— geihbibliothek Le deutſcher, engliſcher und franzö von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ſiſcher Literatur Jeih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bi keher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 et. Pf. 3—„— 1„ — 3„ Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der 8 ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir eliehon, auch dafür zu ſtehen haben. Wölfinnen von Macheconl. Epiſode aus dem Krieg der Vendée im Jahr 1832 von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Büchele. “ Dritter Band. —eAA Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung, 1858. Druck der K. H ofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. XXXVIII. Wo der niedlichſte Fuß von Frankreich und Navarra es bitter bedauert, nicht Siebenmeilenſtiefel anzuhaben. Wir ſind nun genöthigt, ein Hourvari zu ma⸗ chen, wie Jean Oullier mit einem Jagdausdruck ſagen würde, und unſere Leſer um Erlaubniß zu bitten, um einige Stunden wieder rückwärts zu gehen, um dem Grafen von Bonneville und Petit⸗Pierre, welche, wie man ſich wahrſcheinlich vorſtellt, nicht die mindeſt wichtigen Perſonen dieſer Geſchichte ſind, auf ihrer Flucht zu folgen. Die Vorausſetzungen des Generals waren voll⸗ kommen richtig. Beim Austritt aus dem Souterrain hatten die Vendée'ſchen Edelleute die Ruinen überſchritten, den Hohlweg gewonnen und daſelbſt einige Augenblicke über die Route, die ſofort zu verfolgen am paſſend⸗ ſten wäre, Berathung gepflogen.. Der, welcher ſich unter dem Namen Gaspard verbarg, war der Meinung, den Weg gemeinſchaft⸗ lich fortzuſetzen; die Aufregung Bonneville's, als Michel die Ankunft der Colonne ankündigte, war ihm nicht entgangen; er hatte den aus ſeinem Her⸗ zen hervorkommenden Ruf gehört:„Vor Allem 1* retten wir Petit⸗Pierre!“ Darum hatte er während des ganzen Marſches nicht aufgehört, ſo weit der ſchwache Schein der A achslichter, welche ihren Pfad erhellten, es geſtattete, Petit⸗Pierre's Geſicht zu prüfen, und in Folge dieſer Prüfung gegenüber von dem jungen Bauern Manieren angenommen, deren Zurückhaltung die Erweiſe des tiefſten Reſpectes nicht ausſchloß. So nahm er mitten in jener Berathſchlagung laut und warm das Wort.. „Sie haben geſagt, mein Herr,“ ſprach er zu dem Grafen von Bonneville ſich wendend,„die Rettung der Sie begleitenden Perſon gehe der unſ⸗ rigen voran, nehme unſere lebhafte Sorge in An⸗ ſpruch sund ſei von Wichtigkeit für die Sache, zu deren Aufrechthaltung wir verſammelt ſind. Iſt es alſo nicht ſehr natürlich, daß wir ihr zur Eſcorte dienen, um, wenn die Gefahr ſich zeigt, und wir können bei jedem Schritt ihr begegnen, mit unſerem Körper eine Schutzwehr für ſie zu bilden.“ „Ja, mein Herr, ohne Zweifel,“ antwortete der Graf von Bonneville,„wenn es ſich um Kampf handelte; aber für den Augenblick gilt es nur die Flucht und bei der Flucht iſt, je weniger zahlreich wir ſind, der Rückzug deſto ſicherer und leichter.“ „Geben Sie Acht, Graf,“ ſprach Gaspard die Stirne runzelnd,„Sie haben zu einem Kopf von zwei und zwanzig Jahren die ganze Verantwortlich⸗ keit für ein ſehr koſtbares anvertrautes Gut.“ „Darüber kann allein meine Ergebenheit wür⸗ dig entſcheiden,“ antwortete der Graf ſtolz,„und ich 5 werde mich beſtreben, dem Vertrauen, womit man mich beehrt hat, zu entſprechen.“ Petit⸗Pierre, der ſtillſchweigend ſeinen Platz mit⸗ ten unter der kleinen Gruppe einnahm, war der Meinung, es ſei jetzt die rechte Zeit, ſich ins Mittel zu legen. „Ei,“ ſprach er,„ſoll die Sorge für die Sicher⸗ heit eines armen kleinen Bauern zur Fackel der Zwietracht werden zwiſchen den edelſten Kämpfern für die Sache, von der Sie ſo eben geſprochen ha⸗ ben? Ich ſehe wohl, daß es nöthig iſt, meine Mei⸗ nung abzugeben, denn wir haben keine Zeit mit⸗ unnützen Discuſſionen zu verlieren; aber ich wün⸗ ſche vor allem, meine Freunde,“ fuhr Petit⸗Pierre mit einer Stimme voll Liebe und Ergebenbeit fort, „ich wünſche vor Allem Sie um Verzeihung wegen des Incognito's zu bitten, welches ich bei Ihnen bewahren zu müſſen glaubte und welches nur einen Zweck hatte, Ihre offenſten Gedanken, Ihre wahr⸗ hafteſte Meinung kennen zu lernen, ohne daß man vorauszuſetzen verſucht war, Sie haben ſich nur ge⸗ fällig gegen Das erzeigen wollen, was, wie man weiß, mein eifrigſtes Verlangen iſt; nun, da Petit⸗ Pierre hinlänglich unterrichtet iſt, wird die Regentin ihren Rath abgeben; aber inzwiſchen trennen wir uns; das geringſte Lager wird für mich ausreichen, um den Reſt der Nacht hinzubringen, und der Graf von Bonneville, der die Gegend vollkommen kennt, wird dieſes Lager für mich wohl zu finden wiſſen.“ „Aber wann werden wir zu directer Verhand⸗ lung mit Ihrer Königlichen Hoheit zugelaſſen wer⸗ den?“ fragte Paſcal, ſich vor Petit⸗Pierre verbeugend. „Sobald Ihre Königliche Hoheit einen Palaſt für Ihre herumirrende Majeſtät gefunden hat, wird Petit⸗Pierre Sie in ſeine Nähe rufen, was nicht lang anſtehen ſoll; Petit⸗Pierre iſt entſchloſſen, ſeine Freunde nicht zu verlaſſen.“ „Petit⸗Pierre iſt ein braver Burſche!“ rief Gas⸗ pard ganz fröhlich,„und ſeine Freunde werden ihm, hoffe ich, zeigen, daß ſie ſeiner würdig ſind.“ „Adieu alſo, meine Freunde,“ erwiderte Petit⸗ Pierre,„und nun, da das Incognito gelüftet iſt, danke ich Ihrem Herzen, daß es ſich nicht allzu lang hat täuſchen laſſen, mein braver Gaspard; jetzt glaube ich, müſſen wir uns die Hand drücken und uns trennen.“ Jeder der Cdelleute faßte der Reihe nach die ihm von Petit⸗Pierre gebotene Hand und küßte ſie reſpectvoll. Dann ſchlug Jeder die zum Rückzug bezeichnete Richtung ein, und ſich in dem Hohlweg vertiefend, verſchwanden in Kurzem die Einen rechts, die An⸗ dern links. Bonneville und Petit⸗Pierre blieben allein zurück. „Und wir?“ fragte dieſer ſeinen Begleiter. „Wir folgen einer, derjenigen dieſer Herrn dia⸗ metral entgegengeſetzten Richtung.“ „Dann vorwärts und ohne einen Augenblick zu vereten, ſprach Petit⸗Pierre, auf den Weg zu⸗ eilend. „Einen Augenblick, einen Augenblick!“ rief Bonneville,„oj nicht ſo, wenn es Ihnen gefällig iſt; Ihre Hoheit muß... N 989 7 „Bonneville! Bonneville!“ ſprach Petit⸗Pierre, „Sie vergeſſen unſere Uebereinkunft.“ „Das iſt wahr; Madame möge mich entſchul⸗ digen!“ „Noch einmal! nun wohl, Sie ſind unver⸗ beſſerlich.“ „Petit⸗Pierre muß mir erlauben, ihn auf meine Schultern zu nehmen.“ „Wie ſo, aber ſehr gern; da iſt gerade ein Schrittſtein, der zu dieſem Zweck hier aufgepflanzt ſcheint; kommen Sie her, kommen Sie her, Graf.“ Petit⸗Pierre war ſchon auf den Stein geſtiegen. Der junge Graf trat näher; Petit⸗Pierre pflanzte ſich rittlings auf ſeine Schultern. „Meiner Treu, Sie benehmen ſich hiebei ſehr gut,“ ſprach Bonneville, ſich in Marſch ſetzend. „Parbleu!“ erwiderte Petit⸗Pierre,„das Auf⸗ hockſpiel iſt ſehr beliebter Art und ich habe mich in meiner Jugend viel damit unterhalten.“ „Sie ſehen,“ ſprach Bonneville,„daß eine gute Erziehung nie verloren iſt.“ „Sagen Sie doch, Graf,“ fragte Petit⸗Pierre, „iſt es verboten zu ſchwatzen, he?“ „Im Gegentheil.“ „Nun, dann ſagen Sie mir, da Sie ein alter Chouan ſind, während ich erſt für die Chouanerie in die Lehre trete, warum ich auf Ihren Schul⸗ tern bin.“ „Wie neugierig doch dieſer Petit⸗Pierre iſt!“ entgegnete Bonneville. „Nein, denn ich habe mich auf Ihre erſte Ein⸗ ladung und ohne Widerrede hieher geſetzt, obwohl rigkeit, die Poſition, geſtehen Sie zu, aus dem Hauſe Bourbon etwas „Eine Prinzeſſin aus dem fragte Bonneville,„was iſt das eine Prinzeſſin aus dem Hauſ „Das iſt richtig. Nun dann! Pierre, der marſchiren, laufen, ſpringen könnte, auf den Schultern Bonneville, der von allem dem er Petit⸗Pierre auf „Gut! „Von wem?“ Ich will es Ihnen ſ Pierre einen zu k „Klein, das iſt wahr, aber f Pierre, wie wenn beleidigt hätte! „Ja, aber ſo feſt er auch klein, um nicht erkannt zu werden.“ ſeh einen Fuß hat.“ „Von denen wohl, die unſern werden.“ „Mein Gott!“ ſchaften am für eine Prinzeſſin r riskirt iſt.“ Hauſe Bourbon?“ 2 und wo ſehen Sie e Bourbon?“ warum iſt Petit⸗ über die Gräben ſeines Freundes Dem nichts vermag, ſeit⸗ den Schultern hat?“ agen, weil Petit⸗ eſt,“ bemerkte Petit⸗ der Sprechende ſeine Eitelkeit ſein mag, er iſt zu Spuren folgen rief Madame mit komiſcher Trau⸗ „wer hätte mir je geſagt, Tags oder einer Nacht bedauer Fuß der Frau Herzogin von „Armer Marquis von Sou ville,„was würde er Ihre Bekannt gerieth, wenn er Sie mit Erfahrung von dem Fuße ſprechen hören.“ „Bah! das wäre in meiner Rolle als Expage.“ gedacht haben, Hofe ſo ſolcher daß ich eines n würde, nicht den ee zu haben.“ day,“ ſagte Bonne⸗ der ſchon über außer Faſſung Sicherheit und von Herzoginnen hätte 9 Dann fuhr Petit⸗Pierre nach einem augenblick⸗ lichen Stillſchweigen fort: „Ich begreife ſehr wohl, daß Sie meine Spur verſchwinden laſſen wollen; aber am Ende können wir doch nicht immer ſo reiſen; der heilige Chri⸗ ſtoph würde davon ermüden, und dieſer verwünſchte Fuß wird immer, früher oder ſpäter, einmal auf eine kothige Stelle treffen, um ſeinen Abdruck zu erhalten.“ „Wir wollen darauf denken,“ erwiderte Bonne⸗ ville,„die Hunde wenigſtens auf einige Zeit ab⸗ zurufen.“ Und der junge Mann bog links ab, angezogen, hätte man geſagt, durch das Murmeln eines Baches. „Ei, was machen Sie denn?“ fragte Petit⸗Pierre, „Sie verlieren den Weg, da ſind Sie im Waſſer bis an die Knie.“ „Allerdings,“ antwortete Bonneville, mit einem kräftigen Ruck auf ſeinen Schultern ihn wieder zu⸗ rechtſetzend;„und jetzt ſollen ſie uns ſuchen,“ fuhr er fort, im Bette des kleinen Bachs raſch vorwärts ſchreitend. „Ah! das iſt ſehr fein ausgedacht,“ bemerkte Petit⸗Pierre. „Sie haben Ihre Beſtimmung verfehlt, Bonne⸗ ville; Sie hätten in einem Urwald oder in den Pampas geboren werden ſollen. In der That, wenn es einer Spur bedarf, um uns zu folgen, ſo wird dieſe nicht leicht aufzufinden ſein.“ „Lachen Sie nicht, der, welcher uns aufſucht, iſt für jede Liſt dieſer Art gemacht. Er hat ſich in der Vendée geſchlagen, zur Zeit, da Charrette, wiewohl beinahe allein, den Blauen ſchrecklich zu ſchaffen machte.“ „Nun, um ſo beſſer!“ rief Petit⸗Pierre munter; nes wird eine Freude ſein, mit Leuten zu kämpfen, bei denen es auch der Mühe werth iſt.“ Trotz der Zuverſicht, welche er zu erkennen gab, blieb Petit⸗Pierre nach dieſen Worten nachdenklich, während Bonneville muthig gegen die Rollkieſel und die abgeſtorbenen Aeſte, welche ſeinen Marſch be⸗ trächtlich hemmten, fortkämpfte, denn er folgte dem Bette des Baches beinahe eine Viertelmeile hin. In dieſer Entfernung von ihrem Ausgangspunkt ergoß ſich derſelbe in einen viel beträchtlicheren, welches kein anderer war, als der ſich um den Geisſteig herumzog. In dieſem ging Bonneville bald das Waſſer bis an die Lenden, und er mußte Petit⸗Pierre einladen, um einen Stock hinaufzuſteigen, das heißt, ſich ihm auf den Kopf ſtatt auf die Schultern zu ſetzen, wenn er das Unangenehme eines Waſſerbades ver⸗ meiden wolle; dann wurde das Waſſer ſo tief, daß Bonneville zu ſeinem großen Bedauern wieder an das Land ſteigen und ſich entſchließen mußte, längs der Ufer des kleinen Waldſtromes weiter zu mar⸗ ſchiren. Aber die beiden Flüchtlinge waren aus der Charybdis in die Scylla gefallen*), denn die Ufer des Waldſtromes, ein wahres Lager für Wildſchweine, von Dornen ſtarrend, mit verwachſenen Brombeer⸗ gebüſchen bedeckt, wurden ſogleich beinahe unwegſam. *) Aus dem Regen in die Traufe gekommen. A. d. U.; ₰ᷣ— 41 Bonneville ſetzte Petit⸗Pierre auf den Boden; es gab kein Mittel mehr, ihn weder auf dem Kopf noch auf den Schultern zu tragen. Dann drang Bonneville kühn in das Niederholz ein, indem er Petit⸗Pierre aufforderte, ihm Schritt für Schritt zu folgen, und trotz des Geſtrüpps, trotz des dichten Baumwuchſes, trotz der ſo tiefen Dunkel⸗ heit der Nacht, rückte er in einer vollkommen ge⸗ raden Linie vor, wie es nur denen möglich iſt, welche eine beharrliche Uebung im Waldleben haben. Ihr Verfahren gelang ihnen wunderbar, denn nach etwa fünfzig Schritten fanden ſie ſich auf einem jener Pfade, welche Linien genannt und parallel neben einander in den Wäldern gezogen werden, ebenſo ſehr um die Grenze der Schläge zu bezeichnen, als zum Abtreiben zu dienen. „So laſſe ich mir's gefallen,“ ſprach Petit⸗Pierre, der ſich ziemlich ſchlecht anſchickte, in dem Gebüſch, zuweilen ſo hoch wie er ſelbſt, vorwärts zu kom⸗ men,„hier werden wir wenigſtens unſern Beinen freien Lauf laſſen können.“ „Ja, und ohne Spuren zurückzulaſſen,“ ſagte Bonneville, auf den Boden tretend, der an dieſer Stelle trocken und ſteinig war. „Bleibt nur noch zu wiſſen, nach welcher Seite wir uns wenden.“ „Da wir nun, wie ich glaube, denen, welche verſucht ſein möchten, uns zu folgen, den rechten Faden ſchwer zu finden gemacht haben, ſo gehen wir, wohin Sie wollen.“ „Sie wiſſen, daß ich auf morgen Abend unſern 12 Freunden von Paris ein Rendezvous zu La Clou⸗ tiere zu geben habe.“ „Wir können uns nach La Cloutidre begeben, bei⸗ nahe ohne den Wald zu verlaſſen, wo wir immer ſicherer als auf der Ebene ſein werden. Wir ge⸗ langen auf einem Fußweg, den ich kenne, in den Wald von Couvois und von da auf die große Haide, von der weſtlich La Cloutidre liegt. Nur iſt es unmöglich, noch heute dahin zu kommen.“ „Und warum das?“ „Weil wir mit den Umwegen, die wir zu machen genöthigt ſind, ſechs Stunden lang zu marſchiren haben, was weit über Ihre Kräfte geht.“ Petit⸗Pierre ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße. „Eine Meile vor Benate,“ fuhr Bonneville fort, „kenne ich eine Meierei, wo wir freundliche Auf⸗ nahme finden und ausruhen können, ehe wir unſern Etapenplatz erreichen.“ „Alſo vorwärts, vorwärts,“ ſprach Petit⸗Pierre, „aber nach welcher Seite?“ „Laſſen Sie mich vorangehen,“ antwortete Bon⸗ neville,„und wenden wir uns rechts.“ Bonneville ſchlug die angegebene Richtung ein, und marſchirte vor ihm mit derſelben Beharrlichkeit her, wie damals, als er den Bach verließ. Petit⸗Pierre folgte ihm. Je und je machte der Graf von Bonneville Halt, um ſich auf ſeinem Weg zu erkennen und ſeinem jungen Begleiter Zeit zum Athemholen zu laſſen. Er machte dieſen voraus auf alle Zufälligkeiten des Terrains aufmerkſam, die ihnen auf ihrer Route aufſtoßen würden, und dieß mit einer Genauigkeit, 13 welche bewies, wie vertraut ihm der Wald von Machecoul war.. „Wie Sie ſehen,“ ſprach er bei einem dieſer Raſtorte,„vermeiden wir die Fußpfade.“ „Ja, und waxum thun wir das?“ „Weil man unſere Spur gewiß auf den Fuß⸗ pfaden ſuchen wird; weil das Terrain dort weich iſt; weil dieſes hier, weniger breit getreten, weni⸗ ger von Fuhrwerken und Pferden mürbe gemacht, uns weniger verrathen wird.“ „Aber es iſt vielleicht länger?“ „Ja, aber ſicherer.“ Sie ſchritten ſeit zehn Minuten ſtillſchweigend vorwärts, als Bonneville Halt machte und ſeinen Begleiter am Arm faßte, deſſen erſte Bewegung war, zu fragen, was es gebe. „Still, oder reden Sie ſehr leiſe,“ ſagte Bon⸗ neville. „Warum?“ „Hören Sie nichts?“ „Nein.“ „Aber ich höre Stimmen.“ „Wo?“ „Dort, etwa fünfhundert Schritte von uns, und ich glaube ſelbſt durch die Zweige einen rothen Schimmer zu unterſcheiden.“ „Wirklich, ich ſehe es auch.“ „Was iſt das?“ „Ich frage Sie.“ „Teufel!“ „Vielleicht Kohlenbrenner?“ „Nein, wir ſind noch nicht in dem Zeitpunkt, wo ſie ihre Schläge abtreiben, und wüßten wir auch gewiß, daß es Kohlenbrenner ſind, möchte ich mich ihnen doch nicht anvertrauen. Ich habe als Ihr Führer nicht das Recht, es auf eine Unvorſichtigkeit ankommen zu laſſen.“ „Haben Sie denn keinen andern Weg?“ „O ja.“ „Nun dann!“ „Ich wollte ihn nur in der äußerſten Noth ein⸗ lagen.“ „Warum?“ Weil man einen Sumpf überſchreiten muß.“ „So! Sie, der Sie gleich dem heiligen Petrus auf dem Waſſer gehen, kennen Sie Ihren Sumpf nicht?“ „Hundertmal habe ich die Schnepfe daſelbſt ge⸗ jagt, aber...“ „Aber?...“ „Aber es war Tag.“ „Und Ihr Sumpf?“ „Iſt eine Torfgrube, wo ich ſelbſt bei Tag faſt zehnmal einſank.“ „So wagen wir uns an dem Feuer dieſer bra⸗ ven Leute vorüber. Ich geſtehe Ihnen, daß es mir nicht leid thun würde, mich ein wenig zu wärmen.“ „Bleiben Sie hier und laſſen Sie mich auf Ent⸗ deckung ausgehen.“ „Jedoch..“ „Fürchten Sie nichts.“ Mit dieſen Worten war Bonneville geräuſchlos in der Finſterniß verſchwunden. uch ich eit n⸗ 15⁵ XXXIX. Wo Petit⸗Pierre das beſte Mahl in ſeinem Leben hält. Petit⸗Pierre, allein geblieben, lehnte ſich an einen Baum und wartete ſtumm, unbeweglich, die Augen unverwandt, das Ohr vorwärts gehalten, indem er auf dem Weg das kleinſte Geräuſch auf⸗ zufangen ſuchte. 4 Fünf Minuten lang vernahm er nichts, außer einer Art Sumſen, das von derſelben Seite wie der Lichtſchimmer zu kommen ſchien. Plötzlich ertönte das Gewieher eines Pferdes im Walde und machte Petit⸗Pierre erbeben. Beinahe in demſelben Augenblick hörte er ein leichtes Geräuſch in den Büſchen und ein Schatten richtete ſich vor ihm auf; es war Bonneville. Bonneville, welcher den an dem Baumſtamm lehnenden Petit⸗Pierre nicht ſah, rief ihn zweimal. Petit⸗Pierre ſprang auf ihn zu. „Schnell! ſchnell!“ ſprach Bonneville, Petit⸗ Pierre mit ſich fortziehend. „Was gibt es?“ „Kein Augenblick zu verlieren; kommen Sie, kommen Sie!“ Dann im Laufen: „Ein Jäger⸗Bivouac. Wären es nur die Män⸗ ner geweſen, hätte ich mich an demſelben Feuer wie ſie wärmen können; aber ein Pferd hat Witte⸗ rung von mir bekommen und gewiehert.“ „Ich habe es gehört.“ „Dann verſtehen Sie; kein Wort; die Beine, das iſt Alles.“ 9 16 chen, Bonneville und Petit⸗Pierre ungefähr fünf⸗ hundert Schritte in einem Lichtſchimmer, den ſie zum Glück auf ihrem Wege trafen. Dann zog er Petit⸗Pierre an einen Rain und ſagte, Halt machend: „Jetzt holen Sie Athem.“. Während Petit⸗Pierre Athem ſchöpfte, verſuchte Bonneville ſich zu orientiren. „Sind wir verloren?“ fragte Petit⸗Pierre un⸗ ruhig. „O, es iſt keine Gefahr,“ antwortete Bonne⸗ ville,„nur ſuche ich, ob es nicht ein Mittel gibt, dieſen verwünſchten Sumpf zu umgehen.“ „Wenn er uns in geraderer Richtung unſerem Ziele entgegenführt, gehen wir darauf los,“ ſagte Petit⸗Pierre. „Es wird wohl ſein müſſen,“ erwiderte Bonne⸗ ville,„ich ſehe keinen andern Weg.“ „Dann vorwärts,“ ſprach Petit⸗Pierre,„nur führen Sie mich.“ Bonneville gab keine Antwort, ſondern ſetzte ſich, gleichſam zum Beweis der Dringlichkeit, un⸗ mittelbar in Marſch; nur wandte er, ſtatt der Linie, welche ſie bisher eingehalten hatten, zu folgen, ſich links und ſchritt wieder in das Niederholz hinein. Nach zehn Minuten wurde das Gebüſch dünner, die Finſterniß weniger tief; ſie befanden ſich am Saume des Waldes und hörten vor ſich das Rau⸗ ſchen des Schilfs, das von dem Wind an einander geſtoßen wurde. Und wirklich machten, ohne ein Wort zu ſpre⸗ 17 „Ah! ah!“ ſprach Petit⸗Pierre, der dieſes Ge⸗ räuſch erkannte,„es ſcheint, wir ſind zur Stelle.“ „„Ja,“ antwortete Bonneville,„und ich will Ihnen nicht verbergen, daß dieß der am meiſten kritiſche Moment dieſer Nacht iſt.“ Und mit dieſen Worten zog der junge Mann aus ſeiner Taſche ein Meſſer, das der Schärfe nach für einen Dolch gelten konnte, und ſchnitt ein Bäumchen ab, das er abäſtete, jedoch ſo, daß er den Abfall zu verſtecken Sorge trug. „Jetzt,“ ſagte er,„mein armer Petit⸗Pierre, müſſen Sie ſich in Geduld ergeben und Ihren Sitz auf meinen Schultern wieder einnehmen.“ Petit⸗Pierre that im Augenblick, was ſein Füh⸗ rer von ihm begehrte, und dieſer ſchritt auf den Sumpf zu. Der Marſch Bonneville's, erſchwert durch die Laſt, die er trug, gehemmt durch die große Stange, welche er in der Hand hielt, und womit er bei je⸗ dem Schritt, den er machte, das Terrain ſondirte, war ſchrecklich ſchwer. Bei jedem Schritt ſank er bis über das Knie in den Schlamm ein, und das Terrain, das weich und wenig compact ſchien, wenn es ſich darum handelte, hineinzutreten, leiſtete einen wahrhaften Widerſtand, wenn es ſich davon handelte, herauszukommen. Nur mit gröſter Mühe gelang es Bonneville, die Beine herauszuziehen; man mochte geſagt, der unter ſeinen Füßen geöffnete Abgrund könne ſich nicht entſchlie⸗ ßen, ſeine Beute fahren zu laſſen. 14 „Laſſen Sie mich Ihnen einen Rath geben, mein lieber Graf,“ ſprach Petit⸗Pierre. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 2 ——— 2„— Bonneville hielt an und trocknete ſich die Stirne. „Wenn Sie, anſtatt in dieſem Schlamm zu waten, über die Binſengebüſche gingen, welche ich da und dort halb zu ſehen glaube, ſo würden Sie, ſcheint mir, feſteren Boden finden.“ „Ja,“ ſagte Bonneville,„ohne Zweifel, aber dann ließen wir auch eine ſichtbarere Spur daſelbſt zurück.“ Aber nach einem Augenblick fuhr er fort: 3„Macht nichts; Sie haben Recht; das iſt noch eſſer.“ Und die Richtung ändernd, gelangte er nach den Binſenbüſchen. Wirklich hatte die faſerige Wurzel des Schilfs da und dort eine Art Inſelchen, einen Fuß breit, gebildet, welche auf dieſem moraſtigen Terrain Ober⸗ flächen von einer gewiſſen Feſtigkeit boten; der junge Mann erkannte ſie mit Hülfe ſeiner Stange, und ſetzte von einem auf das andere fort. Aber von Zeit zu Zeit nahm er, beſchwert durch die Laſt von Petit⸗Pierre, ſein Maß nicht richtig, glitſchte aus und hielt ſich nur mit größter Mühe aufrecht, und dieſes Verfahren hatte bald ſeine Kräfte völlig erſchöpft, ſo daß er Petit⸗Pierre bitten mußte, abzuſteigen und ſich zu ſetzen, um wieder zu Athem zu kommen. „Da ſind Sie erſchöpft, mein armer Bonneville,“ ſprach Petit⸗Pierre; niſt Ihr Sumpf noch lang?“ „Wir haben noch zwei⸗ oder dreihundert Schritte zurückzulegen, wornach wir mit Macht auf die Linie von Benate zurückkehren, welche uns direct nach unſerer Meierei führen wird.“ I Stirne. uimm zu elche ich ſen Sie, l, aber daſelbſt 4. iſt noch ach den Schilfs breit, Ober⸗ 1; der stange, t durch richtig, Mühe ſeine bitten der zu ville,“ ung?“ chritte Linie nach 19 „Können Sie bis dahin gehen?“ „Ich hoffe.“ „O, mein Gott! mein Gott! könnte ich Sie doch auch tragen, oder wenigſtens neben Ihnen her⸗ gehen!“ Dieſe Worte gaben dem Grafen ſeine ganze Stärke wieder; aber die zweite Art des Vorrückens aufgebend, trat er wieder entſchloſſen in den Koth. Aber je weiter er ging, deſto ſchlüpfriger und moraſtiger wurde der Boden. Plötzlich fühlte Bonneville, der bei einem Fehl⸗ tritt ausgleitend ſeinen Fuß auf eine Stelle ſetzte, die er zu ſondiren nicht Zeit gehabt hatte, daß er einſank und nahe daran war, ganz zu verſchwinden. „Wenn ich ganz einſenke,“ rief er,„ſo werfen Sie ſich rechts oder links; die gefährliche Paſſage iſt nicht groß.“ Petit⸗Pierre ſprang wirklich auf die Seite, aber nicht, um ſich zu retten zu ſuchen, ſondern um Bonneville nicht durch eine fremde Laſt noch zu beſchweren. „O mein Freund!“ rief er mit beklommenem Herzen, die Augen feucht von Thränen bei dieſem erhabenen Ausruf der Aufopferung und Selbſtver⸗ leugnung,„denken Sie an ſich, ich will es, ich gebiete es.“ „Der junge Graf war bereits bis an die Hüfte eingeſunken; zum Glück hatte er Zeit gehabt, ſeine Stange quer über zu legen, und da ſie auf zwei Binſenbüſchen ruhte, die ihr eine hinlängliche Stütze boten, gelang es ihm, Dank dem Widerſtand, den ſie ihm leiſtete, und der Hülfe Petit⸗Pierres, der 2 5 ——] 20 ihn am Rockkragen zog, ſich aus dieſer ſchlimmen Lage herauszuarbeiten. Bald wurde das Erdreich feſter, die ſchwarze Linie des Waldes, welche den Horizont immer mas⸗ kirt hatte, näherte und vergrößerte ſich, und die beiden Flüchtlinge langten am Ende des Moraſtes an. „Endlich!“ ſprach Bonneville. „Uf!“ rief Petit⸗Pierre, ſich zur Erde gleiten laſſend, ſobald er fühlte, daß der Boden unter den Füßen ſeines Begleiters widerſtand;„uf! Sie müſſen zerbrochen ſein, mein lieber Graf?“ „Nein,“ antwortete Bonneville,„ich bin erſtickt, das iſt Alles.“ „O mein Gott!“ ſagte Petit⸗Pierre,„und nichts haben, um Ihnen Ihre Kräfte wieder zu geben, nicht einmal die Feldflaſche eines Soldaten oder Kalebaſſe eines Pilgers, nicht einmal das Stück Brot eines Bettlers.“ „Bah!“ entgegnete der Graf,„meine Stärke ziehe ich nicht aus dem Magen.“ „Dann ſagen Sie mir, woher Sie dieſelbe zie⸗ hen, mein lieber Graf, ich werde mich beſtreben, es Ihnen gleich zu thun.“ „Sollten Sie Hunger haben?“ „Ich würde gern Etwas eſſen.“ „Ach!“ ſprach der Graf,„da laſſen Sie jetzt meinerſeits mich das bedauern, um was ich mich eben ſo wenig kümmerte.“ Petit⸗Pierre begann zu lachen und fuhr ſcher⸗ zend, um ſeinem Begleiter Muth zu machen, fort: „Bonneville, rufen Sie den Huiſſier, laſſen Sie den Kammerherrn vom Dienſt benachrichtigen, damit 21 er die Mund⸗Officianten anweiſe, mir mein en cas zu bringen; ich möchte gern von dieſen Schnepfen koſten, die ich ſo eben, als ſie unter unſern Füßen durchgingen, habe ſchreien hören.“ „Es iſt für Ihre Königl. Hoheit aufgetragen,“ antwortete der Graf, ein Knie auf die Erde ſetzend und auf der obern Fläche ſeines Hutes ein Ding darbietend, nach dem Petit⸗Pierre eifrig griff. „Brot!“ rief er. „Schwarzes Brot,“ bemerkte Bonneville. „So! Bei Nacht ſieht man nicht, von welcher Farbe es iſt.“ „Trockenes Brot, zweimal trocken!“ „Es iſt immer Brot.“ Und Petit⸗Pierre biß gewaltig in die Brotrinde, welche ſeit zwei Tagen in des Grafen Taſche trocknete. „Und wenn ich denke,“ ſagte er dabei,„daß General Dermoncourt um dieſe Stunde zu Souday mein Abendeſſen einnimmt, iſt das nicht zum Raſend⸗ werden?“ Dann fuhr er plötllich fort: „O, Verzeihung, mein lieber Führer, aber der agen hat bei mir ſo ganz und gar den Sieg über das Herz davon getragen, daß ich vergaß, Ihnen die Hälfte meines Soupers anzubieten.“ „Danke,“ antwortete Bonneville,„mein Appetit geht noch nicht ſo weit, um Kieſelſteine zu zermal⸗ men; aber zum Tauſch für Ihr huldvolles Anerbie⸗ ten will ich Ihnen zeigen, wie man es machen muß, um Ihr ärmliches Souper etwas weniger zäh zu machen.“ b onneville nahm das Brod, zerbrach es nicht hne Mühe in kleine Stücke, tauchte ſie in eine Quelle, welche zwei Schritte von da hinfloß, rief Petit⸗Pierre, ſetzte ſich auf die eine Seite derſelben, während Petit⸗Pierre auf der andern Platz nahm, zog dann die Brotſtücke nach einander, durchfeuchtet und erweicht⸗ heraus und bot ſie ſeinem ausgehun⸗ gerten Begleiter. „Meiner Treu,“ ſagte dieſer, als er am letzten Brocken war,„ſeit zwanzig Jahren habe ich nicht ſo gut ſoupirt.„Bonneville, ich ernenne Sie zu meinem Majordomus.“. „Und ich,“ antwortete der Graf,„mache mich wieder zu Ihrem Führer. Genug ſolcher Lecker⸗ biſſen; ſetzen wir unſern Weg fort.“ „Ich bin bereit,“ ſprach Petit⸗Pierre, ſich wieder munter auf die Füße ſtellend. Man machte ſich wieder quer durch den Wald auf den Marſch und eine halbe Stunde ſpäter be⸗ fand man ſich am Ufer eines Baches, den man über⸗ ſchreiten mußte. Bonneville verſuchte ſein gewöhnliches Verfahren, aber beim erſten Schritt, den er im Bett des Baches machte, ſtieg ihm das Waſſer bis an die Lenden, beim zweiten hatte er es ſchon am Hals, und Petit⸗ Pierre's Beine tauchten in die Wellen. Bonneville, der ſich von der Strömung fortge⸗ riſſen fühlte, erhaſchte einen Baumzweig und gewann damit wieder das Ufer. Man mußte einen Uebergang ſuchen. Dreihundert Schritte weiter glaubte Bonneville ihn gefunden zu haben. nicht meine „ rief ſelben, nahm, euchtet ſehun⸗ letzten nicht einem mich lecker⸗ vieder Wald r be⸗ über⸗ hren, aches nden, zetit⸗ rtge⸗ bann ville 23 Dieſer Uebergang war ein vom Winde guer uber den Bach geworfener und noch mit ſeinen Aeſten völlig verſehener Baumſtamm. „Glauben Sie da hinüber gehen zu können?“ fragte er Petit⸗Pierre. „Wenn Sie hinüber gehen, werde ich es auch thun,“ antwortete dieſer. „Halten Sie ſich an die Zweige, bringen Sie die Eigenliebe nicht dabei ins Spiel, lüpfen Sie nicht einen Fuß, ehe Sie ganz ſicher ſind, daß der andere feſt ſteht,“ mahnte Bonneville, indem er auf den Baumſtamm kletterte. „Ich folge Ihnen, nicht wahr?“ „Warten Sie, ich will Ihnen die Hand geben.“ „Da bin ich. Mein Gott! welche Dinge muß man doch wiſſen, um im Felde herumzulaufen; ich hätte es nie geglaubt.“ „Sprechen Sie nicht, um Gotteswillen! Geben Sie acht auf Ihre Füße.... einen Augenblick, gehen Sie nicht vorwärts, da iſt ein Zweig, der Sie geniren könnte; ich will ihn abſchneiden.“ In dem Augenblick, da der junge Graf ſich bückte, um was er eben geſagt hatte auszuführen, hörte er einen erſtickten Schrei hinter ſich, dann das Geräuſch eines in’s Waſſer fallenden Körpers. Er drehte ſich um. Petit⸗Pierre war verſchwunden. Ohne eine Sekunde zu verlieren, ließ Bonneville ſich an derſelben Stelle hinunterfallen, und der Zu⸗ fall diente ihm ſo gut, daß er, auf den Grund des Baches gelangend, der an dieſer Stelle nicht weniger als ſieben bis acht Fuß Tiefe hatte, mit ſeiner Hand auf das Bein ſeines Begleiters traf. Er erzriff daſſelbe und erreichte, den Kopf ver⸗ lierend, zitternd vor Aufregung, ohne ſich von der höchſt zunangenehmen Poſition, worin er den, welchen er rettete, hielt, Rechenſchaft zu geben, mit zwei Armlängen das Ufer des Baches, der zum Glück ebenſo wenig breit als tief war. 5 Petit⸗Pierre machte nicht die geringſte Bewegung. Bonneville nahm ihn in ſeine Arme und legte ihn auf die trockenen Blätter, indem er mit ihm ſprach, ihn anrief und ſchüttelte. Aber Petit⸗Pierre blieb ſtumm und unbeweglich. Der Graf von Bonneville raufte ſich die Haare vor Verzweiflung. „O, das iſt meine Schuld, das iſt meine Schuld!“ murmelte er.„Mein Gott! du ſtrafſt mich für meinen Uebermuth; ich habe mir zu viel herausge⸗ nommen, ich habe mich für ihn verbürgt! O! mein Leben, o Gott! für einen Seufzer, für einen Athemzug, für einen Hauch!“ Die friſche Nachtluft wirkte mehr zur Wieder⸗ belebung Petit⸗Pierre's als alle Wehklagen Bonne⸗ villes; nach einigen Minuten öffnete er die Augen und noß. Bonneville, der ſich in einem Paroxysmus von Schmerz befand und von nichts Geringerem redete, als den nicht überleben zu wollen, deſſen Tod er verurſacht zu haben glaubte, ſtieß einen Freuden⸗ ſchrei aus und fiel vor Petit⸗Pierre nieder, der bereits wieder ſo weit zu ſich gekommen war, um die letzten Worte des jungen Mannes zu verſtehen. „Bonneville,“ ſprach Petit⸗Pierre,„Sie haben — noch Hir! los ande geſſe ville nehn 7 ich weni Ihre Sie leert 5 zu er ange Tuch auf dieſe 7 71 haber Feue komn ausli ff ver⸗ on der velchen it zwei Glück egung. legte t ihm egglich. Haare uld!“ für usge⸗ .O! einen eder⸗ nne⸗ ugen von dete, d er den⸗ der die ben 25 noch nicht: zum Wohlſein! geſagt. Ich werde einen Hirnſchnupfen bekommen.“ „Lebend! lebend!“ rief Bonneville, ebenſo maß⸗ los in ſeiner Freude, wie in ſeinem Schmerz. „Ja, ganz wohl, dank Ihnen; wären Sie ein anderer, ich würde Ihnen ſchwören, es nie zu ver⸗ geſſen.“ „Aber Sie ſind durchnäßt, mein Gott!“ „Ja; beſonders meine Schuhe ſind naß; Bonne⸗ ville, das läuft, das läuft auf eine ganz unange⸗ nehme Weiſe hinab.“ „Und kein Feuer, kein Mittel, eines zu machen.“ „Gut, ſo werden wir uns im Gehen erwärmen; ich ſpreche in der Mehrzahl, denn Sie müſſen nicht weniger durchnäßt ſein, als ich, der Sie jetzt an Ihrem dritten Bad ſind, wovon eines ſtehend.“ „O, beſchäftigen Sie ſich nicht mit mir; können Sie marſchiren?“ „Ich glaube es; weun ich meine Schuhe ausge⸗ leert habe.“ Bonneville half Petit⸗Pierre, ſich des Woſſers zu entledigen, womit wirklich ſeine Fußbekleidung angefüllt war; er zog ihm ſein Wamms von grobem Tuch ab und wand es aus, ehe er es ihm wieder auf die Schulter legte; dann ſprach er, nachdem dieſe doppelte Operation beendigt war: „Und jetzt nach Benate und zwar friſch weg.“ „Hm! Bonneville,“ ſprach Petit⸗Pierre,„das haben wir alſo damit gewonnen, daß wir einem Feuer ausweichen wollten, das uns jetzt ſo gut be⸗ kommen würde.“. „Wir konnten doch nicht hingehen und uns ſelbſt ausliefern,“ ſagte Bonneville mit verzweifelter Miene. 26 „Ei! nehmen Sie boch meine Bemerkung nicht für einen Vorwurf; ol was für einen ſchlimmen Charakter haben Sie. Allons, vorwärts, vorwärts! Seitdem ich mit meinen Beinen ausziehe, ſcheint mir, daß Alles trockne; in zehn Minuten wird mir der Schweiß ausbrechen. Bonneville brauchte nicht aufgemuntert zu werden; er ſchritt ſo raſch aus, daß Petit⸗Pierre Mühe hatte, ihm zu folgen und von Zeit zu Zeit ſich genöthigt ſah, ihm in Erinnerung zu bringen, daß ihre Beine von ſehr ungleicher Länge wären. Aber Bonneville hatte der Eindruck der tiefen Bewegung, welche ihm der Unfall ſeines jungen Be⸗ gleiters verurſachte, noch nicht verlaſſen, und was ihm vollends den Kopf verwirrte, war, daß er in dem Gebüſch, das ihm doch ſo vertraut war, ſeinen Weg nicht mehr finden konnte. Schon zehnmal hatte er Halt gemacht, in eine Linie eintretend, ſich umzuſchauen, und zehnmal wieder nach einem Kopfſchütteln den vorigen Weg mit einer Art von Wahnſinn eingeſchlagen. Endlich ſagte Petit⸗Pierre, der einige Schritte ihm nacheilen mußte, bei einer neuen Zögerung zu ihm: „Ei, laſſen Sie einmal ſehen, was es gibt, mein lieber Graf.“ „Nichts, als daß ich ein Elender bin,“ antwortete Bonneville,„daß ich mir auf meine Kenntniß der Lokalitäten zu viel herausgenommen habe, und daß... und daß.... daß wir verirrt ſind.“ „Ich fürchte.“ „Und ich bin deſſen gewiß; da iſt ein Zweig, z nicht immen bärts! tt mir, ir der erden; hatte, öthigt Beine tiefen n Be⸗ was er in einen eine nmal Weg hritte ig zu mein ritete der und beig, 27 den ich vorhin abgebrochen habe; wir ſind hier ſchon einmal vorbei gekommen und drehen uns im Kreiſe herum; Sie ſehen, daß ich mir Ihre Lehren zu Nutze mache,“ ſetzte Petit⸗Pierre triumphirend hinzu. „Ah!“ ſagte Bonneville,„ich ſehe, was meinen Irrthum verurſacht hat.“ „Was?“ „Beim Herauskommen aus dem Waſſer ſtieg ich auf der Seite ans Land, von der wir hergekommen waren, und ich fühlte mich ſo verwirrt, daß ich darauf nicht Acht gab.“ „So daß unſer Sturzbad völlig unnütz war,“ rief Petit⸗Pierre in ein Gelächter ausbrechend. „Ah! ich bitte, Madame, lachen Sie nicht,“ ſagte Bonneville,„Ihre Fröhlichkeit ſpaltet mir das Herz.“ „Mag ſein; aber ſie erwärmt mich.“ „Es friert Sie alſo?“ „Ein wenig, aber das iſt nicht das Schlimmſte.“ „Was gibt es denn?“ „Seit einer halben Stunde wagen Sie mir nicht zu geſtehen, daß wir verloren ſind, und ſeit einer halben Stunde wage ich Ihnen nicht zu ſagen, daß meine Beine mir entſchieden den Dienſt verſagen zu wollen ſcheinen.“ „Was ſoll dann aus uns werden?“ „Wie! ſoll ich jetzt gezwungen ſein, Ihre Rolle als Mann zu ſpielen und Ihnen Feſtigkeit zu geben; laſſen Sie ſehen, die Berathung iſt eröffnet, was iſt Ihre Meinung?“ „Daß es unmöglich iſt, dieſe Nacht Benate zu erreichen.“ „Aber dann?“ „Dann muß man vor Tagesanbruch die nächſte eierei zu gewinnen ſuchen.“ „Es ſei; können Sie ſich orientiren?“. „Kein Stern am Himmel, kein Mond.“ „Und kein Compaß,“ ſetzte Petit⸗ der ſcherzend ſeinem Begleiter Muth zu „Warten Sie.“ „Gut, da fährt Ihnen gewiß ein Gedanke durch den Kopf.“ „Um fünf Uhr Abends habe ich zufällig eine Wetterfahne auf dem Schloß beobachtet; der Wind kam von Oſten.“ Bonneville ſtreckte ſeinen Zeigefinger, mit Speichel benetzt, in die Luft empor. „Was machen Sie?“ „Eine Wetterfahne.“ Nach einem Augenblick fuhr er ohne Zögern, indem er dem Wind entgegen ging, fort: Hier iſt Norden; wir werden auf der Seite von Saint⸗Philibert auf die Ebene hinausrücken. „Ja, wenn wir marſchiren; das iſt gerade die Schwierigkeit.“ „Wollen Sie, daß ich es verſuche, Sie in meine Arme zu nehmen?“ „Ja wohl! Sie haben genug an ſich ſelbſt zu tragen, mein armer Bonneville!“ Die Herzogin erhob ſich mit Anſtrengung, denn während dieſer wenigen Worte hatte ſie ſich am Fuß eines Baumes niedergeſetzt oder vielmehr nie⸗ derfallen laſſen. „Hier,“ ſprach ſie,„jetzt ſtehe ich aufrecht; ich Pierre hinzu, machen ſuchte. ſcha ſteh gew weie du in 1 Unte mein die raſch ihm 8 und ihn Hän 8 Schr haſt doch 29 will, daß ſie vorwärts gehen, dieſe rebelliſchen Beine, und werde ſie bezwingen, wie alle Rebellen; dazu bin ich da.“ Und die tapfere Frau machte vier oder fünf Schritte; aber ihre Ermüdung war ſo groß, ihre Glieder von dem eiſigen Bad, das ſie genommen hatte, ſo ſteif, daß ſie wankte und beinahe fiel. Bonneville ſtürzte herzu, ſie zu halten. „Cordieu!“ rief Petit⸗Pierre,„laſſen Sie mich, Herr von Bonneville; ich will, daß dieſer elende Körper, den Gott ſo ſchwach und gebrechlich ge⸗ ſchaffen hat, auf gleichem Niveau mit dem Geiſte ſtehe, den er einſchließt; leiſten Sie ihm keine Hülfe, gewähren Sie ihm keinen Beiſtand, Graf; ach! du weichſt. Ei! es iſt nicht der gewöhnliche Schritt, den du einſchlagen ſollſt, es iſt der Angriffsſchritt, und in vierzehn Tagen will ich, daß du dich mit der Unterwürfigkeit eines Laſtthiers allen Forderungen meines Willens fügſt.“ Wirklich nahm Petit⸗Pierre, auf ſeine Worte die That folgen laſſend, einen Anlauf und ſchritt ſo raſch vorwärts, daß ſein Führer einige Mühe hatte, ihm nachzukommen. Aber dieſe letzte Anſtrengung hatte ihn erſchöpft; und als Bonneville wieder zu ihm ſtieß, fand er ihn von Neuem unter einem Baum ſitzend und die Hände vor das Geſicht geſchlagen. Petit⸗Pierre weinte mehr aus Wuth als aus Schmerz. „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte er,„du haſt mir die Aufgabe eines Rieſen zugemeſſen, und doch nur die Kräfte einer Frau gegeben!“ Er mochte wollen oder nicht, Bonneville nahm Petit⸗Pierre in ſeine Arme und eilte nun ſeiner⸗ ſeits vorwärts. Die Worte, welche Gaspard beim Austritt aus dem Souterrain an ihn gerichtet hatte, tönten noch in ſeinem Ohr. Er fühlte, daß es für einen ſo zarten Körper unmöglich ſei, den heftigen Erſchütterungen, welche er im Laufe der Nacht erfahren hatte, Widerſtand zu leiſten, und hatte ſich entſchloſſen, Allem aufzu⸗ bieten, um das ihm anvertraute Gut ſicher unter⸗ zubringen, er fühlte, daß eine verlorene Minute deſſen Leben in Gefahr ſetzen könne. Sein Marſch hielt ſich eine Viertelſtunde gleich raſch; ſein Hut fiel; ohne ſich um die Spur zu kümmern, die er zurückließ, nahm er ſich nicht die Mühe, ihn aufzuheben; er fühlte Petit⸗Pierre's Körper in ſeinen Armen ſchaudern; er hörte, wie ihm vor Froſt die Zähne klapperten, und dieſes Geräuſch ſpornte ihn an, wie der Zuruf der Menge das Rennpferd anſpornt und ihm eine übernatür⸗ liche Kraft verleiht. Aber allmälig erloſch dieſe künſtliche Stärke; ſeine Beine gehorchten Bonneville nur noch durch eine mechaniſche Bewegung; das Blut ſtockte in ſeiner Bruſt und erſtickte ihn; er fühlte ſein Herz anſchwellen; er athmete nicht mehr, er röchelte; ein eiſiger Schweiß benetzte ſeine Stirne; ſeine Arterien ſchlugen, wie wenn ſein Kopf ſich ſpalten ſollte; von Zeit zu Zeit zog ein dichter Schleier über ſeine ganz geflammten Augen; bald glitt er an dem geringſten Abhange aus, wankte bei dem nahm ſeiner⸗ tt aus n noch Körper welche rſtand aufzu⸗ unter⸗ Kinute gleich ur zu ht die erre's „ wie dieſes Nenge natür⸗ ärke; durch te in Herz helte; ſeine alten gleier tt er dem 31 kleinſten Stein, ſtolperte über das unbedeutſamſte Hinderniß; ſeine eingeſunkenen Kniee, unvermögend, ſich aufzurichten, ſchleppten ſich nur mit Mühe weiter. „Halten Sie, halten Sie, Herr von Bonneville!“ rief Petit⸗Pierre,„halten Sie, ich gebiete es Ihnen.“ „Nein, nein, ich werde nicht halten,“ antwortete Bonneville;„ich habe noch Kraft, Gott ſei Dank! und werde ſie bis an's Ende benützen. Halten! Halten! wenn wir vor dem Hafen ſind; wenn es mich nur noch einige Anſtrengung koſtet, Sie in Sicherheit zu bringen; halten, wenn wir am Ziele unſeres Laufes ſind; da, da, ſchauen Sie lieber auf.“ Und wirklich bemerkte man am Ende der Linie, welcher ſie folgten, einen breiten röthlichen Streifen, der ſanft am Horizont aufſtieg, und auf dieſem Streifen hoben ſich ſchwarze geradwinklige Linien mit ſcharfen Rändern ab, welche ein Haus an⸗ zeigten. Der Tag begann zu grauen. Man kam am Rande der Felder an. Aber im Augenblick, wo Bonneville dieſen Freu⸗ denſchrei ausſtieß, wichen ſeine Beine unter ihm; er ſank, fiel auf die Kniee, und dann ſchlug ſein Körper langſam rückwärts, als ob er mit einer äußerſten Anſtrengung ſeines Willens im Augen⸗ blick, da jede Empfindung ihn verließ, darnach ge⸗ trachtet hätte, denjenigen, welchen er in den Armen hielt, vor den Gefahren eines Falls zu bewahren. Petit⸗Pierre machte ſich von dem Halt los und kam auf ſeine Füße zu ſtehen, aber in einem Zu⸗ ſtand von Muth, daß er nicht viel mehr taugte, als ſein Begleiter. Er verſuchte, Bonneville aufzurichten, aher es gelang ihm nicht. Dieſer verſuchte, die Hände an den Mund zu bringen, ohne Zweifel, um den gewöhnlichen Signal⸗ ruf der Chouans hören zu laſſen, aber der Athem fehlte ihm, und kaum vermochte er noch Petit⸗ Pierre zu ſagen: „Vergeſſen Sie nicht!