„—yy——= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 6. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — ——— wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————-——,— auf 1 Monat: 1 Mr.— pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5„ IT 1—„„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ d ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———AR— 9 ————— Die Wölſinnen von Macheconl. Epiſode aus dem Krieg der Vendée im Jahr 1832 8 * ſ von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Büchele. Fünfter Band. ———— SeAAA-A Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. LXXI. Märſche und Gegenmärſche. Trotz Uebermaaß von Schwäche und Spath, womit Alter und Erſchöpfung Meiſter Courtins Klepper beſchenkt hatte, bewahrte das brave Thier in dem Paßgang, der bei ihm den Trott vertrat, hinlängliche Energie, um Michel vor neun Uhr Abends nach Nantes zu bringen. Die erſte Station ſollte in dem Wirthshaus zum Point⸗du⸗Jour ſein*). Kaum hatte er den Pont Rouſſeau überſchritten, als er das obengenannte Wirthshaus aufſuchte. Als er den Schild erkannte, welcher einen Stern darſtellte, der ſich zu einem Strahl von ſchönſtem gelben Ocker, den der Maler zu ſeiner Verfügung gehabt hatte, verlängerte, hielt er mit ſeinem, oder vielmehr Meiſter Courtins Klepper vor einem höl⸗ zernen Troge an, der zur Erfriſchung für die Pferde der Fuhrleute diente, die ohne auszuſpannen, Halt machen wollten. Niemand erſchien auf der Schwelle des Hauſes, vor welchem der junge Mann ſich befand. Ver⸗ geſſend das niedrige Coſtüm, womit er bekleidet *) Anbrechender Tag. A d. Uleb. war, und nur des Eifers gedenkend, welche ge⸗ wöhnlich bei ſeiner Annäherung die Diener von la Logerie an den Tag legten, ſchlug er ungeduldig mit dem Stock, den er in der Hand hatte, mehr⸗ mals auf den Trog. 3 Bei dieſem Geräuſch kam ein Mann in Hemd⸗ ärmeln aus dem an das Haus ſtoßenden Hofe und näherte ſich Michel. Dieſer Mann trug eine bis auf die Augen niedergezogene blaue Baumwollen⸗ mütze auf dem Kopf. Es kam Michel vor, als wäre ihm das, was er von ſeinem Geſicht ſah, nicht unbekannt. „Teufel!“ brummte der Mann mit der blauen Mütze, Ihr ſeid alſo ein zu großer Herr, junger Burſche, um ſelbſt Euer Pferd in den Stall zu füh⸗ ren; nun reden wir nicht davon, man wird Euch bedienen, wie einen Bürgersmann.“ „Bedient mich, wie Ihr wollt,“ ſprach Michel, „aber antwortet auf meine Frage.“ „Fragt,“ antwortete der Mann, die Arme über⸗ einanderſchlagend. „Ich möchte den Vater Euſtachius ſehen,“ ſprach Michel halblaut. So leiſe Michel dieß geſagt hatte, ließ ſich der Mann doch ein Zeichen der Ungeduld entſchlüpfen, warf einen argwöhniſchen Blick um ſich und faßte, wiewohl er nur einige Kinder erblickte, welche ihre kleinen Hände auf dem Rücken gekreuzt, den jungen Bauer als einen Gegenſtand treuherziger Neu⸗ gier betrachteten, ſchnell das Pferd am Zügel und ging auf den Stall zu. „Ich ſage Euch, ich möchte den Vater Euſtachius — 5 ſehen,“ wiederholte Michel, indem er von ſeinem Pferde abſtieg, und als er, immer von dem Mann mit der blauen Mütze geführt, vor dem Schuppen ankam, der in dem Gaſthauſe zum Anbrechenden Tag als Stall diente, antwortete der Letztere: „Ich höre, ich höre wohl, Parbleu! aber ich habe ihn nicht in meiner Haferkiſte, Euren Vater Euſtache. Aber ehe ich Euch ſage, wo Ihr ihn fin⸗ det, woher kommt Ihr?“ „Von Süden.“ „Wohin geht Ihr?“ „Nach Rosny.“ „Gut, dann müſſen Sie durch die Kirche Saint⸗ Sauveur gehen. Sie werden dort denjenigen fin⸗ den, welchen Sie ſuchen. Gehen Sie und bemühen Sie ſich, etwas weniger laut zu ſprechen, Herr de La Logerie, wenn Sie es auf der Straße thun, wollen Sie anders am Ziele Ihrer Reiſe ankom⸗ men.“ „Ah! ah!“ ſagte Michel, ein wenig erſtaunt, „Ihr kennt mich?“ „Parbleu“ antwortete der Mann. „Dann muß man dieſes Pferd mir nach Hauſe bringen.“ „Es ſoll geſchehen.“ Michel legte einen Louisdor in die Hand des Stallknechts, der von dieſem unverhofften Glücksfall entzückt ſchien und ihm ſeine Dienſte anbot; dann trat er entſchloſſen in die Stadt. Als er in der Kirche Saint⸗Sauveur ankam, ſchloß der Meßner gerade die Thüren. Die Lehre, welche der Stallknecht eben dem jungen Baron ge⸗ geben hatte, trug ihre Früchte, und Michel war entſchloſſen, zu warten und, ehe er Jemand fragte, zu prüfen. Fünf oder ſechs Arme hatten ſich, ehe ſie das Portal verließen, wo ſie die Gläubigen um ein Almoſen bittend, ihren Tag zugebracht, unter der Orgel niedergeworfen, um ihr Abendgebet zu ſprechen. Ohne Zweifel war unter ihnen der Vater Euſtache.“ Vater Euſtache hatte als Hauptfunction, das Weihwaſſer mit einem Sprengwedel zu präſentiren. Allein es war ſchwer, den Vater Euſtache zu erkennen, denn außer zwei oder drei Frauen, welche völlig in ihre, mit tauſendfarbigen Flecken beſäeten Mäntel vermummt waren, gab es drei Bettler da⸗ ſelbſt, von denen jeder den Weihwedel in der Hand hielt. 3 Jeder der drei Alten konnte alſo der ſein, wel⸗ chen Michel ſuchte. Glücklicher Weiſe hatte der Baron ein Erkennungszeichen. Er nahm den Stechpalmenzweig, den er auf ſeinen Hut geſteckt und den ihm Bertha als ein Zeichen, woran er Vater Euſtache erkennen würde, angedeutet hatte, und ließ ihn vor der Thüre zur Erde fallen. Zwei der Bettler traten mit dem Fuß darauf, ohne ihm die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Der dritte, ein kleiner, vertrockneter, dünner Greis, deſſen übermäßige Naſe entſchloſſen unter der ſchwarzſeidenen Mütze hervortrat, machte eine Bewegung, als er die grünen Blätter auf der Steinplatte bemerkte, und ſchaute unruhig um ſich. 1 4 1 7 Michel trat hinter dem Pfeiler hervor, wo er ſich verborgen hatte. Der Vater Euſtache, denn er war es, warf ei⸗ nen Blick auf ihn. Dann kehrte er, ohne ein Wort zu ſprechen, in die Kirche zurück, als wolle er nach dem Kreuzgang ſich begeben. Michel begriff, daß der Stechpalmenzweig dem mißtrauiſchen Spender des Weihwaſſers nicht ge⸗ nügte. Nachdem er ihm zehn Schritt gefolgt war, be⸗ ſchleunigte er ſeine Schritte und redete ihn mit den Worten an: „Ich komme von Süden.“ Der Bettler fuhr zuſammen. „Und wohin gehen Sie?“ fragte er ihn. „Ich gehe nach Rosny,“ antwortete Michel. Der Bettler hielt an und kehrte plötzlich wie⸗ der um. Dießmal wandte er ſich der Stadt zu; ein Zei⸗ chen aus ſeinem Augenwinkel bedeutete ſofort Mi⸗ chel, daß man ſich verſtändigt hatte. Er ging fünf oder ſechs Schritte hinter ihm her. Sie traten aus dem Portal der Kirche und ſchritten durch einen Theil der Stadt. Im Augen⸗ blick, wo ſie durch ein ſchmales und dunkles Gäß⸗ chen gingen, hielt der Bettler einige Augenblicke vor einer niedrigen, düſtern, in eine Gartenmauer gebrochenen Thüre und ſetzte dann ſeinen Weg fort. Michel bemerkte jetzt, daß er den in der Kirche aufgehobenen Stechpalmenzweig in den eiſernen Ring, der zum Klopfen diente, geſchoben hatte. Hier war alſo das Ziel ſeines Marſches. Der junge Mann hob den Hammer und ließ ihn wieder zurückfallen. Bei dieſem Geräuſch öffnete ſich eine kleine, in der Thür angebrachte Klappe und eine Manns⸗ ſtimme fragte, was er begehre. Michel wiederholte das Loſungswort und man führte ihn in einen niedrigen Saal, wo ein Mann, den er auf Schloß Souday an dem Abend, wo das für Petit⸗Pierre bereitete Souper von General Dermoncourt verzehrt worden war, geſehen zu ha⸗ ben ſich erinnerte, und den er am Vorabend des Gefechts von Chone wieder mit der Flinte in der Hand gefunden hatte, an einem großen Feuer ſitzend, mit den Füßen auf den Feuerböcken und in einen Schlafrock gehüllt, ruhig ſein Journal las. Allein trotz ſeines höchſt friedlichen Aeußeren hatte der Herr ein paar doppelläufige Piſtolen im Bereiche ſeiner Hand, auf einem Tiſche, wo ſich außerdem noch Tinte, Papier und Feder befanden⸗ Er erkannte Michel auf der Stelle, und ſprach, ſich erhebend, um ihn zu empfangen: „Ich glaube Sie in unſern Reihen geſehen zu haben, mein Herr?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Michel,„am Abend vor dem Gefecht zu Chéne.“ „Und am nächſten Tag?“ fragte lächelnd der Mann in dem Schlafrock. „Am nächſten Tag war ich bei dem von la Pe⸗ niſſidre, wo ich verwundet wurde.“ Der Unbekannte verbeugte ſich. ———— —,— 3 8 9 „Wollen Sie mir die Ehre anthun, mir Ihren Namen zu ſagen?“ fragte er. Michel nannte ſeinen Namen; der Mann im Schlafrock ſah in einer Brieftaſche nach, die er von der Bruſt nahm, machte ein Zeichen der Befriedi⸗ gung und fuhr dann, ſich wieder zu dem jungen Mann wendend, fort: „Und nun, mein Herr, was führt Sie hierher?“ „Der Wunſch, Petit⸗Pierre zu ſehen und ihm einen großen Dienſt zu leiſten.“ „Verzeihung! mein Herr, aber es läßt ſich auf ſolche Art zu der Verſon, von welcher Sie ſprechen, nicht gelangen; Sie ſind von den Unſrigen; ich weiß, daß wir auf Sie rechnen können; aber Sie begreifen, das Aus⸗ und Eingehen in dem Hauſe, das bis jetzt ſein Geheimniß ſo glücklich bewahrt hat, würde alsbald die Aufmerkſamkeit der Polizei anziehen; wollen Sie mir alſo Ihre Plane anver⸗ trauen, und ich werde Ihnen die Antwort geben, die Sie abwarten müſſen.“ Michel erklärte ihm dann, was zwiſchen ihm und ſeiner Mutter vorgefallen war; wie dieſelbe ſich eines Schiffs verſichert habe, das ihn der gegen ihn ausgeſprochenen Verurtheilung entziehen könnte, und wie er auf den Gedanken gekommen wäre, die⸗ ſes Schiff zu Petit⸗Pierre's Rettung zu benützen. Der Mann im Schlafrock hörte mit ſteigender Aufmerkſamkeit zu. ls der junge Baron geendet hatte, ſprach er: „Wahrhaftig, Sie ſchickt uns die Vorſehung. Es war in der That unmöglich, daß, welche Vor⸗ ſichtsmaßregeln auch von uns ergriffen werden mochten, worüber Sie ſelbſt urtheilen konnten, das Haus, wo Petit⸗Pierre verborgen iſt, auf die Dauer der Wachſamkeit der Polizei entgehe. Zum Heil der Sache, im Intereſſe Petit⸗Pierre's, in dem unſ⸗ rigen iſt es beſſer, er reist ab, und da die Schwie⸗ rigkeit, ein Schiff zu finden, ſo glücklich gehoben iſt, ſo will ich mich auf der Stelle zu ihm begeben und ſeine Befehle in Empfang nehmen.“ „Darf ich Ihnen folgen?“ fragte Michel. „Nein; Ihre Verkleidung neben meinem bür⸗ gerlichen Anzug würde Sie der Aufmerkſamkeit der Polizeiſpione, wovon wir umgeben ſind, bezeich⸗ nen; in welchem Wirthshauſe ſind Sie abge⸗ ſtiegen?“ „Im Anbrechenden Tage.“ „Sie ſind bei Joſeph Picaut; es iſt nichts zu fürchten.“ 3 „Ah!“ bemerkte Michel;„wirklich, ich wußte wohl, daß ſein Geſicht mir nicht unbekannt war; nur, da ich glaubte, er wohne zwiſchen der Bou⸗ logne und dem Walde von Machecoul....“ „Sie täuſchen ſich nicht; er iſt nur gelegentlich Wirth. Gehen Sie alſo zu ihm und warten Sie daſelbſt; in zwei Stunden werde ich hinkommen, entweder allein, oder in Begleitung von Petit⸗Pierre; allein, wenn Petit⸗Pierre ſich weigert, Ihr Aner⸗ bieten anzunehmen; mit ihm, wenn er annimmt.“ „Aber ſind Sie dieſes Joſeph Picaut ſicher?“ fragte Michel. „O! ſo gut wie unſerer ſelbſt; gibt es einen Vorwurf ihm zu machen, ſo wäre es im Gegentheil der, daß er nur allzu eifrig iſt. Erinnern Sie ſich, 4. 11 daß während Petit⸗Pierre's Fahrten in der Vendée mehr als ſechshundert Bauern zu wiederholten Malen das Geheimniß von Petit⸗Pierre's verſchie⸗ denen Zufluchtsorten gekannt haben und nicht Einer — und dieß iſt der ſchönſte Ruhmes⸗Anſpruch die⸗ ſer armen Leute— daran gedacht hat, durch Ver⸗ rath deſſelben ſein Glück zu machen. Benachrichti⸗ gen Sie Joſeph, daß Sie Jemand erwarten; daß er demzufolge zu wachen habe; wenn Sie ihm die einzigen Worte ſagen: ‚Rue du Chateau,*) Nr. 3, ſo werden Sie bei ihm und den andern Tiſchgenoſ⸗ ſen des Wirthshauſes den vollkommenſten und hauptſächlich den paſſivſten Gehorſam finden.“ „Haben Sie mir weiteres anzuempfehlen?“ „Vielleicht wird es klug ſein, daß die Perſonen, welche Petit⸗Pierre begleiten, einzeln das Haus, wo er verborgen iſt, verlaſſen, und einzeln ſich in das Wirthshaus zum Anbrechenden Tag begeben; laſſen Sie ſich ein Zimmer mit einem Fenſter auf den Kai geben; haben Sie kein Licht in Ihrem Zimmer, aber halten Sie das Fenſter offen.“ „Sie vergeſſen Nichts?“ „Nein; Adieu, mein Herr, oder vielmehr auf Wiederſehen; und wenn es uns gelingt, glücklich und wohlbehalten auf Ihrem Fahrzeug anzukom⸗ men, ſo haben Sie der Sache einen unendlichen Dienſt geleiſtet; was mich betrifft, ſo bin ich in be⸗ ſtändigen Aengſten; man ſpricht von enormen, als Preis des Verraths ausgeſetzten Summen; ich zit⸗ tere, es möchte am Ende die Habgier erwachen und uns verderben.“ *) Schloßſtraße. A. d. U. 12 Man führte Michel zurück, aber anſtatt ihn durch die Thüre, wodurch er eingetreten war, hin⸗ auszulaſſen, wies man ihm die entgegengeſetzte Thüre, die auf eine andere Straße ging. Er durchſchritt ſchnell die Stadt und gelangte kauf den Kai. Im Anbrechenden Tag angekommen, traf er Joſeph Picaut, wie er gerade einem Stra⸗ ßenjungen, den er aufgetrieben hatte, Inſtructionen ertheilte, um Courtins Pferd, wie Michel ihm an⸗ befohlen hatte, heimzubringen. Michel machte ihm beim Eintritt in den Stall ein Zeichen, das dieſer vollkommen verſtand und den Jungen wieder fortſchickte, indem er den Auf⸗ trag auf den nächſten Tag verſchob. „Ihr habt mir geſagt, daß Ihr mich kennet?“ fragte Michel, als ſie allein waren. „Ich habe etwas Beſſeres gethan, als dieſes, Herr de La Logerie, da ich Sie einmal bei Ihrem Namen nannte.“ „Wohlan! es iſt mir nicht unlieb, Dich wiſſen zu laſſen, daß wir in dieſer Beziehung quitt ſind; ich kenne den Deinigen, Du heißeſt Joſeph Picaut.“ „Ich läugne es nicht,“ antwortete der Bauer mit ſeiner ſchlauen Miene, „Darf man Dir trauen, Joſeph?“ „Je nach dem was man von mir begehrt; die Blauen und die Rothen, nein; die Weißen, ja.“ „Du biſt alſo weiß?“ Picaut zuckte die Achſeln. „Wäre ich es nicht, würde ich hier ſein, zum Tode verurtheilt, ſo gut wie Sie. So iſt es eben; man hat mir die Ehre der Contumazirung ange⸗ 82 5* 13 khace, O! wir ſind vor dem Geſetz wahrhaftig gleich!“ „Gut; dann biſt Du hier...“ „Stallknecht, nichts Anderes.“ „Führe mich zum Herrn des Wirthshauſes.“ Man weckte den Wirth, der ſchon zu Bett ge⸗ gangen war. 4 Der Wirth empfing Michel mit einem gewiſſen Mißtrauen; ſo entſchied ſich dieſer, der begriff, daß es keine Zeit zu verlieren gab, den Hauptſchlag zu führen, und ſprach die fünf Worte aus:„Rué, du Chateau Nr. 3.“ Kaum hatte der Wirth das Loſungswort ver⸗ nommen, als ſein Mißtrauen verſchwand und er ein ganz Anderer wurde. Von dieſem Augenblick an ſtanden er und ſein Haus Michel zur Verfügung. Jetzt war die Reihe zu fragen an Michel. „Haben Sie Reiſende hier?“ fragte er. „Einen Einzigen,“ antwortete der Wirth. „Von welcher Art?“ „Von der ſchlimmſten; es iſt ein Mann, dem wir mißtrauen müſſen.“. „Kennen Sie ihn denn?“. „Es iſt der Maire von La Logerie, Meiſter Courtin, ein wahrhafter Pataud.“ „Courtin!“ rief Michel,„Courtin hier! Sind Sie deſſen gewiß?“ „Ich kannte ihn nicht; Picaut hat mich gewarnt.“ „Und wann iſt er angekommen?“ „Kaum vor einer Viertelſtunde.“ „Wo iſt er?“ „Ausgegangen, in dieſem Augenblick; er hat 14 ein Stück Brot gegeſſen; dann iſt er auf der Stelle fortgegangen, indem er mir ankündigte, er werde erſt ſehr ſpät in der Nacht, gegen zwei Uhr Morgens, zurückkommen; er hatte, ſagte er, Ge⸗ ſchäfte in Nantes.“ „Und weiß er, daß Sie ihn kennen?“ „Ich glaube nicht; vorausgeſetzt, daß er nicht Joſeph Picaut erkannte, wie Joſeph Picaut ihn ſelbſt erkannt hat. Aber ich zweifle daran: er ſtand im Lichte, während Joſeph Picaut beſtändig im Schatten blieb.“ Michel überlegte einen Augenblick. „Ich halte Meiſter Courtin nicht für ſo ſchlecht, als Sie vorausſetzen,“ entgegnete er dann;„aber macht nichts, wir müſſen ihm mißtrauen, wie Sie ſagen; und vor Allem darf er meine Gegenwart in Ihrem Hauſe nicht wiſſen.“ Picaut, der bis dahin auf der Thürſchwelle ſtehen geblieben war, trat jetzt vor und ſagte, ſich in das Geſpräch miſchend: „Ol wenn er Ihnen allzuviel Beſorgniß er⸗ regt, brauchen Sie es nur zu ſagen; man wird die Sache ſo einrichten, daß er nichts weiß, oder wenn er etwas weiß, daß er ſchweigt. Ich habe alte Beſchwerden gegen ihn und es iſt ſchon lange her, daß ich nur einen Vorwand ſuche.“ „Nein! nein!“ rief Michel lebhaft;„Courtin iſt mein Pächter; ich habe gewiſſe Verpflichtungen gegen ihn, welche mich wünſchen laſſen, daß ihm nichts Uebels widerfährt; überdieß,“ ſetzte er ſchnell hinzu, als er ſah, daß Joſeph die Stirn runzelte, niſt es nicht das, was Ihr vorausſetzt.“ 8 —— ,2 15 Joſeph Picaut ſchüttelte den Kopf; aber Michel ſah ſeine Geberde nicht. „Seien Sie ruhig,“ ſprach der Wirth,„wenn er zurückkehrt, werde ich ihn überwachen.“ „Wohl; was Dich betrifft, Joſeph, ſo nimmſt Du das Pferd, auf welchem ich gekommen bin; es iſt gut, daß Meiſter Courtin es nicht im Stall fin⸗ det; er würde es unfehlbar erkennen, da es ihm ſelbſt gehört.“ „Gut.“ „Du kennſt den Fluß, nicht wahr?“ „Es gibt keinen Winkel am linken Ufer, den i) nicht durchſtreift hätte; rechts bin ich weniger icher.“ „Dann iſt Alles gut; auf dem linken Ufer haſt Du zu thun.“ „Dann ſagen Sie, was.“ „Du begibſt Dich nach Couöron, gegenüber von der zweiten Inſel, zwiſchen den beiden herrenloſen Eilanden; Du wirſt ein Schiff vor Anker finden; es heißt der Junge Carl; obgleich vor Anker, wird ſein Oberbramſegel den Maſt ſchlagen; daran wirſt Du es erkennen.“ „Seien Sie ruhig.“ „Du nimmſt eine Barke; Du gehſt an Bord: man wird Dir zurufen: wer da? Du antworteſt: Bel⸗Ile⸗en⸗Mer! Dann läßt man Dich hinaufſtei⸗ gen. Du übergibſt dieſes Taſchentuch, ſo wie es iſt; nein, an drei Zipfeln, und ſagſt, er ſolle ſ auf ein Uhr Morgens zur Abfahrt bereit hal⸗ en.“ „Iſt das Alles?“ „Ol mein Gott, ja; das heißt, nein, es iſt nicht Alles; wenn ich mit Dir zufrieden bin, Picaut, ſo ſollſt Du noch ein Stück haben, wie das, welches Du dieſen Morgen von mir erhalten haſt.“ „Wohlan!“ ſprach Joſeph Picaut,„fort mit der Ausſicht, gehängt zu werden; es iſt kein allzuſchlech⸗ tes Gewerbe, das ich hier treibe; und könnte ich nur von Zeit zu Zeit einen geringen Flintenſchuß den Blauen zuſenden, oder mich an Courtin rächen, ei meiner Treu! ich würde Meiſter Jacques und ſeine Kaninchen nicht vermiſſen; und dann, hernach?“: „Wie! und dann, hernach?“ 6239: wenn ich meinen Auftrag ausgerichtet habe.“ „Du verbirgſt Dich am Flußufer und erwarteſt uns: wir werden Dich durch einen Pfiff benachrich⸗ tigen; ſteht Alles gut, ſo kommſt Du zu uns, in⸗ dem Du den Kukuksruf nachahmſt; haſt Du hinge⸗ gen irgend etwas geſehen, was uns beunruhigen muß, ſo warnſt Du uns, indem Du den Eulenſchrei nachahmſt.“ „Peſt! Herr de La Logerie,“ erwiderte Joſeph Picaut,„man ſieht wohl, das Sie in einer guten Schule geweſen ſind, das iſt Alles klar und gut erwogen; es iſt meiner Treu Schade, daß Sie mir kein beſſeres Pferd zwiſchen die Beine zu geben haben, ſonſt wäre Ihre Angelegenheit ſchnell abge⸗ macht und gut abgemacht.“ Joſeph Picaut entfernte ſich, um die ihm über⸗ tragene Botſchaft auszurichten. Inzwiſchen führte der Wirth Michel in den er⸗ ſten Stock, in ein Zimmer von ärmlichem Ausſehen, —-———D—ö—,— 83 17 das dem Speiſeſaal als Anhängſel diente, aber zwei Fenſter auf die Straße hatte; dann nahm er ſelbſt ſeinen Beobachtungspoſten ein, um auf Courtin zu paſſen. Michel öffnete eines der Fenſter, wie es mit dem Herrn im Schlafrock ausgemacht worden war; dann ſetzte er ſich auf einen Schemel, ſo daß man ſeinen Kopf von der Straße aus, auf welche ſein Blick ſich verſenkte, ſehen konnte. LXXII. Wo Michels Liebe allmälig ein⸗ beſſere Wendung zu nehmen ſcheint.. Michel befand ſich bei all ſeiner ſcheinbaren Un⸗ beweglichkeit in einem Zuſtand äußerſter Seelen⸗ angſt. Er ſollte Mary ſehen!... Bei dieſem Gedanken preßte ſich ſeine Bruſt zu⸗ ſammen, ſein Herz ſchwoll an, ſein Blut kreiſ'te zuckend durch die Adern. Er fühlte, wie er vor Erregung zitterte. Er wußte nicht genau, was die Folge von all dem ſein würde, aber die Feſtigkeit, die er wider ſeine ſonſtige Gewohnheit gegenüber von ſeiner Mutter und Bertha entwickelt hatte, war ihm auf beiden Seiten ſo gut gelungen, daß er den Entſchluß gefaßt hatte, nicht minder feſt ge⸗ genüber von Mary zu ſein. Er begriff ſehr wohl, daß er auf der äußerſten Stufe der Situation an⸗ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 2 18 gekommen war, wo entweder ewiges Glück oder Au unwiderrufliches Unglück aus ſeiner Entſcheidung faß entſpringen mußte. die Er war etwa eine Stunde hier und folgte ängſt⸗ ſten lich mit den Augen allen menſchlichen Geſtalten, die er auf das kleine Wirthshaus zukommen ſah, indem er er alle ihre Bewegungen beobachtete, um zu erken⸗ nen, ob ſie nicht auf die Seitenthüre ihre Richtung ſche nehmen; da er aber ſeine Hoffnung, unaufhörlich an ſich neu erzeugend, unaufhörlich verſchwinden ſah mei und die Minuten ihm zu Ewigkeiten wurden, fragte geke er ſich, ob ſein Herz nicht brechen würde, wenn er ſtell ſich wirklich Mary gegenüber befände. Ma Auf einmal bemerkte er einen Schatten, der von 9! der Schloßſtraße herkam, indem er ſchnell auf den Zehenſpitzen ging, dicht an den Häuſern hinſchlich, chen ohne auf ſeinem Marſch irgend ein Geräuſch zu ihre verurſachen; an dem Anzug erkannte er eine Frau; ich es war ohne Zweifel weder Petit⸗Pierre noch ſage Mary. Es ſchien nicht ſehr wahrſcheinlich, daß der wun Eine oder die Andere allein erſchien. Inzwiſchen kam es ihm vor, als ob die Perſon, mir die ſich näherte, mehr und mehr die Augen erhöbe, Alle um das Haus zu erkennen. Dann ſah er, wie ſie Sie vor dem Wirthshauſe hielt, dann führte ſie drei ſpen leichte Schläge an die Thüre. men Michel war mit einem Sprung von ſeinem Be⸗ obachtungspoſten an der Treppe, ſtieg raſch hinab, Alle öffnete die Thür und erkannte in der mit einem than Mantel verhüllten Frau Mary. bew Ihre Namen waren das Einzige, was die bei⸗ um V den Leute ausſprechen konnten, als ſie ſich wieder Ihn 6 19 Auge in Auge einander gegenüber fanden; dann faßte Michel das Mädchen am Arm, leitete es durch die Dunkelheit und zog es in das Zimmer des er⸗ ſten Stocks. Kaum war er in das Zimmer getreten, ſo fiel er ihr zu Füßen, mit dem Rufe: „O! Mary, Mary! Sie ſind es alſo! O! Es ſcheint mir, als träume ich noch! So oft habe ich an dieſen glücklichen Augenblick gedacht; ſo oft hat meine Einbildungskraft dieſe ſüßen Freuden voraus⸗ gekoſtet, daß es mir heute Mühe macht, mir vorzu⸗ ſtellen, ich ſei nicht das Spielwerk eines Traums. Mary, mein Engel, mein Leben, meine Geliebte! O! laß mich Dichan mein Herz preſſen!“ „O! Michel, mein Freund,“ erwiderte das Mäd⸗ chen ſeufzend, daß ſie nicht das Gefühl, das ſich ihrer bemächtigte, beherrſchen konnte.„Ol ich auch, ich bin ſehr glücklich, Sie wieder zu ſehen! Aber, ſagen Sie mir, armes, liebes Kind, Sie ſind ver⸗ wundet worden?“ „Ja, ja; aber es war nicht meine Wunde, die mir Leiden verurſachte, es war die Entfernung von Allem, was ich auf der Welt liebe. O, glauben Sie mir, Mary, der Tod iſt ſehr taub und wider⸗ ſpenſtig, daß er nicht auf mein Gebet gekom⸗ men iſt.“ „Michell! können Sie ſo reden, mein Freund? Alles vergeſſen) was die arme Bertha für Sie ge⸗ than hat, denn wir haben es erfahren, und ſie⸗ſehr bewundert, meine arme Bertha! Ich liebte ſie ſo ſehr um ihrer Aufopferung willen, wovon jede Minute Ihnen den Beweis geliefert hat.“ 4 2 Aber bei dem Namen Bertha's hatte ſich Michel, entſchloſſen, durch Mary's Willen ſich nicht mehr gebieten zu laſſen, raſch erhoben und marſchirte mit einem Schritt, der ſeine Aufregung kund gab, im Zimmer auf und ab. Mary ſah, was in dem Herzen des jungen Mannes vorging. Sie machte eine äußerſte An⸗ ſtrengung.. „Michel,“ ſagte ſie,„ich beſchwöre Sie, ich bitte Sie um all der Thränen willen, die ich der Erin⸗ nerung an Sie geweint habe, reden Sie mit mir nur noch wie mit Ihrer Schweſter; vergeſſen Sie nicht, daß Sie bald mein Bruder ſein werden.“ „Ihr Bruder? Ich, Mary!“ ſprach der junge Mann, den Kopf ſchüttelnd.„O! was das betrifft, iſt mein Entſchluß gefaßt. Nie, das ſchwöre ich Ihnen!“ „Michel! Michel! Vergeſſen Sie, daß Sie mir einen andern Eid abgelegt haben?“ „Dieſen Eid habe ich nicht abgelegt; nein, Sie haben mir ihn grauſam entriſſen; Sie haben die Liebe mißbraucht, die ich für Sie empfand, um zu verlangen, daß ich Ihnen entſage. Aber dieſer Eid, Alles in mir hat ſich dagegen empört; nicht eine Fiber meines Körpers will, daß dieſer Eid ge⸗ halten werde, und da bin ich, Mary, und ſage Dir: ſeit zwei Monaten bin ich getrennt von Dir, und ſeit zwei Monaten habe ich nur an Dich gedacht. Ich habe zu ſterben gedacht, begraben unter den flammenden Ruinen von la Peniſſidre, und habe nur an Dich gedacht! Ich habe zu fallen gedacht durch eine Kugel, welche mir durch die Schulter chel, nehr hirte gab, igen An⸗ bitte frin⸗ mir Sie 4 unge rifft, ich mir Sie die n zu ieſer nicht ge⸗ Dir: und acht. den habe dacht ulter 21 ging und die, ein wenig tiefer und ein wenig mehr rechts mir durch das Herz gegangen wäre, und ich habe nur an Dich gedacht! Ich ſtarb beinahe vor Hunger, Schwäche, Erſchöpfung, ich habe nur an Dich gedacht. Bertha iſt meine Schweſter, Mary; Du, Du biſt meine Geliebte, meine theure Braut! Du, Mary, Du wirſt meine Frau!“ „O! mein Gott! mein Gott! Was ſagen Sie da, Michel? Sind Sie wahnſinnig geworden?“ „Ich war es einen Augenblick, Mary; als ich glaubte, ich könne Dir gehorchen; aber die Abwe⸗ ſenheit, der Schmerz der Verzweiflung hat aus mir einen andern Menſchen gemacht. Rechne nicht mehr auf das arme Schilfrohr, das unter Deinem Hauch ſich bog. Was Du auch thun magſt, Du wirſt mein ſein, Mary, weil ich Dich liebe, weil Du mich liebſt, weil ich nicht länger Gott und mein Herz belügen will.“ „Sie vergeſſen, Michel, daß meine Entſchlüſſe nicht wechſeln, wie die Ihrigen. Ich habe geſchwo⸗ ren, ich werde meinen Schwur halten.“ „Es ſei; aber dann habe ich Bertha für immer verlaſſen; Bertha wird mich nie mehr ſehen.“ „Mein Freund!...“ „Sprechen wir einmal im Ernſt, Mary, weß⸗ halb glaubſt Du, daß ich hier bin?“ „Sie ſind hier, mein Freund, um die Prinzeſſin zu retten, der wir mit Leib und Seele ergeben ſind.“ „Ich bin hier, Mary, um Dich wieder zu ſehen. Wiſſe mir nicht größern Dank für meine Ergebenheit, als ſie verdient. Ich bin Dir ergeben, Mary, und keiner Andern. Die Idee, Petit⸗Pierre zu retten, 22 wer hat ſie mir eingegeben? meine Liebe. Wer weiß, ob ich daran gedacht haben würde, wenn ich nicht, indem ich ihn rettete, Dich hätte wieder ſehen müſſen? Mache aus mir keinen Helden oder Halb⸗ gott. Ich bin ein Menſch, ein Menſch, der Dich feurig liebt, und der für Dich ſeinen Kopf aufs Spiel ſetzen wird. Aber, abgeſehen von Dir, was bedeuten für mich, ich bitte Dich, alle dieſe Händel von Dynaſtie mit Dynaſtie? Was habe ich mit den Bourbons der ältern Linie, oder mit den Bourbons der jüngern Linie zu thun, ich, den die Geſchichte auf keiner einzigen Seite in Anſpruch nimmt, ich, der ich durch keine Erinnerung an die Vergangenheit mich geknüpft fühle. Meine Mei⸗ nung, das biſt Du; mein Glaube, das biſt Du; wäreſt Du für Louis Philipp geweſen, ich wäre für Louis Philipp geweſen; Du biſt für Heinrich V., ich bin für Heinrich V. Fordere mein Blut, ich ſage Dir: hier iſt es, Aber fordere nicht, mich länger zu einer unmöglichen Situation herzugeben.“ „Aber was beabſichtigſt Du zu thun? „Bertha die Wahrheit zu ſagen.“ „Die Wahrheit! o! Du wagſt es nicht!“ „Mary, ich verſichere Dich....“ „Nein! nein!“ „O! Allerdings; jeden Tag, ſiehſt Du, Mary, ſtreife ich mehr die Wickelbänder ab, in die man meine Jugend geſteckt hat. Es iſt, glaube mir, ein wei⸗ ter Abſtand von dem Kinde, dem Du einſt, ver⸗ wundet und weinend, aus Furcht vor dem Namen und der Erinnerung ſeiner Mutter, auf einem Hohl⸗ wege begegnet biſt. Nein, meiner Liebe verdanke ary, eine wei⸗ ver⸗ men ohl⸗ anke 23 ich meine Kraft. Ich habe, ohne die Augen nie⸗ derzuſchlagen, einen Blick ausgehalten, der mir ſonſt den Kopf zur Erde gedrückt und die Knie entzwei gebrochen hätte. Ich habe Alles meiner Mutter geſagt, und meine Mutter hat mir geſagt: zich ſehe wohl, daß Du ein Mann biſt, thue nach Deinem Willen!’ Und mein Wille iſt dieſer: mich ganz Dir zu weihen, aber auch, Dich mein zu nennen. Siehe doch, zu welchem thörichten Kampf Du mich verpflichtet haſt. Ich, Bertha's Gatte! Stelle Dir es einen Augenblick vor; es gäbe keine Todesqual für die arme Creatur, die der meinigen gleich wäre. Man hat mir in meiner Kindheit von jenen repu⸗ blikaniſchen Hochzeiten erzählt, wo Carrier, der Mann blutigen Andenkens, einen Lebenden und ei⸗ nen Leichnam zuſammenband und beide in die Loire warf. Nun! Mary, das wäre unſere Verbindung; und Du, Mary, die Du unſere Todesqual mit an⸗ ſeheſt, würdeſt Du glücklicher ſein, als wir, ſprich? Nein, ich bin entſchloſſen, entweder ſehe ich Bertha nie wieder, oder erkläre ich ihr, wie Petit⸗Pierre meine thörichte Furchtſamkeit mißbraucht hat, wie der Muth mir gefehlt hat, ihr die Wahrheit zu erklären, während es noch Zeit war; kurz, ich werde ihr nicht ſagen, daß ich ſie nicht liebe, aber ich werde ihr ſagen, daß ich Dich liebe.“ „Mein Gott!“ rief Mary,„aber wiſſen Sie, daß es ihr den Tod bringen wird, Michel, wenn Sie das thun?“ „Mary, es wird Bertha nicht den Tod bringen,“ ſprach hinter ihnen die Stimme Petit⸗Pierre's, der heraufgekommen war, ohne daß ſie es hörten. Die beiden jungen Leute wandten ſich um und ſtießen einen Schrei aus. „Bertha,“ ſuhr Petit⸗Pierre fort,„iſt ein edles, muthiges Mädchen, das die Sprache, die Sie gegen ſie führen, verſtehen und gleichfalls ihr eigenes Glück dem von denen, welche ſie liebt, aufopfern wird; aber nicht Sie ſollen die ſchmerzliche Auf⸗ gabe haben; ich bin es, der den Fehler machte, oder vielmehr den Irrthum beging; ich werde ihn wieder gut machen, wobei ich jedoch Herrn Michel bitte,“ ſetzte Petit⸗Pierre lächelnd hinzu,„ein an⸗ deres Mal bei ſeinen vertraulichen Geſtändniſſen deutlicher zu ſein.“ Beim erſten Geräuſch, das Petit⸗Pierre gemacht und das ihnen einen Schrei entriſſen hatte, waren die beiden jungen Leute ſchnell aus einander ge⸗ treten. Aber dieſer faßte ſie am Arm, zog ſie einander näher und vereinigte ihre beiden Hände. „Liebt Euch ohne Gewiſſensbiſſe,“ ſprach er zu ihnen,„Ihr ſeid beide edelmüthiger geweſen, als man von unſerem armen Menſchengeſchlechte zu er⸗ warten das Recht hat. Liebt Euch ohne Maaß; die Glücklichen ſind die, welche ihren Ehrgeiz darauf beſchränken können.“ Mary ſchlug die Augen nieder, aber indem ſie that, antwortete ſie dem Druck von Michels Hand. Der junge Mann ſetzte vor dem kleinen Bauern ein Knie zur Erde... „Ich bedarf des ganzen Glücks,“ ſprach er,„das Sie mir zu hoffen gebieten, um nicht bedauern zu SŔ Aͤ E SͤSSS SO— —— —,.,——.—,———— — 25 müſſen, daß ich mich nicht für Sie habe tödten laſſen.“ „Was ſprechen Sie da von Sich⸗tödten⸗laſſen, was ſprechen Sie von Sterben? Ach! ich ſehe wohl, nichts iſt unnützer, als ſich tödten zu laſſen, nichts unnützer, als ſterben! Sehen Sie meinen armen Bonneville, wozu hat ſeine Aufopferung mir ge⸗ dient? Nein, Herr de La Logerie, man muß leben für die, welche man liebt, und Sie haben mir das Recht gegeben, mich unter dieſe zu zählen. Leben Sie alſo für Mary und laſſen Sie mich ihrerſeits für dieſelbe antworten, Mary wird für Sie leben!“ „Ah!l Madame,“ rief Michel,„hätten alle Fran⸗ zoſen Sie geſehen, wie ich Sie geſehen habe, hät⸗ ten alle Sie ſo gekannt, wie ich Sie kenne....“ „Ja, ich hätte die Ausſicht, eines oder des an⸗ dern Tags Revanche zu bekommen, beſonders wenn ſie verliebt wären. Aber reden wir von etwas An⸗ derem, wenn's Ihnen gefällig iſt, und denken wir, ſehe wir von einem neuen Angriff ſprechen, an den Rückzug. Sehen Sie, ob unſere Freunde ankom⸗ men, denn ich bin Ihnen noch einen Vorwurf ſchul⸗ dig. Mademoiſelle Mary hat Ihre Aufmerkſamkeit ſo vollſtändig in Anſpruch genommen, daß ich bis zum Morgen hätte auf der Straße auf das verab⸗ redete Signal warten können. Glücklicher Weiſe drang der Ton Ihrer Stimme zu mir, glücklicher Weiſe haben Sie noch die Vorſicht gebraucht, die Thüre nach der Straße offen zu laſſen, ſo daß man hier wie in einem Wirthshauſe eingehen konnte; das iſt es, was ich Ihnen noch zu ſagen habe.“ Als Petit⸗Pierre lachend dieſen Vorwurf an Michel richtete, erſchienen auch die beiden andern Perſonen, welche ihn auf ſeiner Flucht begleiten ſollten; aber nach einer kürzern Berathung be⸗ griffen ſie, daß es die Rettung deſſelben compromit⸗ tiren hieße, wenn man ſich in ſo großer Anzahl auf den Weg machte, und verzichteten darauf, ihm zu olgen. Man überſchritt die Brücke ohne Unfall. Michel wandte ſich nach dem Ufer hinab, Mary und Petit⸗Pierre folgten ihm, neben einander gehend. Die Nacht war hell, ſo hell, daß ſie ſo offen nicht zu marſchiren wagten. Michel ſchlug vor, die Straße Pelerin*) zu ver⸗ folgen, welche parallel mit dem Fluß hinläuft und weniger als das Ufer ſelbſt ausgeſetzt iſt. Der Vorſchlag wurde angenommen, und dieſelbe Marſch⸗ ordre beobachtend, wandte man ſich nach derſelben. Von dieſem Wege aus erblickte man, Dank dem Mondſchein, von Zeit zu Zeit den Fluß, wie ein breites, glänzendes Tafeltuch, von Strecke zu Strecke gleich Flecken auf demſelben mit Bäumen bedeckte Inſeln, welche ſich zugleich, die Inſeln auf dem Fluß, die Bäume am Himmel abzeichneten.* Dieſe Klarheit der Nacht hatte zwar ihr Miß⸗ liches, bot aber dagegen auch einige Vortheile. Michel, der als Führer diente, war um ſo ſicherer, nicht zu verirren, und konnte daneben aus größerer Ferne das Fahrzeug wahrnehmen.. Als man über den Flecken Pdlerin hinaus oder *²) Pilgerſtraße. A. d. U. 27 vielmehr um ihn herum war, verbarg der junge Baron Petit⸗Pierre und Mary in einer Uferkrüm⸗ mung, näherte ſich dem Ufer und ließ den Pfiff hören, der Joſeph Picaut zum Signal dienen ſollte. Da Joſeph Picaut nicht mit dem Alarmruf antwortete, ſo begann Michel, der bis dahin nicht ohne Sorgen geweſen war, ſich zu beruhigen. Er zweifelte nicht, da er keine Antwort erhielt, daß der Chouan zu ihm ſtoßen werde. Er wartete fünf Minuten; nichts rührte ſich. Er ließ einen zweiten Pfiff hören, aber ſchärfer, lauter als der erſte. Nichts antwortete; Niemand kam. Er dachte, er hätte ſich vielleicht über den Ort des Stelldicheins getäuſcht, und lief an dem Ufer hin. Nach zweihundert Schritten war er über die Inſel Couöron hinaus und hatte das letztere Dorf hinter ſich gelaſſen. Es gab keine Inſel mehr, hinter welcher das hahrzend ſich decken konnte, und doch ſah man es nicht. Es war doch an der Stelle, wo er zuerſt Halt gemacht hatte, zwiſchen den beiden Dörfern Couöëron und Pelerin, daß er warten ſollte; es war doch hinter der Inſel, gegen welche er wieder zurückzu⸗ gehen genöthigt war, daß er das Schiff finden ſollte. Nur konnte er ſich, ohne einen Unglücksfall, Joſeph Picauts Abweſenheit nicht erklären. Jetzt kam ihm ein Gedanke. Er fürchtete, die ungeheure Größe der verſpro⸗ chenen Summe für den, welcher eine unter dem Namen Petit⸗Pierre verborgene Perſon auslie⸗ 28 fern würde, möchte den Chouan, deſſen Phyſiog⸗ nomie ihn nicht zu ſeinen Gunſten eingenommen, in Verſuchung geführt haben. Er theilte Petit⸗Pierre und Mary, die ſich ihm wieder angeſchloſſen hatten, ſeine Beſorgniſſe mit. Aber Petit⸗Pierre ſchüttelte den Kopf. „Das iſt nicht möglich,“ ſagte er,„hätte dieſer Menſch etwas verrathen, ſo wären wir bereits er⸗ griffen; überdieß würde es die Abweſenheit des Schiffs nicht erklären.“ „Sie haben Recht, der Kapitän mußte eine Barke ſchicken, und ich ſehe keine.“ „Vielleicht iſt es nicht die rechte Stunde.“ In dieſem Augenblick ſchlug es auf der Uhr vom Flecken Pelerin zwei, als ob ſie mit der Antwort auf dieſen Einwurf beauftragt geweſen wäre. „Horch,“ ſagte Michel,„es ſchlägt zwei Uhr.“ „War ein Uhr mit dem Kapitän ausgemacht!“ „Meine Mutter konnte nur auf Wahrſcheinlich⸗ keit hin handeln und hat ihm fünf Uhr angezeigt.“ „Man braucht alſo nicht die Geduld zu verlie⸗ ren, da wir um drei Stunden früher angekommen ſind, als er erwartet.“ „Was thun?“ fragte Michel,„meine Verant⸗ wortlichkeit iſt ſo groß, daß ich nicht für mich allein zu handeln wage.“ „Eine Barke nehmen,“ antwortete Petit⸗Pierre, „und das Schiff aufſuchen; im Fall es weiß, daß wir ſeinen Ankerplatz kennen, hat daſſelbe es viel⸗ leicht darauf ankommen laſſen, daß wir es ſelbſt finden.“ 7 29 Michel ging hundert Schritte gegen Pélerin hin und erblickte vor ſich eine auf dem Sandufer ange⸗ legte Barke. Es war noch nicht lang, daß man ſich derſelben bedient hatte, denn die Ruderſtangen lagen in dem Fahrzeug und waren noch feucht. Er kehrte um, dieſe Nachricht ſeinen Gefährten zu bringen, und forderte ſie auf, in ihren Verſteck zurückzukehren, während er über den Fluß führe. „Verſtehen Sie wenigſtens, ein Fahrzeug zu ſteuern?“ fragte Petit⸗Pierre. „Ich geſtehe Ihnen,“ antwortete Michel, über ſeine Ungeſchicklichkeit erröthend,„ich beſitze darin keine beſondere Stärke.“ „Dann wollen wir,“ ſagte Petit⸗Pierre,„mit Ihnen gehen; ich werde Ihnen als Lootſe dienen. Ich habe vielmals zur Unterhaltung in der Bai von Neapel dieſen Dienſt verſehen.“ „Und ich,“ ſetzte Mary hinzu,„will ihm rudern helfen. Sehr oft ſind wir, meine Schweſter und ich, über den See von Grandlieu gefahren.“ Alle drei ſtiegen ein; als ſie mitten in der Loire waren, rief Petit⸗Pierre, der im Hintertheil fluß⸗ abwärts ausſchaute, vorwärts ſtürzend. „Da iſt es! da iſt es!“ „Was? was?“ fragten Mary und Michel zu⸗ gleich.. „Das Schiff! das Schiff! da, da ſehen Sie!“ Und Petit⸗Pierre deutete den Fluß hinab, in der Richtung von Paimboeuf. „Nein,“ ſagte Michel,„das kann es nicht ſein.“ „Warum?“ 30 „Weil es anſtatt gegen uns zu kommen, ſich entfernt.“ 4 In dieſem Augenblick landeten ſie an dem einen Ende der Inſel. Michel ſprang ans Land, half ſeinen beiden Gefährten ausſteigen und lief an das andere Ende, ohne eine Minute zu verlieren. „Es iſt doch wohl unſer Schiff,“ rief er zurück⸗ kehrend Petit⸗Pierre und Mary zu.„Ins Boot! Ins Boot und an die Ruder! Alle drei ſtürzten von Neuem in die Barke; Mary und Michel bemächtigten ſich der Ruder, und während Petit⸗Pierre das Steuer ergriff, ruderten ſie aus allen Kräften. Von der Strömung unterſtützt, gelangte die Barke raſch vorwärts: es war alle Ausſicht vor⸗ handen, die Goölette einzuholen, wenn ſie denſelben Gang wie bisher einhielt, Aber plötzlich verbarg ein ſchwarzes Viereck ihren Augen die Umriſſe, welche Tauwerk und Maſt am Himmel abzeichneten. Es war das große Segel, das man aufhißte. Bald wurde ein anderes Stück Leinwand über demſelben ſichtbar.— Es war das Marsſegel. Dann kam die Reihe an das Brigantin⸗Segel. Der junge Carl benützte den eben ſich erhe⸗ benden Wind und ſetzte alle Segel bei. Michel hatte das Ruder aus Mary's allzu⸗ ſchwachen Händen wieder genommen; er bog ſich über die Stangen, gleich einem Galeerenſträfling. Er war in Verzweiflung, denn er hatte in einer Secunde alle die Folgen berechnet, welche die Ab⸗ fahrt der Goölette haben mußte.„ 31 Er wollte rufen, ſchreien, anfragen, aber Petit⸗ Miene gebot ihm, Klugheits halber nichts dergleichen zu thun. „Bah!“ ſagte er, deſſen Heiterkeit alle Wechſel des Glücks überdauerte,„die Vorſehung will entſchieden nicht, daß ich dieſes gute Land Frankreich verlaſſe.“ „Oh!“ rief Michel,„vorausgeſetzt, daß es die Vorſehung iſt.“ „Was wollen Sie ſagen?“ fragte Petit⸗Pierre. „Ich fürchte, es gibt hienieden einen abſcheuli⸗ chen geheimen Anſchlag.“ „Gehen Sie doch, mein armer Freund, es iſt nichts als ein Zufall. Man hat ſich in dem Datum oder in der Stunde geirrt, das iſt Alles. Ueberdieß, wer ſagt uns, daß wir den Kreuzern entronnen wären, welche die Mündung der Loire bewachen. Alles geſchieht vielleicht zum Beſten.“ Aber Michel ergab ſich nicht auf die Gründe, welche ihm Petit⸗Pierre vorhielt, ſondern fuhr in ſeinen Klagen fort. Er wollte ſich in die Loire werfen, der Goölette nachſchwimmen, die ſanft unter⸗ ſank und in den Nebeln des Horizonts zu verſchwin⸗ den anfing, und nur mit großer Mühe gelang es Petit⸗Pierre, ihn ein wenig zu beruhigen. Vielleicht wäre es ihm nicht gelungen, hätte er nicht Mary als Vermittlerin gebraucht. Endlich ließ Michel entmuthigt die Ruder fallen. Dieſen Augenblick ſchlug es drei Uhr zu Coué⸗ ron; in einer Stunde mußte der Tag allmählig anbrechen. Es war keine Zeit zu verlieren. Michel und Mary griffen von Neuem zu den Rudern; man 32 gelangte wieder ans Ufer und ließ die Barke un⸗ gefähr an demſelben Orte, wo man ſie genommen hatte. Man mußte ſich ſofort zur Rückkehr nach Nantes entſchließen. War dieſer Entſchluß gefaßt, ſo er⸗ ſchien es von Wichtigkeit, vor Tag dahin zurückzu⸗ kehren. 810 Unterwegs ſchlug ſich Michel vor die Stirne. „O!" ſprach er,„ich habe eine Dummheit begangen, wie ich ſehr fürchte.“ „Welche?“ fragte die Herzogin. „Nicht nach Nantes auf dem andern Ufer zurück⸗ zukehren.“ 1 1 4 „Bah! alle Wege ſind gut, wenn man vorſichtig darauf geht; und was hätten wir hernach mit der Barke gemacht?“ 31 „Wir hätten ſie am andern Ufer gelaſſen.“ „ und die armen Fiſcher, welchen ſie gehört, hätten mit dem Suchen derſelben einen Tag ver⸗ loren. Gehen Sie doch! es iſt beſſer, wir haben etwas mehr Mühe, als daß es brave Leute ein Stück Brod koſtet, von dem ſie vielleicht nicht zu viel haben.“ un n Man kam am Pont Rouſſeau an. Petit⸗Pierre beſtand darauf, daß Michel ihn allein, nur in Mary's Geſellſchaft, in die Stadt zurückkehren laſſe, aber dieſer wollte ſich durchaus nicht hiezu verſtehen. Vielleicht war er zu glücklich, ſich wieder in Mary's Nähe zu befinden, welche beruhigt durch das, was ihr Petit⸗Pierre geſagt hatte, wohl noch von Zeit zu Zeit ſeufzte, aber unter dem Seufzen die an ſie 33 gerichteten Worte der Zärtlichkeit erwiderte, damit er ſich entſchlöße, ſie ſo ſchnell zu verlaſſen. Alles, was man von ihm erlangen konnte, war, daß er, anſtatt an der Spitze oder in gleicher Linie zu marſchiren, hinten und in einiger Entfernung herging. Als Michel über den Platz Bouffey kam, glaubte er im Augenblick, da er um die Ecke der Straße St. Sauveur bog, einen Schritt hinter ſich zu ver⸗ nehmen. Er drehte ſich raſch um und bemerkte beim erlöſchenden Schein der Laternen hundert Schritte hinter ſich einen Mann, der bei dieſer un⸗ erwarteten Bewegung ſich plötzlich in die Vertiefung einer Thüre warf. Der erſte Gedanke Michels war, ſich zur Ver⸗ folgung dieſes Mannes aufzumachen, aber dann zog er in Erwägung, inzwiſchen würden Petit⸗Pierre und Mary ſich entfernen, und er ſie nicht mehr aufzufinden wiſſen. Er eilte ſtatt deſſen alſo vorwärts und ſchloß ſich ihnen an. „Man folgt uns,“ ſagte er zu Petit⸗Pierre. „Ei! laſſen wir ihn folgen,“ antwortete dieſer mit ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit.„Wir vermögen die, welche uns auf den Ferſen ſind, auszuſpüren.“ Petit⸗Pierre ſchob Michel in eine Qerſtraße und nach hundert Schritten fanden ſie ſich am Eingang in das Gäßchen, das Michel ſchon früher betreten hatte, und an der Thüre wieder erkannte, die ihm der Bettler durch Anſteckung des Stechpalmenblattes bezeichnet hatte. 6 Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 3 34 Petit⸗Pierre hob den Hammer und klopfte drei⸗ mal in ungleichen Zeitabſtänden. Auf dieſes Signal öffnete ſich die Thüre wie durch Zauber. Petit⸗Pierre ſchob Mary in den Hof und trat dann ſelbſt ein. „Gut,“ ſagte Michel;„jetzt will ich ſehen, ob dieſer Menſch uns noch aufpaßt.“ „Nein, nein; Sie ſind zum Tode verurtheilt,“ ſprach Petit⸗Pierre;„vergeſſen Sie es, ſo vergeſſe doch ich es nicht, und da wir dieſelbe Gefahr laufen, ſo treffen wir auch, wenn es Ihnen gefällig iſt, dieſelben Vorſichtsmaßregeln. Treten Sie ſchnell ein, ſchnell.“ Inzwiſchen war derſelbe Mann, welcher am Abend zuvor ſein Journal leſend, Michel empfangen hatte, auf der Außentreppe erſchienen, mit demſelben Schlafrock, wie damals angethan und noch halb im Schlafe. Er erhob die Arme zum Himmel, als er Petit⸗ ierre erkannte. Dieſer deutete auf die hinter ihm nur angelehnte Thüre. „Nicht die Hausthüre,“ ſagte Petit⸗Pierre,„die Gartenthüre; in zehn Minuten wird aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach das Haus abgeſperrt ſein. An die Klingel! An die Klingel! „Folgen Sie mir alſo!“ „Wir folgen Ihnen, in Verzweiflung, Sie zu ſo früher Stunde geſtört zu haben, mein armer Paſcal, in um ſo größerer Betrübniß, da mein Be⸗ ſuch vermuthlich Ihren Auszug nothwendig machen 35⁵ wird, wenn es Ihnen darum zu thun iſt, nicht er⸗ griffen zu werden.“ Die Gartenthüre wurde geöffnet. Ehe er hinausging, ſtreckte Michel die Hand aus, um die von Mary zu ergreifen. Petit⸗Pierre ſah die Geberde und ſchob ſie in die Arme des jungen Mannes. „Nun, umarmen Sie ihn,“ ſagte ſie zu ihr, goder geſtatten Sie vielmehr, daß er Sie umarmt. Von mir iſt es erlaubt, ich vertrete Mutterſtelle und finde, daß die arme Unſchuld es wohl verdient hat. So, jetzt ziehen Sie nach Ihrer Seite, wäh⸗ rend wir nach der unſrigen ziehen wollen. Die Sorge für meine Angelegenheiten, ſeien Sie ruhig, wird mich nicht hindern, mit den Ihrigen mich zu beſchäftigen.“ „Aber könnte ich ſie nicht wiederſehen?“ fragte ſchüchtern der junge Mann. „Das iſt gefährlich, ich weiß es wohl,“ antwor⸗ tete Petit-Pierre,„aber bah! man ſagt, es gibt einen Gott, der Verliebte und Betrunkene ſchuͤtzt. Ich rechne auf dieſen Gott. Schloßſtraße Nr. 3. Ein Beſuch iſt Ihnen geſtattet; ein Beſuch, aber nichts weiter, denn ich will es ſo einrichten, daß man Ihnen denſelben erwidern kann.