen zu — ß h t ,— 63 werden. Welch lichtvoller Geiſt! Welches ſichere und tiefe uUrtheill Kein Umſtand entgeht Dir. Du erräthſt ſtets die Abſicht; Du lieſeſt im Innern der Herzen die geheimſten Ge⸗ danken. Du biſt ein Genie, ein echtes, ein großes Genie.“ Obſchon Jeffreys that, als ob er nicht auf die Schmei⸗ cheleien ſeines Zechgenoſſen achtete, ſo verriethen doch das triumphirende Lächeln, die freudige Verklärung ſeines vom Rauſche illuminirten Geſichtes deutlich, wie ſehr er ſich inner⸗ lich über dieſe plumpen Lobſprüche freute. „»Wohlan, langweiliger Schwätzer,« hob er an,»Du ſagſt mir nicht, ob Du meinen Vorſchlag annimmſt?“« „O Dank, wunderbarer Mann! Zermalme mich nicht durch deine Größe und Ueberlegenheit!« „»Du geſtehſt alſo, daß Du geſchlagen biſt, elender Hund?« „Was augenſcheinlich iſt, kann man nicht leugnen.« „Na, deine Beſchämung rührt mich. Welche Summe ſoll Wathew Salers Dir für ſeine Freilaſſung bezahlen?« „Zweihundert Pfund Sterling.“ „Zweihundert Pfund Sterling? Nicht mehr?« „Leider nein, nicht einen Heller mehr. Jeffreys hieb mit der Fauſt ſo fürchterlich auf den Tiſch, daß die Gläſer der Gäſte auf dem Tiſchtuch hinrollten. Dann ſchrie er mit lauter Stimme und ſchäumendem Munde: „„Schamloſer Schurke! Entblödeſt Du Dich nicht, die Juſtiz auf ſo ſreche Weiſe zu entweihen und in Mißcredit zu bringen? Ein Dieb, ein Fälſcher, ein doppelter Mörder ſoll für nur zweihundert Pfund Sterling ſeine Freiheit wieder er⸗ halten? Elender Lumpenhund! So bringſt Du das Handwerk herunter! Du biſt unwürdig den Advocatenmantel zu tragen — Du biſt unwürdig, als Vertheidiger vor der Schranke 64 des Gerichtes zu erſcheinen. Dein Client hätte mir, wenn ich mich herabgelaſſen hätte, mich in einen ſo kleinlichen Handel zu miſchen, mir wenigſtens fünfhundert Guineen einge⸗ bracht.«. »Ja, Jim, das gebe ich zu,« unterbrach ihn Birch mit demüthiger Miene,„aber Du biſt, ich ſage es nochmals, auch in allen Dingen ein ſo überlegener Geiſt. Aus einem erdichte⸗ ten Complote ziehſt Du mit leichter Mühe fünftauſend Guineen. Der Verdacht eines Hochverrathes bringt Dir ein fürſtliches Vermögen ein, dafern Du nemlich nicht dem Golde das Blut vorzieheſt, wie Du das Ruſſel's, Algernon Sidney's und des Grafen Eſſex dem ungeheuern Löſegeld vorgezogen haſt wel⸗ ches Du von dieſen reichen Verbrechern ziehen konnteſt! Ich armer Teufel aber, habe ich wohl die Wahl? Stets hungrig und durſtig, bin ich nur zu glücklich, wenn mir ein ganz klei⸗ nes Almoſen zufällt. Uebrigens, geliebter Jim, berühren mich deine gerechten und verdienten Vorwürfe aufs Lebhafteſte. Ich ſchwöre Dir, daß ich niemals wieder eine ſo beſcheidene Taxe annehmen werde. Von nun an werde ich die Ehre der Juſtiz 4 auf würdige Weiſe aufrecht halten. Hier, Jim, iſt die Zurück⸗ ———— weiſung der meinen Clienten vorgebrachten Anklage. Wenn Du wirklich Dich nicht ſcheueſt, dieſe Verantwortlichkeit auf Dich zu nehmen, wenn Du, wie Du vorgibſt, der Mei⸗ nung des Publicums, dem Geſchrei des gemeinen Pöbels„ trotzbieteſt, dann unterſchreibe dieſes Document und wir wollen dann auf einen andern Gegenſtand der Unterhaltung übergehen.«. Jeffreys unterſchrieb das Papier, welches Birch ihm vorlegte, und warf es ihm dann an den Kopf. »Freunde,“ ſagte er, indem er ſich an die andern Gäſte 4 wendeee diſe Erbärmliche hat ſich an ſeinem Stande ver⸗ 65 ch ſündiget. Wir wollen uns als Tribunal conſtituiren und ihn eel richten. Dich, Trey, ernenne ich zu ſeinem Vertheidiger. Du, e⸗ Coldman, wirſt der öffentliche Ankläger, Nightwell und Gerard . werden die Zeugen ſeyn— ich werde den Vorſitz führen.« it Der mit lautem Beifall aufgenommene Vorſchlag des ch Oberrichters ward ſofort in Ausführung gebracht. e⸗ Dieſe Parodie der Gerechtigkeitspflege dauerte über zwei n. Stunden und Jeffreys erging ſich, aufgeregt durch den Rauſch 8 und durch den Wunſch, in den Augen ſeiner Freunde zu glän⸗ it zen, in ſo unerhörten abſcheulichen Redensarten, daß ſeine s8 Zechgenoſſen mehr als einmal ernſtlich in Schrecken ge⸗ ⸗ riethen. h Die Verhandlungen endeten mit der Verurtheilung des g Angeklagten. . i„Jetzt,« ſchrie Jeffreys,„vertauſche ich den Mantel des h Richters mit dem Kittel des Henkers. Ich bin nicht mehr h Jeffreys, hört Ihr wohl— ich bin Jack Ketch! Wohlan, e Schurke, Du biſt Ruſſel, nicht wahr?— Nein, Du biſt Mur⸗ z 1 rey! Doch nein, Du biſt Lord Lisle oder vielmehr— doch 2 gleichviel— komm her, damit ich Dir mit zwei oder drei Beilhieben den Kopf abhacke. Doch nein, Du biſt ja kein t Edelmann— Du biſt ein Vagabund! Du biſt jener . ſchändliche Fitzgerald.— Komm her, damit ich Dich auf⸗ 3 knüpfe.« 3 pf 8 Der Tiger von Tanger. I. IX. Die Romodie im Wirthshauſe»zur rothen Ruh.⸗ (Fortſetzung.) Von einem wirklichen Delirium befallen, welches ſich aus dem in ungeheuren Maſſen genoſſenen Getränke leicht er⸗ klärte, kannte Jeffrey ſeinen Freund Birch nicht mehr und hielt ihn bald für das eine, bald für das andere ſeiner vergan⸗ genen oder zukünftigen Opfer. Es dauerte nicht lange, ſo ſtieg ſeine Wuth bis zu einem furchtbaren Paroxysmus. „Nichtswürdiger Hund,“ ſchrie er, indem er ſich auf ſeinen wankenden Beinen zu halten ſuchte,„vergebens wehrſt Du Dich. He, Lumpenhund, Du willſt wohl nicht die Leiter hinaufſteigen?— Du packſt mich an der Kehle— Hilfe, um ſich den Händen zu entziehen, von denen er ſich gepackt glaubte, aber ſeine Kräfte waren zu Ende und er ſank ſchwer⸗ fällig auf die Diele nieder. Dieſer Fall war das Signal zum Aufbruch. Die Gäſte riefen den Wirth der Taverne und nachdem ſie ihm ihren Freund empfohlen, entfernten ſie ſich taumelnd. „Freund Birch,« ſagte einer von ihnen, indem er ſeinen Arm durch den des Advocaten ſteckte,»Du haſt, hoffe ich, nicht ie gehabt, Dich über uns zu beklagen. Wir haben 67 Dich ganz ruhig deine Schlinge legen und dein Wild mit aller Bequemlichkeit fallen laſſen, aber Du wirſt dies nicht vergeſſen. Bei unſerer nächſten Znſammenkunft wird die Reihe der Ernte an mir ſeyn. Glücklicher Birch! Ich bin überzeugt, daß dieſer Abend Dir wenigſtens fünfhundert Guineen einbringen wird. Ich kenne Mathew Salers; er iſt ein Mann, der ſich ſehr gut ſteht und der nicht lange mäkelt. Jetzt aber, mein Freund, noch einen guten Rath. Laß Dir nicht einfallen, vor Ablauf einer Woche Jeffreys wieder vor die Augen zu kommen. Du weißt, daß er, wenn er wieder nüchtern iſt wegen des in un⸗ ſerer Geſellſchaft genoſſenen Vergnügens Groll gegen uns hegt und uns ſeine Vertraulichkeit theuer bezahlen läßt. Wenn man ihm die Freilaſſungsurkunde, die er heute Abend unterſchrie⸗ ben, vorlegt, wird er vor Wuth ſchäumen. Wehe Dir, wenn Du ihm dann in die Hände fällſt! Glaube mir, daß es für Dich das Beſte ſeyn wird, Dich auf einige Zeit von London zu entfernen. Ich werde Dich benachrichtigen, wann wir wie⸗ der eine Zuſammenkunft haben. Sobald unſer Werwolf ein⸗ mal wieder das Glas in der Hand hat, iſt er nicht mehr zu fürchten, beim Anſtoßen werdet Ihr Euch wieder miteinander ausſöhnen.« An der Thür der Taverne näherte ſich einer der dienſt⸗ thuenden Kellner dem Advocaten Birch und ſchlug ihn leicht auf die Schulter. „Sehd Ihr mit eurem gehorſamen Diener zufrieden?« fragte er ihn mit kriechender Vertraulichkeit.»Ich habe eure Befehle getreulich ausgeführt. Die vor Euch ſtehenden Fla⸗ ſchen Portwein enthielten kaum zum vierten Theil wirklichen Wein. Das Uebrige war eine Miſchung von mit Fruchtſyrup gefärbtem Waſſer. Auch habt Ihr eure ganze Kaltblütigkeit * 68 und Beſonnenheit bewahrt, während von euren Freunden einer immer betrunkener war als der andere.« „Ja, Tom, ich bin zufrieden mit Dir. Nimm dies da für deine Mühe.« Der Kellner verneigte ſich tief, indem er die zwei Guineen in Empfang nahm, welche der Advocat ihm in die Hand drückte. Derſelbe Wagen, welcher Jeffreys am Thore von New⸗ gate erwartet, hielt ſeit dem Beginn des Zechgelages in. einer Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten vor dem Wirths⸗ hauſe»zur rothen Kuh. Zwei von dem Wirthe herbeigerufene Lakeien des Ober⸗ richters hoben ihren ausgeſtreckt unter dem Tiſche liegenden Herrn auf und trugen ihn, ohne darüber irgend welches Er⸗ ſtaunen zu verrathen, auf die gepolſterten Sitze des Wagens, der ſofort abfuhr. Es war ungefähr drei Uhr nach Mitternacht, als Jef⸗ freys in ſein Bett gelegt ward. Kaum befand er ſich in dem⸗ ſelben, ſo überfiel ihn ein von fürchterlichen Zuckungen be⸗ gleiteter Nervenkrampf, der zuletzt mit tiefer Erſtarrung endete. Dennoch aber weckte ſchon um ſieben Uhr des Morgens, das heißt mit Tagesanbruch, ein lärmendes Geklingel, welches in dem Zimmer des Oberrichters losging, die Dienerſchaft, welche, von ihrem Nachtdienſt ermüdet, noch ruhte. Jeffreys Lieblingsdiener, Lewis, erhob ſich eiligſt und folgte dieſem Rufe. „Was wünſcht Ihr, Mylord?« fragte er, ſich ver⸗ neigend. „»Man rufe mir ſo ſchnell als möglich Jack Ketch her⸗ bei,« antwortete der Oberrichter, deſſen fahler Teint, von 69 ſchwarzen Ringen umgebene Augen und ſchwerfällige heiſere Sprache verriethen, daß er die Folgen ſeiner nächtlichen Aus⸗ ſchweifung noch nicht überwunden hatte. 1 Lewis begann, anſtatt dem ihm gegebenen Befehle zu ge⸗ horchen, ſeinen Herrn aufmerkſam zu betrachten. Er fragte ſich, ob dieſer ſeltſame Befehl nicht ein Ueberreſt von Delirium ſey und ob er demſelben Folge zu leiſten habe. Sey es nun, daß Jeffreys die Zweifel ſeines Dieners er⸗ rieth, ſey es, daß er ungeduldig ward, ſeinen Befehl nicht ſo⸗ gleich vollzogen zu ſehen, kurz, er ließ Lewis nicht lange in der Ungewißheit. »Dummkopf,“ ſchrie er,„haſt Du mich nicht gehört? Ein für allemal ſage ich Dir, daß ich einen Befehl nicht gern wiederhole. Alſo raſch und bringe mir ſo ſchnell als möglich den Henker.« Lewis verneigte ſich abermals und beeilte ſich, nun über⸗ zeugt, daß ſein Herr ſich des vollen Gebrauches ſeines Ver⸗ ſtandes erfreue, ſich zu entfernen. »He, Fitzgerald! Fitzgerald!« murmelte Jeffreys, nach⸗ dem Lewis ſich entfernt hatte,„Du haſt Dich unterſtanden meinen Schlaf durch ſchlimme Träume zu beunruhigen. Mein Erwachen wird Dir dafür ſchreckliche Wirklichkeiten be⸗ reiten!« Eine Stunde ſpäter drehte ſich die Thür des Schlaf⸗ zimmers geräuſchlos in ihren wohlgeölten Angeln und herein trat der gefürchtete Nachrichter der Stadt London. Jack Ketch zählte zu jener Zeit ungefähr fänfundvier⸗ zig Jahre. Er hatte ganz das Ausſehen, welches man von einem Manne ſeines Standes erwartet. Musculös und unterſetzt trug er auf ſeinem Geſicht einen Ausdruck von brutaler Ge⸗ fühlloſigkeit, welche gleich auf den erſten Anblick und ohne daß 70 man den Mann kannte, unwillkürlich Abſcheu und Wider⸗ willen einflößte. Die furchtbare Berühmtheit, welche er da⸗ durch erlangt, daß er das edelſte und oft das reinſte Blut der hohen engliſchen Ariſtokratie vergoſſen, laſtete keineswegs auf ſeinem Gemüth. Im Gegentheil bildete er ſich darauf viel ein und hielt ſich für eine bedeutende Perſönlichkeit. Auch empfand er in Gegenwart des Oberrichters keine Verlegenheit und keinerlei Zwang. Vielleicht betrachtete er ihn — und hierin hatte er nicht ganz Unrecht— gewiſſermaßen als einen Collegen. „Freund Jack,“« ſagte Jeffreys mit einer Liebenswürdig⸗ keit, die ihm ſonſt gar nicht eigen war,»ich habe Dir einige Inſtructionen in Bezug auf einen gewiſſen Fitzgerald zu geben, welchen Du heute Morgen unter die Hände bekommen wirſt. Höre mich aufmerkſam an.“ „Das iſt nicht nöthig, Mylord,« antwortete Ketch. „Was ſagſt Du, Spitzbube?« „Ich ſage, Mylord, daß heute Sonntag iſt, und daß man Sonntags Niemanden hängt. Der Sonntag iſt für uns wie für alle anderen Leute ein Ruhetag.“« Jeffreys ſprang vor Zorn faſt aus dem Bett. „Verflucht!« rief er.»Ich ſoll alſo bis morgen warten? Nein, nein, das will ich nicht. Diesmal muß eine Ausnahme von dem herrſchenden Gebrauche gemacht werden.« „Wenn Ihr wünſchet, Mylord, daß der Pöbel Euch die Fenſter einwerfe, ſo ſteht es Euch frei, Euch dieſen Zeit⸗ vertreib zu machen, ich aber, dem durchaus nichts daranliegt, geſteinigt zu werden, ich weigere mich auf das Beſtimmteſte, dieſen Befehl zu vollziehen.“ „Du willſt ungehorſam ſeyn, Du Hund? Nimm Dich in Acht! Nimm Dich in Acht!« —— 71 „Ich muß Euch bemerklich machen, Mylord, erſtens, daß ich in meinem Recht bin, zweitens, daß es mir durchaus nicht zuſagt, mich auf dieſe Weiſe behandelt zu ſehen,« entgegnete Jack Ketch in kurzem, ſchroffem Tone.»„Ich habe in der Po⸗ litik eine Rolle geſpielt und von meiner Anhänglichkeit und Treue gegen den König ſo viele Beweiſe gegeben, daß ich wohl verlangen kann, mit einer gewiſſen Rückſicht behandelt zu werden.“ „Auswurf der Menſchheit!« ſchrie Jeffreys, indem er wirklich aus dem Bett herausſprang,»noch ein Wort und ich laſſe Dich zum Fenſter hinauswerfen!« »Aber dennoch werde ich dieſes Wort ſagen, Mylord, und wehe dem Erſten von euren Leuten, welcher ſich unterſteht Hand an mich zu legen! Dieſes Wort iſt folgendes: Ich habe meine Entlaſſung als Vollſtrecker der Todesurtheile für die Stadt London eingereicht. Die Regierung mag ſich nun be⸗ helfen wie ſie will oder vielmehr wie ſie kann. Ich bin der Ungerechtigkeiten, womit man mich uͤberhäuft, eben ſo müde, wie der Undankbarkeit, die man mir jeden Augenblick zeigt. Ich kehre in das Privatleben zurück. Ich werde wieder ein einfacher Gentleman. Mylord, ich habe die Ehre Euch zu grüßen.“ Und nachdem Jack Ketch dieſe ſchöne Rede gehalten, ent⸗ fernte er ſich ruhig, indem er vor ſich hin murmelte: »Endlich habe ich ausgeführt, was ich ſchon ſeit ſo langer Zeit beabſichtigte. Meiner Treu, die Gelegenheit war zu gut, um ſie nicht zu ergreifen. Ich will mich ſelbſt von der Hand meines einſtweiligen Nachfolgers aufknüpfen laſſen, wenn die Regierung mir nicht binnen hier und drei Monaten mein Amt wieder überträgt und mir dabei die Vortheile und Gratifica⸗ 72² tionen zugeſteht, welche ſie mir bis jetzt ſo alberner Weiſe ver⸗ weigert hat. Jeffreys kann mich nicht entbehren, denn er hat ſich zu ſehr an mich gewöhnt!« Suſanne. An den Folgen ſeiner nächtlichen Schwelgerei leidend und mit durch den Gedanken an Fitzgerald, Birch und Jack Ketch aufgeregter Galle war der Oberrie chter den ganzen Sonntag über in fürchterlicher Laune. Mit Verwünſchungen empfing er die zahlreichen Beſuche, welche in ſeinem Hotel er⸗ ſchienen, und jagte ohne erheblichen Beweggrund zwei ſeiner Diener fort, indem er ihnen zugleich mit dem C Galgen drohte, wenn er ihnen jemals wieder auf ſeinem Wege begegnete. Mehrmals verſuchte er zu arbeiten, aber es war ver⸗ geblich. Seine über alle Maßen angeſpannten Nerven mach⸗ ten ihm jede anhaltende Beſchäftigung unmöglich. Um ſieben Uhr Abends ließ er ſich ankleiden, um ſich an den Hof zu begeben. Die Worte, welche Fitzgerald von Carl II. über den geringen Grad von Achtung entlehnt, in welcher die⸗ ſer Fürſt ſeinen Oberrichter der King's Bench hielt, waren ihm oft wieder eingefallen, ſeitdem er ſie gehört hatte, und be⸗ ſchäftigten ihn auf das Unangenehmſte. Er wollte, indem er ſeine Pflichten als Höfling zu erfüllen ging, ſich zugleich überzeugen, ob ihm wirklich ein Schlag drohte und demſelben um jeden Preis vorbeugen. Die Umgebungen von Whitehall boten am Abend des 1. Februar 1685 ein lebendiges und geräuſchvolles Schau⸗ ſpiel dar. Es war Empfang bei Hoſe. —— —9———.,——2,— —— 73 Von allen Seiten kamen glänzende Carroſſen, muthige, reichgeſchirrte Roſſe, Pagen, Lakeien und Bettler, welche fluchend, ſchreiend und plärrend ein eigenthümliches mißtö⸗ nendes Concert bildeten. Ein vor dem Ehrenthore von Whitehall aufgeſtelltes Spalier von Bürgern weidete ſich behaglich an dem von den Lords entfalteten Luxus. Sie, die wackern Bürger, waren ees, welche ebenfalls ihren Antheil an allen dieſen ſchönen Toiletten, an allen dieſen prachtvollen Livréen bezahlten. Sie wußten dies wohl und deshalb waren ſie ſo freudig, aufge⸗ regt und ſtolz. Mitten unter den Bürgern, deren glückſelige Stimmung ſie ſtörten, bemerkte man unruhige Stutzer, welche ungeheure ſchwarze oder blonde Perrücken trugen, die ihnen nicht blos den Kopf, ſondern auch die Schultern bedeckten. Sie kamen um Hofneuigkeiten zu erfahren und ſie dann in dem modiſchen Kaffehhaus zum„Regenbogen« wieder zu erzählen, deſſen Stammgäſte und Orakel ſie waren. Sich unter die ehrerbie⸗ tige Menge der Bürger miſchend, erregten ſie jeden Augen⸗ blick die Entrüſtung dieſer wackern Leute durch oft gefährliche, zuweilen kühne, aber jedenfalls am unrechten Orte ange⸗ brachte Scherze. Wenn dieſe Witze ſich auf die Toilette der edlen Lords bezogen, ſo nahm das Murren der Bürger beinahe den Ton der Drohung an; machten die Stutzer dagegen Ausfälle auf den Geiſt der Höflinge, ſo fingen die ehrlichen Handwerks⸗ leute an zu lächeln. Sie waren logiſch in ihrem Zorn wie in ihrer guten Laune. Es kam ihnen wenig darauf an, wenn ihre Herren einfältige Menſchen waren, dafern ſie nur recht viel Glanz und Pracht entwickelten. Das Weſentliche war, daß ſie dem Verkehr das Geld wieder zuwendeten, welches ſie durch die Abgaben erhielten, daß ſie England in den Augen der Fremden Ehre machten. Mit allem dieſen aber hatte der Geiſt nichts zu ſchaffen— der Luxus genügte. Einige arme Teufel, deren alte abgetragene Kleidung ein Mittelding zwiſchen Dienſtboten und kleinen Handelsleu⸗ ten verrieth, ſtanden beſcheiden und aufmerkſam neben den blendenden Stutzern. Es waren dies auch die Abgeſandten dieſes Kaffehhauſes, des berühmten Kaffehhauſes Will, zwi⸗ ſchen Coventgarden und Bonnſtreet gelegen, welches der Sam⸗ melplatz der literariſchen Berühmtheiten der damaligen Zeit war. Mit einem Bleiſtift und Notizbuch verſehen, ſchnappten die Unglücklichen die abgeriſſenen Redensarten auf, welche aus den Carroſſen der Eingeladenen fielen; ſie verſchmähten ſogar nicht die Geſpräche zwiſchen Pagen und Lakeien, nur vertauſchten ſie den Namen des Lakeien und des Pagen mit den Anfangsbuchſtaben des Marquis von Bees oder des Viscount von Crer und dieſe geringfügige Abänderung ver⸗ lieh der Redaction des Artikels ſofort etwas außerordentlich Pikantes und Vornehmes. Die heutzutage ſogenannten Courriers von Paris wa⸗ ren, wie man ſieht, in London im Jahre 1685 ſchon eine ſehr bekannte Sache. Uebrigens darf man aber nicht glauben, daß die Steno⸗ graphen von Will's Kaffehhaus blos zu ihrem Vergnügen dieſes mühſame Handwerk von Chroniſten unter freiem Him⸗ mel ausgeübt hätten. Der fade Inhalt der meiſten damaligen Journale machte die Leſer höchſt begierig nach allen Schrif⸗ ten, welche von politiſchen Dingen handelten. Dieſe hungri⸗ gen Neuigkeitsjäger zogen von ihrer Jagd einen doppelten Nutzen. Sie verkauften ihre Beute erſtens an die renommir⸗ ten Verfaſſer von Flugſchriften in der Hauptſtadt, und ver⸗ x — —,— 75 ſendeten ſie dann auch nach der Provinz. Es war, wie die Geſchichtſchreiber der damaligen Zeit erzählen, ein denkwür⸗ diger Tag, an welchem das erſte Neuigkeitsblatt in dem Kaffehhauſe von Cambridge angeſchlagen ward. Zu den damals in London erſcheinenden Journalen ge⸗ hörte auch die ſogenannte„Gazette,« welche zwei Seiten mittleren Formats füllte, und jeden Montag und Donnerſtag erſchien. Dieſes officielle Journal der Regierung pflegte ge⸗ wöhnlich kein wichtiges Document mitzutheilen, dagegen aber verfehlte es niemals, die Kämpfe der den vornehmen Herren gehörigen Hähne anzukündigen, und beſchrieb mit der gewiſ⸗ ſenhafteſten Genauigkeit das Signalement verlaufener Hunde. Während dieſe buntgemiſchte Menge ſich um die Equipa⸗ gen herumtrieb, welche an dem Eingange von Whitehall auf⸗ fuhren, lenkte ein junges Mädchen, nur nothdürftig durch einen alten abgetragenen Mantel gegen die Kälte geſchützt, ihre Schritte traurig und gedankenvoll von dem öſtlichen Ende Londous nach der königlichen Wohnung Carls des Zweiten. Es war ein kleines Haus, oder richtiger geſprochen eine Art Hütte, die in der einſamen Gegend zwiſchen White⸗ chapel Road und White Horſe Lane ſtand, aus welcher das arme junge Mädchen mit Einbruch der Nacht herausgetreten war. Sie hatte demnach eine Strecke von ziemlich anderthalb Stunden zurückzulegen, ehe ſie ihr Ziel erreichte. Obſchon zu jener Zeit die Hauptſtadt des vereinigten Königreichs von Gefahren für die nächtlichen Fußgänger wimmelte, obſchon Whitechapel und ſeine Umgebung mit ihren verdächtigen Her⸗ bergen und Spelunken, welche einer ganzen Nation von Ver⸗ brechern zum Zufluchtsorte dienten, ganz beſonders eine trau⸗ rige Berühmtheit genoß, ſo ſchritt doch das junge Mädchen 76 raſch vorwärts, ohne ſich anſcheinend um die Gefahren zu kümmern, von welchen ſie umringt war. Sicherlich ward ſie von kummervollen Gedanken be⸗ ſtürmt, die ihre ganze Anfmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, denn ſie ſchien ganz unempfindlich gegen die eiſige Abendluft zu ſeyn, welche ihr Geſicht marmorirte, eben ſo wie gegen die gerechte Furcht vor ſchlimmen Begegnungen, welche ihr drohten. So hatte ſie die Grenzen der City erreicht, ohne beun⸗ ruhigt worden zu ſeyn. In Paternoſter Row, das heißt ganz in der Nähe der St. Paulskirche, angelangt, ſchien ſie zu zögern. Zwei Straßen öffneten ſich vor ihr, Fleetſtreet und Newgateſtreet. Obſchon dieſe letztere Straße, weil ſie über Holborn führte, beinahe ganz den Weg verdoppelte, während die erſte ihr geſtattete, direct durch den Strand nach White⸗ hall zu gelangen, wählte ſie dennoch Newgateſtreet. So wie die Unbekannte ſich dem Gefängniſſe näherte, ward ihr Schritt langſamer. Endlich als ſie vor dem düſtern Gebäude ſtand, machte ſie Halt. Es dauerte nicht lange, ſo rollten große Thränen über ihre Wangen herab, und ein halb unterdrücktes Schluchzen entrang ſich ihrer Bruſt. Plötzlich ließ ſich das Getöſe einer raſch gedrehten Schnarre wenige Schritte weit von ihr vernehmen und er⸗ weckte ſie aus ihrer ſchmerzlichen Unbeweglichkeit. Beinahe in demſelben Augenblick begann eine näſelnde und eintönige Stimme den Vers zu ſingen: »Du, der von Angſt und Grau'n umnachtet Im tiefen Kerker troſtlos ſchmachtet, Bereite Dich— die Nacht iſt lang— Auf deinen letzten ſchweren Gang, Denn morgen—⸗ 77 Das junge Mädchen fuhr zuſammen und ohne den Mann mit der Schnarre weiter ſingen zu laſſen, eilte ſie auf ihn zu und redete ihn an. »Ach, Sir,“ rief ſie,„ich bitte Euch, ſagt mir, wer ſeyd Ihr? Warum fingt Ihr zu dieſer Stunde vor dieſem Gefäng⸗ niß dieſe traurigen Verſe? Befindet ſich vielleicht hinter die⸗ ſen Mauern Jemand, welcher morgen ſterben ſoll? Wenn dies der Fall iſt, wie heißt dann dieſer Unglückliche?