1 1 3 N v“ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher tnd franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: B Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk Mk.— Pf. „ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der 1li her auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der ziſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezcit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Wölfinnen von Machecoul. Epiſode aus dem Krieg der Vendée im Jahr 1832 von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Büchele. Vierter Band. —',An Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. LIV. Wo das Schaf, in der Meinung, zum Stall zurückzukehren, in eine Wolfsfalle geräth. Es war Markttag und der Zufluß der Land⸗ leute beträchtlich auf den Straßen und den Kais von Nantes. Im Augenblick, da Michel am Pont Rouſſeau ankam, war der Weg buchſtäblich ver⸗ ſperrt von einer compacten Linie ſchwerer, mit Ge⸗ treide beladener Wägen, Karren voll von Hülſen⸗ früchten, Pferden, Mauleſeln, Bauern, Bäuerinnen, alle in ihren Säcken, in ihren Körben, in ihren Packſätteln, in ihren Blechgeſchirren mit Lebensmit⸗ teln, welche ſie zur Verproviantirung der Stadt herbeibrachten. Michels Ungeduld war ſo lebhaft, daß er nicht zögerte, ſich in dieſes Gewühl hineinzuwagen; aber im Augenblick, da er ſein Pferd antrieb, bemerkte er nach der ihm entgegengeſetzten Seite auswei⸗ chend ein Mädchen, ein Mädchen, deſſen Anblick ihn zum Beben brachte. Sie war wie die andern Bäuerinnen mit einem roth⸗ und blaugeſtreiften Rock und einem Kaputz⸗ mäntelchen von Indienne bekleidet. Auf dem Kopfe trug ſie eine Haube mit ganz gewöhnlichen herun⸗ 1* — terfallenden Backenſtreifen; aber in dieſem niedrigen Coſtume hatte ſie ſolche Aehnlichkeit mit Mary, daß der junge Baron einen Ruf des Erſtaunens, der ihm entſchlüpfte, nicht zurückhalten konnte. Er wollte ſchnell wieder umkehren, aber die in der Menge entſtehende Bewegung, als er ſein Pferd anhielt, erregte einen Sturm von Fluchen und Schreien, dem er Trotz zu bieten nicht den Muth in ſich fühlte. Er ließ alſo das Thier ſeines Wegs gehen, indem er die Langſamkeit verwünſchte, welche deſſen Marſch durch ſo viele Hinderniſſe auferlegt wurde; aber ſo bald die Brücke überſchritten war, ſprang er von ſeinem Pferd herab und ſchaute nach Jemand um, dem er es anvertrauen könnte, wäh⸗ rend er umkehrte, um ſich zu verſichern, daß ſeine Augen ihn nicht getäuſcht hatten, und zu erfahren, aus delchem Grunde Mary nach Nantes gekommen ſein mochte. In dieſem Augenblick bat eine näſelnde Stimme, wie die von Bettlern aller Länder, ihn um ein Almoſen.. Er drehte ſich um, denn es ſchien ihm, als wäre ihm dieſe Stimme nicht unbekannt. An der äußerſten Grenze des Pont⸗Rouſſeau gewahrte er zwei Phyſiognomien, allzu charak⸗ teriſtich, um ſich nicht tief ſeinem Gedächtniß eingeprägt zu haben, die von Alain Courtejoie und Trigaud la Vermine, deren Vereinigung für den Augenblick keinen Zweck zu haben ſchien, als das Mitleid der Vorübergehenden auszubeuten, die aber aller Wahrſcheinlichkeit nach mit Abſichten da waren, 5 welche den politiſchen und commerciellen Intereſſen von Meiſter Jacques nicht fremd blieben. Michel ging raſch auf ſie zu. „Erkennt Ihr mich?“ fragte er. Alain Courtejoie blinzelte mit den Augen. „Mein guter Herr,“ ſagte er,„haben Sie Mit⸗ leid mit einem armen Fuhrmann, dem die Räder ſeines Wagens beim Hinabfahren von Saut⸗de⸗ Beaugé über beide Beine gegangen ſind.“ „Ja, ja, mein braver Mann,“ ſagte Michel, der verſtand. Und der junge Mann ſtieg vom Pferde, ſcheinbar in der Abſicht, dem armen Fuhr⸗ mann ein Almoſen zu geben. Dieſes Almoſen war ein Goldſtück, welches in die große Pfote von Trigaud gleitete. „Ich bin hier auf Ordre von Petit⸗Pierre,“ ſagte er darauf zu dem wahren und falſchen Bett⸗ ler.„Haltet mir mein Pferd einige Minuten. Ich habe einen wichtigen Gang zu thun.“ Der Krüppel machte ihm ein Zeichen der Zu⸗ ſtimmung: Baron Michel warf ihm den Zügel ſei⸗ nes Pferdes über den Arm und eilte nach der Stadt davon. War die Paſſage für einen Reiter beſchwerlich, ſo war ſie es nicht minder für einen Fußgänger. Michel mochte noch ſo ſehr eine Ueberlegenheit an⸗ nehmen, ſeinem furchtſamen Charakter gebieten, an⸗ greifend zu Werke zu gehen, er mochte noch ſo ſehr mit den Ellenbogen ſpielen, in die Zwiſchenräume hinein ſchlüpfen, zehnmal riſkiren, ſich von den Heu⸗ und Kohlkarren zermalmen zu laſſen, er mußte ſich darein ergeben, in die Reihe einzutreten, mit dem Strom zu gehen, und die junge Bäuerin hatte offen⸗ bar einen großen Vorſprung, als er auf der Stelle ankam, wo er ſie erblickt hatte. Er dachte ſcharfſinnig, ſie müſſe gleich ihren Begleiterinnen ſich nach dem Markt gewandt haben. Er ſchlug deßhalb auch dieſe Richtung ein, indem er alle Landmädchen, an welchen er vorüber kam, mit einer ängſtlichen Neugier betrachtete, die ihm einige Spöttereien und beinahe ein⸗ oder zweimal Händel eintrug.. Seines dieſer Landmädchen war die, welche er uchte. Er durchlief den Marktplatz und die angrenzen⸗ den Straßen, ohne etwas wahrzunehmen, was ihm die graziöſe Erſcheinung vom Pont⸗Rouſſeau zu⸗ rück rief. Vollkommen entmuthigt dachte er nur noch daran, umzufehren und ſein Pferd wieder aufzuſuchen, als er beim Umdrehen um die Ecke der Schloß⸗Straße zwanzig Schritte vor ſich den roth⸗ und blau ge⸗ ſtreiften Rock und das Mäntelchen von grauem Kat⸗ tun erblickte, die ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr er⸗ regt hatten. Der Gang derjenigen, welche dieß alles trug, war unter ihrem gemeinen Coſtume ganz der elegante Gang von Mary; es war ganz die feine, ſchlanke Taille, welche ſich durch die Falten des groben Stoffs, wovon ſie verhüllt war, abzeichnete; es waren ganz die graziöſen Krümmungslinien ihres Halſes, welche aus ihrer Haube eine reizende Ein⸗ rahmung für ihr Geſicht bildeten; es war endlich der Knoten, der wogend unter der Haube hinten AX MA 7 hervorquoll, ganz von denſelben blonden Haaren geformt, welche die ſchönen blonden Flechten mach⸗ ten, die Michel ſo oft bewundert hatte. Es war keine Täuſchung möglich, das Land⸗ mädchen und Mary machten eine und dieſelbe Per⸗ ſon aus, und Michels Ueberzeugung in Bezug dar⸗ auf war ſo ſicher, daß er nicht wagte, an ihr vorüber zu gehen, um ſie in der Nähe zu betrachten, wie er bei den andern Bäuerinnen gethan hatte, ſon⸗ dern ſich damit begnügte, quer über die Straße zu ſchreiten. Wirklich genügte dieſes ſtrategiſche Manöver, ihm den Beweis zu liefern, daß er ſich nicht ge⸗ täuſcht hatte. Was hatte Mary in Nantes zu thun? Warum, wenn ſie nach Nantes kam, hatte ſie dieſe Verklei⸗ dung gewählt? Dieß war die Frage, welche Michel ſich vor⸗ legte, ohne ſie löſen zu können; endlich kam er, nachdem er ſich große Gewalt angethan hatte, zu dem Entſchluß, das Mädchen anzureden, als er gegenüber von Nro. 17 derſelben Schloßſtraße an⸗ gelangt, ſie an die Thüre des Hauſes drücken und, wie wenn dieſe Thure nicht geſchloſſen geweſen wäre, in einen Gang treten, die Thüre hinter ſich zuſchlagen und verſchwinden ſah. Michel gingeraſch auf die Thüre zu; dießmal war ſie geſchloſſen. Michel blieb auf dem Trottoir in tiefer, ſchmerz⸗ licher Betäubung ſtehen, ohne zu wiſſen, was er jetzt anfangen ſollte, und in der Meinung, geträumt zu haben. 4 — Auf einmal fühlte er einen leichten Schlag auf ſeinen Arm; er fuhr zuſammen, ſo ſehr war ſein Geiſt an einem ganz andern Ort, als wo ſein Kör⸗ per ſich befand, und er drehte ſich um. Es war der Notar Loriot, der ihn anredete. „Wie?“ fragte ihn derſelbe in einem Ton, der ſeine Ueberraſchung erkennen ließ,„Sie hier?“ „Und was liegt ſo Erſtaunliches daran, daß ich in Nantes bin, Meiſter Loriot?“ fragte Michel. „Halt, reden Sie leiſer und bleiben Sie nicht vor dieſer Thüre aufgepflanzt, als wollten Sie da⸗ ſelbſt Wurzel faſſen; den Rath gebe ich Ihnen.“ „Aber welche Fliege ſticht Sie denn, Meiſter Loriot? Ich kannte Sie als vorſichtig, aber nicht bis zu dieſem Grad.“ „Man kann es nie zu viel ſein. Gehen wir ſchwatzend weiter; dieß iſt das Mittel, nicht bemerkt zu werden.“. Dann mit ſeinem gewürfelten Taſchentuch über die in Schweiß gebadete Stirne fahrend, fuhr der Notar fort: „Ja wohl, ſchon jetzt compromittire ich mich auf eine ſchreckliche Weiſe.“ „Ich ſchwöre Ihnen, Meiſter Loriot, daß ich nicht ein Wort von dem, was Sie mir ſagen, ver⸗ ſtehe,“ erwiderte Michel. „Sie verſtehen nicht, was ich Ihnen ſage, un⸗ glücklicher Jüngling! Sie wiſſen alſo nicht, daß Sie auf der Liſte der Verdächtigen ſtehen und man Befehl gegeben hat, Sie in Verhaft zu nehmen?“ „Wohl! ſo verhafte man mich!“ antwortete Mi⸗ chel ungeduldig, indem er verſuchte, den Notar A — nl 9 wieder dem Hauſe gegenüber zu bringen, wo er Mary hatte verſchwinden ſehen. 3 „Ah! man verhafte Sie! wohl! Sie nehmen die Nachricht luſtig auf, Herr Michel. Mag ſein, das iſt Zhiloſophiſch; aber ich muß Ihnen doch ſa⸗ gen, dieſelbe Nachricht, die Ihnen ſo gleichgültig ſcheint, hat auf Ihre Frau Mutter einen ſo lebhaf⸗ ten Eindruck gemacht, daß wenn nicht der Zufall Sie mir auf meinem Weg nach Nantes entgegengeführt hätte, ich ſogleich bei meiner Rückkehr nach Légé durch das Feuer gelaufen wäre, um zu Ihnen zu gelangen.“ „Meine Mutter?“ rief der junge Mann, den der Notar an der ſchwächſten Stelle ſeines Herzens angefaßt hatte,„was iſt denn meiner Mutter ge⸗ ſchehen?“ „Nichts iſt ihr geſchehen, Herr Michel, und ſie befindet ſich, dem Himmel ſei Dank, ſo wohl, als es ſein kann, wenn die Seele von Unruhe gequält und das Herz von Kummer verzehrt iſt; denn ich darf Ihnen nicht verbergen, daß dieß die Lage Ih⸗ rer Frau Mutter iſt.“ „Ach mein Gott! was ſagen Sie mir!“ ſeufzte Michel ſchmerzlich. „Sie wiſſen Alles, was Sie für dieſelbe waren, Herr Baron; Sie haben die Pflege nicht vergeſſen, welche dieſelbe Ihnen angedeihen ließ, die Sorg⸗ falt, womit dieſelbe Sie umgab, wiewohl Sie zu einem Alter gelangt waren, wo man allmälig einer Mutter zwiſchen den Händen durchſchlüpft. Urthei⸗ len Sie alſo, welches deren Qual ſein muß, wenn dieſelbe Sie alle Tage ſo ſchrecklichen Gefahren ausgeſetzt ſieht, wie diejenigen, welche uns umge⸗ ben. Ich darf Ihnen nicht verbergen, daß es meine Pflicht war, ihr von dem, was ich als Ihre Ab⸗ ſichten vorausſetzte, Kunde zu geben, und dieſe Pflicht habe ich erfüllt.“ „Ah! was haben Sie, ihr denn geſagt, Meiſter Loriot?“ 8 „Ich habe ihr klar und deutlich geſagt, daß ich glaube, Sie haben eine ſehr heftige Leidenſchaft für Mademoiſelle Bertha von Souday gefaßt.“ „Nun gut,“ rief Michel,„auch er!“ „Und daß Sie,“ fuhr der Notar fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,„allem Anſchein nach darauf denken, ſie zu heirathen.“ „Und was hat meine Mutter gegntwortet?“ fragte Michel mit ſichtbarer Aengſtlichkeit. „Parbleu! was alle Mütter antworten, wenn man ihnen von einer Heirath ſpricht, die ſie miß⸗ billigen. Aber laſſen Sie einmal mich ſelbſt Sie fragen, mein junger Freund. Meine Stellung als Notar der beiden Familien ſollte mir bei Ihnen einen gewiſſen Einfluß verſchaffen. Haben Sie wohl überlegt, was Sie zu thun im Begriff ſind?“ „Theilen Sie,“ fragte Michel dagegen,„die Vorurtheile meiner Mutter, oder wiſſen Sie etwas Ehrenrühriges von Mademoiſelle de Souday?“ „In keiner Weiſe, mein junger Freund,“ ant⸗ wortete Meiſter Loriot, während Michel unruhig die Fenſter des Hauſes betrachtete, wo Mary ein⸗ getreten war;„in keiner Weiſe. Ich halte im Ge⸗ gentheil dieſe Mädchen, die ich ſeit ihrer Kindheit kenne, für die reinſten und tugendhafteſten des Lan⸗ — 2— ⸗ e ⸗ ht r A h r 2 — 7 1— 2 2 11 des, und dieß, verſtehen Sie wohl, trotz des Rufes, in die einige boshafte Zungen ſie gebracht haben, und trotz des lächerlichen Spottnamens, den man ihnen angehängt hat.“ „Nun!“ fragte Michel,„wie kommt es denn, daß auch Sie mir Ihre Billigung verſagen?“ „Mein junger Freund,“ antwortete der vorſich⸗ tige Notar,„erinnern Sie ſich, daß ich keine Mei⸗ nung ausſpreche, ich glaube nur, Ihnen viel Vor⸗ ſicht anrathen zu müſſen; es wird Ihnen nöthig ſein, dreimal ſo viel Energie anzuwenden, um das zu erreichen, was von einem gewiſſen Geſichtspunkt leicht, verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, einer Dummheit gleichen kann, als Sie deren bedürften, um einer Neigung zu entſagen, welche durch die Eigenſchaften der jungen Mädchen, ich ziehe es nicht in Abrede, gerechtfertigt wird.“ „Mein lieber Herr Loriot,“ erwiderte Michel, welchem es, fern von ſeiner Mutter, nicht unlieb war, ſeine Schiffe zu verbrennen,„der Herr Mar⸗ quis von Souday war ſo gütig, mir die Hand ſei⸗ ner Tochter zu bewilligen; darauf braucht man alſo nicht zurück zu kommen.“ „Ol das iſt etwas Anderes,“ erwiderte Meiſter Loriot;„da Sie einmal hier angekommen ſind, habe ich Ihnen nur noch einen Rath zu geben, nur das Einzige zu ſagen, daß es immer eine ernſte Hand⸗ lung iſt, eine Ehe dem Willen der Eltern zum Trotz zu ſchließen. Bleiben Sie alſo bei Ihren Gedanken, nichts beſſer; aber ſuchen Sie Ihre Mut⸗ ter auf, geben Sie ihr nicht das Recht, ſich über Ihre Undankbarkeit zu beklagen, bemühen Sie ſich, 2 dieſelbe von ihren ungerechten Vorurtheilen zurück zu bringen.“ „Hum!“ ſtieß Michel hervor, der die Richtigkeit dieſer Bemerkungen fühlte. „Wohlan,“ drängte Loriot,„was ich da von Ihnen begehre, verſprechen Sie mir, es zu thun?“ „Ja, ja,“ antwortete der junge Mann, der Eile hatte, ſich von dem Notar loszumachen, da er ein Geräuſch im Gang gehört zu haben glaubte und fürchtete, Mary möchte herauskommen, während er noch mit Meiſter Loriot ſpräche. „Gut,“ ſprach dieſer,„denken Sie überdieß daran, daß Sie vornehmlich zu La Logerie in Sicherheit ſind. Der Credit Ihrer Frau Mutter kann Sie allein vor den Folgen Ihres Benehmens ſchützen; Sie begehen ſeit einiger Zeit viel unbeſonnene Streiche, deren man Sie nicht fähig gehalten hätte, geſtehen Sie das zu!“ „Ich geſtehe es zu,“ antwortete Michel unge⸗ duldig. „Das iſt alles, was ich wollte: ein Sünder, der bekennt, iſt ſchon zur Hälfte auf dem Weg der Beſſerung. So, jetzt verlaſſe ich Sie, ich muß um elf Uhr abreiſen.“ „Sie kehren nach Légé zurück?“ „Ja, mit einer jungen Dame, welche man ſo⸗ gleich in einen Gaſthof bringen muß und der ich in meinem Cabriolet einen Platz einräumen werde, welchen ich ſonſt Ihnen anzubieten mich beeilt ha⸗ ben würde.“ „Aber Sie werden wohl einen Umweg von einer A— qH5=SSͤ—§õ——— —. — A— d A— 13 halben Meile machen, um mir einen Dienſt zu leiſten?“ „Gewiß, und mit dem größten Vergnügen, mein lieber Herr Michel,“ antwortete der Notar. „Dann gehen Sie nach Banloeuvre und über⸗ geben Sie, ich bitte Sie darum, Mademoiſelle Bertha dieſen Brief.“ „Es ſei! aber um Gotteswillen!“ ſagte der No⸗ tar erſchrocken,„geben Sie mir ihn mit einiger Vorſicht; Sie vergeſſen immer die Umſtände, worin wir uns befinden, und dieſe Vergeßlichkeit bringt mich vor Furcht um.“ „Wirklich, Sie bleiben nicht auf dem Platz, lieber Herr Loriot, wenn gewiſſe Leute auf der Straße auf uns zu kommen; Sie ſpringen vom Trottoir herob, als ob dieſelben Ihnen die Peſt brächten. Was haben Sie denn? reden Sie doch, Notar.“ „Ich habe das, daß ich mein Bureau dieſen Augenblick mit dem elendeſten im Departement der Sarthe oder Eure vertauſchen würde, daß ich mich in einer Aufregung befinde, wodurch nothwendig, wenn ſie länger dauert, meine Tage verkürzt wer⸗ den. Ja, Herr Michel,“ fuhr der Notar mit ge⸗ ſenkter Stimme fort,„dieſen Augenblick hat man mir gegen meinen Willen vier Pfund Pulver in die Taſchen geſteckt, und ich gehe nur zitternd über das Pflaſter; jede Cigarre, die ich an mir vorüber gehen ſehe, macht mir Fieber. Nun, Adieu. Keh⸗ ren Sie nach La Logerie zurück, glauben Sie mir.“ Michel, deſſen Herzensbeklemmung ſich wie die von Meiſter Loriot jeden Augenblick vergrößerte, ließ ihn ziehen. Er hatte alles von ihm erlangt, was er wünſchte, das heißt, die Gewißheit, daß ſein Brief nach Banloeuvre überbracht würde. Nach Abgang des Notars kehrten ſeine Augen wieder zu dem Hauſe zurück und hafteten auf dem⸗ ſelben mit größerer Beharrlichkeit, als jez ſie wur⸗ den hauptſächlich von einem Fenſter angezogen, deſſen Vorhang, wie ſie zu bemerken geglaubt hat⸗ ten, ſich hob, und von dem unbeſtimmten Schatten⸗ riß eines Geſichts, welches ihn durch die Scheibe beobachtete. Er dachte, eben um der Beharrlichkeit willen, womit er vor dem Hauſe verweilte, beobachte ihn das Mädchen; er entfernte ſich alſo in der Richtung des Kai's und verſteckte ſich hinter einer Hausecke dermaßen, daß ihm nichts von dem, was in der Schloßſtraße vorfiel, entging. Wirklich öffnete ſich die Thüre bald und die junge Bäuerin erſchien wieder. Sie war jedoch nicht allein. Ein junger Mann, mit einer weiten Blouſe an⸗ gethan und bäueriſche Manieren affektirend, beglei⸗ tete ſie.. So ſchnell auch beide an Michel vorüber gingen, ſo bemerkte er doch, daß dieſes Individuum jung war und das Ausgezeichnete ſeiner Phyſiognomie einen auffallenden Contraſt zu ſeinem Coſtüme bil⸗ dete; er ſah, daß er auf dem Fuß der Gleichheit mit Mary ſcherzte und dieſe lachend ſich weigerte, ihm den Korb, den ſie am Arm trug und den er ihr wahr⸗ ſcheinlich abzunehmen ſich erbot, zu überlaſſen. Die tauſend Schlangen der Eiferſucht ſtachen ihn —e——n,——— 15 ins Herz und überzeugt, beſonders nach dem, was ihm Mary ganz leiſe geſagt hatte, daß dieſe gleich⸗ zeitigen Verkleidungen vielleicht eben ſo gut eine verliebte als politiſche Intrigue verbergen, ſuchte er nicht weiter davon zu ſehen, ſondern ging, ſich dem Erſticken nahe fühlend, ſchleunigſt hinweg, in⸗ dem er ſeinen Weg nach dem Pont Rouſſeau nahm, das heißt eine Linie verfolgte, welche der von jenen gewählten gerade entgegengeſetzt war. Das Gedränge war nicht mehr ſo ſtark; er überſchritt alſo leicht den Kai, ſchaute ſich aber, am Ende deſſelben angekommen, vergeblich nach Courtejoie, Trigaud und ſeinem Pferde um; alle drei waren verſchwunden. Michel war ſo beſtürzt, daß es ihm nicht eine Minute einfiel, ſie in der Umgegend zu ſuchen; nach dem, was ihm der Notar geſagt hatte, war es überdieß gefährlich für ihn, eine Klage anzubrin⸗ gen, welche zu ſeiner eigenen Verhaftung führen konnte, während ſie außerdem den vertrauten Um⸗ gang, den er mit den beiden Bettlern hatte, ans Licht brachte. Er entſchloß ſich alſo, zu Fuß weiter zu gehen, indem er die Richtung nach Saint⸗Philibert de Grandlieu einſchlug. Mary verwünſchend, den Verrath, deſſen Opfer er war, beweinend, dachte er an nichts weiter, als Meiſter Loriots Rath zu folgen, das heißt, nach La Logerie zurückzukehren und ſich in die Arme ſeiner Mutter zu werfen, zu welcher ihn das, was er geſe⸗ hen hatte, viel mehr zurück führte, als es die Vor⸗ ſtellungen des Notars vermocht hatten. Er war auf der Höhe von Saint⸗Colombin an⸗ gekommen und marſchirte ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, dahin, daß er nicht einmal zwei Gendar⸗ men hörte, die hinter ihm herkamen. „Ihre Papiere, mein Herr?“ fragte ihn der Brigadier, nachdem er ihn vom Kopf bis zu den Füßen betrachtet batte. „Meine Papiere?“ rief erſtaunt Michel, an den zum erſten Mal eine ſolche Frage gerichtet wurde,„ich habe keine.“ „Und warum haben Sie keine?“ „Weil ich nicht geglaubt habe, um von meinem Schloß nach Nantes zu kommen, eines Paſſes zu bedürfen.“ „Und welches iſt Ihr Schloß?“ „Schloß La Logerie.“ „Und Ihr Name?“ „Baron Michel.“ „Baron Michel de La Logerie?“ „Baron Michel de La Logerie, ja.“ „Dann, wenn Sie Baron Michel de La Logerie ſind,“ ſprach der Gendarme,„ſo verhafte ich Sie.“ Und ohne weitere Umſtände, ehe der junge Mann nur daran dachte, die Flucht zu ergreifen, was ihm vielleicht mit Rückſicht auf die Beſchaffenheit des Terrains möglich geweſen wäre, faßte der Brigadier ihn am Kragen, während der Gendarme, ein An⸗ hänger der Gleichheit vor dem Geſetz, ihm Hand⸗ ſchellen anlegte. Als dieſe Ceremonie, welche Dank der Betäu⸗ bung des Gefangenen und der Geſchicklichkeit des Gendarmen nur einige Minuten dauerte, vorüber 17 war, führten die beiden Agenten der bewaffneten Macht Baron Michel nach Saint⸗Colombin, wo ſie denſelben in eine Art von Stall einſchloſſen, der an den Poſten ſtieß, den die cantonnirenden Trup⸗ pen daſelbſt hatten, und zum proviſoriſchen Gefäng⸗ niß diente. LV. Wo Trigaud zeigt, daß wenn er an Hercules' Stelle geweſen wäre, er wahrſcheinlich vierundzwanzig Arbeiten ſtatt zwölf verrichtet hätte. Es war gegen vier Uhr Nachmittags, als Mi⸗ chel, in die Hütte des Poſtens von Saint⸗Colombin gebracht, all die ihm beſtimmten Annehmlichkeiten ihrem Werth nach ſchätzen konnte. Beim Eintritt in dieſes Kerkerloch vermochten die Augen des jungen Mannes, an die ſtrahlende Helle draußen gewöhnt, anfänglich nichts um ihn herum zu unterſcheiden; er mußte ſich allmälig mit der Fin⸗ ſterniß vertraut machen, und dann erſt konnte er den Ort erkennen, der ihm zum Lager angewieſen wor⸗ den war. Es war eine Art Kerkergemach von zwölf Qua⸗ dratfuß, das, welches auch ſeine urſprüngliche Be⸗ ſtimmung geweſen ſein mochte, die Bedingungen der Sicherheit, die man heute von ihm begehrte, voll⸗ kommen erfüllte. Es lag halb über, halb unter dem Boden; ſeine Wände waren von feſterer und beſſer ausſehender Maurerarbeit, als es ſonſt bei ſolchen Bauten der Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 2 teins orre⸗ rein⸗ zwei llers üm⸗ an nen be⸗ mit ro⸗ 19 unbeſtimmten Gefühl der Neugierde nachgegeben. Der erſte Schmerz, der eben ſo grauſam ſein Herz betroffen, hatte ihn in einen Zuſtand der Niederge⸗ ſchlagenheit verſenkt, wo die Seele beinahe gleich⸗ gültig gegen Alles iſt, was um ſie herum vorgeht, und im Augenblick, wo er der ſüßen, ſo lang ge⸗ hegten Hoffnung, von Mary geliebt zu ſein, entſa⸗ gen mußte, war ein Palaſt oder ein Kerker für ihn beinahe daſſelbe. Er ſetzte ſich auf den Trog der Preſſe, nachſin⸗ nend, wer wohl der junge Mann in der Blouſe, der Mary begleitete, ſein möchte, und ſeinen eifer⸗ ſüchtigen Aufwallungen nur Ruhe gönnend, um ſich der Erinnerung an die erſten Tage ſeiner Bezie⸗ hungen zu den beiden Schweſtern zu überlaſſen; gleich zerriſſen von dem Einen wie von dem An⸗ dern, denn, ſagt der florentiniſche Dichter, jener große Maler der Höllenqualen, das Andenken an glückliche Zeiten mitten im Unglück iſt der ſchlimmſte aller Schmerzen. Ueberlaſſen wir Baron Michel ſeinem Kummer, um uns mit dem zu beſchäftigen, was auf den an⸗ dern Seiten des Poſtens von Saint⸗Colombin ſich ereignete. Dieſer Poſten war, materiell geſprochen, ſeit einigen Tagen von einem Detachement Linientrup⸗ pen beſetzt und beſtand in einem ſehr großen Ge⸗ bäude, deſſen Fagçade nach dem Hof ging, deſſen Rückſeite an den Vicinalweg ſtieß, der von Saint⸗ Colombin nach Saint⸗Philibert de Grandlieu führt, ein Kilometer vom erſten dieſer Dörfer, ungefähr 20 zweihundert Schritte von der Straße von Nantes nach Sables d⸗Olonne entfernt. Dieſes Gebäude, auf und von den Trümmern einer alten Feudalfeſte erbaut, ſtand auf einer Anhöhe, welche die ganze Die vortheilhafte Lage hatte die Aufmerkſamkeit des Generals angezogen, als er von ſeiner Expedi⸗ tion in den Wald von Machecoul zurückkehrte. Er hatte zwanzig Mann daſelbſt gelaſſen und eine Art Blockhaus daraus gemacht, wo die Expe⸗ ditions⸗Colonne im Nothfall ein Nachtlager oder eine Zufluchtsſtätte und zugleich gewiſſermaßen ein Depot finden konnte, wo die Gefangenen bleiben mußten, bis die zwiſchen Nantes und Saint⸗Phili⸗ bert regelmäßig eingerichtete Correſpondenz es ge⸗ ſtattete, ſie nach letzterer Stadt mit einer Eſcorte zu ſchicken, die von ſolcher Bedeutung ſchien, daß man wenigſtens vor einem Handſtreich ſicher war. ichkei des Poſtens von Saint⸗ Colombin beſtanden aus einem ziemlich geräumigen Gemach und einer Scheune. Das Gemach lag gerade über dem Keller, wo Michel eingeſperrt war, folglich fünf bis ſechs Fuß vom Boden, und diente als Wachſtube; man ge⸗ langte dahin auf einer von den Trümmern des Wartthurmes erbauten und parallel mit der Wand Die Scheune diente zur Kaſerne für die Solda⸗ ten; ſie lagen dort auf Stroh. Der Poſten war militäriſch bewacht; es ſtand eine Wache vor dem Hofthor, dem Thor, das auf die Straße ging, deßgleichen auf einem Epheu be⸗ krön ſchlo 5 Soll ausn geſet Hauf Liebl die Unter See und färbte heure zu ih hin, ä das 1 wir n teten vorgin die N. M Taglö Ställe genblie lung Markt nehmli zu eine 57 Nantes mmern einer hte. amkeit xrpedi⸗ 4 n und Expe⸗ oder in ein leiben Phili⸗ s ge⸗ ſcorte daß Har. aint⸗ tigen wo Fuß ge⸗ des zand lda⸗ and auf be⸗ 21 krönten Thurm, dem einzigen Theil des alten Feudal⸗ ſchloſſes, der ſtehen geblieben war. Nun hatten ſich gegen ſechs Uhr Abends die oldaten, welche die kleine Garniſon des Poſtens ausmachten, auf Walzen zur Ebnung des Bodens geſetzt, welche man längs der äußeren Mauern des Hauſes ſich ſelbſt überlaſſen hatte. Es war der Lieblingsplatz für ihre Sieſta; ſie genoſſen daſelbſt die ſanfte Wärme, welche die Sonne noch beim Untergang verſendet, die prächtige Ausſicht auf den ee von Grandlieu, den man in der Ferne erblickte und deſſen von den Strahlen des Tagsgeſtirns ge⸗ färbte Oberfläche für den Augenblick einem unge⸗ heuren Tafeltuch von geröthetem Eiſenblech glich; zu ihren Füßen zog ſich die Straße von Nantes hin, ähnlich einem breiten Band mitten in dem Grün, das um dieſe Jahreszeit die Ebene bedeckte; aber wir müſſen geſtehen, unſere rothhoſigen Helden ach⸗ teten viel mehr auf das, was auf dieſer Straße vorging, als auf die Pracht des Schauſpiels, welches die Natur ihnen gab. Mit dem einbrechenden Abend verließen die Taglöhner die Felder, die Heerden zogen nach ihren tällen zurück, und die Straße war in dieſem Au⸗ genblick lebhaft genug, um dem Panorama Abwechs⸗ lung zu verleihen. Jeder Heuwagen, jede vom Markt zu Nantes heimkehrende Gruppe, und vor⸗ nehmlich jede kurz gekleidete Bäuerin gab den Text zu einer Betrachtung und zu Lazzi), und wir müſ⸗ 89) Niedrigkomiſche Späſſe. A. d. I. andern nicht verſiegten. 3 „Halt,“ ſprach plötzlich Einer,„was iſt denn das, was ich da unten ſehe?“ „Ein Biniou⸗Spieler, der zu uns kommt,“ ant⸗ wortete ein Anderer.— 8 „Das ein Biniou⸗Spieler!“ rief ein Dritter; „Du glaubſt wohl noch in der Bretagne zu ſein? Hier gibt es keine Biniou⸗Spieler, merke Dir das; nur Volkslied⸗Sprecher.“ „Gut! aber was trägt er dann auf dem Rücken, wenn es nicht ſein Inſtrument iſt?“. „Es iſt wirklich ſein Inſtrument,“ ſagte ein vierter Soldat;„aber dieſes Inſtrument iſt eine DOrgel.“ „Eine ſeltſame Orgel,“ erwiderte der Erſte;„ich ſage Dir, es iſt ſein Zwerchſack; es iſt ein Bettler, Du ſiehſt es wohl an ſeiner Uniform.“ „Ol ein Zwerchſack, der Augen und eine Naſe hat, wie Du und ich eine haben könnten,“ entgeg⸗ nete ein Anderer;„aber ſchau doch hin, Limouſiner.“ „ Der Limouſiner hat große Arme, aber kein Geſicht in die Weite;“ ſagte ein Anderer,„man kann nicht alles haben.“ „Nun, wohlan,“ rief der Corporal,„faſſen wir Alles zuſammen; es iſt ganz einfach ein Mann, der einen andern auf den Schultern trägt.“ „Der Corporal hat Recht,“ ſprachen im Chor die Soldaten. „Ich habe immer Recht,“ entgegnete der Mann mit den wollenen Treſſen;„fürs Erſte als Euer Corporal, und hernach als Euer Vorgeſetzter; und ſen geſtehen, daß ſeit einiger Zeit die einen wie die ie die denn ant⸗ citter; ſein? das; tücken, te ein t eine ;„ich Zettler, Naſe entgeg⸗ ſiner.“ r kein „man en wir un, der Chor Mann 8 Euer z und 23 wenn noch Jemand da iſt, der daran zweifelt, wenn ich etwas geſagt habe, ſo ſoll er gleich überzeugt werden, denn da kommen ſie ſchon her.“ Wirklich war der Bettler, welcher zu der eben von uns bezeichneten Discuſſion Veranlaſſung gege⸗ ben, und in welchem unſere Leſer bereits Trigaud, wie in dem Biniou, der Orgel, dem Zwerchſack ſei⸗ nen Führer Alain Courtejoie, erkannt haben, links vorübergegangen, indem er dem Abhang folgte, der zu dem Poſten von Saint⸗Colombin führte. „Welche Maſſe von Räubern,“ bemerkte einer der Soldaten,„wenn man bedenkt, daß dieſer Schelm da, fände er uns im Winkel einer Hecke, uns eine Pflaume zuſchicken würde; nicht wahr, Corporal?“ „Es iſt wohl möglich,“ antwortete dieſer. „Und da er uns nun in einer gewiſſen Anzahl ſieht,“ fuhr der Soldat fort,„kommt er, uns um ein Almoſen zu bitten, der Elende.“ d „Oefter, als ich ihm, was es auch ſei, von dem Sou in meinem Beutel geben werde,“ ſagte der Soldat, der zuerſt geſprochen hatte. „Warte,“ ſagte ein Anderer, einen Stein auf⸗ raffend,„ich will ihm das in ſeinen Hut werfen.“ „Und ich verbiete es Dir,“ ſagte der Corporal. „Und warum?“ „Weil er keinen hat.“ Die Soldaten brachen bei dieſem Scherz, der einſtimmig als vom beſten Geſchmack zeugend, aner⸗ kannt wurde, in ein lautes Gelächter aus. „Laßt ſehen, laßt ſehen,“ rief ein Soldat,„was es auch ſei, worauf der einfältige Tropf ſpielt, ent⸗ muthigen wir ihn nicht; glaubt Ihr auf dieſem bet⸗ telhaften Vorwerk ſo viel Vergnügen zu finden, daß Ihr eine Art Schauſpiel, das ſich uns darbie⸗ tet, verſchmäht?“ „Schauſpiel?“ „Oder Concert.“ „Alle Bettler dieſes Landes ſind gewiſſermaßen Troubadours; wir wollen ihn ſingen laſſen, was er weiß, das wird uns helfen, den Abend hin zu bringen.“ In dieſem Augenblick war der Bettler, der ſchon lang kein Räthſel mehr für die Soldaten war, auf vier Schritte ihnen nahe gekommen und ſtreckte ihnen die Hand entgegen. „Du ſiehſt, daß ich Recht hatte und daß es ein Mann iſt, den er auf den Schultern trug.“ „Und Du haſt Dich geirrt,“ erwiderte der Corporal. 3 „Wie ſo?“ „Es war kein Mann; es war nur ein halber.“ Die Soldaten lachten bei dieſem zweiten Lazzi, wie ſie beim erſten gethan hatten. „Das iſt Einer, der nicht viel für Anſchaffung von Hoſen auszugeben braucht.“ „Und noch weniger für Stiefel,“ ſchlug der witzige Corporal darauf, deſſen Spaß ſeine gewöhn⸗ liche Wirkung hervorbrachte. „Wie ſie garſtig ſind,“ ſprach der Limouſiner; „man möchte ſagen, auf Ehre, ein Affe auf einem Bären reitend.“ Während dieſe platten Witze ſich kreuzten und vwon allen Seiten auf ihn eindrangen, blieb Trigaud ganz unempfindlich; er ſtreckte ſeine Hand vor, in⸗ aden, rbie⸗ aßen s er n zu ſchon war, reckte 3 ein der ber.“ azzi⸗ fung der öhn⸗ ner; nem und gaud in⸗ 25 dem er ſeiner Phyſiognomie einen immer herzbre⸗ chenderen Ausdruck gab, während Courtejoie in ſei⸗ ner Eigenſchaft als Redner der Aſſociation umwan⸗ delbar in ſeinem näſelnden Tone wiederholte: „Eine milde Gabe, wenn es Ihnen gefällig iſt, meine guten Herren, eine milde Gabe einem armen Fuhrmann, dem der Wagen von Ancenis hinab ſeine beiden Beine abgeriſſen hat.“ „Das müſſen Wilde ſein,“ ſagte einer der Sol⸗ daten,„daß ſie von Tourlouvous*) ein Almoſen begehren. So vollendete Bettler Ihr ſeid, ließe ſich doch vielleicht, wenn Ihr alle unſere Taſchen aus⸗ ſucht, nicht die Hälfte von dem finden, was die Eurigen enthalten.“ Als Alain Courtejoie dieß hörte, modificirte er ſeine Formel und ſprach, den Gegenſtand ſeiner Bitten genauer faſſend: „Ein kleines Stück Brot meine guten Herren, wenn es Ihnen gefällig iſt; haben Sie kein Geld, ſo müſſen Sie doch Brot haben.“ „Brot,“ ſagte der Corporal,„ſollſt Du haben, mein guter Mann, und zu dem Brot Suppe und zu der Suppe ein Stück Fleiſch, wenn übrig bleibt; das wollen wir Euch geben; aber jetzt laßt ſehen, was bieteſt Du uns?“ „Meine guten Herren, ich werde zu Gott für Sie beten,“ ſagte mit ſeiner näſelnden Stimme Courte⸗ joie, der fortwährend das Wort führte, den beharr⸗ lichen Baß zu dem Geſang ſeines Genoſſen. „Das kann nicht ſchaden,“ erwiderte der Cor⸗ *) familiär ſ. v. a. junge Infanteriſten. A. d. U. — 1 poral,„reicht aber nicht aus; laß ſehen, haſt Du nicht irgend einen luſtigen Schwank in Deiner Pa⸗ trontaſche?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Cour⸗ tejoie, den Unſchuldigen ſpielend. „Ich will ſagen, daß ihr, ſo häßliche Amſeln Ihr beide ſeid, vielleicht doch irgend ein hübſches Lied zu pfeifen wißt; in dieſem Fall heraus mit der Muſik; das wird Brot, Suppe und Fleiſch bezahlen.“ „Oder,“ fiel der Limouſiner ein, nſoll der, welcher Beine hat, mit dem, der keine hat, auf dem Rücken ein Burzelbaum ſchlagen.“ „Ah! ich ſehe, was Sie wollen, meine guten Herren.“ „Das iſt ein Glück,“ ſagte der Corporal. „Sie wollen, daß wir Ihnen Unterhaltung machen.“ „Unterhalte uns, ſo ſehr Du kannſt, es wird nichts zu viel ſein, denn wir langweilen uns recht artig in Deinem ſchurkiſchen Lande.“ „Wohlan denn,“ ſprach Courtejoie,„wir wollen verſuchen, Sie etwas ſehen zu laſſen, was Ihnen noch nie vorgekommen iſt.“ So gemein dieſes Verſprechen war, der gewöhn⸗ liche Cingang von einem Hanswurſt, ſo erregte es doch die lebhafte Neugierde der Soldaten, welche Stille machten und ſich um die beiden Bettler mit einem Eifer herumſtellten, dem die Neugierde bei⸗ nahe etwas Reſpectvolles verlieh. Courtejoie, der bis jetzt auf Trigauds Schultern geblieben war, machte eine Bewegung mit den Beinen, welche andeutete, daß er auf den Boden ſt Du 4 Pa⸗ Cour⸗ a Ihr Lied der len.“ llcher ücken uten tung vird recht 27 geſetzt werden wollte, und dieſer ließ ihn mit dem paſſiven Gehorſam, den er für den Willen ſeines Herrn an den Tag legte, auf einem, halb mit Brenneſſeln bedeckten Schießſcharten⸗Ueberreſt nie⸗ der, rechts von der Walze, welche den Soldaten zum Sitz dienten. „Hm! wie er dreſſirt iſt,“ ſagte der Corporal, „ich habe Luſt, mich ſeiner zu bemächtigen und ihn an den Gros⸗Major zu verkaufen, der keinen Trut⸗ hahn nach ſeiner Idee finden kann.“ Inzwiſchen hatte Courtejoie einen Stg aufge⸗ hoben und Trigaud übergeben.. Dieſer ſchloß ihn, ohne daß es weiterer Inſtruc⸗ tionen bedurfte, zwiſchen die Finger, öffpate wieper! die Hand und zeigte den Stein zu Staub zerdrüſck. „Ha, das iſt ein Herkules; Ttwas für Dich, Pinguet,“ ſagte der Corporal zu dem Soldaten, den wir bereits zwei oder dreimal mit dem Namen Limouſiner bezeichnet haben. 1 „Ah! gut, wir wollen ſehen,“ antwortete dieſer, indem er nach dem Hof eilte. Trigaud ſetzte, ohne ſich bei den Worten oder dem Thun Pinguets aufzuhalten, phlegmatiſch ſeine Exercitien fort. Er faßte zwei Soldaten an dem Riemen ihrer Patrontaſche, hob ſie langſam in die Höhe, hielt ſie einige Sekunden mit ausgeſtrecktem Arm und ſetzte ſie dann mit vollkommener Leichtigkeit wieder auf den Boden. Die Soldaten erhoben ein Bravo⸗Geſchrei. „Pinguet! Pinguet!“ riefen ſie,„wo biſt Du? Ach! wahrlich da iſt Jemand, der Dich völlig austhut.“ Trigaud fuhr, ohne ſich zu unterbrechen, fort und hatte, als ob dieſe Verſuche mit ſeiner Stärke erſt zuvor geregelt worden wären, zu den zwei erſten Soldaten noch zwei ihrer Kameraden gefügt, welche rittlings auf deren Schultern ſaßen, und alle vier mit eben ſolcher Leichtigkeit, als da es ihrer nur zwei waren, emporgehoben. Als er ſie auf den Boden ſetzte, kam Pinguet mit einer Flinte auf jeder Schulter herbei. „Bravo! Limouſiner, bravo!“ riefen die Sol⸗ daten. G Ermuͤthigt durch den Beifall ſeiner Kameraden, ſagte Pinguet: „Das iſt lauter Neulingsarbeit; he, Du Men⸗ ſchenfreſſer, mache einmal nach, was ich jetzt thue.“ Und er ſteckte einen Finger jeder Hand in einen der Flintenläufe und hob beide mit ausgeſtreckten Armen in die Höhe.. „Bah!“ ſprach Courtejoie, während Trigaud mit einer Bewegung der Lippen, welche für ein Lächeln gelten konnte, das Kunſtſtück des Soldaten betrachtete,„holt noch zwei andere.“ Wirklich wurden die zwei andern gebracht; Trigaud ſteckte alle vier an eine Hand und hob ſie bis zu ſeinem Auge empor, ohne daß eine Zuſam⸗ menziehung der Muskeln die geringſte Anſtrengung verrieth. Dieß ſchreckte Pinguet ſo ſehr zurück, daß er ſich von nun an ganz von dem Wettkampf ferne hielt. Darauf ſuchte Trigaud in ſeiner Taſche und zog ein Hufeiſen hervor, das er ſo leicht zuſammen⸗ fort tärke rſten elche vier nur guet Sol⸗ den, ken⸗ 1e.“ nen kten aud ein tten ht; ſie m⸗ ing ſich elt. og en⸗ 29 drückte, wie es ein gewöhnlicher Menſch mit einem Lederriemen gethan hätte. Nach jedem dieſer Verſuche wandte Trigaud nach Courtejoie die Augen, die um ein Lächeln bettelten, und mit einem Zeichen des Kopfs gab Courtejoie ihm zu erkennen, daß er zufrieden war. „Laß ſehen,“ ſprach der letztere,„Du haſt bis jetzt erſt unſere Suppe verdient, jetzt handelt es ſich darum, uns ein Nachtlager zu verdienen. Nicht wahr, meine guten Herren, wenn mein Kamarad noch etwas Wunderbareres macht als Alles, was Sie bisher geſehen haben, nicht wahr, ſo geben Sie uns einen Bund Stroh und einen Winkel im Stall, um auszuruhen.“ „O! was das betrifft, ſo iſt es reſpectiv unmög⸗ lich,“ ſprach der Sergent, welcher durch das Geſchrei und die Bravos der Soldaten angezogen, herbeige⸗ kommen war, um an dem Schauſpiel Antheil zu nehmen;„der Befehl lautet ganz beſtimmt.“ Dieſe Antwort ſchien Courtejoie völlig außer Faſſung zu bringen und ſein Hausmarder⸗Geſicht nahm einen ernſten Ausdruck an. „Bah!“ erwiderte einer der Militärs,„wir legen für Euch ſechs Sou zuſammen; damit bezahlt Ihr im erſten Wirthshauſe, wohin Ihr kommt, ein Bett, das im Uebrigen ſo weich iſt wie Roggen⸗ Grannen.“ „Und wenn dieſe Ochſenart, welche Dir als Reitthier dient, ſo ſolide Beine als Arme hat,“ fuhr ein Anderer fort,„ſo dürfen ein oder zwei Kilometer Euch nicht in Verlegenheit ſetzen.“ „Vorher wollen wir das Kunſtſtück, vorher wollen wir das Meiſterſtück ſehen,“ riefen die Soldaten im Chor. 4 Es wäre ſchlecht von einem Kamaraden geweſen, „Trigaud um den Vortheil von dieſer Begeiſterung zu bringen, und Courtejoie ergab ſich mit einer Leichtigkeit in dieſes Dringen, welche von ſeinem Vertrauen in die Muskeln ſeines Genoſſen Zeug⸗ niß ablegte. „Haben Sie,“ fragte er,„einen Quaderſtein, eine ſtarke eichene Bohle oder irgend Etwas, das zwölf bis fünfzehn Centner wiegt?“. „Da iſt der Block, auf dem Ihr ſitzt,“ ſagte ein Soldat. Courtejoie zuckte die Achſeln. „Wenn er einen Griff hätte, würde ihn Trigaud mit einer Hand aufheben.“ „Da iſt noch der Mühlſtein, den wir vor das Luftloch des Arreſts gelegt haben,“ bemerkte ein Soldat. „Warum nicht gleich das ganze Haus?“ rief der Korporal,„bei dem Ihr vorläufig ſechs Mann brauchtet, um ihn in Bewegung zu ſetzen, und noch dazu mühevoll genug und mit Hebeſtangen, während ich in Wuth gerieth, daß mein Grad mir nicht erlaubte, Euch noch einen Rucker zu geben, und Euch einen Haufen Nichtsthuer nannte. „Ueberdieß darf man den Mühlſtein nicht an⸗ rühren,“ ſprach der Sergent,„es ſteht noch im Befehl, für den Fall, daß ein Gefangener im Arreſt iſt.“. Courtejoie blinzelte Trigaud an, und dieſer tita unt mit ihn ſein⸗ mit in im deſen, rrung einer Linem Zeug⸗ ſtein, das ſagte gaud das ein rief lann 31 ſchritt, ohne ſich um das, was der Sergent eben geſagt hatte, zu bekümmern, auf die Steinmaſſe zu. „Verſteht Ihr, was ich Euch zu ſagen die Ehre habe?“ rief der Sergent mit lauterer Stimme und Trigaud am Arm haltend,„Das rührt man nicht an.“ „Warum nicht?“ ſagte Courtejoie.„Nimmt er den Mühlſtein vom Platze weg, ſo wird er ihn auch wieder dahin bringen, beruhigen Sie ſich.“ „Ueberdieß,“ ſetzte ein Soldat hinzu,„hat man die Maus geſehen, die in der Rattenfalle iſt, ſo braucht man nicht zu beſorgen, daß ſie entwiſche; ein armes Herrchen, das man für eine verkleidete Frau halten könnte; ich glaubte anfänglich, es ſei die Herzogin von Berry.“ „Ohne zu rechnen, daß er zu ſehr mit Weinen beſchäftigt iſt, um an ſeine Rettung zu denken,“ fiel ſeinerſeits der Korporal ein, der offenbar vor Unge⸗ duld verging, den Verſuch zu ſehen;„als wir ihm ſeine Portion brachten, Pinguet und ich, daß heißt, ich und Pinguet, zerfloß er in Thränen, ſo daß man hätte ſagen können, ſeine beiden Augen ſeien zwei Hahnen. „Nun, wir wollen ſehen,“ ſagte der Sergent, der wahrſcheinlich nicht minder neugierig als die Andern war, zu ſchauen, wie die Bettler mit dieſer titaniſchen Aufgabe fertig würden; nich erlaube es unter meiner Verantwortlichkeit.“ Trigaud machte ſich die Erlaubniß zu Nutzen; mit zwei Schritten war er bei dem Mühlſtein, faßte ihn an der Grundfläche zwiſchen ſeine Arme, ſtemmte ſeine Schultern gegen das Centrum und verſuchte mit einer kräftigen Anſtrengung, ihn aufzuheben. Aber das Gewicht der ungeheuren Steinmaſſe hatte den nicht ſehr feſten Boden, auf dem ſie lag, eingedrückt, ſo daß ſie vier bis fünf Zoll in den⸗ ſelben gedrungen war, und was der auf ſolche Art gebildeten Vertiefung anklebte, Trigauds Kraft lähmte. Courtejoie, der ſich dem von den Soldaten ge⸗ ſchloſſenen Kreis genähert hatte, indem er auf Händen und Knieen nach Ark eines großen Käfers vorwärts kroch, machte darauf aufmerkſam, was hinderlich war, daß die Anſtrengungen des Rieſen nicht von dem Erfolg gekrönt wurden; er holte einen großen flachen Stein, und theils mit dieſem, theils mit ſeiner Hand befreite er den Mühlſtein von der ihn umgebenden Erde. Dann machte ſich Trigaud wieder ans Werk, und hob, dießmal glücklicher, den Block und hielt ihn einige Sekunden, an ſeine Schultern geſtemmt, gegen die Mauer gedrückt und einen Fuß über dem Boden. Der Enthuſiasmus der Soldaten kannte keine Grenzen. Sie drängten ſich um Trigaud herum, indem ſie ihn mit Glückwünſchen überhäuften, gegen welche der Rieſe vollkommen gleichgültig ſchien. Sie ſtießen Rufe wahnſinniger Bewunderung aus, welche ſich dem Korporal mittheilte und vom Kor⸗ poral nach der natürlichen Rangordnung, ſelbſt zum Sergeanten aufſtieg. Sie ſprachen von nichts weniger, als Trigaud im Triumph nach der Mar⸗ ketenderbude zu tragen, wo ihn der Preis ſeiner Stärke erwartete, indem ſie mit allen den Jüngern des Gottes Mars bekannten und unbekannten Flü⸗ chen betheuerten, daß nicht blos das verſprochene mmaſſe 2 lag, den⸗ e Art ihmte. n ge⸗ auf äfers was tieſen holte eſem, lſtein Lerk, hielt nmt, dem keine rum, egen dien. aus, Kor⸗ elbſt ichts lar⸗ iner gern Flü⸗ ene 33 Brod und Fleiſch nebſt Suppe, das Trigaud ver⸗ dient hatte, ſondern die Koſt des Generals, ja ſelbſt des Königs von Frankreich nicht zu viel wäre, um die zu ſolchen Heldenthaten nöthige Kraft zu unter⸗ halten. Wie wir eben geſagt haben, ſchien Trigaud durchaus nicht ſtolz auf ſeinen Triumph. Seine Phyſiognomie blieb ſo unempfindlich, wie die des Ochſen, den man nach der Arbeit ausſchnaufen läßt. Nur ſeine Augen, welche von denen Alain Courte⸗ joie's ſich nicht abwandten, fragten dieſen: „Meiſter, biſt Du zufrieden?“ Ganz im Widerſpiel von Trigaud ſchien Courte⸗ joie ſtrahlend vor Freude; ohne Zweifel in Folge des Eindrucks, welchen die Beweiſe einer Stärke, die er viel mehr als Derjenige, welchem die Natur ſie verliehen hatte, die ſeinige nennen konnte, auf die Zuſchauer machten. Vielleicht kam es auch ganz einfach von dem Gelingen eines kleinen Manövers her, das er ſehr geſchickt bewerkſtelligt hatte, wäh⸗ rend die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſeinen Ge⸗ noſſen concentrirt war, ein Manöver, welches darin beſtand, das große flache Hebemittel, das er in der Hand hielt, unter den Mühlſtein zu ſchieben und es ſo zu legen, daß die ungeheure Maſſe, welche das Luftloch des Gefängniſſes ſchloß, im Gleichge⸗ wicht auf dieſer ebenen Fläche ruhte und es ſofort nur der Anſtrengung eines Kindes bedurfte, ihn von der Stelle zu rücken. Die beiden Bettler wurden nach der Marketen⸗ derbude geführt und dort lieferte Trigaud einen neuen Text für die Bewunderung der Soldaten. Dumas, Woͤlfinnen von Machecoul. IV. 3 Nachdem er eine ungeheure Schüſſel Suppe ver⸗ ſchlungen hatte, legte man ihm vier Rationen Rind⸗ fleiſch und zwei Commisbrode vor. Trigaud aß ſein erſtes Brod mit den zwei erſten Rationen, wechſelte dann mit der Art des Ver⸗ ſchluckens und verbeſſerte den Geſchmack der ver⸗ ſchluckten Gegenſtände, nahm ſein zweites Brod, ſpaltete es der Breite nach in zwei Theile, machte ein Loch in die Mitte, verſchlang zwiſchen hinein wie zum Zeitvertreib die herausgenommene Krume, ſteckte das Fleiſch in die alſo erzeugte Höhlung, legte die beiden Hälften des Laibs auf einander und biß darauf mit einer Kaltblütigkeit und einer Cohäſionskraft, welche die Verſammlung entzückten und ihm donnernde Bravos gewannen. Nach⸗ fünf Minuten dieſer Uebung war das Commisbrod zermalmt wie wenn es zwiſchen zwei Mühlſteinen durchgegangen wäre, ähnlich dem, wel⸗ chen Trigaud zum Staunen der Geſellſchaft aufge⸗ hoben hatte, und es blieb nichts davon übrig, als Krümchen, welche Trigaud, der von vorn anzu⸗ fangen bereit ſchien, mit großer Sorgfalt auflas. Man beeilte ſich, ihm ein drittes Brod zu bringen und Trigaud behandelte es, wiewohl trocken, gleich den beiden erſten. Die Soldaten kannten ſich nicht mehr vor Freude; ſie hätten gerne alle ihre Mundvorräthe aufgeopfert, um den Verſuch bis auf's Aeußerſte zu treiben, aber der Sergent erachtete es für klug, ihrer wiſſen⸗ ſchaftlichen Neugier ein Ziel zu ſetzen. Courtejoie war wieder nachdenklich geworden, pe ver⸗ Rind⸗ erſten Ver⸗ r ver⸗ Brod, machte hinein erume, hlung, rander einer ückten das zwei wel⸗ zufge⸗ , als anzu⸗ 18. ngen gleich ude; fert, ben, ſſen⸗ den, 35⁵ und ſeine Haltung erregte die Aufmerkſamkeit der Soldaten. „Ei ja! Du iſſeſt und trink'ſt,“ ſagte der Kor⸗ poral zu ihm,„und das auf Koſten Deines Kama⸗ raden; das iſt nicht recht und wir meinen, Du ſeiſt uns wohl ein Stück von einem Lied ſchuldig, wäre es auch nur, um Deine Zeche zu bezahlen.“ „Unzweifelhaft,“ ſprach der Sergent. „Wohlan! wohlan! ein Lied,“ riefen die Sol⸗ daten,„und iſt es ſo luſtig wie bei einer Hochzeit.“ „Hm!“ ſagte Courtejoje,„ich weiß Lieder.“ „Ei! nur um ſo beſſer dann.“ „Ja; aber ſie ſind vielleicht nicht nach Ihrem Geſchmack.“. 5 „Wenn nur Deine Geſänge nicht der Art ſind, um den Teufel zu begraben, ſoll es uns ſchon unter⸗ halten; zu Saint⸗Colombin iſt man nicht difficil. „Ja,“ entgegnete Courtejoie,„ich verſtehe; Sie langweilen ſich?“ „Zum Eckel,“ bemerkte der Sergent. „O! wir verlangen nicht, daß Du wie M. Nourrit ſingſt,“ ſagte ein Pariſer. „Je ſpaßhafter es iſt,“ ſetzte ein anderer Sol⸗ dat hinzu,„deſto beſſer.“ „Da ich Euer Brot gegeſſen, und Euren Wein getrunken,“ ſagte Courtejoie,„habe ich nicht das Recht, es Ihnen abzuſchlagen; aber ich wiederhole es, Sie werden wahrſcheinlich meine Lieder nicht nach Ihrem Geſchmack finden.“ Courtejoie hatte wirklich ſeine Strophe noch nicht geendigt, als auf die Bewegung des Erſtau⸗ nens, das durch ſeine erſten Worte 4„worden war, Rufe der Entrüſtung folgten hatten ſich auf ihn geworfen, und der Sergent ihn mit einem Griff nach der Gurgel auf den Fußboden geworfen. „Ha! Canaille!