3 von.. Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5— 4 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: —————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 —e 3 4 1 4 Der volfsführer. Roman von Alerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Gottlob Fink. Zweiter Band. S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. ——— 2 2 A ₰ — = OG 5 8 8 —½ 8 5 — 5 8 82 2 2 6 XII. Wasmaßen eine Frau niemals beredter ſpricht, als wenn ſie nicht ſpricht. Während ſeines Selbſtgeſprächs überhörte Thi⸗ bault einige Worte, welche Suſanna ganz leiſe zu Herrn Jean ſagte. Er ſah ſie bloß wie ohnmächtig dem Baron in die Arme ſinken. Der Amtmann blieb vor der ſeltſamen Gruppe, die ſein Wachsſtock beleuchtete, ſtehen. Da er ſich mit ſeinem Geſicht Thibault gegen⸗ über befand, ſo ſuchte dieſer in der Phyſiognomie des Herrn Magloire zu leſen, was in ſeinem In⸗ nern vorging. Aber das joviale Geſicht des Amtmanns war von der Natur ſo wenig zur Abſpiegelung extremer Er⸗ regungen geſchaffen, daß Thibault in der Miene des gutherzigen Eheherrn nichts Anderes als wohlwollen⸗ des Staunen zu erkennen vermochte. Offenbar konnte auch Herr Jean ſeinerſeits nichts Anderes darin leſen, denn mit einer Unbefangenheit, welche Thibault ganz wunderbar fand, rief er Herrn Magloire zu: ’1 „Nun, Herr Amtmann, wie ſteht's heute Abend mit dem Fläſchchen, alter Junge?“ „Ei wie! Ihr ſeid's, gnädiger Herr?“ antwor⸗ tete der Amtmann, indem er ſeine dicken Augen weit aufriß.„Bitte tauſendmal um Entſchuldigung! wenn ich mir hätte denken können, daß ich die Ehre haben würde, Euch hier zu treffen, ſo würde ich mir nicht erlaubt haben, in einem ſo unziemlichen Coſtüm zu erſcheinen.“ „Bah! bah! bah!“ „Doch, gnädiger Herr; erlaubt, daß ich ein we⸗ nig Toilette mache.“ „Nur keine Umſtände, lieber Freund,“ verſetzte Herr Jean;„nach der Abendglocke muß man doch ſeine Freunde ohne Ceremoniell empfangen können. Und dann gibt es hier etwas Dringenderes zu thun, Gevatter.“ „Was denn, gnädiger Herr?“ „Madame Magloire wieder zum Bewußtſein zu bringen, denn Ihr ſehet ja, daß ſie ohnmächtig in meinen Armen liegt.“ „Ohnmächtig! Suſanna ohnmächtig! O mein Gott!“ rief das gute Männchen, indem es ſein Licht aufs Kamin ſtellte;„wie iſt denn dieſes Unglück ge⸗ ſchehen?“ „Wartet, wartet, Herr Magloire,“ ſagte Herr Jean,„vor allen Dingen müſſen wir Eure Frau recht bequem in einen Lehnſtuhl legen; Nichts genirt die Frauen mehr als eine unbequeme Lage, wenn ſie das Unglück haben, in Ohnmacht zu fallen.“ „Ihr habt Recht, gnädiger Herr; wir wollen ſie vor Allem in einen Lehnſtuhl ſetzen. O Suſanna! — 5 Arme Suſanna! wie mag ihr doch dieſes Unglück widerfahren ſein?“ „Jedenfalls, lieber Gevatter, werdet Ihr hoffent⸗ lich nichts Böſes von mir denken, weil Ihr mich unter ſolchen Umſtänden und zu dieſer Stunde in Eurem Hauſe findet.“ „Das wird mir nie einfallen, gnädiger Herr,“ verſetzte der Amtmann;„die Freundſchaft, womit Ihr mich beehret, und die Tugend von Madame Magloire ſind mir genügende Bürgſchaften dafür, daß meine arme Wohnung, zu welcher Stunde es auch ſein möge, durch einen Beſuch von Euch nur geehrt werden kann.“ „Hal dreifacher Gimpel!“ murmelte der Holz⸗ ſchuhmacher,„wenn ich nicht vielleicht im Gegentheil ſagen ſoll: durchtriebener Kautz! Aber gleichviel, wir wollen ſehen, wie Du Dich jetzt aus der Schlinge ziehſt, gnädiger Herr Jean!“ „Nichtsdeſtoweniger,“ fuhr Herr Magloire fort, indem er ein Schnupftuch in Meliſſenwaſſer tauchte und ſeiner Frau die Schläfe damit einrieb,„möchte ich doch gerne erfahren, wie meiner guten Frau eine ſo heftige Erſchütterung zuſtoßen konnte.“ „O, die Sache iſt ganz einfach, und ich will Euch Alles erzählen, Gevatter. Ich war auf dem Heim⸗ weg von einem Diner bei meinem Freund, dem Herrn von Vivières, begriffen, und als ich durch Erneville ritt, ſah ich ein offenes Fenſter und an demſelben eine Frau, die mir angſtvoll zuwinkte.“ „O mein Gott!“ „Ja, ſo ſagte ich auch, als ich ſah, daß das Fenſter zu Eurem Hauſe gehörte. O mein Gott! —— ſagte ich, ſollte etwa die Frau meines lieben Amt⸗ manns in Gefahr ſchweben und Hülfe bedürfen 2“ „Ihr ſeid ſehr gütig, gnädiger Herr,“ ſagte der Amtmann ganz gerührt;„hoffentlich war es Nichts?“ „Im Gegentheil, Gevatter.“ „Wie ſo?“ „Ihr werdet es gleich ſehen.“ „Gnädiger Herr, Ihr macht mich ſchaudern. Wiel! meine Frau hatte Hülfe nöthig, und ſie rief mich nicht?“ „Das war freilich ihr erſter Gedanke geweſen, aber ſie hatte ihm keine Folge gegeben, und gerade das beweist ihr außerordentliches Zartgefühl, denn ſie fürchtete Euer koſtbares Leben in Gefahr zu brin⸗ gen, wenn ſie Euch riefe.“ „Potz Henker!“ ſagte der Amtmann erblaſſend, „ſollte mein koſtbares Leben, wie Ihr Euch auszu⸗ drücken die Güte habt, in Gefahr ſtehen?“ „Jetzt nicht mehr, weil ich da bin.“ „Aber was war denn vorgefallen, gnädiger Herr? Ich würde meine Frau darum fragen, aber Ihr ſehet, daß ſie mir noch nicht antworten könnte.“ „Ei, kann ich Euch denn nicht ſtatt ihrer ant⸗ worten?“ „So antwortet, gnädiger Herr, da Ihr dieſe Güte habt; ich bin ganz Ohr.“ Herr Jean nickte beifällig und fuhr fort: „Ich ſprengte alſo herbei, und da ich Madame Magloire ganz wirr vor Angſt erblickte, ſo fragte ich ſie: He, was gibt es denn? und was jagt Euch ſolchen Schrecken ein?— Ach, gnädiger Herr, ant⸗ wortete ſie mir, denkt Euch nur, mein Mann hat 4 — 7 vorgeſtern und heute einen Menſchen empfangen, von dem ich das Allerſchlimmſte fürchte.“ „Bah!“ „Einen Menſchen, der ſich unter dem Vorwand der Freundſchaft bei meinem lieben Magloire einge⸗ ſchlichen hat, und der mir den Hof macht.“ „Sie hat Euch das geſagt?“ „Wort für Wort, Gevatter; überdies kann ſie ja nicht hören, was wir ſprechen. Nicht wahr?“ „Nein, da ſie ohnmächtig iſt.“ „Nun denn, wenn ſie wieder zum Bewußtſein gekommen iſt, ſo fraget ſie aus, und wenn ſie Euch nicht Wort für Wort Alles wiederholt, was ich Euch ſage, ſo haltet mich für einen Ungläubigen, für einen Sarazenen, einen Türken.“ „O die Menſchen! die Menſchen!“ murmelte der Amtmann. „Ja, ſie ſind ein Otterngezüchte,“ fügte Her Jean hinzu.„Soll ich fortfahren, Gevatter?“ „Ja natürlich!“ ſagte der kleine Mann, der über ſeinem lebhaften Intereſſe an der Erzählung des Herrn Jean die Unziemlichkeit ſeines Coſtüms gänzlich vergaß. „Aber, Madame, ſagte ich dann zu meiner Ge⸗ vatterin, Madame Magloire, wie habt Ihr denn be⸗ merkt, daß der Schlingel die Frechheit hatte, Euch zu lieben?“ „Ja,“ ſagte der Amtmann,„wie konnte ſie das bemerken? Ich hatte Nichts bemerkt.“ „Ihr würdet es auch bemerkt haben, Gevatter, wenn Ihr unter den Tiſch geſchaut hättet; aber als alter Gourmand konntet Ihr nicht zu gleicher Zeit auf und unter den Tiſch ſehen.“ „Es iſt auch wahr, gnädiger Herr, wir hatten ein ganz vortreffliches Souper. Denkt Euch nur Cotelettes von Friſchlingen.“ „Ei, ei,“ ſagte Herr Jean,„jetzt wollt Ihr mir gar Euer Souper herſagen, ſtatt meine Erzählung vollends anzuhören, wo es ſich um Leben und Ehre Eurer Frau handelt.“ „Ja, wahrhaftig, die arme Suſanna! Gnädiger Herr, helfet mir doch ihre Hand aufbrechen, damit ich hinein tätſcheln kann.“ Herr Jean leiſtete dem Amtmann Hülfe und Bei⸗ ſtand, und den vereinigten Kraftanſtrengungen Bei⸗ der gelang es, Madame Magloire zu zwingen, daß ſie ihre Hand öffnete. 1 Der gute Alte, der jetzt ein wenig ruhiger war, begann mit ſeiner fleiſchigen Hand in die Hand ſei⸗ ner Frau zu tätſcheln, während er dem weiteren Ver⸗ lauf der ebenſo intereſſanten als wahrhaftigen Er⸗ zählung des Herrn Jean lauſchte. „Wo war ich?“ fragte der Erzähler. „Gnädiger Herr, Ihr waret bei dem Augenblick, wo meine arme Suſanna, die man mit Recht die keuſche Suſanna nennen kann...“ „O, Ihr könnt Euch deſſen rühmen!“ fiel Herr Jean ein. „Das thue ich auch. Ihr waret bei dem Augen⸗ blick, wo meine arme Suſanna bemerkte...“ „Ja, ja, daß Euer Gaſt, gleich dem Schäfer Paris, einen zweiten Menelaus aus Euch machen — * —,— — wollte; da ſtand ſie auf... Erinnert Ihr Euch, daß ſie aufſtand?“ „Nein, ich war vielleicht zu ſehr... zu ſehr... in Anſpruch genommen.“ „Ohne Zweifel! Da ſtand ſie auf und benerkie es ſei Zeit zum Schlafengehen.“ „Ehrlich geſtanden,“ ſagte der Amtmann jubelnd, „die letzte Stunde, die ich ſchlagen hörte, war elf Uhr.“ „Da ſtand man auf.“ „Ich nicht, glaube ich,“ ſagte der Amtmann. „Nein, aber Madame Magloire und Ener Gaſt. Man zeigte ihm ſein Zimmer, wohin Jungfer Per⸗ rine ihn führte, worauf Madame Magloire als zärt⸗ liche und getreue Ehegattin Euch in Euer Bett ſchaffte und dann auf ihr Zimmer ging.“— „Liebes Suschen!“ ſagte der Amtmann brei⸗ weich.— „Hier, auf ihrem Zimmer, als ſie ganz allein da war, bekam ſie Angſt; ſie ging ans Fenſter und öffnete es; der Wind drang herein und löſchte ihr Licht aus. Ihr wiſſet, was Angſt heißt, Gevatter?“ „Ja, ich bin ſehr ängſtlich,“ antwortete Herr Magloire naiv.— „Nun wohl, von dieſem Augenblick an bemäch⸗ tigte ſich ihrer die Angſt, und da ſie Euch nicht zu wecken wagte, weil ſie ein Unglück für Euch fürch⸗ tete, ſo rief ſie den nächſten beſten Ritter, der vor⸗ beikam. Dieſer Ritter war glücklicher Weiſe ich.“ „Ein großes Glück, gnädiger Herr!“ „Nicht wahr? Ich jagte heran und gab mich zu erkennen. Gnädiger Herr, kommt herauf! ſagte ſie, 10 kommt um Gottes willen ſchnell herauf! Ich glaube, es iſt ein Mann in meinem Zimmer.“ „O, o!“ ſagte der Amtmann,„da müßt Ihr ſchöne Angſt gehabt haben.“ „Ganz und gar nicht! Um keine Zeit mit Läu⸗ ten zu verlieren, befahl ich Munter, mein Pferd zu halten, ſtieg auf den Sattel, ſchwang mich von da auf den Balcon, und damit der im Zimmer verſteckte Mann nicht entfliehen konnte, ſchloß ich das Fenſter. In dieſem Augenblick war es, daß Madame Magloire, als ſie Eure Thüre aufgehen hörte, in Folge all' die⸗ ſer Aufregungen zuſammenbrach und ohnmächtig in meine Arme ſank.“ „Ach, gnädiger Herr,“ ſagte der Amtmann, „welch eine ſchreckliche Geſchichte!“ „Und merket Euch wohl, Gevatter, daß ich noch eher zu wenig als zu viel geſagt habe. Doch Ihr werdet ja ſehen, was Madame Magloire Euch ſagen wird, wenn ſie wieder zum Bewußtſein kommt.“ „Ei ſeht, gnädiger Herr, ſeht, ſie rührt ſich.“ „Das iſt gut! Verbrennet ihr jetzt eine Feder unter der Naſe, Gevatter.“ „Eine Feder?“ „Ja, das iſt ein unfehlbares Krampfmittel; ver⸗ brennet ihr eine Feder unter der Naſe, dann wird ſie wieder zu ſich kommen.“ „Aber wo eine Feder finden?“ fragte der Amtmann. „Hier nehmt die von meinem Hut.“ Und Herr Jean riß von der Straußenfeder, die ſeinen Hut ſchmückte, einige Franſen ab und gab ſie Herrn Magloire, der ſie am Licht verbrannte und ſeiner Frau den Rauch unter die Naſe hielt. 11 Das Mittel erwahrte ſich als unfehlbar, wie Herr Jean geſagt hatte. Die Wirkung war raſch. Madame Magloire nießte. „Ach!“ rief der Amtmann ſeelenvergnügt,„ſie kommt wieder zu ſich. Frau! liebe Fraul liebſtes Weibchen!“ Madame Magloire ſtieß einen Seufzer aus. „Gnädiger Herr! gnädiger Herr!“ rief der Amt⸗ mann,„ſie iſt gerettet!“ Madame Magloire ſchlug die Augen auf und ſah mit wirrer Miene bald Herrn Jean, bald den Amt⸗ mann an; endlich aber firirte ſie ihren Sehſtrahl auf Letzteren und ſagte: „Magloire! mein theurer Magloire! Ihr ſeid es alſo? O wie freue ich mich, Euch nach einem ſo böſen Traum wieder zu ſehen!“ „Welch eine ſchlaue Hexe!“ murmelte Thibault. „Wenn ich auch bei den Weibern, denen ich nach⸗ laufe, meine Zwecke nicht erreiche, ſo geben ſie mir doch wenigſtens ſehr gute Lectionen auf den Weg.“ „Ach, meine holde Suſanna,“ ſagte der Amt⸗ mann,„es iſt kein böſer Traum, ſondern eine ab⸗ ſcheuliche Wirklichkeit, wie es ſcheint.“ „Ich erinnere mich in der That...“ ſagte Ma⸗ dame Magloire. Dann that ſie, als ob ſie Herrn Jean erſt jetzt bemerkte, und fuhr fort:— „Ach, gnädiger Herr, ich hoffe doch, daß Ihr meinem Mann von all den Dummheiten, die ich Euch erzählte, Nichts geſagt habt.“ —— 12 „Und warum das, werthe Dame?“ fragte Herr Jean. „Weil eine ehrſame Frau ſich ſelbſt zu verthei⸗ digen weiß und ihrem Manne nicht mit ſolchen Narrenpoſſen die Ohren voll ſchwatzt.“ „Im Gegentheil, Madame,“ verſetzte Herr Jean, „ich habe meinem Gevatter Alles erzählt.“ „Wie! Ihr habt ihm geſagt, daß dieſer Menſch mir während der ganzen Mahlzeit unter dem Tiſch das Knie gedrückt hat?“ „Jal" „O der Elende!“ rief der Amtmann. „Ihr habt ihm geſagt, daß ich, als ich mich bückte, um meine Serviette aufzuheben, ſtatt meiner Ser⸗ viette ſeine Hand bekam?“ „Ich habe meinem Gevatter Magloire Nichts verſchwiegen.“ „O der Hallunke!“ rief der Amtmann. „Ihr habt ihm geſagt, daß, als Herr Magloire bei Tiſch eine Anwandlung von Schwäche bekam, ſo daß er die Augen ſchloß, ſein Gaſt dieſen Zeit⸗ punkt benützte, um mich mit Gewalt zu küſſen?“ „Ich habe geglaubt, daß ein Gatte dies alles erfahren müſſe!“ „O der ſchuftige Kerl!“ rief der Amtmann. „Endlich,“ vollendete die Dame,„habt Ihr ihm doch nicht geſagt, daß ich, als ich in mein Zimmer kam und der Wind mein Licht ausgeblaſen hatte, an dieſen Fenſtervorhängen hier eine Bewegung wahrzunehmen glaubte, ſo daß ich Euch zu Hülfe rief, weil ich fürchtete, er möchte dahinter ſtecken?“ ——————— — 4 d 13 „Nein, das habe ich ihm nicht geſagt, aber ich wollte es ihm gerade ſagen, als Ihr nießtet.“ „O der Bramarbas!“ heulte der Amtmann, in⸗ dem er den auf einem Stuhl liegenden Degen des Herrn Jean ergriff, aus der Scheide zog und auf das von ſeiner Frau bezeichnete Fenſter zulief,„warum ſteckt er nicht wirklich hinter dieſen Vorhängen? Ich würde ihn ſpicken wie einen Haſenrücken.“ Und er ſtieß in der That zwei oder dreimal in die Vorhänge. Aber auf einmal fuhr er zurück, als hätte er auf eine Schlange getreten. Seine Haare ſträubten ſich unter der baumwol⸗ lenen Nachtmütze, und die eheliche Kopfbedeckung wurde krampfhaft erſchüttert. Der Degen entglitt ſeiner zitternden Hand und fiel klirrend auf den Boden. Er hatte Thibault hinter den Vorhängen bemerkt, und wie Hamlet den Polonius tödtet in der Mei⸗ nung, den Mörder ſeines Vaters vor ſich zu haben, ſo hatte er im feſten Glauben, daß er ins Leere ſtoße, beinahe ſeinen Freund von vorgeſtern getödtet, der bereits Zeit gehabt hatte, ein undankbarer Freund zu ſein. Indeſſen war der Amtmann, da er mit der Degenſpitze den Vorhang in die Höhe gehoben hatte, nicht der Einzige geweſen, der Thibault ſah. Die Dame und Herr Jean ſahen ihn gleichfalls und ſtießen beide einen Schrei der Ueberraſchung aus. Sie hatten bei ihrer Erzählung nicht gewußt, daß ſie ſo wahr ſprachen. y—— 14 Herr Jean hatte nicht bloß einen Mann erkannt, ſondern er hatte auch Thibault erkannt. „Gott verdamm' mich!“ ſagte er auf ihn zutre⸗ tend,„ich täuſche mich nicht, und dies iſt mein alter Bekannter, der Mann mit dem Spieß.“ „Wie ſo? der Mann mit dem Spieß?“ fragte der Amtmann unter Zähneklappern,„ich hoffe jeden⸗ falls, daß er ſeinen Spieß nicht bei ſich hat.“ Und er ſuchte eine Zuflucht hinter ſeiner Frau. „Nein, nein, beruhigt Euch,“ ſagte Herr Jean; „und wenn er ſeinen Spieß auch bei ſich hätte, ſo würde ich ihn aus ſeinen Händen zu reißen wiſſen.“ „Ha, Herr Wilderer,“ fuhr er dann gegen Thi⸗ bault fort,„Ihr begnüget Euch nicht damit, die Rehe des Herrn Herzogs von Orleans im Wald von Villers⸗Coterets zu jagen, Ihr macht auch Ausflüge in die Ebene und jaget im Revier meines Gevatters, des Amtmanns Magloire!“ „Wie ſo, Wilderer?“ fragte der Amtmann.„Iſt denn Herr Thibault nicht ein ehrlicher Gutsbeſitzer, der in ſeinen ländlichen Wohnung von dem Ertrag von hundert Morgen Landes lebt?“ „Er!“ ſagte Herr Jean unter lautem Lachen; „er hat Euch das weißgemacht, wie es ſcheint. O, der Schurke hat Gold auf der Zunge. Er ein Guts⸗ beſitzer, dieſer arme Schlucker! Meine Stallknechte tragen ſeine Beſitzungen an ihren Füßen; er macht nämlich Holzſchuhe.“ Als Frau Suſanna die Qualität Thibaults nen⸗ nen hörte, ſchnitt ſie eine wegwerfende Grimaſſe. Herr Magloire trat einen Schritt zurück und er⸗ röthete. ————³—— „ 15 Gleichwohl war das brave Männchen ganz und gar nicht ſtolz; nein, aber er haßte den Betrug. Er ſchämte ſich nicht, daß er mit einem Holzſchuh⸗ macher, ſondern daß er mit einem Lügner und Ver⸗ räther gezecht hatte. Thibault hatte dieſe ganze Lawine von Beſchimpfun⸗ gen mit gekreuzten Armen und lächelnden Lippen über ſich ergehen laſſen. Er war feſt überzeugt, daß er, ſobald er nur ſprechen wollte, leicht ſeine Revanche nehmen könnte. Er glaubte den Augenblick gekommen. In frechem Tone, welcher bewies, daß er ſich all⸗ mälig an die Unterhaltung mit Leuten höheren Stan⸗ des gewöhnte, ſagte er: „Bei den Hörnern des Teufels, wie Ihr ſo eben ſagtet, gnädiger Herr, wißt Ihr auch, daß Ihr ganz unbarmherzig herausſchwatzet, und daß ich, wenn Jedermann das thun wollte, vielleicht nicht ſo ver⸗ legen wäre, als ich jetzt abſichtlich ausſehe?“ Herr Jean beantwortete dieſe für ihn ſelbſt und die Amtmännin vollkommen verſtändliche Drohung damit, daß er den Holzſchuhmacher mit zornvollen Blicken maß. „O,“ ſagte Madame Magloire etwas voreilig, „Ihr werdet ſehen, daß er irgend eine Schändlich⸗ keit gegen mich erdichten wird.“ 2 „Ihr könnt ruhig ſein, Madame,“ ſagte Thibault, der ſeine Seelenruhe wieder vollſtändig gewonnen hatte,„was Schändlichkeiten betrifft, ſo habt Ihr mir Nichts zu erdichten übrig gelaſſen.“ 8 „O der boshafte Menſch!“ rief Frau Suſanne „Ihr ſeht's, ich täuſchte mich nicht; er hat irgen 16 eine Verleumdung gegen mich ausgeheckt; er will ſich rächen, weil ich ſeine Liebesblicke mit Verachtung ab⸗ gewieſen habe; er will mich dafür ſtrafen, daß ich meinem Manne Nichts von ſeiner Hofmacherei ſagen wollte.“ Während Frau Suſanna ſo ſprach, hatte Herr Jean ſeinen Degen aufgehoben und ging auf Thi⸗ bault zu. Aber der Amtmann warf ſich zwiſchen Beide und hielt den Arm des Barons zurück. Dies war ein Glück, denn Thibault wich keinen Schritt zurück, um dem Stoß auszuweichen, und ohne Zweifel wollte er der Gefahr, die ihm drohte, durch irgend einen ſchrecklichen Wunſch zuvorkommen. Aber die Einſchreitung des Amtmanns erſparte ihm die Nothwendigkeit des Wunſches. „Beruhiget Euch, gnädiger Herr,“ ſagte Ma⸗ gloire,„dieſer Menſch iſt unſern Zorn nicht werth. Seht, ich bin bloß ein ſchlichter Bürgersmann, und dennoch verachte ich ſein Gerede, wie ich ihm auch den Mißbrauch verzeihe, den er von meiner Gaſt⸗ freundſchaft machen wollte.“ Madame Magloire glaubte, dies ſei der Mo⸗ ment, die Sachlage mit einigen Thränen anzu⸗ feuchten. Sie ſchluchzte laut. „Weine nicht, Frau,“ ſagte der Amtmann mit ſeiner ſanften und naiven Freundlichkeit,„was könnte dieſer Menſch Euch zur Laſt legen, wenn er Euch je anklagen wollte? Etwa Untreue gegen mich? O mein Gott, wenn Ihr trotz meiner Leibesbeſchaffenheit noch keine ſolche begangen habt, ſo muß ich Euch 17 Lob und Dank ſagen für all die ſchönen Tage, die Ihr mir bereitet habt. Fürchtet alſo nicht, daß ich fürchte, und daß die Beſorgniß vor einem eingebil⸗ deten Uebel meine Geſinnung ändern könnte. Wenn man gering und unanſehnlich iſt, ſo thut man am beſten, ſeinen Rücken hinzuhalten und zu vertrauen; dann braucht man nur noch die ſchlechten und nieder⸗ trächtigen Leute zu fürchten, und ich hege die glück⸗ liche Ueberzeugung, daß dieſe weniger zahlreich ſind, als man glaubt. Und mag am Ende auch der Un⸗ glücksvogel zur Thüre oder zum Fenſter hereinkom⸗ men, bei St. Gregor, dem Schutzpatron der Trinker, ich werde dann mit lauter luſtigen Liedern und fröh⸗ lichem Gläſergeklirr einen ſolchen Lärm aufſchlagen, daß er wieder da hinausgehen muß, wo er herein⸗ gekommen iſt.“ Frau Suſanna hatte ſich dem guten Männchen zu Füßen geworfen und küßte ſeine Hände. Augenſcheinlich hatte der melancholiſch philoſo⸗ phiſche Vortrag des Amtmanns einen größeren Ein⸗ druck auf ſie gemacht, als die Vorſtellungen des be⸗ redteſten Predigers hätten thun können. Alles ſchien gerührt, ſelbſt Herr Jean. Er wiſchte mit der Fingerſpitze eine Thräne ab, die im Winkel ſeines Auges perlte. Dann ſtreckte er dem Amtmann ſeine Hand hin und ſagte: „Beim Herrn Belzebub, Ihr ſeid ein verſtändiger Mann und habt ein gutes Herz, Gevatter; es wäre ſündhaft, Eure Stirne mit Kummer zu belaſten; wenn ich alſo jemals einen ſchlechten Gedanken gegen Euch gehabt habe, ſo möge Gott ihn mir verzeihen. Dumas, der Wolfsführer. II. 2 18 Aber jedenfalls ſchwöre ich Euch, daß ich in Zukunft keinen ſolchen mehr haben will.“ Während dieſer Vertrag der Reue und Verzeihung unter den drei Nebenperſonen unſerer Erzählung wieder vollkommene Harmonie herſtellte, wurde die Stellung der vierten Perſon, d. h. der Hauptperſon, immer reicher an Verlegenheiten. Thibaults Herz ſchwoll von Wuth und Haß. Ohne daß er ſelbſt den Fortſchritt bemerkte, wurde er aus einem neidiſchen Egoiſten ein böſer Menſch. „Ich weiß nicht,“ rief er auf einmal, indem ſeine Augen Blitze ſprühten,„ich weiß nicht, warum ich nicht dieſem ganzen Spuck da mit Schrecken ein Ende mache.“ Aus dieſem Ausruf, der einer Drohung glich, und beſonders aus dem Tone, womit er vorgebracht wurde, erſahen Herr Jean und Frau Suſanna, daß irgend eine große, unbekannte, unerhörte Gefahr über ihren Häuptern ſchwebte. 3 Herr Jean war indeß nicht leicht einzuſchüchtern. Zum zweiten Mal ſchritt er mit ſeinem Degen in der Fauſt auf Thibault zu. 2 Zum zweiten Mal fiel ihm der Amtmann in den rm. err Jean! Herr Jean!“ murmelte Thibault, „das iſt jetzt das zweite Mal, daß Du den Wunſch haſt, mir Deinen Degen durch den Leib zu rennen, folglich biſt Du in Gedanken ſchon zum zweiten Mal 3 ein Mörder. Nimm Dich wohl in Acht, man ſün⸗ digt nicht bloß durch die That.“ 3 „Tauſend Teufel!“ 1 der Baron außer ſich, „ich glaube faſt, der Kerl will mir noch Moral leſen. 19 Gevatter, Ihr wolltet ihn ſo eben ſpicken wie einen Haſen; erlaubet mir jetzt, daß ich ihm einen einzigen Stich verſetze, wie der Stierkämpfer ſeiner Beſtie, und ich ſtehe Euch dafür, daß er ſich nicht mehr vom Boden erheben wird.“ „Aus Rückſicht auf Euren armen Diener, der Euch kniefällig bittet,“ ſagte der Amtmann,„laßt ihn im Frieden ziehen, gnädiger Herr, und bedenket gnädigſt, daß ihm als meinem Gaſt in meinem ar⸗ men Hauſe kein Leid widerfahren darf.“ „Meinetwegen,“ antwortete Herr Jean,„aber ich werde ihn ſchon wieder finden. Es gehen ſeit einiger Zeit ſchlimme Gerüchte über dieſen Burſchen, und das Wildern iſt nicht das einzige Verbrechen, deſſen man ihn beſchuldigt; man hat ihn in Beglei⸗ tung von wunderbar zahmen Wölfen durch die Wälder ziehen geſehen; ich glaube, daß der Kerl nicht jede Sabbatnacht in ſeinem Hauſe ſchläft, und daß er häufiger, als es einem guten Katholiken zu⸗ kommt, auf einem Beſenſtiel reitet; die Müllerin von Coyolles hat ſich, erzählt man mir, über ſeine Zaubereien beklagt; es iſt für jetzt ſchon gut, ſpre⸗ chen wir nicht mehr davon; ich werde ſeine Woh⸗ nung durchſuchen laſſen, und wenn ich nicht Alles in Ordnung finde, ſo laſſe ich dieſe Zauberhöhle zer⸗ ſtören, die ich in den Domänen des Herrn Herzogs von Orleans nicht länger dulden will. Jetzt mach Dich aus dem Staub, und zwar ſchnell!“ Die Erbitterung des Holzſchuhmachers hatte wäh⸗ rend dieſer drohenden Warnungspredigt des Herrn Jean ihren höchſten Gipfel erreicht. Gleichwohl benützte er den Weg, der ihm geöff⸗ net wurde, um das Zimmer zu verlaſſen. Mit ſeiner Fähigkeit, im Finſtern zu ſehen, ging er geradewegs nach der Hausthüre, öffnete ſie, und als er die Schwelle dieſer Wohnung überſchritt, wo er ſo ſüße Hoffnungen auf immer begraben zurück⸗ ließ, ſchlug er die Thüre ſo heftig hinter ſich zu, daß das ganze Haus zitterte. Er mußte ſich wirklich den ganzen nutzloſen Auf⸗ wand an Wünſchen und Haaren, den er an dieſem Abend gemacht hatte, vor Augen halten, um nicht zu verlangen, daß das Haus ſammt allen darin be⸗ findlichen Perſonen in Flammen aufgehen ſolle. Erſt nach zehn Minuten bemerkte Thibault, was für Wetter es war. Es regnete furchtbar. Aber dieſer Regen ſchien, obſchon er eiskalt war, und gerade weil er das war, Thibault wohl zu thun. Wie der gute Magloire in ſeiner Naivetät geſagt hatte, ſein Kopf flammte. Als Thibault vom Hauſe des Amtmanns heraus⸗ gekommen war, hatte er ſich aufs Gerathewohl ins Freie hinaus geſtürzt. Jeder Ort war ihm gleich lieb. Er ſuchte nur offenen Raum, friſche Luft und Bewegung. Sein unſteter Lauf führte ihn zuerſt ins Thal von Walue. Aber er bemerkte ſelbſt nicht, wo er war, bis er in der Ferne die Mühle von Coyolles erblicte. Er ſchleuderte im Vorbeigehen einen ſtillen Fluch gegen die ſchöne Müllerin, lief wie raſend zwiſchen 8 kle le war, hun. eſagt raus⸗ l ins t und Thal bis er bis d Fluch wiſchen 21 Vauciennes und Coyolles durch, und als er eine große ſchwarze Maſſe vor ſich erblickte, ſtürzte er ſich hinein. Dieſe ſchwarze Maſſe war der Wald. Der Weg von Ham, der von Coyolles nach Preciamont führt, lag vor ihm. Er ſchlug ihn aufs Gerathewohl ein. XIII. Eine Dorfhochzeit. Kaum hatte Thibault fünfhundert Schritte im Wald gemacht, als er ſich wieder mitten unter ſeinen Wölfen befand. Er freute ſich, ſie wieder zu ſehen. Er ging langſamer. Er rief ſie. Die Wölfe drängten ſich um ihn. Thibault liebkoste ſie, wie ein Schäfer ſeine Läm⸗ mer, wie ein Rüdenknecht ſeine Hunde liebkost. Dies war ſeine Heerde, dies war ſeine Meute. Eine Heerde mit blitzenden Augen, eine Meute mit flammenden Blicken. Ueber ihm, unter den dürren Zweigen umher hüpften oder flatterten die Nachteulen mit ihrem kläglichen Geheul und die Käuzchen mit ihrem melan⸗ choliſchen Gekrächze. Und auf den Zweigen ſah man, geflügelten Koh⸗ len gleich, die Augen der Nachtvögel funkeln. 22 Thibault ſchien der Mittelpunkt eines hölliſchen Kreiſes zu ſein. Wenn die Wölfe ſich liebkoſend zu ſeinen Füßen niederlegten, ſo ſchienen ſich auch die Eulen und Käuze zu ihm angezogen zu fühlen. Die Eulen ſtreiften ſeine Haare mit den Spitzen ihrer geräuſchloſen Flügel. Die Käuze ſetzten ſich auf ſeine Schultern. „Ahl ah!“ murmelte Thibault,„ich bin alſo doch nicht mit der ganzen Schöpfung verfeindet; wenn die Menſchen mich verabſcheuen, ſo lieben mich die Thiere.“ Thibault vergaß, welchen Rang dieſe Thiere, die ihn liebten, in der Kette der geſchaffenen Weſen ein⸗ nahmen. Er dachte nicht mehr daran, daß dieſe Thiere, die ihn liebten, die Thiere waren, welche den Menſchen haſſen, und die der Menſch verflucht. Er überlegte nicht, daß dieſe Thiere ihn liebten, weil er unter den Menſchen daſſelbe geworden war, was ſie unter den Thieren waren: Ein Geſchöpf der Nacht; Ein Räuber. Mit Hülfe all dieſer Thiere zuſammen konnte Thibault nicht das mindeſte Gute thun. Dagegen konnte er viel Böſes thun. Thibault freute ſich über das Böſe, was er thun konnte. Er war noch eine Stunde von ſeiner Hütte entfernt. Er fühlte ſich müde. Er wußte in der Nähe eine große hohle Eiche; er orientirte ſich und ging nach dieſem Baume zu. ——— — Er hätte jedoch den Weg nicht gefunden ohne ſeine Wölfe, die ſeine Gedanken zu durchſchauen und zu errathen ſchienen, was er ſuchte. Während die Eulen und Käuze von Zweig zu Zweig hüpften, gleich⸗ ſam um ihm zu leuchten, trotteten die Wölfe vor ihm her, um ihm den Weg zu zeigen. Der Baum war zwanzig Schritte von der Straße ab. Es war, wie wir geſagt haben, eine alte Eiche, die lüt nach Jahren, ſondern nach Jahrhunderten zählte. Die Bäume, die zehn, zwanzig, dreißig Menſchen⸗ leben währen, zählen nicht, wie die Menſchen, nach Tagen und Nächten, ſondern nach Jahreszeiten. Der Herbſt iſt ihre Abenddämmerung, der Win⸗ ter iſt ihre Nacht. Der Frühling iſt ihr Morgenroth, der Sommer ihr Tag. Der Menſch beneidet den Baum, die Eintags⸗ fliege beneidet den Menſchen. Den Stamm der alten Eiche hätten kaum vierzig Männer mit ihren Armen umſpannt. Die Höhlung, welche die Zeit hineingegraben hatte, indem ſie mit ihrer Sichel täglich ein Stück⸗ chen Holz abhieb, war ſo groß wie ein gewöhnliches Zimmer. Gleichwohl war der Eingang kaum weit genug für einen Mann. Thibault ſchlüpfte hinein. Er fand mitten in den Stamm eine Art von Sitz eingehauen, ſetzte ſich darauf ſo bequem und behag⸗ lich, wie in einem Lehnſtuhl à la Voltaire, wünſchte ſeinen Wölfen und Eulen gute Nacht, ſchloß ſeine 24 Augen und ſchlief ein oder ſchien wenigſtens einzu⸗ ſchlafen. Die Wölfe lagerten ſich im Kreis um den Baum herum. 