2 Aℳ 1 8 8 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literaturn 6 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe vo bei Entgegennahme tſprchende Summe n mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: —— 2 Mk.— Pf. — 3 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 5 3 ſG 1r 7— uI. 1—„ r 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Warum haben ſich in den erſten zwanzig Jahren meines Literatenlebens, d. h. von 1827 bis 1847, meine Blicke und meine Erinnerungen nur ſo ſelten nach meiner kleinen Geburtsſtadt, ſowie nach den umliegenden Wäldern und Dörfern zurückgewandt? Warum war meine ganze Jugendwelt für mich wie verſchwunden und von einer Wolke umhüllt, während mir die Zukunft, der ich entgegenging, klar und leuch⸗ tend erſchien, gleich jenen Zauberinſeln, welche Co⸗ lumbus und ſeine Genoſſen für ſchwimmende Blumen⸗ körbe anſahen? Daran war wohl der leidige Umſtand Schuld, daß man in ſeinen zwanzig erſten Lebensjahren die Hoffnung und in den zwanzig letzten die Wirklichkeit zur Führerin hat. Erſt wenn man, ein müder Pilger, ſeinen Stab fallen läßt, den Gürtel lockerer ſchnallt und ſich am Rand der Straße niederſetzt, dann erſt blickt man aauf die zurückgelegte Bahn zurück, und da jetzt die Zukunft ſich umnebelt, ſo beginnt man in die Tiefen der Vergangenheit zu ſchauen. Erſt wenn man im Begriff ſteht in die Sand⸗ meere einzufahren, da ſieht man mit Staunen auf dem bereits zurückgelegten Weg allmälig wunder⸗ ſame Oaſen, voll Schatten und herrlichem Grün, auftauchen, an denen man vorübergegangen iſt, ohne Halt zu machen, ja ſogar ohne ſie nur zu ſehen. Man ging damals ſo ſchnell voran; man hatte ſolche Eile beim ewig Unerreichbaren anzulangen, beim Glück! Jetzt ſieht man ein, daß man blind und undank⸗ bar geweſen; jetzt ſagt man's ſich, daß man, wenn man je wieder einmal auf einen ſolchen grünen Hain ſtieße, ſein Zelt da aufſchlagen und den Reſt ſeiner Lebenszeit da verbringen würde. Aber da der Leib nicht rückwärts ſchreitet, ſo muß das Gedächtniß allein dieſe fromme Pilgerfahrt nach den erſten Tagen antreten und zur Quelle des Lebens zurückgehen, jenen weißbeſegelten Schiffchen gleich, welche die Flüſſe aufwärts fahren. Dann ſetzt der Leib ſeinen Weg fort, aber ohne das Gedächtniß. Dies iſt wie eine Nacht ohne Stern, wie eine Lampe ohne Flamme. Der Leib und das Gedächtniß ſchlagen dann ent⸗ gegengeſetzte Wege ein. Der Leib geht aufs Gerathewohl dem Unbekann⸗ ten zu. Das Gedächtniß, ein ſchimmerndes Irrlicht, hüpft über die auf dem Weg zurückgebliebenen Fußſtapfen hin; es allein weiß, daß es nicht fehlgeht. 5 Hat es dann jede Oaſe beſucht, jede Exinnerung aufgegriffen, ſo fliegt es ſchnell zu dem immer müder gewordenen Leib zurück, und wie Bienengeſumme, wie Vogelſang, wie Quellengeplätſcher, erzählt es ihm, was es geſehen hat. Und bei dieſer Kunde belebt ſich des Pilgers Auge von Neuem, ſein Mund lächelt, ſein Angeſicht leuchtet. Geſtattet doch die Vorſehung in ihrer Güte, daß die Jugend zu ihm zurückkomme, wenn er auch nicht zur Jugend zurückkehren kann. Und nun iſt es ihm Freude laut zu erzählen, was das Gedächtniß ihm ganz leiſe zuflüſtert. Sollte etwa das Leben rund ſein wie die Erde? Sollte man, ohne es zu bemerken, einen Kreislauf um das Leben machen? Sollte man, indem man dem Grabe näher kommt, auch ſeiner Wiege wieder näher rücken? II. Ich weiß es nicht, aber das weiß ich, was mir zugeſtoßen iſt. An meinem erſten Haltpunkt auf dem Lebens⸗ weg, bei meinem erſten Rückblick in die Vergangen⸗ heit habe ich vor allen Dingen von Bernard und ſeinem Ohm Berthelin, ſodann von Ange Pitou und ſeiner Braut, von Tante Angélique, von Conſcience dem Unſchuldigen und ſeiner Braut Mariette, hier⸗ auf von Catherine Blum und dem alten Watrin er⸗ zählt. Heute will ich euch von Thibault, dem Wolfs⸗ führer, und von dem edlen Herrn von Vez berichten. Wie ſind aber die Ereigniſſe, die ich euch vor Augen zu führen gedenke, zu meiner Kenntniß ge⸗ langt? Ich will's euch ſagen. Habt ihr meine Memoiren geleſen? Wenn ihr ſie geleſen habt, ſo erinnert ihr euch doch wohl eines Waldſchützen Namens Mocquet, den mein Vater in ſeinen Dienſten hatte. Wenn ihr ſie geleſen habt, ſo erinnert ihr euch ſeiner dunkel. Wenn ihr ſie nicht geleſen habt, ſo erinnert ihr euch ſeiner gar nicht. Im einen wie im andern Falle iſt es von we⸗ ſentlicher Wichtigkeit, daß ich euch Mocquet vor die Augen führe. Zufolge meiner längſten Erinnerung, die bis in mein drittes Jahr zurückgreift, bewohnten meine Eltern mit mir ein Schlößlein auf der Grenze des Aisne⸗ und des Oiſe⸗Departements, zwiſchen Hara⸗ mont und Longpré. Dieſes Schlößlein hieß Foſſés, die Gräben, ohne Zweifel, weil es von großen und vollen Waſſergräben umſchloſſen war. Ich ſpreche nicht von meiner Schweſter: ſie war in einer Penſion in Paris, und wir ſahen ſie bloß einen Monat im Jahr, nämlich in der Vacanzz. Das Perſonal des Hauſes beſtand außer Vate⸗ Mutter und Sohn: 1) Aus einem großen, ſchwarzen Hund, genannt 7 Trüffe, der überall willkommen war, da ich ihn zu meinem gewöhnlichen Reitthier auserſehen hatte. 2) Aus einem Gärtner Namens Pierre, der mir im Garten eine Menge Fröſche und Schlangen zu⸗ ſammenſuchte, da ich an dieſen Thierchen eine aus⸗ nehmende Freude bezeugte. 3) Aus einem Neger Namens Hippolyte, der den Kammerdiener meines Vaters vorſtellte, einem ſchwar⸗ zen Einfaltspinſel, deſſen Naivetäten ſprichwörtlich geworden waren, und den mein Vater, glaube ich, bloß behielt, um eine Anekdotenſammlung voll zu machen, die er den Brunetſchen Schwänken mit Glück hätte entgegenſtellen können. 4) Aus einem Waldſchützen Namens Mocquet, dem ich mit großer Bewunderung zugethan war, weil er jeden Abend prächtige Geſchichten von Ge⸗ ſpenſtern und Währwölfen zu erzählen wußte, worin er ſich jedoch ſogleich unterbrach, wenn der General, wie er meinen Vater nannte, zum Vorſchein kam. 5) Endlich aus einer Köchin Namens Marie. Dieſe letztgenannte Perſon verliert ſich für mich gänzlich in den Dämmerungsnebeln meines Lebens; ich habe dieſen Namen einer Geſtalt geben gehört, die ganz unklar in meinem Geiſt zurückgeblieben iſt, aber, ſo weit ich mich erinnern kann, nichts ſehr Poetiſches hatte. Uebrigens haben wir uns heute nur mit Moc⸗ quet zu beſchäftigen. Verſuchen wir ſeine phyſiſche und moraliſche Er⸗ ſcheinung klar darzuſtellen. III. Phyſiſch war Mocquet ein Vierziger, kurz, unter⸗ ſetzt, breitſchulterig und ſtarkknochig. Er war ſonnverbrannt, hatte kleine ſtechende Augen, graumelirte Haare und einen ſchwarzen Backen⸗ bart, der am Hals zuſammenlief. Er erſcheint mir im Hintergrund meiner Erin⸗ nerungen mit einem Dreiſpitz, einem grünen Wamms mit Silberknöpfen, kurzen Sammthoſen, langen leder⸗ nen Gamaſchen, einer Jagdtaſche über der Schulter, einer Flinte im Arm und einem kurzen Thonpfeifchen im Mund. Verweilen wir einen Augenblick bei dieſem Pfeifchen. Daſſelbe war kein bloß zufälliges Anhängſel, ſondern ein integrirender Beſtandtheil von Mocquet geworden. 3 Nie konnte Jemand ſagen, daß er Mocquet ohne ſein Pfeiſchen geſehen habe. Wenn Mocquet ſein Pfeiſchen zufällig einmal nicht im Munde hatte, ſo hielt er es in der Hand. Dieſes Pfeiſchen, das die Beſtimmung hatte, Mocquet bis ins dichteſte Gebüſch zu begleiten, durfte den feſten Körpern, die ſeine Vernichtung herbei⸗ führen konnten, ſo wenig als möglich Blöße bieten. Nun war die Vernichtung einer gut angerauchten Pfeife für Mocquet ein Verluſt, den nur die Jahre erſetzen konnten. Darum war auch das Rohr an Mocquets Pfeif⸗ chen nie über fünf bis ſechs Linien lang, und von dieſen fünf oder ſechs Linien konnte man immer drei auf eine Federröhre rechnen. 3— — 8- 9 Dieſe Gewohnheit, ſeine Pfeife, die ſich zwiſchen dem vierten Schneidezahn und dem erſten Mahlzahn links eine gewiſſe Höhlung gegraben hatte und die beiden Hundszähne beinahe gänzlich verſchwinden machte, niemals wegzulegen, hatte bei Mocquet eine andere Gewohnheit mit ſich geführt, nämlich mit ver⸗ ſchloſſenen Zähnen zu ſprechen, was ſeinem ganzen Gerede eine eigenthümliche Verbiſſenheit gab. Dieſer Charakter der Verbiſſenheit wurde noch auffallender, wenn er ſeine Pfeife auf Augenblicke aus dem Munde nahm, denn dann konnten ſeine Kinnbacken zuſammenfallen, und ſeine Zähne ſchloſſen ſich ſo, daß ſie die Worte nur noch als ein unver⸗ ſtändliches Geziſche durchließen. So viel von Mocquets phyſiſcher Erſcheinung. Die nächſtfolgenden Zeilen ſollen ſeinen ſittlichen Menſchen ſchildern. JV. Eines Tages kam Mocquet in aller Frühe ins Schlafzimmer meines Vaters, der noch im Bette lag, und ſtellte ſich ſteif und gerade wie ein Laternenpfahl vor ihm auf. „Nun, Moecquet!“ fragte mein Vater,„was ver⸗ ſchafft mir das ſonderbare Vergnügen, Dich ſo früh bei mir zu ſehen?“ „Herr General,“ antwortete Mocquet mit großem Ernſt,„drum werde ich gealpt.“ Mocquet hatte, ohne es zu ahnen, ſeine Mutter⸗ ſprache mit einem doppelten activen und paſſiven Zeitwort bereichert. 8 „Du wirſt gealpt?“ ſagte mein Vater, indem er ſich auf ſeinen Ellbogen aufrichtete,„ei, ei, mein Junge, das iſt freilich etwas Arges.“ „Es iſt ſo, mein General.“ Und Mocquet nahm ſein Pfeifchen aus dem Mund, was er nur ſelten und bei wichtigen Veran⸗ laſſungen that. „Und ſeit wann wirſt Du gealpt, mein guter Mocquet?“ fragte mein Vater. „Seit acht Tagen.“ „Und von wem?“ „O ich weiß wohl von wem,“ antwortete Moc⸗ quet, indem er ſeine Zähne um ſo feſter zuſammen⸗ biß, als er das Pfeiſchen in ſeiner Hand hatte, die er hinter den Rücken hielt. „Nun, darf man's erfahren?“ „Von der alten Durand aus Haramont, die eine alte Hexe iſt, wie Ihnen nicht unbekannt ſein kann.“ „Doch, Mocquet, das war mir unbekannt, auf Ehre.“ „Aber ich weiß es ganz genau; ich habe ſie auf einem Beſenſtiel zum Hexenſabbat reiten geſehen.“ „Du haſt ſie reiten geſehen, Mocquet?“ „So gut als ich Sie ſehe, mein General; überdies hat ſie einen alten ſchwarzen Bock bei ſich, den ſie anbetet.“— „Und warum alpt ſie Dich?“ „Aus Rache, weil ich ſie einmal Nachts zwölf Uhr auf der Heide von Gondreville erwiſcht habe, als ſie gerade ihren Teufelsreigen tanzte.“ „Mein lieber Mocquet, Du erhebſt da eine ſchwere Anklage, und bevor Du laut wiederholſt, was Du 11 mir leiſe geſagt haſt, möchte ich Dir rathen, einige Beweiſe herzuſchaffen.“ „Beweiſe! warum nicht gar? Als ob nicht jedes Kind im Dorf wüßte, daß ſie in ihrer Jugend die Zu⸗ hälterin des Wolfsführers Thibault geweſen iſt!“ „Ei der Teufel, Mocquet, da mußt Du Dich wohl in Acht nehmen.“ „Das thue ich auch, und ſie ſoll mirs büßen, der alte Maulwurf.“ Alter Maulwurf war ein Ausdruck, den Moc⸗ quet von ſeinem Freund, dem Gärtner Pierre, ent⸗ lehnte, der keinen ärgern Feind hatte als den Maul⸗ wurf und deßwegen Alles, was er verabſcheute, mit dieſem Namen belegte. „Du mußt Dich in Acht nehmen,“ hatte mein Vater geſagt. V. Nicht als ob mein Vater an Mocquets Alp oder überhaupt an einen Alp geglaubt und im ſpeciellen Fall angenommen hätte, daß die alte Durand ſeinen Waldſchützen gealpt habe; nein, aber er kannte die Vorurtheile unſerer Bauern und wußte, daß der Glaube an Hexerei auf dem Lande noch ſehr gäng und gäbe iſt. Er hatte von verſchiedenen furchtbaren Racheacten von Seiten ſolcher Behexten gehört, welche durch Ermordung des betreffenden Hexenmeiſters oder der betreffenden Hexe den Zauber zu brechen geglaubt hatten, und Mocquet hatte, als er die alte Durand bei meinem Vater verklagte, einen ſolch drohenden Ton in ſeine Stimme gelegt und dabei ſeine Flinten⸗ läufe ſo feſt zuſammengedrückt, daß mein Vater ihm Recht geben zu müſſen glaubte, nur um ſo viel Ein⸗ fluß auf ihn zu behalten, daß er Nichts unternehmen ſollte, ohne ihn um Rath zu fragen. Nachdem er nun dieſen Einfluß feſtgeſtellt glaubte, wagte er ihm folgende Vorſtellung zu machen: .„Aber, lieber Mocquet, bevor Du Deine Rache an ihr nimmſt, ſollteſt Du Dich genau verſichern, ob man Dich nicht von Deinem Alp curiren kann.“ „Nein, Herr General, das kann man nicht,“ antwortete Mocquet in zuverſichtlichem Tone. „Warum denn nicht?“ „Ich habe bereits das Unmögliche gethan.“ „Nun was denn?“ „Fürs Erſte habe ich eine große Bowle Glüh⸗ wein getrunken, ehe ich mich ſchlafen legte.“ „Wer hat Dir dieſes Mittel angerathen? Herr Lecoſſe?“ Herr Lecoſſe war der berühmteſte Arzt von Villers⸗ Coterets. „Herr Lecoſſe!“ machte Mocquet;„warum nicht gar? Als ob der Etwas vom Hexenweſen ver⸗ ſtände! Nein bei Gott, Herr Lecoſſe war es nicht.“ „Wer ſonſt denn?“ „Der Schäfer von Longpré.“ „Alſo eine Bowle Glühwein, dummer Kerl! Da mußt Du ja einen ſchändlichen Rauſch bekommen haben.“ „Der Schäfer hat die Hälfte getrunken.“ „Nun dann begreife ich das Recept. Und die Bowle Glühwein hat nicht gewirkt?“ 13 „Nein, Herr General. Die Hexe hat mir in jener Nacht auf der Bruſt herumgeſtampft, wie wenn ich gar Nichts zu mir genommen hätte.“ „Und was haſt Du ſonſt noch gethan, denn ohne Zweifel haſt Du es bei Deiner Bowle Glühwein nicht bewenden laſſen?“ „Ich habe das gethan, was ich thue, wenn ich ein Kothwild fangen will.“ Nocquet hatte ſeine eigene Phraſeologie, wofür er oft Gründe von überraſchender Genialität anzu⸗ führen wußte, und an der er ſtarrköpfigſt feſthielt; Nichts in der Welt, ſelbſt ſein tief eingepflanzter Re⸗ ſpect vor dem General nicht, hätte ihn jemals dazu gebracht, Rothwild zu ſagen. VI. „Nun, was thuſt Du denn, Mocquet, wenn Du ein Rothwild fangen willſt?“ fragte mein Vater. „Ich lege eine Schlincke.“ „Wie? was? Du haſt der alten Durand eine Schlinge gelegt?“ Mocquet liebte es nicht, daß man die Worte an⸗ ders ausſprach, als er; er verſetzte daher: „Ja, Herr General, ich habe der alten Durand eine Schlincke gelegt.“ „Und wo haſt Du Deine Schlincke gelegt? vor Deiner Thür?“ Mein Vater war, wie man ſieht, ein Mann, der mit ſich ſprechen ließ. „Warum nicht gar vor meiner Thüre?“ erwie⸗ 14 derte Mocquet;„als ob die alte Hexe zu meiner Thür hereinkäme! Sie kommt in mein Zimmer, ohne daß ich weiß, woher ſie kommt.“ „Vielleicht zum Kamin herab?“ „Es iſt keines da; überdieß ſehe ich ſie erſt, wenn ich ſie ſpüre.“ „Du ſiehſt ſie?“ „So gut als ich Sie ſehe.“ „Und was thut ſie?“ „O wahrhaftig, nichts Gutes; ſie ſtampft mir auf der Bruſt herum: bam, bam, bam!“ „Wo haſt Du alſo die Schlinge gelegt?“ „Die Schlincke! Ich habe ſie auf meinen Ma⸗ gen gelegt.“ „Und was für eine Schlincke haſt Du gelegt?“ „O eine famöſe Schlincke.“ „Was für eine denn?“ „Dieſelbe, die ich dem grauen Wolf legte, der dem Herrn Destournelles ſeine Schafe erwürgte.“ „Die war aber nicht ſehr famös, Mocquet; der graue Wolf hat ja Deinen Köder gefreſſen und ſich nicht fangen laſſen.“ „Sie wiſſen wohl, warum er ſich nicht fangen ließ, Herr General.“ „Nein, ich weiß es nicht.“ „Er hat ſich nicht fangen laſſen, weil er der ſchwarze Wolf des Holzſchuhmachers Thibault iſt.“ „Es kann aber doch nicht der ſchwarze Wolf des Holzſchuhmachers Thibault ſein, denn Du gibſt ja ſelbſt zu, daß der Wolf, der die Schafe des Herrn Destournelles erwürgte, grau war.“ „Er iſt allerdings jetzt grau, Herr General; aber — — 8 8 15 zur Zeit des Holzſchuhmachers Thibault, d. h. vor dreißig Jahren war er ſchwarz; ſehen Sie, vor drei⸗ ßig Jahren war ich auch rabenſchwarz, und jetzt bin ich ſo grau wie der Doctor.“ Der Doctor war eine Katze, der ich in meinen Memoiren eine beziehungsweiſe Berühmtheit zu ſchaffen verſucht habe; man nannte ſie Doctor wegen des prächtigen Pelzes, womit die Natur ſie ausge⸗ ſtattet hatte. „Ja,“ ſagte mein Vater,„ich kenne Deine Ge⸗ ſchichte von dem Holzſchuhmacher Thibault. Aber, Mocquet, wenn der ſchwarze Wolf der Teufel iſt, wie Du behaupteſt, ſo kann er ſich nicht verändern.“ „Doch, Herr General; nur braucht er hundert Jahre, bis er ganz weiß wird, und Nachts um zwölf Uhr, wenn das hundertſte Jahr anfängt, wird er wieder kohlſchwarz.“ „Das will ich gelten laſſen, Mocquet; nur bitte ich Dich, daß Du dieſe ſchöne Geſchichte da meinem Sohne nicht erzählſt, ehe er wenigſtens fünfzehn Jahre alt iſt.“ „Warum das, Herr General?“ „Weil es unnöthig iſt, daß man ihm ſolche Dumm⸗ heiten in den Kopf ſetzt, ehe er groß genug iſt, um ſich über alle Arten von Wölfen, ſeien ſie nun weiß, grau oder ſchwarz, luſtig zu machen.“ „Sehr wohl, Herr General, man wird ihm alſo Nichts davon ſagen.“ „Fahre fort.“ „Wo ſind wir ſtehen geblieben, Herr General?“ „Bei der Schlincke, die Du auf Deinen Magen legteſt und für ſo famös hielteſt.“ 16 „Ja, meiner Treu, Herr General, es war eine famöſe Schlincke. Sie wog gewiß zehn Pfund; was ſage ich? wenigſtens fünfzehn Pfund mit ihrer Kette. Die Kette hatte ich um mein Fauſtgelenk ge⸗ ſchlungen.“ „Und in jener Nacht?“ „O, in jener Nacht ging es noch toller her. Sonſt trat ſie mir doch nur mit Galloſchen auf der Bruſt herum; aber in jener Nacht iſt ſie mit Holz⸗ ſchuhen gekommen.“ „Und ſie kommt noch immer?“ „Jede Nacht, die der liebe Gott gibt; ich magere deßhalb ganz ab; Sie ſehen ja, Herr General, daß ich die Schwindſucht bekomme; aber heute früh habe ich meinen Entſchluß gefaßt.“ „Und was für einen Entſchluß haſt Du gefaßt, Mocquet?“ „Ich habe beſchloſſen, ſie todtzuſchießen.“ „Das iſt das Geſcheidteſte, was Du thun kannſt. Und wann gedenkſt Du Dich ans Werk zu machen?“ „Heute Abend oder morgen.“ „Ei der Teufel! ich hätte Dich gern nach Villers⸗ Hellon geſchickt.“ „Das macht nichts, Herr General. Iſt es preſſant?“ „Sehr preſſant.“ „Nun ja, ſo kann ich nach Villers⸗Hellon gehen, es ſind ja blos vier Stunden durch den Wald, und auf den Abend wieder da ſein; das ſind weiter nichts als acht Stunden; wir haben auf unſeren Jagden ſchon ganz andere Touren gemacht, Herr General.“ Br Co 17 „Es bleibt dabei, Mocquet; ich gebe Dir einen Brief an Herrn Collard, und Du gehſt ſogleich ab.“ „Sehr wohl, Herr General!“ Mein Vater ſtand auf und ſchrieb an Herrn Collard. Der Brief lautete folgendermaßen: „Lieber Collard! „Ich ſchicke Ihnen meinen Einfaltspinſel von Waldſchützen, den Sie ſchon kennen; er bildet ſich ein, ein altes Weib alpe ihn die ganze Nacht, und um ſich ſeinen Vampyr vom Hals zu ſchaffen, will er ihn ganz einfach umbringen. Da aber die Juſtiz mit dieſer neuen Methode, ſeine Beklemmungen zu curiren, nicht einverſtanden ſein möchte, ſo ſchicke ich den Burſchen unter irgend einem Vorwand Ihnen zu. Schicken Sie ihn unter irgend einem beliebigen Vorwand zu Dauré von Vouty, dieſer mag ihn zu Dulauloy ſchicken, und dieſer, mit oder ohne Vor⸗ wand, zum Teufel, wenn er will. „Kurz und gut, ſeine Rundreiſe muß wenigſtens vierzehn Tage dauern. Bis dahin ſind wir nach Antilly gezogen, und da er alſo nicht mehr in der Nähe von Haramont ſein, da ferner ſein Alp ihn höchſt wahrſcheinlich unterwegs verlaſſen wird, ſo wird die alte Durand ruhig ſchlafen können, was ich ihr nicht rathen möchte, wenn Mocquet in der Gegend bliebe. „Er bringt Ihnen ein Dutzend Heerſchnepfen und einen Haſen, den Ertrag unſerer geſtrigen Jagd in dem Moor von Wallu. Dumas, der Wolfsführer. 2 18 „Herzliche Grüße an Ihre ſchöne Hermine, und tauſend Küſſe Ihrem lieben Carolinchen. „Ihr Freund „Alex. Dumas.“ Mocquet ging eine Stunde nach Abfaſſung des Briefes ab und kam nach drei Wochen in Antilly wieder zu uns. „Nun,“ fragte mein Vater, als er ihn ganz munter und wohlbehalten wieder erblickte,„nun, wie ſtehts mit der Durand?“ „Herr General,“ antwortete Mocquet ſeelen⸗ vergnügt,„der alte Maulwurf iſt von mir gewichen; es ſcheint, daß die Hexe blos im Canton Gewalt hatte.“ VII. Zwölf Jahre waren ſeit Mocquets Alpbeängſtigun⸗ gen verfloſſen. Ich ging in mein ſechszehntes. Es war im Winter von 1817 auf 1818. Mein Vater war leider ſchon ſeit zehn Jahren todt. 3 Wir hatten keinen Gärtner Pierre, keinen Kammer⸗ diener Hippolyte, keinen Waldſchützen Mocquet mehr. Wir bewohnten weder das Grabenſchloß, noch die Villa in Antilly mehr, ſondern ein Häuschen auf dem Marktplatz von Villers⸗Coterets, dem Brunnen gegenüber, wo meine Mutter einen Tabakkram betrieb. Sie verband damit einen Handel mit Jagdpulver, Kugeln und Blei. des tilly ganz wie elen⸗ hen; walt gun⸗ ihren mer⸗ nehr. noch Hauf nnen trieb. lver, 19 Trotz meiner Jugend war ich, wie ich in meinen Memeiren erzählt habe, bereits ein leidenſchaftlicher Jäger. Nur jagte ich, im eigentlichen Sinne des Wor⸗ tes, blos dann, wenn mein Vetter, Herr Deviolaine, der Waldinſpector von Villers⸗Coterets, die Güte hatte, mich abzuholen und mir bei meiner Mutter die Erlaubniß zu erbitten. In der übrigen Zeit verlegte ich mich aufs Wildern. Ich beſaß zu dieſem gedoppelten Jägers⸗ und Wilderers⸗Beruf eine allerliebſte einläufige Flinte, die früher der Fürſtin Borgheſe gehört hatte, deren Nämen auch eingravirt war. Ich war noch ein ganz kleiner Junge geweſen, als mein Vater ſie mir geſchenkt hatte, und bei der Auction nach ſeinem Tod hatte ich ſie mit ſolchem Eifer in Anſpruch genommen, daß ſie nicht mit den übrigen Waffen, ſowie den Pferden und Wagen ver⸗ kauft wurde. Die Zeit meiner Freuden war der Winter. Im Winter bedeckt ſich die Erde mit Schnee, und die Vögel, die kein Futter mehr aufzufinden wiſſen, ſammeln ſich da, wo man ihnen Körner hinwirft. Einige alte Freunde meines Vaters, die große und ſchöne Gärten beſaßen, erlaubten mir dann in dieſen Gärten Vögel zu ſchießen. Ich fegte den Schnee weg, ſtreute einen langen Streifen Körner hin und feuerte dann aus irgend einem Verſteck in halber Flintenſchußweite; ich töd⸗ tete manchmal ſechs, acht, ja zehn Vögel auf einen Schuß. 20 Wenn dann der Schnee länger liegen blieb, ſo winkte mir eine andere Hoffnung: die Ausſicht, daß ein Wolf aufgetrieben werden könnte. Der aufgetriebene Wolf gehört Jedermann. Er iſt ein öffentlicher Feind, ein Mörder, der außer dem Schutze des Geſetzes ſteht. Jeder kann auf ihn ſchießen. Man braucht nicht zu fragen, ob ich dann, trotz der Wehklagen meiner Mutter, die eine doppelte Gefahr für mich fürchtete, man braucht, ſage ich, nicht zu fragen, ob ich dann nach meiner Flinte griff und der Erſte auf dem Poſten war. Der Winter von 1817 auf 1818 war rauh ge⸗ weſen. Es war ein fußhoher Schnee gefallen, und es hatte darüberhin gefroren, ſo daß der Schnee ſchon ſeit etwa vierzehn Tagen lag. Und dennoch hörte man von Nichts. Eines Abends gegen vier Uhr kam Mocquet ins Haus. Er kaufte Pulver ein. Während des Einkaufens winkte er mir mit dem Auge. Er ging hinaus. Ich folgte ihm. „Nun, Mocquet,“ fragte ich,„was gibts?“ „Errathen Sie's nicht, Herr Alexander?“ „Nein.“ „Errathen Sie nicht, daß ich, wenn ich bei der Frau Generalin Pulver kaufe, ſtatt es ganz einfach in Haramont zu holen, d. h. wenn ich eine ganze Stunde gehe ſtatt einer Viertelſtunde, daß ich Ihnen dann eine Partie vorzuſchlagen habe?“ „Ach, mein lieber Mocquet! Und was denn?“ „„Es iſt ein Wolf da, Herr Alexander.“ ein Wal — ſehe wol wol ſter geſe nich war verd den er dar que und 21 „Wirklich?“ „Er hat heute Nacht dem Herrn Destournelles ein Schaf geſtohlen, und ich bin ihm bis in den Wald von Tillet nachgelaufen.“ „Und nun?“ „Heute Nacht werde ich ihn ganz gewiß wieder ſehen, ich werde ihn auftreiben, und morgen früh wollen wir ihm dann ſeinen Denkzettel geben.“ „O welch ein Glück!“ „Nur bedarf es der Erlaubniß...“ „Von wem, Mocquet?“ „Von der Frau Generalin.“ „Komm wieder mit mir herein, Mocquet, wir wollen ſie darum erſuchen.“ Meine Mutter betrachtete uns durch die Fen⸗ ſterſcheiben hindurch. Sie dachte ſichs ſogleich, daß irgend ein Complott geſchmiedet wurde. Wir kamen herein. „He, Mocquet,“ ſagte ſie,„Du gefällſt mir gar nicht mehr.“ „Warum, Frau Generalin?“ fragte er. „Nun, weil Du dem Jungen immer den Kopf warm machſt; er denkt bereits nur zu viel an Deine verdammte Jagd.“ „Ci, Frau Generalin, das iſt wie mit den Hun⸗ den von guter Race: ſein Vater war ein Jäger, er iſt ein Jäger, ſein Sohn wird ein Jäger werden; darein müſſen Sie ſich zu finden wiſſen.“ „Und wenn ihm ein Unglück zuſtößt!“ „Bei mir! Ein Unglück! Ein Unglück bei Moc⸗ quet! Was fällt Ihnen ein? Ich bürge mit Leib und Seele für Herrn Alexander. Ihm ein Unglück 22 zuſtoßen, dem Sohn des Generals! Nein, nein, nimmermehr!“ Meine arme Mutter ſchüttelte den Kopf. Ich hing mich ihr an den Hals. „Liebes Mütterchen,“ ſagte ich,„laß Dich er⸗ bitten.“ „Aber Du mußt ihm ſeine Flinte laden, Mocquet.“ „Seien Sie doch ruhig! Sechszig Körner Pulver, keins mehr, keins weniger, und eine Kugel, wovon zwanzig auf das Pfund gehen.“ „Du darfſt ihn nicht verlaſſen.“ „So wenig als ſein Schatten.“ „Du mußt ihn neben Dich ſtellen.“ „Zwiſchen meine Beine.“ „Mocquet! Dir allein vertraue ich ihn an.“ „Und Sie ſollen ihn unverſehrt zurückerhalten. Kommen Sie, Herr Alexander, nehmen Sie Ihre Siebenſachen zuſammen und laſſen Sie uns gehen. Die Frau Generalin erlaubt es.“ „Ei wie? Du willſt ihn ſchon heute Abend mit⸗ nehmen, Mocquet?“ „Natürlich, denn morgen wäre es zu ſpät, um ihn abzuholen; dem Wolf muß man mit Tagesanbruch zu Leibe gehen.“ „Alſo zu einer Wolfsjagd willſt Du ihn mit⸗ haben?“ „Fürchten Sie etwa gar, der Wolf könnte ihn freſſen?“ „Mocquet! Mocquet!“— „Wenn ich Ihnen doch ſage, daß ich für Alles gutſtehe!“ jut ein nein, ˖er⸗ iet.“ lver, ovon 23 „Und wo ſoll er übernachten, der unglückliche Junge?“ „Beim alten Mocquet! Er bekommt eine gute Matratze auf dem Boden, Betttücher ſo weiß, wie diejenigen, welche der liebe Gott über die Ebene hin⸗ gebreitet hat, und zwei gute warme Decken. Er ſoll ſich gewiß nicht erkälten, ſeien Sie ganz ruhig.“ „Ach ja, liebe Mutter, ſei doch ruhig. Komm jetzt, Mocquet, ich bin bereit.“ „Und Du gibſt mir nicht einmal einen Kuß, un⸗ glückliches Kind?“ „O freilich, liebes Mütterchen, lieber zwei als einen.“ Und ich warf mich meiner Mutter an den Hals und erdrückte ſie beinahe in meinen Armen. „Und wann wird man Dich wieder zu ſehen be⸗ kommen?“ „Machen Sie ſich keine Sorgen, wenn er erſt morgen Abend zurückkommt.“ „Wie ſo? morgen Abend! Du ſagteſt doch von Tagesanbruch.“ „Mit Tagesanbruch geht es auf den Wolf los; aber wenn wir das Neſt leer finden, ſo wird der junge Herr doch wenigſtens im Moor von Wallu ein Paar Enten ſchießen dürfen.“ „Du wirſt machen, daß er ertrinkt.“ „Ei zum Teufel,“ ſagte Mocquet,„wenn ich nicht die Ehre hätte, mit der Frau meines Generals zu ſprechen, ſo würde ich ſagen.. 2 „Was würdeſt Du ſagen, Mocquet?“ „Daß Sie einen Haſenfuß aus Ihrem Sohn machen wollen. Aber wenn die Mutter des Gene⸗ 24 rals hinter ihm geſtanden und ihn an ſeinen Rock⸗ ſchößen gezupft hätte, ſo wäre er ſeiner Lebtage nie über's Meer her nach Frankreich gekommen.“ „Du haſt Recht, Mocquet; nimm ihn mit; ich bin unvernünftig.“ Und meine Mutter wandte ſich ab, um ſich eine Thräne aus dem Auge zu wiſchen. Einer Mutter Thräne iſt ein Herzdiamant, köſt⸗ licher als eine Perle von Ophir. Ich ſah ſie fließen. Ich ging zur armen Frau hin und ſagte ganz leiſe zu ihr: „Wenn Du willſt, Mutter, ſo bleibe ich.“ „Nein, nein, mein Junge, geh' nur,“ ſagte ſie; „Mocquet hat Recht; Du mußt einmal ein Mann werden.“ Ich umarmte ſie noch ein letztes Mal. Dann eilte ich Mocquet nach, der ſich bereits auf den Weg gemacht hatte. Nach etwa hundert Schritten wandte ich mich um. Meine Mutter war bis mitten in die Straße herausgegangen, um mir ſo lang als möglich mit ihren Blicken zu folgen. Jetzt kam die Reihe an mich, eine Thräne aus meiner Wimper zu wiſchen. „Nun das iſt ſauber,“ ſagte Mocquet zu mir, „jetzt weinen Sie alſo auch, Herr Alexander!“ „Was fällt Dir ein, Mocquet? Das kommt blos von der Kälte her.“ Du, der Du mir dieſe Thränen gegeben hatteſt, v mein Gott, Du weißt wohl, daß ich nicht vor Kälte weinte. Rock⸗ nie ich eine köſt⸗ ganz ſie; ann eits um. aße mit nus nir, los eſt, vor 25 VIII. Wir kamen bei dunkler Nacht in Mocquets Woh⸗ nung an. Unſer Nachteſſen beſtand in einer Omelette mit Speck und einer Kaninchenfricaſſee. Dann bereitete mir Mocquet mein Bett. Er hatte meiner Mutter Wort gehalten: ich erhielt eine gute Matratze, zwei weiße Betttücher und zwei gute, ſehr warme Decken. „Vorwärts!“ ſagte Mocquet zu mir,„ſchlüpfen Sie jetzt da hinein und ſchlafen Sie; wir werden morgen früh wahrſcheinlich ſchon um vier Uhr aus⸗ rücken müſſen.“ „So bald Du willſt, Mocquet.“ „Ja, ja, am Abend ſind Sie früh auf, aber mor⸗ gen früh werde ich wohl einen Topf kalten Waſſers in Ihr Bett ſchütten müſſen, um Sie auf die Beine zu bringen.“ „Ich erlaube Dir das, Mocquet, wenn Du mich zweimal rufen mußt.“ „Nun, es wird ſich ſchon zeigen.“ „Aber biſt Du denn heute ſo außerordentlich ſchlafluſtig, Mocquet?“ „Was ſoll ich anders thun als ſchlafen.“ „Ei nun, Mocquet, ich denke, Du könnteſt mir eine von jenen Geſchichten erzählen, die mir als klei⸗ nem Jungen ſo viel Freude machten.“ „Und wer ſoll dann morgen früh um zwei Uhr aufſtehen, wenn ich Ihnen bis nach Mitternacht Ge⸗ ſchichtchen vorſchwatze?“ 26 „Du haſt Recht, Mocquet.“ „Das meine ich auch.“ Ich zog mich aus und legte mich ſchlafen. Mocquet warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett. 3 Nach fünf Minuten ſchnarchte er wie eine Baß⸗ geige. Ich drehte und wandte mich über zwei Stunden in meinem Bett um und um, ohne einſchlafen zu können. 4 Wie manche ſchlafloſe Nacht hatte ich am Vor⸗ abend von Jagderöffnungen zugebracht! Endlich gegen Mitternacht ſiegte die Müdigkeit. Morgens um vier Uhr fuhr ich in Folge einer Empfindung von Kälte aus dem Schlafe auf. Ich öffnete die Augen. Mocquet hatte die Decke auf den Fuß meines Bettes zurückgeworfen und ſtand da, beide Hände auf ſeine Flinte geſtemmt und das Pfeiſchen im Munde.. Sein Geſicht ſtrahlte beim Feuer ſeiner Pfeife, das bei jedem Athemzug einen Schein darauf warf. „Nun, Mocquet?“ ſagte ich. „Nun, er iſt aufgejagt.“ „Der Wolf? Und wer hat ihn aufgejagt?“ „Dieſer arme Mocquet hier.“ „Ah, bravo!“ „Rathen Sie jetzt auch einmal, wo er ſich ein⸗ quartirt hat. Wahrhaftig, dieſer Wolf iſt ein guter Junge.“ „Nun wo denn, Mocquet?“ „O ich wette hundert gegen eins, daß Sie's nicht herausbekommen. Er iſt im Dreieichenſchlupf.“ zett. Baß⸗ den zu Zor⸗ it. iner nes nde im ife, arf. in⸗ ter iccht 27 „Dann iſt er alſo verkauft und verloren?“ „Das will ich meinen.“ Der Dreieichenſchlupf iſt eine etwa zwei Morgen lange Gruppe von Bäumen und Gebüſchen, mitten in der Ebene von Largny, ungefähr fünfhundert Schritte vom eigentlichen Wald. „Und die Waldſchützen?“ fuhr ich fort. „Sind in Kenntniß geſetzt,“ antwortete Mocquet; „die beſten Schützen im ganzen Bezirk, Moynat, Mildet, Vatrin, Laffeuille, kurz die gewandteſten Burſchen, ſtehen am Saum des Waldes. Wir un⸗ ſererſeits, Herr Charpentier aus Wallu, Herr Hoche⸗ dez aus Largny, Herr Destournelles aus Foſſés und wir Beide umzingeln den Schlupf; man wird die Hunde loslaſſen, der Feldſchütz muß ſie anfeuern, und dann luſtig darauf los!“ 4 „Mocquet, Du wirſt mich auf einen guten Platz ſtellen.“ „Wenn ich Ihnen ſage, daß Sie ganz in meiner Nähe ſtehen werden. Nur ſollten Sie endlich ein⸗ mal aufſtehen.“ „Du haſt Recht, Mocquet. Brrrr!“ „Nun, ich will mit Ihrer Jugend Mitleid haben und ein Reisbüſchel ins Kamin legen.“ „Mocquet, ich wagte es nicht, Dich darum zu bitten, aber wenn Du es thuſt, auf Chre, ſo iſt das ſehr ſchön von Dir.“ Mocquet holte im Hof einen Armvoll Holz. Er warf es ins Kamin und ſchob es mit dem Fuß zu⸗ recht; dann ſteckte er ein brennendes Zündhölzchen mitten ins Rebholz. 28 Augenblicklich kniſterte das Feuer und ſchlug luſtig und hell im Kamin empor. un Ich ſetzte mich auf den Schemel vor dem Herd und kleidete mich an. lau Die Toilette war bald fix und fertig, das dürft ihr glauben. Ze Mocquet ſelbſt war höchlich erſtaunt darüber. „ZJetzt,“ ſagte er,„geſchwind noch einen Tropfen parfait amour, und dann Marſch!“ Si Und Mocquet füllte zwei Gläschen mit einer gelb⸗ ſar lichen Flüſſigkeit, die ich nicht zu koſten brauchte, um ich ſie zu erkennen. ſon „Du weißt, daß ich niemals Schnaps trinke, ſo Mocquet!“ Al „Nun weiß Gott, Sie ſind mir ein ſchöner Sohn Ihres Vaters. Aber was wollen Sie denn ſonſt genießen?“ vor „Nichts, Mocquet, gar Nichts.“ „Sie kennen das Sprüchwort: Wenn das Haus ſch leer iſt, ſo kehrt der Teufel ein! Nein, Sie müſſen Ihrem Magen irgend Etwas zum Beſten geben, ſo lang ich Ihre Flinte lade, denn ich muß doch dieſer armen Mutter mein Wort halten.“ „Nun gut, Mocquet, ein Stückchen Brod und ein Glas Pignolet.“ vig Der Pignolet iſt ein geringer Wein, den man in den Nichtweinländern erzielt.. Man nennt ihn ſprüchwörtlich Dreimännerwein, b weil drei Männer nöthig ſind, um ihn zu trinken: feh derjenige, der trinkt, und zwei Andere, die den Trinkenden halten. zäh unf hlug Herd bürft 29 Ich war an den Pignolet ſo ziemlich gewöhnt und trank ihn ganz allein. Ich ſchluckte alſo mein Glas Pignolet hinab, ſo lange Mocquet meine Flinte lud. Ich bemerkte, daß er mit ſeiner Meſſerſpitze ein Zeichen in meine Kugel machte. „Was machſt Du da, Mocquet?“ fragte ich. „Ein Kreuz in Ihre Kugel,“ antwortete er.„Da Sie nahe bei mir ſtehen werden, ſo können wir zu⸗ ſammen ſchießen, und es iſt nicht wegen der Prämie, ich weiß wohl, daß Sie mir dieſe überlaſſen werden, ſondern wegen des Ruhmes; wenn der Wolf fällt, ſo iſt es immer gut zu wiſſen, wer ihn getödtet hat. Alſo zielen Sie richtig.“ „Ich werde mein Beſtes thun, Mocquet.“ „Da haben Sie Ihre Flinte jetzt geladen. Alſo vorwärts und den Lauf in die Höhe!“ Ich befolgte die kluge Mahnung des alten Wald⸗ ſchützen, und wir machten uns auf den Weg. IX. . Der Sammelplatz war auf der Straße von Cha⸗ vigny. Da trafen wir unſere Waldhüter und einen Theil unſerer Schützen. Nach zehn Minuten hatten diejenigen, die noch fehlten, uns eingeholt. Einige Minuten vor fünf Uhr waren wir voll⸗ zählig. Es wurde beſchloſſen, daß man den Dreieichen⸗ 30 ſchlupf in großer Diſtanz umgehen, dann aber all⸗ mälig näher rücken und den Feind einſchließen wolle. hi⸗ Die Bewegung ſollte ſo ſtill als möglich vor ſich ge gehen, ſintemal die Herren Wölfe die Gewohnheit haben, ſchon beim geringſten Lärm auszureißen. zu Jeder ſollte ſeinen Weg genau unterſuchen, da⸗ mit man ſich verſicherte, ob der Wolf noch immer ein im Schlupf ſtecke. R Der Kreis verengerte ſich, ohne daß Jemand Spuren einer Flucht anzeigte. ſei Der Feldſchütz hielt die Hunde Mocquets an der ra Koppel. 3 Jeder ſtellte ſich an demjenigen Theil des Schlupfes er auf, wohin ſein Weg ihn gerade führte. Der Zufall wollte, daß Mocquet und ich auf die vo nördliche Seite des Gehäges, d. h. auf diejenige, die kn mit dem Wald parallel lief, zu ſtehen kamen. Wie Mocquet vorausgeſagt, hatten wir den beſten Platz. m Es war wahrſcheinlich, daß der Wolf in den D Wald zu entkommen ſuchen und folglich auf unſerer pa Seite herausbrechen würde. Wir lehnten uns jeder an eine Eiche und waren un fünfzig Schritte von einander entfernt. Dann warteten wir athemlos und ohne uns zu un rühren. Die Hunde wurden auf der entgegengeſetzten Seite Al von uns losgekoppelt. Sie bellten zweimal auf und dann ſchwiegen ſie wieder. 4 Der Feldſchütz ging hinter ihnen her in den ßei Schlupf, indem er mit ſeinem Stock an die Bäume klopfte und ho ha ho rief. A er all⸗ wolle. er ſich hnheit 1. „ da⸗ mmer mand n der upfes if die e, die Wie Platz. den iſerer varen 1s zu Seite in ſie den äume 31 Aber die Hunde waren wie angenagelt: die Augen hingen ihnen aus dem Kopf, ihre Leſzen waren auf⸗ geworfen, ihre Haare ſträubten ſich. Es war unmöglich, ſie einen Schritt vorwärts zu bringen. „He, Mocquet,“ rief der Feldſchütz,„das muß ein ganz gewaltiger Kerl von einem Wolf ſein, denn Rocador und Tambelle wollen nicht anbeißen.“ Mocquet hütete ſich wohl zu antworten: der Ton ſeiner Stimme hätte dem Thier die Richtung ver⸗ rathen, wo es Feinde zu finden hatte. Der Feldſchütz drang beſtändig vorwärts, indem er an die Bäume klopfte. Die beiden Hunde folgten ihm, aber behutſam, von hinten, Schritt für Schritt, ohne Gebell und blos knurrend. „Heiliges Gewitter!“ rief der Feldſchütz auf ein⸗ mal,„ich bin ihm beinahe auf den Schwanz getreten. Der Wolf! der Wolf! der Wolf! Paß auf, Mocquet, paß auf!“ Und wirklich kam Etwas wie eine Kugel gegen uns. Das Thier brach blitzſchnell, gerade zwiſchen mir und Mocquet, aus dem Schlupf hervor. 21 Es war ein ungeheurer Wolf, beinahe weiß vor Alter. Mocquet feuerte ſeine beiden Schüſſe auf ihn ab. Er ſah ſeine beiden Kugeln im Schnee aufprallen. „Ei ſo ſchießen Sie doch,“ rief er mir zu,„ſchie⸗ ßen Sie doch!“ Erſt jetzt legte ich an, folgte dem Thier einen Augenblick und gab Feuer. Der Wolf machte eine Bewegung, wie wenn er ſich in die Schulter biſſe. „Getroffen! getroffen!“ rief Mocquet;„der Junge hat getroffen! Mit den Unſchuldigen iſt der Herr!“ Inzwiſchen rannte der Wolf immer weiter und lief gerade auf Moynat und Mildet, die beſten Schützen im ganzen Revier, zu. Beide ſchoßen: das erſte Mal in die Ebene, das zweite Mal in den Wald hinein. Man ſah die zwei erſten Kugeln ſich kreuzen und Furchen im Schnee aufwerfen. Dieſe zwei erſten Kugeln hatten den Wolf nicht berührt, aber ohne Zweifel war er unter den beiden andern gefallen. Es war etwas Unerhörtes, daß dieſe beiden Waldſchützen einmal fehlſchoſſen. Ich hatte Moynat ſiebzehn Heerſchnepfen hinter einander ſchießen geſehen.. Ich hatte Mildet ein Eichhörnchen, das von einem Baum auf den andern ſprang, mitten entzweiſchießen geſehen. Die Waldſchützen waren dem Wolf in den Wald nachgelaufen. Keuchend betrachteten wir die Stelle, wo ſie ver⸗ ſchwunden waren. Wir ſahen ſie mit geſenkten Ohren und die Köpfe ſchüttelnd wieder zum Vorſchein kommen. „Nun, wie ſteht's?“ rief Mocquet ihnen ent⸗ gegen. wegung,„er iſt jetzt in Taille⸗Fontaine.“ „In Taille⸗Fontaine!