“ rief er ihm zu,„ich will Dich lehren, mitten unter uns das Lob von Räubern zu ſingen.“ 3 zehn Soldaten eine Rede, in welcher ſicher eines de figen Nebenworte anzubringen ſäumt worden war, hatte ſich rig vor Zorn funkelnd, durch die Angreif brochen, den Unterofficier zurückgeſtoßen und ſich vor ſeinem Genoſſen in ſo drohender Stellung auf⸗ gepflanzt, daß die Soldaten einige Augenblicke ſtumm und unſchlüſſig blieben. „Tödten wir ſie! tödten wir ſie!“ riefen die⸗ ſelben,„es ſind Chouans!“ „Ihr habt von mir ein Lied verlangt; ich habe uch darauf aufmerkſam gemacht, daß die Lieder, die ich wüßte, Euch nicht gefallen könnten,“ rief Courtejoie mit einer Stimme, welche den Tumult beherrſchte.„Ihr hättet nicht darauf beſtehen ſollen. Worüber beklagt Ihr Euch?“ „Wenn Du nur Lieder wie das eben hörten, weißt,“ antwortete der biſt Du ein Rebell und ich verhafte toriſch.“ „Ich weiß die Lieder, welche den Dorfleuten gefallen, von deren Almoſen ich das Leben friſte. Ein armer Krüppel, wie ich, und ein Blödſinniger wie mein Genoſſe können nicht geführlich ſein. Ver⸗ „ welches wir Sergent,„ſo Dich perem⸗ oldaten ent ihn ßboden I Dich äubern Lendet, geläu⸗ t ver⸗ Auge )n ge⸗ d ſich auf⸗ tumm die⸗ habe jeder, rief mult ollen. wir „ſo rem⸗ uten iſte. iger Ver⸗ 37 haftet uns, wenn Ihr wollt, aber ich zweifle, ob die Verhaftung Euch Ehre macht.“ „Es ſei, Ihr ſollt einſtweilen in der Geige ſchlafen. Ihr wart in Verlegenheit wegen eines Nachtlagers, meine hübſchen Burſche, ich will Euch eines geben. Allons! Allons! man ergreife ſie, man ſtecke ſie unverzüglich ein.“ Aber da Trigaud noch in ſeiner drohenden Hal⸗ tung verharrte, beeilte ſich Niemand, den von dem Unteroffizier gegebenen Befehl zu vollziehen. „Und ergebt Ihr Euch nicht auf Gnade und Ungnade,“ ſprach der Sergent weiter,„ſo laſſe ich einige gut geladene Flinten holen, und wir werden ſehen, ob Eure Haut kugelfeſt iſt.“ „Nun, Trigaud, mein Junge,“ ſagte Courtejoie „man muß ſich darein ergeben; überdieß ſei ruhig, unſere Haft wird nicht lang dauern. Für arme Teufel wie wir baut man keine ſo ſchöne Gefäng⸗ niſſe.“ „So laſſe ich mir's gefallen!“ rief der Sergent, ſehr zufrieden mit der friedlichen Wendung, welche der Streit nahm;„man wird Euch durchſuchen, und findet man nichts Verdächtiges bei Euch, ſeid Ihr vernünftig in der Nacht, ſo wird man morgen früh ſehen, Euch wieder in Freiheit zu ſetzen.“ an durchſuchte die beiden Bettler, fand aber nichts als einige Stücke kleiner M künze bei ihnen, was den Sergenten in ſeinen Ideen von Gnade noch befeſtigte. „Eigentlich,“ fuhr er fort, auf Trigaud deutend, niſt dieſer große Tölpel da nicht ſchuldig und ich ſehe nicht ein ſoll.“ „Ohne zu rechnen,“ fiel der Limouſiner ein, „daß wenn ihn gleich ſeinem Großvater Simſon die Luſt anwandelt, an den Mauern zu rütteln, er ſie uns über den Kopf ſtürzen wird.“ „Du haſt Recht, Pinguet,“ ſprach der Sergent, „um ſo mehr, da Du derſelben Meinung mit mir biſt; das wäre eine Verlegenheit, die wir uns ge⸗ meinſchaftlich auf den Hals laden würden. Allons, hinaus, Freund, und ſchnell.“ „O! mein guter Herr, trennen Sie uns nicht,“ rief Courtejoie mit weinerlicher Stimme,„wir kön⸗ nen es nicht ohne einander aushalten; er geht für mich, ich ſehe für ihn.“ „Wahrhaftig,“ ſprach ein Soldat,„das iſt ſchlimmer als mit Verliebten.“ „Nein,“ erwiderte der Sergent Courtejoie,„Du bringſt zur Strafe die Nacht in der Geige zu, und morgen mag der Officier von der Runde entſchei⸗ den, was mit Deinem Rumpf zu thun iſt. Schnell fort!“ Zwei Soldaten traten heran, Courtejoie zu er⸗ greifen; dieſer aber ſprang mit einer Geſchwindig⸗ keit, die man in dieſem unvollſtändigen Körper kaum zu finden erwartet hätte, Trigaud auf die Schultern und dieſer ſchritt unter der Eſcorte der Soldaten ruhig auf den Keller zu. Unterwegs hielt Alain ſeinen Mund an das Ohr ſeines Genoſſen und ſagte einige Worte mit leiſer Stimme zu ihm; Trigaud ſetzte ihn an der Thüre des Kellers nieder, wohin der Sergent den „ warum ich ihn innerlich einſperren perren r. ein, on die er ſie ergent, it mir s ge⸗ llons, nicht,“ kön⸗ zt für 39 Invaliden ſtieß und wo dieſer gleich einer großen Kugel vorwärts rollend, ſeinen Eintritt bewerkſtelligte. Dann führte man Trigaud zur Karrenthüre hinaus und ſchloß ſie hinter ihm zu. Trigaud blieb einige Minuten unbeweglich und betäubt ſtehen, wie wenn er nicht wüßte, was ihm zu thun bliebe; er hatte Anfangs im Sinn, ſich auf die Walze zu ſetzen, wo wir die Soldaten ihre Sieſta halten ſahen, aber die Schildwache machte ihm bemerklich, daß er unmöglich hier bleiben könne, und der Bettler entfernte ſich in der Richtung nach dem Flecken Saint⸗Colombin. LVI. Ein Traum, nahe daran, zur Wirklichkeit zu werden. Ungefähr zwei Stunden nach den eben erzählten Ereigniſſen hörte die Schildwache des kleinen Poſtens einen Karren, der aus dem Innern des Landes heraufkam. Ihrer Ordre gemäß rief ſie:„Wer da!“ und als der Karren nur noch wenig entfernt war, gebot ſie ihm, zu halten. Der Karren oder vielmehr der Karrenfuhrmann gehorchte. Der Corporal und vier Soldaten kamen vom Poſten herbei, um Kärrner und Karren in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Der Karren war ein ehrliches mit Heu belade⸗ nes Fuhrwerk, das allen denen glich, welche am Abend die Straße von Nantes paſſirt hatten; ein einziger Mann führte denſelben; er erklärte, er wolle dieſes Heu ſeinem Eigenthümer nach Saint⸗ Philibert bringen, und fügte bei, er habe die Nacht hiezu gewählt, um die jetzt im Jahre koſtbare Zeit zu ſparen, und der Unterofficier befahl, ihn ziehen zu laſſen. Aber dieſe gute Abſicht ſchien für den armen Mann völlig verloren. Sein Karren, mit einem Pferd beſpannt, hatte an dem ſteilſten Punkt der Anhöhe Halt, gemacht, und ſo ſehr ſich Pferd und Kärrner anſtrengten, war es dem Fuhrwerk unmög⸗ lich, einen Schritt vorwärts zu thun. „Iſt das auch vernünftig,“ ſprach der Corporal, „ein armes Thier ſo zu überladen! Ihr ſeht wohl, daß Euer Pferd zweimal ſo viel hat, als es ver⸗ tragen kann.“ „Wie Schade,“ ſagte ein Anderer,„daß der Sergent den ungeſchlachten Stier, den wir eben bei uns hatten, vor die Thüre geſetzt hat! Wir hätten ihn neben ſein Pferd geſpannt und er hätte ſtolz angezogen.“ „Ol es iſt noch die Frage, ob er ſich gutwillig hätte anſpannen laſſen,“ bemerkte ein Anderer. Hätte der, welcher dieſe Worte ausſprach, ſehen können, was hinter dem Karren vorging, es wäre ihm ſogleich begreiflich geworden, daß Trigaud ſich nicht hätte anſpannen laſſen, wenn dieß in der Ab⸗ ſicht geſchehen wäre, vorwärts zu ziehen. Ueberdieß hätte er ſich Rechenſchaft gegeben von der Schwierigkeit, welche das Pferd hatte, den Wa⸗ gen von der Stelle zu bringen, denn dieſe Schwie⸗ rigkeit war größtentheils dem Bettler zuzuſchreiben, welcher, übrigens völlig verloren in der Finſterniß, 41 die hölzerne Stange, welche die Ladung niederhielt, ergriffen hatte und hinten übergeneigt mit einem Erfolg, der alle am Abend errungenen weit über⸗ traf, ſeine Kraft der des Pferdes entgegen ſtellte. „Wollt Ihr, daß wir ein wenig Hand anlegen?“ fragte der Corporal. „Wartet, bis ich es noch einmal verſuche,“ ant⸗ wortete der Bauer, der ſeinem Fuhrwerk eine ſchiefe Richtung gegeben hatte, um die Steilheit des Abhangs etwas zu vermindern, und ſein Pferd am Zügel faſſend, ſich anſchickte, einen Verſuch zu ma⸗ chen, der ihn von dem eben gemachten Vorwurf frei ſprach. Er peitſchte ſein Pferd kräftig, indem er es mit Stimme und Trenſe antrieb; die Soldaten verei⸗ nigten ihre Aufmunterung mit der ſeinigen; das Pferd ſtreckte alle Viere ſteif aus, indem es Tau⸗ ſende von Funken aus den Kieſeln der Straße ſchlug, dann ſtürzte es plötzlich, und in demſelben Augenblick neigte ſich, als ob die Räder auf irgend ein Hinderniß geſtoßen wären, der Karren auf die linke Seite und fiel längs des Gebäudes um. Die Soldaten ſprangen vor und eilten das Pferd aus dem Geſchirr loszumachen; die Folge dieſes Eifers war, daß ſie Trigaud nicht bemerkten, der ohne Zweifel befriedigt von einem Reſultat, zu dem er dadurch, daß er unter den Wagen ſchlüpfte, ihn mit ſeinen herkuliſchen Schultern in die Höhe hob, und dadurch aus ſeinem Schwerpunkt brachte, mäch⸗ tig beigetragen hatte, ſich ruhig zurück zog und hinter einer Hecke verſchwand. „Sollen wir Dir helfen, Deinen Karren wieder aufzurichten?“ fragte der Corporal den Bauern; „nur mußt Du noch ein Vorſpannpferd holen.“ „Ah! meiner Treu, nein,“ ſagte der Kärrner, „morgen iſt auch ein Tag, der gute Gott will nicht, daß ich weiter fahre; man darf ſeinem Willen ſich nicht widerſetzen.“ Mit dieſen Worten warf der Bauer die Stränge dem Pferd über das Kreuz, ſchob den Sattel zurück, ſtieg auf und entfernte ſich, nachdem er den Solda⸗ ten gute Nacht gewünſcht hatte. Zweihundert Schritte von der Wachſtube ſtieß Trigaud wieder zu ihm. „Nun!“ fragte der Bauer,„habe ich's recht ge⸗ macht? Biſt Du zufrieden?“ „Ja,“ antwortete Trigaud,„ganz ſo, wie es Alain Courtejoie geboten hat.“ „Gut Glück! Jetzt will ich das Pferd dahin zurückbringen, wo ich es genommen habe; es iſt bequemer, als den Karren; aber wenn der Karren⸗ fuhrmann morgen aufwacht und ſein Heu ſucht, wird er nicht wenig erſtaunt ſein, es da oben zu finden.“ „Wohl! Du wirſt ihm erzählen, daß es für die gute Sache geſchah,“ bemerkte Trigaud,„und da wird er nichts ſagen.“ Die beiden Männer trennten ſich. Trigaud ging aber nicht weit; er ſtrich in der Umgebung herum, bis er in Saint⸗Colombin elf Uhr ſchlagen hörte; dann ſtieg er wieder gegen den Poſten hinan, mit ſeinen Holzſchuhen in der Hand und ohne irgend ein Geräuſch zu machen; maskirt durch die Schildwache, die er auf und abge⸗ uern; 44 erner, nicht, n ſich ränge urück, bolda⸗ ſtieß ht ge⸗ ie es dahin es iſt arren⸗ ſucht, en zu ür die nd da in der in elf gegen n der achen; abge⸗ 43 hen hörte, konnte er bis an das Luftloch des Ge⸗ fängniſſes gelangen; einmal da, zog er leiſe das Heu von dem Fuhrwerk heran, breitete es auf dem Boden aus, ſo daß es ein ſehr dickes Lager bildete, ließ dann ſachte den Mühlſtein, welcher das Luft⸗ loch verſchloß, darauf ſinken, bückte ſich zu der Oeff⸗ nung herab, zerbrach die Planken, welche ſie innen verſperrten, zog Courtejoie, den Michel von hinten nachſchob, an ſich, that dem jungen Baron den gleichen Dienſt, indem er ihm die Hände reichte, ſetzte hernach beide auf ſeine Schultern und ent⸗ fernte ſich, noch immer barfuß, trotz ſeiner Corpu⸗ lenz und der doppelten Laſt, die er ſich aufgeladen hatte, von dem Poſten, ohne mehr Geräuſch zu machen, als eine Katze, welche über einen Teppich geht. Als Trigaud ungefähr fünfhundert Schritte ge⸗ macht hatte, hielt er an, nicht weil er müde war, ſondern weil es Michel alſo wollte. Michel ließ ſich auf den Boden gleiten und zog, in ſeiner Taſche ſuchend, eine Hand voll Münze, mit Goldſtücken darunter, hervor, welche er in die große Hand Trigauds legte. Trigaud machte Miene, das eben Empfangene in eine Taſche zu ſtecken, noch zweimal größer, als die Hand, welche ihm als Recipient gedient hatte. Aber Alain hielt ihn zurück. „Gib das dem Herrn zurück,“ ſprach er,„wir dürfen nicht mit zwei Händen nehmen.“ „Wie ſo, mit zwei Händen?“ fragte Michel. „Ja; wir haben Sie uns perſönlich nicht ſo ſehr verpflichtet, als Sie vielleicht vermuthen,“ ant⸗ wortete Courtejoie. N... mel „Ich begreife Euch nicht, mein Freund.“ ver „Mein junger Herr,“ fuhr der Krüppel fort, kan gjetzt, da wir außen ſind, kann ich Ihnen wohl ge⸗ Ih ſtehen, daß ich ſo eben ein wenig gelogen habe, als 8 ich Ihnen ſagte, ich habe mich zu dem alleinigen Zweck hinter Schloß und Riegel ſetzen laſſen, Ihnen 5.. gel herauszuhelfen; aber ich mußte wohl von Ihnen ber ein wenig Beiſtand erhalten; ohne dieß wäre mir geſ es unmöglich geweſen, mich bis zum Luftloch auf⸗ Log zuhiſſen und Sie hinter mir herauszulaſſen. Aber re jetzt, da ſich, Dank Ihrem guten Willen und der inr Fauſt meines Freundes Trigaud, unſere Flucht nich ohne Hinderniß gemacht hat, muß ich Ihnen geſte⸗ taig hen, daß Sie Ihre Gefangenſchaft nur gegen eine gar andere vertauſcht haben.“ La „Was bedeutet das?“ wil „Das bedeutet, daß Sie eben in einem feuchten und ungeſunden Arreſt waren, und jetzt ſich mitten beit Jauf den Feldern in einer heitern und ruhigen häl Nacht beſinden, aber darum nicht weniger in Ge⸗ fangenſchaft ſind.“ Wi „In Gefangenſchaft?“ gau „Oder wenigſtens Gefangener.“ mer „Gefangener von wem?“ Sie „Von mir wohl.“ mie „Von Euch!“ rief Michel lachend. abe „Ja, auf eine Viertelſtunde. Ah! Sie haben mas gut lachen, Gefangener, bis ich Sie den Händen, cher von welchen Sie reclamirt werden, überliefert habe.“ gie „Und welches ſind dieſe Hände?“ ant⸗ fort, l ge⸗ , als nigen hnen hnen mir auf⸗ Aber d der Flucht geſte⸗ eine ichten nitten higen Ge⸗ aben nden, abe.“ 45 „Ah! Sie können dieſelben alsbald ſelbſt fra⸗ gen; ich entledige mich meines Auftrags, nichts mehr und nichts weniger, Sie brauchen nicht zu verzweifeln; das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann; man könnte viel ſchlimmer fallen, als es bei Ihnen geſchehen iſt.“ „Aber, kurz...“ „Nun, mit Bezug auf die Dienſte, welche mir geleiſtet worden ſind und unter reichlicher Bezah⸗ lung meines armen Teufels Trigaud hat man mir geſagt: Befreit den Herrn Baron Michel de La Logerie und bringt ihn zu mir;“ ich habe Sie be⸗ freit, Herr Baron und bringe Sie zu...“ „Hört,“ ſprach der junge Mann, der durchaus nichts von dem, was der Schenkwirth von Mon⸗ taigu ihm ſagte, begriff,„dießmal iſt hier meine ganze Börſe; nur bringt mich auf den Weg nach La Logerie, wohin ich dieſen Abend zurückkehren will und empfangt meinen Dank.“ Michel war auf den Gedanken gerathen, ſeine beiden Befreier hätten die Belohnung nicht im Ver⸗ hältniß zu dem ihm geleiſteten Dienſt gefunden. „Mein Herr,“ antwortete Courtejoie mit aller Würde, deren er fähig war,„mein Gevatter Tri⸗ gaud kann von Ihnen dieſe Belohnung nicht anneh⸗ men, weil er gerade für das Gegentheil deſſen, was Sie von ihm verlangen, bezahlt worden iſt; was mich betrifft, ſo weiß ich nicht, ob Sie mich kennen, aber in jedem Fall will ich mich Ihnen kenntlich machen: ich bin ein ehrlicher Geſchäftsmann, wel⸗ chen einige Meinungsverſchiedenheiten mit der Re⸗ gierung genöthigt haben, ſein Etabliſſement zu ver⸗ — — Aeußeres iſt, ſo mögen Sie wiſſen, daß ich Dienſte leiſte, aber ſie nicht verkaufe.“ „Aber wohin zum Teufel wollt Ihr mich füh⸗ ren?“ fragte Michel, der weit entfernt war, von Seiten ſeines Gegenredners ſo viel Empfindlichkeit zu erwarten. „Wollen Sie uns folgen, und vor einer Stunde, verſpreche ich Ihnen, werden Sie es erfahren.“ „Euch folgen? wenn Ihr mir erklärt, daß ich Euer Gefangener bin; ach ja wohl! das wäre zu gutwillig von meiner Seite; darauf rechnet nicht!“ Courtejoie gab keine Antwort; aber ein einzi⸗ ger Blick reichte hin, Trigaud anzudeuten, was er gethan wiſſen wollte; und kaum hatte der junge Mann ſeine Rede vollendet und einen Schritt vor⸗ wärts gethan, als der Bettler, ſeinen Arm gleich einem Hacken ausſtreckend, ihn am Kragen faßte. Er wollte ſchreien, indem er es vorzog, der Gefangene der Soldaten, als Trigauds zu ſein; aber mit der ihm frei bleibenden Hand verſicherte ſich der Bettler ſeines Geſichts beſſer, als es die berüchtigte Würgbirne“) des Herrn von Vendöme vermocht hätte, und ſie machten ſo ſechs bis ſieben hundert Schritte über die Felder mit der Geſchwin⸗ digkeit von Rennpferden; denn Michel ſtreifte, halb in der Luft ſchwebend und von dem ausgeſtreckten Arm des Coloſſes gehalten, den Boden nur mit der Spitze ſeiner Füße. „Genug, Trigaud,“ ſprach Courtejoie, der ſei⸗ *) b. h. Knebel. A. d. U. laſſen; aber ſo elend auch dieſen Augenblick mein mein dienſte füh⸗ von ichkeit unde, ß ich re zu icht!“ einzi⸗ 1s er 47 nen Platz auf den Schultern des Bettlers wieder eingenommen hatte, welchen dieſe doppelte Laſt auf keinerlei Weiſe in Anſpruch zu nehmen ſchien;„dem jungen Baron muß jetzt die Idee, nach La Logerie zurückzukehren, hinlänglich vergangen ſein; man hat uns denſelben überdieß zu gut empfohlen, als daß wir die Waare Haverei erleiden ließen.“ Dann ſich an den jungen Baron in dem Augen⸗ blick, da Trigaud Halt machte, wendend, fragte er den halb erſtickten Michel: „Wir wollen ſehen, ſind Sie jetzt vernünftig?“ „Ihr ſeid die Stärkeren; ich habe keine Waf⸗ fen,“ antwortete der junge Mann,„ich muß mich wohl darein ergeben, Eure ſchlechte Behandlung zu ertragen.“. „Schlechte Behandlung; o! ſprechen Sie dieſe Worte nicht aus, denn ich würde an Ihre Ehre appelliren und Sie bitten zu erklären, ob es nicht wahr iſt, daß Sie ſowohl in dem Kerker der Blauen, als unterwegs mir unaufhörlich geſagt haben, Sie wollen nach La Logerie zurückkehren, und durch dieſe Hartnäckigkeit mich zwangen, Gewalt anzu⸗ wenden.“ „Wohlan! nennt mir jetzt wenigſtens die Per⸗ ſon, welche Euch den Auftrag gegeben hat, ſich mei⸗ ner zu bemächtigen und mich zu ihr zu bringen.“ „Das iſt mir beſtimmt verboten,“ antwortete Alain Courtejoie;„aber ich kann Ihnen, ohne die empfangene Ordre zu überſchreiten, ſo viel ſagen, daß dieſe Perſon ganz und gar zu ihren Freunden Vehört.“ Ein tödtlicher Schauer ging durch Michels Herz. ——nͤnͤſſſſn Er dachte an Bertha. 3 S Der arme Burſche meinte, Mademoiſelle de Sou⸗ day habe den Brief erhalten, die beleidigte Wölfin erwarte ihn, und ſo peinlich die Erklärung, welche aus dieſer Zwieſprache erfolgen müßte, für ihn war, ſo fühlte er doch, daß das Zartgefühl ihr nicht aus⸗ weichen konnte. „Wohl,“ ſagte er,„ich weiß, wer mich erwartet.“ „Sie wiſſen es?“ „Ja; es iſt Mademoiſelle von Souday.“ Alain Courtejoie gab keine Antwort, aber er ſchaute Trigaud mit einer Miene an, welche ſagen wollte: „Er hat es meiner Treu errathen.“ Michel war überraſcht und verſtand dieſen Blick. „Gehen wir alſo weiter,“ ſprach er. „Und Sie werden keinen Verſuch machen, ſich zu retten?“ „Nein.“ „Auf Ehrenwort?“ „Auf Ehrenwort.“ „Wohlan! Da Sie vernünftig ſind, wollen wir Ihnen die Mittel verſchaffen, daß Sie ſich nicht an dieſen Brombeerſtauden die Füße zerreißen und ſie nicht in dieſem Lehmboden ſtecken laſſen, der uns Siebenpfundſtiefel macht.“ Michel hatte bald die Erklärung dieſer Worte; denn nachdem Trigaud die Straße, an deren Rand ſie ſich befanden, überſchritten hatte, waren ſie noch nicht hundert Schritte in dem an dieſe Straße gren⸗ zenden Wald vorgerückt, als der junge Baron das Wiehern eines Pferdes hörte. Sou⸗ zölfin belche war, aus⸗ rtet.“ r er agen Blick. ſich wir t an d ſie uns rie; tand noch ren⸗ das 49 „Mein Pferd!“ rief Michel, ohne nur zu verſu⸗ chen, ſein Erſtaunen zu verbergen. „Glauben Sie denn, wir haben Ihnen daſſelbe geſtohlen?“ fragte Courtejoie. „Aber wie kommt es dann, daß ich Euch nicht wieder an der Stelle fand, wo ich es Euch anver⸗ traut hatte?“ „Wohlan! ich will es Ihnen ſagen,“ antwortete Alain;„wir ſahen Leute um uns herum ſtreichen, welche uns mit einem Intereſſe betrachteten, das uns allzu tief ſchien, als daß es uns nicht beunru⸗ higte; und meiner Treu, da die Neugierigen nicht nach meinem Geſchmack waren, und die Stunden vergingen, ohne daß wir Sie zurückkehren ſahen, ſo entſchloſſen wir uns, Ihr Thier nach Banloeuvre zurück zu führen, wohin Sie, wie wir vermutheten, heimkehren wollten, wären Sie nicht verhaftet wor⸗ den, und auf der Straße haben wir geſehen, daß Sie es noch... nicht waren.“ „Noch nicht?“— „Ja, aber es dauerte nicht mehr lang bis dahin.“ „Ihr waret alſo in meiner Nähe, als die Gen⸗ darmen mich arretirten?“ „Mein junger Herr,“ antwortete Alain Courte⸗ joie mit ſeiner poſſenhaft ſpöttiſchen Miene,„Sie müſſen wahrhaftig ſehr unerfahren ſein, um über Ihre Angelegenheiten träumeriſch nachzudenken, wenn Sie ſich auf der Landſtraße befinden, ſtatt um ſich zu ſchauen, wer geht, wer kommt, wer vorbei mar⸗ ſchirt; ſchon zehn Minuten zuvor hätten Sie den Trott der Pferde jener Herren hören ſollen, weil Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 4 wir ihn gut hörten; und nichts war leichter für Sie, als ſich in den Wald zu werfen, wie wir ge⸗ than haben.“ 4 Aber Michel nahm ſich wohl in Acht, das ſich zurück zu rufen, was ſeine Gedanken ſo völlig in dem Augenblick, an welchen Alain Courtejoie ihn erinnerte, in Anſpruch genommen hatte; er begnügte ſich alſo, beim Andenken an alle ſeine Schmerzen einen tiefen Seufzer auszuſtoßen und ſein Pferd zu beſteigen, das Trigaud losgebunden hatte und ihm links vorführte, während Courtejoie dieſem begreif⸗ lich zu machen ſuchte, wie man es anſtellen müſſe, um auf eine ſchickliche Weiſe den Steigbügel zu halten. Dann begaben ſie ſich wieder auf die Straße, und der Bettler, ſeine Hand auf den Sattelknopf ſtützend, hielt vollkommen den Gang ein, welchen Michel das letztere nehmen ließ. Eine halbe Meile von da bogen ſie in einen Querpfad ein und es kam Michel vor, als wäre ihm trotz der Finſterniß nach einer gewiſſen Form, welche die ſchwarze Baummaſſe annahm, dieſer Fuß⸗ pfad bekannt. Bald langte man an einem Kreuzweg an, bei deſſen Anblick der junge Mann zuſammenfuhr; er hatte denſelben an dem Abend überſchritten, da er zum erſten Mal Bertha zurück geleitete. Im Augenblick, da die Wanderer, nachdem ſie über den Kreuzweg hinaus waren, den Fußpfad einſchlugen, der zu Tinguy's Hütte führte, in wel⸗ cher man trotz der vorgerückten Stunde der Nacht ein Licht ſchimmern ſah, kam ein leiſer Signalruf r für r ge⸗ ſich ig in ihn nügte erzen d zu ihm greif⸗ lüſſe, l zu raße, nopf lchen einen wäre orm, Fuß⸗ bei ;er a er ſie pfad wel⸗ acht lruf 51 hinter der Gartenhecke hervor, die am Wege ſich hinzog. Courtejoie antwortete ſogleich. „Seid Ihr es, Meiſter Courtejoie?“ fragte eine Frauenſtimme, während gleichzeitig eine weiße Ge⸗ ſtalt über der Hecke erſchien. „Ja; aber wer ſeid Ihr ſelbſt?“ „Roſine, Tinguy's Tochter; entſinnt Ihr Euch meiner nicht mehr?“ „Roſine,“ rief Michel, den die Gegenwart des Mädchens in ſeiner Vorſtellung, er werde von Ber⸗ tha erwartet, beſtärkte. Courtejoie ließ ſich mit der Gewandtheit eines Affen an Trigauds Körper heruntergleiten und wandte ſich nach dem Zaun mit einer Bewegung, welche viel Aehnlichkeit mit der einer hüpfenden Kröte hatte, während Trigaud zur Bewachung Mi⸗ chels zurückblieb. „Wahrhaftig, Kleine,“ ſprach Courtejoie,„die Nacht iſt ſo ſchwarz, daß man gern Weiß für Grau nehmen möchte; aber,“ fuhr er mit geſenkter Stimme fort,„warum biſt Du nicht zu Hauſe, wohin man uns beſtellt hat?“ „Weil Leute daſelbſt ſind und Ihr Herrn Michel nicht dahin führen könnet.“ „Leute! Ah ſo! die verdammten Blauen haben alſo überall hin Garniſon gelegt?“ „Es ſind keine Soldaten, die ſich in unſerem Hauſe befinden; es iſt Jean Oullier, der den Tag damit zugebracht hat, im Lande herumzulaufen, und jetzt mit Leuten von Montaigu daſelbſt verweilt.“ „Was thun ſie dort?“ 4* „Sie ſchwatzen; ſucht ſie auf und Ihr könnt Eins mit ihnen trinken und Euch ein Bischen wärmen.“ „Nun ja! aber unſer junger Herr, was ſollen wir mit ihm machen, meine Schöne?“ „Ihr überlaßt ihn mir; iſt es nicht ſo ausge⸗ macht, Meiſter Courtejoie?“ „Wir ſollten ihn in Dein Haus bringen; ja, da hätte man zum Glück einen Winkel im Keller oder auf dem Speicher gefunden, um ihn einzu⸗ ſperren, und dieß um ſo leichter, da er nicht bos⸗ haft iſt, mein Gott; aber auf freiem Feld riskiren wir ſehr, ihn zu verlieren; er iſt ſchlüpfrig wie ein „So,“ ſagte Roſine, das Lächeln verſuchend, welches ſeit dem Tod ihres Vaters und Bruders einen ſo traurigen Schein auf ihre Lippen warf, „glaubt Ihr, daß er mehr Umſtände machen wird, einem hübſchen Mädchen, als zwei alten Burſchen, wie Ihr, zu folgen?“ „Und wenn der Gefangene ſeinen Wächter ent⸗ führt?“ fragte Courtejoie. „O, beunruhigt Euch deßhalb nicht; ich habe gute Füße, gute Augen und das Herz auf dem rech⸗ ten Fleck. Ueberdieß iſt Baron Michel mein Milch⸗ bruder; wir kennen uns von alter Zeit her. Und dann kurz, was hat man Euch geſagt zu thun?“ „Ihn zu befreien, wenn wir könnten, und wohl oder übel nach Deines Vaters Hauſe zu bringen, wo wir Dich finden würden.“ „Wohlan! da bin ich! das Haus iſt vor Euch önnt chen llen* 53 und der Vogel iſt außer dem Käfig. Das iſt Alles, was man von Cuch wollte, geſteht es.“ „Wahrlich! ich glaube ſo.“ „Alſo dann, gute Nacht!“ „Sag' doch, Roſine, ſollten wir nicht zu größe⸗ rer Sicherheit einen Faden an ſeine Pfote knüpfen,“ ſprach Courtejoie ſpottend. 3 „Danke, danke, Courtejoie,“ ſagte Roſine, ſich nach der Seite wendend, wo Michel wartete,„be⸗ müht Euch, einen an Eure Zunge zu legen.“ Michel hatte trotz der Entfernung, in welcher er während des Zwiegeſprächs blieb, den Namen Ro⸗ ſine unterſchieden, und wie bereits geſagt worden, das Einverſtändniß, das zwiſchen ſeinen beiden Be⸗ freiern beſtand, die nachträglich ſeine beiden Wäch⸗ ter geworden waren, erkannt. Er beſtärkte ſich alſo nur noch mehr in der Vor⸗ ſtellung, daß es Bertha ſei, welcher er ſeine Befrei⸗ ung verdanke. Das Verfahren Courtejoie’s, der Schein von Gewalt, deren er ſich gegen ihn durch Vermittlung von Trigaud bedient hatte, das Geheimniß, womit der Schenkwirth den Grund und die Urſache ſeiner Ergebenheit gegen einen Mann, den er kaum kannte, umgab, dieß alles paßte vortrefflich zu der Erbitte⸗ rung, welche ſeiner Vorausſetzung zufolge der von ihm an den Notar Loriot übergebene Brief in dem reizbaren und heftigen Herzen des Mädchens hatte erzeugen müſſen. „So iſt's recht,“ ſagte Roſint,„Sie ſind nicht wie der garſtige Courtejoie, der mich mit aller Ge⸗ 54 walt nicht erkennen wollte; Sie erkennen mich ſo⸗ gleich, nicht wahr, Herr Michel?“ 3 „Ja, gewiß. Und nun, ſage mir, Roſine.“ „Was?“ „Wo iſt Mademoiſelle Bertha?“ „Mademoiſelle Bertha?“ „Ja.“ „Ich weiß es nicht,“ ſprach Roſine mit einer Einfalt, welche Michel ſogleich ihrem wahren Werth 3 nach zu ſchätzen wußte. „Wie? Du weißt es nicht?“ wiederholte der junge Mann. b „Nun, ſie iſt zu Souday, glaube ich.“ „Du weißt es nicht? Du glaubſt es?“ „Wahrhaftig!“ „Du haſt ſie alſo heute nicht geſehen?“ „Was das betrifft, nein, Herr Michel; ich weiß nur, daß ſie heute mit dem Herrn Marquis nach Schloß Souday gehen mußte; ich war dieſe Zeit zu Nantes.“ „Zu Nantes!“ rief der junge Mannz„Du biſt heute in Nantes geweſen?“ „Gewiß, ja.“ „Und um welche Stunde warſt Du daſelbſt, Roſine?“ „Es ſchlug neun Uhr Morgens, als wir über den Pont Rouſſeau gingen.“ „Du ſagſt, wir?“ „Allerdings.“ 4 „Du warſt alſo nicht allein?“ „Nein, weil ich Mademoiſelle Mary dahin be⸗ be⸗ 5⁵ gleitete; aber das hat die Reiſe aufgehalten, weil man mich vom Schloß holen laſſen mußte.“ „Aber wo iſt ſie, Mademoiſelle Mary?“ „Jetzt?“ 44 „Ja. „Auf dem Eilande la Jonchdre, wohin ich Sie jetzt zu ihr führe. Aber wie ſonderbar, daß Sie ſo reden, Herr Michel.“ „Du ſollſt mich zu ihr führen,“ rief der junge Mann auf dem Gipfel der Freude:„ſo komm doch ſchnell, komm' doch ſchnell, meine kleine Roſine.“ „So! Und dieſer alte Narr Courteſoie ſagte, ich werde große Mühe damit haben, Sie zu führen. Sind dieſe Leute denn ſo gar dumm?“ „Roſine, mein Kind, ins Himmels Namen, ver⸗ lieren wir keine Zeit.“ „Ich wünſche nichts lebhafter, aber um ſchneller zu gehen, müſſen Sie mich auf das Kreuz nehmen.“ „Ich glaube wohl,“ ſagte Michel, deſſen Herz bei dem bloßen Gedanken, Mary wieder zu ſehen, in einer Minute allem eiferſüchtigen Verdacht völlig entſagt hatte, und der außer ſich war bei der Vor⸗ ſtellung, daß die, welche er liebte, ſich bisher ſo thätig mit ſeiner Wohlfahrt beſchäftigt hatte,„komm, komm doch!“ „Da bin ich, geben Sie mir die Hand,“ ſagte Roſine, ihren Holzſchuh auf den Fuß des jungen Mannes ſetzend. Und einen Sprung machend, fügte ſie, auf dem Mantelſack Platz nehmend, hinzu: „Da, hier bin ich! jetzt halten Sie rechts.“ Der junge Mann gehorchte, ohne ſich weiter um 56 Trigaud und Courte gar nicht exiſtirten.“ 3 Seit einem Augenblick gab es für ihn nichts auf der Welt, als Mary. Man machte einige Schritte. „Aber,“ fragte der junge Baron, der jetzt, da man unterwegs war, nichts Beſſeres wünſchte, als zu ſchwatzen und hauptſächlich von Mary zu ſchwatzen, „wie hat Mademoiſelle denn gewußt, daß ich dieſen orgen von den Gendarmen verhaftet wurde?“ „Ah! wahrhaftig! da muß ich Ihnen weiter ausholen, Herr Michel.“ „Hole aus, ſo weit Du willſt, meine gute Ro⸗ ſine, aber rede; ich brenne vor Ungeduld. Ah! wie gut iſt es doch, in Freiheit zu ſein,“ rief der junge ann,„und zu Mademoiſelle Mary zu gehen!“ „Ich muß Ihnen alſo ſagen, Herr Michel, daß dieſen Morgen Mademoiſelle Mary mit Tagesan⸗ bruch von Souday angekommen war; ſie hatte von mir meinen Sonntags⸗Morgenanzug entlehnt und zu mir geſagt:„Roſine, Du wirſt mich begleiten.“ „Weiter, Roſine, weiter, ich höre.“ „Dann ſind wir ſo, mit Eiern in unſern Kör⸗ ben, wie wahrhafte Bäuerinnen nach gangen, und während ich meine Eier Mademoiſelle ihre Commi „Und was waren dieſe Commiſſionen, Roſine?“ fragte Michel, vor deſſen Augen das Geſicht des Geſpenſt vorüberzog. „Ah! wirklich, Herr Michel, das weiß ich t.“ joie zu bekümmern, als ob ſie nich * 57 Und ohne ſich bei dem Seufzer aufzuhalten, wo⸗ mit Michel ihr antwortete, fuhr ſie fort: „Dann hatte man, da Mademoiſelle allzu er⸗ müdet war, Herrn Loriot, den Notar von Légé gebeten, uns in ſeinem Cariol mitzunehmen. Wir hielten unterwegs an, um dem Pferde Hafer zu ge⸗ ben, und während der Notar mit dem Wirth über den Preis von Victualien ſprach, waren wir in den Garten gegangen, weil alle Bauern Mademoiſelle mit den Augen verſchlangen, die in der That für eine Bäuerin zu ſchön war. Hier begann ſie einen Brief zu leſen, der ihr heiße Thränen entlockte.“ „Einen Brief?“ fragte Michel. „Ja, einen Brief, den Herr Loriot unterwegs ihr übergeben hatte.“ „Meinen Brief?“ rief Michel;„ſie hat meinen Brief an ihre Schweſter geleſen. Ol...“ Und er hielt ſein Pferd plötzlich an, denn er wußte nicht, ſollte er ſich darüber erfreuen oder er⸗ ſchrecken. „Ei! was machen Sie denn?“ fragte Roſine, welche die Urſache dieſer Zögerung nicht begriff. „Nichts, nichts,“ antwortete Michel, indem er den Zügel dem Pferd überließ, das wieder den Trott anſchlug. Als das Pferd ſich wieder in Lauf ſetzte, nahm Roſine ihre Erzählung wieder auf. „Sie weinte alſo über dieſen Brief, als man uns plötzlich von der andern Seite der Hecke zu⸗ rief: es waren Courtejoie und Trigaud; ſie erzähl⸗ ten uns Ihr Abenteuer. Sie fragten Mademoi⸗ ſelle, was ſie mit Ihrem Pferd, das Sie ihnen ge⸗ 58 laſſen, anfangen ſollten. Armes Fräulein! das war jetzt noch ſchlimmer, als mit dem Leſen; ſie gerieth darüber in völlige Beſtürzung und ſagte Dieß und Jenes zu Courtejoie, der im Uebrigen ſo große Verpflichtungen gegen den Herrn Marquis hatte, daß er ſich zu dem Verſuch entſchloß, Sie aus den Händen der Soldaten zu reißen. Das iſt eine ſtolze Freundin, die Sie da haben, Herr Michel.“ Michel lauſchte voll Entzücken, er kannte ſich nicht vor Freude und Glück; er hätte jede Sylbe von Roſinens Bericht mit einem Goldſtück bezahlt. Er fand allmälig, daß ſein Pferd ſehr langſam ging. Er hatte einen Zweig von einer Haſelnuß⸗ ſtaude abgebrochen und beſchäftigte ſich, während er dem Mädchen zuhörte, damit, ihr Reitthier in einen Gang zu ſetzen, der mit den Bewegungen ſeines Herzens im Verhältniß ſtand. „Aber,“ fragte. Michel,„warum haſt Du mich nicht in Deines Vaters Hauſe erwartet?“ „Es war auch unſere Abſicht ſo, Herr Baron, und wir hatten uns hier abſetzen laſſen, indem wir ſagten, wir wollen zu Fuß nach Souday gehen; ſie hatte Courtejoie dringend anbefohlen, Sie dahin zu führen und nicht nach Banloeuvre gehen zu laſſen, ehe Sie mich geſehen hätten; aber es war lauter Unſtern; unſer Haus, ſo einſam ſeit meines armen Vaters Tode, war den ganzen Abend voll gleich einer Schenke; zuerſt waren der Marquis da und Mademoiſelle Bertha, die ſich auf dem Wege nach Souday daſelbſt aufhielten; hernach Jean Oullier, der die Häupter des Kirchſpiels daſelbſt verſammelte. So bat mich denn bei einbrechender —2 ̈‿ ☚ 8 1O S 1—— — „—= 8+— N————.— 8e 2——ℳõs— 59 Nacht Mademoiſelle Mary, welche ſich auf dem Speicher verborgen hatte, ſie an einen Ort zu füh⸗ ren, wo ſie ohne Zeugen mit Ihnen ſprechen könnte, wenn Courtejoie Sie befreite. Aber da ſind wir gerade gegenüber von der Mühle von Saint⸗Phili⸗ bert und werden bald das Waſſer von Grandlieu ſehen.“ Dieſe Andeutung, welche von Roſine Michel ge⸗ macht wurde und ihm verrieth, daß ſie ſich dem Ort näherten, wo Mary ſie erwartete, koſtete dem Pferd einen Hieb mit der Gerte, der noch ſtärker als die vorangehenden ausgeprägt war. Es wurde Michel klar, daß die Entwicklung der Lage, worin er ſich befand, für ihn bevorſtände. Mary kannte ſeine Liebe zu ihr; ſie wußte, daß dieſe Liebe mäch⸗ tig genug geweſen war, um den jungen Mann zu beſtimmen, die ihm angebotene Verbindung abzu⸗ lehnen; ſie war nicht ungehalten darüber, weil das Intereſſe, das ſie an ihm nahm, ſo weit ging, ihm einen ſo auffallenden Dienſt zu leiſten und zu die⸗ ſem Zweck ſelbſt ihren Ruf zu compromittiren. So furchtſam, ſo zurückhaltend, ſo anſpruchslos Michel auch war, ſo ſetzten ſich doch ſeine Hoffnungen ins Gleichgewicht mit den Beweiſen von Zuneigung, welche ihm von Mary zuzukommen ſchienen. Er hielt es für unmöglich, daß das Mädchen, welches der öffentlichen Meinung, dem Grimm ſeines Va⸗ ters, den Vorwürfen ſeiner Schweſter Trotz bot, um das Wohl eines Mannes zu ſichern, deſſen Liebe und Hoffnungen es kannte, ſich gegen das Verlan⸗ gen dieſer Liebe und die Verwirklichung dieſer Hoff⸗ nungen ſträuben würde. 60 Er ſah ſeine Zukunft in einem wolkigen Me⸗ dium, aber mit roſenfarbigen Wolken, als ſein Pferd den Hügel hinabzuſteigen anfing, welcher im Südoſten den See von Grandlieu begrenzt, deſſen Oberfläche er gleich einem Spiegel von geglänztem Stahl düſter ſchimmern ſah. „Sind wir an Ort und Stelle?“ fragte er Roſine. „Ja,“ antwortete dieſe, indem ſie ſich von dem Pferd herabgleiten ließ, n„und jetzt folgen Sie mir.“ Michel ſtieg gleichfalls ab; beide traten in das Weidengebüſch, wo Michel ſein Pferd an einen Weidenſtamm band; dann marſchirten ſie noch hun⸗ dert Schritte durch das Dickicht bienſamer Zweige und befanden ſich am Rande einer Art von Kreek, der ſich gegen den See öffnete. Roſine ſprang in ein kleines, am Ufer angebun⸗ denes Boot; Michel wollte die NRuder ergreifen, aber Roſine errathend, daß er in dieſem Manöver noch ziemlich Neuling war, ſchob ihn zurück, ſetzte ſich vorn hin, eine Ruderſtange in jeder Hand. „Laſſen Sie doch,“ ſagte ſie,„ich werde mich beſſer herausziehen, als Sie; wie vielmal habe ich meinen armen Vater geführt, wenn er ſeine Netze im See auswerfen wollte.“ Und das Mädchen hob ſeine ſchönen Augen, aus welchen zwei Thränen ſchlüpften, zum Himmel, als ob es den Greis dort ſuchen wollte. „Aber,“ fragte Michel mit dem Egoismus der Liebe,„kannſt Du in der Finſterniß die Inſel Jon⸗ chere nuch finden?“ — 61 „Schauen Sie,“ antwortete ſie, ohne ſich umzu⸗ drehen,„ſehen Sie nichts auf dem Waſſer?“ „Allerdings,“ erwiderte der junge Mann,„ich ſehe etwas wie einen Stern.“ „Gut, dieſen Stern hält Mary in der Hand; ſie hat uns erwarten müſſen und kommt uns entgegen.“ Michel hätte ſich gern in das Waſſer geſtürzt, um der Barke vorauszuſchwimmen, welche trotz der nautiſchen Kenntniſſe von Roſine ziemlich langſam vorrückte; es kam ihm vor, als könne man nie die Entfernung durchmeſſen, welche ihn noch von dem Licht trennte, welches doch, wie man ſah, von Mi⸗ nute zu Minute größer und glänzender wurde. Aber wider ſein Erwarten nach dem, was ihm Tinguy's Tochter eben geſagt hatte, bemerkte er, als er nahe genug bei dem Eiland war, um die einzige Weide, welche darauf ſtand, zu unterſchei⸗ den, nichts von Mary am Ufer. Es war ein Feuer von Schilfrohr, das ſie ohne Zweifel angezündet hatte, und dieſes brannte ruhig am Rande des Waſſers. „Roſine!“ rief Michel ganz außer ſich, als er in der Barke aufſprang, daß ſie beinahe umſchlug, „ich ſehe Mademoiſelle Mary nicht!“ „Dann iſt ſie in der Anſtand⸗Hütte,“ antwor⸗ tete das Mädchen, das Boot anlegend,„nehmen Sie eines dieſer brennenden Holzſtücke und Sie werden die Hütte am andern Ufer von der Seeſeite her ſehen.“ Michel ſprang leicht auf die Erde, that, was ihm das Mädchen andeutete, und eilte raſch der Hütte zu. 62 Das Eiland Jonchère war etwa zwei oder drei hundert Quadrat⸗Meter groß; es war mit Binſen auf allen niedrigen Punkten bedeckt, welche über⸗ ſchwemmt ſind, wenn die Gewäſſer des See's von den Winterregen ſteigen. Nur ein Raum von etwa fünfzig Fuß iſt durch ſeine höhere Lage vor dieſer Ueberſchwemmung geſchützt; und auf dieſem Raum, am Rande des Waſſers hatte der alte Tinguy eine kleine Hütte erbaut, wo er während der langen Winternächte auf Kaninchen anſtand. In dieſe Hütte hatte Roſine Mary geführt. Welcher Art auch ſeine Hoffnungen waren, ſein Herz ſchlug Michel, um die Bruſt zu zerſprengen, als er ſich der Hütte näherte. Im Augenblick, da er die Hand auf die hölzerne Klinke legte, welche die Thüre ſchloß, wurde dieſer Druck ſo ſtark, daß er zögerte.— Dann richteten ſich ſeine Augen auf ein Stück in den obern Theil der Thüre eingefügten Glaſes, durch welches er in die Hütte ſehen konnte. Er ſah Mary auf einem Büſchel Binſen ſitzen, den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Beim Schein einer ſchlechten, auf einem Schemel brennenden Laterne glaubte er zwei Thränen an den befranzten Augenlidern des Mädchens funkeln zu ſehen, und der Gedanke, daß dieſe beiden Thränen ſeinetwegen da waren, ließ ihn alle ſeine Furcht⸗ ſamkeit vergeſſen. Er riß die Thüre auf und ſtürzte ſich dem Mäd⸗ chen mit dem Ruf zu Füßen: „Mary! Marxy!l ich liebe Sie!„“ 63 LVII. Wo die Dinge nicht ganz ſo gehen, wie man vorausſetzen könnte. Welches auch der von Mary gefaßte Entſchluß ſein mochte, die Herrſchaft über ſich ſelbſt zu be⸗ haupten, der Eintritt Michels war ſo plötzlich, ſeine Stimme vibrirte in ſolchem Ton, es lag ſo viel Bitte und Liebe in ſeinem Anruf, daß Mary ſich nicht enthalten konnte, ihrer Bewegung nachzugeben; ihr Buſen klopfte, ihre Hände zitterten, und die Thränen, welche der junge Mann an ihren Augen⸗ lidern zu ſehen geglaubt hatte, machten ſich los und fielen Tropfen um Tropfen gleich ebenſo vielen flüſſigen Perlen auf Michels Hände, welche die ihri⸗ gen umſchloſſen. Zum Glück war der junge Baron ſelbſt zu ſehr außer ſich, um dieſe Bewegung zu be⸗ merken, und Mary hatte Zeit, ſich zu faſſen, ehe er das Wort an ſie richtete Sie ſchob ihn ſanft zurück und ſchaute um ſich. Michels Blick folgte dem von Mary, heftete ſich dann wieder unruhig und fragend auf ſie. „Wie kommt es, daß Sie allein ſind, mein Herr?“ fragte ſie,„und wo iſt Roſine?“ „lUnd wie kommt es,“ fragte der junge Mann mit ſchmerzlichem Ton,„daß Sie nicht gleich mir ganz bei dem Glück, uns wieder zu ſehen, ver⸗ weilen?“ „Ah! mein Freund,“ antwortete Mary, das letztere Wort beſonders betonend,„Sie haben kein Recht, namentlich in dieſem Augenblick, das ganze 64 Intereſſe, das ich an Ihrer Lage nahm, zu be⸗ zweifeln.“ „Nein!“ rief Michel, indem er Mary's Hände, die ihm entſchlüpft waren, wieder zu faſſen ver⸗ ſuchte,„nein, weil ich Ihnen die Freiheit und aller Wahrſcheinlichkeit nach das Leben verdanke.“ „Aber,“ fiel Mary mit einem Verſuch zu lächeln ein,„dieß Alles darf mich unſer Alleinſein nicht vergeſſen laſſen; ſo ſehr man auch Wölfin iſt, mein lieber Herr Michel, gibt es doch gewiſſe Schicklich⸗ keiten, von denen man ſich nicht losſagen darf; thun Sie mir alſo die Freunbſchaft, Roſine zu rufen.“ Michel ſtieß einen tiefen Seufzer aus und blieb auf den Knieen, während große Thränen aus ſeinen Augenlidern ſprangen. Mary wandte die Augen ab, um dieſe Thränen nicht zu ſehen, und machte eine Bewegung, aufzu⸗ ſtehen. 3 Aber er hielt ſie zurück. Der arme Junge kannte das menſchliche Herz noch nicht genug, um zu bemerken, daß Mary mehr⸗ mals keine Beſorgniß an den Tag gelegt hatte, ſich mit ihm in einem Téte-à-Téte zu finden, ſo ein⸗ ſam, als das auf der Inſel Jonchdre nur ſein konnte, und um aus dieſem Mißtrauen gegen ſich ſelbſt und gegen ihn ſeinen verliebten Hoffnungen günſtige Schlüſſe zu ziehen. Im Gegentheil, ſeine önen Träume gingen in Rauch auf, und er ſah plötzlich Mary ſo kalt und gleichgültig, wie ſie es in der letzten Zeit geweſen war. „O!“ rief er in einem Tone ſchmerzlichen Vor⸗ wurfs,„warum mich aus den Händen der Soldaten 65 gerettet haben; ſie hätten mich vielleicht erſchoſſen, und ich würde dieſes Loos demjenigen vorgezogen haben, welches mich erwartet, wenn Sie mich nicht ieben.“ „Michel! Michel!“ rief Mary. „O!“ antwortete dieſer,„ich habe es geſagt und wiederhole es.“ „Reden Sie nicht ſo, gottloſes Kind, das Sie ſind,“ erwiderte Mary, einen mütterlichen Ton an⸗ nehmend,„ſehen Sie nicht, daß Sie mich zur Ver⸗ zweiflung bringen?“ „Was liegt Ihnen daran!“ ſagte Michel. „Ei ſeht doch,“ fuhr Mary fort,„wollen Sie nicht zweifeln, daß ich eine wahre und aufrichtige Freundſchaft für Sie empfinde?“ „Ach! Mary,“ antwortete der junge Mann trau⸗ rig,„die Empfindung, von welcher Sie mir reden, kann offenbar derjenigen nicht genügen, welche mein Herz verzehrt, ſeitdem ich Sie geſehen habe, weil mein Herz, wie gewiß mir auch dieſe Freundſchaft ſein mag, mehr verlangt.“ ary machte eine äußerſte Anſtrengung. „Mein Freund, das, was Sie von mir verlan⸗ gen, bietet Ihnen Bertha an; ſie liebt Sie, wie Sie geliebt ſein wollen, wie Sie es verdienen,“ ſprach Mary mit zitternder Stimme und beeilt, den Namen ihrer Schweſter gleichſam als Schutzwache zwiſchen ſich und den, welchen ſie liebte, zu ſtellen. Michel ſchüttelte den Kopf und ſtieß einen Seuf⸗ zer aus. „Ol ſie iſt es nicht! ſie iſt es nicht!“ ſagte er. „Warum,“ erwiderte Mary lebhaft, als ob ſie Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IVV. 5 3 dieſen Schrei des Herzens nicht gehört hätte,„warum ihr dieſen Brief geſchrieben haben, der ſie zur Ver⸗ zweiflung gebracht hätte, wenn er in deren Hände gelangt wäre.“ „Dieſen Brief haben alſo Sie erhalten?“ „Ach ja!“ ſagte Mary,„und trotz des Schmer⸗ zens, den er mir gemacht hat, iſt es ein großes Glück!“ „Haben Sie ihn ganz geleſen?“ fragte Michel. „Ja,“ antwortete das Mädchen, gezwungen die Augen niederzuſchlagen unter dem flehenden Blick, womit der junge Mann, indem er dieſe Worte aus⸗ ſprach, ſie umhüllte;„ja, ich habe ihn geleſen, und eben weil ich ihn geleſen habe, wollte ich mit Ihnen ſprechen, ehe Sie Bertha wieder ſahen.“ „Aber haben Sie nicht begriffen, Mary,“ rief der junge Mann mit gefalteten Händen,„daß dieſer Brief in ſeinen letzten Zeilen ebenſo wahr iſt, wie in der erſten, und daß, wenn ich Bertha liebe, ſie dann auch nicht anders, denn als eine Schweſter lieben kann?“ „Nein, nein,“ ſprach Mary,„nur das habe ich begriffen, daß mein Schickſal ſchrecklich wäre, wenn es mir vorbehielte, die Urſache des Unglücks meiner armen Schweſter zu ſein, die ich ſo ſehr liebe.“ „Aber was verlangen Sie dann,“ rief Michel, „von mir?“ „Wohlan!“ ſagte Mary mit gefalteten Händen, nich verlange von Ihnen das Opfer eines Gefühls, das nicht Zeit gehabt hat, in Ihrem Herzen ſehr tiefe Wurzeln zu ſchlagen; ich verlange von Ihnen, einer Vorliebe zu entſagen, welche durch Nichts ge⸗ varum Ver⸗ Hände hmer⸗ großes dichel. en die Blick, aus⸗ „ und Shnen rief dieſer wie e, ſie beſter he ich wenn einer 44 ichel, nden, ühls, ſehr hnen, 3 ge⸗ 67 rechtfertigt iſt, eine Neigung zu vergeſſen, welche, ohne Reſultat für Sie, für uns drei unheilbringend wäre.“ „Fordern Sie mein Leben, Mary, ich kann mich ködten oder mich tödten laſſen, nichts leichter als das, mein Gott! aber fordern Sie nicht von mir, Sie nicht mehr zu lieben. Was ſollte ich denn, mein Gott! in meinem armen Herzen an die Stelle der Liebe ſetzen, die es für Sie empfindet?“ „Es wird wohl doch ſo ſein müſſen, lieber Mi⸗ chel,“ ſagte Mary mit ſchmeichelnder Stimme,„denn nie, nie werden Sie von mir eine Aufmunterung der Liebe erhalten, von der Sie in Ihrem Briefe reden. Ich habe es geſchworen.“ „Wem?“ „Gott und mir.“ „O!“ rief Michel, in Schluchzen ausbrechend, „o! und ich habe geträumt, daß ſie mich liebe!“ Mary dachte, je mehr der junge Mann Exalta⸗ tion in ſeine Worte lege, deſto mehr müſſe ſie Kälte in die ihrigen legen. „Alles, was ich Ihnen da ſage, mein Freund,“ ſprach ſie,„iſt nicht allein von der Vernunft, ſon⸗ dern auch von der lebhaften Theilnahme, die ich für Sie hege, dictirt. Wären Sie mir gleichgültig, glauben Sie mir, ſo würde ich mich begnügen, Ih⸗ nen durch meine Kälte meine Empfindungen auszu⸗ drücken; aber das iſt nicht der Fall, nein; es iſt eine Freundin, welche zu Ihnen kommt und zu Ih⸗ nen ſagt: ‚vergeſſen Sie diejenige, welche nicht die Ihrige ſein kann, und lieben Sie die, welche Sie 5 liebt die, welcher Sie, Michel, ſo zu ſagen, verlobt ſin.37 „Ol aber Sie wiſſen wohl, daß dieſes Verlöb⸗ niß eine Ueberraſchung war; Sie wiſſen wohl, daß als Petit⸗Pierre dieſes Verlangen ſtellte, er ſich über die Art meiner Gefühle getäuſcht hat; dieſe Gefühle kennen Sie; ich habe dieſelben in jener Nacht gegen Sie ausgeſprochen, da die Soldaten ſich des Schloſ⸗ ſes bemächtigten; Sie haben dieſelben nicht zurück⸗ geſtoßen; ich habe gefühlt, wie Ihre Hände die mei⸗ nigen drückten; ich lag vor Ihnen auf den Knieen, Mary, wie ich jetzt liege; Ihr Kopf ſenkte ſich zu mir herab; Ihre Haare, Ihre ſchönen Haare, Ihre angebeteten Haare ſtreiften meine Stirne; ich habe Unrecht gehabt, Petit⸗Pierre nicht diejenige zu be⸗ zeichnen, welche ich liebte. Was wollen Sie? Ich dachte nicht, man könnte vorausſetzen, ich liebe eine andere Frau, als Mary. Das iſt meine Furcht⸗ ſamkeit, welche ich verwünſche, aber die am Ende doch kein Fehler iſt, der mich für immer von der Frau, welche ich liebe, trennen und mein Leben an die feſſeln darf, welche ich nicht liebe.“ „Ach! mein Freund, dieſer Fehler, der Ihnen leicht vorkommt, ſcheint mir nicht wieder gut zu ma⸗ chen, was auch geſchehen möge und ſelbſt wenn Sie nicht an dem Verſprechen halten, welches Ihr Still⸗ ſchweigen für eine Zuſtimmung nehmen ließ; Sie müſſen begreifen, daß ich nie die Ihrige ſein kann, und daß ich mich nie entſchließen werde, das Herz meiner geliebten Schweſter durch das Schauſpiel meines Glucks zu zerreißen.“ 69 „O mein Gott! mein Gott!“ rief Michel,„wie bin ich ſo unglücklich!