3 Die Eulen und Käuze ſetzten ſich auf die Zweige. Mit dieſen zu ihren Füßen verbreiteten und auf ihren Zweigen zerſtreuten Lichtern glich die Eiche einer großen, für irgend ein hölliſches Feſt illumi⸗ nirten Eibe. Es war heller Tag, als Thibault erwachte. Die Wölfe waren längſt nach ihren Höhlen, die Eulen und Käuze nach ihren Ruinen zuruckgekehrt. Vom geſtrigen Regen war keine Spur mehr vor⸗ handen. Ein Sonnenſtrahl, einer jener noch blaſſen Strah⸗ len, in denen man aber gleichwohl ſchon Vorboten des Frühlings erkennt, glitt zwiſchen den entlaubten Baumzweigen durch und beglänzte, wenn auch kein Jahresgrün, das noch fehlte, ſo doch des Ginſters düſteres Immergrün. Man hörte in der Ferne Muſik. Allmälig aber kam ſie näher, und man konnte deutlich erkennen, daß das Concert mit zwei Geigen und einer Hoboe aufgeführt wurde. Thibault glaubte Anfangs zu träumen. Aber da es heller Tag war und er ſich im Voll⸗ genuß ſeiner geiſtigen Fähigkeiten befand, ſo mußte er bald begreifen, daß er vollkommen wach war, zu⸗ mal da, nachdem er ſich die Augen gehörig ausge⸗ rieben hatte, um ſich der Wahrheit zu verſichern, die ländlichen Töne, die er vernommen, vollkommen deutlich an ſein Ohr gelangten. ——, 25 Sie näherten ſich ihm raſch. Ein Vogel beantwortete das menſchliche Concert mit dem Concert Gottes. Allerdings glänzte eine Blume, ein Schneeglöck⸗ chen, gleich einem Stern am Fuße des Buſches, wo der Vogel ſang. Der Himmel war blau wie an einem Apriltag. Was wollte doch dieſes Frühlingsfeſt mitten im Winter bedeuten? Der Geſang des Vogels, der dieſen ungehofften Tag begrüßte, der Glanz dieſer Blume, die ihre Krone ſchillern ließ, um der Sonne für den freund⸗ lichen Beſuch zu danken, dieſes feſtliche Getöne, das dem unglücklichen Verdammten bewies, daß die Men⸗ ſchen ſich mit der übrigen Natur vereinigten, um glücklich zu ſein unter dem blauen Himmelsdach, die⸗ ſer ganze Blumenſtrauß von Freude, dieſe ganze Garbe von Glück machte Thibault nur noch übellau⸗ niſcher, ſtatt ihn zu ruhigeren Geſinnungen zurückzu⸗ führen. Er hätte die ganze Welt düſter und ſchwarz ſehen mögen, wie ſeine eigene Seele war. Er wollte Anfangs vor dem ländlichen Concert, das immer näher kam, fliehen. Aber es ſchien ihm, als wären ſeine Füße durch eine Macht, die ſtärker war als ſein Wille, auf den Boden feſtgenagelt. Er vertiefte ſich alſo wieder in ſeiner hohlen Eiche und wartete. Man hörte lautes Gejauchze und luſtige Lieder zwiſchen der Muſik der Geigen und der Hoboe durch⸗ tönen. 26 Von Zeit zu Zeit krachte ein Flintenſchuß oder ging eine Sprengbüchſe los. Thibault begriff, daß all dieſes fröhliche Gelärme eine Dorfhochzeit verkündete. In der That ſah er hundert Schritte von ſich, am äußerſten Ende der langen Straße von Ham, einen Zug von feſtlich gekleideten Leuten herankom⸗ men, mit langen Bändern von allen Farben, die bei den Frauenzimmern in ihren Gürteln, bei den Manns⸗ perſonen auf ihren Hüten und in ihren Knopflöchern prangten. Voraus gingen die Spielleute; Dann einige Bauern und unter ihnen Leute in einer Livree, welche Thibault als die des Herrn Jean erkannte; Sodann Engoulevent, der Rüdenknechtslehrling, der eine alte blinde Frau, die wie die andern bebän⸗ dert war, am Arm führte; Sodann der Haushofmeiſter des Schloſſes Vez, der wahrſcheinlich den Vater des kleinen Hundejungen vertrat und die Braut am Arm hatte. Auf dieſe Braut heftete Thibault vergebens ſeine wirren Augen. Er wollte ſie lange nicht erkennen. Endlich aber, als ſie ihm auf dreißig oder vier⸗ zig Schritte nahe kam, mußte er ſie erkennen. Dieſe Braut war Agnelette. Agnelette! Und was Thibault am meiſten demüthigte, was ſeinem Hochmuth vollends den Boden ausſchlug, Agnelette mußte nicht, bleich und zitternd, mit Ge⸗ walt zum Altar geſchleppt werden, ſie ſchien keinem ———.—,———— ——— —.,————— — 1 8 ‿— er⸗ as g, e⸗ em 27 Bedauern, keiner ſchmerzlichen Erinnerung Raum zu geben, ſondern ſie war freudvoll, wie der Vogel, der ſang, wie das Schneeglöckchen, das blühte, wie der Sonnenſtrahl, der ſchimmerte; ſie war ganz ſtolz auf ihr Kränzchen von Orangeblüthe, auf ihren Tüll⸗ ſchleier, auf ihr Mouſſelinkleid; ſie war ganz weiß und lächelte holdſelig, wie die Mutter Gottes in der Kirche von Villers⸗Coterets, wenn man ihr am Pfingſt⸗ tag ihr ſchönes weißes Kleid anlegt. Ohne Zweifel verdankte ſie all dieſen Luxus der Burgdame von Vez, der Frau des Herrn Jean, die, was Almoſen und Wohlthätigkeit betraf, eine wahre Heilige war. Was Annelette ſo vergnügt machte und ihrem Geſicht ein ſo holdſeliges Lächeln gab, das war keine übergroße Liebe zu ihrem künftigen Manne, ſondern das Bewußtſein, das gefunden zu haben, was ſie ſo heiß erſehnte, was Thibault ihr verſprochen, aber ſchändlicher Weiſe nicht gegeben hatte, eine Stütze für ihre alte, blinde Großmutter. Die Muſikanten, das Brautpaar, die Brautfüh⸗ rer und Brautjungfern kamen zwanzig Schritte von Thibault auf der Straße vorbei, ohne dieſen flam⸗ menhaarigen Kopf, dieſe blitzenden Augen zu ſehen, die aus der Höhlung ſeines Baumes hervorſchauten. Thibault hatte ſie durch den Hochwald einher⸗ kommen geſehen und ſah ſie jetzt wieder im Hochwald verſchwinden. Er hatte das Getöne der Geigen und der Hoboe allmälig ſtärker werden gehört, jetzt hörte er es allmälig verklingen. 28 Nach Verlauf einer Viertelſtunde war der Wald wieder öde geworden. Thibault war mit ſeinem ſingenden Vogel, ſeiner blühenden Blume, ſeinem ſchimmernden Sonnenſtrahl zurückgeblieben. Nur hatte ſich in ſeinem Herzen eine neue Hölle entzündet, die ſchrecklichſte von allen, diejenige, deren Schlangen das Herz mit den ſpitzeſten Zähnen zer⸗ fleiſchen und ihm das ätzendſte Gift einträufeln: die Hölle der Eiferſucht. Als er Agnelette ſo friſch, ſo liebreizend, ſo naiv vergnügt wiederſah, und zwar in dem Augenblick, wo ſie für immer einem Andern gehören ſollte, da bildete ſich Thibault, der ſeit drei Monaten nicht mehr an ſie gedacht, der niemals im Sinn gehabt hatte, ihr ſein Verſprechen zu halten, Thibault bil⸗ dete ſich ein, daß er nie aufgehört habe, ſie zu lieben. Ihm war, als ſei Agnelette durch einen Eid an ihn gebunden, als raube Engoulevent ihm ſeinen Schatz.— Es fehlte nicht viel, ſo wäre er aus ſeinem Ver⸗ ſteck hervorgeſprungen, um dem Mädchen ihren Ver⸗ rath vorzuhalten. Die ihm entgehende Agnelette hatte ſo eben in ſeinen Augen Tugenden und Vorzüge erworben, an die er gar nicht gedacht hatte, als er nur ein Wort zu ſagen brauchte, um ſie zu beſitzen. Nach all den Täuſchungen, die er erfahren hatte, auch noch das zu verlieren, was er als einen ganz ſichern Schatz betrachtete, zu welchem er immer noch rechtzeitig zurückkommen könnte, weil Niemand daran ——— 29 denken würde, ihn darum zu beneiden, das erſchien ihm als ein letzter und zermalmender Schickſals⸗ ſchlag. Seine Verzweiflung war ſtumm, aber darum nur um ſo düſterer und tiefer. Er zerbiß ſeine Fäuſte, er zerſchlug ſich den Kopf an den Wänden des Baumes, ja er weinte ſogar und ſchluchzte. Aber dieſe Thränen und Wehklagen gehören nicht zu denjenigen, die das Herz rühren und dadurch häufig den Uebergang von einem ſchlechten zu einem guten Gefühl vermitteln; nein, ſie wurden mehr durch Zorn und Wuth als durch Bedauern hervor⸗ gerufen und konnten den Haß nicht aus Thibaults Seele bannen. Es war ihm, als ob zu gleicher Zeit, wo die eine Hälfte der Thränen ſich nach außen ergoß, die andere Hälfte nach innen flöße und gleich Galle⸗ tropfen auf ſein Herz zurückfiele. Er log ſich vor, daß er Agnelette anbete. Er erhob Wehklagen, daß er ſie verloren. Allein die Zärtlichkeit des Wüthenden hätte ſich ſehr gerne darein geſunden, Agnelette ſammt ihrem Bräutigam am Fuße des Altars, wo der Prieſter ſie eben vereinen ſollte, todt niederſtürzen zu ſehen. Glücklicher Weiſe geſtattete Gott, welcher den beiden Leutchen andere Prüfungen zudachte, nicht, daß der unheilvolle Wunſch bei Thibault förmlich zur Reife kam. Unſere Brautleute befanden ſich alſo in derſelben Lage, wie ein Menſch, der in einem Gewitter das Donnergetöſe hört und die Blitze um ſich her züngeln 30 ſieht, aber das Glück hat von dem tödtlichen Fluidum nicht getroffen zu werden. Bald ſchämte ſich Thibault ſeiner Thränen und Seufzer. Er drängte die einen in ſeine Augen, die andern in ſeine Bruſt zurück. Er verließ ſein Nachtlager mit wüſtem Kopf und lief wie beſeſſen nach ſeiner Hütte. Der angeſtrengte Lauf that ihm wohl. Er machte in weniger als einer Viertelſtunde eine halbe Meile. Endlich erkannte er die Umgebungen ſeiner Hütte. Er trat hinein, wie ein Tiger in ſeine Höhle tritt, er ſchloß die Thüre hinter ſich und kauerte ſich im dunkelſten Winkel des armſeligen Häuschens nieder. Die Ellbogen auf die Kniee, das Kinn auf die Handgelenke geſtemmt, begann er jetzt nachzuſinnen. Welcher Art waren die Betrachtungen des ver⸗ zweifelten Geſellen? Fraget Milton, welche Gedanken Satan nach ſeinem Fall hatte. Er dachte an jene Träume, welche von jeher ſei⸗ nen Geiſt verwirrt, welche ſo viele Menſchen vor ihm in Verzweiflung geſtürzt hatten und ſo viele nach ihm der Verzweiflung preisgeben ſollten. Warum werden die Einen ſchwach geboren und die Andern mächtig? Warum ſolche Ungleichheit in einer Sache, die in allen Schichten der Geſellſchaft ſo gleichförmig vor ſich geht, wie die Geburt? Wie läßt ſich dieſes Spiel der Natur verbeſſern, —— — 252—j, hle ſich ens en. dr⸗ ach ſei⸗ ihm rach und in vor ern, 31 bei welchem der Zufall ewig gegen den Menſchen hält? Natürlich, hatte er gedacht, wenn man es macht wie die gewandten Spieler, wenn man den Teufel auf ſeine Seite bringt. Wenn man betrügt. Er hatte dies auch gethan. Aber was hatte ihm ſein Betrügen genützt? So oft er ein ſchönes Spiel gehabt, ſo oft er ſich des Gewinns ſicher geglaubt, hatte immer der Teu⸗ fel gewonnen. Welchen Vortheil hatte ihm dieſe unſelige Macht, Böſes zu thun, die er ihm eingeräumt hatte, einge⸗ tragen? Ganz und gar keinen. Agnelette war ihm entgangen. Die Müllerin hatte ihn aus dem Hauſe gejagt. Die Amtmännin hatte ihn verhöhnt. Sein erſter Wunſch hatte dem armen Markotte den Tod gebracht, aber ihm ſelbſt nicht einmal einen Schlegel von jenem Damhirſch eingetragen, nach welchem er ſich ſo ſehr geſehnt, und der den Aus⸗ gangspunkt ſeiner getäuſchten Wünſche gebildet hatte. Er hatte dieſen Damhirſch den Hunden des Herrn Jean überlaſſen müſſen, um ſie in Betreff des ſchwarzen Wolfes auf eine falſche Fährte zu leiten. Und dann hatten ſich dieſe Teufelshaare ganz ſchrecklich vermehrt. Es ging damit wie mit der Forderung jenes Ge⸗ lehrten, der ein Getreidekorn multiplicirt mit den vierundſechzig Feldern des Schachbretts verlangt hatte; 32 es waren zehntauſend geſegnete Erntejahre nöthig, um das letzte Feld zu füllen. Wie viele Wünſche blieben ihm denn noch übrig? Höchſtens ſieben oder acht. Er wagte ſich nicht mehr anzuſehen. Er wagte es ebenſo wenig, in die Quelle zu blicken, die an einem Baum im Walde rieſelte, als in den Spiegel, der an ſeiner Wand hing. Er fürchtete ſich ſelbſt allzu getreue Rechenſchaft über die Dauer ſeiner Macht abzulegen. Er wollte lieber in der Nacht bleiben, als die furchtbare Morgenröthe ſehen, die jenſeits dieſer Nacht aufgehen ſollte. Gleichwohl mußte es ein Mittel geben, die Sache ſelbſt irgend einen Vortheil brachte. Er meinte, wenn er eine wiſſenſchaftliche Er⸗ ziehung genoſſen hätte, ſtatt ein armer Holzſchuh⸗ macher zu ſein, der kaum leſen und rechnen konnte, ſo würde er in der Wiſſenſchaft Combinationen ge⸗ Glück verholfen hätten.— Armer Thor! Wäre er gelehrt geweſen, ſo hätte er die Sage vom Doctor Fauſt gekannt. Mephiſtopheles ihm, dem Träumer, dem Denker, dem ausgezeichneten Gelehrten, eingeräumt hatte? Zur Ermordung Valentins. Zum Selbſtmord Gretchens. ſtalt Helenens. — ſo zu berechnen, daß der Schaden eines Andern ihm funden haben, die ihm unfehlbar zu Reichthum und Wohin hatte dieſen die Allmacht geführt, welche Zur Verfolgung eines Schattenbildes in der Ge⸗ Uebrigens konnte er ja Nichts überlegen, Nichts berechnen in dem Augenblick, wo die Eiferſucht an ſeinem Herzen nagte; wo Agnelette, in ſchneeweißem Kleide, am Fuß des Altars einem Andern ewige Treue gelobte. Und wem gelobte ſie ihre Treue? Dieſem elenden kleinen Engoulevent, der ihn auf ſeinem Baum entdeckt und im Gebüſch den Spieß gefunden hatte, welcher ihm die Riemenhiebe von Markotte's Hand eintrug. O wenn er das gewußt hätte! Wie würde er gewünſcht haben, daß das Unglück ihm widerführe, ſtatt Markotte! Was war die phyſiſche Qual, welche er durch die Riemenhiebe ausgeſtanden hatte, gegen die mo⸗ raliſche Qual, die er jetzt erlitt! Hätte er ſich nicht durch ehrgeizige Wünſche ver⸗ locken laſſen, die ihn wie mit Geiersflügeln über ſeine Sphäre hinaushoben, während er als geſchickter Hand⸗ werker ſechs Franken täglich verdienen konnte, wel⸗ ches Glück würde ihm nicht dann an der Seite eines holden Weibchens wie Agnelette geblüht haben? 1 beDenn offenbar hatte Agnelette ihn zuerſt ge⸗ iebt. Vielleicht liebte ſie ihn ſogar noch jetzt, im Augen⸗ blick, wo ſie einen Andern heirathete. Unter ſolchen Betrachtungen floß Thibaults Zeit dahin. Die Nacht kam. So beſcheiden die Vermögensumſtände der Braut⸗ leute, ſo eng begrenzt die Wünſche der Bauern ſein mochten, die ihnen das Geleite gaben, ſo war doch Dumas, der Wolfsführer. II. 3 34 klar, daß zu dieſer Stunde die Bauern und die Brautleute fröhlich mit einander ſchmausten. Er dagegen war allein und traurig. Er hatte Niemand, um ihm ſein Mahl zu be⸗ reiten. trinken? Brod! Waſſer! Und dann die Einſamkeit, ſtatt jenes Himmels⸗ ſegens, den man eine Schweſter, eine Freundin, ein Weib nennt! Aber warum ſollte er nicht ebenfalls nach Her⸗ zensluſt ſchmauſen? Hatte er nicht den Erlös vom letzten Wildpret, das er an den Wirth zur goldenen Kugel verkauft hatte, noch in der Taſche? Konnte er nicht ganz allein ſo viel verbrauchen, als die Brautleute und alle ihre Gäſte zuſammen? Er brauchte nur zu wollen. „Ha, wahrhaftig,“ ſagte er,„ich bin doch gar zu einfältig, daß ich mich im Kopf von der Eiferſucht, im Magen vom Hunger quälen laſſe, während ich mich binnen einer Stunde durch ein tüchtiges Mit⸗ tageſſen und zwei oder drei gute Flaſchen Wein in einen Zuſtand verſetzen kann, wo ich an alles das gar nicht mehr denke. Fort! ich muß eſſen, und ganz beſonders trinken!“ Und wirklich ſchlug er, um ein gutes Mahl ein⸗ zunehmen, den Weg nach Ferté⸗Milon ein, allwo der Wirth zum goldenen Delphin eine Küche führte, an der ſich, verſicherte man, der Haushof⸗ Was hatte er im ganzen Hauſe zu eſſen und zu 3⁵ meiſter Sr. durchlauchtigen Hoheit des Herrn Herzogs von Orleans nicht zu ſchämen hatte. XIV. Der Herr von Vauparfond. Sobald Thibault im goldenen Delphin ankam, beſtellte er das beſte Eſſen, das er zu erdenken ver⸗ mochte. Er konnte ſich ganz leicht in einem beſondern Ca⸗ binet bedienen laſſen, aber dann würde er ſeinen eigenen Triumph nicht genoſſen haben. Die große Menge der Gäſte mußte ihm zuſehen, wie er ſich ſein mit Körnern aufgefüttertes Huhn, ſeine feine Aalmatelotte à la marinière zu Gemüthe führte. Die andern Trinker mußten dieſen Mann benei⸗ den, der ſich drei verſchiedene Weine in drei Gläſer von verſchiedenen Größen eingoß. Man mußte ſeinen hochmüthigen Ton beim Be⸗ ſtellen und den Silberklang ſeiner Piſtolen hören. Beim erſten Befehl, den er ertheilte, drehte ſich ein Graurock, der im dunkelſten Winkel des Saales eine halbe Flaſche Wein trank, um, wie man ſich beim Ton einer bekannten Stimme umzudrehen pflegt. Dieſer Mann war in der That ein Kamerad Thibaults. Ein Wirthshauskamerad, verſteht ſich. Thibault hatte ſich eine Menge ſolcher Kame⸗ raden erworben, ſeit er, ſtatt bei Tag Holzſchuhe zu machen, bei Nacht den Wolfsführer machte, 36 Als der Graurock ihn bemerkte, drehte er ſich raſch gegen die Wand um. Aber Thibault hatte bereits Zeit gehabt, ihn als Herrn Auguſt Francois Levaſſeur, Kammerdiener des gnädigen Herrn Raoul von Vauparfond, zu er⸗ kennen. „He, Francois!“ rief Thibault,„was machſt Du da in Deinem Schmollwinkel, wie ein Mönch in der Faſtenzeit, anſtatt anſtändig und ungenirt zu ſpeiſen, wie ich es vor aller Welt thue?“ François gab keine Antwort, ſondern winkte Thibault nur mit der Hand, daß er ſchweigen ſolle. „Ich ſoll ſchweigen? ich ſoll ſchweigen?“ ſagte Thibault.„Und wenn es mir nun nicht gefällt zu ſchweigen? Wenn ich ſprechen will? wenn es mich langweilt ganz allein zu eſſen? wenn es mir beliebt zu Dir zu ſagen: Freund Francois, da komm her, ich lade Dich zum Eſſen ein. Du kommſt nicht? Nein? Nun wahrhaftig, dann will ich Dich holen!“ Thibault ſtand auf, ging unter den Blicken ſämmtlicher Gäſte durch den Saal und verſetzte ſei⸗ nem Freund Francois einen derben Schlag auf die Schulter. „Thu wie wenn Du Dich getäuſcht hätteſt, Thi⸗ bault, ſonſt komme ich um meinen Platz. Siehſt Du nicht, daß ich heut keine Livree, ſondern meinen mauerfarbigen Ueberrock anhabe? Ich bin wegen einer Liebesgeſchichte meines Herrn hier und erwarte ein Liebesbrieſchen, das ich ihm bringen ſoll.“ „Dann iſt es etwas Anderes, und ich bitte Dich ſehr um Verzeihung wegen meiner Zudringlichkeit. Ich hätte übrigens gerne mit Dir diniren mögen.“ ☛——— 37 „Nichts einfacher als das. Laß Dir in einem Privatcabinet ſerviren, ſo will ich unſerem Wirth ſagen, wenn ein anderer Grauer wie ich komme, ſo ſolle er ihn heraufſchicken. Wir Freunde haben kein Geheimniß vor einander.“ „Gut!“ meinte Thibault, rief den Wirth und ließ ſich ſein Eſſen auf den erſten Stock bringen, in ein Zimmer, das auf die Straße ſah. Francois ſetzte ſich ſo, daß er denjenigen, den er erwartete, in der Ferne den Berg von Ferté⸗Milon herabkommen ſah. Das Eſſen, das Thibault für ſich allein beſtellt hatte, reichte vollkommen für zwei Gäſte aus. Er brauchte bloß einige Flaſchen mehr zu be⸗ ſtellen. Thibault hatte nur zwei Lectionen bei Herrn Ma⸗ gloire genommen, aber er hatte ſie gut genommen, und ſie hatten bei ihm angeſchlagen. 3 Sagen wir auch, daß Thibault Etwas zu vergeſ⸗ ſen hatte, und daß er ſich die Fähigkeit zu dieſem Vergeſſen von dem Weine verſprach. Thibault hielt es alſo für ein großes Glück, einen Freund getroffen zu haben, mit dem er plaudern konnte. In der Gemüths⸗ und Geiſtesverfaſſung, worin Thibault ſich gerade befand, wird man vom Reden ebenſo leicht betrunken wie vom Trinken. Sie hatten ſich alſo kaum geſetzt, hatten kaum die Thüre zugemacht, und kaum hatte Thibault ſeinen Hut tief in den Kopf gedrückt, damit Frangois den Farbenwechſel eines Theils ſeiner Haare nicht be⸗ merken ſollte, ſo leitete Thibault ein Geſpräch ein, 38 indem er kühn den Stier bei den Hörnern an⸗ faßte. „Nun wohlan, Freund Frangois,“ ſagte er,„er⸗ kläre mir doch einmal, was ein Theil Deiner Worte beſagen wollte, den ich nicht verſtanden habe.“ „Das iſt kein Wunder,“ meinte Francçois, indem er ſich geckenhaft auf ſeine Stuhllehne zurückwarf; „wir Lakaien vornehmer Herrn reden die Sprache des Hofs, und dieſe Sprache verſteht freilich nicht Jedermann.“ „Nein, aber wenn Du Dich erklärſt, ſo kann man Dich verſtehen.“ „Allerdings. Frage, und ich werde Dir ant⸗ worten.“ „Ich hoffe das um ſo mehr, als ich mich ver⸗ pflichte, Deine Antworten zu befeuchten, damit ſie leichter herauskommen. Fürs Erſte, was iſt ein Grauer? Ich hatte bisher geglaubt, das ſei ganz einfach ein Eſel.“ „Du biſt ſelbſt ein Eſel, Freund Thibault,“ ſagte Francois, lachend über die Unwiſſenheit des Holz⸗ ſchuhmachers;„nein, ein Grauer iſt ein Livreediener, dem man für den Augenblick einen grauen Rock an⸗ zieht, damit die Livree nicht erkannt wird, während er hinter einer Säule oder in einer Thürvertiefung Schildwache ſteht.“ „Alſo ſtehſt Du in dieſem Augenblicke Schild⸗ wache, mein armer François! Und wer ſoll Dich ablöſen?“ „Champagne, der Bediente der Gräfin von Mont⸗ gobert.“ „Gut! ich begreife. Dein Herr, der Herr von — ant⸗ ver⸗ t ſie ein ganz agte dolz⸗ ener, an⸗ rend fung hild⸗ Dich tont⸗ von 39 Vauparfond, iſt verliebt in die Gräfin von Mont⸗ gobert, Du erwarteſt hier einen Brief von der Dame, welchen Champagne Dir bringen ſoll.“ „Optime! wie der Profeſſor des jüngeren Bru⸗ ders von Herrn Raoul zu ſagen pflegt.“ „Er iſt ein glücklicher Burſche, der Herr Raoul.“ „O ja,“ ſagte Francois ſich in die Bruſt werfend. „Beim Henker, die Gräfin iſt ein herrliches Weib.“ „Du kennſt ſie?“ „Ich habe ſie mit dem Herrn Herzog von Or⸗ leans und mit Frau von Monteſſon auf der Jagd geſehen. Auf die Geſundheit des Herrn Raoul!“ Im Augenblick, wo Francois ſein Glas wieder auf den Tiſch ſtellte, that er einen Ausruf. Er hatte ſo eben Champagne bemerkt. Man öffnete das Fenſter und rief den dritten Kameraden herein. Champagne begriff mit der ſchnellen Auffaſſung eines Lakaien aus gutem Hauſe und kam herauf. Er hatte, wie ſein Kamerad, einen mauerfarbigen Rock an. Er brachte den Brief. „Nun,“ fragte François ſeinen Collegen, indem er ihm den Brief der Gräfin von Montgobert ab⸗ nahm,„gibt es heute Abend ein Rendez⸗vous?“ „Ja,“ antwortete Champagne luſtig. „Um ſo beſſer,“ verſetzte Frangois in demſelben one. Dieſe Gemeinſamkeit des Glückes zwiſchen den La⸗ kaien und dem Herrn erregte Thibaults Verwunderung. 40 „Macht das Glück eurer Herrſchaften euch ſo luſtig?“ fragte er Francois. „Das nicht gerade, aber wenn der Herr Baron Raoul von Vauparfond beſchäftigt iſt, ſo bin ich frei.“ „Ja, und Du benützeſt Deine Freiheit gut?“ „Das will ich meinen,“ ſagte François mit. Selbſtgefühl,„man hat auch ſeine Eroberungen, wenn man gleich nur Kammerdiener iſt, und man weiß ſeine Zeit ſchon anzuwenden.“ „Und Ihr, Champagne?“ „Ich,“ antwortete der neue Ankömmling, indem er den flüſſigen Rubin ſeines Weines gegen das Licht hielt,„ich hoffe die meinige auch nicht zu verlieren.“ „Ei nun, ſo erzählt von Euern Liebſchaften,“ ſagte Thibault,„da doch Jedermann ſeine Lieb⸗ ſchaften hat.“ „Erzählet Ihr zuerſt von den Euern!“ antwor⸗ teten di beiden Lakaien. “ ſagte der Holzſchuhmacher mit einem Aus⸗ druch nef een Haſſes gegen das ganze Menſchengeſchlecht, „ich bin der einzige Menſch, der Niemand liebt und von Niemand geliebt wird.“ Die beiden Männer betrachteten Thibault mit einer gewiſſen Verwunderung. „O, o!“ ſagte Francois,„ſollte es denn wahr ſein, was man ſich ganz leiſe von Euch erzählt?“ „Von mir?“ „Ja von Euch,“ ſagte Champagne. „Man ſagt alſo in Montgobert daſſelbe wie in Vauparfond?“ Champagne nickte bejahend. ——— 1 h ſo aron ¹ ich 1 mit. venn weiß ndem Licht een.“ ten,“ Lieb⸗ wor⸗ Aus⸗ lecht, und mit 20 ie in vahr 41 „Nun,“ fragte Thibault,„was ſagt man denn?“ „Daß Ihr ein Währwolf ſeid,“ antwortete Fran⸗ ois. 3 Thibault lachte laut auf. „Warum nicht gar?“ ſagte er.„Habe ich denn einen Schwanz? habe ich Klauen? habe ich eine Wolfsſchnauze?“ „Nun ja,“ verſetzte Champagne,„wir ſagen ja bloß, was man von Euch ſpricht; wir ſagen nicht, daß es wahr ſei.“ „Jedenfalls,“ ſagte Thibault,„müßt ihr ge⸗ ſtehen, daß die Währwölfe gute Weine haben.“ „Das iſt wahr,“ antworteten die beiden Lakaien. „Trinken wir jetzt die Geſundheit des Teufels, der dieſe Weine gibt, meine Herrn!“ Die beiden Männer, die ihre Gläſer ſchon auf⸗ gehoben hatten, ſtellten ſie auf den Tiſch zurück. „Nun?“ fragte Thibault. „Suchet Euch einen Andern, der Euch auf dieſe Geſundheit Beſcheid thue,“ erklärte Frangois;„ich thue es nicht.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Champagne. „Meinetwegen,“ verſetzte Thibault;„dann trinke ich die drei Gläſer ganz allein.“ Und er trank wirklich alle drei aus. „Freund Thibault,“ ſagte der Lakai des Barons, „wir müſſen jetzt ſcheiden.“ „Warum ſchon ſo früh?“ fragte Thibault. „Mein Herr erwartet mich.— Haſt Du den Brief, Champagne?“ „Hier iſt er.“ „So wollen wir denn von unſerem Freund 42 Thibault Abſchied nehmen und unſererſeits unſern Geſchäften oder Vergnügungen nachgehen, Thibault aber bei ſeinen Vergnügungen oder Geſchäften laſſen.“ Und ſo ſprechend blinzelte Francois ſeinem Ka⸗ meraden zu, der ihm mit einem ähnlichen Augen⸗ zwinkern antwortete. „He!“ ſagte Thibault,„wir werden uns doch nicht trennen, ohne noch einen Schluck gethan zu haben.“ „Jedenfalls nicht aus dieſen Gläſern da,“ erklärte François, auf diejenigen deutend, worin Thibault den Feind des Menſchengeſchlechts hatte leben laſſen. „Ihr thut ſehr zimperlich; ihr könnt ja den Sa⸗ kriſtan rufen und ſie mit Weihwaſſer ausſpülen laſſen.“ „Nein, aber um einem Freund keinen Korb zu geben, wollen wir den Kellner rufen und andere Gläſer verlangen.“ „Dann,“ ſagte Thibault, der den Wein zu ſpüren anfing,„ſind dieſe alſo zu Nichts mehr gut, als daß man ſie zum Fenſter hinauswirft. So geh denn zum Teufel!“ Das erſte Glas, das unter dieſer Adreſſe fortge⸗ ſchleudert wurde, beſchrieb in der Luft eine Flammen⸗ furche, welche erloſch, wie ein Blitz erliſcht. Thibault ergriff das zweite. Dieſes entflammte ſich und erloſch ganz auf die⸗ ſelbe Weiſe. Dann kam das dritte. Dieſes wurde von einem heftigen Donnerſchlag begleitet. Thibault ſchloß das Fenſter und nahm ſeinen 2 43 Platz wieder ein, indem er ſich beſann, wie er ſeinen beiden Kameraden dieſes Wunder erklären ſollte. Aber ſeine beiden Kameraden waren verſchwunden. „O die Haſenfüße!“ murmelte Thibault. Dann ſuchte er auf dem Tiſch nach einem Trink⸗ glas. Es war keines mehr da. „Auch gut,“ ſagte er,„die Verlegenheit iſt nicht groß; man kann auch aus der Flaſche trinken.“ Geſagt, gethan. Thibault vollendete ſein Mahl, indem er aus der Flaſche trank, was gerade nicht dazu beitrug, ſeine bereits etwas ſchwankende Ver⸗ nunft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Um neun Uhr rief Thibault den Wirth, bezahlte und ging. Er war über die ganze Menſchheit erzürnt. Die Idee, welcher er hatte entfliehen wollen, ließ ihn nicht mehr los. Agnelette ging mit jedem Augenblick unwieder⸗ bringlicher für ihn verloren. Alſo hatte Jedermann ein Weſen, das ihn liebte, ein Weib oder eine Geliebte. Dieſer Tag, der für ihn ein Tag der Wuth und Verzweiflung war, ſollte für andere Leute ein Tag der Freude und des Glückes ſein. Jedermann, Herr Raoul, ſelbſt François und Champagne, zwei erbärmliche Lakaien, Jedermann folgte in dieſer Stunde dem leuchtenden Stern des Glückes. Er allein ſtolperte in der Nacht dahin. Er war alſo unwiderruflich verflucht. Aber wenn er verflucht war, ſo kamen ihm noch 44 die Vergnügungen der Verfluchten zu, und auf dieſe glaubte er ein gegründetes Recht zu haben. Während Thibault ſolche Betrachtungen in ſeinem Haupte wälzte, dazwiſchenhinein laute Gottesläſterun⸗ gen ausſtieß und ſogar drohend die Fauſt gegen den Himmel ballte, ging er auf dem di dnde durch den Wald, der gerade nach ſeiner Hütte führte, und war nur noch hundert Schritte davon entfernt, als er Pferdegalopp hinter ſich vernahm. „Ahl ah!