« Der auf dieſe Weiſe angeredete Mann prallte, anſtatt dieſe mehrfachen Fragen zu beantworten, zwei Schritte zurück und rief: »Hebe Dich weg, Satan!« »Habt Ihr mich denn nicht verſtanden? Wenn Ihr Gott fürchtet, o dann weigert Euch nicht, mir zu antwor⸗ ten,« entgegnete das Mädchen mit bittender Stimme und in⸗ dem ſie ſich mit gefalteten Händen wieder dem ſeltſamen Manne näherte, welcher furchtſam vor ihr zu fliehen ſchien. Plötzlich zog er unter ſeinem weiten, groben wollenen Mantel eine Blendlaterne hervor, deren Licht er auf das Geſicht der Unbekannten fallen ließ. »Bei dem Gedächtniß Eduards des Bekenners,« mur⸗ melte er,„mit einem ſolchen Geſicht und ſolchen Thränen iſt man nicht, was man zu ſeyn ſcheint!«— Dann näherte er ſich gleichſam unwillkürlich und ſagte: »Ich bin der Küſter an der Kirche zum heiligen Grabe und werde als ſolcher von der Schneiderinnung bezahlt, um die zum Tode Verurtheilten in chriſtlicher Weiſe auf ihr Ende vorzubereiten.« »Es gibt alſo hier einen zum Tode Verurtheilten?« fuhr das junge Mädchen mit ſteigender Gemüthsbewegung fort, indem ſie die Hand nach dem Gefängniſſe ausſtreckte. „Ja, Miß.“ »Und wann ſoll er denn hingerichtet werden?« »Morgen.« „»Wißt Ihr das gewiß?⸗ »Ja wohl, ganz gewiß. Ihr könnt Euch doch denken, daß die Regi rung den Küſter an der Kirche zum heiligen Grabe nicht umſonſt bemühen wird. Aber was iſt das? ſeyd Ihr krank? Dieſe Aufregung— dieſe Bläſſe— dieſes Zit⸗ tern!« 3 „Wie heißt der Menſch, welcher morgen ſterben ſoll?« unterbrach ihn die Unbekannte in haſtigem Tone. „Fitzgerald heißt der arme Teufel.“ „»Hal und welches Verbrechen hat er begangen?“ „»Offen geſtanden und zu Euch geſagt, wird dieſes Ver⸗ brechen, wenn man es wirklich ein Verbrechen nennen kann, von ſehr vielen Leuten gebilligt. Dieſer Fitzgerald hat den Oberrichter Lord Jeffreys tüchtig durchgeprügelt.“« Kaum hatte der Küſter dieſen Namen ausgeſprochen, ſo drehte er ſich raſch im Kreiſe herum, um ſich rings in dem nächtlichen Dunkel umzuſchauen. Es war klar, daß er die allzu große Kühnheit ſeiner Zunge bereute. Was das arme Mädchen betraf, ſo bemühte ſie ſich ver⸗ gebens, das Schluchzen zu unterdrücken, welches ihr die Bruſt zu zerſprengen drohte. Ihr Schmerz war ſtärker als ihr Wille. „»Miß,« hob der Küſter in leiſem Tone wieder an, „Miß, um's Himmels willen, folget mir. Wir haben keine Mi⸗ nute zu verlieren— man belauſcht uns— kommt! kommt!« —„» —+——⸗ 82— 8 & XI. Suſanne. (Fortſetzung.) Die Unglückliche war von ihrem Seelenſchmerz ſo tief niedergebeugt, daß ſie nicht einmal die Worte des Küſters hörte. Mit von Thränen überſtrömenden Augen und den Kopf traurig auf die Bruſt ſinken laſſend, hatte ſie auf nichts geachtet, was um ſie her vorging. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo ſchüttelte ſie mit ſtol⸗ zer Bewegung ihr ſchönes rabenſchwarzes Haar. Ein kühner Blick beſeelte ihr ſchwarzes Auge, in welchem gleichſam der Abglanz einer erhabenen Begeiſterung ſchimmerte. Ihre zit⸗ ternden Lippen bewegten ſich. »Ja, ja,« murmelte ſie,»ich werde ihn retten. Gott ſelbſt hat mir den Gedanken eingegeben, mich an den König zu wenden. Ich werde den König ſprechen. Ja, es muß ge⸗ ſchehen— ich will es!« Und ohne ſich weiter mit dem Kuſter und Nachtwächter zu beſchäftigen, ſchlug das junge Mädchen die Falten ihres Mantels wieder über ihre Schultern und ſetzte ſich mit raſche⸗ rem Schritte wieder in Bewegung. In dieſem Augenblicke kam ein Mann, den man in dem Dunkel der Nacht nur un⸗ deutlich ſehen konnte, plötzlich unter einem Wetterdach hero wo er als unſichtbarer ſtummer Zeuge dem Geſpräche beige⸗ wohnt hatte, welches zwiſchen dem Küſter und dem jungen Mädchen ſtattgefunden. Er begann der letzteren zu folgen. Als der ehrenwerthe Küſter der Kirche vom heiligen Grabe dies bemerkte, fühlte er ſich von einem Schauer über⸗ rieſelt. »Ein Spion des Oberrichters!« murmelte er mit einer Angſt, vor welcher ihm die Zähne klapperten;„ha, ich bin verloren!« Und ſeine Laterne ausblaſend, entfernte er ſich in aller Eile nach einer Richtung, welche der von der jungen Unbe⸗ kannten eingeſchlagenen entgegengeſetzt war. So lange dieſe der breiten Straße von Holborn folgte, hielt ſich der Mann, der hinter ihr herging, immer in einer Ent⸗ fernung ungefähr von zwanzig Schritten. Erſt als die arme Be⸗ trübte die Gegend von St.⸗Giles erreichte, verdoppelte er die Schnelligkeit ſeines Schrittes und ſchien ſie anreden zu wollen. In der That waren auch noch nicht fünf Minuten ver⸗ gangen, als in Folge eines geſchickten Manövers, welches mit einer viele Erfahrung in ſolchen Dingen verrathenden Leichtigkeit ausgefüͤhrt ward, der Mann, in welchem der Küſter einen Spion des Oberrichters vermuthete, vor dem jungen Mädchen ſtand und ihr den Weg verſperrte. »Was, Ihr ſeyd es, meine geliebte Mary?« ſagte er, indem er lebhafte Ueberraſchung heuchelte und die Hand des Mädchens faſſen wollte.»Beim heiligen Georg, das iſt eine Begegnung, die ich nicht erwartet hätte und welche mich mit Freude erfüllt.« »Ihr irrt Euch, Sir,« rief das junge Mädchen;»ich bin nicht eure Mary. Ich heiße Suſanne und habe nicht die ———-———— cde 05 — P2= 8 12 81 gen Ehre, Euch zu kennen. Laßt mich ungehindert meinen Weg gehen.« »Ja, meiner Treu, es iſt wahr, Ihr ſeyd nicht Mary,« gen. entgegnete der nächtliche Wanderer, ohne ſich jedoch von der er⸗ Stelle zu rühren,„aber Ihr ſeyd hundertmal, was ſage ich, tauſendmal hübſcher. Was euer Verlangen betrifft, daß ich ꝛer Euch eures Weges gehen laſſen ſoll, ſo rechnet nicht darauf. vin Ein ſolches vollendetes Meiſterwerk der Natur entdecken und freiwillig wieder darauf Verzicht leiſten— dies hieße der ler glücklichſte Menſch geweſen ſeyn und ſich als der dümmſte bee. gezeigt zu haben.« »Mein Herr!« rief die Unbekannte in einem Tone, wel⸗ te, cher weit mehr Zorn als Furcht verrieth,„»haltet mich nicht nt⸗. auf, ſage ich Euch, meine Secunden ſind gezählt, eine Se⸗ ze⸗ cunde Verzögerung kann den Tod eines Unſchuldigen zur die Folge haben!« n.»Ich ſollte Euch verlaſſen? Nimmermehr! Aber wer r⸗ hindert uns denn, nebeneinander herzugehen? Niemand, ſo 28 viel ich weiß. Im Gegentheil, die krummen Straßen in der en MNähe von St.⸗Giles ſind zu ſehr berüchtigt, als daß die Be⸗ er gleitung eines muthigen jungen Mannes von einem Mädchen m verſchmäht würde, welches ſich zu einer ſolchen Stunde in dieſe Regionen wagt.⸗ r, Suſanne antwortete nicht, ſondern ſetzte ihren Weg fort. 33 Der Unbekannte regelte, der von ihm ſoeben ausgeſprochenen de. Abhſicht treu, ſeinen Schritt nach dem des hübſchen Mädchens, lit. und entwickelte dabei eine förmlich militäriſche Genauigkeit und Präciſion. h Vergebens aber richtete er wiederholt das Wort an ſie. Der Tiger von Tanger. I. 6 Alle ſeine Verſuche, eine weitere Unterhaltung anzuknüpfen, ſcheiterten an einem verächtlichen Schweigen. „Beim Gott Cupido, meine Schöne,“« rief er endlich, indem er ſie am Arme faßte,»wißt Ihr wohl, daß euer un⸗ zeitiger Stolz, daß euer verächtliches Benehmen mich ſehr ungeduldig zu machen beginnen? Es nützt Euch nichts, daß Ihr Euch ſo ſträubt. Ich will, daß Ihr mich anhört. Was, zum Teufel! Ihr wollt mich doch nicht etwa glauben machen, daß es für ein junges Mädchen ein Zeugniß von hoher Tugend ſey, während der Nacht in den Straßen von London umher⸗ zulaufen? Ich will, um Euch angenehm zu ſeyn, zugeben, daß eure Stellung in der Welt edler ſey, als man aus der Leicht⸗ fertigkeit eures Benehmens dieſen Abend ſchließen ſollte, aber dabei bleibt meine Gefälligkeit ſtehen. Was der tauſend, grim⸗ mige Schönheit! Da ſehe ich ja an eurem Handgelenk ein langes goldenes Armband hängen und blitzen, welches, ich wollte darauf ſchwören, Euch nicht aus einem Familienerbe zugefallen iſt. Wenn Ihr Schmuckſachen liebt—« „Elender, Ihr haltet den Glanz des Stahles für den des Goldes!“« rief Suſanne raſch zurückweichend.„Laßt mich meines Weges gehen, oder wehe Euch, ſage ich.« „Ein Dolch!« ſagte der Unbekannte.»Bei allen Teu⸗ feln, das iſt ja zum Tollwerden und könnte mich raſend in Euch verliebt machen! Das iſt eine wahre Erholung nach dem Anblick all der faden, langweiligen Gottheiten, welche heut⸗ zutage Mode ſind. Aber ernſthaft geſprochen, anbetungswür⸗ diges Kind, euer guter Genius iſt es, der mich Euch in den Weg geführt hat. Hört mich an.« An der fieberhaften Ungeduld, welche den ſchlanken, wunderſchön geformten Körper Suſannens bewegte, war es —4,—4—, ————— —,—— — en, 83 leicht zu errathen, wie unangenehm ihr das Gebahren des dreiſten und hartnäckigen Unbekannten war. Endlich ſchien ſie einen Entſchluß gefaßt zu haben. Sie lehnte ſich an die Wand eines Hauſes und ſagte in feſtem mu⸗ thigem Tone: »Ich ſage Euch nochmals, Sir, von der Schneligkeit, womit ich den Schritt, den ich im Begriff ſtehe zu thun, aus⸗ führe hängt das Leben oder der Tod eines Unſchuldigen ab. Wenn Ihr mich noch länger aufhaltet, ſo komme das durch eure verbrecheriſche Hartnäckigkeit vergoſſene Blut über Euch! — Ich gebe Euch fünf Minuten Zeit— ſind dieſe verſtrichen, ſo appellire ich an die Gerechtigkeit Gottes und ſtoße ohne Furcht und Mitleid zu. Was wollt Ihr? Was begehrt Ihr?« Während ſich Suſanne mit dieſer Kühnheit ausſprach, die mit ihrem Geſchlecht und der anſcheinenden Zartheit ihrer Conſtitution ſo wenig in Einklang zu ſtehen ſchien, betrachtete der Unbekannte ſie wie in ſtummer Verzückung. Indem ſie ſich an die Mauer lehnte, hatte ſie ſich, ohne es zu bemerken, an eine der neuen Laternen Henning's ge⸗ ſtellt. Ihr von Schönheit und Jugend ſtrahlendes Geſicht zeichnete ſich, von dem Scheine der Laterne vollſtändig beleuch⸗ tet, auf dem ſchwarzen Hintergrunde der Mauer ab. Ein Strahlenbündel umgab ihren Kopf wie ein Heiligenſchein und brachte eine ſeltſame Illuſion hervor. Es war, als ſähe man eine chriſtliche Jungfrau aus dem heldenmüthigen Zeitalter der Märtyrer, deren Antlitz durch den Glauben, ihre Anklä⸗ ger, ihre Richter und ihre Henker beleuchtet würde. Sey es nun, daß die erhabene Schönheit des jungen Mädchens alle Zweifel des Unbekannten zerſtreut hatte, ſey es, daß er, durch dieſes ſtrahlende Bild beſiegt und überwältigt, über eine für ihn zweifelhafte Zukunft hinwegſah— kurz, er 2 84 nahm das Geſpräch in einem ganz andern Ton wieder auf, und ſeine ſoeben noch ſpöttiſche und muthwillige Stimme gab nur noch Bewunderung und Ehrerbietung zu erkennen. „Die kurze Friſt, welche Ihr mir gewährt,« ſagte er, „nöthigt mich, ſtracks auf's Ziel zuzugehen. Ich ſage Euch da⸗ her, Miß, wenn Ihr Euch mir anvertrauen, wenn Ihr mir die Sorge für eure Zukunft anheimgeben wollt, ſo mache ich mich verbindlich, Euch eine ſo herrliche und glänzende Zukunft zu verſchaffen, daß die Wirklichkeit die ſchönſten und golden⸗ ſten Träume übertreffen ſoll, welche eure Phantaſie jemals geboren! Ich ſchwöre Euch, wenn Ihr Euch auf meine Freund⸗ ſchaft, auf meine Erfahrung verlaßt, euer Los zu einem ſo glücklichen zu machen, daß die vornehmſten Damen des Kö⸗ nigreichs auf euer Glück eiferſüchtig ſeyn ſollen!« Das junge Mädchen zuckte mit ungeduldiger Verachtung die ſchönen Schultern. »„Ja, ja, ich begreife— Ihr glaubt mir nicht!« hob der Unbekannte in lebhaftem Tone wieder an.„Ich ſchwöre Euch nochmals— Doch wozu lange Worte? Nur die That⸗ ſachen beſitzen eine wirkliche Beredſamkeit. Höret, Suſanne, es gibt ein untrügliches Mittel, Euch von meiner Aufrichtig⸗ keit, von meiner Macht zu überzeugen. Ihr habt mir ſoeben geſagt, daß Ihr heute Abend einen Schritt von hoher Wich⸗ tigkeit thun wollt. Wohlan, vertraut mir euer Geheimniß, euern Wanſch an, und ich will mich aufhängen laſſen wie der armſeligſte barfüßige Gaſſendieb, wenn ich Euch nicht binnen zwei Stunden die Gnade ausgewirkt habe, welche Ihr die Abſicht habt zu erbitten.« Als das junge Mädchen den Unbekannten dieſes ſo kühne, aber ſo beſtimmte Verſprechen geben hörte, zuckte ſie 8⁵ zuſammen und einige Augenblicke lang tobte ein heftiger Kampf in ihrer zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebenden Seele. »Wenn Ihr ein rechtſchaffener Mann ſeyd,« ſagte ſie endlich,„ſo ſegne Euch Gott! Wollt Ihr aber vielleicht mei⸗ nes Schmerzes ſpotten und mein Vertrauen mißbrauchen, ſo ſeyd verflucht!« Dann heftete ſie einen feſten, forſchenden Blick auf den Unbekannten. »Wenn ich Euch recht verſtanden habe,« fuhr ſie fort, „»ſo gebt Ihr vor, eine unermeßliche, beinahe unbegrenzte Macht zu beſitzen.« »Ja, Suſanne, eine unbegrenzte Macht.« »Welchem Umſtande verdankt Ihr euren Einfluß? eurem Reichthum oder eurer Geburt?« »Meiner Stellung, Suſanne. Doch wozu dieſe Frage?« »Weil Millionen Euch nichts helfen würden, um mir zu helfen. Zu dem Gelingen meines Schrittes bedarf ich das Anſehen eines Mannes bei Hofe.— Kennt Ihr den König?« »Ob ich Se. Majeſtät den König kenne?« antwortete der Geheimnißvolle mit ſeltſamem Lächeln.»Ja, allerdings ein wenig— ſo ziemlich— oder vielmehr ſehr genau.« »O, ich beſchwöre Euch, Sir, täuſcht mich nicht!« »Die Folge wird Euch beweiſen, ob ich die Wahrheit ſpreche.« »Dann,« rief das junge Mädchen vor Bewegung zit⸗ ternd,„dann iſt es Euch wohl möglich, mir Zutritt zu dem König zu verſchaffen?« »Nicht blos möglich, ſondern auch ſehr angenehm.« »Und wann, Sir?« »Wann Ihr wollt, Suſanne.« »Dieſen Abend— dieſen Augenblick— ſogleich.« Der Unbekannte lächelte, nachdem er einige Secunden nachgedacht. „Es iſt heute Empfangstag in Whitehall,« ſagte er, „doch gleichviel, die Vorſtellung wird dann nur um ſo pican⸗ ter ſeyn!— Euern Arm, Suſanne. Ehe noch eine Stunde vergeht, ſollt Ihr vor dem König ſtehen.« Das junge Mädchen nahm nun ohne Zögern den dar⸗ gebotenen Arm, hob dann die Augen zum Himmel und mur⸗ melte mit einem unausſprechlichen Ausdruck der Dank⸗ barkeit: „O. Dank, Dank, mein Gott! Ich wußte wohl, daß Du Dich meiner Leiden erbarmen, daß Du mein Gebet erhören würdeſt!« XII. Der Abend des 1. Februar 1685 in Whitehall. Der Anblick, welchen das Innere von Whitehall am Abend des 1. Februar 1685 darbot, hätte die armen früher erwähnten Journalberichterſtatter mit hoher Freude erfüllt, wenn ihnen vergönnt geweſen wäre, dieſem Schauſpiel beizu⸗ wohnen. Diesmal trug die Wirklichkeit über die Erdichtung den Sieg davon. Obſchon es Sonntag, das heißt ein Tag des Gebets und der Ruhe war, ſo erfüllte doch ein ſehr weltli⸗ ches Leben die großen Empfangsgallerien, dieſes bewunderns⸗ würdige Monument der Pracht der Tudors mit Bewegung und Getöſe. Das Klirren der auf den elaſtiſchen Teppichen zahlreichen Spieltiſche miſchte ſich mit den lauten Stimmen kecker junger den 87 Höflinge und dem ſpöttiſchen, perlenden Gelächter der heraus⸗ fordernden Damen. Von Zeit zu Zeit konnte man in den kurzen, durch den Zufall herbeigeführten Pauſen im Fluge die Bruchſtücke eines ſo leichtfertigen Liedchens erhaſchen, daß heutzutage kaum ein Soldat in ſeiner Wachtſtube ein ſolches Lied zu trällern wa⸗ gen würde. Was aber noch mehr als dieſer Mangel an Reſpect vor der Gegenwart des Königs die ernſten und geſetzten Perſonen empörte, welche dieſe Ungezwungenheit der Verſammlung mit anſahen, war die Haltung Sr. Majeſtät ſelbſt. Carl II. ſaß ausgeſtreckt in einem umfangreichen Lehn⸗ feſſel und ſcherzte mit einem Schwarm junger reizender Frauen, deren Schultern in der That ſo tief entblößt waren, als der Pinſel Lely's ſie in den mythologiſchen Porträts, welche man noch gegenwärtig in dem Schlafzimmer Wilhelms III. in Hamptoncourt ſieht, dargeſtellt hat. Die auffallendſte unter dieſen luſtigen Lacherinnen war ohne Widerſpruch Hortenſe Mancini, die Herzogin von Ma⸗ zarin. Ihr ſchönes, von den warmen Tönen des Südens be⸗ ſeeltes Antlitz, die unwiderſtehliche Anmuth ihrer Manieren, die Lebhaftigkeit, die Keckheit, die Schlagfertigkeit ihres Wi⸗ bes verliehen ihr eine unbeſtreitbare Ueberlegenheit über alle ihre Nebenbuhlerinnen. Hortenſe, die durch Verzichtleiſtung auf ihr koloſſales Vermögen ihre Freiheit wieder errungen, blühte am Hofe von England freudig wieder auf, als ſie be⸗ dachte, daß ſie endlich von dem Joch ihres ſittenſtrengen, lang⸗ weiligen Gatten befreit war. Die kecken Liedchen, welche in dieſem Augenblicke dieſe frivole Geſellſchaft amüſirten, wurden von dem franzöſiſchen Pagen der Herzogin von Mazarin geſungen. 88 Neben Hortenſe Mancini und mit ihrem Brocatkleide das Bein des Königs berührend ſtand die Herzogin von Ports⸗ mouth deren kindiſche und ſanfte Züge einen vollſtändigen und angenehmen Contraſt mit der ſo fein markirten Phyſio⸗ gnomie der Nichte Mazarin's darboten. Der Gunſt des Königs ſicher, ſtolz auf die Herrſchaft welche ſie über ſein Gemüth ausübte, überzeugt, wenn auch nicht von der Treue, doch wenigſtens von der Beſtändigkeit ihres königlichen Anbeters, ſah ſie in einer lachenden Zukunft die Verlängerung ihrer glücklichen Gegenwart, und dieſe Aus⸗ ſicht geſellte zu der angebornen Anmuth ihrer Perſon noch den Ausdruck einer innern Freude, welche aus ihren Blicken ſtrahlte. Nicht weit von der Favoritin bemerkte man Barbara Palmer, Herzogin von Cleveland, welche, obſchon nicht mehr jung, doch noch unverkennbare Spuren von jener ſtolzen und glänzenden Schönheit aufzuweiſen hatte, welche früher von ſo vielen Poeten beſungen, von ſo vielen vornehmen Herren an⸗ gebetet worden. Seit ungefähr einem Monat, wo der König in Folge eines Gichtanfalls das Zimmer hütete, war dieſer Empfang der erſte, welcher in Whitehall ſtattfand. Aus der Heiterkeit, welche Se. Majeſtät an dieſem Abend entwickelte, hätte man faſt ſchließen können, daß er es darauf abgeſehen habe, die verſäumte Zeit wieder einzubringen. »Liebe Hortenſe,« ſagte Carl II., indem er mit der klei⸗ nen, ſchmalen und doch runden Hand der verführeriſchen Ita⸗ lienerin ſpielte,„wißt Ihr ſchon die große Neuigkeit des Tages?« »Meint Ihr vielleicht, Sire, das klägliche Abenteuer eures Oberrichters?« 15 89 »O pfui doch, Herzogin! Das wäre wohl eine große Neuigkeit! Man mag dieſen Jeffreys immer durchprügeln ſo viel man will— er bekommt dann nur, was er verdient.« »„Dann handelt es ſich alſo um eine wirkliche große Neuigkeit?« »Für mich, Hortenſe, ja—« „In dieſem Falle ſchenken wir Ew. Majeſtät Gehör.« »Man behauptet, daß Ihr geſtern mit dem wilden, flatterhaften Buckingham eine wiſſenſchaftliche Reiſe von der größten Wichtigkeit gemacht habt.« »Und dann, Sire?« „»Wie, dann? Mir ſcheint, als gäbe ſchon dieſe That für ſich allein Anlaß zu einer Menge von Vermuthungen und Gloſſen!— Uebrigens ſcheint es, als ob die Flugſchriftler ſchon ihre Federn ſchnitten und ſich anſchickten, dieſe ſeltſame Odyſſee zu beſingen.— Alſo, Hortenſe, Ihr, die Ihr bei euren Erzählungen ſo viel Grazie und Offenheit zu entwickeln wißt, ſagt uns, wie dieſe Geſchichte eigentlich zugegangen iſt.« »Wie ſie zugegangen iſt, ſagt Ihr, Sire?« wiederholte die Italienerin lachend.»Erlaubt mir, Ew. Majeſtät bemerk⸗ lich zu machen, daß euer»wie iſt das zugegangen« eine Re⸗ densart von ſehr zweideutiger Conſtruction iſt. Was ſoll dieſes das bedeuten?« »Eure Reiſe, liebenswürdige Schelmin.« »Wohlan, Sire, das iſt in meinem offenen mit ſechs Pferden beſpannten und von meiner Dienerſchaft escortirten Wagen zugegangen!— Ja, ja, ganz öffentlich, ganz keck, ohne die mindeſte Heimlichkeit.« »Gut, gut. Halten wir uns bei den unbedeutenden Epi⸗ ſoden des Weges nicht weiter auf— kommen wir nach Gres⸗ ham.« 90 »In Gresham, Sire, haben wir, der Herzog und ich, uns ſofort in die Gallerie der Inſtrumente begeben. Es wird Ew, Majeſtät nicht unbekannt ſeyn, daß, ſeitdem der König ſich mit Chemie befaßt, es, ſelbſt für die Damen, zum guten Ton gehört, die abſtracteſten Wiſſenſchaften zu ſtudiren—« »Alſo blos in der Abſicht, mir angenehm zu ſeyn, habt Ihr dieſe Reiſe unternommen?« »Ja wohl, und Ew. Majeſtät wird zugeben, daß es mir gelungen iſt.« »Erklärt Euch näher, Herzogin.“ »Die Flugſchriftler, von welchen Eure Majeſtät ſoeben ſprach, behaupten, daß der König oft Grund gehabt habe, ſich über die glänzenden Eigenſchaften Buckingham's zu be⸗ klagen.« 2 »O, mich zu beklagen— das kommt darauf an. Der Herzog hat mir im Gegentheile weit öfter genützt als ge⸗ ſchadet.“ „Deſto ſchlimmer, Sire, zehnmal ſchlimmer.« „»Warum deſto ſchlimmer?« »Weil, wenn Ew. Majeſtät an dem Herzog eine kleine Rache zu nehmen hätte, meine Reiſe Euch dazu eine vortreff⸗ liche Gelegenheit geboten haben würde.« »Wie ſo, Herzogin?« »Weil der Herzog mich nichts gelehrt hat und der König, nach ihm kommend, ihn von ſeiner Unwiſſenheit hätte überzen⸗ gen können.« Carl II. begann zu lachen und die Herzogin von Ports⸗ mouth ſtrich die Falten ihres Gewandes ſo, daß ſie mit der Hand das Knie des Königs berührte. Sie fand, daß er ſich zu ausſchließlich mit Hortenſen beſchäftigte. † —([½2 ANA LV 91 Der König that, als ob er dieſe ſanfte Mahnung nicht bemerkte und richtete das Wort abermals an ſeine ſchöne Freundin. „»Ihr verſuchet vergebens, Herzogin,« ſagte er,„das Ziel meines Verhörs meinem Augenmerk zu entrücken. Kehren wir nach Gresham zurück.“ »Sehr gern, Sire; kehren wir nach Gresham zurück.* „»Was habt Ihr dort ſo Merkwürdiges gefunden?« »Eine Luftpumpe, ein Fernrohr, einen Magnet.« »Und um dergleichen alltägliche Dinge zu ſehen, habt Ihr eine Reiſe unternommen?« »Alltägliche Dinge, Sire! Gegen dieſen Ausdruck muß ich proteſtiren.« »„Ja, ja, ich ſehe, daß Buckingham durch ſeine Erklä⸗ rungen Dinge, welche gar kein Intereſſe beſitzen, doch intereſ⸗ ſant zu machen gewußt hat.« »Das gebe ich zu, Sire; die Experimente des Herzogs waren mir ſehr intereſſant.« »Soll ich mein Verhör nun ſchließen?« »Ew. Majeſtät wird ſehr räthſelhaft.« »Durchaus nicht, durchaus nicht. Ihr werdet im Gegen⸗ theile begreifen, Herzogin, daß, wenn ich meine Fragen fort⸗ ſetze, Euch nach dem Reſultate der Experimente des Herzogs fragen werde.“ »Nun gut, Sire, ſo fraget.« 3 »Und verſprechet Ihr aufrichtig zu ſeyn?« »Auf mein Wort als Herzogin, Sire; ich werde aufrich⸗ tig ſeyn wie ein Bürgerweib.« »Hal hal Das iſt ein Geſtändniß, welches ſehr merk⸗ würdig und erbaulich zu werden verſpricht.« 92 »Ew. Majeſtät kann hinzufügen: auch lehrreich.⸗ »Machet mir keine Flauſen!« »Ich weiß nicht, Sire, ob ich mehre Herzen habe, aber ganz gewiß habe ich nur ein Wort. Seyd daher ohne 3 Furcht.« Carl II. machte eine kurze Pauſe, dann hub er mit hei⸗ terer Miene wieder an: »Ich beginne mit der Luftpumpe,« ſagte er, indem er die Herzogin von Portsmouth ſanft von ſeinem Seſſel ent⸗ fernte.»Wohlan, Hortenſe, was habt Ihr durch dieſe wunder⸗ baren Erfindungen gewonnen?