“ Nach dieſen Worten bot Petit⸗Pierre Michel eine Hand, welche dieſer reſpectvoll küßte. Petit⸗ Pierre begab ſich mit Mary nach der obern Stadt, während Michel nach dem Pont Rouſſeau hinabſtieg. 3* 36 LXXIII. Wo Courtin des Wurfgarn auswirft und nur Steine bekommt. Meiſter Courtin war den ganzen Abend, welchen er nach dem Willen von Frau de La Logerie bei ihr hatte zubringen müſſen, ſehr unglücklich geweſen. Er hatte mit dem Ohr an der Thüre die ganze Unterredung zwiſchen Mutter und Sohn, und folg⸗ lich die ganze Geſchichte von der Abreiſe mit an⸗ gehört. Dieſe Abreiſe Michels ſtörte alle ſeit ſo langer Zeit von ihm gehegten Plane; ſo wäre er, wenig eiferſüchtig auf die Ehre, welche die Baronin ihm anthat, gern wieder ſchnell nach der Meierei heim⸗ gekehrt. Er rechnete darauf, indem er das Anden⸗ ken an Mary heraufbeſchwor, wenigſtens die Flucht ſeines jungen Herrn verzögern zu können; denn war derſelbe, vergeſſen wir nicht, einmal fort, ſo verlor er den Faden, mittelſt deſſen er in das ge⸗ heimnißvolle Labyrinth, wo Petit⸗Pierre ſich verbarg, ſicher einzudringen hoffte. Aber als Frau von La Logerie ſich wieder auf ihrem Schloß befand, war — und dieſen ſeinen Fragen und Ausſpähereien zu entziehen; aber ſie fand ihr Haus, ſeit mehreren Wochen einer Bande Soldaten preisgegeben, in einer ſo ſchrecklichen Unordnung, daß ſie beim An⸗ blick deſſen, was in ihren Augen zu einer Kataſtrophe ſich ſteigerte, ihrer urſprünglichen Vorſtellungen von mmt. cen ihr nze lg⸗ ——— 8 — h 37 dem geringen Vertrauen, welches der Maire von La Logerie verdiente, uneingedenk wurde; ſie behielt ihn übrigens nur um ſo hartnäckiger bei ſich, um ihn zum Echo ihrer Wehklagen zu machen. Dieſe Verzweiflung von Frau von La Logerie, mit einer wahrheitsvollen Energie ausgedrückt, hin⸗ derte Courtin, unter irgend einem Vorwand die Baronin zu verlaſſen, um bei der Heimkehr zu ſehen, was auf der Meierei vorging.. Uebrigens war er zu ſchlau, als daß er nicht erkannt hätte, die Baronin nehme ihn nur in der Abſicht mit, ihn von dem jungen Manne zu ent⸗ fernen; aber ſie erſchien ihm dann wieder ſo auf⸗ richtig in der Verzweiflung, welche ihr der Anblick ihrer zerbrochenen Teller, ihrer zerſprungenen Gläſer, ihres ölbeſchmutzten Teppichs, des in eine Wach⸗ ſtube umgewandelten und mit primitiven, aber im Ausdruck ergreifenden Zeichnungen ausgeſchmückten Salons verurſachte, daß er zuletzt an ſeinem erſten Eindruck zweifelte und zu dem Gedanken gelangte, man habe ſeinem jungen Herrn kein Mißtrauen gegen ihn eingeflößt und er werde leicht, ehe er an Bord des Schiffs wäre, wieder mit ihm zuſammen⸗ zutreffen wiſſen. Es war acht Uhr Abends, als die Baronin wieder in ihren Wagen ſtieg, nachdem ſie noch eine letzte Thräne über die Verunreinigung des Herren⸗ hauſes von La Logerie geweint hatte, und kaum hatte Meiſter Courtin dem Poſtillon:„Straße nach Paris“ geſagt, als er dem Wagen den Rücken wandte und, ohne auf die letzten Ermahnungen, welche ſeine Gebieterin noch vom Kutſchenſchlag 38 aus an ihn richtete, zu hören, ſich eiligſt nach der eierei auf den Marſch machte. ßen, und er lief nach dem Stall, um ſeinen Klepper zu ſatteln; aber er fand ihn nicht mehr. In ſeiner Haſt hatte er ſich nicht einmal über die Art der Ortsveränderung, welche ſein junger Herr für gut gefunden, von der Magd vollſtändig ins Klare ſetzen laſſen. Die Erinnerung an den beſcheidenen Gang ſei⸗ nes Pferdes flößte Meiſter Courtin wieder einigen uth ein; aber doch kehrte er in ſeine Wohnung nur auf einige Minuten zurück, die ihm nöthig waren, Geld und auf alle Fälle die Inſignien ſeiner Maire'swürde zu ſich zu ſtecken; dann verfolgte er muthig die Spur deſſen, welchen er als einen Flücht⸗ ling und beinahe als den Räuber der hunderttau⸗ ſend Francs betrachtete, welche ſeine Einbildungs⸗ kraft gern auf die Perſon des Liebhabers der Wölfinnen discontirte. Meiſter Courtin lief alſo gleich einem Mann, der ſeine Banknoten vom Wind fortgenommen ſieht, das heißt, er lief faſt eben ſo ſchnell, als der Wind; aber das Laufen hinderte ihn keineswegs,* bei Allen, welche ihm begegneten, Erkundigungen einzuziehen. Meiſter Courtin verlegte ſich jederzeit weſentlich —, 39 auf das Fragen, und bei dieſer Gelegenheit begreift man wohl, daß er es daran nicht fehlen ließ. Zu Saint Philbert de Grandlieu theilte man ihm mit, daß man um halb acht Uhr Abends ſei⸗ nen Klepper geſehen hatte. Er erkundigte ſich, wer ihn ritt, aber darüber konnte man ihm keine Auf⸗ klärung geben, da die Aufmerkſamkeit des Schenk⸗ wirths, an den er ſich wandte, und der ihn von dieſen Einzelheiten in Kenntniß ſetzte, ganz durch den Widerſtand, welchen das Thier ſeinem Reiter entgegenſetzte, indem es ſich beharrlich an dem Stech⸗ palmenzweig vorüberzugehen weigerte, und durch die kreuzweiſen Stöße in Anſpruch genommen wor⸗ den war, welchen Meiſter Courtin auf dem Wege nach Nantes ſeinen Tribut zu bezahlen pflegte. Ein wenig weiterhin war er glücklicher; man zeichnete ihm ein ſo genaues Signalement des Rei⸗ ters, daß er nicht mehr daran zweifelte, er habe den jungen Baron vor ſich, wiewohl man ihm ver⸗ ſicherte, derſelbe ſei allein. Der Maire von La Logerie, ein Mann von be⸗ ſonderer Klugheit, dachte, die beiden jungen Leute hät⸗ ten ſich Vorſichts halber verlaſſen, aber nur in der Ab⸗ ſicht, auf einer andern Straße wieder zuſammenzu⸗ treffen. Das Glück war ihm alſo günſtig, da es ihm dieſelben getrennt lieferte; konnte er Michel in Nantes wieder finden, ſo war die Partie ge⸗ wonnen. Er beharrte alſo bei dem Glauben, der junge Baron ſei von ſeiner Route nicht abgewichen, und war deſſen ſo gewiß, derſelbe ſei bereits in Nantes eingetroffen oder nahe dabei, daß er bei ſeiner An⸗ 40 kunft im Anbrechenden Tag ſich nicht die Mühe nahm, bei dem Wirthe neue Erkundigungen einzu⸗ ziehen, welche er von dieſem zu erlangen ohnedieß bezweifelte. Er aß alſo in aller Eile ein Stück Brot und kehrte, anſtatt nach Nantes hineinzuge⸗ hen, wo es ihm unmöglich geweſen wäre, Michel aufzufinden, nach dem Pont Rouſſeau zurück und wandte ſich rechts Pélerin zu. Meiſter Courtin war mit ſeinem Plan fertig. Wir haben bereits von allen den Hoffnungen geredet, welche er auf Michel gründete. Michel, Mary's Liebhaber, mußte eines oder des andern Tags Courtin zu einem perſönlichen Zweck das Geheimniß der Zufluchtsſtätte ſeiner Ge⸗ liebten anvertrauen; da nun die Geliebte in Petit⸗ Pierre's Nähe war, ſo mußte Michel mit dem Ge⸗ heimniſſe von Mary auch das der Herzogin preis⸗ geben. Reiſ'te aber Michel ab, ſo nahm derſelbe auch alle Hoffnungen Courtins mit ſich. Mochte es alſo koſten, was es wollte, Michel durfte nicht abreiſen. Fand aber Michel den Jungen Carl nicht auf ſeinem Poſten, ſo war er genöthigt, zu bleiben. Was Frau von La Logerie betraf, ſo durfte immer, da ſie zu dieſer Stunde auf der Straße nach Paris war, eine gewiſſe Zeit vergehen, ehe ſie da⸗ von, daß die Flucht ihres Sohnes nicht hatte ſtatt⸗ finden können, Kunde erhielt und andere Mittel, ihn aus der Vendée wegzubringen, auffand. Dieſer Aufſchub war endlich mehr als hinreichend dazu, daß Michel, auf die ſem Punkt ſeiner Geneſung angekom⸗ „— 41 men, dem ſchlauen Pächter das Mittel an die Hand gab, das vorbereitete Ziel zu erreichen. Nur wußte Meiſter Courtin noch nicht, wie er es möglich ma⸗ chen konnte, bis zu dem Patron des Jungen Carl, deſſen Namen er von der Baronin hatte ausſprechen hören, zu gelangen; aber Meiſter Cour⸗ tin rechnete, ohne daran zu denken, daß er hierin eine Aehnlichkeit mit einem großen Manne des Alter⸗ thums habe, auf ſein Glück. Und es täuſchte ihn nicht. Als er gegenüber von Cousron ankam, bemerkte er mitten unter den Gipfeln der Pappelbäume der Inſel die Maſten der Brigg⸗Goblette. Am Maſt ſchlug das Bramſegel, losgemacht, ein Spiel der Briſe. Dieß war alſo das Fahrzeug, welches er ſuchte. Beim letzten Schein der Abenddämmerung, bei der allmälig die Gegenſtände in einander floſſen, erkannte Meiſter Courtin, ſeinen Blick über das ſteile Ufer hinwerfend, eine lange Ruthe von Schilfrohr, horizontal über der Oberfläche des Fluſſes befind⸗ lich, und an ihrer Spitze mit einer Schnur und einem Korkpfropf verſehen, der auf gut Glück auf dem Waſſer herumtrieb. Die Ruthe ſchien von einer kleinen Anhöhe aus⸗ zugehen, aber wiewohl man nichts als dieſe Ruthe ſah, ſetzte dieſelbe doch einen Arm voraus, ſie zu halten, und einen Fiſcher, dem dieſer Arm gehörte. Meiſter Courtin war nicht der Mann, um ſich davon nicht Gewißheit zu verſchaffen. Er ging gerade auf die Anhöhe zu, um dieſelbe herum, und entdeckte in einer Krümmung des Steil⸗ 42 Ufers hockend einen Mann, ganz verſunken in die etrachtung der Evolutionen, welche die Krümmung des Fluſſes mit ſeinem Stück Korkholz vornahm. Der Mann trug Matroſenkleidung, das heißt, Hoſen von getheerter Leinwand und eine rothe Jacke, auf dem Haupt eine Art ſchottiſcher Mütze. Zwei Schritte von ihm wiegte ſich das Hinter⸗ theil einer Barke, deren Vordertheil auf den Sand gezogen war, ſanft auf dem Fluſſe. Der Fiſcher hob, als er Courtin kommen hörte, nicht einmal den Kopf in die Höhe, wiewohl dieſer die Vorſicht gebraucht hatte, zur Ankündigung ſeiner Gegenwart zu huſten und dieſen bedeutſamen Hu⸗ ſten zum Prolog des Geſprächs zu machen, das er anzuknüpfen wünſchte. Der Fiſcher bewahrte nicht allein das hart⸗ näckigſte Stillſchweigen, ſondern drehte ſich nicht ein⸗ mal um. „Es iſt ſehr ſpät zum Fiſchen,“ entſchloß ſich endlich der Maire von La Logerie zu ſprechen. „Man ſieht wohl, daß Ihr nichts davon ver⸗ ſteht,“ antwortete der Fiſcher, geringſchätzig das Geſicht verziehend;„ich finde im Gegentheil, daß es die allerbeſte Zeit iſt; nur in der Nacht macht ſich der Fiſch, mit dem es der Mühe werth iſt, auf den Weg; nur in der Nacht kann man etwas An⸗ deres als Lumpereien fangen.“. „Ja; aber es wird bald ſo finſter, daß Ihr Euren Pfropf nicht mehr unterſcheiden könnt.“ „Was macht das,“ antwortete der Mann, die Achſeln zuckend; nich habe meine Augen bei Nacht da drinn,“ fuhr er fort, auf ſeine flache Hand deutend. 43 „Ich verſtehe; am Gefühl erkennt Ihr, daß der Fiſch Euren Köder angreift,“ erwiderte Courtin, ſich neben den Fiſcher ſetzend;„auch ich liebe das Fi⸗ ſchen und bilde mir ein, was Ihr auch davon den⸗ ken möget, mich darauf zu verſtehen.“ „Ihr auf die Fiſcherei mit der Leine?“ ſagte der Angler mit zweifelnder Miene. „Nein, nein,“ antwortete Courtin,„mit dem Wurfgarn, im Trüben entvölkere ich die Bäche von La Logerie.“. Courtin hatte dieſe ſpecielle Lokalbezeichnung in der Hoffnung gewagt, der Mann mit der Leine, in welchem er einen vom Kapitän zu Michels Auf⸗ nahme an Bord abgeſandten Matroſen vermuthete, werde ſie im Flug auffaſſen. Es war überflüſſig; der Fiſcher ſtieß ſich nicht daran. Im Gegentheil. „Ei!“ ſagte er,„Ihr habt mir gut mit Eurem Talent in der großen Kunſt des Fiſchens prahlen; ich glaube nie etwas davon.“ „Und warum, wenn es Euch beliebt? Meint Ihr denn, Ihr habt das Alleinrecht darauf?“ „Weil Ihr mir, mein lieber Herr, die erſten Grundſätze der Kunſt nicht zu wiſſen ſcheint.“ „Der erſte Grundſatz, welcher iſt das?“ fragte Courtin. „Der, wenn man Fiſche fangen will, muß man ſich vor vier Dingen in Acht nehmen.“ „Vor welchen?“ „Vor Wind, Hunden, Weibern und Schwätzern; es iſt wahr, man könnte ſich mit drei begnügen,“ 44 ſetzte der Mann in der Matroſenjacke philoſophiſch hinzu,„denn Weib und Schwätzer iſt Ein und das⸗ elbe.“. „Bah! Ihr werdet ſogleich finden, daß mein Geſchwätz nicht ſo unzeitig iſt, wenn ich Euch vor⸗ ſchlage, Euch einen kleinen Thaler verdienen zu laſſen.“ „Wenn ich ein halb Dutzend Barſche fange, ſo gewinne ich mehr als einen kleinen Thaler und habe die Unterhaltung noch in den Kauf.“ „So! ich will bis zu vier und ſelbſt zu fünf. Francs gehen,“ fuhr Courtin fort,“ und Ihr leiſtet zu gleicher Zeit Eurem Nachbar einen Dienſt da⸗ mit; iſt das nichts?“ „Laßt ſehen,“ erwiderte der Fiſcher,„keine Um⸗ ſchweife, was wollt Ihr von mir? Sprecht.“ „Daß Ihr mich mit Eurem Boot zu dem Jungen Carl führt, deſſen Webeleinen man dort durch die Bäume erblickt.“ „Der Junge Carl,“ ſagte der Seemann mit der unſchuldigſten Miene von der Welt,„was iſt das, der Junge Carl?“ „Dieſer hier,“ ſprach Meiſter Courtin, dem Fi⸗ ſcher ſeinen getheerten Hut, den er vom Ufer auf⸗ gehoben hatte und auf deſſen Band mit goldenen Buchſtaben: Der junge Carl geſchrieben war, vorhaltend.“ „Nun halte ich Euch entſchieden für einen Fi⸗ ſcher, Freund,“ ſagte der Matroſe,„denn beim Teufel! um das in der Dunkelheit zu leſen, müßt Ihr wie ich die Augen in den Fingern haben; laßt ſehen, was wollt Ihr von dem Jungen Carl?“ N—— 45 „Habe ich Euch nicht eben ein Wort geſagt, das Euch auffallen mußte?“ „Nein, guter Mann,“ antwortete der Fiſcher, „ich bin gleich den Racehunden, ich belle nie, wenn man mich beißt; wickelt darum Euer Log ab, ohne Euch um das zu bekümmern, was in meinem Kiel vorgeht.“ „Nun, ich bin der Pächter der Frau Baronin de La Logerie.“ „Hernach?“ „Und komme von ihr,“ ſagte Courtin, der ſeine Kühnheit in dem Maaße, als er ſich tiefer in die Sache verwickelte, wiederkehren fühlte. „Hernach?“ fragte der Seemann, ungefähr in demſelben Ton, aber mit einem auffallendem Grade von Ungeduld.„Ihr kommt von der Frau de La Logerie; wohlan! was habt Ihr uns von derſelben zu ſagen?“ „Euch zu ſagen, daß Alles fehlgeſchlagen, auf⸗ geſpürt, entdeckt iſt, und daß Ihr Euch ſo ſchnell als möglich entfernen müßt.“ „Genug,“ antwortete der Fiſcher,„aber das geht mich nichts an, ich bin nur der zweite Offi⸗ zier auf dem Jungen Carl, aber weiß genug von der Sache, um Euch das zu bewilligen, was Ihr begehrt, und wir wollen in Compagnie ſegeln, um das Fahrwaſſer des Capitäns zu gewinnen, dem Ihr Eure Geſchichte erzählen werdet.“ Mit dieſen Worten wickelte der zweite Offizier des Jungen Carl ruhig ſeine Leine um das Schilfrohr, warf ſie in ſeine Barke, ſchob dieſe 46 mit einem kräftigen Druck der Schulter vom Sande und machte ſie flott. Dann gab er Meiſter Courtin ein Zeichen, hin⸗ ten Platz zu nehmen, und legte mit einem Ruder⸗ ſchlag zwanzig Schritte zwiſchen das Ufer und ſich. Nach fünf Minuten bogen ſie um die Inſel und befanden ſich beinahe in demſelben Augenblick längs der Seite des Jungen Carl, der feſt liegend ſich zwölf Fuß über das Waſſer erhob. Beim Ge⸗ räuſch der Ruder ließ ſich ein Pfiff, eigenthümlich modulirt, vom Bord des Schiffs vernehmen. Der Fiſcher antwortete darauf mit einer beinahe glei⸗ chen Melodie. Ein Geſicht zeigte ſich im Vorder⸗ theil; das Boot legte am Steuerbord an und man warf den Ankommenden ein Tau zu. Der Mann in der Matroſenjacke kletterte an der Wand des Fahrzeugs wie eine Katze hinauf, und zog dann Courtin in die Höhe, der an dieſe nautiſche Treppe weniger gewöhnt war. Als der Maire von La Logerie ſich zu ſeiner großen Freude auf den Füßen und auf dem Ver⸗ deck fühlte, befand er ſich einer Menſchengeſtalt ge⸗ genüber, deren Züge er nicht unterſcheiden konnte, da ſie unter den Falten einer großen wollenen, um den Kragen eines wachsleinenen Regenmantels ge⸗ wickelten Halsbinde verborgen waren, in dem er aber nach der demüthigen und unterwürfigen Hal⸗ tung, die der Schiffsjunge, welcher ihre Ankunft ſignaliſirt hatte, neben ihm einnahm, den Kapitän zu erkennen glaubte. „Was iſt das?“ fragte der Letztere den Fiſcher, indem er ohne Umſtände mit der Schiffslaterne, nicht Alles.“ 47 welche er aus den Händen des Schiffsjungen ge⸗ nommen hatte, dem Pächter über das Geſicht fuhr. „Das kommt von der bewußten Perſon,“ ant⸗ wortete jener. „Ei ja wohl!“ erwiderte der Kapitän;„wozu dienen Dir Deine Ankerlöcher, wenn Du glauben konnteſt, ein junger Mann von zwanzig Jahren ſei nach einem Sarter,*) wie dieſer hier geſchnit⸗ ten?“ „Ich bin wirklich nicht Herr de La Logerie,“ fiel Courtin ein, der den Sinn dieſes See⸗Jargons verſtanden hatte,„ſondern nur ſein Pächter und Vertrauensmann.“ „Nun meinetwegen! das iſt ſchon etwas, aber „Er hat mich beauftragt...“ „Aber beim Seehund! ich frage Dich nicht, wo⸗ mit er Dich beauftragt hat, elender Zeiſig,“ rief der Kapitän, einen langen Strahl ſchwärzlichen Speichels, der dem beginnenden Zornesausbruch hinderlich war, auf das Verdeck ſpritzend;„ich ſage Dir, es iſt ſchon etwas, aber nicht Alles.“ Courtin betrachtete den Kapitän mit erſtaunter Miene. Verſtehſt Du, ja oder nein?“ fragte dieſer. „Wo nicht, ſo ſage es ſchnell, und man wird Dich mit den verdienten Ehren, das heißt mit einer gu⸗ ten Tracht Bindſel⸗Hiebe auf die untere Lendenge⸗ gend wieder ans Land bringen.“ Courtin begriff jetzt, daß Frau de La Logerie *) Schiffsmobell. A. d. U. 48 aller Wahrſcheinlichkeit nach ſich mit dem Herrn des ungen Carl über ein Erkennungszeichen ver⸗ ſtändigt hatte; dieſes Zeichen war ihm unbekannt. Er fühlte ſich verloren; er ſah alle ſeine Plane ſich vereiteln, alle ſeine Hoffnungen zuſammenſtür⸗ zen, nicht zu gedenken, daß er, wie ein Fuchs in der Falle gefangen, vor den Augen des jungen Barons in ſeinem wahren Lichte erſcheinen mußte. Der Maire von La Logerie ſuchte ſich aus die⸗ ſer ſchlimmen Lage dadurch zu ziehen, daß er un⸗ mittelbar jede Spur von Intelligenz aus ſeinem Geſichte verwiſchte und die zuweilen bis zum Blöd⸗ ſinn gehende Einfalt eines Bauern annahm. „Wahrhaftig, lieber Herr,“ ſprach er,„ich weiß nicht weiter. Meine gute Gebieteterin hat mir ſo geſagt: Courtin, mein Freund, Du weißt, daß der junge Baron zum Tode verurtheilt iſt; ich habe mich mit einem braven Seemann verſtändigt, um ihn aus Frankreich wegzubringen; aber da ſind wir, wie es ſcheint, durch irgend einen Verräther angegeben worden. Eile alſo und ſage dieß dem Kapitän, den Du zu Couöron hinter den Inſeln finden wirſt.: Ich bin hergelaufen, ich weiß nicht weiter.“ . In dieſem Augenblick ſchien ein kräftiges: Ohe! das vom Vordertheil des Schiffs herkam, den Kapi⸗ tän von der energiſchen Antwort, auf die er wahr⸗ ſcheinlich dachte, abzuleiten. Bei dieſem Rufe drehte er ſich nach dem Schiffsjungen um, der, ſeine Stocklaterne in der Hand, mit aufgeſperrtem Munde der Unterredung ſeines Patrons mit Courtin zu⸗ 83 . 8SKSgEN A& X N 49 „Was machſt Du da, Laſcar, Kanaille, mißra⸗ thener Hund?“ rief er, dieſe Worte mit einer Ge⸗ berde begleitend, welche, Dank der Schnelligkeit der Bewegung des jungen Aſpiranten zur Admirals⸗ würde, ihn nur an den fleiſchigen Theilen traf, aber überſtürzend bis an die Luckenklappe ſandte.„Biſt Du ſo auf Deinem Poſten?“ Dann zu dem Offizier gewendet: „Laß Niemand an Bord, ohne ihn erkannt zu haben.“ Aber er hatte noch nicht vollendet, als der neue Ankömmling, der ſich des Taus, womit Courtin aufgehißt worden, und das hängen geblieben war, bedient hatte, unerwartet auf dem Verdeck erſchien. Der Kapitän raffte die Laterne auf, welche den Händen des Schiffsjungen entfallen, aber durch eine günſtige Fügung des Schickſals nicht ausgelöſcht war, und trat mit derſelben auf den Beſucher zu. „Mit welchem Recht kommt Ihr an meinen Bord, ohne vorher ein Wort zu ſagen?“ rief er, dieſen am Kragen packend. „Ich komme her, weil ich hier an Ihrem Bord zu thun habe,“ antwortete der Mann mit der Zu⸗ verſicht eines Burſchen, der ſeiner Sache gewiß iſt. „Was willſt Du dann? laß ſehen, ſprich ſchnell.“ „O! laſſen Sie mich zuerſt los; Sie können verſichert ſein, daß ich nicht entfliehen werde, da ich von ſelbſt gekommen bin.“ „Aber tauſend Millionen Seehunde!“ ſprach der Kapitän,„Dich am Kragen halten, heißt Dir doch nicht den Mund verſperren.“ „Ich kann nicht ſprechen, wenn ich in meinen Dumas, Woͤlfinnen von Machesoul. V. 4 50 Aermellöchern gehindert bin,“ erwiderte der neue Ankömmling, ohne ſich im Mindeſten durch den Ton ſeines Gegenredners einſchüchtern zu laſſen. „Kapitän,“ ſprach der zweite Offizier, ſich in den Streit miſchend,„Sacrédié! meine Anſicht iſt, Sie haben Unrecht. Bei dem, der eben lavirte, begehren Sie die Flagge zu ſehen, und dem, der ganz bereit iſt, ſeine Farben aufzuhiſſen, machen Sie Knöpfe in das Ziehtau.“ „Das iſt wahr,“ antwortete der Kapitän, den neuen Ankömmling fahren laſſend, in dem unſere Leſer ohne Zweifel ſchon den wirklichen Abgeſand⸗ ben von Michel, das heißt, Joſeph Picaut erkannt aben. Dieſer ſuchte in ſeiner Taſche und holte das Sacktuch hervor, das er aus den Händen des jun⸗ gen Barons empfangen hatte, und überreichte es dem Patron des Jungen Carl, der die drei Knoten daran mit ebenſo viel Gewiſſenhaftigkeit, als er bei einer Geldſumme gethan hätte, zählte. Courtin, mit dem man ſich nicht mehr beſchäf⸗ tigte, hatte die Scene geſehen und verlor nichts davon. „Gut,“ ſagte er,„bei Dir iſt es in der Ord⸗ nung. Wir wollen ſogleich mit einander ſprechen; aber zuvor muß der Gewiſſe dort im Hintertheil expedirt werden.„Du Antoine,“ fuhr er zu ſeinem Lieutenant gewendet fort,„führe den Burſchen hier nach der Cambuſe und laß ihm ein Mäßchen Schnick*) einſchenken. *) Wachholderbranntwein. A. d. U. eue Ton in iſt, erte, der Sie den ſere and⸗ annt das jun⸗ es oten rbei chäf⸗ ichts Ord⸗ hen; theil inem hier ßchen 51 Der Kapitän kehrte nach dem Hinterdeck zurück und fand Courtin auf einem Bündel Taue ſitzend. Der Maire von La Logerie hielt den Kopf zwiſchen den Händen, als ob er der vor ihm vorgefallenen Scene nicht die geringſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte. Er ſchien äußerſt niedergeſchlagen, obwohl er in Wirklichkeit nicht einen einzigen Punkt von dem, was zwiſchen dem Kapitän und Joſeph Picaut ver⸗ handelt worden war, verloren hatte. „O! laſſen Sie mich ans Land zürüdbringen, Herr Kapitän,“ rief er ſchon von fern, als er den⸗ ſelben auf ſich zukommen ſah;„ich weiß nicht, was mir fehlt, aber ſeit einigen Minuten fühle ich mich ganz krank und es iſt mir, als ob ich ſterben müßte.“ „Ah! ſo, wenn es Dir bei einem elenden Bis⸗ chen Fluth ſo iſt, wirſt Du ſchlimm wegkommen, noch ehe Du die Linie überſchreiteſt.“ Die Linie paſſiren! Jeſus, mein Herr!“ „Ja, mein ehrlicher Mann! Deine Unterhal⸗ tung hat mir ſehr viel Vergnügen gemacht und ich bin entſchloſſen, Dich während der kleinen Reiſe über das Meer, die ich unternehmen will, bei mir an Bord zu behalten. „Hier bleiben!“ rief Courtin, größeren Schrecken erheuchelnd, als er in Wirklichkeit empfand,„und meine Pachtung und meine gute Herrin!“ „Was Deine Pachtung anbelangt, ſo mache ich mich anheiſchig, Dich Länder ſehen zu laſſen, wo Du Muſterwirthſchaften ſtudiren kannſt; und was Deine gute Herrin betrifft, ſo nehme ich es auf mich, ſie mit Vortheil zu erſetzen.“ „Aber warum das, mein guter Herr 3 Woher 52 dieſer plötzliche Entſchluß bei Ihnen, mich mitneh⸗ men zu wollen. Halten Sie es für Nichts, daß bei dieſem Bischen Fluth, wie Sie eben ſagten, mir ſchon der Kopf ſchwindelt?“ „Das wird Dich lehren, den Kapitän des Jungen Carl anlaufen zu laſſen, elender Wicht, der Du biſt!“ „Aber womit habe ich Sie denn beleidigt, mein würdiger Kapitän?“ „Wohlan,“ ſprach der Offizier, der entſchloſſen ſchien, das Zwiegeſpräch kurz abzuſchneiden,„ant⸗ worte offen, dieß iſt das einzige Mittel, das Dir bleibt, wenn Du nicht tauſend Meilen von hier fort willſt, um den Haifiſchen zum Frühſtück zu dienen. Wer hat Dich zu mir geſchickt?“ „Ei!“ rief Courtin,„Frau von La Logerie, wenn ich Ihnen ſage, daß ich deren Pächter bin, und dieß iſt ſo wahr, als es nur einen Gott im Himmel gibt.“ „Nun kurz,“ fuhr der Kapitän fort,„iſt es wirklich Frau de La Logerie, ſo hat ſie Dir irgend Etwas gegeben, um Dich kenntlich zu machen, ein Billet, einen Brief, ein Stückchen Papier. Haſt Du nichts, ſo beweist das, daß Du nicht von ihr kommſt; kommſt Du nicht von ihr, ſo beweist das, daß Du ein Spion biſt, und in dieſem Fall nimm Dich in Acht; ſobald die Sache erwieſen iſt, werde ich Dich behandeln, wie man Spione behandelt.“ „Ach! mein Gott!“ rief Courtin, ſich immer verzweifelter ſtellend,„ich kann mich doch nicht ſo beargwohnen laſſen. Halt, da ſind Briefe mit mei⸗ ner Adreſſe, die ich zufällig bei mir habe und die Ihnen beweiſen, daß ich wirklich Courtin bin, wie — 53 ich Ihnen geſagt habey da iſt meine Maire⸗Schärpe; mein Gott] was habe ich noch, das Sie überzeugen könnte, daß ich die Wahrheit geſagt habe?“ „Deine Maire⸗Schärpe!“ rief der Kapitän; naber wie kommt es doch, Du Schelm, wenn Du ein öffentlicher Beamter biſt, wenn Du der Regie⸗ rung einen Eid geſchworen haſt,— wie kommt es, daß Du Dich zum Mitſchuldigen eines Mannes machſt, der die Waffen gegen die Regierung getra⸗ gen hat und zum Tode verurtheilt iſt?“ „Ei, mein lieber Herr, weil ich meiner Gebiete⸗ rin ſo zugethan bin, trägt eben meine Anhänglich⸗ keit an ſie den Sieg über meine Pflicht davon. Wohlan! wenn es Ihnen geſagt ſein muß, gerade als Maire habe ich erfahren, daß Sie dieſe Nacht be⸗ unruhigt werden ſollen, und Frau von La Logerie von der Sie bedrohenden Gefahr Mittheilung ge⸗ macht, und da hat ſie mir geſagt: Nimm dieſes Taſchentuch, ſuche den Kapitän des Jungen Carl au„4 zucie hat Dir geſagt: ‚Nimm dieſes Taſchen⸗ tuch?““ „Ja, das hat ſie mir geſagt, auf Manneswort.“ „Aber wo iſt es, dieſes Sacktuch, das ſie Dir gegeben hat?“ „Nun, in meiner Taſche.“. „Aber, Dummkopf, Einfaltspinſel, Taugenichts! ſo gib mir dieſes Sacktuch.“ „Ich ſoll es Ihnen geben?“ „Ja.“ „Ol ich verlange nichts Beſſeres; da iſt Und Courtin zog ein Sacktuch aus ſeing 54 „So gib es doch her, mißrathener Hund!“ rief der Kapitän,„hat Frau von La Logerie Dir nicht geſagt, Du ſollſt mir dieſes Sacktuch geben?“ „Allerdings,“ antwortete Courtin mit der ein⸗ fältigſten Miene. 3„Ei! warum haſt Du es mir dann nicht gege⸗ en?“ „Wahrhaftig!“ erwiderte Courtin,„weil ich bei meiner Ankunft auf dem Verdeck ſah, daß Sie ſich mit den Fingern ſchnäuzten und ich bei mir ſagte: „Gott ſei Dank! wenn der Kapitän ſich mit den Fingern ſchnäuzt, ſo braucht er kein Nastuch.“ „Ah!“ rief der Kapitän, ſich mit einem Reſt von Zweifel den Kopf kratzend,„entweder verſtehſt Du Dich gewaltig auf das Manövriren, oder haſt Du einen ſehr ſchwachen Hirnkaſten, in jedem Fall halte ich mich, da größere Wahrſcheinlichkeit für den Blödſinn vorhanden iſt, vorzugsweiſe an dieſen hier. Laß ſehen, ſage mir gerade heraus die Urſache, um welcher willen Du kommſt und was Dir die Perſon, welche Dich an mich ſchickt, mir zu melden aufgetragen hat.“ „Nun Wort für Wort die Rede meiner guten Gebieterin, mein Herr.“ „Laß ſehen, dieſe Rede.“ „Courtin,“ hat ſie zu mir geſagt, ‚ich kann mich auf Dich verlaſſen, nicht wahr?— O! ja, habe ich geantwortet.— ‚Wiſſe alſo, daß mein Sohn, den Du mit Lebensgefahr aufgenommen, ge⸗ dagt, behütet, bei Dir verborgen haſt, dieſe Nacht d des Schiffes, der Junge Carl, ſich retten r wie ich Wind davon habe und wie Du 5⁵ mir ſelbſt ſagſt, ſcheint es, daß Alles entdeckt iſt. Du haſt nur Zeit, den würdigen Kapitän zu war⸗ nen, daß er auf meinen Sohn nicht warte, daß er ſich ſo ſchnell als möglich davon mache, denn man ſoll ihn dieſe Nacht ergreifen, dafür daß er zur Flucht eines politiſchen Gefangenen die Hand gebo⸗ ten, und noch um vieler anderer Dinge willen.“ Meiſter Courtin fügte dieſes Anhängſel der von ihm vorbereiteten Phraſe noch bei, indem er nach der Phyſiognomie des Kapitäns vom Jungen Carl vorausſetzte, daß er ſich wohl noch andere kleine Sünden vorzuwerfen hätte, außer der, für welche er nach Courtins eben erfolgter Warnung in Un⸗ terſuchung gezogen werden ſollte. Vielleicht hatte ſein Scharfſinn ſich nicht ge⸗ täuſcht, denn der würdige Kapitän blieb einige Au⸗ genblicke nachdenklich. „Wohlan, folge mir,“ ſprach er endlich zu Cour⸗ tin. Der Pächter gehorchte ohne Widerrede; der Kapitän führte ihn nach ſeiner Kajüte, ließ ihn ein⸗ treten und ſchloß die Thüre, indem er den Schlüſſel zweimal umdrehte. Einige Augenblicke nachher hörte Courtin, der in der Dunkelheit geblieben und über die Wendung, welche die Affaire nehmen ſollte, ziemlich unruhig war, ein Geräuſch von Schritten, welche auf dem Verdeck ertönten und ſich der Kajüte des Kapitäns zuwandten. Die Thüre öffnete ſich; der Kapitän trat zuerſt ein, gefolgt von Joſeph Picaut, hinter welchem der Lieutenant, die Laterne in der Hand, marſchirte. „Nun wohlan! laßt ſehen,“ ſprach der Patron 56 des Jungen Carl,„es handelt ſich darum, Euch ein für alle Mal verſtändlich zu machen, dieſen Strang, der mir ziemlich verwickelt ſcheint, zu entwirren, oder bei dem Rumpf meines Schiffs, ich laſſe Euch die Schultern ſtreichen, bis der Teufel ſelbſt dar⸗ über Thränen in den Augen hat.— „Ich habe Alles geſagt, was ich zu ſagen hatte, Kapitän,“ ſprach Courtin. 1 Picaut fuhr bei dieſer Stimme zuſammen; er hatte den Pächter noch nicht geſehen, und deſſen Gegenwart an Bord war ihm völlig unbekannt. Er trat einen Schritt vor, um ſich zu überzeu⸗ gen, daß er es war. 4 „Courtin!“ rief er,„der Maire von La Logerie! Kapitän, wenn dieſer Mann unſer Geheimniß weiß, ſo ſind wir verloren!“ „Und was iſt er denn?“ fragte der Kapitän. „Ein Verräther, ein Spion, ein Spürhund der Polizei!“ „Morbleu!“ rief der Kapitän,„Du brauchſt es mir nicht fünfzig Mal zu wiederholen, um es mir glaublich zu machen. Der Schelm hat etwas Schie⸗ lendes und Falſches in ſeiner Phyſiognomie, das mir durchaus nicht behagt.“ „Ah!“ fuhr Joſeph Picaut fort,„Sie irren ſich nicht, ich erkläre Ihnen denſelben für den verdamm⸗ teſten Pataud und folglich für die offenbarſte Ka⸗ naille im Lande Retz.“ 3 „Was haſt Du darauf zu antworten?“ fragte der Kapitän,„laß ſehen, Mordelement, ſprich.“ „O! nichts,“ rief Picaut,„ich fordere ihn her⸗ aus, etwas zu antworten.“ 57 Courtin beobachtete fortwährend Stillſchweigen. „Wohlan,“ ſprach der Kapitän,„ich ſehe entſchie⸗ den, daß man ernſtliche Mittel anwenden muß, um Dich zum Reden zu bringen, mein Burſche.“ Und mit dieſen Worten zog der Patron ein ſilbernes Pfeifchen, das an einer Kette von demſel⸗ ben Metall an ſeinem Halſe hing, hervor und ent⸗ lockte demſelben einen ſcharfen langen Ton. Auf dieſes Signal ihres Kapitäns traten zwei Matroſen in die Kajüte. Jetzt zeichnete ſich ein teufliſches Lächeln auf Courtins Lippen ab. „So,“ ſagte er,„gerade das, was ich erwartete.“ und den Kapitän am Arm faſſend, führte er den⸗ ſelben in eine Ecke der Kajüte und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. „Iſt es wahr, was Du mir da ſagſt?“ fragte der Patron des Jungen Karl. „Ci!“ bemerkte Courtin,„Sie können ſich ſehr leicht davon überzeugen.“ „Du haſt Recht,“ ſagte er. Und auf ein Zeichen des Kapitäns packten der Lieutenant und die beiden Matroſen Joſeph Picaut, eiſen ihm das Wamms ab und das Hemd aus ein⸗ ander. „Der Kapitän trat dann auf ihn zu, verſetzte ihm einen kräftigen Puff auf die Schulter und die beiden Buchſtaben*), womit der Chuan bei ſeinem Eintritt in das Bagno gebrandmarkt worden war, *) T. PF.(travaux forcés, Zwangsarbeit). A. d. U. 58 zeichneten ſich vollkommen ſichtbar auf ſeinem mar⸗ morirten Fleiſche ab. Picaut war ſo heftig und ſo plötzlich von den drei Männern ergriffen worden, daß er ſich zuerſt nicht vertheidigen konnte; aber kaum hatte er ge⸗ ſehen, um was es ſich handelte, als er unerhörte Anſtrengungen machte, den umſchlingenden Armen ſich zu entziehen; aber er war von der dreifachen Kraft überwältigt worden, und es blieb ihm nichts übrig, als zu erröthen und zu läſtern. „Bindet ihm Füße und Pfoten!“ rief der Ka⸗ pitän, ſich bei dem Urtheil über die Moralität des Mannes auf das Zeugniß beziehend, das er auf den Schultern trug,„und legt mir ihn jim Kielraum zwiſchen zwei Tonnen feſt.“ Hierauf ſprach er, ſich wieder zu Meiſter Courtin wendend, der einen Seufzer der Erleichterung ausſtieß: „Ich bitte Sie ſehr um Verzeihung, mein wür⸗ diger Beamter, daß ich Sie mit einem Schelm dieſer Gattung verwechſelt habe. Aber ſeien Sie ruhig, ich verſpreche Ihnen, daß wenn man vor drei guten Jahren von heute an Feuer in Ihre Scheune legt, er es wenigſtens nicht gethan haben ſoll.“ Dann ſtieg er ohne Zeitverluſt wieder auf das Verdeck, wo Courtin ihn ſeine ganze Mannſchaft zſen und Befehl zu Beiſetzung der Segel geben örte.— Einmal von der ihn bedrohenden Gefahr über⸗ zeugt, ſchien der würdige Seemann ſo beeilt, den größtmöglichen Raum zwiſchen die Gerechtigkeit und ſich zu legen, daß er den Maire von La Logerie unter Entſchuldigungen, ihm nicht mit einem Gläs⸗ chen Branntwein aufwarten zu können, in das Boot ſteigen ließ, indem er ihm glückliche Reiſe wünſchte und es ihm frei ſtellte, ans Land zu ſtoßen, wo es ihm gut dünkte. Meiſter Courtin durchſchnitt ſo gerade aus als möglich die Strömung des Fluſſes; aber ſo raſch auch ſeine Fahrt war, konnte er doch in dem Au⸗ genblick, da ſein Boot auf dem Sand am Ufer auf⸗ ſchlug, wahrnehmen, wie der Junge Carl ſich lang⸗ ſam in Bewegung ſetzte und ſeine Segel, eines nach dem andern, entfaltete. Nun verbarg ſich Courtin in derſelben Ufer⸗ krümmung, wo er den Fiſcher erblickt hatte, und wartete. Kaum war er eine halbe Stunde daſelbſt, ſo ſah er Michel ankommen, aber zu ſeinem großen Erſtaunen erkannte er weder in der einen noch in der andern der beiden Perſonen, die ihn begleiteten, Bertha. Aber dafür erkannte er Mary und Petit⸗Pierre. Jetzt wünſchte er ſich doppelt Glück zu ſeiner Liſt, die ſo vortrefflich vom Zufall begünſtigt und unterſtützt wurde, der, gleichſam zu deren Gelingen beizutragen, Joſeph Picaut herbeigeführt hatte, und machte ſich fertig, die günſtige Gelegenheit, welche ihm der Himmel zuſchickte, zu benützen. Man begreift leicht, daß er, ſo lang Michel, Mary und Petit⸗Pierre am Ufer verweilten, ſie keinen Augenblick aus dem Geſicht verlor; daß, als die drei ſich zur Aufſuchung des Fahrzeugs einſchiff⸗ ten, er ſie auf allen Krümmungen und Windungen, 60 welche ſie die Barke machen ließen, verfolgte, und endlich, als ſie nach Nantes zurückkehrten, er ihnen mit ſolcher Vorſicht nachging, daß auf dem ganzen Weg keiner der drei Flüchtlinge wahrnahm, wie ſehr er belauert wurde. Indeſſen ſo ſehr er ſich in Acht nahm, war er es doch, den Michel in einer Ecke des Platzes Bouf⸗ fay wahrgenommen hatte; er war es, der hinter den Geächteten hermarſchirte bis zu dem Hauſe, wo er ſie eintreten ſah. Als ſie verſchwunden waren, zweifelte er für dieſes Mal nicht, Petit⸗Pierre's Verſteck zu kennen. Er ging an der Thüre vorüber, zog ein Stück Kreide aus der Taſche, machte ein Kreuz an die Mauer, und dachte, überzeugt, den Fiſch jetzt im Netz zu haben, er brauche daſſelbe nur an ſich zu ziehen und die Hand nach den hunderttauſend Francs aus⸗ zuſtrecken. LXXIV. Wo man den General wieder findet und ſieht, daß er ſich nicht verändert hat. Meiſter Courtin befand ſich in großer Aufregung; im Augenblick, wo die letzte der drei Perſonen, de⸗ nen er von Coueron aus folgte, hinter dem Pfört⸗ chen verſchwunden war, hatte er, wie auf der Haide bei der Rückkehr von Aigrefeuille, jene Viſion, die ihm als die ſchönſte von allen Viſionen vorkam: er ſah vor ſeinen geblendeten Augen eine Pyramide von 61 gelben und weißen Geldſtücken funkeln, welche weit⸗ hin anbetungswürdige röthlichfalbe, glänzende Reflexe warfen. Nur war die Pyramide um das doppelte dicker als jene, die er das erſte Mal geſehen hatte; denn, um es nur zu geſtehen, als er die Beute in ſeinem Netze ſah, war der erſte Gedanke, wir ſollten ſagen, der einzige Gedanke von Meiſter Courtin, er würde ein großer Narr ſein, wenn er den Mann von Aigrefeuille an jenem glücklichen Preiſe Theil neh⸗ men ließe, und es müßte ſehr ungeſchickt zugehen, wenn er ſich nicht ohne ihn behelfen könnte. Er entſchloß ſich alſo, ihn nichts wiſſen zu laſſen, wie es ſonſt ausgemacht worden war, und auf der Stelle hinzugehen und die Behörden von der eben gemachten Entdeckung in Kenntniß zu ſetzen. Inzwiſchen dachte, um ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, Meiſter Courtin mitten unter dieſen heitern Ausſichten auf die Erfüllung aller ſeiner Wünſche an ſeinen jungen Herrn, den ſie die Freiheit, vielleicht das Leben koſten würden; aber er erſtickte ſogleich dieſe unzeitigen Vorwürfe ſeines Gewiſſens, und um demſelben nicht Zeit zu laſſen, einen zweiten Schrei auszuſtoßen, ſetzte er ſich ſchnell nach der Präfectur in Bewegung. Aber er hatte noch keine zwanzig Schritte ge⸗ macht, als in dem Augenblick, da er um die Ecke der Marktſtraße bog, ein Mann, der gleichfalls, aber nach entgegengeſetzter Richtung im Laufe begriffen war, auf ihn rannte und ihn gegen die Mauer warf. Meiſter Courtin ſtieß einen Schrei nicht des Schmerzens, ſondern der Ueberraſchung aus, denn 62 er hatte in dieſem Mann Michel de La Logerie er⸗ kannt, den er hinter ſich, hinter dem grünen Pfört⸗ chen, das er ſo ſorgfältig mit einem Kreuz bezeich⸗ net hatte, elahen zu haben glaubte. Sein Erſtaunen war ſo groß, daß Michel es gewiß bemerkt hätte, wäre er nicht ſelbſt von einem Gedanken ganz beherrſcht geweſen; aber in dieſem Augenblick ganz erfreut, den wieder zu ſehen, wel⸗ chen er für einen Freund nahm, und darum der Meinung, Beiſtand von ihm zu finden, rief er: „Sage mir, Courtin, Du biſt durch die Markt⸗ ſtraße gegangen, nicht wahr?“ „Ja, Herr Baron.“ „Dann mußteſt Du einem flüchtigen Mann be⸗ gegnen.“ „Nein, Herr Baron.“ „Doch, doch; es iſt unmöglich, daß Du ihm nicht begegneteſt; ein Mann, der ein Aufpaſſer war.“ Meiſter Courtin erröthete bis in das Weiße der Augen; aber er faßte ſich ſogleich wieder. „Warten Sie doch, ja, wirklich,“ bemerkte er, entſchloſſen, dieſe unerwartete Gelegenheit, jeden Verdacht von ſich zu entfernen, ſich zu Nutzen zu machen;„ja, vor mir ging ein Mann hin, den ich da unten vor jenem grünen Pförtchen, das Sie von hier ſehen, anhalten ſah.“ „Ganz richtig!“ rief der junge Mann, völlig in dem Gedanken befangen, denjenigen zu entdecken, der ihnen aufgepaßt hatte;„Courtin, es handelt ſich jetzt darum, mir einen Beweis Deiner Treue und Ergebenheit abzulegen; wir müſſen abſolut die⸗ 63 ſen Mann wieder finden; welchen Weg hat er ge⸗ nommen?“ „Durch dieſe Straße glaube ich,“ antwortete Courtin, indem er mit der Hand nach der erſten Straße deutete, die ſich innerhalb ſeiner Geſichts⸗ weite befand. „So komm und folge mir.“ Michel ſetzte ſich ſchnell nach der von Courtin angegebenen Richtung in Marſch. Aber während dieſer ihm folgte, ging er mit ſich zu Rathe. Er hatte einen Augenblick den Gedanken, ſeinen jungen Herrn nach Belieben laufen zu laſſen, zu⸗ rückzubleiben und ſich ganz einfach an den Ort, wohin er ſich bereits vorgenommen hatte, zu bege⸗ ben; aber es dauerte nicht eine Minute, ſo wünſchte er ſich Glück, dieſer erſten Eingebung nicht Folge geleiſtet zu haben. Das Haus hatte zwei Ausgänge; das war Cour⸗ tin deutlich, und da Michel wahrgenommen hatte, daß man ihre Gänge ausſpähte, ſo war er über⸗ zeugt, man habe ſich dieſer beiden Thüren nur be⸗ dient, um den Spion abzulenken; ebenſo wenig zweifelte er, daß Petit⸗Pierre gleich Michel aus dem Hauſe der Marktſtraße, in deren Ecke er dem jungen Baron begegnete, hatte herauskommen müſſen. Meiſter Courtin fand Michel wieder, Michel, der wahrſcheinlich zu dieſer Stunde den Zufluchtsort ſeiner Geliebten kannte. Mit Michel war der Maire von La Logerie gewiß, zu dem Ziele zu gelangen, 64. das er ſich vorgeſetzt hatte. Er konnte es alles verderben, wenn er die Dinge übereilte; er ergab ſich alſo darein, den Vortheil eines ſo ſchönen Fangs fahren zu laſſen und ſich ein wenig mit Geduld zu waffnen. Er verdoppelte alſo ſeine Schritte und war bald dem jungen Mann zur Seite. „Herr Baron,“ ſprach er, nes iſt meine Pflicht, Ihnen Klugheit anzuempfehlen; der Tag iſt ange⸗ brochen, die Straßen füllen ſich, alle Augen ſind auf Sie gerichtet, der Sie in ihren kothbedeckten, thaubenetzten Kleidern in der Stadt herumlaufen; wenn wir Agenten der Obrigkeit begegneten, könn⸗ ten ſie darin Grund zum Verdacht finden und Sie verhaften, und was würde Ihre Frau Mutter ſagen, welche von mir verlangte, ſie bis hieher zu Vteien⸗ um mir noch ihre letzten Aufträge zu er⸗ theilen.“ „Meine Mutter? Aber zu dieſer Stunde glaubt ſie mich auf der See und unterwegs nach England.“ „Sie ſollten alſo abreiſen?“ rief Courtin mit der unſchuldigſten Miene von der Welt. „Allerdings! hat ſie es Dir nicht geſagt?“ „Nein, Herr de La Logerie,“ antwortete der Pächter, indem er ſeiner Phyſiognomie den Ausdruck bitterer und tiefer Traurigkeit gab,„nein, ich ſehe wohl, daß trotz Allem, was ich für Sie gethan habe, die Baronin mir mißtraut, und das reißt mir tiefer ins Herz, als die Pflugſchaar in die Erde.“ „Geh! geh! Du brauchſt deßhalb noch nicht zu ver⸗ zweifeln, ehrlicher Burſche; aber Deine Umkehr iſt auch ſo raſch, ſo plötzlich geweſen, daß man Mühe ——.——— ————— 65⁵ hat, ſich dieſelbe zu erklären; ich ſelbſt, wenn ich an jenen Abend denke, da Du meinem Pferde die Gurten abſchnitteſt, frage mich oft, wie es möglich iſt, daß Du ſo gut, ſo aufmerkſam, ſo ergeben werden konnteſt.“ „Ei, Herr Baron, das iſt leicht begreiflich; da⸗ mals ſtritt ich für meine politiſchen Meinungen; heute, da dieſelben gerettet ſind, heute, da ich die Gewißheit habe, daß man die Regierung, die ich liebe, nicht ändern wird, ſehe ich in den Wölfin⸗ nen und in den Chouans nichts mehr als Freunde meines Herrn, und es macht mir Schmerz, mich ſo ſchlecht belohnt zu ſehen.“ „Geh! geh! Man muß nicht verzweifeln, mein guter Courtin,“ antwortete Michel;„ich will Dir einen Beweis geben, daß ich Deine Rückkehr zu ed⸗ leren Geſinnungen zu ſchätzen weiß, und ein Geheim⸗ niß anvertrauen, das Du bereits geahnt haſt. Courtin, es iſt wahrſcheinlich, daß Frau Baronin de La Logerie nicht diejenige wird, welche es nach Deiner bisherigen Meinung werden ſollte.“ „Sie ſollten Mademoiſelle de Souday nicht hei⸗ rathen?“ „Im Gegentheil; nur, anſtatt ſich Bertha zu nennen, könnte meine Frau Mary heißen.“ „Ah! wie würde mich das für Sie freuen; denn Sie wiſſen, ich habe Alles, was mir möglich war, gethan, daß es ſo komme; und wenn ich nicht mehr gethan habe, ſo geſchah es, weil Sie nicht wollten. So, ſo! Sie haben alſo Mademoiſelle Mary ge⸗ ſehen?“ „Ja, ich habe ſie geſehen, und die wenigen Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 5 66 Minuten, die ich mit ihr zubrachte, werden, hoffe ich, hingereicht haben, mein Glück zu ſichern!“ rief Michel, der ſich der ganzen Trunkenheit ſeiner Freude hingab. 1 Dann fuhr er fort: 11 n „Und mußt Du heute nach La Logerie zurück⸗ kehren?“ fragte er Courtin. „Der Herr Baron darf wohl denken, daß ich nur hier bin, mich zu ſeinem Befehl zu ſtellen,“ antwortete der Pächter. in „Gut! Ei!, Du ſollſt ſie ſelbſt ſehen, Courtin, denn heute Abend komme ich wieder zu ihr.“ „Wo das?“ „Wo Du mich getroffen haſt.“ „Ahl um ſo beſſer,“ ſprach Courtin, deſſen Phyſiognomie ſich zu einem Ausdruck der Zufrie⸗ denheit aufklärte, ähnlich der, welche in dieſem Au⸗ genblick das Geſicht ſeines jungen Herrn zeigte; „um ſo beſſer, Sie können nicht glauben, wie ſehr es mich freuen wird, Sie nach Ihrem Geſchmack und nach Ihrem Herzen verheirathet zu ſehen. Meiner Treu, da Ihre Mutter einwilligt, iſt es ebenſo gut, daß es wenigſtens mit der iſt, welche Sie lieben; ſehen Sie, daß mein Rath gut war?“ Und der Pächter rieb ſich die Hände, gleich ei⸗ nem Menſchen, der auf dem Gipfel der Wonne iſt. „Wackerer Courtin!“ bemerkte Michel, ganz ge⸗ rührt von den ſympathetiſchen Ausbrüchen ſeines Pächters,„wo werde ich Dich den Abend wieder finden?“ f „Wo Sie wollen.“ 67 „Biſt Du nicht wie ich in der Herberge zum Anbrechenden Tag abgeſtiegen?“ „Ja, Herr Baron.“ „Nun wir wollen den Tag daſelbſt zubringen; dieſen Abend warteſt Du auf mich, bis daß ich mich zu Mary begebe; ich werde wieder zu Dir ſtoßen und wir gehen dann zuſammen ab.“ „Aber,“ antwortete Courtin ziemlich verlegen über den Entſchluß ſeines jungen Herrn, der alle ſeine Plane ſtörte,„ich habe verſchiedene Aufträge in der Stadt zu beſorgen.“ „Ich begleite Dich überall hin, das hilft mir, die Zeit zu tödten, welche mir von jetzt bis zum Abend unfehlbar lang vorkommen wird.“ „Daran denken Sie doch nicht; meine Functio⸗ nen als Maire legen mir die Nothwendigkeit auf, mich auf den Bureaus der Präfectur zu zeigen und dahin können Sie mit mir nicht gehen; nein, kehren Sie in das Wirthshaus zurück und ruhen Sie aus; und dieſen Abend um zehn Uhr machen wir uns auf den Weg: Sie, wahrſcheinlich hoch erfreut, und ich auch glücklich um jener willen.“ Courtin lag daran, ſich Michel für jetzt vom Halſe zu ſchaffen; ſeit dem Morgen fuhr ihm die Idee, die verſprochene Belohnung für den, welcher Petit⸗Pierre ausliefere, könne er allein gewinnen, durch das Gehirn, und es ſtand bei ihm feſt, Nan⸗ tes nicht zu verlaſſen, ohne zu wiſſen, woran er ſich wegen ſeiner Geſammtſumme und der Mittel, ſie mit Niemand zu theilen, zu halten hätte. Michel begriff die Wichtigkeit der Gründe, welche ihm Courtin angab, und einen Blick auf ſeine be⸗ 5 68 ſudelten, thaugetränkten Kleider werfend, entſchloß er ſich, von ihm Abſchied zu nehmen und nach ſei⸗ nem Gaſthauſe zurückzukehren. Sobald ſein junger Herr ihn verlaſſen hatte, machte ſich Meiſter Courtin nach der Wohnung des Generals auf den Weg. Er gab ſeinen Namen dem Ordonnanz⸗Soldaten an und nach einigem Warten führte man ihn bei dem ein, welchen er zu ſehen wünſchte. Der General war ziemlich mißvergnügt über den Gang, welchen die Dinge nahmen. Er hatte nach Paris Pacificationsplane eingeſchickt, nach dem Vorbilde jener, welche dem General Hoche ſo gut gelungen waren. Dieſe Plane erhielten die Ge⸗ nehmigung nicht; er ſah überall die Civilbehörde die Gewalt ſich aneignen, welche der Belagerungs⸗ zuſtand den Militärbeamten zuwies, und die Em⸗ pfindlichkeit des alten Soldaten, zugleich mit ſeinen patriotiſchen Gefühlen verletzt, machte ihn in hohem Grade unzufrieden. „Was willſt Du?