“ rief Mocquet ganz ver⸗ fehl dah zum daß hat, fehlt er z wah ſo g man blute dem ſtam gehen habe „Ach was!“ machte Mildet mit einer Armbe⸗ 3 für 3 Du nn er Junge herr!“ und deſten und nicht eiden eiden inter inem eßen Vald dutzt.„Die Tölpel haben ihn alſo alle zuſammen gefehlt!“ „Warum denn nicht? Du haſt ihn ja auch ge⸗ fehlt.“ Mocguet ſchüttelte den Kopf. „Ja, ja, ſehe ſchon, es ſteckt irgend eine Teufelei dahinter,“ ſagte er.„Daß ich ihn gefehlt habe, iſt zum Verwundern; doch iſt es immerhin möglich. Aber daß Moynat ihn mit ſeinen beiden Schüſſen gefehlt hat, daß Mildet ihn mit ſeinen beiden Schüſſen ge⸗ fehlt hat, nein, das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ „Es iſt aber doch ſo, mein guter Mocquet.“ „Uebrigens haben Sie ihn getroffen, Sie,“ ſagte er zu mir. „Ich... biſt Du deſſen gewiß?“ „Es iſt eine Schande für uns Andere; aber ſo wahr ich mit meinem Familiennamen Mocquet heiße, ſo gewiß haben Sie ihn getroffen.“ „Nun gut, wenn ich ihn getroffen habe, ſo wird man das leicht ſehen können, Mocquet. Er wird bluten. Laß uns ſchnell nachlaufen, Mocquet.“ Und ich wollte ſchon forteilen. „Nein, bei Gott, nicht laufen,“ rief Mocquet, in⸗ dem er ſeine Zähne zuſammenbiß und mit dem Fuß ſtampfte;„wir müſſen im Gegentheil ganz langſam gehen, damit wir ſehen, an was wir uns zu halten haben.“ „Alſo langſam, aber jedenfalls laß uns gehen.“ Und er begann der Spur des Wolfes Schritt für Schritt zu folgen. „Bei Gott,“ ſagte ich,„wir brauchen nicht zu Dumas, der Wolfsführer. I. 34 fürchten, daß wir ſeine Fährte verlieren könnten; ſie iſt deutlich genug.“ „Ja, aber das iſt es nicht, was ich ſuche.“ „Was ſuchſt Du denn?“ „Sie werden's ſogleich erfahren.“ Die Jäger, die mit uns den Schlupf umſtellt, hatten ſich zu uns geſellt und gingen hinter uns her, während der Feldſchütz ihnen erzählte, was ſich zu⸗ getragen hatte. Mocquet und ich folgten den Spuren des Wolfes, die tief in den Schnee eingedrückt waren. Als wir an den Platz kamen, wo ich das Thier getroffen haben ſollte, ſagte ich: „Siehſt Du jetzt, Mocquet, daß ich doch gefehlt habe?“ „Und warum ſollten Sie gefehlt haben?“ „Ei man ſieht ja kein Blut.“ „Dann ſuchen Sie einmal die Spur Ihrer Kugel im Schnee.“ 3 Ich örientirte mich und ging in der Richtung weiter, die meine Kugel hatte nehmen müſſen, im Fall ſie wirklich den Wolf nicht berührt hatte. Ich machte vergebens ein paar hundert Schritte. Endlich kehrte ich zu Mocquet zurück. Er winkte den Schützen, ſich um ihn zu ſammeln. „Nun,“ ſagte er zu mir,„und die Kugel?“ „Ich habe ſie nicht gefunden.“ „Da bin ich glücklicher geweſen als Sie; ich habe ſie gefunden.“ „Wie ſo? Du haſt ſie gefunden?“ „Drehen Sie ſich einmal um und gehen Sie hin⸗ ter mir drein.“ die her gef fun que gla iſt d weis iſtellt, s her, ch zu⸗ olfes, Thier efehlt Kugel htung , im ritte. neln. 7 habe hin⸗ 35⁵ Ich führte das befohlene Manöver aus. Die Jäger aus dem Schlupf hatten ſich genähert. Aber Mocquet hatte ihnen eine Linie bezeichnet, die ſie nicht überſchreiten ſollten. Die Schützen aus dem Walde kamen ebenfalls heran. „Nun?“ fragte Mocquet. „Gefehlt!“ ſagten Mildet und Moynat zugleich. „Ich habe wohl geſehen, daß ihr in der Ebene gefehlt habt; aber im Wald...“ „Auch gefehlt!“ „Wißt ihr's gewiß?“ „Man hat beide Kugeln in Baumſtämmen ge⸗ funden.“ „Das iſt kaum zu glauben,“ meinte Watrin. „Nein, man kann's nicht glauben,“ verſetzte Moc⸗ quet,„und doch will ich euch jetzt etwas noch Un⸗ glaublicheres zeigen.“ „Zeig's!“ „Sehet einmal den Schnee an. Was ſehet ihr?“ „Die Fährte eines Wolfes, bei Gott!“ „Und bei ſeiner rechten Tatze,— da— was iſt da?“ „Ein kleines Loch.“ „Nun!l und ihr begreifet nicht?“ Die Schützen ſahen einander verwundert an. „Begreifet ihr jetzt?“ fuhr Mocquet fort. „Unmöglich!“ ſagten die Schützen. „Und es iſt doch ſo, und ich will euch den Be⸗ weis liefern.“ Mocquet fuhr mit ſeiner Hand in den Schnee 36 ſuchte einen Augenblick und zog mit einem Triumph⸗ geſchrei eine platte Kugel hervor. „Ei ſieh da,“ ſagte ich,„das iſt meine Kugel.“ „Sie erkennen ſie alſo?“ „Ich glaub's wohl, Du haſt ſie ja gezeichnet.“ „Und welches Zeichen habe ich hineingeſchnitten?“ „Ein Kreuz.“ „Da ſeht ihr, meine Herren,“ ſagte Mocquet. „Nun, ſo erklär' es uns.“ „Seht ihr, er hat die gewöhnlichen Kugeln von ſich abgelenkt, aber über die Kugel des Jungen, die ein Kreuz hatte, hat er keine Gewalt gehabt. Er hat ſie in die Schulter bekommen, ich habe geſehen, wie er die Bewegung machte, als ob er ſich beißen wollte.“ „Aber wenn er die Kugel in die Schulter be⸗ kommen hat,“ fragte ich verwundert über das ver⸗ blüffte Schweigen der Andern,„wie kommt's, daß ſie ihn nicht getödtet hat?“ „Weil ſie weder von Gold noch von Silber war, mein liebes Kind, und weil bloß goldene oder ſil⸗ berne Kugeln die Haut des Teufels ritzen und die⸗ jenigen tödten können, die einen Vertrag mit ihm geſchloſſen haben.“ „Aber Mocquet,“ ſagten die Schützen mit einem Schauder,„glaubſt Du alſo...“ „Ja, ich wollte darauf ſchwören, daß wir's mit dem Wolf des Holzſchuhmachers Thibault zu thun gehabt haben.“ Die Waldſchützen und die Jäger ſahen einan⸗ der an.* Zwei oder drei bekreuzten ſich. A den kenne mal, Thiba 2 neral erzähl Sie ſi en mit S 22 Thibar Teufel von m 8 & mit N ſchichte Vie euch di wiſſe, 1 ſie ſich die beſt vor dre ph⸗ el.“ 4 12" 37 Alle ſchienen Mocquets Anſicht zu theilen und den Wolf des Holzſchuhmachers Thibault wohl zu kennen. Ich allein wußte Nichts von ihm. „Ei,“ drängte ich,„ſo ſag' mir doch endlich ein⸗ mal, was es mit dieſem Wolf des Holzſchuhmachers Thibault für eine Bewandtniß hat.“ Mocquet wollte nicht ſogleich antworten. „Ach ja, wahrhaftig,“ rief er endlich,„der Ge⸗ neral hat mir geſagt, ich könne Ihnen die Geſchichte erzählen, wenn Sie einmal fünfzehn Jahre alt ſeien. Sie ſind jetzt ſo alt, nicht wahr?“ „Ich bin ſechszehn Jahre alt,“ antwortete ich mit Stolz. „Nun wohl, der Wolf des Holzſchuhmachers Thibault, mein lieber Herr Alexander, das iſt der Teufel. Sie haben geſtern Abend eine Geſchichte von mir verlangt, nicht wahr?“ 23 35 „Kommen Sie jetzt mit mir in mein Haus zurück, ſo will ich Ihnen eine Geſchichte erzählen, und zwar eine ſchöne.“ Waldſchützen und Jäger trennten ſich mit ſtillem Händedruck; jeder zog ſeines Wegs, und ich ging mit Mocquet heim, der mir die nachfolgende Ge⸗ ſchichte erzählte. Vielleicht werdet ihr mich fragen, warum ich euch dieſe Geſchichte, da ich ſie doch ſchon ſo lange wiſſe, noch nicht erzählt habe. Ich antworte, daß ſie ſich in einer Lade meines Gedächtniſſes befand, die beſtändig verſchloſſen geblieben iſt und ſich erſt vor drei Tagen wieder geöffnet hat. Ich könnte euch 38 auch ſagen, bei welcher Gelegenheit: aber wahrſchein⸗ lich würde euch dieſe Erzählung, die uns nur hin⸗ dern würde, auf die eigentliche Geſchichte einzugehen, nicht ſonderlich intereſſiren. Ich will daher lieber meine Erzählung ſogleich beginnen. Ich ſage meine Erzählung, während ich vielleicht ſagen ſollte: die Erzählung Mocquets. Aber wahr⸗ lich, wenn man achtunddreißig Jahre lang über einem Ei gebrütet hat, kann man am Ende wohl glauben, man habe es gelegt. Samſtag den 31. Mai 1856. Je⸗ von ein bar Er; ma der los Do ihre Sch geg Vez es düſt Jal Rei hein⸗ hin⸗ ehen, ieber leicht vahr⸗ inem iben, T Der Wolfsjägermeiſter Sr. Hoheit. Er war ein gewaltiger Jäger, der edle Herr Jean, Baron von Vez. Wenn ihr in dem ſchönen Thal hingehet, das von Berval nach Longpré führt, ſo erblicket ihr links einen alten Thurm, der euch um ſo höher und furcht⸗ barer erſcheinen wird, als er ganz vereinzelt ſteht. Gegenwärtig gehört er einem alten Freunde des Erzählers dieſer Geſchichte, und Jedermann iſt der⸗ maßen an ſeinen furchtbaren Anblick gewöhnt, daß der nächſte beſte Bauer im Sommer eben ſo furcht⸗ los den Schatten ſeiner hohen Mauern ſucht, wie die Dohlen mit ihren großen ſchwarzen Flügeln und ihrem gellen Geſchrei, und die ſanft zwitſchernden Schwalben, die alljährlich ihre Neſter hier aufhängen. Aber zur Zeit, von welcher wir ſprechen, d. h. gegen das Jahr 1780, bot das Herrenhaus von Vez nicht daſſelbe Bild dar und gewährte, man muß es ſagen, nicht dieſelbe Sicherheit. Es war ein düſteres, ſtrenges Gebäude aus dem 12. oder 13. Jahrhundert, und äußerlich wenigſtens hatte die Reihenfolge der Jahre Nichts von ſeiner ſchrecken⸗ erregenden Phyſiognomie weggenommen. Allerdings ging keine Schildwache mehr in gemeſſenem Schritt und blankem Helm auf den Wällen hin und her; kein Bogenſchütze mit gellem Horn wachte mehr auf ſeinem Thurme; am Schlupfthor ſtanden keine zwei Bewaffnete mehr, um beim mindeſten Lärmzeichen das Schutzgatter fallen zu laſſen und die Brücken aufzuziehen. Aber ſchon die Einſamkeit des Gebäu⸗ des, wo ſich alles Leben in den Mittelpunkt zurück⸗ gezogen zu haben ſchien, verlieh dem düſtern Granit⸗ rieſen, beſonders bei Nacht, die furchtbare Majeſtät ſtummer Unbeweglichkeit. Gleichwohl war der Herr dieſer alten Burg kein böſer Geſelle, und, wie ſeine genaueren Bekannten ſagten, die ihm mehr Gerechtigkeit widerfahren ließen als Andere, es war bei ihm mehr Geſchrei als Wolle, und er jagte den Chriſtenmenſchen mehr Angſt ein, als er ihnen Leid anthat. Wir ſagen wohlverſtanden den Chriſtenmenſchen, denn den Thieren des Waldes war er ein erklärter und unverſöhnlicher Todfeind. Er war Wolfsjägermeiſter des Herrn Ludwig Philipp von Orleans, des vierten ſeines Namens, und dieſes Amt geſtattete ihm, ſeiner zügelloſen Lei⸗ denſchaft für die Jagd nach Herzensluſt zu fröhnen. In allen Dingen, obſchon es nicht ſo leicht ging, war es noch möglich dem Baron Jean Vernunft bei⸗ zubringen; aber hatte ſich der würdige Herr einmal in Jagdangelegenheiten eine Idee in den Kopf ge⸗ ſetzt, dann mußte er auch um jeden Preis ſeinen Willen durchſetzen. Er hatte, ſagte man, eine natürliche Tochter des ings hritt her; auf zwei chen icken bäu⸗ rück⸗ anit⸗ eſtät kein iten ßen olle, ein, hen, rter wig ens, 41 Prinzen geheirathet, was ihm, außer ſeinem Titel als Wolfsjägermeiſter, eine beinahe unbeſchränkte Gewalt über die Waldbeſitzungen ſeines erlauchten Schwiegervaters verſchaffte, eine Gewalt, die ihm auch Niemand zu beſtreiten ſich einfallen ließ, beſon⸗ ders ſeit der Herzog von Orleans, nach ſeiner aber⸗ maligen Vermählung mit Frau von Monteſſon im Jahre 1773, ſein Schloß zu Villers⸗Coterets beinahe gänzlich verlaſſen hatte und in ſeinem reizenden Hauſe in Bagnolet blieb, wo er die Schöngeiſter der Zeit empfing und Comödie ſpielte. Es war daher eine große Seltenheit, wenn nicht jeden Tag, den Gott gab, ob nun die Sonne die Erde erfreute, ob der Regen ihr ein trübes Ausſehen gab, ob der Winter die Felder mit ſeinem weißen Leichentuch bedeckte, ob der Frühling ſeinen grünen Teppich über die Wieſen breitete, es war, ſage ich, eine große Seltenheit, wenn nicht jeden Morgen zwi⸗ ſchen acht und neun Uhr das Hauptthor des Schloſſes ſeine beiden Flügel öffnete, worauf dann der Zug in nachſtehender Ordnung ſich hinaus ergoß. Zuerſt kam der Baron Jean, dann ſein Oberrüdenknecht Markotte, dann die andern Rüdenknechte, dann die angekoppelten Hunde, am Riemen gehalten von den Hundejungen und unter die Oberaufſicht des Mei⸗ ſters Engoulevent geſtellt, eines zukünftigen Rüden⸗ knechts, der, wie einſt der Scharfrichter in Deutſch⸗ land, als der letzte unter den Edelleuten und der erſte unter den Bürgern allein hinter dem Adel und vor der Bürgerſchaft einherſchritt, ſeinerſeits unmittel⸗ bar nach den Rüdenknechten und vor den Hundejun⸗ jungen und der letzte unter den Rüdenknechten. Es war ein ſtattlicher Aufzug: engliſche Pferde, franzöſiſche Hunde; zwölf Pferde, vierzig Hunde. Zuvörderſt müſſen wir berichten, daß der Baron Jean mit dieſen zwölf Pferden und dieſen vierzig Hunden auf alle Thierarten Jagd machte. Aber ohne Zweifel that er es ſeinem Titel zu Lieb, daß er vorzugsweiſe gern dem Wolf zu Leibe ging. Aechte Jäger mögen die Feinnäſigkeit und Tüch⸗ tigkeit ſeiner Hunde daraus erkennen, daß er, nach dem Wolf, dem wilden Schwein den Vorzug ertheilte; nach dem wilden Schwein kam der Hirſch, dann der Damhirſch, dann das Reh. Endlich, wenn die Hundejungen das Neſt leer fanden, koppelte er auch aufs Gerathewohl los und band mit dem nächſten beſten Haſen an; denn, wie ſchon geſagt, er jagte alle Tage, der wür⸗ dige Herr, und er wäre lieber einen ganzen Tag ungegeſſen und ungetrunken geblieben, obſchon er häufig Durſt litt, als daß er vierundzwanzig Stun⸗ den zugebracht hätte, ohne ſeine Hunde laufen zu ſehen. Aber man weiß es ja, die Pferde mögen noch ſo ſchnell, die Hunde mögen noch ſo fein ſein, die Jagd hat nun einmal ihre guten und ihre böſen Viertelſtündchen. Eines Tags erſchien Markotte ganz verdutzt auf dem Platze, wo der Baron Jean ihn erwartete. „Nun, Markotte,“ fragte der Baron Jean mit gerunzelten Brauen,„was gibt's denn wieder, ich ſehe Dir's an, daß die Jagd heute ſchlecht ablaufen wird.“ gen kam, denn er war der erſte unter den Hunde⸗ 43 Markotte ſchüttelte den Kopf. „Ei ſo ſprich doch!“ drängte der Baron mit un⸗ geduldiger Geberde. „Nun ja, gnädiger Herr, ich habe von dem ſchwarzen Wolf Wind bekommen.“ „Ah ſchön, ſchön!“ rief der Baron Jean mit funkelnden Augen. Und in der That war es ſchon das fünfte oder ſechſte Mal, daß der würdige Herr beſagtes, an ſei⸗ nem ungewohnten Pelz ſo leicht erkenntliches Thier aufgetrieben hatte, ohne daß es ihm gelingen wollte, in Schußweite zu kommen oder es mit den Hunden zu fangen. „Ja,“ fuhr Markotte fort,„aber die Teufelsbeſtie hat ihre Nacht ſo gut angewandt, ſie hat ihre Fähr⸗ ten dermaßen gekreuzt und verwiſcht, daß ich, nach⸗ dem ich den halben Wald durchſtreift hatte, wieder auf meinen Ausgangspunkt zurückkam.“ „Du glaubſt alſo, Markotte, es ſei keine Hoffnung vorhanden, dem Thier an den Pelz zu kommen?“ „Ich glaube nicht.“ „Alle Teufel!“ rief Herr Jean, der größte Flucher, der ſeit dem ſeligen Nimrod auf dem Erdboden er⸗ ſchienen,„und doch iſt es mir heute gar nicht recht juſt zu Muthe, es muß alſo unter allen Umſtänden irgend ein Thier aufgetrieben werden, um meine Lebensgeiſter zu erfriſchen. Sag, Markotte, was können wir ſtatt dieſes verdammten ſchwarzen Wolfes jagen?“ „Leider,“ antwortete Markotte,„habe ich mich ſo gänzlich mit ihm beſchäftigt, daß ich kein anderes Thier aufgetrieben habe. Wenn der gnädige Herr vielleicht aufs Gerathewohl loskoppeln und das erſte beſte Thier, das aufſtößt, jagen wollte?“ Der Baron Jean wollte eben Markotte antwor⸗ ten, daß ihm dies genehm ſei, als er den kleinen Engoulevent mit dem Hut in der Hand herankom⸗ men ſah. „Warte,“ ſagte er,„da kommt Meiſter Engoule⸗ vent, der uns, wie es ſcheint, einen Rath zu erthei⸗ len hat.“ „Ich habe einem edlen Herrn, wie Ihr ſeid, kei⸗ nen Rath zu ertheilen,“ antwortete Engoulevent, in⸗ dem er ſeinem ſchlauen, verſchmitzten Geſichte einen demüthigen Ausdruck gab,„aber es iſt meine Pflicht, zu melden, daß ich ganz in der Nähe einem ſchönen Damhirſch auf die Spur gekommen bin.“ „Den wollen wir näher ſehen, Engoulevent,“ antwortete der Wolfsjägermeiſter,„und wenn Du Dich nicht getäuſcht haſt, ſo bekommſt Du einen neuen Thaler.“ „Wo iſt Dein Damhirſch?“ fragte Markotte. „Aber nimm Deine Haut in Acht, wenn wir Deinet⸗ wegen vergebens loskoppeln müſſen.“ „Gebt mir den Matador und den Jupiter, dann wollen wir bald ſehen.“ Matador und Jupiter waren die zwei beſten An⸗ griffshunde des edlen Herrn von Vez. Engoulevent war auch noch keine hundert Schritte mit ihnen im Gebüſch vorgedrungen, als er bereits aus ihrem Gewedel und Gebell erſehen konnte, daß ſie die Fährte aufnahmen. Und in der That ſtieß der Damhirſch, ein prächtiger Zehnender, beinahe augenblicklich den Hun⸗ 45 den auf. Die ganze Meute wurde losgekoppelt und ſchloß ſich den beiden Veteranen an. Markotte rief: Aufgeſchaut! gab mit dem Horn das Signal, daß ein Thier aufgejagt war, und nun begann die Jagd, zur großen Befriedigung des edlen Herrn von Vez, der, obſchon er ſeinen ſchwarzen Wolf nicht verſchmer⸗ zen konnte, dennoch auch mit einem Damhirſch von zehn Enden vorliebnahm. Die Jagd währte ſchon zwei Stunden und der Damhirſch hielt noch immer Stand. Er hatte die Jagd aus dem Wäldchen von Haramont bis auf den Galgenweg und von da bis an's äußerſte Ende von Oigny verlockt, und er trug noch immer ſeinen Kopf hoch, denn er war keines von dieſen Thieren des Flachlandes, die ſich von elenden Dachshunden am Schwanze zupfen laſſen. Aber als es auf den Boden von Bourgfontaine kam, da mochte ſich das Thier doch unbehaglich füh⸗ len, denn es verzichtete jetzt auf die großen Kraftan⸗ ſtrengungen, wodurch es bisher ſeinen Vorſprung gewonnen hatte, und begann zu wechſeln. Zuerſt ſprang es in den Bach, der aus dem Teich von Baiſemont in den Teich von Bourg führt, und watete ihn eine Viertelſtunde weit hinauf, obſchon ihm das Waſſer bis an die Kniee ging; dann machte es einen Sprung nach rechts, ſprang von Neuem in den Bach, machte einen Sprung nach links und jagte nun in ſo gewaltigen Sätzen, als ihm der Reſt ſei⸗ ner Kräfte nur immer geſtattete, weiter. Aber die Hunde des edlen Herrn Jean ließen ſich durch ſolche Kleinigkeiten nicht irre machen. Als verſtändige Hunde und von guter Race theil⸗ ten ſie ſich von ſelbſt in die Aufgabe. Die einen liefen am Bach hinauf, die andern hinab; die einen ſchnüffelten rechts, die andern ſchnüffelten links, bis ſie ſich endlich aus den Ränken des Thieres zurecht⸗ fanden und ſeine Fährte wieder bekamen; beim erſten Schrei, den einer von ihnen ausſtieß, ſammelten ſie ſich dann um dieſen, und nun begannen ſie ihre Verfolgung aufs Neue mit einem Feuereifer, als ob der Damhirſch zwanzig Schritte vor ihnen ſtände. In beſtändigem Galopp, unter beſtändigem Bla⸗ ſen und Gebell, kamen Baron Jean, die Rüdenknechte und die Meute an die Teiche von Saint⸗Antoine, einige hundert Schritte von dem Waldſaum von Oigny. Hier, zwiſchen dem Waldſaum von Oigny und der Hecke von Oſoraies, erhob ſich die Hütte des Holzſchuhmachers Thibault. Sagen wir mit ein paar Worten, wer der Holz⸗ ſchuhmacher Thibault, d. h. der eigentliche Held un⸗ ſerer Geſchichte, war. Vielleicht wird man mich fragen, wie ich, der ich Könige auf den Schauplatz beſchieden, der ich Prinzen, Herzoge und Barone gezwungen habe, un⸗ tergeordnete Rollen in meinen Romanen zu ſpielen, wie ich jetzt auf einmal dazu komme, einen ſimpeln Holzſchuhmacher zum Helden dieſer Geſchichte zu er⸗ kieſen. Ich antworte fürs Erſte, daß es in meinem lie⸗ ben Villers⸗Coterets mehr Holzſchuhmacher als Ba⸗ rone, Herzoge und Prinzen gibt, und daß ich, wenn ich einmal die Abſicht hatte, den umliegenden Wald zum Schauplatz der Ereigniſſe zu machen, die ich er⸗ inen inen bis echt⸗ eſten ſie ihre 3 ob e. Bla⸗ echte vine, von und des bolz⸗ un⸗ der ich un⸗ elen, peln er⸗ lie⸗ Ba⸗ venn Vald er⸗ zählen will, ſchlechterdings einen der wirklichen Be⸗ wohner deſſelben nehmen mußte, da ich keine Fanta⸗ ſiebilder, wie die Incas des Herrn von Marmontel oder die Abencerragen des Herrn von Florian, zum Beſten geben möchte. Ferner nimmt der Autor ſein Sujet nicht, ſon⸗ dern das Sujet nimmt ihn, und ſo iſt es mir mit dieſem ergangen, mag man es nun gut oder ſchlecht finden. Ich will alſo ein Bild des Holzſchuhmachers Thibault zu entwerfen verſuchen, und werde auf das Conterfei dieſes ganz ſimpeln Sterblichen ſo viel Fleiß verwenden, als ein Maler auf ein Portrait, das ein regierender Fürſt ſeiner Braut ſchicken will. Thibault war ein Mann von fünf⸗ bis ſieben⸗ undzwanzig Jahren, groß, ſchlank, kräftig, aber mit einer nakürlichen Hinneigung zur Wehmuth. Dieſe Wehmuth entſprang bei ihm aus einer kleinen Doſis Neid, den er, vielleicht ohne Willen und Wiſſen, gegen ſeinen vom Glück mehr begünſtigten Neben⸗ menſchen empfand. Sein Vater hatte einen Fehler begangen, der zu allen Zeiten ſchwer iſt, aber in jener Epoche des Abſolutismus, wo Niemand ſich über ſeinen Stand emporzuſchwingen vermochte, noch weit ſchwerer war, als in unſerer Zeit, wo ein fähiger Burſche es zu Allem bringen kann. Er hatte ihm eine Erziehung geben laſſen, die weit über ſeine ſociale Stellung hinausging. Thibault war beim Abbé Fortier, dem Lehrer von Villers⸗ Coterets, in die Schule gegangen; er konnte leſen, 48 ſchreiben und rechnen; er hatte ſogar etwas Latein gelernt, worauf er ſich nicht wenig einbildete. Thibault hatte viel Zeit auf das Leſen verwen⸗ det. Er hatte beſonders diejenigen Bücher geleſen, die am Ende des vorigen Jahrhunderts an der Tages⸗ ordnung waren. Ein ungeſchickter Chemiker, hatte er das Gute vom Schlechten nicht zu ſcheiden verſtan⸗ den, oder vielmehr, er hatte das Schlechte ausge⸗ ſchieden, hatte dieſes hauptſächlich in großen Doſen verſchlungen und das Gute auf den Grund des Glaſes hinabſinken laſſen. Freilich hatte Thibault mit zwanzig Jahren von etwas ganz Anderem geträumt, als daß er Holz⸗ ſchuhmacher werden ſollte. Er dachte einen Augen⸗ blick an den Kriegerſtand. Aber ſeine Kameraden, welche die doppelte Livree des Königs und Frankreichs getragen hatten und als Soldaten in den Dienſt getreten waren, hatten ſämmtlich als Gemeine den Abſchied bekommen und ſich in fünf⸗ oder ſechsjähriger drückendſter Knecht⸗ ſchaft nicht einmal die Corporalsborten erwerben können. Thibault dachte einen Augenblick an den Marine⸗ dienſt. Aber eine Laufbahn in der Marine war den Plebejern noch weit ſtrenger verſchloſſen als in der Landarmee. Nach fünfzehn bis zwanzig Jahren, voll von Ge⸗ fahren aller Art, von Stürmen und Kämpfen, konnte er es im beſten Fall bis zum Bootsmann bringen. Nun war Thibaults Ehrgeiz nicht auf das kurze Wamms und die Hoſe von Segeltuch gerichtet, ſon⸗ Latein derwen⸗ geleſen, Tages⸗ atte er erſtan⸗ ausge⸗ Doſen d des n von Holz⸗ lugen⸗ Livree d als datten und necht⸗ erben rine⸗ den der Ge⸗ nnte gen. urze ſon⸗ 49 dern auf den königsblauen Frack, die rothe Weſte und die goldene Epaulette, die einer Katzenpfote gleicht. Aber es war nicht ein einziges Beiſpiel vorhan⸗ den, daß der Sohn eines Holzſchuhmachers Fregatten⸗ capitän, oder auch nur Lieutenant, ja ſelbſt Fähn⸗ rich geworden wäre. Er mußte auf den Marinedienſt verzichten. Thibault wäre auch nicht ungern Notar gewor⸗ den. Er dachte einen Augenblick daran, bei Herrn Niquet, dem königlichen Gerichtsſchreiber, als Lauf⸗ junge einzutreten und ſich mit ſeinen Kniekehlen und der Federſpitze ſeine Grade zu erwerben. Aber wenn er es einmal bis zum Oberſchreiber mit hundert Thalern jährlich gebracht hatte, woher ſollte er dann die dreißigtauſend Franken nehmen, die ſelbſt das armſeligſte Dorfbureau koſtet? Es war alſo ebenſo unmöglich, Gerichtsſchreiber, als Land⸗ oder Marine⸗Offizier zu werden. Mittlerweile ſtarb Thibaults Vater. Er hinterließ wenig baares Geld, blos ungefähr die Beerdigungskoſten. Man beerdigte ihn alſo, und da blieben für Thi⸗ bault noch drei oder vier Piſtolen übrig. Thibault verſtand ſein Handwerk ſehr gut: er war ein ausgezeichneter Holzſchuhmacher. Aber die beſtändige Beſchäftigung mit dem Boh⸗ rer und dem Holzmeſſer ſagte ſeinen Neigungen nicht zu. So geſchah es denn, daß er, nachdem er in einer letzten Regung von Klugheit das Handwerkszeug ſei⸗ nes Vaters bei einem Freund in Verwahrung gege⸗ Dumas, der Wolfsführer. I. 4 ben, alle ſeine Möbel, vom erſten bis zum letzten, verkaufte und mit dem Erlös, der ſich auf 540 Fran⸗ ken belief, die ſogenannte Tour durch Frankreich zu machen beſchloß. Thibault blieb drei Jahre unterwegs. Er hatte auf ſeiner Wanderſchaft kein Glück gemacht, aber er hatte Mancherlei gelernt, was er noch nicht gewußt, und ſich Talente erworben, die er noch nicht beſeſſen hatte. Er hatte gelernt, daß es zwar ſchicklich und räth⸗ lich ſein möge, einem Geſchäftsmann gegenüber ſein Wort einzulöſen, daß es aber ganz und gar unnöthig ſei, einem Mädchen einen Liebesſchwur zu halten. So viel von ſeiner moraliſchen Ausbildung. Was ſeine phyſiſche Entwickelung betraf, ſo war er ein Meiſter im Guiguentanz geworden, hatte das Stockfechten ſo gut gelernt, daß er ſich gegen vier Mann vertheidigen konnte, und führte den Spieß trotz dem beſten Jägerburſchen. Alles das hatte nicht wenig dazu beigetragen, Thibaults angebornen Stolz noch zu vergrößern, und da er ſah, daß er ſchöner, kräftiger und gewandter war, als mancher Adelige, ſo fragte er die Vorſehung: „Warum bin ich nicht als Edelmann geboren wor⸗ den, und warum iſt dieſer und jener Edelmann nicht als Bauer auf die Welt gekommen?“ Aber da es der Vorſehung gar nicht einfiel, auf Thibaults Interpellationen Rede zu ſtehen, da er ferner mit ſeinem Tanzen, Stockfechten und Spieß⸗ werfen ſich nur ermüdete, ohne für ſeines Leibes Nothdurft und Nahrung zu ſorgen, ſo dachte er zu⸗ letzt wieder an ſein altes beſcheidenes Handwerk und tzten, Fran⸗ ch zu hatte er er pußt, eſſen räth⸗ ſein thig n. war das vier pieß gen, und dter ing: vor⸗ nicht auf eer ieß⸗ bes zu⸗ und 51 ſagte zu ſich, ſo gut es den Vater ernährt habe, ſo gut werde es wohl auch den Sohn ernähren. Er holte alſo ſein Handwerkszeug wieder und ging damit ſchnurſtracks zum Intendanten der Güter des Herzogs Ludwig Philipp von Orleans. Er bat um Erlaubniß eine Hütte im Wald zu bauen, wo er ſein Gewerbe treiben könnte, und dies wurde ihm gern gewährt, weil der Intendant aus Erfahrung wußte, daß der Herr Herzog von Orleans ein ſehr menſchenfreundlicher Herr war und nicht weniger als 240,000 Franken jährlich den Armen ſchenkte. Warum ſollte er alſo nicht einem braven Handwerker, der arbeiten wollte, dreißig oder vierzig Fuß Land ver⸗ gönnen? Da es Thibault freigeſtellt wurde, ſeinen Wohn⸗ ſitz an irgend einem beliebigen Platz im Walde auf⸗ zuſchlagen, ſo wählte er den Kreuzweg von Oſieères, der in der ſchönſten Gegend des Waldes lag, eine Viertelſtunde von Oigny und drei Viertelſtunden von Villers⸗Coterets. Der Holzſchuhmacher baute alſo ſeine Werkſtatt, halb mit den alten Brettern, die Herr Pariſis, ein Holzhändler in der Nachbarſchaft, ihm ſchenkte, halb mit den Aeſten, die ihm der Intendant im Wald abzuhauen erlaubte. Die Hütte beſtand aus einem wohlverwahrten Schlafzimmer, wo er im Winter, und einem Schirm⸗ dach, wo er im Sommer arbeiten konnte. Als ſie fertig war, bereitete er ſich auch ein Bett. Dieſes Bett war für den Anfang weiter nichts, als eine Streu von Farnkraut. Nachdem er ſodann etwa hundert Paar Holz⸗ ſchuhe gemacht und an den Krämer Bedeau in Villers⸗ Coterets verkauft hatte, gab er von dieſem erſten Gelde ein Draufgeld auf eine Matratze, zu deren Abbezahlung man ihm ein Vierteljahr Zeit ließ. Die Bettſtatt war nicht ſchwer herzuſtellen. Thibault war nicht blos Holzſchuhmacher, ſon⸗ dern auch ein wenig Schreiner. Er machte ſich eine hölzerne Bettſtatt, flocht aus Gurten und Weidenzweigen eine Unterlage zuſam⸗ men, legte ſeine Matratze darauf, und das Nacht⸗ lager war fertig. Dann kamen allmählig und nach und nach die Betttücher und die Decken. Hierauf das Kohlenbecken, um Feuer zu machen, die irdene Caſſerolle, um auf dem Kohlenbecken zu kochen, endlich das Fayencegeſchirr, um das Gekochte darauf zu eſſen. Nach Jahresfriſt vermehrte ſich Thibaults Mobi⸗ liar um eine ſchöne eichene Mulde und einen ſchönen Nußbaumſchrank, zwei Stücke, die er, wie ſeine Bett⸗ ſtatt, ganz allein machte. Und bei all dem ging das Handwerk, denn Thi⸗ bault ſuchte Seinesgleichen, um aus einem Stück Buchenholz ein Paar Holzſchuhe herauszubekommen und die Abfälle ſeiner Hauptarbeit noch zu Löffeln, Salzbüchschen, kleinen Mulden und dergl. zu ver⸗ werthen. Thibault war alſo ſeit drei Jahren, d. h. ſeit 1b ſeiner Rückkehr von ſeiner Reiſe durch Frankreich, in ſeiner Werkſtatt eingerichtet, und während dieſer gan⸗— zen Zeit hatte man ihm nur eins vorwerfen können, was wir ihm bereits vorgeworfen haben, nämlich, llers⸗ erſten deren . ſon⸗ aus ſam⸗ acht⸗ die chen, n zu öchte tobi⸗ dnen Zett⸗ Thi⸗ btück men eln, ver⸗ ſeit „,in gan⸗ nen, lich, 53 daß er das Glück ſeiner Nebenmenſchen mit neidiſche⸗ ren Augen anſah, als für ſein Seelenheil erſprieß⸗ lich ſein mochte. Aber dieſe Empfindung war bis jetzt noch ſo harmlos bei ihm, daß höchſtens ſein Beichtvater ein Recht hatte, ihm ein Verbrechen vorzuhalten, das in ſeiner Seele vorläufig erſt im Stadium der Sünde exiſtirte. . II. Der gnädige Herr und der Holzſchuhmacher. Der Damhirſch war alſo, wie wir bereits er⸗ zählt haben, bis auf den Waldſaum von Oigny ge⸗ hetzt worden, wo er ſich um Thibaults Hütte herum drehte und wand. Nun arbeitete Thibault, da es ein ſchöner Spät⸗ herbſttag war, unter ſeinem Schirmdach an einem Holzſchuh. Auf einmal bemerkte er, dreißig Schritte vor ſich, den Damhirſch, der ſchaudernd und zitternd auf ſeinen vier Beinen ſtand und ihn angſtvoll mit ſeinen klugen Augen anſchaute. Thibault hörte ſchon lange die Jagd, die in der Umgegend von Oigny angeſtellt wurde, und bald näher kam, bald ſich entfernte, jetzt aber von Neuem in die Nähe des Dorfes rückte. Der Anblick des Damhirſches überraſchte ihn alſo nicht im Geringſten. Er ſtellte die Bewegung mit ſeinem Bohrer, den er ſo fleißig handhabte, ein und beſah ſich das Thier. „Beim heiligen Holzſchuhtag!“ ſagte er— wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß der heilige Holzſchuhtag das Feſt der Holzſchuhmacher iſt— „beim heiligen Holzſchuhtag, das iſt ein ſchönes Exemplar und gäbe ein herrliches Seitenſtück zu der Gemſe, von der ich in Vienne beim großen Bankett der Handwerksburſchen vom Dauphiné gegeſſen habe. Glücklich diejenigen, die ſich alle Tage ein Stück von einem ſolchen Thiere unter die Zähne ſchieben können. Ich habe ein einziges Mal in meinem Leben, vor bald vier Jahren, ein ſolches Stück gegeſſen, und noch nach vier Jahren läuft mir das Waſſer im Munde zuſammen, ſo oft ich daran denke. O die vornehmen Herrn! die vornehmen Herrn! ſie haben bei jedem Mahl friſches Fleiſch und alte Weine, wäh⸗ rend ich die ganze liebe Woche lang Kartoffeln eſſen und Waſſer trinken muß; kaum daß ich mir Sonn⸗ tags mit einem elenden Brocken ranzigen Specks, mit einem Teller voll Kohl, der meiſtens ſchon mufft, und einem Glas Pignolet, der Einem die Löcher in den Strümpfen zuſammenziehen könnte, gütlich thun darf.“ Begreiflicherweiſe war der Damhirſch ſchon beim Beginn dieſes Selbſtgeſprächs weiter geeilt. Thibault hatte Satz für Satz mit Gefühl aus⸗ geſprochen und war eben bei dem glücklichen Schluß, den wir mitgetheilt haben, angelangt, als eine derbe, rauhe Stimme ihm zurief: „Holla! Du Lümmel, gib mir Antwort!“ Es war der edle Herr Jean, deſſen Hunde nicht recht im Klaren waren, und der ſich verſichern wollte, ob ſie keine falſche Richtung eingeſchlagen hatten. ——-S wir eilige ſt— hönes u der ankett habe. von anen. vor und r im ) die aben wäh⸗ eſſen onn⸗ ecks, rufft, er in thun beim aus⸗ luß, erbe, nicht llte, 5⁵ „Holla! Du Lümmel,“ ſagte der Wolfsjäger⸗ meiſter,„haſt Du das Thier geſehen?“ Ohne Zweifel mißfiel die Frageweiſe des Barons dem philoſophiſchen Holzſchuhmacher; denn obſchon er recht gut wußte, von was es ſich handelte, ſo fragte er doch: „Was für ein Thier?“ „Zum Henker, den Damhirſch, auf den wir Jagd machen! Er kann höchſtens fünfzig Schritte von da vorübergekommen ſein, und da Du doch weiter nichts thuſt, als Maulaffen feil halten, ſo mußt Du ihn geſehen haben. Es iſt ein Zehnender, nicht wahr? Wohin hat er ſeinen Wechſel genommen? Ci ſo ſprich doch, Schlingel, oder ich laſſe Dir mit dem Steigbügelriemen aufmeſſen.“ „Daß Du die Peſt kriegſt, Du Hurenſohn!“ ſagte der Holzſchuhmacher vor ſich hin. Dann antwortete er laut und mit erkünſtelter Naivetät: „Ja wohl, ich habe ihn geſehen.“ „Ein Männchen, nicht wahr, mit prächtigem Ge⸗ weih? Ein Zehnender?“ „Ach ja wohl, ein Männchen mit prächtigem Geweih; ich hab' es geſehen, wie ich den gnädigen Herrn ſehe. Laufen und ſpringen kann es, daß es eine wahre Luſt iſt, ihm zuzuſehen.“ In einem andern Augenblick würde der Baron Jean über dieſe letzte Bemerkung gelacht haben, aber jetzt hatte er über den Ränken des Thieres das St. Hubertusſieber bekommen. „Höre, Kerl, ſchwatz mir kein dummes Zeug. Wenn Du vielleicht bei guter Laune biſt, ſo bin doch ich es nicht.“ „Ich werde bei derjenigen Laune ſein, die der gnädige Herr befehlen wird.“ „So antworte einmal.“ „Der gnädige Herr hat ja noch Nichts gefragt.“ „Sah der Damhirſch müde aus?“ „Nicht ſonderlich.“ „Woher kam er?“ „Er kam nicht, er ſtand da.“ „Er mußte aber doch irgendwoher kommen.“ „Das iſt allerdings wahrſcheinlich, aber ich habe ihn nicht kommen geſehen.“ „Und wohin iſt er gegangen?“ „Das würde ich Euch gerne ſagen, aber ich habe ihn nicht weggehen geſehen.“ Der edle Herr von Vez warf Thibault einen zor⸗ nigen Blick zu. „Iſt es ſchon lange her, daß der Damhirſch da vorbeikam, Du Schlingel?“ „Noch nicht ſehr lange, gnädiger Herr.“ „Wie lange etwa?“ Thibault that, als ob er in ſeinen Erinnerungen ſuchte. „Es war, glaube ich, vorgeſtern,“ antwortete er zuletzt. Nur konnte der Holzſchuhmacher bei dieſen Wor⸗ ten ein Lächeln nicht verbergen. Dieſes Lächeln entging dem Baron Jean nicht. Er gab ſeinem Pferde die Sporen und kam mit auf⸗ gehobener Peitſche auf Thibault zu. Thibault war flink. Mit einem Sprung befand — doch e der habe habe zor⸗ h da ngen te er Wor⸗ nicht. auf⸗ fand 57 er ſich unter ſeinem Schirmdach, wohin ihm der Wolfsjäger nicht folgen konnte, ſo lang er auf ſeinem Pferd ſitzen blieb. Thibault befand ſich alſo für den Augenblick in Sicherheit.. „Du ſpotteſt und Du lügſt,“ rief der Jäger; „denn zwanzig Schritte von da ſchlägt Marcaſſino, mein beſter Hund, von Neuem an; wenn alſo der Damhirſch da vorbeigekommen iſt, wo Marcaſſino ſteht, ſo muß er über die Hecke geſprungen ſein, und dann mußt Du ihn nothwendig geſehen haben.“ „Bitte um Verzeihung, gnädiger Herr, aber un⸗ ſer Pfarrer ſagt, daß nur der Papſt unfehlbar ſei, und Herr Marcaſſino kann ſich täuſchen.“ „Marcaſſino täuſcht ſich nie, verſtehſt Du mich, Du Lumpenhund? und der beſte Beweis iſt, daß ich von hier aus die Stelle ſehe, die der Damhirſch auf⸗ geſcharrt hat.“ „Gleichwohl, gnädiger Herr, kann ich Euch ver⸗ ſichern und ſogar ſchwören...“ ſagte Thibault, der mit Unruhe bemerkte, wie die ſchwarzen Brauen des Barons ſich zuſammenzogen. „Halts Maul und komm heraus, Du Lümmel!“ rief Herr Jean. Thibault beſann ſich einen Augenblick, aber das Geſicht des Jägers wurde immer drohender; er be⸗ griff, daß ein Ungehorſam ihn noch mehr in Har⸗ niſch jagen würde, und in der Hoffnung, der Wolfs⸗ jäger könnte ihn vielleicht um irgend einen Dienſt anſprechen, beſchloß er, ſein Aſyl zu verlaſſen. Es bekam ihm ſchlecht, denn kaum war er vier Schritte unter dem ſchützenden Dach hervorgetreten, als der edle Herr von Vez ſein Pferd emporriß und ſpornte, ſo daß es mit einer einzigen Flucht neben den Holzſchuhmacher zu ſtehen kam, der im ſelben Augenblick einen wüthenden Hieb mit dem Peitſchen⸗ ſtiel über den Kopf erhielt. Betäubt taumelte er vorwärts, verlor das Gleich⸗ gewicht und würde eben mit dem Geſicht auf die Erde gefallen ſein, wenn nicht der Baron Jean ſei⸗ nen Fuß aus dem Steigbügel gezogen und ihm einen ſo derben Tritt auf die Bruſt verſetzt hätte, daß der arme Teufel nicht blos wieder emporſchnellte, ſondern ſogar eine ganz andere Richtung nahm und rücklings gegen die Thür ſeiner Hütte fiel. „Siehſt Du,“ ſagte der Baron, indem er ihn zuerſt mit dem Peitſchenſtiel und dann mit dem Fuß⸗ tritt bedachte,„das haſt Du für Dein Lügen und das für Dein Spotten.“ Ohne ſich weiter um Thibault zu bekümmern, der alle Viere von ſich ſtreckte, gab Herr Jean jetzt, da er bemerkte, daß ſeine Meute ſich auf Marcaſſino's Gebell wieder geſammelt hatte, ſeinen Hunden ein luſtiges Hornſignal und ritt in kurzem Galopp davon. Thibault ſtand mit großen Schmerzen wieder auf und befühlte ſich von Kopf zu Fuß, um ſich zu über⸗ zeugen, ob er nichts gebrochen habe. „Schon gut,“ ſagte er, nachdem er ein Glied ums andere geſtreichelt hatte,„ich bin noch zufrieden, daß ich weder oben noch unten etwas gebrochen habe. Ha, Herr Baron, ſo gehet Ihr alſo mit den Leuten um, weil Ihr die Baſtardtochter eines Prin⸗ zen geheirathet habt? Aber obſchon Ihr Wolfsjäger⸗ meiſter und ein gewaltiger Nimrod ſeid, ſo ſollt Ihr ß und neben ſelben iſchen⸗ Gleich⸗ uf die m ſei⸗ einen iß der ndern klings r ihn Fuß⸗ n und mern, jetzt, ſino's n ein avon. r auf über⸗ Glied ieden, rochen tt den Prin⸗ jäger⸗ t Ihr 59 doch den Damhirſch nicht eſſen, den Ihr jaget; der Lumpenhund, der Lümmel, der Schlingel von Thi⸗ bault ſoll ihn eſſen. Ja, ja, ich ſchwöre es, daß ich ihn eſſen werde,“ rief der Holzſchuhmacher, indem er ſich immer mehr in ſeinem waghalſigen Entſchluß beſtärkte,„und ich müßte kein Mann ſein, wenn ich dieſen Eid nicht halten ſollte.