“ Und der junge Mann verbarg ſein Geſicht in den Händen und zerfloß in Thränen. „Ja,“ ſagte Mary,„ja, in dieſem Augenblick begreife ich das; Sie leiden, ich glaube es, aber ein wenig Tugend, ein wenig Energie, und Alles wird zum Guten ausſchlagen. Muth alſo, mein Freund, und hören Sie gelaſſen meinen Rath an; dieſes Gefühl wird allmälig aus Ihrem Herzen verſchwinden, und wenn es nöthig iſt, Ihre Heilung ins Werk zu ſetzen, ſo werde ich mich entfernen!“ „Sie ſich entfernen, ſich von mir trennen! nein, Mary, niemals! Nein, verlaſſen Sie uns nicht, denn, ich verſichere Sie, an dem Tage, da Sie hin⸗ weggehen, gehe ich auch. Wohin wollen Sie gehen? Ich folge Ihnen. Was ſoll aus mir werden, mein Gott! Ihrer ſüßen Gegenwart beraubt? Nein, nein, ein⸗ entfernen Sie ſich nicht, ich beſchwöre Sie, ary.“ „Wohlan, ich werde bleiben, ja; aber um Ihnen zu helfen, das zu erfüllen, was Ihre Pflicht Ihnen Peinliches und Schmerzhaftes auflegen kann; und wenn es erfüllt iſt, wenn Sie glücklich ſind, wenn Sie Bertha's Gatte ſind....“ „Nie! nie!“ murmelte Michel. „Ja, mein Freund, denn Bertha paßt beſſer zur Frau für Sie, als ich; ihre Zärtlichkeit für Sie, ich ſchwöre es Ihnen, denn ich habe deren Ausdruck gehört, iſt unendlich größer, als Sie nur ſich vor⸗ ſtellen können; dieſe Zärtlichkeit wird dem Bedürf⸗ niß, geliebt zu werden, welches Sie verzehrt, Ge⸗ 70 nüge thun, und die Kraft und Energie, welche ſie beſitzt und die ich nicht habe, wird von Ihrem Weg die Dornen beſeitigen, welche Sie vielleicht von ſich fern zu halten nicht vermögen; wenn es alſo auf Ihrer Seite ein Opfer gibt, ſo wird es, glau⸗ ben Sie mir, reichlich vergolten werden, ich bin deſſen gewiß.“ Während ſie ſo redete, hatte Mary eine Ruhe affectirt, welche nicht entfernt in ihrem Herzen war, deſſen wirklicher Zuſtand ſich durch ihre Bläſſe und ihre Bewegung verrieth; was Michel betraf, ſo hörte er ſie, ein Raub fieberiſcher Ungeduld, an. „Sprechen Sie nicht alſo,“ rief er, als ſie geendet hatte,„bilden Sie ſich nicht ein, der Lauf der Nei⸗ gungen ſei ein Ding, worüber man ſelbſt entſchei⸗ den, dem man eine beliebige Richtung gleich einem Strom geben könne, welchen der Ingenieur zwingt, ſich in die Ufer eines Kanals zu fügen, gleich einer Rebe, welche der Gärtner nach ſeiner Phantaſie an der Mauer hinaufpfählt; nein, nein, ich ſage es Ihnen noch einmal, ich wiederhole es Ihnen, Sie, Sie allein liebe ich, Mary. Es wird mir unmög⸗ lich ſein, Sie zu vergeſſen, ſelbſt wenn ich wollte, und ich will es nicht, mein Gott! mein Gott!“ fuhr der junge Mann fort, ſeine Arme mit dem Ausdruck heftiger Verzweiflung zum Himmel erhebend;„was ſollte aus mir werden, wenn ich Sie dagegen je als die Frau eines Andern ſähe?“ „Michel!“ rief Mary voll Exaltation,„wenn Sie das thun, was ich begehre, ſo ſchwöre ich Ih⸗ nen mit den heiligſten Schwüren, wenn ich nicht die Ihrige bin, ſo werde ich nie Jemand, als Gott an⸗ 20=JSSSSD — e 2 (.0 71 gehören; ich werde mich nie verheirathen; alle meine Zuneigung, alle meine Zärtlichkeit wird Ihnen zu⸗ gethan bleiben, und dieſe Zuneigung wird nicht die gewöhnlicher Liebe ſein, welche die Jahre zerſtören können; es wird die Dankbarkeit ſein, welche mich fuür immer an Sie kettet; ich werde Ihnen das Glück meiner Schweſter verdanken, und mein ganzes Leben wird damit vergehen, Sie zu ſegnen.“ „Ihre Anhänglichkeit an Bertha führt Sie irre,“ erwiderte Michel;„Sie beſchäftigen ſich nur mit ihr, kary; Sie denken nicht an mich, wenn Sie davon reden, mich zu dieſen ſchrecklichen Martertod zu ver⸗ dammen, mich für das Leben an eine Frau zu feſ⸗ ſeln, welche ich nicht liebe. O! es iſt grauſam von Ihnen, Mary, von Ihnen, der ich mein Leben gäbe, Etwas von mir zu verlangen, dem ich mich nicht unterwerfen kann.“ „Allerdings, mein Freund,“ drängte Mary,„Sie werden ſich dem unterwerfen, was vielleicht die Fü⸗ gung des Verhängniſſes iſt, dem, was gewiß eine edle und großmüthige Handlung iſt; Sie werden ſich unterwerfen, wenn Sie begreifen, daß ein ſol⸗ ches Opfer Gott nicht unbelohnt laſſen kann, weil dieſer Lohn, wohlan! das Glück zweier armen Wai⸗ ſen ſein wird.“ „O! halten Sie, Mary,“ rief Michel, nicht mehr im Stande, ſeine Verzweiflung zu bezwingen,„nein, nein, reden Sie mir nicht davon; o! man ſieht wohl, daß Sie nicht wiſſen, was lieben heißt; Sie ſagen mir, ich ſoll Ihnen entſagen; aber denken Sie doch daran, daß Sie mein Herz, daß Sie meine Seele, daß Sie mein Leben ſind; daß dieß ganz einfach heißt, von mir zu verlangen, mein Herz aus der Bruſt zu reißen, meine Seele zu verleugnen; daß es heißt, mir mein Glück wegzuſchnappen, mein Daſein an ſeiner Quelle zu vertrocknen; Sie ſind das Licht, für welches und durch welches die Welt Welt iſt, und wenn Sie nicht mehr auf meine Tage leuchten, ſo verſinke ich ſogleich in einen Abgrund, deſſen Finſterniß mir Schauder erregt; ich ſchwöre Ihnen, Mary, ſeitdem ich Sie kenne, ſeit der Mi⸗ nute, da ich Sie geſehen habe, ſeit dem Augenblick, da ich fühlte, wie Ihre Hände meine blutende Stirne kühlten, ſind Sie mit mir ſo ganz und gar identificirt, daß es keinen Gedanken mehr bei mir gibt, der nicht Ihnen angehört; daß Alles in mir Bezug auf Sie hat; daß wenn dieſes Herz Ihr Bild verlöre, es alsbald zu ſchlagen aufhören würde, wie wenn der Urquell des Lebens ſich aus ihm zurück⸗ gezogen hätte; Sie ſehen alſo, daß es mir unmög⸗ lich iſt, zu thun, was Sie begehren.“ „Und doch!“ rief Mary im Paroxysmus der Verzweiflung,„wenn Bertha Sie liebt und ich Sie nicht liebe.“ „Ach! wenn Sie mich nicht liebten, Mary, wenn Sie, Ihre Augen auf meine Augen gerichtet, Ihre Hände in meinen Händen, den Muth haben, mir zu ſagen: ‚Ich liebe Sie nichte', wohlan! dann wird Alles aus ſein.“ „Was werden Sie dann thun?“ fragte das Mädchen. „Ol das iſt ſehr einfach, Mary, ſo wahr die Sterne, welche am Himmel leuchten, die Reinheit meiner Liebe zu Ihnen ſehen, ſo wahr Gott, der —jü4—,— & ℳ 8 22G6SSGSGO 3 73 jenſeits dieſer Sterne iſt, weiß, daß meine Liebe zu Ihnen unſterblich iſt, Mary, werden weder Sie noch Ihre Schweſter mich je wieder ſehen.“ „Was ſagen Sie, Unglücklicher?“ „Ich ſage, Mary, daß ich nur über dieſen See zu ſetzen habe, was eine Affaire von zehn Minuten iſt, daß ich nur mein Pferd, das in dem Weidenge⸗ büſch ſteht, zu beſteigen und bis zum nächſten Poſten in Galopp zu ſetzen habe, was eine Affaire von zehn weiteren Minuten iſt, daß ich nur dieſem Po⸗ ſten zu ſagen habe:„Ich bin der Baron Michel de La Logerie', und in drei Tagen bin ich erſchoſſen.“ Mary ſtieß einen Schrei aus. „Das iſt es, was ich thun werde, Mary, ſo wahr dieſe Sterne auf Sie niederſchauen, und Gott, der ſie unter ſeinen Füßen hält, den Schwur hört, den ich ausſpreche.“ Und der junge Mann machte eine Bewegung, als wollte er aus der Hütte ſtürzen. Mary warf ſich ihm entgegen und hielt ihn mit dem Arm; aber da ihr die Kräfte fehlten, glitt ſie nieder und befand ſich zu ſeinen Knieen. „Michel!“ rief ſie,„wenn Sie mich lieben, wie ie ſagen, ſo werden Sie mir meine Bitte nicht abſchlagen; um Ihrer Liebe willen beſchwöre ich Sie, ich, die Sie zu lieben verſichern, tödten Sie meine Schweſter nicht, ſchenken Sie ihr Leben, ihr Glück meinen Thränen, meinen Bitten, Gott wird Sie ſegnen; denn alle Tage wird mein Herz ſich zu ihm erheben, um das Glück deſſen von ihm zu erflehen, der mir behülflich geweſen iſt, diejenige zu retten, welche ich mehr liebe, als mich ſelbſt! Mi⸗ 74 chel! vergeſſen Sie mich, ich bitte Sie dringend, und ſtürzen Sie Bertha nicht in die Verzweiflung, worin ich dieſelbe bereits ſehe!“ „Mein Gott! mein Gott! wie bin ich doch ſo unglücklich!“ rief der junge Mann, ſich in die Haare greifend und ſie mit vollen Händen ausraufend; „o Mary! Mary! wie grauſam Sie ſind, Sie fordern mein Leben, Mary; ich werde den Tod davon haben.“ „Muth, Freund, Muth,“ ſprach das Mädchen, ſelbſt aller Kraft ermangelnd. „Ich werde ihn haben für Alles, was nicht Ih⸗ nen entſagen heißt; aber dieſe Idee macht mich ſchwächer als ein Kind, verzweifelter als einen Ver⸗ urtheilten.“— „Michel, mein Freund! werden Sie thun, was ich begehre?“ fragte Mary, deren Stimme in Thränen erſtickte. „Wohlan!..“, Er wollte ja ſagen, aber hielt inne. „Ohl zum Wenigſten,“ fuhr er fort,„wenn Sie litten, wie ich leide...“ Bei dieſem Ruf der höchſten Selbſtſucht, aber auch der höchſten Liebe, umſchloß Mary, keuchend, außer ſich, halb wahnſinnig, Michel, hob ihn zwi⸗ ſchen ihren gewundenen Armen empor und rief mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme: „Du ſagſt alſo, Unglücklicher, es würde Dich tröſten, zu wiſſen, daß mein Herz ebenſo zerriſſen iſt, wie das Deinige.“ „Ja, ja, o jal“ „Du glaubſt alſo, daß die Hölle zum Paradies würde, wenn Du mich an Deiner Seite ſäheſt?“ —.— 22ͤ— -Ǵͤ 75⁵ „Eine Ewigkeit von Leiden mit Dir, Mary, im Augenblick nehme ich es an.“ „Wohlan denn!“ rief Mary außer ſich,„ſo ſei zufrieden, grauſames Kind: Deine Qualen, ich theile ſie; Deine Seelenangſt, ich fühle ſie; wie Du ſterbe ich vor Verzweiflung bei dem Gedanken an das Opfer, das die Pflicht uns auferlegt.“ „Du liehſt mich alſo, Mary?“ fragte der junge Mann. „O, Undankbarer!“ rief das Mädchen,„der meine Bitten, meine Thränen, meine Qualen ſieht und für meine Liebe blind iſt.“ „Mary! Mary!“ ſprach Michel taumelnd, athem⸗ los, dem Umſinken nahe,„nachdem Du mich vor Schmerz getüdtet haſt, willſt Du mich vor Freude ſterben laſſen?“ „O! ja, ja, ich liebe Dich,“ wiederholte Mary, nich liebe Dich, ich muß Dir wohl dieſe zwei Worte ſagen, welche mich ſeit ſo langer Zeit erſticken; ich liebe Dich, wie Du mich lieben kannſt; ich liebe Dich ſo ſehr, daß bei dem Gedanken an das Opfer, welches wir bringen müſſen, der Tod mir ſüß wäre, wenn er mich im Augenblick, da ich Dir dieſes Ge⸗ ſtändniß mache, überraſchte.“ Und bei dieſen Worten näherte Mary unwill⸗ kürlich, wie von einer mognetiſchen Kraft angezo⸗ gen, ihr Geſicht dem Geſicht Michels, der ſie mit den Augen eines Menſchen anſah, den eine Viſion in Extaſe verſetzt. Aber ſie richtete ſich ſchnell auf, ſtieß Michel zu⸗ rück und zerfloß, ohne weitern Uebergang, in Thränen. Dieſen Augenblick trat Roſine in die Hütte. 76 LVIII. Wo Baron Michel zur Stütze ſtatt eines Schilfrohrs eine . Eiche findet. Mary fühlte, daß es eine Hülfe war, die ihr vom Herrn kam. Allein, ohne andere Stütze als ſie ſelbſt, ſich hingebend, wie ſie gethan hatte, fühlte ſie ſich der Gnade ihres Geliebten überlaſſen. Sie lief alſo auf Roſine zu und fragte, ſich auf ihre Schulter lehnend: „Was gibt es, mein Kind, und was führt Dich hieher?“— Und ſie hielt ihre Hände an ihre Stirne und an ihre Augen; an ihre Augen, um die Thränen wegzuwiſchen, an ihre Stirne, um die Röthe zu verbergen. „Mademoiſelle,“ antwortete Roſine,„es ſcheint mir, als höre ich das Geräuſch einer Barke.“ „Von welcher Seite?“ „Von Saint⸗Philibert.“ „Ich glaubte, die Deines Vaters wäre die ein⸗ zige auf dem See?“ „Nein, Mademoiſelle, es gibt noch die des Müllers von Grandlieu; ſie iſt halb zerbrochen, wahr, aber doch mag es am. Ende ſie ſein, deren man ſich bedient hat, hieher zu uns zu kommen.“ „Gut, gut,“ ſagte Mary,„ich gehe mit Dir, Roſine.“ Und ohne auf den jungen Mann zu achten, der die flehenden Arme gegen ſie ausſtreckte, eilte Mary, der es nicht leid war, von Michel weg zu kommen, 77 um ihre Vorſätze und ihren Muth wieder zu ſtär⸗ ken, aus der Hütte. Roſine folgte ihr. Michel blieb allein und zermalmt zurück; er fühlte, daß das Glück ſich von ihm entfernte; er begriff die Unmöglichkeit, es zurückzuhalten. Niemals würde eine ähnliche Trunkenheit ihm ein ähnliches Geſtändniß wieder bringen. Wirklich fand Mary, als ſie zurückkehrte, nach⸗ dem ſie in allen Richtungen hingehorcht hatte, ohne etwas zu hören, als das Anſchlagen der Woge an das Ufer, Michel auf dem Schilfrohr ſitzend, den Kopf zwiſchen beiden Händen. Sie glaubte ihn ruhig, er war nur niederge⸗ chlagen. 3 Sie ging auf ihn zu. Michel erhob beim Geräuſch ihrer Schritte den Kopf, und da er ſie bei der Rückkehr ſo zurückhal⸗ tend ſah, als ſie beim Abgang exaltirt geweſen war, bot er ihr die Hand und ſprach, traurig den Kopf ſchüttelnd: 4 „O Mary! Mary!“ „Nun, mein Freund?“ fragte ſie. „O, Mary, in's Himmels Namen! ſagen Sie mir noch einmal jene ſuͤßen Worte, welche trunken machen; Mary, ſagen Sie mir noch einmal, daß Sie mich lieben.“ „Ich will es Ihnen wiederholen, mein Freund,“ antwortete Mary traurig,„und ſo oft Sie es be⸗ gehren, wenn das Bewußtſein, daß meine Zärtlich⸗ keit mit Bekümmerniß jedem Ihrer Leiden, jeder Ihrer Anſtrengungen folgt, Ihnen Muth und Fe⸗ ſtigkeit einflößen kann.“. 78 „Wie, Mary!“ rief Michel händeringend,„Sie denken alſo immer an dieſe grauſame Trennung; Sie wollen, daß ich mit dem Bewußtſein meiner Liebe zu Ihnen, mit der Gewißheit Ihrer Liebe zu mir, mich einer andern ergebe?“ „Ich will, daß wir beide das erfüllen, was ich als eine Pflicht erachte, mein Freund; dieß läßt mich nicht bedauern, Ihnen mein Herz eröffnet zu haben, denn ich hoffe, daß mein Beiſpiel Sie leh⸗ ren wird, zu leiden, und Ihnen Ergebung in den Willen Gottes einflößt. Ein verhängnißvolles Zu⸗ ſammentreffen der Umſtände, das ich ebenſo bedaure, wie Sie, Michel, hat uns getrennt; wir können einander nicht angehören.“ „O! warum nicht? Ich habe noch keine Ver⸗ pflichtung übernommen; ich habe Mademoiſelle Bertha nie geſagt, daß ich ſie liebe!“ „Nein, aber ſie hat mir geſagt, ſie liebe Sie; aber ſie hat es mir anvertraut, am Abend, wo Sie uns in Tinguys Hütte trafen, am Abend, wo Sie mit ihr zurückkehrten.“ „Aber Alles, was ich ihr jenen Abend Zärtli⸗ ches geſagt habe,“ rief der unglückliche junge Mann, „war an Sie gerichtet.“ „Was wollen Sie, mein Freund, ein Herz, das ſich neigt, iſt leicht zu füllen; ſie hat ſich darin ge⸗ täuſcht, die arme Bertha, und bei der Rückkehr auf das Schloß hat ſie im Augenblick, wo ich mir ganz leiſe ſagte: ‚ich liebe ihn, es mir ganz laut geſagt. Sie lieben, iſt nur ein Leiden; Ihnen angehören, Michel, wäre ein Verbrechen.“ „Ach, mein Gott! mein Gott!“ 79 „Ja, mein, Gott! er wird uns die Kraft geben, Michel, der Gott, den wir anrufen. Fügen wir uns heldenmüthig in die Folgen unſerer gegenſei⸗ tigen Schüchternheit. Ich mache ſie Ihnen nicht zum Vorwurf, verſtehen Sie mich wohl, ich bin Ihnen nicht darum böſe, daß Sie Ihre Empfindun⸗ gen nicht im Augenblick, da es noch Zeit war, zu behaupten wußten; aber geben Sie mir wenigſtens nicht Anlaß zu Gewiſſensbiſſen darüber, das Un⸗ glück meiner Schweſter verurſacht zu haben, ohne Nutzen und Vortheil für mich.“ „Aber,“ ſagte Michel,„Ihr Project iſt unſinnig; was Sie vermeiden wollen, wird durch ein unglück⸗ liches Verhängniß doch eintreffen. Bertha wird früher oder ſpäter merken, daß ich ſie nicht liebe, und dann....“ „Hören Sie, mein Freund,“ ſprach das Mäd⸗ chen, ihre Hand auf den Arm des jungen Mannes legend,„ſo jung ich bin, habe ich doch beſtimmte Ueberzeugungen über das, was Sie Liebe nennen; meine Erziehung der Ihrigen ganz entgegengeſetzt, hat gleich der von Ihnen ihre Fehler gehabt; aber ſie hat auch ihre guten Eigenſchaften gehabt; eine dieſer Eigenſchaften, ſchreckliche Eigenſchaft, ich weiß es wohl, iſt der Realismus. Gewöhnt, Unterhal⸗ tungen zu hören, wo die Vergangenheit nichts von ihrer Schwäche verhüllte, weiß ich nach dem, was ich von dem Leben meines Vaters gehört habe, daß nichts flüchtiger iſt, als Zuneigungen, ähnlich derjenigen, die Sie für mich empfinden. Ich hoffe alſo, daß Bertha mich in Ihrem Herzen erſetzt ha⸗ ben wird, ehe ſie Zeit gehabt hat, Ihre Gleich⸗ 80 gültigkeit wahrzunehmen. Dieß iſt meine einzige Hoffnung, Michel, und ich flehe Sie an, mir die⸗ ſelbe nicht zu rauben.“ „Sie fordern etwas Unmögliches, Mary. „Wohlan! es ſei, es ſteht Ihnen frei, die Ver⸗ pflichtung nicht zu halten, welche Sie an meine Schweſter knüpft; frei, meine Bitte zurückzuweiſen, die ich auf den Knieen an Sie richte; es wird ein neuer Schimpf für zwei arme Kinder ſein, die ſchon ſo ungerecht von der Welt beſchimpft worden ſind. Meine arme Bertha wird leiden, ich weiß es wohl; aber wenigſtens werde ich mit ihr leiden, denſelben Schmerz, gleich ihr, und nehmen Sie ſich wohl in Acht, Michel, vielleicht daß unſer Schmerz, der eine durch den andern geſteigert, damit enden wird, Ihnen zu fluchen.“ „Ich bitte Sie, Mary, ich beſchwöre Sie, ſpre⸗ chen Sie nicht ſolche Worte zu mir, welche mir das Herz brechen.“ 4 „Hören Sie, Michel, die Stunden vergehen, die Nacht entflieht, der Tag bricht an; wir müſſen uns jetzt trennen, und mein Entſchluß iſt unwider⸗ ruflich. Wir haben beide einen Traum gehabt, den wir vergeſſen müſſen. Ich habe Ihnen geſagt, Michel, wie Sie, ich will nicht ſagen, meine Liebe, Sie beſitzen dieſelbe, ſondern die ewige Dankbar⸗ keit der armen Mary verdienen können. Ich ſchwöre Ihnen,“ ſetzte ſie flehender hinzu, als ſie je ge⸗ than,„ich ſchwöre Ihnen, daß wenn Sie ſich dem Glück meiner Schweſter weihen, ich im Herzen nur ein Gebet haben werde, das, welches ich zu Gott richte, Ihnen hienieden und dort oben zu lohnen. 81 Wenn Sie mir es abſchlagen dagegen, Michel, wenn Ihr Herz ſich nicht zu der Höhe meiner Selbſtver⸗ läugnung erheben kann, ſo müſſen Sie darauf ver⸗ zichten, uns zu ſehen, ſo müſſen Sie ſich entfernen; denn ich wiederhole Ihnen, ich ſchwöre Ihnen vor Gott und in der Abweſenheit der Menſchen, nie, mein Freund, werde ich die Ihrige ſein.“ „Mary, Mary, ſprechen Sie dieſen Schwur nicht aus! Laſſen Sie mir wenigſtens die Hoffnung; dit Hinderniſſe, welche uns trennen, können ſich eben.“ „Ihnen Hoffnung laſſen, wäre noch ein Fehler, Michel, und weil die Gewißheit, daß ich Ihre Schmerzen theile, Ihnen die Feſtigkeit und Erge⸗ bung, welche mich beſeelen, nicht mittheilen kann, ſo bedaure ich bitter den, welchen Sie mich in die⸗ ſer Nacht haben begehen laſſen. Nein, Michel, wir dürfen uns durch ſolche Träume nicht täuſchen laſſen; ſie ſind allzugefährlich,“ fuhr Mary fort, mit der Hand über ihre Stirne fahrend.„Ich habe Sie meine Bitten hören laſſen; jetzt und weil Sie fühllos gegen dieſelben bleiben, iſt mir uur noch übrig, Ihnen ein ewiges Lebewohl zu ſagen.“ „Sie nicht mehr ſehen, Mary! Mary, Sie ver⸗ lieren! O lieber den Tod! Ich werde Ihnen ge⸗ horchen, Mary; das was Sie von mir verlan⸗ gen...“ Er hielt inne; er hatte nicht die Kraft, weiter zu gehen. „Ich verlange nichts,“ ſprach Mary;„ich habe Sie auf den Knieen gebeten, nicht zwei Herzen ſtatt Dumas, Wöͤlfinnen von Machecoul. IV. 82 eines zu brechen, und auf den Knieen bitte ich Sie noch darum.“. Und wirklich fiel ſie vor dem jungen Mann auf die Kniee. „Stehen Sie auf, ſtehen Sie auf, Mary,“ ſprach dieſer;„ja, ja, ich werde thun, was Sie wollen, aber Sie werden da ſein, Sie werden mich nie verlaſſen, nicht wahr? Und wenn ich allzuſehr leide, werde ich aus Ihren Blicken die Kraft und den Muth ſchöpfen, welche mir fehlen. Ich werde Ihnen gehorchen, Mary.“ „Danke, mein Freund, danke. Und was be⸗ wirkt, daß ich Sie bitte und Ihr Opfer annehme, iſt, weil ich die Ueberzeugung habe, es werde eben⸗ ſo wenig für unſer, als für Bertha's Glück ver⸗ loren ſein.“ „Aber Sie, Sie!“ rief der junge Mann. „Denken Sie nicht an mich, Michel.“ Der junge Mann ließ ſich einen Seufzer ent⸗ ſchlüpfen. „Gott,“ fuhr Mary fort,„hat in die Aufopfe⸗ rung einen Troſt gelegt, deſſen Tiefe der menſch⸗ liche Geiſt nicht ergründen kann. Ich,“ ſagte ſie, ihre Augen mit den Händen bedeckend, als fürch⸗ tete ſie, dieſelben möchten ihre Worte Lügen ſtra⸗ fen,„ich werde mich beſtreben, an dem Schauſpiel Eures Glücks mir genügen zu laſſen.“ „O mein Gott! mein Gott!“ ſprach Michel, die Hinde ringend,„es iſt alſo geſchehen, ich bin ver⸗ ammt!“ Und er warf ſich mit dem Geſicht gegen die Wand 4 der Hütte. 83 In dieſem Augenblick trat Roſine ein. „Mademoiſelle,“ ſagte ſie,„es fängt an Tag zu werden.“ „Was fehlt Dir, Roſine?“ fragte Mary,„es ſcheint mir, Du zitterſt am ganzen Leibe.“ „Es iſt mir eben vorgekommen, als höre ich das Geräuſch zweier Ruder auf dem See, es iſt mir vorgekommen, als höre ich hinter mir gehen.“ „Hinter Dir gehen, auf dieſen in dem See ver⸗ lorenen Inſeln, Du haſt geträumt, mein Kind.“ „Ich glaube es auch, ich habe nach allen Sei⸗ ten herumgeſucht, und Niemand geſehen.“ Ein Schluchzen Michels veranlaßte ſie, ſich um⸗ zudrehen. „Wir gehen allein,“ ſagte ſie,„und in einer Stunde wird Roſine Sie mit der Barke abholen. Vergeſſen Sie nicht, was Sie mir verſprochen ha⸗ ben, mein Freund, ich rechne auf Ihren Muth.“ „Rechnen Sie auf meine Liebe, Mary. Die Probe, welche Sie davon fordern, iſt ſchrecklich; die Aufgabe, welche Sie mir auferlegen, iſt unge⸗ heuer. Wolle Gott, daß ich unter der Laſt nicht erliege!“ „Denken Sie, daß Bertha Sie liebt, Michel; denken Sie, daß dieſelbe jeden Ihrer Blicke beob⸗ achtet; denken Sie endlich, daß ich lieber ſterben, mlacſſt den Zuſtand Ihres Herzens entdeckt ſehen möchte.“ „d, mein Gott! mein Gott!“ murmelte der junge Mann. „Wohlan, Muth! Adieu, mein Freund!“ Und den Augenblick benützend, wo Roſine die 6 84 Thüre halb öffnete, um hinauszuſchauen, beugte ſich Mary herab und drückte einen Kuß auf die Stirne des jungen Mannes. Dieſer Kuß war ſehr verſchieden von dem, wel⸗ en ſie ſich eine halbe Stunde zuvor hatte nehmen aſſen. Der eine war ein Flammenſtrahl, der aus dem Berzen des Liebenden in das der Liebenden über⸗ geht. Der andere war das keuſche Lebewohl einer Schweſter an ihren Bruder. Michel begriff den Unterſchied wohl, denn dieſe Liebkoſung beklemmte ihm das Herz; die Thränen ſprangen von Neuem aus ſeinen Augen. Er führte die beiden Mädchen bis ans Ufer, ſetzte ſich dann, als er ſie in die Barke hatte ſteigen ſehen, auf einen Stein, ſah ihnen nach, wie ſie ſich entfern⸗ ten, bis ſie in dem Morgennebel, welcher den See bedeckte, ſeinen Blicken entſchwanden. Das Geräuſch von Rudern ſchlug noch an ſein Ohr; es war ihm wie das Todtengeläute, das ihm verkündigte, daß ſeine ſo zärtlich gehegten Illuſio⸗ nen gleich ebenſo vielen Phantomen verſchwunden waren, als er eine leichte Berührung an der Schul⸗ ter fühlte. Er drehte ſich um und ſah Jean Oullier hinter ſich ſtehen. Das Geſicht des Vendéers war noch trauriger als gewöhnlich, aber hatte wenigſtens jenen gehäſſi⸗ gen Ausdruck verloren, den Michel immer an dem⸗ ſelben geſehen. Seine Augenlider waren feucht und große Tro⸗ gte die el⸗ nen em er⸗ ner eſe ien rte an, ruf rn⸗ dee ein hm io⸗ den ul⸗ ter ger ſſi⸗ m⸗ ro⸗ 85 pfen Waſſers funkelten an dem Halsbart, der ſein Geſicht umrahmte. War es der Nachtthau, waren es Thränen, welche der alte Soldat Charette's vergoſſen hatte? Er bot Michel die Hand, was er noch nie ge⸗ than hatte. Dieſer betrachtete ihn mit Erſtaunen und nahm die ihm gebotene Hand zögernd an. „Ich habe Alles gehört,“ ſprach Jean Oullier. 9 Micher ſtieß einen Seufzer aus und ſenkte den opf. „Ihr ſeid brave Herzen,“ fuhr der Vendéer fort;„aber Sie haben Recht, es iſt eine ſchreck⸗ liche Aufgabe, welche dieſes edelmüthige Kind Ih⸗ nen auferlegt; Gott lohne ihr für ihre Aufopferung. Was Sie betrifft, wenn Sie ſich ſchwach werden fühlen, ſo laſſen Sie es mich wiſſen, Herr de La Logerie, und Sie ſollen Etwas erkennen, nämlich, daß wie Jean Oullier ſeine Feinde rechtſchaffen haßt, kr ebenſ gut die zu lieben verſteht, welche er iebt.“ „Danke,“ antwortete ihm Michel. „Allons, Allons, weinen Sie nicht mehr,“ ſagte Jean Oullier weiter;„weinen ſchickt ſich nicht für einen Mann, und wenn es nöthig iſt, werde ich es verſuchen, dieſem Eiſenkopf, der Bertha heißt, Vernunft beizubringen, obgleich ich Ihnen zum Voraus erkläre, daß es nichts Leichtes iſt.“ „Aber es gibt Etwas, das es ſein wird, im Fall ſie nicht darauf hört, beſonders wenn Sie nur ir⸗ gend mir dabei behülflich ſein wollen.“ „Was?“ fragte Jean Oullier. 86 „Mich tödten zu laſſen,“ antwortete Michel. Der junge Mann hatte dieß ſo einfach ausge⸗ ſprochen, daß man fühlte, es war der Ausdruck ſeiner Gedanken. „O! o!“ murmelte Jean Oullier,„er ſieht mei⸗ ner Treu aus, als ſei er bereit zu thun, was er agt.“ Dann ſprach er zu dem jungen Mann gewendet: „Nun, es ſei! wenn wir ſo weit ſind, wollen wir ſehen.“ Dieſes Verſprechen, ſo traurig es war, gab Michel ein wenig Muth. „Nun,“ ſprach jener weiter,„Sie können nicht hier bleiben; ich habe da eine recht elende Barke, aber mit einiger Vorſicht kann ſie uns beide ans Land bringen.“ „Aber Roſine muß in einer Stunde zurückkom⸗ men, mich abzuholen,“ warf der junge Mann ein. „Sie wird eine vergebliche Fahrt machen,“ ant⸗ wortete Jean Oullier;„das wird ſie lehren, auf Landſtraßen Anderer Angelegenheiten zu erzählen, wie ſie dieſe Nacht mit Ihnen gethan hat. Nach dieſen Worten, welche erklärten, wie Jean Oullier ihnen hatte nachgehen und ſie überraſchen können, folgte ihm Michel in die Barke, und einige Minuten nachher wandten ſie ſich, von Roſinens und Mary's Route abweichend, nach der Seeſeite Saint Philibert zu. ——— ₰ OD.-ed S S.SSͤSZSoSER& e ge⸗ ruck nei⸗ er det: llen gab nen nde eide om⸗ ein. unt⸗ auf len, ean hen nige ens eite 87 LIX. Die letzten Kavaliere des Königthums. Wie Gaspard ſehr gut vorausgeſehen und Petit⸗ Pierre auf der Meierei Banloeuvre geſagt hatte, gab der Aufſchub der Schilderhebung auf den vier⸗ ten Juni der projectirten Inſurrection einen ver⸗ hängnißvollen Stoß. So großen Fleiß man anwandte, ſo große Thä⸗ tigkeit die Häupter der legitimiſtiſchen Partei ent⸗ wickelten, welche, wie wir bei dem Marquis von Souday, ſeinen Töchtern, bei Gaspard ſelbſt und den andern bei der Verſammlung zu Banloeuvre gegenwärtigen Chefs geſehen haben, ſelbſt die Dör⸗ fer ihrer Diviſionen durchzogen, um die Contre⸗ Ordre dorthin zu überbringen, war es doch zu ſpät, als daß dieſe in allen Landſchaften, welche die Be⸗ wegung umfaſſen ſollte, bekannt wurde. Nach Niort, Fontenay und Luçon zu waren die Royaliſten verſammelt; Biot und Robert waren an der Spitze ihrer organiſirten Banden aus den Wäl⸗ dern von Deux⸗Ssovres hervorgebrochen, um der Bewegung als Kern zu dienen; aber ſie ſind den Führern der militäriſchen Kantonirungen ſignaliſirt, welche zuſammenſtoßen, auf das Kirchſpiel Armail⸗ loux losmarſchiren, die Bauern ſchlagen und eine große Anzahl Edelleute und aus dem Dienſt getre⸗ tene Officiere verhaften, die ſich in dieſem Kirchſpiel ein Rendezvous gegeben hatten und bei dem Kra⸗ chen des Kleingewehrfeuers herbeieilten. Aehnliche Verhaftungen waren auch in der Ge⸗ gend von Champ⸗Saint⸗Pore vorgenommen, der Poſten von Port⸗la⸗Claie war angegriffen worden, und wiewohl in Betracht der geringen Zahl der da⸗ bei Betheiligten der Angriff zurückgeſchlagen worden war, bewies doch die Kühnheit und Kraft, womit er geleitet worden, daß man ihn den Ausreißern nicht zuſchreiben durfte. Bei einem der Gefangenen von Champ⸗Saint⸗ Pore entdeckte man eine Liſte junger Leute, welche ein Eliten⸗Corps bilden ſollten. Dieſe Liſte, dieſe auf verſchiedenen Punkten zu derſelben Stunde gemachten Angriffe, dieſe Verhaf⸗ tungen mehrerer durch ihre exaltirten Meinungen be⸗ kannter Leute mußten die Obrigkeit lehren, auf ihrer Hut zu ſein und die Gefahren, gegen welche ſie ſich bisher nur ſchwach geſichert hatte, als ernſthafter zu betrachten. Wäre die Contre⸗Ordre nicht zur Zeit in eini⸗ gen Lokalitäten der Vendée, von Deux⸗Sdores, in der Bretagne, Maine und dem Bocage, von deſſen Mittelpunkt die Leitung ausging, angelangt, ſo wäre die Kriegsfahne offen aufgepflanzt worden. In der erſten dieſer Provinzen hatte ſich die Diviſion von Vitré geſchlagen, hatte ſogar bei Bre⸗ tonnidres⸗en⸗Bréal einen ephemeren Erfolg davon getragen, der am nächſten Tag bei la Gaudinidre ſich in Mißgeſchick verwandelte. Gaullier in der Maine hatte auch die Contre⸗ Ordre zu ſpät erhalten, um ſeine Leute zurückzu⸗ halten, lieferte alſo ſeinerſeits zu Chanay ein blu⸗ tiges Gefecht, das nicht weniger als ſechs Stunden dauerte, und außer dieſem, wie man ſieht, ernſtlichen der den, da⸗ den dmit gern int⸗ lche zu af⸗ be⸗ drer ſich fter ini⸗ in ſſen ſo die gre⸗ von dre re⸗ zu⸗ lu⸗ den hen 89 Zuſammenſtoß wechſelten die Bauern, welche auf gewiſſen Punkten nicht hatten nach Hauſe kehren wollen, beinahe jeden Tag Flintenſchüſſe mit den Colonnen, welche die Ebenen durchfurchten. Man darf es kühn geſtehen, die Contre⸗Ordre vom 22. Mai, die unzeitigen und iſolirten Bewe⸗ gungen, welche aus derſelben entſprangen, der Man⸗ gel an Einverſtändniß und Vertrauen, gleichfalls eine Folge davon, thaten mehr für die Juli⸗Regie⸗ rung, als der Eifer aller ihrer vereinigten Agenten. In den Provinzen, wo man die Diviſionen bei⸗ ſammen behielt, war es unmöglich, ſpäter die Be⸗ geiſterung, die man hatte erkalten laſſen, wieder zu erwärmen, man hatte der inſurgirten Bevölkerung Zeit gegeben, ſich zu zählen und zu überlegen. Die Ueberlegung, für Rechnungsfälle oft gün⸗ ſtig, iſt immer verhängnißvoll für Gefühle. Die Chefs, die ſich ſelbſt der Aufmerkſamkeit der Regierung bezeichnet hatten, wurden leicht überfal⸗ len und verhaftet, wenn ſie in ihre Wohnungen zurückkehrten. Dieß war noch ſchlimmer in den Kantonen, wo die Banden in Reih und Glied erſchienen; die Bauern, die ſich ihrer eigenen Kraft überlaſſen fühlten und die Diviſionen, auf welche ſie zählten, nicht eintreffen ſahen, ſchrieen Verrath, zerbrachen ihre Bewehre und kehrten entrüſtet an ihren Herd zurück. Die legitimiſtiſche Inſurrektion ſcheiterte, da ſie noch im Zuſtand des Werdens begriffen war; die Sache Heinrichs V verlor zwei Provinzen, ehe ſie ihre Fahne entfaltet hatte, die Vendée ſollte blos 90 auf ihre eigene Kraft angewieſen ſein, aber ſo groß war der Muth dieſer Rieſenſöhne, daß ſie, wie wir alsbald ſehen werden, noch nicht verzweifelten. Acht Tage waren ſeit den Ereigniſſen verfloſſen, die wir im vorangehenden Kapitel erzählt haben, und während dieſer acht Tage war die politiſche Bewegung, welche ſich ringsherum erzeugt hatte, ſo mächtig geworden, daß ſie diejenigen unſerer Perſo⸗ nen, welche durch ihre Leidenſchaften, wie es ſchien, völlig davon hätten fern gehalten werden ſollen, in ihren Kreis hineingezogen hatte. Bertha, einen Augenblick unruhig über das Ver⸗ ſchwinden Michels, hatte ſich wieder vollkommen er⸗ heitert gezeigt, als ſie denſelben in ihre Nähe zu⸗ rückkehren ſah, und ihr Glück hatte ſich mit ſolcher Ueberſpannung und Oeffentlichkeit kund gegeben, daß es dem jungen Mann unmöglich geweſen war, ohne das Mary gegebene Verſprechen zu verrathen, ſei⸗ nerſeits beim Wiederſehen derſelben nicht glücklich zu erſcheinen. Im Uebrigen verſchlangen ſeit den Beſchäftigungen, welche ſie in Petit⸗Pierre’s Nähe fand, die unendlichen Einzelheiten der Correſpon⸗ denz, welche ſie übernommen hatte, ihre Augen⸗ blicke dermaßen, daß ſie dadurch gehindert wurde, die Traurigkeit und Niedergeſchlagenheit und die Art von Zwang zu bemerken, womit er ſich der Vertraulichkeit hingab, welche Bertha's männliche Gewohnheiten gegenüber von dem, welchen ſie als ihren Verlobten betrachtete, rechtfertigten. Mary, welche ihrem Vater und ihrer Schweſter zwei Stunden, nachdem ſie Michel auf dem Eilande ◻‚ ZA—& S-—— 2 8SSSS 1 wi 91 Jonchdres verlaſſen hatte, ſich wieder anſchloß, ver⸗ mied es fortwährend, allein mit dem letztern zu ſein. Wenn die Verpflichtungen ihres gemeinſamen Lebens ſie zuſammenführten, ließ ſie ſich nie eine Gelegen⸗ heit entgehen, vor Michels Augen den Reiz und die Vorzüge ihrer Schweſter wirkſam hervorzuheben; begegneten ihre Augen denen des jungen Barons, ſo betrachtete ſie ihn mit einem flehenden Ausdruck, welcher ihn ſüß und grauſam zugleich an das ihr gegebene Verſprechen erinnerte. Wenn Michel zufällig durch ſein Stillſchweigen die Aufmerkſamkeiten, womit Bertha ſo verſchwen⸗ deriſch gegen ihn war, rechtfertigte, ſo affectirte Mary im Augenblick eine laute und bezeichnungs⸗ volle Freude, die ohne allen Zweifel ihrem Herzen ſehr fern war, aber nichts deſto weniger Michels Herz zerriß. Indeſſen war es ihr, was ſie auch verſuchen mochte, doch unmöglich, die Verheerungen zu verbergen, welche der Kampf, den ſie gegen ihre Liebe beſtand, in ihrem Aeußern hervorbrachte. Dieſe Veränderung mürde ihrer Umgebung auf⸗ gefallen ſein, wenn ſie weniger, entweder mit ihrem Elück, wie Bertha, oder mit Sorgen der Politik, wie Petit⸗Pierre, beſchäftigt geweſen wäre. Die Friſche der armen Mary war verſchwunden; breite Kreiſe, bläulich und rußbraun, zeigten ihre eingefallenen Augen; ihre blaſſen Wangen wurden ſichtbar hohler, und leichte Runzeln fältelten ihre ſchöne Stirne und ſtraften das Lächeln, welches ihre Lippen beinahe beſtändig affectirten, Lügen. „Jean Oullier, deſſen Beſorgniß ſich nicht ge⸗ täuſcht haben würde, war zum Unglück abweſend; 92 noch an demſelben Tage, wo er nach Banloeuvre zurückkehrte, hatte ihn der Marquis von Souday mit Aufträgen nach dem Oſten geſchickt und ſehr uner⸗ fahren in Herzensſachen, war Jean Oullier beinahe ruhig abgereist; denn trotz dem, was er gehört hatte, bildete er ſich nicht im Mindeſten ein, daß das Uebel ſo tief ſaß. Man war bei dem 3. Juni angelangt. An dieſem Tag gab es eine große Bewegung in Moulin⸗Jacques, Gemeinde Saint⸗Colombin. Seit dem Morgen hatte das Ab⸗ und Zugehen von Weibern und Bettlern beſtändig fortgedauert, und im Augenblick, als der Tag ſich neigte, der vor der Meierei liegende Obstgarten das Ausſehen eines Lagers angenommen. Von Minute zu Minute langten Männer, in Blouſen oder Jagdwämſer gekleidet, mit Flinten, Säbeln und Piſtolen bewaffnet, die einen über die Felder, die andern auf den Straßen an; ſie ſpra⸗ chen zu den Schildwachen, welche den Pachthof rings umgaben, ein Wort; auf dieſes Wort ließ die Wache ſie paſſiren; ſie legten ihre Waffen in Py⸗ ramiden längs der Hecke, welche den Garten vom Hof trennte, ab und ſchickten ſich gleich denen, welche vor ihnen gekommen waren, an, unter den Obst⸗ bäumen zu bivouakiren. Im Innern von Moulin⸗Jacques war der Zu⸗ fluß, wenn auch minder zahlreich, als draußen, doch nicht weniger geräuſchvoll. Einige Chefs empfingen ihre letzten Inſtructio⸗ nen, verſtändigten ſich über die am Morgen zu er⸗ greifenden Maßregeln. Edelleute erzählten die vre mit ner⸗ ahe hört daß ung hen ert, der hen in ten, die ra⸗ hof die Vy⸗ om lche ost⸗ Zu⸗ doch tio⸗ er⸗ die 93 Vorfälle dieſes Tags, der bereits ſeine Ereigniſſe gehabt hatte. Dieſe Ereigniſſe waren die Zuſammenrottung auf der Haide Urgeins und einige Einzelngefechte mit den Regierungstruppen. Der Marquis von Souday machte ſich mitten unter den Gruppen durch ſeine exaltirte Geſchwätzig⸗ keit bemerkbar; er hatte ſeine zwanzig Jahre wieder bekommen; es ſchien ſeiner fieberhaften Ungeduld, als ob die Sonne am Morgen gar nicht aufgehen wolle, und er benützte die Zeit, welche die Erde zum Vollzug des Umſchwungs um ihre Achſe brauchte, um den jungen Leuten, welche auf ihn hörten, eine Vorleſung in der Taktik zu halten. Michel ſaß in einer Ecke des Kamins und war der Einzige, deſſen Geiſt nicht völlig von den ſich vorbereitenden Ereigniſſen in Anſpruch genommen wurde. Seit dem Morgen hatte ſich die Situation ver⸗ wickelt. Einige Freunde, einige Nachbarn des Marquis hatten ihm zu ſeiner vorſtehenden Verbindung mit Mademoiſelle von Souday Glück gewünſcht. Er fühlte, daß er mit jedem Schritt, den er vor⸗ wärts that, ſich immer mehr in die Maſchen des Netzes, in das er mit geſenktem Kopf gegangen war, verwickelte; und unglücklicher Weiſe ſah er zu glei⸗ cher Zeit, wie alle ſeine Anſtrengungen, das ihm von Mary entriſſene Verſprechen zu halten, unmäch⸗ tig waren, wie er ſich vergeblich bemühte, aus ſei⸗ nem Herzen das ſüße Bild, welches davon Beſitz genommen hatte, zu vertreiben. 94 Seine Traurigkeit wurde immer größer und bil⸗ dete in dieſem Augenblick einen vollkommenen Con⸗ traſt mit den belebten Phyſiognomien ſeiner Um⸗ „gebung. 9 Der Lärm, die Bewegung, die um Michel herum herrſchten, wurden ihm bald unerträglich. Er erhob und ging, ohne bemerkt zu werden, hinaus. Er ſchritt über den Hof und gelangte, hinter den Mühlenrädern herumgehend, in den Garten des Müllers, folgte dem Lauf des Waſſers und ſetzte ſich auf das Geländer eines kleinen Bachs, ungefähr zweihundert Schritte vom Hauſe. Er befand ſich dort ſeit etwa einer Stunde und überließ ſich allen den ſchwarzen Gedanken, welche das Bewußtſein ſeiner Lage in ihm weckte, als er einen Mann wahrnahm, der auf dem Wege, den er ſelbſt genommen hatte, auf ihn zukam. „Sind Sie es, Herr Michel?“ fragte der Mann. „Jean Oullier,“ rief Michel,„Jean Oullier; der Himmel ſchickt mir Sie; ſeit wann ſind Sie zurückgekehrt?“ „Seit kaum einer halben Stunde.“ „Haben Sie Mary geſehen?“ „Ja, ich habe Mademoiſelle Mary geſehen.“ Und er hob mit einem Seufzer die Augen zum Himmel. Der Ton, womit Jean Oullier dieſe Worte aus⸗ ſprach, die Geberde und der Seufzer, die ſie beglei⸗ teten, deuteten an, daß ſeine ſo tiefe Beſorgniß ſich über die Urſache von dem Hinwelken des Mädchens nicht täuſchte und er endlich den Ernſt der Lage richtig erkannt hatte. 95 Michel verſtand ihn; denn er verbarg ſein Ge⸗ ſicht zwiſchen den Händen, indem er ſich begnügte, zu fluͤſtern: „Arme Mary!“ 1 Jean Oullier hörte ihm mit einem gewiſſen Mit⸗ leid zu; dann fragte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen: 4 „Haben Sie einen Entſchluß gefaßt?“ „Nein; aber ich hoffe, daß morgen eine Kugel mich dieſer Sorge entheben wird.“ „O!“ ſprach Jean Oullier,„darauf darf man nicht zählen; die Kugeln ſind capriciös; ſie treffen nicht immer die, von welchen ſie herbeigerufen werden.“ „Ach! Herr Jean,“ ſagte Michel kopfſchüttelnd, „wir ſind ſehr unglücklich.“ „Ja, es ſcheint, daß Ihr ſehr gequält ſeid von dem, was Ihr Liebe nennt und was nichts als Un⸗ vernunft iſt! Mein Gott! wer mir das geſagt hätte, daß dieſe beiden Kinder, die an nichts dach⸗ ten, als mit ihrem Vater und mir brav und recht⸗ ſchaffen den Wald zu durchſtreifen, ſich von dem erſten, mit einem Hut bedeckten Geſicht, das ſie auf ihrem Wege trafen, ſo ganz bezaubern ließen, und dieß, weil dieſes Geſicht ebenſo ſehr dem eines ädchens glich, als ihr eigenes Weſen dem von Jungen gleicht.“ „Ach! das Verhängniß hat dieß Alles gethan, mein armer Jean.“ 8,Nein,“ erwiderte der Vendéer, nnicht das Ver⸗ hängniß iſt anzuklagen, ſondern ich.... nun kurz, laßt ſehen, da Sie nicht den Muth haben, mit die⸗ ſer Närrin Bertha offen zu reden, werden Sie wohl den Muth haben, rechtſchaffen zu bleiben?“ et „Ich werde alles Nöthige thun, um mich Mary kt wieder zu nähern; rechnen Sie auf mich, ſo lang dij Sie zu dieſem Zweck handeln.“ ſie „Wer ſpricht davon, Mary ſich wieder zu nähern. li Das arme Kind! ſie hat mehr Verſtand, als wir be alle; ſie kann nicht Ihre Frau ſein; ſie ſagte es ſch Ihnen vor einigen Tagen oder vielmehr Nächten; di und ſie hatte hundertmal Recht; nur führte ſie ihre Liebe zu Bertha allzuweit ab; ſie will ſich zu den th Todesqualen verurtheilen, welche ſie ihrer Schweſter zu erſparen wünſcht, und das dürfen weder Sie ſch noch ich zugeben.“ Ge „Wie das, Jean Oullier?“ lich „Nun, ein ſehr leichtes Mittel: da Sie nicht Ih der angehören können, welche Sie lieben, ſo müſſen ner Sie auch nicht der gehören, welche Sie nicht lieben, die ſo iſt denn meine Anſicht, daß der Kummer der nich erſtern ſich mit der Länge der Zeit legen wird; denn ent ſie hat gut ſagen, ſehen Sie, ſo rein auch das Herz einer Frau ſein mag, auf dem Grunde gibt es im⸗ Ta⸗ mer ein wenig Eiferſucht.“ Au „Der Hoffnung, Mary meine Frau zu nennen, ſie und zugleich dem Troſt ihres Anblicks zu entſagen? ich vermag es nicht; ſehen Sie, Jean Oullier, um halt Mary näher zu kommen, würde ich, ſcheint es mir, durch das hölliſche Feuer gehen.“ „Alles das ſind nur Redensarten, mein junger als Herr; man hat ſich gut getröſtet, aus dem Paradies gegangen zu ſein, man kann, iſt man in Ihrem Alter, eine Frau wohl vergeſſen, die man liebt, 97 Ueberdieß iſt das, was Sie von Mary ſcheiden muß, etwas ganz anderes, als das hölliſche Feuer, es könnte ihrer Schweſter Leiche ſein, denn Sie kennen dieſes unzähmbare Kind, das Bertha heißt, und was ſie zu thun fähig iſt, noch nicht. Ich, ein armer, ehr⸗ licher Bauer, verſtehe nichts von allen Euren erha⸗ benen Empfindungen; aher es ſcheint mir, die ent⸗ ſchiedenſten derſelben müſſen vor einem Hinderniß dieſer Art zurückweichen.“ „Aber was thun? mein Gott! was thun? Ra⸗ then Sie mir, mein Freund.“ „Alles Uebel kommt, wie es mir wenigſtens ſcheint, daher, daß Sie nicht den Charakter Ihres Geſchlechts haben; man muß thun, was unter ähn⸗ lichen Umſtänden dasjenige thut, dem Sie durch Ihre Manieren, Ihre Schwäche anzugehören ſchei⸗ nen; Sie haben kein Mann ſein können; Sie haben die Situation, in welche der Zufall Sie verſetzte, nicht zu beherrſchen vermocht; man muß derſelben entfliehen.“ „Fliehen! aber haben Sie nicht vor einigen agen gehört, daß Mary mir erklärte, von dem Augenblick an, da ich ihrer Schweſter entſage, werde ſie mich nie mehr ſehen?“ „Was macht das, wenn Sie ihre Achtung be⸗ halten?“ „Aber Alles, was ich leiden werde!“ „Sie werden in der Ferne nicht mehr leiden, als Sie hier leiden.“ 4 „Hier ſehe ich ſie wenigſtens.“. „Glauben Sie, das Herz kenne eine Entfernung? ſelbſt nicht die, welche uns von denen ſcheidet, die 7 Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. uns das letzte Lebewohl geſagt haben. Hören Sie, es ſind dreißig und mehr Jahre, daß ich meine arme Frau verloren habe; nun! es gibt Tage, wo ich dieſelbe ſehe, ſo wie ich Sie ſehe; Mary's Bild werden Sie in Ihrem Herzen mit fortnehmen und hören, wie deren Stimme Ihnen dankt für das, was Sie gethan haben.“ „Ach! Halt, ich würde es lieber hören, wenn Sie mir vom Sterben ſprächen.“ „Allons! Herr Michel, ein guter Vorſatz; ja und wenn es ſein muß, werde ich, der ich doch ernſte Gründe zum Haß gegen Sie habe, vor Ih⸗ nen auf die Kniee fallen und zu Ihnen ſprechen: „Ich beſchwöre Sie, geben Sie dieſen beiden armen Geſchöpfen, ſo weit es möglich iſt, den Frieden zurück!⸗“ „Nun kurz, was wollen Sie von mir?“ „Sie müſſen fort; ich habe es Ihnen geſagt und wiederhole es noch einmal.“ „Fort! Aber Sie denken nicht daran, daß man ſich morgen ſchlägt; heute fortgehen heißt deſertiren; heißt mich entehren.“ „Nein, ich will Sie nicht entehren; wenn Sie frrigehen, wird es nicht des Deſertirens halber ein.“ 3 „Wie ſo?“ „In Abweſenheit eines Kapitäns von einem Kirchſpiel der Diviſion Cliſſon bin ich beſtimmt worden, ihn zu erſetzen, Sie werden mit mir kommen.“ 3 „Ja; ich möchte, daß die erſte Kugel morgen für mich wäre.“ 2☛ 2 eine ten ſein 99 „Sie werden ſich unter meinen Augen ſchlagen,“ fuhr Jean Oullier fort,„und wenn Jemand zwei⸗ felt, werde ich Zeugniß ablegen, wollen Sie?“ „Ja,“ antwortete Michel mit ſo leiſer Stimme, daß der Vendéer ihn kaum verſtehen konnte. „Gut; in drei Stunden werden wir uns auf den Marſch begeben.“ „Abgehen, ohne ihr Adieu zu ſagen?“ „Es muß ſein; im Angeſicht der Umſtände, de⸗ nen wir entgegen gehen, wer weiß, ob ſie den Muth hätte, Sie ziehen zu laſſen; wohlan! auch dazu Muth.“ „Ich werde ihn haben, Oullier; Sie werden mit mir zufrieden ſein.“ „Gut: ſo darf ich alſo auf Sie rechnen?“ „Ich gebe Ihnen mein Wort.“ „In drei Stunden erwarte ich Sie auf dem Kreuzweg von Belle⸗Paſſe.“ „Ich werde mich daſelbſt einfinden.“ Jean Oullier machte Michel ein beinahe freund⸗ ſchaftliches Zeichen des Lebewohls; üherſchritt dann die kleine Brücke und ging in den Obstgarten, um ſich den andern Vendéern anzuſchließen. LX. Wo Jean Oullier um der guten Sache willen lügt. Der junge Mann verharrte einige Minuten in einer Art Vernichtung. Jean Oulliers Worte tön⸗ r Trauerglocke, die zu 7* ten in ſeinem Ohr gleich de ſeinem eigenen Tode läutete. 100 Er glaubte zu träumen und mußte, um die Wirklichkeit ſeines Schmerzes zu glauben, ſich ſelbſt ganz leiſe das Wort wiederholen: „Fortgehen! Fortgehen!“ Bald ging die kalte Vorſtellung des Todes, wel⸗ chen er ſich bisher nur als einen Beiſtand, der vom Himmel käme, angeſehen hatte, eine Vorſtellung, an welche er nur dachte, wie man mit zwanzig Jahren daran denkt, aus ſeinem Gehirn in ſein Herz über und brachte es zum Erſtarren. Er ſchauderte am ganzen Körper. Er ſah ſich von Mary getrennt, nicht mehr durch einen Zwiſchenraum, den er durchmeſſen konnte, ſondern durch jene Granitmauer, welche den Men⸗ ſchen für ewig in ſeine letzte Wohnung einſchließt. Sein Schmerz wurde ſo ſtark, daß er ihm gleich einer Ahnung vorkam. Dann klagte er Jean Oullier der Härte und Ungerechtigkeit an; es ſchien ihm unerträglich, daß die Strenge des alten Vendéers ihm den äußerſten Troſt eines letzten Blicks raubte; es ſchien ihm un⸗ möglich, daß ein letztes Lebewohl ihm verſagt würde. Er empörte ſich gegen dieſe Forderung und entſchloß ſich, Mary zu ſehen, was auch geſchehen möchte. Michel kannte vollkommen die Eintheilung der Mühle. Petit⸗Pierre bewohnte die Stube des Müllers, über den Mühlſteinen gelegen. Es war natürlich das Ehrenzimmer des Hauſes. In einem an dieſes Zimmer ſtoßenden Cabinet ſchliefen die beiden Schweſtern. Dieſes Cabinet hatte ein ſchmales Fenſter, wel⸗ die ſelbſt wel⸗ vom ung, unzig ſein mehr unte, Nen⸗ jeßt. leich und daß rſten un⸗ irde. hloß e. der lers, uſes. vinet wel⸗ 101 ches auf das äußere Rad, das die Maſchine in Bewegung ſetzte, hinausging. Die Maſchine war für den Augenblick in Ruhe. Man hatte das Wa ſer abgeleitet, aus Furcht, das Rauſchen, welches durch ſeinen Lauf verurſacht würde, möchte die Schildwachen hindern, anderes Geräuſch zu hören.. Michel erwartete die Nacht; es war das Werk etwa einer Stunde. Als die Nacht eingebrochen war, näherte er ſich den Gebäuden. Man ſah Licht durch die Scheibe des kleinen Fenſters. Er warf eine Planke auf eines der Schlagbret⸗ ter des Rades und gelangte, ſich an der Mauer forthelfend, von Schaufel zu Schaufel auf den höch⸗ 3 Hier befand er ſich dem ſchmalen Fenſter gegen⸗ über. Er hob langſam den Kopf auf und ſchaute in das Innere des kleinen Cabinets. „Mary war allein; ſie ſaß auf einem Schemel, mit dem Ellbogen auf das Bett geſtützt, den Kopf in die Hand gelegt; von Zeit zu Zeit entſchlüpfte ein tiefer Seufzer ihrer Bruſt; von Zeit zu Zeit bewegten ſich ihre Lippen, als ob ſie ein Gebet murmelten. Bei dem Geräuſch, welches der junge Mann machte, indem er an der Scheibe klopfte, erhob ſie den Kopf, erkannte ihn durch das Glas, ſtieß einen chrei aus und lief an das Fenſter. „Bſt!