“ fragte er Courtin, ihn von oben bis unten meſſend. Courtin verbeugte ſich ſo tief als möglich. „General!“ antwortete der Pächter,„Sie erin⸗ nern ſich des Abends von Montaigu?“ „Parbleu! wie wenn es geſtern wäre, und be⸗ ſonders der Nacht, die darauf folgte! Ah! es hätte wenig gefehlt, ſo wäre meine Expedition ge⸗ lungen und ohne den Taugenichts von einem Wild⸗ hüter, der einen meiner Jäger verführte, erſtickte ich die Inſurrection in ihrem Neſte. Apropos, wie nannteſt Du dieſen Mann?“ 69 „Jean Oullier,“ antwortete Courtin. „Was iſt inzwiſchen aus ihm geworden?“ Caurtin erbleichte unwillkürlich. „Er iſt todt,“ ſagte er. „Das Beſte, was er thun konnte, der arme Teufel; und doch iſt es Schade, es war ein tapfe⸗ rer Mann.“ „Wenn Sie ſich deſſen erinnern, der die Affaire zum Scheitern brachte, wie kommt es, General, daß Sie den vergeſſen haben, der Ihnen die Nachwei⸗ ſungen geliefert hat?“ Der General ſchaute Courtin an. „Weil Jean Oullier ein Soldat war, das heißt ein Kamarade, und man an dieſe immer denkt, wäh⸗ rend man die Andern, Spione und Verräther, ſobald als möglich vergißt.“ „Gut,“ ſagte Courtin,„dann, mein General, werde ich mir erlauben, Ihrem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen und Ihnen zu ſagen, daß ich der Mann bin, der Ihnen den Zufluchtsort Petit⸗Pierre’'s an⸗ gezeigt hat.“ „Ah! wohlan, was willſt Du denn heute? Sprich und ſei kurz.“ „Ich will Ihnen genau denſelben Dienſt leiſten, den ich Ihnen damals geleiſtet habe.“ „Ahl ja, aber die Zeiten haben ſich ſehr geändert, mein Lieber; wir ſind nicht mehr auf den Hohlwegen des Landes Retz, wo man einen kleinen Fuß, eine weiße Haut und eine ſanfte Stimme mit Rückſicht auf die Seltenheit dieſer Dinge daſelbſt bemerkt. Hier gleicht alle Welt mehr oder minder einer großen Dame; ſo ſind ſeit einem Monat mehr als zwanzig 70 Schelme Deiner Art gekommen, uns das Fell des Bären zu verkaufen. Unſere Soldaten ſind hunds⸗ müde, wir haben fünf bis ſechs Quartiere durch⸗ ſtöbert, und der Bär iſt noch nicht zur Welt ge⸗ bracht.“ „General, ich habe das Recht, daß Sie meinen Nachweiſungen Glauben ſchenken, weil ich Ihnen ſchon einmal bewieſen habe, daß ich nur ſichere Kunde brachte.“ „Wirklich,“ ſagte der General halblaut,„es wäre ziemlich ſpaßhaft, wenn ich allein das auf⸗ fände, was dieſer Pariſer Herr mit ſeiner ganzen Rotte von Spürhunden, Spionen, Hurenjägern, Leuten der hohen und niedern Polizei noch nicht zu treffen vermocht hat; biſt Du deſſen gewiß, was Du vorbringſt?“ 3 „Ich bin gewiß, daß ich in vierundzwanzig Stunden von jetzt weiß, was Sie zu erfahren wün⸗ ſchen, Straße und Hausnummer.“ „Suche mich dann wieder auf.“ „Aber, General, ich möchte....“ Courtin hielt inne. „Was?“ fragte der General. „Man hat von Belohnung geſprochen, und ich möchte....“ „Ach ja!“ ſagte der General, ſich abwendend und Courtin mit einem Ausdruck äußerſter Verach⸗ tung betrachtend;„ich hatte vergeſſen, daß, obwohl öffentlicher Beamter, Du einer von denen biſt, welche die Sorge für ihre Pri vatintereſſen nicht verſäumen.“ 1 71 „Ei, General, das haben Sie geſagt; uns vergißt man allerdings ſo raſch als möglich.“ „Und das Geld, das man Euch gibt, muß die Stelle des öffentlichen Dankes vertreten; wirklich, das iſt logiſch; ſo gibſt Du alſo nicht, Du ver⸗ kaufſt, Du handelſt, Du biſt ein Kaufmann in Menſchenfleiſch, mein würdiger Pächter, und heute, am Markttage, kommſt Du auf den Markt, wie die Andern und mit den Andern.“ „Ich bin das Alles; o! geniren Sie ſich nicht, Ge⸗ neral, Geſchäfte ſind Geſchäfte, und ich ſchäme mich nicht, auf die meinigen Bedacht genommen zu haben.“ „Um ſo beſſer; aber ich bin nicht mehr der, an welchen man ſich wenden muß; man hat uns von Paris ganz expreß einen Herrn geſchickt, um dieſes Ge⸗ ſchäft abzuſchließen; ihn mußt Du, wenn Du Deinen Raub haſt, aufſuchen, um ihn die Lieferung über⸗ nehmen zu laſſen.“ „So werde ich thun, mein General, aber“ fuhr Courtin fort,„wenn ich das erſte Mal Ihnen ge⸗ treulich berichtet habe, wären Sie nicht geneigt, mir die Belohnung dafür zu geben?“ „Mein ehrlicher Burſche, findeſt Du, daß ich Dir etwas ſchuldig bin, ſo bin ich bereit, es abzutragen; wohlan, ſprich, ich höre.“ „Es wird Ihnen um ſo leichter ſein, da ich nicht viel von Ihnen verlange. Nennen Sie mir die Geſammtſumme, welche man demjenigen zuſagt, welcher Ihnen Petit⸗Pierre in die Hände liefert.“ „Fünfzigtauſend Francs vielleicht; ich befaſſe mich damit nicht.“ „Fünfzigtauſend Francs!“ rief Courtin, einen 72 Schritt zurücktretend, wie wenn er ins Herz ge⸗ troffen worden wäre;„aber fünfzigtauſend Francs, das iſt wenig.“ „Du haſt Recht, und es iſt meiner Meinung nach nicht der Mühe werth, für eine ſolche Kleinigkeit eine Infamie zu begehen; aber das magſt Du de⸗ nen ſagen, welche dieß angeht. Jetzt ſind wir, was uns betrifft, quitt, nicht wahr? Befreie mich alſo von Deiner Gegenwart. Adieu.“ Der General nahm die Arbeit wieder auf, die er beim Empfang Courtins unterbrochen hatte, ohne den Abſchiedsverbeugungen, vermittelſt welcher der Maire von La Logerie ſeinen Rückzug auf eine ſchick⸗ liche Weiſe zu bewerkſtelligen ſuchte, die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Der Letztere entfernte ſich um die Hälfte weni⸗ ger zufrieden, als er bei ſeinem Eintritt geweſen war. Es war ihm außer Zweifel, daß der General nicht genau wußte, woran er ſich bezüglich der als Preis auf den Verrath geſetzten Geſammtſumme zu halten habe, und er konnte das eben Gehörte nicht mit dem vereinigen, was das Individuum von Aigre⸗ feuille ihm als ſeinen Antheil genannt hatte, wobei er ſich vorſtellte, daß dieſes Iidividuum eben der Mann wäre, den die Regierung von Paris abge⸗ ordnet hatte. Er entſagte alſo vollſtändig der Idee, ohne ihn zu handeln, und faßte, ſich verſprechend, ſeine Sicherheitsmaßregeln zu treffen, den Entſchluß, ihn ſo ſchnell als möglich mit dem, was geſchehen war, aufs Laufende zu ſetzen. Bisher war dieſer Mann immer zu Courtin ge⸗ 73 kommen, der niemals ihn zu rufen nöthig gehabt, indeſſen hatte der Pächter eine Adreſſe erhalten, unter welcher er ſchreiben ſollte, im Fall etwas Wichtiges zu melden wäre. Courtin ſchrieb nicht; er ging ſelbſt. Mit eini⸗ ger Mühe entdeckte er endlich in dem niedrigſten Quartiere der Stadt, im Hintergrund einer kothigen, feuchten, mit ſchmutzigen Häuſern beſetzten, mit Krambuden von Lumpen⸗ und Kleider⸗Trödlern ver⸗ ſehenen Sackgaſſe eine kleine Boutique, wo man ihn, nachdem er der ihm gewordenen Anweiſung zufolge nach Herrn Hyacinthe gefragt hatte, eine Art Leiter hinaufſteigen ließ und in ein kleines Gemach einführte, ſauberer, als bei dem äußeren Schein dieſes Neſtes zu hoffen ſtand. Meiſter Courtin fand hier ſeinen Mann von Aigrefeuille, der ihn viel beſſer als der General auf⸗ vahn und mit welchem er eine lange Unterhaltung atte. LXXV. Wo Courtin noch einmal in ſeiner Erwartung getäuſcht wird. Wenn Michel der Tag lang vorkommen mußte, ſo hatte Courtin ſeinerſeits große Mühe, deſſen Länge zu ertragen. Es ſchien ihm, als wolle die Nacht gar nicht anbrechen, und wiewohl er es ſorg⸗ fältig vermieden, ſich in der Marktſtraße oder einer der angrenzenden Gaſſen zu zeigen, hatte er ſich doch nicht enthalten können, ſeine Ungeduld wenig⸗ 74 fins in den nächſten Umgebungen ſich ergehen zu aſſen.. Mit Eintritt des Abends kehrte Courtin, einge⸗ denk des Rendezvous' von Michel und Mary, in das Gaſthaus zum Anbrechenden Tag zurück. Er fand daſelbſt Michel, der ihn ungeduldig er⸗ wartete. Sobald der junge Mann den Pächter erblickte, rief er ihm zu: „Courtin, ich bin entzückt, Dich zu ſehen; ich habe den Mann entdeckt, der uns dieſe Nacht folgte.“ „He! was ſagen Sie?“ fragte Courtin, unwill⸗ kürlich einen Schritt zurückweichend. „Ich habe ihn entdeckt, ſage ich Dir,“ wieder⸗ holte der junge Mann. „Und dieſer Mann, wer iſt er?“ fragte der Pächter. „Ein Mann, dem ich mich anvertrauen zu kön⸗ nen geglaubt habe und dem Du in meiner Lage Dich gewiß auch anvertraut hätteſt: Joſeph Picaut.“ „Joſeph Picaut!“ wiederholte Courtin, den Er⸗ ſtaunten ſpielend. „ a.“. „Und wo haben Sie ihn denn getroffen?“ „In dieſem Wirthshauſe, mein lieber Courtin, wo er iſt, oder vielmehr, wo er die Rolle eines Stallknechts ſpielt.“ „So! Und wie iſt er Ihnen gefolgt? Sollten Sie die Unklugheit gehabt haben, ihm Ihr Geheim⸗ niß anzuvertrauen? Ach! junger Mann,“ ſetzte Courtin hinzu,„wie wahr iſt es doch, Jugend und — — 75 Unvorſichtigkeit ſind immer bei einander; einem al⸗ ten Galeerenſträfling!“ „Eben darum iſt es; Du weißt wohl, warum er auf den Galeeren geweſen iſt?“— „Ei! jawohl, wegen Straßenraubs mit bewaff⸗ neter Hand.“ „Nun, ich habe ihm einen Auftrag gegeben, das iſt Alles.“ „Fragte ich Sie, welchen,“ antwortete Courtin, „ſo würden Sie glauben, die Neugierde laſſe mich reden, und doch wäre es nur Theilnahme, nichts Anderes.“ „Ol ich habe keinen Grund, Dir den Auftrag, den ich Picaut gegeben habe, zu verbergen; ich habe ihm anbefohlen, den Befehlshaber des Jungen Carl zu benachrichtigen, daß ich um drei Uhr an ſeinem Bord ſein würde. Nun! man hat weder Mann noch Pferd wieder geſehen, ſo daß, wenn es Joſeph Picaut iſt, der uns nachgegengen, er in der Umgegend auf der Lauer liegen muß.“ „Warum das?“ fragte Courtin;„hätte er Sie ausliefern wollen, ſo wäre nichts leichter geweſen, als die Gendarmen herzuſchicken.“— Michel ſchüttelte den Kopf. „Warum nicht?“ 2 9 „Ich ſage nicht, daß er an mich will, Courtin; ich ſage nicht, daß er meinetwegen uns geſtern be⸗ lauert hat.“ „Warum?“ „Weil mein Kopf nicht ſo hoch im Preiſe ſteht, um einen Verrath zu bezahlen, Courtin.“ „Aber auf wen bezog ſich dieſes Ausſpioniren?“ 76 fragte der Pächter, alle Einfalt zu Hülfe rufend, die er ſeinem Ton und ſeinem Geſicht einzuverlei⸗ ben im Stande war. 4 „Einem Vendéer⸗Häuptling, den ich zugleich mit mir hätte retten wollen,“ antwortete Michel, der den Weg bemerkte, den ihn ſein Gegenredner einſchla⸗ gen laſſen wollte, es indeſſen nicht bedauerte, ihn zur Hälfte in ſein Geheimniß einzuweihen, um ſich ſeiner im gegebenen Augenblick zu bedienen. „Ahl Ah!“ bemerkte Courtin;„ſollte er die Zufluchtsſtätte dieſes Vendéer⸗Häuptlings entdeckt haben? Das wäre ein Unglück, Herr Michel.“ „Nein; er hat glücklicher Weiſe nur die erſte Ringmauer überſchritten; aber ich fürchte, wenn er ſich zum zweiten Male mit uns beſchäftigt, möchte er glücklicher, als das erſte Mal ſein.“ „Und wie könnte er ſich mit Ihnen beſchäftigen?“ „Ei! wenn er dieſen Abend uns belauerte, ſähe er wohl, daß ich ein Stelldichein mit Mary habe.“ „Ah! Mordieu, Sie haben Recht.“ 6 „Auch bin ich nicht ohne Unruhe,“ fuhr Michel ort. „Wiſſen Sie was? nehmen Sie dieſen Abend mich mit, und wenn ich bemerke, daß man Ihnen folgt, ſo wird ein Pfiff Sie benachrichtigen, um das Weite zu ſuchen.“ „Aber Du?“ Courtin brach in ein Gelächter aus. „O! ich riskire nichts; meine Meinungen ſind bekannt, Gott ſei Dank! und in meiner Eigenſchaft als Maire kann ich ungeſtraft ſchlechte Bekannt⸗ ſchaften haben.“ 77 „Zu Etwas iſt das Unglück doch gut,“ ſagte Michel ſeinerſeits lachend;„aber warte doch, wie viel Uhr iſt dieß?“ „Es ſchlägt neun Uhr auf der Kirche von Bouffay.“ „In dieſem Fall komm, Courtin.“ „Sie nehmen mich alſo mit?“ „Allerdings.“ Courtin ergriff den Hut, Michel den ſeinigen, und beide gingen ab und gelangten ſchnell zu der Ecke, wo Michel auf Courtin geſtoßen war. Courtin hatte zu ſeiner Rechten die Marktſtraße, zur Linken das Gäßchen, auf welches die Thüre ging, die er mit einem Kreuz bezeichnet hatte. „Bleibe hier, Courtin,“ ſagte Michel,„ich gehe bis an das andere Ende dieſes Gäßchens; ich weiß noch nicht, von welcher Seite Mary kommt: ge⸗ ſchieht es von der Deinigen, ſo weiſe ſie mir zu; kommt ſie von der meinigen, ſo nähere Dich ſo weit, um uns im Falle der Noth kräftige Hand zu reichen.“ „Seien Sie ruhig,“ antwortete Courtin. Und er pflanzte ſich an ſeinem Poſten auf. Courtin war auf dem Gipfel der Freude; ſein Plan war vollſtändig gelungen; auf eine oder die andere Art mußte er mit Mary in Berührung gebracht werden. Mary, wußte er, war die innigſte Vertraute von Petit⸗Pierre. Er wollte Mary fol⸗ gen, wenn ſie Michel verließ, und zweifelte nicht im Mindeſten, das Mädchen würde, da ſie nicht bearg⸗ wohnte, verfolgt zu werden, ſelbſt auf ihrer Rück⸗ kehr die Zufluchtsſtätte der Prinzeſſin verrathen. 78 Der Schlag von halb zehn Uhr überraſchte Courtin noch mitten unter dieſen Betrachtungen. Kaum verſchwand der zitternde Nachklang des Metalls in der Luft, ſo hörte Courtin einen leichten Schritt auf ſeiner Seite kommen; er ging dieſem Schritt entgegen und erkannte in einer jungen Bäuerin, in einen Mantel gehüllt und in der Hand ein Päckchen, mit einem Taſchentuch umwunden tragend, Mary. Das Mädchen zögerte beim Anblick eines Man⸗ nes, der die Straße zu hüten ſchien, weiter zu gehen; aber Courtin ſchritt gerade auf ſie zu und gab ſich zu erkennen. „Schön, ſchön, Mademoiſelle Mary,“ erwiderte er auf die erfreuten Aeußerungen des Mädchens, „aber Sie ſuchen nicht mich, nicht wahr? Es iſt der Herr Baron. Nun, er iſt da unten, er wartet auf Sie.“ Und er deutete mit dem Finger nach dem einen Ende des Gäßchens. Das Mädchen dankte mit einem Kopfnicken und eilte in der von Courtin angegebenen Richtung weiter.. Was den letztern betraf, ſo ſetzte er ſich, über⸗ zeugt, daß die Unterhaltung lang dauern werde, philoſophiſch auf einen Weichſtein. Allein von dieſem Stein aus konnte er die bei⸗ den jungen Leute ſehen, während er zugleich von ſeinem künftigen Glück träumte, das ihm auf ſo gutem Wege ſchien. Wirklich hielt er durch Mary ein Ende des 79 Fadens zu dem Labyrinth und hoffte ſicher, daß der Faden dieſes Mal nicht zerreißen würde. Aber er hatte nicht viel Zeit, große Träume auf die goldenen Wolken ſeiner Einbildungskraft aufzubauen; die jungen Leute tauſchten nur einige Worte aus und kamen wieder auf ihn zu. Sie kamen an ihm vorbei; der junge Baron führte ſeine Verlobte fröhlich am Arm und hielt in der Hand das Päckchen, das der Pächter bei Mary geſehen hatte. Michel machte ihm ein Zeichen mit dem Kopf. „Ol o!“ ſagte der Pächter bei ſich,„ſollte es nicht ſchwerer ſein, als ſo; wirklich, da wäre kein Verdienſt dabei.“ Aber da dieſe Geſchwindigkeit wunderbar ſeine Angelegenheit förderte, ſo ließ er ſich nicht bitten, Michels Zeichen zu gehorchen, und marſchirte in ſehr geringer Entfernung hinter beiden Liebenden her. Doch bemächtigte ſich bald eine gewiſſe Unruhe des würdigen Pächters. Anſtatt wieder nach der obern Stadt hinaufzu⸗ ſteigen, wo nach Courtins inſtinktmäßigem Gefühl der Verſteck ſein mußte, wandten ſich die beiden jungen Leute nach dem Fluß hinab. Der Pächter folgte allen ihren Bewegungen mit tiefer Unruhe. Aber bald gerieth er auf die Vermuthung, Mary habe nach dieſer Seite irgend einen Gang zu machen, und Michel begleite ſie auf demſelben. Inzwiſchen wurde ſeine Unruhe lebhafter, als er am Kanal angekommen, die beiden jungen Leute — 80 auf das Gaſthaus zum Anbrechenden Tag zuſchrei⸗ ten ſah. Daſelbſt angelangt, traten ſie kühn durch das Hofthor ein. Bei dieſem Anblick konnte er ſich nicht mehr zurückhalten, ſondern eilte dem jungen Baron im Geſchwindſchritt nach. „Was gibt es?“ fragte Courtin. „Courtin, mein Freund,“ erwiderte der junge Baron,„nur das, daß ich der glücklichſte Menſch auf Erden bin.“ „Wie ſo?“ 3 „Schnell! ſchnell! hilf mir zwei Pferde ſatteln.“ „Wie, zwei Pferde! Und Mademoiſelle, Sie begleiten dieſelbe alſo nicht zurück?“ 3 „Nein, Courtin, ich nehme ſie mit.“ „Wohin denn?“ „Nach Banloeuvre, wo wir uns über die Maß⸗ regeln zu unſerer gemeinſamen Flucht berathen werden.“ „Und Mary verläßt auf ſolche Weiſe....“ Er hielt ein, denn er begriff, daß er zu weit ginge. elher Michel war zu glücklich, um mißtrauiſch zu ſein. „Mademoiſelle Mary verläßt Niemand, mein lieber Courtin; wir ſchicken Bertha an ihre Stelle; Du verſtehſt, daß ich nicht ſelbſt mich damit befaſſen kann, Bertha zu ſagen, ich liebe ſie nit.“ „So! Und wer nird es ihr ſagen?“ „Beunruhige Dich deßhalb nicht, Courtin, Je⸗ N α .314 mand nimmt es über ſich; ſchnell! ſchnell! ſatteln wir— Pferde!“ 1 haben alſo Pferde?“ „Nein, ich für meine Perſon habe keine Pferde hier; aber, verſtehſt Du, es gibt Pferde da zur Verfügung derer, welche gleich uns im Intereſſe der Sache reiſen.“ Und Michel ſchob Courtin in den Stall. Wirklich fraßen zwei Pferde, als ob ſie für die Abſicht der beiden jungen Leute gerichtet geweſen wären, ihren Hafer im Stall. Im Augenblick, da Michel den Sattel auf den Rücken des einen von ihnen legte, kam der Wirth mit Mary herunter. 3 „Ich komme von Süden und gehe nach Rosny,“ ſprach Michel zu ihm, ſein Pferd ſattelnd, während Courtin, jedoch langſamer, mit dem ſeinigen das⸗ ſelbe that. „Gut,“ begnügte ſich der Wirth zu antworten, indem er mit dem Kopf ein Zeichen der Zuſtim⸗ mung machte. Und da Courtin noch im Rückſtand war, half er ihm, Michel nachzukommen. „Aber, Herr Baron,“ ſagte Courtin, einen neuen Verſuch machend,„warum nach Banloeuvre und nicht nach La Logerie gehen? Es ſcheint mir, daß Sie es nicht ſo ſchlecht zu La Logerie hatten.“ Michel fragte Mary mit dem Auge. „9! nein, nein,“ ſagte dieſe,„nicht nach La Logerie. Bedenken Sie, mein Freund, daß Bertha geraden Wegs dahin zurückkehren wird, um Erkun⸗ digungen nach Ihnen einzuziehen, um zu erfahren, Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 6 82 warum das Schiff Niemand aufnahm, und ich will ihr nicht mehr unter die Augen kommen, ehe die bewußte Perſon ſie geſehen und mit ihr geſprochen hat. Es ſcheint mir, ich werde vor Scham und Schmerz ſterben, wenn ich mich wieder ihr gegen⸗ über finde.“ Bei dem Namen Bertha, zum zweiten Male ausgeſprochen, hatte Courtin, gleich einem Pferd beim Schmettern der Trompete, den Kopf zurückge⸗ worfen. „Ja, Mademoiſelle hat Recht, gehen Sie nicht nach La Logerie.“ „Nun, laſſen Sie ſehen, Mary,“ fuhr Michel t „Was?“ fragte das Mädchen. „Wer wird Ihrer Schweſter den Brief, der ſie nach Nantes beruft, überbringen?“ „Ei!“ fiel Courtin ein,„da wird es nicht ſchwer ſein, einen Boten zu finden, und wenn es nur das iſt, was Sie in Verlegenheit ſetzt, Herr Michel, ſo nehme ich es auf mich.“ Michel zögerte; aber gleich Mary ſcheute er ſich, Zeuge der erſten Aufwallungen Bertha's zu ſein. Er befragte das Mädchen mit dem Auge. Dieſe machte ein zuſtimmendes Zeichen. „Dann nach Banloeuvre,“ ſprach Michel, den Brief Courtin übergebend.„Haſt Du uns etwas zu ſagen, Courtin, ſo wirſt Du uns dort finden.“ „Ach! arme Bertha! arme Bertha!“ ſeufzte Mary, ſich auf ihr Pferd ſchwingend,„nie werde ich mich über mein Glück tröſten.“ Michel hatte gleichfalls das ſeinige beſtiegen. for die en erd ge⸗ 83 Beide waren im Sattel; ſie grüßten den Beſitzer des Gaſthauſes mit der Hand. Michel empfahl zum letzten Mal ſeinen Brief Courtin und beide ſprengten von dem Wirthshauſe zum Anbrechenden Tag hinweg Am Ende des Pont Rouſſeau ritten ſie beinahe einen Mann um, der trotz der Hitze der Jahreszeit in einen Mantel gehüllt war, womit er ſich das Geſicht bedeckte. Dieſe düſtere Erſcheinung erſchreckte Michel und er trieb ſein Pferd zu raſcherem Schritt an, indem er Mary aufforderte, daſſelbe zu thun. Michel wandte ſich nach hundert Schritten um; der Mann hatte Halt gemacht und folgte, trotz der Dunkelheit ſichtbar, ihnen mit den Augen. „Er ſchaut uns nach, er ſchaut uns nach,“ ſagte Michel, der inſtinctmäßig fühlte, daß er hart an einer Gefahr vorübergekommen war. 3 Der Mann verlor ſie aus dem Geſicht und ſetzte ſeinen Weg nach Nantes fort. An der Thüre des Gaſthauſes hielt er an, ſuchte Jemand mit den Augen und erblickte einen Mann, der im Stall beim Schein der Laterne einen Brief las. Er näherte ſich dem Mann, der bei dem Ge⸗ räuſch, das er verurſachte, den Kopf umdrehte. „Ahl Sie ſind es,“ ſprach Courtin;„meiner Treu, Sie wären beinahe zu früh angekommen. Sie hätten mich in einer Geſellſchaft gefunden, die Ihnen nicht anſtändig geweſen wäre.“ „Wer ſind die beiden jungen Leute, die mich am Ende der Brücke beinahe umgeritten häuent 84 „Gerade die Geſellſchaft, in der ich mich befand.“ „Nun, was gibt es Neues?“ „Gutes und Schlechtes, aber doch mehr Gutes als Schlechtes.“ 5 „Iſt es für dieſen Abend?“ „Nein, noch nicht; die Partie muß wieder friſch angefangen werden.“ „Sie wollen ſagen, die Partie iſt fehlgeſchlagen, Sie Ungeſchick?“ Courtin lächelte. „Wahr!“ antwortete er,„ſeit geſtern ſpiele ich unglücklich, aber baſta! begnügen wir uns, zu ge⸗ hen, ohne das Verlangen, zu laufen; ſo unfrucht⸗ bar mein Tag in Rückſicht auf das unmittelbare Reſultat ſein mag, es iſt doch ein Tag, den ich nicht um zwanzigtauſend Francs geben würde.“ „Ah! ah! Sind Sie deſſen ganz ſicher?“ 5 ee, und der Beweis iſt, daß ich ſchon Etwas abe.“ „Was?“ „Das,“ antwortete Courtin, auf das Billet dutend, das er eben entſiegelt und geleſen hatte. „Ein Billet?“ „Ein Billet.“ „Und was enthält dieſes Billet?“ fragte der Mann im Mantel, indem er die Hand darnach aus⸗ ſtreckte. „Nicht doch, wir wollen zuſammen leſen, aber ich behalte es, in Betracht, daß ich bauftragt bin, es zu überliefern.“ „Laſſen Sie ſehen,“ ſprach der Mann. — NA ༗ N 8⁵ Beide näherten ſich der Laterne und laſen zu⸗ ſammen: „Wollen Sie ſich ſo ſchnell als möglich bei mir einfinden. Sie kennen die Loſungsworte. Ihr wohlgeneigter Petit⸗Pierre.“ „An wen iſt der Brief adreſſirt?“ „An Mademoiſelle Bertha de Souday.“ „Ihr Name ſteht weder auf dem Umſchlag, noch unten am Briefe.“ „Weil ein Brief verloren gehen kann.“ „Sie haben Recht. Und Sie ſind beauftragt, dieſen Brief zu überliefern?“ Der Mann warf einen zweiten Blick auf den Brief. „Es iſt ganz ihre Handſchrift. Ahl wenn Sie mir geſtattet hätten, Sie zu begleiten, ſie wäre jetzt in unſerer Gewalt.“ „Was macht das! Vorausgeſetzt, daß ich ſie Ihnen ausliefere.“ „Ja, Sie haben Recht. Wann ſehe ich Sie wieder?“ „Uebermorgen.“ „Hier oder auf dem Lande?“ „Bei Saint Philibert de Grandlieu; es iſt halb⸗ wegs von Nantes und meiner Wohnung.“ „Und dießmal werde ich mich nicht für Nichts bemühen?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Suchen Sie, Ihr Wort zu halten; ich halte das Meinige, und ſehen Sie hier das Geld„ das 86 ich bereit habe und das Sie nicht warten laſſen Bei dieſen Worten öffnete der Mann ſein Porte⸗ feuille und zeigte wohlgefällig dem Pächter ein Päck⸗ chen Banknoten, das ſich auf hunderttauſend Francs belaufen konnte. „Ah!“ ſprach dieſer,„Papier!“ „Allerdings Papier, aber Garat unterzeichnet. Das iſt eine gute Unterſchrift.“ 1 „Macht nichts;“ antwortete Courtin,„ich ziehe das Gold vor.“ „Nun gut, man wird Sie in Gold bezahlen,“ erwiderte der Mann im Mantel, indem er ſein Portefeuille wieder in die Taſche ſteckte und den Mantel über ſeinen Rock ſchlug. Wären die beiden Sprecher nicht allzuſehr von ihrer Unterhaltung in Anſpruch genommen geweſen, ſo würden ſie bemerkt haben, daß ſeit zwei oder drei Minuten ein Bauer, der vermittelſt eines Kar⸗ rens von der Straße aus auf die Mauer geklet⸗ tert war, ſie behorchte und von ſeinem Poſten die Banknoten mit einer Miene betrachtete, die gewiß ſagen wollte, an Courtins Platz würde er nicht ſo heikel wie dieſer ſein und ſich mit Garats Unter⸗ ſchrift vollkommen zufrieden geben. „Alſo übermorgen zu Saint⸗Philibert,“ wieder⸗ holte der Mann im Mantel. „Uebermorgen.“ „Um wie viel Uhr?“ „Nun, gegen Abend.“ „Nehmen wir ſieben Uhr; wer zuerſt ankommt, wartet auf den andern.“ — . nt, — 87 „Und Sie bringen Silber mit?“ „Nein, Gold.“ „Sie haben Recht.“ „Sie hoffen alſo, daß wir übermorgen ans Ziel kommen?“ „Ei, hoffen wir immerhin, hoffen koſtet nichts.“ „Uebermorgen, um ſieben Uhr, zu Saint⸗Phili⸗ bert,“ ſprach der Bauer, ſich von der Mauer auf die Straße herabgleiten laſſend.„Man wird dort ein.“ Dann ſetzte er mit einem Lachen, das ſehr wie Zähneknirſchen ausſah, hinzu: „Iſt man gebrandmarkt, ſo muß man wohl ſein Wahrzeichen verdienen.“ LXXVI. Wo der Marquis von Souday Auſtern ſiſchen will und Picaut fängt. Bertha, welche La Logerie zu gleicher Zeit mit Michel verlaſſen hatte, war nach zweiſtuͤndigem Marſche bei ihrem Vater. Sie hatte den Marquis außerordentlich nieder⸗ dergeſchlagen und vollkommen überdrüſſig des ein⸗ ſiedleriſchen Lebens gefunden, das er in dem Bau führte, welchen Meiſter Jacques für ſeinen perſön⸗ lichen Gebrauch hatte einrichten laſſen und in wel⸗ en derſelbe nun ſeine Wohnung aufgeſchlagen atte. Wie Michel, aber in Folge eines geinn ritter⸗ 88 lichen Gefühls, hatte ſich Herr von Souday nicht entſchließen können, die Vendée zu verlaſſen, ſo lang Petit⸗Pierre noch einige Gefahr daſelbſt lief; aber auf die Mittheilung, welche ihm Bertha von der wahrſcheinlichen Abreiſe des Hauptes ihrer Partei machte, hatte der alte vendéeiſche Edelmann, ohne Begeiſterung, es riskirt, den Rath, den ihm der General gegeben, zu befolgen und zum dritten Male auf fremdem Boden das Leben zu verſuchen. Sie verließen alſo den Wald von Touvois und Meiſter Jacques, deſſen Hand, jedoch mit Verluſt von zwei Fingern, beinahe geheilt war, hatte er⸗ klärt, ſie bis an die Küſte begleiten zu wollen, um ihnen bei ihrer Einſchiffung behülflich zu ſein. Es war gegen Nitternacht, als die drei Wan⸗ derer, welche der Straße von Machecoul folgten, über der Niederung von Souday ſich befanden. Beim Anblick der vier Wetterfahnen ſeines kleinen Schloſſes, die in den Strahlen des Mondes mitten unter den Flächen düſtern Grüns, welche es umgaben, ſich abſpiegelten, konnte der Vater einen Seufzer nicht unterdrücken. Bertha hörte es und näherte ſich ihm. „Was fehlt Dir, Vater?“ fragte ſie ihn,„und woran denkſt Du?“ „An gar Vieles, mein armes Kind,“ antwortete der Marquis, den Kopf ſchüttelnd. „Verfalle nicht wieder in dieſe düſteren Vorſtel⸗ lungen, Vater; Du biſt noch jung, Du biſt noch kräftig, Du wirſt Dein Haus wieder ſehen.“ „Ja,“ bemerkte der Marquis mit einem Seuf⸗ 74 zer,„aber.. —,— 89 Er hielt beinahe erſtickt inne. „Aber was?“ fragte Bertha. „Aber ich werde meinen armen J nicht wieder finden.“ „Leider!“ rief das Mädchen. „O Haus! Haus!“ ſprach der Marquis,„armes Haus, wie leer wirſt Du mir vorkommen!“ Wiewohl in dem Kummer des Marquis mehr Selbſtſucht als Anhänglichkeit an ſeinen Diener lag, wäre der arme Oullier, hätte er dieſe Wehklage ſei⸗ nes Herrn hören können, doch ſicher ſehr tief davon gerührt worden. Bertha erwiderte: „Ei! guter Vater, ich weiß nicht warum, aber ich kann mir nicht vorſtellen, was man auch geſagt haben mag, daß unſer armer Freund todt ſei; i beweine ihn zuweilen, aber es ſcheint mir, wäre er wirklich todt, würde ich ihn mehr beweint haben, und immer kommt eine geheime Hoffnung, von der ich mir nicht wohl Rechenſchaft gebe, meine Thrä⸗ nen zurückzuhalten und zu trocknen.“ „Eil das iſt doch ſeltſam,“ fiel Meiſter Jacques ein,„aber ich bin derſelben Meinung mit Made⸗ moiſelle. Nein, Jean Oullier iſt nicht todt, und ich habe mehr als Muthmaßungen; ich habe den Leichnam, welchen man für den ſeinigen ausgab, ge⸗ ſehen und ihn nicht als ſolchen erkannt.“ „Aber was wäre dann aus ihm geworden?“ fragte der Marquis von Souday. „Meiner Treul ich weiß es nicht,“ antwortete Meiſter Jacques,„aber ich erwarte alle Tage von ihm zu hören.“ ſean Oullier 90 Der Marquis ſtieß einen neuen Seufzer aus. In dieſem Augenblick kam man durch eine Ecke des Waldes; vielleicht dachte er an die Hekatomben von Wild, die er an ſeinen ſchattigen Ständen ge⸗ bracht hatte, welche er ach! nicht mehr zu ſehen glaubte; vielleicht hatten die wenigen Worte, die von Meiſter Jacques geſagt worden waren, ſein Herz der Hoffnung, eines Tags ſeinen treuen Diener wieder zu ſehen, geöffnet. Dieſe Vor⸗ ausſetzung bleibt die wahrſcheinlichſte, denn er empfahl mehrmals dem Herrn der Kaninchen, über das Schickſal Jean Oulliers genaue Erkundigungen einzuziehen, und ihn den Erfolg davon wiſſen zu laſſen. Am Meeresufer angekommen, ging der Marquis nicht völlig auf den Plan ein, den Michel und ſeine Tochter fuͤr ihre Einſchiffung entworfen hatte; er fürchtete, wenn die Goölette am Lande hinſegle, um ſie vor der Bai von Bourgneuf zu erwarten, würde ſie die Aufmerkſamkeit der Kutter, welche die Küſten⸗ polizei bildeten, auf ſich ziehen; er wollte nicht den Vorwurf auf ſich laden, durch ein perſönliches Ge⸗ fühl die Rettung von Petit⸗Pierre aufs Spiel ge⸗ ſetzt zu haben, und entſchied ſich alſo dahin, er und ſeine Tochter wollten vielmehr zur See dem Schiff, das ſie mitnehmen ſollte, entgegengehen. Meiſter Jacques, der an der ganzen Küſte Ein⸗ verſtändniſſe hatte, fand für den Marquis von Souday einen Fiſcher, der vermittelſt einiger Louis⸗ dor einwilligte; ſie in ſein Boot zu nehmen und an Bord des Jungen Carl zu bringen. Das Boot lag am Ufer geſtrandet. Der Mar⸗ G . i —— 44 8—— o—&K&— d — 91 quis von Souday, in dieſem Manöver von Meiſter Jacques unterrichtet, ſchlüpfte mit Bertha hinein, indem er die Aufmerkſamkeit der Zollbeamten von Pornic, welche an der Küſte Wache hielten, täuſchte. Eine Stunde nachher, da mit der Fluth das Boot ſich hob, ſchifften der Patron und ſeine beiden Söhne, die ihm als Mannſchaft dienten, ſich ein und fuhren auf die hohe See. Da etwa noch eine halbe Stunde fehlte, bis der Tag anbrach, wartete der Marquis nicht ab, bis das Schiff auf der See war, um ſeinen Verſteck in dem Halbdecke zu verlaſſen, wo er ſich noch un⸗ behaglicher als in dem Bau von Meiſter Jacques fühlte. Als er ihn zum Vorſchein kommen ſah, zog der Fiſcher Erkundigung von ihm ein. „Sie ſagen, mein Herr,“ fragte er,„das Schiff, welches Sie erwarten, müßte vom Fluß hinaus⸗ fahren?“ 3 „Ja,“ antwortete der Marquis. „Um welche Stunde hat es Nantes verlaſſen müſſen?“ „Zwiſchen drei bis fünf Uhr Morgens,“ erwi⸗ derte Bertha. Der Fiſcher befragte den Wind.: „Mit dieſem Wind,“ bemerkte er dann,„braucht es nicht weiter als vier Stunden, um zu uns zu gelangen.“ Dann fuhr er, weiter rechnend, fort: „Der Wind iſt Südweſt; die Fluth iſt bis drei Uhr geſtiegen; wir müſſen es gegen acht Uhr zu Geſicht bekommen; indeſſen werden wir, um uns 92 nicht die Küſtenwache auf den Hals zu laden, nicht übel thun, ſcheinbar einige Mal das Scharrnetz aus⸗ zuwerfen, was uns zum Vorwand dienen wird, daß wir vor dem Fluß hinſteuern.“ 3 „Wie, nur ſcheinbar?“ rief der Marquis;„ich hoffe wohl, daß wir ganz im Ernſt fiſchen. Mein Leben lang habe ich gewünſcht, mich dieſer Beſchäf⸗ tigung hinzugeben, und meiner Treu! da mir für dieſes Jahr die Jagd im Walde von Machecoul verboten iſt, ſo iſt es ein allzuſchöner Erſatz, den der Himmel mir ſendet, als daß ich ihn mir ent⸗ ſchlüpfen laſſen ſollte.“ Und der Marquis begann, trotz der Bemerkun⸗ gen Bertha's, welche fürchtete, der hohe Wuchs ihres Vaters möchte ihn von ferne kenntlich machen, den Fiſchern bei ihrer Arbeit Beiſtand zu leiſten. Man ließ alſo das Netz hinab, ließ es einige Zeit auf dem Grund des Meeres hingehen, und der Marquis von Souday, der wacker das Tau ange⸗ holt hatte, um beim Heraufziehen behülflich zu ſein, empfand eine wahrhaft kindiſche Freude beim Anblick der Meeraale, Steinbutten, Plattfiſche und Rochen, welche man aus der Tiefe des Meeres hob. Er vergaß ſogleich ſeine Bekümmerniſſe, ſeine Erinnerungen, ſeine Hoffnungen, Souday und den Wald von Machecoul, die Moräſte von Saint⸗Phi⸗ libert und die großen Haiden, und mit ihnen die Wildſchweine, die Rehe, die Füchſe, die Haſen, die Rebhühner und Schnepfen, um nur an die Seebe⸗ völkerung mit glatter oder ſchuppiger Haut zu den⸗ ken, welche jeder Netzwurf ihm vor Augen brachte. Der Tag erſchien. —,— OV ˖—,—— 93 Bertha, die bis dahin, im Vordertheil ſitzend ſich ganz träumeriſch in ihre Gedanken verſenkt hatte, während ihre Augen die Woge ſich am Bug des kleinen Fahrzeugs in zwei phosphoreſcirende Hälften theilen ſahen, Bertha ſtieg auf einen Hau⸗ fen zuſammengerollter Taue und ſchaute nach dem Horizont aus. Mitten durch den Morgennebel, dichter an der Mündung des Fluſſes, als auf der See, erblickte ſie die hohen Maſten und Spieren einiger Schiffe, aber keines derſelben trug den blauen Wimpel, wo⸗ ran man den Jungen Carl erkennen ſollte. Sie bemerkte dieß gegen den Fiſcher, der ſie mit der Verſicherung beruhigte, es ſei eine Unmöglichkeit, daß das Fahrzeug, in der Nacht von Nantes abge⸗ gangen, ſchon die hohe See gewonnen haben könne. Uebrigens ließ der Marquis dem würdigen Fi⸗ ſcher keine Zeit, ſeiner Tochter lange Nachweiſun⸗ gen zu geben, denn er hatte an dem Gewerbe die⸗ ſer braven Leute ſolchen Geſchmack gewonnen, daß er von einem Netzwurf zum andern nur die ſtreng nothwendige Zeit vergehen ließ und die Zwiſchen⸗ pauſen noch dazu anwendete, ſich bei dem alten See⸗ mann über die erſten Elemente der nautiſchen Wiſ⸗ ſenſchaft zu unterrichten. Mitten in dieſer Unterhaltung machte ihm der Fiſcher bemerklich, daß wenn ſie ſo fortführen, das Netz zum Streichen auszuwerfen, ſie genöthigt wären, beinahe vor dem Winde zu ſteuern und auf ſolche Weiſe zuletzt beträchtlich von der Küſte und ihrem Beobachtungspoſten abkommen mürden; aber der Marquis achtete mit jener Gleich⸗ 94 gültigkeit, welche einen Hauptzug ſeines Characters bildete, nicht auf dieſen Grund, ſondern füllte un⸗ unterbrochen mit dem Ertrag ſeiner Fiſcherei den kleinen Raum des Fahrzeugs. Der Morgen war vorüber; es mochte zehn Uhr ſein und man hatte noch nichts kommen ſehen; Bertha war ſehr unruhig und hatte ſchon mehrmals ihre Beſorgniſſe ihrem Vater mitgetheilt, ſo daß der Marquis endlich auf ihr Andringen einwilligen mußte, ſich der Flußmündung wieder zu nähern. Er benutzte dieſen Umſtand, ſich von dem alten Seemann das Mittel zeigen zu laſſen, dicht beim Winde zu ſegeln, das heißt, die Segel ſo zu ſtellen, daß ſie mit dem Kiel einen ſo kleinen Winkel bilde⸗ ten, als nur das Takelwerk geſtattete, und ſie wa⸗ ren beide an dem verwickeltſten Punkt der Demon⸗ ſtration, als Bertha einen lauten Schrei ausſtieß. Sie bemerkte eben einige Klafter von der Barke ein großes Schiff, das mit vollen Segeln dahin fuhr, aber bisher von ihr nicht beachtet worden war, weil es nicht das verabredete Signal trug; doch hatten deſſen Klüver ihr die Annäherung kennt⸗ lich gemacht. „Vorgeſehen! Vorgeſehen! ein Schiff kommt auf uns zu.“ Der Fiſcher drehte ſich um und erkannte mit ei⸗ nem Blick ſo deutlich die ihnen drohende Gefahr, daß er raſch dem Marquis das Steuerruder aus den Händen riß und, ohne ſich darum zu bekümmern, daß er dieſen dadurch auf das Verdeck niederſtreckte, mit aller Geſchwindigkeit manövrirte, um ſich aus⸗ wärts von dem auf ſie zueilenden Schiffe zu brin⸗ 95 gen und ſo ohne Unfall aus ſeinem Fahrwaſſer wegzukommen. Aber ſo ſchnell auch dieſes Manöver geweſen war, konnte er doch nicht verhindern, daß die Barke anſtieß; der Giekbaum des Brigantinſegels ſtreifte mit großem Geräuſch die Seiten des Schiffs, ſein Fuß verwickelte ſich einen Augenblick in die Ver⸗ längerungshölzer des Bugſpriets. Sie neigte ſich, bekam eine Stürzwoge, und hätte ſie das Manöver des Fiſchers, indem er ihr den Wind erhielt, nicht raſch weit hinweggeführt, ſie würde ſich vielleicht nicht ſo ſchnell, oder vielleicht gar nicht wieder auf⸗ gerichtet haben. „Der Teufel hole dieſe unglückſeligen Küſten⸗ fahrer!“ rief der alte Fiſcher,„eine Secunde mehr, und wir würden jetzt auf dem Grunde des Meers di Fiſche erſetzen, die wir davon heraufgeholt aben.“ „Wende! Wende!“ rief der Marquis, den ſein Fall in Zorn gebracht hatte;„lauf' ihm den Wind ab, und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich nicht an Bord ſteige, um von dem Kapitän Rechenſchaft für ſeine Unverſchämtheit zu fordern.“ „Wie wollen Sie doch,“ rief der alte Fiſcher, „daß wir mit unſern zwei elenden Klüvern und un⸗ ſerem armen Brigantinſegel dieſe Seemöve einholen. Hat der Lump doch von Leinwand alle Beiſegel und ein Sturmſegel heraus, läuft er, nein läuft.... „Und doch muß es ſein,“ rief Bertha, nach dem Sintertheil ſtürzend,„denn es iſt der Junge arl.“ Und ſie zeigte ihrem Vater einen breiten weißen, 96 am Hintertheil des Schiffes befindlichen Streifen, auf dem man in goldenen Buchſtaben las: „Der Junge Carl.“ „Du haſt meiner Treu Recht, Bertha,“ rief der Marquis;„wendet doch, mein lieber Freund, wen⸗ det; aber wie kommt es, daß er das mit Frau von La Logerie verabredete Signal nicht hat? Wie kommt es vornehmlich, daß er, anſtatt nach der Bai von Bougneuf zu ſegeln, wo er uns erwarten ſollte, nach Weſten hält?“ „Vielleicht iſt ein Unglück geſchehen,“ rief Ber⸗ tha, vor Schrecken kreideweiß. „Wenn nur nicht Petit⸗Pierre!“ flüſterte der Marquis. Bertha bewunderte den Stoicismus ihres Va⸗ ters, flüſterte aber ihrerſeits ganz leiſe: „Wenn nur nicht Michel!“ „Macht nichts,“ ſprach der Marquis,„wir müſ⸗ ſen wiſſen, woran wir uns zu halten haben.“ Die kleine Barke hatte während dieſer Zeit vor dem Winde gewendet und indem ſie ſich in denſelben brachte, die Schnelligkeit ihrer Bewegung vergrö⸗ ßert; dieſes ziemlich raſche Manöver auf einem Fahrzeug von ſo geringem Tonnengehalt hatte der Gotblette nicht geſtattet, trotz der Ueberlegenheit ih⸗ res Segelwerks ſich merklich zu entfernen. Der Fiſcher konnte alſo das Schiff anrufen. Der Kapitän erſchien auf dem Verdeck. „Sind Sie der Junge Carl, von Nantes kommend?“ fragte der Patron der Barke, indem er aus ſeinen beiden Händen ein Sprachrohr machte. „Was geht das Dich an,“ antwortete der Ka⸗ 97 pitän der Goslette, welchem die Gewißheit, den Fängen der Juſtiz entkommen zu ſein, ſeine gute Laune noch keineswegs zurückgegeben hatte. „Weil ich Leute für Sie habe,“ antwortete der Fiſcher. „Sind das noch Commiſſionäre, tauſend Bindſel; wenn Du mir deren vom Kaliber dieſer Nacht bringſt, ſo bohre ich Dich, alter Auſternkratzer, in Grund, ehe Du an meinen Bord kommſt.“ „Nein, es ſind Paſſagiere; erwarten Sie keine Paſſagiere?“ „Ich erwarte nichts als guten Wind, um das Cap Finisterre zu umſegeln.“ „Laſſen Sie mich anlegen,“ ſagte der Fiſcher, auf Bertha's Eingeben. 3 Der Kapitän des Jungen Carl ſchaute nach dem Meer aus, und da er zwiſchen der Küſte und ſeinem Schiff Nichts wahrnahm, was ſeine Beſorgniſſe rechtfertigen konnte, überdieß neugierig war, zu er⸗ fahren, ob die Paſſagiere, von denen man ihm jetzt ſprach, nicht gerade die wären, deren Einſchiffung der Zweck ſeiner Reiſe geweſen, ſo ging er auf die Abſicht des Fiſchers ein, ließ ſeine Oberſegel ein⸗ ziehen und manövrirte dermaßen, daß er die Ge⸗ ſchwindigkeit ſeines Laufs verminderte. Bald war der Junge Carl der Barke nahe ge⸗ nug, um ihr ein kleines Ankertau zuzuwerfen, ver⸗ mittelſt deſſen man ſie unter Hackbord der Goslette brachte. „Nun, was gibt es jetzt?“ fragte der Kapitän, ſich zu der Barke herabbeugend. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. Vv. 7 98 „Bitten Sie Herrn de La Logerie, auf ein paar Worte zu uns zu kommen,“ antwortete Bertha. „Herr de La Logerie iſt nicht an meinem Bord,“ erwiderte der Kapitän. „Aber dann,“ fuhr Bertha mit zitternder Stimme fort,„wenn Sie Herrn de La Logerie nicht an Bord haben, ſind wenigſtens zwei Damen da?“ „Was die Damen betrifft,“ antwortete der Ka⸗ pitän,„ſo habe ich durchaus Nichts, als einen Lum⸗ penkerl, der mit Eiſen an den Füßen im Schiffs⸗ raum flucht und ſchwört, um ſelbſt das Schiff zu entmaſten und den Tonnen, an welche er angelegt iſt, einen Schauder einzujagen.“ „Mein Gott!“ rief Bertha ganz erſchrocken, „wiſſen Sie nicht, ob den Perſonen, die Sie ein⸗ ſchiffen ſollten, ein Unglück widerfahren iſt?“ „Meiner Treu, ſchönes Fräulein,“ ſagte der Kapitän,„wenn Sie mir erklären können, was dieß bedeuten ſoll, ſo werden Sie mich unendlich ver⸗ pflichten; denn der Teufel hole mich, wenn ich et⸗ was davon verſtehe. Dieſe Nacht ſind zwei Män⸗ ner gekommen, beide von Frau de La Logerie, aber mit verſchiedenen Aufträgen: der Eine wollte, daß ich ſogleich abgehe, der Andere forderte mich auf, zu bleiben und zu warten. Von dieſen beiden Män⸗ nern war der Eine ein ehrlicher Pächter, ein Maire, glaube ich; er hat mir Etwas wie den Zipfel einer dreifarbigen Schärpe gezeigt; er war es, der mir ſagte, ich ſolle die Anker lichten und mich aufs Schnellſte davon machen; der Andere, der, welcher mich zum Bleiben bewegen wollte, war ein alter Sträfling. Ich habe dem Glauben geſchenkt, was 99 aar von dem Reſpectabelſten der beiden Kirchſpielkinder kam; dem, was Alles zuſammengenommen, das am d,“ mindeſten compromittirende war; ich bin abgezogen.“ „O! mein Gott! mein Gott!“ rief Bertha,„es ime iſt Courtin, der kam; es wird Herrn de La Logerie ord ein Unglück begegnet ſein.“ —„Wollen Sie den Mann ſehen?“ fragte der Ka⸗ Kapitän. um⸗„Welchen?“ fragte der Marquis. ffs⸗„Den, der unten in Eiſen iſt; vielleicht erken⸗ zu nen Sie ihn, vielleicht gelingt es uns, die Sache legt nach der Wahrheit aufzuklären, wiewohl es zu ſpät iſt, als daß es noch zu etwas helfen könnte.“ een,„Zur Abreiſe, ja,“ ſprach der Marquis,„kann in⸗ es uns nichts nützen; aber vielleicht kann es noch zur Rettung unſerer Freunde aus Gefahr beitragen; der* laſſen Sie uns den Mann ſehen.“ ieß Der Kapitän gab Befehl und einige Secunden er⸗ ſpäter führte man Joſeph Picaut auf das Verdeck. et⸗ Er war noch immer in Banden und Ketten, aber in⸗ deſſen ungeachtet machte er beim Anblick der Küſten ber ſeiner Heimath Vendée, die er nicht mehr zu ſehen daß bedroht war, ohne den Raum, der ihn davon uf, trennte, und die Unmöglichkeit des Schwimmens für in⸗ ſich zu berechnen, eine Bewegung, um denen, die re, ihn führten, zu entwiſchen und ſich ins Meer zu ner 5 ſtürzen. nir Dieß ging am Steuerbord vor, ſo daß die Paſ⸗ ifs ſagiere der kleinen Barke, die am Hintertheil ange⸗ her legt hatten, nichts ſehen konnten; aber bei dem Ge⸗ ter ſchrei, das Picaut ausſtieß, bei dem Lärm, der auf as 7 100 dem Verdeck ausbrach, erkannten ſie, daß an Bord des Jungen Carl ein Kampf ſtatt fand. Der Fiſcher ſchob ſeine Barke längs der Seiten des Schiffs hin und man bemerkte Joſeph, der zwi⸗ ſchen vier Mann um ſich ſchlug. „Laßt mich ins Waſſer ſpringen,“ ſchrie er,„ich will lieber ſogleich ſterben, als an Bord des Schif⸗ fes verfaulen.“ Und wirklich wäre es ihm vielleicht gelungen, ſich ins Meer zu ſtürzen, als er das Geſicht des Marquis von Souday und Bertha's erkannte, welche dieſe Scene mit größtem Erſtaunen betrachteten. „Ach! Herr Marquis, ach! Mademoiſelle Ber⸗ tha,“ ſchrie Joſeph Picaut,„Sie werden mich ret⸗ ten, denn darum, daß ich die Befehle des Herrn de La Logerie vollzogen habe, läßt mich dieſes Thier von Kapitän ſo behandeln; und die Lügen von Courtin, der Canaille, ſind daran ſchuld.“ „Wir wollen ſehen, was Wahres daran iſt!“ bemerkte der Kapitän,„denn ich geſtehe Ihnen, wenn Sie mir dieſen Schelm da vom Halſe ſchaf⸗ fen können, werden Sie mir damit ein Vergnügen machen. Denn ich habe weder nach Cayenne noch nach Botany⸗Bay geladen.“ „Leider!“ ſprach Bertha,„iſt Alles wahr, mein Herr; ich weiß nicht, welchen Beweggrund der Maire von La Logerie hatte, um Sie zu beſtimmen, das Weite zu ſuchen, aber ſicherlich hat von beiden die⸗ ſer hier Ihnen die Wahrheit geſagt.“ „Dann macht ihn los, tauſend Bindſel! und er ſoll ſich hängen laſſen, wo er will. Aber was thun Sie jetzt? Sind Sie von den Unſern, oder ſind ——z 101 Sie es nicht? Bleiben Sie? Gehen Sie? Es wird mich nicht mehr koſten, Sie mitzunehmen. Ich war voraus bezahlt und um mit meinem Gewiſſen es abzumachen, wird es mir nicht leid ſein, Jemand mitzunehmen.“ „Kapitän,“ ſprach Bertha,„gibt es denn kein Mittel, in den Fluß zurückzukehren und in der kom⸗ menden Nacht die Einſchiffung vorzunehmen, welche vergangene Nacht ſtattfinden ſollte?“ „Unmöglich,“ antwortete der Kapitän, die Ach⸗ ſeln zuckend;„und die Douane und die Sanitäts⸗ Polizei. Nein, die Partie iſt nicht aufgehoben, die Partie iſt fehlgeſchlagen; allein ich wiederhole es Ihnen, wollen Sie mein Schiff nach England be⸗ nützen, ſo ſtehe ich zu Ihrer Verfügung; ol es wird Sie nichts koſten.“ Der Marquis ſchaute ſeine Tochter an, aber dieſe ſchüttelte den Kopf. „Danke, Kapitän, danke!“ antwortete der Mar⸗ quis,„es iſt unmöglich.“ „Dann trennen wir uns,“ erwiderte dieſer; „aber zuvor erlauben Sie mir, Sie um einen Dienſt zu bitten.“ .„Es handelt ſich um eine kleine Rechnung, die ich Ihnen völlig quittirt einhändigen will und zu meinen Gunſten durch Sie gern geregelt ſehen möchte, während Sie zugleich die Ihrige in Ordnung bringen.“ „Wir wollen ſehen, ich werde alles Mögliche thun, um Ihnen angenehm zu ſein, Kapitän,“ ant⸗ wortete Herr von Souday. „Dann übernehmen Sie es, hundert Bindſel⸗ 10² Hiebe dem Schelm zu geben, der ſich dieſe Nacht über mich luſtig gemacht hat.“ „Das ſoll geſchehen,“ ſagte der Marquis. „Ja, wenn ihm noch Kraft genug bleibt, ſie auszuhalten, nachdem, was er mir ſelbſt ſchuldet, ſaldirt iſt.