“ Er ſteckte ſchnell ſeine Hippe in den Gürtel, nahm ſeinen Spieß, horchte auf das Gebell der Hunde, orientirte ſich, und indem er ſelbſt die Saite des Bogens wurde, deſſen Kreis der Damhirſch und die Meute bildeten, ſuchte er, ſo ſchnell als ihn ſeine Beine trugen, ihnen den Rang abzulaufen. Thibault hatte freie Wahl: er konnte dem Dam⸗ hirſch auflauern und ihn mit ſeinem Spieß erlegen, oder er konnte in dem Augenblick, wo das Thier den Hunden erliegen mußte, über daſſelbe herfallen und ſich ſeiner bemächtigen. Der Wunſch, ſich wegen der Brutalität des Ba⸗ rons Jean zu rächen, war bei Thibault nicht ſo überwiegend, daß er nicht während ſeines Eilmar⸗ ſches zugleich an die leckern Mahlzeiten gedacht hätte, die er ſich beinahe einen ganzen Monat lang aus den Schultern, Rückenſtücken und Lenden des Dam⸗ hirſches bereiten konnte, ob er ſie nun gehörig in Eſſig legte, ob er ſie am Spieß oder ſchnittenweiſe in der Pfanne briet. Im Uebrigen zerſchmolzen dieſe beiden Ideen Rache und Eßgier in ſeinem Hirn dermaßen mit ein⸗ ander, daß er, während er aus Leibeskräften ſeinem Ziele zulief, nicht umhin konnte, in ſeinen Bart zu lachen, wenn er ſich die jammervollen Geſichter dachte, welche der Baron und ſeine Leute bei ihrer Heim⸗ kehr von dieſer ſchmählich verunglückten Expedition ſchneiden würden; wie behaglich es dagegen ihm ſelbſt zu Muthe ſein müßte, wenn er ſich bei verſchloſſener Thüre und einem guten Schoppen Wein an einer Keule des Thieres erlabte, wenn eine köſtlich duf⸗ tende, blutige Brühe aus derſelben hervorliefe, wäh⸗ rend er zum dritten oder vierten Mal mit dem Meſſer über ſie käme. Der Damhirſch nahm, ſo weit Thibault es be⸗ urtheilen konnte, ſeine Richtung nach der Ourcabrücke zwiſchen Noroy und Troesne. Zur Zeit, in welche dieſe Ereigniſſe fallen, war eine Brücke, beſtehend aus zwei ſtarken Dielen und einigen Brettern, von einem Ufer zum andern ge⸗ worfen. Da das Ufer ſehr hoch und ſteil war, ſo dachte Thibault, der Damhirſch würde es nicht wagen, den Bach zu durchwaten. Er verbarg ſich deßhalb hinter einem Felſen nahe bei der Brücke und wartete. Bald ſah er, zehn Schritte von dem Felſen, auf einmal den zierlichen Kopf des Damhirſches ſich emporrichten, der ſeine Ohren nach der Windſeite hielt, um das Getöſe zu vernehmen, das ſeine Feinde machten. Freudig erregt über dieſe plötzliche Erſcheinung, erhob ſich Thibault hinter ſeinem Stein, nahm ſeinen Spieß feſt in die Hand und ſchleuderte ihn haſtig nach dem Thiere.. Der Damhirſch machte einen Sprung bis mit⸗ ten auf die Brücke, dann einen zweiten, der ihn bis Heim⸗ edition ſelbſt oſſener einer h duf⸗ wäh⸗ Meſſer es be— lbrücke „ war n und n ge⸗ dachte dagen, nahe , auf 3 ſich dſeite keinde nung, einen haſtig mit⸗ n bis 61 ans andere Ufer brachte, und endlich einen dritten, womit er den Blicken Thibaults entſchwand. Der Spieß war wenigſtens einen Fuß von dem Thier und fünfzehn Schritte von ſeinem Beſitzer hin⸗ weg in den Raſen gefahren. Niemals hatte ſich Thibault eine ſolche Unge⸗ ſchicklichkeit zu Schulden kommen laſſen, Thibault, der ſicherſte Werfer unter allen franzöſiſchen Hand⸗ werksburſchen. Er war auch ganz wüthend über ſich ſelbſt, raffte ſeine Waffe auf und ſprang ebenſo ſchnell als der Damhirſch über die Brücke, welche das Thier paſ⸗ ſirt hatte. Thibault kannte die Gegend ſo gut wie der Dam⸗ hirſch ſelbſt. Er lief ihm alſo weitaus den Rang ab und ſtellte ſich hinter einer Buche auf der Mitte des Abhangs, nicht ſehr weit von einem kleinen Fußſteig, auf die Lauer. Diesmal kam der Damhirſch ſo nahe an Thi⸗ bault vorbei, daß dieſer ſich fragte, ob er ihn nicht liaber mit ſeinem Spieß todtſchlagen als todtwerfen ſolle. Dieſer Augenblick der Unſchlüſſigkeit dauerte nicht länger als ein Blitz; aber der Blitz ſelbſt iſt nicht ſchneller, als das Thier war, denn es befand ſich bereits zwanzig Schritte von Thibault weg, als die⸗ ſer ſeinen Spieß nach ihm ſchleuderte, ohne jedoch das zweite Mal glücklicher zu ſein als das erſte. Inzwiſchen hörte er das Hundegebell immer näher kommen, und er ſah wohl ein, daß es ihm in einigen Minuten unmöglich wurde, ſeinen Plan auszuführen. Aber man muß es ſeiner Beharrlichkeit nachrüh⸗ 62 men, daß ſein Wunjch, ſich des Damhirſches zu be⸗ mächtigen, immer heftiger wurde, je ſchwieriger ſich das Unternehmen geſtaltete. „Und doch muß ich ihn bekommen,“ rief er;„und wenn es einen guten Gott für die armen Leute gibt, ſo muß ich mich an dieſem elenden Baron rächen, der mich wie einen Hund geſchlagen hat, während ich doch ſo gut ein Menſch bin als er und ihm dies jeden Augenblick beweiſen will.“ Thibault raffte ſeinen Spieß auf und lief von Neuem weiter. Aber der liebe Gott, den er ſo eben angeruſen, mußte ihn nicht gehört haben, oder wollte er ihn zur Verzweiflung treiben, denn ſein dritter Verſuch fiel ebenſo unglücklich aus wie die beiden erſten. „Kreuz Donnerwetter!“ rief Thibault,„der liebe Gott muß heute ganz taub ſein. Nun wohl, ſo mag denn der Teufel ſeine Ohren aufthun und mich er⸗ hören. In Gottes oder des Teufels Namen will und muß ich Dich haben, verwünſchtes Thier!“ Thibault hatte dieſe doppelte Gottesläſterung noch nicht vollendet, als der Damhirſch umkehrte, zum vierten Mal an ihm vorbeirannte und im Gebüſche verſchwand. Dieſes letzte Vorüberkommen ging ſo ſchnell und ſo unerwartet vor ſich, daß Thibault nicht einmal Zeit hatte, ſeinen Spieß aufzuheben. In dieſem Augenblick kam ihm das Hundegebell ſo nahe, daß er es für unklug gehalten hätte, die Verfolgung fortzuſetzen. Er ſchaute um ſich, und als er eine dichtbelaubte Eiche erblickte, warf er ſeinen Spieß in ein Gebüſch, kle ne zu be⸗ ger ſich ;„und te gibt, rächen, end ich i dies ef von erufen, hn zur ich fiel er liebe ſo mag ich er⸗ n will 2 g noch zum büſche Ul und inmal gebell e, die aubte büſch, 63 kletterte auf den Baum und verſteckte ſich hinter ſei⸗ nem Laubwerk. Er dachte mit Recht, daß, nachdem der Damhirſch ſeine Flucht von Neuem begonnen hatte, die Jagd und die Jäger nur eilends an ihm vorüberkommen und dann die Fährte des Thieres weiter verfolgen würden. Die Hunde hatten trotz aller Ränke und Wechſel des Damhirſches ſeine Spur nicht verloren. Thibault ſtand noch keine fünf Minuten hinter ſeinem Baum, als er zuerſt die Hunde, dann den Ba⸗ ron Jean, der ſich trotz ſeiner fünfundfünfzig Jahre an der Spitze des Jagdzuges behauptete, wie wenn er erſt zwanzig gezählt hätte, ankommen ſah. Nur war der edle Herr Jean in einer Wuth, an deren Schilderung wir uns nicht verſuchen wollen. Vier Stunden mit einem elenden Damhirſch ver⸗ lieren und ihn immer noch nicht erwiſchen! So Etwas war ihm ſeiner Lebtage noch nie zu⸗ geſtoßen. Er ſchimpfte ſeine Leute aus, er peitſchte ſeine Hunde, und ſein Pferd hatte er dermaßen mit den Sporen bearbeitet, daß das aus ſeinem Bauch flie⸗ ßende Blut dem dicken Koth, der auf ſeinen Gama⸗ ſchen lag, eine röthliche Färbung gab. Als jedoch die Jagd auf der Ourcabrücke ankam, war dem Baron wenigſtens eine kurze Genugthuung zu Theil geworden: die Meute hatte mit ſolcher Verſtändnißinnigkeit die Fährte aufgenommen, daß der Baron alle ſeine Hunde zuſammen mit ſeinem Mantel hätte bedecken können, als ſie über die Brücke ſprangen. 64 In dieſem Augenblick war Herr Jean ſo ver⸗ gnügt, daß er nicht bloß ein luſtiges Liedchen tril⸗ lerte, ſondern auch ſein Jagdhorn herabnahm und aus vollem Hals zu blaſen anfing, was er nur bei außerordentlichen Veranlaſſungen that. Aber unglücklicher Weiſe ſollte die Freude des Herrn Jean nicht lange währen. Juſt unter dem Baum, auf welchen Thibault hinaufgeklettert war, in demſelben Augenblicke, wo die Hunde alle zuſammen lauter anſchlugen und ein Concert veranſtalteten, das die Ohren des Barons immer mehr kitzelte, wurde die ganze Meute auf einmal wieder lautlos, und Alles ſchwieg wie behert. Jetzt ſtieg Markotte auf Befehl ſeines Herrn vom Pferd und ſuchte der Sache auf den Grund zu kommen. Die Hundejungen ſchloßen ſich ihm an und un⸗ terſtützten ihn in ſeinen Nachforſchungen. Man fand Nichts. Aber Engoulevent, dem Alles daran lag, daß das von ihm ſelbſt aufgetriebene Thier wieder in den Wurf kam, Engoulevent machte ſich jetzt eben⸗ falls daran, zu ſuchen. Alles ſuchte und ſchrie, um die Hunde anzufeuern, als man die Stimme des Barons donnergleich alle andern übertönen hörte. „Tauſend Teufel!“ heulte er,„ſind die Hunde denn in ein Loch gefallen, Markotte?“ „Nein, gnädiger Herr, ſie ſind da, aber ſie kön⸗ nen nimmer ſchreien.“ „Nimmer ſchreien?“ rief der Baron. 65 „Ich begreife es ſelbſt nicht, gnädiger Herr, aber es iſt ſo.“ „Nimmer ſchreien!“ wiederholte der Baron;„nim⸗ mer ſchreien, hier im Wald, mitten im Wald, wo das Thier weder in einem Bach wechſeln, noch auf einen Felſen klettern konnte. Du biſt ein Narr, Markotte!“ „Ich ein Narr, gnädiger Herr?“ „Ja, Du ein Narr, ſo gewiß als Deine Hunde Schindmähren ſind.“ Markotte ertrug die Schimpfreden, womit der Baron in den kritiſchen Augenblicken der Jagd ſeine ganze Umgebung ſo verſchwenderiſch zu bedenken pflegte, gewöhnlich mit einer wahrhaft bewunderns⸗ würdigen Geduld; daß man aber ſeine Hunde Schind⸗ mähren nennen konnte, das brachte ihn aus ſeiner gewöhnlichen Langmuth. Er richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf und ſagte heftig: „Wie ſo, gnädiger Herr? Meine Hunde Schind⸗ mähren? Hunde, die nach einer ſo wüthenden Hetz⸗ jagd, daß Euer beſtes Pferd davon crepirt iſt, einen alten Wolf zu Schanden geriſſen haben? Meine Hunde Schindmähren?“ „Ja, Markotte, ich ſag's noch einmal, Deine Hunde ſind Schindmähren. Nur Schindmähren kön⸗ nen von einer lumpigen Jagd von ein paar Stun⸗ den, von einer Jagd auf einen elenden Damhirſch ſo lendenlahm werden.“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte Markotte mit einer zugleich würdevollen und ſchmerzlichen Erregung, „gnädiger Herr, ſchiebet alle Schuld auf mich, nennt mich einen Dummkopf, ein Vieh, einen Lümmel, einen Tölpel, einen Schöps; beſchimpfet mich in meiner Dumas, der Wolſsführer. I. 5 66 Perſon, in der Perſon meiner Frau, in der Perſon meiner Kinder, das iſt mir Alles gleich; aber belei⸗ digt mich nicht in meinen Verrichtungen als Ober⸗ rüdenknecht, beſchimpfet Eure Hunde nicht, ich bitte Euch darum bei allen Dienſten, die ich Euch je ge⸗ leiſtet habe.“ „Aber wie erklärſt Du ihr Schweigen? Sag mir nur das. Wie erklärſt Du es? Ich will Dich ja ganz gerne anhören. Sprich nur.“ „Wie die Hunde die Spur verlieren konnten, das kann ich mir ſo wenig erklären, als Ihr ſelbſt, gnädiger Herr; dieſer verwünſchte Damhirſch muß in die Wolken hinaufgeflogen oder in den Tiefen der Erde verſchwunden ſein.“ „Dummes Zeug!“ ſagte der Baron Jean,„als ob ein Damhirſch wie ein Kaninchen ſich in die Erde eingraben oder wie ein Auerhahn auffliegen könnte!“ „Gnädiger Herr, das alles iſt recht ſchön geſagt. Aber wahr und gewiß iſt, daß hier Zauberei dahin⸗ ter ſtect. So gewiß es in dieſem Augenblick Tag iſt, ſo gewiß haben meine Hunde ganz plötzlich und auf einmal alle Luſt und Liebe verloren. Fragt nur unſere Leute, die mit mir bei ihnen waren. Sie ſchnüffeln jetzt nicht einmal mehr. Da liegen ſie auf dem platten Bauch, wie Hirſche in der Ruhe. Kann das mit natürlichen Dingen zugehen?“ „Peitſche ſie tüchtig durch!“ rief der Baron; „peitſche ſie durch, daß die Haare davon fliegen; es gibt kein beſſeres Mittel, um den böſen Geiſt zu bannen.“ Der Baron Jean wollte eben hinzureiten, um die Teufelsbeſchwörungen, die Markotte auf ſeinen um einen 67 Befehl an den armen Thieren vornahm, durch einige Peitſchenhiebe zu fördern, als Engoulevent mit dem Hut in der Hand herkam und ſchüchtern das Pferd des Barons zurückhielt. „Gnädiger Herr,“ ſagte der Hundejunge,„ich glaube auf dieſem Baum da einen Kukuk entdeckt zu haben, der uns vielleicht nähere Aufſchlüſſe über Alles ertheilen könnte, was uns heute widerfahren iſt.“ „Was zum Teufel ſchwatzſt Du da von einem Kukuk, Du Affengeſicht?“ ſagte der Baron Jean. „Wart, Schlingel, ich werde Dich lehren, wie man ſeinen Herrn foppt.“ Und der Baron erhob ſeine Peitſche. Aber mit dem Stoicismus eines Lycurg hob En⸗ goulevent ſeinen Arm als Schild über ſeinen Kopf und fuhr fort: „Schlagt zu, wenn Ihr wollt, gnädiger Herr, aber dann ſchaut einmal dieſen Baum an, und wenn Ew. Gnaden den Vogel geſehen haben wird, der da oben ſitzt, ſo werdet Ihr mir eine Piſtole geben und keinen Hieb.“ Und der wackere Burſche deutete mit dem Finger auf die Eiche, wo Thibault eine Zuflucht geſucht hatte, als er die Jäger kommen hörte. Er war von Aſt zu Aſt bis an den Gipfel hin⸗ auf geklettert. Herr Jean hielt ſich die Hand über die Augen und bemerkte Thibault. „Sonderbar!“ ſagte er.„Im Wald von Vil⸗ lers⸗Coterets graben ſich die Damhirſche ein wie die Füchſe, und die Menſchen ſitzen auf den Bäumen wie die Raben. Im Uebrigen,“ fuhr der wuͤrdige 68 Herr fort,„werden wir jetzt bald erfahren, an was wir uns zu halten haben.“ Dann hielt er ſeine Hand wie ein Rohr vor den Mund und rief hinauf: „He, guter Freund, könnte man Dich nicht viel⸗ leicht auf ein paar Minuten ſprechen?“ Aber Thibault blieb mäuschenſtill. „Gnädiger Herr,“ ſagte Engoulevent,„wenn Ihr vielleicht wünſchet...“ Und er machte ein Zeichen, daß er hinaufklettern wolle. „Nein, nein,“ ſagte der Baron. Und er begleitete dieſe Worte mit einer abweh⸗ renden Handbewegung. „He guter Freund,“ rief der Baron, der Thi⸗ bault noch immer nicht erkannte,„wirſt Du mir ge⸗ fälligſt antworten oder nicht?“ Er machte eine kleine Pauſe. „Ah, Du willſt alſo nicht, wie es ſcheint; Du ſtellſt Dich taub; wart ein wenig, ich will mein Sprachrohr holen.“ Und er ſtreckte ſeine Hand gegen Markotte aus, der die Abſicht ſeines Herrn bereits errathen hatte und ihm ſeinen Carabiner hinhielt. Der Baron legte auf Thibault an. Um die Jäger zu täuſchen, ſtellte ſich dieſer, als ob er dürres Holz bräche, und betrieb dieſes ſchein⸗ bare Geſchäft mit ſolchem Eifer, daß er die Geberde des Herrn Jean nicht ſah oder ſie jedenfalls für eine bloße Drohung hielt und ihr die verdiente Wich⸗ tigkeit nicht beilegte. Der Wolfsjäger wartete noch einige Zeit auf die was den viel⸗ venn ttern weh⸗ Thi⸗ ge⸗ Du nein aus, datte aron als ein⸗ erde für ich⸗ die 69 verlangte Antwort; als ſie aber nicht erfolgte, da ließ er knallen, und man hörte das Knacken eines Aſtes. Der knackende Aſt war derſelbe, auf welchem Thibault ſaß. Der feine Schütze hatte ihn zwiſchen dem Baum⸗ ſtamm und dem Fuß des Holzſchuhmachers zerbrochen. Seines Stützpunktes beraubt, rollte Thibault von Aſt zu Aſt hinab. Glücklicher Weiſe war der Baum dicht belaubt und ſeine Aeſte ſtark; dadurch wurde die Schnellig⸗ keit des Falles gebrochen, und Thibault kam in ſei⸗ nem ricochettartigen Sturz zuletzt auf dem Boden an, ohne anderen Schaden genommen zu haben, als ſeine große Angſt und einige unbedeutende Quetſchun⸗ gen an demjenigen Theil ſeines Körpers, der zuerſt die Erde berührt hatte. „Bei den Hörnern des Herrn Beelzebub!“ rief der Baron Jean entzückt über ſeine eigene Geſchick⸗ lichkeit,„das iſt ja mein Spottvogel von heute früh. So, ſo, Du Schlingel, Du biſt alſo mit der kurzen Unterhaltung, die Du bereits mit meiner Peitſche gepflogen, nicht zufrieden, und willſt ſie deßhalb beim alten Trum wieder aufnehmen?“ „Was das betrifft, ſo kann ich das Gegentheil beſchwören,“ antwortete Thibault im Ton vollkom⸗ menſter Aufrichtigkeit. „uUm ſo beſſer für Deine Haut, Burſche! Und jetzt ſag' mir einmal, was machteſt Du da oben auf der Eiche?“ „Gnädiger Herr,“ antwortete Thibault, indem er auf einige kurze und krumme Reiſer zeigte, die 70 da und dort herumlagen,„da ſeht, daß ich bloß dür⸗ res Holz zu meiner Feuerung abgebrochen habe.“ „Ganz recht, Burſche. Aber jetzt wirſt Du uns wohl ohne lange Flauſen berichten, was aus unſerem Damhirſch geworden iſt.“ „Ja, beim Teufel, er muß es wiſſen, denn er ſaß hoch genug, um alle ſeine Bewegungen beobach⸗ ten zu können,“ ſagte Markotte. „Gnädiger Herr,“ antwortete Thibault,„ich ſchwöre Euch, daß ich gar nicht weiß, was Ihr mit dieſem verwünſchten Damhirſch ſagen wollt.“ „Ei ſo wollt' ich doch!“ rief Markotte, hochver⸗ gnügt, die üble Laune ſeines Herrn auf einen An⸗ dern ableiten zu können;„er hat ihn nicht geſehen, er hat das Thier nicht geſehen, er weiß gar nicht, was wir mit unſerem verwünſchten Damhirſch ſagen wollen! Seht, gnädiger Herr, ſeht, an dieſen Blät⸗ tern hier erkennt man noch die Spitze des Thieres; dies iſt der Platz, wo die Hunde ſtehen geblieben ſind, und trotz dieſer ſchönen Fährte können wir doch auf zehn, auf zwanzig, ja auf hundert Schritte keine Spur von dem Thiere mehr finden.“ „Hörſt Du?“ verſetzte Herr Jean, indem er an die Rede ſeines Oberrüdenknechts anknüpfte,„Du warſt da oben, der Damhirſch war zu Deinen Füßen. Zum Teufel, er muß im Vorbeikommen doch mehr Lärm gemacht haben als eine Maus, und es iſt rein unmöglich, daß Du ihn nicht bemerkt haben ſollteſt.“ „Er hat das Thier getödtet und in irgend einem Gebüſch verſteckt,“ ſagte Markotte;„das iſt ſo klar wie das liebe Tageslicht.“ „Ach, gnädiger Herr,“ rief Thibault, der am dür⸗ 2 uns erem eine an „‚Du ßen. nehr rein iſt 1 nem klar am allerbeſten wußte, wie grundlos dieſe Beſchuldigung des Oberrüdenknechts war,„gnädiger Herr, bei allen Heiligen im Paradies! Ich ſchwöre Euch, daß ich Euern Damhirſch nicht getödtet habe, ich ſchwöre es Euch beim Heil meiner armen Seele, und ich will auf der Stelle ſterben, wenn ich ihn nur im min⸗ deſten geritzt habe. Auch hätte ich ihn ja nicht tödten können, ohne ihm irgend eine Wunde beizubringen, und aus dieſer Wunde hätte Blut fließen müſſen. Suchet ſelbſt, Herr Oberrüdenknecht, und Ihr werdet keine Blutſpur finden. Und mit was denn, lieber Gott! Wo iſt denn meine Waffe? Gott ſei Dank, ich habe keine andere Waffe als meine Hippe. Da ſeht ſelbſt, gnädiger Herr.“ Unglücklicher Weiſe hatte Thibault kaum ausge⸗ redet, als Meiſter Engoulevent, der ſeit einigen Augenblicken rings um den Baum herum geſtreift hatte, wieder zum Vorſchein kam, und zwar mit dem Spieß in der Hand, welchen Thibault in ein Ge⸗ büſch geworfen hatte, bevor er auf die Eiche geklet⸗ tert war. Er bot die Waffe dem Herrn Jean hin. Engoulevent war offenbar der böſe Engel Thi⸗ baults. III. Agnelette. 1 Herr Jean nahm die Waffe aus Engoulevents Händen und betrachtete den Spieß lange von der Spitze bis zum Stiel, ohne ein Wort zu ſagen. 72 Dann zeigte er dem Holzſchuhmacher einen klei⸗ nen Holzſchuh, der in den Griff eingeſchnitten war und die Beſtimmung hatte, daß Thibault ſein Eigen⸗ thum daran erkennen ſollte. Dieſer Holzſchuh war ſein Zeichen als Hand⸗ werksgeſell.— „Ha, ha, Schlingel,“ ſagte der Wolfsjägermeiſter, „ſieh, dieſes Ding da zeugt furchtbar gegen Dich. Weißt Du auch, daß dieſer Spieß verdammt nach Wild ſchmeckt? Ich habe Dir alſo bloß noch Fol⸗ gendes zu ſagen: Du haſt gewildert, und das iſt ein grobes Verbrechen; Du haſt einen Meineid geſchwo⸗ ren, und das iſt eine grobe Sünde; deßhalb wollen wir Dich jetzt zum Heil Deiner Seele, bei welchem Du geſchworen haſt, für alles das büßen laſſen.“ Darauf wandte er ſich gegen den Oberrüden⸗ knecht zurück und ſprach: „Markotte, nimm zwei Koppeln und binde mir dieſen Geſellen da, nachdem Du ihm Wamms und Hemd ausgezogen, an einen Baum; dann miß ihm mit Deinem Schultergehänge ſechsunddreißig Hiebe auf, ein Dutzend für den Meineid und zwei Dutzend für das Wildern; doch nein, damit ich's recht ſage, im Gegentheil ein Dutzend für das Wildern und zwei Dutzend für den Meineid; wir müſſen dem lie⸗ ben Gott den Vorrang laſſen.“ Dieſer Befehl war ein freudiges Ereigniß für das Bedientenpack, das laut aufjubelte, einen armen Sünder zu haben, an dem es ſeinen Aerger über das heutige Mißgeſchick auslaſſen konnte. Vergebens betheuerte und ſchwor Thibault bei allen Heiligen im Kalender, daß er weder einen 73 Hirſch noch eine Hirſchkuh, weder einen Bock noch eine Geiß getödtet habe; man zog ihm ſein Wamms aus und band ihn feſt an einen Baumſtamm. Sodann begann die Execution. Der Rüdenknecht ſchlug ſo derb darauf, daß der arme Sünder, obſchon er im Stillen geſchworen hatte, nicht zu klagen, und obſchon er auf ſeine Lippen biß, um dieſen Schwur halten zu können, ſchon beim dritten Schlag ſeinen Mund öffnete und einen Schrei ausſtieß. Herr Jean war, wie man bereits erſehen konnte, vielleicht der brutalſte Herr auf zehn Meilen in der Runde, aber dennoch nicht hartherzig; das immer ſtärker werdende Jammergeſchrei des Mißhandelten war ihm peinlich. Da jedoch die Wilderei in den Forſten Sr. Ho⸗ heit mit jedem Tag frecher wurde, ſo war er ent⸗ ſchloſſen, das Urtheil vollſtrecken zu laſſen. Nur beſchloß er ſich vom Schauplatz zu entfernen und drehte ſein Pferd, um wegzureiten. Im Augenblick, wo er dieſes Manöver ausführte, warf ſich ein junges Mädchen, das aus dem Schlag hervortrat, vor ſeinem Pferd auf die Kniee und ſchlug ihre großen ſchönen Augen thränenfeucht zu Herrn Jean auf. „Gnädiger Herr,“ ſagte ſie,„um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen, Gnade für dieſen Mann!“ Herr Jean ſenkte ſeine Augen auf das junge Mädchen. Es war in Wahrheit ein allerliebſtes Kind; kaum ſechzehn Jahre alt, zart und ſchlank gebaut, ein Ge⸗ ſichtchen wie Milch und Blut, große blaue Augen 74 voll Sanftmuth und Zärtlichkeit, und ein ſo üppiges blondes Haar, daß es trotz der ſchlechten ſchwarzen Leinwandhaube, die ihren Kopf bedeckte, von allen Seiten herabwallte. Obſchon das Coſtüm der ſchönen Bittſtellerin im höchſten Grad beſcheiden war und aus ganz einfachem Linnen beſtand, ſo bemerkte doch Herr Jean alles das, und da er hübſchen Geſichtern keineswegs ab⸗ hold war, ſo beantwortete er den beredten Blick der reizenden Bauerndirne mit einem Lächeln. Da er ſie aber bloß anſah, ohne ihr laut zu antworten, und da die Prügelei inzwiſchen ihren Fortgang nahm, ſo fuhr ſie mit noch flehentlicheren Geberden fort: „Gnade, um's Himmels willen, geſtrenger Herr! Sagt Euern Leuten, daß ſie dieſen armen Mann gehen laſſen, denn ſein Geſchrei zerreißt mir das Herz.“ „Tauſend Karrenvoll grüne Teufel!“ antwortete der Wolfsjäger;„Du intereſſirſt Dich alſo für die⸗ ſen Kerl, mein ſchönes Kind? Iſt er denn Dein Bruder?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Dein Vetter?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Dein Geliebter?“ „Mein Geliebter? Ew. Gnaden belieben zu ſcherzen.“ „Warum denn nicht? In dieſem Fall, mein ſchönes Kind, geſtehe ich, daß ich ihn beneiden würde.“ Das Mädchen ſchlug die Augen nieder. zu nein den 75 „Ich kenne ihn nicht, gnädiger Herr, und ich ſehe ihn heute zum erſten Mal.“ „Und zwar nur von hinten,“ erfrechte ſich En⸗ goulevent hinzuzuſetzen, der den Augenblick zu einem ſchlechten Spaß gekommen glaubte. „Halt's Maul, Burſche!“ ſchnauzte der Baron ihn an. Dann wandte er ſich lächelnd gegen das ſchöne Mädchen zurück und ſagte: „Nun wahrhaftig, wenn er weder Dein Ver⸗ wandter noch Dein Geliebter iſt, ſo bin ich doch be⸗ gierig, wie weit Du Deine Menſchenliebe treibſt. Laß uns einen Handel ſchließen, ſchönes Kind.“ „Welchen, gnädiger Herr?“ „Ich begnadige den Lümmel, wenn Du mir einen Kuß gibſt.“ „O von Herzen gern!“ rief das junge Mädchen. „Ein Menſchenleben mit einem Kuß erkaufen! Ich bin überzeugt, daß der Herr Pfarrer ſelbſt dies für keine Sünde erklären wird.“ Und ohne abzuwarten, bis Herr Jean ſich herab⸗ bückte, um ſelbſt zu nehmen, was er begehrte, ſchleu⸗ derte ſie ihren Holzſchuh von ſich, ſtemmte ihr zier⸗ liches Füßchen auf den Stiefel des Wolfsjägers, nahm die Mähne ſeines Pferdes in die Hand, ſchnellte ſich mit einer Kraftanſtrengung bis in die Höhe vom Geſicht des rauhen Jägers empor und bot ſeinen Lippen von ſelbſt ihre runden, friſchen Wangen, ſo ſammtzart wie der Flaum einer Auguſtpfirſiche, zum Kuſſe dar. Herr Jean war für einen Kuß handelseins ge⸗ worden, nahm aber zwei; ſodann gab er, um ſeinen 76 Schwur treu zu halten, Markotte ein Zeichen, daß er die Execution einſtellen ſolle. Markotte zählte die Schläge gewiſſenhaft; der zwölfte ſchwebte in der Luft, als er den Befehl be⸗ kam innezuhalten. Markotte glaubte ihn nicht zurückhalten zu müſ⸗ ſen; vielleicht mochte es ihm ſogar angemeſſen er⸗ ſcheinen, ihm den Werth von zwei gewöhnlichen Schlä⸗ gen zu verleihen, um gutes Maß und den dreizehnten obendrein zu geben; jedenfalls iſt ſo viel gewiß, daß der letzte Hieb die Schultern Thibaults noch ärger zerfetzte als die andern. Es iſt wahr, daß man ihn unmittelbar darauf losband. Während dieſer Zeit plauderte Baron Jean mit dem jungen Mädchen. „Wie heißeſt Du denn, meine holde Dirne?“ „Georgine Agnelet, gnädiger Herr, meiner Mut⸗ ter nach; aber die Leute in der Gegend nennen mich bloß Agnelette.“ „Ei zum Teufel! Agnelette, Lämmlein, das iſt ein ſchlimmer Name, mein Kind,“ ſagte der Baron. „Warum, gnädiger Herr?“ fragte das Mädchen. „Weil er Dich dem Wolf verſpricht, meine Holde. Und woher biſt Du denn, Agnelette?“ „Aus Preciamont, gnädiger Herr.“ „Und Du kommſt ſo ganz allein in den Wald, mein Kind? Das iſt ſehr keck für ein Lämmlein.“ „Ich muß wohl, gnädiger Herr. Wir haben drei Ziegen, von denen wir leben, nämlich meine Großmutter und ich.“ ſ — —2& S=o x S 77 „Dann gehſt Du alſo Deiner Ziegen wegen in’'s Gras?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Und Du haſt keine Angſt, ſo ganz allein, ein ſo ſchönes junges Mädchen?“ „Manchmal kommt mich allerdings ein Zittern an, gnädiger Herr.“ „Und warum zitterſt Du?“ „Seht, gnädiger Herr, man erzählt an den Win⸗ terabenden ſo viele Geſchichten von Währwölfen, daß mich, wenn ich mich ganz allein mitten unter den Bäumen ſehe, und wenn ich gar Nichts höre, als den Weſtwind, der ſauſend durch die Aeſte fährt, ein kalter Schauder überläuft und mir die Haare zu Berg ſtehen. Wenn ich dann Euer Jagdhorn und das Gebell Eurer Hunde höre, ſo bin ich ſogleich wieder beruhigt.“ Dieſe Antwort gefiel dem Baron Jean unge⸗ nhei er ſtrich wohlgefällig ſeinen Bart und ver⸗ etzte: „Es iſt wahr, daß wir den Herren Wölfen ziem⸗ lich ſcharf zu Leibe gehen; aber beim Blute Gottes, mein ſchönes Kind, es gibt ein Mittel, das Dich für die Zukunft aller ſolchen Beängſtigungen überhebt. Komm in's Schloß Vez, da iſt noch nie ein Währ⸗ oder ſonſtiger Wolf anders als an einem Strick und einer Stange über den Graben und zum Schlupfthor hinein gekommen.“ Agnelette ſchüttelte den Kopf. „Du willſt nicht? Und warum weigerſt Du Dich?“ „Weil ich dort noch ſchlimmere Dinge finden würde als den Wolf.“ Ueber dieſe Antwort ſchlug Baron Jean ein luſtiges Gelächter auf, und die ganze Jägerbande machte, als ſie ihren Herrn lachen ſah, Chorus. In der That hatte Agnelette's Erſcheinung dem edlen Herrn von Vez ſeine ganze gute Laune wieder gegeben, und vielleicht würde er noch lange gelacht und mit ihr geplaudert haben, wenn nicht Markotte, der zum Rückzug geblaſen und die Hunde angekop⸗ pelt, den geſtrengen Herrn ehrerbietigſt erinnert hätte, daß ihnen noch ein langer Ritt bis in's Schloß be⸗ vorſtand. Herr Jean machte dem jungen Mädchen ein freundlich drohendes Zeichen mit dem Finger und zog mit ſeinem Gefolge ab. Agnelette blieb allein bei Thibault zurück. Wir haben erzählt, was Agnelette für Thibault gethan hatte, und wie hübſch ſie war. Gleichwohl war Thibaults erſter Gedanke, als er ſich mit dem Mädchen allein ſah, nicht voll Liebe auf ſeine Retterin, ſondern vielmehr voll Haß und Rachedurſt auf ſeine Quäler gerichtet. Wie man ſieht, wandelte Thibault ſeit dem Mor⸗ gen offen auf der Bahn der Sünde. „Ha, verwünſchter Edelmann!“ rief er, ſeine Fauſt gegen die eben verſchwindende Jagd ballend, „wenn mich der Teufel diesmal erhört, ſo bezahle ich Dir Alles, was Du mir heute gethan haſt, mit Wucher heim. Wart' nur, Kerl!“ „Ei wie möget Ihr Euch ſo verſündigen!“ ſagte Agnelette, indem ſie ihm näher trat.„Der Baron Jean iſt ein guter Herr, ſehr mildthätig gegen die armen Leute und immer höflich gegen die Frauen⸗ zimmer.“ 79 „Am Ende bin ich ihm wohl gar noch Dank ſchuldig für die Prügel, die er mir aufmeſſen ließ?“ „Seid aufrichtig, Gevatter,“ ſagte das junge Mädchen lachend;„geſtehet nur, daß Ihr dieſe Prü⸗ gel nicht ſo ganz unverdient bekontmen habt.“ „Ha ha!“ machte Thibault,„es ſcheint, daß der Kuß des Herrn Jean Euch ganz den Kopf verrückt hat, ſchöne Agnelette?“ 4 „Ich hätte nie geglaubt, daß Ihr mir dieſen Kuß zum Vorwurf machen würdet; aber ich bleibe bei meiner Behauptung: Herr Jean war in ſeinem Recht.“ „Indem er mich halb todtprügeln ließ?“ „Ei warum jaget Ihr auf den Beſitzungen der vornehmen Herrn?“ „Iſt das Wild nicht für Jedermann da, für die Bauern ſo gut als für die vornehmen Herrn?“ „Nein, denn das Wild lebt in den Wäldern der vornehmen Herrn, es frißt ihr Gras, und Ihr habt kein Recht, Euern Spieß nach einem Damhirſch des Herrn Herzogs von Orleans zu werfen.“ „Wer hat Euch denn geſagt, daß ich meinen Spieß nach ſeinem Damhirſch geworfen habe?“ antwortete Thibault, indem er mit beinahe drohender Geberde auf Agnelette zutrat. „Wer mir's geſagt hat? Meine Augen haben mir's geſagt, und ich verſichere Euch, daß die nicht lügen. Ja ich habe Euch Euern Spieß werfen ſehen; Ihr ſtandet dort und hattet Euch hinter dieſer Buche verſteckt.“ 80 Die Sicherheit, womit das Mädchen ihn ſeiner Lüge überwies, beſänftigte Thibaults Zorn ſogleich. „Ci was wäre es auch geweſen,“ ſagte er,„wenn ein armer Teufel ſich einmal mit dem Ueberfluß eines vornehmen Herrn gütlich gethan hätte? Jungfer Agnelette, denket Ihr vielleicht auch wie die Richter, daß ein Menſch um eines elenden Haſen willen den Galgen verdiene? Glaubet Ihr, daß der liebe Gott dieſen Damhirſch eher für den Baron Jean erſchaf⸗ fen habe, als für mich?“ „Der liebe Gott, Herr Thibault, hat uns geſagt, daß wir uns nach den Gütern unſeres Nächſten nicht gelüſten laſſen ſollen; befolget die Gebote des lieben Gottes, ſo wird es Euch wohl ergehen.“ „Ei wie, Ihr kennt mich alſo, ſchöne Agnelette, da Ihr mich ſo mir Nichts Dir Nichts bei meinem Namen nennet?“ „Natürlich. Ich erinnere mich noch gut, wie ich Euch einmal bei der Kirchweihe von Bourſonne ge⸗ ſehen habe; Ihr galtet für den ſchönſten Tänzer, und Alles ſchaarte ſich um Euch.“ Dieſes Compliment entwaffnete Thibault vollends ganz. „Ja, ja,“ ſagte er,„ich erinnere mich jetzt auch, daß ich Euch geſehen habe. Ei wahrhaftig, wir haben ja damals mit einander getanzt, nur waret Ihr damals noch nicht ſo groß wie jetzt; deßhalb er⸗ kannte ich Euch nicht gleich wieder, aber jetzt erkenne ich Euch ganz gut. Ja, Ihr truget einen roſarothen Rock und ein weißes Mieder; wir haben den Milch⸗ tanz mit einander getanzt. Ich wollte Euch küſſen, aber Ihr wolltet es nicht leiden und ſagtet, daß man nS SS α 0 ke 81 blos ſeine Nachbarin küſſen dürfe, aber nicht ſeine Tänzerin.“ „Ei, Ihr habt ein gutes Gedächtniß, Herr Thibault.“ „Wißt Ihr auch, Agnelette, daß Ihr in dieſem Jahr— denn es iſt jetzt gerade ein Jahr her— nicht blos viel größer, ſondern auch noch weit ſchö⸗ ner geworden ſeid? Ja, ja, Ihr verſteht es, zwei Dinge auf einmal fertig zu bringen.“ Das Mädchen ſchlug erröthend die Augen nieder. Ihre Röthe und ihre Verlegenheit gaben ihrem Geſicht erhöhten Reiz. Thibault betrachtete ſie jetzt aufmerkſamer denn je. „Habt Ihr einen Geliebten, Agnelette?“ fragte er das Mädchen in einem Ton, der eine gewiſſe Bewegung verrieth. „Nein, Herr Thibault,“ antwortete ſie;„ich habe keinen, und ich kann und will auch keinen haben.“ „Warum das? Iſt denn die Liebe etwas ſo Schlimmes, daß Ihr Angſt davor habt?“ „Nein, aber ein Geliebter iſt es nicht, was ich brauche.“ „Was brauchet Ihr denn?“ „Einen Mann.“ Thibault machte eine Bewegung, welche Agnelette entweder nicht ſah oder wenigſtens nicht zu ſehen ſich den Anſchein gab. „Ja,“ wiederholte ſie,„einen Mann. Die Groß⸗ mutter iſt alt und krank, und ein Geliebter würde mich nur zerſtreuen, ſo daß ich ſie nicht recht ver⸗ pflegen könnte; ein Mann dagegen, wenn ich einen braven Burſchen finde, der mich heirathen will, ein Dumas, der Wolfsführer. I. 6 82 Mann wird mir helfen, ſie in ihrem hohen Alter zu unterſtützen; er wird die Aufgabe, die mir der liebe Gott auferlegt hat, ihre letzten Tage zu verſüßen, mit mir theilen.“ „Aber,“ ſagte Thibault,„wird dieſer Mann Euch erlauben, daß Ihr Eure Großmutter mehr liebet als ihn ſelbſt, und wird er nicht eiferſüchtig auf die Zärtlichkeit ſein, die Ihr der alten Frau erzeigen werdet?“ „O,“ verſetzte Agnelette mit einem anbetungs⸗ würdigen Lächeln,„da hat es keine Gefahr; ich werde ihm ſo viel zukommen laſſen, daß er ſich nicht zu be⸗ klagen braucht; je freundlicher und geduldiger er gegen die gute Frau iſt, um ſo inniger werde ich mich ihm anſchließen, um ſo fleißiger werde ich ar⸗ beiten, damit es unſerem kleinen Haushalt an Nichts gebricht. Ich ſehe elend und ſchwächlich aus, und Ihr trauet mir nicht viel Stärke zu; aber ich habe Kraft und Muth zur Arbeit, das dürft Ihr glauben. Wenn das Herz ſein Wörtchen mitſpricht, ſo kann man Tag und Nacht arbeiten, ohne müde zu werden. Ich werde denjenigen, der die Großmutter lieben wird, recht herzlich lieben. O ich verſichere Euch, ſie, mein Mann und ich, wir werden alle drei recht glücklich ſein.“ „Das heißt, ihr werdet alle drei recht arm ſein, Agnelette?“ „Ah bah! Iſt denn die Liebe und Freundſchaft der Reichen auch nur einen Pfennig mehr werth, als die der armen Leute? Wenn ich meine Großmutter recht gepflegt habe, Herr Thibault, wenn ſie mich auf ihren Schooß nimmt und mit ihren magern zit⸗ —————,—„— 83 ternden Armen umſchlingt, wenn ihr gutmüthiges, altes, runzliges Geſicht ſich an das meinige legt, wenn meine Wangen naß werden von den Thränen der Rührung, die aus ihren Augen ſtrömen, da fange ich auch an zu weinen, und dieſe Thränen, Herr Thibault, ſind ſo leicht und ſüß, daß ganz gewiß niemals eine Dame oder ein Fräulein, und wäre ſie eine Königin oder eines Königs Tochter, in ihren glücklichſten Tagen eine ſo lebhafte Freude empfun⸗ den hat; und doch ſind wir beide, meine Großmutter und ich, wahrlich die ärmſten Geſchöpfe meilenweit in der Runde.“ Thibault hörte das alles, antwortete aber nicht, ſondern blieb in jene nachdenkliche Träumerei ver⸗ ſunen, die bei ehrgeizigen Menſchen ſo eigenthüm⸗ ich iſt. Und gleichwohl hatte er inmitten ſeiner ehrgeizi⸗ gen Pläne Augenblicke der Ermüdung und des Ueber⸗ druſſes. Er, der ſo oft ganze Stunden damit vertändelt hatte, die ſchönen und edlen Damen am Hof des Herrn Herzogs von Orleans zu betrachten, wenn ſie die Freitreppe herauf oder herab gingen; er, der ſo oft ganze Nächte lang zu den ſpitzbogigen Fenſtern des Schloßthurms von Vez emporgeſchaut, wenn ſie in feſtlicher Beleuchtung erglänzten, er fragte ſich jetzt, ob das, was ſo oft ſeinem Ehrgeiz als höchſtes Ziel vorgeſchwebt, eine vornehme Dame und ein prächtiges Haus, einem Strohdach mit dieſem holden und ſchönen Kind, das ſich ſchlechtweg Agnelette nannte, an Werth gleichkäme. Allerdings war dieſes brave Mädchen auch ſo 84 hübſch, daß alle Grafen und Barone der Umgegend ihn ganz gewiß um ihren Beſitz beneidet haben würden. „Je nun, Agnelette,“ ſagte Thibault,„wenn z. B. ein Burſche wie ich ſich zu Eurem Mann an⸗ böte, würdet Ihr ihn nehmen?“ Wir haben bereits geſagt, daß Thibault ein hüb⸗ ſcher Junge war, daß er ſchöne Augen und ſchöne ſchwarze Haare beſaß, daß er ſich auf ſeinen Reiſen zu Etwas mehr als zu einem gewöhnlichen Hand⸗ werker herangebildet hatte. Ueberdies wird man Leuten, denen man Gutes gethan hat, bald hold, und Agnelette hatte höchſt wahrſcheinlich Thibault das Leben gerettet, denn ſo wie Markotte zuſchlug, würde der Delinquent vor dem ſechsunddreißigſten Hieb geſtorben ſein. „Ja,“ ſagte ſie,„wenn er gegen meine Groß⸗ mutter gut wäre.“ Thibault ergriff ihre Hand. „Nun wohl, Agnelette,“ ſagte er,„wir werden darauf zurückkommen, und zwar ſo bald wie möglich, mein Kind.“ „So bald Ihr wollt, Herr Thibault.“ „Und Ihr müßt mir ſchwören, daß Ihr mich recht lieben wollt, wenn ich Euch heirathe, Agne⸗ lette.“ „Kann man auch einen Andern lieben, als ſeinen Mann?“ „Gleichviel; ich wünſchte dennoch einen ganz klei⸗ nen Schwur, der ungefähr ſo lauten müßte: Herr Thibault, ich ſchwöre Euch, daß ich nie einen An⸗ dern lieben werde als Euch.“ 85 „Was ſoll ein Schwur nützen? Das Verſprechen eines braven Mädchens muß einem braven Burſchen genügen.“ „Und wann ſoll die Hochzeit ſein, Agnelette?“ ſagte Thibault, indem er ſeinen Arm um die Hüfte des Mädchens zu ſchlingen verſuchte. Aber Agnelette entwand ſich ſanft. „Kommt zu meiner Großmutter,“ ſagte ſie;„ſie hat darüber zu entſcheiden; für heute Abend aber begnüget Euch damit, daß Ihr mir meinen Bund Haidekraut machen helfet, denn es wird ſpät, und ich habe beinahe eine Stunde nach Preciamont.“ Thibault half ihr wirklich ihren Bund zuſammen⸗ machen, und begleitete ſie dann, bis man den Kirch⸗ thurm ihres Dorfes ſah. Hier bat er die ſchöne Agnelette ſo lange, bis ſie ihm erlaubte, auf Abſchlag ſeines zukünftigen Glückes einen Kuß zu rauben. Weit mehr bewegt von dieſem einzigen Kuß, als von dem doppelten des Barons, eilte Agnelette ihres Wegs, obſchon die Laſt, die ſie auf ihrem Kopfe trug, für ein ſo ſchwächlich ausſehendes Mädchen viel zu ſchwer ſchien. Thibault ſchaute ihr noch eine Zeit lang nach, wie ſie über die Haide ging. Die ſchönen Arme des verführeriſchen Mädchens, womit ſie die Laſt auf ihrem Kopfe feſthielt, ließen ihren Wuchs in ſeiner ganzen Zierlichkeit hervortreten und ſchienen ſeine Biegſamkeit und Anmuth zu ver⸗ doppeln. 