“ ſagte Thibault,„da kommt der gnä⸗ dige Herr von Vauparfond, der ſich zu ſeinem Ren⸗ dez⸗vous begibt. Ich müßte doch lachen, Herr Raoul, wenn der Herr von Montgobert Euch überraſchte. Das ginge nicht ſo glatt ab, wie bei Herrn Ma⸗ gloire; da würde es auf beiden Seiten Degenſtiche abſetzen.“ Während er ſich ganz vergnüglich ausmalte, was wohl geſchehen würde, wenn der Graf von Mont⸗ gobert den Baron von Vauparfond überraſchte, ging er mitten im Weg weiter und trat vermuthlich nicht⸗ ſchnell genug auf die Seite, denn der Reiter, der ſich durch einen Bauernkerl den Platz verſperrt ſah, verſetzte ihm einen furchtbaren Peitſchenhieb und ſchrie ihn an: „Mach doch Platz, Du Lümmel, oder ich zer⸗ malme Dich.“ Thibault, deſſen Rauſch noch nicht ganz verdun⸗ ſtet war, ſpürte zu gleicher Zeit den Peitſchenhieb, den Stoß vom Pferde und die Kälte des Pfüten. waſſers, worin er ſich wälzte. Der Reiter galoppirte weiter. Wüthend erhob ſich Thibault auf ein Knie, und V —ᷣꝑ— dieſe inem erun⸗ den hden war er gnä⸗ Ren⸗ noul, ſchte. Ma⸗ ſtiche was tont⸗ ging nicht der ſah, chrie zer⸗ dun⸗ hieb, tzen⸗ und 45 indem er hinter dem fliehenden Schatten her ſeine Fauſt ballte, rief er: „Kann ich denn ins Teufels Namen nicht auch ein einziges Mal, ſtatt immer und ewig der Holz⸗ ſchuhmacher Thibault zu bleiben, vierundzwanzig Stunden lang ein vornehmer Herr ſein, wie Ihr, Herr Raoul von Vauparfond, um ein gutes Pferd zu haben, ſtatt zu Fuß zu gehen, um die Bauern durchzuprügeln, die mir in den Weg laufen, und mit den ſchönen Damen zu liebeln, die ihre Männer hintergehen, wie die Frau Gräfin von Montgobert thut?“ Kaum hatte Thibault dieſen Wunſch vollendet, als das Pferd des Barons Raoul ſtetig wurde und biren Reiter zehn Schritte weit über ſich hinaus⸗ warf. XV. Ein Kammerzoͤfchen. Als Thibault ſah, welches Unglück dem jungen Herrn zugeſtoßen war, deſſen allzu leichtfertige Hand ihn vor einigen Secunden mit einem Peitſchenhieb bedacht hatte, wovon ihm die Haut noch ſchauderte, da raffte er ſich voll Vergnügen auf und eilte hin, um zu ſehen, in welchem Zuſtand ſich Herr Raoul von Vauparfond befand. Ein regungsloſer Körper lag quer über den Weg ausgeſtreckt, und daneben ſchnaubte das Pferd. Aber was Thibault höchſt ſeltſam fand, der auf 46 dem Weg liegende Körper ſchien ihm nicht mehr der⸗ ſelbe zu ſein, der vor fünf Minuten an ihm vorüber⸗ geritten war und ihm einen ſo heftigen Peitſchenhieb verſetzt hatte. Fürs Erſte war der Körper nicht mehr als Edel⸗ mann, ſondern als Bauer gekleidet. Dann ſchien es Thibault, als habe Herr Raoul juſt dieſelben Kleider an, die er ſelbſt, Thibault, noch vor einigen Augenblicken getragen hatte. Thibaults Ueberraſchung wurde immer größer und ſtieg bis zu gänzlicher Verblüfftheit, als er be⸗ merkte, daß dieſer träge und ſcheinbar gänzlich empfin⸗ dungsloſe Körper nicht bloß ſeine(Thibaults) Klei⸗ der, ſondern auch ſein Geſicht hatte. In ſeinem Staunen blickte er natürlich von die⸗ ſem zweiten Thibault auf ſich ſelbſt zurück und be⸗ merkte jetzt eine ganz auffallende Veränderung in ſeinem Coſtüm. Statt ſeiner Schuhe und Gamaſchen trug er ele⸗ gante Stiefel à la Française, die bis an die Kniee reichten, geſchmeidig wie ſeidene Strümpfe, über der Fußbiege in Falten gelegt und mit feinen ſilbernen Sporen geſchmückt waren. Seine Beinkleider waren, ſtatt von geripptem Sammt, vom ſchönſten Damhirſchleder, das man je ſehen konnte, und ſchloßen mittelſt eines Kniebandes und goldener Schnällchen. Sein olivenfarbiger grober Tuchrock hatte einem eleganten Jagdrock mit goldenen Litzen Platz gemacht, der ſich über einer feinen weißen Piquéweſte öffnete, und zwiſchen deſſen Kragen auf einem kunſtreich ge⸗ der⸗ ber⸗ hieb del⸗ aoul noch ößer be⸗ fin⸗ Klei⸗ die⸗ be⸗ g in ele⸗ niee der nen dtem n je ndes nem acht, nete, ge⸗ 47 fältelten Hemd die bauſchigen Wogen einer batiſtenen Halsbinde ſpielten. Auch ſein pfannenartiger Hut hatte ſich in einen zierlichen Dreiſpitz mit ähnlichen Borten, wie auf. dem Frack, verwandelt. Statt ſeines langen Kampfſtockes, den er ſo eben noch, halb als Stütze, halb als Wehr, in der Hand getragen, ſchüttelte er jetzt eine leichte Reitgerte, an derc Geziſche er ein ariſtokratiſches Wohlgefallen and. Endlich war ſeine feine Taille von einem Gürtel umſchloſſen, woran ein langes Jagdmeſſer, halb ge⸗ rader Säbel, halb Degen, hing. Thibault war hocherfreut, ſich in einem ſo rei⸗ zenden Coſtüm zu fühlen, und was war natürlicher, als daß er in einer Anwandlung von Koketterie den ſehnlichen Wunſch hegte, zu ſehen, wie dieſes Coſtüm ihm zu Geſicht ſtände? Aber wo konnte er ſich inmitten dieſer pechſchwar⸗ zen Nacht betrachten? Er ſchaute um ſich und ſah, daß er kaum zehn Schritte von ſeiner Hütte entfernt war. „Ha beim Strahl!“ ſagte er,„es gibt ja gar nichts Einfacheres. Habe ich nicht meinen Spiegel?“ Und Thibault eilte auf ſeine Hütte zu, um ſich, ein zweiter Narciß, recht behaglich an ſeiner eigenen Schönheit zu weiden. Aber die Thüre war geſchloſſen. Er ſuchte den Schlüſſel, aber vergebens. Er hatte in ſeinen Taſchen Nichts als eine wohl⸗ geſpickte Börſe, ein Confectbüchschen mit Ambra⸗ 48 kügelchen, und ein Federmeſſerchen mit einem Griff von Perlmutter und Gold. Was konnte er doch mit ſeinem Hausſchlüſſel ge⸗ macht haben? Eine lichtvolle Idee fuhr ihm durch den Kopf, nämlich daß ſein Schlüſſel wohl in der Taſche des andern Thibault ſein könnte, der noch auf dem Wege lag. Er kehrte zu ihm zurück, durchſuchte die Hoſen⸗ taſche und fand auf den erſten Griff den Schlüſſel unter einigen Souſtücken. Er nahm das plumpe Inſtrument mit den Finger⸗ ſpitzen und öffnete die Thüre. Nur war es in der Hütte noch dunkler als außen. 3 Thibault tappte nach ſeinem Feuerzeug und ſchlug Feuer. Nach einigen Secunden brannte ein Lichtſtümp⸗ chen, das er in eine leere Flaſche ſteckte. Aber der Anzünder konnte dieſe Operation nicht vollbringen, ohne mit ſeinen Fingern das Talglicht zu berühren. „Pfui Teufel!“ ſagte er,„was dieſe Bauern für Schweinehunde ſind! Wie iſts nur möglich, in ſol⸗ chem Unflath zu leben!“ Das Licht war angezündet, das war die Haupt⸗ ſache. Thibault nahm ſeinen Spiegel von der Wand herab, hielt ihn ans Licht und betrachtete ſich. Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, ſo ſtieß er einen Schrei der Ueberraſchung aus. Er war es nicht, oder vielmehr, es war noch — riff ge⸗ pf, des dem ſen⸗ iſſel ger⸗ als lug mp⸗ icht icht für ſol⸗ ppt⸗ and fen, och 49 immer ſein Geiſt, aber es war nicht mehr ſein Leib. Der Leib, in welchen ſein Geiſt gefahren, war der Leib eines ſchönen jungen Mannes von fünf bis ſechsundzwanzig Jahren, mit blauen Augen, friſchen, roſigen Wangen, purpurnen Lippen und weißen Zähnen. Kurz, es war der Leib des Barons Raoul von Vauparfond. Thibault erinnerte ſich jetzt des Wunſches, wel⸗ chen er in ſeinem Zorn über den Peitſchenhieb und den Tritt vom Pferde ausgeſprochen hatte. Er hatte ſich gewünſcht, auf vierundzwanzig Stun⸗ den der Baron von Vauparfond zu ſein, während dieſer für die gleiche Zeit Thibault ſein ſollte. Dies erklärte ihm, was er auf den erſten Blick nicht begriffen hatte, nämlich daß der ohnmächtige Körper, der auf dem Wege lag, ſeine Kleider trug und mit ſeinem Geſicht geſchmückt war. „dum Henker!“ ſagte er,„da müſſen wir doch Acht geben: ich ſcheine zwar hier zu ſein, aber ich bin in Wirklichkeit nicht hier, ſondern dort. Sorgen wir, daß mir während der vierundzwanzig Stunden, wo ich die Unvorſichtigkeit begehe, mich zu verlaſſen, kein Unglück widerfahre, das nicht wieder gut zu machen wäre. Kommt, kommt, ſträubet Euch nicht ſo lange, Herr von Vauparfond; tragen wir den armen Thibault ins Haus hinein und legen wir ihn weich auf ſein Bett!“ Und obſchon Herr von Vauparfond mit ſeiner ariſtokratiſchen Geſinnung ſehr wenig Luſt zu dieſer kleinen Arbeit bezeugte, nahm Thibault ſich munter Dumas, der Wolfsführer. II. 4 50 in ſeine Arme und trug ſich vom Weg hinweg auf ſein Bett. Als er nun gut auf dem Bette lag, blies Thi⸗ bault ſeine Lampe aus, damit ſeinem zweiten Ich in ſeiner Ohnmacht kein Unglück widerfahre; ſodann verſchloß er die Thüre ſorgfältig und verbarg den Schlüſſel in einem hohlen Baum, in welchen er ihn gewöhnlich legte, wenn er ihn nicht bei ſich tragen wollte. Hierauf nahm er ſein Pferd beim Zaum und ſchwang ſich hinauf. Der erſte Augenblick war nicht ohne große Bangigkeit. Thibault war, da er ſeine Reiſen weit mehr zu Fuß als zu Pferd gemacht hatte, kein Meiſter der Reitkunſt. Er fürchtete deßhalb, er möchte inmitten der Be⸗ wegungen, die ſein Pferd ausführen würde, ſeinen Schwerpunkt nicht mit der größten Sicherheit behaup⸗ ten können. Aber es ſchien, daß er mit Raouls Leib zugleich ſeine phyſiſchen Eigenſchaften geerbt hatte, denn als das Pferd, ein intelligentes Thier, die augenblickliche Ungeſchicklichkeit ſeines Reiters hatte benützen wollen, um ihn aus dem Sattel zu werfen, da nahm Thi—⸗ bault inſtinktmäßig die Zügel zuſammen, drückte die Kniee ein, ſtieß ihm die Sporen in den Leib und maß ihm zwei oder drei Peitſchenhiebe auf, die es alsbald wieder zur Ordnung brachten. Thibault war, ohne daran zu denken, ein treff⸗ licher Reiter geworden. Ddieſer Sieg, den er ſo eben über ſein Pferd — g auf Thi⸗ Ich dann den ihn agen und roße 51 errungen hatte, verhalf ihm auch zu einiger Klarheit über ſeine Doppelperſon. Für den Augenblick war er von Kopf zu Fuß der Baron Raoul von Vauparfond. Im Geiſt war er Thibault geblieben. Es war klar, daß im Leib des ohnmächtigen Thibault, der in ſeiner Hütte lag, der Geiſt des jungen Edelmanns ſchlief, der ihm ſeinen Leib lieh. Aber dieſe Eintheilung, die ſeinen Geiſt in den Leib des Barons und den Geiſt des Barons in den Leib Thibaults verſetzte, verſchaffte ihm noch keiner⸗ lei Gewißheit über das, was er zu thun hatte. Er wußte wohl, daß er in Folge eines Briefes der Gräfin nach Montgobert ritt. Aber was ſagte dieſer Brief? Zu welcher Stunde wurde er erwartet? Wie ſollte er ins Schloß gelangen? Ueber alle dieſe Punkte befand er ſich in gänz⸗ licher Unwiſſenheit und mußte alſo ins Klare zu kom⸗ men ſuchen. Jetzt kam ihm eine Idee. Ohne allen Zweifel hatte er den Brief der Gräfin an Raoul bei ſich. Er befühlte ſich von allen Seiten und ſpürte wirk⸗ lich in der Seitentaſche ſeines Rockes Etwas, das die Form des geſuchten Gegenſtandes zu haben ſchien. Er hielt ſein Pferd an. Er ſtöberte in ſeiner Taſche und brachte ein par⸗ fümirtes, mit weißem Atlaß gefüttertes, ledernes Brieftäſchchen zum Vorſchein. In einer Seite deſſelben befanden ſich mehrere Briefe, in der andern ein einziger. 52 Dieſer letztere ſollte ihn wahrſcheinlich über das unterrichten, was er nicht wußte. Es handelte ſich nur darum, ihn zu leſen. Thibault war blos drei bis vierhundert Schritte vom Dorf Fleury entfernt. Er ſetzte ſein Pferd in Galopp, in der Hoffnung, noch in irgend einem Hauſe Licht zu finden. Aber im Dorf geht man früh zu Bette, und zwar legte man ſich in jener Zeit noch früher als heut zu Tage. Thibault ritt von einem Ende der Straße zum andern, ohne ein einziges Licht zu ſehen. Endlich meinte er im Stall eines Wirthshauſes einiges Geräuſch zu hören. Er rief. Ein Knecht kam mit einer Laterne. „Mein Freund,“ ſagte Thibault zu ihm, denn er hatte vergeſſen, daß er im Augenblick ein vor⸗ nehmer Herr war,„wolltet Ihr ſo gut ſein und mir einen Augenblick leuchten? Es wäre mir ein großer Gefallen.“ „So, deßhalb jagt Ihr mich aus meinem Bette?“ antwortete der Stallknecht grob;„nun, Ihr ſeid doch wenigſtens höflich.“ Damit kehrte er Thibault den Rücken und ſchickte ſich an wieder hineinzugehen. Thibault ſah, daß er auf falſcher Fährte war. „He, Lümmel!“ rief er mit geſteigerter Stimme, „halte Deine Laterne her und leuchte mir, oder Du bekommſt fünfundzwanzig von meiner Reitpeitſche.“ „O, bitte um Entſchuldigung, gnädiger Herr,“ mic das ritte ing, um 53 ſagte der Stallknecht,„ich wußte nicht, mit wem ich ſprach.“ Und er ſtellte ſich auf die Zehen, um ſeine La⸗ terne in die nöthige Höhe zu halten. Thibault öffnete den Brief und las: „Mein lieber Raoul, „Augenſcheinlich hat Frau Venus uns unter ihren Schutz geſtellt. Ich weiß nicht, welche große Jagd morgen bei Thury ſtattfinden ſoll, aber das weiß ich, daß er heute Abend weggeht. „Reitet um neun Uhr ab, damit Ihr um halb elf hier ſeid. „Kommet an der bewußten Stelle herein, wo die bewußte Perſon Euch erwarten und an den bewußten Ort führen wird. „Bei Eurem letzten Beſuch hat es mir, ohne Vor⸗ wurf, geſchienen, als ob Ihr Euch ſehr lange in den Gängen aufgehalten hättet. „Jane.“ „Ahl Teufel!“ ſagte Thibault. „Ihr beliebet, gnädiger Herr?“ fragte der Stall⸗ knecht. „Nichts, Lümmel, außer daß ich Deiner nicht mehr bedarf, und daß Du abtreten kannſt.“ „Glückliche Reiſe, gnädiger Herr!“ ſagte der Stallknecht, indem er ſich bis zur Erde verneigte. Und er ging in ſeinen Stall zurück. „Teufel!“ wiederholte Thibault,„der Brief macht mich nicht viel klüger; nur ſcheint es, daß wir unter 54 dem Schutz der Frau Venus ſtehen, daß er heute Abend nach Thury geht, daß die Gräfin von Mont⸗ gobert mich um halb elf erwartet, und daß ſie mit ihrem Taufnamen Jane heißt. 5 „Im Uebrigen werde ich an der bewußten Stelle hereinkommen; „Ich werde von der bewußten Perſon empfan⸗ gen werden; „Und dieſe wird mich an den bewußten Ort führen.“ Thibault kratzte ſich hinter dem Ohr, was be⸗ kanntlich die gewöhnliche Geberde von Leuten iſt, die ſich in einer großen Verlegenheit befinden. Er hatte Luſt, den Geiſt des Herrn von Vau⸗ parfond zu wecken, der auf ſeinem Bett in Thibaults Leibe ſchlief. Aber damit wäre nicht blos viel Zeit verloren gegangen, ſondern dieſes äußerſte Mittel hatte auch noch andere bedenkliche Seiten. Der Geiſt des Barons Raoul konnte, wenn er ſeinen Körper ſo nahe ſah, vom Verlangen nach augenblicklicher Rückkehr in denſelben ergriffen wer⸗ den, und daraus konnte ein Streit entſtehen, in wel⸗ chem Thibault ſich nur auf die Gefahr hin, ſich ſelbſt ein großes Leid anzuthun, vertheidigen konnte. Er mußte auf ein anderes Mittel denken. Thibault hatte häufig den Scharfſinn der Thiere rühmen gehört und in ſeinem ländlichen Leben zu wiederholten Malen Gelegenheit gehabt, ihren In⸗ ſtinct zu bewundern. Er beſchloß, ſich auf den Inſtinct ſeines Pferdes zu verlaſſen. — 55 Er führte es auf ſeinen Weg zurück, drehte es gegen Montgobert zu und überließ ihm die Zügel. Das Pferd begann zu galoppiren. Es hatte offenbar begriffen. Thibault bekümmerte ſich um Nichts mehr; alles Uebrige war Sache ſeines Pferdes. An der Ecke der Gartenmauer machte das Pferd Halt, aber nicht als ob es über den einzuſchlagenden Weg Bedenken gehabt hätte, ſondern es ſpitzte die Ohren und ſchien unruhig. Thibault ſeinerſeits hatte zwei Schatten zu ſehen geglaubt, aber es ſchienen auch wirklich blos Schat⸗ ten zu ſein, denn obſchon er ſich in ſeinen Steig⸗ bügeln aufrichtete, um größer zu werden, und ſeine Blicke rings umher ſchweifen ließ, ſo ſah er doch ſchlechterdings Nichts. Er dachte, es ſeien Wilddiebe, die ſich in den Park ſchleichen und ihm ſelbſt ins Handwerk pfuſchen wollten. Sobald ihm Niemand den Weg ſtreitig machte, brauchte er blos ſeinem Pferd wieder ſeinen freien Willen zu laſſen. Das that er denn auch, indem er ihm von Neuem die Zügel überließ. Das Pferd lief in ſtarkem Trab an der Park⸗ mauer entlang, und zwar auf dem Ackerfeld und ohne alles Gewieher, wie wenn das kluge Thier geahnt hätte, daß es durchaus kein, oder vielmehr nur ſo wenig als möglich Geräuſch machen durfte. So lief es an einer ganzen Seite der Parkmauer hin, bog dann um und blieb vor einer kleinen Lücke ſtehen. 56 „Gut!“ ſagte Thibault,„ohne Zweifel müſſen wir hier hereingehen.“ Das Pferd beroch die Lücke und ſcharrte mit ſei⸗ nem Huf auf dem Boden. 4 Das hieß kategoriſch antworten. Thibault überließ ihm den Zügel, und inmitten der Steine, die unter ſeinen Füßen rollten, kletterte das Thier über die Lücke hinein. Pferd und Reiter waren im Park. Eine der drei Verlegenheiten war bereits glück⸗ lich abgethan. Thibault war an der bewußten Stelle herein⸗ gekommen. Blieb noch die bewußte Perſon zu finden. Er verließ ſich auch in dieſer Beziehung auf ſein Pferd. Nach Verfluß von fünf Minuten blieb das Pferd hundert Schritte vom Schloß vor einem jener aus Thon und berindetem Holz errichteten Hüttchen ſtehen, die man in einen Park ſtellt, um einer Landſchaft das zu geben, was man in der Kunſtſprache der Maler ein Gebäude nennt. Beim Getöne der Roſſeshufe hatte ſich die Thüre halb geöffnet, und das Pferd blieb vor dieſer Thüre ſtehen. Eine hübſche Zofe kam heraus. „Seid Ihr's, Herr Raoul?“ ſagte ſie leiſe. „Ja, mein Kind, ich bin's,“ antwortete Thibault, indem er abſtieg. „Die gnädige Frau war ſehr in Angſt, dieſer Trunkenbold von Champagne möchte Euch ihren Brief nicht zugeſtellt haben.“ ——‿——— u ei 57 „Sie brauchte ſich nicht zu bekümmern; Cham⸗ pagne hat Alles aufs Pünktlichſte ausgerichtet.“ „Laßt jetzt Euer Pferd hier und kommt.“. „Aber wer wird es beſorgen?“ 2 „Wer es gewöhnlich beſorgt, Meiſter Carmeſin.“ „Ah richtig,“ ſagte Thibault, wie wenn ihm dieſe Details aufs Genaueſte bekannt wären,„Car⸗ meſin wird es beſorgen.“ „Ei ſo kommt doch!“ wiederholte die Zofe,„wir müſſen uns ſputen, ſonſt könnte die gnädige Frau wieder ſagen, wir haben uns in den Gängen aufge⸗ halten.“ Und bei dieſen Worten, welche Thibault an eine Phraſe in dem Brief an Raoul erinnerten, lachte die Zofe und zeigte perlweiße Zähne. Thibault hatte diesmal große Luſt, ſich aufzu⸗ halten, aber nicht in den Gängen, ſondern im Park. Aber die Zofe hielt einen Fuß in der Schwebe und ihr Ohr gegen den Wind. „Was gibt es da?“ fragte Thibault. „Es ſcheint mir, als hätte ich einen Zweig unter einem Fuße krachen gehört.“ „Nun,“ ſagte Thibault,„das iſt gewiß Car⸗ meſin.“ „Ein neuer Grund, recht brav zu ſein, Herr Raoul; wenigſtens hier.“ 3 „Ich begreife nicht.“ „Ihr wiſſet ja doch, daß Carmeſin mein Bräuti⸗ gam iſt.“ „Ach ja, richtig! aber ſo oft ich mit Dir allein bin mein liebes Röschen, denke ich nicht mehr aran.“ 58 „Ei, jetzt ſoll ich auf einmal Röschen heißen! Herr Baron, ich habe noch nie einen vergeßlicheren Mann gefunden, als Ihr ſeid.“ „Ich nenne Dich Röschen, mein ſchönes Kind, weil die Roſe die Königin der Blumen iſt, gerade wie Du die Königin aller Zofen biſt.“ „Wahrhaftig, Herr Baron,“ ſagte das Mädchen, „ich habe Euch immer geiſtreich gefunden, aber heute Abend finde ich Euch noch geiſtreicher als ſonſt.“ Thibault warf ſich in die Bruſt. Es war dies ein an den Baron adreſſirter und von dem Holzſchuhmacher entſiegelter Brief. „Ob wohl Deine Gebieterin auch dieſer Anſicht iſt?“ fragte er. „O,“ ſagte die Zofe,„bei vornehmen Damen iſt es immer leicht, als der geiſtreichſte Menſch von der Welt zu gelten: man braucht blos gar Nichts zu ſprechen.“ „Gut,“ antwortete Thibault,„ich will an das Recept denken.“ „Bſt!“ ſagte die Zofe,„ſehet, die Frau Gräfin ſteht dort hinter dem Vorhang in ihrem Toilettezim⸗ mer. Ihr müßt ganz ſittſam hinter mir her gehen.“ In der That kamen ſie jetzt an einen leeren Raum, der ſich zwiſchen dem Gehölz und der Freitreppe des Schloſſes befand. Thibault ging auf die Freitreppe zu. „Ei, ei,“ ſagte die Zofe, indem ſie ihn beim Arm feſthielt,„was macht Ihr denn, Unglücklicher?“ „Was ich mache? Offen geſtanden, Suschen, ich weiß es ſelbſt nicht.“ „Nicht übel! Jetzt heiße ich auf einmal Suschen! n, ! 59 Der Herr Baron will mich, wie es ſcheint, mit den Namen aller ſeiner Liebchen beehren. Aber kommt doch hieher! Wollt Ihr denn durch die großen Zim⸗ mer gehen? Pfui! das iſt gut für den Herrn Grafen.“ Und die Zofe zog Thibault wirklich durch eine kleine Thüre, zu deren rechter Seite man eine Wen⸗ deltreppe fand. Mitten auf der Treppe umſchlang Thibault die Hüfte der Zofe, die geſchmeidig war wie eine Schlange. „Sind wir noch nicht in den Gängen?“ fragte er, indem er mit ſeinen Lippen die Wangen des ſchönen Mädchens ſuchte. „Noch nicht,“ antwortete ſie,„aber das macht Nichts.“ „Meiner Treu, liebes Mariechen, wenn ich heute Abend Thibault hieße ſtatt Raoul, ſo ginge ich mit Dir in die Manſarden hinauf, ſtatt in der Beletage zu bleiben.“ Man hörte das Knarren einer Thüre, die ſich öffnete. „Schnell, ſchnell, Herr Baron!“ ſagte die Zofe; „die gnädige Frau wird ungeduldig.“ Und Thibault hinter ſich her ziehend, erreichte ſie den Gang, öffnete eine Thüre, ſtieß Thibault in ein Zimmer und verſchloß die Thüre hinter ihm, im feſten Glauben, ſie hinter dem Baron Raoul von Vauparfond, dem vergeßlichſten Menſchen von der Welt, wie ſie ſagte, verſchloſſen zu haben. 60 XVI. Der Graf von Montgobert. Thibault befand ſich im Zimmer der Gräfin. Hatte ſchon die Pracht der Möbel, welche der Amtmann Magloire ſich in der Geräthekammer des Herrn Herzogs von Orleans ausgeſucht, Thibaults höchſte Bewunderung erregt, ſo wurde er durch die Friſche, Harmonie und Eleganz, welche im Zimmer der Gräfin waltete, zu trunkenem Entzücken hinge⸗ riſſen. Niemals hatte der arme Sohn des Waldes etwas Aehnliches geſehen, ſelbſt in ſeinen Träumen nicht. Man kann nicht von Dingen träumen, von denen man nie eine Ahnung gehabt hat. Die beiden Fenſter dieſes Zimmers waren von doppelten Vorhängen verdeckt. Die erſten waren von weißem Tafft und mit Spitzen beſetzt. Die zweiten waren von hellblauem chineſiſchem Atlaß und hatten Silberblumen eingeſtickt. Das Bett und der Putztiſch waren mit demſelben Stoff überhangen wie die Fenſter, und überfloſſen von Spitzen aus Valenciennes. Die Wandtapeten beſtanden aus ſehr hellem Roſatafft, und darüber hing, bauſchig und breitfaltig, ein indiſcher Mouſſeline, der ſo fein war wie ge⸗ wobene Luft und beim geringſten Zug von der Thüre her ſchauerte, wie ein Rauchwölkchen. Die Decke war ein von Boucher gemaltes Me⸗ daillon, die Toilette der Venus vorſtellend. 61 Die Liebesgötter empfingen aus den Händen ihrer Mutter die verſchiedenen Stücke, die zu einer weiblichen Rüſtung gehören; nur war Venus, da ſämmtliche Stücke der Rüſtung ſich in den Händen der Liebesgötter befanden, gänzlich waffenlos, mit Ausnahme des Gürtels. Das Medaillon wurde von Kiſten getragen, welche Anſichten von Gnidos, Paphos und Amathunt ent⸗ hielten. Die Möbel, Stühle, Lehnſeſſel, Cauſeuſes und Gegenüber waren mit demſelben chineſiſchen Atlaß überzogen, von welchem die Vorhänge genommen waren. Der waſſergrüne, ſehr helle Teppich war mit weit auseinander liegenden Sträußen von Kornblumen, Mohnroſen und weißen Maßlieben überſäet. Die Tiſche waren von Roſenholz; die Ecken von Lack von Coromandel. Alles das war üppig beleuchtet von ſechs roſa⸗ rothen Wachskerzen, die in zwei Armleuchtern ſtanden. Ein liebliches Parfüm wogte in der Luft, vag und aller Beſchreibungskunſt ſpottend. Es wäre unmöglich geweſen zu ſagen, aus wel⸗ cher Eſſenz es zuſammengeſetzt war. Es war kein Parfüm, ſondern eine Ausſtrö⸗ mung. An ſolchen balſamiſchen Ausflüſſen erkennt der Held der Aeneis die Gegenwart ſeiner Mutter. Geſchoben von der Zofe, hatte Thibault einen Schrit im Zimmer gethan und war dann ſtehen ge⸗ ieben. 62 Er hatte Alles mit einem Blick geſehen, Alles mit einem Athem eingeſogen. Alles war gleich einem Traumbild an ſeinen Augen vorübergegangen: Die Hütte Agnelettes, die Stube der Müllerin, das Zimmer der Amtmännin. Dann war alles das verſchwunden, um dem ent⸗ zückenden Liebesparadies Platz zu machen, in welches er ſo eben wie durch einen Zauber verſetzt worden war. Er zweifelte an der Wahrheit deſſen, was er ſah. Er fragte ſich, ob es wirklich Männer und Frauen gebe, denen das Glück ſo wohlwolle, daß ſie ſich ſolcher Wohnungen erfreuen dürfen. Befand er ſich nicht in einem Geiſterſchloß, in einem Feenpalaſt? Was hatten denn diejenigen, die einer ſolchen Gunſt genoſſen, Gutes gethan? Was hatten denn diejenigen, die ihrer beraubt waren, Böſes angerichtet? Warum hatte er nicht, ſtatt ſich auf vierund⸗ zwanzig Stunden an die Stelle des Herrn Raoul von Vauparfond zu wünſchen, vielmehr den Wunſch gethan, ſein ganzes Leben lang das Hündchen der Gräfin zu ſein? Wie ſollte er wieder Thibault werden, nachdem er das alles geſehen hatte? So weit war er in ſeinen Betrachtungen gekom⸗ men, als das Toilettenzimmer aufging und die Gräfin zum Vorſchein kam. Dies war wirklich der Vogel dieſes Zauberneſtes, die Blume dieſes balſamiſch durchdufteten Bodens. 63 Ihre Haare, die aufgelöst und blos durch drei oder vier Diamantnadeln zuſammengehalten waren, fielen auf der einen Seite über ihre Schulter hinab, während ſie auf der andern, in eine einzige große Locke zuſammengerollt, ſich in ihrer Bruſt verloren. Ihr geſchmeidiger und biegſamer Leib, der von ſeinen Reifröcken erlöst war, zeichnete ſeine harmo⸗ niſchen Linien unter einem roſarothen und mit Sticke⸗ reien überſäeten Tafftnegligé. Ihre ſeidenen Strümpfe waren ſo fein und durch⸗ ſichtig, daß man hätte glauben können, ſie ſeien von feinem, perlmutterartigem Fleiſch, aber keine Weber⸗ arbeit. Ihre niedlichen Füßchen endlich ſteckten in Pan⸗ töffelchen von Silberſtoff mit kirſchrothen Abſätzen. Ganz und gar kein Schmuck. Keine Armbänder, keine Fingerringe, ſondern nur eine einreihige Perlenſchnur um den Hals, aber welche Perlen! eines Königes Löſegeld. Beim Anblick der ſtrahlenden Erſcheinung ſank Thibault auf ſeine Kniee. Er beugte ſich, zermalmt unter dieſem Luxus und dieſer Schönheit, die unzertrennlich ſchienen. „Ja, ja, ſinket immerhin auf Eure Kniee, recht tief, noch tiefer; küſſet meine Füße, küſſet den Tep⸗ pich, küſſet die Erde, und ich werde Euch dennoch nicht verzeihen; Ihr ſeid ein Ungeheuer.“ „Wenn ich mich mit Euch vergleiche, ſchöne Herrin, ſo bin ich allerdings etwas noch Schlimme⸗ res, als ein Ungeheuer.“ „Ja, ja, thut nur, als ob Ihr mich nicht recht verſtändet und glaubtet, ich wolle von Eurer phy⸗ 64 ſiſchen Erſcheinung ſprechen, während ich Euern Cha⸗ rakter im Auge habe; ja, allerdings müßtet Ihr ein Ungeheuer von Häßlichkeit ſein, wenn Eure verräthe⸗ riſche Seele durch Euer Geſicht hervorſchimmerte; aber nein, das iſt nicht der Fall, ſondern der Herr bleibt trotz all ſeiner Miſſethaten, trotz all ſeiner Schändlichkeiten, der ſchönſte Edelmann von der gan⸗ zen Gegend. Wahrhaftig, Herr, Ihr ſolltet Euch ſchämen.“ „Der ſchönſte Edelmann von der ganzen Gegend zu ſein?“ fragte Thibault, der aus dem Klang dieſer Stimme wohl erſah, daß das Verbrechen, das er be⸗ gangen hatte, nicht unverzeihlich war. „Nein, mein Herr, ſondern die ſchwärzeſte Seele, das treuloſeſte Herz zu ſein, das ſich je unter einer goldenen Hülle verbergen konnte. Kommt, ſtehet jetzt auf und leget mir Rechenſchaft ab von Eurer Aufführung.“ Und die Gräfin reichte Thibault eine Hand, die zugleich Verzeihung anbot und einen Kuß forderte. Thibault nahm die weiche Hand und küßte ſie. Nie hatten ſeine Lippen einen ſolchen Atlaß be⸗ rührt. Die Gräfin wies dem falſchen Raoul einen Platz auf ihrer Cauſeuſe an und ſetzte ſich zuerſt. „Gebt mir jetzt Rechenſchaft über das, was Ihr ſeit Eurem letzten Beſuch gethan habt,“ ſagte ſie. „Theure Gräfin,“ antwortete Thibault,„ſagt mir zuerſt, wann ich meinen letzten Beſuch gemacht habe.