“ machte der junge Mann. „Sie! Sie hier!“ rief Mary. „Ia, ich.“ „Mein Gott! was wollen Sie?“ „Mary, es ſind acht Tage, daß ich nicht mit Ihnen geſprochen, es ſind beinahe acht Tage, daß ich Sie nicht geſehen habe; ich will Ihnen Lebe⸗ wohl ſagen, ehe ich gehe, wohin mein Geſchick mich ruft.“ „Lebewohl! Und warum Lebewohl?“ „Ich will Ihnen Lebewohl ſagen, Mary,“ wie⸗ derholte der junge Mann mit Feſtigkeit. „O! Sie wollen nicht mehr ſterben?“ Michel gab keine Antwort. „9! Sie werden nicht ſterben!“ fuhr Mary fort;„ich habe dieſen Abend ſo viel gebetet, daß Gott mich hören mußte. Aber nun, da Sie mich geſehen, nun, da Sie mit mir geſprochen haben, gehen Sie, gehen Sie!“ „Warum Sie denn ſo ſchnell verlaſſen, mein Gott! haſſen Sie mich ſo ſehr, daß Sie mich nicht ſehen können?“ „Nein, nicht deßwegen, mein Freund,“ antwor⸗ tete Mary;„aber Bertha iſt im nächſten Zimmer; ſie kann Sie kommen gehört haben; ſie kann Sie reden hören. Mein Gott! mein Gott! was ſollte aus mir werden, die ich ihr geſchworen habe, daß ich Sie nicht liebe?“ „Ja, ja, ſchwören Sie ihr das; aber mir haben Sie geſchworen, daß Sie mich lieben, und nur Ihrer Liebe ſicher, habe ich eingewilligt, die mei⸗ nige zu verbergen.“ „Ich beſchwöre Sie, Michel, gehen Sie!“ ——O— —2—— 103 „Nein, Mary, ich werde nicht gehen, ohne aus Ihrem Munde die Wiederholung deſſen gehört zu haben, was er mir in der Hütte zu Jonchdre geſagt hat 4 „Aber dieſe Liebe iſt beinahe ein Verbrechen!“ rief Mary verzweifelt.„Michel, mein Freund, ich erröthe, ich weine, wenn ich daran denke, daß ich ſchwach genug war, ihr eine Minute nachzugeben.“ „Ich werde ſo handeln, Mary, ich ſchwöre Ihnen, daß Sie morgen zu ſolchem Bedauern, zu ſolchen Thränen keinen Grund mehr haben.“ „Sie wollen ſterben? O, ſprechen Sie mir nicht ſo, ich bitte Sie, ſprechen Sie mir nicht ſo, mir, die ich ſo viel leide in der Hoffnung, daß meine Schmerzen Ihnen ein beſſeres Geſchick als das mei⸗ nige bringen mögen!.. Aber haben Sie nichts Phört Man kommt; gehen Sie, Michel, gehen ie 44 „Einen Kuß, Mary?“ „Nein.“ „Noch einen Kuß, den letzten?“ „Nie, mein Freund. „Mary, Sie geben ihn einer Leiche.“ ary ſtieß einen Schrei aus; ihre Lippen be⸗ rührten die Stirne des jungen Mannes, aber im Augenblick, da ſie das Fenſter zuſchlug, öffnete ſich die Thüre. Bertha erſchien auf der Schwelle. Sie ſah ihre Schweſter blaß, verſtört, ſich mit Mühe aufrecht haltend, und mit dem furchtbaren Inſtinkt, den die Eiferſucht gewährt, lief ſie an das Fenſter, öffnete es heftig und erblickte einen Schat⸗ ten, der ſich an den Gebäuden hinſchlich. „Iſt Michel da geweſen, Mary?“ rief ſie mit bebenden Lippen. „Schweſter,“ ſagte Mary auf die Kniee fallend nich ſchwöre Dir...“ Bertha unterbrach ſie. „Schwöre nicht! Lüge nicht! Ich habe ſeine Stimme erkannt.“ Bertha ſtieß Mary ſo heftig zurück, daß ſie rück⸗ wärts auf den Boden fiel, ſtürzte dann, über den Körper ihrer Schweſter hinwegſchreitend, wüthend wie eine Löwin, der man ihre Jungen geraubt hat, aus dem Zimmer, ſtieg raſch die Treppe hinunter, ging durch die Mühle und eilte in den Hof. Hier ſah ſie zu ihrem großen Erſtaunen Michel auf der Thürſchwelle neben Jean Oullier ſitzen. Sie ging gerade auf ihn zu. „Sind Sie ſchon lang hier?" fragte ſie den jun⸗ gen Mann mit kurzer, abgebrochener Stimme. Michel machte eine Geberde, welche bedeutete: „Ich überlaſſe Jean Oullier das Wort.“ „Seit etwa drei Viertel Stunden beehrt mich ber ber Baron, mit mir zu ſchwatzen,“ antwortete dieſer. Bertha ſchaute den alten Vendéer feſt an. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte ſie. „Warum iſt es ſonderbar?“ fragte Jean Oullier, ſeinerſeits die Augen auf Bertha heftend. „Weil es mir ſo eben,“ antwortete das Mäd⸗ chen, ſich nicht mehr an Jean Oullier, ſondern an Michel wendend,„weil es mir ſo eben vorgekommen 105 i*ſt, als höre ich Sie mit meiner Schweſter am Fen⸗ ſter ſchwatzen, und ſehe Sie am Mühlrade herunter ſteigen, das Sie erſtiegen haben, um zu ihr zu ge⸗ langen.“ „Der Herr Baron ſieht mir wirklich ſo aus,“ antwortete Jean Oullier,„um ſolche Kraftſtücke zu riskiren.“ „Aber wer ſoll es dann ſein, Jean?“ fragte Bertha ungeduldig und mit dem Fuße ſtampfend. „Nun, irgend ein Betrunkener wohl von da un⸗ ten, der ſich dieſen Spaß ausgedacht hat.“ „Aber ich ſage Dir, Mary war blaß, ſchaudernd, aufgeregt.“ „Aus Furcht,“ erwiderte Jean Oullier;„glau⸗ ben Sie denn, dieſelbe ſei ein ſolcher Mauerbrecher, wie Sie?“ Bertha blieb nachdenklich. Sie kannte die Geſinnungen, welche Jean Oul⸗ lier gegen den jungen Baron hegte; ſie konnte alſo nicht vermuthen, daß er ſich zu ſeinem Mitſchuldi⸗ gen gegen ſie mache. Nach einigen Augenblicken kehrten ihre Gedan⸗ ken zu Mary zurück; ſie erinnerte ſich, daß ſie die⸗ ſelbe beinahe ohnmächtig verlaſſen hatte. „Ja,“ ſagte ſie,„ja, Jean Oullier, Du haſt Recht; das arme Kind wird ſich gefürchtet haben; und durch meine Brutalität habe ich ihre Vernunft vollends getrübt. O! dieſe Liebe macht mich wahr⸗ haft wahnſinnig.“ Und ohne ein einziges Wort an Michel und Jean Oullier zu richten, ſtürzte ſie wieder auf die Mühle zu. Jean Oullier ſchaute Michel an, der die Augen niederſchlug. „Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen,“ ſprach er zu dem jungen Mann;„Sie erkennen, auf wel⸗ chem Pulverfaß Sie gehen. Was würde geſchehen ſein, hätte ich mich nicht hier befunden, um zu lü⸗ gen, Gott verzeihe mir! als ob ich mein Leben lang nichts Anderes gethan hätte?“ „Ja,“ antwortete Michel,„Sie haben Recht, Jean, und der Beweis dafür iſt, daß ich jetzt, ol ich ſchwöre es Ihnen, folgen werde; denn ich ſehe wohl, es iſt unmöglich, daß ich länger hier bleibe.“ „Gut. Die Nanteſer werden ſich ſogleich auf den Marſch begeben; der Herr Marquis muß ſich ihnen mit ſeiner Diviſion anſchließen; gehen Sie zu gleicher Zeit mit denſelben ab, bleiben Sie dann zurück und warten Sie an dem bekannten Ort.“ Michel ging ab, um ſein Pferd zu richten, und inzwiſchen holte Jean Oullier bei dem Marquis ſeine letzten Inſtructionen. Die in dem Obstgarten gelagerten Vendéer hat⸗ ten ſich geſammelt; die Waffen funkelten im Schat⸗ ten, ein Schauder reſpectvoller Ungeduld lief durch ihre Reihen. Bald trat Petit⸗Pierre in Begleitung der vor⸗ nehmſten Häuptlinge aus dem Hauſe und ſchritt auf die Vendéer zu; kaum hatte man ihn erkannt, als ein furchtbares Geſchrei der Begeiſterung aus jedem Mund erſcholl, die Säbel gezogen wurden und diejenige, für welche man in den Tod ging, begrüßten. „Meine Freunde,“ ſprach Petit⸗Pierre vortre⸗ —,——,— 9„- — 107 tend,„ich hatte verſprochen, bei der erſten Schaa⸗ rung ſollte man mich erſcheinen ſehen, hier bin ich, und werde Euch nicht mehr verlaſſen; glücklich oder unglücklich, Euer Loos wird fernerhin das meinige ſein. Kann ich Euch nicht, wie mein Sohn thun würde, um meinen Helmbuſch vereinigen, ſo kann ich, wie er auch thun würde, mit Euch ſterben.“ „Wohlan denn, Söhne der Rieſen! geht, wohin Ehre und Pflicht Euch gebieten!“ Mit wahnſinnigen Rufen:„Es lebe Heinrich v.! Es lebe Marie Caroline!“ wurde dieſe Anſprache aufgenommen. Petit⸗Pierre richtete noch einige Worte an diejenigen Chefs, welche er kannte, dann zog die kleine Truppe, auf welcher das Geſchick der älteſten Monarchie Europa's ruhte, nach der Seite von Vieille⸗Vigne ab. Während dieſer Zeit hatte Bertha mit um ſo größe⸗ rem Eifer Mary alle Hülfe geleiſtet, je plötzlicher ihr Geiſt oder vielmehr ihr Herz ſich wieder gefunden. Sie hatte dieſelbe auf ihr Bett gelegt und ſtrich ihr mit ihrem in friſches Waſſer getauchten Taſchen⸗ tuch über das Geſicht. Mary öffnete halb irre die Augen, ſchaute um ſich, ohne etwas zu ſehen, während ihre Lippen Michels Namen ſtammelten. Ihr Herz war vor ihrer Vernunft wieder er⸗ wacht. Bertha fuhr unwillkürlich zuſammen. Sie war im Begriff, Mary wegen ihres Ungeſtüms um Ver⸗ zeihung zu bitten; bei dem von ihrer Schweſter ausgeſprochenen Namen Michels erſtarrten die Worte auf ihren Lippen. 108 Zum zweiten Mal fühlte ſie in ihrem Herzen den Schlangenbiß der Eiferſucht. In dieſem Augenblick ſchlug das Beifallsgeſchrei, womit die Vendéer Petit⸗Pierre's Worte begrüßten, an ihr Ohr; ſie trat an das Fenſter vom Zimmer des letztern und erblickte eine düſtere Maſſe, von einigen Blitzen beleuchtet, welche zwiſchen den Bäu⸗ men verſchwand. Es war die abmarſchirende Colonne. Sie bedachte dann, daß Michel, der zu dieſer Colonne gehörte, ohne ein Lebewohl für ſie abge⸗ gangen war, und ſetzte ſich düſter, nachdenklich, un⸗ ruhig, wieder an Mary's Bett. * LXI. Wo der Gefangenwäͤrter und der Gefangene ſich zuſammen retten. Den vierten Juni, mit Tagesanbruch, läutete die Sturmglocke auf allen Kirchthürmen der Bezirke Cliſſon, Montaigu und Machecoul. Die Sturmglocke iſt der Generalmarſch der Vendéer. Sonſt, das heißt in dem großen Kriege, erhob ſich, wenn deren ſcharfer, unglückverkündender Laut auf dem Lande ertönte, die ganze Bevölkerung und eilte dem Feind entgegen. Wie viel wichtige Umſtände mußten es bei die⸗ ſer Bevölkerung ſo weit bringen, um ſie vergeſſen zu laſſen, daß dieſer Feind Frankreich war. Aber zum Glück, und dieß beweist für den un⸗ 109 endlichen Fortſchritt, der ſeit vierzig Jahren, im Jähr 1832, bei uns gemacht worden war, ſchien dieſer Ton alle ſeine Gewalt verloren zu haben, und wenn auch ein Bauer, dieſem gottloſen Ruf ge⸗ horſam, die Pflugſchar mit der in der nächſten Hecke verborgenen Flinte vertauſchte, fuhren die meiſten friedlich in der angefangenen Furche fort und be⸗ gnügten ſich, auf dieſes Signal zur Empörung mit jener tief nachdenklichen Miene zu horchen, welche der wilden Phyſiognomie des Vendéeiſchen Bauern ſo gut anſteht. Inzwiſchen hatte von ſechs Uhr Morgens eine ziemlich zahlreiche Truppe Vendéer mit den Linien⸗ truppen ein Gefecht gehabt. Stark verſchanzt im Dorfe Maisdon hatte dieſe Truppe den gegen ſie gerichteten Angriff ausgehal⸗ ten und war erſt vor der Ueberzahl ihrer Gegner gewichen. Dann hatte ſie ihren Rückzug in beſſerer Ordnung bewerkſtelligt, als es ſonſt, ſelbſt nach einem unbe⸗ deutenden Schlag, bei den Vendéern gewöhnlich war. Dießmal, wiederholen wir, war es nicht mehr ein großer Grundſatz, für den man kämpfte, es war eine einfache Aufopferung. Nur war dieſe Aufopferung diejenige einiger hochherzigen Männer, welche ſich durch die Vergan⸗ genheit an ihre Väter gekettet erachteten und Ehre, Vermögen, Leben für den alten Sinnſpruch:„Adel verpflichtet“ hingaben.. Darum war der Rückzug in ſolcher Ordnung geſchehen, weil die, welche ſich auf dem Rückzug 110 ſchlugen, nicht mehr einfache, undisciplinirte Bauern, ſondern„Herren“ waren. Nur focht jeder nicht allein mit ſeiner Aufopfe⸗ rung, ſondern auch mit ſeinem Stolze, ein wenig für ſich, viel für die Anderen. Von Neuem bei Chateau⸗Thébaut von einem Detachement friſcher Truppen, welche der General zu ihrer Verfolgung abgeſandt hatte, angegriffen, verloren die Weißen einige Mann beim Uebergang über die Maine; aber da es ihnen gelungen war, dieſen Fluß zwiſchen ſich und ihre Verfolger zu le⸗ gen, konnten ſie auf dem linken Ufer ihre Vereini⸗ gung mit den Nanteſern bewerkſtelligen, welche, wie wir geſehen haben, voll Begeiſterung Moulin⸗Jac⸗ ques verließen, und an welche ſich die Diviſion von Légé und die des Marquis von Souday angeſchloſ⸗ ſen hatten. Dieſe Verſtärkung brachte die Streitkräfte der Colonne, welche unter den Oberbefehl von Gaspard geſtellt war, auf ungefähr achthundert Mann. Am andern Morgen wandte ſie ſich nach Vieille⸗ Vigne, in der Abſicht, die Nationalgarde daſelbſt zu entwaffnen; aber da man erfahren hatte, daß dieſes Städtchen von überlegenen Streitkräften be⸗ ſetzt war und in wenigen Stunden diejenigen zu ihnen ſtoßen konnten, welche der General bei Aigre⸗ feuille geſammelt hatte, bereit, ſie nach dem etwa nothwendig erſcheinenden Punkte zu werfen, ent⸗ ſchloß ſich der Vendéer⸗Häuptling, das Dorf Chene anzugreifen, in der Abſicht, ſich deſſen zu bemäch⸗ tigen und daſelbſt feſtzuſetzen. ie Bauern waren munter auf den Feldern &——,——— p uern, opfe⸗ benig inem neral ffen, gang war, t le⸗ eini⸗ wie Jac⸗ von loſ⸗ der dard ille⸗ lbſt daß be⸗ zu re⸗ wa nt⸗ ene ch⸗ 111 vertheilt, welche das Dorf umgaben, und in dem bereits ſehr hohen Getreide verborgen; ſie beun⸗ ruhigten die Blauen durch ein ſehr lebhaftes Klein⸗ gewehrfeuer, indem ſie der Taktik ihrer Väter folgten. Die Nanteſer und die Edelleute, in eine Colonne formirt, machten Anſtalten, das Dorf im Sturm zu nehmen, indem ſie es von der Straße, welche daſſelbe durchſchneidet, angriffen. Ein Bach trennte die Vendéer vom Dorfe, und am Abend zuvor war die Brücke darüber zerſtört worden. Von dieſer Brücke waren nichts als vereinzelte Balken übrig. Die Soldaten, hinter den mit Matrazen geſchütz⸗ ten Fenſtern im Hinterhalt liegend, in den erſten, am Tage zuvor mit Schießſcharten verſehenen Häu⸗ ſern des Dorfes verſchanzt, machten auf die Weiſen ein Kreuzfeuer, das deren Anlauf lähmte, ſie zwei⸗ mal zurückgeworfen hatte und Zögerung unter ſie brachte, als ſie, elektriſirt durch das Beiſpiel ihrer Führer, ſich in das Waſſer warfen, den kleinen Bach überſchritten, die Blauen mit dem Bajonet angriffen, von Haus zu Haus verjagten und bis an das Ende des Dorfes zurückdrängten, wo ſie ſich einem Bataillon des 44ſten Linienregiments ge⸗ genuͤber befanden, welches der General der kleinen Garniſon von Chéne zu Hülfe geſandt hatte. Inzwiſchen war das Krachen des Kleingewehr⸗ feuers bis nach Moulin⸗Jacques hörbar, welches Petit⸗Pierre 112 dem Gemach des erſten Stocks, wo wir denſelben im varangehenden Kapitel geſehen haben. Bleich, aber mit brennenden Augen ging er in dieſem Gemach auf und ab, eine Beute fieberhaf⸗ ter Aufregung, deren er nicht Herr werden konnte; von Zeit zu Zeit hielt er auf der Thürſchwelle, horchte auf das dumpfe Rollen, welches der Luft⸗ zug wie das Murren des fernen Donners ihm zu⸗ führte, fuhr dann mit der Hand nach der in Schweiß gebadeten Stirne, ſtampfte zornig mit dem Fuße und ſetzte ſich wieder in die Kamin⸗Ecke ge⸗ genüber dem Marquis von Souday, der nicht we⸗ niger aufgeregt, nicht weniger ungeduldig, als Pe⸗ tit-Pierre, von Zeit zu Zeit tiefe und ſchmerzliche Seufzer ausſtieß. Wie kam es, daß der Marquis von Souday, den wir ſo ungeduldig geſehen haben, ſeine Helden⸗ thaten vom großen Krieg wieder zu erneuern, in dieſer zuwartenden Lage ſich befand? Das wollen wir unſern Leſern ſogleich er⸗ klären. Eben an dem Tage, wo das Gefecht von Mais⸗ don ſtattgefunden, hatte Petit⸗Pierre, dem ſeinen Freunden gegebenen Verſprechen zufolge, Anſtalten gemacht, ſich ihnen anzuſchließen, mitten unter ihnen an dem Kampfe Theil zu nehmen. Aber die rohaliſtiſchen Führer bebten vor der Verantwortlichkeit, welche ſolcher Muth und ſolches Feuer auf ſie warf, zurück; ſie waren der Mei⸗ nung geweſen, es hieße zu viel auf die noch unge⸗ wiſſen Wechſelfälle dieſes Kriegs ſetzen, und hatten ſich deßhalb dahin entſchieden, ſo lang eine Armee ——— — 2, 113 einen von ihnen damit zu beauftragen, bei ihm zu bleiben und ihn an der Entweichung zu hindern, und müßte er ſelbſt Gewalt brauchen. Trotz der Bemühung, welche der Marquis von Souday, in den Rath berufen, angewendet hatte, zu Gunſten ſeiner Collegen abzuſtimmen und zu in⸗ triguiren, war die allgemeine Wahl auf ihn ge⸗ fallen; und ſo befand er ſich denn zu ſeiner gro⸗ ßen Verzweiflung zu Moulin⸗Jacques, anſtatt in Chéne zu ſein, am Feuer des Müllers, ſtatt in dem der Blauen. Als das erſte Geräuſch des Kampfes nach Mou⸗ lin⸗Jacques gelangte, hatte Petit⸗Pierre vergeblich en Marquis von Souday zu überreden verſucht, ihm die Erlaubniß zum Anſchluß an die Vendéer zu geben: aber der alte Edelmann war unerſchütterlich: Bitten, Verſprechungen, Drohungen ſcheiterten gleichmäßig an der Treue, den erhaltenen Befehl zu erfüllen. Aber über dieſe Weigerung hinaus hatte Petit⸗ Pierre den tiefen Wiederwillen bemerkt, welchen der Marquis, ſeinem Naturell nach wenig Hofmann, deutlich auf ſeinem Geſicht durchbrechen ließ. Alſo in einem Augenblick vor ihm ſtehen blei⸗ Dumas, Woöͤlfinnen von Machecoul. IV. — ———— 114 bend, wo er eine dieſer Geberden der Ungeduld, die wir ſeben bezeichnet haben, ausführte, ſprach er zu ihm: „Es ſcheint, Herr Marquis, daß Sie ſich nicht gerade auf eine ſonderliche Weiſe in meiner Geſell⸗ ſchaft unterhalten?“ „Oh!“ rief der Marquis, indem er erfolglos verſuchte, dieſer Interjection den Ton eines tiefen Unwillens zu geben. „Doch wohl,“ erwiederte Petit⸗Pierre, der ſei⸗ nen Zweck zum Widerſtand hatte;„ich finde, daß Sie für den Ihnen anvertrauten Ehrenpoſten durch⸗ aus nicht erkenntlich ſcheinen.“ „Allerdings,“ ſagte der Marquis,„ich bin im Gegentheil tief davon gerührt; aber....“ „Ah! es gibt ein Aber, ſehen Sie wohl!“ ſagte Petit⸗Pierre, der, auf dieſem Punkte angekommen, entſchloſſen ſchien, den ganzen Gedanken des alten Edelmanns kennen zu lernen.: „Gibt es nicht bei allen Dingen dieſer Welt ein Aber!“ antwortete der Marquis. „Laſſen Sie das Ihrige ſehen.“ „Wohlan! ich bedaure es, nicht zu gleicher Zeit, da ich mich des Vertrauens, welches meine Kama⸗ raden in mich geſetzt haben, würdig zeige, ich be⸗ daure, nicht mein Blut für Sie vergießen zu kön⸗ en wie jene ohne Zweifel um dieſe Stunde thun.“ Petit⸗Pierre ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Um ſo mehr,“ ſprach er dann,„da ich nicht zweifle, daß unſere Freunde Ihre Abweſenheit zu bedauern haben; Ihre Erfahrung und Ihr erprob⸗ 115 u Muth wäre denſelben von großem Nutzen ge⸗ weſen.“ Der Marquis warf ſich in die Bruſt. „Ja, ja,“ ſprach eer,„ich bin gleichfalls über⸗ zeugt, daß ſie ſich in den Daumen beißen werden.“ „Ich glaube es wohl; aber wollen Sie, mein lieber Marquis, hier, die Hand auf der Bruſt, mir erlauben, Ihnen meine ganze Meinung zu ſagen?“ „Warten Sie doch! Sie wiſſen nicht, in welcher Beziehung; ſie haben ſich geſagt: zeine Frau wird uns auf unſerem Marſche geniren; wir werden uns auf dem Rückzug mit ihr beſchäftigen; wir werden für ihre Sicherheit Truppen aufzuopfern haben, meine körperliche Schwäche zu beherrſchen und daß mein Muth mit meiner Aufgabe im Gleichgewicht ſteht; warum wollen Sie, daß dieſelben, was ſie von mir dachten, auch gleichmäßig von Ihnen ge⸗ dacht haben?“ „Von mir!“ rief der Marquis wüthend bei die⸗ ſer bloßen Vorausſetzung;„aber ich habe meine Beweiſe geliefert, ſcheint mir!“ „Oh! die ganze Welt weiß das, mein lieber 116 „Ah! das iſt zu ſtark!“ rief der Marquis mit dem Ton tiefer Entrüſtung;„aber es gibt ſeit fünf⸗ zehn Jahren keinen Tag, wo ich nicht ſechs bis acht Stunden, manchmal zehn, manchmal zwölf Stunden zu Pferd mache; ungeachtet meiner weißen Haare weiß ich nicht, was Erſchöpfung iſt; ſehen Sie, was ich jetzt noch vermag!“ Und den Schemel, auf welchem er ſaß, ergrei⸗ fend, ſtieß er ihn mit ſolcher Gewalt auf das Ka⸗ mingeſims, daß er den Schemel in tauſend Stücke zerbrach und dem Geſims grauſam die Ecke abſtieß. Dann rief er, den Fuß des unglücklichen Meu⸗ bels, der ihm in der Hand geblieben war, üben den Kopf erhebend: „Oh! ohl gibt es viele von Ihren jungen Stutzern, Meiſter Petit⸗Pierre, welche im Stand wären, dieß nachzumachen?“ „Mein Gott!“ ſprach Petit⸗Pierre,„an allem dem zweifle ich nicht, mein lieber Marquis; auch bin ich der Erſte, der zu finden geneigt iſt, daß dieſe Herrn ſehr Unrecht gehabt haben, Sie als Invali⸗ den zu behandeln.“ „Als Invaliden! Mich, Mordieu!“ rief der Mar⸗ quis, in immer größeren Grimm gerathend. Und die Gegenwart der Perſon, vor welcher er ſich be⸗ fand, völlig vergeßend:„Ich ein Invalide! Wohl⸗ an! noch dieſen Abend will ich ihnen erklären, daß ich dieſe Function niederlege, welche nicht Sache eines Edelmanns, ſondern eines Kerkermeiſters iſt.“ „So laſſe ich mir's gefallen!“ bemerkte Petit⸗ Pierre. „Und welche ich ſeit ſechs Stunden bei mir 117 ſelbſt,“ fuhr der Marquis fort, indem er mit gro⸗ ßen Schritten im Zimmer auf und abging,„zu allen Teufeln wünſchte.“ „Ah! ah!“ „Und morgen, von morgen, wohlan! will ich ihnen zeigen, was ein Invalide iſt.“ „Ach!“ antwortete melancholiſch Petit⸗Pierre, „Morgen, mein armer Marquis, gehört nicht uns, und Sie haben Unrecht, auf Morgen zu zählen.“ „Wie ſo?“ „Sie haben es gehört; die Bewegung macht ſich nicht ſo allgemein, wie wir gehofft haben; wer weiß, ob die Flintenſchüſſe, welche wir hören, nicht die letzten ſind, welche unſere Fahne begrüßen.“ „He! was?“ rief der Marquis mit der Wuth einer Bulldogge, welche in ihre Kette beißt. In dieſem Augenblick zog ein Signalruf, der aus dem Obstgarten kam, ſie von ihrem Geſpräch ab; ſie ſtürzten beide nach der Thüre und gewahr⸗ ten Bertha, die von dem Marquis auf Kundſchaft ausgeſandt worden war und ſiinen verwundeten Babarn führte, den ſie mit großer Mühe aufrecht erhielt. Auf Bertha's Ruf waren Mary und Roſine be⸗ reits hinausgeeilt. Der Bauer war ein junger Burſche von zwan⸗ zig bis zweiundzwanzig Jahren, dem eine Kugel die Schulter zerſchmettert hatte. Petit⸗Pierre lief ihm entgegen und ließ ihn auf einem Stuhl Platz nehmen, wo er ohnmächtig wurde. 2„ „Bitte, bitte,“ ſagte der Marquis,„ziehen Sie 118 ſich zurück, meine Töchter und ich werden den ar⸗ men Teufel verbinden.“ „Warum mich zurückziehen?“ fragte Petit⸗Pierre. „Weil der Anblick dieſer Wunde der Art iſt, daß ihn nicht Jedermann aushalten kann; weil ich fürchte, dieſes Schauſpiel geht über Ihre Kräfte.“ „Dann ſind Sie alſo auch, wie die Andern, und Sie laſſen mich glauben, daß unſere Freunde mit dem Urtheil Recht hatten, das dieſelben über Sie und mich fällten.“ 4 „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß Sie gleich den Andern vorauszuſetzen ge⸗ neigt ſind, es fehle mir an Muth.“ Dann, als Mary und Bertha ſich anſchickten, den Verwundeten zu verbinden, ſprach Petit⸗Pierre: „Rührt dieſen braven Burſchen nicht an; ich, ich allein, hört Ihr, werde ſeine Wunde verbinden.“ Und die Scheere ergreifend ſchnitt Petit⸗ Pierre dem Vendéer der ganzen Länge nach den Wammsärmel auf, der durch das getrocknete Blut ſchon an dem Arm klebte, legte die Wunde blos, wuſch ſie aus, drückte Charpie darauf und umwickelte ſie mit Binden. In dieſem Augenblick öffnete der Verwundete wieder die Augen und kam zu ſich. „Was Neues?“ fragte der Marquis, unfähig, ſeine Ungeduld länger zurückzuhalten. „Ach!“ ſagte der Verwundete,„unſere Burſchen, einen Augenblick Sieger, ſind eben zurückgeſchlagen worden.“ Petit⸗Pierre, welcher während der ganzen Ope⸗ ration die Farbe nicht gewechſelt hatte, wurde weiß wie die Leinwand, womit er die Wunde ver⸗ band. Er hatte eben die Bandage mit der letzten Na⸗ del befeſtigt. Er ergriff den Marquis am Arm und ſprach, ihn gegen die Thüre ziehend: „Marquis, Sie müſſen das wiſſen; Sie haben die Blauen in dem großen Krieg geſehen; was thut man, wenn das Vaterland in Gefahr iſt?“ „Ei, Jedermann,“ bemerkte der Marquis,„eilt zu den Waffen.“ „Selbſt die Frauen?“ „Selbſt die Frauen, ſelbſt die Greiſe, ſelbſt die Kinder.“ „Marquis, heute ſoll die weiße Fahne fallen, um ſich vielleicht nie mehr zu erheben; werden Sie mich verdammen, nur unfruchtbare und unmächtige Wünſche für deren Triumph zu hegen?“ „Aber bedenken Sie doch!“ rief der Marquis, „wenn eine Kugel Sie träfe!“ „Und glauben Sie, die Sache meines Sohnes würde compromittirt, wenn man meine blutigen und von Kugeln durchlöcherten Kleider hätte, um ſie auf die Spitze einer Picke zu ſtecken und unſeren Bataillons voranzutragen.“ „O nein!“ rief der Marquis elektriſirt,„denn ich würde das alte Land verwünſchen, wenn ſich bei dieſem Schauſpiel nicht die Steine ſelbſt erhöben.“ „Kommen Sie alſo mit mir; kommen Sie und ſchließen wir uns den Kämpfenden an!“ „Aber,“ entgegnete der Marquis, mit geringerer Entſchloſſenheit, als er zur Antwort auf die voran⸗ 12⁰ gehenden Bitten Petit⸗Pierre wie wenn die Vorſtellung, man validen betrachtet, die Feſtigkeit, womit er ſeinen Befehl ausführte, erſchüttert hätte,„aber ich habe verſprochen, daß Sie Moulin⸗Jacques nicht verlaſſen ſollen.“ „Wohlan! ich enthebe Sie Ihres Ver rief Petit⸗Pierre, und ich, wiſſend, was Ihre Kraft vermag, gebiete Ihnen, mir zu folgen! Kommen Sie alſo, Marquis, wenn es noch Zeit iſt, wollen wir den Sieg in unſere Reihen zurückführen; und wenn es zu ſpät iſt, wohlan! ſo wollen wir wenig⸗ ſtens ſterben mit unſeren Freunden!“ Und mit dieſen Worten ſtürzte Petit⸗Pierre über den Hof und durch den Obstgarten, gefolgt von Bertha und dem Marquis, welcher der Form wegen ſich verpflichtet glaubte, von Zeit zu Zeit ſeine Bit⸗ ten zu erneuern, im Grund jedoch üͤber die Wen⸗ dung, welche die Sachen genommen hatten, höchſt entzückt war. Mary gad Roſine blieben zur Pflege der Ver⸗ wundeten zurück. 8 gebraucht hatte, und habe ihn als In⸗ ſprechens,“ LXII. Das Schlachtfeld. Moulin⸗Jacques war etwa eine Meile vom Dorfe Chone entfernt. etit⸗Pierre d 8— 121 ſich dem Schauplatz des Kampfes näherten, und brachte es dahin, ihm einige Vorſicht einzuflößen, damit er nicht mit geſenktem Kopf ſich mitten unter die Soldaten ſtürze. Das Tirailleurs⸗Feuer diente, wie geſagt, zum Führer, und indem ſie deſſen Spitze umgingen und durch die Weinberge ſchritten, befanden ſich Petit⸗ Pierre und ſeine Genoſſen hinter der kleinen Ven⸗ déer Armee, welche wirklich das ganze Terrain ver⸗ loren hatte, das wir ſie am Morgen gewinnen fahen, und durch die Soldaten weit über das Dorf Chene zurückgedrängt worden war. Beim Anblick Petit⸗Pierre's, welcher mit flie⸗ gleich einem Soldaten ſich dem Feuer ausſetzte, wandte ſich bei dieſem Geſchrei um und erblickte Petit⸗Pierre, Bertha und den Marquis, welcher in der Geſchwindigkeit des Laufs ſeinen Hut verloren atte und, die Haare im Wind, herbeieilte. So wandte er ſich an dieſen.“ „Auf ſolche Weiſe erfüllt der Herr Marquis von Souday ſeine Verpflichtungen?“ fragte er ihn im Tone eines zornigen Chefs. „Mein Herr,“ antwortete der Marquis bitter, „von einem armen Invaliden, wie ich, muß man nicht das Unmögliche verlangen.“ „ Petit⸗Pierre beeilte ſich, ins Mittel zu treten; ihre Partei war nicht ſtark genug, um bei den äuptern eine Spaltung zu geſtatten. 122 „Souday iſt, wie Sie, mir Gehorſam ſchuldig, mein Freund,“ ſprach ſie;„ich reklamire ſelten die Ausübung dieſes Rechts, aber heute habe ich es für meine Pflicht gehalten, es zu thun; ich nehme alſo hier meinen Titel als Generaliſſimus in An⸗ ſpruch und frage Sie: ‚wie ſteht es mit unſeren Angelegenheiten, mein Lieutenant?““ Gaspard ſchüttelte den Kopf mit traurig bedeut⸗ ſamer Miene. „Die Blauen ſind überlegen,“ erwiderte er, „jeden Augenblick melden mir meine Streifreiter, daß neue Verſtärkungen für ſie anrücken.“ „Um ſo beſſer!“ rief Petit⸗Pierre;„es werden ihrer um ſo mehr ſein, um Frankreich zu erzählen, wie wir geſtorben ſind.“ „Aber, Sie, denken doch daran nicht, Madame?“ „Fürs Erſte bin ich hier nicht Madame; ich bin ein Soldat; laſſen Sie alſo, ohne ſich um mich zu kümmern, Ihre Tirailleur⸗Linien vorrücken und das Feuer verdoppeln.“ „Ja, aber vorher zurück.“ „Wer zurück?“ „Sie, ins Himmels Namen!“ „Gehen Sie doch! Vorwärts wollen Sie ſagen.“ Und den Degen ergreifend, welchen Gaspard hielt, ſteckte Petit⸗Pierre ſeinen Hut auf die Spitze bieſes Degens und ſchritt auf das Dorf zu, mit dem uf: „Wer mich liebt, folge mir!“ Gaspard ſuchte vergeblich, ihn zurückzuhalten, indem er ihn in ſeine Arme faßte; ſchnell und ge⸗ wandt entſchlüpfte ihm Petit⸗Pierre und ſetzte ſeinen 123 Marſch gegen die Häuſer fort, aus welchen in die⸗ ſem Moment und beim Anblick der Bewegung der Vendéer ein furchtbares Feuer ſich entlud. Beim Anblick der Gefahr, welcher Petit⸗Pierre ſich ausſetzte, ſtürzten die Vendéer in Maſſe vor, um ihn mit ihren Körpern zu decken; die Wirkung dieſes Anlaufs war ſo raſch, ſo ſchrecklich, daß ſie in einigen Sekunden zum zweiten Mal den Bach überſchritten hatten und ſich mitten im Dorf befan⸗ den, wo ſie einen Angriff auf die Blauen machten. Dieſer Zuſammenſtoß wurde in einem Augen⸗ blick zu einem fürchterlichen Handgemenge. Gaspard, nur mit einem einzigen Gedanken, das heißt, Petit⸗Pierre's Rettung beſchäftigt, gelang es, zu ihm vorzudringen, ihn zu ergreifen und mit⸗ ten unter ſeine Leute zurückzuwerfen, aber im Au⸗ genblick, wo er ſein eigenes Wohl vergaß, um das erlauchte Leben, deſſen Hut er von Gott ſelbſt er⸗ halten zu haben glaubte, zu ſchirmen, zielte ein Soldat, der an der Ecke eines der erſten Häuſer ſtand, auf ihn. Es war um den führer der Chouans geſchehen, hätte nicht der Marquis die demſelben drohende Ge⸗ fahr wahrgenommen und am Hauſe hinſchlüpfend, in dem Moment, da der Schuß losging, die Waffe emporgeſchlagen. Die Kugel fuhr in einen Kamin. Der Soldat drehte ſich wüthend gegen den Mar⸗ quis von Souday um und verſuchte ihm einen Ba⸗ jonetſtoß beizubringen, welchem dieſer dadurch aus⸗ wich, daß er den Körper zurückzog; der Marquis 124 wollte mit einem Piſtolenſchuß antworten, als eine zweite Kugel ihm die Waffe in der Hand zerſchmet⸗ terte. „Meiner Treu! um ſo beſſer,“ ſprach der Mar⸗ quis, indem er den Säbel zog und einen ſo fürch⸗ terlichen Hieb auf den Soldaten führte, daß dieſer wie ein von der Keule getroffener Stier zu ſeinen Füßen niederſtürzte,„ich ziehe die blanke Waffe vor.“ Dann rief er, ſeinen Säbel ſchwingend: „Wohlan! General Gaspard, was ſagſt Du zu dem Invaliden?“ Bertha war ihrerſeits Petit⸗Pierre, ihrem Vater und den Vendéern gefolgt; aber ſie beſchäftigte ſich viel weniger mit den Soldaten, als mit dem, was um ſie herum vorging. Sie ſuchte Michel; ſie beſtrebte ſich ihn unter enen zu erkennen, welche der unaufhörliche Wirbel von Menſchen und Pferden an ihr vorbeiführte. Die Soldaten, überraſcht von der Schneliigkeit und Kraft des Angriffs, waren Schritt für Schritt zurückgewichen. Die Nationalgarde von Vieille⸗ Vigne, welche im Kampfe war, hatte zum Rückzug geſchlagen; das Terrain war mit Todten beſäet. ie Folge davon war, daß, da die Blauen nicht mehr das Feuer der in den Weinbergen und Gär⸗ ten zunächſt dem Dorfe zerſtreuten Burſchen beant⸗ worteten, Meiſter Jacques, der dieſe Tirailleurs commandirte, ſie an ſich zog, ſich an ihre Spitze ſtellte, ſeine Leute durch eine um die Gärten ſich herumziehende Gaſſe führte und den Soldaten in die Flanke fiel. — 5 2 8S= —— — 125 Dieſe, deren Widerſtand ſeit einigen Augenblicken doppelt hartnäckig geworden war, hielten tapfer den neuen Angriff aus und boten, in der Haupt⸗ ſtraße des Dorfes ſich zu einem rechten Winkel for⸗ mirend, den neuen Feinden die Spitze. Bald gewannen ſogar, als eine zögernde Bewe⸗ gung unter den Vendéern eintrat, die Blauen wie⸗ der einen Vortheil, und da ihre Colonne das Gäß⸗ chen, durch welches Meiſter Jacques und ſeine Leute vorgerückt war, in Angriff genommen hatte, ſo be⸗ fanden ſich dieſer und fünf oder ſechs ſeiner Kanin⸗ chen, unter welchen in erſter Reihe Courtejoie und Trigaud la Vermine figurirten, von der Hauptmaſſe ihrer Truppen getrennt. Meiſter Jacques zog die wenigen Chouans, die bei ihm geblieben waren, an ſich, ſtürzte ſich, eine Mauer im Rücken, um nicht umgangen zu werden, auf das Gerüſte eines im Bau begriffenen Hauſes an der Ecke dieſer Straße und machte ſich bereit, Im Augenblick, wo der Bettler mit einem Rück⸗ ſtreich einen Gendarmen niederſchlug, den Courte⸗ joie nur vom Pferde geworfen hatte, erſcholl ein 126 großes Triumphgeſchrei aus den Reihen der Sol⸗ daten, und Meiſter Jacques und ſeine Leute er⸗ blickten eine als Amazone gekleidete Frau, welche die Blauen mit ſich fortführten, indem ſie mitten unter dem regen Leben und Kampf wahre Ent⸗ zückungen von Freude verriethen. Es war Bertha, welche unter dem Eindruck ihres beſtändigen Strebens, Michel wieder zu finden, ſich unvorſichtig vorgewagt hatte und von den Soldaten gefangen genommen wurde. Dieſe, getäuſcht durch die eine Frau verrathende Kleidung, glaubten die Frau Herzogin von Berry ergriffen zu haben. Daher das Freudengeſchrei. Meiſter Jacques täuſchte ſich darüber wie die andern. Eifrig bemüht, den Irrthum wieder gut zu ma⸗ chen, den er einige Tage zuvor im Walde von Tou⸗ vois begangen hatte, gab er ſeinen Kaninchen ein Zeichen, welche, ihre defenſive Stellung verlaſ⸗ ſend, vorſtürzten und, Dank der weiten Lücke, welche des Bettlers ſchreckliche Sichel vor ihnen eröffnete, drangen ſie bis zu der Gefangenen, befreiten und brachten ſie in ihre Mitte. Die betrogenen Soldaten vereinigten ihre ganze Kraft und ſtürzten ſich auf Meiſter Jacques, der ſchnell ſeinen Poſten am Hauſe wieder eingenommen hatte, und die kleine Gruppe wurde zum Mittel⸗ punkt, gegen den die Spitze von fünf und zwanzig Bajoneten und die Feuerlinie blitzte, welche jeden Augenblick von dem Anfang dieſes Kreiſes auslief. Schon waren zwei Vendéer todt niedergefallen; 0 —2 2— 127 Meiſter Jacques von einer Kugel getroffen, welche ihm das Fauſtgelenk zerſchmetterte, war gezwungen, ſeine Flinte fahren zu laſſen, und auf den Säbel angewieſen, den er mit der Linken handhabte. Courtejoie hatte ſeine Patronen erſchöpft; Trigauds Senſe wurde allmälig der einzige Schutz, der den vier überlebenden Vendéern blieb, ein bis dahin wirkſamer Schutz; denn ſie legte die Soldaten reihenweiſe ſo gedrängt zu Boden, daß ſie dem ſchrecklichen Bettler nicht mehr zu nahen wagten. Aber Trigaud, der einen Pickenſtoß auf einen Reiter führen wollte, ſchleuderte ſeine Senſe unge⸗ ſchickt; die Waffe traf auf einen Stein und flog in Stücke; der Rieſe fiel auf die Kniee, ſo heftig war der gegebene Anſtoß; der Gurt, welcher Courtejoie hielt, zerriß und dieſer rollte mitten in den Kreis. Mit einem ungeheueren, freudigen Hurrah wurde dieſer Fall aufgenommen, der den furchtbaren Bett⸗ ler ſeinen Feinden überlieferte, und bereits hob ein Nationalgardiſt ſein Bajonet, um den Krüppel zu durchbohren, als Bertha, eine Piſtole aus ihrem Gürtel nehmend, auf den Mann Feuer gab und ihn ſo geſchickt niederſtreckte, daß er auf Courtejoie's Körper niederſtürzte. Trigaud hatte ſich mit einer Geſchwindigkeit er⸗ hoben, die man von ſeiner enormen Maſſe zu er⸗ warten weit entfernt war; ſeine Trennung von Courtejoie, die Gefahr, welche dieſer lief, verzehn⸗ achten ſeine Kräfte; mit dem Handgriff ſeiner Si⸗ hel ſchlug er einen Soldaten nieder, durchbohrte einem andern die Seite, ſchleuderte mit einem Fuß⸗ tritt den Körper des auf ſeinen Freund gefallenen 128 Nationalgardiſten zehn Schritte weit zuruck, nahm dieſen in ſeine Arme, wie eine Ammer es mit ihrem Kinde thut und ſchloß ſich Bertha und Meiſter Jac⸗ ques unter dem Gerüſte wieder an. Während Courtejoie auf dem Pflaſter ausge⸗ ſtreckt lag, hatten ſich ſeine Augen, die er mit der Geſchwindigkeit und dem Scharfſinn eines Mannes, der ſich in Todesgefahr befindet und ſucht, von wel⸗ cher Seite ihm Rettung kommen möchte, um ſich warf, auf das Gerüſte geheftet und Steinhaufen daſelbſt wahrgenommen, welche die Maurer zum Bau der Wand dort errichtet hatten. „Stellen Sie ſich in die Vertiefung der Thüre,“ ſagte er zu Bertha, ſobald er ſich, Dank Trigaud, an ihrer Seite befand; vielleicht kann ich Ihnen den Dienſt vergelten, den ich ſo eben von Ihnen empfangen habe; Du, Trigaud, laß ſie ſo nahe als möglich herankommen.“ Trotz ſeiner ſchwerfälligen Faſſungskraft hatte Trigaud doch begriffen, was ſein Genoſſe von ihm erwartete; denn ſo wenig dieß auch mit der Situa⸗ tion in Harmonie war, ließ er ein ſchallendes Ge⸗ lächter gleich dem Schmettern einer Trompete hören. Inzwiſchen wollten die Soldaten, da ſie die drei ann entwaffnet ſahen, ſich um jeden Preis der Amazone bemächtigen, die ſie noch immer für Ma⸗ dame nahmen, und rückten näher, indem ſie ihnen zuriefen, ſich zu ergeben. ber im Augenblick, da ſie unter das Gerüſt traten, ſtürzte Trigaud, nachdem er Courtejoie neben Bertha gelegt hatte, auf einen Balken zu, der das nahm hrem Jac⸗ 1sge⸗ der nes, wel⸗ e, nen nen als tte ta⸗ ze⸗ rei er iſt 129 ganze Gebäude hielt, packte ihn mit beiden Händen, brachte ihn zum Wanken und riß ihn zu Boden. In demſelben Augenblick ſchnappten die Bretter; die Steine, welche darauf lagen, folgten ihnen nach und fielen auf den Bettler gleich einem Hagel, der zehn Soldaten um ihn her niederſchlug. Zu gleicher Zeit hatten die Nanteſer, geführt von Gaspard und dem Marquis von Souday mit einer verzweifelten Anſtrengung, niederſäbelnd, mit dem Bajonet ſtoßend, Leib an Leib ſchießend, die Blauen zum Weichen gebracht, welche den Rückzug antraten und ihre Schlachtlinie auf der Ebene wie⸗ der einnehmen wollten, wo ihre überlegene Anzahl und der Vortheil ihrer Bewaffnung ihnen unfehlbar den Sieg verleihen mußte. Die Vendéer wollten, ſo tollkühn dieſes auch geweſen wäre, einen Angriff riſkiren, als Meiſter Jacques, zu dem ſeine Leute wieder geſtoßen waren und der trotz ſeiner Verwundung den Kampf nicht Fatlaſen hatte, Gaspard einige Worte ins Ohr agte. Sogleich gab dieſer ungeachtet der Gebote und Bit⸗ ten von Petit⸗Pierre Befehl zum Rückzug und nahm die Stellung wieder ein, welche er eine Stunde zuvor auf der andern Seite des Dorfes inne gehabt hatte. Petit⸗Pierre raufte ſich die Haare vor Zorn und begehrte dringend Erklärungen, welche Gaspard aber erſt gab, nachdem er Halt zu machen befohlen hatte. „Wir haben jetzt,“ ſprach er,„fünf bis ſechs⸗ hundert Mann bei uns, und es ſind kaum ſechs⸗ hundert; die Ehre der Fahne iſt gerettet; das iſt Alles, was wir thun können.“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 9 130 „Sind Sie deſſen gewiß?“ fragte Petit⸗Pierre. „Schauen Sie ſelbſt,“ antwortete Gaspard, in⸗ dem er den Bauern auf eine kleine Anhöhe führte. Und er zeigte ihm von allen Seiten, gegen das Dorf zuſammenlaufend, braune Maſſen mit Bajo⸗ netten gezackt, die man in den Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne funkeln ſah. Endlich machte er ihn aufmerkſam auf den Ton von Trompeten und Trommeln, welche von allen Punkten des Horizontes herkamen. „Sie ſehen,“ fuhr Gaspard fort,„in weniger als einer Stunde ſind wir umringt, und für alle die braven Leute, welche bei uns ſind, bleibt, wenn ſie gleich mir keine Luſt zu den Gefängniſſen Louis Philipps haben, kein anderes Rettungsmittel, als ſich tödten zu laſſen.“. Petit⸗Pierre blieb einige Minuten in düſterer und ſchweigſamer Haltung; dann, überzeugt von der Wahrheit deſſen, was der Vendeeiſche Häuptling ihm eben geſagt hatte, und in einem Augenblicke alle die Hoffnungen verſchwinden ſehend, welche er noch einen Moment zuvor ſo feſt und lebhaft gehegt hatte, verließ ihn ſein Muth. Er wurde wieder was er in Wirllichkeit war, das heißt, eine Frau, und der ſo eben dem Schwert und Feuer mit der Unerſchrockenheit eines Helden getrotzt hatte, ſetzte ſich auf einen Markſtein auf dem Felde und weinte, es verſchmähend, die Thränen zu verbergen, welche ſeine Wangen furchten. 131 LXIII. Nach dem Ka mpf. Indeſſen dankte Gaspard, nachdem er ſich ſeinen Genoſſen wieder angeſchloſſen hatte, ihnen für ihre Dienſte, beſchied ſie auf beſſere Zeiten und forderte ſie auf, ſich zu zerſtreuen, um leichter der Verfol⸗ gung der Soldaten zu entgehen; dann kehrte er zu Petit⸗Pierre, den er an derſelben Stelle wieder fand, zurück, mit ihm der Marquis von Souday, Bertha und einige Vendéer, die an ihre eigene Sicherheit nicht denken wollten, ehe ſie der ſeinigen ſich vergewiſſert hatten. „Nun?“ fragte Petit⸗Pierre Gaspard,„ſind ſie abgezogen?“ „Ja; wollten Sie, daß ſie mehr thun, als was ſie bereits gethan haben* „Arme Leute!“ fuhr Petit⸗Pierre fort,„wie viel Elend erwartet ſie! Warum hat mir Gott den Troſt verſagt, ſie an mein Herz zu drücken? Aber ich hätte nicht die Kraft dazu gehabt und ſie haben Recht gethan, mich ſo zu verlaſſen. Todeskampf zweimal im Leben, iſt zu viel; und die Tage von Cherbourg, ich hoffe ſie nie mehr zu ſehen.“ „Wir müſſen jetzt,“ ſprach Gaspard,„daran denken, Sie in Sicherheit zu bringen.“ „O! beſchäftigen Sie ſich nicht mit mir,“ er⸗ widerte Petit⸗Pierre;„ich bedaure einzig, daß nicht eine Kugel von mir etwas gewollt hat; mein Tod hätte ohne Zweifel den Sieg Ihnen nicht gegeben, ich weiß es wohl; aber der Kampf wäre wenigſtens 9 132 glorreich geweſen, während heute uns was übrig eibt?“— „Beſſere Tage abzuwarten; Sie haben den Fran⸗ zoſen bewieſen, daß ein tapferes Herz in Ihrer Bruſt ſchlägt; Muth iſt die vornehmſte Tugend, ie ſie von ihren Königen verlangen; ſie werden ſich deſſen erinnern, ſeien Sie ruhig!“ „Gott wolle esſ“ ſprach Petit⸗Pierre aufſtehend und ſich auf den Arm Gaspards lehnend, der die Die Truppen hingegen waren, da ſie das Land nicht kannten, genöthigt, die gebahnten Straßen einzuſchlagen. aspard marſchirte mit dem kleinen Gefolge quer über die Felder; man riskirte da nur auf Plänkler zu ſtoßen; aber Dank der Kenntniß, die Meiſter Jacques von einigen beinahe ungangbaren Fußpfaden hatte, die er zeigte, man gelangte in ie Umgebung von Moulin⸗Jacques, ohne einer einzigen dreifarbigen Kokarde begegnet zu ſein. Unterwegs näherte ſich Bertha ihrem Vater und fragte ihn, ob er im Kampfe nicht Michel wahrge⸗ nommen habe; aber der alte Edelmann, welchen ſo ſchnell beendigten Inſurrection in üble Laune ver⸗ ſetzt hatte, antwortete ihr in ſehr harten Aus⸗ drücken, daß ſeit zwei Tagen Niemand wiſſe, was aus dem jungen La Logerie geworden ſei; daß er ſich wahrſcheinlich gefürchtet und ſchmählich auf den uhm, den er gewinnen mußte, und auf die Ver⸗ 4 5— bindung, welche der Preis dieſes Ruhmes war, ver⸗ zichtet habe. fran⸗ Dieſe Antwort verſetzte Bertha in Beſtürzung. hrer Es braucht indeſſen nicht bemerkt zu werden, hend, daß ſie nicht ein Wort von dem glaubte, was der rden Marquis vorbrachte. 7 ) Aber ihr Herz bebte bei dem bloßen Gedanken, hend der ihr wahrſcheinlich vorkam, daß nämlich Michel die entweder getödtet oder wenigſtens ſchwer verwundet dene worden ſei; ſie entſchloß ſich deßhalb, Erkundigun⸗ gen einzuziehen, bis ſie wüßte, woran ſie ſich be⸗ and züglich des Looſes ihres Geliebten zu halten hätte. ben Sie fragte alle Vendéer. Niemand hatte Michel geſehen; und einige äußer⸗ lge ten ſich, von dem alten Haß gegen den Vater ver⸗ auf leitet, auf Rechnung des Sohnes in Ausdrücken, die die nicht weniger energiſch waren, als die, deren en ſich der Marquis von Souday bedient hatte. in Bertha wurde wahnſinnig vor Schmerz; nichts er konnte ſie beſtimmen, ohne einen handgreiflichen, ſichtbaren, unumſtößlichen Beweis der Anſicht bei⸗ nd zutreten, daß ſie eine ihrer unwürdige Wahl getrof⸗ e⸗ fen habe, und wiewohl aller Schein gegen Michel n ſprach, gab ihr die Liebe, brennender, ungeſtümer d unter dem Gewicht dieſer Anklagen geworden, die ⸗— Kraft, ſie als Verläumdungen zu behandeln. ⸗ Wenige Augenblicke zuvor war ihr Herz zerriſ⸗ 3 ſen, ihr Kopf wahnſinnig bei der Vorſtellung, daß r Michel ſeinen Tod im Kampfe gefunden, und jetzt 1 war dieſer ruhmvolle Tod eine Hoffnung, ein Troſt 2 für ihren Schmerz geworden. Es drängte ſie, die grauſame Gewißheit davon zu erlangen; ſie gedachte, 134 nach Chéne zurückzukehren, da ſchauen, den Leichnam des ju chen, wie Edith den von H wenn ſie ſein Andenken vo tungen bezüglich ſeines V ſeinen Mördern zu rächen. Sie überlegte die anzuwendend greifung eines Vorwandes, nach Chéne zurückzukehren, als Alain Courtejoie und Trigaud, welche die Hinterhut der Truppe bil⸗ deten, ſich ihr anſchloſſen und an ihrer Seite wei⸗ ter marſchirten. Sie athmete wieder auf; ohne Zweifel mußte ihr von daher Licht kommen. „Ei, meine wackern Freunde,“ ſ prach ſie,„wißt Ihr mir keine Nachricht von Herrn de La Logerie zu geben?“ gs, mein liebes Fräulein,“ s Schlachtfeld zu be⸗ ngen Mannes zu ſu— arold geſucht hatte; und n den gehäſſigen Erdich⸗ aters gereinigt, ihn an en Mittel zur Er⸗ um zurückzubleiben und „Allerdin antwortete Courtejoie. „Endlich!“ rief Bertha voll Hoffnung. Dann fuhr ſie mit aller Lebhaftigkeit der Hoff⸗ nung fort: „Nicht wahr, er hat die Divi ſen, wie man ihn anklagt?“ „Er hat ſie verlaſſen,“ antwortete Courtejoie. „Wann 2“ „Am Vorabend des Gefechts von Maisdon.“ „O! mein Gott! mein Gott!“ rief Bertha in Seelenangſt;„ſeid Ihr deſſen gewiß?“ „Vollkommen. Ich habe geſehen, dem Kreuze Philipp zu Jean Ou ſion nicht verlaſ⸗ wie er bei llier ſtieß, und ei d wir haben ein Stück Wegs mit ihnen auf der Straße nach Cliſſon gemacht.“ „Mit Jean Oullier!“ rief Bertha,„o! dann bin ich ruhig; Jean Oulliier rettete ſich nicht, und wenn Michel bei Jean Oullier iſt, ſo hat er nichts Feiges oder Entehrendes gethan.“ Dann fuhr ihr plötzlich ein ſchrecklicher Gedanke durch den Kopf. „Warun dieſes plötzliche Intereſſe Jean Oulliers für den jungen Mann? Wie kam es, daß er lieber Jean Oullier, als ihrem Vater folgte?“ Dieſe beiden Fragen, welche das Mädchen an ſich ſelbſt richtete, erfüllten ſein Herz mit unglück⸗ verkündenden Gedanken. „Und Ihr ſagt,“ fragte ſie Courtejoie,„daß Ihr ſie beide in der Richtung nach Cliſſon habt ab⸗ gehen ſehen.“ „Mit meinen eigenen Augen, ja.“ „Und was iſt Cliſſon zu vorgefallen, wißt Ihr es?“ „Es iſt zu weit von uns, als daß wir ſchon das Einzelne erfahren konnten,“ antwortete dieſer, „aber wir haben doch vorhin einen Burſchen von Saint⸗Lumine getroffen, der uns ſagte, daß man ſeit zehn Uhr Morgens ein ganz teufelmäßiges Kleingewehrfeuer von la Seore her vernehme.“ Bertha gab keine Antwort darauf, aber ihre Ideen nahmen eine völlig veränderte Geſtalt an. Sie ſah Michel durch den Haß, den Jean Oul⸗ lier gegen ihn hegte, zum Tode gebracht. Sie ſah das arme Kind verwundet, ſtöhnend, 136 ſich ſelbſt überlaſſen, ohne Beiſtand, mitten auf einer wüſten, blutbedeckten Haide ausgeſtreckt. Sie hörte ihn ihren Beiſtand anrufen. „Kennt Ihr Jemand,“ fragte ſie Courtejoie, nder mich zu Jean Oullier führen kann 2„ „Heute?“ „Sogleich.“ „Aber die Wege ſind mit Rothen bedeckt.“ „Es bleiben uns die Fußpfade.“ „Aber die Nacht bricht ein.“ „Unſere Route wird um ſo ſicherer ſein; findet mir einen Führer, ſonſt gehe ich allein. Die beiden Männer ſchauten einander an. „Sie werden keinen andern Führer haben, als mich,“ ſprach Alain Courtejoie;, „bin ich nicht Ihrer Familie verpflichtet? Und überdieß haben Sie mir, „Gut; dann bleibt zurück und erwartet mich in dem Getreidefeld, in einer Viertelſtunde bin ich bei Euch.“ Courtejoie und Trigaud legten ſich mitten unter den Aehren nieder; und Bertha ſtieß, ihre Schritte verdoppelnd, wieder zu Petit⸗Pierre und den Ven⸗ déern in dem Augenblick, da ſie zu Moulin⸗Jac⸗ ques anlangten.