« »Die unerſchütterliche Ueberzeugung, Sire, und was noch beſſer iſt, eine Ueberzeugung, die mir jetzt gänzlich ab⸗ ging, nemlich daß die Höflinge über den Thieren ſtehen—« »Das iſt ein Anfang, der mir gefällt!« rief der König. »Erkläret euren Erfahrungsſatz, Herzogin.« »Nichts leichter als dieſes. Alle Thiere, welche wir der Wirkung der Luftpumpe unterworfen haben, das heißt eine Katze, ein Hund, ein Rabe, ein Hahn, haben den Mangel an Luſt nicht auszuhalten vermocht und ſind in weniger als zwei 3 Minuten verendet. Wenn nun Ew. Majeſtät geruher, einen Blick um ſich zu werfen, ſo wird ſie mehr als fünfzig große Herren bemerken, welche ſeit fünfzig Jahren am Hofe leben und ſich deswegen nicht ſchlechter befinden.⸗ »Dieſe Erklärung ſchmeckt ein wenig paradox,« ſagte Carl II. lachend.„Doch gleichviel, ſie gefällt mir und ich nehme ſie an. Gehen wir zum Magnet über.« »Der Magnet, Sire, hat mir auf handgreifliche Weiſe eine große Wahrheit bewieſen, nemlich, daß man oft nach dem läuft und ſich an das hängt, was man nicht liebt, denn man wird mir niemals glauben machen, daß der Magnet Liebe — 93 zum Eiſen habe. Wie viele von zahlreichen und eifrigen Die⸗ nern umgebene Könige würden ſich allein und vereinſamt ſehen, wenn der Himmel ſie nicht hätte auf dem Throne ge⸗ boren werden laſſen.⸗ »O, was das betrifft, Herzogin, ſo huldige ich gonz eurer Meinung,“ unterbrach ſie Carl II. im Tone der Ueber⸗ zeugung.»Und das Fernrohr, was hat Euch dieſes ge⸗ lehrt?« »Daß man niemals glauben muß, was man ſieht. Bu⸗ ekingham ſchien mir ein großer Mann zu ſeyn.« Bei dieſem Witzworte der Italienerin ließ der König ſeiner Heiterkeit und Freude freien Lauf. Er wußte, daß dieſer beißende Einfall zu Buckingham's Ohren kommen würde und zwar in vergrößerter, übertriebener und ganz beſonders weit giftigerer Form. Schon ſeit einigen Augenblicken verrieth die Herzogin von Portsmouth unverkennbare Zeichen von Ungeduld und Uebellaune. Die Favoritin konnte nicht vergeſſen, daß Carl II. zur Zeit ſeiner Verbannung um Hortenſens Hand angehalten hatte und ſie hatte nun ſchon oft Gelegenheit gehabt zu ſehen, daß in dem Gemüth des Königs kein Groll durch die Zurück⸗ weiſung erweckt worden, welche er damals erfahren hatte. »Sire,« ſagte die nominelle Maitreſſe mit ihrem verfüh⸗ reriſchſten Lächeln, ſelbſt auf die Gefahr hin, von Hortenſen beſchuldigt zu werden, daß ſie bei dem König die Rolle des Magnets ſpiele welcher ſich anhängt, ohne zu lieben,„ich muß Ew. Majeſtät bemerklich machen, daß Ihr heute Abend mit einem Leben und einem Feuer ſprechet, welches Euch nothwendig ermüden muß. Bedenket, Sire, daß Ihr faſt noch Reconvalescent ſeyd.“ »Allerdings,« ſagte der König,»fühle ich mich heute Abend nicht recht wohl.— Ich lache, aber ich leide.⸗ »Ihr leidet, Sire?« unterbrach ihn die Herzogin von Portsmouth im Tone der Beſorgniß. „Beruhigt Euch, liebe Freundin,« hob Carl II. in ſanft ſcherzendem Tone wieder an.»Wenn Ihr wegen eines einfa⸗ chen Kopfwehes, welches ich habe, Euch ſo tief bekümmert, was wolltet Ihr dann thun, wenn ich ſtürbe?« „Ich würde Euch nicht überleben, Carl.“ „Glaubt Ihr, liebe Nelly? Erlaubt mir, daß ich eure Meinung nicht theile.« „Bemerket, Sire,« ſetzte Hortenſe Mancini hinzu,»daß die Herzogin nicht den Zeitraum beſtimmt hat, innerhalb deſ⸗ ſen ſie Euch nachfolgen würde. Nehmen wir nun an, daß er dreißig bis fünfzig Jahre betrüge, ſo wird ihre Hingebung begreiflich und ſogar eine ganz natürliche Sache.“« „Um ſo zu ſprechen, Hortenſe,« rief die Favoritin, ihren Zorn ziemlich ſchlecht hinter einem gezwungenen Lächeln ver⸗ bergend,„um ſo zu ſprechen, müßt Ihr in eurem ganzen Le⸗ ben nicht ein einziges Mal ernſtlich geliebt haben.“« „Was meint Ihr dazu, Sire?« fragte die Italienerin keck ſich an den König wendend. „Meiner Treu, liebe Hortenſe, ich wage nicht mich aus⸗ zuſprechen.« „»Das iſt wohl möglich. Alſo Ew. Majeſtät glaubt an die abſolute Liebe, an die blinde Hingebung, mit einem Worte an die Witwen von Malabar?« „An die Witwen von Malabar? Nein.« »Dann alſo aber doch an die abſolute Liebe?« »Ach leider, Herzogin, auf Erden gibt es nichts Ab⸗ ſolutes!“« »Aber die blinde Hingebung zieht Ihr nicht in Zweifel?« »Ich, Hortenſe, glaube an das Vergnügen!⸗ „»Recht ſo, Sire! Das nenne ich gut geſprochen!« rief die Herzogin von Mazarin, indem ſie der Favoritin verſtohlen einen triumphirenden Blick zuwarf.„Ihr beſitzet, Sire, einen Schatz von geſundem Menſchenverſtand und Philoſophie, der mich entzückt und in Erſtaunen ſetzt! »Dank für das Compliment, reizende Schelmin!« »Ja, ja, man iſt nicht immer ungeſtraft König durch göttliches Recht.« Carl II., dem Hortenſens Einfälle viel Amuſement be⸗ reiteten, wollte ſie noch mehr gegen ſeine königliche Perſon aufreizen, als er plötzlich ſtutzte und beim Beginn einer Be⸗ merkung ſtehen blieb. Ungefähr zehn Schritte vor ſich ſtehend und ihn auf ſeltſame Weiſe betrachtend ſah er nemlich den Mann, welcher kurze Zeit vorher Suſannen vor dem Gefängniſſe von New⸗ gate angeredet und dem jungen Mädchen verſprochen hatte, ſie noch denſelben Abend dem Könige vorzuſtellen. Der Beſchützer der nächtlichen Wanderin war ungefähr zweiunddreißig Jahre alt. Seine nicht durch ihre Schönheit, wohl aber durch ihre außerordentliche Beweglichkeit ſich aus⸗ zeichnenden Züge beſaßen den Ausdruck einer unerhörten Frech⸗ heit und Unverſchämtheit. Seine dreiſte Miene, die Ungezwungenheit ſeiner Ma⸗ nieren verriethen wo nicht den Edelmann, doch wenigſtens den an die beſte Geſellſchaft gewöhnten Weltmann. Sein reiches, ziemlich cokettes Coſtüm, ſeine von dem zurückgelegten Wege und deſſen Zufällen ein wenig ſtaubig gewordene Toilette berechtigte zu der Vermuthung, daß er bis zu einem gewiſſen Punkte ſich des intimen Umganges mit 96 dem König erfreute und daß er wenig fürchtete, ſeinem Herrn zu mißfallen. Seitdem Carl II. dieſen neuen Ankömmling bemerkt hatte, ſchien er unruhig und zerſtreut zu ſeyn und beharrte bei ſeinem Schweigen. Dieſe plötzliche Veränderung mußte nothwendig ſehr bald bemerkt werden. Die Perſon die das meiſte Intereſſe hatte, die Urſache davon kennen zu lernen— die Herzogin von Portsmouth— war auch die, welche dieſen Umſtand zu⸗ erſt bemerkte. „Sire,« ſagte ſie, indem ſie die Hand des Königs mit einer Vertraulichkeit ergriff, die ihr von Rechtswegen zukam und am Hofe anerkannt war,»Ew. Majeſtät klagte ſo eben über Schmerzen und jetzt verändern ſich auch eure Züge. Carl, ich beſchwöre Euch, ziehet Euch in eure Gemächer zurück— Ihr ſeyd noch matt und bedürft der Ruhe.« „Ich danke Euch unendlich, liebe Freundin,« ſagte der König, indem er ſeine Hand ſanft von der losmachte, welche ſie umſchloſſen hielt,„es iſt nicht Ruhe, ſondern im Gegentheil Zerſtreuung, was ich nöthig habe. Bin ich nicht nun bald einen Monat lang nicht aus meinem Zimmer gekommen, als höchſtens um mich in mein Laboratorium zu begeben? Aeng⸗ ſtigt Euch daher weiter nicht, liebe Herzogin. Mein Kopfweh iſt vollſtändig verſchwanden und Ihr lauft nicht Gefahr, von Hortenſe ſo bald wegen eurer trefflichen Geſundheit geneckt zu werden, denn ich hoffe noch viele Jahre zu leben.⸗ Die Herzogin von Portsmouth ſuchte wahrſcheinlich nach einer ſentimentalen, effectvollen Phraſe, alsihr plötzlich ein leiſer Ausruf der Ueberraſchung entſchlüpfte, denn ſie bemerkte jetzt ebenfalls die Perſon, deren Gegenwart Carl II. in ſolche Auf⸗ regung verſetzte. —-—— 97 rn»Verzeihet, Sire,“ ſagte ſie in kurzem Tone, der faſt an b Impertinenz grenzte,„jetzt begreife ich die Gemüthsbewegun rkt Ew. Majeſtät.« 8 tte»Aber mein Gemüth iſt ja gar nicht bewegt, liebe Relly. Beruhigt Euch.« hr»O, Sire, ich bin durchaus nicht unruhig! Der Ruf ſſe zum Vergnägen hat nichts Gefährliches. Die Erwartung und in die Verkündigung eines Wunſches, welcher im Begriff ſteht, in u Erfüllung zu gehen, erzeugen ſelten eine Krankheit.⸗ »Ich verſtehe Euch nicht, Madame.« nit»Ew. Majeſtät braucht blos die Augen außzuſchlagen, un um die Erklärung meiner Worte vor ſich zu ſehen. Was ſehet Ihr, Sire?« 1»Ich ſehe viel elegant geputzte Männer und Frauen, hr welche wenn ſie weiter keine Kleidung hätten als ihre guten Eigenſchaften und Tugenden, vor Kälte klappern und die er Augen der Schamhaftigkeit auf grauſame Weiſe beleidigen he wurden.« eil»Das iſt eine ſatyriſche Allgemeinheit, oder richtiger ge⸗ ld ſagt eine Ausrede, Sire. Ich frage Euch, wer iſt dieſer un⸗ 1ls erſchämte Menſch, der Euch anſieht, ohne die Augen nieder⸗ g uſchlagen und ohne zu thun als ahnte er, daß wir von ihm eh ſprechen, obſchon er den Gegenſtand unſeres Geſpräches ſicher⸗ on lich erräth?« zu»Wen meint Ihr, Herzogin?« »Nun da, da vor Euch, Sire,“ hob die Favoritin leb⸗ 89 haft wieder an, indem ſie mit dem Finger auf die Stelle zeig⸗ er ten, wo der Neuangekommene ſtand. tt Carl II., der ſich auf dieſe Weiſe aus ſeinen letz⸗ f. ten Verſchanzungen getrieben ſah, konnte nun nicht länger „₰ Der Tiger von Tanger. I. 7 98 die Rolle des Blinden ſpielen. Er faßte ſich daher muthig und entgegnete in nachläſſig verächtlichem Tone: »Der dort? Nun das iſt ja der Schlingel, der Chiffinch, mein erſter Page—« »Euer treuer Bote, Sire! Warum ſchenket Ihr ihm nicht zum Lohne für die zahlreichen Dienſte, die er Euch lei⸗ ſtet, ein ſchönes Wappenſchild, welches ihm fehlt? Ein Mer⸗ kurſtab auf ſilbernem Grunde würde ihn mit Freude und Stolz erfüllen!« 1 »Ach, Chiffinch iſt wieder zurück,« ſagte der König, ohne, wie es ſchien, auf die Bemerkung der Herzogin zu hoͤren; „das freuet mich ſehr. Ohne Zweifel bringt er mir eine wich⸗ tige Mittheilung in Bezug auf die Angelegenheiten Rocheſter's und Halifaxp, über welche ich mich morgen ausſprechen ſoll. Es ſcheint ausgemacht zu ſeyn, daß Rocheſter mit den Finan⸗ zen auf ſchamloſe Weiſe gewirthſchaftet hat.— Ich fürchte ſehr, daß der arme Lord⸗Präſident ihm nicht nächſte Nacht ſein Quartier in dem Tower anweiſe.— Ach, was für ein langweiliges Ding iſt doch die Königswürde, meine Damen! Sorgen, Aerger, Störungen— niemals eine Minute Ruhe! Alſo, Chiffinch iſt wieder da! Laſſe ſich Niemand ſtören, ich komme ſogleich wieder.« Carl II. erhob ſich und ging auf ſeinen Pagen zu, indem er murmelte: »Meiner Treu, wenn die Herzogin ſich erzürnt, deſto ſchlimmer für ſie. Man kann mir es nicht verdenken, wenn ich, nachdem ich ihr Schmollen ertragen, mich ein wenig entſchädige.« Als die Favoritin den König ſeine Schritte nach Chif⸗ finch lenken ſah, zögerte ſie. Dennoch aber trug ihre verletzte Eigenliebe ſehr bald den Sieg über ihre Klugheit davon. Sie — em 99 ſchickte ſich an, Carl II. zu folgen, als die Herzogin von Cleveland ſie am Arme zurückhielt. »Liebe Freundin,« ſagte ſie lächelnd und mit leiſer Stimme zu ihr, um weder bemerkt noch gehört zu werden, »nehmt Euch in Acht! Ihr ſteht im Begriffe, eine ſchwere Unklugheit zu begehen! Erſtens legt dieſe wüthende Miene ab, welche Aufmerkſamkeit und Schadenfreude erweckt— gut. Nun höret mich.« „Redet ſchnell, Barbara.« »Wir haben keine Eile. Sagt mir, meine liebe Louiſe, habt Ihr von dem König eine beſondere Gunſt, eine Zuſtim⸗ mung zu erlangen, welche er ſich hartnäckig weigert, Euch zu gewähren?« »In dieſem Augenblicke nicht, Barbara.« »Nun dann verhaltet Euch ruhig, verzogenes Kind. — Was, iſt es möglich, daß Ihr, ſo ſchlau, ſo liſtig, ſo ge⸗ wandt, nicht wiſſet, daß wir Frauen unſere Eiferſucht nur dann zeigen dürfen, wenn dieſe Kundgebung uns dazu dient, entweder einen Fehler zu verbergen, oder ein ſchwieriges Zu⸗ geſtändniß abzupreſſen? Ohne Noth Auftritte herbeiführen, heißt ſich einer mächtigen Waffe berauben. Nichts gelingt beſ⸗ ſer als eine am rechten Orte angebrachte Entrüſtung. Laſſet den König und ſeinen Chiffinch in Frieden! Wenn eure Ner⸗ ven zu ſehr gereizt ſind, ſo ſteht es Euch ja ſpäter immer noch frei, Euch abzufinden.⸗ Barbara Palmer ſprach wenig, aber das, was ſie ſagte, trug ſtets das Gepräge der Vernunft und der Klugheit. Während die Herzogin Cleveland der Favoritin ſo gute Rathſchläge ertheilte, ſprach der König in ſeinem Cabinet mit ſeinem Pagen Chiffinch. * 100 »Alſo,« ſagte er,»deine Unterhandlung iſt Dir ge⸗ glückt?« »Vollſtändig, Sire.— In einigen Augenblicken wer⸗ den Sir Charles Murray und ſeine Tochter Lucy in White⸗ hall ſeyn.« „Der alte Puritaner zeigte ſich wohl ſehr hartnäckig?« „Ich muß Ew. Majeſtät bemerklich machen, daß Ihr da einen Pleonasmus begangen habt. In dem Worte Puri⸗ taner liegt ſchon der Begriff des Hartnäckigen, Störriſchen, Trotzigen und Schäbigen. Das Wort Puritaner iſt das reichſte Wort unſerer Sprache, denn es enthält in ſich allein ſämmt⸗ liche übelklingende Eigenſchaftswörter des Lexikons.— Ja, dieſer Murray leiſtete heldenmüthigen Widerſtand, und jeder Andere als ich würde eine ſolche Miſſion vergeblich unternom⸗ men haben.“ „Welchen Vorwand haſt Du genommen? Welche Hoff⸗ nung haſt Du ihm vorgeſpiegelt?« „Den beſten Vorwano und die ſüßeſten aller Hoffnun⸗ gen! Nemlich, daß Ew. Majeſtät guten Rath nöthig hätten und daß Sie eine Predigt zu hören wünſchten.« „Ich begreife, daß dies ein ſehr genügender Grund war, um ihn hierher zu locken; aber wie haſt Du ihn vermocht, auch ſeine anbetungswürdige Tochter hierher zu führen?« „Ich beſann mich zur rechten Zeit auf den Beſuch, wel⸗ cher vor einigen Tagen der Königin durch Lady Alice Lisle abgeſtattet ward, um von Ihrer Majeſtät ihre Einwilligung in die Vermälung ihres Sohnes, Sir Henri Lisle, mit Miß Lucy Murray zu erlangen, und ich ſagte unſerm Puritaner, Ihre Majeſtät die Königin wünſchte, daß Miß Lucy ihr eben ſo wie dem König heute Abend vorgeſtellt würde.« 101 »Ah, ſehr gut ausgeſonnen! Wir werden uns bemühen, dieſe unmögliche Heirath in Ordnung zu bringen. Ja, ja, man wird daran denken muüſſen, ſie ganz ſanft aufzulöſen. — Indeſſen aber, Chiffinch ſcheint es mir, als wäreſt Du ſehr weit gegangen, als Du eine Predigt für mich verlangteſt. Luch iſt wunderſchön, ich bin ſterblich in ſie verliebt, aber meine erſte Zuſammenkunft mit ihr mit einer Predigt bezahlen zu ſollen— das iſt theuer, das iſt ſehr theuer!« »Sire, es gibt kein wahreres Sprichwort als das, wel⸗ ches ſagt:»Keine Predigt, keine Puritaner!« Wer den Zweck will, der muß auch die Mittel wollen!« »Kurz,« hob Carl II. mit einem Seufzer wieder an, »Lucy verdient, daß ich ihr dieſes Opfer bringe, nicht wahr, Chiffinch?« »Ganz gewiß, Sire, verdient ſie es,« entgegnete der Page in kaltem Tone. Der König ſah ſeinen Pagen mit verwundertem Blick an. „»In welch ſonderbarem Tone ſagſt Du mir das!« rief er.»Sollte Lucy nicht mehr das Glück haben, Dir zu ge⸗ fallen?« »Ich bitte Ew. Majeſtät unterthänigſt, mir die Ant⸗ wort zu erlaſſen.“ »Nein, im Gegentheile, ich will, daß Du Dich offen ausſprichſt.« »Ich finde immer noch, Sire, daß Miß Murray ein Juwel von Schönheit und Anmuth iſt, aber ich verſage Ihr heute, was ich ihr geſtern noch zuerkannte— die Vollkom⸗ menheit.« »Und was iſt der Grund dieſer plötzlichen Aenderung deiner Anſchauungsweiſe?« 102 »Eine ſeltſame Begegnung, welche ich erſt heute Abend zufällig gemacht, Sire.⸗ „Was für eine Begegnung, Chiffinch?« »Die der wahren Vollkommenheit.« »Erkläre Dich— Du machſt mich neugierig.« „Es iſt ein förmlicher Roman, Sire.“ „»Nun gut, ſo erzähle mir dieſen Roman.“ „Ich muß Ew. Majeſtät bemerklich machen, daß ich weder den Anfang davon weiß, noch die Entwickelung. Ich kenne davon blos eine einfache Epiſode.« „Nun denn her mit der Epiſode!« Der erſte Page Sr. Majeſtät beeilte ſich zu gehor⸗ chen. Er erzählte ſeinem Herrn ſeine Begnung mit Suſannen in der City, die Thränen und den Muth des jungen Mädchens, das Geheimniß, in welches ſie ſich hüllte, und dann ſchilderte er dem König ausführlich jene ſtrahlende Schönheit, durch welche Chiffinch, dieſer im höchſten Grade blaſirte und abge⸗ ſtumpfte Menſch, geblendet worden war. Carl II. ſchien an der Erzählung ſeines vertrauten Bo⸗ ten lebhaftes Intereſſe zu nehmen. „Fürchteſt Du nicht, Chiffinch,« fragte er ihn, nachdem er eine Weile nachgedacht,»daß dieſe excentriſche Bittſtellerin eine dem gemeinen Volke angehörige Intriguantin ſey?« „Sire,“« entgegnete der Page, indem er ſeine Antwort mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln begleitete,„ich beſitze eine zu große Kenntniß der Frauen, als daß ich mich jemals in Be⸗ zug auf eine derſelben täuſchen ſollte, wäre ſie auch die ge⸗ wandteſte Heuchlerin des vereinigten Königreichs! Dieſe Su⸗ ſanne hat in ihrer Stimme, in ihrem Geſicht, in ihren ge⸗ ringſten Bewegungen jenes unnachahmliche Etwas, welches die Thoren die Tugend nennen, und was ich die Unerfahrenheit nd — 103 des Lebens nennen will. Uebrigens reicht auch der gewöhulichſte geſunde Menſchenverſtand hin, um zu folgern, daß ein ſolches Ideal von einem Mädchen nicht gleichzeitig eine Intriguantin und arm ſeyn kann.“ „»Und wo haſt Du dieſes Wunder gelaſſen?« „Ganz einfach auf der Straße, Sire. Sie erwartet an dem Thore von Whitehall meine Rückkunft.— Wünſcht Ew. Majeſtät, daß ich ſie wieder fortſchicke?« »Nein, nein! Wenn Lucy ſich zu puritaniſch zeigt, wohlan, dann wirſt Du dieſe Suſanne mittelſt der geheimen Treppe in meinen Privatgarten heraufführen. Aber was haſt Du, Chiffinch? Du ſcheinſt heute Abend ganz niedergeſchlagen zu ſeyn.« »Was ich habe, Sire? Weniger als nichts,— Schulden!“ »Du, Schulden? Davon glaube ich kein Wort!— Du willſt Dich ganz einfach für deine heutigen Gänge bezahlt machen.“ »Dem Scharfſinn Ew. Majeſtät entgeht doch nie et⸗ was!« „Schmeicheleien, Chiffinch! Mein Scharfſinn beruht einzig und allein in meiner vollkommenen Verachtung der Menſchen!— Dich zum Beiſpiel kenne ich als einen abge⸗ feimten Schuft und ich weiß recht wohl, daß Du keine wirk⸗ liche Anhänglichkeit an mich beſitzeſt.— Da es indeſſen in deinem Intereſſe liegt, mir treu zu dienen, da dein Verrath Dir weniger einbringen würde als die Redlichkeit, ſo verlaſſe ich mich auf deinen Eifer.— Hier nimm dieſe Börſe und geh und paß auf, wenn Murray kommt.« »Ich danke, Sire,« antwortete Chiffinch, hne daß es — 104 ihm einfiel, die gegen ihn ausgeſprochene Beſchuldigung zu wi⸗ derlegen oder zu bekämpfen. Der Page entfernte ſich und fünf Minuten ſpäter öffnete ſich eine verſteckte Thür hinter einem Vorhange, welcher die eine Ecke des königlichen Cabinets verhüllte. Ein Mann welcher ein junges Mädchen an der Hand führte, erſchien vor dem König. »Seyd willkommen, Sir Charles Murray,“« ſagte der Monarch mit jener Leutſeligkeit, welcher Niemand zu wider⸗ ſtehen vermochte,„ſeyd willkommen— Ihr und eure reizende Tochter.« Dann wendete er ſich zu Chiffinch, welcher den Vater und die Tochter eingeführt hatte. »Man benachrichtige die Königin,« fuhr der König mit einem Mienenſpiel fort, welches der Page vollkommen verſtand. XIII. Der Abend des J. Februar 1685 in Whitehall. (Fortſetzung.) Der Puritaner, oder wenigſtens der Mann welchen der König und Ciffinch in ihrer Unterredung beſtändig mit dieſem Namen bezeichnet, konnte ungefähr ſechzig Jahre alt ſeyn. Seine hohe, etwas ſteife Geſtalt, ſeine ernſte, ſtrenge Phyſiognomie, ſeine ſtolzen, markirten Züge, ſeine gemeſſenen Bewegungen, ſein feſter, ſicherer Schritt verliehen ſeiner gan⸗ zen Perſon das Gepräge einer vielleicht ein wenig zu weit ge⸗ triebenen, aber ſicherlich echten und auf innerem Werthe beru⸗ henden Würde. 10⁵ Was ſeine Tochter Lucy betraf, ſo war dieſe eine lebende Verkörperung einer jener duftigen Undinen, welche von den Dichtern Caledoniens beſungen werden. Sie hatte ſo eben ihr achtzehntes Lebensjahr zurückge⸗ legt. Ihr langes, dichtes, ſeidenes Blondhaar ſpiegelte in den Strahlen der Kerzen wie eine Fläche von Goldſand in der Sonne. Die runden Umriſſe ihres Körpers boten eine ſolche Vollkommenheit dar, und ihre Linien verſchwammen ſo an⸗ muthig in einander, daß eine Analyſe dieſes wunderbaren Ganzen nicht möglich war. Wenn man ſie anſah, ſo fühlte man ſich durch eine hohe, unvergleichliche Anmuth unwillkürlich angezogen, durch einen unbeſiegbaren, ſanften Zauber überwältigt, und man überließ ſich ganz ihrer anziehenden Schönheit, ihrer bezwingenden Allmacht. Luch Murray repräſentirte die bewundernswürdige normänniſche Race der vergangenen Jahrhunderte in ihrem ganzen Glanze. Es war unbeſtreitbar, daß ſie direct von den Eroberern und Civiliſtrern Englands abſtammte. Ihre hell⸗ blauen Augen ſtanden mit der blendenden Weiße ihres Teints in herrlichem Einklang. Ihr gleichzeitig ruhiger und tiefer Blick verrieth Gefühl, Muth und Herzensgüte. Sie war mit einem Worte der in unſerer Zeit faſt ganz verſchwundene ideale Typus, den die engliſchen Künſtler ſich vergebens be⸗ mühen in ihren Werken zu reproduciren. Noch nie hatte Carl II. Gelegenheit gehabt, Lucy ſo in der Nähe zu betrachten. Kaum hatte er ſie zweimal in ziem⸗ lich langer Zwiſchenzeit geſehen und die Erinnerung, welche er daran bewahrt, wich, ſo mächtig ſie auch war, jetzt einer berauſchenden Bewunderung. Zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben begriff er, was die vollkommene Schönheit iſt. 106 »Sir Charles Murray,« hob er nach ziemlich langem Schweigen wieder an, denn er fuürchtete an dem Zittern ſeiner Stimme die Unruhe errathen zu laſſen, welche ihn bewegte, »ich danke Euch für eure Pünktlichkeit und bin Euch Erklä⸗ rungen über die ungewohnte Art und Weiſe ſchuldig, auf welche ich Euch heute Abend in Whitehall empfange.« »Ew. Majeſtät iſt nur Ihrem Parlamente Erklärungen ſchuldig,« antwortete Murray ernſt.»Der König und Ihre Majeſtät die Königin, welche ich noch nicht die Ehre habe, hier zu ſehen, haben geruht, meine Tochter und mich rufen zu laſ⸗ ſen— hier ſind wir.« 5 Anſtatt Murray direct zu antworten, ſchob Carl II. eigenhändig dem jungen Mädchen einen Seſſel hin, indem er ſagte: »Setzt Euch, Miß Murray, ich bitte.— Die Königin, welcher ich ſo eben habe Meldung machen laſſen, wird bald hier ſeyn.« Das ſchöne Mädchen zögerte anfangs, gehorchte aber dann auf einen Wink ihres Vaters der an ſie ergangenen Aufforderung. »Sir Charles Murray,« fuhr der König fort,„ich weiß recht wohl, daß Ihr einer der Krone feindſeligen Partei an⸗ gehört.« »Sire, Ew. Majeſtät kann überzeugt ſeyn—« »Unterbrecht mich nicht, wenn ich bitten darf. Ich ſagte alſo, daß Ihr einer der Krone feindſeligen Partei angehört. Ich beeile mich aber hinzuzufügen, daß mir eure loyale und aufrichtige Oppoſition weit lieber iſt als der geräuſchvolle und eigennützige Eifer des größten Theils meiner eifrigen Diener. Der beſte Beweis von der Achtung, die ich gegen Euch hege, iſt der, daß ich Euch habe zu mir rufen laſſen, um Euch zu 1⁰7 erſuchen, mir einen Dienſt zu leiſten und zwar einen Dienſt, auf welchen ich die größte Wichtigkeit lege.