“ Zu derſelben Zeit hörte man das Geräuſch eines ſchweren, in das Waſſer fallenden Körpers und zehn Schritte von der Barke kam eine Secunde nachher an der Oberfläche des Meers der Kopf Joſeph Picauts zum Vorſchein, der kräftig auf die Barke zuſchwamm. Einmal ſeiner Bande entledigt, hatte ſich der Chouan, ſo groß war ohne Zweifel ſeine Furcht, ein unvorhergeſehener Umſtand möchte ihn am Ende noch auf dem Schiff zurückhalten, kopfüber von der Schiffswand herabgeſtürzt. Der Patron und der Marquis ſtreckten ihm die Hand entgegen und mit ihrer Hülfe ſtieg Joſeph Picaut in das Boot. 4 Zu gleicher Zeit ließ der Kapitän das Tau nach, welches die kleine Barke hielt, und die Goë⸗ lette entfernte ſich, nachdem ſie den Wind gewon⸗ ven hatte⸗ von der Stelle, wo die Barke zurück⸗ ieb. Während der alte Fiſcher der Küſte zuſteuerte, hielten Bertha und der Marquis von Souday mit einander Rath. Trotz aller Erklärungen Picauts, und dieſe Erklärungen waren kurz, da der Chouan Courtin nur in dem Augenblick ſah, wo dieſer ſeine Feſt⸗ nahme veranlaßt hatte, konnten ſie ſich keine Re⸗ ht ſie et, ſch rs de pf die er ht, de er die ph au ö⸗ n⸗ ck⸗ te, nit eſe tin eſt⸗ ie⸗ 103 chenſchaft von dem Zweck geben, den der Maire von La Logerie bei ſeiner Handlungsweiſe hatte. Aber ſein Benehmen mußte ihnen dennoch verdäch⸗ tig erſcheinen, und was auch Bertha ſagen mochte, die ihren Vater an die ſorgliche Ergebenheit, die er für Michel an den Tag gelegt, an die Anhäng⸗ lichkeit, die ſie ihn für ſeinen Herrn hatte ausſpre⸗ chen hören, erinnerte, der Marquis war der Mei⸗ nung, dieſes winkelzügige Benehmen verberge einen nicht allein für die Sicherheit Michels, ſondern auch ihrer Freunde gefährlichen Plan.. Was Picaut betraf, ſo erklärte er deutlich, er dürſte einzig nach Rache, und wenn Herr von Sou⸗ day ihm einen Matroſen⸗Anzug verſchaffen wollte, eben ſo ſehr zur Verkleidung als zum Erſatz für ſeine in dem vorhin beſtandenen Kampf zerriſſenen Kleider, ſo würde er nach Betreten des Landes ſich ſogleich nach Nantes auf den Weg machen. Der Marquis von Souday, ahnend, Courtins Verrath möchte wohl Petit⸗Pierre zum Opfer aus⸗ erſehen haben, wollte ſich gleichfalls nach der Stadt begeben. Aber Bertha, die nicht zweifelte, Michel würde im Angeſicht ſeines geſcheiterten Fluchtver⸗ ſuchs ſich unmittelbar wieder nach La Logerie ge⸗ wendet haben, wo ſie ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach aufſuchen mußte,— Bertha bewirkte, daß die⸗ ſer Plan bis auf weitere Aufflärung des Vorgefal⸗ lenen verſchoben wurde. Der Fiſcher ſetzte ſeine Paſſagiere unter der Spitze von Pornic ans Land. Picaut, zu deſſen Gunſten einer der Söhne des Patrons ſich ſeiner Matroſenjacke und ſeines getheerten Hutes entäußert 104 hatte, warf ſich ins Land und eilte, nachdem er ſich gehörig orientirt, ſchnell wie ein Vogel Nantes zu, indem er in allen Tonarten ſchwor, Courtin dürfe ſich wohl in Acht nehmen. Aber ehe er ſich von dem Marquis verabſchie⸗ dete, bat er ihn, das Oberhaupt der Kaninchen von ſeinem Abenteuer in Kenntniß zu ſetzen, indem er nicht zweifelte, Meiſter Jacques werde ſich brüder⸗ lich bei ſeiner Rache betheiligen. So war es, dank ſeiner Ortskenntniß, möglich, daß er gegen neun Uhr Abends in Nantes ankam, und da er natürlich ſeinen Poſten im Gaſthauſe zum Aufgehenden Tag wieder einnehmen wollte, vermochte er, mit aller Vorſicht, welche Joſephs Lage von ſelbſt erklärte, dort ſeinen Einzug haltend, vermochte er, ſagen wir, der Unterhaltung Courtins und des Mannes von Aigrefeuille beizuwohnen, einen Theil deſſen, was geſprochen wurde, zu hören und das Geld oder vielmehr die Banknoten zu ſehen, welche Courtin erſt als gültig betrachtete, wenn ſie in Gold verwandelt wären. Was den Marquis und deſſen Tochter betraf, ſo konnten ſie erſt mit Einbruch der Nacht, ſo groß auch Bertha' s Ungeduld war, ſich nach dem Walde von Touvois auf den Weg machen, und nicht ohne wahrhaften Kummer dachte der alte Edelmann daran, daß der heitere Morgen, den er heute gehabt hatte, am nächſten Tag ſich nicht wiederholen würde und er für eine unbeſtimmte Zeit ſich wie eine Ratte in ihrem Loch einſchließen müßte. 10⁵ LXXVII. Was in zwei unbewohnten Häuſern geſchah. Meiſter Jacques hatte ſich in ſeinen Muthma⸗ ßungen nicht getäuſcht. Jean Oullier war nicht todt. Die Kugel, welche ihm Courtin aufs Gerathe⸗ wohl und ſo zu ſagen blindlings in das Gebüſch nachgeſchickt, hatte ihm die Bruſt durchbohrt, und als die Wittwe Picaut, deren Fuhrwerk der Päch⸗ ter und ſein Genoſſe rollen gehört hatten, ankam, war ſie der Meinung geweſen, nur einen Leichnam aufzuheben. In Folge eines bei einer Bäuerin ziemlich na⸗ türlichen Gefühls von Menſchenliebe wollte ſie nicht, daß der Körper eines Mannes, für den ihr Gatte, trotz der Verſchiedenheit ihrer politiſchen Meinungen, immer eine tiefe Sympathie bezeugt hatte, zur Speiſe für Raubvögel oder fleiſchfreſſende Thiere würde; kurz ſie wollte, daß der arme Vendéer in geweihter Erde ſein Grab fände. Sie lud ihn alſo auf ihren Karren, um ihn nach Hauſe zu nehmen. Allein ſtatt ihn unter der Streu zu verbergen, welche ſie zu dieſem Zweck mitgebracht hatte, warf ſie ihn oben darauf, und mehrere Bauern, welchen ſie unterwegs begegnete, konnten den zuckenden, blutbefleckten Leib des alten Dieners des Marquis von Souday ſchauen und berühren. Daraus erklärt ſich das Gerücht, das ſich vom Tode Jean Oulliers verbreitete; ſo gelangte es an den Marquis von Souday und deſſen Töchter; ſo war Courtin, der am nächſten Morgen ſich ſelbſt 106 hatte überzeugen wollen, daß derjenige, welchen er am meiſten fürchtete, ihm keine Beſorgniß mehr er⸗ regen konnte, ſo war Courtin gleich den Andern getäuſcht worden. Wittwe Picaut brachte den Körper Jean Oul⸗ liers nach dem Hauſe, das ſie zu ihres Mannes Lebzeiten bewohnte und einige Zeit nach deſſen Tode mit dem Wirthshauſe von Saint⸗Philbert ver⸗ tauſchte, das bis dahin ihre Großmutter allein be⸗ wohnt hatte. Jenes Haus war zugleich dem Walde von Machecoul, dem Kirchſpiel Jean Oulliers und der Haide von Bouaimé, wo ſie ihn gefunden, näher, als das Wirthshaus, wo ſie, wäre er noch am Le⸗ ben geweſen, ihn zu verbergen ſich vorgenommen atte. Im Augenblick, wo der Karren über den uns bekannten Kreuzweg kam, von wo der nach dem Haus der beiden Brüder ſührende Kreuzweg aus⸗ lief, ſtieß der Leichenzug auf einen Mann zu Pferd, der die Straße nach Machecoul verfolgte. Dieſer Mann, kein anderer, als unſer alter Be⸗ kannter, Roger, der Arzt von Légé, befragte einen der Gaſſenjungen, welche mit der Beharrlichkeit und Neugierde ihres Alters dem Fuhrwerk nachfolgten, und begleitete, als er hörte, daß es den Leichnam Jean Oulliers trüge, daſſelbe bis zur Wohnung der Picaut. Die Wittwe brachte Jcan Oullier auf daſſelbe Todtenbett, wo ſie neben einander Paſcal Picaut und den armen Grafen von Bonneville gelegt hatte. 107 Während ſie ſich damit beſchäftigte, ihm die letz⸗ ten Pflichten zu erweiſen, während ſie das Ange⸗ ſicht des Vendéers von dem mit Staub gemiſchten Blut, womit es befleckt war, reinigte, bemerkte ſie den Arzt. „Ach! lieber Herr Roger,“ ſprach ſie zu ihm, „der arme Burſche bedarf Ihrer Sorge nicht mehr, und das iſt Schade, es gibt ſo viele, welche deſſen nicht werth ſind, welche auf Erden bleiben, daß man immer diejenigen doppelt zu beweinen hat, welche, ehe die Reihe an ſie kommt, dahin gehen.“ Der Arzt ließ ſich von der Wittwe erzählen, was ſie von Jean Oulliers Tod wußte. Die Gegen⸗ wart ihrer Schwägerin und der Kinder und Weiber, welche dem Zug gefolgt waren, hinderte die Wittwe, zu erzählen, wie ſie einige Stunden zuvor mit Jean Oullier, damals noch voll Leben, geſprochen; wie ſie dann bei ihrer Rückkehr mit dem Karren einen Schuß und Schritte von entfliehenden Menſchen ge⸗ hört hatte und wie ſie nun muthmaße, daß Jean Hullier ermordet worden ſei. Sie erklärte ihm ganz einfach, ſie habe bei der Rückkehr von der Haide den Leichnam auf der Straße gefunden. „Armer braver Mann!“ ſagte der Doctor.„Al⸗ les recht betrachtet, iſt dieſer Tod noch beſſer, we⸗ nigſtens der eines Soldaten, als das Schickſal, das ihn erwartete, wäre er am Leben geblieben; er war ſchwer compromittirt, und gefangen genommen, hätte man ihn ohne Zweifel gleich den Andern nach den Löchern von Mont St. Michel geſchickt. Mit dieſen Worten trat der Arzt mechaniſch auf r 108 Jean Oullier zu, faßte ſeinen ſchlaffen Arm und legte ſeine Hand auf deſſen Bruſt. Aber kaum hatte dieſe Hand ſich mit dem Fleiſch in Berührung geſetzt, als der Doctor zurückfuhr. „Was gibt es?“ fragte die Wittwe.. „Nichts,“ antwortete der Doctor kalt.„Der Mann iſt völlig todt und verlangt von uns Ueber⸗ lebenden nichts mehr, als die letzten Pflichten.“ „Was brauchtet Ihr alſo,“ ſagte zornig Joſephs Frau,„dieſe Leiche hieher zu bringen, wo ſie uns wieder einen Beſuch der Blauen verurſachen kann. Nach dem erſten könnt Ihr beurtheilen, was der zweite ſein würde.“ „Was macht das Euch?“ fragte die Wittwe Picaut,„da weder Ihr noch Euer Mann in dem Hauſe wohnet.“ „Wir bewohnen es gerade deßwegen nicht,“ ant⸗ wortete Joſephs Frau;„wir fürchten, wenn wir hier ſind, ſie heranzuziehen und ſo das Wenige, was uns noch übrig iſt, zu verlieren.“ „Sie würden wohl daran thun, ihn beſichtigen zu laſſen, ehe Sie an ſein Begräbniß denken,“ fiel der Arzt ein,„und wenn Ihnen das einige Verle⸗ genheit verurſachen ſollte, will ich es auf mich neh⸗ men, ihn nach dem Hauſe des Marquis von Sou⸗ day, deſſen Arzt ich bin, bringen zu laſſen.“ Dann, den Augenblick benützend, wo Wittwe Picaut an ihm vorüberging, ſagte ihr der Doctor ganz leiſe: „Entfernen Sie Jedermann.“ Da es beinahe Mitternacht war, ließ ſich dieß leicht machen. 109 Als ſie nun allein waren, näherte ſich ihr der Doctor und ſagte: „Jean Oullier iſt nicht todt.“ „Wie, er iſt nicht todt?“ rief ſie. „Nein; wenn ich vor Jedermann ſchwieg, ſo ge⸗ ſchah es, weil es meiner Anſicht nach recht dringend iſt, ſich zu verſichern, daß man Sie nicht bei der Pflege, die Sie ihm ohne Zweifel angedeihen laſ⸗ ſen, beunruhige. „Gott möge Sie hören!“ ſprach die brave Frau ganz erfreut,„und kann ich ſeinem Willen förder⸗ lich ſein, ſo rechnen Sie darauf, daß ich es mit größtem Vergnügen thun werde, denn ich vergeſſe nie die Freundſchaft, welche mein ſeliger Mann für ihn hatte. Ich werde mich ſtets erinnern, daß er, wiewohl ich gerade jenen Augenblick den Sei⸗ nigen Uebel anthat, mich doch nicht unter der Kugel eines Mörders fallen laſſen wollte.“ Und nachdem ſie die Läden und die Thüre ihrer Hütte ſorgfältig verſchloſſen hatte, zündete die Wittwe ein großes Feuer an, machte warmes Waſſer und verabſchiedete ſich, während der Doctor die Wunde unterſuchte und ſich zu überzeugen bemühte, ob ein Lebensorgan verletzt wäre, von einigen verſpäteten Gevatterinnen, indem ſie ſich ſtellte, als kehre ſie nach Saint⸗Philbert zurück. Dann warf ſie ſich an einem Umrang des Wegs in den Wald und kehrte durch den Obſtgarten zurück. Das Haus Joſeph Picauts war geſchloſſen; ſie horchte an der Thüre, ſie hörte kein Geräuſch. Es war offenbar, daß die Frau und die Kinder ihres Schwagers ſich nach dem Verſteck, wo ſie ſich aufhielten, begeben hatten„während der Gatte und Vater, wie wir geſehen haben, den Parteigänger⸗ Krieg fortſetzte. Sie ging durch die Hofthüre ins Haus zurück. Der Arzt hatte den Verband des Verwundeten beendet und die Symptome des Lebens wurden immer deutlicher. Bereits ſchlug nicht allein das Herz, ſondern auch der Puls, bereits fühlte man, die Hand an ſeinen Mund gelegt, den Athem über ſeine Lippen kommen. Die Witwe vernahm alle dieſe Einzelheiten mit Freude. „Glauben Sie ihn zu retten?“ fragte ſie. „Das,“ antwortete der Arzt,„weiß Gott allein, was ich ſagen kann, iſt, daß keines der weſentlichen Organe verletzt wurde; aber der Blutverluſt war ungeheuer, und überdieß konnte ich unmöglich die Kugel herausziehen.“ „Aber,“ warf die Wittwe ein,„ich habe ſagen hören, daß es Menſchen gab, die vollkommen ge⸗ naßen und noch viele Jahre mit einer Kugel im Leibe lebten.“ „Das kann ſehr leicht ſein,“ antwortete der Arzt, naber was haben Sie jetzt zu thun im Sinn?“ „Meine Abſicht war, ihn nach Saint⸗Philbert zu führen und daſelbſt bis zu ſeinem Tod oder ſeiner Geneſung zu verbergen.“ „Das iſt gegenwärtig ſhwer,“ ſagte der Arzt. „Er wird ſich retten laſſen durch das, was wir Blut⸗ knoten nennen, und jede Erſchütterung könnte ihm * * 111 verderblich ſein. Ueberdieß wird es zu Saint⸗Phil⸗ bert, in dem Wirthshauſe Ihrer Mutter, mitten unter ſo vielen Leuten, die ab⸗ und zugehen, Ih⸗ nen unmöglich ſein, ſeine Gegenwart bei Ihnen geheim zu halten.“ „Mein Gott! glauben Sie denn, man würde in dieſem Zuſtand ihn verhaften?“ „Man würde ihn nicht gefangen ſetzen, das iſt gewiß, aber ihn nach einem Hoſpital bringen, das er nur verließe, um in dem Kerker ſein Urtheil abzu⸗ warten, das, wenn es nicht auf den Tod lautete, wenigſtens entehrend ſein würde. Jean Oullier iſt eines jener niedern, aber durch ihren Einfluß auf das Volk gefährlichen Häupter, für welche die Regierung kein Mitleid kennt. Warum eröffnen Sie ſich nicht Ihrer Schwägerin? Theilen Jean Oul⸗ lier und ſie nicht dieſelbe Geſinnung?“ „Haben Sie dieſelbe gehört?“ „Ja, und ich begreife, daß Sie kein Vertrauen in ihr Mitleid ſetzen, und doch weiß Gott, ob ſie nicht, ſie beſonders, gegen ihren Nebenmenſchen barmherzig ſein ſollte, denn würde ihr Mann er⸗ griffen, ſo könnte ihm noch etwas Schlimmeres be⸗ gegnen, als Jean Oullier.“ „Ja, ich weiß es,“ ſagte die Wittwe mit düſterer Stimme,„der Tod ſchwebt über ihnen.“ „Laßen Sie ſehen,“ fuhr der Arzt fort,„kön⸗ nen Sie ihn hier verbergen?“ „Hier, ja allerdings, er wäre ſogar hier in größerer Sicherheit, als anderswo, weil man das Haus für verlaſſen hält: aber wer wird ihn pflegen?“ 112 „Jean Oullier iſt kein Weichling,“ antwortete der Arzt,„und in zwei bis drei Tagen, wenn ſich das Fieber etwas gelegt hat, kann er leicht den Tag über allein bleiben. Was mich betrifft, ſo ver⸗ ſpreche ich Ihnen, denſelben jede Nacht zu beſuchen.“ „Gut; und ich werde alle Zeit, über die ich, ohne Verdacht zu erregen, verfügen kann, bei ihm zubringen.“ Die Wittwe brachte mit Hülfe des Doctors den Kranken nach dem an die Stube ſtoßenden Stall. Sie verriegelte ſorgfältig deſſen Thüre, legte ihre Matraze auf einen Haufen Stroh, und warf ſich dann, nachdem ſie mit dem Arzt eine Zuſammen⸗ kunft für die folgende Nacht verabredet hatte, über⸗ zeugt, daß der Verwundete in den erſten Augenblicken nichts weiter, als friſches Waſſer bedürfe, auf einen Bund Stroh neben ihm, in Erwartung, er werde ſeine Rückkehr ins Leben durch einige Worte oder auch nur durch einen Seufzer verrathen. Den andern Tag zeigte ſie ſich zu Saint⸗Philbert, und als man ſie fragte, was aus Jean Oullier ge⸗ worden ſei, lautete ihre Antwort, ſie habe den Rath ihrer Schwägerin befolgt und aus Furcht, beunru⸗ higt zu werden, den Leichnam wieder auf die Haide zurückgebracht. Darauf kehrte ſie in ihr Haus zurück, unter dem Vorgeben, daſſelbe in Ordnung zu bringen, ſchloß daſſelbe mit Eintritt des Abends auf eine auffal⸗ lende Weiſe, und kehrte nach Saint⸗Philbert vor völligem Einbruch der Nacht, ſo daß Jedermann ſie ſehen konnte, zurück.„. 5 ———9 a. 113 Während der Nacht begab ſie ſich wieder zu Jean Oullier. So wachte ſie bei ihm drei Tage und drei Nächte, eingeſchloſſen mit ihm in jenem Stall, fürch⸗ tend, das geringſte Geräuſch zu machen, das ihre Gegenwart verrathen könnte; und wiewohl nach Verfluß dieſer drei Tage Jean Oullier noch in je⸗ nem Zuſtand der Erſtarrung war, welcher auf große phyſiſche Erſchütterungen und reichliche Blutverluſte erfolgt, beſtimmte ſie doch der Arzt, bei Tag heim⸗ zukehren und nur Nachts ihren Poſten wieder ein⸗ zunehmen. Die Wunde von Jean Oullier war ſo ſchwer, daß er vierzehn Tage zwiſchen Leben und Tod ſchwebte. Fetzen von den Kleidern, die von der Kugel mitgenommen worden und gleich ihr in der Wunde zurückgeblieben waren, nährten lange Zeit eine Entzündung, und erſt als die Kraft der Natur ſich derſelben entledigt hatte, verbürgte ſich zu gro⸗ ßer Freude von Wittwe Picaut der Doctor für das Leben des Vendéers. Die Sorge der Wittwe Picaut verdoppelte ſich in dem Maaße, als ſie ihn ſeiner Geneſung ent⸗ gegengehen ſah. Und wiewohl der Verwundete noch ſo ſchwach war, daß er nur mit großer Mühe einige Worte ſtammeln konnte, und die Zeichen des Dankes, welche er der Wittwe machte, Alles waren, was ſo gut als möglich bezeugte, was in ihm vorging, ſo unterließ es dieſe nicht ein einziges Mal, die Nacht an ſeinem Lager zuzubringen, wobei ſie, um nicht e zu werden, die ängſtlichſten Vorkehrungen raf. Dumgs, Wolfinnen von Macheoul. V. 8 114 Indeſſen trat von dem Augenblick an, wo die Bruſt Jean Oulliers der fremden, daſelbſt einge⸗ drungenen Körper ſich entledigt hatte, eine regel⸗ mäßige Eiterung ein und ſeine Geneſung ging raſch von Statten. Aber in dem Maaße, als ſeine Kräfte zurückkehrten, begann er ſich um derer willen zu beunruhigen, welche er liebte, und nachdem er die Wittwe dringend gebeten hatte, ſich nach dem Schick⸗ ſal des Marquis von Souday, Bertha's und Ma⸗ ry's, ſelbſt Michels, der entſchieden die Antipathie, welche der Vendéer gegen ihn empfand, überwunden und einen kleinen Platz in deſſen Zuneigung ge⸗ wonnen hatte, zu erkundigen, befragte dieſelbe die royaliſtiſchen Reiſenden, welche in dem Wirthshauſe ihrer Großmutter anhielten, und konnte Jean Oul⸗ lier bald die Verſicherung bringen, daß alle ſich am Leben und in Freiheit befinden, und benachrich⸗ tigte ihn, daß der Marquis von Souday im Walde von Touvois, Bertha und Michel bei Courtin, und Marg aller Wahrſcheinlichkeit nach zu Nantes ver⸗ weile. Aber kaum hatte die Wittwe den Namen des Pächters von La Logerie ausgeſprochen, als eine Revo⸗ lution im Geſicht des Pächters vorging. Er fuhr mit der Hand nach der Stirne, wie um ſeine Ideen auf⸗ zuklären, und ſetzte ſich zum erſten Mal aufrecht. Freundſchaft und Zärtlichkeit hatten ſeinen erſten Gedanken eingenommen; die Erinnerungen des Haſ⸗ ſes, die Vorſtellungen der Rache drangen nun ihrer⸗ ſeits in ſein bis jetzt leeres Gehirn und regten es mit um ſo größerer Heftigkeit auf, je mehr deren Betäubung ſich verlängert hatte. 4 3 115 Zu ihrem großen Schrecken hörte Wittwe Pi⸗ caut Jean Oullier die Redensarten wieder aufneh⸗ men, die er in ſeinem Fieber ausgeſprochen und die ſie für bloße Viſionen genommen hatte. Sie hörte ihn den Namen Courtin mit Vorwürfen des Verraths, mit Anklagen der Niederträchtigkeit und des Mor⸗ des miſchen; ſie hörte ihn von fabelhaften Sum⸗ men ſprechen, welche der Preis ſeines Verbrechens geweſen wären, und unter ſolchen Reden war er ein Raub der lebhafteſten Ueberſpannung und mit vor Wuth funkelnden Augen, mit einer vor Er⸗ regung zitternden Stimme flehte er die Wittwe an, Bertha zu holen und an ſein Lager zu führen. Die arme Frau glaubte an eine heftige Wieder⸗ kehr des Fiebers und war ſehr unruhig, weil der Arzt erklärt hatte, er werde erſt in der zweitnächſten Nacht wieder kommen. Sie verſprach nichts deſto weniger dem Kranken, Alles zu thun, was er begehrte. 1 Jean Oullier, ein wenig beruhigt, legte ſich wieder zurück und verfiel allmälig, durch die Hef⸗ tigkeit der Eindrücke, denen er eben preisgegeben war, erſchöpft, in Schlaf. Die Wittwe, auf einem Reſt von Streu vor dem Bette des Kranken ſitzend, fühlte ihrerſeits, der Ermüdung unterliegend, gleichfalls, wie der Schlaf ſie übermannte und die Augen ihr unwill⸗ kürlich zufielen, als ſie plötzlich im Hofe ein unge⸗ wöhnliches Geräuſch hörte. Sie horchte und vernahm den Schritt eines Mannes auf dem zur Einfaſſung der Dunglege die⸗ 4 8* 116 nenden Pflaſter, womit der Hof der beiden Häuſer ausgeſchlagen war. Bald ließ eine Hand die Thürklinke ihrer Woh⸗ nung ſpielen und in demſelben Augenblick hörte ſie eine Stimme, welche ſie für die ihres Schwagers erkannte, ausrufen: 3 „Hieher! Hieher!“ Und der Schritt wandte ſich Joſephs Wohnung zu. Wittwe Picaut wußte das Haus ihres Schwa⸗ gers leer; der nächtliche Beſuch, den er empfing, erregte ihre lebhafte Neugierde. Sie zweifelte nicht, daß es ſich um Vorbereitung eines jener Handſtreiche handle, welche dem Chouan traditionell am Herzen lagen, und entſchloß ſich zu horchen. Sie hob leiſe eine der Klappen, durch welche die Kühe, ſo lange es ſolche noch im Stall gab, den Kopf hervorſtreckten, um ihr Futter auf dem Fußboden der Stube ſelbſt zu verzehren. Und als es ihr gelungen war, das Brett davon loszumachen, ſchlüpfte ſie durch dieſe ſchmale Oeffnung in das Hauptgemach ihres Hauſes, kletterte dann ſchnell und ohne Geräuſch die Treppe hinauf, auf welcher der Graf von Bonneville die für ihn tödtliche Ku⸗ gel erhalten hatte, drang nach dem Speicher vor, der, wie man weiß, beiden Häuſern gemeinſchaftlich war, hielt das Ohr an den Fußboden über der Stube von ihres Mannes Bruder und horchte. Sie gelangte mitten in ein bereits angeknüpftes Geſpräch hinein. „Und Du haſt die Summe geſehen?“ ſagte eine Stimme, die ihr nicht völlig fremd war, die ſie aber doch nicht zu erkennen vermochte. 117 „So gut, wie ich Euch ſehe,“ antwortete Joſeph Picaut;„ſie beſtand aus Banknoten; aber er ver⸗ langte, man ſolle ſie ihm in Gold bringen.“ „Um ſo beſſer, denn die Noten, ſiehſt Du, ſo viel es ihrer auch ſein mögen, das verführt mich nicht ſehr, es läßt ſich bei uns auf dem Lande ſchwer unterbringen.“ „Ich ſage Euch aber, daß es Gold ſein wird.“ „Gut! und wo ſollen ſie ſich treffen?“ „Zu Saint⸗Philbert, morgen Abend; Ihr habt Zeit, Eure Burſchen in Kenntniß zu ſetzen.“ „Biſt Du ein Narr? Meine Burſchen? Wie viel haſt Du denn geſagt, daß ihrer ſeien?“ „Zwei: mein Räuber und ſein Genoſſe.“ „Wohlan alſo! Zwei gegen Zwei, das heißt nüe wie Georg Cadondal, glorreichen Andenkens, agte.“ „Aber Ihr habt nicht mehr als eine Hand, Meiſter Jacques.“ „Was macht das, wenn ſie gut iſt? Ich werde den Stärkſten auf mich nehmen.“ „Einen Augenblick, das gehört nicht zu unſerer Uebereinkunft.“ 4 „Wie?“ „Ich will den Maire für mich.“ „Du biſt begehrlich.“ „Ol der Schurke! er ſoll mir wenigſtens zah⸗ len, was er mich hat leiden laſſen.“ „Wenn ſie die Summe haben, von welcher Du ſagſt, ſo iſt genug vorhanden, Dich ſchadlos zu hal⸗ ten, wenn man Dich ſelbſt wie einen Neger ver⸗ kauft hätte. Zwanzigtauſend Francs! Du biſt 118 das nicht werth, mein ehrlicher Burſche, ich verſtehe mich darauf.“ „Das iſt möglich, aber ich will mich obendrein rächen, und es iſt ſchon lang her, daß ich dieſem verdammten Pataud auf den Leib rücken möchte; er iſt ſchuldig....“ „Weſſen?“ „Genug; ich weiß, was ich ſagen will.“ Joſeph Picaut hatte auf eine für Jedermann, nur nicht für ſie unverſtändliche Weiſe geantwortet. Sie vermuthete, jene Erinnerung, vor welcher der Chouan zurückbebte, knüpfe ſich an den Tod ihres armen Mannes, und ein Schauder durchlief ihren ganzen Körper. „Wohlan,“ ſprach der Gegenredner Joſeph Pi⸗ cauts,„Du ſollſt Deinen Mann haben, aber vor Ausführung der Affaire beſchwörſt Du mir, nicht wahr, die Richtigkeit deſſen, was Du mir geſagt haſt? daß es Regierungsgelder ſind, auf welche wir die Hand legen wollen? Denn ſiehſt Du, ſonſt würde ich mich nicht darauf einlaſſen.“ „Pardieu! Glaubt Ihr, daß jener Unbekannte reich genug iſt, um aus eigenen Mitteln Geſchenke zu machen, gleich dieſem an einen ſo niederträchtigen Burſchen, und noch dazu auf Abſchlag, wie ich deut⸗ lich vernommen habe?“ „Und Du konnteſt nicht erfahren, was man ihm ſo theuer bezahlte?“ „Nein; aber ich ſtelle es mir wohl vor.“ „So ſprich.“. 4 „Meine Meinung iſt, ſeht Ihr, Meiſter Jacques, daß wir durch Befreiung der Erde von dieſen zwei — 3 119 Schelmen mit einem Stein zwei Würfe ab machen; fürs Erſte eine Privat⸗Aaffire, und einen politiſchen Streich. Aber ſeid ruhig, morgen weiß ich mehr und werde es Euch zu wiſſen thun.“ „Sacredié!“ ſprach Meiſter Jacques,„Du machſt, daß mir der Mund darnach wäſſert. Höre, entſchie⸗ den, ich komme auf mein Wort zurück, Du ſollſt Heijun Mann nur haben, wenn Etwas davon übrig eibt.“ „Wie, wenn Etwas davon übrig bleibt?“ „Ja, ehe ich Dich deine Rechnung mit ihm ab⸗ machen laſſe, will ich, daß wir beide eine kleine Unterhaltung mit einander haben.“ „Bah! und Ihr glaubt, er werde Euch etwa ſein Geheimniß ſagen?“ „O ſobald er einmal mein Gefangener iſt, gewiß.“ „Er iſt ein boshafter Burſche.“ „Wie! Du gehörſt der alten Zeit an und erin⸗ nerſt Dich nicht, daß es Mittel gibt, diejenigen, welche ſchweigen wollen, ſo boshaft ſie auch ſind, zum Re⸗ den zu bringen?“ ſprach Meiſter Jacques mit Un⸗ glück weiſſagendem Lächeln. „Ach ja! Feuer an die Pfoten! Ihr habt mei⸗ ner Treu Recht, und das wird mich noch beſſer rächen,“ erwiderte Joſeph. „Ja, und auf dieſe Art werden wir zum Min⸗ deſten, ohne uns ſelbſt zu ſchaden, erfahren, wie und warum die Regierung dieſe kleine Abſchlags⸗ zahlung von fünfzigtauſend Francs dem Maire ſchickt, und das iſt vielleicht für uns noch mehr werth als das Gold, das wir einſacken.“ „Ei! Eil das Gold hat ſeinen guten Werth, be⸗ ſonders wenn man gleich uns ſich in der Vendee befindet und die Möglichkeit vor Augen ſieht, ſeinen Kopf in Bouffay zu laſſen; mit meinem Theil, das beißt⸗ mit zwanzigtauſend Francs kann ich überall eben.“. „Du magſt thun, was Dir beliebt. Aber laß ſehen, wo ſollen ſie ſich treffen Deine Leute? Es handelt ſich darum, ſie nicht zu verfehlen, darauf beſtehe ich.“. „In dem Wirthshauſe von Saint⸗Philbert.“ „Dann geht es ja von ſelbſt; gehört das Wirths⸗ haus nicht Deiner Schwägerin? Sie wird ihren Theil erhalten, dann kommt es nicht aus der Familie. „ S8Ol nein, nicht bei ihr,“ erwiderte Joſeph;„fürs Erſte gehört ſie nicht zu den Unſrigen, und dann ſprechen wir nicht mehr mit einander ſeit...“ „Seit wann?“ „Seit meines Bruders Tod, und weil Du es wiſſen willſt...“ „Ah ſo! Es iſt alſo wahr, was man mir erzählt hat, daß wenn Du nicht mit dem Meſſer zugeſtoßen, wenigſtens das Licht dazu gehalten haſt.“ „Wer ſagt das?“ rief Joſeph,„wer ſagt das; nenne mir ihn, Meiſter Jacques, und ich will aus ihm ſo kleine Stücke machen, wie aus dieſem Schemel.“ Und die Wittwe hörte, wie ihr Schwager bei dieſen Worten den Sitz, auf dem er Platz genom⸗ men hatte, auf den Herdſtein ſchlug und in Splitter zerbrach. „Beruhige Dich doch; was geht das mich an,“ antwortete Meiſter Jacques,„Du weißt wohl, daß 121 ich mich nie in Familien⸗Angelegenheiten miſche. Aeunnen wir auf die unſrigen zurück, Du ſagteſt alſo?“ „Nicht bei meiner Schwägerin.“ „Dann muß der Schlag auf dem Lande geſche⸗ hen, aber wo? denn ſie kommen gewiß auf zwei verſchiedenen Wegen.“ „Ja, aber ſie werden zuſammengehen. Um nach Hauſe zu gelangen, wird der Maire die Straße nach Nantes bis Tiercet einſchlagen.“ „Wohlan! legen wir uns auf der Straße von Nantes in dem Schilf an der Chauſſee in Hinter⸗ halt; das iſt ein guter Verſteck, und ich habe da⸗ hi meinestheils mehr als einen Streich ausge⸗ ührt.“ „Es ſei! Und wo werden wir uns wieder finden? Ich ziehe von hier wieder morgen vor Tagesanbruch aus,“ ſagte Joſeph. „Wohlan! begib Dich nach dem Kreuzweg von Raihons im Walde von Machecoul,“ antwortete der Herr der Kaninchen. Joſeph nahm den bezeichneten Ort an und ver⸗ ſprach, ſich dort einzuſtellen; die Wittwe hörte ihn Meiſter Jacques das Anerbieten machen, die Nacht unter ſeinem Dach zuzubringen, aber der alte Chouan, der ſeine Lagerorte in allen Wäldern des Bezirks hatte, zog dieſes Aſyl allen Häuſern der Welt vor, wenn nicht der Bequemlichkeit ſo doch der Sicherheit halber. Er ging alſo ab und Alles wurde bei Joſeph Picaut wieder ſtill. Die Wittwe ſtieg wieder in ihren Stall hinun⸗ 12² ter und fand Jean Oullier in tiefem Schlafe liegend. Sie wollte ihn nicht mecken; die Nacht war ſchon weit vorgerückt, ſo weit, daß es für ſie Zeit war, nach Saint⸗Philbert zurückzukehren. Sie richtete Alles hin, was der Vendéer für den nächſten Tag brauchen konnte, und entfernte ſich, wie es ihre Gewohnheit war, durch das Stall⸗ fenſter. Sie nährte gegen ihren Schwager in Folge der Ueberzeugung, daß er ſeine Hand mit in das Blut Paſcals getaucht hatte, einen tiefen Haß, ein Ver⸗ langen nach Rache, das ihre Einſamkeit und die Schmerzen ihrer Wittwenſchaft mit jeder Nacht ge⸗ bieteriſcher machten. Es kam ihr vor, als betheilige ſich der Himmel ſelbſt, da er ſie auf eine providentielle Weiſe zur Aufdeckung einer neuen Miſſethat aufforderte, an ihren Empfindungen. Sie glaubte, es hieße deſſen Abſichten fördern, wenn ſie zugleich mit der Be⸗ friedigung ihres Haſſes den Vollzug des Ver⸗ brechens, die Herbeiführung des Untergangs und Todes derer, die ſie als Unſchuldige betrachten nußte, verhinderte, und ihrem erſten Gedanken, Meiſter Jacques und Joſeph entweder der Gerech⸗ tigkeit oder denen, welche mit Tod und Ausplün⸗ derung von denſelben bedroht waren, zur Anzeige zu bringen, entſagend, entſchloß ſie ſich, ſelbſt und ganz allein die Vermittlerin zwiſchen der Vorſehung und den Opfern der projectirten Frevelthat zu machen. 8△ Sg Z = Sͤ —. 8 0 3 8ͤdA NR N DN ⏑ 8 — 8AN A BB8— X +— A 123 LXXVIII. Wo Courtin endlich mit der Fingerſpitze ſeine fünfzigtauſend Franes berührt. Der Brief Petit⸗Pierre's an Bertha hatte Cour⸗ tin über weiter nichts belehrt, als daß derſelbe in Nantes war und Bertha daſelbſt erwartete; aber von dem Ort, wo er wohnte, und von dem Mittel, bis zu ihm zu gelangen, war darin keine Rede. Allein Courtin beſaß einen wichtigen Aufſchluß, nämlich über das Haus mit den beiden Ausgängen, deſſen Geheimniß er entdeckt hatte. Einen Augenblick hatte er den Gedanken, ſeine Spionenrolle fortzuſetzen, Bertha zu folgen, wenn ſie auf Petit⸗Pierre’'s Aufforderung ſich nach Nantes begebe, die Unruhe für ſeinen Vortheil zu benützen, welche durch die Nachricht von der Entwicklung, die Mary's und Michel's Liebe nahm, eine Entwicklung, die er nach ſeinem Intereſſe ſie ahnen zu laſſen ſich vorbehielt, in ihre Vernunft geworfen würde. Aber der Pächter zweifelte allmälig an der Wirk⸗ ſamkeit der bis jetzt von ihm angewandten Mittel; er begriff, daß ſeine letzte Ausſicht auf Erfolg un⸗ rettbar verloren wäre, wenn der Zufall oder die Wachſamkeit derer, welchen er auflauern wollte, noch einmal ſeinen Scharfſinn und ſeine Liſt ver⸗ eitelte, und er entſchloß ſich, ein anderes Mittel zu verſuchen und die Initiative zu ergreifen. War das Haus, welches von der einen Seite auf das Gäßchen ohne Namen, wohin wir den Le⸗ ſer ſchon mehrmals geführt haben, und von der 124 andern auf die Marktſtraße führte, bewohnt? Wer war die Perſon, die es bewohnte? War es nicht durch die Perſon möglich, bis zu Petit⸗Pierre zu gelangen? So lauteten die erſten Fragen, welche der Maire von La Logerie in Folge ſeines Nach⸗ ſinnens ſich vorlegte. Zu ihrer Löſung war es nöthig, in Nantes zu bleiben, und Meiſter Courtin hatte kaum daran ge⸗ dacht, als er auch ſchon auf die Rückkehr nach ſeiner Meierei verzichtete, wohin überdieß aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach Bertha ſich ſchon zur Wiedervereinigung mit Michel begeben hatte und wo ſie ihn, wie er faſt die Gewißheit hatte, erwartete. Er faßte alſo kühn ſeinen Entſchluß. Am nächſten Tag, um zehn ÜUhr Morgens klopfte er an die Thüre des geheimnißvollen Hauſes; allein ſtatt ſich an dem Pförtchen in der Gaſſe zu ſtellen, wo er ein Zeichen gemacht hatte, führte er ſich auf der Marktſtraße ein. So hatte er es Michel thun ſehen. Indem er ſich an der andern Thüre meldete, hatte er den Zweck, ſich zu verſichern, daß die beiden Thüren dem⸗ ſelben Hauſe zum Ausgang dienten. Als ſich derjenige, welchen der Schall des Klop⸗ fers herbeigefuͤhrt, vermittelſt eines vergitter⸗ ten Guckfenſterchens verſichert hatte, daß der Beſucher allein war, öffnete er die⸗Thüre nicht ganz, ſondern zur Hälfte. Die beiden Köpfe ſtanden, Naſe an Naſe, einander gegenüber. „Woher kommt Ihr?“ fragte der im Innern. Außer Faſſung gebracht durch den barſchen Ton, 8 — 125 womit dieſe Frage an ihn gemacht worden war, antwortete Courtin: „Pardieu! von Touvois.“ „Wir erwarten Niemand von dort,“ antwortete der Mann im Innern. Und er wollte die Thüre zuſchlagen. Aber das war nichts Leichtes, Courtin klammerte ſich an derſelben an. Ein Lichtſtrahl fuhr dem Maire von La Logerie durch den Kopf. Er erinnerte ſich der Worte, deren ſich Michel bedient hatte, um ſich die beiden Pferde im Gaſt⸗ hauſe zum Anbrechenden Tag geben zu laſſen. Er ahnte damals, dieſe Worte, die er nicht verſtanden hatte, dienten zur Parole. Der Mann drückte ſortwährend zu, aber Cour⸗ tin ſtemmte ſich gegen die Thüre. „Wartet doch! wartet doch!“ rief er.„Als ich vorgab, von Touvois zu kommen, geſchah es bloß, um mich zu verſichern, daß Ihr in das Vertrauen gezogen ſeid. Man kann zum Teufel nicht genug vorſichtig ſein! Wohlan denn, ich komme nicht von Touvois, ich komme von Süden. „Und wohin geht Ihr?“ fuhr ſein Gegenredner fort, ohne um eine Linie weiter den verlangten Eingang frei zu laſſen. „Nun, wo wollt Ihr, daß ich anders hingehe, wenn ich von Süden komme, als nach Rosny?“ „So laß ich's gelten,“ antwortete der Diener; „ſeht Ihr, mein ſchöner Freund, man kommt hier nicht herein, ohne ſaubere Pfoten zu zeigen.“ 126 „Für die, bei welchen Alles ſauber, iſt das nicht ſchwer,“ ſagte Courtin. „Hum! um ſo beſſer!“ antwortete der Diener, eine Art von Nieder⸗Breton, welcher unter dem Re⸗ den zwiſchen ſeinen Fingern die Kügelchen eines um ſeine Hand geſchlungenen Roſenkranzes glei⸗ ten ließ. Aber da Courtin auf die gemachten Fragen nach Vorſchrift geantwortet hatte, führte er ihn trotz des Widerſtrebens, das er bei Erfüllung dieſer Pflicht zu empfinden ſchien, in ein kleines Gemach und ſagte, auf einen Stuhl deutend: „Der Herr hat Geſchäfte; ſobald er mit der Perſon, die ſich in ſeinem Cabinet befindet, fertig iſt, will ich Euch zu ihm führen. Setzet Euch alſo, für den Fall, daß Ihr kein Mittel habt, Eure Zeit auf eine nützlichere Weiſe zuzubringen. Courtin ſah ſich weiter vorwärts geworfen, als er gerechnet; er hatte gehofft, das Haus werde von einem untergeordneten Agenten eingenommen ſein, dem er die Anzeigen, deren er bedurfte, ſei es durch Liſt, ſei es durch Beſtechung entlocken zu können nicht zweifelte. Als er aber den Mann, welcher ihm die Thüre geöffnet hatte, von Einführung bei ſeinem Herrn reden hörte, begriff er, daß die Partie ernſthafter würde und er auf eine Fabel denken müßte um dem Drang der Umſtände die Stirne zu ieten. Er verzichtete zugleich darauf, den Diener zu fragen, deſſen düſtere und ſtrenge Phyſiognomie einen jener verhärteten Fanatiker anzeigte, wie man deren noch auf der celtiſchen Halbinſel findet. 127 Auch begriff Courtin im Augenblick die Rolle, welche er zu ſpielen hatte. „Ja,“ ſprach er, ſich zugleich eine demüthige und erbauliche Miene gebend,„ich will warten bis der Herr fertig iſt, und das Warten durch Gebet heiligen. Erlaubt Ihr mir, eines von dieſen Gebetbüchern zu nehmen?“ fuhr er fort, indem er auf eines der Bü⸗ cher, die ſich auf dem Tiſch befanden, deutete. „Rührt dieſe Bücher nicht an, wenn Eure Ab⸗ ſichten ſo ſind, wie Ihr ſagt,“ antwortete der Bre⸗ toni,„denn das ſind keine Gebetbücher, ſondern unheilige Bücher. Ich will Euch mein Kirchen⸗ andachtsbuch leihen,“ antwortete der Diener, indem er aus der Taſche ſeiner geſtickten Weſte ein Büch⸗ lein zog, deſſen Decke und Schnitt von Zeit und Gebrauch vollſtändig geſchwärzt worden war. Und bei der Bewegung, die er machte, um die Hand in die Taſche zu ſtecken, entdeckte der Bauer in ſeinem breiten Gürtel den glänzenden Kolben zweier Piſtolen, und Courtin wünſchte ſich um ſo mehr Glück, keinen Verſuch auf die Treue des Bre⸗ tonen gemocht zu haben, der ihm der Mann ſchien, mit einem Dolchſtoß darauf zu antworten. „Danke,“ ſagte er, das Büchlein nehmend und ſich mit ſolcher Zerknirſchung auf die Knie werfend, daß der erbaute Bretone den Hut, der ſeine langen Haare bedeckte, abnahm, das Zeichen des Kreuzes machte und ſehr leiſe die Thüre ſchloß, um einen jn heiligen Mann in ſeiner Betrachtung nicht zu ören. Sobald er ſich allein fühlte, empfand der Päch⸗ ter das Bedürfniß, ſich im Einzelnen das Gemach 128 zu beſehen, worin er ſich befand; aber er war nicht der Mann, einen ſolchen Fehler zu begehen; er dachte, man könnte ihn durch das Schlüſſelloch be⸗ obachten. Er nahm ſich alſo zuſammen und blieb wie in Gedanken verſunken. Inzwiſchen ſchaute Courtin, während er mit halblauter Stimme ſeine Paternoſter murmelte, von unten herauf um ſich; er befand ſich in einem klei⸗ nen Gemach von etwa zwölf Quadratfuß, von einem zweiten Zimmer durch einen Verſchlag getrennt, in welchen eine zweite Thüre ging. Jenes kleine Ge⸗ mach war mit beſcheidenen Möbeln von Nußbaum⸗ holz ausgeſtattet und durch ein auf den Hof gehen⸗ des Fenſter erhellt, deſſen untere Scheiben mit einem ſehr feinen Gitterwerk von grünbemaltem Eiſendraht überzogen waren, welches verhinderte, von außen die Perſon, welche ſich in dieſem Theil des Hauſes befand, zu ſehen. Er horchte, ob kein Geräuſch von Stimmen hie⸗ her gelange; aber ohne Zweifel waren die Vorſichts⸗ maßregeln gut getroffen; denn wiewohl Meiſter Courtin der Reihe nach das Ohr an die Verbin⸗ dungsthüre und an den Kamin hielt, neben dem er niedergekniet war, gelang es ihm doch nicht, einen Ton zu hören. Aber indem er ſich in den Kamin vorbeugte, um zu horchen, bemerkte Meiſter Courtin auf dem Herde mitten unter Aſche und Holzüberreſten ein Häufchen zerriſſener und hier zum Verbrennen nie⸗ dergelegter Papiere. Dieſe Papiere führten ihn in Verſuchung; er ließ ſeinen Arm herunterfallen, ſtreckte ihn unmerklich aus, hob, den Kopf gegen die — ²³2K KRK A S8g —— — A NN AXA ———— 129 Kamineinfaſſung lehnend, alle Papiere eines nach dem andern auf, öffnete ſie ohne ſeine Stellung zu verlaſſen, überzeugt, daß der mitten im Gemach befindliche Tiſch alle Bewegungen, die er machte, vor den Augen derer, die ihn etwa beobachten könnten, vollſtändig verberge. Er hatte bereits mehrere, die ihm kein Intereſſe boten, unterſucht und zurückgeworfen, als er auf der Rückſeite von einem jener Papiere, das nur unbedeutende Bemerkungen erhielt und das er gleich den andern über ſein Bein hinabgleiten laſſen wollte, einige Linien von einer feinen und zierlichen Schrift wahrnahm, die ihm auffiel, und er las fol⸗ gende wenige Worte: „Wenn man Dich beunruhigt, ſo komm' ſogleich; unſere Freundin hat mich beauftragt, Dir zu ſagen, daß in unſerem Aſyl ein Zimmer übrig iſt, worüber Du verfügen kannſt.“ Das Billet war unterzeichnet: M. de S. Es war offenbar Mary von Souday, welche, niſe die Anfangsbuchſtaben anzeigten, es geſchrieben hatte. Meiſter Courtin ſteckte es höchſt ſorgfältig in ſeine Taſche. In einem Augenblick hatte ſein bäuriſcher Schelmenwitz den ganzen Vortheil dieſer Nachwei⸗ ſung begriffen. Nachdem das Billet eingeſteckt war, ſetzte er ſeine Nachforſchungen fort, die ihn noch aus ziem⸗ lich beträchtlichen Rechnungen belehrten, daß die Perſon, welche dieſes Haus bewohnte, mit der Reg⸗ 9 Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 130 lung von Petit⸗Pierre's Ausgaben beauftragt ſein müſſe. In dieſem Augenblick hörte man den Laut von Stimmen und Schritten auf dem Corridor. Courtin erhob ſich raſch und trat an das Fenſter. Durch das halb geöffnete Fenſter bemerkte er einen Mann, welchen der Diener an die Thüre führte. Dieſer Mann hatte einen großen leeren Geldſack in der Hand und vor dem Hinausgehen wickelte er denſelben zuſammen und ſteckte ihn in ſeine Rocktaſche. Bis jetzt hatte Meiſter Courtin nur den Rücken dieſes Mannes ſehen können; aber im Augenblick, da derſelbe an dem Diener vorbei ging, um durch die Gartenthüre zu treten, erkannte er Meiſter Loriot. d „Ah! Ah!“ ſprach er,„der auch; der iſt dabei und bringt ihnen Geld. Es iſt wahrhaftig ein ſtolzer Gedanke geweſen, hieher zu kommen.“ Und Courtin nahm ſeinen Platz vor dem Ka⸗ min wieder ein, denn er zweifelte, daß die Audienz⸗ ſtunde für ihn ſchon gekommen ſei. Im Augenblick, wo der Bauer die Thüre öffnete, war oder ſchien er in ſeine Gebete ſo vertieft, daß er bei dem Geräuſch ſich nicht einmal rührte. Der Bauer ging auf ihn zu, berührte ihn ſanft an der Schulter und forderte ihn auf, ihm zu fol⸗ gen. Courtin gehorchte, nachdem er ſein Gebet, wie er es angefangen, mit einer Bekreuzigung ge⸗ endet hatte, welche der Breton andächtig nachmachte. Man ließ ihn in das Zimmer eintreten, wo MNieeiſter Paſcal am erſten Abend Michel empfangen 131 hatte. Nur war dießmal Meiſter Paſcal ernſter beſchäftigt, als das erſte Mal. Vor ihm befand ſich ein mit Papieren beladener Tiſch, und es kam Courtin vor, als ſehe er unter einer Maſſe offener Briefe, die abſichtlich, um das Gold zu verbergen, aufgehäuft zu ſein ſchienen, Goldſtücke glänzen. Meiſter Paſcal überraſchte den Pächter bei die⸗ ſem Blick; er ſchöpfte aber Anfangs keinen Arg⸗ wohn daraus, indem er ihn jenem Gefühl neugie⸗ rigen Erſtaunens zuſchrieb, womit Bauern, in deren Claſſe der Mann, den er empfing, zu gehören ſchien, immer Gold⸗ oder Silberwerthe betrachten; doch wollte er nicht, daß dieſe Neugierde zu weit gehe; und indem er ſich ſtellte, als habe er in ſeinem Schubfach zu ſuchen, wandte er den Teppich von grüner Sarſche, welcher den Tiſch bedeckte und bis zum Boden herabhing, um und ſchlug ihn zurück. Dann drehte er ſich zu dem Beſucher um. „Was wollt Ihr?“ fragte barſch Meiſter Paſcal. „Mich eines Auftrags entledigen,“ antwortete Courtin. „Wer ſchickt Euch?“ „Frau von La Logerie.“ „Ah! Ihr gehört unſerem jungen Mann.“ „Ich bin ſein Pächter, ſein Vertrauensmann.“ „So redet.“. „Aber ich weiß meinerſeits nicht, ob ich es thue,“ erwiederte Courtin zuverſichtlich. „Wie ſo?“— „Frau von La Logerie ſchickt mich nicht an Sie.“ „An wen denn, mein braver Mann?“ erwie⸗ 9 13² derte Meiſter Paſcal, deſſen Stirne ſich unruhig runzelte. „An eine andere Perſon, zu der Sie mich führen ſollen.“ 3 „Ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt,“ antwor⸗ tete Meiſter Paſcal, ohne die Bewegung der Un⸗ geduld verbergen zu können, welche in ihm Michels unverzeihliche Unbedachtſamkeit, wie er die Sache anſah, erregte. Courtin, welcher den Zwang, den er ſich anthat, bemerkte, ſah, daß er zu raſch geweſen ſei; aber es war jetzt gefährlich, einen plötzlichen Rückzug zu machen. „Nun,“ ſagte Paſcal,„wollt Ihr mir ſagen, oder nicht, womit Ihr beauftragt ſeid? Ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „Ei! Eil ich weiß nicht, mein guter Herr,“ ent⸗ gegnete Courtin,„ich liebe meinen Herrn ſo ſehr, daß ich für ihn ins Feuer ginge. Spricht er zu mir: Thue das, thue jenes, ſo halte ich darauf, ſeine Befehle zu vollziehen, ſein Vertrauen zu ver⸗ dienen, und nicht mit Ihnen, hat er mir geſagt, ſollte ich reden.“ „Wie heißt Ihr, mein braver Mann?“ „Meiſter Courtin, Ihnen zu dienen.“ „Aus welchem Kirchſpiel ſeid Ihr?“ „Aus La Logerie, gewiß.“ Meiſter Paſcal nahm ſein Notizenbuch, blätterte einige Augenblicke darin und heftete dann auf den Maire von La Logerie einen forſchenden mißtraui⸗ ſchen Blick. „Ihr ſeid Maire?“ fragte er ihn. 1 1 5 4 r d ————.— 133 „Ja, ſeit 1830. Aber, die zunehmende Kälte von Meiſter Paſcal bemerkend, ſetzte er hinzu: „Meine Gebieterin, die Frau Baronin hat mich dazu ernennen laſſen.“ „Hat Euch Frau von La Logerie nur einen mündlichen Auftrag für die Perſon gegeben, an welche ſie Euch ſchickt?“* „Ja, ich habe wohl ſo ein Stückchen Brief da, aber das iſt nicht für Sie.“ „Kann man dieſes Stückchen Brief ſehen?“ „Allerdings, es iſt kein Geheimniß dabei, weil er nicht geſiegelt iſt.“ Und Courtin reichte Meiſter Paſcal das Papier, welches ihm Michel für Bertha eingehändigt hatte und worin Petit⸗Pierre dieſe bat, ſich nach Nantes zu begeben. „Wie kommt es, daß dieß Papier noch in Euren Händen iſt?“ fragte Meiſter Paſcal;„es ſcheint mir, das Datum iſt mehr als vierundzwanzig Stun⸗ den alt.“ „Weil man nicht Alles zugleich thun kann und dieß erſt, ſobald ich nach Hauſe zurückkehre, wo ich diejenige treffen muß, der ich es zu übergeben be⸗ auftragt bin.“ Die Augen von Meiſter Paſcal verließen, ſeit er den Namen Courtin nicht unter denen, die durch ihren Royalismus ſich hervorthaten, gefunden hatte, den Maire von La Logerie nicht. Dieſer nahm wieder den Blödſinn an, der ihm bei dem Kapitän des Jungen Karl ſo gut gelungen war. „Nun, mein ehrlicher Mann,“ ſprach er zu dem 134 Pächter,„es iſt mir unmöglich, Euch eine andere Perſon, als mich ſelbſt anzuzeigen, um die vertrauliche Mittheilung, die Ihr zu machen habt, in Empfang zu nehmen. Redet, wenn Ihr es für paſſend er⸗ achtet; wo nicht, ſo kehrt zu Eurem Herrn zurück und ſagt ihm, er ſolle ſelbſt kommen.“ „Ich werde das nicht thun, mein werther Herr,“ antwortete Courtin;„mein Herr iſt zum Tode ver⸗ urtheilt, und es iſt mir nicht darum zu thun, ihn nach Nantes zurückzubringen. Er iſt beſſer bei uns aufgehoben. Ich will Ihnen Alles ſagen; Sie wer⸗ den damit das Ihrige ſchon zu machen wiſſen, und wenn mein Herr damit nicht zufrieden iſt, ſo mag er mich ſchelten. Das iſt mir lieber.“ Dieſer naive Ausbruch der Ergebenheit verſöhnte Meiſter Paſcal ein wenig mit dem Pächter, deſſen erſte Antworten ihn ernſtlich beunruhigten. „Redet alſo, mein braver Mann, und ich bürge Euch dafür, daß Cuer Herr nicht ſchelten wird.“ „Das wird bald gethan ſein. Herr Michel hat mich alſo beauftragt, Ihnen zu ſagen, oder vielmehr Herrn Petit⸗Pierre zu ſagen, denn ſo heißt die Per⸗ ſon, zu der er mich ſchickt.“ „Gut,“ ſagte lächelnd Meiſter Paſcal. „Daß er denjenigen entdeckt habe, der das Schiff wenige Augenblicke, ehe Petit⸗Pierre, Mademoiſelle Mary und er ſelbſt an dem Ort des Rendezvous' anlangten, zur Abfahrt beſtimmt habe.“ „Und wer iſt es?“—— „Ein Mann Namens Joſeph Picaut, der zuletzt Stallknecht im Anbrechenden Tage war.“ „In der That iſt dieſer Mann, den wir dort — untergebracht haben, ſeit geſtern Morgen verſchwun⸗ den,“ rief Meiſter Paſcal;„fahrt fort, mein braver Courtin.“ „Daß man dieſem Picaut in der Stadt nicht trauen und ihn im Bocage und auf der Ebene über⸗ wachen ſoll; das iſt Alles.