“ ie ſtieg eilig in das Kämmerchen hinauf, das ſie mit ihrer Schweſter bewohnte, ihre blutbefleckten Kleider mit dem A rin; fand wieder hinabgehend den Verwundeten geblieben war, jed zwe ein ben derſelben ihr Vorhaben mitzutheilen, ſich nicht zu be⸗ uneubigen⸗ wenn ſie erſt am Morgen wieder ein⸗ träfe. loie, Dann ſchlug ſie wieder den Weg ein, den ſie eben zurückgelegt hatte. So zuruͤckhaltend auch Bertha ſich gegenüher von 5 Mary benehmen mochte, hatte dieſe doch auf dem verſtörten Geſicht ihrer Schweſter alles, was in ihrer Seele vorging, erkannt; ſie errieth das Ver⸗ ſchwinden Michels und zweifelte nicht, daß Bertha's det ſo plötzliche Entfernung nur ihren Grund in dieſem Verſchwinden habe. Aber nach dem, was die vorige Nacht geſchehen ls war, wagte Mary keine Frage an Bertha zu ter richten. r, Nun trat eine neue Qual zu der, welche be⸗ l⸗ reits ihr Herz zerriß; und als man ſie rief, um e, mit Petit⸗Pierre abzugehen, der ein neues Aſyl e. ſuchen ſollte, warf ſie ſich auf die Kniee und bat n Gott, daß ihr Opfer nicht vergeblich bleibe und ei es ihm gefallen möge, die Tage und die Ehre von Bertha's Verlobten zugleich zu ſchirmen. r e 5 2 LXIV. 7„ Wer auf dem Schloß de la Paniſſière blieb. G Während die Vendéer bei Chene ein unnützes, jedoch nicht unrühmliches Gefecht lieferten, hielten zweiundvierzig derſelben im Hofe von Péniſſidre einen Kampf aus, deſſen Andenken die Geſchichte bewahren wird. Dieſe zweiundvierzig Royaliſten, welche zu der Diviſion von Cliſſon gehörten, waren von dieſem Städtchen in der Abſicht abgegangen, nach dem Flecken Cujan zu marſchiren, deſſen Nationalgarde ſie entwaffnen ſollten. Ein ſchrecklicher Sturm, der ſich über ihren Häuptern entlud, zwang ſie, im Schloße de la Peniſſière Schutz zu ſuchen, wo ein Bataillon vom 2g9ſten Linien⸗Regiment, von ihrer Bewegung unterrichtet, nicht ſäumte, ſie einzu⸗ ſchließen. La Péniſſidre iſt ein altes Haus mit einem ein⸗ zigen Stock zwiſchen dem Erdgeſchoß und einem Speicher. Es iſt mit fünfzehn Fenſteröffnungen von unregelmäßiger Form durchbrochen; die Kapelle lehnt ſich an eine Ecke der Wohnung; weiterhin, dem Thälchen zu, dehnt ſich eine, von grünen Hecken durchſchnittene Wieſe aus, welche der übermäßige Regen in einen See verwandelt hatte. Ueberdieß umgab eine von den Vendéern mit Schießſcharten verſehene Mauer das Haus. Der Bataillonschef, welcher die Linientruppen kommandirte, hatte kaum die Stellung in Augen⸗ ſchein genommen, als er Befehl zum Angriff gab. Nach einer kurzen Vertheidigung wurde die äußere Mauer preisgegeben, und die Vendéer zo⸗ gen ſich in die Wohnung zurück, deren Thüren ſie verbarrikadirten. Dann vertheilten ſie ſich im Erdgeſchoß und im erſten Stock, ſtellten dort und hier einen Trompe⸗ ter auf, der während des ganzen Kampfs unauf⸗ hörlich blies, und begannen durch die Fenſter ein — ——j— dem arde der im ein hrer nzu⸗ ein⸗ nem agen pelle hin, ecken ßige mit bpen gen⸗ gab. die zo⸗ ſie d im npe⸗ auf⸗ ein ſehr geſchickt geleitetes Feuer, deſſen Lebhaftigkeit keinen Schluß auf ihre geringe Anzahl geſtattete. Die geſchickteſten Schützen waren beordert, es zu unterhalten. Mit jeder Sekunde ſchoſſen ſie ge⸗ gen die Angreifer ſchwere Stutzbüchſen ab, welche ihre Kameraden wieder luden und ihnen von Hand zu Hand reichten. Jede Büchſe trug zwölf Kugeln; die Vendéer ſchoſſen fünf bis ſechs zugleich ab. Man hätte an eine mit Kartätſchen geladene Batterie denken können. Ar Zweimal kamen die Soldaten dem Schloſſe bis auf zwanzig Schritt nahe und zweimal wurden ſie zurückgeworfen. Der Kommandant befahl einen neuen Angriff, und während ſich dieſer vorbereitete, rückten vier Mann ſamt einem Maurer gegen das Schloß vor, indem ſie eine Seite der Giebelmauer wählten, welche keine Oeffnung nach dem Garten hatte, wo man alſo eine Annäherung nicht verwehren konnte. Einmal am Fuß der Mauer angekommen, lehnten ſie eine Leiter an, ſtiegen bis zum Dach hinauf, das ſie abdeckten, warfen in das Innere des Spei⸗ chers brennende Stoffe und zogen ſich zurück. Einen Augenblick darauf wälzte ſich eine Rauchſäule von len Dach empor, durch welche die Flamme durch⸗ ſchlug. Die Soldaten ſtießen ein Geſchrei aus und mar⸗ ſchirten von Neuem gegen die kleine Citadelle, welche eine Feuerfahne aufgepflanzt zu haben ſchien. Die Belagerten hatten den Brand wohl bemerkt, aber fanden keine Zeit, ihn zu löſchen, und da 140 überdieß die Flamme immer in die Höhe ſtrebte, hofften ſie, wenn das Dach verſchlungen wäre, werde ſie erſterben. Sie beantworteten alſo das Geſchrei der Soldaten mit einer ſchrecklichen Salve, während die beiden Trompeter keinen Augenblick aufhörten, ihre kriegeriſchen und freudigen Weiſen ertönen zu laſſen. Die Weißen hörten ihre Feinde unter ſich ſagen: „das ſind keine Menſchen, das ſind Teufel, mit denen wir zu thun haben.“ Und dieſer militäriſche Lobſpruch flößte ihnen neuen Eifer ein. Da inzwiſchen die Belagerer eine Verſtärkung von fünfzig Mann erhalten hatten, gebot der Kom⸗ mandant zum Angriff zu ſchlagen und die Soldaten ſtürzten wetteifernd auf das Schloß zu. Dießmal gelangten ſie bis an die Thüren und die Sapeurs machten ſich an's Werk, ſie einzuſtoßen. Die Führer der Vendéer geboten denen, welche ſich im Erdgeſchoß befanden, in den erſten Stock ſich zu begeben. Sie gehorchten, und während die eine Hälfte der Belagerten das Gewehrfeuer fortſetzte, durchbrach die andere Hälfte den Fußboden, indem ſie die Platten aufriß, ſo daß die Soldaten im Augenblick, da ſie in das Innere ſtürzten, von einer ganz nahe auf ſie durch die Zwiſchenräume der Balken gerichteten Salve empfangen und zum vierten Mal zum Rückzug genöthigt wurden. Der Bataillonschef gebot mit dem Erdgeſchoß es gerade ſo wie mit dem Speicher zu machen. Reißbüſchel und dürres Holz wurden durch die Fenſter in das Innere des Schloſſes geworfen; einige angezündete Fakeln wurden über daſſelbe ge⸗ ſchleudert, und nach zehn Minuten hatten die Ven⸗ déer Feuer zugleich über ihrem Haupte und unter ihren Füßen. Indeſſen kämpften ſie immer fort; durch die Rauchwolken, welche aus jedem Fenſter drangen, zuckte von Sekunde zu Sekunde das Feuer der Büchſen; aber dieſe Salven ſchienen die Rache der Verzweiflung, nicht mehr der Kampf zur Vertheidi⸗ gung zu ſein. Es ſchien für ſie unmöglich, dem Tod zu entgehen. Der Platz war jedoch nicht mehr haltbar: Bal⸗ ken und Planken hatten Feuer gefangen und krach⸗ ten unter ihren Füßen; die Flammenzungen brachen da und dort aus dem Täfelwerk hervor; jeden Au⸗ genblick konnte die Bedachung auf ihr Haupt herab⸗ ſtürzen, oder der Fußboden unter ihren Füßen ein⸗ ſenken. Der Rauch erſtickte ſie. Die Führer faßten alſo einen verzweifelten Ent⸗ ſchluß; ſie gelangten dazu, einen Ausfall zu machen; aber da er nothwendig, wenn er einige Hoffnung auf Erfolg bieten ſollte, durch ein Gewehrfeuer gedeckt werden mußte, welches die Soldaten beſchäf⸗ tigte, ſtellten ſie die Frage, wer ſich für ſeine Ka⸗ maraden aufzuopfern geneigt wäre. Acht boten ſich an. Die Truppe theilte ſich alſo in zwei Pelotons; dreiunddreißig Mann und ein Trompeter mußten verſuchen, das eine Ende des Parks, das nur von einer Hecke geſchloſſen war, zu gewinnen; die acht andern, bei welchen man den zweiten Trompeter ließ, mußten dieſen Verſuch decken. In Folge dieſer Dispoſitionen und während die, 142 welche bleiben ſollten, von einem Fenſter zum an⸗ dern eilend, ein ziemlich gut unterhaltenes Feuer fortſetzten, durchbrachen die Andern die Mauer, welche jener, wo die Soldaten Feuer gaben, ent⸗ gegengeſetzt war, kamen, als das Loch gemacht war, den Trompeter an der Spitze, in guter Ordnung heraus und marſchirten im Geſchwindſchritt gegen das Ende des Gartens, wo ſich die Hecke befand. Die Soldaten gaben Feuer auf ſie und rann⸗ ten herbei, um ſie einzuſchließen. Die Vendéer ant⸗ worteten, indem ſie Alles, was ſich ihrem Marſch entgegenſtellte, niederwarfen, und während der Haupttheil der Truppe über die Hecke entkam, wur⸗ den fünf getödtet. Der Reſt warf ſich auf die mit Waſſer bedeckten Wieſen; der Trompeter, der vor⸗ aus marſchirte, hatte drei Kugeln erhalten und doch zu blaſen nicht aufgehört. Die acht im Schloß gebliebenen Mann hielten immer Stand. So oft die Soldaten ſich zu nähern verſuchten, entlud ſich eine Salve aus dieſem Feuer⸗ becken und durchbrach die Reihen. Dieß dauerte noch ungefähr eine halbe Stunde ſo fort, und eine halbe Stunde erklangen die Töne des Trompeters, der bei den Belagerten geblieben war, unaufhörlich unter dem Krachen der Schüſſe, unter dem dumpfen Grollen der Flamme, dem Praſ⸗ ſeln des Feuers, gleich einer erhabenen Herausfor⸗ derung, welche dieſe Männer dem Tode zuſchickten. Endlich ließ ſich ein ſchreckliches Krachen verneh⸗ men, Wolken von ſprühenden Funken erhoben ſich in die Lüfte, die Trompete verſtummte, das Gewehr⸗ feuer hörte auf. 143 Der Fußboden war eingebrochen und die kleine Garniſon wurde ohne Zweifel unter ſeinen Trüm⸗ mern begraben, denn ohne daß ein Wunder geſchah, mußten die Belagerten in dem ungeheuren Ofen verſchlungen worden ſein. Dieß war die Meinung der Soldaten, welche, nachdem ſie einige Augenblicke dieſe Trümmer be⸗ trachtet hatten, weder einen Schrei noch eine Klage hörten, wodurch ſich ihnen die Gegenwart eines dem Tode entronnenen Vendéers verrieth, und ſich von dieſem Herd, der Freunde und Feinde zugleich ver⸗ zehrte, entfernten, ſo daß auf dem Schauplatz des ſo tobenden, belebten Kampfes bald nichts blieb, als der rothe, rauchende Meierhof, der ſtill verloſch, und um ihn einige todte Körper, von der letzten Gluth des Brandes beleuchtet. So blieb es einen Theil der Nacht. Aber gegen 1 Uhr Morgens erſchien ein Mann von mehr als gewöhnlicher Größe, längs der Hecken hinſchlüpfend, und wenn er einen Fußpfad zu über⸗ ſchreiten hatte, kriechend, um die Umgebungen des Meierhofs in Augenſchein zu nehmen. Da er nichts wahrnahm, was ſein Mißtrauen rechtfertigen konnte, ging er um denſelben herum und beſah genau alle die Todtenkörper, welche ſich auf ſeinem Weg fanden; dann verſchwand er wieder im Schatten. Nach Verfluß einiger Minuten kehrte er endlich wieder zurück, einen andern Mann auf dem Rücken tragend und begleitet von einer als Bäuerin begleiteten Frau. Dieſe Männer, dieſe Frau, unſere Leſer haben 144 ſie bereits erkannt: es waren Bertha, Courtejoie und Trigaud. Bertha war bleich und ihre gewöhnliche Feſtig⸗ keit und Entſchloſſenheit hatten einer Art von Gei⸗ ſtesverwirrung Platz gemacht. Von Zeit zu Zeit eilte ſie ihren Führern voraus und Courtejoie mußte ſie wieder zur Vorſicht mahnen. Als ſie alle drei auf die Wieſe herauskamen, welche die Soldaten beſetzt hatten, und die fünfzehn Fenſteröffnungen vor ſich hatten, welche roth und gähnend ſich von der geſchwärzten Maſſe abhoben und ebenſo viel Luftlöcher der Hölle zu ſein ſchie⸗ nen, da fühlte das Mädchen ſich von ſeiner Kraft verlaſſen. Sie fiel auf die Kniee und rief einen Namen, den ihr Schmerz zu einem Schluchzen machte. Dann erhob ſie ſich wieder gleich einer Löwin und eilte auf die abgebrannten Ruinen zu. Auf ihrem Weg ſtolperte ſie über Etwas. Die⸗ ſes Etwas war ein Todtenkörper, und mit einem ſchrecklichen Ausdruck von Seelenangſt beugte ſie ſich zu dem bleichen Geſicht nieder, das ſie an den Haa⸗ ren aufhob. Dann, als ſie die andern auf der Wieſe zerſtreuten Todten bemerkte, fing ſie wie wahnſinnig von dem einen zum andern zu laufen an. „Ach! Mademoiſelle,“ ſprach Courtejoie, der ihr gefolgt war,„er iſt nicht hier, um Ihnen dieſes traurige Schauſpiel zu erſparen. Ich hatte bereits Trigaud, der uns vorausgegangen iſt, befohlen, die Leichen zu unterſuchen; er hat Herrn de La Logerie nur ein⸗ oder zweimal geſehen, aber ſo blödſinnig mein armer Genoſſe auch iſt, glauben Sie gewiß, rtejoie Feſtig⸗ Gei⸗ Zeit mußte amen, fzehn ) und hoben ſchie⸗ Kraft einen chzen einer zu. Die⸗ inem e ſich Haa⸗ der wie an. r ihr jeſes reits die ſerie nnig wiß, er hätte ihn erkannt, wenn derſelbe unter den Todten geweſen wäre. „Ja, ja, Ihr habt Recht.“ antwortete Bertha, auf la Peniſſidre zeigend, und wenn er irgend⸗ wo.... Und ehe die beiden Männer daran dachten, ſie zurückzuhalten, hatte ſie ſich auf ein Geſims von einem der Fenſter im Erdgeſchoß geſchwungen und überſchaute, auf dieſem wankenden Stein ſtehend, den Abgrund von Feuer, das noch dumpf zu ihren Füßen grollte und in welches ſie in Augenblicken ſich zu ſtürzen verſucht ſchien. Auf ein Zeichen von Courtejoie umfaßte Tri⸗ gaud das Mädchen um den Leib und ſetzte ſie auf die Wieſe nieder. Bertha leiſtete keinen Widerſtand, denn eine Idee, welche ihr Gehirn durchkreuzte, ſchien ihren Willen gelähmt zu haben. „O! mein Gott! mein Gott!“ rief ſie wie mit einem letzten Seufzer ihrer erſterbenden Kraft,„du haſt mir nicht geſtattet, da zu ſein, um ihn zu ver⸗ theidigen oder mit ihm zu ſterben, und nun verſagſt du mir ſogar den Troſt, ſeinen Leichnam zu be⸗ erdigen!“ „Nun, Mademoiſelle,“ ſagte Courtejoie,„wenn es alſo Gottes Gebot iſt, muß man ſich darein er⸗ geben.“ „O! nie, nie!“ rief Bertha mit der Exaltation der Verzweiflung. „Ach!“ erwiderte der Krüppel,„auch ich habe das Herz voll, denn wenn Herr de La Logerie hier iſt, ſehen Sie, ſo iſt auch der arme Jean Oullier da.“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 10 146 Bertha ſtieß einen Seufzer aus; im Egoismus ihres Schmerzes hatte ſie nicht an Jean Oullier gedacht. „Es iſt wahr,“ fuhr Courtejoie fort,„daß er ſtarb, wie er zu ſterben wünſchte, das heißt, die Waffen in der Hand; aber das tröſtet mich nicht bei dem Gedanken, ihn da unten zu wiſſen.“ „Bleibt denn gar keine Hoffnung?“ rief Bertha, „haben ſie ſich nicht auf die eine oder andere Art. retten können? Ol ſuchen wir, ſuchen wir!“ Courtejoie ſchüttelte den Kopf. „Das ſcheint mir ſehr ſchwierig, nach dem, was mir einer von den dreiunddreißig erzählte, welche den Ausfall machten; fünf von ihnen ſind getödtet worden.“ „Aber Jean Oullier und Michel ſind unter den Acht geweſen, welche blieben?“ ſagte Bertha. „Allerdings und gerade darum habe ich ſo we⸗ nig Hoffnung.“ „Sehen Sie,“ ſagte Courtejoie, auf die Mauern deutend, welche ſich ohne Unterbrechung vom Boden bis zum Giebel erhoben, und dann durch eine Ge⸗ berde Bertha's Blicke nach dem in einen Ofen ver⸗ wandelten Erdgeſchoß leitend, wo der Fußboden des erſten Stocks, der des Speichers und die Trümmer des Daches brannten;„ſehen Sie, es iſt hier nichts mehr übrig, als die brennenden Trümmer und die Mauern, welche den Einſturz drohen. Es bedarf des Muthes, Mademoiſelle, aber es iſt Hundert gegen Eins zu wetten, daß Ihr Verlobter und der arme Oullier unter dieſen Trümmern zerſchmettert worden ſind.“ Smus ullier aß er „ die nicht rtha, Art was elche ödtet den 147 „Nein, nein,“ rief Bertha ſich wieder erhebend, „nein, er kann, er darf nicht todt ſein. Wenn ein Wunder nöthig war, ihn zu retten, ſo hat dieſes Wunder Gott gethan. Ich will dieſe Schutthaufen durchſuchen, ich will in dieſe Mauern eindringen; ich muß ihn haben, todt oder lebend. Ich will ihn, hört Ihr, Courtejoie?“ Und mit ihren weißen Händen einen Balken er⸗ greifend, der ſein verkohltes Ende durch eines der Fenſter herausſtreckte, machte Bertha übermenſchliche Anſtrengungen, ihn an ſich zu ziehen, als ob ſie mit dieſem Balken die enorme Maſſe von Schutt aufzuheben, und was ſie verbarg, zu erkennen ver⸗ mocht hätte. „Aber Sie denken doch nicht daran!“ rief Cour⸗ tejoie verzweifelt; ndieſe Aufgabe geht über Ihre Kräfte, die meinigen und die von Trigaud; über⸗ dieß wird man uns dieſelbe nicht vollenden laſſen; die Soldaten kommen gewiß mit dem Tag wieder, und ſie dürfen uns hier nicht finden. Gehen wir alſo, Mademoiſelle, in's Himmels Namen! gehen wir!“ „Geht, wenn Ihr wollt,“ antwortete Bertha in einem Ton, der keine Einwendung litt;„ich bleibe.“ „Sie bleiben!“ rief Courtejoie betäubt. „Ich bleibe: wenn die Soldaten zurückkehren, geſchieht es ohne Zweifel, um die Trümmer zu durchſuchen, und ich werfe mich ihrem Führer zu Füßen; meine Bitten, meine Thränen werden ihn beſtimmen, daß er mir von ſeinen Leuten dabei hel⸗ fen läßt, und ich werde ihn wieder finden. O! ich werde ihn wieder finden!“ 10* 148 „Sie denken nicht daran, Mademoiſelle, daß die Rothhoſen Sie als die Tochter des Marquis von Souday erkennen werden; wenn dieſelben Sie nicht erſchießen, werden Sie gefangen genommen. Kom⸗ men Sie alſo, in einigen Augenblicken bricht der Tag an, und wenn es nöthig iſt, ſetzte Courtejoie hinzu, welchen des Mädchens Exaltation erſchreckte, „wenn es nöthig iſt, verſpreche ich Ihnen, Sie in der kommenden Nacht wieder herzubringen.“ „Nein, noch einmal nein, ich werde mich nicht entfernen,“ antwortete das Mädchen;„eine Stimme ſagt mir hier,“ ſie ſchlug an ihr Herz,„daß er mich ruft, daß er meiner bedarf.“ Dann, als ſie ſah, daß auf ein Zeichen Courte⸗ joie’s Trigaud vortrat, ſich ihrer zu bemächtigen, puhr ſie, wieder auf das Fenſtergeſims ſteigend, ort: „Macht einen Schritt, und ich ſtürze mich in dieſes Feuerbecken.“ Courtejoie, der wohl ſah, daß er mit Gewalt über Bertha nichts vermochte, verſuchte es nun mit Bitten, als Trigaud, der mit ausgeſtreckten Armen in der Stellung verharrte, die er zur Ergreifung des Mädchens angenommen hatte, ſeinem Genoſſen ein Zeichen machte, ſich ſtill zu verhalten. Courtejoie, der aus Erfahrung die wunderbare Fchärfe der Sinne des armen Tropfs kannte, folgte ihm. Trigaud horchte. „Kommen die Soldaten wieder?“ fragte Courte⸗ joie. „Nicht das,“ antwortete Trigaud. Und Courtejoie, der wie gewöhnlich auf ſeinen Schultern angeſchnallt war, losbindend, warf er ſich platt auf die Erde und hielt das Ohr an den Boden. Bertha drehte ſich, ohne von dem Ort herabzu⸗ ſteigen, wo ſie Poſto gefaßt hatte, nach dem Bett⸗ ler um. Ohne zu wiſſen, warum, hatte ſie bei der Bewe⸗ gung, die Trigaud eben machte, Herzklopfen bekom⸗ men, daß ſie vor Angſt keuchte. „Hörſt Du etwas Außerordentliches?“ fragte Courtejoie. „Ja,“ antwortete Trigaud. Dann machte er Courtejoie und Bertha ein Zei⸗ chen, gleich ihm zu horchen. Trigaud war, wie man weiß, ſparſam mit Worten. 6 ürkejpie bückte ſich mit dem Ohr gegen die Erde. Bertha ſprang vom Fenſter herab und machte es Courtejoie nach, aber ſie brauchte nur ihr Ohr zwei Sekunden an den Boden zu halten, ſo erhob ſie ſich lebhaft und rief: „Sie leben! ſie leben! ach! mein Gott! wie danke ich Dir!“ „Hoffen wir nicht zu ſchnell!“ bemerkte Courte⸗ joie,„wirklich höre ich einen dumpfen Laut, der mitten aus dem Schutt hervorzukommen ſcheint; aber es waren acht. Wer ſagt uns, daß der Laut von den zwei herkommt, die wir ſuchen?“ „Wer es uns ſagt, Alain? meine Ahnungen, die mir nicht geſtatteten, Euren Bitten nachzugeben und mich zu entfernen, wie Ihr gewollt habt. Sie 150 ſind es, ſage ich Euch, ſie, ler ein Aſyl geſucht und gefunden h 4 unter all dieſem Schutt eingeſchloſſen ſind.“ „Möglich,“ murmelte Courtejoie. „O, gewiß!“ ſprach Bertha, naber wie ihnen helfen? wie an den Ort gelangen, wo ſie ſich be⸗ finden?“ „Sind ſie in einem Souterrain, ſo muß dieſes outerrain eine Oeffnung haben; ſind ſie in einem Keller, ſo muß dieſer Keller ein Luftloch haben; es handelt ſich darum, ſie zu finden, und wenn wir ſie nicht finden, ſo graben wir durch die Erde, bis wir zu ihnen gelangen.“ Mit dieſen Worten ſchritt Bertha um das Haus herum, indem ſie mit Wuth Balken, Planken, Steine, Ziegel, welche längs der äußern Mauer herabgefallen waren und das Fundament bedeckten, an ſich riß und hinwegräumte. Auf einmal ſtieß ſie einen Schrei aus. Trigaud und Courtejoie eilten herbei, der Eine auf ſeinen langen Beinen, der Andere vermittelſt ſ ä mit der Geſchwindig⸗ ſprach Bertha zu ihm mit triumphi⸗ render Miene. Wirklich hörte man von der Stelle aus, wo ſie angehalten hatte, deutlich aus der Tiefe des zer⸗ ſtörten Schloſſes kommend, einen dumpfen aber fort⸗ dauernden Laut, wie von einem Werkzeug, womit man in beſtimmtem Zeitmaaß an die Grundmauern der Meierei ſchlug. „Hier iſt es,“ ſprach Bertha, auf eine Maſſe Kel⸗ jetzt hnen be⸗ jeſes nem den; wir bis aus ken, uer ten, ine elſt ig⸗ hi⸗ 151 an der Mauer aufgehäuften Materials deutend, „hier iſt es, wo man ſuchen muf Trigaud machte ſich an's Werk; er fing damit an, ein ganzes Stück Dach hinwegzuräumen, das vom Gipfel herabgleitend vertikal längs der Mauer hingefallen war, warf dann die durch den Einſturz des ganzen Obertheils von einem Fenſter im erſten Stock aufgehäuften Bruchſteine fort und hatte end⸗ lich nach Wundern von Stärke ziemlich raſch eine Oeffnung qufgedeckt, durch welche das Geräuſch von der Arbeit der begrabenen Unglücklichen bis zu ihnen gelangte. Bertha wollte durch dieſe Oeffnung, ſobald ſie eindringen, aber Trigaud hielt ſie Dachlatte, zündete ſie an dem te Courtejoie den Gurt, der ihn auf ſeinen Schultern zu eib und ließ denſelben durch zugänglich war, zurück; er nahm eine Feuerherd an, knüpf gewöhnlich dazu diente, halten, mitten um den 8 das Luftloch hinunter. Trigaud und Bertha hielten den Athem an. Man hörte Courtejoie mit den Arbeitern reden. Dann machte er Trigaud ein Zeichen, daß er ihn heraufziehen ſolle. Trigaud gehorchte mit der Schnelligkeit und Ge⸗ ſchmeidigkeit einer gut eingeſchmierten Maſchine. „Lebend! lebend! nicht wahr?“ fragte Bertha mit Seelenangſt. „Ja, Mademoiſelle,“ antwortete Courtejoie, „aber ich bitte, verſuchen Sie nicht in das Souter⸗ rain einzudringen. Sie ſind nicht in dem Keller, in welchen das Luftloch geht, ſondern in einer Art von anſtoßender Niſche; die Oeffnung, durch welche 1⁵² ſie dahin gedrungen ſind, iſt verſtopft; man muß abſolut die Mauer durchbrechen, um zu ihnen zu gelangen, und ich fürchte, bei dieſer Arbeit ſtürzt ein Theil des bereits erſchütterten Gewölbes ein; laſſen Sie mich alſo Trigaud Anleitung geben. Bertha warf ſich auf die Kniee und betete. Courtejoie verſah ſich aufs Neue mit trockenen Latten und ſtieg wieder in den Keller. Trigaud folgte ihm dahin. Nach zehn Minuten, die Bertha als eben ſo viele Jahrhunderte vorkamen, hörte ſie ein lautes Geräuſch von einſtürzenden Steinen; ein Angſt⸗ ſchrei entfuhr ihrer Bruſt; ſie ſtürzte auf das Luft⸗ loch zu und ſah Trigaud mit einem Körper herauf⸗ ſteigen, der über ſeine Schulter gebogen war und deſſen blaſſes Geſicht dem Bettler auf die Bruſt herabhing. Sie erkannte Michel! „Er iſt todt! mein Gott! er iſt todt!“ rief ſie, ohne einen Schritt vorwärts zu wagen. „Nein, nein,“ rief aus der Tiefe des Kellers eine Stimme, in welcher Bertha die Jean Qulliers erkannte,„nein, er iſt nicht todt.“ Bei dieſen Worten eilte Bertha auf Trigaud zu, nahm ihm Michel aus den Händen, legte ihn auf den Raſen nieder, und verſuchte, beruhigt, denn ſie hatte das Schlagen ſeines Herzens gefühlt, ihn zu ſich zu bringen, indem ſie mit Waſſer, das ſie aus einem Fahrgeleiſe ſchöpfte, ihm die Stirne be⸗ feuchtete. 4 NN8S — ⁸ N ——.ö—IA 1⁵3 LXV. Die Haide von Bouaimé. Bährend Bertha bemüht war, den jungen Ba⸗ ron aus ſeiner Ohnmacht zu erwecken, die größten⸗ theils durch den erſtickenden Dampf verurſacht wurde, gelangte Jean Oullier gleichfalls an die äußere Oeff⸗ nung des Luftlochs, gefolgt und geſchoben von Courte⸗ joie, den Trigaud durch daſſelbe Verfahren, deſſen er ſich bedient hatte, ihn hinabzulaſſen, wieder in ſeine Nähe brachte. Einen Augenblick nachher befanden ſich alle drei außen. „Ahl Ihr waret alſo die Einzigen da unten?“ irgie Courtejoie Jean Oullier. „Ja.“ „Und die Andern?“ „Sie haben ſich unter das Treppengewölbe ge⸗ flüchtet, aber das Deckengewölbe ſiel über ihnen ein, ehe ſie Zeit hatten, zu uns zu ſtoßen.“ „Sie ſind alſo todt?“ „Ich glaube nicht, denn einige Zeit nach dem Abmarſch dek Soldaten haben wir Steine bewegen und reden gehört; wir haben gerufen, aber ſie ha⸗ ben uns ohne Zweifel nicht gehört.“ „Es war alſo ein rechtes Glück, daß wir zurück⸗ gekehrt ſind.“ „Ah! was das betrifft, ja; ohne Euch hätten wir niemals die Mauer durchbrechen können, beſon⸗ ders bei dem Zuſtand, worin ſich der Baron befand. Ah! ich habe da einen ſchönen Feldzug gemacht,“ 154 ſprach Jean Oullier kopfſchüttelnd weiter und mit einem Blick auf Bertha, welche den Oberleib Mi⸗ chels auf ihre Kniee gezogen, ihn endlich zur Beſinnung gebracht hatte, und ihm nun alle die Freude, welche ſie über ſein Wiederſehen empfand, ausdrückte. „Ohne zu rechnen, daß er noch nicht beendigt iſt,“ erwiderte Courtejoie, der den Sinn, welchen der alte Vendéer in dieſe Worte legte, nicht begrei⸗ fen konnte und ohne Unterlaß nach Oſten ſchaute, wo ein breiter Purpurſtreif den baldigen Anbruch des Tages verkündigte. 6 „Was willſt Du ſagen?“ fragte Oullier. „Ich will ſagen, daß zwei Stunden länger Nacht für unſere Rettung ſehr förderlich wären; ein Ver⸗ wundeter, ein Invalide und eine Frau, es wird nicht leicht ſein, damit nach einem Zufluchtsort zu manöpvriren, abgerechnet, daß die Sieger von geſtern heute keck auf den Straßen ſtreifen werden.“ „Ja, aber ich fühle mich ganz wohl, ſeitdem ich diches Feuergewölbe nicht mehr über meinem Kopf abe.“ „Du biſt erſt halb gerettet, mein armer Jean.“ „Wohlan, nehmen wir unſere Vorſichtsmaß⸗ regeln.“ Und Jean OuGllier durchſuchte die Patrontaſchen der Todten, nahm alle Patronen, die ſie enthielten, heraus, lud ſein Gewehr ſo kaltblütig, wie ſonſt, ehe er auf die Jagd ging, und fragte, ſich Bertha und Michel nähernd, der die Augen ſchloß, wie wenn er wieder ohnmächtig würde. „Können Sie gehen?“ 15⁵ Michel gab keine Antwort; als er die Augen aufſchlug, hatte er Bertha geſehen und ſie wieder geſchloſſen, da er die bevorſtehende Schwierigkeit ſeiner Lage begriff. „Ich glaube ja,“ antwortete er endlich. In der That war die einzige Verwundung eine Kugel, welche durch das Fleiſch am Arm gegangen war, ohne den Knochen zu verletzen. Bertha hatte die Wunde unterſucht und den Arm mit dem weißſeidenen Tuche, das ſie um ihren Hals trug, hinaufgebunden. „Wenn Sie nicht gehen können,“ ſprach Jean Oullier,„ſo will ich Sie tragen.“ Bei dieſem neuen Beweiſe von der bei dem alten Vendéer in Bezug auf den jungen de La Lo⸗ gerie vorgegangenen Sinnesänderung trat Bertha auf Jean Oullier zu. „Ihr werdet mir erklären,“ ſprach ſie zu ihm, „warum Ihr meinen Verlobten(ſie betonte dieſe beiden Worte beſonders) mit Euch genommen habt; warum Ihr ihn ſeinen Poſten zu verlaſſen bewogen habt, um ihn in dieſe Affaire zu verwickeln, wo ſeine Abweſenheit trotz der Gefahren, denen er ſich dabei ausſetzte, ihm ſchwere und beſchimpfende An⸗ klagen zugezogen hat.“ „Wenn Herrn de La Logerie's Ehre durch meine Schuld einigen Schaden gelitten,“ antwortete Jean⸗ Oullier gelaſſen,„ſo werde ich ſie wieder herſtellen.“ „Ihr!“ erwiderte Bertha, immer mehr erſtaunt. „Ja,“ ſprach Jean Oullier,„denn ich werde erzählen, wie er trotz ſeines weibiſchen Ausſehens ſich voll Ausdauer und Muth gezeigt hat.“ 74 „Ihr werdet thun, was Ihr ſagt, Jean Oul⸗ lier!“ rief Bertha. „Ich werde nicht allein es thun!“ ſagte der alte Vendéer,„ſondern, wenn mein Zeugniß nicht hin⸗ reicht, werde ich das derer einholen, mit welchen er zuſammen gekämpft hat, denn ich beſtehe jetzt dar⸗ auf, daß ſein Name ehrbar und geehrt ſei.“ „Wie! Du ſprichſt alſo, Jean Oullier, Du!“ Jean Oullier nickte. „Du, der, wie Du ſagteſt, mich lieber todt, als dieſen Namen tragen ſehen wollte!“ „Ja; Sie ſehen, wie ſich die Dinge ändern, Ma⸗ demoiſelle Bertha, ich wünſche heute eifrigſt, Herrn Michel als Tochtermann meines Herrn zu ſehen.“ Jean Oullier ſprach dieſe Worte mit einem ſo ausdrucksvollen Blick auf Bertha und ſo bewegter und trauriger Stimme, daß dieſer ſich das Herz in der Bruſt zuſammenzog und ſie unwillkürlich an Mary dachte. Sie wollte den alten Vendéer fragen, aber die⸗ ſen Augenblick trug der Wind den Ton eines In⸗ fanterie⸗Marſches, der von Cliſſon kam, auf ſeinen Flügeln heran. „Courtejoie hat Recht!“ rief Jean Oullier. „Die Erklärung, die Sie fordern, Bertha, wir wer⸗ den ſie haben, ſobald es die Umſtände geſtatten; für den Augenblick denken wir nur an unſere Si⸗ cherheit.“ Dann fuhr er, von Neuem horchend, fort: „Auf den Weg alſo, denn es iſt kein Augen⸗ blick zu verlieren, ich ſtehe dafür.“ 157 Und ſeinen Arm unter den geſunden Arm Mi⸗ chels ſchiebend, gab er das Zeichen zum Abgang. Courtejoie hatte bereits wieder auf Trigauds Schultern Platz genommen. „Wohin gehen wir?“ fragte er. „Wir müſſen die einſame Meierei von Saint⸗ Hilaire zu gewinnen ſuchen,“ antwortete Jean Oul⸗ lier, welcher bei den erſten Schritten, die er gemacht hatte, und trotz der Unterſtützung, die Michel von zwei Seiten empfing, fühlte, daß der junge Mann wankte;„es iſt für ihn eine Unmöglichkeit, die acht Meilen, die uns von Machecoul trennen, zu machen.“ „Fort nach dem Meierhof Saint Hilaire,“ ſprach Courtejoie, ſein Reitthier antreibend. Bei der Langſamkeit ihres Marſches in Folge der Schwierigkeit, womit Michel, durch den Blut⸗ verluſt erſchöpft, ſich vorwärts bewegte, waren die Flüchtlinge erſt einige hundert Schritte von der Meierei entfernt, als Trigaud ſtolz ſeinem Genoſſen eine Art Keule zeigte, welche er in der Hand hielt und unterwegs gewiſſenhaft mit ſeinem Meſſer ab⸗ zuſtreifen und auszuputzen ſich bemüht hatte. Es war ein wilder Apfelbaum von raiſonnabler Dicke, welchen der Bettler in dem Obstgarten von la Péniſſière ſich erſehen hatte und der ihm wun⸗ derbar geeignet erſchienen war, die ſchreckliche, im Kampfe von Chäne zerbrochene Sichel zu erſetzen. Courtejoie ſtieß einen Wuthſchrei aus. Es war offenbar, daß er keineswegs die Zufrie⸗ denheit theilte, womit ſein Genoſſe den knorrigen Stamm ſeiner neuen Waffe betaſtete. „Der Teuf rief er. „Was gibt es denn?“ fragte Jean Oullier, indem er Michel der Obhut Bertha's überließ und zu Trigaud und Courtejoie heraneilte. „Daß dieſes doppelte Thier,“ fuhr Courtejoie fort,„die ganze Bande der Rothhoſen uns auf die Spur bringt; die Peſt treffe mich, daß ich nicht eher daran gedacht habe; ſeit wir la Péniſſidre verließen, hat er Petit⸗Poulet*) geſpielt, zum Unglück nicht mit Brotkrumen, die er auf dem Wege verſtreut hat, ſondern mit Zweigen, Blättern und Abſchnitzeln el hole das Thier in die tiefſte Hölle!“ Ah! das doppelte, das dreifache, vierfache Vieh!“ endete Courtejoie in Form einer Schlußrede. Dann führte er, die Geberde zu dem Wort fü⸗ gend, mit aller Kraft einen Fauſtſchlag auf den Schädel des Bettlers, welcher dieſen Puff nicht mehr zu beachten ſchien, als wenn Courtejoie in Form einer Liebkoſung ihm mit der Hand durch die Haare gefahren wäre. „Teufel!“ ſprach Jean Oullier nachdenklich, „was thun?“ „Auf die Meierei Saint Hilaire verzichten, wo man uns wie in einer Mausfalle fangen würde.“ „Aber,“ fiel Bertha lebhaft ein,„Herr de La *) Hühnchen. A. d. U. ——=ö— 8SAS8S — DꝰD — ◻☛ 159 Logerie kann unmöglich weiter gehen; ſehen Sie, wie bleich er iſt.“ „Werfen wir uns rechts,“ ſagte Jean Oullier, „gewinnen wir die Haide von Bouaimé und ver⸗ bergen uns in den Felſen; um weniger Spuren zurückzulaſſen und ſchneller zu gehen, will ich Herrn Michel auf die Schultern nehmen. Marſchiren wir hinter einander, Trigauds Fuß wird die Schritte der Andern verwiſchen. Die Haide Bouaimé, wohin Jean Oullier die Flucht der kleinen Truppe lenkte, liegt etwa eine Meile von dem kleinen Flecken Saint⸗Hilaire. Um dahin zu glangen, muß man über die Maine ſetzen. Sie iſt von ſehr beträchtlicher Ausdehnung und ſteigt nordwärts bis Remouille und Montbert: ihre Oberfläche iſt ſehr ungleich und mit zahlreichen Fel⸗ ſen beſäet, deren einige offenbar durch die Hand der Menſchen von der Stelle gerückt ſind. Dolmen*) ſtiegen mitten aus Haidekrautbüſchen oder gelben Blumen von Ginſter und Stechpfrie⸗ men auf, ihre braunen Häupter mit Moos gekrönt. Auf einen der merkwürdigſten dieſer Steine führte Jean Oullier die kleine Karavane zu; dieſer Stein war flach und ruhte auf vier ungeheuren Granit⸗ quadern. Zehn bis zwölf Perſonen hätten bequem unter ſeinem Schatten ruhen können. Michel langte kaum daſelbſt an, als er zuſam⸗ menbrach, und wäre umgeſtürzt, hätte Bertha ihn *) Iſolirte Felſen, ein eyklopiſches oder celtiſches Grab be⸗ zeichnend. 7 A. d. U. nicht gehalten: ſie riß eiligſt Haidekraut aus, brei⸗ tete es auf dem Dolmen aus, und ſo bedenklich auch die Situation war, der junge Mann hatte kaum ſeine Glieder auf dieſem Lager ausgeſtreckt, als er in einen tiefen Schlaf verfiel. Trigaud wurde als Schildwache auf den Dol⸗ men geſtellt; eine wilde Statue auf wildem Fußge⸗ ſtell, erinnerte er durch ſeinen großen Schattenriß an die Rieſen, welche vor zweitauſend Jahren dieſen Altar errichtet hatten; Courtejoie, losge⸗ gürtet, ruhte neben Michel, über welchen Bertha trotz der Erſchöpfung, worein die phyſiſchen und moraliſchen Strapazen von dem Tag und der Nacht zuvor ſie verſetzt hatten, wachen wollte; und Jean Oullier entfernte ſich, halb, um auf Entdeckung auszugehen, halb, um Lebensmittel herbeizuſchaffen, deren die Flüchtigen ſehr bedurften. Es waren etwa zwei Stunden, daß Trigaud ſeine Blicke über die unermeßliche Savanne, die ihn umgab, ſchweifen ließ und trotz der Aufmerk⸗ ſamkeit, womit er horchte, nichts als einförmige Sumſen der Weſpen und Bienen vernahm, welche auf den Stechpfriemen und dem blühenden Quen⸗ del ſich Beute ſammelten; die Dünſte, welche die Sonne von dem feuchten Boden zog, nahmen all⸗ mählig in Trigauds Augen regenbogenartige Tin⸗ ten an, deren Monotonie, verbunden mit der Hitze der Strahlen, die ſenkrecht auf die dicken rothen Haarbüſchel fielen, welche ſeine einzige Kopfbedeckung ausmachten, ſein Gehirn betäubte; tauſend einſchlä⸗ fernde Combinationen verſenkten ihn zuletzt in eine Sieſta, an welcher die Verdauung irgend eines 161 Mahles keinen Antheil hatte, als das Knallen einer Feuerwaffe ihn plötzlich aus ſeiner Erſtarrung riß. Trigaud ſah nach Saint⸗Hilaire aus und bemerkte jene kleine weiße Wolke, welche ein Schuß erzeugt. Dann erblickte er einen Mann, der aus Lei⸗ eicräften floh und auf den Dolmen zuzukommen ſchien. Mit einem Sprung war er von ſeinem Piede⸗ ſtal herunter; Bertha, welche dem Schlaf Wider⸗ ſtand geleiſtet, hatte bereits Courtejoie geweckt: Trigaud nahm ihn in ſeine Arme, hob ihn über ſeinen Kopf empor, ſo daß er eine Höhe von zehn Fuß erreichte, und ſprach nur die beiden Worte aus, welche übrigens keines Commentars bedurften. „Jean Oullier!“ Courtejoie hielt ſeine Hand ſchräg über die Augen und erkannte gleichfalls den alten Vendéer; nur bemerkte er, daß Jean Oullier, ſtatt nach der Seite, wo ſie ihn erwarteten, zu marſchiren, ſich rechts gewendet hatte, dem Hügelkamm, der dem Dolmen gerade entgegengeſetzt war, folgte und auf Montbert zu hielt. Er bemerkte zugleich, daß anſtatt an der Mitte des Abhangs zu gehen und auf ſolche Weiſe ſich den Blicken derer, die ihn verfolgen mußten, zu entziehen, der alte Vendéer für ſeinen Weg die ſteilſten Punkte wählte, ſo daß er allen denen, welche die Gegend auf eine Meile in der Runde durchſtreiften, im Geſicht blieb. Jean Oullier war zu erfahren, um leichtſinnig zu handeln; wenn er demnach ſo that, hatte er Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 1 einen geheimen Grund dazu, und dieſer Grund war, daß er berechnet hatte, er würde ſolcher Art die Aufmerkſamkeit des Feindes auf ſich allein ziehen und von der Fährte, die derſelbe wahrſcheinlich verfolgte, abwendig machen. Courtejoie ſchloß alſo, es wäre für ſie am beſten, in ihrem Aſyl zu bleiben und unter auf⸗ merkſamer Beobachtung deſſen, was vorging, die Ereigniſſe abzuwarten. Von dem Augenblick an, wo Intelligenz die Stelle der Sinne vertreten mußte, vertraute ſich Courtejoie nicht mehr Trigaud an. Er ließ ſich auf den Dolmen hinaufbringen, hielt es jedoch, ſo klein ſeine armſelige Perſon war, doch nicht für geeignet, ſie auf dieſem Piedeſtal blos zu ſtellen. Er legte ſich daſelbſt platt nieder, das Geſicht dem Hügel, welchem Jean Oullier folgte, zuge⸗ wendet. Bald ſah er auf der Stelle, wo der letztere hervorgerückt war, einen Soldaten erſcheinen, her⸗ nach einen zweiten, dann einen dritten. Er zählte deren bis auf zwanzig. Dieſelben ſchienen keineswegs beeilt, an Schnel⸗ ligkeit es dem Flüchtling gleichzuthun; ſie begnüg⸗ ten ſich, auf der Haide ſich ſtaffelförmig ſo aufzu⸗ ſtellen, daß ſie ihm den Rückzug abſchnitten, im Fall er wieder umzukehren verſuchen würde. Dieſe zweideutige Taktik machte Courtejoie noch aufmerkſamer, denn ſie ließ ihn vermuthen, daß die Soldaten, welche er ſah, nicht die einzigen waren, die ſich an die Ferſen des Vendéers hef⸗ eten. 163 Der Hügel, deſſen oberem Abhang ſie folgten, endete ungefähr eine halbe Meile von der Stelle, wo Jean Oullier ſich dieſen Augenblick befand, in einer Felsſpitze, welche eine Art Moor be⸗ herrſchte. Auf dieſe Seite concentrirte ſich, weil Jean Oul⸗ liers Lauf dahin ſeinen Ausgang nahm, Courte⸗ joie’'s ganze Aufmerkſamkeit. „Hum!“ machte auf einmal Trigaud. „Was gibt es?“ fragte Courtejoie. „Rothhoſe,“ antwortete der Bettler, mit dem Finger auf eine Stelle des Moors deutend. Courtejoie folgte der von Trigauds Finger an⸗ gegebenen Richtung und ſah den Blitz einer Mus⸗ tete mitten im Schilf leuchten, dann zeichnete ſich eine Geſtalt ab; es war die eines Soldaten, und dieſer Soldat war, wie auf der Haide, von zwan⸗ zig ſeiner Kameraden gefolgt. Courtejoie ſah, wie ſie ſich im Schilf nieder⸗ duckten und gleich ebenſo vielen Jägern auf dem Anſtand verbargen. Das Wild war Jean Oullier. Beim Herabſteigen von dem Abhang mußte er unfehlbar in den ihm gelegten Hinterhalt fallen. Es war keine Minute zu verlieren, ihn zu warnen. Courtejoie nahm ſeine Flinte und ſchoß ſie ab, indem er Sorge trug, die Mündung des Laufs hart auf das Haidekraut zu halten und hinter dem Dolmen Feuer zu geben. Dann richtete er ſeine Blicke wieder auf den Schauplatz der Handlung. HI Jean Oullier hatte das Signal gehört und den Knall von Courtejoie's kleiner Flinte erkannt; er täuſchte ſich keine Minute über die Gründe, welche ſeinem Freund die Nothwendigkeit auferlegten, das Incognito, das er mit ſo vieler Mühe ihnen zu erhalten ſuchte, aufzugeben; wirklich machte er raſch eine halbe Wendung und ſtieg, anſtatt ſeinen Marſch gegen die Böſchung und den Sumpf fortzuſetzen, ſchnell den Hügel hinab; er lief nicht mehr, er flog; ohne Zweifel war er auf einen Plan gekommen, den er in Ausführung zu bringen ſich beeilte. Bei dem Gang, den er einhielt, mußte er üb⸗ rigens in wenigen Minuten bei ſeinen Freunden angelangt ſein. Aber welche Vorſicht auch Courtejoie gebraucht haben mochte, um den Rauch den Blicken der Sol⸗ daten zu entziehen, hatten dieſe doch die Richtung, von welcher die Exploſion herkam, vollkommen er⸗ kannt; und die im Haidekraut, wie die im Sumpf hatten ſich hinter Jean Oullier vereinigt, welcher mit großen Schritten fortlief, und hielten Rath oder warteten auf Ordre. Courtejoie ſchaute um ſich, ſchien jeden Punkt des Horizonts zu ſtudiren, hob einen ſeiner benetz⸗ ten Finger, um zu ſuchen, von welcher Seite der Wind käme, erkannte, daß er von der Seite der Soldaten herkam, und betaſtete ſorgſam das Haide⸗ kraut, um ſich zu verſichern, daß die Sonne, die heiß brannte und der Wind, der ſtark wehte, es hinlänglich getrocknet hatten. „Was macht Ihr denn?“ fragte Bertha, welche, den verſchiedenen Stadien dieſes Prologs folgend, 165 die drohende Gefahr ſehr gut begriffen hatte und Michel, der mehr traurig als leidend ſchien, ſich aufzurichten half. „Was ich thue,“ antwortete der Krüppel,„oder vielmehr, was ich thun will, mein werthes Fräu⸗ lein,— ich will ein St. Johannis⸗Feuer machen, und Sie werden ſich dieſen Abend, wenn Sie, Dank dem Feuer, in Sicherheit ſind, wie ich hoffe, rühmen können, ſelten ein gleiches geſehen zu haben. Und mit dieſen Worten übergab er Trigaud mehrere Stückchen angebrannten Zunders, welche dieſer in ebenſo viele trockene Grasbüſchel ſteckte, die unter ſeinem mächtigen Hauch bald in Flam⸗ menbüſchel verwandelt waren, die er von zehn zu zehn Schritten auf eine Laͤnge von hundert Schritten in das Haidekraut legte. Trigaud legte ſein letztes Büſchel, als Jean Oullier am letzten Hang, der nach dem Dolmen führte, heraufkletterte. „Auf! auf!“ rief er,„ich habe keine zehn Mi⸗ nuten voraus.“ „Ja, aber das hier verſchafft uns deren zwan⸗ zig,“ antwortete Courtejoie, indem er auf die Stechpfriemen⸗Stengel, welche unter der Wirkung des Feuers zu kniſtern und ſich zu krümmen anfin⸗ gen, deutete, während ein Dutzend Rauchſäulen ſich ſpiralförmig zum Himmel erhoben. „Das Feuer wird nicht ſchnell genug gehen und vielleicht nicht heftig genug ſein, um ſie aufzuhal⸗ ten,“ ſprach Jean Oullier. Dann ſetzte er, den Zuſtand der Atmoſphäre prüfend, hinzu: „Ueberdieß wird der Wind die Flammen in der Richtung, die wir verfolgen, hintreiben.“ „Ja, aber ſammt den Flammen Oullier, mein Burſche,“ antwortete Courtejoie mit triumphirender Miene,„wird er auch den Rauch dahin führen, und darauf rechne ich eben. Der Rauch wird ihnen vorerſt verbergen, wie viel unſerer ſind, und dann, wohin wir gehen.“ „Ah! Courtejoie! Courtejoie!“ murmelte Oullier zwiſchen den Zähnen,„hätteſt Du Beine, was für einen gewaltigen Wildſchützen würdeſt Du abgege⸗ ben haben!“ Und ohne ein Wort weiter zu ſagen, nahm er Michel, ſetzte ihn trotz ſeines Widerſtandes auf ſeine Schultern, denn der letztere behauptete, ſtark genug zum Gehen zu ſein, und wollte der Ermüdung des Vendéers nicht noch dieſen Zuwachs geben. Dann folgte er Trigaud, der, ſeinen Führer auf dem Rücken, ſchon unterwegs war. „Nimm die Hand von Mademoiſelle,“ ſagte Courtejoie zu Jean Oullier;„ſie halte die Augen zu und verſehe ſich mit einem Vorrath von Athem; in zehn Minuten werden wir nichts mehr davon ſehen und können dann ganz ordentlich wieder aus⸗ ſchnaufen.“ Und wirklich waren die von Alain angegebenen zehn Minuten noch nicht vergangen, ſo hatten ſich die zehn Rauchſäulen vereinigt und zu einem unge⸗ heuern Feuervorhang verſchmolzen, der ſich auf —— 167 eine Breite von dreihundert Schritten erſtreckte und dumpf hinter ihnen zu grollen ſchien. „Siehſt Du genug, um uns zu leiten,“ fragte Jean Oullier Courtejoie,„denn das Wichtigſte iſt, daß wir keine falſche Route einſchlagen, hernach, daß wir uns nicht trennen.“ „Wir haben keinen andern Führer, als den Rauch; folgen wir ihm, ſo wird er uns dahin füh⸗ ren, wohin wir wollen; nur verliere Trigaud, als das Haupt der Colonne, nicht aus den Augen.“ Darauf begnügte ſich Oullier, als einer von den Menſchen, die den Werth der Zeit und der Rede kennen, zu ſagen: „Alſo vorwärts!“ Und er gab ſelbſt das Beiſpiel dazu, ohne ſcheinbar von dem Gewicht Michels mehr genirt zu ſein, als Trigaud von dem Courtejoie's. So marſchirte man eine Viertelſtunde fort, ohne daß die Flüchtlinge aus den Rauchwolken heraus⸗ kamen, welche der Brand, mit wunderbarer Ge⸗ ſchwindigkeit unter dem Einfluß des Windes ſich fortpflanzend, rings um ſie anhäufte. Nur von Zeit zu Zeit fragte Jean Oullier Bertha, die von dem Rauch halb erſtickt war: „Können Sie Athem holen?“ Und dieſe antwortete mit einem kaum artikulir⸗ ten Ja. Was Michel betraf, ſo beunruhigte er ſich ſei⸗ netwegen nicht, er konnte immer unter dem Wind halten, da er auf ſeinen Schultern ſich befand. Plötzlich wich Trigaud, der an der Spitze der kleinen Truppe, geleitet von Courtejoie und unbe⸗ kümmert, wohin es ging, marſchirte, raſch mit einem Schritt zurück. Er hatte den Fuß in ein tiefes Waſſer geſetzt, welches der Rauch ihn zu ſehen verhindert hatte, und war bis über das Knie eingeſunken. Courtejoie ſtieß einen Freudenſchrei aus. „Da ſind wir,“ rief er,„der Rauch hat uns ſo ſicher geführt, als es der beſtdreſſirte Jagdhund hätte thun können. „Ah!“ ſagte Jean Oullier. „Du verſtehſt, nicht wahr, mein Burſche?“ fragte Courtejoie im Ton des Triumphs. „Ja, aber wie auf das Eiland gelangen?“ „Wie? und Trigaud.“ „Wohl, aber wenn ſie uns nicht wieder finden, iſt es nicht wahrſcheinlich, daß die Soldaten die Liſt entdecken werden?“ „Allerdings, wenn ſie uns nicht wieder fänden; aber ſie werden uns wieder finden.“ „Vollende.“ „Sie wiſſen nicht, wie viel wir ſind; wir brin⸗ gen Mademoiſelle und unſern Verwundeten in Si⸗ cherheit; dann treten wir, als ob wir eine falſche Route eingeſchlagen hätten und unſer Weg uns durch den Teich abgeſchnitten worden wäre, wieder hervor, Du, Trigaud und ich, und beweiſen durch ein paar ſchöne Flintenſchüſſe, daß wir es ſind, die ſie eben geſehen haben; wir gewinnen ſofort, da wir nicht mehr aufgehalten oder beunruhigt ſind, den Wald von Gineſtou, von wo es dieſe Nacht leicht ſein wird umzukehren und ſie aufzuſuchen.“ „Aber Lebensmittel? die armen Kinder!“ 169 „Bah!“ ſagte Courtejoie,„man ſtirbt nicht da⸗ von, daß man vierundzwanzig Stunden ohne Eſſen bleibt.“ „Es ſei!“ Dann ſetzte er mit einer Traurigkeit, die zu⸗ gleich von lebhafter Geringſchätzung ſeines eigenen gefährdeten Verſtandes zeugte, auf ſich zurückkom⸗ mend hinzu: „Die vergangene Nacht muß mir das Gehirn verwirrt haben, daß ich daran gar nicht dachte.“ „Setzt Euch nicht unnütz aus,“ ſagte Bertha, beinahe erfreut über das Téte⸗d⸗Téte, das ihr die Umſtände mit ihrem Geliebten gewährten. „Seien Sie ruhig,“ antwortete Jean Oullier. Trigaud nahm ſofort Michel in ſeine Arme, ohne deßhalb Courtejoie zur Erde zu ſetzen, was für ihn Zeitverluſt geweſen wäre, und ſtieg in's Waſſer. Er rückte ſo weit vor, bis ihm das Waſſer an den Gürtel ging, hob dann, wie das Waſſer ſtieg, den jungen Mann über den Kopf, bereit ihn Cour⸗ bade zu reichen, wenn das Waſſer ſich noch weiter öbe. Aber das Waſſer reichte nur bis an die Bruſt des Rieſen, er ſetzte über den Teich und gelangte auf eine Art Eiland von zwölf Quadratfuß, welches auf dieſem ſtehenden Waſſer ein ungeheures Enten⸗ neſt zu ſein ſchien. Das Eiland war mit einem wahren Wald von Schilfrohr bedeckt. Er legte Michel auf dieſem Schilf nieder und holte dann Bertha, welche er auf dieſelbe Weiſe hinübertrug und, wie er mit einem Vogel gethan 170 hätte, neben dem jungen Baron de la Logerie nie⸗ derſetzte. „Legen Sie ſich mitten auf dem Eiland nieder,“ rief Jean Oullier ihnen von dem Ufer, wo er ge⸗ blieben war, zu,„richten Sie die von Ihrem Gang geknickten Zweige wieder auf, und ich verſpreche Ihnen, daß man Sie hier nicht ſuchen wird.