“ „Ihr habt es alſo vergeſſen? Nun wahrhaftig, das iſt nicht übel! man geſteht ſolche Dinge blos, wenn man durchaus einen Bruch herbeiführen will.“ 65 „Im Gegentheil, theure Jane, dieſer Beſuch iſt mir noch ſo gegenwärtig, daß ich meine, ich ſei erſt geſtern da geweſen, und wenn ich auch alle meine Erinnerungen zuſammenrufe, ſo habe ich ſeit geſtern kein anderes Verbrechen begangen, als daß ich Euch liebe.“ „Recht ſchön geſagt, aber Ihr ſollt Euch mit einem Compliment nicht aus der Schlinge ziehen.“ „Liebe Gräfin,“ ſagte Thibault,„wenn wir die Erklärungen auf ſpäter verſchöben?“ „Nein, antwortet zuerſt; ich habe Euch fünf Tage lang nicht geſehen. Was habt Ihr gethan?“ „Ich erwarte, daß Ihr es mir ſaget, Gräfin. Wie könnt Ihr verlangen, daß ich, bei meinem Un⸗ ſchuldsbewußtſein, mich ſelbſt anklage?“ „Nun wohl, es ſei! von Eurem langen Verweilen in den Gängen will ich gar nicht ſprechen.“ „O doch, ſprechen wir immerhin davon; wie könnt Ihr glauben, Gräfin, daß ich, während Ihr, der Diamant der Diamanten, mich erwartet, unterwegs eine falſche Perle aufheben würde?“ „Ach, mein Gott, die Männer ſind ſo launiſch, und Liſette iſt ſo hübſch.“ „Nein, liebe Jane, aber begreifet doch, daß ich dieſes Mädchen, da ſie unſere Vertraute iſt und alle unſere Geheimniſſe weiß, nicht wie einen gewöhn⸗ lichen Dienſtboten behandeln kann.“ „Wie lieblich muß es ſein, ſagen zu können: Ich hintergehe die Gräfin von Montgobert und bin der Nebenbuhler des Herrn Carmeſin.“ „Nun denn, man wird ſich nicht mehr in den Dumas, der Wolfsführer. II. 5 66 Gängen aufhalten und Liſette nicht mehr küſſen, vorausgeſetzt, daß man ſie je einmal geküßt hätte.“ „O, das iſt noch Nichts.“ „Wie? ſoll ich noch ein größeres Verbrechen be⸗ gangen haben?“ „Woher kamet Ihr vorgeſtern Nacht, als man Euch auf der Straße zwiſchen Erneville und Villers⸗ Coterets antraf?“ „Was? hat man mich auf der Straße ange⸗ troffen?“ „Ja, auf der Straße von Erneville; woher kamet Ihr?“ „Vom Fiſchfang.“ „Vom Fiſchfang?“ „Ja, man fiſchte in den Teichen von Berval.“ „Nun freilich, man weiß es ja, daß Ihr ein ge⸗ waltiger Fiſcher ſeid. Und welchen Aal habt Ihr in Eurem Netz heimgebracht? Ihr kamet um zwei Uhr Morgens vom Fiſchfang zurück?“ „Ich hatte bei meinem Freund, dem Herrn Jean, dinirt.“ „Auf dem Schloſſe Vez? Ich glaube vielmehr, daß Ihr die ſchöne Gefangene getröſtet habt, welche der eiferſüchtige Wolfsjäger eingeſperrt halten ſoll. Doch ich verzeihe Euch auch noch das.“ „Ei wiel ſollten noch ärgere Sünden vorliegen?“ ſagte Thibault, der ſich zu beruhigen anfing, als er ſah, wie leicht die Verzeihung ſelbſt auf die ſchwerſte Anklage folgte. „Ja, auf dem Ball des Herrn Herzogs von Orleans...“ „Auf welchem Ball?“ ——— 67 „Auf dem von geſtern. Es iſt noch nicht lange her.“ „Von geſtern? Da habe ich Euch bewundert.“ „Ganz ſchön, nur war ich leider gar nicht da.“ „Und iſt es denn nöthig, daß Ihr da ſeid, da⸗ mit ich Euch bewundere? Und bewundert man nicht ebenſo aufrichtig in der Erinnerung, als in der Gegen⸗ wart? Wenn Ihr ſogar in Eurer Abweſenheit durch die Vergleichung ſieget, ſo wird Euer Triumph da⸗ durch nur um ſo größer.“ „Ja, und um die Vergleichung bis aufs Aeußerſte zu treiben, habt Ihr nicht weniger als viermal mit hun von Bonneuil getanzt? Iſt es denn etwas ſo Hübſches um dieſe rothgeſchminkten Brünetten mit Augenbrauen wie die Chineſen auf meinem Wind⸗ ſchirm und mit Schnauzbärten wie ein gemeiner Gardiſt?“ „Wißt Ihr, von was wir während dieſer vier Contretänze geſprochen haben?“ „Es iſt alſo doch wahr, daß Ihr viermal mit ihr getanzt habt?“ „Es muß wahr ſein, da Ihr es ſaget.“ „Eine ſchöne Antwort!“ „Allerdings, denn wer möchte wohl einen ſo ſchönen Mund Lügen ſtrafen? Ich nicht, denn ich würde ihn ſelbſt dann noch ſegnen, wenn er mein Todesurtheil ausſpräche.“ Und als erwartete er ſein Urtheil, ſank Thibault der Gräfin zu Füßen. Im ſelben Augenblick flog die Thüre auf und Liſette ſtürzte athemlos vor Schrecken herein. „Ach, Herr Baron!“ ſagte ſie,„fliehet, der Ser Graf iſt da!“ 68 „Wie? der Graf?“ rief die Gräfin. „Ja, der Herr Graf in eigener Perſon und ſein Rüdenknecht Leſtocg.“ „Unmöglich!“ 1 „Frau Gräfin, Carmeſin hat ſie geſehen, wie ich Euch ſehe; der arme Junge war todesblaß.“ „Hal dieſe Jagd auf Schloß Thury war alſo eine Schlinge?“ „Wer weiß, Madame? O, die Männer ſind ſo perfid!“ „Was thun?“ fragte die Gräfin. „Den Grafen erwarten und ihn tödten!“ ſagte Thibault entſchloſſen, denn er war wüthend, daß dieſe neue Eroberung, die ſchönſte von allen, nach denen ſein Ehrgeiz je getrachtet hatte, ihm entgehen ſollte. „Ihn tödten! den Grafen tödten! Seid Ihr toll, Raoul? Nein, nein, Ihr müßt fliehen, Ihr müßt entſpringen. Liſette! Liſette! führe den Baron durch mein Toilettenzimmer weg.“ Und Liſette verſchwand im Cabinet, indem ſie Thibault trotz ſeines Widerſtandes fortſchob. Es war Zeit. Man hörte Tritte auf der Haupttreppe. Die Gräfin hatte nur noch Zeit, den falſchen Raoul zu bitten, daß er ſie lieben möge, was auch immer geſchehe, und dann in ihr Schlafzimmer zu ſtürzen. Thibault folgte Liſette. . Sie führte ihn raſch durch den Gang, deſſen anderes Ende Carmeſin bewachte. — dere ſein 69 Sie trat in ein Zimmer, von dieſem in ein an⸗ deres, von da in ein Cabinet. Das Cabinet führte in ein Thürmchen. Hier fanden die Flüchtlinge zum Hinabſteigen eine ähnliche Treppe, wie diejenige, welche ſie her⸗ aufgekommen waren.. Nur war, als ſie unten ankamen, die Thüre verſchloſſen. Liſette ging, ſtets von Thibault gefolgt, wieder einige Stufen hinauf, trat in eine Art von Geſinde⸗ ſtübchen, deſſen Fenſter auf den Garten ſah, und öffnete das Fenſter. Es war bloß einige Fuß über dem Boden. Thibault ſchwang ſich hinaus und kam ohne die mindeſte Verletzung unten an. „Ihr wißt, wo Euer Pferd ſteht,“ rief Liſette; „ſpringet hinauf und galoppiret, bis Ihr in Vau⸗ parfond ſeid.“ Thibault hätte der Zofe gerne für ihre guten Rathſchläge gedankt, aber ſie befand ſich ſechs Fuß über ihm, und er durfte keine Zeit verlieren. Mit zwei Sprüngen erreichte er die Baumgruppe, unter welcher das Häuschen ſtand, das ſeinem Pferd als Stall diente. Aber ob es auch noch da war? Ein Gewieher beruhigte ihn in dieſer Beziehung. Inzwiſchen ſchien ihm dieſes Gewieher ſo kläg⸗ lich zu tönen. Thibault trat in das Häuschen, ſtreckte die Hände aus, berührte ſein Pferd, nahm die Zügel zuſammen und ſprang ohne Hülfe der Steigbügel hinauf. 70 Aber das Pferd bog ſich unter dieſer Laſt, an welche es doch gewöhnt ſein mußte. Thibault ſtieß ihm die Sporen in den Leib, um es in den Gang zu bringen. Das Pferd machte auch wirklich einen Anſatzver⸗ ſuch; aber kaum hatte es ſeine beiden Vorderbeine erhoben, als es von Neuem in das klägliche Ge⸗ wieher ausbrach, das Thibault bereits gehört hatte, und ſich auf die Seite niederwarf. Thibault zog raſch ſeinen Fuß unter ihm hervor, was ihm nicht ſchwer wurde, da das Thier all ſeine Kräfte aufbot, um ſich aufzurichten, und ſo ſtand er alſo da. Er begriff jetzt, daß der Graf, um ſeine Flucht zu verhindern, ſeinem Pferd die Häkſen abgeſchnitten hatte oder hatte abſchneiden laſſen. „Ha, verdammter Hund!“ ſagte er,„wenn Du mir in den Wurf kommſt, Graf von Montgobert, ſo ſchwöre ich, daß ich Dir die Häkſen auch ab⸗ ſchneiden werde, wie Du ſie dieſem armen Thier abgeſchnitten haſt.“ Und er ſtürzte ins Freie. Thibault erkannte den Weg wieder, auf welchem er gekommen war, und der ihn auch nach der Mauer⸗ lücke zurückführte. terte über die Steine weg und befand ſich außerhalb des Parkes. Auf einmal erblickte er einen Mann, der unbe⸗ weglich und mit dem Degen in der Hand vor ihm ſtand. Dieſer Mann verſperrte ihm den Weg. — „ Er ging ſchnell auf dieſelbe zu, erreichte ſie, klet⸗ Va — 71 Thibault erkannte den Grafen von Montgobert. Der Graf von Montgobert glaubte Raoul von Vauparfond zu erkennen. „Zieht vom Leder, Baron,“ ſagte der Graf. Jede Erklärung war unnütz. Ohnehin war Thibault, welchem der Graf eine Beute entriſſen, an die er bereits Klauen und Zähne dgelegt hatte, nicht minder zornig als der Graf ſelbſt. Er zog nicht ſeinen Degen, ſondern ſeinen Hirſch⸗ fänger. Die Klingen kreuzten ſich. Thibault war ein guter Stockfechter, verſtand ſich aber auf andere Waffen nicht. Er war daher ganz erſtaunt, als er, nachdem er ſeine Waffe inſtinctmäßig in die Hand genommen, ſich ganz von ſelbſt in die Parade legte und ſich nach allen Regeln der Kunſt deckte. Der Graf that ſchnell hinter einander zwei oder drei Stöße, die er mit bewundernswürdiger Ge⸗ wandtheit parirte. „Ja, wahrhaftig,“ murmelte der Graf,„man hat mir geſagt, daß Ihr beim letzten Aſſaut den St. Georges ausgeſchmiert habt.“ Thibault wußte von keinem St. Georges. Aber er fühlte in ſeinem Handgelenke eine ſolche Feſtigkeit und Elaſticität, daß er den Teufel in eige⸗ ner Perſon nicht gefürchtet hätte. Bisher hatte er ſich auf die Vertheidigung beſchränkt. Aber auf einmal ſah er, daß der Graf in Folge einer ſchlechten Seconde ſich eine Blöße gab, fiel alſo aus und ſtieß ihm die Schulter durch und durch. 72 Der Graf ließ ſeinen Degen ſinken, brach mit ſeinem linken Fuß zuſammen und fiel auf ein Knie, indem er rief: „Leſtocg, hilf!“ 3 Thibault hätte ſeinen Hirſchfänger wieder ein⸗ ſtecken und fliehen ſollen. Unglücklicher Weiſe erinnerte er ſich ſeines Schwurs, daß er dem Grafen, wenn er ihm in den Wurf käme, die Kniekehlen abſchneiden wolle, wie dieſer ſeinem Pferde gethan hatte. Er ſtach ihm alſo die ſchneidende Klinge unter das gebogene Knie. Der Graf ſtieß einen Schrei aus. Aber als Thibault ſich wieder aufrichtete, em⸗ pfand er einen heftigen Schmerz zwiſchen beiden Schultern, dann fühlte er, daß ihm Etwas kalt durch die Bruſt drang. Dann ſah er endlich oberhalb ſeiner rechten Bruſt⸗ warze eine Degenklinge hervorkommen. Dann ſah er Nichts mehr als einen Strom von Blut. Leſtocg, den ſein Herr im Fallen um Hülfe an⸗ gerufen, war herbeigeeilt und hatte den Augenblick, wo Thibault, nachdem er dem Grafen die Kniekehlen abgeſchnitten, ſich wieder aufrichtete, dazu benützt, ihm ſeinen Hirſchfänger zwiſchen die Schultern zu ſtoßen. — mit Knie, ein⸗ urs, ime, nem nter em⸗ den Irch uſt⸗ von an⸗ ick, len tt, zu — XVII. Tod und Auferſtehung. Die Morgenkälte rief Thibault ins Leben zurück. Er verſuchte aufzuſtehen, aber ein heftiger Schmerz hielt ihn wie angenagelt auf ſeinem Platze feſt. Er lag auf dem Rücken, hatte keine Erinnerung, und ſah über ſich Nichts als einen grauen, herab⸗ hängenden Himmel. Mühſam legte er ſich auf die Seite, richtete ſich auf ſeinen Ellbogen auf und ſchaute um ſich. Der Anblick ſeiner Umgebung gab ihm die Er⸗ innerung an das Geſchehene zurück. Er erkannte die Maueröffnung wieder. Er erinnerte ſich an ſeine verliebte Zuſammen⸗ kunft mit der Gräfin, an ſeinen hartnäckigen Zwei⸗ kampf mit dem Grafen. Drei Schritte von ihm war der Boden durch Blut geröthet. Nur war der Graf nicht mehr da. Ohne Zweifel hatte Leſtocg, der ihm ſelbſt dieſen ſchönen Treff verſetzt hatte, ſeinem Herrn ins Haus verholfen. Ihn aber hatte man hier liegen laſſen, auf die Gefahr hin, daß er wie ein Hund ſterben könnte. Alle Unglückswünſche, die man nur über ſeinen grauſamſten Feind ſprechen kann, lagen ihm auf der Zunge. Aber ſeit Thibault nicht mehr Thibault war, und für die ganze Zeit, die er noch der Baron Raoul 74 bleiben oder ſich wenigſtens unter ſeiner Hülle ver⸗ ſtecken mußte, war ſeine ganze phantaſtiſche Gewalt verloren. Er behielt die fremde Hülle bis neun Uhr Abends; nur fragte es ſich jetzt, ob er wohl noch ſo lange lebte. Thibault war ſehr unruhig darüber, wenn er vorher ſtürbe. Wer würde dann ſterben: er oder der Baron Raoul? Es war auf den Einen ſo viel zu wetten, als auf den Andern. Aber was Thibault am allermeiſten ärgerte, war das Bewußtſein, daß er ſich dieſes Unglück durch ſeine eigene Schuld zugezogen hatte. Er erinnerte ſich jetzt, daß er, ehe er ſich ge⸗ wünſcht, vierundzwanzig Stunden lang der Baron Raoul zu ſein, ſich ungefähr folgendermaßen ausge⸗ ſprochen hatte: „Ich müßte lachen, Raoul, wenn der Graf von Montgobert Dich überraſchte; dann ginge es nicht ab, wie geſtern bei dem Amtmann Magloire, und es würde auf beiden Seiten Degenſtöße abſetzen.“ Thibaults erſter Wunſch war, wie man ſieht, ebenſo getreulich in Erfüllung gegangen wie der zweite, und es hatte wirklich auf beiden Seiten Degenſtöße abgeſetzt. Erſt nach unerhörten Anſtrengungen und unter ſchrecklichen Schmerzen gelang es Thibault, ſich auf ein Knie zu erheben. In dieſer Haltung bemerkte er in einem Hohl⸗ weg Leute, die auf den Markt von Villers⸗Coterets gingen. Er verſuchte zu rufen. 09 N 75 Aber das Blut ſtrömte ihm in den Mund und erſtickte ihn. Er ſteckte ſeinen Hut auf ſeinen Hirſchfänger und machte Zeichen wie ein Schiffbrüchiger. Aber die Kräfte gingen ihm von Neuem aus, und er ſank bewußtlos auf den Boden zurück. Gleichwohl ſchien es ihm nach einiger Zeit, als ob ſein Bewußtſein wieder erwachte. Ihn däuchte, ſein Körper befinde ſich in einer Art von Schwankung, derjenigen ähnlich, der man in einem Nachen ausgeſetzt iſt. Er ſchlug die Augen auf. Bauern hatten ihn geſehen, und ohne ihn zu kennen, hatten ſie aus Mitleid mit dem ſchönen jun⸗ gen Mann, der in ſeinem Blute ſchwamm, von Baum⸗ zweigen eine Tragbahre verfertigt, auf welcher ſie ihn nach Villers⸗Coterets trugen. Aber in Puiſeux fühlte ſich der Verwundete un⸗ fähig, die Bewegung noch länger auszuhalten. Er bat, man möchte ihn bei dem erſten beſten Bauern unterbringen, wo er warten wolle, bis man ihm einen Arzt ſchicke. Die Träger brachten ihn zum Pfarrer. Thibault zog zwei Goldſtücke aus Raouls Börſe und gab ſie den Bauern für die Mühe, die ſie be⸗ reits gehabt hatten und noch haben würden. Der Pfarrer ſprach gerade die Meſſe. Als er nach Hauſe kam, erhob er ein lautes Ge⸗ ſchrei. Raoul ſelbſt hätte kein beſſeres Spital wählen können. Der Pfarrer von Puiſeux war früher Hauslehrer 76 in Vauparfond geweſen und hatte Raouls erſte Er⸗ ziehung geleitet. Gleich allen Landpfarrern verſtand er Etwas von der Medicin oder glaubte wenigſtens Etwas zu ver⸗ ſtehen. Er unterſuchte die Wunde ſeines ehemaligen Schülers. Die Klinge war unter dem Schulterblatt einge⸗ drungen, hatte die rechte Lunge durchſtoßen und war vorn, zwiſchen der zweiten und der dritten Rippe, wieder herausgekommen. Er verhehlte ſich die Bedenklichkeit der Wunde keineswegs. Dennoch wollte er Nichts ſagen, bis der Doctor käme. Dieſer kam und unterſuchte die Wunde. Er ſchüttelte troſtlos den Kopf.. „Wollt Ihr ihm nicht zur Ader laſſen?“ fragte der Prieſter. „Warum?“ erwiederte der Arzt.„Im Augen⸗ blick der Verwundung hätte das zweckmäßig ſein kön⸗ nen, aber jetzt wäre es gefährlich, irgend eine Be⸗ wegung im Blut herbeizuführen.“ „Was haltet Ihr von dem Verwundeten?“ fragte der Geiſtliche, welcher dachte, je weniger es für den Arzt zu thun gebe, um ſo mehr bleibe für den Prie⸗ ſter zu thun. „Wenn die Wunde ihren gewöhnlichen Verlauf nimmt,“ ſagte der Doctor mit gedämpfter Stimme, „ſo wird der Patient vermuthlich den heutigen Tag nicht überleben.“ „Ihr gebt ihn alſo verloren?“ 8 Rk 77 „Ein Arzt gibt nie Jemand verloren, oder wenn er es thut, ſo überläßt er immer noch der Natur das Begnadigungsrecht; es kann ſich ein Blutklumpen bilden und den Blutfluß ſchnell ſtillen, ein Huſten kann den Blutklumpen zum Aufbrechen bringen, und der Blutfluß kann den Kranken tödten.“ „Ihr glaubet alſo, daß es meine Pflicht ſei, den armen Jungen auf den Tod vorzubereiten?“ fragte der Pfarrer. „Ich glaube,“ antwortete der Arzt mit Achſel⸗ zucken,„daß Ihr weit beſſer thätet, ihn jetzt in Ruhe zu laſſen; erſtens weil er in dieſem Augenblick ein⸗ geſchlafen iſt und Euch nicht hören wird, dann ſpäter, weil er in Fieberwahnſinn verfallen und Euch nicht verſtehen wird.“ Der Doctor täuſchte ſich. Trotz ſeines Schlummers hörte der Verwundete dieſes Geſprach das in Betreff ſeines Seelenheils beruhigender war, als in Betreff ſeiner leiblichen Geſundheit. Wie viel ſagt man nicht vor dem Kranken, in der Meinung, er höre es nicht, während ihm kein Wort entgeht! Dann kam auch dieſe Schärfe des Gehörſinns daher, daß Thibaults Geiſt es war, der in Raouls Leib wachte. Wäre es der Geiſt dieſes Körpers geweſen, ſo würde er den Einfluß dieſer Wunde vielleicht mit größerer Sympathie ertragen haben. Der Arzt legte einen Verband auf die Rücken⸗ wunde. Die Bruſtwunde ließ er offen, befahl aber, ein in Eiswaſſer getauchtes Stück Leinwand darüber 78 zu halten. Dann ließ er etliche Tropfen eines be⸗ ruhigenden Getränkes in ein Glas Waſſer fallen und empfahl dem Pfarrer, dem Kranken einen Löffel voll davon einzugeben, ſo oft er zu trinken verlangen würde. Nach dieſen Vorſichtsmaßregeln entfernte ſich der Doctor mit dem Verſprechen, am nächſten Tag wie⸗ derzukommen, obſchon er ſehr fürchte, daß dies ein unnützer Gang ſein möchte. Thibault hätte gerne ein Wort drein reden und ſeine eigene Anſicht ausſprechen mögen; allein ſein Geiſt war wie gefangen in dieſem ſterbenden Kör⸗ per und unterlag unwillkürlich dem Einfluß dieſer Kerkerhaft. Gleichwohl hörte er, wie der Geiſtliche zu ihm ſprach, ihn ſchüttelte und aus ſeiner Schlafſucht zu wecken bemüht war. Dies ermüdete ihn ſehr. Es war ein großes Glück für der würdigen Pfarrer, daß Thibault, da er eigentlich nicht mehr vorhanden war, ſeine phantaſtiſche Gewalt verloren hatte, denn mehr als zehnmal wünſchte ihn der Ver⸗ wundete in Gedanken zu allen Teufeln. Bald däuchte es ihn, als ſchiebe man ihm glühende Kohlen unter die Füße, unter die Lenden, unter den Kopf. Sein Blut begann ſich zu regen, dann in Wal⸗ lung zu kommen, wie Waſſer über dem Feuer. Er fühlte, wie alle ſeine Ideen ſich verwirrten. Seine geſchloſſenen Kinnbacken öffneten ſich, ſeine gebundene Zunge löste ſich; einige zuſammenhangs⸗ loſe Worte kamen hervor. /-)—-9— ⁸½— 79 „Ah! ah! ah!“ jagte er,„das iſt es wahrſchein⸗ lich, was der wackere Doctor Fieberwahnſinn nennt.“ Dies war, für den Augenblick wenigſtens, ſeine letzte lichte Idee. Sein ganzes Leben— und in Wahrheit konnte nur ſeit der Erſcheinung des ſchwarzen Wolfes von einem ſolchen die Rede ſein— zog an ihm vorüber. Er ſah ſich, wie er den Damhirſch verfolgte und fehlte.. Er ſah ſich an die Eiche gebunden und mit Rie⸗ menhieben mißhandelt. Er ſah ſich, wie er mit dem ſchwarzen Wolf den Vertrag abſchloß, dem er ſich nicht mehr entziehen konnte. Er ſah ſich, wie er den hölliſchen Ring an Agne⸗ lettes Finger zu ſtecken verſuchte. Er ſah ſich, wie er die rothen Haare auszuraufen verſuchte, die jetzt bereits den dritten Theil ſeines Kopfes einnahmen. Er ſah ſich, wie er zu der ſchönen Müllerin ging, wie er Landry begegnete, wie er ſich ſeines Neben⸗ buhlers entledigte, wie er von den Knechten und Mägden verfolgt wurde, und wie die Wölfe ihm das Geleite gaben. Er ſah ſich, wie er die Bekanntſchaft der Frau Magloire machte, wie er ihr zu Liebe auf die Jagd ging, wie er das erbeutete Wild eſſen half, wie er ſich hinter den Vorhängen ihres Schlafzimmers ver⸗ ſteckte, wie er von Herrn Magloire entdeckt, von Herrn Jean verhöhnt, von allen drei hinausgewieſen wurde. Er ſah ſich in ſeinem hohlen Baum, um welchen 80 ſeine Wölfe ſich gelagert hatten, während Eulen und Käuze auf ſeinen Zweigen ſaßen. Er ſah ſich, wie er lauſchte, wie er die Geigen⸗ und Hoboetöne hörte, wie er den Kopf aus ſeinem Loch hervorſtreckte, wie er Agnelette und die luſtige Hochzeit vorüberziehen ſah. Er ſah ſich als Raub der wüthendſten Eiferſucht, die er durch Saufen zu bekämpfen verſuchte; in ſei⸗ nem wirren Hirn tauchten François, Champagne und der Wirth auf; er hörte den Baron Raoul hinter ſich her galoppiren, er fühlte, wie er umgeſtoßen wurde und ſich im Koth wälzte. Von da an ſah er ſich ſelbſt, Thibault, nicht mehr. Er ſah nur noch den ſchönen Ritter, deſſen Ge⸗ ſtalt er angenommen hatte. Er faßte Liſette um den Leib. Er berührte mit ſeinen Lippen die Hand der Gräfin. Dann wollte er fliehen, befand ſich aber auf einer Kreuzſtraße, wo nur drei Wege waren. Jeder derſelben wurde von einem ſeiner Opfer bewacht: Der erſte vom Geſpenſt eines Ertrunkenen: dies war Markotte; Der zweite von einem Fieberkranken, der in einem Spital auf den Tod lag: dies war Landry; Der dritte von einem Verwundeten, der ſich auf einem Knie fortſchleppte und vergebens all ſeine Kraſt aufbot, um ſich auf ſeiner abgeſchnittenen Knielehle wieder aufzurichten: dies war der Graf. Es däuchte ihn, er erzähle das alles, ſo wie es an chen noch tend erth und verd dieſt Geit gen hält das dieſe Ewi wegt Mal 81 an ſeinen Augen vorüberzog, und der Prieſter, wel⸗ chem er dieſe ſeltſame Beichte ablege, ſei dem Tode noch näher, noch bläſſer und unruhiger als der Beich⸗ tende ſelbſt; gleichwohl wolle er ihm die Abſolution ertheilen, aber er verſchmähe ſie, ſchüttle den Kopf und rufe mit einem fürchterlichen Lachen: „Keine Abſolution! ich bin verdammt! ich bin verdammt! ich bin verdammt!“ Und mitten in dieſem Fieberwahnſinn, mitten in dieſer Verblendung und Narrheit, hörte Thibaults Geiſt die Stunden auf der Uhr des Pfarrers ſchla⸗ gen und zählte ſie. Nur ſchien es ihm, dieſe Uhr habe rieſige Ver⸗ hältniſſe, ein Zifferblatt, das nichts Anderes ſei als das blaue Himmelsgewölbe, die Stundenzahlen auf dieſem Zifferblatt ſeien Flammen, die Uhr nenne ſich Ewigkeit, und der rieſige Schwängel, der ſie in Be⸗ wegung ſetze, ſage bei jedem ſeiner Stöße, das eine al: „Niel“ Das andere Mal: „Ewig!“ So hörte er zu allen Stunden des Tages. Es ſchlug neun Uhr Abends. Um halb zehn wurden es vierundzwanzig Stun⸗ den, ſeit er Raoul und Raoul Thibault war. Beim letzten Nachklang von neun fühlte er, wie dieſes ganze Fieber ihn verließ, worauf eine Empfin⸗ dung von Kälte folgte, die ſich bis zu Froſtſchauer ſteigerte. Er ſchlug zitternd die Augen auf, erkannte den Pfarrer, der vor ſeinem Bette kniete und das Dumas, der Wolfsführer. 1I. 6 82 Sterbegebet betete, und ſah, daß die wahre Uhr auf Bl ein Viertel über neun deutete. ſch Nur hatten ſeine Sinne eine ſolche Feinheit ge⸗ wonnen, daß er den großen und ſogar den kleinen lof Zeiger gehen ſah, ſo unmerklich auch ihre Bewegung wi in Wirklichkeit war. Beide ſchritten auf die verhängnißvolle Stunde halb zehn zu. wr Kein Licht fiel auf das Zifferblatt, aber es ſchien von einem innern Licht beleuchtet zu werden. Je näher der große Zeiger gegen Nr. 6 kam, At um ſo heftigere Krämpfe beklemmten die Bruſt des Kranken. Seine Füße waren eiſig, und die Kälte ſiieg langſam, aber ohne anzuhalten, von den Füßen in die Kniee, von den Knieen in die Schenkel, von den Schenkeln in die Eingeweide. Der Schweiß floß über ſeine Stirne. Er hatte weder die Kraft, ihn abzutrocknen, noch zu bitten, daß man ihn abtrocknen möchte. 4 Er fühlte, daß es der Angſtſchweiß war, der mit gle jedem Augenblick mehr zum Todesſchweiß wurde. 1 Alle Arten von wunderlichen Geſtalten, die nichts Menſchliches hatten, wogten vor ſeinen Augen. Das Licht zerſetzte ſich. Es däuchte ihn, als ob Fledermausflügel ſeinen no Körper emporhöben und in eine Dämmerung trügen, die weder Leben noch Tod war, aber von Beiden ber Etwas hatte. W Endlich wurde die Dämmerung ſelbſt immer bam düſterer. Seine Augen ſchloſſen ſich, und gleich einem ſeit auf ge⸗ inen gung unde hien kam, des 83 Blinden, der im Finſtern ſtolpert, ſtießen ſich die ſchweren Häutchen ſeiner Flügel an unbekannte Dinge. Dann rollte er in unermeßliche Tiefen, in boden⸗ loſe Abgründe, wo jedoch der Schlag einer Uhr wiedertönte. Die Uhr that einen einzigen Schlag. Kaum war derſelbe verklungen, ſo ſtieß der Ver⸗ wundete einen Schrei aus. Der Prieſter erhob ſich und trat näher ans Bett. Dieſer Schrei war der letzte Seufzer, der letzte Athemzug, der letzte Hauch des Barons Raoul. Es war eine Secunde über halb zehn. XVIII. Welcher lebte? Welcher war todt? In demſelben Augenblick, wo die zitternde Seele des jungen Edelmanns entflog, erhob ſich Thibault, gleich als erwachte er aus einem von furchtbaren Träumen beunruhigten Schlaf, auf ſeinem Bett. Er war ganz von Flammen umgeben. Es brannte an allen vier Ecken ſeiner Hütte. Er glaubte Anfangs, ſein Alpdrücken währe noch fort. Aber er hörte ſo deutlich:„Nieder mit dem Zau⸗ berer! Nieder mit dem Hexenmeiſter! Nieder mit dem Währwolf!“ rufen, daß er begriff, daß etwas Furcht⸗ bares gegen ihn im Werke war. Dann kamen die Flammen näher und ergriffen ſein Bett; er ſpürte bereits ihre Hitze. 84 Noch einige Secunden, und er befand ſich in⸗ mitten eines großen Brandes. Zögerte er einen Augenblick, ſo wurde alles Ent⸗ kommen unmöglich; dann konnte er nicht mehr fliehen. Thibault ſprang von ſeinem Bett herab, bemäch⸗ tigte ſich eines Spießes und ſtürzte zur Hinterthüre ſeiner Hütte hinaus. Im Augenblick, wo man ihn mitten durch die Flammen ſchreiten und durch den Rauch hervorbre⸗ chen ſah, wurde das Geſchrei:„Nieder mit ihm! Nieder mit ihm!“ immer heftiger. Drei oder vier Schüſſe krachten. Dieſe drei oder vier Schüſſe waren für Thibault beſtimmt. Er hatte die Kugeln ziſchen gehört. Die Leute, die auf ihn geſchoſſen hatten, trugen die Livree des Wolfsjägermeiſters. Thibault erinnerte ſich der Drohung, welche der Baron von Vez vor zwei Tagen gegen ihn ausge⸗ ſtoßen hatte. Er befand ſich alſo außerhalb des Geſetzes! Man konnte ihn wie einen Fuchs in ſeinem Bau ausrauchen, man konnte auf ihn ſchießen wie auf ein Stück Wild. Zum Glück hatte ihn keine Kugel getroffen. Die Flamme ſeiner Hütte bildete nur einen engen Lichtkreis; er war bald außerhalb deſſelben. Dann befand er ſich im Dunkel der großen Wäl der, und ohne das Geſchrei des Bedientenpacks, das ihm ſein Haus verbrannte, wäre es um dieſe Stunde ebenſo ſtill als dunkel geweſen. 2 6 — fr 8⁵ Er ſetzte ſich unter einen Baum und ließ den Kopf in ſeine Hände ſinken. Die Ereigniſſe waren ſich binnen achtundvierzig Stunden raſch genug gefolgt, daß es dem Holzſchuh⸗ macher nicht an Gegenſtänden für ſeine Betrachtun⸗ gen fehlte. Nur erſchienen ihm dieſe letzten vierundzwanzig Stunden, wo er von einem andern Leben als dem ſeinigen gelebt hatte, als ein Traum. Er hätte nicht zu beſchwören gewagt, daß dieſe ganze Geſchichte von dem Baron Raoul, von der Gräfin Jane und von dem Herrn von Montgobert wahr ſei.. Er richtete ſeinen Kopf empor, als er auf dem Kirchthurm von Oigny Etwas ſchlagen hörte. Es war zehn Uhr. Zehn Uhr! Um halb zehn lag er noch ſterbend in Geſtalt des Barons Raoul im Pfarrhaus von Puiſeux. „Ha, bei Gott!“ ſagte er,„ich muß wiſſen, wo ich dran bin. Es iſt kaum eine Stunde von hier nach Puiſeux, in einer halben Stunde kann ich dort ſein; ich will mich verſichern, ob der Baron Raoul wirklich todt iſt.“ Ein klägliches Geheul antwortete auf dieſe Frage, welche Thibault an ſich ſelbſt richtete. Er blickte um ſich. Seine treuen Leibgardiſten hatten ſich wieder eingeſtellt. Der Wolfsführer hatte ſeine Meute wieder ge⸗ funden. 86 „Vorwärts, Wölfe, meine einzigen Freunde,“ ſagte er,„vorwärts, Marſch!