“ „Gut. Ihr werdet Herrn von La Logerie für ſeine Nachricht danken, und jetzt, da ich ſie empfan⸗ gen habe, kann ich Euch verſichern, daß ſie an die rechte Perſon gekommen iſt.“ „Ich begehre nicht mehr,“ antwortete Courtin aufſtehend. Meiſter Paſcal führte den Pächter mit ungemei⸗ ner Höflichkeit zurück und that für dieſen, was der Letztere ihn nicht einmal bei Meiſter Loriot hatte thun ſehen, indem er Meiſter Courtin bis an die Hausthüre begleitete. Courtin war zu verſchmizt, als daß er ſich über dieſes Benehmen hätte täuſchen können, und hörte es darum ohne Ueberraſchung, wie, nachdem er zwanzig Schritte gemacht, das Pförtchen des Hauſes von Meiſter Paſcal wieder auf⸗ und zuging; er drehte ſich nicht um, aber überzeugt, daß man ihm folgte, ging er langſam weiter, wie ein Mann, der nichts zu thun hat, indem er mit verwunderter Maul⸗ afferei vor allen Buden anhielt, alle Anſchlagzettel las, ſorgfältig Alles vermied, was den Verdacht beſtärken konnte, den er in Meiſter Paſcals Geiſte nicht vollſtändig zu zerſtören vermocht hatte. Dieſer Zwang koſtete ihn wenig; er war entzückt von ſei⸗ nem Morgen und ſah ſich entſchieden auf dem Punkt, die Frucht ſeiner Muͤhen einzuerndten. 136* Im Augenblick, als er gegenüber von dem Colo⸗ nial⸗Hotel anlangte, erblickte er Meiſter Loriot, der unter dem Portal mit einem Fremden ſchwazte. Indem Courtin dieſes Verfahren einhielt, brachte er den bretagniſchen Diener, der ihm aufpaßte, in völlige Verwirrung. Dieſer folgte ihm bis jenſeits der Loire, ohne daß der Maire von La Logerie ein einziges Mal dadurch, daß er ſich umdrehte, jene Unruhe an den Tag legte, welche bei Leuten, die kein gutes Ge⸗ wiſſen haben, ſo natürlich iſt. So kehrte der Breton geraden Wegs wieder zurück und erklärte ſeinem Herrn, daß er ſehr Un⸗ recht habe, einen Verdacht gegen den würdigen Bauern zu nähren, der in ſeinen müßigen Stun⸗ den ſich den unſchuldigſten Zerſtreuungen und den heiligſten Uebungen hingebe, und Meiſter Paſcal begann ſeinerſeits Michel weniger ſchuldig zu finden, daß er einem ſo redlichen Diener ſein ganzes Ver⸗ trauen geſchenkt hatte. LXXIX. Die beiden Judas. Ein Wort über die Lage des kleinen Dorfes Saint⸗Philbert. Ohne dieſe topographiſche Vorbemerkung, die übrigens wie alle unſere Vorworte kurz ſein wird, duͤrfte es ſchwer ſein, den Scenen, welche wir un⸗ ſern Leſern vor Augen zu bringen im Begriff ſind, in allen ihren Einzelheiten zu folgen. Das Dorf Saint⸗Philbert liegt an der Spitze des Winkels, welchen die Boulogne bildet, indem R—— 137 ſie ſich in den See Grandlieu wirft, und auf dem linken Ufer dieſes Fluſſes. Die Kirche und die vornehmſten Häuſer des Fleckens befinden ſich ungefähr einen Kilometer vom See. Die Haupt⸗ und einzige Straße folgt dem Laufe des Fluſſes, und je weiter man an die⸗ ſem abwärts ſteigt, deſto ſeltener und dünner geſäet werden die Häuſer, deſto ärmlicher und elender ſind ſie, ſo daß, wenn man die unermeßliche blaue Waſ⸗ ſerfläche erblickt, welche mit Schilf eingefaßt, dieſe Straße begrenzt, man nichts weiter als drei bis vier Stroh⸗ oder Schilfhütten um ſich hat, wo die Leute le⸗ ben, welche die Fiſcherei in der Umgegend betreiben. Doch gibt es, oder gab es vielmehr damals bei dem zunehmenden Verfall des Wohnorts Saint⸗ Philbert eine Ausnahme. Dreißig Schritte von den eben genannten Hüt⸗ ten befindet ſich ein Haus von Stein und Ziegeln mit rothem Dach, grünen Fenſterläden, umgeben von Stroh⸗ und Heuſchwaden, wie ein Lager von Wachpoſten, bevölkert von einer Welt von Kühen, Schafen, Hühnern, Enten, von denen die Einen im Stall brüllen und blöcken, die Andern vor der Thüre, den Staub von der Straße ausklaubend, gackern und gwaaken. Dieſe Straße dient als Hof für das Haus, welches, wenn es dieſes nützlichen Zubehörs beraubt iſt, reichlich durch die Gärten entſchädigt wird, wel⸗ che unbedingt die prächtigſten und ergiebigſten der Gegend ſind. Man erblickt von der Straße aus über dem Dach in gleicher Höhe mit den Kaminen die Gipfel 138 der Bäume im Frühling mit dem roſigen Schnee ihrer Blüthen, im Sommer mit Früchten jeder Art beladen, neun Monate des Jahres grünend, und dieſe Bäume erſtrecken ſich auf eine Länge von zweihundert Metern amphitheatraliſch nach Süden, bis zu einem kleinen Hügel, mit Ruinen bekrönt, welche nach Norden die Gewäſſer des See's Grand⸗ lieu überragen. Das Haus iſt die im Beſitz von den Eltern der Wittwe Picaut befindliche Schenke. Die Ruinen ſind die des Schloſſes Saint Phil⸗ bert de Grandlieu. Die hohen Mauern, die gigantiſchen Thürme eines der berühmteſten Baronenſitze der Provinz, erbaut, um die Gegend im Schach zu halten und die Gewäſſer des See's zu beherrſchen, mit düſtern Gewölben, deren Echos auf das Sporengeklirr des Grafen Gille von Retz antworteten, wenn er über dieſe Steinplatten im Nachdenken über jenen mon⸗ ſtröſen Luxus dahinſchritt, der Allem, was das alte Rom in dieſer Art aufzuweiſen hatte, es gleich, wo nicht zuvorthat, heut zu Tag geſchleift, zertrümmert, mit Epheu bekränzt, mit wilden Levkojen beſetzt, nach allen Seiten eingebrochen, ſind von Verfall zu Verfall bis zum letzten von allen fortgeſchritten; aus groß, wild, ſchrecklich, wie ſie waren, ſind ſie demüthig militäriſcher Art geworden, ſind zuletzt dahin gebracht worden, das Glück von einer Bauern⸗ familie, Abkömmlingen armer Leibeigenen zu machen. die ehemals wahrſcheinlich nur mit Zittern auf ſie blickten. Dieſe Ruinen ſchützen die Gärten gegen Nor⸗ 0 O 8C NKN 88G — 139 den, gegen den der Blüthe ſo verderblichen Wind und machen aus dieſem kleinen Erdwinkel ein wah⸗ res Eldorado, wo Alles treibt, wo Alles gedeiht, von dem einheimiſchen Birnbaum bis zu Weinrebe, von dem Spierlingsbaum mit herben Früchten bis zum Feigenbaum. 8 Aber dieß war nicht der einzige Dienſt, welchen der alte Schloßthurm ſeinen neuen Eigenthümern leiſtete; in den niedrigen, durch ſtarke Luft⸗ ſtrömung trocken erhaltenen Sälen hatten ſie Obst⸗ kammern eingerichtet, wo die Erzeugniſſe des Gar⸗ tens ſich über die Dauer ihrer gewöhnlichen Zeit gut erhielten und ihren Werth verdoppelten; end⸗ lich in den Kerkern, wo Gille de Retz ſeine Opfer begrub, eine Milcherei hergeſtellt, deren Butter und Käſe mit Recht einen Ruf genoſſen. Das hatte die Zeit aus dem rieſenhaften Werke der Sires von Saint⸗Philbert gemacht. Wir ſahen eben, wie es heut zu Tage war, jetzt ein Wort darüber, wie es ſonſt war. Das Schloß von Saint⸗Philbert beſtand ur⸗ ſprünglich aus einer ungeheuern, parallelogrammi⸗ ſchen Mauerumfriedigung, auf der einen Seite von den Waſſern des See's beſpült, auf der an⸗ dern von einem breiten, in den Fels gehauenen Graben, in welchen ſich die Waſſer des See's er⸗ ſtreckten, vertheidigt. Vier viereckige Thürme flankirten die Winkel dieſer ungeheuren Steinmaſſe; ein Donjon mit Fallgatter und Zugbrücke ſchützte den Eingang; gegenüber von dem Donjon und auf der andern Seite beherrſchte ein fünfter Thurm, noch höher 140 und impoſanter als die andern, dieſen Bau und den umgebenden See von drei Seiten. Mit Ausnahme dieſes letztern Thurms und des Donjon, war die ganze übrige Feſte, Mauern und Hauptgebäude, beinahe eingeſtürzt, und ſelbſt dem erſten dieſer Thürme hatte die Zeit nur unvollſtän⸗ dig Gnade widerfahren laſſen; die verfaulten Bal⸗ ken des Fußbodens vom erſten Stockwerk, waren, nicht im Stande, die Steinmaſſen zu tragen, welche ſich von Tag zu Tag mehr darauf anhäuften, in das Erdgeſchoß heruntergefallen und hatten das⸗ ſelbe um einen Fuß erhöht, während ſie keinen weitern Zutritt mehr zu dem Thurm, als über die Plattform, geſtatteten. In dieſem niedrigen Saal hatte der Großvater der Wittwe Picaut ſeine Haupt⸗Obstkammer einge⸗ richtet und an den Wänden waren Bretter ange⸗ bracht, wo er den Winter über auslegte, was ihm ſein Garten gegeben hatte. Die Thüren und Fenſter von dieſem Theil des Thurms waren noch in ziemlich gutem Stand er⸗ halten, und an einem dieſer Fenſter bemerkte man noch eine mit Roſt bedeckte Gitterſtange, welche ge⸗ wiß noch aus den Zeiten des Grafen Gille her⸗ ſtammte. Die andern Thürme und die Wand des Haupt⸗ gebäudes lagen völlig in Trümmern; die Maſſen von Mauerwerk, die ſich losgeriſſen hatten, waren theils in den Hof gerollt, welchen ſie ſperrten, theils in den See, welcher ſie jeder Zeit mit ſeinem Schilf und in Tagen des Sturms mit ſeinem Schaum bedeckte. 3 141 Der Donjon ſeinerſeits, beinahe noch unberührt, wie der Thurm, von dem wir ſo eben geſprochen, war mit einer ungeheuern Maſſe Epheu bekrönt, der ihm ſtatt einer Dachbedeckung diente, und ſchloß zwei kleine Gemächer ein, welche trotz des ooloſſa⸗ len Ausſehens des Gebäudes nicht mehr als acht bis zehn Fuß nach jeder Seite gehalten hatten, ſo dick waren die Mauern. Der innere Hof, der ſonſt den Vertheidigern des Schloſſes als Waffenplatz gedient hatte, verſperrt durch die Trümmer, welche die Jahre daſelbſt auf⸗ gehäuft, beſtreut mit Säulen, ganzen Schieß⸗ ſcharten, Fenſterbögen, Statuen, Figuren, war völlig unbrauchbar; ein kleiner Weg führte nach dem mittleren Hof; ein anderer, weniger ſorgfältig ge⸗ ebnet, nach einem geringen Ueberreſt von dem öſt⸗ lichen Thurm, in welchem noch eine ſteinerne Treppe ſtehen geglieben war, von wo mittelſt eines gym⸗ naſtiſchen Wunders Leute, die eine wunderbare Ausſicht zu genießen begierig waren, nach der Platt⸗ form des Hauptthurms gelangen konnten, indem ſie einer Galerie folgten, welche längs der Mauer hin⸗ lief, wie es bei Alpenpfaden der Fall iſt, die längs der Felſen zwiſchen einem Abgrund und ei⸗ nem Berge hingezogen ſind. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß außer dem Zeit⸗ raum, wo die Fruchtkammer gefüllt war, Niemand die Ruinen des Schloſſes Saint⸗Philbert bewohnte, ja nicht einmal beſuchte. Nur zu jener Zeit ſetzte man einen Hüter dorthin, der in dem Donjon ſchlief. Das ganze übrige Jahr ſchloß man die Thüre zu dem Thurm; von dieſem Augenblick an 142 waren die Ruinen den Liebhabern hiſtoriſcher Erin⸗ nerungen und den Gaſſenjungen des Fleckens preis⸗ gegeben, welche dieſe alten Trümmer bevölkerten, wo ſie Neſter auszunehmen, Blumen zu pflücken, Gefahren zu beſtehen fanden, lauter Dinge, wor⸗ nach das Kindesalter begierig iſt. In dieſen Ruinen hatte Courtin M. Hyacinthe ein Rendezvous gegeben; er wußte, daß ſie zu der Stunde, wo ſie ſich treffen ſollten, völlig verlaſſen waren, ſoferk mit dem ſinkenden Tag ihr ſchlechter Ruf alle diejenigen verſcheuchte, welche, ſo lang die Sonne am Horizont ſtand, längs ihrer gezackten Kämme ſpielten. Der Maire von La Logerie hatte Nantes gegen fünf Uhr verlaſſen. Er war zu Fuß und doch machte er ſeinen Weg mit ſolcher Schnelligkeit, daß wenigſtens noch eine Stunde bis zu Anbruch der Nacht fehlte, als er durch den Wald ſchritt, der nach Saint⸗„Philbert führt. In dieſem Flecken war Meiſter Courtin ſchon eine gewiſſe Perſon; ihn eine Treuloſigkeit im Großen Saint⸗Jacques begehen zu ſehen, an deſſen Thür er gewöhnlich ſein Pferd Jolicoeur dem Tannenzapfen, das heißt der Schenke zu lieb, die von der Wittwe Picaut gehalten wurde, anband, wäre ein Ereigniß geweſen, womit ſich die ganze Welt beſchäftigt hätte. Er fühlte dieß ſo wohl, daß, ſeines Kleppers beraubt und nie Etwas genießend, als was man ihm anbot, es für ihn zum Minde⸗ ſten nutzlos geweſen wäre, ſich nach dem Gaſthauſe zu begeben. Gleichwohl hielt der Maire von La Logerie wie gewöhnlich vor der Thüre des Großen 143 Saint⸗Jacques, wo er mit den Einwohnern von Saint⸗Philbert, die ſeit der doppelten Schlappe von Chene und La Peniſſidre ſich ihm wieder genähert hatten, eine Unterredung hatte, die in der Lage, worin er ſich befand, für ihn nicht ohne Wichtigkeit war.. „Meiſter Courtin,“ fragte Einer von ihnen,„iſt es wahr, was man ſagt?“ „Und was ſagt man, Mathieu?“ fragte Cour⸗ tin;„erzähle es mir, daß ich es auch weiß.“ „Ei! man ſagt, Ihr habet Eure Kaſake umge⸗ kehrt und zeiget nur noch das Futter, was macht, daß ſie, vorher blau, jetzt weiß geworden iſt.“ „Ahl ſo,“ erwiderte Courtin,„das iſt eben eine Dummheit!“ „Aber Ihr laßt wohl daran glauben, mein guter Alter, und ſeit Euer Hausherr zu den Blauen über⸗ gegangen, iſt es Thatſache, daß man Euch nicht mehr wie ſonſt ſchwatzen hört.“ „Schwatzen!“ wiederholte Courtin mit ſeiner pfiffigen Miene,„wozu hilft das Schwatzen? Gut, laß es gehen, ich thue gegenwärtig etwas Beſſeres, als ſchwatzen... und... Du wirſt davon reden hören, Burſche.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer, denn ſeht Ihr, Meiſter Courtin, all dieſer Wirrwarr iſt der Tod für den Handel, und wenn die Patrioten nicht einig bleiben, werden wir, anſtatt wie unſere Väter durch Erſchießen, nur durch Elend und Hunger unſer Ende finden. Gelingt es uns hingegen, uns eines Hau⸗ fens ſchlechter Burſchen, die hier herumſtreifen, zu 144 entledigen, ſo werden die Geſchäfte ſich bald wieder erholen, und das iſt Alles, was wir begehren.“ „Hier herumſtreifen!“ wiederholte Courtin,„ich denke, daß ſie nicht viel mehr als wie Geiſter gegen⸗ wärtig herumſtreifen.“ „Bah! das laſſen ſie wohl bleiben. Es ſind noch keine zehn Minuten, daß ich den ſtolzeſten Lump des Landes mit der Flinte auf der Schulter und den Piſtolen im Gürtel vorübergehen ſah, und das ſo keck, als ob es keine Rothhoſe in der Gegend gäbe.“ „Wer denn ſo?“ „Joſeph Picaut, wahrhaft; der Mann, der ſei⸗ nen Bruder getödtet hat.“ „Joſeph Picaut hier!“ rief der Maire erblei⸗ chend;„bei der Cider⸗Pipe, das iſt nicht möglich!“ „So wahr als Ihr da ſeid, Meiſter Courtin, ſo wahr als es nur einen Gott gibt; es iſt wahr, er trug Wamms und Hut wie ein Matroſe, aber macht nichts, ich habe ihn doch ſogleich erkannt.“ Meiſter Courtin überlegte eine Minute; der Plan, den er in ſeinem Kopf feſtgeſtellt hatte, und der ſich auf die Exiſtenz des Hauſes mit zwei Aus⸗ gängen und auf die täglichen Beziehungen, die Mei⸗ ſter Paſcal mit Petit⸗Pierre hatte, gründete, konnte ſcheitern, und in dieſem Fall wurde Bertha ſeine letzte Hülfsquelle. Er hatte, um den Zufluchtsort von Petit⸗Pierre zu entdecken, nur ein einziges Mittel anzuwenden, das, welches ihm in Bezug auf Mary fehlgeſchlagen war: dem Mädchen zu folgen, wenn ſie ſich nach Nantes begab. Sah Bertha Jo⸗ ſeph Picaut, ſo ſtand Alles auf dem Spiel; aber 145 es war noch viel ſchlimmer, wenn Bertha den Chouan in Verbindung mit Michel krachte. Dann klärte ſich Alles auf, die Rolle, die er in der Nacht, da die Abreiſe vereitelt wurde, geſpielt hatte, kam dem jungen Mann zur Anzeige, und er war verloren. Er begehrte Papier und Feder und ſchrieb einige Linien und ſagte, ſie ſeinem Gegenredner reichend: „Nimm, Matthieu, hier iſt der Beweis, daß ich ein Patriot bin, und daß ich mich nicht wie eine Windfahne dahin drehe, wo die Herrn uns haben wollen. Du haſt mir vorgeworfen, meinem Herrn auf ſeinen Wanderungen gefolgt zu ſein; wohlan, der Beweis für das Gegentheil iſt, daß ich erſt ſeit einer Stunde den Ort, wo er ſich verborgen hält, kenne— und ihn packen laſſen will; und je mehr ich Gelegenheit habe, die Feinde meines Vaterlan⸗ des zu vernichten, deſto eifriger werde ich es thun, und das, ohne mich zu fragen, ob es mein Vortheil iſt oder nicht; und das, ohne mich darüber zu be⸗ unruhigen, ob es meine Freunde ſind oder nicht.“ Der Bauer, der ein Erzblauer war, drückte de⸗ geiſtert Courtins Hand. „Haſt Du Beine?“ fragte dieſer⸗ „Ol ich glaube wohl,“ erwiderte der Bauer. „Wohlan! Trage das den Augenblick nach Nan⸗ tes, und da ich noch viele Schwaden draußen habe, ſo rechne ich darauf, daß Du das Geheimniß be⸗ wahrſt, denn Du begreifſt wohl, wüßte man, daß ich den jungen Baron habe verhaften laſſen, würden meine Schwaden große Gefahr laufen, nicht in die Scheune zu kommen.“ Der Bauer gab Courtin ſein Wort, und da die Dum as, Wölfinnen von Machecoul. V. 10 Nacht allmälig einbrach, ſo verließ der letztere das Wirthshaus und vor allen Dingen das Dorf, links abweichend, machte eine Wendung auf dem Felde und ging wieder umkehrend auf die Ruinen von Saint⸗ Philbert zu. 1 Er kam am Ufer des See's an, folgte dem äußern Graben und drang in den Hof über die ſteinerne Brücke, welche die Stelle der Zugbrücke Krſebt hatte, die ſonſt vor dem Donjon ſich nieder⸗ ieß. In dieſem Hof angekommen, pfiff er leiſe. Auf dieſes Signal erhob ſich ein Mann, der im Schatten einer Maſſe eingeſtürzten Mauerwerks ſaß, und ging auf ihn zu. 2 Dieſer Mann war Herr Hyacinthe. „Sind Sie es?“ fragte er, näher tretend, aber nicht ohne eine gewiſſe Vorſicht. „Ei! ja,“ antwortete Cvurtin,„ſeien Sie doch uhig.“ „Welche Nachrichten heute?“ „Gute, aber hier iſt nicht der rechte Ort, ſie zu geben.“ „Warum?“ „Weil es hier ſo ſchwarz iſt, wie in einem Ofen; ich wäre beinahe auf Sie zugelaufen, ohne Sie zu ſehen; ein Menſch könnte zu unſern Füßen verbor⸗ gen ſein und uns hören, ohne daß wir Wind von ihm bekämen. Kommen Sie alſo, die Affaire ſteht gegenwärtig zu gut, um ſie auf's Spiel zu ſetzen.“ „Es ſei; aber wo werden Sie einen einſamern Platz als dieſen finden? „Wir bedürfen dennoch eines ſolchen; wüßte ich das nks ind nt⸗ em die icke der⸗ im aß, ber 147 in der Umgegend eine Wüſte, würde ich Sie dort⸗ hin führen und noch leiſe reden; aber in Ermang⸗ lung einer Wüſte werden wir einen Ort finden, wo wir wenigſtens die Gewißheit haben, allein zu ſein.“ „So gehen Sie, ich folge Ihnen.“ Courtin führte ſeinen Genoſſen nach dem mitt⸗ lern Thurm, nicht ohne ein⸗ oder zweimal ſtill zu halten, um zu horchen; denn, ſei es Wirklichkeit, ſei es Einbildung, es kam dem Maire von La Lo⸗ gerie vor, als höre er Schritte oder ſehe Schatten vorübergleiten. Aber da M. Hyacinthe ihn bei jeder Pauſe beruhigte, geſtand er endlich, es ſei eine Wirkung ſeiner ängſtlichen Phantaſie; am Thurm angekommen, ſtieß er eine Thüre auf, trat zuerſt ein, zog eine Wachskerze und ein phosphori⸗ ſches Feuerzeug aus der Taſche, zündete die Kerze an, fuhr mit ihr in allen Winkeln herum, unter⸗ ſuchte endlich alle Krümmungen, um ſich zu ver⸗ ſichern, daß Niemand in der alten Obſtkammer ver⸗ borgen war. Eine Thüre, in der Wand zur Rechten ange⸗ bracht und halb vergraben unter den Trümmern von der Decke, erregte Courtin's Neugierde und Unruhe; er ſtieß ſie auf und befand ſich gegenüber einer gähnenden Oeffnung, aus welcher ein feuchter Dunſt aufſtieg. „Sehen Sie doch,“ ſagte Herr Hyacinthe, der ſich der enormen Breſche näherte, welche in die Mauer gebrochen war und durch die man den im Wondſübein leuchtenden See erblickte,„ſehen Sie 0 14 „O, ich ſehe es ganz wohl,“ antuyrlele Courtin 148 lachend,„ja, ja, die Milchkammer Vater Champée's bedarf der Ausbeſſerung; ſeitdem ich das letzte Mal hier war, hat ſich das Loch in der Mauer um das Doppelte vergrößert; man könnte jetzt zu Schiff hereinkommen.“ Courtin hob jetzt das Licht empor und verſuchte, es nach dem Gewölbe wendend, die Tiefe des über⸗ ſchwemmten Souterrains zu beleuchten, aber es ge⸗ lang ihm nicht; er nahm einen Stein und warf ihn mit einem Geräuſch in's Waſſer, welches der Nach⸗ hall des Orts gefährlich machte, während die er⸗ ſchütterten Wogen auf dieſes Geräuſch mit dem regelmäßigen Anſchlag ihrer Waſſer an den Mauern und an den Stufen der Treppe antworteten. „Nun,“ ſprach Courtin,„es iſt entſchieden nichts hier als die Fiſche des See's, die uns hören könn⸗ ten, und ein Sprichwort ſagt: ſtumm wie ein Fiſch.“ In dieſem Augenblick rollte ein von der Platt⸗ form losgeriſſener Stein an der äußern Mauer hinab und ſchlug auf dem Pflaſter des Hofs auf. „Haben Sie gehört?“ fragte ſeinerſeits M. Hya⸗ einthe unruhig. „Ja,“ erwiderte Courtin, der im Widerſpruch mit ſeinem, in dem gigantiſchen Schatten dieſer Rui⸗ nen ängſtlicher werdenden Genoſſen wieder einen gewiſſen Muth bekommen hatte, indem er ſich ver⸗ ſicherte, daß Niemand im Hofe verborgen ſei;„ja, aber es iſt nicht das erſte Mal, daß ich dergleichen ſehe, und ſolches Geräuſch vernehme. Ich habe von dieſen alten Thürmen ganze Wände von Mauer⸗ werk in Folge der Berührung von dem Flügel ei⸗ nes Nachtvogels einfallen ſehen. 5e's Nal das ciff hte, ber⸗ ge⸗ ihn ach⸗ er⸗ dem tern chts nn⸗ att⸗ zuer uf. wa⸗ ruch dui⸗ nen ver⸗ „ja, chen von jer⸗ ei⸗ 149 „Olo!“ bemerkte M. Hyacinthe mit ſeinem nä⸗ ſelnden Lächeln, welches an den deutſchen Juden erinnerte,„gerade die Nachtvögel haben wir zu fürchten.“ „Ja, ja, die Chouans,“ ſagte Courtin;„aber nein, dieſe Ruinen ſind allzunahe beim Dorfe, und wiewohl man einen Schelm in der Gegend herum⸗ ſtreichen ſah, von dem ich glaubte daß wir erlöst ſeien, und wegen deſſen ich hier eben Durchſuchung hielt, würden ſie ſich doch nicht hieher wagen. „Dann löſchen Sie Ihre Kerze aus.“ „Nein; ſie iſt uns zum Schwatzen unnütz, das iſt wahr, aber wir haben, ſcheint mir, Anderes zu thun, als zu ſchwatzen.“ „Wirklich?“ fragte Herr Hyacinthe mit einer freudigen Bewegung. „Allerdings; kommen Sie in dieſe Vertiefung, wo wir geſchützt ſind und unſer Licht verbergen können.“ Und der Maire von La Logerie zog M. Hya⸗ cinthe unter die Wölbung, welche zu der Thüre des Souterrains führte, ſtellte das Licht vor dieſe Thüre hinter einen herabgefallenen Stein und ſetzte ſich auf die Stufen. „Sie ſagten alſo,“ ſprach M. Hyacinthe, ſich Courtin gegenüber ſetzend,„daß Sie mir den Na⸗ men der Straße und die Nummer des Hauſes, wo Petit⸗Pierre verborgen iſt, angeben wollten.“ „Oder etwas Annäherndes,“ antwortete Cour⸗ tin, welcher bei der von M. Hyacinthe gemachten Bewegung das Klingen von Goldſtücken, die ſein . 150 Leibgurt enthielt, gehört hatte und deſſen Augen vor Gier funkelten. „Nun verlieren wir keine Zeit mit unnützen Worten; wiſſen Sie ſeine Wohnung 2 „Nein.“— „Warum mich dann hieher geplagt haben? Ah! wenn ich etwas bedaure, ſo iſt es der Umſtand, daß ich mich an einen Trändler Ihrer Art ge⸗ wandt habe, ich ſtehe Ihnen dafür!“ Statt aller Antwort nahm Courtin das Papier, das er aus der Herd⸗Aſche in dem Hauſe der Marktſtraße geholt hatte, und reichte es Herrn Hyacinthe, indem er ihm ſo dazu leuchtete, daß er es leſen konnte. „Wer hat das geſchrieben?“ fragte der Jude. „Das Mädchen, von dem ich Ihnen geſagt habe und das in der Nähe derjenigen war, welche wir ſuchen.“ „Ja, aber ſie iſt nicht mehr dort und dann er⸗ klären Sie mir, wozu dieſer Brief uns nützt? Was beweist er? Inwiefern fördert er unſere Affaire?“ Courtin zuckte die Achſeln und ſtellte ſein Licht urück. „Wirklich für einen Stadtherrn ſind Sie nicht ſehr pfiffig,“ ſagte er. „Wie ſo?“ „Parbleu! Haben Sie nicht geſehen, daß im Fall man ihn beunruhigte, Petit⸗Pierre demjenigen, an welchen dieſer Brief gerichtet war, ein Aſyl anbot?“ „Ja, und hernach?“ 1 „Nun hernach! braucht es nichts, als ihn zu —& 2 151 beunruhigen, damit er ſich dahin begibt, und dann das Haus auszuforſchen, wohin er ſich gerettet hat, um Alles beiſammen zu finden.“ M. Hyacinthe überlegte. „Ja, das Mittel iſt gut,“ ſagte er, das Blatt zwiſchen den Händen um und umdrehend und über die Flamme der Kerze haltend, um ſich zu ver⸗ ſichern, daß es keine andere Schrift enthielt. „Ich glaube wohl, daß es gut iſt.“ „Und wo wohnt dieſer Mann?“ fragte nach⸗ läſſig Herr Hyacinthe. „Ahl das iſt etwas Anderes,“ antwortete Cour⸗ tin;„Sie haben das Mittel, wie Sie ſelbſt ſagten, Sie finden es gut, aber die Art und Weiſe, ſich deſ⸗ ſen zu bedienen, werde ich Ihnen nicht eher an⸗ zeigen, als bis ich durch ein Unterpfand gedeckt bin, wie die Rechtsmänner ſagen.“ „Und wenn dieſer Menſch von dem Aſyl keinen Gebrauch macht, das man ihm anbietet, wenn er ſeine Zuflucht nicht zu der nimmt, welche wir ſu⸗ chen,“ ſagte Hyacinthe. „O!l Nach der Weiſe, die ich Ihnen angeben werde, iſt es unmöglich, daß er ſich nicht dahin be⸗ gibt; das Haus hat zwei Ausgänge; wir zeigen uns an der einen Thüre mit Soldaten; er ent⸗ flieht durch die andere, die wir abſichtlich frei ge⸗ laſſen haben; hier ſieht er keine Gefahr, die ihm droht; aber wir ſind an jedem Ende der Straße, wir folgen ihm. Sie ſehen wohl, daß der Streich nicht fehlſchlagen kann; nun, ſchnallen Sie ihren Gurt auf.“ „Werden Sie mit mir gehen?“ 15² „Allerdings.“ 3 „Bis zur Ausfuͤhrung werden Sie mich nicht eine Minute verlaſſen?“— „Ich denke nicht daran, da Sie mir nur die Hälfte geben.“— „Jedoch einmal durch ein Unterpfand gedeckt,“ ſagte M. Hyacinthe mit einer Entſchloſſenheit, deren man ihn bei ſeiner friedlichen Miene unfähig ge⸗ halten hätte,„mache ich Sie auf Eins aufmerkſam, daß, wenn Sie eine verdächtige Geberde machen, wenn Sie mich täuſchen, ich Ihnen im Augenblick das Gehirn zerſchmettere.“ Mit dieſen Worten zog M. Hyacinthe eine Piſtole b aus der Bruſttaſche und zeigte ſie dem Maire von La Logerie; das Geſicht deſſen, der dieſe Drohung ausſtieß, blieb kalt und ruhig, aber es blitzte in ſeinen Augen ein düſteres Feuer, welches ſeinem Mitſchuldigen ſagte, er ſei der Mann ſein Wort zu halten. „Wie Sie wollen,“ antwortete Courtin,„und das wird Ihnen um ſo leichter ſein, da ich keine Waffen habe.“. „Das iſt unrecht,“ erwiderte Hyacinthe. „Wohlan,“ fuhr Courtin fort,„geben Sie mir, was Sie verſprochen haben, und ſchwören Sie Ih⸗ rerſeits, im Fall des Gelingens mir noch eben ſo viel einzuhändigen.“ „Das iſt heilig zugeſagt, Sie können darauf zählen, man iſt ehrlich oder iſt es nicht; aber was brauchen Sie mit dieſem Gold ſich zu belaſten, da 1 wir uns nicht verlaſſen ſollen?“ fuhr M. Hyacinthe fort, der eben ſo viele Pein zu empfinden ſchien, * ⁸——= nk— 153 ſich ſeines Gurtes zu entledigen, als Courtin Eifer an den Tag legte, ſich deſſelben zu bemächtigen. „Wie!“ rief Courtin,„ſehen Sie nicht, daß ich das Fieber darnach habe, dieſes Gold zu fühlen, zu berühren, zu betaſten; daß ich daran ſterbe, zu wiſſen, es iſt da, ohne es in meiner Hand zu hal⸗ ten. Für den Augenblick des Genuſſes, den ich empfinden werde, wenn ich es durch meine Finger rollen fühle, denn Sie werden es mir geben, ſonſt ſpreche ich nicht mehr, für dieſen Augenblick habe ich Allem Trotz geboten, habe ich Muth gefunden, der ich mich vor meinem Schatten fürchtete, der ich zitterte, wenn ich bei Nacht gezwungen war, unſern Baumgang zu paſſiren. Geben Sie mir dieſes Gold! geben Sie mir dieſes Gold, Herr! es bleibt uns noch Manches aufs Spiel zu ſetzen, manche Gefahr zu überwinden, dieſes Gold wird mir Muth einflößen. Geben Sie mir dieſes Gold, wenn Sie wollen, daß ich ruhig, daß ich unverſöhnlich gleich Ihnen ſei.“. „Ja,“ antwortete M. Hyacinthe, der das trübe Geſicht, die blaſſe Miene des Bauern bei Ausſpre⸗ chung dieſer Worte ſich erhellen ſah;„ja gegen die Adreſſe jenes Mannes gebe ich es Ihnen. Aber Ihrerſeits die Adreſſe! die Adreſſe!“ Einer begehrte das Erwartete ſo lebhaft als der Andere. M. Hyacinthe ſtand auf, machte den Gurt los; Courtin, den der Metallklang, den er von Neuem vernahm, berauſchte, ſtreckte die Hand aus, ſie zu ergreifen. 154 „Einen Augenblick!“ ſagte M. Hyacinthe,„Wurſt wieder Wurſt!“ „Ja; aber wir wollen vor Allem ſehen, ob es Gold iſt, was er enthält.“ Jetzt zuckte wiederum der Jude die Achſel, aber er fügte ſich dennoch dem Verlangen ſeines Ver⸗ bündeten. Er machte das eiſerne Kettchen los, wo⸗ mit die Ledertaſche geſchloſſen war, und Courtin, geblendet durch den Schimmer des Goldes, fühlte einen Schauder, der ihm durch alle Glieder lief, und den Hals vorgeſtreckt, die Augen ſtarr, die Lippen zitternd, fuhr er voll unausſprechlichen, un⸗ beſchreiblichen Vergnügens mit den Händen in die⸗ ſen Goldhaufen, der durch ſeine Finger rieſelte. „Er wohnt,“ ſagte er,„er wohnt Marktſtraße Nr. 22, die zweite Thüre iſt in der mit der Markt⸗ ſtraße parallel laufenden Gaſſe.“ M. Hyacinthe ließ den Gurt los, den Courtin mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung ergriff. Aber in demſelben Augenblick erhob er den Kopf mit verwirrter Miene. „Was gibt es?“ fragte M. Hyacinthe. „Ah! dießmal iſt man gegangen,“ ſagte der Pütane deſſen Geſicht die größte Beſtürzung ver⸗ rieth. „Aber ich habe nichts gehört,“ antwortete der Jude;„ich habe wahrhaftig Unrecht gethan, Ihnen das Gold zu geben.“— „Warum?“ fragte Courtin, den Gurt an die Bruſt drückend, als ob er fürchte, man möchte ihm denſelben wieder nehmen. 1 155 „Eil weil es mir ſcheint, es verdopple Ihre Angſt.“ Mit einer raſchen Geberde legte Courtin ſeine Hand auf den Arm ſeines Begleiters.. „Nun?“ fragte M. Hyaeinthe, der ſelbſt anfing, unruhig zu werden. „Ich ſage Ihnen, ich höre über unſerem Haupte gehen,“ ſagte Courtin, zu dem Gewölbe aufſchauend, das ſchwarz und düſter blieb. „So! daß es Ihnen nur nicht übel wird,“ ſagte der Jude, zu lachen verſuchend. „Thatſache iſt, daß ich mich nicht wohl fühle.“ „Dann ziehen wir uns zurück; wir haben hier nichts mehr zu thun, und es iſt Zeit, uns nach Nantes auf den Weg zu machen.“ „Nein, verbergen wir uns und horchen; iſt man gegangen, ſo paßt man uns auf, und paßt man uns auf, ſo hält man auf uns an der Thüre. Ah! mein Gott! mein Gott! ſollte man ſchon an mein Gold wollen?“ ſagte der Pächter, den Gurt um ſeine Hüften ſchlingend, aber ſo zitternd, daß er ihn nicht feſtzubinden vermochte. „Ei, Sie verlieren entſchieden den Kopf,“ ſagte M. Hyacinthe, der von den Beiden jetzt als der Mann von Muth ſich zeigte.„Löſchen wir nur zunächſt das Licht aus und verbergen uns in dem Souterrain. Von da aus können wir ſehen, ob Sie ſich irren.“ „Sie haben Recht, Sie haben Recht,“ ſagte Courtin, indem er die Kerze ausbließ und ihn nach der Thüre des unter Waſſer ſtehenden Souterrains zog und auf die erſte Stufe trat. 156 Aber er ging nicht weiter; er ſtieß einen Schreckensſchrei aus, in dem man die Worte un⸗ terſcheiden konnte: „Zu mir, Herr Hyacinthe!“ Dieſer fuhr mit der Hand nach ſeiner Piſtole, als ein ſtarker Arm den ſeinigen ergriff und ihn zum Zerbrechen drückte. Der Schmerz war ſo groß, daß der Jude, die Stirne in Schweiß gebadet, mit dem Rufe: Gnade! auf die Knie fiel. „Ein Wort, eine Geberde, und ich tödte Dich wie einen Hund, der Du am Ende biſt,“ ſprach Meiſter Jacques' Stimme. Dann rief er, ſich zu Joſeph Picaut wendend: „Nun! Tagdieb! Haſt Du ihn, wie?“ „O! der Räuber!“ antwortete dieſer mit erſtick⸗ ter und keuchender Stimme, in Folge der Anſtren⸗ gungen, Courtin zu halten, den er im Augenblick ergriffen hatte, da er die Thüre zum Souterrain öffnete, und der ſich verzweifelt bemühte, nicht ſeine Perſon, ſondern ſein Gold zu retten.„O! der Räuber! er beißt mich, er zerreißt mich. Ah! hät⸗ tet Ihr mir nicht verboten, ihm Blut abzulaſſen, wie ſchnell wäre ich mit ihm fertig geworden!“ — In demſelben Augenblick hörte man das Ge⸗ räuſch zweier Körper, welche zugleich auf den Bo⸗ den fielen. „Wenn er länger ausſchlägt, ſo tödte! tödte!“ ſagte Meiſter Jacques.„Jetzt, da ich weiß, was ich wiſſen wollte, ſehe ich nichts Unrechtes mehr daran.“ 157 „Ah! Mordieu! warum habt Ihr das nicht bälder geſagt, Meiſter, es wäre ſchon aus.“ Und wirklich begehrte Joſeph Picaut nicht wei⸗ ter; mit einer höchſten Anſtrengung brachte er Cour⸗ tin unter ſich zu Boden, ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt und zog ein ſcharfes Meſſer hervor, deſ⸗ ſen Klinge Courtin mitten in der Finſterniß gleich einem Blitzſtrahl leuchten ſah. „Gnade! Gnade!“ rief der Pächter,„ich will Alles ſagen, Alles geſtehen; aber tödtet mich nicht!“ Die Hand von Meiſter Jacques hielt den Arm Joſeph Picauts zurück, der ungeachtet des Verſpre⸗ chens von Courtin auf ihn zuſtoßen wollte. „Nein,“ ſprach derſelbe,„noch nicht; ich denke darüber nach, er kann mir dienen. Binde mir ihn wie eine Bratwurſt, daß er weder Hand noch Fuß rühren kann.“ 4* Der unglückliche Courtin war ſo erſchrocken, daß er von ſelbſt Joſeph die Hände bot, der ihm dieſelben mit einem dünnen, feinen Strick, den Meiſter Jacques mitzunehmen ihm geboten hatte, zuſammenband. Inzwiſchen hatte dieſer den goldgefüllten Gurt noch nicht losgelaſſen, ſondern hielt ihn vermittelſt der Schnur daran noch an ſeinen Magen gedrückt. „Nun? biſt Du bald fertig?“ fragte der Chouan. „Laßt mich nur noch dieſe Pfote anbinden,“ ant⸗ wortete Joſeph. „Gut, gut! Und dann wirſt Du es mit dieſem hier eben ſo machen,“ fuhr der Herr der Kanin⸗ chen fort, indem er auf M. Hyacinthe deutete, dem er geſtattet hatte, ſich auf ein Knie aufzurichten, 158 uund ber ſtumm und unbeweglich in dieſer Stellung ieb. „Es würde ſchneller gehen, wenn ich ſehen könnte,“ ſagte Joſeph Picaut, ärgerlich darüber, daß er an ſeiner Schnur einen Knopf gemacht hatte, den er nicht auflöſen konnte. „Aber wahrhaftig,“ rief Meiſter Jacques,„wa⸗ rum zum Teufel ſollten wir uns geniren? Warum nicht unſere Laternen anzünden? Es wird mir die Seele erfreuen, wenn ich dieſen Königs⸗ und Für⸗ lenvertiuſern ein wenig in das Geſicht ſchauen ann.“ Wirklich zog Meiſter Jacques eine kleine Laterne aus der Taſche und ſchlug ſo ruhig Feuer, als wäre er mitten im Walde von Touvois geweſen; dann fuhr er mit dem Licht M. Hyacinthe und Courtin über das Geſicht. Bei dieſem Schein erblickte Joſeph den ledernen Gurt, welchen der Pächter an ſeiner Bruſt hielt, und ſtürzte ſich auf ihn, denſelben ihm zu entreißen. Meiſter Jacques mißverſtand den Zweck dieſer Bewegung; er glaubte, der Chouan wolle, ſeinem Haß gegen den Maire von La Logerie nachgebend, denſelben ermorden, und ſprang auf ihn zu, dieſe Abſicht zu vereiteln. In demſelben Augenblick orhellte eine Feuer⸗ linie inbenſelt obern Gewölbe des Thurms die Dunkelheit. Ein dumpfer Schuß ließ ſich hören und Meiſter Jacques fiel auf Courtins Körper nie⸗ der, der ſein Geſicht mit einer warmen und faden Flüſſigkeit überſchwemmt fühlte. „Ah! Räuber!“ rief Meiſter Jacques, ſich auf 159 ein Knie erhebend und an Joſeph wendend,„ah! Du haſt mir eine Falle geſtellt! Deine Lüge hatte ich Dir verziehen, aber Deinen Verrath ſollſt Du bezahlen. Und mit einem Piſtolenſchuß aus nächſter Nähe ſtreckte er den Bruder Paſcal Picauts nieder, Die Laterne war im Fallen von der Treppe in den See erloſchen. Der Rauch von den beiden Schüſſen hatte die Finſterniß noch dichter gemacht. Meiſter Hyacinthe hatte, als er Meiſter Jacques fallen ſah, ſich erhoben, wollte entfliehen und ſprang blaß, ſtumm und wahnſinnig vor Schrecken in dem Donjon herum, ohne einen Ausgang zu finden. Endlich erblickte er durch eines der ſchmalen Fenſter die Sterne, welche an dem ſchwarzen Himmelsge⸗ wölbe funkelten, kletterte mit jener Kraft, welche das Entſetzen gewährt, ohne ſich um ſeinen Mit⸗ ſchuldigen zu bekümmern, auf das Geſims, und ſtürzte ſich, ohne an die Höhe oder Gefahr zu den⸗ ken, kopfüber in den See. Das Untertauchen in das kalte Waſſer beruhigte das Blut, das mit größter Heftigkeit nach ſeinem Gehirn ſtrömte, nnd gab ihm ſeine ganze Vernunft wieder.. Er kam wieder an die Oberfläche des Waſſers und hielt ſich ſchwimmend auf derſelben.. Er ſchaute um ſich, um zu ſehen, nach welcher Seite er ſich wenden müßte, als er ein Boot in der Höhlung angelegt ſah, welche dem Waſſer des See's in den Thurm zu dringen geſtattete. Vermittelſt dieſes Boots waren die beiden Män⸗ 160 ner ohne Zweifel in das unter Waſſer ſtehende Souterrain gedrungen. M. Hyacinthe erreichte dasſelbe an allen Glie⸗ dern zitternd, kletterte mit ſo wenig Geräuſch als möglich hinein, ergriff die Ruder und fuhr in den See hinein. Erſt fünfhundert Schritte vom Ufer dachte er an ſeinen Genoſſen. „Marktſtraße Nro. 22!“ rief er.„Nein, der Schrecken hat es mich nicht vergeſſen laſſen. Der Erfolg hängt jetzt von der Schnelligkeit ab, womit ich nach Nantes zurückkomme. Armer Courtin! Zu dieſer Stunde kann ich mich wohl als Erben der fünfzigtauſend Francs betrachten, die ich Dir noch zu geben hatte; aber was für ein dummer Gedanke war es von mir, ihm meinen Geldſack zu geben! Jetzt hätte ich die Adreſſe und das Geld! Welcher Fehler! Welcher Fehler!“ 8 Um die Vorwürfe ſeines Gewiſſens zu erſticken, drückte der Jude mit aller Kraft auf ſeine Ruder und ließ die Barke über das Waſſer des See's mit einer Kraft hinfliegen, die mit ſeinem ſchwächlichen Ausſehen unvereinbar ſchien. LXXX. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Um M. Hyacinthe auf ſeiner einem Wunder gleichenden Flucht zu folgen, haben wir unſern alten Bekannten Courtin verlaſſen, auf dem Boden ausgeſtreckt, Hände und Füße gebunden, mitten in 161 tiefer Finſterniß, zwiſchen zwei verwundeten Ban⸗ diten. Der Ton des keuchenden Athems von Meiſter Jacques, die Wehklagen von Joſeph verurſachten ihm ebenſo viel Entſetzen, wie zuvor die Drohungen derſelben. Er zitterte bei dem Gedanken, einer von ihnen möchte ſich daran erinnern, er ſei auch da, und durch ſeine Ermordung die letzte Rache an ihm üben wollen; er hielt ſeinen Athem an, aus Furcht, ſich ihnen ins Gedächtniß zurückzurufen. Indeſſen war ein anderes Gefühl ſtärker bei ihm als ſelbſt das der Erhaltung ſeines Lebens: bis zum letzten Augenblick wollte er denen, welche ſeine Henker ſein könnten, den koſtbaren Gurt entreißen, den er fortwährend an ſein Herz drückte, und ihn zu verbergen, wagte er etwas, was er ſelbſt zur Rettung ſeines Lebens vielleicht nicht gewagt hätte. Indem er ihn leiſe an ſeiner Bruſt hinunterrutſchen ließ, durch einen geſchickten Druck und mit magne⸗ tiſchem Inſtinct, als ob ſeine Nerven mit dem Gold in Communikation geſtanden wären, den Klang des Metalls unterdrückte, glitt derſelbe auf den Boden und mit einer unmerklichen Bewegung darauf zu⸗ kriechend, gelang es ihm, ſich auf denſelben zu legen und ihn mit ſeinem Körper zu bedecken. Als er eben mit dieſem ſchwierigen Manöver fertig war, hörte er die Thüre des Thurmes ſich kreiſchend in ihren verroſteten Angeln drehen. Er wandte die Augen nach der Seite, von wo das Geräuſch kam, und bemerkte eine Art Geſpenſt, das ſchwarz gekleidet und bleich näher kam, indem es in der einen Hand eine Fackel hielt, mit der andern Dumas, Wölfinnen von Machecoul. 11 162 am Bajonet eine ſchwere Muskete nachſchleppte, deren Kolben auf den Platten widerhallte. Durch die Schatten des Todes, die ſich bereits über ſeine Augen ausbreiteten, ſah Joſeph Picaut die Erſcheinung, denn er rief mit einer von Seelen⸗ angſt erſtickten Stimme: „Die Wittwe! die Wittwe!“ Die Wittwe Picaut, denn ſie war es wirklich, ſchritt langſam vor, ohne einen Blick auf den Maire von La Logerie oder auf Meiſter Jacques zu wer⸗ fen, der, mit ſeiner linken Hand die Wunde, welche ihm ſenkrecht durch die Bruſt ging, zudrückend, ſich auf der Rechten zu erheben verſuchte; ſie hielt vor ihrem Schwager und betrachtete ihn mit einem Aus⸗ druck, der noch einen Reſt von Drohung bewahrte. „Einen Prieſter leinen Prieſter!“rief der Sterbende, erſchreckt durch dieſes düſtere Geſpenſt, das ein bis dahin ihm unbekanntes Gefühl, Gewiſſensbiſſe bei ihm erweckte. 4 „Einen Prieſter!..... Und wozu ſoll Dir ein Prieſter dienen, Elender? Wird er Deinem Bruder, den du ermordet haſt, das Leben wieder geben?“ „Nein, nein,“ rief Picaut;„ich habe Paſcal nicht getödtet, ich ſchwöre es bei der Ewigkeit, in die ich hinabzuſteigen im Begriff bin.“ „Du haſt ihn nicht ermordet, aber Du haſt die Mörder machen laſſen, wenn Du ſie anders nicht zum Verbrechen antriebſt. Nicht zufrieden damit, haſt Du auf mich geſchoſſen, und ohne die Hand eines braven Mannes, der den Schuß ablenkte, hätteſt Du an einem Abend einen doppelten Ver⸗ wandtenmord begangen. Aber wiſſe es, nicht das Uebel, zu 2, 163 das Du mir anthun wollteſt, habe ich gerächt, Got⸗ tes Hand ſchlägt Dich durch die meinige, Kain!“ „Wie ſo!“ riefen zugleich Joſeph Picaut und Meiſter Jacques,„dieſer Schuß? „Dieſer Schuß! Ich, die ich Dich mehr als ein⸗ mal bei einem Verbrechen überraſchen mußte, ich habe ihn gethan. Ja, Joſeph, Du ſo tapfer, Du Deiner Kraft ſo ſicher, demüthige Dich vor dem Urtheilsſpruch der Vorſehung, Du ſtirbſt, getroffen von der Hand eines Welbee 4 „O! was liegt mir daran, woher der Schuß kommt! Sobald ich daran ſterbe, kommt er von Gott. Ich beſchwöre Dich alſo, Weib, laß zu mei⸗ ner Reue die Zeit wirkſam ſein; mache, daß ich mich mit dem Himmel, den ich beleidiget, verſöhnen Lan hole mir einen Prieſter, Weib, ich beſchwöre i 1 4 „Hat Dein Bruder einen Prieſter gehabt in ſeiner letzten Stunde? Haſt Du ihm Zeit gegeben, ſeine Seele zu Gott zu erheben, als er unter den Schlägen Deiner Mitſchuldigen an der Furth der Boulogne fiel? Nein, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Stirb eines gewaltſamen Todes, ſtirb ohne geiſtlichen und zeitlichen Beiſtand, wie dein Mit⸗ ſchuldiger geſtorben iſt, und mögen alle Räuber,“ ſetzte ſie, ſich gegen Meiſter Jacques wendend, hin⸗ zu,„mögen ulle Räuber, welche unter einer Fahne, welche ſie auch ſei, Verderben über ihr Vaterland und Trauer in die Familien bringen, mit Dir hin⸗ unterſteigen in die tiefſte Hölle!“ „Weib,“ rief Meiſter Jacques, nachdem es ihm gelungen war, ſich aufzurichten,„was auch ſein 164 Verbrechen ſei, was er Euch auch gethan hat, es iſt nicht ſchön, alſo mit ihm zu reden. Vergebt ihm vielmehr, damit Euch ſelbſt vergeben werde.“ „Wie? und wer will denn ſeine Stimme gegen mich erheben?“ „Der, welchen Ihr, ohne es zu wollen, in's Grab gebracht habt, der, welcher die Kugel bekom⸗ men hat, die jenem beſtimmt war, kurz der, welcher mit Euch redet, ich, ich, den Ihr getroffen habt.“ Wittwe Picaut ſtieß bei dem, was ihr Meiſter Jacques ſagte, einen Schrei des Erſtaunens und beinahe des Entſetzens aus. Wie man leicht erräth, hatte ſie, hinter den Plan der beiden Mitſchuldigen gekommen, die Ankunft Courtins abgepaßt, und als ſie ihn in den Thurm treten ſah, über die äußere Galerie die Plattform gewonnen und von hier aus durch die Oeffnung des Fußbodens auf ihren Schwager Feuer gegeben. Wir haben geſehen, wie Meiſter Jacques in Folge der Bewegung, die er machte, um Courtin zu ſchützen, ſelbſt den Schuß erhalten hatte. Dieſe Verrückung des Ziels ihres Haſſes hatte anfänglich, wie eben erwähnt, die Wittwe ein we⸗ nig betäubt, aber bedenkend, mit welchen Banditen ſie es zu thun hatte, faßte ſie ſich bald wieder und ſprach: 1 „Nun! wenn es ſich auch ſo verhielte und ich den Einen ſtatt des Andern getroffen hätte, traf ich Euch nicht gerade in dem Augenblick, da Ihr ein neues Verbrechen begehen wolltet? Rettete ich nicht einem Unſchuldigen das Leben?“ 165 Bei dieſem letzten Wort kräuſelte ein düſteres Lächeln die blaſſe Lippe von Meiſter Jacques. Er drehte ſich nach Courtin um und ſeine Hand ſuchte in ſeinem Gürtel nach dem Schaft ſeiner zweiten Piſtole. „Ach! ja, es iſt richtig,“ ſagte er mit einem unheilverkündenden Lächeln,„da iſt ein Unſchuldi⸗ ger; ich habe nicht mehr daran gedacht. Wohlan! dieſem Unſchuldigen, weil Ihr mich an ihn erinnert, will ich ſeinen Beſtallungsbrief als Märtyrer aus⸗ ſtellen; ich will nicht ſterben, ohne mein Werk voll⸗ bracht zu haben.“ „Ihr werdet Eure letzte Stunde nicht mit Blut beflecken, wie Ihr Euer ganzes Leben damit befleckt habt, Meiſter Jacques,“ rief die Wittwe Picaut, ſich zwiſchen Courtin und den Chouan ſtellend, nich werde Euch daran zu hindern wiſſen.“ Und ſie wandte das Bajonett ihrer Muskete gegen Meiſter Jacques. „Gut!“ ſagte Meiſter Jacques, als verzichte er darauf.„Ich will Euch aber ſogleich, läßt Gott mir Zeit und Kraft dazu, die beiden Schelme ken⸗ nen lehren, die Ihr Unſchuldige nennt. Für den Augenblick laſſe ich dieſem da das Leben, aber da⸗ für und um die Abſolution zu verdienen, die ich Euch eben gab, verzeiht Eurem armen Schwager; hört Ihr nicht, wie er röchelt? In zehn Minuten iſt es vielleicht zu ſpät.“ „Nein, nein, nein, nie!“ antwortete die Wittwe dumpf. 4 „Inzwiſchen wurde nicht blos die Stimme, ſon⸗ dern auch das Röcheln Joſeph Picauts immer 166 ſchwächer und er benützte fortwährend die wenige Kraft, die ihm noch blieb, zu Bitten, die er an ſeine Schwägerin richtete. „Gott, und nicht mich muß man anflehen,“ ſagte dieſe. „Nein,“ antwortete der Sterbende, den Kopf ſchüttelnd,„ich wage nicht mich an Gott zu wenden, ſo lang ich mit Eurem Fluch belaſtet bin.“ „Dann wende Dich an Deinen Bruder und bitte ihn, Dir zu vergeben.“ „Mein Bruder!“ murmelte Joſeph, die Augen ſchließend, als erblickte er undeutlich das ſchreckliche Geſpenſt,„mein Bruder! ich ſoll ihn ſehen, ich ſoll ihm, Auge in Auge, gegenübertreten!“ Und er verſuchte mit der Hand das blutige Phantom zurückzuſtoßen, welches ihn an ſich zu ziehen ſchien. Dann murmelte er mit kaum vernehmlicher und nur noch wie ein Hauch tönender Stimme: „Bruder! Bruder! Warum wendeſt Du den Kopf ab, wenn ich Dich bitte? Im Namen unſerer Mutter, Paſcal, laß mich Deine Knie umfaſſen. Erinnere Dich der Thränen, die wir in unſerer Kindheit mit einander vergoſſen haben, als die er⸗ ſten Blauen ſo rauh mit uns umgingen. Verzeihe mir, daß ich den ſchrecklichen Weg eingeſchlagen habe, auf welchen unſer Vater uns beide geſtoßen hatte. Wehe! wehe! ich wußte damals nicht, daß wir uns eines Tags dabei als Feinde begegnen würden. Mein Gott! Mein Gott! Du antworteſt mir nicht, Paſcal! Du wendeſt noch immer Deinen Kopf ab. O! mein armes Kind! mein armer klei⸗ 1 6 1 6 1 1 —— — 167 ner Louis, den ich nicht mehr ſehen werde!“ fuhr der Chouan fort,„bitte, bitte für mich! Er liebte Dich wie ſein eigenes Kind, bitte ihn, im Namen Deines ſterbenden Vaters, einen reuigen Sünder bis vor Gottes Thron gelangen zu laſſen. Ah! Bruder! Bruder!“ flüſterte er mit einem Ausdruck der Freude, der an Entzückung grenzte,„Du läßt Dich erweichen, Du verzeihſt, Du reichſt dem Kinde die Hand. Mein Gott! Mein Gott! Du kannſt jetzt meine Seele nehmen, mein Bruder hat mir vergeben.