“ Und er wurde ohnmächtig. Das Haus, das man im Angeſicht hatte, war nicht weiter als ſieben⸗ bis achthundert Schritte von der Stelle entfernt, wo Bonneville und Petit⸗Pierre ſich befanden. Dieſer beſchloß, ſich dorthin zu begeben und da⸗ ſelbſt auf jede Gefahr Beiſtand für ſeinen Freund zu begehren. Er machte alſo eine äußerſte Anſtrengung und ſchlug die Richtung auf jenes Haus ein. Im Augenblick, da er über den Kreuzweg ſchritt, erblickte Petit⸗Pierre auf einer der Linien, welche auf dieſen Kreuzweg ausliefen, einen Mann, der in entgegengeſetzter Richtung auf das Feld zuging. Er rief dieſen Mann, aber derſelbe wandte nicht einmal den Kopf um. Jetzt führte Petit⸗Pierre, ſei es in Folge einer plötzlichen Eingebung, ſei es, daß er ſich der letzten Worte Bonneville's erinnerte, mit Benützung der ihm von demſelben gegebenen Lehren, ebenfalls die Hände an den Mund und ließ das Eulengeſchrei hören.— Der Mann hielt ſogleich an, kehrte plötzlich wie⸗ der um und kam auf Petit⸗Pierre zu. her es und zu ignal⸗ Athem Petit⸗ war te von Vierre ad da⸗ reund g und hritt, belche er in and te einer ezten g der 3 die ſchrei wie⸗ 33 „Freund,“ rief dieſer ihm zu, ſobald er ſo nahe war, um ſich verſtändlich zu machen,„wollt Ihr Geld, ſo will ich Euch geben, aber zuvor kommt um Gottes willen, und helft mir einen Unglücklichen zu retten, der im Sterben kiegt.“ Dann kehrte er wieder, ſo wie ſeine Kräfte es ihm geſtatteten, und überzeugt, daß der Mann ihm olgen würde, zu Bonneville um und richtete mit Mühe deſſen Kopf auf. Er lag noch immer in Ohnmacht. Sobald der Ankömmling einen Blick auf den am Wege ausgeſtreckten Körper geworfen hatte, ſprach er: „Man braucht mir kein Geld zu verſprechen, um dem Herrn Grafen von Bonneville Beiſtand zu leiſten.“ Petit⸗Pierre ſchaute den Mann mit mehr Auf⸗ merkſamkeit an. „Jean Oullier,“ rief er, den Wildhüter des Marquis von Souday bei den erſten Strahlen des anbrechenden Tages erkennend,„Jean Oullier, könnt Ihr mir ganz in der Nähe hier für meinen Freund und mich ein Aſyl finden?“ Der Wildhüter konnte um eine Antwort nicht verlegen ſein. „Es gibt nur dieſes Haus auf eine halbe Meile in der Runde.“ Und er ſprach dieſe Worte mit ſichtbarem Wider⸗ ſtreben aus. „Aber Petit⸗Pierre bemerkte dieſes Widerſtreben nicht, oder ſchien es nicht zu bemerken. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 3 „Ihr müßt mich hinführen und ihn hintragen,“ ſagte er. „Dorthin?“ fragte Jean Oullier. „Ja; ſind die Leute, die daſelbſt wohnen, nicht Royaliſten?“ 4 „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete Jean Oullier. „Geht, Jean Oullier, ich lege unſer Leben in Eure Hände und ich weiß, daß Ihr mein ganzes Vertrauen verdient.“ Jean Oullier lud den immer noch ohnmächtigen Bonneville auf ſeine Schultern und nahm Petit⸗ Pierre an der Hand. Dann ging er auf das Haus zu, welches kein anderes war als das von Joſeph Picaut und ſeiner Schwägerin. Jean Oullier überſchritt den Zäun ſo leicht, als wenn er anſtatt des Grafen von Bonneville nur ſeine Waidtaſche getragen hätte; aber einmal in dem Obſtgarten, rückte er mit einer gewiſſen Vor⸗ ſicht vor. Alles ſchlief noch bei Joſeph Picaut. Nicht ſo war es bei der Wittwe; man bemerkte einen Lichtſchimmer und ſah einen Schatten hinter den Vorhängen hin⸗ und hergehen. Zwiſchen den beiden war Jean Oullier ſogleich mit ſeiner Wahl fertig. „Meiner Treu! Alles wohl erwogen, iſt es mir ebenſo lieb,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, entſchloſſen auf Paſcals Haus zuſchreitend. An der Thüre angekommen, öffnete er es. Paſcals Leiche lag auf dem Bett. hen,“ nicht Jean n in nzes igen etit⸗ kein einer als nur l in Vor⸗ erkte inter leich mir oſſen 2 35 Die Wittwe hatte zwei Lichter angezündet und betete bei dem Todten. Als ſie die Thüre ſich in den Angeln drehen hörte, erhob ſie ſich. „Wittwe Paſcal,“ ſprach Jean Oullier zu ihr, ohne weder ſeine Laſt, noch Petit⸗Pierre's Hand los zu laſſen,„ich habe Euch dieſe Nacht an dem Geisſteige das Leben gerettet.“ Die Wittwe betrachtete ihn mit Erſtaunen und wie ihre Erinnerungen zurückrufend. „Ihr glaubt mir nicht?“ „Doch, Jean, ich glaube Euch; ich weiß, Ihr ſeid nicht der Mann, eine Lüge zu ſagen, wäre es ſelbſt um Euer Leben damit zu retten; überdieß habe ich den Schuß gehört und habe meine Beſorg⸗ niß wegen der Hand, die ihn gethan hat.“ „Wittwe Paſcal, wollt Ihr auf einen Zug Eu⸗ ren Mann rächen und Euch ein Vermögen machen? ich bringe Euch die Mittel dazu.“ „Wie ſo?“ fragte die Wittwe. „Hier ſind,“ fuhr Jean Oullier fort,„die Frau Herzogin von Berry und der Herr Graf von Bon⸗ neville, welche beide vor Ermattung und Hunger geſtorben ſein würden, wäre ich nicht gekommen, Euch für dieſelben um ein Aſyl zu bitten. Da ſind ſie.“ Die Wittwe ſchaute ſie erſtaunt, aber mit ſicht⸗ barer Rührung an. „ Dieſer Kopf, den Ihr ſeht,“ ſprach Jean Oul⸗ lier weiter,„iſt ſein Gewicht in Gold werth. Ihr könnt ihn ausliefern, wenn es Euch gut dünkt, und Euer Mann iſt, wie ich Euch ſagte, gerächt und Euer Glück gemacht.“ „Jean Oullier,“ antwortete die Wittwe mit ern⸗ ſter Stimme,„Gott hat uns die Menſchenliebe ge⸗ geben für Alle, groß oder klein. Zwei Unglückliche klopfen an meine Thüre; ich werde ſie nicht zurück⸗ ſtoßen; zwei Geächtete bitten mich um ein Aſyl, mein Haus wird eher einſtürzen, als ſie aus⸗ liefern.“. Dann ſprach ſie mit einer einfachen Geberde, der aber die Handlung ſelbſt eine erhabene Größe verlieh: „Jean Oullier, tretet bei mir ein, tretet kühn ein, Ihr und die, welche Euch begleiten.“ Sie traten ein. Nur während Petit⸗Pierre Jean Oullier behülf⸗ lich war, den Grafen von Bonneville auf einen Stuhl zu legen, flüſterte der alte Wildhüter ihm zu: „Madame, ſchieben Sie Ihre blonden Haare, die unter der Perrücke hervorkommen, wieder zu⸗ rück; was ſie mich errathen ließen und was ich eben dieſer Frau mitgetheilt habe, es wäre nicht gut, wenn alle⸗Welt das wüßte.“ XI. Gleichheit vor den Todten. An demſelben Tag, gegen zwei Uhr Nachmittags, hatte Meiſter Courtin La Logerie verlaſſen und ſich auf den Weg gemacht, unter dem Vorwand, ſich nach Machecoul zu begeben, um einen Pflugochſen 37 3 nd zu kaufen, in Wirklichkeit aber, um Nachricht von den Ereigniſſen der Nacht zu erhalten, Ereigniſſe, n⸗ für welche ſich der würdige Beamte, wie unſere ge⸗ Leſer leicht begreifen werden, ganz ſpeciell intereſ⸗ che ſirte. ck⸗ An der Furth von Pontfarcy angekommen, fand yl, 3 er die Müllerknechte, welche den Körper von Tin⸗ 1s⸗ guy's Sohn aufhoben, und um dieſelben einige Frauen und Kinder, welche mit der ihrem Geſchlecht de, und ihrem Alter natürlichen Neugier die Leiche ße betrachteten. Als der Maire von La Logerie ſeinen Klepper, hn ihn mit einem Schlag des Lederſtockes, den er in der Hand hielt, antreibend, ins Waſſer gebracht hatte, wandten ſich alle Augen nach ihm um, und lf⸗ die Unterhaltung hörte wie durch Zauber auf, ſo ien lebhaft und animirt ſie auch bis dahin geweſen war. u:„Ei! was gibt es denn, Jungen?“ fragte re, Courtin, indem er mit ſeinem Pferd diagonal das zu⸗ Waſſer durchſchnitt, ſo daß er genau vor der Gruppe ich ans Land ſtieg. 4 icht„Einen Todten,“ antwortete einer der Müller mit dem Lakonismus eines Vendéeiſchen Bauern. Courtin verweilte mit ſeinem Blick auf dem Körper und ſah, daß er mit einer Uniform beklei⸗ det war. „Noch ein Glück,“ ſagte er,„daß es Niemand aus der Gegend iſt.“ gs, Trotz ſeiner philippiſtiſchen Meinungen hielt es ſich- der Maire von La Logerie nicht für klug, für einen ſich Soldaten Louis Philipps Mitgefühl zu bezeugen. ſen„Darin irren Sie ſich, Herr Courtin,“ antwor⸗ tete lakoniſch und mit finſterer Stimme ein Mann in braunem Wamſe. Der Titel„Herr“, der ihm, und ſelbſt mit einer gewiſſen Affectation gegeben worden war, ſchmei⸗ chelte dem Maire von La Logerie keineswegs. Unter den Umſtänden, worin er ſich befand, in der Phaſe, worein das Land zu treten im Begriff war, wußte er, daß der Titel Herr im Munde eines Bauern, wenn er kein Zeichen des Reſpectes war, einer Be⸗ leidigung oder einer Drohung gleichkam, was Courtin ganz anders beunruhigte. Wirklich ließ ſich der Maire von La Logerie billiger Weiſe die Gerechtigkeit widerfahren, daß er die ihm eben beigelegte Eigenſchaft nicht als Zeichen der Achtung nahm. So entſchloß er ſich, immer vorſichtiger zu ſei. „Es ſcheint mir indeſſen,“ fuhr er in ſüßlichem Ton fort,„daß die Uniform, welche er trägt, die der Jäger iſt.“ „Bah! die Uniform,“ erwiderte derſelbe Bauer, „als ob Sie nicht wüßten, daß die Conſcription unſere Söhne und Brüder ſo wenig wie die andern reſpectirt. Es ſcheint mir wirklich, daß Sie es wiſſen ſollten, da Sie Maire ſind.“ Es erfolgte ein neues Stillſchweigen. Dieſes Stillſchweigen ſchien Courtin ſo ſchwer zu tragen, daß er es unterbrach. „Und weiß man den Namen des armen Bur⸗ ſchen, der ſo unglücklich ums Leben gekommen iſt?“ fragte Courtin, der unſägliche, aber fruchtloſe Ver⸗ ſuche machte, eine Thräne in ſein Auge zu locken. Niemand antwortete ihm. 39 Das Schweigen wurde immer bedeutſamer. „Und weiß man von andern Opfern, zum Bei⸗ ſpiel unter den Unſrigen? Unter den Burſchen des Landes, gibt es da Getödtete? Ich habe ſagen hören, daß eine gute Anzahl Flintenſchüſſe ge⸗ fallen ſind.“ „Von andern Opfern,“ antwortete derſelbe Bauer, „kenne ich nur dieſes hier, obgleich es beinahe eine Sünde iſt, neben der Leiche eines Chriſten davon zu reden.“ Bei dieſen Worten hatte ſich der Bauer umge⸗ dreht und deutete, die Augen feſt auf Courtin hef⸗ tend, mit dem Finger auf den Hund von Jean Oullier, deſſen Körper am Ufer geblieben war und von der Strömung, in welcher er ſich halb badete, ſchmeichelnd beſpült wurde, Meiſter Courtin wurde ſehr bleich; er huſtete, wie wenn eine unſichtbare Hand ihm die Kehle zu⸗ geſchnürt hätte. „Was iſt das?“ ſprach er,„ein Hund? Ha, wenn wir nichts als Opfer dieſer Art zu beweinen hätten, würden wir unſere Thränen für eine andere Gelegenheit aufſparen.“ „Ei! ei!“ erwiderte der Mann in dem braunen Wamms,„das Blut eines Hundes bezahlt ſich wie etwas Anderes, und ich bin überzeugt, der Herr des armen Pataud wird ſich nicht ſo leicht mit dem abfinden, der beim Abgang von Montaigu mit Wolfsſchrot, von dem drei Stück ihm in den Leib gegangen ſind, auf ſeinen Hund geſchoſſen hat.“ Am Schluſſe dieſer Worte drehte ſich der Mann, als ob er es, nachdem er ſeiner Meinung nach genug — Worte mit Courtin gewechſelt hatte, für unnütz hielte, ſeine Antwort abzuwarten, um, ſtieg über einen Zaun und verſchwand hinter einer Hecke. Was die Müller betraf, ſo machten ſie ſich mit der Leiche wieder auf den Weg. Die Frauen und Kinder folgten dem Leichenzug, in⸗ dem ſie tumultuariſch und mit lauter Stimme beteten. Courtin blieb allein. „So! Soll ich das bezahlen, was der Burſche Oullier auf meine Rechnung geſtellt hat,“ ſprach der Maire von La Logerie, indem er dem Klepper, der an dem Anhalt Geſchmack gefunden hatte, ſei⸗ nen einzigen Sporn in die Seite ſetzte,„ſo muß er ſich zuvor aus den Griffen befreien, in denen er ſich, Dank meinem Bemühen, befindet, was nic ünr bequem, wiewohl ſtreng genommen, mög⸗ ich iſt.“ Meiſter Courtin ſetzte ſeinen Weg fort, aber da die Neugier ihn immer mehr ſtachelte, fand er, daß zu deren Befriedigung zu warten, bis der beſchei⸗ dene Paß ſeines Roſſes ihn nach Machecoul brächte, ſehr lang leiden hieße. Nun kam er dieſen Augenblick gerade an dem Kreuz von La Berthaudidre vorüber, auf welches der nach Picauts Hauſe führende Weg ausmündete. Er dachte an Paſcal, der ihm beſſer als irgend Jemand Nachricht verſchaffen könnte, da er am Nüend zuvor den Soldaten zum Führer gedient atte. „Wie einfältig von mir!“ rief er, mit ſich ſelbſt redend,„ohne länger als eine kleine halbe Stunde mich aufzuhalten, kann ich Alles, was vorgefallen n 41 iſt, aus einem Munde erfahren, der mir nichts verbergen wird; alſo fort zu Paſcal: er wird mir ſagen, was der Streich für Folgen gehabt hat.“ Meiſter Courtin wandte alſo rechts ab, rückte fünf Minuten ſpäter aus dem kleinen Gemüſegarten hervor und trat über die Dunglege im Hofe des Picaut'ſchen Hauſes ein. Joſeph rauchte, auf einem Pferdekummet ſitzend, ſeine Pfeife vor der Thüre des Hausantheiles, den er bewohnte. Als er den Maire von La Logerie erblickte, hielt er es nicht für zweckmäßig, ſich ſtören zu laſſen. Meiſter Courtin, der einen bewundernswürdigen Scharfſinn beſaß, Alles zu ſehen, ohne die Miene zu haben, etwas zu bemerken, band ſeinen Klepper an einen der eiſernen, in die Mauer eingelaſſenen Ringe. Dann fragte er, zu Joſeph gewendet: „Iſt Euer Bruder zu Hauſe?“ „Ja, jetzt noch,“ antwortete dieſer, die Worte jjetzt noch auf eine Weiſe betonend, die dem Maire von La Logerie ſonderbar vorkam,„braucht Ihr ihn heute, um die Rothhoſen nach Schloß Souday zu führen?“ Courtin biß ſich auf die Lippen, gab aber Jo⸗ ſeph keine Antwort.. Nur bei ſich ſelbſt ſagte er, indem er an die Thüre des Zweiten der Picauts klopfte: „Wie konnte dieſer Dummkopf Paſcal ſeinem lumpigen Bruder anvertrauen, daß ich es war, der ihm dieſen Auftrag gab; man kann meiner Treu ſeit vierundzwanzig Stunden nichts thun, ohne daß die ganze Welt davon ſchwatzt.“ Courtins Monolog hinderte ihn, zu bemerken, daß es ſehr lang dauerte, bis man ihm antwortete, und daß gegen die vertrauensvolle Gewohnheit der Landleute die Thüre von innen verriegelt war. Endlich ging die Thüre auf. Als die Augen Courtins durch dieſe Oeffnung in das Innere des Zimmers tauchen konnten, be⸗ wirkte das Schauſpiel, das ſich ihm darbot und das er ſo wenig erwartet hatte, daß er auf der Schwelle zurückwich. „Wer iſt denn hier geſtorben?“ fragte er. „Schauen Sie,“ antwortete die Wittwe, ohne ihren Platz in der Ecke des Kamins zu verlaſſen, den ſie wieder eingenommen, nachdem ſie ihm die Hausthüre geöffnet hatte. Courtin warf die Augen wieder auf das Bett, und wiewohl er durch die Leinwand nur die Geſtalt der Leiche ſah, errieth er Alles. „Paſcal!“ rigf er,„Paſcal!“ „Ich glaubte, Sie wüßten es,“ ſprach die Wittwe. „Ich?" 4³ „Ja, Sie; Sie, die erſte Urſache ſeines Todes.“ „Ich? ich?“ erwiderte Courtin, der im Augen⸗ blick an das dachte, was der Bruder des Opfers ihm eben geſagt hatte, und fühlte, wie wichtig es für ſeine Sicherheit war, die Schuld von ſich abzu⸗ wälzen;„ich? ich ſchwöre Euch auf Manneswort: es iſt über acht Tage, daß ich Euren verſtorbenen Mann nicht geſehen habe.“ 43 „Schwören Sie nicht!“ antwortete die Wittwe; „Paſcal ſchwor nie, denn er log nie.“ „Aber wer hat Euch denn geſagt, daß ich ihn geſehen habe?“ fragte Courtin,„nun, das iſt ſtark.“ „Lügen Sie nicht, im Angeſicht eines Todten, Herr Courtin,“ ſprach die Wittwe;„das würde Ihnen Unglück bringen.“ 4 „Ich lüge nicht,“ ſtammelte der Meier. „Er hat ſich von hier entfernt, um zu Ihnen zu gehen; Sie haben ihn beſtimmt, den Soldaten als Führer zu dienen.“ Courtin machte eine neue Bewegung, zu läugnen. „Ah! ich tadle Sie deßhalb nicht,“ fuhr die Wittwe fort mit einem feſten Blick auf eine junge Bäuerin von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, welche in der andern Kaminecke am Rocken ſpann; nes war ſeine Pflicht, denen Beiſtand zu leiſten, welche es verhindern wollen, daß das Land noch einmal durch einen Bürgerkrieg verwüſtet werde.“ „Das iſt auch mein Zweck, mein einziger Zweck,“ antwortete Courtin, aber die Stimme ſo ſinken laſſend, daß die junge Bäuerin es wohl kaum hören konnte;„ich wünſchte, daß die Regierung uns ein für alle Mal von ſämmtlichen Beförderern der Unruhen, von allen jenen Edelleuten erlöste, welche uns während des Friedens mit ihren Reichthümern zermalmen und während des Kriegs hinſchlachten laſſen; ich arbeite darauf hin, Frau Picaut; aber man braucht ſich darum nicht zu rühmen; man weiß nur zu gut, weſſen dieſe Leute fähig ſind.“ „Worüber wollen Sie ſich beklagen, wenn ſie Ihnen von hinten einen Schlag verſetzen, da Sie dieſelben vom Verſteck aus angreifen?“ antwortete die Wittwe mit einem Ausdruck tiefer Verachtung. „Ei! man wagt, was man wagen kann, Frau Picaut,“ antwortete Courtin verlegen;„es iſt nicht Jedermann vergönnt, tapfer und kühn zu ſein, wie es Euer armer Verſtorbener war; aber wir wollen ihn rächen, den armen Paſcal, wir wollen ihn rächen, ich ſchwöre es Euch.“ „Danke; dazu bedarf ich Ihrer nicht, Herr Cour⸗ tin,“ ſprach die Wittwe mit beinahe drohendem Ton, ſo hart war er;„Sie haben ſich ſchon allzuſehr in die Angelegenheiten dieſes armen Hauſes gemiſcht; ſparen Sie darum fernerhin Ihren guten Willen für Andere.“ „Wie es Euch gefällt, Frau Picaut; ach! ich hatte Euren armen lieben Mann ſo gern, daß ich Alles thun würde, Euch gefällig zu ſein....“ Dann ſich plötzlich der kleinen Bäurin zuwendend, welche er ſchon eine Minute, ohne ſcheinbar ſie zu ſehen, aus einem Winkel ſeines Auges betrachtet hatte, fragte der Maire: „Aber wer iſt denn dieſe jugendliche Schöne?“ „Eine Couſine von mir, die dieſen Morgen von Port⸗Saint⸗Père gekommen iſt, um mir bei Erfüllung der letzten Pflichten gegen meinen Paſeal behülflich zu ſein und mir Beiſtand zu leiſten.“ „Von Port⸗Saint⸗Pdre dieſen Morgen; ach! ach! Frau Picaut, die iſt gut zu Fuß und hat den Weg ſchnell gemacht.“ Die arme Wittwe, an Lügen wenig gewöhnt, 45 und niemals irgend veranlaßt zu lügen, log ſchlecht; ſie biß ſich in die Lippen und ſchleuderte Courtin einen zornigen Blick zu, der zum Glück die Augen deſſelben nicht traf, da er in dieſem Moment damit beſchäftigt war, einen vollſtändigen Bauern⸗ anzug, der vor dem Kamin trocknete, zu prüfen. Aber was bei dem ganzen Coſtume Courtin, wie es ſchien, beſonders zu ſchaffen machte, waren ein Paar Schuhe und ein Hemd. Es iſt richtig, die Schuhe waren, obgleich be⸗ nagelt, von einem Leder und einer Form, wie ſie in Hütten nicht ſehr gewöhnlich ſind, und das Hemd ſeinerſeits war von dem feinſten Batiſt, den man nur ſehen konnte. „Hübſches Leinen! hübſches Leinen!“ murmelte der Meier, das ſtarke und dabei doch weich anzu⸗ fühlende Gewebe zwiſchen den Fingern reibend; nich denke, es wird die Haut deſſen, der es trägt, nicht wund drücken.“ Die junge Bäuerin erachtete es jetzt an der Zeit, der Wittwe, welche auf Nadeln zu ſitzen ſchien und auf deren Stirne ſichtbar immer drohendere Wolken ſich ſammelten, zu Hülfe zu kommen. „Ja,“ ſagte ſie,„es ſind Kleidungsſtücke, die ich zu Nantes von einem Trödler gekauft habe, um dem kleinen Neffen meines ſeligen Vetters Paſcal einen Morgenanzug herauszuſchneiden.“ „und Ihr habt ſie vorher gewaſchen, ehe man ie zum Nähen gab, und meiner Treu wohl daran gethan, mein hübſches Kind, denn am Ende,“ ſetzte Courtin, die junge Bäuerin noch feſter anſchauend, hinzu,„weiß man bei ſolchem verlegenen Trödel⸗ kram doch nie, wer ihn getragen hat; es kann viel⸗ leicht ein Prinz, aber auch ein ſchäbiger Hund ſein.“ „Meiſter Courtin,“ fiel die Wittwe, welche bei dieſer Unterhaltung immer ungeduldiger zu werden ſchien,„es ſcheint mir, daß Euer Klepper vor der Thüre ſehr unruhig wird.“ Courtin ſchien zu horchen. „Wenn ich nicht,“ ſprach er,„Euren Schwager da oben über unſerm Haupte auf dem Speicher gehen hörte, würde ich ſagen, er mache es unruhig, der boshafte Burſche.“ Bei dieſem neuen Beweis von dem beſonderen Beobachtungsgeiſte des Maire's von La Logerie er⸗ blaßte nun die Bäuerin ihrerſeits, und dieſe Bläſſe vermehrte ſich noch, als ſie Courtin, der aufgeſtan⸗ den war, um durch die Fenſterſcheiben nach ſeinem Pferd zu ſehen, wie wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche, ſagen hörte: 4 „Aber nein, da iſt er, der Taugenichts; er quält wohl mein Thier mit ſeiner Peitſchenſchnur.“ Dann zu der Wittwe zurückgehend, fuhr er fort: „Aber wen habt Ihr dann auf Eurem Spei⸗ cher, Frau?“ Das Mädchen wollte antworten, Joſeph habe Weib und Kinder und der Speicher ſei beiden Fa⸗ milien gemeinſchaftlich; aber die Wittwe ließ ihr nicht einmal Zeit, ihre Phraſe anzufangen. „Meiſter Courtin,“ ſprach ſie, aufſtehend,„wer⸗ den alle Eure Fragen nicht bald ein Ende nehmen? Ich haſſe die Spione, das muß ich Euch ſagen, ſeien ſie roth oder blau.“ „Aber ſeit wann heißt man ein einfaches Ge⸗ 47 plauder zwiſchen Freunden Spioniren, Frau Picaut; potz Tauſend, Ihr ſeid ja ſehr empfindlich ge⸗ worden!“ Die Augen der jungen Bäurin flehten die Wittwe an, vorſichtiger zu ſein; aber ihre ungeſtüme Wir⸗ thin vermochte ſich nicht mehr zurückzuhalten. „Zwiſchen Freunden, zwiſchen Freunden,“ wie⸗ derholte ſie;„o! ſucht Eure Freunde unter Eures⸗ gleichen, das heißt unter Verräthern und Feiglingen, und wißt, daß die Wittwe Paſcal Picauts nie dazu gehören wird; geht und überlaßt uns unſerem Schmerz, den Ihr ſchon allzulang ſtört.“ „Ja, ja,“ antwortete Courtin mit vollkommen geſpielter Gutmüthigkeit,„meine Gegenwart iſt Euch verhaßt; ich hätte das bälder begreifen ſollen und bitte Euch um Entſchuldigung, daß es nicht geſchehen iſt; Ihr ſetzt Euch in den Kopf, in mir die Urſache des Todes von dem armen Verſtorbenen zu ſehen; ah! das betrübt mich, betrübt mich ſehr, Frau; denn ich liebte ihn von ganzem Herzen und hätte ihm um Viel nicht Schaden thun mögen; aber wohl, da Ihr es abſolut wollt, da Ihr mich fortjagt, ſo gehe ich; ich gehe, macht Euch deßhalb keinen Kummer.⸗ In dieſem Augenblick wies die Wittwe, welche ſeit einem Augenblick immer mehr beſchäftigt ſchien, mit einem raſchen Blick die junge Bäuerin auf einen Backtrog, der ſich hinter der Thüre befand. Auf dieſem Backtrog hatte man ein Schreibzeug vergeſſen, das hier ganz offen geblieben war. Dieſes Schreibzeug hatte ohne Zweifel dazu gedient, Jean Oullier die Ordre auszufertigen, die er an demſelben Morgen dem Marquis von Sou⸗ day überbracht hatte. Dieſes Schreibzeug beſtand in einer Taſche von grünem Maroquin, die um eine Art Carton⸗Rohr gewickelt wurde, worin Alles zum Schreiben Erfor⸗ derliche enthalten war. Wenn Courtin nach der Thüre ging, konnte er nicht verfehlen, das Porte⸗ feuille und die zerſtreuten Papiere, welche es zur Hälfte bedeckten, zu bemerken. Die junge Bäurin verſtand das Zeichen, ſah die Gefahr und war, ehe er ſich umdrehte, ſchnell wie ein Reh, hinter dem Maire von La Logerie herumgegangen und hatte ſich auf den Backtrog ge⸗ ſetzt, ſo daß ſie das unglückliche Portefeuille voll⸗ ſtändig verdeckte. Courtin ſchien dieſem Manöver nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Adieu alſo, Frau Picaut,“ ſagte er,„ich habe in Eurem Mann einen Kamaraden verloren, auf den ich große Stücke hielt; Ihr zweifelt daran, aber die Zukunft wird es lehren. Wenn Euch Jemand in der Gegend genirt oder beläſtigt, ſo braucht Ihr nur mich aufzuſuchen, hört Ihr; man hat eine Schärpe, und Ihr ſollt ſehen.“ Die Wittwe gab keine Antwort; ſie hatte Courtin geſagt, was ſie ihm zu ſagen hatte, und ſchien dem Meier, der auf die Thüre zuſchritt, nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken; unbeweglich, mit ge⸗ kreuzten Armen, ſchaute ſie die Leiche an, deren ſtarre Geſtalt ſich unter dem ſie bedeckenden Lein⸗ tuch abzeichnete. ou⸗ von ohr or⸗ der re⸗ zur ſah nell rrie ge⸗ oll⸗ zſte abe auf ber and Ihr ine tin dem gſte ge⸗ ren ein⸗ 49 „Ei! da ſeid Ihr wieder, ſchönes Kind?“ ſprach Courtin, an der Bäurin vorübergehend. „Ja; es war mir zu heiß da unten.“ „Nimm Dich Deiner Baſe gut an, meine Toch⸗ ter,“ fuhr Courtin fort,„dieſer Todesfall hat ſie zu einem wilden Thier gemacht; ſie iſt ſo wenig einnehmend, wie die Wölfinnen von Machecoul, und dann ſpinne, ſpinne, meine Tochter, aber Du wirſt Deine Spindel ſchön zu drehen oder Deine Spule zu winden haben, und Arbeit genug dabei finden, um aus Deinem Rocken einen Faden zu ziehen, ſo fein wie der, aus welchem das Hemd hier gewoben iſt.“ Dann ſich endlich zu gehen entſchließend, ſprach er noch, als er die Thüre hinter ſich zuzog: „Was für ſchönes Linnen! was für ſchönes Linnen!“— „Schnell, ſchnell! verbergen Sie alle dieſe Ge⸗ räthſchaften,“ ſprach die Wittwe,„er geht nur, um wieder zu kommen.“ Schnell wie der Gedanke, hatte die junge Bäu⸗ rin das Schreibzeug zwiſchen die Wand und den Backtrog geſteckt; aber ſo raſch ihre Bewegung ewveſen war, ſie zeigte ſich doch noch als zu lang⸗ am. Der Laden, welcher die Zimmerthüre in zwei Hälften theilte, hatte ſich plötzlich aufgethan und der Kopf Courtins war über dem untern Theil zum Vorſchein gekommen. „ch habe Euch erſchreckt!... Vergebung,“ ſagte Courkin,„aber es geſchah in guter Abſicht. Sagt mir doch, wann iſt das Leichenbegängniß?“ Dumas, Wölfinnen von Macheceoul. III. 4 „Morgen, glaube ich,“ antwortete dieſe. „Willſt Du gehen, boshafter Bettler!“ rief die Wittwe, auf Courtin zuſtürzend und über ſeinem Kopf die maſſiwe Feuerzange erhebend, welche dazu diente, die Klötze in dem ungeheuren Kamin anzu⸗ faſſen. Courtin zog ſich erſchrocken zurück. Frau Picaut, wie Courtin ſie nannte, ſchloß heftig den Laden. Der Maire von La Logerie band ſeinen Klepper los, raffte eine Handvoll Blätter auf und wiſchte den Sattel ab, den Joſeph boshafter Weiſe und aus Grund des Haſſes, den er ſeinen Kindern für die Patauds einflößte, durch dieſe vom Knopf bis zum Steg mit Kuhkoth hatte beſchmieren laſſen. Dann warf er ſich, ohne zu klagen, ohne einen Vorhalt zu machen, als ob der Unfall, dem er eben abgeholfen hatte, ganz natürlich wäre, mit der gleich⸗ gültigſten Miene von der Welt auf ſein Reitthier, hielt ſich ſogar ziemlich lang im Obſtgarten auf, um mit der Neugierde eines Liebhabers zu unter⸗ ſuchen, ob die Apfelbäume gehörig angeſetzt hat⸗ ten; aber ſobald er an dem Kreuz von la Bertaudidre wieder angekommen war, und mit ſeinem Pferd auf den Weg von Machecoul eingelenkt hatte, faßte er ſeinen Stecken am dicken Ende und bediente ſich des ledernen Peitſchenriemens von der einen, und ſeines einzigen Sporns von der andern Seite mit ſolcher Beharrlichkeit und Anſtrengung, daß es ihm gelang, ſeinen Klepper in einen Gang zu bringen, deſſen ihn bis jetzt Niemand für fähig gehalten hätte. „Endlich iſt er fort,“ ſprach, ihn aus dem Auge 2 8 51 verlierend, die Bäurin, welche hinter dem Fenſter allen Bewegungen des Maires von La Logerie gefolgt war. „Ja, aber das iſt vielleicht nicht beſſer für Sie, Madame.“ „Wie ſo?“ „Ol ich weiß wohl, was ich ſagen will.“ „Glauben Sie, daß er hingeht, uns zu denunciren?“ „Er gilt dafür, hiezu im Stande zu ſein. Ich weiß perſönlich nichts davon, denn ich miſche mich nie in dergleichen Händel, aber ſeine boshafte Miene hat mir immer den Gedanken erregt, daß man ihn, ſelbſt unter den Weißen, nicht verleumde.“ „In der That,“ ſagte die junge Bäurin, welche ſich zu beunruhigen anfing,„ſcheint mir ſeine Phyſiog⸗ nomie nicht gemacht, Vertrauen einzuflößen.“ „Ach! Madame, warum haben Sie Jean Oullier nicht bei ſich behalten?“ ſagte die Wittwe;„das war ein ehrlicher Mann und zuverläſſig.“ „Ich hatte Befehle nach Schloß Souday zu ge⸗ ben; dann muß er uns dieſen Abend Pferde brin⸗ gen, damit wir Ihr Haus ſo ſchnell als möglich verlaſſen können, wo ich zu gleicher Zeit nur Nah⸗ rung für Ihren Schmerz und Verlegenheit erzeuge.“ Die Wittwe gab keine Antwort; das Geſicht in ihre beiden Händen vergraben, weinte ſie. „Arme Frau!“ murmelte die Herzogin,„Ihre Thränen fallen Tropfen um Tropfen auf mein erz, und jede von ihnen läßt eine ſchmerzliche Furche daſelbſt zurück. Wehe! das iſt die ſchreckliche, unvermeidliche Folge der Revolutionen; auf das Haupt derer, welche ſie erregen, müſſen alle dieſe Thränen und all dieſes Blut zurückfallen.“ 4* „Bedenken Sie wohl, Madame,“ ſprach die Wittwe, „bedenken Sie, ehe das, was Sie verſuchen wollen, in Vollzug geſetzt wird; viele arme Leute, deren einziges Verbrechen iſt, Sie zu lieben, viele Väter, viele Söhne, viele Brüder werden wie dieſer hier, auf ihrem Todtenbette liegen! viele Mütter, viele Wittwen, viele Schweſtern, viele Waiſen werden um denjenigen, der ihre Liebe, ihre Stütze war, weinen, wie ich jetzt weine.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief die junge Frau, in Schluchzen ausbrechend, indem ſie auf die Kniee fiel und beide Arme zum Himmel erhob,„wenn wir uns täuſchten, wenn wir von allen den Her⸗ zen, die wir brechen ſollen, Rechenſchaft geben müßten!...“ Und ihre Stimmen, von Thränen erſtickt, verlor ſich in einem Seufzer. XLI. Fortſetzung. In dieſem Augenblick ſtieß man an eine Fall⸗ thüre, welche mit dem Speicher in Verbindung ſtand. „Was fehlt Ihnen denn?“ fragte die Stimme von Bonneville. Er hatte einige Worte von dem, was die Wittwe eben geſagt, vernommen und wurde unruhig. „Nichts, nichts,“ antwortete die junge Bäurin, indem ſie der Wittwe mit liebevoller Energie, einem Zeugniß des Eindrucks, den ihre Worte auf ſie hervorgebracht hattee die Hand drückte. len, ren ter, ier, iele den dar, au, niee enn her⸗ ben lor 53 „Und Sie?“ fragte ſie, ihrer Stimme einen an⸗ dern Ton gebend und zu leichterer Beſprechung die erſten Sproſſen einer Leiter hinaufſteigend, welche vom Fußboden nach der Fallthüre führte. Die Fallthüre hob ſich und das lächelnde Geſicht des jungen Mannes erſchien. „Wie befinden Sie ſich?“ vollendete die Bäurin. „Ganz bereit, wieder anzufangen, ſobald Ihr Dienſt es erfordert.“ Die Bäurin ſchickte ihm ihren Dank mit einem Lächeln zu. „Aber wer iſt denn ſo eben gekommen?“ fragte Bonneville. „Ein Bauer Namens Courtin, den ich nicht gerade für einen unſerer Freunde halte.“ „Ah! ah! der Maire von La Logerie.“ „So iſt's.“ „Ja,“ fuhr Bonneville fort,„Michel hat mir von ihm geſprochen; das iſt ein gefährlicher Menſch, Sie hätten ihm folgen laſſen ſollen.“ „Von wem? wir haben Niemand.“ „Von dem Schwager unſerer Wirthin.“ „Sie haben den Widerwillen geſehen, den unſer braver Oullier gegen ihn hatte.“ „Und doch iſt es ein Weißer,“ rief die Wittwe, „ein Weißer dieſer Bruder, der ſeinen Bruder ab⸗ ſchlachten ließ.“ Die Bäurin und Bonneville machten beide eine Bewegüng des Schauders. „Dann werden wir ſehr gut thun, ihn nicht in unſere Angelegenheiten zu verwickeln,“ ſprach onneville,„er würde Ihnen Unglück bringen. Aber haben Sie Niemand, meine liebe Frau, den man als Schildwache in der Umgebung aufſtellen könnte?“ „Jean Oullier hat deßhalb vorgeſehen,“ ant⸗ wortete die Wittwe,„und ich meinerſeits habe meinen Neffen auf die Haide von St. Pierre geſchickt, von wo man die ganze Umgebung überſchaut.“ „Das iſt ein Kind,“ warf die Bäurin ein. „Zuverläſſiger als gewiſſe Männer,“ erwiderte die Wittwe. „Uebrigens,“ ſetzte Bonneville hinzu,„haben wir nicht mehr lang zu warten, in drei Stunden iſt es Nacht, in drei Stunden haben wir Pferde und unſere Freunde ſind da.“ „Drei Stunden,“ ſagte die Bäurin, welche ſeit den Worten der Wittwe düſtern Vorſtellungen zum Raub geworden ſchien;„in drei Stunden kann Vieles geſchehen, mein armer Bonneville.“ „Wer kommt daher geſprungen?“ rief Frau Picaut, vom Fenſter nach der Thüre ſtürzend, welche ſie öffnete.„Biſt Du es, Kleiner?“ „Ja, Tante, ja,“ antwortete das Kind ganz athemlos. „Was gibt es denn?“ „Tante! Tante!“ rief das Kind,„die Soldaten, ſie kommen da herunter; ſie haben den Mann, der auf der Wache ſtand, überfallen und getödtet. „Die Soldaten, die Soldaten,“ ſprach in ſeine Hütte eintretend Joſeph Picaut, der von der Thüre aus den Ruf ſeines kleinen Jungen gehört hatte. „Was ſollen wir thun?“ fragte Bonneville. „Sie erwarten,“ ſprach die junge Bäurin. iz der tre 5⁵ „Warum nicht einen Fluchtverſuch machen?“ „Wenn es der Mann von vorhin iſt, der ſie herführt oder ihnen Kunde gebracht hat, ſo müſſen ſie das Haus cernirt haben.“ „Wer ſpricht von Flucht?“ fragte die Wittwe Picaut.„Habe ich nicht geſagt, dieſes Haus ſei ſicher, habe ich nicht geſchworen, ſo lang Sie bei mir ſind, ſoll Ihnen kein Unglück widerfahren?“ Hier vermehrte ſich die Scene um eine neue Perſon; ohne Zweifel denkend, die Soldaten kom⸗ men ſeinetwegen, erſchien Joſeph Picaut mit ſeiner Flinte bewaffnet auf der Schwelle. Das Haus ſeiner Schweſter, wohlbekannt als blau, erſchien ihm ohne Zweifel als Aſyl. Aber als er die beiden Gäſte ſeiner Schwäge⸗ rin ſah, wich er vor Erſtaunen zurück. „Ah! Ihr habt Edelleute hier,“ ſprach er,„jetzt wundert es mich nicht mehr, wenn die Soldaten her kommen. Ihr habt ſie verkauft.“ „Elender!“ antwortete ſeine Schwägerin, indem ſie den am Kamin hängenden Säbel ihres Mannes ergriff und auf Joſeph zuſtürzte, der auf ſie anlegte. Bonneville ſprang die Leiter herunter, aber be⸗ reits hatte ſich die junge Bäurin zwiſchen Schwager und Schwägerin geworfen, die Wittwe mit ihrem Körper deckend. „Nieder mit Deiner Waffe,“ rief ſie dem Vor⸗ dern mit einem Tone zu, der nicht aus dieſem ſchmächtigen und zarten Körper zu kommen ſchien, ſo männlich und energiſch war er,„nieder mit Deiner Waffe, im Namen des Königs, ich befehle e ir.“ „Aber wer ſeid Ihr, um ſo mit mir zu ſprechen?“ fragte Joſeph Picaut, immer geneigt, ſich gegen jede Autorität aufzulehnen. „Ich bin Die, welche man erwartete, ich bin Die, welche befehligt.“ Bei dieſen Worten, die mit der höchſten Majeſtät geſprochen wurden, ließ Joſeph Picaut, völlig ver⸗ wirrt und von Erſtaunen betroffen, ſeine Flinte fallen. 1 „Jetzt,“ fuhr die Bäurin fort,„ſteigſt Du mit dem Herrn hier hinauf.“ „Und Sie?“ fragte Bonneville ängſtlich. „Ich bleibe hier.“ „Aber....“ „Wir haben keine Zeit zur Erörterung; gehen Sie, gehen Sie doch.“ Die beiden Männer ſtiegen hinauf und die Fall⸗ thüre ſchloß ſich hinter ihnen. „Was machen Sie denn?“ fragte die Bäurin die Wittwe Picaut, welche, wie ſie zu ihrer Ver⸗ wunderung bemerkte, das Bett, auf dem die Leiche ihres Mannes lag, von der Stelle rückte und mitten in das Zimmer ſchob. „Ich bereite Ihnen ein Aſyl, wo Niemand Sie ſuchen wird.“ „Aber ich will mich nicht verbergen; unter dieſen Kleidern werden ſie mich nicht erkennen; ich will ſie erwarten.“ „Und ich will nicht, daß Sie dieſelben erwarten,“ ſprach Frau Picaut mit ſo energiſchem Ton, daß er ihre Gegenrednerin überwältigte;„Sie haben gehört, was der Mann hier ſagte: würden Sie bei mir — ͤSS—S SEeSG&XRS8A 57 entdeckt, würde man denken, ich habe Sie verkauft, und es gefällt mir gar nicht, mich der Gefahr aus⸗ zuſetzen, daß man Sie entdeckt.“ „Sie, meine Feindin?“ „Ja, Ihre Feindin; aber welche ſich auf dieſes Bett legen würde, um zu ſterben, neben dem, der bereits da iſt, wenn ſie Zeuge Ihrer Gefangen⸗ nehmung wäre.“ Es war nichts darauf einzuwenden. Die Wittwe Paſcal Picauts hob die Matraze, auf welcher der Leichnam ausgeſtreckt war, auf, und verbarg daſelbſt zuerſt die Kleider, das Hemde und die Schuhe, welche Courtins Neugier ſo ſehr erregt hatten; dann zeigte ſie zwiſchen der Matraze und dem Strohſack der jungen Bäurin einen Platz, welche ohne Widerſtand hineinſchlüpfte, indem ſie ſich hinter dem Bett eine Oeffnung machte, um Athem holen zu können. Frau Picaut war kaum damit fertig, in allen Ecken des Zimmers Umſchau zu halten und ſich zu verſichern, daß nichts überſehen worden war, was ihre Gäſte compromittiren konnte, als ſie von außen Waffengeklirr vernahm und der Schattenriß eines Officiers ſich vor den Fenſterſcheiben abzeichnete. „Hier iſt es wohl?“ fragte der Officier einen ſeiner Kameraden, der hinter ihm marſchirte. „Was wollen Sie?“ fragte die Wittwe, indem ſie die Thüre öffnete. „Ihr habt Fremde hier; wir wollen Sie ſehen,“ antwortete der Officier. „Ei wie! Sie erkennen mich alſo nicht mehr,“ antwortete die Picaut, indem ſie es vermied, auf die an ſie geſtellte Frage eine directe Antwort zu eben. 9„Pardieu! ich erkenne Euch wohl; Ihr ſeid die Frau, welche uns heute Nacht als Führerin ge⸗ dient hat.“ „Nun dann, wenn ich dieſe Nacht Euch zum Aufſuchen der Feinde der Regierung behülflich war, ſo iſt es nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ich ſie heute am Tage bei mir verberge.“— „Wahrhaftig, Capitän! Das iſt ziemlich logiſch, was ſie ſagt,“ bemerkte der zweite Officier. „Bah! man kann dieſen Leuten nicht trauen; es ſind lauter Räuber, Räuber von Mutterleibe an,“ antwortete der Lieutenant;„haben Sie nicht dieſen kleinen Burſchen geſehen, ein Bübchen von zehn Jahren, das trotz unſerer Drohungen die Haide hinunterſprang? Es war ihre Wache, er hat ſie ge⸗ warnt; zum Glück müſſen ſie, da ihnen zur Flucht keine Zeit blieb, irgendwo hier verborgen ſein. „Das iſt in der That möglich.“ „Ei wohl; das iſt ſicher.“ Dann ſprach der Officier, ſich an die Wittwe wendend: „Laßt einmal ſehen; es ſoll Euch kein Uebel geſchehen, aber man wird Euer Haus durchſuchen.“ „Thun Sie es,“ antwortete ſie mit der größten Kaltblütigkeit, indem ſie ſich in eine Ecke am Kamin zurückzog, Rocken und Spindel ergriff, die ſie auf dem Stuhl gelaſſen hatte, und zu ſpinnen begann. Der Lieutenant machte mit der Hand ein Zeichen und fünf oder ſechs Soldaten traten ein. en hn de ge⸗ cht 59 Er ſchaute im Zimmer um ſich und ging gerade auf das Bett. Die Wittwe wurde bläſſer als der Flachs an ihrem Rocken, ihre Augen blizten und die Spindel entſchlüpfte ihren Fingern. Der Officier ſchaute unter das Bett, dann hinter daſſelbe und ſtreckte zuletzt die Hand aus, als wollte er das Leintuch aufheben, welches die Leiche bedeckte. Länger konnte es die Wittwe nicht aushalten. Sie ſtand auf, ſprang in die Ecke des Zimmers, wo die Flinte ihres Mannes aufbewahrt wurde, ſpannte ſie entſchoſſen und rief drohend dem Of⸗ ficier zu: „Wenn Sie die Hand an dieſen Leichnam legen, ſo tödte ich Sie, ſo wahr ich eine ehrliche Frau bin, gleich einem Hund.“ Der zweite Lieutenant zog ſeinen Kamaraden am Arm weg. Frau Picaut trat, ohne ihre Waffe aus der Hand zu legen, auf das Bett zu, und hob zum zweiten Mal das Leichentuch auf, welches den Körper bedeckte. „Und nun ſchaut!“ ſprach ſie.„Dieſer Mann war mein Gatte und ſtarb geſtern in Eurem Dienſte.“ „Ach! unſer erſter Führer, der von der Furth Pontfarcy,“ bemerkte der Lieutenant. „Arme Frau!“ ſetzte ſein Gefährte hinzu,„laſſen wir ſie in Ruhe; es wäre zum Erbarmen, in dem Zuſtand, worin ſie ſich befindet, ſie noch zu quälen.“ „Doch war,“ entgegnete der Erſte,„die Erklä⸗ rung des Mannes, dem wir begegneten, genau und kategoriſch.“ „Wir haben Unrecht gethan, daß wir ihn nicht zwangen, uns zu folgen.“ „Habt Ihr andere Gelaſſe als dieſes hier?“ „Ich habe den Speicher da oben und den Stall an der Seite.“ „Durchſucht den Speicher und den Stall, aber zuvor öffnet die Truhen und den Backofen.“ Die Soldaten verbreiteten ſich im Hauſe, um das Gebot ihres Befehlshabers zu vollziehen. Von dem ſchrecklichen Aſyl aus, in welches ſie ſich verkrochen hatte, verlor die junge Bäurin nicht ein Wort von der Unterhaltung; ſie hörte den Schritt der Soldaten, welche die Leiter hinaufſtiegen und zitterte noch heftiger bei dieſem Geräuſch, als da die Soldaten ſich dem Todtenbett näherten, wo ſie verborgen war, denn ſie dachte mit Schrecken daran, daß der Verſteck des Vendéers und Bonnevilles bei weitem nicht ſo ſicher war, wie der ihrige. So wurde ihr Herz, als ſie die Leute wieder herab⸗ ſteigen hörte, welche beauftragt waren, den Speicher zu durchſuchen, ohne daß ein Schrei, ein Zuſammen⸗ ſtoß, ein Kampf die Entdeckung der beiden Männer angedeutet hätte, einer ungeheuren Laſt entledigt. Der erſte Lieutenant wartete in dem Zimmer unten, an den Backtrog gelehnt. Der zweite hatte die Nachforſchungen der acht oder zehn Soldaten in dem Stall geleitet. „Nun!“ fragte der erſte Lieutenant,„habt Ihr nichts gefunden?“ „Nein,“ antwortete ein Corporal. „Ihr habt wenigſtens das Stroh, das Heu und das ganze Gerümpel von der Stelle gerückt?“ 61 „Wir haben überall mit unſeren Bajonetten ſondirt; wenn irgendwo ein Menſch geweſen wäre, ſo hätte er unvermeidlich die Spitze davon empfin⸗ den müſſen.“ „Gut; viſitiren wir das andere Haus; er muß doch irgendwo ſein.