“ Und er zog mit ihnen durch den Wald in der Richtung von Puiſeux. Die Bedienten des Herrn Jean, die in den letz⸗ ten Reſten der brennenden Hütte ſchürten, ſahen einen Menſchen, der an der Spitze von zwölf Wölfen dahin rannte, gleich einer Viſion vorüberkommen. Sie bekreuzten ſich. Mehr als je waren ſie überzeugt, daß Thibault ein Zauberer ſei. Jedermann würde es gleich ihnen geglaubt haben, beſonders wenn man geſehen hätte, wie Thibault, ebenſo ſchnell als der ſchnellſte ſeiner Gefährten, die Stunde von Oigny nach Puiſeux in weniger als einer Viertelſtunde zurücklegte. Bei den erſten Häuſern des Dorfes hielt er an. „Meine lieben Wölfe,“ ſagte er,„ich bedarf Euer für heute Nacht nicht mehr; im Gegentheil, ich wünſche allein zu ſein. Amüſiret Euch mit den Stäl⸗ len in der Nachbarſchaft, ich ertheile Euch Vollmacht. Und ſollten Euch einige von den zweifüßigen Thieren aufſtoßen, die man Menſchen nennt, dann, liebe Wölfe, nehmt keine Rückſicht darauf, daß ſie nach dem Bild des Schöpfers geſchaffen zu ſein behaupten, und machet nicht viele Umſtände mit ihnen.“ Die Wölfe enteilten unter Freudengeheul nach allen Richtungen. Thibault ſetzte ſeinen Weg fort. Er ging ins Dorf hinein. Das Pfarrhaus ſtieß dicht an die Kirche. Thibault machte einen Umweg, um nicht am Kreuz vorbeizukommen. Er kam vor dem Pfarrhaus an. Er blickte durch die Scheibe und ſah eine bren⸗ nende Kerze neben dem Bett. Ein Tuch war über das Bett gebreitet, und unter dieſem Tuch zeichnete ſich eine menſchliche Ge⸗ ſtalt, deren Starrheit eine Leiche verkündete. Das Haus ſchien leer. Ohne Zweifel war der Pfarrer ausgegangen, um dem Maire die Todesanzeige zu machen. Thibault trat ein. Er rief den Pfarrer. Nie⸗ mand antwortete. Thibault ging gerade auf das Bett zu. Es war wirklich ein Leichnam, der unter der Decke lag. Er hob dieſe Decke auf. Es war wirklich Herr Raoul. Er hatte dieſe ruhige und fatale Schönheit, welche ein Geſchenk der Ewigkeit iſt. Seine Züge, die bei ſeinen Lebzeiten für einen Mann etwas weiblich geweſen, hatten die düſtere Größe des Todes angenommen. Auf den erſten Blick hätte man glauben können, er ſchlafe; aber bei genauer Betrachtung erkannte man in ſeiner Unbeweglichkeit etwas Tieferes als Schlaf. Man erkannte den Herrſcher, der eine Senſe als Scepter, ein Leichentuch als Kaiſermantel hat. Man erkannte den Tod. Thibault hatte die Thüre offen gelaſſen. Er meinte leichte Fußtritte zu vernehmen. 88 Er ſtellte ſich hinter den grünen Sarſchevorhang, der den Alcoven verdeckte, vor eine Thüre, die im Fall einer Ueberrumpelung Gelegenheit zur Flucht bot. Eine ſchwarzgekleidete und ebenſo verſchleierte Dame blieb zögernd vor der Thüre ſtehen. Ein anderer Kopf kam neben dem ihrigen zum Vorſchein und ließ ſeine Blicke im Innern des Zim⸗ mers umherſchweifen. „Ich glaube, Ihr könnt eintreten, gnädige Frau; es iſt Niemand da, und überdies werde ich Wache ſtehen.“ Die ſchwarze Dame trat ein, ging langſam auf das Bett zu, blieb ſtehen, um ſich den Schweiß auf ihrer Stirne zu trocknen, dann hob ſie entſchloſſen die Decke auf, welche Thibault wieder über das Ge⸗ ſicht des Todten gezogen hatte. Thibault erkannte die Gräfin. „Ach,“ ſprach ſie,„man hat mich nicht getäuſcht.“ Dann ſank ſie auf ihre Kniee und betete. Nach dem Gebet weinte ſie und ſchluchzte laut. Dann ſtand ſie wieder auf, küßte die bleiche Stirne des Todten und die bläulichen Lippen der Wunde, durch welche ſeine Seele entflogen war. „O mein vielgeliebter Raoul!“ murmelte ſie, „wer wird mir Deinen Mörder nennen? wer wird mich bei meiner Rache unterſtützen?“ Kaum hatte die Gräfin dieſe Worte vollendet, ſo ſtieß ſie einen Schrei aus und fuhr zurück. Es war ihr, als habe eine Stimme geantwortet: „Ich l Und die grünen Sarſchevorhänge hatten ge⸗ zittert. — — 89 Aber die Gräfin war kein ſchwachmüthiges Weib. Sie nahm die Kerze, die zu den Häupten des Bettes brannte, und ſah zwiſchen den Vorhang und die Mauer. Vs war Niemand da. Sie ſah eine geſchloſſene Thüre, aber ſonſt Nichts. Sie ſtellte die Kerze an ihren Platz zurück, nahm aus einer kleinen Brieftaſche ein goldenes Scheerchen, ſchnitt dem Todten eine Locke ab, legte ſie in ein ſchwarzſammtenes Säckchen, das über ihrem Herzen hing, küßte den Todten noch einmal auf die Stirne, warf das Leichentuch über ſeinen Kopf zurück und ging. Auf der Thürſchwelle begegnete ſie dem Prieſter und that einen Schritt zurück, indem ſie ihren Schleier dichter zuzog. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Prieſter. „Der Schmerz,“ antwortete ſie. Der Prieſter machte Platz und ließ ſie vorbei. Die beiden Frauen waren zu Fuß gekommen. Sie gingen zu Fuß zurück. Es war bloß eine Viertelſtunde von Puiſeux nach Montgobert. Ungefähr auf dem halben Weg kam ein Mann hinter einem Weidenſtamm hervor, wo er ſich ver⸗ borgen hatte, und verſperrte ihnen den Weg. Liſette that einen Schrei. Die Gräfin aber trat, ohne die mindeſte Furcht zu verrathen, auf den Mann zu. „Wer ſeid Ihr?“ fragte ſie. „Derjenige, der Euch ſo eben, als Ihr nach dem Mörder fragtet,„„Ich!““ geantwortet hat.“ 90 „Könnt Ihr mir zur Rache verhelfen?“ „Wann Ihr wollt.“ „Sogleich?“ „Wir ſind nicht gut hier.“ „Wo wären wir beſſer?“ „Auf Eurem Zimmer, zum Beiſpiel.“ „Wir können nicht zuſammen hingehen.“ „Nein, aber ich kann durch die Maueröffnung gehen; Jungfer Liſette kann mich in dem Häuschen, wo Herr Raoul ſein Pferd einſtellte, erwarten; ſie kann mich die Wendeltreppe hinauf führen und mir Euer Zimmer öffnen. Wenn Ihr in Eurem Toiletten⸗ cabinet ſeid, ſo werde ich Euch erwarten, wie Herr Raoul vorgeſtern gethan hat.“ Die beiden Frauenzimmer ſchauderten. „Wer ſeid Ihr, daß Ihr all dieſe Einzelheiten kennet?“ fragte die Gräfin. „Das werde ich Euch ſagen, ſobald es Zeit ſein wird.“ Die Gräfin zögerte einen Augenblick. Dann aber faßte ſie ſchnell ihren Entſchluß und ſagte: „Es iſt gut; gehet durch die Maueröffnung; Li⸗ ſette wird Euch im Stall erwarten.“ „O gnädige Frau,“ ſagte die Zofe,„ich werde es nie wagen, dieſen Mann abzuholen.“ „Dann werde ichs ſelbſt thun,“ erklärte die Gräfin. „Das laſſe ich mir gefallen,“ ſagte Thibault; „das nenne ich ein Weib!“ 4 Und er glitt in eine Art von Schlucht neben dem Weg hinab und verſchwand. O& 91 Liſette fiel beinahe in Ohnmacht. „Stütze Dich auf mich, Mädchen,“ ſagte die Gräfin,„und laß uns ſchnell gehen; es drängt mich zu erfahren, was dieſer Mann mir zu ſagen hat.“ Die beiden Frauen gingen durch das Wirthſchafts⸗ gebäude ins Schloß zurück. NRiemand hatte ſie ausgehen geſehen; Niemand ſah ſie zurückkommen. Die Gräfin ging auf ihr Zimmer und wartete auf Liſette, die ihr den Unbekannten zuführen ſollte. Nach zehn Minuten kam Liſette ganz blaß herein. „Ach, gnädige Frau,“ ſagte ſie,„es war nicht der Mühe werth, ihn abzuholen.“ „Warum?“ fragte die Gräfin. „Weil er den Weg ebenſo gut kennt wie ich. Ach, gnädige Frau, wenn Ihr wüßtet, was er zu mir geſagt hat! Ganz gewiß iſt dieſer Mann der Teufel ſelbſt.“ „Führe ihn herein,“ ſagte die Gräfin. „Hier bin ich!“ ſprach Thibault. „Es iſt ſchon gut,“ ſagte die Gräfin zu Liſette. „Laß uns allein, Mädchen.“ Liſette trat ab. Die Gräfin blieb mit Thibault allein. Thibaults Ausſehen hatte gerade nichts ſehr Be⸗ ruhigendes. Man merkte dem Manne die Feſtigkeit eines gefaßten Entſchluſſes an, und es war leicht zu ſehen, daß der Entſchluß böſe war; ſein Mund war von einem ſataniſchen Lächeln verzogen, das Auge ſtrahlte von einem hölliſchen Glanz. 92 Statt ſeine rothen Haare zu verbergen, hatte Thibault ſie wohlgefällig zur Schau geſtellt. Sie fielen wie ein flammender Federbuſch über ſeine Stirne herab. Und gleichwohl ließ die Gräfin, ohne zu erblaſſen, ihren Blick auf Thibault haften. „Das Mädchen ſagte, daß Ihr den Weg in mein Zimmer kennet,“ begann ſie;„ſeid Ihr ſchon einmal da geweſen?“ „Ja, gnädige Frau, einmal.“ „Wann?“ „Vorgeſtern.“ „Zu welcher Stunde?“ „Nachts von halb elf bis halb ein Uhr.“ Die Gräfin ſchaute ihm feſt ins Geſicht. „Das iſt nicht wahr,“ ſagte ſie. „Soll ich Euch ſagen, was hier vorgegangen iſt?“ „In der Zeit, die Ihr angedeutet habt?“ Ja „Sprecht,“ ſagte die Gräfin laconiſch. Thibault war ebenſo laconiſch wie die Gräfin. „Herr Raoul iſt zu dieſer Thüre hereingekom⸗ men,“ ſagte er auf die Corridorthüre deutend,„und Liſette hat ihn allein gelaſſen. Ihr ſeid zu dieſer da eingetreten,“ fuhr er auf die Thüre des Toiletten⸗ zimmers deutend fort,„und Ihr habt ihn auf ſeinen Knieen getroffen. Eure Haare waren aufgelöst und durch drei Diamantnadeln zuſammengehalten; Ihr truget ein roſarothes, mit Stickereien beſetztes Tafft⸗ negligé, Pantoffeln von Silberſtoff und um den Hals eine Perlenſchnur.“ atte ber ſen, gein nal 2“ 93 „Die Toilette iſt vollkommen richtig,“ ſagte die Gräfin;„fahret fort.“ „Ihr habt Herrn Raoul dreierlei Dinge vorge⸗ worfen: 1) daß er ſich zu lang in den Gängen auf⸗ halte und Eure Zofe küſſe; 2) daß man ihn um Mitternacht aufdem Weg von Erneville nach Villers⸗ Coterets getroffen; 3) daß er auf dem Ball im Schloſſe, wo Ihr nicht waret, vier Contretänze mit Frau von Bonneuil getanzt habe.“ „Weiter.“ „Bei jedem dieſer drei Punkte hat Euer Ge⸗ liebter Euch Gründe angeführt, die man gut oder auch ſchlecht nennen könnte; Ihr habt ſie gut gefun⸗ den, weil Ihr ihm eben verziehet, als Liſette ganz verſtört hereinſtürzte und Eurem Liebhaber zurief, er ſolle entfliehen, weil Euer Gemahl ſo eben nach Hauſe gekommen ſei.“ „Wahrhaftig, Ihr müßt, wie Liſette ſagte, der Teufel ſelbſt ſein,“ verſetzte die Gräfin lachend,„und ich ſehe, wir werden mit einander Geſchäfte machen können. Vollendet!“ „Dann habt Ihr und Eure Zofe Herrn Raoul, trotz ſeines Widerſtrebens, ins Toilettencabinet ge⸗ ſchoben; Liſette hat ihn über den Gang durch zwei oder drei Zimmer und ſodann eine Wendeltreppe im entgegengeſetzten Flügel des Schloſſes hinab geführt; unten an der Treppe haben ſie die Thüre geſchloſſen gefunden und ſich dann in eine Art von Geſindeſtube geflüchtet; Liſette hat das Fenſter geöffnet, das nur ſieben oder acht Fuß von der Erde war; Herr Raoul iſt hinausgeſprungen, nach dem Stall gelaufen und hat dort wirklich ſein Pferd gefunden, aber mit 94 abgeſchnittenen Häkſen; darauf hat er einen Schwur gethan, wenn der Graf ihm in den Wurf komme, ſo wolle er ihm ebenfalls die Kniekehlen abſchneiden, wie dieſer ſeinem Pferde, denn die muthwillige Ver⸗ ſtümmelung eines edlen Thieres empörte ihn im höchſten Grad; ſodann iſt er zu Fuß nach der Mauer⸗ öffnung zurückgegangen und dort hat er, außerhalb der Mauer, den Grafen getroffen, der ihn mit dem Degen in der Fauſt erwartete. Der Baron hatte ſeinen Hirſchfänger bei ſich; er zog vom Leder, und der Kampf begann.“ „Der Graf war allein?“ „Wartet. Der Graf ſchien allein zu ſein; im vierten oder fünften Gang erhielt er einen Stich in die Schulter; er ſank auf ein Knie und rief:„„Zu Hülfe, Leſtocg!““ Da erinnerte ſich der Baron ſeines Schwurs und ſchnitt dem Grafen die Kniekehle ab, wie dieſer ſeinem Pferde gethan hatte; aber als er ſich wieder aufrichten wollte, ſtieß ihm Leſtocg von hinten ſeinen Degen mit ſolcher Gewalt unter das Schulterblatt, daß er zur Bruſt wieder herauskam; ich brauche Euch nicht zu ſagen, an welcher Stelle, denn Ihr habt ja die Wunde geküßt.“ „Und wie weiter?“ „Der Graf und ſein Rüdenknecht ließen den Ba⸗ ron hülflos liegen und kehrten ins Schloß zurück. Als der Baron wieder zu ſich kam, rief er Bauern herbei, die ihn auf eine Tragbahre legten und weg⸗ trugen; ſie wollten ihn nach Villers⸗Coterets bringen, aber in Puiſeux litt er dermaßen, daß er nicht weiter konnte; ſie legten ihn auf das Bett, wo Ihr ihn geſehen habt, und wo er eine Secunde nach halb zehn Uhr ſeinen letzten Seufzer aushauchte.“ Die Gräfin erhob ſich. Sie ging, ohne ein Wort zu ſagen, an ihren Schrein und nahm die Perlenſchnur, welche ſie Tags zuvor am Halſe getragen hatte. Sie überreichte dieſelbe Thibault. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte dieſer. „Nehmt,“ ſagte die Gräfin,„ſie iſt fünfzigtauſend Franken werth.“ „Gedenket Ihr Euch zu rächen?“ fragte Thibault. „Ja,“ antwortete die Gräfin. „Die Rache iſt mehr werth.“ „Wie viel?“ „Erwartet mich morgen Nacht,“ ſagte Thibault, „dann will ichs Euch ſagen.“ „Wo ſoll ich Euch erwarten?“ fragte die Gräfin. „Hier,“ antwortete Thibault mit einem Lächeln voll thieriſcher Lüſternheit. 4 „Ich werde Euch hier erwarten,“ ſagte die Gräfin. 4 „Morgen alſo? „Jal. Thibault ging. Die Gräfin legte die Perlenſchnur in ihren Schrein zurück, hob ein zweites Fach hervor und nahm dar⸗ aus ein Fläſchchen, das eine opalfarbige Flüſſigkeit enthielt, ſowie einen kleinen Dolch, deſſen Griff und Scheide mit Edelſteinen beſetzt, deſſen Klinge aber mit Gold damascirt war. Sie verbarg Fläſchchen und Dolch unter ihrem Kopfkiſſen, kniete vor ihrem Betpult nieder, ver⸗ 96 richtete ihr Gebet und warf ſich dann ganz ange⸗ kleidet auf ihr Bett. XIX. Getreu dem Rendez⸗vous. Thibault hatte, als er die Gräfin verließ, den von ihm ſelbſt bezeichneten Weg eingeſchlagen und war ohne alle Zwiſchenfälle zuerſt aus dem Schloß, ſodann aus dem Park gekommen. Aber jetzt befand er ſich zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben in dem Fall, daß er nicht wußte, wohin er gehen ſollte. Seine Hütte war abgebrannt; Freunde hatte er nicht; gleich Cain wußte er nicht, wo ſein Haupt hinlegen. Er ging in den Wald, ſeine ewige Zufluchts⸗ ſtätte. Dann ſchweifte er bis ins Thal von Chavigny, und als der Tag zu grauen anfing, trat er in ein vereinzelt ſtehendes Haus und verlangte ein Brod zu kaufen. Eine Frau gab ihm dieſes Brod in Abweſenheit ihres Mannes, wollte aber keine Bezahlung dafür annehmen. Thibault flößte ihr Angſt ein. Nachdem er ſich ſeiner Nahrung für den ganzen Tag vergewiſſert hatte, ging er in den Wald zurück. Er kannte zwiſchen Fleury und Longpont eine Stelle, wo der Wald außerordentlich dicht war. Hier beſchloß er ſeinen Tag zuzubringen. un die 97 Während er hinter einem Felſen Schutz ſuchte, erblickte er in einer Schlucht etwas Glänzendes. Die Neugierde trieb ihn hinabzuſteigen. Der glänzende Gegenſtand war die Silberplatte am Wehrgehänge eines Waldſchützen. Das Wehrgehänge lag kreuzweiſe um den Hals eines Leichnams oder vielmehr eines Skeletts, denn das Fleiſch war abgenagt und die Knochen ſo ſauber gemacht, als wären ſie für ein anatomiſches Cabinet oder ein Maleratelier beſtimmt. Das Skelett war ganz friſch und ſchien von der letzten Nacht zu ſein. „Ha! hal“ ſagte Thibault,„das haben höchſt wahrſcheinlich meine Freunde, die Wölfe gethan. Es ſcheint, ſie haben ſich meine Erlaubniß zu Nutzen ge⸗ macht.“ Er ſtieg in die Schlucht hinab, denn er war neu⸗ gierig, wem der Leichnam gehört hatte, und ſeine Neugierde war leicht zu befriedigen. Die Platte, welche den Herren Wölfen ohne Zweifel nicht ſo verdaulich geſchienen hatte wie das Uebrige, war auf der Bruſt des Skeletts zurückge⸗ blieben, wie eine Etikette auf einem Waarenballen. Thibault trat näher und las: J. B. Leſtocg, Waldſchütz des Herrn Grafen von Montgobert. „Gut!“ ſagte Thibault lachend,„dieſer da hat uns mit ſeiner Ermordung nicht viel Mühe gemacht.“ Dann fügte er mit ſorgenvoller Stirne, leiſe und diesmal ohne Lachen, wie im Selbſtgeſpräch hinzu: „Sollte es etwa eine Vorſehung geben?“ Leſtocas Tod war nicht ſchwer zu begreien. Dumas, der Wolfsführer. II. 98 Als er ſich, ohne Zweifel in irgend einem Auf⸗ trag ſeines Herrn, in der Nacht von Montgobert nach Longpont begab, war er von den Wölfen ange⸗ fallen worden. Er hatte ſich Anfangs mit demſelben Hirſchfänger vertheidigt, womit er den Baron Raoul getödtet, denn Thibault fand dieſe Waffe einige Schritte von dem Weg, an einer Stelle, wo die ſtark aufgeſcharrte Erde einen Kampf anzeigte; dann hatte Leſtocg ſeinen Hirſchfänger verloren, war von den wilden Thieren in die Schlucht geſchleppt und da gefreſſen worden. Thibault wurde dermaßen gleichgiltig gegen Alles, daß dieſes Ereigniß ihm weder Vergnügen noch Kummer machte, weder Befriedigung gewährte noch Gewiſſensbiſſe verurſachte. Er dachte bloß daran, daß es die Abſichten der Gräfin vereinfache, die ſich ſomit nur noch an ihrem Manne zu rächen habe. Sodann richtete er ſich an einem möglichſt wind⸗ ſtillen Ort zwiſchen den Felſen ein, um ruhig ſeinen Tag da zuzubringen. Gegen Mittag hörte er das Horn des Herrn Jean und das Gebell ſeiner Meute. Der Wolfsjägermeiſter jagte, aber die Jagd zog weit genug an Thibault vorüber, um ihn nicht zu ſtören. Die Nacht kam. Um neun Uhr machte ſich Thibault auf den Weg. Er fand ſeine Maueröffnung wieder, ſchlug ſeinen Weg ein und kam an den Schoppen, wo Liſette ihn erwartet hatte, als er in Geſtalt des Barons Raoul erſchienen war. 3 Das arme Mädchen zitterte diesmal an allen Gliedern. 1* 3 ber luf⸗ bert nge⸗ ben voul nige tark atte den da les, noch noch ran, ſich ind⸗ nen errn zog ren. Zeg. nen ihn oul llen 3 99 Thibault wollte den Ueberlieferungen getreu blei⸗ ben und begann damit, daß er ſie zu küſſen verſuchte. Aber ſie ſprang mit ſichtlichem Entſetzen zurück. „O!“ ſagte ſie,„berührt mich nicht, oder ich rufe.“ „Ei der Tauſend, ſchönes Kind,“ ſagte Thibault, „gegen den Baron Raoul waret Ihr neulich nicht ſo ſpröde.“ 4 „Ja,“ verſetzte die Zofe,„aber es hat ſich auch ſeit damals gar Vieles ereignet.“ „Ohne das zu rechnen, was ſich noch weiter er⸗ eignen wird,“ bemerkte Thibault luſtig. „O,“ antwortete Liſette mit düſterer Miene,„ich glaube, daß das Aergſte jetzt vorbei iſt.“ Dann ging ſie voraus und ſagte: „Wenn Ihr kommen wollt, ſo folget mir.“ Thibault folgte ihr. Ohne irgend eine Vorſichtsmaßregel zu ergreifen, durchſchritt Liſette den ganzen freien Raum, der das Gehölz vom Schloß trennte. „O, o!“ ſagte Thibault,„Du biſt heute ſehr keck, ſchönes Kind, und wenn man uns ſähe...“ Aber ſie ſchüttelte den Kopf. „Es iſt keine Gefahr mehr vorhanden,“ ſagte ſie;„alle Augen, die uns ſehen könnten, ſind ge⸗ ſchloſſen.“ Obſchon Thibault nicht begriff, was das Mäd⸗ chen ſagen wollte, ſo erregte ihm doch der Ton, worin ſie dieſe Worte ſprach, einen gewiſſen Schauer. Er folgte ihr ſchweigend, ging mit ihr auf die Wendeltreppe und kam in den erſten Stock. 100 Aber im Augenblick, wo Liſette nach dem Zimmer⸗ ſchlüſſel griff, hielt er ſie an. Die Oede und Stille im Schloß erſchreckten ihn. Man konnte ſich in einem verwünſchten Schloß; glauben. „Wohin gehen wir?“ fragte Thibault, ohne recht zu wiſſen, was er ſagte. „Ihr wißt es ja.“ „Ins Zimmer der Gräfin?“ „Ja.“¹ „Sie erwartet mich?“ Und Liſette öffnete die Thüre. „Tretet ein,“ ſagte ſie. Thibault trat ein; Liſette machte die Thüre wie⸗ der zu und blieb im Gang ſtehen. Es war wirklich daſſelbe bezaubernde Zimmer, auf dieſelbe Art beleuchtet, von denſelben balſamiſchen Düften geſchwängert. Thibault ſuchte nach der Gräfin. Er erwartete, ſie werde vom Toilettenzimmer her zum Vorſchein kommen. Allein die Thüre deſſelben blieb verſchloſſen. Kein Geräuſch ließ ſich in dieſem Zimmer ver⸗ nehmen, außer dem Picken der Uhr von Sevrer Por⸗ cellan und den Schlägen von Thibaults Herzen. Er begann mit einem Entſetzen, worüber er ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte, um ſich zu ſchauen. Seine Augen blieben auf dem Bett haften. Hier lag die Gräfin. Sie hatte dieſelben Diamantnadeln in den Haaren, mer⸗ ihn. hloß eecht 101 dieſelbe Perlenſchnur um den Hals, daſſelbe rothe Tafftkleid am Leib, und an den Füßen dieſelben Pantoffeln von Silberſtoff, welche ſie getragen hatte, um den Baron Raoul zu empfangen. Thibault trat näher. Die Gräfin machte keinerlei Bewegung. „Ihr ſchlafet, ſchöne Gräfin?“ fragte er, indem er ſich gegen ſie vorbeugte, um ſie anzuſehen. Aber auf einmal fuhr er zurück; ſeine Augen ſtarrten, ſeine Haare ſträubten ſich, auf ſeiner Stirne brach Schweiß aus. Er begann die furchtbare Wahrheit zu ahnen. Schlief die Gräfin einen gewöhnlichen Schlaf oder den ewigen Schlaf? Thibault nahm einen Leuchter vom Kamin und hielt ihn mit zitternder Hand an das Geſicht der ſeltſamen Schläferin. Das Geſicht war blaß wie Elfenbein, die Schläfe marmorirt. Die Lippen waren blau. Ein Tropfen rothen Wachſes fiel ganz brennend auf dieſe Maske des Schlafes. Die Gräfin erwachte nicht. „O, o, was iſt das?“ ſagte Thibault. Und er ſtellte den Leuchter, den ſeine zitternde Hand nicht mehr halten konnte, auf den Nachttiſch. Die beiden Arme der Gräfin hingen an ihrem Leib entlang; in jeder Hand ſchien ſie Etwas zu ver⸗ ſchließen. Thibault öffnete mit Mühe die linke Hand. Er fand darin das Fläſchchen, das die Gräfin Tags zuvor aus ihrem Schrein gezogen hatte. Er öffnete die andere Hand.. In dieſer fand er ein Papier, worauf bloß die drei Worte ſtanden: „Getreu dem Rendezvous.“ In der That getreu bis in den Tod. Die Gräfin war todt. Thibaults Illuſionen entſchwanden eine um die andere, wie die Träume des Schläfers entſchwinden, wenn er allmälig erwacht.— Nur ſtehen in den Träumen anderer Leute die Todten wieder auf. Thibaults Todte dagegen blieben liegen. Er wiſchte ſich die Stirne, ging an die Corridor⸗ thüre, öffnete ſie und fand Liſette auf ihren Knieen liegend und betend. „Die Gräfin iſt alſo todt?“ fragte Thibault. „Die Gräfin iſt todt und der Graf iſt todt.“ „An den Folgen der Wunden, die er in ſeinem Kampf mit dem Baron Raoul erhalten hat?“ „Nein, in Folge des Dolchſtiches, welchen die Gräfin ihm verſetzt hat.“ „O, o!“ machte Thibault, indem er inmitten dieſes düſtern Dramas eine lachende Grimaſſe ver⸗ ſuchte,„dies iſt eine neue Geſchichte, die ich nicht kenne.“ Die Zofe erzählte ihm dieſe Geſchichte. Sie war einfach, aber furchtbar. Die Gräfin war einen Theil des Tages im Bette geblieben und hatte den Glocken von Puiſeux ge⸗ lauſcht, welche die Abführung der Leiche Raouls nach dem Schloſſe Vauparfond verkündeten, wo er in der Gruft ſeiner Ahnen beſtattet werden ſollte. die Gegen vier Uhr Mittags verſtummte das Geläute. Der Leichnam war weggebracht. Nun war die Gräfin aufgeſtanden; ſie hatte den Dolch unter ihrem Kiſſen genommen, ihn in ihrer Bruſt verſteckt und ſich nach dem Zimmer ihres Gatten begeben. Sie fand den Kammerdiener ganz vergnügt. Der Arzt war ſo eben weggegangen, hatte den Verband abgenommen, und bürgte für das Leben des Grafen. „Ihr werdet zugeben, daß dies ein großes Glück iſt, gnädige Frau,“ ſagte der Kammerdiener. „Ja, es iſt wirklich ein großes Glück.“ Und die Gräfin trat ins Zimmer ihres Gatten. Nach fünf Minuten kam ſie heraus. „Der Graf ſchläft,“ ſagte ſie;„es muß Niemand hineingehen, außer wenn er ruft.“ Der Kammerdiener verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams und ſetzte ſich ins Vorzimmer, um beim erſten Signal von ſeinem Herrn bereit zu ſein. Die Gräfin ging auf ihr Zimmer zurück. „Entkleide mich, Liſette,“ ſagte ſie zu ihrer Kam⸗ merfrau,„und gib mir die Kleider, die ich das letzte Mal anhatte, als er kam.“ Liſette gehorchte. Nan hat geſehen, mit welcher Treue ſie dieſes Coſtͤm bis in ſeine kleinſten Einzelheiten feſtgehalten hatte. Dann ſchrieb die Gräfin einige Worte, welche ſie zuſammenlegte und in ihrer rechten Hand bewahrte. Sofort legte ſie ſich auf ihr Bett. Wollt Ihr Nichts zu Euch nehmen, gnädige „D Frau?“ fragte die Zofe. 104 „Doch, Liſette,“ antwortete ſie,„ich will das nehmen, was in dieſem Fläſchchen iſt.“ „Wie!“ ſagte Liſette,„nichts Anderes?“ „Es iſt genug, Liſette, denn wenn ich das ge⸗ trunken haben werde, ſo werde ich Nichts mehr be⸗ dürfen.“ Und die Gräfin hatte wirklich das Fläſchchen an ihren Mund geſetzt und auf einen einzigen Zug ge⸗ leert. Dann hatte ſie geſagt: „Du haſt den Mann geſehen, der uns unter⸗ wegs erwartete, Liſette; ich habe heute Abend zwiſchen neun und zehn Uhr in meinem Zimmer ein Rendez⸗ vous mit ihm. Erwarte ihn am bewußten Ort und führe ihn zu mir. Man ſoll nicht ſagen können, daß ich mein Wort gebrochen habe, wenn auch nur nach dem Tode.“ 4 Thibault konnte Nichts dawider einwenden: die Verabredung war feſtgehalten worden. Nur hatte ſich die Gräfin allein mit ihrer Rache befaßt. Man erfuhr dies, als der Kammerdiener, beun⸗ ruhigt durch das Schweigen ſeines Herrn, die Thüre halb öffnete, auf den Zehen hineinſchlich und ſeinen Herrn, mit einem Dolch im Herzen, auf dem Rücken liegend fand. Dann war man herbeigeſprungen, um die Nach⸗ richt der gnädigen Frau zu melden, und man hatte auch die gnädige Frau todt gefunden. Das Gerücht von dem doppelten Tod hatte ſich alsbald im Hauſe verbreitet, und die ganze Dienerſchaft war entflohen, 105 weil ſie behauptete, der Würgengel ſei ins Schloß eingezogen. Nur die Zofe war da geblieben, um die letzten Wünſche ihrer Gebieterin zu erfüllen. Thibault hatte Nichts mehr im Hauſe zu thun. Er ließ die Gräfin auf ihrem Bett, Liſette bei ihr, und ging hinab. Wie die Zofe ihm geſagt hatte, brauchte er keine Begegnung mit der Herrſchaft oder Dienerſchaft mehr zu fürchten. Die Dienerſchaft war entflohen, die Herrſchaft war geſtorben. Thibault ging wieder durch die Maueröffnung. Der Himmel war düſter, und wäre es nicht im Januar geweſen, ſo hätte man glauben können, ein Gewitter ſei im Anzug. Man ſah im Park kaum eine Spur vom Fußpfad. Zwei⸗ oder dreimal blieb Thibault lauſchend ſtehen; er meinte gehört zu haben, wie rechts und links das zur Erde liegende Gezweig unter Tritten erkrachte, die ſich nach den ſeinigen zu richten ſchienen. Als er an die Oeffnung kam, hörte er ganz deutlich eine Stimme ſagen: „Er iſt's!“ Im ſelben Augenblick ſprangen zwei Gendarmen, die außerhalb der Mauer im Hinterhalt lagen, auf Thibault zu und packten ihn beim Kragen, während zwei andere ihn von hinten angriffen. Carmeſin, der in ſeiner Eiferſucht über Liſette einen Theil ſeiner Nächte verwachte und herum⸗ ſchweifte, hatte in der vorhergehenden Nacht einen verdächtigen Menſchen auf Schleichwegen ein⸗ und ausgehen geſehen und dem Brigadier der Gendar⸗ merie deßhalb Anzeige gemacht. 106 Die Anklage erhielt um ſo mehr Gewicht, als man die neuen Unglücksfälle im Schloß erfuhr. Der Brigadier ſchickte vier Mann mit dem Be⸗ fehl, jeden verdächtigen Herumſtreicher zu verhaften. Zwei von ihnen legten ſich, unter Carmeſins An⸗ leitung, bei der Mauerlücke in Hinterhalt; die zwei andern folgten Thibault Schritt für Schritt im Parke. Man hat geſehen, wie ſie auf ein Signal von Carmeſin alle vier über ihn herfielen. Der Kampf war lang und hartnäckig. Thibault war kein Mann, der ſich von vier Gen⸗ darmen ohne alle Schwierigkeit überwältigen ließ. Aber er hatte keine Waffen; ſein Widerſtand war vergeblich. Die Gendarmen hatten um ſo mehr Beharrlich⸗ keit gezeigt, als ſie Thibault erkannt hatten, der in Folge des verſchiedenen Unglücks, das er ſchon nach ſich gezogen, einen abſcheulichen Ruf in der Gegend zu bekommen anfing. Thibault wurde zu Boden geworfen, geknebelt und zwiſchen zwei Pferde ge⸗ nommen. 4 Die zwei andern Gendarmen ritten, der eine voraus, der andere hintennach. Thibault hatte ſich mehr aus Eigenliebe als aus einem andern Grund mit ihnen herumgeſchlagen. Bekanntlich beſaß er eine unbegrenzte Macht, um Böſes zu thun. Er brauchte nur den Tod ſeiner vier Gegner zu wünſchen, ſo wären ſie alle vier todt umgeſunken. Aber dazu blieb ihm ja immer noch Zeit genug übrig, und wäre es am Fuße des Schaffots. So — —.— 107 lange er noch wünſchen durfte, war er ſicher, daß die menſchliche Juſtiz ihm Nichts anhaben konnte. Nachdem Thibault alſo an den Händen mit Stricken gebunden und an den Füßen gefeſſelt war, ſchritt er mit augenſcheinlicher Ergebung zwiſchen ſeinen Gendarmen einher. Ein Gendarme hielt das Ende des Stricks, an den er gebunden war. Sie riſſen Witze und fragten den Hexenmeiſter Thibault lachend, warum er ſich habe fangen laſſen, da er doch eine ſolche Macht beſitze. Und Thibault antwortete auf ihre Spöttereien mit dem bekannten Sprüchwort: „Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ Die Gendarmen hofften freilich, daß ſie zuletzt lachen würden. Man kam über Puiſeux hinaus und in den Wald. Das Wetter war immer trübſeliger geworden. Es ſah aus, als hingen die Wolken, gleich einem ungeheuern ſchwarzen Schleier, an den Baumwipfeln. Man ſah keine vier Schritte weit vor ſich. Thibanit dagegen ſah. Er ſah von allen Seiten her Lichter ſchnell in der Finſterniß vorbeikommen und ſich nach allen Richtungen kreuzen. Dieſe Lichter näherten ſich immer mehr und waren von einem Getrippel in dem dürren Laube begleitet. Die Pferde wichen ängſtlich zurück und zitterten im Nachtwind unter ihren Reitern. Das plumpe Gelächter der Gendarmen ver⸗ ſtummte nach und nach. 108 Thibault ſeinerſeits begann zu lachen. „Warum lachſt Du?