“ Und er fiel auf den Boden zurück, von dem er ſich mit äußerſter Anſtrengung erhoben hatte, der Erſcheinung die Arme entgegenzuſtrecken. Während dieſer Zeit hatte ſich allmälig der Haß und die Rache, welche aus dem Geſicht der Wittwe ſprachen, beſänftigt; als Joſeph von dem kleinen Knaben redete, den der arme Paſcal wie ſein ei⸗ genes Kind geliebt hatte, war eine Thräne zwiſchen ihren Augenlidern durchgebrochen; endlich, als ſie beim Schein ihrer Fackel das Geſicht des Sterbenden ſich erhellen ſah, nicht von einem irdiſchen Schein, ſon⸗ dern von einer gewiſſen himmliſchen Glorie, da fiel ſie ſelbſt auf die Kniee und faßte die Hand des Verwundeten. „Ich glaube Dir, ich glaube Dir, Joſeph,“ ſagte ſie.„Gott öffnet die Augen des Sterbenden und läßt ſie in die Tiefen ſeines Himmels ſchauen. Da Paſcal Dir vergeben hat, ſo vergebe ich Dir auchz da er vergeſſen hat, ſo vergeſſe ich auch. Ja, ich vergeſſe Alles, um mich nur an Eins zu erinnern, 168 nämlich, daß Du ſein Bruder warſt; Bruder Paſ⸗ cals, ſtirb im Frieden!“ 1 „Dank, Dank,“ ſtammelte Joſeph, deſſen Stimme immer pfeifender wurde, und deſſen Lippen ſich mit 1 einem röthlichen Schaum zu färben anfingen,„Dank, 4 aber die Frau, die Kleinen?.... „Deine Frau iſt meine Schweſter und Deine Kinder ſind meine Kinder,“ ſprach die Wittwe feier⸗ lich.„Stirb im Frieden, Joſeph.“ Die Hand des Chouan fuhr nach der Stirn, als hätte er das Zeichen des Kreuzes zu machen verſucht. Seine Lippen murmelten noch einige Worte, welche ohne Zweifel nicht für menſchliche Ohren gemacht waren, denn Niemand verſtand ſie. Dann riß er die Augen weit auf, ſtreckte die Arme und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Es war ſein letzter. „Amen!“ ſprach Meiſter Jacques. Die Wittwe war auf den Knieen und verharrte noch einige Augenblicke im Gebet neben dem Leich⸗ nam, ganz erſtaunt, daß ihre Augen ſo viel Thrä⸗ nen für den hatten, der die Urſache ſo langen Weinens für ſie geweſen war. 3. Es entſtand eine lange Stille. Ohne Zweifel war dieſes Schweigen Meiſter Jaeques beſchwerlich, denn auf einmal rief er: „Sacredié! Man ſollte faſt nicht glauben, daß es noch einen lebendigen Chriſten mehr hier gebe. Ich ſage einen, denn die Judas nenne ich nicht Chri⸗ ſten.“ Die Wittwe fuhr zuſammen, denn neben dem Geſtorbenen hatte ſie den Sterbenden vergeſſen. 169 „Ich will nach Hauſe gehen und Euch Beiſtand ſchicken,“ ſagte ſie. „Beiſtand! Peſt! Laßt das wohl bleiben; man würde mich nur für die Guillotine heilen, und danke, Picaude, der Soldatentod iſt mir lieber. Ich halte ihn; ich laſſe nicht los. „Und wer ſagt Euch, daß ich Euch ausliefern wolle?“ „Seid Ihr nicht eine Pataude und die Frau eines Pataud? Zum Henker! Die Ergreifung von Meiſter Jacques, das iſt ſchon der Mühe werth in Eure Dienſtliſte einſchreiben zu laſſen, Wittwe!“ „Mein Mann war ein Patriot; ich habe ſeine Geſinnungen geerbt, das iſt wahr; aber ich habe vor Allem einen Abſcheu vor Verräthern und vor Verrath. Für alles Gold der Welt würde ich Nie⸗ mand ausliefern, nicht einmal Euch.“ „Ihr habt einen Abſcheu vor Verrath, hörſt Du es da unten? Nunl ſo iſt es gerade bei mir!“ „Nun, Jacques, laßt mich Jemand rufen.“ „Nein,“ antwortete dieſer, ich habe meinen Theil; ich fühle es und weiß es; ich habe ſo viel von dieſen Löchern hier gemacht, daß ich mich dar⸗ auf verſtehe; in zwei, in höchſtens drei Stunden werde ich auch ruhig eingegangen ſein auf die große Haide, auf die letzte, die gute, die ſchöne, die Haide des guten Gottes. Aber hört mich. Der Mann, den Ihr hier ſehet,“ fuhr er fort, Courtin mit dem Fuße anſtoßend, wie er mit einem unſaubern Thier gethan hätte,„dieſer Mann hat für einige Gold⸗ ſtücke ein Haupt verkauft, das für alle geweiht und heilig ſein mußte, nicht allein weil es zu jenen ge⸗ 170 hört, welche Kronen zu tragen beſtimmt ſind, ſon⸗ dern auch, weil das Herz dabei edel, gut und hoch⸗ geſinnt iſt. „Dieſes Haupt,“ erwiderte die Wittwe,„hat unter meinem Dach Schutz geſucht,“ denn ſie hatte an dem Bilde, das Meiſter Jacques eben zeichnete, Petit⸗Pierre erkannt. „Ja, einmal habt Ihr es gerettet, ich weiß es, Picaude, und das macht Euch groß in meinen Au⸗ gen; das hat mich auf den Gedanken gebracht, meine Bitte an Euch zu richten.“ „Nun wohl, was ſoll geſchehen?“ „Tretet näher, haltet Euer Ohr her. Ihr allein dürft hören, was ich zu ſagen habe.“ Die Wittwe kam auf der Courtin entgegenge⸗ ſetzten Seite herbei, und beugte ſich zu dem Ver⸗ wundeten hinab, „Man muß,“ ſprach er mit leiſer Stimme,„den Mann, der bei Euch iſt, benachrichtigen.“ „Wen denn?“ fragte ſie erſtaunt. „Denjenigen, welchen Ihr in Eurem Stall ver⸗ borgen haltet, welchen Ihr jede Nacht zu pflegen und zu tröſten geht.“ „Aber wer hat Euch das geſagt?“ „So! glaubt Ihr etwa, daß man vor Meiſter Jacques etwas verheimlichen könne? Alles, was ich ſage, iſt wahr, Picaude, und das macht, daß Meiſter Jacques der Chouan, Meiſter Jacques der Bandit, Meiſter Jacques der Räuber*), Euch ſagt, er würde *) Im Franzöſiſchen chauffeur Schürer, Einheizer, urſprüng⸗ lich auf Räuber in Belgien, Frankreich und am Rhein angewendet, welche im 18. und 19. Jahrhundert den Leuten Kohlen unter die Füße legten, um ihnen Geld abzupreſſen. A. d. U. 171 trotz der Art und Weiſe, wie Ihr Eure Verwand⸗ ten behandelt, ſtolz ſein, unter dieſelben zu ge⸗ hören.“ „Aber er iſt erſt in der Wiedergeneſung begrif⸗ fen, kann ſich kaum aufrecht halten und nur, wenn er ſich an die Wand ſtützt.“ „Seid ruhig, die Stärke wird er finden, denn er iſt ein Mann; ein Mann, wie es nicht viel mehr bei uns geben wird,“ ſagte der Vendéer mit wildem Stolz.„Er wußte, davon bin ich überzeugt, was ſich zwiſchen dieſen beiden Schuften da anſpann; aber er hielt ſie, er glaubte zu leben. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Der Schatz hat ihn verſucht. Apropos, Wittwe, Ihr ſolltet ihn irgendwo finden.“ „Was ſoll man damit machen?“ „Zwei Theile: den einen gebt Ihr den Waiſen, welche der Krieg gemacht hat, bei den Weißen wie bei den Blauen; das iſt mein Theil, der welcher mir nach dem Streich zukommen ſollte.— Der an⸗ dere Theil gehört Joſeph; den gebt Ihr ſeinen Kindern.“ „Nein,“ ſagte die Wittwe,„nein, das iſt Judas⸗ gold, es würde ihnen Unglück bringen; danke, ich will nichts von dieſem Gold für die armen Kinder, ſo unſchuldig ſie auch ſind.“ „Ihr habt Recht, gebt es ganz den Armen; die Hände, welche das Almoſen empfangen, waſchen Alles, ſelbſt das Verbrechen.“ „Und er?“ fuhr die Wittwe fort, mit dem Fin⸗ ger auf Courtin deutend, ohne ihn anzuſehen. „Er? er iſt gut gebunden, gut zuſammengeſchnürt, gut geknebelt, nicht wahr?“ 172 „Er ſieht wenigſtens ſo aus.“ „Nun, der da unten ſoll über ſein Loos ent⸗ ſcheiden.“ „Es ſei.“ „Apropos, halt, Picaude, macht ihm ein Ge⸗ ſchenk mit dieſer Tabaksſtange, deren ich nicht mehr bedarf. Ich denke, es wird ihm gewaltig wohl thun. Ei,“ fuhr der Herr der Kaninchen fort,„nur das läßt mich bedauern, daß ich ſterben muß. Ach! ich gäbe meine fünfundzwanzigtauſend Francs Beute⸗ antheil darum, wenn ich ihrer Zuſammenkunft bei⸗ wohnen könnte. Das wird luſtig ſein. Aber bah! Eine Million und zwei Sous ſind gleich viel, wenn man an Freund Hain ſich wendet.“ „Ihr ſollt nicht hier bleiben,“ ſagte die Wittwe; „wir haben im Donjon eine Kammer, wohin ich Euch bringen laſſen will. Dort könnt Ihr wenig⸗ ſtens einen Prieſter empfangen.“ „Wie Ihr wollt, Wittwe; aber zuvor thut mir die Freundſchaft und verſichert Euch, ob der Schelm hier ordentlich angebunden iſt. Das würde mir meine letzten Augenblicke verbittern, ſeht Ihr, der bloße Gedanke, daß er ſich aus dem Staub machen könnte, ehe der Ruf: die Hängematten herunter, ertönt, was jede Minute hier geſchehen kann.“ Die Wittwe hielt die Fackel zu Courtin herab. Die Stricke umſchloſſen die Arme des Maire von La Logerie ſo feſt, daß ſie in das Fleiſch drangen, das rings herum roth und blau aufſchwoll. Das Geſicht vornehmlich, das ſeine Seelen⸗ angſt verrieth, war bleicher, als das von Meiſter Jacques. 173 „Nein, er kann ſich nicht rühren,“ erwiderte die Wittwe;„ſeht ſelbſt. Ueberdieß werde ich den Schlüſ⸗ ſel an der Thüre umdrehen.“ „Ja, und dann zur Hauptſache, es wird nicht lang dauern, nicht wahr? Ihr geht ſogleich hin, nicht wahr, Mutter?“ „Seid ruhig.“ „Danke! o! der Dank, den ich Euch ſage, darf nicht hin zu dem Dank, welchen Euch alsbald der⸗ jenige abſtatten wird, der dort unten iſt, geht.“ „Gut, aber laßt mich Euch in den Donjon brin⸗ gen; dort könnt Ihr wenigſtens den Beiſtand em⸗ pfangen, den Euer Zuſtand erfordert; Beichtvater und Arzt ſind ſtumm, beruhigt Euch!“ „Gern! In der That, es wird ſeltſam ſein, Meiſter Jacques in einem Bett ſterben zu ſehen, der ſein Leben lang nur auf Moos oder Haidekraut gelegen iſt.“ Die Wittwe nahm den Vendéer in ihre Arme, richtete ihn von der Erde auf, trug ihn in die kleine Kammer, von der wir oben geſprochen haben, und legte ihn auf das ärmliche Bett, das ſich daſelbſt befand. Meiſter Jacques behielt trotz der Leiden, die er erdulden mußte, trotz des Ernſtes ſeiner Lage, im Angeſicht des Todes ſeine ſardoniſche ſpöttiſche Stim⸗ mung, wie er ſie ſein Leben lang gehabt hatte. Der Charakter dieſes Mannes, in Nichts dem ſei⸗ ner Landsleute gleichend, verleugnete ſich nicht einen Augenblick. Inzwiſchen hörte er mitten unter ſeinen Sarkas⸗ men, die ſich eben ſo wohl auf das, was er ver⸗ 174 theidigt, als auf das, was er bekämpft hatte, bezo⸗ gen, nicht auf, die Wittwe Picaut zu bitten, ſo ſchnell als möglich bei Jean Oullier den Auftrag zu erfüllen, den er ihr anvertraut hatte. So nahm ſich Wittwe Picaut, an ſich ſchon zur Eile geneigt, nur ſo viel Zeit, um die Riegel an der alten Obstkammer, wo ſie Courtin als Gefan⸗ genen ließ, vorzuſchieben. Sie ging durch den Gar⸗ ten, kehrte in das Wirthshaus zurück und fand ihre alte Mutter in größter Unruhe über die Flinten⸗ ſchüſſe, deren Knall bis zu ihr gelangt war. Die Abweſenheit ihrer Tochter hatte ihre Unruhe ver⸗ doppelt und ſie begann, eben als dieſe zurückkehrte, zu fürchten, ſie möchte das Opfer eines Hinterhalts von ihrem Schwager geworden ſein. Die Wittwe bat ſie, ohne ihr ein Wort von dem, was geſchehen war, zu ſagen, Niemand nach den Ruinen zu laſſen, und machte ſich, ihren Man⸗ tel über die Schultern werfend, fertig, auszugehen. Im Augenblick, da ſie die Hand auf die Thür⸗ klinke legte, klopfte man leiſe an. „Wer kommt da?“ fragte die Wittwe, die Thüre öffnend, aber mit ihrem Körper den Eingang ſperrend. Bertha erſchien auf der Schwelle. „Ihr habt mir dieſen Morgen, Frau, ſagen laſſen, Ihr hattet mir eine wichtige Mittheilung zu machen.“ „Ach! Gerechter Gott! Sie haben Recht,“ ſagte die Wittwe,„ich hatte es vergeſſen.“ „Jeſus!“ rief Bertha, als ſie bemerkte, daß das Halstuch der Picaude mit großen Blutflecken bedeckt 175 war,„ſollte Einem der Meinigen ein Unglück be⸗ gegnet ſein? Mary, meinem Vater, Michel!’“ Und trotz der Seelenſtärke des Mädchens er⸗ ſchütterte der letztere Gedanke ihr Herz ſo heftig, daß ſie ſich an der Wand halten mußte, um nicht zu fallen. „Beruhigen Sie ſich,“ antwortete die Picaude, nkein Unglück wollte ich Ihnen ankündigen, im Ge⸗ gentheil, einer Ihrer alten Freunde, den Sie ver⸗ loren geglaubt, den Sie beweint haben, iſt noch am Leben und wünſcht Sie zu ſehen.“ „Jean Oullier!“ rief Bertha, im Augenblick er⸗ rathend, um wen es ſich handelte;„Jean Onllier, er iſt es, nicht wahr, von dem Sie ſagen wollen? Er lebt! O! der Himmel ſei geprieſen! Mein Vater wird glücklich ſein! Führt mich zu ihm, Frau, ſogleich, im Augenblick, ich beſchwöre Euch!“ „Das war auch meine Abſicht dieſen Morgen, aber ſeit dieſem Morgen hat ſich Vieles ereignet, und Sie haben eine dringendere Pflicht als dieſe zu erfüllen.“ „Eine Pflicht?“ fragte Bertha erſtaunt,„und welche?“ 1 „Die, ſich auf der Stelle nach Nantes zu bege⸗ ben, denn ich fürchte, bei ſeiner Erſchöpfung kann der arme Jean Oullier das nicht thun, was Meiſter Jacques von ihm erwartete.“ „Und was ſoll ich in Nantes thun?“ „Demjenigen oder derjenigen, die Sie Petit⸗ Pierre nennen, ſagen, daß das Geheimniß ſeines Aufenthalts verkauft und erkauft iſt; daß ſie den⸗ ſelben ſo ſchnell als möglich verläßt; jedes Aſyl iſt 176 ſicherer, als dasjenige, wo ſie ſich gegenwärtig be⸗ findet. Der Verrath iſt über ihr, und wollte Gott, daß Sie zu rechter Zeit kommen.“ „Verrathen!“ rief Bertha,„verrathen und durch wen?“ „Durch denjenigen, der mir ſchon einmal die Soldaten ins Haus ſchickte, um ſie zu ergreifen, durch Courtin, den Pächter von La Logerie.“ „Courtin? Habt Ihr ihn geſehen?“ „Ja,“ antwortete die Wittwe lakoniſch. „O!““ rief Bertha, die Hände zuſammenſchlagend, „könnte ich ihn nicht ſehen?“ „Mädchen, Mädchen,“ ſprach die Wittwe, einer Antwort auf die Frage ausweichend,„ich, welche die Parteigänger dieſer Frau zur Wittwe gemacht haben, ich fordere Sie auf zu eilen, und Sie, ſich rühmend, eine ihrer Getreuen zu ſein, zögern zu gehen?“ „Nein, nein, Ihr habt Recht, ich zögere nicht, ich gehe.“ Und wirklich machte das Mädchen eine Bewe⸗ gung, ſich zu entfernen. „Sie können nicht zu Fuß nach Nantes gehen, Sie würden nicht zu rechter Zeit ankommen, aber im Stall dieſes Hauſes gibt es Pferde. Nehmen Sie, welches Sie wollen, und laſſen Sie es durch den Stallknecht ſatteln.“ „O!“ ſagte Bertha,„ſeien Sie ruhig, ich kann es wohl ſelbſt ſatteln. Aber was kann die für Cuch thun, arme Wittwe, welche Ihr zum zweiten Mal ggerettet habt?“ „Sagen Sie ihr, ſie ſolle ſich deſſen erinnern, 1 W e L 5 a v 3 ſi — 177 e⸗ was ich ihr in meiner Hütte geſagt habe, an dem tt, Bette, wo zwei Todte, die um ihretwillen gefallen waren, ausgeſtreckt lagen; ſagen Sie ihr, daß es rhh ein Verbrechen iſt, Unordnung und Krieg in ein Land zu bringen, wo ſelbſt ihre Feinde ſie gegen die Verrath ſchützen. Gehen Sie, gehen Sie, Made⸗ moiſelle, und Gott geleite Sie!“ Und mit dieſen Worten entfernte ſich die Wittwe aus dem Hauſe, begab ſich zuerſt zu dem Pfarrer — von Saint⸗Philbert, welchen ſie bat, in den Donjon d, zu gehen, und wandte ſich dann, ſo ſchnell als es ſich thun ließ, über die Felder nach der Meierei. che ſich 3 LXXXI. Die Wölfinnen. ht., Seit vierundzwanzig Stunden war Bertha's Un⸗ ruhe aufs Höchſte geſtiegen. Nicht auf Courtin de⸗ allein hatten die Enthüllungen Joſeph Picauts ihren ſen Verdacht geleitet. 5 ber Der Verdacht hatte ſich ſelbſt auf Michel er⸗ ſtreckt. 5 Die Erinnerungen an den Abend vor dem Ge⸗ fecht bei Chone, jene Erſcheinung eines Mannes am Fenſter von Mary's Zimmer waren noch nicht ſo ganz aus ihren Gedanken entſchwunden, daß ſie nicht von Zeit zu Zeit dieſelben gleich einem Flam⸗ menpfeil durchſchnitten, eine lange Furche des Schmer⸗ zens hinterlaſſend, welchen die paſſive Haltung, die Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 12 178 Michel zur Zeit ſeiner Wiedergeneſung ihr gegen⸗ über einnahm, nur ſchwer zu beruhigen vermochte. Aber als ſie erfuhr, daß Courtin, von dem ſie nicht vermuthen konnte, daß er ohne Befehl gehandelt, die Abfahrt des Schiffs veranlaßt habe, als ſie na⸗ mentlich, in völliger Beſtürzung, in athemloſer Liebe nach La Logerie zurückkehrend, den daſelbſt nicht fand, welchen ſie ſuchte, wurde ihr eiferſüchti⸗ ger Argwohn noch heftiger. Aber in einem Augenblick wurde Alles ſtill, um der Pflicht zu gehorchen, welche die Wittwe ihr auf⸗ erlegt hatte; vor dieſer Pflicht mußten alle Betrach⸗ tungen weichen, ſelbſt die ihrer Liebe. Sie lief alſo nach dem Stall, ohne einen Au⸗ genblick zu verlieren, wählte von den beiden Pfer⸗ den dasjenige, welches ihr am geeignetſten ſchien, den Weg ſchnell zurückzulegen, ſchüttete ihm eine doppelte Ration Hafer vor, um ſeinen Gliedern den Grad von EClaſticität zu verleihen, deſſen ſie fähig waren, warf, während es fraß, ihm eine Art Saum⸗ ſattel, der die Stelle eines ordentlichen Sattels ver⸗ treten mußte, auf den Rücken und wartete, mit dem Zügel in der Hand, bis das Thier mit ſeinem Fut⸗ ter zu Ende war. Aber während ſie wartete, drang ein in dieſer unrugigen Zeit wohlbekanntes Geräuſch zu ihren ren. Es war der regelmäßige Wiederhall von Schrit⸗ ten einer auf dem Marſch befindlichen Truppe. Durch eine Glasthüre, welche aus dem Stall nach einer Backſtube ging, die wiederum mit der Küche in Verbindung ſtand, erkannte ſie Soldaten 179 und merkte bei den erſten Worten, welche dieſelben ausſprachen, daß ſie einen Führer haben wollten. In dieſem Augenblick war Bertha, die zugleich für ihren Vater, für Michel und Petit⸗Pierre zu zittern hatte, Nichts gleichgültig. Sie wollte alſo nicht abgehen, ohne zu wiſſen, was die Leute be⸗ gehrten, und ſicher, in dem Coſtüme einer Bäuerin, das ſie beibehalten hatte, nicht erkannt zu werden, trat ſie aus dem Stall in die Backſtube nnd ge⸗ langte von da in die Küche. Ein Lieutenant befehligte die kleine Truppe. „Wie,“ ſprach er zu der alten Frau,„iſt nicht ein Menſch im Hauſe, nicht ein einziger?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete die alte Frau, „meine Tochter iſt Wittwe, und der einzige Stall⸗ knecht, den wir haben, iſt, wie es ſcheint, ich weiß nicht wohin gegangen.“ „Und gerade Eure Tochter iſt es, die ich gern gefunden hätte,“ ſagte der Lieutenant.„Wäre ſie da, ſo würde ſie uns als Führerin dienen, wie ſie es in der famoſen Nacht am Saut⸗de⸗Baugé gethan; und könnte ſie es nicht in eigener Perſon thun, würde ſie ſelbſt Jemand dazu wählen, und auf ihn könnte man ſich verlaſſen, während es mit den elen⸗ den Bauern, die wir mit Gewalt dazu anhalten, und die alle halb Chouans ſind, kein Mittel gibt, ruhig ſeines Wegs zu ziehen.“ „Frau Picaut iſt abweſend, aber vielleicht gibt es ein Mittel, ſie zu erſetzen,“ ſprach Bertha, ent⸗ ſchloſſen vortretend.„Gehen die Herren weit?“ „Potz Blitz! ein hübſches Mädchen da, meiner Treu!“ ſagte der junge Officier, auf ſie ugehend. 180 „Führe mich, wohin Du willſt, mein ſchönes Kind, und zum Teufel, wenn ich Dir nicht folge!“ Bertha ſchlug die Augen nieder, indem ſie an dem Zipfel ihrer Schürze drehte, wie es ein naives Dorfmädchen nur gethan hätte. „Iſt es nicht weit von hier, Herr, und erlaubt es die Frau, ſo kann ich Sie begleiten. Ich kenne die Umgegend ziemlich gut.“ „Angenommen,“ ſagte der Lieutenant. „Aber unter einer Bedingung,“ fuhr Bertha fort,„nämlich, daß mich Jemand wieder hieher bringt. Allein würde ich mich unterwegs fürchten.“ „Zum Teufel, wenn ich dieſe Sorge einem An⸗ dern überlaſſe, mein ſchönes Mädchen,“ antwortete der Officier,„und ſollte dieſe Gefälligkeit mich ſelbſt meine Epauletten koſten. Laß ſehen, kennſt Du Banloeuvre?“ Bei dem Namen dieſer Meierei, welche Michel gehörte und die ſie einige Tage mit dem Marquis und Petit⸗Pierre bewohnt hatte, fühlte Bertha einen Schauder durch alle ihre Glieder gehen. Ein kalter Schweiß trat auf ihre Stirne, ihr Herz ſchlug hef⸗ tig; indeſſen bemeiſterte ſie ihre Aufregung. „Banloeuvre!“ wiederholte ſie,„nein, das iſt nicht da bei uns herum. Iſt es ein Flecken oder ein Schloß, Banloeuvre? „Nein, es iſt eine Meierei.“ „Eine Meierei! Und wem gehört dieſe Meierei?“ „Einem Herrn aus Deiner Gegend, ohne Zweifel.“ „Sie wollen in Banloeuvre Quartier nehmen? „Nein, wir gehen auf eine Expedition dahin.“ —— 181 „Was will das ſagen, eine Expedition?“ fragte Bertha. „Ei, wahrhaftig,“ rief der Lieutenant,„ein ſchönes Kind das, es will nichts als Erkundigungen einziehen.“ „Das iſt ganz natürlich, wenn ich Sie nach Ban⸗ loeuvre führe oder führen laſſe, muß ich wenigſtens wiſſen, was Sie daſelbſt thun wollen.“ „Wir wollen,“ ſagte der Unterlieutenant, indem er ſich in das Geſpräch miſchte, um ſeinen Scherz anzubringen,„wir wollen einen Weißen durch die Bleilauge laufen laſſen, damit er aus weiß blau werde.“ „Ah!“ ſtieß Bertha herans, nicht im Stande, einen Ausruf des Schreckens zurückzuhalten. „Potz Blitz! was fehlt Dir?“ fragte der Lieu⸗ tenant.„Hätte man Dir den Namen deſſen geſagt, den wir verhaften wollen, ich würde glauben, Du ſeieſt in ihn verliebt.“ „Ich!“ ſagte Bertha, alle Energie ihres Cha⸗ rakters aufbietend, um den Schrecken, der ihr das Herz zuſammenzog, zu erſticken,„ich verliebt in einen Herrn!“ „Man hat Könige Hirtinnen heirathen ſehen,“ fiel der Unterlieutenant wieder ein, der entſchieden die Rolle des Witzigen ſpielen zu wollen ſchien. „Richtig,“ ſagte der Lieutenant,„und meiner Treu! da iſt die Hirtin, die als große Dame ver⸗ ſchwinden wird.“ „Ich!“ rief Bertha, zu lächeln verſuchend,„ver⸗ ſchwinden? Gehen Sie doch! das ſind Manieren, die man in der Stadt und nicht hier lernt.“ 182 „Es iſt nichts deſto weniger wahr, daß Du blaß geworden biſt, wie Dein Leinen, ſchönes Mädchen.“ „Die lautere Bosheit! Sie ſprechen vom Füſil⸗ liren eines Menſchen, wie wenn man ein Kaninchen im Winkel einer Hecke ſchießt.“ „Und doch iſt das nicht ganz einerlei,“ ſagte der Unterlieutenant,„ein geſchoſſenes Kaninchen iſt gut 33 Braten, während ein Chouan zu Nichts gut iſt.“ Bertha konnte nicht verhüten, daß ihr ſtolzes und energiſches Geſicht durch ſeinen Ausdruck den Widerwillen verrieth, den ihr der Scherz des jun⸗ gen Officiers einflößte. „Ah ſo,“ ſagte der Lieutenant,„Du biſt alſo keine Patriotin, wie Deine Herrin, und wir ſind demnach ſchlecht unterrichtet.“ „Ich bin Patriotin, aber ich gebe mir vergeb⸗ liche Mühe, meine Feinde zu haſſen, ich habe mich noch nicht gewöhnen können, ihren Tod mit trocke⸗ nem Auge anzuſehen.“ „Bah!“ ſagte der Officier,„das macht ſich ſchon. Man lernt es wohl, die Nächte auf den Landſtra⸗ ßen, ſtatt in ſeinem Bett zuzubringen. So eben, als dieſer verwünſchte Bauer bei dem Poſten Saint⸗ Martin ankam und ich mich auf den Marſch machen mußte, habe ich den Stand zu allen Teufeln ge⸗ wünſcht. Nun, jetzt ſehe ich, daß ich unrecht that und daß er auch ſeine Schadloshaltung hat; ſo daß ich dieſen Augenblick den Beruf, anſtatt ihn zu ver⸗ wünſchen, ſehr reizend finde.“. Und mit dieſen Worten bückte ſich der Offizier, ohne Zweifel um die Reize ſeiner Situation zu er⸗ *2 ——:———C—OCQQO‧O—QCQ˖—n ————— 183 höhen, und wollte einen Kuß auf den Hals des Mädchens drücken. Bertha, die auf dieſen verliebten Angriff nicht gefaßt war, fühlte den Athem des jungen Mannes auf ihrem Geſicht und erhob ſich, roth wie eine Granate, die Naſenflügel bebend vor Zorn, die Augen funkelnd vor Entrüſtung. „O! O!“ fuhr der Lieutenant fort,„willſt Du nicht um eines elenden Kuſſes willen in Zorn ge⸗ rathen, meine Schöne?“ „Warum nicht? Glauben Sie denn, weil ich ein armes Landmädchen bin, man könne mich un⸗ geſtraft beſchimpfen?“ „Beſchimpfen! Ungeſtraft! He? Wie das ſpricht!“ rief der Unterlieutenant.„Und man ſage uns noch, daß wir in einem Land von Wilden ſind!“ „Weißt Du,“ ſagte der Lieutenant,„daß ich gute Luſt habe etwas zu thun, das heißt, dich als verdächtig zu verhaften und nicht loszulaſſen, als bis Du mir die Ranzion bezahlt haſt, die ich auf Deine Freiheit ſetze.“ „Und was wird die Ranzion ſein?“ „Das was Du mir verweigerſt, ein Kuß.“ „Ich kann Sie keinen Kuß nehmen laſſen, weil Sie weder mein Vater, noch mein Bruder, noch mein Mann ſind.“ ttle. „Alſo dieſe allein werden je das Recht haben, ihre Lippen auf dieſe ſchönen Wangen zu drücken d4 „Allerdings.“ „Und aus welchen Gründen?“ „Weil ich mich nicht gegen meine Pflicht verfeh⸗ len will.“ 184 „Deine Pflicht! o! wie ſpaßhaft!“ „Glauben Sie denn, wir haben nicht auch un⸗ ſere Pflichten, wie Sie die Ihrigen? Wohlan (Bertha verſuchte zu lachen), wenn ich Sie z. B. nach dem Namen deſſen fragte, den Sie verhaften wollen, und es wäre gegen Ihre Pflicht, ihn zu ſagen, würden Sie mir ihn nennen?“ „Meiner Treu!“ antwortete der junge Officier, nes wäre kein großes Verdienſt von mir, Dir ihn zu ſagen, denn ich glaube nicht, daß es ſo gar ſchlimme Folgen haben könnte, wenn Du ihn wüßteſt.“.— „Aber wenn es dergleichen hätte, nun?“ „Ol dann; und doch, ich weiß nicht, meiner Treu! Deine Augen verwirren mir das Gehirn ſo ſehr, daß ich wahrhaftig nicht zu ſagen wage, was ich thäte! Und halt! Du ſollſt den Beweis haben, wenn es abſolut ſein muß; wenn Du ſo neugierig biſt, als ich ſchwach bin, will ich Dir den Namen ſagen, will ich das Vaterland verrathen; aber mei⸗ nerſeits muß ich dieſen Kuß haben.“ Bertha's Beſorgniß war ſo lebhaft; ſie war ſo innig überzeugt, Michel ſei von der Gefahr bedroht, daß ſie alle Vorſicht vergaß, und mit dem Ungeſtüm ihres Charakters, ohne an die Ver⸗ muthungen zu denken, welche ihr beharrliches Drin⸗ gen im Geiſte des Lieutenants erzeugen konnte, ihm raſch ihre Wange bot. Der Lieutenant nahm zwei ſchallende Küſſe. „Wurſt wieder Wurſt!“ ſagte er darauf, ohne ſich enthalten zu können, ein Lächeln zu unterdrücken; — ,— +₰ 82— 185 „derjenige, den wir verhaften wollen, heißt Herr de Veirée.“ Bertha wich zurück und ſchaute den Officier an. Eine Ahnung ſagte ihr, daß er ſein Spiel mit ihr getrieben und ſie getäuſcht hatte. „Wohlan, auf den Marſch!“ ſprach der Lieute⸗ nant;„ich werde mich bei dem Maire nach dem erkundigen, was wir hier nicht finden konnten.“ 3 SDanin ſagte er, ſich wieder zu Bertha umdre⸗ end: „Ah! wer auch der Führer ſei, den er mir gibt, er wird mir keinen ſtellen, der mir ſo ſehr ge⸗ fällt, wie Du, mein ſchönes Kind!“ Und er ſtieß einen affectirten Seufzer aus. Endlich rief er zu den Soldaten gewendet: „Allons, ihr Leute, auf den Marſch!“. Der Unterlieutenant und die wenigen Soldaten, welche mit dem Offizier eingetreten waren, gingen ab, um wieder in Reih und Glied zu treten. Dieſer verlangte ein Schwefelhölzchen, um ſeine Cigarre anzuzünden. Bertha ſuchte vergeblich den begehrten Gegen⸗ ſtand auf dem Kamingeſims; der Offizier nahm dann ein Papier aus ſeiner Taſche und zündete es an der Lampe an. Bertha, welche allen ſeinen Bewegungen folgte, warf einen Blick auf das Pa⸗ pier, welches allmälig in der Flamme zuſammen⸗ ſchrumpfte, und las zwiſchen den ſich bräunenden Falten deutlich den Namen Michel. „Ah!l ich habe mir es vorgeſtellt,“ dachte ſie; per hat gelogen; ja, ja, es iſt Michel, den ſie ver⸗ haften wollen!“ Und als der Officier das halb — 186 angebrannte Papier zur Erde warf, ſtellte ſie den Fuß mit ſolcher Unruhe darauf, daß der Officier dieſelbe noch zu einer zweiten Umarmung benützen konnte. Dann flüſterte er ihr, im Augenblick, da ſie ſich zu ihm umdrehte, den Finger auf den Mund legend, zu: „Pſt! Du biſt keine Bäuerin. Wache über Dich, wenn Du Grund Dich zu verbergen haſt; denn ſpielſt Du Deine Rolle bei denen, welche Dich ſuchen, ſo ſchlecht wie bei mir, der ich keinen Auf⸗ trag habe, Dich zu ſuchen, ſo biſt Du verloren.“ Und nach dieſen Worten entfernte er ſich raſch, ohne Zweifel aus Furcht, ſich ſelbſt zu verlieren. Bertha hörte nicht einmal, daß die Thüre hin⸗ ter ihr geſchloſſen wurde;(ſie ergriff die Ueberreſte des Papiers. Es war die Denunciation, welche Courtin durch den Bauern, den er zu ſeinem Boten machte, nach Nantes geſchickt und welche dieſer, um ſeinen Weg abzukürzen, bei dem erſten Poſten, den er auf dem Marſche traf, abgegeben hatte. Dieſer Poſten war der von Saint⸗Martin, der nächſte bei dem von Saint⸗Philbert. Es blieb von der Schrift des Maire von La Logerie noch genug übrig, um Bertha über die Be⸗ ſtimmung der nach Banloeuvre marſchirenden Truppe aufzuklären. Bertha's Sinne verwirrten ſich. War das Todes⸗ urtheil, das auf dem Kopf des jungen Mannes la⸗ ſtete, für die Soldaten executoriſch, und der Scherz des Unterlieutenants konnte es ihr glaublich ma⸗ 3 4* 187 chen, ſo war Michel in zwei Stunden todt. Sie ſah ihn blutend, die Bruſt von Kugeln durchbohrt, die Erde mit ſeinem Blut röthend; ſie wurde wahn⸗ ſinnig. —„Wo iſt Jean Oullier?“ rief ſie, zu der alten Frau gewendet. „Jean Oullier?“ ſagte dieſe, ſie mit Erſtaunen betrachtend,„ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Ich frage Euch, wo iſt Jean Oullier?“ „Iſt Jean Oullier nicht todt?“ antwortete dieſe. „Aber Eure Tochter, wo iſt ſie?“ „Ei! das weiß ich nicht. Sie ſagt mir niemals, wohin ſie will, wenn ſie ausgeht; ſie iſt in einem Alter, um Herrin ihres Thuns zu ſein.“ Bertha dachte wohl an das Haus der Picaut; aber war der Gang unnütz, ſo brachte er ſie um eine Stunde. Dieſe Stunde reichte hin, um Michels Tod her⸗ beizuführen. „Sie wird ſogleich zurück ſein,“ rief ſie;„ſagt ihr, daß ich nicht auf der Stelle an den bewußten Ort gehen konnte, aber vor Tag dort ſein werde.“ Und in den Stall ſtürzend warf ſie dem Pferd den Zügel über, ſchwang ſich auf ſeinen Rücken, trieb es aus dem Hauſe und brachte es, ihm einen kräftigen Hieb mit der Reitgerte in die Seiten ver⸗ ſetzend, gleich von Anfang in einen Gang, der we⸗ der Trott noch Galopp war, aber mit deſſen Hülfe ſie doch den Soldaten leicht einen Vorſprung von einer halben Stunde abgewinnen konnte. Als ſie über den Platz von Saint⸗Philbert ritt, 188 hörte ſie zur Rechten und in der Richtung nach der Brücke das Geräuſch der abziehenden kleinen Truppe. Sie orientirte ſich, ſchlug ein Gäßchen ein, kam über die Häuſer hinaus, ſprengte mit ihrem Pferd in die Boulogne, ſchwamm hinüber und gelangte wieder etwas oberhalb dem Walde von Machecoul auf die Straße. Zum Glück für Bertha leiſtete ihr das Thier beſſere Dienſte, als ſie ſich von ihm verſprach; es war ein kleines bretagniſches Pferd, welches in der Ruhe düſter, verdroſſen, niedergeſchlagen ausſah⸗ wie es die Menſchen ſeines Landes ſind, aber gleich ihnen in der Thätigkeit ſich erwärmte und von Minute zu Minute an Energie gewann; mit offenen Nüſtern, die lange Mähne zerzaust und im Winde flatternd, ging es in den Galopp über, bald wurde ſein Galopp zum überſtürzenden Jagen und verſchlang ſo zu ſagen den Weg; die Ebenen, die Thäler, die Hecken kamen und verſchwanden hinter ihm mit abenteuerlicher Geſchwindigkeit, während Bertha, auf ſeinen Hals gebeugt, ihm den Zügel völlig laſſend, ſich nur damit beſchäftigte, es durch unauegejehis Hiebe in die Seite noch mehr anzu⸗ treiben. Verſpätete Bauern, welchen ſie begegnete, hiel⸗ ten, wenn ſie ſahen, wie das Pferd und die, wel⸗ che es ritt, ſo ſchnell in dem Schatten verſchwanden, als ſie zum Vorſchein gekommen waren, ſie für Geſpenſter und bekreuzten ſich hinter ihnen. Aber ſo raſch auch dieſer Lauf ſein mochte, er war doch noch nicht das, was Bertha's Herz ge⸗ wünſcht hätte, für welche die Sekunde ein Monat, 189 die Minute ein Jahr war. Sie fühlte, welche ſchreckliche Verantwortlichkeit auf ihrem Haupt la⸗ ſtete, die Verantwortlichkeit für Blut, Tod und Schande zugleich. Konnte ſie Michel retten? und hatte ſie ihn gerettet, kam ſie noch zu rechter Zeit, um die Gefahr zu beſchwören, welche Petit⸗Pierre bedrohte?“. Tauſend verwirrte Vorſtellungen durchkreuzten ihr Gehirn. Sie warf ſich vor, daß ſie der Mut⸗ ter der Wittwe Picaut nicht hinlängliche Inſtruc⸗ tionen gegeben hatte; es ſchwindelte ihr, wenn ſie daran dachte, daß das arme kleine, bretagniſche Pferd nach dem ſchrecklichen Laufe, zu dem ſie es antrieb, unzweifelhaft auf dem Marſch von Banloeuvre nach Nantes unterliegen würde. Sie machte ſich Vor⸗ würfe, daß ſie zum Vortheil ihrer Liebe die Hülfs⸗ mittel benutzte, welche ein für den Adel Frankreichs ſo koſtbares Haupt retten konnten. Sie begriff, daß Niemand ohne die Loſungsworte, die ſie beſaß, zu dem erlauchten Geächteten gelangen konnte, und geſchlagen von tauſend verſchiedenen Empfindungen, außer ſich, eine Beute von einer gewiſſen raſenden Trunkenheit, wußte ſie nichts zu thun, als ihr Pferd mit der Ferſe zu drücken, ſeinen Gang zu übertrei⸗ ben, kurz mit jener wahnſinnigen Haſt vorwärts zu jagen, die wenigſtens ihr Gehirn, brennend von den 1 Gedanken, die es zerſprengen zu wollen ſchienen, etwas abkühlte. 3 Nach einer Stunde erreichte ſie den Wald von Touvois. Hier war ſie genöthigt, jener Schnellig⸗ keit zu entſagen; der Pfad war mit Sumpflöchern ſo bedeckt, daß das arme Pferd zweimal ſtürzte. 190 Sie ſetzte es alſo in Schritt, indem ſie berechnete, daß ſie einen hinlänglichen Vorſprung gewonnen haben mußte, um Michel Zeit zur Flucht zu geben. Sie hoffte, ſie athmete auf! Ein Augenblick der Genugthuung ſchien all das verzehrende Feuer ihrer Seelenangſt und ihrer Schmerzen auszulöſchen. Michel ſollte ihr noch einmal das Leben ver⸗ danken. Man muß geliebt haben, man muß die unausſprechlichen Freuden eines Opfers empfunden haben, man muß wiſſen, welches Glück in dieſer Hingebung ſeiner ſelbſt zum Beſten eines geliebten Hauptes liegt, um zu begreifen, wie lebhaft Bertha daſſelbe einige Minuten empfand, und wie ſtolz ſie war, wenn ſie daran dachte, daß Michels Le⸗ ben, das ſie ihm zu retten im Begriff war, ſie vielleicht ſo theuer zu ſtehen kommen würde. Sie war noch ganz in ihren Gedanken, als ſie in den Strahlen des Mondes die weißen Mauern der Meierei blinken ſah, eingefaßt von ſchwarzen Haſelnußbüſchen. Das Karrenthor war offen; Bertha ſtieg von ihrem Pferde, band es an einen der Ringe in der äußern Mauer und gelangte in den Hof. Der Dünger, womit er beſtreut war, dämpfte das Geräuſch ihres Schritts; kein Hund machte durch ſein Gebell die Bewohner des Hauſes auf ihren Eintritt aufmerkſam. Zum großen Erſtaunen Bertha's bemerkte ſie, an der Hausthüre angebunden, ein Pferd, völlig geſattelt und gezäumt. 191 Das Pferd konnte Michel gehören; aber ebenſo gut konnte es auch Eigenthum eines Fremden ſein. Bertha wollte ſich deſſen verſichern, ehe ſie in das Haus trat. Einer der Fenſterläden von demſelben Saal, in welchem Petit⸗Pierre für Michel die Hand des Mädchens von dem Marquis von Souday begehrt hatte, war halb geöffnet. Bertha näherte ſich leiſe und ſchaute in das Innere. Kaum hatte ſie die Augen hineingeworfen, als ſie einen erſtickten Schrei ausſtieß und beinahe rüc⸗ wärts zur Erde ſtürzte. Sie ſah Michel zu Mary's Knieen. Einer der Arme des jungen Mannes umſchlang die Hüfte ihrer Schweſter. Die Hand von dieſer ſpielte in den Haaren des Barons; beider Lippen lächelten; ihre Augen ſtrahlten von jenem Ausdruck des Glücks, über welchen man ſich nicht mehr täuſcht, ſobald man einmal geliebt hat. Der Augenblick völliger Vernichtung, der auf dieſe Entdeckung folgte, dauerte bei Bertha nur eine Sekunde. Sie ſtürzte nach der Thüre, ſtieß ſie mit Heftigkeit auf und erſchien auf der Schwelle, mit wirren Haaren, das Auge flammend, das Ge⸗ ſicht bleifarbig, die Bruſt keuchend, wie die Bild⸗ ſäule der Rache. Mary ſtieß einen Schrei aus und fiel auf die Kniee, das Geſicht zwiſchen den Händen. Sie hatte auf den erſten Blick Alles errathen, ſo ſehr ſchien Bertha aller ihrer Sinne beraubt. Michel, erſchreckt durch Bertha's Blick, hatte ſich raſch erhoben und, als ob er ſich einem Feinde 192 gegenüber befände, mechaniſch die Hand an ſeine Waffen gelegt. „Stoße zu!“ rief Bertha, welche ſeine Bewegung geſehen hatte;„ſtoße doch zu, Unglücklicher! das wird der würdige Schluß Deiner Niederträchtigkeit und Deines Verraths ſein.“ „Bertha!“ ſtammelte Michel,„laſſen Sie mich Ihnen ſagen, laſſen Sie mich Ihnen erklären.... „Auf die Kniee, auf die Kniee, Du und Deine Mitſchuldige!“ rief Bertha.„Auf den Knieen müßt Ihr die gehäſſigen Lügen ausſprechen, die Ihr zu Eurer Vertheidigung erfinden wollt. O! der Ehr⸗ loſe! Und ich eilte herbei, um ſein Leben zu retten! Ich, halb wahnſinnig vor Schrecken, Verzweiflung, weil Gefahr über ſeinem Haupte ſchwebte, vergaß Alles, Ehre und Pflicht. Ich warf mein Leben zu ſeinen Füßen! Ich hatte nur ein Ziel, ein Verlangen, einen Wunſch, den, ihm zu ſagen: ‚Da, Michel, ſieh, ob ich Dich liebe!’ Ich komme an und finde ihn, verrathend alle ſeine Schwüre, meineidig gegen alle ſeine Verſprechungen, treulos gegen geheiligte Bande, ich will nicht ſagen der Liebe, ſondern der Dank⸗ barkeit; und mit wem und für wen 2 Für die, welche ich nach ihm am meiſten auf der Welt liebte, fuͤr die Genoſſin meiner Kindheit, für meine Schweſter! Aber gab es denn keine andere Frau zu verführen, ſprich, ſprich, Elender 2“ fuhr Bertha fort, indem ſie den Arm des jungen Mannes ergriff und ihn heftig ſchüttelte,„oder wollteſt Du, mich der Verzweiflung überlaſſend, mir auch noch den Troſt rauben, den man in dem Herzen ſeines zweiten Ichs, deren, die man eine Schweſter nennt, finden ſollte 2“ —— —,ͤ-— S—O—— + SD S. —2 193 „Bertha, hören Sie mich,“ ſagte Michel,„ich beſchwöre Sie! Wir ſind, Gott ſei DankV! nicht ſo ſchuldig, als Sie glauben. O! wenn Sie wüßten, Bertha, wenn Sie wüßten!....“ „Ich höre Nichts! Ich höre nur auf mein Herz, das der Schmerz bricht, das die Verzweiflung zerdrückt; ich höre nur auf die Stimme meines Gewiſſens, das mir ſagt, daß Du ein Niederträch⸗ ftiger biſt! Mein Gott! Mein Gott!“ rief ſie, in ihren ſchwarzen Hgaren mit den geballten Händen wühlend,„mein Gott! iſt das der Preis meiner Zärtlichkeit für ihn, jener Zärtlichkeit, die ſo blind war, daß meine Augen ſich ſchloſſen, meine Ohren ſich verſtopften, als man mir ſagte, dieſes Kind, dieſes zitternde, furchtſame, unentſchloſſene, weibiſche Weſen ſei meiner Liebe unwürdig. O! arme Wahn⸗ ſinnige, die ich war! Ich hoffte, die Dankbarkeit würde ihn an die knüpfen, welche mit ſeiner Schwäche Mitleid hatte, an die, welche den Vorurtheilen, der öffentlichen Meinung Trotz bot, um ihn im Koth aufzuſuchen, um ſeinen beſchmutzten Namen ehrbar und geehrt zu machen!“ „Ah!“ rief Michel ſich aufrichtend,„genug! genug!“. „Ja, einen beſchmutzten Namen,“ wiederholte Bertha.„Ha! das rührt ihn, um ſo beſſer! Ich ſage es dann noch einmal. Ja, einen Namen, be⸗ ſchmutzt durch das, was das Gehäſſigſte, Nieder⸗ trächtigſte, Infamſte iſt: durch den Verrath. O! Familie von Verräthern! Der Sohn ſetzt das Werk des Vaters fort. Ich hätte mich darauf gefaßt machen ſollen!“ Dumas, Wolfinnen von Machecoul. V. 13 194 „Mademoiſelle! Mademoiſelle!“ rief Michel, „Sie mißbrauchen das Privilegium Ihres Geſchlechts, um mich zu beſchimpfen, nicht allein in mir, ſon⸗ dern auch in dem Heiligſten, was der Menſch hat, in dem Gedächtniß meines Vaters.“ „Ein Geſchlecht! Ein Geſchlecht! Habe ich jetzt ein Geſchlecht? Ah! ſo eben hatte ich es nicht, als Du zu den Füßen dieſer armen Närrin Dich über mich luſtig machteſt. Ich hatte es nicht, als Du aus meiner Schweſter die elendeſte aller Kreaturen machteſt. Und weil ich nicht jammere, weil ich mich nicht zu Deinen Füßen ſchleppe, mir die Haare aus⸗ raufend und die Bruſt zerſchlagend, da entdeckſt Du auf einmal, daß ich eine Frau bin, ein Weſen, das man reſpectiren muß, weil es furchtſam iſt, dem man den Schmerz erſparen muß, weil es ſchwach iſt. Du haſt von dieſer Stunde an nichts mehr vor Dir, als ein Geſchöpf, das Du tödtlich be⸗ leidigt haſt und das Dich beſchimpft. Baron de La Logerie, ich habe Dir bereits geſagt, daß es dießmal ein Verräther und Niederträchtiger war, der die Schweſter ſeiner Verlobten verführte, denn ich war die Verlobte dieſes Mannes. Baron de La Logerie, nicht allein Du biſt ein Chrloſer und Niederträchtiger, ſondern Du biſt auch der Sohn eines Verräthers und Niederträchtigen. Dein Vater war ein Ehrloſer, der Charette verkauft und aus⸗ geliefert hat, der aber wenigſtens ſein Verbrechen gebüßt, denn er hat es mit ſeinem Leben bezahlt. Man hat Dir geſagt, daß er ſich ſelbſt auf der Jagd tödtete, oder durch ein Mißgeſchick getödtet wurde. Gutmüthige Lüge, der ich widerſpreche. Er b V — e, ts, an⸗ at, etzt als ber Du ren nich us⸗ Du das dem ach ehr be⸗ de es dar, enn de und ohn ater aus⸗ chen ilt. der dtet Er 195⁵ wurde getödtet von Demjenigen, der ihn ſeine niederträchtige Handlung begehen ſah. Er wurde getödtet von....“ „Schweſter!“ rief Mary, ſich aufrichtend und ihre Hand Bertha auf den Mund legend,„Schweſter, Du biſt im Begriff, Dich eines jener Verbrechen ſchuldig zu machen, die Du Andern vorwirfſt: Du willſt über ein Geheimniß verfügen, das Dir nicht angehört.“ „Es ſei! Aber ſo ſpreche doch dieſer Menſch; die Verachtung, die ich ihm bezeuge, bringe ihn dazu, ſein Haupt zu erheben; er finde in ſeiner Schande und ſeinem Stolz die Kraft, mir ein Leben zu nehmen, das ich nicht mehr will, das mir ver⸗ haßt iſt, das für mich nur noch ein langer Wahn⸗ ſinn, eine ewige Verzweiflung iſt; er vollende we⸗ nigſtens, was er angefangen hat. Mein Gott! Mein Gott!“ rief Bertha, in deren Augen ſich jetzt Thränen allmälig einen Weg bahnten,„wie ge⸗ ſtatteſt Du den Menſchen, die Herzen Deiner Ge⸗ ſchöpfe alſo zu brechen? Mein Gott! Mein Gott! Wer wird mich fernerhin tröſten?“ „Ich,“ ſagte Mary, nich, Schweſter, gute Schweſter, geliebte Schweſter, wenn Du auf mich hören willſt; ich, wenn Du mir vergeben willſt.“ „Dir pergeben, Dir!“ rief Bertha, ihre Schwe⸗ ſter zurückſtoßend;„mein, Du biſt die Genoſſin dieſes Menſchen. Ich kenne Euch nicht mehr. Nur wacht gegenſeitig über einander, denn Euer Verrath muß Euch beiden Unglück bringen.“ „Bertha! Bertha! ſprich nicht alſo; fluche mir nicht, beſchimpfe mich nicht!“ . 1 196 „So! Und was willſt Du?“ fragte Bertha, „müſſen diejenigen nicht Recht haben, welche uns den Beinamen: die Wölfinnen gaben? Willſt Du, daß man ſage:„Die Fräulein von Suday haben M. Michel de La Logerie geliebt; ſie haben ihn beide geliebt, und nachdem er beiden die Ehe ver⸗ ſprochen(denn er mußte es Dir wie mir verſpre⸗ chen), hat Herr de La Logerie eine dritte genom⸗ men! Aber begreifſt Du denn, daß dieß ſelbſt für Wölfinnen widernatürlich wäre?“ „Bertha! Bertha!“ „Wenn ich dieſen Beinamen verachtet habe, wie ich die eitle Rückſicht der oberflächlichen Wohlan⸗ ſtändigkeit verachtete,“ fuhr das Mädchen fort, noch immer auf dem Gipfel der Aufregung,„wenn ich auf der Höhe meiner wilden Unabhängigkeit die Convenienzen der Salons und der Welt verſpottet habe, ſo geſchah es, weil wir beide, verſtehſt Du es wohl, weil wir das Recht hatten, ſtolz in unſerer tugendhaften und ehrenvollen Unabhängigkeit auf⸗ zutreten; ſo geſchah es, weil wir ſo hoch in unſerem Bewußtſein ſtanden, daß über die elenden Injurien immer unſere Verachtung das Uebergewicht hatte; aber heute erkläre ich Dir, was ich verſchmähe für mich zu thun, werde ich für Dich thun; ich würde dieſen Mann tödten, wenn er Dich nicht heirathete, Mary. Das iſt ſchon Schande genug auf den Namen unſeres Vaters.“ „Dieſer Name ſoll nicht entehrt werden, ich ſchwöre es Dir, Bertha!“ rief Mary, indem ſie ſich von Neuem vor ihrer Schweſter auf die Kniee warf, welche endlich der Erſchütterung unterliegend auf N — 8———— 2 197 einen Stuhl gefallen war und ihren Kopf zwiſchen den Händen hielt. „Um ſo beſſer! das wird ein Schmerz weniger für die ſein, welche Ihr nicht mehr ſeht.“ Dann mit verzweifelter Geberde die Hände ringend: „Mein Gott! Mein Gott! Sie beide ſo ſehr geliebt haben und gezwungen ſein, ſie zu haſſen!“ „Nein, Du wirſt mich nicht haſſen, Bertha; Dein Schmerz, Deine Thränen thun mir weher, als Dein Zorn. Verzeihe mir! O mein Gott! was ſage ich da? Du wirſt mich ſchuldig glauben, weil ich Deine Kniee umfaſſe, weil ich Dich um Verzeihung bitte. Ich bin es nicht, ich ſchwöre es Dir! Ich will Dir ſagen.... aber ich will nicht, daß Du leideſt, ich will nicht, daß Du weinſt. Herr de La Logerie,“ fuhr Mary fort, gegen Michel ihr Geſicht wendend, das Thränen überſchwemmten, „Herr de La Logerie, alles Vergangene iſt nur ein Traum; der Tag iſt angebrochen, gehen Sie, ent⸗ fernen Sie ſich, vergeſſen Sie mich; gehen Sie, gehen Sie auf der Stelle.“ „Aber noch einmal, Du denkſt nicht daran, Mary,“ ſagte Bertha, die ihre Schweſter ihre Hand hatte nehmen laſſen, welche dieſelbe mit Küſſen und Thränen bedeckte,„das iſt unmöglich!“ „Doch, doch, es iſt möglich, Bertha,“ ſagte Mary, indem ſie ihre Schweſter mit einem herzzer⸗ reißenden Lächeln anſchaute,„Bertha, wir beide wollen einen Gatten nehmen, deſſen Name allen Verläumdungen der Welt und der Gottloſen Trotz bieten wird.“ 198 „Welchen, armes Kind?“ Mary hob die ausgeſtreckte Hand zum Himmel. „Gott!“ ſagte ſie.. Bertha konnte nicht antworten, der Schmerz er⸗ ſtickte ſie, aber ſie preßte Mary heftig an ihr Herz, während Michel niedergeſchmettert ſich auf einen Schemel in der Ecke des Gemachs geworfen hatte. „Aber verzeihe uns,“ flüſterte Mary ihrer Schwe⸗ ſter ins Ohr,„klage ihn nicht an. Mein Gott! iſt es ſein Fehler, wenn ihn ſeine Erziehung ſo unent⸗ ſchloſſen, ſo furchtſam gemacht hat, daß er nicht den Muth in ſich fand, zu reden, damals als es für ihn eine Pflicht war, es zu thun? Er wollte Dich ſchon lang in Kenntniß ſetzen, ich allein verhinderte ihn daran. Ich hoffte es dahin zu bringen, ihn einſt zu vergeſſen. Wehe! Wehe! Gott hat uns ſchwach gegen unſer Herz gemacht! Aber geh', wir werden uns nicht mehr verlaſſen, liebe Schweſter. Zeige mir Deine Augen, daß ich ſie küſſe. Es wird Nie⸗ mand mehr zwiſchen uns ſein; Niemand, der Ver⸗ wirrung und Zwietracht zwiſchen zwei Schweſtern werfen kann. Wohlan denn! die Fremden, die ſind nur dazu gut. Nein, nein, wir werden allein ſein, allein, uns zu lieben, allein mit Gott, dem wir uns weihen. Ol geh', es gibt noch ein Glück in unſe⸗ rer Zufluchtsſtätte. Wir werden es finden, wir werden für ihn beten, wir werden für ihn beten!“ Mary ſprach dieſe letzten Worte mit einem zer⸗ reißenden Ton aus. Michel, ſeiner Sinne nicht mächtig, war gleichfalls herbeigekommen und neben Mayy vor Bertha niedergekniet, welche, ganz mit ihrer Schweſter beſchäftigt, ihn nicht zurückgeſtoßen hatte. 8G —* N ͤ———————. u+, A ——j4— 199 Dieſen Augenblick erſchienen auf der Schwelle der Thüre, welche Bertha weit offen gelaſſen hatte, Soldaten und der Officier, den wir im Gaſthauſe zu Saint⸗Philbert geſehen, trat in die Mitte des Zimmers vor und legte ſeine Hand auf Michels Schulter. 1 „Sie ſind Herr Michel de La Logerie?“ ſagte er zu ihm. „Ja, mein Herr.“ „Dann verhafte ich Sie im Namen des Geſetzes.“ „Großer Gott!