“ Die Leute verließen das Zimmer; der Officier folgte ihnen. Während die Soldaten ihre Nachforſchung fort⸗ ſetzten, lehnte ſich der Lieutenant an die äußere Mauer und betrachtete mit argwöhniſcher Miene ein kleines Schirmdach, das er ſeinerſeits viſitiren zu laſſen ſich vornahm. In dieſem Augenblick fiel ein Stück Gyps, kaum ſo groß wie die Hälfte eines kleinen Fingers, vor den Füßen des Lieutenants herab. Der Officier erhob lebhaft den Kopf und es kam ihm vor, als habe er eine Hand zwiſchen zwei Sparren des Dachs verſchwinden ſehen. „Zu mir her!“ rief er mit einer Donnerſtimme. Alle Soldaten ſprangen herbei. „Ihr ſeid ſchöne... und habt Euer Handwerk gut gemacht,“ ſprach er zu ihnen. „Was gibt es denn, Lieutenant?“ fragten die Soldaten.“ „Was gibt es, daß die Männer da oben auf der Bühne ſind, die Ihr viſitirt zu haben behauptet; man laſſe nicht einen Strohhalm, ohne ihn umzu⸗ wenden; marſch, geſchwind!“ Die Soldaten kehrten wieder zu der Wittwe zurück. Sie gingen gerade auf die Fallthüre zu und ſuchten ſie aufzuheben; aber dießmal widerſtand ſie; ſie war oben verriegelt worden. „So iſt's recht! die Sache bekommt Geſtalt,“ rief der Officier, indem er ſelbſt den Fuß auf die erſte Sproſſe ſetzte. „Allons!“ fuhr er fort, die Stimme erhebend, „kommt aus Eurer Höhle hervor, oder wir wollen Euch dort aufſuchen.“ Man hörte ſofort ein ziemlich lebhaftes Geſpräch auf der Bühne; es war offenbar, daß die Belager⸗ ten ſich über das einzuhaltende Verfahren nicht verſtändigen konnten. Sehen wir einmal, was dort vorging. Bonneville und ſein Gefährte waren, anſtatt ſich an der Stelle zu verſtecken, wo das Heu am dichteſten war, die Aufmerkſamkeit der Soldaten alſo zuerſt angezogen werden mußte, unter eine Bettlade geſchlüpft, die nur zwei Fuß Höhe hatte und ſich hart neben der Fallthüre befand. Was ſie hofften, traf ein; die Soldaten ſtiegen beinahe über ihren Rücken weg, durchſuchten die höchſten Heuhaufen, ruͤckten die Strohbünde, da wo ſie in größter Anzahl aufgeſchichtet waren, von der Stelle, unterließen aber unter das hinunterzuſchauen, was im Vergleich mit der übrigen Bühne ihnen nicht dicker als ein Fußteppich zu ſein ſchien. Wir haben geſehen, daß ſie ſich zurückzogen, ohne die, welche ſie ſuchten, gefunden zu haben. Von ihrem Verſteck aus hörten Bonneville und der Vendéer, das Ohr an den dünnen Fußboden gehalten, deutlich Alles, was in dem untern Stock geſprochen wurde. 63 Als Joſeph Picaut hörte, daß der Officier Be⸗ fehl gab, ſein Haus zu viſitiren, empfand er eine lebhafte Unruhe; er hatte Pulver bei ſich in Ver⸗ wahrung, deſſen Beſitz in dieſem Augenblick ihm ſehr unangenehm war. Trotz der Vorſtellungen ſeines Gefährten ver⸗ ließ er ſein Aſyl, um die Soldaten zu beobachten, denen er durch die Spalten nachſah, welche die Balken zwiſchen dem Dach und der Mauer ließen. So hatte er Veranlaſſung gegeben, daß ein Stückchen Mörtel auf den Officier fiel; ſo hatte er deſſen Aufmerkſamkeit erregt; ſo hatte der Lieute⸗ nant die Hand verſchwinden ſehen, auf welche Joſeph Picaut ſich ſtützte, um in den Hof zu ſchauen. ls er die Stimme des Officiers erſchallen hörte, als er begriff, daß er und ſein Gefährte entdeckt waren, ſprang Bonneville auf die Fallthüre zu und verriegelte ſie, während er zugleich dem Vendéer über die Unklugheit, die ſie in's Verderben ſtürzte, bittere Vorwürfe machte. Dieſe Vorwürfe waren es, deren unbeſtimmten Laut man vom Zimmer der Wittwe aus gehört hatte. Aber jetzt, da man ſie erkannt hatte, waren Vor⸗ würfe unnütz; man mußte einen Entſchluß faſſen. „Ihr habt ſie wenigſtens wahrnehmen müſſen?“ fragte Bonneville Joſeph Picaut. „Ja.“ „Wie viel ſind es?“ „Etwa dreißig, wie mir ſcheint.“ „Dann wäre jeder Widerſtand eine Thorheit; überdieß haben ſie Madame nicht entdeckt, und unſere Gefangennehmung wird, indem ſie dieſelben 64 von hier wegzieht, das Werk der Rettung vervoll⸗ ſtändigen, welches Eure brave Schwägerin ſo gut angefangen hat.“ „Eure Meinung iſt alſo?“ fragte Picaut. „Uns zu ergeben.“ „Uns zu ergeben!“ rief der Vendéer;„nie!“ „Wie ſo, nie?“ „Ja, ich verſtehe, was Sie dabei dachten; Sie ſind von Adel, Sie ſind reich, man wird Sie in ein hübſches Gefängniß ſetzen, wo Sie alle Ihre Be⸗ quemlichkeiten haben; aber mich ſchickt man wieder in das Bagno, wo ich ſchon vierzehn Jahre zuge⸗ bracht habe; nein, nein, lieber ein Bett in der Erde, als das Bett des Sträflings, lieber das Grab als das finſtere Loch.“ „Brächte ein Kampf nur uns Gefahr,“ rief Bonneville,„ſo ſchwöre ich Euch, ich würde Euer Schickſal theilen, und ſie ſollten mich wie Euch nicht lebend bekommen; aber wir haben die Mutter unſeres Königs zu retten, und es iſt deßhalb nicht der Au⸗ genblick, unſern Geſchmack oder unſere Intereſſen um Rath zu fragen.“ „Nein, tödten wir und ſo viel als möglich von ihnen, es ſind dann der Feinde um ſo viel weniger für Heinrich V.; nie werde ich mich ergeben, ich wiederhole es Ihnen,“ fuhr der Vendéer fort, ſeinen Fuß auf die Fallthüre ſetzend, welche Bonneville wieder zu öffnen Miene machte. „Ol“ ſprach der Graf, die Stirne runzelnd,„Ihr ſollt mir gehorchen und ohne Widerrede, nicht wahr?“ Picaut brach in ein lautes Gelächter aus. Aber mitten in ſeiner drohenden Froöhlichkeit 65 ſtreckte ein Fauſtſchlag Bonneville's ihn zu Boden, ſo daß er bis ans Ende der Bühne rollte. Indem er ſtürzte ließ er ſeine Flinte fallen. Aber im Umſinken fand er ſich einem Dach⸗ „ fenſter gegenüber, das mit einem vollſtändigen La⸗ den geſchloſſen war. Da fuhr ihm ein plötzlicher Gedanke durch den en Kapf.. Be⸗ Er wollte den jungen Grafen ſich ergeben laſſen der und dieſe Diverſion zur Flucht benützen. ge⸗ Wirklich ſchien er ſich ſeinem Befehl zu fügen; der während Bonneville die Fallthüre aufmachte, ließ rab er mit einem Druck des Fingers den Hacken ſprin⸗ gen, welcher die Dachfenſterlucke ſchloß und raffte rief ſeine Flinte auf; in dem Augenblick, da der Graf uer die Fallthüre geöffnet hatte und unter dem Rufe: iicht„ſchießt nicht, wir ergeben uns!“ die erſten Sproſſen 9 hinabſtieg, bückte ſich der Vendéer vor, gab Feuer 3 durch die Oeffnung auf die Gruppe der Soldaten, ſſen drehte ſich um und ſtürzte ſich mit einem ungeheuren Sprung aus dem Dachfenſter in den Garten, von von wo er nach ausgehaltenem Feuer von zwei oder iger drei Soldaten, die als Wachpoſten aufgeſtellt waren, ich dem Walde zufloh. 9 Durch den von der Bühne gekommenen Schuß dile war ein Soldat ſchwer verwundet gefallen; aber in demſelben Augenblick hatten ſich zehn Flinten Ihr gegen Bonneville geſenkt, und ehe die Beſitzerin des 52, Hauſes, welche vorſtürzte, um aus ihrem Körper 8 ihm eine Schutzwehr zu machen, an der Fallthüre keit angekommen war, vollte der unglückliche junge Mann, von ſieben oder acht Kugeln getroffen, die Sproſſen Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. herunter und ſtürzte mit dem Rufe: es lebe Hein⸗ rich V. zu den Füßen der Wittwe zuſammen. Dieſem letzten Schrei Bonneville’s antwortete ein anderer Schrei des Schmerzes und der Ver⸗ zweiflung. Der Tumult, welcher der Exploſion folgte, ver⸗ hinderte die Soldaten, zu bemerken, daß dieſer Schrei gerade von dem Bett herkam, auf welchem Paſcal Picaut lag, und aus der Bruſt des Leichnams zu dringen ſchien, der allein mitten in dieſer ſchreck⸗ lichen Scene majeſtätiſch ruhig und gefühllos war. Die Soldaten hatten ſich nach der Bühne ge⸗ ſtürzt, um des Mörders ſich zu bemächtigen, da ſie nicht wußten, daß er durch das Fenſter ent⸗ flohen war. Der Lieutenant erblickte mitten durch den Rauch die Wittwe, welche ſich auf die Kniee geworfen hatte und Bonnevilles Kopf, den ſie aufgerichtet, an ihre Bruſt drückte. „Iſt er todt?“ fragte er. „Ja,“ antwortete die Wittwe mit einer vor Rührung erſtickten Stimme. „Aber Ihr ſelbſt, Ihr ſeid verwundet?“ Und wirklich fielen große Blutstropfen, heftig und gedrängt, von der Stirne der Wittwe Picaut auf die Bruſt Bonnevilles. „Ich?“ fragte ſie. „Ja, Euer Blut fließt.“ „Was liegt an meinem Blut,“ antwortete die Wittwe,„wenn kein Tropfen Blut in dem Körper deſſen bleibt, für welchen mir, wie ich geſchworen hatte, zu ſterben nicht möglich geweſen iſt.“ vor 67 In dieſem Augenblick erſchien ein, Soldat an der Fallthüre. „Lieutenant,“ ſprach er,„der Andere iſt von der Bühne aus entflohen; man hat nach ihm ge⸗ ſchoſſen und ihn gefehlt.“ „Den Andern brauchen wir,“ rief der Lieute⸗ nant, natürlich den, welcher ſich gerettet hatte, für Petit⸗Pierre nehmend;„wofern er nicht einen andern Führer findet, werden wir ihn mit leichter Mühe bekommen; Allons! auf zu ſeiner Ver⸗ folgung!“ Dann, ſich beſinnend, fuhr er fort: „Aber zuvor, gute Frau, macht Platz; Ihr An⸗ dern ſucht den Todten aus.“ Der Befehl wurde vollzogen; aber man fand nichts in Bonnevilles Taſchen, da er Paſcal Picauts Kleider anhatte, welche ihm von der Wittwe ge⸗ geben worden waren, um die ſeinigen trocknen zu laſſen. „Und jetzt,“ nahm Frau Picaut wieder das Wort, nachdem das Gebot des Lieutenants erfüllt war,„gehört er wohl mir?“ Unñd ſie ſtreckte die Hand nach dem Körper des jungen Mannes aus. „Ja, macht damit, was Ihr wollt; aber dankt zugleich Gott, daß er Euch geſtattet hat, uns geſtern Nacht einen Dienſt zu leiſten; denn ohne dieß würde ich Euch nach Nantes geſchickt haben, wo man Euch zu wiſſen gethan hätte, was es koſtet, Rebellen eine Freiſtätte zu gewähren. „Nach dieſen Worten ſammelte der Lieutenant ſeine Leute und entfernte ſich in der Richtung, . 5 68 „ welche die Soldaten den Flüchtling hatten einſchla⸗ gen ſehen. Sobald ſie ſich entfernt hatten, eilte die Wittwe an das Bett, hob die Matratze auf und zog die ohnmächtige Prinzeſſin hervor. Zehn Minuten nachher war der Körper Bonne⸗ i villes an der Seite von Paſcal Picaut niederge⸗ l legt, und die beiden Frauen, die angenommene D Regentin und die niedrige Bäurin knieten beide am ſ Fuße des Bettes und beteten gemeinſchaftlich für p dieſe beiden erſten Opfer der Inſurrection von 1832. d —— d XLII. 6 Wo Jean Oullier ſagt, was er von dem jungen Baron 0 Michel denkt. li Während der kläglichen Ereigniſſe, welche, wie k wir eben erzählt haben, in dem Hauſe vorfielen, u wo Jean Oullier den armen Bonneville und ſeinen kl Begleiter untergebracht hatte, war auf dem Schloſſe g G des Marquis von Souday alles Aufruhr, Bewegung, Freude und Tumult. d Der Marquis kannte ſich nicht vor Wonne; er C war endlich an dem ſo lang erwarteten Zeitpunkt ei angekommen. Er hatte zu ſeinem Kriegscoſtume das mindeſt verſchoſſene ſeiner Jagdkleider gewählt, g. das er in ſeiner Garderobe hatte finden können, H und umgürtet, als Diviſions⸗Chef, mit einer weißen w Schärpe, welche ihm ſchon lang ſeine Töchter in ſie der Vorausſicht dieſes großen Tags geſtickt hatten,— das blutende Herz auf der Bruſt, den Roſenkranz li chla⸗ ittwe gdie nne⸗ erge⸗ nene am für 832. on wie elen, inen loſſe ung, er unkt ume ählt, nen, ißen r in tten, ranz 3 69 im Knopfloch, das heißt in großer Uniform an feſt⸗ lichen Tagen, verſuchte er die Schärfe ſeines Säbels an allen Möbeln, die ſich in ſeinem Bereich fanden. Außerdem probirte er zur Uebung von Zeit zu Zeit ſeine etwas eingeroſtete Commando⸗Stimme, indem er das Exercitium Michel und den Notar lehrte, welchen er abſolut jenem in der Zahl ſeiner Rekruten anreihen wollte, ohne daß dieſer trotz ſeiner exaltirten ſcarliſtiſchen Anſichten ſich für ver⸗ pflichtet hielt, ſie auf eine außergeſetzliche Weiſe an den Tag zu legen. Bertha hatte nach dem Beiſpiel ihres Vaters das Coſtume angelegt, welches ſie während dieſer Expedition tragen ſollte; dieſes Coſtume beſtand aus einem kleinen grünen Sammtrock, der auf der Bruſt offen, einen Buſenſtreif von blendender Weiße ſehen ließ; er war mit Poſſamentierarbeit und Borten⸗ knopflöchern von ſchwarzer Seide geſchmückt und um die Taille eingezogen; dazu kamen weite Bein⸗ kleider von grauem Tuch, welche auf bis zum Knie gehende Huſarenſtiefel herabfielen. Das Mädchen trug keine Schärpe um die Hüfte, da die Schärpe bei den Vendéern das Zeichen des Commando's iſt, hatte aber um ſeinen linken Arm ein rothes Band gewunden. Dieſer Anzug hob die Geſchmeidigkeit und Ele⸗ ganz von Bertha's Wuchs trefflich hervor, und ihr Hut von grauem Filz mit weißen Federn paßte wunderbar zu dem männlichen Charakter ihrer Phy⸗ ſiognomie. Bertha war reizend ſo. „So hatte ſie auch, wiewohl Bertha ihren männ⸗ lichen Gewohnheiten zufolge nicht kokett war, doch nicht umhin können, in dem Zuſtand ihres Geiſtes 2 oder vielmehr ihres Herzens, worin ſie ſich befand, k mit Vergnügen den Mehrwerth zu bemerken, welchen 3 ihre phyſiſchen Vorzüge aus dieſer Equipirung zogen, ſ und da ſie zu erkennen geglaubt hatte, daß dieſelbe g auf Michel einen tiefen Eindruck hervorbrachte, ſo 1 war ihre Freude ebenſo überſpannt geworden, wie. die des Marquis von Souday. d Die Wahrheit iſt, daß Michel, deſſen Geiſt b gleichfalls einen gewiſſen Grad von Exaltation er⸗ 8 reicht hatte, nicht ohne Bewunderung, welche zu i verbergen er ſich keine Mühe gab, die ſtolze Miene und die cavaliermäßige Tournure Bertha's in ihrem i neuen Anzug geſehen hatte; aber dieſe Bewunde⸗ rung, beeilen wir uns beizufügen, kam hauptſächlich n daher, daß er an alle die Grazie dachte, welche u ſeine geliebte Mary in einem ähnlichen Coſtume f auszeichnen würde, denn er zweifelte nicht, daß die ti beiden Schweſtern mit einander ins Feld rücken und d gleichen Anzug tragen würden. g So hatten ſeine Augen Mary ſanft befragt, wie um ſie aufzufordern, ob ſie nicht gleichfalls ſe ginge, ſich ſo ſchön wie ihre Schweſter zu machen, ſe aber Mary hatte ſich ſeit dem Morgen dieſes Tags a ſo kalt, ſo zurückhaltend gegen Michel nach der Scene im Thurm gezeigt, ſie hatte ſo ſorgfältig g vermieden, das Wort an ihn zu richten, daß die b natürliche Furchtſamkeit des jungen Mannes ſich il dadurch nur vergrößerte und er nichts weiter als jenen flehenden Blick wagte, deſſen Zweck wir ebe di angedeutet haben. in Es war alſo Bertha und nicht Michel, welche il 71 Mary antrieb, ſich zu beeilen und ihre Cavaliers⸗ kleider anzulegen. Mary gab keine Antwort; ihre Traurigkeit, ihre melancholiſche Phyſiognomie bildeten ſeit dem Morgen einen ſcharfen Gegenſatz zu der all⸗ gemeinen Munterkeit. Indeſſen gehorchte ſie Bertha und ſtieg in ihr Zimmer hinauf. Die Kleidungsſtücke, die ſie anlegen ſollte, lagen alle auf einem Stuhl bereit; ſie betrachtete dieſel⸗ ben mit einem bleichen Lächeln, aber ſtreckte die Hand nicht nach ihnen aus, ſondern ſetzte ſich auf ihr kleines Bett von Ahornholz, und große Thrä⸗ nen perlten an ihren Augenlidern und fielen auf ihre Wangen herab. Mary, fromm und treuherzig, war in der Be⸗ wegung, welche ſie zu jener Rolle der Aufopferung und Selbſtverleugnung, die ſie ſich aus Zärtlichkeit für ihre Schweſter auflegte, geführt hatte, aufrich⸗ tig geweſen, hatte aber vielleicht bei Uebernahme derſelben doch ein wenig zu viel auf ihre Stärke gerechnet. Seit dem Beginn des Kampfs, den ſie gegen ſich ſelbſt zu beſtehen hatte, fühlte ſie nicht ihren Ent⸗ ſchluß wanken, ihr Entſchluß war immer derſelbe, aber ſie bemaß die Unmacht ihrer Beſtrebungen. Seit dem Morgen hatte ſie ſich ohne Unterlaß geſagt:„Du darſſt nicht, Du kannſt ihn nicht lie⸗ ben,“ und ſeit dem Morgen antwortete ihr das Echo ihres Herzens:„Du liebſt ihn.“ Bei jedem Schritt, den ſie unter der Herrſchaft dieſer Empfindungen vorwärts machte, riß ſich Mary immer mehr von allem los, was bis auf dieſen Tag ihre Hoffnung und Freude geweſen war; das Ge⸗ 7² räuſch, die Bewegung, die männlichen Zerſtreuungen, welche ihre Kindheit und Jugend ergötzt hatten, wurden ihr unerträglich; ſelbſt die politiſchen Vor⸗ ſtellungen verſchwanden vor derjenigen, welche alle andern beherrſchte; alles, was ihr Herz von dem Gedanken hätte abziehen können, den ſie daraus zu verdrängen wünſchte, floh vor dieſem Herzen und eilte davon, wie ein Schwarm Singvögel davon eilt, wenn der Sperber ſich plötzlich mitten unter ihnen niederläßt. Jeden Augenblick erkannte ſie mehr, wie ſehr ſie in dem Kampfe, den ſie gegen ſich ſelbſt zu beſte⸗ hen hatte, verlaſſen, iſolirt, ohne eine andere Stütze als die ihres Willens war, ohne einen andern Troſt, als den, welcher ſich an ihre Aufopferung knüpfen zu müſſen ſchien, und ſie weinte ebenſo ſehr aus Schmerz als Furcht, ebenſo ſehr aus Kummer als Beſorgniß. Nach ihrem gegenwärtigen Leiden bemaß ſie ihr künftiges Leiden. Es war etwa eine halbe Stunde, daß ſie ſo traurig, nachdenklich, in ſich ſelbſt verſunken beharrte und, ohne ſich zurückhalten zu können, in den Tie⸗ fen ihres eigenen Schmerzes umhertrieb, als ſie auf der Schwelle der Thüre, die ſie halb offen gelaſſen hatte, die Stimme von Jean Oullier vernahm, der ihr in ganz beſonderem Ton, den er ſich vorbehielt, um mit den beiden Mädchen zu reden, denen er ſich, wie wir bereits geſehen, ſo zu ſagen zum zweiten Vater gemacht hatte, zurief: „Aber was fehlt Ihnen denn, liebe Mademoi⸗ ſelle Mary?“ gen, ten, Jor⸗ alle dem 3 zu und eilt, nen ſie ſte⸗ oſt, pfen 73 Mary fuhr zuſammen, als ob ſie aus einem Traum erwachte, und antwortete mit tiefer Verle⸗ genheit dem braven Bauern, indem ſie zu lächeln verſuchte: „Mir! mir fehlt nichts, mein armer Jean, ich ſchwöre es Dir.“ Aber inzwiſchen hatte Jean Oullier ſie aufmerk⸗ ſam betrachtet. Dann trat er ihr einige Schritte näher und ſprach kopfſchüttelnd und ſie feſt anſchauend, im Tone ſanften und reſpectvollen Schmählens: „Warum ſo reden, kleine Mary? Sie zweifeln alſo an meiner Freundſchaft?“ „Ich! ich!“ rief Mary. „Wahrhaftig! Sie müſſen wohl daran zweifeln, weil Sie dieſelbe täuſchen zu können denken.“ Mary reichte ihm die Hand. Jean Oullier nahm dieſe feine und zarte Hand zwiſchen ſeine großen Hände und fuhr dann, das Mädchen traurig anſchauend, fort, als ob ſie noch zehn Jahre alt wäre: „Ach! ſüße Mary, es gibt keinen Regen ohne Wolke, es gibt keine Thränen ohne Kummer. Er⸗ innern Sie ſich noch des Tages, wo Sie, noch ein kleines Kind, weinten, weil Bertha Ihre Muſcheln in den Brunnen geworfen hatte? Nun, am andern Tag hatte Jean Oullier fünfzehn Meilen Nachts gemacht, aber Ihre Meer⸗Spielſachen waren erſetzt, aber Ihre blauen Augen waren trocken und lächelnd.“ „Ja, mein guter Jean Oullier, ja, ich erinnere mich deſſen,“ ſagte Mary, welche beſonders in dieſem Augenblick das Bedürfniß, ſich auszuſprechen, hatte. 9A „Wohl!“ nahm Jean Ouöullier wieder das Wort, „ich bin alt geworden, aber meine Zärtlichkeit für Sie hat ſich nur vergrößert; ſagen Sie mir Ihr Leid, und wenn es ein Mittel dagegen gibt, ſo werde ich es finden; und wenn es keines gibt, ſo werden meine alten, ſtarr gewordenen Augen mit Ihnen weinen.“ 4 Mary wußte, wie ſchwer es war, die hellſehende Beſorgniß des alten Dieners zu täuſchen; ſie zau⸗ derte, ſie erröthete; aber ohne ſich zu entſchließen, die Urſache ihrer Thränen anzugeben, verſuchte ſie, dieſelben zu erklären. „Ich weine, mein armer Jean,“ antwortete ſie, „weil ich mir vorſtelle, dieſer Krieg könnte mich vielleicht das Leben aller derer koſten, die ich liebe!“ Ach! ſeit dem geſtrigen Abend hatte Mary lügen gelernt. Aber Jean Oullier ließ ſich mit dieſer Antwort nicht abfertigen, ſondern ſprach, ſanft den Kopf ſchüttelnd: 1 „Nein, kleine Mary, das iſt nicht die Urſache Ihrer Thränen. Wenn Leute in einem Alter wie der Marquis und ich ſich der Illuſion hingeben und in dem Kampfe nur den Sieg erblicken, ſo wird wohl ein junges Herz wie das Ihrige nicht die Schatten⸗ d ſeite davon vorausſehen.“ Mary hielt ſich nicht für geſchlagen. 6 „Und doch verſichere ich Dich, Jean,“ ſagte ſie, „daß es ſich ſo verhält.“ ſ Und das Mädchen nahm eine jener ſchmeichelne k den Attituden an, von deren Allgewalt gegenüber 7⁵ von dem guten Alten ſie ſich durch lange Praxis die Erfahrung verſchafft hatte. „Nein, nein, es iſt nicht das, ſage ich Ihnen,“ antwortete Jean Oullier, immer ernſt und mehr und mehr bekümmert.. „Was iſt es alſo dann?“ fragte Mary. „Sie wollen alſo,“ entgegnete der alte Wild⸗ hüter,„daß ich ſelbſt Sie über die Urſache Ihrer Thränen aufkläre, iſt es ſo?“ „Ja, wenn Du kannſt.“ „Nun! Ihre Thränen, es iſt jetzt hart dieß zu ſagen, aber ich denke, es iſt ganz einfach, dieſer elende kleine Monſieur Michel verurſacht ſie.“ Mary wurde ſo weiß wie die weißen Vorhänge, welche ihr Geſicht umrahmten. All ihr Blut floß nach dem Herzen. „Was willſt Du damit ſagen, Jean?“ ſtam⸗ melte ſie. „Ich will ſagen, daß Sie gleich mir geſehen ha⸗ ben, was vorgeht, und daß Sie ebenſo wenig als ich davon befriedigt ſind; nur daß ich, als ein Mann, darüber raſe und Sie, als ein Mädchen, weinen.“ Mary konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken, als ſie fühlte, wie Jean Hulliers Finger ſich auf die Wunde drückte. „Uebrigens iſt das nicht zum Verwundern,“ fuhr er fort, wie mit ſich ſelbſt redend;„ſo ſehr Wöl⸗ finnen, als dieſe lumpigen Patauds Sie nennen, ſind Sie doch nur eine Frau, und eine Frau, ge⸗ knetet von dem beſten und weichſten Sauerteig, der je in den Backtrog des guten Gottes gefallen iſt.“ n uer) „Aber was willſt Du ſagen, Jean? Ich verſtehe Dich nicht, ich verſichere Dich.“ „O ja wohl! Sie verſtehen mich im Gegentheil ſehr gut, kleine Mary. Ja, Sie haben gleich mir geſehen, was vorgeht, und wer ſollte es nicht ſehen, mein Gott! Der müßte blind ſein, denn ſie verbirgt ſich durchaus nicht.“ „Aber von wenn ſprichſt Du denn, Jean? Sag' es mir; ſiehſt Du nicht, daß Du mir vor Herzens⸗ angſt den Tod bringſt?“ „Von wem anders ſoll ich ſprechen, als von Ma⸗ demoiſelle Bertha?“ „Von meiner Schweſter?“ „Ja, von Ihrer Schweſter, welche mit dieſem Gelbſchnabel Parade macht, welche ihn in unſer La⸗ ger nachſchleppen will, welche ihn inzwiſchen an ihren Rock genäht zu haben ſcheint, aus Furcht, er möchte davon gehen, ihn gleich einer Eroberung dem gan⸗ zen Hauſe zeigt, ohne ſich um den Commentar zu— kümmern, welchen die Dienſtleute und die Freunde 1 des Herrn Marquis darüber machen werden, des boshaften Notars nicht zu gedenken, der hier iſt, der mit ſeinen kleinen Augen alles dieß mit anſieht und ſchon ſeine Feder zu ſchneiden ſcheint, um den 8 Heirathscontract niederzukritzeln.“ d „Aber angenommen, es ſei ſo,“ fragte Mary, ¹ deren Bläſſe der lebhafteſten Röthe Platz gemacht⸗ d hatte und deren Herz bis zum Zerreißen ſchlug, E „angenommen, es ſei ſo, was ſiehſt Du Uebles k davon?“ n „Wie, was Uebles! Aber eben kochte mir das 1 Blut, als ich ſah, wie Mademoiſelle Bertha von 1 Souday.... ah! halt, ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Nein im Gegentheil, ſprechen wir davon,“ drängte Mary,„was that Bertha ſo eben, mein guter Jean Oullier?“ Und mit dem Blick verſchlang gas Mädchen die Worte des alten Wildhüters. „Nun! Mademoiſelle Bertha de Souday knüpfte die weiße Schärpe an M. Michels Arm; die Far⸗ ben, welche Charrette trug, am Arm des Sohnes von dem, welcher.... Ahl halt, kleine Mary, Sie könnten mich dazu bringen, mehr zu ſagen, als ich ſagen will. Es iſt ein Glück für Mademoiſelle Ber⸗ tha, daß Ihr Vater dieſen Augenblick übler Laune gegen mich iſt.“ „Mein Vater! ſollteſt Du mit ihm geſprochen haben?“ Mary hielt an. „Allerdings,“ ſagte Jean, der die Frage für das nahm, was ſie zu ſein ſchien; nallerdings habe ich mit ihm geſprochen.“ „Wann?“ „Fürs Erſte dieſen Morgen, als ich ihm den Brief von Petit⸗Pierre übergab, dann als ich ihm die Liſte der Männer von ſeiner Diviſion, die mit uns marſchiren werden, vorlegte; ich weiß wohl, daß die Liſte nicht ſo zahlreich iſt, als man hätte erwarten können. Aber kurz, wer thut, was er kann, thut ſeine Schuldigkeit. Wiſſen Sie, was er mir zur Antwort gab, als ich ihn fragte, ob der junge Herr entſchieden zu den Unſrigen gehöre? wiſ⸗ ſen Sie es?“ nr, „Nein,“ ſagte Mary. „Gott's Tod!“ antwortete er,„Du rekrutirſt ſo nð ſchlecht, daß ich genöthigt bin, Dir Gehülfen beizu⸗ ich geben. Ja, M. Michel wird einer der Unſrigen ſein, und wenn Dir das nicht gefällt, ſo mache es die mit Mademoiſelle Bertha aus, welche ihn angewor⸗ ben hat.“ „Das hat er Dir geſagt, mein armer Jean?“.au „Ja; darum will ich auch mit Mademoiſelle Bertha reden.“ „Jean, mein Freund, nimm Dich in Acht.“ „Wovor?“ Si „Bertha Schmerz zu machen; Jean, nimm Dich in Acht, ſie zu verletzen; ſie liebt ihn, ſiehſt Du,“ end ſagte Mary mit kaum vernehmbarer Stimme. „Ah! Sie geſtehen es alſo ein, daß ſie ihn liebt,“ me rief Jean Oullier. „Ich muß es wohl,“ ſprach Mary. gel „Eine kleine Puppe lieben, welche ein Wind⸗ hat hauch umſtoßen würde,“ fuhr Jean Oullier fort. Mi „Sie, Mademoiſelle Bertha! daran denken, ihren nich Namen, einen der älteſten Namen des Landes, einen der Namen, die ein Ruhm für uns Andere ſind, Mo wie der Ruhm derer, die ihn tragen, gegen den Na⸗ men eines Verräthers und Feiglings einzutauſchen.“ fert Mary fühlte eine Herzensbeklemmung. „Jean,“ ſagte ſie,„mein Freund,„Du gehſt zu und weit; Jean, ſage das nicht, ich beſchwöre Dich.“ mer „O ja! aber ſo ſoll es nicht ſein,“ fuhr Jean wei fort, ohne auf das Mädchen zu hören, indem er im Zimmer auf und abſchritt.„Nein, ſo ſoll es nicht ſehr ſein; wenn Jedermann gegen Ihre Chre gleichgültig 79 i*ſt, iſt es an mir, darüber zu wachen, und wenn es nöthig wäre, ehe ich ſo den Ruhm des Hauſes, dem ich diene, verdunkelt ſehe, ja! ſo will ich....“ Und Jean Oullier machte eine drohende Geberde, die nicht zu mißverſtehen war. „Nein, Jean, nein! Du wirſt nichts thun,“ rief Mary mit zerreißendem Ton;„ich bitte Dich mit aufgehobenen Händen.“ Und ſie ſiel beinahe vor ihm auf die Kniee. Der Vendéer wich faſt erſchrocken zurück. „Sie auch, kleine Mary!“ rief er,„Sie auch, Sie....“ Aber das Mädchen ließ ihm nicht Zeit zu voll⸗ enden. „Denke, Jean, denke,“ ſagte ſie,„an den Kum⸗ mer, den Du meiner armen Bertha machen würdeſt.“ Jean Oöllier betrachtete ſie wie betäubt, ſchlecht geheilt von dem Verdacht, den er eben geſchöpft hatte, als er die Stimme Bertha's hörte, welche Michel gebot, ihrer im Garten zu harren und ſich nicht zu entfernen. Beinahe in demſelben Augenblick öffnete das NMädchen die Thüre. „Ei!“ ſprach ſie zu ihrer Schweſter,„ſo biſt Du fertig?“ Dann fuhr ſie, Mary aufmerkſamer betrachtend und die Zerſtörung in ihrer Phyſiognomie wahrneh⸗ mend, fort: „Was fehlt Dir denn? man möchte ſagen, Du weineſt, und ſelbſt Du, Jean Oullier, zeigſt uns ein ſehr verdrießliches Geſicht. Holla! was geht denn vor ⁵ „Was vorgeht, Mademoiſelle Bertha, will ich Ihnen ſagen,“ antwortete der Vendéer. mt „Nein, nein,“ rief Mary„nein, ich bitte Dich, ha Jean, ſchweige, ſchweige!“ „Ol Ihr erſchreckt mich mit allen Euren Um⸗ ſchweifen, und die inquiſitoriſche Miene, womit Jean mich anſchaut, macht auf mich ganz die Wirkung, als verberge ſie die Anklage eines groben Verbre⸗ chens. Nun, laßt ſehen, ſprich, Jean; ich fühle mich vollkommen in der Stimmung, heute nachſichtig ſei und gut zu ſein. Ich bin ſo erfreut, den feurigſten meiner Träume ſich realiſiren zu ſehen, das ſchönſte ſche Privilegium der Männer, den Krieg mit Euch zu gen theilen.“ „Seien Sie offen, Mademoiſelle Bertha,“ fragte Be⸗ der Vendéer,„iſt es wirklich das, was Ihnen ſolche ter, Freude macht?“ Mi „Ahl ich verſtehe!“ antwortete das Mädchen, offen die Frage in Anregung bringend,„der Herr Gene⸗ ralmajor Oullier will mich darüber ſchelten, daß ich in ſeine Functionen eingegriffen habe.“ Dann ſagte ſie, zu ihrer Schweſter ſich wendend: Ber „Ich wette, Mary, daß es ſich um meinen armen Michel handelt.“ date „Ganz richtig, Mademoiſelle,“ ſiel Jean Oullier eine ein, ohne dem Mädchen Zeit zu laſſen, ihrer Schwe⸗ ſter zu antworten. frag „Wohlan! was haſt Du zu ſagen, Jean? Mein Fär Vater iſt ganz glücklich, einen Soldaten mehr zu haben, und ich ſehe hier nichts von einer Sünde, welche verdient, daß man darüber ſo ſehr die Stirne geht runzelt, wie von Dir geſchieht, Jean Oullier!“ ich Dich, Um⸗ Jean ung, bre⸗ ühle chtig gſten önſte h zu ragte olche offen zene⸗ ß ich dend: rmen ullier chwe⸗ Mein hr zu ünde, btirne 2 81 „Daß Ihr Herr Vater ſolche Gedanken hat, iſt möglich,“ antwortete der alte Wildhüter,„aber wir haben andere, wir.“ „Und darf man ſie wiſſen?“ „Das heißt, jeder ſoll in ſeinem Lager bleiben.“ „Je nun?“ „Nun....“ „Hernach? laß ſehen, vollende.“ „Wohlan! M. Michel iſt im unſrigen nicht an ſeinem Platz.“ „Warum? Iſt M. Michel nicht Royaliſt? Es ſcheint mir doch, er hat ſeit zwei Tagen Beweiſe genug von ſeiner Ergebenheit geliefert.“ „Mag ſein, aber was wollen Sie, Demoiſelle Bertha, wir Bauern ſagen gewöhnlich, wie der Va⸗ ter, ſo der Sohn, und daher können wir an M. Michels Royalismus nicht glauben.“ „Gut, er wird Euch zwingen, ihn anzuerkennen!“ „Das iſt möglich, aber indeſſen....“ Der Vendéer runzelte die Stirne. „Indeſſen, was? laß ſehen, vollende,“ ſprach Bertha. „Nun wohl! ich ſage Ihnen, es iſt alten Sol⸗ daten, wie ich bin, unmöglich, Seite an Seite mit einem Mann zu marſchiren, den wir nicht achten.“ „Und was habt Ihr ihm denn vorzuwerfen?“ fragte Bertha in einem Ton, der allmälig eine leichte Yrbung von Bitterkeit annahm. „Alles.“ erAles iſt Nichts, wenn man nicht ins Einzelne e 44 „Nun wohl! Sein Vater, ſeine Geburt.“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. „Sein Vater, ſeine Geburt! immer dieſelbe Al⸗ bernheit! Wohlan! ſo wiſſet, Meiſter Jean Oullier,“ ſogte Bertha, ihrerſeits jetzt die Stirne runzelnd, „daß ich eben wegen ſeines Vaters, wegen ſeiner Geburt mich für den jungen Mann intereſſire.“ „Wie ſo?“ „Ja, mein Herz iſt empört über ungerechte Vor⸗ würfe, welche bei unſern Nachbarn wie bei Euch dieſen unglücklichen jungen Mann betroffen haben. Ich bin es müde, ihm eine Geburt vorhalten zu hören, die er nicht gewählt hat, einen Vater, den er nicht gekannt hat, Verfehlungen, die er nicht be⸗ gangen hat, die vielleicht nicht einmal von ſeinem Vater begangen worden ſind. Das alles empört mich, Jean, das alles flößt mir Eckel ein, das alles läßt mich endlich denken, es wäre eine wahrhaft edle und wahrhaft hochherzige Handlung, ihn auf⸗ zumuntern, ihm behülflich ſein, wieder gut zu ma⸗ chen, wenn es in der Vergangenheit etwas gut zu machen gibt, und ſich ſo muthig und ergeben zu zei⸗ gen, daß keine Verleumdung mehr ſeinen Namen anzugreifen wagt.“ „Macht nichts,“ antwortete Jean Oullier ent⸗ ſchloſſen,„er wird viel zu thun haben, daß ich ihn jemals achte, dieſen Namen.“ „ Ihr werdet ihn doch wohl achten müſſen, Mei⸗ ſter Jean,“ antwortete Bertha mit feſter Stimme, „wenn dieſer Name der meinige geworden iſt, wie ich hoffe.“ „O! ich höre Sie wohl das ſagen,“ rief Jean Oullier,„aber ich glaube noch nicht, daß es Ihr wirklicher Gedanke iſt.“ jer, And, einer 7 Vor⸗ Euch ben. zu den be⸗ nem pört alles haft auf⸗ ma⸗ t zu zei⸗ men ent⸗ ihn Mei⸗ nme, wie Jean Ihr „O! frage Mary,“ ſagte Bertha, ſich zu ihrer Schweſter umwendend, welche blaß und keuchend, als ob ihr Leben davon abhänge, dieſer Discuſſion zuhörte,„frage meine Schweſter, der ich mein Herz geöffnet habe, und die von meiner Seelenangſt und meinen Hoffnungen urtheilen konnte. Halt, Jean, jeder Zwang, jede Maske, iſt mir zuwider, und vor⸗ nehmlich bei Dir, Jean Oullier, fuͤhle ich mich glück⸗ lich, die meinige abgeworfen zu haben und offenen Herzens zu reden. Wohlan! ich ſage es Dir kühn, wie ich alles ſage, was ich denke, Jean Oullier, ich liebe ihn.“ „Nein, nein, ich beſchwöre Sie, ſprechen Sie nicht alſo, Demoiſelle Bertha; ich bin nur ein ar⸗ mer Bauer, aber ſonſt, es iſt wahr, als Sie klein waren, haben Sie mir das Recht gegeben, Sie mein Kind zu nennen, und ich habe Sie geliebt und liebe Sie beide noch, wie nie ein Vater ſeine eigenen Kinder geliebt hat; wohlan! Der Alte, der über Ihre Kindheit gewacht hat, der ganz klein Sie auf ſeinen Knieen hielt, der jeden Abend Sie in den Schlaf wiegte, dieſer Alte, deſſen einzige Freude Sie hienieden ſind, wirft ſich vor Ihnen auf die Kniee, um Ihnen zu ſagen: „Lieben Sie dieſen Menſchen nicht, Demoiſelle Bertha!“ „Und warum?“ fragte dieſe ungeduldig. „Weil, ich ſage es Ihnen von Grund meines Herzens, auf meine Seele und mein Gewiſſen, weil jede Verbindung zwiſchen Ihnen und ihm etwas Schlechtes, Ungeheuerliches, Unmögliches iſt.“ „Deine Anhänglichkeit an uns läßt Dich Alles 6 übertreiben, mein armer Jean. M. Michel liebt mich, glaube ich, ich liebe ihn, deſſen bin ich gewiß, und wenn er die übernommene Aufgabe der Re⸗ habilitirung muthig vollbringt, ſo werde ich mich ſehr glücklich ſchätzen, ſeine Frau zu werden.“ „Nun denn,“ ſprach Jean Oullier im Ton der tiefſten Niedergeſchlagenheit,„ſo werde ich für meine alten Tage andere Herren und ein anderes Lager mir ſuchen müſſen.“ „Warum?“ „Weil Jean OuGllier, ſo arm und entblöst er auch iſt oder ſein wird, ſich nie entſchließen kann, die Wohnung des Sohnes eines Abtrünnigen oder Verräthers zu der ſeinigen zu machen.“ „Schweige, Jean Oullier,“ rief Bertha,„ſchweige! denn auch ich könnte Dir Dein Herz brechen.“ „Jean! guter Jean!“ flüſterte Mary. „Nein, nein,“ erwiderte Jean Oullier,„Sie müſſen alle die guten Thaten kennen, wodurch der Name, den Sie ſo große Eile haben, für den Ihrigen einzutauſchen, ausgezeichnet worden iſt.“ „Nicht ein Wort weiter, Jean Oullier!“ ſprach Bertha beinahe drohend.„Höre, in dieſem Augen⸗ blick kann ich es Dir wohl ſagen, ich habe oft mein Herz geprüft, wem es den Vorzug gebe, meinem Vater oder Dir; aber noch eine Beleidigung.... aber noch eine Beleidigung gegen Michel, und Du biſt nicht mehr für mich..“ „Als ein Diener,“ fiel Jean Oullier ein,„ja, aber ein Diener, der rechtſchaffen geblieben iſt, und ſein Leben lang ſeine Pflicht als Diener gethan hat, ohne je einen Verrath zu begehen; dieſer Die⸗ Her je⸗ ner hat noch das Recht, zu rufen:„Schande dem wie Judas ſeinen verkauft hat!“ was vor ſechsunddrei⸗ Sohne deſſen, errn, um eine Summe Geldes „Und was geht mich an, ßig Jahren, da Geburt geſchehe den, welcher todt iſt; Ich liebe ihn, lieben und haſſe 85⁵ der Charrette, s heißt, achtzehn Jahre vor meiner n iſt. Ich kenne den, der le den Sohn, bt, nicht nicht den Vater. verſtehſt Du, Jean, wie Du mich / n gelehrt haſt. Hat ſein Vater dieß gethan, was ich nicht glauben will, wohlan! wir wollen ſo viel auf den Nam häufen, daß man ſich vern Ruhm auf den Namen Michel, en des Verräthers, Verworfenen eigen muß, wenn man an dem Träger dieſes Namens vorbeigeht, und Du wirſt mir helfen, Du; ja Du Jean, denn ich und nichts als der lichkeit, die ich vertrocknen.“ Mary ließ ſi ſo ſchwach auch hörte ſie. Er wandte ſich nach ber wie zermalmt wirſt mir helfen, wiederhole es Dir, ich liebe ihn, Tod kann die Quelle der Zärt⸗ für ihn in meine m Herzen habe, ch einen Seufzer entſchlüpfen; aber die Wehklage war, Jean Oullier dem jungen Mädchen um. zwiſchen der leiſen Klage der einen und dem Ausbruch der andern, ließ er ſich auf einen Stuhl fallen und ve in den Händen. Der alte Vendée nen verbergen. rbarg ſein Geſicht r weinte und wollte ſeine Thrä⸗ Bertha begriff Alles erzen vor ſich ging. Sie trat auf ihn zu und kniete vor ihm nieder. „was in dieſem ergebenen „Wohl!“ ſprach ſie,„Du konnteſt darüber ur⸗ theilen, was meine Zärtlichkeit für den jungen Mann ſei, nicht wahr? weil ſie mich beinahe meine ſo wahrhaftige und tiefe Anhänglichkeit an Dich ver⸗ geſſen ließ.“ Jean Oullier ſchüttelte traurig den Kopf. „Ich begreife Deine Antipathie, ich verſtehe Dein Widerſtreben,“ fuhr Bertha fort,„und ich war auf deren Ausdruck gefaßt; aber Geduld, mein alter Freund, Geduld und Ergebung; Gott allein könnte aus meinem Herzen reißen, was er in daſ⸗ ſelbe gelegt hat, und er wird es nicht wollen, denn das hieße mich tödten; gib uns Zeit, Dir zu be⸗ weiſen, daß Vorurtheile Dich ungerecht machen, und daß der, welchen ich gewählt habe, meiner ganz würdig iſt.“ In dieſem Augenblick hörte man die Stimme des Marquis. Er rief Jean Oullier mit einem Ton, welcher verrieth, daß etwas Neues und Ernſtes vorgefallen war. Jean Oullier erhob ſich und machte einen Schritt gegen die Thüre. „Nun?“ fragte Bertha ihn aufhaltend,„Du gehſt, ohne mir eine Antwort zu geben?“ „Der Herr Marquis ruft mich, Mademoiſelle,“ antwortete der Vendéer mit eiſigem Ton. „Mademoiſelle!“ rief Bertha,„Mademoiſelle! Ah! Du fügſt Dich meiner Bitte nicht. Wohlan! ſo merke Dir das: ich verbiete, daß man M. Michel irgend beleidige; ich will, daß ſein Leben Dir heilig ſei; wenn ihm durch Deine Schuld etwas wider⸗ ur⸗ kann e ſo ver⸗ ſtehe ich mein llein daſ⸗ denn be⸗ und ganz mme lcher allen chritt „Du elle, ſelle! hlan! eichel heilig bider⸗ 87 fährt, ſo werde ich es rächen, nicht an Dir, aber an mir ſelbſt, und Du weißt, Jean Oullier, daß ich gewohnt bin, zu thun, was ich ſage. Jean Oullier ſchaute Bertha an und ſprach dann, ſie am Arm faſſend: „Das wäre vielleicht noch beſſer, als dieſes Menſchen Frau zu werden.“ Und da der Marquis ſeinen Ruf verdoppelte, ſo eilte er aus der Thüre, indem er Bertha be⸗ ſtürzt über ſeinen Widerſtand, Mary gebeugt unter dem Schrecken, welchen ihr die Heftigkeit von Ber⸗ tha's Liebe einflößte, zurückließ. XILIII. Wo der junge Baron Michel Bertha's Adjutant wird. Jean Oullier ſtieg in aller Geſchwindigkeit hinun⸗ ter, vielleicht mehr beeilt, von dem Mädchen weg⸗ zukommen, als den Befehlen des Marquis Gehorſam zu leiſten. Er fand dieſen letztern im Hofe und neben ihm einen Bauern, mit Schweiß und Koth bedeckt. Dieſer Bauer brachte die Kunde, daß die Sol⸗ daten das Haus Paſcal Picauts beſetzt hatten. Er hatte ſie dort eindringen geſehen, wußte aber nichts weiter. Er war in dem Ginſtergebüſch an dem Wege von la Sablonnisere aufgeſtellt geweſen, mit dem Auftrag, nach dem Schloß zu laufen, ſobald die Sol⸗ daten ihre Richtung nach dem Hauſe nähmen, wo die beiden Flüchtlinge waren. Er hatte ſeinen Auftrag buchſtäblich erfüllt. Der Marquis, welchem Jean Oullier geſagt hatte, daß er Petit⸗Pierre und den Grafen von Bonneville im Hauſe Paſcal Picauts gelaſſen, der Marquis war deßhalb ein Raub lebhafter Aufregung. „Jean Oullier! Jean Oullier!“ wiederholte er in dem Ton, womit Auguſtus einſt:„Varus! Va⸗ rus!“ gerufen hatte,„Jean Oullier, warum haſt Du Andern, als Dir ſelbſt vertraut; wenn ein Un⸗ glück geſchehen iſt, wird mein armes Haus entehrt ſein, ehe ſein Untergang vollendet iſt. Jean Oullier gab dem Marquis keine Antwort; er ſenkte den Kopf und blieb düſter und ſtumm. „Dieſes Schweigen und dieſe Unbeweglichkeit er⸗ bitterten den Marquis. „Allons! mein Pferd, Jean Oullier!“ rief er, „und wenn der, welchen ich geſtern, ohne zu wiſſen, wer er war, meinen jungen Freund nannte, ein Gefangener iſt, ſo wollen wir ſterbend für ſeine Be⸗ freiung zeigen, daß wir ſeines Vertrauens nicht unwerth waren. Aber Jean Oullier ſchüttelte den Kopf. „Wie!“ ſprach der Marquis,„Du willſt mir mein Pferd nicht geben?“ „Und er hat Recht,“ fiel Bertha ein, welche eben gekommen war, und den vom Marquis gege⸗ benen Befehl und Jean Oulliers Weigerung an⸗ gehört hatte,„hüten wir uns, durch unüberlegte Haſt etwas auf's Spiel zu ſetzen.“ Dann wandte ſie ſich an den Boten und fragte ihn: 89 „Haſt Du geſehen, wie die Sol verließen und Gefangene mitnahmen?“ „Nein, ich habe geſehen, wie ſie den Bu. 4 Mathabe, den Jean Oullier in der Ecke der hohen Haide als Schildwache aufgeſtellt hatte, faſt todt ſchlugen; ich habe ſie beobachtet, bis ich ſie in Pi⸗ cauts Obſtgarten eintreten ſah, und bin hergelaufen, Sie zu benachrichtigen, wie Meiſter Jean Oullier mir geboten hatte.“ „Nun, Jean Oullier,“ fuhr Bertha fort,„glaubt Ihr für die Frau, der Ihr ſie anvertraut habt, ſtehen zu können?“ Jean Oullier drehte ſich zu Bertha um und anwortete, mit einem Blick des Vorwurfs ſie an⸗ ſchauend: „Geſtern würde ich geſagt haben: ich ſtehe für ſie vie, iä mich ſelbſt; aber....“ er?“ „Aber heute,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, nzweifle ich an Allem.“ „Allons! Allons!“ rief der Marquis,„mit allem dieſem iſt Zeit verloren; man bringe mir mein Pferd, und in zehn Minuten werde ich wiſſen, woran ich mich zu halten habe.“ Bertha hielt den Marquis zurück. „Ah!“ ſprach dieſer,„ſo gehorcht man mir in meinem Hauſe; was kann ich von Andern erwarten, wenn man bei mir damit anfängt, meine Befehle nicht zu vollziehen.“ „Deine Befehle, Vater, ſind heilig,“ antwortete ertha,„und vornehmlich für Deine Töchter; aber Deine Ergebenheit reißt Dich fort; vergeſſen wir 90 ie, welche uns Unruhe verurſachen, in Wgen nur einfache Bauern ſind; nun verräth der der Marquis, wenn er ſelbſt zu Pferd über zwei Bauern Erkundigung einzieht, die Wichtigkeit, welche man ihrer Perſon beilegt, und macht ſie auf der Stelle der Aufmerkſamkeit unſerer Feinde kennbar. 