“ „Gut,“ antwortete Bertha,„und nun beſchäftigt Euch nur mit Eurer Perſon, meine Freunde! LXVI. Wo das Haus Alain Courtejoie und Compagnie ſeiner geſellſchaftlichen Firma Ehre macht. Es war Zeit, daß die drei Chouans mit dem, was ſie am Ufer des Teichs zu thun hatten, fertig wurden: die Flammen kamen mit wunderbarer Ge⸗ ſchwindigkeit heran; ſie liefen über die blühenden Gipfel der Stechpfriemen wie vom Wind fortgetra⸗ gene Purpur⸗ und Goldvögel hin und ſchienen, ehe ſie dieſelben bis auf die Wurzeln verzehrten, nur die Stängel abpflücken zu wollen. Das Geräuſch derſelben, ähnlich dem Grollen des Ocean, vergrößerte ſich von allen Seiten um die Flüchtlinge her und der Rauch wurde immer dichter und erſtickender. Aber die ſtählernen Kniekehlen von Jean Oul⸗ lier und Trigaud liefen noch ſchneller als der Brand, und ſie waren bald ſicher vor ſeiner Berührung. Sie wandten ſchief links ab und gelangten an einen Punkt des kleinen Thales, wo ſie beinahe der nie⸗ er,“ ge⸗ ang eche ftigt em, rtig Ge⸗ den tra⸗ ehe nur llen um mer zul⸗ nd, 171 finſtern Wolken los waren, die ihnen ſo glücklich zu Statten gekommen waren, um ihre Anzahl, die Richtung ihrer Flucht und das Manöver, vermittelſt deſſen Michel und Bertha ſich jetzt in Sicherheit be⸗ fanden, zu verbergen. „Kriechen wir jetzt, kriechen wir, Trigaud,“ rief Jean Oullier.„Es iſt jetzt von Wichtigkeit, daß die Soldaten uns nicht ſehen, ehe wir viſſen, was ſie thun und von welcher Seite ſie herkom⸗ Der Rieſe krümmte ſich, wie wenn er auf allen Vieren ginge, und es war gut für ihn, denn kaum hatte er ſich zur Erde gebogen, als eine Kugel über ſeinen Kopf hinpfiff, die er ohne dieſe Vorſicht ge⸗ rade in die Bruſt bekommen hätte. „Teufel!“ bemerkte Courtejoie,„Du haſt da ei⸗ nen Rath gegeben, Jean Oullier, der nicht nachhal⸗ tig, aber gut war.“ „Sie haben unſere Liſt errathen,“ ſagte Jean Oullier„und ſchließen uns, wenigſtens von dieſer Seite, ein. Wirklich bemerkte man eine Reihe Soldaten, die von dem Dolmen aus je hundert Schritte von ein⸗ ander aufgeſtellt, auf die Strecke einer halben Meile ſich gleich einer Linie Treiber hielten und abwar⸗ teten, bis die Vendéer wieder zum Vorſchein kamen. „Fallen wir ein?“ fragte Courtejoie. „So denke ich,“ antwortete Jean Oullier,„aber wartet, bis ich ein Loch mache.“ Und die Flinte an die Schulter lehnend, gab Jean Oullier, ohne darum ſeine horizontale Stel⸗ lung zu verlaſſen, Feuer auf den Soldaten, der ſeine Waffe wieder lud. Der Soldat, in die volle Bruſt getroffen, drehte ſich im Kreiſe herum und ſtürzte mit dem Geſicht zur Erde. Dann zu ſeinem Nachbar übergehend, zielte er mit derſelben Ruhe, als ob es Rebhühner gälte, und ſchoß. Der zweite Soldat fiel wie der erſte. „Ein Doppelſchuß,“ rief Courtejoie,„bravo, Oullier mein Burſche, bravo!“ „Vorwärts! vorwärts!“ ſprach dieſer, ſich mit der Behendigkeit eines Panthers aufrichtend,„vor⸗ wärts und etwas aus einander, um den Kugeln, die es regnen wird, weniger Anhalt zu geben.“ Der Vendéer hatte die Wahrheit geſagt; die drei Genoſſen hatten kaum zehn Schritte gemacht, als ein ſechs⸗ oder achtfacher Knall nach einander ſich hören ließ, und eine der Kugeln riß von der Keule, die Trigaud in der Hand hielt, einen Split⸗ ter ab. Ein Glück war es für die Flüchtlinge, daß die Soldaten, die von allen Seiten ihren beiden Kame⸗ raden, die ſie hatten fallen ſehen, zu Hülfe kamen, vom Laufen noch ganz außer Athem, nur mit un⸗ ſicherer Hand Feuer gegeben hatten, aber ſie ver⸗ ſperrten gleichwohl den Durchgang und es war nicht wahrſcheinlich, daß Jean Oullier und ſeine beiden Genoſſen Zeit haben würden, deren Linie ohne einen Kampf Mann gegen Mann zu paſſiren. Wirklich ſah Jean Oullier, der auf der linken Seite hielt, im Augenblick, da er einen Anlauf nahm, der ehte ſicht er llte, wo, mit or⸗ eln, die ct, der der lit⸗ die ne⸗ en, un⸗ der⸗ icht den nen ken zm, 173 um eine kleine Schlucht zu überſpringen, einen Tſchako auf der andern Seite ſich erheben und be⸗ merkte einen Soldaten, der ihn mit gefälltem Ba⸗ jonet erwartete. Die Geſchwindigkeit ſeines Laufes hatte Jean Oullier nicht geſtattet, ſeine Flinte wieder zu laden; aber er rechnete, weil ſein Geagner ſich begnügte, ihn mit dem Bajonet zu bedrohen, möchte er wahrſcheinlich mit ihm in gleicher Lage ſein; auf jeden Fall zog er ſeinen Hirſchfänger, nahm ihn zwiſchen die Zähne und rückte mit aller Geſchwin⸗ digkeit ſeiner Beine weiter vor. Zwei Schritte von dem Graben hielt er plötzlich und legte auf den Soldaten an, deſſen Bruſt jetzt. nicht weiter als ſechs Fuß von der Mündung ſeiner Flinte entfernt war. Was Jean Oullier vorausgeſehen hatte, traf ein; der Soldat glaubte die Flinte geladen und warf ſich platt auf die Erde, um dem Schuß aus⸗ zuweichen. In demſelben Augenblick und als ob der eben gemachte Halt die Kraft ſeines Anlaufs um nichts vermindert hätte, ſetzte er mit einem Sprung über die Schlucht und fuhr wie ein Blitz über den Körper des Soldaten hinweg. Trigaud war ſeinerſeits nicht weniger glücklich geweſen und mit Ausnahme einer Kugel, welche, ſeine Schulter ſtreifend, einen Fetzen mehr zu den Fetzen, welche ſeine Bekleidung bildeten, gefügt hatte, waren er und ſein Kamarade Courtejoie gleich Jean Oullier durch die Linie gekommen. Die beiden Flüchtlinge— Trigaud durfte nur für einen zählen, erſchienen jetzt in diagonaler Li⸗ d nie, der Eine rechts, der Andere links, und mar⸗ d ſchirten ſo, daß ſie an der Spitze des Winkels zu⸗ he ſammentreffen mußten. fc Nach fünf Minuten waren ſie innerhalb Stimm⸗ weite. C „Geht's gut?“ fragte Jean Oullier Courtejoie. ſch „Ganz vortrefflich!“ antwortete dieſer,„und in zwanzig Minuten werden wir, wenn uns die Kugeln la dieſer Lumpen nicht ein Glied lähmen, die Felder in ſehen, und einmal hinter der erſten Hecke, will ich 3 des Teufels ſein, wenn ſie uns fangen. Schlechte li Idee, Oullier, die wir gehabt haben, die Haide zu gewinnen.“ A „Bah! da ſind wir bald draußen, und die Kin⸗ an der ſind ſicherer, wo wir ſie untergebracht haben, als in dem dichteſten Walde. Biſt Du nicht ver⸗ dr wundet?“ „Nein; und Du, Trigaud? mir ſcheint, ich nt fühlte einen gewiſſen Schauder über Deine Haut G gehen.“ Der Rieſe deutete auf die Schramme, welche die 21 † Kugel ſeiner Keule gemacht hatte. Offenbar beſchäf⸗ B tigte dieſer Schaden, der die Verbeſſerung des T Werks, an welcher er den ganzen Morgen mit ſo viel Liebe gearbeitet hatte, beeinträchtigte, ihn viele er mehr, als der, welchen ſein Kleid und ſein Arm⸗ A muskel, die von dem Gang der Kugel leicht verletzt g, wurden, genommen hatten. ei „Ah! famos!“ rief Courtejoie,„da ſind die ſe Felder.“ Wirklich bemerkte man auf tauſend Schritte von 175 den Flüchtlingen am Ende eines Abhangs, ſo ſanft, daß er für das Auge beinahe unmerklich war, das halb gelbe Getreide, das in ſeiner mattgrünen Ein⸗ faſſung leicht wogte. „Wenn wir ein wenig ausathmeten,“ ſagte Vanrreigit, der die Erſchöpfung Trigauds zu fühlen ien. „Meiner Treu', ja,“ ſagte Jean Oullier,„ſo lang, um meine Flinte wieder zu laden; ſchaue Du inzwiſchen aus!“ Jean Oullier lud ſeine Flinte, und Courtejoie ließ ſeine Blicke rings herum ſchweifen. „O! tauſend Donner!“ rief der Krüppel im Augenblick, da der alte Vendéer ſeine zweite Kugel auf das Pulver ſetzte. „Was gibt es?“ fragte Jean Oullier, ſich um⸗ drehend. „Vorwärts, tauſend Teufel! vorwärts! Ich ſehe noch nichts, aber ich höre ein Geräuſch, das nichts Gutes verkündigt.“ „Potz Tauſend!“ bemerkte jetzt Jean Oullier, „man beehrt uns mit Cavallerie, Courtejoie mein Burſche. Raſch! raſch, du Faulthier,“ ſetzte er, zu Trigaud gewendet, hinzu. Dieſer ſtieß, ebenſo wohl um ſeine Lungen zu erleichtern, als um Jean Oullier zu antworten, eine Art Gebrüll aus, um das ihn der ſtärkſte Stier des ganzen Departements beneidet hätte, und ſetzte mit einem Schritt über einen ungeheuren Stein, der auf ſeinem Wege lag. Ein Schmerzensſchrei von Jean Oullier hielt denſelben in ſeinem furchtbaren Anlauf aus. 176 „Was fehlt Dir denn?“ fragte Courtejoie, als derſelbe, geſtützt auf ſeinen Flintenlauf und mit auf⸗ gehobenem Bein ſtehen blieb. „Nichts, nichts,“ antwortete Jean Oullier,„be⸗ unruhigt Euch meinethalben nicht. Dann verſuchte er von Neuem zu gehen, ſtieß einen zweiten Schrei aus und war genöthigt, ſich zu ſetzen. „O!“ ſagte Courtejoie,„wir gehen ohne Dich nicht weiter; ſprich, was fehlt Dir?“ „Nichts,“ ſage ich Dir. „Biſt Du verwundet?“ „Ah!“ erwiderte Jean Oullier,„wo iſt der Knocheneinrichter von Montbert?“ „Was ſagſt Du?“ fragte Courtejoie, der ihn nicht verſtanden hatte. „Ich ſage, daß ich mit dem Fuß in ein Loch getreten bin und mir denſelben verrenkt oder ver⸗ ſtaucht habe und nunmehr keinen Schritt weiter machen kann.“ „Trigaud wird Dich auf die eine und mich auf die andere Schulter nehmen.“ „Unmöglich, Ihr werdet nie bis zu den Hecken kommen.“ „Aber, wenn wir Dich zurücklaſſen, werden ſie Dich tödten, mein lieber Jean Oullier.“ „Möglich,“ erwiderte der Vendéer,„aber ich tödte noch mehr als einen, ehe ich ſterbe, und zum Anfang ſieh' einmal den da herabkommen.“ Ein junger Jägerofficier, beſſer beritten als die andern, erſchien auf einer kleinen Anhöhe, etwa dreihundert Schritte von den Flüchtlingen. d d 177 Jean Oullier hob den Kolben ſeiner Flinte an die Schulter und ſchoß.. Der junge Officier ſchlug die Arme auseinan⸗ der und ſtürzte nieder.. Und Jean Oullier begann wieder ſeine Flinte zu laden. „Du ſagſt alſo, Du könneſt nicht gehen?“ fragte Courtejoie. „Ich kann vielleicht zehn oder fünfzehn Schritte auf einem Beine hüpfen, aber wozu iſt das gut?“ „Dann halt' hier, Trigaud.“ „Ihr werdet doch nicht die Thorheit begehen, zu bleiben, hoffe ich!“ rief Jean Oullier. „Ah! meiner Treu, ja; wo Du ſtirbſt, werden wir auch ſterben, Alter; aber wie Du ſagſt, werden wir zuvor noch einige herunterbringen.“ „Nein, nein, Courtejoie, das darf nicht geſchehen. Ihr müßt leben, um über die zu wachen, welche wir da unten gelaſſen haben. Aber was machſt Du da, Trigaud?“ fragte Jean Oullier weiter, mit einem Blick auf den Rieſen, der in eine kleine Schlucht hinabgeſtiegen war und einen Granitblock aufhob. „Ei!“ ſprach Courtejoie,„ſchilt ihn nicht, er verliert ſeine Zeit nicht.“ „Hier, hier,“ rief Trigaud, auf eine Art Höh⸗ lung deutend, die von dem Gewäſſer unter dem Stein gemacht worden war, die er eben beim Heben des Steins entdeckte. „Es iſt meiner Treu wahr, er hat heute Geiſt wie ein Affe, dieſer Burſche Trigaud. Hier, Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 178 Jean Oullier, hier, ſteck' Dich da hinein, ſteck' Dich hinein!“ 9 Jean ſchleppte ſich bis zu den beiden Genoſſen hin, ſteckte ſich, wie Courtejoie ſagte, in die Höh⸗ lung, kauerte ſich, bis an die Wade im Waſſer nie⸗ der, worauf Trigaud ſachte den Stein wieder in ſeine natürliche Lage niederließ, jedoch ſo, daß er dem noch Luft und Licht geſtattete, welchen er gleich einem Grabſtein lebendig zudeckte. Er war kaum damit fertig, als die Reiter auf dem höchſten Punkt des Abhangs erſchienen und nach gewonnener Ueberzeugung, daß der junge Offi⸗ cier völlig todt ſei, ſich in vollem Galopp zur Verfolgung der beiden Flüchtlinge aufmachten. Indeſſen war noch nicht alle Hoffnung verloren; kaum fünfzig Schritte trennten Trigaud und Courte⸗ joie, die Einzigen, mit denen wir uns jetzt zu be⸗ ſchäftigen haben, von einer Hecke, jenſeits welcher Rettung um ſo gewiſſer ſchien, als die Fußſoldaten, auf die Reiter ſich verlaſſend, ihre Verfolgung auf⸗ gegeben zu haben ſchienen. Aber ein Unterofficier, wunderbar beritten, folgte ihnen ſo nahe, daß Courtejoie den Athem des Pferdes glühend ſeine Schultern berühren fühlte. Der Unterofficier, der dieſem Wettlauf ein Ende machen wollte, erhob ſich in den Steigbügeln und führte einen ſolchen Säbelhieb auf den Krüppel, daß er ihm unfehlbar den Kopf geſpalten haben würde, wenn nicht ſein Pferd, dem der Reiter nicht gehörig die Zügel heraufgenommen, plötzlich einen 179 Seitenſprung links gemacht hätte, während Trigaud mit einer inſtinktmäßigen Bewegung ſich rechts warf. Die Waffe verfehlte alſo ihr Ziel und ſtreifte nur leicht Courtejoie’'s Arm. „Front!“ rief dieſer Trigaud zu, als hätte er irgend ein Manöver commandirt. Dieſer drehte ſich um ſich ſelbſt, gerade wie wenn ſein Körper durch eine Stahlfeder mit dem Boden verbunden geweſen wäre. Das Pferd, an ihm vorüber ſetzend, ſtieß ihn an die Bruſt, jedoch ohne ihn zum Wanken zu bringen. Aber in demſelben Augenblick gab Courtejoie aus einem der Läufe ſeiner Jagdflinte Feuer und brachte den Unterofficier, mit dem ſein Pferd fort⸗ ſchoß, zu Fall. „Einer,“ zählte Trigaud, bei welchem die un⸗ mittelbare Nähe der Gefahr eine Geſchwätzigkeit entwickelte, welche ſonſt nicht ſeine Gewohnheit war. Während der Minute, daß dieſe Epiſode dauerte, waren die andern Reiter merklich nahe gekommen; nur einige Pferdelängen trennten ſie noch von den beiden Vendéern, welche mitten unter deren ſtam⸗ pfendem Galopp das trockene Knacken der Musketen und Piſtolen unterſcheiden konnten, die man gegen ſie ſpannte. Aber zwei Sekunden waren für Courtejoie hin⸗ reichend geweſen, die Hilfsmittel zu berechnen, welche ihm der Ort, wo ſie ſich befanden, darbieten konnte. Sie waren am Ende der Haide von Bouaimé angekommen, einige Schritte von einem Kreuzweg, 12 dem Mittelpunkt, von dem verſchiedene Pfade, wie bei allen vendéeiſchen oder bretagniſchen Kreuzwegen ſich abzweigten; dieſer hatte ſein Kreuz, ein ſteiner⸗ nes, halbzerbrochenes Kreuz, deſſen Größe einen Schutz gewähren konnte, der jedoch bald unzurei⸗ chend werden mußte; rechts waren die erſten Feld⸗ hecken, aber man durfte nicht daran denken, ſie zu erreichen, denn, ihre Abſicht durchſchauend, hatten drei oder vier Reiter ſich hier ſchräg gegenüber ge⸗ ſtellt. Vor ihnen, links ſich hinziehend, befand ſich die Maine, welche auf dieſem Punkt einen Winkel bildete; nur durfte auch hier Courtejoie ſich nicht ein⸗ falten laſſen, den Fluß zwiſchen ſich und die Soldaten zu legen, denn das jenſeitige Ufer formirten Felſen, die ſich ſteil über die Gewäſſer erhoben, und wenn ſie der Strömung folgten, um eine Stelle, wo ſie landen könnten, zu ſuchen, wären die beiden Chou⸗ ans gewiß von Kugeln wie Siebe durchlöchert worden. Courtejoie entſchied ſich alſo für das Kreuz, und hieher nahm auf ſein Gebot Trigaud ſeinen Weg. Im Augenblick, wo dieſer letztere ſich um den Steinobelisken wandte, um denſelben zwiſchen die Reiter und ſich zu verſetzen, ſchlug eine Kugel an einer der Flächen des Kreuzes ab und traf zurück⸗ prallend Courtejoie an der Wange, was den Krüp⸗ pel jedoch nicht hinderte, ſeinerſeits zu antworten. Aber zum Unglück fiel das aus Alains Wunde fließende Blut Trigaud auf die Hände; beim An⸗ blick dieſes Blutes ſtürzte er, ein Wuthgebrüll aus⸗ ſtoßend, als ob er nur für das, was ſeinen Ge⸗ noſſen berührte, Empfindung gehabt hätte, anſtatt ,— 181 hinter dem Kreuze Schutz zu ſuchen, auf die Sol⸗ daten zu, wie ein Wildſchwein auf die Jäger thut. In demſelben Augenblick waren Courtejoie und Trigaud umringt, zehn Säbel waren gegen ihre Köpfe erhoben, zehn Piſtolenläufe bedrohten ihre Körper und ein Gendarme ſtreckte die Hand aus, um Courtejoie zu packen. Aber Trigauds Keule ſenkte ſich, traf ſich ſen⸗ kend, auf das Bein des Gendarmen, welches ſie zermalmte. Der Unglückliche ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und fiel vom Pferde, das über die Haide da⸗ hin floh. In dieſem Moment krachten zehn Schüſſe zu⸗ gleich. Trigaud hatte eine Kugel in der Bruſt, und Courtejoie's linker Arm hing an der Seite herab, an zwei Stellen zerſchmettert. 4 Der Bettler ſchien für den Schmerz unempfind⸗ lich; er fuhr mit ſeinem Baumſtamm rings um ſich herum, zerbrach damit zwei oder drei Säbel und hielt die übrigen fern. „Zu dem Kreuz! zu dem Kreuz!“ rief ihm Courtejoie zu,„da iſt's gut für uns zum Sterben!“ „Ja,“ antwortete Trigaud dumpf und ließ, als er ſeinen Freund vom Sterben reden hörte, ſeine Keule convulſiviſch auf den Kopf eines Jägers fal⸗ len und ſchlug ihn zu Boden. Dann ſchritt er, den eben empfangenen Befehl vollziehend, rücklings auf das Kreuz zu, um ſeinen Freund im Zurückweichen ſo viel möglich mit ſeinem Körper zu decken. 18² „Tauſend Donner!“ rief ein Brigadier,„das heißt um dieſer beiden Bettler willen zu viel Zeit, Leute und Pulver verlieren.“ Und ſein Pferd mit Zügel und Sporn aufraf⸗ fend, ließ er das Thier einen gewaltigen Sprung machen, der ihn den Vendéern auf den Leib brachte. Der Kopf des Pferdes traf Trigaud gerade auf die Bruſt, und die Heftigkeit des Stoßes war ſo groß, daß der Rieſe auf die Kniee fiel. Der Reiter benützte dieſen Fall, um Courtejoie einen Rückſtreich zu verſetzen, der ihm den Hirn⸗ ſchädel verletzte. „Wirf mich an den Fuß des Kreuzes und rette Dich, wenn Du kannſt,“ ſprach Courtejoie mit bre⸗ chender Stimme,„denn für mich iſt Alles aus.“ Dann begann er zu beten. „Nimm meine Seele auf, o mein Gott!....“ Aber der Coloß hörte ihn nicht mehr; wahn⸗ ſinnig von Blut und Raſerei ſtieß er rauhe und unartikulirte Laute gleich denen eines mit dem Tode ringenden Löwen aus; ſeine Augen, gewöhnlich trüb und ſtarr, ſchleuderten Flammen; ſeine zuſammen⸗ gezogenen Lippen ließen eine Reihe auf einander gedrückter, drohender Zähne ſehen, welche einem Tiger hätten Biß um Biß zurückgeben können. Der Anſprung des Pferdes hatte den Reiter, von dem Courtejoie getroffen worden war, einige Schritte mit fortgeriſſen. Trigaud konnte ihn nicht erreichen. Er ſchwenkte alſo die Keule um ſein Fauſtgelenke, maß mit dem Auge die Entfernung, welche ihn von dem Jäger trennte und ſchleuderte den Baumſtamm ₰½́— c — 2= ,. — —=—-0&6—=— e= 0 183 gegen ihn, der pfeifend hinfuhr, als käme er von einer Katapulte. Der Reiter ließ ſein Pferd ſich bäumen und ent⸗ ging dem Wurf; aber das Pferd empfing ihn an den Kopf. Das Thier ſchlug mit den Vorderfüßen in die Luft, überſtürzte ſich und rollte mit ſeinem Reiter auf die Haide. Trigaud ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſchreckli⸗ cher als es ein Schmerzensſchrei geweſen; das Bein des Reiters ſteckte unter ſeinem Pferd; er warf ſich auf ihn, parirte mit ſeinem Arm, der einen großen Schnitt erhielt, den Säbelhieb, den derſelbe ihm verſetzte, packte ihn am Bein, zog ihn an ſich, ſchwang ihn dann in der Luft, wie ein Kind mit einer Schleuder thut, und zerſchmetterte ihm den Kopf an einem der Kreuzesarme. Der byzantiniſche Stein wankte auf ſeiner Grundlage und blieb herüberhängend und mit Blut bedeckt. Ein Schrei des Schauders und der Rache erhob ſich aus der Truppe, aber da dieſe Probe von Tri⸗ gauds wunderbarer Stärke den Jägern die Luſt benommen hatte, ihm nahe zu kommen, ſo begannen ſie wieder zu laden. Inzwiſchen hauchte Courtejoie ſeinen letzten Seuf⸗ zer aus, indem er mit lauter Stimme ſagte: „Amen!“ Als Trigaud wahrnahm, daß ſein geliebter Herr todt war, ſetzte er ſich, als ob die von den Jägern gemachten Vorbereitungen ihn gar nichts angingen, am Fuß des Kreuzes nieder, machte Courtejoie's Körper los und nahm ihn in ſeine Arme, wie eine Mutter mit dem ihres geſtorbenen Kindes thut, be⸗ trachtete ſein blaſſes Geſicht, indem er mit dem Aer⸗ mel das Blut, womit es befleckt war, abwiſchte, während ein Strom von Thränen, die erſten, welche dieſes gegen alles Elend des Lebens gleichgültige Weſen jemals vergoſſen hatte, in großen, dichten Tropfen über ſeine Wangen floß, ſich mit jenem Blut vermiſchte und ihn bei der frommen Aufgabe, die ihn ganz in Anſpruch nahm, unterſtützte. Eine furchtbare Exploſion, zwei neue Wunden, der dumpfe und matte Ton, hervorgebracht von zwei oder drei Kugeln, welche den Leichnam durch⸗ löcherten, den Trigaud in den Armen hielt und ans Herz drückte, entriſſen ihn ſeinem Schmerz und ſei⸗ ner Unbeweglichkeit; er richtete ſich wieder in ſeiner ganzen Höhe auf, und bei dieſer Bewegung, welche die Jäger glauben ließ, daß er ſich auf ſie ſtürzen wolle, nahmen ſie die Zügel ihrer Pferde auf und ein Schauer lief durch ihre Reihen. Aber der Bettler ſchaute ſie nicht einmal an, er dachte nicht mehr an ſie; er ſann nur auf ein Mit⸗ tel, von ſeinem Freund nach dem Tode nicht ge⸗ trennt zu werden, und ſchien einen Ort zu ſuchen, der ihm die Gewißheit der Vereinigung während der Ewigkeit gab. Er wandte ſich der Maine zu. Trotz ſeiner Wunden, trotz des Blutes, das aus fünf oder ſechs Kugellöchern an ſeinem Körper hinabfloß und hinter ihm einen wahren Bach zurück⸗ ließ, marſchirte Trigaud aufrecht und feſt; er ge⸗ langte bis an das Ufer des Fluſſes, ohne daß einem — einzigen Soldaten in den Sinn gekommen wäre, ihn daran zu hindern, hielt an einer Stelle, wo der abſchüſſige Rand über einer ſchwarzen Waſſermaſſe ſich erhob, deren Stillſtand ihre Tiefe ankündigte, umſchloß feſt die Leiche des armen Krüppels und ſtürzte ſich dann, ihn immer an ſeine Bruſt gedrückt haltend und alle ihm noch übrige Kraft zuſammen⸗ nehmend, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, hinab. Das Waſſer ſpritzte rauſchend über der unge⸗ heueren Maſſe, die es verſchlang, empor, ſprudelte noch lang über der Stelle, wo Trigaud und ſein Genoſſe verſchwunden waren, und verlief ſich endlich in großen Kreiſen, die gegen das Ufer hin er⸗ ſtarben. 2 Die Reiter waren herbeigeeilt: ſie dachten, der Bettler habe ſich ins Waſſer geworfen, um das andere Ufer zu gewinnen, und hielten ſich, die Pi⸗ ſtole in der Fauſt, die Muskete an der Schulter, bereit, auf ihn Feuer zu geben, ſobald er, um Athem zu holen, an die Oberfläche des Fluſſes heraufſtiege. Aber Trigaud erſchien nicht wieder; ſeine Seele war dahingegangen, die Seele des einzigen Weſens wieder zu finden, welches er hienieden geliebt hatte, und ihre Körper ruhten ſanft auf einem Bette von grünem, wogendem Seegras auf dem Grunde der Maine, an der Stelle, welche die Bauern den Schlund nennen, weil ſie deſſen Tiefe nicht kennen. 186 LXVII. Wo Hilfe von einer Seite kommt, da man ſie gar nicht erwartet. Während der eben verfloſſenen Woche hielt ſich Meiſter Courtin ſehr kluger Weiſe ſtill und ruhig im Schutze der Mauern der Meierei von La Lo⸗ gerie. Wie alle Diplomaten ſtand bei Meiſter Courtin der Krieg in keiner großen Achtung. Er berechnete vernünftig, daß die Zeit der Säbelhiebe und Flin⸗ tenſchüſſe raſch vorüber gehen würde, und dachte nur daran, ſich friſch und munter für den Augen⸗ blick zu halten, wo er ſeiner Sache und ſich ſelbſt nach den geringen Mitteln, welche die Natur ihm verliehen hatte, nützlich werden könnte. Dann war er nicht ohne Unruhe, der vorſichtige Pächter, über die Folgen, welche die von ihm bei der Verhaftung Jean Oulliers und dem Tode Bon⸗ neville’'s geſpielte Rolle für ihn haben konnte, und im Augenblick, wo aller Haß und aller Groll, in Rache verwandelt, die Landſchaft mit guten Flinten beſetzt hielt, fand er es für klug, ſich nicht thöricht auf deren Weg zu ſtellen. Selbſt bis auf ſeinen jungen Herrn, den Baron Michel, ſo harmlos er ihn auch kannte, ging ſeine Beſorgniß, ihm zu begegnen, ſeitdem er an einem gewiſſen Abend ihm den Pferdegurt abgeſchnitten hatte. So hatte ſich Meiſter Courtin ſeit dem Morgen nach jenem Streiche, in der Meinung, das beſte Mittel, ſich nicht tödten zu laſſen, wäre, halb⸗ todt zu erſcheinen, in ſeine Leintücher verkrochen, 187 indem er Nachbarn und ſeinen untergeordneten Die⸗ nern durch die Magd ankündigen ließ, daß eines der bösartigſten Fieber, von jener Gattung, wodurch der arme Vater Tinguy weggerafft worden war, ihn bis auf zwei Finger breit dem Grabe nahe brächte. Frau von La Logerie hatte in der Betrübniß, worein ſie Michels Flucht verſetzte, zweimal ihren Pächter zu ſich beſcheiden laſſen; aber das Uebel hatte Courtins guten Willen gelähmt, ſo daß die ſtolze Baronin, ihrer Unruhe nachgebend, ſelbſt ſich nach der Wohnung des Bauern verfügte. Sie hatte ſagen gehört, Michel ſei gefangen ge⸗ nommen worden. Sie reiste nach Nantes ab und wollte ihren ganzen Credit, um ihrem Sohne die Freiheit zu verſchaffen, ihre ganze mütterliche Autorität, um ihn aus dieſem unglücklichen Lande hinwegzubringen, aufbieten. In keinem Fall meinte ſie ſo. bald wieder nach La Logerie zurückzukehren, wo der Aufenthalt ihr in Betracht des ſich vorbereitenden Zuſammenſtoßes gefährlich ſchien, und eben um Courtin die Ueber⸗ wachung ihres Hauſes anzuempfehlen, hatte ſie ihn ſehen wollen. Courtin verſprach es ihr mit ſo trauriger und ſchmerzvoller Stimme, daß die Baronin mitten in ihrer perſönlichen Unruhe die Meierei mit einem von Mitleid für den armen Teufel erfüllten Herzen verließ. Dann waren die Gefechte von Chéne und La Peniſſidre gekommen. 188 Am Tage, wo dieſe Gefechte ſtattgefunden hat⸗ ten, verurſachte das Krachen des Kleingewehrfeuers, das bis zu dem Pächter drang, ihm verdoppelte An⸗ fälle der Beſorgniß. Dagegen ſtand er nach erhaltener Kenntniß von den Ausgang beider Gefechte vollkommen geneſen auf. Am andern Morgen fühlte er ſich ſo wohl, daß er trotz der Vorſtellungen ſeiner Magd ſich nach Montaigu, ſeinem Hauptort, begeben wollte, um die Befehle des Herrn Unterpräfecten bezüglich des von ihm einzuhaltenden Verfahrens in Empfang zu nehmen. Der Geier hatte den Geruch von einem Ge⸗ metzel und wollte ſeinen kleinen Antheil von dem Jägerrecht haben. Zu Montaigu erfuhr Meiſter Courtin, daß er einen vergeblichen Weg gemacht hatte; das Depar⸗ tement war eben unter die Leitung der militäriſchen Autorität geſtellt worden. Der Unterpräfect wies ihn darum an, ſeine Inſtructionen zu Aigrefeuille von dem General, der ſich in dieſem Augenblick da⸗ ſelbſt befand, einzuholen. Dieſer, ganz beſchäftigt mit einer Colonnen⸗ Bewegung und in ſeiner Eigenſchaft als braver und loyaler Kriegsmann wenig Sympathie für Leute von Courtins Charakter empfindend, nahm mit ſehr zerſtreuter Miene die Denunciationen auf, welche dieſer unter der Form von Nachweiſungen anzu⸗ bringen ſich verpflichtet glaubte, und zeigte ſich ihm gegenüber von einer Kälte, welche den Maire von La Logerie eiſig berührte. ——,—— 189 Er nahm indeſſen den von Courtin ihm gemach⸗ ten Vorſchlag, eine Beſatzung in das Schloß zu le⸗ gen, an, da die Lage deſſelben ihm ſehr günſtig ſchien, die Gegend zwiſchen Machecoul und Saint⸗ Colombin im Zaum zu halten. Der Himmel gab dem Pächter für die geringe Theilnahme, die ihm der General bewieſen hatte, eine Entſchädigung. Dieſe Entſchädigung ſäumte er in ſeiner Gerech⸗ tigkeit nicht, ihm alsbald angedeihen zu laſſen. Beim Austritt aus dem Hauſe, welches zum Hauptquartier diente, wurde Meiſter Courtin von einer Perſon angeredet, die ihm ſeines Wiſſens bis jetzt noch nie aufgeſtoßen war und gleichwohl ihm gegenüber eine unmöglich vollkommenere Höflichkeit und eine ganz und gar rührende Uebergefälligkeit an den Tag legte. Dieſe Perſon**) war ein Mann von etwa dreißig Jahren, in ſchwarzen Kleidern, deren Schnitt ſich ziemlich der geiſtlichen Tracht in der Stadt näherte. Seine Stirne war niedrig, ſeine Naſe ſtark gebogen, wie der Schnabel eines Raubvogels; ſeine Lippen dünn, aber trotz ihrer Kleinheit in Folge einer eigen⸗ thümlichen Dispoſition der Kinnlade ſtark hervor⸗ gehoben; ſein ſcharfgeſchnittenes Kinn lief beinahe zu einem ſpitzen Winkel aus; ſeine Haare von Blei⸗ ſchwarz waren dicht an die Schläfe gelegt; ſeine grauen, oft verſchleierten Augen ſchienen durch die blinzelnden Augenlider hindurch zu ſehen. Einige Courtin von dem Unbekannten ins Ohr geſagte Worte ſchienen ihren Grund in dem Miß⸗ *) Bekanntlich der getaufte Jude Deutz. A. d. U. 190 trauen zu haben, womit jener die ihm von Anfang ſehr verdächtig ſcheinenden Zuvorkommenheiten em⸗ pfangen. Er nahm das Diner, welches ihm der Fremde im Hotel Saint⸗Pierre anbot, artig an, und nach zwei unter vier Augen auf dem Zimmer, wo der Amphitryon den Tiſch hatte decken laſſen, zugebrachten Stunden hatte eine gegenſeitige Sym⸗ pathie ihr Werk ſo gut gethan, daß Courtin und er ſich wie alte Freunde behandelten, die beim Ab⸗ ſchied zahlreiche Händedrücke wechſelten, und der Maire von La Logerie, als er ſeinem Klepper den erſten Sporn gab, das Verſprechen erneuerte, er werde nicht lange ohne Nachrichten von ihm bleiben. Gegen neun Uhr Abends machte ſich alſo Mei⸗ ſter Courtin wieder auf den Weg, den Kopf ſeines Pferdes la Logerie, das Kreuz Aigrefeuille zuge⸗ wendet. Er ſchien ganz luſtig und guter Dinge und ließ ſeinen Stock mit ledernem Griff ſeinem kleinen Roß rechts und links mit einer Leichtigkeit und Wind⸗ beutelei an die Seiten fliegen, die ſonſt nicht in ſei⸗ ner Gewohnheit lagen. Meiſter Courtin’s Gehirn war offenbar mit ro⸗ ſenfarbigen Vorſtellungen angefüllt. Er dachte vor⸗ erſt daran, daß er mit Tagesanbruch innerhalb eines Flintenſchuſſes von ſeiner Meierei ein halb Hundert guter kleiner Soldaten haben würde, deren Nach⸗ barſchaft ihm nicht nur wegen der Folgen deſſen, was er gethan hatte, ſondern auch deſſen, was er noch thun wollte, alle Sorge benahm. Er meinte, in ſeiner Eigenſchaft als Maire vielleicht über dieſe fünfzig Bajonnette je nach dem Antrieb ſeiner kleinen Privatfeindſchaften verfügen zu können. 191 Dieß ſchmeichelte nicht blos ſeinem Haß, ſondern noch mehr ſeiner Eigenliebe. Aber ſo verführeriſch auch dieſe Ausſicht auf eine prätorianiſche Garde war, die mit ein wenig Geſchicklichkeit die ſeinige werden konnte, hätte ſie doch nicht ausgereicht, Meiſter Courtin, einen ſo poſitiven Menſchen, als es einen gab, ſolche aus⸗ nehmende Befriedigung zu gewähren. Der Unbekannte hatte ohne Zweifel vor ſeinen Augen etwas ganz Anderes als den Flitter ſchnell vergänglichen Ruhmes blinken laſſen, denn es wa⸗ ren nichts mehr und nichts weniger als Haufen von Gold und Silber, die Meiſter Courtin in den Ne⸗ beln der Zukunft wahrnahm und nach welchen er mit einer mechaniſchen Bewegung und einem äußerſt lüſternen Lächeln die Hand ausſtreckte. Unter der Herrſchaft dieſer angenehmen Viſio⸗ nen, beſchwert von den Dünſten des Weins, den der Unbekannte beim Einſchenken nicht geſpart hatte, überließ Meiſter Courtin ſich einer ſüßen Schläfrig⸗ keit; ſein Körper wackelte bald rechts bald links hinüber, je nach dem launenhaften Schritt ſeines Kleppers, ſo daß, als der Fuß des Letztern an einen tein geſtoßen war, Meiſter Courtin vorwärts fiel und mit gekrümmtem Körper und auf den Sattel⸗ knopf geſtützt verharrte. Die Situation war beſchwerlich; gleichwohl dachte Meiſter Courtin nicht daran, ſich ihr zu entziehen. Er hatte in dieſem Augenblick einen ſo köſtlichen Traum, daß er um Nichts in der Welt durch ſein Erwachen ihn beendet geſehen haben möchte. 192 Es kam ihm vor, als begegne er ſeinem jungen Herrn und dieſer ſpreche, die Hand über das Herr⸗ ſchaftsgut la Logerie ausſtreckend, zu ihm: „Dieß Alles iſt Dein!“ Das Geſchenk war noch viel beträchtlicher, als es ihm von Anfang an ſchien, denn Courtin fand daſelbſt die Quelle ungeheuerer Reichthümer. Die Apfelbäume des Obſtgartens waren mit goldenen und ſilbernen Früchten beladen, und alle in Requiſition geſetzten Stangen des Landes reichten nicht hin, zu hindern, daß die Zweige ſich bogen und unter ihrer Bürde brachen. Die Hagebutten⸗ und Hagedornſträucher trugen anſtatt ihrer rothen und ſchwarzen Beeren Steine von allen Farben, welche gleich ebenſo vielen Kar⸗ funkeln in der Sonne ſchimmerten, und es gab deren ſo viel und ſo viel, daß Meiſter Courtin, wiewohl er überzeugt war, es ſeien Cdelſteine, ſich nicht allzu ſehr darüber ärgerte, als er einen kleinen Maro⸗ deur wahrnahm, der ſich davon die Taſchen gefüllt atte. Er trat in ſeinen Stall. Er fand in dieſem Stall eine Linie fetter Kühe, die ſich unabſehbar ausdehnte, ſo weit, ſo weit, daß wenn die, welche zunächſt der Thüre ſtand, ihm ſo groß wie ein Elephant vorkam, die letzte ihm nicht beträchtlicher als eine Milbe erſchien. Unter jeder dieſer Kühe gab es junge Mädchen, ſie zu melken. Die beiden erſten dieſer Mädchen glichen Zug für Zug den beiden Wölfinnen, den beiden Töchtern des Marquis von Souday. gen err⸗ als fand mit alle hten dgen igen eine Kar⸗ eren vohl allzu aro⸗ füllt ühe, daß n ſo nicht hen, Zug ſtern 193 Unter ihren Fingern und aus dem monſtröſen Euter der beiden erſten Kühe rieſelte eine Flüſſig⸗ keit, wechſelnd weiß und gelb, aber immer gleich geſchmolzenen Metallen glänzend. In die Kupfergölte fallend, welche jedes der Mädchen unter die ungeheuren Zitzen hielt, er⸗ zeugte es jene ſeinen Ohren ſo ſüße Muſik von Gold⸗ und Silberſtücken, die ſich über einander auf⸗ häuften. Bei einem Blick in dieſe Gölten bemerkte er, daß ſie zur Hälfte mit jenen koſtbaren Münzen von allen Bildniſſen angefüllt waren. Er ſtreckte ſich aus, um ſie mit lüſternen Hän⸗ den zu faſſen, als ein heftiger Stoß, begleitet von einem flehenden Angſtſchrei ihn ſeinen ſüßen Illu⸗ ſionen entriß. Courtin öffnete die Augen und bemerkte im Schatten eine Bäurin, welche in unordentlichen Kleidern und mit fliegenden Haaren die flehenden Hände gegen ihn ausſtreckte. „Was wollt Ihr?“ rief Meiſter Courtin der äurin zu, ſeine Baßſtimme annehmend und ſeinem Stock eine drohende Haltung gebend. „Daß Ihr mir zu Hülfe kommt, mein braver Mann! Ich bitte Euch darum im Namen Gottes!“ Als er ſein Mitleid anflehen hörte, als er die Gewißheit gewann, daß er es nur mit einer Frau zu thun habe, gewann Meiſter Courtin, der zuerſt die verwirrten Augen rings herum hatte ſchweifen laſſen, ſeine völlige Heiterkeit wieder. „Das iſt ein Frevel, den Ihr da begeht, meine Dumas, Wölfinnen von Machecoul. IV. 13 194 Liebe; man hält die Leute nicht auf der Straße an, wie Ihr eben thatet, um ein Almoſen von ihnen zu begehren.“ „Ein Almoſen! wer ſpricht Euch von einem Al⸗ moſen?“ erwiderte die Unbekannte mit einer Stimme, deren Diſtinction und ſtolzer Ton Courtin auffiel. „Ich will, daß Ihr mir helft, einem Unglücklichen beizuſtehen, der vor Ermattung und Kälte ſtirbt; ich will, daß Ihr mir Euer Pferd leiht, um den⸗ ſelben in irgend eine Meierei der Nachbarſchaft zu bringen.“ „Und wer iſt der, dem es beizuſtehen gilt?“ „Ihr ſcheint mir nach Eurem Anzug zu unſern Landleuten zu gehören; ich trage deßhalb kein Be⸗ denken, es Euch zu ſagen, denn ich bin überzeugt, theilt Ihr auch nicht meine Geſinnungen, ſo werdet Ihr mich doch nicht verrathen können: es iſt ein royaliſtiſcher Officier.“ Der Ton von der Stimme der Unbekannten er⸗ regte Courtins lebhafte Neugierde; er beugte ſich auf den Hals ſeines Kleppers vor, um die zu er⸗ kennen, welcher dieſelbe angehörte, was ihm jedoch nicht gelang. „Aber wer ſeid Ihr ſelbſt?“ „Was geht das Euch an?“ „Warum wollt Ihr, daß ich mein Pferd Perſo⸗ nen leihe, die ich nicht kenne?“ 3 „Das iſt ausgemacht, ich bin nicht glücklich. Eure Antwort beweist mir, daß ich Unrecht gethan habe, zu Euch als zu einem Freund oder rechtſchaf⸗ fenen Feind zu reden. Ich ſehe wohl, daß ich ein 19⁵ anderes Syſtem anwenden muß. Ihr werdet mir Euer Pferd auf der Stelle geben.“ „Wahrhaftig?“ „Ihr habt zwei Minuten, Euch zu entſcheiden.“ „Und weigere ich mich?“ „So zerſchmettere ich Euch das Gehirn,“ fuhr die Bäurin fort, indem ſie Courtin den Lauf einer Piſtole auf die Bruſt ſetzte und den Hahn knacken ließ, um ihm zu beweiſen, daß es nur einer Minute bedürfe, um der Drohung die Ausführung folgen zu laſſen. „Ohne Sie geſehen zu haben, erkenne ich Sie jetzt,“ ſprach Courtin,„Sie ſind Mademoiſelle de Souday.“ Und ohne die Sprecherin weiter drängen zu laſſen, ſtieg der Maire von la Logerie von ſeinem Reitthiere. „Gut!“ erwiderte Bertha, denn ſie war es. „Jetzt ſagt mir Euren Namen und morgen ſoll das Pferd Euch vor die Thüre gebracht werden.“ „Es iſt nicht nöthig, denn ich bin bereit, Ihnen zu helfen.“ „Ihr? Und woher dieſe Veränderung?“ „Weil ich errathe, daß die Perſon, für welche Sie mich um Beiſtand baten, der Eigenthümer mei⸗ ner Meierei iſt.“ „Sein Name.“ „M. Michel de la Logerie.“ „Ah! Ihr ſeid einer von jenen Pächtern, um ſo beſſer! Wir werden in Eurem Haus ein Aſyl finden.“ „Aber....“ ſtammelte Courtin, der nichts we⸗ 13 196 niger als ruhig bei dem Gedanken war, ſich wieder dem jungen Baron gegenüber zu finden, beſonders wenn er dachte, daß, wäre er mit Bertha unter ſei⸗ nem Dach, Jean Oullier nicht ermangeln würde, dahin zu kommen;„aber ich bin Maire, und...“ „Ihr fürchtet, Euch für Euren Herrn zu com⸗ promittiren!“ ſprach Bertha mit dem Ton tiefſter Verachtung. „O nein! ich würde mein Blut für den jungen Mann geben; aber wir werden auf dem Schloß la Logerie ſelbſt eine ſtarke Garniſon Soldaten haben.“ „Um ſo beſſer; man wird nicht auf den Ver⸗ dacht gerathen, die Vendéer haben in ihrer Nähe ein Aſyl geſucht.“ „Aber es ſcheint mir, immer im Intereſſe des jungen Herrn Barons, Jean Oullier könnte für Sie einen Zufluchtsort entdecken, der viel ſicherer als mein Haus wäre, wo die Soldaten alle Tage aus⸗ und eingehen werden.“ „Ach! alle Anhänglichkeit des armen Jean Oul⸗ lier wird für ſeine Freunde fernerhin wahrſcheinlich unnütz ſein.“ „Wie ſo?“ „Wir haben am Morgen ein lebhaftes Klein⸗ gewehrfeuer auf der Haide gehört; wir haben uns nicht von der Stelle gerührt, wie er uns anbefohlen hatte; aber wir warteten vergeblich auf ihn. Jean Oullier iſt todt oder gefangen, denn er gehört nicht zu denen, welche ihre Freunde im Stich laſſen.“ Wäre es Tag geweſen, es würde Courtin ſchwer gefallen ſein, die Freude zu verbergen, welche ihm eine Nachricht, wodurch er von ſeiner lebhafteſten 197 Beſorgniß befreit wurde, verurſachte. Aber war er nicht Herr ſeiner Phyſiognomie, ſo war er es doch ſeiner Worte, und er ließ zur Antwort auf das, was Bertha mit bewegter Stimme ausgeſprochen hatte, einen ſo kläglichen Ausruf hören, daß der⸗ ſelbe das Mädchen ein wenig mit ihm verſöhnte. „Gehen wir ſchneller,“ ſagte Bertha. „Sehr gern; aber wie brandig es hier riecht!“ „Ja, man hat das Haidekraut angezündet.“ „Ah! Und wie, wurde der Herr Baron nicht von dem Feuer verzehrt, denn nach der Seite, wo er ſich befindet, mußte ſich der Brand ausdehnen?“ „Jean Oullier hat uns mitten in das Binſen⸗ gebüſch des Teiches la Frémuſe gebracht.“ „Ah! deßhalb alſo fühlte ich eben, als ich Sie am Arm faßte, damit Sie nicht fielen, daß Sie ganz durchnäßt waren.“ „Ja, als ich ſah, daß Jean Oullier nicht zurück⸗ kam, ſetzte ich über den Teich, um Beiſtand zu ſu⸗ chen; da ich Niemand traf, habe ich Michel auf meine Schultern genommen; ich habe ihn an das andere Ufer getragen; ich hoffte ihn bis zum erſten Hauſe tragen zu können, hatte aber nicht die Kraft dazu; ich war genöthigt, ihn auf das Haidekraut niederzuſetzen und allein mich wieder auf den Weg zu machen. Wir haben ſeit vierundzwanzig Stun⸗ den nichts gegeſſen.“ „O! Sie ſind ein wahrer Eiſenkopf von einem Mädchen,“ ſagte Courtin, dem es bei bei der Un⸗ gewißheit, worin er ſich über die Art und Weiſe befand, wie er von ſeinem jungen Herrn aufge⸗ nommen würde, nicht leid that, ſich die Gunſt von 198 Bertha zu gewinnen.„So iſts recht! in Zeiten wie die, worin wir leben, ſind Sie die Hausfrau, deren der Herr Baron bedurfte.“ „Iſt es nicht meine Pflicht, für ihn mein Le⸗ ben zu laſſen?“ fragte Bertha. „Ja, erwiderte Courtin emphatiſch,„und dieſe Pflicht verſteht Niemand ſo wie Sie. Ich bin be⸗ reit, es vor Gott zu beſchwören; aber beruhigen Sie ſich und gehen Sie nicht ſo geſchwind.“ „Allerdings, denn er leidet; allerdings, denn er ruft mich, wenn er anders von ſeiner Ohnmacht ſich erholt hat.“ „Er lag in einer Ohnmacht!“ rief Courtin, der in dieſem einzelnen Punkt die Möglichkeit für ſich erkannte, einer unmittelbaren Erklärung zu ent⸗ gehen. „Gewiß, das arme Kind! Denkt nur, er iſt verwundet.“ „Ach mein Gott!“ „Denkt nur, daß ihm ſeit vierundzwanzig Stun⸗ den, ihm, ſo ſchwach, ſo zärtlich, nichts als, ſo zu ſagen, machtloſe Sorge zu Theil werden konnte.“ „Ach! gerechter Himmel!“ „Denſt nur, daß er den ganzen Tag die Strah⸗ len einer brennenden Sonne mitten unter dieſem Schilf ausgehalten hat. Denkt, daß dieſen Abend trotz meiner Vorſicht das Waſſer ſeine Kleider durch⸗ näßt, daß der Froſt ihn befallen hat.“ „Jeſus, mein Herr!“ „Ach! wenn ihm ein Unglück begegnete! mein ganzes Leben wäre eine Sühne für den Fehler, ihn Gefahren ausgeſetzt zu haben, für welche er ſo we⸗ 199 nig geſchaffen war,“ rief Bertha, deren ganze po⸗ litiſche Leidenſchaft vor den Schmerzen der Lieben⸗ den erloſch, welche ihr Michels Leiden verurſachten. Was Courtin betraf, ſo ſchien die ihm von dem Mädchen gegebene Gewißheit, daß Michel in einem Zuſtand war, der ihm das Reden nicht geſtatten dürfte, die Länge ſeiner Beine verdoppelt zu haben. Bertha hatte ſeinen Eifer nicht mehr anzuſpor⸗ nen. Er hielt mit ihr gleichen Schritt und zog den Klepper, der nur widerſtrebend auf dieſem brennen⸗ den Boden einherſchritt, mit einer Kraft nach ſich, die er bis dahin nicht gehabt hatte. Für immer von Jean Ounllier befreit, hielt er es für leicht, gegenüber von ſeinem Herrn ſolche Entſchuldigungsgründe aufzubringen, daß die Ver⸗ ſöhnung ſich von ſelbſt machen würde. Bald kamen Bertha und Courtin an dem Ort an, wo das Mädchen Michel gelaſſen hatte. Der junge Mann befand ſich, mit dem Rücken gegen einen Stein gelehnt, den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt, ohne gerade ohnmächtig zu ſein, unter dem Druck einer abſoluten Niedergeſchlagenheit, welche von dem, was rings herum vorgeht, nur eine ver⸗ wirrte Vorſtellung zu den Sinnen gelangen läßt. Er ſchenkte Courtin nicht die geringſte Aufmerkſam⸗ keit, und als dieſer mit Bertha's Hülfe ihn auf das Pferd gehoben hatte, drückte er die Hand des Maire von la Logerie, wie er die Bertha's drückte, ohne zu wiſſen, was er that. Courtin und Bertha nahmen zu beiden Seiten des Kleppers Platz und unterſtützten Michel, deſſen 200 Körper ohne dieſen Beiſtand rechts oder links ge⸗ fallen wäre. Man kam zu la Logerie an. Courtin weckte ſeine Magd, auf welche man, verſicherte er Bertha, zählen konnte, wie auf alle Bäuerinnen vom Bo⸗ cage; nahm von ſeinem Bett die einzige Matratze des Hauſes und quartirte den jungen Mann auf ei⸗ ner Art Hängeboden über ſeiner Kammer ein, und dieß mit ſo viel Eifer, Selbſtverleugnung und ſol⸗ chen Betheuerungen, daß Bertha zuletzt das Urtheil bereute, das ſie von Anfang, als ſie ihn auf der Straße anredete, über denſelben gefällt hatte. Als Michels Wunde verbunden war, als er in dem für ihn improviſirten Bett ruhte, begab ſich Bertha in die Magdkammer, um auch ihrerſeits ein wenig der Ruhe zu pflegen. Allein geblieben, rieb ſich Courtin luſtig die Hände, der Abend war gut. Nit Gewalt hatte er bis jetzt nichts ausgerich⸗ tet; er dachte, Sanftmuth würde mehr Erfolg haben. Anſtatt in das feindliche Lager einzudringen, hatte er es beſſer gemacht und das feindliche Lager in ſeinem eigenen Hauſe aufgeſchlagen, er hatte alle möglichen Gründe zu der Hoffnung, daß es ihm ge⸗ lingen werde, den Weißen alle Geheimniſſe und be⸗ nders die, welche Petit⸗Pierre betrafen, abzulau⸗ ſchen. Er erwog von Neuem in ſeinem Kopf alle die Anweiſungen, welche ihm der Unbekannte zu Aigre⸗ feuille gegeben hatte, und deren hauptſächlichſte war, ihn direkt zu benachrichtigen, wenn es ihm gelänge, den Zufluchtsort der Heldin der Vendée zu ent⸗ 201 decken und den Generalen, Leuten, die ſich allzu⸗ wenig um die Fineſſen der Diplomatie bekümmern und zu tief unter den Machinationen der politiſchen Ordnung ſtehen, nichts davon mitzutheilen. Durch Michel und Bertha ſchien es Courtin möglich, das Aſyl deſſen herauszubringen, an den ſie gebunden waren; er gelangte zu dem Glauben, daß Träume nicht immer Schäume ſeien und, Dank den beiden jungen Leuten, die Früchte von Gold, Silber, Edelſteinen, Alles bis zu dem Strom ge⸗ münzter Milch wohl noch eine Wirklichkeit werden könnten. LXVIII. Zu Nantes. Mary hatte keine Nachrichten von Bertha. Mit dem Abend, da ihre Schweſter Moulin⸗ Jacques mit der bloßen Ankündigung ihres Ent⸗ ſchluſſes, Michel aufzuſuchen, verlaſſen hatte, wußte ſie nicht, was aus ihr geworden war. Ihr Geiſt verlor ſich in Vermuthungen. Hatte Michel geſprochen? Hatte Bertha, zur Ver⸗ zweiflung gebracht, irgend einen unheilvollen Ent⸗ ſchluß ausgeführt? War der arme junge Mann verwundet, war er todt? war Bertha unter den Kugeln der Rothhoſen mitten auf ihren abenteuer⸗ lichen Fahrten gefallen? Solcher Art erſchienen die traurigen Alternativen, die ſich Mary bezüglich der beiden Gegenſtände ihrer Zuneigung darboten; ſie 202 alle ließen ſie den lebhafteſten Beängſtigungen, den ſtechendſten Kümmerniſſen zum Raub. Sie ſagte ſich wohl, daß bei dem irrenden Le⸗ ben, das ſie im Gefolge von Petit⸗Pierre führte, gezwungen, wie ſie waren, jeden Abend das Aſyl zu verlaſſen, das ſie in der vorangehenden Nacht auf⸗ genommen hatte, es für Bertha ſehr ſchwer hielt, ihre Spur aufzufinden. Aber es ſchien ihr, als ob Bertha, wenn nicht ein Unglück ihr hinderlich ge⸗ weſen wäre, vermittelſt des Einverſtändniſſes, wel⸗ ches die Royaliſten mit den Bauern unterhielten, leicht ein Mittel gefunden hätte, ſich über ihr Loos Kenntniß zu verſchaffen. Ihr Herz, bereits erſchüttert durch alle die Stöße, die ſie eben ausgehalten hatte, beugte ſich unter dem neuen Schlag, der es traf; iſolirt, ohne die gewöhnlichen Herzensergießungen, des Anblicks des jungen Mannes beraubt, den ſie in ſeinem heiße⸗ ſten Kampfe aufrecht erhalten hatte, allein mit ihrem Schmerz, überließ ſie ſich ihrer Melancholie und unterlag unter ihrem Kummer. Ihre Tage, die ſie hätte anwenden ſollen, um von den Strapatzen der Nacht ſich zu erholen, brachte ſie gänzlich damit zu, auf die Ankunft Bertha's, oder eines Boten, der nicht eintraf, zu paſſen, und Stunden lang blieb ſie in ihren Schmerz ſo verſunken, daß ſie nur, wenn man das Wort an ſie richtete, eine Antwort gab. Gewiß, Marvy liebte ihre Schweſter: das unge⸗ heure Opfer, zu welchem ſie ſich, um das Glück derſel⸗ ben zu ſichern, hergegeben hatte, beweist dies mehr als zur Genüge, und doch erröthete ſie, wenn ſie ſich ſelbſt geſtehen mußte, daß es nicht Bertha's 203 Schickſal war, welches ihren Geiſt am meiſten be⸗ ſchäftigte. So lebhaft, ſo aufrichtig Mary's Zuneigung zu Bertha war, ein anderes, ungleich gebieteriſcheres Gefühl hatte ſich in ihre Seele eingeſchlichen und nährte ſich von den Schmerzen, die es daſelbſt un⸗ terhielt. So große Anſtrengungen ſie auch deßhalb ge⸗ macht, nie hatte das von uns eben erwähnte Opfer ſie von dem, welcher deſſen Gegenſtand war, los⸗ zureißen vermocht, und jetzt, da Michel von ihr ge⸗ trennt war, glaubte ſie jene Beharrlichkeit in dem Gedanken zuſammenfaſſen zu können, den ſie ſonſt zurückgeſtoßen, und allmählig hatte Michels Bild von ihrem Herzen ſo ſehr Beſitz genommen, daß es nicht einen Augenblick daraus entwich. Sie gab ſich demſelben mit einer Art Trunken⸗ heit hin und mitten unter den Schmerzen ihres Le⸗ bens ſchien der Schmerz, welchen die Erinnerung an ihn verurſachte, ihr troſtreich; ſie ſchloß ſich mit demſelben ab, ſie verſenkte ſich in denſelben, es kam ihr beinahe ſüß vor, ſo viel für den geliebten Ge⸗ genſtand zu leiden; allmälig nahm er einen ſehr großen, einen viel größern Antheil an ihren Thrä⸗ nen, einen viel ausgedehnteren Antheil an ihren Beſorgniſſen, als die Verlängerung der Ahweſenheit ihrer Schweſter ſie fühlen ließ. Nachdem ſie ſich ohne Rückhalt ihrer Verzweif⸗ lung überlaſſen, nachdem ſie ſich in den unheilvoll⸗ ſten Vermuthungen erſchöpft nachdem ſie die trau⸗ rigſten Gemälde deſſen, was den beiden geliebten Weſen als Loos zufallen konnte, hervorgerufen, 204 nachdem ſie die ganze qualvolle Alternative der Un⸗ gewißheit, in welcher jede entflohene Stunde ſie ließ, empfunden, nachdem ſie die Minuten von jeder ihrer Stunden ängſtlich gezählt hatte, langte Mary allmählig bei dem Bedauern an, und dieſes Be⸗ dauern miſchte ſich mit Vorwürfen. Sie ging in ihrem Gedächtniß die geringſten Ereigniſſe aus ihrer Verbindung und aus der ihrer Schweſter mit Michel durch. Sie fragte ſich, ob ſie nicht daran ſchuldig wäre, das Herz des armen Burſchen gebrochen zu haben, zu derſelben Zeit, da ſie das ihrige brach. Ob ſie das Recht hatte, über ſeine Liebe zu ver⸗ fügen, ob ſie nicht verantwortlich war für das Un⸗ glück, welches ſie wohl verurſacht hatte, indem ſie ihn gegen ſeinen Willen zur Hälfte an dem unge⸗ heuren Beweiſe der Aufopferung, den ſie ihrer Schweſter gegeben hatte, betheiligte. Dann führten ihre Gedanken ſie zu der Nacht zurück, welche ſie in der Hütte auf dem Eilande Jonchdres zugebracht hatte. Sie ſah deren Schilfwände wieder, ſie glaubte jene ſüß harmoniſche Stimme wieder ertönen zu hören, welche ihr geſagt hatte:„Ich liebe dich!