“ rief Bertha, die jetzt wieder zu ſich kam,„großer Gott! ich hatte es vergeſſen! Ah! ich bin es, die ihn tödtet! Und dort, dort! Was geht da vor?“ „Michel! Michel!“ rief Mary, welche beim An⸗ blick der Gefahr, die dem jungen Mann drohte, Alles vergaß.„Michel, wenn Du ſtirbſt, ſterbe ich mit Dir.... „Nein, nein, er wird nicht ſterben! Ich ſchwöre es Dir, Schweſter, und Du wirſt glücklich ſein! Platz, mein Herr! Platz!“ fuhr ſie gegen den Offi⸗ cier gewendet fort. 4 „Mademoiſelle,“ erwiderte dieſer mit ſchmerzlicher Höflichkeit,„wie Sie, weiß ich nicht mit meinen Pflichten ein Abkommen zu treffen. Zu Saint⸗Phil⸗ bert waren Sie für mich nur eine verdächtige Un⸗ bekannte; aber ich bin nicht Polizei⸗Commiſſär und hatte Ihnen Nichts zu ſagen. Hier finde ich Sie 5 offener Rebellion gegen das Geſetz und verhafte ie.“ „Mich verhaften! mich in dieſem Augenblick ver⸗ 200 haften! Sie können mich tödten, mein Herr, leben⸗ dig bekommen Sie mich nicht.“ Und ehe der Officier von ſeinem Erſtaunen ſich erholt hatte, erkletterte Bertha das Fenſter, ſprang in den Hof und lief auf das Thor zu. Es war von Soldaten bewacht. Um ſich ſchauend, bemerkte das Mädchen Michels Pferd, welches, durch die Erſcheinung der Soldaten und den Lärm erſchreckt, im Hofe hin und her ſprang. Das Vertrauen ſich zu Nutzen machend, welches der Lieutenant auf die von ihm zur Umzinglung des Hauſes getroffenen Maßregeln ſetzte, und welche ihn abhielten, zur Ergreifung einer Frau Gewalt zu brauchen, ging ſie gerade auf das Thier zu, war mit einem Sprung im Sattel, gelangte, wie im Sturm an dem betäubten Officier vorübereilend, an eine Stelle, wo die Ringmauer etwas abgeriſſen war, und hob das Thier, das ein vortreffliches engliſches Pferd war, mit Zaum und Ferſe ſo kräftig, daß es über die Schranke, die noch immer gegen fünf Fuß hoch war, ſetzte, und ſtürzte mit ihm in die Ebene. „Schießt nicht, ſchießt nicht auf dieſe Frau!“ rief der Officier, welcher den Fang nicht für ſo wich⸗ tig hielt, um ſich entſchließen zu können, deren, welche er lebend zu bekommen nicht vermochte, ſich wenigſtens todt zu bemächtigen. Aber die Soldaten, welche einen Cordon um die äußere Mauer bildeten, hörten oder verſtanden dieſen Befehl nicht und ein Hagel von Kugeln pfiff um Ber⸗ tha herum, welche das ſtarke engliſche Pferd in ge⸗ waltigen Sprüngen Nantes zu trug. — N— 201 LXXXII. Die Kaminplatte. Sehen wir jetzt, was zu Nantes in jener Nacht vorging, die, wie wir wiſſen, mit dem Tod Joſeph Picauts begann und mit der Verhaftung Michels de La Logerie ſich verlief. Gegen neun Uhr Abends hatte ſich ein Mann mit naſſen, kothbefleckten Kleidern bei dem Präfec⸗ ten eingefunden und auf die Weigerung des Huiſſier, ihn bei dem Beamten einzuführen, ihm eine wie es ſchien allmächtige Karte zur Ueberlieferung einge⸗ händigt, denn der Präfect war ſogleich von ſeinen Beſchäftigungen aufgeſtanden, um jenen Mann zu empfangen, der Niemand anders als M. Hyacinthe war. Zwei Minuten nach dieſer Zuſammenkunft ſetzte ſich eine ſtarke Abtheilung Gendarmen und Polizeiagen⸗ ten gegen das Haus in Marſch, welches Meiſter Paſcal in der Marktſtraße bewohnte, und ſtellte ſich bei der auf dieſe Straße gehenden Thüre auf. Keine Vorſichtsmaßregel war getroffen, um das Geräuſch von den Schritten dieſer Colonne zu ver⸗ mindern, um deren Abſichten irgend zu verdecken, ſo daß Meiſter Paſcal, der ſie hatte kommen ſehen, nach Bequemlichkeit ſich verſichern konnte, daß die Thüre nach dem Gäßchen nicht bewacht war, und durch dieſelbe ſich zu entfernen vermochte, ehe die Polizeiagenten damit fertig waren, die in der Markt⸗ ſtraße, die man ihnen zu öffnen ſich weigerte, ein⸗ zuſchlagen. 202 Er nahm ſeinen Weg nach der Schloßſtraße und trat in Numero 3. M. Hyacinthe, den er nicht bemerkt hatte, da er im Schatten eines Weichſteines verborgen war, folgte ihm mit aller Vorſicht, deren ſich der Jäger um der Beute willen, wonach ſein Verlangen ſteht, bedient. Während dieſer vorläufigen Operation, für deren Erfolg M. Hyacinthe ſich wahrſcheinlich verbürgt hatte, waren von der Obrigkeit ſtarke militäriſche Vorkehrungen getroffen worden, und ſo bald er dem Präfecten von dem, was er geſehen, Bericht abge⸗ ſtattet hatte, nahmen zwölfhundert Mann, marſch⸗ fertig gehalten, ihren Weg nach dem Hauſe, in wel⸗ bhn der Spion Meiſter Paſcal hatte verſchwinden ſehen. Dieſe zwölfhundert Mann waren in drei Colon⸗ nen getheilt: die erſte zog den Cours hinab, indem ſie Pointe⸗Wachen längs der Gartenmauer des bi⸗ ſchöflichen Palaſtes und der anſtoßenden Häuſer aufſtellte, marſchirte dann längs der Schloßgräben hin und befand ſich zuletzt gegenüber von Nro. 3, wo ſie ſich aufſtellte. Die zweite nahm ihren Weg durch die Biſchofs⸗ ſtraße, marſchirte über den Platz Saint⸗Pierre, dann die Grande⸗Rue hinab und ſchloß ſich wieder der erſten an durch die Straße Baſſe⸗du⸗Chateau. Die dritte ſtieß zu den beiden andern durch die Straße Haute⸗du⸗Chateau, indem ſie gleich jenen einen langen Cordon von Bajonetten hinter ſich ließ.. Die Einſchließung war vollſtändig, die ganze Häuſergruppe, in der ſich Nro. 3 befand, cernirt. ———˖—Q—Q—Q—QOQOQCQO—Q—C—ꝑ—OBęͤſ —— 203 Die Soldaten drangen, unter Vorantritt von Polizei⸗Commiſſären mit Piſtolen in der Fauſt, in das Erdgeſchoß; dann verbreitete ſich die Truppe durch das Haus und beſetzte alle Ausgänge; ihre Aufgabe war vollbracht, die der Polizei⸗Beamten begann. Vier Damen waren ſcheinbar die einzigen Be⸗ wohnerinnen des Hauſes; dieſe Damen, der hohen Ariſtokratie von Nantes angehörig, reſpectabel eben ſo ſehr durch ihre Ehrbarkeit, wie durch ihre geſell⸗ ſchaftliche Stellung, wurden in Verhaft genommen. Draußen ſchaarte ſich das Volk zuſammen und bildete einen zweiten Kreis um die Soldaten. Die ganze Stadt war auf die Straßen und Plätze her⸗ abgekommen. Inzwiſchen gab ſich kein anderes royaliſtiſches Zeichen kund; es war eine ernſte Neu⸗ gier, nichts weiter. Die Nachſuchungen hatten im Innern begonnen und das erſte Reſultat derſelben beſtärkte die Be⸗ hörde in der Ueberzeugung, daß die Frau Herzogin von Berry im Hauſe war. Ein Brief mit der Adreſſe an Ihre Königliche Hoheit fand ſich ganz offen auf einem Tiſch. Das Verſchwinden von Mei⸗ ſter Paſcal, den man hatte eintreten ſehen und der ſich nicht mehr vorfand, bewies, daß irgendwo ein Verſteck war. Es handelte ſich jetzt nur darum, ihn aufzufinden. Die Möbel wurden geöffnet, wo ſich die Schlüſſel dazu vorfanden, erbrochen, wo ſie fehlten; die Sap⸗, peurs und Maurer unterſuchten Decken und Wände mit ſtarken Hammerſchlägen. Baumeiſter, in jedes Zimmer geführt, erklärten es nach ihrer innern Ein⸗ * 204 richtung, verglichen mit deren äußerem Bau, für eine Unmöglichkeit, daß ſie einen Verſteck einſchlößen, oder fanden auch diejenigen, welche daſelbſt ange⸗ bracht waren. In einem derſelben legte man Beſchlag auf ver⸗ ſchiedene Gegenſtände, unter Anderem auf Druck⸗ ſchriften, Juwelen und Silbergeſchirr, was dem Ei⸗ genthümer des Hauſes gehörte, aber in dieſem Augenblick nur die Gewißheit von dem Aufenthalt der Prinzeſſin im Hauſe noch verſtärkte. In den Manſarden angekommen, erklärten die Architekten, daß hier weniger als anderswo eine geheime Zu⸗ fluchtsſtätte ſich befinden könne. Dann ging man zu den Nachbarhäuſern über, wo die Unterſuchungen fortgeſetzt wurden. Man durchforſchte die dicken Wände mit ſolchem Nachdruck, daß ganze Mauerſtücke ſich losmachten und einen Augenblick zu beſorgen war, dieſe Wände würden ganz einſtürzen. Während jene Dinge oben vorgingen, hatten die verhafteten Damen große Kaltblütigkeit gezeigt und im Angeſicht der wachhabenden Soldaten ſich zu Tiſch geſetzt. Zwei andere Frauen, und die Geſchichte wird die Namen derſelben in ihrer Dunkelheit aufſuchen müſſen, um ſie der Nachwelt zu erhalten, noch zwei weitere Frauen waren für die Polizei ein Ge⸗ genſtand ganz ſpecieller Ueberwachung; dieſe Frauen, die Mägde des Hauſes, Namens Charlotte Moreau und Marie Boni, wurden auf das Schloß und von da nach der Gendarmerie⸗Kaſerne gebracht; als man ſah, daß ſie allen Drohungen widerſtanden, verſuchte —— 4 1 205 man ſie zu beſtechen, immer ſtärkere Summen wur⸗ den ihnen angeboten und allmälig vor ihren Augen aufgehäuft, aber ſie antworteten ſtandhaft, ſie wüß⸗ ten nicht, wo die Frau Herzogin von Berry wäre. Nach fruchtloſer Mühe ſtellte man die Unterſu⸗ chungen ein; der Präfect gab das Zeichen zum Rück⸗ zug, indem er aus Vorſicht eine hinlängliche Anzahl Leute zurückließ, um alle Gemächer des Hauſes zu beſetzen; Polizeicommiſſäre quartirten ſich im Erd⸗ geſchoß ein. Die Abſperrung dauerte fort und die National⸗Garde erſchien theilweiſe, um die Linien⸗ truppen, die ein wenig der Ruhe pflegen ſollten, ab⸗ zulöſen. In Folge der Vertheilung der Wachen fanden ſich zwei Gendarmen in einer der beiden Manſar⸗ den, die man ſo eben durchſucht hatte. Die Kälte war ſo heftig, daß ſie derſelben nicht widerſtehen konnten; es ſtieg alſo einer hinab und kam mit Loh⸗ käſen wieder. Zehn Minuten nachher brannte ein prächtiges Feuer in dem Kamin und nach Verfluß einer Viertelſtunde wurde die Kaminplatte roth; bei⸗ nahe zu gleicher Zeit und obwohl es noch nicht ganz Tag war, begannen die Nachforſch⸗Arbeiten von Neuem. Die Eiſenſtangen und die Eichenklötze ſchlu⸗ gen mit verdoppelter Kraft an die Wände der Man⸗ ſarde und erſchütterten ſie. Trotz dieſes ſchrecklichen Lärms war der eine der Gendarmen eingeſchlafen; ſein Genoſſe, für den Augenblick erwärmt, hatte das „Feuer zu unterhalten nachgelaſſen. Endlich verlie⸗ ßen die Arbeiter dieſe Partie des Hauſes, welches ſie mit dem Inſtinkt von Räubern ſo genau durch⸗ ſucht hatten. Der noch wache Gendarme wollte den 206 Augenblick der Stille benutzen, der auf die ſeit dem vorigen Abend fortdaurende hölliſche Erſchütterung und Unruhe folgte, und ſchüttelte ſeinen Kamara⸗ den, um auch ſchlafen zu können; der Andere hatte während ſeines Schlafs kalt bekommen und erwachte ganz durchfroren. Kaum hatte er die Augen offen, ſo machte er Anſtalt, ſich zu erwärmen; er zündete alſo das Feuer wieder an, benützte dann, da die Lohkäſe nicht leb⸗ haft genug brannten, eine ungeheure Menge Pa⸗ ckets von der„Quotidienne“ die ſich, auf einem Tiſch liegend, im Zimmer befanden, um das Feuer anzu⸗ fachen. Das mit den Zeitungen geſchürte Feuer erzeugte einen dickern Rauch, als es mit den Lohkäſen zuerſt der Fall geweſen war. Der entzückte Gendarme vertrieb ſich die Lange⸗ weile damit, daß er die Quotidienne las, als auf einmal ſein pyrotechniſches Gebäude einſtürzte und die Lohkäſe, die er an die Platte angelehnt hatte, mitten in die Manſarde rollten. Zu gleicher Zeit vernahm er hinter dieſer Platte ein Geräuſch, das ihn auf eine ſeltſame Vorſtellung brachte: er bildete ſich nämlich ein, es ſeien Ratten im Kamin, welche durch die Hitze zur Auswanderung gezwungen wür⸗ den. Er weckte alſo ſeinen Kameraden und beide ſchickten ſich an, mit ihren Säbeln auf ſie Jagd zu machen. Während ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die⸗ ſen Anſtand neuer Art concentrirten, bemerkte der Eine⸗ von Finen, daß die Platte ſich bewegt hatte. r rief: ———— 207 „Wer iſt da?“ Eine Frauenſtimme antwortete ihm: „Wir ergeben uns; wir wollen öffnen; löſchet das Feuer aus!“ 1 Die Gendarmen ſtürzten ſogleich auf das Feuer zu, welches ſie mit Fußſtößen aus einander warfen. Die Platte ſpielte auf ihren Angeln, enthüllte eine klaffende Oeffnung, und eine Frau mit blaſſem Ge⸗ ſicht, bloßem Kopf, die Haare auf der Stirne in die Höhe gerichtet, wie bei einem Mann, bekleidet mit einer einfachen Robe von Napolitaine von brau⸗ ner Farbe, mit großen Brandflecken durchfurcht, kam aus dieſer Oeffnung hervor, indem ſie ihre bunn und Hände auf dem brennenden Heerd auf⸗ etzte. Es war Ihre Königliche Hoheit, die Frau Her⸗ zogin von Berry. Ihre Genoſſen folgten ihr. Sechszehn Stunden waren ſie in dieſem Verſteck ohne alle Nahrung eingeſchloſſen geweſen. Das Loch, welches ihnen zu einem Aſyl gedient hatte, war zwiſchen der Kaminröhre und der Wand des Nachbarhauſes unter dem Dach, deſſen Spar⸗ ren ihm zur Bedeckung dienten, angebracht geweſen. Im Augenblick, wo die Truppen ſich zur Ab⸗ ſperrung des Hauſes in Bewegung ſetzten, war Ihre Konigliche Hoheit damit beſchäftigt, Meiſter Paſcal zuzuhören, der ihr lachend einen Bericht von dem Alarm abſtattete, wodurch er eben aus ſeinem Haus vertrieben worden war. Durch die Fenſter des Gemachs, worin die Herzogin ſich be⸗ fand, ſah dieſelbe an einem ruhigen Himmel 208 den Mond aufſteigen und in ſeinem Lichte gleich einem braunen Schattenriſſe die maſſipen, unbeweg⸗ lichen und ſchweigſamen Thürme des alten Schloßes ſich abzeichnen. Es gibt Augenblicke, wo die Natur uns ſo fanft und befreundet erſcheint, daß man mitten unter dieſer Ruhe nicht daran glauben kann, eine Gefahr ſei wach und bedrohe uns; als plötzlich Meiſter Paſcal, ans Fenſter tretend, die Bajonette erglän⸗ zen ſah. Sogleich warf er ſich zurück und rief: „Retten Sie ſich, Madame, retten Sie ſich!“ Madame hatte ſich ſogleich nach der Treppe ge⸗ ſtürzt, und Jedermann folgte ihr. Bei dem Verſteck angekommen, rief ſie ihre Ge⸗ fährten herbei. Da man erkannte, daß man ſich nur der Größe nach daſelbſt halten konnte, ſtiegen die Männer, welche Ihre Königliche Hoheit begleiteten, zuerſt hinein; als aber die Zofe, welche ſich bei Madame wieder eingefunden hatte, durchaus nicht vorangehen wollte, ſagte die Herzogin lachend zu ihr: 8 „Nach den Regeln der Kriegskunſt muß der Be⸗ fehlshaber, wenn man einen Rückzug bewerkſtelligt, der Letzte ſein.“ Die Soldaten öffneten die Thüre des Hauſes, als die des Verſtecks ſich ſchloß. Wir haben geſe⸗ hen, mit welcher minutiöſen Sorgfalt die Durchſu⸗ chungen ausgeführt wurden. Jeder Schlag gegen die Mauer erſcholl in dem Aſyl, wo ſich die Herzo⸗ gin von Berry mit ihren Begleitern befand; unter den Hämmern, unter den Eiſenſtangen, unter den Eichenklötzen lösten ſich die Ziegel ab, der Gyps zer⸗ — 8 ——— 8 eeͤS— — — 209 3 fiel in Staub und die Gefangenen waren in Gefahr, unter den Trümmern begraben zu werden. Als die Gendarmen Feuer machten, erwärmte ſich die Platte, wie die Mitte des Kamins, und theilte dem kleinen Verſteck eine Hitze mit, die je⸗ den Augenblick zunahm. Die Luft deſſelben wurde immer weniger athembar; die darin Eingeſchloſſenen waren genöthigt, ihren Mund gegen die Schiefer⸗ ſteine zu halten, um ihren feurigen Athem gegen die äußere Luft einzutauſchen. Die Herzogin war diejenige, welche am meiſten litt; denn zuletzt ein⸗ getreten, lehnte ſie an der Platte; jeder von ihren Begleitern hatte ihr wiederholt angeboten, den Platz mit ihr zu wechſeln, aber ſie war niemals darauf eingegangen. 1 Zu der Gefahr, im Rauch zu erſticken, hatte ſich für die Gefangenen eine neue geſellt; die, lebendig verbrannt zu werden. Die Platte war roth und der Saum der Frauenkleider drohte ſich zu entzün⸗ den. Zweimal ſchon hatte das Feuer die Robe von Madame ergriffen und ſie hatte es auf Koſten von zwei Brandwunden, deren Spuren ſich lang erhiel⸗ ten, geradezu mit den Händen erſtickt. Jede Minute verdünnte die innere Luft und die äußere, durch die Löcher des Daches gelieferte Luft ging in zu gerin⸗ ger Quantität ein, um ſie zu erneuern. Den Ge⸗ fangenen wurde es immer enger um die Bruſt; noch zehn Minuten länger in dieſem Feuerofen zu bleiben, hieß die Tage der Herzogin aufs Spiel ſetzen. Alle hatten ſie angefleht, allein hinauszu⸗ gehen, ſie wollte nicht. Aus ihren Augen ſchlüpf⸗ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V. 14 . 210 ten große Thränen des Zorns, welche ein glühender Hauch auf ihren Wangen trocknete. Das Feuer hatte noch einmal ihr Gewand er⸗ griffen, ſie hatte es ausgelöſcht, aber bei der Be⸗ wegung, die ſie, ſich aufrichtend, machte, das Schloß an der Platte, die halb aufging, gehoben und ſo die Aufmerkſamkeit der Gendarmen erregt. In der Vorausſetzung, daß durch dieſen Unfall ihre Zufluchtsſtätte genugſam verrathen ſei, und aus Mitleid mit den Qualen ihrer Genoſſen, hatte Ma⸗ dame ſich zu ergeben eingewilligt und war auf die ſo eben erzählte Weiſe aus dem Kamin herausgeſtie⸗ gen. Ihre erſten Worte waren, nach dem General zu fragen. Einer der Gendarmen ſtieg hinab, um ihn im Erdgeich, das er nicht hatte verlaſſen wollen, zu olen. Sobald man ihr ſeine Ankunft meldete, eilte ſie raſch auf ihn zu. „General,“ ſprach ſie lebhaft,„ich ergebe mich Ihnen und baue auf Ihre Loyalität.“ „Madame,“ antwortete er ihr,„Eure König⸗ lh⸗ Hoheit iſt unter dem Schutz der franzöſiſchen re.“ Er geleitete ſie zu einem Stuhl, und indem ſie ſen ſetzte, fuhr ſie, ihm ſtark den Arm drückend, ort: „General, ich habe mir nichts vorzuwerfen; ich habe meine Pflichten als Mutter erfuͤllt, um das Erbe eines Sohnes wieder zu erobern.“ Ihre Stimme war kurz und ſtark betont. Madame ſchien ſehr bewegt und zeigte, wiewohl 211 klaß, eine Aufregung, als ob ſie das Fieber gehabt hätte. Der General ließ ihr ein Glas Waſſer bringen, worein ſie ihre Finger tauchte; die Friſche beru⸗ higte ſie ein wenig. Inzwiſchen waren der Präfect und der Divi⸗ ſions⸗Commandant von dem Geſchehenen in Kennt⸗ niß geſetzt worden. Der Präfect langte zuerſt an und forderte der Herzogin ihre Papiere ab. Madame erklärte, man ſolle ſie in dem Verſteck holen, dort würde ſich auch ein weißes Portefeuille vorfinden, welches daſelbſt geblieben. Der Präfect ging ſelbſt und brachte das Portefeuille zurück. „Mein Herr,“ ſagte ſie, ihm daſſelbe öffnend, „die in dieſem Portefeuille eingeſchloſſenen Dinge ſind von geringer Wichtigkeit; aber es liegt mir daran, ſie Ihnen ſelbſt zu übergeben, um Ihnen zugleich deren Beſtimmung zu bezeichnen.“ Und ſie gab ihm eines nach dem andern von den Dingen, welche das Portefeuille enthielt. „Mein Herr, es müſſen in dem Verſteck noch egen ſechsunddreißigtauſend Francs ſein, wovon wölftauſend Perſonen, die ich Ihnen angeben werde, gehören.“ Der General nüäherte ſich jetzt Madame und ſagte ihr, wenn ſie ſich ein wenig beſſer befände, würde es Zeit für ſie ſein, das Haus zu verlaſſen.“ „Um wohin zu gehen?“ fragte ſie, ihn feſt an⸗ ſchauend. „Auf das Schloß, Madame.“ „Ah! wohl, und von da ohne Zweifel nach Blaye?“ 14* 212 „General,“ ſprach jetzt einer der Begleiter von Madame,„Ihre Königliche Hoheit kann nicht zu Fuß gehen; das wäre nicht ſchicklich.“ „Mein Herr,“ erwiderte dieſer,„ein Wagen würde uns nur hindern. Madame kann zu Fuß dahin gehen, wenn ſie einen Mantel über die Schultern wirft und einen Hut auf den Kopf ſetzt.“ Jetzt ſtiegen der Sekretär und der Präfect, der ſich dießmal auf ſeine Galanterie etwas zu Gute that, in den zweiten Stock hinab und brachten drei Hüte zurück.— Die Prinzeſſin wählte einen ſchwarzen, weil dieſe Farbe, ſagte ſie, den Umſtänden entſprechend wäre.. Nach dieſen Worten nahm ſie den Arm des Generals und warf im Vorbeigehen an der Man⸗ ſarde einen letzten Blick auf die Kaminplatte, die offen geblieben war. „Ah! General,“ rief ſie lachend,„hätten Sie mich nicht nach Art des Heiligen Laurentius*) be⸗ kriegt, was beiläufig geſagt mit militäriſcher Gene⸗ roſität ſich nicht verträgt, ſo hielten Sie mich nicht ſo, wie geſchieht, an Ihrem Arm. Gehen wir, meine Freunde!“ ſetzte ſie, zu Ihren Genoſſen ge⸗ wendet, hinzu. Die Prinzeſſin ſtieg die Treppe hinab; im Augenblick, da ſie auf der Hausſchwelle erſchien, vernahm ſie einen großen Lärm unter dem Haufen, der ſich hinter den Soldaten zuſammendrängte, in⸗ *) Derſelbe wurde 258 an langſamem Feuer zu Tobe gemar⸗ ert. A. b. UI. N B0 ͤRK* N A——— 213 dem er eine viel dichtere Linie, als die Reihen dieſer, bildete. Madame konnte glauben, daß dieß Geſchrei ihr gelte; aber ſie äußerte kein Zeichen von Beſorg⸗ niß, ſondern drückte blos den Arm des Generals ſtärker. Als die Prinzeſſin ſich der Linie der Soldaten und Nationalgarden, welche von dem Hauſe bis zum Schloß Spaliere bildeten, näherte, erneuerte ſich das Geſchrei und Gemurmel lebhafter, als es zuvor geweſen war. Der General ſchaute nach der Seite, woher der Tumult kam. Er erblickte ein als Bäuerin geklei⸗ detes Mädchen, das ſich durch die Reihen der Sol⸗ daten Bahn zu brechen ſuchte, die, betroffen von ſeiner Schönheit und der auf ſeinem Geſicht aus⸗ geprägten Verzweiflung, nur ihre Inſtructionen ihr entgegenhielten, ohne Gewalt zu deſſen Zurück⸗ weiſung anzuwenden. Der General erkannte Bertha und deutete der Prinzeſſin mit dem Finger nach ihr. Dieſe ſtieß einen Schrei aus. „General,“ ſagte ſie lebhaft,„Sie haben mir verſprochen, mich von keinem meiner Freunde zu trennen; laſſen Sie das Mädchen zu mir kommen.“ Auf ein Zeichen des Generals öffneten ſich die Reihen, und Bertha konnte bis zu Madame ge⸗ langen. „Gnade, Madame, Gnade für eine Unglück⸗ liche, welche Sie retten konnte und es nicht gethan hat! Ich will ſterben unter Verwünſchung jener unheilvollen Liebe, die mich zur unfreiwilligen Mit⸗ 96 214 ſchuldigen der Verräther machte, welche Eure König⸗ liche Hoheit verkauft haben.“ „Ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen, Bertha,“ ſagte die Prinzeſſin, ſie aufhebend und ihr den⸗ jenigen ihrer Arme, der frei war, reichend.„Was Sie dieſen Augenblick thun, beweist, daß, was auch geſchehen ſein mag, ich eine Ergebenheit nicht an⸗ klagen kann, deren Erinnerung mir niemals ent⸗ ſchwinden wird. Aber ich hatte Sie von etwas Anderem zu unterhalten, mein Kind. Ich hatte Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich zu einem Irrthum beigetragen, der vielleicht für Sie zum Unglück ausgeſchlagen iſt. Ich hatte Ihnen zu ſa⸗ gen.... „Ich weiß Alles, Madame,“ ſagte Bertha, ihre von Thränen gerötheten Augen zu ihr aufſchlagend. „Armes Kind!“ erwiderte die Herzogin, indem ſie die Hand des Mädchens drückte.„Nun, folgen Sie mir jetzt; die Zeit und meine Liebe zu Ihnen werden den Schmerz lindern, den ich begreife, den ich achte.“ 4 „Ich bitte Eure Königliche Hoheit um Verzei⸗ hung, daß ich nicht gehorchen kann, aber ich habe ein Gelübde gethan und muß es erfüllen. Gott allein iſt es, welchen die Pflicht für mich über meine Fürſten ſtellt.“ 3 „Gehen Sie denn, liebes Kind, gehen Sie,“ ſprach Madame, welche die Abſicht des Mädchens ahnte,„und der Gott, von dem Sie ſagen, ſei mit Ihnen. Wenn Sie ihn anrufen, vergeſſen Sie Petit⸗Pierre nicht. Gott nimmt die Gebete gebro⸗ chener Herzen auf.“ —VV—P———— e — 8 8A 215— Man war an den Thoren des Donjons ange⸗ kommen. Die Prinzeſſin erhob die Augen zu ſei⸗ nen geſchwärzten Mauern und reichte dann Bertha die Hand, welche ſich auf die Kniee warf und einen Kuß auf dieſe Hand drückte, noch einmal das Wort Verzeihung flüſternd; die Prinzeſſin ſchritt nach ei⸗ nem augenblicklichen Zögern durch die Schlupfpforte, indem ſie ein letztes Zeichen des Lebewohls, ein letztes Lächeln Bertha zuſandte. Der General ließ den Arm der Herzogin los, um ihr den Eintritt möglich zu machen. Dann drehte er ſich nach dem Mädchen um. „Und Ihr Vater?“ ſprach er. „Iſt in Nantes.“ „Sagen Sie ihm, er ſolle in ſein Schloß zurück⸗ kehren, ſich daſelbſt ruhig verhalten, er wird nicht beunruhigt werden. Ich würde eher meinen Degen verbrechen, als daß ich ihn verhaften ließe, meinen alten Feind.“ „Ich danke für ihn, General.“ „Wohlz; und Sie, wenn Sie meiner bedürfen, verfügen Sie über mich, Mademoiſelle.“ „Ich wünſchte einen Paß nach Paris.“ „Wohin Ihnen denſelben ſchicken?“ An den Pont Rouſſeau, in das Wirthshaus zum Aufgehenden Tag. „In einer Stunde ſollen Sie ihn haben, Ma⸗ demoiſelle.“ Und ein Zeichen des Lebewohls dem Mädchen machend, verſenkte ſich der General gleichfalls unter dem düſtern Gewölbe. Bertha drängte ſich durch die dichten Reihen 216 der Volksmenge, hielt bei der erſten Kirche, welche ſie unterwegs traf, und blieb lange knieend auf den kalten Platten des Vorhofs.. Als ſie ſich wieder erhob, waren dieſe Platten ganz feucht von ihren Thränen. Sie ſchritt durch die Stadt und gelangte zum Pont Rouſſeau; als ſie dem Gaſthauſe zum Aufgehenden Tag ſich nä⸗ herte, ſah ſie ihren Vater an der Thür ſchwelle ſitzen. In wenigen Stunden war der Marquis um zehn Jahre gealtert; ſein Auge hatte jenen ſpaß⸗ haften Ausdruck verloren, der ihm ſo viel Lebhaf⸗ tigkeit gewährte; er trug den Kopf geſenkt gleich einem Mann, der von einer allzu ſchweren Laſt niedergebeugt iſt. Durch den Geiſtlichen, der die letzten Bekennt⸗ niſſe von Meiſter Jacques empfangen und dem Marquis in ſeiner Zufluchtsſtätte davon Mitthei⸗ lung gemacht hatte, benachrichtigt, war der Alte nach Nantes aufgebrochen. Eine halbe Meile vom Pont Rouſſeau hatte er Bertha getroffen, deren Pferd bei dem wüthen⸗ den Rennen, zu dem ſie es angehalten, eben ge⸗ ſtürzt war und ſich eine Sehne zerriſſen hatte. Das Mädchen geſtand ihrem Vater, was vorge⸗ fallen war. Der Alte hatte ihr keinen Vorwurf gemacht, nur den Stock, den er in der Hand hielt, auf dem Straßenpflaſter zerſchlagen. Bei der Ankunft am Pont Rouſſeau hatte ihm das öffentliche Gerücht, wiewohl es erſt ſieben Uhr Morgens war, bereits Kunde von der Verhaftung der Prinzeſſin, einer Verhaftung, die noch nicht einmal vollzogen war, gebracht. 217 Bertha war, ohne es zu wagen, die Augen zu ihrem Vater zu erheben, nach Nantes geeilt. Der Alte ſetzte ſich auf den Weichſtein, wo wir ihn nach vier Stunden noch finden. Es war dieß der einzige Schmerz, gegen den ſeine epikureiſche und egoiſtiſche Philoſophie ſich unmächtig zeigte. Er hätte ſeiner Tochter manche Fehler verziehen, aber er konnte nicht ohne Ver⸗ zweiflung daran denken, daß ſein Name in dieſes Verbrechen beleidigten Ritterthums verwickelt war, und daß der Souday an ſeinem letzten Tage dazu beigetragen hatte, das Königthum in den Abgrund zu ſtürzen. Als Bertha ſich ihm näherte, reichte er ihr ſchweigend ein zuſammengefaltetes Papier, welches ein Gendarme ihm eben übergeben hatte. „Verzeihſt Du mir nicht, wie ſie mir verziehen hat, Vater?“ ſagte ſie zu ihm in ſanftem und de⸗ müthigem Ton, der mit ihren ſonſt ſo ungezwun⸗ genen Manieren auffallend contraſtirte. Der alte Edelmann ſchüttelte traurig den Kopf. „Wo werde ich meinen armen Jean Oullier wieder finden?“ ſagte er.„Da mir Gott ihn er⸗ halten hat, will ich ihn ſehen; ich will, daß er mir hinweg aus dieſem Lande folge.“ „Du willſt Souday verlaſſen, Vater?“ a 74 „l. „Und wohin wirſt Du gehen?“ „Wo ich meinen Namen verbergen kann.“ „Und die arme Mary, welche unſchuldig iſt?“ „Nein, Mary wird die Frau von dem, der auch 218 mit die Urſache iſt, daß dieſer verruchte Frevel voll⸗ bracht wurde, nein, ich werde ſie nicht mehr ſehen.“ „Du wirſt allein ſein?“ „Nein, ich werde Jean Oullier haben.“ Bertha ſenkte den Kopf; ſie ging in das Gaſt⸗ haus hinein, wo ſie ihr Bauerngewand gegen Trauer⸗ kleider vertauſchte, die ſie zuvor gekauft hatte. Als ſie wieder herauskam, fand ſie den Alten nicht mehr, wo ſie ihn verlaſſen hatte. Sie ſah ihn noch auf der Straße, wie er die Hände auf den Rücken gelegt, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, traurig in der Richtung von Saint⸗Philbert hin⸗ wandelte. Bertha ſtieß einen ſchweren Seufzer aus; dann warf ſie einen letzten Blick auf die grünende Fläche des Landes Retz, das man in der Ferne gewahrte, auf den bläulichen Horizont des Waldes von Ma⸗ checoul. Und mit dem Rufe: „Adieu, Alles, was ich hienieden liebe!“ Kehrte ſie nach Nantes zurück. LXXXIII. Der Nachrichter Gottes. Die drei Stunden, welche Courtin, immer vom Kopf bis zu den Füßen gebunden, auf dem Boden ausgeſtreckt, in den Ruinen von Saint⸗Philbert zu⸗ brachte, Seite an Seite mit dem Leichnam von Jo⸗ ſeph Picaut, machte er alle die Beängſtigungen RS 3 8XZS 8 219 durch, welche ein menſchliches Herz martern und zerreißen können. Er fühlte immer unter ſich den koſtbaren Gurt, auf welchen er ſich Vorſichts halber gelegt hatte, denn dieſes Gold ſelbſt fügte zu ſeinen Schmerzen neue Schmerzen, zu ſeinen Schreckniſſen neue Schreckniſſe welche ſein Gehirn beſtürmten. Dieſes Gold, das für ihn mehr als Leben war, ſollte es ihm nicht entwiſchen? Wer war der Un⸗ bekannte, von dem er Meiſter Jacques mit der Wittwe ſprechen gehört hatte? Welches war die ge⸗ heimnißvolle Rache, die für ihn zu befürchten ſtand? Der Maire von La Logerie ging im Kopf die Na⸗ men aller derjenigen durch, denen er im Lauf ſeines Lebens übel gethan hatte, und die Liſte war lang und ihre drohenden Geſtalten belebten die Finſter⸗ niß des Thurms. Zuweilen jedoch durchkreuzte ein Hoffnungsſtrahl dieſe Unglück verkündenden Gedanken; ſo vage und unbeſtimmt derſelbe anfänglich war, nahm er all⸗ mälig Form an. Konnte ein Mann, der ſo ſchöne Louisdor beſaß, ſterben? Erhob die Rache ſich gegen ihn, hatte er ihr nicht Gold hinzuwerfen, um ihr Stillſchweigen aufzulegen? Dann zählte ſeine Einbildungskraft die Summe hin und her, die ihm gehörte, die ganz ſein war, die er mit Entzü⸗ cken an ſein Fleiſch drücken, in ſeine Lenden dringen ſah, als ob dieſes Gold zu einem Körper mit ſeiner Perſon geworden wäre; dann dachte er, wenn es ihm zu entkommen gelänge, an die fünfzigtauſend Francs, die er noch zu den fünfzigtauſend Francs, welche er bereits hatte, fügen ſollte, und trotzdem, 220 daß er ganz gebunden, ganz zuſammengeſchnürt, ein dem Tode geweihtes Opfer war, gewärtig, das über ſeinem Haupte hängende Democles⸗Schwert werde, von einer Minute zur andern herabfallend, ſeinen Lebensfaden zerſchneiden, zerfloß ſein Herz in ein Glück, das zu einer Art Trunkenheit ſich geſtaltete. Aber bald änderten ſeine Gedanken ihren Lauf: er fragte ſich, ob ſein Mitſchuldiger, auf welchen er nur das Vertrauen eines Mitſchuldigen ſetzte, nicht ſeine Abweſenheit ſich zu Nutzen machen würde, ihn um den ihm noch vorbehaltenen Antheil zu betrü⸗ gen; er ſah ihn fliehend, erdrückt unter dem Gewicht der Summe, die er mit fort nahm, und ſich wei⸗ gernd, mit dem zu theilen, der doch bei dem Ver⸗ rath Alles gethan hatte; jetzt bereitete er für dieſen Fall Bitten vor, welche an deſſen Herz dringen, Drohungen, welche ihn erſchrecken, Vorwürfe, welche ihn erweichen ſollten; und wenn er überlegte, daß M. Hyacinthe das Gold eben ſo ſehr liebte, als er ſelbſt, was wenigſtens wahrſcheinlich erſchien, da er ein Jude war; wenn er an ſeinen Verbündeten ſeinen eigenen Maßſtab anlegte, wenn er in ſeiner Seele die Unermeßlichkeit des Opfers ergründete, das er von ſeinem Verbündeten fordern wollte, wenn er ſich ſagte, es möchte wohl möglich ſein, daß Thränen, Bitten, Vorwürfe, Drohungen nutz⸗ los wären,— dann gerieth er in einen Wuthan⸗ fall, ſtieß ein Gebrüll aus, von welchem die Ge⸗ wölbe des Feudal⸗Gebäudes erſchüttert wurden, krümmte ſich in ſeinen Banden, biß in dieſelben, ſuchte ſie mit ſeinen Zähnen zu zerreißen; aber dieſe dünnen, feinen, zarten Stricke ſchienen ſich zu 221 rühren, unter ſeinen Anſtrengungen lebendig zu werden; er glaubte zu fühlen, wie ſie mit ihm rangen, wie ſie ihre Schlingen, ihre Flechten ver⸗ doppelten; ihre gelösten Knoten ſchienen ſich von ſelbſt wieder zu knüpfen, nicht mehr einfach, wie zuvor, ſondern doppelt, vierfach, und zu gleicher Zeit drangen ſie, wie um ihn für ſeine vergeblichen An⸗ ſtrengungen zu beſtrafen, in ſein verſtümmeltes Fleiſch, rißen daſelbſt brennende Furchen; jeder Hoffnungstraum, jede noch ſo lebhafte Vorſtellung von Reichthum und Glück verſchwand dann wie eine Wolke vor dem Blaſen des Sturmes; die Phan⸗ tome derer, welche er verfolgt hatte, erhoben ſich wieder ſchrecklich gegen ihn. Alles, Steine, Gebälke, zerſchlagene Holzſtücke, wankende Geſimſe, Alles nahm Geſtalt an, und alle dieſe Geſtalten ſchauten ihn mit Augen an, die in der Finſterniß gleich Tauſen⸗ den von Funken glänzten, die über ein ſchwarzes Lei⸗ chentuch hinliefen. Jetzt verwirrte ſich ſein Kopf, wahn⸗ ſinnig vor Schrecken und Verzweiflung wandte er ſich an den Leichnam von Joſeph Picaut, deſſen ſtarren Schattenriß er vier Schritte von ſich wahr⸗ nahm; er bot ihm ein Viertel, ein Drittel, die Hälfte ſeines Goldes, wenn er ſeine Bande löſen würde; aber nur das Echo dieſer Gewölbe antwor⸗ tete ihm mit ſeiner grauſenvollen Stimme, und ge⸗ brochen von Aufregung verfiel er in einen Zuſtand momentaner Gefühlloſigkeit. Er befand ſich in einem dieſer Augenblicke von Erſtarrung, als ein Geräuſch von außen ihn zum Schaudern brachte; man ging im innern Hof des Schloſſes und bald hörte er das Knarren der Rie⸗ 222 gel an der alten Fruchtkammer, welche von einer Hand zurückgeſchoben wurden. Courtins Herz ſchlug, um ihm die Bruſt zu zer⸗ ſprengen; er keuchte vor Furcht; er erſtickte vor Beklemmung, denn er ſah voraus, daß derjenige, welcher eintreten würde, der von Meiſter Jacques angekündigte Rächer wäre. Die Thüre ging auf; die blutrothe Flamme der Fackel erhellte das Gewöllbe mit ihren Reflexen; Courtin ſchöpfte eine augenblickliche Hoffnung; denn es war die Wittwe, welche die Fackel trug und zu⸗ erſt ihm unter die Augen kam, und er glaubte an⸗ fänglich, ſie wäre allein; aber als ſie zwei Schritte in den Thurm gemacht hatte, wurde ein Mann, der hinter ihr ſtand, ſichtbar. Dem Pächter ſtiegen die Haare zu Berge; er fühlte nicht den Muth in ſich, dieſem Mann ins Geſicht zu ſehen; er ſchloß die Augen und blieb ſtumm.. 7 Der Mann und die Wittwe traten näher. Die Wittwe reichte die Fackel ihrem Begleiter, deutete mit dem Finger auf Meiſter Courtin und warf ſich, ohne Zweifel unbekümmert um das, was vorgehen ſollte, zu den Füßen von Joſeph Picauts Leiche auf die Kniee und begann zu beten. Was den Mann betraf, ſo trat er immer näher auf Courtin zu und fuhr, ohne Zweifel ſich zu ver⸗ ſichern, daß er es wirklich wäre, ihm mit der Flamme der Fackel über das Geſicht. „Sollte er ſchlafen?“ fragte er halblaut.„O nein! er iſt zu feig, um zu ſchlafen; nein, ſein Geſicht iſt zu bleich, er ſchläft nicht.“ ler er⸗ dor ge, des der mn; nn zu⸗ an⸗ itte der er ins lieb ter, und vas uts her ver⸗ ume „O ſein 223 Dann ſteckte er ſeine Fackel in eine Mauerſpalte, ſetzte ſich auf einen ungeheuren Stein vom Gewölbe, der bis mitten in den Thurm gerollt war, und re⸗ dete Courtin an:. „Wohlan! öffnen Sie die Augen, Herr Maire, wir haben mit einander zu ſchwatzen, und ich ſehe denen gerne in das Geſicht, die mit mir reden.“ „Jean Oullier!“ rief Courtin, deſſen Bläſſe ins Bleifarbige überging, indem er verzweifelnd mit ſei⸗ nem Körper emporfuhr, um ſeine Bande zu zerrei⸗ ßen und zu entfliehen,„Jean Oullier!“ „Wenn es auch nur ſein Geiſt wäre, ſcheint mir, Herr Courtin, ſo würde dieſer hinreichen, Ih⸗ nen Schrecken einzujagen, denn Sie hätten ihm eine ſchwere Rechenſchaft abzulegen.“ „O mein Gott! mein Gott!“ rief Courtin, in⸗ dem er in gänzlicher Erſchlaffung und gleich einem Menſchen, der ſich in ſein Schickſal ergibt, wieder auf den Boden ſich zurückſinken ließ. „Unſer Haß datirt von lang her, nicht wahr?“ fuhr Jean Oullier fort,„und er täuſchte uns nicht in ſeinen Inſtincten; er hat Sie grimmig gegen mich aufgehetzt, und jetzt, wiewohl ich ſterbend bin, führt er mich wieder zu Ihnen zurück.“ „Ich habe Sie nie gehaßt,“ antwortete Cour⸗ tin, der von dem Augenblick an, da Jean Oullier ihn nicht auf der Stelle tödtete, die Hoffnung wie⸗ der in ſeinem Herzen aufleben fühlte und die Mög⸗ lichkeit, ſein Leben aus dieſer Erörterung zu ziehen, von fern erblickte;„ich habe Sie nie gehaßt, im Gegentheil, und hat meine Kugel Sie getroffen, 224. ſo war ſie nicht für Sie beſtimmt; ich wußte nicht, daß Sie in dem Gebüſch waren.“ „O, meine Beſchwerden gegen Sie datiren von länger als daher, Herr Courtin.“ „Von länger als daher?“ erwiderte Courtin, der allmälig wieder einige Energie bekam,„aber ich ſchwöre Ihnen, daß ich niemals vor dieſem Unfall, den ich beklage, Sie einer Gefahr ausgeſetzt, nie⸗ mals Sie in Schaden gebracht habe.“ „Sie haben ein kurzes Gedächtniß, und die Krän⸗ kungen fallen ſchwerer, wie es ſcheint, auf das Herz des Gekränkten; denn ich erinnere mich wohl.“ „Weſſen? Laßt ſehen, weſſen erinnern Sie ſich? Reden Sie, Herr Jean Oullier; iſt es recht, Jemand zu verurtheilen, ohne ihn zu hören, einen Unglücklichen zu tödten, ohne ihm ein Wort zu ſeiner Vertheidi⸗ gung zu geſtatten?“ „Und wer ſagt Ihnen denn, daß ich Sie tödten will?“ ſprach Jean Oullier mit derſelbigen eiſigen Ruhe, welche ihn keinen Augenblick verlaſſen hatte, „Ihr Gewiſſen, ohne Zweifel?“ „Ol reden Sie, reden Sie, Herr Jean, ſagen Sie an, weſſen Sie außer dieſem unglücklichen Schuß mich anklagen, und ich bin überzeugt, weiß wie Schnee davon zu kommen. Ja, o ja! ich würde Ihnen beweiſen, daß Niemand mehr als ich die Bewohner von Schloß Souday geliebt hat; daß Niemand ſie wie ich verehrt, ſich ſo über die Hei⸗ rath gefreut hat, welche die Familie meiney Herr⸗ ſchaft Ihnen nahe brachte.“ „Herr Courtin,“ ſagte Jean Oullier, der dieſem Redefluß freien Lauf gelaſſen hatte,„es iſt gerecht, 225 daß der Angeklagte ſich vertheidige; vertheidigen Sie ſich alſo, wenn Sie können. Merken Sie wohl auf, ich fange an.“ „O! Sie können ſprechen; ich fürchte Nichts,“ ſagte Courtin. „Das wollen wir ſehen: wer hat mich den Gen⸗ darmen auf dem Markte von Montaigu überliefert, um ſicherer an die Gäſte meines Herrn zu gelangen, die ich, wie Sie wohl vorausſetzten, vertheidigen würde? Wer hat ſich, nachdem dieß geſchehen, hinter der Hecke des letzten Gartens von Montgigu in Hinterhalt gelegt und, nachdem er von dem Eigen⸗ thümer dieſes Grundſtücks eine Flinte entlehnte, ſich derſelben bedient, um nach meinem Hunde zu ſchie⸗ ßen und meinen armen Gefährten zu tödten?“ „Wer wagt zu behaupten, er habe mich dieſen Schuß thun ſehen?“ „Drei Perſonen haben es mir bezeugt, und unter ihnen derjenige ſelbſt, welchem die Waffe ge⸗ hörte, deren Sie ſich bedienten.“ „Konnte ich wiſſen, daß dieſer Hund Ihnen ge⸗ Pürte Nein, Herr Jean, auf Chre, ich wußte es nicht.“ Jean Oullier machte eine Geberde der Ver⸗ achtung. „Wer,“ fuhr er mit derſelben ruhigen, aber ſcharf accentuirten Stimme fort,„wer hat ſich in das Haus von Paſcal Picaut eingeſchlichen, den Blauen das Geheimniß der heiligen Gaſtfreundſchaft dieſes Herdes verkauft, das Geheimniß, das er erlauſchte?“ Dumas, Wöͤlfinnen von Machecoul. V. 15 226 „Ich bezeuge es,“ ſprach mit dumpfer Stimme die Wittwe Picaut, ihr Stillſchweigen und ihre Un⸗ beweglichkeit unterbrechend. Der Pächter fuhr zuſammen und wagte keine Entſchuldigung.. „Wen habe ich,“ ſprach Jean Oullier weiter, „ſeit vier Monaten beharrlich auf meinem Wege getroffen, geheime Umtriebe im Schatten anzettelnd, ſeine Netze auswerfend, indem er ſich mit dem Na⸗ men ſeines Herrn deckte, indem er Ergebenheit, Treue, Anhänglichkeit zur Schau ſtellte, indem er dieſe Tugenden durch die Berührung mit ſeinen ver⸗ brecheriſchen Abſichten befleckte? Wen habe ich auf der Haide von Bouaimé über den Blutpreis ver⸗ handeln, das Gold abwägen hören, das man ihm für die niederträchtigſte, gehäſſigſte aller Verräthe⸗ raidi anbot? Wen anders, wenn Sie es nicht in 22** „Aber ich ſchwöre Ihnen bei dem Heiligſten, was es unter den Menſchen gibt,“ ſagte Courtin, der ſich immer noch einbildete, die Hauptbeſchwerde Jean Oulliers ſei die ihm beigebrachte Wunde, ich ſchwöre Ihnen, ich wußte nicht, daß Sie in dem unglücklichen Gebüſch maren.“ „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß ich Ihnen das nicht zum Vorwurf mache; ich habe nicht einmal davon geſprochen, ich werde nicht davon ſprechenz die Liſte Ihrer Verbrechen iſt auch ohne dieſes lang genug.“ „Sie reden von meinen Verbrechen, Jean Ou⸗ llier, und vergeſſen, daß mein junger Herr, der bald der Ihrige ſein wird, mir das Leben verdankt; 227 daß, wäre ich ein Verräther geweſen, wie Sie ſa⸗ gen, ich ihn den Soldaten ausgeliefert hätte, welche jeden Tag an der Schwelle meines Hauſes vorüber⸗ gingen, Sie vergeſſen das Alles; während Sie da⸗ gegen aus den unbedeutendſten Gegenſtänden ſich Waffen ſchmieden, mich zu Fall zu bringen.“ „Wenn Du Deinen Herrn gerettet haſt,“ erwi⸗ derte Jean Oullier in demſelben unveränderlichen Ton,„ſo geſchah es deßwegen, weil dieſer erheu⸗ chelte Edelmuth Deinen Abſichten vortheilhaft war; es würde für ihn beſſer geweſen ſein, es würde für die beiden armen Mädchen beſſer geweſen ſein, ſie alle ehrenvoll, rühmlich ihr Leben beſchließen zu laſſen, als ſie in dieſe ſchändlichen Cabalen zu miſchen; und das iſt es, was ich Dir vorwerfe, Courtin; dieſer Gedanke verdoppelt meinen Haß gegen Dich.“ „Der Beweis, wie wenig ich Etwas gegen Sie hatte, Jean Oullier,“ ſagte Courtin,„iſt, daß Sie ſchon längſt nicht mehr auf der Welt wären, wenn ich es gewollt hätte.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Als M. Michels Vater getödtet wurde, ermor⸗ det wurde, Herr Jean, ſprechen wir das Wort aus, gab es einen Treiber, der nicht mehr als zehn Schritte von ihm entfernt war, und dieſer Treiber hieß Courtin.“ Jean Oullier richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf. „Ja,“ fuhr jener fort,„und dieſer Treiber hat geſehen, daß es Jean Oulliers Kugel war, welche den Verräther zu Boden geſtreckt hat.“ „Und wenn der Treiber es erzählt,“ jgie Jean 228 Oullier,„ſo wird er die Wahrheit ſprechen, denn das war nicht ein Verbrechen, ſondern eine Sühne, und ich bin ſtolz darauf, derjenige geweſen zu ſein, den die Vorſehung auserleſen hat, den Niederträch⸗ tigen zu ſchlagen.“ „Gott allein kann ſchlagen, Gott allein kann verfluchen, Herr Oullier.“ „Nein, ol ich täuſche mich nicht, er iſt es, der mir dieſen tiefen Haß gegen Frevel, dieſe unaus⸗ löſchliche Erinnerung an den Verrath ins Herz ge⸗ legt hat; ſein Finger war es, der an mein Herz rührte, als dieſes Herz jedesmal erbebte, wenn ich den Namen des Judas ausſprechen hörte; als ich ihn niederſtreckte, da fühlte ich den Hauch der gött⸗ lichen Gerechtigkeit, der über mein Geſicht ging und mich erfriſchte, und von dieſem Augenblick an fand ich die Stille und Ruhe wieder, die mich geflohen hatten, ſeitdem ich das Verbrechen ungeſtraft unter meinen Augen gedeihen ſah. Du ſiehſt wohl, daß Gott mit mir war!“ 4 „Gott kann nicht mit dem Mörder ſein.“ „Gott iſt immer mit dem Nachrichter, welcher das Schwert der Gerechtigkeit erhebt; die Menſchen haben den ihrigen, aber Gott hat den ſeinigen: an jenem Tage war ich das Schwert Gottes, wie ich es heute bin.“ „Sie wollen alſo mich ermorden, wie Sie den Baron Michel ermordet haben?“ „Ich will den ſtrafen, der Petit⸗Pierre verkauſt hat, wie ich den beſtrafte, der Charette verkauft hat; ich werde ihn ſtrafen ohne Furcht, ohne Sorge, ohne Gewiſſensbiſſe.“ — 229 „Nehmen Sie ſich in Acht, dieſe Gewiſſensbiſſe können Ihnen kommen, wenn Ihr künftiger Herr von Ihnen Rechenſchaft über den Tod ſeines Vaters fordert.“ „Der junge Mann iſt gerecht und redlich— und iſt er berufen, mich zu richten, ſo werde ich ihm erzählen, was ich im Walde Chabotterie geſe⸗ hen habe und er wird richten.“ „Wer wird Ihnen bezeugen, daß Sie die Wahr⸗ heit ſagen? Ein einziger Menſch, und dieſer Menſch bin ich. Laſſen Sie mich leben, Jean, und wie dieſe Frau ſo eben, werde ich, wenn es nöthig iſt, mich erheben und ſprechen: ‚Ich bezeuge es!““ „Die Furcht läßt Dich Unſinn ſprechen, Courtin; Herr Michel wird kein anderes Zeugniß anrufen, wenn Jean Oullier ihm ſagt: ‚Das iſt die Wahr⸗ heite; wenn Jean Oullier, die Bruſt entblöſend, ihm ſagt: ‚Wollen Sie Ihren Vater rächen, ſo ſchlagen Sie!’— wenn er vor ihm niederknien und Gott bitten wird, ihm Sühnung zu ſchicken, wenn Gott urtheilt, daß dieſe That gebüͤßt werden muß. Nein, nein; und in dem Schrecken, der Dir eiskalt um's Herz macht, haſt Du Unrecht gehabt, vor meinen Augen dieſe blutige Erinnerung hervorzurufen. Du, Meiſter Courtin, haſt noch Schlimmeres gethan, als Michel, denn das Blut, das Du verkauft haſt, iſt noch viel edler, als das, welches jener verrathen hat; das Haupt, welches Du dem Henker überliefert haſt, iſt heiliger. Ich habe Michel nicht verſchont, und ich ſollte Dich verſchonen? Nein! niemals, niemals!“ 230 „Jean Oullier, mein Männchen, tödte mich nicht!“ ſagte der Elende ſchluchzend. „Flehe dieſe Steine an, bitte ſie um Mitleid, vielleicht werden ſie Dich verſtehen; aber nichts wird meinen Entſchluß, meinen Willen erſchüttern, Courtin, Du wirſt ſterben.“ „Ah! mein Gott! mein Gott!“ rief Courtin, „wird mir Niemand zu Hülfe kommen? Wittwe Picaut! Wittwe Picaut! ſteht mir bei! Wollt Ihr mich alſo erwürgen laſſen? Vertheidigt mich, ich beſchwöre Euch; wollt Ihr Gold, ich will Euch ge⸗ ben, ich habe Gold; aber nein, nein, ich ſpreche im Wahnwitz, ich habe keines! ich habe keines!“ ſagte der Elende, der die fieberhafte Mordluſt, welche er in den Augen ſeines Feindes leuchten ſah, anzu⸗ ſpornen fürchtete,„ich habe keines, aber ich habe Güter, ich will ſie Euch geben; ich will Euch beide reich machen; Gnade, Jean Oullier! Wittwe Pi⸗ caut, vertheidigt mich!“ Die Wittwe rührte ſich nicht; ohne die Bewe⸗ gung der Lippen hätte man ſie, bleich wie Mar⸗ mor, unbeweglich und ſtumm neben dem Leichnam, unter ihren Trauerkleidern für eine jener Statuen halten können, welche man am Fuße alterthümli⸗ cher Gräber knieen ſieht. „Was! Sie wollen mich tödten,“ fuhr Courtin fort,„mich tödten ohne Kampf, ohne Gefahr, ohne daß ich einen Fuß zur Flucht, eine Hand zur Ver⸗ theidigung heben kann, mich erwürgen in meinen Banden, gleich einem Thier, das man zur Schlacht⸗ bank ſchleppt. O! Jean Oullier, das heißt nicht 231 wie ein Soldat, das heißt wie ein Fleiſcher ge⸗ handelt.“ „Und wer ſagt Dir, daß es ſo geſchehen ſoll? Nein, nein, nein, Meiſter Courtin; ſchaue die Wunde an, die Du mir an der Bruſt beigebracht haſt, ſie blutet noch, ich bin noch ſchwach, wankend, kraftlos, ich bin geächtet, auf meinen Kopf iſt ein Preis ge⸗ ſetzt; wohlan! bei allem dem bin ich der Gerech⸗ tigkeit meiner Sache ſo gewiß, daß ich nicht zaudere, an das Gericht Gottes zu appelliren. Courtin, ich gebe Dir die Freiheit zurück.