3 „Mademoiſelle Bertha hat Recht,“ ſagte Jean Oullier,„und ich will mich dahin begeben.“ „Ihr ebenſo wenig, als mein Vater.“ „Warum?“ „Weil Ihr allzu große Gefahr lauft, wenn Ihr Euch dorthin wendet.“ „Ich bin ſchon dieſen Morgen daſelbſt geweſen und habe mich dieſer großen Gefahr ausgeſetzt, um zu ſehen, welches Blei meinen armen Pataud ge⸗ tödtet hat; ich werde wohl denſelben Weg einſchla⸗ gen, um über Herrn von Bonneville und Petit⸗ Pierre Gewißheit zu erlangen. „Und ich ſage Euch, Jean,“ erwiderte Bertha, „daß Ihr nach Allem, was vergangene Nacht vorge⸗ fallen iſt, Euch da nicht zeigen könnt, wo es Sol⸗ daten gibt; wir brauchen für eine ſolche Miſſion Jemand, der noch auf keine Weiſe compro⸗ mittirt iſt, der mitten auf den Platz gelangen kann, ohne Verdacht zu erregen, ſich von dem, was ge⸗ ſchehen iſt, und ſogar, wenn möglich, von dem, was geſchehen wird, unterrichten kann.“ „Welches Unglück, daß Loriot, dieſes Thier, ſich in den Kopf geſetzt hat, nach Machecoul zurückzu⸗ kehren,“ ſprach der Marquis von Souday; nich bat ihn doch ſo ſehr, zu bleiben; ich hatte eine in täth ber keit, auf inde ean Ihr eſen um ge⸗ chla⸗ etit⸗ rtha, 8rge⸗ Sol⸗ ſſion mpro⸗ kann, 3 ge⸗ was „ſich ückzu⸗ nich eine 91 Ahnung von allem dieſem, als ich ihn an meine Diviſion feſſeln wollte.“ „Wohlan! bleibt Ihnen nicht noch M. Michel?“ fragte Jean Oullier ironiſch;„Sie können ihn nach Picauts Hauſe ſchicken; dort und wohin Sie wollen, wären ſelbſt zehntauſend Menſchen rings umher, wird man ihn eindringen laſſen und Niemand die Vermuthung hegen, daß er in Ihren Angelegenheiten handle.“ „Ei! das iſt gerade, was wir brauchen,“ ant⸗ wortete Bertha, welche die Beihülfe, die Jean Oullier zum geheimen Zweck ſeines Vorſchlags zur Stelle brachte, ſo ſchlimm auch die von ihm hineingelegte Abſicht ſein mochte, annahm,„allerdings, nicht wahr, Vater?“ „Sambleu! ich glaube wohl!“ rief der Marquis von Souday,„trotz ſeines ein klein wenig weibiſchen Ausſehens iſt dieſer junge Mann uns entſchieden ſehr nützlich.“ Bei den erſten Worten, die gewechſelt wurden, war übrigens Michel vorgetreten und erwartete reſpectvoll die Befehle des Marquis. Als er ſah, daß derſelbe Bertha's Vorſchlag an⸗ nahm, erheiterte ſich ſein Geſicht. Bertha ſelbſt ſtrahlte. „Sind Sie bereit, Herr Michel, Alles was die Rettung von Petit⸗Pierre erfordert, zu thun?“ fragte ihn das Mädchen. „Ich bin bereit, Alles zu thun, was Ihnen be⸗ liebt, Mademoiſelle, um dem Herrn Marquis meine Dankbarkeit für die wohlwollende Aufnahme, deren er mich gewürdigt hat, zu bezeigen.“ 4 92 „Gur! dann nehmen Sie ein Pferd, nicht das meinige, man würde es erkennen, und reiten Sie im Galopp hin; treten Sie ohne Waffen in das Haus, wie wenn die bloße Neugierde Sie dahin ſühru⸗ und wenn es eine Gefahr für unſere Freunde gibt, ſo...“ Der Marquis ſuchte; die Initative war für ihn weder ſchnell zur Hand noch leicht. „Wenn es eine Gefahr für unſere Freunde gibt,“ fiel Bertha ein,„ſo zünden Sie ein Feuer von dem Geſtrüpp auf der großen Haide an; wäh⸗ rend dieſer Zeit wird Jean Oullier ſeine Leute ver⸗ ſammelt haben, und dann werden wir, vereinigt und wohl bewaffnet zum Beiſtande derer, die uns ſo theuer ſind, hinfliegen.“ „Bravo!“ ſprach der Marquis von Souday,„ich habe immer geſagt, daß Bertha der ſtarke Geiſt der Familie ſei.“ Bertha lächelte vor Stolz, indem ſie Michel anſah. „Und Du,“ ſprach ſie zu ihrer Schweſter, welche nun auch herabgekommen war und langſam näher trat, während dagegen Michel ſich entfernte, um das Pferd zu holen,„denkſt Du nicht daran, Dich endlich anzukleiden?“ „Nein,“ antwortete Mary. „Wie, nein?“ „Ich rechne darauf, hier zu bleiben.“ „Das haſt Du im Sinn?“ „Allerdings,“ antwortete Mary mit traurigem Lächeln; bei einer Armee, an der Seite verwunde⸗ ter Soldaten, ſterbender Kämpfer bedarf es barm⸗ das Sie das dahin runde r ihn runde Feuer wäh⸗ ver⸗ einigt uns 3„ich ſt der Nichel velche näher „um Dich rigem unde⸗ darm⸗ 93 herziger Schweſtern, welche ſie pflegen und welche ſie tröſten; ich werde Eure barmherzige Schweſter ſein.“ Bertha betrachtete Mary mit Erſtaunen. Vielleicht war ſie im Begriff, wegen der Aende⸗ rung des Entſchluſſes, die ſo ſchnell im Geiſte des Mädchens eingetreten war, eine Frage an ſie zu richten, als Michel, der bereits ſich auf das ihm beſtimmte Pferd geworfen hatte, wieder erſchien und, ſich Bertha nähernd, das Wort auf ihren Lippen zurückhielt. Dann wandte er ſich an die, welche ihm Befehl gegeben hatte: „Sie haben mir wohl geſagt, Mademeiſelle, was ich thun ſollte, im Fall ein Unglück in Paſcal Picauts Hauſe geſchehen wäre; aber Sie haben mir nicht geſagt, was ich thun ſollte, wenn Petit⸗ Pierre geſund und wohl wäre.“ „In dieſem Fall,“ ſprach der Marquis,„kehren Sie zurück, uns zu beruhigen.“ „Nein,“ antwortete Bertha, welche darauf be⸗ ſtand, die möglichſt wichtige Rolle dem Geliebten zuzuweiſen; dieſes Hin⸗ und Herlaufen könnte bei den Truppen, welche in der Umgegend herumſtreifen müſſen, Gefahr erregen; Sie werden bei den Picauts oder an derſelben Lokalität bleiben und beim Ein⸗ tritt der Nacht uns an der Eiche von Jailhay er⸗ warten; Sie kennen dieſelbe?“ „Ich glaube wohl,“ ſagte Michel,„ſie iſt auf dem Wege von Souday.“ „Gut,“ ſagte Bertha,„wir werden in der Umge⸗ gend verſteckt ſein; Sie geben das Signal: dreimal 94 den Nachteulen⸗, einmal den Käuzchen⸗Schrei, und wir werden zu Ihnen ſtoßen; gehen Sie alſo, lieber Monſieur Michel.“ Michel grüßte den Marquis von Souday und die beiden Mädchen, verbeugte ſich auf dem Hals ſeines Pferdes und ging im Galopp davon. Er war übrigens ein vortrefflicher Reiter und Bertha wieß, als er unter der Einfahrt kurz um⸗ wandte, darauf hin, daß er ſein Pferd eine ſehr geſchickte Fußveränderung hatte machen laſſen. „Unglaublich, wie leicht es iſt, aus einem Bauern⸗ lümmel einen Mann, wie er ſein muß, zu machen,“ ſprach der Marquis bei der Rückkehr in das Schloß; „wahr iſt, daß die Frauen ſich darein miſchen müſſen; dieſer junge Mann iſt wahrhaftig ſehr hübſch.“ „Ja,“ antwortete Jean Oullier,„Männer wie ſie ſein ſollen, macht man daraus, ſo viel man will; die Männer von Herz ſind es, die ſich nicht ſo leicht machen laſſen.“ „Jean Oullier,“ entgegnete Bertha,„Ihr habt meine Empfehlung bereits vergeſſen; nehmt Euch in Acht!“. „Sie irren ſich, Mademoiſelle,“ antwortete Jean Oullier,„im Gegentheil, weil ich nichts vergeſſe, ſehen Sie mich ſo ſehr leiden; bis jetzt habe ich meine Abneigung gegen dieſen jungen Mann für Ge⸗ wiſſensbiſſe genommen, aber von heute fange ich an zu fürchten, daß es eine Ahnung iſt.“ „Gewiſſensbiſſe, Ihr, Jean Oullier?“ „Ahl Sie haben verſtanden?“ 1/ g. „Nun wohl! Ich nehme es nicht zurück.“ 95 „Was habt Ihr denn Euch gegen ihn vorzu⸗ werfen?“ „Nichts gegen ihn,“ ſprach dann Oullier mit düſterer Stimme;„aber gegen ſeinen Vater.“ „Gegen ſeinen Vater!“ ſagte Bertha unwillkür⸗ lich ſchaudernd. „Ja,“ ſprach Jean Oullier;„eines Tags habe ich für ihn den Namen gewechſelt, ich habe mich nicht mehr Jean Oullier genannt.“ „Und wie haſt Du Dich genannt?“ „Ich nannte mich Chatiment.“ 2) „Für ſeinen Vater?“ wiederholte Bertha. Dann ſich Alles zurückrufend, was ſich im Lande mit Baron Michel zugetragen hatte: „Für ſeinen Vater, der bei einer Jagdparthie todt gefunden wurde! Ah! was habt Ihr geſagt, Unglücklicher!“ „Daß der Sohn den Vater wohl rächen könnte, indem er uns Trauer um Trauer heimgibt.“ „Und warum?“ „Weil Sie ihn närriſch lieben.“ „Hernach?“ „Und weil ich Ihnen etwas verbürgen kann.“ „Was?“ „Daß er Sie, auf das Wort Jean Oulliers, nicht liebt.“ Bertha zuckte geringſchätzig die Achſeln, aber ſie hatte darum nicht minder den Pfeil gerade in das Herz bekommen. Sie empfand beinahe ein Gefühl des Haſſes für den alten Vendéer. *) Strafe, Züchtigung. A. d. U. 96 „Beſchäftigt Euch doch damit, Eure Leute zu ſammeln, mein armer Jean Oullier,“ ſagte ſie zu ihm. „Ich gehorche Ihnen, Mademoiſelle,“ antwortete der Chouan. Und er wandte ſich nach dem Thore. Bertha ging hinein, ohne einen Blick auf ihn zu werfen. Aber ehe er das Schloß verließ, rief Jean Oullier dem Bauern, welcher kurz zuvor die Botſchaft ge⸗ bracht hatte. „Haſt Du vor den Soldaten,“ fragte er ihn, „Jemand in das Haus der Picauts eintreten ſehen?“ „Bei Joſeph oder bei Paſcal?“ „Bei Paſcal.“ „Ja, Meiſter Jean Oullier.“ „Und dieſer Jemand war?“ „Der Maire von La Logerie.“ „Und Du ſagſt, er ſei bei Paſcal eingetreten.“ „Ich weiß es gewiß.“ „Du haſt ihn geſehen?“ „Wie ich Euch ſehe.“ „Und nach welcher Seite hat er ſich entfernt?“ „Auf dem Fußpfad von Machecoul.“ „Auf dem die Soldaten einen Augenblick nachher gekommen ſind, nicht wahr?“ „Auf demſelben, ja wohl; es verfloß keine Vier⸗ telſtunde zwiſchen dem Abgang des Einen und der Ankunft der Andern.“ „Gut!“ ſprach Jean Oullier. Dann, die geballte Fauſt in der Richtung von La Logerie ausſtreckend, rief er: „Courtin, Courtin, Du verſuchſt Gott! Mein 2 zu ihm. rtete ihn lllier ge⸗ ihn en?“ en.“ 97 Hund geſtern von Dir getödtet, dieſer Verrath heute; das iſt zu viel für meine Geduld.“ XLIV. Meiſter Jacques⸗ Kaninchen. Im Süden von Machecoul dehnen ſich, ein Dreieck um den Flecken Légé bildend, drei Wälder aus. Man nennt ſie die Wälder von Touvain, von Grande Lande und von Roche⸗Servidre. Die territoriale Wichtigkeit dieſer Wälder iſt, jeden beſonders genommen, gering; aber auf drei Kilometer von einander befindlich, hängen ſie unter ſich durch Hecken, Ginſter⸗ und Stechpfriemenfelder, die hier zahlreicher, als in irgend einer Gegend der Vendée ſind, zuſammen und bilden eine ſehr be⸗ trächtliche Forſtanhäufung. In Folge dieſer topographiſchen Anlage wurden ſie wahre Herde der Revolution, wo zur Zeit der Bürgerkriege die Inſurrection ſich concentrirt, ehe ſie in den umliegenden Landſchaften ausbricht. Der Flecken Légé blieb außerdem, daß er der Geburtsort des berühmten Arztes Joly war, beinahe beharrlich das Hauptquartier Charrettes. Hieher, in der Mitte des Waldgürtels, der dieſen kleinen Flecken umſchließt, flüchtete er ſich nach einer Nie⸗ derlage, hier formirte er ſeine decimirten Banden wieder und rüſtete ſich zu neuen Kämpfen. Im Jahr 1832, und wiewohl die Légé durch⸗ ſchneidende Straße von Nantes nach Sable⸗d'Olonne Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 7 98 der ſtrategiſche Situation einigen Abbruch gethan hatte, waren ſeine ſchluchten⸗ und holzreichen Umge⸗ bungen nicht minder eines der feurigſten Centren der ſich vorbereitenden Bewegung geworden. Die drei Forſte der Umgegend verbargen in ihrem undurchdringlichen Dickicht von verſchlungenen Stechpalmen und Farrnkräutern, die im Schatten ihres Hochholzes aufſchießen, Banden von Ausreißern, die ſich alle Tage vergrößerten und den aufſtändiſchen Abtheilungen des Landes von Retz und der Ebene zum Kern dienen mußten. Die Nachſpürungen, welche die Obrigkeit in die⸗ ſen Wäldern veranſtaltete, die Treibjagen, welche ſie anſtellte, hatten zu keinem Reſultat geführt. Das öffentliche Gerücht behauptete, die Widerſpenſtigen haben ſich unterirdiſche Wohnungen nach Art derer, welche ſich die erſten Chouans in den Forſten von Gralla gegraben und von wo aus ſie ſo oft allen gegen ſie gerichteten Nachforſchungen Trotz geboten, daſelbſt anzulegen gewußt. Dießmal täuſchte ſich das öffentliche Gerücht nicht. Gegen das Ende des Tags, an dem wir Michel von Schloß Souday aus auf dem Pferde des Mar⸗ quis nach dem Hauſe Picauts hineilen ließen, wäre Derjenige, welcher ſich hinter einer der Buchen, welche die Lichtung Folleron im Walde von Touvain umſchloſſen, verborgen gehalten hätte, Zeuge eines ſonderbaren Schauſpiels geweſen. Zur Stunde, wo die Sonne, am Horizont ver⸗ ſinkend, einer Art Dämmerung Platz macht, zur Stunde, wo das Niederholz bereits im Schatten iſt, der von der Erde aufzuſteigen ſcheint, und wo der && 8—— ethan Umge⸗ ntren in in genen hatten ißern, iſchen Ebene die⸗ velche Das ſtigen derer, von allen boten, nicht. Michel Mar⸗ wäre uchen, duvain eines at ver⸗ , zur ten iſt, vo der Markte von Montaigu trafen und hier wieder finden. 7* 99 letzte Strahl den Gipfel der großen Bäume mit ſeinem hinſterbenden Schimmer färbt, hätte er von fern eine Perſon kommen ſehen, welche er mit ein wenig gutem Willen für ein phantaſtiſches Weſen nehmen konnte, und welche mit kleinen Schritten vorrückend vorſichtig nach allen Seiten umſchaute. Das war um ſo leichter, als es im erſten Au⸗ genblick ihm zwei Köpfe zu haben ſchien, um doppelt für ſeine Sicherheit zu wachen. Dieſe Perſon, in ſchmutzige Lumpen eines Wamm⸗ ſes und deßgleichen Hoſen gekleidet, deren urſprüng⸗ licher Zeug unter tauſend Stückchen aller Farben, womit man deſſen Alter abzuhelfen geſucht hatte, verſchwunden war, ſchien, wie geſagt, einem jener zweiköpfigen Ungeheuer anzugehören, welche unter den ſeltenen Ausnahmen, welche die Natur in Stun⸗ den toller Phantaſie zu ſchaffen beliebt, eine diſtin⸗ guirte Stelle einnehmen. Die beiden Köpfe waren ſehr deutlich von ein⸗ ander unterſchieden und zeigten, wiewohl aus dem⸗ ſelben Stamm gewachſen, durchaus keine Familien⸗ Aehnlichkeit. An der Seite eines Geſichts von Ziegelroth, von Blatternarben vernäht, beinahe ganz mit einem ſtruppigen Bart bedeckt, erſchien ein zweites, weniger abſtoßendes Geſicht, voll Schlauheit und Tuͤcke bei ſeiner Häßlichkeit, während das erſte nichts als lödſinn, der bisweilen zur Wildheit ſteigen konnte, ausdrückte. Kurz, die zwei ſo verſchiedenen Phyſiognomien ge⸗ hörten zwei unſerer alten Bekannten, die wir auf dem 100 Alain Courtejoie, dem Schenkwirth von Montaigu, und, man verzeihe uns den vielleicht allzu ausdrucks⸗ vollen Namen, den wir jedoch zu ändern nicht das Recht haben, Trigaud la Vermine,*) dem Bettler von herkuliſcher Stärke, der, wie man ſich vielleicht erinnert, bei dem Aufſtande von Montaigu ſeine Rolle damit ſpielte, daß er das Pferd des Gene⸗ rals von der Erde auflüpfte und dieſen zu Boden warf. Nach einer ziemlich klugen Berechnung, deren wir bereits mit einem Wort erwähnten, hatte Alain Courtejoie ſein eigenes Individuum durch dieſe Art von Laſtthier, das er zum Glück auf ſeinem Wege getroffen, completirt; zum Erſatz für die Beine, die er auf der Straße von Ancenis gelaſſen, hatte dieſer ſo verſtümmelte Krüppel Glieder von Stahl wieder gefunden, die vor keiner Strapaze zurück⸗ wichen, die vor keiner Aufgabe erſchracken, die ihm dienten, wie ſeine leiblichen Glieder es nie vermocht hätten, kurz die ſeinen Willen mit einem paſſiven Gehorſam vollzogen und nach einer kurzen Zeit dieſer Aſſociation es dahin gebracht hatten, dem Ge⸗ danken von Alain Courtejoie zu folgen, wenn er nur durch eiſt einfaches Wort, ein einfaches Zeichen und ſelbſt nur einen einfachen Druck der Hand auf die Schulter, oder des Knie's an die Seiten ſich kund gab. Höchſt ſonderbarer Weiſe war bei dieſer Güter⸗ gemeinſchaft der mindeſte Zufriedene nicht Trigaud la Vermine; im Gegentheil, ſein ſchwerfälliger Ver⸗ ſtand errieth, daß Alain Courtejoie ſeinen Kräften A. d. U. 8 A&—+½-—-- igu, icks⸗ das ttler eicht eine ene⸗ dden eren lain Art Bege die atte tahl rück⸗ ihm kocht iven Zeit Ge⸗ 1 er chen auf ſich ier⸗ gaud Ver⸗ fften u. 101 die Richtung gab, die alle ſeine Sympathieen für ſich hatte: einige Worte von„Weißen“ und„Blauen“, die in ſeine großen, immer geſpitzten, immer offenen Ohren fielen, bewieſen ihm, daß er, dem Schenk⸗ wirth als Lokomotive dienend, eine Sache unterſtützte, welche der einzige Gegenſtand des Cultus war, wel⸗ cher das Zuſammenſchrumpfen ſeines Gehirns über⸗ lebt hatte;— darin war er glorios. Sein Ver⸗ trauen auf Alain Courtejoie war unbegrenzt; er war ſtolz darauf, mit Leib und Seele an einen Geiſt geknüpft zu ſein, deſſen Superiorität er aner⸗ kannte, und hatte ſich dem, welchen man ſeinen Herrn nennen konnte, mit einer Selbſtverläugnung hingege⸗ ben, welche für jede Anhänglichkeit, wo der Inſtinkt vorherrſcht, charakteriſtiſch iſt. Trigaud trug Alain bald auf ſeinem Rücken, bald auf ſeinen Schultern, mit der Zärtlichkeit, welche eine Mutter für ihr Kind gehabt hätte; er überhäufte ihn mit Sorgfalt, er hatte für ihn Auf⸗ merkſamkeiten, welche den Zuſtand des Blödſinns Lügen zu ſtrafen ſchienen, worin der arme Teufel ſich befand, der nie auf ſeine eigenen Füße ſah, ob er ſie nicht an einem ſchneidenden Kieſelſteine zer⸗ ſtoßen würde, ſondern der beim Marſchiren ſorglich die Zweige entfernte, welche den Körper deſſen, den er hütete, hätten ſchrammen oder ihm in das Geſicht ſchlagen können. Als ſie ungefähr bei einem Drittel der Lichtung angekommen waren, berührte Alain Courtejoie mit dem Finger Trigauds Schulter und der Rieſe machte ſogleich Halt.* Dann deutete er ihm, ohne des Wortes zu be⸗ 10²2 dürfen, mit dem Finger auf einen großen Stein, der am Fuße einer ungeheuren Buche, im rechten Winkel der Lichtung lag. Der Rieſe ging auf die Buche zu, hob den Stein auf und erwartete weitern Befehl. „Jetzt klopfe,“ ſprach Alain Courtejoie,„dreimal.“ Trigaud that, was man ihn geheißen hatte, in⸗ dem er dreimal klopfte, und ſo dazwiſchen abſetzte, daß der erſte und zweite Schlag raſch einander kamen, und der dritte erſt nach einer gewiſſen Pauſe erfolgte. Auf dieſes Signal, das an dem Baumſtamm dumpf widerhallte, hob ſich ein kleines Stück Raſen und Moos und ein Kopf kam aus der Erde hervor. „Ach! ſeid Ihr es, Meiſter Jacques, der heute an der Mündung des Bau's die Wache hat?“ fragte Alain, ſichtbar erfreut, hier einen ſo vertrauten Bekannten zu finden. 3 „Eil! Courtejoie, mein Burſche, es iſt die Stunde des Anſtandes, ſiehſt Du, und ich will mich immer ſelbſt verſichern, ob die Gegend von Jägern ſauber iſt, ehe ich meine Kaninchen hinauslaſſe.“ „Und Ihr thut wohl daran, Meiſter Jacques, thut wohl daran,“ erwiderte Alain Courtejoie,„beſonders heute, denn es gibt nicht wenig Flinten in der Ebene.“ „Ah! wohl, erzähle mir doch.“ „Gern.“ „Kommſt du herein?“ „Ach nein, Jacques, wir haben ſchon ſo heiß genug, mein Junge, nicht wahr, Trigaud?“ Der Rieſe ſtieß ein Gebrumm aus, das man mit viel gutem Willen in eine Zuſtimmung über⸗ ſetzen konnte. kon mer wie inde Rei Zei Fre in, ten ein Al.“ in⸗ daß und zte. mm iſen vor. eute gte gten nde mer ber thut ders de.“ heiß nan ber⸗ 103 „Horch! er ſpricht alſo doch,“ ſagte Meiſter Jac⸗ ques,„ſonſt möchte man ſagen, er ſei ſtumm: weißt Du, daß es ein beſonderes Glück für Dich iſt, Tri⸗ gaud, mein Burſche, daß unſer Alain Dich ſo in ſeine Freundſchaft aufgenommen hat? jetzt biſt Du doch beinahe ein Menſch, ohne zu rechnen, daß Dir Deine Brockenſuppe gewiß iſt, was nicht alle Hunde, ſelbſt die vom Schloß Souday, ſagen können.“ Der Bettler öffnete ſeinen großen Mund und ſetzte zu einem grinzenden Lachen an, das er aber nicht vollendete; eine Geberde Alains hatte dieſen Ausbruch von Heiterkeit, den die großen Lungen des Rieſen gefährlich machten, in die Höhlen des Kehlkopfs zurückgedrängt. „Leiſer doch, leiſer, Trigaud,“ ſagte er ihm barſch. Dann zu Meiſter Jacques: „Er meint immer, er ſei auf dem großen Platz zu Montaigu, die arme Einfalt.“ „Wohlan! laßt einmal ſehen, da Ihr nicht herein⸗ kommen wollt, werde ich die Burſchen herauskom⸗ men laſſen; Ihr habt am Ende Recht, Courtejoie, es iſt da innen unverſchämt heiß; mehrere ſind ſchon wie gebraten worden; aber Ihr wißt, dieſe Burſchen da, die beklagen ſich immer.“ „Das iſt nicht, wie Trigaud,“ erwiderte Alain, indem er nach Art einer Liebkoſung einen ſchweren Fauſtſchlag auf den Kopf des Elephanten, der ihm als Reitthier diente, fallen ließ,„der beklagt ſich niemals.“ Trigaud machte zu ſeinem groben Lachen ein Zeichen mit dem Kopf, voll Dankbarkeit für den Freundſchaftsbeweis, womit Courtejoie ihn beehrte. Meiſter Jacques, den wir eben unſern Leſern 104 vorſtellten, aber mit welchem ſie Bekanntſchaft machen zu laſſen uns noch übrig bleibt, war ein Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, der das ganze Ausſehen eines ehrlichen Pächters aus dem Lande Retz hatte. Waren ſeine Haare lang und wogten auf die Schultern herab, ſo war ſein Bart dagegen kurz gehalten und ſorgfältig geſchoren; er trug ein Wamms von ſehr ſauberm Tuch, von beinahe mo⸗ derner Form, wenn man ſie mit denen verglich, die noch in der Vendée Mode ſind; eine Weſte gleich⸗ falls von Tuch mit breiten abwechſelnd weißen und gemsfarbenen Streifen, Hoſen von ſchwarzbraunem Leinenzeug und Kamaſchen von blauem Kattun bil⸗ deten den einzigen Theil ſeines Koſtüms, welcher dem ſeiner Landsleuten gleich kam. Ein Paar Piſtolen, deren blanker Griff ſein Wamms aufhielt, war der einzige kriegeriſche Schmuck, den er dieſen Augenblick trug. Trotz ſeiner ruhigen und gutmüthigen Phyſiog⸗ nomie war Meiſter Jacques ganz einfach das Haupt einer der kühnſten Banden des Landes und der ent⸗ ſchiedenſte Chouan, den es auf zehn Meilen in der Runde gab, wo er eines furchtbaren Rufs genoß. Meiſter Jacques hatte 15 Jahre lang nie ernſtlich die Waffen aus der Hand gelegt. Mit zwei oder drei Mann, häufiger noch allein und vereinzelt, hate er ganzen zu ſeiner Verfolgung aufgebotenen Bri⸗ gaden die Spitze geboten;— ſein Muth und ſein Glück hatten etwas Uebernatuͤrliches, was unter der abergläubiſchen Bevölkerung des Bocage den ) Waldlandſchaft. nachen Mann r das 8 dem uf die kurz g ein e mo⸗ h, die gleich⸗ n und lunem n bil⸗ elcher ſein muck, ſiog⸗ Haupt r ent⸗ n der enoß. aſtlich drei hatte Bri⸗ ſein unter den 105 Gedanken erzeugte, er ſei unverwundbar und die Kugeln der Blauen vermögen nichts gegen ihn. So hatten ſich nach der Juli⸗Revolution von den erſten Tagen des Auguſtes 1830 an, als Mei⸗ ſter Jacques ankündigte, daß er wieder ins Feld ziehen wolle, alle Ausreißer der Gegend um ihn gruppirt, und bildeten bald für ihn eine reſpektable Truppe, mit welcher er bereits die zweite Reihe ſeiner Parteigänger⸗Thaten begonnen hatte. Nachdem er einige Augenblicke Alain Courtejoie befragt hatte, beugte ſich Meiſter Jacques, der, um ſich mit dem Ankömmling zu unterhalten, zuerſt mit dem Kopf, dann bis zum Gürtel aus der Fallthüre hervorgekommen war, zu der Oeffnung hinab und ließ ein ſeltſam modulirtes Pfeifen hören. Auf dieſes Signal vernahm man aus den Einge⸗ weiden der Erde ein Sumſen, das mit dem eines Bienenſchwarms ziemliche Aehnlichkeit hatte; dann hob ſich einige Schritte von da zwiſchen zwei Büſchen eine große Hürde, gleich der kleinen Fallthüre bedeckt mit Raſen, Moos und verwelkten Blättern, deren Ausſehen dem des umliegenden Bodens vollkommen gleich war, vertikal in die Höhe, von vier Pfählen auf ihren vier Ecken empor gehalten. Sich hebend, ließ ſie die Mündung einer Art von Silo*) ſehen, ſehr groß und ſehr tief, und aus die⸗ ſem Silo kamen zwanzig Mann nach einander herauf. Das Coſtume dieſer Leute hatte nichts von der maleriſchen Eleganz, welche die aus den Kartenhöh⸗ len der komiſchen Oper heraufſteigenden Räuber cha⸗ *) Eine unterirdiſche Korngrube, beſonders in Spanien. A. d. U. 106 rakteriſirt, dazu fehlte viel; Einige von ihnen hatten niformen, welche zum Verwechſeln derjenigen gli⸗ chen, die wir an Trigaud la Vermine geſehen haben; Andere, und dieß waren die eleganteſten, trugen Tuchwämſer, aber die Meiſten waren in Leinwand gekleidet. Dieſelbe Mannigfaltigkeit machte ſich übrigens auch in der Bewaffnung bemerkbar. Drei bis vier Soldatenflinten, ein halb Dutzend Jagdflinten, ebenſo viel Piſtolen bildeten die Reihe der Feuerwaffen; aber die der blanken Gewehre war bei Weitem nicht ſo reſpektabel, denn ſie beſtand nur in dem Säbel, der Meiſter Jacques gehörte, zwei aus dem erſten Krieg herrührenden Picken, und acht oder neun von ihren Eigenthümern ſorgfältig geſpitzten Gabeln. Als alle dieſe Tapfern in die Lichtung aufge⸗ taucht waren, wandte ſich Meiſter Jacques gegen einen abgehauenen Baumſtamm, auf welchen er ſich ſetzte, und Trigaud ließ Alain Courtejoie an ſeiner Seite nieder, worauf er ſich einige Schritte entfernte, jedoch nur ſo weit, um im Bereich der Geberde ſei⸗ nes Aſſocié zu bleiben. „Ja, mein Courtejoie,“ ſprach Meiſter Jacques, „die Wölfe ſind auf der Jagd; aber es macht mir ebenſo viel Vergnügen, zu ſehen, daß Du Dir die Mühe gemacht haſt, mich in Kenntniß zu ſetzen.“ Dann plötzlich: „Ah ſo! aber wirklich,“ fragte er ihn,„wie biſt Du hier? Du biſt zu gleicher Zeit wie Jean Oullier gezwickt worden; Jean Oullier hat ſich bei der Furth von Pontfarcy gerettet; daß er ſich rettete, daran iſt für mich nichts zu verwundern; aber Du, hatten en gli⸗ aben; trugen nwand rigens s vier ebenſo affen; nnicht Säbel, erſten n von An. aufge⸗ gegen r ſich ſeiner ernte, de ſei⸗ ques, t mir r die Ben.“ e biſt ullier der ttete, Du, 107 mein armer Sans⸗Pattes,*) wie haſt Du es an⸗ geſtellt?“ „Und Trigauds Pfoten,“ antwortete Courtejoie lachend,„wofür rechneſt Du ſie? Ich habe den Gendarmen, der mich hielt, ein wenig geſtochen; das ſchien ihm weh zu thun, ſo daß er mich fahren ließ, und Gevatter Trigauds Fauſt hat das Uebrige gethan. Aber wer hat Euch das erzählt, Meiſter Jacques?“ Meiſter Jacques zuckte mit gleichgültiger Miene die Achſeln. Dann ſprach er, ohne auf die Frage, die ihm ohne Zweifel müßig vorkam, eine Antwort zu geben: „Ah ſo! willſt Du mich etwa zufällig benach⸗ richtigen, daß der Tag abgeändert iſt?“ „Nein, es bleibt immer bei dem 24ſten.“ „Um ſo beſſer!“ erwiderte Meiſter Jacques, „denn wahrhaftig, ſie machen, daß ich die Geduld verliere, mit ihren Aufſchüben und Knauſereien. Braucht es ſo viel Umſtände, lieber Gott! um ſeine Flinte zu ergreifen, ſeiner Frau Lebewohl zu ſagen und ſein Haus zu verlaſſen?“ „Geduld. Ihr habt nicht mehr lang zu warten, Meiſter Jacques.“ „Vier Tage!“ ſprach dieſer ungeduldig. „Nun?“ „Nun! ich finde, daß es um drei zu viel iſt. Ich habe nicht das Glück von Jean Oullier, der ſie vergangene Nacht am Saut⸗de⸗Baugé ein wenig auf den Grund ſetzen konnte.“ „Ja, der Burſche hat mir's geſagt. *) Pfotenlos. „Zum Unglück!“ fuhr Meiſter Jacques fort, „haben ſie grauſam Revanche genommen.“ „Wie ſo?“ „Du weißt es alſo nicht?“ „Nein, ich komme geraden Wegs von Montaigu.“ „In der That, Du kannſt nichts wiſſen.“ „Nun! was iſt denn geſchehen? „Sie haben im Hauſe Paſcal Picauts einen braven jungen Mann getödtet, den ich ſchätzte, ich, der Seinesgleichen wenig ſchätzt.“ „Wen?“ „Den Grafen von Bonneville.“ „So, und wann?“ „Ei! eben heute, gegen zwei Uhr Nachmittags.“ „Wie, zum Teufel! haſt Du von Deinem Bau das erfahren können, Jacques?“ „Erfahre ich nicht Alles, was mir nützlich ſein kann?“ „Dann weiß ich nicht, ob es der Mühe werth. iſt, Dir zu ſagen, was mich herführt.“ „Warum?“ „Weil Du es wahrſcheinlich ſchon weißt.“ „Wahrſcheinlich.“ „Ich möchte deſſen gewiß ſein.“ „So! „Meiner Treu, ja, das würde mir einen unan⸗ genehmen Auftrag erſparen, mit dem ich nur wider⸗ ſtrebend mich belaſtet habe.“ „Ah! Du kommſt von jenen Herrn. Dann...“ Und Meiſter Jacques ſprach die beiden Worte, die wir unterſtrichen haben, in einem Ton aus, der zwiſchen Verachtung und Drohung die Mitte hielt. „ häufi rungs Erpre die a inden 8 bälde lang Perſe 8 fort, taigu.“ einen te, ich, ttags.“ n Bau ch ſein werth 109 „Fürs Erſte, ja,“ antwortete Alain Courtejoie; dann hat mir hernach auch Jean Oullier, dem ich begegnete, eine Botſchaft an Euch gegeben. „Jean Oullier! ah! wenn der Dich ſchickt, biſt Du willkommen. Das iſt ein Burſche, den ich liebe, Jean Oullier; er hat in ſeinem Leben etwas ge⸗ than, das ihm an mir einen Freund gewann. „Was?“ „Das iſt ſein Geheimniß. Aber ſehen wir zu⸗ erſt, was die Herren von den großen Häuſern von mir wollen. „Es iſt Dein Diviſions⸗Chef, der mich zu Dir ſchickt.“ „Der Marquis von Sduday?“ „Richtig.“ „Nun, was will er?“ „Er beklagt ſich, daß Du durch Deine allzu⸗ häufigen Ausfälle die Aufmerkſamkeit der Regie⸗ rungsſoldaten auf Dich ziehſt; daß Du durch Deine Erpreſſungen die Stadtbevölkerung erbitterſt und ſo die allgemeine Bewegung zum Voraus paralyſirſt, indem Du ſie erſchwerſt.“ „So! warum haben ſie ihre Bewegung nicht bälder bewerkſtelligt?“ Es iſt, Gott ſei Dank! ſchon lang genug, daß wir ſie erwarten; ich für meine Perſon erwarte ſie ſchon ſeit dem 30. Juli. „Und dann....“ „Wie! das iſt noch nicht Alles?“ „Nein; er gebietet Dir....“ „Er gebietet mir?“ „Höre, Du magſt gehorchen oder nicht gehorchen, aber er gebietet dir...“ 110 „Merke wohl, Courtejoie: was er mir auch ge⸗ bietet, ich ſchwöre voraus.... „Was?“ „Ihm nicht zu gehorchen. Jetzt ſprich, ich höre.“ „Er gebietet Dir, in Deiner Kantonirung Dich bis zum 24ſten ruhig zu verhalten und vor Allem weder Poſtwagen noch Reiſende auf der Straße an⸗ zuhalten, wie Du in den letzten Tagen gethan haſt.“ „Wohlan, ich ſchwöre,“ antwortete Meiſter Jac⸗ ques,„daß der erſte, der dieſen Abend von Légé nach Saint⸗Etienne oder von Saint⸗Etienne nach Légé geht, durch meine Hand paſſiren ſoll. Was Dich betrifft, ſo bleibſt Du hier, Courtejoie, mein Burſche, und kannſt zur Antwort morgen erzählen, was Du geſehen haſt.“ „Ah!“ rief Alain,„nein.“ „Was, nein?“ „Das wirſt Du nicht thun, Meiſter Jacques.“ „Gewiß werde ich es thun.“ „Jacques, Jacques!“ drängte der Schenkwirth, „Du begreifſt doch, daß dieß unſere Sache ſchwer compromittiren hieße.“ „Das iſt möglich; aber ich werde ihm beweiſen, dieſem alten Fuchs, den ich nicht ernannt habe, den ich verſtehe, daß ich und meine Leute uns vollkom⸗ men fern von ſeiner Diviſion halten werden und daß hier ſeine Befehle niemals Vollzug finden. Und nun da Du mit den Geboten des Marquis von Souday fertig biſt, gehe zu der Commiſſion von Jean Oullier über.“ „Es ſei. Als ich auf der Höhe der Brücke von Servidre ankam, begegnete ich ihm. Er fragte mich, luch ge⸗ höre.“ ig Dich Allem aße an⸗ haſt.“ er Jac⸗ n Légé e nach Was mein zählen, ques.“ wirth, ſchwer veiſen, e, den llkom⸗ n und inden. erquis niſſion 2 von mich, 111 wohin ich gehe, und als er erfuhr, hieher, ſagte er: Parbleu! das trifft ſich gut für unſere Angelegen⸗ heit. Bitte doch Meiſter Jacques, ob er nicht für einige Tage ausziehen und ſeinen Bau einem ge⸗ wiſſen Jemand zur Verfügung überlaſſen wolle?“ „Ah! ahl und er hat ihn Dir genannt, dieſen Jemand, Coutejoie?“ „Nein.“ „Wohlan, wer es auch ſei, wenn er im Namen Jean Oulliers erſcheint, iſt er willkommen; über⸗ dieß würde er mir keine Beſchwerde machen, wäre es nicht der Mühe werth. Er iſt nicht wie dieſe faulenzeriſchen Herrn, welche den Lärm machen und uns die Arbeit thun laſſen. „Es gibt gute, es gibt ſchlechte darunter,“ ſprach „Alain Courtejoie philoſophiſch. „Und wann ſoll der kommen, den er verbergen will?“ fragte Meiſter Jacques. „Dieſe Nacht.“ „Woran werde ich ihn erkennen?“ „Jean Oullier wird ihn ſelbſt herbringen.“ „So! Und das iſt Alles, was er begehrt?“ „Nein; er möchte, daß Du dieſe Nacht ſorgfältig jede verdächtige Perſon vom Walde fern halteſt und aufs ſorgfältigſte die ganze Umgegend und vornehm⸗ lich den Fußpfad von Grandlieu durchſuchen laſſeſt.“ „Du ſiehſt, der Diviſionär gebietet mir, Nie⸗ mand anzuhalten, und Jean Oullier begehrt von mir, daß der Weg von Rothhoſen und Patauds frei ſei; ein Grund mehr, das Wort zu halten, das ich Dir eben gab, und wie wird Jean Oullier erfahren, daß ich ihn erwarte?“ 112 „Wenn er kommen kann, wenn keine Truppen in Touvoin ſind, ſoll ich Jean Oullier benachrichtigen.“ „Wie?“ „Durch einen fünfzehnblättrigen Stechpalmen⸗ zweig, der ſich auf halbem Weg von Machecoul, am Kreuzweg von Benate, mit der Spitze nach dem Convoi gewendet, mitten auf der Straße finden ſoll.“ „Hat er Dir ein Erkennungswort gegeben? Jean Oullier darf dieß nicht vergeſſen haben.“ „Ja; man wird ſagen:„Siegen“ und antwor⸗ ten:„Vendée.“ „Gut,“ ſprach Meiſter Jacques aufſtehend und auf den Mittelpunkt der Lichtung zugehend. Dort angekommen, rief er vier ſeiner Leute, ſagte ihnen ganz leiſe einige Worte, und die vier Mann entfernten ſich, ohne zu antworten, nach vier verſchiedenen Richtungen. Nach einigen Augenblicken, während welcher Meiſter Jacques einen Krug, der Branntwein zu enthalten ſchien, hatte heraufbringen laſſen und ſeinem Gefährten davon anbot, ſah man vier In⸗ dividuen von den vier Seiten, wo die erſten ſich entfernt hatten, wieder zum Vorſchein kommen. Es waren die Wachen, die von ihren Kamera⸗ den abgelöst wurden. „Gibt's Neues?“ fragte Meiſter Jacques. „Nein,“ antworteten drei dieſer Leute. „Gut. Und Du ſagſt nichts?“ fragte er den Vierten;„Du hatteſt doch den guten Poſten.“ Der Poſtwagen von Nantes war von vier Gen⸗ darmen eſcortirt. „Ahl ahl Du haſt eine feine Naſe, Du riechſt ven in igen.“ lmen⸗ , am dem ſoll.“ ben 2 1 wor⸗ und eute, vier vier cher zu und In⸗ ſich era⸗ 113 klingende Münzſorten; und wenn man denkt, daß es Leute gibt, die uns damit entzweien wollen! aber ruhig, Freunde, man iſt da.“ „Nun?“ fragte Courtejoie. „Nun! nicht eine Rothhoſe in der Umgegend; ſage Jean Oullier, daß er ſeinen Mann bringen kann.“ „Gut!“ ſagte Courtejoie, der während der Be⸗ fragung der Schildwachen einen Stechpalmenzweig nach der mit Jean Oullier verabredeten Geſtalt her⸗ gerichtet hatte,„gut, ich will Trigaud ſchicken.“ Dann ſich zu dem Rieſen umwendend: „Komm hieher, la Vermine!“ Meiſter Jacques hielt ihn zurück. „Ei! biſt Du ein Narr, Dich von Deinen Beinen zu trennen?“ ſagte er zu ihm,„wenn Du ſeiner bedürfen ſollteſt. Nun wohlan! haben wir nicht hier vierzig Mann, die kein anderes Verlangen ha⸗ 8 als ſich herauszugraben? Warte und Du ſollſt ehen.“ „He! Joſeph Picaut!“ rief Meiſter Jacques. Bei dieſem Ruf richtete ſich unſer alter Bekann⸗ ter, der auf dem Gras in einem Schlafe lag, den er ſehr nöthig zu haben ſchien, plötzlich in die Höhe. „Joſeph Picaut!“ wiederholte Meiſter Jacques ungeduldig. Dieſer entſchloß ſich, ſtand brummend auf und erſchien vor Meiſter Jacques. „Hier iſt ein Stechpalmenzweig,“ ſprach dieſer, „Du brichſt nicht ein Blatt davon ab und gehſt ſo⸗ gleich hin und legſt ihn auf den Weg von Mache⸗ coul, am Kreuzweg von Benate, gegenüber von Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 8 114 bem Calvarienberg, die Spitze gegen Touvois ge⸗ richtet.“ Und Meiſter Jacques bekreuzte ſich, als er das Wort Calvarienberg ausſprach. „Aber,“ bemerkte Picaut mit ſaurem Geſicht. „Was aber?..“ „Vier Stunden eines Laufs, wie ich eben machte, haben mir die Beine wie zerſchlagen.“ „Joſeph Picaut,“ antwortete Meiſter Jacques, deſſen Stimme ziſchend und blechern wie der Ton einer Trompete wurde,„Du haſt Dein Kirchſpiel verlaſſen, um Dich in meiner Bande einreihen zu laſſen; Du biſt gekommen, ich habe Dich nicht ge⸗ ſucht; jetzt merke Dir Eines wohl, bei der erſten Bemerkung ſchlage, bei dem erſten Gemurre tödte ich Dich.“ Bei dieſen Worten hatte Meiſter Jacques eine ſeiner Piſtolen unter dem Wamms hervorgeholt, dieſelbe an dem Lauf gefaßt und verſetzte mit dem Fooßſe dem Bauern einen tüchtigen Schlag auf den opf. Die Erſchütterung war ſo heftig, daß Joſeph Picaut ganz betäubt auf ein Knie ſiel; aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach wäre ihm ohne ſeinen Hut, deſſen Filz ſehr dicht war, die Hirnſchale geſpalten worden. „Und jetzt geh,“ fuhr Meiſter Jacques fort, in⸗ dem er mit der größten Ruhe nachſah, ob bei dem Schlag das Pulver nicht von der Zündpfanne ge⸗ fallen ſei. Joſeph Picaut hatte ſich, ohne ein Wort zu er⸗ widern, erhoben und mit einem Kopfſchütteln entfernt. ſchn ¹ tapf nur ner wöh liche 7 her; Zeit mein die; den mein Dir „ 7 Bau ſeinen nicht wie n In e ois ge⸗ er das ſicht. machte, acques, er Ton rchſpiel hen zu cht ge⸗ erſten e tödte s eine geholt, rit dem auf den Joſeph Wahr⸗ deſſen vorden. ert, in⸗ ei dem ne ge⸗ zu er⸗ tfernt. 115 Courtejdie folgte ihm mit den Augen, bis er ver⸗ ſchwunden war. „Der Art haſt Du in Deiner Bande?“ fragte er Meiſter Jacques. „Ja, ſprich mir nicht davon.“ „Seit wie lang?“ „Seit einigen Stunden.“ „Schlechte Acquiſition, die Du da gemacht haſt.“ „Sage das nicht ganz unbedingt; der Burſche iſt tapfer wie ſein ſeliger Vater, den ich gekannt habe, nur muß er ein wenig von der Art und Weiſe mei⸗ ner Kaninchen annehmen und ſich an den Bau ge⸗ wöhnen. Das wird kommen, das wird kommen.“ „O, daran zweifle ich nicht. Du haſt ein treff⸗ liches Talent, ſie zu ziehen.“ „Ei! ich befaſſe mich damit nicht von geſtern her; aber“ fuhr Meiſter Jacques fort,„dieß iſt die Zeit zu meiner Runde, und ich muß Dich verlaſſen, mein armer Courtejoie. Alſo das iſt abgemacht, die Freunde Oulliers ſind hier wie zu Hauſe. Was den Diviſionär betrifft, ſo ſoll er dieſen Abend meine Antwort haben. Iſt das alles, was Oullier Dir geſagt hat?“ „Ja.“ „Suche einmal in Deinem Gedächtniß nach.“ „Es iſt alles.“ „Sprechen wir nicht mehr davon. Wenn der Bau ihm zuſagt, ſo wird man denſelben ihm und ſeinen Leuten abtreten, mit meinen Burſchen bin ich nicht in Verlegenheit; mit dieſen Kaninchen iſt es wie mit den Mäuſen; Das hat mehr als ein Loch. In einem Augenblick alſo, Algin, und unterdeſſen 8* * 116 iß die Suppe. Hal ich ſehe, ſie machen da unten Anſtalt, ſich's wohl ſein zu laſſen.“ Meiſter Jacques ſtieg in ſeinen Bau, wie er es nannte, hinab und kehrte einen Augenblick nachher mit einem Karabiner zurück, deſſen Zündkraut er mit der größten Sorgfalt unterſuchte. Und er verſchwand zwiſchen den Bäumen. Inzwiſchen hatte ſich die Lichtung belebt und gewährte in dieſem Moment einen höchſt maleriſchen Anblick. Ein großes Feuer war in dem Silo angezündet worden, und ſein Widerſchein, durch die Fallthüre hindurchgehend, warf auf das Gebüſch äußerſt phan⸗ taſtiſche und bizarre Schimmer. An dieſem Feuer kochte das Abendeſſen der in der Lichtung zerſtreuten Ausreißer; die Einen knie⸗ ten, ihren Roſenkranz zu beten, die Andern ſaßen und ſangen mit halber Stimme jene Nationallieder, deren klagende, ſchleppende Melodie vollkommen zu dem Charakter der Landſchaft paßten. Zwei Bre⸗ tonen, gerade an der Mündung des Silo's auf dem Bauch liegend, und von deſſen Widerſchein beleuch⸗ tet, ſtritten ſich vermittelſt zweier Knöchel, deren jede Fläche mit einer verſchiedenen Farbe bemalt war, um den Beſitz einiger Geldſtücke, während ein Burſche, den man an ſeinem blaſſen und vom Fie⸗ ber gegelbten Teint als einen Moorbewohner er⸗ kannte, ſich ohne großen Erfolg anſtrengte, den dicken Roſtüberzug, der Lauf und Batterie eines alten Ka⸗ rabiners bedeckte, zu entfernen. Alain, an dergleichen Scenen gewöhnt, achtete nicht darauf; Trigaud hatte ihm aus Blättern eine unten er es nachher aut er dt und eriſchen zündet llthůre phan⸗ der in knie⸗ ſaßen llieder, nen zu i Bre⸗ uf dem eleuch⸗ deren bemalt nd ein n Fie⸗ er er⸗ dicken en Ka⸗ achtete n eine 117 Art Bett gemacht; er ſaß auf dieſer improviſirten Matratze und rauchte ſeine Pfeife ſo ruhig, als wäre er in ſeiner Schenke zu Montaigu geweſen. Auf einmal kam es ihm vor, als höre er einen Alarmruf, das Nachteulengeſchrei, aber auf eine Unheil weiſſagende, gedehnte Weiſe modulirt, was eine Gefahr andeutete. Courtejoie pfiff leiſe, um die Ausreißer zu war⸗ nen, ſich ſtill zu verhalten, da ertönte beinahe in demſelben Augenblick ein Flintenſchuß etwa tauſend Schritte entfernt. In weniger als einem Augenblick waren die Waſſereimer, ausdrücklich zu dieſem Gebrauch vorrä⸗ thig gehalten, auf das Feuer geworfen, die Hurde herabgelaſſen, die Fallthüre geſchloſſen, und Meiſter Jacques' Kaninchen hatten ſich, mit Inbegriff von Alain Courtejoie, den ſein Gevatter wieder auf die Schultern genommen, nach allen Richtungen ent⸗ fernt, gewärtig, nach dem Signal ihres Chefs zu handeln. XLV. Die Gefahr, welche damit verbunden ſein kann, im Walde ſich in ſchlechter Geſellſchaft zu finden. Es war etwa ſieben Uhr Abends, als Petit⸗ Pierre, begleitet von dem braven Michel, der zum Erſatz für den armen Bonneville ſein Führer ge⸗ worden war, die Hütte verließ, wo er ſo großen efahren ausgeſetzt geweſen war. Nicht ohne lebhafte und tiefe Bewegung, wie 118 man leicht begreift, wandte ſich Petit⸗Pierre von der Schwelle des Zimmers, wo er kalt und leblos den tapfern jungen Mann zurückließ, den er ſeit kaum einigen Tagen kannte und den er bereits liebte, wie man ſeine alten Freunde liebt. Das muthige Herz empfand eine Art Schwäche bei dem Gedanken, ſich allein wieder den Gefahren auszuſetzen, welche ſeit vier oder fünf Tagen der arme Bonneville mit ihm getheilt. Die royaliſtiſche Sache hatte nur einen Soldaten verloren, und doch glaubte Petit⸗Pierre eine Armee verloren zu haben. Es war das erſte Korn der blutigen Ausſaat, welche noch einmal auf den Boden der Vendée fal⸗ len ſollte, und Petit⸗Pierre fragte ſich mit beklemm⸗ tem Herzen, ob ſie dießmal wenigſtens etwas ande⸗ res als Trauer und Kummer hervorbringen würde. Petit⸗Pierre that der Wittwe das Unrecht nicht an, ihr den Leichnam ſeines Begleiters zu empfeh⸗ len; ſo ſonderbar ihm auch die Vorſtellungen dieſer Frau vorkommen mochten, er hatte die Erhabenheit ihrer Empfindungen zu ſchätzen gewußt und, was wahrhaft Gutes und tief Religiöſes unter dieſer rauhen Schale lag, erkannt. Aber als Michel ſein Pferd vor die Thüre ge⸗ führt hatte, machte er Petit⸗Pierre darauf aufmerk⸗ ſam, daß die Augenblicke koſtbar waren und ihre Freunde ſie erwarteten; jetzt wandte ſich derſelbe gegen Paſcal Picauts Wittwe und ſprach, ihr die Hand reichend: „Wie ſoll ich Ihnen für das, was Sie an mir gethan haben, danken?