4 Ihre feine Silhouette zeichnete ſich auf eine an⸗ 86 betungswürdige Art am blauen Grund des Horizon⸗ tes ab. Kurz und gut, das Mädchen war beinahe ſchon an den erſten Häuſern, als ſie auf einmal hinter einer Erhöhung den Blicken Thibaults entſchwand. Dieſer ſtieß einen Seufzer aus und blieb einen Augenblick in ſeine Betrachtungen verſunken. Dieſer Seufzer wurde ſeiner Bruſt nicht durch den wonnevollen Gedanken erpreßt, daß dieſes gute und reizende Geſchöpf ſein werden könne. Nein, er hatte Agnelette gewünſcht, weil ſie jung und ſchön war, und weil es in der unglückſeligen Natur Thibaults lag, alles das zu wollen, was einem Andern gehörte oder gehören konnte. Er hatte ſich unter dem Eindruck der Naivetät, womit ſie zu ihm geſprochen hatte, dieſem Wunſch hingegeben. Aber Agnelette's Bild war in ſeinem Kopf und nicht in ſeinem Herzen. Thibault war unfähig, ſo zu lieben, wie man lieben muß, wenn man, ſelbſt arm, ein armes Mäd⸗ chen liebt, d. h. ohne etwas Anderes im Auge zu haben oder zu begehren, als volle, innige Gegenliebe. Nein, im Gegentheil, je weiter er ſich von Agne⸗ lette, von ſeinem guten Engel, entfernte, um ſo hef⸗ tiger regten ſich in ſeiner Seele die neidiſchen Ge⸗ lüſte wieder, die ihn ſo häufig quälten. Es war Nacht, als er nach Hauſe kam. 87 IV. Der ſchwarze Wolf. Thibault ließ ſein erſtes Geſchäft darin beſtehen, daß er ſich Etwas zu Gemüthe führte, denn er war ſehr erſchöpft. Der Tag war ereignißreich, und unter ſeinen Er⸗ eigniſſen waren mehrere von der Art geweſen, daß er wohl einen langen Magen davon bekommen konnte. Sein Abendbrod war bei Weitem nicht ſo ſchmack⸗ haft, als er ſich bei ſeiner Jagd auf den Damhirſch gelobt hatte. Aber der Damhirſch hatte ſich, wie wir bereits erzählt, von Thibault nicht erlegen laſſen, und ſo mußte der ſchreckliche Heißhunger, der den unglück⸗ lichen Wilderer quälte, ſeinem ſchwarzen Brod den Damhirſchgeſchmack verleihen. Kaum hatte dieſes äußerſt beſcheidene Mahl be⸗ gonnen, als Thibault bemerkte, daß ſeine Ziege— wir glauben geſagt zu haben, daß er eine Ziege be⸗ ſaß— ganz verzweifelt blöckte. Er dachte, daß ſie ebenfalls nach einem Abend⸗ brod verlange, holte alſo unter dem Schirmdach einen Armvoll friſches Gras und wollte es ihr bringen. Als er das Stallthürchen öffnete, ſprang die Ziege ſo heftig heraus, daß ſie ihren Herrn beinahe um⸗ geworfen hätte. Sodann jagte ſie, ohne das Futter zu berühren, das Thibault ihr brachte, ins Haus. 88 Thibault warf ſeinen Vorrath zur Erde und fing das Thier ein, um es in ſeine Wohnung zurück⸗ zubringen. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Er mußte Gewalt anwenden, und auch der Gewalt ſetzte das arme Thier die ganze Widerſtandskraft entgegen, deren eine Ziege fähig iſt, indem es ſich auf ſeine Hinterbeine ſtemmte, während der Holzſchuhmacher es an den Hörnern zerrte. Nach langem Kampf gab ſich die Ziege endlich überwunden und ging in ihren Stall zurück. Aber obſchon Thibault ihr mehr als genug Futter dagelaſſen hatte, ſtieß ſie fortwährend klägliche Töne aus. Voll Ungeduld und Aerger ſtand der Holzſchuh⸗ macher zum zweiten Male von ſeinem Tiſche auf und öffnete den Stall von Neuem, aber ſo behutſam, daß die Ziege nicht ausreißen konnte. 1 Dann tappte er mit ſeinen Händen in allen Ecken und Winkeln umher, um der Urſache dieſer Beängſtigung auf den Grund zu kommen. Auf einmal geriethen ſeine Finger in den dicken und warmen Pelz eines fremden Thieres. Thibault war kein Haſenfuß, nichts weniger. Gleichwohl zog er ſich eiligſt zurück. Er ging in ſeine Stube, nahm das Licht und kam in den Stall zurück. Die Lampe wollte ſeinen Händen entſinken, als er in dem Thier, das ſeine Ziege ſo ſehr erſchreckt hatte, den Damhirſch des Barons Jean erkannte, denſelben, den er verfolgt, gefehlt und ſich im Namen des Teufels gewünſcht hatte, da er ihn in Gottes Namen nicht bekommen konnte; denſelben, an welchem 89 ſämmtliche Hunde irre geworden waren, und der ihm ſo ſchöne Prügel eingetragen hatte. Thibault näherte ſich ihm ſachte, nachdem er ſich verſichert, daß die Thüre feſt verſchloſſen war. Das arme Thier war entweder ſo abgehetzt oder ſo merkwürdig zahm, daß es keine Bewegung machte, um zu entfliehen, ſondern blos mit ſeinen großen ſchwarzen Sammtaugen, denen die Angſt noch mehr Ausdruck verlieh, Thibault anſah. „Ich muß die Thüre offen gelaſſen haben,“ brummte der Holzſchuhmacher vor ſich hin,„und ſo hat ſich der Damhirſch, der kein anderes Verſteck mehr finden konnte, hierher geflüchtet.“ Aber als er ſeine Erinnerungen zuſammenſuchte, entſann er ſich ganz genau, daß, als er vor zehn Minuten den Stall zum erſten Male hatte öffnen wollen, der hölzerne Thürſchieber ſo feſt zugedrückt geweſen war, daß er ihn mit einem Stein hatte auf⸗ ſchlagen müſſen. Ueberdies würde die Ziege, die, wie man geſehen hat, der Geſellſchaft des neuen Gaſtes keinen ſonder⸗ lichen Geſchmack abzugewinnen ſchien, dieſe Gelegen⸗ heit zur Flucht benützt haben, wenn die Thüre offen geſtanden hätte. Sodann bemerkte Thibault bei genauerer Betrach⸗ tung, daß der Damhirſch mit einem Strick an die Raufe gebunden war. Obſchon es unſerem Holzſchuhmacher, wie geſagt, keineswegs an Muth gebrach, ſo begann doch jetzt ein kalter Schweiß in dicken Tropfen an ſeinen Haar⸗ wurzeln zu perlen, ein ſeltſamer Schauder überlief 90 ihn am ganzen Leib, und ſeine Zähne klapperten laut an einander. Er verließ den Stall, verſchloß ihn und ſuchte ſeine Ziege wieder auf, welche den Augenblick, wo der Holzſchuhmacher Licht geholt, zur Flucht benützt und ſich in der Herdecke niedergelegt hatte, allem An⸗ ſchein nach feſt entſchloſſen, diesmal einen Platz nicht wieder aufzugeben, den ſie, wenigſtens für die kom⸗ mende Nacht, ihrem gewöhnlichen Lager weit vor⸗ zuziehen ſchien. Thibault erinnerte ſich ganz genau des gottloſen Wunſches, den er an den Satan gerichtet; aber ob⸗ ſchon er zugeſtehen mußte, daß dieſer Wunſch auf eine wunderbare Art in Erfüllung gegangen war, ſo konnte er doch an keine wirkliche Einmiſchung des Teufels glauben. Da ihm jedoch dieſe Gönnerſchaft des Geiſtes der Finſterniß inſtinctmäßig Furcht einflößte, ſo ver⸗ ſuchte er zu beten; aber als er ſeine Hand zur Stirne erheben wollte, um das Zeichen des Kreuzes zu machen, da verſagte ihm ſein Arm allen Dienſt, und obſchon er bisher tagtäglich ſein Ave Maria ge⸗ ſprochen hatte, ſo fiel ihm doch jetzt nicht ein einziges Wörtchen davon ein. Während unſer armer Thibault ſich mit dieſen beiden vergeblichen Verſuchen abquälte, ging es in ſeinem Innern ſchrecklich wild und wirr durch ein⸗ ander. Die böſen Gedanken ſtrömten ihm von Neuem ſo maſſenhaft zu, daß er ihr Geflüſter in ſein Ohr zu hören meinte, wie man das Getöſe der Wogen hört, wenn die Fluth ſteigt, oder das Gekniſter in SͤSͤ Z 8 785 ᷣ S5( SS2=N 91 den Bäumen, wenn der Winterwind durch die ent⸗ blätterten Zweige fährt. „Am Ende,“ murmelte er mit bleicher Stirne und ſtarrem Auge,„iſt dieſer Damhirſch, ob er nun von Gott oder vom Teufel kommt, immerhin ein guter Fund, und ich müßte ein großer Narr ſein, wenn ich meinen Kittel abſchütteln wollte, ſo lange es Manna darauf regnet. Wenn ich fürchte, daß dieſes Thier Höllenfleiſch haben könnte, ſo bin ich ja nicht gezwungen, es zu eſſen; ohnehin könnte ich es nicht allein eſſen, und diejenigen, die ich etwa dazu einladen wollte, würden mich nur anzeigen; aber ich kann dieſen Hirſch lebendig ins Kloſter von Saint⸗ Remy führen, wo ihn mir die Aebtiſſin für ſchweres Geld abkaufen wird, um ihren Nonnen eine Freude zu machen; die Luft eines heiligen Hauſes wird ihn reinigen, und die Handvoll guter geweihter Thaler, die ich an Zahlungsſtatt erhalten werde, kann meine Seele nicht in Gefahr bringen. Wie manchen Tag müßte ich bei der Arbeit ſchwitzen und wie viel hun⸗ dert Mal meinen Bohrer drehen, um nur den vier⸗ ten Theil von dem zu verdienen, was ich da bekom⸗ men werde, ohne mir eine andere Mühe zu nehmen, als daß ich das Thier in ſeinen neuen Stall führe! Ein Teufel, der mir Gutes thut, muß mir natürlich lieber ſein, als ein Engel vom Himmel, der mich im Stich läßt. Wenn mich der gnädige Herr Satan gar zu weit führen will, ſo habe ich ja immer noch Zeit, mich aus ſeinen Klauen zu ziehen; ich bin, bei Gott, kein Kind, und auch kein Lämmlein, wie Geor⸗ gine, ich kann geradeaus gehen und wohin ich will.“ Der Unſelige, der geradeaus und in der ihm be⸗ 92 liebigen Richtung zu gehen behauptete, vergaß jetzt blos, daß er vor kaum fünf Minuten nicht im Stande geweſen war, ſeine Hand an ſeine Stirne zu führen. Thibault gab ſich ſelbſt ſo gute und ſo triftige Gründe an, daß er den Damhirſch, von welcher Seite er ihm nun zugekommen ſein mochte, zu behalten be⸗ ſchloß, und den Erlös zum Ankauf des Hochzeit⸗ kleides ſeiner Braut beſtimmte. Denn ſonderbarer Weiſe trat auf einmal Agne⸗ lette wieder vor ſeine Augen. Er ſah ſie in einem langen weißen Kleid mit einem weißen Lilienkranz auf der Stirne und einem großen Schleier. Ihm war zu Muth, als könnte, wenn er einen ſo lieblichen Schutzengel in ſeinem Haus hätte, der Teufel, trotz all ſeiner Stärke und Liſt, es niemals wagen, ſeine Schwelle zu überſchreiten. „Ja, ſo iſt's,“ ſagte er,„ich habe noch ein Mittel: wenn mich der gnädige Herr Satan gar zu arg quält, ſo laufe ich ſtracks zu Agnelette's Großmutter, halte um die Dirne an und heirathe ſie. Fallen mir dann auch meine Gebete nicht mehr ein, und kann ich auch kein Kreuz mehr ſchlagen, ſo habe ich jedenfalls ein hübſches Weibchen, das mit dem Satan nicht verhängt iſt und alles dies für mich thun wird.“ Und mit dieſer Art von Vergleich, immer voraus⸗ geſetzt, daß der Damhirſch Nichts von ſeinem Werth verlor und der heiligen Damen würdig blieb, an die er ihn zu verkaufen gedachte, beruhigte ſich Thibault ſo ziemlich, ſteckte Futter in die Raufe, und überzeugte ſich, ob die Streu dicht genug war, damit der Gaſt weich ruhen konnte. lt 93 Die Nacht verging ohne ein neues Ereigniß und ſogar ohne einen böſen Traum. Am folgenden Tag jagte der edle Herr Jean von Neuem. Nur gingen die Hunde diesmal keinem ſchüchter⸗ nen Damhirſch zu Leibe, ſondern dem Wolfe, welchen Markotte Tags zuvor ausgekundſchaftet und erſt die⸗ ſen Morgen von Neuem aufgetrieben hatte. Es war dies ein ächter Wolf. Er mochte viele Jahre zählen, obſchon man ihn beim Auftreiben nur flüchtig geſehen und mit Stau⸗ nen bemerkt hatte, daß er ganz ſchwarz war. Bei Vertefeuille, im Thalgrund von Argent, an⸗ gegriffen, war er über die Felder von Meutard ge⸗ laufen, hatte Fleury und Ampleux links liegen laſſen, war von da über die Straße von Ferté⸗Milon ge⸗ ſprungen, und trieb ſich dann im Thalgrund von Ivors herum. Hier hatte er auf einmal ſein bisheriges Syſtem aufgegeben, war umgekehrt und hatte ſo genau den bereits zurückgelegten Weg wieder eingeſchlagen, daß der Baron Jean, obſchon er beſtändig Galopp ritt, die Hufſpuren wieder fand, die ſein Pferd am Mor⸗ gen zurückgelaſſen hatte. In den Bezirk von Bourg⸗Fontaine zurückgekehrt, hatte der Wolf ihn nach allen Richtungen durch⸗ ſchnitten und ſodann die Jäger juſt in die Gegend gelockt, wo ihre unglücklichen Abenteuer von geſtern begonnen hatten, näͤmlich in die Nähe der Hütte des Holzſchuhmachers. Thibault, der, ſeinen geſtrigen Entſchließungen gemäß, auf den Abend ſeiner Agnelette einen Beſuch 94 zudachte, hatte ſich ſchon in aller Frühe an die Ar⸗ beit gemacht. Iyhr werdet mich fragen, warum er, ſtatt auf einem Handwerk zu arbeiten, das ihm, nach ſeinem eigenen Geſtändniß, ſo wenig einbrachte, nicht lieber den Damen von St. Remy ſeinen Damhirſch zu⸗ führte. Thibault würde ſich wohl gehütet haben. Er konnte unmöglich mit einem Damhirſch am Strick bei Tag durch den Wald von Villers⸗Coterets gehen. Was hätte er dem nächſten beſten Waldſchützen, der ihm in den Wurf kam, antworten ſollen? Nein, Thibault gedachte ſich einmal bei Anbruch der Nacht auf die Beine zu machen, ſich rechts zu halten, ſodann über die Sandgrube und den Galgen⸗ weg auf die Ebene von Saint⸗Remy, nur zweihundert Schritte vom Kloſter, zu kommen. Als Thibault zum erſten Male Waldhorntöne und Hundegebell hörte, warf er in aller Eile einen gewaltigen Haufen dürres Haidekraut vor dem Stall auf, wo er ſeinen Gefangenen eingeſperrt hielt, da⸗ mit die Rüdenknechte und ihr Herr, wenn ſie zufällig wieder vor ſeiner Hütte anhalten ſollten, dieſe Thüre nicht bemerken möchten. Sodann hatte er ſein Handwerkszeug wieder — vorgenommen und arbeitete mit einem Eifer, den er ſelbſt niemals bei ſich geſehen hatte, indem er gar nicht über die Holzſchuhe wegſah, die er herrichtete. Auf einmal meinte er ein Geſcharre an ſeiner Thüre zu hören. Er wollte eben aufſtehen, um zu öffnen, als die — Ar⸗ auf nem ber zu⸗ am rets zen, ruch zu gen⸗ dert öne nen tall da⸗ llig üre der — er gar ete. ner die 95 Thüre nachgab und zu Thibaults großer Verwunde⸗ rung ein ungeheurer ſchwarzer Wolf, auf ſeinen bei⸗ den Hinterpfoten gehend, ins Zimmer trat.. In der Mitte angekommen, ſetzte er ſich nach Art der Wölfe und ſah den Holzſchuhmacher ſtarr an. Thibault ergriff ein Beil, das er bei der Hand hatte, um den wunderlichen Gaſt würdig zu empfan⸗ gen, und um ihm Angſt zu machen, ſchwang er das Beil über ſeinem Kopfe. Aber die Phyſiognomie des Wolfes nahm einen eigenthümlich ſpöttiſchen Ausdruck an. Er begann zu lachen. Es war das erſte Mal, daß Thibault einen Wolf lachen hörte. Er hatte oft ſagen gehört, daß die Wölfe bellen wie die Hunde. Aber niemals hatte er ſagen gehört, daß die Wölfe lachen wie die Menſchen. Und welch ein Lachen! Ein Menſch, der ſo gelacht hätte wie dieſer Wolf, würde Thibault ſehr erſchreckt haben. Er ließ ſeinen bereits aufgehobenen Arm wieder fallen. „Bei dem Herrn mit dem geſpaltenen Fuß,“ ſagte der Wolf mit voller und wohltönender Stimme, „habe ich dieſem Kerl hier auf ſeinen Wunſch den ſchönſten Damhirſch aus den Waldungen Sr. König⸗ lichen Hoheit zugeſchickt, und nun will er mir zur ſchuldigen Dankſagung mit ſeinem Beil den Kopf ſpal⸗ ten; eine menſchliche Dankbarkeit, die wohl würdig iſt mit der Dankbarkeit der Wölfe zu heulen.“ Als Thibault eine Stimme, die ſeiner eigenen 96 glich, aus dem Leib des Thieres kommen hörte, da begannen ſeine Kniee zu zittern, und das Beil entfiel ſeinen Händen. „Komm her,“ fuhr der Wolf fort,„ſei vernünf⸗ tig und laß uns freundſchaftlich mit einander plau⸗ dern. Du haſt Dir geſtern den Damhirſch des Ba⸗ rons Jean gewünſcht, und nun habe ich ihn ſelbſt in Deinen Stall geführt, ja ſogar an Deine Raufe ge⸗ bunden, damit er Dir nicht entſpringen könnte; dies ſollte doch wohl einen beſſern Dank verdienen, als einen Beilhieb.“ „Weiß ich, wer Ihr ſeid?“ antwortete Thibault. „Ah, Du hatteſt mich alſo nicht erkannt? das iſt ein Grund.“ „Ich appellire an Euch ſelbſt: wie konnte ich unter dieſem garſtigen Fell einen Freund vermuthen?“ „Garſtig!“ ſagte der Wolf, indem er mit einer blutrothen Zunge ſein Fell glänzte;„zum Henker, Du machſt gewaltige Anſprüche. Inzwiſchen handelt es ſich jetzt nicht um mein Fell. Sag einmal, willſt Du den Dienſt anerkennen, den ich Dir geleiſtet habe?“ „Natürlich,“ ſagte der Holzſchuhmacher mit einer gewiſſen Verlegenheit,„aber ich möchte doch vorher CEure Forderungen hören. Um was handelt es ſich? Was begehrt Ihr? Sprecht.“ „Erſtlich und vor allen Dingen begehre ich ein Glas Waſſer, denn dieſe verfluchten Hunde haben mich ganz außer Athem gebracht.“ „Augenblicklich, Herr Wolf.“ Und Thibault holte einen Napf voll friſchen, klaren Waſſers an der Quelle, die zehn Schritte von ſeiner Hütte floß. 97 Er bewies durch dieſen Eifer, wie glücklich er ſich ſchätzte, ſo wohlfeilen Kaufs davon zu kommen. Er ſtellte den Napf vor den Wolf hin und machte eine tiefe Reverenz. Der Wolf ſchlappte mit Wolluſt den Napf aus und ſtreckte dann ſeine Pfoten, die ſphinrartig läng⸗ lich waren, über den Boden hin. t„Jetzt,“ ſagte er,„höre mich an.“ „Was gibt es denn ſonſt noch?“ fragte Thibault mit einer Gänſehaut. „Eine höchſt dringende Sache, bei Gott,“ ant⸗ wortete der ſchwarze Wolf.„Hörſt Du das Hunde⸗ gebell?“ „Natürlich, ja; es kommt immer näher, und in fünf Minuten werden Jäger und Hunde hier ſein.“ „Du mußt mich von ihnen befreien.“ „Ich Euch befreien? Und wie denn?“ rief Thi⸗ bault, der ſich noch gar zu wohl erinnerte, wie theuer es ihn geſtern zu ſtehen gekommen war, daß er dem Baron Jean in ſeine Jagd gepfuſcht hatte. „Beſinne, Dich; zeig, ob Du Grütze im Kopf haſt.“ „Der Baron Jean hat wahrlich furchtbare Hunde, Herr Wolf, und Ihr verlanget alſo ganz einfach, daß ich Euch das Leben retten ſoll, denn wenn ſie Euch erwiſchen, und das werden ſie höchſt wahrſchein⸗ lich thun, ſo ſeid Ihr im Nu zu Schanden geriſſen. Wenn ich Euch nun dieſe Unannehmlichkeit erſpare,“ fuhr Thibault fort, der den Vortheil wieder auf ſei⸗ ner Seite zu erblicken glaubte,„welchen Lohn habe ich dann zu erwarten?“ Dumas, der Wolfsführer. I. 7 98 „Ei wie? Du verlangſt noch einen Lohn? Und der Damhirſch?“ ſagte der Wolf. „Und der Napf Waſſer?“ entgegnete Thibault. „Wir ſind quitt, mein lieber Wolf. Wenn Ihr jetzt neue Geſchäfte abſchließen wollt, ſo bin ich von Her⸗ zen gern bereit.“ „Es ſei! Was verlangſt Du von mir? Sprich ſchnell.“ „Ein Mancher,“ begann Thibault,„würde ſeine und Eure Stellung mißbrauchen und ganz unver⸗ ſchämte Forderungen machen: er würde Reichthümer, Macht, hohe Stellung im Leben und was weiß ich? verlangen. Ich werde das nicht thun. Geſtern habe ich mir den Damhirſch gewünſcht, und es iſt wahr, Ihr habt ihn mir gegeben; aber morgen werde ich etwas Anderes wünſchen. Seit einiger Zeit hat ſich ein Wahnwitz meiner bemächtigt, ich hecke Nichts als Wünſche aus, und Ihr werdet nicht immer übrige Zeit haben, um mich anzuhören. Thut alſo eine einzige Sache: da Ihr doch der Teufel ſelbſt oder wenigſtens etwas Aehnliches ſeid, ſo ge⸗ währet mir die Gnade, daß ich alle meine Wünſche in Erfüllung gehen ſehe.“ Der Wolf machte eine ſpöttiſche Grimaſſe. „Weiter Nichts?“ ſagte er.„Dein Schlußſatz paßt ſchlecht zur Einleitung.“ „O,“ verſetzte Thibault,„Ihr könnt ruhig ſein; meine Wünſche ſind ehrſam und mäßig, wie dies einem armen Bauersmann zuſteht: einige elende Winkel Land, ein paar lumpige Reiſer Holz, das iſt Alles, was ein Menſch von meinem Caliber verlan⸗ gen kann.“ J iſt n⸗ 99 „Ich würde Deinen Wunſch mit dem größten Vergnügen erfüllen,“ ſagte der Wolf,„aber das Ding iſt mir rein unmöglich.“ „In dieſem Fall werdet Ihr Euch durch dieſe furchtbaren Doggen durchzuſchlagen ſuchen müſſen.“ „Du glaubſt das, und Du ſitzeſt auf den höchſten Gaul, weil Du meinſt, ich bedürfe Deiner?“ „Ich meine es nicht, ich weiß es gewiß.“ „Nun, ſo ſieh einmal her.“ „Wohin?“ fragte Thibault. „An den Platz, wo ich bisher war,“ ſagte der Wolf. Thibault wich einige Schritte zurück. An dem Platz, wo der Wolf bis jetzt gelegen hatte, war Nichts mehr. Der Wolf war verſchwun⸗ den, man wußte nicht wo oder wie. Der Platz, wo er geweſen, war gänzlich unverändert. In der Decke fand ſich kein Loch von der Größe eines Nadelöhres; im Boden war keine Ritze, durch welche ein Waſſer⸗ tropfen hätte ſickern können. „Nun, glaubſt Du immer noch, daß ich mich ohne Deine Hülfe nicht aus der Schlinge ziehen kann?“ ſagte der Wolf. „Wo zum Teufel ſeid Ihr denn?“ „Ahl wenn Du mich bei meinem wahren Namen aufrufſt,“ ſagte die Stimme höhniſch,„ſo werde ich Dir wohl antworten müſſen. Ich befinde mich noch immer auf dem alten Fleck.“ „Aber ich ſehe Euch ja nicht mehr.“ „Ganz natürlich, weil ich unſichtbar bin.“ „Aber die Hunde und die Rüdenknechte und Herr Jean werden Euch hier ſuchen.“ 100 „Ohne Zweifel; nur werden ſie mich nicht finden.“ „Aber wenn ſie Euch hier nicht finden, ſo wer⸗ den ſie ſich wieder an mir vergreifen.“ „Gerade wie geſtern. Rur wurdeſt Du geſtern, weil Du die Jäger um die Fährte des Damhirſches gebracht haſt, bloß zu ſechsunddreißig Riemenhieben verurtheilt; heute wirſt Du, weil Du den Wolf ver⸗ bargeſt, zu zweiundſiebzig verurtheilt werden, und Agnelette wird nicht mehr an Ort und Stelle ſein, um Dich mit einem Kuß zu retten.“ „Uf! was ſoll ich thun?“ „Laß ſchnell den Damhirſch ſpringen; die Hunde werden ſich dann in der Fährte täuſchen und ſtatt Deiner die Hiebe bekommen.“ „Ei wie ſollten ſich ſo feine Spürhunde dermaßen täuſchen können, daß ſie die Loſung eines Damhirſches für die eines Wolfes anſähen?“ „Dafür laß mich ſorgen,“ antwortete die Stimme; „nur verliere keine Zeit, ſonſt werden die Hunde hier ſein, ehe Du in den Stall läufſt, und das wäre un⸗ angenehm, nicht für mich, den ſie nicht finden könn⸗ ten, ſondern für Dich, den ſie finden würden.“ Thibault ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er eilte in den Stall. Er band hurtig den Damhirſch los, der, wie von einer Springfeder geſchnellt, aus dem Hauſe ſprang, die Runde um daſſelbe machte, die Fährte des Wol⸗ fes durchkreuzte und in die Gebüſche des Waldes von Baiſemont eindrang. Die Hunde waren nur noch hundert Schritte von der Hütte entfernt. Thibault hörte voll Angſt ihr Gebell. 101 Die ganze Meute kam und ſchnüffelte an ſeiner Thüre. Dann wurden auf einmal einige Stimmen laut, die ſich in der Richtung gegen Baiſemont entfernten und die ganze Meute mit ſich fortriſſen. Die Hunde hatten ſich täuſchen laſſen. Sie waren auf die Fährte des Damhirſches ge⸗ rathen und hatten die Fährte des Wolfes aufgegeben. Thibault athmete tief auf. Als er ſah, daß die Meute ſich immer weiter entfernte, ging er auf ſein Zimmer zurück, während der Baron aus vollen Backen in ſein Waldhorn ſtieß und ein luſtiges Jagdſignal blies. Der ſchwarze Wolf lag ganz ruhig auf demſelben Platze, und man ſah ebenſo wenig, wo er hereinge⸗ kommen, als man hatte ſehen können, wo er hinaus⸗ gegangen war. V. Der Vertrag. Thibault blieb ganz verdutzt über ſein Wiederer⸗ ſcheinen auf der Thürſchwelle ſtehen. „Wir ſagten alſo,“ begann der Wolf wieder, wie wenn gar Nichts vorgefallen wäre,„ich könne Dir nicht gewähren, daß alles Gute, was Du Dir wünſcheſt, eintreffe.“ „Somit habe ich Nichts von Euch zu erwarten.“ „Doch, denn ich kann machen, daß das Böſe, was Du Deinem Nächſten wünſcheſt, in Erfüllung geht.“ 10² „Was hilft mich das?“ „Dummkopf! Ein Morallehrer hat geſagt: Das Unglück ſelbſt unſeres liebſten Freundes hat immer Etwas, was uns angenehm iſt.“ „Das wird wohl ein Wolf geſagt haben. Ich wußte nicht, daß die Wölfe auch Moraliſten unter ſich haben.“ „Nein, ein Menſch.“ „Hat man ihn gehängt?“ „O nein; man hat ihn zum Gouverneur einer Provinz im Poitou gemacht. Es iſt wahr, daß es in dieſer Provinz viele Wölfe gibt. Wenn nun ſelbſt im Unglück des beſten Freundes immerhin etwas Angenehmes für den Menſchen liegt, ſo mußt Du doch begreifen, daß man am Unglück ſeines größten Feindes eine ungeheure Freude haben kann.“ „Es iſt etwas Wahres daran,“ ſagte Thibault. „Ganz abgeſehen davon, daß man aus dem Un⸗ glück ſeines Nächſten, ſei er nun ein Freund oder ein Feind, immer einigen Nutzen ziehen kann.“ „Ihr habt, meiner Treu, Recht, Herr Wolf,“ antwortete Thibault nach kurzem Beſinnen.„Und was würdet Ihr für dieſen Dienſt von mir verlan⸗ gen? Laßt hören, Wurſt wieder Wurſt, nicht wahr?“ „Ja. So oft Du einen Wunſch thuſt, der kei⸗ nen Vortheil für Dich ſelbſt bezweckt, verlange ich einen kleinen Theil von Deiner Perſon als Eigen⸗ thum.“ „Hoho!“ rief Thibault, indem er ganz erſchrocken zurückwich. „Sei ruhig, ich verlange kein Pfund von Deinem 103 Fleiſch, wie ein gewiſſer Jude aus meiner Bekannt⸗ ſchaft ſeinen Schuldner tractirte.“ „Was verlanget Ihr denn?“ „Beim erſten Wunſch, den Du thuſt, ein Haar, beim zweiten zwei, beim dritten vier, und ſofort, immer duplirt.“ Thibault lachte. „Wenn es weiter Nichts iſt, Herr Wolf, ſo nehme ich's an, und ich werde darauf bedacht ſein, mir gleich das erſte Mal etwas ſo Gutes zu wünſchen, daß ich niemals einer Perrücke bedürfen werde. Alſo ſchlagt ein.“ Thibault ſtreckte ſeine Hand hin. Der ſchwarze Wolf erhob ſeine Pfote, ließ ſie aber erhoben. „Nun?“ drängte Thibault. „Da fällt mir gerade ein,“ ſagte der Wolf,„daß ich ſpitzige Klauen habe und Dir ohne meinen Willen ſehr weh thun könnte. Aber ich weiß ein anderes Mittel, unſern Handel abzuſchließen, wodurch man dieſen Uebelſtand umgehen kann. Du haſt einen ſilbernen Ring, ich einen goldenen; laß uns tauſchen. Du ſiehſt, der Handel iſt ganz zu Deinem Vortheil.“ Und der Wolf zeigte ſeine Pfote, an deren Gold⸗ finger wirklich ein Ring vom feinſten Gold durch das Haar hindurch blinkte. „Ahl“ ſagte Thibault,„ich bin's zufrieden.“ Der Ringwechſel ging vor ſich. feh ſind wir alſo verheirathet,“ ſagte der olf. „O nein,“ erwiederte Thibault,„bloß verſpro⸗ 104 chen, Herr Wolf. Ihr betreibet die Sache gar zu eilig.“ „Wir werden bald ſehen, wer am meiſten Eile hat, Meiſter Thibault. Jetzt kannſt Du übrigens wieder an Deine Arbeit gehen. Ich gehe an die meinige.“ „Adieu, Herr Wolf.“ „Auf Wiederſehen, Meiſter Thibault!“ Mit dieſen Worten„Auf Wiederſehen!“ die er auffallend betonte, verſchwand der Wolf wie ein Fin⸗ gerchen voll Pulver, das man anzündet, und gleich dieſem mit Hinterlaſſung eines Schwefelgeruchs. Thibault war einen Augenblick ganz kopfſcheu. Er konnte ſich an dieſe Art abzutreten, wie man es in der Theaterſprache nennt, nicht gewöhnen; er ſchaute ſich nach allen Seiten um: kein Wolf mehr. Thibault glaubte einen Augenblick, daß ihn eine Viſion genarrt habe. Aber bei einem Blick auf ſeine rechte Hand fiel ihm der Teufelsring am Goldfinger in die Augen. Er zog ihn ab und betrachtete ihn genau. Er ſah eine Chiffer im Innern des Rings eingravirt und erkannte, daß ſie aus zwei Buchſtaben beſtand, einem T und einem 8. „Ha ha!“ ſagte er, indem ihm ein kalter Schweiß ausbrach,„Thibault und Satan, die Familiennamen der beiden contrahirenden Theile. Jetzt iſt's einmal ſo: wenn man ſich dem Teufel ergibt, ſo muß man ſich ihm recht und ohne Rückhalt ergeben.“ Und Thibault ſtimmte ein Liedchen an, um ſich zu betäuben. ———,— 105 Aber ſeine Stimme hatte einen ſo eigenthüm⸗ lichen Klang, daß ſie ihm ſelbſt Angſt machte. Er ſchwieg alſo und ging, um ſich zu zerſtreuen, wieder an ſeine Arbeit.. Aber kaum hatte er drei oder viermal ſeinen Bohrer umgedreht, ſo hörte er in der Ferne, von Baiſemont her, neues Rüdengebell und neue Wald⸗ hornſignale. Er ſtellte ſeine Arbeit ein, um dem Gebell und den Horntönen zu lauſchen. „Renne, mein lieber Herr,“ ſagte er,„renne immerzu Deinem Wolf nach. Die Pfote von dieſem da wirſt Du, dafür ſtehe ich Dir, nicht an Dein Schloßthor nageln. Saperlot, welch ein Glück! Ich bin jetzt beinahe eine Art von Fee geworden, und während Du an nichts Böſes denkſt, mein ehrlicher Prügelmeiſter, kann ich Dir jeden Augenblick einen Zauber auf den Kopf werfen und herrliche Rache an Dir nehmen.“ Bei dieſem Gedanken hielt Thibault plötzlich inne. „Ja, wahrhaftig,“ ſagte er,„wenn ich mich an dieſem verdammten Baron und an Markotte rächte? Ei was? für ein Härchen kann ich mir dieſen Spaß wohl erlauben.“ Thibault fuhr mit der Hand in ſein dichtes, ſeidenweißes Haar, das ſo voll und ſtark war wie eine Löwenmähne. „Nun ja,“ ſagte er,„Haare habe ich genug zu verlieren; alſo munter eines dran gewagt! Ueberdies kann ich dadurch Gewißheit erlangen, ob mein Ge⸗ vatter, der Teufel, mich nicht belogen hat. Ich wünſche alſo einen tüchtigen Unfall für den Herrn 106 Jean, und was dieſen langen Lümmel von Markotte betrifft, der mich geſtern ſo ſchändlich ausgepeitſcht hat, ſo wäre es nicht mehr als billig, daß er doppelt ſo arg mitgenommen würde, als ſein Herr.“ Während Thibault dieſen doppelten Wunſch that, war er ſehr aufgeregt. Trotz Allem, was er von der Macht des ſchwarzen Wolfes geſehen, fürchtete er, dieſer möchte ſeine Leichtgläubigkeit mißbraucht haben. Es war ihm daher auch, als er den Wunſch gethan hatte, unmöglich, weiter zu arbeiten. Er zer⸗ ſtach ſich die Finger an ſeinem Schabeiſen, das er verkehrt in die Hand nahm, und er verderbte ein Paar Holzſchuhe von zwölf Sous, die er mit aller Gewalt noch poliren wollte. Während er dieſen unerſetzlichen Schaden beklagte und ſeine blutende Hand ſchüttelte, hörte er vom Thale her großen Lärm. Er eilte auf die Straße von Chretiennelle und ſah von ferne eine Art von Proceſſion, die langſam einherkam. Es waren die Rüdenknechte und die Hundejungen des edlen Herrn von Vez. Die Straße von Chretiennelle iſt ungefähr drei Viertelſtunden lang. Thibault brauchte alſo einige Zeit, um genau zu erkennen, was dieſe Männer thaten, die ihm lang⸗ ſam und feierlich, wie bei einem Leichenzug, einher⸗ zuſchreiten ſchienen. Aber als ſie auf fünfhundert Schritte nahe kamen, bemerkte Thibault, daß ſie zwei Tragbahren trugen. Auf dieſen beiden Bahren lagen zwei lebloſe Körper. Er erkannte in ihnen den Herrn Jean und ſei⸗ nen Oberrüdenknecht Markotte. Ein kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne. „O! ol“ ſagte er,„was ſoll das heißen?“ Es hatte ſich Folgendes zugetragen. So lange der Damhirſch ſich im Gebüſche hielt, hatte Thibaults Mittel, um die Hunde irre zu füh⸗ ren, einen glücklichen Erfolg gehabt. Aber als das Thier von Marolle her zurücklief und über eine Haide hinjagte, kam es auf zehn Schritte an Herrn Jean vorbei. Dieſer glaubte Anfangs, der Damhirſch ſei durch das Hundegebell aufgejagt worden und ſuche zu entfliehen. Aber kaum hundert Schritte hinter ſich ſah er die ganze Meute zum Vorſchein kommen, vierzig Hunde, welche kläfften, bäfften, heulten, ſchrieen, die einen im Baß wie Domkirchenglocken, die andern mit vollen Stimmen wie Tamtams, wieder andere in der Fiſtel wie detonirende Clarinetten, alle aber aus voller Kehle, mit ſolcher Luſt und Freudigkeit, als hätten ſie niemals die Fährte eines andern Thie⸗ res gerochen. Herr Jean gerieth jetzt in eine jener Zorneser⸗ gießungen, gegen welche die Wuthausbrüche des Po⸗ lichinells abgeblaßte Schatten ſind. Er ſchrie nicht mehr, er heulte. Er fluchte nicht mehr, er läſterte. Er begnügte ſich nicht mehr, ſeine Hunde herum⸗ zupeitſchen, er ließ ſein Pferd mit allen vier Hufen auf ihnen herumſtampfen, kurz, er geberdete ſich in ſeinem Sattel wie ein Teufel in einem Weihkeſſel. 108 Alle ſeine Flüche galten ſeinem Oberrüdenknecht, den er geradezu einen Eſel ſchalt. Diesmal war Nichts mehr zu ſagen, es war keine Entſchuldigung möglich: der arme Markotte ſchämte ſich in tiefſter Seele über den Mißgriff ſei⸗ ner Hunde und war äußerſt unruhig über die ſchreck⸗ liche Wuth des gnädigen Herrn. Er beſchloß alſo alles Menſchenmögliche und noch mehr zu thun, um erſteren wieder gut zu machen und letztere zu beſchwichtigen. Demgemäß jagte er ſein Pferd im Galopp durch Hoch⸗ und Niederwald, indem er aus vollem Halſe ſchrie: „Zurück, Hunde, zurück!“ Zugleich theilte er nach allen Seiten ſo kräftige Peitſchenhiebe aus, daß jeder von ihnen einen Strie⸗ men im Fell der armen Thiere zurückließ. Aber er mochte toben, ſchreien, peitſchen, ſo lang er wollte, die Hunde ſchienen nur noch toller auf ihre Fährte erpicht. Man hätte meinen können, ſie haben ihren Dam⸗ hirſch von geſtern erkannt, und ihre gereizte Eigen⸗ liebe verlange nach Rache. Jetzt faßte Markotte einen verzweifelten Entſchluß, nämlich durch den nahen Ourcg zu reiten, über wel⸗ chen die Jagd eben ſetzte oder vielmehr zu ſetzen im Begriff ſtand. Er wollte ſich dann über das andere Ufer hinbeugen und die Hunde, wenn ſie ans Land ſteigen wollten, dermaßen durchpeitſchen, daß er hoffen konnte, ihren Starrſinn zu brechen. Er jagte ſein Pferd nach dem Fluß und war mit einem Sprung mitten in der Strömung. 109 Beide, Pferd und Reiter, waren ziemlich glücklich im Waſſer angelangt. Aber unglücklicher Weiſe war, wie wir bereits gemeldet, der Fluß durch Regen ſchrecklich ange⸗ ſchwollen; das Pferd vermochte ſich nicht gegen die Strömung zu halten, es drehte ſich mehrere Male um und um, dann aber verſchwand es. Markotte ſeinerſeits wollte, als er ſein Pferd ver⸗ loren ſah, es ſeinem Schickſal überlaſſen, um wieder feſtes Land zu gewinnen. Aber ſeine Füße waren dermaßen in die Steig⸗ bügel verwickelt, daß er ſie nicht mehr herausziehen konnte und drei Secunden nach ſeinem Pferde eben⸗ falls verſchwand. Inzwiſchen war der Baron mit ſeinen Leuten am Ufer angelangt, und ſein Zorn hatte ſich ganz einfach in Verzweiflung verwandelt, als er die kri⸗ tiſche Lage ſeines Oberrüdenknechtes wahrgenommen hatte Der edle Herr von Vez liebte aufrichtig alle die⸗ jenigen, die ihm zu ſeinen Vergnügungen behilflich waren, ſowohl die Menſchen als die Thiere. Er ſchrie mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge: „Kreuz Donnerwetter! rettet Markotte! fünfund⸗ zwanzig Louisd'or, fünfzig Louisd'or, hundert Louis⸗ d'or demjenigen, der ihn rettet!“ Menſchen und Pferde ſprangen gleich aufgeſchreck⸗ ten Fröſchen ins Waſſer. Er ſelbſt trieb ſein Pferd an den Fluß, aber hier hielten ihn ſeine Leute zurück und zeigten einen ſolchen Eifer, um den würdigen Baron an der Aus⸗ führung ſeines heroiſchen Entſchluſſes zu verhindern, 110 daß die Liebesbeweiſe, welche der Herr erhielt, dem unglücklichen Rüdenknecht den Untergang brachten. Man vergaß ihn eine Minute lang. Dieſe Minute reichte hin, um ihn ins Verderben zu ſtürzen. Markotte kam an einer Biegung des Ourcg noch einmal zum Vorſchein, ſchlug mit ſeinen Armen auf das Waſſer, konnte auch ſein Geſicht noch empor⸗ ſtrecken und rief zum letzten Mal: „Zurück, Hunde, zurück!“ Aber das Waſſer, das ihm in den Mund drang, erſtickte die letzte Silbe des letzten Wortes, und erſt nach einer Viertelſtunde fand man ſeine Leiche auf einer kleinen Sandbank, wohin der Strom ſie ge⸗ trieben hatte. Markotte war todt. Dieſes Ereigniß hatte unheilvolle Folgen für Herrn Jean. Als edler Rittersmann war er den edlen Wei⸗ nen nicht abhold, und dieſe Neigung hatte ihm eine gewiſſe Dispoſition zum Blutſturz gegeben. Nun wurde er Angeſichts der entſeelten Hülle ſeines Dieners von einer ſo heftigen Gemüthsbewe⸗ gung ergriffen, daß das Blut ihm gewaltſam nach dem Hirn ſtrömte und einen Schlagfluß veranlaßte. Thibault entſetzte ſich über die gewiſſenhafte Pünktlichkeit, womit der ſchwarze Wolf ſeine Ver⸗ pflichtungen erfüllt hatte. Er dachte nicht ohne einen gewiſſen Schauder an die Genauigkeit, die Meiſter Iſegrimm ſeinerſeits von ihm zu fordern berechtigt war. Dann fragte er ſich unruhvoll, ob der Wolf ſich wohl immer mit einigen Haaren begnügen würde, —— 111 und dieſer Gedanke beängſtigte ihn um ſo mehr, als er im Augenblick des Wunſches und in den nächſt⸗ folgenden Secunden, d. h. im Augenblick ſeiner Er⸗ füllung, nicht die mindeſte Empfindung, ja nicht ein⸗ mal den geringſten Kitzel in ſeiner Haarhaut ver⸗ ſpürt hatte.. Der Leichnam des armen Markotte machte einen garſtigen Eindruck auf ihn. Er liebte ihn allerdings nicht und glaubte ſich dazu vollkommen berechtigt; allein ſeine Abneigung gegen den Verſtorbenen war nie⸗ mals ſo weit gegangen, daß er ihm den Tod ge⸗ wünſcht hätte, und der Wolf hatte offenbar ſeine Wünſche überſchritten. Freilich hatte Thibault ſeinen eigentlichen Willen nicht genau angegeben, ſondern der eigenen Bosheit des Wolfes einen gewaltigen Spielraum gelaſſen. Er nahm ſich vor, ſeine Wünſche in Zukunft be⸗ ſtimmter auszuſprechen und namentlich auch rückhal⸗ tender darin zu ſein. Der Baron ſeinerſeits war nicht todt, doch ſtand es nicht viel beſſer um ihn. Er war ſeit dem Augenblick, wo Thibaults Wunſch ihn wie ein Blitzſtrahl getroffen, noch nicht wieder zum Bewußtſein gelangt. Man hatte ihn im Freien auf den Haufen Haide⸗ kraut gelegt, welchen der Holzſchuhmacher zuſammen⸗ getragen hatte, um ſeine Stallthüre zu verbergen, und ſeine Leute warfen in ihrer Herzensangſt Alles im Haus drunter und drüber, um irgend ein Mittel zu finden, das ihren guten Herrn ins Leben zurück⸗ riefe. Der Eine verlangte Eſſig, um ihm die Schläfe 112 einzureiben, der Andere einen Schlüſſel, um ihn dem Patienten hinter den Rücken zu halten, der Dritte ein Stückchen Holz, um ihn damit in die Hände zu ſchlagen, der vierte Schwefel, um denſelben unter der Naſe des Kranken zu verbrennen. Mitten unter all dieſen ſich durchkreuzenden Vor⸗ ſchlägen hörte man den kleinen Engoulevent rufen: „So wahr Gott im Himmel lebt, wir brauchen das alles nicht, ſondern nur eine Ziege. Ach wenn wir nur eine Ziege hätten!“ „Eine Ziege!“ rief Thibault, der aufrichtig die Geneſung des Herrn Jean wünſchte, weil er dadurch ſein Gewiſſen von der Hälfte der Laſt, die ihn be⸗ drückte, zu befreien und ſeine arme Hütte vor Plün⸗ derung zu ſchützen hoffte. „Ci wiel ſolltet Ihr wirklich eine Ziege beſitzen?“ rief Engoulevent.„Ach, liebe Freunde, dann iſt unſer theurer Herr gerettet.“ Und voll Entzücken ſprang Engoulevent dem Holzſchuhmacher an den Hals, mit den Worten: „Bringt Eure Ziege her, bringt Eure Ziege her!“ Thibault ging in den Stall und zog das Thier nach, das ihm blöckend folgte. „Haltet ſie feſt an den Hörnern,“ ſagte der kleine Hundejunge,„und hebet ihre Vordertatze in die Höhe.“ So ſprechend hatte der angehende Jägersmann das Meſſerchen, das er im Gürtel trug, aus ſeiner Scheide gezogen und ſchärfte es ſorgfältig an dem Schleifſtein, woran Thibault ſein Handwerkszeug wetzte. „Was wollt Ihr denn machen?“ fragte der Holz⸗ 113 ſchuhmacher, den dieſe Vorbereitungen nicht wenig beunruhigten. „CEi wie?“ ſagte Engoulevent,„wißt Ihr denn nicht, daß die Ziegen ein kreuzförmiges Beinchen im Herzen haben, das, zu Pulver zerrieben, das beſte Mittel gegen den Blutſturz iſt?“ „Ihr wollt meine Ziege umbringen?“ rief Thi⸗ bault, indem er auf einmal das Horn und die Pfote des armen Thieres losließ;„das dulde ich nicht.“ „Pfui doch!“ ſagte Engoulevent,„das iſt nicht ſchön von Euch, Herr Thibault. Wie könnt Ihr das Leben unſeres guten Herrn und das Leben dieſes elenden Thieres auf die gleiche Linie ſtellen! Wahr⸗ haftig, ich ſchäme mich für Euch.“ „Ihr habt gut ſchwatzen. Die Ziege bildet mein ganzes Vermögen, ſie iſt all mein Hab' und Gut. Sie verſorgt mich mit Milch, und darum iſt ſie mir theuer und werth.“ „Ach Herr Thibault, das Alles kann Euch nicht Ernſt ſein, und zum Glück hört Euch der Herr Baron nicht, denn ſonſt würde es ihn ſchwer betrüben, daß ein Bauer auf ſolche Art markten kann, wenn es ſich um die koſtbare Geſundheit des edlen Herrn handelt.“ „Ueberdies,“ bemerkte einer der Rüdenknechte mit ſpöttiſchem Lachen,„wenn Meiſter Thibault ſeine Ziege ſo hoch im Preiſe hält, daß nur der gnädige Herr ſie bezahlen kann, ſo wird ihn Nichts hindern, aufs Schloß Vez zu kommen und dieſen Preis zu verlan⸗ gen. Man wird ihm denſelben ſammt dem Reſt von ſeiner geſtrigen Rechnung ausbezahlen.