— Man macht in dieſem Augenblick ein großes Geſchrei über den beklagenswer⸗ then Tod des alten Diſſidentenpredigers William Jenkyn, und man wagt ſogar, mich der Urheberſchaft zu beſchuldigen. Alle dieſe Verleumdungen, welche für eure Partei zu nichts Gutem führen können, fangen an mich zu ermüden, und ich bin ent⸗ ſchloſſen, der Sache ein Ende zu machen. Da es mir indeſſen widerſtrebt, hart gegen die wirklich aufrichtigen Fanatiker, zu ſeyn, ſo will ich, ehe ich zu extremen Mitteln ſchreite, es vorher mit Ueberredung und Sanftmuth verſuchen. Ich weiß, welch eine Autorität eure Stimme unter euren politiſchen Freunden genießt. Deshalb habe ich mein Augenmerk auf Euch gerichtet, Murray, daß Ihr mir die jetzt noch mehr ver⸗ irrten als ſchuldigen Unterthanen auf den Pfad der Pflicht zurückfuͤhren helfet. Ich ſetze hinzu— und dies zwar nut unter uns und blos um euer Gewiſſen zu beruhigen— daß ich von William Tenkyn's Einkerkerung nichts gewußt habe. Seyd überzeugt, daß, wenn ich die ehrenwerthen Leiden dieſes armen und ehrlichen Narren gekannt hätte, ich mich beeilt ha⸗ ben würde, denſelben ein Ende zu machen.« „Sire,« antwortete Murray mit ruhiger Stimme,„ich würde nicht zögern, mein Leben für den Dienſt des Königs zu opfern, aber meine Ehre kann ich ihm nicht opfern. Ich theile alle Meinungen Derer, welche Ew. Majeſtät Fanatiker nennt und William Jenkyn iſt in meinen Augen nicht ein Narr, ſondern ein frommer Märtyrer. Es iſt mir daher, trotz meines eifrigen Wunſches, Eurer Majeſtät zu dienen, unmöglich den Auftrag zu übernehmen, welchen Ihr für mich beſtimmt habt.⸗ Carl II. ſchien durch dieſe ſo kategoriſche Antwort kei⸗ neswegs ſehr empfindlich berührt zu werden. Während Mur⸗ 108 ray ſie gab, war der König beſchäftigt, mit zärtlichen Blicken Lucy zu betrachten, welche von Stolz über den Muth ihres Vaters erfüllt zu ſeyn ſchien. »Murray,“ ſagte der König,„ich nehme eure Weige⸗ rung nicht an. Wir werden dieſe Unterredung bald— mor⸗ gen oder übermorgen wenn es Euch recht iſt— wieder auf⸗ nehmen und ich hoffe, daß die Gründe, welche ich Euch anfüh⸗ ren werde, Euch noch überzeugen.— Heute Abend fühle ich mich ſehr leidend und Ihr werdet allzu leicht mit mir fertig werden.⸗ In dieſem Augenblick öffnete ſich leiſe eine Thür und Chiffinch näherte ſich dem Könige. »Sire,“ ſagte er zu ihm,„»Ihre Majeſtät die Königin bittet Euch und euern ehrenwerthen Beſuch das lebhafte Bedauern zu genehmigen, welches ſie empfindet, ſich heute nicht bei Ew. Majeſtät einfinden zu können. Sie bittet Sir Charles Murray und ſeine Tochter, die Unterredung auf morgen verſchieben zu wollen, und wird ſie von der gewählten Stunde in Kennt⸗ niß ſetzen laſſen.⸗. »Nun denn alſo, auf morgen, mein lieber Murray, und auch Ihr, Lucy,« ſagte der König mit freundlichem Lä⸗ cheln,„auf morgen. Aber erlaubt mir ſchon heute, Miß, in Erwägung meiner ganz beſondern Achtung gegen euern Va⸗ ter, Euch dies da zum Andenken anbieten zu dürfen.⸗ Indem Carl II. dies ſagte, ergriff er ein ſchon im Vor⸗ aus auf den Tiſch gelegtes koſtbares Diamantenhalsband und hing es dem jungen erröthenden Mädchen um den Hals. »Und nun, Chiffinch,« ſetzte der König hinzu,„gebt Sir Charles Murray und Miß Luch das Geleite. Alſo mor⸗ gen, Murray, morgen; nicht wahr, Lucy?⸗ Und Carl II. grüßte, während ſie ſich entfernten, fegnä dig durch eine Handbewegung. res — 109 Fünf Minuten ſpäter kam der Page wieder zurück. »Nun, Sire,“ ſagte er,„wünſcht Ew. Majeſtät, daß ich nun mein Ideal einführe?« »Welches Ideal, Chiffinch?« »Nun das, welchem ich vor Newgate begegnet bin und welches gegenwärtig an dem Thore von Whitehall vor Kälte zittert.« »Miß Murray hat in Schönheit und Anmuth nicht ihres Gleichen,« ſagte Carl II. nachdenklich.»Der Ein⸗ druck, welchen ſie guf mich gemacht, iſt ſo ſtark und tief, daß ich mich ſelbſt frage, ob dieſes Mädchen die Eröff⸗ nungen, die ich ihr zu machen im Begriff ſtehe, nicht zu⸗ rückweiſen wird. Doch gleichviel, geh nur und hole dein Wunderkind. Es wird mir Vergnügen machen, zwiſchen dieſem und Lucy einen Bergleich anzuſtellen. Doch, apro⸗ pos, iſt dieſe Suſanne braun oder blond?« »Sie iſt braun, Sire.« »Sehr ſchön, dann werde ich ſie an den Tagen lie⸗ ben, wo ich gegen Lucy kalt ſeyn werde. Geh, beeile Dich, Chiffinch.— Ich fühle michheute Abend wirklich gar nicht wohl und werde mich zeitig ſchlafen legen.⸗ Der erſte Page des Königs ließ ſich dieſen Befehl nicht zweimal ertheilen, ſondern verſchwand mit einer Eile, welche bewies, wie angenehm ihm die Ausführung dieſes Befehls war. Chiffinch bedachte nemlich, daß, wenn ein ſo armes Geſchöpf wie Suſanne die königliche Gunſt eroberte, dann er, der ſie zu Tage gefördert und ſo zu ſagen entdeckt, von dem Siege der Schönen einen bedeutenden Nutzen zie⸗ hen würde. Von Lucy Murray dagegen hatte er, wie er recht wohl begriff, weiter nichts als Vernachläſſigung und Verachtung zu hoffen. „Wenn ich mich nicht irre,“« ſagte er bei ſich ſelbſt, „ſo iſt dieſe räthſelhafte Suſanne mit einem ſtolzen, herrſch⸗ ſüchtigen Sinne begabt, welchen ſie vielleicht ſelbſt noch nicht kennt, der aber nur entwickelt zu werden braucht. Die⸗ ſen Sinn werde ich auch bald hartnäckig und ſtörriſch zu machen wiſſen. Miß Murray wird, wie die meiſten Blon⸗ dinen, in die Fadheiten der Sentimentalität, in Weinen, Klagen und Reue verfallen— eilen wir daher meinen an⸗ betungswürdigen Dämon zu holen.“ Wie weit entfernt war Chiffinch, die Ereigniſſe zu ah⸗ nen welche innerhalb ziemlich einer Stunde, ſeitdem er Su⸗ ſanne verlaſſen, ſtattgefunden hatten! Sobald ihr Führer ſich entfernt, nachdem er ihr em⸗ pfohlen, zu warten, wie lange auch ſeine Abweſenheit dauern möchte, hatte Suſanne ſich unter die Menge gemiſcht. Das lebensvolle, lärmende Schauſpiel, welches ſie hier vor Augen hatte und welches ſie übrigens zum erſten Male ſah, hatte ihre Aufmerkſamkeit dennoch nicht feſſeln können. Ihr begierig auf das Ehrenthor gehefteter Blick erwartete Chiffinch's Rückkehr. „O mein Gott!« murmelte ſie,„vollende dein Wun⸗ der! Wenn dieſer Menſch ſich mir gegenüber einer Macht ge⸗ rühmt hätte, die er nicht beſitzt? Wenn es ihm unmöglich wäre, mich bis vor den König gelangen zu laſſen? O, dieſer Gedanke macht mich wahnſinnig vor Angſt! Nein, nein, die⸗ jer Menſch hat mich nicht belogen— ich ſah ſogleich, daß er mir die Wahrheit ſagte. Und dann, welches Intereſſe hätte er daran, mit meiner Leichtgläubigkeit zu ſpielen? Welchen Nu⸗ —Q—QCO‧˖B—FñꝑUů-Y—-;— 111 tzen würde ſeine Lüge ihm bringen?— Ja ja, er wird wie⸗ derkommen!«. Als indeſſen eine halbe Stunde verfloſſen war, ſtieg die Unruhe des armen Mädchens immer höher. Es war ihr, als hätte ſie ſchon einen ganzen Tag gewartet und ſie begann alle Hoffnung aufzugeben. Jeden Augenblick wandelte ſie die Luſt an, hinter einem Wagen dreinzueilen, auf dieſe Weiſe in den Hof von White⸗ hall zu dringen und dann den Eingeladenen folgend ſich in den Thronſaal zu ſtürzen, ſich dem König zu Füßen zu werfen und»Gnade! Gnade!« zu rufen. Plötzlich erhob ſich aus dem Schooße der Menge ein ſo furchtbares Geheul, daß Suſanne trotz ihrer Angſt und Un⸗ ruhe nicht umhin konnte, darauf zu achten. Sie fragte eine neben ihr ſtehende arme Frau aus dem Volke, was dies zu be⸗ deuten habe. »Mein ſchönes Kind,« antwortete die Frau,„ich ſehe, daß Ihr nicht von London ſeyd, denn wenn Ihr die Sitten und Gebräuche der Hauptſtadt kenntet, ſo würdet Ihr keine ſolche Frage an mich richten. Jeder Empfang, der in White⸗ hall ſtattfindet, wird von den Bürgern benützt, um den hohen Beamten der Krone zu zeigen, wie uns ihr Verhalten gefällt. Einem populären Lord klatſcht man Beifall zu, ein verhaßter Miniſter dagegen wird ausgepfiffen »Ich danke Euch— ich verſtehe— es war alſo ein Miniſter, der ſo eben vorbeifuhr.⸗ »Ein Miniſter! Atrmes, unſchuldiges Kind— ach, nein, es iſt der Henker.« »Der Henker erſcheint mit bei Hofe?« 4 »Habe ich geſagt, der Henker?« hob die Frau in hefti⸗ gem Tone wieder an;„dann habe ich mich geirrt. Dieſer & 112 Mann iſt nicht der Henker, nein. Der Henker, wenn er den Streich führt, erfüllt ſein Amt ohne Haß, ohne Zorn, zuwei⸗ len ſogar mit Abneigung und Widerwillen— er verdient ſein Brot dabei. Dieſer Mann aber, deſſen Wagen hier ganzlang⸗ ſam vor uns durch die Menge hindurchfährt, deren Verwün⸗ ſchungen ihn mit Freude erfüllen mäſſen, denn ſie erinnern ihn daran, wie viel Thränen er vergießen macht, dieſer Mann tödtet nicht, weil es ſein Handwerk wäre, oder weil es ſeine Pflicht verlangte, ſondern er tödtet um des Vergnügens wil⸗ len, um Blut fließen zu ſehen, um Leiden zu bereiten. Dieſes Ungeheuer, welches grauſamer iſt als ein Tiger, dieſer Nichts⸗ würdige, dieſer Vampyr iſt der Oberrichter von King's⸗Bench, es iſt Jeffreys.⸗ Bei dem Namen Jeffreys begann Suſanne an allen Gliedern zu zittern. Ein ſeltſamer Schein glänzte in ihren Augen. »Jeffreys!« wiederholte ſie mechaniſch und ohne zu wiſſen, daß ihre Lippen dieſen verabſcheuten Namen ausſpra⸗ chen,„Jeffreys, ja, dies iſt eine Mahnung vom Himmel? Warten, noch warten— immer warten— das iſt der Tod! Alſo Muth! Mein Gott, ſtärke mich und ſchütze mich!« Während Suſanne dieſe abgebrochenen Worte murmelte, hatte ſie ſich durch die Menge in der Richtung nach dem Eh⸗ renthore des Palaſtes gedrängt. Die erſte Perſon, welche der Oberrichter, indem er aus dem Wagen ſtieg, erblickte, war das junge Mädchen, welches bleich, unbeweglich und mit ſtürmiſch klopfender Bruſt an dem Tritt des Wagens lehnte. Das Geſicht der Unglücklichen hatte einen ſolchen Aus⸗ druck von Leiden und Verzweiflung, daß Jeffreys nicht umhin ——.——,,— — 113 konnte, ſie mit einer gewiſſen Aufmerkſamkeit zu betrachten. Dieſes Betrachten aber war weit entfernt, irgend ein Gefühl des Mitleids in ihm zu erwecken, und erbitterte ihn im Gegen⸗ theil nur noch mehr. »Zurück, Bettlerin!« ſchrie er, indem er ſie mit der Hand zurückſtieß. Bei dieſer Berührung ſtieß Suſanne einen Schreckensruf aus. Sofort aber durch gewaltige Anſtrengung der Willens⸗ kraft den Abſcheu und die Furcht, welche ihre Bewegungen lähmten, überwindend, ſank ſie zu Jeffreys Füßen nieder und hob ihre Hände bittend zu ihm empor. »Gnade, Gnade für meinen unſchuldigen Bruder, wel⸗ cher morgen hingerichtet werden ſoll!« rief ſie mit vor Schluch⸗ zen halberſtickter Stimme,»Gnade, Gnade, Mylord, Gnade für den unglücklichen Fitzgerald!« XIV. Der Abend des I. Februar 1685 in Whitehall. (Fortſetzung.) Suſannens Bewegungen waren ſo raſch, ſo unvorher⸗ geſehen geweſen, daß der Oberrichter ihnen nicht hatte zuvor⸗ kommen können. Um dieſem theatraliſchen Auftritt, welcher ganz geeignet war, die Volksmenge gegen ihn aufzuregen und ihn einer wirklichen Gefahr auszuſetzen, ein Ende zu machen, wendete er ſich zu den an dem Thore von Whitehall wache⸗ ſtehenden Gardiſten und rief mit gebieteriſcher Stimme: Der Tiger von Tanger. I. 8 114 „»Heda. Wache; ergreifet dieſe Betteldirne und führt ſie nach Bridewell.« Die Gardiſten blieben aber unbeweglich. »Nun, habt Ihr nicht gehört, Ihr vergoldeten Faul⸗ lenzer?« hob Jeffreys mit ſteigender Wuth wieder an.„Füh⸗ ret dieſe Betteldirne in das Gefängniß von Bridewell! Macht ſchnell, oder ich ſchreibe eure Namen auf, und dann wehe Euch!«. Zwei Mann der königlichen Nobelgarde ſchritten, durch dieſe Drohung eingeſchüchtert, auf Suſannen zu, ſofort aber miſchte ein Lieutenant, welcher bis jetzt ſtummer und anſchei⸗ nend gleichgiltiger Zuſchauer des Auftritts geweſen, ſich mit ins Spiel. „»Bleibt auf eurem Poſten!« ſagte er kurz zu den beiden Gardiſten.»Was Euch betrifft,« fuhr er fort, indem er ſich zu dem Oberrichter wendete,„ſo geht entweder hinein oder heraus. Meine Inſtruction geſtattet mir nicht, Jemanden hier verweilen zu laſſen.« Bei dieſer Einmiſchung des Gardeoffiziers ſtieß Jeffreys einen Wuthſchrei aus.— »Ohne Zweifel wißt Ihr nicht, geputzter Pfauhahn, mit wem Ihr die Ehre habt, in dieſem Augenblicke zu ſpre⸗ chen?« ſchrie er. »O ja— mit einem ſehr ungezogenen Menſchen, wel⸗ cher die öffentliche Ruhe ſtört,« ſagte der Lieutenant immer noch mit derſelben Kaltblütigkeit. „»Ich bin Georg Jeffreys.⸗ »Oberrichter von King's Bench— ich weiß es recht wohl.« »Ha, Ihr kennt mich, und Ihr wagt mir zu widerſte⸗ -—— —,— einer ſolchen Muſterung vollkommen würdig. 115 hen? Bei den Furien der Hölle, Ihr ſollt euren Ungehorſam theuer bezahlen!« »Dieſe Worte entbehren aller Begründung und Berech⸗ tigung,« ſagte der Offizier ruhig.»Die Leibgarde Sr. Maje⸗ ſtät beſteht nicht aus Conſtablern.— Jedem ſein Amt! Alſo, Mylord, entſcheidet Euch— geht hinein oder heraus. Ihr dürft, ich ſage Euch dies nochmals, nicht länger hier bleiben.⸗ »Die Gardiſten des Königs ſind alſo Verräther!« ſchrie Jeffreys außer ſich. Bei dieſer Beleidigung ſtürzten fünf oder ſechs Gardiſten auf den Oberrichter zu und ein lauter Ausruf der Entrüſtung ließ ſich aus den nächſtſtehenden Reihen der Menge vernehmen. „Cameraden,“ ſagte der Offizier zu den Gardiſten ge⸗ wendet,„nehmt von einer Beleidigung, welche aus Jeffreys Munde kommt, weiter keine Notiz. Dieſer Mann iſt eben ſo wie die anmaßende Brutalität ſeiner Redeweiſe zu bekannt und unſere loyale Geſinnung iſt von uns zu oft bewieſen wor⸗ den, als daß eine ſolche Beſchuldigung an uns haften könnte. Was Euch betrifft, mein ſchönes Kind,« fuhr der Wachcom⸗ mandant fort, indem er ſich zu Suſannen wendete,„ſo ent⸗ ſagt aller Hoffnung und entfernt Euch von hier aufs Schnellſte. Wollet Ihr noch länger auf eurem Vorhaben beharren, ſo würde dies weiter nichts fruchten, als daß Mylords Blutdurſt dadurch noch mehr gereizt würde. Ich fordere Euch daher dringend auf— gehet!« Während der Lieutenant dieſe Worte an Suſannen rich⸗ tete, betrachtete ihn dieſe mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit. Der Offizier der königlichen Leibwache war aber auch 116 Von hohem, ſchlankem, aber kräftigem Wuchſe konnte er ungefähr fünfundzwanzig Jahre zählen. Sein männlich ſchö⸗ nes, regelmäßiges Geſicht trug das Gepräge des Seelenadels und der Herzensgüte. Sein ſchwarzes, leicht gelocktes Haar hob die Weiße ſeiner hohen Stirne noch mehr hervor. Seine feinen Manieren würden ihn ausgezeichnet haben, auch wenn er, anſtatt die glänzende Gardeuniform zu tragen, mit dem beſcheidenen Rocke des Arbeiters bekleidet geweſen wäre. Ein Anflug von Traurigkeit oder vielmehr ſanfter Schwermuth verbreitete einen ganz beſonderen Zauber über ſeine ganze Perſon und erweckte gleich auf den erſten Blick Intereſſe und Theilnahme für ſich. Was die Mäßigung betraf, welche er in ſeinem Wort⸗ wechſel mit dem Oberrichter zeigte, ſo hätte ein ſcharfblicken⸗ der Beobachter bald bemerkt, daß es eine erzwungene war. Es war leicht an dem Feuer ſeiner Augen zu errathen, daß er das Ungeſtüm ſeines Blutes fürchtete und ſich bemühte, die Impulſe ſeiner kräftigen, überwallenden Jugend zu unter⸗ drücken. Jeffreys, der durch die ſtolze Kaltblütigkeit ſeines Geg⸗ ners einen Augenblick lang aus der Faſſung gebracht ward, ſuchte nach einer Beleidigung, um ſie ihm zuzuſchleudern, als eine Hilfe, auf die er nicht gerechnet, ihn zu ſehr gelegener Zeit aus ſeiner mißlichen Stellung befreien half. Eine durch das Geſchrei der Volksmenge herbeigelockte Gruppe von Conſtablern erſchien nemlich plötzlich vor dem Thore von Whitehall. »Hierher, Conſtabler!« rief Jeffreys,„hierher! Er⸗ greift dieſe Elende und führet ſie nach Bridewell.⸗ „»Lieutenant Lisle, ſollen wir denn dieſes hübſche Mäd⸗ ſchö⸗ dels Haar beine bvenn dem Ein auth anze und vort⸗ ken⸗ bar. daß die tter⸗ heg⸗ urd, als ener okte dem Er⸗ äd chen fortführen laſſen?« fragte einer der Gardiſten, indem er ſich zu dem Offtzier wendete. »Ihr ſeyd der Lieutenant Lisle?« rief Jeffreys mit einer Stimme, welche dröhnte wie ein Donnerſchlag.»Ah, das hätte ich mir gleich denken können. Das Blut verläugnet ſich nie. Wer ſich ſo gegen das Geſetz auflehnt, kann nur der Sohn eines nichtswürdigen Meuchlers, eines nichtswürdigen Königsmörders ſeyn.« Bei dieſer gegen ſeinen Vater ausgeſtoßenen Beleidigung ließ der junge Mann einen Ruf des Zornes hören, zog vor Wuth die Beſinnung verlierend ſeinen Degen und ſtürzte ſich auf Jeffreys, indem er rief: »Einen ſolchen Schurken muß man mit flacher Klinge züchtigen!« In demſelben Augenblicke aber faßte eine eiſerne Hand den Arm des Gardiſten und eine Stimme ſagte zu ihm: »Henry, in gewiſſen Umſtänden und gewiſſen Menſchen gegenüber iſt ſtillſchweigende Verachtung die beſte Rache.« Bei dieſen im Tone ruhiger und würdiger Autorität ausgeſprochenen Worten ließ der junge Offizier ſeinen Degen ſinken und ſtand ganz betroffen da. Der Mann, der ſich auf dieſe Weiſe zwiſchen den jungen Offizier und den Oberrichter ſtellte, war Sir Charles Mur⸗ ray. Seine Tochter Lucy unterſtützte, bleich wie der Tod, die Mahnung ihres Vaters durch die beredte und ſanfte Bitte ihres Blickes. Henry Lisle wollte eine Entſchuldigung ſtammeln, um ſein Benehmen zu rechtfertigen, als plötzlich ein durchbohren⸗ der Schrei an ſein Ohr ſchlug. Faſt in demſelben Augenblicke ward auch ſein Name genannt. 118 Es war Suſanne, welche von der Conſtablerpatrouille fortgeſchleppt ſchrie: 4 »Mein Bruder Fitzgerald ſoll morgen gehängt werden! Fitzgerald iſt unſchuldig! Sir Henry Lisle, ſprechet ſofort mit dem Könige— ohne einen Augenblick zu verlieren! Einem edeln und großmüthigen Herzen wie das eure wird der König dieſe Gnade nicht verweigern!« Das plötzliche Erſcheinen Murray's hatte auf den Ober⸗ richter eine ſo außerordentliche Wirkung geäußert, daß er den jungen Gardelieutenant einen Augenblick lang vergaß. Seine verſtörten Züge verriethen zwei entgegengeſetzte Empfindungen — Furcht und Wuth. Unter dem doppelten Eindruck derſel⸗ ben rief er: „Hal auf dieſe Weiſe beleidigt man alſo die öffentlichen Beamten, die Vollſtrecker des Willens Sr. Majeſtät! Schon gut, ſchon gut! Es wird geſchehen, was die Gerechtigkeit verlangt! Laßt Euch dies geſagt ſeyn.— Auf baldiges Wie⸗ derſehen!⸗ Das Toben der Volksmenge und die immer drohender werdende Haltung der Leibgarde verkündeten dem Oberrich⸗ ter, daß es für ihn die höchſte Zeit war, den Rückzug anzu⸗ treten. Lautes Geheul und bittere Verwünſchungen verfolgten ihn, bis er unter der Vorhalle des Ehrenthores verſchwun⸗ den war. 18 Murray und Henry Lisle hatten weder der eine noch der andere Jeffreys in den Drohungen unterbrochen, welche er ſo eben an ſie gerichtet. Der erſte hatte in der Ruhe ſeines Gewiſſens die Kraft gefunden, ſie zu verachten, der zweite hatte, durch einen bittenden und unwiderſtehlichen Blick Lucy's beherrſcht, dieſer liebenswürdigen jungen Dame den Zorn geopfert, welcher in ihm grollte. 1¹9 Es war Henry Lisle, welcher, nachdem er Murray und Lucy auf die Seite geführt, die Converſation begann. „Theurer und vielgeliebter Sir Charles,« ſagte er in ehrerbietigem, liebreichem Tone,»welchem Zufalle verdanke ich das Vergnügen eurer Begegnung?« „Ich komme von dem König.« „»Von dem König!« wiederholte der junge Mann mit lebhaftem Erſtaunen, und indem er einen unruhigen Blick auf die Tochter des alten Puritaners warf,»iſt es mir erlaubt, Euch zu fragen, ob Miß Lucy auch mit dort war?« »Ja, meine Tochter war bei mir.« »Es iſt ſonderbar,« hob der Offizier nach kurzem Schweigen wieder an,„daß ich euren Wagen nicht habe vor⸗ beikommen ſehen, denn ſeit der Eröffnung der Thore von Whitehall habe ich meinen Poſten nicht verlaſſen.« »Dies iſt durchaus nicht ſeltſam, Sir Henry. Wir ſind nemlich in das Cabinet Sr. Majeſtät mittelſt der geheimen Treppe des Gartens eingeführt worden, welcher auf die Themſe geht.«. »Ah, das iſt etwas Anderes— aber erlaubt mir noch eine Frage. Ihr ſeyd eingeführt worden, ſagt Ihr. Ihr hat⸗ tet alſo Jemanden, der Euch einführte?« »Ja wohl. Wie hätten wir auch ſonſt bis zu dem König gelangen können?« »Und,« hob Lisle zögernd wieder an, skann ich, ohne mich einer zu großen Indiscretion ſchuldig zu machen, Euch nach dem Namen deſſen fragen, der Euch einführte?« „»Es war der Page Chiffinch.« »Chiffinch!— Habe ich recht gehört?— Chiffinch, ſag⸗ tet Ihrꝰ⸗ 120 »Ja, ich habe geſagt Chiffinch. Warum ſetzt dieſer Name Euch denn in ſo großes Erſtaunen?« Der Lieutenant der königlichen Garde wußte nicht ſo⸗ gleich, was er antworten ſollte, als ſein Blick auf das koſt⸗ bare und prachtvolle Diamantenhalsband fiel, welches der König der jungen Dame um den Hals gehängt hatte. Ein Ausruf, in welchem ſich eben ſo viel Zorn als Er⸗ ſtaunen verrieth, entfuhr ſeinem Munde, und in ſeinen Zügen ſpiegelte ſich die tiefe und ſchmerzliche Unruhe, welche ſeine Seele erfüllte. »Nein, nein! es iſt unmöglich— meine Sinne täuſchen mich.— Ich bin das Spielzeug eines Traumes!« murmelte Henry Lisle.„Doch wer weiß! Vielleicht hat Sir Charles, durch ſeine Rechtſchaffenheit verblendet, ſich in eine Schlinge locken laſſen. O, dieſer Zweifel brennt in meinem Herzen wie ein glühendes Eiſen. Dieſes Geheimniß muß ich ergrün⸗ den; ich muß die ganze Wahrheit erfahren. Mein geehrter Freund,« fuhr der junge Mann mit erhobener Stimme fort, „»die Kälte iſt ſehr empfindlich, und es würde für Miß Lucy gefährlich ſeyn, ihr noch länger ausgeſetzt zu bleiben. Wollt Ihr mir die Ehre geſtatten, Euch nach Hauſe zu begleiten? Zu dieſer Stunde der Nacht bieten die Straßen von London, wie Ihr wißt, dem Fußgänger nur eine unverbürgte Sicher⸗ heit dar.⸗ »Mit großem Vergnügen würde ich euer Anerbieten an⸗ nehmen, lieber Henry, wenn Ihr nicht jetzt im Dienſte wäret.« »O deswegen beunruhigt Euch nicht. Ich bin heute Abend mit einem durchaus nicht wichtigen Dienſte, mit dem äußern Dienſte, beauftragt. Es wird mir ſehr leicht ſeyn, er —2——— einen Stellvertreter zu finden, ohne daß es weiter auffällt. Ich bitte nur eine Minute zu warten.« Nachdem Henry Lisle dieſe Worte geſprochen, entfernte er ſich in aller Eile, als ob er fürchtete, daß Murray auf ſei⸗ ner Weigerung beharren möchte, als Lucy's melodiſche Stimme ihn plötzlich bewog, ſtehen zu bleiben. Uebrigens hatte die junge Dame augenſcheinlich ſich nach längerem Zö⸗ gern entſchloſſen, das Wort zu ergreifen. »Henry,“ ſagte ſie, indem ſie ihren klaren, tiefen Blick auf den jungen Offizier heftete,„ich bin Euch für meine Per⸗ ſon für euer Anerbieten ſehr dankbar, iſt aber eure Zeit heute Abend nicht zu koſtbar, um ſie auf dieſe Weiſe zu verlieren?« »Ich bin im Gegentheile heute Abend völlig frei, Luch.« »Frei, ſagt Ihr, Henry?