“ fragte ihn ein Gendarm. „Weil ihr nicht mehr lachet,“ antwortete Thibault. Beim Getöne von Thibaults Stimme kamen die Lichter näher, und das Getrippel wurde vernehmlich. Dann hörte man ein unheimliches Geräuſch, ein Geräuſch von Kinnbacken, worin die Zähne an ein⸗ ander klapperten. „Ja, ja, meine lieben Wölfe,“ ſagte Thibault, „ihr habt Menſchenfleiſch gekoſtet, und das hat euch wohl gut gedäucht?“ Ein beifälliges Geknurre, das zugleich an den Hund und an die Hyäne erinnerte, war die Antwort. „Es iſt ſo,“ ſagte Thibault,„ich begreife; nach⸗ dem ihr den Waldſchützen gefreſſen habt, möchtet ihr auch gern Gendarmen koſten.“ „O, o,“ ſagten die Reiter, die zu ſchaudern an⸗ fingen,„mit wem ſprichſt Du denn?“ „Mit denjenigen, die mir antworten,“ ſagte Thibault. Und er ſtieß ein Geheule aus. Zwanzig Töne derſelben Art antworteten ihm. Einige waren bis auf zehn Schritte nah, andere waren weit entfernt. „Hm,“ machte einer der Gendarmen,„was ſind denn das für Thiere, die uns ſo nachlaufen, deren Augen im Finſtern blitzen, und deren Sprache die⸗ ſer Elende zu reden ſcheint?“ „O, o!“ ſagte der Holzſchuhmacher,„ihr nehmet den Wolfsführer Thibault gefangen, ihr führet ihn in der Nacht durch die Wälder, und ihr fraget noch, was dieſe Lichter und dieſe heulenden Stimmen ſind, die ihm folgen. Hört ihr's, Freunde?“ rief Thibault; —y— 109 „dieſe Herren wollen wiſſen, wer ihr ſeid. Antwor⸗ tet ihnen alle zuſammen, damit ſie keinen Zweifel mehr haben.“ Die Wölfe gehorchten ihrem Herrn und ſtießen ein einſtimmiges, langes Geheul aus. Die Pferde begannen zu ſchnauben; zwei oder drei bäumten ſich. Die Gendarmen thaten alles Mögliche, um ihre Thiere theils durch Streicheln, theils durch freund⸗ liches Zureden zu beſchwichtigen. „O,“ ſagte Thibault,„das iſt noch nichts; ihr werdet es ſogleich ſehen, wenn jedes Pferd zwei Wölfe auf dem Kreuz und einen am Hals ſitzen hat.“ Die Wölfe gingen unter den Füßen der Pferde durch und umwedelten Thibault koſend. Einer von ihnen ſtellte ſich an ſeine Bruſt, als wollte er ſeine Befehle verlangen. „Sogleich, ſogleich,“ ſagte Thibault,„wir haben Zeit. Seien wir keine Egoiſten und gönnen wir unſern Kameraden Zeit, um anzukommen.“ Die Gendarmen vermochten ihre Pferde nicht mehr zu bewältigen; dieſe bäumten ſich, machten Seitenſprünge, und obſchon ſie nur im Schritt gin⸗ gen, troffen ſie doch von Schweiß und Schaum. „Nicht wahr,“ ſagte Thibault zu den Gendarmen, „jetzt würdet ihr gerne einen Handel mit mir ſchlie⸗ ßen? Ich würdet mir gerne die Freiheit ſchenken unter der Bedingung, daß ihr heute Nacht in euern eigenen Betten ſchlafen dürftet?“ „Im Schritt,“ ſagte einer der Gendarmen;„ſo lange wir im Schritt reiten, haben wir Nichts zu fürchten.“ 110 Ein anderer zog ſeinen Säbel. Einige Secunden darauf hörte man ein Schmerz⸗ geheul. Einer der Wölfe hatte einen Gendarmen beim Stiefel gepackt, und dieſer hatte ihm ſeinen Säbel durch den Leib gerannt. „Ei wie unvorſichtig, Gendarme!“ ſagte Thibault; „die Wölfe freſſen einander, dem Sprüchwort zum Trotz, und wenn ſie einmal Blut verſchmeckt haben, ſo weiß ich nicht, ob ich ſelbſt ſie noch bändigen kann.“ Die Wölfe fielen insgeſammt über ihren verwun⸗ deten Kameraden her. Nach fünf Minuten blieben nur noch die Knochen von ihm übrig. Die Gendarmen hatten dieſe Friſt benützt, um einen Vorſprung zu gewinnen; ſie ließen indeß Thi⸗ bault nicht los, ſondern zwangen ihn, mit ihren Pferden gleich zu laufen. Aber was Thibault vor⸗ hergeſagt hatte, traf ein. Man hörte auf einmal Etwas wie Sturm. Es war die Meute, die aus Leibeskräften nach⸗ jagte. Die Pferde, die im ſtärkſten Trab liefen, wollten ſich, erſchreckt durch das Getrappel, den Geruch und das Geheul der Wölfe, nicht wieder in den Schritt bringen laſſen. 1 Sie begannen vielmehr, trotz aller Anſtrengungen ihrer Reiter, zu galoppiren.. Der Gendarme, der Thibault am Strick hielt, bedurfte jetzt ſeiner beiden Hände, um ſein Pferd zu bemeiſtern, und ließ ſeinen Gefangenen los. Die Wölfe ſprangen den Pferden theils auf das Kreuz, theils an den Hals. — 111 Sobald dieſe die ſpitzen Zähne ihrer Feinde em⸗ pfanden, ſtoben ſie nach allen Richtungen auseinander. „Hurrah, Wölfe! Hurrah!“ rief Thibault. Aber die furchtbaren Thiere bedurften keiner Auf⸗ munterung. Nur zwei oder drei blieben bei Thibault, und bald hatte jedes Pferd ſechs oder ſieben Ver⸗ folger hinter ſich. Pferde und Wölfe verſchwanden nach allen Sei⸗ ten der Windroſe, und bald hörte man das Nothge⸗ ſchrei der Männer, das Schmerzgewieher der Pferde und das Wuthgeheul der Wölfe in der Ferne immer ſchwächer werden. Thibault war frei geblieben. Nur waren ſeine Hände durch einen Strick ge⸗ knebelt, und an den Füßen hatte er Feſſeln. Zuerſt verſuchte er ſeine Bande aufzubeißen. Unmöglich. Dann wollte er ſie durch ſeine Muskelkraft zer⸗ reißen. Vergeblich. Die verſchiedenen Verſuche machten nur, daß ihm die Stricke ins Fleiſch ſchnitten, und hatten keinen Erfolg. Jetzt war es an ihm, vor Schmerz, Angſt und Wuth aufzubrüllen. Endlich, als er es müde geworden, ſeine gekne⸗ belten Arme zu verdrehen, hob er ſeine Fäuſte gen Himmel und rief: „Schwarzer Wolf, mein Freund, mach, daß dieſe Stricke von meinen Armen fallen. Du weißt ja, daß ich die Hände bloß frei haben will, um Böſes zu thun!“ Im ſelben Augenblick zerborſten die Stricke und 112 fielen zu den Füßen Thibaults, der jetzt unter Freu⸗ dengebrüll mit ſeinen Händen in der Luft herumfocht. XX. Der böſe Geiſt. Am folgenden Abend um neun Uhr ging ein Mann auf der Straße von Puits⸗Sarraſin nach dem Wald von Ozieères. Es war Thibault, der ſeiner Hütte einen letzten Beſuch abſtatten und ſehen wollte, ob der Brand irgend welche Trümmer übrig gelaſſen habe. Ein rauchender Aſchenhaufe bezeichnete den Platz, woo ſie geſtanden. 3 Gleich als hätte Thibault ihnen hier ein Ren⸗ dezvous gegeben, bildeten Wölfe einen weiten Kreis um dieſe Ruinen, auf welche ſie mit finſterer Wuth hinſchauten; ſie ſchienen zu begreifen, daß man durch Zerſtörung dieſer armſeligen, aus Zweigen und Erde erbauten Hütte den Mann angegriffen hatte, der ihnen kraft ſeines Vertrags mit dem ſchwarzen Wolf zum Herrn gegeben war. Als Thibault in den Kreis trat, ſtießen alle Wölfe zugleich ein langes, unheimliches Geheul aus, als wollten ſie zu verſtehen geben, daß ſie bereit ſeien, ſeiner Rache zu dienen. Thibault ſetzte ſich auf den Platz, wo ſein Herd geſtanden. Man erkannte dieſen Platz an einigen geſchwärz⸗ ten, aber unverſehrt gebliebenen Steinen und an der höheren Aſche. — —,— p—,—9——— U⸗ ht. Er blieb hier einige Minuten in ſchmerzliche Be⸗ trachtung verſunken. Er bedachte nicht, daß das Unglück, das er vor Augen hatte, die Folge und Strafe ſeiner neidiſchen Gelüſte war, die noch immer größer wurden. Er empfand weder Reue noch Bedauern. Seine Freude darüber, daß er ſich jetzt in den Stand geſetzt ſah, den Men⸗ ſchen Böſes mit Böſem zu vergelten, ſein Stolz darauf, daß er mit Hilfe dieſer furchtbaren Bundes⸗ genoſſen einen Kampf mit ſeinen Verfolgern wagen konnte, beherrſchten in ihm alle andern Empfindungen. Und als die Wölfe kläglich heulten, ſagte Thi⸗ bault zu ihnen: „Ja, ja, euer Geheul ſtimmt zu dem Geſchrei meines Herzens. Die Menſchen haben meine Hütte zerſtört und die Aſche der Werkzeuge, womit ich mein Brod verdiente, in den Wind geſtreut; ihr Haß ver⸗ folgt mich wie euch; ich habe weder Gnade noch Mit⸗ leid von ihnen zu erwarten; wir ſind ihre Feinde, wie ſie die unſrigen ſind; ich werde weder Gnade noch Erbarmen gegen ſie üben; kommt alſo und laßt uns von der Hütte ins Schloß die Verwüſtung zu⸗ rücktragen, welche ſie bei mir angerichtet haben.“ Und wie ein Räuberhauptmann mit ſeinen Spieß⸗ geſellen, zog jetzt der Wolfsführer inmitten ſeiner ganzen Bande auf Zerſtörung und Mord aus. Diesmal galt die Verfolgung nicht mehr den Hirſchen, den Damböcken, den Rehen und anderem ſchüchternen Wild. Unter dem Schutz des nächtlichen Dunkels zog er zuerſt gegen das Schloß Vez, denn hier hauste ſein Hauptfeind. Dumas, der Wolfsführer. II. 1 8 114 Der Baron beſaß drei Höfe, die zum Schloß ge⸗ hörten, verſchiedene Ställe voll von Pferden und Hornvieh, Pferche mit Hunderten von Schafen. Gleich in der erſten Nacht wurde Alles ange⸗ griffen. Am folgenden Tag fand man zwei Pferde, vier Kühe und zehn Schafe erwürgt. Der Baron zweifelte einen Augenblick, ob er dieſes Unglück den Thieren zuzuſchreiben habe, mit denen er einen ſo furchtbaren Krieg führte; das Ganze glich nicht dem brutalen Angriff einer wilden Thier⸗ horde, ſondern einem wohlbedachten und fein ange⸗ legten Racheact. Gleichwohl war an den Spuren der Zähne in den Wunden ſo wie der Pfoten auf dem Boden leicht zu erkennen, daß ſimple Wölfe die Verheerung angerichtet hatten. In der folgenden Nacht legte man ſich in den Hinterhalt. Aber Thibault und ſeine Wölfe befanden ſich auf der entgegengeſetzten Seite des Waldes. Diesmal wurden die Pferde⸗, Vieh⸗ und Schaf⸗ ſtälle von Soucy und Vivieres heimgeſucht. In der dritten Nacht kam die Reihe an Bour⸗ ſonne und Yvars. Das Werk der Zerſtörung ſollte, nachdem es einmal begonnen war, mit Hartnäckigkeit fortgeſetzt werden. Der Wolfsführer verließ ſeine Wölfe nicht mehr; er ſchlief in ihren Höhlen; er lebte mitten unter ihnen; er reizte ihren Blutdurſt und ihre Mordluſt. Mancher Holzmacher, mancher arme Mann, der ge⸗ nd 115 Haidekraut ſammelte, ſtieß im Gebüſch auf den dro⸗ henden Rachen eines Wolfes mit weißen, ſpitzen Zähnen, und wurde von ihm fortgetragen oder zer⸗ riſſen, wenn er ſich nicht zufällig durch ſeinen Muth und ſeine gute Hippe rettete. Die Wölfe, denen menſchlicher Verſtand zu Hilfe kam, waren vermöge ihrer Organiſation und Dis⸗ ciplin furchtbarer geworden, als eine Horde Lanz⸗ knechte, die über ein erobertes Land herſallen. Der Schrecken war allgemein; Niemand wagte mehr unbewaffnet ſeine Stadt oder ſein Dorf zu verlaſſen; man fütterte das Vieh in den Ställen, und wenn hie Leute ausgingen, ſo warteten ſie auf einander, um anſehnliche Maſſen zu bilden. Der Biſchof von Soiſſons verordnete öffentliche Gebete um Thauwetter, denn man ſchrieb dieſe un⸗ gewohnte Wildheit der Wölfe dem maſſenhaften Schnee zu. Man ſagte freilich auch, dieſe Wölfe werden von einem Menſchen aufgereizt, angeleitet und angeführt; dieſer Menſch ſei unermüdlicher, grauſamer und un⸗ erbittlicher als die Wölfe ſelbſt; er nähre ſich, gleich ſeinen Kameraden, von zuckendem Fleiſch und ſaufe Blut. Das Volk bezeichnete und nannte Thibault. Der Biſchof ſchleuderte den Bannſtrahl über den ehemaligen Holzſchuhmacher. Herr Jean ſeinerſeits behauptete, die Blitze der Kirche vermögen nur dann Etwas gegen die böſen Geiſter, wenn ſie tüchtige Hetzjagden in ihrem Ge⸗ folge haben. Er betrübte ſich allerdings ein wenig über ſo 116 viel vergoſſenes Blut, er fühlte ſich etwas gedemüthigt dadurch, daß ſein eigenes Vieh, das Vieh des Wolfs⸗ jägermeiſters, ganz beſonders von den Thieren heim⸗ geſucht wurde, zu deren Ausrottung er aufgeſtellt war; aber im Grund dachte er doch nicht ohne ge⸗ heime Freude an die glorreichen Jagden, die ſeiner warteten, und an die Berühmtheit, die er ſich un⸗ fehlbar unter allen ausgezeichneten Jägern erwerben mußte. Seine Leidenſchaft für die Jagd ſteigerte ſich in dieſem Kampf, den ſeine Gegner ſo offen und ehrlich angenommen zu haben ſchienen, zu einer rie⸗ ſigen Höhe; er gönnte ſich weder Raſt noch Ruhe; er ſchlief nicht mehr; er aß im Sattel; er ſtreifte ganze Nächte lang mit Munter und Engoulevent, der aus Rückſicht auf ſeine Verheirathung zum Rüden⸗ knecht erhoben worden war, auf den Feldern umher: ſchon am frühen Morgen ſaß er zu Pferd, griff einen Wolf an und jagte ihn, ſo lange es hell genug war, daß er ſeine Hunde erkannte. Aber leider verſchwendete Herr Jean alle ſeine Kenntniß des edlen Waidwerks, all ſeinen Muth, all ſeine Beharrlichkeit ganz umſonſt. Er überwältigte da und dort irgend einen ſchlech⸗ ten jungen Wolf, irgend ein abgemagertes, räudiges Thier, irgend einen unvorſichtigen Freſſer, der des Guten zu viel gethan hatte, ſo daß er nach einer Verfolgung von zwei oder drei Stunden den Athem verlor; aber die großen Wölfe mit fahlem Pelz, ſtarker Bruſt und ſchlankem Bauch, ſtählernen Knie⸗ kehlen und langen, dürren Pfoten, dieſe verloren kein Haar im Kriege mit ihm. N ½ 8¼— 117 Durch Thibaults Hilfe bekämpften ſie ihre Geg⸗ ner mit beinahe gleichen Waffen.. Wie Herr Jean ewig bei ſeinen Hunden blieb, ſo verließ der Wolfsführer ſeine Wölfe nicht; nach einer Nacht der Verheerung und Plünderung hielt er ſeine Bande munter und bereit, demjenigen Hilfe zu bringen, welchen Herr Jean aufgetrieben hatte; dieſer verlegte ſich dann, den Anleitungen des Holz⸗ ſchuhmachers gemäß, auf Ränke, verdoppelte und durchkreuzte ſeine Fährten, lief in den Bächen, ſprang über niedrige Bäume, um Menſchen und Hunden doppelte Mühe zu machen; endlich aber, wenn er eine Abnahme ſeiner Kräfte verſpürte, ſuchte er das Weite. Dann kamen das ganze Rudel Wölfe und ihr Führer dazwiſchen: beim geringſten Schwanken wurde eine ſo geſchickte Wendung ausgeführt, daß man nur aus unmerklichen Zeichen ſchließen konnte, daß die Hunde nicht mehr meutenweiſe das Thier verfolgten, und daß nichts Geringeres als die gründ⸗ liche Erfahrung des Herrn Jean dazu gehörte, um aus der Sache klug zu werden. Und dennoch täuſchte er ſich manchmal. Ueberdies machten, wie wir bereits geſagt haben, die Wölfe ihrerſeits auf die Jäger Jagd: es war dies eine Meute, die eine andere jagte. Nur war die Meute der Wölfe, da ſie ſtumm jagte, furchtbarer als die der Hunde. Blieb ein abgematteter Hund zurück, verirrte ſich ein anderer beim Streifen von dem Hauptcorps hin⸗ weg, ſo wurde er augenblicklich erwürgt, und der Nachfolger des armen Markotte, Meiſter Engoulevent, den wir ſchon zu wiederholten Malen zu nennen 118 Gelegenheit hatten, wurde eines Tags, als er auf den Nothſchrei eines ſeiner Hunde herbeieilte, ſelbſt angegriffen, und verdankte ſeine Rettung nur der Schnelligkeit ſeines Pferdes. In kurzer Zeit war die Meute des Herrn Jean decimirt; ſeine beſten Hunde waren an Erſchöpfung crepirt, die mittelmäßigen waren unter den Zähnen der Wölfe erlegen, und im Pferdeſtall ſah es nicht viel beſſer aus als im Hundeſtall: Bayard war ver⸗ ſchlagen, Tancred hatte ſich bei Ueberſpringung eines Grabens die Flechſen verletzt, Tapfer war durch eine Ausköthung invalid geworden; glücklicher als ſeine drei Kameraden, war Sultan auf dem Felde der Chre geſtorben, erliegend unter einer ſechszehn⸗ ſtündigen Treibjagd und dem Gewicht ſeines rieſigen Herrn, deſſen Muth ungebeugt blieb bei ſolchen Un⸗ fällen, die indeß Leichenhaufen von ſeinen edelſten und treueſten Dienern um ihn her errichteten. Herr Jean glich jenen großherzigen Römern, welche gegen die immer neu emporkommenden Car⸗ thager alle Mittel der Kriegskunſt erſchöpften: er änderte ſeine Tactik und verſuchte es mit Treibjag⸗ den. Er rief den Bann und Nachbann der Bauern zuſammen und durchſtreifte die Wälder mit einer furchtbaren Macht, ſo daß da, wo die Treiber durch⸗ gekommen waren, kein Haſe mehr im Lager blieb. Aber es war Thibaults Sache, dieſe Treibjagden vor⸗ herzuſehen und die Plätze zu errathen, wo ſie ſtatt⸗ finden ſollten. Trieb man bei Vivieres oder Soucy, ſo mach⸗ ten die Wölfe und ihr Führer einen Abſtecher nach Bourſonne oder Yvars. — — —2j ͤN 119 Trieb man bei Haramont oder Longpré, ſo er⸗ fuhr man von ihnen in Corcy und Vertesfeuilles. Vergebens begab ſich Herr Jean ſchon bei Nacht in die bezeichneten Schläge, vergebens umzingelte er ſie in der größten Stille und griff ſchon mit Tages⸗ anbruch an, die Treiber konnten nie einen einzigen Wolf aus ſeinem Lager aufjagen. Nicht ein einziges Mal ließ Thibaults Wachſam⸗ keit ſich hintergehen. Hatte er ſchlecht gehört oder falſch verſtanden, ſo daß er den Ort des Angriffs nicht wußte, ſo ließ er durch Curiere, die er zu Anfang der Nacht ab⸗ ſchickte, alle Wölfe auf einem Punct verſammeln und zog dann mit ihnen von einem Wald in den andern. Dies währte mehrere Monate ſo fort. Wie der Baron Jean, ſo verfolgte auch Thibault ſeinerſeits die Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte, mit leidenſchaftlicher Energie; gleich ſeinem Gegner, ſchien auch er übernatürliche Kräfte erworben zu haben, um ſo vielen Strapatzen und Aufregungen zu wider⸗ ſtehen, und dies war um ſo bemerkenswerther, als in den kurzen Augenblicken der Raſt, welche der Baron von Vez dem Wolfsführer vergönnte, Letzterer ſich ganz und gar keiner Gemüthsruhe erfreute. Die Handlungen, die er beging und veranſtaltete, flößten ihm nicht gerade Abſcheu ein, er erklärte ſie für natürlich und ſchob die Folgen denjenigen in die Schuhe, die ihn, wie er behauptete, dazu getrieben hatten. Gleichwohl hatte er Augenblicke der Kleinmüthig⸗ keit, worüber er ſich keine Rechenſchaft zu geben ver⸗ mochte, und dann war er traurig, mürriſch, nieder⸗ geſchlagen inmitten ſeiner wilden Kameradſchaft. Dann erſchien ihm das Bild Agnelettes, und ſeine ganze Vergangenheit als ehrſamer und fleißiger Handwerker, ſein einſt ſo friedſames und ſchuldloſes Leben perſonificirte ſich in dieſer lieblichen Geſtalt. Auch liebte er ſie, wie er es nie für möglich ge⸗ halten hätte, Jemand zu lieben. Bald weinte er verzweiflungsvoll über ſo viel verlornes Glück, bald hatte er Anfälle von eiferſüchtiger Wuth über den⸗ jenigen, der jetzt Etwas beſaß, wonach er ſelbſt, Thi⸗ bault, nur die Hand auszuſtrecken gebraucht hätte. Eines Tags, als Herr Jean, uͤm neue Vernich⸗ tungspläne vorzubereiten, genöthigt geweſen war, die Wölfe in Ruhe zu laſſen, verließ Thibault in obenbezeichneter Stimmung die Höhle, worin er unter ſeinen Wölfen lebte. Es war eine herrliche Sommernacht. Er ſchweifte im Hochwald umher, deſſen Wipfel der Mond verſilberte, und gedachte der Zeiten, wo er ſorgenfrei und mit ruhigem Gemüth über die ſchönen Moosteppiche einhergeſchritten war. Jetzt gelangte er zu dem einzigen Glück, das ihm noch erreichbar war: zum Vergeſſen. Er war tief in dieſen holden Traum von ſeiner erſten Vergangenheit verſunken, als er auf einmal, hundert Schritte von ſich, einen Nothſchrei hörte. Er war ſo ſehr an ſolche Rufe gewöhnt, daß er in einem andern Augenblick kaum darauf geachtet haben würde.— Aber eben jetzt hatte die Erinnerung an Agne⸗ lette ſein Herz weich und mitleidig geſtimmt. 121 „ Dies war um ſo natürlicher, als Thibault ſich in der Nähe des Platzes befand, wo er das holde Kind zum erſten Mal geſehen hatte. Er eilte alſo nach dem Ort, von wo der Schrei gekommen war, und erblickte ein Weib, das ſich eines ungeheuren Wolfes zu erwehren ſuchte, der ſie zu Boden geworfen hatte. Thibaults Herz ſchlug, ohne daß er ſich ſeine Rührung zu erklären vermochte, ſtärker als gewöhnlich. Er packte das Thier am Hals und ſchleuderte es zehn Schritte von ſeinem Opfer weg; ſodann nahm er die Frau in ſeine Arme und trug ſie auf die Böſchung des Grabens. Jetzt beleuchtete ein Mondſtrahl, der zwiſchen zwei Wolken durchglitt, das Geſicht der Perſon, die er dem Tode entriſſen. Thibault erkannte Agnelette. Er wußte zehn Schritte von da eine Quelle, die⸗ ſelbe, worin er ſich das erſte Mal betrachtet und ein rothes Haar wahrgenommen hatte. Er lief hin, füllte ſeine beiden Hände mit Waſſer und ſpritzte es der jungen Frau ins Geſicht. Agnelette öffnete die Augen, ſtieß einen Angſt⸗ ſchrei aus und verſuchte zu fliehen. „Ei wie!“ rief der Wolfsführer, wie wenn er noch immer der Holzſchuhmacher Thibault wäre,„Ihr erkennt mich nicht, Agnelette?“ „O freilich erkenne ich Euch, Thibault; ich er⸗ kenne Euch,“ rief die junge Frau,„und eben darum habe ich Angſt.“ Sodann ſank ſie auf ihre Kniee und bat mit ge⸗ falteten Händen: 122 „Tödtet mich nicht, Thibault! tödtet mich nicht! die alte Großmutter würde ſich zu Tode grämen; tödtet mich nicht, Thibault!“ Der Wolfsführer ſtand ganz beſtürzt da. Jetzt erſt begriff er den ſchrecklichen Ruf, den er ſich erworben, da ſein Anblick dem Weib, das ihn geliebt hatte, und das er noch immer liebte, eine ſolche Angſt einjagen konnte. Einen Augenblick ſchauderte er vor ſich ſelbſt. „Ich Euch tödten, Agnelette!“ ſagte er,„wäh⸗ rend ich Euch doch dem Tod entreißen will! O, Ihr müßt einen ſehr großen Haß gegen mich haben, daß Euch ein ſolcher Gedanke kommen konnte.“ „Ich haſſe Euch nicht, Thibault,“ antwortete die junge Frau;„aber man erzählt ſich ſo Vieles von Euch, daß Ihr mir Furcht einflößet.“ „Und ſpricht man auch von dem Mädchen, durch deſſen Treuloſigkeit Thibault zu all dieſen Verbrechen getrieben worden iſt?“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte Agnelette, indem ſie ihn mit ihren großen, himmelblauen Augen an⸗ ſchaute. „CEi wie!“ verſetzte Thibault,„Ihr verſtehet nicht, daß ich Euch liebte, daß ich Euch anbetete, und daß Euer Verluſt mich wahnſinnig gemacht hat?“ „Wenn Ihr mich liebtet, wenn Ihr mich anbe⸗ tetet, Thibault, wer hat Euch denn verhindert mich zu heirathen?“ „Der böſe Geiſt,“ murmelte Thibault. „Ich liebte Euch,“ fuhr die junge Frau fort, „und ich habe mit Schmerzen auf Euch gewartet.“ Thibault ſtieß einen Seufzer aus. 123 „Ihr liebtet mich, Agnelette?“ ſagte er. „Ja,“ antwortete die junge Frau mit ihrer lieb⸗ lichen Stimme und ihrem bezaubernden Blick. „Aber jetzt,“ fuhr Thibault fort,„jetzt iſt Alles aus, und Ihr liebet mich nicht mehr?“ „Thibault,“ antwortete Agnelette,„ich liebe Euch nicht mehr, weil ich Euch nicht mehr lieben darf. Aber man ſchlägt ſich ſeine erſte Neigung nicht ſo leicht aus dem Sinn, wie man gerne möchte.“ „Agnelette!“ rief Thibault ganz ſchaudernd, ngebt wohl Acht, was Ihr ſaget.“ „Warum,“ ſagte das Kind mit naivem Kopf⸗ ſchütteln,„warum ſollte ich mich mit meinen Reden in Acht nehmen, da ich nur die Wahrheit ſagen werde? Damals, als Ihr mir ſagtet, daß Ihr mich zur Frau nehmen wollet, glaubte ich Euch, Thibault; denn warum hättet Ihr mich belügen ſollen in dem Augenblick, wo ich Euch einen Dienſt geleiſtet hatte? Dann begegnete ich Euch ſpäter, ohne daß ich Euch ſuchte; Ihr ſeid zu mir hergekommen, habt Worte der Liebe zu mir geſagt und habt zuerſt wieder von Eurem Verſprechen angefangen. Auch daran war ich nicht Schuld, Thibault, daß ich Angſt bekam vor dieſem Ring, den Ihr am Finger hattet, und der zwar für Euch groß genug, aber ſchrecklicher Weiſe für mich zu klein war.“ „Wollt Ihr, daß ich dieſen Ring nicht mehr trage?“ ſagte Thibault;„wollt Ihr, daß ich ihn wegwerfe?“ Und er verſuchte ihn von ſeinem Finger zu ziehen. Aber wie der Ring zu klein geweſen war, um in 124 Agnelettes Finger hineinzugehen, ſo war er jetzt zu klein, um aus Thibaults Finger herauszugehen. Vergebens bot er alle ſeine Kräfte auf, vergebens ſuchte er ihn ſogar mit den Zähnen herauszubringen: der Ring ſchien auf Ewigkeiten an ſeinem Finger feſtgenietet. Thibault ſah wohl, daß er auf eine Trennung von dieſem Ring verzichten mußte, und daß derſelbe eine Bürgſchaft ſeines Vertrags mit dem ſchwarzen Wolfe war. Seufzend und muthlos ließ er ſeine Arme wie⸗ der ſinken. „Damals,“ fuhr Agnelette fort,„bin ich ent⸗ flohen. Ich weiß wohl, daß es unrecht von mir war; aber ich konnte meine Angſt nicht bemeiſtern beim Anblick dieſes Ringes und beſonders...“ Sie ſchlug ängſtlich ihre Augen bis zu Thibaults Stirne auf. Thibault war barhäuptig, und beim Mondſchein konnte Agnelette ſehen, daß es nimmer ein einziges Haar war, das in den hölliſchen Flammen geröthet zu ſein ſchien, ſondern daß die Hälfte der Haare des Wolfsführers die diaboliſche Färbung angenommen hatte. „O!“ ſagte ſie zurückweichend,„Thibault, Thi⸗ bault! was iſt mit Euch geſchehen, ſeit ich Euch nicht mehr geſehen habe?“ „Agnelette!“ rief Thibault, indem er ſeine Stirne an die Erde lehnte und ſeinen Kopf in beiden Hän⸗ den hielt;„was mit mir geſchehen iſt, das könnte ich keiner menſchlichen Creatur, ſelbſt einem Prieſter nicht, erzählen; aber zu Euch, Agnelette, ſage ich ein⸗ zt zu bens gen: nger nung ſelbe arzen wie⸗ ent⸗ mir ſtern 7 nults chein ziges öthet des men Thi⸗ nicht tirne Hän⸗ nnte eſter ein⸗ 125 fach das: Agnelette, Agnelette, habt Mitleid mit mir, denn ich bin ſehr unglücklich geweſen.“ Agnelette trat wieder näher zu Thibault und ergriff ſeine Hände. „Ihr liebtet mich alſo! Ihr liebtet mich alſo!“ rief Thibault. „Was wollt Ihr, Thibault?“ erwiederte die junge Frau mit derſelben Sanftmuth und Unſchuld; „ich hatte Euer Gerede ernſthaft genommen, und ſo oft Jemand an die Thüre unſerer Hütte klopfte, ſo pochte mein Herz, weil ich dachte, Ihr wäret es und kämet, um zu der alten Frau zu ſagen: Mutter, ich liebe Agnelette, Agnelette liebt mich, wollt Ihr ſie mir zum Weib geben? Wenn man dann aufgemacht hatte und ich ſah, daß Ihr es nicht waret, ſo ver⸗ barg ich mich in einer Ecke und weinte.“ „Und jetzt, Agnelette, jetzt?“ „Jetzt,“ ſagte die junge Frau,„iſt es ſonderbar, Thibault, trotz all dem Schrecklichen, was man von Euch erzählt, habe ich keine Angſt mehr, denn es ſcheint mir, daß Ihr es nicht böſe mit mir meinen könnt, und ich ging herzhaft durch den Wald, als dieſes ſchreckliche Thier, von dem Ihr mich befreit habt, über mich herfiel.“ „Aber warum waret Ihr in der Nähe Eurer alten Wohnung? Wohnet Ihr nicht mit Eurem Mann zuſammen?“ „Wir haben allerdings einige Zeit in Vez ge⸗ wohnt; aber in Vez war kein Platz für die alte blinde Mutter. Da ſagte ich zu meinem Mann: Die Großmutter vor Allem! Ich gehe zu ihr zurück. Wenn Du mich beſuchen willſt, ſo kannſt Du kommen.“ 126 „Und er hat eingewilligt?“ „Er wollte Anfangs nicht; aber ich machte ihm begreiflich, daß die Großmutter ſiebzig Jahre alt iſt; daß wir, wenn wir ihr noch zwei oder drei Jahre zu leben geben— Gott verhüte, daß ich Recht habe! — zwei oder drei Jahre etwas genirt ſeien, und weiter Nichts, während wir beide ſehr wahrſcheinlich lange Jahre zu leben haben. Dann hat er begriffen, daß man demjenigen Theil geben müſſe, der das Wenigſte habe.“ Aber inmitten dieſer Erklärung Agnelettes hatte Thibault nur einen einzigen Gedanken verfolgt, näm⸗ lich, daß ihre frühere Liebe für ihn in ihrem Herzen noch nicht erloſchen ſei. „Alſo liebtet Ihr mich, Agnelette? Alſo könn⸗ tet Ihr mich noch lieben, Agnelette?“ „Nein, das iſt unmöglich, da ich einem Andern gehöre.“ erNeletier Agnelette! ſaget nur, daß Ihr mich iebet.“ „Im Gegentheil, wenn ich Euch liebte, ſo würde ich alles Mögliche thun, um es Euch zu verbergen.“ „Warum?