“ 3 Thibault war nicht der Stärkere, wenn er nicht von Neuem den Teufel um Hilfe anrief. Dumas, der Wolfsführer. I.— 114 Aber er hatte kaum erſt vom Herrn Satan eine ſo ſchöne Lection erhalten, daß er wenigſtens für heute keinen ähnlichen Freundſchaftsdienſt mehr von ihm begehrte. Er hatte alſo für den Augenblick nur eine ein⸗ zige Sorge: nämlich keinem von allen Anweſenden etwas Böſes zu wünſchen. Ein Menſch todt, ein anderer im Sterben, das war ihm eine genügende Warnung. So kam es denn, daß er, obſchon die Anweſen⸗ den ohne Unterſchied entweder drohende oder ſpöt⸗ tiſche Geſichter gegen ihn ſchnitten, ſeine Blicke von ihnen abwandte, um ſich nicht darüber ärgern zu müſſen. Während er wegſchaute, wurde die Ziege um⸗ gebracht, und er erfuhr die Todesqualen des armen Thieres nur aus dem Schmerzensſchrei, den es ausſtieß. Als die Ziege todt war, ſuchte man in ihrem noch zuckenden Herzen nach dem Beinchen, von wel⸗ chem Engoulevent geſprochen hatte. Man nahm es, zerrieb es zu Pulver, verdünnte es mit Eſſig, in welchen man dreizehn Tropfen aus der Gallenblaſe geträufelt hatte, und rührte dann das Ganze mit dem Kreuz eines Roſenkranzes in einem Glas Waſſer um; hierauf brach man Herrn Jean mit einer Dolchklinge die Zähne auf und goß ihm die Mixtur ganz ſachte ein. Der Trank wirkte ſchnell und wahrhaft wunderbar. Herr Jean nieste, ſetzte ſich aufrecht und ſagte mit einer noch etwas ſtockenden, aber doch bereits verſtändlichen Stimme:— 115 „Gebt mir zu trinken!“ Engoulevent reichte ihm Waſſer in einem hölzer⸗ nen Becher, einem Erbſtück, auf welches ſich Thibault gewaltig viel einbildete. Aber kaum hatte der Baron ſeine Lippen damit genetzt, kaum hatte er bemerkt, welche abſcheuliche Flüſſigkeit man ſich unterſtanden ihm zu bieten, ſo ſtieß er ein höchſt bedeutſames Pfui aus und ſchleu⸗ derte den Becher mit aller Macht an die Wand, ſo daß er in tauſend Scherben zerflog. Dann rief er mit einer vollen und wohltönenden Stimme, die ſeine vollkommene Geneſung verrieth: „Wein her!“ Einer der Rüdenknechte ſchwang ſich auf ſein Roß und jagte nach dem Schloß von Oigny, um den Burgherrn um einige Flaſchen alten Burgunder zu bitten. Nach zehn Minuten war er wieder da. Man öffnete zwei Flaſchen, welche der edle Herr Jean, in Ermangelung von Gläſern, ohne langen Umſchweif an den Mund ſetzte und eine um die an⸗ dere auf einen einzigen Zug leerte. Dann drehte er ſich gegen die Wand, indem er vor ſich hin murmelte: „Macon, 1745 er!“ Und er verſank in einen tiefen Schlaf. VI. Das Haar des Teufels. Die Knechte waren jetzt über die Geſundheit ihres Herrn beruhigt und brachen alſo auf, um die Hunde zu ſuchen, denen man die Jagd allein überlaſſen hatte. Sie fanden dieſelben ſchlafend auf einem von Blut gerötheten Platze. Es war klar, daß ſie den Damhirſch eingeholt, erwiſcht und aufgefreſſen hatten; wäre noch ein Zwei⸗ fel daran möglich geweſen, ſo hätte er Angeſichts des Geweihes und eines Reſtes vom Kiefer, der ein⸗ zigen Körpertheile, welche ſie nicht hatten zermalmen und vertilgen können, ſchwinden müſſen. Jedenfalls waren ſie die einzigen Jagdgenoſſen, welche Urſache hatten, mit ihrem Tag zufrieden zu ſein. Man führte ſie in Thibaults Stall, und da der Baron noch immer ſchlief, ſo dachten die Jäger an ein Abendbrod. Sie bemächtigten ſich des Brodes, das der arme Teufel in ſeinem Kaſten hatte, brieten die Ziege und luden Thibault höflich zur Theilnahme an dieſem Mahle ein, deſſ oſten er beſtreiten mußte. Thibault lehnte die Einladung ab unter dem ſcheinbaren Vorwand, daß er ſich immer noch nicht von der tiefen Gemüthsbewegung erholt habe, welche Markotte's Tod und der Unfall des Barons ihm verurſacht.— — ⏑⏑—— 117 Er las die Trümmer ſeines ſchönen Bechers auf, und nachdem er ſich genau verſichert, daß es ver⸗ gebliche Mühe wäre, ihn wieder zuſammenſetzen zu wollen, ſtellte er Betrachtungen darüber an, was er wohl thun könnte, um ſo ſchnell als möglich aus dem elenden Leben hinauszukommen, das ihm die zwei letzten Tage unerträglicher als je machten. Das erſte Bild, das vor ſein geiſtiges Auge trat, war Agnelette. Wie die Kinder im Traum ſchöne Engel kom⸗ men ſehen, ſo ſah er Agnelette immer in ganz wei⸗ ßer Kleidung und mit großen weißen Flügeln über einen blauen Himmel hingleiten. Sie ſah ganz ſelig aus, gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen, und ſagte: „Diejenigen, die mit mir kommen, werden ſelig ſein.“ Aber dieſer lieblichen Erſcheinung antwortete Thi⸗ bault mit Kopfſchütteln und Achſelzucken, als wollte er ſagen: „Ja, ja, Agnelette, ich erkenne Dich wohl, Du biſt's. Geſtern konnte ich Dir wohl nachlaufen; aber heute, wo ich wie ein König über Leben und Tod gebiete, habe ich nicht im Sinn, um einer Liebe willen, die kaum einen Tag alt iſt und noch ihr erſtes Wörtchen lallt, dumme Streiche zu machen. Wenn ich Dein Mann würde, meine gute Agnelette, ſo würden wir uns nicht von den bitteren Nöthen des Lebens befreien, ſondern vielmehr die Laſt, die uns beide gkeich ſehr bedrückt, verdoppeln und verdrei⸗ fachen. Nein, Agnelette, nein! Du gäbeſt ein aller⸗ liebſtes Schätzchen, aber zur Frau brauche ich eine, 118 die ebenſo viele Thaler ins Haus mitbringt, als meine Macht werth iſt.“ Sein Gewiſſen ſagte ihm allerdings, daß er Agne— lette gegenüber eine förmliche Verpflichtung eingegan⸗ gen habe, aber er antwortete ſich, es geſchehe ja im Intereſſe des holden Geſchöpfes ſelbſt, wenn er dieſe Verbindlichkeit nicht einhalte. „Ich bin ein ehrlicher Mann,“ murmelte er leiſe, „und ich muß meine perſönlichen Wünſche dem Glück des theuren Kindes opfern. Ueberdies iſt ſie jung, hübſch und klug genug, um ein weit beſſeres Loos zu finden, als ſie an der Seite eines ſimpeln Holz⸗ ſchuhmachers zu erwarten hätte.“ Aus all dieſen Erwägungen ging für Thibault der Schluß hervor, daß er die lächerlichen Verſpre⸗ chungen von geſtern in die Winde ſtreuen und ein Eheverſprechen, daß nur die zitternden Blätter der Birken und die Haideröslein zu Zeugen gehabt, als nichtgegeben betrachten müſſe. Ueberdies befand ſich in der Mühle von Coyolles eine ſchöne Müllerin, deren Bild dem neuen Ent⸗ ſchluſſe Thibaults nicht ganz fremd war. Sie war eine junge Wittwe von ſechs bis acht⸗ undzwanzig Jahren, friſch und rund, mit ſchalkhaften, herausfordernden Augen. Dabei galt ſie für die reichſte Partie in der gan⸗ zen Umgegend, denn ihre Mühle feierte niemals, und ſie paßte, wie man ſieht, in allen Beziehungen beſſer für Thibault. In anderen Zeiten würde Thibault es nie ge⸗ wagt haben, ſeine Blicke bis zu Madame Polet zu erheben. 1 2— 88——ꝭ;,yy—— —,.,— „ 419 So hieß die Müllerin, deren Name ſich jetzt zum erſten Mal unter unſerer Feder befindet. Und in der That trat die Trägerin dieſes Namens jetzt zum erſten Male ernſtlich vor das geiſtige Auge unſeres Helden. Er wunderte ſich ſelbſt höchlich darüber, daß er nicht ſchon früher an die ſchöne Müllerin gedacht, und er ſagte ſich, daß er zwar an ſie gedacht habe, aber ohne alle Hoffnung, während er es jetzt, da er ſich der Gönnerſchaft des Wolfes und durch ihn einer bereits erprobten übernatürlichen Macht erfreute, für kinderleicht hielt, alle ſeine Mitbewerber zu verdrän⸗ gen und zu ſeinem Ziel zu gelangen. Man ſagte allerdings, die Müllerin von Coyolles ſei ein wenig böſe und zänkiſch. Aber der Holzſchuhmacher dachte, daß er mit dem Teufel in ſeinem Aermel ſich wohl nicht viel um den böſen Geiſt, den armſeligen kleinen Dämon zweiten Ranges, welcher der Frau Wittwe Polet im Leib ſtecken könne, zu kümmern brauche. Als daher der Tag kam, war Thibault entſchloſſen, ſich nach Coyolles zu begeben, denn alle dieſe Viſio⸗ nen waren natürlich bei Nacht aufgetreten. Herr Jean erwachte mit dem erſten Sang der Grasmücke. Er hatte ſich von ſeinem geſtrigen Un⸗ wohlſein vollkommen erholt, er brachte ſeine Leute durch derbe Peitſchenhiebe ſchnell auf die Beine, und nachdem er Markotte's Leichnam nach dem Schloß Vez abgeſchickt, beſchloß er, nicht unverrichteter Dinge nach Hauſe zurückzukehren, ſondern ein wildes Schwein zu jagen, wie wenn ſich am vorhergehenden Tag gar nichts Außerordentliches zugetragen hätte. 120 Endlich, gegen ſechs Uhr Morgens, zog er ab, nachdem er Thibault ſeines Dankes für die gute Gaſtfreundſchaft verſichert, die er ſelbſt, ſeine Hunde und ſeine Leute in dieſer armen Hütte genoſſen; er ſchwur ſogar, daß er aus Rückſicht darauf Alles ver⸗ zeihen wolle, was der Holzſchuhmacher ſonſt gegen ihn verſchuldet haben möge. Man kann ſich denken, daß Thibault ohne ſonder⸗ lichen Schmerz Herrn, Hunde und Leute ſcheiden ſah. Als ſodann Herr, Hunde und Leute fort waren, betrachtete er eine Weile ſein ausgeplündertes Häus⸗ chen, ſeine leere Mulde, ſeine zerbrochenen Möbel, ſeinen verödeten Stall, den mit Trümmern überſäeten Boden. Aber er ſagte ſich, dies ſei die natürliche Folge vom Beſuch eines großen Herrn, und die Zukunft erſchien ihm zu leuchtend, als daß er ſich lange bei dieſem Anblick hätte aufhalten ſollen. Er zog ſeine Sonntagskleider an, putzte ſich ſo zierlich als möglich heraus, aß zu ſeinem letzten Stück Brod den letzten Brocken von ſeiner Ziege, trank ein großes Glas Quellwaſſer und machte ſich auf den Weg nach Coyolles. Thibault war feſt entſchloſſen, heute noch ſein Heil bei Madame Polet zu verſuchen. Er brach alſo gegen neun Uhr Morgens auf. Der kürzeſte Weg nach Coyolles führte über Oigny und Piſſeleux. Wie kam es jetzt, daß Thibault, der den ganzen Wald von Villers⸗Coterets ſo gut kannte, wie ein Schneider die Taſchen kennt, die er gemacht hat, wie 121 kam es, daß Thibault den eine gute halbe Stunde längeren Weg nach Chretiennelle einſchlug? Das kam daher, daß dieſer Weg von Chretien⸗ nelle ihn zu dem Platz führte, wo er Agnelette zum erſten Mal geſehen hatte, und daß, wenn er auch aus Berechnung nach der Mühle von Coyolles ging, ſein Herz ihn nach Preciamont zog. Und in der That bemerkte er unweit von Ferté⸗ Milon am Rand des Weges die ſchöne Agnelette, die für ihre Ziegen Gras holte. Er hätte ganz leicht ungeſehen vorbeigehen kön⸗ nen, denn ſie kehrte ihm den Rücken zu. Aber der Teufel verſuchte ihn, und ſo ging er gerade auf ſie zu. Agnelette ihrerſeits, die ſich gebückt hatte, um mit ihrer Sichel Gras abzuſchneiden, ſchaute, als ſie Jemand kommen hörte, auf und erkannte Thibault. Sie erröthete. Zugleich aber breitete ſich ein vergnügtes Lächeln über ihr ganzes Geſicht, was deutlich genug bewies, daß in dieſem Erröthen keine Feindſeligkeit gegen Thibault lag. „Ah!“ ſagte ſie,„Ihr ſeid da; ich habe heute Nacht viel an Euch gedacht und viel für Euch ge⸗ betet.“ Thibault erinnerte ſich jetzt wirklich, daß er ſelbſt in ſeinen Träumen Agnelette geſehen hatte, wie ſie mit gefalteten Händen, in weißem Kleid und mit Engelsflügeln, in den Himmel fuhr. „Und warum habt Ihr an mich gedacht und für mich gebetet, mein ſchönes Kind?“ fragte Thibault 2 122 ſo unbefangen, wie nur irgend ein junger Herr vom Hofe des Prinzen hätte thun können. Agnelette ſah ihn mit ihren großen himmelblauen Augen an. „Ich habe an Euch gedacht, weil ich Euch liebe, Thibault,“ ſagte ſie;„ich habe für Euch gebetet, weil ich das Unglück, das dem Herrn Jean und ſei⸗ nem Rüdenknecht zuſtieß, wie auch die ganze Verle⸗ genheit ſah, die für Euch daraus erwuchs. Ach! hätte ich nur auf mein Herz hören wollen, ich wäre ſo gern zu Euch geläufen, um Euch zu helfen.“ „Ihr hättet kommen ſollen, Agnelette; Ihr hättet luſtige Geſellſchaft getroffen, das kann ich Euch ver⸗ ſichern.“ „O das hätte ich nicht geſucht, Herr Thibault, ich hätte Euch bloß beiſtehen mögen, um ſie zu em⸗ pfangen. Ach! aber was bedeutet denn dieſer ſchöne Ring, den Ihr am Finger habt, Herr Thibault?“ Und das Mädchen deutete auf den Ring, welchen Thibault vom Wolf erhalten hatte. Dem Holzſchuhmacher lief es eiskalt durch die Adern. „Dieſer Ring?“ ſagte er. „Ja, dieſer Ring?“ Als Agnelette ſah, daß Thibault nicht mit der Sprache herausrücken wollte, wandte ſie ſich ab und ſtieß einen Seufzer aus. „Ohne Zweifel ein Geſchenk von irgend einer ſchönen Dame?“ murmelte ſie. „Ihr täuſchet Euch, Agnelette,“ verſetzte Thibault mit der Dreiſtigkeit eines vollendeten Lügners:„das iſt unſer Verlobungsring, den ich geſtern gekauft — —————V—s- 123 habe, um ihn an unſerem Hochzeittag an Euern Fin⸗ ger zu ſtecken.“ Agnelette ſchüttelte traurig den Kopf. „Warum ſaget Ihr mir nicht die Wahrheit, Herr Thibault?“ fragte ſie. „Ich ſage ſie Euch ja, Agnelette.“ „Nein.“ Und ſie ſchüttelte ihren Kopf noch trauriger. „Warum glaubet Ihr, daß ich lüge?“ „Weil dieſer Ring ſo groß iſt, daß man zwei von meinen Fingern hineinſtecken könnte.“ In der That war Thibaults Finger ſo dick wie zwei Finger des Mädchens. „Wenn er zu groß iſt, Agnelette,“ ſagte er,„ſo laſſen wir ihn kleiner machen.“ „Adieu, Herr Thibault.“ „Wie ſo, Adieu?“ „Idl. „Ihr geht?“ „Ja.“ „Und warum, Angnelette?“ „Weil ich die Lügner nicht liebe.“ Thibault ſuchte nach einem Schwur, um Agnelette zu beruhigen, aber er konnte keinen finden. „Hört,“ ſagte Agnelette mit Thränen in den Augen, denn es koſtete ſie große Selbſtüberwindung zu gehen,„wenn dieſer Ring wirklich für mich be⸗ ſtimmt iſt...“ „Ich ſchwöre es Euch.“ „Nun, ſo gebt ihn mir bis zu unſerem Hoch⸗ zeittag in Verwahrung, und dann will ich ihn Euch heimgeben, damit Ihr ihn einſegnen laſſet.“ 124 „Ich würde ihn Euch von Herzen gern geben, Agnelette,“ antwortete Thibault;„aber ich will ihn an Eurer ſchönen Hand ſehen. Ihr habt mir eine ſehr richtige Bemerkung gemacht, nämlich daß er Euch zu weit ſei. Ich gehe heute nach Villers⸗Coterets, wir wollen ſogleich das Maß Eures Fingers nehmen, und dann laſſe ich den Ring von Herrn Dugué, dem Goldſchmid, kleiner machen.“ Das Lächeln erſchien wieder auf Agnelette's Lip⸗ pen, und die Thränen trockneten ſich plötzlich in ihren Augen. Sie bot Thibault ihr Händchen hin. Thibault nahm die Hand einen Augenblick zwi⸗ ſchen die ſeinigen, drehte ſie um und um, und drückte dann einen Kuß darauf. „O,“ ſagte Agnelette,„küſſet doch meine Hand nicht ſo, ſie iſt nicht ſchön genug, Herr Thibault.“ „So gebt mir etwas Anderes.“ Agnelette bot ihm ihre Stirne dar. Dann ſagte ſie mit kindlichem Vergnügen: „Jetzt laßt mich den Ring ſehen.“ Thibault zog den Ring vom Finger und wollte ihn lachend an Agnelette's Daumen ſtecken. Aber zu ſeiner Verwunderung zeigte ſich's, daß der Ring zu eng war und nicht über das zweite Glied hinauskam. „Ei, ei,“ ſagte Thibault,„wer hätte das ge⸗ dacht?“ Agnelette lachte.. „In der That,“ ſagte ſie,„das iſt ſonderbar.“ Thibault verſuchte den Ring an Agrelette's Zeige⸗ finger. — in den 125 Der Ring ging da ebenſo wenig hinein als in den Daumen. Jetzt probirte es Thibault mit dem Mittelfinger. Es war, als verengere ſich der Ring nach Be⸗ dürfniß, um dieſe jungfräuliche Hand nicht zu be⸗ ſchmutzen. Nach dem Mittelfinger wollte Thibault den Ring an den Goldfinger ſtecken. Er trug ihn ebenfalls an dieſem. Dieſelbe Unmöglichkeit wie bei den andern Fingern. Während dieſer Verſuche ſpürte Thibault, wie Agnelette's Hand in der ſeinigen zitterte, und der Schweiß rann ihm von der Stirne, als hätte er die ermüdendſte Arbeit vollbracht. Er ſah ein, daß irgend eine Teufelei dahinter ſteckte. Endlich verſuchte er es noch mit Agnelette's klei⸗ nem Finger. Dieſer kleine Finger, beinahe durchſichtig und ſo dünn, daß der Ring ebenſo leicht um ihn herum ſpie⸗ len mußte, wie ein Armband um den Finger Thi⸗ baults, dieſer kleine Finger konnte, trotz aller An⸗ ſtrengungen Agnelette's, nicht in den Ring kommen. „Ach, Herr Thibault,“ rief das Kind,„was ſoll das Alles bedeuten, mein Gott?“ 3 „Satansring, geh' zum Satan zurück!“ rief Thi⸗ bault. Und er ſchleuderte den Ring gegen einen Felſen, in der Hoffnung, daß er zerbrechen würde. Der Ring gab Feuer, wie wenn Thibault mit dem Fuß an den Granit geſtoßen hätte, prallte gegen 126 ihn zurück und ſteckte ſich von ſelbſt wieder an ſeinen Finger. Agnelette ſah dieſe Bewegungen des Ringes und betrachtete Thibault mit Entſetzen. „Nun,“ fragte Thibault, der es jetzt mit Keckheit verſuchen wollte,„was gibt's?“ Agnelette antwortete nicht. Sie betrachtete ihn bloß mit immer größerer Angſt. Thibault wußte nicht, warum ſie ihn ſo anſah. Aber ſie erhob langſam ihre Hand bis zu Thi⸗ baults Kopf, ſtreckte den Finger aus und ſagte: „Ach Herr Thibault, ach Herr Thibault, was habt Ihr denn da?“ „Wo?“ fragte Thibault. „Da! da!“ rief Agnelette, indem ſie immer bläſ⸗ ſer wurde. „Wo denn?“ rief der Holzſchuhmacher, auf den Boden ſtampfend.„Sagt was Ihr ſehet.“ Aber ſtatt zu antworten, hielt Agnelette ihre Hände vor die Augen, ſtieß dann einen Angſtſchrei aus und entfloh, ſo ſchnell ſie konnte. Thibault war von dem ganzen Vorgang der⸗ maßen verblüfft, daß er nicht einmal einen Verſuch machte, ihr zu folgen. Er blieb unbeweglich, ſtumm, vernichtet auf dem Platze ſtehen. Was hatte denn Agnelette ſo Erſchreckliches ge⸗ ſehen und was bezeichnete ſie mit ihrem Finger? War es das Zeichen, das Gott dem erſten Mör⸗ der auf die Stirne gedrückt? Warum nicht? Hatte Thibault nicht, gleich Cain, —— 127 ꝛen einen Menſchen getödtet, und hatte nicht der Pfarrer von Oigny in ſeiner letzten Predigt geſagt, daß alle umnd Menſchen Brüder ſeien? 4 Dieſe Ungewißheit peinigte Thibault. 1 deit Er mußte vor allen Dingen erfahren, was Agne⸗ lette ſo ſehr erſchreckt hatte. Thibault beſchloß nach Bourg⸗Fontaine zu gehen rer und ſich in einem Spiegel zu betrachten. Aber wenn er wirklich mit dem unſeligen Zeichen h. geſtempelt war, und wenn dieſes unſelige Zeichen hi⸗ noch von andern Leuten als von Agnelette geſehen wurde? as Nein, er mußte ein anderes Mittel ausfindig machen. Er konnte allerdings ſeinen Hut tief in die Stirne äſ⸗ drücken, in aller Eile nach Oigny zurückgehen und ſich in einem Trümmer ſeines Spiegels betrachten. den Aber der Weg war ſehr lang. Hundert Schritte von da befand ſich eine kryſtall⸗ hre helle Quelle, welche die Teiche von Baiſemont und rei von Bourg mit Waſſer verſah. Thibault konnte ſich darin ſo gut beſehen, wie er⸗ in dem feinſten Spiegel von Saint⸗Gobain. ich Er kniete am Rand der Quelle nieder und be⸗ trachtete ſich. em Er hatte noch immer dieſelben Augen, dieſelbe V Naſe, denſelben Mund, und nicht das geringſte Zei⸗ ge⸗ chen auf der Stirne. Thibault athmete neu auf. r⸗ Aber Etwas mußte doch jedenfalls da ſein. Agne⸗ lette hatte ſich offenbar nicht ohne allen Grund ſo in, geängſtigt. 128 Thibault beugte ſich etwas mehr über den Kry⸗ ſtall der Quelle hin. Jetzt bemerkte er mitten in ſeinen Haaren etwas Glänzendes, was in den ſchwarzen Locken funkelte und auf ſeine Stirne herabſfiel. Er beugte ſich noch mehr über. Es war ein rothes Haar, das er bemerkt hatte. Aber es war ein eigenthümliches Roth: weder röthlich blond, noch möhrenartig, weder die Schat⸗ tirung Ochſenblut, noch das eigentliche Hochroth. Es war ein blutiges Roth, das die Farbe und den Glanz der hellſten Flamme hatte. Ohne ſich lange den Kopf zu zerbrechen, durch welches Wunder ein Haar von ſo ungewöhnlicher Farbe hier habe wachſen können, verſuchte Thibault es auszureißen. Er ließ die Locke, in welcher das furchtbare rothe Haar funkelte, bis auf die Waſſerfläche herabhängen, faßte ſie ſachte zwiſchen den Daumen und den Zeige⸗ finger, und zerrte dann heftig daran. Das Haar leiſtete Widerſtand. Thibault dachte, er habe es nicht feſt genug ge— faßt, und ergriff ein anderes Mittel. Er wickelte das Haar um ſeinen Finger und zerrte mit aller Kraft. Das Haar ritzte die Fingerhaut auf, gab aber nicht nach. Thibault wickelte das widerſpenſtige Haar um zwei Finger und zerrte.— Das Haar hob die Kopfhaut in die Höhe, be⸗ wegte ſich aber eben ſo wenig als die Eiche, die ihre ſchattigen Zweige über der Quelle ausbreitete. — — 129 Thibault dachte zuerſt daran, ſeinen Weg nach Coyolles fortzuſetzen, denn er ſagte zu ſich ſelbſt, daß doch wohl die zweideutige Schattirung eines einzigen Haares ſeine Heirathspläne nicht vereiteln könnte. Aber dieſes unglückſelige Haar neckte und quälte ihn, denn es flitterte ihm beſtändig vor den Augen mit dem tauſendfachen blendenden Schimmer, welchen die Flamme mit ſich bringt, wenn ſie von einem Feuerbrand auf den andern hüpft. Endlich riß ihm die Geduld. Er ſtampfte mit dem Fuß und rief: „Tauſend Teufel, ich bin noch nicht ſo weit von meiner Wohnung entfernt, und ich will mit dieſem gottverfluchten Haar ſchon fertig werden.“ Er ging in großer Haſt zurück, trat in ſeine Hütte, fand ſein Haar wieder, indem er ſich in ſei⸗ nem Spiegeltrümmer beſah, nahm eine Tiſchlerſcheere, erfaßte damit das Haar ſo nahe als möglich beim Kopf, brachte Haar und Scheere in dieſer Lage auf ſeinen Werktiſch und drückte mit aller Kraft auf die Scheere. Dieſe ſchnitt tief in das Holz des Werktiſches, aber das Haar blieb unverſehrt. Er wiederholte ſein Manöver, nahm aber dies⸗ mal einen Klöpfel, fuhr mit ſeinem Arm bis über ſeinen Kopf empor und ſchlug einmal ums andere auf die Scheere. Aber Alles das half Nichts. Er bemerkte blos, daß die Schneide ſeiner Scheere eine kleine Scharte juſt von der Breite eines Haares bekommen hatte. Dumas, der Woffsführer, I, 9 130 Thibault ſeufzte und begriff, daß dieſes Haar, der Preis des Wunſches, den er gethan, dem ſchwar⸗ zen Wolf gehöre. Er verzichtete alſo auf ſein Vor⸗ haben.. VII. ( Der Muͤhlknecht. e Als Thibault ſah, daß er das verwünſchte Haar g weder abſchneiden noch ausraufen konnte, ſo beſchloß er es ſo gut wie möglich unter den andern zu ver⸗ ſtecken. f Vielleicht ſah nicht Jedermann ſo ſcharf wie Agne⸗ lette. i Im Uebrigen beſaß Thibault, wie wir bereits il geſagt haben, ein ſehr ſchönes ſchwarzes Haar, und durch einen Scheitel auf der Seite, ſowie durch eine ei gewiſſe Friſur hoffte er das einzelne Unglückshaar unbemerkbar zu machen. L Wie beneidete er die jungen Herrn, die er am Hof der Frau von Maintenon geſehen hatte, und dr welche Puder trugen, unter dem ſie jede beliebige Haarfarbe verſtecken konnten! E Leider war es unmöglich, Puder zu tragen: die di Luxusgeſetze des Augenblicks geſtatteten es nicht. ſch Nachdem Thibault vermöge einer geſchickten Füh⸗ rung des Kammes ſein rothes Haar glücklich unter lie den andern verborgen hatte, beſchloß er der ſchönen Müllerin ſeinen Beſuch abzuſtatten. Nur ſuchte er diesmal einer Begegnung mit Agne⸗ da⸗ aar, var⸗ Jor⸗ 131 lette auszuweichen und hütete ſich alſo wohl, denſel⸗ ben Weg wieder einzuſchlagen; ſtatt ſich links zu halten, hielt er ſich rechts. So geſchah es, daß er auf die Straße von Ferté⸗ Milon kam und ſodann einen Fußweg durch die Fel⸗ der einſchlug, der ihn geradezu nach Piſſeleux führte. Von da ging er in das Thal hinab, das nach Coyolles führt. Kaum war er fünf Minuten in demſelben, als er vor ſich, zwei kornbeladene Eſel treibend, einen großen Burſchen gewahrte, den er als ſeinen Vetter Landry erkannte. Vetter Landry war der erſte Mühlknecht bei der ſchönen Müllerin. Da Thibault die Wittwe Polet noch nicht perſön⸗ lich kannte, ſo hatte er darauf gerechnet, daß Landry ihn in der Mühle vorſtellen würde. Er betrachtete alſo dieſes Zuſammentreffen als ein großes Glück. Thibault verdoppelte ſeine Schritte und hatte Landry bald eingeholt. Als dieſer Fußtritte hinter den ſeinigen hörte, drehte er ſich um und erkannte Thibault. Thibault, der in Landry immer einen fröhlichen Cumpan gefunden hatte, war ganz erſtaunt, als er diesmal ein trauriges und verdrießliches Geſicht zu ſchauen bekam. Landry blieb ſtehen, während ſeine Eſel weiter liefen, und erwartete Thibault. Dieſer redete den Andern zuerſt an. „Nun, nun, Vetter Landry,“ fragte er,„was ſoll das bedeuten? Ich hänge heute mein Handwerk an 132 den Nagel, um einen Vetter und Freund zu be⸗ grüßen, den ich ſchon über ſechs Wochen nicht mehr geſehen habe, und jetzt machſt Du mir ein ſolches Geſicht?“ „Ach nein, mein guter Thibault,“ antwortete Landry,„glaube das nicht. Ich mache mein ganz gewöhnliches Geſicht, und dennoch bin ich, Du magſt es nun glauben oder nicht, im Grunde ſehr erfreut Dich zu ſehen.“ „Im Grund, ja, aber nicht auf der Oberfläche.“ „Wie ſo?“ „Weil Du Deine Freude in einem Ton äußerſt, womit Du den Teufel in die Hölle zurückjagen könn⸗ teſt. Sonſt, mein lieber Landry, warſt Du luſtig und munter, wie das Ticktack Deiner Mühle, das Du beſtändig mit Deinen Liedern accompagnirteſt; aber jetzt biſt Du trübſelig wie ein Kirchhofkreuz. Zum Henker, treibt denn das Waſſer Deinen Mühlſtein nicht mehr herum?“ „O freilich, Thibault, an Waſſer fehlt es nicht; im Gegentheil, das Waſſer kommt beſſer als je, und die Schleuſe läßt uns nie im Stich; aber, ſiehſt Du, ſtatt des Kornes iſt mein Herz jetzt unter dem Mühl⸗ ſtein, und dieſer Mühlſtein geht ſo gut und ſo feſt herum, daß mein Herz ganz zermalmt iſt und Nichts als Staub davon übrig bleibt.“ „Fühlſt Du Dich denn ſo unglücklich in der Mühle der Polet?“ „Ach wollte Gott, ich wäre unter das Mühlrad gefallen, als ich ſie zum erſten Mal betrat!“ „Wahrhaftig, Du erſchreckſt mich, Landry. Er⸗ zähle mir Deine Leiden, mein Junge.“ liel nich 133 Landry ſtieß einen ſchweren Seufzer aus. „Wir ſind Geſchwiſterkinder,“ fuhr Thibault fort, gund beim Teufel, wenn ich auch zu arm bin, um Dir ein paar Thaler leihen zu können, falls Du in einer Geldverlegenheit biſt, ſo kann ich Dir doch vielleicht einen guten Rath ertheilen, wenn Du Her⸗ zenskummer haſt.“ „Dank, Thibault; aber was ich habe, da kann weder guter Rath noch Geld helfen.“ „So ſag' mir's doch; man macht ſich das Herz immer leichter, wenn man ſeinen Kummer erzählt.“ „Nein, nein, Du magſt mir zureden, ſo lange Du willſt, ich werde es nicht ſagen.“ Thibault lachte. „Du lachſt?“ fragte ihn Landry verwundert und beleidigt zugleich;„Du lachſt über meinen Kummer!“ „Nein, Landry, ich lache nicht über Deinen Kum⸗ mer,, ſondern bloß darüber, daß Du meinſt, Du könnteſt mir die Urſache deſſelben verbergen, während ſie doch ganz leicht zu errathen iſt.“ „Nun, ſo rathe einmal.“ „Du biſt verliebt, bei Gott! Das iſt ſehr leicht zu merken.“ „Ich verliebt?“ rief Landry.„Woher haſt Du dieſe Lüge?“ „Es iſt keine Lüge, ſondern die klare Wahrheit.“ Landry ſtieß einen zweiten Seufzer aus, der noch verzweiflungsvoller war als der erſte. .„Nun ja,“ ſagte er,„es iſt wahr, ich bin ver⸗ liebt.“ „Geſtehſt Du es doch endlich?“ ſagte Thibault, nicht ohne ein gewiſſes Herzklopfen, denn er ahnte 134 in ſeinem Vetter einen Nebenbuhler.„Und in wen biſt Du verliebt?“ „In wen ich verliebt bin?“ „Ja, das frage ich Dich.“ „Was das betrifft, Vetter Thibault, ſo kannſt Du mir eher das Herz aus der Bruſt reißen, als daß ich Dir's ſage.“ „Du haſt mir's ja ſchon geſagt.“ „Wie kannſt Du das behaupten?“ rief Landry, indem er den Holzſchuhmacher ſtarr anſah. Allerdings.“ 7, „Das möchte ich doch ſehen.“ „Haſt Du nicht geſagt, es wäre beſſer geweſen, Du wäreſt an dem Tag, wo Du bei der Polet Arbeit ſuchteſt, unter das Mühlrad gefallen, als daß ſie Dich als Oberknecht annahm? Du biſt unglücklich in der Mühle, Du biſt verliebt, alſo biſt Du in die Müllerin verliebt, und dieſe Liebe macht Dich unglücklich.“ „Ach, ſchweige doch, Thibault! Wenn ſie uns hörte!“ „Wie ſoll ſie uns hören können, wenn ſie nicht anders die Kunſt beſitzt, ſich unſichtbar zu machen oder ſich in einen Schmetterling oder eine Blume zu verwandeln?“ „Gleichviel, Thibault, ſchweig!“ „Iſt ſie denn ſo ſtreng, die Müllerin? Hat ſie denn gar kein Mitleid mit Deiner Verzweiflung, armer Junge?“ fuhr Thibault fort. Aus dieſen ſcheinbar vom reinſten Mitgefühl ein⸗ gegebenen Worten ließ ſich allerdings ein gewiſſes Vergnügen, ein gewiſſer Spott heraushören. Landry aber war nicht der Mann dazu. —O ,—S,— fü ben inſt als ry, een, veit dich der rin ins icht hen zu ſie ing, ein⸗ ſſes — 135 „Ach ja, ich glaub's wohl, daß ſie ſtreng iſt,“ klagte er.„Im Anfang hatte ich mir eingebildet, daß ſie meine Liebe nicht verſchmähe; den ganzen Tag verſchlang ich ſie mit den Augen, und von Zeit zu Zeit ließ auch ſie ihren Blick auf mir haften, und wenn ſie mich angeſehen hatte, ſo lächelte ſie. Ach, mein lieber Thibault, es that mir ſo wohl, wenn ſie mich ſo anſah und anlächelte. Mein Gott, warum habe ich mich nicht immer damit begnügt?“ „Das iſt ganz natürlich,“ erklärte Thibault als Philoſoph,„der Menſch iſt unerſättlich.“ „Ach ja, ich habe ganz vergeſſen, daß ſie vor⸗ nehmer iſt als ich, und ich habe geſprochen. Da iſt Frau Polet in großen Zorn gerathen; ſie hat mich einen armſeligen Lumpen und einen unverſchämten Kerl geheißen, und hat geſagt, in der nächſten Woche werde ſie mich aus dem Hauſe werfen.“ „Uf!“ ſagte Thibault,„und wie lange iſt es her?“ „Ungefähr drei Wochen.“ „Und die nächſte Woche iſt alſo immer noch nicht gekommen?“ fragte der Holzſchuhmacher, der ſich auf Weiberherzen beſſer verſtand als ſein Vetter Landry, und bei dem ſeine auf einen Augenblick zum Schweigen gebrachten Beſorgniſſe ſich wieder ein⸗ ſtellten. Dann ſagte er nach einer kurzen Pauſe: „Es hat keine Gefahr, Du biſt nicht ſo unglück⸗ lich, als ich glaubte.“ „Nicht ſo unglücklich, als Du glaubteſt?“ „Nein.“ „Ach, wenn Du wüßteſt, was ich für ein Leben führe! Kein Blick, kein Lächeln mehr. Wenn ſie 136 mir begegnet, wendet ſie ſich ab, und wenn ich ihr über einen Vorfall in der Mühle zu berichten habe, ſo hört ſie mich mit ſo höhniſcher Miene an, daß ich, ſtatt von Kleie, Korn, Roggen, Gerſte oder Hafer, von Mehl und Nachmehl zu ſprechen, weinen muß, und dann ſagt ſie in ſo drohendem Tone: Gib Acht! zu mir, daß ich davon laufe und mich ſchnell hinter meinen Mehlbeuteln verſtecke.“ „Aber warum mußt Du Dir auch gerade Deine Meiſterin ausſuchen? Es fehlt ja im Bezirk nicht an Mädchen, die ſeelenfroh wären, wenn ſie Dich zum Liebhaber hätten.“ „Ach, ich kann wahrhaftig Nichts dafür, daß ich mich in ſie verliebt habe.“ „Such' Dir eine Andere und denk' nicht mehr an ſie.“ „Ich kann nicht.“ „Probir's einmal. Gib Acht, ſobald die Müllerin ſieht, daß Du Dein Herz einer Andern ſchenkſt, ſo wird ſie eiferſüchtig, und dann wird ſie Dir ebenſo nachlaufen, wie Du jetzt ihr nachlaufſt. Dieſe Wei⸗ ber ſind ſo eigen!“ „O wenn ich das hoffen könnte, ſo würde ich's ſogleich verſuchen... obſchon jetzt...“ Und Landry ſchüttelte den Kopf. „Nun, was jetzt?“ „Obſchon jetzt nach dem, was vorgefallen iſt, Alles doch vergeblich wäre.“ „Was iſt denn vorgefallen?“ fragte Thibault, der Alles wiſſen wollte. „O Nichts,“ antwortete Landry,„ich wage es gar nicht davon zu ſprechen.“ ———= ————— —— ᷣί̈ —. 137 „Warum?“ „Weil man, wie die Leute bei uns ſagen, das Unglück nicht wecken ſoll, wenn es ſchläft.“ Thibault würde darauf beſtanden haben, zu er⸗ fahren, welches Unglück Landry meinte, aber ſie waren ſchon nahe bei der Mühle, und eine Erklärung würde alſo, vorausgeſetzt, daß ſie begonnen hätte, in keinem Fall ihr Ende erreicht haben. Aber Thibault glaubte genug zu wiſſen. Landry liebte die ſchöne Müllerin, aber die ſchöne Müllerin liebte Landry nicht. Und in der That ſchien ihm ein ſolcher Neben⸗ buhler nicht ſehr gefährlich. Er verglich mit einem gewiſſen Stolz und nicht ohne innere Befriedigung das kindiſche, läppiſche Ausſehen ſeines Vetters, eines Bürſchchens von acht⸗ zehn Jahren, mit ſeinen fünf Fuß ſechs Zoll und ſeinem ſchlanken Wuchs, eine Vergleichung, die ihn ganz natürlich zu der Ueberzeugung führte, daß, wenn Madame Polet auch nur einigen Geſchmack beſitze, die Erfolgloſigkeit Landry's unfehlbar ſeinen eigenen Sieg herbeiführen müſſe. Die Mühle von Coyolles liegt reizend in einem anmuthigen Thal; das Waſſer, welches ſie ſpeist, bildet einen kleinen Teich, beſchattet von dickbewipfel⸗ ten Weiden und ſchlanken Pappeln; die Zwergbäume und die Rieſenbäume ſtehen durch prächtige Erlen und durch gewaltige Nußbäume mit duftendem Blät⸗ terwerk unter ſich in Verbindung. Nachdem das ſchäumende Waſſer das Mühlrad umgetrieben, fließt es in einen kleinen Bach, der ſeine ewige Hymne ſingt, indem er über die Kieſelſteine ſeines Bettes dahin 138 hüpft und im Aufſpringen mit ſeinen feuchten Dia⸗ manten die Blumen beſpritzt, die ſich kokett herabnei⸗ gen und in der Flut beſpiegeln. Die Mühle ſelbſt ſitzt dermaßen in einer Gruppe von Platanen, Maulbeerfeigenbäumen und Trauer⸗ weiden verſteckt, daß man erſt, wenn man auf hun⸗ dert Schritte nahe gekommen iſt, das Kamin bemerkt, aus welchem der Rauch gleich einer Säule von blauem Alabaſter zwiſchen den Bäumen aufſteigt. Obſchon Thibault dieſe Lage gar wohl kannte, ſo verſetzte ſie ihn doch diesmal in ein Entzücken, das er noch nie empfunden, denn er hatte ſich noch nie in einer ähnlichen Gemüthsverfaſſung befunden; jetzt regte ſich in ihm bereits Etwas von der egoi⸗ ſtiſchen Befriedigung des Eigenthümers, welcher ein Gut beſichtigt, das er durch einen Andern hat kaufen laſſen. Aber noch weit größer war ſeine Freude, als er in den Hof trat und das Gemälde ſich belebte. Tauben mit blauen und purpurrothen Hälſen girrten auf den Dächern, die Enten führten ſchreiend tauſenderlei Bewegungen im Bache aus, die Hühner glucksten auf dem Miſt, die Truthähne ſchlugen blähend ihre Räder bei ihren Weibchen, ſchöne braune und weiße Kühe kehrten mit vollen Eutern von den Feldern heim. Hier lud man einen Wagen ab, dort ſchirrte man zwei ſchöne Perchepferde aus, die wiehernd ihre gutmüthigen entfeſſelten Köpfe zu ihren Raufen emporſtreckten. Ein Knecht trug einen Sack auf den Speicher, eine Magd brachte einen Kübel voll Spülicht einem ungeheuren Schwein, das ſich in der Sonne wärmte und abwartete, bis ſeine Verwand⸗ 139 lung in eingeſalzenes Fleiſch, in Blut⸗ und Brat⸗ würſte vor ſich ging. Alle Thiere aus der Arche, vom ſchreienden Eſel an bis zum ſingenden Hahn, lieferten ihre Mißtöne zu dieſem ländlichen Concert, während das Ticketack der Mühle den Tact dazu ſchlug und den Rythmus zu regeln ſchien. Thibault war wie geblendet. Er betrachtete ſich zum Voraus als Eigenthümer von all dieſer Herrlichkeit und rieb ſich ſo vergnügt die Hände, daß Landry dieſe durch Nichts motivirte Luſtigkeit nothwendig hätte bemerken müſſen, wenn er nicht allzu tief in ſeinen Schmerz verſunken ge⸗ weſen wäre, der mit jedem weitern Schritt nach dem Wohnhaus zu überhand nahm. Die Wittwe, die ſich gerade im Speiſezimmer aufhielt, bemerkte die Kommenden auf der Thür⸗ ſchwelle. Die Neugierde, zu erfahren, wer der Fremde war, der mit ihrem Oberknecht heimkam, ſchien ſie gewaltig zu plagen. Thibault ging über den Hof, ſchritt ganz unbe⸗ fangen auf das Wohnhaus zu, nannte ſeinen Namen und erklärte der Müllerin, wasmaſſen ſein Wunſch, ſeinen einzigen Verwandten Landry zu beſuchen, ihn beſtimmt habe, ihr ſeine Aufwartung zu machen. Die Müllerin war ungemein höflich. Mit einem Lächeln, worin Thibault die ſchönſten Verheißungen erblickte, lud ſie ihren Gaſt ein, einen Tag in der Mühle vorliebzunehmen. Thibault rückte mit ſeinem Geſchenk heraus. Während ſeines Ganges durch den Wald hatte 140 er einige Krammetsvögel befreit, die an leimbeſtri⸗ chenen Vogelbeerzweigen hängen geblieben waren. Die Müllerin gab ſie augenblicklich zum Rupfen, mit dem Bemerken, ſie hoffe, daß Herr Thibault ſelbſt davon koſten werde. Inzwiſchen bemerkte Thibault, daß die ſchöne Müllerin, während ſie mit ihm plauderte, über ſeine Schulter hinweg Zerſtreuungen zu ſuchen ſchien. Er wandte ſich ſchnell um und ſah, daß der Ge⸗ genſtand ihrer Aufmerkſamkeit Niemand anders als Landry war, der die beiden Eſel ablud. Als Madame Polet ſah, daß ihre Nebenbeſchäf⸗ tigung Thibault nicht entgangen war, wurde ſie kirſchroth. Doch faßte ſie ſich ſogleich. „Herr Thibault,“ ſagte ſie zu ihrem neuen Be⸗ kannten,„da Ihr ſo kräftig ausſehet, ſo könntet Ihr wohl ein gutes Werk thun und Eurem Vetter ein wenig helfen; Ihr ſehet ja, daß dieſe Arbeit für ihn allein zu ſchwer iſt.“ Und ſie ging in's Haus zurück. „Ei der Teufel!“ ſagte Thibault, indem er der Müllerin nachblickte und dann ſeine Augen auf Landry heftete,„ſollte dieſer Burſche da glücklicher ſein, als er ſelbſt ahnt, und werde ich wohl den ſchwarzen Wolf zu Hülfe rufen müſſen, um ihn mir vom Halſe zu ſchaffen?“ Gleichwohl that er, um was die Müllerin ihn erſucht hatte. Da er ſich dachte, die ſchöne Wittwe werde zu irgend einer Vorhangritze herausſehen, ſo bot er bei 141 der Arbeit alle ſeine Kräfte zur Schau und entwickelte ſeine ganze Anmuth. Nach vollendeter Arbeit traf man ſich wieder im Zimmer, wo ein Dienſtmädchen den Tiſch deckte. Die Wittwe nahm den Chrenplatz ein, und ließ Thibault zu ihrer Rechten ſitzen. Madame Polet war äußerſt aufmerkſam gegen ihn, ſo daß er ſeine flüchtigen Zweifel vergaß und ſein Herz auf's Neue der Freude und Hoffnung öffnete. Die Müllerin hatte, um dem Geſchenk Thibaults alle Ehre zu erweiſen, die Krammetsvögel eigenhän⸗ dig mit Wachholderbeeren zugerichtet, und ſo waren ſie das beſte Eſſen geworden, das je einen Gaumen kitzeln konnte. Inzwiſchen warf ſie, obſchon ſie über die Schwänke lachte, die Thibault preisgab, von Zeit zu Zeit ver⸗ ſtohlene Blicke auf Landry und bemerkte, daß der arme Junge die Speiſen, welche ſie ihm ſelbſt auf den Teller gelegt, noch nicht einmal berührt hatte. Ueberdieß bemerkte ſie, daß dicke Thränen über ſeine Wangen hinab in die Wachholderbeerſauce der Krammetsvögel liefen, die noch unberührt auf ſeinem Teller lagen. Dieſer ſtumme Schmerz rührte ſie. Ihr Blick wurde beinahe zärtlich, und ſie machte mit ihrem Kopf eine ſo ausdrucksvolle Geberde, als wollte ſie ſagen: „Eßt doch, Landry, ich bitte Euch.