“ Sie ſchloß die Augen, und es kam ihr vor, als fühle ſie den Athem des jungen Mannes über ihre Haare ſtreifen, ſeine Lippen ihren Lippen den erſten, den einzigen, aber den unausſprechlichen Kuß geben, welchen ſie von ihm empfangen hatte. 4 Dann ſchien ihr die Entſagung, welche ihre Tu⸗ gend, ihre Zärtlichkeit für die Schweſter ihm zur Pflicht gemacht hatte, über ſeine Kräfte zu ge⸗ 205 hen; ſie war ſich böſe darüber, daß ſie an einer über⸗ menſchlichen Aufgabe feſtgehalten hatte, und die Liebe nahm mit ſolcher Macht Beſitz von dem Her⸗ zen, welches ſich ihm ergeben, daß Mary, gewöhn⸗ lich ſo fromm, gewöhnt, in dem Gedanken an das zukünftige Leben Geduld und Muth zu ſuchen, daß Mary nicht mehr die Kraft hatte, ihre Blicke zum Himmel zu richten; ſie blieb unter der Aufwallung ihrer Leidenſchaft niedergebeugt, ſie überließ ſich ei⸗ ner gottloſen Verzweiflung; ſie fragte ſich, ob die⸗ ſer flüchtige Eindruck, den ſeine Lippen ihr zurück⸗ riefen, Alles wäre, was Gott ſie von dem Glück, geliebt zu werden, kennen laſſen wollte, und ob es der Mühe werth wäre, zu leben, wenn man ſich auf ſolche Weiſe enterbt ſähe. Der Marquis von Souday hatte endlich die tiefe Veränderung, welche der Kummer in Mary's Zügen hervorbrachte, wahrgenommen, aber dieſelbe den außerordentlichen Strapatzen, welche ſie durch⸗ machte, zugeſchrieben. Er war ſelbſt ſehr niedergebeugt, als er alle ſeine ſchönen Träume verſchwinden, was ihm der General vorausgeſagt hatte, ſich verwirklichen, als er am Ende die Tage der Aechtung wieder begin⸗ nen ſah, ohne ſo zu ſagen die Morgendämmerung von dem des Kampfes erblickt zu haben. Aber er betrachtete es als Pflicht, ſeine Ent⸗ ſchloſſenheit und Energie in Verhältniß zu der Größe des Unglücks zu ſetzen, das ihn zu Boden drückte, und der Marquis wäre lieber geſtorben, als dieſer Pflicht untreu geworden, denn es war eine Soldatenpflicht, und ſo wenig er ſich aus denen 206 machte, welche aus geſellſchaftlichen Convenienzen entſpringen, ſo hoch hielt er auf derjenigen, welche von militäriſcher Ehre ſich herleitete. So tief er alſo innerlich niedergeſchlagen war, ließ er ſich doch äußerlich nichts davon merken, und er fand in den Entwicklungen des abenteuerlichen Lebens, das er führte, den Text zu tauſend Scher⸗ zen, womit er das Geſicht ſeiner Genoſſen zu er⸗ heitern ſuchte, das in Folge des Fehlſchlagens der verurſachte, dem von ihr gefaßten Entſchluſſe nicht fremd blieb. ten, daß der junge de la Logerie weit entfernt, liers, anſtatt an ſeiner Seite ſo wacker zu halten, und er war ihm um dieſer Vorliebe willen ein we⸗ Umgeben von einigen legitimiſtiſchen Häupt⸗ enzen belche war, und lichen ſcher⸗ er⸗ 3 der dreiſe hatte elche bbten nicht hat⸗ ernt, von der gfalt ch⸗ nicht ſen⸗ über pe⸗ Nur wa⸗ Dul⸗ ten, we⸗ upt⸗ 207 lingen war Petit⸗Pierre noch am Abend des Ge⸗ fechtes von Chene genöthigt geweſen, Moulin⸗ Jacques zu verlaſſen, wo es der beunruhigendſten Gegenſtände zu viel für ihn gab. Die nicht ent⸗ fernte Straße hatte es möglich gemacht, noch des Abends die Soldaten, welche die Gefangenen führ⸗ ten, zu ſehen und zu hören. Man brach in der Nacht auf; als ſie die Landſtraße überſchreiten wollte, ſtieß die kleine Truppe auf ein Detachement und war genöthigt, um daſſelbe vorüber zu laſſen, ſich in einem mit Gebüſch bedeckten Graben nieder⸗ zuwerfen, wo ſie über eine Stunde blieb. Die ganze Gegend war von Militär⸗Colonnen ſo durch⸗ zogen, daß man nur bei Verfolgung unwegſamer Fußpfade ihrer Wachſamkeit zu entgehen vermochte. Am Morgen mußte man ſich wieder auf den Marſch machen; Petit⸗Pierre's Unruhe erreichte den höchſten Grad; das Ausſehen verrieth ſeine morali⸗ ſchen Schmerzen, aber nie eines ſeiner Worte, oder ſeine Haltung! Mitten unter einem ſo aufgeregten und zuweilen ſo düſteren Leben leuchteten immer die Blitze einer Heiterkeit hervor, welche es mit der von dem Marquis von Souday affectirten wohl aufnehmen konnte. Verfolgt wie ſie waren, hatten die Flüchtlinge nicht eine Nacht vollen Schlafs, und brach der Tag an, wachten Gefahr und Strapatze zugleich mit ih⸗ nen auf. Alle die Nachtmärſche, zu denen ſie ge⸗ nöthigt wurden, waren zuweilen gefährlich, immer aber ſchrecklich ermüdend für Petit⸗Pierre. Zuwei⸗ len machte er ſie zu Pferde, aber am häufigſten zu Fuß, über die durch Hecken getrennten Felder, 208 welche man überſteigen mußte, wenn die Dunkelheit nicht geſtattete, einen Zaun zu finden, über Reben⸗ pflanzungen, welche in dieſer Gegend am Boden fortkriechen, das Terrain bedecken, die Füße ver⸗ wickeln und bei jedem Schritt zum Straucheln brin⸗ gen; auf Wegen, die von dem ſteten Begehen des Rindviehs verdorben waren, wo die Fußgänger bis an die Knie und die Pferde bis an die Häckſen einſanken. Die Genoſſen von Petit⸗Pierre beſchäf⸗ tigten ſich allmälig mit dem Gedanken an die Fol⸗ gen, welche dieſes Leben voll unaufhörlicher Erre⸗ gungen und fortdauernder Strapatzen für ſeine Geſundheit haben könnte; ſie beriethen ſich über die Anwendung der ſicherſten Mittel, um ihn vor jeder Nachforſchung ſicher zu ſtellen. Die Meinungen waren getheilt: die Einen wollten, er ſolle ſich nach Paris begeben, wo er unter der unermeßlichen Be⸗ völkerung der Hauptſtadt ſich verlieren würde; die Andern redeten davon, ihn nach Nantes zu bringen, wo ein Aſyl für ihn in Bereitſchaft wäre; wieder Andere riethen, ihn ſo ſchnell als möglich einzu⸗ ſchiffen— und hielten ihn nicht eher für ſicher, als bis er das Land verlaſſen haben würde, wo die Nachforſchungen um ſo lebhafter werden mußten, je mehr ſich die Gefahr verringerte. Der Marquis von Souday war einer der letz⸗ tern, aber man hielt ihnen die ſtrenge Wachſamkeit an der Küſte und die Unmöglichkeit entgegen, in der man ſich befand, ſich ohne Paß in einem See⸗ hafen, ſo klein er auch ſein mochte, einzuſchiffen. Petit⸗Pierre beendigte die Berathung dadurch, daß er ankündigte, er werde nach Nantes gehen 209 und zwar am hellen Tage, zu Fuß, als Bäuerin gekleidet, die Stadt betreten. Da Mary's Niedergeſchlagenheit und Verände⸗ rung ihm nicht entgangen waren; da ſie gleich dem Marquis vorausſetzte, die Strapatzen des Lebens, das ſie ſeit einiger Zeit führte, wären die einzigen Urſachen davon; da dieſe Exiſtenz auch die ihres Vaters bleiben mußte, bis er ſeinerſeits ein Mittel gefunden hätte, ſich in Sicherheit zu bringen, ſo ſchlug Petit⸗Pierre Herrn von Souday vor, ihm ſeine Tochter zur Begleitung zu geben. Dieſer nahm es mit Dank an. Mary ging nicht ſo leicht darauf ein; konnte ſie im Umkreiſe einer Stadt von Bertha und Michel Nachrichten erhalten, welche ſie von Sekunde zu Sekunde mit ſo großer Aengſtlichkeit erwartete? Auf der andern Seite war eine Weigerung unmöglich: ſie gab nach. Am andern Morgen, es war ein Samstag und Markttag, machten ſich Petit⸗Pierre und Mary in ihren Bauernkleidern gegen ſechs Uhr auf den Weg. Sie hatten ungefähr drei und eine halbe Meile zu gehen. Nach einem halbſtündigen Marſche thaten Petit⸗ Pierre die Holzſchuhe, beſonders aber die wollenen Strümpfe, an welche er nicht gewöhnt war, an den Füßen weh; er verſuchte, noch weiter zu gehen; je⸗ doch in der Ueberzeugung, daß er, die Fußbeklei⸗ dung anbehaltend, ſeinen Weg nicht fortſetzen könne, ließ er ſich am Rande eines Grabens nieder, zog Holzſchuhe und Strümpfe aus, nahm die Schuhe Dumas, Wölfinnen von Machecoul. 1V. 14 210 in die Hand, ſteckte die Strümpfe in ſeine großen Taſchen und ging barfuß. Nach einiger Zeit bemerkte er, wenn er Bäue⸗ rinnen vorübergehen ſah, daß die Feinheit ſeiner Haut und die ariſtokratiſche Weiße ſeiner Beine ihn leicht verrathen könnten; er trat alſo etwas abſeits von der Straße, nahm von der ſchwärzlichen Erde, überſtrichzmit derſelben ſeine Beine ein wenig und ſetzte ſich wieder in Marſch. Sie waren auf der Höhe von Sorinidres ange⸗ kommen, als ſie vor einer an der Straße gelegenen Schenke zwei Gendarmen bemerkten, welche mit ei⸗ nem Bauer, zu Pferd wie ſie, ſchwatzten. In dieſem Augenblick marſchirten Petit⸗Pierre und Mary unter einer Gruppe von fünf oder ſechs Bäuerinnen, und die Gendarmen achteten durchaus nicht auf die Frauen; aber Mary, welche, von ih⸗ ren gewöhnlichen Gedanken voraus eingenommen, allen Vorübergehenden ins Geſicht ſah, ob nicht einer von ihnen im Stande wäre, ihr zu ſagen, was aus Bertha und Michel geworden, ſchien es, der Bauer betrachte ſie mit auffallender Aufmerk⸗ ſamkeit. Einige Augenblicke nachher drehte ſie den Kopf um, und erkannte den Bauern, welcher die Gendar⸗ men verlaſſen hatte und den Bäuerinnen folgte, in⸗ dem er den Trab ſeines Kleppers beſchleunigte, um ſie einzuholen. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſprach ſie mit leiſer Stimme zu Petit⸗Pierre,„da iſt ein Mann, den ich nicht kenne, und der uns, nachdem er mich mit gro⸗ ber Aufmerkſamkeit geprüft hat, jetzt nachfolgt; 211 entfernen Sie ſich von mir und nehmen Sie den Schein an, mich nicht zu kennen.“ „Gut, und wenn er uns anredet, Mary?“ „Ich werde ihm nach Kräften antworten; ſeien Sie ruhig.“ „Im Fall wir uns zu trennen genöthigt würden, wiſſen Sie, wo wir uns wieder finden ſollen?“ „Gewiß, aber ſäumen Sie jetzt nicht mehr und hören Sie auf, mit mir zu ſprechen, er kommt.“ Wirklich hörte man die Hufſchläge des Pferds, die auf dem Straßenpflaſter wiederhallten. Ohne irgend eine bemerkbare Abſichtlichkeit trennte ſich Mary von ihren Begleiterinnen und blieb ei⸗ nige Schritte zurück. Sie fuhr unwillkürlich zuſammen, als ſie die Stimme des Mannes hörte, der mit ihr redete. „Wir gehen alſo nach Nantes, ſchönes Mädchen?“ ſprach der Mann, indem er ſein Pferd bei Mary anhielt und ſie abermals mit aufmerkſamer Neugier betrachtete. Dieſe ſchien die Sache ſcherzhaft aufzunehmen. „Nun wahrhaftig, Ihr ſeht es wohl,“ antwor⸗ tete ſie. „Wollt Ihr meine Begleitung?“ fragte der Reiter. „Danke, danke,“ entgegnete Mary, die Rede⸗ weiſe und Ausſprache der Vendéer⸗Bäuerinnen an⸗ nehmend,„laßt mich nur mit jenen dort bei uns zu Hauſe gehen.“ „Mit denen bei Euch zu Hauſe? Ihr wollt mich doch nicht glauben machen, daß die Mädchen, die dort vorausgehen, alle aus Eurem Dorfe ſind?“ 14 212 „Sie mögen nun daher ſein oder nicht, was geht Euch das an?“ antwortete Mary, indem ſie auf eine offenbar in argliſtiger Weiſe geſtellte Frage eine Antwort zu geben vermied. Der Mann hatte keine Mühe, dieß zu bemerken. „Hört einmal, einen Vorſchlag,“ ſprach er. „Welchen?“ „Steigt auf das Kreuz hinter mir.“ „Ei, wahrhaftig?“ antwortete Mary,„ja wohl, das würde ſich ſchön ausnehmen, ein armes Mäd⸗ chen wie ich ſich an einen Mann hängen, der bei⸗ nahe den Ton eines Herrn hat.“ „Zu dem, daß Ihr nicht gewohnt ſeid, Euch an einen zu hängen, der nicht den Ton, ſondern die ganze Weiſe davon hat.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Mary, welche unruhig zu werden anfig. „Ich ſage, daß Sie in den Augen der Gendar⸗ men für eine Bäuerin gelten können; aber für mich iſt es etwas Anderes, und Sie ſind nicht das, was Sie ſcheinen wollen, Mademoiſelle Mary de Souday.“ „Wenn Ihr keine bösartigen Abſichten gegen mich habt, warum mich ganz laut ſo nennen?“ fragte das Mädchen ſtillſtehend. „So!“ erwiderte der Reiter,„was iſt denn Uebels daran?“ „Daß dieſe Weiber Euch hätten hören können; und wenn Ihr mich in dieſen Kleidern ſeht, ſo ge⸗ ſchieht es ohne Zweifel deßwegen, weil mein Inte⸗ reſſe und meine Sicherheit es erfordern.“ „O!“ ſagte der Mann, mit dem Auge blinzelnd und ein gutherziges Weſen annehmend,„Sie ſind was n ſie frage rken. vohl, Näd⸗ bei⸗ h an 1 die tary, denn nen; ge⸗ einte⸗ elnd ſind 213 wohl ein wenig in Ihrem Vertrauen, dieſe Wei⸗ ber, denen Sie zu mißtrauen das Ausſehen haben.“ „Nein; ich ſchwöre es Euch.“ „Es iſt darunter doch wenigſtens.... eine“ Mary bebte unwillkürlich, antwortete aber, alle ihre Willenskraft zu Hülfe nehmend: „Weder eine, noch mehrere, aber warum, ich bitte Euch, macht Ihr mir alle dieſe Fragen?“ „Weil ich Sie, ſind Sie wirklich allein, wie Sie ſagen, bitten will, einige Augenblicke zu halten.“ „Mich?“ C „Ja. „Und zu welchem Zweck?“ „Zu dem Zweck, mir einen wahren Metzgergang zu erſparen, den ich morgen zu machen gehabt hätte, wäre ich Ihnen nicht begegnet.“ „Welchen?“ „Um Sie aufzuſuchen.“ „Ihr wolltet mich aufſuchen?“ „Nicht auf meine Rechnung, verſtehen Sie wohl.“ „Aber, wer hat Euch dieſen Auftrag gegeben?“ „Die, welchen Sie theuer ſind.“ Dann mit geſenkter Stimme: „Mademoiſelle Bertha und M. Michel.“ „Bertha!.... Michel!....“ „Ja.“ „Dann iſt er nicht todt!“ rief Mary,„o! re⸗ det, redet, Herr; ſagt mir, ich flehe Euch an, was aus ihnen geworden iſt.“ Die ſchreckliche Angſt, welche der Ton verrieth, womit Mary dieſe Worte ausgeſprochen hatte, die 214 Beſtürzung, die ſich in ihrer Miene kund gab, als ſie die Antwort erwartete, die ihr Todesurtheil werden zu müſſen ſchien, wurden neugierig von Courtin betrachtet, über deſſen Lippen jenes ſchlaue, den Bauern eigenthümliche Lächeln ging. Er gefiel ſich darin, ſein Stillſchweigen zu ver⸗ längern, um zugleich die Seelen⸗Qualen des Mäd⸗ chens damit zu ſteigern. Während dieſer Zeit ſuchte er das zu erforſchen, was in ihrer Seele vorging. „Ol nein, nein,“ ſagte er endlich,„er wird wie⸗ der davon kommen.“ „Dann iſt er alſo verwundet?“ fragte Mary lebhaft. „Wie! Sie wußten es nicht?“ „O mein Gott! mein Gott! verwundet!“ Mary, deren Augen ſich mit Thränen füllten. Mary brauchte Courtin nichts mehr zu ſagen, er hatte genug geſehen. „Bah!“ erwiderte er,„dieſe Wunde wird ihn nicht lang an das Bett feſſeln, und ihn nicht hin⸗ dern, zur Hochzeit zu gehen.“ Mary fühlte, wie ſie unwillkürlich erblaßte. Dieſes Wort Courtins brachte ihr in Erinne⸗ rung, daß ſie ſich noch nicht nach ihrer Schweſter erkundigt hatte. „Und Bertha,“ ſprach ſie,„von ihr ſagt Ihr mir nichts?“ „Ihre Schweſter! ach, ein wahres Kapitalweib! enn ſie einmal einen Mann an den Haken be⸗ kommt, kann ſie ſagen, es iſt ein Gut, das ſie hübſch gewonnen hat.“ rief 215 „Aber ſie iſt nicht krank, ſie iſt nicht verwundet?“ „Eil ſie iſt ein wenig leidend, das iſt Alles.“ „Arme Bertha!“ „Das kommt daher, daß ſie auch zu viel ge⸗ than hat, gehen Sie. Es gibt mehr als einen Mann, dem die Arbeit ſein Tod geweſen wäre, hätte er gethan, was ſie that.“. „Mein Gott! mein Gott! ſie leiden beide und beide entbehren der Pflege.“. „O! was das betrifft, nein, denn ſie pflegen ſich gegenſeitig. Man muß es ſehen, wie Ihre Schwe⸗ ſter, ſo krank ſie iſt, ihn verhätſchelt; wahr iſts, es gibt Leute, die Glück haben; da wird M. Michel durch ſeine Verlobte gerade ſo verdorben, wie er es durch ſeine Mutter wurde. Ach! er wird ſie ge⸗ waltig lieben müſſen, wenn er nicht undankbar ſein will.“ Mary wurde wieder ganz verwirrt, als ſie dieſe Worte hörte. „Nun!“ fuhr er fort,„wollen Sie, daß ich Ih⸗ nen etwas ſage, was ich wahrgenommen zu haben glaube?“ „Was?“ „Nun! es iſt blos eine Schattirung der Haare; der Herr Baron zieht Aſchblond dem glänzendſten Schwarz vor.“ „Was wollt Ihr ſagen?“ fragte Mary mit Herzklopfen. „Wenn ich mich alſo erklären ſoll, will ich Ih⸗ nen etwas ſagen, was für Sie keine große Neuig⸗ keit ſein wird, nämlich, daß Sie es ſind, welche er liebt, und iſt Bertha der Name der ihm zur Hand 216 Verlobten, ſo iſt Mary der Name ber ſeinem Her⸗ zen Verlobten.“ „O!“ rief Mary,„das erfindet Ihr, Herr, denn nie hat der Baron de La Logerie Euch Etwas der⸗ gleichen ſagen können.“ S 1 „Nein, aber ich habe ihn wohl verſtanden, und wahrhaftig, da ich ihn nicht mehr und nicht weniger als meine eigene Haut liebe, ſo würde es mich ſehr freuen, ihn glücklich zu ſehen, das liebe Huhn, ſo ſehr, daß ich mir gelobt habe, als Ihre Schweſter mir geſtern ſagte, ich müßte Ihnen Botſchaft brin⸗ gen, ſo ſehr, daß ich mir gelobt habe, für mich be⸗ onders und zur Beruhigung meines Gewiſſens Ihnen zu ſagen, was ich davon hielt.“ „hr irrt Euch in Euren Beobachtungen, Mei⸗ ſter Courtin,“ ſprach Mary,„Herr Michel denkt nicht an mich; er iſt der Verlobte meiner Schweſter, er liebt ſie innig; glaubt es mir.“ „Sie haben Unrecht, kein Vertrauen in mich zu ſetzen, Mademoiſelle Mary, weil Sie mich eben mit meinem Namen nannten; Sie wiſſen, daß ich der Hauptpächter von M. Michel, ich darf hinzu⸗ ſetzen, ſein Vertrauensmann bin, und wollten ie....“ „Herr Courtin, Ihr würdet mich unendlich ver⸗ pflichten,“ fiel Mary ein,„wolltet Ihr ſelbſt etwas.“ „Was?“ „Das Geſpräch wechſeln.“ „Es ſei; aber erlauben Sie mir zuvor, Ihnen mein Anerbieten zu erneuern; ſteigen Sie hinter mir auf das Kreuz, das wird Ihnen den Weg verkürzen; Sie gehen nach Nantes, ſetze ich voraus?“ 217 „Ja,“ antwortete Mary, welche, ſo wenig Sym⸗ pathie ſie auch für Courtin empfand, doch vor dem, der ſich als Vertrauensmann von Herrn de La Lo⸗ gerie qualificirte, den wirklichen Zweck ihrer Reiſe nicht verbergen zu dürfen glaubte. „Ei!“ ſagte Courtin,„da ich auch dahin gehe, ſo können wir den Weg zuſammen machen, es müßte denn ſein, daß Sie um einer Commiſſion willen nach Nantes gingen und ich dieſelbe auch ausrichten könnte; da würde ich ſie gerne überneh⸗ men und es wäre eben ſo viel Weg erſpart.“ Mary ſah ſichstrotz ihrer natürlichen Geradheit gezwungen, mit einer Lüge zu antworten, denn es war von Wichtigkeit, daß Niemand die Urſache ih⸗ rer Reiſe kannte. „Nein,“ ſprach ſie,„das iſt unmöglich; ich will mich zu meinem Vater begeben, der ſich geflüchtet hat und in Nantes verborgen iſt.“ „Ah!“ bemerkte Courtin,„ſieh, ſieh, ſieh! Der Herr Marquis in Nantes verborgen! Gut ausge⸗ dacht ſolchermaßen; und die Andern wollen ihn da unten ſuchen und ſprechen davon, das Schloß Sou⸗ day von Grund aus umzufehren.“ „Wer hat Euch das geſagt?“ fragte Mary. Courtin ſah, daß er einen Fehler begangen hatte, indem er ſehen ließ, daß er mit den Planen der Regierungs⸗Agenten auf dem Laufenden war; er ſuchte alſo den Fehler nach Kräften wieder gut zu machen. 5 „Ei nun!“ entgegnete er,„vornehmlich um Sie zu warnen, nicht mehr dahin zurückzukehren, hat 218 Ihre Schweſter mich auf Kundſchaft nach Ihnen ausgeſchickt.“ „Wohl! ſo ſeht Ihr,“ ſagte Mary,„daß ſie weder meinen Vater noch mich daſelbſt finden wer⸗ den.“ „Ja wohl! aber ich denke mir,“ fuhr Courtin fort, wie wenn dieſer Gedanke wirklich ſein Gehirn durchkreuzte,„wollen Mademoiſelle Bertha und Herr de La Logerie Ihnen Nachricht von ſich geben, wer⸗ den ſie wohl Ihre Adreſſe wiſſen müſſen.“ „Ich weiß ſie ſelbſt noch nicht,“ antwortete Mary,„ein Mann, den ich am Ende des Pont Rouſſeau finden ſoll, wird mich in das Haus füh⸗ ren, wo mein Vater iſt; einmal daſelbſt angekom⸗ men und mit ihm vereint, werde ich ihnen ſchreiben.“ „Recht ſo,“ erwiderte Courtin,„und wenn Sie ihnen eine Mittheilung zu machen haben, wenn dieſelben ſich an Sie anſchließen wollen, nun, ſo will ich es auf mich nehmen.“ Dann ſetzte er mit einem bedeutungsvollen Lä⸗ cheln hinzu: „Ah! wahrlich, für Eines ſtehe ich, nämlich, daß mein Michel mich mehr als einmal die Reiſe machen läßt.“ „Noch einnial?“ rief Mary. „Ah! entſchuldigen Sie mich, ich wußte nicht, daß es ihnen ſo zuwider ſei.“ „Allerdings, denn Eure Vorausſetzungen belei⸗ digen zugleich Euren Herrn und mich.“ „Bah! bah!“ bemerkte Courtin,„das ſind lau⸗ ter Worte. Der Herr Baron hat ein ſchönes Ver⸗ mögen, und ich kenne auf zehn Meilen in der Runde nicht ein Fräulein, eine ſo reiche Erbin ſie auch ſein mag, die es verſchmähte. Sagen Sie ein Wort, Mademoiſelle Mary,“ fuhr der Pächter fort, welcher der Meinung war, Jedermann theile ſeine Verehrung für das Geld,„ſagen Sie ein Wort, und ich verpflichte mich, dieſes Vermögen zu dem Ihrigen zu machen.“ „Meiſter Courtin,“ ſprach Mary ſtillſtehend und den Pächter mit einem Ausdruck anſchauend, den er nicht mißverſtehen konnte,„es bedarf der ganzen Erinnerung an Ihre Anhänglichkeit für Herrn de la Logerie, daß ich nicht ernſtlich böſe werde; noch einmal, redet nicht mehr davon.“ Courtin glaubte mit Mary einen leichtern Kauf zu haben; ihr Ruf als Wölfin ließ eine ſolche De⸗ likateſſe nicht zu. Die Sache erregte ſein Erſtaunen um ſo mehr, als es ihm leicht war, zu erkennen, daß das Mädchen die Liebe theilte, deren Geheim⸗ niß der forſchende Blick des Pächters auf dem Grunde des Herzens von Baron de la Logerie ent⸗ deckt hatte. Er gerieth alſo einen Augenblick außer Faſſung über die Antwort, welche er nicht erwartet hatte. Er riskirte, Alles zu verderben, wenn er zu un⸗ geſtüm verfuhr. So entſchloß er ſich, den Fiſch ſich im Netz verfangen zu laſſen, ehe er daſſelbe an ſich zöge. Der Unbekannte von Aigrefeuille hatte ihm ge⸗ ſagt, wahrſcheinlich werden die Häupter der legiti⸗ miſtiſchen Inſurrektion ein Aſyl zu Nantes ſuchen. Herr von Souday, glaubte Courtin wenigſtens, war bereits dort: Mary begab ſich dorthin; Petit⸗Pierre 220 wollte ſich wahrſcheinlich dahin begeben. Michels Liebe, zu dem Mädchen ſollte der Ariadne⸗Faden ſein, der ihn nach deren Zufluchtsort führte, ohne Zweifel demſelben, wo Petit⸗Pierre ſich befand, was das wirkliche Ziel von Meiſter Courtin's po⸗ litiſchen und ehrgeizigen Beſtrebungen war. Darauf beſtehen, Mary zu begleiten, hieß ihren Verdacht erregen, und ſo ſehr er wünſchte, noch an demſel⸗ ben Tage ſein Unternehmen zu einem guten Ende zu führen, trug doch der Entſchluß der Klugheit und Zögerung den Sieg davon und er entſchied ſich dahin, Maxy einen Beweis zu liefern, der ſie über ſeine Abſichten vollkommen beruhigen würde. „Nun,“ ſprach er,„Sie verſchmähen demnach mein Pferd; aber Sie ſollen wiſſen, daß es mir verdammt wehe thut, wenn ich ſehe, wie Sie ſich Ihre kleinen Füße an den Kieſeln verſtoßen.“ „Ja, aber es muß ſo ſein,“ erwiderte Mary, „man wird mich weniger bemerken, wenn ich zu Fuß gehe, als hinter Euch aufſitze, und wenn ich es wagte, würde ich Euch ſogar bitten, nicht neben mir herzureiten; alles was die Aufmerkſamkeit auf mich ziehen kann, macht mir Furcht; laßt mich alſo al⸗ lein gehen und wieder an die Bäurinnen mich an⸗ ſchließen, die wahrhaftig ſchon eine Viertelmeile uns voraus ſind; in ihrer Geſellſchaft bin ich am wenigſten in Gefahr.“ „Sie haben Recht,“ antwortete Courtin,„um ſo mehr Recht, als da Gendarmen hinter uns her⸗ kommen, die ſich uns anſchließen werden.“ Mary machte eine Bewegung. 221 Zwei Gendarmen folgten ihnen wirklich auf etwa dreihundert Schritte. „Ol fürchten Sie ſich nicht,“ fuhr Courtin fort, nich will ſie bei einem Zapfen aufhalten; gehen Sie alſo, aber zuvor, was ſoll ich Ihrer Schwe⸗ ſter ſagen?“ „Sagt Ihr, daß alle meine Gedanken, alle meine Gebete auf ihr Glück gerichtet ſind.“ „Und das iſt Alles, was Sie mir anzubefehlen haben?“ fragte Courtin. Das Maädchen ſtockte; ſie ſchaute den Pächter an, aber ohne Zweifel verrieth deſſen Phyſiognomie ſeine geheimen Gedanken, denn ſie ſenkte den Kopf und ſagte: „Ja, Alles.“ Aber bei ihrem Stillſchweigen hatte Courtin wohl erkannt, daß wiewohl Mary Michels Namen nicht ausgeſprochen, das letzte Wort ihres Herzens doch ihm galt. Der Pächter hielt ſein Pferd an. Mary ihrerſeits verdoppelte ihre Schritte und ſuchte die Bäurinnen wieder einzuholen, welche wie geſagt, während ihres Geſprächs mit Courtin einen Vorſprung gewonnen hatten. Als ſie bei ih⸗ nen angelangt war, erzählte ſie. Petit⸗Pierre, was zwiſchen ihr und dem Pächter vorgefallen war, wo⸗ bei ſie, wohlverſtanden, von der Unterhaltung al⸗ les das ausließ, was auf den jungen Baron de La Logerie Bezug hatte. Ohne dieſen Mann zu beargwohnen, deſſen Name ihm keine Erinnerung zuführte, hielt es Petit⸗ 222 Pierre doch für paſſend, ſich ſeiner Neugierde zu ih entziehen. ſo Er blieb alſo mit Mary zurück, ein Auge auf zu den Pächter, der ſeinem Verſprechen gemäß die Kr Gendarmen vor der Thüre einer Zapfenwirthſchaft b fir aufgehalten hatte, das andere auf die Bäurinnen gerichtet, die ihren Weg nach Nantes fortſetzten, und als dieſe ihnen aus dem Geſicht waren, war⸗ wi fen ſich, Dank einer Unebenheit des Wegs, die beiden Flüchtlinge in einen etwa hundert Schritte da von der Straße gelegenen Wald, von deſſen Saum ſch ſie alle die, welche ihnen nachkamen, erblicken konnten. al „Nach einer Viertelſtunde ſahen ſie Courtin anlan⸗ die gen, der ſoviel als möglich den Gang ſeines Pfer⸗ an des beſchleunigte. Zum Unglück kam der Maire von La Logerie zu fern von der Stelle vorüber, Pe wo ſie verborgen waren, um Petit Pierre erkennen zu laſſen, daß der Beſucher von Paſcal Picauts Hauſe, der Mann, welcher Michels Pferd den Gurt Ve abgeſchnitten hatte, und der gegenwärtige Wirth Fr der beiden jungen Leute eine und dieſelbe Perſen ein war. ſich Als der Pächter ihnen aus dem Geſicht war, machten ſich Petit⸗Pierre und Mary wieder auf den un Weg nach Nantes. In dem Maaße, als ſie ſich me der Stadt näherten, wo man Petit⸗Pierre ein ſiche⸗ res Aſyl verſprochen hatte, verſchwanden ihre Be-⸗ ma ſorgniſſe. Petit⸗Pierre war jetzt an ſein Coſtüme und gewöhnt, und die Pächter, an welchen ſie vorüber wie kam, hatten, wie es ſchien, gar nicht bemerkt, daß ſich die kleine Bäurin, welche ſo geſchwind auf der als Straße dahin lief, etwas Anderes war, als was 223 an⸗ 2 zu ihre Kleider andeuteten. Es war ſchon viel, den ſo durchdringenden Inſtinkt der Landleute getäuſcht auf zu haben, welche in dieſem Punkt vielleicht nur an die Kriegsleuten Rivalen, wenn nicht geradezu Meiſter haft inden. nen Endlich erblickte man Nantes. ten, Petit⸗Pierre zog ſeine Strümpfe und Holzſchu he dar⸗ wieder an, um in die Stadt einzuziehen. 3 die Aber Etwas beunruhigte Mary: Courtin möchte, itte da er ſie nicht wieder eingeholt hatte, zu dem Ent⸗ um ſchluß gekommen ſein, auf ſie zu warten. Anſtatt 6 ten. alſo über den Pont Rouſſeau zu gehen, benützten 6 die beiden Flüchtlinge ein Boot, das ſie auf das fer⸗ andere Ufer der Loire ſetzte. nre Gegenüber von Bouffay angekommen, fühlte der, Petit⸗Pierre ſich auf die Schulter klopfen. nen Er fuhr zuſammen und drehte ſich um. uts Die Perſon, welche ſich eben dieſe beunruhigende urt Vertraulichkeit erlaubt hatte, war eine gute alte rth Frau, welche auf den Markt ging und, nachdem ſie ſon einen Korb mit Aepfeln auf den Boden geſetzt hatte, ſich nicht allein mehr aufhelfen konnte. ar,„Meine Kleinen,“ ſprach ſie zu Petit⸗Pierre en und Mary,„helft mir meinen Korb wieder aufneh⸗ ſich men, und ich gebe jeder einen Apfel.“ hee Petit⸗Pierre faßte ſogleich den einen Handgriff, Be machte Mary ein Zeichen, den andern zu nehmen, me und der Korb wurde auf dem Kopf der guten Frau Her wieder in's Gleichgewicht geſetzt; dieſe aber entfernte aß ſich, ohne die verſprochene Belohnung zu geben, der als Petit⸗Pierre ſie mit den Worten am Arm hielt: as„Sagt doch, Mutter, mein Apfel?“ 224 Die Händlerin gab ihr denſelben. 949 Petit⸗Pierre biß mit einem von dreiſtündigem Marſche erregten Appetit hinein, als er den Kopf erhob und ſeine Augen auf einen Maueranſchlag fielen, der in großen Buchſtaben die drei Worte eenthielt: Belagerungs⸗Stand. Es war der Miniſterial⸗Beſchluß, welcher vier Departements der Vendée in Belagerungsſtand er⸗ klärte. Petit⸗Pierre näherte ſich, dem Mauer⸗Anſchlag, las ihn ruhig von einem Ende zum andern, trotz Mary's flehenden Bitten, welche ihn antrieb, ſich nach dem Hauſe zu begeben, wo man ihn erwartete; aber Petit⸗Pierre machte ihr bemerklich, die Sache ſei intereſſant genug für ihn, um vollſtändige Kenntniß davon zu nehmen. Einige Augenblicke nachher machten ſich die bei⸗ den Bäurinnen wieder auf den Weg und vertieften ſich in die ſchmalen und finſtern Straßen dieſer altbretagniſchen Stadt. LXIX. Wo ſich unſer alter Bekannter, Jean Oullier, wieder findet. War es beinahe unmöglich, daß die Soldaten Jean Oullier in ſeinem Verſteck, den die herkuliſche Stärke des armen Trigaud ihm bereitet hatte, ent⸗ deckten, ſo hatte dafür, da dieſer und ſein Genoſſe Courtejoie todt waren, Jean Oullier das Ge⸗ fängniß, welches ihm die Blauen, wenn er wieder in ihre Hände fiel, vorbehielten, nur gegen ein viel gem kopf Hlag orte vier er⸗ ag, rotz ſich te; iche ige dei⸗ ten ſer det. en che nt⸗ ſſe e⸗ er jel 225 ſchrecklicheres, den Tod, den ihm ihre Kugeln gege⸗ ben hätten, nur gegen einen weit furchtbareren ver⸗ tauſcht. Er war lebendig begraben, und in dieſer wüſten Gegend nicht zu hoffen, daß Jemand ſein Geſchrei höre. Als er gegen die Mitte der Nacht, die auf ſeine Trennung von dem Bettler folgte, dieſen nicht zu⸗ rückkehren ſah, vermuthete er, es müſſe den beiden Genoſſen irgend ein Unheil zugeſtoßen ſein. Offenhar waren ſie todt oder gefangen. Die Vorſtellung der Lage, worin Jean Oullier ſich befand, war von der Art, um auch dem Tapfer⸗ ſten das Blut in den Adern zu Eis erſtarren zu machen; aber Jean Oullier war einer von jenen Glaubensmännern, die, wo die Wackerſten verzwei⸗ feln, noch den Kampf fortſetzen. Er empfahl ſeine Seele Gott in einem kurzen, aber heißen Gebet, und machte ſich ebenſo eifrig ans Werk, als wäre er mitten unter die brennenden Trümmer von la Péniſſidre verſetzt. Er hatte bisher den Körper vorwärts gebückt und das Kinn auf ſeine Kniee geſtützt gehalten. Dieß war die einzige Poſition, welche der geringe Raum der Vertiefung ihm einzunehmen geſtattete. Er ſuchte ſie zu ändern, und nach langen Anſtren⸗ gungen gelang es ihm, niederzuknieen; dann ſtrebte er, ſich auf ſeine Hände ſtemmend, ſeine Schultern gegen den ſchweren Stein drückend, dieſen aufzu⸗ heben. Aber was für Trigaud nur ein Kinderſpiel, war Dumas, Woͤlfinnen von Machecoul. IV. 15 226 für jeden andern Mann eine Unmöglichkeit. Jean Oullier vermochte die ungeheure Maſſe, welche der Bettler zwiſchen ihn und den Himmel gelegt hatte, nicht einmal zum Wanken zu bringen. Jean Oullier betaſtete den Boden, den er unter den Füßen hatte; der Boden war Stein, wie das Uebrige; rechts, links, überall Fels. Nur der Granitblock, den Trigaud gleich einem ungeheuren Deckel auf dieſe Büchſe geſetzt hatte, ließ, vorwärts geneigt, zwiſchen dem Bette des Ba⸗ ches und ihm einen Zwiſchenraum von drei oder vier Zoll, wodurch die Luft in das Innere drang. Nach dieſer Seite hin entſchloß ſich Jean Oul⸗ lier, nach gehöriger Unterſuchung der Poſition ſeine Beſtrebungen zu richten. In einer Felſenſpalte brach er die Spitze ſeines Hirſchfängers ab und machte einen Meißel daraus; ſein Piſtolenkolben diente ihm als Hammer und er arbeitete daran, das Loch zu vergrößern. Er brauchte vierundzwanzig Stunden zur Vollen⸗ dung dieſer Arbeit, ohne andere Unterſtützung als die Jagdflaſche mit Branntwein, aus der er von Zeit zu Zeit einige Tropfen Stärkung holte, und dieſe vierundzwanzig Stunden verleugneten ſich ſein Muth und ſeine Kraft nicht einen Augenblick. Endlich, am Abend des zweiten Tages, gelang es ihm, den Kopf durch die Oeffnung zu ſtecken, die er an der Baſis ſeines Kerkers ausgehöhlt hatte; dann folgten ſeine Schultern dem Kopf; er umfaßte den Felſen und zog dann mit einer kräftigen An⸗ ſtrengung den übrigen Körper heraus. Es war Zeit; ſeine Kräfte hatten ſich völlig er⸗ ſchöpft. Er richtete ſich auf ſeine Kniee auf, hernach auf ſeine Füße, und verſuchte endlich zu gehen. Aber ſein verſtauchter Fuß war die verfloſſenen ſechsunddreißig Stunden in jenem ſchrecklichen Zwang furchtbar angeſchwollen; bei der erſten Bewegung, die er machte, um darauf zu treten, bebten alle Nerven ſeines Körpers, als ob man ſie zuſammen⸗ gedreht hätte; er ſtieß einen Schrei aus und ſank ſtöhnend auf das Haidekraut niedergeworfen von dem ſchrecklichen Schmerz. Die Nacht brach ein; nach welcher Seite Jean Oullier hinhorchen mochte, vernahm er keinen Laut; er dachte, dieſe Nacht, welche die Erde in ihren Schatten zu hüllen anfing, würde die letzte für ihn ſein; er empfahl ſeine Seele Gott, bat ihn, über die beiden Kinder zu wachen, welche er ſo ſehr liebte und welche die Gleichgültigkeit ihres Vaters, ohne ihn, ſchon längſt zu Waiſen gemacht hätte. End⸗ lich ſchleppte er ſich, um ſich nichts vorwerfen zu müſſen, auf den Händen, oder kroch vielmehr nach der Seite hin, wo die Sonne eben untergegangen war und wo auch die Wohnungen dem Ort, wo er ſich befand, näher lagen. So machte er ungefähr drei Viertelmeilen und gelangte auf eine kleine Anhöhe, von wo er das Licht der einſamen, die Haide umgebenden Häuſer erblickte; es waren für ihn ebenſo viele Leucht⸗ thürme, die ihm anzeigten, wo die Rettung, wo das Leben war; aber ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, 15 228 es ſchien ihm unmöglich, einen Schritt weiter zu machen. Es waren beinahe ſechzig Stunden, daß er nichts gegeſſen hatte. Die Stengel Haidekrauts und Stechginſters, im vergangenen Jahr geſtutzt und ſchief mit der Sichel geſchnitten, hatten ihm Hände und Bruſt zerriſſen, und das aus ſeinen Wunden fließende Blut vollen⸗ dete ſeine Erſchöpfung. Er ließ ſich in einen Graben rollen, welcher die Straße begrenzte. Er hatte darauf verzichtet, weiter zu gehen; er war entſchloſſen, hier zu ſterben. Ein heftiger Durſt verzehrte ihn; er trank ein wenig Waſſer, das in dem Graben ſtand. Er war ſo ſchwach, daß er nur mit Mühe die Hand zum Munde führen konnte; ſein Kopf ſchien ihm vollkommen leer; von Zeit zu Zeit glaubte er in ſeinem Gehirn dumpfes, klägliches Gemurmel zu vernehmen, dem gleichend, welches das Meer her⸗ vorbringt, wenn es in die Seiten eines halbzerſtör⸗ ten und gerade umzuſchlagen drohenden Fahrzeugs hineinſtürzt; ein dichter Schleier legte ſich über ſeine Augen, und über dieſen Schleier liefen Tauſende von Funken, welche gleich phosphorescirenden Lich⸗ tern erloſchen und ſich wieder entzündeten. Er fühlte den nahenden Tod. Er verſuchte zu ſchreien, ſich wenig darum be⸗ kümmernd, ob er Freund oder Feind herbeiziehe; aber die Stimme ſtockte ihm in der Kehle und kaum vermochte er ſelbſt den heiſeren Schrei zu hören, den es ihm auszulaſſen gelang. ichts im ichel ſeen, len⸗ die Etwa eine Stunde verharrte er in dieſer Art von Todeskampf; dann verdichtete ſich allmälig der Vorhang, den er über den Augen hatte, und nahm zugleich alle Farben des Prisma's an; das Sum⸗ ſen in ſeinem Gehirn wurde zu ſeltſamen Modulativo⸗ nen; zuletzt verlor er die Empfindung deſſen, was um ihn vorging. Aber dieſe gewaltige Natur konnte nicht ohne neuen Kampf erlöſchen; die Art ſtiller Lethargie, worin er eine zeitlang ſich befand, geſtattete dem Herzen, ſeine Bewegungen zu regeln, dem Blut, weniger fieberiſch zu kreiſen. Die Erſtarrung, worein er verſunken war, ent⸗ zog der Schärfe ſeiner Sinne nichts; er vernahm ſofort ein Geräuſch, worüber ſich die alte Erfahrung des Streifreiters keine Minute täuſchte: es war der Schritt von Jemand, der über das Haidekraut herab⸗ kam, und dieſen Schritt erkannte er für den einer Frau. Dieſe Frau konnte ihn retten. Mitten in ſeiner Erſtarrung begriff dieß Jean Oullier; aber als er rufen, eine Bewegung machen wollte, um deren Aufmerkſamkeit anzuziehen, er⸗ kannte er, gleich einem in Lethargie liegenden Men⸗ ſchen, der ohne die Kraft des Widerſtandes um ſich herum alle Vorbereitungen zu ſeinem Leichenbegäng⸗ niß machen ſieht, mit Schrecken, daß ſein Gehirn allein noch lebte, aber der Körper, völlig gelähmt, ſeinen Willen zu vollziehen ſich weigerte. Wie der in ſeinen Sarg genagelte Menſch über⸗ natürliche Anſtrengungen macht, die eherne Mauer zu durchbrechen, welche ihn von der Welt ſcheidet, ſpannte Jean Oullier alle Federn, welche die Natur 230 ſeinem Willen zum Dienſt gegeben hatte, um die Materie zu bezwingen. Es war vergeblich. Und doch kamen die Schritte näher; jede Mi⸗ nute, jede Sekunde machte ſie ſeinem Ohr vernehm⸗ licher, deutlicher. Es war Jean Oullier, als ob jeder Kieſel, der unter ihren Schritten los wurde, ihm auf's Herz fiele; jeden Augenblick und in dem Maaße, als ſeine Anſtrengungen ſich vermehrten, wurde ſeine Beklemmung heftiger, die Haare ſtan⸗ den ihm zu Berge, ein eiſiger Schweiß perlte auf ſeiner Stirne; es war ſchrecklicher als der Tod ſelbſt. Der Todte fühlte nichts. Die Frau ging vorüber. Jean Oullier hörte die Stacheln der Brombeer⸗ ſträucher, welche an ihrem Rock ſtreiften und zerr⸗ ten, als ob ſie dieſelbe hätten zurückhalten wollen; er ſah ihren Schatten ſich ſchwarz auf dem Gebüſch abzeichnen; dann entfernte ſie ſich und das Geräuſch ihrer Schritte erloſch für ihn in dem Gemurmel des den vertrockneten Stechginſter bewegenden Windes. Der Unglückliche fühlte ſich verloren. So hörte auch im Augenblick, wo die Hoffnung ihn verließ, der ſchreckliche Kampf auf, den er gegen ſich ſelbſt unternommen hatte; er erlangte wieder ein wenig Ruhe und betete innerlich, indem er ſeine Seele Gott empfahl. Dieſes letzte Gebet nahm ihn ſo ganz und gar in Anſpruch, daß er erſt bei dem lauten Athemzug eines Hundes, der den Kopf zwiſchen die Zweige ſteckte, um die von dem Gebüſch kommenden Ausſtrömungen einzu⸗ ziehen, die Annäherung dieſes Thieres gewahr wurde. Er wandte mit Anſtrengung nicht ſeinen Kopf, ſondern die Augen ihm zu und ſah eine Art Ba⸗ ſtardmops, der ſeinerſeits ihn mit verſtändigem und beſtürztem Blicke anſchaute. Als er Jean Oulliers Bewegung, ſo ſchwach ſie auch war, bemerkte, zog ſich der Mops ſchnell zurück und begann zu bellen. Dann kam es Jean Oullier vor, als rufe die Frau ihrem Hund; aber das Thier verließ ſeinen Poſten nicht und fuhr mit ſeinem Gebell fort. Es war eine letzte Hoffnung und dieſe wurde nicht getäuſcht. Müde zu rufen und neugierig zu erfahren, was ihren Hund ſo aufregte, kehrte die Bäurin wieder um. Der Zufall oder vielmehr die Vorſehung fügte es, daß dieſe Bäurin Paſcal Picauts Wittwe war. Sie näherte ſich dem Gebüſch und erblickte einen Mann; ſie beugte ſich nieder und erkannte Jean Oullier. Im erſten Augenblick hielt ſie ihn für todt; aber ſie ſah, daß er die weitaufgeriſſenen Augen auf ſie richtete; ſie legte ihre Hand auf ſein Herz und fühlte es ſchlagen; ſie ſetzte ihn aufrecht, goß ihm einige Tropfen Waſſer ins Geſicht, träufelte einige andere ihm zwiſchen die zuſammengepreßten Zähne; allmä⸗ lig, wie wenn er durch eine lebende Perſon wieder in Contraſt mit dem Leben träte, fühlte er, wie das ungeheure Gewicht, das auf ihm laſtete, ſich hob, die Wärme in ſeine erſtarrten Glieder zurück⸗ kehrte, fühlte ſie ſanft herabſteigen und bis in deren Extremitäten anlangen; bald brachen Thränen des Dankes durch ſeine Augenlider und rollten über ſeine 232 bronzirten Wangen; er ergriff die Hand der Wittwe Picaut und führte ſie zugleich, da er ſie mit ſeinen Thränen benetzte, an ſeine Lippen. Dieſe fühlte ſich gleichfalls ganz gerührt; obwohl Philippiſtin, wie man weiß, ſchätzte die gute Frau den alten Chouan doch in hohem Grade. „Ei! ei!“ fragte ſie,„was fehlt Euch, Jean Oullier? Das iſt etwas ganz Natürliches, ſcheint mir, was ich hier thue; ich hätte es für den näch⸗ ſten beſten Chriſten gethan, um ſo viel mehr für Euch, Jean, der Ihr ein wahrer Gottesmann ſeid.“ „Das hindert nicht....“ ſprach Jean Oullier. Aber er konnte nicht über den erſten Athemzug hinauskommen. „Das hindert nicht was?“ fragte die Wittwe. Oullier machte eine Anſtrengung. „Das hindert nicht, daß ich Euch das Leben ver⸗ danke,“ ſetzte er, den Satz vollendend, hinzu. „So!“ bemerkte ſie. „O! es iſt wie ich Euch ſage; ohne Euch, Frau Picaut, mußte ich hier ſterben.“ „Oder vielmehr ohne meinen Hund, Jean; Ihr ſeht wohl, daß Ihr nicht mir, ſondern nur dem lie⸗ ben Gott danken müßt.“ Dann ſchaute ſie ihn erſchreckt an und rief, als ſie ihn ganz mit Blut bedeckt ſah:. „Aber Ihr ſeid verwundet?“ Nein, das ſind nichts als Schrammen; mein größ⸗ tes Uebel iſt, daß ich den Fuß verrenkt habe, und hernach, daß ich ſeit mehr als ſechzig Stunden ohne Nahrung bin; das war hauptſächlich die Schwäche, die mich befiel. V 233 „Ah! mein Gott! mein Gott! aber wartet doch, ich wollte gerade den Leuten, welche für mich Streu auf der Haide machen, zu eſſen bringen; Ihr ſollt ihre Suppe haben.“ Mit dieſen Woͤrten legte die Wittwe den Pack, den ſie trug, zur Erde, knüpfte die vier Zipfel eines kleinen Tiſchtuchs, worin ſich mehrere Geſchirre mit Suppe und dampfendem Fleiſch befanden, auf, und ließ Jean Oullier einige Schlücke von der Suppe nehmen, welcher in dem Maaße, als die warme und nahrhafte Brühe in ſeinen Magen gelangte, ſeine Kräfte wiederkehren fühlte. „Ah!“ machte Jean Oullier und athmete laut auf. Ein Lächeln der Zufriedenheit zog über das ernſte und traurige Geſicht der Wittwe. „Und jetzt,“ ſprach ſie, ſich Jean Oullier gegen⸗ über ſetzend, weiter,„was wollt Ihr thun? Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Rothhoſen auf Eure Verfolgung aus ſind.“ „Ach!“ antwortete dieſer,„ich habe alle Kraft mit meinem armen Bein verloren; mancher Monat wird vergehen, ehe ich wieder im Walde herumlau⸗ fen kann, wie es geſchehen müßte, will ich nicht in den Kerkern verfaulen. Seht Ihr, was eigentlich geſchehen ſollte,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, niſt, daß ich Meiſter Jacques aufſuchen müßte, der mir in einer ſeiner Freiſtätten einen Winkel einräu⸗ men würde, und da könnte ich meine Geneſung ab⸗ warten. „Und Euer Herr und ſeine Töchter.“ „Unſer Herr wird ſo bald nicht nach Souday zurückkehren, und er hat Recht.“ 234 „Was wird er dann machen?“ „Ohne Zweifel wird er mit unſern Fräulein von Neuem über das Meer gehen.“ „Hübſche Idee, die Ihr da habt, Jean, ein Hoſpital mitten unter dieſem Haufen von Banditen, welche Meiſter Jacques begleiten, zu ſuchen; Ihr werdet da gut verpflegt werden.“ „Er iſt der Einzige, der mich aufnehmen kann, ohne ſich zu compromittiren.“ „Und ich? Ihr vergeßt mich alſo, das iſt nicht recht, Jean.“ „Euch?“ „Allerdings, mich.“ „Aber Ihr kennt alſo die Ordonnanzen nicht.“ „Welche Ordonnanzen?“ „Die, welche die Strafen beſtimmen, denen ſich jeder ausſetzt, der einem Chouan ein Aſyl gewährt.“ „So, Jean, man macht dergleichen Ordonnanzen nicht für honnete Leute, ſondern für Schurken.“ „Ueberdieß haßt Ihr die Chouans.“ „Nein, die Räuber haſſe ich, und bei allen Par⸗ teien. Räuber zum Beiſpiel ſind die, welche meinen armen Paſcal getödtet haben, und an dieſen Räu⸗ bern werde ich ſeinen Tod rächen, wenn ich kann; aber Ihr, Jean Oullier, weiß oder dreifarbig tragt Ihr die Kokarde braver Leute und Euch will ich retten.“ „Aber ich kann keinen Schritt machen.“ „Das iſt nicht das Beunruhigende; könntet Ihr auch gehen, Jean, würde ich zu dieſer Tagesſtunde doch nicht wagen, Euch bei mir eintreten zu laſſen, nicht weil ich mich vor dem fürchte, was mir begeg⸗ nen könnte; aber ſeht, ſeit dem Tode des armen n von „ein diten, Ihr kann, nicht icht.“ m ſich hrt.“ nzen 74 men 23⁵ jungen Mannes fürchte ich Verrath. Steckt Euch wieder in Euer Gebüſch, verbergt Euch daſelbſt ſo gut als möglich, erwartet die Nacht und ich komme wieder mit einem Karren für Euch und morgen hole ich den Knocheneinrichter von Machecoul; er wird Euch mit der Hand über die Fußnerven fahren und in drei Tagen könnet Ihr laufen wie ein Kaninchen.“ 3„Ah! wahrhaftig, ich weiß, dieß wäre beſſer, aber...“ „Aber, würdet Ihr nicht ebenſo viel für mich thun?“ „Für Euch, ei! Ihr wißt es wohl, würde ich in das Feuer gehen.“ „Nun denn! ſprechen wir nicht mehr davon. In der Nacht hole ich Euch.“ „Danke; ich nehme es an, und ſeid ſicher und ge⸗ wiß, daß Ihr keinen Undankbaren verpflichten werdet.“ „Nicht um Eures Dankes willen thue ich es, Jean Oullier, ſondern um meine Pflicht als recht⸗ ſchaffene Frau zu erfüllen.“ Sie ſchaute um ſich. „Was ſucht Ihr?“ fragte Jean. „Ich dachte, wenn Ihr wieder nach dem Haide⸗ kraut zu gelangen verſuchtet, würdet Ihr ſicherer als in dieſem Graben ſein.“ „Ich glaube, das würde für mich eine Unmög⸗ lichkeit ſein,“ ſagte Oullier, indem er der Wittwe ſeine zerriſſenen Hände, ſein von Narben gefurchtes Geſicht und ſeinen Fuß, ſo groß wie ein Kopf, zeigte;„überdieß befinde ich mich hier nicht ſchlecht. Ihr ſtreiftet an dem Buſch hin, ohne zu ahnen, daß er einen Menſchen verberge.“ 236 „Ja, aber ein Hund kann vorüber kommen und Euch wittern, wie es bei dem meinigen geſchehen iſt. Denkt daran, Jean Oullier, der Krieg iſt be⸗ endet, aber im Gefolge des Kriegs wird die Zeit der Denunciationen und der Racheübung kommen, wenn ſie nicht bereits da iſt.“ „Bah!“ erwiderte Jean,„man muß dem lieben Gott auch etwas zu thun laſſen.