“ „Ich habe nichts für Sie gethan,“ antwortete on der ds den kaum liebte, wäche fahren en der iſtiſche d doch haben. asſaat, ke fal⸗ lemm⸗ ande⸗ vwürde. nicht npfeh⸗ dieſer enheit was dieſer re ge⸗ fmerk⸗ ihre rſelbe r die n mir ortete 119 die Wittwe;„ich habe eine Schuld bezahlt, einen Schwur erfüllt, das iſt Alles.“ „Alſo,“ fragte Petit⸗Pierre mit Thränen in den Augen,„wollen Sie nicht einmal meinen Dank?“ „Wenn Sie durchaus darauf beſtehen, mir etwas ſchuldig zu ſein,“ antwortete die Wittwe,„ſo fügen Sie, wenn Sie für die beten, die für Sie geſtorben ſind, Ihrem Gebet auch einige Worte für die bei, welche um Ihretwillen geſtorben ſind.“ „Sie glauben alſo, daß ich bei Gott einigen Credit habe?“ fragte Petit⸗Pierre, ohne ſich enthal⸗ ten zu können, durch ſeine Thränen zu lächeln. „Ja, weil ich Sie zum Leiden beſtimmt glaube.“ „Nehmen Sie wenigſtens dieß an,“ antwortete Petit⸗Pierre, indem er von ſeinem Hals eine an einem dünnen ſchwarzſeidenen Schnürchen hängende Medaille losmachte;„ſie iſt nur von Silber, aber der heilige Vater hat ſie in meiner Gegenwart ge⸗ ſegnet und mir beim Zurückgeben geſagt, Gott werde die auf dieſe Medaille ausgeſprochenen Wünſche erhören, vorausgeſetzt, daß ſie gerecht und fromm ſeien.“ 3 Die Wittwe nahm zuerſt die Medaille und ſprach dann: „Ich danke, auf dieſe Medaille will ich zu Gott beten, daß er den Bürgerkrieg von unſerem Lande fernhalte und uns die Größe und Freiheit bewahre.“ „Gut,“ antwortete Petit⸗Pierre,„der letzte Theil Ihres Wunſches wird ganz in den meinigen über⸗ gehen.“ Bei dieſen Worten beſtieg er mit Michels Bei⸗ ſtand das Pferd, das dieſer am Zügel hielt. 120 Dann verſchwanden beide, nach einem letzten Abſchiedszeichen an die Wittwe, hinter der Hecke. Eine Zeit lang ſchien Petit⸗Pierre, den Kopf auf die Bruſt geneigt und ſich der Bewegung ſeines Pferdes völlig hingebend, in tiefe und melancholiſche Betrachtungen verſunken. Endlich that er ſich ſelbſt Gewalt an und wandte ſich, den Schmerz, der ihn niederbeugte, abſchüttelnd, nach Michel um, der ihm zur Seite ging. „Mein Herr,“ ſprach er,„ich weiß ſchon Zwei⸗ erlei, was Ihnen mein ganzes Vertrauen zuſichert: zuerſt verdankten wir Ihnen geſtern Abend die Nach⸗ richt, daß die Soldaten gegen Schloß Souday mar⸗ ſchiren; für's Zweite kommen Sie heute im Namen des Marquis und ſeiner liebenswürdigen Töchter. Aber es bleibt mir noch ein Drittes zu wiſſen übrig, nämlich wer Sie ſind; meine Freunde ſind ziemlich rar, unter den Umſtänden, in welchen ich mich befinde.“ „Ich heiße Baron Michel de La Logerie,“ ant⸗ wortete der junge Mann. „De La Logerie? Warten Sie doch, mein Herr, aber es ſcheint mir, daß ich nicht zum erſten Mal dieſen Namen ausſprechen höre.“ „Wirklich, Madame,“ antwortete der junge Mann, „unſer armer Bonneville führte Eure Hoheit zu meiner Mutter.“ Petit⸗Pierre fiel dem jungen Mann in's Wort. „Ei! was ſagen Sie da? Eure Hoheit; mit wem reden Sie? Ich ſehe keine Hoheit hier; ich ſehe nur einen armen Bauern Namens Petit⸗Pierre hier.“ „Wahr, aber Madame wird mich entſchuldigen.“ „Noch einmal.“ letzten icke. Kopf ſeines bliſche andte telnd, Zwei⸗ chert: Nach⸗ mar⸗ amen ſchter. übrig, imlich nde.“ ant⸗ Herr, Mal Nann, it zu Wort. wem e nur er 74 gen.“ 121 7 „Wohlan! mein armer Bonneville führte Sie zu meiner Mutter, als ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen und Sie nach Schloß Souday zu bringen.“ „So daß es bereits ein dreifacher Dank iſt, den ich Ihnen ſchulde? O! das erſchreckt mich nicht, und ſo groß auch die mir geleiſteten Dienſte ſind, hoffe ich doch, daß ein Tag kommen wird, wo ich ſie Alle wieder abtragen kann.“ Michel ſtammelte einige Worte, welche nicht zum Ohr ſeiner Gegenrednerin gelangten; aber die Reden dieſer ſchienen darum nicht weniger einen gewiſſen Eindruck auf ihn hervorgebracht zu haben, denn von dieſem Augenblick an verdoppelte er noch, wenn es möglich war, dem ihm gewordenen Auftrage auf's Beſte nachkommend, die Sorgfalt und Achtung für den, welchen er zu führen hatte. „Aber es ſcheint mir,“ nahm Petit⸗Pierre nach augenblicklicher Ueberlegung wieder das Wort,„daß nach dem, was Bonneville mir geſagt hat, die roya⸗ liſtiſche Meinung nicht genau die Ihrer Familie iſt.“ „Wirklich, Mad.... nein...“ „Nennen Sie mich Petit⸗Pierre, oder geben Sie mir gar keinen Namen, dieß iſt das beſte Mittel, daß Sie niemals in Verlegenheit kommen; ſo ver⸗ danke ich alſo,“ fuhr ſie fort,„die Ehre, Sie zum Ritter zu haben, einer Bekehrung.“ „Bekehrung leicht; in meinem Alter ſind Mei⸗ nungen noch nicht Ueberzeugungen, ſondern einfache Gefühle.“ „Sie ſind ſehr jung?“ ſagte Petit⸗Pierre mit einem Blick auf ſeinen Führer. 12² z 1 trete demnächſt in mein einundzwanzigſtes fa r.“* Petit⸗Pierre ſtieß einen Seufzer aus. „Das iſt ein ſchönes Alter,“ ſprach er, nzur Liebe und zum Kampfe.“ Der junge Baron ſeufzte ſeinerſeits ſchwer auf, und Petit⸗Pierre, der es hörte, lächelte unmerklich. „Ei! ei!“ ſprach er dann weiter,„ein Seufzer, der mir über die Urſachen der politiſchen Bekehrung, von der wir ſoeben redeten, gar viel ſagt; ich wollte wetten, daß es irgendwo zwei ſchöne Augen gibt, die der Sache nicht fremd ſind, und daß, wenn die Soldaten Louis Philipps Sie auf eine Viertelſtunde ausſuchten, ſie bei Ihnen aller Wahrſcheinlichkeit nach eine Schärpe finden würden, Ihnen noch theurer um der Hände willen, die ſie geſtickt haben, als der Grundſätze wegen, deren Sinnbild ihre Farbe iſt.“ „Ich kann Sie verſichern, Madame,“ ſtammelte Michel,„daß dieß nicht die Urſache meiner Ent⸗ ſchließung iſt.“ „Gehen Sie! gehen Sie! es iſt nicht nöthig, ſich deßhalb zu vertheidigen; das iſt wahres Ritterthum, mein Herr Michel; vergeſſen wir nicht, mögen wir nun von ihnen abſtammen oder ihnen nacheifern, vergeſſen wir nicht, daß die tapfern Helden die Damen beinahe auf die gleiche Höhe mit Gott und auf die gleiche Höhe mit Königen ſtellten, indem ſie alle drei in derſelben Deviſe vereinigten; ſchämen Sie ſich jetzt nicht zu lieben; das iſt Ihr beſſerer Rechtsanſpruch auf meine Sympathie. Ventre ſaint⸗ gris! wie Heinrich IV. geſagt hätte, mit einer Armee von zwanzigtauſend Verliebten wollte ich nicht blos 123 Frankreich, ſondern die Welt erobern. Laſſen Sie jetzt ſehen, der Name Ihrer Geliebten, Herr Baron de La Logerie.“ „O!“ ſtieß Michel mit ſchwer geärgerter Miene aus. „Ah! Sie ſind diſcret, junger Mann, ich mache Ihnen mein Compliment darum; das iſt eine um ſo koſtbarere Eigenſchaft, je ſeltener ſie von Tag zu Tag wird; aber, bah! einem Reiſe⸗Kamaraden läßt ſich das, unter Empfehlung der allerſtrengſten Verſchwiegenheit, ſchon ſagen, glauben Sie mir, Baron; ſehen wir einmal, wollen Sie, daß ich Ihnen helfe; wetten wir, daß wir in dieſem Augenblick der Dame Ihrer Gedanken entgegen gehen.“ „Sie haben Recht,“ antwortete Michel. „Wetten wir, daß es nicht mehr und nicht weniger als eine unſerer ſchönen Amazonen von Souday iſt.“ „Ach, mein Gott! wer hat Ihnen das ſagen können.“ „Ei! ich wünſche Ihnen Glück, mein junger Kamarad; ſo ſehr man ſie Wölfinnen nennen mag, ich halte ſie allem Anſchein nach für brave und edle Herzen, vollkommen geſchaffen, Diejenigen glücklich zu machen, auf welche ihre Wahl fällt; Sie ſind reich, Herr de La Logerie.“ „Ach ja!“ antwortete Michel. „Um ſo beſſerl und nicht ach ja; denn Sie können Ihrer Frau Reichthum verſchaffen, was meines Erachtens ein großes Glück iſt; in jedem Fall dürften Sie, da es überall in der Liebe eine gewiſſe Summe von Schwierigkeiten zu überwinden gibt, wenn Petit⸗Pierre Ihnen irgend etwas nützen kann, nur über ihn verfügen; er wird ſich 124 glücklich ſchätzen, auf ſolche Art Ihnen ſeinen Dank für die Dienſte, die Sie ihm leiſten wollen, zu be⸗ zeugen; aber wenn ich mich nicht täuſche, kommt hier Jemand auf uns zu; ſehen Sie.“ Wirklich hörte man den Schritt eines Mannes. Dieſer Schritt war noch ziemlich entfernt, kam aber näher heran. „Der Mann ſcheint allein zu ſein,“ ſprach Petit⸗ Pierre. „Ja, aber wir dürfen darum nicht weniger auf der Hut ſein,“ antwortete der Baron,„und ich bitte um Erlaubniß, zu Ihnen auf das Pferd ſteigen zu dürfen.“ „Gewiß; aber ſind Sie denn ſchon ermüdet?“ „Nein, aber ich bin in der Gegend ſehr bekannt, und wenn man mich zu Fuß träfe, an der Seite eines Bauern zu Pferd, das ich am Zügel führe, wie Haman Mardochai führte,*) ſo gäbe das ganz ſicher Stoff zum Denken.“ „Bravo! was Sie da ſagen, hat ſeine vollkom⸗ mene Richtigkeit, und ich fange an zu glauben, daß man Etwas aus Ihnen machen kann.“ Petit⸗Pierre ſtieg ab, Michel ſprang ſchnell in den Sattel und Petit⸗Pierre ſetzte ſich beſcheiden auf das Kreuz. Sie waren kaum damit fertig geworden, es ſich auf ihrem Reitthier bequem zu machen, als ſie ſich auf dreißig Schritte bei einem Individuum befanden, das in gleicher Richtung mit ihnen marſchirte und nun ſeinerſeits, wie ſie hörten, anhielt. *) Vgl. Buch Eſther 6, 11. A. d. U. 125 „O, o!“ ſagte Petit⸗Pierre,„es ſcheint, wenn wir uns vor Begegnenden fürchten, ſo iſt da ein Begegnender, der ſich vor uns fürchtet.“ „Wer kommt da?“ fragte Michel mit erhöhter Stimme.. „Ei! der Herr Baron!“ antwortete der Mann näher tretend.„Ich will des Teufels ſein, wenn ich Ihnen zu einer ſolchen Stunde auf der Straße zu begegnen glaubte! „Sie hatten Recht zu ſagen, man kenne Sie,“ ſagte Petit⸗Pierre lachend. „Ja, ja, zum Unglück,“ antwortete Michel in einem Ton, der Petit⸗Pierre merken ließ, daß man ſich im Angeſicht einer Gefahr befand. „Wer iſt denn dieſer Mann?“ fragte Petit⸗ Pierre.- „Courtin, mein Pächter, der, welchen wir im Verdacht haben, Ihren Aufenthalt bei der Wittwe Picaut verrathen zu haben.“ Dann ſprach er zu Petit⸗Pierre mit einer Leb⸗ haftigkeit und in einem gebieteriſchen Ton, der ſeinem Begleiter die Dringlichkeit der Lage begreif⸗ lich machte: „Verbergen Sie ſich hinter mir!“ Hernach, während dieſer ſich ſo viel möglich zu⸗ ſammendrückte. „Seid Ihr es Courtin?“ „Ja, ich bin es,“ antwortete der Meier. „Aber woher kommt denn Ihr?“ fragte Michel. men Machecoul, wo ich einen Ochſen kaufen wollte.“ „Wo iſt dann Euer Ochſe? Ich ſehe keinen.“ 126 „Ich habe nichts ausgerichtet; bei dieſer ver⸗ dammten Politik ſtockt der Verkehr und auf den Märkten findet man nichts mehr,“ ſagte Courtin, der während der Rede, ſo viel die Dunkelheit ihm geſtattete, das Pferd, welches der junge Baron ritt, betrachtete. Darauf als Michel das Geſpräch fallen ließ, fuhr Courtin fort; „Aber wie! Sie kehren La Logerie immer noch den Rücken zu, wie mir ſcheint, Herr Baron?“ „Das iſt nicht zu verwundern; ich gehe nach Souday.“ „Aber iſt es erlaubt, Ihnen bemerklich zu ma⸗ wen⸗ daß Sie nicht ganz auf dem rechten Wege ind?“ „Olich weiß es wohl, aber ich fürchte, die rechte Straße bewacht zu finden, und nehme einen Umweg.“ „In dieſem Fall und wenn Sie wirklich nach Souday gehen,“ ſagte Courtin,„glaube ich Ihnen einen Wink geben zu müſſen.“ „Welchen? ein Wink, aufrichtig gemeint, iſt im⸗ mer vollkommen.“ „Den, daß Sie den Käfig leer finden werden.“ „Bah 1. „Ja; dahin dürfen Sie ſich alſo nicht begeben, Herr Baron, wenn Sie den Vogel finden wollen, dem ſie über die Felder nachlaufen.“ „Wer hat Dir das geſagt, Courtin?“ erwiderte Michel, ſein Pferd immer ſo manöpriren laſſend, daß er mit ſeinem Körper jenem gegenüber ſich befand und auf ſolche Art Petit⸗Pierre maskirte. 127 „Wer es mir geſagt hat?“ bemerkte Courtin, „Pardieu, mein Auge. Ich ſah die ganze Bande, welche zur Hölle fahren möge, ausziehen. Sie mar⸗ ſchirte an meinem Fuß auf dem Weg nach der Großen Haide vorüber.“ „Waren die Soldaten auf dieſer Seite?“ fragte der junge Baron. Petit⸗Pierre war der Meinung, dieſe Frage gehe zu weit und zwickte Michel in den Arm. „Die Soldaten?“ erwiderte Courtin.„So! Sie haben alſo auch Furcht vor den Soldaten. Ei, in dieſem Fall rathe ich Ihnen nicht, ſich dieſe Nacht auf die Ebene zu wagen, denn Sie können nicht eine Meile machen, ohne Bajonette wahrzunehmen; thun Sie etwas Beſſeres, Monſieur Michel.“ „Was willſt Du, daß ich thun ſoll? laß ſehen, und iſt es beſſer, ſo werde ich es thun.“ „Kehren Sie nach La Logerie mit mir um, Sie werden Ihrer Mutter große Freude machen, die betrübt darüber iſt, Sie mit mit ſo armſeligen Ab⸗ ſichten draußen zu wiſſen.“ „Meiſter Courtin,“ ſprach Michel,„ich will Euch ebenfalls einen Rath geben.“ „Welchen, Herr Baron?“ „Den, zu ſchweigen.“ „Nein, ich werde nicht ſchweigen,“ antwortete dieſer, eine ſchmerzliche Rührung affectirend,„nein, es iſt für mich zu grauſam, meinen jungen Herrn tauſend Gefahren ausgeſetzt zu ſehen, und dieß alles für...“ „Schweige, Courtin.“ „Für eine der verwünſchten Wölfinnen, die der Sohn eines Bauern, wie ich nicht möchte.“ „Elender! willſt Du ſchweigen?“ rief der junge Mann, die Reitpeitſche, die er in der Hand hielt, gegen Courtin aufhebend. Die Bewegung, welche Courtin ohne Zweifel zu veranlaſſen ſuchte, bewirkte, daß Michels Pferd einen Schritt vorwärts ging, und der Maire von La Lo⸗ gerie befand ſich alſo den beiden Reitern gegenüber. „Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie beleidige, Herr Baron,“ ſprach er in weinerlichem Ton,„ver⸗ zeihen Sie mir, aber ſeit zwei Nächten kann ich vor dem Gedanken daran nicht ſchlafen.“ Petit⸗Pierre ſchauderte; er erkannte in der Stimme des Maires von La Logerie dieſelben ein⸗ ſchmeichelnden und falſchen Anklänge, die er ſchon in der Hütte von Frau Picaut gehört hatte, und die ſich nach der Entfernung des Meiers durch ſo traurige Ereigniſſe verſtändlich machten. Er machte alſo Michel ein zweites Zeichen, das ſagen wollte: „Um jeden Preis, was er auch ſei, kommen wir mit dieſem Mann zu Ende.“ „Gut,“ ſprach Michel,„geht Eures Wegs und laßt uns den unſern gehen.“ Courtin that, als ob er jetzt erſt bemerke, daß der junge Baron Jemand auf dem Kreuz habe. „Ah, mein Gott!“ ſprach er,„Sie ſind nicht allein; jetzt begreife ich, Herr Baron, daß das, was ich Ihnen geſagt habe, Sie verletzt hat. Wohlan, mein Herr, wer Sie auch ſind, Sie werden ſich ohne Zweifel vernünftiger zeigen, als Ihr junger Freund. Vereinigen Sie ſich mit mir, ihm zu ſagen, der unge hielt, el zu einen Lo⸗ über. dige, ver⸗ ich der ein⸗ ſchon und h ſo achte Alte: wir und daß nicht was lan, ſich nger 129 daß nichts Gutes dabei herauskommt, wenn man den Geſetzen und der Gewalt, über welche die Re⸗ gierung verfügt, Trotz bietet, wie er jenen Wölfin⸗ nen zu lieb zu thun geneigt iſt.“ „Noch einmal Courtin,“ ſprach Michel im Ton wahrhafter Drohung,„zieht Euch zurück. Ich handle, wie mir gut dünkt, und finde es ſehr keck von Euch, ſich ein Urtheil über mein Betragen zu erlauben.“ Aber Courtin, deſſen honigſüße Beharrlichkeit man kennt, ſchien nicht geneigt, ſich zu entfernen, ehe er die Züge der myſteriöſen Perſon, die ſein junger Herr auf dem Kreuz hatte und die ſo viel möglich ihm den Rücken zukehrte, geſehen hatte. „Nun denn!“ ſagte er, ſeinen Worten den Ton vollkommenſter Redlichkeit zu geben verſuchend, „morgen mögen Sie thun, was Ihnen beliebt. Aber ruhen Sie wenigſtens dieſe Nacht auf Ihrem Meierhof aus, Sie und die Perſon, Mann oder Frau, die Sie begleitet. Ich ſchwöre Ihnen, Herr Baron, es iſt gefährlich, dieſe Nacht draußen zu ſein.“ „Gefahr kann es weder für meinen Begleiter, noch mich geben, die wir uns nicht in die Politik miſchen... Ei! was macht Ihr da an meinem Sattel, Courtin?“ fuhr der junge Mann fort, als er bei ſeinem Meier eine Bewegung wahrnahm, die er ſich nicht erklären konnte. „Nichts, Herr Michel, nichts,“ antwortete Cour⸗ tin mit vollkommener Gutmüthlichkeit;„Sie wollen alſo weder auf meine Rathſchläge noch auf meine Bitten hören?“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 9 „Nein, geht Eures Wegs und laßt mich meine Straße ziehen.“ „Nun denn,“ erwiderte der Pächter mit ſeinem verſchmitzten Ton,„ſo erhalte Sie Gott! Aber er⸗ innern Sie ſich nur, daß der arme Courtin Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, gethan hat, um zu verhindern, daß Ihnen ein Unglück begegne.“ Mit dieſen Worten entſchloß ſich endlich Courtin, auf die Seite zu treten, und Michel entfernte ſich, ſeinem Pferde den Sporn gebend. „Galopp! Galopp!“ ſprach Petit⸗Pierre,„ja, ich habe den Mann erkannt, der an dem Tod des⸗ armen Bonneville ſchuldig iſt. Entfernen wir uns ſo ſchnell als möglich: der Mann bringt Unglück.“ Der junge Baron gab ſeinem Pferd beide Sporen, aber kaum hatte das Thier ein Dutzend Sätze ge⸗ macht, als der Sattel ſich drehte und die beiden Reiter ſchwer auf die Kieſelſteine fielen. Petit⸗Pierre erhob ſich zuerſt. „Sind Sie verletzt?“ fragte er Michel, der gleichfalls ſich erhob. „Nein,“ antwortete dieſer,„aber ich frage mich, wie.... „Wie wir geſtürzt ſind? darum handelt es ſich nicht, wir ſind geſtürzt, das iſt Thatſache. Satteln Sie Ihr Pferd wieder ſo ſchnell als möglich.“ „O weh!“ ſagte Michel, der bereits den Sattel auf den Rücken des Pferds geworfen hatte,„die beiden Gurten ſind alle zwei in gleicher Höhe ge⸗ brochen.“ .„Sagen Sie, abgeſchnitten,“ antwortete Petit⸗ Pierre,„das iſt ein Streich von Ihrem hölliſchen meine ſeinem ber er⸗ Alles, um zu 7 ourtin, te ſich, 7„la, od des ir uns glück.“ poren, tze ge⸗ beiden „, der e mich, Petit⸗ 131 Courtin, und verkündigt uns nichts Gutes. War⸗ ten Sie doch und ſchauen Sie dorthin.“ Michel, den Petit⸗Pierre am Arm ergriffen hatte, wandte die Augen nach der Richtung, welche dieſer ihm ankündete, und erkannte eine Viertelſtunde von da im Thale drei oder vier Feuer, welche mitten durch die Finſterniß leuchteten.— „Das iſt ein Bivouak,“ ſagte Michel. „Hat dieſer Schelm Verdacht, und ohne Zweifel iſt es ſo, ſo bringt er, da ſein Weg ihn an dieſem Bivouak vorüber führt, uns zum zweiten Mal die Rothhoſen auf den Hals.“ „O! glauben Sie, da er mich bei Ihnen weiß, mich ſeinen Herrn, er wage es...?“ „Ich bin dafür bezahlt, Alles anzunehmen, Herr Michel.“ „Sie haben Recht und man darf nichts dem Zu⸗ fall überlaſſen.“ „Wir werden dann wohl daran thun, den betre⸗ tenen Fußpfad zu verlaſſen.“ „Ich dachte daran.“ „Wie viel Zeit brauchen wir, zu Fuß an den Ort zu gelangen, wo der Marquis uns erwartet?“ „Eine Stunde wenigſtens; ſo haben wir keine Zeit zu verlieren. Aber was ſollen wir mit dem Pferde des Marquis anfangen? Wir können nicht machen, daß es über die Zäune ſetzt.“ „Wir werfen ihm den Zügel über den Hals, und es wird nach ſeinem Stall zurückkehren, und wenn unſere Freunde es unterwegs anhalten, wer⸗ den ſie daran erkennen, daß uns ein Unfall zuge⸗ ſtoßen iſt, und uns aufſuchen. Aber ſtill!e 9 13²2 „Was?“ „Hören Sie nichts?“ fragte Petit⸗Pierre. „O ja, Schritte von Pferden, in der Richtung nach dem Bivouak.“ „Sehen Sie, es geſchah nicht ohne Abſicht, daß Ihr braver Pächter unſerem Pferde die Gurten ab⸗ ſchnitt. Ziehen wir aus, mein armer Baron.“ „Aber wenn wir das Pferd hier laſſen, ſo wer⸗ den es unſere Verfolger finden und leicht errathen, daß die Reiter nicht fern ſind.“ „Warten Sie,“ ſprach Petit⸗Pierre,„es kommt mir da ein Gedanke.“ „Woher?“ „Von Italien. Das Wettrennen der Barbieri. Ja, das iſt es; machen Sie mir nach, Herr Michel.“ „Fangen Sie an und gebieten Sie.“ Petit⸗Pierre machte ſich ans Werk. Mit ſeinen zarten Händen und auf die Gefahr, ſich die Finger zu zerreißen, brach er von den na⸗ hen Hecken Dorn⸗ und Stechpalmzweige ab. Er machte daraus einen ziemlich dicken Pack, und da Michel gleichfalls gethan hatte, was er von Petit⸗Pierre geſehen, ſo waren bald zwei kleine Büſchel bei einander. „Was wollen Sie thun?“ fragte Michel. „Reißen Sie das Zeichen von Ihrem Taſchen⸗ tuch ab und geben Sie mir den Reſt. Michel gehorchte. Petit⸗Pierre riß zwei Streifen von dem Taſchen⸗ tuch ab und band die Büſchel zuſammen. Dann knüpfte er eines dem Pferd an die lange, ſeidenartige Mähne, das andere an den Schwanz. Fle den laſſ — von kleine chen⸗ ſchen⸗ ange, vanz. 133 Das arme Thier, das die Stacheln in ſeinem Fleiſch fühlte, begann ſich zu bäumen und zu ſchlagen. Der junge Mann begriff nun gleichfalls. 1 „Jetzt,“ ſagte Petit⸗Pierre,„nehmen Sie ihm den Zügel ab, daß es nicht den Hals bricht, und laſſen Sie das Thier laufen.“ Kaum war das Pferd der Feſſeln ledig, welche es zurückhielten, als es wieherte, noch einmal wü⸗ thend Mähne und Schwanz ſchüttelte, dann wie eine Windsbraut davon ſchoß, eine lange Linie von Fun⸗ ken hinter ſich laſſend. „Bravo!“ ſprach Petit⸗Pierre,„und jetzt neh⸗ men Sie den Sattel auf und bringen wir uns raſch in Sicherheit.“ Sie warfen ſich auf die andere Seite der Hecke, Michel Sattel und Zaum nachſchleppend. Hier bückten ſie ſich und horchten. Sie hörten noch den Galopp des Pferdes, der auf den Kieſelſteinen widerhallte. „Hören Sie?“ ſprach der Baron erfreut. „Ja, aber wir ſind nicht allein da zu hören, Herr de La Logerie,“ antwortete Petit⸗Pierre,„und hier iſt das Echo.“ XLVI. Wo Meiſter Jacques den Alain Courtejoie gegebenen Schwur hält. Wirklich verwandelte ſich das Geräuſch, das Ba⸗ ron Michel und Petit⸗Pierre gehört hatten, von der Seite her, wo Courtin eben verſchwunden war, in 134 einen tumultuariſchen Lärm, der immer näher kam, und zwei Minuten nachher ſchoß ein Dutzend berit⸗ tener Jäger in wildem Galopp der Spur oder viel⸗ mehr dem Geräuſch nach, welches das Pferd des Marquis von Souday, ſeine Flucht mit wüthendem Gewieher begleitend, machte, wie im Sturm an Petit⸗ Pierre und ſeinem Gefährten vorüber, welche ſich in dem Maße aufrichtend, als jene ſich entfernten, ihnen mit den Augen in ihrem wilden Rennen folgten. „Sie gehen gut,“ ſagte Petit⸗Pierre,„aber das iſt gleich, ich zweifle, ob ſie es einholen.“ „Um ſo mehr,“ antwortete der Baron,„als ſie gerade an der Stelle vorüberkommen, wo unſere Freunde uns erwarten, und der Marquis mir ganz in der Laune ſcheint, ihre Verfolgung aufzuhalten.“ „Kampf alſo!“ rief Petit⸗Pierre,„geſtern im Waſſer, heute im Feuer; das letztere iſt mir lieber.“ Er verſuchte, den Baron nach der Seite fortzu⸗ ziehen, wo das Gefecht ſtattfinden ſollte. „O nein, nein!“ ſagte Michel widerſtehend, „nein, ich bitte Sie, gehen Sie nicht dahin.“ „Sind Sie nicht begierig, unter den Augen Ih⸗ rer Schönen zu kämpfen, Baron? Sie iſt doch da.“ „Ich glaube es,“ ſagte der junge Mann trau⸗ rig:„aber Sie ſehen, die Soldaten durchfurchen das Feld in allen Richtungen; fallen einige Flinten⸗ ſchüſſe, ſo werden ſie von allen Seiten herbeilau⸗ fen, wir können auf eine ihrer Abtheilungen ſtoßen, und wenn ich den Auftrag, den ich übernommen habe, ſo ſchlecht vollzöge, würde ich nie mehr wa⸗ gen, mich vor dem Marquis zu zeigen.“ ſchö Pie wal zuri nich ber verl Dor ben kan⸗ veri thu ihn nen ver glei kam, berit⸗ r iel⸗ d des endem Petit⸗ e ſich rnten, ennen r das als ſie unſere ganz lten.“ i im eber.“ ortzu⸗ ehend, n Ih⸗ da.“ trau⸗ n das inten⸗ eilau⸗ toßen, mmen r wa⸗ 135 „Halt! ſagen Sie, vor ſeiner Tochter.“ „Wohlan! ja!“ „So verſpreche ich, um Sie nicht mit Ihrer ſchönen Freundin zu entzweien, Ihnen zu gehorchen.“ „Danke! danke!“ ſagte Michel, lebhaft Petit⸗ Pierre's Hände faſſend. Dann ſetzte er, die begangene Unſchicklichkeit wahrnehmend, hinzu: „O! Verzeihung,“ und vich raſch einen Schritt zurück. „Schon gut!“ ſprach Petit⸗Pierre,„achten Sie nicht darauf; wo hat der Marquis mir ein Aſyl bereitet?“ „Bei mir; auf einer Meierei von mir.“ „Doch nicht auf Courtin's, hoffe ich?“ „Nein; auf einer völlig iſolirten, im Walde verlorenen, jenſeits von Légé, Sie wiſſen, von dem Dorfe, wo Tinguy's Haus war.“ „Ja, aber kennen Sie die Wege dahin?“ „Vollkommen.“ „Ich werde etwas mißtrauiſch gegen dieſes Ne⸗ benwort in Frankreich; mein armer Bonneville kannte auch die Wege vollkommen und hat ſich doch verirrt.“ Petit⸗Pierre ſtieß einen Seufzer aus. „Armer Bonnevllle! ach vielleicht iſt dieſer Irr⸗ thum der Grund ſeines Todes.“ Dieſer Rückſchritt, den Petit⸗Pierre machte, brachte ihn natürlich auf melancholiſche Gedanken, die ſei⸗ nen Geiſt ſchon beſchäftigt hatten, als er das Haus verließ, wo die Kataſtrophe, die ſeinem erſten Be⸗ gleiter das Leben koſtete, vor ſich gegangen war; 136 er wurde wieder ſtill und begnügte ſich nach einem Zeichen der Zuſtimmung, ſeinem neuen Führer zu folgen, indem er die ſeltenen Fragen, die Michel an ihn richtete, nur einſilbig beantwortete. Was letztern betraf, ſo zog er ſich aus ſeinem neuen Geſchäfte mit unendlich mehr Geſchicklichkeit und Glück, als man von ihm hätte erwarten ſollen; er warf ſich auf die linke Seite, und gelangte, die Ebene überſchreitend, an einen Bach, den er davon kannte, daß er in ſeiner Kindheit oft und viel Krebſe darin gefangen hatte; dieſer Bach folgt in ſeinem ganzen Laufe dem kleinen Thal von Benate, wendet ſich gegen Süden hinauf, um nordwärts wieder abzufallen und ſich bei Saint⸗Colombin mit der Boulogne zu vereinigen. Dieſer Bach, deſſen beide Ufer von Wieſen be⸗ grenzt ſind, bot zugleich einen ſichern, bequemen und leichten Weg; Michel folgte ihm einige Zeit, indem er Petit⸗Pierre auf den Schultern trug, wie der arme Bonneville gethan hatte; dann hielt er ſich, nach ungefähr einem Kilometer Wegs aus dem Bach tretend, immer links, ſtieg einen kleinen Hügel hinauf und zeigte Petit⸗Pierre die düſtern Schatten des Waldes von Touvois, den man am Fuß des Hügels, den ſie erreicht hatten, halb gewahr wurde. „Iſt Ihre Meierei ſchon da?“ fragte Petit⸗ Pierre. „Nein, wir haben noch durch den Wald von Touvois zu marſchiren; aber in drei Viertel Stun⸗ den ſind wir daſelbſt.“ „Aber iſt der Wald von Touvois ſicher?“ „Wahrſcheinlich; die Rothhoſen wiſſen wohl, einem rer zu Michel ſeinem lichkeit ollen; e, die davon hviel lgt in enate, wärts n mit n be⸗ temen Zeit, „ wie At er 8 dem Hügel atten des urde. Petit⸗ von Stun⸗ vohl, 137 daß es nicht gut für ſie iſt, Nachts unſere Wälder zu durchziehen.“ „Und Sie fürchten nicht zu verirren?“ „Nein, denn wir gehen nicht durch das Dickicht; wir betreten es nicht einmal, als bis wir den Weg von Machecoul nach Léegé gefunden haben; wenn wir dem Oſtrand folgen, müſſen wir nothwendig darauf ſtoßen.“ „Und dann?“ „Dann brauchen wir nur, wieder aufwärts ſteigend, ihm nachzugehen.“ „Allons! Allons!“ ſprach Petit⸗Pierre,„ich werde guten Bericht von Ihnen abſtatten, mein junger Führer; und meiner Treu, es wird nicht an Petit⸗ Pierre liegen, wenn Ihre muthvolle Aufopferung nicht den Lohn, nach dem ſie ſtrebt, erhält; aber hier iſt ein ſo ziemlich gangbarer Weg; ſollte es nicht der ſein, den wir ſuchen?“ „Das iſt leicht zu erkennen, es muß ſich hier rechts ein Pfoſten befinden. Ei! halt; da iſt er; das iſt gut; und jetzt, Petit⸗Pierre, wage ich Ihnen eine gute Nacht zu verſprechen.“ „Um ſo beſſer,“ antwortete Petit⸗Pierre ſeufzend, „denn ich darf Ihnen nicht verbergen, daß die ſchreck⸗ lichen Aufregungen des Tags für die Strapazen der bergangenen Nacht nur ſchlechte Erholung gewährt aben.“ ,— Petit⸗Pierre hatte dieſe Worte noch nicht vol⸗ lendet, als ein ſchwarzer Schatten vom Rücken des Grabens ſich erhob, auf die Straße ſprang und ein Mann, ihn heftig am Kragen packend, ihm mit Donnerſtimme zurief: 138 „Halt, oder Ihr ſeid des Todes!“ Michel eilte ſeinem jungen Gefährten zu Hülfe, indem er mit dem bleiernen Knopf ſeiner Reitpeit⸗ ſche dem Angreifer einen tüchtigen Schlag auf den Kopf verſetzte. Aber er hätte ſeine hochherzige Dazwiſchenkunft beinahe theuer bezahlen müſſen. Der Mann zog, ohne Petit⸗Pierre, den er mit der linken Hand hielt, loszulaſſen, eine Piſtole unter ſeinem Wamſe hervor und gab Feuer auf Baron Michel. Ein Glück für den armen jungen Mann, daß, ſo ſchwach auch Petit⸗Pierre ſein mochte, er doch nicht der Burſche war, um ſich ſo vollkommen ruhig zu verhalten, wie der Mann mit der Piſtole es gewünſcht hätte; er ſah die Geberde und ſchlug mit einer noch raſcheren Bewegung den Arm, welcher mit der mörderiſchen Waffe zielte, ſo ganz im rech⸗ ten Augenblick in die Höhe, daß die Kugel, welche ohne dieſe Bewegung unfehlbar Baron Michels Bruſt durchbohrt hätte, ihn nur oben an der Schul⸗ ter ſtreifte. Er machte einen neuen Verſuch und der Angrei⸗ fer zog eine zweite Piſtole aus dem Gürtel, als zwei andere Individuen aus dem Gebüſch ſtürzten und Petit⸗Pierre von hinten packten. Als der Mann ihn außer Stands ſah zu ſcha⸗ hen⸗ begnügte er ſich ſeinen beiden Mithelfern zu agen: „Bindet mir dieſen Burſchen da, und wenn Ihr mit ihm fertig ſeid, ſo ſchafft mir den Andern hier vom Hals.“ Hülfe, tpeit⸗ f den nkunft r mit ziſtole r auf daß, doch ruhig le es ig mit eelcher rech⸗ welche richels Schul⸗ ngrei⸗ , als ürzten ſcha⸗ rn zu n Ihr hier 139 „Aber,“ warf Petit⸗Pierre ein,„mit welchem Recht haltet Ihr uns hier feſt?“ „Mit dem Recht von dieſem,“ antwortete der Mann, auf einen Karabiner zeigend, den er ſchräg über die Schulter trug;„warum? Ihr werdet es ſogleich erfahren. Bindet mir den Mann mit der Reitpeitſche feſt; was dieſen betrifft,“ ſetzte er ver⸗ ächtlich, auf Petit⸗Pierre deutend, hinzu;„ſo iſt es nicht der Mühe werth, ich glaube, wir werden keine großen Schwierigkeiten damit haben, daß er uns folgt.“ „Aber wo führt Ihr uns am Ende hin?“ fragte Petit⸗Pierre. „O Ihr ſeid ſehr neugierig, mein junger Freund,“ antwortete der Mann. „Aber kurz!“ „Ei! Pardieu, macht vorwärts, wenn Ihr darauf beſteht, es zu erfahren, ſo könnt Ihr es ſogleich mit Euren eigenen Augen ſehen.“ Und der Mann nahm Petit⸗Pierres Arm unter den ſeinigen und zog ihn in das Dickicht fort, wäh⸗ rend Michel, der noch Widerſtand leiſtete, von ſeinen beiden Begleitern kräftig vorwärts geſtoßen, gleich⸗ falls einbog. So marſchirten ſie zehn Minuten fort, worauf ſie in der Lichtung ankamen, die wir als Wohnung von Meiſter Jacques, dem Herrn der Kaninchen kennen; denn er war es, der, um ſein Alain gege⸗ benes Verſprechen heilig zu halten, die beiden erſten Wanderer, welche der Zufall ihm auf den Weg führte, angehalten hatte, und durch ſeinen Piſtolen⸗ ſchuß war das ganze Lager der Ausreißer, wie wir 140 am Schluß des vorangehenden Kapitels geſehen haben, in Alarm verſetzt worden. XLVII. Wo der Beweis geliefert wird, daß nicht alle Juden von Je⸗ ruſalem, und alle Türken von Tunis ſind. „Ol hier, he! Kaninchen?“ rief Meiſter Jacques, als er in der Lichtung ankam. Bei der Stimme ihres Oberhaupts kamen die Kaninchen gehorſam aus den Geſträuchen und Gin⸗ ſterbüſchen, wo ſie ſich bei dem erſten Lärmruf ge⸗ lagert hatten, hervor und kehrten zu der Lichtung zurück, wo ſie, ſoweit die Dunkelheit geſtattete, neu⸗ gierig die beiden Gefangenen betrachteten. Dann ſtieg einer von ihnen, da dieſe Prüfung in der Dunkelheit ihnen nicht genügte, in den Bau hinab, zündete daſelbſt zwei Stücke Tannenholz an und kam damit zurück, um ſie Petit⸗Pierre und ſeinem Begleiter unter die Naſe zu halten. Meiſter Jacques hatte ſeinen gewöhnlichen Platz auf dem Baumſtamm wieder eingenommen und plauderte ruhig mit Alain Courtejoie, dem er die Vorfälle bei dem eben gemachten Fang mit derſel⸗ ben Zutraulichkeit erzählte, womit ein Dörfler ſeiner Frau die Einzelheiten eines auf dem Markte be⸗ werkſtelligten Kaufes erzählt.. Michel, den dieſe erſte Affaire und die dabei erhaltene Wunde nothwendiger Weiſe erregt hatte, ſaß oder lag vielmehr auf dem Graſe. Petit⸗Pierre betrachtete neben ihm ſtehend mit einer Aufmerk⸗ ſam ſicht dem leich gier, ihre die hatte C ken, Piſte aus Vorf hatte ( diten Vern aben, on Je⸗ ques, n die Gin⸗ f ge⸗ htung neu⸗ üfung Bau lz an und Platz und er die derſel⸗ ſeiner te be⸗ dabei hatte, Pierre fmerk⸗ 141 ſamkeit, die nicht ganz frei von Eckel war, die Ge⸗ ſichter der Banditen, welche Meiſter Jacques mit dem Namen Kaninchen bezeichnete, was ihm um ſo leichter war, da dieſe, nach Befriedigung ihrer Neu⸗ gier, ihre unterbrochenen Beſchäftigungen, das heißt, ihre Pſalmodien, ihr Spiel, ihren Schlaf und die Sorge für ihre Waffen wieder aufgenommen hatten. Indeſſen verloren ſie bei allem Spielen, Trin⸗ ken, Singen, Putzen ihrer Flinten, Karabiner und Piſtolen nicht eine Minute die beiden Gefangenen aus dem Auge, welche man zum Uebermaaß der Vorſicht noch in die Mitte der Lichtung gebracht hatte. Erſt als Petit⸗Pierre ſeine Augen von den Ban⸗ diten auf ſeinen Begleiter wandte, bemerkte er deſſen Verwundung. „O mein Gott!“ rief er, als er das Blut ſah, das von ſeinem Arm herabfließend bis auf die Hand gekommen war,„Sie ſind verwundet?“ „Ich glaube, ja, Mad.... Monſ....“ „O bitte, bis auf weitern Befehl Petit⸗Pierre und mehr als je. Leiden Sie ſehr?“ „Nein; es kam mir vor, als erhielte ich einen Stockſchlag auf die Schulter und jetzt iſt mir der Arm ganz ſteif.“ „Verſuchen Sie ihn zu bewegen.“ „d! in jedem Fall iſt nichts zerbrochen, ſehen Sie.“ Und wirklich bewegte er den Arm ziemlich leicht. „Dann hat es nichts zu ſagen und muß das erz derjenigen, die Sie lieben, complet im Sturm 142 erobern, und wenn Ihr edles Benehmen nicht aus⸗ reichte, ſo verſpreche ich Ihnen, mich ins Mittel zu legen; ich habe gute Gründe zu glauben, daß meine Einmiſchung wirkſam ſein wird.“ „O! meine gütige....“ „Gütiger, gütiger; vergeſſen Sie das nicht, Sie Unglücklicher.“ „Ja, Petit⸗Pierre, und was Sie mir auch gebie⸗ ten, nach einer ſolchen Zuſage, und handelte es ſich darum, ganz allein eine Batterie von hundert Ka⸗ nonen wegzunehmen, ich würde geſenkten Hauptes auf die Redoute losgehen. O! wenn Sie mit dem Marquis von Souday reden wollten, ich wäre der glücklichſte der Menſchen.“ „Geſtikuliren Sie nicht ſo, Sie hindern, daß das Bluten aufhört. Ah! es ſcheint, daß Sie ganz be⸗ ſonders den Marquis fürchten. Wohlan, ich will mit ihm reden, mit dieſem ſchrecklichen Marquis, auf das Wort von... Petit⸗Pierre. Nur ſprechen wir, während man uns in Ruhe läßt,“ ſetzte ſie, um ſich ſchauend, hinzu,„von unſern Angelegen⸗ heiten. Wo ſind wir, und wer ſind dieſe Leute a 2*2 „Es ſieht mir ganz aus,“ antwortete Michel, 32 4 „als ſeien es Chouans. „Chouans, welche harmloſe Reiſende anhalten! das iſt unmöglich.“ „Des iſt jedoch geſchehen.“ „Und wenn es nicht geſchehen iſt, ſo fürchte ich ſehr, es geſchieht noch heute.“ „Aber was wollen ſie mit uns anfangen?“ weg Ehr tige Pie dro kein ſtän Beſ Leu führ wo hiel ſein ſich Zeit mac jung eber drei Jach in e er o Trig Mich wär das Gan t aus⸗ ttel zu meine t, Sie gebie⸗ es ſich ett Ka⸗ nuptes t dem re der aß das nz be⸗ h will rquis, drechen zte ſie, degen⸗ Leute Michel, halten! fürchte 2 ⁴ 143 „Das werden wir ſogleich erfahren, denn da be⸗ wegen ſie ſich und dieß ohne Zweifel, um uns die Ehre anzuthun, ſich mit unſerer Perſon zu beſchäf⸗ tigen.“ „Nun, das wäre doch ſeltſam,“ bemerkte Petit⸗ Pierre,„wenn uns von meinen Anhängern Gefahr drohte. In jedem Fall ſtillſchweigen!“ Michel machte ein Zeichen, daß von ſeiner Seite keine Indiſcretion zu befürchten ſei. Wirklich hatte, wie der junge Baron ſehr ver⸗ ſtändig erkannte, Meiſter Jacques nach gepflogener Beſprechung mit Alain Courtejoie und einigen ſeiner Leute Befehl gegeben, ihm die Gefangenen vorzu⸗ führen. Petit⸗Pierre trat zuverſichtlich auf den Baum zu, wo der Herr der Kaninchen ſeine Gerichtsſitzung hielt; aber Michel, der wegen ſeiner Wunde und ſeiner gebundenen Hände einige Schwierigkeit empfand, ſich auf die Beine aufzurichten, brauchte etwas mehr Zeit zu gehorchen. Als Alain Courtejoie dieß ſah, machte er Trigaud la Vermine ein Zeichen, den jungen Mann am Gürtel zu faſſen, welcher ihn ebenſo leicht aufhob, wie ein Anderer es mit einem dreijährigen Kinde gethan hätte, und vor Meiſter Jacques brachte, wobei er Sorge trug, ihn genau in eine Lage zu verſetzen wie diejenige, aus welcher er aufgeriſſen worden war, ein Manöver, welches Trigaud la Vermine damit bewerkſtelligte, daß er Michel geſchickt mit den untern Extremitäten vor⸗ wärts ſchleuderte und ihm dann einen Stoß auf das Centrum der Schwerkraft gab, ehe er das Ganze auf die Erde fallen ließ. 144 „Tölpel!“ brummte Michel, bei dem der Schmerz ſeine urſprüngliche Schüchternheit vertrieben hatte. „Sie ſind nicht höflich,“ ſprach Meiſter Jacques, „nein, ich wiederhole es Ihnen, Sie ſind nicht höflich, Herr Baron Michel de La Logerie, und das Beneh⸗ men dieſes braven Burſchen wäre etwas mehr werth. Aber wohlan, laſſen wir alle dieſe unnützen Dinge und kommen wir zu unſeren kleinen Angelegenheiten.“ Dann einen feſtern Blick auf den jungen Mann werfend, fuhr er fort: „Ich habe mich nicht geirrt, Sie ſind Herr Michel de La Logerie.“ „Ja,“ antwortete Michel kurz. „Gut; was haben Sie auf der Straße von Légé, mitten im Walde von Touvois, um dieſe Stunde der Nacht zu thun?“ „Ich könnte Ihnen antworten, daß ich Ihnen keine Rechenſchaft zu geben habe, und daß die Straßen frei ſind.“ „Aber Sie werden das nicht antworten, Herr Baron.“ „Warum?“ „Weil Sie, mit allem ſchuldigen Reſpekt vor Ihnen, eine Dummheit antworten würden, und Sie haben zu viel Geiſt dazu.“ „Wie!“ „Allerdings; Sie ſehen wohl, daß Sie mir Rechenſchaft zu geben haben, weil ich Sie von Ihnen fordere; Sie ſehen wohl, daß die Straßen nicht frei ſind, weil Sie Ihren Weg nicht fortſetzen konnten.“ „Es ſei; ich will mit Ihnen nicht ſtreiten. Ich 2 mir Ihnen nicht tſetzen . Ich 145 ging nach meiner Meierei La Bouloeuvre, welche, wie Sie wiſſen, an dem einen Ende des Waldes von Touvois gelegen iſt, wo wir uns jetzt befinden.“ „Recht ſo, Herr Baron, thun Sie mir immer die Ehre an, mir ſo zu antworten, und wir werden bald im Reinen ſein. Jetzt, wie kommt es, daß der Herr Baron de La Logerie, der ſo viele Pferde in ſeinen Ställen, ſo viele ſchöne Kutſchen in ſeinen Remiſen hat, zu Fuß reiſ't, wie einfache Bauern, wie wir es thun könnten?“ „Wir hatten ein Pferd, aber bei einem Sturz iſt es uns entflohen, und wir konnten es nicht mehr einholen.“ „Auch gut. Jetzt, Herr Baron, hoffe ich, daß Sie die Güte haben werden, uns Nachricht zu geben?“ „Ich 24 „Ja; was geht da unten vor, Herr Baron?“ „Wie kann das, was auf unſerer Seite vorgeht, Sie intereſſiren?“ fragte Michel, der noch nicht ganz errathend, mit wem er zu thun hatte, nicht genau wußte, welche Farbe er ſeinen Antworten geben ſollte. „Sprechen Sie immer, Herr Baron,“ erwiderte Meiſter Jacques,„beunruhigen Sie ſich nicht über as, ſein kann. Sehen wir einmal, beſinnen Sie ſich genau: wem ſind Sie auf Ihrer Route begegnet?“ Michel ſchaute Petit⸗Pierre verlegen an. Meiſter Jacques fing dieſen Blick auf; er rief Trigaud la Vermine herbei und gebot ihm, ſich zwiſchen den beiden Gefangenen gleich der Mauer im Sommernachts⸗Traum aufzupflanzen. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 4 was mir nützlich oder was mir gleichgültig „Wohlan,“ fuhr Michel fort,„wir haben ge⸗ ſein troffen, was man ſeit drei Tagen zu jeder Stunde letzt und auf allen Wegen in der Umgegend von Mache⸗ coul trifft: Soldaten.“ Mie „Und Sie haben ohne Zweifel mit denſelben ſie geſprochen?“ Sie „Nein.“ „Wie, nein? Man hat Sie paſſiren laſſen, ohne we mit Ihnen zu ſprechen?“ wür „Wir ſind ihnen ausgewichen.“ Ihn „Bah!“ rief Meiſter Jacques inzweifelhaftem Ton. für „Da wir in unſern eigenen Angelegenheiten mich reiſen, ſo taugte es für uns nicht, wider Willen wür in lulche hineingezogen zu werden, welche uns nichts Sie angehen.