“ Eine ganze Welt von Liebesverheißungen lag in dieſer kleinen Pantomime. Landry begriff die ſchöne Müllerin, denn er er⸗ 14² ſtickte beinahe, indem er, aus eitel Beeiferung ſeiner Herrin zu gehorchen, ſein Vögelchen auf einmal hin⸗ abſchluckte. Nichts von alle dem entging Thibault. „Bei der Milz Gottes!“ murmelte er(dies war ein Fluch, den er von dem Baron Jean gehört hatte, denn jetzt, ſeit er ein Freund des Teufels war, glaubte er die Sprache der vornehmen Herren reden zu dürfen);„bei der Milz Gottes, ſollte ſie wirklich in dieſen Laffen verliebt ſein? Das würde erſtens von ſehr ſchlechtem Geſchmack zeugen und zwei⸗ tens ganz und gar nicht in meinen Kram paſſen. Nein, nein, ſchöne Müllerin, Du brauchſt einen ge⸗ ſcheidten Kerl, der Deinem Geſchäft vorſtehen kann, und dieſer geſcheidte Kerl bin ich, oder der ſchwarze Wolf müßte gar Nichts vermögen.“ Als er ſodann beinahe unmittelbar darauf be⸗ merkte, daß die Müllerin die alten Traditionen von verſtohlenen Liebesblicken und zärtlichem Lächeln, wovon Landry ihm erzählt, wieder aufgenommen hatte, da fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch alſo fort: „Schon gut, ſchon gut, ich ſehe wohl, daß ich hier zu den großen Mitteln greifen muß, denn die Müllerin kann ich unmöglich hinauslaſſen; ſie iſt in der ganzen Gegend die einzige Parthie, die mir an⸗ ſteht. Ja, aber was mit dem Vetter Landry machen? Seine Liebe durchkreuzt meine Pläne, aber ich kann ihn doch wahrhaftig wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht dem armen Markotte in die andere Welt nach⸗ ſchicken. Doch wie einfältig, daß ich mir den Kopf zerbreche, um einen Ausweg zu finden! Das alles ᷣ8 — zi ei in ge 143 geht mich ja gar nicht an, ſondern iſt Sache des ſchwarzen Wolfes.“ Dann fügte er ganz leiſe hinzu: „Schwarzer Wolf, lieber Freund, richte es ſo ein, daß ich von meinem Vetter Landry befreit werde, ohne daß ihm ein Leid oder Unglück widerfährt.“ Er hatte dieſes Gebet noch nicht vollendet, als er auch ſchon vier oder fünf Männer in militäriſchen Uniformen den Berg herabkommen und auf die Mühle zuſchreiten ſah. Landry bemerkte ſie ebenfalls, denn er ſtieß einen lauten Schrei aus und erhob ſich, um zu fliehen, ſank aber auf ſeinen Stuhl zurück, wie wenn ihn all ſeine Kraft verlaſſen hätte. VIII. Thibaults Wuͤnſche. Als Frau Polet die Wirkung ſah, welche der Anblick der auf die Mühle zuſchreitenden Krieger bei Landry hervorbrachte, da erſchrack ſie beinahe ebenſo heftig wie ihr Oberknecht. „Ach, mein Gott,“ fragte ſie,„was gibt es denn, mein guter Landry?“ „Ja, was gibt es?“ fragte auch Thibault; nur zitterte ſeine Stimme ein wenig. „Letzten Donnerſtag,“ klagte Landry,„bin ich in einem Augenblick der Verzweiflung zum Werboffizier im Hotel du Dauphin gegangen und habe Handgeld genommen.“ 14⁴4 „In einem Augenblick der Verzweiflung!“ rief die Müllerin,„und warum verzweifeltet Ihr denn?“ „Ich verzweifelte,“ antwortete Landry mit einer großen Kraftanſtrengung,„ich verzweifelte, weil ich Euch liebte.“ „Und weil Ihr mich liebtet, ſeid Ihr alſo Sol⸗ dat geworden, Unglückſeliger!“ „Habt Ihr mir nicht geſagt, daß Ihr mich von der Mühle jagen würdet?“ „Habe ich Euch fortgejagt?“ fragte die Müllerin mit einem Ausdruck, über deſſen Bedeutung kein Irrthum möglich war. „O mein Gott,“ fragte Landry,„Ihr würdet mich alſo nicht fortgeſchickt haben?“ „Armer Junge!“ ſagte die Müllerin mit einem Lächeln und einem Achſelzucken, das Landry in jedem andern Augenblick beſeligt haben würde, jetzt aber nur ſeinen Schmerz verdoppelte. „Nun wohl,“ ſagte Landry,„dann habe ich viel⸗ leicht noch Zeit, mich zu verſtecken.“ „Dich verſtecken!“ verſetzte Thibault;„das iſt ganz umſonſt, verlaß Dich darauf.“ „Warum ſollte er nicht?“ meinte die Müllerin; „ich will's einmal verſuchen. Komm, mein guter Landry.“ Und ſie führte den jungen Mann unter Zeichen der innigſten Theilnahme weg. Thibault ſah ihnen nach. „Das geht ſchlecht für Dich, Freund Thibault,“ ſagte er;„aber glücklicher Weiſe haben dieſe Herren feine Naſen und werden den Burſchen ſchon auffin⸗ den, wenn er ſich auch noch ſo gut verſteckt.“ 145 Thibault ſagte dies, ohne zu bedenken, daß er einen neuen Wunſch ausſprach. Die Wittwe konnte nicht weit gegangen ſein, um Landry zu verſtecken. Sie kam ſchon nach einigen Secunden zurück. Das Verſteck war alſo ganz nahe und gewann dadurch wahrſcheinlich Nichts an Sicherheit. Eine Minute, nachdem die Wittwe ganz keuchend wieder hereingekommen war, erſchien der Werbſergeant mit einem ſeiner Kameraden an der Thüre. Zwei waren draußen geblieben, wahrſcheinlich um Landry für den Fall eines Fluchtverſuches ins Auge zu faſſen. Der Sergeant und ſein Kamerad traten ein wie Leute, die ſich in ihrem Recht fühlen. Der Sergeant warf einen forſchenden Blick um⸗ her, trat mit dem rechten Fuß vor und hielt ſeine Hand an die Spitze ſeines Hutes. Die Müllerin wartete nicht, bis der Sergeant ſie anredete. Mit ihrem zauberiſchſten Lächeln bot ſie ihm eine Erfriſchung an. Ein Anerbieten ſolcher Art ſchlagen Werber nie⸗ mals aus. Während ſie dann den Wein koſteten, fragte die Wittwe, welche den Augenblick günſtig glaubte, was die Herren in die Mühle von Coyolles führe. Der Sergeant antwortete, er ſuche einen jungen Müllerknecht, der, nachdem er mit ihm auf die Ge⸗ ſundheit Sr. Majeſtät getrunken und den Werbver⸗ trag unterzeichnet habe, nicht wieder zum Vorſchein gekommen ſei. Dumas, der Wolfsführer. I. 10 146 Dieſer junge Müllerknecht habe, als man ihn um Namen und Wohnort befragt, erklärt, er heiße Landry und wohne bei der Frau Wittwe Polet, Müllerin in Coyolles. Kraft dieſes Vertrags komme er zur Frau Wittwe Polet, Müllerin in Coyolles, um den Widerſpenſtigen heraus zu verlangen. Die Müllerin, welche eine Lüge für erlaubt hielt, wenn ſie durch die Abſicht geheiligt wurde, antwor⸗ tete, ſie kenne Landry nicht, und es habe niemals ein Menſch dieſes Namens in der Mühle von Coyolles gewohnt. Der Sergeant erwiederte der Müllerin, ſie habe die ſchönſten Augen von der Welt und den bezau⸗ berndſten Mund, aber dies ſei kein Grund dafür, daß er ihren Augen auf den Blick und ihrem Mund auf's Wort glauben müſſe. Deßhalb gab er der ſchönen Wittwe zu verſtehen, daß er in ihrer Mühle Hausſuchung anſtellen werde. Die Hausſuchung begann. Nach fünf Minuten kam der Sergeant zurück. Er bat die ſchöne Müllerin um den Schlüſſel zu ihrem Zimmer.. Die Müllerin ſchien über ein ſolches Verlangen ſehr empört. Aber der Sergeant bat ſo lange und ſo dringend, daß ſie zuletzt den Schlüſſel geben mußte. Fünf Minuten ſpäter kam der Sergeant zurück und brachte Landry herein, den er am Kragen ſeines Camiſols feſthielt. 4 7 Bei dieſem Anblick wurde die Wittwe ſchrecklich aß.. V — 147 Dem Holzſchuhmacher dagegen pochte das Herz gewaltig in der Bruſt, denn er ſah wohl, daß die Hilfe des ſchwarzen Wolfes nöthig geweſen war, damit der Sergeant den Müllerknecht am rechten Orte ſuchte. „Ha, ha, mein Junge,“ rief der Sergeant ſpöt⸗ tiſch,„wir ziehen alſo den Dienſt der Schönheit dem Dienſte des Königs vor? Das iſt begreiflich; aber wenn man die Ehre gehabt hat, in den Ländern Sr. Majeſtät geboren zu ſein und auf ſeine Geſundheit zu trinken, ſo muß man ihm auch ein wenig dienen. Ihr werdet uns alſo folgen, mein ſchöner Junge, und wenn Ihr einige Jährchen unter der franzöſi⸗ ſchen Garde verbracht haben werdet, dann könnt Ihr Euch wieder unter Eure erſte Fahne ſtellen. Vor⸗ wärts, Marſch!“ „Aber,“ ſagte die Müllerin zum Sergeanten, „Landry iſt noch nicht zwanzig Jahre alt; vor dem zwanzigſten Jahr darf man ihn nicht nehmen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Landry,„ich bin noch nicht zwanzig Jahre alt!“ „Wann werdet Ihr's?“ fragte der Sergeant. „Erſt morgen.“ 1 „Ganz gut,“ verſetzte der Sergeant,„ſo werden wir Euch heute Nacht wie eine Miſpel auf einen Bund Stroh legen und morgen als reif erwecken.“ Landry weinte. Die Wittwe bat, flehte auf's Dringendſte, ließ ſich von den Werbern küſſen, ertrug geduldig die plumpen Scherze, welche ſich die rauhen Krieger über ihren Kummer erlaubten, und bot zuletzt ſogar hun⸗ dert Thaler, um ihn loszukaufen. 148 Alles blieb vergeblich. Man band den armen Landry an den Fauſtge⸗ lenken, einer der Soldaten nahm das Ende des Stricks, und die Krieger machten ſich mit ihrem Ge⸗ fangenen auf den Weg, aber nicht ohne daß der Mühlknecht Zeit gefunden hätte, die ſchöne Müllerin zu verſichern, daß er ſie, nah oder fern, ſtets lieben, und daß, wenn er ſterben müſſe, ihr Name das letzte Wort aus ſeinem Munde ſein werde. Die ſchöne Wittwe ihrerſeits hatte, Angeſichts einer ſo ſchrecklichen Cataſtrophe, alle Menſchenfurcht vergeſſen und, ehe ſie Landry wegſchleppen ließ, ihn zärtlich an ihr Herz gedrückt. Als die kleine Schaar hinter den Weiden ver⸗ ſchwunden war, da wurde der Schmerz der Müllerin ſo heftig, daß ſie in Ohnmacht fiel und ins Bett gebracht werden mußte. Thibault pflegte ſie auf's Rührendſte. Die leidenſchaftliche Neigung, welche die Wittwe ſeinem Vetter bewieſen hatte, erſchreckte ihn ein wenig. Gleichwohl wünſchte er ſich nur um ſo mehr Glück dazu, daß er das Uebel an ſeiner Wurzel ab⸗ geſchnitten habe, und behielt die lebhafteſten Hoff⸗ nungen. Als die Wittwe wieder zu ſich kam, war ihr er⸗ ſtes Wort Landry. Thibault machte eine erheuchelte Geberde des Mitleids. Die Müllerin begann zu ſchluchzen. „Der arme Junge!“ rief ſie unter heißen Thrä⸗ nen,„was ſoll aus ihm werden? Er iſt ſo ſchwach tge⸗ des Ge⸗ der erin den, etzte chts rcht ihn der⸗ rin hett 149 und zart; ſchon das Gewicht ſeiner Flinte und ſeines Torniſters wird ihn tödten.“ Dann wandte ſie ſich wieder zu ihrem Gaſt und ſprach: „Ach, Herr Thibault, das iſt ein ſehr großer Kummer für mich. Aber Ihr habt vielleicht bemerkt, daß ich ihn liebte? Er war ſo ſanft, ſo gut, er hatte gar keinen Fehler; er ſpielte nicht, er trank nicht; er würde nie Etwas gegen meinen Willen ge⸗ than, er würde ſeine Frau nie tyranniſirt haben, was mir nach den zwei ſchrecklichen Jahren, die ich mit dem ſeligen Herrn Polet zugebracht habe, ein großer Troſt geweſen wäre. Ach, Herr Thibault, Herr Thibault, es iſt ſehr ſchmerzlich für eine arme, unglückliche Frau, alle ihre Pläne auf eine ruhige Zukunft ſo ins Waſſer fallen zu ſehen.“ Thibault glaubte die Gelegenheit günſtig für eine Erklärung. So oft er eine Frau weinen ſah, meinte er in ſeinem Wahn, ſie weine bloß, um getröſtet zu werden. Gleichwohl glaubte er nur auf einem Umweg an ſein Ziel gelangen zu können. 3 „Ja gewiß, ich begreife Euern Schmerz,“ ant⸗ wortete er;„ich theile ihn ſogar, denn Ihr könnt an meiner Liebe zu meinem Vetter nicht zweifeln; aber Ihr müßt Euch darein ergeben, und ohne die guten Eigenſchaften Landry's leugnen zu wollen, möchte ich zu Euch ſagen: Ei nun, ſchöne Müllerin, ſuchet einen Andern, der ihm gleichkommen könnte.“ „Ihm gleichkommen!“ rief die Wittwe;„es gibt gar keinen mehr, wie er war. Wo ſollte ich einen ſo artigen und ſo verſtändigen Jungen finden, wie mein 150 Landry war? Er hatte ein Puppengeſichtchen, woran ich meine Herzensluſt ſah, und dabei war er ſo ſtill, ſo geſetzt; er arbeitete Tag und Nacht, und doch brauchte ich ihm nur einen Blick zuzuwerfen, ſo ver⸗ kroch er ſich unter die Erde. Nein, nein, Herr Thi⸗ bault, ich ſage es Euch ganz aufrichtig, die Erinne⸗ rung an dieſen Jungen raubt mir alle Luſt, andere Männer zu ſuchen, und ich ſehe wohl, ich werde mei⸗ ner Lebtage Wittwe bleiben müſſen.“ „Ah bah!“ machte Thibault,„Landry war noch ſehr jung.“ „O,“ ſagte die Wittwe,„das iſt kein Fehler.“ „Wer weiß, ob er ſpäter all dieſe liebenswür⸗ digen Eigenſchaften behalten hätte! Laßt Euch ra⸗ then, Müllerin, grämet Euch nicht mehr um ihn, ſondern ſuchet, wie ich Euch ſchon geſagt habe, nach einem Andern, bei dem Ihr ihn vergeſſen könnet. Ihr brauchet kein ſolches Bübchen, ſondern einen fertigen Mann, der alle guten Eigenſchaften Landry's hat, zugleich aber geſetzt genug iſt, daß Ihr nicht fürchten müſſet, eines ſchönen Tags könnten alle Eure Wahnbilder verfliegen, und es könnte ſich her⸗ ausſtellen, daß Euer Eheherr liederlich und brutal wäre.“ Die Müllerin ſchüttelte den Kopf. Aber Thibault fuhr fort: „Um es kurz zu ſagen, Ihr brauchet einen Bur⸗ ſchen, der Euch mit aller Achtung behandelt und zu⸗ gleich die Mühle gehörig umzutreiben verſteht. Zum Teufel, ſchöne Müllerin, ſaget ein einziges Wörtchen, und Ihr werdet Euch bald weit beſſer berathen fin⸗ den, als Ihr bisher waret,“ ——, é,⸗ 8 O= X 151 „Und wo ſollte ich ein ſolches Wunder von einem Mann finden?“ fragte die Müllerin, indem ſie auf⸗ ſtand und den Holzſchuhmacher gleichſam herausfor⸗ dernd muſterte. Dieſer täuſchte ſich im Ton der Wittwe und glaubte, jetzt könne es ihm nicht mehr fehlen. Er beſchloß alſo die Gelegenheit zu benützen und ihr ſeine Abſichten kundzuthun. „Ei nun, ſchöne Polet,“ verſetzte er,„wenn ich Euch ſagte, daß Ihr nicht weit zu gehen hättet, um den rechten Mann zu finden, ſo will ich Euch nur geſtehen, daß ich dabei an mich ſelbſt dachte, denn ich würde mich ungemein glücklich ſchätzen und ſehr ſtolz darauf ſein, Euer Mann zu werden. Ach!“ fuhr er fort, während die Blicke der Müllerin immer drohender wurden,„ach! bei mir hättet Ihr nicht zu fürchten, daß man Eurem Willen zuwiderhandelte; ich bin ein Lamm von Sanftmuth, und ich würde nur ein einziges Geſetz und einen einzigen Wunſch haben: das Geſetz Euch zu gehorchen, den Wunſch Euch zu gefallen; was Euer Vermögen betrifft, ſo beſitze ich gewiſſe Mittel, um es zu vermehren, die ich Euch ſpäter mittheilen werde.“ Thibault durfte ſeine Rede nicht vollenden. „Ei wie!“ rief die Müllerin, um ſo wüthender, je länger ſie an ſich gehalten hatte,„ei wie! Ihr, den ich für ſeinen Freund hielt, Ihr unterſteht Euch, ſeinen Platz in meinem Herzen einnehmen zu wollen! Ihr ſuchet die Treue an Euch zu reißen, die ich Eurem Vetter bewahren will! Hinaus, Elender! Packe Dich! denn wenn ich nur meinem Zorn und meiner Entrüſtung Gehör ſchenken wollte, ſo riefe 1⁵² ich vier Männer her und ließe Dich unter's Mühl⸗ rad werfen.“ Thibault wollte antworten. Aber ſo wenig er ſonſt, wie man zu ſagen pflegt, aufs Maul gefallen war, ſo fand er doch jetzt kein Wort zu ſeiner Rechtfertigung. Freilich ließ ihm auch die Müllerin nicht Zeit dazu. Ein ſchöner neuer Krug ſtand in ihrer Nähe. Sie faßte ihn beim Griff und ſchleuderte ihn nach Thibaults Kopf. Glücklicher Weiſe bückte ſich Thibault nach links, ſo daß der Krug an ihm vorbeiflog und am Kamin in Stücke zerfuhr. Die Müllerin nahm einen Schemel und ſchleu⸗ derte ihn mit derſelben Gewalt nach demſelben Ziel. Diesmal bückte ſich Thibault nach rechts, und der Schemel zertrümmerte drei oder vier Fenſter⸗ ſcheiben. Beim Geklirr, das dadurch entſtand, eilten die Knechte und Mägde aus der Mühle herbei. Sie fanden ihre Meiſterin beſchäftigt, Flaſchen, Waſſerkrug, Salzbüchſe, Teller, kurz Alles, was ſie unter ihrer Hand fand, nach Thibault zu werfen. Zum Glück für Thibault war die ſchöne Polet ſo wüthend, daß ſie nicht reden konnte. Hätte ſie reden können, ſo würde ſie gerufen haben: „Schlagt ihn todt! dreht ihm den Hals um! er iſt ein Hallunke! ein Lumpenhund!“ Als Thibault ſah, daß die Müllerin Verſtärkung erhielt, wollte er fliehen und entſprang nach der V —̃Q——Q—O—O.—BDLůOꝑLQ˖ZCUůñL˖——— 153 Thüre, welche die Werber offen gelaſſen hatten, als ſie Landry wegführten. Aber im Augenblick, wo er hinausſprang, gab das ehrſame Schwein, das bisher ſeine Sieſta in der Sonne gehalten hatte, ein Lebenszeichen von ſich. Durch den ſchrecklichen Lärm aus ſeinem erſten Schlaf aufgeſchreckt, glaubte es für ſeine eigene Sicherheit ſorgen zu müſſen, rannte nach ſeinem Stall zurück und kam bei dieſer Gelegenheit unſerem Holzſchuh⸗ macher zwiſchen die Beine. Thibault verlor ſeinen Schwerpunkt. Er taumelte noch zehn Schritte weit, bis er ſich im Koth und Miſt wälzte. „Hol dich der Teufel, verwünſchtes Thier!“ rief der Holzſchuhmacher, dem alle Glieder weh thaten, und der beſonders über die Beſchmutzung ſeiner neuen Kleider wüthend war. Kaum hatte er dieſen Wunſch ausgeſprochen, als das Schwein von einer plötzlichen Tollheit erfaßt wurde, wie wüthend im Hof herumrannte und Alles, was ihm in den Weg kam, zertrat, zertrümmerte und über den Haufen warf. Die Knechte und Mägde, die auf das Geſchrei ihrer Meiſterin herbeigeeilt waren, glaubten, dieſelbe habe wegen der Tollheit des Schweines ſo geſchrieen, und rannten deßhalb hinter ihm her. Aber vergebens waren alle ihre Bemühungen, ſich des Thieres zu bemeiſtern. Es warf Knechte und Mägde über einander, wie es auch Thibault zu Fall gebracht hatte, bis es end⸗ lich durch einen Verſchlag, der die Mühle von der 154 Schleuſe trennte, ſo leicht wie durch eine Papier⸗ tapete hindurchrannte und ſich unter das Rad ſtürzte. Hier verſchwand es wie in einem Abgrund. Die Müllerin hatte inzwiſchen ihre Sprache wie⸗ der gefunden. „Auf dieſen Thibault!“ rief ſie, denn ſie hatte den Fluch gehört, welchen der Holzſchuhmacher über ihr Schwein ausgeſprochen, und war wie nieder⸗ gedonnert durch die raſche Erfüllung ſeines Wunſches. „Schlagt ihn todt! er iſt ein Zauberer! er iſt ein Hexenmeiſter! er iſt ein Währwolf!“ Und mit dieſem letzten Wort gab ſie Thibault den furchtbarſten Titel, den man in unſeren Wäldern einem Menſchen geben kann. Thibault, der ſein Gewiſſen nicht ganz vein wußte, benutzte den erſten Augenblick der allgemeinen Ver⸗ blüfftheit, welche dieſe Schimpfreden der Müllerin bei ihren Leuten verurſacht hatten. Er ging mitten durch die Knechte und Mägde durch, und während der Eine nach einer Gabel, der Andere nach einer Schaufel griff, ſchritt er ungehin⸗ dert durch das Mühlthor. Sodann eilte er mit einer Leichtigkeit, welche den Argwohn der ſchönen Müllerin nur noch beſtärkte, einen ſteilen Berg hinan, den man bisher, wenigſtens auf der Seite, wo Thibault ihn erkletterte, für unerſteiglich gehalten hatte. „Zum Kukuk!“ rief die Müllerin,„Ihr laßt Euch ſo ſchnell ins Bockshorn jagen! Ihr verfolgt ihn nicht! Ihr ſchlagt ihn nicht todt!“ Ihre Dienſtboten aber ſchüttelten die Köpfe und ſagten: in⸗ en ult nd 155 „Ach, Meiſterin, was können wir gegen einen Währwolf ausrichten?“ IX. Der Wolfsführer. Thibault hatte ſich, auf ſeiner Flucht vor den Drohungen der Müllerin und den Waffen ihrer Leute, inſtinctmäßig nach dem Waldſaum gewandt. Sobald ſich ein Feind zeigen ſollte, gedachte er ſich in den Wald zu werfen, wohin ihn wohl um dieſe Tageszeit Niemand verfolgen würde, weil man einen Hinterhalt fürchten mußte. Inzwiſchen hatte er, vermöge der teufliſchen Ge⸗ walt, die er von dem ſchwarzen Wolf erhalten, von ſeinen Feinden, wer ſie auch ſein mochten, nicht viel zu fürchten. Er brauchte ſie blos dahin zu ſchicken, wohin er das Schwein der ſchönen Müllerin geſchickt hatte. Er war gewiß, daß er ſich ihrer entledigen konnte. Aber in Folge der Herzbeklemmung, die er von Zeit zu Zeit bei der Erinnerung an Markotte em⸗ pfand, ſagte er zu ſich, daß man bei aller Entſchloſſen⸗ heit dennoch Menſchen nicht ſo gern zum Teufel ſchicke, wie Schweine. Unter Betrachtungen über ſeine furchtbare Macht, und während er von Zeit zu Zeit um ſich ſchaute, ob er vielleicht genöthigt ſein könnte, davon Gebrauch⸗ zu machen, war er in die Nähe von Piſſeleux ge⸗ kommen, und die Nacht war angebrochen. 156 Eine düſtere, ſtürmiſche Herbſtnacht, wo der Wind, indem er den Bäumen ihre gelblichen Blätter abriß, den ganzen Wald mit melancholiſchem Geziſche und kläglichem Getöne erfüllte. Dieſes Geächze des Windes wurde von Zeit zu Zeit durch Eulengeſchrei unterbrochen, das ſich un⸗ gefähr ſo anhört, wie wenn verirrte Wanderer ein⸗ ander zurufen. All dieſes Getöne war Thibault wohl bekannt und machte ſehr wenig Eindruck auf ihn. Ueberdieß hatte er ſich, ſo bald er den Waldſaum erreicht, von einem Kaſtanienbaum einen vier Fuß langen Stock geſchnitten, und damit hätte er, als gewandter Stockfechter, ſelbſt vier Mann nicht ge⸗ fürchtet. Er ging alſo kühn in den Wald hinein und ſuchte den Platz auf, den man noch heutigen Tages die Wolfshaide nennt. Er ſchritt ſeit etlichen Minuten auf einem ſchma⸗ len, dunkeln Pfad dahin und verfluchte die wunder⸗ liche Laune der Weiber, die ohne allen Grund ein ſchwächliches, ſchüchternes Jüngelchen einem kräftigen und kühnen Burſchen vorziehen, als er etwa zwan⸗ zig Schritte hinter ſich das Laub raſcheln hörte. Er wandte ſich um. In der Dunkelheit ſah er zuerſt und vor allen Dingen zwei Augen, die wie feurige Kohlen leuch⸗ teten.* Sodann ſah er, als er ſo zu ſagen ſeine Augen anſtrengte, die Gegenſtände in der Finſterniß zu unter⸗ ſcheiden, einen großen Wolf, der ihm Schritt für Schritt folgte. derben Schlag mit ſeinem Knittel. 157 Es war nicht derſelbe, den er in ſeiner Hütte empfangen hatte. Der Wolf der Hütte war ſchwarz, und dieſer hier war roth. Man konnte ſie weder in Bezug auf die Farbe ihres Pelzes noch auf ihre Größe mit einander ver⸗ wechſeln. Thibault hatte keinen Grund zu glauben, daß alle Wölfe ihm gegenüber ſo wohlwollende Abſichten hegen könnten, wie der erſte, mit welchem er zu thun gehabt hatte. Er begann alſo ſeinen Stock zwiſchen beide Hände zu preſſen und damit ein Rad zu ſchlagen, um zu ſehen, ob er die Handgriffe noch nicht verlernt habe. Aber zu ſeinem großen Erſtaunen begnügte ſich das Thier hinter ihm her zu trotten, ohne eine feind⸗ ſelige Abſicht zu verrathen; es blieb ſtehen, wenn Thibault ſtehen blieb, es lief weiter, wenn er ſeinen Weyg fortſetzte, und es heulte blos von Zeit zu Zeit, wie wenn es Verſtärkungen herbeirufen wollte. Dieſes Geheul beunruhigte Thibault einigermaßen. Auf einmal ſah der nächtliche Wanderer vor ſich zwei andere brennende Lichter, die von Zeit zu Zeit in der immer dichter gewordenen Finſterniß funkelten. Schlagfertig ging er auf die beiden Lichter zu, die unbeweglich blieben, und glaubte über einen quer auf dem Weg liegenden Körper zu ſtolpern. Es war der Körper eines zweiten Wolfes. Ohne zu bedenken, daß es vielleicht unklug ſei, wenn er dieſe Thiere zuerſt angreife, verſetzte der Holzſchuhmacher der vor ihm liegenden Beſtie einen 158 Der Wolf empfing ihn ganz voll auf den Kopf. Er ſtieß ein klägliches Geheul aus. Sodann ſchüttelte er ſich wie ein Hund, den ſein Herr geſchlagen hat, und begann vor dem Holzſchuh⸗ macher herzulaufen. Thibault drehte jetzt den Kopf, um zu ſehen, was aus ſeinem erſten Wolf wurde. Dieſer folgte ihm noch immer, und immer in der gleichen Diſtanz. Aber als er wieder vor ſich ſchaute, bemerkte er, daß ein dritter Wolf zu ſeiner Rechten ging. Er blickte inſtinktmäßig links. Auf dieſer Seite ſchritt ein vierter neben ihm her. Er hatte noch keine Viertelſtunde zurückgelegt, als bereits ein Dutzend von dieſen Thieren einen Kreis um ihn bildete. Die Lage war kritiſch. Thibault erkannte ihre ganze Bedenklichkeit. Er verſuchte es zuerſt mit dem Singen, in der Hoffnung, daß das Getöne der Menſchenſtimme dieſe Thiere erſchrecken könnte. Es war vergebens. Nicht ein einziges verließ den Platz, welchen es in dem Kreis einnahm, der regelmäßig wie mit einem Zirkel um ihn aufgeführt war. Dann dachte er beim nächſten buſchigen Baum Halt zu machen, hinaufzuklettern und ſo den Tag zu erwarten. Aber nach reiflicher Ueberlegung hielt er es für klüger, wenn er ſeine Wohnung zu erreichen ſuchte, der er immer näher kam, zumal da die Wölfe trotz 159 ihrer Zahl keine feindſeligere Abſicht verriethen, als ſo lange blos ein einziger da geweſen war. Er dachte, ſobald einmal die Wölfe einen andern Ton gegen ihn anſtimmen würden, ſei es immer noch Zeit, auf einen Baum zu klettern. Wir müſſen ſagen, daß Thibault ſo verblüfft war, daß er vor ſeiner Thüre ankam, ohne ſie zu bemerken. Endlich erkannte er ſein Haus. Aber wie ſtaunte er nicht, als die Wölfe, die vor ihm gingen, auf einmal ehrerbietig auf beide Seiten traten und ſich auf ihren Hintern ſetzten, um ein Spalier zu bilden! Thibault verlor keine Zeit mit Dankſagungen für ihre Höflichkeit. Er ſtürzte ſich ins Innere ſeiner Hütte und zog raſch die Thür hinter ſich zu. Als ſodann die Thür verſchloſſen und verriegelt war, ſchob er eine Kiſte davor, um ſich gegen einen etwaigen Angriff in den Stand zu ſetzen. Hierauf ſank er auf einen Stuhl und athmete zum erſten Mal wieder aus voller Bruſt. Nachdem er ſich ein wenig von ſeinem Schrecken erholt hatte, trat er an das Fenſter, das auf den Wald hinaus ſah. Eine ganze Linie von flammenden Blicken bewies ihm, daß die Wölfe ſich nicht zurückgezogen, ſondern ſich vielmehr ſymmetriſch in Reih und Glied vor ſei⸗ ner Wohnung aufgeſtellt hatten. Dieſe Nachbarſchaft wäre für jeden Andern ſehr beängſtigend geweſen, aber Thibault, der ſchon ſeit einiger Zeit die ganze furchtbare Bande als Ge⸗ 160 leite gehabt hatte, war ſchon darüber froh, daß eine, wenn auch noch ſo dünne Scheidewand ihn von ſei⸗ nen widerlichen Reiſegefährten trennte. Er zündete ſein eiſernes Lämpchen an und ſtellte es auf den Tiſch. Er ſuchte die auf dem Herd herumliegenden Scheite zuſammen, warf einen Haufen Hobelſpäne darauf und machte ein großes Feuer, deſſen Widerſchein, hoffte er, die Wölfe in die Flucht treiben ſollte. Aber Thibaults Wölfe waren offenbar Wölfe ſonderbarer Art, ſie waren mit der Flamme vertraut. Sie rührten ſich nicht von dem Poſten, den ſie gewählt hatten. Thibault, den die Unruhe wach erhalten hatte, konnte ſie noch beim erſten Frühroth ſehen und zählen. Sie ſchienen, wie in der Nacht, zu warten, die einen ſitzend, andere liegend, die einen ſchlafend, an⸗ dere ſchildwachartig auf und ab ſchreitend. Endlich aber, als der letzte Stern in den Fluthen des purpurnen Lichtes, das aus dem Oſten aufſtieg, unterſank, da erhoben ſich die Wölfe alle auf einmal, zerſtreuten ſich mit dem kläglichen Geheul, womit die Thiere der Finſterniß den Tag begrüßen, nach allen Seiten und verſchwanden. Jetzt erſt kam Thibault wieder dazu, über ſein geſtriges Mißgeſchick nachzudenken. Wie ſollte er ſichs erklären, daß die Müllerin ihn nicht ſeinem Vetter Landry vorgezogen hatte? War er nicht mehr der ſchöne Thibault, und war vielleicht irgend eine unvortheilhafte Veränderung mit ſeiner Perſon vorgegangen? 161 Er hatte nur ein einziges Mittel, ſich deſſen zu verſichern, nämlich wenn er den Spiegel befragte. Er nahm das über dem Kamin hängende Bruch⸗ ſtück von einem Spiegel und hielt es mit ſelbſtgefälli⸗ gem Lächeln gegen das Licht. Aber kaum hatte er ſein Geſicht vom Spiegel zurückgeſtrahlt geſehen, ſo ſtieß er vor Staunen und Schrecken einen Schrei aus. Er war allerdings noch immer der ſchöne Thibault. Aber ſein rothes Haar hatte ſich in Folge ſeines unvorſichtigen Wunſches in eine vollſtändige Locke verwandelt, deren Widerſchein dem ſtärkſten Flammen⸗ glanz ſeines Herdes nicht nachſtand. Ein kalter Schweiß legte ſich auf ſeine Stirne. Da er wußte, wie ganz unnöthig es war, die verfluchten Haare ausraufen oder auch abſchneiden zu wollen, ſo beſchloß er, ſich mit ſeinem augenblick⸗ lichen Vorrath daran zu begnügen und in Zukunft ſo wenig als möglich Wünſche zu thun. Es handelte ſich dabei um nichts Geringeres, als daß er all den ehrgeizigen Ideen, die ihn ſo unſeliger Weiſe aufgeregt hatten, den Laufpaß gab und zu ſei⸗ ner Arbeit zurückkehrte. Thibault verſuchte es. Aber er hatte kein Herz mehr zur Arbeit. Vergebens ſuchte er in ſeinem Gedächtniß nach den fröhlichen Liedern, die er in beſſeren Tagen ge⸗ ſungen, als Buche und Birke unter ſeinen Händen ſo ſchnell die gewünſchte Form annahmen; ſeine Werk⸗ zeuge blieben ganze Stunden lang unthätig. Er fragte ſich, ob es nicht namenlos traurig ſei, während man bei vernünftiger Negelun ſeiner Dumas, der Wolfsführer. I. 162 Wünſche ſo leicht glücklich werden könne, Waſſer und Blut ſchwitzen zu müſſen, um am Ende doch blos eine klägliche, elende Exiſtenz zu gewinnen. Die Bereitung ſeines beſcheidenen Mahles war ihm jetzt keine Zerſtreuung mehr wie ſonſt; wenn der Hunger ſich fühlbar machte, ſo aß er mit Wider⸗ willen ein Stück ſchwarzes Brod, und der Neid, der bisher bei ihm blos eine Art von unbewußtem Drang nach Wohlfahrt geweſen war, nahm in ſeinem Her⸗ zen allmälig den Charakter einer ſtillen leidenſchaft⸗ lichen Wuth an, die ihn zum Haß gegen ſeine Neben⸗ menſchen trieb. Aber ſo lang auch dieſer Tag für Thibault wurde, ſo ging er doch vorüber wie die anderen. Als die Dämmerung kam, verließ er ſeinen Ar⸗ beitstiſch und ſetzte ſich auf die hölzerne Bank, die er mit eigenen Händen vor ſeiner Thüre aufgeſchla⸗ gen hatte. Hier blieb er in düſteren Betrachtungen ver⸗ ſunken. Aber kaum begann die Finſterniß ſich zu verdich⸗ ten, ſo kam ein Wolf aus dem Wald hervor und legte ſich, wie geſtern, in einiger Entfernung von dem Häuschen nieder. Wie geſtern, folgte auch dem erſten Wolf ein zweiter, dann ein dritter, endlich die ganze Bande, die ihren Poſten von der vorigen Nacht wieder ein⸗ nahm. Beim dritten Wolf war Thibault wieder hinein⸗ gegangen. Er hatte ſich ebenſo ſorgfältig verſchanzt wie Tags zuvor. ind los var enn der⸗ der ang der⸗ aft⸗ den⸗ ault Ar⸗ die hla⸗ ver⸗ dich⸗ und von ein nde, ein⸗ hein⸗ wie 163 Aber er war noch trauriger und muthloſer als geſtern. Er hatte auch nicht die Kraft, ſich wach zu er⸗ halten. Er zündete ſein Feuer an, richtete es ſo ein, daß es die ganze Nacht anhielt, legte ſich auf ſein Bett und ſchlief ein. 4 Als Thibault erwachte, war es heller Tag. Die Sonne hatte bereits zwei Drittel ihrer Höhe erreicht. Ihre Strahlen ſchillerten auf den zitternden und vergilbenden Blättern des Waldes und färbten ſie mit tauſenderlei Schattirungen von Gold und Purpur. Er lief ans Fenſter. Die Wölfe waren verſchwunden. Nur konnte er in dem thaufeuchten Gras die Plätze zählen, welche ſie während der Nacht ein⸗ genommen hatten. Abends verſammelten ſich die Wölfe abermals vor ſeinem Hauſe, und er begann ſich allmälig mit ihrer Gegenwart vertraut zu machen. Er kam auf die Vermuthung, ſeine Beziehungen zu dem großen ſchwarzen Wolfe könnten ihm einige Sympathien unter dieſem Volke erworben haben, und er beſchloß ein für alle Mal zu erfahren, was er von ihnen zu gewarten hätte. Mit einer friſch geſchliffenen Hippe im Gürtel und einem tüchtigen Spieß in der Hand, öffnete er alſo die Thüre und ging entſchloſſen auf den Trupp zu. Aber zu ſeiner großen Ueberraſchung begannen die Wölfe, anſtatt auf ihn einzuſpringen, mit ihren 164 Schweifen zu wedeln, wie Hunde, die ihren Herrn kommen ſehen. Ihre Freundſchaftsbezeugungen waren ſo aus⸗ drucksvoll, daß Thibault einem von ihnen den Rücken ſtreichelte, und das Thier ließ ihn nicht blos gewäh⸗ ren, ſondern gab noch überdieß Zeichen inniger Be⸗ friedigung. „O, o!“ murmelte Thibault, deſſen vagabundi⸗ rende Einbildungskraft immer im ſtärkſten Galopp ging,„wenn dieſe Burſchen da eben ſo anſtellig als freundlich ſind, ſo bin ich jetzt Eigenthümer einer Meute, wie Herr Jean noch niemals eine beſeſſen hat, und jetzt kann ich mit Sicherheit darauf rechnen, Wildpret zu bekommen, ſo oft mich die Luſt an⸗ wandelt.“ Er hatte noch nicht ausgeredet, als vier der kräf⸗ tigſten und flinkſten unter den Vierfüßlern ſich von der übrigen Bande trennten und in den Wald liefen. Einige Augenblicke ſpäter hörte man in der Ferne ein Geheul, und nach Verlauf einer halben Stunde erſchien einer der Wölfe wieder, mit einer ſchönen Rehgeiß im Rachen, die einen langen Blutſtreif auf dem Raſen zurückließ. Der Wolf legte die Rehgeiß zu den Füßen des Holzſchuhmachers nieder, der, außer ſich vor Freude, ſeine Wünſche ſchon zum Voraus erfüllt zu ſehen, das Thier gebührend zerlegte und jedem ſeinen An⸗ theil gab, ſich ſelbſt aber das Rückenſtück und die beiden Schlägel vorbehielt. Mit einer gebieteriſchen Geberde, welche bewies, daß er ſich jetzt erſt in ſeiner Rolle zurechtfand, ver⸗ abſchiedete er die Wölfe ſodann bis zum nächſten Tag. 165 Am folgenden Morgen ging er in aller Frühe nach Villers⸗Coterets, wo ihm der Wirth zur golde⸗ nen Kugel zwei große Thaler für ſeine beiden Reh⸗ ſchlägel bezahlte. Tags darauf brachte Thibault demſelben Wirth ein halbes Wildſchwein und wurde fortan einer ſeiner fleißigſten Lieferanten. Dieſer Handel gefiel Thibault dermaßen, daß er den ganzen Tag in der Stadt zubrachte, in den Knei⸗ pen herumzog und keine Holzſchuhe mehr machte. Einige Leute hatten ſich zwar allerlei Scherze über die rothe Locke erlauben wollen, die, ſo ſorg— fältig er ſie auch unter den anderen Haaren vergrub, immer wieder Mittel fand, aufwärts und ans Tages⸗ licht zu kommen; aber Thibault hatte rundweg er⸗ klärt, daß er in Betreff dieſes garſtigen Naturſpiels keinen Scherz verſtehe. Inzwiſchen wollte das Unglück, daß der Herzog von Orleans und Frau von Monteſſon auf einige Tage nach Villers⸗Coterets kamen. Dies wurde ein neuer Stachel für Thibaults thörichten Ehrgeiz. Alle ſchöne Damen und alle junge Herren von den umliegenden Schlöſſern, die Montbreton, die Montesquiou, die Courval eilten nach Villers⸗ Coterets. Die Damen in ihrem koſtbarſten Putz, die jun⸗ gen Herren in ihren eleganteſten Coſtümen. Das Waldhorn des Herrn Jean hallte lärmen⸗ der als je durch den Wald. Man ſah, gleich zauberiſchen Viſionen, ſchlanke Amazonen und flinke Cavaliere in ihren ſchönen rothen 166 Jagdceoſtümen mit goldenen Treſſen auf prächtigen engliſchen Roſſen dahinfliegen. Es war, als führen flammende Blitze durch die düſteren und dichten Forſte. Am Abend war es noch etwas ganz Anderes. Dieſe ganze ariſtokratiſche Geſellſchaft verſam⸗ melte ſich zu den Feſtmahlen und Bällen. Aber zwiſchen den Feſtgelagen und den Bällen fuhr man in ſchönen, goldgeſchmückten Caleſchen mit Wappenſchildern von allen Farben ſpazieren. Thibault ſtand immer in der erſten Reihe der Neugierigen. Seine Augen verſchlangen dieſe Wolken von Atlas und Spitzen, die, wenn ſie ſich hoben, feine Knöchel in ſeidenen Strümpfchen und niedliche Pan⸗ töffelchen mit rothen Abſätzen zum Vorſchein brachten. Dann fuhr alles das an dem ſtaunenden Volke vorüber und hinterließ einen Dunſt von Puder und Eſſenzen der wohlriechendſten Art. Thibault fragte ſich, warum er nicht einer dieſer jungen Herren mit geſtickten Röcken ſei? Warum er nicht eine dieſer ſchönen Damen in rauſchendem Atlas zur Geliebten habe? Und Agnelette erſchien ihm dann als das, was ſie, in Wirklichkeit war: als eine arme, geringe Bauerndirne. Und die Wittwe Polet ebenfalls als das, was ſie in Wirklichkeit war: als eine ſimple Müllerin. Wenn er dann in der Dunkelheit, geleitet von dieſer Meute Wölfe, die ihn vom Augenblick an, wo er den Wald betrat, ebenſo wenig mehr verließen, als Leibgardiſten einen König verlaſſen, durch den — —8— ͦSͤ=——=ͤ+— 167 Wald nach Hauſe ging, dann ſtellte er die unſelig⸗ ſten Betrachtungen an. ie Inmitten ſolcher Verſuchungen war es unmöglich, daß Thibault, der bereits auf der Bahn des Laſters gewandelt hatte, innehielt und nicht mit dem Letzten, n⸗ was ihm übrig geblieben war, mit der Erinnerung an ſein rechtſchaffenes Leben, vollends brach. en Was waren die paar Thaler, welche ihm der iit Wirth zur goldenen Kugel für das Wildpret bezahlte, das ſeine guten Freunde, die Wölfe, ihm verſchafften? er Ganze Monate, ja volle Jahre hindurch ange⸗ ſammelt, hätten ſie noch nicht genügt, um den ge⸗ ringſten der Wünſche zu befriedigen, die in ſeinem ne Herzen tobten. Ich möchte nicht zu behaupten wagen, daß Thi⸗ n. bault, der ſich zu allererſt einen Schlägel vom Reh lte ddes Herrn Jean, ſodann Agnelette's Herz, hierauf nd die Mühle der Wittwe Polet gewünſcht hatte, ſich jetzt mit dem Schloß Oigny oder Longpont begnügt ſer haben würde, ſo ſehr hatten dieſe zierlichen Füßchen, dieſe feinen, runden Beinchen, dieſe ſüßen Gerüche, in ddie aus den ſammtenen und ſeidenen Kleidern hervor dufteten, ſeine ehrgeizige Einbildungskraft in die as Höhe getrieben. ge Er ſagte ſich auch eines Tags, daß er ein großer Gimpel ſein müßte, wenn er immer arm bliebe, wäh⸗ de eine ſo furchtbare Macht zu ſeiner Verfügung ſtehe. Von Stund an beſchloß er, dieſe Macht durch die übertriebenſten Wünſche auszubeuten, und ſollte auch ſein Haar mit der Zeit der Flammenkrone gleichen, 168 die man bei Nacht über dem Kamin der Spiegel⸗ fabriken von Saint⸗Gobain hüpfen ſieht. X. Der Amtmann Magloire. Mit ſolchen waghalſigen Abſichten verbrachte Thi⸗ bault, ohne noch einen feſten Entſchluß gefaßt zu haben, die letzten Tage des Jahrs, und damit be⸗ gann er das neue Jahr. Nur hatte er, ohne Zweifel in Berückſichtigung der koſtſpieligen Ausgaben, welche der glückſelige Neujahrstag für Jedermann mit ſich bringt, beim Herannahen dieſes furchtbaren Jahreswechſels von ſeinen Lieferanten die doppelte Ration Wildpret ver⸗ langt und natürlich auch beim Wirth zur goldenen Kugel die doppelte Summe dafür eingeſtrichen. So kam es denn, daß Thibault, abgeſehen von einer rothen Haarlocke von ziemlich beunruhigendem Umfang, materiell in beſſeren Umſtänden als je das neue Jahr antrat. Wohlgemerkt, wir ſagen materiell und nicht ſpi⸗ rituell, denn wenn auch der Leib in gutem Stand zu ſein ſchien, ſo war doch die Seele in der ſchreck⸗ lichſten Gefahr. Aber der Leib war wohl bedeckt, und in den Taſchen ſeines Camiſols klapperte luſtig ein Dutzend Thaler. In dieſem Aufzug und mit dieſer Begleitung von Silbermuſik glich Thibault nicht mehr einem Holz⸗ hi⸗ zu be⸗ ng ige im on er⸗ een on em as vi⸗ nd ꝛck⸗ en nd 169 ſchuhmacher, ſondern einem wohlhabenden Pächter oder einem ehrenwerthen Bürgersmann, der viel⸗ leicht ein Gewerbe treibt, aber blos zu ſeinem Ver⸗ gnügen. Mit einem ſolchen Schein, den er vor ſich her trug, hatte ſich Thibault