« wiederholte die junge Dame im Tone ſanften Vorwurfes,»Ihr habt alſo die Bitte jenes armen, ſchönen jungen Mädchens vergeſſen, welches Mylord Jeffreys ſo eben feſtnehmen ließ? Ihr ſeyd es, den ſie in ihrer Noth angerufen, Ihr dürft, Ihr könnt ihrem Rufe euer Ohr nicht verſchließen.« »Lucy,« antwortete der junge Offizier, ganz erſtaunt über die Feſtigkeit und Innigkeit ſeiner Jugendgeſpielin, denn Sir Henry Lisle und Miß Lucy Murray kannten einander ſeit dem zarteſten Kindesalter— ſie waren, ſo zu ſagen, zuſam⸗ men aufgewachſen, und ſeitdem Lucy ihr achtzehntes Jahr angetreten, war die Vermälung der beiden jungen Leute von den beiden Familien beſchloſſen worden,»Lucy, ich weiß nicht, ob der Bruder dieſes unglücklichen Opfers der Grau⸗ ſamkeit des Oberrichters verdient, daß man ſich für ihn in⸗ tereſſirt. Wer bürgt mir dafür, daß ich wenn ich mich in dieſe Angelegenheit miſche, nicht meinen Namen zu dem eines Mörders oder eines Straßenräubers geſelle? Und ſelbſt wenn man annimmt, daß dieſer Fitzgerald des Mitleids würdig ſey, wie ſoll ich den Sieg über das Geſetz davontragen? Wie ſoll ich, beſonders in ſo kurzer Friſt, die Begnadigung des Verur⸗ theilten erlangen? Ihr wißt, mein Anſehen iſt ein ſehr gerin⸗ ges. Man betrachtet mich am Hofe durchaus nicht mit günſti⸗ gen Blicken— »Henry hat vollkommen Recht,« ſagte Sir Charles Murray. »Wenn das eure Meinung iſt, mein Vater, ſo muß ich mich darein ergeben,“ antwortete Lucy,„und dennoch fühle ich, daß dieſe Nacht für mich ſchlaflos vorübergehen wird.« »Im Grunde genommen,« hob Henry Lisle wieder an, „ſtelle ich mir die Gefahr, der ich mich ausſetze vielleicht ein wenig zu groß vor. Ja, Ihr ſprecht die Wahrheit, Lucy. Es iſt meine Pflicht, für den Nothſchrei, welcher meinen Namen angerufen, nicht unempfindlich zu ſeyn. Ich brauche ja weiter nichts als die ſchlichte Wahrheit zu erzählen. Lucy, auf Wie⸗ derſehen! auf Wiederſehen, Sir Charles! Morgen werde ich Euch das Reſultat meines gewagten Schrittes, meines wahn⸗ ſinnigen Verſuches mittheilen.« Der Blick, durch welchen die junge Dame ihrem Freunde dankte, war ſo ſüß, ſo durchdringend, ſo erfüllt von Dank⸗ barkeit und Zärtlichkeit, daß es dem jungen Offizier nicht ein⸗ fiel, ſeinen Gehorſam zu bereuen. Nachdem er daher von dem Puritaner und ſeiner Tochter Abſchied genommen, flüſterte er einem Fähnrich einige Worte ins Ohr und eilte dann in den Ehrenhof von Whitehall, welchen er raſch durch⸗ ſchritt. In demſelben Augenblicke trat Jeffreys in die Gallerie der Tudors. Obſchon er allgemein verabſcheut und verachtet ward, 123 ſo flößte er dennoch einen ſo gewaltigen Schrecken ein, daß mehre Höflinge ſich nicht ſchämten, ihm entgegenzugehen und ihn ihrer Freundſchaft und Achtung zu verſichern. Jeffreys nahm dieſes Entgegenkommen mit der inſolen⸗ ten Gleichgiltigkeit eines Emporkömmlings hin, welcher die ſeiner Stellung dargebrachten Huldigungen nur als einen ſei⸗ nen Verdienſten gezollten Tribut der Bewunderung betrachtete. Seit einigen Augenblicken herrſchte eine gewiſſe Unruhe⸗ unter den Eingeladenen des Hofes. Die Abweſenheit des Kö⸗ nigs war in Folge ihrer längern Dauer endlich bemerkt wor⸗ den und hatte zu zahlreichen Muthmaßungen Anlaß gegeben. Die verſchiedenſten und ſich widerſprechendſten Bemer⸗ kungen machten ſich von allen Seiten Luft, als Carl II. plötz⸗ lich wieder in den Empfangsſaal trat. Beinahe in demſelben Augenblicke verkündete der dienſtthuende Kammerherr, daß das Souper aufgetragen ſey. Drei Perſonen waren dieſen Abend beſtimmt, die Ehre⸗ der königlichen Mahlzeit zu theilen— die Herzoginnen von Portsmouth, von Cleveland und von Mazarin. Carl II., deſſen leidende und unruhige Miene man be⸗ merkte, bot der Herzogin von Portsmouth galant die Hand, was eine der hervorragendſten Gunſtbezeigungen war, und . ging in den Speiſeſaal. Die Höflinge folgten jeder nach ſeinem Range, einer hinter dem andern herſchreitend. Sobald ſie an der Tafel Platz genommen hatten, er⸗ klärte der König, er habe keinen Appetit, dennoch aber werde er verſuchen, einige Biſſen Eierſpeiſe, ſein Lieblingsgericht, zu genießen, um nicht bis den andern Tag nüchtern zu bleiben. Kaum aber hatte er die Gabel bis an den Mund gehoben, ſo⸗ ſtieß er ſeinen Teller mit Widerwillen von ſich. 124 »Ihr leidet, Carl nicht wahr?s fragte ihn mit leiſer Stimme die Herzogin von Portsmouth. »Ja, gute Nelly,« antwortete er ihr in demſelben Tone, „ja und viel.⸗ »Carl, um's Himmels willen, laßt doch den dienſthaben⸗ den Arzt rufen.« »Ach nein, es verlohnt nicht der Mühe— nein, Nelly, ich will es nicht. Warum ſoll ich mich vor allen dieſen Leuten zu einem Schauſpiel machen?— Dieſe Unpäßlichkeit wird vergehen, wie ſie gekommen iſt— von ſelbſt.« Der König ſchwieg und faßte den Arm der Favoritin, welchen er mit krampfhafter Gewalt drückte. Eine dunkle Röthe überzog ſeine Wangen, und er ſtieß ein halb erſticktes Aechzen aus. Die Herzogin von Portsmouth forderte Barbara Pal⸗ mer durch einen Wink auf, Carl II. im Auge zu behalten. Dann ſtand ſie zum großen Erſtaunen aller Anweſenden und zum Aergerniß aller der ſtrengen Etikette huldigenden Rigori⸗ ſten von ihrem Platze auf und ging auf einen ſehr einfach gekleideten Mann zu, welcher unter der Menge verſteckt dem Souper des Königs beiwohnte. »Mr. Short,“« ſagte ſie zu ihm,„auf ein Wort.⸗ »Redet, Mylady, ich höre Euch.« Die Herzogin und der Mann, welchen ſie Short ge⸗ nannt, entfernten ſich einige Schritte von der Menge, dann ergriff die Favoritin lebhaft wieder das Wort. »Mr. Short,“ ſagte ſie,„habt Ihr heute Abend mit Sr. Majeſtät geſprochen?⸗ »Nein, Mylady.« »Habt Ihr ihn wenigſtens mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtet?« — e, — — 125 »Leider ja, Mylady, mit großer Aufmerkſamkeit.« „»Was ſoll dieſes Leider?« fragte die Herzogin mit unruhiger Beſorgniß. „»Wenn ich leider geſagt habe, Mylady, ſo kann dies nur in Folge einer ſeltſamen Zerſtreutheit geweſen ſeyn.« »Nein, mein lieber Mr. Short, es war durchaus keine Zerſtreutheit von eurer Seite, es war ein Angſtſchrei, der ſich eurem Herzen entrang. Um's Himmels willen, bei der ganz beſondern Achtung, die ich gegen Euch hege, ſagt mir: Iſt Se. Majeſtät in Gefahr oder nicht? Mein Vertrauen zu Euch iſt unbeſchränkt, lieber Doctor. Es wäre höchſt unrecht von Euch, wenn Ihr verſuchen wolltet, mich zu täuſchen. Ich will die Wahrheit wiſſen— hört Ihr wohl? die ganze Wahrheit! Was denkt Ihr von dem Geſundheitszuſtande Sr. Majeſtät?« »Mein Gott, Mylady, ich denke— ich denke—« »Ihr zögert, Doctor? Mein Gott, es iſt alſo Gefahr vorhanden?« »Beruhigt Euch, Mylady. Daß Se. Majeſtät ſich in ihrem Novmalzuſtande befinde, kann ich allerdings nicht be⸗ haupten, hiervon aber bis zu dem Schluſſe, daß der König in Todesgefahr ſchwebe, iſt noch eine große Kluft. Dennoch will ich Euch nicht verſchweigen, Mylady, daß das Unwohlſeyn des Königs mir ernſt genug zu ſeyn ſcheint, um die Befragung des dienſtthuenden Arztes zu rechtfertigen.« »Gut, gut! Ich eile. Unglücklicherweiſe iſt heute Sonn⸗ tag. Keiner der königlichen Leibärzte iſt gegenwärtig in White⸗ hall.— Kommt, Mr. Short, Euch hat der Himmel hierher geſendet, kommt, kommt!« »Mylady,« antwortete Short mit einer Feſtigkeit, welche man nach der Schüchternheit ſeiner Manieren und dem ge⸗ wöhnlichen Zögern ſeiner Sprache nicht hätte erwarten ſollen, 126 „»Mylady. Ihr ſetzt mich in Verzweiflung, ich muß euer Ver⸗ langen ablehnen. Um keinen Preis würde ich heute Abend dem König an den Puls fühlen.“ »Aber warum denn nicht, lieber Doctor?« fragte die Favoritin mit einem Gemiſch von Erſtaunen und Unruhe. »Weil— weil ich das unabänderliche Princip befolge, niemals mich in das zu miſchen, was nicht meines Amtes iſt. Da ich nun heute nicht dienſtthuender Arzt bin, ſo kommt es mir auch durchaus nicht zu, Sr. Majeſtät etwas zu verord⸗ nen. Doch ſeht, Mylady, ſoeben ißt der König das Ciergericht, welches er vor wenigen Augenblicken von ſich ſtieß, mit ſehr gutem Appetite. Seine Unpäßlichkeit wird daher nichts zu bedeuten haben, meine Befürchtungen waren lächerlich und unzeitig.« »Eure Befürchtungen, Short, eure Befürchtungen?« »Sagte ich Befürchtungen? Wirklich, ich bin heute Abend ſehr zerſtreut.“ Die Herzogin betrachtete den Arzt abermals, diesmal aber länger und ſchärfer. Es war als ob ſie verſucht hätte, in ſeiner innerſten Seele zu leſen und ſeine geheimſten Gedan⸗ ken zu ergründen. Short ertrug dieſe Muſterung nur mit Mühe. Das Zu⸗ icken ſeiner Lippen, die Unſicherheit ſeines Blickes, die Röthe ſeiner Wangen verriethen ſeine außerordentliche Verlegenheit nur zu deutlich. »Mr. Short,“ hob die Herzogin wieder an,„Ihr ſeyd nach meiner Meinung— und in dieſem Punkte wird meine Meinung von der ganzen Nation getheilt— Ihr ſeyd der berühmteſte, der gelehrteſte, erfahrenſte und rechtſchaffenſte Arzt des vereinigten Königreiches. Wolltet Ihr euren König in einem kritiſchen Augenblicke verlaſſen, ſo würdet Ihr Euch 127 eines Majeſtätsverbrechens ſchuldig machen. Schwöret mir, daß Ihr morgen mit Tagesanbruch wieder in Whitehall ſeyn werdet.« 1 „»Ich ſchwöre es Euch, Mylady,« antwortete Short, ob⸗ ſchon, wie es ſchien, nur ungern. »Dank, Doctor! Nun werde ich die dienſthabenden Aerzte des Königs rufen laſſen, damit ſie die Nacht im Palaſt zubringen. Alſo morgen, Doctor, bei Tagesanbruch. Ich ver⸗ laſſe mich darauf.« 1 »Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, Mylady; ich werde zugegen ſeyn.« Der Doctor Thomas Short, einer der berühmteſten und verdienſtvollſten Aerzte ſeiner Zeit, mochte wahrſcheinlich fürch⸗ ten, daß die Herzogin ſich wieder anders beſinnen könne und wollte ſich daher in aller Eile entfernen, als der Oberrichter ihm den Weg vertrat. »„Ich möchte ein paar Worte mit Euch ſprechen, Doc⸗ tor,« ſagte Jeffreys in ſeinem gewohnten rauhen Tone zu ihm. Der arme Doctor gerieth aus dem Regen in die Traufe. »Mr. Short,« hob der Oberrichter wieder an, vich habe die Herzogin von Portsmouth ſoeben, als ſie mit Euch ſprach, das Wort Majeſtätsverbrechen ausſprechen hören.“ »Und dieſes Wort hat Euch angelockt, nicht wahr, Mylord?«. »Ja, ich gebe es zu. Glaubt Ihr, Doctor, daß Ihr wohlthun würdet, die Converſation, welche Ihr mit der Her⸗ zogin hattet, mit mir wieder aufzunehmen?« »Die Herzogin und ich ſprachen im Scherze, Mylord.« »Nun, was hält uns Beide denn ab, ebenfalls zu ſcher⸗ e 128 zen? Ich liebe den Scherz ſehr— ich finde großes Vergnügen am luſtigen Geplauder. „Mylord, ich werde in der Stadt ungeduldig erwartet. Zahlreiche Kranke nehmen mich in Anſpruch.« „Gott verhüte, daß ich Euch von eurer edlen und wohl⸗ thätigen Beſchäftigung abhalten ſollte. Wollt Ihr mir viel⸗ leicht erlauben, Euch meinen Wagen anzubieten?« »Ich danke Euch tauſendmal, Mylord. Mein Wagen hält auf dem Platze vor Whitehall.« „Gut. Dann werde ich Euch um die Grlaubniß bitten, Euch begleiten zu dürfen. Ich habe heute Abend keine Luſt zu ſchlafen. Eine Spazirfahrt durch die Stadt wird mir ſehr angenehm ſeyn. Gehen wir, Doctor.« Der aus der Faſſung gebrachte Short ſuchte vergebens einen Vorwand, um ZJeffreys Begleitung abzulehnen, ſtam⸗ melte aber blos einige unverſtändliche Worte, und der Ober⸗ richter that, als ob er ſie für Zuſtimmung hielte. Short und Jeffreys gingen mit einander die Treppe von Whitehall hinunter, als ſie Henry Lisle, der ſeine Uniform aus⸗ gezogen und ein Hofcoſtüm angelegt hatte, ſchnell die Stufen hinaufeilen ſahen, welche nach dem Empfangsſaal führten. Der Oberrichter und der Gardeoffizier wechſelten bei dieſer Begegnung einen Blick. Der des Oberrichters verrieth grimmigen Haß und der des jungen Mannes kalte, tiefe Ver⸗ achtung. „Das iſt eine herrliche Geſtalt,« rief Doctor Short, in⸗ dem er Henry Lisly mit den Augen folgte;„eine Verſchmel⸗ zung von Antinous und Herkules, geſchaffen um ſo lange zu leben wie Neſtor! „In dieſem Prognoſtikon könntet Ihr Euch gleichwohl te 129 gen täuſchen, lieber Doctor,« rief Jeffreys mit boshafter ſpötti⸗ ſcher Miene. tet. Fünf Minuten ſpäter ſaßen der Oberrichter und der Arzt in dem bequemen Wagen des letzteren. ohl⸗»Mein lieber Mr. Short,« ſagte Jeffreys,»ich haſſe diel⸗ alle Umſchweife und bin gewohnt, ſtets gerade auf die Sache zuzugehen. Doctor Short, Ihr ſchwebt in dieſem Vugenblie gen in einer häßlichen Gefahr.« „Ich, Mylord? In welcher Gefahr denn? ten,„»In der Gefahr gehängt zu werden.“ n„Wie mir ſcheint, Mylord, trägt die Liebe zur Kunſt in ehr Euch über den geſunden Menſchenverſtand den Sieg da⸗ von,“« antwortete der Arzt, indem er den Gleichgiltigen ſpielte. eng»Ihr ſitzt völlig wach hier neben mir und träumt dennoch von Verurtheilungen und Hinrichtungen! Uebrigens iſt dies eine pſychologiſche Thatſache, welche nicht ſelten vorkommt. ⸗ »Es handelt ſich hier nicht um Pſychologie, Doctor, ſondern vielmehr um euern Kopf, ja ganz einfach um euern pon Kopf.“ ius»Ihr beharret bei euren Phantaſien, Mylord? Nun gſent denn, fahret fort, fahret fort— es wird mir ſehr intereſ⸗ be ſant ſeyn, euern Fall zu ſtudiren.« ei »Welcher Beweggrund hatte Euch heute Abend nach ieth Whitehall geführt?« hob Jeffreys wieder an. »Ein ſehr natürlicher Beweggrund, den ich ſehr leicht conſtatiren kann. Ich hatte verſprochen, Lord Halifax zu in treffen.⸗ nel⸗»Gut, ich laſſe dieſe Entſchuldigung gelten—« 2z„» Wico, dieſe Entſchuldigung?« 1»Nun, da ich ſie gelten laſſe, was kann es dann a nüchen, Der Tiger von Tanger. 1.* 9 130 wieder darauf zurückzukommen? Der Zufall hat Euch alſo heute Abend nach Whitehall geführt. Gut, aber iſt es in glei⸗ cher Weiſe der Zufall oder vielmehr euer Wille, der Euch ab⸗ gehalten hat, Euch den Wünſchen der Herzogin von Ports⸗ mouth zu fügen?« „Welchen Wunſch der Herzogin meint Ihr, Mylord?« »Mein lieber Short, wenn Ihr den Liſtigen mit mir zu ſpielen ſucht, ſo iſt die Partie nicht gleich und Ihr würdet ſie ſicherlich verlieren. Ihr verlaßt Euch darauf, daß ich zu weit von Euch entfernt war, um eure Unterredung mit der Favoritin zu hören. Aber Ihr vergeſſet, daß die Herzogin ihre Worte mit ſehr lebhaften und ſehr beredten Pantomimen be⸗ gleitete. Nun iſt die Mimik gerade das, was ich vor allen Dingen am eifrigſten ſtudirt habe, lieber Doctor.— Dieſe Wiſſenſchaft leiſtete mir jeden Tag ausgezeichnete Dienſte. Die Herzogin ſagte Euch alſo, daß ſie um die Geſundheit Sr. Majeſtät beſorgt ſey und Ihr, während Ihr ſie beruhigen wolltet, ſteigertet ihre Unruhe und ihre Befürchtungen nur noch höher, denn die Gerechtigkeit, mein lieber Mr. Short, ver⸗ langt zu erklären, daß es am ganzen Hofe Niemanden gibt, der Euch an Redlichkeit und Offenheit gleichkäme. Ihr lüget mit einer Unbeholfenheit, Ihr verſtellt Euch mit einer Plump⸗ heit, welche Euch in den Augen ehrlicher Leute zur größten Ehre gereichen muß. Alſo Short, um eures eigenen Heiles willen, deckt euer Spiel auf und laßt mich eure Karten ſehen.« Der arme Doctor rollte verlegen die Augen und rückte auf dem Polſterſitze des Wagens hin und her. »Vortrefflicher Short,« fuhr Jeffreys fort,„wißt Ihr, wer in England die am meiſten verabſcheueten, die unpopulärſten Leute ſind? Die, welche man aller Miſſethaten anklagt, welchen — 131 man alle Complotte zur Laſt legt? Es ſind— und ich glaube nicht, daß Ihr mir widerſprechen werdet— die Katholiken. Wenn ich nan nicht irre, ſo gibt es unter allen im Dienſt Sr. Majeſtät ſtehenden Aerzten nur einen einzigen, welcher dieſer Religion angehört.« „»Ja, Mylord, und dieſer einzige bin ich!« rief Short, dem dieſe Hindeutung, um nicht zu ſagen, dieſe Anklage, ſeine ganze Feſtigkeit wiedergab. „»Wohlan, lieber Short, nehmet nun an, daß Sr. Ma⸗ jeſtät in Folge einer plötzlichen Krankheit ſterben ſollte. Werden dann nicht die Eſel, welche nicht im Stande geweſen ſind, den König zu retten und gleichwohl ihre fürchterliche Ignoranz nicht geſtehen wollen, irgend einen teufliſchen Vorwand erfin⸗ den, um ſich zu decken? Was weiß ich?— Sie werden viel⸗ leicht von einer Vergiftung ſprechen. Ja, ja, ſo iſt es. Der⸗ gleichen Gerüchte verbreiten ſich ſtets mit unglaublicher Leich⸗ tigkeit. Der Tod des Königs iſt dann die Folge eines Ver⸗ brechens. Wer iſt nun der Schuldige? Nur ein Katholik kann es ſeyn! Ihr folget doch meinem Raiſonnement mit gebührender Aufmerkſamkeit, mein vortrefflicher Mr. Short, nicht wahr?⸗ »Vollkommen, Mylord. Ich errathe ſogar ſchon den Schluß desſelben, nemlich, daß der Doctor Short den König vergiftet hat. Hierauf werde ich antworten, daß ſelbſt wenn ich mich nicht— wie ich die Klugheit gehabt zu thun— heute Abend geweigert hätte, Se. Majeſtät allein zu beſuchen, es ſicherlich Niemanden einfallen würde, daß der Doctor Short ſich eines ſo verabſcheuungswürdigen Verbrechens habe ſchul⸗ dig machen können. Ihr habt mich erſchrecken wollen, My⸗ lord, und es iſt Euch nicht gelungen. Jetzt ſage ich meinerſeits zu Euch: Deckt eure Karten auf, Mylord!— Wo wollt Ihr eigentlich hinaus? Was wünſcht Ihr zu wiſſen?« Jeffreys ſchwieg beinahe eine Minute lang. Er ſah wahrſcheinlich nicht, daß er über ſein Ziel hinaus geſchoſſen hatte, denn er fragte, indem er ſeine Subtilitäten vor der Hand ruhen ließ: „Iſt denn der König wirklich in Gefahr, Short?« „Ich glaube es, ich fürchte es wenigſtens, Mylord.« „Glaubt Ihr, daß ich Zeit habe, meine Vorſichtsmaß⸗ regeln zu treffen?« „Ich weiß nicht was Ihr unter euren Vorſichtsmaß⸗ regeln verſteht, Mylord. Ich kann Euch weiter nichts ver⸗ ſichern, als daß, wenn die Symptome, die ich heute Abend zu bemerken geglaubt, nicht wieder verſchwinden, binnen hier und einer Woche der Herzog von York auf dem Throne ſitzen wird. „»Und dieſe Symptome, worin beſtehen ſie?« »Es liegt mir durchaus nichts daran, einen unſchuldigen Katholiken ins Verderben zu ſtürzen,« antwortete Short. „Ha!“ rief Jeffreys,„ſehr gut!« Während der nächſtfolgenden halben Stunde wechſelten der Doctor und der Oberrichter kein Wort. Beide ſchienen in tieſes Nachdenken verſunken zu ſeyn. „Short,« hob plötzlich Jeffreys wieder an,„ſind eure Beſuche beendet?« »Ja, Mylord. „Sind wir hier in der Nähe eurer Wohnung?« „Ja, ganz in der Nähe.« „In die ſem Falle befehlet eurem Kutſcher, daß er Euch nach eurem Hötel fahre. Ihr könnt mir euren Wagen leihen, nicht wahr?« „Sehr gern, Mylord.“ —/OQ—OQOOQCOQ᷑—ÿ—ʃ—·—;CQB”’q— gen ten in ure uch een, —/OQ—OQOOQCOQ᷑—ÿ—ʃ—·—;CQB”’q— 133 Eine Minute ſpäter trat der Doctor in ſein Haus und Jeffreys antwortete dem Lakaien, welcher an den Wagenſchlag trat, um ſeine Befehle zu vernehmen: »Nach Bridewell— ſo ſchnell als die Pferde laufen können!« XV. Die Prüfung. Am Tage nach jenem Abend des 1. Februar, wo der König unwohl und leidend geweſen, ſtand ſchon von früh Morgen an eine bedeutende Menge Gaffer und Pflaſtertreter auf dem ſonſt ſo menſchenleeren Platze von Hydepark⸗Cor⸗ ner, da wo jetzt das St. Georgshoſpital und Aſhleyhouſe ſtehen. Dieſer Ort war unter der Regierung Carl II. weit ent⸗ fernt, dem zu gleichen, was er heute iſt. Das ganze Terrain nördlich von der Linie, welche von dieſem Punkte an bis zu dem gegenwärtig am meiſten frequentirten Theile von Regents⸗ ſtreet gehet, war damals eine ungeheure Einöde, die von Zeit zu Zeit von Schnepfenjägern beſucht ward. Dieſe Einöde ward nördlich von zwei verkümmerten He⸗ cken begrenzt, welche ſich parallel mit der erſten Linie hinzogen und den Anfang der nach Orford führenden Landſtraße bildeten. Zwiſchen dieſen beiden Grenzpunkten, aber näher nach dem zweiten hin, verriethen nur drei oder vier große Land⸗ häuſer die Gegenwart des Menſchen. Nach Weſten zu lag eine Wieſe, die wegen einer friſchen Quelle berühmt war, von welcher ſpäter Conduitſtreet den 134 Namen erhalten hat. Nach Oſten hin zog ſich ein kahles Feld, vor welchem der Bewohner von London niemals vorüberging, ohne zu ſchaudern, denn zwanzig Jahre früher, zur Zeit der großen Peſt, welche die Hauprtſtadt Englands verheerte und ſeine Bewohner decimirte, war dieſes Feld wegen ſeiner Ent⸗ fernung gewählt worden, um hier die Todten zu begraben, und man behauptete, daß aus dieſem mit Opfern gefüllten Boden immer noch tödtliche Dünſte aufſtiegen. Da nun die Kleidung der vorhin erwähnten Gaffer und Müßiggänger weder Jäger noch Reiſende verriethen, ſo ſtand mit Grund zu vermuthen, daß wenn nicht ein mächtiges In⸗ tereſſe ſie angezogen hätte, ſie bei der ſehr empfindlichen Kälte nicht ſchon ſeit acht Uhr Morgens an Hydepark⸗Corner zu ſehen geweſen wären. Uebrigens hätte auch ein ganz einfaches Bruchſtück der Geſpräche, welche unter den Leuten, aus denen dieſe Gruppe beſtand, ſtattfanden, über den Beweggrund zu dieſer Ver⸗ ſammlung hinreichenden Aufſchluß gegeben. „Wie es ſcheint,« ſagte ein dicker Spießbürger mit run⸗ dem, jovialem Geſicht,»„wie es ſcheint, wird es heute Mor⸗ gens etwas ſehr Intereſſantes zu ſehen geben. Man behaup⸗ tet, daß dieſer Fitzgerald geſchworen habe, Jack Ketch einen heldenmüthigen Widerſtand entgegenzuſetzen. Er will ihn, ſagt man, behandeln, wie er vor drei Tagen den guten Jef⸗ freys behandelt hat. Man muß hoffen, daß er Wort halten wird. Ich fange an, es ein wenig langweilig zu finden, un⸗ aufhörlich Hinrichtungen von Leuten beizuwohnen, die ſich allzu fügſam zeigen. Ein ſolches Schauſpiel wird auf die Länge nothwendig ſehr fad. Ein kräftiger Kerl aber, der ſich vertheidigt, den lobe ich mir! Das iſt beinahe etwas eben ſo Schönes und Amuſantes als ein Hahnenkampf! Man kann —.,——,— wetten. Wer wettet mit mir eine Guinee, daß dieſer Fitzgerald Meiſter Ketch eine ganze Viertelſtunde lang im Schach hält.“ „Meiſter Jack iſt in der Kunſt des Strickes ſehr erfah⸗ ren,« ſagte ein anderer Gaffer.„Er iſt nicht der Mann, der ſich von einem Delinquenten ſo lange zum Beſten haben ließe.« „Ah, Ihr ſeyd es, mein guter Mr. Jonathan Hutchins? Ihr glaubt alſo nicht, daß dieſer Fitzgerald es mit Jack Ketch aufnehmen könne? Wohlan, wenn dies eure Meinung iſt, ſo nehmt meine Wette an.« „Sehr gern— fünfundzwanzig Guineen!“ „»Fünfundzwanzig Guineen! Mein Gott, ſo viel wollt Ihr wetten? Ihr ſeyd alſo überzeugt, dieſer Fitzgerald werde ſich hängen laſſen wie ein Schaf, welches zur Schlachtbank geht, ohne zu blöcken?« „Na, wenn ich einmal wette, ſo verſteht ſich, daß ich auch glaube. Haltet Ihr die fünfundzwanzig Guineen?« „O, er wird ſie nicht halten! Er fürchtet ſich!« riefen mehre Umſtehende in ſpöttiſchem Tone. „O ja, ich werde ſie halten, die fünfundzwanzig Gui⸗ neen!« declamirte der dicke Spießbürger.»Man ſoll nicht von mir ſagen, daß ich zurückgetreten wäre.« „Gut!« dachte Hutchins, indem er ſich die Hände rieb, „dieſer prächtige Fitzgerald, dieſer bewunderungswürdige Ca⸗ daver wird mich dann gar nichts gekoſtet haben; ich bekomme ihn gratis!