“ 3 „Und wer iſt der junge Mann, der Sie begleitet?“ jedd Petit⸗Pierre beeilte ſich eine Antwort zu geben, Ver ehe Michel Zeit hatte, dieß ſelbſt zu thun. daß „Ich bin,“ ſagte er,„des Herrn Barons Diener.“ Maj „Dann, mein Freund,“ erwiderte Meiſter Jac⸗ ques gegen Petit⸗Pierre,„erlaubt mir, Euch zu wert ſagen, daß Ihr ein ſehr ſchlechter Diener ſeid, und) Pier wahrhaftig, wiewohl ich Bauer bin, bekümmert es eifri mich, zu ſehen, daß ein Diener für ſeinen Herrn antwortet, und beſonders wenn man das Wort nicht Ja. an ihn richtet.“ 8 Dann zu Michel ſich wieder wendend, fuhr Meiſter Jacques fort: nein „Ah! dieſer junge Burſche iſt Ihr Diener; nun wah⸗ er ſieht ſehr ſchmuck aus.“ Und der Herr der Kaninchen betrachtete Petit⸗ Pierre mit großer Aufmerkſamkeit, während einer glau n ge⸗ btunde Nache⸗ ſelben ohne n Ton. cheiten Willen nichts eitet?“ geben, iener.“ r Jac⸗ uch zu d, und nert es Herrn rt nicht „fuhr 3; nun Petit⸗ d einer 147 ſeiner Leute mit ſeiner Fackel über das Geſicht des letztern fuhr, um die Prüfung zu erleichtern. „Nun, in der That, was wollen Sie?“ fragte Michel;„iſt es meine Börſe, ſo gedenke ich nicht, ſie zu vertheidigen; nehmen Sie dieſelbe und laſſen Sie uns unſerem Geſchäft nachgehen.“ „Ah! pfui doch!“ antwortete Meiſter Jacques, „wäre ich ein Edelmann wie Sie, Herr Michel, ich würde für eine ſolche Beleidigung Rechenſchaft von Ihnen fordern. Wie, Sie nehmen uns doch nicht für Straßenräuber. Ha! wahrhaftig, Sie beleidigen mich; ohne die Beſorgniß, Ihnen zur Laſt zu fallen, würde ich Ihnen meinen Stand entdecken; aber Sie befaſſen ſich nicht mit Politik. Ihr Herr Vater jedoch, den ich die Vergünſtigung hatte ein wenig zu kennen, hat ſich damit abgegeben und dabei ſein Vermögen nicht verloren; ich geſtehe Ihnen alſo, daß ich in Ihnen einen eifrigen Diener Seiner Majeſtät Louis Philipps zu finden glaubte.“ „Ei! Sie würden ſich getäuſcht haben, mein werther Herr,“ antwortete ſehr reſpectswidrig Petit⸗ Pierre;„der Herr Baron iſt im Gegentheil ein ſehr eifriger Anhänger von Heinrich V.“ „Wahrhaftig, mein junger Freund!“ rief Meiſter Jacques. Dann ſagte er, ſich wieder zu Michel wendend: „Wie, Herr Baron, iſt das, was Ihr Begleiter, nein, ich irre mich, Ihr Diener, eben geſagt hat, wahr?“ „Die vollkommenſte Wahrheit,“ antwortete Michel. „Ah! das freut mich überſchwenglich, und ich glaubte, mit abſcheulichen Patauds zu khun zu haben; 148 Mein Gott! wie beſchämt bin ich, daß ich Sie ſo behandelte, und wie ſehr muß ich Sie um Entſchul⸗ digung, um Verzeihung bitten! Empfangen Sie die⸗ ſelbe, Herr Baron; und auch Sie nehmen Ihren Theil daran, mein junger Freund, und halten Sie ſich beide daran, der Herr wie der Diener. Mein Gott! ich bin nicht ſtolz.“ „Nun, bei Gott!“ rief Michel, deſſen üble Laune durch die ſpöttiſche Höflichkeit von Meiſter Jacques nicht im Mindeſten beſänftigt wurde,„Sie haben ein ſehr einfaches Mittel, uns Ihr Bedauern an den Tag zu legen, das heißt, uns dahin zurückzu⸗ ſchicken, wo Sie uns ergriffen haben.“ „O!“ ſprach Meiſter Jacques,„nein.“ „Wie, nein?“ „Nein, nein, nein; ich werde nicht zugeben, daß Sie uns alſo verlaſſen. Ueberdieß müſſen zwei An⸗ hänger der Legitimität wie wir, Herr Baron, ſich über die große Frage der Schilderhebung zu unter⸗ halten haben. Sind Sie nicht auch dieſer Anſicht, Herr Baron?“ „Es ſei. Aber das Intereſſe dieſer Sache er⸗ fordert eben, daß ich und mein Diener uns ſchnell nach Bouloeuvre in Sicherheit begeben.“ „Herr Baron, kein Aſyl, ich ſchwöre Ihnen, iſt ſicherer als das, welches Sie unter uns finden; dann werde ich nicht geſtatten, daß Sie uns ver⸗ laſſen, ehe ich Ihnen einen Beweis der wahrhaft rührenden Theilnahme, die ich für Sie hege, gege⸗ ben habe.“ „Hm,“ murmelte Petit⸗Pierre,„es ſcheint mir, das wird faul.“ 149 „Laſſen Sie ſehen,“ ſagte Michel. „Sie ſind Heinrich V. ergeben?“ „Na.“ „Sehr ergeben?“ „Ja.“ „Ungeheuer ergeben?“ „Ich habe es ſchon geſagt.“ „Sie haben es geſagt und ich zweifle nicht daran. Wohlan ich will Ihnen die Mittel liefern, dieſe Er⸗ gebenheit auf eklatante Weiſe zu offenbaren.“ „Thun Sie es.“ „Sie ſehen alle dieſe tapfern Männer,“ fuhr Meiſter Jacques fort, indem er Michel ſeine Truppe zeigte, das heißt etwa vierzig Schelme, die eher Banditen von Callot, als ehrlichen Bauern gleich ſahen;„ſie wünſchen nichts, als ſich für unſern jun⸗ gen König und ſeine heldenmüthige Mutter tödten zu laſſen. Nur fehlt es ihnen an allem, was zur Erreichung dieſes Zwecks nothwendig iſt. Waffen zum Kampfe, Kleider, ſich anſtändig im Feuer zu zeigen, die Strapatzen des Bivouaks zu erleich⸗ tern. Sie werden nicht dulden, ſetze ich voraus, Herr Baron, daß alle dieſe würdigen Diener bei Erfüllung deſſen, was Sie ſelbſt als Pflicht betrach⸗ ten, ſich allen Krankheiten, Schnupfen und Bruſt⸗ flüſſen ausſetzen, welche aus der Strenge der Jahreszeit entſtehen.“ „Aber wo zum Teufel,“ erwiderte Michel,„ſoll ich die Mittel finden, Ihre Leute zu kleiden und zu bewaffnen? Habe ich Magazine zu meiner Ver⸗ fügung?“ „Ol Herr Baron,“ entgegnete Meiſter Jacques, 15⁰ „glauben Sie denn, ich kenne meine Leute ſo wenig, um einen Mann wie Sie mit allen dieſen Details zu beläſtigen? Ich habe da einen wunderbaren Diener,— und er deutete auf Alain Courtejoie, — der Ihnen alle dieſe Mühe erſparen wird. Es genügt für Sie, ihm das nöthige Geld zu liefern, und er wird ſein Beſtes thun, indem er zugleich Ihre Börſe ſchont.“ „O, wenn es ſich nur darum handelt,“ rief Michel mit der Bereitwilligkeit der Jugend und dem Enthuſiasmus einer im Entſtehen begriffenen Ge⸗ ſinnung,„recht gern. Wie viel bedarf es?“ „So iſt's recht!“ antwortete Meiſter Jacques, ziemlich erſtaunt über dieſe Bereitwilligkeit.„Wohl⸗ an! glauben Sie, es ſei übertrieben, von Ihnen fünfhundert Francs für den Mann zu begehren? Sie begreifen, daß ich außer der grünen Uniform, wie der von den Jägern des Herrn von Charrette auch einen anſtändig ausſtaffirten Torniſter für ſie haben möchte. Fünfhundert Francs iſt ungefähr die Hälfte von dem, was Louis Philipp Frankreich für jeden Mann zahlt, den es ihm liefert, und jeder meiner Leute iſt wohl zwei Soldaten von Louis Philipp werth. Sie ſehen, daß ich billig bin.“ „Sagen Sie mir mit zwei Worten die Summe, die Sie begehren, und machen wirs zu Ende.“ „Wohlan! ich habe vierzig Mann, die auf regel⸗ mäßigen Urlaub Abweſenden, die aber auf das erſte Signal ſich bei ihrer Fahne wieder einfinden müſſen, mit inbegriffen; das macht gerade zwanzig tauſend Francs, das iſt ſo zu ſagen eine Lumperei für einen ſo reichen Mann, wie Sie, Herr Baron.“ nig, tails aren joie, Es ern, leich rief dem Ge⸗ ues, ohl⸗ hnen ren? orm, rette r ſie fähr reich und ouis nme, egel⸗ das nden unzig 151 „Gut, in zwei Tagen ſollen Sie Ihre zwanzig tauſend Francs haben,“ antwortete Michel mit einem Verſuch, zu ſalutiren,„ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“ „Ol nicht ſo; wir wollen Ihnen alle Mühe er⸗ ſparen, Herr Baron, Sie haben wohl in der Um⸗ gegend einen Freund, einen Notar, der Ihnen dieſe Summe vorſchießen wird; Sie ſchreiben ihm nur ein kleines, ſehr dringendes, ſehr artiges Wort, und Einer von meinen Leuten wird es auf ſich nehmen, daſſelbe zu übergeben.“ „Gern, geben Sie mir das nöthige Schreib⸗ material und binden Sie mir die Hände los.“ „Mein Gevatter Courtejoie wird Ihnen Feder, Tinte und Papier verſchaffen.“ Wirklich begann Courtejoie ein vollſtändiges Schreibzeug aus ſeiner Taſche zu ziehen. Aber Petit⸗Pierre trat einen Schritt vor. „Einen Augenblick, Herr Michel,“ ſprach er ent⸗ ſchloſſen,„und Ihr, Meiſter Courtejoie, wie man Euch nennt, ſteckt Euer Geräthe wieder ein, das geſchieht nicht.“ „Bah! wirklich, Herr Diener,“ fragte Meiſter Jacques,„und warum geſchieht das nicht, wenn's Ihnen beliebt?“ „Weil das, was Sie hier thun, mein Herr, etwas zu ſehr an die Banditen von Calabrien und Eſtremadura erinnert, um bei Männern in Aus⸗ führung gebracht zu werden, die ſich Soldaten von König Heineich V. nennen; kurz weil das eine wahr⸗ hafte Erpreſſung iſt, und ich es nicht zugeben werde.“ „Sie, mein junger Freund?“ 1⁵² „Ja, ich.“ „Betrachtete ich Sie wirklich als das, was Sie zu ſein vorgeben, ſo würde ich Sie behandeln, wie man einen unverſchämten Lakaien behandelt; aber es ſcheint, Sie haben einiges Recht auf die Achtung, die man einer Frau erweist, und ich bin weit ent⸗ fernt, meinen Ruf der Galanterie durch Mißhand⸗ lung von Ihnen zu compromittiren. Ich werde mich für den Augenblick alſo darauf beſchränken, Sie von jeder Einmiſchung in das, was Sie nichts angeht, abzuhalten.“ „Das geht mich im Gegentheil ſehr an,“ er⸗ widerte Petit⸗Pierre mit einem erhabenen Stolze, „denn es iſt mir daran gelegen, daß Ihr Euch nicht des Namens von Heinrich V. bedient, um Räuber⸗ handlungen zu begehen.“ „O! Sie bekümmern ſich gar ſehr, ſcheint mir, um die Angelegenheiten Seiner Majeſtät; Sie wer⸗ den wohl, mein junger Freund, die Güte haben, mir zu ſagen, auf welchen Rechtstitel hin, nicht wahr?“ „Laſſen Sie Ihre Leute abtreten, und ich will es Ihnen ſagen, mein Herr.“ „Ahl ah!“ bemerkte Meiſter Jacques. Dann ſich zu ſeinen Leuten umwendend: „Geht ein wenig zurück, Kaninchen 144 Die Leute gehorchten.. „Es war nicht nothwendig,“ fuhr Meiſter Jac⸗ ques fort,„da ich kein Geheimniß vor dieſen braven Leuten habe, aber kurz, Ihnen zu gefallen, gibt es nichts, was ich nicht thäte. Wir ſind jetzt allein, ſprechen Sie alſo!“ 2 „Mein Herr,“ ſprach Petit⸗Pierre, einen Schritt 153³ gegen Meiſter Jacques vortretend,„ich gebiete Ihnen, dieſen jungen Mann in Freiheit zu ſetzen; ich will, daß Sie uns eine Eſcorte geben, daß Sie uns noch dieſen Augenblick an den Ort, wohin wir beabſich⸗ tigen, führen laſſen.... und daß Sie Leute ab⸗ ſchicken, die Freunde, die wir erwarten, aufzuſuchen.“ „Sie wollen, Sie gebieten; ei, ja, mein Turtel⸗ täubchen, Sie ſprechen, wie der König auf ſeinem Phrn. Und wenn ich mich weigere, was ſagen ie?, „Wenn Sie ſich weigern, ſo laſſe ich Sie, ehe vierundzwanzig Stunden vergehen, erſchießen.“ „Schau einmal. So! ſo! Ich habe alſo wohl mit der Frau Regentin zu ſprechen die Ehre?“ „Mit ihr ſelbſt, mein Herr.“ Hier wurde Meiſter Jacques von einem convul⸗ ſiviſchen Lachanfall ergriffen; die Kaninchen traten, als ſie ihn ſo luſtig ſahen, wieder näher, um ihren Theil an der Luſt zu haben. „Uf!“ rief er, bemerkend, daß ſie ihren erſten Poſten wieder eingenommen hatten,„ich kann's nicht mehr aushalten; meine armen Kaninchen, Ihr ward vorhin ſo voll Erſtaunens, nicht wahr?— als der Herr Baron de la Logerie, Sohn des Michel, den Ihr kennt, uns erklärte, Heinrich V. habe keinen beſſern Freund, als ihn; wohlan, was eben vor⸗ geht, iſt etwas ganz anderes, noch viel ſtärker, ernſthafter, und unglaublicher, ja überſteigt Alles, was die galoppirendſte Einbildungskraft nur faſſen könnte. Wißt Ihr, wer dieſer hübſche kleine Bauer iſt, den Ihr für alles Beliebige nehmen konntet, den ich aber rein und einfach als die Maitreſſe des 154 Herrn Baron betrachtet habe; nun meine kleinen Kaninchen, Ihr irrtet Euch; ich irrte mich, wir irrten uns alle; dieſer unbekannte junge Mann iſt nicht mehr und nicht weniger, als die Mutter unſeres Königs. Ein Gemurmel ironiſchen Unglaubens lief durch die Reihen der Ausreißer. „Und ich ſchwöre Euch,“ rief Michel,„was man Euch eben geſagt hat, iſt die Wahrheit.“ „Ah! ein ſchönes Zeugniß, meiner Treu!“ rief Meiſter Jacques gleichfalls. „Ich verſichere Sie....“ fiel Petit⸗Pierre ein. „Nein,“ unterbrach ihn Meiſter Jacques,„ich verſichere Sie, daß, wenn nicht in zehn Minuten von jetzt, die ich ihm zur Ueberlegung gebe, Ihr Stallmeiſter, meine ſchöne fahrende Dame, den von mir ihm angegebenen Vorſchlag angenommen hat, ſofern derſelbe ihn allein retten kann, er den Eicheln, die auf unſere Köpfe ſtoßen, Geſellſchaft leiſten wird; er mag wählen und ſich beeilen: den Sack oder den Strick; habe ich nicht den einen, ſo wird ihm der andere nicht fehlen.“ „Aber das iſt eine Infamie!“ rief Petit⸗Pierre außer ſich. „Man ergreife ihn!“ ſprach Meiſter Jacques. Vier Ausreißer traten vor, um dieſes Gebot zu vollziehen. „Laßt ſehen,“ ſagte Petit⸗Pierre,„wer von Euch wagt es, die Hand an mich zu legen.“ Und da Trigaud, weniger empfänglich für die Majeſtät des Worts und der Geberde, immer näher kam, rief Petit⸗Pierre, vor der Berührung dieſer ſues. dt zu Euch r die näher dieſer —N—— 1⁵⁵ ſchmutzigen Hand zurückweichend und mit demſelben Griff Hut und Perücke abreißend: „Ei, wiel findet ſich unter allen dieſen Banditen nicht ein Soldat, um mich zu erkennen; wie! wird mich Gott ohne Beiſtand der Gnade ſolcher Räuber überlaſſen?“ „O nein!“ ſprach eine Stimme hinter Meiſter Jacques,„und hier kommt Jemand, der dem Herrn ſagen wird, daß ſein Benehmen eines Mannes un⸗ würdig iſt, der eine Kokarde trägt, die nur weiß iſt, weil ſie ohne Flecken iſt.“ Meiſter Jacques drehte ſich raſch wie der Blitz um, und richtete bereits eine ſeiner Piſtolen auf den neuen Ankömmling. Alle Banditen waren nach ihren Waffen geſprungen und unter einem eiſernen Gewölbe trat Bertha, denn ſie war es, in den Kreis, der die beiden Gefangenen umgab. „Was wollen Sie hier?“ rief der Führer der Kaninchen,„wiſſen Sie nicht, daß ich die Autorität, welche Ihr Herr Vater ſich über meine Truppe an⸗ maßt, durchaus nicht anerkenne und mich weigere, ſeiner Diviſion mich anzureihen?“. „Schweigt, Schelm,“ antwortete Bertha. Dann ſchritt ſie gerade auf Petit⸗Pierre zu und ſprach, ein Knie vor ihm auf die Erde ſetzend: „Ich bitte Sie um Vergebung für dieſe Leute, die ſich Schimpf und Drohungen gegen Sie erlaub⸗ ben, während Sie ſo viel Recht auf deren Reſpekt aben.“ „Ah, meiner Treu,“ ſagte Petit⸗Pierre heiter, „Sie kommen recht gelegen: ohne Sie würde die Lage ſchlecht, und da iſt ein armer Burſche, der 15⁵6 Ihnen ſo etwas wie das Leben verdanken wird. Wahrhaftig, es wäre Schade geweſen, wenn Sie verzögert hätten; dieſe Herrn ſprachen von nichts weniger, als uns zu hängen.“ „Ol mein Gott, ja,“ ſetzte Michel bei, deſſen Bande Alain Courtejoie, als er die Wendung ſah, welche die Sache nahm, eiligſt gelöst hatte. „Und was mir bei Allem den meiſten Verdruß machte,“ ſagte Petit⸗Pierre lächelnd und auf Michel zeigend,„iſt, daß dieſer junge Mann mir vollkom⸗ men würdig ſcheint, das Intereſſe einer ſo guten Royaliſtin wie Sie für ſich zu gewinnen.“ Bertha lächelte und ſenkte die Augen. „Sie werden alſo meine Schuld gegen ihn til⸗ gen,“ fuhr Petit⸗Pierre fort,„und mir Ihrerſeits nicht ſehr böſe ſein, nicht wahr?— wenn ich zur Erfüllung des ihm gegebenen Verſprechens einige Worte darüber gegen Ihren Herrn Vater fallen laſſe.“ Bertha verbeugte ſich und die Bewegung, die ſie machte, um Petit⸗Pierre's Hand zu ergreifen und zu küſſen, verbarg die Röthe, welche ihre Wangen bedeckte. Inzwiſchen war Meiſter Jacques, ganz beſchämt über ſeinen Mißgriff, näher getreten und ſtammelte einige Entſchuldigungen. Trotz des tiefen Widerwillens, welchen ihr die⸗ ſer Mann einflößte, begriff Petit⸗Pierre, daß es unpolitiſch ſein würde, ihm etwas Anderes als Un⸗ willen zu bezeigen. „Ihre Abſichten ſind vielleicht vortrefflich, mein Herr,“ ſprach er zu ihm,„aber Ihre Art und Weiſe ird. Sie ichts iſſen ſah, druß ichel kom⸗ uten til⸗ rſeits zur einige fallen die ſie und angen ſchämt amelte ar die⸗ aß es ls Un⸗ mein Weiſe 157 iſt beklagenswerth, und zielt auf nichts Geringeres ab, als uns alle für Buſchklepper und Straßenräu⸗ ber gelten zu laſſen, wie es einſt die Herren Genoſ⸗ ſen Jehu's waren; ich hoffe, Sie werden ſich deſ⸗ ſen fernerhin enthalten.“ Dann ſich umwendend und als ob dieſe Leute für ihn gar nicht exiſtirten, ſagte Petit⸗Pierre zu Bertha: „Jetzt erzählen Sie mir, wie Sie bis zu uns gelangt ſind.“ „Ihr Pferd bekam die Witterung von den unſri⸗ gen; im Vorbeijagen fingen wir es auf und zogen uns zurück, denn wir hörten die Jäger, welche es verfolgten; beim Anblick des doppelten Büſchels, womit das arme Thier geſchmückt war, dachten wir wohl, Sie haben ſich, um leichter zu entkommen, daſſelbe vom Hals geſchafft. Dann zerſtreuten wir uns alle, und zogen, nachdem Bouloeuvre zum Sammelplatz beſtimmt worden war, aus, Sie zu ſu⸗ chen. Ich ritt durch den Wald; die Lichter und der Laut von Stimmen zogen meine Aufmerkſamkeit an. Ich ließ mein Pferd zurück, aus Furcht, ein Gewie⸗ her könnte mich errathen. Ich rückte näher und da Alles mit ganz andern Dingen beſchäftigt war, ſah und hörte mich Niemand; das Uebrige wiſſen Sie.“ „Gut!“ antwortete Petit⸗Pierre,„und der Herr hat jetzt wohl die Güte, mir einen Führer nach Bouloeuvre zu geben, liebe Bertha, denn ich geſtehe Ihnen, ich falle vor Ermüdung um.“ Bertha neigte den Kopf zum Zeichen der Bei⸗ ſtimmung. Meiſter Jacques machte ſeine Sache gut. 158 Zehn ſeiner Leute marſchirten voran, um auf den Weg Acht zu geben, während er ſelbſt mit zehn weitern Mann Petit⸗Pierre, der Bertha'’s Pferd beſtiegen hatte, geleitete. Zwei Stunden ſpäter und im Augenblick, da Petit⸗ Pierre, Bertha und Michel mit dem Souper zu Ende waren, bezeugte der Marquis von Souday eine große Freude, den, welchen er ſeinen jungen Freund nannte, in Sicherheit zu finden. Wir müſſen geſtehen, daß dieſe Freude des Mar⸗ quis, immer eines Mannes vom alten Régime, ſo lebhaft und reell ſie auch war, doch durch die Er⸗ weiſe des tiefſten Reſpects gemäßigt wurde. Am Abend hatte Petit⸗Pierre mit dem Marquis von Souday in einer Ecke des Saals eine lange Unterredung, welcher beide, Bertha und Michel, mit dem lebhafteſten Intereſſe folgten und das ſich noch ſteigerte, als Jean Oullier in der Meierei ankam. In dieſem Augenblick trat Herr von Souday auf die jungen Leute zu und redete, Bertha's Hand faſſend, Michel alſo an: „Herr Petit⸗Pierre verſichert mich eben, daß Sie Abſichten auf die Hand von Mademoiſelle Bertha, meiner Tochter, haben; ich hätte vielleicht andere Ideen wegen der Verſorgung meiner Tochter gehegt, aber gegenüber ſeinem gnädigen Andringen kann ich Ihnen nur antworten, mein Herr, daß meine Tochter nach dem Feldzug Ihre Frau ſein ſoll.“ Wäre ein Blitzſtrahl zu Michels Füßen nieder⸗ gefahren, er hätte ihn nicht mehr betäuben können. Während der Marquis Bertha's Hand in die auf zehn ferd etit⸗ — zu uday ngen Mar⸗ e, ſo Er⸗ rquis lange ,mit noch nkam. ) auf Hand ß Sie ertha, andere gehegt, kann meine ell.“¹ nieder⸗ önnen. in die 159 ſeinige legte, wollte er ſich gegen Mary umwenden, wie um ihre Vermittlung anzuflehen. Aber die Stimme derſelben flüſterte ihm die ſchrecklichen Worte ins Ohr: „Ich liebe Sie nicht!“ Niedergedrückt vom Schmerze, außer ſich vor Ueberraſchung, nahm Michel mechaniſch die Hand, welche der Marquis ihm darbot. XLVIII. Wie man im Departement der Nieder⸗Loire gegen die Mitte Mai's 1832 reiſ'te. An demſelben Tage, wo die verſchiedenen, von uns eben erzählten Ereigniſſe im Hauſe der Wittwe Picaut, auf Schloß Souday, im Walde Touvois und auf der Meierei Bouloeuvre vorſielen, öffnete ſich die Thüre des Hauſes Nro. 17 der Straße Chateau⸗Arnault gegen fünf Uhr Abends, um zwei Individuen hinauszulaſſen, in deren einem der Ci⸗ vil⸗Commiſſär Paſcal zu erkennen geweſen würe, mit welchem unſere Leſer ſchon auf Schloß Souday Bekanntſchaft gemacht haben, und welcher in der auf ſeine Flucht vom Schloſſe folgenden Nacht ohne Hinderniß ſein politiſches und ſociales Domicil wieder erreicht hatte. Der Andere, das heißt der, mit welchem wir uns für den Augenblick zu beſchäftigen im Begriff ſind, war ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit leb⸗ hafter, intelligenter, ſcharfſinniger Miene, ſcharfge⸗ bogener Naſe, weißen Zähnen, dicken, ſinnlichen Lippen, wie ſie gewöhnlich Leute von Phantaſie ha⸗ 160 ben; ſein ſchwarzes Kleid, ſeine weiße Halsbinde, ſein Band der Ehrenlegion deuteten, ſoweit man von dem Ausſehen einen Schluß darauf machen kann, auf einen Mann, welcher der Magiſtratur des Landes angehörte. Dieſe Perſon war wirklich⸗ einer der ausgezeichnetſten Advokaten des Pariſer Gerichts⸗ hofs, geſtern Abend in Nantes angekommen und bei ſeinem Collegen, dem Civil⸗Commiſſär abgeſtiegen. In dem royaliſtiſchen Wörterbuch trug er den Namen Marc(Marcus) das heißt, einen der Vor⸗ namen Cicero's. Am Thor der Straße angekommen, wie geſagt von dem Civil⸗Commiſſär begleitet, fand er ein Cabriolet, welches daſelbſt hielt. Er drückte ſeinem Wirth die Hand und ſtieg in das Fuhrwerk, während der Kutſcher ſich zu dem Civil⸗Commiſſär herunterbeugend, als ob er von der Unkunde des Reiſenden gewußt hätte, ihn be⸗ fragte: „Wohin ſoll der Herr geführt werden?“ „Seht Ihr den Bauer, der dort am Ende der Straße auf dem Apfelſchimmel hält?“ fragte der Civil⸗Commiſſär. „Vollkommen,“ erwiderte der Kutſcher. „Wohl, es handelt ſich ganz einfach darum, ihm zu folgen.“ Kaum war dieſe Unterweiſung gegeben, ſo ſetzte ſich der Mann mit dem Apfelſchimmel, als hätte er die Worte des carliſtiſchen Agenten gehört, in Marſch, ritt die Rue⸗Chateau hinab, ſo weit ſie noch abwärts ging, bog dann rechts ab urd den Strom entlang, der zu ſeiner Linken floß. de, an hen des ner hts⸗ und gen. den vor⸗ ſagt ein g in dem von be⸗ der der ihm ſetzte tte er arſch, wärts tlang, 161 Zu gleicher Zeit gab der Kutſcher ſeinem Pferd einen Peitſchenhieb, und die ſchreiende Maſchine, welcher wir den etwas ambitiöſen Namen Cabriolet gegeben haben, tanzte über das ungleiche Pflaſter der Departements⸗Hauptſtadt der Nieder⸗Loire dahin, ſo gut es gehen mochte, dem geheimnißvollen, ihr gegebenen Führer folgend. Im Augenblick, wo dieſes Cabriolet an der Ecke der Rue⸗Chateau ankam und in die angegebene Richtung einbog, erblickte der Reiſende den Reiter wieder, welcher ohne einen Blick rückwärts zu wer⸗ fen, auf die Brücke Rouſſeau zuhielt, die über die Loire und auf die Straße von Saint Philbert de Grand⸗Lieu führt. Der Reiſende fuhr über die Brücke und ſchlug dieſelbe Straße ein. Der Bauer hatte ſein Pferd in einen Trott ge⸗ ſetzt, aber ſo mäßiger Art, daß der Reiſende ihm folgen konnte. Indeſſen drehte der Bauer nicht einmal den Kopf um und ſchien nicht allein ganz unbekümmert um das, was hinter ihm vorging, ſondern ſogar ſo un⸗ bekannt mit dem Auftrag, den er als Führer voll⸗ zog, daß es Augenblicke gab, wo der Reiſende ſich für das geprellte Opfer einer Myſtification hielt. Was den Kutſcher betraf, ſo konnte er, da er nicht im Vertrauen war, auch keinen Aufſchluß ge⸗ ben, der Meiſter Marc's Unruhe zu befriedigen ver⸗ mocht hätte, und da bei ſeiner Frage an den Civil⸗ Commiſſär:„wo gehen wir hin?“ ihm zur Antwort gegeben worden war:„folgt dem Mann auf dem Apfelſchimmel!“ ſo folgte er dem Mann auf dem 1 Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 162 Apfelſchimmel, indem er ſich um ſeinen Führer ebenſo wenig zu kümmern ſchien, als ſein Führer um ihn. Nach zweiſtündigem Marſch, als der Tag ſich neigte, langte man zu Saint⸗Philbert de Grand⸗ Lieu an. Der Mann mit dem Schimmel hielt vor dem Wirthshaus zum Kreuze, ſtieg vom Pferd, übergab daſſelbe den Händen eines Stallknechts und trat in das Wirthshaus. In der Küche ging der Bauer an ihm vorüber, ließ im Vorbeigehen, ohne ſcheinbar ihn zu kennen, ohne daß es Jemand ſah, ein kleines Papier in deſſen Hand gleiten. Der Reiſende trat in das gemeinſchaftliche Wirths⸗ zimmer, das für den Augenblick leer war, begehrte eine Flaſche Wein und ein Licht. Man brachte ihm das Verlangte. Er rührte die Flaſche nicht an, ſondern entfal⸗ tete das Billet. Es enthielt die Worte: „Ich will Sie auf der Straße von Légé erwar⸗ tenz folgen Sie mir, aber ohne einen Verſuch, zu mir zu ſtoßen oder mit mir zu ſprechen; der Kut⸗ ſcher wird im Wirthshaus mit dem Cabriolet bleiben.“ Der Reiſende verbrannte das Billet, ſchenkte ſich ein Glas Wein ein, womit er die Lippen benetzte, beſtellte ſeinen Kutſcher auf morgen Abend, und verließ das Haus, ohne die Aufmerkſamkeit des Wirths erregt zu haben, oder wenigſtens, ohne daß der Wirth auf ihn Acht zu geben den Anſchein ge⸗ habt hatte. Am Ende des Dorfes angekommen, erblickte er ſeinen Mann, der ſich in einer Weißdornhecke einen Stock ſchnitt. Als der Stock geſchnitten war, machte ſich der Daner wieder, die Zweige abſchneidend, auf den eg. Meiſter Marc folgte ihm ungefähr eine halbe Meile weit. Nach einer halben Stunde und als die Nacht bereits völlig eingebrochen war, trat der Bauer in ein rechts an der Straße gelegenes, vereinzeltes Haus. Der Reiſende hatte ſeinen Schritt beſchleunigt und traf beinahe zu gleicher Zeit mit ihm daſelbſt ein. Im Augenblick, wo er auf der Schwelle anlangte, befand ſich nur eine Frau in dem auf die Straße gehenden Gemach. Der Bauer ſtand vor ihr und ſchien die Ankunft des Reiſenden zu erwarten. Sobald dieſer erſchien, ſprach der Bauer: „Hier iſt ein Herr, den man führen muß.“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich, ohne dem, welchen er ankündigte, Zeit zu laſſen, mit einem Wort oder Stück Geld ihm zu danken. Als der Reiſende, der ihm mit den Augen ge⸗ folgt war, ſeinen erſtaunten Blick wieder auf die Hausfrau wandte, machte dieſe ihm ein Zeichen, ſich zu ſetzen, und fuhr dann, ohne ſich weiter um ſeine Gegenwart zu bekümmern, ohne ein einziges Wort an ihn zu richten, fort, ihre häuslichen Ge⸗ ſchäfte zu beſorgen. 2 Ein Stillſchweigen von mehr als einer halben Stunde folgte dieſem Zeichen ſtrenger Hoſlichſeit 1. 164 und der Reiſende fing bereits an, ungeduldig zu werden, als der Herr des Hauſes eintrat und, ohne ein Zeichen des Erſtaunens oder der Neugierde zu verrathen, ſeinen Gaſt grüßte. Nur ſuchte er die Augen ſeiner Frau, welche ihm buchſtäblich die Worte des Bauern wiederholte: „Hier iſt ein Herr, den man führen muß.“ Der Hausherr warf jetzt auf den Fremden einen jener unruhigen ſchlauen und raſchen Blicke, welche nur den Vendéeiſchen Bauern eigenthümlich ſind; aber beinahe ebenſo ſchnell nahm ſeine Phyſiogno⸗ mie wieder den ihr gewöhnlichen Charakter, das heißt, den der Gutmüthigkeit und Einfalt an, und er näherte ſich ſeinem Gaſt mit dem Hut in der Hand. 1 3 „Der Herr wünſcht in dieſem Lande zu reiſen?“ ſagte er.. „Ja, mein Freund,“ antwortete Meiſter Mare, „ich möchte weiter gehen.“ „Der Herr hat ohne Zweifel Papiere?“ „Gewiß.“ „In Ordnung?“ „In ſtrengſter Ordnung.“ „Unter ſeinem angenommenen, lichen Namen?“ „Unter meinem wirklichen Namen.“ „Ich muß, um keinen Irrthum zu begehen, den Herrn bitten, ſie mir zu zeigen.“ „Iſt dieß abſolut nöthig?“ „O ja; denn erſt nachdem ich ſie geſehen, ver⸗ mag ich ihm zu ſagen, ob er ruhig in dieſem Lande reiſen kann. oder ſeinem wirk⸗ — ver⸗ inde — Der Reiſende zog ſeinen Paß heraus, welcher das Datum des 28. Februar trug. „Hier,“ ſprach er. Der Bauer nahm den Paß, warf einen Blick darauf, um zu ſehen, ob das Signalement dem Geſicht entſprach, und ſagte, den Paß, nachdem er ihn wieder zuſammengelegt hatte, dem Reiſenden zurückgebend: „O! ſehr gut; der Herr kann mit dieſen Papie⸗ ren überall hin.“ „Und Ihr übernehmt es, mich führen zu laſſen?“ „Ja, Herr.“ „Ich wünſchte ſehr, daß dieß ſobald als möglich geſchehe.“ „Ich laſſe ſogleich die Pferde ſatteln.“ Der Hausherr ging hinaus; zehn Minuten nach⸗ her kehrte er zurück. „Die Pferde ſind bereit,“ ſagte er. „Und der Führer?“ „Er wartet.“ Der Reiſende ging ab und fand wirklich an der Thüre einen Burſchen von dem Pachthof bereits im Sattel und ein Pferd an der Hand haltend; Mei⸗ ſter Mare begriff, daß dieß Pferd ſein Reitthier und der Burſche vom Pachthof ſein Führer ſei. Wirklich hatte er kaum den Fuß im Steigbügel, als ſein neuer Führer ſich ebenſo ſchweigſam, wie deſſen Vorgänger, ſich auf den Weg machte. Es war neun Uhr und völlige Nacht. 166 XLIX. Fortſetzung. Nach einem anderthalbſtündigen Marſch, wäh⸗ rend deſſen nicht ein Wort zwiſchen dem Reiſenden und dem Führer gewechſelt wurde, kam man vor der Thüre eines jener dem Lande eigenthümlichen Gebände an, welche halb Bauernhof, halb Schloß ſind. Der Führer hielt an, machte dem Reiſenden ein Zeichen, daſſelbe zu thun, ſtieg ab und klopfte an die Thüre. Ein Diener öffnete. „Hier iſt ein Herr, der Monſieur ſprechen muß.“ „Das hält ſehr ſchwer,“ antwortete der Diener, „der Herr iſt ſchon zu Bette gegangen.“ „Schon?“ fragte der Reiſende. Der Diener kam näher herbei. „Der Herr iſt vergangene Nacht bei einer Zu⸗ ſammenkunft und einen großen Theil des Tags zu Pferde geweſen.“ „Macht nichts,“ ſagte der Führer,„dieſer Herr muß ihn ſprechen, er kommt von Monſieur Paſcal und will zu Petit⸗Pierre.“ „Das iſt etwas Anderes,“ erwiderte der Die⸗ ner,„ich will den Herrn wecken.“ „Fragen Sie ihn,“ ſetzte der Reiſende hinzu, „ob er mir einen ſichern Führer geben kann; ein Führer genügt mir.“ „Ich glaube nicht, daß der Herr das thut,“ antwortete der Diener. —— err cal die⸗ zu, ein t,“ 167 „Was wird er dann thun?“ „Er wird den Herrn ſelbſt führen.“ Und er trat ins Haus zurück. Fünf Minuten nachher erſchien er wieder. „Mein Herr läßt den Herrn fragen, ob er Etwas zu ſich nehmen will, oder vorzieht, ohne Aufſchub ſeinen Weg fortzuſetzen?“ „Ich habe zu Nantes dinirt; ich bedarf nichts und würde gerner weiter reiſen.“ Der Diener verſchwand von Neuem. Fünf Minuten ſpäter erſchien ein junger Mann. 8 Dießmal war es nicht der Diener, ſondern der err. „Ein anderes Mal und unter andern Umſtänden,“ ſprach er,„würde ich darauf beſtehen, mein Herr, baß Sie mir die Ehre anthäten, einen Augenblick unter meinem Dach zu verweilen; aber Sie ſind ohne Zweifel die Perſon, welche von Petit⸗Pierre erwartet wird und von Paris kommt?“ „Ganz recht, mein Herr.“ „Monſieur Marc alſo?“ „Monſieur Marc.“ „In dieſem Fall verlieren wir keinen Augenblick, denn Sie werden ungeduldig erwartet.“ Dann ſich zu dem Burſchen von dem Pachthof wendend, fragte er:„Iſt Dein Pferd friſch?“ „Es hat anderthalb Meilen ſeit dem Morgen gemacht.“ „In dieſem Fall nehme ich es; die meinigen ſind faſt kreuzlahm. Ich bin in zwei Stunden zu⸗ rück. Louis, mache den Wirth für Deinen Kamara⸗ den hier.“ 168 Und der junge Mann warf ſich ſo leicht in den Sattel, als wenn er wie ſein Reitthier erſt andert⸗ halb Meilen für den Tag gemacht hätte. Dann zu dem Reiſenden ſich wendend, fragte er: „Sind Sie bereit, mein Herr 2“ Auf das bejahende Zeichen deſſelben gingen Beide ab. Nach einem viertelſtündigen Stillſchweigen ertönte ein Schrei hundert Schritte vor ihnen. Meiſter Mare fuhr zuſammen und fragte, woher dieſes Geſchrei komme. „Von unſerer Vorhut,“ antwortete der Vendéei⸗ ſche Häuptling;„er fragt nach ſeiner Art, ob die Strabe frei iſt; horchen Sie und Sie werden ſo⸗ gleich die Antwort vernehmen.“ Er legte ſeine Hand auf die Schulter des Rei⸗ ſenden und gab, ſelbſt ſein Pferd anhaltend, Mei⸗ ſter Marc das Beiſpiel, deßgleichen zu thun. Wirklich ließ ſich beinahe unmittelbar ein zweiter Schrei hören, der von größerer Ferne kam. Er ſchien das Echo des erſten, ſo ſehr war er ihm gleich. „Wir können weiter gehen, die Straße iſt frei,“ ſprach der Vendeiſche Häuptling, ſein Pferd wieder in Schritt ſetzend. „Wir haben alſo eine Vorhut?“ „Eine Vor⸗ und Nachhutz wir haben einen Mann zweihundert Schritte vor uns und einen Mann zweihundert Schritte hinter uns.“ „Aber wer ſind die, welche unſerer Vorhut ant⸗ worten?²“ „Die Bauern, deren Hütten an der Straße t⸗ — liegen. Geben Sie Acht, wenn wir an einer dieſer Hütten vorbeikommen, werden Sie ſehen, wie ein kleines Dachfenſter ſich öffnet, ein Kopf ſich ſachte durch dieſes Dachfenſter ſteckt, unbeweglich wie von Stein bleibt und erſt verſchwindet, wenn wir ihm aus den Augen ſind; wären wir Soldaten von einem in der Umgegend befindlichen Cantonnement, würde der Mann, der uns beobachtet hat, ſogleich zu einer Hinterthüre hinausgehen; gäbe es nun eine Zu⸗ ſammenrottung in der Nachbarſchaft, ſo wären die dabei Betheiligten von der Annäherung der Colonne, welche ſie überfallen will, eine Viertelſtunde vor deren wirklichem Erſcheinen in Kenntniß geſetzt.“ In dieſem Augenblick unterbrach ſich der Ven⸗ déer⸗Häuptling. „Hören Sie!“ ſagte er. Die beiden Reiter hielten an. „Aber,“ ſprach der Reiſende,„ich habe nur den Ruf unſerer Vorhut gehört, ſcheint mir.“ „Ganz richtig, aber kein Ruf hat ihm geant⸗ wortet.“ „Was will das ſagen?“ „Daß Soldaten in der Umgegend ſind.“ Bei dieſen Worten ſetzte er ſein Pferd in Trott; der Reiſende that desgleichen; beinahe in demſelben Augenblick hörten ſie eilige Schritte; es war der Mann in ihrer Nachhut, der ſo ſchnell ihn ſeine Beine tragen konnten, ſich zu ihnen geſellte. Bei der Verzweigung von zwei Straßen fanden ſie den, welcher ihnen voranſchritt, unbeweglich und unentſchloſſen ſtehen. 1e. 1f. Der Weg ſpaltete ſich, und da man weder von 170 der einen noch andern Seite auf ſeinen Ruf geant⸗ wortet hatte, ſo wußte er nicht, welchen von den beiden Pfaden er einſchlagen ſollte. Beide verfolgten übrigens dieſelbe Richtung, nur war der zur Linken etwas länger, als der rechts. Nach einer augenblicklichen Berathung zwiſchen dem Chef und dem Führer verſenkte ſich der letztere unter das finſtere Gewölbe zur Rechten; fünf Mi⸗ nuten ſpäter thaten der Vendéer⸗Häuptling und der Reiſende daſſelbe, indem ſie auf dem Platz, von dem ſie abgingen, nur den vierten Gefährten zurück⸗ hihen der ihnen nach fünf Minuten gleichfalls olgte. Dieſelben Diſtanzen wurden fortwährend zwiſchen dem Armeecorps und ſeiner Vor⸗ und Nachhut beobachtet. Drei hundert Schritte weiter fanden die beiden Royaliſten ihren Vordermann ſtillſtehend. Dann ließ er mit leiſer Stimme die Worte fallen: „Eine Patrouille.“ Wirklich vernahm man bei aufmerkſamem Hor⸗ chen, aber noch in der Ferne, das regelmäßige Ge⸗ räuſch von Schritten einer Truppenabtheilung auf dem Marſch. Es war eine der mobilen Colonnen des Generals Dermoncourt, welche ihre nächtliche Runde machte. Man war auf einem jener Hohlwege, ſo häuſig in der Vendée damals und noch mehr zur Zeit des großen Kriegs, aber jetzt alle Tage mehr verſchwin⸗ dend, um Vicinal⸗Straßen Platz zu machen; die beiden Böſchungen zeigten ſich ſo ſteil, daß es un⸗ int⸗ den nur hts. chen tere Mi⸗ der von rück⸗ falls ſchen hhut eiden Vorte Hor⸗ 1 Ge⸗ auf onnen htliche häuſig it des hwin⸗ 171 möglich war, die eine oder andere mit Pferden zu erklimmen; es gab alſo nur ein Mittel, nämlich umzukehren, eine offene Stelle zu ſuchen und rechts oder links abzuweichen. Aber ſo gut die Reiter das Geräuſch der Schritte von Fußſoldaten hörten, konnten die Fußſoldaten das Geräuſch der Schritte von Pferden hören und ſich zur Verfolgung derſelben aufmachen, als plötz⸗ lich der Vordermann die Aufmerkſamkeit des ven⸗ déeiſchen Häuptlings auf ſich zog. Er hatte, Dank einem flüchtigen und bereits ver⸗ ſchwundenen Strahl des Mondes den Widerſchein funkelnder Bajonette geſehen, und ſein diagonal er⸗ hobener Finger deutete dem Auge des vendéeiſchen Häuptlings und des Reiſenden die einzuſchlagende Richtung an. Wirklich hatten die Soldaten, um dem Waſſer auszuweichen, welches gewöhnlich nach ſtarken Regen in den Hohlwegen fließt, anſtatt dem von ſeiner doppelten Böſchung beherrſchten Fußpfad zu folgen, eine dieſer Böſchungen erſtiegen und marſchirten nun auf der einen Seite der natürlichen Hecke, welche ſich links von den Reiſenden ausdehnte, weiter. Dieſer Route folgend, kamen ſie zehn Schritte an den im Dunkel des Hohlwegs verlorenen beiden Reitern und den beiden Fußgängern vorüber. Hätte nur eines der beiden Pferde gewiehert, ſo wäre die kleine Truppe gefangen geweſen; aber als ob ſie die Gefahr begriffen hätten, blieben ſie ſo ſtill wie ihre Herrn, und die Soldaten zogen 172 weiter, ohne eine Ahnung davon zu haben, an wem ſie ſo nahe vorübergegangen waren. Als das Geräuſch von den Schritten der Sol⸗ daten ſich in der Ferne verloren hatte, athmeten die Reiſenden wieder auf und ſetzten ſich von Neuem im Marſch. Eine Viertelſtunde ſpäter lenkte man von der Straße ab, und betrat einen Wald. Hier hatte man es leichter; es ſchien nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß die Soldaten ſich Nachts in dieſen Wald hineinwagten, oder wenigſtens eine andere Route, als die großen Arterien, welche ihn durch⸗ ſchneiden, verfolgten. Indem man nun einen der nur von den Leuten der Gegend gekannten und von der ordnungswidrigen Willkür der Fußgänger ge⸗ bahnten Pfade einſchlug, hatte man nichts zu fürchten. Man ſtieg vom Pferdez man ließ die beiden Reitthiere den Händen des einen von den Weg⸗ weiſern, der andere verſchwand ſchnell in dem Wald⸗ dunkel, das durch die erſten Blätter des Mai noch dichter gemacht wurde. Der Vendéer⸗Häuptling und der Reiſende ſchlu⸗ gen dieſelbe Route wie er ein. Es war offenbar, daß man ſich dem Ziel der Reiſe näherte; das Zurücklaſſen der Pferde diente zum Beweis dafür. Wirklich hatten Meiſter Marc und ſein Führer kaum zweihundert Schritte gemacht, als ſie das Huhu der Nachteule vernahmen. Der Vendeéeiſche Häuptling brachte ſeine Hände — räuſch dem in B T Freu⸗ Rüde Auge ſchäft ring⸗ 5 der wele 7 wün 4 déer Pier gnü⸗ Har mit den Füt „an Sol⸗ neten euem n der wahr⸗ dieſen indere durch⸗ en der d von er ge⸗ ts zu beiden Weg⸗ Wald⸗ gi noch ſölu. giel der diente Führer ſie das Hände —— aneinander und ließ zur Antwort auf dieſen Schrei das ſcharfe Krächzen des Käuzchens vernehmen. Der Nachteulenſchrei ertönte von Neuem. „Da kommt unſer Mann!“ ſprach der Vendéer⸗ Häuptling. Zehn Minuten ſpäter vernahm man das Ge⸗ räuſch von Schritten, unter welchen das Gras auf dem Pfade kniſterte, und der Führer erſchien wieder in Begleitung eines Fremden. Dieſer Fremde war kein Anderer als unſer Freund Jean Oullier, der einzige und folglich erſte Rüdenknecht des Marquis von Souday, der für den Augenblick ſeinen Jagden entſagt hatte, ganz be⸗ ſchäftigt mit den politiſchen Ereigniſſen, welche ſich rings um ihn abrollten. Bei ſeinen beiden andern Vorſtellungen hatte der Reiſende gehört, wie ſein Führer und der, an welchen er ſich wandte, die Worte wechſelten: ⸗* „Hier iſt ein Herr, der Monſieur zu ſprechen wünſcht.“ Dießmal änderte ſich die Formel; und der Ven⸗ déer⸗Häuptling ſagte zu Jean Oullier: „Mein Freund, hier iſt ein Herr, der Petit⸗ Pierre zu ſprechen wünſcht.“ Worauf Jean Oullier ſich zu antworten be⸗ gnügte: „Er komme mit mir!“ Der Reiſende bot dem Vendéer⸗Häuptling die Hand und drückte ſie ihm herzlich; darauf fuhr er mit derſelben Hand in die Taſche, in der Abſicht, den Inhalt ſeiner Börſe zwiſchen ſeinen beiden Führern zu theilen. 174 Aber der Vendéer⸗Häuptling errieth dieſe Ab⸗ ſicht; er legte deßwegen ſeine Hand auf deſſen Arm und machte ihm ein Zeichen, einer Freigebigkeit nicht Folge zu leiſten, welche der brave Bauer für eine Beleidigung nehmen würde. Meiſter Marc begriff und ein Händedruck brachte ſeine Rechnung mit dem Bauern ins Reine, wie bei dem Häuptling geſchehen war. „Folgen Sie mir.“ Die Trennung war ſo kurz, wie die Einladung lakoniſch geweſen. Der Reiſende gewöhnte ſich allmälig an dieſe geheimnißvollen und kurzen Formen, die für ihn etwas Neues waren, aber ihm die zum Ausbruch gekommene Verſchwörung, wenigſtens die bevor⸗ ſtehende Inſurrection andeuteten. Beſchattet von ihren großen Hüten, hatte er kaum das Geſicht des vendéeiſchen Häuptlings und ſeiner beiden Führer geſehen. In dem dichten Walde ſah er kaum die Geſtalt Jean Oulliers ſich neben ihm bewegen. Inzwiſchen verkürzte dieſe Geſtalt, die vor ihm herſchritt, allmälig ihre Schritte, bis ſie ſich an ſeiner Seite befand. Der Reiſende fühlte unbeſtimmt, daß ſein Führer ihm etwas zu ſagen habe, und horchte. Wirklich hörte er neben ſich zwei Worte wie gemurmelt: „Wir werden beſpionirt; ein Mann folgt uns im Walde; beunruhigen Sie ſich nicht darüber, wenn Sie mich verſchwinden ſehen; warten Sie auf mich an der Stelle, wo ich verſchwunden bin. — e Ab⸗ n Arm it nicht ir eine brachte vie bei ladung n dieſe füür ihn isbruch bevor⸗ atte er gs und Geſtalt vor ihm n ſeiner 3 4 Führer rte wie gt uns r, wenn zuf mich Der Reiſende antwortete durch ein einfaches Zeichen mit dem Kopf, welches ſagen wollte: „Gut; thun Sie, was Sie wollen.