“ rief Thibault,„warum denn? Du kennſt meine Macht nicht. Ich weiß wohl, daß ich vielleicht nur noch einen oder zwei Wünſche thun darf; aber wenn Du mir dieſe Wünſche ausdenken hilfſt, ſo kann ich Dich reich machen wie eine Königin; wir können die Gegend, Frankreich, Europa verlaſſen; es gibt große Länder, die Du nicht einmal von Namen kennſt, Agnelette: man nennt ſie America, man nennt ſie Indien. Es ſind dies Paradieſe mit einem blauen Himmel, großen Bäumen und Vögeln 127 V von allen Arten. Hgnelette, ſag, daß Du mir fol⸗ ihm gen willſt; Niemand wird erfahren, daß wir zuſam⸗ iſt; men abgereist ſind, Niemand wird erfahren, wo wir ihre ſind, Niemand wird erfahren, daß wir uns lieben, be! Niemand wird auch nur erfahren, daß wir noch leben.“ und„Mit Euch fliehen, Thibault!“ ſagte Agnelette, lich indem ſie den Wolfsführer anſah, als hätte ſie nur fen, die Hälfte ſeiner Worte verſtanden;„wißt Ihr denn das nicht, daß ich nicht mehr mir ſelbſt gehöre? Wißt Ihr nicht, daß ich verheirathet bin?“ atte„Was liegt daran,“ ſagte Thibault,„wenn Du äm- mich liebſt, und wenn wir glücklich leben können!“ dzen„O Thibault! Thibault! was ſaget Ihr?“ „Höre,“ ſagte Thibault,„ich will im Namen unn⸗ dieſer und der künftigen Welt mit Dir ſprechen. Willſt Du meinen Leib und meine Seele zugleich dern retten, Agnelette? Widerſtehe mir nicht, hab Mit⸗ leid mit mir, komm mit mir. Laß uns aufbrechen, nich laß uns irgendwohin gehen, wo man dieſes Geheul nicht mehr hört, wo man dieſen Blutgeruch nicht irde mehr einhaucht; und wenn Ihr eine Scheu davor en.“ habt eine reiche und vornehme Dame zu werden, ſo Du laßt uns an einen Ort gehen, wo ich wieder der ich Handwerker Thibault, der arme Thibault, aber der hun geliebte und folglich bei ſeinen harten Arbeiten glück⸗ aken liche Thibault werden kann, an einen Ort, wo Agne⸗ gin; lette keinen andern Mann hat als mich.“ ſen;„Thibault! Thibault! ich war bereit, Euer Weib von zu werden, und Ihr habt mich verſchmäht.“ rica,„Agnelette, erinnere mich nicht mehr an ein mit Unrecht, wofür ich ſo grauſam geſtraft worden bin.“ geln„Thibault, ein Anderer hat das gethan, was — 128 Ihr nicht thun wolltet: er hat das arme junge Mäd⸗ chen geheirathet; er hat die blinde, alte Frau zu ſich genommen; er hat der Einen ſeinen Namen, der Andern Brod gegeben; er hat Nichts begehrt als meine Liebe, keinen andern Reichthum gefordert als meinen Schwur; könnt Ihr verlangen, daß ich ihm Gutes mit Böſem vergelte? Könnt Ihr zu mir ſagen, daß ich denjenigen, der mir ſeine Liebe bewieſen hat, verlaſſen und denjenigen vorziehen ſoll, der mir nur Beweiſe ſeiner Gleichgültigkeit gegeben hat?“ „Aber da Du ihn nicht liebſt, ſondern mich, was liegt dann an alle dem, Agnelette!“ „Thibault, verdrehet nicht meine Worte, um darin einen Sinn zu finden, den ſie nicht haben. Ich habe von der Freundſchaft geſprochen, die ich Euch erhalte, aber ich habe Euch nicht geſagt, daß ich meinen Mann nicht liebe. Ich möchte Euch glück⸗ lich ſehen, mein Freund; ich möchte hauptſächlich wünſchen, daß Ihr Eure Irrthümer abſchwüret und Eure Verbrechen bereutet; ich wünſche endlich, daß Gott Erbarmen mit Euch habe, um Euch dieſem böſen Geiſt zu entreißen, von dem Ihr ſo eben ſpra⸗ chet. Ich bete jeden Morgen und jeden Abend auf meinen Knieen darum. Aber um für Euch beten zu können, Thibault, muß ich rein bleiben; wenn die Stimme, die um Gnade bittet, bis zum Thron des Herrn emporſteigen ſoll, ſo muß ſie unſchuldig ſein; kurz, ich muß aufs Gewiſſenhafteſte das Verſprechen hanen das ich am Fuß ſeines Altars beſchworen abe.“ Als Thibault dieſe feſte Sprache hörte, wurde er wieder düſter und wild. 129 „Weißt Du auch, daß das ſehr unklug iſt, was Du da ſagſt, Agnelette?“ „Warum, Thibault?“ fragte die junge Frau. „Wir ſind hier allein; es iſt Nacht, und kein Menſch in der Nähe wagt zu dieſer Stunde den Wald zu betreten. Weißt Du auch, Agnelette, daß der König nicht vollſtändiger Herr in ſeinem Reiche iſt, als ich es hier bin?“. „Was wollt Ihr damit ſagen, Thibault?“ „Ich will damit ſagen, daß ich, nachdem ich Dich gebeten, beſchworen und angefleht habe, jetzt zur Drohung übergehen kann.“ „Ihr wollt mir drohen?“ „Ich will damit ſagen,“ fuhr Thibault, ohne Agnelette anzuhören, fort,„daß Du mit jedem Wort, das Du ausſprichſt, zu gleicher Zeit meine Liebe zu Dir und meinen Haß gegen ihn reizeſt; ich will end⸗ lich ſagen, daß es unklug vom Schafe iſt, den Wolf zu reizen, wenn es ſich in ſeiner Gewalt befindet.“ „Als ich Euch auf dieſem Wege hier ſah,“ antwor⸗ tete Agnelette, da erſchrack ich, wie ich Euch geſagt habe, nicht über Eurem Anblick. Als ich jedoch vorhin wieder zu mir kam, da wurde ich einen Augenblick von Angſt erfaßt, weil ich unwillkürlich an das dachte, was man ſich von Euch erzählt. Aber jetzt könnt Ihr thun, was Ihr wollt, Thibault, ſo werdet Ihr mich nicht erblaſſen machen.“ Thibault faßte ſeinen Kopf mit beiden Händen. „Sprich nicht ſo,“ ſagte er,„denn Du weißt nicht, was der Teufel mir ins Ohr ziſcht, und wie viel Kraft ich brauche, um ſeiner Stimme zu wider⸗ ſtehen.“ Dumas, der Wolfsführer. II. 9 130 „Ihr könnt mich tödten,“ antwortete Agnelette, „aber ich werde die Schlechtigkeit nicht begehen, die Ihr von mir verlanget; Ihr könnt mich tödten, aber ich werde demjenigen, den ich zum Mann genommen habe, treu bleiben; Ihr könnt mich tödten, aber ich werde ſterbend zu Gott flehen, daß er ihm beiſtehe.“ „Sprich dieſen Namen nicht aus, Agnelette; er⸗ innere mich nicht an dieſen Mann.“ „Bedrohet mich, ſo lang Ihr wollt, Thibault, denn ich befinde mich in Euren Händen; aber er iſt glücklicher Weiſe fern von Euch, und Ihr beſitzet keine Gewalt über ihn.“ „Wer ſagt Dir das, Agnelette? Wer ſagt Dir, daß ich nicht vermöge der hölliſchen Gewalt, die ich beſitze und der ich kaum widerſtehe, in der Ferne ſo gut tödten kann wie in der Nähe?“ „Und wenn ich Wittwe wäre, Thibault, würdet Ihr mich dann für ſo niederträchtig halten, daß ich Eure vom Blut meines Mannes gefärbte Hand an⸗ nähme?“ „Agnelette,“ ſagte Thibault, indem er vor ihr niederkniete,„Agnelette, erſpare mir ein neues Ver⸗ brechen.“ „Das Verbrechen wird von Euch kommen und nicht von mir. Ich kann Euch mein Leben geben, Thibault, aber ich werde Euch meine Ehre nicht geben.“ „O!“ brüllte Thibault,„die Liebe geht aus dem Herzen, wenn der Haß darin einzieht. Nimm Dich in Acht, Agnelette! Hab Acht auf Deinen Mann! Der Dämon iſt in mir und will aus meinem Mund ſprechen. Statt der Tröſtungen, die ich von Deiner 131 Liebe verlangte, und die Deine Liebe mir verweigert, werde ich die Tröſtungen der Rache haben. Agne⸗ lette, halte, es iſt noch Zeit, halte meine Hand, welche verflucht, halte meine Hand, welche verdammt, ſonſt begreifſt Du wohl, daß nicht ich es bin, der tödtet, ſondern Du, Agnelette, Du ſagſt nicht zu mir, daß ich nicht ſprechen ſolle. Nun wohl! ſeien wir denn alle verflucht, Du, er und ich! Agnelette, ich träume, daß Etienne Engoulevent ſterbe, und er ſtirbt eben jetzt.“ Agnelette ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Dann aber ſagte ſie, gleich als ob ihre Vernunft gegen dieſen Mord aus der Ferne, den ſie für un⸗ möglich hielt, proteſtirte: 3 „Nein, Ihr ſagt das bloß, um mich zu erſchrecken, und meine Gebete werden über Eure Verwünſchun⸗ gen obſiegen.“ „So geh denn hin und erfahre, wie der Himmel Deine Gebete erhört. Nur ſpute Dich, Agrelette, wenn Du Deinen Mann noch am Leben treffen willſt, denn Du ſtehſt in Gefahr, über einen Leich⸗ nam zu ſtolpern.“ Ueberwältigt durch den Ton der Ueberzeugung, womit der Wolfsführer dieſe Worte ſprach, und hin⸗ geriſſen von einer unwiderſtehlichen Bangigkeit, ent⸗ eilte Agnelette, ohne Thibault zu antworten, der auf dem Rand des Grabens ſtand und ſeine Hand gegen Preciamont ausſtreckte, in der Richtung, welche dieſe Hand anzuzeigen ſchien, und verſchwand bald an der Biegung einer Straße. Als ſie verſchwunden war, ſtieß Thibault ein Geheul aus, wie ungefähr zehn Wölfe zuſammen. 132 Dann ſtürzte er in das Dickicht und ſagte: „Hal jetzt erſt bin ich in Wahrheit verflucht!“ XXI. Thibaults letzter Wunſch. Trotz der peinlichen Angſt, welche die arme Agne⸗ lette nach dem Dorfe trieb, wo ſie ihren Mann ge⸗ laſſen hatte, mußte ſie, gerade weil ſie ſo ſchnell lief, von Zeit zu Zeit ſtehen bleiben. Der Athem ging ihr aus. In ſolchen Augenblicken bot ſie all ihren Ver⸗ ſtand auf, um ihre Ruhe wieder zu gewinnen. Sie ſagte zu ſich ſelbſt, es ſei thöricht, machtloſen Wor⸗ ten, welche von eiferſüchtigem Haß eingegeben und vom Winde bereits fortgetragen worden ſeien, eine ſolche Bedeutung beizulegen; aber ſobald ſie Athem geſchöpft und wieder einige Kraft geſammelt hatte, begann ſie ihren haſtigen Lauf von Neuem, denn ſie fühlte, daß es um ihre Ruhe geſchehen war, bis ſie ihren Mann wieder geſehen hatte. 3 Obſchon ſie beinahe eine halbe Stunde lang durch die einſamſten und wildeſten Schläge des Wal⸗ des zu gehen hatte, ſo dachte ſie doch nicht mehr an die Wölfe, welche der Schrecken ſämmtlicher Städte und Dörfer auf zehn Meilen in der Runde waren. Ihre einzige Angſt war, ſie möchte ihren Mann todt auf dem Wege liegend finden. Wenn ſie dann mit dem Fuß an einen Stein oder Zweig ſtieß, ſo ſtockte ihr Athem auf einmal, 133 wie wenn ſie ihren letzten Seufzer ausgehaucht hätte, eine ſchneidende Kälte drang bis in ihr Herz, ihre Haare ſträubten ſich, und ein kalter Schweiß bedeckte ihr Geſicht. Am Ende des Fußpfades, auf welchem ſie dahin⸗ eilte, und über dem die kreuz und quer ſtehenden Bäume eine Art von Wölbung bildeten, erblickte ſie zuletzt das offene Feld in ſanfter, ſilberner Mond⸗ beleuchtung. Im Augenblick, wo ſie aus der Dunkelheit in die helle Ebene trat, ſtürzte ein Mann, den ſie nicht bemerkt hatte, weil er ſich hinter einem Gebüſch des Waldgrabens verborgen gehalten, ihr entgegen und nahm ſie in ſeine Arme. „Ho hol gute Frau!“ rief er lachend,„wohin ſo ſchnell in dieſer nächtlichen Stunde?“ Agnelette erkannte ihren Mann. „Etienne! ach mein lieber, guter Etienne!“ rief die junge Frau, indem ſie ihre beiden Arme um ſei⸗ nen Hals ſchlang,„wie bin ich ſo froh, daß ich Dich wieder habe, und daß ich Dich ſo wohl und geſund wiederſehe! O Gott ſei Lob und Dank geſagt!“ „Meine gute Agnelette, glaubteſt Du etwa, der Wolfsführer Thibault habe mich mit Haut und Haar aufgefreſſen?“ „Ach, ſprich dieſen Namen nicht aus, lieber Mann; laß uns nach den Häuſern zu fliehen!“ „Warum nicht gar?“ lachte der junge Rüden⸗ knecht,„dann könnteſt Du den Gevatterinnen in Pre⸗ ciamont und Vez erzählen, ein Mann tauge zu gar Nichts, nicht einmal um ſeine Frau zu ſchützen und zu beruhigen.“ 134 „Du haſt Recht, Etienne, aber ich weiß nicht, warum ich, da ich doch ſo eben den Muth hatte, durch dieſen großen, garſtigen Wald zu gehen, und da ich jetzt ganz ruhig ſein ſollte, weil Du bei mir biſt, ich weiß nicht, warum ich dennoch vor Angſt zittere.“ „Was iſt Dir denn zugeſtoßen? Komm her und erzähl es mir,“ ſagte Etienne, indem er ſeine Frau küßte. Agnelette erzählte jetzt ihrem Manne, wie ſie auf dem Rückweg von Vez nach Preciamont von einem Wolf angefallen worden war, wie Thibault ſie aus den Klauen des Thieres geriſſen, und was ſich dann zwiſchen ihm und ihr zugetragen hatte. Engoulevent hörte ſie mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit an. „Höre,“ ſagte er dann,„ich will Dich zur Groß⸗ mutter heimbegleiten und dann euch beide recht ſorg⸗ fältig einſchließen, damit kein Unglück geſchieht; her⸗ nach will ich ſchnell zu Herrn Jean zurückreiten und ihm den Ort anzeigen, wo Thibault ſich aufhält.“ „O nein, nein!“ rief Agnelette;„Du müßteſt ja durch den Wald, und es könnte Dir Etwas zu⸗ ſtoßen.“ „Ich werde einen Umweg machen,“ ſagte Etienne, „und durch die Thäler von Coyolles und von Walue gehen.“ Agnelette ſchüttelte ſeufzend den Kopf, beſtand aber nicht weiter auf ihrem Verlangen. Sie wußte, daß ſie in dieſem Punkt Nichts über Engoulevent vermochte, und überdies gedachte ſie ihre Bitten zu erneuern, wenn ſie einmal zu Hauſe wäre. 135 Und in der That wollte der junge Rüdenknecht weiter Nichts als eine einfache Pflicht erfüllen. Während Agnelette den Holzſchuhmacher in die⸗ ſem Theil des Waldes getroffen hatte, ſollte am fol⸗ genden Tage juſt auf der entgegengeſetzten Seite eine furchtbare Treibjagd angeſtellt werden. Es war ſomit Etiennes Pflicht, Herrn Jean un⸗ verzüglich von dem Ort in Kenntniß zu ſetzen, wo Agnelette mit dem Wolfsführer zuſammengerathen war. Ohnedies hatte man nicht mehr zu viel Zeit, wenn die Anordnungen zur Treibjagd noch abgeändert werden ſollten. Gleichwohl meinte ohne Zweifel Agnelette, die einen Augenblick geſchwiegen hatte, als ſie in die Nähe von Preciamont kam, eine hinreichende Anzahl guter Gründe zuſammengebracht zu haben, denn ſie be⸗ gann von Neuem zu bitten und zu flehen. Sie hatte auch wirklich einen vortrefflichen Grund gefunden. Sie ſtellte Etienne vor, daß Thibault, trotz ſei⸗ ner Eigenſchaft als Währwolf, ihr dennoch kein Leid zugefügt, ſondern vielmehr das Leben gerettet; daß er, als er ſie in ſeiner Gewalt gehabt, ſeine Macht nicht mißbraucht, ſondern ihr freie Rückkehr zu ihrem Nanne geſtattet habe. Wenn er alſo nach all die⸗ ſen Vorgängen den Aufenthalt Thibaults ſeinem Todfeind, dem Baron Jean, anzeigte, ſo würde er damit nicht mehr eine Pflicht erfüllen, ſondern einen Verrath begehen, und die Folge davon wäre, daß Thibault, der dieſen Verrath unfehlbar erfahren 136 müßte, in Zukunft Niemand mehr unter ſolchen Um⸗ ſtänden verſchonen würde. Die junge Frau verfocht Thibaults Sache mit wahrer Beredtſamkeit. Aber bei ihrer Verheirathung mit Engoulevent hatte ſie dieſem ihre früheren Ver⸗ hältniſſe zu dem Holzſchuhmacher ebenſo wenig ver⸗ ſchwiegen, als jetzt die näheren Umſtände ihres letz⸗ ten Zuſammentreffens mit demſelben. Trotz des größten Vertrauens zu ſeiner Frau war Engoulevent der Eiferſucht nicht unzugänglich. Ueberdies beſtand zwiſchen ihm und Thibault ein alter Haß, noch von dem Tage her, wo Engou⸗ levent den Holzſchuhmacher ſelbſt auf einem Baum und ſeinen Spieß im nahen Gebüſch ausfindig ge⸗ macht hatte. Er ließ ſich daher von ſeinem Vorſatz nicht ab⸗ bringen und ſetzte, während er den Bitten ſeiner Frau vollkommen Gehör ſchenkte, raſch ſeinen Weg nach Preciamont fort. Sie kamen unter beſtändigen Geſprächen, wobei jeder Theil ſeine Anſicht verfocht, bis auf hundert Schritte von den erſten Hecken. Um Thibaults plötzliche und unvermuthete Ein⸗ fälle in den Dörfern ſo gut als möglich abzuwehren, hatten die Bauern nächtliche Patrouillen eingeführt und ähnliche Vorſichtsmaßregeln getroffen, wie in Kriegszeiten. Etienne und Agnelette waren ſo eifrig in ihrem Geſpräch, daß ſie das Werda der hinter der Hecke lauernden Schildwache überhörten und ruhig gegen das Dorf weiter gingen. 3 Der Bauer, welcher im Schatten eine Erſcheinung 137 bemerkte, der ſeine Angſt eine rieſige Geſtalt verlieh, und die, ohne auf ſeinen wiederholten Werdaruf zu antworten, auf ihn zugeſchritten kam, ſpannte den Hahn an ſeiner Flinte. Als Engoulevent ſeine Augen aufſchlug, bemerkte feerr auf einmal den blitzartigen Widerſchein des Mond⸗ lichtes auf dem Flintenlauf. Während er gut Freund!l rief, warf er ſich vor Agnelette, umſchlang ſie mit ſeinen Armen und deckte ſie mit ſeinem Leibe. Aber in demſelben Augenblick ging der Schuß los, und der arme Etienne fiel ſeufzend, aber ohne alle weitere Klage, auf das geliebte Weib, das er feſt umſchlungen hielt. Die Kugel war ihm durch das Herz gefahren. Als die Leute von Preciamont, durch den Knall herbeigelockt, auf dem Fußpfad, der vom Dorfe in den Wald führt, herankamen, fanden ſie Engoulevent todt und Agnelette bewußtlos auf dem Leichnam ihres Mannes liegend. Man trug die arme Frau in die Hütte ihrer Großmutter. Aber als ſie zum Bewußtſein kam, verſank ſie in eine Verzweiflung, die an Wahnwitz grenzte. Nachdem ſie einige Tage in ſtarrer Fühlloſigkeit dagelegen, ſteigerte ſich der Wahnwitz zur Narrheit. Sie machte ſich Vorwürfe über den Tod ihres Mannes; ſie rief ihn mit Namen, ſie flehte um Gnade für ihn zu unſichtbaren Geiſtern, welche ſie fortwäh⸗ rend, ſogar in den kurzen Augenblicken des Schlum⸗ mers, die ihr Hirnfisber geſtattete, quälten. Sie ſprach Thibaults Namen aus und richtete 138 flehende Bitten an ihn, die allen Anweſenden Thrä⸗ nen entlockten.. Da in Allem, was ihre Narrheit herausſprach, trotz der Zuſammenhangsloſigkeit der Worte die That⸗ ſachen zum Vorſchein kamen, ſo begriff man, daß der Wolfsführer bei dem unſeligen Ereigniß, welches den Tod des armen Etienne herbeigeführt, die Hand im Spiel gehabt hatte. Man beſchuldigte folglich den gemeinſamen Feind, daß er einen Zauber über die unglücklichen zwei jungen Leute geworfen habe, und die Entrüſtung über den ehemaligen Holzſchuhmacher war dadurch noch geſteigert worden. Vergebens rief man die Aerzte von Villers⸗ Coterets und von Ferté⸗Milon herbei, Agnelettes Zuſtand wurde immer ſchlimmer, ihre Kräfte ſchwan⸗ den, ihre Stimme wurde nach einigen Tagen ſchwä⸗ cher und kürzer, obſchon ihr Wahnwitz noch immer gleich heftig blieb, und Alles, ſelbſt das Schweigen der Aerzte, verkündete, daß die arme Agnelette ſehr bald ihrem Manne ins Grab nachfolgen werde. Nur die Stimme der blinden armen Frau konnte das Fieber mildern. Wenn Agnrelette ihre Groß⸗ mutter ſprechen hörte, da beruhigte ſie ſich, ihre ſtar⸗ ren, verſtörten Augen gewannen einen ſanften Aus⸗ druck und füllten ſich mit Thränen; ſie fuhr mit der Hand über ihre Stirne, wie wenn ſie einen läſtigen Gedanken verjagen wollte, und ein wehmüthiges Lächeln zuckte ſchnell und flüchtig auf ihren Lippen. Eines Abends, bei Anbruch der Nacht, lag Agne⸗ lette in einem noch unruhigeren und peinlicheren Schlaf als gewöhnlich; die von einer kupfernen Lampe — — 139 ſchwach beleuchtete Hütte befand ſich in einem Halb⸗ dunkel; die Großmutter ſaß vor dem ſteinernen Herd und bewahrte in ihrer Phyſiognomie jene Unbeweg⸗ lichkeit, unter welcher die Wilden und die Bauern ihre lebhafteſten Gemüthsbewegungen verbergen. Von den zwei Frauen, welche Herr Jean dafür bezahlte, daß ſie der Wittwe ſeines Dieners abwarteten, ſprach die eine, knieend vor dem Bett, wo Agnelette ſo blaß und weiß lag, daß man ſie ohne die regelmäßige Bewegung ihrer beklommenen Bruſt bereits für todt gehalten hätte, ihren Roſenkranz; die andere ſpann ſtill ihren Rocken. Auf einmal ſchien die Kranke, die ſeit einigen Augenblicken von Zeit zu Zeit zuſammenfuhr, gegen einen ſchauerlichen Traum anzukämpfen und ſtieß einen Angſtſchrei aus. Im ſelben Augenblick flog die Thüre auf. Ein Mann, deſſen Kopf von einem Flammenkreis um⸗ geben ſchien, ſtürzte ins Zimmer herein, ſprang bis an Agnelettes Bett, ſchloß die Sterbende feſt in ſeine Arme, drückte unter Schmerzensrufen ſeine Lippen auf ihre Stirne, lief dann nach einer Thüre, die ins Freie führte, öffnete ſie und verſchwand. Die Erſcheinung war ſo raſch vorübergegangen, daß man an eine Viſion der jungen Frau hätte glauben können, die einen unſichtbaren Gegenſtand wegzuſtoßen verſuchte und rief: „Entfernt ihn! Entfernt ihn!“ Aber die beiden Wärterinnen hatten dieſen Mann geſehen und Thibault erkannt. Ferner hörte man ein gewaltiges Geſchrei und aus demſelben heraus den Namen Thibault. Dieſes Geſchrei kam der Hütte Agnelettes immer näher, und bald erſchienen die Schreienden auf der Schwelle. Sie verfolgten den Wolfsführer. Man hatte Thibault um das Häuschen herum ſchweifen geſehen, und die Einwohner von Precia⸗ mont, die ſich, von ihren Schildwachen in Kenntniß geſetzt, mit Gabeln und Stöcken bewaffnet hatten, verfolgten ihn.. Thibault, welcher Agnelettes verzweifelten Zu⸗ ſtand kannte, hatte dem Wunſch, ſie noch ein einziges Mal zu ſehen, nicht zu widerſtehen vermocht. Im Vertrauen auf die Schnelligkeit ſeiner Beine war er auf alle Gefahren hin durch das Dorf ge⸗ gangen, hatte die Thüre der Hütte geöffnet und war hineingedrungen, um die Sterbende noch zu ſehen. Die zwei Wärterinnen bezeichneten den Bauern die Thüre, durch welche Thibault hinausgegangen war, und gleich einer Meute, die ihre Fährte wieder auffindet, jagten dieſe unter drohendem Geſchrei hin⸗ ter ihm her. Es verſteht ſich, daß Thibault ſeinen Feinden entkam und im Walde verſchwand. Aber in Folge der ſchrecklichen Erſchütterung, welche Agnelette durch Thibaults Erſcheinung und Berührung erhalten hatte, wurde ihr Zuſtand ſo beunruhigend, daß man noch im Laufe derſelben Nacht den Prieſter holen mußte. Es war augenſcheinlich, daß Agnelette nur noch einige Stunden zu leiden hatte. Gegen Mitternacht kam der Prieſter nebſt dem ſie 3 141 Sacriſtan, welcher das Kreuz, und den Chorknaben, welche das Weihwaſſer trugen. Die letzteren knieten am Fuße des Bettes nieder, während der Prieſter zu den Häupten trat. Jetzt ſchien Agnelette durch eine geheimnißvolle Kraft neu belebt zu werden. Sie ſprach lange Zeit leiſe mit dem Prieſter, und da man wohl wußte, daß das arme Kind nicht ſo lange für ſich ſelbſt zu beten hatte, ſo begriff man, daß ſie für einen Andern betete. Wer war dieſer Andere? Gott, der Prieſter und ſie wußten es allein. XXII. Der Jahrestag. Als Thibault das Wuthgeſchrei der Bauern nicht mehr hinter ſich hörte, begann er langſamer zu gehen. Endlich, als der Wald wieder in ſeine gewöhn⸗ liche Stille verſunken war, machte er Halt und ſetzte ſich auf einen Steinhaufen. Er war ſo verſtört, daß er den Platz, wo er ſich befand, erſt dann erkannte, als er an dieſen Steinen große ſchwarze Flecke bemerkte, wie wenn ſie vom Feuer beleckt worden wären. Es waren die Steine ſeines Herdes. Der Zufall hatte ihn an den Ort geführt, wo die Hütte geſtanden, die er noch vor einigen Mona⸗ ten bewohnt hatte. Ohne Zweifel ſtellte der Holzſchuhmacher bittere 142 Vergleichungen zwiſchen dieſer ruhigen Vergangen⸗ heit und dieſer ſchrecklichen Gegenwart an, denn dicke Thränen rollten über ſeine Wangen und fielen in die Aſche, auf der ſeine Füße ruhten. Er hörte auf den Kirchthürmen von Oigny und mehreren andern umliegenden Orten zwölf Uhr ſchlagen. Dies war die Stunde, wo der Prieſter die letzten Gebete der ſterbenden Agnelette anhörte. „O!“ rief Thibault,„verflucht ſei der Tag, wo ich mir etwas Anderes wünſchte, als das, was der liebe Gott für einen armen Handwerker erreichbar gemacht hat! Verflucht ſei der Tag, wo der ſchwarze Wolf die Macht Böſes zu thun an mich verkaufte, denn das Böſe, was ich gethan, hat mein Glück nicht nur nicht erhöht, ſondern vielmehr auf ewig zerſtört.“ Er hörte ein lautes Lachen hinter ſich. Als er ſich umdrehte, ſah er den ſchwarzen Wolf ſelbſt im Dunkel der Nacht heranſchleichen, gleich einem Hund, der ſeinen Herrn wiederfindet. Er wäre in der Finſterniß beinahe unſichtbar ge⸗ weſen, wenn ſeine Augen nicht Flammen geworfen hätten, die ihn beleuchteten. Er ging um den Herd herum und ſetzte ſich dann dem Holzſchuhmacher gegenüber. „Ei wie!“ ſagte er,„Meiſter Thibault iſt nicht zufrieden? Bei den Hörnern Belzebubs, Meiſter Thibault, Du biſt ſehr difficil.“ „Wie kann ich zufrieden ſein,“ antwortete Thi⸗ bault,„da ſeit meinem Zuſammentreffen mit Euch alle meine Wünſche Nichts als nutzloſe Reue mit 143 ſich geführt haben? Ich habe Reichthum verlangt und bin jetzt in Verzweiflung. über den Verluſt des Farnkraut⸗Daches, unter deſſen Schutze ich einſt ein⸗ ſchlief, ohne mich wegen des morgenden Tages zu beunruhigen, ohne mich um den Wind und den Regen zu bekümmern, welche die Zweige der großen Eichen peitſchten. Ich habe Herrlichkeit verlangt, und die erbärmlichſten Bauern aus der Ebene, die ich einſt verachtete, jagen mich jetzt mit Steinwürfen vor ſich her. Ich habe Liebe verlangt, und die ein⸗ zige Frau, die mich geliebt hat und die ich liebe, ſtirbt in dieſer Stunde unter Verwünſchungen gegen mich, ohne daß ich mit all der Macht, die Ihr mir verliehen habt, Etwas zu ihrer Hilfe thun konnte.“ „Du mußt nur Dich ſelbſt lieben,“ ſagte der ſchwarze Wolf. „Ja, ſpotte nur.“ „Ich ſpotte nicht. Hatteſt Du nicht, ſchon ehe ich Dir unter die Augen trat, lüſterne Blicke auf die Güter Deiner Nebenmenſchen geworfen?“ „Ei was war es denn auch um einen erbärm⸗ lichen Damhirſch, wie ihrer Hunderte in dieſem Wald Gras freſſen?“ „Du glaubteſt nur den Damhirſch zu wünſchen, Thibault, aber die Wünſche verketten ſich mit einan⸗ der, wie die Nächte mit den Tagen und die Tage mit den Nächten. Indem Du den Damhirſch wünſch⸗ teſt, wünſchteſt Du auch die ſilberne Platte, auf wel⸗ cher er aufgetragen werden ſollte; die ſilberne Platte zog den Diener nach ſich, der ſie trägt, und den Küchenmeiſter, der den Braten zerlegt. Der Ehrgeiz gleicht dem Himmelsgewölbe: es ſcheint ſich am 144 Horizont zu begränzen und es umfaßt die ganze Erde. Du haſt Agnelettes Unſchuld um der Mühle der Polet willen verſchmäht; kaum hätteſt Du die Mühle beſeſſen, ſo hätteſt Du das Haus des Amt⸗ manns Magloire begehrt, und das Haus des Amt⸗ manns Magloire hätte keinen Reiz mehr für Dich gehabt, ſobald Du das Schloß des Grafen von Mont⸗ gobert, wenn auch nur aus der Ferne, geſehen hätteſt. O Du gehörteſt durch Deinen Neid ſchon längſt dem gefallenen Engel an, welcher Dein und mein Herr iſt; nur hätte es vielleicht, da es Dir an Verſtand fehlte, um das Böſe zu wünſchen und das Gute daraus zu ziehen, in Deinem Intereſſe gelegen, ehr⸗ lich zu bleiben.“ „Ach ja,“ antwortete der Holzſchuhmacher,„jetzt erkenne ich die Wahrheit des Sprichworts: Wer Böſes will, dem widerfährt Böſes; aber kurz und gut, kann ich nicht wieder ehrlich werden?“ Der Wolf ſchlug ein Hohngelächter auf. „O mein Junge,“ ſagte er,„mit einem einzigen Haar kann der Teufel einen Menſchen in die Hölle führen. Haſt Du niemals gezählt, wie viel der Teufel von den Deinigen beſaß?“ „Nein.“ „Ich kann Dir nicht ſagen, wie viele Haare Du auf dem Kopf haſt; aber ich kann Dir ſagen, wie viele davon Dir bleiben. Ein einziges. Du ſiehſt alſo, daß die Zeit der Reue vorüber iſt.“ „Wenn,“ ſagte Thibault,„der Teufel einen Menſchen um eines einzigen Haares willen verderben kann, warum ſollte ihn dann Gott nicht durch ein einziges Haar retten können?“ nze hle die nt⸗ nt⸗ nt⸗ eſt. err nd ute etzt 145 „Verſuch's.“ „Ohnehin habe ich, als ich dieſen Handel mit Euch abſchloß, nicht geglaubt, einen Vertrag einzu⸗ gehen.“ „O daran erkenne ich die Unehrlichkeit der Men⸗ ſchen. Du haſt keinen Vertrag eingegangen, indem Du mir Deine Haare gabeſt, Dummkopf? Seit die Menſchen die Taufe erfunden haben, wiſſen wir nicht mehr, wo wir ſie faſſen ſollen, und deßhalb müſſen ſie uns für jede Vergünſtigung unſererſeits einen Theil ihres Körpers überlaſſen, an welchen wir Hand anlegen können. Du haſt uns Deine Haare abge⸗ treten; ſie halten feſt, Du haſt Dich deſſen verſichert, ſie werden uns nicht in den Klauen bleiben. Nein, nein, Du gehörſt uns, Thibault, von dem Augenblich an, wo Du auf der Schwelle der Thüre, die hier ſtand, im Geiſte den Gedanken an Betrug und Raub liebgewonnen haſt.“ „Alſo,“ rief Thibault voll Wuth, indem er auf⸗ ſtand und auf den Boden ſtampfte,„alſo werde ich in der andern Welt verloren ſein, ohne die Freuden dieſer hier genoſſen zu haben?“ „Du kannſt ſie noch kennen lernen, Thibault.“ „Wie das?“ „Indem Du kühn den Pfad betrittſt, auf wel⸗ chen Du Dich bloß eingeſchmuggelt haſt, indem Du mit Entſchiedenheit das willſt, was Du tückiſch an⸗ nahmeſt, mit andern Worten, indem Du Dich offen und unumwunden auf unſere Seite ſtellſt.“ „Und was müßte ich dann thun?“ „Meinen Platz einnehmen.“ „Und dann?“ Dumas, der Wolfsführer. II. 10 146 „Meine Macht erwerben; dann wirſt Du Nichts mehr zu wünſchen haben.“ „Wenn Eure Macht ſo umfaſſend iſt, wenn ſie Euch all die Reichthümer gibt, nach denen es mich gelüſtet, warum tretet Ihr ſie dann ab?