« „Was mich aber wundert,“ ſagte ein dritter Zuſchauer ſich in das Geſpräch miſchend,»iſt, daß man den Galgen noch nicht aufgeſchlagen hat. Sollte die Sache am Ende heute gar nicht vor ſich gehen?« „O man ſieht wohl, daß Ihr Jeffreys nicht kennt!« »Nun, geſtern Abend hat an dem Thore von Whitehall die Schweſter des Verurtheilten— übrigens ein ſehr ſchönes Mädchen— einen Gardeoffizier gebeten. den König um die Begnadigung ihres Bruders zu bitten.« »Wer hat Euch denn das geſagt?« fragte Hutchins mit unverkennbaren Zeichen von Unruhe. »Geſagt hat es mir Niemand— ichhabees ſelbſt geſehen und gehört.— Daſeht, eben kommt ein berittener Leibgardiſt hier⸗ hergeſprengt. Er wird melden, daß der König den Delinquen⸗ ten begnadigt hat.« »Wirklich, das Parlament ſollte dieſes Begnadigungs⸗ recht abſchaffen,« murmelte Hutchins.»Es iſt im Grunde ge⸗ nommen eine ganz unſtatthafte Prärogative.« „»Da habt Ihr allerdings Recht, Mr. Hutchins, Doch da kommt der Gardiſt.— Ich werde ihn fragen.— Hedal⸗ rief der wettluſtige Bürger den Gardereiter an, welcher bei ſeiner Annäherung an die verſammelte Menge aus Furcht vor einem Unglücke die Schnelligkeit ſeines Pferdes gemindert hatte,—»heda, darf ich Euch fragen, ob die Hinrichtung bald ſtattfindet, oder ob der König den Delinquenten viel⸗ leicht begnadigt hat? Die dazu feſtgeſetzte Stunde iſt ſchon vorbei und wir ſind halb erſtarrt vor Kälte. In der That, die Behörde handelt uns gegenüber mit unglaublicher Rück⸗ ſichtsloſigkeit.« „Könnt Ihr mir vielleicht ſagen, welches von dieſen Landhäuſern das des Lord Clarendon iſt?« fragte der Reiter, ohne auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten. »Ja wohl, das kann ich,“« entgegnete der Redner der Gruppe,»zuvor aber ſeyd ſo gut, unſere gerechte Neugier zu befriedigen. Warum ſäumt Jack Ketch heute ſo lange?« Der Gardereiter hielt ſein Pferd an. 137 „Jack Ketch hat ſeine Entlaſſung genommen,“ ſagte er. „Mein Gott, iſt es möglich? Aber das iſt ein ſehr wich⸗ tiges Ereigniß! „Es iſt nichts im Vergleiche mit dem, welches ſo eben in Whitehall ſtattgefunden hat,« entgegnete der Soldat, in⸗ dem er ſein von Schweiß triefendes Pferd verſchnaufen ließ. Ganz London iſt in der größten Aufregung, meine Herren.« „Aber was iſt denn geſchehen? Erklärt Euch doch!* „Seine Majeſtät König Carl II. liegt in den letzten Zügen. Man verſichert, daß er nicht den heutigen Tag über⸗ leben werde.« „Dann iſt es alſo nicht wahr, daß er den Verurtheilten begnadigt hat?« rief Hutchins. „Wie könnte er das?« antwortete der Gardereiter.»Er iſt ja ſchon ohne Beſinnung.“ Die von dem Gardereiter mitgetheilte Neuigkeit äußerte auf die Stammgäſte von Hydepark⸗Corner eine ungeheure Wirkung. Sie wollten ihn mit weitern Fragen überhäufen, aber er hatte, nachdem er die gewünſchte Auskunft erhalten, ſeinem Pferde ſchon die Sporen gegeben und war in geſtreck⸗ tem Galopp weiter geſprengt. Während die Kunde von der plötzlichen und gefährlichen Krankheit des Königs ſich mit unglaublicher Schnelligkeit in der Hauptſtadt verbreitete, und die neugierigen und leiden⸗ ſchaftlichen Liebhaber des Hängens muthig auf die Ankunft des Verurtheilten warteten, war dieſer noch in ſeinem ſteiner⸗ nen Grabe in dem Gefängniß von Neipgate begraben. Nach einem Tage der fürchterlichſten Ungewißheit und einer gräßlichen ſchlafloſen Nacht war er endlich durch die Verzweiflung niedergebeugt in Erſtarrung verſunken, als plötz⸗ 138 lich ſich die Thür ſeines Kerkers öffnete und ihn wieder zum Bewußtſeyn ſeiner furchtbaren Lage erweckte.* In dieſem Augenblicke aber wiederholte ſich dasſelbe Phänomen, welches der Leſer ſchon zweimal bei Fitzgerald wahrgenommen. Seine erſchlafften Glieder gewannen ihre Spannkraft wieder, der Ausdruck von Angſt und Verzweiflung, der bis jetzt auf ſeinem Geſicht gelegen, wich plötzlich einem Anſcheine von ſtoiſcher Gleichgiltigkeit, und mit einer Stimme, deren Zittern bewunderungswürdig verhehlt ward, rief er, ohne auch nur den Kopf nach dem Beſucher herumzuwenden, welcher in ſeinen Kerker trat: »Ah, da kommt der ehrenwerthe Jack Ketch, der ſich endlich entſchließt, mir ſeinen Beſuch zu machen. Ihr habt, lieber Freund, Euch nicht ſehr beeilt. Doch gleichviel, ſeyd willkommen!“ „Ihr irrt Euch, wackerer Freund,“ ſagte eine bekannte Stimme, bei welcher der Gefangene zuſammenzuckte.»Es iſt nicht Ketch, ſondern euer treuer Freund Roſe, welcher Euch guten Morgen wünſcht.« »Ah, Ihr ſeyd es, Roſe! Nun, wie geht es mit eurer Geſundheit?« „Wie mit meinen Geſchäften— bewunderungswür⸗ dig gut.« „Allerdings,“ fuhr Fitzgerald fort,„nehme ich, ſo viel mir der Schein eurer räucherigen Laterne zu ſehen geſtattet, an Euch eine heitere Miene wahr, welche mich entzückt.« „Ach, lieber Freund, wenn Ihr wüßtet, welch ein Glück mir begegnet iſt, dann würdet Ihr Euch nicht wundern, mich ſo heiter und zufrieden zu finden.« „»Worin beſteht dieſes Glück, lieber Freund?« »Ich gehöre jetzt mit zur Regierung.« — 139 »Ihr, Roſe? Lieber gar!« „Und zwar auf eine für mich ſehr ehrenvolle Weiſe.“ „Nun dann deſto beſſer. Empfanget meinen aufrichtigen Glückwunſch.« „Wie Viele werden mein Schickſal beneiden! Doch der Glanz meiner neuen Stellung blendet mich nicht. So wie ich geſtern war, ſo bin ich auch heute— ein vortrefflicher Ca⸗ merad, ein luſtiger Kumpan, durchaus nicht ſtolz und bereit dem erſten luſtigen Bruder, dem ich auf meinem Wege be⸗ gegne, die Hand zu reichen.“* „Aber,“« unterbrach ihn Fitzgerald,»alles dieſes erklärt mir noch nicht die Veränderung, welche mit eurer Stellung vorgegangen iſt.« »Ach, armer Freund, dieſe Veränderung werdet Ihr nur zu bald kennen lernen,“« entgegnete Roſe, indem er zu ſeufzen verſuchte. »Erklärt Euch deutlicher.“ „Dazu wird es nur weniger Worte bedürfen. Ich komme, um Euch abzuholen und zu hängen!— Ja, lieber Camerad, ich bin zum Henker der Stadt London ernannt worden, und zwar ohne erſt Lehrling oder Gehilfe geweſen zu ſeyn.— Iſt das nicht ehrenvoll? Dieſer Ketch, welch ein Dummkopf! hat geglaubt, man könne ihn nicht entbehren, und hat ſeine Entlaſſung genommen. Mein Gott, obſchon heute noch in der Führung des Beils und der Kunſt des Stri⸗ ckes gänzlich unerfahren, hoffe ich doch, ehe vierzehn Tage vergangen ſeyn werden, mir in meinem neuen Handwerk die vollendetſte Meiſterſchaft erworben zu haben. Es iſt zu dieſem Zwecke weiter nichts nöthig, als daß ich die erſten Subjecte, welche mir in die Hände kommen werden, langſam, ſorgfäl⸗ tig und ohne mich zu übereilen behandle. Zur großen Freude 140 gereicht es mir, lieber Freund, mit Euch den Anfang machen zu können! Ihr ſeyd unter einem glücklichen Sterne geboren, und werdet mir ganz gewiß Glück bringen. Doch nun haben wir genug geplaudert. Es iſt ſchon ſpät— gehen wir.« Zwei Stunden ſpäter langte der unglückliche Irländer. nachdem er einen großen Theil Londons zu Fuß durchſchrit⸗ ten, in Hydepark⸗Corner an, wo man in aller Eile einen Galgen errichtet hatte. Sein Gang bis zu dem Werkzeug ſeiner Hinrichtung ward durch die dichtgedrängte Volksmenge verzögert, hinter welcher eine ziemlich große Anzahl Wagen hielten, die eben⸗ falls eine Anzahl Liebhaber auf den Hinrichtungsplatz gebracht hatten. XVI. Die prüfung. (Fortſetzung.) Die Vorbereitungen zu der traurigen Ceremonie waren beendet. Schon war der Verurtheilte mit dem Strick um den Hals mit Roſe die verhängnißvolle Leiter hinaufgeſtiegen und zur großen Zufriedenheit des Arztes Hutchins, welcher dem Bärger, der mit ihm gewettet, in's Geſicht lachte, zeigte der un⸗ erſchüͤtterliche Fitzgerald immer noch dieſelbe Ruhe, man könnte ſagen, dieſelbe Würde. „Es iſt Euch,“« ſagte Roſe mit freundlichem Lächeln zu ihm,„es iſt Euch erlaubt, eure Reue laut auszuſprechen und Gott um Verzeihung zu bitten, ehe Ihr ſterbet.“ „Das Gebet, welches ich an Gott richte, geht nur mich an,“ antwortete Fitzgerald ſtolz,»da man mir aber erlaubt, 141 zu ſprechen,« fuhr er mit lautſchallender Stimme fort,„ſo werdez ich dieſe Gelegenheit benutzen, um bis in den Himmel hinaufzuſchreien, daß Jeffreys ein blödſinniger Säufer und der dümmſte und einfältigſte aller Menſchen iſt. Ich habe geſpro⸗ chen! Jetzt,« fuhr er fort, indem er den Kopf mit ſtolzer Ruhe nach dem improviſirten Henker herumwendete„jetzt thut eure Pflicht, Sir.« Kaum hatte er ausgeredet, als die Thür eines der Wa⸗ gen, von welchen ſo eben geſprochen wurde, ſich öffnete. Ein Mann ſtieg heraus und der Kutſcher fuhr in ſcharfem Trabe wieder auf der Straße nach London zurück. »Dal“ ſagte ein Zuſchauer mit leiſer Stimme zu ſeinen Nachbarn,»habt Ihr geſehen? in dieſem Wagen, welcher ſich eben entfernt. ſitzt Jeffreys, ja er ſelbſt, der Oberrichter in eigener Perſon, und dieſer da, der auf den Galgen zuſchreitet, iſt der Scheriff Burder. Was muß er denn wollen?« Der Mann, welchen man ſoeben als den Scheriff Bur⸗ der hatte bezeichnen hören, durchſchritt raſch die Menge, näherte ſich Fitzgerald und rief mit lauter Stimme: »Eine in eurer Unterſuchung vorgekommene Formen⸗ widrigkeit hat die Folge gehabt, daß der Euch verurtheilende Urtheilsſpruch caſſir tworden iſt.— Folgt mir!« »Und meine fünfundzwanzig Guineen!« ſtammelte Hutchins. „»Ha!« rief der Bürger, welcher mit dem Arzt gewettei hatte,»Ihr werdet doch nicht etwa behaupten wollen, daß ich ſie Euch zu zahlen hätte?« »Ach, laßt mich in Ruh! wer verlangt ſie denn von Euch?« Indem Hutchins dieſe Worte ſprach, ſuchte er ſich zu dem Scheriff und Fitzgerald hindurchzudrängen, da aber die dichte Menge ihm dies nicht ſofort geſtattete, ſo ſah er von Weitem die Beiden in einen verſchloſſenen Wagen ſteigen, wel⸗ cher ſofort abfuhr. Keine Escorte begleitete dieſes Fuhrwerk. Der Irländer athmete tief auf und mußte eine unerhörte Willenskraft entfalten, um nicht die wahnſinnige, berau⸗ ſchende, unermeßliche Freude losbrechen zu laſſen, von welcher ſein Herz überwallte. Der Wagen hielt nach ungefähr einer halben Stunde in dem Strand vor einem ziemlich ſchönen Hotel, in welches Fitzge⸗ rald der Aufforderung des Scheriffs folgend eintrat. Der Officiant und der Irländer ſtiegen eine mit einem dicken Tep⸗ pich belegte Treppe hinauf und traten in einen umfangreichen Salon, in welchem ſie ſich Jeffreys gegenüber ſahen. „Sir,« ſagte der Oberrichter zu dem Scheriff,»Ihr könnt Euch entfernen; ich bedarf Eurer nicht weiter.“ „Wie, Mylord, mit dieſem Menſchen wollt Ihr allein bleiben?“ „O fürchtet nichts,“ ſagte Jeffreys mit ſeltſamem Lä⸗ cheln.„Fitzgerald iſt nicht mehr zu fürchten. Er gehört mir jetzt ganz— mit Leib und Seele. Auf einen Wink von mir würde er nicht zögern, ſich in den dichteſten Kugelregen zu ſtürzen, denn er iſt muthig, ſehr muthig, ch freue mich, ihm dieſes Zeugniß zu geben. Ich könnte ihm befehlen, meine Fußſtapfen zu küſſen, und trotz ſeines irländiſchen Stolzes würde er ſich dieſer Demüthigung ohne Murren unterziehen. Ich ſage Euch nochmals, Sir, Ihr koͤnnt Euch unbeſorgt ent⸗ fernen. Doch noch ein Wort. Vergeßt nicht, daß Ihr über alles dies das gewiſſenhafteſte Schweigen zu beobachten habt gegen Jedermann, verſteht Ihr mich?— gegen Jedermann. Niemand darf erfahren, daß Fitzgerald einen Fuß in mein Hotel geſetzt hat. In einer Stunde werdet Ihr ihn abholen, — 143 um ihn ins Gefängniß zurückzubringen und in der nächſtfol⸗ genden Nacht werdet Ihr ihn entwiſchen laſſen. Auf Wiederſe⸗ hen, Sheriff.« Nachdem der Polizeiofficiant ſich entfernt, herrſchte in dem Salon des Oberrichters ziemlich langes Schweigen. Fitz⸗ gerald war der Erſte, welcher das Geſpräch begann. »Mylord,« ſagte er,„ohne Zweifel wartet Ihr auf meinen Dank, bevor Ihr mir eure Willensmeinung kundgebt, bevor Ihr mir eure Bedingungen dictirt. Ich muß Euch aber vor allen Dingen erklären, daß meine Dankbarkeit ſehr lau iſt im Vergleich mit der, auf welche Ihr nach den Worten, die Ihr zu dem Sheriff geſprochen, zu rechnen ſcheint. Wenn Ihr mich gerettet habt, ſo liegt der Grund davon darin, daß Ihr meiner bedurftet und überzeugt waret, von eurer Gnade einen Nutzen zu ziehen, welcher größer iſt als das Vergnügen, das Euch mein Tod bereitet haben würde. Es iſt ganz einfach ein Handel den wir zu ſchließen haben. Auch muß ich Euch im Voraus ſagen, Mylord, daß Ihr Euch von meinem Eifer eine etwas übertriebene Idee machet. Nein, ich gehöre Euch nicht mit Leib und, Seele. Und was das Küſſen eurer Fuß⸗ ſtapfen betrifft, ſo iſt das hoffentlich nur eine komiſche bildliche Redensart. Sprechen wir daher ernſthaft. Wenn eure Bedin⸗ gungen meinen Forderungen entſprechen, wenn eure Freigie⸗ bigkeit auf der Höhe meines Verdienſtes ſteht, dann werde ich Euch treu dienen; wo nicht, nicht.⸗ Während Fitzgerald dieſe kecken Worte ſprach, hörte Jeffreys ihn mit lächelndem Munde und mit einer Miene von Gutmüthigkeit an, welche vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben denſchurkiſchen Ausdruck ſeines Geſichtes verklärt hatte.“« Dieſe Kaltblütigkeit, dieſe Geduld, dieſe ſo ungewohnte Gütemachten auf den Irländer einen weit lebhafteren Eindruck, als die aufbrauſendſte Wuth gethan haben würde. Er begriff unklar, daß Jeffreys nothwendig eine verwundbare Seite in ſeiner Stellung haben müßte und nachdem er ſo verwegener Weiſe den Kampf begonnen, beſchloß er, ſich auf der Defenſive zu halten. Die Antwort des Oberrichters ſteigerte Fitzgerald’s Un⸗ gewißheit und Befürchtungen nur noch mehr. „Mein vortrefflicher Freund,“ ſagte er in ironiſch ſanf⸗ tem Tone zu ihm,»ich laſſe dem wunderbaren Scharfſinn eures Geiſtes gern Gerechtigkeit widerfahren. Ja, Ihr habt richtig gerathen. Ich bedarf eurer ganzen Intelligenz, eurer ganzen Hingebung.“ „Sprecht, Mylord; was wünſcht Ihr?« „O, Vielerlei!« 4 „Um ſo beſſer, Mylord, um ſo beſſer.« „Erſtens, lieber Fitzgerald, müßt Ihr Cuch nicht blos das Vertrauen des Herzogs von Monmouth zu verſchaffen ſuchen, ſondern es iſt auch unumgänglich nothwendig, daß er Euch als ſeinen Geſchäftsträger accreditire. Wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, ſo hat Patrick O'Brien Euch bei ſeinem Tode ein ſicheres Mittel hinterlaſſen, um zu dieſem Reſultat zu ge⸗ langen.“ „Ja, Mylord; das iſt wahr.« „Ferner verlange ich, daß Ihr binnen hier und zwei Monaten der intime Freund des alten Königsmörders Lord Lisle ſeyd.« „Dies wird ſchon ſchwieriger ſeyn, Mylord.“ „Eure Bemerkungen hierüber brauche ich nicht zu hören, erald. In Zukunft wenn ich Euch einen Befehl guter Fitzg g an und hütet gebe, ſo hörei mich ſchweigend und ehrerbieti ———„„“— ———— —— ☛ν + ⏑— 145 Euch, mich zu unterbrechen. Ich fahre fort. Ich ſagte alſo, daß Ihr binnen zwei Monaten der intime Freund des alten Königsmörders Lord Lisle ſeyn ſollt. Jetzt füge ich hinzu, wenn binnen hier und zwei Monaten und zwei Tagen Lord Lisle ſich noch unter der Zahl der Lebenden befindet, ſo werdet Ihr von meinem Zorne Alles zu fürchten haben.“ „Iſt dies Alles, Mylord?« »Nun, ich ſollte meinen, vor der Hand wäre es genug. Ich bin beſſer als mein Ruf, ehrlicher Fitzgerald. Es liegt mir daran Euch nicht mit Arbeit zu überhäufen. Habt Ihr ir⸗ gend eine Einwendung zu machen?« »Nein, Mylord, aber ich habe eine Frage an Euch zu richten.« „»Laßt dieſe Frage hören, Fitzgerald.« »Habet Ihr, Mylord, indem Ihr die Dienſte aufzählet, welche Ihr von mir erwartet, nicht vergeſſen den Preis zu nennen, welchen Ihr für meinen Eifer zu zahlen geſonnen ſeyd? Bis jetzt, Mylord, habt Ihr viel verlangt und gefordert, aber noch nichts verſprochen.⸗ »Und ich werde Euch auch nichts verſprechen, Fitzgerald! Eure Delicateſſe iſt ſo außerordentlich, daß ich fürchten müßte, Euch zu beleidigen, wenn ich eine elende Frage des Eigen⸗ nutzes erörterte und Euch den plumpen Köder einer klingen⸗ den Belohnung vor die Augen hielte.« Der Irländer ſah den Oberrichter ſcharf an und ſagte dann in feſtem, gebieteriſchem Tone: „»Mylord. laſſen wir alle dieſe Ausflüchte, welche zweier Schurken wie wir unwürdig ſind, gefälligſt beiſeite. Wir ſind beide zu tief geſunken oder, wenn Ihr wollt, zu hoch über die Gewöhnlichkeit erhaben, um zu mäkeln und zu feilſchen wiekleine, Der Tiger von Tanger. 1. elende Krämer! Ihr habt Euch ſo eben durch meinen Spazier⸗ gang nach Hydepark⸗Corner überzeugen können, daß die Furcht keine Gewalt über mich hat. Der einzige Beweggrund⸗ durch welchen Ihr mich an euren Dienſt feſſeln und mich be⸗ wegen könntet mich Euch ganz zu widmen, iſt das Intereſſe. Ich habe den feſten, unerſchütterlichen Willen mir eine unab⸗ hängige Stellung zu ſchaffen, mich aus meinem gegenwärtigen Mangel und Elend herauszuarbeiten. Welchen Preis werdet Ihr mir für den Kopf des Herzogs von Monmouth geben? Wieviel bezahlt Ihr mir für den Tod des Lord Lisle? Wieviel für den des Sir Charles Murray?« „Mein armer Fitzgerald,« antwortete Jeffreys immer noch mit derſelben Sanftheit, welche er ſeit dem Beginn der unterredung gezeigt,„ich ſehe es immer deutlicher, ja Du biſt ein echter Vollblut⸗Irländer— großſprecheriſch, ehrgeizig und bettelhaft. Und Du wagſt zu behaupten, Du ſeyeſt über die Gewöhnlichkeit erhaben? Du wagſt Dich mit mir zu verglei⸗ chen? Ha, ha, ha! Das iſt eine merkwürdige Keckheit! Willſt Du wetten, armer Schlucker, daß Du binnen hier und zwei Minuten von ſelbſt allen rebelliſchen Gelüſten entſagſt? Willſt Du wetten, daß ich Dich zwingen kann, noch dieſen Augen⸗ blick demüthig und bereuend mir zu Füßen zu fallen?« „Ja, Mylord, ich nehme die Wette an!« unterbrach ihn Fitzgerald ſtolz. Jeffreys erhob ſich von dem Seſſel, in welchem er ſeit dem Eintritt des Irländers geſeſſen, und lenkte ſeine Schritte in ſchräger Richtung, gleich dem tückiſchen Schleichen des Ti⸗ gers, nach einer am äußerſten Ende des Zimmers befindlichen Flügelthür. Er legte die Hand auf den Schlüſſel, drehte ſich nach 147 Fitzgerald herum, betrachtete ihn einige Augenblicke lang mit lauerndem Blick und öffnete dann. Ein dreiſtimmiger Ruf erſcholl in demſſelben Augenblick: »Suſanne!— James!— Fitzgerald!« Und der Irländer ſtürzte mit ausgebreiteten Armen auf ſeine Geſchwiſter zu, ſchloß ſie beide in eine leidenſchaftliche wilde Umarmung und begann ſie mit Küſſen zu bedecken, während große Thränen an ſeinen Wangen herabrannen. Jeffreys lächelte; während er dieſes rührende Familien⸗ gemälde betrachtete. XVII. Die Geißel Als Fitzgerald ſich von der Gemüthsbewegung, welche das ſo unerwartete Erſcheinen Suſannens und James in ihm erweckt, ein wenig erholt hatte, ſah er mit Entſetzen ein, daß er in eine Schlinge gefallen war. Uebrigens ließ ihn Jeffreys nicht lange in Ungewißheit. »Sentimentaler Schuft,« ſagte er zu ihm,„deine auf⸗ fallende Zärtlichkeit hat Dich, indem ſie mir den Maßſtab zu deinen liebenden Fähigkeiten gewährte, in meiner Achtung be⸗ deutend ſinken laſſen. Das iſt alſo der Mann, der ſo hoch über der Gewöhnlichkeit ſtand, der für alle Vorurtheile ſo unzugänglich war! Er ſchluchzt, er jubelt, er wird faſt ohn⸗ mächtig vor Freude, weil man ihn einem jungen Taugenichts und einer kleinen Schelmin gegenüber ſtellt, von welchen der erſte ſein Bruder und die zweite ſeine Schweſter heißt. Von dem Augenblick an, wo die Bande des Blutes noch eine * 148 ſolche Gewalt über Dich haben, Du Großſprecher, iſt es un⸗ beſtreitbar, daß Du auch noch für tauſend andere Empfin⸗ dungen auf gleiche Weiſe zugänglich biſt.⸗ „»Mylord,“ entgegnete der Irländer die Augen nieder⸗ ſchlagend,»Ihr müßt einen hölliſchen Scharfblick beſitzen, um auf dieſe Weiſe das Geheimniß meiner Schwäche zu ent⸗ decken.« 4 „O nein, Du machſt mich da geſchickter als ich bin. Ich verdanke dieſe Entdeckung nur meinem Glück, welches gewollt hat, daß deine Schweſter ſich geſtern Abend vor mir nieder⸗ warf, um deine Begnadigung von mir zu erbitten. Uebrigens beklage Dich nicht über dieſe Schwäche, denn ſie iſt es, welche Dir das Leben gerettet hat. Ich hätte Dich aufhängen laſſen wie einen Hund, ſelbſt am Vorabend der Thronbeſteigung des Königs Jacob II., unter deſſen Regierung ich von Dir ausge⸗ zeichneten Nutzen zu ziehen hoffe, wenn dein guter Stern mir nicht endlich ein Mittel geliehen hätte, mich deiner Treue zu verſichern.⸗ „ Ja, ja, ich verſtehe, Mylord. Und ſollte ich ſelbſt eure grauſame Freude noch höher ſteigern, ſo muß ich Euch geſtehen, daß meine Zärtlichkeit gegen dieſe armen Kinder ſehr groß iſt. Dieſes Band, das einzige, welches mich an die Menſchen feſſelt, hat ſeine Wurzeln in meinem tiefſten Herzen. Ich ſage es Euch aber nochmals, Mylord, es iſt das Einzige, welches meinen Willen feſſeln kann. Von dem Tage an, wo 4 ich nichts mehr für Suſanne zu fürchten habe, werde ich lre und ſtark ſeyn.“ 1 Jeffreys zuckte mitleidig die Achſeln und Fitzgerald drin de einen langen Kuß auf die Stirn ſeiner Schweſter. „O Muſterbild aller Brüder,« hob der Oberrichter nach kurzem Schweigen wieder an,»ich ſage Dir. daß alle dieſe — — — zV 7 -7—,/+Pf * — — 149 Sentimentalitäten nachgerade anfangen mich zu langweilen. — Gehen wir, wenn es Dir beliebt, auf einen ernſtern Ge⸗ genſtand über. Ich muß Dich, ehe ich Dir meine Befehle er⸗ theile, von dem Schickſal in Kenntniß ſetzen, welches die ſchöne Suſanne erwartet, wenn ich in Zukunft mit deinem Eifer, deiner Intelligenz und deiner Treue nicht zufrieden bin.« »Mylord,“« unterbrach ihn Fitzgerald indem er dieſe Worte mit einem bittenden Blick begleitete,„ich beſchwöre Euch, geſtattet, daß Suſanne ſich entferne!« Während der Oberrichter noch zögerte, dieſer Bitte ſtatt zu geben, näherte ſich ihm der Irländer und fuhr in gedämpf⸗ tem Tone fort: „»Mylord, treibt mich nicht zur Verzweiflung. Bedenket, wenn Ihr vor ihren Augen die blutige undfluchwürdige Rolle⸗ ſchildert, die ich zum Nutzen eures Ehrgeizes ſpielen foll, ſo wird ſie mich verachten und ſich mit Abſcheu von mir entfernen! Dann, Mylord— dann iſt das Band zerriſſen. Die Ver⸗ zweiflung wird mich zum Wahnſinn treiben. Und wehe, wehe dann Denen, die ſich innerhalb des Bereichs meines Armes befinden! Fitzgerald's Mienenſpiel harmonirte mit ſeinen drohen⸗ den Worten ſo vollkommen, ſeine funkelnden Augen verrie⸗ then die Heftigkeit ſeiner Gedanken ſo klar und energiſch, daß Jeffreys es für klug hielt, ſeiner eigenen Sicherheit das Ver⸗ gnügen zu opfern, welches er daran zu finden gedachte, wer er die Schweſter des Irländers marterte.* Er bedeutete das junge Mädchen durch einen Wink, ſich zu entfernen. Ehe Suſanne dieſem Befehle gehorchte, umarmte ſie noch einmal ihren Bruder, während ihr beſorgter Blick ihn ängſtlich befragte. 