“ Man machte noch fünfzig Schritte. Auf einmal ſtürzte ſich Jean Oullier in das Gehölz. Man hörte zwanzig oder dreißig Schritte in dem dichten Walde den Laut, welchen ein Reh von ſich gibt, wenn es im Schrecken auffährt. Dieſes Geräuſch entfernte ſich ebenſo ſchnell, als wäre es wirklich ein Reh, welches daſſelbe verur⸗ ſachte. In derſelben Richtung hörte man die Schritte Oulliers ſich entfernen. Dann erloſch das Geräuſch. Der Reiſende lehnte ſich an eine Eiche und wartete.. Nach zwanzig Minuten Wartens ſprach eine Stimmen neben ihm: „Gehen wir?“ Er fuhr zuſammen; es war die Stimme von Jean Oullier. Allein der alte Wildhüter war ſo leiſe wieder gekommen, daß kein Geräuſch ſeine Rückkehr verra⸗ then hatte. „Nun?“ fragte der Reiſende. „Das Neſt leer,“ antwortete Jean Oullier. „Niemand?“ „Jemand; aͤber es iſt ein Schelm, der den Wald ſo gut kennt wie ich.“ „So daß Sie ihn nicht einholen konnten.“ Jean Oullier ſchüttelte verneinend den Kopf, als ——— 176 ob es ihn Ueberwindung gekoſtet hätte, mit der Stimme auszuſprechen, daß ihm ein Mann entwiſcht war. „Sie wiſſen nicht wer?“ fuhr der Reiſende fort. „Ich habe eine Ahnung,“ antwortete Jean Oul⸗ lier, den Arm nach Süden ausſtreckend,„aber in jedem Fall iſt es ein Uebelwollender.“ Dann, als man den Saum des Waldes erreicht hatte, ſagte er: „Wir ſind an Ort und Stelle.“ Und wirklich ſah Meiſter Mare die kſeine Meierei la Bouloeuvre ſich vor ihm erheben. Jean Oullier ſchaute aufmerkſam zu beiden Sei⸗ ten des Weges hin. So weit das Auge reichte, war der Weg frei. Sie folgten dem Weg, ſie kamen ohne Hinder⸗ niß vor einer Meierei an, deren Thüre Jean Oullier öffnete. Als die Thüre offen war, ſagte er: „Kommen Sie.“ Meiſter Marc überſchritt nun gleichfalls die Straße und verſchwand unter der aufgeſperrten Vorhalle. Die Thüre ſchloß ſich hinter den beiden Männern. Eine weiße Geſtalt erſchien auf der Freitreppe. „Wer geht hier?“ fragte eine Frauenſtimme, aber ſtark und gebieteriſch. „Ich, Mademoiſelle Bertha,“ antwortete Jean Oullier. „Aber Ihr ſeid nicht allein, mein Freund?“ „Der Herr von Paris iſt bei mir, der mit Petit⸗ Pierre zu ſprechen begehrt.“ der iiſcht fort. Dul⸗ r in eicht ierei Sei⸗ frei. ader⸗ allier die rrten nern. eppe. mme, Jean 21 Petit⸗ Bertha ſtieg hinab und trat auf den Fremden zu. „Kommen Sie, mein Herr,“ ſagte ſie. Und das Mädchen führte Meiſter Marc in ein armſelig möblirtes Gemach. Ein großes Feuer war angezündet, und neben dem Feuer ſtand auf einem gedeckten Tiſch ein vollſtän⸗ diges Souper. 4 „Setzen Sie ſich, mein Herr,“ ſprach das Mäd⸗ chen mit vollkommener Grazie, die jedoch nicht ganz frei von einem männlichen Anſtrich war, der ihr eine große Originalität gab;„Sie müſſen Hunger und Durſt haben; eſſen und trinken Sie. Petit⸗ Pierre ſchläft; aber er hat Befehl gegeben, ihn zu wecken, wenn Jemand von Paris käme; Sie kom⸗ men von Paris?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „In zehn Minuten bin ich bei Ihnen.“ Und Bertha verſchwand wie eine Viſion. Der Reiſende blieb einige Sekunden unbeweglich vor Erſtaunen; er war ein Beobachter und hatte nie bei einer ſolchen Entſchiedenheit des Willens mehr Grazie und mehr Reiz geſehen. Man hätte ſagen können, der junge Achilles als Frau verkleidet und ehe er noch das Schwert des Ulyſſes geſehen hat. So dachte der Reiſende, ganz verſunken in dieſe Vorſtellung, oder in diejenigen, welche ſich daran knüpften, weder an Eſſen noch Trinken. Linn Augenblick nachher kehrte das Mädchen zurück. „Petit⸗Pierre iſt bereit, Sie zu empfangen, mein Herr,“ ſagte ſie. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 12 178 Der Reiſende ſtand auf; Bertha ſchritt vor ihm her. Sie hielt in der Hand eine kleine Fackel, welche von ihr emporgehoben wurde, um die Treppe zu beleuchten, aber zugleich ihr Geſicht beleuchtete. Der Reiſende betrachtete mit Verwunderung ihre ſchönen Haare und ihre ſchönen ſchwarzen Augen; ihr matter Teint, mit dem ſonnengebräunten jugend⸗ lichen Anflug der Geſundheit, und dieſer feſte, un⸗ gezwungene Gang, der die Cöttin zu offenbaren ſchien. Er flüſterte mit einem Lächeln, an ſeinen Virgil ſich erinnernd, jenen Mann, der ſelbſt eine Erinne⸗ rung des Alterthums iſt: „Incessu patuit dea.“*) Das Mädchen klopfte an die Thüre eines Zimmers. „Herein!“ antwortete einé Frauenſtimme. Die Thüre öffnete ſich; das Mädchen verneigte ſich leicht, um den Reiſenden vorbeizulaſſen; man ſah wohl, daß Demuth nicht ihre vornehmſte Tugend war. Der Reiſende ſchritt vor; die Thüre ſchloß ſich hinter ihm; das Mädchen blieb außen. L. Ein wenig Geſchichte ſchadet nichts. Der Reiſende gewahrte ein großes Gemach von friſchem Bau, deſſen Wände von Feuchtigkeit ſchwitz⸗ ten und deſſen Täfelwer ſein weiches Holz durch den dünnen Anſtrich, er daſſelbe bedeckte, ſehen ließ. *) An ihrem Gang erkannte man die Göttin. A. d. U. ihm belche e zu ihre igen; gend⸗ , un⸗ baren Virgil einne⸗ mers. neigte man ugend dß ſich 179 In dieſem Gemach erblickte er auf einem Bett von weichem, grobbehauenem Holze eine Frau und in dieſer Frau erkannte er Madame, die Herzogin von Berry. Meiſter Marc's Aufmerkſamkeit concentrirte ſich völlig auf ihr. Die Tücher des elenden Lagers waren von ſehr feinem Batiſt; dieſer Luxus von weißem und ſei⸗ denartigem Leinenzeug war das Einzige, was an ihren Rang in der Welt erinnerte. Ein roth⸗ und grünkarrirter Shawl diente als Decke; ein ſchlechter Kamin von Gyps, von leichtem Täfelwerk eingefaßt, erwärmte das Gemach, das ſtatt aller Meubel nur einen mit Papieren bedeckten Tiſch hatte, auf welchem ein Paar Piſtolen lagen. Zwei Stühle ſtanden, der eine vor jenem Tiſch, der andere am Fuß des Bettes; auf dieſem lagen die Kleider, auf jenem ein vollſtändiger Anzug für einen Bauern und eine braune Perücke. Die Prinzeſſin trug auf dem Kopf eine jener wollenen Hauben, wie ſie die Frauen des Landes tragen, und deren Backenſtreifen auf ihre Schultern herunterfielen. Beim Schein zweier Kerzen auf einem ſtarkriſſi⸗ gen Nachttiſche von Roſenholz, offenbar dem Ueber⸗ reſt des alten Mobiliars von einem Schloſſe, durch⸗ ſchaute die Herzogin ihre Correſpondenz. Eine ziemlich große Anzahl Briefe, auf demſel⸗ ben Nachttiſche liegend und anſtatt eines Papierbe⸗ ſchwerers durch ein Paar Piſtolen zuſammengehal⸗ ten, warteten, bis die Reihe an ſie kam. Madame ſchien ungeduldig, den Neijenden kom⸗ 180 men zu ſehen, denn als ſie ihn gewahr wurde, erhob ſie ſich zur Hälfte aus ihrem Bett, um ihm ihre beiden Hände entgegenzuſtrecken. Dieſer erariff ſie, küßte ſie reſpectvoll, und die Herzogin fühlte eine Thräne, welche aus den Augen ihres treuen Anhängers auf diejenige der beiden Hude fiel, welche er in den ſeinigen behalten atte. „Eine Thräne, mein Herr,“ ſprach die Herzogin, „bringen Sie mir ſchlimme Botſchaft?“ „Dieſe Thräne kommt aus meinem Herzen, Ma⸗ dame,“ antwortete Meiſter Marc;„ſie drückt nichts als meine Ergebung und das tiefe Bedauern aus, welches ich empfinde, Sie ſo vereinſamt und verlo⸗ 1n in einer Meierei der Vendée zu ſehen, Sie, die ich.. Er hielt inne, die Thränen hinderten ihn wei⸗ ter zu reden. Die Herzogin nahm ſeine Worte auf und fuhr da fort, wo er abgebrochen hatte. „Ja, in den Tuilerien geſehen habe, nicht wahr? auf den Stufen des Thrones. Eil mein Herr, ich war daſelbſt ganz gewiß ſchlechter bewacht und we⸗ niger gut bedient als hier; denn hier bin ich bedient und bewacht von der Treue, welche ſich aufopfert, dort war ich es von dem Intereſſe, welches berech⸗ net; aber kommen wir zum Zweck, dem ich Sie, ich geſtehe es, nicht ohne Unruhe ausweichen ſehe. Neues von Paris, ſchnell: haben Sie mir Gutes zu melden?“ „Glauben Sie, Madame,“ antwortete Meiſter Marc, glauben Sie dem tiefen Bedauern von mir, 1 die gen den ten gin, Na⸗ chts us, rlo⸗ die vei⸗ uhr hr? ich we⸗ ient fert, tech⸗ ich ehe. 3 zu iſter mir, einem Mann des Enthuſiasmus, genöthigt worden zu ſein, mich zum Botſchafter der Vorſicht zu machen. „Ah! ah!“ rief die Herzogin,„während meine Freunde in der Vendée ſich tödten laſſen, ſind meine Freunde zu Paris vorſichtig, wie mir ſcheint? Sie ſehen wohl, daß ich Grund genug hatte, Ihnen zu ſagen, daß ich hier beſſer bewacht und vor Allem beſſer bedient ſei als in den Tuilerien.“ „Beſſer bewacht, vielleicht, aber beſſer bedient, nein. Es gibt Augenblicke, wo die Vorſicht der Schutzgeiſt des Gelingens iſt.“ „Aber, mein Herr,“ antwortete die Herzogin ungeduldig,„ich bin ſo gut über Paris unterrichtet wie Sie und weiß, daß eine Revolution bevorſteht.“ „Madame,“ erwiderte der Advokat mit ſeiner fe⸗ ſten und ſonoren Stimme,„wir leben ſeit anderthalb Jahren unter Aufſtänden, und noch keiner dieſer Aufſtände hat ſich zur Höhe einer Revolution zu erheben vermocht.“ „Louis Philipp iſt unpopulär.“ „Ich gebe es Ihnen zu, aber dieß will noch nicht ſagen, daß Heinrich V. populär ſei.“ „Heinrich V.! Heinrich V.! Mein Sohn heißt nicht Heinrich V., mein Herr,“ rief die Herzogin unge⸗ duldig,„er heißt der zweite Heinrich IV.“ „In dieſem Betracht, Madame,“ antwortete der Advokat,„iſt er noch zu jung, erlauben Sie mir, es zu ſagen, als daß wir ſeinen wahren Namen wiſſen könnten; dann iſt man, je mehr man einem Oberhaupt ergeben iſt, Madame, deſto mehr ihm die Wahrheit ſchuldig.. „O ja! die Wahrheit, ich fordere ſie, ich will 3 6 1 4 182 ſie, aber die ganze vollſtändige Wahrheit, verſtehen Sie!“ dam „Wohlan, Madame! die Wahrheit, hier iſt ſie! Wu zum Unglück verlieren ſich die Erinnerungen der und Völker in einem engen Horizont; für das Volk gibt.. es zwei große Erinnerungen, deren erſte, bis zu Lili dreiundvierzig, deren zweite bis zu ſiebzehn Jahren„ hinaufreicht. Die erſte iſt die Erſtürmung der Ba⸗ nur ſtille, das heißt, der Sieg des Volks über das Kö⸗ 3 Nie nigthum, der Sieg, welcher der Nation die dreifar⸗ Sie bige Fahne gegeben hat; die zweite iſt die doppelte vor Reſtauration von 1814 und von 1815, der Sieg des des Königthums über das Volk, der die weiße Fahne ger über dem Lande erhoben hat. Nun, Madame, Ke bei den großen Bewegungen iſt Alles Symbol! die rie dreifarbige Fahne iſt das Labarum*) der Freiheit. we Sie trägt auf ihrem Wimpel geſchrieben:„In die⸗ du ſem Zeichen wirſt Du ſiegen.“ Die weiße Fahne er iſt das Banner des Despotismus; ſie trägt auf 4 beiden Seiten geſchrieben:„In dieſem Zeichen biſt rü Du beſiegt worden.“ „Mein Herr!“ le „Ach! Sie wollen die Wahrheit, Madame; ſo laſſen Sie mich dieſelbe ſagen.“ „Es ſei; aber wenn Sie geſprochen haben, wer⸗ ei den Sie mir erlauben, Ihnen zu antworten.’“ „Ja, Madame, und ich werde mich ſehr glücklich ſj ſchätzen, wenn dieſe Antwort mich überzeugen kann.“ „Fahren Sie fort.“ *) Die Kriegsfahne Konſtantins mit dem Zeichen Aes Keiuzes. „ d. U.. „Sie haben Paris den 28. Juli verlaſſen, Ma⸗ dame; Sie haben alſo nicht geſehen, mit welcher Wuth das Volk die weiße Fahne in Stücke zerriſſen und die Lilien mit Füßen getreten hat.“ „Die Fohne von Denain und Taillebourg? die Lilien des heiligen Ludwig und Ludwigs XIV.“ „Unglücklicher Weiſe, Madame, erinnert ſich das Volk nur Waterloo's, kennt das Volk nur Ludwig XVI.; eine Niederlage und Exekution. Wohlan! Madame, wiſſen Sie die größte Schwierigkeit, die ich für Ihren Sohn vorausſehe, das heißt, für den letzten Abkömmling des heiligen Ludwig und Ludwigs XIV.? Das iſt gerade die Fahne von Taillebourg und Denain. Kehrt Se. Maj. Heinrich V. oder der zweite Hein⸗ rich IV., wie Sie ihn einſichtsvoll nennen, mit der weißen Fahne nach Paris zurück, ſo wird er nicht durch die Vorſtadt Saint⸗Antoine kommen. Ehe er bei der Baſtille anlangt, iſt er todt.“ „Uind kehrt er mit der dreifarbigen Fahne zu⸗ rück?“ „Noch ſchlimmer, Madame, ehe er bei den Tui⸗ lerien anlangt, iſt er beſchimpft.“ Die Herzogin fuhr auf, aber blieb ſtumm. „Es iſt vielleicht die Wahrheit,“ ſagte ſie nach einer Minute Stillſchweigens,„aber ſie iſt hart.“ „Ich habe ſie Ihnen ganz und vollſtändig ver⸗ ſprochen, und ich halte mein Verſprechen.“ 34 Die Herzogin blieb noch einen Augenblick ſtumm. „Das ſind nicht die Nachweiſungen, die ich über Frankreich erhalten habe, und wodurch ich beſtimmt worden bin, nach Frankreich zurückzukehren,“ ſagte ſie endlich. —— 184 „Allerdings nicht, Madame, aber man muß et⸗ was bedenken, nämlich, daß wenn die Wahrheit zu⸗ weilen bis zu regierenden Fürſten gelangt, ſie nie zu entthronten Fürſten gelangt.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, mein Herr, daß man Sie in Ihrer Eigenſchaft als Ad⸗ vokat beargwohnen kann, als legen Sie ſich auf das Paradoxe.“ „Das Paradoxe, Madame, iſt in der That eine der Seiten der Beredtſamkeit. Nur handelt es ſich hier, vor Ihrer Königlichen Hoheit, nicht darum, beredt, ſondern wahr zu ſein.“ „Verzeihung! Sie ſagten ſo eben, daß die Wahr⸗ heit niemals zu entthronten Fürſten gelange. Ent⸗ weder täuſchten Sie ſich ſo eben ſelbſt, oder täuſchen Sie mich jetzt.“ Der Advokat biß ſich auf die Lippen; er war in ſeinem eigenen Dilemma gefangen. „Habe ich geſagt niemals, Madame?“ „Sie haben niemals geſagt.“ „Nun ſo nehmen wir an, daß es eine Ausnahme gebe, und daß mir Gott geſtattet habe, dieſe Aus⸗ nahme vorzuſtellen.“ „Ich nehme es an und frage Sie, warum die Wahrheit nie zu entthronten Fürſten gelangt?“ „Weil die Fürſten auf dem Thron, ſtreng genom⸗ men, von befriedigten Beſtrebungen des Ehrgeizes umgeben ſein können, aber die entthronten Fürſten es nothwendiger Weiſe von erſt zu befriedigenden Beſtrebungen des Ehrgeizes ſind. Ohne Zweifel, Madame, gibt es um Sie her einige edle Herzen, welche ſich mit vollkommener Selbſtverleugnung ß et⸗ t zu⸗ nie mein Ad⸗ auf eine ſich um, ahr⸗ Ent⸗ chen war hme us⸗ die om⸗ zes ſten den fel, en, ung aufopfern; aber es gibt auch nicht gar wenige Per⸗ ſonen, welche in Ihrer Rückkehr nach Frankreich einen Ihrem Gefolge gebahnten Weg erkennen, auf welchem ſie zu Reputation, zu Vermögen und Ehren emporſteigen werden. Es gibt auch Mißver⸗ gnügte, die ihre Stellung verloren haben und ſie auf einmal wieder gewinnen und ſich an denen rächen wollen, welche ſie ihnen genommen haben. Nun! alle dieſe Leute ſehen die Thatſachen nur ſchlecht, beurtheilen die Situation nur ſchlecht; ihre Wünſche ſprechen ſich in Hoffnungen, ihre Hoff⸗ nungen in Gewißheiten aus; ſie träumen ohne Un⸗ terlaß von einer Revolution, welche vielleicht kommt, aber gewiß nicht zu der Stunde, die ſie erwarten, kommen wird; ſie täuſchen ſich und täuſchen Sie. Sie fangen damit an, ſich ſelbſt zu beluſtigen, und hernach lügen ſie Ihnen vor; ſie ziehen Sie in eine Gefahr, worin ſie ſich zu ſtürzen bereit ſind. Daher der Irrthum, der verhängnißvolle Irrthum, den dieſelben Sie, Madame, haben theilen laſſen und den Sie nothwendig als Irrthum erkennen müſſen im Angeſicht der unbeſtreitbaren Wahrheit, die ich bieict grob, aber getreu vor Ihren Blicken ent⸗ ülle. „Kurz,“ ſprach die Herzogin, um ſo ungeduldiger, je mehr dieſe Worte das beſtätigten, was Sie ſchon auf Schloß Souday gehört hatte,„was bringen Sie in den Falten Ihrer Toga, Meiſter Cicero? Iſt es Frieden oder Krieg?“ „Da es ſich verſteht, daß wir in den Traditionen des conſtitutionellen Königthums bleiben, ſo werde ich Ihrer Königlichen Hoheit antworten, daß es ihr 186 in ihrer Eigenſchaft als Regentin zukommen wird, darüber zu entſcheiden.“ „Ja, nicht wahr? Meine Kammern werden wei⸗ ter nichts, als mir Subſidien verweigern, nicht wahr, wenn ich nicht entſcheide, wie es ihnen anſteht? O! ich kenne alle die Blendwerke Ihres conſtitutio⸗ nellen Régime's, Meiſter Mare, deren vornehmſtes Uebel meiner Anſicht nach iſt, die Geſchäfte haupt⸗ ſächlich nicht durch die zu führen, welche am beſten, ſondern durch die, welche am meiſten reden. Doch machen wir es kurz, Sie haben die Meinungen meiner getreuen und vertrauten Rathgeber über den günſtigen Zeitpunkt einer Schilderhebung ſam⸗ meln müſſen; welches iſt er? Was denken Sie ſelbſt davon? Wir haben viel von der Wahrheit geſpro⸗ chen; das iſt manchmal ein ſchreckliches Geſpenſt. doch macht nichts; obgleich Frau, zögere ich nicht, es heraufzubeſchwören.“ „Weil ich völlig überzeugt bin, daß der Stoff von zwanzig Kön igen in dem Kopf und Herzen von Madame liegt, habe ich nicht Anſtand genommen, mich mit einer Miſſion zu befaſſen, welche ich als eine ſchmerzliche betrachte.“ „Ah! da ſind wir endlich. Wohlan, weniger Diplomatie, Meiſter Marc; ſprechen Sie laut und feſt, wie man mit dem ſpricht, der ich hier bin, das heißt, ein Soldat.“ Dann, als ſie bemerkte, daß der Reiſende, nachdem er ſeine Halsbinde abgenommen, dieſelbe aufzutren⸗ nen ſuchte, um ein Papier herauszunehmen, rief ſie ungeduldig: „Geben Sie, geben Sie, ich bin bälder damit fertig, als Sie.“ Es war ein in Chiffern geſchriebener Brief. Die Herzogin warf einen Blick darauf und gab ihn dann Meiſter Mare mit den Worten zurück: „Ich verliere meine Zeit damit, ihn herauszu⸗ buchſtabiren; leſen Sie ihn mir. Es muß Ihnen leicht ſein, denn Sie wiſſen ohne Zweifel den Inhalt.“— Meiſter Marc nahm das Papier aus den Händen der Herzogin und las wirklich ohne Zögern wie folgt: „Die Perſonen, welchen man ein ehrenvolles Vertrauen geſchenkt hat, können nicht umhin, ihren Schmerz über Rathſchläge auszudrücken, welchen zu⸗ folge man bei der gegenwärtigen Kriſe angelangt iſt. Dieſe Rathſchläge wurden ohne Zweifel von Perſonen gegeben, die voll Eifers waren, aber weder den wirklichen Stand der Dinge noch die Stimmung der Geiſter kannten.“ „Man täuſcht ſich, wenn man an die Möglichkeit einer Bewegung in Paris glaubt; man fände nicht zwölfhundert Menſchen, ohne mit Polizei⸗Agenten vermiſcht zu ſein, welche für einige Thaler einen Straßenlärm machen würden und ſich mit der Na⸗ tionalgarde und einer treuen Garniſon zu ſchlagen hätten.“ „Man täuſcht ſich über die Vendée, wie man ſich über den Süden getäuſcht hat: jenes Band der Er⸗ gebenheit und der Opfer wird durch eine zahlreiche, von einer beinahe ganz anti⸗legitimiſtiſchen Städte⸗ bevölkerung unterſtützts Armee ſtets im Athem ge⸗ halten; ein Aufſtand der Bauern würde jetzt nur 188 dazu führen, die Felder ausplündern zu laſſen und die Regierung durch einen leichten Triumph zu be⸗ feſtigen.“ „Man denkt, wenn die Mutter Heinrichs V. in Frankreich wäre, ſollte ſie ſich beeilen, es zu ver⸗ laſſen, nachdem ſie allen Chefs den Befehl gegeben hat, ſich ruhig zu verhalten. So wäre ſie, anſtatt gekommen zu ſein, den Bürgerkrieg zu organiſiren, erſchienen, den Frieden zu begehren, und hätte den doppelten Ruhm, eine unbun großen Muths zu vollbringen und der Vergießung franzöſiſchen Bluts vorzubeugen.“ „Die beſonnenen Freunde der Legitimität, die man niemals darüber, was man thun wollte, be⸗ nachrichtigt hat, die niemals über die gewagten Ent⸗ ſchließungen, die man faſſen wollte, befragt worden ſind, die von den Thatſachen nur erfahren haben, wenn ſie geſchehen waren, weiſen die Verantwort⸗ lichkeit für dieſe Thatſachen denen zu, welche dabei die Rathgeber und Anſtifter geweſen ſind. Sie können unter den Wechſelfällen des Glücks oder des Un⸗ glücks weder die Ehre verdienen noch dem Tadel Aufmunterung geben.“ Während dieß geleſen wurde, war Madame eine Beute lebhafter Aufregung. Ihr Geſicht, gewöhnlich blaß, hatte ſich mit Röthe bedeckt; ihre zitternde Hand fuhr durch ihre Haare hin und her und ſchob die wollene Haube zurück, welche ſie auf dem Kopf trug. Sie hatte kein Ausrufungswort vorgebracht, ſie hatte den Leſer mit nichts unterbrochen, aber es war offenbar, daß ihre Ruhe einem Sturm voran⸗ ging. Um ihn abzuwenden, beeilte ſich Meiſter und u be⸗ V. in ver⸗ geben nſtatt ſiren, 2e den hs zu Bluts „ die „be⸗ Ent⸗ orden aben, wort⸗ dabei onnen Un⸗ Tadel eine ynlich ernde ſchob Kopf racht, er es dran⸗ eiſter Mare, indem er den wieder zuſammengefalteten Brief zurückgab, beizuſetzen: „Ich bin es nicht, Madame, der dieſen Brief geſchrieben hat.“ „Nein,“ antwortete die Herzogin, unfähig, ſich länger zurückzuhalten,„aber der, welcher ihn ge⸗ bracht hat, war wohl im Stande, ihn zu ſchreiben.“ Der Reiſende begriff, daß er mit Kopfbücken über dieſe lebhafte und erregbare Natur nichts gewann; er richtete ſich alſo in ſeiner ganzen Höhe auf: „Ja,“ ſprach er und erröthete über eine augenblickliche Schwäche;„und er erklärt Eurer Königlichen Hoheit, daß wenn er auch gewiſſe Aus⸗ drücke des Briefs nicht billigt, er wenigſtens das Gefühl, welches ihn dictirt hat, theilt.“ „Das Gefühl!“ wiederholte die Herzogin,„nennen Sie dieſes Gefühl Selbſtſucht, nennen Sie es eine Vorſicht, welche ſtarke Aehnlichkeit hat mit... „Feigheit! micht wahr, Madame? Wirklich iſt das Herz ſehr feig, das Alles verlaſſen hat, um an einer Situation ſich zu betheiligen, wozu es nicht gerathen hat. Wahrhaft ſelbſtſüchtig iſt Derjenige, der gekommen, Ihnen zu ſagen: Sie wollen die Wahrheit, Madame? hier iſt ſie! Aber wenn es Eurer Königlichen Hoheit beliebt, zu einem ebenſo unnützen als gewiſſen Tod auszuziehen, ſo wird ſie mich an ihrer Seite ziehen ſehen.“ Die Herzogin blieb einige Augenblicke ſtill, dann nahm ſie wieder mit mehr Gelaſſenheit das Wort: „Ich ſchätze Ihre Ergebenheit, mein Herr, aber Sie kennen den Stand in der Vendeée ſchlecht, Sie 190 wurden darüber nur von denen unterrichtet, welche einer Bewegung abgeneigt ſind.“ „Es mag ſein. Nehmen wir an, was aber nicht ſo iſt, die Vendée wolle ſich wie ein Mann erheben, nehmen wir an, dieſelbe wolle Sie mit ihren Ba⸗ taillons umgeben, nehmen wir an, dieſelbe werde mit Ihnen um Blut und Opfer nicht feilſchen, ſo iſt doch die Vendée nicht Frankreich.“ „Nachdem Sie mir geſagt haben, das Volk von Paris haſſe die Lilien und verachte die weiße Fahne, wollen Sie mir nun weiter ſagen, ganz Frankreich theile die Geſinnungen von Paris?“ „Ach! Madame, Frankreich denkt vernunftmäßig und wir jagen einer Chimäre nach, indem wir von einem Bündniß zwiſchen dem göttlichen Recht und der Volksſouverainetät träumen, zwei Worten, welche, wenn ſie ſich zuſammengeſtellt fühlen, zu einem Geheul werden.“ „Alſo muß ich, Ihrer Meinung nach, allen meinen Hoffnungen entſagen, meine compromittirten Freunde im Stich laſſen und in drei Tagen, wenn ſie die Waffen ergreifen, ſie vergeblich in ihren Reihen mich ſuchen, ihnen durch einen Fremden ſagen laſſen: Marie Caroline, für welche Ihr be⸗ reit waret, zu kämpfen, für welche Ihr bereit waret, zu ſterben, hat an ihrem Glück verzweifelt und iſt vor dem Schickſal zurückgewichen; Marie Caroline hat ſich gefürchtet! O nie! nie, nie, mein Herr!“ „Ihre Freunde werden Ihnen dieſen Vorwurf nicht zu machen haben, denn in drei Tagen werden Ihre Freunde ſich nicht vereinigen.“ welche nicht heben, n Ba⸗ werde „ſo iſt — k von fahne, akreich mäßig r von ſt und velche, einem allen ttirten wenn ihren emden hr be⸗ waret, und iſt rroline eur!“ Srwurf verden „Sie wiſſen alſo nicht, daß die Schilderhebung auf den vierundzwanzigſten feſtgeſetzt iſt?“ „Ihre Freunde, Madame, haben Contreordre erhalten müſſen.“ „Wann?“ „Heute!“ rief die Herzogin, die Stirne runzelnd und ſich auf ihre beiden Fäuſte aufrichtend,„und woher iſt ihnen dieſe Ordre zugekommen?“ „Von Nantes.“ „Wer hat ſie ihnen gegeben?“ „Der, gegen den Sie ſelbſt ihnen Gehorſam anbefohlen haben.“ „Der Marſchall?“ „Der Marſchall hat nichts gethan, als die In⸗ ſtructionen des Pariſer Comité's befolgt.“ „Dann bin ich alſo,“ rief die Herzogin,„nichts mehr?“ „Sie, Madame? im Gegentheil,“ ſagte der Bote ſich auf ein Knie niederlaſſend und die Hände faltend, „Sie ſind Alles, und eben deßwegen wollen wir Sie ſchützen; deßwegen wollen wir nicht, daß Sie ſich in einer vergeblichen Bewegung abnützen; deß⸗ wegen zittern wir, Sie durch eine Niederlage um Ihre Popularität gebracht zu ſehen.“ „Ol o!“ rief die Herzogin, nicht ihre Hände, ſondern ihre Fäuſte auf die Augen drückend,„welche Schmach! welche Feigheit!“ Meiſter Mare fuhr fort, als ob er nichts gehört hätte, oder vielmehr, als ob die Entſchließung, von welcher er Madame in Kenntniß zu ſetzen über⸗ 192 nommen hatte, ſo beſtimmt wäre, daß nichts ſie zu ändern vermöchte. „Alle Vorſichtsmaßregeln ſind getroffen, daß Madame Frankreich ohne Beunruhigung verlaſſen kann; ein Fahrzeug kreuzt in der Bai von Bourg⸗ neuf, in drei Stunden kann Eure Hoheit an Bord deſſelben ſein.“ „O edles Land der Vendée!“ rief die Herzogin, „wer hätte mir das geſagt, daß Du mich zurück⸗ ſtoßen würdeſt, daß Du mich verjagen würdeſt, als ich kam im Namen Deines Gottes und Deines Königs? Ol ich glaubte, daß es nur dieſes Paris ohne Glauben gebe, das treulos und undankbar ſei! Aber Du, Du, zu dem ich kam, um einen Thron wieder zu bitten, Du mir ein Grab verweigern! O! nein, nein, das hätte ich nie geglaubt!“ „Sie werden alſo abreiſen, nicht wahr, Ma⸗ dame?“ ſprach der Bote immer auf den Knieen und mit gefalteten Händen. „Ja, ich werde abreiſen,“ antwortete die Her⸗ zogin,„ja, ich werde Frankreich verlaſſen, aber geben Sie wohl Acht, ich werde nicht mehr dahin zurück⸗ kehren; denn ich will nicht dahin zurückkehren mit Fremden. Sie warten nur auf einen Moment zu einer Coalition gegen Philipp, wie Ihnen wohl bekannt iſt; ſie werden kommen und meinen Sohn von mir begehren, nicht weil ſie ſich in Wahrheit mehr um ihn bekümmern, als ſie ſich um Ludwig XVI. im Jahr 1792 und um Ludwig XVIII. im Jahr 1813 bekümmerten, ſondern es wird nur ein Mittel für ſie ſein, eine Partei zu Paris zu haben. Wohlan! ſie ſo ſoller ihn Sehe Fran Stad erkat Rege Und Gehe dener 3 der ſeine reich entg. Hän dem und nicht rühr hinte gen fiel, mur ſie ſollen dann meinen Sohn nicht haben; nein, ſie ſollen ihn um Nichts in der Welt haben; ich werde ihn eher in die Gebirge Calabriens fortnehmen. Sehen Sie, mein Herr, wenn man den Thron Frankreichs durch Abtretung einer Provinz, einer Stadt, einer Feſtung, eines Hauſes, einer Hütte erkaufen muß, ſo gebe ich Ihnen mein Wort als Regentin und Mutter, daß er nie König ſein wird. Und jetzt habe ich Ihnen nichts mehr zu ſagen. Gehen Sie, mein Herr, und melden Sie meine Worte denen, welche Sie geſchickt haben.“ Meiſter Marc ſtand auf und verbeugte ſich vor der Herzogin, erwartend, daß ſie im Augenblick ſeines Abgangs ihm eine von den beiden Händen reichen werde, welche ſie ihm bei ſeiner Ankunft entgegengeſtreckt hatte. Aber ſie blieb drohend, die Hände feſt geſchloſſen und die Stirne gerunzelt. „Gott leite Eure Hoheit!“ ſprach der Bote, in⸗ dem er es nicht für paſſend hielt, länger zu warten, und mit Grund dachte, daß ſo lang er da wäre, nicht ein Muskel dieſer edlen Organiſation ſich rühren würde. Er täuſchte ſich nicht; kaum hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als Madame, von dieſer lan⸗ gen Anſtrengung gebrochen, auf ihr Bett zurück⸗ fiel, indem ſie in lautes Schluchzen ausbrach und murmelte: 1 „O Bonneville! mein armer Bonneville!“ 13 Dumas, Wölfinnen von Machecoul. 1,1. 194 LI. Wo Petit⸗Pierre ſich entſchließt, im Unglück den Muth nicht ſinken zu laſſen. Unmittelbar nach der eben berichteten Unterredung verließ der Reiſende die Meierei; es war ihm daran gelegen, vor Mittag wieder in Nantes zu ſein. Wenige Minuten nach ſeinem Abgang und wie⸗ wohl kaum zmei Drittel der Nacht vorüber waren, kam Petit⸗Pierre von ſeinem Zimmer herab und trat in den niedrigen Saal des Pachthauſes. Es war ein ungeheures Gemach, deſſen gräuliche Mauern an manchen Stellen von dem Gyps, womit ſie urſprünglich bekleidet geweſen, entblößt und deſſen Balken von Rauch geſchwärzt waren. Es war mit einem großen Schrank möblirt, deſſen Schloß mitten unter den braunen und trüben Maſſen ſchimmerte; die übrigen Geräthſchaften beſtanden aus zwei parallelen Betten mit Vorhängen von grünlicher Sarſche, zwei groben Backtrögen und einer Uhr, die in einen hohen geſchnitzten Holzkaſten einge⸗ ſchloſſen war, und deren monotone Bewegung allein an Leben mitten in dem Schweigen der Nacht erinnerte. Der Kamin war hoch und breit, ſein Mantel von einem Streifen ähnlichen Stoffs wie der bei den Vorhängen eingefaßt, nur war dieſer Streifen aus dem Grünroth in das Schwarzbraun übergegangen. Dieſer Kamin hatte ſeine gewöhnlichen Verzie⸗ rungen, wie die Balken in der Decke die ihrigen hatten: dieſe Ornamente waren, ein Wachsfigürchen, durch eine Glaskugel geſchützt und das Jeſuskind nicht dung daran wie⸗ aren, und uliche vomit deſſen r mit nitten nerte; zwei licher Uhr, einge⸗ allein Nacht Lantel ei den n aus ngen. erzie⸗ grigen rchen, skind darſtellend; zwei Porzellaintöpfe mit künſtlichen Blu⸗ men, um die Mücken davon fern zu halten, mit Gaze bedeckt; eine Doppelflinte und ein Oſter⸗Buchs⸗ Zweig. Dieſer Saal war nur durch einen Plankenver⸗ ſchlag vom Stall getrennt, und durch dieſen mit Klappthüren durchbrochenen Verſchlag ſtreckten die Kühe des Meiers ihre Köpfe, um das Futter, das man auf den Eſtrich des Gemachs legte, zu ver⸗ zehren. Als Petit⸗Pierre, nachdem er ohne Zweifel den Beſitzer der Meierei, den Marquis und ſeine Töchter verabſchiedet hatte, die Thüre öffnete, ſtand ein Mann, der ſich unter dem Kaminmantel wärmte, auf und entfernte ſich reſpektvoll, um dem neuen Ankömmling ſeinen Platz mitten am Herd abzu⸗ treten; aber Petit⸗Pierre machte ihm ein Zeichen mit der Hand, ſeinen Stuhl wieder einzunehmen, den er in die Ecke zurückſchob. Petit⸗Pierre nahm einen Schemel und ſetzte ſich in die andere Ecke, gegenüber von jenem Mann, der kein anderer als Jean Oullier war. Dann legte er ſeinen Kopf in die Hand, ſtützte ſeinen Ellbogen auf das Knie und blieb tief in ſeine Betrachtungen verſunken, während ſein Fuß, den er in fieberhafter Bewegung hin und her zog und der dieſes Zittern dem ganzen Körper, welchen er trug, mittheilte, bewies, daß Petit⸗Pierre unter dem Druck eines lebhaften Widerſtreits ſich befand. Jean Oullier, der gleichfalls ſeine beſondern Vorſtellungen und Sorgen hatte, blieb verdroſſen und ſchweigſam; ſeine Pfeife, die er aus den Munde 1 196 genommen hatte, als Petit⸗Pierre ins Zimmer ge⸗ treten war, drehte ſich mechaniſch zwiſchen ſeinen Fingern, und er entriß ſich ſeinem Nachdenken nur, um Seufzer auszuſtoßen, welche Aehnlichkeit mit Drohungen hatten, oder die Holzſtücke, welche auf dem Herde brannten, zuſammenzuſchieben. Petit⸗Pierre nahm zuerſt das Wort. „Habt Ihr nicht geraucht, als ich eintrat, mein wackerer Mann?“ fragte er. „Ja,“ antwortete dieſer lakoniſch mit einer ſehr bemerkbaren Schattirung von Reſpect in ſeiner Stimme. „Warum rauchet Ihr nicht fort?“ „Ich fürchte Ihnen beſchwerlich zu fallen.“ „Bah! ſind wir nicht im Bivouak, wenigſtens beinahe, mein braver Mann? nun halte ich um ſo mehr darauf, daß Ihr es Euch dabei bequem macht, als es unglücklicher Weiſe unſer letztes Bivouak iſt. So räthſelhaft ihm dieſe Worte vorkamen, er⸗ laubte ſich Jean Oullier doch nicht, Petit⸗Pierre zu fragen; mit jenem wunderbaren Tact, der den Vendéer⸗Bauern charakteriſirt, machte er, ohne merken zu laſſen, daß er wußte, woran er ſich in Bezug auf den wirklichen Stand von Petit⸗Pierre zu halten hatte, doch keinen Gebrauch von der ge⸗ gebenen Erlaubniß und ſtellte keine weitere Frage, die ihm unehrerbietig ſchien. Trotz der beſonderen Gedanken, die ihn ſelbſt erregten, bemerkte Petit⸗Pierre doch die Wolken, welche auf der Stirn des Bauern lagerten. Er brach das Stillſchweigen. „Aber was fehlt Euch denn, mein lieber Jean — Oullier?“ fragte er,„und warum dieſe düſtere Miene, während ich im Gegentheil geglaubt hätte, den Euch ganz erfreut zu finden?“ mit„Und warum ſollte ich erfreut ſein?“ fragte der auf alte Wildhüter. „Weil ein guter und treuer Diener immer Theil nimmt an dem Glück ſeiner Herrſchaft, und weil nein unſere junge Amazone ſeit vierundzwanzig Stunden ein ſo vergnügtes Ausſehen hat, daß dieſe Freude iner wohl ein wenig auf Eurem Geſicht zurückſtrahlen iner ſollte.“ „Wolle Gott, daß dieſe Freude lang daure,“ antwortete Jean Oullier mit einem Lächeln des Zweifels und die Augen zum Himmel erhebend. tens„Wie ſo, mein lieber Jean! ſolltet Ihr ein Vor⸗ nſo urtheil gegen Neigungsheirathen haben; ich liebe ſie 4 cht, bis zum Närriſchwerden. es ſind die einzigen, in die iſt.“ ich mich mein Leben lang miſchen wollte.“. er⸗„Ich habe kein Vorurtheil gegen die Heirath,“ e zu antwortete Jean Oullier,„nur gegen den Gatten.“ 6 den„Und warum? ohne Jean Oullier ſchwieg. h in„Redet,“ ſprach Petit⸗Pierre. Der Vendéer ſchüttelte den Kopf. ierre ge⸗„Ich bitte Euch, mein lieber Jean, ich liebe jage, Eure beiden Mädchen ſo ſehr, denn ich weiß, es ſind eigentlich genommen, Eure Töchter, daß Ihr kein elbſt Geheimniß vor mir haben ſolltet; wiewohl ich nicht lken, der heilige Vater, der Papſt bin, habe ich doch, wie Ihr wohl wißt, die Gewalt zu binden und zu löſen. „Ich weiß, daß Sie viel vermögen,“ antwortete Jean Oullier. Jean 189 „Nun! ſo ſagt mir, warum dieſe Heirath nicht Euren Beifall hat.“ „Weil ein Schandfleck an dem Namen haftet, den die Frau trägt, wer ſie auch ſei, die ſich Baronin de la Logerie nennt, und es iſt nicht der Mühe werth, einen der älteſten Namen unſeres Landes aufzugeben, um dieſen anzunehmen.“ „Ach! mein braver Jean,“ antwortete Petit⸗ Pierre mit traurigem Lächeln,„Ihr wißt ohne Zweifel nicht, daß wir nicht mehr in der Zeit leben, wo die Kinder für die Tugenden oder Fehler ihrer Vor⸗ eltern ſolidariſch verantwortlich waren.“ „Ja, das wußte ich nicht,“ antwortete Jean Oullier. „Es iſt eine ziemlich ſchwere Aufgabe,“ fuhr Petit⸗Pierre fort,„wie es ſcheint, für die Leute unſerer Tage, für ſich ſelbſt die Verantwortlichkeit zu tragen; ſeht, wie viele dabei unterliegen; wie viel in unſern Reihen fehlen, welchen der Name, den ſie führen, einen Platz hier anweiſen würde. Seien wir alſo dankbar für die, welche trotz des Beiſpiels ihres Vaters, trotz der Lage ihrer Familien, trotz der Verſuchungen des Ehrgeizes die ritterlichen Traditionen der Ergebenheit und Treue im Unglück mitten unter uns fortzuſetzen geneigt ſind.“ Jean Oullier erhob den Kopf und ſprach mit einem Ausdruck des Haſſes, den er nicht einmal zu verbergen ſuchte. „Aber Sie wiſſen vielleicht nicht...“ Petit⸗Pierre unterbrach ihn. „Ich weiß Alles; ich weiß, was ihr La Logerie dem Vater vorwerft; aber ich weiß auch, was ich ſeinen wurd ſeinem Sohne ſchuldig bin, der für mich verwundet wurde und noch an dieſer Wunde blutet; was die Verbrechen ſeines Vaters betrifft, wenn ſein Vater wirklich ein Verbrechen begangen hat, worüber Gott allenn die Entſcheidung angehört,— hat er dieſes Rerhrechen nicht mit einem gewaltſamen Tod ge⸗ üßt?“ „Ja,“ antwortete Jean Oullier, unwillkürlich den Kopf ſenkend,„das iſt wahr.“ Wolltet Ihr nun wagen, das Urtheil der Vor⸗ ſehung zu ergründen? wolltet Ihr wagen, zu be⸗ haupten, daß Derjenige, vor welchem er, als die Reihe an ihn kam, erſchien, bleich und blutig von einem ſchrecklichen, unerwarteten Tod, ſeine Barm⸗ herzigkeit nicht auch über ſein Haupt ausgedehnt habe? und warum wolltet Ihr, wenn Gott vielleicht zufrieden geſtellt war, Euch noch ſtrenger und un⸗ verſöhnlicher als Gott zeigen?“ Jean Oullier horchte, ohne zu antworten. Jedes Wort von Petit⸗Pierre ließ die religiöſen Saiten ſeiner Seele anklingen, erſchütterte ſeine feindſeligen Geſinnungen in Bezug auf Baron Michel, aber vermochte nicht, ſie ganz zu entwurzeln. „M. Michel,“ fuhr Petit⸗Pierre fort,„iſt ein guter und braver junger Mann, ſanft und beſchei⸗ den, einfach und ergeben; er iſt reich, was noch niemals geſchadet hat; ich glaube, Eure junge Ge⸗ bieterin mit ihrem etwas zu entſchiedenen Charakter, mit ihren unabhängigen Gewohnheiten, könnte es nicht beſſer treffen; ich bin überzeugt, daß ſie mit ihm vollkommen glücklich ſein wird; verlangen wir alſo nicht mehr von Gott, mein armer Jean Oullier; 200 vergeßt das Vergangene,“ fuhr Petit⸗Pierre mit einem Seufzer fort,„ach! wenn wir uns an Alles erinnern müßten, ſo gäbe es kein Mittel mehr, etwas zu lieben.“ Jean Oullier ſchüttelte den Kopf. „M. Petit⸗Pierre,“ ſprach er,„Sie reden wun⸗ dervoll und als ein vortrefflicher Chriſt; aber es gibt Dinge, die man nicht wie man will aus ſeinem Gedächtniß verjagen kann, und unglücklicher Weiſe für M. Michel ſind meine Beziehungen zu ſeinem Vater von dieſer Art geweſen.“ „Ich frage Euch nicht nach Euern Geheimniſſen, Jean,“ antwortete Petit⸗Pierre ernſt,„aber der junge Baron hat, wie ich bereits geſagt habe, ſein Blut für mich vergoſſen, iſt mein Führer geweſen, hat mich eine Freiſtätte finden laſſen; ich habe für ihn mehr als Zuneigung, ich habe Dankbarkeit, und es wäre für mich ein wahrhafter Kummer, denken zu müſ⸗ ſen, daß Spaltung unter meinen Freunden herrſcht; darum bitte ich Euch, mein lieber Jean Oullier, um der Ergebenheit willen, die ich an Euch für meine Perſon erkenne, wenn nicht Eure Erinnerun⸗ gen abzuſchwören,— Ihr habt geſagt, man habe es nicht in ſeiner Macht, das Gedächtniß zu verlie⸗ ren,— wenigſtens Euern Haß zu erſticken, bis zu der Zeit, da die Gewißheit, der Sohn deſſen, der Euer Feind war, mache das Glück des Mädchens, das Ihr erzogen habt, im Stande war, dieſen Haß aus Eurer Seele zu vertilgen.“ „Möge das Glück kommen von der Seite, die Gott gefällt, und ich will Gott dafür danken, aber — mit ich glaube nicht, daß es mit M. Michel auf Schloß Alles Souday einkehrt.“ nehr,„Und warum, wenn es Euch beliebt, mein bra⸗ ver Jean?“ „Weil, je weiter ich gehe, M. Petit⸗Pierre, ich wun⸗ deſto mehr an der Liebe von M. Michel zu Made⸗ gibt moiſelle Bertha zweifle.“ nem Petit⸗Pierre zuckte ungeduldig die Achſeln. Weiſe„Erlaubt mir, mein lieber Jean Oullier,“ ſagte inem er,„Euren Scharfſinn in Sachen der Liebe zu be⸗ 3 zweifeln.“ iſſen,„Möglich,“ erwiderte der alte Vendéer;„aber unge wenn dieſe Vereinigung mit Madewoiſelle Bertha, Blut das heißt, die größte Ehre, welche der junge Mann mich hoffen kann, den höchſten Wunſch Ihres Schützlings mehr erfüllt, warum hat er ſich ſo ſehr beeilt, die Meie⸗ wäre rei zu verlaſſen, und die Nacht damit zugebracht, müſ⸗ wie ein Narr herumzuirren?“ eſcht;„Iſt er die ganze Nacht herumgeirrt,“ antwor⸗ llier, tete Petit⸗Pierre,„ſo geſchah es, weil das Glück ) für ihn nicht an einer Stelle bleiben ließ, und hat er erun⸗ die Meierei verlaſſen, ſo geſchah es aller Wahr⸗ habe ſcheinlichkeit nach, weil es unſer Dienſt erheiſchte.“ b erlie⸗„Ich wünſche es; ich gehöre nicht zu denen, die is zu nur an ſich ſelbſt denken, und ſo ſehr ich auch ent⸗ der ſchloſſen bin, das Haus an dem Tage zu verlaſſen, hens, wo der Sohn von Michel daſelbſt einzieht, ſo werde Haß ich doch nichts deſto weniger Morgens und Abends . Gott bitten, daß er die, welche ich liebe, glücklich die mache; und zu gleicher Zeit werde ich über ihn aber wachen; ich werde darnach trachten, daß meine Ah⸗ nungen nicht zur Wirklichkeit werden, und daß er 202 ihr nicht anſtatt des Glücks, das er ihr verſpricht, die Verzweiflung bringe.“ „Danke, Jean Oullier, ſo darf ich hoffen, daß Ihr meinem armen Schützling nicht mehr die Zähne weist, nicht wahr? Ihr verſprecht es mir?“ „Ich werde meinen Haß und mein Mißtrauen in der Tiefe meines Herzens bewahren, um ſie nicht ausbrechen zu laſſen, als wenn es den einen oder das andere rechtfertigen ſollte, das iſt Alles, was ich Ihnen zu verſprechen wage; aber bitten Sie mich nicht, ihn zu lieben oder zu achten.“ „Unzähmbare Race,“ ſprach Petit⸗Pierre mit halblauter Stimme;„es iſt wahr, das iſt es, was dich groß und ſtark macht.“ „Ja,“ antwortete Jean Oullier, da Petit⸗Pierres Selbſtgeſpräch deutlich genug geweſen war, um von dem alten Vendéer gehört zu werden,„ja, wir Leute hier wir haben nur einen Haß und eine Liebe; aber iſt es an Ihnen, ſich darüber zu be⸗ klagen, M. Petit⸗Pierre?“ Und er ſchaute den jungen Mann feſt an, als ob er eine reſpektvolle Herausforderung an ihn er⸗ gehen ließe. „Nein,“ erwiderte der letztere,„ich werde mich um ſo weniger darüber beklagen, als es beinahe Alles iſt, was Heinrich V. von ſeiner vierhundert⸗ jährigen Monarchie bleibt, und dieß reicht nicht ein⸗ mal aus, ſcheint es.“ „Wer ſagt das?“ fragte der Vendéer aufſtehend mit beinahe drohendem Ton. 3 „Ihr ſollt es ſogleich erfahren; wir haben bis eben von Euern Affairen geſprochen, und ich beklage b V Wie mich nicht darüber, denn dieſes Geſpräch hat mir vor ſehr traurigen Gedanken Ruhe verſchafft; aber daß jetzt iſt es Zeit, mich mit den meinigen zu beſchäf⸗ ähne tigen; wie viel Uhr iſt es?“ „Halb fünf Uhr.“ auen„Geht, weckt unſere Freunde; die Politik läßt nicht ſie ſchlafen, aber ich vermag es nicht, denn meine oder Politik, das iſt die mütterliche Liebe; geht mein was Freund.