“ „Bekümmere Dich nicht um mich. Der Herr, dem ich einen Diener zugeführt habe, wird mich reichlich belohnen.“ „Und werde ich mit Eurem Platz zugleich Eure Geſtalt annehmen?“ „Ja, bei Nacht, aber den Tag über wirſt Du wieder Menſch werden.“ „Die Nächte ſind lang, dunkel und voll von Hinterhalten; ich kann unter der Kugel eines Jägers fallen oder mit meiner Pfote in eine Schlinge ge⸗ rathen; dann fahret wohl, Reichthümer und Herr⸗ lichkeit!“ „Nein, denn dieſes Fell, das mich umhüllt, iſt undurchdringlich für Eiſen, Blei und Stahl; ſo lange es Deinen Leib bedeckt, biſt Du nicht bloß unver⸗ wundbar, ſondern unſterblich; nur ein einziges Mal im Jahr wirſt Du, wie alle Währwölfe, auf vier⸗ undzwanzig Stunden wieder Wolf, und während dieſer vierundzwanzig Stunden haſt Du den Tod zu fürchten, wie die andern. Es iſt heute juſt ein Jahr, daß wir uns ſahen: es war an meinem Un⸗ glückstag.“ „Ahl ah!“ machte Thibault,„jetzt begreife ich, warum Ihr die Hunde des Herrn Jean ſo ſehr fürchtetet.“ 4— „Bei unſern Unterhandlungen mit den Menſchen iſt uns jede Lüge verboten, und wir ſind gezwungen, 147 ihnen Alles zu ſagen. Sie können dann frei an⸗ nehmen oder ablehnen.“ „Ihr ſprachet von einer großen Macht, die ich erwerben könne. Was iſt das für eine Macht?“ „Eine Macht, der ſelbſt der mächtigſte König Nichts an die Seite zu ſtellen hat, weil die könig⸗ liche Macht immer durch die Grenzen des Menſch⸗ lichen und Möglichen beſchränkt bleibt.“ „Werde ich reich ſein?“ „So reich, daß Du den Reichthum zuletzt ver⸗ achten wirſt, denn Du wirſt durch die alleinige Kraft Deines Willens nicht bloß das erhalten, was die Menſchen durch Gold und Silber erreichen, ſondern auch das, was die höheren Weſen durch ihre Be⸗ ſchwörungen erzielen.“ „Ich werde mich an meinen Feinden rächen können?“ „Zu allem Böſen wird Deine Macht unbeſchränkt ſein.“ „Wird das Weib, das ich liebe, mir auch wieder entkommen können?“ „Du wirſt Deinesgleichen beherrſchen und Weiber nach Belieben haben.“ „Wird Nichts ſie meinem Willen entziehen können?“ „Nichts als der Tod, welcher ſtärker iſt als Alles.“ „Und ich werde alſo bloß an einem einzigen Tag von dreihundert fünfundſechzig den Tod zu fürchten haben?“* „Nur an einem einzigen; an allen andern wird 148 Dir weder Eiſen noch Blei noch Stahl, weder Waſſer noch Feuer Etwas anhaben können.“ „Und keine Lüge, keine Schlinge ſteckt hinter Deinen Worten verborgen?“ „Keine, ſo wahr ich ein ehrlicher Wolf bin.“ „Nun wohl, es ſei!“ ſagte Thibault;„Wolf für vierundzwanzig Stunden und für die ganze übrige Zeit König der Schöpfung. Was habe ich zu thun? Ich bin bereit.“ „Brich ein Stechpalmenblatt ab, zerreiße es mit den Zähnen in drei Stücke und wirf dieſelben weit von Dir.“ Thibault that, was ihm befohlen war. Nachdem er das Blatt zerriſſen, zerſtreute er die Stücke, und nun ließ ſich, obſchon die Nacht bisher ganz ruhig geweſen war, auf einmal ein Donner⸗ ſchlag vernehmen, und eine ſturmartige Wetterſäule entführte dieſe Stücke in heftigem Wirbel. „Und nun, Bruder Thibault,“ ſagte der Wolf, „nimm meinen Platz ein und gut Glück! Wie ich vor einem Jahr, wirſt Du jetzt vierundzwanzig Stun⸗ den lang Wolf bleiben; ſuche dieſe Prüfung ebenſo glücklich zu überſtehen, wie ich ſie mit Deiner Hilfe überſtanden habe, dann wirſt Du alle meine Ver⸗ ſprechungen in Erfüllung gehen ſehen. Ich werde indeſſen den Herrn mit dem Pferdefuß bitten, daß er Dich vor den Hunden des Barons von Vez be⸗ wahre, denn, auf Teufelsparole, Du intereſſirſt mich wirklich, Freund Thibault.“ Und es war Thibault, als ſähe er den ſchwarzen Wolf groß werden, ſich verlängern, ſich auf ſeine ſſer ater für rige un? mit veit die her ner⸗ iule oolf, ich tun⸗ enſo ilfe Ver⸗ erde daß be⸗ nich zen eine 14⁴9 Hinterfüße ſtellen und in Menſchengeſtalt weggehen, indem er ihm noch mit der Hand zuwinkte. Wir ſagen: es war ihm, als ſähe er; denn für einen Augenblick verloren ſeine Ideen alle Klarheit. Er empfand eine Art von Erſtarrung, welche die Thätigkeit des Gedankens lähmte. Als er dann wieder zu ſich kam, war er allein. Seine Glieder waren in fremden und ungewohn⸗ ten Formen gefangen. Kurz, er war in jeder Beziehung dem großen ſchwarzen Wolf, der ſo eben noch mit ihm geſprochen hatte, ähnlich geworden. Ein einziges weißes Haar in der Gegend des kleinen Gehirns ſtach in dem dunkeln Pelzwerk grell hervor. Dieſes einzige weiße Haar des Wolfes war das einzige ſchwarze Haar, das dem Menſchen geblieben war. Dann, und ehe er noch Zeit gehabt hatte, zur Beſinnung zu kommen, ſchien es ihm, als höre er die Büſche ſich bewegen und ein dumpfes, erſticktes Gebelle hervorkommen. Zitternd dachte er an die Meute des Herrn Jean. In ſeiner Wolfsgeſtalt hielt er es für gerathen, ſeinen Vorgänger nicht nachzuahmen und nicht, wie dieſer, zu warten, bis die Meute des Herrn Jean ihm auf den Ferſen wäre. Er dachte, das Gebell, das er gehört hatte, könne von einem Spürhund herkommen, und er beſchloß die Loskoppelung nicht abzuwarten. Er lief alſo, wie die Wölfe gewöhnlich thun, geradeaus, und machte dabei die ſehr befriedigende ————— — 150 Bemerkung, daß er bei ſeiner Umwandlung die zehn⸗ fache Kraft und Claſticität gewonnen hatte. „Bei den Hörnern des Teufels,“ ſagte einige Schritte von da Herr Jean zu ſeinem neuen Rüden⸗ knecht,„Du hältſt des Hängeſeil immer zu locker, Burſche; Du haſt den Spürhund knurren laſſen, und ſo werden wir den Wolf nie wieder in den Wald treiben.“ „Ich will meinen Fehler nicht leugnen, gnädiger Herr,“ antwortete der Rüdenknecht;„aber da ich den Wolf geſtern Abend hundert Schritte von hier durch⸗ kommen ſah, ſo konnte ich unmöglich annehmen, daß er in dieſem Schlag über Nacht geblieben ſei, und daß wir ihn zwanzig Schritte vor uns hätten.“ „Und Du biſt ganz ſicher, daß es derſelbe iſt?“ „Möge das Brod, das ich im Dienſte des gnä⸗ digen Herrn eſſe, mir zu Gift werden, wenn dies nicht der ſchwarze Wolf iſt, den wir im vorigen Jahre jagten, als der arme Markotte ertrank.“ „Ich möchte ihn gerne angreifen,“ ſagte Herr Jean mit einem Seufzer. „Befehlet, gnädiger Herr, ſo greifen wir an; aber erlaubet mir die Bemerkung, daß wir noch zwei volle Stunden Nacht vor uns haben, und daß unſere Pferde dann ſchon vor Tagesanbruch lendenlahm ſein werden.“ „Aber wenn wir den Tag abwarten, Munter, ſo wird die Beſtie zehn Stunden weg ſein.“ „Zum wenigſten, gnädiger Herr,“ ſagte Munter den Kopf ſchüttelnd,„zum wenigſten.“ „Dieſer elende ſchwarze Wolf kommt mir gar nicht mehr aus dem Sinn,“ fuhr Herr Jean fort, 151 „und ich habe ein ſolches Verlangen nach ſeinem Fell, daß ich ganz gewiß krank werde, wenn ich's nicht bekomme.“ „So laßt uns angreifen, gnädiger Herr, und zwar augenblicklich.“ „Du haſt Recht, Munter; hol ſchnell die Hunde herbei.“ Nunter ſchwang ſich auf ſein Pferd, das er, um den Wald zu durchſtreifen, an einen Baum ge⸗ bunden hatte. Er jagte im Galopp davon. Nach zehn Minuten, die dem Baron wie zehn Jahrhunderte erſchienen, kam Munter mit dem gan⸗ zen Jagdzug zurück. Man koppelte ſogleich los. „Nur ſachte, Kinder! ganz ſachte!“ ermahnte Herr Jean;„bedenket wohl, daß wir nicht mehr unſere alten Hunde haben, die ſo geſchmeidig und ſo gut abgerichtet waren; dieſe da ſind meiſtens Rekruten und höchſtens gut, um den Bratſpieß zu drehen; wenn ihr ſie überhetzet, ſo werden ſie einen Teufels⸗ lärm machen und nichts Geſcheidtes zu Stande brin⸗ gen; laßt ſie alſo ganz von ſelbſt und allmälig warm werden.“ In der That ſchnüffelten zwei oder drei von den Hunden, ſobald ſie losgekoppelt waren, augenblicklich die Ausdünſtungen ein, die der Währwolf hinter ſich gelaſſen hatte, und gaben Laut. Die andern ſammelten ſich um ſie. Alle liefen, im Anfang mehr ausſpürend als jagend, und nur nach langen Unterbrechungen bellend, den Spuren Thibaults nach; bald aber, als ſie den 152 Wolfsgeruch gehörig in ſich aufgenommen hatten, entwickelten ſie mehr Eifer und Zuſammenhalt, und als zuletzt die Fährte immer wärmer wurde, da rasten ſie mit wuͤthendem Gebell und tollem Unge⸗ ſtüm nach dem Schlag von Ivors zu. „Ein gut aufgetriebenes Thier iſt ſchon halb verloren,“ rief Herr Jean.„Du, Munter, ſorg für die Relais, ich will überall welche antreffen, und ihr andern paßt mir wohl auf,“ fügte Herr Jean gegen den Troß ſeiner Leute hinzu.„Wir haben mehr als eine Niederlage zu rächen, und wer von euch durch ſeine Nachläſſigkeit Schuld iſt, daß ich den Wolf heute wieder nicht erwiſche, den werfe ich, bei den Hörnern des Teufels, ſtatt ſeiner meinen Hunden vor.“ Nach dieſem Zuſpruch ſetzte Herr Jean ſein Pferd in Galopp, und obwohl die Nacht noch dun⸗ kel und das Terrain ſchlecht war, ſo hatte er doch bald die Jagd eingeholt, die man bereits in den Thalgründen von Bourgfontaine hörte. XXIII. Eine tolle Jagd. Thibault beſaß, da er klüglicher Weiſe gleich beim erſten Gebell des Spürhundes aufgepackt hatte, einen bedeutenden Vorſprung. Lange hörte er Nichts von der Meute. „Aber auf einmal ſchlug ihm ihr Geheul wie Donnergeroll an die Ohren und begann ihn einiger⸗ maßen zu beunruhigen. 153 Bisher war er im Trab gelaufen; jetzt aber ſchlug er Galopp an und ruhte nicht, bis er einige Wegſtunden zwiſchen ſeine Feinde und ſich gebracht hatte. Er ließ ſeine Blicke umherſchweifen und orien⸗ tirte ſich. Er befand ſich auf den Höhen von Montaigu. Er lauſchte. Die Hunde ſchienen ihm ihre Diſtanz beibehalten zu haben. Sie waren in der Nähe des Gebüſches von Tillet. Es gehörte ein Wolfsohr dazu, um ſie in dieſer Entfernung zu hören. Er lief wieder hinab, wie wenn er ihnen entge⸗ gengehen wollte, ließ Erneville links liegen, ſprang in den kleinen Bach, der dort entſpringt, ging ihn hinab bis nach Grimancourt, warf ſich ins Gehölz von Leſſart⸗l'Abbeſſe und von da in den Wald von Compiègne. Als er jetzt fühlte, daß trotz dieſes dreiſtündigen Eillaufes die ſtählernen Muskeln ſeiner Wolfsbeine noch nicht im Geringſten ermüdet ſchienen, ſo be⸗ ruhigte er ſich ein wenig. Dennoch wollte er ſich nicht in einen Wald wagen, den er weniger genau kannte, als den von Villers⸗ Coterets. Er beſchloß daher nach einem Abſtecher von etlichen Stunden wieder zurückzulaufen, unter Bei⸗ behaltung der großen Wechſel, die ihm am geeignet⸗ ſten ſchienen, um ſich der Hunde zu entledigen. Er lief daher unausgeſetzt über die ganze Ebene, die ſich von Pierrefond nach Montgobert erſtreckt, 154 ging bei Meutard in den Wald, bei Vauvaudrand wieder heraus, ſprang in den Floßbach von Sauciéres und lief durch das Gehölz von Longpont in den Wald zurück. Unglücklicher Weiſe ſtieß er auf der Höhe der Galgenſtraße auf eine neue Meute von zwanzig Hunden, welche der Rüdenknecht des Herrn von Montbreton, in Folge einer Einladung des Herrn von Vez, dieſem als fliegendes Relai zur Hilfe her⸗ beiführte. Die Hunde wurden augenblicklich von dem Rüden⸗ knecht losgekoppelt, welcher, da er den Wolf ſeine Diſtanzen beibehalten ſah, die Ankunft des vollſtän⸗ digen Jagdzugs nicht erſt abwarten zu dürfen glaubte, damit das Thier nicht inzwiſchen das Weite ſuchen könnte. Jetzt erſt begann der eigentliche Kampf zwiſchen dem Währwolf und den Hunden. Es war dies ein tolles Rennen, welchem die Pferde, trotz aller Gewandtheit ihrer Reiter, nur mit der größten Mühe folgten. Die Jagd flog mit der Schnelligkeit des Gedan⸗ kens über die Ebenen, durch die Wälder und über die Haiden hin. Sie erſchien und verſchwand wie der Blitz im Gewölke, einen Staubwirbel, ſowie ein Hornge⸗ ſchmetter und Geſchrei hinter ſich laſſend, zu deſſen Wiederholung das Echo kaum Zeit fand. Sie zog über Berge, Thäler, Bäche, Schluchten und Abgründe hin, wie wenn Hunde und Pferde Flügel gehabt hätten, gleich der Chimäre und dem Hippogryphen. 155 Herr Jean war wieder auf der Wahlſtatt er⸗ ſchienen. Mit flammenden Blicken und weit geöffneten Naſenflügeln jagte er an der Spitze ſeiner Rüden⸗ knechte dahin, dicht hinter ſeinen Hunden, die er durch furchtbares Geſchrei antrieb, während er ſeinem Pferde wüthend die Sporen in den Leib ſtieß, wenn es über den Schwierigkeiten des einen oder andern Hinderniſſes ſtutzig wurde. Der ſchwarze Wolf ſeinerſeits ſetzte unermüdlich ſeinen Eillauf fort. Obſchon er nicht wenig erſchrack, als er im Augen⸗ blick der Umkehr das wilde Gebell der neuen Meute hundert Schritte hinter ſich hörte, ſo verlor er deß⸗ halb doch keinen Zollbreit Terrain. Da er auf ſeiner Flucht ſeine menſchliche Denkkraft in ihrer ganzen Fülle beibehielt, ſo ſchien es ihm unmöglich, daß er in dieſer Prüfung unterliegen ſollte; es ſchien ihm, als könnte er nicht ſterben, ohne zuvor für all das Herzeleid, das man ihm an⸗ gethan, Rache genommen, ohne die Genüſſe, die ihm verheißen worden, wirklich erlebt, und ganz beſon⸗ ders, ohne zuvor die Liebe Agnelettes, denn zu die⸗ ſer kehrte ſein Gedanke in dieſem kritiſchen Augen⸗ blick unaufhörlich zurück, erobert zu haben. Zuweilen herrſchte der Schrecken bei ihm vor, manchmal aber auch der Zorn. Manchmal vergaß er auch ſeine neue Geſtalt und dachte daran umzukehren, dieſer heulenden Bande die Stirne zu bieten, ſie mit Steinwürfen und Stock⸗ ſchlägen auseinander zu jagen. Einen Augenblick darauf konnte er dann, halb 156 tolll vor Zorn und betäubt durch das Grabgeläute, das ihm die Meute in die Ohren heulte, von Neuem fliehen, indem er gewaltige Sprünge machte und dahin flog, gleich als hätte er die Beine eines Hir⸗ ſches und die Flügel eines Adlers. Aber ſeine Anſtrengungen waren vergeblich. Trotz ſeiner gewaltigen Sprünge, und obſchon ſeine Flucht beinahe einem Fluge glich, ſchien ſich doch das mordluſtige Getöſe, das ſeine Verfolger machten, gleichſam an ſeine Ferſen zu heften, und wenn es auch zuweilen einen Augenblick etwas ent⸗ fernter lautete, ſo näherte es ſich doch ſogleich wieder drohender und furchtbarer als je. Gleichwohl ließ ihn ſein Selbſterhaltungstrieb nicht im Stich; ſeine Kräfte nahmen nicht ab. Aber er fühlte, daß ſie ſich doch erſchöpfen könn⸗ ten, wenn er unglücklicher Weiſe auf eine neue und friſche Meute ſtoßen ſollte. Er beſchloß daher einen neuen großartigen Ver⸗ ſuch, um wo möglich einen Vorſprung vor den Hun⸗ den zu gewinnen und dann nach ſeinen Höhlen zu⸗ rückzukehren, wo er vermöge ſeiner genauen Kennt⸗ niß des Waldes die Hunde zu überliſten hoffte. Er lief alſo wieder nach Puiſeux, ſodann an den Rainen von Vivieres hin und in den Wald von Compiègne zurück; von da machte er einen Abſtecher in den Wald von Largue, ſetzte bei Attichy über den Aisne und lief über Fond⸗d'Argent in den Wald von Villers⸗Coterets zurück. 3 Auf dieſe Art hoffte er die Strategie zu verei⸗ teln, mit welcher Herr Jean ſeine Meute ohne Zwei⸗ fel ſtaffelförmig aufgeſtellt hatte. (— ‿ B——— Aͤ ABU 157 War er einmal wieder in ſeinen gewöhnlichen Höhlen, ſo konnte er freier athmen. Er befand ſich von Neuem an den Ufern des Ourcq, zwiſchen Norroy und Trouennes, an der Stelle, wo der Fluß tief zwiſchen einer doppelten Felſenreihe eingekeilt iſt; er lief geradezu auf einen ſpitzen Felſen, der über das Waſſer vorhängt, ſprang in die Fluth hinab, erreichte ſchwimmend eine Bie⸗ gung am Fuß des Felſen, von welchem er herabge⸗ ſprungen war, verſteckte ſich in dieſer Art von Höhle ein wenig unter der gewöhnlichen Waſſerhöhe, und wartete da. Er hatte einen Vorſprung von beinahe einer Stunde gewonnen. Gleichwohl befand er ſich kaum zehn Minuten da, als auch ſchon die ganze Hundeſchaar mit Stur⸗ mesgebraus auf der Höhe des Felſen ankam. Die vorderſten ſahen in ihrem Feuereifer den Abgrund nicht, oder glaubten ſie hinüberſpringen zu können, wie der Gegenſtand ihrer Verfolgung gethan hatte, und Thibault wurde tief in ſeinem Verſteck von dem Waſſer beſpritzt, das von allen Seiten durch ihr Hereinfallen aufplatſchte. Aber weniger glücklich und weniger kräftig als er, konnten die Hunde der heftigen Strömung nicht widerſtehen. Rach machtloſen Bemühungen ver⸗ ſchwanden ſie, von ihr fortgeriſſen, ohne die Zufluchts⸗ ſtätte des Währwolfs ausgewittert zu haben. Dieſer hörte über ſeinem Kopfe das Geſtampfe der Roſſe, das Gebell der noch übrigen Hunde, das Geſchrei der Männer und ganz beſonders die Flüche des Herrn Jean, deſſen Stimme alle andern übertäubte. 158 Hierauf, und als der letzte ins Waſſer gefallene Hund gleich der übrigen Meute von der Strömung fortgeriſſen war, ſah er mittelſt einer Biegung, daß ſeine Verfolger am Strom hinabzogen. Ueberzeugt, daß Herr Jean, den er an der Spitze ſeiner Rüdenknechte erkannte, dies blos thue, um ſogleich wieder heraufzukommen, wollte er ſie nicht erwarten. Er verließ alſo ſeine Höhle. Bald ſchwimmend, bald mit großer Geſchicklich⸗ keit von Fels zu Fels hüpfend, bald im Waſſer watend, gelangte er flußaufwärts bis ans Ende des Gebüſches von Créne. Hier angekommen, beſchloß er, da er ſicher wußte, daß er einen bedeutenden Vorſprung vor ſeinen Feinden hatte, in ein Dorf zu gehen und um die Häuſer her zu wechſeln, weil er dachte, daß man ihn da nicht ſuchen würde. Er dachte an Preciamont. Wenn er irgend ein Dorf genau kannte, ſo war es dieſes. Dann war er in Preciamont auch nahe bei Agnelette. Es däuchte ihn, als müßte dieſe Nähe ihm Kraft verleihen und Glück bringen, als könnte das holde Bild des keuſchen Kindes einigen Einfluß auf die Wendung ſeines Schickſals ausüben. Er lief alſo in dieſer Richtung weiter. Es war ſechs Uhr Abends. Wolf, Hunde und Jäger hatten gewiß fünfzig Stunden zurückgelegt. 3 Als der ſchwarze Wolf, nach einem Umweg über 159 Manereux und Oigny, am Waldſaum von Ham er⸗ ſchien, begann die Sonne am Horizont hinabzuſteigen und übergoß die Haide mit blendendem Purpur, die weißen und rothen Blümlein durchduſteten den Abend⸗ wind, der ſie umkoste, die Grille zirpte in ihrem Moospalaſt, und die Lerche, die ſenkrecht zum Him⸗ mel emporſtieg, begrüßte die Nacht, wie ſie zwölf Stunden vorher den Tag begrüßt hatte. Die Ruhe der Natur brachte eine eigenthümliche Wirkung auf Thibault hervor. Es däuchte ihn befremdend, daß ſie ſo ſchön und lieblich ſein könne, während ſeine Seele von ſolcher Angſt gemartert wurde. Als er dieſe Blumen ſah, als er dieſe Inſecten und dieſe Vögel hörte, verglich er die holde Ruhe all dieſer unſchuldigen Welt mit den ſchauerlichen Bekümmerniſſen, die er ſelbſt ausſtand, und fragte ſich, trotz der neuen Verſprechungen, welche der Ab⸗ geſandte des Teufels ihm gemacht, ob er klüger ge⸗ than habe, den zweiten Vertrag einzugehen, als den erſten. Dieſe Betrachtungen führten ihn zu dem Reſul⸗ tat, daß er vielleicht beim einen wie beim andern Nichts als Täuſchungen zu erwarten habe. Als er über einen unter dem vergoldeten Ginſter halb verlorenen Fußpfad hinging, erkannte er ihn als denjenigen, auf welchem er Agnelette zurückbe⸗ gleitet hatte an dem Tag, wo er ſie zum erſten Mal geſehen und, von ſeinem guten Genius inſpirirt, ihr die Ehe angeboten hatte. Der Gedanke, daß er, kraft ſeines neuen Ver⸗ trags, Agnelettes Liebe wiedergewinnen könne, rich⸗ 160 tete ſeinen Muth, der beim Anblick dieſer allgemei⸗ nen Freude gänzlich geſunken war, wieder ein we⸗ nig auf. Die Glocke von Preciamont erſcholl im Thale. Ihr traurig eintöniges Geläute erinnerte den ſchwarzen Wolf ſowohl an die Menſchen als an das, was er von ihnen zu fürchten hatte. Er lief alſo kühn querfeldein nach dem Dorfe zu, wo er in irgend einem verlaſſenen Gemäuer eine Zuflucht zu finden hoffte. Als er an der kleinen Mauer von trockenen Steinen hinging, welche den Friedhof von Precia⸗ mont umſchließt, hörte er in dem Hohlweg, worauf er ſich befand, verſchiedene Stimmen. Wenn er ſeinen Weg fortſetzte, mußte er noth⸗ wendig den Herankommenden in die Hände laufen; wenn er umkehrte, ſo mußte er einen Kamm erſtei⸗ gen, wo er geſehen werden konnte; er hielt es alſo fürs Klügſte, über die kleine Friedhofmauer zu ſetzen. Mit einem Sprung befand er ſich auf der an⸗ dern Seite. Der Friedhof lag, wie beinahe in allen Dörfern, dicht bei der Kirche. Er war unangebaut und überall mit langem Gras, an gewiſſen Orten auch mit Brombeerſtauden und Dornbüſchen bewachſen. Der Wolf lief auf die dichteſte dieſer Brombeer⸗ ſtauden zu; ſie bedeckte eine eingefallene Gruft, von wo er ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. Er ſchlich ſich unter das Geſträuch und verbarg ſich in der Gruft. 161 Zehn Schritte von Thibault war ein friſch auf⸗ geworfenes Grab, das ſeinen Bewohner erwartete. Man hörte den Chor der Prieſter in der Kirche. Ihr Geſang war um ſo vernehmlicher, als die Gruft, welche der Flüchtling auserſehen, früher mit der Kirche in Verbindung geſtanden haben mußte. Die Geſänge hörten auf. Der ſchwarze Wolf, der ſich in der Nähe einer Kirche inſtinctmäßig unheimlich fühlte, dachte, die Leute im Hohlweg könnten jetzt vorübergekommen ſein, und er habe alſo höchſte Zeit ſich wieder auf die Beine zu machen und einen ſicherern Zufluchts⸗ ort zu ſuchen, als er für den Augenblick gewählt hatte. Aber kaum hatte er die Naſe aus ſeiner Brom⸗ beerſtaude hervorgeſtreckt, ſo öffnete ſich die Friedhof⸗ thüre. Er nahm alſo ſeinen bisherigen Poſten wieder ein, obſchon er ſich über das, was herankam, beun⸗ ruhigte. Das Erſte, was er ſah, war ein Knabe im Chor⸗ hemd, der einen Weihkeſſel in der Hand trug. Sodann das ſilberne Kreuz, von einem Mann getragen, der gleichfalls ein Chorhemd über ſeinen Kleidern hatte. Hierauf der Prieſter, der die Todtengebete ſang. Nach dem Geiſtlichen eine Tragbahre, von vier Bauern getragen und mit einem weißen Tuch bedeckt, das mit grünen Zweigen und Blumenkränzen über⸗ ſäet war. Unter dem Tuch zeichnete ſich die Form eines Sarges ab. Dumas, der Wolfsführer. II. 11 Einige Einwohner von Preciamont ſchritten hin⸗ ter der Bahre einher. Obſchon ein ſolcher Aufzug in einem Friedhof ganz natürlich war und Thibault ſchon durch den Anblick eines offenen Grabes darauf vorbereitet ſein mußte, ſo machte er doch einen tiefen Eindruck auf den Flüchtling, und wiewohl die geringſte Bewegung ſeine Gegenwart verrathen und folglich ſeinen Unter⸗ gang herbeiführen konnte, ſo beobachtete er doch mit unruhiger Neugierde den ganzen Verlauf der Cere⸗ monie. Als der Prieſter das Grab geſegnet hafké, das Thibault zuerſt in die Augen gefallen war, ſtellten die Träger ihre Laſt auf ein nahes Grab. Bei uns iſt der Brauch, daß man eine junge Dirne, die in ihrem Glanz geſtorben, eine junge Frau, die in ihrer Schönheit dahingeſchieden iſt, in ihrem Sarge, aber nur mit einem Tuch bedeckt, auf den Kirchhof führt. Hier können die Freunde der Todten ein letztes Lebewohl ſagen, die Verwandten ihr einen letzten Kuß geben. Dann nagelt man den Deckel zu, und Alles iſt vorbei. Eine alte Frau, geleitet von Freundeshand, denn ſie ſchien blind zu ſein, trat heran, um der Todten einen letzten Kuß zu geben. Ddie Träger hoben das Tuch auf, das ihr Geſicht bedeckte.— Thibault erkannte Agnelette. 3 Ein dumpfer Seufzer entrang ſich ſeiner zer⸗ — 163 malmten Bruſt und verwiſchte ſich mit den Thränen und dem Geſchluchze der Anweſenden. Agnelettes Geſicht erſchien, trotz ſeiner Bläſſe, in der unausſprechlichen Ruhe des Todes noch ſchöner, als es zu Pedn Lebzeiten unter ſeinem Diadem von Vergißmeinnichten und Maßlieben geweſen war. Als Thibault die arme Dahingeſchiedene erblickte, da ſchmolz das Eis ſeines Herzens. Er bedachte, daß in Wirklichkeit er ſelbſt dieſes Kind getödtet habe, und ſein Schmerz darüber war namenlos, weil wahr, und martervoll, weil er zum erſten Mal ſeit langer Zeit nicht mehr an ſich, ſondern an die Todte dachte. Als er die Hammerſchläge hörte, womit der Bahr⸗ deckel zugenagelt wurde, als er die Steine und die Erde, welche der Todtengräber mit ſeiner Schaufel hinab⸗ warf, mit dumpfem Getöſe auf den Leib des einzigen Weibes, das er jemals geliebt hatte, fallen hörte, da ergriff ihn ein Schwindel; es war ihm, als ob die harten Steine das Fleiſch Agnelettes, dieſes vor wenigen Tagen ſo friſche und ſchöne, und geſtern noch ſo zuckende Fleiſch zerquetſchten, und er machte eine Bewegung, um über die Anweſenden herzu⸗ fallen und ihnen dieſen Leib zu entreißen, auf wel⸗ chen er wenigſtens im Tode ein Anrecht zu beſitzen meinte, da er im Leben einem Andern gehört hatte. Der Schmerz des Menſchen bewältigte dieſe letzte Regung des wilden Thieres, das ſeinem Ende nahe war; unter dieſer Wolfshaut lief ein Schauder hin; aus dieſen blutigen Augen brachen Thränen hervor, und Thibault rief: „Mein Gott, nimm mein Leben hin! ich gebe 164 es gerne, wenn ich damit das Leben dieſes Weibes erkaufen kann, das ich getödtet habe.“ Auf dieſe Worte folgte ein Geheul ſo ſchrecklicher Art, daß Alle, die es hörten, voll Angſt entflohen. Der Friedhof war verödet. Aber beinahe im ſelben Augenblick kam die Meute, welche die Fährte des ſchwarzen Wolfes wieder auf⸗ gefunden hatte, über daſſelbe Mäuerchen geſprungen, über welches Thibault hereingekommen war. Hinter ihr erſchien Herr Jean, ſchweißtriefend auf ſeinem von Schaum und Blut bedeckten Roſſe. Die Hunde liefen gerade auf das Gebüſch los und faßten an. „Faß an! Faß an!“ rief Herr Jean mit Don⸗ nerſtimme, und ohne ſich darum zu bekümmern, ob er Jemand von ſeinen Leuten zu ſeinem Schutz vor ſich hatte, ſprang er vom Pferd, zog ſein Jagdmeſſer und ſtürzte mitten unter ſeinen Hunden auf die Gruft los. Die Hunde rauften ſich um eine noch ganz friſche und blutende Wolfshaut, aber der Körper war ver⸗ ſchwunden. Es war ganz ſicher die Haut des Währwolfs, den man gejagt hatte, denn mit Ausnahme eines einzigen weißen Haares war ſie ganz ſchwarz. Was war aus dem Körper geworden? Niemand hat es je erfahren. Nur glaubte man, da von dieſem Augenblick an Thibault nicht mehr in der Gegend geſehen wurde, allgemein, der ehemalige Holzſchuhmacher ſei der Währwolf geweſen. Da man ferner nur die Haut, aber den Körper 165 nicht gefunden hatte, und da der Prieſter verſicherte, er habe von der Stelle her, wo man dieſe Haut aufgefunden, den oben angeführten Ausruf der Hin⸗ gebung kommen gehört, ſo glaubte er auch verſichern zu können, daß Thibault in Anbetracht ſeiner Hin⸗ gebung und Reue gerettet worden ſei. Und was dieſer Tradition ganz beſonders Glau⸗ ben verlieh, iſt der Umſtand, daß man bis zum Augenblick, wo die Klöſter während der Revolution abgeſchafft wurden, alljährlich an Agnelettes Todes⸗ tag einen Prämonſtreſer Mönch aus dem eine halbe Stunde von Preciamont gelegenen Kloſter von Bourg⸗ Fontaine kommen und auf ihrem Grabe beten ſah. Dies die Geſchichte des ſchwarzen Wolfes, ſo wie Mocquet, der Waldſchütze meines Vaters, ſie mir erzählt hat. Ende. — AL 1 In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Friederike Bremer, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Töchter des Priſidenten 2 Bändchen. Nina... 5„ Die Nachbarn 55„ Streit und Friede. 2„ Das Haus, oder Familienforgen und Familienfreuden 5 Die Familie H....... 2„ Ein Tagebuch. 4 In Dalekarlien. 4 Die Johannisreiſe. 3 Geſchwiſterleben... 8„ Die Heimath in der neuen Welt 24 Der Name der Verfaſſerin iſt zu bekannt, als daß wir zur Empfehlung derſelben noch etwas beifügen könnten. Die Lektüre dieſer Erzählungen eignet ſich beſonders für junge Damen. Freuden und Keiden eines Commis Voyageunr. 4 Zweite Auflage.- 1 eleg. geh. mit Titelbild. Preis: 18 Ngr. oder fl. 1. rh. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des„deut⸗ ſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäftigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lectüre dieſes Buchs. Stuttgart, 1857. Franckh'ſche Verlagshandlung.