zu einem der ländlichen Feſte begeben, die in der Provinz zu Hauſe ſind. Man fiſchte in den prächtigen Teichen von Ber⸗ val und von Poudron. Das Fiſchen in einem Teich iſt eine wichtige Sache für den Eigenthümer oder den Pächter, und überdies ein großes Vergnügen für die Zuſchauer. Die Fiſchfänge werden daher auch einen Monat vorher angeſchlagen, und zu einer ſchönen Fiſcherei kommt man auf zehn Stunden in der Runde. Und diejenigen von unſern Leſern, welche die Sitten und Gebräuche der Provinz nicht kennen, mögen jetzt nicht glauben, daß es ſich um einen Fiſch⸗ fang mittelſt der Angelleine, mit einem rothen Wurm oder einem parfümirten Korn als Köder, oder um einen Fiſchfang mit der Grundleine, mit dem Wurf⸗ garn oder Schlauchgarn handle; nein, es handelt ſich darum, daß von Zeit zu Zeit ein Teich in einem Umfang von drei Viertelſtunden oder einer ganzen Stunde geleert werden ſoll, und zwar vom dickſten Hecht an bis zum kleinſten Weißfiſchchen. Das Ding geht folgendermaßen zu: Höchſt wahrſcheinlich befindet ſich unter unſern Leſern nicht ein einziger, der nicht einen Teich ge⸗ ſehen hätte. Jeder Teich hat zwei Oeffnungen: 170 Diejenige, durch welche das Waſſer hereinkommt, und diejenige, durch welche es abfließt. Diejenige, durch welche das Waſſer hereinkommt, hat keinen Namen. Diejenige, durch welche es abfließt, heißt der Zapfen. Der Fiſchfang findet am Zapfen ſtatt. Das Waſſer ergießt ſich vom Zapfen aus in einen großen Behälter, von wo es durch die Maſchen eines ſtarken Netzes rinnt. Das Waſſer fließt ab, allein der Fiſch bleibt zurück. Jedermann weiß, wie zeitraubend es iſt, einen Teich abzulaſſen. Man lädt daher die Neugierigen und die Lieb⸗ haber erſt auf den zweiten, dritten oder vierten Tag ein, je nach der Waſſermaſſe, welche der Teich von ſich geben muß, ehe es zur Entwicklung kommt. Die Entwicklung iſt das Erſcheinen des Fiſches am Zapfen. Zu einem Fiſchfang in einem Teich erſcheint, je nach der Größe und Bedeutung des Teichs, verhält⸗ nißmäßig eine ebenſo bedeutende und wiederum ver⸗ hältnißmäßig ebenſo elegante Menſchenmenge, wie bei den Wettrennen auf dem Marsfeld, in der Marche oder in Chantilly, wenn die berühmten Pferde und Jokeis ſich produciren. Nur wohnt man dem Schauſpiel nicht auf Tri⸗ bünen oder zu Wagen bei. Nein, Jeder kommt wie er will oder wie er kann: im Cabriolet, im Charabanc, im Phaëton, im Wä⸗ gelchen, zu Pferd, zu Eſel; ſodann ſtellt ſich Jeder, abgeſehen von dem Reſpect, den man in den uncivi⸗ mt, mt, der nen nes eibt nen eb⸗ Lag dvon hes je ält⸗ ver⸗ wie 171 liſirten Ländern immer vor der Behörde hat, je nach dem Augenblick ſeiner Ankunft oder nach der Kraft ſeiner Ellbogen und der mehr oder minder energiſchen Bewegung ſeiner Hüften. Nur iſt ein ſolides Gitterwerk angebracht, damit die Zuſchauer nicht in den Behälter fallen. Man erſieht es an der Farbe und dem Geruch des Waſſers, wenn der Fiſch herankommt. Jedes Schauſpiel hat ſeine Unannehmlichkeiten. Je ſchöner und ſtärker beſetzt eine Opernvorſtel⸗ lung iſt, um ſo mehr fixe Luft athmet man ein. Je näher bei einem Teichfiſchen der intereſſante Augenblick heranrückt, um ſo mehr Stickſtoff athmet man ein. Anfangs, im Augenblick, wo man den Zapfen öffnet, kommt das Waſſer ſchön, rein und mit einer leichten grünen Färbung, wie Flußwaſſer. Die obere Schichte zeigt ſich, von ihrem Gewicht hingeriſſen, zuerſt. Sodann verliert das Waſſer allmälig von ſeiner Durchſichtigkeit und färbt ſich grau. Hierauf leert ſich die zweite Schichte, und von Zeit zu Zeit kommt inmitten dieſer zweiten Schichte, wenn die Färbung nach und nach dunkler wird, ein Silberblitz zum Vorſchein. Es iſt dies ein allzu kleiner Fiſch, welcher der Strömung nicht widerſtehen konnte und als Plänkler erſcheint. Nan nimmt ſich nicht einmal die Mühe ihn auf⸗ zuheben, ſondern man läßt ihn ganz ruhig, im Drang nach den kleinen Waſſerpfützen auf dem Grund des Behälters, jene Art von Luftſprüngen machen, 172 welche die Straßenkünſtler ſo pittoresk den Karpfen⸗ ſprung nennen. Nun kommt das ſchwarze Waſſer. Dies iſt der vierte Act, d. h. die Löſung des Knotens. So widerſteht der Fiſch, je nach ſeinen Kräften, inſtinctmäßig dieſer ungewohnten Strömung, die ihn fortreißt; Nichts hat ihm geſagt, daß die Strömung eine Gefahr iſt, aber er erräth es. Jeder ſchwimmt daher ſo gut als möglich wieder den Strom aufwärts. Der Hecht ſchwimmt neben dem Karpfen, den er geſtern verfolgte und verhinderte, allzu fett zu wer⸗ den; ohne Streit zu ſuchen, zieht der Barſch neben der Schleie dahin und denkt nicht einmal daran, in das Fleiſch zu beißen, das ein ſo leckerer Biſſen für ihn iſt. So finden die Araber zuweilen in einer und der⸗ ſelben Grube, welche ſie dem Wild gegraben, unter einander Gazellen und Schakale, Antilopen und Hyänen, und die Hyänen und die Schakale ſind ebenſo fromm und zitternd geworden, wie die Ga⸗ zellen und die Antilopen. Aber endlich erſchöpfen ſich die Kräfte der Kämpfer. Die Plänkler, von denen wir ſo eben geſprochen, werden zahlreicher; der Umfang der Fiſche beginnt reſpectabler zu werden, und die Aufleſer beweiſen ihnen, wie ſehr man ſie ſchätzt. Dieſe Aufleſer ſind Männer in einfachen Zwilch⸗ hoſen und Baumwollhemden. ie Die Hoſen ſind bis über die Schenkel hinauf⸗, die Hemdärmel bis an die Schultern zurückgeſchlagen. Sie legen die Fiſche haufenweiſe in Körbe. Solche, die lebendig verkauft oder zur Wiederbe⸗ völkerung des Teiches aufbewahrt werden ſollen, ver⸗ ſetzt man in beſondere Behälter. Diejenigen, die zum Tod verurtheilt ſind, werden ganz einfach auf die Wieſe geworfen. Man verkauft ſie noch am ſelben Tag. In je größeren Maſſen der Fiſch erſcheint, um ſo lauter wird der Jubel der Zuſchauer. Denn dieſe Zuſchauer hier ſind nicht wie die Zu⸗ ſchauer in unſern Theatern. Sie kommen nicht, um ihre Empfindungen zu⸗ rückzudrängen und ſich durch affectirte Gleichgültig⸗ keit den Anſchein von gutem Geſchmack zu geben. Nein, ſie kommen, um ſich zu amüſiren, und bei jedem ſchönen Barſch, bei jedem ſchönen Karpfen, bei jedem ſchönen Hecht applaudiren ſie wacker und mit unverſtellter Freude. Wie bei einer wohlgeordneten Heerſchau ein Corps nach dem andern defilirt und, wenn man ſo ſagen darf, nach ſeinem Gewicht aufzieht, leichte Plänkler voran, reſpectable Dragoner in der Mitte, gewichtige Küraſſiere und ſchwere Artillerie am Ende, ſo defi⸗ liren die verſchiedenen Fiſcharten. Die kleinſten, d. h. die ſchwächſten, zuerſt. Die größten, d. h. die ſtärkſten, zuletzt. Endlich in einem gegebenen Augenblick ſcheint das Waſſer zu verſiegen. Der Weg wird buchſtäblich verſperrt durch die 8 Reſerve, d. h. durch alle großen Bewohner des Teiches. Die Aufleſer haben mit wahren Ungeheuern zu kämpfen. Dies iſt die Entwicklung. Dies iſt die Stunde des Jubelgeſchreis, der Augen⸗ blick des Bravorufens. Zuletzt nach beendetem Schauſpiel ſieht man nach den Spielern. Dieſe ſinken vor Mattigkeit beinahe ohnmächtig ins Gras. Ein Theil gewinnt ſeine Kräfte wieder im Waſſer. Man ſucht die Aale, man fragt nach den Aalen, und man zeigt Euch drei oder vier Aelchen, daumens⸗ dick und von halber Armslänge. Den Aalen iſt es nämlich, vermöge ihrer Leibes⸗ beſchaffenheit, wenigſtens für den Augenblick gelun⸗ gen, ſich dem allgemeinen Gemetzel zu entziehen. Die Aale haben ihre Köpfe in den Schlamm ge⸗ ſteckt und ſind verſchwunden. Deßhalb ſehet ihr Männer mit Flinten an den Ufern des Teichs auf und ab gehen, und deßhalb höret ihr von Zeit zu Zeit einen Schuß. Fragt ihr:„Was bedeutet dieſer Schuß?“ ſo antwortet man euch: „Man will die Aale heraustreiben. Warum kommen nun die Aale aus dem Schlamm hervor, wenn man ſchießt? Warum ziehen ſie in die Pfützen, die fortwährend im Teiche entſtehen und bleiben? Und wenn ſie unten im Schlamm ſicher ſind, wie ſo viele Leute aus unſerer Bekanntſchaft, die Verſtand genug zeigen, da zu bleiben, warum 41 aſſer. alen, nens⸗ eibes⸗ gelun⸗ n. m ge⸗ n den ßhalb 2 1¹ ſo lamm ſie in n und ſicher ſchaft, varum 175 bleiben ſie nicht da, ſtatt nach dem Bach vorzudrin⸗ gen, der ſie in ſeinem Lauf mitreißt und zuletzt zum Behälter, d. h. zum demneinſenen Grabe führt? Nichts leichter für das Collége de France, als dieſe Frage zu beantworten, nachdem es jetzt in di⸗ recter Verbindung mit den Fiſchen ſteht. Ich ſtelle alſo den Gelehrten die Frage. Sollte das Schießen nicht auf einem Vorurtheil beruhen, und ſollte es nicht ganz Vinlach folgendermaßen zu⸗ gehen, daß der Anfangs flüſſige Schlamm, in wel⸗ chen der Aal ſich geflüchtet hat, allmälig gleich einem ausgepreßten Schwamme vertrocknet und dadurch nach und nach unbewohnbar wird, ſo daß ſich der Fiſch zuletzt genöthigt ſieht, ſein natürliches Element, das Waſſer, zu ſuchen? Iſt das Waſſer einmal gefunden, ſo iſt er ver⸗ loren. Erſt fünf oder ſechs Tage nach Ablaſſung des Teiches geht man den Aalen zu Leibe. Zu einer ſolchen Luſtbarkeit war alſo die ganze Geſellſchaft von Villers⸗Coterets, von Creſpy, von Montgobert und den umliegenden Dorſſchaften ein⸗ geladen. Thibault ſtellte ſich ein wie andere Leute. Thibault arbeitete nicht mehr; er fand es weit einfacher, ſeine Wölfe für ſich arbeiten zu laſſen. Er war aus einem Handwerker ein Herr vom Mittelſtand geworden. Es blieb ihm jetzt Nichts mehr zu thun übrig, als daß er ſich zum Edelmann emporſchwang. Er hatte es auch feſt im Sinn. 4 176 Thibault war nicht der Mann, der ſich.hinter den Andern hielt. Er arbeitete alſo mit Händen und Füßen, um ſich einen Platz in der vorderſten Reihe zu ver⸗ ſchaffen. Bei Ausführung dieſes Manövers ſtreifte er das Kleid einer großen, ſchönen Dame, neben die er zu kommen bemüht war. Die Dame hielt auf ihren Putz, und ohne Zwei⸗ fel war ſie gewöhnt zu gebieten, folglich auch gerin⸗ gere Leute wegwerfend zu behandeln, denn ſie drehte ſich um, und als ſie ſah, wer ſie geſtreift hatte, ließ ſie ſich das Wort„Bauernlümmel!“ entſchlüpfen. Aber die Dame war ſo hübſch, das allerdings grobe Wort war aus einem ſo ſchönen Munde ge⸗ kommen, dieſer augenblickliche Zorn contraſtirte ſo garſtig mit dem Zauber ihrer Züge, daß Thibault, ſtatt mit einem Ehrentitel vom gleichen oder ſogar von einem noch ſtärkeren Caliber zu antworten, ganz beſcheiden zurücktrat und eine Art von Entſchuldigung ſtammelte. Man mag ſagen was man will, unter allen Ari⸗ ſtokratien iſt und bleibt die Schönheit die erſte. Wäre die Dame alt und häßlich, wenn auch zehn⸗ mal eine Marquiſe geweſen, ſo würde Thibault ſie zum wenigſten eine dumme Gans geſcholten haben. Vielleicht wurde indeß Thibault auch durch den Anblick der ſeltſamen Perſonnage zerſtreut, welche die Cavaliersdienſte bei der Dame verſah. Es war ein dickes Männchen von etwa ſechszig Jahren, in ſchwarzen Kleidern von blendender Ele⸗ ganz, aber ſo klein, ſo klein, daß ſein Kopf kaum bis ter um der⸗ das zu vei⸗ rin⸗ ehte ließ ngs ge⸗ ſo tult, gar ganz ung Ari⸗ ehn⸗ tſie en. den die Szig Ele⸗ bis 177 an die Ellbogen der Dame reichte, und daß dieſe, da ſie ſeinen Arm nicht hätte nehmen können, ohne ſich eine Qual anzuthun, ſich bloß majeſtätiſch auf ſeine Schulter ſtützte. Man hätte ſie für eine antike Cybele, gelehnt an einen modernen Pouſſah, halten können. Aber welch ein allerliebſter Pouſſah mit ſeinen kurzen Beinchen, ſeinem Wanſt, der beinahe die Hös⸗ chen ſprengte und bis auf die Kniee herabging, ſei⸗ nen dicken runden Aermchen, ſeinen weißen Händchen, die unter den Spitzen hervorſchauten, und ſeinem röthlichen, fleiſchigen Kopf, wohl gekämmt, wohl ge⸗ pudert, wohl friſirt und mit einem Zöpflein verſehen, das bei jeder Bewegung auf dem Frackkragen herum⸗ tänzelte! Man konnte an jene ſchwarzen Käfer denken, deren Rückenſchild mit ihren Beinen ſo wenig har⸗ monirt, daß ſie eher zu rollen als zu gehen ſcheinen. Und bei all dem war ſein Geſicht ſo jovial, ſeine hervorſtehenden Augen ſtrahlten eine ſolche Herzens⸗ güte aus, daß man ſich ſympathiſch zu ihm hinge⸗ zogen fühlte, denn man ahnte leicht, daß das liebe Männlein allzu ſehr beſchäftigt war, ſich ſelbſt auf alle mögliche Arten angenehme Zeit zu verſchaffen, als daß es mit dem vagen und unbeſtimmten Weſen, das ſich Nebenmenſch nennt, Streit geſucht hätte. Auch ſchien das dicke Männlein ganz in Ver⸗ zweiflung zu gerathen, als es hörte, wie ſeine Ge⸗ fährtin unſern Thibault ſo von oben herab be⸗ handelte. „Ci, ei, Madame Magloire! ei, ei, Frau Amt⸗ männin!“ ſagte er, indem er in dieſen wenigen Dumas, der Wolfsführer. I. 12 178 Worten ſeinen Nachbarn den Namen und Titel der Dame zu wiſſen that,„Ihr habt da ein ſehr gar⸗ ſtiges Wort zu einem armen Jungen geſagt, der die— ſen Zufall mehr bedauert als Ihr ſelbſt.“ „Ach was! Herr Magloire,“ antwortete die Dame, „ich ſoll ihm wohl noch dafür danken, daß er mir mein ſchönes blaues Damaſtkleid zerknittert und ganz verderbt hat, davon gar nicht zu reden, daß er mir auf die kleine Zehe getreten hat?“ „Bitte, verzeiht mir meine Ungeſchicklichkeit, edle Dame,“ verſetzte Thibault.„Als Ihr Euch um⸗ drehtet, da hat mich Euer wunderbares Geſicht ge⸗ blendet wie ein Maiſonnenſtrahl, ſo daß ich nicht mehr ſah, wohin ich den Fuß ſetzte.“ Dieſes Compliment war kokett genug gedrechſelt für einen Menſchen, deſſen gewöhnliche Geſellſchaft ſeit drei Monaten aus einem Dutzend Wölfe be⸗ ſtand. Und dennoch brachte es eine geringe Wirkung auf die ſchöne Dame hervor, denn ſie antwortete nur mit einer höhniſchen Geſichtsverziehung. Sie hatte nämlich, trotz der Anſtändigkeit von Thibaults Coſtüm, ſeine Eigenſchaft mit jenem merk⸗ würdigen Tact beurtheilt, welchen die Frauen aus allen Ständen in dieſer Beziehung beſitzen. Der kleine dicke Herr war nachſichtiger, denn er klatſchte laut in ſeine fetten Händchen, die er ver⸗ möge der von ſeiner Frau angenommenen Haltung vollkommen frei hatte. „Ahl bravo,“ ſagte er,„bravol das nenne ich ſchön geſprochen, Herr; Ihr ſeid ein geſcheidter Junge und ſcheint mir ſtudirt zu haben, wie man der ar⸗ ie⸗ ne, nir anz mir dle um⸗ ge⸗ icht ſelt haft be⸗ auf nur von ꝛerk⸗ aus n er ver⸗ tung e ich idter man 179 mit den Frauen ſprechen muß. Ich hoffe, meine Liebe, daß Ihr das Compliment ebenſo gut zu ſchätzen wiſſet wie ich, und um dem Herrn zu beweiſen, daß wir als gute Chriſten ihm durchaus keinen Groll nachtragen, erſuche ich ihn, wenn er aus d r Gegend iſt und ihn das nicht allzu weit von ſeinem Weg abführt, mit uns nach Hauſe zu kommen und eine gute Flaſche Alten mit uns auszuſtechen, die uns Perrine heraufholen ſoll.“ „Ja das ſieht Euch wieder gleich, Herr Nepo⸗ muk; Euch ſind alle Mittel gut, wenn es ſich um's Zechen handelt, und fehlt es an Gelegenheit, ſo be⸗ ſitzet Ihr eine eigene Kunſt, irgendwo eine aufzu⸗ treiben. Ihr wißt jedoch, Herr Magloire, daß der Doctor Euch ausdrücklich verboten hat, zwiſchen Euern Mahlzeiten zu trinken.“ „Das iſt wahr, Frau Amtmännin,“ verſetzte Herr Nepomuk;„aber er hat mir nicht verboten, einem charmanten Jungen, wie dieſer Herr mir zu ſein ſcheint, eine Höflichkeit zu erweiſen. Seid alſo nachſichtig, Suſanna; hinweg mit dieſer griesgrä⸗ migen Miene, die Euch ſo ſchlecht läßt! Zum Teufel, Madame, wer Cuch nicht kennt, der könnte meinen, wir müſſen ſo genau auf ein Kleid ſehen. Nun wohl, um dieſem Herrn das Gegentheil zu beweiſen, will ich Euch, falls Ihr ihn bewegen könnt, uns nach Hauſe zu begleiten, daheim ſogleich das Geld zu dem ſchönen Lampaskleid geben, das Ihr Euch ſchon ſo lange wünſchet.“ Dieſes Verſprechen wirkte zauberhaft. Es be⸗ ſänftigte augenblicklich den Zorn der Frau Magloire, und da der Fiſchfang zu Ende ging, ſo nahm ſie mit 180 minder ungeberdiger Miene den Arm an, welchen ihr Thibault ſehr linkiſch, wir können es nicht leug⸗ nen, anbot. Thibault ſeinerſeits war ganz entzückt über die Schönheit der Dame, und da er aus den wenigen Worten der beiden Gatten erſah, daß ſie die Frau eines Beamten war, ſo zertheilte er ſtolz die Menge und ſchritt aufrechten Hauptes und mit ſo entſchloſ⸗ ſener Miene, als wollte er das goldene Vließ er⸗ obern, dahin. Und in der That dachte er, der Bräutigam der armen Agnelette, er, der ſchnöd zurückgewieſene Lieb⸗ haber der ſchönen Müllerin, nicht bloß an all das Vergnügen, das ihm die Liebe einer Amtmännin be⸗ reiten könnte, ſondern auch an den Stolz, wozu ſie ihn berechtigen würde, und an die Vortheile, die er von einer ſo lang erſehnten und doch ſo unerwarteten Eroberung zu hoffen hätte. Da nun Madame Magloire ihrerſeits nicht bloß ſehr nachdenklich, ſondern auch ſehr zerſtreut war, ſo daß ſie bald rechts, bald links, bald vor, bald hinter ſich ſchaute, wie wenn ſie Jemand ſuchte, ſo würde es mit der Unterhaltung unterwegs ziemlich flau ausgeſehen haben, wenn nicht der vortreffliche kleine Herr, der bald neben Thibault, bald neben Suſanna einhertrippelte und gleich einer vollwanſti⸗ gen vom Feld heimziehenden Ente herumwatſchelte, ſo ziemlich alle Koſten derſelben getragen hätte. Thibault in Berechnungen, die Amtmännin in Betrachtungen verſunken, der Amtmann trippelnd, plaudernd und mit einem feinen Batiſttuch ſeine Stirne abwiſchend, ſo kam die Geſellſchaft im Dorf 181 Erneville an, das etwas mehr als eine halbe Stunde von den Teichen von Poudron entfernt iſt. In dieſem reizenden Dörfchen, das zwiſchen Ha⸗ ramont und Bonneuil, bloß vier oder fünf Büchſen⸗ ſchüſſe vom Schloß Vez, der Wohnung des Herrn Jean, liegt, hatte Herr Magloire ſeinen Amtsſitz. XI. David und Goliath. Man ging durch das ganze Dorf und machte auf der Straße von Longpré und von Haramont vor einem ſchönen Hauſe Halt. Der kleine Herr, der galant war wie ein fran⸗ zöſiſcher Ritter, ging ſchon zwanzig Schritte von dem Hauſe voraus, ſtieg flinker, als man ihm zugetraut hätte, die fünf oder ſechs Stufen der Freitrende hinan, ſtellte ſich auf ſeine Zehen und erreichte ſo mit ſeinen Fingerſpitzen de Klingel. Als er ſie einmal feſthielt, zog er auch mit einer Energie, welche die Rückkehr des Hausherrn ankündete. Es war in der That nicht bloß ans Rückkehr, ſondern ein Triumph. Der Amtmann brachte einen Gaſt mit Eine Zofe in ſchönem Sonntagsſtaat öffnete. Der Amtmann flüſterte ihr ganz leiſe 9 Worte zu, und Thibault, der bei all ſeiner Verehrung für ſchöne Frauen auch gute Mahlzeiten nicht ver⸗ ſchmähte, glaubte zu verſtehen, daß er Perrine den Küchenzettel vorſchrieb. 182 Dann wandte er ſich um und ſagte: „Mein werther Gaſt, ſeid willkommen im Hauſe Amtmanns Nepomuk Magloire!“ Thibault ließ ehrerbietig die Frau Amtmännin vorangehen und wurde von dem kleinen Herrn in den Salon geführt. Hier blamirte ſich der Holzſchuhmacher. Noch nicht ſehr an Luxus gewöhnt, war der Waldbewohner nicht ſchlau genug, die Bewunderung zu verhehlen, womit die Einrichtung des Amtmanns ihn erfüllte. Thibault befand ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben Damaſtvorhängen und vergoldeten Lehnſtühlen gegenüber. Er glaubte, daß bloß der König oder allerhöch⸗ ſtens der Herr Herzog von Orleans ſolche Vorhänge und ſolche Lehnſtühle haben könnte. Thibault bemerkte nicht, daß Madame Magloire ihn aufs Genaueſte beobachtete, und daß keine ſeiner verwunderten Mienen, keiner von ſeinen naiven Aus⸗ brüchen des Erſtaunens der ſchlauen Hexe entging. Gleichwohl ſchien ſie nach reiflicher Erwägung den Cavalier, den Herr Magloire ihr aufgenöthigt hatte, mit freundlicheren Blicken zu betrachten. Sie bemühte ſich die Härte ihrer ſchwarzen Au⸗ genſterne für ihn zu ſänftigen. Doch ging ſie in ihrer Herablaſſung nicht ſo weit, daß ſie ſich auf den dringenden Wunſch ihres Mannes eingelaſſen hätte, welcher verlangte, ſeine Frau ſolle den Wohlgeſchmack und das Bukett des Champagners dadurch verdoppeln, daß ſie ihn eigen⸗ händig ihrem Gaſt einſchenke. de 0 uſe nin in der ung nns nem hlen öch⸗ inge oire iner lus⸗ ig. gung thigt Au⸗ t ſo ihres ſeine des igen⸗ 183 Trotz der inſtändigen Zureden ihres erhabenen Gemahls weigerte ſich die Frau Amtmännin dieſer Zumuthung und nahm bald Müdigkeit zum Vorwand, um auf ihr Zimmer zu gehen. Aber ehe ſie ging, ſagte ſie zu Thibault, da ſie ihr Unrecht gegen ihn abzubüßen wünſche, ſo hoffe ſie, daß er den Weg nach' Erneville nicht vergeſſen werde. Ein Lächeln, das die niedlichſten Zähne zum Vor⸗ ſchein brachte, bildete den Schluß dieſer Rede. Thibault antwortete darauf mit einer Lebhaftig⸗ keit, welche die vielleicht etwas unpolirten Ausdrücke überſehen ließ: er ſchwur, daß er eher das Eſſen und Trinken vergeſſen würde, als eine Dame, die ebenſo höflich als ſchön ſei. Madame Magloire machte eine Verbeugung, die eine Stunde weit nach der Frau Amtmännin roch, und trat ab. Kaum hatte ſie die Thüre hinter ſich zugezogen, als Herr Magloire zu ihrer Ehre eine Kreiswendung ausführte, die zwar weniger leicht, aber beinahe ebenſo bedeutſam war, als die eines Schuljungen, der ſich von ſeinem Zuchtmeiſter erlöst ſieht; dann ging er auf Thibault zu, ergriff ſeine beiden Hände und ſagte zu ihm: „Ach, lieber Freund, wie wollen wir jetzt trinken, da keine Weiber mehr da ſind, um uns zu geniren! O die Weiber! Sie ſind allerliebſt bei der Meſſe und auf dem Ball; aber zum Teufel, bei Tiſch, da ſind Männer nöthig. Nicht wahr, Gevatter?“ Perrine kam herein, um ihren Gebieter zu fragen, was für einen Wein ſie heraufholen ſolle. 184 Aber das luſtige Männchen war ein zu guter Feinſchmecker, um Geſchäfte dieſer Art einem Frauen⸗ zimmer anzuvertrauen. In der That hegen die Frauen vor gewiſſen ehrwürdigen Flaſchen nicht all den Reſpect, den ſie verdienen, und widmen ihnen nicht all die Zartheit, womit ſie behandelt werden wollen. Er zerrte Perrine am Kleid, wie wenn er ihr Etwas ins Ohr ſagen wollte. Das gute Mädchen bückte ſich, um dem kleinen Mann gerecht zu werden. Aber er drückte einen tüchtigen, derben Kuß auf ihre noch friſche Wange, die nicht genug erröthete, um glauben zu machen, daß dieſer Kuß etwas Neues für ſie ſei. „Ei nun, wie iſt's jetzt?“ fragte die Dirne lachend. „Die Sache iſt die, meine liebe Perrinette,“ ſagte der Amtmann,„daß ich die guten Gruppen allein kenne, und da Du nun in Anbetracht ihrer Mannig⸗ faltigkeit leicht unter ihnen fehlgehen könnteſt, ſo will ich ſelbſt in den Keller.“ So ſprechend trippelte der gute Alte auf ſeinen kurzen Beinchen davon, ſo luſtig, ſo flink und ſo drollig, wie die Nürnberger Maſchinenmännchen, die man mit einem Schlüſſel aufzieht, worauf ſie ſich im Kreis herumdrehen und rechts oder links gehen, ſo lange die Triebfeder geſpannt iſt. Nur ſchien das gute alte Männlein vom lieben Gott ſelbſt aufgezogen zu ſein und niemals ruhig blei⸗ ben zu wollen. Thibault war allein im Zimmer. Er rieb ſich die Hände und wünſchte ſich Glück, 185⁵ in ein ſo gutes Haus gerathen zu ſein, zwiſchen eine ſo ſchöne Frau und einen ſo liebenswürdigen Ehe⸗ gemahl. Nach fünf Minuten ging die Thüre wieder auf. Der Amtmann kam mit einer Flaſche in jeder Hand und einer Flaſche unter jedem Arm herein. Die beiden Flaſchen, die er unter den Armen hielt, waren mouſſirender Sillery erſter Qualität, und da ſie nicht zu fürchten brauchten, geſchüttelt zu werden, ſo konnten ſie wohl ihre horizontale Lage beibehalten. Die beiden andern, die er in den Händen trug und mit wahrhaft ergötzlichem Reſpect vor ſich hin hielt, waren Chambertin Ausſtich und Hermitage. Es war Zeit zum Souper geworden. In der Epoche, von welcher wir erzählen, dinirte man Mittags zwölf Uhr und ſoupirte Abends um ſechs. Ohnehin iſt es im Januar um ſechs Uhr ſchon lange Nacht, und wenn man bei Licht ißt, ſei es nun um ſechs Uhr oder um Mitternacht, ſo ſcheint mir das immer ein Souper zu ſein. Der Amtmann ſtellte ſeine vier Flaſchen ganz ſachte auf einen Tiſch, dann klingelte er. Perrinette trat ein. „Wann können wir uns zu Tiſch ſetzen, mein ſchönes Kind?“ fragte Herr Magloire. „Sobald Ihr es wünſchet, Herr,“ antwortete Perrine.„Da ich weiß, daß der Herr Amtmann nicht gerne wartet, ſo iſt Alles bereit.“ „So frage die Frau Amtmännin, ob ſie nicht 186 kommen will; ſag' ihr, Perrine, daß wir uns nicht ohne ſie zu Tiſche ſetzen wollen.“ Perrine ging. „Laßt uns immerhin in den Speiſeſaal gehen,“ ſagte der kleine alte Herr;„Ihr müßt Hunger haben, und wenn ich Hunger habe, ſo pflege ich dem Appetit der Augen vor dem Appetit des Magens gütlich zu thun.“ „O!“ ſagte Thibault,„Ihr müßt ein famöſer Feinſchmecker ſein.“ „Es iſt nicht ganz ohne. Ich gehe voraus, aber nur um Euch den Weg zu zeigen.“ So ſprechend verfügte ſich Herr Magloire wirklich aus dem Salon in den Speiſeſaal. „Ah!“ machte er beim Eintreten, indem er ſich vergnügt auf ſeinen Wanſt tätſchelte,„ſagt einmal ſelbſt, ob dieſes Mädchen nicht verdiente, die Ober⸗ köchin eines Cardinals zu werden. Schaut nur ein⸗ mal dieſes kleine Souper an; es iſt ganz einfach, und dennoch erfreut es wahrlich meine Augen mehr, als das berühmte Feſtmahl des Königs Balthaſar hätte thun können.“ „Auf Ehre,“ ſagte Thibault,„Ihr habt Recht, Herr Amtmann; das iſt ein Anblick, der Einem in der Seele wohlthut.“ Und Thibaults Augen begannen ihrerſeits kar⸗ funkelartig zu leuchten. Und dennoch war es, wie der Amtmann ſagte, nur ein kleines Souper, aber ſo appetitlich, daß es eine wahre Luſt war. Es beſtand aus einem ſchönen blaugekochten Kar⸗ 7——— —,—-A—-— —-——,— c. aber Kiich ſich mal ber⸗ ein⸗ fach, nehr, aſar techt, m in kar⸗ jagte, äß es Kar⸗ 187 pfen, der auf einer Lage von Peterſilie, ringsum mit Möhrenſchnittchen belegt, in ſeiner Milch ruhte. Er nahm eines der Enden des Tiſches ein. Das andere Ende war mit einer Schwarzwild⸗ keule beſetzt oder, wie wir zum Frommen derjenigen, denen dieſer Ausdruck nicht vertraut ſein ſollte, er⸗ läutern wollen, mit der Keule eines jährigen Wild⸗ ſchweins, die weich in einer Spinatplatte lag und gleich einer grünen Inſel in einem Ocean von duf⸗ tiger Sauce ſchwamm. In der Mitte prangte eine feine Rebhühnerpa⸗ ſtete, von bloß zwei jungen Rebhühnern, die ihre Köpfe über die Kruſte hervorſtreckten und drein ſchauten, als wollten ſie ſich jeden Gegner mit ihrem Schnabel vom Leibe halten. Die Zwiſchenräume waren mit Plättchen ausge⸗ füllt, worauf feingeſchnittene Arler Würſte, viereckige Thunfiſchſtücke, in ſchönem grünem Provencer⸗Oel ſchwimmend, Sardellen, die auf einer Lage von klein⸗ gehacktem Eiergelb und Eierweiß unbekannte phan⸗ taſtiſche Lettern beſchrieben, und muſchelförmige But⸗ ter, augenſcheinlich erſt im Laufe des Tages aus⸗ gerührt, den eßluſtigen Gäſten entgegenlachten. Das Deſſert beſtand aus zwei oder drei Sorten Käſe, die wegen ihres Hauptvorzuges, nämlich den Durſt zu reizen, ausgewählt worden, aus Reimſer Biscuit, das ſchon zum Voraus unter den Zähnen krachte, und aus einigen Birnen, die ſich ſo pracht⸗ voll erhalten hatten, daß man deutlich ſah, daß der Hausherr ſelbſt ſich die Mühe genommen hatte, ſie mit eigener Hand auf dem Obſtbrett umzudrehen. Thibault war dermaßen in die Betrachtung die⸗ 188 ſes Liebhaberſoupers verſunken, daß er kaum die Antwort Perrine's hörte, welche meldete, die Frau Amtmännin habe die Migraine und laſſe ſich deß⸗ halb zum zweiten Male bei ihrem Gaſt entſchuldigen, gedenke ſich aber bei ſeinem baldigen neuen Beſuch ſchadlos zu halten. Das alte Herrlein vernahm die Antwort mit ſichtlicher Freude, athmete laut auf, klatſchte applau⸗ dirend in die Hände und rief: „Sie hat die Migraine! ſie hat die Migraine! Schnell jetzt zu Tiſch, zu Tiſch!“ Und neben den beiden alten Flaſchen Macon, die bereits als Tiſchwein zur Rechten jedes der bei⸗ den Schmausbrüder ſtanden, zwiſchen die Plättchen mit Zwiſchenſpeiſen und die Deſſertteller, ſchob er die vier anderen Flaſchen ein, die er ſo eben aus dem Keller geholt hatte. Ich glaube, daß die Frau Amtmännin weislich daran gethan hatte, ſich nicht zu dieſen wilden Strei⸗ tern zu ſetzen, die einen ſolchen Hunger und Durſt entwickelten, daß der halbe Karpfen und die beiden Flaſchen verſchwanden, ohne daß die Herren andere Worte mit einander gewechſelt hätten, als: „Gutl nicht wahr?“ „Delicat!“ „Gut! nicht wahr?“ „Famös!“ Delicat bezog ſich auf den Karpfen. Famös auf den alten Macon. Vom Karpfen und vom Macon ging man zur Paſtete und zum Chambertin über. Hier begannen die Zungen ſich zu löſen. die au eß⸗ en, uch mit au⸗ ne! con, bei⸗ chen der aus slich trei⸗ Durſt eiden dere 1 zur 189 Beſonders die des Amtmanns. Bei der Hälfte des erſten Rebhuhns und am Ende der erſten Flaſche Chambertin wußte Thibault die Geſchichte des Herrn Nepomuk Magloire. Dieſe Geſchichte war übrigens ganz und gar nicht verwickelt. Herr Magloire war der Sohn eines Kirchen⸗ ſchmuckfabrikanten, der für die Capelle des Herrn Herzogs von Orleans gearbeitet hatte, welcher aus eitel Frömmigkeit für vier⸗ bis fünfmal hunderttau⸗ ſend Franken Gemälde von Albano und Titian ver⸗ brannte. Chryſoſtomus Magloire brachte ſeinen Sohn Ne⸗ pomuk Magloire als erſten Mundkoch bei Herrn Philipp von Orleans, dem Sohne Ludwigs, unter. Der junge Mann hatte ſchon als zartes Kind einen entſchiedenen Beruf für die Küche an den Tag ge⸗ legt; er war hauptſächlich im Schloß zu Villers⸗Co⸗ terets beſchäftigt, und dreißig Jahre lang dirigirte er die Mahlzeiten des erlauchten Herrn, der Mag⸗ lloire ſeinen Freunden als den Spiegel aller Koch⸗ künſtler pries und ihn von Zeit zu Zeit heraufkommen ließ, um mit dem Herrn Marſchall von Richelieu über Küchenangelegenheiten zu plaudern. Mit fünfundvierzig Jahren war Magloire ſo kugelrund geworden, daß er nicht mehr ohne eine gewiſſe Schwierigkeit durch die kleinen Thüren der Corridore und Küchenzimmer gehen konnte. Er fürchtete, daß er ſich eines Tages gleich dem Wieſel Lafontaines in ſeinem Speicher gefangen ſehen könnte, und bat daher um ſeinen Abſchied. Der Herzog bewilligte ihm denſelben zwar un⸗ 190 gern, aber doch weniger ungern als unter allen an⸗ dern Umſtänden. Er hatte vor Kurzem Frau von Monteſſon ge⸗ heirathet und kam nur noch ſelten nach Villers⸗ Coterets. Zu den Religionsartikeln des erlauchten Herrn gehörte, daß er alte Diener nicht vergaß. Er ließ Magloire heraufkommen. Er fragte ihn, wie viel er in ſeinen Dienſten er⸗ ſpart habe. Magloire antwortete, er habe das Glück, nicht gerade mit leeren Händen auszutreten. Der Prinz verlangte den Betrag ſeines kleinen Vermögens genau zu erfahren. Magloire geſtand neuntauſend Franken Rente. „Ein Mann, der mich dreißig Jahre lang ſo gut gefüttert hat,“ ſagte der Prinz,„ſoll für den Reſt ſeines Lebens zu eſſen haben.“ Und er erhöhte die Rente auf zwölftauſend Fran⸗ ken, damit Magloire tauſend Franken monatlich zu verzehren hätte. Ueberdies erlaubte er ihm, ſich ein vollſtändiges Ameublement aus der alten Geräthkammer auszu⸗ wählen. Daher kamen die Damaſtvorhänge und die ver⸗ goldeten Lehnſtühle, die, obſchon jetzt ein wenig ab⸗ geſchoſſen, dennoch jenes vornehme Ausſehen behal⸗ ten hatten, worüber Thibault in ſo großes Staunen gerathen war. Am Ende des erſten Rebhuhns und bei der Hälfte der zweiten Flaſche wußte Thibault, daß Ma⸗ dame Magloire die vierte Frau ſeines Wirthes war, . 7 gut Reſt an⸗ zu iges Szu⸗ ver⸗ ab⸗ hal⸗ inen der Ma⸗ war, 191 eine Zahl, welche den alten Haushofmeiſter in ſeinen eigenen Augen um eines Armes Länge zu vergrößern ſchien. Ueberdies wußte Thibault jetzt, daß Magloire ſie nicht wegen ihres Vermögens, ſondern wegen ihrer Schönheit geheirathet hatte, denn er war ſtets ein ebenſo großer Liebhaber von hübſchen Geſichtern und ſchönen Büſten, als von guten Weinen und ſchmack⸗ haften Speiſen geweſen. Und Herr Magloire fügte entſchloſſen hinzu, daß er trotz ſeines Alters, wenn ſeine Frau heute ſtärbe, ſich nicht im Mindeſten ſcheuen würde, eine fünfte Heirath einzugehen. Beim Uebergang vom Chambertin zum Hermi⸗ tage, und als man mit dem Sillery abwechſelte, kam Herr Magloire auf die Eigenſchaften ſeiner Frau zu ſprechen. Sie war juſt nicht die leibhaftige Sanftmuth, nein, dazu fehlte ihr beinahe Alles; ſie legte der Be⸗ wunderung, welche ihr Gemahl den verſchiedenen Weinen Frankreichs widmete, mancherlei Hinderniſſe in den Weg; ſie widerſetzte ſich mit allen möglichen Mitteln, oft ſogar mit phyſiſcher Gewalt, ſeinen allzu zahlreichen Beſuchen im Keller; ſie liebte ihrerſeits, mehr als einem Anhänger des Syſtems gänzlicher Ungenirtheit lieb ſein konnte, allerlei Lumpenzeug, engliſche Häubchen und Spitzen, nebſt anderem Flit⸗ terkram, der zum Kriegsarſenal der Frauen gehörte; für Spitzen an ihre Arme und Bänder an ihren Hals hätte ſie gerne die zwölf Fäſſer Wein hingege⸗ ben, welche den Reichthum des Kellers ihres Gatten bildeten, wenn Herr Magloire der Mann geweſen 192 wäre, eine ſolche Umwandlung zu erlauben; aber abgeſehen davon, gab es keine Tugend, welche Su⸗ ſanna nicht beſaß, und ihre Tugenden wurden über⸗ dies, wenn man dem Amtmann glauben durfte, auf ſo ausgezeichneten Füßen getragen, daß, wenn ſie durch irgend ein Unglück einen davon verloren hätte, im ganzen Bezirk kein zu dem überbliebenen paſſen⸗ der zu finden geweſen wäre. Der gute alte Herr glich den ächten Wallfiſchen: er blies ſein Glück zu allen ſeinen Luftlöchern aus, wie dieſe das Seewaſſer. Aber ſchon ehe er von all ihren geheimen Voll⸗ kommenheiten unterrichtet wurde, welche der Amt⸗ mann, ein zweiter König Candaulos, dem modernen Gyges zu enthüllen bereit war, hatte die Schönheit der Amtmännin auf unſern Holzſchuhmacher einen ſo tiefen Eindruck hervorgebracht, daß er, wie wir bereits geſehen, auf dem ganzen Weg in Gedanken verſunken geblieben war, und daß er, ſeit er bei Tiſche ſaß, noch immer von dieſer Schönheit träumte und lautlos, aber wohlverſtanden ohne das Eſſen zu vergeſſen, den begeiſterten Phraſen lauſchte, welche der über einen ſo gefälligen Hörer entzückte alte Herr an einander reihte, wie man die Perlen zu Roſenkränzen an einander reiht. Inzwiſchen begann der würdige Amtmann nach ſeiner zweiten Kellerreiſe, die ihm einen ſogenannten Knoten an die Zunge gemacht hatte, jene ſeltene Eigenſchaft, welche Pythagoras von ſeinen Schülern forderte, etwas beſſer zu würdigen. Demgemäß gab er Thibault zu verſtehen, daß er ihm ſo ziemlich Alles geſagt habe, was er ihm über en: us, oll⸗ mt⸗ nen heit nen wir nken bei imte jſſen elche alte 1 zu nach inten ltene ülern aß er über 193 ſich und ſeine Frau zu ſagen wünſche, und daß es nunmehr an Thibault ſei, ihm einige Aufſchlüſſe über ſich ſelbſt zu geben. Der gute alte Herr fügte galant hinzu, da er mit ihm umzugehen wünſche, ſo wünſche er auch ihn kennen zu lernen. Thibault hielt es jetzt für dringend nöthig, die Wahrheit ein wenig zu ſchminken. Er gab ſich für einen wohlhabenden Landwirth aus, der vom Ertrag zweier Bauernhöfe und von etwa hundert Morgen Land, in der Nähe von Verte⸗ Feuille gelegen, lebe. In dieſen hundert Morgen Land war, ſo ſagte er, ein Gehäge einbegriffen, das einen wunderbären Reichthum an Damhirſchen, Rehen, Wildſchweinen, Rothhühnern, Faſanen und Haſen darbot. Der Amtmann müſſe von allem dem koſten. Herr Magloire war aufs Freudigſte erſtaunt. Nan hat an ſeinem Souper geſehen, daß er das Wildpret nicht verabſcheute, und er war hochvergnügt, daß er ſolches in Zukunft ohne die Vermittlung von Wilderern, durch ſeinen neuen Freund erhalten werde. Als nun die ſiebente Flaſche ehrlich in beide Gläſer ausgetröpfelt war, glaubte man, es ſei Zeit aufzubrechen. Der rothe Champagner, erſte Sorte von Ai und die letzte Flaſche, die geleert wurde, hatte die gewöhn⸗ liche Freundſchaftlichkeit des Herrn Magloire in Zärt⸗ lichkeit umgewandelt. Er war entzückt über ſeinen neuen Freund, der beinahe eben ſo geſchickt wie er ſelbſt das Glas zu lüpfen verſtand. Dumas, der Wolfsführer. I. 13 194 Er dutzte Thibault, er küßte ihn; er nahm ihm einen Schwur darauf ab, daß ein ſo herrlicher Abend ſich bald wiederholen müſſe. Als er ihn bis zur Thüre begleitet hatte, ſtellte er ſich zum zweiten Mal auf ſeine Zehen, um ihm den letzten Kuß aufzudrücken. Thibault kam ihm zu dieſem Behuf aufs Bereit⸗ willigſte entgegen, indem er ſich zu ihm hinabbückte. Es ſchlug zwölf Uhr auf der Kirche von Erne⸗ ville, als die Thüre ſich wieder hinter dem Holz⸗ ſchuhmacher ſchloß. Die Dünſte der ſtarken Weine, die er getrun⸗ ken, hatten ihm ſchon im Hauſe einige Beklemmung verurſacht, aber noch ärger wurde dieſer Zuſtand, als er in die Luft kam. Ganz betäubt taumelte er an die Mauer und lehnte ſich an. Was jetzt vorging, blieb für ihn dunkel und räthſelhaft gleich Traumgeſchichten. Ueber ſeinem Kopf und ſechs oder acht Fuß vom Boden war ein Fenſter, das ihm bei ſeiner Schwen⸗ kung gegen die Mauer hin beleuchtet geſchienen hatte, obſchon ſein Licht durch doppelte Vorhänge ver⸗ ſchleiert war. Kaum hatte er ſich angelehnt, ſo glaubte er zu bemerken, daß dieſes Fenſter ſich öffne. Er meinte, es ſei der würdige Amtmann, der ſich nicht von ihm trennen wolle, ohne ihm ein letztes Lebewohl zuzuſenden. Er ſuchte ſich daher von der Mauer loszumachen, um dieſer verbindlichen Abſicht die gebührende Chre zu erweiſen. wi vom wen⸗ datte, ver⸗ er zu r ſich etztes ichen, Ehre 195 Vergebliches Bemühen! Einen Augenblick glaubte er ſich feſtgewachſen wie Epheu. Bald begriff er, daß er ſich im Irrthum befand. Er ſpürte, wie ſich zuerſt auf ſeine rechte, dann auf ſeine linke Schulter ein Gewicht herabſenkte, ſo ſchwer, daß ſeine Kniee ſich bogen und er an der Mauer hinglitt, wie wenn er ſich ſetzen wollte. Dieſe Bewegung ſchien dem Wunſch des Indi⸗ viduums, das ihn ſtatt einer Leiter benützte, zu ent⸗ ſprechen. Wir ſehen uns zu dem Bekenntniß gedrungen, daß das aus der Höhe kommende Gewicht ein leben⸗ diger Mann war. Er fügte ſich nach dieſer Bewegung des Knie⸗ beugens, wozu er Thibault genöthigt hatte, indem er ſagte: „Sehr gut, Munter! ſehr gut! ſo!