“ Sie Jean Oullier entfernte ſich; Petit⸗Pierre machte mit geſenktem Haupt einige Gänge durch das Zim⸗ mit mer: er ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße; er was rang die Hände vor Verzweiflung, und als er an den Herd zurückkehrte, rollten zwei große Thränen rres über ſeine Wangen herab und ſeine Bruſt ſchien von V gedrückt; dann warf er ſich auf die Kniee und be⸗ wir tete mit gefalteten Händen zu Gott, der die Kronen eine austheilt, ſeine Entſchließungen zu erleuchten, ihm be⸗, die unerſchütterliche Stärke zur Verfolgung ſeiner Aufgabe, oder die Reſignation zur Unterwerfung als unter ſein Unglück zu gewähren. er⸗— nich 1 LII. ahe Wie Jean Oullier bewies, daß wenn der Wein gezapft iſt, ert⸗ 4 ſich nichts Beſſeres thun läßt, als ihn zu trinken. ein⸗ 9 4 Einige Augenblicke nachher traten Gaspard, Jean hend Renaud und der Marquis von Souday in das Zim⸗ mmer. Beim Anblick von Petit⸗Pierre, der in ſein bis Nachdenken und Gebet verſunken blieb, machten ſie age auf der Schwelle Halt, und der Marquis von Souday, 204 der wie bei gutem Wetter zur Morgenwache ein Lied anzuſtimmen für gut befunden hatte, unterbrach ſich reſpectvoll. Aber Petit⸗Pierre hatte die Thüre öffnen ge⸗ hört; er erhob ſich und redete die neuen Ankömm⸗ linge alſo an: „Treten Sie näher, meine Herren, und verzeihen Sie mir, daß ich Ihren Schlaf unterbrach; aber ich habe Ihnen wichtige Entſchließungen mitzutheilen.“ „Es iſt an uns, Eure Königliche Hoheit um Verzeihung zu bitten, daß wir Dero Willen nicht zuvorgekommen ſind, daß wir geſchlafen haben, wo wir Dero Nutzen fördern konnten,“ antwortete Jean Renaud. „Laſſen wir Complimente bei Seite, mein Freund,“ erwiderte Petit⸗Pierre;„dieſes Zubehör des ſiegrei⸗ chen Königthums iſt übel angebracht in einem Augen⸗ blick, wo daſſelbe zum Zweitenmal untergeht.“ „Was wollen Sie ſagen?“ „Ich will ſagen, meine guten und werthen Freunde,“ erwiderte Petit⸗Pierre, indem er dem Kamin den Rücken zukehrte, während die Vendéer einen Kreis um ihn herum bildeten,„ich will ſagen, daß ich Sie habe kommen laſſen, um Ihnen Ihr Wort zurückzugeben und mein Lebewohl zu ſagen!“ „Sie uns unſer Wort zurückgeben, Sie uns Lebewohl ſagen?“ fragten die Parteigänger erſtaunt. „Eure Königliche Hoheit ſollte daran denken, uns zu verlaſſen?“ 3 Dann ſetzten alle, ſich gegenſeitig anſchauend inzu. „Nein, das iſt unmöglich.“ wohn 1f Grün „Und doch muß es ſein.“ „Warum?“ „Weil man mir dazu räth, weil man noch mehr thut, mich darum beſchwört.“ „Aber wer?“ „Leute, bei denen ich weder ihren Scharfſinn, noch ihre Einſicht, Ergebenheit oder Treue bearg⸗ wohnen darf.“ „Aber unter welchem Vorwand, aus welchen Gründen?“ „Es ſcheint, daß die royaliſtiſche Sache ſelbſt in der Vendée eine verzweifelte iſt; daß die weiße Fahne nichts als ein Lumpen iſt, den Frankreich von ſich wirft; daß man in Paris nicht zwölf hundert Mann findet, welche in unſerem Namen für etliche Thaler nur einen Straßenlärm machen würden; daß es falſch iſt, daß wir Sympathie in der Armee haben, falſch, daß uns Einverſtändniſſe in der Verwaltung bleiben, falſch, daß der Bocage zum zweiten Mal bereit iſt, ſich wie ein Mann zur Vertheidigung der Rechte von Heinrich V. zu erheben.“ „Aber noch einmal,“ fiel der edle Vendéer ein, der vorübergehend einen im erſten Krieg berühmt gewordenen Namen gegen Gaspard eingetauſcht hatte und ſich außer Stand fühlte, länger zurückzuhalten, „woher kommen dieſe Rathſchläge, wer ſpricht mit ſolcher Zuverſicht von der Vendée, wer bemißt un⸗ ſere Ergebenheit in der Art, daß er ſagt: ſie wird bis hieher gehen und nicht weiter?“ „Verſchiedene royaliſtiſche Comité's, die ich Ihnen nicht nennen kann, aber deren Anſicht wir Rechnung zu tragen haben.“ von Hoheit hege,“ 206 Souday;„ah! Parbleu! ich kenne das, und wenn Madame mir folgen will, ſo machen wir es mit ſeinen Rathſchlägen, wie der ſelige Herr Mar⸗ quis von Charrette es mit den Rathſchlägen der royaliſtiſchen Comité's ſeiner Zeit machte.“ „Und was machte er damit, mein braver Sou⸗ „Der Reſpect, day?“ fragte Petit⸗Pierre. den ich vor Eurer Königlichen „Die royaliſtiſchen Comité's?“ rief der Marquis antwortete der Marquis mit glänzen⸗ der Kaltblütigkeit,„verhindert mich, den Gebrauch davon genauer anzugeben.“ Petit⸗Pierre konnte nicht umhin zu lächeln. „Ja,“ ſagte er,„aber wir leben nicht mehr in jener Zeit, mein guter armer Marquis. Herr von Charrette war unbeſchränkter Souverain in ſeinem Lager, und die Regentin Marie Caroline wird nie etwas Anderes, als eine ſehr conſtitutionelle Regen⸗ tin ſein. Die projectirte Bewegung iſt nur unter der Bedingung eines vollkommenen Einverſtändniſſes zwiſchen allen denen, welche deren Erfolg wünſchen können, des Gelingens ſicher. Nun, exiſtirt dieſes Einverſtändniß, frage ich Sie, wenn man am Vor⸗ abend des Kampfes dem General anzeigt, daß drei Viertel derjenigen, auf welche er rechnen zu können glaubte, ſich nicht am beſtimmten Ort einfinden werden?“ „Ei! was macht das!“ rief der Marquis von Souday,„ſo werden wir wenigſtens daſelbſt ſein und deſto größer iſt der Ruhm für die, welche ſich einfinden.“ „Madame,“ ſprach Gaspard ernſt zu Petit⸗ ſpr Fel dir es Mar⸗ der Sou⸗ lichen nzen⸗ rauch hr. in von einem nie egen⸗ unter niſſes iſchen dieſes Vor⸗ drei nnen nden von ſein ſich getit⸗ Pierre,„man iſt bei Ihnen geweſen, man hat Ih⸗ nen geſagt, zu einer Zeit, da Sie vielleicht nicht daran dachten, nach Frankreich zurückzukehren: „Die Männer, welche König Carl X. geſtürzt haben, ſind durch die neue Regierung entfernt und ohne Einfluß. „Die Armee, weſentlich gehorſam, ſteht unter dem Commando eines Führers, welcher erklärt hat, daß man in der Politik mehr als eine Farbe haben müſſe. „Kommen Sie alſo,“ hat man hinzugeſetzt,„Ihr Wiedereintritt in Frankreich wird eine wahrhafte Rückkehr von der Inſel Elba ſein. Die Bevölke⸗ rung wird ſich um Sie ſchaaren, um die Sprößlinge unſerer Könige zu begrüßen, welchen das Land ſei⸗ nen jubelnden Zuruf entgegen zu bringen begehrt. „Im Vertrauen auf dieſes Andringen ſind Sie gekommen, Madame, und als Sie in unſerer Mitte erſchienen, haben wir uns erhoben. Jetzt, glaube ich, wäre es ein Unglück für unſere Sache, eine Schmach für uns, dieſer Rückzug, der zu gleicher Zeit Ihre politiſche Einſicht und unſere perſönliche Unmacht anklagen würde.“ „Ja,“ erwiderte Petit⸗Pierre, der ſich durch eine ſonderbare Wendung der Umſtände in der Lags be⸗ fand, eine Meinung zu vertheidigen, die ihm das Herz brach,„ja, alles, was Sie mir eben geſagt haben, iſt wahr; ja, man hat mir alles das ver⸗ ſprochen; aber es wird weder Ihr noch mein Fehler ſein, meine wackern Freunde, wenn Unſin⸗ nige thörichte Hoffnungen für Wirklichkeit genommen haben. Die unparteiiſche Geſchichte wird ſagen, daß 208 ich an dem Tage, wo man mich angeklagt hat, eine ſchlechte Mutter zu ſein, und man hat es gethan, ich antwortete wie ich antworten mußte: ‚da bin ich, bereit zum Opfer! Sie wird ſagen, daß Sie, meine Getreuen, je mehr meine Sache Ihnen verloren ſchien, deſto weniger mit Ihrer Ergebenheit gefeilſcht haben. Aber für mich iſt es eine Ehrenfrage, ſie nicht nutzlos auf die Probe zu ſtellen. Sprechen wir vernünftig; meine Freunde, nehmen wir Ziffern: das iſt das Poſitivſte. Ueber wie viel Mann glauben Sie, können wir in dieſem Augenblick verfügen?“ „Ueber zehntauſend Mann beim erſten Signal.“ „Ach!“ antwortete Petit⸗Pierre,„das iſt viel und doch nicht genug. Der König Louis Philipp verfügt, außer der Nationalgarde, über vierhundert achtzig tauſend Mann unbeſchäftigter Truppen.“ „Aber die Abfälle, aber die Officiere, die ihre Entlaſſung genommen haben?“ warf der Mar⸗ quis ein. „Wohlan!“ ſagte Petit⸗Pierre, ſich an Gaspard wendend,„ich lege mein und meines Sohnes Schick⸗ ſal in Ihre Hände; ſagen Sie mir, verſichern Sie mir, und dieß auf Ihr Ehrenwort als Edelmann, daß wir auf zehn mißliche Fälle deren zwei günſtige haben, ſo bleibe ich, weit entfernt, Ihnen die Nie⸗ derlegung der Waffen zu gebieten, in Ihrer Mitte, um Ihre Gefahren und Ihr Loos zu theilen.“ Bei dieſer directen Anſprache nicht mehr an ſeine Gefühle, ſondern an ſeine Ueberzeugung, ſenkte Gas⸗ pard den Kopf und blieb ſtumm. „Sie ſehen,“ fuhr Petit⸗Pierre fort,„Ihre Ver⸗ nunft ſteht nicht in Einklang mit Ihrem Herzen, ——— Aü und Ritte Verf ger geme einer wied Aü wend mit daß gabe ab, han, ich, eine ien, ben. Zlos tig; das Sie, al.“ viel lipp dert ihre kar⸗ dard hick⸗ Sie inn, tige Nie⸗ itte, eine as⸗ ger⸗ Ben, A und es wäre beinahe ein Verbrechen, von einer Ritterlichkeit Nutzen zu ziehen, welche der geſunde Verſtand verurtheilt. Beſprechen wir alſo nicht län⸗ ger eine Sache, die abgemacht und vielleicht gut ab⸗ gemacht iſt. Beten wir zu Gott, daß er mich in einer beſſern Zeit und unter beſſern Verhältniſſen wieder zu Ihnen ſende, und denken wir nur an die Abreiſe.“ Ohne Zweifel erkannten die Cdelleute die Noth⸗ wendigkeit dieſer Entſchließung, obgleich ſie ſo wenig mit ihren Gefühlen harmonirte, denn als ſie ſahen, daß die Herzogin dabei ſtehen zu bleiben ſchien, gaben ſie keine Antwort, ſondern wandten ſich blos ab, um ihre Thränen zu verbergen. 8 Der Marquis von Souday ſchritt allein im Zim⸗ mer auf und ab, mit einer Ungeduld, die er ſich zu verbergen keine Mühe gab. „Ja,“ ſprach Petit⸗Pierre nach einigem Still⸗ ſchweigen und mit Bitterkeit weiter,„ja, die Einen haben gleich Pilatus geſagt: ich waſche meine Hände in Unſchuld⸗; und mein Herz, ſo ſtark gegen die Gefahr, ſo ſtark gegen den Tod, hat ſich gefügt, denn es könnte nicht mit kaltem Blute die Verant⸗ wortlichkeit für das Mißlingen betrachten und das nutzlos vergoſſene Blut, welches die Andern zum Voraus auf mein Haupt legen.“ „Das Blut, das für den Glauben fließt, iſt nie verlorenes Blut,“ ertönte eine Stimme aus der Ecke des Kamins,„hat Gott geſagt, und ſo gering der iſt, der hier redet, ſo fürchtet er ſich doch nicht, es nach Gott zu wiederholen. Jeder Menſch, der glaubt und ſtirbt, iſt ein Märtyrer, ſein Blut befruchtet Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 210 die Erde, welche es aufnimmt, und beſchleunigt den Tag der Ernte.“ „Wer hat das geſagt?“ rief Petit⸗Pierre, ſich auf die Fußſpitze aufrichtend. „Ich,“ ſprach einfach Jean Oullier, indem er von dem Schemel aufſtand, auf dem er in gebückter Haltung bisher verharrt hatte, und in den Kreis der Edelleute und Führer trat. „Du, mein braver Mann,“ rief Petit⸗Pierre entzückt, im Augenblick, wo er ſich von Allen ver⸗ laſſen glaubte, dieſe Verſtärkung zu finden.„Du biſt alſo nicht der Anſicht von den Herrn in Paris; ſehen wir einmal, komm näher und ſprich. In der Zeit, da wir leben, ſollte Jaques Bonhomme nie, ſelbſt im Rath der Könige, bei Seite geſetzt werden.“ „Ich bin ſo wenig dafür, Sie Frankreich ver⸗ laſſen zu ſehen,“ ſprach Jean Oullier,„daß wenn ich die Ehre hätte, ein Edelmann wie dieſe Herren zu ſein, ich bereits die Thüre geſchloſſen und Ihnen in den Weg tretend, geſagt haben würde: ‚Sie werden nicht hinweggehen.“ „Und die Gründe? Ich möchte ſie ſchnell hören. Sprich, ſprich, mein Jean.“ „Meine Gründe? weil Sie unſere Fahne ſind und weil, ſo lang noch ein Soldat aufrecht ſteht, und wäre es auch der letzte der Armee, er das Recht hat, ſie feſt emporzuhalten, bis der Tod ſie ihm zum Leichentuch gibt.“ „Hernach, hernach, Jean Oullier? Sprich, Du redeſt gut.“ „Meine Gründe? weil Sie die Erſte Ihres Stamms ſind, die gekommen iſt, in der Mitte derer t den „ſich r von ückter 8 der Zierre ver⸗ u biſt aris; n der nie, den.“ ver⸗ wenn erren zhnen Sie hören. d und , und Recht n zum „ Du Ihres derer zu kämpfen, welche für Sie kämpften, und weil es ſchlecht wäre, wenn Sie zurückwichen, ohne den De⸗ gen gezogen zu haben.“ „Fahr zu, immer zu, Jaques Bonhomme,“ rief Petit⸗Pierre, ſich die Hände reibend. „Meine Gründe endlich,“ fuhr Jean Oullier fort,„weil Ihr Rückzug vor dem Kampfe einer Flucht gleichkommt und wir Sie nicht fliehen laſſen können.“ „Aber,“ fiel Jean Renaud ein, beunruhigt durch die Aufmerkſamkeit, womit Petit⸗Pierre Jean Oullier zuhörte,„dber die bedeutenden Abfälle, welche man uns eben angedeutet hat, werden der Bewegung ihre ganze Wichtigkeit rauben.“ „Nein, nein; der Mann hat Recht,“ rief Gas⸗ pard, der nur zu ſeinem großen Bedauern den Gründen Petit⸗Pierre's nachgegeben hatte.„Wer würde ſich noch des Namens von Carl Eduard erinnern, ohns Preſton⸗Moor und Culloden? Ah! Mabame, ich habe große Luſt, ich geſtehe es, was uns dieſer brave Bauer gerathen hat, zu thun.“ „Und Sie haben um ſo mehr Grund dazu, Herr Graf,“ nahm Jean Oullier wieder mit einer Sicher⸗ heit das Wort, welche bewies, daß jene Fragen, ſo ſehr ſie über ſeinen Horizont zu gehen ſchienen, ihm nichts deſto weniger vertraut waren,„Sie haben um ſo mehr Grund, weil der Hauptzweck Ihrer Königlichen Hoheit, der, welchem ſie die Zukunft der ihrer Vormundſchaft anvertrauten Monarchie aufopfern will, verfehlt ſein wird.“ „Wie ſo?“ fragte Petit⸗Pierre. „Sobald Madame ſich zurückgezogen hat, ſobald die Regierung ſie fern von unſern Küſten weiß, 212 werden die Verfolgungen beginnen und ſie werden um ſo lebhafter, um ſo heftiger ſein, je weniger Schrecken erregend wir uns gezeigt haben. Sie ſind reich, meine Herren, Sie können ſich ihnen noch durch die Flucht entziehen, Sie haben Schiffe, welche Sie an der Mündung der Loire und der Charente er⸗ warten. Ihr Vaterland iſt ſo ziemlich überall, aber wir, wir arme Bauern, wir ſind gleich der an den Boden gefeſſelten Ziege; er nährt uns und wir ziehen den Tod der Verbannung vor.“ „Und der Schluß von dieſem Allem, mein braver Oullier?“ „Mein Schluß, M. Petit⸗Pierre,“ antwortete der Vendéer,„lautet, daß wenn man den Wein ge⸗ zapft hat, man ihn auch trinken muß; daß wir die Waffen ergriffen haben und von dem Augenblick an, da wir ſie ergriffen haben, auch ſchlagen müſſen, ohne die Zeit damit zu verlieren, uns zu zählen.“ „Wohlan! ſchlagen wir uns alſo,“ rief Petit⸗ Pierre mit Exaltation,„des Volkes Stimme iſt Gottes Stimme; ich glaube an die von Jean Oullier.“ „Schlagen wir uns!“ wiederholte der Marquis. „Schlagen wir uns!“ ſprach Jean Renaud. „Wohlan!“ fragte Petit⸗Pierre,„auf welchen Tag beſtimmen wir die Schilderhebung?“ „Aber,“ bemerkte Gaspard,„iſt nicht entſchieden Doden, daß ſie am vierundzwanzigſten ſtattfinden oll?“ „Ja, aber jene Herren haben Contre⸗Ordre geſandt.“ „Welche Herren?“ rden iger ſind urch Sie er⸗ rall, r an wir aver rtete nge⸗ die an, ſſen, en.“ etit⸗ 2 iſt Jean lis. lchen leden nden ordre „Jene Herren von Paris.“ „Ohne Sie zuvor in Kenntniß davon zu ſetzen!“ rief der Marquis,„wiſſen Sie, daß auf weniger als das ſchon Fuſilliren ſteht?“ „Ich habe verziehen,“ antwortete Petit⸗Pierre, die Hand ausſtreckend;„überdieß ſind die, welche es gethan haben, keine Kriegsleute.“ „O!l dieſer Aufſchub iſt ein ſehr großes Unglück,“ ſagte Gaspard mit halber Stimme, i, und hätte ich davon gewußt....“ „Nun?“ fragte Petit⸗Pierre.“ „So wäre ich vielleicht nicht der Meinung des Bauern beigetreten.“ „Bah! Bah!“ ſprach Petit⸗Pierre,„Sie haben gehört, mein lieber Gaspard, der Wein iſt gezapft, man muß ihn trinken; trinken wir alſo munter zu, meine Herren, und ſollte es ſelbſt der ſein, womit der Sire von Beaumanoir ſich im Kampfe von Trente erfriſchte. Wohlan, Marquis von Souday, ſuchen Sie mir eine Feder, Tinte und Papier in der Meierei zu finden.“ Der Marquis beeilte ſich, das was Petit⸗Pierre eben von ihm begehrt hatte, zu ſuchen; aber wäh⸗ rend er die Schubladen des Schranks und der Kommode durchſtöberte, indem er Kleidungsſtücke und Weißzeug des Pächters nach einander aufhob, fand er noch Zeit, Jean Oullier die Hand zu drücken und ihm zu ſagen: „Weißt Du, daß Du Gold ſprichſt, mein wackerer Burſche, und daß nie einer von Deinen Hörnertuſchen mir das Herz ſo ſehr erfreut hat, als das Signal zum Aufſitzen, das Du uns eben ertönen ließeſt?“ 214 Dann, nachdem er das Geſuchte gefunden hatte, brachte er es in aller Eile vor Petit⸗Pierre. Dieſer tauchte einen Federſtumpen in das Tin⸗ tenfaß und ſchrieb mit ſeiner großen, feſten und kühnen Hand wie folgt: „Mein lieber Marſchall,“ „Ich bleibe bei Ihnen!“ „Wollen Sie ſich zu mir begeben.“ „Ich bleibe, in Anbetracht, daß meine Gegenwart eine große Anzahl meiner getreuen Diener compro⸗ mittirt hat. Es wäre unter ſolchen Umſtänden eine Feigheit von mir, ſie im Stich zu laſſen; überdieß hoffe ich, daß trotz der unglücklichen Contre⸗Ordre Gott uns den Sieg verleihen wird.“ „Adieu, Herr Marſchall, nehmen Sie Ihre Entlaſſung nicht, weil Petit⸗Pierre die ſeinige auch nicht nimmt.“ „Petit⸗Pierre.“ „Und jetzt, fuhr Petit⸗Pierre, den Brief zu⸗ ſammenlegend, fort,„welchen Tag beſtimmen wir für die Erhebung?“ „Donnerſtag, den einundreißigſten Mai,“ ſagte der Marquis von Souday, welcher dachte, der nächſte Termin wäre der beſte;„wenn es Ihnen anders beliebt.“ „Nein, nein,“ fiel Gaspard ein.„Entſchuldigen Sie, Herr Marquis, aber es ſcheint mir beſſer, die Nacht vom Sonntag auf den Montag, den vierten Juni, zu wählen. Am Sonntag, nach der Hoch⸗ meſſe verſammeln ſich in allen Gemeinden die Bauern unter der Vorhalle der Kirchen, und die Haupt⸗ leute werden, ohne Verdacht zu erwecken, Zeit dazu Tin⸗ und wart pro⸗ eine rdieß ördre Ihre auch zu⸗ wir ſagte der hnen digen „die erten Hoch⸗ uern nupt⸗ haben, ihnen die Ordre zur Schilderhebung mit⸗ zutheilen.“ „Ihre Kenntniß von den Sitten des Landes kommt Ihnen vortrefflich zu Statten, mein Freund,“ ſprach Petit⸗Pierre,„und ich ſchließe mich Ihrem Vorſchlag an. Wohlan denn für die Nacht vom dritten auf den vierten Juni!“ Und er begann ſogleich die Ordre für den Tag wie folgt aufzuſetzen: „Nachdem ich den Entſchluß gefaßt habe, die ſo lang erprobten Provinzen des Weſtens nicht zu verlaſſen, zähle ich auf Sie, mein Herr, alle nöthigen Maßregeln zur Schilderhebung, welche in der Nacht vom dritten auf den vierten Juni ſtatthaben wird, zu ergreifen. Ich rufe zu mir alle Leute von Herz; Gott wird uns helfen, unſer Vaterland zu retten; keine Gefahr, keine Strapatze ſoll mich ent⸗ muthigen; man wird mich bei der erſten Schaarung des Volks erſcheinen ſehen.“ „Und nun iſt das Loos geworfen,“ rief Petit⸗ Pierre,„jetzt gilt es zu ſiegen oder zu ſterben!“ „Und nun!“ wiederholte der Marquis,„und wenn mir zwanzig Contre⸗Ordres kämen, am vierten Juni laſſe ich die Sturmglocke läuten, und meiner Treu!.... und nun nach uns geſchehe, was da⸗ will!“ „Ja, aber es handelt ſich um etwas,“ ſagte Petit⸗Pierre, auf ſeine Ordre zeigend,„nämlich daß * dieß ſicher und ſogleich den Diviſions⸗Comman⸗ danten zukommt; man muß den ſchlechten Eindruck 216 lähmen, welchen die von Nantes gekommenen An⸗ ordnungen hervorgebracht haben werden.“ „Ach!“ ſagte Gaspard,„wolle Gott, daß dieſe unglückliche Contre⸗Ordre ſo ſchnell gegangen, als wir es ſelbſt nunmehr im Sinn haben; wolle Gott, daß ſie zu rechter Zeit auf das Land gelangt iſt, um die erſte Bewegung zu lähmen und alle ihre Kraft der zweiten zu laſſen. Ich fürchte das Gegen⸗ theil und daß viele brave Leute ein Opfer ihres Muthes und ihrer Vereinzelung werden.“ „Eben deßhalb iſt keine Minute zu verlieren, meine Herren,“ ſagte Petit⸗Pierre,„und man muß ſich inzwiſchen der Beine bedienen, bis man die Arme gebraucht. Sie, Gaspard, nehmen es über ſich, die Diviſions⸗Commandanten von Ober⸗ und Nieder⸗Poitou zu benachrichtigen; der Herr Mar⸗ quis von Souday wird daſſelbe im Lande von Retz und Mauges thun; Sie, mein lieber Jean Renaud, verſtändigen Sie ſich darüber mit Ihren Bretons.“ „Ah! aber wer wird ſich jetzt dazu hergeben, meine Depeſche dem Marſchall zu überbringen; er iſt in Nantes, und Ihre Geſichter ſind dort ein wenig zu ſehr bekannt, meine Herren, als daß ich einen von Ihnen den möglichen Folgen einer ſol⸗ chen Miſſion ausſetze.“ „Ich,“ ſprach Bertha, welche von dem Alkove aus, wo ſie mit ihrer Schweſter ruhte, den Ton der Stimmen gehört hatte und aufgeſtanden war, „gehört dieß nicht zu den Privilegien meiner Func⸗ tionen als Adjutant?“ „Ja, gewiß, aber Ihr Coſtüme, mein liebes Kind,“ antwortete Petit⸗Pierre,„iſt vielleicht nicht nach dem Geſchmack der Herren zu Nantes, ſo rei⸗ zend ich es auch finde.“ „Darum wird auch meine Schweſter nicht nach Nantes gehen, Madame,“ ſagte Mary ihrerſeits, „ſondern ich, wenn Sie es gütigſt erlauben; ich nehme die Kleider von der Tochter des Meiers und laſſe Eurer Königlichen Hoheit Dero erſten Adju⸗ tanten.“ Bertha wollte darauf beſtehen, aber Petit⸗Pierre neigte ſich zu ihrem Ohr und ſagte: „Bleiben Sie, meine liebe Bertha, wir reden von dem Herrn Baron Michel und entwerfen ſehr ſchöne Plane zuſammen, gegen die er gewiß nichts einzuwenden haben wird.“ Bertha erröthete, ſenkte den Kopf und überließ den für den Marſchall beſtimmten Brief der Hand ihrer Schweſter. LIII. Worin erklärt wird, warum Baron Michel ſich entſchloß⸗ nach Nantes zu gehen. Wir haben Michels Abreiſe nach Nantes wohl angezeigt aber, wie uns ſcheint, noch nicht lang ge⸗ nug bei den Gründen für dieſe Abreiſe und den ſie begleitenden Umſtänden verweilt. Zum erſten Mal in ſeinem Leben hatte Michel mit Liſt gehandelt und eine gewiſſe Falſchheit gezeigt. Unter dem Eindruck der tiefen Erregung, welche Petit⸗Pierre's Worte auf ihn hervorgebracht hatten, ſah er durch die unerwartete, ihm von Mary ge⸗ 218 machte Erklärung die Hoffnungen, die er ſelbſt un⸗ ter den Verwicklungen, womit ſein Abend bei Meiſter Jacques bezeichnet war, ſo wohlgefällig gehegt hatte, verſchwinden und war wie vernichtet. Er begriff, daß die Neigung, welche Bertha ſo offen für ihn an den Tag gelegt hatte, ihn mehr von Mary trennte, als es der Widerwille der letz⸗ tern zu bewirken im Stande geweſen wäre. Er machte ſich Vorwürfe, jene durch ſein Stillſchweigen und ſeine einfältige Schüchternheit aufgemuntert zu haben, aber er hatte ſich ſelbſt gut ſchelten; in ſei⸗ ner Seele fand er nicht die nöthige Stärke, um ein Imbroglio“) kurz abzubrechen, das ihn in einer Neigung ſchlug, die ihm theurer als das Leben war. Er beſaß im Herzen nicht jene Entſchloſſenheit, welche zu einer offenen und kategoriſchen Erklärung führen kann, und er glaubte, es werde für ihn ſtets eine Unmöglichkeit ſein, jenem ſchönen Mädchen, deſſen Dazwiſchenkunft er vielleicht vor einigen Stunden ſein Leben zu danken gehabt hatte, zu ſagen:„Ma⸗ demoiſelle, nicht Sie ſind es, die ich liebe.“ So blieb er, wiewohl es ihm noch an demſelben Abend nicht an Gelegenheit gefehlt hätte, ſein Herz Bertha zu eröffnen, die ſehr beunruhigt durch eine Wunde, über die er nicht die Miene verzogen hatte, ſie ſelbſt ſo ſehr ſie auch Weib war, verbinden wollte, in derſelben Lage, deren Schwierigkeit jede Minute vermehrte. Er ſuchte wohl mit Mary zu ſprechen, aber *) Von einem Theaterſtück gebraucht, das eine ſchwierige Verwicklung hat. A. d. U. iſter atte, 1 ſo nehr letz⸗ Er igen zu ſei⸗ ein iner var. lche dren eine ſſen den Na⸗ ben derz eine tte, Ute, nute ber rrige Mary trug ebenſo viel Sorge, ihm auszuweichen, als er anwandte, ſich ihr zu nähern, und er mußte darauf verzichten, ſie zur Vermittlerin zu machen, wie er einen Augenblick gedacht hatte. berdieß tönten jene fatalen Worte:„Ich liebe Sie nicht,“ unaufhörlich gleich einer Todtenglocke in ſeinen Ohren.— Er benützte alſo einen Augenblick, wo Niemand, ſelbſt Bertha nicht, die Augen auf ihn richtete, um ſich zurückzuziehen, oder vielmehr in ſeine Kammer zu entfliehen. 4 Er warf ſich auf das Strohlager, das Bertha mit ihren weißen Händen für ihn zubereitet hatte. Aber, der Kopf immer glühender, das Herz immer heftiger erregt, drückte er eine in Waſſer getauchte Serviette auf ſein heißes Geſicht und gedachte, dieſe Serviette als Abkühlung gebrauchend, ſeine Schlaf⸗ loſigkeit zu benützen, einer Idee nachzujagen. Nach einer nicht weniger als drei Viertel Stun⸗ den daurenden Arbeit ſeiner Einbildungskraft kam ihm dieſe Idee. Was er nämlich nicht mit lauter Stimme zu ſagen wagte, konnte er ſchreiben, und Michel hatte gedacht, dieſes Verfahren ſtehe ganz im Verhältniß zu der wachſenden Entſchloſſenheit ſeines Charakters. Allein um einen Vortheil davon zu haben, durfte er bei dem Leſen des Briefs, welcher Bertha das Herzensgeheimniß des jungen Mannes offen⸗ baren ſollte, nicht gegenwärtig ſein. Furchtſame Leute erröthen nicht nur ſelbſt un⸗ gern, ſondern ſcheuen ſich auch, andere zum Erröthen zu bringen. 220 Der Schluß von Michels Ueberlegung war alſo, daß er ſich wenigſtens vorübergehend von Bou⸗ loeuvre entfernen müſſe; war aber einmal ſeine Po⸗ ſition deutlich vorgezeichnet, war einmal das Terrain um Mary herum rein gemacht, ſo ſollte ihn nichts abhalten, zurückzukehren und bei der, welche er liebte, wieder ſeinen Platz einzunehmen. Warum ſollte ihm überdieß der Marquis von Souday, der ihm Bertha's Hand bewilligt hatte, die von Mary verweigern, wenn er hörte, daß es Mary, nicht Bertha war, die er liebte? Er hatte keinen Grund, dieß zu glauben. Sehr ermuthigt durch die Ausſicht hatte Michel alſo mit tiefer Undankbarkeit die Serviette weit von ſich geworfen, der er vielleicht vermittelſt der Ruhe, welche durch ihre Kühle in ſein Gehirn zurückgekehrt war, die gute Idee verdankte, für die er ſich eben entſchieden hatte, war er in den Hof der Meierei hinabgeſtiegen und rüſtete ſich, die Stangen an dem Karrenthor auszuheben. Aber im Augenblick, da er, nachdem die erſte gehoben und längs der Mauer hingelegt war, die zweite ſpielen ließ, bemerkte er unter einem rechts von dem Thor gelegenen Schuppen einen Stroh⸗ haufen, der ſich bewegte, und aus dieſem Strohhau⸗ fen kam ein Kopf hervor, in welchem er den von Jean Oullier erkannte. „Peſt!“ ſagte dieſer in ſeinem brummigſten Ton zu ihm,„Sie ſind früh auf, Herr Michel.“ Wirklich ſchlug es dieſen Augenblick zwei Uhr auf der Kirche des benachbarten Dorfes. — 4 „Haben Sie denn,“ fuhr Jean Oullier fort, „eine Botſchaft auszurichten?“ „Nein,“ antwortete der junge Baron, denn es ſchien ihm, als ob das Auge des Vendéers in die tiefſten Falten ſeiner Seele eindringe;„aber ich habe heftiges Kopfweh und möchte ſehen, ob die Nachtluft es nicht ein wenig lindert.“ „Sehen Sie! aber ich mache Sie darauf auf⸗ merkſam, daß wir draußen Wachen haben, und wenn Sie nicht mit dem Loſungswort verſehen ſind, könnte Ihnen wohl ein Unglück begegnen.“ „Mir?“ „Ja wohl! Ihnen wie einem Andern. Auf zehn Schritte, verſtehen Sie wohl, ſieht man nicht, wer Sie ſind.“ „Aber dieſes Loſungswort wiſſen Sie, Herr Jean Oullier?“ „Allerdings.“ „Sagen Sie es mir.“ Jean Oullier ſchüttelte den Kopf. „Das geht den Marquis von Souday an. Ge⸗ hen Sie in ſein Zimmer hinauf; ſagen Sie zu ihm, Sie wollen hinaus, und bedürfen hiezu des Loſungs⸗ wortes, und er wird Inen daſſelbe ſagen, wenn er es für gut findet.“ Michel war weit entfernt, dieſes Mittel anzu⸗ wenden, und blieb mit der Hand an der zweiten Stange. Was Jean Oullier betraf, ſo hatte er ſich wie⸗ der in ſein Stroh verſenkt. Michel ſetzte ſich, völlig außer Faſſung gebracht, auf eine umgeſtürzte Pferdekrippe, die am innern Thor des Meiereihofs als Bank diente. Hier hatte er Muße, ſeine Betrachtungen fort⸗ zuſetzen, denn wenn auch der Strohhaufen ſich nicht mehr rührte, ſo kam es Michel doch vor, als ſei in der dichteſten Maſſe deſſelben eine Oeffnung gemacht und ſehe er in dieſem leeren Raum etwas leuchten, das Jean Oulliers Auge ſein müſſe. Nun war aber nicht zu hoffen, das Auge dieſes neuen Hofhundes zu täuſchen. Glücklicherweiſe, haben wir geſagt, war das Nach⸗ denken für Michel beſonders vortheilhaft. Es handelte ſich um Auffindung eines Vorwands, Bouloeuvre auf eine ſchickliche Weiſe zu verlaſſen. Dieſen Vorwand ſuchte Michel noch, als die er⸗ ſten Strahlen des Tages, ſich am Horizont ankün⸗ digend, das Strohdach der Meierei vergoldeten und mit ſeinen Opal⸗Reflexen die viereckigen Scheiben ihrer ſchmalen Fenſter färbten. Allmälig regte ſich das Leben um Michel; man hörte die Ochſen nach ihrem Futter brüllen; die Schafe, ungeduldig, aufs Feld zu gehen, blöckten, ihre grauen Mäuler durch die Gitterlücken ihres Stalles ſteckend; das Huhn ſtieg von ſeiner Stange herab und ſtreckte ſich gluckſend in dem Dünger, welcher den Boden bedeckte, aus; die Tauben kamen aus ihrem Schlag und flogen nach dem Dach, um dort ihr ewiges Liebeslied zu girren, während die Enten, proſaiſcher, in einer langen Linie vor dem Karrenthor angereiht, die Luft mit ihren mißlau⸗ tenden Tönen erfüllten, Tönen aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach dazu beſtimmt, ihr Erſtaunen auszudrücken, mnern fort⸗ nicht ſei in nacht hten, dieſes Nach⸗ ands, ſen. e er⸗ nkün⸗ nund eiben man 3 die ckten, ihres tange nger, amen „ um d die dem ßlau⸗ chein⸗ ücken, das Thor ſo wohl verſchloſſen zu ſehe ſie ſo ungeduldig waren, im nächſten ſchnattern. Bei dieſem verſchiedenartigen Geräuſch, u das Morgen⸗Conzert einer wohleingerichteten Meie bildete, öffnete ſich ein gerade über dem Stein, den Michel zu ſeinem Sitz gewählt hatte, befindliches Fenſter und Petit⸗Pierre's Kopf erſchien in dem⸗ ſelben. Aber Petit⸗Pierre bemerkte Michel nicht. Er hatte die Augen am Himmel und fühlte ſich völlig verſunken, ſei es in ſeine innern Gedanken, ſei es in die Größe des Schauſpiels, welches ihm der Horizont darbot.. In der That wäre jedes Auge, und beſonders das einer an den Anblick des Sonnenaufgangs wenig gewöhnten Fürſtin durch die Flammenſtrahlen geblendet worden, welche die Königin des Tags auf die Ebene warf, wo die feuchten und zitternden Blätter der Waldbäume wie Tauſende von Edel⸗ ſteinen funkelten, während eine unſichtbare Hand ſanft den Dunſtſchleier hob, welcher das Thal um⸗ ſchloß, indem ſie, Eins nach dem Andern, wie eine ſchamhafte Jungfrau thut, ſeine Schönheiten, ſeine Reize, ſeine Herrlichkeiten aufdeckte. Eine Zeit lang überließ Petit⸗Pierre ſich der Betrachtung dieſes magiſchen Gemäldes; dann ſtützte er ſeinen Kopf auf die Hand und murmelte me⸗ lancholiſch: „Ach! in der Nacktheit dieſes armen Hauſes ſind ſeine Bewohner doch glücklicher als ich.“ Dieſe Phraſe war der Schlag der Zauberruthe, 224 Gehirn des jungen Barons erleuchtete ſt die Idee oder vielmehr den fingirten zum Vorſchein brachte, den er ſeit zwei een vergeblich geſucht hatte. Er hielt ſich ruhig an der Mauer, an welche er ſich bei dem durch die Oeffnung des Fenſters verurſachten Geräuſch gelehnt hatte, und wich nicht von derſelben, als bis das Geräuſch bei Schließung deſſelben ihm verrieth, daß er ſeinen Platz, ohne geſehen zu werden, verlaſſen konnte. Dann ging er geraden Wegs auf den Schuppen zu. „Mein Herr,“ ſprach er zu Jean Oullier,„Petit⸗ Pierre hat ſich ſo eben in's Fenſter gelegt.“ „Ich habe ihn geſehen,“ antwortete der Vendéer. „Er hat geſprochen; haben Sie verſtanden was er ſagte?“ „Das ging mich nichts an, alſo habe ich auch nicht zugehört.“ „Ich war näher und hörte, ohne es zu wollen.“ „Nun?“ „Nun! unſer Gaſt findet die Wohnung ſchlecht⸗ genuͤgend und unbequem. Wirklich fehlt es derſelben an Allem, was ſeine ariſtokratiſchen Gewohnheiten ihm zu Gegenſtänden der höchſten Nothwendigkeit machen. Können Sie nicht, indem man Ihnen Geld gibt, wohlverſtanden, es auf ſich nehmen, ihm dieſe Gegenſtände zu verſchaffen?“ „Und wo, wenns Ihnen beliebt?“ „Ei wohl! im Flecken, oder in der nächſten Stadt, zu Légé oder zu Machecoul.“ Jean Oullier ſchüttelte den Kopf. „Unmöglich,“ ſprach er. —— htete irten zwei elche ſters nicht bung ohne n zu. Jetit⸗ déer. was auch len. lecht⸗ ben eiten gkeit Geld dieſe hſten „Und warum?“ fragte Michel. „Weil dieſen Augenblick Luxusgegenſtände an den von Ihnen bezeichneten Orten, wo keine Geberde von gewiſſen Leuten verloren iſt, zu kaufen, ebenſo viel wäre, als einen gefährlichen Verdacht erregen.“ „Könnten Sie ſich dann nicht bis nach Nantes entſchließen?“ fragte Michel. „Nein,“ antwortete Jean Oullier trocken,„die Lehre, die ich zu Montaigu erhielt, hat mich vor⸗ ſichtig gemacht und ich werde meinen Poſten nicht mehr verlaſſen; aber“ fuhr er in etwas ſpöttiſchem Tone fort,„Sie haben ja das Bedürfniß, freie Luft zu ſchöpfen, um Ihr Kopfweh zu kuriren, warum gehen Sie nicht nach Nantes?“ Als Michel ſeine Liſt von einem ſo glücklichen Erfolg gekrönt ſah, fühlte er, wie er bis ins Weiße der Augen erröthete, und doch beſiel ihn ein Zittern bei Annäherung des Augenblicks, wo er dieſe Liſt in Vollzug ſetzen ſollte. „Sie haben vielleicht Recht,“ ſtammelte er,„aber ich fürchte mich auch.“ „So; ein Tapferer wie Sie darf vor nichts beben,“ ſprach Jean Oullier, indem er ſeine Decke ſchüttelte, ſich von dem Stroh losmachte, und auf das Thor zuſchritt, als wollte er dem jungen Mann keine Zeit zur Beſinnung laſſen. „Aber dann,“ ſagte Michel. „Was noch?“ fragte Jean Oullier ungeduldig. „Sie werden es übernehmen, die Beweggründe meiner Abreiſe dem Marquis zu erklären und mich zu entſchuldigen bei....“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. III. 15 226 „Mademoiſelle Bertha,“ fiel Jean Oullier mit ſpöttiſchem Ton ein;„ſeien Sie ruhig.“ „Ich werde morgen wieder kommen,“ ſagte Michel, die Schwelle überſchreitend. „Ol geniren Sie ſich nicht; laſſen Sie ſich Zeit, Herr Baron; iſt es nicht morgen, ſo ſei es über⸗ morgen,“ fuhr Jean Oullier fort, die ſchwere Thüre hinter dem jungen Mann ſchließend. Das Geräuſch des Thors, das ſich hinter ihm verſperrte, ſchnitt Michel ſchmerzlich ins Herz; er dachte weniger an die Schwierigkeiten der Lage, welcher er entgehen wollte, und mehr an die Tren⸗ nung von Derjenigen, die er liebte. Es kam ihm vor, als wäre dieſe von Würmern halb zernagte Thüre von Bronze und als träfe er ſie in Zukunft immer wieder zwiſchen dem ſanften Geſicht Marys und zwiſchen ſich. Dann ſetzte er ſich, wie er im Innern, anſtatt ſich zu entfernen, auf der Pferdekrippe Platz ge⸗ nommen hatte, außen auf das Seitenpflaſter am Weg und begann zu weinen; es gab einen Augen⸗ blick, wo er ohne die Furcht, ſich den Spöttereien Jean Oulliers auszuſetzen, über deſſen Uebelwollen, trotz ſeiner Unerfahrenheit er ſich nicht täuſchen konnte, an dieſe Thüre geklopft und ſich wieder hineinbegeben hätte, wäre es auch nur geweſen, um Mary noch einmal zu ſehen; aber eine Bewe⸗ gung, wir wollten eben ſagen falſcher, ſagen wir beſſer, wahrer Scham hielt ihn zurück, und er ent⸗ fernte ſich, ohne genau zu wiſſen, nach welcher Seite er ſeine Schritte wandte. Als er der Straße von Légé folgte, bewog ihn 3 g& — 1¶ ●☛ 00 ☛ 4— ₰ 10 ——— H&◻ „——+—— das Knarren von Rädern, ſich umzudrehen; er er⸗ kannte den Poſtwagen, der von Sables d'Olonne nach Nantes aing; derſelbe kam auf ihn zu. Michel fühlte, daß ſeine von dem Blutverluſt erſchöpften Kräfte, ſo gering auch die Wunde war, die es zum Fließen gebracht hatte, ihm nicht geſtatten würden, einen großen Marſch zu machen. Der Anblick dieſes Fuhrwerks ſetzte ſeiner Unent⸗ ſchloſſenheit ein Ziel; er ließ halten, ſtieg in eine ſeiner Abtheilungen und war einige Stunden ſpäter in Nantes. Dort angekommen, fühlte er ſchmerzhaft das Traurige ſeiner Lage. Von Kindheit an gewohnt, vom Leben Anderer zu leben, einem Willen zu folgen, der nicht der ſei⸗ nige war, erhalten in dieſer moraliſchen Sclaverei ſelbſt durch die Subſtitution, die eben in ſeiner Ju⸗ gend vor ſich gegangen war, da er, ſo zu ſagen, nur den Herrn und die Stütze gewechſelt hatte, als er ſeine Mutter verließ, um der Geliebten zu folgen, war die Freiheit für ihn ſo neu, daß er deren Reize nicht empfand, während dagegen ſeine Ver⸗ laſſenheit ihm verhaßt geworden war. Für tief verletzte Herzen gibt es keine grau⸗ ſamere Einſamkeit, als die, welche ſie im Schooße von Städten finden; je umfangreicher und bevöl⸗ kerter die Stadt iſt, deſto größer iſt die Einſamkeit; die Vereinzelung mitten unter der Menge, die Be⸗ rührung der Freude oder der Gleichgültigkeit derer, die in den Weg kommen, mit der Traurigkeit und Beklemmung, die ſie empfinden, ſchlägt ſie nieder und verwundet ſie ſchmerzhaft. 152 228 So geſchah es mit Michel. Als er ſich beinahe gegen ſeinen Willen auf dem Wege nach Nantes ſah, hatte er gehofft, dort einige Zerſtreuung für ſeinen Kummer zu ſinden; nun fühlte er ihn im Gegentheil noch lebhafter und quälender; Mary's Bild folgte ihm mitten unter die Menge und es war ihm, als ſollte er derſelben in jeder Frau begegnen, die auf ihn zukam; und ſein Herz zerfloß zugleich in bittere Reue und un⸗ mächtige Sehnſucht. In dieſer Geiſtesſtimmung ſann er bald auf nichts mehr, als in das Zimmer des Wirthshauſes, wo er abgeſtiegen war, zurückzukehren; dort ſchloß er ſich ein und begann, wie er nach dem Austritt aus dem Thor des Meierhofs gethan hatte, zu weinen. Er dachte daran, noch dieſen Augenblick ſich wieder nach Bouloeuvre zu begeben, vor Petit⸗Pierre auf die Kniee zu werfen, ihn zu bitten, die Vermittlung bei den beiden Mädchen zu uüͤbernehmen; er machte ſich Vor⸗ würfe, daß er es nicht dieſen Morgen gethan, ſon⸗ dern der Beſorgniß nachgegeben hatte, durch dieſe vertrauliche Mittheilung Bertha's Stolz zu verletzen. Dieſer Ideengang brachte ihn natürlich auf das Ziel oder vielmehr auf den Vorwand ſeiner Reiſe, das heißt, darauf zurück, einige Gegenſtände des ländlichen Luxus zu kaufen, welche für die Gleich⸗ gültigen ſeine Abweſenheit rechtfertigen ſollten; dann nach Vollzug dieſer Einkäufe den ſchrecklichen Brief zu ſchreiben, welcher der alleinige, einzige, wahr⸗ hafte Grund ſeiner Reiſe nach Nantes geweſen war. Er gelangte ſogar zu der Anſicht, damit anfan⸗ m gen zu müſſen. ge Nachdem dieſer Entſchluß einmal gefaßt war, un ſetzte er ſich, ohne eine Minute zu verlieren, an den nd Tiſch und ſchrieb folgenden Brief, auf den ebenſo ter viele Thränen ſielen, als er Worte ſchrieb: en„Mademoiſelle,“ nd„Ich ſollte der glücklichſte der Menſchen ſein, n⸗ und doch iſt mein Herz gebrochen.“ „Ich frage mich, ob es nicht beſſer wäre, uf todt zu ſein, als zu leiden, was ich leide.” s,„Was werden Sie denken, was werden Sie oß ſagen, wenn dieſer Brief Sie davon in Kennt⸗ itt niß ſetzt, was ich nicht länger Ihnen verber⸗ zu gen kann, ohne mich Ihrer Güte gegen mich völlig unwürdig zu machen? Und doch bedarf her ¹ ich aller Erinnerung an Ihr Wohlwollen, be⸗ die darf ich aller Gewißheit von der Größe und dei dem Edelmuth Ihrer Seele, bedarf ich vor r⸗ Allem des Gedankens, daß es das Weſen iſt, n⸗ welches Sie am meiſten auf der Welt lieben, eſe das uns trennt, um es zu wagen, mich für en. dieſen Schritt zu entſcheiden.“ as„Ja, Mademoiſelle, ich liebe Ihre Schweſter ſe, Mary; ich liebe ſie mit aller Kraft meines es Herzens; ich liebe ſie ſo, daß ich ohne ſie h⸗ weder leben will noch kann; ich liebe ſie ſo, an daß ich im Augenblick, wo ich mich gegen Sie ief einer Handlung ſchuldig mache, welche ein r⸗ weniger erhabener Charakter als der Ihrige ar. vielleicht für eine blutige Beleidigung nehmen würde, die flehenden Hände Ihnen entgegen⸗ 230 ſtrecke und zu Ihnen ſpreche: laſſen Sie mich hoffen, das Recht erwerben zu können, Sie zu lieben wie ein Bruder ſeine Schweſter liebt.“ Erſt als der Brief zuſammengelegt und geſiegelt war, dachte Michel an die Mittel, das Schreiben, worauf er ſeine ganze Hoffnung ſetzte, in Bertha's Hände gelangen zu laſſen. Man durfte nicht daran denken, eine Perſon in Nantes damit zu beauftragen; es ſchien zu gefähr⸗ lich entweder für den Boten, wenn er treu war, oder zu gefährlich für den, welcher den Boten ab⸗ fertigte, wenn der Bote es nicht war. Michel konnte nur wieder auf das Land zurückkehren, in der Um⸗ gegend von Machecoul einen Bauern aufſuchen, auf deſſen Diſcretion er rechnen durfte, und im Walde die Antwort abwarten, welche über ſeine Zukunft entſcheiden ſollte. Bei dieſem Entſchluß blieb der junge Mann ſtehen; er verwandte den Reſt des Abends zu ver⸗ ſchiedenen Ankäufen, die er noch zu machen hatte, ſchloß alle dieſe Gegenſtände in ein Felleiſen ein und ſchritt am nächſten Morgen zur Anſchaffung eines Pferdes, das ihm nothwendig war, wenn er, wie er ſich Hoffnung machte, den von ihm begonnenen Feldzug fortſetzen ſollte. Am Morgen gegen neun Uhr machte ſich Michel in der That, einen vortrefflichen Normannen zwiſchen den Beinen und ein Felleiſen auf deſſen Kreuze, fertig, in’s Land Retz zuruͤckzukehren. 9300 65 ———ÿ——.ͤ—— ————