“ „Sie geben mir die Freiheit zurück?“ „Ja, ich gebe ſie Dir; o!l danke mir nicht, was ich thue, geſchieht meinet⸗, nicht Deinetwegen, damit man nicht ſage, Jean Oullier hat einen Menſchen zu Boden geſchlagen und entwaffnet; aber ſei ruhig, geh', ich rechne ſicher darauf, das Leben, das ich Dir laſſe, Dir wieder zu nehmen.“ „Mein Gott!“ „Meiſter Courtin, Du ſollſt von hier ohne Bande, ohne alles Hinderniß fortgehen; aber ich ſage Dir voraus, nimm Dich in Acht; ſobald Du die Schwelle dieſer Ruine überſchritten haſt, werde ich auf Deiner Spur ſein, und dieſe Spur werde ich nicht verlaſſen, bis ich Dich auch niedergeſchla⸗ gen, bis ich aus Deinem Körper einen Leichnam gemacht habe; nimm Dich in Acht, Meiſter Cour⸗ tin, nimm Dich in Acht.“ Und mit dieſen Worten ergriff Jean Oullier ſein Meſſer und zerſchnitt die Stricke, womit der Pächter an Händen und Füßen gefeſſelt war. Courtin hatte eine Bewegung wahnſinniger 232 Freude; aber dieſe Freudenbewegung unterdrückte er ſogleich; als er ſich erhob, hatte er ſeinen Gurt gefühlt; dieſer hatte ſich ihm gewiſſermaßen wieder in Erinnerung gebracht. Mit der Hoffnung hatte ihm Jean Oullier eben das Leben wieder geſchenkt, aber was war das Leben ohne ſein Gold? Er legte ſich ſo ſchnell wieder zurück, als er ſich erhoben hatte. Jean Oullier hatte während der Bewegung des Pächters, ſo raſch ſie auch ſein mochte, das ſtrotzende Leder des Gurtes wahrgenommen und errathen, was in dem Herzen des Pächters vorging. „Worauf warteſt Du noch, um zu gehen?“ ſagte er zu ihm.„Ja, ich verſtehe, Du fürchteſt, wenn ich Dich frei ſehe wie mich, ſtärker als je, werde mein Zorn wieder eerwachen; Du fürchteſt, ich werde Dir ein zweites Meſſer zuwerfen und bewaffnet mit dieſem, Dir zurufen: Vertheidige Dich, Meiſter Courtin.“ Nein, Jean Oullier hat nur ein Wort; beeile Dich, fliehe, iſt Gott für Dich, ſo mird er Dich meinen Schlägen entziehen; hat er Dich ver⸗ urtheilt, was liegt mir an dem Vorſprung, den er Dir gibt. Nimm Dein verfluchtes Gold und mach Dich davon.“ Meiſter Courtin gab keine Antwort; er erhob ſich taumelnd wie ein Betrunkener, er verſuchte ſei⸗ nen Gurt ſich an die Hüfte zu binden, aber es ge⸗ lang ihm nicht, ſeine Finger zitterten, wie wenn ſie vom Fieber geſchüttelt würden. Ehe er abzog, drehte er ſich mit Schrecken nach Jean Oullier um, der Verräther fürchtete einen Verrath, er konnte nicht glauben, unter der Groß⸗ muth ſeines Feindes ſei keine Falle verborgen. ter n N SR 233 „Jean Oullier deutete ihm mit dem Finger nach der Thüre; Courtin ſtürzte in den Hof, aber im Augenblick, wo er die Thürſchwelle überſchritt, hörte er noch die Stimme des Vendéers, die helltönend gleich einer Schlachttrompete ihm zurief: hrrnium Dich in Acht, Courtin, nimm Dich in Acht!“ Meiſter Courtin bebte trotz ſeiner Freiheit, und in dieſem Augenblick der Verwirrung ſtieß ſein Fuß an einem Stein, er ſtalichelte und fiel zu Boden. Er ſtieß einen Angſtſchrei aus, es kam ihm vor, als wollte ſich der Vendéer auf ihn ſtürzen, er glaubte zu fühlen, wie die kalte Klinge ſeines Dol⸗ ches ihm in den Rücken drang. Es war eine ſchlechte Vorbedeutung; Courtin ſtand wieder auf, hatte eine Minute nachher das Schlupfthor paſſirt und warf ſich auf das Feld, das er niemals mehr wieder zu ſehen geglaubt hatte. Als er verſchwunden war, trat die Wittwe auf Jean Oullier zu und reichte ihm die Hand. „Jean,“ ſagte ſie zu ihm,„als ich Euch zuhörte, dachte ich, wie ſehr mein armer Pascal Recht hatte, als er mir ſagte, es gebe wackere Leute unter allen Fahnen.“ Jean Oullier drückte die Hand, welche ihm die bot, die ihm das Leben gerettet hatte. „Wie befindet Ihr Euch jetzt?“ fragte ſie ihn. „Beſſer; man findet immer Kraft im Kampfe.“ „Und wohin geht Ihr jetzt?“ „Nach Nantes; nach dem, was mir Eure Mut⸗ ter erzählt hat, iſt Bertha nicht dahin gegangen, — — — 234 und ich fürchte ſehr, es iſt dort ein Unglück ge⸗ ſchehen.“ „Wohl, aber nehmt wenigſtens ein Boot, das wird Euren Beinen die Ermüdung des halben Mar⸗ ſches erſparen.“ „Es ſei,“ antwortete Jean Ounllier. Und er folgte der Wittwe bis zu der Stelle des See's, wo die Fiſcherbarken auf den Sand gezogen waren. LXXXIV. Worin bewieſen iſt, daß ein Mann, der fünfzigtauſend Franes bei ſich hat, manchmal dadurch ſehr genirt werden kann. Sobald Meiſter Courtin die Zugbrücke des Schloſſes Saint⸗Philbert überſchritten hatte, begann er, wie ein Unſinniger zu laufen. Seine Angſt lieh ihm Flügel. Er marſchirte fort, ohne zu fra⸗ gen, wohin ſeine Schritte ihn führten. Er floh um zu fliehen, wäre ſeine Kraft nicht zur Verrätherin an ſeinem Schrecken geworden, er hätte eine Welt zwiſchen ſich und die Drohungen des Vendéers ge⸗ legt, Drohungen, die er immer noch gleich einem Trauergeläute in ſeinem Ohr ertönen hörte. Aber als er eine halbe Meile Machecoul zu gemacht hatte, erſchöpft, keuchend, erſtickt von der Geſchwindigkeit ſeines Laufs, hielt er an oder war vielmehr dem Fallen nahe und überlegte, da er allmälig wieder zu ſich kam, was er thun wollte. Sein erſter Plan war, ſich unmittelbar nach Hauſe zu begeben, aber er ſtand ſogleich davon abz ——.—.—— 235 auf dem Lande hatte Jean Oullier, welche Sorg⸗ falt auch die in Kenntniß geſetzte Obrigkeit tragen mochte, um das Leben des Maires von La Logerie zu ſchützen, ſeine Einverſtändniſſe mit den Bauern; bei ſeiner vollkommenen Bekanntſchaft mit allen Wegen, allen Wäldern, allen Ginſterfeldern, unter⸗ ſtützt ſowohl durch die Sympathie, die jeder für ihn empfand, als durch den Haß, den man gegen Courtin trug, würde Jean Oullier allzu ſchönes Spiel gehabt haben. In Nantes mußte er ſich verbergen, in Nantes, wo eine gewandte, zahlreiche Polizei ſein Leben ſo lang ſchützen würde, bis es gelungen wäre, Jean Oullier zu verhaften, ein Reſultat, das Courtin in nächſter Zeit vermittelſt der Anzeigen, die er über die gewöhnlichen Zufluchtsorte der Verurtheilten und Widerſpenſtigen liefern konnte, zu erreichen ſich ſchmeichelte. In dieſem Augenblick ſuhr ſeine Hand nach dem Gurt, um ihn hinaufzuziehen, denn das enorme Gewicht der Goldmaſſe, die er darin trug, benahm ihm den Athem und hatte nicht wenig zu der Er⸗ ſchlaffung beigetragen, wodurch er in ſeinem Laufe aufgehalten worden war. Dieſe Bewegung entſchied über ſein Schickſal. Sollte er nicht zu Nantes M. Hyacinthe wieder finden? von ihm, wenn ihr Complot geglückt war, woran er nicht zweifelte, noch eine gleiche Summe erhalten, wie diejenige, deren Beſitz ihn die eben erlittenen ſchrecklichen Prüfungen vergeſſen ließ, ſein Herz mit einer Freude erfüllte, die ihn über * 236 alle Trübſale, welche er eben durchgemacht hatte, hinwegſetzte. Er zögerte nicht eine Sekunde mehr und kehrte auf der Stelle in der Richtung nach der Stadt wieder um. Zuerſt wollte Meiſter Courtin im Vogelflug daſelbſt anlangen, indem er quer über die Felder marſchirte. Auf einer Straße riſkirte er, daß man ihm aufpaſſe; der bloße Zufall konnte bewirken, daß Jean Oullier ſeine Spur auf der Ebene wieder auffand. Aber ſeine, durch die plötzlichen Wand⸗ lungen des Abends erhitzte Einbildungskraft war mächtiger als ſeine Vernunft. Er mochte noch ſo behutſam längs der Hecken hinſchlüpfen, indem er im Schatten blieb, das Ge⸗ räuſch ſeiner Schritte unterdrückte, ein Feldſtück nur betrat, nachdem er ſich verſichert hatte, daß es öde war; jeden Augenblick wurde er von paniſchem Schrecken ergriffen. In den Bäumen mit ausgeputztem Gipfel, welche ſich über die Hecken erhoben, glaubte er Mörder zu ſehen, welche ihm unterwegs aufpaßten; in den knorrigen Aeſten, die ſich über ſeinem Haupte aus⸗ ſtreckten, drohende Arme, mit Dolchen bewaffnet und bereit, auf ihn zuzuſtoßen. Jetzt hielt er in ſtarrem Entſetzen an, ſeine Beine weigerten ſich, ihn weiter zu tragen, wie wenn ſie ſich in die Erde eingewurzelt hätten; ein eiskalter Schweiß bedeckte ſeinen ganzen Körper; ſeine Zähne klapperten krampf⸗ haft, ſeine geballten Hände preßten ſich auf das Gold, und es bedurfte für ihn langer Zeit, um ſich von ſeinem Entſetzen zu erholen. —————— n e T f m m at — N — 86 —— XN B Aᷣ 237 Er wandte ſich nach der Straße. Auf der Straße ſchien es ihm, würde ſeine Furcht weniger lebhaft ſein. Er würde wohl Vorüber⸗ gehenden begegnen, die unzweifelhaft Feinde ſein konnten, aber ihm auch beizuſtehen vermochten, wenn man ihn angriffe, und unter dem Eindruck des Schreckens, der ihn darniederwarf, glaubte er, jedes lebende Weſen, welches es auch wäre, würde ihm weniger furchtbar erſcheinen, als die ſchwarzen, drohenden, in ihrer Starrheit unverſöhnlichen Ge⸗ ſpenſter, auf welche er in ſeiner Angſt bei jedem Schritt auf dem Felde ſtieß. Ueberdieß konnte er auf der Straße ein Fuhr⸗ werk finden, das nach Nantes ging, darauf um einen Platz bitten und ſo die Hälfte des langen Wegs abkürzen. Als er fünfhundert Schritte gemacht hatte, be⸗ fand er ſich auf der Chauſſée, welche eine Viertel⸗ meile den Ufern des See's von Grandlieu folgt, welchem ſie neben ihrer Eigenſchaft als Straße auch zum Damm dient. Courtin blieb von Minute zu Minute ſtehen, um zu horchen, und in dieſem Augenblick konnte er den Schritt eines Pferdes auf dem Pflaſter unterſcheiden. 1 Er warf ſich in das Schilf, womit die Straße am See hin begrenzt iſt, und duckte ſich daſelbſt nieder, noch einmal alle die Beängſtigungen durch⸗ machend, die wir ſo eben geſchildert haben. Jetzt hörte er zur Linken das Geräuſch von Rudern, welche langſam in die Gewäſſer des See's ſchlugen. 238 Er ſchlüpfte zwiſchen den Binſen durch, ſchaute nach der Seite, von wo dieſes Geräuſch kam, und erblickte im Schatten eine Barke, welche gemächlich am Ufer hinglitt. Es war ohne Zweifel ein Fiſcher, der noch vor Tag die Netze einholen wollte, die er am Abend zuvor gelegt hatte. Das Pferd kam näher; der Schall ſeiner Schritte auf dem Pflaſter jagte Courtin Schrecken ein. Dort ſah er die Gefahr, er dachte nur daran, ihr zu entfliehen. Er pfiff leiſe, um die Aufmerkſamkeit des Fiſchers auf ſich zu ziehen. Dieſer hemmte die Bewegung ſeiner Ruder und horchte. „Hier! Hier!“ rief Courtin. Er hatte noch nicht geendet, als ein kräftiger Ruderſchlag die Barke dem Pächter bis auf vier Fuß nahe brachte. „Könnt Ihr mich über den See führen, bis auf die Höhe vom Hafen von Saint⸗Martin brin⸗ Vax⸗ fragte Courtin,„es gibt einen Frank für Fu. Der Fiſcher, in eine Art Matroſenkittels ge⸗ hüllt, deſſen Kaputze ihm das Geſicht bedeckte, ant⸗ wortete nur mit einem Kopfnicken; aber damit be⸗ gnügte er ſich nicht, ſondern trieb mit Hülfe des Bootshackens das Fahrzeug mitten unter die Bin⸗ ſen, welche ſich rauſchend unter ſeinem Ruder krümm⸗ ten, und im Augenblick, wo das Pferd, welches die Unruhe Meiſter Courtins ſo ſehr erregt hatte, zur Stelle kam, wo er ſich befand, war er in zwei ———— ſ 5 n n 239 Sätzen zu der Barke gelangt, in welche er hinein⸗ ſprang. 1 Der Fiſcher ſtieß, als hätte er die Beſorgniſſe des Pächters getheilt, raſch in den See hinaus und dieſer athmete wieder freier. Nach zehn Minuten erſchienen Chauſſée und Bäume nur noch wie eine düſtere Linie am Horizont. Courtin kannte ſich nicht mehr vor Freude. Dieſe Barke, die ſich ſo gerade zu rechter Zeit ein⸗ fand, erfüllte ſeine höchſten Wünſche, übertraf alle ſeine Hoffnungen. Einmal in Port⸗Saint⸗Martin, hatte er nur noch eine Meile, um nach Nantes zu gelangen. Eine Meile auf einer zu jeder Stunde der Nacht begangenen Straße, wie dieſe, und ein⸗ mal in Nantes, war er gerettet. Courtins Freude war ſo groß, daß er unwill⸗ kürlich und in Folge der Reaction der Schreckniſſe, die er erfahren hatte, ſie ganz offenkundig laut werden ließ. Im Hintertheil des Fahrzeugs ſitzend, ſchaute er trunken den Fiſcher an, der über ſeine Ruder ſich beugend, mit jedem Druck ſeiner Arme ſich mehr vom Ufer entfernte, wo die Gefahr war; er zählte dieſe Ruderſchläge, dann betete er im Stillen, betaſtete ſeinen Gurt, ließ das Gold durch deſſen Biegen gleiten. Es war nicht Glück, es war Trunkenheit. Inzwiſchen fand er allmälig, daß der Fiſcher ſich weit genug vom Ufer entfernt hatte und es Zeit wäre, auf den Hafen Saint⸗Martin hinzu⸗ halten, den ſie, wenn man der dem Boote gegebe⸗ nen Richtung länger folgte, unfehlbar rechts laſſen mußten. 240 Er wartete noch einige Augenblicke, indem er glaubte, es handle ſich hiebei um ein Manöver des Fiſchers und dieſer ſuche eine Strömung, durch welche ihm ſeine Aufgabe erleichtert würde. Aber der Fiſcher ruderte immer fort und ruderte immer nach der Mitte des See's. „He! mein Burſche,“ ſagte endlich der Pächter, „Ihr werdet falſch gehört haben, nicht nach dem Hafen Saint⸗Pierre wollte ich gehen, ſondern nach dem Hafen Saint⸗Martin. Wendet Euch alſo nach der Seite, Ihr werdet Euer Geld bälder verdient haben.“. Der Fiſcher ſchwieg ſtill. „Habt Ihr mich verſtanden? Wie?“ fuhr Courtin ungeduldig fort.„Der Hafen Saint⸗Martin, Alter! Ihr müßt rechts halten. Daß wir nicht allzunahe an der Chauſſée hinfuhren, iſt gut; daß wir außer dem Bereich der Kugeln blieben, die man uns vom Ufer zuſenden könnte, laſſe ich mir auch gefallen; aber ſchwimmen wir jetzt dorthin, wenn's Euch gefällig iſt.“ Die Aufforderung Meiſter Courtins ſchien von dem Ruderer nicht gehört worden zu ſein. „Ha, ſo! Hört Ihr nicht? Seid Ihr taub?“ rief der Pächter, welcher böſe zu werden anfing. Der Fiſcher antwortete nur mit einem neuen Ruderſchlag, der die Barke zehn Schritte weiter auf der Oberfläche des See's hinfliegen ließ. Courtin ſtürzte außer ſich vorwärts, ſchlug die Kaputze zurück, welche das Geſicht des Fiſchers in ihren Schatten hüllte, näherte ſeinen Kopf jenem O—& do e&—„—,.. p =E a 241 und fiel, einen erſtickten Schrei ausſtoßend, mitten in der Barke auf die Kniee. Der Mann ließ die Ruder fahren und ſprach, ohne ſich aufzurichten: „Beſtimmt, Meiſter Courtin, hat ſich Gott aus⸗ geſprochen, und gegen Sie ausgeſprochen; ich ſuchte Sie nicht und er ſchickt Sie mir; ich vergaß Sie für eine Zeitlang, und er führt Sie mir auf den Weg. Gott will, daß Sie ſterben, Meiſter Courtin.“ „Nein, nein, Sie werden mich nicht tödten, Jean Oullier,“ rief dieſer, in ſeinen erſten Schrecken zurückfallend. „Ich werde Sie tödten, ſo wahr als am Himmel die Stirne ſind, welche der Herr mit ſeiner Hand dorthin geſetzt hat. Wenn Sie alſo eine Seele haben, ſo denken Sie an dieſe. Bereuen Sie, beten Sie, damit das Gericht nicht allzuſtreng ausfällt.“ „O! Sie werden das nicht thun, Jean Oullier, Sie werden das nicht thun! Bedenken Sie, daß Sie ein Geſchöpf eben des guten Gottes tödten, deſſen Namen Sie ausſprechen! Mein Gott! Das Land nicht wieder zu ſehen, das ſo ſchön iſt, wenn die Sonne es beſcheint. In einem eiſigen Sarge ſchlafen, fern von Allen, die man liebt! O! nein, es iſt unmöglich.“. „Wäreſt Du Vater, hätteſt Du eine Frau, eine Mutter, eine Schweſter, welche Deine Rückkehr er⸗ warteten, Deine Bitten könnten mich rühren; aber nein, unnütz den Menſchen, haſt Du nur gelebt, um Dich ihrer zu bedienen, und ihnen für Gutes übel zu thun; Du läſterſt noch in Deiner Lüge, Dumas, Wölfinnen von Machecoul. v. 16 242² denn Du haſt hienieden Niemand geliebt, Niemand hat Dich geliebt, und wenn Du in Deine Bruſt greifſt, iſt es nur Dein Herz, welches mein Dolch durchbohren wird. Meiſter Courtin, Du wirſt vor Deinem Richter erſcheinen; noch einmal, befſiehl' ihm Deine Seele.“ 3 „Und reichen mir einige Minuten dazu hin? Für einen Schuldigen wie ich bedarf es Jahre, damit die Buße im Verhältniß zu der Sünde ſei. Sie ſind fromm, Jean Oullier, und darum werden Sie mir das Leben laſſen, damit ich es anwende, meine Fehler zu beweinen.“ „Nein, nein; das Leben würde Dir zu nichts dienen, als um neue zu begehen; der Tod wird die Sühne ſein! Du fürchteſt ihn? Wirf Deine Beängſtigungen zu den Füßen des Herrn, und er wird Dich in ſeiner Barmherzigkeit aufnehmen. Meiſter Courtin, die Zeit vergeht, und ſo wahr als er über den Geſtirnen thront, wirſt Du in zehn Minuten vor ihm ſtehen.“ „Zehn Minuten, mein Gott! zehn Minuten! O! Mitleid! Mitleid!“ „Die Zeit, welche Du zu unnützen Bitten an⸗ wendeſt, iſt verloren für Deine Seele. Denke daran, Courtin, denke daran!“ Courtin gab keine Antwort; ſeine Hand hatte ſich auf eine Ruderſtange gelegt und ein Hoffnungs⸗ ſtrahl ſchoß ihm durch das Gehirn. Er ergriff ſachte das Ruder, ſtand dann plötzlich auf und führte einen fürchterlichen Schlag gegen den Vendéer. Dieſer wandte den Kopf rechts und wich ihm geſchickt aus. Die Stange ſiel auf die 243 Bohlenverkleidung des Vordertheils, zerbrach in tauſend Splitter und ließ nur ein Bruchſtück in der Hand des Pächters. Schnell wie der Blitz ſprang Jean Oullier Meiſter Courtin an die Gurgel, und dieſer fiel zum zweiten Mal auf die Kniee. Der Elende, von Furcht gelähmt, wälzte ſich auf dem Boden der Barke; ſeine erſtickte Stimme brachte mit Mühe den Ruf hervor: „Gnade! Gnade!“ „Ah! die Todesfurcht hat bei Dir ein wenig Muth geweckt,“ rief Jean Oullier,„Ah! Du haſt eine Waffe gefunden! Wohlan, um ſo beſſer, um ſo beſſer; vertheidige Dich, Courtin, und wenn die, welche Du in der Hand hältſt, Dir nicht anſteht, nimm die meinige!“ ſetzte er hinzu, ſeinen Dolch dem Pächter vor die Füße werfend. Aber dieſer war einer Geberde unfähig; jede Bewegung war ihm unmöglich geworden; er ſtam⸗ melte unzuſammenhängende, abgeriſſene Worte; ſein ganzer Körper zitterte, als ob er vom Fieber ge⸗ ſchüttelt würde; ein verwirrtes Sauſen tönte in ſeinem Ohr, und wie er die Stimme verloren hatte, waren alle ſeine Sinne im Grauſen des Todes erloſchen. „Mein Gott!“ rief Jean Oullier, die träge Maſſe, die er zu ſeinen Füßen hatte, von ſich ſtoßend,„mein Gott! ich kann doch das Meſſer nicht gegen dieſen Leichnam ziehen.“ Dann ſchaute der Vendéer um ſich, als ob er etwas ſuchte. Die Natur war ruhig, die Nacht ſtill, kaum 16* 244 eine leichte Briſe bemalte die Oberfläche des See's mit den Farben des Regenbogens; kaum kräuſel⸗ ten ſich ſeine ſanften Wellen längs des Bootes; man hörte nur den Ruf des wilden Waſſergeflügels, das vor der Barke auffuhr und deſſen Körper auf den Purpurſaum der Morgenröthe, welche allmälig im Oſten erſchien, ſchwarze Flecken warfen. Jean Oullier drehte ſich raſch zu Courtin und ſchüttelte ihn am Arm. „Meiſter Courtin, ich will Dich nicht tödten, ohne auch meinen Theil an der Gefahr zu haben,“ ſprach er zu ihm;„Meiſter Courtin, ich werde Dich zur Vertheidigung zwingen, wenn nicht gegen mich, wenigſtens gegen den Tod! Er kommt, er naht ſich, Meiſter Courtin, vertheidige Dich.“ Der Pächter antwortete nur mit einem Seufzer; er rollte die ſtarren Augen hin und her, aber es war leicht zu bemerken, daß ſein Blick keinen der ihn umgebenden Gegenſtände unterſchied. Der ſchreckliche, gräßliche, drohende Tod verwiſchte ſie alle. In demſelben Augenblick gab Jean Oullier der Bootsverkleidung einen kräftigen Ferſenſtoß. Die halbverfaulten Bretter gaben nach und das Waſſer drang brudelnd in das Fahrzeug. Meiſter Courtin ſprang auf, als er das friſche Waſſer an ſeinen Füßen fühlte. Er ſtieß einen ſchrecklichen Schrei aus, einen Schrei, der nichts Menſchliches an ſich hatte. „Ich bin verloren!“ ſagte er. „Das iſt Gottes Gericht!“ rief Jean Oullier, ſeinen Arm zum Himmel ausſtreckend;„das erſte Mal habe ich Dich nicht geſchlagen, weil Du ge⸗ V b 2 i i 8 8 8˙ 8 245 bunden wareſt, auch dieſes Mal wird meine Hand Dich verſchonen, Meiſter Courtin; wenn Dein guter Engel Dir wohl will, ſo rette er Dich; Dein Leben iſt in ſeinen Händen; ich werde die meinigen nicht in dein Blut getaucht haben. Courtin hatte ſich, während Jean Oullier dieſe Worte ſprach, erhoben und lief in der Barke hin und her, daß das Waſſer um ihn aufſpritzte. Jean Oullier, ruhig, unempfindlich, hatte ſich im Vordertheil auf die Kniee geworfen. Er betete. Das Waſſer ſtieg immer. „O! wer wird mich retten! wer wird mich ret⸗ ten!“ rief Courtin, der leichenblaß wurde, als er mit Schrecken die ſechs Zoll Holz anſah, die kaum noch über die Oberfläche des Waſſers hervorragten. „Gott, wenn er will! Dein Leben, wie das meinige, iſt in ſeinen Händen; er nehme das eine oder das andere, das Deinige oder das meinige, er rette uns, oder verdamme uns beide; wir ſind in ſeiner Rechten. Noch einmal, Meiſter Courtin, empfange ſein Gericht.“ Kaum hatte Jean Oullier dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, ſo krachte das Boot in allen ſeinen Glie⸗ dern; das Waſſer war bis zur oberſten Planke geſtiegen; die Barke drehte ſich einmal um ſich ſelbſt, hielt ſich noch eine Sekunde auf der Ober⸗ fläche des Waſſers, gab dann unter den Füßen der beiden Männer nach und verſank mit einem dum⸗ pfen Gemurmel in den Tiefen des See's. Courtin wurde in den Wirbel der Barke hinein⸗ gezogen, aber er erſchien wieder an der Oberfläche des Waſſers und ſeine Finger erfaßten das zweite 246 Ruder, das neben ihm vorbeitrieb. Dieſes Holz⸗ ſtück, trocken und leicht, hielt ihn ziemlich lang oben, ſo daß er eine letzte Bitte an Jean Oullier richten konnte. Dieſer gab ihm keine Antwort; er hatte zu ſchwimmen angefangen und rückte langſam in der Richtung vor, wo man den Tag aufgehen ſah. „Zu mir her! Zu mir her!“ rief der unglückli⸗ che Courtin,„hilf mir an das Ufer zu gelangen, Jean Oullier, und ich laſſe Dir all mein Gold, das ich bei mir habe.“ „Wirf dieſes unſaubere Gold auf den Grund des See's,“ ſagte der Vendéer, welcher bemerkt hatte, wie ſich der Pächter an ſein Strandgut an⸗ klammerte;„dieß iſt die einzige Ausſicht, welche Dir bleibt, Dein Leben zu retten; und dieſer Rath, den ich Dir gebe, iſt das Einzige, was ich für Dich thun mag.“ Courtin fuhr mit der Hand an ſeinen Gurt, aber er zog ſie wieder zurück, als ob er ſie bei der Berührung dieſes Goldes verbrannt, als ob der Vendéer ihm anempfohlen hätte, ſeine Eingeweide zu öffnen, ſein Fleiſch und Blut zu opfern. „Nein, nein,“ murmelte er,„ich werde es retten, und mich mit ihm.“ Jetzt verſuchte er zu ſchwimmen. Aber er hatte weder die Kraft noch Gewandt⸗ heit Jean Oulliers bei dieſer Uebung; außerdem war das Gewicht, welches er trug, zu ſchwer und bei jedem Ausholen mit den Armen ſank er tiefer ins Waſſer, das ihm trotz ſeines Widerſtrebens in die Kehle drang. 247 Er rief noch einmal Jean Oullier, aber Jean Oullier war hundert Klafter davon. Bei einer dieſer Eintauchungen, länger als die andern, machte er, ergriffen vom Wirbel, mit einer raſchen und plötzlichen Bewegung ſeinen Gurt los; dann wollte er ſein Gold, ehe er es in den Abgrund warf, noch einmal anfühlen, er betaſtete, er drückte es zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Fingern. 8 Dieſe letzte Communication mit dem Metall, das für ihn mehr als das Leben war, entſchied über ſein Geſchick; er konnte ſich nicht entſchließen, es fahren zu laſſen; er drückte es an ſeine Bruſt, machte noch eine Bewegung, mit ſeiner Laſt über das Waſſer emporzutauchen; aber das Gewicht von dem untern Theile ſeines Rumpfes zog die äußer⸗ ſten Gliedmaßen des Körpers an ſich; er ſank unter, erſchien, nachdem er einige Secunden unter dem Waſſer geweſen, halb erſtickt noch einmal oben, ſandte ein letztes Gebet zum Himmel, den er zum letzten Mal ſah, und verſank dann in die Tiefe des See's, hinabgezogen von ſeinem Golde, wie von einem böſen Geiſte. Jean Oullier, der ſich in dieſem ſenblick um⸗ wandte, bemerkte einige Kreiſe, he die Ober⸗ fläche des See's ſchnitten; es war das letzte Lebens⸗ zeichen, welches der Maire von La Logerie gab; es war die letzte Bewegung, welche ſich um und lühe ihm auf dieſer Welt der Lebendigen bilden ollte. 3 Der Vendéer erhob die Augen zum Himmel 248 und betete Gott in der Gerechtigkeit ſeiner Rath⸗ ſchlüſſe an. Jean Oullier ſchwamm gut, aber ſeine friſche Wunde, ſeine kürzlichen Strapazen und die Aufre⸗ gungen dieſer fürchterlichen Nacht hatten ihn er⸗ ſchöpft. Als er hundert Schritte vom Ufer entfernt war, fühlte er, daß ſeine Kraft an ſeinem Muth zur Verrätherin würde; aber ruhig, entſchloſſen in dieſem äußerſten Augenblick, wie er es ſein Leben lang geweſen war, nahm er ſich vor, bis zum Ende zu kämpfen. Er ſchwamm. Bald fühlte er eine Art Ohnmacht; ſeine Glieder wurden ſteif; es war ihm, als ob tauſend Nadel⸗ ſtiche ſeine Haut zerriſſen; ſeine Muskeln ſchmerzten ihn und zu gleicher Zeit ſtieg das Blut ihm unge⸗ ſtüm zum Gehirn und ein verwirrtes Brauſen wie vom Meer, wenn es an die Felſen ſchlägt, tönte in ſeinen Ohren, ſchwarze mit phosphorescirenden Funken beſetzte Wolken flimmerten vor ſeinen Au⸗ gen; er fühlte, daß er ſterben würde, und doch verſuchten ſeine noch in ihrer Kraftloſigkeit gehor⸗ ſamen Glieder die Bewegungen, welche ihnen ſein Wille auferlegte. Er ſchwamm immer. Seine Augen ſchloſſen ſich unwillkürlich; ſeine Glieder erſtarrten gänzlich; er widmete einen letzten Gedanken denen, mit welchen er durch das Leben gewandelt war, den Kindern, der Frau, den Alten, die ſeine Jugend erheitert hatten, den beiden Mäd⸗ chen, welche die erſetzt hatten, welche der Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe geweſen waren; er wollte, daß 249 ſein letztes Gebet ihnen gehöre, wie ſein letzter Gedanke. Aber in dieſem Augenblick durchkreuzte unwill⸗ kürlich eine plötzliche Vorſtellung ſeinen Kopf; ein hantom zog an ſeinen Augen vorüber. Er ſah Michel, den Vater, in ſeinem Blut gebadet, auf dem Mooſe des Waldes ausgeſtreckt, und die Arme aus dem Waſſer erhebend, rief er: 1 „Mein Gott! wenn ich mich getäuſcht hätte! wenn es ein Verbrechen wäre! Vergib es mir, nicht in dieſer Welt, ſondern in der andern!“ Dann ſchien, als ob dieſer äußerſte Anruf ſeine letzten Kräfte erſchöpft hätte, die Seele dieſen Kör⸗ per zu verlaſſen, der träge mit dem Kopf unter dem Waſſer dahin trieb, im Augenblick, da die Sonne hinter den Bergen am Horizont hervortrat und mit ihren erſten Lichtern die Oberfläche des See's vergoldete.... Im Augenblick, wo Courtin, in den Schlamm des See's verſinkend, ſeinen letzten Seufzer aus⸗ hauchte... Im Handendi. haft nahm!.... 4 Inzwiſchen war⸗ Michel, von den Solbaten ge⸗ führt, auf dem Weg nach Nantes. Nach einem halbſtündigen Marſche hatte ſich der Lieutenant, welcher die kleine Abtheilung befehligte, ihm genähert. „Mein Herr,“ hatte er zu ihm geſagt,„Sie ſe⸗ hen aus wie ein Edelmann; ich habe die Ehre, es auch zu ſein, und es macht mir Schmerz, die Feſſeln wo man Petit⸗Pierre in Ver⸗ 250 an Ihren Händen zu ſehen, wollen Sie, daß wir dieſelben gegen ein Wort eintauſchen?“ „Gern,“ antwortete Michel,„und ich danke Ih⸗ nen, mein Herr, mit dem Gelöbniß, von woher auch mir Beiſtand käme, von Ihrer Seite nicht zu weichen ohne Ihre Erlaubniß.“ Und der Marſch wurde Arm in Arm fortgeſetzt, ſo daß, wer ihnen begegnet wäre, nur ſchwer hätte entſcheiden können, welcher von beiden der Gefan⸗ gene wäre. 2 Die Nacht war ſchön, der Sonnenaufgang pracht⸗ voll; alle Zweige, alle Blumen funkelten, feucht vom Thau gleich Diamanten; die Luft war mit den ſüßeſten Düften verſetzt, die kleinen Vögel ſan⸗ gen in ihren Zweigen, der Marſch war eine wahre Promenade. An der Grenze des See's von Grandlieu hielt der Lieutenant ſeinen Gefangenen an, mit dem er um eine gute Viertelmeile der übrigen Colonne voraus war, und deutete ihm auf eine ſchwärzliche Maſſe, welche ungefähr fünfzig Schritt vom Ufer auf der Oberfläche des See's trieb. „Was iſt das?“ ſagte er zu ihm. „Man möchte es den Körper eines Menſchen nennen,“ ſagte Michel. „Können Sie ſchwimmen?“ „Ein wenig.“ „Ach! könnte ich ſchwimmen, ich wäre ſchon dort,“ ſagte der Officier ſeufzend, indem er ſich zugleich unruhig nach der Straße umwandte, um ſeine Leute zu Hülfe zu rufen. Michel hörte nicht mehr; er ſtieg den abſchüſſi⸗ 251 gen Rand hinunter, warf mit einer Handbewegung ſeine Kleider ab und ſtürzte ſich in den See. Einige Minuten nachher brachte er einen Kör⸗ per an das Ufer, der leblos ſchien und von ihm als der von Jean Oullier erkannt worden war. Inzwiſchen waren die Soldaten herbeigekommen und drängten ſich um den Ertrunkenen herum. Einer von ihnen machte ſeine Feldflaſche los, brach dem Vendéer die Zähne auf und träufelte ihm einige Tropfen Branntwein in den Mund. Jean Oullier öffnete die Augen. Sein erſter Blick fiel auf Michel, der ihm den Kopf hielt, und es lag in dieſem Blick ein ſolcher Ausdruck von Beängſtigung, daß der Lieutenant ſich darüber täuſchte. „Das iſt Euer Retter, mein Freund,“ ſagte er, indem er dem Vendéer auf Michel deutete. „Mein Retter! Sein Sohn!“ rief Jean Oullier. „Ah! ich danke Dir, mein Gott! Du biſt eben ſo groß in Deiner Barmherzigkeit, wie ſchrecklich in Deinen Gerichten!“ LXXXV. Schluß. Eines Abends im Jahr 1843, gegen ſieben Uhr, hielt ein ſchwerer Wagen vor dem Thor des Klo⸗ ſters der Carmeliterinnen von Chartres. 3 Dieſer Wagen enthielt fünf Perſonen, zwei Kinder von acht bis neun Jahren, einen Mann und eine Frau von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, 252 und einen vom Alter gebeugten Bauern, der aber trotz ſeiner weißen Haare noch rüſtig war. Trotz ſeines niedrigen Coſtüms ſaß dieſer Bauer zur Seite der Dame im Fond des Wagens: eines der Kinder ſpielte auf ſeinen Knieen mit den Rin⸗ gen einer großen ſtählernen Kette, welche von ſei⸗ ner Uhr nach dem Knopfloch ſeiner Weſte ging, während er ſelbſt mit ſeiner ſchwarzen, runzeligen Hand durch die ſeidenen Haare des Kindes fuhr. Bei der Erſchütterung, welche der Wagen erfuhr, als er über das Pflaſter zu rollen aufhörte, ſteckte die Dame den Kopf zum Schlage hinaus, zog ihn aber mit einem ſchmerzlichen Ausdruck wieder zurück, als ſie die düſtern Mauern, welche das Kloſter um⸗ ſchloſſen, und die ſchwarze Vorhalle erblickte, welche den Eingang dazu bildete. Der Poſtillon, der vom Pferde geſtiegen war, näherte ſich dem Schlag und ſagte: „Hier iſt es.“ Die Dame drückte ihrem Gatten, der ihr gegen⸗ über ſaß, die Hand, und zwei große Thränen roll⸗ ten über ihre Wangen herab. „Geh, Mary, Muth,“ ſagte zu ihr der junge Mann, in welchem unſere Leſer den Baron Michel de La Logerie erkennen,„geh, ich bedaure, daß die Regel des Kloſters mir unterſagt, mit Dir dieſe traurige Pflicht zu theilen; ſeit zehn Jahren iſt es das erſte Mal, daß wir fern von einander leiden, nicht wahr, Mary?“ „Sie werden mit ihr von mir reden, nicht wahr?“ ſagte der alte Bauer. „Ja, mein Jean,“ antwortete Mary. AN A—o? eGoEE SA8;—* &☛ V N 253 Die junge Frau ſtieg auf den Kutſchentritt, ſprang herab und klopfte an das Thor. Der Schall des Klopfers gab einen Trauerton von ſich, als er an dem Gewölbe zurückprallte. Auf dieſes Geräuſch erſchien eine Schweſter Pförtnerin, zu öffnen. „Schweſter Sainte⸗Marthe,“ ſagte die Dame. „Sie ſind die Perſon, welche unſere Mutter er⸗ wartet?“ fragte die Carmeliterin. „Ja, meine Schweſter.“ „Dann kommen Sie zu ihr; aber erinnern Sie ſich, die Regel will, daß Sie ſich, obwohl dieſelbe un⸗ ſere Superiorin iſt, nur in Gegenwart einer der Schweſtern mit ihr unterhalten; ſie verbietet vor⸗ nehmlich, daß Sie mit ihr ſelbſt in dieſem Augen⸗ blick von weltlichen Dingen, welche ſie hinter ſich gelaſſen hat, reden.“ Mary neigte das Haupt. Die Pförtnerin ſchritt voran und führte die Baronin de La Logerie über einen düſtern und feuchten Corridor, auf welchen ein Dutzend Thüren gingen; ſie machte eine dieſer Thüren auf und trat zur Seite, um Mary vorbei zu laſſen. Dieſe zauderte einen Augenblick; ſie erſtickte faſt vor Aufregung, ſammelte aber dann ihre Kräfte wieder, trat über die Schwelle und befand ſich in einer Zelle von etwa acht Fuß im Quadrat. In dieſer Zelle gab es keine andern Meubel, als ein Bett, einen Stuhl und ein Betpult, ſtatt alles Schmucks nur einige Heiligenbilder, an die nackten Wände geklebt, ein Crucifix von Ebenholz 254 und Kupfer, welches ſeine Arme über den Betpult ausſtreckte. Mary ſah nichts von all' dem. Anf dem Bett lag eine Frau, deren Geſicht die Farbe und Durchſichtigkeit des Wachſes angenom⸗ men hatte, deren farbloſe Lippen bereit ſchienen, ihren letzten Seufzer auszuhauchen. Dieſe Frau war, oder vielmehr Dieß war Ber⸗ tha geweſen. Jetzt war es nichts mehr als die Schweſter Sainte⸗Marthe, die Oberin des Kloſters der Carme⸗ literinnen, bald ſollte es nur noch eine Leiche ſein. Als ſie die Fremde eintreten ſah, hatte die Sterbende die Arme geöffnet, und Mary ſich hinein⸗ geſtürzt. Lange Zeit hielten ſich beide eng umſchlungen, Mary mit Thränen das Geſicht Bertha's benetzend, welche nur keuchte, denn in ihren von der Strenge des Kloſters ausgehöhlten Augen gab es dem An⸗ ſchein nach keine Thränen mehr. Die Pförtnerin, welche auf dem Stuhl ſaß und ihr Brevier las, war mit ihrem Gebet nicht ſo ganz beſchäftigt, daß ſie nicht bemerkte, was um ſie vorging. Sie fand ohne Zweifel, daß die Umarmung ſich über die erlaubten Regeln verlängerte, denn ſie hu⸗ ſtete, um die beiden Schweſtern aufmerkſam zu machen. Die Mutter Sainte⸗Marthe drängte Mary ſanft zurück, aber ohne ihre Hand fahren zu laſſen, welche ſie in der ihrigen drückte. „Schweſter! Schweſter!“ rief dieſe,„wer hätte V V && 25⁵ uns jemals geſagt, daß wir uns ſo wieder finden ſollten!“ „Es iſt Gottes Wille, man muß ſich darein er⸗ geben,“ antwortete die Carmeliterin. „ Dieſer Wille iſt zuweilen ſehr ſtreng,“ ſeufzte Mary. 4 „Was ſagſt Du, Schweſter? Dieſer Wille iſt vielmehr milde und barmherzig gegen mich; Gott, der mich noch lange auf Erden laſſen könnte, hat die Gnade, mich zu ſich zu rufen.“ „Du wirſt unſern Vater dort oben finden,“ ſagte Mary. „Und wen laſſe ich auf Erden zurück?“ „Unſern guten Freund Jean Oullier, der lebt und dich immer liebt, Bertha.“ „Danke, und wen noch weiter?“ „Meinen Mann und zwei Kinder, einen Knaben, der Petit⸗Pierre, und ein Mädchen, das Bertha heißt, und die ich gelehrt habe, Dich zu ſegnen.“ Eine leichte Röthe flog über die Wangen der Sterbenden. „Liebe Kinder,“ flüſterte ſie,„wenn Gott mir einen Platz an ſeiner Seite gewährt, verſpreche ich Dir, dort oben für ſie zu beten.“ Und die Sterbende begann auf Erden das Ge⸗ bet, das ſie im Himmel vollenden ſollte. Mitten unter dieſem Gebet und bei der Stille, welche die Anweſenden beobachteten, vernahm man das Anſchlagen einer Glocke und bald hernach das Klingeln eines Glöckchens, endlich auf dem Corridor Schritte, welche auf die Zelle zukamen. 4 Es war das heilige Viaticum, das ſich näherte. 256 Mary fiel oben an Bertha's Bett auf die Kniee. Der Prieſter trat ein mit dem Ciborium in der Linken, der geweihten Hoſtie in der Rechten. In dieſem Augenblick fühlte Mary Bertha's Hand, welche die ihrige ſuchte; die junge Frau glaubte, es geſchehe blos, ſie zu drücken. Sie irrte ſich. 5 Bertha ließ einen Gegenſtand in ihre Hand gleiten, den ſie für ein Medaillon erkannte. Sie wollte es anſehen. „Nein, nein,“ ſagte Bertha,„erſt wenn ich todt bin.“ Mary machte ein Zeichen, daß ſie ſich der Vor⸗ ſchrift fügen wollte, und neigte den Kopf auf die gefalteten Hände. Die Zelle hatte ſich mit Nonnen gefüllt, welche ſich auf die Kniee geworfen, und ſo weit der Blick in den Corridor reichte, ſah man andere, die gleichfalls in ihrem düſteren Gewande knieend beteten. 1 Die Sterbende ſchien wieder einige Kraft zu gewinnen, um vor ihrem Schöpfer zu erſcheinen. Sie richtete ſich auf und flüſterte: „Hier bin ich, mein Gott!“ Der Prieſter legte die Hoſtie auf ihre Lippen. Die Sterbende ſank mit geſchloſſenen Augen und gefalteten Händen zurück. Wäre die Bewegung ihrer Lippen nicht ſichtbar geweſen, man hätte glauben können, ſie ſei todt, ſo bleich war ihr Geſicht, ſo ſchwach der Athem, der aus ihrer Bruſt kam. Der Prieſter vollzog die andern Ceremonien — 6 5 257 der letzten Oelung, ohne daß die Sterbende wieder die Augen öffnete. Dann entfernte er ſich, und die Anweſenden folgten. K Die Pförtnerin trat jetzt auf Mary zu, die auf den Knieen geblieben war, und berührte ſie leicht an der Schulter. „Schweſter,“ ſprach ſie,„die Regel unſeres Ordens verwehrt Ihnen, länger in dieſer Zelle zu bleiben.“ „Bertha! Bertha!“ ſagte Mary ſchluchzend, „hörſt Du, was man mir ſagt? Mein Gott, zwan⸗ zig Jahre gelebt zu haben, ohne uns einen Tag zu verlaſſen, elf Jahre getrennt ſein und nicht zwei Stunden beiſammen bleiben können im Augenblick des ewigen Scheidens.“ „Du kannſt im Hauſe bleiben bis zum Augen⸗ blick meines Todes, Schweſter, und ich glücklich ſterben, indem ich weiß, daß Du in meiner Nähe biſt und für mich beteſt.“ Mary wollte ſich niederbeugen, um die Ster⸗ bende zum letzten Mal zu umarmen, aber die bei der Zuſammenkunft gegenwärtige Nonne hielt ſie mit den Worten zurück: „Schweſter, wenden Sie unſere heilige Mutter nicht durch irdiſche Erinnerungen von dem himm⸗ liſchen Wege ab, auf dem ſie dieſen Augenblick wandelt.“ „Ol ich werde ſie ſo nicht verlaſſen,“ rief Mary, ſich auf Bertha's Bett werfend und die Lippen auf die ihrigen drückend. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. V.. 17 258 Bertha's Lippen beantworteten dieſen Kuß mit einem ſchwachen Beben; dann ſchob ſie ſelbſt ihre Schweſter ſanft mit der Hand zurück. Aber die Hand, welche dieſe Bewegung gemacht, hatte nicht mehr die Kraft, ſich in die andere zu ſchließen. Sie ſiel träge auf das Bett zurück. Die Nonne trat herzu und nahm, ohne eine Thräne, ohne einen Seufzer, ohne daß ihr Geſicht die geringſte Spur von Bewegung verrieth, beide Hände der Sterbenden, näherte ſie einander und legte ſie gefaltet auf ihre Bruſt. Dann ſchob ſie ſanft Mary nach der Thüre. „O Bertha! Bertha!“ rief dieſe in Schluchzen ausbrechend. Es ſchien, als ob dieſem Schluchzen Etwas wie ein Flüſtern antwortete, und ſie in dieſem Flüſtern den Namen Mary unterſcheiden könnte. Sie war auf dem Corridor, die Thüre der Zelle ſchloß ſich hinter ihr. „O daß ich ſie wieder ſehen könnte,“ ſagte Mary,„einmal, nur einmal noch!“ Aber die Nonne ſtreckte die Arme aus und ver⸗ ſperrte ihr den Weg. „Gut,“ ſagte Mary, von Thränen geblendet, „führen Sie mich, Schweſter.“ Die Nonne führte die junge Frau in eine leere Zelle; die, welche ſie bewohnt hatte, war am Abend zuvor geſtorben. Mary bemerkte durch ihre Thränen einen Bet⸗ pult mit einem Crucifix darüber. Sie wankte da⸗ rauf zu und warf ſich auf die Kniee. 2 Eine Stunde lang blieb ſie in Gebet verſunken. — — —MP ———y—— 213 „Und Du liebſt Fräulein von Valgeneuſe nicht?“ „Natürlich, meine Liebe.“ „Du kannſt es ſchwören?“ „Ich ſchwöre es,“ machte Camille lächelnd. „Nein, nicht ſo, nicht in dieſem Tone, ſondern feierlich und vor Gott.“ V „Ich ſchwöre es vor Gott,“ antwortete Camille, der uns bereits einen Beweis von dem Gewicht gab, das er auf Liebesſchwüre legte. „Nun denn, Camille,“ rief die Creolin mit dem Ausdruck tiefer Verachtung,„ſo erkläre ich, daß Du ein Heuchler und ein Feigling, ein Meineidiger und ein Verräther biſt!“ Camille ſprang auf und wollte ſprechen; aber mit einer ſouveränen Geberde befahl ihm die junge Frau zu ſchweigen. „Genug der Lügen, habe ich Ihnen bereits ge⸗ ſagt; ich weiß Alles. Seit einigen Tagen beobachte ich Sie, ich folge Ihnen, ich ſehe Sie in das Hoôtel Valgeneuſe treten, ich ſehe Sie daraus kommen. Geben Sie ſich daher nicht die Mühe, einen Augen⸗ blick länger zu heucheln, es würde Ihre Schmach nur vermehren.“ „Oh!“ machte Camille ungeduldig,„Sie wiſſen, daß ich dieſe Art Scenen ſehr wenig liebe; laſſen Sie dieſe Lächerlichkeiten der Bourgoiſie, wir wollen das bleiben, wofür wir in der Welt gelten: Leute von guter Erziehung. Es beſteht zwiſchen mir und Fräulein von Valgeneuſe kein Verhältniß. Ich habe es Dir geſchworen, ich ſchwöre es Dir noch einmal. Das ſollte Dir genügen, wie mir ſcheint.“ „Das iſt zu viel der Schamloſigkeit,“ rief die Creolin, empört über den leichtfertigen Ton, mit welchem Camille ihren Schmerz behandelte.„Nun und wirſt Du auch dies verläugnen,“ fügte ſie hin⸗ zu, zog einen Brief aus ihrem Buſen, entfaltete ihn raſch und wiederholte, ohne daß ſie nöthig hatte zu leſen, die Worte, die er enthielt: „Camille, lieber Camille, wo biſt Du in dieſem Augenblicke, wo ich nur Dich ſehe, wo ich nur Dich höre, und wo ich nur an Dich denke?“ „Oh! nun iſt's an mir, genug! zu rufen,“ ſagte Camille, indem er heftig den Brief aus den Hän⸗ den der Creolin riß und in tauſend Stücke zerfetzte. „O zerreißen Sie, zerreißen Sie ihn nur!“ ſagte dieſe;„ich weiß ihn unglücklicher Weiſe auswendig.“ „Alſo nicht zufrieden damit, mir zu folgen und mich auszuſpioniren, entſiegeln Sie meine Briefe oder erbrechen meine Schlöſſer!“ rief Camille pur⸗ purroth vor Zorn. „Allerdings... ja... was dann?... Ja, ich folge Dir... ja, ich ſpionire Dich aus; ja, ich ent⸗ ſiegle Deine Briefe; ja, ich erbreche Deine Schlöſſer! Du kennſt mich alſo nicht, Unglücklicher? Du weißt nicht, weſſen ich fähig bin? Sieh mir in's Geſicht, habe ich etwa zufällig das Geſicht einer Frau, die man ungeſtraft täuſcht?“ Und in der That, ſo ſchön ſie auch war, ſie war in dieſem Augenblick furchtbar anzuſchauen; ein Maler hätte in dem wilden Ausdruck ihrer Augen und in dem heftigen Zuſammenziehen der Muskeln ihres Geſichts ein bewundernswerthes Mo⸗ dell für eine Medea oder eine Judith gefunden. ——J8 N8—— —— 215 Camille, als er ſie ſo ſah, trat erſchrocken und keine Worte findend, einen Schritt zurück. Die ganze Gefahr der Lage jedoch fühlend, wenn dies Schwei⸗ gen noch einen Augenblick dauerte, ſuchte er der Sache durch Schmeichelei eine neue Wendung zu geben. „O wie Du ſchön biſt!“ rief er.„Aber ſieh Dich doch an und vergleiche Dich mit andern Frauen. Kann es eine geben, welche ſchöner wäre, als Du? Kann es eine geben, welche ſo geliebt wäre, wie Du?“ „Es genügt mir nicht, nur mehr als andere ge⸗ liebt zu ſein,“ ſagte die Creolin ſtolz;„ich will allein geliebt ſein.“ „Nun, ſo verſtehe ich es auch,“ ſagte Camille. „Genug,“ ſagte Dolores;„jetzt, da ich die Be⸗ weiſe in der Hand habe, wirſt Du noch läugnen, daß Du in einem Liebes⸗Verhältniß mit dieſer ab⸗ ſcheulichen Creatur ſtehſt?“ Das Wort:„Creatur“ auf ſeine geliebte Su⸗ ſanne angewendet, machte Camille ſchauern; er zog die Augbrauen zuſammen, ohne zu antworten. „Ja,“ wiederholte Dolores,„ja, eine abſcheu⸗ liche Creatur! Weder die Bezeichnung noch die Bezeichnete ſind falſch angebracht. O ich kenne ſie ſo gut wie Sie, mehr als Sie, vielleicht beſſer als Sie, und ich brauchte nur einen Abend, um ſie zu kennen.“ Und etwas wie eine Wolke von Scham zog über die Stirne der jungen Frau hin, während ſie dieſe ſcheinbar ſo unbedeutenden Worte ſprach. Camille hatte ſich indeß auf eine neue Wendung, die er dem Geſpräch geben wollte, beſonnen. 216 „Höre,“ ſagte er zu der jungen Frau,„obgleich es ziemlich unzart iſt, was ich zu ſagen im Begriffe bin, ſo kann ich doch nicht läugnen, daß Suſanne ſich in mich verliebt hat.“ „Alſo ſie liebt Dich?“ rief die Creolin,„Du ge⸗ ſtehſt zu, daß ſie Dich liebt?“. „Man iſt nicht Herr über die Gefühle der Liebe, 4 die man Andern einflößt,“ antwortete Camille, „ebenſowenig,“ fügte er philoſophiſch hinzu,„kann man lieben oder nicht lieben, nur wie es der Ver⸗ ſtand will.“ „Liebſt Du Fräulein Suſanne von Valgeneuſe oder nicht?“ fragte Dolores, welche Camille nicht geſtattete, ihr)e Hand zu ergreifen. „Ich liebe ſie nicht... das heißt, es iſt ein Un⸗ terſchied zwiſchen Lieben und Lieben. Sie iſt die Schweſter meines Freundes, ich haſſe ſie nicht.“ 5 „Stehſt Du in einem Liebesverhältniß mit Fräu⸗ lein Suſanne von Valgeneuſe? oder deutlich geſpro⸗ l chen, iſt Fräulein von Valgeneuſe Deine Maitreſſe?“ „Meine Maitreſſe?“ „Da ich Deine Frau bin, ſo kann ſie nichts An⸗ deres ſein.“ „Nein, gewiß, ſie iſt nicht meine Maitreſſe.“ „Und Du liebſt ſie auch nicht? „Nein.“ „Ich will Dir glauben.“ „Ahl das iſt ſchön,“ ſagte Camille, indem er die Arme ausbreitete. h „Warte, Camille, ich will Dir allerdings glau⸗. ben, aber ich bedarf eines Beweiſes.“ 2 „Welches?“ 259 Nach einer Stunde kehrte die Nonne zurück und ſprach mit derſelben kalten, gefühlloſen Stimme: „Die Mutter Sainte⸗Marthe iſt eben geſtorben.“ „Kann ich ſie wieder ſehen?“ fragte Mary. „Unſere Ordensregel verbietet es,“ antwortete die Nonne. Mary verbarg ſeufzend den Kopf in ihren Händen. In einer ihrer Hände war der Gegenſtand ein⸗ geſchloſſen, welchen Bertha ihr in dem Augenblick übergeben hatte, da ſie zum letzten Mal den Leib ihres göttlichen Schöpfers empfing. Die Mutter Sainte⸗Marthe war todt, Mary konnte alſo ſehen, welcher Art der Gegenſtand war. Wie ſie an der Form errathen hatte, war es ein Medaillon, Mary öffnete daſſelbe; es enthielt Haare und ein Stückchen Papier. Die Haare waren von derſelben Farbe, wie diejenigen Michels. Auf dem Papier ſtanden die Worte: „Abgeſchnitten während ſeines Schlafes in der Nacht vom fünften Juni 1832.“ „O! mein Gott!“ flüſterte Mary, die Augen zu dem Crucifix erhebend,„O! mein Gott! nimm ſie in Deiner Barmherzigkeit auf!“ Dann legte ſie das Medaillon an ihr Herz und ſtieg die kalte, feuchte Kloſtertreppe hinab. Der Wagen und die, welche er hergebracht hatte, warteten noch am Thore. „Nun?“ fragte Michel, den Schlag öffnend und Mary einen Schritt entgegentretend. „Ach! Alles iſt aus,“ ſagte ſie, ſih in ſeine 260 Arme werfend,„ſie iſt mit dem Verſprechen, dort oben für uns zu beten, geſtorben.“ „Glückliche Kinder,“ ſprach Jean Oullier, ſeine beiden Hände, die eine auf das Haupt des kleinen Knaben, die andere auf das des kleinen Mädchens 2 legend,„glückliche Kinder, wandelt kühn durch das Leben, eine Märtyrerin wacht über Euch dort oben im Himmel.“ 1 En de.