“ Die Wittwe war nicht weniger gläubig, als der alte Chouan; ſie gab ihm ein Stück Brot, ging dann hin, einen Arm voll Haidekraut abzuſchneiden, wovon ſie ihm ein Lager zurichtete, und nachdem ſie Sorge getragen hatte, die Zweige der Dorn⸗ und Brombeerſträuche um ihn her wieder aufzurich⸗ ten, nachdem ſie ſich verſichert hatte, daß er von den Vorübergehenden nicht geſehen werden könne, entfernte ſie ſich, ihm Geduld anempfehlend. Jean Oulier machte es ſich ſo bequem als mög⸗ lich auf dem Haidekraut, richtete zahlreiche Dank⸗ ſagungen an den Herrn, knaupelte ſein Stück Brot und verfiel hernach in jenen ſchweren Schlaf, der auf große Erſchöpfung folgt. So ruhte er mehrere Stunden, als der Laut einer Stimme in jener Art von Schlafſucht, welche der Erſtarrung folgte, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, ihn erweckte. Er glaubte den Namen ſeiner jungen Gebieterinnen ausſprechen zu hören, und mißtrauiſch in ſeiner Zärtlichkeit, wie Menſchen von gleichem Schrot und Korn wie er bei allen ihren Neigungen, vermuthete er, Bertha oder Mary müſſe von irgend einer Gefahr bedroht ſein, und fand in dieſem Gedanken einen Hebel, der in einem 237 Augenblick ſeine Erſtarrung lüftete. Er richtete ſich an den Ellbogen auf, ſchob ſachte die Brombeer⸗ büſche zurück, welche um ihn herum eine dicke Schutz⸗ wehr bildeten und warf ſeine Augen auf den Weg. Die Nacht war eingebrochen, aber nicht ſo finſter. daß er nicht den Schattenriß zweier Männer unter⸗ ſcheiden konnte, die auf einem umgeſtürzten Baum auf der andern Seite des Wegs ſaßen. „Warum folgten Sie ihr nicht weiter nach, da Sie dieſelbe erkannt hatten?“ ſagte der Eine von ihnen, welchen Jean Oullier nach ſeinem ſtark ausgeprägten deutſchen Accent für völlig fremd in der Gegend hielt. „Ach!“ antwortete der Andere,„ich glaubte ſie nicht ſo ſehr Wölfin, als ſie es iſt, und ſie hat mir wie einem dummen Jungen eine Naſe gedreht.“ „Sie können gewiß ſein, daß die, welche wir ſuchen, unter der Gruppe der Bäuerinnen war, von welcher ſich Mary von Souday losgemacht hat, um Ihnen in den Weg zu treten.“ „O, in dieſem Stück haben Sie recht, denn als ich jene Weiber fragte, was aus dem Mäd⸗ chen geworden ſei, das mit ihnen ging, ant⸗ worteten mir dieſelben, ſie und ihre Kamerädin ſeien zurückgeblieben.“ „Was thaten Sie dann?“ „Nun wahrhaftig, ich ſtellte meinen Klepper in die Schenke, verbarg mich am Ende von Pyrmile und wartete auf ſie.“ „Und dieß vergeblich?“ „Vergeblich mehr als zwei Stunden lang.“ „Sie haben ſich auf einen Querweg geworfen und Nantes über eine andere Brücke betreten.“ 238 „Das iſt ſicher.“ „Wie ärgerlich, denn wer weiß, ob Sie je dieſe günſtige Gelegenheit, die Ihnen von Ihrem guten Glück zugeſandt wurde, wieder finden.“ „O, wir werden ſie wieder finden, ich ſchwöre es Ihnen”.... „Wie ſo?“ „O! ich habe wie mein Nachbar, der Marquis von Souday, oder mein guter Freund Jean Oul⸗ lier, der Herr hab' ihn ſelig! ſagen würde, den Spürhund zu Hauſe, den ich zu dieſer Jagd brauche.“ „Einen Spürhund?“ „Ja, einen wahren Spürhund; er leidet ein wenig an einer ſeiner Vorderpfoten, aber ſobald dieſe Pfote geheilt iſt, werde ich ihm einen Strick an den Hals legen, und er wird uns auf die Fährte bringen, ohne daß wir weitere Mühe haben, als darauf Acht zu geben, daß er ihn nicht mit dem Zerren, um ſchneller ans Ziel zu gelangen, zer⸗ reißt.“ „Nun hören Sie auf zu ſcherzen; das ſind ernſthafte Dinge, womit wir uns beſchäftigen.“ „Scherzen! Wofür halten Sie mich? Scherzen im Angeſicht von fünfzigtauſend Francs, die Sie mir verſprochen haben, denn von fünfzigtauſend Franes haben ſie doch wohl geſprochen, nicht wahr?“ „Und Sie müſſen es gut wiſſen, denn Sie ha⸗ ben es mich mehr als zwanzigmal wiederholen laſſen.“ „Aber ich werde nicht müder, es zu hören, als die Thaler zu zählen, wenn ich Sie hätte.“ ſoll. Ohr mit nicht 1 1 1 7 nige verp ſitzt, dem und mir ſeine komn nicht, daß, man 239 „Ueberliefern Sie uns die Perſon, und Sie ſollen dieſelben haben.“ „O! ich höre die gelben Füchſe ſchon in meinen Ohren klingeln, dring! dring!“ „Nur ſagen Sie, was bedeutet die Geſchichte mit dem Spürhund, die Sie darunter miſchen?“ „O! ich werde es Ihnen ſagen, ich verlange nichts Beſſeres; aber....“ „Aber was?“ „Wurſt, wieder Wurſt.“ „Was verſtehen Sie unter Wurſt, wieder Wurſt?“ „Sehen Sie, ich habe es Ihnen ſchon vor ei⸗ nigen Tagen geſagt; ich will wohl die Regierung verpflichten, fürs Erſte, weil ſie meine Achtung be⸗ ſitzt, und hernach, weil ich bei dieſer Verpflichtung dem Adel und was zu ihm hält, Verdruß mache, und ich das Alles haſſe; aber am Ende würde es mir bei dieſer Verpflichtung nicht leid thun, von⸗ ſeiner baaren Münze etwas unter die Hand zu be⸗ kommen, da ich bisher ihm immer gegeben, aber nichts empfangen habe; überdieß, wer ſagt Ihnen, daß, wenn man einmal diejenige hat, fuͤr welche man uns goldene Berge verſpricht, man uns das geben wird, was man uns.... oder vielmehr, was man Ihnen verſprochen hat?“ „Sie ſind ein Narr.“ „Ich wäre ein Narr, wenn ich Ihnen nicht ſagte, was ich eben ſage; im Gegentheil, ich nehme meine Bürgſchaften gerner zwei⸗ als einmal, und gerner zehn als zwei, und wenn ich offen ſprechen ſoll, ſo ſehe ich in dieſer Affaire da für mich keine Sicherheit.“ 5 240 „Sie ſpielen auf gut Glück, wie ich; ich habe von einer hochſtehenden Perſon das Verſprechen erhalten, wenn ich die ihr gegenüber übernommene Verbindlichkeit hielte, ſolle mir die Summe von hunderttauſend Francs ausgezahlt werden. „Hunderttauſend Francs! hunderttauſend Francs! das iſt ſehr wenig dafür, daß Sie ſo weit herge⸗ kommen ſind; laß ſehen, geſtehen Sie zweihundert⸗ tauſend, und Sie geben mir nur den vierten Theil, in Betracht, daß ich nur an der Stelle operire und mir keine Beläſtigung auferlege. Peſt! zweihun⸗ derttauſend, Sie ſind nicht unglücklich; das iſt eine runde und wohlklingende Summe. Es ſei, ſetzen wir Zutrauen in die Regierung; aber haben Sie dieſelben Rechte, daß ich dieſes Zutrauen auch in Sie ſetze? Wer ſagt mir, daß Sie nicht mit dem Geld aufpacken, weil man es Ihnen auszahlen wird; und wenn das geſchieht, bei welchem Gerichts⸗ hof fordere ich es von Ihnen, oder kann Ihnen einen Proceß anhängen?“ „Mein werther Herr, wenn man ſich in der Politik aſſocirt, ſo iſt es Treu und Glauben, wo⸗ mit der Contrakt unterzeichnet wird.“ „Deßwegen werden alſo auch politiſche Contrakte ſo gut gehalten; nun frei heraus, mir wäre eine andere Unterſchrift lieber.“ „Welche denn?“ „Die Ihrige oder die des Miniſters, mit dem Sie zu thun haben.“ „Wohlan! man wird ſich bemühen, Sie zufrie⸗ den zu ſtellen.“ „Pſt!“ 241 habe„Was?“ echen„Haben Sie nicht etwas gehört?“ mene V„Ja; man kommt von unſerer Seite her; mir von ſcheint, ich höre das Holpern von Karrenrädern.“ „Die zwei Männer erhoben ſich zu gleicher ncs! Zeit, und bei dem Mondſchein, der jetzt auf ſie erge« fiel, erkannte Jean Oullier, der kein Wort von dem dert⸗ mas ſie geſprochen, verloren hatte, deren Geſicht. heil, Der Eine der beiden Männer war ihm voll⸗ Wund dommen frend, aber in dem Andern fand er Cour⸗ hun⸗ tin wieder, den er übrigens ſchon ſowohl an dem eine Ton ſeiner Stimme, als daran, daß er pon Michel etzen und den Wölſinnen redete, erkannt hatte. Sie„Ziehen wir uns zurück,“ fprach der Unbekannte. h in„Nein,“ antwortete Courtin,„ich habe Ihnen dem noch gar Vieles zu ſagen; verbergen wir uns in hlen dem Gebüſch da, laſſen wir den Ueberläſtigen vor⸗ chts⸗ beigehen und bringen unſere Angelegenheit zu hnen Ende.“ Und beide traten auf das Gebüſch zu. der Jean Oullier begriff, daß er verloren war; wo⸗ aber da er ſich nicht wie ein Haſe im Lager über⸗ fallen laſſen wollte, erhob er ſich auf die Kniee, rakte und zog aus dem Gürtel ſeinen abgeſpitzten Hirſch⸗ eine fänger, der indeſſen bei einem Kampfe Mann gegen Mann noch immer ſeinen Dienſt thun konnte. Er hatte keine andern Waffen und glaubte, die dem beiden Männer ſeien ohne Wehre. Aber Courtin, der geſehen, wie ein Mann ſich im Gebüſch aufrichtete und das Zerreißen der Brom⸗ beer⸗ und Dornzweige gehört hatte, machte drei Dumas, Wöͤlfinnen von Machecoul. IV. 16 frie⸗ 242 Schritte rückwärts, ohne jedoch den Schatten, der ihm erſchien, aus dem Geſicht zu verlieren, raffte ſeine Flinte auf, die am Fuß eines Baums verſteckt war, ſpannte den einen der beiden Hahnen, legte an und ſchoß. Ein erſtickter Schrei antwortete dem Knall. „Was haben Sie gethan?“ fragte der Unbe⸗ kannte, der Courtins Art vielleicht etwas kurz an⸗ gebunden fand. „Ei! ei!“ antwortete Courtin, ſelbſt blaß und zitternd,„ein Mann hat uns belauſcht.“ Der Fremde ging auf das Gebüſch zu und riß es aus einander. „Nehmen Sie ſich in Acht! Nehmen Sie ſich in Acht!“ ſagte Courtin,„iſt es ein Chouan und nicht völlig todt, ſo wird er antworten.“ Und indem er dieß ſagte, hielt Courtin, den andern Hahnen geſpannt und bereit Feuer zu ge⸗ ben, ſich in Diſtanz. „Es iſt wirklich ein Bauer,“ ſprach der Unbe⸗ kannte,„aber er ſcheint mir todt.“ Der Unbekannte faßte ſodann Jean Oullier am Arm und zog ihn aus dem Graben. Courtin wagte, als er den Mann unbeweglich wie eine Leiche ſah, näher zu treten. „Jean Oullier!“ rief er, den Vendéer erken⸗ nend,„Jean Oullier! meiner Treu, ich dachte nie daran, daß ich Jemand tödten würde; aber ins Teufels Namen! wenn es geſchehen ſollte, ſo iſt es beſſer, daß es dieſem paſſirte, als einem andern; das iſt einmal, glauben Sie mir, ein glücklicher Schuß 1* mich die E 4 dert T kraut Frau 243 „Aber indeſſen,“ erwiderte der Unbekannte, „kommt der Karren heran.“ „Ja, er ſteigt nicht mehr und man hat das Thier in Trab geſetzt. Allons! allons! es iſt keine Zeit zu verlieren; jetzt gilt es, ſeine Beine zu ge⸗ brauchen; iſt er wohl todt?“ „Er ſieht ganz ſo aus.“ „Wohlan! Auf den Weg!“ Der Unbekannte zog den Arm, womit er Jean Oulliers Rumpf geſtützt hatte, zurück, und der Kopf ſchlug mit dumpfem, mattem Geräuſch auf den Bo⸗ den nieder. „Ah! meiner Treu, ja er iſt es,“ ſagte Courtin. Dann fuhr er, näher zu treten nicht wagend, indem er mit dem Finger nach dem Leichnam deu⸗ tete, fort: „Hören Sie, das ſichert unſere Prämie uns beſſer, als alle Unterſchriften, dieſer Leichnam da iſt zweihunderttauſend Francs werth.“ „Wie ſo?“ „Er war der einzige Mann, der mir den Spür⸗ hund, wovon ich Ihnen geſagt habe, aus den Hän⸗ den reißen konnte; ich glaubte, er ſei todt: ich habe mich getäuſcht; jetzt, da ich weiß, daß er es iſt, auf die Jagd!“ „Ja, denn da iſt der Karren.“ Wirklich war der Karren nicht weiter als hun⸗ dert Schritte von dem Gebüſch entfernt. Die beiden Männer warfen ſich in das Haide⸗ kraut und verſchwanden in der Dunkelheit, während Frau Picaut, die Jean Oullier ihrem gegehenen 16 244 ₰ Verſprechen gemäß holen wollte, erſchreckt von dem Flintenſchuſſe, den ſie gehört hatte, eiligſt auf dem Schauplatze der eben von uns erzählten Scene ankam. LXX. Wo die Frau Baronin de La Logerie in der Meinung, es mit den Angelegenheiten ihres Sohnes zu thun zu haben, die von Petit⸗Pierre beſorgt. Einige Wochen hatten hingereicht, um in der Exiſtenz der Perſonen, welche ſeit dem Beginn die⸗ ſer Erzählung der Reihe nach unter den Augen des Leſers vorübergegangen ſind, eine vollſtändige Stö⸗ rung hervorzubringen. Der Belagerungszuſtand war in den vier De⸗ partements der Vendée verkündigt; der daſelbſt commandirende General ließ eine Proklamation er⸗ gehen, worin er die Landbewohner zur Unterwer⸗ fung aufforderte und zugleich ſie mit Milde aufzu⸗ nehmen verſprach. Der Verſuch der Inſurrektion hatte ſo elend fehlgeſchlagen, daß die meiſten Ven⸗ déer ohne Hoffnung für die Zukunft blieben; ei⸗ nige von ihnen, die compromittirt waren, entſchloſ⸗ ſen ſich dem Rath zu folgen, welchen ihnen ihre Häuptlinge ſelbſt bei deren Verabſchiedung gegeben hatten, und ihre Waffen auszuliefern. Aber die bürgerliche Behörde nahm dieſe Ausgleichung nicht an; ſie faßte dieſelben noch einmal und ließ ſie verhaften. Eine gute Zahl der Vertrauensvollſten wurde in den Kerker geworfen und dieſe unpoliti⸗ ſche derer 3 eine Tru ſo g von ſich halte ( ande und quis Seit Petit Edel wodr bis Gene nicht der wurd Chon Sym er m Hauf gäng bildu nur heißt das behrn es mit die n der 1 die⸗ n des Stö⸗ De⸗ ſelbſt n er⸗ rwer⸗ ufzu⸗ kktion Ven⸗ ; ei⸗ chloſ⸗ ihre geben r die nicht ß ſie llſten oliti⸗ 245 ſche Strenge lähmte die friedlichen Anordnungen derer, welche klüger hatten zuwarten wollen. Meiſter Jacques verdankte dieſen Maßregeln eine beträchtliche Vermehrung des Perſonals ſeiner Truppe. Er beutete das Verfahren ſeiner Gegner ſo geſchickt aus, daß es ihm gelang, eine Anzahl von Leuten um ſich zu ſammeln, beträchtlich genug, ſich in den Wäldern ſelbſt in dem Augenblick zu halten, wo die Vendée die Waffen niederlegte. Gaspard, Jean Renaud, Bras D'Acier und die andern Häuptlinge hatten das Meer zwiſchen ſich und die Strenge der Regierung gelegt; der Mar⸗ quis allein hatte ſich dazu nicht entſchließen können. Seit er Petit⸗Pierre verlaſſen, oder vielmehr ſeit Petit⸗Pierre ihn verlaſſen, hatte der unglückliche Edelmann die heitere Laune vollkommen verloren, wodurch er mit einem wahrhaften Point d'Honneur bis zum letzten Augenblick die Traurigkeit ſeiner Genoſſen bekämpft hatte. Aber ſobald die Pflicht nicht mehr zum Geſetz machte, heiter zu ſein, verfiel der Marquis in das entgegengeſetzte Extrem und wurde zum Sterben traurig. Die Niederlage von Chone traf ihn nicht allein in ſeinen politiſchen Sympathien, ſondern warf alle die Luftſchlöſſer, die er mit ſo viel Glück erbaut hatte, gänzlich uͤber den Haufen; er fand in dieſer Exiſtenz eines Partei⸗ gängers, deren maleriſche Erinnerungen ſeine Ein⸗ bildungskraft anfänglich allein hervorgerufen hatte, nur noch Dinge, woran er nicht gedacht hatte, das heißt, die Mühſeligkeiten, welche darauf laſteten, das dunkle Elend, die filzigen und trivialen Ent⸗ behrungen, welche das Leben der Gegenwart bilden. 246 Es war ſo weit gekommen, daß er, welcher in den letzten Zeiten den Aufenthalt auf ſeinem klei⸗ nen Schloſſe Souday geſchmacklos gefunden hatte, — es war ſo weit gekommen, ſagen wir, daß er die ſchönen Abende herbeiwünſchte, welche die Zu⸗ vorkommenheit und das Geplauder von Bertha und Mary ihm ſo ſüß gemacht hatten; vornehmlich fehlte ihm die Unterhaltung Jean Oulliers, und er war ſo unglücklich, ihn nicht bei ſich zu haben, daß er mit einer Bekümmerniß, die gar nicht zu ſeiner ſon⸗ ſtigen Gewohnheit gehörte, Erkundigung über ſein Schickſal einzog. In dieſer Stimmung des Geiſtes traf er auf Meiſter Jacques, der in der Umgegend von Grand⸗ lieu herumſchweifte, um den Marſch einer mobilen Colonne auszukundſchaften. Der Marquis von Souday hatte nie eine ſehr leb⸗ hafte Sympathie gegen den Gebieter der Kaninchen empfunden, deſſen erſte Handlung der Disciplin ge⸗ weſen war, ſich ſeiner Autorität zu entziehen; der unabhängige Geiſt, wovon er eine Probe gegeben hatte, war ihm immer als ein verhängnißvolles Beiſpiel für die Vendéer vorgekommen. Jener ſeinerſeits haßte den Marquis, wie er alle haßte, welche Geburt oder geſellſchaftliche Stellung von Natur über ihn ſtellte. Indeſſen rührte ihn das Elend, worin er den alten Edelmann in der Hütte erblickte, in welcher am Morgen der Abreiſe von Petit⸗Pierre nach Nantes der Marquis ein Aſyl geſucht hatte, und er erbot ſich, ihn im Walde von Touvois zu verſtecken, wo der alte Vendéer außer dem Ueberfluß, der in ſeinem kleinen Lager herrſchte, her in klei⸗ hatte, aß er Zu⸗ und fehlte war ß er ſon⸗ ſein auf and⸗ bilen leb⸗ ichen ge⸗ der eben olles ener aßte, von das ütte von Aſyl von ißer hte, und den er mit ihm zu theilen vorſchlug, ſich damit zerſtreuen konnte, einige Püffe mit den Soldaten des Königs Louis Philipp auszutauſchen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Marquis den König Louis Philipp kurzweg Philipp nannte. Es war die letztere, von uns angegebene Rück⸗ ſicht, welche den Marquis beſtimmte, die Anerbie⸗ tungen von Meiſter Jacques anzunehmen! Er brannte vor Verlangen, den Untergang ſeiner Hoff⸗ nungen zu rächen, irgend Jemand die Täuſchungen, die er erfuhr, die Langeweile, welche ihm die Tren⸗ nung von ſeinen Töchtern verurſachte, den Kummer, den er über Jean Oulliers Verſchwinden empfand, bezahlen zu laſſen. Er folgte alſo dem Herrn der Kaninchen, der aus dem Subordinirten oder viel⸗ mehr Inſubordinirten zum Beſchützer wurde, und dieſer bezeugte, gerührt von der Einfalt und Gut⸗ müthigkeit des Marquis, dieſem viel mehr Achtung, als ſeine rauhe Schaale und ſein vorangehendes Benehmen erwarten ließen. Was Bertha betraf, ſo erkannte ſie am zweiten Tage, nachdem bei Courtin ein Zufluchtsort gefun⸗ den worden, und ſobald ſie einige Kräfte geſammelt hatte, daß ihre Gegenwart unter demſelben Dach mit dem Geliebten, fern von ihrem Vater, ohne Jean Oullier, welcher der Strenge nach ihn hätte erſetzen können, zum Mindeſten unſchicklich war, trotz Michels Verwundung auf eine für ihren Ruf kränkende Weiſe ausgelegt werden konnte. Sie verließ alſo die Meierei und logirte ſich mit Roſine in Tinguy'’s Hauſe ein. Sie war hier kaum eine halbe Viertelmeile von der Wohnung entfernt, wo — 248 ſie Michel ließ, und begab ſich alle Tage an ſeine Seite, ihm die Sorgfalt einer Schweſter, begleitet von den zarten Gefühlen einer Liebenden, zu er⸗ weiſen. Die Zärtlichkeit, die Ergebenheit, die Selbſtver⸗ leugnung, wovon Bertha ihm ſo viele Beweiſe gab, rührten Michel; aber da ſie in ſeinen Empfindungen für Mary nichts änderten, ſo dienten ſie nur dazu, ſeine Lage immer ſchwieriger zu machen. Er wagte nicht daran zu denken, die Verzweiflung in das Herz des Mädchens zu tragen, welcher er das Le⸗ ben verdankte; doch trat allmälig eine ſanfte Reſig⸗ nation an die Stelle der heftigen und bittern Ge⸗ fühle, welche in den erſten Tagen ihn bewegt hatten, und er antwortete, ohne ſich an die Vorſtellung des von Mary ihm zur Pflicht gemachten Opfers zu ge⸗ wöhnen, mit einem Lächeln, das er ſich zärtlich zu machen bemühte, auf die Zuvorkommenheiten, womit Bertha ſo verſchwenderiſch gegen ihn war; und wenn dieſe ihn verließ, legte der ſchmerzliche Seuf⸗ zer, der ſeiner Bruſt entſchlüpfte und den Bertha für ſich nahm, allein Zeugniß für ſeine Reue ab. Aber ohne Courtin, welcher die zu dem Kämmer⸗ chen, wo Michel verborgen war, führende Treppe heraufſtieg, ſobald er Bertha hinter den letzten Bäu⸗ men des Gartens hatte verſchwinden ſehen, und nun kam, ſeinerſeits ſich an deſſen Bett zu ſetzen und mit ihm von Mary zu reden, würde Michels zärtliche und eindrucksfähige Seele am Ende doch ſich in die Nothwendigkeit ſeiner Lage ergeben und die Fügung des Verhängniſſes angenommen haben. Doch der Maire von la Logerie unterhielt ſeinen 249 jungen Herrn ſo oft von Mary, bezeugte einen ſo lebhaften Wunſch, ihn nach ſeinem Herzen glücklich zu ſehen, daß dieſer in dem Maaße, als ſeine Wunde am Arm vernarbte und zu derſelben Zeit, da ſeine Geſundheit zurückkehrte, die Wunde ſeines Herzens ſich wieder öffnen und ſeine Dankbarkeit gegen Bertha vor der Erinnerung an deren Schwe⸗ ſter verſchwinden ſah. Courtin verrichtete eine Arbeit anaglog jener von Penelope: er zerſtörte bei Nacht, was Bertha 8 ſo viel Mühe bei Tag zu Stande gebracht atte. Der Maire von la Logerie hatte bei dem Zu⸗ ſtand von Schwäche, worin Michel ſich befand, als er in ſein Haus gebracht wurde, keine Mühe ge⸗ habt, Verzeihung für ſein Benehmen gegenüber von dem jungen Baron zu erhalten, indem er dieſes Benehmen auf ſeine lebhafte Anhänglichkeit an ihn und die Unruhe, worin ſeine Flucht ihn geſtürzt hatte, ſchob; und da er, wie wir ihn bereits erzäh⸗ len hörten, mit Leichtigkeit hinter Michels Geheim⸗ niß gekommen war, gelang es ihm am Ende mit Hülfe der Verſicherungen von Ergebenheit und da⸗ durch, daß er deſſen Neigung zu Mary geſchickt ſchmeichelte, deſſen vollſtändiges Vertrauen wieder zu gewinnen. Michel litt eben ſo ſehr an der Un⸗ möglichkeit, die Leiden ſeines Herzens auszulaſſen, als von dieſen Leiden ſelbſt. Courtin ſah aus, als ob er ſo lebhaft dafür empfinde, er gab ſich deſſen Träumereien mit ſolcher Gewandtheit hin, er zeigte ſich als einen ſo tiefen Bewunderer von Mary, daß er allmälig Michel dahin brachte, ihn das, 250 was zwiſchen den beiden Schweſtern und ihm vor⸗ gefallen war, errathen zu laſſen, wenn nicht zum Mitwiſſenden zu machen. Courtin hütete ſich wohl, gegenüber von Bertha eine feindliche Stellung einzunehmen. Er manöv⸗ rirte ſo geſchickt, daß ſie ihn für den Plan ihrer Vereinigung mit ſeinem jungen Herrn ganz gewon⸗ nen glaubte. In Michels Abweſenheit redete er mit ihr nie anders, als wie mit ſeiner künftigen Gebieterin. Kurz es gelang ihm ſo gut, daß dieſe, welche überdieß ſeine Antecedenzien nicht vollſtändig kannte, Michel unaufhörlich von der Ergebenheit ſeines Pächters ſprach und ihn nicht mehr anders als mit den drei Worten:„unſer guter Courtin“ bezeichnete. Aber auf der andern Seite ging er, ſobald er mit Michel allein war, wie bereits erwähnt wor⸗ den, in die geheimſten Empfindungen deſſelben ein. Er beklagte ihn, und Michel ließ unter dem Ein⸗ fluß des ihm von dem Pächter bezeigten Mitleids ſich ganz natürlich gehen und erzählte ihm alle die Vorfälle ſeiner Verbindung mit Mary. Courtin zog daraus beharrlich denſelben Schluß:„ſie liebt Sie.“ Er gab ihm deutlich zu verſtehen, daß es an ihm, Michel, wäre, Mary's Herzen ſanfte Ge⸗ walt anzuthun, wofür dieſe ihm dankbar zu ſein nicht ermangeln würde. Er ging noch über ſeine Wünſche hinaus; er ſchwor ihm, ſobald er geneſen wäre, werde er jetzt, da die Communikation wieder frei geworden, ſich gänzlich der Verwirklichung ſei⸗ nes Glücks widmen, und verſprach ihm, die Sache ſo einzuleiten, daß er, ohne es an der Bertha 251 ſchuldigen Dankbarkeit fehlen zu laſſen, dieſe dahin zu bringen vermöchte, von ſelbſt der projektirten Verbindung zu entſagen. Die Geneſung des jungen Mannes ging keines⸗ wegs ſo ſchnell, wie Courtin es wünſchte, der mit tiefer Unruhe die Zeit verfließen ſah, ohne daß es ihm möglich geweſen wäre, etwas über Petit⸗Pierre's gegenwärtigen Zufluchtsort zu entdecken, und mit Ungeduld den Augenblick erwartete, wo er ſeinen jungen Herr auf Mary's Spur loslaſſen konnte. Man hat, hoffen wir, bereits erkannt, daß Mi⸗ chel der Spürhund war, auf deſſen Benützung er rechnete. Bertha hatte, von nun an der Beſorgniſſe ent⸗ hoben, welche ihr Michels Wunde anfänglich ver⸗ urſachte, in Begleitung von Roſine mehrere Aus⸗ flüge in den Wald von Touvois gemacht, nachdem ihr der Marquis zu wiſſen gethan, daß er ſich da⸗ hin zurückgezogen hatte. Zwei⸗ oder dreimal hatte Courtin bei ihrer Rückkehr das Geſpräch auf die Perſonen gebracht, für welche ſich die beiden Mäd⸗ chen lebhafter intereſſiren mußten; aber Bertha war undurchdringlich geblieben, und der Maire von la Logerie hatte zu gut begriffen, bis zu welchem Punkt dieſes Terrain im Feuer ſtände und wie leicht eine Unklugheit von ſeiner Seite den einge⸗ ſchläferten Argwohn wieder wecken könnte, als daß er zu lang bei dieſer Frage verweilte. Nur als es mit Michel immer beſſer ging, drang er, ſobald er allein blieb, in denſelben, einen Entſchluß zu faſſen, und ließ ihn ahnen, daß, wenn er ihn mit einem Brief an Mary betrauen wollte, er das 25² Seinige thun würde, fürs Erſte ſie zu einer Ant⸗ wort an ihn zu bringen, und hernach zur Zurück⸗ nahme ihres früheren Entſchluſſes zu bewegen. Dieß dauerte ſo ſechs Wochen lang. Nach Verlauf dieſer ſechs Wochen ging es mit Michel entſchieden beſſer; ſeine Wunde war ver⸗ narbt und ſeine Kraft allmälig zurückgekehrt. Die Nähe des Poſtens, den der General nach la Logerie verlegt hatte, hielt ihn von dem Wagniß ab, ſich bei Tag zu zeigen. Aber nach Einbruch der Nacht ging er unter den Bäumen des Obstgartens, auf Bertha's Arm geſtützt, ſpazieren. Kam dann die Stunde der Rückkehr nach Hauſe für beide, ſo ſtieg Michel wieder in ſeinen Tauben⸗ ſchlag hinauf, und Roſine und Bertha, welche die Wachen zu jeder Stunde des Tags hin und her gehen zu ſehen ſich gewohnt hatten, gingen heim nach Tinguy's Hauſe, von wo Bertha am nächſten Morgen nach dem Frühſtück ſich entfernte, um Mi⸗ chel wieder aufzuſuchen. Dieſe Abendpromenaden waren Courtin zuwi⸗ der, der, wenn das Geſpräch, das ſich zwiſchen Michel und Bertha entſpann, im Hauſe oder in ihrem Zimmer ſtattfand, immer auf dem Gang ei⸗ nige von den Aufklärungen, auf welche er paßte, aufzuſchnappen hoffte. So that er Alles, um den⸗ ſelben ein Hinderniß in den Weg zu legen, und in der Abſicht, ſie zu deren Unterlaſſung zu bringen, ging er darauf aus, Bertha und Michel alle Abend von der Liſte der Verurtheilungen in Kenntniß zu ſetzen, welche die öffentlichen Blätter, die er als Maire bekam, enthielten. in —y—9 ⏑— — ZXPRK E&☛ Eines Tages kündigte er ihnen an, ſie müßten durchaus ihren nächtlichen Ausflügen entſagen, und als ſie ihn nach dem Grund davon fragten, theilte er ihnen den Contumazſpruch mit, wodurch Michel de La Logerie zur Todesſtrafe verdammt wurde. Dieſes Verdammungsurtheil brachte nur eine ſehr geringe Wirkung auf Michel hervor; aber Bertha erſchrack darüber. Einen Augenblick war ſie verſucht, ſich dem jungen Mann zu Füßen zu werfen und ihn um Verzeihung zu bitten, daß ſie ihn in dieſes unheilvolle und unbeſonnene Unter⸗ nehmen hineingezogen hatte, und als ſie am Abend die Meierei verließ, befand ſie ſich in einer tiefen Aufregung. Am andern Tag war ſie zu ſehr früher Stunde wieder bei Michel. Sie hatte die ganze Nacht geträumt, und um ſo ſchrecklicher, als ſie dieß ſchon in ganz wachem Zuſtand gethan. Sie ſah Michel entdeckt, verhaftet, erſchoſſen. Zwei Stunden vor der gewöhnlichen Zeit war ſie in der Meierei. Nichts Neues war vorgekommen, nichts ſchien heute mehr zu befürchten, als an den andern Tagen. Der Tag verging wie gewöhnlich voll ſtiller, mit Angſt gemiſchter Reize für Bertha. Voll Melancholie und Sehnſucht nach Außen für Michel. Der Abend kam; ein ſchöner Sommerabend. Bertha lehnte ſich gegen das kleine, auf den Obstgarten gehende Fenſter; ſie ſah der Sonne zu, wie ſie über den großen Bäumen des Forſtes von nur die Arme entgegenſtrecken, mit dem Rufe: 254 Machecoul, deren Gipfel gleich einem grünen Meere wogten, verſchwand. Michel ſaß auf ſeinem Bett und athmete den ſüßen Duft des Abends ein, als beide das Geräuſch eines Wagens hörten, der von der Anfahrt herkam. Der junge Mann ſtürzte auf das Fenſter zu. Beide erblickten jetzt eine in den Hof der Meie⸗ rei einbiegende Kaleſche. Courtin eilte auf dieſe Kaleſche zu mit dem Hut in der Hand; ein Kopf ſtreckte ſich durch die Thüre des Kutſchenſchlags heraus. Es war der der Baronin Michel. Der junge Mann fühlte beim Anblick ſeiner Mutter ſich einen Schauder durch die Adern gehen. Es war offenbar, daß ſie ihn holen wollte. Bertha befragte ihn mit den Augen, was ſie thun ſollte. Michel zeigte ihr einen finſtern Winkel, eine Art Cabinet ohne Thüre, wo ſie ſich verbergen und, ohne geſehen zu werden, Alles hören konnte. Er konnte aus dieſer unbekannten Gegenwart Kraft ſchöpfen. Michel täuſchte ſich nicht. Fünf Minuten darauf hörte er die Plankentreppe unter dem Schritt der Baronin krachen. Bertha eilte in ihren Verſteck. Michel ſetzte ſich an das Fenſter, wie wenn er nichts gehört hätte. Die Thür öffnete ſich und die Baronin trat ein. Vielleicht war ſie in der Abſicht gekommen, hart und ſtreng wie gewöhnlich zu ſein: aber als ſie Michel in dem erbleichenden Tageslichte, ſelbſt bleich gleich der Abenddämmerung, erblickte, vergaß ſie alle Entſchlüſſe der Strenge und konnte ihm 25⁵ „O unglückliches Kind, da biſt Du endlich!“ Michel, der eine ſolche Aufnahme nicht erwar⸗ tete, wurde davon gerührt und warf ſich ſeinerſeits in ihre Arme, indem er rief: „Meine Mutter! meine gute Mutter!“ Auch ſie war ſehr verändert; man ſah auf ih⸗ rem Geſicht die doppelte Spur unaufhörlicher Thrä⸗ nen und ſchlafloſer Nächte. Sie ſetzte ſich oder ſank vielmehr auf einen Seſſel, zog Michel auf den Knieen zu ſich heran, faßte ſeinen Kopf und drückte ihn an ihre Lippen. Endlich ſchienen ihr die Worte, die aus ihrer gepreßten Bruſt ſich nicht losmachen konnten, wie⸗ derzukehren. „Wie!“ fragte ſie ihn,„hier treffe ich Dich alſo, hundert Schritte von dem Schloſſe voll Soldaten.“ „Je näher ich ihnen bin, Mutter,“ antwortete Michel,„deſto weniger wird man mich ſuchen, wo ich bin.“ „Aber Du weißt nicht, was zu Nantes vorge⸗ fallen.“ „Was iſt zu Nantes vorgefallen?“ „Die Militär⸗Commiſſionen fällen Urtheil über Urtheil.“ „Das betrifft nur die, welche ergriffen ſind,“ erwiderte Michel lachend. „Das betrifft Jedermann,“ antwortete ſeine Mutter,„denn die, welche noch nicht ergriffen ſind, können es jeden Augenblick werden.“ „Gut! aber nicht, wenn ſie bei einem würdigen Maire verborgen ſind, der durch ſeine philippiſti⸗ ſchen Geſinnungen bekannt iſt.“ ————— 256 „Du biſt nichts deſto weniger....“ Die Baronin hielt ein, wie wenn ihr Mund ſich weigerte, die nächſten Worte auszuſprechen. „Vollende, Mutter.“ „Du biſt nichts deſto weniger verurtheilt....“ „Verurtheilt zum Tode, ich weiß es.“ „Wie, Du weißt es, unglückliches Kind! und biſt ſo ruhig?“ „Ich ſage Dir, Mutter, ſo lange ich bei Cour⸗ tin bin, glaube ich nichts zu fürchten zu haben.“ „Er iſt Dir alſo gut, der Mann 2 „Er iſt ganz einfach eine zweite Vorſehung. Er hat mich verwundet und ſterbend vor Hunger aufgenommen. Er hat mich in ſein Haus gebracht und nährt und verbirgt mich ſeit dieſer Zeit.“ „Ich geſtehe, ich hatte Vorurtheile gegen dieſen Mann.“ „Nun, Mutter, Du hatteſt Unrecht.“ „Es ſei; ſprechen wir von unſern Angelegen⸗ heiten, liebes Kind. So gut Du hier verborgen biſt, kannſt Du doch nicht hier bleiben.“ „Warum das?“ „Weil es nur einer Unklugheit, einer Indiscre⸗ tion bedarf, Dich zu verderben.“ Michel machte eine Geberde des Zweifels. „Du willſt mich nicht vor Schrecken ſterben laſſen, nicht wahr?“ ſagte die Mutter. „Nein, und ich höre Dich.“ „Wohlan! Ich werde vor Schrecken ſterben, ſo lang ich Dich in Frankreich weiß.“ „Haſt Du, Mutter, an die Schwierigkeiten, es zu verlaſſen, gedacht?“ d ſich und lour⸗ 1.“ ung. nger racht leſen gen⸗ rgen cre⸗ ben ſo es — 257 „Ja, und dieſe Schwierigkeiten habe ich über⸗ wunden.“ „Wie ſo?“ „Ich habe ein holländiſches Fahrzeug gemiethet, das von jetzt an Dich auf dem Fluß gegenüber von Couöron erwartet. Begib Dich an Bord und reiſe ab. Mein Gott! wenn Du nur ſtark genug biſt, die Reiſe zu ertragen.“ Michel gab keine Antwort. „Du wirſt nach England gehen, nicht wahr? Du wirſt dieſes verwünſchte Land verlaſſen, welches bereits das Blut Deines Vaters getrunken hat. So lang ich Dich in Frankreich weiß, ſiehſt Du, bin ich keinen Augenblick ruhig. Es iſt mir, als ſehe ich jede Minute die Hand des Henkers ſich nach Dir ausſtrecken und Dich aus meinen Armen reißen.“ Michel beharrte in ſeinem Stillſchweigen. „Da iſt,“ fuhr die Baronin fort,„ein Brief, der Dir zur Einführung bei dem Kapitän dienen wird. Hier ſind fünfzigtauſend Francs in Wech⸗ ſeln an Deine Ordre auf England oder Amerika. Ueberdieß, wo Du biſt, ſchreibe mir, und ich werde Dir Alles zukommen laſſen, was Du verlangſt, oder vielmehr, mein Kind, mein liebes Kind, wo Du biſt, werde ich mich Dir anſchließen. Aber was haſt Du und warum keine Antwort?“ Wirklich nahm Michel dieſe Mittheilung mit ei⸗ ner Unempfindlichkeit auf, welche beinahe an Be⸗ täubung grenzte. Abreiſen hieß ſich von Mary entfernen, und bei dem Gedanken an dieſe Tren⸗ Dumas, Wöͤlfinnen von Macheroul. IV. 17 258 nung gab es einen Augenblick, wo ſein Herz ſich ſo heftig zuſammenpreßte, daß es ihm ſchien, er ziehe derſelben das Todesurtheil, das ihn traf, vor. Seit Courtin ſeine Leidenſchaft wieder belebt, ſeit er, Dank demſelben, neue Hoffnungen geſchöpft hatte, träumte er, ohne dem Maire von la Logerie etwas davon mitzutheilen. Er ertrug nicht einmal die Vorſtellung, auf dieß Alles zu verzichten, und anſtatt ſeiner Mutter nach Maßgabe deſſen, was ſie ſprach, zu antworten, be⸗ feſtigte er ſich in dem Vorſatz, Mary's Gatte zu werden. Daher das Stillſchweigen, welches mit ſo vol⸗ lem Recht die Baronin beunruhigte. „Mutter,“ ſagte er,„ich antworte Dir nicht, weil ich Dir nicht nach Deinem Wunſche antworten kann.“ „Wie nach meinem Wunſche?“ „Höre mich, Mutter,“ ſprach Michel mit einer Feſtigkeit, deren ſie ihn und deren er ſich vielleicht ſelbſt in einem andern Augenblick für unfähig ge⸗ halten hätte. 1„du weigerſt Dich doch nicht, abzureiſen, hoffe i h 22 „Ich weigere mich nicht, abzureiſen,“ antwortete ichel,„aber ich knüpfe Bedingungen an meine Abreiſe.“ „Du knüpfſt Bedingungen an Dein Leben, an Deine Rettung! Du knüpfſt Bedingungen daran, die Seelenangſt Deiner Mutter zu enden?“ „Mutter,“ ſagte Michel,„ſeitdem wir uns nicht geſehen, habe ich viel gelitten und folglich auch viel „A 259 gelernt. Ich habe hauptſächlich gelernt, daß es gewiſſe Augenblicke gibt, welche über das Glück oder die Verzweiflung eines ganzen Lebens entſchei⸗ den, und ich befinde mich in einem dieſer Augen⸗ blicke, Mutter.“ „Und Du willſt über meine Verzweiflung ent⸗ ſcheiden!“ „Nein, ich will mit Dir als Mann reden, das iſt Alles. Verwundere Dich darüber nicht. Als Kind mitten unter die Ereigniſſe geworfen, trete ich als Mann daraus hervor. Ich kenne die Pflich⸗ ten, welche ich gegen meine Mutter zu erfüllen habe; dieſe Pflichten ſind die Achtung, Zärtlichkeit, Dankbarkeit, und dieſe Pflichten, ich werde nie da⸗ von abweichen. Aber auf dem Uebergang vom Jüngling zum Mann gibt es unbekannte Horizonte, welche ſich darſtellen und erweitern, in dem Maaße, als man ſich höher erhebt. Am Eintritt in dieſe Horizonte warten die Pflichten, welche denen der Jugend nachfolgen, und knüpfen ihn nicht ausſchließ⸗ lich mehr an die Familie, ſondern an die Geſellſchaft. Auf dieſem Punkt des Lebens angekommen, ſtreckt er, wenn er noch die Wange ſeiner Mutter bietet, bereits die Hand nach einer andern Frau aus, welche die Mutter ſeiner Kinder ſein wird.“ „Ah!“ machte die Baronin, von ihrem Sohne durch eine Bewegung, ſtärker als ſie ſelbſt, zurück⸗ weichend. „Wohlan! Mutter,“ ſprach der junge Mann, indem er aufſtand,„dieſe Hand, ich habe ſie aus⸗ geſtreckt; eine andere Hand hat der meinigen ge⸗ antwortet; dieſe beiden Hände ſind unauflöslich 17* 260 bereiit; wenn ich abreiſe, werde ich nicht allein ab⸗ reiſen.“ 3 „Du wirſt mit Deiner Maitreſſe abreiſen?“ „Ich werde mit meiner Frau abreiſen, Mutter.“ „Und Du glaubſt, daß ich meine Einwilligung zu dieſer Heirath geben werde?“ „Es ſteht Dir frei, Deine Einwilligung nicht zu geben, Mutter; aber mir ſteht es auch frei, nicht abzureiſen.“ „O der Unglückliche! der Unglückliche!“ rief die Baronin,„das iſt alſo der Dank für zwanzig Jahre Sorge, Zärtlichkeit, Liebe!“ „Dieſen Lohn, Mutter,“ ſprach Michel mit einer Feſtigkeit, welche von dem Bewußtſein Zuwachs er⸗ hielt, daß nicht eines ſeiner Worte für das Ohr, welches ſie hörte, verloren war,„Du haſt ihn in der Achtung, die ich Dir erweiſe, und in der Erge⸗ benheit, von der ich Dir bei jeder Gelegenheit Pro⸗ ben ablegen werde. Aber die wahre mütterliche Liebe leiht nicht auf Zinſen aus; ſie ſpricht nicht: iich werde zwanzig Jahre Deine Mutter ſein, um hernach Dein Tyrann zu werden;“ ſie ſpricht nicht: zich werde Dir Leben, Kraft, Jugend, Einſicht ge⸗ ben, damit Du dafür blindlings meinem Willen ge⸗ horchſt.“ Nein, Mutter, die wahre Liebe ſagt: ‚So lang Du ſchwach warſt, habe ich Dich gehalten; ſo lang Du unwiſſend warſt, habe ich Dich unterrich⸗ tet; ſo lang Du blind warſt, habe ich Dich gelei⸗ tet. Heute ſiehſt Du, weißt Du, biſt Du ſtark, richteſt Dein Leben nicht nach Deiner Laune, ſon⸗ dern nach Deinem Willen ein; wählſt den einen von den tauſend Pfaden, welche ſich Dir eröffnen, ab⸗ 4 ter.“ nung t zu nicht die ahre iner er⸗ öhr, in und wohin er Dich auch führt, hält Dich diejenige lieb und werth und in Chren, welche Dich aus ei⸗ nem Schwachen ſtark, aus einem Unwiſſenden kennt⸗ nißreich, aus einem Blinden ſehend gemacht hat.“ Swerſtehe ich die Gewalt, welche die Mutter über ihren Sohn hat, ſo verſtehe ich die Achtung, welche der Söhn für eine Mutter hat.“ Die Baronin blieb wie betäubt; ſie hätte eher den Einſturz der Welt, als dieſe feſte, auf Gründe geſtützte Sprache erwartet. Sie ſchaute ihren Sohn mit größtem Erſtau⸗ nen an. Stolz und ſelbſtzufrieden gab ihr Michel den Blick zurück, ruhig und ein Lächeln auf ſeinen Lippen. „Alſo,“ ſagte ſie endlich,„vermag Nichts von Deiner Thorheit Dich abzubringen?“ „Das heißt, Mutter, nichts vermag mich meinem Worte untreu zu machen.“ „O!“ rief ſie, die Hände vor die Augen legend, „was für eine unglückliche Mutter bin ich!“ Michel warf ſich wieder vor ihr auf die Kniee. „Und ich ſage: was für eine glückliche Mutter wirſt Du an dem Tage ſein, wo Du das Glück Deines Sohnes machſt.“ „Aber was haben ſie denn ſo Verführeriſches, dieſe Wölfinnen?“ rief die Baronin. „Mit welchem Namen Du auch die benennen magſt, welche ich liebe,“ ſagte Michel,„will ich Dir doch antworten: Die, welche ich liebe, hat alle Ci⸗ genſchaften, welche ein Mann an ſeiner Frau ſuchen muß; es ſteht uns nicht an, Mutter, die wir ſo viel von Verleumdung gelitten haben, ſo leicht, wie 262 Du es thuſt, die Verläumdungen, womit Andere verfolgt werden, aufzunehmen.“ „Nein, nein, nein,“ ſprach die Baronin,„nie werde ich in dieſe Heirath willigen.“ „In dieſem Fall, Mutter,“ antwortete Michel, „nimm dieſe Tratten zurück, nimm dieſen Brief an den Kapitän des jungen Carls zurück, ſofern ſie mir jetzt gänzlich unnütz ſind.“. „Aber was haſt Du denn im Sinn, Unglück⸗ licher?“ „O! das iſt ſehr einfach, Mutter! ich will eher ſterben, als von der, welche ich liebe, getrennt leben; ich bin geheilt, ich fühle mich ſtark genug, wieder die Muſkete zu ergreifen; die von dem Marquis von Souday befehligten Ueberreſte der Inſurrection ſind im Walde von Touvois; ich ſchließe mich ihnen an, ich kämpfe unter ihnen und laſſe mich bei erſter Gelegenheit tödten. Zweimal hat mich der Tod verfehlt,“ ſetzte er mit blei hem Lächeln hinzu,„das dritte Mal wird er ein ſichereres Auge und eine feſtere Hand haben.“ Und der junge Mann ließ den Brief und die Tratten auf den Schoos ſeiner Mutter fallen. Es lag in der Stimme und den Geberden des Barons eine ſolche Entſchloſſenheit und eine ſo große Feſtigkeit, daß ſeine Mutter wohl ſah, ſie nähre vergeblich die Hoffnung, etwas daran zu ändern. An dieſer Ueberzeugung brach ſich ihre Kraft. „Wohlan!“ ſagte ſie,„ſo geſchehe es denn nach Deinem Willen und Gott vergeſſe, daß Du den Dei⸗ ner Mutter gebrochen haſt.“ „Gott wird es vergeſſen, ſei ruhig, Mutter, und 32 B t 263 ndere S4 Du Deine Tochter, wirſt Du es ſelbſt ver⸗ geſſen.“ nie Die Baronin ſchüttelte den Kopf. 5„Geh,“ ſprach ſie,„und heirathe fern von mir ichel, rine Fremde, die ich nicht kenne und nicht geſehen habe.“ f ſie 5„Ich werde, hoffe ich, eine Frau heirathen, die . Du kennen und ſchätzen gelernt haſt, Mutter, und lück⸗ dieſer große Tag wird für mich durch Deinen Segen geheiligt ſein; Du haſt mir angeboten, wo ich mich eher befände, zu mir zu kommen; da, wo ich bin, werde den; ich Dich erwarten, Mutter.“ eder Die Baronin ſtand auf und machte einige uis Schritte nach der Thüre. 4 tion„Gehſt Du fort, ohne mir Lebewohl zu ſagen, nen ohne mich zu umarmen, Mutter; fürchteſt Du nicht, ſter— daß mir das Unglück bringt?“. Tod„So komm, unglückliches Kind, in meine Arme, das an mein Herz!“ h ine Und ſie ſprach dieſe Worte mit jenem Schrei aus, der früher oder ſpäter aus dem Herzen einer die Mutter hervorbricht. Michel drückte ſeine Mutter zärtlich an ſeine des Bruſt. 3 oße„Und wann wirſt Du abgehen, mein Kind?“ gre fragte ſie. „Das wird von ihr abhängen, Mutter,“ antwor⸗ . tete Michel. ach„So bald als möglich, nicht wahr?“ ei⸗„Dieſe Nacht, hoffe ich.“ „Du wirſt unten einen vollſtändigen Bauern⸗ nd anzug finden; verkleide Dich ſo gut Du kannſt; es 264 ſind acht Meilen von hier nach Couöron, Du kannſt gegen fünf Uhr Morgens dort ſein; vergiß nicht den jungen Carl.“ „Sei ohne Furcht, Mutter, von dem Augenblick an, da ich weiß, daß mein Ziel das Glück iſt, werde ich alle Vorſichtsmaßregeln treffen, dahin zu ge⸗ langen.“ „Ich kehre nach Paris zurück, wo ich meinen ganzen Credit anwenden werde, um die Zurücknahme jenes fatalen Urtheilsſpruchs zu bewirken. Du wache, ich wiederhole es Dir, über Dein Leben und ſuche Dir im Gedächtniß zu erhalten, daß dieß auch über das meinige wachen heißt.“ Courtin hielt als getreuer Diener am Fuß der Treppe Wache. Als Michel, nachdem er die Thüre verſchloſſen hatte, ſich umwandte, ſah er Bertha, das Lächeln des Glücks auf ihren Lippen, das Strahlen der Liebe ie erwartete den Augenblick, wo ſie mit dem jungen Mann allein ſein würde, um ſich ihm in die en. Michel nahm ſie darin auf; aber wenn nicht völlige Dunkelheit in dem Kämmerchen geherrſcht hätte, würde ohne Zweifel der Ausdruck der Verle⸗ genheit, der ſich auf des jungen Barons Geſicht malte, Bertha nicht entgangen ſein. „So kann alſo, mein Freund,“ ſprach ſie,„uns nichts mehr trennen; wir haben Alles, die Einwilli⸗ gung meines Vaters, die Deiner Mutter.“ Michel ſchwieg. „Wir reiſen dieſe Nacht ab, nicht wahr?“ -— —n—— Wie er bei ſeiner Mutter gethan hatte, beob⸗ achtete Michel auch gegenüber von Bertha Still⸗ ſchweigen. „Ei!“ fragte ſie ihn,„warum antworteſt Du mir nicht, mein Freund?“ „Weil noch nichts weniger ſicher iſt, als unſere Abreiſe, meine Freundin,“ ſagte Michel. „Aber haſt Du nicht Deiner Mutter verſprochen, dieſe Nacht abzureiſen?“ „Ich habe meiner Mutter geſagt, das hänge von ihr ab.“ „Nun! bezieht ſich das ihr nicht auf mich?“ fragte Bertha. „Wie!“ entgegnete Michel,„Bertha, eine ſo er⸗ gebene Royaliſtin, würde alſo Frankreich verlaſſen, vhne an die zu denken, welche ſie daſelbſt zurück⸗ äßt?“ „Was willſt Du ſagen?“ fragte Bertha. „Daß ich an etwas Wichtigeres und Nützlicheres denke, als an meine eigene Freiheit, an meine eigene Rettung.“ Bertha ſah ihn erſtaunt an. „Daß ich an die Freiheit und Rettung von Ma⸗ dame denke.“ Bertha ſtieß einen Schrei aus. Sie begann zu verſtehen. „Ah!“ machte ſie.. „Dieſes Fahrzeug, das meine Mutter für mich gemiethet hat,“ fuhr Michel fort,„kann es nicht zugleich mit uns die Prinzeſſin aus Frankreich mit⸗ nehmen, Deinen Vater?“... 4 Dann ſetzte er leiſer hinzu: 266 „Deine Schweſter?“ „O! Michel, Michel!“ rief das Mädchen,„ver⸗ gib mir, daß ich nicht daran gedacht habe; bis eben jetzt liebte ich Dich, jetzt bewundere ich Dich. Ja, ja, Du haſt Recht; die Vorſehung hat es Deiner Mutter eingegeben; ja, jetzt vergeſſe ich Alles, was ſie Hartes und Grauſames für mich geſagt hat; ich ſehe in ihr nur ein Werkzeug Gottes, geſchickt zu unſerem Beiſtand, uns alle zu retten. O! mein Freund, wie gut biſt Du, noch beſſer als groß, daß Du an dieſes Alles gedacht haſt!“ Der junge Mann ſtammelte einige unverſtänd⸗ liche Worte. „Ah! ich wußte wohl,“ fuhr Bertha in ihrer Begeiſterung fort,„ich wußte wohl, daß Du das Brävſte und Loyalſte, was es in der Welt gibt, in Dir vereinigeſt. Aber heute, Michel, haſt Du alle meine Hoffnungen übertroffen. Armes Kind, ver⸗ wundet, zum Tode verurtheilt, beſchäftigt er ſich mit andern, ehe er an ſich denkt; ah! mein Freund, ich war glücklich, jetzt bin ich ſtolz auf meine Liebe!“ Dießmal hätte Bertha, wenn die Kammer erhellt geweſen wäre, ſehen können, wie die Röthe auf Mi⸗ chels Geſicht der Verlegenheit folgte. Und in der That war dieſe Aufopferung des jungen Barons nicht ſo uneigennützig, als Bertha glaubte. Nachdem er ſich von ſeiner Mutter ihre Einwil⸗ ligung, die Geliebte zu heirathen, hatte geben laſ⸗ ſen, war Michel auf einen andern Gedanken ge⸗ kommen. Er wollte Petit⸗Pierre den größten Dienſt leiſten, 9⸗ —₰— — K — 80 A R den er in dieſem Augenblick von ſeinem ergebenſten Diener empfangen konnte; dann ihm Alles geſtehen und von ihm als Preis für dieſen Dienſt Mary's Hand erbitten. Man begreift Michels Verlegenheit und Errö⸗ then vor Bertha. Auch begnügte ſich auf dieſe Demonſtrationen Bertha's der junge Mann, kalt, wider Willen, zu antworten: „Jetzt, da Alles feſtgeſtellt iſt, Bertha, glaube ich, daß wir keine Zeit zu verlieren haben.“ „Nein,“ ſagte dieſe,„Du haſt Recht, mein Freund. Befiehl, da ich jetzt nicht nur die Ueber⸗ legenheit Deines Herzens, ſondern auch Deines Gei⸗ ſtes erkannt habe; ich bin bereit zu gehorchen.“ „Wohlan!“ ſprach Michel,„wir müſſen uns trennen.“ „Warum das?“ fragte Bertha. „Weil Du, Bertha, nach dem Walde von Tou⸗ vois abgehen mußt, wo Du Deinen Vater von dem Geſchehenen in Kenntniß ſetzen wirſt; von da be⸗ gibſt Du Dich mit ihm nach der Bai von Bourg⸗ neuf, wo der Junge Carl Euch auf der Vorüber⸗ fahrt aufnehmen wird. Ich gehe nach Nantes, um die Herzogin zu benachrichtigen.“ „Du, nach Nantes! Vergißeſt Du, daß Du zum Tode verurtheilt, ſteckbrieflich verfolgt, überwacht biſt? Ich muß nach Nantes gehen und Du nach Touvois.“ „Mich erwartet der Junge Carl, Bertha; mir allein wird der Kapitän aller Wahrſcheinlichkeit nach zu gehorchen ſich herbeilaſſen. Ohne Zweifel würde er beim Anblick einer Frau ſtatt eines Mannes 268 irgend eine Falle befürchten und uns in unauflös⸗ liche Schwierigkeiten verwickeln.“ „Aber denke doch an die Gefahr, der Du Dich ausſetzeſt, wenn Du nach Nantes gehſt.“ „Es iſt vielleicht im Gegentheil, überlege es Dir, Bertha, der Ort, wo ich am wenigſten Gefahr laufe. Man wird nicht vermuthen, daß ich, in Nantes zum Tode verurtheilt, einen Verſuch mache, in die Stadt zurückzukehren, die den Spruch gegen mich gefällt hat. Endlich, weißt Du, gibt es Augenblicke, wo die höchſte Kühnheit die höchſte Klugheit iſt. Wir efinden uns in einem dieſer Augenblicke. Laß mich machen.“ „Ich habe geſagt, ich werde Dir gehorchen, Mi⸗ chel; ich werde gehorchen.“ Und das junge und ſtolze Mädchen, demüthig wie ein Kind, erwartete die Befehle deſſen, welcher in Folge des Scheins von Aufopferung rieſenhafte Verhältniſſe in ihren Augen annahm. Nichts Einfacheres als die gefaßte Entſchließung und die Art ihrer Ausführung. Bertha gab Michel die Adreſſe der Herzogin zu Nantes und die verſchiedenen Loſungsworte, vermit⸗ telſt deren man bis zu ihr gelangen konnte. In Roſinens Anzug ſollte ſie ſich nach dem Walde von Touvois begeben, während in einem von Frau de La Logerie mitgebrachten Bauernanzug Michel ſich nach Nantes wenden wollte. Wenn den getroffenen Beſtimmungen nichts in die Quere kam, konnte am nächſten Morgen um fünf Uhr der Junge Carl unter Segel gehen, 269 — indem er mit Petit⸗Pierre die letzten Spuren des Bürgerkriegs hinwegführte. Zehn Minuten nachher beſtieg Michel Courtins Klepper, von ihm ſelbſt geſattelt und gezäumt, und verabſchiedete ſich mit einer letzten Geberde von dem Mädchen, das nach Tinguy's Hütte zurückkehrte, von 1 wo ſie ſogleich auf Nebenpfaden nach dem Walde — von Touvois aufbrechen ſollte. Ende des vierten Theils.