“ Und mit dem letzten Wörtchen ſprang er zur Erde, während man das Getöne eines ſich ſchließen⸗ den Fenſters hörte. Thibault begriff zwei Dinge: Erſtens, daß man ihn für einen gewiſſen Mun⸗ ter hielt, der vermuthlich in irgend einer Ecke in der Nähe des Schloſſes ſchlief. Zweitens, daß er einem Verliebten als Leiterchen hatte dienen müſſen. Beides regte ein dunkles Gefühl der Demüthi⸗ gung in ihm auf. Deßhalb griff er mechaniſch nach einem wallen⸗ den Stoff, welcher ihm der Mantel des Verliebten 196 zu ſein ſchien, und klammerte ſich mit der Beharrlich⸗ keit betrunkener Leute an dieſen Mantel feſt. „Was machſt Du da, Kerl?“ ſagte eine Stimme, welche den Erinnerungen des Holzſchuhmachers nicht ganz fremd ſchien;„willſt Du mich zu Grunde richten?“ „Ja gewiß will ich Euch zu Grunde richten,“ antwortete Thibault,„denn ich will wiſſen, wer der unverſchämte Burſche iſt, der ſich erlaubt, meine Schultern als Leiterchen zu gebrauchen.“ „Zum Henker!“ ſagte der Unbekannte,„Du biſt es alſo nicht, Munter?“ „Nein, ich bin's nicht,“ antwortete Thibault. „Nun denn, ob Du es biſt oder nicht, ich ſage Dir Dank.“ „Wie ſo, Dank? Das wäre mir nicht übell Glaubt Ihr denn, damit ſei Alles abgemacht?“ „Allerdings glaube ich das.“ „Dann habt Ihr Cure Rechnung ohne den Wirth gemacht.“ „Dummes Zeug! Laß mich los, Lümmel! Du biſt betrunken.“ „Betrunken! Warum nicht gar? Wir haben zu zwei bloß ſieben Flaſchen getrunken, und davon kom⸗ men gewiß vier auf den Amtmann.“ „Ich ſage Dir's noch einmal: laß mich los, be⸗ ſoffenes Schwein!“ „Ihr nennt mich ein beſoffenes Schwein, weil ich drei Flaſchen Wein getrunken habe?“ „Nein, nicht darum, weil Du drei Flaſchen Wein getrunken haſt, ſondern weil Du von drei elenden Flaſchen beſoffen worden biſt.“ Und mit einer mitleidsvollen Geberde verſuchte 197 es der Unbekannte zum dritten Mal, ſeinen Mantel loszureißen. „Verdammter Dummkopf!“ ſagte er,„willſt Du jetzt meinen Mantel loslaſſen, ja oder nein?“ Thibault hatte von jeher kitzliche Ohren. Aber in ſeiner augenblicklichen Gemüthsſtimmung ging ſeine Empfindlichkeit bis zur Reizbarkeit. „Alle Hagel!“ rief er,„vernehmt, mein ſchöner Herr, daß hier der verdammte Dummkopf nur derje⸗ nige iſt, der, nachdem er die Leute benützt hat, ſtatt der ſchuldigen Dankſagung ſie beſchimpft; deßhalb weiß ich gar nicht, was mich abhält, Euch meine Fauſt ins Geſicht zu ſchlagen.“ Kaum hatte Thibault dieſe Drohung vollendet, als der Fauſtſchlag, welchen er dem Unbekannten in Ausſicht geſtellt hatte, ihm ſelbſt auf den Kopf kam, und zwar ſo ſchnell als eine Kugel aus dem Rohr fliegt, wenn die Lunte das Pulver berührt. „Da ſieh, Du Einfaltspinſel,“ ſagte dieſe Stimme, welche bei Thibault gewiſſe Erinnerungen wach rief, die mit dem empfangenen Fauſtſchlag harmonirten, „ich bin ein ehrlicher Jude und bezahle Dir Dein Geld heim, ehe Du mir's vorgezählt haſt.“ Thibault erwiederte mit einem Fauſtſchlag auf die Bruſt. Der Fauſtſchlag war gut zugemeſſen, und Thi⸗ bault ſelbſt war vor ſeinem inneren Richterſtuhl da⸗ mit zufrieden. Aber der Unbekannte ſchien dadurch ſo wenig erſchüttert zu werden, als eine Eiche, welcher ein Kind einen Naſenſtüber gibt. Er antwortete mit einem zweiten Fauſtſchlag, 198 welcher den erſten an Kraft ſo ſehr übertraf, daß Thibault begriff, wasmaßen er, wenn die Kraft des Rieſen in dieſem Verhältniß wuchs, unfehlbar todt⸗ geſchlagen werden mußte. Aber gerade die Gewalt dieſes Fauſtſchlags brachte dem Unbekannten Unglück. Thibault war auf ein Knie gefallen, mit der Hand auf den Boden gerathen und hatte ſich die Finger an einem Stein zerſtoßen. Jetzt richtete er ſich wüthend mit dem Stein in der Hand auf und warf ihn dem Unbekannten an den opf. Der Coloß ſtieß ein Uf! aus, das dem Gebrülle eines Ochſen glich. Er drehte ſich um ſich ſelbſt und ſank dann gleich einer in ihrer Wurzel abgehauenen Eiche zur Erde, wo er bewußtlos liegen blieb. Ohne zu wiſſen, ob er ſeinen Gegner getödtet oder bloß verwundet hatte, ergriff Thibault die Flucht und ſah nicht ein einziges Mal hinter ſich. Vom Hauſe des Amtmanns war es nicht weit in den Wald. Thibault befand ſich alſo ſehr bald jenſeits des Grabenſchlößchens, bei der Ziegelbrennerei. Kaum hatte er hundert Schritte im Wald ge⸗ macht, als er ſich von ſeinem gewöhnlichen Geleite umgeben ſah. Der ganze Haufe empfing ihn mit Augenzwinkern und Schweifgewedel, um ſeine Zufriedenheit auszu⸗ drücken. Im Uebrigen bekümmerte ſich Thibault, der ſich bei ſeiner erſten Berührung mit ſeiner ſeltſamen iſ m fi ——————dOe e ͤo 8 tet deit des ge⸗ eite ern dzu⸗ ſich nen Leibwache ſo unbehaglich gefühlt hatte, jetzt ſo wenig mehr um ſie, als wäre es ein Haufe Kaninchen ge⸗ weſen. Er ſagte ihnen einige freundliche Worte, krazte dem nächſten ſanft zwiſchen den Ohren und zog unter Betrachtungen über ſeinen doppelten Triumph weiter. Er hatte ſeinen Wirth bei der Flaſche über⸗ wunden. Er hatte ſeinen Gegner im Fauſtkampf über⸗ wunden. Er ſprach daher in ſeinem fröhlichen Humor ganz laut vor ſich hin: „Du mußt es ſelbſt geſtehen, Freund Thibault, daß Du ein glücklicher Geſelle biſt. Frau Suſanna iſt in jeder Beziehung das, was Du brauchſt. Amt⸗ männin! zum Henker, das nenne ich eine Eroberung! Und wenn ſie ihren Mann überlebt, welch ein Weib für mich! Aber wenn ſie einmal, ob nun als Frau oder als Geliebte, neben mir und an meinem Arme einhergeht, dann wird mich beim Teufel Niemand mehr für etwas Anderes als einen Edelmann halten. Hal wenn ich daran denke, daß alles das ganz ſicher iſt, wofern ich nur keine Dummheit mache, die mir das Spiel verderbt! Denn ich habe mich wahrlich durch ihr zurückhaltendes Weſen nicht täuſchen laſſen. Wer keine Angſt hat, flieht nicht. Sie wird gefürch⸗ tet haben, daß ſie ſich gleich beim erſten Mal ver⸗ rathen könnte; aber wie verbindlich war ſie nicht, als ſie auf ihr Zimmer ging! Ja wohl, ich ſehe ſchon, wie ſich alles das von ſelbſt macht, ich werde kaum ein Bischen nachzuhelfen brauchen. Sobald ſie ſich einmal an einem ſchönen Morgen von ihrem 200 dicken alten Männchen befreit ſieht, ſo iſt die Sache fix und fertig. Gleichwohl kann und ganz beſonders will ich dieſem armen Herrn Magloire nicht den Tod wünſchen. Seinen Platz einnehmen, wenn er einmal nicht mehr da iſt, das geht an! aber einen Mann umzubringen, der mir ſo gute Weine vorge⸗ ſetzt hat! ihn umzubringen, während ich dieſe Weine noch im Magen habe, nein, das wäre eine Auffüh⸗ rung, wegen welcher ſelbſt mein Gevatter Wolf ſich an mir ſchämen müßte.“ Sodann fuhr er mit ſeinem ſpitzbübiſchſten Lächeln fort: „Und iſt es überdies nicht weit beſſer, daß ich mir bereits Anrechte auf Frau Suſanna erworben habe, wenn Herr Magloire einmal auf ganz natür⸗ lichem Weg in die andere Welt abfährt, was bei der Art, wie der Burſche ißt und trinkt, nicht mehr allzu lang anſtehen kann?“ Da ihm nun ohne Zweifel die ſo viel geprieſenen guten Eigenſchaften der Amtmännin wieder in den Sinn kamen, ſagte er: „Nein, nein, keine Krankheit, kein Tod, kein Hin⸗ ſcheiden! Nichts als einige jener einfachen Wider⸗ wärtigkeiten, die Jedermann zuſtoßen; nur wünſche ich, da mein Vortheil das mit ſich bringt, daß ihm etwas mehr zuſtoße als andern Leuten; in ſeinem Alter darf man keinen Anſpruch mehr darauf machen, den jungen Wildfang oder Spießhirſch zu ſpielen; nein, Jeder muß nach Verdienſt bedient werden. Wenn die Sache einmal ſo weit gediehen iſt, ſo werde ich Euch recht ſchön danken, mein Herr Vetter Wolf.“ Und Thibault, der ohne Zweifel anderer Anſicht war als meine Leſer und den Spaß herrlich fand, rieb ſich voll Vergnügen über dieſe Idee die Hände, ja er war ſo erfreut darob, daß er bereits in der Stadt und am Ende der Straße Lorgny angekommen war, als er ſich noch fünfhundert Schritte vom Hauſe des würdigen Amtmanns entfernt glaubte. Hier gab er ſeinen Wölfen ein Zeichen. Es wäre unvorſichtig geweſen, mit einer Ehren⸗ garde von zwölf Wölfen durch ganz Villers⸗Coterets zu ziehen; es konnten Hunde um den Weg ſein und die Hunde konnten Lärm machen. Sechs Wölfe ſchwenkten alſo zur Rechten, ſechs zur Linken ab, und obſchon der Weg nicht ganz der gleiche war, ſo fand ſich doch, da die einen ſchneller, die andern langſamer gingen, am Ende der Straße Lormet das Dutzend wieder vollzählig beiſammen. Vor Thibaults Hütte verabſchiedeten ſich die Wölfe und verſchwanden. Aber ehe ſie, jeder nach ſeiner Seite, abzogen, forderte Thibault ſie auf, ſich am nächſten Abend mit einbrechender Nacht recht pünktlich wieder am gleichen Platze einzuſtellen. Obſchon Thibault erſt um zwei Uhr Morgens nach Hauſe gekommen war, ſo erhob er ſich doch mit dem Tag. Freilich erhebt ſich im Januar der Tag ſpät. Thibault brütete über einem Plan. Er hatte ſein Verſprechen, dem Amtmann Wild⸗ pret aus ſeinem Gehäge zu ſchicken, nicht vergeſſen. Kur beſtand ſein Gehäge aus ſämmtlichen Wal⸗ dungen Sr. durchlauchtigſten Hoheit des Herrn Her⸗ zogs von Orleans. 202 Deßhalb war er ſo früh aufgeſtanden. Es hatte von zwei bis vier Uhr Morgens ge⸗ ſchneit. Mit der Umſicht und Gewandtheit eines Spür⸗ hundes unterſuchte er den Wald nach allen Rich⸗ tungen. Er ſuchte die Lager der Hirſche und Rehe, die Suhllachen der wilden Schweine und die Neſter der aſen; er beobachtete die Gänge, welche die Thiere machten, um ihre Nächte zuzubringen. Als ſodann Finſterniß über den Wald ausge⸗ breitet lag, da ſtieß er(man lernt mit den Wölfen heulen) ein Geheul aus, das ihm den Vorbann und Nachbann der in der ⸗„porigen Nacht eingeladenen Wölfe zuführte. Alles kam, ſelbſt Wölflein vom heurigen Jahre. Thibault erklärte ihnen hierauf, daß er eine ganz außerordentliche Jagd von ihnen erwarte. Um ſie anzuſpornen, kündigte er ihnen an, daß er ſelbſt mitgehen und ſie unterſtützen werde. Es war wirklich eine wunderbare Jagd. Die ganze Nacht hindurch erſcholl das düſtere Gewölbe des Waldes von ſchrecklichem Geheul. Hier fiel ein von einem Wolf verfolgtes Reh, an der Kehle gepackt von einem andern Wolf, der im Hinterhalt lag. Dort kam Thibault, mit dem Meſſer in der Hand wie ein Fleiſcher, drei oder vier von ſeinen wilden Genoſſen zu Hilfe und tödtete ein ſchönes vierjäh⸗ riges Schwein, das ſie gepackt hatten. Eine alte Wölfin kam mit einem halben Dutzend Haſen, welche ſie inmitten ihrer verliebten Beluſti⸗ 2h, der nd den äh⸗ end ſti⸗ gungen überfallen hatte, und ſie konnte nur mit gro⸗ ßer Mühe ihre Jungen verhindern, in unehrerbietiger Gefräßigkeit, ehe noch der Herr der Wölfe ſeine Ge⸗ bühren vorweggenommen, eine ganze Familie von Rothhühnern zu verſchlingen, welche dieſe jungen Ma⸗ raudeurs im Schlaf überrumpelt hatten. Frau Suſanna Magloire hatte in dieſem Augen⸗ blick nicht die leiſeſte Ahnung von dem, was ihr zu Liebe im Walde von Villers⸗Coterets geſchah. Nach zwei Stunden hatten die Wölfe einen gan⸗ zen Wagen voll Wildpret vor Thibaults Hütte zu⸗ ſammengebracht. Thibault traf ſeine Wahl, dann überließ er ihnen noch reiche Beute. Endlich lud er den Reſt auf zwei Maulthiere, die er unter dem Vorwand, ſeine Holzſchuhe nach der Stadt zu bringen, von einem Köhler borgte, und brach nach Villers⸗Coterets auf, wo er einen Theil ſeines Raubs an den Wildprethändler verkaufte, die feinſten und von den Wolfsklauen am wenigſten zu⸗ gerichteten Stücke aber für Madame Magloire zurück⸗ behielt. Er hatte Anfangs im Sinn gehabt, dem Amt⸗ mann alles das in eigener Perſon zu überbringen. Aber Thibault fing an, einigen Anſtrich von Cultur zu bekommen. Er hielt es für anſtändiger, ſein Geſchenk vor⸗ auszuſchicken; er belaſtete daher einen Bauer mit all dieſem Wildpret, gab ihm ein Dreißigſousſtück und ſchickte ihn zu dem Amtmann von Erneville mit einem einfachen Papier, worauf die Worte ſtanden: „Von Herrn Thibault.“ 204 Er ſelbſt gedachte ſeiner Botſchaft bald nach⸗ zufolgen. Er folgte ihr in der That ſo ſchnell, daß er an⸗ kam, als Herr Magloire das ſo eben empfangene Wildpret gerade auf einem Tiſch auslegte. Und da der Amtmann im ganzen Feuer ſeiner Dankbarkeit war, ſo ſtreckte er ſeine Aermchen gegen ſeinen Freund von vorgeſtern aus und verſuchte es, ihn unter lautem Freudengeſchrei an ſein Herz zu drücken. „Wir ſagen: er verſuchte es, denn zwei Dinge widerſetzten ſich dieſem Wunſche: Die Kleinheit ſeiner Arme und die Rundheit ſeines Wanſtes. Aber er dachte, daß da, wo er ſelbſt nicht aus⸗ reiche, Madame Magloire ihm helfen könne. Er eilte alſo an die Thüre und ſchrie aus vollem Halſe: „Suſanna! Suſanna In der Stimme des Amtmanns lag ein ſo außer⸗ ordentlicher Ausdruck, daß ſeine Frau auf irgend etwas Neues ſchloß, ohne ſich jedoch klar machen zu können, ob in Gutem oder in Böſem. Sie kam alſo eilig herab, um die Sache ſelbſt beurtheilen zu können. Sie fand ihren Gatten außer ſich vor Vergnügen um den Tiſch herum trippelnd, auf welchem er, man muß es ſagen, das allererfreulichſte Bild, das ſich den Blicken eines Eßkünſtlers darbieten konnte, aus⸗ geſtellt hatte. Sobald Suſanna erſchien, rief ihr Mann, in die Hände klatſchend: 1 - 2 ( 2 — —6 —r he eͤ——&ᷣ&ee—2 —— „Kommt her, Frau, ſchauet, was unſer Freund Thibault uns bringt, und ſaget ihm Euren Dank. Das nenne ich einmal ſein Wort halten. Er ver⸗ ſprach uns einen Korbvoll Wildpret aus ſeinem Ge⸗ häge, und nun ſchickt er einen Wagenvoll. Reich' ihm die Hand, gib ihm ſchnell einen Kuß und ſchau mir das alles an.“ Madame Magloire gehorchte den Befehlen ihres Gatten mit der größten Bereitwilligkeit, reichte Thi⸗ bault die Hand, ließ ſich von ihm küſſen und ſenkte dann ihre ſchönen Augen auf dieſe Victualienſamm⸗ lung, welche die Bewunderung ihres Mannes aus⸗ machte. Und dieſe Sammlung, die ihren gewöhnlichen Mahlzeiten eine ſo angenehme Zugabe brachte, war in der That bewunderungswürdig. Zuerſt und als Hauptſtücke kamen Kopf und Keule von einem Wildſchwein, mit feſtem und ſafti⸗ gem Fleiſch; ſodann eine ſchöne dreijährige Rehgeiß, die ſo zart ſein mußte, wie der Thau, welcher geſtern noch auf dem Gras geperlt, das ſie abweidete; hier⸗ auf Haſen mit dicken, fleiſchigen Schlegeln, echte Haidehaſen von Gondreville, bei Thymian und Quen⸗ del großgewachſen; endlich ſo duftige Faſanen, ſo delikate Rothhühner, daß man, wenn ſie einmal am Spieß ſteckten, über dem Wohlgeruch ihres Fleiſches die Pracht ihres Gefieders vergaß. Nun verſchlang die Einbildungskraft des dicken Kleinen alles das zum Voraus, ſie bereitete das Wildſchwein als Carbonade, die Rehgeiß mit pikan⸗ ter Sauce, die Haſen als Paſteten, die Faſanen mit Trüffeln, die Rothhühner à la Vaupalière, und das 206 alles beſprach er mit ſo viel Ausdruck und Feuer, daß jedem Gourmand, der ihn gehört hätte, das Waſſer im Munde hätte zuſammenlaufen müſſen. Der Enthuſiasmus des Amtmanns machte, daß Frau Suſanna vergleichungsweiſe etwas kalt erſchien. Gleichwohl ergriff ſie eine gewiſſe Initiative, in⸗ dem ſie Thibault mit der verbindlichſten Freundlich⸗ keit erklärte, ſie werde ihn nicht mehr auf ſeine Güter zurückkehren laſſen, bevor ſämmtlicher Mundvorrath, der jetzt durch ſeine Güte ihre Speiſekammer fülle, aufgezehrt ſei. Man kann ſich Thibaults Vergnügen denken, als er die Dame auf ſolche Weiſe ſeinen liebſten Wün⸗ ſchen entgegenkommen ſah. Er verſprach ſich Wunder von dieſem Aufenthalt in Erneville und ging in der Freudigkeit ſeines Her⸗ zens ſo weit, daß er Herrn Magloire aufforderte, irgend ein appetitförderndes Getränke herzuſchaffen, das ihre Mägen zum würdigen Empfang der Spei⸗ ſen befähige, welche Jungfer Perrine ihnen bereiten werde. Herr Magloire war hoch erfreut, daß Thibault nichts vergeſſen hatte, nicht einmal den Namen ſeiner Köchin.— Man ließ Wermuth holen. Dies war ein in Frankreich noch ſehr unbekann⸗ tes Getränk, das der Herr Herzog von Orleans aus Italien kommen ließ, und womit der Haushofmeiſter Sr. Durchlauchtigen Hoheit ſeinen Amtsvorfahr huld⸗ reich beſchenkte. Thibault machte eine Grimaſſe. Er fand, daß das exotiſche Getränke einem hüb⸗ ſchen kleinen vaterländiſchen Chablis nicht gleichkam. Aber als Herr Magloire ihm geſagt hatte, daß er in Folge dieſes Wundertrankes binnen einer Stunde einen grimmigen Appetit verſpüren würde, da machte er keine Bemerkung mehr, ſondern half dem Amtmann getreulich ſeine Flaſche leeren. Frau Suſanna ihrerſeits war auf ihr Zimmer zurückgegangen, um das zu machen, was die Damen eine kleine Toilette nennen, und was gewöhnlich nichts Anderes als ein vollſtändiger Decorations⸗ wechſel iſt. Bald nahte die Eſſensſtunde. Frau Suſanna kam von ihrem Zimmer herab. Sie war blendend in ihrem ſchönen, mit Cantille geſtickten, grauen Damaſtkleid, und die verliebten Aufwallungen, welche ſie bei Thibault hervorrief, ließen den Holzſchuhmacher nicht an die Verlegenheit denken, in die er nothwendig gerathen mußte, wenn er zum erſten Mal in ſo ſchöner und ſo ariſtokrati⸗ ſcher Geſellſchaft ſchmauste. Thibault biß ſich, zu ſeinem Lob ſei es geſagt, nicht ganz ſchlecht heraus. Er gab nicht bloß redlich ſeiner ſchönen Wirthin Blick um Blick zurück, ſondern er hatte auch ſein Knie ein wenig dem ihrigen genähert und erlaubte ſich einen ſanften Druck auf daſſelbe. Auf einmal und während Thibault ſich gerade dieſer Beſchäftigung hingab, heftete Frau Suſanna, die ihn bisher zärtlich angeſchaut hatte, ihre Blicke ganz ſtarr auf ihn. Dann öffnete ſie den Mund und brach in ein 208 ſo heftiges Gelächter aus, daß es in Nervenzuckun⸗ gen ausartete, woran ſie beinahe erſtickte. Ohne ſich bei den Folgen aufzuhalten, ging Herr Magloire direct auf die Urſachen zurück. Er betrachtete jetzt Thibault ebenfalls und beun⸗ ruhigte ſich weit mehr über das, was er Beängſti⸗ gendes an ſeinem neuen Freund wahrzunehmen glaubte, als über den Nervenüberreiz, den ſich ſeine Frau durch ihre allzu große Heiterkeit zugezogen. „Ach, was iſt das, Gevatter?“ rief er, indem er voll Angſt ſeine beiden Aermchen gegen Thibault ausſtreckte,„Ihr flammet ja, Gevatter, Ihr flammet.“ Thibault ſtand eilig auf. „Was gibt es denn?“ fragte er. „Ihr habt Feuer in den Haaren,“ antwortete der Amtmann naiv, indem er in ſeiner Herzensangſt die vor ſeiner Frau ſtehende Waſſerflaſche ergriff, um den Brand in Thibaults Haaren zu löſchen. Der Holzſchuhmacher fuhr inſtinktmäßig mit der Hand nach ſeinem Kopf. Da er jedoch keine Wärme ſpürte, ſo errieth er, um was es ſich handelte, und ſank ſchrecklich blaß auf ſeinen Stuhl zurück. Er war ſeit zwei Tagen dermaßen beſchäftigt ge⸗ weſen, daß er die Vorſichtsmaßregel, welche er der Müllerin gegenüber ergriffen, nämlich mittelſt einer eigenthümlichen Friſur diejenigen Haare, auf welche der ſchwarze Wolf ein Eigenthumsrecht beſaß, unter den anderen zu verſtecken, gänzlich vergeſſen hatte. Ferner iſt wahr, daß während dieſer Zeit in Folge einer Menge kleiner Wünſche, die ihm ent⸗ fahren und mehr oder weniger auf den Schaden ſei⸗ ————— 209 nes Nebenmenſchen gerichtet waren, die gezeichneten Haare ſich ganz ſchrecklich vermehrt hatten. In die⸗ ſem Augenblicke hatte der Unglückliche Haare, die ebenſo hell glänzten, als die zwei gelben Wachslichter, welche das Zimmer beleuchteten. „Zum Teufel, Herr Magloire,“ ſagte Thibault, indem er ſeine Aufregung zu bemeiſtern verſuchte, „Ihr habt mir eine ſchreckliche Angſt eingejagt.“ „Aber...“ ſtammelte der Amtmann, indem er fortwährend mit einem gewiſſen Entſetzen auf die flammende Locke Thibaults deutete. „Ach was!“ verſetzte dieſer,„Ihr müßt Euch nicht daran ſtoßen, daß ein Theil meiner Haare viel⸗ leicht etwas Ungewöhnliches hat; dies kommt daher, daß meine Mutter, als ſie mit mir ſchwanger war, an einem großen Feuer erſchrocken iſt, worin ſie bei⸗ nahe umgekommen wäre.“ „Was noch ſonderbarer iſt,“ meinte Frau Su⸗ ſanna, die ein großes Glas Waſſer hinabgeſtürzt hatte, um ihr Gelächter zu dämpfen,„ich habe dieſen wunderlichen Glanz heute zum erſten Mal bemerkt.“ „Ei wahrhaftig,“ ſagte Thibault, der nicht recht wußte, was er antworten ſollte. „Vorgeſtern,“ fuhr Frau Suſanna fort,„erſchie⸗ nen mir Eure Haare ſo ſchwarz wie mein Sammt⸗ mantel, und dennoch dürft Ihr mir glauben, daß ich Euch mit großer Aufmerkſamkeit betrachtet habe, Herr Thibault.“ Dieſe letzte Phraſe gab Thibault ſeine Hoffnun⸗ gen und mit ihnen auch ſeine gute Laune zurück. „Potz Wetter, Frau Amtmännin,“ ſagte er, „rothe Haare, warmes Herz, das iſt ein alter Spruch, Dumas, der Wolfsführer. I. 14 210 und ein anderes Sprichwort ſagt, daß ein recht fein und blank polirter Holzſchuh gar häufig geheime Ritzen und Splitter hat.“ Madame Magloire verzog ihr Geſicht zu dieſem der Holzſchuhmacherkunſt entnommenen Dictum. Aber wie gar häufig, ſo begegnete es dem Amt⸗ mann auch jetzt, daß er die Anſicht ſeiner Frau nicht theilte. „Was mein Gevatter Thibault ſpricht, iſt Goldes werth,“ ſagte er,„und ich brauche gar nicht weit zu gehen, um ein Beiſpiel zu finden, auf das ſeine Sprichwörter paſſen. Dieſe Lyoner Suppe da ſah verdammt wenig gleich und dennoch haben mir noch niemals Zwiebeln und Brod, in Gänſeſchmalz ge⸗ backen, ſo trefflich gemundet.“ Von dieſem Augenblick an war von Thibaults flammender Locke nie mehr die Rede. Gleichwohl ſchienen Frau Suſanna's Augen un⸗ widerſtehlich zu dieſer Teufelslocke hingezogen zu werden, und ſo oft der ſpöttiſche Blick der Amt⸗ männin den ſeinigen kreuzte, glaubte Thibault auf ihren Lippen einen neuen beleidigenden Drang zum Lachen zu entdecken. Dies ärgerte ihn. Unwillkürlich fuhr er jeden Augenblick mit der Hand in ſeine Haare und bemühte ſich, die unſelige Locke unter die anderen Haare zu ſtecken. Aber die Locke hatte nicht bloß eine ungewöhn⸗ liche Farbe, ſondern auch eine unerhörte Steifheit. Es waren keine Menſchenhaare mehr, ſondern Roßhaare. Vergeblich waren alle Bemühungen Thibaults, — 211 die Teufelshaare zu biegen und unter ſeinen eigenen zu verſtecken; nichts, ſelbſt das Brenneiſen nicht, wäre im Stande geweſen, ſie aus ihrer natürlichen Lage zu bringen. Trotz aller dieſer Bekümmerniſſe wurden Thibaults Kniee immer zärtlicher. Da nun Madame Magloire, wenn ſie auch ſeine verliebten Herausforderungen nicht erwiederte, doch keineswegs gewillt ſchien, ſich denſelben zu entziehen, ſo zweifelte der ehrgeizige Thibault kaum mehr an der Gewißheit ſeiner Eroberung. Die Sitzung verlängerte ſich bis in die tiefe Nacht. Und da Frau Suſanna, der die Zeit lang zu werden ſchien, oft vom Tiſche aufſtand und im Haus hin und her ging, ſo benutzte Herr Magloire die Abweſenheiten ſeiner Frau zu wiederholten Beſuchen in ſeinem Flaſchenkeller. Er verſteckte die Flaſchen im Futter ſeines Haus⸗ rocks, und wenn ſie einmal auf dem Tiſch ſtanden, ſo leerte er ſie ſo ſchnell, daß ſein Kopf allmälig ſchwerer wurde und ſich auf den Magen hinabneigte, ein deutliches Zeichen, daß es Zeit war, dem Gelage ein Ende zu machen, wenn der gute alte Herr nicht unter den Tiſch ſinken ſollte. Thibault ſeinerſeits war entſchloſſen, dieſen Um⸗ ſtand zu einer Liebeserklärung gegen die Amtmännin zu benützen, und da ihm die Schlafſeligkeit ihres Gatten eine gute Gelegenheit zu bieten ſchien, ſo ſagte er, daß er jetzt nicht ungern zu Bette gehen würde. Auf dieſe Erklärung erhob man ſich von der Tafel. 212 Perrine wurde gerufen, um dem Gaſte ſein Zim⸗ mer zu weiſen. Auf dem Wege durch den Corridor fragte Thi⸗ bault das Mädchen aus. Nro. 1 im Gange war das Zimmer des Herrn. Nro. 2 das Zimmer der Frau. Nro. 3 war für ihn ſelbſt beſtimmt. Nur ſtanden die Zimmer des Amtmanns und ſeiner Frau durch eine innere Thür mit einander in Verbindung, während Thibaults Zimmer keine an⸗ dere Thüre hatte, als auf den Gang hinaus. Ueberdies hatte er bemerkt, daß Frau Suſanna ins Zimmer ihres Gatten getreten war. Er dachte mit Recht, daß ein frommes Gefühl ehelicher Pflicht ſie dahin führe. Der Zuſtand, worin ſich der gute Amtmann be⸗ fand, erinnerte ſtark an denjenigen, worin Noah von ſeinen Söhnen verſpottet wurde: Frau Suſanna mußte Hand anlegen, damit er auf ſein Zimmer ge⸗ langte. Thibault ſchlich ſich auf den Zehen aus ſeinem Zimmer, machte es ſorgfältig wieder zu, lauſchte an der Thür der Amtmännin, und da er kein Geräuſch im Zimmer hörte, ſuchte er mit ſeiner Hand nach dem Schlüſſel. Dieſer ſteckte wirklich; Thibault holte noch einmal tief Athem und drehte verſuchsweiſe einmal um. Die Thür ging auf. Das Zimmer befand ſich in gänzlicher Dunkelheit. Aber Thibault hatte ſich in ſeinem Umgang mit den Wölfen auch einige von ihren Eigenſchaften an⸗ geeignet, z. B. die, bei Nacht zu ſehen. 8 213 Er warf einen flüchtigen Blick im Zimmer um⸗ her und ſah zu ſeiner Rechten das Kamin, dieſem gegenüber ein Canapee mit großem Spiegel; hinter ſich, auf der Seite des Kamins, das Bett mit einem Lampasüberwurf; vor ſich, auf der Seite des Cana⸗ pees, ein Tollettentiſchchen, worauf eine Maſſe Spitzen lagen, und endlich zwei große Fenſter mit Vorhängen. Er verbarg ſich hinter den Vorhängen des einen Fenſters und wählte zu dieſem Zweck inſtinctmäßig dasjenige, das am weiteſten vom Zimmer des Che⸗ herrn entfernt war. Nach einer Viertelſtunde, während welcher Thi⸗ baults Herz ſo ſtark pochte, daß ſeine Schläge ihn — ein unglückſeliges Vorzeichen!— an das Ticketack der Mühle von Coyolles erinnerten, kam Frau Su⸗ ſanna in ihr Zimmer. Thibaults erſter Plan war geweſen, ſobald Frau Suſanna hereingekommen wäre und die Thüre hinter ſich zugemacht hätte, aus ſeinem Verſteck hervorzu⸗ treten, ſich zu ihren Füßen zu werfen und ihr ſeine Liebe zu erklären. Aber er dachte, daß Madame Magloire vielleicht, in ihrer Ueberraſchung und bevor ſie ihn erkannt hätte, einen verrätheriſchen Schrei nicht zu unter⸗ drücken vermöchte, und deßhalb hielt er es für beſſer, erſt dann vorzutreten, wenn Herr Magloire ganz ſicher eingeſchlafen wäre. Vielleicht daß ihn zu dieſem Aufſchub auch jenes Gefühl beſtimmte, das ſelbſt den entſchloſſenſten Mann veranlaßt, den entſcheidenden Augenblick immer noch ein wenig fern zu wünſchen, zumal wenn dieſer Augenblick ſo gefahrvoll iſt, wie derjenige, von wel⸗ chem das Glück oder Unglück des Holzſchuhmachers abhängen ſollte. Denn Thibault hatte ſich ſo beſtändig vorgeſchwatzt, daß er in Frau Magloire ſterblich verliebt ſei, daß er es am Ende ſelbſt glaubte, und trotz der Gönner⸗ ſchaft des ſchwarzen Wolfes war er nicht frei von einer gewiſſen Schüchternheit, die allen Verliebten anklebt. Er hielt ſich alſo ruhig hinter ſeinen Vorhängen. Inzwiſchen hatte ſich die Amtmännin vor den Spiegel ihrer Pompadourtoilette geſetzt und begann ſich herauszuputzen, als müßte ſie auf einen Ball oder zu einer Proceſſion gehen. Sie probirte zehn Schleier, ehe ſie einen wählte. Sie ſtrich die Falten ihres Kleides zurecht. Sie umgab ihren Hals mit einer dreifachen Perlenreihe. Sodann behing ſie ihre Arme mit all ihren Bra⸗ celets. Endlich ordnete ſie ihren Kopfputz mit der größ⸗ ten Sorgfalt. Thibault verlor ſich in Muthmaßungen über den Zweck dieſer Koketterie, als er auf einmal ziemlich ſtark ans Fenſter klopfen hörte, ſo daß er zuſammen⸗ fuhr. Frau Suſanna ihrerſeits fuhr ebenfalls zuſammen. Dann löſchte ſie augenblicklich das Licht, und der Holzſchuhmacher hörte, wie ſie auf den Zehen ans Fenſter ſchlich und es mit aller erdenklichen Behut⸗ ſamkeit öffnete. 215 Am Fenſter wurden einige Worte geflüſtert, welche Thibault nicht verſtehen konnte. Aber indem er den Vorhang ein wenig öffnete, ſah er in der Dunkelheit eine rieſige Geſtalt, die durchs Fenſter zu klettern ſchien. Jetzt fiel ihm ſein Abenteuer mit dem Unbekann⸗ ten wieder ein, deſſen Mantel er nicht loslaſſen ge⸗ wollt, und den er ſich ſo glücklich mit einem Stein⸗ wurf auf die Stirne vom Halſe geſchafft hatte. Bei genauerem Orientiren ſchien es ihm, als ſei dies daſſelbe Fenſter, von welchem der Rieſe ſich auf ſeine Schultern hinabgelaſſen habe. Dieſe Vermuthung war übrigens logiſch. Wenn ein Mann zu dieſem Fenſter aufſtieg, ſo hatte wohl auch ein Mann aus demſelben hinabſtei⸗ gen können. Und wenn ein Mann hinabgeſtiegen war, ſo war dies, wollte er nicht anders der Frau Amtmännin ſehr umfaſſende Bekanntſchaften und große Mannig⸗ faltigkeit des Geſchmacks zutrauen, wahrſcheinlich der Mann, der jetzt heraufſtieg. Kurz und gut, wer nun auch der nächtliche Be⸗ ſucher ſein mochte, Frau Suſanna ſtreckte ihre Hand nach der Erſcheinung aus, welche ſo plump ins Zim⸗ mer ſprang, daß der Boden zitterte und alle Möbel wackelten. Offenbar war die Erſcheinung kein Geiſt, ſondern ein Körper, und zwar gehörte der Körper zur Cate⸗ gorie der ſchweren Körper. „O habt Acht, gnädiger Herr,“ flüſterte Frau Suſanna;„ſo gut mein Mann auch ſchläft, ſo könntet 216 Ihr ihn doch aufwecken, wenn Ihr einen ſolchen Lärm macht.“ „Beim Horn des Teufels, meine ſchöne Freun⸗ din,“ antwortete der neue Gaſt, deſſen Stimme Thi⸗ bault als dieſelbe erkannte, mit welcher er neulich ſo freundliche Worte gewechſelt hatte,„ich bin kein Vo⸗ gel. Gleichwohl war es mir, als ich unter Eurem Fenſter mit ſchmerzlicher Ungeduld der Schäferſtunde entgegenharrte, als müßten mir Flügel wachſen, um mich in dieſes Stübchen zu tragen, das den Gegen⸗ ſtand all meines Sehnens umſchließt.“ „O, gnädiger Herr,“ verſetzte Madame Magloire mit verliebter Ziererei,„auch mich machte es ſehr traurig, daß ich Euch im Wind und in der Kälte warten laſſen mußte; aber unſer fremder Gaſt hat uns erſt vor einer halben Stunde allein gelaſſen.“ „Und was habt Ihr in dieſer halben Stunde ge⸗ than, meine holde Freundin?“ „Ich mußte Herrn Magloire ins Bett helfen, um mich zu verſichern, daß er uns nicht ſtören würde.“ „Ihr habt immer Recht, mein Herzensſuſannchen!“ „Ihr ſeid allzu gütig, gnädiger Herr,“ antwor⸗ tete die Amtmännin. Wir ſollten ſagen:„ſie wollte antworten,“ denn dieſe letzten Worte wurden erdrückt, wie wenn ſich ein fremder Körper auf die Lippen der Dame gelegt und ſie am Weiterſprechen verhindert hätte. Zu gleicher Zeit hörte Thibault ein Getöne, das ihm von einem Kuß zu kommen ſchien. Thibault begriff den ganzen Umfang der neuen Täuſchung, die ihm vorbehalten zu ſein ſchien. 217 Seine Betrachtungen wurden durch ein wieder⸗ holtes Huſten des neuen Ankömmlings unterbrochen. „Wenn wir dieſes Fenſter ſchlößen, meine Liebe?“ ſagte derſelbe, nachdem er ausgehuſtet hatte. „Ach, gnädiger Herr, entſchuldigt mich,“ bat Frau Suſanna,„dies ſollte bereits geſchehen ſein.“ Und ſie ging ans Fenſter und verſchloß es zu⸗ erſt hermetiſch, dann noch hermetiſcher, indem ſie die Vorhänge darüber zog. Inzwiſchen hatte der Fremde, der ganz that wie zu Hauſe, einen Lehnſtuhl vor das Feuer gezogen, ſich recht bequem ausgeſtreckt und wärmte auf's Wol⸗ lüſtigſte ſeine Füße. Frau Suſanna bedachte ohne Zweifel, daß es für einen erfrorenen Menſchen nichts Dringenderes gebe, als ſich wieder zu wärmen, denn ohne mit ihrem ariſtokratiſchen Galan deßhalb einen ähnlichen Streit anfangen zu wollen, wie Cleanthis mit So⸗ ſius, näherte ſie ſich dem Lehnſtuhl und ſtützte graziös ihren Ellbogen auf. Thibault ſah die Gruppe, die ſich beim Schein des Kaminfeuers kräftig abzeichnete, von hinten und wurde wüthend. Der Unbekannte ſchien Anfangs lediglich mit ſei⸗ ner Wiedererwärmung beſchäftigt zu ſein. Endlich, als die Wärme ihre Wirkung hervorge⸗ bracht hatte, fragte er: „Und wer iſt denn dieſer Fremde?“ „O gnädiger Herr,“ erwiederte Madame Ma⸗ gloire,„ich glaube faſt, daß Ihr ihn nur zu gut kennet.“ „Wie ſo?“ fragte der begünſtigte Liebhaber, 218 „ſollte es wieder dieſer Lumpenhund von neulich ſein?“ „Kein anderer, gnädiger Herr.“ „Er ſoll mir nur wieder vor die Fuchtel kommen!“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Frau Suſanna mit flöten⸗ weicher Stimme,„man ſoll keine böſen Pläne gegen ſeine Feinde ſchmieden; im Gegentheil lehrt unſere heilige katholiſche Religion, daß wir ihnen verzeihen ſollen.“ „Es gibt noch eine andere Religion, welche das lehrt, meine holde Freundin, und das iſt diejenige, die in Euch ihre allmächtige Göttin verehrt und in mir einen demüthigen Jünger hat. Ja, es iſt wahr, ich ſollte dieſem Lümmel nicht ſo gram ſein, denn eben weil er mich ſo tückiſch zu Falle gebracht und ſo niederträchtig zugerichtet, habe ich dieſe ſchon ſo lang erſehnte Gelegenheit gefunden, mich hier einzu⸗ führen; weil er mir dieſen gottgeſegneten Stein an die Stirne geworfen hat, bin ich in Ohnmacht ge⸗ fallen; weil Ihr mich ohnmächtig ſahet, habt Ihr Euern Mann gerufen; weil Euer Mann mich be⸗ wußtlos unter Euern Fenſtern fand und glaubte, daß ich von Verbrechern in dieſen jämmerlichen Zuſtand verſetzt worden ſei, hat er mich in ſein Haus bringen laſſen; weil Ihr endlich Mitleid über die Leiden em⸗ pfandet, die ich um Euer willen erduldet, habt Ihr mir gütigſt erlaubt, hieher zu kommen; folglich iſt dieſer Lumpenhund, dieſer Bauernlümmel, dieſer Tölpel für mich die Quelle aller Freude, denn meine einzige Freude iſt Eure Liebe; deßungeachtet aber möchte ich dem Hallunken nicht rathen, ſich jemals in den Bereich meiner Reitpeitſche zu wagen.“ G o—————— „Verdammt!“ murmelte Thibault,„es ſcheint, daß auch diesmal wieder mein Wunſch einem An⸗ dern genützt hat. Ha, ſchwarzer Wolf, mein Freund, ich bin in der Schule! aber hol' mich der Teufel! ich werde mich künftig ſo lange beſinnen, ehe ich wünſche, bis der Schüler zuletzt zum Meiſter wird.“ „Aber,“ fragte Thibault ſich ſelbſt,„wem mag doch dieſe Stimme gehören, die mir ſo bekannt vor⸗ kommt? Denn daß ich ſie kenne, das iſt ganz ſicher.“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte die dame,„Ihr wür⸗ det auf den armen Teufel noch weit zorniger werden, wenn ich Euch Etwas geſtände.“ „Was denn, meine Holde?“ „Daß dieſer Hallunke, wie Ihr ihn nennet, mir den Hof macht.“ „Pfui!“ „Und doch iſt es nicht anders, gnädiger Herr,“ lachte Frau Suſanna. „Wer? dieſer Bauer, dieſer Schurke, dieſer Lüm⸗ mel? Wo iſt er? wo hält er ſich verborgen? Beim Belzebub, ich werfe ihn meinen Hunden vor.“ Jetzt endlich erkannte Thibault ſeinen Mann. „Ha, mein lieber Herr Jean,“ ſagte er,„Ihr ſeid's?“ „O Ihr könnt ganz ruhig ſein, gnädiger Herr,“ ſagte Frau Suſanna, indem ſie ihre beiden Hände auf die Schultern ihres Liebhabers legte und ihn auf ſeinen Sitz zurücknöthigte,„man liebt doch bloß Ew. Herrlichkeit, und ſelbſt wenn man Euch nicht liebte, ſo würde ich doch einem Menſchen, der mitten auf der Stirne eine rothe Haarlocke hat, niemals mein Herz ſchenken.“ Und die Erinnerung an dieſe unglückſelige Locke, die ſchon über Tiſch ſo gewaltig auf ihre Lachmus⸗ keln gewirkt hatte, rief bei Madame Magloire einen neuen Ausbruch ihrer Heiterkeit hervor. Thibault wurde von einer grimmigen Wuth über die Amtmännin erfaßt. „Ha, verrätheriſches Weibsbild,“ ſagte er,„ich weiß nicht, was ich darum geben würde, wenn Dein Mann, Dein braver, ehrlicher Mann, jetzt hereinkäme und Dich überraſchte.“ Thibault hatte nicht ſo bald dieſen Wunſch vol⸗ lendet, als die Verbindungsthüre zwiſchen den Zim⸗ mern der beiden Gatten ſich wagenweit öffnete und Herr Magloire mit einer rieſigen Nachtmütze auf dem Kopf, die ihm beinahe fünf Fuß Höhe gab, und einem brennenden Wachsſtock in der Hand, ins Zim⸗ mer trat. „Ei der Tauſend!“ murmelte Thibault,„ich glaube, jetzt kommt das Lachen an mich.“ In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: 2 4 4 2 2 Myſterien eines Freimaurers. 3 Von 4 Br.“. Heribert Rau. 3 Zwei Bände. 2 Mannſcript für Freimaurer. 8. eleg. geh. 21 Sgr. oder fl. 1. 12 kr. rhein. B Der Hauptzweck dieſes Buches iſt ein den jetzi⸗ n gen Zeitbewegungen vollkommen entſprechender. Er d geht dahin, alle Freimaurerbrüder vor jenem unſeligen Geiſte des Myſticismus zu war⸗ 3 nen, welcher leider— von Pfaffen und Kopfhängern in die ſtillen Hallen des Bundes eingeführt— jetzt in ſo manchen Logen ſpukt, und namentlich in den 4 höheren Graden und der albernen Spielerei im Schottenthum einen günſtigen Boden findet. So * ſehr daher der Verfaſſer die Freimaurerei in den drei Johannis⸗Graden ehrt, mit eben ſolcher Ent⸗ 4 ſchiedenheit enthüllt er, in der Geſchichte eines unglücklichen, betrogenen Bruders, die Erbärm⸗ lichkeit und Abgeſchmacktheit des mauri⸗ ſchen Myſticismus der Schotten⸗Grade. von Alexander Dumas. Eine Tochter des Regenten 7 Denkwürdigkeiten eines Arztes 27 Das Halsband der Königin. 15 Ange Piton.... 9. 112 Die Gräfin von Eharng Jk. 432 Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge 8 Hiſtoriſche Romane Die beiden Dianen.... 16 Bändchen. Königin Margot.... 10 5 Die Dame von Monſoreau. 16„ Die Fünfundvierzig.... 15„ Die drei Musketiere... 10„ Zwanzig Jahre nachher.. 15„ Der Graf von Bragelonne. 41„ Der Frauenkrieg..... 8„ Olympia von Cleves... 15 Friederike Bremer, Sämmtliche RNomane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Töchter des Präſidenten. 2 Bändchen. Nina 5„ Die Nachbarn 5„ Streit und Friede..... 2„ Das Haus, oder Familienſorgen und Familienfreuden... 5 9 Dir Fanilie S... 2? Ein Tagebuch....... 4„ In Dalekarlien...... 4 5 Die Johannisreiſe..... 3„ Geſchwiſterleben...... 8„ 4. Die Heimath in der neuen Welt 24„ 1 Der Name der Verfaſſerin iſt zu bekannt, als daß wir zur Empfehlung derſelben noch etwas beifügen könnten. Die Lektüre dieſer Erzählungen eignet ſich beſonders für junge Damen. ——— Frenden und Leiden eines Commis Voyageur. Zweite Auflage. eleg. geh. mit Titelbild. Preis: 18 Ngr. oder fl. 1. rh. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des„deut⸗ ſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende köunen ſich keine angenehmere Beſchäftigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lectüre dieſes Buchs. 1 Stuttgart, 1857. Franckh'ſche Verlagshandlung.„ — ——————— dälaauaüluan ffffffffffffffffffffffffffffffff 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 A