150 »Fürchte nichts, mein Kind,« unterbrach Fitzgerald, indem er ſich zwang zu lächeln,»Mylord Jeffreys macht ſich oft das Vergnügen, die Leute zu ſchrecken, aber er iſt nicht ſo ſchlimm, wie ſein Ruf behauptet. Entferne Dich, Suſanne, in einigen Minuten werde ich mich mit Mylord vollends be⸗ ſprochen haben und dann ſelbſt kommen, um Dich zu holen.“« »Schwörſt Du mir, Bruder, daß Du in keiner Gefahr mehr ſchwebſt?« „Ich ſchwöre es Dir, Suſanne.« „Noch ein Wort, Fitzgerald.— Wem verdankſt Du deine Rettung? Sir Heury Lisle, nicht wahr?« ſetzte das junge Mädchen erröthend hinzu, nachdem ſie einige Secunden gezögert. Der Oberrichter runzelte die Stirn und ſtieß einen Ruf der Ungeduld aus. Suſanne, welche fürchtete, einem Manne zu mißfallen, deſſen Wille für das Schickſal ihres Bruders von ſo außerordentlich großem Gewichte ſeyn konnte, zog ſich ſchnell in das Zimmer zurück, welches ſie wenige Augenblicke vorher verlaſſen. „Fitzgerald,« hob Jeffreys wieder an, indem er ſich in einen Seſſel ſinken ließ,„höre mich aufmerkſam an, und ohne mich zu unterbrechen. Ich habe keine Zeit mit Dir zu verlie⸗ ren. Morgen ſchon mußt Du bereit ſeyn, auf meinen erſten Wink abzureiſen. Ich werde Dir ſogleich zweihundert Guineen zuſtellen. Dieſe Summe iſt hinreichend alle deine Ausrüſtungs⸗ und Reiſekoſten zu beſtreiten. Morgen werde ich Dir eine Chiffreſchrift mittheilen, damit Du in aller Sicherheit mit mir correſpondiren kannſt. Von hier wirſt Du nach Newgate zu⸗ rückgebracht werden. Wie Du ſchon weißt, wird man Dich dieſe Nacht entwiſchen laſſen. Du wirſt Dich ſofort in das — — — Wirthshaus zur»rothen Kuh« begeben und dieſes ohne meine Erlaubniß nicht verlaſſen. Haſt Du mich verſtanden?⸗ „»Vollkommen, Mylord.« »Und Du wirſt gehorchen?«. »Ja, Mylord.⸗ »Jetzt,« fuhr Jeffreys fort und ein unheimliches Lä⸗ cheln umſpielte ſeine Lippen,„verdopple deine Aufmerkſam⸗ keit. Ich komme jetzt zu dem Intereſſanteſten von dem, was ich Dir zu ſagen habe.⸗ Fitzgerald zuckte unwillkürlich zuſammen. »Bis jetzt,« fuhr der Oberrichter fort,„iſt der Vortheil auf deiner Seite. Ich rette Dir das Leben, ich verſehe Dich mit Geld, ich gebe Dir die Freiheit wieder, ich bringe Dich auf den Weg des Glückes und was noch ſchöner iſt, ich ge⸗ währe Dir die Möglichkeit, mich nach Belieben zu verrathen, meiner zu ſpotten, und zwar ungeſtraft. Dies wirſt Du ſe⸗ hen! Ich bin, davon mußt Du nun überzeugt ſeyn, weder ſo dumm, noch ſo naiv, daß ich auf deine Redlichkeit rechnen ſollte. Mein erſter Gedanke, dies ſage ich Dir nochmals, war, ehe ich mich entſchloß, von deinen Dienſten Gebrauch zu ma⸗ chen, mich deiner Treue zu verſichern.⸗ »Mylord, meine Dankbarkeit— »Ha, Fitzgerald, jetzt behandelſt Du mich als Dumm⸗ kopf!« »Mein eigenes wohlverſtandenes Intereſſe—«⸗ »Kann aufhören mit dem meinigen Hand in Hand zu gehen. Ein Verrath wird zuweilen ſehr theuer bezahlt. Nein, ich habe eine weit beſſere Bürgſchaft gefunden, als alles dies.“ »Welche Bürgſchaft, Mylord?« „»Hal hal eine ſehr angenehme Bürgſchaft! Die Schön⸗ heit der Schweſter.« 152 »Ich verſtehe Euch nicht, Mylord« rief der Irländer, deſſen Geſicht plötzlich aſchenfahl ward.— »Ach, geh doch! Deine erſchrockene Miene ſtraft deinen angeblichen Mangel an Scharfſinn Lügen. Im Gegentheile, Du verſtehſt mich vollkommen. Uebrigens, dafern Dir daran liegt, daß ich mich noch deutlicher und beſtimmter erkläre, wird es mir ſehr leicht ſeyn, Dich zu befriedigen.“ »Ja, Mylord, es liegt mir viel daran.« »Ich ſagte alſo,« fuhr Jeffreys fort,»daß deine Schwe⸗ ſter mit einer wirklich außerordentlichen, ich möchte faſt ſa⸗ gen, übermenſchlichen Schönheit begabt iſt. Dieſer Lobſpruch macht Dir Vergnügen, nicht wahr?« »Ich will nicht verhehlen, daß es mir unmöglich gewe⸗ ſen iſt, ſo vielen Reizen in Verbindung mit ſo hoher Anmuth zu widerſtehen. Ja, ich bin davon gerührt worden. Suſanne, an einem reich mit Flaſchen guten Weines beſetzten Tiſche ſitzend, würde bei einem halben Dutzend Gäſte den überwal⸗ lendſten Frohſinn erwecken! Es iſt mir, als ſähe ich ſie ſchon bei unſern traulichen ungenirten Verſammlungen in der Ta⸗ verne»zur rothen Kuh« den Vorſitz führen. Gott, welche ge⸗ räuſchvolle, lärmende Freude, welche witzige Einfälle, welche reizende Wortſpiele, welcher Enthuſiasmus wird ihre Gegen⸗ wart bei unſeren Gelagen zur Folge haben! Welche Toaſte werden mir von Seiten meiner Zechgenoſſen zu Theil werden, wenn ein ſolches Element der Freude durch mich eingeführt wird! Denn wir Zecher ſind nicht eiferſüchtig und laſſen Be⸗ cher und Frauen von Lippe zu Lippe gehen!« „»Mylord, Mylord!“ unterbrach Fitzgerald mit verhal⸗ tener Heftigkeit, aber nahe daran loszubrechen,»haltet Ihr mich denn für ſo dumm oder ſo nichtswürdig, daß ich daran denken würde, England zu verlaſſen, ohne meine Schweſter vorher gegen jedes verbrecheriſche Unternehmen ſichergeſtellt zu haben?« „Da erhitzt deine irländiſche Phantaſie ſich ſchon wie⸗ der,« ſagte lächelnd der Oberrichter.»Um deine Schweſter gegen jedes verbrecheriſche Unternehmen ſicher zu ſtellen, müß⸗ teſt Du, armer Narr, die Macht haben, über die reizende Suſanne zu verfügen, wie Dir gut dünkte.« „Ich bin ihr älteſter Bruder, Mylord, und übrigens liebt mich Suſanne zu aufrichtig, als daß zwiſchen uns Bei⸗ den jemals ein Streit entſtehen könnte. Sie weiß, daß ich nur ihr Glück im Auge habe. Ich brauche nur einen einfachen Wunſch auszuſprechen, damit dieſer Wunſch in ihren Augen ein geheiligter Befehl werde.« »Und wer zieht denn den Gehorſam Suſannens gegen Dich in Zweifel? Ich bin überzeugt, daß ſie, wenn ſie frei wäre—⸗ „»Was ſagt Ihr, Mylord?« rief Fitzgerald.»Iſt Su⸗ ſanne denn nicht frei?— O nein, Ihr wollet, indem Ihr mit meiner Leichtgläubigkeit ſpielet, mein Herz mit Schrecken erfüllen. Dieſer Scherz iſt grauſam, Mylord!« „Dieſer Scherz? Die moraliſche Erſchütterung, welche Du dieſen Morgen erfahren, indem Du den Galgen erſtiegſt, ſcheint deinen Verſtand wankend gemacht zu haben, denn ich ſehe wohl, Du haſt mich nicht verſtanden. Was findeſt Du denn ſo Wunderbares dabei, daß ich auf den Einfall gekom⸗ men bin, mich deiner Treue auf Koſten der Freiheit deiner Schweſter zu verſichern? Ich wußte ſchon von Roſe, wie ſehr Du dieſes junge Mäochen liebteſt, wollte aber mich von der Wahrheit ſeiner Mittheilungen ſelbſt überzeugen. Ich erkläre mich befriedigt und aufgeklärt. Suſanne ſteht gegenwärtig mit in dem Regiſter der Gefangenen von Bridewell. Sie iſt 154 geſtern Abend in dem Augenblicke verhaftet worden, wo ſie ſich auf mich ſtürzte. Man hat ſie durchſucht und einen Dolch bei ihr gefunden. Es iſt daher klar, daß ſie Abſichten auf mein Leben hatte, und die Anklageacte wird über dieſen Punkt keinen Zweifel übrig laſſen. Suſannens Stellung iſt demzufolge eine ſehr ſchlimme. Es iſt mir eben ſo leicht, ſie zur Deportation zu verurtheilen, als ſie an den Galgen zu bringen. Vor der Hand werde ich ſie in Bridewell laſſen. Aengſtige Dich daher nicht, Fitzgerald. Vor der Hand, ſage ich, werde ich ſie in Bridewell laſſen, wo es ihr an nichts fehlen ſoll als an der Freiheit und an der Ge⸗ ſellſchaft— denn ſie wird allein ſeyn und mit keiner lebenden Seele Umgang haben. Auf dieſe Weiſe wird, wenn ich Grund habe, mich über Dich zu beklagen, die Rache mir ſehr leicht und bequem ſeyn. Ich brauche blos einen Einſchiffungsbefehl zu unterzeichnen, um mich Suſannens zu bemächtigen. Ich habe geſprochen.« Jeffreys hätte noch lange ſprechen können. ehe Fitzge⸗ rald daran gedacht hätte, ihn zu unterbrechen. Der von der Wucht dieſer furchtbaren Drohung niedergeſchmetterte Unglück⸗ liche hatte weder Muth noch Willen mehr. Anfangs tauchten Mordgedanken in ihm auf, aber das Bild Suſannens, welche durch ſeine Gewaltthat ebenfalls gefährdet und wahrſcheinlich als ſeine Mitſchuldige verurtheilt worden wäre, reichte hin um ſeinen Zorn zu unterdrücken und ſeine Entrüſtung im Zaume zu halten. 3 »Mylord,« ſagte er mit einer Demuth, welche er dem Oberrichter gegenüber noch nicht gezeigt,»Ihr habt Recht! — Ihr ſeyd ſtärker als ich! Von dieſem Tage an bin ich euer Sclave. Ich werde euren Befehlen blindlings gehorchen; ich werde mich bemühen, eure leiſeſten Wünſche zu errathen ———½2‿— 15⁵ und denſelben zuvorzukommen. Nur, Mylord, bitte ich Euch mit gefalteten Händen, laßt meine ſchmerzliche Prüfung, meine unerträgliche Angſt, nicht länger dauern, als menſchliche Kräfte ſie zu ertragen vermögen. Steckt mir ein Ziel, ſtellt mir eine Aufgabe, nach deren Erfüllung ich meine Freiheit wieder erlangen kann. Dieſe Hoffnung, wie entfernt ſie auch ſeyn möge, wird wenigſtens meinen Muth aufrecht halten. My⸗ lord, euer eigenes Intereſſe iſt es, in deſſen Namen ich zu Euch ſpreche. Verſetzet mich nicht durch eine zu lange an⸗ dauernde Tortur in vollſtändige Ohnmacht.« Jeffreys ſchwieg eine Minute lang. Er betrachtete ſein Opfer und weidete ſich an ſeinem Triumph. »Armer Kämpfer, antwortete er endlich,„da ſiehſt Du Dich nun in deinem erbärmlichen Zuſtande und thuſt wohl dar⸗ an zu beſſeren Geſinnungen zurückzukehren. Ich geſtehe Dir, deine Demuth entwaffnet mich; ich habe Mitleid mit deiner Schwäche. Wenn der Königsmörder Lord Lisle unter deinem Dolche gefallen ſeyn wird, wenn der Herzog von Monmouth als Rebell den Fuß auf den Boden Englands geſetzt hat, wenn Du überdies einen gewiſſen kleinen Auftrag erfüllt haben wirſt, den ich Dir ſpäter in Bezug anf Sir Charles Murray⸗ und ſeine Tochter geben werde, dann werde ich Dir nicht blos deine Schweſter rein zurückgeben, ſondern Dir auch noch ein Amt verſchaffen, welches Dir für deine ganze Lebenszeit ein reichliches Einkommen gewährt. Mittlerweile werde ich Dir die zweihundert Guineen zuſtellen, von welchen wir vorhin ſprachen.⸗ Mit dieſen Worten verließ Jeffreys den Salon und ging in ſein Cabinet. XVIII. Die Geißel. (Fortſetzung.) Während der ganzen Dauer der Unterredung zwiſchen dem Oberrichter und Fitzgerald hatte der Bruder des Letztern, der junge James, kein Wort geſprochen. Der Ausdruck von Erſtaunen und Schrecken, welcher ſich auf ſeinem Geſicht malte, erklärte ſein Schweigen. Er hatte nicht gewagt, an dieſem furchtbaren Geſpräch theilzunehmen. James war damals achtzehn Jahre alt. Sein Wuchs war ein früh entwickelter, ſo daß man ihn für viel älter hielt, als er wirklich war. Seine ziemlich angenehmen, aber gemeinen Züge verriethen Gleichgiltigkeit und Sorgloſigkeit, oder richtiger geſagt, er hatte gar keine Phyſiognomie. „James,“ ſagte Fitzgerald zu ihm, indem er ſich ihm näherte,„im Namen unſerer Mutter, welche wir Beide ſo zärtlich geliebt haben, ſchwöre mir, daß niemals eines der Worte, welche jetzt zwiſchen dem Oberrichter und mir gewech⸗ ſelt worden, aus deinem Munde komme, daß unſere Suſanne niemals etwas von dem Verhältniß ahnen ſoll, welches zwi⸗ ſchen uns und Jeffreys beſteht. Und wenn ich ſage wir, mein armer James, ſo thue ich es aus dem Grunde, weil ich nur auf Dich rechne, daß Du mir meine ſchwere Aufgabe erfüllen helfen wirſt, eben ſo wie ich ſpäter deine Hingebung in An⸗ ſpruch nehmen werde, wenn die Stunde der Rache ſchlägt.« ————— —,—— „Bruder,“ antwortete James,„Du kannſt in der That auf meinen Gehorſam rechnen— vorausgeſetzt jedoch, daß uns kein Unglück widerfährt. Mein Gott, wie glücklich wäre ich, wenn unſer Vorhaben gelänge, denn dann, nicht wahr, lieber Bruder, dann würden wir reich werden? Ach, wie ſchön muß es ſeyn, Reichthum zu beſitzen!« Fitzgerald hegte für James eine ſo tiefe und aufrichtige Zuneigung, daß ihm weder die außerordentliche Bereitwillig⸗ keit, mit welcher dieſer ſich dazu verſtand, auf ſein blutiges und verabſcheuungswürdiges Unternehmen einzugehen, noch der Beweggrund auffiel, der ihn dazu zu bewegen ſchien, und welcher kein anderer war als Habgier. Er ſah in James' Be⸗ reitwilligkeit nur einen Beweis von Hingebung an ſeine Per⸗ ſon und drückte ihm zum Zeichen ſeines Dankes die Hand. Jeffreys trat wieder in den Salon, übergab Fitzgerald eine mit Gold gefüllte Börſe, öffnete dann die Thür, durch welche eine Stunde früher der Irländer eingetreten war und ſagte, indem er auf den Sheriff Burder zeigte, der ihn auf dem Treppenplatz erwartete: „Folget dieſem Manne!« Eine Stunde ſpäter befand ſich Fitzgerald wieder in dem Gefängniß von Newgate und James begab ſich, um ihn zu erwarten, in die Taverne»zur rothen Kuh.« Beinahe unmittelbar nach dem Weggange der beiden Brüder und des Sheriffs erſchien ein Mann, der nach der neueſten Mode gekleidet war, das heißt eine ungeheure blonde Perrücke, einen geſtickten Rock, mit Franſen beſetzte Hand⸗ ſchuhe, ſeidene mit goldenen Eicheln gezierte Beinkleider und einen koſtbar ciſelirten Galladegen trug, an der Thür der Wohnung des Oberrichters. 158 Dieſer Mann war Niemand anders als der erſte Page des Königs, der unverſchämte Chiffinch. Er hüpfte leichtfüßig die Treppe hinauf, trat in das Vorzimmer und wendete ſich an einen der Diener. »Iſt Mylord zu Hauſe?« fragte er. »Ja, mein Herr, aber ich weiß nicht, ob er zu ſprechen iſt. Wen ſoll ich anmelden?« Chiffinch ſchob anſtatt zu antworten den Diener ſanft auf die Seite, öffnete die Thür des Salons, den er raſch durch⸗ ſchritt, und trat dann ohne weitere Umſtände in das Cabinet, in welches Jeffreys ſich ſo eben zurückgezogen. Bei dem ſo plötzlichen Erſcheinen eines Fremden ſtieß der vor einem mit Papieren bedeckten Tiſche ſitzende Oberrichter einen Ruf des Erſtaunens und des Zornes aus. »Euer Diener, Mylord,« ſagte Chiffinch ruhig, indem er ſich auf einen Stuhl niederließ. »Ah, Ihr ſeyd es!« rief Jeffreys, deſſen Geſicht, ſo⸗ bald er den Beſucher erkannt hatte, ſich wie auf einen Zau⸗ berſchlag veränderte;„ſeyd willkommen, mein lieber Mr. Chiffinch! Hat es ſich ſeit einer Stunde— nemlich ſeitdem ich in Whitehall habe nachfragen laſſen, mit der Geſundheit Sr. Majeſtät etwas gebeſſert?«⸗ »Die Krankheit des Königs hat ſich ſeit dieſem Morgen durch die Anweſenheit von vierzehn Aerzten verſchlimmert,“ antwortete der erſte Page kalt.„Er iſt ein Kind des Todes!« »Ach, mein Gott!« rief Jeffreys, indem er die Augen zum Himmel richtete. »Ach was dal« hob Chiffinch wieder an.»„Was nützt das Klagen! Der König iſt todt, es lebe der König! Der Herzog von York wird trotz ſeiner Hartnäckigkeit ein Herr ———„—., — ◻☛ ſeyn, der ſich leicht leiten läßt und deſſen Dienſt ein angeneh⸗ mer iſt. Ich ſtehe mit ihm ſehr gut. Meine Stellung kann da⸗ 4 her, weit entfernt, durch dieſe Veränderung bedroht zu wer⸗ den, dadurch nur gewinnen. Carl kannte mich zu gut— er möge daher ſterben und ſprechen wir nicht weiter von ihm.« Chiffinch ſchwieg einen Augenblick, dann ſah er Jeffreys an und fuhr fort: t V»Mylord, da mir durchaus nichts daran liegt, eure — Unruhe zu verlängern, denn meine Anweſenheit hier muß, wenn ich nicht irre, Euch ein wenig neugierig machen— ſo komme ich ſofort zu dem Zwecke meines Beſuchs.« »Ich bin ganz Ohr, mein lieber Chiffinch.« »Geſtern Abend, Mylord, habt Ihr ein junges Mädchen 4 Namens Suſanne feſtnehmen und nach Bridewell führen laſſen?« »Das iſt wahr, Chiffinch.“ »Wohlan, Mylord, da ich mich aus ganz beſonderen — Gründen ſehr für dieſes niedliche Weſen intereſſire, ſo wäre es 2 mir lieb, wenn ich ſie wiederſehen könnte, und ich komme, um 1 Euch zu bitten, mir ſofort einen Befehl zu ihrer Freilaſſung 1 zu unterzeichnen.⸗ Obſchon es klar war, daß Jeffreys viel daran lag, ſich dem erſten Pagen Sr. Majeſtät gefällig zu zeigen, ſo konnte — er doch bei dieſem Verlangen ſich einer Geberde des Aergers, 4 beinahe des Zornes, nicht enthalten. 1„Gut,“« fuhr Chiffinch fort,„ich ſehe ſchon wie die Sache ſteht! Ihr möchtet dieſes Kleinod für Euch ſelbſt behalten. t 3 Dies thut mir wirklich ſehr leid, Mylord, denn wenn dies eure Abſicht iſt, ſo wird ein Kampf zwiſchen uns ſtattfinden. Uebrigens bin ich vollkommen in meinem Recht. Ich habe zu⸗ 160 erſt Suſannen entdeckt und als Ihr ſie auf ſo brutale Weiſe feſtnehmen ließet, ſtand ſie vor dem Thore von Whitehall, um meine Rückkehr zu erwarten. Alſo, Mylord, ja oder nein, ich ſage Euch im Voraus, daß ich, wenn eure Antwort vernei⸗ nend ausfällt, die Feindſeligkeiten ohne Weiters beginnen werde.« „»Mein lieber Chiffinch,« ſagte der Oberrichter, indem er ein Lächeln zuwegezubringen ſuchte, welches mit ſeiner gerun⸗ zelten Stirn und der plötzlichen Röthe zſeines Geſichtes ſeltſam contraſtirte,»Ihr wißt wohl, daß ich Euch niemals etwas abſchlage, nur ſteht in dieſem Falle—«⸗ »Ich habe Euch erſucht mit ja oder nein zu antworten und Ihr haltet mir da eine ganze Rede,« unterbrach ihn der Page in übermüthigem Tone. »Nur ſteht in dieſem Falle,« fuhr Jeffreys fort, ohne ſich durch dieſe Unterbrechung beirren zu laſſen,„das Intereſſe des Staates mit euren Wünſchen im vollſtändigen Wider⸗ ſpruche.« »Dann ſagt Ihr alſo nein, Mylord.« Chiffinch erhob ſich und machte Miene zu gehen. »Welch Ungeſtüm, theurer Freund!« rief der Oberrich⸗ ter, indem er ſeinen Beſucher am Arme zurückhielt;„ich ſage nein und ich ſage auch ja.« »Das iſt ein ſinnreiches Mittel, die Frage zu umgehen, Mylord. Ich bitte Euch, wer beſchäftigt ſich denn heute mit dem Intereſſe des Staates? Niemand, ſo viel ich weiß. Ihr eben ſo wenig als ich, und die Miniſter eben ſo wenig als der König ſelbſt. Wenn Ihr mir noch ſagtet, daß Ihr in eurem Privatintereſſe der Schönheit Suſannens bedürftet, ſo könnte ſe 161 ich Euch noch glauben; aber Euch hinter den Staat zu ſtecken, das heißt gegen meinen Scharfſinn eine grenzenloſe Verachtung an den Tag legen. Eben ſo gut könntet Ihr mich gleich einen Dummkopf oder einen Puritaner nennen.“ „Beruhigt Euch, mein lieber aufbrauſender Chiffinch,“ ſagte Jeffreys immer verlegener werdend. „Na, zum Teufel, es kommt ja blos auf Euch an. Un⸗ terzeichnet mir den Befehl zur Freilaſſung eurer ſchönen Ge⸗ fangenen, damit ich mich ohne Zeitverluſt nach Bridewell be⸗ geben kann. „Da würdet Ihr einen vergeblichen Weg machen, Chiffinch.« „Tauſend Donnerwetter, warum denn?« fragte der Page in drohendem Tone. „Weil Suſanne nicht in Bridewell iſt.“ „Ha! Und wo iſt ſie denn, das ſchöne Kind?« „Hier, Chiffinch.« „Schon?« ſagte der Unverſchämte in ärgerlichem Tone. „Doch gleichviel, ich will ſie ſehen und ich werde ſie ſehen!« „Gut, aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher Bedingung, Mylord?« „Daß Ihr weder Liſt noch Gewalt anwendet, um Su⸗ ſannen mit Euch hinwegzuführen, daß Ihr ſie, wenn ſie einwilligt, Euch freiwillig zu folgen, ſie verborgen haltet, ohne ihr zu erlauben, ein einziges Mal auszugehen oder ſich auch nur an das Fenſter zu ſtellen, bis ich dieſes Verbot aufhebe.« „Dieſen Handel gehe ich ein!« rief Chiffinch;»ohne Groll, Mylord.“ Der Tiger von Tanger. I. 11 162 »Wie, ohne Groll, Chiffinch? An mir werdet Ihr ſtets einen aufrichtigen Freund finden. Ach, wenn Ihr wolltet, Chiffinch—« „Redet aus, Mylord! Ihr ſagt, wenn ich wollte?« »Euch mit mir verſtehen, Chiffinch, mit mir ein Schutz⸗ und Trutzbündniß ſchließen— mir euer ganzes Vertrauen ſchenken!— Ich bin überzeugt, daß wir Alles durchſetzen könnten!« 4 „In der That,« ſagte der Page nach kurzem Schweigen, »dieſer Gedanke ſcheint mir ein ziemlich glücklicher zu ſeyn. Wenn Ihr erlaubt, Mylord, ſo wollen wir dieſe Unterredung, welche ziemlich ausführliche Entwicklungen verlangt, nach kurzer Unterbrechung wieder aufnehmen. Jetzt liegt mir vor allen Dingen daran, zu wiſſen, ob Suſannens Schönheit am hellen Tage in demſelben Glanze ſtrahlt, wie in dem Halb⸗ dunkel der Nacht.« »Oeffnet dieſe Thür,« ſagte Jeffreys.„Suſanne iſt im Nebenzimmer.“ XIX. Der Rönig iſt todt! Es lebe der König! Während der vier erſten Tage der Krankheit des Königs waren die vierzehn Aerzte, welche mit der Behandlung Sr. Majeſtät beauftragt waren, fortwährend uneinig unter ein⸗ ander. Jeder ſtellte eine andere Meinung auf und ſchlug ein anderes Heilmittel vor. Nur Short allein verhielt ſich ſchweigend. Indeſſen, da man ſich unter verdienſtvollen Leuten Rück⸗ ſichten ſchuldig iſt, ſo machten ſich die Aeskulape endlich ein wechſelſeitiges und ſtillſchweigendes Zugeſtändniß, welches die Eigenliebe ſchonte und Jedermann Recht gab. Es beſtand darin, daß der König auf eben ſo viele verſchiedene Weiſen behandelt wurde, als es abweichende Meinungen gab. Das Reſultat dieſer trefflichen Entſcheidung war, daß der königliche Patient unglaubliche Martern duldete. Dennoch aber— vielleicht lag der Grund in ſeiner kräf⸗ tigen Conſtitution oder in der Wirkſamkeit einer der zahlrei⸗ chen ihm gereichten Medieinen— fühlte Carl II. ſich am Abende des vierten Tages um vieles beſſer und man begann einige Hoffnung zu faſſen. Am fünften Februar meldete die»Gazettes von London * 16 mit Autoriſation der Aerzte, daß Se. Majeſtät vollſtändig außer Gefahr ſey. Sofort ward mit allen Glocken geläutet und man zün⸗ dete Freudenfeuer in den Straßen an, um die Hauptſtadt nach Einbruch der Nacht zu beleuchten. Carl II. kam die Unbeliebt⸗ heit des Herzogs von York, ſeines Bruders, zu gute, denn die Nation fürchtete ſo ſehr, dieſen Fürſten auf den Thron ſteigen zu ſehen, daß ſie ſich bei dieſem Gedanken für die Null von einem Monarchen begeiſterte, den ſie im Begriffe ſtand zu verlieren. Es läßt ſich auch nicht läugnen, daß der präſumtive Thronerbe dieſen Widerwillen verdiente. Sein hartnäckiger und rachſuchtiger Charakter, ſein beſchränkter und langſamer Verſtand, ſeine unangenehmen, übermüthigen, ſchroffen Ma⸗ nieren waren durchaus nicht geeignet ihm die Liebe des Vol⸗ kes zu erwerben. Ueberdies wußte man, daß der Herzog von York dem römiſchen Hofe ſehr ergeben war, was der öffent⸗ lichen Meinung des damaligen Englands zufolge für ein mon⸗ ſtröſes Verbrechen galt. Während ſo die Glocken läuteten und ganz London ſich der Freude überließ, fand zu Whitehall in den Gemächern der Herzogin von Portsmouth ein ſehr trauriger Auftritt ſtatt. Der Luxus dieſer Gemächer, welche von Carl II., um der Laune ſeiner Maitreſſe gefällig zu ſeyn, dreimal umgebaut worden, hatte den Predigten der Presbyterianer oft zum Texte gedient. Die Garnitur des Camins war von maſſivem Silber, prachtvolle, eigentlich der Königin gehörende Gemälde von berühmten Meiſtern waren hierher in die Wohnung der Herzogin gebracht worden; wunderſchön geſchnitzte Schränke — 165 enthielten die Meiſterwerke eines Benvenuto Cellini; pracht⸗ volle Gobelins, auf welchen man buntgefiederte Vögel, Land⸗ ſchaften, Jagden, die herrliche Terraſſe von Saint⸗Germain und die Statuen und Fontainen von Verſailles ſah, dienten als Wandtapeten und eine unvergleichliche Sammlung von japaniſchem Porzellan füllte und ſchmückte die hie und da an⸗ gebrachten Niſchen. Die Herzogin ſah bleich und abgemagert aus; ihr Haar hing ihr in wilder Verwirrung um das Geſicht herum und ſie ſchien in vier Tagen um zehn Jahre älter geworden zu ſeyn. Ihr tiefer aufrichtiger Schmerz mußte ihr in der öffent⸗ lichen Meinung nützen, denn ſie war frei von jedem eigennü⸗ tzigen Hintergedanken. Die arme Frau dachte nicht einmal an die traurige und plötzliche Veränderung, welche der Tod Carls II. in ihrer Stellung herbeiführen mußte. Sie ſah nur eins— die Leiden ihres Geliebten oder vielmehr ihres Freundes. In einen umfangreichen Seſſel zurückgelehnt, verſuchte ſie vergebens mit beiden Händen das Schluchzen zu unterdrü⸗ cken, welches ihre Bruſt hob. Ihr gegenüber betrachtete Chif⸗ finch unbeweglich und gefühllos mit kaltem Blicke dieſen Schmerz und ſchien zu warten, daß die Herzogin das Wort an ihn richten würde. »Mylady,« ſagte er endlich, als er ſah, daß die Un⸗ glückliche fortfuhr zu ſchweigen,„ich werde Euch, wenn Ihr meiner Dienſte nicht mehr bedürfet, um Erlaubniß bitten, zu meinem Herrn zurückkehren zu dürfen.⸗ »Nein, Chiffinch, bleibt noch!« rief die Herzogin, indem 166 ſie ihren ſchönen Arm nach dem Pagen ausſtreckte, wie um ihn zurückzuhalten.»Bleibt nur und ſprecht mit mir von ihm, da Ihr ſo glücklich ſeyd, an ſeinem Bett wachen zu dürfen.« „»Mylady,“ ſagte Chiffinch,„ich bitte Euch im Gegen⸗ theile, mich nicht zu fragen. Ich habe ſchon nur zu viel ge⸗ ſprochen. Ich würde gern tauſend Guineen darum geben, wenn ich euren Bitten zu widerſtehen vermocht und nichts ge⸗ ſagt hätte.« „O, Chiffinch das iſt ein ungerechter und grauſamer Vorwurf!« „Was wollt Ihr, Mylady! Wie leicht kann meine In⸗ discretion mir den Kopf koſten!« „Vor Gott, welcher mich hört, ſchwöre ich Euch, Chiffinch, daß aus meinem Munde niemals ein Wort kommen wird, welches Euch in Gefahr bringen könnte. Alſo Ihr ſeyd über⸗ zeugt, daß John Huddleſton vor der Gefahr ſeiner Miſſion nicht zurücktreten wird?« „Eben ſo wenig, als er nach der Schlacht von Woreeſter zurücktrat, wo er dem König das Leben rettete.« „»Aber werdet Ihr auch Zeit haben, dieſen wackeren Huddleſton ausfindig zu machen? Wenn er nun nicht in Lon⸗ don wäre?« »Huddleſton erwartet mich in einem der Corridore von Whitehall.“ „Dann, Chiffinch, iſt nicht mehr zu zaudern. Koſte es was es wolle, wir müſſen dem König dieſen erhabenen Troſt verſchaffen— den einzigen, welchen zu gewähren in unſerer Macht ſteht.“ Chiffinch wollte antworten, als ein leiſes Pochen an — 4 8 der Thüre ihm das Wort in den Mund zurückdrängte. und faſt in demſelben Augenblicke trat Herr von Barillon der fran⸗ zöſiſche Geſandte, herein. „Ihr kommt wie vom Himmel geſendet, mein vortreff⸗ licher Freund,« rief die Herzogin, indem ſie auf ihn zueilte. „Höret, es iſt keine Minute zu verlieren. O, unterbrechet mich nicht!« Der Geſandte begriff das Ungeſtüm der Geliebten Carls II. vollkommen, nur betrachtete er Chiffinch von der Seite und mit unſicherer Miene. „»Mylady,“ ſagte der Page, indem er ſich vor der Fa⸗ voritin verneigte,„ich werde die Ehre haben, ſogleich wieder⸗ zukommen, um eure Befehle zu vernehmen.“ „Nein, nein, geht nicht fort, Chiffinch. Herr Geſandter, Chiffinch iſt halb in das Geheimniß eingeweiht, welches ich Euch anzuvertrauen habe. Uebrigens werdet Ihr auch ſeiner bedürfen, wenn Ihr, wie ich nicht zweifle, Euch meinem Pro⸗ jecte anſchließt.“ „Ihr wiſſet, Mylady, daß dafern Ihr nicht von mir verlanget, das Vertrauen Sr. Majeſtät des Königs Lud⸗ wig XIV., meines Herrn, zu verrathen, es nichts auf der Welt gibt, was ich nicht bereit wäre zu verſuchen, um Euch angenehm zu ſeyn.“ »Ja, ja, ich weiß es; Dank, mein Freund. Dank. Die Herzogin ſchwieg einige Secunden und fuhr dann mit geſenkter Stimme fort: „»Ich habe, Herr Geſandter, Euch etwas ſehr Wichtiges zu ſagen, was, wenn es herauskäme, meinen Kopf in Gefahr bringen würde. Der König iſt im Grunde ſeines Herzens ka⸗ tholiſch und wird ſterben, ohne ſich mit der Kirche ausgeſöhnt zu haben. Sein Zimmer iſt von der proteſtantiſchen Geiſtlich⸗ keit belagert und ich kann dasſelbe nicht betreten, ohne An⸗ ſtoß zu geben. Der Herzog von York denkt nur an ſich ſelbſt, Ihr müßt mit ihm ſprechen. Saget ihm, daß eine Seele in Gefahr ſchwebt. Er iſt jetzt Herr und kann alle Anweſenden aus dem Zimmer des Königs hinausgehen heißen. Geht raſch oder es wird zu ſpät ſeyn.⸗ »Aber, Mylady,“ entgegnete der Geſandte mit einer gewiſſen Aufregung, denn dieſe Mittheilung war eine ſehr ernſte und verhängnißvolle,„wie ſoll man in der ganzen Stadt London einen katholiſchen Prieſter finden?« »Dieſer Prieſter iſt bereits gefunden.« »So? Und weiß er denn auch, was man von ſeinem Eifer und Muth erwartet?« »Noch nicht— doch darauf kommt nichts an.« »Wie, darauf kommt nichts an? Ihr vergeßt, Herzo⸗ gin, daß es ſich für ihn um nichts mehr und nichts weniger als den Galgen handelt.« »Dieſer Prieſter hat ſchon früher kein Bedenken getra⸗ gen, ſein Leben aufs Spiel zu ſetzen, um das Carls II. auf der Flucht zu retten. Glaubt Ihr, daß er heute weniger thun würde, um die Seele ſeines Königs zu retten?« „»Dann, Herzogin, handelt es ſich alſo um jenen mu⸗ thigen Mönch, welcher zur Erinnerung an ſeine treue Hinge⸗ bung die Ehre gehabt hat, ausdrücklich und namentlich von den meiſten Verfügungen ausgenommen zu ſeyn, welche das Parlament gegen die katholiſchen Prieſter erlaſſen hat? Es handelt ſich um John Huddleſton, nicht wahr?« — — —— 169 „Ganz recht, Herr Geſandter.⸗ „Sehr gut, und wer wird es übernehmen, ihn nach Whitehall zu führen?« „Chiffinch hat es bereits übernommen, mein Herr.«⸗ „In dieſem Falle, Herzogin, eile ich zu dem Herzog von York.« Herr von Barillon ergriff die Hand der Favoritin, drückte, ſich verneigend, einen Kuß darauf, und entfernte ſich ſchleunigſt. Als der Geſandte in das Zimmer des Sterbenden trat, fand er es von einer dichtgedrängten ſchweigenden Menge von Höflingen angefüllt. Ein einziger Blick genügte, um ihm zu zeigen, daß der Zuſtand des Königs ein hoffnungs⸗ loſer war. 4 „Gnädigſter Herr,« ſagte er, indem er ſich dem Herzog näherte, der ſich in eine Fenſterbrüſtung zurückgezogen hatte, „erlaubt Ew. Hoheit mir eine Frage an ſie zu richten?« „Sprecht, Herr Geſandter.« „Glaubt Ihr nicht, daß die Anweſenheit eines katholi⸗ ſchen Prieſters die letzten Augenblicke des Königs, eures Bru⸗ ders, verſüßen würde?« Bei dieſen von Herrn von Barillon mit leiſer Stimme ausgeſprochenen Worten zuckte der Herzog von York zuſam⸗ men, fuhr ſich mehrmals mit der Hand über die Augen, wie ein plötzlich aus dem Schlafe aufgeſchreckter Menſch zu thun pflegt, und ſagte dann mit erröthender Stirn und in außer⸗ ordentlicher Aufregung: „Ich danke, Herr Geſandter. Ja, ih danke Euch. Se⸗ het, was die menſchliche Schwäche iſt, ſehet, wie der durch 170 die Leidenſchaft verblendete Menſch ſeine heiligſten Pflichten vernachläſſigt und vergißt— ja, ſeine heiligſten Pflichten. Wie iſt es möglich, daß ich an alle durch die Umſtände gebo⸗ tenen Sicherheitsmaßregeln gedacht und gleichwohl vergeſſen habe, meinem armen Bruder die Thore des Himmels zu öff⸗ nen! Aber ſeyd Ihr auch überzeugt, mein Herr, daß mein Bruder römiſch⸗katholiſch iſt? Ich habe es oft geahnt, aber niemals dieſe glückliche Gewißheit erlangt— ſeyd Ihr wirk⸗ lich davon überzeugt, mein Herr?« »„Ja, gnädigſter Herr, vollkommen.⸗ »Aber, mein Herr, wer hat es Euch denn geſagt?« »Es kommt mir nicht zu, dieſe Frage zu beantworten, gnädigſter Herr.“« »Ich gebe Euch mein Wort als Edelmann und Chriſt, daß der Name dieſer Perſon zwiſchen Gott, Euch und mir ein Geheimniß bleiben ſoll— ja, mein Wort als Edelmann und als Chriſt.« »Die Herzogin von Portsmouth hat es mir geſagt, Hoheit.⸗ »Nelly, ah, Nelly! Dieſen Namen hätte ich nicht er⸗ rathen. Sie iſt ein gutes Kind dieſe Nelly, wirklich, ſie iſt ein gutes Kind.“ Der Herzog von York, welcher die Gewohnheit hatte, das, was er ſagte, mehrmals zu wiederholen, lenkte ſeine Schritte nach dem Bette ſeines Bruders, indem er leiſe vor ſich hin murmelte: »Ja, ſie iſt wirklich ein gutes Kind— ein gutes Kind.⸗ Bei der Annäherung des Mannes, der aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nun bald Jacob II. heißen ſollte, traten die Höf⸗ 1 1 1 r — 3 171 linge, welche das Bett des königlichen Sterbenden umring⸗ ten, ehrerbietig zurück. „»Mein Bruder,“ ſagte der Herzog von York leiſe, in⸗ dem er ſich zu dem Ohr des mit dem Tode Ringenden nieder⸗ beugte,„verzeihet mir, daß ich in der Unruhe, worein eure Krankheit mich verſetzt hat, das Heil eurer Seele vergeſſen habe. Wünſchet Ihr, daß ich Euch einen Prieſter zuführe? Wünſcht Ihr es?« Carl II. zuckte zuſammen und ein flüchtiger Schimmer von Freude verſcheuchte einige Secunden lang von ſeinem Antlitz den Ausdruck des Schmerzes. der es verzerrte. „Ja, ja, mein Bruder; um Gottes willen, führet mir einen zu und verlieret keine Zeit. Doch nein, es könnte Euch ſchaden—« „Und wenn es mir das Leben koſten ſollte, ich werde Euch einen zuführen— ja, und wenn es mir das Leben koſten ſollte.« Der Herzog von York drehte ſich, nachdem er dieſe Antwort in einem Tone gegeben, welcher weit mehr Hart⸗ näckigkeit als Gefühl und Theilnahme verrieth, zu den Anwe⸗ ſenden herum, erhob die Stimme und ſagte: „»Meine Herren, der König wünſcht einen Augenblick lang allein zu ſeyn. Es mögen ſich daher Alle entfernen.“ „Sollen wir uns auch mit entfernen, Hoheit?« fragte einer der vierzehn anweſenden Aerzte. „Ich habe geſagt Alle,« entgegnete der Herzog von York kurz. Eine Minute ſpäter befanden ſich in dem umfangreichen königlichen Zimmer nur noch vier Perſonen— der Herzog 172 von York, der Neffe des großen Turenne, Louis Duras, Graf von Faversham, General der engliſchen Armee und Kammer⸗ herr der Königin, und endlich Sir John Granville, Graf von Bath und erſter Kammerherr des Königs. Dieſe beiden letztern Herren gehörten der reformirten Religion an, der Herzog von York aber war von ihrer Ver⸗ ſchwiegenheit vollſtändig überzeugt. Es dauerte nicht lange, ſo öffnete ſich eine verborgene Thür, deren Exiſtenz vielen jungen Damen wohl bekannt war, und Chiffinch führte den Benedictinermönch John Huddleſton herein, deſſen Prieſtergewand durch einen weiten Mantel ver⸗ hüllt ward, während eine große Perrücke ſeine Tonſur be⸗ deckte. Beim Anblick des Prieſters verſuchte Carl II. ſich auf ſeinem Bett aufzurichten, da er aber die Vergeblichkeit ſeiner Anſtrengungen ſofort einſah, ſo begnügte er ſich zu ſagen: »Mein Vater, ich heiße Euch willkommen.« Huddleſton kniete nun neben dem königlichen Bette nie⸗ der und der Sterbende begann ſeine Beichte. Während Carl II. auf dieſe Weiſe ſeine letzte Chriſten⸗ pflicht erfüllte, ergingen ſich die in einem Nebengemach har⸗ renden Häninge in den entgegengeſetzteſten Vermuthungen. Wie dies in ſolchen Umſtänden oft geſchieht, ſchlugen die ge⸗ wöhnlich mit dem größten Scharfſinne Begabten, durch Furcht oder Ehrgeiz irregeleitet, einen ganz falſchen Weg ein, indem ſie durch Beweggründe, welche ihr perſönliches Intereſſe be⸗ rührte, den Grund zu erklären ſuchten, welcher den Herzog von York bewogen, alle Anweſenden aus dem Zimmer ſeines Bruders zu entfernen. — n n —yy Einige wagten ſogar zu behaupten, daß der präſumtive Thronerbe, aus Furcht, daß der König den Herzog von Mon⸗ mouth als ſeinen Nachfolger anerkennen werde, beſchloſſen habe, ihn zu iſoliren, bis das Delirium des Todeskampfes ihm die Fähigkeit rauben würde, ſeinen Willen kundzugeben. Ein einziger Mann unter den in Whitehall zum Zutritt Be⸗ rechtigten verhielt ſich ſchweigend und verſchmähte es, ſich in dieſe mit leiſer Stimme geführten Geſpräche zu miſchen. Die⸗ ſer Mann war Jeffreys. Der Oberrichter hatte aber auch bereits mit Chiffinch geſprochen und kannte die ganze Wahrheit. XX. Der Rönig iſt todt! Es lebe der Rönig! (Fortſetzung.) Als eine Stunde ſpäter einer der dienſthabenden Kam⸗ merherren den Höflingen meldete, daß ſie wieder in das Zim⸗ mer des Königs zurückkehren könnten, blieb Jeffreys, anſtatt der Menge zu folgen, in dem leergewordenen Zimmer, in welchem einige Augenblicke ſpäter Chiffinch ihn aufſuchte. »Nun?« fragte der Oberrichter begierig. »Wohlan, theurer Freund,« antwortete der erſte Page in vertraulichem Tone,„ich habe mein Verſprechen gehalten, ich habe den Weg bereitet. Nun begebt Euch unverzüglich zu dem Herzog von York. Nur Dreiſtigkeit, Mylord, oder noch beſſer, Unverſchämtheit. Bedenkt, daß dies die einzige Bedin⸗ gung iſt, unter welcher man bei dem neuen Herrn reuſſiren 174 kann. Tretet daher vor keinem Verſprechen zurück und weicht um keine Linie von dem Verhaltungsplane ab, den ich Euch vorgezeichnet habe. Wenn Ihr meinen Inſtructionen buchſtäb⸗ lich folget, ſo wird vielleicht, noch ehe ich Suſannens Gelieb⸗ ter bin, der Lordſiegelbewahrer nicht mehr Lord Gulldford, ſondern Jeffreys heißen!⸗ »Sey verſichert, geliebter Chiffinch, daß, wenn ich je⸗ mals dieſe ausgezeichnete Gunſt erlange, deine Stellung nicht das bleiben wird, was ſie gegenwärtig iſt! Unſerm geheimen Bunde treu, werde ich Dich zu den höchſten Aemtern gelangen laſſen.⸗ »Mylord,“ unterbrach ihn der Page kalt,»ich habe zu lange in der nächſten Umgebung Sr. Majeſtät gelebt, um nicht das Nichts der Größe kennen und verachten gelernt zu haben! Wenn Macht und Anſehen für mich den geringſten Reiz hätten, ſo ſeyd verſichert, daß ich ſchon lange aus den Reihen des großen Haufens hervorgetreten wäre. Was ich will, Mylord, iſt Lebensgenuß, das heißt, ich will Gold haben, viel Gold, immer Gold. Ich verlange für die Unter⸗ ſtützung, die ich Euch gewähre, weiter nichts als daß Ihr mich in den Stand ſetzet, mit vollen Händen aus den Caſſen des Staates zu ſchöpfen. Die Regierung, welche nun beginnt, wird fruchtbar ſeyn an großen Unglücksfällen, an fürchterli⸗ chen Schiffbrüchen. Theilen wir die Trümmer zwiſchen uns! Mit unbeſchränkter Autorität bekleidet, mit dem Schwert der Gerechtigkeit bewaffnet, wird eure Rolle in unſerem Bunde darin beſtehen, die ſtolzen anmaßenden und reichen Gutsbe⸗ ſitzer zu bedrohen. Wehe dem reichen Unvorſichtigen oder Gei⸗ zigen, welcher, nachdem eine Capitalanklage gegen ihn erho⸗ ben worden, ſich weigert, meinen Vorſchlägen Gehör zu —,—— — 175 ſchenken. Sein blutiger Tod wird bald dem ganzen König⸗ reiche beweiſen, daß Jeder, welcher ſich weigert, Chiffinch Gehör zu ſchenken, von Jeffreys zermalmt wird.« So wie der Page ſeine ſtrafbaren fluchwürdigen Pläne entwickelte, verzog ſich das Geſicht des Oberrichters immer mehr zu einem grauſamen Lächeln der Zufriedenheit und voll⸗ ſtändigen Bewilligung. „Ja, Chiffinch, Du haſt Recht!“ rief er mit widerlich cyniſchem Ausdruck.„Seyen wir kühn beim Angriff auf unſer Wild und ſorgfältig beim Ausweiden!— Für mich das Fleiſch und Blut, für Dich die Haut des Schlachtopfers. Wehe dem nichtswürdigen Puritaner, der heuchleriſchen Schönheit, welche unſere Freuden tadelt oder ſich weigert, ſich mit zu uns zu ge⸗ ſellen! England wird unſer Eigenthum! Wir werden die eigentlichen Monarchen des Königreichs ſeyn. Des Hochverraths ſchuldig iſt Jeder oder Jede, die unſern Wünſchen ein Hinder⸗ niß in den Weg legt oder unſere Handlungsweiſe tadelt. We⸗ der Alter noch Geſchlecht ſollen vor unſeren Augen Gnade fin⸗ den! Um der Verachtung auszuweichen, Chiffinch, müſſen wir einen ſo wahnſinnigen Schrecken einflößen, daß Niemand unſern Namen zu nennen wagt.“ „Recht ſo, Mylord; das nenneich gutgeſprochen!« ſagte der Page;»jetzt ans Werk. Die Augenblicke ſind koſtbar. Eilt, den Herzog von York aufzuſuchen.“ Der Oberrichter von King's Bench ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. „Heute Abend in der Taverne»zur rothen Kuh,“« lieber Chiffinch,“ ſagte er, indem er ſich entfernte. „Ja, heute Abend in der Taverne»zur rothen Kuh,« wiederholte der Page. 176 Als Jeffreys in das Zimmer Carls II. trat, ſah er den Herzog von York ein wenig beiſeite mit dem fran⸗ zöſiſchen Geſandten ſprechen. Er lenkte ſeine Schritte ſogleich nach dieſer Richtung und zwar ſo daß er nothwendig bemerkt werden mußte. Dieſes Manöver hatte vollſtändigen Erfolg. Kaum er⸗ blickte der Herzog von York den Oberrichter, ſo gab er ihm einen Wink, ſich zu nähern. Herr von Barillon gab mit einer Keckheit und Offenheit, die in ſeiner Stellung eben ſo ſelten als lobenswerth ſind, durch die ſchnelle Veränderung ſeiner Haltung zu erkennen, wie unangenehm die Gegenwart des Oberrichters von King's Bench ihm war. Die ſtolze Kälte ſeines Geſichts verrieth deutlich, daß der Geſandte Frankreichs zwiſchen ſeiner Perſon und der Vertraulichkeit eines Jeffreys eine unüberſteigliche Schranke zu errichten gedachte. Der Herzog von York, deſſen Aufmerkſamkeit durch die ern⸗ ſten Intereſſen in Anſpruch genommen ward, welche in dieſem Augenblicke auf dem Spiele ſtanden, bemerkte dieſen ſtummen Proteſt nicht, ſondern redete Jeffreys an. »Mylord,“ ſagte er in leiſem Tone zu ihm,»eine Perſon welche Ihr kennt, hat mir von euren künftigen Projecten ge⸗ ſagt und ich beeile mich, hinzuzufügen, daß ich ſie billige— ja, ich billige ſie vollkommen. Es iſt unumgänglich nöthig, daß wir über dieſen Gegenſtand eine ausführliche Beſprechung mit einander haben— ja das iſt unumgänglich nöthig.“ „Ich werde Ew. königliche Hoheit um Erlaubniß bitten, mich entfernen zu dürfen,« ſagte Herr von Barillon ohne Jef⸗ freys Zeit zur Antwort zu laſſen.»Nothwendige Depeſchen, die ich zu expediren habe, machen meine Anweſenheit auf mei⸗ nem Geſandtſchaftsbureau nothwendig.“ 6 177 Der Herzog von York gab ein Zeichen der Zuſtimmung und Herr von Barillon verneigte ſich tief vor ihm und entfernte ſich, ohne Jeffreys auch nur anzuſehen. »Mylord,“ ſagte der Herzog immer noch in leiſem Tone, „»Chiffinch hat mir die nahe bevorſtehende Verwirklichung zweier ſehr eigenthümlicher Ereigniſſe angekündigt— ja, in der That zweier ſehr eigenthümlicher Ereigniſſe.“ „Welcher Ereigniſſe, Hoheit?« „Das erſte iſt der Tod des alten Königsmörders Lord Lisle, das zweite die Landung des Herzogs von Monmouth in England. Welchen Grad von Glauben ſoll ich dieſen Prophe⸗ zeiungen beimeſſen?« »Vollſtändigen Glauben, gnädigſter Herr.« „Ha, alſo wird mit dem alten Lisle nächſtens die Rech⸗ nung abgeſchloſſen werden?« „»Ehe noch zwei Monate vergehen, Hoheit, wird der Mörder eures erhabenen Vaters aufgehört haben zu leben.« „»Und der Sohn der Lucy Walters, dieſer intrigante James Crofts, den mein Bruder in einem ſchwachen Augen⸗ blicke zum Herzog von Monmouth ernannt, wann wird er ſein wahnſinniges Unternehmen ausführen?« „Noch ehe dieſes Jahr die Hälfte ſeines Laufes vollbracht hat— ſogar noch eher, wenn Ew. Hoheit es wünſcht.« »Und werde ich wenigſtens im Voraus von ſeinen Um⸗ trieben in Kenntniß geſetzt und von ſeinen Projecten fortwäh⸗ rend unterrichtet werden?« „Ja, gnädigſter Herr, Tag für Tag, Stunde für Stunde.« »Ihr haftet mir dafür mit eurem Kopfe— verſteht Ihr wohl?— mit eurem Kopfe!« „Ich thue noch mehr, gnädigſter Herr, ich ſchwöre es Der Tiger von Tanger. J. Euch bei der unbegrenzten Treue und Anhänglichkeit, welche ich für Ew. Hoheit hege.⸗ „Ja, ja, ich glaube an eure Hingebung und Treue, Jef⸗ freys— ja, ich glaube daran.“ Der Herzog machte eine kurze Pauſe, dann lächelte er auf eigenthümliche Weiſe, obſchon das Geräuſch des mühſamen Athmens ſeines Bruders bis zu ihm drang. „Jeffreys,« murmelte er,»Se. Majeſtät der König Carl II. hinterläßt mir, wenn Gott ihn zu ſich ruft, eine ſchwere Aufgabe zu erfüllen, ja, eine ſehr ſchwere Aufgabe. Ich werde der Mitwirkung aller mir treuen Diener bedürfen; ich rechne auf Euch. Was denkt Ihr von dem gegen die Ka⸗ tholiken erlaſſenen Geſetze, Mylord?« „Daß dieſe ungerechten und harten Geſetze dem Par⸗ lament, welches ſie beſchloß, eben ſo zur Schande gereichen, wie der Nation, welche ſie angenommen hat.“ „Gut, gut, Mylord, ich ſehe ſchon, wir werden uns ganz herrlich verſtehen. Später, bald werden wir dieſes Geſpräch wieder aufnehmen.— Ja, ganz gewiß, wir werden uns herr⸗ lich verſtehen. Auf baldiges Wiederſehen, Mylord!« Der König hatte, nachdem der Benedictinermönch Huddleſton ihm die Abſolution ertheilt und die heiligen Sterbe⸗ ſacramente gereicht, ein augenblickliches Wohlbefinden empfun⸗ den, welches aber leider von ſehr kurzer Dauer war. Als er ſein Ende herannahen fühlte, verlangte er, daß man ihm ſeine natürlichen Kinder zuführe, und man beeilte ſich ſeinen gerechten Wünſchen zu genügen. Die Herzoge von Grafton, von Southampton und von Northumberland, Söhne der Herzogin von Cleveland; der —,„— 179 Herzog von Saint⸗Albans, Sohn von Eleonore Gwyn, und der Herzog von Richmond, Sohn der gegenwärtigen Favoritin, Herzogin von Portsmouth, kamen und knieten vor ſeinem Bett nieder, um ſeinen letzten Segen zu empfangen. Nach dieſer rührenden Ceremonie genoß der König einige Augenblicke Ruhe. Gegen die Mitte der Nacht rief er ſeinen Bruder und empfahl ihm die Herzogin von Portsmouth und ihren Sohn aufs dringendſte. „Ich bitte Euch,« ſagte er mit bewegter Stimme,»ich bitte Euch inſtändig, laßt die arme Nelly nicht verhungern.« Am nächſtfolgenden Morgen war Carl II. durch das Leiden ſo ermattet, daß er kaum noch Kraft hatte, zu be⸗ fehlen, daß man die Vorhänge des Zimmers öffne. »Meine Herren,« ſagte er zu den Höflingen, indem er alle ſeine Kräfte zuſammennahm, um dieſe Worte auszuſpre⸗ chen und ein letztes Lächeln zu verſuchen, v»ich bitte Euch alle um Verzeihung und bin Euch ſehr dankbar für die Mühe und Beſchwerde, welche dieſe ſchlafloſe Nacht Euch bereitet hat. Wirklich, ich brauche lächerlich viel Zeit zum Sterben.« Dann winkte er den Herzog von York zu ſich heran, näherte ſeine durch die Annäherung des Todes ſchon entfärb⸗ ten Lippen ſo viel als möglich dem Ohr ſeines Bruders und murmelte: »Mein guter Jacob, wenn jemals der Herzog von Mon⸗ mouth deinen Thron angreifen ſollte, ſo vergiß nicht, daß er mein geliebter Sohn iſt— verzeihe ihm. Nicht wahr, Du verſprichſt mir es, Jacob?« Der Herzog von York ſchien durch das Uebermaß ſei⸗ nes Schmerzes verhindert zu werden, zu antworten, und der 180 durch dieſe letzte Anſtrengung ermattete König ließ ſeinen Kopf auf das Kiſſen zurückſinken und verlor das Bewußtſeyn. Mit dem Schlage zwölf Uhr Mittags rief die weithin ſchallende Stimme eines Wappenherolds in dem Thronſaale von Whitehall: »Der König iſt todt! Es lebe der König!« »Ja, es lebe Jacob der Zweite!« rief Jeffreys, indem er Chiffinch's Hand ergriff, in deſſen Zimmer er ſich ſeit einer Stunde befand.„Ja, er lebe und gedeihe, dieſer neue König! Das iſt der Herr, den wir Zwei brauchten, und Gott gibt ihn uns!« e Ende des erſten Theiles. runnxuurRN 14 15 16 17 18